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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

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BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE 



f 






DER 



DEUTSCHEN SPRACHE MD 

LITERATTJE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



HEBMANN PAUL und WILHELM BKAUNE. 



XL BAND. 



HALLE A /S. 

MAX NIEMEYER. 

1886. 



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INHALT. 



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Seite 

Germanisches e. I. Die lautgesetzliche entwicklung des idg. c in 

den ältesten germanischen sprachen. Von Otto Bremer . . . 1 
Die Zusammensetzung der Vorauer handschrift. (Mit einer tabelle.) 

Von Albert Waag 77 

Der Schauplatz des ersten Beownlfliedcs und die heimat des dich- 
tere. Von G. Sarrazin 159 

Zu Wolfram von Eschenbach. Von C. Bock 184 

Das angesehenste Luzerner kirchenlied. Von Renward Brand- 

stetter 198 

Der vocalismus der Stammsilben in der altfriesischen spräche. Von 

Th. Siebs 205 

Germanisches e. II. Der idg. ablau t e-ö-ä im germanischen. Von 

Otto Bremer 262 

Zum althochdeutschen vocalismus. Von S. Singer 287 

Die althochdeutschen bearbeitungen des Physiologus. Von M. Mann. 310 

Zu Reinhart Fuchs. Von K. Reissen berger 330 

Zum angelsächsischen reimlied. Von E. Sieverts 342 

Die heimat des Beowulfdichters. Von demselben 354 

Ags. Genesis 431. Von J. W. Mulle r 303 

Die Oswaldlegende in der deutschen literatur, ihre entwicklung uud 

ihre Verbreitung. Von A. Berger 365 

(I. Die deutschen redactionen der Oswaldlegende, s. 307. 
— II. Die legende und ihre Verbreitung, s. 409. — An- 
hang. Zur metrik, s. 400.) 
Ueber den versbau des angelsächsischen gedichtes Judith. Von 

Karl Luick 470 

Die qualität der mittelhochdeutschen £ nach den lebenden dialekten. 

Von demselben 492 

Mhd. ein als demonstrativpronomen. Von W. Braune 518 

Altnordisches im Beowulfliede. Von G. Sarrazin 528 

Altangelsächsisch /' und b. Von E. Sievers 512 

Warnung. Von demselben 545 

Miscellen. Von F. Holthausen 548 

Zur heimatsbestimmung des anonymus Spervogel. Von John Meier. 505 

Berichtigungen und nachtrage 506 



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GERMANISCHES E. 



'iese abliandluug soll ein beitrag zur geschiente des indo 



germanischen e sein. Indem ich von der ansieht ausgehe, dass 
die erkenntnis einer indogermanischen Spracherscheinung mehr 
gefördert wird durch eine genaue und möglichst umfassende 
Untersuchung dieser erscheinung in einer einzelnen idg. spräche 
als durch eine Zusammenstellung aus verschiedenen Sprachgebie- 
ten, möchte ich die geschichte des idg. e-lautes vom boden der 
germanischen sprachen aus verfolgen, welche ja für fragen aus dem 
gebiete des vocalismus besonders ergiebig sind. Freilich muss 
dieser boden selbst ein sicherer sein. Bevor ich daher die 
frage zu beantworten versuche: was lässt sich aus dem germa- 
nischen für die Stellung und entwicklung des e innerhalb des 
idg. vocalismus schliessen? ist es zunächst meine aufgäbe, die 
lautgesetzliche entwicklung des e in den germanischen sprachen 
zu verfolgen. Ich habe mich dabei auf die ältesten sprach- 
stufen beschränkt: gotisch, altnordisch, angelsächsisch, altfrie- 
siscb, altsächsisch, althochdeutsch. Nur gelegentlich habe ich auf 
neuere sprachen bezug genommen. 



I. 

DIE LAUTGESETZLICHE ENTWICKLUNG DES IDG. E IN 
DEN ÄLTESTEN GERMANISCHEN SPRACHEN. 

Man unterscheidet im germanischen bekanntlich zwei etymo- 
logisch verschiedene flaute: dem einem entspricht got. S, anord. 
d, ags. db } afries. e, asächs. 4, ahd. ä-, dem anderen entspricht 
got. e, an. e, ags. e, afr. e, as. e, ahd. e, später ea, ia, io. Nur 
dem ersteren laute gilt diese Untersuchung. 

Beitrüge snr gesohiohte der deutschen spräche. XI. 1 



2 BREMER 

I. Spontaner lautwandel. 

A. In betonter silbe. 

1. ürgennanisch. 

Schon die von einander unabhängige, gleichmäßige ent- 
wicklung des lautes im altnordischen einerseits und im alid. 
und altsächs. andrerseits scheint darauf hinzuweisen, duss der 
£-laut im urgermanischen einen dem ü nahe liegenden klang 
hatte. Bei etwaiger annähme eines urgermanischen geschlosse- 
nen e müsste man voraussetzen, dass sich sovvol im norden 
wie in Deutschland dies erst zu einem offenen e und dann zu 
ä entwickelt habe. Bei der annähme eines offenen e für das 
urgerm. erscheint dieser lautwandel einfacher, indem so der weg 
zum ä erheblich abgekürzt wird. Jedenfalls setzt das altnor- 
dische sowie das althochdeutsche und altsächsische zunächst 
ein offenes e voraus. Auch das angelsächsische weist auf ein 
urgerm. offenes e hin; denn es ist, wie ich später zeigen werde, 
trotz der erörterungen von Sievers und Kluge sehr wol glaub- 
lich, dass das ags. et unmittelbar den germanischen laut fort- 
setzt, nicht erst aus einem als westgermanisch anzusetzendem 
ä neu entwickelt ist. Das altfriesische kann für die qualität 
des e-lautes im urgerm. nichts beweisen, solange der phone- 
tische wert des afr. e selbst noch nicht festgestellt ist. Das 
gotische e } welches sicher ein geschlossenes war, mit einer 
starken hinneigung nach i hin, kann mit gleichem rechte auf 
ein offenes wie geschlossenes e zurückgehen; denn diese spräche 
weist auch sonst für ursprünglich geschlossene und offene laute 
nur den geschlossenen auf. Möglichenfalls hat das gotische 
noch eine spur eines urgerm. offenen e bewahrt in den viel- 
besprochenen formen saian, vaian; näheres darüber s. s. 51 ff. 

Die deutschen eigennamen bei den griechischen und römi- 
schen Schriftstellern geben keinen aufschluss über die qualität 
des e-lautes. Die ältesten hierhergehörigen namen, diejenigen 
mit nebentonigem e eingeschlossen, sind folgende: Segimerus 
(d. i. *Segi-mer siegberühmt) Tac. ann. I, 71; Sigimerus Vell. Pat. 
II, 118; JSsylfirjQog Strabon VII, 1, 4; U?/yl(i6QO(; Cass. Dion 
LVI, 19. Actumerus (d. i. *Ax^-mer i ) durch die Verfolgung des 

*) Von *qhi~ (vgl. Kluge, Etym. wb. unter 'Acht') wegen ags. Oht- 



GERMANISCHES E. 3 

feindes berühmt) Tac. hißt, VII, 472; IX, 223; Catumerus Tac. 
ann. XI, 10; OixQOfitjQoc: 1 ) Strabon Vll, 1, 4. Inguiomerus (d. i. 
*I>l(/uja-m<lr) Tac. ann. I, 60. XaQiofirjQog (d. i. *Xarja-mer 
hcerberlibmt) Cass. Dion LXV11, 5. Verritus (d. i. * JJer-ri&*)) 
Tac. ann. XIII, 54. Dies sind westgermanische eigennamen 
aus dem ersten Jahrhundert unserer zeitrechung. Hierher ge- 
hört auch der schon bei Caesar tiberlieferte völkername 
Suebi, JZovrßoL und wahrscheinlich auch Cherusci*), Xcliqovö- 



here, nicht mit J. Griinm, Gesch. der deutschen spräche, s. 580 = ahd. 
* Ahtomäri genere clarus. 

j ) Actumerus, Catumerus und OvxQo/jitjQog bezeichnen dieselbe 
person. Die beiden letzteren namen werden cntstellungen des ersten 
sein. Vgl. J. Grimm, Gesch. der deutschen spräche, s. 580, Müllenhoff, 
Haupt's Zeitschrift IX, 223 f. 

a ) Wegen -n# s. s. 7, anm. 

3 ) Die auffiuduug der etymologie des namens Cherusci muss mit 
der klarlegung des wortstainmes beginnen. Bei der üblichen ableitung 
von got. hairus 'seh wert' gehört das u zum stamme; als suffix bleibt -sk. 
Nun kennen wir aber im germ. kein suffix -sk, sondern nur -isk, wo- 
neben mit J. Grimm, Gramm. 11, s. 372 f. vielleicht -ask anzunehmen ist. 
hcru -\- isk hätte nur *herwisk oder *herjisk ergeben können. Ausschliess- 
lich auf grund des überlieferten Cherusci ein suffix -usk anzunehmen mit 
J. Grimm, Gramm. II, s. 377, sind wir meines erachtens nicht berechtigt; 
übrigens würde heru -f usk auch schwerlich *herüsk sondern wahrscheinlich 
*herwusk oder *herjusk ergeben haben. Es bleibt also als einzige möglich- 
keit, Cherus-ci abzuteilen. Der stamm cherus- kann nur ein i£-stanim sein. 
Die ^-stamme zeigen neben dem gewöhnlichen -es, -is auch -uz als 
ßtammbildendes suffix, so ags. sigor, hälor, salor, dögor u.s. w., ahd. akus, 
hakus, nikus-, vgl. J. Grimm, Gramm. II, s. 274 und Paul, Beitr. VI, 187 — 169. 
Durch ausgleichung entstanden -iz, -us neben lautgesetzlichem -is, -uz. 
Ich sehe in dem -uz den reflex eines idg. semantischen s (z), über welches 
ich später einmal im zusammenhange zu handeln hoffe. Die tiefstufige 
-z-form war vor betontem suffix lautgesetzlich. Cherusci: %eres- = 
Ermunduri: ernten-. 

Um cherus- richtig zu deuten, muss man bedenken, dass die römi- 
schen und griechischen schriftsteiler in den ältesten deutschen eigennamen 
anlautendes germ. h (x) nur vor a, au, ai durch ch, bez. % widergeben, 
dagegen vor e durch h, bez. spir. asp. Dieser umstand führt darauf, in 
dem e von Cherusci kein kurzes e zu sehen, welches im ältesten germ. 
bekanntlich ein geschlossenes war, sondern ein offenes ?, welches dem 
ä so nahe gelegen haben muss, dass es voraufgehendes % nicht palatalisieren 
konnte. Also ergibt sich germ. *x eres '> *X^ ruz " a ^ 8 der gesuchte stamm. 
Ein solcher ist aber nicht nur durch theoretische erwägungen zu er- 
schliessen, sondern er ist tatsächlich vorhanden. Ahd. här hat im plural 

1* 



4 BREMER 

xol Ptol., XrjQOvöxoi Strabon, Xbqovöxoi Cass. Dion (vgl. 2e- 
yifi?]Qog richtig bei Strabon gegen JZrjyifitQog bei Cass. Dion). 
Ob auch glesutn bei Tac, glaesum und Glaesaria bei Plin. mit 
germ. e anzusetzen ist, darüber vgl. s. 15 f. Die Römer schrie- 
ben in allen diesen eigennamen e, weil ihr ae einen diphthon- 
gischen lautwert hatte und schon für germ. ai vergeben war, 
vgl. Caesia = ahd. Heisi, Boiohaemum = ahd. Beheim, gaesum 
= ahd. ger, entsprechend griech. ai in Bovtaifiov, XaTficu, 
kQio-yaioog u. s. w. 

Für das urgermanische pflegt man eine anzahl germa- 
nischer lehnwörter im finnisch-lappischen in anspruch zu nehmen. 
Bei Thomsen-Sievers, Ueber den einfluss der germ. sprachen auf 
die finnisch-lappischen sind s. 48 die beispiele zusammengestellt 
für die Vertretung von germ. e, an. d durch ä im finn.-lapp. 
Keins dieser fremdwörter weist indes mit notwendigkeit auf 
eine zeit der entlehnung, welche vor der annähme der speciell 
nordischen lautformen läge. Aelter sind offenbar die beiden 
Wörter, in welchen einem germ. e im finn.-lapp. ie < geschl. e 
entspricht: finn. miekka, läpp, miekke = got. acc. sing, meki; 
finn. niekla, läpp, neula = got. nepla. Leider ist es um die 
etymologie dieser Wörter sehr übel bestellt. Das erstere steht 
in dringendem verdachte, aus dem finnischen entlehnt zu sein, 
einmal weil die finnischen Völker eine besondere kunstfertigkeit 
in der herstellung von waffen besessen haben, ferner weil das 
germanische wort im indogermanischen Sprachschätze kein 
unterkommen findet, dann weil slav. mict ein finnisches fremd- 
wort ist, endlich weil das wort im germ. selbst von einem 
volke zum andern gewandert zu sein scheint; denn will man 
nicht ags. mece < *möci gegenüber got. meki, an. makir, as. 
mdki durch die Stammabstufung e — ö erklären , so muss man 
annehmen, dass die Angeln, welche vor ihrer auswanderung 

auch i£-fiexion: härir, und dieses härir ist genau das verlangte *x%res-. 
Morphologisch erklärt sich also Cherusci sehr gut aus ahd. här. Die be- 
deutungsentwicklung zu verfolgen ist hier nicht der ort. Schon J. Grimm, 
Gramm. I, s. 87 setzte Chirusk = ahd. härusk = pilosus, freilich, indem 
er här -us k abteilte. 

Wenn diese etymologie von Cherusci die richtige ist — und es ist, 
soviel ich sehe, die einzige, welche das germanische bietet — so könnte man 
auch die Schreibung XcuqovoxoL bei Ptol. für den offenen *-laut geltend 
machen. 



GERMANISCHES E. 5 

nach Britannien ja an Völker grenzten , die mit den Goten 
staininverwant waren, das seh wert (bez. eine besondere art 
desselben) von gotischen stammen erhielten und damit auch 
den fremden namen für dasselbe. Ob das zweite der beiden 
Wörter, welche im finn.-lapp. ie = germ. e zeigen, das wort 
für l nader, ein germanisches wort ist, oder aus dem finnischen 
entlehnt, ist schwer zu sagen. Man fasst got. nepla gewöhnlich 
als mittels des suffixes *-/>/a- < idg. *-tlo- von / *ne gebildet auf. 
Aber manches spricht dagegen. Zunächst wird die ansetzung 
von |/ *ne dadurch zweifelhaft, dass es nur im ahd. ein näan 
gibt. Sonst erscheint eine solche wurzel weder in anderen ger- 
manischeu — das gemeingerm. wort für 'nähen' ist got. siuj'an 
— noch in anderen indogermanischen sprachen; denn lat. neo 
kann, gr. vico muss wegen des vv in Ivvt], evvvijxoq auf \J *sne 
zurückgehen. So steht ahd. näan im verdachte aus lat. nere zu 
einer zeit entlehnt zu sein, als das germ. e noch nicht zu a 
geworden war. Aber selbst zugegeben, es habe neben |/ *sne 
im idg. auch |/ *ne gegeben, wie ja ein ähnliches fehlen eines 
anltd. idg. s allerdings für eine reihe von fällen zugegeben werden 
muss *), so macht die form got. nepla doch Schwierigkeiten. Einmal 
ist das wort in allen germ. sprachen femininum, während wir das 
durch das suffix idg. *~tlo- bezeichnete mittel oder Werkzeug 
sonst als neutrum kennen. Zum anderen würden wir in diesem 
worte statt des e ein tiefstufiges a erwarten, so wie von / *ue 
' wehen ' ahd. wadal, wedil gebildet ist. Demnach muss es zum 
mindesten als sehr zweifelhaft bezeichnet werden, ob got. nepla 
ein echt germanisches wort ist. Dass das lappische an. ndl 2 ) 
als nallo aufnahm, kann nichts für die germanische herkunft 
des wortes beweisen. Ich erinnere nur an die Schicksale un- 
seres 'bivouac', 'fauteuir, 'waggon'. Jedenfalls gehört die ge- 
schichte des finn. ie in miekka, niekla zunächst in die finnische 
grammatik; ohne weiteres können wir dies ie nicht für die 
phonetische feststellung des urgerm. e-lautes verwerten. 

Alles, was ich bisher ausgeführt habe, hat etwas durchaus 
beweiskräftiges für den wert des urgerm. e nicht ergeben. Es 
gibt aber einen ganz bestimmten beweis dafür, dass das urgerm. 

J ) Vgl. Osthoff, Morphol. unters. IV, 329. 

2 ) Nach Bugge, Kuhn's ztschr. XX, 139 verhält sich ndl (got. n&/>la): 
finn. niekla = säld 'sieb' (got. *sSdl): finn. siekla. 



— / 



6 BREMER 

* 

e ein offenes war. Die verschiedene entwicklung in den ein- 
zelnen germanischen sprachen zeigt, dass dasjenige urger- 
manische e, welches überall als e erhalten ist, von dem bisher 
besprochenen e qualitativ verschieden war, und diese Ver- 
schiedenheit kann nur darin bestanden haben, dass ersteres 
mehr nach i hin, letzteres mehr nach a hin las. Das latei- 
nische mensa kam iu der vulgär-lateinischen gestalt ?nesa mit 
geschlossenem e zu den Germanen. Wenn nun unser e damals 
ein geschlossenes gewesen wäre, so hätte das c in germ. *mes 
sich notwendigerweise in den einzelnen germanischen sprachen 
in gleicher weise entwickeln müssen. Statt dessen gehört das 
e in *mes zu dem hellereu, welches überall geschlossenes e blieb. 
Wenn also das c in germ. *mes nicht mit dem unsrigen zu- 
sammenfiel, sondern eine ganz andere entwicklung nahm, so 
muss letzteres in der damaligen ausspräche völlig anders, eben 
dunkler geklungen haben als das geschlossene <? in *mes. 1 ) 

Die annähme eines urgerm. offenen e wird auch dadurch 
gestützt, dass e, ebenso wie ö, im indogermanischen offen war; 
die entsprechenden kürzen waren ja auch im idg. sicher 
offene laute; vgl. Möller, Kuhn's ztschr. XXIV, 511; Osthoff, 
Morphol. unters. II, 111; Brugmann, Kuhn's ztschr. XXVII, 203. 
Jürgerm. c ist also ein unmittelbarer nachkomme des idg. e. 

Ich habe den urgerm. laut als offenes e hingestellt, ohne 
mich darauf einzulassen, ob er wirklich ein reines offenes c 
gewesen ist oder dem ü näher gelegen hat und etwa wie das 
ä im Bremer dialekt gesprochen wurde. Genau wird sich die 
phonetische geltung des e für jene vorhistorische zeit wol 
schwerlich feststellen lassen; eine Untersuchung über den laut- 
lichen wert des ags. cb wäre die Vorbedingung. Für die fol- 
genden fragen ist es auch ziemlich gleichgültig, zu wissen, ob 
der urgerm. laut ein reines offenes ? war, oder wie weit er 
sich dem ä näherte. 2 ) 

l ) Einen ähnlichen beweis für die ausspräche des urgerm. ö liefert 
lat. Roma, welches schon urgerm. *Rüma lautete. Das lat. o } welches 
ein geschlossenes war, fiel also nicht mit dem germ. o zusammen; folg- 
lich muss letzteres ein offenes gewesen sein. 
. 2 ) Vgl. s. 16, anm. 2. 



GERMANISCHES E. 7 

2. Gotisch. 

Das u rgent), offene c ist im gotischen zu einem geschlosse- 
nen geworden, welches schon früh eine starke färbung nach 
i hin erhielt. In griechischen eigennamen ist r\ im got. regel- 
recht durch e vertreten, und das griech. tj hatte zu Wul- 
fila's zeit den wert des geschlossenen e-lautes, welcher sehr 
nach i hin neigte, wie schon daraus hervorgeht, dass r\ in 
griechischen Wörtern gotisch bisweilen durch i oder ei wider- 
gegeben wird; vgl. Gabcleutz und Loebe, Ulfilas II, §23, 
aum. 2; § 30, anm. 1. Wie nahe das gotische geschlossene e 
dem i lag, zeigt ferner die ziemlich häufige Schreibung von ei 
und * für e, von e für ei und i, besonders im ev. Lucas. Die 
beispiele sind zusammengestellt von Gabelentz und Loebe, II, 
§30, 3); -§23, 4); §25,3) und von Leo Meyer, Die* gothische 
spräche, § 409 und 449. Bemerkenswert ist, dass der cod. 
Ambr. B vielfach e durch ei widergibt, während der cod. Ambr. 
A e hat. 

Die Verkaufsurkunden von Arezzo und Neapel aus den 
jähren 540 und 551 zeigen im gotischen texte durchgängig 
noch e: ufmelida mehrmals (einmal ufmida verschrieben), and- 
netntim mehrmals, pize mehrmals, saive mehrmals, vairpize, unk- 
Jane je einmal. Von eigennamen hat der gotische text mSrila 
mit e, während der lateinische text i zeigt in mirjca, für mirjla 
verschrieben. 1 ) Offenbar kann der umstand, dass man 551 
noch e schrieb, nicht beweisen, dass etwa damals noch ein 
reines geschlossenes e gesprochen wurde. Die gotische Ortho- 
graphie stand nun einmal fest und darf uns nicht in dem be- 
irren, was wir sonst über den lautwandel des e zu i bestimmen 
können. 



J ) Absichtlich habe ich got. viljarip, lat. uuiljarit, optarit, guderit 
übergangen, weil es sehr zweifelhaft ist, ob dies -ri]>, -rit = got. -rSd 
ist. Das i an dieser stelle braucht keineswegs für e zu stehn ; auch das 
deutsche kennt ein rid, vgl. Förstemann, Altd. namenbuch I, 1054. Weil 
es richtiger ist, mit geringerem aber sicherem material zu operieren als 
mit grösserem aber teilweise nicht gesichertem, habe ich auch bei der 
folgenden aufzählung gotischer eigennamen die auf -rith, -rid, -rilus, 
-ridus lieber fortgelassen, wiewol manches -rid ein got. -rtd enthalten 
mag; die entscheidung ist darum nicht möglich, weil nach Dietrich, Aus- 
sprache des goth., s. 76 lat. d auch für got. p geschrieben wurde. 



8 BREMER 

In der widergabe des got e in eigennamcn schwanken die 
römischen Schriftsteller schon im vierten Jahrhundert zwischen 
e und i. Ich nenne von älteren gotischen namen folgende 1 ): 

d l 

Um 390 A mm i an na Marcellinus: 

(376) Vithimiris XXXI, 3, 3. 
Um 530 Cassiodor, Variae: 
(mitte des 5. jhdts.) Walamer XI, l. (mitte des 5. jhdts.) Theudemir XI, 1 . 

551 Jordanis 2 ), auf Cassiodor zurückgehend: 
(c. 328) Filimer 60, 13; 61, 1 ; 64, 6; 

89,8. 
(mitte des 5. jhdte.) Thiudimer 123,9; Thiudimir 77, 5; 123, 7. Thiudemir 

127, 13. 15. 21; 128, 1. 2; 129, 5; 128, 3. Theodemir 44, 30; 45, 1. 

130,4.21; 131,10.22.24; 132,2.6. 4; 109,19. 

10. Thiudemer 77, 4. Thiodimer 

130, 16. 
(mitte des 5. jhdts.) Vidimer 44,30; Vidimir 77,4; 123,7; 128,3. Vide- 

45,1.4.5; 123,10; 127,15; 130,5; mir 127,13. 

131,14. Videmer 109,19. 
(mitte des 5. jhdts.) Valamer 44, 29; Valamir 42, 23; 77, 4; 109, 19. 23; 

122, 15; 127, 14. 17; 129, 5; 130, 110,1; 123,7.8.9.10; 127,13; 128, 

4.10. 3, 14; 129, 18. 

(472f) Rkemer 118,14; 119,6. 
(485) Retemeris 107, 22. 

Um 560 Anonymus Valesianus: 
(mitte des 5. jhdts.) Walameris 9, 42. Walamir 12, 58. 

Um 770 Pauli Diaconi hist. Rom., auf ältere quellen zurückgehend: 
(mitte des 5. j hdts.) Thiodimer 15,12. 
(mitte des 5. jhdts.) Widimer 15, 12. 
(mitte des 5. jhdts.) Walamer 15, 12. Walamir 14, 2; 15, 11. 

Der umstand, dass ein und derselbe Schriftsteller oft bei 
der Schreibung des gleichen namens zwischen e und i schwankt, 
beweist, dass zu jener zeit bereits ein laut vorlag, welcher dem 
obre fast wie ein t erschien. Wenn neben der Schreibung mit 



*) Die angeführten eigennamen haben freilich alle e in nebentoniger 
silbe. Man könnte denken, dass der nebentonigen silbe lautgesetzlich 
ein anderer vocal zukäme wie der haupttonigen; aber das scheint nicht 
der fall gewesen zu sein; vgl. westgot. Wiiimer neben den zahlreichen 
namen auf -mirus und haupttonig Miro oder die namen auf -redus neben 
denen auf -ridus. Aus dem s. 25 und 30 angeführten gründe können 
die namen mit nebentonigem c uns auch über das haupttonige c auf- 
klärung geben. 

2 ) Seite und zeile nach der ausgäbe von Mommsen in den Mon. Germ. 



GERMANISCHES E. 9 

i sich noch lange die mit e erhielt, so sind wir daraus keinen 
anderen schluss zu ziehen berechtigt, als dass wir wider ein- 
mal einen fall haben, der uns zeigt, wie die Orthographie hinter 
der ausspräche zurückbleibt, wie die schrift conservativer ist 
als die lebende spräche. Von welchem Zeitpunkte an ein wirk- 
liches l gesprochen wurde, vermögen wir also nicht genau an- 
zugeben. Aber schon gegen ende des vierten jhdts., wo wir 
meines wissens das erste i belegt finden, muss der in frage 
stehende laut sich dem i so sehr genähert haben, dass ein 
römisches ohr i heraushören konnte. Dietrich, Ueber die aus- 
spräche des gothischen, s. 62 — 04 hat den got. lauttibergang 
e > t nach eigennamen chronologisch zu bestimmen gesucht. 
Er kommt zu dem ergcbnis, dass nach einem kämpfe zwischen 
e und i letzteres im 7. jhdt. durchgedrungen sei; so auch 
Braune, Got. graram., § 6, anm. 2. Aber das von Dietrich bei- 
gebrachte matcrial ist nicht ganz zuverlässig; denn von manchen 
dort benutzten eigennamen ist es sehr zweifelhaft, ob sie gotisch 
sind, und vielfach ist ein e in namcn angenommen worden, 
welche ein solches durchaus nicht mit Sicherheit aufweisen. Des- 
halb rechtfertigt sich die folgende Zusammenstellung von eigen- 
namen, welche den westgot. concilienacten bei Mansi ent- 
nommen sind 1 ): 

569 Rodomirus IX, 821. 

572 Vvilimcr IX, 841. 

587, 589 Richaredus, Reccare- 

dus IX, 972. 977. 989. 1000. 

1014. 1015. 

589 Hildemirus IX, 1002. 

590 Recharedus X, 199. 
597 Reccaredus X, 477. 
599 Reccaredus X,481. 

640 Egeredus X,771. Recimirus X, 770. 

Theuderedus X, 7 7 1 . Adimirus X, 7 7 1 . 

053 Egeredus X, 1222. Filimirus X, 1222. 

056 Egeredus XI, 43. Recitnirus XI, 42. 43. 
675 Valderedus XI, 147. 

681 Reccaredus XI, 1040. Salamirus XI, 1040. 

l ) Auch hier habe ich von den namen auf -ridus abgesehn aus 
dem s. 7, anm. angeführten gründe. Wegen haupt- und nebentoniger 
Bilbe vgl. s. 8, anm. 1. 



10 BREMER 

2 l 

683 Valdercdus XI, 1076. Miro XI, 1075. 

Veremundus XI, 1076. Ubadamirus XI, 1077. 

Reccuredus XI, 1077. Argemirus XI, 1077. 

Salamirus XI, 1077. 
Sisimirus XI, 1077. 
Trasi?nirus XI, 1077. 
688 Valdcredus XII, 21. Mro XII, 21. 

Suniemirus XII, 22. 
693 Ftra XII, 84. Mriu XII, 85. 

Auredus XII, 84. 

Wir sehen also, dass noch das gauze siebente Jahrhundert 
hindurch e geschrieben wurde. Ueberraschend ist, dass i nur 
in mir geschrieben wird. Dies kann aber keinen lautlichen 
grund haben; denn Veremundus und Vera haben — freilich in 
hauptbetonter silbe — e vor r. Es scheint also nur eine ortho- 
graphische regel gewesen zu sein, mir zu schreiben. Ein 
solcher brauch ist aber nur unter der bedingung denkbar, dass 
den Goten jener zeit e und / als zwei buchstaben für ein und 
denselben laut, nämlich t, galten. Und das ist sehr natürlich. 
Wenn die Goten l flir älteres e sprachen, in ihrer Orthographie 
aber das e beibehielten, so musste sich bei ihnen das gefühl 
einstellen, den laut i sowol mit dem buchstaben e als j schrei- 
ben zu können. So erklärt sich auch das e in Reccaredus, 
Recimirus, Reccesuindus, Recila u. a., namen, welche in ihrem 
ersten bestandteile got. reik- enthalten. 

Wann got. e zu i wurde, lässt sich nicht genau feststellen. 
So viel scheinen mir aber die schwankenden Schreibungen, auf 
welche ich s. 7 aufmerksam gemacht habe, im verein mit dem 
i in eigenuamen des 4. und 5. jhdts. zu beweisen, dass wir das 
e der gotischen J)ibel nicht mehr als geschlossenes e lesen dürfen. 
Wenn im 6. jhdt. das reine geschlossene i noch nicht durchge- 
drungen war, so sprach man wenigstens sicher schon einen über- 
gangslaut, etwa ein offenes i, so wie heutzutage das i vor r im 
hochdeutsch des plattdeutschen Sprachgebietes gesprochen wird. 

Wenn wir für die zeit der Ostgotenherrschaft im zweifei 
sein können, wie got. e gesprochen worden ist, so steht es 
durch das zeugnis des Smaragdus fest, dass man um 800 ein 
reines * hörte. Smaragdus, der 816 schrieb, führt einige eigeu- 
namen als gotisch an, darunter: Altmir, Gillmir, Ricmir, Rain- 



I 



GERMANISCHES E. 1 1 

mir, Watmir. Er filgt hinzu: 'quorum haec est in latinum inter- 
pretatio: Altmir: namque vetulus mihi, Giltmir: debitus mihi, 
Ricmir: potens mihi, Rainmir: nitidus mihi, Watmir: vestimen- 
tum mihi* (Massmann, Haupt's ztschr. I, 389 f.). Smaragdus, der 
die etymologie des -mir nicht wusste — er kannte nur -mär — 
mu8S also ein so deutliches / an dieser stelle haben sprechen 
hören, dass er das wort als ahd. mir auffassen konnte. 

Endlich zeigt auch das krimgotische die lautgesetzliche 
entwicklung des got. e zu i: mine 'luna' < got. mena, schliepen 
'dormire' < got. slepan, criten 'flere' > got. gretan. 

Ueberblicken wir noch einmal die Verschiebung, welche 
der urgerm. laut des offenen e im munde der Goten durch- 
gemacht hat, so erkennen wir als grund, vom akustischen 
Standpunkte aus: eine neigung zur touerhöhung, vom physio- 
logischen Standpunkte aus: eine neigung zur Verengung der 
bei der hervorbringung des lautes wirkenden mundteile. Der- 
selbe lautliche trieb ist also Jahrhunderte hindurch beständig 
lebenskräftig gewesen. Der Übergang des offenen e zum ge- 
schlossenen und weiter zum i bildet nur ein glicd in der reihe 
der lauterscheinungen, welche diese für die gotische spräche 
bezeichnende neigung hervorgebracht hat. Derselbe Vorgang 
ist es, wenn urgerm. kurzes e im got. zu i geworden ist. 
Derselbe Vorgang ist es, wenn das urgerm. offene ö im got. zu 
einem geschlossenen ö wurde mit einer starken hinneigung zum 
U, welches denn auch im krimgot. durchgedrungen ist: plut, 
stul, bruder. Auch in anderen sprachen können wir ja oft 
genug verfolgen, dass ein und dasselbe bestreben nach einer 
lautveränderung viele Jahrhunderte hindurch fortwirkt — 
natürlich unbewusst. Ich will nur an die zwei haupterschei- 
nungen des germanischen sprachlebens erinnern, welche sogar 
Jahrtausende lang wirkten — freilich mit sehr grossen 
Unterbrechungen: einmal die Verschiebung der explosivlaute, 
welche erst ihren abschluss in der althochdeutschen lautver- 
schiebung fand — oder vielleicht noch nicht gefunden hat; 
denn es scheint, als wenn wir heutzutage am beginne einer 
neuen lautverschiebung stehen, wenn wir die lenes tonlos, 
die fortös aspiriert sprechen, wie dies im grössten teile des 
deutschen Sprachgebietes geschieht. Das andere, die germa- 
nische spräche kennzeichnende moment ist das logische be- 



12 BREMER 

tonungsprincip, die hauptbetonung der Stammsilbe; ein fort- 
leben dieses principe» ist darin zu erkennen, dass im neu- 
hochdeutschen der sonant der betonten silbe — freilich nur,' 
wenn sie offen ist — gedehnt wird. Eine ganz genaue pa- 
rallele aber zu dem besprochenen gotischen lautwandel findet 
sich im englischen, in welchem das ags. offene e (geschrieben <v) 
zu einem geschlossenen und weiter zu i (geschrieben ee) ver- 
schoben worden ist. 

3. Altnordisch. 

Urgerm. e ist im altnordischen durchgehends zu ä ge- 
worden. Dieser tibergang ist sehr alt. Er hat jedenfalls schon 
vor dem wirken der an. vocalischen auslautsgesetze statt- 
gefunden. Denn unter den finnischen lehnwörtern mit langem 
a sind solche, welche auslautendes i und u noch bewahrt 
haben, z. b. finn. kaali 'kohl* < *käli > an. keil, finn. paanu 
'schindel' < *spänu > an. spönn, spann. Die zwinge von 
Thorsbjasrg, welche Noreen, Altisl. u. altnorw. gramm., § 5 um 500 
oder noch etwas älter ansetzt, weist das erste ä auf nordischem 
bodeu auf: mariR (> an. meerr). Das frühere Vorhandensein 
eines e für ä im altnordischen ist nicht mehr nachweisbar. 

4. Anglo-firiesisch. 

Das angelsächsische und altfriesische ist einander so nahe 
verwant, dass beide sprachen zusammen behandelt werden 
müssen. 

In der anglo-friesischen grundsprache war westgerm. offe- 
nes e unverändert geblieben; ebenso blieb es im angelsäch- 
sischen. Sievers, Beitr. VIII, 88 anm. und Ags. gramm., § 57. 6S 
nimmt ein westgerm. ä < germ. e an. Da durch die ältesten 
deutschen eigennamen bei Griechen und Körnern westgerm. c 
ganz unzweifelhaft erwiesen ist, so kann die ansieht von 
Sievers nur dahin verstanden werden, dass alle westgerma- 
nischen sprachen in ihrem sonderleben aus einem noch gemein- 
westgerm, e zunächst ein ä entwickelt haben. Sievers nimmt also 
an, dass gemeinwestgerm. e sich im anglofriesischen zunächst 
in ä wandelte wie in den anderen westgermanischen sprachen, 
und dies dann durch tonerhöhung wider zu e wurde. Ich will 
im folgenden den beweis zu führen versuchen, dass ags. w eiue 
unmittelbare Fortsetzung des germ. e ist. 



\ 



GERMANISCHES E. 13 

Zuvörderst ist der eine punkt zu widerlegen, auf den sich 
Sievers bei der annähme eines vorags. ä stützt, die behandlung 
des ä lateinischer fremdwörter. Die hierher gehörigen Wörter 
sind: strebt < strata, cdbse < caseus, leb den < latinus. Von 
diesen haben die beiden letzteren sicher f-umlaut; derselbe musste 
db ergeben sowol für ags. ä wie ob. Die vulgärlateinische form, 
in welcher diese Wörter zu den Germanen kamen, war *casius 
und *ladinus. Aber auch das cb von strebt kann wegen altnord. 
strebti nur durch die annähme von /-urnlaut erklärt werden; es 
muss neben strata (> as. sträta, ahd. sträza) noch eine vulgärlat. 
form *slratja < *slratea l ) gegeben haben. Keins der drei 
'beisp iele beweist also den tibergang von ä zu ags. cb] sie er- 
klären sich durch i-umlaut aus ä. 

Ich gebe nun die belege für anglo-friesisches e aus der 
zeit, aus welcher wir noch keine Sprachdenkmäler haben. 

Das früheste e finden wir im jähre 58 n. Chr. in dem frie- 
sischen namen Verritus (d. i. *JJer-ri&) Tac. ann. XIII, 54, viel- 
leicht auch in dem bei Plinius und Tacitus tiberlieferten 
glaesum. 

Auch für das zweite Jahrhundert n. Chr. lässt sich das be- 
stehen des e ermitteln. Wir wissen, dass ein teil der Angeln 
schon lange vor der auswanderung der anderen nach Britan- 



nien seinerseits nach Nordthüriugen zog. Schon bei Ptolemaeus 
finden wir die Angeln, welche zur zeit des Tacitus in Schleswig 
wohnten 2 ), nördlich vom Harz zwischen Weser und Elbe. Ihre 
auswanderung erfolgte also im 2. jhdt. n.Chr. Da nun, wie 
ich Beitr. IX, 579 ff. gezeigt zu haben glaube, die Angeln an 
der Elbe in ihrer mundart noch deutliche spuren ihrer früheren 
spräche bewahrt haben, unter anderem ihr e (iletene Merse- 
burger glossen 104 d ), so können wir schliessen, dass im 2. jhdt. 
die anglo-friesischen stamme e besassen. 



! ) Vielleicht durch beeinflussung von platea aus neu gebildet? 

a ) Vgl. J. Grimm, Zur geschiente der deutschen spräche, s. 604 ff. 
und 641. Zeuss, Die Deutschen und die nachbarst am me, s. 153 und 495 f., 
kann seine ansieht, dass die Stammsitze der Angeln an der unteren 
Saale lagen, nur durch den ganz unzuverlässigen bericht des Ptolemaios 
stützen und verwirft ohne grund die von ihm selbst a. a. o. angeführten 
Zeugnisse, welche auf Schleswig hinweisen. 



14 BREMER 

Für das 3. und 4. jhdt. könnte man aus Saxo Gramma- 
ticus anglische eigennamen mit e anführen, welche sich natür- 
lich auf die Angeln in Schleswig beziehen. Es sind dies: Am- 
lethus*) 138— 161 2 ), Vigletus 160. 161, Vermundus 170. Aber 
diese namen, welche einer durchaus sagenhaften zeit ange- 
hören, als beweismaterial für die spräche jener zeit zu ver- 
wenden, sind wir nicht berechtigt; mit Sicherheit könnte fir 
die Chronologie dieser namensformen höchstens das jähr des 
Saxo (um 1200) in betracht kommen. 

Die Übersiedlung der Angeln nach Britannien geschah im 
5. jhdt.; sie begann schon zu ausgang des 4. jhdts. Da nuB 
die gleichung ags. ce = afries. e gerade ein wichtiges moment 
zur stütze einer anglo-friesischen grundsprache ist, so dürfen 
wir für die zeit vor der trennung der Angeln von den friesi- 
schen stammen, für die zweite hälfte des 4. jhdts., ein anglo- 
friesisches e voraussetzen. Es fragt sich, ob der Zeitraum von 
200 jahren genügt, um zwei so ganz verschiedenartige laut- 
Wandlungen wie die von e zu ü und die von ä widerum zu l 
anzunehmen. Solche fragen lassen sich natürlich nicht be- 
stimmt beantworten. Wahrscheinlich ist dies aber keineswegs, 
und es müssten schon zwingende anderweitige gründe dafür 
sprechen, wenn wir einen sonst im sprachleben so ausserge- 
wohnlichen Vorgang annehmen wollten. 

Weil das 6 vor nasalen, auf welchem die annähme eines 
vorags. ä beruht, sich ebenso im friesischen wie im ags. findet, 
so folgt eigentlich, dass ein solches ä vor die zeit der sprach- 
trennung fallen müsste. Zum überfluss mag noch erwähnt 
werden, dass die eigennamen, welche wir aus den ags. Ur- 
kunden (Kemble) und den concilienacten (Mansi) seit anfang 
des 7. jhdts. kennen, nur e (ae) zeigen. Dieser umstand be- 
rechtigt vorher zu dem Schlüsse, dass Jahrzehnte vorher schon 
e gesprochen wurde; denn hätte damals ein ä bestanden, so 
würden wir ein solches wol hier und da in den nächsten jahr- 



*) Der stamm *leß- wird derselbe sein, der got. unlids 'arnT zu 
gründe liegt, und wird 'besitztum' bedeuteu. Vgl. Lathgertha bei Saxo 
s. 442—445, fränk. Lathomarius (636) Pardessus Diplomata n. 275, Wulfo- 
ledus (648. 649) Mansi X, 783. 1193 u. a. 

3 ) Seitenzahl nach der ausgäbe von Müller und Velschow. 



GERMANISCHES E. 15 

zehnten noch geschrieben finden, ebenso wie got. e und fränk. e 
noch lange zeit vereinzelt geschrieben wurde, als man schon 
got. i, fränk. ä sprach und auch in der regel schrieb. 

Nach dem bisher gesagten können wir vom ersten Jahr- 
hundert n. Chr. an kein vorags. ä voraussetzen; demnach bliebe 
für ein solches nur die vorchristliche zeit übrig. Zu demselben 
rcsultate kommen wir auch auf anderem wege. Das einzige 
stichhaltige moment für ein vorags. ä ist das ö in ags. möna, 
nömum u. s. w., welches dem o in ags. lond, man u. s. w. parallel 
steht. Beweisend ist diese parallele für die gleiche entwick- 
lung deshalb nicht, weil das o in ags. lond dem a sehr nahe lag, 
welches auch für ersteres geschrieben wurde, das ö in möna aber 
wol ein geschlossenes war. Jedoch zugegeben, lond < *land be- 
wiese eine gleichzeitige entwicklung möna < *mäna, so niüsste 
diese wegen bröhte, pöhte in eine sehr frühe zeit fallen. Denn 
der ausfall des nasals in letzteren formen ist allen germanischen 
sprachen gemeinsam, fand daher zu einer zeit statt, als noch 
Sprechgemeinschaft unter den germanischen Völkern bestand, 
als es noch kein ein sich abgeschlossenen germanischen sprachen 
gab mit festen Sprachgrenzen, sondern nur in lebendiger be- 
ziehung zu einander stehende mundarten; ohne anglo-fries. 
bröhte würden wir den ausfall des nasals schon der urgerma- 
nischen zeit tiberweisen. Die entstehung des o < a in bröhte 
war aber durch den ursprünglich folgenden nasal bedingt, 
geschah also der zeit nach vor dem ausfall des nasals, 
eine erscheinnng, welche ihrerseits bereits in die zeit conti- 
nuierlicher germanischer Spracheinheit fällt. Wir haben ein 
moment zur datierung dieses ö. Wenn die folgerungen richtig 
sind, welche ich Beitr. IX, 579 ff. aus der spräche der Merse- 
burger glossen geschlossen habe, so beweisen onständanlica und 
sön in diesen glossen, dass on, ön schon vor der trennung der 
thüringischen Angeln von ihren stammesgenossen, also um 100 
n. Chr. gesprochen wurde. 

Vielleicht lässt sich die entstehungszeit dieses 6 noch genauer 
bestimmen. Die zwei erscheinungen, tonerhöhung des a zu ce 
und verdumpfung desselben vor nasalen zu o, sind so verschie- 
dener natur, dass dieselben sicher zeitlich ziemlich weit aus 
einander liegen. Die tonerhöhung zu ce kann nun erst statt- 
gefunden haben, als die tonerniedrigung zu o bereits einge- 



16 BREMER 

Jtreten war, da die Wirkung erstcrer sich auf das a vor nasalen 
nich t erstreckt hat, und da ein etwaiges *cen nur zu *en, nicht 
aber zu *on hätte werden können, ce für a finden wir aber 
vielleicht schon zu anfaug des ersten jhdts. n. Chr. in dem 
worte für 'glas'. Plinius, nat. bist. IV, 97 (27) erzählt, dass eine 
friesische insel wegen des dort gefundenen bernsteins von den 
römischen Soldaten Glaesaria geheisseu wurde, ein wort, welches 
die hss. DRa in der gestalt glesaria bieten. IV, 103 (30) wer- 
den die nord friesischen inseln Glaesiae {glaesiae F, glosiae 
P, glesiae x) genannt, 4 quae Electridas Graeci recentiores 
appellavere, quod ibi electrum nasceretur'. XXXVII, 42 (11) 
heisst es vom bernstein, dass er von den Germanen glaesum 
(glessum FL, glassum a) genannt wurde, und dass daher die Römer 
die eine dieser bernsteinreichen inseln Glaesaria {glesaria F, 
glessaria L a) benannten. Bei Tac, Germ. 45 ist glesum x ) das 
germ. wort für bernstein. Hiernach erscheint es wahrschein- 
licher, dass das germ. wort ein tonloses s hatte, also = gern», 
*glas > ags. glces, afr. gles zu setzen ist, als mit tönendem z, 
wie Müllenhoff, Haupte ztschr. XXIII, 23 es will, = ags. glcere 
'baumharz'. Wenn nun aber die anglo-friesischen stamme da- 
mals schon glces für germ. *glas sagten, die tonerhöhung des a 
zu ce mithin bereits eingetreten war, so müssen wir den wandel 
von a zu o vor nasalen in die vorchristliche zeit zurückver- 
legen und damit auch den von ä zu Ö. 

Dadurch dass sovvol ags. ce als auch ö vor nasalen, wie gezeigt 
worden ist, in so frühe zeit hinaufreicht, sind wir gezwungen, 
das vorags. ä fallen zu lassen. Denn es ist unmöglich zu glauben, 
dass zu einer zeit, in welcher eine gern ein germanische spräche 
herrschte, ein lautwandel e > ä > e ungestört in einer mundart 
hätte vor sich gehen können, die noch nicht in sich abgeschlossen 
war, sondern in fortwährendem austausch mit den benachbarten 
Sprachgebieten stand. Es kann folglich der combinatorische 
lautwandel germ. en > vorags. an > ags. ön nicht einen spon- 
tanen lautwandel germ. e > vorags. ä beweisen, um so weniger 
als es noch gar nicht ausgemacht ist, ob ags. ön, 6m < germ, 
en, em überhaupt die Zwischenstufe an, am voraussetzt. 2 ) 



') So alle hss. Müllenhoff ändert glaesum nach Plinius. 

s ) Verfolgen lässt sich der weg vom germ. en zum anglofries. ön 



i 



GERMANISCHES E. 17 

Was sonst noch für ein vorags. ä geltend gemacht werden 
könnte, dass vor w, seltener auch vor g urgerm. e im ags. als 
d, ferner dass geä für urgerm. ge erscheint, ist nicht beweis- 
kräftig; denn beide fälle «nd erst späteren Ursprungs*, das frie- 
sische kennt nur e(rv) } eg und iL 

Diese erörteruugen haben, wie ich glaube, die tatsache fest- 
gestellt, dass anglo-friesisches e unmittelbar das westgerm. und 
urgerm. e fortsetzt. 

5. Althoch- und altniederdeutsch. 

Die continentaldeutschen mundarten mit ausnähme des 
friesischen müssen im zusammenhange behandelt werden, weil 
nicht in jedem einzelnen Sprachgebiete germ. e sich selbständig zu 
ä entwickelte, sondern das allgemeine durchdringen dieses laut- 
gesetzes auf grund der lebendigen beziehungen geschah, in 
welchen die deutschen mundarten zur zeit zu einander standen. 
Der Übergang des germ. e zu ä ging vom oberdeutschen aus. 
Aehnlich wie hier die sogenannte zweite lautyerschiebung be- 
gann und erst schritt für schritt weiter nach norden drang, 
oder wie das schwäbische st seine herrschaft heute bis an die 
ostsee ausgedehnt hat, so trat in früherer zeit der lautwandel 
e > ä zuerst in Süddeutschland auf und breitete sich erst allmäh- 
lich auch über Norddeutschland aus. Während die ahd. laut- 
verschiebung aber nur die sächsische grenze erreichte, umfasste 
der wandel von e zu ä auch das sächsische gebiet und erstarb 
erst an der friesischen Sprachgrenze. 1 ) Wir würden diesen 
Vorgang im einzelnen genauer verfolgen können, wenn die 
quellen reichlicher flössen; aber das vorhandene genügt, um zu 
erkennen, wie tatsächlich dieser sprachprocess verlaufen ist 



nicht mehr. Es ist also eine frage der phonetik, ob an als liber- 
gangsstufe vorausgesetzt werden inuss oder nicht vielleicht s'n mit 
offenem e. Uebrigens mag bei dieser gelegenheit darauf hingewiesen 
werden, dass die tatsache des so früh vollzogenen lautgesetzes : germ. 
In ==- anglofries. ön sehr dafür spricht, dass der urgerm. 2-laut nicht der 
eines reinen offenen d gewesen ist, sondern sehr weit nach ä hin ge- 
legen hat. 

') Auch im langobardischen und burgundischen ist nach ausweis der 
eigennamen germ. d zu ä geworden. Vgl. J. Grimm, Gesch. der deut- 
schen spräche, s. 690 und Wackernagel, Kl. Schriften, III, s. 360 f. 

Beiträge zur geschieht« der deutschen spräche. XI. 2 



\ 



18 BREMER 

Ich beginne mit dem oberdeutschen. Am frühesten ist 
für Baiern ä < genu. e nachweisbar; etwa um 170 kommen 
die beiden markomannischeu eigennamen vor: Marcomarus, 
Aurel. Victor, de Caes. 16 und BaXloftaQioq, Petrus Patr. exe 
leg., s. 124 ed. Bonn. Wahrscheinlich kann man diese namens- 
formen schon für das 2. jhdt. in anspruch nehmen. Ganz 
sicher ist freilich nur das jähr des autors. Aurel. Victor lebte 
in der zweiten hälfte des 4. jhdts., Petrus mitte des 6. jhdts. 

Für Schwaben ist ä aus dem 4. jhdt. von gleichzeitigen 
Schriftstellern bezeugt: 

354—371 Vadomarius. Amm. Marc. X VIII, 2, 16— 18. XIV, 10, 1. XVI, 
12, 17. XXI, 3, 1; 4; 5. 4, 5. XXVI, 8, 2. XXIX, 1,2. 4, 2. Aurel. 
Victor, epit. 42. Bado/xagioq, Zosim. III, 4. 

357 Chnodomarius. Amm. Marc. XVI, 12, 1; 4; 23—25; 35; 58; 65; 70. 
Aurel. Victor, epit. 42. 

357—359 Suomarius. Amm. Marc. XVI, 12, 1. XVII, 10, 3; 9. XVIII, 2,8. 

371 Fraomarius. Amm. Marc. XXIX, 4, 7. 

Merkwürdigerweise erhielt sich der name Suebi noch länger, 
vielleicht aber nur in unserer Überlieferung. Wenn noch Gregor 
von Tours zwischen Suebi und Suabi schwankt, so werden wir 
daraus nur entnehmen können, entweder dass die *Sitäbös von 
den Franken, welche zur zeit noch e besassen, *Suebös genannt 
wurden, oder dass wir es mit dem in der zweiten hälfte des 
6. jhdts. bei den Franken auch sonst häufigen schwanken 
zwischen} altem e und neuem ä zu tun haben, vgl. s. 20 ff. 

Auch die Sueben auf der Pyrenäischen halbinsel behandeln 
germ. e wie ihre stammesgenossen in Deutschland; sie nahmen 
das a jedenfalls schon mit. Wenn neben den namen mit a hier 
und da einige mit t erscheinen, so sind letztere offenbar west- 
gotischen Ursprungs, ebenso wie die vereinzelten westgot. eigen- 
namen mit a eigentlich den Sueben angehören werden. 

Möglichenfalls — bestimmtes lässt sich darüber nicht mehr 
ermitteln — haben die Süddeutschen ihr ä von osten her be- 
kommen, wenn nämlich der name der Quaden ein langes a 
enthält, für welches J. Grimm, Gesch. der deutschen spräche, 
s. 507 gute gründe beibringt. Aus dem jähre 216 haben wir in 
der gleichzeitigen geschichte des Cass. Dion LXXYII, 20 den 
sicher mit a anzusetzenden quadischen eigennamen rcüoßo- 



GERMANISCHES E. 19 

Es liegt nahe, zu vermuten, dass die eigentliche wiege 
des a im lande der Nordsueben, der vorfahren der Oberdeut- 
schen, gestanden hat, etwa in der Mark Brandenburg, dem ge- 
biete der Semnonen; denn auf diese weise brauchte das lango- 
bardische und burgundische ä nicht besonders erklärt zu wer- 
den, sondern fiele — nach dem Schmidt'schen bilde — in den 
bereich der hochdeutschen wellenkreise; die Sueben-Schwaben 
hätten dann ihr ä schon von der mittleren Elbe, die Marko- 
mannen-Baiern aus Böhmen mitgebracht. Es wäre nicht un- 
möglich, dass bereits in der grossen Suebenschlacht des Jahres 
17 n. Chr., in welcher Cherusker mit namen auf -merus mit 
den mannen des Maroboduus kämpften, das alte e dem neuen 
ä gegenüberstand. 

Das bei den Oberdeutschen am frühsten nachweisbare a 
ist für die Thüringer aus der ersten hälfte des 6. jhdts. be- 
zeugt in dem namen Radegundis Greg. v. Tours s. 111, 7 1 ) 
und sehr oft bei Yenantius Fortunatus. 

Später kam das a zu den Franken. Ueber das erste 
auftreten des ä in fränkischen eigennamen hat Jacobi, Beiträge 
zur deutschen grammatik, s. 1 1 1 f. gehandelt. Ich gebe hier ein 
ausführlicheres material 2 ): 

2 ä 

307 Merogaisus. Paneg. Con 8 tantin. 

Aug. I, 1 1 . 3 ) 
354 Teutomeres. Amin. Marc. XV, 

3, 10.*) 
388 — 392 Marcomeres. Gregor v. 

Tours 72,17; 74,12.22; 75,4.») _ 



') Seite und zeile nach der ausgäbe von Arndt in den Mon. Germ. 
Gregor schrieb bis 591. Wegen seiner quellen vgl. Wattenbach, Deutsch- 
lands geschichtsqnellen, 1, § 8. 

*) Die Jahreszahlen zn den dnrch geschieh tsschreiber überlieferten 
namen dürfen, so weit sie bei dieser Zusammenstellung berücksichtigt 
Bind, für die sprachliche form des namens in betracht kommen. Ange- 
führt sind zu der betreffenden Jahreszahl nur solche namen, welche bei 
ziemlich gleichzeitigen Schriftstellern überliefert sind oder bei denjenigen 
späteren, deren quelle in jene zeit fällt. Selbst verständlicherweise kön- 
nen mit Sicherheit nur die Jahreszahlen der Urkunden geltung haben. 

3 ) In demselben jähre verfasst. 

*) Ammian schrieb um 390. 

2* 



20 



BREMER 



a 



411 Theudomeres. Greg. v.T. 77,7. 

epit. 9 und sonst. 
Richimeres. Greg. v. T. 77, 7. 
c. 480 Merovechus. Greg. t.T. 77, 16. 
491—496 Audefteda. Jordanis 134, 

11. 16. 1 ) 
494 Ingomeres. Greg. v. T. 91,4. 

epit. 20. gesta reg. Franc. 14. 8 ) 
Albofledis. Mansi VIII, 178. 
495—524 Chlodomeres. Marii chron. 3 ) 

Greg. v.T. 91,12; 109,11-, 112, 

22; 113,5.8; 114,6; 126,9.21. 
497 Albofledis. Pardessus, Diplo- 

mata n. 59. 
499? 

Gislemerus. Mon. Germ. Dipl. 
118,23. 

510 Rignomeres. Greg. v. T. 105,23. 
526 

532 Chlodomeres. Greg. v.T. 126, 

9.21; 128,19. 

533 Dagaredus. Pard. n. 118. 119. 
Tennaredus. Pard. n. 118. 119. 
Vileredus. Pard. n. 118. 119. 
Merumvasies. Pard. n. 1 18. 1 19. 
Meratena. Pard. n. 118.119. 
Friaredus. Pard. n. 118. 119. 
Agat(h)imerus. Pard. n. 1 18. 1 19. 
Leuberedus, Leutiber edus. Pard. 

n. 118.119. 
Leudovera. Pard. n. 118. 119. 
537 



Heldradus. Mon. Germ. Dipl. 1,117,1. 
Bertemarus. Mon. Gerui.Dipl.HS13. 
Gislemarus. Mon. Germ. Dipl. 1 18, 15. 
Losmarus. Mon. Germ. Dipl. 118, 20. 
Ildemarus. Mon. Germ. Dipl. 1 1 8, 3 1 . 

Odolmarus. Pardessus, Dipl. n. 108. 
Winctmarus. Pard. n. 108. 



lnghilmarus. Pard. n. 128. 



*) Seite und zeile nach der ausgäbe von Mommsen in den Mon. 
Genn. Jordanis schrieb 551; seine quelle ist Cassiodor um 530. Audefleda 
auch bei Paulus Diaconus, Hist. Rom. 15,20; Paulus schrieb um 770; 
wegen seiner quellen vgl. Wattenbach, II, § 6. Der Anonymus Valesianus, 
der um 560 schrieb, hat schon Augoflada 12, 63. 

*) 725 geschrieben; wegen der quellen vgl. Wattenbach, I, § 10 und 
nachtrage dazu in band II. 

3 ) Marius starb 594 ; wegen seiner quellen vgl. Watten bacb, I, § 8. 
Agathias, der bis zum jähre 560 schrieb, hat s. 14 denselben n innen 
XX(o9ouij0oq. 



GERMANISCHES E. 



21 



538 

546 Daumerus. Mon. Germ. Dipl. 

6,34.41.44. 
562 

c. 562 

565 Merofledis. Greg. v. T. 160,20; 

161,5; 162,11. epit. 56. gesta 
reg. Franc. 30. 
565—577 Chlodomeres. Greg. v. T. 
160, 16; 210, 17. epit. 56. Marii 
chron. 

566 Beritredus. Pard. n. 171. 
56» 



573 Leomeres. Pard. n. 180. 

Frangomeres. Pard. n. 180. 

Gundemerus. Pard. n. 180. 

Ricomerus. Mansi IX, 868. 
574? 

577 Merovechus. Mansi IX, 875. 878. 
Clodomeris. Mansi IX, 876. 

577 — 580 Merovechus. Greg. v. T. 
192,5.18; 202,21; 203,11.23; 
204,19; 205, 1. 10; 209, 12.21; 
214,20; 215,4.5. 15. 16; 239,35. 

578 Tegredus. Mansi IX, 916. 
BaUomeris. Mansi IX, 916. 

584 Ballomeres. Greg. v. T. 299, 8. 

584—587 

585—604 

588 Charimeres. Greg. v. T. 380, 28. 

589 Bertheßedis. Greg. v. T. 3S7, 5. 
Leubovera. Greg. v.T. 393, 15. 

604 — 613 Meroveus. Fred, cbron. 

26. 29. 39. 42. 
610 
625 



Wistremarus. Pard. n. 131. 
Winlemarus. Pard. n. 131. 132. 



Chrasmarus. Mon. Germ. Dipl. 131, 

4.5. 11.14.20.22. 
Marovaeus. Mon. Genn. Dipl. 128, 

4. 42. 



Winctmarus. Pard. n. 171. 
Gumemarus. Mon. Genn. Dipl. 

134, 27. 
Radulphus. Mon. Germ. Dipl. 134,30. 
Marometus. Pard. n. 180. 



Warmarius. Greg. v. T. 173,21. 



Marovaeus. Mon. Germ. Dipl. 11,6. 
Wandalmarus. Fred, chron. 4. 13. 
24.') 

Maroveus. Greg. v. T. 392, 25; 396, 
26; 398, 21. 



Lilhomarius. Pard. n. 226. 
Ralgaudus. Pard. n. 237. 238. 
Sigemarus. Pard. n. 238. 



*) Fredegar schrieb um 660; wegen seiner quellen vgl. Watten- 
bach, I, §9. 



22 



BRejMER 



627 

628 Leubar edus. Pard. n, 245. 
631. 632 Laudemerus. Mon. Germ. 
Dipl. 144,49. 

632 Laudomerus. Mon. Germ. Dipl. 

143,22. 

633 Laudemerus. Mansi X, 611. 



ä 
Reco mar us. Pard. n. 241. 



635 

635. 636 

636 Laudomerus. Mon. Germ. Dipl. 
159, 48. 



637 



640 

648 Wulfoledus. Mansi X, 783. 



649 Wulfoledus. Mausi X, 1193. 
Baudomeris. Mansi X, 1193. 

652 Baldomerus. Pard. n. 320. 

653 Laudomerus, Mon. Germ. Dipl. 

20, 36. 
Merulfus. Mon. Germ. Dipl. 

20, 42. 
Baldomerus. Pard. n. 320. 



c. 657. 658 

658 Baldomerus. Mansi XI, 63. 

659 Laudomerus. Mansi XI, 65. 
Merulfus. Mansi XI, 66 



Agnelrada. Pard. n. 257. 
Lorado. Mon. Germ. Dipl. 143, 37. 
Rado. Mon. Germ. Dipl. 143,39. 
Ralhildis. Mon. Germ. Dipl. 149, 15. 
Verchemarius. Mon. Germ. Dipl. 

152,43. 
Rado. Mon. Germ. Dipl. 152,44. 
Rado. Mon. Germ. Dipl. 17,4. 
Wandalmarus. Fred, chron. 78. 1 ) 
Rado. Pard. n. 275. 
Lathomarius. Pard. n. 275. 
Lauradus. Mon. Germ. Dipl. 159,50. 
Geremarus. Mon. Germ. Dipl. 160,26. 
Geremarus. Mon. Germ. Dipl. 163,39; 

164, 18. 

Agomarus. Pard. n. 293. 
Audomarus. Pard. n. 312. 
Chrodmarus. Pard. n. 312. 
Ermarus. Pard. n. 312. 
Radbaldus. Pard. n. 312. 
Vualdemarus. Pard. n. 312. 



Rad ober (us. Mon. Germ. Dipl. 20, 39. 
Vandalmarus. Mon. Germ. Dipl. 2 1, 1. 
Gualderadus. Mon. Germ. Dipl. 21,3. 
Rado. Mon. Germ. Dipl. 21,4. 
Vulderadus. Pard. n. 322. 
Radagundis. Pard. n. 324. 
Radulfus. Pard. n.324. 
Rado. Mon. Germ. Dipl. 32,23. 

Wandalmarus. Mansi XI, 66. 
Vulderadus. Mansi XI, 66. 
Radobertus. Mansi XI, 66. 
Rado. Mansi XI, 66. 



! ) So auch Gesta Dagoberti 36 ('unzuverlässige compilation aus 
dem ende des neunten Jahrhunderts'). 



GERMANISCHES E. 



23 



ooi 

002 

063 
004 

060 

667 Cristomerus. Mon. Germ. Dipl. 

84, 19. 
672 
673— 678 Meroaldus. Vita S. Leode- 

garii 9. 10. 11.«) 
674 Waimerus. Vita S. Leodegarii 9. 
675 



0S2 
683 

085 Vaymerus. Mansi XI, 1095. 



080 

0*6 bis an fang 8. jhdts. Ansfledis. 
Fred, chron. continuatum II, 
99. gesta reg. Franc. 48. a ) 

087 

0S8 

09 1 



092 Vuatmerus. Pard. n.423. 

093 

696 

697 



700 Imneredus. Pard. n. 452. 
Gunthivera. Pard. u. 452. 



Ursmarus. Pard. n. 338. 
Ermenomaris. Pard. n. 347. 
Audomarus. Mon. Germ. Dipl. 38, 13. 
Richimarus. Mon. Germ. Dipl. 39, 21 . 
Vulsmarus. Pard. n. 350. 
Radebertus. Pard. n. 350. 
Ragnomarus. Pard. n. 355. 
Audomarus, Mansi XI, 107. 

Radebertus, Mon. Germ. Dipl. 189, 6. 



Ratfridus. Mon. Germ. Dipl. 41, 34. 
Ralfredus. Mon. Germ. Dipl. 41,41. 
Radoinus. Pard. n. 375. 
Ratbertus. Mansi XI, 1043. 
Gislemarus. Fred, chron. continua- 
tum II, 98.*) gesta reg. Franc. 47. 
Waraulfus. Pard. n. 404. 
Blitmarus. Pard. n. 404. 
Crasmarus. Pard. n. 404. 
Harmarus. Pard. n. 406. 
Caldemarus. Pard. n. 406. 



Cosmarus. Mon. Germ. 209, 49. 
Ghislemarus. Mon. Germ. Dipl. 51, 26. 
Ursmarus. Mon. Germ. Dipl. 210,20. 
Chrodomarus. Pard. n. 421. 
Fladebertus. Pard. n. 42 t. 
Radefrxdus. Mon. Germ. Dipl. 55,30. 
Ghislemarus. Pard. n. 431. 
Ageradus. Pard. n. 435. 
Durandomarus. Pard. n. 442. 
Waldromarus. Pard. nachtr. n. 9. 
Audromarus. Pard. nachtr. n. 9. 
Ursmarus. Mon. Germ. Dipl. 21 1,39. 
Wald(pymarus. Mon. Germ. Dipl. 
04,10.25. 



! ) Vgl. Wattenbach, I, §11. 

2 ) Aus dem jähre 730; vgl. Wattenbach, II, § 1. 

3 ) So auch Chron. Fontanellense aus dem neunten jhdt. 



24 



BREMER 



702 

703 
704 



706 

709 Wlfredus. Pard. n. 475. 

711 

713 Tharmerus. Pard. n. 484. 



715 
717 

C. 710 



721 



722 



723 

730 Wademerus. Pard. n. 547. 

731 

735 

739 

741 
743 

745 

746 



748 



a 

Chedelmarus. Mon. Gerra. Dipl. 64, 

48; 65,4.9. 
Ghyslemarus. Mon. Germ. Dipl. 65, 13. 
Engel vara. Pard. n. 457. 
Goihomarus. Pard. n. 457. 
Radober tus. Mon. Genn. Dipl. 176, 

29; 177, 11. 
Fladeberlus. Pard. n. 460. 
Orlhmorus. Pard. n.462. 
Tuleradtls. Mon. Germ. Dipl. 214, 12. 
Va/dradanis. Pard. n. 475. 
Ralberthus. Mot. Germ. Dipl. 70,49. 
Landemarus. Pard. n. 488. 
Ralfridus. Pard. nachtr. n. 23. 
Radoingus. Pard. nachtr. n. 23. 
Ermenoara. Pard. n. 491. 
Waldromarus. Mon. Germ. Dipl. 

78, 12. 
Tancradus. Mon. Germ. Dipl. 98, 1. 

•23. 30. 
Faslradus. Mon. Germ. Dipl. 98, 1. 

23. 30. 
Wideradus. Pard. n. 514. 
Bertrada. Pard. n. 516. 
Conradus. Mon. Germ. Dipl. 82, 23. 
Hariradus. Mon. Genn. Dipl. 99, 35. 
Ralmundus. Mon. Germ. Dipl. 202, 27. 
Watlmarus. Mon. Germ. Dipl. 202, 32. 
Ingomarus. Pard n. 528. 
Wmidmarus, Pard. n. 528. 
Ralberlus. Pard. n. 547. 
Marchradus. Pard. n. 550. 
Hit dir ad us. Pard. n. 557. 
Marchralus. Pard. n. 557. 
Maroaldus. Pard. n. 559. 
Radberlus. Pard. n. 559. 
Radbertus. Mon. Genn. Dipl. 102,5. 
Waimarus. Mon. Germ. Dipl. 86, 32. 

87, 9. 
Vicradus. Pard. n. 584. 585. nachtr. 

n. 79. 
Widradus., Pard. n. 587. 
Childradus. Mon. Germ. Dipl. 

103, 36. 
Hildradus. Mon. Germ. Dipl. 102,48. 
Fulradus. Manai XII, 531 . 532. 



* 



Ik 



GERMANISCHES E. 25 

e a 

749 Fulradus. Mon. Germ. Dipl. 106, 

30.31.49; 107,8. 10. 16. 19. 

750 Fulradus. Mon. Germ. Dipl. 107, 

8. 10. 16. 19.37. 47; 108,5.7. 

Es fragt sich iiud, welche Schlüsse wir aus dem vorliegen- 
den material für die spräche der Franken zu ziehen berechtigt 
sind. Zunächst ist zu bemerken, dass diejenigen namen, welche 
e bez. ä in ihrem zweiten bestandtejle enthalten, kein sicheres 
zeugnis für den tibergang des e zu ä in betonter silbe ablegen 
können; denn der vocal ist in diesem falle nebentonig. Wir 
werden sehen, dass germ. e in unbetonter silbe überhaupt 
nicht den wandel zu ä mitmachte, sondern seine qualität be- 
hielt; so hat sich auch das nebentonige e länger erhalten als 
das haupttonige, wäre sogar voraussichtlich e geblieben, wenn 
es sich des einflusses des hoch betonten e hätte erwehren kön- 
nen, welches in denselben worten zu ä wurde: also Waimarus 
für Waimerus nach dem vorbilde von Maroaldus, Marovaeus. Das 
letzte sichere e im ersten namensteile begegnet uns 659 in dem 
namen Merulfus. Die frühsten ä tretfen wir 499. Zweierlei 
ist zu berücksichtigen, wenn man aus den vorliegenden eigen- 
namen Schlüsse für die damalige ausspräche ziehen will: ein- 
mal in zeitlicher hinsieht der conservative Charakter jeder 
Orthographie gegenüber der ausspräche (vgl. das s. 8 f. gesagte) 
und zum anderen in örtlicher hinsieht das grosse gebiet, auf 
welches sich diese eigennamen verteilen. Wollen wir für das 
ganze fränkische Sprachgebiet eine einheitliche Chronologie 
aufstellen, so müssen wir sagen, dass schon gegen ende des 
5. jhdts. das fränkische e sehr nach ä hin gesprochen wurde, 
im 6. jhdt. sich der tibergang zum ä vollzog, welcher zu anfang 
des 7. jhdts durchgedrungen ist. Wären wir im stände, die 
einzelnen namen nach derjenigen fränkischen mundart zu son- 
dern, welcher sie angehören, so würden wir voraussichtlich 
verfolgen können, wie das a allmählich von Süden nach norden 
und Rheinabwärts vordrang. 

Die namen in den Weissenburger Urkunden 1 ), über deren 
spräche jetzt Socin im ersten bände der 'Strassburger Studien' 

*) Zeuss, Traditiones possessiunesque Wizenburgenses. Pardessus, 
Diplomata II in den nachtragen. 



26 



BREMER 



s. 101 — 276 gehandelt hat, zeigen vom jähre 693 an nur 5, 
die Fuldaischen Urkunden 1 ) seit 750, die Lorscher 2 ) seit dem 
ende des 8. jhdts., die mittelrheinischen 3 ) seit mitte des 8. jhdts. 
Dagegen scheinen die ältesten nieder rheinischen Urkunden 
noch spuren des alten e aufzuweisen. Ich nenne die hierher- 
gehörigen namen: 



710 

720 Raedbrectus (bei Kleve). Sloet, 

Orkondenboek der graaf- 

schappen Gelre en Zutfen I, 

n. 6. (Pardessus, Dipl. n. 519.) 

Redualdo. ebendaselbst. 

793 Fledradus (bei Werden). La- 
comblet, Urkundenbuch für 
die gesch. des Nioderrheins I, 
n. 2. (Sloet, n. 14.) 
Raeddegus. ebendaselbst. 

790 



799 Thathumerus (bei Zutphen). 
Lac. 14. (Sloet, n. 18.) 

800 
801 
802 



805 

806 

812 Redald (Werden). Lac. n. 3ü. 

815 



ä 



Oadrada (holländ. Brabant). Par- 
dessus, Diploinata n. 476. 



Raadherus (bei Werden). Lacom- 
blet n. 3. 



Raadfridus (bei Werden). Lac. n. 6. 
Hildiradus (bei Neuss). Lac. n. 7. 
Ualdemarus (bei Neuss). Lac. n. 7. 
Folcradus (Isselmünde). Lac. n. 8. 

(Sloet, n. 16.) 
Raadgerus (Isselmünde). Lac. n. 8. 

(Sloet, n. 16.) 
Frithuradus (Werden). Lac. n. 11. 
Theganradus (Werden). Lac. n. 11. 
Hildiradus (Werden). Lac. n. 12. 13. 
Hildiradus (Werden). Lac. n. 17. 
Hildiradus (Werden). Lac. n. 19. 
Folcrada (bei Neuss). Lac. n. 24. 
Raadald (bei Zutphen). Lac. n. 25. 

(Sloet, n. 23.) 
Folcradus (bei Werden). Lac. n. 27. 

(Sloet, n. 24.) 
Folcradus (bei Werden). Lac. n. 28. 
Radbald (Werden). Lac. n. 30. 
Uuerinmarus (Werden). Lac. n. 31. 



! ) Schannat, Corpus traditionum Fuldensium, Dronke, Codex diplo- 
maticus Fuldensis. 

2 ) Codex Laureshamensis diplomaticus. 

3 ) Beyer, Urkundenbuch zur gesch. der mittel rheinischen territorien. 
Quix, Geschichte der Stadt Aachen. 



GERMANISCHES E. 27 

Von hier an haben die eigennamen aus Neuss, Werden 
und Utrecht nur ä. Mit dem Werdener e des namens Redald 
aus dem jähre 812 sind wir bei der zeit angelangt, in welche 
die ältesten uns überlieferten literaturdenkmäler zurückreichen. 
Und wirklich findet sich in den ältesten niederfränkischen, 
denkmälern vereinzelt noch für ä ein S, welches nicht wol 
anders erklärt werden kann wie als ein Überrest des germ. e. 
Es sind dies folgende fälle: in der interlinearversion der psal- 
men: ginekeda: appropinquavit Ps. 54,22; gevi: dedisti Ps. 59,6; 
deda: facta Ps. 63, 10; in den Lipsius'schen glossen: andredandi: 
timentes 25 (nach Heyne, Kleinere altniederdeutsche denkmäler); 
anredit: timet 34; geuuede: vestimenta 472; vuedan sal: induam 
1074; in den altniederfränkischen Prudentiusglossen : geuuede: 
amictu Steinmeyer-Sievers, Ahd. glossen II, 587, 39. Natürlich 
dürfen uns diese vereinzelten e nicht zu dem Schlüsse ver- 
leiten, dass in jenen worten zur zeit wirklich noch ein e ge- 
sprochen wurde; das verbietet sich schon deshalb, weil die- 
selben worte in den gleichen denkmälern sonst mit a geschrie- 
ben werden. Wol aber legt die Schreibung mit e zeugnis dafür 
ab, dass erst um jene zeit das ä im niederfränkischen endgültig 
durchgedrungen ist. Schreiber aus der ersten hälfte des 9. jhdts. 
hatten aus der zeit ijirer kindheit, in welcher sie sprechen 
lernten, den laut des ä noch so weit nach e hin im gehör, dass 
ihnen in der schrift wol hier und da ein e für a mit unter- 
laufen konnte. 

Mit dem niederfränkischen haben wir schon den boden 
des niederdeutschen Sprachgebietes betreten. Vom Niederrhein 
nahm der lautwandel e > ä seinen weg durch Sachsen. Auch 
hier vollzog sich das lautgesetz allmählich und musste sich 
schritt für schritt seine herrschaft erobern. Zuerst drang ä in 
Westfalen durch; das zeigen die frühsten sicher westfälischen 
eigennamen: 803 Adairadus und Marcradus, Pertz, Leg. I, s. 89; 
820 Marcrad (aus Münster), Lacomblet, n. 40. Der Heliand hat 
noch einige mal e für ä, und es ist für die feststellung des 
allmählichen weichens des alten e vor dem neuen ä sehr 
wichtig, dass nur der Monacensis solche vereinzelten e hat, 
während in den entsprechenden worten der Gottonianus schon 
überall d zeigt. Die fälle sind die folgenden : bedi M., badi C. 2 1 52 ; 
sehan M., saian C. 2389; uuepanberand M., uuapanberan C. 2779; 



28 BREMER 

uueg M., uuag C. 2944 1 ); meriaro M., mar er o C. 3159; farletid 
M., forlatit C. 3322; andreden M. 3495; landmegun M., landmagon 
C. 3814; giuuedielA., giuuadie C. 4100. Das e in diesen for- 
men 2 ) kann im verein mit den altniederfränkischen nur als 
vereinzelter Überrest des alten e aufgefasst werden, so dass 
wir die Verwandlung des e zu ä im westfälischen erst gegen 
anfang des 9. jbdts. als völlig beendet anzusehen haben, ger 
freilich erhielt sieh noch länger. Der Monacensis hat nur gSr 
gegen jär im Cott.; desgleichen heisst es ger in der Frecken- 
horster heberolle und in dem bruchstück der Übersetzung einer 
homilie Beda's. Das e in ger muss also besonders erklärt wer- 
den auf grund eines combinatorischen lautwandels. Offenbar 
hat das palatale g, welches vor palatalen vocalen wol wie j 
im nhd. gesprochen wurde, durch seine helle klangfarbe die 
tonerniedriguug des folgenden e gehindert. 3 ) Dasselbe gilt für 
das vereinzelte sciep Strassburger glosseu 32 (bei Heyne) und 
für kiesi der Kindlinger'schen hs. und somit des Originals der 
Freckenhorster heberolle. 

Was Engern anbetrifft, so begegnet ä in eigennamen 
schon von 794 an in Paderborn, von 810 an in Corvey. Doch 
scheint das ä noch auf Jahrhunderte hinaus mit der alten fär- 
bung nach e hin gesprochen worden zu sein. Ich will hier 
nur die namen anführen, welche Althoff in seiner gramm. 
altsächs. eigennamen für diese erscheinung anführt: 959 Retolt 
(kaiserurkunde Otto's I.) Erhard, Regesta historiae Westfaliae 
1,58; 989 Retharius (Paderborn) 70; 1003 Retharius (Pader- 
born) 79; 1015 — 1036 Raelluf (Paderborn) 87, 8; Raedulf 
(Paderborn) 87,13; 1018 Redald (Paderborn) 95; 1081-1106 
Reihere (Paderborn) 160; 1096 Retherd (Minden) 167. über- 
gangen habe ich nach dem s. 25 angeführten gründe die ziem- 
lich häufigen namen, welche e in ihrem zweiten bestandteile 
enthalten. Besonders häufig ist die Schreibung e für a in den 
Corveyer Urkunden. Ich nenne auch hier nur die namen, deren 



*) Nicht aber mit Holtzmann, Altdeutsche gramm., s. 141 uuegi 
M. C. 2043, dessen S, schon weil es C. hat, -= ai ist, s. Schade, Alt- 
deutsches Wörterbuch "unter l w$gi\ 

2 ) Nicht hierher gehören bddi und geft aus der Übersetzung von 
Beda's homilie; das e wird hier t-umlaut von ä sein. 

3 ) Vgl. Sievers, Beitr. IX, 205 f. 



GERMANISCHES E. 29 

erster teil e enthält. Der Catalogus abbatum et fratrum Cor- 
beiensium, Jaffa, Mon. Corb. hat zu den jähren 856 — 877 die 
namen Redmannus, Reddagus s. 67, zu den jähren 917 — 942 
den namen Redulfus s. 68. Die meisten Corvcyer eigennamen 
stehen bei Wigand, Traditiones Corbeienses. Leider habe ich 
das buch nicht beschaffen können und muss Förstemann die 
gewähr für die folgenden namen überlassen. Voran stelle ich 
die 3 namen, für welche Förstemann ein datum anführt: Aus 
dem 8.jhdt. Reddag bei Wigand n. 425; aus dem 9. jhdt. Red- 
bern n. 254; 843 — 845 Redger n. 357. Ferner sind die folgenden 
namen zu nennen: Rethman n. 39, Rethar n. 167, Redweren. 231. 
268, Retbern n. 250, Redmann n. 255. 264. 283. 286. 346, Retheri 
n. 266, Redfrid n. 266, Redold n. 275, Redward n. 278. 421. 472, 
Redmer n. 288. 451. 155, Redwig n. 320, Redbold n. 328. 345, 
Reding n. 345, Mcresuit n. 412. 424, Rethard n. 416, Merio n. 420, 
Merica n. 456, Redwi n. 486. 

Wie in Engern so erhielt sich auch in Ostfalen noch auf 
lange zeit die e- artige färbung des ä-lautes. Als beleg hierfür 
wähle ich namen aus Merseburg, dem östlichsten punkte ost- 
fälischen und sächsischen Sprachgebietes. Das Calendarium 
Merseburgense, abgedruckt in der Zeitschrift für archivkunde 
von Hoefer, Erhard und Medem, bd. I, s. 111 — 127, von einer 
band des 10. jhdts. geschrieben, bietet die folgenden namen: 
Merebodo 111, Redbai d 112, Redgeld HA, Redinc 119, Rethard 
120, Ratburg 126, Redun 127. Ebenso wechselt in nebentoniger 
silbe a und e: Vifred \ 12, Thietmarus 113. 115. 126, Vvalrad 
113, Aluer ed 114, Thietmar 115. 1 16. 119, Herdered 116, Con- 
rad 116, Bernrad 116, Folgmar' 118, Thancmar 118, Uualterad 
119, Thietmer 120. \Td y Badurad 1 121, Uualred 121, Volcmarus 
122, Cuonradus 125, Folgmarus 126, Folcmar' 126, Folcmarus 
126, Thiatmarus 126, Kuonradus 127, Aluured 127. 

Nachdem wir die Schicksale des idg. e in den ältesten 
germanischen sprachen bei betonter silbe verfolgt haben, be- 
trachten wir im zweiten abschnitt das unbetonte e. 



B. Spontaner lautwandel in nicht betonter silbe. 

Die regelrechte entsprechung eines unbetonten germ. e ist 
in den einzelnen germanischen sprachen folgende: 



30 BREMER 

got. i, a, letzteres für urgerm. auslautendes 9; an. e^i\ ags. 
(B :=- e\ afries. e\ asächs. e\ ahd, e. 

Vorerst bespreche ich das e in nebentoniger silbe. Neben- 
tonig ist germ. e in der grossen masse der nominalcompo- 
sita, deren zweiter bestandteil ein e enthält. Dazu gehören 
sowol die mit präpositionen zusammengesetzten nomina wie 
got. andanems, uzeta als auch die zahlreichen eigennamen auf 
-mer, -red, -fled. Es ist kein wunder, wenn sich bei allen 
diesen bildungen das wirken des kürzungsgesetzes nichtbe- 
tonter silben nicht zeigt. Fühlte doch jeder sprechende, dass 
der zweite bestandteil dieser Wörter dasselbe wort war, welches 
er auch mit dem haupttone sprach. Es war unmöglich, dass 
da 8 germ e z. b. in ahd. nötnäma nicht stäte fühlung mit dem 
haupttonig lautgesetzlichen ä von näma behielte. Fast ist es 
zu verwundern, dass wir trotzdem in eigennamen zuweilen 
nebentoniges e gekürzt finden, z. b. in den ags. eigennamen 
wie Aelfred, in welchen nach den miscellen von Sievers zu 
§ 57 anm. 2 seiner Ags. gramm. (Beitr. IX, 200) ein kurzes e 
anzunehmen ist. Besonders häufig finden wir auf niederdeut- 
schem boden namen auf -mer, -red; vgl. das 8. 25 gesagte und 
die s. 29 angeführten beispiele. Dass diese Verkürzung erst 
verhältnismässig spät im leben der einzelnen germanischen 
sprachen eintrat, dafür bietet das nordische ein schlagendes 
beispiel in dem von Paul, Beitr. IV, 420 anm. angeführten namen 
IfamÜir < * Hamper < * IfamapewaR, so noch EgÜir < * Kgpir 
< *Agipewar, Hgsvir < *Ifgsv4r < * HasutviwaR, Hlodver < 
*BIodver < * HladutvitvaR u. a. 

Nur ein compositum ist mir bekannt mit nebentonigem?, 
bei welchen der zweite bestandteil nicht klar zu tage liegt, 
also Verkürzung erwartet werden kann: an. missdri, misseri, ags. 
missere 'halbjahr*. Offenbar steckt in diesem worte das germ. 
*midia- und * ier. wenn es auch nicht klar ist, in welcher* 
weise die Zusammensetzung geschehen ist; got. *misseri scheint 
auf ein urgerm. *missajeria < idg. *meMoier t iom < uridg. 
*med'to ier iom zurückzuweisen. Hier ist also das germ. e wie 
in unbetonter silbe im ags. zu e geworden. Im an. hat sich 
neben der lautgesetzlichen form misseri auch missdri — man 
weiss nicht, soll man sagen — erhalten oder neu eingestellt 
Letzteres Hesse sich sehr gut denken, weil die bedeutung 'halb- 



GERMANISCHES E. 31 

jähr' die beziehung zur dr nahe legte; die erstere annähme 
würde darauf hinausgehen, dass das nebentonige e in diesem 
worte durch das vorbild von jer > dr nicht unbetont und 
daher nicht verkürzt wurde sondern seinen accent behielt und 
so zu d wurde; freilich ergäbe sich dabei die Schwierigkeit, 
zu erklären, wie dann daneben doch ein misseri entstehen 
konnte. 

Unbetont wurde germ. e ausser in flexionssilben nur in 
enklitischen Wörtern und in ableitungssilben. Die fälle sind 
sehr selten. Im satze unbetonte partikeln wurden fort- 
während dadurch beeinflusst, dass sie in anderer satzstellung 
betont waren. Wir müssen daher froh sein, hier überhaupt 
noch spuren dieser lautgesetzlichen Verkürzung nachweisen 
zu können. Dahin gehört das germ. *&er 'dort' > an. (seltener) 
per, ags. pcbr, afr. ther, as. thär, ahd. thär, dhdr, dar und da- 
neben ther, der, dir (im mhd. noch weiter bis zu dr verkürzt); 
im an. und im hd. haben wir also noch die gekürzte form. 
Diese hat sich nicht mehr erhalten in dem germ« *x,wer 'wo* 
> ags. hw&r, afr. htver, as. hwdr, ahd. htvdr. 1 ) Vielleicht ist 
sva 'so* die unbetonte form von sve 'wie', also < idg. 
*sue und nicht < *suod zu setzen. Die gleichsetzung von 
got. sva mit sve, welche aus dem gotischen heraus nicht 
sicher beurteilt werden kann, gewinnt eine wesentliche stütze 
an got. ja zu germ.* je mit Paul, Beitr. VI, 215; germ. *je 
ist erhalten in an. ja, as. ahd. ja, dagegen verkürzt in 
got. ja, ags. gea < *jce (= gedr < *jckr), as. ge, gie. Ebenso 
ist zu got. ne 2 ) die unbetonte form an. ne, ags. ne, afr. ne, as. ne, 



l ) Nicht hierher gehört got. J>ar, an. J>ar, ags. (seltener) par und 
got. har, an. hvar, ags. (seltener) hruar. Man könnte mit hinsieht auf 
got. fadar daran denken, dass vor r ein combinatorischer lautwandel un- 
betontes germ. d zu a gemacht hätte. Allein das scheitert an har, 
welches nur in indefiniter bedeutung als enklitisch denkbar wäre; das 
fragewort 'wo?' hat ja einen sehr starken accent. par und har 
müssen also ganz andere formen sein; ihnen liegt die Stammform l>a-, 
ha- r*z idg. *lo-, *qo- zu gründe, während das e von *#2r, *%\tär dem 
von pi, he gleich zu setzen ist, worüber später zu sprechen ist. 

*) ni ist wie *ji, ja ein alter instrumental, nei betonte, w unbetonte 
form des locativs. 



32 BREMER 

ahd. ne. Got. pe, an. pd hat auch eine enklitische und daher ver- 
kürzte nebenform in ags. pe und afr. the. 

Zweitens germ. e in ableitungssilben. Got. faheds ist 
in den anderen germ. sprachen nicht erhalten. Das wort 
zeigt eine auch in anderen idg. sprachen bekannte ableitungs- 
silbe. Im idg. konnte man von allen verben verbalabstracta 
auf -te /-, -tb i-, ~ti- bilden. Die verba auf -e iö, welche 
Mahlow, Die langen vocale AEO, s. 12 ff. für das idg. er- 
wiesen hat 1 ), besassen solche abstracta auf -etis im nom., 
z. b. ollx?]<Hq < *foix?jTig 'das wohnen* von olxea>. Eine 
solche bildung ist auch got. faheds 'das sich freuen*. Das got 
zeigt mit seinem d noch den ursprünglichen accent an, welcher 
sich von den casus mit stammhaftem idg. -etej- verallgemei- 
nert hat. faheds setzt also ein schwaches vcrbum *fahan oder 
*fagan 2 ) 'sich freuen' voraus, welches im got. nur in der 
Weiterbildung faginön 'sich freuen* erhalten ist, genau aber 
in ahd. fagen, wozu das primäre verbum gi-fehan, ags. 
ge-feön lautet. 

Das zweite got. wort mit e in der ableitungssilbe ist avipi 
'schafheerde'. Das wort ist nur 2 mal belegt. Dadurch ist die 
möglichkeit gegeben, dass das wort got. aveipi hicss und S wie 
sonst so oft hier für ei geschrieben ist. Dies ist deshalb sehr 
wahrscheinlich, weil das wort von einem ^/-stamme (idg. oudj-) 
abgeleitet ist; gefordert wird got. ei durch ahd. ervit 'heerde', 
ervida, otviti 'gehege* sowie durch das synkopierte ags. eowd 
'heerde'. Dies wort kommt also in wegfall. 

Ags. hiered, hired hxwrcbden, und ahd. hirdt gehen auf ein 
urgerm. *%iuize da- zurück, eine Weiterbildung von einem es- 
stamme *x*uis-. Wenn neben der lautgesetzlich verkürzten 
form auf -red auch ags. hitvrekden, ahd. hirdt vorkommt, so ver- 
danken letztere formen eiüer volksetymologischen anlehnung an 
rebd, rät ihren Ursprung (vgl. nhd. armut, einöde)\ durch die 
gefühlte beziehung auf rät ist das lange a noch im nhd. er- 
halten, statt zu e geschwächt zu werden. 

Ebenso verhält es sich mit urgerm. *däyazeda- 'tages- 



l ) Richtiger wol ~jtf, B'si, vgl. 8. 48. 
*) Vgl. s. 40. 



GERMANISCHES E. 33 

anbruch' von *dayes- (vgl. ags. dögor). Nur das ags. hat die 
gesetzmässige Verkürzung zu dcegred. Das an. bat dagrdö l der 
günstige Zeitpunkt', das mittelniederländische dagheraet, rahd. 
bei Veldeke lagerät. Im ahd. bildete man in anlehnung an 
rot tagaröt , woraus die phantasie weiterhin nhd. morgenrot, 
morgenröte schuf. 1 ) 

Auf einen besonderen fall von germ. unbetontem e macht 
Platt, Beitr. IX, 368 aufmerksam. Er führt mit recht das 
ausltd. e in dem ags. nominativ hcele 'held' auf ein urgerm. 
und idg. e zurück auf grund des Osthoffschen gesetzes, nach 
welchem im idg. die cousonantisch auslautenden stamme das 
nonw mit der sogen, ersatzdehnung abfallen Hessen. So ist 
hcele für den nom. sing, die lautgesetzliche form im ags. aus 
urgerm. *xa/e 2 ) 

Zum Schlüsse erwähne ich noch 3 nur im gotischen vor- 
kommende Wörter mit e, alle dunklen Ursprungs. Das eine 
ist azets 'leicht' und azeti Meichtigkeit', dessen etymologie un- 
klar ist. Das andere ist cdev 'öl', jedenfalls ein fremd- 
wort. 3 ) Endlich ist zu nennen -tehund in den zahlen sibun- bis 
taihun-tehund, wozu das ebenso unerklärte griech. t) in jievrr}- 
xovtcx — tvBvrjxovxa zu vergleichen ist, formen, in welchen 
das tj auch dorisch nachgewiesen, also gemeingriechisch und 
damit idg. ist 

Ich gehe nun zu dem germ. e in flexionssilben über. 
Ich fasse mich hier kurz und verweise im einzelnen auf die 
folgenden Untersuchungen, in welchen ausführlicher die betreffen- 
den fälle besprochen sind: Paul, Beitr. IV, 418— 420, 471— 474; 
Osthoff, Morph, unters. I, 232—234, 240, 276—287; J. Schmidt, 
Kuhn's ztschr. XXVI, 42 f.; Paul, Beitr. VI,209— 21 7; Möller, Beitr. 
VII, 483—492, 530, 535—547. Paul hält e für die Verkürzung 
des urgerm. e in allen mundarten, Osthoff: an. a, ags. afr. e, 



1 ) Das dies das Verhältnis war und nicht etwa umgekehrt tagaröt 
sich in anlehnung an morganröt bildete, ergibt sich daraus, dass mor- 
ganröt erst seit Notker vorkommt, tagaröt aber gerade in älterer zeit; 
vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz II, 486 f. 

2 ) Platt setzt aus versehen urgerm. *halep an, ohne zu beachten 
dass idg. t ^ germ. p im auslaut abgefallen ist. 

3 ) «£<?/' essig' -<c ht.aceium liest man jetzt wol richtiger als akeit. 

Beiträge zur gesohlohtu der deutschen apraohe. XI. 3 



34 BREMER 

ahd. aß. a (dagegen Paul, Beitr. VI, 210 ff.), Möller: ausltd. 
germ. e > got. -a, an. -?', ags. afr. as. ahd. -e, gedecktes germ. -e 
(-en, -ez) > got. -e, an. -i, ags. afr. -e, as. abd. -a. Ich gebe hier 
kurz die fälle noch einmal im zusammenhange an und mache 
bei dieser gelegenheit gleich auf den, wie ich meine, idg. 
Wechsel zwischen -e- und -o-formen in den flexionsendungen 
aufmerksam, welcher es uns erspart, zu den /-stammen unsere 
Zuflucht zu nehmen. 

1. Das sogen, schwache Präteritum endigte im urgerm. 
im sing, auf 1. *-öön l ), 2. *-des, 3. *-öe, plur. 1. *-ööma, 

2. *'deöi, 3. *-öönö. Vgl. hierüber ausser den oben angeführ- 
ten arbeiten noch Kögel, Ztschr. f. d. gymnasial- wesen XXXIV, 
n. f. XIV, Berlin, 1880, s. 407 und Sievers, Beitr. IX, 561. Ich 
gebe ganz kurz die dem urgerm. paradigma lautgesetzlich ent- 
sprechenden formen an: 1. sg. *-ön > an. ruu. tawido, worahto, 
faihido, hlaaiwido > an. svaf&a; ahd. infirneto, trahtoto (Kögel, 
Keron. glossar, s. 189). 2. sg. *-es > got. nasides; an. svaföer 
> -/r; ags. ner edes(t)\ 2iU'.*neredes{t)', &$.sendes t mahtes,habdes, 
weldes\ ahd. Is. chlminnerodes?) 3. sg. *-e > got. nasida', an. run. 
wurte, urte, säte > an. svaftie > -i; ags. bisceredae, aferidat, 
gisettae, aslacudae, saldae, yigiscdae, onetae, oberuuaenidae, soch- 
tae, suicudae (Sievers, Beitr. VIII, s. 325 unter 6) > tierede; 
afr. nerede. 1. pl. *-öma > ahd. alemann, neritöm. 2. pl. *-edi 
> got. nasided mit anfügung des -up von den starken verben. 

3. pl. *-önö > ags. neredon\ afr. nereden, Riustri neredon] ahd. 
alem. neritbn. 

Ganz dasselbe, was von dem got. schwachen präteritum 
gilt, ist auch für das präteritum iddja anzunehmen (= ai. aorist 
äyäm); dieser aorist flectierte also idg.: sing. 1. *eiom, 2. eies, 
3. *eiei, plur. 1. *ewmm, 2. *eietd. 3. *eiont. 



1 ) So und nicht mit Sievers *-&d wegen der endungslosen 1. sg. 
präs. ind. im an. -=c germ. -ö (vgl. Noreen, Altisl. und altnorw. gramm. 
§ 445, anm. 1) gegenüber der 1. sg. präs. conj. auf -a ^ germ. -ön (idg. 
•am) wie im gen. plur. der -e-o-decl. oder im nom. sg. der fem. o/i-stämme 
(run. hariso, lufro, fino). Folglich weist an. svafda (run. tawido) auf 
urgerm. -ön. Got. 1. sg. nasida muss sich also nach der 3. sg. gerichtet 
haben, wie nachweislich im nord. später die 3. sg. svafDi die Lsg. svaftSa 
verdrängte. 

2 ) Freilich nur ein einziges beispiel; wahrscheinlich liegt da wol 
ein fehler vor. 



GERMANISCHES E. 35 

2. Die idg. e-ö-declination hat bekanntlich stamm- 
abstufung, indem in einigen fällen der stamm auf e, in ande- 
ren auf o endigte. Dem entsprechend correspondieren auch 
die längen c und ö, als conti actionsproducte zweier vocale, 
deren erster das stammauslautende e oder o war. 1 ) Die Ver- 
teilung der -e- und -^-formen ist nicht in allen idg. sprachen 
die gleiche. Im verlaufe der zeit traf jede spräche eine aus- 
gleichung und bildete ein einheitliches paradigma aus. Da- 
neben erhielten sich nur vereinzelt formen, die hinsichtlich 
des e und o von diesem paradigma abwichen. Unter den ger- 
manischen sprachen zeigt die gotische verhältnismässig die 
meisten -^-formen. Was diejenigen casus betrifft, deren enduug 
im germ. ein e besass, so ist der instrum. sing, und der gen. 
plur. der idg. -a-o-decl. zu neuneu. 

In dem sogenannten dat. sing, der germ. a-declination ist 
der idg. ablativ und instrumental zusammengefallen. Der 
ablativ endete idg. auf -öd, beziehungsweise -ed, der instru- 
mental auf -ö, bez. e. Vgl. J. Schmidt, Kubn's zeitschr. XXV, 
97 und Möller, Beitr. VII, 489. Die germ. Ursprache, in welcher 
die auslautenden d schwinden, also beide casus zusammen- 
fallen mussten, hat noch neben einander -e und -ö als endung 
gehabt; für erstere hat sich das ostgermanische, flir letztere 
das westgermanische entschieden. Im got. ist ausltd. germ. e 
zu a geworden, daher vulfa, im an. jedes unbetonte germ. e 
zu e > /, daher run. (wodu)ride, hite, (wa/ha)kurne, stuirp > 
an. üife, > ülfi. Das got, vulfa könnte an sich auch auf ein 
germ. *uul/o zurückgehen. Aber einerseits ist dies darum nicht 
wahrscheinlich, weil das an. auf ein -e weist, und das got., 
wie auch die folgenden fälle zeigen, überhaupt die -^-formen 
bevorzugt; andrerseits wird -e gefordert, dadurch dass es im 
got da noch erhalten ist, wo es ursprünglich durch einen fol- 
genden consonanten geschützt war oder im einsilbigen worte 
hochbetont. Der dat. sing, des demonstrativ- und der des 
Interrogativpronomens lautet got. pamma und h/amma\ aber von 
dem zusammengesetzten pronomen hazuh heisst der dativ 
foammeh] ebenso heisst es foarjammeh und ainummehun. Wenn 

*) Ueber die hier zur geltung kommenden idg. contractionsgesetze 
vgl. Osthoff, Morphol. unters. II, 113—125. 

3* 



36 BREMER 

wir von sah den dat. pammuh finden, so ist diese form durch 
beeinflussung von Seiten des paradigma saei zu erklären, vgl. 
auch den acc. panuh gegen hanöh, harjanbh, ainöhun und 
den nom. acc. sing, patuh gegen foah und foarjatöh. Weil 
hochbetont, ist got. e erhalten in den einsilbigen instrumentalen 
pe, he, hierzu foeh, bihe, heleiks u. s. w. Das got. und an. 
setzen also ein urgerm. *uulß voraus. Hingegen as. rimltiu, -o 
und ahd. wolfu, -o ergeben daneben urgerm. *uulß. Ags. wulfe, 
älter -oe (vgl. Sievers, Beitr. VIII, 326) kann zwar germ. *uulß 
repräsentieren, kann aber auch eigentlicher dativ sein und mit 
dem as. und ahd. dativ auf -e auf ein urgerm. *uulfaj < *uulßj 
zurückgehen. Dass as. ahd. wuWe, wolfe alte dativformen sind und 
nicht instrumentale auf -e ist wegen des instrumentalis wulüu, 
wolfu wahrscheinlich, wenn auch die möglichkeit durchaus nicht 
ausgeschlossen ist, dass die äussere Verschiedenheit der instru- 
mentale *uulß und *uulß eine bedeutungsdifferenzierung ver- 
anlasste derart, dass die eine form die function eines dativs 
übernahm. Auf die idg. Stammabstufung fällt ein licht durch 
die gegenüberstellung von got. pamma uud ahd. demu. Man 
konnte also im idg. neben einander je nach dem satzaccente 
sagen *tesmö\d) (> ahd. demu, aind. täsmät) und *tbsme(d) 
(> got. pamma). 

Hierher gehören auch die zahlreichen adverbien und con- 
junctionen, welche im urgerm. teils auf -e, teils auf -0 aus- 
gingen. Aus dem got sind ausser den adverbien der art und 
weise auf -ba, wie ubilaba, harduba u. s. w. zu nennen vaila, 
alja, foaiva, iba neben der dativform ibai jabai l ), niba neben 
der dativform nibai, ferner mit e sve, *je und ne\ vgl. s. 31. 
Wie die got. adverbien, so gehen auch die ags. adverbien auf -e 
für älteres -es (aend suilcae, uulanclicae, horsücae, anuuillicae, 
suae suithae, franüicae, heruuendlicae Sievers, Beitr. VIII, 32G 
unter B) auf germ. -e zurück, ein umstand, der für die her- 
leitung des ags. dativs aus dem germ. instr. auf -e zu sprechen 



*) Uebrigens bietet dies wort, welches ja für sich allein dasteht 
und von keiner analogie beeinflusst werden konnte, ein herrliches bei- 
spiel für die idg. hochbetonung der endung -2. Der stamm des Wortes 
war idg. *ie-, *jö-, also in der tiefstufe *i-. jabai ^ idg. *iötioi; 
ibai -=: idg. *töei (wegen des germ. ai -=: idg. ei vgl. s. 41 ff.); iba *^ 
idg. *itfg'. 



GERMANISCHES E. 37 

scheint. Die as. und ahd. adverbia auf o vertreten den germ. 
instr. auf ö. 

3. Der genitiv pluralis endigte im idg. auf -em oder 
-öm. Ersterc form wird nur durch den gotischen gen. auf -S 
repräsentiert. Letztere form setzen an. -a, ags. afr. -a, as. -o, 
ahd. -ö voraus. Das gotische ist in diesem falle die einzige 
indogerm. spräche, welche die idg. e-form erschliessen lässt. 1 ) 

4. Im got. endigen .einige adverbien und conjunctionen 
auf -e: svare 'vergebens', simle 'einst*, bi sunjane 'in der nähe', 
untc 'bis, weil', pande 'wenn, so lauge als'. Wir haben hier 
jedenfalls alte casusreste vor uns. Das got. auslautende e kann 
nur auf ein idg. -em zurückgeführt werden. Denn ungedecktes 
germ. e ist im got. zu a geworden, und die germ. Ursprache 
besass von auslautenden consonanteu nur s, z und n. Nur 
letzteres bleibt hier übrig, weil ausltd. s im got. bewahrt blieb. 
Lässt sich so idg. -em als ausgang der genannten Wörter sicher 
ermitteln, so bleibt die erklärung dieses -em recht schwierig. 
Vielleicht haben wir zum teil die endung des gen. plur. vor 
uns; zu vergleichen wäre die Verwendung des genitivs in nhd. 
abends, guter dinge (vgl. für das ags. Sievers gramm. § 320). 
Ob man damit für alle fälle auskommt, ist zweifelhaft. Man 
kann an einen instrumental denken, der mittels des eleraentes 
-om im idg. weitergebildet ist. Leskien hat einen idg. ausgang 
des instr. sing, ^uf -öm neben -r> recht wahrscheinlich gemacht, 
Berichte d. k. sächs. gesellsch. d. Wissenschaften, phil.-hist. classe, 
1884, 8. 100. Es hindert nichts, neben idg. -öm auch ein -em 
anzunehmen. Ob auch got. hidre, jaindre, foapre hierher gehört, 
ist zweifelhaft. Ich stelle die Wörter zu 5., ohne behaupten zu 
wollen, dass sie daselbst richtig untergebracht sind. 

5. Johannes Schmidt hat in Kuhn's zeitschr. XXVII, 287 ff. 
in überzeugender weise dargetan, dass der locativ sing, der 
ei- und ^-stamme im idg. die endung -e hatte, neben 
welcher wir ohne weiteres eine endung -ö vorauszusetzen be- 
rechtigt sind. Entstanden ist dieses e natürlich aus ej, eu, 
vgl. W. Schulze, Kuhn's zeitschr. XXVII, 421. Nachweisbar 
ist der idg. lautwandel ej > e nur vor s und m, der von eu 
> e nur vor m. Man wird also je nach der Wortfolge im 



l ) Anders Osthoff, Morph, unters. I, 240 ff. 



38 BREMER 

satze idg. *agnej oder *agne gesagt haben. So brauchen wir 
die neben -e im idg. erscheinende endung -ei, -en nicht mit 
J. Schmidt als analogiebildung aufzufassen. Beide endungen 
sind im germ. erhalten. Ucber die geschichte des idg. et, eu 
im germ. handle ich s. 40 ff. im zusammenhange. Von den 
formen auf -e finden sich in allen germ. sprachen Überreste in den 
folgenden localen adverbien: got. inna, üta, iupa, dafapa, faüra, 
afta, aftra, nefoa, fairra, vipra\ an, inne > -/, üte > -/, uppe 
> -i, nitre > -/, fjarre < -■/ (fjoerre > -/); ags. inne, üte, uppe, 
niÖe, nitre, fore, tö-wiÖ(e)re; afr. inne, üte, uppe, oppe, fore\ 
as. inne, üte, uppe, nithare\ ahd. inne, üzze, üfe, fore, nidare, 
tvidare. Ob das wirklich alles locativc von ei- oder ew-stämmen 
sind, wird sich kaum erweisen lassen. Nur wegen ihrer be- 
deutung habe ich die Wörter hier zusammengestellt. Am besten, 
glaube ich, sind auch hier unterzubringen got. hidre * hierher', 
jaindre l dorthin', faadre ' wohin?', welche mit paprö i daher', 
jainprö 'dorther', haprö 'woher?' correspondieren. Der Wechsel 
von d und p beweist, dass e ursprünglich betont, ö nicht be- 
tont war. Die erhaltene länge des auslautenden vocals er- 
klärt sich, wenn man annimmt, die Goten haben den hauptton 
auf die letzte silbe gelegt, so wie wir im nhd. hierher, wohin, 
daher u. s. w. betonen. Die locale bedeutung macht es wahr- 
scheinlich, dass die Wörter hierher zu stellen sind und nicht 
zu 4., wohin sie lautlich ebensogut gehören könnten. 

6. Der nominativ sing, der masculinen ew-stämnie 
endete idg. auf -e{n) oder -ö\n) je nach dem verschiedenen 
accent, vgl. griech. jroifiTJi' und rtxtcov. Die idg. sprachen 
weisen zum teil auf eine nom.-endung ohne n, zum teil auf 
eine solche mit n. Man hat nur die erstcre für die lautge- 
setzliche erklärt und das n als eine neubildung nach den anderen 
casus angesehen, welche sämmtlich dies n besassen. So natürlich 
auch eine solche neuschöpfung wäre, so scheint es mir nach 
dem oben über idg. ej, eu > e gesagten ebensogut möglich 
zu sein, dass lautgesetzlich beide formen im idg. neben ein- 
ander lagen, indem der schwund des n nur vor bestimmten 
consonanten gesetzlich eintrat und man daher im satze bald 
diese, bald jene form gebrauchte. Wie dem auch sein mag, 
die germ. nominative beruhen teils auf M-losen formen, teils 
auf denen mit n. Ags. afr. hona, as. ahd. hano gehen auf 



GERMANISCHES E. 39 

germ. *x anon zurück. Got. hana, welches an sich ebensogut 
gern). *x an(1 w ^ e *X an * ; sein könnte, wird wol die letztere form 
repräsentieren wegen der entschiedenen Vorliebe des got. für 
die e-formen, zumal durch das nordische das Vorhandensein 
der endung -e auf germanischem boden sichergestellt ist. An. 
harte > hani kann nur < germ. *xane sein. Die beispiele auf 
den runeninschriften zeigen merkwürdigerweise -a: rviwüa, 
niuwila, m{ar)ila, hari^a, ran(i)>}a, au(i)^a, hauiuha, fauauisa. 
Da wir run. e bereits als Vertreter des urgerm. e kennen ge- 
lernt haben, während an. a unbetontes germ. ö vertritt, so scheint 
hier die interessante tatsache vorzuliegen, dass man im ältesten 
nordisch die -e- und -tf-form promiscue noch neben einander 
gebrauchen konnte und früher letztere das Übergewicht hatte, 
wenigstens mundartlich, später die erstere durchdrang. 

7. Ganz ebenso wie der nom. sing, der masculinen en~ 
stamme wird der der er-stämme behandelt. Auch hier lagen 
schon idg. neben einander die endungen -er und -ffY, -e und 
o. Wenn in diesem falle alle germ. sprachen die e-form 
haben, so kommt das daher, dass von den 5 Wörtern (vater, 
mutter, tochter, bruder, Schwester), welche im germ. noch der 
tr-declination folgen, 3 {vater, mutter, tochter) nach ausweis 
des Vcrner8chen gesetzes in Übereinstimmung mit dem alt- 
indischen accent idg. auf der zweiten silbe betont waren, daher 
die £-flexion hatten; diese drei zogen auch die anderen beiden nach 
sich, so dass ein einheitliches germ. paradigma hergestellt wurde. 
Einer germ. grundform * fader entsprechen an. fatier > -ir, ags. 
fwder, afr. feder, as. fader, ahd. fater (> -ir). Auszumachen ist 
natürlich in keinem falle, ob das auslautende r alt ererbt oder 
erst aus den anderen casus hergeholt ist. Got. fadar x ) muss 
eine analogiebildung sein; denn urgerm. */'ader hätte got. *faöer, 
urgerm. *faöe hätte got. *fada ergeben müssen. Das r scheint 
an *fada erst auf gotischem boden von den anderen casus 
aus neu hinzugetreten zu sein. 



*) Vgl. s. M } anm. Nicht mit dein -ar von fadar zu vergleichen ist 
mit Brugman, Curtius Studien IX, 374 IT. karkara und Zukam; denn ar 
-^ er ist vulgärlat. 



40 BREMER 



n. Combinatorischer lautwandel. 

Die spontane lautgesetzliche entwicklung des idg. e im 
germanischen ist zu verschiedenen zciten in folge des ein- 
tretens eines durch den nachbarlaut bedingten combinatorischen 
lautwandels gehindert worden. Ein solcher combinatorischer 
lautwandel zeigt sich bereits im urgermanischen und ist weiter- 
hin fast auf allen stufen der späteren entwicklung der einzelnen 
germ. sprachen zu verfolgen. Dem plane dieser ganzen arbeit 
gemäss sind die neuen lautgesetze von unserer betrachtung 
ausgeschlossen, wie z. b. nbd. ö nach w oder vor nasalen aus 
mhd. ä. Aber auch auf die durch nachbarlaute bedingten laut- 
lichen Veränderungen des germ. e in den älteren germ. sprachen 
brauche ich mit einer ausnähme nicht einzugehen. Denn diese 
erscheinungen sind in den grammatiken der einzelnen sprachen 
und auch anderweitig zur gentige besprochen und bieten keine 
besonderen Schwierigkeiten. Wegen des anglo-fries. 6 vor 
nasalen vgl. s. 15 f.; wegen ags. ä vor w und nach % vgl- b. 17. 
Hinsichtlich der fälle wie ags. geär, ger u. a. ist besonders auf 
die miscellen von Sievers zu § 74, anm. 2 seiner Ags. gramm. 
zu verweisen (Beitr. IX, 204— 209). Altsächs. r/er habeich s. 28 
besprochen. Nur der aus got. saian, vaian zu erschliessende 
combiuatori8che lautwandel ist hier ausführlich zu behandeln. 
Vorerst jedoch zwei bereits urgermanische fälle, in welchen idg. 
c in folge eines combinatorischen lautwandels eine besondere 
entwicklung nahm, nämlich in Verbindung mit j und mit u. 

Idg. eu > germ. eu. 

Idg. j und u beeinflusste den vorhergehenden vocal nur 
dann , wenn es zur selben silbe gehörte. Idg. Pu, ?j wurde 
nur im auslaute oder bei folgendem consonanten germ. zu eu, 
aj. Parallel zu dieser Verkürzung des e vor j und u steht die 
von idg. ö und ä vor denselben lauten. Idg. öj und aj sind 
im germ. zu aj, idg. Du und äu zu au geworden. 

Für das lautgesetz idg. eu > germ. eu lässt sich meines 
wissens nur bei unbetonter silbe ein sicheres beispiel finden. 
Das einzige beispiel, welches ich ftlr die betonte silbe kenne, 
ist recht unsicher. Die himmelsgottheit hiess bei den Indo- 



GERMANISCHES E. 41 

germanen im nominativ *Djeus nach ausweis des altind. 
dyäüs und des griech. Zsvg. An. Tyr und ahd. Zio haben 
ein *Tiuz zur Voraussetzung. Der fall ist deshalb nicht 
sicher, weil die germ. nominative (vgl. ags. Tig, gen. Txwes, 
Sievers, Beitr. IX, 203 f.) auch neubilduugen nach den ande- 
ren casus sein können, welche als stamm *TFu- < idg. *Dfu- 
hatten. 

Wäre so die gleichung idg. eu = gern), eu überhaupt in 
frage gestellt, so gewinnt sie eine stütze an einer flexionsform, 
in welcher dieses e > e unbetont war. Ich meine den sogen, 
dativ sing, der ew-deelination. Als endung ist uns in 
dem (kuni)mudiu des brakteateu von Tjurkö noch -tu für das 
älteste nordisch bewahrt. Ebenso ist im ahd. eine der dativ- 
formen s-uniu, woraus asächs. suuie mit aulehnung au das 
sonstige dativ-e? gebildet ist. Die germ. grundform *suniu < 
*suneu ist wol als ein alter locativ aufzufassen < idg. *suneu, 
vgl. s. 37 f. Got. smiau würde ein idg. *sunou repräsentieren. 

Idg. ei > germ. aj. 

Zahlreicher und sicherer ist das material für idg. ej. Dass 
solches im germ. zu aj wurde, dafür haben wir einen ganz 
schlagenden beweis in dem an. fleire > -i, welches nach den 
nordischen lautgesetzen nur auf ein germ. */lajze zurückgehen 
kann, und dies stimmt genau zu altind. präyas, griech. 
jiZtiojp < *jiA?/i(m>, altlat. pleores < *plejözes, air. Ha, Wör- 
tern, welche ein idg. */jlej~ ergeben. Ebenso wird sich der 
Superlativ an. flestr < *fleis(r (nach Noreen, Altnorw. u. altisl. 
gramm. § 111) mit gr. jtXtlörog unter einem idg. *plejstos 
vereinigen. 

Darf somit der lautwaudel idg. ej > germ. aj als erwiesen 
gelten, so haben wir für die germ. worte mit aj eine neue 
möglichkeit der etymologisierung: aj kann nicht nur idg. oj, 
uj> öj, äj sondern auch ej sein. Diese erkenntnis, glaube ich, 
eröffnet uns die richtige einsieht in die geschichte des verbum 
'gehen' sowie der dritten klasse der schwachen verben (got. 
haban). 

Die verben 'gehen', 'stehen', 'tun' sind im ostgerm. 1 ) ver- 



') Das seltene an. gä ist spät entlehnt. 



42 BREMER 

loren gegangen. Nur das verbum 'gehen' kann für idg. ei 
in betracht kommen. Denn das ä von ahd. sinn kann nur dem 
von gän nachgebildet sein, wenn stäm = griech. Yoräfii ist. 
Den anlass zur Vermischung der flexion dieser beiden verben 
müssen die aj-formen gegeben haben. Das aj in *staj- 
> ahd. ste- erklärt sich in derselben weise, wie meines erach- 
tens das aj von *gaj- > ahd. ge- zu erklären ist: wie *gaj- < 
*gej-, so *staj- < *stüj-. Fragen wir: wie lautete das 
ursprüngliche paradigma des verbum 'geben', von welchem wir 
im germ. zwei typen, *ge- und *gaj- haben? 

Die unter sich abweichenden formen der ags. mundarten 
hat Sievers, Ags. gramm. § 430 zusammengestellt. Es ist nicht 
viel damit anzufangen; denn das ags. ob gibt keinen aufschluss 
darüber, ob wir es mit einem germ. e oder mit einem uiuge- 
lauteten ags. ä < germ. aj zu tun haben. Somit kommen nur 
die formen mit ä in betracht < germ. aj. Im westsächs. geht 
mit ausnähme der 2. und 3. sing. präs. überall d durch; der 
Psalter kennt cb ausserdem im sing, opt.; im north, findet sich 
(v in allen formen, daneben auch ä in der 3. sing, und im plur. 
präs., im imperativ und im infinitiv. Aus diesem durchein- 
andergehen ist es nicht möglich den alten kern herauszu- 
schälen. 

Auch das altfriesische trägt nichts zur aufklärung der tat- 
sachen bei. Belegt sind nach Günther, Die verba im altost- 
friesischen, s. 79: 3. sg. präs. geth, part. präs. gände, gende, inf. 
gdn\ vgl. 3. sg. steth, stäth, inf. stän, sten, verbaladj. sten. Auch 
afr. geth kann wie ags. gviS ebensogut germ. *yefri wie *yaj&i 
repräsentieren. 

Für das altsächs. ist nach Hevne, Kleine altsächs. und 
altniederfränk. gramm. § 27, 3 nur die 3. sg. yed und der inf. 
gän zu erschliessen; das wäre germ. *yaj&i und *yena. Dazu 
kommen vom verbum 'stehen' nach Heyne §27,2: '2. sg. stes, 
3. sied, sidd, pl. städ, imper. 2. sg. stä, inf. stän] die bindevocalische 
form steis ist der gleichen bei Otfrid zur seitc zu stellen. 

Zahlreicher ist das material im ahd. Die flexion schwankt 
hier beträchtlich zwischen ge- (< germ. *gaj-) und gä- (< germ. 
*ge-. Im oberdeutschen sind die formen mit d zur herrschaft 
gelangt Im Keronischen glossar ist belegt: 



GERMANISCHES E. 43 

Pa. 1. sg. gam 40,20.21. kam 56,39. — 3. sg. cal 36, 15; 118, 12. cät 
132,3. (sfat 174,26.) — 3. pl. gant 130,18. 

Gl. K. 1. sg. cum 41,20. gä 41,21. ka:an 57,30. — 3. sg. kat 119, 
12; 133,3; 240, 1; 241, 14. cal 37, 15. (stat 175,26; 222,35; 252,26.) 
3.pl. kaut 131,18. 

Ra. l.sg. gam 41,20. — 3.8g. gal 133,3; 240,1; 241,14. (stat 175,26; 
222,35.) — 3. pl. gant 131, Ib. 

Auch das Hrabanische glossar hat nur«: 1. sg. gäm 41,20, 
gä 41,22. — 3. sg. kaat 119,12; 199,25. {stat 222,35.) 

Ich beabsichtige nicht, die vollständigen belege für das 
ahd. zu geben — man vergleiche die belege für 'gehen' bei 
G raff IV, 66 ff, für 'stehen' VI, 589 ff. — sondern will nur 
darauf hinweisen, dass im oberdeutschen ä, im fränkischen e 
durchgedrungen ist; Notker kennt nur ä, Williram nur e. Im 
ältesten fränkischen sind aber die -ä- und -6 ? -formen noch 
einigermassen consequent verteilt. Ich gebe die belege aus 
Tatian: 

Prä 8. ind.: l.sg. gän 123,5. — 2.8g. ges 27, 3. gesl 31,5. gest\7,\. 

— 3.sg. getb~,b\ 131,1; 133,6. gets\,*\ 133,10; 135,5. gdl 12, 1. 

— 2. pl. gel 25,7; 141, 11. geet 91,2. {stet 109, 1.) 

Optativ: 2. sg. ges 51, 1. — 3. sg. (sie 98,2.) — 1. pl. gemes 135,4. 

7. 8; 182,8. games 166,4. — 2. pl. ^44,3; 180,3; 181,5. — 3. pl. 

geen 145, 12. 
Imperativ: %\>\. gel 40,9; 60,13; 64,3; 111,2; 148,3.5; 242,2. geet 

92, 1; 139,10. (stet 182,8.) 
Part, präs.: ge'nti 44,4. 
Infinitiv: gän 17,1; 119,3. gan 46, 5. 

Schon bei Otfrid sind die formen mit ä im aussterben be- 
griffen; nur der inf., das part. präs. und die 1. sg. iud. präs. 
hat durchgängig ä\ auch für die 3. sg. kommt vereinzelt gät 
und stat vor; man vergleiche die belege bei Kelle, Otfrid II, 
s. 15 und s. 10. 

Das ursprüngliche paradigma für das ahd. lässt sich noch 
ziemlich deutlich erkennen. Man flccticrtc, wie folgt: 

Ind. präs. : sg. 1. gäm. 2. gis. 3. gil. 

pl. 1. gäm. 2. gel. 3. gänl. 
Optativ: durchgängig mit gi-, 
Imperativ: 2. sg. gi. 2. pl. gil. 
Part, präs.: gänti. 
Infinitiv: gän. 



44 BREMER 

Das ergäbe ein urgerm. paradigma: 

lud. präs.: sg. 1. *gemi. 2. *gajsi. 3. *gaiüi. 

pl. 1. *gZma. 2. *gai&i. 3. *gen9i. 
Optativ: *gaj-. 

Imperativ: 2. sg. * gaii. 2. pl . *gai&i. 
Part. präs.: *gdn&in-. 
Infinitiv: *gena-. 

Der typus *gaj- gegenüber *ge-, in welchem Kluge (Etyni. 
wb. unter * gehen') sich hat verführen lassen ein ganz anderes 
wert zu sehen, nämlich ein compositum — ahd. gern < *gaim 
< *ga + imi — , erklärt sich sehr einfach aus einem vorgerm. 
ej l ) f welches lautgesetzlich aj ergeben musste. Das i nach 
dem e ist eine germanische neuerung in anlehuung an das 
sonst bei allen verben vor der endung stehende /, dieselbe 
neuerung, welche sich im ahd. bei Otfrid widorholt hat, welcher 
für gesl, get die offenbar bindevocalischen formen gehst, geil 
(so auch sieist, steil, duis, duit) braucht. So ergibt sich aus 
dem germanischen ein idg. paradigma *gemi, *gesi u. s. w., 
welches, von der fehlenden reduplicationssilbe abgesehen, genau 
zu griech. xix*}(*h ai- jihami stimmt. Der gang war also folgen- 

1 • 1 Jfc * * < _ ' • «fr < * C _/ . 4, u ( _' , • «fr t • < » «fr • * j * 

der: idg. *g ig c tm, *gtg e si, *g ig e h, **y ig umes, *g ig ate, 
* g ig anti > vorgerm. *gemi, *grsi, gefti, * genta, *gefri, 
*genfti > urgerm. *gemi, *gejsi f *ge'j&i, *gema, *ge j&i, 
*genthi > gemeiugerman. *grmi, * gdjsi , *gdjfhi, * gema, 
*ffnj&i, *genfri. Ich glaube, diese erklärung der germa- 
nischen formen ist die einfachste und natürlichste.-) Das 

') Vgl. auch s. 73, anm. 

*) Mahlow, Die langen vocale AEO hat s. 138 f. eine erklärung tlir 
die flexion von 'gehen' aufgestellt, wie sie künstlicher kaum gesucht 
werden kann; ausserdem ist sie falsch. Genu. *gaj- erklärt Mahlow wie 
* stai- aus einer idg. tiefstufigen präsensbildung, also 1. sg. präs. *gatö f 
*s(äio. Dass derartige präsensbildungen im idg. möglich waren, ist un- 
zweifelhaft. Nur hätte Mahlow idg. *stäjd nicht durch abg. sfojq slojüi 
— welches übrigens nach ihm wie dojq dojisi flectieren soll, obgleich 
der iufinitiv hier dojili, dort stojati lautet — stützen sollen; denn idg. 
*s(ajö x härte im slav. nur * slojq * stojeii ergeben können; der inf. 
slojati ^ stojeli erweist abg. stojq vielmehr als ein verbum der abg. 
klasse IV b, dem im got. * stajan (bez. * staddjait) * stajaida, ahd. *stajin 
(bez. * strißn) * staßia zu entsprechen hätte. Idg. *staieti, m gaieti 
hätten aber im westgerm. nicht, wie Mahlow will, *stai/*, *gaip 
ergeben, sondern *sta(j)ji/>, *ga(i)iip\ denn der von Mahlow s. 43 



GERMANISCHES E. 45 

aj des Optativs ist selbstverständlich von dem sonstigen aj zu 
trennen. Derselbe musste im idg. von der tiefstufe zu *ge-, 
nämlich *ga-, gebildet werden. Idg. *gajem, *gajes, 
*gajet, pl. * g ajmem, *gajte, *gajhl wurde im germ. derart 
ausgeglichen, dass das j des plural über das je des singular 
den sieg errang, wie das auch sonst geschah, vgl. ahd. 4, sis, 
sl, sim, sit, sin < idg. *sjem, *sjes, *sjet, *simem, *stte, 
* si i?i(. 



angenommene ausfall des j (i) vor oder nach i kann durch die daselbst 
angeführten beispiele noch keineswegs als bewiesen gelten, am wenig- 
sten für den fall, dass ein vocal dem j voraufgeht. Einem idg. *stäie'(i, 
*g aieti würde nach dem sicheren beispiele von idg. *daje'(i ==* got. daddjip 
im ahd. *steijit, *geijit zu entsprechen haben. (Wegen ahd. ij = got. ddj 
vgl. Kögel, Beitr. IX, 542—544.) Noch bedenklicher ist die erklärung des 
ahd. ä in gän, stän welches aus *slajan, *gajan durch contraction ent- 
standen sein soll, nachdem das j nach dem genannten gesetze ge- 
schwunden wäre. Wo bleibt da ags. %&-, afr. gS-? Sollen alle formen 
von der 2. und 3. sing, und 2. plur. ausgegangen sein, in welchen ck, i 
als i- um laut des germ. e gefasst werden kann ? Das ahd. i soll gar aus 
dem optativ eingedrungen sein; so nimmt auch MUllenhoff, Haupt' s 
zeitschr. XXIII, 16 an. 

J. v. Fierllnger, Kuhn's zeitschr. XXVII. 433 f. meint, dass der gleich- 
klang der 2. sing, und plur. *slais, stai/> mit den optativformen *gais, 
*gaif> eine mischung der bedeutung zur folge gehabt habe, derart dass 
man dieselben formen bald indicativisch , bald optativisch verwandte. 
So erhielte man neben *giim, *gds, *g€f> u. s. w. ein *gaim, *gais,*gaip 
und bildete danach zu *stajs, *s(aif> neu ein *slds, *stsp. Diese er- 
klärung, welche an sich schon nicht gerade viel innere Wahrscheinlich- 
keit für sich hat, fällt dadurch, dass die gleichsetzung von ahd. sti- ^ 
germ. *stai- mit abg. stojq **z idg. *släjrf nicht möglich ist. 

Die hauptschwierigkeit, welche bei allen erklärungen bleibt, bietet 
das ahd. S, welches man nur in der 3. sing. opt. und 2. sing, im per. als 
lautgesetzliche entsprechung von germ. ai zu erwarten hätte. Es muss 
doch ein lautlicher grund vorhanden gewesen sein, dass ai zu 3 gewor- 
den ist; denn dass wir es überhaupt mit germ. ai zu tun haben, ist 
wegen des ags. und afries. ä ganz ausser frage gestellt. Wir haben ja 
noch eine ziemliche anzahl von ahd. formen mit unerklärtem e. Man 
könnte vermuten, ob nicht etwa in einsilbigen Wörtern ai zu 2 werden 
musste. Die nomina, wie ahd. heim, leit, bein, breit u. s. w. könnten ihr 
ei von den mehrsilbigen casus haben; doch vereinzelt findet sich hier &, 
z. b. in Gl. K. Graff I, 313; kist Graff IV, 269 f.; cleni Graff IV, 560; rhene 
Ka., rSniu Graff IV, 1159; vgl. auch das häufige bidiu Graff III, 83 f., 
welches man vielleicht als bi + diu empfand. 



46 BREMER 

Die erkenntnis, dass germ. ai auch Stellvertreter von idg. 
ei sein kann, wirft auf die flcxion der schwachen verben 
dritter klasse (got. haban) ein neues licht. Wir kommen 
damit zur besprechung des ai < ej in germ. unbetonter silbe. 

In der schwachen £-conjugation sind ganz verschieden- 
artige verben zusammengefallen. Eine grosse anzahl ist secun- 
där. Verben auf idg. -mi hat Kluge, Kuhn's ztschr. XXVI, 85 
und Beitr. VIII, 342 v nachgewiesen (daher die enduug -im in 
der 1. sg. ind. präs. im ahd. nach Osthoff, Beitr. VIII, 29S). Als 
kern bleibt nur ein verhältnismässig kleiner rest, z. b. got 
haban = lat. habere, got. pahan = lat. lacere, got (ana)silan = 
lat. silere. Diese verben müssen im idg. einen den einzelnen 
formen nach wechselnden accent gehabt haben. Das ergibt 
sich z. b. aus dem Verhältnis von got. pahan zu ahd. dagen = 
lat. tacere] vgl. ahd. fragen zu got. fraihnan = abg. prositi, ai 
prac-, lat. precari; ahd. sagen = lit. sakyti, gr. bvvtJKD, lat 
inseque < idg. \J *seq. Zugleich lässt sich aus dem Verhältnis 
von got. pahan zu ahd. dagen schliessen, dass die formen mit 
ai den accent ursprünglich auf dem ai hatten, die anderen 
auf der Wurzelsilbe. Welcher art diese verben ursprünglich 
waren, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls ist es eine reine 
hypolhese, wenn man eine ursprüngliche >flexion voraussetzt 
Darf es doch noch gar nicht als ausgemacht gelten, ob es" 
überhaupt abgeleitete verben gewesen siud, so lange nicht ihre 
Zugehörigkeit zu einer bestimmten klasse von nominalstämmen 
nachgewiesen ist. Rechnen wir also nur mit den tatsächlich 
vorliegenden formen. 

Für die flexion dieser verben darf durch die Untersuchungen 
von Sievcrs, Beitr. VIII, 90—93 und Kögel, Beitr. IX, 517—522 
das folgende paradigma für das westgermanische als sicher 
erwiesen gelten: 

Ind. präs.: sg. 1. *xabbjü, 2. *xaßnjs, 3. *%a{iaj6. 

pl. 1. *xubbiam, 2. *xaßai(S, 3. *'xahbj(tHd. 
Opt. präs.: *x a bbjai-. 
Imperativ: 2. sg. * x a fi a h 2. pl. *xoßajd. 
Part, präs.: *x&bbiandin-. 
Infinitiv: *x a bbian. 

Präteritum: *x&ßiöö, -es u. s. w. oder *xa[taidö? 
Verbaladj.: *xaßida- oder *xaßajda-^ 



GERMANISCHES E. 47 

Die formen des Präteritum und verbaladj. bleiben besser 
unberücksichtigt, weil die grundformen nicht sicher crschliess- 
bar sind 

Aus dem westgermanischen ergibt sich in Übereinstimmung 
mit den von Sievers a. a. o. besprochenen nordischen formen 
(vgl. auch Noreen, Altnorw. und altisl. gramm. § 447, 6) folgen- 
des urgerm. paradigma: 

Präs. ind.: sg. 1. *iabw f 2. *%ajiaizi, .i. *%aßaiöi. 

pl. 1. * %ab iama, 2. *x<ißajöi, 3. *x<ibiatu)i. 
Upt. praß.: *%abiai-. 

Imperativ: 2. sg. */ aßai, 2. p 1 . * x(tßaidi. 
Part, präs.: *xabianöin-. 
Infinitiv: *xabiana. 

Ob dieses paradigma weiterhin auf ein vorhistor. *x a ß°Jö> 
*iaßojizi u. s. w. zurückgeht, wie es Möller, Beitr. VII, 474 und 
Sievers und Kögel a. a. o. annehmen, das lässt sich, selbst 
wenn man die möglichkeit zugeben wollte, wenigstens 
nicht beweisen. Ich meine, dass wir mit dem gegebe- 
nen paradigma völlig auskommen und dasselbe unmittelbar 
mit den verwandten bildungen der anderen idg. sprachen in 
Verbindung bringen dürfen. 

Die lateinischen verben wie habere, tacere haben im stamm- 
auslaut bald e, so im präsens, imperfectum, futurum, infiuitiv, 
bald i, so im verbaladj. Habitus, taextus. 

Ebenso haben die slavischen verben auf -jq, -ist, iuf. -eti und 
die entsprechenden litauischen auf ~iu, -eli einen Wechsel des 
Stammes, der im präsens und den zugehörigen partieipien slav. 
auf i, ltt. auf i ausgeht, in allen anderen formen aber auf e; 
z. b. abg. sezdq < *sedjq, sedisi u. s. w., dagegen, sedechü, 
sedeti, sedelu\ lit. sedzu < *sedju, sedi, u. s. w., sedimas hin- 
gegen sedejau, sedesiu, sedeti. 

Der Wechsel von r w und e in diesen verben ist jedenfalls 
alt und für die idg. gruudsprache vorauszusetzen. Im germa- 
nischen entspricht i und ai dem idg. i und e. Fraglich ist, in 
welcher weise sich die formen ursprünglich verteilten. Hätte 
das präsens im idg. wie im lit.-slav. überall i gehabt, so ist 
nicht einzusehen, weshalb got. haban nicht wie nasjan flectiorte. 
Andrerseits beweist doch das lit.-slav. ein i für den präsens- 



48 BREMER 

stamm. Die differenz des germ. zwischen den einzelnen per- 
sonen inuss also ursprünglich sein. Im lit.-slav. geschah die 
aus«rleichung zu gunsten der /-formen, während im ahd. die 
anformen den sieg davon trugen. 

Wie verhält sich £erm. a i zu lat. und lit.-slav. e? Letz- 
teres ist offenbar das ursprüngliche gewesen. Das germ. ai 
kann nur aus einem vorhistor. ei erklärt werden. Es muss also 
die idg. 2. 3. sg. */caßesi, */cal>eti, 2. pl. *Jcaßet9 im germ. 
zunächst zu *%dßejzi, *%dßeidi umgeschaffen worden sein. 1 ) 
Diese neubildung war sehr natürlich; denn sonst hatten alle 
verben, primäre wie abgeleitete, die endungen *-izi, *~iöi. 

Hiermit wäre gezeigt, dass germ. ai in den endungen 
dieser verbal klasse aus e i entstanden ist. Da ich aber einmal 
die indogermanischen formen aufgestellt habe, will ich auch 
darauf hinweisen, wie sie meines erachtens zu erklären sind. 
Auffallend ist das i der 1. sg. und 1. und 3. pl. gegenüber dem 
e der 2. und 3. sg. und 2. pl. Von einem ablautsverhältnis 
i : e kann keine rede sein. Bevor man das i zu dem e in be- 
ziehung setzt, ist zu bedenken, dass h\g.*Jcal}esi, *fcatieti, 
*Jca6et9 derart aufzulösen sind, dass als endung *-esi, *-£/*, 
*-eto abzutrennen ist; denn *lc aß jö\*!c aß ibms, *fcäßibnti zeigen 
bindevocalische flexion. Der verbalstamm kann nach den idg. 
contractionsgesetzen sowol *Jc aß e- als *Ar ad e~ gewesen sein; denn 
sowol e + e als auch e + e ergab idg. e\ vgl. Osthoff, Morph, 
unters. II, 117 und 123. Sichere entscheidung ist darum nicht 
möglich, weil das stammauslautende e ausserhalb der flexion 
aus jener übertragen sein könnte. Es ist also zweifelhaft, ob 
das i einem kurzen oder langen e zur seite zu stellen ist. Er- 
klärlich würde die entstelmng eines j < e nur vor voeal sein, 
also idg. *k\iß jo < uridg. ^//dtf/V. Die analoge entwieklung 
eines i aus einem consonantisch fungierendem e ist ja in fast 
allen sprachen bekannt. Das l des slav. nötigt uns sogar, idg. 
doppelformen *Jcäß jo und *tiäßijd aufzustellen, vgl. idg. 
* dl Jos und *älijbs, *duo und *duuo u. a. Wie wir im nhd. 
z. b. Asien bald zwei-, bald dreisilbig sprechen können (d. i. 



l ) Germ. *x ( tfei z '> *x<ip~eiÖi aus einem idg. *lcab'e'esi, *lia}>d'eti 
abzuleiten ist deshalb nicht möglich, weil, falls solche formen einmal 
existiert haben, sie schon idg. hätten contrahiert werden müssen. 



GERMANISCHES K 49 

azin und aziin) oder, um ein beispiel zu wählen, in welchem ein- 
faches i das ursprüngliche ist, bald eriezds sagen, bald erijez9s, 
so mag auch der Indogermane je nach dem verschiedenen satz- 
accente sich bald der form */cdl>jö\ bald der form *fcäÖiw 
bedient haben. 1 ) Natürlich ist die entstehung eines *fcäti io 
< */cdtf jTö y nur denkbar, wenn das H* unbetont war; sonst 
hätte es seine sonantische geltung nicht aufgeben können. Die 
tatsache einer idg. betonung *fiä6 jö\ *Jcatfesi dürfte durch 
den grammatischen Wechsel des germ. (vgl. s. 46), sicher 
gestellt sein. Dieser accentwechsel der einzelnen personen ist 
vielleicht einmal ganz allgemein gewesen. Ich glaube, dass der 
Wechsel des e und'o zwischen wurzel und personalendung (e 
hat udätta, o svarita nach Möller, Beitr. VII, 492 ff.), ferner die 
sogenannten aoristpräsentien und endlich der slavische accent 
darauf hinweisen, dass als idg. paradigma nicht *tierö, *tieresi, 
*tiireti, *tieromes u. s. w. aufzustellen ist, sondern mit accent- 
wechsel und dadurch bedingter Stammabstufung: *tiird, *ßrresi, 
*tirrSti, *tiirbms, *ßrrete, *tifrbntL 2 ) Einem solchen para- 
digma gemäss würde auch die flexion *fcäb(i)iö\ *fiai)esi < 
uridg. *IcdtfjTö\ *fia}>tesi u. s. w. sein. Will man noch 
weiter fragen, woher dieser accentwechsel komme, so bietet 
das idg. keinen anhaltspunkt zur beantwortung dieser frage. 
Der accentwechsel hängt offenbar mit der geschichte der per- 
sonalendungen zusammen, über welche sich aus dem idg. 
heraus eben so wenig etwas sicheres ermitteln lässt wie über 
die Vorgeschichte jeder einzelnen idg. spräche ohne vergleichung 
der anderen. 

Ich kehre zu dem germ. ai < idg. ei zurück. Wir haben 
für dieses lautgesetz noch zwei beispiele bei unbetonter silbe, 
im dativ sing, der idg. -ß-0-declination und im locativ sing, 
der li-declination. In beiden fällen lässt sich ein vorhist. ei 
nur wahrscheinlich machen, nicht bestimmt beweisen. 

Der dativ sing, der idg. 1-0-decl. endete bekanntlich 
auf öj. Nach dem sonstigen Wechsel von e und in allen 



') Wenigstens scheint mir durch den verschiedenen satzaccent die 
einzige Möglichkeit gegeben zu sein, die formen *tiäbiid und *lcäbio 
lautlich zu vereinigen. 

*) Vgl. Leskien, Archiv für slav. phil. V, 497 ff., besonders 523. 

Beiträge rar geeohichte der deutschen spräche. XI. 4 



50 BREMER 

casus mit ausnähme des nom. und acc. dürfen wir neben -ö*j 
ohne weiteres ein -ei voraussetzen. Da germ. ai sowol idg. 
e i als o % als ä i sein kann, lässt sich ein vorhist. e i nicht mit 
Sicherheit erweisen. Wir können nur sagen, dass, wenn wir 
im got -ai als endung finden, dies mit grosser Wahrscheinlich- 
keit auf ein idg. ei und nicht etwa öi zurückzuführen ist, weil 
wir gerade im got. sehen, wie die o-formen den ^-formen ge- 
wichen sind, vgl. 8. 35 — 39. Zwar ist der idg. dativ im got 
nicht mehr als casus erhalten; denn daga ist ein alter ablativ- 
instrumental. Aber es gibt noch ein paar erstarrte formen 
auf -od, welche nicht wol etwas anderes als alte dative sein 
können. Es sind dies die particeln 1 ): jai (neben ja) vom pro- 
nominalstamme idg. je-, jb-, ferner von demselben stamme 
ibai, nibai (neben niba) und jabaL Gerade das einsilbige jai 
und die tieftonige Stammsilbe in ibai (vgl. s. 36, anm.) spricht 
für idg. ei. Unsicherer ist die herbeiziehung der anderen germ. 
sprachen. Ihre dative auf -e können lautgesetzlich sowol alte abl.- 
instr. auf -e{d) sein wie dative auf -aj, welche letztere widerum 
mit demselben rechte ein idg. -ei wie -öi enthalten können. 

Ueber den locativ sing, der ei-declination habe ich 
s. 37 f. gesprochen. Got. anstai kann sowol -ei als öi als 
endung enthalten. Die Wahrscheinlichkeit spricht in diesem 
falle um so mehr für ersteres, als zur a-decl. die zahlreichen 
-fei-stämme gehören, welche alle tiefstufige Stammsilbe und 
suffixbetonung hatten. Ein alter dativ kann anstai unmöglich 
sein; denn alle drei formen, welche wir für den idg. dativ 
voraussetzen können: -Hai, -biai, -iai müssten im got. / vor 
dem ai zeigen. Die dative der anderen germ. sprachen lassen 
auf einen locativ auf i (< idg. -7 oder -iji oder -ei oder -eii) 
schliessen. 

Dies wären die mir bekannten beispiele für germ. ai < 
idg. ei. Die angeführten fälle ergeben zugleich einige anhalts- 
punkte für die relative Chronologie des lautwandels ei > aj, 
aus welchen hervorgeht, dass dieses lautgeRCtz zu den jüngsten 
spracherscheinungen der urgermanischen periodc gehört. Zwei 



') sai und vai gehören nicht hierher. Wegen sai vgl. Osthoff, 
Bcitr. VIII, ;uiff. Das i von vai weiat auf einen yrt-atauini vaja-, er- 
halten in vajamtrjan. 



GERMANISCHES E. 51 

punkte kommen für die datierung in betracht: ei wurde zu aj: 
1. nachdem das germ. accentgesetz gewirkt hatte, weil die ent- 
stehung des i in *%äßej6i < *X a ß& + *& bereits eine be- 
tonung auf der ersten silbe voraussetzt (vgl. s. 73, anm.); 2. nach- 
dem unbetontes idg. e zu i geworden war, weil die dem germ. 
*gdjdi, *xäßajöi vorausliegenden formen *ge-jdi, *%äfie-idi 
auf dem wege der Übertragung die germ. endung *-idi < idg. 
*-eti repräsentieren. 

Soviel über den combinatorischen lautwandel des idg. e im 
urgerm. Von den fällen combinatorischen lautwandels des e in 
den einzelnen germ. sprachen bietet eine besondere Schwierig- 
keit nur got. saian, vaian. Ich behandle daher im folgenden, 
was sich für die erklärung dieser viel besprochenen formen 
ermitteln lässt 

Got. saian, vaian. 

Die geschichte dieser verben ist gerade in letzterer zeit der 
gegenständ eingehender Untersuchungen gewesen. Die literatur 
bis 1879 hat Paul, Beitr. VII, 152 angegeben; dazu kommt 
noch Paul, Beitr. VII, 152 ff.; Möller, Beitr. VII, 469; J. Schmidt, 
Kuhn's ztschr. XXVI, 1 ff.; Paul, Beitr. VIII, 210 ff; Kögel, Beitr. 
IX, 509 ff Ich glaube, dass keine der aufgestellten erkläruugen 
völlig befriedigt. Es würde zu weit führen, wenn ich alles 
angeben wollte, was gegen jene erklärungen spricht. Ich ver- 
suche es lieber, mich nur an die tatsachen haltend, ganz von 
neuem aufzubauen. Ich beschränke meine Untersuchung auf 
die verben wie saian, vaian. Auf got. bauan, staua u. dergl. 
fällt mehr licht durch eine sichere erklärung von saian, als 
wenn beides in einen topf geworfen wird. 

Zweierlei ist klarzustellen. Einmal: welches lautgebilde 
repräsentiert das Schriftbild saian, vaian? Zum* anderen: wie 
lauteten die urgerm. formen dieser verben? Wenden wir uns 
zur beantwortung der ersteren frage. 

Mit recht sagt Paul, Beitr. VII, 157: 'Wie ai und au 
ganz im allgemeinen auf der uns überlieferten stufe des got. 
zu sprechen sind, ist noch eine offene frage.' Ich beabsichtige 
nicht, an dieser stelle eine lösung dieses problems zu versuchen. 
Nur einige principielle fragen will ich erörtern, welche, wie ich 
hoffe, einiges zur klarlcgung des tatbestandcs beitragen werden. 

4* 



0/ BREMER 

Es handelt sich nur darum, ob offenes e, ö oder ai, ati 
zu lesen ist. Ich nehme beides als möglich an und frage zu- 
nächst: gesetzt, die Goten sprachen ein offenes e und ö, in 
welcher weise konnten sie diese laute schriftlich bezeichnen? 
Das griech. ai besass zu Wulfila's zeit den wert eines offenen 
e. Es war daher als nächstliegend gegeben, im got. diesen 
laut durch ai widerzugeben. Dagegen der offene ö-laut fehlte 
dem griech. aiphabet Wulfila musste also entweder eine neue 
bezeichnung für diesen laut, falls er ihn besass, erfinden — 
und da lag es wol am nächsten, die buchstaben au zu ver- 
wenden im anschluss an die widergabe des offenen e durch ai 1 ) 
— oder beim lateinischen aiphabet sich hülfe suchen. Bot 
denn das lat aiphabet die möglichkeit, den offenen ö-laut zu 
bezeichnen? Um diese frage mit ja zu beantworten, muss ich 
auf einen punkt der lat. Orthographie aufmerksam machen, so 
einfach, dass es zu verwundern ist, dass bisher niemand daran 
gedacht hat Bekanntlich ist au schon sehr früh in der Volks- 
sprache in ö übergegangen; ich verweise nur auf Corssen, Ueber 
ausspräche, vocalismus und betonung der lat spräche, 1,163 ff. 
und Schuchardt, Vocalismus des Vulgärlateins, II, 301 ff. Ob- 
gleich an der lautlichen tatsache nicht zu zweifeln ist, be- 
hielt man doch die Schreibung au bei, und dies war grund 
genug für die künstliche lateinische Schriftsprache, die aus- 
spräche ö für au als nicht salonfähig zu erklären. Lebens- 
kräftig war aber, wenigstens vor dentalen, au im römischen 
munde nicht mehr. Das volk sprach ö, wo es au schrieb. 
Wenn also Wulfila in seiner muttersp räche neben dem sich 
mit ü berührenden geschlossenen ö noch ein offenes ö besass 
und im römischen aiphabet sich nach einer bezeichnung für 
diesen laut umsah, so bot sich ihm doch natürlich die Schrei- 
bung au. Soviel steht also fest: Wenn die Goten einen offenen 
e- und o-laut besassen, so werden wir ihn da .erwarten, wo ai 
und au geschrieben ist, und zwar dürfen wir diese offenen 
laute sowol lang als kurz lesen, ebenso wie dies bei a und u 
der fall ist 



*) Das griech. av konnte nicht von einfluss sein, weil es zu jener 
zeit als äv gesprochen wurde. Wulfila gab griech. av durch av wider, 
z. b. in Ksav, Pavlus. 



GERMANISCHES E. 53 

Es fragt sich nun, ob wir zwingende gründe haben, ai als 
e, au als ö zu lesen. Für die kürzen dieser laute ist dies wol 
jetzt allgemein angenommen. Für die längen wird es be- 
stritten. Gleich wol muss die ausspräche des ai als e und des 
au als ö die als e und ö vermittelt haben. Wird es doch nur 
durch die mittelstufe e und ö begreiflich, dass man die buch- 
stabenverbindungen a + i und a + u für den kurzen e- und 
0-laut verwandte. Weingärtner, Die ausspräche des gothischen 
zur zeit des Ulfilas, s. 39 ff. hat die ausspräche e und ö für 
got ai und au verfochten. Weit davon entfernt, seine beweis- 
führung zu unterschreiben, meine ich doch, dass diese aus- 
spräche wenigstens in einigen fällen geradezu gefordert wird, 
so in Hairodiadins Mc. 6, 17; r\ vor q hat sich bekanntlich bis 
in'8 neugriechische dem itacismus entzogen und ist zur zeit des 
Wulfila als offenes e gesprochen worden. Ebenso ist die aus- 
spräche e notwendig in den eigennamen, in welchen griech. ai 
(damals als offenes e gesprochen) im got. durch ai wider- 
gegeben ist, z. b. Haibraius, Galilaia, hairaisis = aÜQsöig. Auch 
kann in saivs, snaivs, aivs, fraiv nur eu gelesen werden; sonst 
hätte man *sajus geschrieben. 

Die zweite frage ist die: gesetzt, die Goten besassen in 
ihrer spräche ai und au, in welcher weise konnten sie diese 
lautverbindungen widergeben? Im griech. wurde ai als offenes 
e, av als äv gesprochen. Im lat. aiphabet hingegen war es 
möglich, jene doppellaute zu bezeichnen. Ausserdem liegt 
es ja auf der band, dass Wulfila auch ohne fremdes Vor- 
bild ai, au für a + j, a + ic schreiben konnte. Ob wir 
zwingende gründe haben, welche für das got. ein ai und au 
anzunehmen erfordern, weiss ich nicht. Das wichtigste argu- 
ment, welches Dietrich, Ueber die ausspräche des gothischen 
in's feld führt, sind die lateinisch mit ai und au überlieferten 
gotischen eigennamen. Diese beweisen aber doch wol nicht 
so viel. Denn für die älteste zeit mag ja die lateinische 
transscription ai und au phonetisch ganz richtig sein, indem 
die Goten damals wirklich noch aj und au gesprochen haben 
mögen; ausserdem kommt in betracht, dass lat. ai vielfach 
erst durch gr. at hindurchgegangen ist. Bei den got namen 
nach Wulfila kann die gotische Orthographie für die Schrei- 
bung ai und au maassgebend gewesen sein; die lateinischen 



54 BREMER 

Schriftsteller mögen der gotischen Schreibung gefolgt sein, und 
für die Goten selbst liegt es doch sehr nahe, dass sie auch in 
lateinischer schrift buchstabe für buchstabe ihrem eignen 
aiphabet gemäss schrieben; vgl. z. b. aus dem 7. jhdt. westgot 
Freidebadus mit ei für i; vgl. auch wegen e für i 8. 10. 

Es ist noch ein drittes möglich, dass die Goten sowol aj, au, 
als auch offenes e, ö besassen und beides durch ai, au bezeich- 
neten, sei es dass aj in bestimmten lautverbindungen zu e ge- 
worden war, sei es dass germ. aj im got. erhalten blieb, und 
ai nur dann als offenes e zu lesen ist, wenn es nicht 
das germ. aj ist. Wie auch die entscheidung für die allge- 
meine ausspräche des ai ausfallen mag, jedenfalls müssen wir 
das ai von saian, vaian völlig von dem anderen, etymologisch 
davon verschiedenen, ai trennen. Wenn wir für einige fälle 
mit bestimmtheit ai als offenes e zu lesen haben, so sind wir 
auch berechtigt, saian und vaian als sean, #ean aufzufassen, 
und wir müssen es tun, wenn uns die gemeingermanische ge- 
stalt dieser verben darauf hinweist. 

Ich füge hinzu, es erscheint mir geradezu unmöglich, sajan 
zu lesen. Ich glaube, dass Paul, Beitr. VIII, 211 ein got. laut- 
gesetz aufgestellt hat, welches es nicht gibt. Paul -sagt: 'Wo 
durch das gotische syncopierungsgesetz der ursprünglich hinter 
av, iv stehende vocal geschwunden ist, da sind dieselben zu 
au, iu geworden/ Tatsächlich sollte, meine ich, die regel pho- 
netisch richtiger lauten: u wurde im got. als u, zwischen 
vocalen aber als v geschrieben (bezüglich wurde zwischen 
vocalen zum Spiranten, je nachdem man den phonetischen wert 
des got. v betrachtet). Ob dann später au zu offenem ö ge- 
worden ist, ist für die regel, welche für eine frühere zeit gilt, 
ganz gleichgültig. So meine ich auch, es ist nach got. Ortho- 
graphie unmöglich, ein *saja?i gesprochenes wort saian zu 
schreiben; *sajan hätte nur durch *sajan widergegeben werden 
können. Wir müssen also sean lesen. Dieses sean entspricht 
nun ganz genau, laut für laut, dem urgerm. paradigma. 

Ich gehe nun dazu über, festzustellen, wie die urgerma- 
nische form von got. saian, vaian lautete. 

Zuvor ist zu bemerken, dass saian und vaian nicht die 
einzigen verben ihrer art sind. Es ist zufall, dass uns nur diese 



i 



GERMANISCHES E. 55 

beiden überliefert sind. Durch herbeiziehung der anderen ger- 
manischen sprachen sind noch folgende verben für das germa- 
nische zu erschliessen, und auf die gotische Orthographie ge- 
bracht, würden sie gelautet haben: *baian (ahd. bäen bähen), 
*daian (ahd. täen säugen), *maian (ahd. *mäen mähen), *blaian 
(ahd. bläen blähen), *braian (mhd. brcken riechen), *flaian (mhd. 
vlcben spülen), *knaian (ahd. ir-, bi-knäen erkennen), *kraian 
(ahd. kräen krähen), *skraian (mhd. schr&en spritzen), *spraian 
(mhd. sprcem stieben), *praian (ahd. dräen drehen), *praian 
(ahd. dräen duften, hauchen, riechen). Die zahl solcher verben 
war ursprünglich noch viel grösser nach ausweis der anderen 
idg. sprachen. 

Alle diese verben haben in der Wurzelsilbe e enthalten. 
Das zeigen nicht nur die verwandten sprachen, z. b. saian 
= lit. s'eju, abg. sejq, gr. type, vaian «= lit. v'e'ju, abg. vejq, 
gr. afr/fiL. Das germanische selbst zeigt e als stammaus- 
laut in den zugehörigen verbalnominibus; z. b. zu i/*se'säen f 
ist *se-tbm (> an. sab) l saat' das neutrum des verbaladjectivs 
auf -t, *se-tei (> nhd. saat, got. in manasSds 'weit', eigentlich 
'menschensaat') das verbalabstractum auf -tei-, *se-ön(> ahd. 
sd(i)o) der nom. sg. des pari präs. act., wie ahd. hano, eigent- 
lich 'der singende' zu lat. canere. 

Nur ein verbum, dessen stamm ganz sicher auf £ ausging, 
nämlich / de 'saugen* (> gr. ftrjö&cu, lat. femina u. a.) hat im 
got. eine abweichende gestalt; es heisst daddjan gegenüber ahd. 
(den. Da got. ddj für jj steht (Kögcl/ 1 , Beitr. IX, 542 ff. und 
Braune, Beitr. IX, 545 f.), so setzt daddjan ein *dajjan voraus, 
und dies entspricht genau der altind. präsensbildung dhäyati 
von ]/ dha 'saugen*, daddjip : ai. dhäyati = iddja : ai. äyam. 
Got. daddjan und ahd. täen sind also ganz verschiedene prä- 
sensbildungen : täen repräsentiert ein urgerm. *deö, daddjan 
ein urgerm. *dajjö\ letztere form ist eine ^'-bildung der erste- 
ren mit tiefstufiger Wurzelsilbe. 1 ) 



') Mahlow, Die langen vocale AEO, s. 21 sieht in ahd. täen einen 
beweis für die unursprünglichkeit von säen, rväen. Weshalb, ist nicht 
zu erraten. Wenn täen anursprünglich ist, so hat es sich säen an- 
geschlossen. Es kann aber auch sehr wol im idg. zwei präsensbildungen 
*<te'mi und *cCaio, mit differenzierter bedeutung, neben einander ge- 
geben haben. 



56 BREMER 

Als nicht zu den auf e auslautenden stammen gehörig 
sind die saian, vaian scheinbar gleichlautenden got. verben 
faian 'tadeln' und *laian l schmähen' auszuscheiden. 

faian ist nur einmal belegt: faianda. - (lefMpercu Rom. 9, 19; 
.mit der form ist nichts anzufangen. Offenbar hängt das wort 
mit fijan i hassen' zusammen. Für *faijan kann es nicht 
stehen; das hätte got. *faddjan ergeben müssen. 1 ) Vermutlich 
ist fajanda zu lesen. Dann verhält sich fijan (< idg. pdjö*) 
ifajan (< idg. *pbjejö) = nisan (< idg. *nesö s ) : nasjan (< idg. 
*nbsiid). 

*laian ist nicht belegt und nur nach der einzig belegten form 
lailöun : iXoiöoQtjöav Joh. 9, 28 angesetzt. Ich halte diese an- 
setzung nicht für richtig. Reduplicierte perfecta mit 6 in der 
Wurzelsilbe haben nicht; nur solche verben, welche e, sondern auch 
solche, welche ö im präsensstamme zeigen, z. b. lailöt zu letan, 
gaigröt zu gretan, aber foaifaöp zu foöpan, faiflök zu flökan. 
lailöun kann an sich also ebensowol ein präsens mit e wie 
ein solches mit ö in der Wurzelsilbe voraussetzen. / *le hätte 
für das got. ein präsens *laia ergeben müssen (d. i. IIa mit 
offenem e\ \/ *lö ein *laua (d. i. loa mit offenem ö). Aus dem 
germanischen heraus lässt sich keine entscheidung treffen; denn 
mhd. lüejen ist = ahd. hluoen, ags. hlöwan. Andere sprachen 
weisen aber auf idg. / */ä hin. Lit. löju löti, abg. lajq 
lajati l bellen' beweisen zwar nichts bestimmtes, da auch sonst 
germanischen formen mit e im balt.-slav. solche entsprechen, 
welche die ö-stufe repräsentieren, wie z. b. ahd. kräen gegen 
lit. gröju, abg. grajq. Den sicheren beweis aber, dass got. 
*lauan und nicht *laian anzusetzen ist, liefert lat. lamentum 
'heulen, wehklagen', eine Weiterbildung von *la-men wie cognö- 
mentum von cognömai] *lä~men ist mittels des suffixes -men 
unmittelbar von ]/ */ä abgeleitet wie (g)?wmen von / *gnö 
oder wie semen von \/ *se; zu lamentum gehört auch lä-tr-äre 
* bellen'. Auf \f *lä weist ebenfalls griech. Xäxeo 'schreien' hin, 
wozu sich ahd. lahan luog 'schelten, tadeln' stellt; das home- 
rische perfcctum XeXäxa = ahd. luog scheint auf ein idg. prä- 
sens *li-la-mi hinzuweisen wie sörrjxa auf *si~siä-mi. 

*) In saijan ist j unursprünglich ; vgl. s. 75. 



GERMANISCHES 2. 57 

Nachdem das material so gesichtet, können wir zur be- 
urteilung der verben übergehen, deren stamm auf e endet. Um 
die urgermanische bildung feststellen zu können, ist es nötig, 
klarzulegen einerseits, was aus den anderen idg. sprachen für 
das germ. zu erschliessen ist, andrerseits, in welcher weise sich 
die unter einander abweichenden formen der einzelnen germ. 
sprachen vereinigen lassen. 

Auf die anderen idg. sprachen muss ich hauptsächlich des- 
halb etwas eingehen, weil die lit. und slav. formen der in 
frage stehenden verben das Vorurteil veranlasst haben, dass man 
auch für das germ. von /-formen auszugehen habe. 

Die primären verben, deren stamm auf langen vocal endigt, 
konnten im idg. nach ausweis des altind. und griech. binde- 
vocallose flexion haben; so dürfen als idg. vorausgesetzt 
werden *cfe(femi, *sisfami, *sisemi, *uemi u. a. Neben 
dieser flexion gab es eine bindevocalische präsensbildung 
mit j und tieftoniger Wurzelsilbe (ai. IV. classe), z. b. *(fajeli 
(> ai. dhäyati, got. daddjip) zu / *cfe, *majeti (> gr. dfidca) zu 
\/ *me. Wie sich beide bildungen zu einander verhielten, ob man 
vom selben verbum beide präsensbildungen hatte mit differen- 
zierter bedeutung, oder ob das eine verbum nur so, das andere 
nur so flectierte, steht dahin. Dass es noch andere präsens- 
bildungen im idg. gab, ist niqjit zu erweisen. Die altind. 
verben auf ä nach der IV. classe gehören wol schwerlich hier- 
her. Bei manchen dieser verben (Whitney, Ind. gramm. § 761, 
(LI) steht die etymologie nicht fest; andere, wie rä 'bellen', 
stä * verstohlen sein' gehen tatsächlich auf j aus, vgl. lit. reßc, 
abg. tajq taß (aind. (s)täyü-). 

Von den beiden für das idg. zu ermittelnden präsens- 
bildungen *sisemi und *d l ajo finden wir auf baltisch-slavischem 
Sprachgebiete kaum eine spur. Ein einziges abg. verbum 
scheint dem idg. typus *<fajo zu entsprechen, nämlich pojq 
pojesi peti ' singen*. Abg. e kann idg. oj, ai wie e sein. Hier 
werden wir es mit e zu tun haben. Von den vier idg. präsen- 
tien, welche bei wurzelhaftem oj, aj denkbar wären, *pdjo > 
abg. *pijq, *pijo > abg. pijq, *po jdjo > abg. pojq *pojisi 
und *päjö y > abg. pojq könnte für das abg. nur *päjo in be- 
tracht kommen. Wahrscheinlicher ist pojq < idg. *pa-jö, 



58 BREMER 

peii < idg. *pe-ti-, *pa-tei-, vgl. griech. apam < idg. *tna-jö\ 
afifftog < idg. *me-tbs. Auch der typus *{si)semi ist im lit-slav. 
so gut wie ausgestorben; lit. demi, abg. dami sind vereinzelte 
Überbleibsel. 1 ) Die anderen verbal stamme auf langen voeal 
haben alle j-flexion im präsens. Die frage ist die: Sind wir 
berechtigt auf grund der vorliegenden baltisch-slavischen for- 
men wie lit. seju, abg. sejq, welche sich lautgesetzlich nur auf 
ein idg. *se jo zurückführen Hessen, eine derartige präsens- 
bildung für das idg. anzunehmen? Da wir in den anderen 
idg. sprachen keine spur von solcher bildung antreffen, so 
könnte man sie nur dann allenfalls bis in die idg. vorzeit 
zurückzu verlegen wagen, wenn man gar keinen weg sähe, 
auf welchem jene präsentien im balt.-slav. durch irgend 
welche analogiebildung neu geschaffen sein könnten. Nun 
legt es aber ein kurzer hinblick auf die lit. und slav. 
präse Eisbildungen ausserordentlich nahe, nichts ursprüngliches 
in formen wie seju, sejq zu suchen. Die y-bildungen sind 
in diesen sprachen so zahlreich gegenüber denen der an- 
deren sprachen, dass die annähme kaum abzuweisen sein 
dürfte, diese >bildungen haben das gebiet, welches ihnen ur- 
sprünglich zukam, überschritten und ihre herrschaft über viele, 
früher nicht zugehörige verben ausgebreitet, -y- im präsens 
zeigen nicht nur die zahllosen abgeleiteten verben; vor allem 
kommen hier die primären verben in betracht. Zum inf. abg. 
biti l schlagen* lautete das präsens bijq bijq (< idg. *Öejäm) } zu 
kryti 'decken* kryjq (< idg. *qrüjam); ausserdem gab es 
eine anzahl verben, bei denen das j zum stamme gehörte, vgl. 
8. 57. Nach diesem Verhältnisse konnte man sehr wol zum 
inf. seli ein präsens sejq, zum inf. deti ein dejq, zum inf. znati 
ein znajq bilden. Auf dejq ist noch mehr gewicht zu legen; 
es ist sicher eine neue form, da die älteste bezeugte form 
dezdq ist < *dedjq, eine Überführung der alten reduplications- 
classe in eine yö-classe. Dass die /-bildungen noch in histo- 
rischer zeit in solcher weise weiter um sich griffen, dafür 

x ) Auch dies ist nicht einmal ganz sicher. Wenn die 3. sg. dastü 
keine analogiebildung nach jestti, vestti, jastil ist, sondern eine lautge- 
setzliche form, so ist sie nach abzug des aus dem zweiten stamme ein- 
gedrungenen ä -< idg. • de'txHi (-*^*dedti) fiir gemeinidg. *dedo(i, also 
eine reduplicierte präsensbildung. 



GERMANISCHES I. 59 

haben wir einen beweis an den primären verben auf -nti. 
Dieselben bilden ihr präsens regelrecht auf ~ovq < idg. *-euäm l ), 
z. b. plovq, kovq, snovq. Daneben erscheinen aber kujq, snujq 
und verdrängen zum teil die anderen formen. Es können 
das nur neubildungen nach dem inf. sein; denn bei zovq, 
welches genau wie kovq gebildet ist, gibt es keine neben- 
form *zvjq, weil der infinitiv züvati lautet. 2 ) Wie kujq in 
historischer zeit es ist, so kann in vorhistorischer zeit sejq 
sehr wol eine neubildung sein. Auf diese weise können wir 
uns denken, dass ein vorauszusetzendes *semt durch sejq ver- 
drängt wurde. 3 ) Die zahl der idg. verben auf mi- ist ja im 
abg. auf vier zusammengeschmolzen; wir müssen also ohnehin 
eine grosse anzahl alter -mi-verben unter den verben auf abg. -q 
vermuten. Aehnlich verhält es sich mit lit. seju und den anderen 
gleichartigen verben. Soviel steht also fest: Es ist kein zwingender 
grund vorhanden zur annähme einer idg. präsensbildung *se jö\ 
Nur wenn wir auch in anderen sprachen eine solche bildung 
finden, sind wir berechtigt, sie möglichenfalls für ursprünglich 
zu halten. An und für sich beweisen die lit. und slav. formen 
gar nichts. 

Wenn wir nun zur beurteilung der germanischen verben 
übergehen, so können wir dies ohne das Vorurteil tun, als 
hätten wir mit vorhistorischen formen wie *se j(? zu rechnen. 
Ich nehme got. saian als paradigma für die ganze verbalclasse. 
Got. saian entspricht an. sä, ags. sätvan, afries. sea, as. säjan, 
ahd. sän, sd(h)an, sä{h)en, sdjen, sätven. Wenn neben den formen 
mit j auch solche mit g vorkommen, so haben wir darin nur 
eine andere Schreibung der palatalen spirans zu sehen, wie 
auch sonst im ahd., z. b. frier und friger u. dgl. Die w-formen 
hält Möller, ßeitr. VII, 469, von germ. *sejö ausgehend, für aus 
dem perfect eingedrungen; er stellt das w von ags. seöw, as. 
seu zu dem v in lat. sevi, növi. Von der unwahrscheinlichkeit 
eines solchen hinüberdringens des perfectstammes in den prä- 



*) -uti : -ovq («*= *-e'uäm) = -t7i : tjq (•*= *eiärri). 

a ) Vgl. Leskien, Archiv für slav. philologie V, 502—504. 

3 ) Wenn danii neben dajq blieb, so geschah das nur, weil man 
ersteres perfectiv, letzteres imperfectiv gebrauchte. Vergleiche auch 
s. 73, anm. 



60 BREMER 

sensstamm abgesehen, ist es auch nicht glaublich, dass dem 
perfect ursprünglich ein w zukam. Gegenüber got. saisö ist 
kein grund vorhanden, das w von ags. seöw von dem des 
präsens säwe zu trennen. Das lat. perf. auf -vi, welches 
selbst noch nicht sicher erklärt ist, für das germ. heibeizu- 
ziehen, ist misslich. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das lat 
v nicht ursprünglich an dieser stelle, sondern erst auf itali- 
schem boden entstanden, sei es dass sich vor dem -i der 
endung ein u lautgesetzlich nach ö, das ein geschlossenes 
war, entwickelt hat und von növi auf fälle wie sevi übertragen 
wurde, sei es dass mövi, fövi, vövi, vielleicht auch juvi, mit 
stammhaftem v die muster hergaben, wie Osthoff, Zur gesch. 
des perfects im idg. es will. Paul, Beitr. VIII, 222 geht von 
einem germ. *sewß aus. Aber damit würden diese verben zu ab- 
geleiteten gestempelt werden, wie abg. staviti zu *slava, lit. stova. 
Die germanischen verben sind jedoch primäre. Auch in den 
mundarten, in welchen sie schwach flectieren, finden sich noch 
spuren der alten starken flexion. Im got., an. und anglo-fries. 
gehen die verben nur stark : got. saian, saisö, saians = an. sä, 
sera oder sera < *seRa < *sezö, säenn = ags. sätvan, seöw, 
säwen = afr. sea, — , esen. Dazu vgl. das as. perf. söu. Im 
ahd. kommt hier und da noch das verbaladjectiv auf -» vor. 
Die belege sind folgende: Keron. glossar zaplahanner Pa., 
ziplahanner 61. K., ziplaner Ra.: contumax Steinmeyer-Sievers, 
Ahd. glossen I, 62, 18, inblähenen Mcp. (Notker). Die schwache 
flexion ist da durchgedrungen, wo die /-formen die Oberhand 
hatten. Ueber das Verhältnis der -/- und -w-formcn und der 
formen ohne consonant oder mit h zu einander kann das ahd. 
die beste auskunft geben; denn es vereinigt alle diese formen, 
und es kann doch keinen zweifei unterliegen, dass das w in 
ags. sätvan dasselbe ist wie in ahd. säwen. 

Um das tatsächliche Verhältnis der verschiedenen formen 
zu einander richtig zu beurteilen, gebe ich in folgendem die 
vollständigen belege nach Graff für die ahd. verbalformen mit 
dem stammauslaut ä oder uo\ letztere habe ich darum mit 
hinzugezogen, weil sie ganz genau die gleichen erscheinungen 
zeigen, vgl. z. b. got. *grauan = an. gröa, ags. grörvan, as. 
blöian, ahd. bluon, bluo{h)an, bluo{H)en, bluojen, bluorven. Die Graff 
entnommenen belege sind vollständig. Einige formen habe ich 



GERMANISCHES E. 



61 



auch sonst gefunden. 1 ) Die citate sind, soweit sie nicht selbst- 
verständlich sind, nach Graff. Wo ich nach neueren ausgaben, 
von Graff abweichend, citiert habe, ist es angegeben. Die ein- 
zelnen formen nicht nur zeitlich sondern auch mundartlich zu 
ordnen, wie ich es ursprünglich beabsichtigte, stellte sich als 
eine Unmöglichkeit heraus. Gerade im ahd. gibt uns ja leider 
eine grosse menge der erhaltenen Sprachdenkmäler nicht das 
bild einer einheitlichen mundart, sondern zeigt eine misch- 
sprach e, indem die hss. von Schreibern anderer mundart um- 
geschrieben wurden. Ich habe also auf durchgehende mund- 
artliche sonderiing der belegsteilen verzichten müssen und nur 
gelegentlich die mundart bemerkt. Die folgende Zusammen- 
stellung ist vom zeitlichen gesichtspunkte aus geordnet Im 
allgemeinen habe ich mich an die Zeitbestimmungen gehalten, 
welche Graff, Ahd. Sprachschatz I, s. XXXIII— LXXXIII und 
in den nachtragen für die einzelnen denkmäler gegeben' hat. 
Im einzelnen haben ja die neueren forschungen viele zahlen 
genauer festgestellt. Zuletzt folgen die belege aus solchen 
denkmälern, für welche ich kein datum anzugeben vermag. 

Bald nach der mitte des 8. jhdts. Glossarium abrogans 
Oberdeutsch aus rheinfänk. vorläge. 3 ) 

1. Keronischesippe. Citiert nach Steinm.-Sievers, Gl. I. 3 ) Pa 
ist bairisch und fällt nach Eögel, Beitr. IX, 357 anm. 770—780. Aelter 
ist der erste teil von Gl. E. Gl. E. ist alemannisch. Ra ist bairisch 
aus alemann, vorläge. 



Pa. 


GLK. 


Ra. 




Präs. ind. 3. sg. 


moid 


moel 


fatigat 264, 34. 






ploet 


floret 229,35. 




troed 




patitur? (nach Graff) 


3. pl. 




arplahant 


autumant 26,30. 




croent 




uirent 266, 9. 




ploent 




florebunt 264, 3. 


Prät. l.sg. inchnata 






cognovi? (nach Graff) 


Infin. 


irplaen 


arplaen 


inflare 198,23. 



') Die bei Graff fehlenden formen sind durch ein vorgesetztes f be- 
zeichnet. 

*) Nach Eögel, Beitr. IX, 301 ff. 

*) Kugel, Eeron. glossar hat s. 191 die hierhergehörigen formen zu- 
sammengestellt; die belege sind jedoch weder vollständig noch genau. 



62 




BREMER 






Pau 


6LK. 


Ra. 




Part. präs. 


uuaente 


uuahente 




uentosi 138,31. 




uuaenti 


uuahendi 
ihrandi 


uuaenti 


flabris 138,32. 
torquentes 215,32. 




arplahanti 


arplahandi 




autumant 26,30. 




groentem 


cruentem 




ceruleis 94, 18. 


Verbaladj. 
auf -».- 


zaplahanner ziplahanner 


ziplaner 


contumax 62, 16. 


Verbaladj. 




kisait 


kisait 


sata 243, 9. 


auf -U. 




kisait 




seminata 243, 10. 




capate 


kipate 




pigati 110,3. 




kadrait 


kodrait 
kitrahil 


kidrail 


syricum 60,5. 
tortuosa 249,3. 




archnait 


irchnait 




gnarus 128,4. 




icapläi 


f kiplat 


t kiplat 


fflamina 142,33. 




ana platt 


ana plahit 




inspirata 20,4. 




armoite 


irmoite 
f kemoathe 


armote 


fatigatM!0,35. 
tlassis 156,10. 


. 


armoade 


irmoade 


armulce 


fatigatja_156, U. 


Verbalnom. 




scari 
s°ari 


saari 


sator 243,1t. 
seminator 243,12. 



Wir sehen aus diesen belegen ganz deutlich, dass die ursprünglich 
starke flexion dieser verben (arplähanl, thrändi, arplahanti, zipläXhan)ner) 
zur schwachen übergegangen ist. An den stammauslaut auf -ä und 
-o(oa) treten unmittelbar die endnngen an. inchnäta, kipät, kiplat, ar~ 
mö{a)l gegenüber müssen kisait, kidrä(h)it, archnait, anaplä\h)it, armöit 

, die jüngeren formen Bein; erstere sind noch direct vom stamme gebildet; 

f letztere sind schon mit dem i der schwachen verben versehen. Das A, 
welches ohne regel manchmal zwischen dem 8 tarn maus lauten den langen 
vocale und dem vocale der endung geschrieben wird, ist rein orthogra- 
phischer natur. Vgl. z. b. flohal Pa., floal Gl. K. : fluuius 22,31. Der 
gebrauch, zwischen zwei vocalen ein h zu schreiben zur bezeichnung 
des unbestimmten consonantischen lautes, der sich an dieser stelle bildet, 
ist gar nicht einmal deutsch, sondern ans der lat. Orthographie über- 
nommen worden ; vgl. Schnchardt, Vocalismus des Vulgärlateins II, 524 f. 
Daher schreiben wir noch heute Johannes, Abraham u. s. w. Selbst/ 
zwischen zwei Wörtern, deren eines vocalisch endet, deren anderes voca- 
lisch anlautet, wird zuweilen h geschrieben; vgl. z. b, Erdmann, Otfrid, 
s. 432 zu III, 20, 179. 

2. Junius'sche glossen. Ic. Alemannisch. Citicrt nach Nyernp,, 
Symbol. Belegt ist: 3. sg. präs. ind. plaii 240,34. muit. — 3. sg. prät 
opt. f sati 250, 11. — Verbalsubst. sah : sator 250, 11. Hier kommt zum 
ersten male j im präsensstamme vor. 

3. Hrabanische sippc. Hraban. glossar. R. Um 790. Bairisch. . 
3. sg. präs. ind. droct. — Part. präs. draenli. — Verbaladj. casait, g*- 
sauuity kadrait) cadrait. — Verbalnomcn caplaida. Hier finden wir das erste«. 



GEBMANISCHES E. 63 

X. (brach8tfick einer münchener hs. der Hraban. glossen). 8. jhdt. 
1 . sg. präs. ind. muo. 

760— 765. Vocabularius S. Galli. Sg. 913. Alemannisch. Citiert 
nach dem tiberlieferten text bei Henning, Sanctgall. sprachdenkm., s. 14 — 23. 
3. sg. ind. präs. groit 246, hloil 308, vielleicht anch formot 425. 1 ) 

Um 780. Uebersetzung des Isidor. Is. Frg. Citiert nach 
der ausgäbe von Weinhold. Is.: Pariser hs., rheinfränkisch Frg. : Monseer 
ha., bair. abschrift des rheinfränk. Originals. 3. sg. opt. präs. hichnaa 
Par., bichnae Mona. III, 3. — 3. pl. opt. präs. bichnaan Par. V, 3. — 3. sg. 
opt. prät. bichnadi Par. IV, 10. 

Um 780. Uebersetznng des evang. Matthaei. Frg. Bair. 
abschr. des rheinfränk. orig. Citiert nach dem ev. Matth. 3. sg. ind. präs. 
sait 13, 3. chrail 26,75. - 3. sg. prät. sata 13, 4. saila 13, 24. khraila 26, 74. 
— 3. pl. prät. bicnaitun 21, 46. — Inf. saan 13, 3. — Part. präs. dhes 
saentin 13,18. — Verbaladj. gasait 13,22. 

Um 780. Uebersetzung der predigt de vocatione gentium. 
Bair. abschr. des rheinfränk. orig. Frg. Citiert nach Müllenhoff-Scherer, 
Den km. 3. sg. präs. ind. plait 4, 15. 

Glossen aus dem ende des 8. jhdt s. 

Gc. 4 (cod. Tegerns. s. 34. 3° zu München). Inf. spuon. — Verbal- 
nomen uuorlsao. 

6c. 5 (cod. Wihensteph. zu München). Verbaladj. ytuuataz. dat. sg. 
fem. giuuado. — Verbalnomen uuorlsao. 

Pr. e. (cod. Emmeram. E. 79 zu München). 1. sg. ind. präs. crauu, 
louu Graff, Ahd. Sprachschatz I, LXI. 

Glossen aus dem 8—9. jhdt. 
- CänT(cod. S. Gall. 299). Verbaladj. gipoit. 

Em. 29 (Emmeramer hs.). 3. sg. ind. präs. lohil. 

Anfang des 9. jahrhdts. Kasseler glossen. C. Bairisch. 
Verbalsubst. sagcer C. gm. 17,143 b. 

803 — 805. St Galler interlinearversion der Benedictiner- 
regel. K. Alemannisch. 3. pl. prät. platoon Kp. — Verbaladj. noui. sg. 
keplaler E. 21. nom. pl. keplale K. 65. 

Glossen aus der ersten hälfte des 9. jhdts. 

Hb. (Reichenaner cod. 86 zu Karlsruhe). Alemannisch. 3. sg. ind. 
präs. pluait. — 3. pl. ind. präs. naant Steinm.-Siev., Gl. I, 653, 37. taant 
Gl. 1, 541, 2. — 3. sg. ind. prät. drata. — Part. präs. pluantaz. — Verbaladj. 



*) formot: fofet. fofet wird für fovet stehen, vgl. fafilla 44, farius 
337. Die erklärung des formot ist darum misslich, weil es hier allein 
vorkommt, formön mit Graff 111, 695 als lat. formäre zu nehmen, geht 
wegen des lat fofet nicht an. Vielleicht steht formot für farmöl mit 
assimilation des a an das folgende o. Die bedeutung macht auch 
Schwierigkeiten. Dem lat. fovere 'warm halten, pflegen' entsprechend 
mfisste man formöan fassen als 'sich für jemand abmühen, jemand mit 
Sorgfalt behandeln', vgl. mhd. vermüejen 'entkräften, müde machen, 
refl. sich abmühen'. 



v 



64 BREMER 

kamuait. acc. sg. ntr. kiplataz. nom. sg. masc. kidrater. nom. sg. fem. 
kiplaliu. nom. pl. masc kidrate, — Verbalsubst. nom. sg. kiplaida Gl. I, 
636, 17. dat. 8g. kiplaidu. 

Rf. (Reichenauer cod. 86 zu Karlsruhe). Alemannisch. Verbalsubst 
urchnao. 

Junius'sche glossen. Ja. Alemannisch mit spuren rheinfränk. 
herkunft. Part. präs. gruanti dat. sg. luantemu. 

Glossar Ib. Rd. Alemannisch mit geringfügigen spuren rheinfränk. 
herkunft. 3. sg. opt. prät. sati G). I, 292, 28. — Verbal adj. kidrait Gl. I, 
293, 70. 

820 Murbacher hymnen. H. Alemannisch mit spuren rheinfränk. 
herkunft Citiert nach der ausg. von Sievers. Verbal adj. acc. pl. armuate 
14,3,3. — Verbalsubst. *ato2, 1,2. 

Um 830. Tatian. T. Ostfränkisch. Citiert nach der ausgäbe 
von Sievers. 

Präs. ind. Lsg. sauuiu 149,7. incnahu 133, 12. intcna ih 133,12. — 
3. sg. sauuit 71,1. 76,4. sahil 87,8 (2 mal. Hs. nach Sievers sa:it. Im 
glossar heisst es : var. säit. Nach s. 24 ist h beide mal wider ausradiert 
worden), nauuit 56, 7. druoet 92, 2. — 3. pl. sauuent 38, 2. incnahtni 
133,12. 

Opt. präs. Lsg. thrue 158,2. — 3. sg. crae 188,6. 

Ind. prät. Lsg. sata 151,8. — 2. sg. satos 72,4. 149,6. 151,7. — 
3.sg. sata1\ y 2. 72,1.2. 73,2. 76,4. crata 188,5. — 3. pl. incnatun 91,5. 
thruotun 102,1. 

Inf. thruoen 90,4. truen 227,2. tröen 232,2. 

Ger. zi sauuenne 71, 1. 

Part. präs. druoanti 91,5. thruenti 199,5. gen. sg. sauuentes 75,1. 

Verbaladj. gisauuit 75, 1. 2. 3. 4. ginait 203, 2. 

Glossen aus dem 9. jhdt. 

Monseer glossen. M. Bairisch. 3. sg. ind. präs. plu*it Ma. Gl. I, 
349, 36. — 2. sg. ind. prät muotos M*. — 3. sg. dräta M»?. muota Me. 

— Part präs. nom. acc. ntr. pl. plugentiu M^. gen. sg. cluontes Mx. 
gen. sg. fem. gluontero Mx. — Verbaladj. gimait Mv. gimuoit My. 
acc. pl. masc. gisate M17. — Verbalnomen sahari M#. acc. sg. giuuada 
M 30. dat. sg. giuuado. 

Sb. (ein zweites exemplar der Monseer glossen, Wien 3640 der 
Salzburger bibliothek). 3. sg. ind. präs. pluhit Gl. I, 349, 35. — 
2. sg. ind prät. mutos. — 3. sg. dräta. muota. — Part. präs. nom. acc. 
ntr. pl. p/uogentiu. — Verbaladj. gxrna. gimuot. — Verbalnomen acc sg. 
giuuada. 

Aid. 3 (cod. Turic. C. 59). Verbalsubst. dat. sg. pautiga. 

Crc. 2 (cod. Monac. 67). Verbaladj. kimot. 

Gc. 3 (cod. Frising. C. F. 10 zu München). 3. sg. opt. prät. uuatu 

— Verbaladj. giuuataz. 

Sg. 292 (8. Gallen). Fränkisch. Verbalsubst. baunga. 
Gd 4 (cod. S. Gall. 299). Inf. luon. 



GERMANISCHES K. 65 

865—870. Otfrid. O. Südrheinfränkisch. 

Ind. präs. 2. sg. irknaisl V, 9, 19. — 2. pl. irknahet (h in P über- 
geschrieben) III, 20, 145. irknahet IV, 15, 32. IV, 16, 25. — 3. pl. firuuaent 
P, firuuahent F gegen ftruuaZent V (Kelle: 'A undeutlich auf einer 
rasur V.' Erdmann: 4 grosses z aus A V; P hielt den buchstaben für 
getilgt, daher firuuaent P'. Piper: 'Z steht gross auf rasur; vielleicht 
von A') V, 19, 28. ') irknaent IV, 5, 16. muent V, 23, 167. f bluent V, 
23, 167. blyent (y corr. aus u) VP, bluent F III, 7,64. &/y*n* {y corr. 
aas w) V, bluent F V, 23, 273. 

Opt. präs. 3. sg. firuuae P, firuua:e (h radiert, unten zwischen a 
und e ein verbindun gebogen) V, firuuahe F I, 28, 6. krähe IV, 13, 35. — 
3. pl. muen V, 23, 153. 

Ind. prät. 3. sg. irknala II, 7, 53. V, 7, 45. biknaia IV, 18, 35. irkrata 
IV, 18, 35. — 2. pl. satut II, 14, 109. — 3. pl. irknatun V, 5, 17; 10, 18. 28. 
35; 13,2. muatun H. 71. 

Opt. prät. 2. sg. xrknatis VF, irknatist P II, 14, 23. — 3. sg. irknati 
111,15,20. IV, 12,46; 16,32; 18,20.31. V,4,28. biknati II, 6, 43. 111,20, 
106. krati IV, 18, 33. — 1. pl. ir kantin (an aus na corrigiert V) VP, 
irknatin F 111,21,31. — 2. pl. irknuatit VP, inknatitF IV, 15, 23. 2 ) — 
3. pl. irknatin 1,2,38. 111,15,22; 16,62; 20,80. IV, 5, 26; 16,38. V, 9, 11; 
11,24.36. 

Imperativ 2. sg. irknai V, 8, 31. 43. 

Verbaladj. ginait PF, gina.it (h radiert) V IV, 29, 9. biknat 
II, 6, 47. irmu:ait (h radiert) V, yrmuait P, irmuit F II, 14, 3. gen. sg. 
ginates IV, 28, 7. nom. pl. zisate IV, 7, 4. dat. pl. ginaten (gilanen F) 
IV, 29, 32. 

Bei Otfrid geben also formen mit und ohne h durcheinander. Die 
handschriftliche Überlieferung beweist, dass in der vorläge bei den ver- 
ben wie säen ein h vor folgendem e geschrieben war. Der Schreiber 
von V liebte die Schreibung des h am meisten; der corrector tilgte aber 
die h in V, wenn auch nicht ganz consequent. Dass die verben wie 
muoen (ausser der einzigen form 11,14,3 in V) kein h hinter dem u 
zeigen, darf uns nicht wundern; denn müent konnte ohne hiatus nur 
müuent gesprochen werden, und h schrieb man nur dann, wenn der 
zwischen zwei vocalen sich bildende consonant weder ein u noch i war, 
d. h. weder ein labialer noch palataler mundengenlaut, sondern ein 
gutturaler. 



*) Es ist wol mit Graff und Kelle firuuahent (Piper: firuuaent) zu 
lesen, welches der Zusammenhang erfordert. Erdmann setzt firwazent 
in den text. 

*) Erdmann liest inknaiit. Da wir eine so authentische Überlieferung 
haben, halte ich eine änderung gegen die übereinstimmende lesart von V 
und P nicht für berechtigt, wenn wir auch die form irknuatit wol nur aus 
metrischen gründen erklären können, indem durch das ua der reim der 
beiden endsilben zu instuantit bewirkt wurde, wie ein solcher in jener 
ganzen partie augenscheinlich geliebt wird. Ingenbleek, Ueber den einfluss 
des reimes auf die spräche Otfrids, QF. XXXVII hat diese stelle übersehen. 

Beitrüge «ur gesohiohte der denUohen »praohc. XI. 5 



66 BREMER 

Glossen aus dem 9— 10. jhdt. 

6c. 9 (Salzburger cod. zu München). Verbaladj. gasait. 

Glossen aus dem 9 — 11. jhdt. 

Gd. 3. sg. ind. präs. uuait. 

Rg. 3 (Reichenauer cod. 246 in Karlsruhe). Inf. salin. 

Prudentiusglossen. D. H 311—354 (aus verschiedenen codd.). 2. sg. 
ind. präs. muesl 314. Gl. II, 487, 11. — 3. sg. opt. präs. f c h raho oder 
c*raha Gl. II, 392, 46. — Verbaladj. nom. pl. geh taten 342. Gl. II, 522, 70. 

— Verbalsubst. dat. pl. bahungon, baungan 334. \ 

Glossen aus dem 10. jhdt. 

Em. (Emmeramer cod. zu München). Abschrift des 10. jhdts. von 
älteren glossen (nach 795). 3. sg. ind. präs. nahit 21. — 3. sg. ind. prät. 
nata 21. — Verbalsubst. acc. sg. hhhunga 17. 

Gh. 1 (cod. Tegerns. 10 zu München). Verbaladj. gimuit. — Verbal- 
subst. acc. sg. giuuada. 

Gh. 2 (cod. Tegerns. zu München). Verbaladj. gimuit. — Verbal- 
subst. acc. sg. giuuada, 

Gh. 3 (cod. Tegerns. zu München). Verbaladj. gimuoit. — Verbal- 
subst. acc. Bg. giuuada. 

Augsburger glossen tcod. S. Pauli XXV d/82). A. Alemannisch. 
3. sg. ind. präs. muoit Gl. II, 204, 15. argluoit Gl. I, 555, 20. — 3. sg. opt 
prät. f saata Gl. 1,383, 14. — Verbaladj. dat. sg. fem. gimuataro. 

Bib. 1 (cod. Tegerns. 10 zu München). 3. sg. ind. präs. pluhit. 

— 2. sg. ind. prät muolos. — 3. sg. dräta. muota. — Part. präs. gen. 
sg. cluontes, cluoientes. noiii. acc. ntr. pl. pluoentiu. nom. acc. pl. 
masc. luonta. — Verbaladj. gimat, gitnuot. nom. pl. masc. gidraten. — 
Verbalsubst. sahari. dat. sg. ghmado. ' 

Bib. 2 (cod. Tegerns. zu München). 3. sg. ind. präs. dräta. — Part, 
präs. gen. sg. cluontes, cluoientes. nom. acc. pl. ntr. pluogentiu. gen. Bg. 
fem. gluontero. — Verbaladj. gimuot. nom. pl. gidraten. acc. pl. masc. 
gisate. 

Can. 10 (cod. Tegerns. 10 zu München). 3. pl. ind. präs. pichnanl. 

Can. 11 (cod. Tegerns. zu München). 3. pl. ind. präs. pichnan. 

Ec. (cod. Tegerns. 10 zu München). Inf. gimuoan. 

Gg. 1 (cod. Tegerns. 10 zu München). Verbaladj. giuuataz. — Verbal- 
substantiv dat. sg. giuuado. 

Gc. 6 (cod. Tegerns. zu München). Verbaladj. giuuataz. 

Gc. 8 (cod. S. Florian). 3. sg. ind. präs. muoit Gl. II, 226, 72. — 
Verbaladj. gasait Gl. II, 229,41. kapait Gl. II, 225, 69. — Verbalsubst 
dat. sg. paunga Gl. II, 228, 18. 

Prud. 1 (cod. Emmeram. E. 18 zu München). 2. sg. ind. präs. gi~ 
muist. — 3. sg. muoit. — 3. pl. gluant. — 3. sg. prät. ind. muota. gluita. 

— 3. sg. opt. prät, muoti. — Part. präs. nom. 8g. masc. draenter. dat. sg. 
muogentemo. nom. pl. gluinlun. — Verbaladj. die ziplailun. dat pl. 
giplatan. — Verbalsubst. giuuaida. dat. sg. urchnaida. 

Ps. 2 (cod. Tegerns. zu München). Verbaladj. gima. 



GERMANISCHES K 67 

VP. (cod. Tegerns. lü zu München). Verbalsubst. nom. sg. luvnga 
Gl. II, 730, 38. dat. pl. muoungun Gl. II, 731, 21. 

Glossen aus dem 10 — 11. jhdt. 

Bib. 8 (cod. Emmeram. F 87 zu München). 3. sg. ind. präs. pluhit 
Gl. I, 349, 35. — 3. sg. opt. prät. drati. — Verbalsubst. acc. pl. gi- 
draunga. 

V. A. (cod. Tegerns. zu München). 1. sg. ind. präs. muo. — 3. sg. 
muoit VI, 533. — 3. sg. ind. prät. muota XII, 338. muotta (muoita?) VII, 
393. moita VII, 405. — 3. pl. uuatun VII, 8. — 3. sg. opt. prät. muoti III, 
009. — Part. präs. ntr. gluentaz XII, 91. — Verbaladj. gimuot VII, 384. 
voc. sg. masc. gimuot o III, 182. 

V. G. (derselbe cod.). 3. sg. ind. präs. uuait III, 279. — 3. pl. ind. 
prät. drailun II, 444. — Part. präs. nom. pl. plant a III, 356. nom. acc. 
pl. masc. luonta III, 374. 

Beichte aus dem 10 — 11. jhdt. (Wiener cod.). Co. .Verbalsubst 
dat. sg. gemuogide. 

Anfang des 11. jhdts. Notker und seine schule. Aleman- 
nisch. N. (Notker's psalmen Übersetzung, S. Gallener cod.). Mcp. (übers, 
des Mart. Capella, cod. S. Gall. 872). Nh. (übers, des cant. Habacng, 
S. Gall. cod.). Nd. (übers, des deuteronomion , cod. S. Gall.). Bo. 5 
(Übers, des Boet. de consol. philos., cod. S. Gall. 825). Org. (übers, des 
Boethius'schen Organon). Falls nichts anderes angegeben, bezieht sich 
das citat auf N. 

Ind. präs. 3. sg. sähet 36, 25. sähet 36, 26. sähet Bo. 5. uuat 34, 5. 
uuahet 147,7. 1,4. Bo. 5. bechnait 73, 22. pechnäet Org. muo he t 42, 2. 
83,3. 106,25. Nd. mühet Bo. 5. Mcp. 15. bluotn,\?>. 102,15. gluoit : diu 
uuort cluoxt 118,140. grüet Bo. 5. spuotbb,^ 126,1. spüot Bo. 5 (3 mal). 
spuei Org. — 1. pl. sahen (ind. oder opt?) 80, 3. — 3. pl. sahent 125, 5. 6. 
bluoni 53,7. 71,16. 91,14. 

Opt. präs. 3. sg. muo he 31,7. mühe Mcp. pluoe 89,6. späe Bo. 5 
(2 mal). — 1. pl. sahen (ind. oder opt.?) 80,3. 

Ind. prät. 1. sg. bechnäta 65, 14. 70, 15. Bo. 5. muohta 68, 4. — 
2. sg. ctuotost 65, 10. — 3. sg. drata, dräta Mcp. bechnäta 33, 7. 67, 10. 
73,5. Mcp. bechenäta Mcp. spuola, muohta Nd. — 1. pl. bechnaton 73, 1. 
— 3. pl. bechnaton 85,14. Bo. 5. Mcp. muohton 93,5. 

Opt prät. 3. sg. bechnäti 63, 6. Mcp. spüoti Mcp. 36. — 3. pl. be- 
chnatin 68, 10. 

Infinitiv sähen Bo. 5. pechnahen 68,10. grüen: in martio eteuuaz 
peginnet crüen Mcp. spuon 44, 2. 118, 29. spüon Bo. 5. spuen 2, 1. 
spüen Bo. 5. 

Gerund, sähenne Bo. 5. 

Part. präs. muhendo Mcp. nom. pl. pluonie 53, 1. cluonte 139, 10. 
ntr. pl. uuantiu Bo. 5. 

Verbaladj. auf-/-, kisait 101,27. feruuahet 1,4. 10 (b), 6. gebahet 
Mcp. gemuohet 105,33. 106,39. ketnuot Bo. 5. 

5* 



68 BREMER 

Verbaladj. auf -n-. inbldhenen d. eh. föne inblaheni unde föne 
ir sperr edo uuortenen: magno cum turgore Mcp. 

Verbalsubst. nom. sg. muohi 105, So. mühi Bo. 5. gen. flg. mühi 
Bo. 5. dat. sg. mühi Bo. 5. acc. sg. muohi 98, 8. 

N. II (Notker's psalmenübersetzung, Wiener cod.). Bairisch. 3. ag. 
ind. präs. uuaet 1,4. — Inf. spuon 2, 1. — Verbaladj. feruuaet 1,4. 

Glossen ans dem 11. jhdt 

Bib. 6 (cod. Benedictb. 106 zu München). Verbalsubst. draunga. 

Bib. 7 (cod. Emmeram. G. 73 zu München). 3. sg. ind. präs. pluit. 

— 2. sg. ind. prät. muothesl. — 3. sg. dräta. — Verbaladj. gimaU acc. 
pl. masc. gisata. — Verbalsubst. saari. 

Bib. 10 (cod. Angelomont. 14/11 wahrscheinlich ans S. Blasien). 
3. sg. ind. präs. pluhit Gl. I, 349, 36. — 3. sg. opt. prät drati. — Verbal- 
subst. acc. pl. gidraunga. 

Bib. 11 (cod. Rhenov. 66). 3. sg. ind. präs. pluHt Gl. 1,349,36. — 
3. sg. ind. prät. dräta. — Verbalsubst. acc. pl. gitraunga. 

Münchener glossen. Mon. 2. 1. sg. ind. präs. naio. dreio. 

SI. (cod. Einsidl. 155). Fränkisch. Verbaladj. gemugte Gl. II, 
611,65. 

Zweifaltener glossen (cod. 218 zu Stuttgart). Zf. 3. sg. opt. prät rvati. 

Heinrici summarium (Trierer hs.). Tr. 1. sg. ind. präs. naio. 

Um 1050 Wiener genesis. D. m, 40— 112. Mos. Citiert nach Hoff- 
mann, Fundgruben II. 1. sg. ind. präs. gemö 49, 12. — 3. pl. opt präs. 
muon. — 3. sg. ind. prät. spute 55, 29. — Inf. gemun 56, 35. plun 58, 7. 
spün 34,36. 

Um 1065 Williram. Wm. Ostfränkisch. Citiert nach der ausg. 
von Seemüller. 

Präs. ind. 3. sg. uuäiet 72, 6. 7 (uueuuet M). — 3. pl. drähent 90, 12. 
blüoient 42, 1 {bluouuent FM). 

Opt. präs. 2. sg. blüoiesi 27, 5. — 3. sg. blüoie 27, 4. 107, 16. blüouue 
126,4. — 3. pl. blüouuen 126, 5. 

Im per. 2. sg. uuäie 72, 2 (uuage P, uueuue M, uua H). 

Verbaladj. gedrät 92,2. gedräter 113,1 (gedraheter D). 10. 

Adv. dräho (wolriechend) 128,1. comp, drähor 72,2. 

Glossen aus dem 11 — 12. jhdt. 

Bib. 4 (cod. Frising. A. H. 4 zu München). 3. sg. ind. präs. 
blvebit Gl. I, 349, 37. — Verbalsubst acc. pl. gedreiunge. 

Bib. 5 (cod. Pruvining. zu München). 3. sg. ind. präs. pluit. — 
3. sg. ind. prät. muota. 

Bib. 13 (cod. Wingart. B 110 in der kgl. handbibl. zu Stuttgart). 
Alemannisch. 3. sg. ind. präs. bluhit Gl. 1, 349, 37. — 3. sg. opt. prät. drati. 

— Verbalsubst. acc. pl. gedraigunga. 

Glossen aus S. Blasien. Bl. Alemannisch. Verbaladj. ciblait Gl. I, 
311,40. 

Ho. (Wiener cod.). 3. sg. ind. präs. sait. 



GERMANISCHES E. 60 

Olosseii aus dem 12. jhdt 

D. m, 22—39. 3. sg. ind. präs. luot 27. 29. — 3. sg. ind. prät. luote 27. 

Glossae Herradinae. Hd. 1. sg. ind. präs. neie. — 3. sg. draeiet — 
Inf. neien. — Verbaladj. gedreiet. 

Interlinearversion der psalmen (Trierer cod.). Ps. 3. 3. pl. ind. präs. 
drehent. 

Wn 232 (Wiener cod. U. 232). 1. sg. ind. präs. neiu, nagen. 

1 165. Windberger glossae Salomonis (Münchener cod.). Sal. 3. 1. sg. 
ind. präs. blao. 

1175. Glossae Salomonis (Münchener cod.). Sal 1. 1. sg. ind. 
präs. blaio. 

Undatierte glossen. 

Bairische glossen zu Gregorys cura pasr. 3. sg. ind. präs. f mfät Gl. 
II, 212, 64. — 3. sg. ind. prät f bichnata Gl. II, 216, 9. 

D. (Docen's Mise. I). Verbaladj ectiv nom. sg. fem. giplatiu. 

Niederfränkische Prüden tinsglossen. 3. pl. präs. ind. t kraent Gl. 
II, 575, 8. — Part. präs. acc. sg. f thräandian Gl. II, 580, 46. 

Prudentiu8glossen. 3. sg. ind. präs. f muoit Gl. II, 539, 77. t sprat 
540, 8. 

Florentiner Glossen. F. 1. sg. ind. präs. nuaio. naio. 

Seh. (Schilter, Thes., I, 2, monum. catech.). 3. sg. ind. präs. satt 76. 

Sg. 111. 3. sg. ind. präs. uuath Graff, Ahd. sprachsch. I, LXII1. 
;? Verbalsnbst. dat. sg. fem. giuuado. 



Diese Zusammenstellung zeigt, dass wir als paradigma für 
das ahd. nicht säjan oder säjen sondern säen (bezüglich sähen) 
anzusetzen haben, ebenso muo(h)en und nicht muojan. Von der 
ältesten zeit bis gegen ausgang des ahd. sind dies in allen 
dialekten die regulären formen. Erst seit der zweiten hälfte 
des 11. jhdts. werden die /-formen häufiger. Im mhd. haben 
wir noch alle verschiedenen formen des ahd.: s&en, s&hen, 
sebn, s&jen, s&wen. Ich bespreche nun die einzelnen formen. 

Neben dem gewöhnlichen sä(h)en — um bei diesem ver- 
bum als paradigma für die ganze classe zu bleiben — gibt 
es den typus sä(h)an (vgl. s. 62) und sän. Es liegt nahe, daran zu 
denken, dass wir in letzterem falle noch die alte bindevocallose 
flexion vor uns haben. Aber dies ist nur zum teil richtig. Das 
Präteritum säta, verbaladj. gisät (gisäri) ist ohne zweifei unmittel- 
bar vom stamme sä- gebildet. Das i der schwachen verben drang 
zuerst in dfis verbaladj ectiv ein, so schon im Keron. glossar. Für 
das präteritum hat säta im ahd. als die normale form zu gelten; säita 
kommt nur selten vor und ist überhaupt nicht durchgedrungen. Von 
dem sä- des präteritalstammes ist völlig aus einander zu halten 



70 BREMER 

der präsensstamm sä-. Belegt sind hier von formen, die wie 
bindevocallos aussehen: aus älterer zeit nur pari thrändi 61. K.; 
nach dem 10. jhdt.: bei Notker einmal uuät, dann sprät Prudgl. 
(s. 69), uuät Sg. 1 1 1 (s. 69), ferner pichndnt Can. 1 0, pichnän Can. 1 1 
(s. 66), imperat. uuä Trierer hs. des Williram, plänti V. G. (s. 67), 
uuänti bei Notker. Diese formen sind offenbar zusammengezogen 
und können nichts ursprüngliches sein. Die formen auf -uo, -ua 
können gar nichts sicheres ergeben, intknah ih Tatian 133, 12 
hat das -u der endung vor dem folgenden vocal elidiert (die 
bindevocallose form müsste ohnehin *intcnän lauten). So bliebe 
höchstens formdt Voc. S. Galli, welches, weil es so allein steht, 
wol aus formöit zusammengezogen sein muss, falls das wort 
überhaupt 8. 63, anm. richtig aufgefasst ist. 

Ferner die j- formen, zuweilen auch mit g geschrieben. 
i wechselt mit J, je nachdem ein consonant oder vocal folgt. 
Ausgangspunkt war das verbaladj. Hier gibt es schon von 
ältester zeit an gisäit neben gisät. Das Präteritum, welches 
zunächst unter dem einflusse des verbaladjectivs stand, lautet 
nur vereinzelt sdita. Belegt ist: 780 bair. säita, khräita, 
bicnditun neben säta Frg. 10. jhdt. gluita neben muota Prud. 1. 
10 — 11 jhdt muoita neben muota VA, dräiiun VG. Anders 
steht es mit dem i im präsensstamme. Seit diese verben 
durch das /-prät in die schwache conjugation übergeführt 
waren, musste die 1. sg. und pl. präs. säiu, säium lauten. In 
allen anderen formen des präsensstammes ist i unorganisch, 
doch schon früh belegt: Bair. sägcer Kasseler gl. (s. 63). Bair. 
pluogenti Mons. gl. (s. 64). Südfränk. imper. irknäi Otfrid 
(8. 65). Inf. säiin Rg. 3 (s. 66). Part, cluoienti Bib. 1, Bib. 2 
(s. 66), pluogenti Bib. 2 (s. 66). muogenti Prud. 1 (s. 66). ge- 
muogida Beichte (s. 67). Vom 11. jhdt an beginnen die um- 
gelauteten formen, näio, dreio Mon. 2 (s. 68). Frank, gernugt 
(d. i. wol phonet. yemüydt) S. I. (s. 68). näio Tr. (s. 68). Ostfränk. 
uuäiet, blüoient, blüoiest, blüoie, uuäie Williram (s. 68). ge- 
drciunga, gedräigunga Bib. 4, Bib. 13 (s. 68). neie } dräeiel, neien, 
gedrciet Hd. (s. 69). neiu, nagen Wn. 232 (s. 69). bläio Sal. 1 
(s. 69). uuäio, näio F. (s. 69). Die ^'-formen erscheinen, wie 
wir sehen, zwar schon früh, aber anfangs doch nur vereinzelt 
neben >losen formen desselben denkmals; erst gegen ausgang 
der ahd. periode gewinnen sie an umfang. Woher die /-formen 



GERMANISCHES E. 71 

kommen, dafür lassen sich zwei gründe anführen. Die ent- 
wicklung der ahd. formen der uns beschäftigenden Verben war, 
wie gezeigt ist, folgende: 1. starkes verbum: sä(h)u, sä(h)is, 
sä(h)it, sä{h)um u. s. w.; opt. sä(h)e\ imp. sä\ inf. sä(h)an\ 
part. sä(h)anti\ prät. seu] verbaladj. gisä{h)an. > 2. sä(h)u, 
sä(h)is u. s. w.; sä{h)e\ sä\ sä(ti)an\ sä(h)anti; prät. säta\ 
verbaladj. gisdt. > 3. in folge des *-prät. tibertritt zur schwachen 
flexion: säiu, sä(h)is, sä(h)it, säium u. s. w.; sä(h)e; sä(h)i; 
sä(h)en\ sä(h)enti; säta; gisät. > 4. durch weiterwuchern des 
i, beim verbaladj. ansetzend: säiu, säiis, säiit, säium u. 8. w.; 
sdie\ säii\ säien\ sdienü\ sdita; gisäit. > 5. mhd. scbjen. Das 
eindringen des i von den formen, welchen es lautgesetz- 
lich zukam, in die anderen ist sicher nicht der einzige 
grund der Verallgemeinerung des i gewesen; wir würden 
ja dann mit demselben rechte bei den anderen schwachen 
verben ein gleiches erwarten dürfen. Das j hat vielmehr auch 
einen lautlichen grund. Der consonantische laut, welcher sich 
beim sprechen zweier vocale nach einander, die sich auf zwei 
silben verteilen, bildet, ist seiner articulationsstelle nach von 
der articulation der ihn umgebenden vocale abhängig. Bei- 
spiele für ija < ia, uua < ua u. dgl. finden sich wol in allen 
sprachen. Seltener ist der hier vorliegende fall, dass bei vor- 
aufgehendem offenen laute ein solches J, u durch den folgen- 
den vocal erzeugt worden ist. säiit ergibt sich lautgesetzlich 
aus sdit. Auf dieselbe weise wird sich wol das i des verbalsubst. 
säio in den Junius'schen glossen und den Murbacher hymnen 
aus dem gen. und dat. sä(i)in erklären. 

Schwieriger ist die erklärung der ^M-formen (vgl. s. 59 f.), 
schon deshalb, weil sie sich nur wenig belegt finden, so dass 
wir über alter und umfang derselben schlecht unterrichtet 
sind. Mit hinzunahme des mhd. erweisen sie sich als mittel- 
deutsch, vgl. Weinhold, Mhd. gramm. 2 § 180. Zur Übersicht 
führe ich auch hier die belegten ww-formen noch einmal an: 
Hraban. glossar: gesäuuit einmal (neben kasäit, kadräit). Pr. e. 
(8. jhdt.): kräuu, löuu. Tatian: säuuiu, säuuit, näuuit, sä- 
uuent, zi säuuenne, säuuenti, gesäuuit ; die ww-formen wechseln 
mit ww-losen formen (11 mit uu gegen 14 ohne uu) ganz ohne 
regel. Williram hat den gleichen Wechsel: uueuuet Stuttgarter 
hs., blouuuent Stuttgarter hs., bluouuent Stuttgarter und Vaticaner 



72 BREMER 

hs., blüouue, blüouuen, uuiuue Stuttgarter hs. Die ww-formen schei- 
nen also eine eigenttimlichkeit des ostfränkischen gewesen m 
sein. Sehr wertvoll für die geschichte dieses uu sind kräuu, 
löuu in den bei Graff, Sprachsch. I, s. LX f. abgedruckten 
glossen, die noch dem 8. jhdt. angehören und von einem 
Alemannen aus fränk. vorläge abgeschrieben zu sein scheinen. 
Diese formen beweisen, dass wir bei den w-formen eine ältere 
starke und eine jüngere schwache flexion zu unterscheiden 
haben. Zugleich geben uns diese beiden formen einen finger- 
zeig für die entstehung des u. Dass wir für das ahd. nur 
von formen wie säan auszugehn haben ist klar; uu hätte nicht 
ausfallen können. Also ist das uu eine secundäre entwicklung. 
Es muss in ähnlicher weise sich zwischen dem endvocal des 
Stammes und dem anfangsvocal der endung gebildet haben, 
wie wir es beim i gesehen haben. Lautlich möglich war die 
entstehung eines solchen it nur vor u l ), also in der Lsg. 
ind. präs. (kräuu, löuu) und in der 1. pl. Von hier aus 
verbreitete sich das u weiter in den mundarten, in welchen es 
einmal festen fuss gefasst hatte. Später folgten die formen 
der schwachen flexion. Wir haben ein sehr schönes beispiel 
für die entstehung eines w im deutschen unter den gleichen 
bedingungen in unserem löwe, ahd. leuuo (gen. pl. leono noch 
Rb, Steinm.-Siev., Gl. I, 553, 1); hier entwickelte sich ein tt im 
acc. sg. leun, nom. acc. pl. leun und wahrscheinlich auch im 
nom. sg. leo und im gen. und dat. pl. leono, leöm. Dass hier 
w durchgedrungen ist, ergibt sich aus dem numerischen Über- 
gewicht der mit -u-, -o- anlautenden endungen. Auch für den 
Wechsel der j- und ^w-formen mit solchen ohne cons. gibt es 
ausser der verbalflexion noch beispiele. Z. b. ' krähe ' lautet ahd. 
cräa, crä, cräia, cräuua, kreia (Graff IV, 587), genau den ver- 
schiedenen verbalformen entsprechend; nur ein *cräuuia gibt es 
natürlich nicht, weil kein grund vorlag, cräuua in die analogie der 
/-stamme überzuführen. Dass uu hier unmöglich organisch sein 
kann, sieht man an anderen Worten, in welchen es organisch 
ist, z. b. chläuua (Graff IV, 541), bräuua (Graff III, 315). Zu 
der vorgetragenen erklärung des uu in ahd. säuuen stimmt 
vorzüglich ags. säwan, dessen w doch von dem deutschen 



x ) Vgl. vulglat. Larisaevus -^ Larisacus. 



GERMANISCHES E. 73 

nicht getrennt werden darf. Der grund, weshalb im ags. 
die w-formen ausschliesslich durchgedrungen sind, liegt auf 
der band. Die ags. verben hatten die ursprüngliche starke 
flexion nicht aufgegeben, wie die deutschen. Sie hatten 
dadurch im plur. prät. formen gewonnen, in welchen ein 
w vor dem -ort, -un (älter -um, -up, -un) entstehen musste. 
Vom plur. prät. wird sich das w zunächst über das ganze prät. 
verbreitet haben und dann im anschluss an die Lsg. präs. 
über das ganze verbum. Die Vermutung liegt recht nahe, dass 
in Nord- und Mitteldeutschland das zum verbaladj. gisä(K)an 
gehörige prät. *söu früher verbreitet gewesen; es ist meines 
wissens nur einmal as. seu belegt (otiarseu Heliand 2545 Cott.). 
Der umstand, dass in Mitteldeutschland die «/-formen durch- 
gedrungen sind, macht es sehr wahrscheinlich, dass dieselben 
nicht allein von der 1. sg. und pl. ind. präs. ihren ausgang ge- 
nommen haben, und von anderen formen mit lautgesetzlichem u 
böte sich nur der plural des redupl. perfects. 

Ich glaube, dass diese lange auseinandersetzung nötig 
war, um auf grund der tatsächlich nachweisbaren formen die 
wahre geschichte der in frage stehenden verben zu enthüllen. 
Ich kehre zum gotischen zurück. Eine sichere grundlage für die 
beurteilung von got. saian, vaian können nur die urgermanischen 
formen bilden; diese lauteten, wie ich ganz sicher nachgewiesen 
zu haben denke, *seö, *seizi (dreisilbig) u. s. w., opt. *seaj-, 
perf. *sesö-, sezö- (wegen an. sera, s^ra), verbaladj. *seana~ 
u. 8. w. Die germanischen formen gehen unmittelbar auf idg. 
*semi, *sesi u. s. w. zurück; der stamm ist beibehalten; die 
flexion ist dem übermächtigen einflusse der bindevocalischen 
stamme erlegen. 1 ) Ich meine, dass die got. flexion von saia, 



') Man werfe mir nicht ein, dass es ein widersprach ist, wenn sich 
urgerm. * s'eiöi dreisilbig erhalten haben soll, während nach s. 44 *gsjöi 
als zweisilbig für das vorgerm. anzusetzen wäre. So gebräuchliche 
Wörter wie * gehen' und 'stehen' sind in allen sprachen etwas von 
dem gewöhnlichen Schema abweichend behandelt worden. Je öfter ein 
wort gesprochen wird, desto mehr wird es abgeschliffen. Wenn es 
auch falsch ist, für häufig gebrauchte Wörter ausnahmen von lautge- 
setzen anzunehmen, so muss man für dieselben doch ausnahmen von 
systemzwang oder, richtiger gesagt, einen geringeren grad von beständig- 
keit in passiver analogiebildung zugestehen. *g2iöi, ursprünglich drei- 



74 BREMER 

welches nach den früheren erörterungen 8, 52 — 54, mit Braune 1 ) 
als sean (mit offenem e) zu sprechen ist, ein unmittelbarer 
nachkomme der flexion von urgerm. *seö ist. 

Zu erwarten wäre freilich, als germ. e entsprechend, got 
e und nicht ai. Wir sind zu der annähme genötigt, das laut- 
gesetz aufzustellen, dass die tonerhöh ung des germ. e zu got 
e in dem falle nicht eintrat, bezüglich, dass got. e zum offenen 
e (geschrieben ai) wurde, — das lässt sich natürlich nicht ent- 
scheiden — wenn unmittelbar darauf ein offener vocal folgte. 
Es wäre das eine ähnliche assimilation, wie wenn lat. Beana, 
filea, fereae für Diana u. 8. w. gesagt wurde, vgl. Corssen, 
Ausspr., beton, u. voc. 1,301, oder wie wenn im ahd. von hirti 
der gen. pl. hirteo lautete und suntea für suntia gesprochen 
wurde. Ein weiteres beispiel, welches unter dies gotische laut- 
gesetz fällt, ist armaiö 'almosen'. Auch hier muss ai als 
offenes e gefasst werden. Der laut hat in diesem worte einen 
ähnlichen Ursprung wie in saian. armaiö gehört zu dem ver- 
bum arman und hat, wie so viele alte verbalnomina, den ur- 
sprünglichen verbalstamm, der hier auf e endete (vgl. s. 46 — 49), 
rein erhalten. Dass das lautgesetz, nach welchem dem germ. e 
im got. ai entspricht, ein solches nach sich zieht, dass germ. ö 
vor offenem vocal im got. als au (d. i. offenes r>) erscheint, ist 
selbstverständlich. Wie saian mit e, so *?atian mit ö; vgl. s.56. 
Phonetisch begründen lässt sich das lautgesetz nur für den fall, 
dass dem e, ö ein offener vocal folgte 2 ); dann haben wir die assimi- 
lation eines geschlossenen lautes an den folgenden offenen, falls 
überhaupt in dieser Stellung germ. e, ö im got. je zu geschlossenen 

silbig, löste sich zu gunsten einer kürzeren zweisilbigen gestalt aus dem 
verbände der formen wider heraas, denen es sein i verdankte — weil 
es ein sehr häufig gebrauchtes wort war. Dagegen * seiöi, * möiöi \i. s. w. 
hatten nicht die selbständige kraft, sich von den anderen verben loszu- 
reissen. Vgl. z. b. die geschichte des verbum 'tun' im ahd.; sie ist ein 
fortwährender kämpf mit der Übermacht der anderen verben. Dann und 
wann hat sich das wort von bindevocalischen formen in fessel schlagen 
lassen, ist aber doch schliesslich sieger geblieben. Je öfter ein wort ge- 
sprochen wird, desto schneller und activer lebt es. 

! ) Got. gramm., § 22, vgl. § 26. 

*) Einen beweis für diese einschränknng unseres gesetzes scheinen 
vaivoun, lailöun zu liefern, wofür wir ja sonst *vaivauun, *lailauun 
erwarten müssten. Doch beweist das nicht viel, weil der plural sein 6 
dem singular entlehnt haben könnte. 



GERMANISCHES E. 75 

lauten geworden sind. Aus dem gesagten folgt, dass das ai 
von saian lautgesetzlich berechtigt nur in den formen ist, deren 
endung mit a oder offenem e oder ö (ai, au geschrieben) anfängt. 
Es ist kein grund abzusehen, weshalb germ. *seiöi nicht got. 
hätte zu *si(J)ip werden sollen. Die gotische spräche unifor- 
mierte ihr paradigma nach den formen, in welchen das ai laut- 
gesetzlich war. Dass diese über die anderen den sieg er- 
rangen, ist sehr natürlich. Denn die endungen mit anlauten- 
dem a, au, ai sind denen mit anlautendem i und o, zu welchen 
noch die endungslose 2. sg. imp. sich gesellen würde, numerisch 
weit überlegen. Wir haben vielleicht noch eine spur davon, 
dass in einigen formen früher wirklich e gesprochen wurde. 
Wenigstens zeigt das got paradigma eine differenz zwischen 
den einzelnen formen, insofern als vor einein i der endung in 
der regel j geschrieben wird, nicht aber vor a. Nur einmal 
findet sich die lautgesetzlich unmögliche form saijands Mc. 4, 14 
(sa saijands vaiird saijip); das wird wol nur ein Schreibfehler 
sein, durch das folgende saijip veranlasst. Als die normalen 
formen gelten für das got. saia-, aber saiji-. Ich meine nun, 
dass das j vielleicht eine frühere form *sejip verrät; denn nach 
einem geschlossenen e ist die entwicklung eines j weit eher 
erklärlich als nach einem offenen. Ebensogut kann aber auch 
das j dem folgenden i der endung seinen Ursprung verdanken, 
so wie wir es bei ahd. säjit < säit gesehen haben. Letztere 
annähme muss sogar bei unbefangener betrachtung als die 
wahrscheinlichere gelten, wiewol wir in fällen wie fijan, sijum, 
prija sonst nur die umgekehrte erscheinung haben. Ich gebe 
zum schluss das vollständige paradigma von saian und vaian 
und bemerke nur noch, dass der Cod. Ambros. B, welcher 
auch sonst jüngere sprachformen hat, das ganze paradigma 
ohne j durchgeführt hat. 

Ind. präs. 

1. sg. *saia 

2. sg. * saijis 

3. sg. saijip Mc. 4, 11. saijip A, saiip B Gal. 0,7. 8 (2 mal). 2. Kor. 

9, 6 (2 mal). 

1. du. * saids oder *saijds? 

2. du. * saiats 

1. pl. *saiam 

2. pl. * saijip 

3. pl. saiand Matth. ü, 26. 



mm 



76 BREMER, GERMANISCHES E. 

Opt. präs. 

1. sg. *saiau 

2. sg. *saiais 

u. s. w. 

Imperativ. 

2. 8g. +sai 

3. sg. * saiadau 

u. s. w. 

Infinitiv 
saian Mo. 4, 3. Luc. 8, 5. . 

Part. präs. 
saiands Mo. 4,3. Luc. 8,5. saijands Mc. 4, 14 (sa saijands vaurd 
saijip). Dat. sg. vaiandin Jota. 6, 18. Acc. sg. saiandan 
B 2. Kor. 9, 10. 

Verbaladjectiv 
*saians. Nom. acc. ntr. insaianö Mc. 4, 15. Nom. pl. saianans 
Mc. 4, 16. 18. 20. 

Ind. perf. 

1. sg. saisö Lac. 19, 22. 

2. sg. saisö st Lac. 19,21. 

3. sg. saisö Luc. 8, 5. Mc. 4, 4. 

1. da. *saisöu 

2. da. * saisöuts 

1. pl. *saisöum 

2. pl. * saisöup 

3. pl. *saisöun. vaivöunMa,tth.l,2b.21. lailöun Joh. 9, 28. 

Opt. perf. 

1. sg. * söjau 

2. sg. * sö(j)eis 
3.sg. *^0>' 

u. s. w. 

Mediopassivum 

3. sg. saiada Mc. 4, 15. 31. 32. Opt. * saiaidau u. b. w. 

LEIPZIG, den 11. februar 1885. OTTO BREMER. 



DIE ZUSAMMENSETZUNG DER VORAUER 

HANDSCHRIFT. 

Die Vorauer hs. XI. , über deren bedeutung keine worte 
zu verlieren sind, ist durch ihren entdecket* Joseph Diemer in 
3 teilen veröffentlicht worden: 

1. Die Kaiserchronik nach der ältesten handschrift des 
Stiftes Vorau. Wien, 1849. 

2. Deutsche gedichte des XI. und XII. jhs. aufgefunden 
zu Vorau. Wien, 1849. 

3. Geschichte Josephs in Aegypten nach der Vorauer 
handschrift. Sitzungsberichte der philos.-histor. classe 
der kais. akademie bd. 47, Jahrgang 1864. Wien, 1864. 

Alle 3 teile sind diplomatisch genaue abdrücke. Eine be- 
geh reibung der hs. lieferte Diemer in den 'dt gedieh ten' Einl. 
s. I — VL Daraus ist hervorzuheben, dass die ganze hs. von 
135 blättern mit je 2 spalten auf einer seite, bis auf 4 blätter 
und 2 Vi spalten (die spalte hat 46 zeilen) von einem und dem- 
selben schreiber geschrieben sind. 

Bei der abgrenzung der einzelnen dichtungen, die natür- 
lich nicht mit Überschriften versehen sind, war Diemer ausser 
handschriftlichen gründen, seinem literarischen gefühle gefolgt, 
und von Seiten der fachgenossen hatte er darin keinen Wider- 
spruch zu erfahren. 

Dass der schreiber der hs. sich in der Schreibung an die 
ihm vorliegenden hss. gehalten hat, hatte er wol bemerkt 
(Einl. s. IV), aber die differenzen nicht systematisch verfolgt, 
sie jedenfalls nicht als kriterium für die Zusammensetzung der 
hs. verwendet; es lag das nicht in seiner absieht 

Müllenhoff liess sich hierüber in den 'Denkmälern' s. 438, 
nachdem er zum 'Marien lob' und zur ersten 'Sammelhand- 



78 WA AG 

schrift' einige bemerkungen über die Orthographie gemacht, 
folgendermassen vernehmen: 'Da jedoch diese eigenheiten (der 
Schreibung) sich auch in andern teilen der Sammlung (der 
Vorauer hs.) finden, wo sonst eine andre Orthographie vor- 
herrscht, so läßst sich durchaus nicht bestimmen, wie viel 
davon der vorläge oder erst dem abschreiber angehört. Daher 
und um auch nicht zu einer falschen Vorstellung von dem 
dialect des Stückes (Marienlob) zu verleiten, schien es an- 
gemessener, die grammatisch richtigere bezeichnung der doppel- 
laute herzustellen.' Also auch er hat sich nicht näher mit der 
Schreibung der hs. beschäftigt: denn lässt sich kein prinoip in 
derselben finden, so darf man nicht von * Sammelhandschriften ' 
reden; stellt man diese aber auf, so muss man ganz genau 
sagen können, welche eigenheiten der ganzen hs. gemein sind, 
und andrerseits, welche es nicht sind und eben allein zur 
trennung berechtigen. Es wird sich übrigens später heraus- 
stellen, dass weder er noch Scherer darauf geachtet hat, dass 
einige blätter von 2 andern Schreibern herrühren, obwol Diemer 
nicht nur in der Einleitung s. IV f., sondern auch unter dem 
text darauf aufmerksam gemacht hat. 

Scherer seinerseits bemerkte in den 'Denkmälern' s. 414 
in den anm. zu 'Summa theologiae': 'Das vorliegende gedieht 
bildete augenscheinlich mit den 3 folgenden, von denen jedoch 
die 3 Jünglinge und Judith als eines überliefert sind, die 
zweite defr Vorauer einverleibte handschrift. — Alle 4 weist 
ihre Orthographie nach dem mittleren Deutschland; doch deutet 
eine anzahl von mundartlichen abweichungen auf verschiedene, 
noch nicht näher zu bestimmende gegenden.' — ' Davon wird 
einiges, gewiss nicht alles zufällig sein.' Ob diese ansichten 
berechtigt sind, wird sich zeigen. Jedenfalls hat sich auch 
Scherer mit der Orthographie nicht näher befasst. 

In den 'Quellen und forsch ungen' VII ist er der sache 
auch nicht nachgegangen; die orthographischen bemerkungen 
s. 78 f. und 89 f. sind bei ihrem sehr sporadischen auftreten 
und ihrer nur teilweisen richtigkeit eher dazu angetan, irrige 
ansichten über die gesammten orthographischen Verhältnisse 
der hs. aufkommen zu lassen. 

So ist die Schreibung der Vorauer hs. noch eine ungelöste 
frage, und doch ist ihre beantwortung eine unabweisliche vor- 



VORAUER HANDSCHRIFT. 79 

bedingung, wenn die Zusammensetzung der hs. und die ab- 
grenzung der einzelnen gedichte auf sicherer basis beurteilt 
werden soll. 

Drängt sich überhaupt gegenwärtig die erkenntnis auf, 
dass der wert der Schreibung altdeutscher hss. unterschätzt 
wurde, 1. in folge der jagd nach reimen, 2. unter dem streben 
nach der mhd. gemeinsprache, 3. durch das zu sichre gefühl 
der conjecturalkritik; werden überhaupt Specialuntersuchungen 
über die Schreibung einzelner hss. sich als nötig erweisen, so 
ist gerade bei der Vorauer hs. eine solche Untersuchung er- 
forderlich, weil in ihr die wichtigsten denkmale der vorklassi- 
schen mhd. periode erhalten sind, und sie kann in hohem 
grade lohnend werden, wenn es gelingt, den anteil des Schrei- 
bers an den verschiedenen producten, die er überliefert, im 
einzelnen festzustellen. 

Die frage präcisiert sich demnach: Lässt sich entscheiden, 
wie viele vorlagen in die Vorauer hs. aufgegangen sind? oder 
mit andern worten, welche Schreibungen und formen gehen 
durch die ganze hs., welche lassen sich auf einzelne teile be- 
schränken? Fallen die nach den verschiedenen erscheinungen 
gewonnenen einschnittspunkte zusammen? 

Ich behandle daher zunächst: 

I. Durch die ganze Vorauer hs. gehende 

A. Schreibungen: 

1. Der unterschiedslose Wechsel von z und %, von kurzem 
und geschwänztem z (Diemer, Ged. einl. III). 

2. Der Wechsel von v~ und f- im anlaut der Wörter. 

3. Langes / im anlaut, s im auslaut der silbe, woneben 
/ tritt; immer steht / in der Verbindung sp, st, sc in jeder 
Stellung. 

4. Bunter Wechsel zwischen sc und seh; vereinzelt steht 
sh. Dazu Wechsel mit s- beim verbum sidn, vereinzelt s- beim 
subst. sulde (entweder analogie nach dem proklitischen verbum 
oder lautges. < scldi, wie selüm > slum > sulum; vgl. Fier- 
linger, Kuhns zs. XXVII, 190) und gesach neben gescach (vgl. 
Diemer , Anm. zu dt. ged. 5, 5), was wol nur Vermischung 
zweier verba ist. 



- » 



80 WAAG 

5. Zweifelhaft kann man sein, ob nicht dem Schreiber eu 
für tu zum teil zukommt, obwol in D, J, M (benennung der 
complexe s. u.) eu nie zu belegen ist Sicherlich war es in 
A, B, E, F, G schon in der vorläge. Aber ganz sporadisches 
auftreten von eu in andern teilen, wie in H und L macht es 
wahrscheinlich, dass eu dem Schreiber adäquat war. 

B. Formen. 

1. Immer skef (zu skef — skif vgl. MSD 2 458) und 
helfe, nur einmal in der Kaiserchronik hilfe 178, 20 neben 
sonstigem helfe. 

2. lussam, assim. < lustsam (lusterregend), nur in dieser form. 

3. Neben began, das aus formellen gründen natürlich im 
reim weitaus überwiegt, begunde, nur 1 mal bigondi, Dt. ged. 
108, 10. 

4. Die lautges. form des prät. muose, nur 185, 4 und 
216, 18 muste im 'Alexander' neben 2 muse 190, 14 und 
210, 22. 

5. Die wortform wissage (prophet), ein beweis, dass die 
volksetym. anlehnung von ahd. mz&ago an ms und sagen schon 
ganz durchgedrungen war. 

Zunächst lässt sich nicht entscheiden, ob diese Überein- 
stimmungen eigentümlichkeiten und absichtliche änderungen 
des Schreibers sind, oder ob sie durch die vorlagen bedingt 
waren. Vielleicht wird durch die folgenden Zusammenstellungen 
das letztere wahrscheinlich. 

EL Lassen sich auf grund der andern Schreibungen und 
formen einzelne complexe abgrenzen? 

Es fragt sich hierbei, ob die einzelnen erscheinungen oder 
die complexe zum höheren einteilungsprincip genommen wer- 
den sollen? Im falle der Verneinung der gestellten frage 
kommt natürlich nur das erste in betracht; da ich jedoch die- 
selbe bejahen muss, sind die complexe vorzuziehen, weil so 
verwantes nicht auseinandergerissen wird und in innigere Ver- 
bindung mit den gefolgerten literarischen Schlüssen gebracht 
werden kann. 

Die Übersicht über das orthographisch und grammatisch 
entsprechende der einzelnen teile werde ich dadurch erleich- 



VORAUER HANDSCHRIFT. 81 

tern, dass alle analogen erscheinungen unter den durchgehen- 
den nummern 1 — 29 besprochen werden. Ist unter der be- 
treffenden nummer im einzelnen fall nichts zu erwähnen, so 
wird sie übergangen. Daran reihen sich jeweils unter nummer 
30 'varia', d. h. erscheinungen an, die in andern teilen keine 
entsprechung haben, jedoch als charakteristica der einzelnen 
vorlagen wichtig sind. Es ist klar, dass unter 1 — 29 einzelnes 
auftritt, das für sich betrachtet nicht als kriterium gelten darf, 
welches jedoch in Verbindung mit den andern punkten einen 
relativ wechselnden wert bekommt. Zur bequemeren Orientierung 
wird am schluss eine vergleichende tabelle beigegeben, welche 
die resultate zusammenfasst. 

Von der in der hs. vorliegenden reihenfolge der complexe 
durfte nicht abgewichen werden, indem dieselbe als für die 
gegenseitige abgrenzung von der grössten Wichtigkeit, auch bei 
der darstellung hervortreten muss. 

So macht den anfang: 

A. DIE KAISERCHRONIK. 

Die orthographischen Verhältnisse derselben sind nicht die 
günstigsten, indem sich der complex A mehr durch seinen 
Wechsel in der Schreibung als durch constante regelmässigkeit 
gegen den zweiten complex B abgrenzt. 

Vielleicht hat dieser umstand von einer orthographischen 
Untersuchung der hs. abgeschreckt, zumal auch hier übersehen 
worden scheint, dass blatt 1 und 8, das erste und letzte der 
ersten läge (Diemer s. 1,1 — 9,9 und 55,5 — 62,18) von einem 
schreiber aus dem ende des 12. jh. nachgetragen sind, was 
pergament und schrift beweisen, während der urschreiber in 
die mitte des 12. jh. zu setzen ist. Wenigstens finde ich es 
nirgends erwähnt, ausser natürlich bei Diemer, Einl. IV und 
Dt. ged., einl. V. Die eigentümlichkeiten des Jüngern Schreibers 
werden unten mit blatt 89 und 96, die gleichfalls von ihm 
herrühren, besprochen werden, indem dort die frage praktischen 
wert hat. Dass Diemers aus paläograph. gründen abgegebnes 
urteil richtig ist, wird durch die auftretenden differenzen 
glänzend bestätigt. Seite 1,1 — 9,9 und 55,5 — 62,18 kommen 
also bei der folgenden darstellung der Kaiserchronik nicht in 
betracht. Die Schreibung der rubrikentitel ist im anschluss an 

Beiträge snr gesohiohte der deutschen spräche. XI. (> 



82 WAAG 

die in den kritischen ausgaben inhd. gedichte herrschende 
Schreibweise geschehen. Seite und zeile in Diemers ausgäbe 
ist durch blosse zahlen angegeben. 

1. ei. In buntem Wechsel stehen ei und ai. Zahlen- 
verhältnisse aufzustellen hätte hier keinen wert, indem eben 
wie in einigen andern erscheinungen dieser bunte Wechsel das 
charakteristicum von A ist Selten ist cei. Dazu kommen 
einige a und e, die ihres parallelismus wegen wol nur als 
Schreibfehler aufzufassen sind, indem der zweite component 
vergessen wurde. Anders bediv (beide), das aber nicht aus- 
schliesslich auftritt (vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 63), und zwenzic 
325, 18; 418, 10; 488, 24; 492, 4; 498, 4 {zwcenzech 203, 3), 
welches letztere als reduction des diphthongen vor mehrfacher 
consonanz genommen und mit elf < eüf, entweder < einde 
weder verglichen werden kann. Auf ähnliche weise ist ja die 
nhd. form zwanzig < zwainzig zu erklären. 

2. ou. Die gewöhnliche Schreibung ist o (welches häufig 
auch den laut uo, bisweilen u vertritt: uorste = vurste 13,21; 
520,14; 524,3; erzornde 190,14); daneben ou, ov selten au: 
chau flute 114,10. 

3. iu. Weitaus überwiegt iu, iv. Daneben u und eu, ev, 
welche letzteren jedoch als wirkliche diphthonge aufzufassen 
sind und mit der späteren monophthongierung nichts gemein 
haben. Gleichsam einen compromiss in der Schreibung zwischen 
iu und eu stellen ziweiv (wozu) 81 , 29 und under deiv 
200, 17 dar. 

4. i e. Im Wechsel stehen ie und t, numerisch etwa gleich, 
ohne dass es möglich wäre, irgend ein gesetz dafür zu finden; 
so auch im praeter, der reduplic. verben. Erwähnt sei nur, 
dass der völkername ' Griechen' immer in der form crichen er-, 
scheint; ob das tiberwiegen der formen flihen, zihen, stehen, 
liht, niht damit in Verbindung zu bringen ist und mit Notkers 
gebrauch (Beitr. II, 131) verglichen werden kann, sei dahin- 
gestellt. 

5. 9 herrscht an unbetonter stelle fast ausnahmslos. Beisp. 
für zerstreutes i sind: michelin 26,22; ainu/iz 30,24. Neben 
ez y die der entsteh ung nach weniger betonte form, tritt 
häufig iz. 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 83 

6. Umlaut. Bei umlautsfähigeni ä stehen nebeneinander 
a, ce, und selten ae. Ueber kurzes a vor umlauthemmenden 
consonanten (vgl. Paul, Mhd. gr. 2 § 40, anm. 1) ist zu bemerken, 
dass die Verbindung -alt- häufiger als -elt-, umgekehrt -eht- 
häufiger als -aht- ist. Ausnahmslos tritt die form trehtin auf, 
wie ja überhaupt das gesetz für ht schon im ahd. durchbrochen 
ist Das zu gründe liegende trahtin, welches in andern vor- 
lagen begegnen wird, darf nicht mit Weinhold, Mhd. gr. § 21 
aus trohtin erklärt werden, sondern ist als eine andre ablauts- 
lau tsstufe des got. draühts (< druhtis) und des ags. umgelau- 
teten dryhten zu fassen. Das wort bietet übrigens Schwierig- 
keiten. Oft ist geschrieben ceht mit ligatur. 

7. Contraction. age, ege, ai, ei wechseln. .Genau ge- 
nommen kann man eigentlich nur von einem Wechsel zwischen 
age und ege reden, indem sich nur für die Wandlung von ege 
> ei ein lautgesetz aufstellen lässt. Das contractionsproduct 
steht auf ganz gleicher stufe mit altem ei (vgl. die heutigen 
dialecte). Wenn gerade hier bei sonstigem schwanken die 
Schreibung ai bevorzugt wird, erklärt sich das als anlehnung 
an die nicht-umgelauteten formen mit age (vgl. Paul, Mhd. gr. 2 
§ 86). Beisp.: Magenze 13,2; megenze 463,5; als Vermischung 
maingenze 479,32; magede 55,23; mcegede 273, 13; maide 57,20; 
als compromiss maigede 287, 14; tegedinge 321, 18; teidinge 
9,32; getregede 319,9; treistu 81,29. Allein steht legete 45,30 
etc.; dagegen herrscht lit < ligit. Häufig ist git < gibit\ kut 
< quidit 10,29; chut 16,19. Ganz gewöhnlich sind die con- 
trahierten formen von läzen; als 3. sg. präs. laeter 114, 16; 
uerlcet 116,5; lat 142,10. 

8. Gruppe -or-. Von der dem bairischen dialect eignen 
Wandlung dieser gruppe zu -ar- (vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 21; 
Bair. gr. § 6), die als parallele zu ou > au gefasst werden 
kann bei der vocalischen natur des r, sind folgende spuren 
da: warf 68, 12; 130,2: 147,31; 211,21 etc. (im ganzen 8 fälle); 
worden (= geworden) 122,31; 155,19; uerrvarfen (part.) 149,2; 
gewarfen 164, 15. 

9. Synkope ist im inlaut wenig eingetreten. Durch- 
gehend ist bilede, helede, selede, hemede\ ambeht, dienest, men- 
nisce; lebete, lobete, swebete; hinat, dessen bedeutung übrigens 
schon abgeschwächt ist, wie 375,22: hinat bi dirre naht be- 

6* 



84 WAAG 

weist. (Auf dieser abschwächung mag die Vermischung mit 
heut beruhen, wie wir jetzt eigentlich unlogisch heut nacht 
sagen statt heint nacht) An synkopierungen treten auf: immer 
bette, praet. < betote, trotz kürze der Wurzelsilbe, indem wol 
die gleichheit des stammauslauts und des cons. der endung die 
ausstossung begünstigt hat. Öfters mante < manete 36,28; 
habte neben habet e .s. unter 24; rviste < wiseste 32,25; 43,3; 
wirst en 159,8; lemtig 114,17 neben lebentic 156,25; aim < 
ainem 9,32; 29, 14; uan < uanen 159,25. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Im partic der 
schw. verba erhaltung von -ot\ weniger häufig im praet -ote. 
Die endung des Superlativ ist als -ist gewahrt; -ost in wrdc- 
rost 416,7; im compar. uerror 385,3. Durchgehend ist die 
form manode. Neben nieman tritt niemen 252,32; 253,7. 
Im dat. der pron. und st. adj. fiex. herrscht die endung -me. 

11. Svarabhakti ist sehr selten; eigentlich lässt sieh 
nur die neigung, zw- in zew- zu wandeln, feststellen. Es sind 
im ganzen 17 fälle, welche die Zahlwörter 2, 12, 20 liefern. 
Ferner seien erwähnt: kenehte 144,4 als sporadische erschei- 
nung und der schon im ahd. stattfindenden einschiebung ent- 
sprechend durich 15,8; uerswalich 268,6; beualich 352,2. 

12. Accente. Der circumflex steht sehr ungleichmässig. 
Meistens ist circumflectiert die partikel e, offenbar, um dem 
kleinen wort- und schriftkörper eine stütze zu geben. Sonst 
kommen auf 100 seiten bei Diemer, also etwa 3200 verse 
circa 30 circumflexe, auf d, e, %, ü, bisweilen auf % = ie und 
ü = uo. Vielleicht ist auf chöm 205, 24 gewicht zu legen, weil 
im ags. com auch länge eingetreten ist (vgl. Sievers, Ags. gr. 
§ 390). Falsch stehen die circumflexe sehr selten; beisp. süs 
470,32. Einfacher strich, accut steht sehr vereinzelt: ab 205, 15; 
ö«we210,32; wcdblüt 217,14; diu 234,17; häufiger nur in den 
interjectionen ötvol, dtve, öwi. 

13. Dentale, a) Im anlaut erscheint mhd. d- als t- in 
44 fällen, so dass auf c. 400 verse 6in fall kommt, und zwar 
verteilen sie sich in folgender weise: nach auslau t. -n\ 12 fälle, 
nach -s: 8, nach -z: 6, nach -/: 6, nach ~ch: 5, nach -/: 3, 
nach vocal: 2, nach -m: 1, am anfang des verses: 1. Abgesehen 
von den fällen nach -w, deren zahl weniger von bedeutung iat, 
indem dieser auslaut bei weitem numerisch überwiegt, lassen 



VORAUEB HANDSCHRIFT. 85 

sich die fälle Dach s, z, t 9 ch, als spuren des Notkerschen 
kanons auffassen, worin 14 a bestärken wird. Nicht mit- 
gerechnet ist tutisk, das weitaus häufiger ist als dutisk, weil ja 
überhaupt bei der entwicklung dieses Wortes besondere Ver- 
hältnisse gewirkt zu haben scheinen. Als eine folge des 
wechseis von d- mit /- sind wol die verschwindenden Schrei- 
bungen dail 278, 17; dier 315,32; divre 319,9 aufzufassen. 

b) Die Verbindung dw- und tw-. In betracht kommen 
dwingen, dwahen, drverch (urgerm. pw-) und twellen, twalm, 
ttväle (urgerm. dw-). Diese beiden gruppen sind nicht mehr 
getrennt: die letztere erscheint immer mit tw-, die erstere ver- 
teilt sich wie folgt: dwoc (wusch) 192,21; trverhes 443,30; 
das wort dwingen mit 11 dw- und 30 tw-. Der Wechsel findet 
an- wie inlautend, d. h. auch in den compositen von dwingen 
statt, und lassen sich die anlautenden. fälle mit dem auslaut 
des vorhergehenden Wortes in keine beziehung bringen. 

c) Die gruppe -nt-. Weitaus überwiegt die erweichung 
-nd-, welche sich bekanntlich vom ahd. zum mhd. vollzieht; 
daneben steht -nt, welches in den präter. sante, wante, kante, 
rante, brante, wo -nt- < ndt, nnt entwickelt ist, bevorzugt wird. 
Jedensfalls unrichtig ist die ansieht Rödigers, welcher gelegent- 
lich einer besprechung des 'Trierer Silvester* (Haupts Zs. XXII, 
180) äussert: l solde, wolde, uirgulde etc., künde (konnte), wände, 
dagegen durchweg sante, bekante, brante, also t nach -an-\ Der 
grund der nichterweichung ist nicht in der natur des vorher- 
gehenden vocals, sondern in der verschiedenen entstehung der 
gruppe -nt- zu suchen, indem eben in diesen fällen ndt oder 
nnt zu gründe liegt, deren nächste Weiterentwicklung ntt ge- 
wesen sein wird. Darauf führt auch das wort 'winter'; got. 
vintrus wird durch das r in *winttrus verschärft, und in folge 
dessen hat das wort auch in solchen altdeutschen hss., wo 
sonst nt > nd erweicht ist, die Schreibung wintar oder winter. 
Also ist ältere gemination auch hier die Ursache. Das ur- 
sprüngliche Verhältnis zeigt z. b. branten : ze scanden 483, 29; 
brante : lande 484, 17; besanten : lande 516,27. 

d) -//- ist nicht erweicht; ausnahmsweise in driualde 18,22. 
Der Wechsel von solle, solde und wolte, wolde gehört nicht 
hierher: s. unter 20. 

14. Labiale, a) anlaut. b-. Es wechselt p~ und fr- im 



86 WAAG 

gesammtverhältnis von 4 : 3. Für den Wechsel nach dem ver- 
schiedenen auslaut des vorhergehenden Wortes lässt sich fol- 
gendes Verhältnis von p : b aufstellen: 

nach 1. -s und -z 8 : 1; 2. -ch 7:1; ' 

3. -t 4 : 1; 4. -n 3 : 1; 

5. -m 2 : 1; 6. -r 1 : 9; 

7. vocal 1 : 6; 8. -/ 1 : 2; 

9. am anfang des verses 1:1. 

Das 1., 2., 3., 4., 5. und 6. Verhältnis stimmt mit dem Notker- 
schen kanon, so dass dieser hier in einer allerdings nicht 
ganz consequenten durchftlhrung vorliegen würde, wozu 13 a 
zu vergleichen ist. Das gesetz wurde ja noch in späterer 
zeit beobachtet, was die hss. von Wolframs werken be- 
weisen. 

Merkwürdig ist, dass l da% buoch' (die quelle), bäbes, biscolf 
(über die form s. 28 b), der stammname baieren niemals mit p-< 
auftreten; als ungemein häufig in der Kaiserchronik, gleichsam 
alle als geheiligte eigennamen, scheinen sie ausserhalb der 
regel zu stehen. Oder es mutet einen ähnlich an, wenn man 
in einem reglement für rechtschreibung liest, es seien die 
endungen -iren, -irung nicht mit ie zu schreiben, dagegen 
regieren und Regierung. Gleichfalls hat die unbetonte vorsatz- 
partikel be~ immer b-, Ueber die natur des wechseis s. Paul, 
Beitr. VII, 126. Im wortauslaut steht -p. 

b) f < urgerm. p erscheint immer als f, bisweilen als ff, 
nie als v oder u, im gegensatz zu andern complexen der hs. 

c) Die gruppe wu-. Beliebt, aber nicht constant ist die 
Schreibung w-, indem mit w-lauten gespart wird, wie z. b. schon 
in den Otfridhss. Beisp.: listwrchcere 174,22; underwnden 186,26; 
wnderlicher 201, 13; uberrvnden 231, 15. 

d) Die gruppen dw-, tw-, sw-, zw- erscheinen über- 
wiegend in dieser Schreibung (bezüglich zew-, vgl. 11), weitaus 
seltner ist dv~ etc. 

15. Gutturale, a) k. Am anlaut der silbe wechseln ch- 
und k-, ersteres überwiegt. Ueber die ungefähr im bairischen 
dialect sich vollziehende Wandlung von ch > k vgl. Paul, Beitr. 
VI, 556. Gemination aus urgerm. kj, kr erscheint als k, kk, ch: 
so dike 10,30; dikke 136,30; dicht 214,21; rekke 136,29; akker 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 87 

336,17; nahet 295,21 (< kw). Gemination aus urgerm. gg als 
k: luken 106,5; brücke : ruke 364,7. 

b) g. Im auslaut des wortes waltet bunter Wechsel 
zwischen -c und -ch; vereinzelt ist -k in den sik koften 491,20. 
Im auslaut der silbe im wortinnern steht c: buregraben 162,3; 
buregraue 236, 19; uracten 309, 9; geuocte 437, 1. Dass das Ver- 
hältnis berc, berges das ursprüngliche sei, wonach dann durch 
ausgleichung doppelformen entstanden, bespricht Paul, Beitr. 
VII, 132. Im wortanlaut erscheint selten k~ oder c-; ich be- 
merkte nur: ain kSkelare 64,18 und der carte 210,18, welche 
nicht als spuren des Notkerschen kanons gelten können. 

c) Die gruppen qua-, que-*, qui~ sind immer zu Aro-, ku-, 
bezüglich cho-, chu- verschmolzen. Als beispiel diene: chom 
13,9; refo/wen 38, 16; kot (sprach) 407,14; köle (quäle) 196,25; 
kochsüber 114,25 (mit volksetym. anlehnung an kochen?)] 
ekonen 118,32; kurne 55,3; erkuket 276,8; chut 275,25. 

16. Assimilationserscheinungen sind selten. Zunächst 
ist zu vergleichen 13 a und 14 a, da der Notkersche kanon 
von haus auch doch eine assim. ist. Dann wäre zu nennen 
lemtiges 114, 17 < lebentiges; tampome 12, 7; gimmir 208, 1; 
422,14 etc.; ahzec 303,18 < ahtzec. Ueber das häufige lussam 
s. I B 2. 

17. Metathesis. In betracht kommt nur der Wechsel 
der vorsatzpartikel er- mit re- Ueber die lautliche bedeutung 
kann man schwanken; wahrscheinlich ist re- nur als ausdruck 
von sonant. r zu verstehen. Ich fand: re- im ganzen 297 
fälle; davon: 

nach -voc: 140; -n: 48; -r: 46; -/; 21; -t: 10; 

~s, -z: 6; -ch: 3; am an fang des verses: 23. 

Das gesammtverhältnis von er- zu re- ist etwa 12: 11; nach 
-r 1:8; nach vocal 1 : 6; nach -n 1:5; nach -f 8 : 1; nach 
-ch 7:1; nach ~s, -t 6 : 1. Demnach ist klar, dass nach vocal, 
-r, -n re-, nach -ch, -s, -z, -t aber er- weitaus bevorzugt ist 
Dazu stimmt Weinhold, Mhd. gr. § 146. Es treten in gegen- 
satz vocale und liquiden einerseits, tenues und Spiranten andrer- 
seits, so dass diese erscheinung wol dem Notkerschen kanon 
zur seite gestellt werden kann. Auch in der heidelberger hs. 
der Kaiserchronik findet sich der Wechsel nach Diemer, Dt. ged. 
anm. s. 17. Als analogon wäre anzuführen, dass im provenzal. 



\ 



88 WAAG 

an stelle des gewöhnlichen -re der wurzelbetonten infinitive, 
welches wie im afr. = r steht, nach Zischlauten -er erscheint 
Vgl. Bartsch, Chrestom. proven^. 4 s. 437. 

18. Grammatischer Wechsel. An formen ohne aus* 
gleichung sind zu nennen: geleren 33,16; leeren 276,16; ge- 
naren 216,12 (6 mal); praes. heuen 301,10; 383,26; aber hop 
491,7 etc. mit ausgleichung. Umgekehrt ist in werfen (in be- 
wegung sein) immer ausgeglichen zu gunsten von f, v: wruen 
37,3; worum 252,22; erworuen 212, 24; reworuen 414, 10, was 
besonders bairisch sein soll. In sagen (= sahen) 29, 7 liegt 
mischung des wechseis von h — w mit h — g, wie im ags., vor 
(vgl. Sievers, Ags. gr. § 391). Dass auch im schwachen verbum 
ursprünglich grammatischer Wechsel bestand, beweist flShen, 
das nur in 4 fallen mit -h-, in 22 aber mit -g- erscheint. 

19. Verbum sin. Häufig ist wir birn, ir birt. Der im- 
perat lautet ivis, wesel. 

20. wellen. 2. sg. präs. du wil 166, 15; wildu 68, 22; 166, 17 
etc. Im präter. bunter Wechsel zwischen wolde und wolte, 
ebenso zwischen solde und solte. Dass der fall für sich zu 
stellen ist, beweist die erhaltung der gruppe -//-: s. 13 d. Das 
Verhältnis der beiden formen ist noch nicht endgültig dar- 
gelegt. 

21. mugen. Weitaus tiberwiegt megen und mähte] nur 
ganz sporadisch ist mugen und mohte. Das Verhältnis ist 20 : 1. 

22. Das prät. von wiz,z,en tritt auf in der lautges. form 
wesse, daneben häufiger weste. 

23. wurchen. Das praeter, lautet worhte, das partic. ge- 
worht. Die andre ablautsstufe ivarhte, gewarht ist nicht zu 
belegen. Umgekehrt ist nebenbei bemerkt das verbum holen 
nur in der stufe holen vertreten (116,1; 168,3; 226,34; 235,4; 
236,31; 307,29; 331,12; 407,222; 444,16). 

24. haben. Als präterita fungieren habete, habte, hete, 
Mete, die erste form am häufigsten, hette nur 478,15. 

25. st&n, gän. Die 4-formen überwiegen bei weitem im 
reim, was begreiflich ist; im innern des verses coneurrieren die 
^-formen. Der imperativ lautet genc. 

26. Flexion, a) pronomen. Als acc. pl. m. des pers. 
pron. tritt neben si die form siv, offenbar aus dem neutr. ver- 
allgemeinert, und zunächst für verschiedene geschlechter: vgl. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 89 

mhd. beidiv, nhcL zwei, wo die neutrale form den sieg davon- 
trug. Die Verteilung ist sehr verschieden; besonders viele bei- 
spiele stehen auf s. 150—200. Vgl. Judith jun. (E 26). 

b) 2. sg. pl. präs. und prät. Die endung ist im sg. -st. 
Interessant für die entwicklung derselben sind Schreibungen 
wie: müsestu 166,6; rvoeres tu 283,20 als die beiden phasen 
assimilation und Verschmelzung, worauf falsche abtrennung er- 
folgte unter dem einfluss der prät. präs. anst, kanst, tarst, 
weist, muost. Die 2 pl. mit der endung -ent liegt vor in 
wellent 11,31. 

c) Präteritum. In der st. flexion ist zu nennen scrai 
330,27; screi 375,31; 407,30 (die beiden letzten im reim: ei), 
welche formen ja neben scrS fungieren (Weinhold, Mhd. gr. 
§ 337). Starkes präter. mit dem -e der sw. flexion erscheint 
in stünte 166,25 und raite 170,28; es ist kein zufall, dass der 
stammauslaut beidemal -t ist, wodurch Vermischung mit der 
endung -te nahe lag (vgl. nhd. wurde), branhten 296, 9 ist 
kaum als junge analogie nach den präs. formen mit erhalte- 
nem -w- zu betrachten. Ueber muose 8. 1 B6; über wesse 
II A 22. 

27. Zahlwörter. Zu erwähnen ist: 2. fem. zuv 110,12; 
3. n. m. drie 296, 5; driestunt 438, 29; uumfe 477, 22; 7. die 
gewöhnliche form ist siben; nur 186,19 suben. Bevorzugt ist 
suben vom jüngeren Schreiber, worüber unten näheres. Man 
hat darin wol einfluss des labials zu sehen und mag fromede 
53,5 und emfromeden 507,26 vergleichen. Andre belege siehe 
Diemer, Gen. und Exod. 11,217. 11. ainlef] 20. zewainzec; 
5 mal zwenzec, wozu vgl. 1; 80. ahzec vgl. 16; 100. zehenzec, 
daneben hundert; dies steht aber nur für mehrere hundert, 
was Kluge, Etym. Wörterbuch s. 142 als das ursprüngliche be- 
trachtet und mit recht als stütze für das frühere duodecimal- 
system des altgerm. anführt, indem für 100 kein selbständiges- 
wort existierte. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur erscheint immer (33 mal) 
mit iu, iv, im gegensatz zu andern complexcn. Ueber die 
Sonderstellung des Wortes s. Müllenhoff, Haupts zs. X VIII, 136. 
Jedenfalls ist die form fair die ursprüngliche, was schon ags. 
fyr beweist, indem einem fiur in diesem dialect nur *feör ent- 
sprechen könnte. 



90 WAAG 

b) biscof. Das wort kommt, für sich oder in der com- 
positiou erze-, 46 mal vor und immer in der form biscolf. 
Andre belege s. Diemer, Gen. u. exod. II, 93 und Dt. ged. anm. 
8. 51, wo bemerkt ist: 'scheint dialekt. form besonders in 
Oesterreich.' Dazu stimmt z. b. ein spätrer beleg aus dem 
14. jh. in der Elosterneuburger hs. nr. 1226, vgl. Germania 
VIII, 105, wo die form stets pischolf lautet. Lexer, Mhd. wb. 
citiert die ansieht von Grimm, wonach ahd. bischouf zu bischolf 
übergegangen wäre. Eher wäre das umgekehrte anzunehmen, 
unter einfluss romanischer lautentwicklung. Jedenfalls haben, 
wie Weinhold, Bair. gr. § 159, Mhd. gr. § 193 äussert, die 
häufigen eigennamen auf -olf < -wolf, mit welchen das wort 
seiner natur nach leicht in Verbindung kam, eingewirkt. Ich 
glaube, dass das altfranz. nevuld < nepotem, welches z. b. im 
Rolandslied öfters vorkommt, in ähnlicher weise als anlehnung 
an die eigennamen auf -old zu erklären ist, mit welchen auch 
dieses wort oft in Zusammenstellung kam. Die form nevuld 
ist durch die assonanzen gesichert: vgl. Chanson de Roland, 
ed. Gautier, Edit. Class. 12 p. 530. 

c) lichname erscheint immer in dieser form (16 mal), im 
gegensatz zu andern complexen. 

d) diemüete ist interessant wegen seiner vielfältigen ge- 
stalt: diemute 317,25; devmüte 347,24; dimüte 410,3; deomüt^ 
417,6; teumote 462,9; vgl. über die entwicklung des Wortes 
B 28 d. 

29. Varia, a) Apha rese des j- ist als kriterium wenig 
zu brauchen, weil die in betracht kommenden fälle zu selten 
widerkehren. In der Kaiserchronik ist zu nennen: enehalb 
12,10; iamer 30,31; 196,18; iameren 350, 19; amer 421,22; 
ameren 484, 16. 

b) Das wort dtem tritt nur einmal, 120,7, in dieser ge- 
stalt auf, sonst immer als ahtme (7 mal); ob dieser form ge- 
wicht beizulegen — unorgan. h ist sonst selten — und ein Zu- 
sammenhang mit got. ahma, den Kluge, Etym. wb. s. 12 leugnet, 
herzustellen ist, kann ich nicht entscheiden. Die Wörterbücher 
citieren die form ahtme nicht. 

c) Das adverb. betalle 358, 17 und 362, 27 und bitalle 
377,24 sei seines zweifelhaften Ursprungs halber erwähnt: vgl. 
Weinhold, Mhd.gr. §149. 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 91 

d) Die form salter ist 2 mal, 196,2 und 277,15 zu be- 
legen, mit Vereinfachung der anlautenden doppelconsonanz wie 
in salme und sitich. 

e) Einmal stran (ström) : ran 231, 25, was als bairisch 
und ostfränkisch gilt. Jedoch ist hierauf kaum viel gewicht 
zu legen, weil das Verhältnis der ahd. mhd. doppelformen 
stroum, strüm, sträm unklar ist: s. Kluge, Etym. wb. 

f) Ungemein häufig ist in der Kaiserchronik das wort 
urvar, und zwar immer in der bedeutung *ufer\ Kluge be- 
merkt zu diesem wort: 'aus mhd. uover\ dem ahd. fehlend' 
(Etym. wb. s. 352). Sollte nicht eine Vermischung der beiden 
worte möglich sein? Bei uvularer ausspräche des r kommt 
sich ihr klang sehr nahe. 

g) Ueber of, bowen s. schluss von L. 



Dass die Kaiserchronik aus den verschiedensten elementen 
zusammengesetzt ist, mag man nun sagen componiert oder 
compiliert, wird man ebensowenig leugnen können als es ver- 
fehlt ist, aus ihrer gestalt ursprünglich selbständiges loslösen 
zu wollen. Ueber die einheit hat gehandelt Debo, Graz 1877. 
Was den Verfasser betrifft, haben Giesebrecht und andre ver- 
mutet, dass er ein Regensburger geistlicher sei; die entschei- 
denden beweise für den bairischen Ursprung stellte zum ersten 
mal zusammen H. Welzhofer, Untersuch, üb. d. Kaiserchronik 
1874; vgl. Scherer, Haupts zs. XVIII, 298. In der Schreibung 
weisen nach Baiern in unserer hs. nr. 1. 8. 15 a. 19. 26 a. 
28 b. 29 e. 

Ueber das ursprüngliche ende äusserte sich der 'Grundriss* 
von Koberstein-Bart8ch 5 1872, I, 156: '1147, nach andern schon 
1137 abgeschlossen.' Giesebrecht gab sein' urteil in der Gesch. 
d. dt Kaiserzeit IV, 399 dahin ab: 'Die mehrfach ausgesprochene 
Vermutung, dass das buch ursprünglich mit Lothars tode ge- 
endigt, die regierung Konrads später hinzugesetzt sei, hat 
keinen zureichenden grund, und vieles spricht dagegen . . .' 
Scherer a. a. o. s. 299 war andrer meinung: er sah in den 
versen nach dem tode Lothars ein schlusswort und kam zur 
ansieht, dass die Kaiserchronik demnach einen künstlerischen 
abschluss besitze, 'nur allerdings hundert verse vor dem ende 



92 WAAG 

der haupthandschriften'. Er zog die verse 526,22 — 33 noch 
zum ursprünglichen werk und setzte demnach die abfassungs- 
zeit ins jähr 1141, wo die gemahlin Lothars, Richenza, starb. 
Ich glaube nun der schon von andern vorgetragnen ansieht, 
dass das werk mit 526,21, also mit dem jähre 1137 abschloss, 
eine stütze, wenn nicht entscheidende bestätigung geben zu 
können. Es treten nämlich nach den versen: 

swer daz liet uernomen habe. 

der sol ain pat s nr singen. 

dem almsehtigen got ze minnen . 

des chaiser Lutheres sele. 

er was wol des riches herre. (Diemer, s. 526, 17 — 21) 

eigcntUmlichkeiten in der Schreibung und in den formen auf, 
die sich im ganzen vorhergehenden teil nicht belegen lassen. 
Nämlich: 1. unetymolog. ie = i, i, e : ziet 527, 12; uer~ 
trieben 528,1; hiemele 528,3; enlriennen 528,16; uielf (Weif) 
529, 2. 

2. Neigung zu i für unbetontes d: bildwngen 526,30; vir- 
liezen 528,15. 

3. sad (= sat) 529, 2. 

4. Unorgan. h- im anlaut: here 526, 25. 526, 32. heren 
527, 13; here 527, 21; sonst: rath 529, 22; Lülhewige 529, 29. 

5. Eigentümliche accente: diiu erde wol ier 526,23. So- 
dann: uuörhte 526,26; netvelte 530,6 mit unberechtigtem circum- 
flex, wie sonst fast nie: vgl. nr. 12. 

6. Die form uirsten 528,20; sonst steht immer uursten 
oder norsten, so 13,21.520,14.524,3. Vielleicht liegt übrigens 
hier umlautsbezeichnung vor: vgl. M S D. 2 anm. s. 407. 

7. Die form lenger 530,6; sonst steht immer im compa- 
rativ langer: so 230,26. 251,13. 317,9. 331,31. 441,27. 443,17. 
461,8. 470,30. 483,32. Dass in lenger keine eigentümlichkeit 
des Vorauers Schreibers zu suchen ist, beweist auch der um- 
stand, dass in der ganzen hs. sonst nur die form langer zu be- 
legen ist. 

8. Die form liuzel 528, 30. 529, 19. 529, 23, während vorher 
nur luzel zu belegen ist; so luzzeln 199, 27; luzel 202, 18. 
211,6. 217,6. 227,2; luzzeletx 515, 23. 

Ist dadurch bewiesen, dass die verse 526,22 — 530,6 in 



VORAUER HANDSCHRIFT. 93 

der vorläge der Vorauer hs. erst später hinzugefügt wurden, so 
ist darin involviert, dass die Vorauer hs. wegen der treue 
ihrer widergabe der in der vorläge vorhandenen differenz, 
wozu die folgenden beobachtungen stimmen werden, das höchste 
vertrauen verdient. Dass die Vorauer die älteste hs. der 
Kaiserchronik ist, steht längst fest — Hinfällig wäre dann 
auch die ansieht, welche Welzhofer äusserte, dass in der tiber- 
lieferten form der Kaiserchronik eine bearbeitung einer älteren 
gestalt durch den fortsetzer von Lothar bis Konrad vorläge 
(vgl. Scherer, a. a. o. s. 301, wo die ansieht citiert ist). Ebenso 
unhaltbar ist dann die Vermutung Edward Schröders (Zs. f. 
dt. d. XXVII), wonach der pfaffe Konrat, der Verfasser des 
Rolandsliedes, die Kaiserchronik umgearbeitet und das stück 
von Lothar IL bis Konrad III. hinzugefügt habe. Denn läge 
eine bearbeitung vor, so könnte zwischen dem hauptteil und 
dem fraglichen Schlussteil keine sprachliche differenz bestehen. 
— Es hat demnach die älteste form der Kaiserchronik mit 
526,21, mit dem jähre 1137 abgeschlossen. 

B. BÜCHER MOSES 

(= Diemer, Dt. ged. s. 3, 1 — 85,3 und Wiener Sitzungsberichte 

47, 8. 636—687). 

Der titel tut einstweilen nichts zur sache: ich wähle nur, 
um eine gesammtbezeichnung des complexes zu haben, die 
von Diemer gebrauchte Überschrift. Eine Sonderstellung nimmt 
der sog. 'Joseph in Aegypten' bl. 78 b, z. 39 — bl. 87 d, z. 24 ein, 
welchen Diemer, Dt. ged. s. 32 (vgl. einl. XL) wegen der ziem- 
lichen Übereinstimmung mit der Wiener hs. der Genesis (Fund- 
gruben II, 52, 37 — 82, 21 und Massmann, Deut. ged. s. 278, 
v. 3454 — s. 310, v. 6063) unveröffentlicht Hess, bis er im jähre 
1864 a.a.O. denselben nachlieferte. Dass der 'Joseph' aus 
der Wiener bearbeitung in die Vorauer aufgenommen wurde, 
ist jetzt allgemein gebilligt: vgl. Vogt, ßeitr. II, 209 ff. und 
Scherer, Quell, und forsch. I, 57. VII, 45. XII, 56. Durch die 
folgenden orthographischen Zusammenstellungen wird sich er- 
geben, dass die stücke Diemer s. 3, 1 — 31, 30 (= a), der Joseph 
(= ß), Diemer s. 32, 1 — 85, 3 (= /) sich in derselben vorläge 
befanden, und dass der Joseph in seiner Orthographie eine 
mischung zwischen derjenigen der Wiener hs. und derjenigen 



94 WAAG 

der Vorauer hs., wie sie in a und y vorliegt, darstellt Ich 
behandle also wider die einzelnen erscheinungen und unter 
jeder getrennt die stücke a, ß, y. — W. ist = der Wiener 
hs., welche ich nach dem zuverlässigeren abdruck der Fund- 
gruben, nicht nach Massmann citiere (s. Beitr. II, 317). Im 
Joseph der Vorauer hs. (ß) bedeuten die einfachen zahlen die 
verse, indem Diemer durchgezählt hat (vers 1 — 1324). Zu be^ 
merken ist noch, dass blatt 89 der hs. (= Diemer 8.39,12 bis 
45,22) und blatt 96 (= Diemer 83,28 — 90,10), d. h. das erste 
und das letzte blatt der 12. läge, wie das erste und letzte der 
ersten läge (s. oben bei der Kaiserchronik) von einem Jüngern 
Schreiber aus dem ende des XII. jh. erneuert wurden (vgl. 
Diemer, s. 39 und 83, Einl. s. V). Diese stellen müssen natür- 
lich bei der folgenden betrachtung unberücksichtigt bleiben. 
Die nicht unbedeutenden eigentümlichkeiten bezügl. änderungen 
des Jüngern Schreibers werden zusammen unter C besprechung 
finden, wo eine Zusammenfassung derselben notwendige Vor- 
bedingung der kritik ist. 

1. ei. a) 90 ei, 15 ai, 1 an; 

ß) 117 ei, 16 ai; — W. ei; 
y) 106 ei, 9 ai. 

2. ou. a) Immer ov (nicht ou\)\ 

ß) immer ov; — W. ou, o; 
y) immer ov. 

3. iu. a) 80 ev, 11 iv, 4 u; 

ß) 79 ev, 73 iv, 12 u; — W. iu; 
y) 81 iv, 67 ev, 6 u. 

Das starke überwiegen der Schreibung ev in a erklärt sich 
erstens daraus, dass dort der artikel dev viel häufiger vor- 
kommt als in ß und y, und in diesem wort, wol mit der un- 
betontheit zusammenhängend; ev bevorzugt wird; zweitens aus 
der erwägung, dass bei vorhandenem schwanken in der vor- 
läge auch beim getreusten Schreiber das procentverhältnis der 
mischung sich etwas ändern konnte. — Hervorzuheben sind in 
ß: Hvf:tivfb9; Hub MO) livf 594. 597; Hup 1214; 1233; /: Otogen 
48,29; livfen 52,22 ohne brechung des iv\ daneben tifev ß 1059 
und libev y 71,27. Es liegen hier reste von dem im ober- 
deutschen ursprünglichen zustand vor, welchen Braune Beitr. 
IV, 557 nachgewiesen hat, wonach iu durchgängig vor labial 
und guttural gewahrt blieb. — Umlaut von ü in iu, der ja 



VORAUER HANDSCHRIFT. 95 

schon bei Notker vereinzelt zu belegen ist, zeigt y heuten 
(häuten) 37,25 und hivten 81, 10. 

4. ie erscheint in a) mit grosser consequenz als i; nur 
7 ie und 7 ei, welche letzteren als Verwechslung bei dem mangel 
des dem Schreiber gewöhnlichen ie anzugehen sind. 

ß) Auch als i] nur 11 ie] — dagegen W. immer ie. 
y) Desgleichen als t; 6 ie, 1 ei. 
Entsprechend in a, ß, y tifel. 

5. d. a) immer e, mit ausnähme der vorsatzpartikeln 
ir-, vir-, int-. 

ß) Ebenso. 

W. int-, aber ver- und vir-, er- und ir-, 

y) Wie in a. Dazu bizeichenlich 81, 23 und bizeichenunge 
82, 10 als nur scheinbare ausnähme, da die betonung bizeichen 
etc. anzunehmen ist (vgl. Lexer, Mhd. wb). 

6. Umlaut, a) ä, aht, alt immer ohne umlaut. 

ß) Desgleichen; nur 1 gewelte 124. — W. aht, aber elt. 

y) Wie in a. 

Eine ausnah mestellung von der gruppe aht macht wider, 
wie in der Eaiserchronik, trehtin, welches nur in dieser form 
zu belegen ist. Ob man sailde ß 928 als umlautsandeutung 
oder als verschrieben ansehen will aus älterem sälide, wird 
zweifelhaft sein. Ueber umlaut von ü s. 3 /. 

7. Gontraction. a) age, ege, ai, ei] 

ß) age, ege] — W. ebenso; 

y) age, ege, ai, ei; 
In a, ß, y lii] in ß quit 1062, chut 1160; in ß und y git. 
In ß verdient erwähnung gesam : getan 341, in W. gesän, wo 
der sinn gesagen feststellt 

8. Gruppe -or-. Uebergang in -ar- fehlt. 

9. Synkope ist im inlaut selten; beispiele: a) bilede 
28, 13; ß) ambahte 127; faizet 181; /) wisesten 53,27; feizt 64,6; 
helede : selede 77,15; satte (sättigte) 78,23 vergleicht sich dem 
bette der Kaiserchronik (stamm auf dental). Im auslaut uon, 
uone] ane, uile. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Immer erhalten 
ist die endung des sw. prät. -ote. Als archaische formen treten 
auf: a) nacchot 8, 10; 



96 WAAG 

ß) suntone 1111; minnone 1050 (gen. plur.). 
y) Herro 67,9; meror 82,20. 

Der Superlativ auf -iste, der dat. der pronom. und der st. 
adj. flex. auf -me auslautend. 

11. Svarabhakti ist selten. In allen 3 teilen ist nur 
zesewen oft zu belegen; in a) und y) suel und suer (säule, 
sauer) 12,4. 47,10. 47,26. 65,9. 78,27. 81,11. 

12. Accente. Als längenbezeichnung fungieren wie in 
der Kaiserchronik circumflexe, aber häufiger auftretend als 
dort, auch auf % = ie, ü = uo. Selten steht der accent un- 
berechtigt wie in frSch 74,2. So dürfte der Schreibung dz 
8,3 (a) wert beizulegen sein, als beweis, dass auch im mhd. 
die reduplicierte form erhalten ist, was zum got. frei < fra-it 
(Lucas 15, 30) und zum ags. dt, frcbt (vgl. Sievers, Ags. gr. 
§391) stimmt. 

13. Dentale, a) Mhd. d- erfordert wenig bemerkungen. 
Es erscheint als t- in den Stellungen: a) wistu 7, 15; mit ter 
3,14; hast tu 25,22', 

ß) daz tu 288, welche als assimilation oder in bezug auf 
14 a als spuren eines kanons zu fassen sind. — Auffällig ist 
in ß) gedovbet; dovbet 161 an stelle von t-, 

b) dtv — tw. Im gegensatz zur Kaiserchronik ist dv- < 
urgerm. ]w- und tv~ < urgerm. drv- streng auseinandergehalten 
in a, ß und y. Ebenso in W. a) dvinge 7, 16; gedvanc 22, 13 — 
uir/velel 13,27; tvdlte 24,27. 26,27. 

ß) gedvangc 132; gedvanc 431; drvügen 582; dvüc 598; 
dvinget 1181 — tvaJme 312; Walte 382. 

y) dwanc 38,4; dvere 39, 11 (got. pvairhs); dringen 61,30. 

e) -n/-. Es besteht ein Wechsel zwischen -nt- und der 
erweichung ~nd- im Verhältnis von: a) 4 : 7; ß) 40 : 26; /) 1 1 : 23. 
In ß ist also -nf- bevorzugt, wozu stimmt, dass W. nur -nt- 
hat. Beiläufig bemerkt hat die Exodus der Wiener hs. im 
gegensatz zur Genesis die Schreibung -nd-, so dass sich die 
von Vogt, Beitr. II aus andern argumenten nachgewiesene zwei- 
heit der Verfasser durch die Orthographie bestätigen lässt — 
In sante etc., wo nt < ndt oder mit entstanden, überwiegt wie 
in der Kaiserchronik immer nt gegenüber nd: a) 5:3; ß) 12 : 1; 
/) 7:1. Ueber die erklärung s. A 13 c. 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 97 

d) -It- ist durchgängig. Ueber wolde — wolle, solde — 
solte 8. 20. 

14. Labiale, a) b. Im anlaut wechselt b- und p- je 
nach dem auslaut des vorhergehenden Wortes in folgen- 
der weise: 

ß 7 





a 




nach auslaut. 


b- 


P 


-vocal 


19 


7 


-n 


11 


4 


-r 


9 


3 


-ch 


— 


3 


-t 


— 


6 


"?, 'S 


2 


8 



b- 


P- 


b- 


P- 


43 


24 


36 


2 


17 


8 


24 


4 


19 


7 


10 


2 


1 


10 


— 


5 


3 


11 


3 


10 


4 


16 


1 


6 



Diese Verhältnisse weisen deutlich auf den Notkerschen kanon, 
der aber, wie immer in spätrer zeit, nicht consequent durch- 
geführt ist. — Das unbetonte präfix be- hat nur diese Schrei- 
bung, so dass in dem alleinstehenden pivilde 67, 1 4 in vocal 
und consonant des präfixes ein beweis für dessen betontheit 
liegt, die beim nominalen compositum auch zu erwarten ist. 

b) / < urgerm. p ist nur in ß teilweise durch -w- ver- 
treten. Die fälle sind: slafen 158; slaues 301 (W. slaffes 59,45); 
hülfe 888; heluen 907 (W. helfen 74, 18); stauest 1043 (W. 
slaffest 77,28). 

c) Die gruppe mc- ist stets vollständig ausgeschrieben. 

d) dtv-, trv-, sw-, zw- ist gewöhnlich durch dv-, tv-, \sv-, 
zv- widergegeben; allein stehen in ß dwügen 582 und in y 
dtvanc 38,4. 

15. Gutturale, a) Einfaches k wechselt als ch, k, c 
in dieser fallenden abstufung. Gemination < kk tritt als ck 
und cch auf: a) nacchot 8,11; nacchet 14,2; acker 22,5; 
stricken : dicke 22, 6. 

ß) lachchen (lacken) 176; hekket (sticht) 145; secchen 
(sacken) 566. 

y) dicche : bocche 57,12; gebahchen 78,24 (vgl. über dies 
wort Paul, Beitr. IX); bedecchet : smekket 83, 16. — Urgerm.^ 
liegt vor als kk in a) gehukke : mukken 38, 20; ß) likken 571; 
y) rukke 74, 3. 

b) Mhd. g ist im wortanlaut 2 mal als k- zu belegen: 
ß) is kovme (Wahrnehmung) 25; y) den krimmigen 73,24. — Im 

Beiträge svr gesohiohte der deutschen spräche. XI. 7 



98 WAAG 

gilbenauslaut im innern steht c, im wortauslaut wechselt -c 
und -eh. — Charakteristisch ist die Verschmelzung ink- < intg-, 
immer in der form ink-, nur einmal ine- in 7) inculten 51, 2. 
Ob sich damit in bezug bringen lässt, dass urgerm. gg, wie 
bemerkt immer die Schreibung kk hat? 

c) Die Verbindung qua-, que-, qui- ist in a) immer ver- 
schmolzen (15 fälle). 

ß) 35 mal verschmolzen, 6. mal nicht. 

7) 15 mal verschmolzen, 1 mal nicht: quam 73,9. 

16. Assimilationserscheinungen. Zu vergleichen ist 
13 a. 14 a. Sonst ist zu nennen: a) wouns 19,5; tvoüs 20,21 
(wuchs); ß) franspüte < framspuote 122. 

17. Metathesis. Die vorsilbe er- tritt ganz vereinzelt 
und fast nur nach auslaut. -r als re- auf: er) er reinste 8, 1; 
er reslagen 10, 27; er reloste 16,4; ers retrüc 21, 11; er rechom 
28,27; ß) er regazte 750; nimer rewintel 1278; 7) gar relogen 
35, 28. Gerade diese abstuf ung, das abnehmen, je grösser die 
entfernung vom complex A wird, spricht dafür, dass hier nur 
eine reminiscenz an die in der Kaiserchronik vor allem nach 
-r massenweis vorkommenden re- vorliegt. 

. 18. Grammatischer Wechsel. Ausgleich zu gunaten 
von /"herrscht auch hier in a) irworfen 30, 14; ß) 27; 7) irwurfen 
55, 3. In ß ist sonst hinzuweisen auf gewüge (zu gewahen) 
284; gewugen 673; nurten 322; wurte 323; genaren 397; in 7 
auf getiare 51,24; flegeter 65,9 wegen erhaltuog des Wechsels. 

19. Von sin seien erwähnt wir bim, ir birt; imper. 
wis, weset. 

20. wellen. Im praet. wechselte wolle und wolde, ebenso 
wie solle und so/ de; überwiegend ist entschieden l(, indem im 
gesammten folgendes Verhältnis vorliegt: 

a ß y 

lt 18 29 27 

ld 15 8 1 

21. mugen zeigt einen Wettstreit zwischen den formen 
mähte, megen und mohte, mugen: 

« ß Y 

erstere 4 20 14 

letztere 2 21 12 

W. hat nur mähte und megen. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 99 

22. wiesen. Das präter. ist vertreten durch: a) 6 messe, 
1 wisse. 

ß) 4 messe, 1 wisse, 

y) 2 wesse, 1 m^ im reim zu liste 66, 19 (versus 
tyrannus). 

23. wurken weist in allen 3 teilen nur die formen worhte, 
geworht auf. 

24. haben ist im prät. auch hier mannigfaltig: a) hete; 
ß) hete, habete, hate; y) hete, habete. 

25. st an und gdn. Das Verhältnis der ä- zu den e-formen 
ist in a) 13 : 26; ß) 3 : 27; y) 9 : 25. Also die ^-formen sind 
entschieden in der überzahl. 

26. Flexion, a) In der pronom. flexion nimmt ß) eine 
Sonderstellung ein, indem 3 mal als n. pl. neutr. die form dei 
erscheint, welche nach der ansieht von prof. Paul ein alter 
dual ist: finf iare dei 735; dei kint 955. 957. Dazu stimmt, 
dass in W. statt div meist dei steht. 

b) Die 2. sg. geht auf -st aus. 

c) In bezug auf die gestalt des präter. ist zu verweisen 
auf dz, unter nr. 12 und livf unter 3. — Dazu kommt in y) 
stunt : müt 60, 23 und stüten : hüten 60, 28, worin man wol reste 
des ursprünglichen Präteritums ohne Verschleppung der präsens- 
nasalierung sehen kann. Diese formen begegnen nach Wein- 
hold, Mhd. gr. § 336 sowol in Ripuarien als in Oberdeutschland. 

d) Interessante formen sind erhalten in: a) irwerigen 
: sverigen 19,25; weregen : generegen 30,5; svergende 20,25. 

ß) nerigen : werigen 74; irmtrigen : sverigen 939. 
y) werigen : irnerigen 38, 26; herige 47,6. 52,27. 67, 17. Vgl. 
über diese formen Paul, ßeitr. VII, 108. 

27. Die Zahlwörter weisen wenig bemerkenswertes auf: 
2. fem. a) und y) zvö 24, 10. 57, 27. 5. a) 4 mal feunf\ ß) 6 mal 
finf. — W. finf y) 3 mal finf. — Diesem unterschied in a) und 
/) ist bei dem häufigen Wechsel der formen finf und fiunf wol 
wenig wert beizumessen. Die labiale färbung des vocals hat 
sich offenbar entwickelt unter dem doppelten einfiuss der voraus- 
gehenden labialen Spirans und des folgenden labialen nasals, 
indem die form ja ursprünglich fimf lautet. 

28. Sonstige einzelne Wörter: a) fiur ist vertreten in 

7* 



100 WAAG 

a) durch 3 uevr\ merkwürdige Schreibungen sind die adj. 
uovrin 9,27; uüerinen 17,24, welche vielleicht mehr auf ttuir 
deuten. In ß) fehlt das wort, während in /) wider um 8 mal 
uevr, resp. uieur, 1 mal als adj. fuerin 47, 12 vorkommt. Ueber 
die entwicklung des Wortes vgl. A 28 a. 

b) biscof ist aus nahe liegenden gründen des inhalts in 
diesem complex nicht zu belegen. 

c) lichname nur in dieser gestalt in ß) 89. 1077. 1085. 

d) diemüete hat die formen: ß) dimüt 146; demutlichen 
658; y) dimüt 59,18. 59,22; dimuteclichen 59, 20; devmütebO,8. 
53,7. 71,28. — Die entwicklung dieses wortes zur spät-mhd. 
und nhd. form demut ist bekanntlich eine crux: woher kommt 
das i? Im ahd. bestand Wechsel zwischen diu- und die-] nur 
von der ersten form ist auszugehen, da die zweite immer nur 
dt- hätte ergeben können. Besprochen ist, dass wie in der 
Kaiserchronik, so in den büchern Moses iu als tu erscheint, 
und nichts hindert, darin eine lautliche entwicklung zu sehen, 
indem eu als wirklicher diphthong aufzufassen ist. Erst durch 
die dichtung der geistlichen bekam das wort seine eigentüm- 
liche bedeutung; im Südosten Deutschlands vor allem war diese 
in blute; im Südosten herrscht die Schreibung devmüte und 
schon demüte (ß 658), so dass man versucht ist zu glauben, es 
habe dort eine assimilation des labialen vocals an den labialen 
nasal stattgefunden, und diese dialectisch entwickelte form sei 
durch die präponderanz einer epochemachenden literatur zu 
Verbreitung und ansehen, endlich zum alleinigen gebrauch ge- 
kommen. Allerdings nur eine \ermutung meinerseits, die aber 
bei dem schwierigen worte erlaubt sein wird. 

29. Varia, a) Aphärese des,;'- ist schwankend: a) amer- 
lichen 27,20; iamerote 29, 11; ß) ennen 61. 306. 1210; amer 474. 
595.691; inis 979; mir 1071; ene 1205, wozu W. stimmt; y)ene- 
halb 46, 19. 

b) Die form wilch steht in ß) 712 und y) 62,29; 63,2; 
sie entspricht dem ahd. wieRh, nebenform von welih, wobei ie 
nach nr. 4 auch hier als i erscheint. 

c) Das suffix -nusse zeigt a) geuancnusse 16,5; y) 36, 15. 

d) Die form uirnunste hat a) 3,13 und 6,21; der Wechsel 
mit der form vernumft ist vielleicht auf wechselnde accent- 



VORAUER HANDSCHRIFT. 101 

Verhältnisse zurückzuführen, uernunst ist wesentlich oberdeutsch: 
s. Weinhold, Mhd. gr. § 142. 



Durch die Zusammenstellung dieser orthographischen und 
formellen eigentümlichkeiten ist evident, dass a), ß) und 7) zu 
derselben vorläge gehören, die sich sowol gegen A, die Kaiser- 
chronik, als gegen D (G kommt wenig in betracht: s. u.) scharf 
abgrenzt Eine ganz erstaunliche conseqAenz weisen a\ ß) und 
7) auf in 1. 2. 4. 5. 14a. 15b. 18. 21. 23; a) und 7) in 6. 7. 11. 
28 a. Eine differenz zeigt nur 27 (feunf — ftnf). Eine Sonder- 
stellung nimmt ß) ein, indem es in 6. 7. 13c. 14b. 26a zum 
teil eine mischung zwischen den in a) und 7) einerseits und 
den in W. andrerseits herrschenden eigentümlichkeiten darstellt 
Nur für ß) 14 b und 15 c sind in W. keine parallelen. Es 
war also ß) aus W. oder wegen 14 b und 15 c aus einer mit 
dieser fast identischen hs. in die zweite vorläge des Vorauers 
Schreibers aufgenommen worden. 

Dass nun a) und 7) inhaltlich aus verschiedenen elemen- 
ten bestehen, war längst bekannt, indem Diemer, Einl. s. XL, 
nachdem er den titel 'Bücher Moses* für das 'ganze gedieht' 
motiviert, die einzelnen abschnitte bezeichnete als Schöpfung, 
Sünden fall, geschieh te Jacobs und Josephs, 'der geschichtliche 
teil der übrigen bticher Moses in noch mehr verkürzter form 
und mit vielen beziehungen auf das neue testament, und ins- 
besonders auf den messias und die hl. Jungfrau.' — 'Wichtig 
ist die hymne auf die letztere.' — 'Hierauf kommt die ge- 
schichte Balaams etc.' Zunächst trennte nun Müllenhoff die 
'Hymne auf Maria' los und nahm sie unter dem titel 'Marien- 
lob' als selbständiges gedieht in die denkmäler auf (II nr. 40; 
vgl. die anm.). Sodann stellte Scherer als pendant zu seiner 
theorie von den 6 Verfassern der Wiener Genesis (Quell, u. 
forsch. I) in Quell, u. forsch. II die ansieht auf, es zerfielen 
die 'Bücher Moses' in folgende einzelgedichte von verschiede- 
nen Verfassern, wovon wider einige die vorhergehenden ge- 
kannt und auf sie rücksicht genommen hätten: 1. Genesis von 
2 oder 3 Verfassern, worüber Scherer selbst nicht im klaren 
ist, = Diemer s. 3 — 31 ; 2. Joseph in Aegypten = Wiener 
Sitzungsberichte a. a. 0.; 3. Moses = Diemer 32,1 — 69,6; 



102 WAAG 

4. Marienlob = 69,6 — 72,8; 5. Balaam = 72,8 — 85,3. — 
Die gründe Scherers für diese trennung sind ziemlich all- 
gemeiner natur und nirgends bestimmt formuliert; sie redu- 
cieren sich eigentlich auf die stoffliche Verschiedenheit resp. 
Zusammensetzung, auf welche schon Diemer a. a. o. hingewiesen 
hat, und die niemand bestreiten wird. Nur zur 'Genesis' 
Scherers ist s. 45 erwähnt: * wahrscheinlich wird schon die 
metrik schärfere Unterscheidungen an die hand geben', eine 
Untersuchung ist jedoch nicht angestellt. 

Die unhaltbarkeit der Schererschen theorie in bezug auf 
die Wiener Genesis, wo die gründe etwas reichlicher fliessen, 
hat Vogt in den Beitr. II auch nach der metrischen seite un- 
zweideutig nachgewiesen. Auf grund der obigen orthographi- 
schen Zusammenstellungen glaube ich nun behaupten zu kön- 
nen, dass auch die sog. 'Bücher Moses' als einheitliches ge- 
dieht aufzufassen und als ein ganzes gewollt sind. Ich argu- 
mentiere einfach folgendermassen: die fast totale Überein- 
stimmung der Orthographie und der formen in a) und /) darf 
nicht als zufall gelten; sonst kann man alles als zufall er- 
klären und literarische forsch ung überhaupt unterlassen. Woher 
kommt also diese Übereinstimmung? Zunächst wird man 
sagen, sie sei von dem Schreiber der vorläge B hergestellt 
Warum weicht aber dann ß) von dem vorhergehenden a) und 
dem folgenden /), die gleich sind, ab? Nun, dann ist sie von 
dem sammler der einzelnen stücke des complexes B oder von 
dem letzten dichter hergestellt. Wie ist aber dann zu erklären, 
dass ß) f das dritte, resp. vierte stück, nach Scherer, der auf- 
genommene Joseph, von den vorhergehenden stücken 1 — 3 und 
von den folgenden 5 — 7, die übereinstimmen, in consequenter 
weise abweicht? Ein sammler oder der dichter des letzten 
Stücks hat unmöglich einzelne teile in der Schreibung total 
normalisiert, einen andern aber nicht. Damit kommt man 
nicht durch. Die Übereinstimmung von d) und y) kann nicht 
absichtlich hergestellt sein, sondern sie ist ursprünglich, und 
das ganze ist einheitlich coneipiert. So erklären sich die vor- 
liegenden Verhältnisse auf die einfachste art von der weit: ein 
geistlicher fand geschmack speciell am ' Joseph' der Wiener 
bearbeitung; er schrieb sich denselben ab, und es mischte sich 
unwillkürlich seine Schreibweise mit der der Wiener hs.; er 



VORAUER HANDSCHRIFT. 103 

schickte dann selbständig eine kurze genesis voraus und Hess 
nach dem Joseph diejenigen scenen aus dem IL und III. buch 
Moses folgen, die sich ihm besonders für geschichtlich-epische 
darstellung zu eignen schienen, und man wird sagen müssen, 
dass diese auswahl nicht ohne geschick vollzogen ist. — Es 
handelt sich nun speciell um das 'Marienlob', welches wenig- 
stens dem gewählten titel nach, lyrisch ist, und wenigstens 
nach Müllenhoffs auffassung aus fünf Strophen zu 24 zeilen 
besteht. Zunächst ist wol die stattliche anzahl von zeilen be- 
denklich; sodann wäre es ein leichtes, aus den gesammten 
büchern Moses bei ihrer meist paratactischen rede weise, wo 
man fast überall aufhören kann, strophische form herauszu- 
klauben, zumal wenn man sich die freiheit nimmt, in etwa je 
100 versen eine lücke von 3 zeilen und Umstellung anzu- 
nehmen, ohne dass der sinn irgend dazu zwingt, wie es Mflllen- 
hoff in der ersten ' Strophe' tut. Was nun den lyrischen inhalt 
betrifft, so sagt selbst Scherer, Quell, u. forsch. XII, 68: 'Marien- 
lob erhebt sich erst in der fünften und letzten seiner langen 
Strophen zu einigem lyrischen schwung.' Nun, einigen lyrischen 
schwung wird man doch selbst dem prosaischsten dichter bei 
diesem gegenständ zutrauen dürfen, in einer zeit wo der 
Mariencultus immer glühendere formen annahm, wo jeder, als 
ein kind seiner zeit, redete in einer spräche, die für ihn dichtet 
und denkt. Aber, was weder Müllenhoff noch Scherer sagt, 
es ist auch anlass vorbanden, über Maria zu sprechen, und es 
liegt eine sehr geschickte einleitung dazu vor. Scherer er- 
wähnt a.a.O. nicht, dass Josua — iosve 65,1 und 66,4 — 
nach dem nicht ohne teilnähme geschilderten tod Mosis immer 
in der form iesus auftritt: 67,18. 67,24. 68,4. 68,9. 68,29. Erst 
Rodiger bemerkt es Anzeiger f. dt. altertum 1, 77 und will des- 
halb, wie er das erste Scherersche stück der Wiener Genesis 
nochmals in 2 zerlegt, nun auch hier mit 67, 15 ein neues ge- 
dieht beginnen. Er sagt: 'wird derselbe dichter den namen 
seines helden in 2 formen gebrauchen?' Ich antworte darauf: 
hätte ein fortsetzer, der auf die vorhergehenden stücke rück- 
sicht nimmt, oder ein sammler die verschiedenen namensformen 
stehen lassen? Auch beim Nibelungenlied wurde ja mit recht 
darauf hingewiesen, dass es gerade in der natur eines redigie- 
renden Sammlers liegt, kleinigkeiten und äusserliche uneben- 



104 WA AG 

heiten zu ändern and zu beseitigen. Meiner ansieht nach hat 

der dichter im verlauf der erzählung mit bewusster absieht 

Josua und Jesus gleichgesetzt, indem er die taten des ersteren 

auf das erlösungswerk des letzteren symbolisch ausdeutet Ein 

directer hin weis auf diese parallele liegt in den Worten: 

67,20: 'er was ein also gut man. 

so er gote zeineme genannen wole zam. 

Auf den erlöser geht: 'Jesus der gute hirte' 68, 4. So ist Jesus 
eingeführt, von welchem der dichter mit der prophezeiung 
seiner geburt auf Maria übergeht. Nachdem er ihr lob mit 
den üblichen bildern verkündet, spinnt er den faden der rein- 
epischen erzählung im Balaam weiter. 

In der Orthographie und in den formen ist das 'Marienlob' 
total mit dem vorhergehenden 'Moses' und dem folgenden 
Balaam identisch. Wollte man trotzdem und trotz der oben 
angegebenen gründe nur die reinerzählenden teile als einheit- 
liches werk gelten lassen und das 'Marienlob' als eingefügt 
vindicieren, so ist dies eben unmöglich, weil die andre ein- 
fiigung, der Joseph, in der Orthographie nicht normalisiert ist, 
was dann auch hier der fall sein müsste. 

Wenn Scherer, Quell, u. forsch. VII, 45 zu der ansieht 
kommt, dass der zweite teil seiner 'Vorauer genesis* an der 
benutzten stelle des Joseph die lesart der Vorauer, nicht der 
Wiener hs. voraussetzt, so erklärt sich das bei dieser einheit- 
lichen auffassung des gedichts von selbst, indem eben der 
dichter seiner ihm vorliegenden und dann aufgenommenen ab- 
schritt; dos Joseph folgte. 

Auch Rödigers ansieht, dass alle teile aus Kärnten stam- 
men (Anz. f. dt altert. I, 68), kann man sich bei einheitlicher 
auffassung gefallen lassen, obwol seine gründe kaum genügen. 

Zu widersprechen ist jedoch der meinung Scherers, welcher 
unter anderm Quell, und forsch. XII, 9S gliederung nach dem 
bedürfnis der predigt annimmt: diese ist fernzuhalten, weil in 
der natur der predigt eine asketische richtung liegt, den 
'Büchern Moses' aber eine solche durchaus abgeht. — 

Bei der obigen Zusammenstellung der Schreibungen wurde 
/) stillschweigend nur bis 83, 27 beigezogen, weil mit dem rest 
S3, 28 — 85,3 blatt% der hs. beginnt, das letzte der 12. läge, 
welches wie das erste derselben, bl. 89, von dem Jüngern 



VORAUER HANDSCHRIFT. 105 

i 
Schreiber erneuert wurde. Der iphalt lägst jedoch keinen zweifei 
darüber aufkommen, dass die verse 83,28 — 85,5 zum 'Balaam', 
bezüglich nach unsrer auffassung zum ganzen gedieht der 
' Bücher Moses* gehören. Die eigentümlichkeiten der Schrei- 
bung dieser partie finden mit dem übrigen, was von diesem 
Jüngern Schreiber herrührt, besprechung unter: 

C. DIE WAHRHEIT 

(= Diemer, b. 85,4— 9,10). 

Müllenhoff bemerkte in den Denkmälern 2 s.438 ( l 390), nach- 
dem er von der in die Vorauer hs. aufgegangnen 'sammelhs.' 
der Bücher Moses gesprochen: 'Charakteristisch für die Ortho- 
graphie dieser hs., mit ausnähme etwa des letzten Stücks, der 
Wahrheit, ist etc.' Factisch ist nun ja diese Sonderstellung 
der Wahrheit richtig, causal aber nicht, und sie musste die 
falsche Vorstellung hervorrufen, der Schreiber der hs. sei sehr 
inconsequent verfahren. Es erklärt sich die Sonderstellung 
aber auf sehr einfache weise, indem eben von 83,28 — 90,10 
jener jüngere Schreiber, wir wollen ihn y nennen, das erste wie 
das letzte blatt der abgegriffenen läge nachtrug, und zwar 
nicht ohne änderungen. Müllenhoff also fasste das gedieht als 
zur sammelhs., nach unsrer bezeichnung zum complex B ge- 
hörig, auf. Scherer folgte ihm, indem er Quell, u. forsch. VII, 28 
bei einem summarischen tiberblick über die Vor. hs. sagt: 'als 
solche früheren sammelhss. sind zu erkennen: 1. die nach- 
folgenden nummern II — VIT, und VII ist bei ihm eben die 
'Wahrheit*: s. s. 51. Die behauptung beider gelehrten ist 
jedoch gänzlich unmotiviert. Die ganze 'Wahrheit' ist näm- 
lich, eben auf bl. 96, durch die hand von y gegangen. Will 
man also überhaupt ein urteil über das gedieht fällen, muss 
man zunächst constatieren, welche eigentümlichkeiten y in den 
sonst von ihm geschriebenen partien in den text hineingebracht 
hat; alles diesem entsprechende ist dann abzuziehen, d. h. 
ausser betracht zu lassen, und bleibt dann noch charakteristi- 
sches übrig, kann vielleicht danach entschieden werden, ob das 
gedieht als der vorhergehenden oder folgenden vorläge an- 
gehörig oder als für sich in einer vorläge befindlich anzusehen 
ist. Auf diesem wege ergeben sich folgende tatsachen: Von 
y rührt her: bl. 1 und 8 der ersten läge = Kaiserchronik 



106 WA AG 

1,1—9,9 und 55,5 — 62,18, und blatt 1 und 8 der 12. läge, 
= bl. 89 und 96 = Bücher Moses, Diemer 39,12 — 45,22 und 
83, 28 — 85, 3 , und dazu die ' Wahrheit ' s. 85, 3 — 90, 1 0. Ich 
stelle nun die eigentümlichkeiten der 'Wahrheit* zusammen 
nach dem gesammtschema und bemerke unter jeder einzelnen 
rubrik, worin y in der Kaiserchronik (K. Chr.) und in den 
'Büchern Moses' (B. M.) auf den genannten seiten von der dort 
sonst herrschenden Schreibung abweicht (vgl. die tabelle). Zu 
beachten ist der kleine umfang der Wahrheit, welche in der 
hs. nur 147 zeilen ausmacht, so dass einzele rubriken unaus- 
geflillt bleiben. 

1. ei. ei, ai, cei\ 

y K. Chr. ei, cei, ai; 
y B. M. ei, ai, cei. 

2. ou. o v , v, ov\ 

y B. M. o v . 

3. iu. iv, iu, ev, u\ 

y B. M. iu, iv. • 

4. ie. ie, i\ 

y B. M. ie. 

5. d. Gewöhnlich e\ einige i (8); 2 uer-, 1 vir-, 3 i; s ; 3 er-] 

y K. Chr. einige t; 

y B. M. er-, ver-, v* (abbreviatur). 

6. Umlaut von ä immer als ce, e. -trehtin 80, 10. 

y B. M. von ä: ce, e\ -eht-. 
9. Synkope: ewgen 88,17; alrslaht 88,22; 
y B. M. lebte 41,23; menske 42,7. 

10. Abschwächung der nebenvocale: part. sw. v. -ot-, — 

niemens 89, 9. 

11. Svarabhakti: durich 86,11; 87,25; 

y B. M. durich 84, 1 1. 

12. Accente. 4 circumflexe in Idt 86,18; grbz 86,27; spite 

87,11; S 88,12. 

13. Dentale, a) Im anlaut für l- 2 mal d- in dievel 86,16; 

dumben 87, 3 (vgl. nhd.). Umgekehrt d- als /- nach -^ 
in daz, tünchet 90,6. 

c) -/i/- wechselt mit -nd-. 

d) -IU bleibt. 



VORAUER H AUFSCHRIFT. 107 

14. Labiale, a) fr-: 14 b-, 1 /?-. Im auslaut überwiegt -b. 
y B. M. b- entschieden überwiegend. 
h) u = f < p: nicht. 

c) wu- erscheint als w-, 

y K. Chr. w- bevorzugt. 

y B. M. wuschen 85, 3; ivren 43, 26. 

d) stv- etc. srvederes 86, 7; sir^r 87, 3. 
y B. M. bedwnge 84, 5. 

15. Gutturale, a) k: Wechsel zwischen k~, ch-. 

b) g im auslaut -ch. 

c) qu- verschmolzen in chollen 87,24; (cjhumt 89, 27. 

16. Assimil. in ummere 86, 18. 

20. wellen, weit 87, 12; wolt ir 86, 19. 

21. mugen. muget 86, 12. 87, 7; mw^e /wr 88, 11. 
23. wurken. y B. M. warehten 43, 15. 

26. Flexion, b) Die erste plur. zeigt apokope: hab wir; svl 

wir] ker wir; dench wir; wolt wir; y B. M. sul wir 43, 19; 
var wir 43,22. 

27. Zahlwörter. /Vtw/86,4. 

y K. Chr. suben 3, 10. 3, 12. 4, 11. 
y B. M. /Mn/41,8; finf\% 1. 

28. Sonstige einzelne Wörter: a), b), c), d) fehlen. 

29. Varia. Zu erwähnen ist: a) ine 85, 25, anlehnungsproduct 

aus ich ne. 
b)Die Schreibungen immer 85,23. 88,11. 88,23; nimmer 
86,10. 88,9. 

c) Einmal ei < altem i: liebe (1. libe) : leiden 90,4, wozu 
kommt: 

y K. Chr. weistü?n 1,8; bei 2,21; leibe 4, 34; eilte b, 21); 

reiche 56, 10. 
y B. M. trcehtein 41, 22. 

d) ov < altem ö in ovz 87, 20. 

y K. Chr. (ausser dem dort immer üblichen o v f und bo D we?i 
vgl. A 29 g und schluss von L) o°z 5,22. 7, 19; ho v s 
6,3; ö°zzer 7,31. 

y B. M. o v f 44, 24. 

e) c = z in churcen citen 87, 7. 

y B. M. hochcite 42, 11; cimberunge 84, 11. 



i 



108 WAAG 

f) Bei y sei hier erwähnt fransmfite 84, 8 gegen franspüte 
Joseph 122, als chronologisch interessant: es hätte sich 
demnach die umdeutung dieses Wortes von der mitte 
bis zum ende des 12. jh. vollzogen (vgl. Lexer, Mhd. wb.: 
'framspuot verderbt in fransmuot 1 ). 

So schmilzt dasjenige, was in der Schreibung der 'Wahr- 
heit' eigentümlich sein konnte, nicht musste, bevor sie durch 
die hände von y gieng, auf weniges zusammen. Es sind etwa 
die nummern 12. 13a. 13e. 14a. 15b. 20. 26. b. 29 a.b. Nur 
mit diesen darf gerechnet werden, und es fragt sich nun, ob 
man durch sie berechtigt ist, die l Wahrheit* für die vorher- 
gehende (B) oder für die folgende vorläge (D) in ansprueh zu 
nehmen. Um auf einzelnes einzugehen, kann 12 nichts ent- 
scheiden, weil in B wie in D (s. u.) circumflexe vorkommen. 
In 13 c stimmt y mit dem sonst in der Kaiserchronik und den 
'Büchern Moses' herrschenden brauch überein; es ist also sehr 
möglich, dass der Wechsel nt — nd ihm adäquat war, und 
nichts daraus für C zu schliessen. Was 15b und 15c, -g > -cA 
und Verschmelzung von qu- betrifft, liegt dasselbe in B und D 
vor. Die form wolt in 20 bietet weder in B noch in D an- 
knüpfung. 

Die synkopierten formen hab wir, var wir etc. 26,6, sind 
deshalb nicht schwerwiegend, weil sie unter 9, synkope, ge- 
stellt werden können, zu der ja y hinneigt. Dagegen kann 
13 a, ein anlaut. /- als d-; 14 a, das überwiegen von auslaut 
-b] 29 b, die Schreibung immer, nimmer als hinweis auf D 
(s. dort) gefasst werden. Ich glaube jedoch nicht, dass diese 
momente genügen, die ' Wahrheit ' der vorläge D zuzusprechen, 
obwol sie auch inhaltlich derselben nahe steht. Das jedoch 
ist sicher, dass absolut kein grund vorliegt, das gedieht mit 
Scherer und Mtillenhoff der vorläge B zuzuschreiben: sie wur- 
den dazu nur geführt, indem sie den jüngeren Schreiber y 
nicht beachteten, durch den eine äusserliche anknüpfung vor- 
liegt, indem der schlussteil von B eben auch durch die band 
von y gegangen ist. 

So ist man gezwungen, die * Wahrheit* allein zu stellen, 
indem auch 20, nolt ir, und 29a, ine < ich ne für eine Sonder- 
stellung zu sprechen scheinen. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 109 

Nun sieht es vielleicht befremdend aus, für ein so kleines 
gedieht eine besondre vorläge anzunehmen, aber es ist noch 
gar nicht ausgemacht, ob dies gedieht überhaupt ursprünglich 
so klein war. Es schliesst mit dem letzten blatt der 12. läge, 
auf dessen rückseite nur 42 zeilen entgegen den sonstigen 46 
stehen; das ist auffallend, macht aber nicht notwendig, dass 
dies auch auf dem ursprünglichen blatt der hs. so war, da 
die von dem Jüngern Schreiber y erneuerten blätter widerholt 
lücken zeigen (Diemer, Einl. V), was sich aus unleserlichkeit 
der ursprünglichen blätter in folge der abnützung erklärt; am 
meisten konnte davon natürlicherweise der untere rand des 
deckblatts der läge, der als handgriff diente, betroffen werden. 
Nun beginnt aber mit der folgenden läge ein neues gedieht, 
und es ist möglich, den ausfall einer oder mehrerer lagen an- 
zunehmen, weil dieselben entgegen dem latein. teil der hs. 
nicht nummeriert sind (Diemer, Einl. III), und der inhalt es 
nicht ausschliesst. Nach Scherer zwar ist die 'Wahrheit' ab- 
geschlossen; mir jedoch scheint Diemer entschieden richtig ge- 
fühlt zu haben, wenn er sagt (Einl. s. XL): 'Nach dem viel- 
versprechenden eingang: Nv wil ich bitten dengot. der von den 
iuden wart gemarterot . daz mir uerlihe den sin . daz ich müzze 
chundin. den armen und den riehen, di chunft fr aisliche, den 
iungen ioch den alten, was uns ist behalten, wa wir sulen 
enden . . . sollte man eine ausführliche Schilderung des jüngsten 
gerichtes erwarten, die hier jedoch nicht folgt 1 . Der dichter 
weist nach diesen Worten auf die allgemeine verderbtheit hin 
(s. Scherers paraphrase). Dann folgt Diemer s. 90,7: 'des rotes 
wil ich abegan. vil michel iamer mvz mich hon. daz also ma- 
neger mvter barn . in die helle sol varn .' Der rät, die rede ins 
gewissen, ist fertig, und nun hätten eben die ausmalung der 
hölle, die annoncierte chunft fraisliche folgen sollen. Zwingend 
ist diese beweisführung nicht, wie jedwede ästhetischer natur, 
aber den ausfall einer läge anzunehmen, hindern die Verhält- 
nisse der hs. keinesfalls. 

D. SUMMA THE0L06IAE. SALOMO. NABUCHODONOSOR 

(= Diemer, Dt. ged. b. 93—123 = MSD. XXXIV— XXXVII). 

Warum ich diese beuennung der vorläge D wählte, und 
dass ich sie wählen niusste nach meiner Überzeugung, wird 



L 



1 IQ WA AG 

sich später zeigen. Bei der zunächst folgenden Zusammen- 
stellung der Schreibungen und formen ist unter a) 'Summa 
theol.', unter ß) 'Salomo', unter y) 'Nabuchodonosor' zu ver- 
stehen. Nach den Denkmälern zerfällt das letzte stück, wel- 
chem Diemer den gesammtnamen 'Aeltre Judith * gab, in 'Drei 
Jünglinge im feuerofen* und 'Judith', welche nötigenfalls als y { 
und 72 bezeichnet werden. 

1. ei. a) 49 ei, 3 e, 1 a. — 6 ei = e. — Von diesen 3 e 
erscheinen 2 in nebentonigen silben: urtheli 102,16; urthd 
102,20, nur eines in hochton. silbe: bisuech 96; 15, im reim: 
giweich. Warum in MSD, Summa theol., str. 11, bisuech stehen 
bleibt, ist bei der sonstigen uniformierung nicht zu begreifen: 
in beiden fällen handelt es sich um ei vor ch < urgerm. k, wo 
nach der allgemeinen regel im gegensatz zu ei + h < urg. h, 
das ei im hd. erhalten bleibt — Die fälle ei = e sind: ebigüi 
94,7. 95,25; etogil 94,11. 94,20. 96,25; meinnischeit 97,9. 

ß) 29 ei, 3 e. — 2 ei = e. e bietet enim 109, 13; gi- 
stenis 111,2; nihenis 112,1. — ei = e in meiri 112,26; em- 
gili 113,8. 

y) 18 ei, 3 e. — 3 ei = e\ und zwar: 
7i) 7 ei, 2 e. — 1 ei = e. 
y 2 ) 1 1 ei, 1 e. — 2 ei = e. 
Im einzelnen zeigt e: eni 117, 13; eddin 118, 13; hezzit 120,11; 
ei = e: deim 118, 18; ehigil 122, 28; geinc (imperat) 123, 4. — 
Hit dem obigen zusammengestellt, ergibt sich, dass ei für e 
überwiegend vor nasal + cons. erscheint.' Ueber den nachklang 
von e und i nach verschiedenen vocalen, was besonders rhein- 
fränkisch ist, vgl. Weinhold, Mhd. gr. §105 ff.; Paul, Mhd. 
gr. § 101« 

2. ou. In «), ß\ y) immer ou (nie ov), mit ausnähme 
von iro v yin 94, 2. Ebenso durchgehend ist die gruppe ~owi. 
Also bis auf diese einzelheiten erstreckt sich die consequenx. 

3. tu ist vertreten durch: «) 27 uv, 12 u, 3 tu, 3 ev, 1 » 
{luiti 102, 14). 

ß) 22 uv, 9 m, 3 ui, 1 iu, 1 eu (leuth 107, 17); 1 ui = uo in 
siiuir (hs. suuir) 109, 23. 

y x ) 13 uv, Im, 1 ui (luithin 117, 19> In 3 fällen lässt 
Diemer in der schwebe, ob ui oder iu zu lesen ist (117,16. 
118,19. 118,25). 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 1 1 1 

/,) 19 tw, 10 u, 1 tu, 1 ui *- ü (thuisint 120,9). — Vgl. 
Wefnhold, Mhd. gr. § 120: 'Für oberdt. iu hat das mitteldt. im 
12. 13. ff. jh. die Vereinfachung ü durchgeführt.' 

4. ie erscheint nur als i in a), ß), /); ausgenommen ist 
natürlich 'Jerusalem', hiertm 108,22. 112,15, worin man einen 
beweis sehen mag, dass auch damals kein diphthong, sondern 
.^-gesprochen wurde. — Unetymologisch steht ie in uffriecht 
96, 6 = aufrecht, wobei vielleicht der Schreiber üfrihtic und 
üfreht momentan vermischt hat 

5. 9 verschwindet fast ganz gegen das herrschende i. Bei- 
spiele für d sind in a) vater 93, 1; minne 96, 15; armen 101, 12; 
ß) unde 107,2; /) irchomen 120,17. Der artikel hat gewöhn- 
lieh *; i nur in a) dim 93,13; din 103,7; ß) dim 111,18; 
i)dm\ dir 122, 17. — Die partikel dar, der, welche explicativ 
nun relativpronomen tritt, lautet immer dir; z. b. der dir 94,29. 
— Ueber min = men, abgeschwächte form von man s. unter 10. 

6) Im umlaut von d besteht Wechsel zwischen a und e: 
a) 3 e\ ß) 3 e, 2 a; /,) 4«, 1 a; / 2 ) 2 e, 2 a. — Allein zu be- 
legen ist -alt- in umlautsfähiger Stellung; in a) 3 -acht-, 1 -ic/i/- 
(almechtig 95,1); in ß) ein -acAf- in slachti 108,15. 

7. Contraction mit production eines diphthongen ist 
eicht eingetreten. Der form mancraft 93, 4 < magencraft ver- 
gleicht sich im 'Joseph* B 7 gesan < gesagen. — Ueber heit 
= M/ 108, 19, das überhaupt nicht hierherzustellen ist, s. 
unten. 

8. Die gruppe -or- ist erhalten. 

9. Synkope ist gewöhnlich nicht eingetreten, vgl. a) bi- 
Ob' 94, 13; ß) dinisti 112,21; y { ) menigi 119, 5; y 2 ) 121, 18. — 
Allein stehen a) sin < sinin 93, 16; y x ) sirno < sinimo 119,18; 
h) ein < eimn 122, 28. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Gewöhnlich 
ist im swv. -oti, -ot. Die endung des dt. sg. m. n. der pronom. 
o. 8t adj. flex. ist -mo. Auf gleicher stufe steht herro, durch 
welches nämlich in D das wort trehtin vertreten wird. Auf 
diese verschiedenen formein als trennungskriterien weisen hin 
MSD* 381. 

11. Svarabhakti ist selten; zu nennen ist: geriwi 102,24; 
heliwin (spreu) 102, 25; zesiwm 103, 2; tverihi 117, 2 (MSD 
XXXVI, 1, 2 ändert in werldt). 



112 WAAG 

12! Accente. Circumflexe fehlen mit ausnähme von 
a) e 97, 4 und ß) tvith 108, 5. 

13. In der Scheidung der dentalen herrscht keine voll- 
ständige consequenz, jedoch ist für a), ß), 7) deutlich als ur- 
sprünglicher zustand zu erkennen: 

a) Urgerm. d: im anlaut = d-, inlaut — -*-, auslaut —■ -f. 
Dieser lautstand -liegt bekanntlich bei Otfrid vor und führt zur 
abtrennung des südfränk. dialects (vgl. Braune, Beitr. I). Im 
Widerspruch scheinen die formen mid und midi zu stehen, welche 
fast allein vorkommen. Jedoch ist für dieses wort gramma- 
tischer Wechsel anzunehmen-, ebenso steht es mit adim 93,16 
(vgl. Kluge, Etym. wb. unter 'mit* und 'atem'). Nach der 
obigen Übereinstimmung mit Otfrids Schreibung könnte man er- 
warten, dass auch th- als Vertreter von urgerm. />- fungiere: 
es ist jedoch immer durch d- vertreten, und th erscheint wol 
23 mal, aber immer = urgerm. d, so dass es gleichsteht mit 
dem hier in- und auslautend sonst eingetretnen /; denn es er- 
scheint nie im anlaut, ausser in thusint 111,21 und thuishU 
120,9, welches wort überhaupt in seiner entwicklung von got. 
pusundi zu mhd. tüsent Schwierigkeiten bietet. — Geminiertes 
-dd- ist erhalten in eddilichin 107,4; eddin (heitzen) : leiddin 
118,13; meddewaz (wofür Diemer und Scherer lesen: in edde- 
tvaz) 123,7. 

b) dw- bietet nur giduanc 99,23. 

c) Die gruppe ~nt- ist nicht erweicht, ausser in undin 
und under, 3 mal in a), 1 mal in 7), und 3 mal sundin in a). 
Die partikel und entzieht sich meist in der abbreviatur un der 
feststellung. 

d) Die Verbindung -It- ist nicht erweicht. Einmal liegt 
woldi 96, 23 vor, welches aber ja anders aufgefasst wer- 
den kann. 

14. Labiale, a) Im anlaut herrscht durchaus b-, wo- 
neben nur 1 poumi 95, 22 tritt. Ebenso durchgängig ist -b im 
silben-, wie im wortauslaut in a, ß, 7. 

b) f < urgerm. /; ist häufig durch ff, hie und da durch 
ph, nie durch v oder u vertreten. — Anlautendes p- ist unver- 
schoben in plagin 110,24 und plichti 113,21. 

c) Die gruppe wu- ist immer durch w- widergegeben. 

d) Die Verbindung sw-, zw-, dw- durch m~, zu-, du-. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 113 

15. Gutturale, a) k und ch wechselt im gesammt Ver- 
hältnis von 3:1. Im besondern ist zu erwähnen: gismag 96, 3; 
qnechti 112,5; gnechtin (g fttr q?) 120,15. 

b) g schwankt im auslau t zwischen -g, -c, -ch, und zwar: 
ä) 14 g, 3 c, 2 ch) ß) 2 g, 4 c, 2 cä; /,) 2^,5c; y 2 ) 2 ^, 6 c, 
2 cä. Nur a) bietet so eine merkliche differenz. 

c) Die Verbindung qu- ist immer verschmolzen (13 fälle; 
praeter, chorri). 

16. Als assimilation kann gelten: uorchlichi 94,26; 
sellin 100,8 (vgl. MSD 2 410; dialectisch heute seller), vielleicht 
jedoch nur verschrieben, weil selbo 94,29 und selbes 98,20 etc. 
daneben steht Weiter ist zu nennen gammi < gab imi 95, 29 
und ammichtis, welche assim. im md. sich früher vollzogen hat: 
s. Weinhold, Mhd. gr. § 150. 170; Paul, Mhd. gr. § 105*. 

17. Metathesis ist nicht zu belegen. 

18. Grammat. Wechsel ist erhalten in zi heuini 103,13; 
larin 117,5 (aber güesin 117,8). 

19. Vom verbum sin sind zu erwähnen drei formen 
wir birin. 

20. Von wellen die 2. sg. wildu; prät wolti, 1 rvoldi 
s. 13 d. 

21. Von mugen kommt vor: a) mugin und mochti; ß) mochti; 
Yi) megin 121,6. 

22. wiz,2,en bietet nur rvissi in ß) 112,13. 

23. Von wurchen lautet das prät. und pari tvorchti und 
gitvorchU 

24. Von haben das prät. habiti; einmal hetti 122, 16. 

25. Von st an und gän kommen ausserhalb des reimes 
vor: a) 2 e-formen; ß) 2 4-formen; y x ) 1 £form. Als imperativ 
fungiert genc, bezüglich geinc und staut 123,2. 

26. Flexion, b) Die 2. sg. lautet auf -s aus: a) rvoltis 
103, 15; ß) habis 107,1; y a ) irlosis 123,14. Anlehnung des 
pron. zeigt nur hast 108,2 und hos tu 103,16. — Im infinitiv 
tritt in a) mehrfach apokope des -n ein, desgleichen in ß). 

d) suerigin : werigin 101, 13 kommt nur in a) vor. 

27. Zahlwörter. Das femin. von 2 lautet zxw 100,18; 
das neutr. von 3 immer druv, entsprechend der allgemeinen 
widergabe von iu (s. 3). Allein steht uxmf 95, 9; zuelf 111,20. 

Beitrag« »ur g«sohlohte der deutschen ipraoh«. XL 8 



1 14 WAAG 

28. Sonstige einzelne Wörter, a) ftur ist vertreten 
durch a) uvirin 94,7; uuri 95,8.29; ß) fehlt; /,) fuvr 118, 15; 
fuir 118,16. 119,3; uuri 118,18; y^.uur 120,2. 

b) biscof liegt vor in dieser form 121,5; 

c) lichname als lichami 102,3.7; 

d) diemüete fehlt 

29. Varia, a) Zunächst ist auffällig, dass in a), ß), y) 
sehr häufig ein zusammengehöriges wort getrennt geschrieben 
wird, was sich nur % eben in D vorfindet, und neben vielem 
andrem für den peinlich genauen anschluss des Schreibers an 
seine jeweilige vorläge zeugnis ablegt 

b) Auf die Schreibung un für unde ist bei 13 c hin- 
gewiesen. 

c) Durchgängig ist die Verbindung ht durch cht wider- 
gegeben, was ebenfalls für D charakteristisch ist 

d) Widerholt liegt apokope von -t vor: 

a) nich 100,27. Fälschlich wurden früher so aufgefasst 
die alten doppelformen wie a) herschaf§b,\\\ 

ß) ginozschaf : herschaf 112,9. Die erscheinung entspricht 
dem fränk. dialect: vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 183. MSD, 
Einl. XXI. 

e) Merkwürdige formen sind emid 95, 20 und imidalli 
100, 10. 

f ) Ueber ~th- und -th = t s. 1 3 a. 

Eine trennung des complexes D unter sich nach den hier 
zusammengestellten Schreibungen und formen vorzunehmen, 
scheint mir nicht möglich; in betracht kämen zu diesem zweck 
etwa die numraern 6 (umlaut), 15 b {g), 25 (stäri), jedoch sind 
dieselben, zumal der unterschied nur im verschiedenen Verhältnis 
von nebeneinander vorkommenden erscheinungen besteht, gegen- 
über der sonstigen fest gänzlichen Übereinstimmung von ver- 
schwindender bedeutung. Scherer in den Denkmälern 2 414 
meint: 'Alle 4 gedichte weist ihre Orthographie nach dem mitt- 
leren Deutschland; doch deutet eine anzahl von mundartlichen 
abweichungen auf verschiedene noch nicht näher zu bestimmende 
gegenden.' Seine argumente sind: 

1. 'Drei Jünglinge zeigen mit Judith keine apokope des 
-i.' Dagegen ist zu bemerken, dass sie in den andern teilen 



VORAUER HANDSCHRIFT. 1 1 5 

nicht gewöhnlich ist, und dass in den 'Drei Jünglingen' s. 119, 12 
'dem ouini 7 steht. 

2. 'Summa theol. zeigt kein ui für Ä': das ist allerdings 
richtig, aber auch in den andern teilen eine grosse Seltenheit: im 
'Salomo' snuir (hs. suuir) = snuor 109,23; luithin 117,19 in 
den 'Drei Jünglingen' wird besser zu Hüten als zu lüten ge- 
zogen; in der 'Judith' kommt nur in betracht thuisint 120,9: 
also sehr wenig fälle. 

3. 'Salomo allein hat ai für d, hext für habit, karte für 
körte. 1 — ai für ä beschränkt sich auf urambairi (herrlichkeit) 
112,14, ein seltnes wort, bei dem Verwechslung sehr leicht 
möglich war. Die Wörterbücher geben sonst keine belege aus 
mhd, zeit (Otfrid frambäri). — Die form heit = hat 108, 19 
scheint mir bedenklich. Die stelle lautet 108, 17 ff.: 1. Ein 
herro hiz heronimus. 2. sin scripft zelit uns sus. 3. der heit 
ein michil nmdir. 4. uzzir einim buchi uundin. 5. uzzir archely. 
6. daz habint noch di crichi. 7. rvi in hier Pm giscach . . . 
Der syntaktische Zusammenhang ist nun doch offenbar: 1. er- 
zählung, 2. parenthese in präsens, 3. und 4. erzählung, 5. appo- 
sition zu buch, 6. parenthese in präsens, 7. erzählende aus- 
führung von wunder. Es erscheint demnach eher hete uundin 
zu erwarten; um das anzunehmen, brauchte man heit für het 
nur unter die rubrik ei = e zu setzen (1); noch einfacher aber 
ist, heit als verschrieben aus heti oder aus hett zu betrachten, 
mit der so leichten Verwechslung von t und i, womit sich 
dann hetti 122, 16 vergleicht. — Mit der form karte endlich 
lässt sich gar nicht operieren; denn sie steht wol in den Denk- 
mälern XXXV, str. 3. 2, ist aber von Müllenhoff construiert, 
und in der hs. steht keriti 107, 16, was mit kerit er 94, 15 in 
'Summa theol/ und bicherin 118,9 in den 'Drei Jünglinge' voll- 
ständig stimmt. Auf die grundlosigkeit der änderung hat 
schon Bartsch, German. IX, s. 62 aufmerksam gemacht. 

4. 'Judith allein (hat) d- für ar-\ Dies d erscheint nur 
in auelli 123,8, an einer überhaupt sehr dunklen stelle; ar- 
dagegen in keinem teil, sondern nur ir-. 

5. 'Summa theol. allein (hat) synkope und apokope des 
-t: vorchlichi, nich-, ä für ai, ei, schwanken zwischen i und e, 
11 für Ib. 1 lieber vorchlichi ist zu vgl. 16; apokope des -t 
liegt auch in andern stücken vor, s. 29 d; a für ei zeigt nur 

8* 



116 WAAG 

gimanidi = gimeinidi 95, 21 (gegenüberstehend 49 ei: s. 1); als 
beispiele für schwanken zwischen i und e sind angegeben 
gibrist 95,2: es reimt zu ist und ist als Wechsel zwischen e 
und i aufzufassen, der, ursprünglich mit der flexion zusammen- 
hängend, verschieden ausgeglichen ist: s. Paul, Mhd. gr. 2 § 42. 
Dazu uff riecht 96,6, welches doch nur als verschrieben an- 
gesehen werden kann: vgl. 4. Jedenfalls sind die beiden fälle 
heterogen. Ueber // = Ib s. 16. — So liegen demnach hier 
ganz sporadische fälle vor, welche ebensowenig zu einer 
trennung berechtigen als eine nähere localisierung möglich 
machen. 

Für die innere trennung von D bleiben so nur inhaltliche 
kriterien übrig. Diesen und der handschriftlichen Überlieferung, 
d. h. den initialen und dem beginn mit neuer zeile folgend, 
hatte Diemer in 'Schöpfung', 'Salomo' und 'Judith 1 geteilt 
Der 'Schöpfung' wurde in MSD der richtigere name 'Summa 
theol.' gegeben. Während hier das gedieht in 31 Strophen 
von 10 zeilen auftritt, construiert Conrad Hofmann deren 32 
unter vielfach anderer auffassung: Sitzungsber. d. Münch. akad. 
1870, bd. II, s. 186—196. 

Im 'Salomo 1 ist nach Müllenhoff die episode von dem 
drachen interpoliert; sowol Bartsch, German. IX, 63 als Conrad 
Hofmann s. 556 halten diese ansieht nicht für unmöglich, jedoch 
beide gelehrte bezeichnen es als einen Widerspruch, das ein- 
schiebsei dann wider in Strophen zu gliedern, indem die Ver- 
fasser von Zusätzen sich um solche regeln bekanntlich nicht 
kümmerten. Unter der annähme, die stelle sei vom dichter 
selbst, stellt Com*. Hofmann mit sehr wenigen änderungen 
25 Strophen von 10 zeilen her. Ueber die quelle der episode 
hat Scherer, Zs. f. dt. a. XXII gehandelt. In der Schreibung 
bietet sie gar keine differenz, so dass sie, wenn überhaupt 
früher selbständig, jedenfalls in der vorläge der Vorauer hs. 
schon gänzlich verschmolzen war. 

Als Diemer das dritte stück 'Judith' nannte, hatte er wol 
bemerkt, dass darin 'die geschichte der drei mannet* im feurigen 
ofen' behandelt ist, und wies in der £inl. s. 42 daraufhin. 
Scherer hat sodann in den Denmälem die stofflich verschiede- 
nen teile auch äusserlich getrennt und als selbständige gedichte 
hingestellt ohne nähere angäbe der gründe; nur in der 2. aufläge 



VORAUER HANDSCHRIFT. 1 1 7 

s. 447 findet sich die bemerkung, die im grundriss von 
Koberstein-Bartsch ausgesprochne ansieht, dass beide gedichte 
('Drei Jünglinge* und 'Judith') von einem Verfasser herrühren, 
sei unbegründet. 

Sehen wir näher zu. Wer die einheit der beiden gedichte 
annimmt, hat zunächst die handschriftliche Überlieferung für 
sich. Aber auch inhaltlich lassen sie sich vereinen, worüber 
sich Conr. Hofmann in den Sitzungsber. d. phil.-hist. classe der 
Münch. akad. 1871, s.557 f. folgendermassen ausgesprochen hat: 
'Vor allem ist hier die frage zu stellen, mit welchem rechte 
die herausgeber (der Denkmäler), das stück, welchem in der 
editio prineeps der titel "ältre Judith" gegeben war, in 2 teile 
zerlegt haben. Wenn man von dem titel, den Diemer geschöpft 
hat, ausgeht, so ist eine solche trennung allerdings gerecht- 
fertigt; aber der titel steht ja nicht in der hs., und die beiden 
teile lassen sich sehr gut unter dem einen gesichtspunkt ver- 
einigen, dass sie zu einer geschieh te des Nabuchodonosor ge- 
horten, welche den könig (eben dieses namens) des buches 
Daniel mit dem des buehes Judith identificierte und aus den er- 
Zählungen beider ein ganzes machte, welches wider den gegen- 
satz zur dichtung von Salomon bildete, als bild und gegenbild 
des berühmtesten und des berüchtigtsten königs des alten 
Testaments.' 

Das ge8ammtthema wäre dann: Nabuchodonosor wird von 
gott zu schänden gemacht, und als grundidee hätten die verse 
Diemer, 118, 19 — 26: wir gi loubin ani den crist. der gi schuf 
alliz daz dir ist. der dir hiz werdin. den himil ioch di erdin. 
sin ist al der ert rinc. Kunic nabochodonosor dinw ab got sint 
ungehuiri ein drugi dinc. zu gelten, die sich in der Judith 
120,27 — 121,3 wörtlich widerholen, nur dass hier ungihuiri 
fehlt. Um den 'Nabuchodonosor' aus der Judith, wo er un- 
bequem, herauszubekommen, hilft sich Scherer mit der künst- 
lichen aufstellung: in den 'Drei jüngl.' seien die worte: Kunic 
nabochodonosor interpoliert (MSDM26), und die ganze stelle 
sei mit dieser interpolation 'in verhältnismässig später zeit' in 
die 'Judith* interpoliert worden (s. 428). Aber Nabuch. ist 
ganz an seinem platz der bibel entsprechend, und auch in der 
'jungem Judith' (s.u.) wird s. 128,3 diese als besiegerin von 
Nabuchonosors heer gefeiert. 



118 WA AG 

Weiter weist C. Hofmann auf den angewöhnlichen, wider 
allen gebrauch der geistlichen dichtung gehenden anfang der 
abgetrennten 'Judith' hin und auf die ungebührliche änderung 
Ein kunic hiz Holoferni aus dem handschriftlichen: ein herzogt 
hiz holoferni. Steht doch Vulgata, cap. 11,4: '. .. vocavit Na- 
buchodonosor rex Holofernem principem militiae suae', welchem 
eben herzogi ganz genau entspricht Aber 'herzog' konnte 
Scherer nicht brauchen, weil bei Sonderstellung unerklärt blieb, 
von wem. Wenig vertrauenerweckend ist auch die bemerkung 
zu XXXVI, str. 2, 1, s. 425: ein kunic hiz Nab.: mit dieser 
formel werden nicht selten ganze gedichte, wie 'Judith', 'So- 
lomo und der drache' oder auch einzelne abschnitte eingeleitet, 
wobei sehr merkwürdig ist, dass die beiden belege für den be- 
ginn selbständiger dichtungen eben nur nach der ansieht der 
herausgeber ein neues gedieht beginnen. Für Verwendung der 
formel mitten in begonnenem Zusammenhang bei einführung 
einer neuen persönlichkeit bietet allein die Kaiserchronik zahl- 
reiche beispiele. 

Seite 427 MSD* wird behauptet, der dichter der 'Drei 
jüngl.' habe sich auf einer höhern bildungsstufe befunden als 
der dichter der 'Judith', 'der nicht einmal die biblischen namen 
unentstellt widerzugeben wusste'. Dagegen ist zu bemerken, 
dass 1. auch in den 'Drei jüngl.' unter 4 eigennamen eine 
entstellung vorliegt in misahel 118,7 für den Alisach der Bibel 
(Daniel 3, 12) und dass 2. in der 'Judith' auf 13 eigennamen 
nur eine vollständige entstellung, der bischof bebilin und dazu 
3 mal oloferni neben 2 holoferni kommt, welches letztere bei 
dem bekannten schwanken in der widergabe von //- in frem- 
den Wörtern, wie auch in echt deutschen, nicht schwer wiegt 
Selbst das mitgerechnet, liegt das Verhältnis 13:4 vor, welches 
sich mit dem andern 4 : 1 fast deckt, so dass nach diesem ge- 
sichtsp unkte keine trennung vorgenommen werden darf. 

Wenn weiterhin in Quell, u. forsch. XII, 41 'Judith' im 
gegensatz zu den ' Drei jüngl.' zum lustigen schwank gestempelt 
werden soll, ist das sehr gesucht: das Zechgelage ist in der 
Bibel vorgebildet, und auch in unserm gedieht ist der höhere 
zweck Judiths deutlich hervorgehoben. In den versen 122, 15 f.: 
'rfer zenü saz uffin der banc. der hetti diu rvin an der hant ' 
will Scherer MSD 2 430 einen hinweis auf den spielmann, eine 



VORAUER HANDSCHRIFT. 119 

fabrikmarke der spielmannspoesie sehen. Er verweist dabei 
auf Parz. 33,16: 'zende an sines tisches ort säzen sine spilman.' 
An der ersteren stelle steht aber nur, dass der, welcher den 
wein ausschenkte, den Judith dann kredenzte, am ende sass; 
an der zweiten nur, dass die spielleute am ende sassen : beides 
sehr begreiflich, denn man wird keinem von beiden den ehren- 
platz eingeräumt haben, und ein weiterer schluss ist bei 
mangelnder beziehung durchaus unerlaubt. Natürlich ist Quell, 
und forsch. XII, 41 der erschlossene l spielmann' nicht ver- 
gessen. 

Demnach ist die trennung in den Denkmälern unmotiviert, 
und die ansieht des grundrisses von Eoberstein-Bartsch hat 
wol ihre gründe. Zur einheit stimmt das überwiegen acht- 
zeiliger Strophen in beiden stücken, und als gesammttitel em- 
pfiehlt sich am einfachsten 'Nabuchodonosor', wie Conr. Hof- 
mann a. a. o. s. 558 und 561 vorschlägt. 

Der dialect der vorläge D ist nach den nummern 1 (nach- 
klang von i); 3 (uv, u = im); 5 (i = d)\ 13 a (d- = *-; -dd-)) 
14 b (/>/-); 14a (-&); 16 (mb > mm)) 29 d (apokope von -t) ent- 
schieden mitteldeutsch und zwar nach 13 a speciell rhein- 
fränkisch. 

E. DIE SOGENANNTE JÜNGERE JUDITH 

(= Diemer, Dt. ged. s. 127—180). 

Im anschluss an Quell, u. forsch. VII, 56 — 59 hat über dies 
gedieht gehandelt Pirig, Untersuch, üb. d. sog. jüngere Judith. 
Diss. Bonn. 1881. Er bespricht I. die vorläge des gedichts 
und zeigt, dass die auffallenden abweichungen von der vulgata 
sich auf die benutzung von Itala-texten zurückführen lassen; 
II. das Verhältnis des gedichts zur vorläge; III. textkritisches; 
IV. vers- und reimkunst, wo er die reime verzeichnet 'auf 
grund des mhd. vocalisnius', ohne sich auf den dialect näher 
einzulassen. — Es folgt wider nach dem grundschema die Zu- 
sammenstellung von Schreibungen und formen, welche E sowol 
gegen D als gegen F scharf abgrenzen. 

1. ei ist vertreten durch 102 ei, 25 ai, 7 cei, 7 e. Unter 
den letzteren ist 4 mal bediv, welches auch in der Kaiserchronik 
überwiegt, und für sich zu stellen ist: vgl. Weinhold, Mhd. 
gr. § 63. 



120 WAAG 

2. ou teilt sich in 59 o 9 , 4 ov, 2 ö; der letzteren Ver- 
mischung entsprechend stehen umgekehrt 29 o 9 und 4 ov fttr 
wo; wozu widerum die Eaiserchronik entsprechendes bietet 

3. tu ist widergegeben durch 214 iv, 9 ev, 8 u. 

4. i« durch 161 ie, 9 i; dazu kommt ein falsches ie = t 
in niedene 144, 18. 

5. 9 erscheint immer als <?; dagegen überwiegt iz über ez. 

6. Bei umlautsfähigem ä wechseln 48 ce, \%e, 18 a 
und 2 ai. Ohne umlaut bleibt die gruppe -aht-, vorhanden ist 
er in -elt-, 

7. Gontraction ist nicht consequent: gegen 9 ei und 
7 cd stehen 9 age\ darunter unverdait 165, 7 und uerzeiten 177,1, 
welche nach Paul, Mhd. gr. 2 § 179 erst secundär eingetreten 
sind. Weiter ist zu nennen lil, git und reite < redete. 

8. Die gruppe -or- ist zu -ar- gewandelt in: wart 
157, 11. 164,28. 171, 28. 177, 6 und in rvarden (geworden) 170,7. 

9. Synkope tritt in viel höherem grad als in D ein: 
z. b. helde 133,8; emzichlichen 142,23; chemnaten 170,12; HM 
(hinaht) 172,4; dienste 180,6; als specielle fälle sind zu nennen 
die präter. bette 151, 17 etc.; late < ladote 143, 17; hatte < bar 
dote 161,6, wobei zu beachten ist, dass der stamm hier immer 
auf dental endigt (vgl. Kaiserchronik u. Bücher Moses nr. 9). 
Sodann synkope in der vorsatzpartikel ge- : gwalt 146, 15; gwant 
161,5; g wonhexte 171,9; gtvis 172,6, neben dem geläufigen 
gnade 172, 15. 

10. Abschwächung der nebenvocale zeigt sich v. a. 
darin, dass -ote sehr selten ist und der dat. sg. m. n. der pron. 
u. st. adj. fl. nur auf -me oder schon fast häufiger auf -m aua- 
lautet; dem entspricht herre 143, 16. Beliebt ist iemen und 
niemen. 

11. Svarabhakti zeigt nur phelegent 127,8.12; chenehte 
135,9. 159,10; zawaincich 135,3; den ahd. formen entsprechend 
geruwe : tvichgeserurve 175,7; begarwve 179,26, so dass neigung 
zu chen-, phel- und -ruw- vorhanden ist. 

12. Accente. Ziemlich häufig ist circumflex, auch auf 
i = ie, ü — uo. Fälschlich steht er in got 138, 27. — Aectti 
steht einmal in öwi 157, 16 (vgl. Kaiserchronik) neben owi 
156, 19. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 121 

13. Dentale, a) d- macht keine bemerkung nötig, ausser 
dass in daz tu 163,18; daz taz 167,29; sistu 172,19 etc. 
assimil. an den auslaut des vorgehenden Wortes vorliegt. 

b) Die Verbindung dtv- ist nur vertreten durch dwingen, 
welches 19 mal mit dw-, einmal mit tw- anlautet 

c) Die gruppe -iit- spaltet sich in 43 nd, 5 nt\ nt < ndt, 
nnt (sante etc.) in 9 nt und 4 nd (vgl. Kaiserchronik 13 c). 

d) It ist nicht erweicht. 

14. Labiale, a) Im anlaut Überwiegt weitaus b-, wo- 
neben in dem umfänglichen gedieht nur 8 p- treten; im aus- 
laut streiten 22 -b gegen 38 -p. 

b) Urgerm. p ist im inlaut immer durch -f- vertreten. 

c) Die gruppe wu- immer durch w-, 

d) Ueber wiegend ist die Schreibung dw-, stv-, zw-, 

15. Gutturale, a) Für einfaches k herrscht ch, neben 
welches nur 1 c in clage 150, 16 und 1 gh in erghennent 
155,8 tritt. 

b) Ebenso entschieden überwiegt -ch < -g in 70 fallen 
gegen 4 -c und 1 -g. Erwähnt sei: daz sach ich (sage ich) 
152,11. 

c) Verschmelzung von qu- ist immer eingetreten; präter. 
chom. Nicht in betracht kommt quader stein 129, 7 als 
fremdwort. 

16. Assimilation ist (abgesehen von 13a) nur zu er- 
blicken in ureiste 132,16. 138,14. 148,24. 178,10. Der Über- 
gang von -set- > -st- ist nach Paul, Mhd. gr. 2 §71, A. 5 
alemannisch. 

18. Grammatischer Wechsel ist erhalten in heuen 
164, 12; ausgeglichen nach verschiedener seite in erwerbe 163, 1 1 
und in erwrue (conj. prät.). Zum letzteren ist die Kaiser- 
chronik zu vergleichen. 

19. sin hat in der 2. pl. ind. birt, und im imper. neset. 

20. wellen bietet die 2. sg. du wil\ das prät. wolde, 
wie solde. 

21. mugen hat im pl. präs. nur die formen mugen, im 
prät. 23 mohte und 4 mähte. 

24. haben hat im prät. 28 hab(e)le\ 14 hiete\ 8 hete\ heite 
168, 18 ist wol nur verschrieben aus hiete. 



122 WA AG 

25. Bei stän und gän stehen die d-formen zu den e-formen 
im gesammtverhältnis von 6:1. 

26. In der flexion ist a) beim pers. pron. charakte- 
ristisch, das der acc. pl. m. der 3. pers. immer siv lautet, wo- 
neben \ se 171,26 steht. Scherer verweist auf Heinzel, H. v. Melk 
1, 657. In der Vorauer hs. selbst ist zu vergleichen die Kaiser- 
chronik und Arnolds gedieht (K). 

b) Die 2. sg. lautet auf -st aus, wozu zwei sistu mit in- 
clination des pers. pron. kommen. Diese zeigt auch mahtu 
147, 5. 

c) An präteritalformen ist zu nennen bette, hatte, tote, 
welche unter 9 besprochen sind. 

27. Bemerkenswerte Zahlwörter sind 4 mal uunf; 2 mal 
uivnfi 5 mal zmaincich ohne reduetion des diphthongen. Ueber 
cehencich gilt das bei der Kaiserchronik gesagte. 

28. Sonstige einzelne Wörter, a) fiur kommt 
nicht vor. 

b) biscof aber 4 mal und nur in der form biscolf: 141,8. 
141,13. 177,22. 178,10. 

c) lichname fehlt; d) diemüete hat im ersten bestandteil 
immer die-, nie diu-. 

29. Varia, a) Sehr oft steht c für z im an- und in- 
laut: so cehencich 129,18; sicent 132,5; besicent 146,28; 
cierde 161,22; ce 166,22; lucel 170,9; sicen : hicen 173,15; 
ceswe 179,2 etc. 

b) Bemerkenswert sind die formen ivht, nivh, nivt, neben 
nieht, tiih. 

c) Ferner 3 mal older (= oder) 152,29. 153,1. 162,23: 
nach Weinhold, Mhd. gr. § 314 eine alemannische form. 

(1) In bezug auf C 29 e uranspo'lUje 162, 11. 

Scherer fühlt sich Quell, u. forsch. VII, 59 durch ou für uo, 
a fUr o vor r, das prät. hiete etc. an die Milstater hs. erinnert; 
doch das gute liegt viel näher, indem die Kaiserchronik der 
Vorauer hs. diese eigenttimlichkeiten reichlich bietet. 

Es kann nach den obigen Zusammenstellungen nicht zweifel- 
haft sein, dass die vorläge der 'Judith' nach Oberdeutschland 
gehört; der Übergang von -sei- > -st- (16); ivht, nivt (29 b); 
older (29 c) weisen auf das alemannische. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 123 



F. LAMPRECHTS ALEXANDER 

(= Diemer, Dt. ged. s. 183—226). 

Zu dem übrigen missgeschick, welches über der Überliefe- 
rung 'des 'Alexander' gewaltet hat, kommt noch, dass die 
Schreibung der vorläge die geringste consequenz unter allen 
vorlagen der Vorauer hs. zeigt. Denn dass die mischung schon 
der vorläge und nicht dem Vorauer Schreiber zur last zu legen 
ist, bleibt nach den obigen ergebnissen des fast sclavischen an- 
schlusses keine Vermutung (Quell, u. forsch. VII, 60) mehr, son- 
dern ist gewissheit. Scherer empfahl a. a. o. s. 61 eine ein- 
gehende Untersuchung der spräche, deren kölnischen Charakter 
er durch Pfeiffer, German. III, 494 f. als festgestellt zugab, als 
dankenswert und lehrreich. Daraufhin machte Rödiger im 
Anz. f. dt. alt. I, 78 — 86 einige Zusammenstellungen, auf welche 
öfters verwiesen werden kann. Uebrigens ist eine erschöpfende 
darstellung der verwirrten Schreibung für unsern zweck nicht 
erforderlich, indem sich eben der * Alexander* sowol gegen 
E als gegen G durch seine inconsequenz genügend abgrenzt 
und seine einheit bisher wenigstens nicht bezweifelt wurde. 

1. ei ist vertreten durch 109 ei, 49 ai, 4 e, 4 ae. In lern- 
gisten 208, 4 ist ei = e\ mit unrecht citiert Rödiger noch gezeim 
215,4, indem dafür mit Diemer gezeme, res. gezemi zu lesen 
ist (; neme). — Der nachklang von i ist mitteldeutsch, 
speciell rheinfränkisch, s. Weinhold, Mhd.gr. §105; Paul. 
Mhd. gr. 2 101. 

2. ou. Es wechseln ou, o v , ov\ dazu 4 o, 4 ü, 1 au, lo' = 
uo\ 1 ov = uo und i ov = ö. 

3. iu. 54 iv, 19 iu, 9 eu, 5 ev, 5 u, 1 ü, 1 ieu. Zu be- 
achten ist stivphater 198,21 ohne brechung. Scheinbar = u 
steht iu in liuz,el 224,23; es ist jedoch dies die ältere form; 
dazu lviz,el 212, 9. 

4. ie. 161 ie, 53 i, 5 eu Ob man in diesen ei jene füre 
md. vindicierte Wandlung von ie > ei (vgl. Weinhold, Mhd. 
gr. § 107) oder nur verschreibung sehen will, wird frag- 
lich sein. 

5. d. Es überwiegt e\ 25 mal tritt i auf, aber ohne princip. 
Rödiger s. 85 beschränkt sich auf die / in offener silbe, weil 
in geschlossener silbe und in vorsatzpartikeln auch sonst in 



124 WA AG 

der Vor. hs. i verwendet sei. Dieses 'auch sonst' läset sich 
aber auf ganz bestimmte teile eindämmen (vgl. die tabelle), 
so dass unbetontes i keineswegs vom Vorauer Schreiber her 
rührt. — ez und iz halten sich das gleichgewicht 

6. Umlaut. Es wechseln bei umlautsfähigem d:'39a, 
4 e, 2 ae, 1 ea, 1 ai (Kaiben 223, 20). Sonst 4 aht, 2 aeht, 1 eht] 
2 alt, 4 elt. 

7. In bezug auf contraction stehen sich 7 age und 4 ei 
gegenüber. Merkwürdig ist gesäte (sagte) 223,3. 

8. Uebergang von -or- > -ar- ist nicht zu belegen. 

9. Synkope ist selten; zu nennen ist lemptigen 198,24; 
aigeme 217,6 < aigeneme, analog eime 218, 1. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Die endung 
-ote ist reichlich vertreten; der dat. sg. m. n. der pron. und. 
st adj. flex. lautet auf -me aus. Altertümlich ist eror 219, 23; 
argoren 223,27. 

.11. Neigung zu einschubvocal liegt widerholt nur bei 
zw- vor, welches 10 mal als zew- auftritt. Dazu keneht 220,7 
und cheneten 221,1 (= chenehten). 

12. Accente. Circumflexe sind nicht häufig; acute stehen 
auf den ausrufungspartikeln ä, äwie, äwe, ö\ 3 mal in i und 
ausserdem in her 195,22; ger 208,6; /o6«220,8. 

13. Die dentalen sind ungemein verwirrt. a)Mhd. tfist 
durchgedrungen. In 29 fallen steht dafür t-, und zwar nach 
auslaut -t 6, -s 5, -ch 6, -z 3 mal, sonst nur vereinzelt. Man 
kann darin roste von assim. sehen. Hochdeutsch / hat nach 
Rüdiger folgende Vertretung: 

anlaut. gewöhnl. d-; 17 th-; 

in laut, -d-, -th-, -ht-\ 

auslaut. 2-tf, 14 -th, 114 -ht 
(ht und th stehen in demselben bunten Wechsel wie hc und 
ch } hp und ph). — Hdt. z erscheint nie als t. Ueber die reime 
vgl. Rüdiger 8. 82. 

b) dw- < urgerm. pw- erscheint 6 mal als dw-, 1 mal als 
tw- in twanc 195,4. — tw- < urgerm. dw- kommt nur vor in 
nenthewälten 205,22. 

c) Es concurriert nt und nd. Bei der Verwirrung der den- 
talen ist es zweifelhaft, wie die Verbindung aufzufassen ist 

d) It überwiegt. 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 125 

14. Labiale, a) b im anlaut 94 &-, 31 j9-, erste res Dach 
vocai und -r, letzteres nach -s und -z, überwiegend. 2 mal hat 
das unbetonte präfix be- die Schreibung pe-. — Im auelaut 
stehen 1 7 -b gegen 3 -p. 

b) f < urg. p erscheint meist als f, ph, seltner als ff, als 
u in genauen 188, 15. 

c) Die gruppe nm- ist ausgeschrieben. 

d) Es tiberwiegt dw-, srv-, zw- (resp. zew- s. 11). 

15. Gutturale, a) Für k überwiegt weitaus eh. Auf 
g- in grisp 186,18; graph (kraft) 204,9; ebenso auf das ver- 
schmolzene uolcquic 215,24 weist Rödiger s. 83 hin. 

b) g ist im auslaut meist -eh. Verschmelzung mit der 
vorsatzpartikel ent- ergibt 2 mal enk-. Im anlaut tritt 5 mal 
k- und 5 mal ch- in betonter silbe, 6 mal die unbetonte partikel 
ke- auf, und zwar darunter 5 mal nach -s, -3; 4 mal nach -t 
und 4 mal nach -ch, so dass hierin reste eines kanons stecken 
könnten. 

c) Verschmelzung von qu- liegt immer vor, ausser in 
qvam 224, 25 und in dem lehnwort quadrestein 202, 28, wozu E 
15 c zu vgl. ist 

16. Assimilation wirkt in der Wandlung der gruppe 
cons. + h + cons. > cons. + cons., wie in marstat 190, 10; 
f orten 203,24. 211,2; azech (was eine Weiterentwicklung der 
in der Kaiserchronik 303, 1 8 belegten form ahzec sein kann) 
224,28. — f fällt in gleicher Stellung in funzen 192,23; fuun- 
zieh 224, 19. Der schwund des h in diesen Stellungen ist be- 
sonders mitteldeutsch: Weinhold, Mhd. gr. § 226; Paul, Mhd. gr.* 
§ 103. 3 mal ist die vorsatzpartikel un- an m- zu umm- assi- 
miliert: s. Weinhold, § 169 f. 

17. Metathesis. Ausser irchron 184,16 und vurmeclieh 
218, 18, was Rödiger s. 84 anführt, erscheint die partikel er- 
5 mal als re-. 

18. Grammatischer Wechsel ist ausgeglichen in ge- 
nasen 197,18; erhalten in heuen 186,27 und 197,18; erhalten 
in heuen 186,27 und wurte 185,4 und 29; wurt 190,19. 

20. Im prät. von wellen überwiegt tvolte stark gegen 
wolde. 

21. mugen hat im pl. präs. nur diese form; im prät 
streiten 11 mähte gegen 10 mohte. 



126 WAAG 

23. tvurken bietet das partic. getvorht. 

24. haben die präterita: 18 hete, 10 habete, 4 hate t 
3 biete. 

25. stän and ^dn haben 22 «-formen, 1 7 <2-formen, 2 mal 
*t in urribegeit 1 83, 1 8 und uersteit 1 84, 2. Dass viele it-formen 
aus den reimen zu erschliessen, mit anderen als beweis des 
niederrhein. Ursprungs anzusehen sind, hat Pfeiffer, German. 
III, 494 gezeigt. 

26. Flexion, a) Der artikel n. pl. n. lautet dei (vgl. 
üb. Ursprung Bücher Moses) in dei ovgen 194, 16. Zweifeln 
kann man, ob die volchwicb ... die 226, 5 f. ein beleg für die 
= diu ist (in dieser zeit namentlich md.: Paul § 148, A.2), da das 
wort in seinem geschlecht zwischen m. und n. schwankt Doch 
spricht eine andre stelle im Alexander, daz, uolcqtvic 215,24 
fürs neutrum. 

b) Die 2. pl. lautet auf -ent aus: alemannisch-bairisch nach 
Weinhold, Mhd. gr. § 352. 

c) Im p rät er. ist zu nennen fubten 209, 17. 222, 15, secun- 
däre form nach fluhten, wesentlich md.: Weinhold §332. Neben 
das durch die ganze hs. gehende muose tritt im Alexander 
müste 216,18. Sodann fungiert als st. prät. von bringen: ge* 
branc 219,28. Es ist das aus mhd. zeit einer der wenigen 
reste des bei Otfrid stark flectierten verbums, s. Wein- 
hold § 390. 

d) Einmal ist zu belegen swergen 200, 19 mit synkope. 

27. Zahlwörter. Zu nennen ist zrva fem. 210,10; ftmf 
funzen, funzich, azech, deren stelle unter 16 verzeichnet ist 
Dazu einluph 205,9. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur lautet 4 mal fuur 206,8. 
210,15. 210,25. 219,3; einmal fiur 211,5. 

29. Varia, a) h fehlt teils im anlaut, teils tritt es an- 
organisch vor, was nach Weinhold § 225 besonders md. ist 
Im inlaut fällt es häufig: vgl. Rödiger s. 83. Auf den Wechsel 
in der Schreibung von ht und th, hp und ph, hc und ch ist 
schon unter 13 a hingewiesen. 

b) Apokope von auslaut -t in is 214,22; grapb (kraft) 
204,9; scaph 222,12; fälschlich wird hierhergezogen bohtsqpf 
214, 2. Ueber das md. gepräge dieser formen s. Weinhold, 
Mhd. gr. § 347 und MSD* einl. XXI. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 127 

c) Neben der form sol steht 3 mal sal; entsprechend ist 
wate: vgl. Weinhold § 22. 394. 

o o 

d) Die merkwürdigen formen teht und deht, für welche der 
reim immer deit erheischt, besprach Pfeiffer, German. III, 495 
als beweis der Kölnischen mundart 

Scherer, Quell, u. forsch. VII, 60 ist der ansieht, es sei 
schwer zu entscheiden, ob der Vorauer Schreiber noch die voll- 
ständige arbeit Lamprechts vor sich hatte, und glaubt die un- 
vollständige Überlieferung auf mangel an liebe für den gegen- 
ständ zurückführen zu können. Als beweis dafür darf zunächst 
nicht gelten, 'dass das gedieht in der gesellschaft, in der es 
hier auftritt, eine vereinzelte erscheinung "bildet': es bildet hier 
eine vereinzelte erscheinung, wie überhaupt in der damaligen 
literatur, indem eben erst allmählich neben die rein-geistliche 
dichtung produete halbweltlicher natur treten. Es berührt sich 
dieser punkt mit der frage der gesammten anläge der Vor. hs., 
welche später zu besprechen sein wird. Wer in der Zusammen- 
setzung der Vorauer hs. mit Müllenhoff und Scherer ein System 
sucht, dem ist allerdings der 'Alexander* hier unbequem; wer 
aber annimmt, dass in die hs. aufgenommen wurde, was an 
vorlagen sich darbot, und in der reihenfolge wie es der ver- 
kehr mit andern klöstern mit sich brachte, sieht in der Zu- 
sammensetzung und reihenfolge ein bild des damaligen litera- 
rischen lebens nach seinen verschiedenen elementen. 

Das Verhältnis der Strassburger bearbeitung (S.) des 
Alexanderliedes zur Vor. hs. (V.) hat Kinzel, Zs. f. d. ph. 
X, 46 ff., 1879, klargelegt Er zeigt, dass S. bis vers 2036 
(Massmann, sp. 83) mit V. bis 225, 24 im wes. übereinstimmt 
Dann eilt V. zum schluss und knüpft an S. 3247 — 3251 an, 
brachte dann den kämpf gegen Darius zu ende und Hess die 
entbehrlichen Zwischenfälle aus: briefwechel, sendung von mohn 
und pfeffer, Alexanders heimreise, krankheit Mit 3220 beginnt 
die schlacht. V. 225, 26 — 226, 5 stimmt dann ungefähr mit S. 
3257 — 3267; 226,5 — 7 mit 3276 — 79, und 226,8 — 9 mit 
368 — 69. Sodann hat 226, 12 f. in seinen gedanken verwantes 
mit 3281 f. Das andere, 226,9 — 19 ist selbständig hinzuge- 
dichteter schluss der geschichte, unklar in seinen gedanken. 
'Er und das ende des liedes 226,20 — 21 berechtigen zu der 



128 WA AG 

annähme, dass die vorläge, welche der Vor. hs. zu gründe lag, 
selbständig den faden abgeschnitten hat/ So ist wol ent- 
schieden, dass dem Vor. Schreiber nicht die ganze arbeit 
Lamprechts vorlag und er nicht für die kürzere gestalt ver- 
antwortlich ist: man musste ihn denn als ' kürzenden dichter* 
beanspruchen, welche annähme aber schon durch die auch dem 
schluss eigne mischorthographie widerlegt wird. 

Der Kölnische Charakter der spräche ist auch nach Scherer 
durch Pfeiffer a. a. o. 'kurz, aber entscheidend' nachgewiesen, 
und er bezweifelt nicht, dass hiermit die heimat des dichten 
constatiert ist Auf s. 62 bemerkt er jedoch über diesen: 'Wir 
wissen gar nicht, ob er sein werk in der heimat verfasst hat' 
und verschiedenes scheint ihm für Baiern zu sprechen: 1. sollen 
der 'pfaff' Lamprecht und der 'pfaff' Konrad zusammengehören, 
weil sie allein ihren namen nennen: ein solcher schluss wäre 
aber doch nur möglich, wenn man annimmt, dass die uns er- 
haltne literatur mit der überhaupt producierten sich deckt, und 
das wird doch niemand annehmen. 2. Feiner habe nur Baiern 
das zu solcher namensnennung nötige Selbstgefühl verleihen 
können: das ist ebensowenig zu widerzulegen, als es nicht zu 
beweisen ist. 3. Auf Salomo als typus der herrscherwürde bei 
Konrad und Lamprecht legt Scherer selbst kein gewicht, mehr 
4. auf die bei beiden stattfindende beiziehung der sage von 
Hilde. Aber bevor das als beweis gelten kann, müssten jene 
1 umfassenderen beobachtungen über die landschaftliche gebun- 
denheit von sagen' geliefert und durch andre momente glaub- 
würdig gemacht sein. Aber abgesehen von der schwäche der 
argumente: wie soll man sich das vorstellen, wenn ein 
niederrhein. dichter in Baiern dichtet? Es käme das wider 
auf einen jener anrüchigen 'niischdialecte' heraus, bei welqhen, 
gibt man einmal diese Ungeheuerlichkeit zu, der phantasie ein 
weites feld geöffnet ist. 

Sicher ist nun, dass dem Vorauer Schreiber bei der sonst 
fast sciavischen nachahmung der vorlagen — ich erinnere nur 
an die getrennte Schreibung eines wortes in D — auch hier 
das höchste zuzutrauen ist. Wie er in D die mitteldeutschen 
eigentümlichkeiten unangetastet Hess, musste es auch hier der 
fall sein. 

Für den mitteldeutschen Ursprung des Originals zeugen 



VORAUER HANDSCHRIFT. 129 

die nummern 1 (nachklang von t); 13 a (dentale); 16 (cons. 
+ h + cons. > cons. + cons.); 25 (geit)\ 26 a {die = diu); 26 c 
(fiihten); 29 a (unorgan. A-); 29 b (apokope von -f); 29 c {sai, 
rvale)\ 29 d {teht = deit). — Das Kölnische original gieng dann 
durch die hände eines weniger conservativen Schreibers aus 
Oberdeutschland, welcher mit grosser mühe sich dasselbe näher 
zu bringen suchte. Ob dieser act zugleich mit der Verkürzung 
des gedieh ts vorgieng, oder ob eine weitere mittelstufe anzu- 
nehmen ist, wird nicht zu entscheiden sein, indem die verse 
von V., welche in S. keine entsprechung haben, nämlich 
226,9 — 21, in ihrer Schreibung darüber keinen aufschluss geben. 
Die form deht und teht sind sprechende Zeugnisse für die müh- 
seligkeit des Verfahrens. Diesem oberdeutschen Schreiber fällt 
die Vermischung und Verwirrung in den dentalen, die alem. 
bair. endung -ent 2. pl., der Wechsel von b- und /?- und die 
einführung yon ai zur last. Erst in dieser form kam der 
Alexander vor den Vorauer schreiber, der wie sonst seine vor- 
läge getreu nachahmte. 

Die ausgäbe des Alexander von Einzel, Halle 1884 (=bd. 
VI der germanist handbibl.) bietet über die Vor. hs. im spe- 
ciellen nichts neues. 

6. DIE GEDICHTE DER AVA. 

(= Diemer, Dt ged. 8.229—292). 

Auch an die gedichte der Ava hat Scherer das kritische 
seciermesser angelegt (Quell, u. forsch. VII, 64 — 77). Aber wie 
seine chorizontischen versuche für die Wiener Genesis von 
Vogt, Beitr. II zurückgewiesen wurden, ist hier von Adolf Lang- 
gut^ Untersuchungen über die gedichte der Ava, Budapest 1880, 
gezeigt worden, dass die von Scherer vorgebrachten momente 
zu einer trennung nicht berechtigen. Auf s. 8 ff. bespricht er 
das Verhältnis der Vorauer und Görlitzer Überlieferung (Fund- 
gruben I) und erörtert dann, dass im gegenteil das Verhältnis 
der reime, speciell der rührenden, bei denen sich W. Grimm 
in seiner 'Geschichte des reims' s. 38 geirrt hatte, ferner der 
stil und syntactisches, die gleiche behandlung der wunder und 
andres mehr für die einheit spricht. Dazu stimmen die folgen- 
den orthographischen und formellen Zusammenstellungen. Was 
in der Vorauer hs. nach Scherer andern Verfassern angehören 

Beiträge iut geschieht« der deaUohen spräche. XI. 9 



130 WA AG 

soll, — c Jesus' von 2 Verfassern und die * Kirche' — geht von 
8. 229 bis 276, 4; dann beginnt nach ihm erst Ava mit den 
'Gaben des hl. geistes', 'Antichrist' und dem l Jüngsten gericht'. 
Scheint also citierung specieller beispiele nötig, nm die gleich- 
heit der beiden als unecht und echt getrennten teile zu zeigen, 
so bildet vers 276, 4 den scheidepunkt. Hervorgehoben sei, 
dass auf diese weise 47 sehen bei Diemer einem kleineren teil 
von 16 seiten, also fast nur einem drittel gegenüberstehen, so 
dass das gesammtverhältnis 3 : 1 ist. 

1. ei ist vertreten durch 156 ei, 53 ai, 6 e\ bestehend aas 
99 ei, 42 ai, 5 e + 57 ei, 11 ai, 1 e, welches beispiel dem ge- 
sammtverhältnis der beiden teile nicht allzufern steht 

2. ou zeigt 24 ou; 22 o v \ 3 ov\ 4 ü\ 1 o. 4 o*, 1 ou — ■ uo. 

3. iu. 108 m; 21 eu\ 16 w; 5 iv. Bemerkenswert ist die 
form Huf 250, 13. 268,8 ohne eintritt der brechung: vgl. 26 c. 

4. ie. 177 ie; 38 i; 5 ei. — 5 ie sind = %, 2 = t. Die 
hälfte der i = ie bilden, durch alle teile gehend, iht, niht und 
nine, was wol mit ihrer proklitischen natur zusammenhängt 

5. Für unbetontes 9 erscheint nur 6 mal i, ohne dass ein 
princip zu finden wäre. Durchgehend ist die form iz,\ ez, nur 
240, 25. 

6. Umlautsfähiges d ist vertreten durch 88 a; 27«; 
4 e; 1 ea; 1 ae. Die gruppe aht ist nicht umgelautet, womit 
hier auch trahtin 245, 17. 260, 13. 269, 15 stimmt; nur einmal 
thretin 253, 23. Ebenso ist -alt- ohne umlaut, ausser in ge- 
weltich 258,27, neben welches gleich 259,10 gewaltich tritt 

7. Gontraction von age, ege unterbleibt gewöhnlich. 
Nur matt und leit sind je 2 mal zu belegen 237,11. 238,15. 
243, 4. 264, 1. 

8. Der Übergang von or > ar liegt vor in warte : karte 
256, 22 und wird erheischt durch den reim norte : harte 256, 6, 
wo die Görlitzer hs. Fundgr. 1,171 aber auch tvorte hat Viel- 
leicht ist dieses reimschlusses wegen warhten 260, 22 und ge- 
markten 260,25 hierherzuziehen und nicht als andre ablaute- 
stufe zu fassen. 

9. Synkope ist in massiger weise eingetreten; durch- 
gehend ist sie beim präfix ge- in gnade. Ebenso kehrt in allen 
teilen wider die form tnayde. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 131 

10. Abschwächung. Als endung der pron. und st adj. 
flex. erscheint im dat. sg. m. n. nie -mo, sondern nur -me und 
mit apokope -m, und zwar auch vor consonant. -ote, ~ot ist 
häufig. Der Superlativ endet auf -iste\ öfters ist zu belegen 
niemen. Altertümelnd ist das Zahlwort aModen 285, 7. 

11. Neigung zu einschubvocal ist vorhanden bei den 
gruppen p7U-, zw- und chn-, die widerholt pliel-, zew-, chen- 
geschrieben sind. 

12. Circumflexe kommen etwa 2 auf eine seite bei 
Diemer, c. 30 verse. Meistens circumflectiert ist e. 

13. Dentale, a) Mhd. d liegt 11 mal im anlaut als t- 
vor: 3 mal nach s, 2 nach t, 3 nach t; die andern fälle zer- 
splittern sich. 

b) dw-, trv sind nach ihrem verschiedenen Ursprung ge- 
schieden: duoch (wusch) 244, 10; en trv alt 249,21; gedwest 252, 16; 
ungedrvagen 257,17; turvale 289,23; dtvinget 290,3. 291,17. 

c) 89 nd stehen gegen 29 nt\ umgekehrt 11 nt gegen 1 nd, 
wo ndt, nnt zu gründe liegt (nante, bechante, sante, chunte 
[kündete], enzunte). 

d) It geht durch bis auf gehalden 244,24 welches wort 
überhaupt auch bei sonstigem It zur erweichung neigt: s. Paul 
Mhd. gr.« §71,4 anm. 2. 

14. Labiale. Im anlaut wechseln 48 p- und 33 b-\ deut- 
liche Verhältnisse prägen sich aus nach auslaut: 

p- b- 

-ch 13 2 

-z 9 1 

vocal 3 13 

worin man wol mit recht spuren eines kanons sehen wird. 
Eine ausnähme von der Schreibung des unbetonten präfixes 
be- macht pechante 267,18. Im auslaut steht 43 mal -p, nur 
4 mal -6. 

b) f < urg. p hat immer diese Schreibung ausser in 
slaucnde 256, 1. 

c) Die gruppe rvu- erscheint meist als w-. 

d) Es Überwiegt dtv-, trv-, stv-, zw- (resp. zew-). 

15. Gutturale, a) Bei einfachem k verschwindet c gegen 
eh. Die gemination < urgerm. kk hat keine besondre Schrei- 
bung: so diche : bliche 285, 3. 

9* 



132 WA AG 

b) g ist im aaslaut durch -ch vertreten, wozu 8 -g in 
präter. formen mit inclination des pers. pron. er kommen: 
z. b. lag er 237, 25; dwog er 252, 10. Das wort grim hat 2 mal 
anlaut er- 260, 23. 264, 16. Erwähnt sei huskenosce 71% 15. 
Urgerm. gg erscheint in lukken 249,9; qerukke 256,23; zeruke 
267, 8. 

c) qu- ist immer verschmolzen (prät chom). Gleich lauten 
Carter (heerde < quärtarium) und chorter (köder) 262,5. 

16. Assimilation zeigt noturft 229, 18. 246, 12; grascefle 
280,9; merkwürdig sind die Schreibungen suas so 280,6; wa 
si (waz, si) 262,15; das tritte 274,24, welche formen reste 
eines ausgedehnten assimilationssystems von auslaut an anlaut 
sind (vgl. Arnolds gedieht = E), wovon auch Otfrid spuren 
aufweist: vgl. II, 1, 16 so was ses (so waz, sie es); ebenso 20. 
24. 28. 32. 

17. Metathesis. Das präfix er- nimmt 4 mal die ge- 
stalt re- an nach vorhergehendem er] ganz verschmolzen ist 
erestanden 266, 18. 

18. Grammatischer Wechsel ist erhalten in heuen] 
genaren 255,25; wrten 265,4; ausgeglichen in wrfen 240,6 zu 
gunsten der wurzelbetonten formen, was besonders bairisch sein 
soll: vgl. Eaiserchronik. Dieser entsprechend kommt 2 mal 
flegen vor 236, 7. 280, 22. 

19. Von sin lautet die 2. pl. ind. birt; Imper. wesent 
292, 10. 

20. wellen hat im prät. 25 wolle, 5 wolde. 

21. mugen. 8 megen stehen gegen 1 mugen; 7 mähte 
gegen 5 mohte. 

22. Von wiz,z,en lautet das prät. 4 mal messe, 

23. Von wurken 2 mal warhte, 2 mal worhte, das partic. 
geworeht 285,22. Vgl übrigens 8. 

24. haben bietet 31 hete\ 16 habete; 1 hiete. 

25. st an und gän 32 e-, 18 <2- formen; der imper. lautet 
gench; das part. prät. gegen 249,20; er gen 257,3; einmal ergan 
231,24, was wesentlich alemannisch ist. 

26. In der flexion a) des pronom. ist zu nennen: Da 
buch 242, 4. b) Die 2. sg. lautet auf -st aus. Inclinierte for- 
men sind sistu 250,21; pistu 269,16. c) An präterital- 
formen sind zu nennen: 2 mal Huf neben 2 lief, vgl. unter 3. — 



VORAUER HANDSCHRIFT. 133 

Neben riefen 265,6 steht ruofte 261,23. Seite 256,26 steht 
spiren : scriren, wofür die jüngere bearbeitung Fundgruben I, 
171,40 spiten : sehnten, also schwache formen setzt. Vgl. 
Diemer, Gen. u. exod. 1,155,21: schriren, und Weinhold, Mhd. 
gr. § 337. 408. 

27. Zahlwörter fem. von 2: zwa 236, 27; 5 immer uinf; 
11 einlef 268,20. 285,25; 20 ztvainzech ohne reduetion; 80 
hazech 237, 3 ist wol verschrieben für ahzech, vgl. Kaiser- 
chronik 27. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur lautet 8 mal uiur 257,5. 
273,16. 282,17. 287,4 etc.; einmal uür 263,21. 

b) bis co f 2 mal biscof 257, 8. 276, 2 und 2 mal biscolf 
218,10. 258,26, also in kreuzstell ung, alle fälle vor der kri- 
tischen ecke: 276,4.' 

c) lichname nur in dieser form z. b. 230,10. 272,6. 

d) diemüete hat die gestalt dieumüt 233,11. 276,17. 

29. Varia, a) Aphärese von anlaut j- findet in allen 
in betracht kommenden fällen statt: ennen 234, 26; amer 
267,6. 273,3; amere 270, 18. Diese erscheinung weist aufs 
alemannische. 

b) Neben niht, nieht tritt in allen teilen niuht: 241,20. 
250, 14. 255, 5. 264, 9. — 285, 10. Auch diese form ist aleman- 
nisch, entsprechend dem heutigen nüt in der Schweiz. 

c) Unorgan. h- tritt auf im anlaut in heste (äste) 250, 21; 
habe 263, 12 — hüf 283, 17, also in beiden teilen. 

d) Analog der Kaiserchronik erscheint die bair. form 
stram im reim: man 283,24. 

e) Die form uernunst ist 5 mal zu belegen; im reim: 
anedunst 273, 19; sie ist oberdeutsch nach Weinhold, Mhd. 
gr. § 142. 

f) sunne ist in allen teilen immer masc: der sunne 237, 18. 
284,19. 290,27. In der Görlitzer hs. begegnet auch das 
femininum. 

g) Statt der reimpunkte erscheint in diesem teil der hs. 
bis auf sehr wenig ausnahmen durchgehends ausrufungs- 
zeichen: !, worauf Diemer s. 229 anm. hinweist Also bis 
auf diese kleinigkeiten erstreckt sich die treue des Vorauer 
Schreibers. 



134 WAAG 

h) Erwähnt sei die form daz, flehe 280, 4 , was keine Ter- 
Schreibung zu sein braucht, indem formen derart bei Notker 
vorkommen. 

i) Die formel eines nahtes 238, 4 (das heutige 'eineB nachts') 
ist interessant als Übergangsstufe. Bei Otfrid schon ist zu be- 
legen: dages inti nahtes Widmung an Hartmuat 168, wobei 
nahtes als alter genetiv der cons. flex. zu fassen ist Die nhd. 
form 'des nachts' erklärt man nun gewöhnlich als uniformie- 
rung des verschiedengeschlechtigen artikels in jener Verbindung; 
es kann aber auch eines nahtes mitgewirkt haben, wobei eines 
ursprünglich zeitadverb (einst) ist, dann aber als artikel gefasst 
wurde, wonach man auch des nahtes bildete. 

Sind wir nun auch bei Avas gedichten nicht in der 
günstigen läge, durch die Übereinstimmung in Schreibung und 
form wie bei den 'Büchern Moses' auf grund einer abweichen- 
den einschiebung die einheit zu beweisen, so ist doch durch 
die obigen Zusammenstellungen dem auf anderm wege von 
Langguth gewonnenen urteil eine stütze geboten, mindestens 
ein stein aus dem wege geräumt; denn mit einer merklichen 
differenz in der Orthographie einzelner teile hätte man wol zu 
rechnen. 

Ist somit die einheit von Avas dichtung ausser zweifei ge- 
setzt, so wird damit nicht geleugnet, dass sie sachlich in 
einzelne abschnitte zerfällt Wie aber bei den 'Büchern Moses 9 
gliederung nach dem bedürfnis der predigt zurückzuweisen 
war, so auch hier, wie Langguth s. 113 ff. auseinandersetzt: 
'Das leben Jesu ist durchaus nicht im predigtstil gesehrieben, 
ebenso wenig steht der Verfasser seinem publicum wie ein 
prediger gegenüber.' Die gedichte der Ava sind vielmehr mit 
Diemer in das gebiet frommer andachtsübungen zu verlegen, 
und die abschnitte erklären sich aus der einzig zulässigen an- 
nähme, dass sie zum lesen oder vorlesen bestimmt waren. — 

Die Überlieferung trägt jedenfalls oberdeutschen character; 
aufs bairische scheint 3. liuf\ 8. or > ar\ 18. würfen-, 2§A.stram\ 
aufs alemannische 25. part ergan; 29 a. aphärese von /-; 29b. 
muht zu weisen. Genaue bestimmung ist nach den vorhande- 
nen hilfsmitteln nicht möglich, aber auch der angenommenen 
ansieht, dass die dichterin Ava mit der Ava des Annales Mel- 



VORAUER HANDSCHRIFT. 135 

licenses identisch sei, kein hindernis in den weg zu legen. 
Kommt man doch immer mehr zur einsieht, dass eine ab- 
grenzung z. b. des Bairischen vom Oesterreichischen in jener 
zeit nicht möglich ist, weil eben die dialecte erst in der 
differenzierung begriffen waren (vgl. Paul, Gab es eine mhd. 
Schriftsprache?). 

H. SÜNDENKLAGE 

(= Diemer, Dt ged. s. 295—316). 

Die Vorauer Sündenklage, welche Diemer nach einer 
weniger wichtigen seite des inhalts, 'Loblied auf Maria' ge- 
nannt hat, und welcher in der Milstäter hs. der sog. ' Verlorene 
söhn', Earaj an, Dt. Sprachdenkmale s. 47 — 67 entspricht, grenzt 
sich trotz ihres geringen umfanges scharf gegen 6 und J ab. 

1. ei hat fast die alleinherrschaft, indem zu 36 ei nur 
3 ai kommen. 

2. ou, in seinem vorkommen überhaupt viel seltner als 
ei, was die bisherige Zusammenstellung unter anderm gezeigt 
haben wird, bietet 7 au, 4 o v , 1 o. 

3. iu erscheint 40 mal als iu\ daneben 1 w, 4 eu y 2 ö, 
2 v. Darunter ist 4 mal tinvel ohne eintritt der brechung. 

4. ie zeigt 63 ie; dazu 5 niht und 3 nine> wol mit ihrer 
unbetontheit zusammenhängend. Sonst liegt i nur vor in liht 
296,23, vgl. G. 4. 

5. Herrschend ist d\ neigung zu i haben die Vorsilben ir-, 
int-; überwiegend sind die formen iz. 

6. Bei umlautsfähigem ä coneurrieren 16 ce, 11 e, 11 a. 
Die gruppe -aht- ist nicht umgelautet, wol aber das oft allein- 
stehende drehtin 308,20. 313,3. 

7. Contraction findet nicht statt bei age, dagegen in 
weiz < was iz 297, 18. 306, 26; ebenso in deiz < daz iz 308, 16. 
theiz < thaz iz ist auch bei Otfrid häufig; nach der aufTassung 
von Paul (Beitr. IV, 467) geht es auf altes pa iz zurück, indem 
entsprechend dem got. hva früher ein pa bestehen musste, wo 
kein deiktisches element angetreten und folglich das -t unter 
das auslautsgesetz gefallen war. Da jedoch in unserm text 
wei^ < fvas iz, 2 mal belegt ist, wo eine ähnliche erklärung 
unmöglich ist, kann man auch direct thaz iz > theiz ansetzen. 
Dem weiz entspricht als Vorstufe wes iz z. b. Otfrid II, 1, 8, 



136 WA AG 

indem der umlaut ursprünglich nicht nur von der endung auf 
die wurzel, sondern im engem syntactischem Zusammenhang 
auch von einem inklinierten wort aus auf ein höher betontes 
wort wirkte, welche ergebnisse wider durch ausgleichung 
schwanden. 

8. Die gruppe -or- ist erhalten. 

9. Synkope ist im inlaut massig zu belegen: urcnde 
299,16; mengte 303,19; gnoz 311,22; gebildet %\§ } ± dienen als 
beispiele. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Neben die 
endung -ot tritt schon -et. Der dat. der pron. u. st adj. flex. 
endet auf -me. Eine archaische form ist sterchorre 316, 1. 

11. Einschubvocal tritt nie auf: also auch hierin 
consequenz. 

12. Gircumflectiert ist 6 mal die partikel S; it 
305, 24. 

13. Dentale, a) Mhd. t erscheint 20 mal als d und zwar 
sowol anlautend als inlautend. Daneben in beiden Stellungen 
und auslautend -/. — 31 nd stehen gegen 2 nt; bei dem obigen 
zustand ist man berechtigt, die vorliegenden nd als unverschoben 
und nicht secundär aus nt erweicht aufzufassen. Zweifelhaft, 
wie immer, ist solde, tvolde; da jedoch in den überhaupt in be- 
tracht kommenden 16 füllen nie solle, wolte auftritt, kann man 
sie hieherziehen. Id liegt sonst vor in behalden 311,11; chul-' 
destu (kühlen) 311,26; It in doltest 309,20. — Speciell zu 
nennen ist brehdest 297, 7 und sande (= sancte, heilig) 302, 14; 
ebenso widerholtes drüt 295,18; gedrwe 296, 1; drw*300,6 mit 
erweichung von ursprüngl. I , welche erscheinung in himelisgin 
(s. 15 a) ihre parallele hat und hauptsächlich fränkischen 
quellen eigentümlich ist Vgl. Paul, Beitr. VII, 129; MSD* 
einl. XIV. XXII. 

b) Die Verbindung dtv-, tw- bietet nur twale 313, 20 
(urgerm. dw-). 

c) nt und It s. unter a. 

14. Labiale, a) Im anlaut steht nur b-; im auslaut 
meist -p, nur 2 mal -b. 

b) f < urgerm. ;; erscheint 10 mal als u; das haupt- 
contingent liefert dabei keinen; dazu uerworuener 310, 25. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 137 

hüuer < lat. pulverem darf jedoch nicht hierhergezogen wer- 
den, wie Scherer s. 78 tut. ff in gerveffene 313, 28; tieffe 305, 4. 

c) Die grnppe wu- ist ausgeschrieben: z. b. wurde 297,2. 

d) Die Verbindung tw-, sw-, zw- hat nur diese Schreibung; 
z.b. twale 312,20; zwei 313,10. 

15. Gutturale, a) 26 ch stehen gegen 4 k; auf ureislic 
313,18 macht Scherer aufmerksam. Erwähnt sei cheinerslahte 
299,3. Es hat den anschein, als ob die form chein am früh- 
sten in Mitteldeutschland auftauchte; nähere angaben darüber 
fehlen. 

b) Im auslaut ist -g durch -ch vertreten; durch -c nur 
in phlac 307,22. Gemination bietet luggeme 312,10. Auf die 
erweich ung himelisgiu 296, 2 ist unter 13 a hingewiesen. 

c) Verschmelzung von qu- ist immer eingetreten; als product 
daraus tritt beim präter. von kommen neben 1 chom 308, 6 2 mal 
cham 296, 6. 297, 3, welche form sonst nie in der hs. vorkommt 

17. Metajhesis liegt vor in einbron 295,15 (md. nach 
Weinhold, Mhd.gr. § 146); dazu mir rezeiget 304, 14. 

18. Grammatischen Wechsel haben bewahrt die inter- 
essanten formen irneren : geleren 311,11. 

19. sin. Auf weis; < was xz, ist unter 7 hingewiesen. 

20. wellen. 2. sg. du wil 299,7; prät. wolde und solde 
«ehe 13 a. 

21. Bei mugen stehen sicfi merkwürdiger weise 2 mege 
und 5 mohte gegenüber, die ja in der Stammform nicht corre- 
spondieren. 

22. wiz,z,en hat das prät. wesse 315,26. 

23. wurken bietet worhte 297,11 und uerworht 305,25. 
311,13. 

24. haben im prät nur 11 mal hete. 

25. st an und gän 4 4- und 1 e-form, alle im reim. Der 
imper. lautet stant 300, 7. 

26. In der flexion a) des pron. ist zu nennen dei 
übende n. pL neutr. 309,20; sodann dire : mire 316,4, was 
Neubildung nach den doppelformen ir und ire sein kann. 

b) Die 2. sg. endet auf -st. Eine angelehnte form ist z. b. 
mdestu 311,28. 

c) Die formen unergagen 296, 14 und beuagen 312,5 können 






138 WA AG 

wie das ahd. intfieg neubildung nach den präsentischen formen 
sein, wo der nasal vor h schwinden musste. 

d) Zweimal ist wer gen zu belegen 312, 25. 313, 1. 

27. An Zahlwörtern kommen vor: niun 298, 21; n&n 
299,28; umf 300,25. 

28. Einzelne Wörter, d) diemüete als demüt 313,28. 

29. Varia. Ueber a) abfall von -n; 

b) ehrtet für chneht\ 

c) sogenannte attractionen; 

d) relativ gebrauchtes pers. pron. vgl. Scherer, s. 79 ff. — 
Weiter ist hervorzuheben: 

e) halt (= eben) 307, 25; vgl. Weinhold, Mhd. gr. § 309. 

f ) ine < ich ne 306, 1 8. 

g) zu = ze, d. h. als präposition in 8 fällen: 295, 9. 
295,23. 297,1. 298,17.21. 299,22. 301,19. 315,4, was im all- 
gemeinen schon seit dem 10. jh. vorkommt (Weinhold § 317), 
sonst aber in der Vor. hs. nicht auftritt und vor allem md. ist 

Scherer äussert s. 79: 'Die nähere erforsch ung der mundart 
überlasse ich anderen, es wird sich dann zeigen, ob man nicht 
schon dem Verfasser eine mischung oder ausgleichung ver- 
schiedener dialecte zutrauen muss.' Dazu sind keine gründe 
vorhanden, aber ebenso sicher ist, dass der Vorauer Schreiber, 
der ja in D getreulich das anlautende d- (für mhd. *)- seiner 
vorläge überliefert, hier für die Verwirrung in den dentalen 
nicht verantwortlich gemacht werden kann. Sondern der weg 
ist der, dass das mitteldeutsche, und zwar fränkische original 
von einem oberdeutschen Schreiber abgeschrieben wurde, dessen 
arbeit dann die vorläge des Vorauer Schreibers wurde. 

Die fränkische heimat des Originals ist nach den obigen 
Zusammenstellungen (13 a: brehdest, sande; 14 b: u</; 15a 
c keiner] 15 b: himelisgiu] 17: einbron] 29g: zu = ze) sicher, wie 
denn auch Scherer, Quell, u. forsch. XII, 61 von der 'frän- 
kischen Sündenklage ' redet. Speciell für Mittelfranken wird 
sprechen, dass auch inlaut. -d- un verschoben auftritt (s. 13a); 
sodann ist noch sit < si it 312, 13, wenn man diese auf- 
fassung Scherers gelten lässt, dafür anzuführen, indem ja im 
mfr. t zu z verschoben wurde mit ausnähme der pronom. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 139 

formen dat, wat, dit, it, Met: Weinhold § 180; Paul* § 92. 
Allerdings steht daneben ix, 296,14; ez 305,6 etc. 

L KZZOS GESANG 

(= Diemer, Dt. ged. s. 319—330 = MSD. XXXI). 

Eine klare Übersicht und beurteilung der versuche, welche 
über autorschaft und reconstruction von Ezzos gesang bis 
dahin vorhanden waren, lieferte Conrad Hofmann, Münch. sitz, 
ber. 1871, s. 293 ff. Daran schloss er unter ausscheidung der 
ersten, vierten und siebenten Strophe eine widerherstellung, 
welche durch die auffindung des Strassburger textes (Barack, 
Zs. f. d.a. XXIII,209— 216) glänzend bestätigt wurde, während 
Müllenhoffs kritik sich als wenig stichhaltig erwies (vgl Bartsch, 
Lit. bl. f. g. u. r. phil. I, sp. 13). Mit Diemer, Sitzungsber. d. 
phil. hißt, classe d. Wiener akad. bd. 55, 1867, s. 271 ff« stimmt 
Hofmann darin überein, dass das überlieferte gedieht die 
'cantilena Ezzos' sein könne, dass aber für die notwendigkeit 
ein zwingender beweis unmöglich sei. — Wie beim 'Alexander' 
die Verworrenheit der Überlieferung zu beklagen war, zeigt 
nun auch die jüngere bearbeitung von Ezzos gedieht, welche 
dem Vorauer Schreiber vorlag, wenig consequenz in der 
Schreibung. 

1. ei. 15 ei, 3 e. 

2. ou. ov, o v , ou nebeneinander. 

3. iu. 8 iu, 7 iv, 1 u. 

4. 39 ie, 1 1 i. 

5. d hie und da als t; durchgehend ist das präfix ir-, 
ez und iz wechseln. 

6. Umlauts fähiges ä erscheint als 10 e, 1 ae, 1 ce, Id. 
Die behauptung Müllenhoffs Denkm. 1 335, zu str. 1. 9, dass 
mehrere reime gegen den umlaut zu sprechen scheinen, weist 
Bartsch, German. IX, 60 mit recht zurück. — Umgelautet sind 
2 elt\ nicht ergriffen aht, dagegen wider 3 mal trehtin 320, 22. 
329, 2. 329, 14. 

7. Contraction der gruppen age, ege ist nicht ein- 
getreten. 

^. Ebensowenig ist or > ar gewandelt. 
9. Synkope tritt auf ohne consequenz: gnade steht neben 
genade) mangen neben menige und andres mehr. 



140 WA AG 

10. Von der abschwächung der nebenvocale siud 
nicht ergriffen die suffixe -ote, -ot. Archaische formen sind 
langore 323,2; slerchore 327,5. Der dat. sg. m. n. der pron. 
u. st adj. flex. endet auf ~mo, -me und -m; ein beispiel für 
diese mischung ist: imo 327,7; ime 327,5; im 327,6, alle nahe 
bei einander, alle vor folgendem cons. anlaut. 

11. Svarabhakti ist nicht vorhanden. 

12. Circumflex hat nur £* 327,8; £327,9. 

13. Dentale, a) Im anlaut erscheint mhd. d- als /- in 
daz ter ist 321,2: assimil. 

c) 27 nt stehen einem nd gegenüber: sunde 323, 24. 

d) It ist nicht erweicht; z. b. geweite 322, 7. 

14. Labiale, a) Im anlaut wechseln 13 p- und 3*; 
nach -z und -s steht nur p-\ sonst sind zu wenig fälle da, um 
auf spuren eines kanons schliessen zu können. — Im au Blau t 
stehen 12 -b und 8 -p ohne regel. 

b) f < urg. p in hei fem 330,27; hilf et 329, 17. 

c) Die gruppe wu- ist meist, aber nicht immer dureh w- 
vertreten: tvrte tvir 324, 16. 

d) Die Verbindung zw- (dw-, tw- kommt nicht vor) 
schwankt zwischen zw-, zv~ und zuv- : z wein 321,19; ztwo 
324,5; zven 325,25; also auch hier keine consequenz. 

15. Gutturale, a) ch überwiegt; daneben tritt c. 

b) g wird im auslaut > -ch, bleibt nur in lag in 328,2. 

c) Die Verbindung qu- ist verschmolzen, mit ausnähme von 
bequam 319, 20, jedoch in einer strophe, die durch die Strassb. 
hs., wo bechom steht (2, 4), als echt erwiesen ist. 

16. Assimilation zeigt nur allenfalls daz ter ist s. 13a. 
Bemerkt sei übrigens, dass auch in der Strassb. hs. 4, 1 daz 
ter ist steht, wonach diese erscheinung wol ursprünglich ist 

18. Grammatischer Wechsel ist erhalten in wrte wir 
324, 16. 

19. sin bietet pir wir 325, 24. 

20. wellen das prät. wolte\ ebenso solle 320, 3. 329, 25. 

21. mugen ein muhte 321,6. 

22. wiz,z,en ein wessest 321,9. 

23. wurken ein worhte 320,8. 

24. haben 2 habet e, 1 habte, 1 hiete, 1 hete. Auf die Ott- 



VORAUER HANDSCHRIFT. 1 4 1 

berechtigte änderung des handschriftlichen hiete in häte in 
MSD, str. 18,6 macht Bartsch, German. IX, 60 aufmerksam. 

25. stän und gän bieten nur 1 e- und 3 d-formen. 

26. In der flexion a) des pronom. ist zu nennen: di 
bvch = diu pl. n. 319,6; dine wort 329,8. Die ausgleichung 
findet am frühsten im md. statt, was zum Bambergischen Ur- 
sprung stimmen würde. Weiter se ac. pl. m. 327, 19, wozu die 
'jttngre Judith* (E) zu vgl. ist. 

b) Die 2. sg. endet auf -st; eine inclinierte form ist bistu 
320, 22. 

27. An Zahlwörtern ist zu belegen: fem. von 2: zuvo 
324, 5; uinf und ztvelf. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur ist nicht belegt, indem 
auch Diemer seine Vermutung, das handschriftliche uieren 
320,25 sei = uiurin in den Wien, sitz.-ber. 1866, s. 434 zurück- 
gezogen hat. 

b) biscof nur einmal als biscoph 319, 1. 
d) diemüete als diemot 325, 10. 

29. Varia, a) -ch ist widerholt als -Ac; analog -ht als 
~th geschrieben, und als folge dieses Schwankens tritt auch zu 
t bald vorher, bald nachher ein unetymol. h hinzu. 

b) 4 mal steht für inlautendes -z- ein -o: becechenit 320, 11; 
wrcen 320, 13; lucel 326, 12; herce 329, 9. 

c) sunne schwankt im geschlecht: uon der sunnen f. 320, 17, 
in einer durch die Strassb. hs. als unecht erwiesenen Strophe; 
war er sunno m. 322, 8 in einer echten; sodann, wo die frag-' 
mentarische Strassb. hs. uns verlässt, der sunne m. 323,2. 326,4, 
so dass man man daraus gewissermassen auf die echtheit 
dieser beiden betreffenden Strophen schliessen könnte. 

Man erwartet nun vielleicht, es liesse sich nach der Schrei- 
bung über die nur in der Vor. hs. überlieferten Strophen ein 
urteil in bezug auf ihre echtheit fällen: dies ist jedoch nicht 
möglich bei der herrschenden inconsequenz, indem sich auch 
nicht nach dem Wechsel der verschiedenen eigentümlichkeiten 
zusammenfallende einschnittspunkte finden lassen. 



142 WAAG 



K. ARNOLDS GEDICHT 

(= Diemer, Dt ged. b. 333— 357. Daraus 354,8—355,23 = MSD XLV). 

Es ist nach Scherer, QuelL u. forsch. ¥11,82 'eins der 
schrecklichsten gedichte unserer ganzen literatur'. Mttllenhoff 
in MSD 2 458 nannte das gedieht: Won der siebenzahl zum 
lobe des hl. geistes' und bemerkte: 'überhaupt seheint das 
ganze eine rohe Zusammenstellung oder schlecht verbundene, 
ungeordnete masse von ursprünglich z. t. selbständigen stücken 
. . . und bruchstücken verschiedner gedichte zu sein.' Er 
scheidet dann das oben genannte stück — auf 'den schönen 
hymnus auf den hl. geist' hatte übrigens schon Diemer, EinL 
s. L und in den anm. zu 354,10 und 354,20 hingewiesen — 
als selbständiges, von Arnold aufgenommenes gedieht aus unter 
dem titel: 'Laudate dominum'. Scherer hegt a. a. o. gegen den 
hymnus verschiedene bedenken und kommt s. 83 zur anrieht: 
'Ich glaube nicht, dass seine (Arnolds) arbeit interpoliert ist; 
was wir haben, entspricht der vagen angäbe des themas bei 
ihm selbst; er hat also vermutlich diese verschiedenartigen be- 
standteile zusammengeflickt.' Er gliedert dann in etwa acht 
stücke, zu deren erstem vielleicht der ' hymnus' als 'schlnss' 
gehört habe. In Quell, u. forsch. XII citiert er dann die ein- 
zelnen teile: s. 64 'liturgische betrachtungen'; 'fragmente einer 
poetischen predigt 1 ; s. 68 'der hl. geist'; s. 78 'der sieben- 
formige gott' und characterisiert das ganze s. 68 mit den 
Worten: 'das ärgste leistet ein priester Arnold, der auf grund- 
lage eines bairischen gedichte vom siebenbildigen gotte alle 
möglichen siebenzahlen und manches andre zu ehren des hL 
geistes in einen ungeniessbaren brei zusammenrührt.' Der 
hymnus 'Laudate dominum' ist nicht besonders erwähnt. — 
Auch auf grund der Schreibung und formen ist eine abtrennnng 
desselben nicht möglich. Was die form betrifft, stimmt Conrad 
Hofmann, Münch. sitz.-ber. 1871, s. 561 der ansieht Müllenhoflfs, 
welcher ungleiche Strophen mit verlängerter schlusszeile an- 
nimmt, bei, will jedoch dies prineip in dem ganzen gedieht 
Arnolds erkennen und auf dasselbe anwenden. Die Schreibung 
ist im einzelnen: 

1. ei ist vertreten durch 30 ei, 4 ai, 2 e\ 

2. ou durch 26 au, was allein in diesem complex öften 



VORAUER HANDSCHRIFT. 143 

auftritt; 4o»; 2 ou. Dabei sind nicht mitgerechnet 7 iouhc, 
6 io"hc, welche nur in dieser form erscheinen. Ferner stehen 
18 o v — uo, ebenso 4 ov\ 1 ov = ü; 1 o* = fw; 1 o 9 = o; 

3. m als 46 tu, 5 m, 3 ew (nie tt; oder «;). 

4. i* als 56 ie, 13 i. 

5. Unbetontes ? hat t neben sich, jedoch ohne princip. 
Durchgehend ist iz,. 

6. Umlautsfähiges ä weist auf 14 a, 6 e, 1 ea; die gruppe 
aÄ* 4 aAf, 1 *; dazu 8 mal trehtin, wobei also wider Sonder- 
stellung dieses wortes zu constatieren ist. 

7. age ist in 3 fällen nicht contrahiert, wol aber in treit 
341, 13. 

8. Bei der gruppe or stehen 2 wart gegen 1 worten 336,22. 
356,18. 340,16. Wider ist fraglich, ob markte und uerwarht 
hierherzuziehen ist: s. 23. 

9. Synkope ist ziemlich stark eingetreten: pilde 333,3; 
sinme 347,18. 352,1; lemtigis 355,4. 

10. Abschwächung der nebenvocale. Erhalten ist 
-ote; neben -ot tritt schon -et. herro steht 345, 10. 355/3 etc. 
Die endung des dat sg. m. n. pron. und st. adj. flex. ist -me. 

11. Svarabhakti findet hie und da statt; vor allem wird 
ehr- > eher 1 -, z. b. cherefte 338,1; cherum(p) 341,21; charaft 
343,2; zw-'- > zew— : zewischen 337,26; zewire 344,21; den alt- 
deutschen einschiebungen entsprechend: ^-rch > ^rech : wer ich 
335,16; durech 337,28; wrichen 350, 9; stariche 357, 1. 

12. Cireumflectiert ist 12 mal e, welches 3 mal auch 
als e, mit acut erscheint, welche zeichen, wie vorher in der 
Eaiserchronik, dem kleinen wort- und schriftkörper zur stütze 
dienen sollen. 

13. Dentale, a) Mhd. d- erscheint 12 mal als t, und 
zwar nach -s und -z, nur einmal nach -e, was spur eines 
kanons oder assimil. sein kann. 

b) Beispiele für dw-, tw- fehlen. 

c) Die gruppe nt ist unerweicht in 94 fällen, erweicht 
in 16. 

d) // ist nie erweicht 

14. Labiale, a) Im anlaut wechseln 104 /?-, 13 b-. 
9 von diesen stehen nach auslaut. vocal, die andern fälle zer- 



144 WAAG 

splittern sich. Dazu kommt, was in keinem andern complex 
der Vor. hs. eine entsprechung hat, 34 mal pe-, nur einmal 
be- y während sonst das unbetonte präfix mit der media an- 
lautet, zusammenhängend mit der schwächeren exspirations- 
kraft der vorsilbe. — Im auslaut steht immer -p. 

b) f < urgerm. p hat die Schreibung f, ff; u nur in 
stauen 356, 10; schon öfters war zu bemerken, dass diese er- 
weichung ohne durch führung sporadisch nach langem vocal 
erscheint. 

c) Die gruppe wu- ist meist durch w- angedeutet; ge- 
wunne 353, 7. 

d) Die Verbindung sw-, zw- ist vertreten durch su-, zu-, 
woneben zew- tritt: s. 11. 

15. Gutturale, a) für einfaches k herrscht in allen 
Stellungen eh. 

b) g wird im auslaut überwiegend zu ch, seltner zu -c. 
Anlautend k- in got kan (gönnt) 347, 17; mach kelirnen 347,21. 
— Urgerm. gg liegt vor in manslech : ecke 349,2; liken 356,12. 

c) qu- ist immer verschmolzen, unter anderm auch in dem 
lehnwort cherine < quadragena (40tägiges fasten) 348, 12. 
Das produet von quam ist chom; erwähnt sei an dieser stelle 
die präs. form chwnpt 353, 19, wo also seeundär eine entwick- 
lung vorliegt, welche für kunft schon im urgerm. anzusetzen 
ist und die heute in vielen dialecten herrscht. 

16. Assimil. zeigt suas so 334,4. 336,2, wozu Avas ge- 
dieh te zu vgl. sind. — Vielleicht ist 13 a hierher zu ziehen. 

17. Metathesis erscheint beim präfix er-: 5 mal re-, 
und zwar nach auslaut -r 2; nach -/ 2; nach vocal 1. 

18. Grammatischer Wechsel ist erhalten in heuen 
357,12; uunten 343,28. 345,27 (nt ist meist nicht erweicht); 
tvrte wir 352, 24. 

20. wellen im prät. rvolte wie scolle\ wolde nur 338,26. 

21. mugen. 8 mugen] 1 mage wir; 1 mege wir; 3 mahien\ 
1 mehte, also das umgekehrte Verhältnis von H. 

23. wurken. 2 worhte; 2 warhte. 

24. haben. 2 liefe. 

25. st an und gän. 10 ä-, 6 ^-formen. Im besondern ist 
zu erwähnen die form wir stauten 1. pl. präs.: hauten 356, 13; 
uerstantm infin.: enplanten 348, 28, welche sonst in keinem 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 145 

complex vorkommen. Weinhold, Mhd. gr. §336, der übrigens 
die erste form, auch als infin. citiert, kennt weiter keine be- 
lege. Ferner kommt vor stuten 336,20: vgl. 'Bücher Moses' 
(B) 26 c. 

26. Flexion, a) pronom.: 5 mal siu = acc. pl. m., wozu 
die 'jttngre Judith* (E) etc. zu vgl. ist. — uns 5 mal als accus, 
(daneben 6 unsihc)\ dei tvaz,z,er 341,13; dei alter 346,16; dei 
po v ch 348,19. 352, 11: vgl. 'Bücher Moses'. Ob sich die form 
dei = diu local begrenzen lässt? Zusammenstellungen darüber 
fehlen bis jetzt. 

b) Die 2. sg. endet auf -st. 

27. An Zahlwörtern sind zu nennen: 2. fem. zwa 338, 1. 
343, 27; uiunf und uunf\ gewöhnlich siben (in diesem gedieht 
von der siebenzahl sehr häufig), aber sehen 334,26. 345,10; 
einleuen 343,22; zuelf. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur 4 mal als uiur\ c) lieh- 
name 3 mal als lichename. 

29. Varia, a) ht erscheint oft als th\ sodann -t als -th 
und auch als -ht] entsprechend -ch meist als -hc. 

b) c steht für z- und -z- sehr oft in ceichen 342,4 etc. 
(10 mal); lagecit 354, 15; ceigte 338 } 20; peeeichenote 351, 27; 
cite 352,25. 

c) Inlautendes und anlautendes z ist sehr oft durch h ver- 
treten, wie die anm." Diemers unterm text zu 340,1, 340,23. 
342,4. 342,23. 342,27. 344,4. 352,26. 353,28. 357, 16 belegen, 
wobei die doppelte möglichkeit geboten ist, dass entweder der 
Schreiber der Vor. hs. diese Vermischung schon vorfand oder 
nur undeutliche Schreibung, so dass er die 2 buchstaben nicht 
unterscheiden konnte. In beiden fällen ist ein zeugnis für das 
sclavische nachahmungsbestreben des Vorauer Schreibers ent- 
halten. Ueber die ähnliche gestalt von h und z in hss. sind 
übrigens zu vgl. die ' Fundgruben* II, 139. 

d) Die form prutegaum 335, 14, deren auffassung jedoch 
zweifelhaft ist; lässt sie sich mit stram = straum = ström ver- 
gleichen? 

e) Neben nieht, bezüglich nieth (vgl. a) treten formen wie 
niuth 33*;, 24; niuuet 337, 24. 

f) Erwähnt sei mit tolle 348,5; metaile 348,13. 

B«itrMg« rar gttohioht« dar d«uUob«n apraoh«. XI. 10 



146 WAAG 

g) Die form des t er 339,23 für das ältere deste, indem 
das wort bei comparativem begriff comparative form nach 
sich zog. 

h) Neben scol steht 4 mal die form scal. Sie ist fftr 
unsere zeit nicht ausschliesslich md.: vgl. Weinhold, Mhd. gr. 
§ 394. 

i) Sehr häufig kehrt wider auer sä und auer sus, und zwar 
als ein beispiel für 'versus tyrannus', immer wechselnd, je 
nachdem ein lat wort auf -a oder auf -us darauf reimen soll. 
Uebrigens kommt diese formel sowol im 'hymnus' Mtillenhofö 
als auch in den sonstigen abschnitten von Arnolds gedieht 
widerholt vor, was neben anderem für einheitliche compo- 
sition spricht. 

Bei dieser Zusammenstellung sind stillschweigend die verse 
349,15 — 350,20 übergangen worden, weil sie von einem an- 
dern Schreiber herrühren: vgl. Diemer, Einl/IV, und anm. 8. 349. 
Die eigentümlichkeiten dieses Schreibers werden unter L ('himml. 
Jerusalem') besprechung finden, indem auch dort eine spalte 
von ihm herrührt. — Der Charakter der Überlieferung ist 
bairisch nach 2 (au = ou: Weinhold § 96); 8 (or > ar)\ 14 
(/?£-); 15 (chumpt: nach den heutigen mundarten zu schliessen 
oberdeutsch); 26 a (siu acc. pL m.); 29 d (prutegaum). 

Erwähnt sei, dass unser priester Arnold nach der ansieht 
von Schönbach identisch ist mit einem Arnold, welcher ab 
verf. einer 'hl. Juliana ' überliefert wird, wie er in seiner aus- 
gäbe: 'priester Arnolds gedieht von Juliana ' 1882 zu beweisen 
versucht Vgl. Bartsch, German. XXVIII, 257—265. 

Auf benutzung von Arnolds gedieht weist hin MüllenhoflJ 
MSD* 458. 

L. BESCHREIBUNG DES HIMML. JERUSALEM 

(= Diemer, Dt. ged. s. 3G1— 372). 

Das gedieht, dessen anfang auch in der Milstäter hfl. 
steht — vgl. Diemer, Dt. ged. einl. L; Karajan, Dt. Sprach- 
denkmale — wird von Scherer, Quell, u. forsch. XII, 68 kun 
und treffend bezeichnet als 'ein stück theologischer mineralogie, 
das sich der theolog. Zoologie des Physiologus würdig an- 
schliesst.' Nach Conrad Hofmann, Münch. sitz.-ber. 1871, s. 561 



VORAUER HANDSCHRIFT. 147 

besteht das gedieht, wie Arnolds werk, aus Strophen mit 
wechselnder verszahl, d^ren schlusszeile eine oder 2 hebungen 
mehr hat. Die einzelheiten der Schreibung sind: 

1. ei ist vertreten durch 72 ai, 23 ei, 6 e. Das haupt- 
contingent stellt statu und gehaizen, welche Wörter, entsprechend 
dem inhalt des gedichts, ungemein häufig widerkehren. 

2. ou. 9 ou, 6 o, 3 o v , 3 ov. 2 o v sind = uo. 

3. iu. 25 iu, 13 u, 2 ew. In g ertaste 364, 13 steht tu 
für w; in griune 364,20 für uo, vielleicht zur andeutung des 
umlauts. Unter den iu fungiert tiuuel. 

4. ie. 22 i, 4 ei, 1 ie. Auch hier liegt also wider Ver- 
mischung von ie und ei vor, wo i für te das gewöhnliche ist. 
Natürlich darf ierusalem — je- nicht mitgerechnet werden. 

5. d liegt als t vor in t'ntf?/ 362,4; sodann in dem aus 
man abgeschwächten tnen : min 365, 14. Nebenbei sei bemerkt 
als characteristicum für den gewanten stil, dass in dem bei 
Diemer 12 seiten umfassenden gedieh te nie ez oder iz vor- 
kommt. 

6. Umlautsfähiges ä zeigt 1 a, 1 e. — Vereinzelt steht 
1 elt und 1 aht, zu welchem übrigens trahtin 369,11. 370,21. 
371,17 stimmt. Inconsequent setzt Diemer 369,11 für das 
bandschriftliche trahtin die form trehtin ein. 

7. Contraction liegt widerholt in treit, trait vor; ebenso 
in lit. 

9. Synkope findet selten statt; lemtigen 361,4. 

10. Abschwächung des nebenvocals trifft das suffix 
-ot, neben welches -et tritt. Die endung des dat sg. m. n. der 
pron. und st adj. flex. ist -me und -m. 

11. Svarabhakti tritt ein im höchsten grad; so ent- 
stehen fast nach einem System aus cons. + cons. die gruppen: 

anlautend: gel- (gelas 365,21); chel- {cheleine 365,20); pel- 
(pelut 368,3); sei- {selahte 370,28); ber- (peruege 368,12); 
ger- {gerife 366,15); ter- {terahtines 370,21); uer- (ue- 
raisen 370, 28); sem- (semal 372, 18); sen- (sene 367, 20); 
suw- (sutvarz 367, 18); zuw- (369, 18); 

inlautend: den altdeutschen z wischen vocalen entsprechend: 
-leh- (uersuelehen : beuelehen 364, 23); -reg- (burege : sorege 
368, 10); w (uarewe 367, 21); 

auslautend: -rech {pur eck 362, 8); -lern (halem 365, 17). 

10* 



148 WAAG 

12. Circumflex steht nie; 2 mal steht auf der partikel 
e ein acut 370,9.10. 

13. Dentale, a) Mhd. d- erscheint 13 mal als t-, und 
zwar 7 mal nach ausl. -t, 5 mal nach -ch, 1 nach -z: spur 
eines kanons oder assimilation. 

b) dw- liegt nur vor in geduange 369,9. 

c) 23 nt stehen gegen 7 nd. 

d) It ist nie erweicht 

14. Labiale, a) Im anlaut streiten 17 b- und 12 />-. 
Ausgeprägt ist das überwiegen von p- nach auslaut. -r, die 
andern fälle zersplittern sich. Dazu kommt neben dem prftfix 
be- vereinzelt 6 mal die Schreibung pe- vor nach verschiedenem 
auslaut Im auslaut herrscht -p. 

b) f < urgerm. p erscheint nie als v. 

c) Die gruppe nm- ist als w- geschrieben in rvnder 361, 23. 
368, 19. 

d) Die Verbindung sw-, zw- hat nach 11. die form tum-, 
zuw-, indem sich die natur des einschubvocals nach dem folg. 
cons. richtet. 

15. Gutturale, a) Für einfaches k herrschtet. Speciell 
zu erwähnen ist die erweichung in himelisgen 368, 13; über die 
erklärung und das z. t. in den nämlichen denkmälern begeg- 
nende cg (s. b) ist zu vgl. Paul, Beitr. VII, 129. 

b) -g wird im auslaut immer zu -eh. Westgerman. gemi- 
nation liegt vor in den formen legge (leiste) 362,17; ceruege : 
beruege 368, 11. 

c) Verschmelzung von qu- findet immer statt. 

16. Assimilation zeigt isele 361,18, so dass der Vor- 
gang des as. und ags., wonach n + s > s wird unter dehnung 
des vorhergehenden vocals, sich hier widerholt hätte; wahr- 
scheinlicher aber liegt Übernahme aus dem romanischen vor, 
auf dessen gesammtem gebiet dies lautgesetz gleichfalls gilt (vgl 
ital. isola, wovon isolieren). 

17. Metathesis bietet nur in rethotit 366-, 5. 

18. Grammat. Wechsel ist erhalten in heuen; eruuntem 
370, 10 (nt unerweicht: vgl. 13 c); ausgeglichen in erworuen 
368, 6. 

20. wellen hat das prät. wolle. 

21. mugen im präs. 3 mugen, 1 mögen. 



VORAUER HANDSCHRIFT. 149 

23. wurken. beworth 364, 18; umbeworith 365, 18; ge- 
wer chet 362, 16 ist wol zum swv. werken (ahd. werkdn) zu 
ziehen. 

25. stän und gän hat 8 e-, 4 d- formen, die ersten 6 mal 
im reim: ierusalem, also Wechsel rein nach dem reimbedürfhis. 

26. Flexion, b) Die 2. pl. endigt auf -ent in habent 
372,6; uuoltent 372,9, neben -et. 

c) Das prät screb 362, 6. 8. Da die form 2 mal erscheint, 
ist es zweifelhaft, ob sie einfach unter die rubrik e = ei (s. 1) 
zu setzen ist, oder ob nicht Vermischung mit den auf r, h, w 
endenden stammen (vgl. Paul, Mhd. gr. § 46) vorliegt. 

27. Zahlwörter fem. von 2 zuwa 369,18. 

28. Einzelne Wörter, a) fiur hat die Schreibung uiur 
368,1. 370,5; fiuer 371,10. 

29. Varia, a) -ch erscheint meist als -hc; analog -ht 
meist als -th; als folge der Verwirrung tritt h auch zu beliebigem 
auslaut. -t; zu anlaut. t- nur in tho(u)gen 366, 25; thot 365, 1; 
366,20; thut 366,9. 

b) Unorganisches h- steht im wortanlaut 9 mal: hewen 
365,11; ÄW/-365, 16; herde Mb, 17; Am 365, 19; hin 367,18; 
hobene 367,20; hiuch 372,19.21; he 372,23. 

c) Für anlautend und inlautend z steht c in den Wör- 
tern: geceiret 365,9; herce 365,24; becaihenet 366,6; lucel 
367, 10; ufwerce 367, 24; cu 369, 14; ce 369, 14; gecinnet 
369, 26; cit 371,25. 

Scherer bemerkt nun Quell, u. forsch. VII, 89 zum 'himml. 
Jerusalem': 'die Orthographie stimmt trotz individueller eigen- 
tümlichkeiten im ganzen doch sehr nahe zu dem werke des 
priesters Arnold', und entsprechend stellt er s. 28 bei einem 
summarischen überblick über den inhalt der hs. XX (= Arnold 
bei ihm) und XXI (= Jerusalem) als eine frühere sammel- 
handschrift zusammen, allerdings mit einem f ragezeichen. 
Seine gründe dafür, welche ich der Übersicht halber numme- 
riere, gibt er s. 89 an: 1. 'Beide (Arnold und Jerusalem) haben, 
wie Ezzo, noch auf althochdeutsche weise unte, muten, /unten, 
wente, ente, wante u. dgl/ Das ist im wesentlichen richtig, 
indem ich nur auf 13 c zu verweisen brauche, wo sich zeigt, 



150 WA AG 

dass Ezzo nur nt hat, und dass bei Arnold das Verhältnis von 
nt : nd = 6 : 1, im Jerusalem = 3:1 ist. 

2. ' Beide haben au und ai (ersteres bei Arnold, letzteres 
im Jerusalem häufiger), sogar haus 365, 13/ Das ist schon 
weniger richtig. Zunächst ai. Nummer 1 ergiebt, dass Arnold 
30 ei, 4 ai, 2 e\ Jerusalem 72 ai, 23 ei, 6 e hat, also Verhält- 
nisse, die sich absolut nicht vergleichen lassen. Sodann au. 
Nummer 2 ergibt für Arnold 26 au, 10 o v , 9 ou; für Jerusalem 
aber 9 ou, 6 o, 3 o v , 1 ov und kein einziges au, sondern nur 
jenes haus, wo au — ö steht, was bei Arnold keine parallele 
hat und deshalb als beweis nicht in betracht kommt. 

3. 'Dem gepuet für gepiutet bei Arnold 354, 14 vergleicht 
sich fluet 365, 26 für fliuhetl Ob diese formen sich vergleichen 
lassen, ist denn doch die frage, gepuet muss jedenfalls ver- 
schrieben sein, entweder für geputet oder für geput mit Syn- 
kope, indem gegen u = iu nichts einzuwenden ist: vgL 3. 
Andrerseits bemerkt auch Scherer, s. 82, dass die stelle über- 
haupt zweifelhaft sei. fluet sodann im Jerusalem steht einfach 
= fluhet mit Vernachlässigung des h, bei dem in diesem stück 
überhaupt Verwirrung herrscht, was die ganz in der nähe 
stehende form fluhet 364,15. 364,27 beweist. 

4. 'Beide auch unorganisch h- im anlaut statt Spiritus 
lenis\ Für Jerusalem kann ich auf 29 b verweisen, wo sich 
ergibt, dass 9 mal unorgan. h- im wortanlaut steht. Bei Arnold 
ist jedoch nur dass eine hatem 356, 26 zu belegen, so dass 
wider kein vergleich möglich ist, zumal Arnold bei Diemer 
25 seiten, Jerusalem nur 12 einnimmt, wodurch das eine h- im 
Arnold noch mehr verschwindet. 

5. 'Das charakteristische euphonische e in Verbindungen 
mit der liquida ist bei Arnold lange nicht so häufig, aber so 
z. b. 341,21 cherup für chrump oder 334,3 chesiene, wo durch 
conjectur cheleine herzustellen ist.' Scherer legt also selbst 
hierauf nicht viel gewicht; übrigens zeigt ein blick auf nr. 11, 
dass im Arnold sich nur die erweitcrung eher- und -rech 
widerholt, während in dem kleinen Jerusalem fast ein voll- 
ständiges System aller möglichen falle vorliegt. Dazu kommt 
der weitere unterschied, dass bei Arnold zw- > zetv-, im 
Jerusalem dagegen > zuw- gewandelt wird. 

6. 'Beide haben ein paarmal ei für V Die fälle, welche 



VORAÜEE HANDSCHRIFT. 151 

Scherer im besondern nicht aufführt, sind: Arnold: liebe : weihe 
(lies Übe : mbe) 350,16; Jerusalem: leip 363,7. Hier ist nun 
der ort zu besprechen, was schon oben berührt wurde, dass 
nämlich die verse 349,15 — 350,20 (auf bl. 132 c) bei Arnold 
und 362,22 — 364,11 (auf bl. 134 a) von einem andern Schreiber 
geschrieben sind, worauf Diemer ausdrücklich in der Einl. s. IV 
und in den anmerkungen unter dem text zu s. 349 und 362 
aufmerksam macht. Das characteristische dieses Schreibers be- 
steht im wesentlichen darin, dass er die synkope und die 
Schreibung nd gegen nt bevorzugt; dass er im Jerusalem ie 
für i und die form trehtin einsetzt (welche beide im gesammt- 
text des Arnold schon vorhanden sind); und ertlich eben, dass 
er 2 mal für i ein ei setzt an den genannten stellen. Dass 
darin, wie Scherer wollte, kein beweis dafür liegt, dass 
Arnold und Jerusalem in einer sammelhandschrift standen, ist 
wol klar. 

Da übrigens für die im Südosten Deutschlands anhebende 
Wandlung von i > ei und ü > ou meist auf die Vorauer hs. 
zurückgegriffen wird, z. b. MSD, Einl. XXVII, so sei hier zu- 
sammengefasst, dass in derselben altes t beim urschreiber nie 
als ei erscheint, sondern nur bei jenem jungem Schreiber y, 
der bl. 1 und 8 und bl. 89 und 96 (correspondierende deck- 
blätter der 1. und 12. läge) erneuert hat, und zwar 7 mal 
(s. bei der i Wahrheit' = C); ebenso bei dem oben genannten 
dritten Schreiber, wir nennen ihn x, der eben auf bl. 132 c eine 
halbe und auf bl. 134 a eine ganze spalte geschrieben hat 
(Arnold und Jerusalem), 2 mal. 

Altes ü erscheint bei urschreiber als ov nur in ot/357, 12 
(Arnold); als au nur in haus 365, 13 (Jerusalem); sodann geht 
durch die ganze Kaiserchronik bo v wen und o v f. Aber die auf- 
fassung von bo v wen ist sehr fraglich, indem vielleicht für das 
präsens Stammabstufung mit altem au anzusetzen ist. Unregel- 
mässig ist das verbum ja auch durch sein st. part. gebüwen. 
Bei ö°f könnte man auf den gedanken kommen, die diphthongie- 
rung von ü > ou habe sich im wortanlaut früher vollzogen. 
Dazu würde stimmen, dass bei dem jungem Schreiber y o v z 
und o v zzer zu ö°f hinzukommt; ferner hat er einmal hö°s 
Kaiserchron. 6, 3. So sind der belege für diese lautübergänge 
sehr wenig. Der schreiber x wird von Diemer, Einl. VI mit 



152 WAAG 

dem urschreiber gleichzeitig, in die mitte des XII. jh. gesetzt, 
j aber an das ende desselben, was wegen der Chronologie des 
lautwandels wichtig ist. 

Die argumente Scherers von 2 — 6 sind somit hinfällig, 
und auf 1 allein (nt) dürfte kein grosses gewicht zu legen 
sein. Dazu behauptet er: 7. 'Beide (Arnold und Jerusalem) 
haben unorganisch th für t, besonders im auslaut.' Das ist 
richtig (s. nr. 29 a), aber es ist zu bemerken, dass dieselbe er- 
scheinung sowol in dem beiden vorausgehenden 'Ezzo' (s. 29a) 
als in dem beiden folgenden 'Gebet 1 (s. u.) vorliegt. Und so 
komme ich zu meiner ansieht: Scherer behauptet mit unrecht, 
dass Arnold und Jerusalem für sich in einer sammelhs. standen, 
wol aber kann wahrscheinlich gemacht werden, dass Ezzo, 
Arnold, Jerusalem, Gebet zusammen in einer vorläge waren; 
und zwar aus folgenden gründen: 

1. in allen 4 gedichten wechselt ht mit th, und h tritt 
unorganisch zu auslaut. -*; 

2. in allen 4 gedichten wechselt -ch mit -hc; 

3. in allen 4 gedichten steht c = z (s. unter 29). Nur 
diese behauptung kann aufgestellt werden: aber sie ist nur 
haltbar unter der annähme, dass ein solcher Schreiber jene 
4 gedichte zu einer vorläge vereinigte, welcher im allgemeinen 
ebenso sorgfältig und passiv wie der Vorauer Schreiber war, 
und der nur die eigentümlichkeit gehabt hätte, für ht ein th; 
für -ch ein -hc; für z ein c zu setzen. Denn in andern er- 
scheinungen herrschte ja grosse differenz; ich hebe nur hervor: 
Ezzo ei, Arnold ei, Jerusalem ai, Gebet ei; Ezzo ov, o v , Arnold 
au, Jerusalem ou, Gebet o v , ou; Ezzo ie, i, Arnold ie, i, Jeru- 
salem i, Gebet ie; Ezzo ez„ Arnold iz,; Ezzo trehtin, Arnold 
trehtin, Jerusalem trahlin, Gebet trehtin; Ezzo kein einschub- 
vocal, Arnold wenig, Jerusalem sehr viel, Gebet wenig; Ezzo 
p-, b-, Arnold /;-, pe' , Jerusalem b-, p-, Gebet b-, p-; nur 
Jerusalem suw-, zuw-; Ezzo zwo, Arnold zua, Jerusalem zuwa; 
Ezzo worhte, Arnold warhte, Jerusalem getvorth. 

Unter der obigen annähme kann nach jenen 3 momenten 
die Zusammengehörigkeit der 4 gedichte zu einer vorläge be- 
hauptet werden; zwingend ist jedoch der beweis nicht, und 
praktisch hat man jedenfalls mit 4 vorlagen zu rechnen, wes- 



VORAÜER HANDSCHRIFT. 153 

halb auch bei der gesammtdarstellung und nummerierung die 
4 gedichte getrennt aufgeführt wurden. — 

Die Überlieferung des 'himml. Jerusalem' trägt die cha- 
racteristica des oberdeutschen; aufs bairische weist 1 (ai). Auf 
cg und sg (s. 15 a und b) wird nach Paul, Beitr. VII, 129 kein 
gewicht zu legen sein. 

M. GEBET EINER FRAü 

(= Diemer, Dt. ged. s. 375— 378). 

Das gedieht ist nur fragmentarisch überliefert, indem es 
mitten im satz mit dem ende des letzten blatts der 17. läge 
abbricht (vgl. Diemer, Einl. s. I). Die von Diemer, s. XVII 
aufgestellte Vermutung, es rühre von der Ava her, ist auf- 
gegeben. Zu vgl. ist hierüber Langguth, welcher in seinen 
mehrfach citierten ( Untersuchungen üb. d. ged. der Ava' 1880, 
s. 6 bemerkt, dass sprachlich nichts für die identität der Ver- 
fasserin mit Ava anzuführen ist, die Situation eher dagegen 
spricht. — Bei der kürze des bruchstücks kommen bei der 
folgenden darstellung manche erscheinungen resp. nummern 
wegen mangel an beispielen ganz in wegfall. 

1. ei ist vertreten durch 9 ei; 

2. ou durch 2 o v , 1 ou. Sodann stehen 23 o v = uo\ 5 o v = 
ö, auf welch letztere erscheinung Schcrer 8. 90 hinweist unter 
bezug auf MSD LXXXIV, 2. Dort ist 2 s. 582 bei der Schrei- 
bung irlo'se = irlöse Weinhold, Bair.gr. s. 103* citiert, welcher 
an diesem ort die Vertretung von ö durch ou bespricht und 
auch aus unserm gedieht belege bringt. Lautliche bedeutung 
ist jedoch kaum anzunehmen, indem in 10 fällen, also doppelt 
so viel, ö durch einfaches o widergegeben ist. 

3. iu liegt vor in 4 iv, 4 iu, 1 w. 

4. ie. 7 ie, 3 i; unter diesen 2 nine, deren i aus der pro- 
klisc zu erklären sein wird. 

5. d hat nur diese Vertretung. 

6. Umlautsfähiges ä schwankt zwischen 9« und 2 e. 
Die gruppe aht liegt nur vor in trehtin 376, 14. 378,4. 

9. Synkope findet nicht statt, dieme 376,5 ist wol für 
dineme verschrieben. 

10. Abschwächung der endung zeigt herre. Der dat. 
sg. m. n. der st. adj. und pron. flex. endet auf -me. 



154 WAAG 

11. Svarabhakti bietet nur zewein 375,9 und 3 mal die 
alte form durech. 

12. Circumflex steht 2 mal in der partikel 6. 

13. Dentale a) mhd. d- erfordert keine bemerk ung; 

c) 14 nd stehen gegen 2 nt\ 

d) It ist nicht erweicht 

14. Labiale, a) 4 b- wechseln mit 2 p-, die ersteren 
3 mal nach auslaut. vocal, 1 nach -c; die letzteren nach -eh. 

b) f < urgerm. p erscheint als f. 

c) Die gruppe wu- liegt vor in wundern 376, 20. 

d) Die Verbindung sw- in gestrichen 375,14; zw- in ze- 
wein 375, 9. 

15. Gutturale, a) Für einfaches k herrscht eh. 

b) -g als -c in lac 377, 13; manecfalt 378, 1. — Verschmel- 
zung von g- in enkelten 376, 13. 

c) qu- ist verschmolzen in bechome 377, 22; chum mir 
377, 27. 

21. mugen bietet 2 muge. 

25. stdn uersten 375,4; stät 376,2. 

26. Flexion a) des pronom. Einmal begegnet mire 
375, 15, welche form auch in der Stindenklage vorkam (siehe 
dort 26 a). 

b) Die 2. sg. vertritt mögest 375, 14; du welles 377, 19. 

27. Das einzige Zahlwort ist zewein 375,9. 

29. Varia, a) -ch ist durch -hc widergegeben in uerlihc 
375,2; dihe 375,6 und 9 mal in ihc. Unorgan. -th zeigt bo- 
seith 377, 1. 

b) z- ist durch c- vertreten in ce neren 377, 7. 

Ueber die eventuelle möglichkeit einer sammelhs., worin 
I, K, L, M gestanden hätten, ist unter L gehandelt. 



So wären wir am ende unsrer Zusammenstellung angelangt. 
Ich brauche wol nicht hervorzuheben, mit welcher mühe sie 
gewonnen wurde; wie mancher zweifei aufstieg, bis sich eine 
klare Übersicht ergab über die möglichkeit einer trennung von 
eigentümlichkeiten, die sich auf einzelne complexe beschränken 
Hessen, und solchen, die als durchgehend unberücksichtigt 



VORAUER HANDSCHRIFT. 155 

bleiben mussten; dass auch diese vollständige aufzeichnung er- 
heischten und viel zeit raubten. Dafür ergaben sich aber auch 
mannigfache resultate, deren wesentlichste ich mit übergehung 
grammatischer kleinigkeiten zusammenfasse: 

1. Der Schreiber der Vorauer hs. XI hat im wesentlichen 
seine vorlagen mit sclavischer treue nachgeahmt. 

2. In folge dessen Hessen sich als einzelne vorlagen ab- 
grenzen: A Kaiserchronik; B Bücher Moses; C die Wahrheit; 
D Summa theologiae, Solomo, Nabuchodonosor; E (jüngere) 
Judith; F Alexander; 6 Avas gedichte; H Sündenklage; I Ezzos 
gesang; K Arnolds gedieht; L das himml. Jerusalem; M Gebet 
einer frau. Als möglich, aber nicht absolut beweisbar, musste 
hingestellt werden, dass I, K, L, M früher für sich in einer 
sammelhs. standen. 

3. Aus verschiedenen sprachlichen argumenten wurde be- 
wiesen, dass in der vorläge der Kaiserchronik die verse 
526,22 — 530,6 erst später hinzugefügt wurden, wodurch die 
schon früher geäusserte ansieht, die älteste form der Kaiser- 
chronik habe mit dem tode Lothars, mit dem jähre 1137 ge- 
schlossen, ausser zweifei gesetzt wird. 

4. Das von Diemer als 'Bücher Moses* bezeichnete stück 
ist abweichend von Scherer als einheitlich gewolltes gedieht 
aufzufassen. Ebensowenig darf das ' Marienlob ' abgetrennt 
werden. 

5. Es ist wahrscheinlich, dass die ' Wahrheit'- vorläge C 
ein fragment ist. 

6. Zur trennung der einheitlich tiberlieferten gedichte 
'3 Jünglinge im feuerofen' und 'Judith', wie sie in MSD vor- 
genommen ist, sind keine sprachlichen gründe vorhanden; im 
gegenteil beweisen andre momente, dass sie mit Conrad Hofmann 
unter dem titel ' Nabuchodonosor J zusammenzufassen sind. 

7. Das von Pfeiffer erwiesene Kölnische original von 
Lamprechts Alexander ist zunächst durch die bände eines 
oberdeutschen gegangen; erst dessen werk war die vorläge 
de; Vorauer Schreibers. 

8. Der von Langguth wahrscheinlich gemachten einheit 
der gedichte der Ava ist durch die gleichheit der sprachlichen 
Überlieferung eine stütze geboten. 



156 WA AG 

9. Das original der ' Sündenklage ' war mittelfränkisch; 
auch sie gieng durch die hände eines oberdeutschen Schreibers, 
bevor sie der Vorauer Schreiber bekam. 

10. Zu der trennung von Arnolds gedieht, wie sie Müllen- 
hoff vornahm, Scherer wider aufgab, sind in der Überlieferung 
und spräche keine gründe vorhanden. 

Dazu gesellt sich: 11. Die Vorauer hs. XI bietet in ihrer 
Zusammensetzung weder das prineip einer weltchronik noch 
irgend ein anderes, sondern ihre anordnung ist als unabsicht- 
lich, wie es gerade der verkehr mit den umliegenden klöstern 
bedingte, entstanden aufzufassen. 

In den Denkmälern 2 371 f. bemerkte Müllenhoff mit herbei- 
ziehung des lateinischen teiles der hs., dieselbe ergebe eine 
art weltchronik, wenn man die Kaiserchronik ans ende der 
Dt. ged. vor die 'Gesta Friderici imperatoris, von Otto v. Frei- 
sing stelle. Schon dieses 'wenn* ist nicht sehr vertrauen- 
erweckend. Sodann darf aber der lateinische teil überhaupt 
nicht in betracht gezogen werden, weil er ursprünglich selb- 
ständig war und mit neuer Zählung der quaternionen beginnt, 
während der dt. teil überhaupt keine lagenbezeichnung hat 
(vgl. Diemer, Einl. s. III). Weiter ist es überhaupt verfehlt, 
ein prineip aufstellen zu wollen, weil das letzte gedieht, 'das 
Gebet', mit dem ende der letzten läge mitten im satze ab- 
bricht, so dass also noch eine läge ursprünglich darauf folgen 
musste, mehrere folgen konnten. Dabei sehe ich ganz davon 
ab, dass auch die 'Wahrheit', welche jetzt mit dem ende einer 
läge abbricht, höchst wahrscheinlich eine fortsetzung hatte, so 
dass auch zwischen der 12. und 13. läge eine oder mehrere in 
wegfall kommen konnten. Jedenfalls ist es unberechtigt, für 
die nicht vollständig überlieferte hs. ein system ihrer Zu- 
sammensetzung und anordnung aufzustellen. 

Anders verfährt schon Scherer. Er errichtet Quell, und 
forsch. VII, 30 ein mystisches gebäude von glaube, beichte, 
himmel und hölle, welche in der anordnung vorhanden sein 
sollen; aber der schlauberechnende priester verrät sich, wenn 
er sagt: 'Mit andern worten, auf die predigt, auf den popu- 
lären, deutschgetibten gottesdienst des 11. Jahrhunderts geht 
alles zurück, er enthält im keime die ganze geistliche poesie 
des 12. Jahrhunderts'. Das ist wol die ansieht Scherer's, aber 



VORAUER HANDSCHRIFT. 157 

sie war sowol für die Bücher Moses als für Ära zurück- 
zuweisen, weil beiden gedieh ten jeder asketische zug fern 
liegt. Und hier, für die anordnung der Vorauer hs.? Bei 
dem prineip: glaube, d. h. gott vater der schöpfer (= Bücher 
Moses); Gott söhn der erlöser (= Avas gedieh te); beichte 
(= Sündenklage); himmel und hölle (= himml. Jerusalem) 
wird, abgesehen von der sonstigen Schiefheit der vergleichungen, 
die Kaiserchronik am anfang, ebenso Lamprechts Alexander in 
der mitte gänzlich ignoriert. Und wider ist vergessen, dass 
die Vorauer hs. nicht ganz überliefert ist. 

Vollständig hinkt der vergleich mit der Milstäter hs. 
Gleich ist nur, dass in der Vorauer hs. die 'Bücher Moses', in 
der Milstäter hs. 'Genesis und exodus' stehen, aber nicht an 
der gleichen stelle, indem eben in der Vorauer hs. die Kaiser- 
chronik vorausgeht. Mit den vergleichungen der folgenden ge- 
dichte weiss selbst Scherer s. 30 nichts anzufangen. Falsch 
ist aber, von dem 'himml. Jerusalem' als beiderseitigem schluss 
zu reden: denn in der Vorauer hs. folgt noch das 'Gebet' etc., 
und die Milstäter hs. bricht nach den ersten versen des 
'Jerusalem' ab, so dass niemand sagen kann, was noch folgte. 

So ist es unmöglich, für die anordnung ein prineip auf- 
zustellen, und sowol das von Müllenhoff als das von Scherer 
postulierte hat keine beweiskraft. Was ist aber auch wahr- 
scheinlicher, als dass kein prineip vorlag? Der eine Vorauer 
Schreiber schrieb sicher lange zeit an seinem peinlich genauen 
werk, und kaum hat er während dem gesammten Zeitraum 
seiner Schreibertätigkeit alle vorlagen beisammen gehabt, so 
dass er gerade wählen konnte. Das ist durchaus nicht wahr- 
scheinlich bei dem damaligen regen interesse für neue erzeug- 
nisse auf dem literarischen markt. Ein directer beweis für 
die rasche Verbreitung und den vielfachen Wechsel von novi- 
täten liegt darin, dass gerade blatt 1 und 8 der ersten wie 
der 12. läge von einem Jüngern schreiber erneuert werden 
mussten, d. h., dass jene deckblätter abgenützt und schwer 
lesbar waren, woraus hervorgeht, dass die ersten vollendeten 
lagen sich längst in den bänden der leser befanden, während 
an den letzten noch geschrieben wurde, vgl. Diemer, Einl. s. V. 



158 WA AG, VORAUER HANDSCHRIFT. 

Die beigegebene tabelle, welche eine summarische über- 
sieht über die verschiedenen Schreibungen und formen der 
einzelnen vorlagen oder complexe ermöglicht, erheischt folgende 
bemerkungen: 1. Die 'Wahrheit' = C ist weggelassen, weil 
sie wie oben ausgeführt, in ihrem ganzen umfang von einem 
Jüngern Schreiber herrührt, dessen zutaten nicht genau festzu- 
stellen waren, und weil die mischung sich nicht in kürze dar- 
stellen lässt. 

2. Steht in der tabelle eine Schreibung, z. b. ei allein, so 
bedeutet das, dass sie ausschliesslich vorkommt oder in der 
gesammtsumme der fälle, wo der betreffende laut vorliegt, 
unter den verschiedenen, wechselnden Schreibungen mindestens 
*/ 4 einnimmt Steht dagegen ei, ai nebeneinander, so heisst 
das, dass ihr Verhältnis zwischen 1 : 1 und 2 : 1 schwankt. 
Steht endlich ei über ai, so wird angezeigt, dass ei : ai zwischen 
2 : 1 und 3 : 1 steht. 

Nur die wichtigsten rubriken sind in die tabelle aufge- 
nommen worden, zumal von einigen schon anfänglich zuge- 
geben wurde, dass sie nur wegen der vollständigen darstellung 
der einzelnen denkmäler behandelt sind. — Die ergebnisse von 
nr. 24 und 25 sind eine bestätigung dafür, dass weder für das 
prät. von haben, noch für stän und gän sich ein bestimmter 
Wechsel nach dialecten feststellen lässt. 

FREIBURG i. B., februar 1885. ALBERT WAAG. 



DER 

CHAUPLATZ DES ERSTEN BEOWULFLIEDES 
UND DTE HEIMAT DES DICHTERS. 



I. Der sohauplatz. 

Bei der so genauen und ausführlichen localschilderung, 
eiche namentlich im ersten teile des Beowulfepos, welcher 
m Beowulfs kämpf mit den wasserunholden handelt, gegeben 
ird, liegt die frage nahe, ob der dichter (oder die dichter) 
ol eine bestimmte landschaft im sinne gehabt oder ob wir 
ir ein phantasiebild darin zu sehen haben, mit anderen wor- 
o, die frage, ob der Grendelmythus, die Grendelsage an 
nem bestimmten orte localisiert gewesen ist oder nicht. Die 
tztere annähme ist von vornherein unwahrscheinlich; sie 
iderspricht dem wesen der volkstümlichen dichtung, beson- 
dre auch dem character germanischer poesie, welche von jeher 
nen stark realistischen zug gehabt hat, und germanischer sage, 
siehe sich an bestimmte örtlichkeiten zu heften liebt. Der 
hauplatz des ersten Beowulfliedes ist sicher (trotz des Beowan 
unm, Grendles mere, Grindles pytt u. s. w., die im Südwest- 
en England aus angelsächsischen Urkunden nachgewiesen 
>d, deren namen jedenfalls erst der dichtung ihren Ursprung 
rdanken) nicht in England zu suchen, sondern, wie jetzt wol 
'tnlich allgemein angenommen wird (vgl. Ten Brink, Gesch. 
r eogl. litt. p. 31, Dederich, Histor. und geogr. stud. zum 
owulfl. p. 63, Th. Krüger in Herrigs Archiv bd. 71 p. 140 f.) 
f Seeland. Aber wo stand die bürg könig Hrothgars? Für 
Q mit der altnordischen sage vertrauten kann eigentlich gar 
in zweifei darüber bestehen: Hrothgar, der Hroar der alt- 
rdischen sage, der Roe der dänischen Chronisten, kann nur 
Lejre bei Roeskilde, dem alten Hleithra (Hleithrarstoll im 



160 SARRAZIN 

Grottasöngr), oder Lethra, wie die dänischen geschieh tsschreiber 
die barg nennen, seinen wohnsitz gehabt haben; denn dort 
herrschten der sage nach die Skiöldunge bis auf Harald Hildi- 
tönn. Skiöld selbst soll ja die bürg Hleithra erbaut haben. 
Wenn Kemble und Müllenhoff sich statt dieser annähme für 
das nahegelegene Roeskilde entschieden, so sind sie durch eine 
bemerkung bei Saxo Gramm, etwas irre geleitet worden, 
welcher berichtet, dass Roe Roeskilde erbaut haben soll (Saxo 
Gramm, edd. P. £. Müller I, p. 80). Das kann auch sehr wol 
sein, damit ist aber nicht gesagt, dass Hrothgar selbst dort 
seinen herrschersitz gehabt. Jedenfalls lässt die sage ihn in 
Hleithra begraben sein 1 ); und da noch sein neffe Hrothulf (der 
Rolf Krake der dänischen sage) nach Saxo bei der bürg eine 
stadt (oppidum) anlegte, ist anzunehmen, dass der alte königs- 
sitz zu Hrothgars Zeiten noch nicht verlassen war. 

Wie stimmt nun die läge des heutigen Lejre zu der local- 
schilderung des gedieh tes? Sie stimmt, wie schon ein blick 
auf eine specialkarte lehrt, genau. 2 ) 

Die königsburg Hrothgars und die in unmittelbarer nähe 
befindliche halle Heorot liegen nach der Schilderung des ge- 
dichtes nicht dicht am meer, sondern in einiger entfernung, so 
dass sie indes zu fuss in nicht allzulanger zeit zu erreichen 
sind (Beow. v. 305 ff.). — Lejre liegt vom Roeskilder Fjord 
1 — l 1 /* stunden ab, vom Roeskilder hafen (in alten zeiten war 
Roeskilde bekanntlich ein bedeutender hafen) ist es eine 
geographische meile entfernt. Auf Roeskilde selbst würde die 
Schilderung schon aus dem gründe nicht passen, weil es dicht 
an der meeresbucht liegt. 3 ) 



*) Annal. Esromens. (Script. Rer. Dan. 1, 224): Obiit Ro et sepultus 
est tumulo quo dam Laethrae. 

*) Die folgenden topographischen angaben verdanke ich zunächst 
einer generalstabskarte über die Umgebung von Roeskilde (1863), ferner 
Pontoppidan's Danske Atlas II, 367 ff., Th. Gliemann's Topographisk-statist 
Beskrivelse over Kjöbenhavns Amt, Kjob., 1621, J. P. Trap's Statist.- 
topograph. Beskrivelse af Kongeriget Danmark 2 , Kjüb. 1872, III, so wie einem 
aufsatz von Fr. Munter 'Lejre i Sjaelland, i Begyndelsen af det Nittende 
Aarhundrede* veröffentlicht in Det skandinaviske Litteraturselskabs Skrif» 
ter, jahrg. 1805, II p. 265 ff. — Eine karte von Lejre findet sich auch in 
Gebhardis geschiente von Dänemark bd. I, die älteste topographische 
abbildung von Lejre in Stephan ius' ausgäbe des Saxo, Notae über. p. 75. 

*) Aue der angäbe (v. 219), dass Beowulf in etwa 24 stunden von 



SCHAUPLATZ DES I. BEOWÜLFLIEDES. 161 

In der nähe ron Hrothgars bürg liegen hügel, die als 
mxenwohnungen (nicor-hüsa fela, v. 1411) bezeichnet werden. 
— An die htigel von Lejre knüpfen sich noch jetzt aber- 
gläubische Vorstellungen. 'Man glaubt sie von Trolden be- 
iwohnt und besonders sieht man den Rossberg' ('Hestebjerget 9 , 
"wenige minuten südlich vom dorfe Lejre), für ihren aufenthalts- 
ort an' (Munter a. a. o. p. 323). 

Aus der stelle im Beow. v. 175: 'Hwtlum hie gehßton ®t 
haerg-trafum wlg-weoröunga' lässt sich schliessen, dass in der 
nähe der bürg ein opferhain gewesen ist. — Wenige minuten 
vom dorfe Lejre entfernt, liegt ein buchenhain, das Herthatal 
(Hertbadal, Haertedal), früher auch der heilige wald (Hellige 
Skov) genannt, welcher nach alter tradition, sowie nach der 
ansieht dänischer altertumsforscher eine heidnische opferstätte 
gewesen ist (Pontoppidan's D. A. 11,370, Gliemann a. a. o. 
p. 576, Munter a. a. o. p. 320). Man hat darin steinmassen und 
wälle gefunden, welche sich hur auf diese weise erklären 
lassen. Die heutige Schreibung des namens Herthadal beruht 
auf einer irrigen gelehrtenetymologie , welche diesen hain mit 
der erfundenen göttin Hertha in Verbindung brachte. Daher wird 
auch der waldsee am ende des tales, der früher der heilige see 
(Vithe Söe) hiess, jetzt Herthasee genannt, wie der auf Rügen. 
Wenn nun gleich die beziehung auf eine bestimmte gottheit eine 
irrige war, und es auch sehr fraglich ist, ob jener hain mit 
dem von Tacitus Germ. cap. 40 erwähnten identisch ist, so 
wird doch die annähme einer alten opferstätte durch das ge- 
wichtige zeugnis Diethmars von Merseburg ausserordentlich 
wahrscheinlich. 

Es sei gestattet die bekannte stelle hier im Zusammenhang 
noch einmal anzuführen (nach Pertz Monum. Tom. V p. 739): 
Est unus in Ms partibus locus, caput istius regni, Lederun no- 
mine, in pago qui Selon dicitur, ubi post 9 annos mense Januario, 



seiner heimat bis an die Hrothgar's bürg zunächstliegende küste segelt, 
ist nicht viel zu machen, da wir nicht wissen, welchen ort der dichter 
als ausgangspunkt der fahrt gedacht hat. Je^nfalls widerspricht die- 
selbe unserer annähme nicht, denn nicht bloss von näher liegenden, auch 
von entfernteren punkten der südwestlichen küste Schwedens, z. b. von 
Gothenburg ist der Roeskilder Fjord bei günstigem Segelwind (v. 217) 
sehr wol in 24 stunden zu erreichen. 

Uoiträge zur gesohlohte der deutschen apraohe. XI. 1 1 



162 SARRAZIN 

post hoc tempus quo nos theophanium Domini celebramus, omnes 
convenerunt, et ibi diis mimet 99 homines et totidem equos, cum 
canibus et gallis pro accipitribus oblatis, immolant, pro certo, 
ut predixi, putantes, hos eisdem erga inferos servituros et com- 
missa crtmina apud eosdem placaturos. (Zu den Worten pu- 
tantes hos eisdem erga inferos servituros sind die verse ßeow. 
176: wordum bobdon, poet him g&st-bona geoce- gefremede tviti 
p6od- preaum zu vergleichen). 

Die halle Heorot liegt in mooriger, sumpfiger gegend. — 
Wie ausserordentlich sumpfig die umgegend von Lejre ist, geht 
schon daraus hervor, dass alte geschichtsschreiber von einer 
'Letrica palus' (Saxo gramm. edd. P. E. Müller I, 770, Script. 
Rer. Danic. edd. Langebek II, 271) sprechen. Nördlich von 
Lejre, zwischen dem dorf und dem fjord, also genau der local- 
angabe v. 1405 entsprechend, erstreckt sich das Kattinge moor, 
welches sich in seinem südlichsten ausläufer bis nahe an Lejre 
hinzieht. 

Es ist auch von moorteichen (mörfwpu, fenhopu v. 450. 764) 
die rede. Auch diese finden sich in Wirklichkeit an der zu er- 
wartenden stelle. An das Kattinge-moor schliessen sich öst- 
lich die Kattinge-teiche (Kattinge störe Söe, Kattinge lille Söe) 
an. Der ausdruck hop (der mit altnd: höp trotz der verschie- 
denen quantität identisch ist, wie ags. hliti clivus mit altnd. Jüitj) 
bezeichnet eine besondere art teich: nach Egilssons definition 
im Lexic. Poet. Septentr. ist höp : lacus vivus in mare propin- 
quum se exonerans, aut per quem fluvius prope a litore mari 
inftuit, quique accessu aestus marini restagnat. Diese definition 
trifft genau auf den grossen und kleinen Kattinge-see zu. 
Beide sind seen mit zu- und abfluss nach der nahen meeres- 
hucht. Der grosse, nördlichere Kattinge-see ist von dem fjord 
nur durch eine schmale landzunge getrennt, beide stehen damit 
durch einen bach, die Kornerup-Aae, welcher hindurchfliesst, in 
Verbindung. 

Das moor und die moorteiche gehören zu Grendels bä- 
reich, seine eigentliche behausung aber ist in der meeresbucht 
dahinter, und zwar «an einer stelle, wo ein fluss sich durch 
eine Schlucht in den fjord ergiesst {j6ckr fyrgen-stream under 
ncessa genipu niper gewiteti, flöd under foldan v. 1359). — Auch 
dieser umstand trifft zu; denn an eben jener stelle der bucht, 



SCHAUPLATZ DES I. BEÖWULFLIEDES. i 63 

die Lejre zunächst liegt, mündet die genannte Kornerup-Aae, 
jetzt allerdings nur noch ein bach, dessen lauf abgelenkt und 
gestaut ist, um eine mühle (Kattinge Vaerk) zu treiben, früher 
aber ein ziemlich grosser und schiffbarer fluss (Pontoppidans 
D. A. II, 367, Fr. Munter a. a. o. p. 288, Th. Gliemann a. a. o. 
p. 411). 

Es scheint, als ob die behausung Grendels als eine wald- 
insel im fjord der mündung des flusses gegenüber gedacht ist 
Freilich ist der ausdruck nicht klar, aber die worte v. 1363 f.: 
se mere, — ofer p&m hongiati hrinde (hrimde conj. Cosijn) 1 ) 
bearrvas, tvuäu tvyrtum foesf, rvceter oferhelmati scheinen darauf 
hinzudeuten, denn dass die bäume festgewurzelt sind, würde 
sonst wol kaum erwähnt werden. Auf eine waldinsel könnte 
sich (v. 1368) der verfolgte hirsch durch schwimmen retten^ 
wenn ihm nicht der ort so unheimlich wäre, dass er lieber am 
ofer sein leben lässt. 

Wenn diese deutung richtig ist, so würde auch hierin die 
örtlichkeit zu der Schilderung stimmen; denn gerade der mün- 
dung der Kornerup-Aae gegenüber liegt im fjord nicht weit 
vom ufer eine kleine, jetzt freilich kahle insel. 

Die ungefähre entfernung jener stelle von Hrothgars bürg 
lässt sich aus den Schilderungen entnehmen. 'Nicht weit von 
hier, nach meilen gerechnet, liegt das gewässer', sagt (v. 1361) 
könig Hrothgar. Die edlen reiten am morgen von der bürg 
aus um des todwunden Grendels spur bis an sein asyl zu ver- 
folgen (v. 837 ff.), und kehren noch am morgen zurück (v. 917). 
Aber die fahrt wird doch so weitläufig beschrieben, dass sie 
mindestens eine halbe stunde lang gewesen sein muss. In 
Wirklichkeit ist nun die mündung der Kornerup-Aae beinahe 
eine meile von Lejre entfernt. — Aber wie ist es zu erklären, 
dass der meerunhold nach der sage seine Schreckensherrschaft 
Q och so weit über land ausdehnt? wie kommt es, dass das 
moor noch mit in sein bereich fällt? Auch auf diese fragen 
ergibt sich die antwort von selbst aus den geologischen Ver- 
hältnissen jener gegend. Es ist durch geologische unter- 



l ) KOnnte hrinde nicht für hringde stehen wie v. 1401 gende für 
Wngde, und umringte, kreisförmig umschlossene bedeuten (vgl. altnd. 
fang ja eiligere circumdare)? 

11* 



164 SARRAZIN 

suchungen, die im jähre 1847 von geheimrat Forchhammer an- 
gestellt wurden, und über welche in den Kgl. Danske Videns- 
kabernes Selskabs Forhandlinger jahrg. 1848 p. 62 ff. berichtet 
ist, äusserst wahrscheinlich gemacht worden, dass das tal der 
Kornerup-Aae, in welchem die Kattinge-teiche liegen, ebenso- 
wol wie das tal der nahen Lejre-Aae, an der sich das Kattinge- 
moor hinzieht, in vorhistorischer zeit meeresbuchten gewesen 
sind, die nur durch eine schmale landzunge von einander ge- 
trennt waren. 

Wenn nun in jener grauen vor zeit, aus der die sage 
stammt, die erinnerung an den früheren zustand noch im 
volke lebte, so war es sehr natürlich, dass das moor als altes 
meeresgebiet noch mit zu Grendels reich gerechnet wurde, sehr 
natürlich, dass sich daran abergläubische Vorstellungen knüpf- 
ten. 'Es liegt 1 , sagte schon Müllenhoff in der Zschr. f. d. a. 

VII, 425, 'der fatalistische glaube zu gründe, dass, wo 

einmal wasser war, auch wider wasser kommen wird. Jetzt 
sind zwar die unholde — — zurückgedrängt und müssen 
draussen im haff oder am ausseiften Strand sich aufhalten, 
aber schritt für schritt rücken sie vor.* 

Wenn die Grendelsage einmal im Roeskilder fjord loca- 

lißiert war, so ist zu erwarten, dass wenigstens eine schwache 

erinnerung daran noch in der gegend lebt. Und in der tat 

wird von einem menschenmordenden meernix (Havtrold), der 

im Roeskilder fjord (Issefjord) gehaust hat, noch jetzt in Roes- 

kilde erzählt, ohne dass die sage freilich sonst viel ähnlichkeit 

mit der unsrigen hat. Ich gebe dieselbe nach J. M. Thiele 

Danmarks Folkesagn, Kjöbenhavn 1843, I, 186) in wörtlicher 

Übersetzung wider 1 ): 

Der meernix im Issefjord. 
In alten zeiten wohnte im Issefjord ein nix, der die gewohnheit 
hatte, alle schiffe, die in die bucht einliefen, anzuhalten und von jedem 
einen mann als opfer zu fordern. Man hatte schon lange diese not er- 
tragen, da wurde prophezeit, dass die macht des nixen nicht eher ein 
ende nehmen würde, bis man ihm das haupt des papst Lucius zeigte, 



') Dem inhalte nach ganz mit dieser fassung Übereinstimmend wurde 
mir die sage von dem ktister der Roeskilder domkirche erzählt, nur dass 
dieser statt von einem 'trold' von einem 'see,ungeheuer' (saeuhyret) 
sprach. 



SCHAUPLATZ DES I. BEO WULFLIEDES. 165 

der in Rom viele hundert jähre früher heilig gesprochen worden war. 
Es wurden sofort mönche nach Rom gesandt um dies haupt zu holen, 
und als das schiff zurück kam und in den fjord einlaufen wollte, zeigte 
der nix sich wider. Aber sobald man das haupt heraushielt und der 
nix es erblickte, verwandelte er sich unter grässlichem geheul in eine 
klippe und ward nie wider gesehen. — 

Eine etwas abweichende fassung der sage findet sich in 
dem Roeskilder Breviarium, wo erzählt wird wie der heilige 
Lucius Schutzpatron des Roeskilder doms geworden (Script. 
Rer. Danic. edd. Langebek, Tom. III, p. 615 ss.): 

Legitur, quod Ecclesia Roschildensis, qve in honorem Sancte Tri- 
nitatis fundata, inter Cathedrales Regni Danorum prima est, et sublimior, 
dum donis et possessionibus variis esset adaucta, populus ejus provincie, 
volens, ad propiciandnm facilius Deum omnipotentem, aliqvem sibi ex 
Sanctorum numero impetrare Patronum: collatis cum Episcopo et vene- 
rabilibus Prelatis consiliis, duos de Capitulo Roschildensi perspicationis, 
prudentie et devotionis viros elegerunt. Qvos ad Summum Pontificem 
pro Patrono singulari in sua provincia ac pro indulgentiis et reliqviis 
Sanctorum ab eodem Apostolico impetrandis delegarunt. Qvi Deum 
omnipotentem sui itineris directorem eligentes, Romam sine periculis ad- 
ventarunt, Dominoqve Apostolico causam sui itineris propositique inten- 
tionem explicantes. 

(Es wird nun erzählt wie dem einen der beiden männer in Rom 
der heilige Lucius im träum erscheint und sich selbst als Schutzpatron 
der Roeskilder kirche, sowie seinen schädel als segenbringende reliquie 
empfiehlt.) Evigilans ille, una cum sociis gavisus de visione sibi pate- 
facta Basilicam prenarratam videlicet beate Cecilie festine ingredientes, 
signa sibi preostensa ejusdem venerabiles Sancti caput pariformiter 
reperierunt. Qvod decenti reservaculo honorifice involutum in Daciam 
transduxerunt. 

Sed cum ingrederentur fretum sue terre contiguum, qvod Mare Bai- 
ticum dicitur, in qvo longis temporibus antea demonium qvoddam man- 
sionem et moram duxisset, qvasi infinitas naves hinc inde subvertendo 
dimerserat. Statira horrenda tempestas celum ac undas conomovit, ita 
ut omnes unanimi con sensu de salute saltem corporis desperarent. In- 
ciditqve illis consilium ut, si periculum evadere vellent, sortem darent; 
quod unus eorum secundum morem consvetum hujus demonii maris fluc- 
ti bus iwnritteretur. Sorte missa accidit fortuitu, ut qvi sancti Martyris 
testam preservaret, pre ceteris deberet emitti. Qvi nimium mortem for- 
midans, horrendamqve visionem demonii, sancti Martyris Lucii inge- 
nu^cens auxilium imploravit. In cujus adjutorium, divina gratia opitu- 
lante, summopere confidebat. Accipiens ergo vasculum, aqvam infundeus, 
testam Capitis Sancti Lucii martyris lavit: lotoqve capite aqvam hanc 
ante sc, numen Sancte Trinitatis ac Sancti Lucii recitans, projccit in 
mare. Exiliens insuper navem, gradiebatur, sociis videntibus super 



166 SARRAZIN 

• 

maris undas per horam integram qvasi super solidam terram. Et sie 
tandem ad navem incolumis est reversus. Statimque horribili voce demon 
ejulans clamavit, dicens: Sancte Luci Martyr Christi, cur me miserum 
tot incendis telis igneis. Non solum incendis, verum etiam de antiqva 
ac perpetua mansione, ubi milia mille animas lucratus sum expellis. 
Iiisuper et luce tua in tenebras me exteriores detrudis. Tunc omnes 
intra navem audiernnt vocem Sancti Lucii, dicentis: Tu maledicte sathana, 
discede in abyssum, ubi nullus erit accessus hominuin, ubi etiam nullus 
est ordo, sed sempiternus horror inhabitans. Ibiqve erit mansio tuo in 
tempore seculi sempiterni. Sicque gravi ejulatu demon inde recedens 
virtute Sancti Lucii in posterum nusqvam comparuit. Ipsi vero Ros- 
childiam venerunt, immensam Dei bonitatem Martyri suo in hoc tarn 
grandi miraculo exhibitam collaudantes. 

Ueber diese Roeskilder domsage hat Henry Petersen in 
den 'Aarböger for Nord. 01dkyndighed , jahrg. 1874 p. 393 ff. 
ausführlich gehandelt. Er weist alte abbildungen nach (im 
teit abgedruckt), welche sich auf jene legende beziehen, in 
denen der dämon als schreckliches phantasieungeheuer dar- 
gestellt ist, er führt auch (p. 416 ff.) ein aus dem XVI. jahrh. 
stammendes Volkslied an, welches jene geschichte behandelt. 
Er macht es wahrscheinlich, dass der heilige Lucius schon im 
XI. Jahrhundert zum Schutzpatron des Roeskilder doms ge- 
wählt wurde. Er macht auf eine dänische geschichte aufmerk- 
sam, die von Starkather und könig Vikar (Saxo Gramm, edd. 
P. E. Müller I, s. 276), welcher einige ztige der legende ent- 
lehnt zu sein scheinen, und spricht die ansieht aus, dass die 
legende auf eine heidnisch-germanische sage zurückgehe. Der 
Grendelsage aus dem Beowulflied erwähnt er begreiflicher- 
weise nicht. Indessen so abweichend der inhalt der legende 
von dem unserer sage ist, so lassen sich doch die auf gemein- 
samen Ursprung deutenden übereinstimmenden züge noch deut- 
lich erkennen: Ein meernix, der menschenopfer fordert, bringt 
das land in grosse not. Man fleht gott um beistand an. Der 
retter kommt fernher über das meer. Er stürzt sich dem un- 
hold entgegen in die flut, besiegt ihn, während er selbst un- 
verletzt bleibt. Triumphierend zieht er vom fjord aus in die 
bürg. Das haupt eines todten (im Beowulf Grendels haupt 
v. 1634 ff.) führt er mit sich. 

Die abweichungen ergaben sich bei der Umwandlung der 
sage in eine legende fast mit notwendigkeit: aus dem starken 
helden wurde ein frommer geistlicher, aus dem gewaltigen 



SCHAUPLATZ DES L BEOWULFLIEDES. 167 

ringkam pf eine kräftige beschwörung, aus der trophäe eine 
wundertätige reliquie, die erst aus Rom geholt werden muste. 
Iu einem punkte indessen scheint die legende dem* ursprüng- 
lichen character der sage getreuer geblieben zu sein als das 
englische Beowulfepos: darin dass der meernix als sturm- 
erregend dargestellt wird; denn im altnord. heisst grindül 
nach Egilsson 'tempestas, ventus'. Im Beowulf ist dieser um- 
stand verdunkelt, aber noch aus vv. 1373 ff. zu erkennen. 

Wenn aber die Grendelsage wirklich ursprünglich (vom 
mythischen Ursprung abgesehen) eine dänische localsage war, 
wie die bisherige Untersuchung wahrscheinlich zn machen ver- 
sucht hat, so erklärt sich auch die bisher unerklärte inhalt- 
liche Übereinstimmung mit einem abschnitt der isländischen 
Grettis-Saga, welche von G. Vigfusson entdeckt und von Gering 
in Angl. III, 74 ff. dargelegt worden ist. Es wäre sehr merk- 
würdig, wenn von England aus die sage nach Island ge- 
kommen wäre, um so merkwürdiger, als sie in England selbst 
sehr bald in Vergessenheit geraten ist. Von Dänemark aus 
aber war die Übertragung sehr leicht und natürlich. 



So weit war ich ungefähr in der Untersuchung gekommen, 
als ich mich entschloss (ende mai 1885) Lejre selbst zu be- 
suchen. Zwar erwartete ich nicht noch wesentliche resultate 
dadurch zu erzielen, eher konnte ich fürchten, enttäuscht und 
ernüchtert zu werden. Es war ja l^aum vorauszusetzen, dass 
das aus der dichtung gewonnene phantasiebild mit der Wirk- 
lichkeit, der modernen prosaischen Wirklichkeit genau über- 
einstimmte. Wind und wasser, und die arbeit der menschen 
können in mehr als 1000 jähren eine landschaft bis zur Un- 
kenntlichkeit verändern; und andererseits wäre es doch wun- 
derbar, wenn bei der Übertragung der sage nach England, bei 
der bearbeitung durch dichter, welche die heimat derselben 
wahrscheinlich gar nicht kannten, der landschaftliche hinter- 
grund nicht etwas verwischt worden wäre. Ich gab mich also 
durchaus nicht grossen hoffnungen hin. Aber der erfolg war 
besser als die erwartung. Ich fand in der tat, dass selbst in 
bis dahin nicht beachteten einzelnheiten die Schilderung des 
epos durch die wirklichen Verhältnisse bestätigt wird. Einige 



168 SARRAZIN 

Übertreibungen, dass zum beispiel von klippen und felsen die 
rede ist, wo in Wirklichkeit nur dttnen und sandhttgel zu 
sehen sind, darf man der dichterischen phantasie wol zu gute 
halten. — 

Von Roeskilde führt die landstrasse ! ) den fussgänger in 
etwa b ji stunden nach Lejre; sie ist zuerst fast ganz eben, 
steigt unmerklich an, dann, etwa von der mitte des weges an 
(bei einem grabhügel, Olshöj genannt, ist der höchste punkt er- 
reicht) senkt sie sich, so dass man bald im tal rechts das 
dorf Lejre, gegenüber, jenseits des tales das schloss Ledreborg, 
liegen sieht. 2 ) Nur ist die aussieht durch die hohen und dicht- 
belaubten bäume zu beiden seiten des weges, sowie durch den 
das schloss umgebenden park etwas verdeckt. Gleich nach- 
dem die tiefste stelle der Strasse erreicht ist, führt rechts ein 
weg in 5 minuten nach dem dorf, links nach dem bahnhof. 
Geradeaus gelangt man auf der jetzt wider ansteigenden Strasse 
in wenigen minuten nach dem schloss Ledreborg, welches ende 
des XVII. Jahrhunderts, wie behauptet wird, an der stelle der 
alten bürg erbaut ist, und jetzt den grafen Holstein gehört 
Aber auch ein bauernhof in Lejre, der zweite links, wenn man 
von Süden in das dorf kommt, welcher jetzt noch Kongsgaard 
heisst, macht anspruch darauf erbe der alten königsburg zu 
sein. Ich überlasse den dänischen altertumsforschern die ent- 
scheidung hierüber, möchte es aber nach der läge für wahr- 
scheinlicher halten, dass die bürg auf der höhe, in der nähe 
des heutigen Ledreborg l^g, als im tale, wo sie eine weit un- 
günstigere läge gehabt hätte. 3 ) Von der romantischen läge 

l ) Dass auch in alten zeiten die königsburg mit dem nahen hafen- 
platz durch eine gepflasterte heerstrasse verbunden war (vgl. v. 320 
strebt wees stänfäk) ist an sich schon wahrscheinlich; spuren der alten 
landstrasse, die, wie die neue, etwas südlich von dem dorf vorbeigieng, 
sollen früher noch zu sehen gewesen sein (Munter a. a. o. p. 290). 

*) Vgl. Beow. v. 306 : 

sigon cetsomne op-peet hig scel timbred 
geatolic ond gold-fäh ongyton mihlon. 

3 ) Wenn diese annähme richtig ist, so würden die worte: lixie se 
ttoma ofer londa fela, v. 311 zutreffen, denn schloss Ledreborg be- 
herrscht in der tat das Lejre- tal vollständig und ist weithin sichtbar. — 
Wo die halle Heorot gelegen wird sich kaum ermitteln lassen, wenn man 
sie nicht auf grund der namensähnlichkeit mit dem Herthatal in ver- 



SCHAUPLATZ DES I. BEOWÜLPLIEDES. 169 

des Schlosses und des parke», von dem Über alle beschreibung 
erhabenen Herthahain (wie ein moderner Schriftsteller, Ober- 
länder in den Nordlandsfahrten sich ausdrückt) zu sprechen, 
ist hier nicht der ort. Es wird die bemerkung genügen, dass 
der Herthahain etwa 5 minuten nördlich vom schlösse in einem 
tale mit ziemlich steil abfallenden rändern liegt und dass der 
Herthasee am östlichen ende des tales sich befindet. Auch 
über die zahlreichen (man hat über 100 gezählt) grabhügel in 
der Umgebung des Schlosses und die sich daran knüpfenden 
sagen ist nicht nötig zu berichten, da sie mit unserer sage 
nicht in Verbindung stehen. Wo könig Roe's grab ist, weiss 
niemand. 

Von Roeskilde gelangt man in etwa 1 — IV2 stunde zum 
ausfluss der Kornerup-Aae. Eine Wanderung am fjord entlang, 
vom 'Pavillon', einem Roeskilder vergnügungsorte, aus, ist land- 
schaftlich sehr reizvoll. Hoher, dichter buchen- und fichtenwald 
zieht sich an den ufern entlang. Diese selbst werden allmäh- 
lich höher und steiler und treten näher an den Strand heran, 
so dass man wol von klippen sprechen kann. Gerade an der 
schroffsten stelle, wo die hügelkette unmittelbar vom ufer über 
50 fuss sich erhebt, öffnet sich landeinwärts eine schlucht: das 
alte, jetzt wasserarme flussbett der Kornerup-Aae. Obgleich 
gerade hier der wald fehlt (die hügel sind mit junger tannen- 
schonung bepflanzt), hat der ort doch einen besonders düstern 
und melancholischen character, wozu die einsamkeit und stille 
wesentlich beiträgt. Der fjord macht den eindruck eines land- 
sees, das wasser ist ruhig und dunkel. 1 ) 

Von hier führt der weg nach Lejre über die nahe Kat- 
tinger mühle (Kattinge Vierk), und die dörfer Kattinge und 
Kornerup.-) Zunächst steigt man von der schlucht aus eine 



bindung bringen will. Freilich müsste ags. Heorot im dänischen eigent- 
lich Iljort ergeben; aber die ags. namensforni der bürg könnte eine 
volksetyinu logische entstellung eines altdänischen Wortes, etwa eines 
compositums her-tä sein. 

1 ) Vgl. v. 1416: wccter under stöd dr torig ond gedröfed. 

2 ) Der weg vom Grendelmeer zu Hrothgars bürg wird im Beow. 
zweimal beschrieben: vv. s")3— 1M7, 1100 — 1410, das eine mal hin, das 
andre mal her. Die wechselnden terrainverhältnisse werden der reihe 
nach angedeutet, beide mal, wie Hörn barg im Archiv f. neuere spr., 



170 SARRAZIN 

kurze strecke ziemlich steil empor, bis an der stelle, wo früher 
ein castell, Naebbeslot genannt, stand, die höhe erreicht ist Von 
da geht der weg ziemlich eben durch das dorf Kattiage, 
zwischen den teichen und dem moore hin. Erst vor Kornerup 
wird das terrain wider coupiert und bleibt so bis Lejre. 
Zwischen Kornerup und Lejre kommt man an sagenberühmten 
hügeln vorbei, dem Hyldehöj und Steenhöj, zuletzt vor Lejre 
an dem Rossberg, worin der sage nach nixe hausen. 1 ) Am 
Rossberg ist die grosse Strasse, welche von Roeskilde nach 
Ledreborg führt, erreicht, und man kann nun auf dieser 2 ) in 
wenigen minuten nach dem schlösse gelangen. 

Mich führte mein weg diesmal nicht nach dem schlösse, 
sondern aus der weit der sage in die des modernen, prosaischen 
lebens zurück, zunächst zum bahnhof Ledreborg, von da auf 
der schienenstrasse rasch in die weite. Bald waren die letzten 
grabhügel von Lejre dem blick entschwunden. 

n. Die heimat des diohters. 

Das Beowulflied wurde bisher ziemlich allgemein ftir ein 
altenglisches volksepos gehalten, nur aus dem gründe, weil es 
in altenglischer spräche abgefasst ist, also ungefähr mit dem- 
selben rechte, wie man etwa das Rolandslied des pfaffen 
Konrad ein altdeutsches volksepos nennen könnte. Oder viel- 
mehr noch nicht einmal mit demselben rechte, denn die be- 



bd. 72 b. 370 gezeigt hat, in übereinstimmender weise. Zuerst reitet die 
gesellschaft vom Grendelmeer aus unter gesprochen, also im schritt, dann 
wird um die wette geritten, dann singt ein sänger von hcldentaten, es 
geht also widerum im schritt, endlich wird noch einmal um die wette 
geritten. Dem entsprechend wird bei dem umgekehrten wege erzählt, 
zunächst dass galoppiert wird (v. 1401), dann dass der weg über hügel 
und durch enge pfade führt (v. 1409 ff.), dann dass es widerum im galopp 
geht (v. 1412), bis man (wol von der höhe) das Grendelmeer sieht. Dazu 
ist die obige Schilderung des weges von der mündung der Kornerup-Aae 
nach Lejre zu vergleichen. 

! ) Vgl. v. 1408: Ofer-Sode f>ä cetSeling« bcam 

sleap stän-hlföo, stuje ncarrve, 
enge än-pafias, uncäti geläd, 
neomle ncessas, nicor-hüsa feki. 

a ) Vgl. v. 1)10: Htvilum flitende fealtve strebte 

mearum mcetoti. 



SCHAUPLATZ DES L BEO WULFLIEDES. 171 

arbeittrog Eonrads behandelt wenigstens einen volkstümlichen 
stoff; das * altenglische volksepos' aber unterscheidet sich da- 
durch von allen übrigen, dass darin beiden taten, nicht von 
volks- oder stammesgenossen, sondern von ausländem gefeiert 
werden, dass das eigene volk, das eigene land auch nicht mit 
einer silbe erwähnt wird. Es unterscheidet sich ferner dadurch 
Ton allen übrigen, dass weder in den Schriften jener zeit, noch 
später auch nur die leiseste an spielung auf die sage vorkommt, 
ausser in dem Widsithliede, welches mit der kenntnis aller 
möglichen ausländischen sagen renommiert. Und nun stellt 
sich heraus, dass die sage, welche diesem * altenglischen volks- 
epos' zu gründe liegt, wirklich aus Dänemark stammt, wie 
man von vornherein hätte annehmen können. Es stellt sich 
eine genauigkeit und treue in der Schilderung jener dänischen 
gegend heraus, die mit der annähme mehrerer angelsächsischer 
dichter durchaus nicht zu vereinigen ist, die schon bei einem 
angelsächsischen dichter, der etwa als sänger an den dänischen 
königshof gekommen wäre und so die gegend aus eigener an- 
schauung kennen gelernt hätte, wunderbar wäre. Denn wir 
können doch nicht annehmen dass sänger jener zeit, wie 
moderne romandichter, Studienreisen machten, um das local- 
colorit zu treffen. — Kann man da noch von einem altenglischen 
volksepos sprechen? 

'Aber', wird vielleicht eingewandt werden, l zugegeben, dass 
die sage aus Dänemark stammte, so ist dieselbe doch sicher 
von englischen dichtem in volkstümlicher weise bearbeitet wor- 
den Die metrische und sprachliche form, der stil sind echt 
angelsächsisch'. 

Ich glaube, dass es auch in dieser beziehung mit der echt- 
heit des altenglischen Beowulfepos nicht weit her ist. Frei- 
lich, wenn man dies selbst als maassstab für den altenglischen, 
epischen stil nimmt, wie dies gewöhnlich geschieht, kann man 
zu keinem anderen ergebniss gelangen, als dass der stil volks- 
tümlich ist Vergleicht man aber den stil des Beowulf mit 
dem stil der angelsächsischen prosa, oder auch mit dem der 
^genannten Cädmonischen dichtungen, so lässt sich ein grosser 
abstand nicht verkennen. 

Die metrische form ist ja allerdings im wesentlichen die- 
selbe wie die der übrigen angelsächsischen dichtungen, wie die 



172 SARRAZIN 

der altgermanischen poesie überhaupt: die vierhebige alliterie- 
rende langzeile. Es liegt darin nichts besonders volkstümliches. 
Nun hat aber Herrn. Möller (Das altenglische volksepos, Kiel 
1883, p. 115 ff.) die ansieht aufgestellt und den nachweis ver- 
sucht, dass das Beowulfslied ursprünglich in vierzeiligen Strophen 
gedichtet sei wie die Eddalieder. Wenn es ihm auch nicht 
für alle teile geglückt ist die Strophen form in überzeugender 
weise herzustellen, wenn auch manches in Möller's reconstruc- 
tion gewaltsam und gekünstelt ist, so ist doch für einzelne 
teile namentlich des ersten liedes die durch einen satzschluss 
markierte einteilung in vierzeilen, so in die äugen springeud 
(z b. vv. 391— 432, 2000—2141), dass selbst der ungläubigste 
sie sehen und Möller wenigstens für diese teile recht geben 
mus8. Wenn der nachweis nicht besser gelungen ist, so trifft 
die schuld nicht Möller, sondern den letzten bearbeiter (inter- 
polator B), welcher die strophenform bis zur Unkenntlichkeit 
zerstörte. Es war natürlich, dass er ihrer nicht achtete, weil 
sie sonst in ags. poesie nicht üblich war. Möller's versuche 
auch in anderen ags. dichtungen die strophenform nachzuweisen 
werden wol allgemein als misslungen betrachtet. In den Käd- 
monischen, in den Kynewulfschen und sonstigen geistlichen und 
weltlichen dichtungen ist nichts von Strophen zu entdecken; 
ebensowenig im altsächsischen Heliand, oder im Hildebrands- 
lied, oder im Muspilli. Der westgermanischen epischen dich- 
tungsweise scheint die strophenform fremd gewesen zu sein 
(wenn sie auch in einer früheren zeit vielleicht allgemein ger- 
manisch war, wie Müllenhoff De carmine Wessofontano p. 16 ff.) 
wahrscheinlich gemacht hat). Die strophenform im Beowulfs- 
liede ist also etwas durchaus unvolkstümliches und könnte sehr 
wol als argument dafür geltend gemacht werden, dass der 
altenglischen dichtung eine altnordische im StarkaÖarlag ver- 
fasste zu gründe liegt. Wenn dies der fall war, wenn unser 
epos nur eine freie Übersetzung altnordischer lieder war, dann 
erklären sich auch die Strophenerweiterungen, deren sich der 
' interpolator B* schuldig machte, viel leichter; sie können dann 
durch reimnot veranlasst sein. Freilich ist die annähme einer 
altnordischen Originaldichtung vorläufig nur eine Vermutung, 
aber doch eine sehr nahe liegende und eine, gegen die man 
sich nur aus Vorurteil sträuben kann. Thorkelin schon suchte 



SCHAUPLATZ DES I. BEOWULFLIEDES. 173 

dänischen Ursprung für das gedieht nachzuweisen. Thorpe in 
der vorrede zu seiner Beowulfausgabe p. VIII f. sprach die 
Vermutung aus, dass das englische epos nur eine metrische 
paraphrase wäre von sagas, die im südwestlichen Schweden 
entstanden wären. Ihm schliesst sich in dieser beziehung 
F. Rönning in seiner sehr beachtenswerten dissertation 'Beo- 
wulfs-Kvadet', Kjöbenhavn 1883 an (p. 102 ff.). — Sehen wir, ob 
der altnordische Ursprung unseres gedichtes nicht auch sonst 
zu erkennen ist. 

Deutlich scheint altnordischer einfluss im Wortschatz und 
in der phraseologie hervorzutreten. Allerdings steht darin der 
Beowulf nicht allein; der Sprachschatz der poetischen denk- 
mäler weist überhaupt viele altnordische elemente auf, die der 
ags. proßa fehlen-, es ist daher zu vermuten, dass die gesammte 
altenglische dichtung von der gleichzeitigen altnordischen mehr 
oder weniger beeinflusst wurde. Aber im Beowulf ist dieser 
einfluss besonders stark. 

Es finden sich im Beowulf, wie auch in anderen alt- 
englischen dichtungen, viele poetische lehnwörter aus dem alt- 
nordischen: brego (and. bragr), freca (and. freki), eodor prineeps 
(and. iaüarr), beorn (and. biörri), secg (and. seggr\ byre (and. 
burr), mago (and. mögr), plur. meegas (and. megir), byrele (and. 
byrlari, byrli) } serce (and. serlcr), heoru (and. hiörr), daroti 
(and. darra&r), rces (and. räs) } orlege (and. orlög), wieg (altnd. 
viggr), blanca (and. blakkr equus), ben (and. ben\ heef (and. haf) } 
sund (and. sand), bearu (and. börr), leomu rami (and. limar), ful 
poculum (and. füll), mene (and. meri), missere (and. missen), dögor 
(and. d&gr), gealdor (and. galdr), snotor (and. snotr), fröd (and. 
fr dir), gamol (and. gamall) } atol (and. atall) y gimfeest (and. 
gimfastr), bront (and. brattr), hringan (and. hringja), eorclanstdn 
(and. iarknasteinn), feorhlege (and. fiörlag), feorhseoc (and. fiör- 
sitikr), fäcenstafas (and. feiknstafir). 

Aus diesen fremdwörtern ist nicht viel zu entnehmen, 
aber volkstümlich sind sie doch sicher nicht, und bei einem 
gedichte, welches in so früher zeit abgefasst sein soll, als die 
englische bevölkerung noch wenig von dänischen einwanderen 
durchsetzt war, sind sie immerhin auffallend. 

Aber es begegnen auch einzelne altnordische Wörter, die sonst 
in ags. poesie wie in prosa durchaus unüblich sind: (&fen)gröm 



174 SARRAZIN 

(and. grömr), pengel, fengel (and. pengilt) , pyle (and. pulr), 
pyrs (and. purs\ sess (and. sess), sigle (and. sigli), hop (and. 
Ädp). Bei genauerer Untersuchung des Wortgebrauches wird 
sich vielleicht auch ergeben, dass manche beiden sprachen ge- 
meinsame Wörter mehr in altnordischer als in altenglischer be- 
deutung gebraucht sind. Nur auf zwei solche fälle sei hier 
aufmerksam gemacht Die präposition ymb erscheint im Beo- 
wulf bisweilen in der sonst ungewöhnlichen bedeutung 'Über — 
hin, in, auf 1 : 

v. 507 se Bfcownlf, s6-}>e wiö Brecan wanne, 

on sfdne s& ymb Band flite 
v. 568 ]wBt sytyan nä 

ymb brontne ford brim-liöende 

lade ne-letton. 

Im altnord. hat um ganz gewöhnlich diese bedeutung z. b. fara 
um ey Helg. Hund. 1, 13, fer pü mik um sundit Harb. 3. 

Das adverbium 'furtium* erscheint im Beow. einmal in der 
bedeutung 'vorher', die sonst von Grein im ags. gloss. nicht be- 
legt, im altnord. aber bei fortium ganz gewöhnlich ist: 

v. 1707 swä wit furtum spr&con, 

vgl. z. b. Völusp. 2 pä er forÖum mik foedda höftftL 

Manche Wörter und Wortverbindungen scheinen entstellt und 
volksetymologisch umgedeutet zu sein: das rätselhafte umbor 
(vv. 46, 1187) erinnert an die altnordische Verbindung um borinn 
(z. b. Völusp. 2: ek man iotna är um borna oder Fafnism. 1: 
hverjum er tu sveini um borinn, oder Helr. Brynh. 12: sem kann 
minn bröbir um borinn vceri)\ ebenso könnte unhär, überaus 
grau, worin die verstärkende bedeutung des präfixes doch trotz 
Bugge's ausführungen (Tidskr. f. phil. VIII, 71,303, Zs. f. d. 
phil. IV, 197) sehr sonderbar ist, aus and. um harr entstellt sein, 
da im and. die partikel um nicht bloss zu verben und parti- 
cipien sondern auch zu adj. (vgl. Egilsson s. v.) bisweilen ver- 
stärkend hinzutritt. Bei dem epitheton /Iota fämigheais, rvudu 
nmndenheals lässt sich an and. hals prora navis denken (für 
ae. heals ist diese bedeutung sonst nicht belegt), bei swonrdd 
an die metaphorische Verwendung von and. svanr = navis 
und an die Umschreibungen svana braut, svanfold, svanvängr 
u. 8. w., hronräd erinnert an and. hrönn unda, mare, fifta ful an 
and. fullr, fyllr mare\ prfid-srvQb an and. svttia, urere, dolere, 



SCHAUPLATZ DES I. BEO WULFLIEDES. 175 

svxba incendium, heofones gim an and. gim, ignis. Auch das 
vielbesprochene gärsecg lässt sich vielleicht auf diese weise 
erklären. 1 ) Die zweite silbe ist offenbar das and. scegr vas 
rotundum, mare (and. inlaut g = ae. cg wie in mecgas = and. 
megir); die erste silbe könnte aus and. garö- entstellt sein: 
gartiscegr wäre ein compositum im stile altnordischer poesie 
(vgl. die ausdrücke landgarör, hraungarör, grundar gartir für 
ocean). — Die Verbindung ping gehegan v. 426, die wol nur in 
poesie vorkommt, ist ohne zweifei and. ping heyja\ der aus- 
druck healdeb heafodwearde (v. 2909) entspricht genau der and. 
phrase halda höfu&vörb; die Wendung stveord dtertearum (so 
nach Cosijns conjectur; Ms. atertanum) f&h v. 1459 stimmt 
auffallend zu dem eggjar eitrdropum fäSar Br. af Brynh. 
str. 19, wie schon Bugge gesehen; es ist auch zu beachten, 
dass im altnd. tär nicht Mos lacrima sondern auch gutta heisst 
Bemerkenswert ist ferner die sonderbare Verbindung oft seldan 
(oder oft no seldan zu lesen?) v. 2029, die an das altnord. 
opt ösialdan erinnert Manche der poetischen Umschreibungen 
(kenningar) im Beowulf sind ungewöhnlich und erinnern auf- 
fallend an ähnliche der altnordischen poesie (die ich Egilssons 
Lex. Poet. Bor. entnehme): heaboldc v. 584, beadoläc v. 1561 
vgl. and. hildileikr, ecga geläc v. 1168 vgl. eggleikr (Gudr. 
II, 32); strckla storm vgl. and. geira veür, hildegicel v. 1606 vgl. 
and. bötivar iökull, beadoleoma v. 1524 vgl. and. gunnlogi\ Hrced- 
lan läf, HrßÖles laf, homera läf, fela läf = stveord, vgl. and. 
Dainsleif gladius, hceft-mece v. 1457 vgl. and. heptisax (Grettis- 
saga); beaga brytta vgl. and. baugbroti, hringbroti 7 ); hring-boga 
= draca v. 2561 vgl. and. ormr hringlceginn, ben-geato v. 1121 
= vulnera vgl. and. benstigr vulnus, eggjar gata vulnus; mg- 
speda gerviofu v. 697 vgl. and. gü&vefr, sigrvefr. Ausdrücke 
wie hioro-dryncum swealt v. 2359, oder onband beado-r&ne 
v. 501, oder bongdr bügeö v. 2032 sind sonderbar und 
klingen ganz im stil der Skaldenpoesie, wenn sich auch genau 



') Sweets deutung gärsecg = gäsric (Engl. stud. 11,314 f.), an sich 
schon sehr unwahrscheinlich wird dadurch hinfällig, dass Bugge in der 
Zs. f. d. phil, IV, 192 den zweiten teil des compositums seg in der be- 
deutung des lat. salum aus glossen nachgewiesen hat. 

a ) Auf diese Übereinstimmungen hat meist auch Rünning, Beowulfs- 
Kvadet p. 1 48 ff. aufmerksam gemacht. 



176 SARRAZIN 

entsprechende Wendungen nicht nachweisen lassen. A. Hoff- 
mann hat in seiner schätzenswerten abhandlung 'Der bildliche 
ausdruck im Beowulf und in der Edda' (Engl. stud. VI, 163 ff.) 
den stil des Beowulfepos mit dem der Edda contrastierend 
verglichen, und in der tat ist ja ein grosser unterschied vor- 
handen. Der angelsächsische character des Beowulf ist nicht 
zu verkennen; ebensowenig wie in den angelsächsischen poeti- 
schen bearbeitungen alt- oder neutestamentlicher Stoffe oder 
legenden. Aber die eben angeführten Umschreibungen und 
Wendungen sind doch, wie Hoffmann nach seiner eigenen 
treffenden characterisierung zugeben wird, nicht im stil der 
sonstigen angelsächsischen dichtung; so kühne vergleiche und 
metaphern lieben angelsächsische dichter nicht — 

Auch in syntaktischer beziehung weist die spräche des 
Beowulf manches ungewöhnliche auf, manches, was sich als 
scandinavicismus auffassen lässt. 

Die asynthetische Verbindung uncer G renales v. 2003 hat 
analoga in altnord. ausdrücken wie vit Sigurtir, pit piotirek, 
ockr Arna\ in ags. poesie findet sich ähnliches auch sonst, aber 
in angelsächsischer prosa ebensowenig wie in den übrigen 
westgermanischen sprachen (Grimm, Gramm. IV, 294). 

Das pronom. demonstr. (artikel) in der anrede 'Gepenc 
nü se mobra maga Healfdenes* v. 1474 (auch sonst in ags. 
poesie, aber nicht in prosa üblich, vgl. Koch, Engl, gramm. II 2 , 
§ 220) erinnert deutlich an die ähnliche Verwendung von altnord. 
inn, z. b. in Uta mcer Skirn. 33. Nicht selten ist der infin. bion 
ausgelassen: 

v. 617 bced hine bftfine cet pdbre biorpege, 

v. 1180 ic minne can glcedne Hröpulf, 

v. 2255 sceal se hearda heim hyrsted golde fcetum befeallen, 

v. 2661 ürum sceal stveord ond heim . . . bäm gemcene, 

ebenso wie zum beispiel in Helg. Hund. 1,6: vit skolum teitir 
(seil, vera), oder Fafoism. 14, alls pik /röüan kvetia. In alt- 
englischer dichtung dürften nur spätere denkmäler, welche über- 
haupt einen mehr skandinavischen eindruck machen, solche 
ellipsen aufweisen. In altenglischer prosa werden sie kaum 
anzutreffen sein. 

Altnordischem stil entspricht ferner die auslassung des 
unbest. pron. man als subj. (vgl. Lund Oldnord. Ordföjn. p. 525): 



SCHAUPLATZ DES I. BEOWÜLFLIEDES. 177 

v. 1365 p&r mceg nihta gehw&m nib-wundor geseon, 

vgl. z. b. Hamarsh. 2: hvat ek nü m&li, er eigi veit iarbar hvergi 
nS upphiminns (mit Lünings anmerk. zu der stelle und zu 
Vafthr. 9), oder Havam. 51: Mikit eitt skala mannt gefa. — Un- 
gewöhnlich, sonst wol nur in poesie üblich, ist der partit. gen. 
in der Verbindung: 

v. 237 Hrvcet syndon gS searo-hcebbendra? 

Im altnord. dagegen heisst es ganz gewöhnlich: Hvat er pat 
mannal (Vafthr. 7), hvat er pat fira? (Alv. 2), hvat er pat 
fiska Sig. II, 1, vgl. Lünings anm. zu Vafthr. 7. 

Seltsam und mehr altnord. als altenglischer syntax ent- 
sprechend ist ferner die construction transitiver verba, die sonst 
ein accusativobject zu sich nehmen, mit dem dativ (instru- 
mental?): v. 52 hwä p&m hlceste onfßng, v. 1170 onföh pyssum 
fülle, ähnlich v. 749. 853. 1214. 1495 (in poesie auch sonst), 
v. 424 ic forgrand gramum, v. 2145 nealles ic päm leanum for- 
loren hcefde, v. 1471 pdbr he dorne forleas, v. 2862 päm pe Ar 
his eine forleas (vgl. altnd. aldri t$na, öndu tpna u. ä.): v. 106 
siüüan him scyppend forscrifen haefde (Lund a.a.O. p. 82, 87, 110). 

Altnordischem stil entsprechend ist ferner die nachstellung 
von präpositionen hinter das zugehörige Substantiv: v. 19 See- 
delandum in, v. 110 maneynne fr am, v. 1715 mondreamum from, 
v. 2357 Freslondum on\ beim pronomen findet diese Wortstellung 
auch in prosa statt, beim substant wol nur in poesie (vgl 
Mätzner, Engl, gramm. II 8 , p. 528). 

Endlich lässt sich auch die auslassung des bestimmten 
artikels (vgl. Grimm, Gr. IV, 429 ff.) hierher ziehen. Lichten- 
held hat zwar in seinem bekannten aufsatz (Zs. f. d. a. XVI, 
336 £) darin ein zeichen von altertümlichkeit des Stils sehen 
wollen. Aber seine sonst sehr wertvolle Untersuchung leidet 
an dem mangel, dass er nur die poetischen denkmäler, und 
meist nur solche, deren datierung ungewiss ist in betracht ge- 
zogen hat. Hätte er die prosaischen, sicher datierbaren denk- 
mäler mit berücksichtigt, so würde er gewiss zu einem andern 
resultat gelangt sein; denn schon in der ältesten ags. prosa 
wird der best, artikel ganz gewöhnlich angewendet, in könig 
Aelfreds prosa ziemlich ebenso häufig wie in der Aelfrics, in 
den älteren teilen der Sachsenchronik nicht minder wie in den 

Beiträge sar geeohiohte der deuUohen «preohe. XI. 12 * 



178 SARRAZIN 

späteren. Da nun die sämmtlichen poetischen denkmäler in 
der vorliegenden form sicher jünger sind, als die ältesten pro- 
saischen, mus8 es mit dem fehlen des artikels eine besondere 
bewantnis haben. Es ist eben characteristisch für den poeti- 
schen stil (ähnlich wie in geringerem grade auch im deutschen). 
Wenn wir nun bedenken, dass der stil der Eddalieder einen 
bestimmten artikel noch fast gar nicht kennt, so können wir 
auch hierin einfluss des altnordischen stils sehen; und wenn 
gerade im Beowulf das demonstrativpronomen die function des 
best, artikels noch fast gar nicht hat, wie Lichtenheld nach- 
gewiesen, so ist auch dies wider ein zeichen, dass hier jener 
einfluss besonders stark war. — In den echten teilen des Beowulf- 
epos findet sich nicht selten (z. b. v. 21 Off., 320 ff.) jener kurz- 
atmige stil, die neigung zu parataktischem und syndetischem 
satzbau, die sonst der altnordischen poesie besonders eigen ist. 
Die sonstigen altnord. Stileigentümlichkeiten, wie parallelismus 
im bau der sätze, emphatische widerholung desselben wortes 
sind allerdings in der altengl. bearbeitung des Beowulfliedes 
nicht mehr zu erkennen. 

Jedenfalls weicht in wesentlichen punkten die spräche des 
Beowulf im wortgebrauch und in der syntaktischen fttgung von 
der gewöhnlichen prosaischen spräche ab, sie entfernt sich mehr 
dayon als die spräche anderer poetischer denkmäler. Die* 
jenigen also, welche nach wie vor an dem 'altenglischen volks» 
epos' festhalten, dürfen sich nicht auf die spräche berufen, 
ebensowenig wie auf den inhalt der sage. Für den nicht von 
einer vorgefassten meinung befangenen aber, der alle momente 
zusammen fasst: den dänischen Ursprung der sage,, die genauig- 
keit in der Schilderung der dänischen gegend, die Vertrautheit 
des dichters (oder der dichter) mit sonstigen ostseesagen, das 
übergehen angelsächsischer sagen, die strophische form, die 
dem englischen epos zu gründe liegt, die mannigfachen scandi- 
navicismen in der spräche desselben, ist der schluss kaum zu 
vermeiden, dass dem ersten teile des altenglischen Beowulfepos 
ein oder mehrere altnordische, in vierzeiligen Strophen gedichtete 
lieder, etwa ' ByggviskviÖa ! ) Grindilsbana' genannt zu gründe 



f ) Byggvir (oder Beyggvir) wird in der Oegisdr. ein dienstmano 
Freys genannt; dieser name würde also zur mythischen deutung der sage 



SCHAUPLATZ DES I. BEO WULFLIEDES. 179 

gelegen haben. Dieser schluss ist um so unabweisbarer, als 
in der prosaischen Grettissaga wirklich noch zwei Strophen 
eines derartigen altnord. liedes erhalten sind. 

Die Müllenhoff'sche liedertheorie wird durch ein solches 
resultat unserer Untersuchung nicht wesentlich alteriert; es 
wäre jetzt nur der 'interpolator B' zugleich als Übersetzer auf- 
zufassen und die Vorgeschichte des epos in den skandinavischen 
norden zu verlegen. Denn schon Mttllenhoffs 'interpolator A', 
mit dem der Möller'sche in der hauptsache zusammentrifft, muss 
ein altnordischer dichter gewesen sein; seine interpolationen 
sind ja nach Möller (Altengl. volksepos p. 120 f.) in vierzeiligen 
Strophen abgefasst, sie bewegen sich dem inhalte nach durch- 
aus im Sagenkreise des skandinavischen nordens. Ihn möchte 
ich den eigentlichen dichter des Beowulfepos (wenigstens des 
ersten liedes) nennen; denn, wenn er auch ältere lieder be- 
nutzte, so hat er diese doch selbständig und einheitlich be- 
arbeitet, wie aus der festgehaltenen Zeichnung der charactere, 
aus der übereinstimmenden landschaftsschilderung hervorgeht 

Dieser unbekannte dichter verrät sich als berufsmässigen 
sänger, als skalden durch die anwendung der künstlichen Um- 
schreibungen wie ganotes bceb, srvon-rdd, beado-leoma, sowie 
dadurch, dass er bei jeder gelegenheit die mit Wirkung des 
Sängers bei festlichkeiten hervorhebt (v. 90. 496. 872. 1066. 
1160). 

Wo aber ist seine engere heimat, die heimat der ' Byggvis- 
kviöa' (dieser hypothetische name sei in ermangelung eines 
sicheren gestattet) zu suchen? 

Aus dem umstände, dass die sage ursprünglich in Däne- 
mark zu hause, dass der Schauplatz derselben vom dichter 
treu nach der natur geschildert ist, folgt natürlich noch nicht 
unmittelbar, dass dort auch das epos entstand. Wir haben 
darin höcthtens einen anhaltpunkt Es könnte sehr wol auch 
möglich sein, dass das epos im südlichen Schweden entstanden 
wäre, dass es einen landsmann des helden, einen Geaten oder 
Goten, wie wir jetzt besser sagen werden, zum Verfasser hätte. 
Diese ansieht hat Thorpe (in der einleit. zu seiner ausgäbe 



stimmen; auch die bedeutung des appell. byggvir incola wUrde passen; 
and. Byggvir entspräche ags. Beotva wie and. r&sir dem ags. retstva. 

12* 



180 SARRAZIN 

p. VIII) früher geäussert, und neuerdings hat sich ihm Rönning 
(Beowulfs-Kvadet p. 104) angeschlossen. Der einzige grund 
daflir, nämlich dass der held ein Gote ist, hält indessen nicht 
sehr stich. Warum soll nicht ein dichter auch einmal einen 
helden besungen haben, der nicht dem eigenen sondern nur 
einem stamm verwanten volke angehörte, wenn dieser (nach 
der sage) der retter des eigenen Volkes geworden, wenn er 
als ein verwanter des angestammten königshauses angesehen 
wird. . Mehrere gründe aber sprechen gegen die annähme 
Thorpes und Rönnings, für die annähme, dass die dichtung in 
Dänemark, auf Seeland entstanden ist: nicht bloss die genaue 
localschilderung verrät den dänen, mehr noch die ausführliche 
einleitung, die den rühm dänischer könige preist, die Parteilich- 
keit, mit der mehrfach, fast ängstlich (z. b. v. 863. 1684. 1885) 
versucht wird den Dänischen könig Hrothgar, den passiven 
helden, mehr in den Vordergrund zu rücken. Bezeichnend ist 
besonders, dass, wie Beowulf mit Hrothgar und gefolge zum 
* Grendelmeer reitet, um den kämpf mit dem unhold zu be- 
stehen, zunächst nur von Hrothgar (v. 1399 ff.) die rede ist, und 
erst später v. 1432 Beowulfs name genannt wird. Während 
ferner die verwantschaftsverhältnisse Hrothgars genau und 
ausführlich angegeben werden, wird der eigentliche held ganz 
kurz eingeführt. Ueberhaupt zeigt die poetische Perspektive, 
in der die erzählung gehalten ist, dass dem dichter Dänemark 
und die dänischen Verhältnisse vertrauter, wichtiger sind als 
die heimat des helden. Die erzählung ist knapp, farblos, so 
lang sie auf schwedischem boden sich bewegt (v. 194 ff., v. 1914 ff.), 
breit, ausführlich, malerisch, sowie sie in Dänemark spielt 
(v. 224 ff., v. 2000 ff). Es ist ferner zu beachten, dass der 
dichter es nicht für nötig hält, den namen der dänischen königs- 
burg zu nennen, oder ihre läge zu beschreiben — natürlich, 
wenn seine zuhörer Dänen waren, die auch ohne dies bescheid 
wussten — , während bei Beowulfs rückkehr nach Higelacs 
bürg die erklärende bemerkung gemacht wird: 

v. 1922 pctr cet häm wunade . f 

selfa mid gesitium scB-tuealle niah 
(bold wcbs bettle) brego-rfif cyning. 

So wird auch im anfang der dichtung, bei der ersten erwäh- 
nung Grendels (v. 86) von dem unhold und seiner behausung 



SCHAUPLATZ DES I. BE0WULFL1EDES. 181 

als von etwas bekanntem gesprochen: se ellen-g&st, se-pe in 

ptystrum bäd. Bemerkenswert ist sodann, dass Beowulf nicht 

selten (v. 640. 676. 1301. 1785. 1792) einfach der Gote genannt 

wird, welche bezeichnung ein dichter desselben Stammes doch 

wol nicht gebraucht hätte. 

Besonders beweisend aber scheint mir eine stelle, worin 
der dichter den Schauplatz der erzählung als heimat bezeichnet. 
Es heisst nämlich, nachdem von der halle Heorot und der 
Grendelplage berichtet ist: 

v. 194 pcet fr am häm gefrcegn Higeläces pegn 
god mid Giatutn, Grendles dceda. 

Die stelle hat mehrfach bei herausgebern und commentatoren 
ansto88 erregt. Was soll fr am häm heissen? Aus seiner, 
Beowulfs heimat? Aber Beowulf der Geate ist ja zu hause, 
und Hrothgars königsburg ist nicht seine heimat. Fram häm 
kann nichts anderes bedeuten als 'aus Seeland 1 und es ist nur 
zu verstehen, wenn man es vom Standpunkt des dichters, 
Sängers und seiner zuhörer auffasst: 'aus unserer heimat'. 

Der englische bearbeiter, der sich wahrscheinlich über den 
eigentlichen Schauplatz des gedichtes ebensowenig klar war, 
wie die herausgeber des gedichtes, der ihn vielleicht auch 
nach England verlegte, behielt begreiflicher weise die Wen- 
dung bei. 

Als resultat der vorstehenden Untersuchung ergibt sich: 
die Grendelsage so wol, wie die ursprüngliche dichtung von 
Beowulfs kämpf mit Grendel sind in Dänemark entstanden. 
Der Verfasser des epos war ein dänischer skalde, der vermut- 
lich am königshofe von Lethra sich eine zeit lang aufgehalten 
hatte. Das angelsächsische Beowulfepos ist in seinem ersten 
teil eine durch interpolationen erweiterte freie Übersetzung 
dieses bis auf 2 Strophen verloren gegangenen gedichts. 

Eine analoge Untersuchung über das zweite Beowulflied 
bleibt vorbehalten. 

Nachtrag, — Scandinavicismen im Beowulf liede. 

Zu den Worten welche mehr in altnord. als in altengl. be- 
deutung angewendet sind, möchte ich noch rechnen die verba: 
mearcian (v. 450 [Grendel] mearcati mör-hopu) vgl. and. merkja, 



182 SARRAZIN 

tinguere, rubefacere; cennan (v. 1219 cen pec mid crcefte) vgl. 
altnd. kenna monstrare, ostenderex lernt an (v. 905 hine sorh- 
wylmas lemede tö lange) vgl. altnd. lemja frangere, impedire; 

Qtian (v. 421 ic §bde eotena cyn) vgl. altnd. eytia, vastare 

delere, per der e\ b&dan (v. 2018 bcedde byre gemge) vgl. altnd. 
beiba, compellare aliquem sermone, rogare\ r&can (v. 556 pcet 
ic aglcbcean orde gercehte, hildebille, v. 2965 hyne yrringa Wellf 
Wonriding wäpne ger&hte) vgl. altnd. roekja, curare, expellere, 
aversari. 

Dem altnordischen nachgebildet scheinen folgende con- 
structionen: feore beorgan v. 1293 (vgl. v. 1548. 2599. 2570) = 
altnd. biarga fiörvi] wordum wrixlan v. 366. 874 (auch sonst 
in poesie üblich) = altnd. orbum skipta 1 )] glSdum spiwan v. 2312 
vgl. altnd. sp$ja gullinu, spijta blöüi (Lund, Oldnord. OrdfÖjn. 
pag. 97). 

Ein deutlicher scandinavicismus ist ferner die wendung 
Heardrede hilde-meceas under bord-hriotian tb bonan rvurdon 
v. 2202 (vgl. v. 587) entsprechend z. b. dem satze per veröa 
peir baugar at bana Fafnism. 20; ein nicht minder deutlicher 
in v. 1434 pcet him on aldre stöd here-slr&l hearda vgl. v. 2679, 
ähnlich wie z. b. Fafnism. 1 stöndumk tu hiarta hiörr, andere 
beispiele derselben construction bei Egilsson s. v. standa; 
ebenso ist wol aufzufassen: v. 727 htm of eagum stöd leoht 
unfoeger, v. 1570 leoht inne stöd, v. 2313 bryne-lioma stöd 
eldum on andan vgl. z. b. Helg. Hund. 1, 15 geislar stööu af 
geirum. 

In ags. prosa dürften sich schwerlich analoga für diese 
constructionen und Wendungen finden; ebensowenig im alt- 
sächsischen oder in anderen westgermanischen sprachen. Wir 
sind daher berechtigt sie als scandinavicismen aufzufassen. 
Freilich wird einfluss der altnordischen auf die ältere angel- 
sächsische spräche bis jetzt noch allgemein geläugnet, aber 
eben nur, um die Volkstümlichkeit der angelsächsischen poesie 
aufrechtzuerhalten. Schon die altengl. formen des verbum 
subst. eom, eart, earon, welche sich aus dem westgermanischen 
durchaus nicht erklären lassen, hätten zweifei an der richtig- 
keit der bisherigen ansieht erwecken sollen. 



') Doch auch im alts. Hei. ruordun wehslon. 



SCHAUPLATZ DES I. BEOWULFLIEDES. 183 

Schon vor dem beginn der dänischen invasionen wird ver- 
kehr der Angelsachsen mit den skandinavischen Völkerschaften 
bestanden haben. Die Übertragung der skandinavischen sagen 
im Beowulfliede nach England ist allein schon ein genügendes 
zeugnis dafür, gleichgültig, ob man eine altnordische original- 
dichtung zugibt oder nicht Es ist also durchaus kein grund 
vorhanden sich gegen die annähme altnordischer lehnwörter 
in der angelsächsischen spräche, und besonders in der dich- 
terischen, den skalden nachgeahmten, spräche zu sträuben. 

KIEL. G. SARRAZIN. 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 

(jrimm, Gr. IV, 1 33 bespricht die ellipse des verbum sub- 
stantivum, wenn demselben ein adjectiv und dativ der person 
folgt. Die ellipse wird aus dem ahd. und as. belegt; die 
mhd. beispiele gehören vorwiegend Wolfram an und werden 
nach dem Lachmann'schen texte aufgeführt Grimm fährt 
dann fort: 'Zuweilen steht aber auch das verb. subst. aus- 
gedrückt: ahd. thaz läz thir wesan suazi 0. 1,1,41; ni läzet iu 
iz wesan suär II, 16,40; läiz iu von mir niht srvoere sin Parz. 
555, 7 nach den handschriften.' Demnach gewinnt es den an- 
schein, als ob an den übrigen stellen bei Wolfram — lät iu 
niht leit P. 24, 18. läz dir min laster ieit P. 159,2. daz er im 
lieze ir laster leit P. 526, 28. daz lät iu durch die frourven leit 
P. 535, 22. nu lä dirz durch uns bSde leit P. 689, 30. nü lä dir 
von mir niht so gäch Wh. 122,2. lä dir die schrift unmcere 
Tit. 164, 4 — die handschriften die ellipse gewährleisten. Das 
ist aber keineswegs der fall. Die Überlieferung ist vielmehr 
folgende : 

P. 24, 18 durch iwer zuht lat iu niht tvesen (sin g) leit Dg. 
durch iwer zuht si iu niht leit Ggg. 

Nur dg haben lat iu niht leit, dann aber z. 19 Sein das ich g. Vor abe 
ich d. Das Vor abe in d statt ob ist augenscheinlich verderbt. 

P. 159,2 und laz dir sin min laster leit Ddg. 

La dir G. La dir min laster tvesen leit g. 

P. 526, 28 daz er im lieze ir laster leit 
29. Sin D. 

daz er im lieze sin ir laster leit d. 

daz er im lieze ir laster sin leit g. 

Er lieze im sin ir laster leit G. 

Daz im were ir lasier (komber d) leit dgg. 

Daz im ir laster were leit g. 



BOCK, ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 185 

P« 535, 22 daz lat tu durch die frourven leit 
23. sin D. 

daz lat iu durch die froumen sin leit g. 
daz lat iu durch die frourven leit G*d. 
daz si iu Ggg. daz tvirt iu g. 

P. 555, 7 so latz iu von mir niht srvcere 
8. sin D. 
so latz iu von mir niht sin srvcere g. 
so latz iu von mir niht srvcere d. 
Lat ez iu (Lat iu iz gg) niht sin (rvesen g. sein zuo g) sware Ggg 

P. 689,30 nu la dirz durch uns bede sin leit Dg. 
La dirz sin durch uns bede leit GG b gg. 
nu si dirz d. 

Wh. 122, 2 nu la dir von mir niht so gach KIn. 

nu (Doch p.) la dir von mir niht sein so gach mop. 
la dir von mir niht rvesen gach t. 

Tit. 166, 4t Sigune, sueziu maget, la dir 

sin die schrift an dem seile gar unmcere G. 
Sueziu magt Sigüne, lä dir 
die schrift der strängen sin unmcere J. 

Hierzu füge ich zur Vervollständigung des materials 

P. 399, 6 und lazen in mit mir sin (rvesen dgg) leit alle. 

Lachmann schließet sin in klammern ein; dagegen folgt er an drei an- 
deren stellen der Überlieferung: P. 464, 10 sd lät iu sin min triegen 
leit. Wh. 1,10 lä diner fugende rvesen leit. Wh. 342,10 lä dir Mute 
wesen leit. 

Ueberblicken wir die angeführten stellen, so finden wir 
die ellipse des verb. subst. bestätigt nur durch d P. 24, 1 8, wo 
aber eine Verderbnis vorliegt, und P. 555, 7, durch G a d P. 535, 22, 
endlich Wh. 122, 2 durch Kln. Nur an letzterer stelle würde 
an und für sich betrachtet Lachmanns text als kritisch ge- 
nügend beglaubigt gelten können, aber im zusammenhange mit 
den übrigen analogen fällen wird man auch hier vorziehen 
müssen zu schreiben: 

nn la dir von mir niht so gach 
stn, dn enrites mit mir wider fn. 

An allen anderen stellen zwingt die Überlieferung zur beibe- 
haltung von sin. Die ursprüngliche lesart hat, wie auch sonst, 
D am besten bewahrt. Die übrigen handschriften suchten teils 
das metrum zu glätten, teils nahmen sie anstoss an der Zer- 
stückelung des satzes durch den verschluss. Das aber ist bei 
Wolfram eine ganze gewöhnliche erscheinung. (Förster, Zur 



186 BOCK 

spräche und poesie Wolframs von Eschenbach, diss., Leipzig 
1874, s. 3. Jander, Ueber metrik und stil in Wolframs Titurel, 
diss., Rostock 1883, & 7.) Auch P. 129, 16 wird mit D zu lesen 
sein (vgl. lesarten zu P. 1 42, 22) 

der knappe eich dan al ein 

huop zeime fürte lüter wol getan. . 

und ebenso P. 570, 6 

des kiule groezer denne ein kruoc 
was. er gienc gein Gäwäne her. 

Lachmann lässt mit 6. das verb. subst fort; ähnlich Wh. 268, 9 

mit 1; auch hier kann man nur schwanken zwischen daz si 

ir weinen lieze sin verholen Kn und mit geringer abweichung 

mtz — oder daz si ir weinen lieze verholen | sw: da solten etc. op. 

Die ellipse des verb. subst nach läzen war also Wolfram 

fremd. Er fügt im gegenteil bisweilen sin hinzu, wo wir es 

nicht erwarten, so P. 543, 25 f. 

ich wil durch die herzogtn 
dich bl dem leben läzen sin. 

Ich schliesse hieran die besprechung einiger anderer stellen. 

P. 69, 29 — 70, 6 wird der bericht über das turnier von Kan- 

voleis unterbrochen durch einen vorläufigen hinweis auf die 

bald darauf (76, 1 ff.) einzuführende gesantschaft der königin 

Ampfltse: 

Nu was oueh rois de Franze tot, 
des wlp in dicke in gröze not 
brähte mit ir minne: 
diu werde küneginne 
hete aldar nach im gesant, 
ob er noch wider in daz lant 
wsere 1 ) komen von der heidenschaft. 
des twanc si grözer Hebe kraft. 

Lachmann hat den acht zeilen diese stelle angewiesen, wäh- 
rend sie in den handschriften erst hinter 71,6 stehen. Zu der 
Umstellung veranlasste ihn offenbar der umstand, dass in der 



') Wenn ich in den citaten in einigen punkten vom Lachmannschen 
texte abweiche , so erlaube . ich mir dafür auf meine kritischen be- 
merknngen zur metrik Wolframs von Eschenbach in der festschrift zur 
ein weihung des Wilhelm -gymnasiums, Hamburg 1885, s.55 ff. zu ver- 
weisen, wo diese abweichungen des weiteren begründet sind. 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 187 

handschriftlichen Überlieferung die Schilderung der rüstung 
Gahmurets in zwei teile zerrissen wird. Aber durch diese Um- 
stellung sind keineswegs alle bedenken aus dem wege ge- 
räumt. Ia anderem zusammenhange macht Bötticher (Z. f. d. 
ph. XIII, 1882, s. 429) mit recht darauf aufmerksam, dass 70, 7 

Ez wart da harte guot getan etc. 

'der dichter fortfährt von dem turnier zu erzählen, als ob gar 
keine Unterbrechung der darstellung stattgefunden hätte.' Nur 
übersieht er, wenn er diesen hinweis auf das Verhältnis Gah- 
murets zur Anpfltse als den ersten bezeichnet, dass auch 

P. 12, 4 ff.: 

dö het der helt unverzagt 
enp fangen durch liehe kraft 
unt durch wtplfch geselleschaft 
kleinoßtes tüsent marke wert, 
swä noch ein Jude pfandes gert, 
er mühte, z derfür enpfahen: 
ez endorft im niht versmähen, 
daz sande im ein stn friundin. 

einzig auf Anpfltse bezogen werden können (Bartsch z. d. st). 
Ich lege gewicht auf den ausdruck kleincetes tüsent marke wert. 
Denn ebenso wird 71, 4 ff. 

mir selben ich wol gunde 
des er het an den lfp gegert: 
wand ez was maneger marke wert 

die rüstung Gahmurets abgeschätzt. Und es ist mir wahr- 
scheinlich, dass gerade die ähnlichkeit des ausdrucks, eines 
offenbaren notbehelfs, zu dem man noch P. 513,22 vergleichen 
möge, den dichter vermöge einer eigentümlichen gedankenver- 
bindung an Anpfltse erinnert und den einschub der in rede 
stehenden acht zeilen hervorgerufen hat. Man ist ja an manche 
Sonderbarkeiten und gedankensprünge bei Wolfram gewöhnt, 
und wenn ich auch einen fall, der unserem genau entspräche, 
nicht beizubringen vermag, so wird man meine annähme doch 
wol gerade für den an fang des gedichtes, wo es Wolfram be- 
sonders an Übung und gewantheit gebrach, nicht ganz ab- 
weisen können. Zunächst suchte der dichter wol nach einem 
reim auf drunde 71,3, denn reimnot hat — das denke ich bei 
anderer gelegenheit ausführlicher nachzuweisen — noch mehr, 
als man bisher erkannt oder zugestanden hat, Wolframs aus- 



188 BOCK 

druck und darstellung bestimmt. Und indem er auf drunde : 
mir selben ich wol gunde reimte, wurde er weiter zu der sonder- 
baren Umschreibung: des er het an den lip gegert f&r die 
rüstung geführt und so weiter zu dem ganzen excurs. Ich 
glaube daher, dass die Zeilen in den handschriften an dem 
richtigen platze stehen. 

P. 278, 11 — 18 wird das zeit der Cunnewäre von Lälant 

beschrieben: 

einhalp an des küneges rinc 

über eineg prunnen ursprinc 

stuont ir poulün üf dem plan, 

als oben ein trache in einen klän 

hete des ganzen apfels halben teil. 

den trachen zngen vier wintseil, 

reht aiser lebendec da flüge 

nnt daz poulün gein den lüften züge. 

da bf erkandez Orilus: 

wan slniu wäpen wären sus. 

Zu z. 14 gibt Bartsch die erklärung: l als gebildet wie, anzu- 
sehen wie wenn. Auf der spitze des zeltes war ein halber 
apfel, den ein d räche, das wappen der familie in den klauen 
hielt.' Hiermit widerspricht er sich selbst. Denn wenn wirk- 
lich eine apfelhälfte die zeltspitze gebildet hätte, eine annähme, 
deren unwahrscheinlichkeit sofort einleuchtet, wenn man sich 
nur ein solches zeit vergegenwärtigt, so wäre für die ver- 
gleichungspartikel als kein platz. Bartsch hat des dichtere 
meinung nicht richtig erkannt. Wolfram vergleicht das aus- 
sehen des von einem drachen gekrönten zeltes mit dem eines 
halben apfels, den ein drache in seinen klauen halte. Das 
tritt noch klarer hervor in der handschriftlichen Überlieferung» 
Denn statt als, wie Lachmann mit d schreibt, bieten die übrigen 
handschriften als ez: 

als ez oben ein trache in stnen klän 
hete, des ganzen apfels halben teil. 

Man kann zweifeln, warum Lachmann hier, wie auch noch 
an einigen anderen stellen, von seinen sonstigen kritischen 
grundsätzen abgewichen- ist. Vielleicht, dass ihm die voran- 
Stellung des ez, zu dem dann teil die apposition bildet, anstoss 
gab, aber so pleonastisch braucht Wolfram das pronomen der 
dritten person öfter: 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 189 

P. 272, 29 ff. ruochet ir nu hceren, wie Orilus des innen wart, även- 
liure von Artüses vart? nach Bartsch' jedenfalls richtiger abteilang. 
P. 305, 9 ff. vil Volkes bot in werden gruoz, Gawäne und dem ritter rot 
P. 353, 11 f. herberge nämen sie, knappen, die da körnen hie. P. 429, 2 f. 
diu (sc. swert) wären in under gangen, Gäwäns knappen an der (so Gg. 
oder an des Dgg? ans Lachm.) strites stunt. P. 432, 17 ff. da ist Sehe- 
rules: den sulen si biten des, geleites ze Dtanazdrän (mit Bartsch). 
P. 589, 10 ff. üz Feire fixes landen bräht ez der wise Clinschor, werc daz 
hie stuont enbor. P. 723, 17 ff. niht lieber möht ir sin geschehn, wan 
daz si den künec solde sehn, Itonß, diu ouch da saz. Wh. 12, 30 f. 
Gyburge süeze wart in sür, den heiden und der kristenheit. Wh. 33, 30 f. 
des mohten si niht goberen, Die getouften, an der zit. Wh. 465, 20 ff. 
ich sol iu schaffen i starke müle die si tragen, künege die hie sint er- 
slagen. Vgl. auch P. 233, 28 ff. viere die taveln legten üf helfenbein w\z 
als ein sn&, Stollen die da komen e. 

Diese stellen stützen die unsrige. Ein unterschied besteht 
allerdings darin, dass an den angezogenen stellen das pronomen 
demjenigen gegenstände, den es vertritt, pleonastisch voraus- 
geschickt und ihm dann dieser gegenständ selbst als apposition 
beigefügt wird, an unserer ein ihm verglichener, so dass das 
pronomen in der grammatischen form dem vorangehenden 
poulün entspricht, nicht dem folgenden teil. Eine derartige 
unmittelbare Übertragung ohne ein vermittelndes 'gleichsam, 
als, wie' entspricht aber durchaus dem Sprachgebrauch und 
dem lebhaften geiste Wolframs (Einzel, Zur Charakteristik des 
Wolframschen Stiles, diss., Halle 1873, s. 29, auch Z. f. d. ph. V. 
Botticher, Ueber die eigentümlichkeiten der spräche Wolframs, 
diss., Wien 1 876, s. 63, auch Germ. XXI). Sie ist hier um so 
mehr gerechtfertigt, weil ein doppeltes tyild vorliegt, die ver- 
gleichung des zeltes seiner form nach mit einem halben apfel 
und sein aussehen vermöge der krönung durch einen drachen, 
als ob es von diesem in den klauen gehalten werde. Dieses 
bild wird auch in den folgenden zeilen 

den trachen zugen vier wintseil, 

reht als er lebendec da flüge 

unt daz poulün gein den lüften züge 

noch fortgesetzt Wolframs worte gestatten nicht die deutung, 
die ihnen A. Schultz (Das höfische leben zur zeit der minne- 
singer II, Leipzig 1880, s. 215) gibt, als ob auch hier der drache 
in getriebener arbeit auf einem goldenen knöpf am first des 
zeltes angebracht gewesen sei. Wir haben ihn vielmehr mit 



190 BOCK 

ausgebreiteten flu gel n unmittelbar über dem zeit schwebend zu 
denken, 'als wenn er dasselbe in die Iuft entfuhren wolle', 
ähnlich, wie bei den zelten, die im Erec und Lanzelet beschrie- 
ben werden (Schultz a. a. o. 317). Einige Schwierigkeit machen 
allerdings die tvintseil, von denen der drache gezogen sein soll; 
tvintseil heissen sonst die seile, die die seitenwände des zeltes 
an am boden eingeschlagene pflöcke spannen (Schultz s. 216). 
Nun könnte man hier daran denken, tvintseil von anderen 
seilen zu verstehen, die nur den drachen zu halten bestimmt 
gewesen wären. Jedoch dürfte damit kaum das richtige ge- 
troffen sein, man wird vielmehr den unlogischen ausdruck 
Wolfram hier wie anderwärts zu gute halten müssen. Was 
endlich die form des poulün betrifft, so ist Schultz' ansieht, dass 
es stets einen viereckigen grundriss gehabt habe, nicht genügend 
begründet. Wäre sie richtig, so würde der ohnehin geschmack- 
lose vergleich des poulün mit einer apfelhälfte ganz unpassend 
werden, aber Wolfram schwebte jedenfalls eine runde form 
desselben vor. Vgl. P. 589, 13 sinrvel als ein gezelt ez was. 

Ein starkes schwanken der handschriften zeigt sich 
P. 113,23 

swes sin lip zürnen ringet D. 
swes lip einen zoren erringet Qd. 

sin zorn ringet g. 

sin zorn erringet g. 

in zorne ringet g. 

Lachmann kombiniert und schreibt: 

swes lfp sin zürnen ringet 

Bartsch erklärt ringen = gering anschlagen; und ebenso 
übersetzt Lexer im Wtb.: 'wer sein (d. i. gottes) zürnen gering 
anschlägt, wem es gleichgültig ist'; aber das kann wol ringen 
überhaupt nicht heissen. Alle im Mhd. wtb. und von Lexer 
beigebrachten stellen, den muot, die sweere, last, trüren, leit, 
not, smerzen, pin, arbeit, gemüete, zit, ungemach, vreude, laster, 
sorge, diu bani ringen, führen übereinstimmend auf die be- 
deutung: leicht machen, erleichtern, abschwächen, besänftigen. 
So heisst auch P. 164, 4 lät irveren liden ringen es euren glie- 
dern leicht machen. Dieser tatbestand, den Lachmann bei 
seinen hülfsmitteln noch nicht, wie wir, übersehen konnte, 
macht seine combination unmöglich, so lange nicht aus ande- 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 191 

ren quellen ringen in der bedeutong 'gering anschlagen 9 be- 
legt ist. 

Auch in anderer hinsieht erweckt Lachmanns text be- 
denken. Die Schilderung, wie Herzeloyde ihren neugeborenen 
söhn herzt, in ihm den verlorenen gemahl wider erstehen sieht 
und ihn selbst zu nähren beschliesst, gehört zu den schönsten 
und zartest empfundenen bei Wolfram. Herzeloyde beruft sich 
auf die gottesmutter (P. 113, 17 ff.): 

fron Herzeloyde sprach mit sinne: 

'diu hoehßte küniginne 

J&sus ir brüste bot, 

der slt durch uns vil scharpfen tot 

ame kriuze menni schliche enpfienc 

and sine triwe an uns begienc'. 

Damit schliesst diese scene gut ab. Ein ganz müssiger Zu- 
satz sind dagegen im munde der Herzeloyde die folgenden 

zeilen: 

swes ltp stn zürnen ringet, 

des söle unsamfte dinget, 
swie kiuscher st and waere. 
des weiz ich wäriu maere. 

Unangemessen ist, dass Herzeloyde so ihre kitische selbst her- 
vorhebt. Und die letzte zeile des weiz ich wäriu meere macht 
durchaus den eindruck zu einer nun folgenden erörterung über- 
leiten zu sollen. Denn moere steht nie bei Wolfram, wie man 
hier annehmen mttsste, ganz farblos, sondern weist stets auf 
eine wirklich vorgetragene geschichte hin. Zu unserer stelle 
eine parallele bietet z. b. P. 271,24 

diu aventiure, wert maere mich: 
dd Oriluß der fürste erkant clc. 

nach Bartsch' interpunktion, die dem sinn besser entspricht, 
als die Lachmannsche. 

Diese bedenken sprechen zugleich gegen den text der 
handschriften ausser D, wenn vielleicht jemand daran denken 
sollte, diesen den Vorzug zu geben. Ohnehin trägt gerade D 
hier, wie Lachmann richtig erkannte, echt Wolframsches ge- 
präge. Denn Wolfram hat eine Vorliebe für substantivierte 
infinitive; er scheint sie häufiger anzuwenden, als irgend ein 
anderer dichter, und ersetzte durch sie geradezu viele abstrakta, 
weil ihm die sinnliche verbalnatur viel mehr zusagte (ßötticher 



192 BOCK 

a. a. o. 62). Das tritt freilich in den handschriften nicht immer 
-rein hervor, sondern die Schreiber haben häufig durch einsetzen 
der entsprechenden substantiva die eigenartigkeit des ausdrucke 
verwischt, wie z. b. die lesarten zu P. 89, 18. 91, 30. 141, 9. 
234,23. 259,11.26. 649,4; Wh. 460,20 beweisen mögen. 

Demnach glaube ich, da es gilt von zwei Übeln das klei- 
nere zu wählen, und da es mir wenigstens nicht gelungen ist 
eine in jeder beziehung befriedigende lösung zu finden, dass 
man ganz an D festzuhalten hat Die vier Zeilen würden als- 
dann nicht mehr zur rede der Herzeloyde gehören, sondern 
worte des dichters selbst sein und die passende Überleitung zu 
der weiteren erzählung bilden. 

8W68 stn ltp zürnen ringet, 
des sfcle unsamfte dinget 

wären zu erklären: wessen leib der zorn schwächt, dessen 
seele (nach Bartsch) erlangt schwer frieden. Die unflektierte 
form des pronomens, wenn man es nicht doch vorzieht ein aus 
abbreviatur der urhandschrift entstandenes versehen anzunehmen 
und sinen zu schreiben, wird geschützt durch die reime P. 74, 2. 
75,2. 707,27. Befremdend ist der ausdruck zürnen für die 
trauer der königin um den verlust des gatten; aber nach dem 
Mhd. wtb. 111,905» bedeutet zorn jede art plötzlich entstehen- 
den Unwillens, wie klein oder gross dieser sein mag. Hier 
war es Wolfram wol darum zu tun, Herzeloyde als mit dem 
Schicksale hadernd darzustellen; darauf deuten auch ihre worte 

109, 30 ff.: 

hat got getriwe sinne, 

bö läzer mim (sc. Parzival) ze frtihte komn. 

ich hau doch schaden ze vil genomn 

An mtnem stolzen werden man. 

Noch auffälliger aber und daher wahrscheinlich auch der 
anlass, warum die übrigen handschriften änderten, ist der pleo- 
nastische gebrauch des possessiven pronomens sin neben dem 
genetiv swes. Gr., Gr. IV, 351 bringt dafür überhaupt nur ein 
mhd. beispiel. Etwas häufiger wird ir so pleonastisch ver- 
wandt. Die beispiele dafür bei Grimm und im Mhd. wtb. er- 
gänzt Lucae, De nonnullis locis Wolframianis p. 3, anm. 2, wo 
indes Wh. 196, 27 missverstanden ist. Immerhin wird naeh 
Grimms erörterungen und hinweis besonders auf das häufige 



Zu WOLFRAM VON ESCHENBACH. 193 

vorkommen solchen redegebrauchs im volksmunde eine Wen- 
dung, wie sie hier vorliegt, für Wolfram nicht als unmöglich 
betrachtet werden dürfen. Das bestätigt auch die Wolfram 
eigentümliche pleonastische vorsetzung des pronomens vor einen 
folgenden genitiv. Hierbei ist zwischen sin, ir und dem statt 
des Possessivpronomens bei Wolfram häufig eintretenden genitiv 
des (Gr., Gr. IV, 341 ff.) in der anwendung kein unterschied zu 
merken. 

P. 214, 5 ff. ine wü dich niht erläzen, ir vater, Lläzen, dune bringest 
im dine Sicherheit P. 273, 20 ff. mit nähern umbevange behielt ir minne 
freuden pris, der fürstin und des fürsten rvis. P. 395, 1 2 f. ich rvil gern 
ir kus mit gruoze hän, zweier frouwen die ich hie sihe. P. 450, 9 ff. 
JParziväl hörte ir süezen wort, des vater, muoter und der kinde. Wh. 
397, 28 ff. die wol gezimierten ir brücke wären über bluotes fürt, cts- 
Itcher uz TerramSrs geburt. — P. 189, 27 f. Sin swester was diu muoter 
mm, iwers wirtes. P. 325, 7 ff. si jähen daz her Gäwän des kämpf es 
sorge müese hän gein s\ner wären manheit, des fürsten der da vor in 
reit. P. 353, 28 f. sin soumschrin sint so behuot, dtnes ritters. P. 355, 7 f. 
ob versniden sol min swert sinen schilt, mines hSrren wert. Wh. 
270, 16 ff. ein zäher schiet den stoup von sinem Clären vel, Rennewar ts 
des knappen snel. Wh. 382, 17 sin schar, des künec Aropatin. Wh. 
425, 12 f. sin bart was gräwer danne der iuft, des alten künec PurreL 
Wh. 433, 16 sinem vanen, des alten üeimrich, . . . wol getane. P. 662, 16 f. 
Isajesen si nande, des mar schale, Utepandragün. Vgl. P. 392, 24 ff. dö 
Gäwän hete vernomen siniu wäpen, der mit in da streit. 

Mit der Verschiedenheit der lesarten P. 113,23 möchte ich 
ausserdem das fehlen der zeilen 15 und 16 in D in zusammen, 
hang bringen. Es ist mir wahrscheinlich, dass diese zeilen 

si kftrtQ sich niht an lösheit: 
diemuot was ir bereit 

erst von einem Schreiber eingefügt wurden, als man mit 
änderung von zeile 23 diese und die drei folgenden zur rede 
der Herzeloyde gezogen hatte. Der Schreiber mochte die ent- 
stehende Unschicklichkeit selbst empfinden und suchte nun im 
voraus diese worte der Herzeloyde durch einen hin weis auf 
ihre demütige, nicht leichtfertige gesinnung zu motivieren. Man 
mache nur den versuch und lese 113,1 — 14 und 17 — 22 hinter 
einander, und man wird empfinden, wie sehr das ganze durch 
die einfilgung von z. 15. 16 gelitten hat. Hierin wenigstens 
hoffe ich keinem Widerspruch zu begegnen. Damit ist nun 
freilich nicht bewiesen, dass die zeilen nicht doch von Wolfram 

Beitrag* rar geeohiohte der deuUohen ■praoh*. XI. 13 



194 BOCK 

herrühren könnten, sondern interpoliert seien. Ueberhaupt ist 
bei dem eigenartigen, von dem gewöhnlichen nnr zn häufig 
abweichenden stile Wolframs der nachweis von interpolationen 
schwer zu erbringen; doch scheinen mir an einigen stellen sinn 
und Überlieferung auf annähme solcher hinzuführen. Das wird 
mancher voraussichtlich ohne weiteres von der hand weisen 
und Lachmanns 30-zeilen-gesetz dagegen anführen (Lachmann, 
vorrede IX; Haupt, Zs. f. d. a. XI, 49). Zwar hat schon San-Marte 
(Schulz, Ueber Wolfram von Eschenbachs rittergedieht Wilhelm 
von Orange, Quedlinburg und Leipzig 1871, s. 115 f.) begrün- 
deten einspruch gegen dasselbe erhoben, aber man scheint 
diesen einspruch geflissentlich zu ignorieren. Ich kann auf 
San-Martes ausführungen, denen ich völlig zustimme, verweisen 
und begnüge mich, da es in vielen fällen schwer gelingt über 
etwaige interpolationen bei Wolfram zur klarheit durchzu- 
dringen, hier mit anführung noch zweier stellen. 

P. 654, 25. 26 fehlen Ddg, dagegen 23. 24 Gg. 23—26 

hat nur g. Lachmanns berechnung, dass die vier verse auch 
in F gestanden haben sollten, bleibt unsicher. Die stelle (Ga- 
wans böte ist zurückgekehrt und hat ihm die nachricht ge- 
bracht, dass Artus seiner bitte willfahren und zu dem kämpfe 
zwischen ihm und Gramoflanz mit seinem hofstaate kommen 
werde) lautet im zusammenbange v. 23 f. bei Lachmann: 

Gäwäns sorge gar verswant: 

niht wan freude er ime herzen vant. 

Gäwän üz sorge in frtfude trat. 

den knappen erz verewigen bat 

al stner sorge er gar vergaz, 

er gienc hin wider unde saz, 

und was mit freuden da ze hüs etc. 

Hier spricht nun, sollte ich denken, wenn man die handschrift- 
liche Überlieferung ansieht, alle Wahrscheinlichkeit dafür, dam 
Wolfram nicht denselben gedanken, dass sich Gawans sorge 
in freude verwandelt, dreimal wird widerholt, sondern sich mit 
einmaliger widerholung begnügt haben, dass also nur entweder 
vers 23. 24 oder 25. 26 , nicht aber alle vier echt sein können. 
Und zwar glaube ich, dass die in Ddg überlieferten verse die 
echten sind. Der autor der in Gg sich findenden wollte wol 
die lästige widerholung durch einschiebung eines, der vorher- 



Zu WOLFEAM VON ESCHENBACH. 195 

gehenden erzählung entnommenen zwischengedankens erträg- 
licher machen. 

P. 140, 1. 2 ferner 

du bist geborn von triuwen, 
daz er dich sub kan riuwen. 

fehlen in der klasse Dd. Dass diese verse von einem Schrei- 
ber herrühren, der, um in der geistreichen parallele meines 
namensvetters L. Bock (Wolframs von Eschenbach bilder und 
Wörter von freude und leid, Strassburg 1879 = Q. u. F., XXXIII 
s. 52) zu bleiben, das bedttrfnis fühlte auch einmal herz 
und schmerz zu reimen, glaube ich aus einer beobachtung 
des Wolframschen Sprachgebrauches erhärten zu können* 
Wolfram gebraucht geborn oder erborn von nur im eigent- 
lichen sinne der abstammung von einer person oder aus 
einem lande. 

P. 9, 12 wcerstu von Gy Istram geborn, 54, 27 von Sibüje üz der 
stal was geborn den er bat. 56, 1 er ist erborn von Anschoutve. 140, 26 
ein Waleis von der muoter din bis tu geborn von Kanvoleiz. 441, 8 nie 
so schomer ftp wart geborn von menneschttcher fruht. 457, 16 nie letti- 
scher fruht von ftbe wart geborn. 474, 27 ich bin von einem man er- 
born, der mit tjost hat den ftp verlorn. 499, 13 von Ithir du bist er m 
born. 591,6 si sint erborn von küneges art. 656,15 von des nächkomn 
er ist erborn. 750,24 sin wip, von der ich wart geborn. 751,29 wir hän 
in ze rehter tjost verlorn, von dem wir bide sin erborn. 754, 19 Hute, 
von den wir sin erborn. Tit. 38, 1 Anphftsen wart ein kint geläzen, er- 
boren von fürsten künne. 58, 2 ich heere sagen, du sist erborn von der 
art, die nie künde verdriezen etc. 128, 2 er ist von den Hüten erboren, 
die niht länt ir pris nider sigen. 147,1 Si was von Kanadic erboren. 
Willen. 30, 26 des toufes wer niht midet, sine snide von den du bist er- 
born. 121,21 diu zwei von den wir sin erborn. 131,1 Der was von 
ritlers art erborn. 150,21 wä nu die von mir sint erborn? 152,22 die 
von Heimrich sint erborn. 167, 16 helde die von mir reborn wären^ unde 
ouch ich von in. 170,10 ob halt ein sw acher (vgl. Paul, Zu Wolframs 
Willehalm in diesen Beitr. II, 324) garzün von mime geslähle weere er- 
born. 255,5 Tenabruns, erborn von Liwes JNugruns. 293,11 bin ich 
von werder diet erborn. 318, 11 die erborn sint von miner art. 338, 26 
Pompeius, von des gesldht ich bin erborn. 358, 16 daz ist der eltste 
sun min y von minem Ersten wlbe erborn. 462,25 durch die diu von iu 
ist erborn. 

Wo es sich dagegen nicht um eigentliche abstammung 
handelt, sondern bem im übertragenen sinne gebraucht wird, 
verbindet es Wolfram mit üz: • 

13* 



196 BOCK 

P. 659, 28 ff. stvenne ich gedenke an mich nim, daz ich üz freuden 
bin erborn, tvirt fr ende noch an mir erkorn, da git ein fruht die andern 
fruht. 732, 17 nu bin ich doch üz minne erborn : wie hän ich minne 
alsus verlorn? 738,21 dise zrvene wären üz krache erborn, 763,20 der 
was üz rehtem prts erborn. Tit. 35, 2 s i wären üz lüterficher minne 
erborn. 

Die erklärungen, die Bartsch zu diesen stellen gibt, treffen 
zwar den sinn, verwischen aber die eigenart der hier zu gründe 
liegenden anschauung. Wir haben in diesen Wendungen offen- 
bar eine sehr kühne personification zu sehen, so dass die eigen- 
schaften oder tätigkeiten {krach P. 738,21 von der speer- und 
schildbrechenden tätigkeit des ritters in parallele mit dem gaim 
des löwen) als erzeuger von menschen gedacht, bei unserem 
dichter sogar wie die menschen geschlechter bilden. P. 680, 2 f- 
üz der tjoste geslehte wär$n si bide samt erborn; denn üz der 
tjoste geslehte steht nicht anders, als oben von küneges art, von 
Pompeius geslehte etc. Bartsch' anmerkung: 'aus einem ge- 
schlecht, welches sich auf tjostieren verstand 9 umschreibt nur 
den sinn der stelle, erklärt den ausdruck nicht. In übertrage- 
nem sinne von ebenbürtigkeit der abstammung, nicht yon 
eigentlicher verwantschaft ist auch zu verstehen Wh. 291, 27 ff. 
ir (sc. Kyburcs) herze spehte rehte, daz er (sc. Rennetvart) üz ir 
geslehte endeüche weere erborn, swie er halt Hanne weere ver- 
lorn. Endlich lesen wir, den versen, von denen wir ausgiengen, 
auch dem gedanken und Wortlaut nach entsprechend Wh. 298, 
18 ff. si wir reborn üz triwe ganz, die zehen liret missewende 
min armeclich eilende. 

Diese etwas längere auseinandersetzung, bei der ich 
hoffentlich keine in frage kommende stelle übersehen habe, 
schien geboten, um P. 140,1.2 als mit dem Wolframschen 
Sprachgebrauch unvereinbar zu erweisen. Die verse sind ohne- 
hin unpassend und überflüssig. Denn da Sigfine noch nicht 
weiss, dass Parzival ihr verwanter ist, kann sie von triuwe, 
die er hier bewähren soll, nicht wol reden. Vielmehr enthalten 
die vorangehenden zeilen 

si sprach zem knappen: 'du hast tngent 
göret st dtn stieziu jngent 
unt dtn antlütze minnecltcb. 



ZU WOLFRAM VON ESCHENBACH. 197 

deiswar du wirst noch sselden rieh, 
disen ritter meit dez gabylöt, 
er lac ze tjoatieren tot 

die ausreichendste antwort auf Parzivals teilnehmende frage 
nach dem toten Schlänatulander und auf sein erbieten, denselben 
rächen zu wollen. Der zusatz kann nur störend wirken. 

HAMBURG. C. BOCK. 



DAS 

ANGESEHENSTE LUZERNER KIRCHENLIED. 

üis existiert im kanton Luzern eine tradition, in frühem 
Zeiten, als das volk beim gottesdienst noch mitsang, sei das 
lied von den drei Mergen das angesehenste und beliebteste ge- 
wesen. In diesem Hede sei vorgekommen, wie Christas er- 
standen, wie die drei Marien ihn salben gewollt und wie Petrus 
hinter dem steine gelegen. Weiteres weiss die mündliche Über- 
lieferung nicht. Dagegen sind im kanton Luzern noch drei 
schriftliche aufzeichnungen dieses liedes vorhanden, die eine im 
jahrzeitbuch von Häggligen, das allerdings im kanton Aargau 
gelegen ist, in früherer zeit aber unter dem stift Bero-Münster 
stand, die andere im jahrzeitbuch von Grosswangen, die dritte 
im sigristbuch von Triengen. Die beiden jahrzeitbücher wer- 
den im stiftsarchiv von Bero-Münster aufbewahrt, das Sigrist- 
buch von Triengen, ein fasciculus lateinischer hymnen mit 
handschriftlichem anhang sehr wertvoller deutscher lieder, liegt 
in der kirche dieses pfarrdorfes. Die älteste abschritt ist die 
von Häggligen, ca. 1500. Die von Grosswangen, welche schon 
neuhochdeutsche lautformen aufweist, datiert vom jähre 1597. 
Eine spätere hand (ca. 1600) hat im text von Häggligen ober- 
halb einiger stellen, die abkürzungen enthalten, die vollen for- 
men hingesetzt und lateinische und veraltete deutsche Wen- 
dungen durch moderne im einheimischen idiom ersetzt. Das- 
selbe geschah auch im texte von Gross wangen, allerdings nur 
an einer stelle, str. 12. Der text von Triengen stammt wahr- 
scheinlich aus dem jähre 1771, möglicherweise fällt er ein paar 
jähre später, jedenfalls nicht nach 1780. 

Die abschrift im jahrzeitbuch von Häggligen beginnt mit 
folgender bemerkung: 'Canticum pascale ad Laudem et hono- 
rem gloriosissime resurrectionis Domini nostri Jesu christi pi6 



BRANDSTETTER, DAS ANG. LUZERNER KIRCHENLIED. 199 

compositum, quo etiam nos hie in uostra eeelesia parochiali 
vti solemus, a festo Dominicae resurrectionis vsque ad diem 
Ascensionis. Et vt Deo placeat et nobis fiat meritorium, dieant 
b . . . . nti (?) Amen.' An den text von Triengen sehliessen sich 
lateinische responsorien. 

Jede der drei abschriften zeigt wichtige eigentümlichkeiten. 
Eine fernere Variante siehe bei Wackern. Kl. 2, 360. 

Ein beweis dafür, dass dieses lied viel gesungen worden, 
liegt darin, dass das papier des sigristbuches von Triengen 
sehr schmutzig und abgegriffen ist. 

Auf den text von Grosswangen hat mich Liebenau, 
auf den von Triengen pfarrer Estermann in Neudorf aufmerk- 
sam gemacht. Pfarrer Amberg in Triengen hat mir das [sigrist- 
buch bereitwilligst zur Verfügung gestellt Diesen herren er- 
gebenen dank. 

Der text Ton Häggligen. 

1. Christus resurrexit, mala nostra texit des sollend wir alle fro sin 
Christ wilvnser trost sin Allel uia 

2. Vnnd wer er nit erstanden, so wer die weit zergangen, sitt dz er 
erstanden ist so lobendt wir den herren Jesum Christ Allelnia 

der ist erstanden wahre 

3. Sarrexit Dominus ver6, Mit sinem Hb gar darlieh, zu gallilea in dem 
Land das ist den Juden ein grosy sehand. Allelnia. 

frü 

4. Es giengind 3 Maria [frtie] 1 ) des morgens, zuo dem grab hin zu sy 

herren 

woltent Den salben an sin Lyb allenthalben Alleluia 

Maria hebt 

5. Die M sprachendt zuo samen gmein, wer hept vnss ab dem grab 
den stein, das wir den herren salben, sin lyb allenthalben. Allelnia. 

6. Sy tratendt nächer zno dem grab, sy truogend ein salb von kost- 
licher hab, dz grab fandendt sy offen ston, zwen Engel warends wol- 
gethon Alleluia 

sy Maria 

7. Ein Engel grüsts vnd sprach inen zuo Ir M wen suochend ir so 
früe! des sond ir mich bescheiden, in uwerem großen leide Alleluia 

8. Wir suochen hie in kurtzer frist, vnseren Herren Jesum Christ, Der 

orütziget wo 

von den Juden feiget ist, wir wussen nit [war] er komen ist 
Alleluia 

9. Den ir suochen der ist nit hie, Er ist dort hin in galile, Er ist vff- 
erstanden, von des todes banden Alleluia 



! ) Was im manuscript durchgestrichen, setze ich in klammern. 



200 BRANDSTETTER 

Mari» 

10. Ir M sondt nit abilon, ir sond gen gallileam gon, do wil er sich 
lassen finden, das thuon ich üch verkünden Alleluia 

dalena 

1 1. Maria Mag. gieng vss zuo hand, gen Galileam in dz land, do begegnet 
iren in knrtzer frist, vnser herre . s . , Alleluia. 

12. Maria Magd, fiel vff ire knuw, Jesu du bist ein wäre trnw, da wz 
ir lid verschwunden, sy hatt h. fnnden Alleluia 

Jünger Maria 

13. Mar. Mag gieng widerum zuo hand, do sy die jnngren vnd die Marg 

loh hau den her geaaohe 

fand, wz sol ich nch veriechen vidi dominum alleluia 

14. In aller siner geberde, ob er ein gartner werv, ein spat treit er in 
siner haj ') ob er erbuwen weit dz land. Alleluia 

Maria 87 

15. Alleluia, gelobet sy M gelobet der h Jesus Christ der aller weit ein 
troster ist alleluia 

Grütze e 

16. Heiliges fce, Gott bhut vnss Christen Lüthe, gott bhüet vnss vor 
dem vnd hilf vns . . . . | x ) 

m himlisohen heer 

17. Dz sy gsungen Gott zlob vnnd zft ehr, darzu allem h. heer, jn sin 
heiige + . . . | x ) tigk vnser frouwen in ir hertzleid Alleluia 

18. Erstanden ist der Heilig Christ, der aller weit ein troster ist. 
Alleluia. 

Der tezt von Grosswangen. 

1. CHRIST ist erstanden von. 

der marter allen, des söllendt wir. 

alle fro sin Christ will vnser trost sin allein ia ia 

2. vnd war er nit erstanden: 
So war die wellt zergangen: 
Seyt das erstanden ist: 

So lobent wir den*Herr Jesus christ. alle: 

3. Es woldent dryg märggen frti vff ston: 
Sy woldent zft dem grabe gan: 

Sy woldent den herren salben: 
An seinem lib allen thalben: alle 

4. Die märggen hatten ein klag gemein 
wärr weltz vns von dem grab den stein: 
das wir den herren salben 

an seinem leib allen thalben: alle: 

5. der engel rafft den märggen zft: 
wän suchen t ir des morgens frii: 
des sönd ir mich bescheiden: 

yn ewerem grossen leide: alleluia 



x ) Das pergament beschädigt 



DAS ANGESEHENSTE LUZERNER KIRCHENLIED. 201 

6. wir suchent hie zu dieser frist: 

wir suchent den herren yesus Christ: 
der von den yuden crützget ist: e 

wir wttssent nit wo er kamen ist. alleluia: 

7. was gesabent sy bj dem grabe ston: 
Zwen engel die wassen an gethon: 
das sy so serr er schrackent: 

das sy hinder sich trattdent: alleluia: 

8. wir dretten hie zu disser frist: 

wir suchen den herren yesum ehrist: 
der von den yuden Crützget ist: e 

wir wüssent nit wo er kamen ist alleluia 

l J. Er ist erstanden er ist nit hie: 
Das sönd ir warlich gloaben mir 
Seh wen t die stat vnd auch das grab 
do yesus innen giägen was: allel 

10. vnd den ir suohent der ist nit hie: 
Er ist erstanden am morgen frii: 
Er ist erstanden der heilig Christ: 
der von den jaden geertttzget ist alle 

11. Er ist erstanden warlich. 
Er ist erstanden clarlich. — 

Er ist erstanden von dem grab — 
An dissem heiligen ostertag: Alleluia 

12. Sant peter hinder dem steine lag — 
ver borgen biss am driten tag 

Es kam (ent) im [nuwe märre] bottschafft tttrware — 
wie christ erstanden wärre, Alleluia 

13. Maria die. vill zarte — 
Sy gieng in rosen garten 

Sy gieng durh regen vnd den windt 
Sy sacht ir aller libstes kind. Alle 

14. Maria da vil reine — 

du hast so serr geweinet. 

vm vnseren herren Jesus christ 

der von [j] den Juden geerützget ist Alle 

15. Maria zarte, du bist ein edel garten 
den got der her selbs pflantzet hat e 
Mit seiner heiligen dry faltigkeit Alleluia — 

Der tezt von Triengen. 

1. Christ ist er standen 
von denen Marttern allen 



202 BRANDSTETTER 

so sollen wir allen fron sein 
Christ wohl unser trost sein 
Alleluia 

2. und war er nit erstanden 
so war die weit zergangen 
and sidt das er Erstanden ist 

so loben wir den herrn Jesu christ 
Alleluia 

3. Er Ist erstanden wahrlich 
er ist erstanden klarlich 

er ist erstanden im Jüdischen land 
es ist doch allen Jaden ein sohand 
alleluia 

4. du Heutiges creütze 
behttth uns Christen leüthe 

and auch die falschen Juden bekehr 
so wirt der christlich glauben gmehrt 
alleluia 

5. Ess daten drey Maria früh aufs tonn 
sy wolten zum Hl. grabe gohn 

sy wolten den Herrn salben 
am leib und allen thalben 
alleluia 

6. und dass sie waren auf dem weg 
sy haten gar ein schwere klag 

sy haten ein klag jns gemeinn 
war wälzt uns ab der steinn 
alleluia 

7. und das sy Kamen zu dem grab 
der stein war schon gewelzet ab 
das grab das funden sie offen stöhn 
Ein Engel dar by gantz wohl gethon 

alleluia 

8. der Engell Ruft denn Maria zu 
wen suchen dir am Morgen trüb 
daruf thuon uns bescheiden 

jn unserem grossen leiden 
alleluia 

9. und den ir suchet der ist nicht da 
Ihr sändt jns gallelea gohn 

jhr säudt jns gallelea gohn 
da wirt sich jesuin schauen lohn 
alleluia 



DAS ANGESEHENSTE LUZERNER KIRCHENLIED. 303 

10. und sagent St petter dem Jüngern sein 
das Jesus Christ Erstanden ist 

wan er ist auferstanden 
wohl von denen Todten banden 
alleluia 

11. Maria die vill zarte 

sy gieng in Bossen garten 

sy gieng durch Regen und durch windt 

sy sucht ihr das aller hertaliebste kindt 

12. Maria die vill Reine 

sy hat so sehr geweinet 
um unsern lieben heren Jesu Christ 
der von den Juden gecreützget ist 
alleluia 

13. Maria du bist ein Edell stärn 
bey dir so wären wir alle gern 
Maria hilf uns allen dar 

wohl zu dem Hl. Engell schar 
alleluia 

14. St petter under dem steine lag 
verborgen bis am dritten tag 
St. petter kam es Mähre 

wie Christ erstanden wäre 
alleluia 

15. Er ist Erstanden er ist nit hier 
Er ist Erstanden am Morgen früh 
Er ist erstanden aus dem grab 
wohl an dem Hl. oster tag 

alleluia 

16. sacht an das tuch dar in er lag 
gewicklet bis am dritten tag 
drum gehedt jns gallelea hin 

da werden ihr ihn bald sehen ihn 
alleluia 

17. wohl in der hochen wuchen 
so hat uns gott versprochen 

ach sünder kehrt euch hertz zu mir 
all deine Sünden vergiben ich dir 
alleluia 

18. Erstanden ist der Heillige Christ 
der aller weit erlüsser ist alleluia 
alleluia so lobent wir gott und Maria. 

LUZERN. RENWARD BRANDSTETTER. 



i 

•t 



204 BRANDSTETTER, DAS ANG. LUZERNER KIRCHENLIED 

Das vorstehend abgedruckte osterlied ist nicht etwas bis- 1 , 
her ganz unbekanntes. Andere, zum teil fragmentarische! 
fassungen, abweichend, aber doch mit vielen wörtlichen Über- 
einstimmungen stehen bei Wackernagel, Deutsches kirchenlied 
II, 38. 940. 942—6. 950. Der dabei benutzte alte hymnus ist! 
noch in einer menge anderer Variationen verbreitet Den 
gleichen erzählenden inhalt, aber in wesentlich anderer fassung 
haben die lieder II, 515—7. 952—62. 

FREIBURG i. B. H. PAUL. 



m. . j 



9- 

Varia. 



en 



ahtme strnm 



nusse i uirnunst 



-misse l — 



Drtes -cht 



Apokope 
th = t von -t 



z 



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nivht 



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. hp = ph ideht=tüt 
f hc = ch I Apokope 
u> ■ sal : von -t 



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niht 
niuht 



sträm 
uernunst 



11 
n 



chneht 

ine 
- ich ne 



halt 
zu = ze 



z 



th = ht 
th u. ht 

= t 
hc = ch 



unorg. h- 






206 SIEBS 

weitestem maasse der vergleichung verwantcr sprachen be- 
dienen. 

Von den germanischen, speciell den westgermanischen 
sprachen steht dem friesischen das angelsächsische, unter den 
angelsächsischen dialecten der kentische am nächsten. Inwie- 
weit man zur annähme einer anglofriesischen Ursprache be- 
rechtigt ist, bedarf noch eingehender erwägung. Im folgenden 
ist das angelsächsische nur insoweit berücksichtigt worden, als 
es für unseren zweck, das Verhältnis des friesischen innerhalb 
des germanischen darzulegen, in betracht kam. 

Die friesischen stamme wohnten im ersten Jahrhundert 
unserer Zeitrechnung, wo ihrer zuerst erwähnung getan wird, 
an der küste der Nordsee zwischen den Rheinmündungen und 
der Ems, welche von Ptolemaeus als ostgrenze ihres gebietes 
genannt wird. Auch Tacitus (Ann. IV, 72, Germ. 34) berichtet 
von den Friesen. Als ihre Stammfürsten nennt er den Malorix 
und Verritus. Ferner sagt er, man müsse Frisii majores und 
Frisii minores unterscheiden: unter ersteren versteht er die 
östlich, unter letzteren die westlich von der Yssel wohnenden 
Friesen. Zugleich mit diesen treten in der geschichte ihre öst- 
lichen nachbarn, die Chauken, auf, deren Wohnsitze sieh längs 
der küste von der Ems bis zur Elbe erstreckten. Auch die 
Chauken werden, wie Plinius (16, 1) berichtet, in maiores and 
minores geschieden, und hier ist die Weser der grenzfluss. Um 
die mitte des fünften Jahrhunderts verliert sich der name der 
Chauken gänzlich, wol weil sie ihre Selbständigkeit aufgebend 
der Völkerverbindung der Sachsen (Zosimus 111, 0) beigetreten 
waren. Späterhin, etwa gegen die mitte des sechsten Jahr- 
hunderts, trennten sie sich wider von den Sachsen, deren west- 
lichsten stamm sie bildeten, los und schlössen sich den Friesen 
an, mit denen sie nunmehr namen, gesetze und politische Or- 
ganisation teilen. Von dieser erweiterung des friesischen ge- 
bietes nach osten zu erfahren wir zuerst beim geographen von 
llavcnna. 

Lange bewahrte sich das Friesenland vor dem eindringen 
des christlichen glaubens: erst nachdem es dem Frankenreiehe 
einverleibt war (Westfriesland 689 durch den sieg des Pipin 
von Ileristall über könig Kadbod, Ostfriesland durch Karls des 
grossen erfolgreiche kriegszüge), begannen die missionen. Als 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 207 

das ganze land, vor allem durch die Wirksamkeit des bischofs 
Liudger, zum christentume bekehrt war, wurde es den sprengein 
von Utrecht, Münster und Bremen zugeteilt, und daher wird 
es nach den diöcesen in drei teile geschieden. 

Uns ist eine andere einteilung geläufig: wir reden von 
einem West-, Ost- und Nordfriesland. Der letzte name stammt 
aus neuerer zeit, er begreift den küstenstrich der jütischen 
halbinsel etwa von der Eider bis Tondern und die sogenannten 
nordfriesischen inseln, von denen Sylt und Föhr die bedeutensten 
sind. — Saxo Grammaticus (III, 260) fasst es als Frisia minor 
zusammen. Die bezeichnungen West- und Ostfriesland sind 
weit älter. 1 ) Nach den altfriesischen gesetzen (leges Frisionum 
tit. I, § 9; tit. IV, § 3; tit. XIV, § 2) war Friesland in drei teile 
geteilt: das land zwischen Sincfal (die Maasmündungen) und 
Zuidersee, zwischen Zuidersee und Lauwers, zwischen Lauwers 
und Weser. Schon im vertrage von Mersen 870 wird einer 
dreiteilung gedacht: das erste drittel erhielt Karl der kahle, 
die beiden anderen Ludwig der deutsche. Während man das 
gebiet zwischen Sincfal und Zuidersee als Westfriesland be- 
zeichnete, fasste man alles übrige als Ostfriesland zusammen. 
Dabei blieb es bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Heutzutage 
aber rechnet man die westlich von der Zuidersee gelegenen 
gebiete nicht mehr zu Friesland; das land westlich von Dollart 
bezeichnet man als Westfriesland, die übrigen friesischen ge- 
biete als Ostfriesland. 

Bei den Friesen selbst war zur zeit der abfassung der 
rechtsquellen eine andere einteilung üblich: die der sieben 
Seelande. 1. der Ostergo und 2. der Westergo bildeten das 
land zwischen Zuidersee und Lauwers; 3. der Hunsigo, vereinigt 
mit den Hugmerki; 4. der Fivelgo; 5. der Emsigo mit dem 
Brokmerlande; 6. Ostringen mit Norder-, Harlinger- und Wanger- 
land; 7. Rüstringen bildeten das alte Ostfriesland. Diese sieben 
Seelande hatten ein gemeinsames recht, welches in den ver- 
schiedenen mundarten der gauo aufgezeichnet war. 

Aus einer kurzen Zusammenstellung der handschriften, aus 



>) Frisiones oricntalcs et occidentales 802 (Franz v. Mieris, groot 
Charterbock I, s); Frisiones qui vocantur occidentales S7f> (annal. Fuldens. 
bei Pcrtz I, 3S9). 

14* 



208 SIEBS 

denen wir die künde vom alttfriesischen recht geschöpft haben, 
mag man das wichtigste aus der ältesten literatur der Friesen 
entnehmen: 

Rüstringer dialect (R). 

1. Eine Oldenburger pergamenthand schritt, enthaltend die rechts- 
quellen, die meist als 'asegabuch' zusammengefasst werden. Sie stammt 
ans dem beginn des vierzehnten Jahrhunderts. 

2. Eine handschrift vom jähre 1327, welche im original verloren, 
aber in einer abschritt ans erhalten ist 

Brokmer dialect (B). 

3. Eine pergamenthand schritt, die im besitze des Bremer rates 
Oelrichs war, sich jetzt aber in Hannover befindet. Sie ist nach 1345 
verfasst. 

4. Eine pergamenthandschrift aus dem vierzehnten Jahrhundert, in 
einer abschritt erhalten. 

Emsiger dialect (E). 

5. Die erste Emsiger pergamenthandschrift zu Groningen; sie ist 
nicht vor beginn des fünfzehnten Jahrhunderts verfasst 

6. Die zweite Emsiger pergamenthandschrift zu Groningen; sie ist 
nach 1448 verfasst 

7. Die dritte Emsiger pergamenthandschrift, zu Leeuwarden befind- 
lich; sie ist am Schlüsse des fünfzehnten Jahrhunderts verfasst 

8. Das verfahren der sendgerichte, vom jähre 1447. 

Hunsiger dialect (H). 

9. Die Wicht'sche pergamenthandschrift, aus dem Schlüsse des 
vierzehnten oder anfang des fünfzehnten Jahrhunderts stammend. 

10. Scaligers pergamenthandschrift, in Leeuwarden befindlich. 

Fivelgoerdialect (F). 

11. Eine papierhandschrift zu Leeuwarden. 

Westerlauwersches Friesland. 

12. Das westerlauwersche oder altfriesische landrecht, zu Cüln am 
ende des fünfzehnten Jahrhunderts gedruckt. Es ist im folgenden durch 
W bezeichnet 

Als älteste stufe der friesischen spräche, die uns durch die 
angefahrten denkmäler überliefert ist, müssen wir den Rüstringer 
dialect betrachten. Einer eingehenden betrachtung der frie- 
sischen mundarten mag es vorbehalten sein, den erschöpfenden 
beweis für die altertümlichkeit dieses dialectes zu liefern; einige 
beweisende punkte aber mögen auch an dieser stelle berück- 
sichtigung finden: 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 209 

1. Der z-umlaut des a zu e hat in R noch nicht so weit um sich 
gegriffen als in den übrigen mundarten: barna brennen R, berna BH, 
beide formen erscheinen in E; manniska mensch R, manska and menska 
E, menneska B, menscha W. 

2. Afrs. i'a, welches dem germanischen eu entspricht, wird in R 
niemals, in W stets, in den übrigen dialecten bisweilen zu ie ge- 
schwächt; liasa verlieren R, liasa und liesa E, Ixesa W; liaf lieb R, 
liaf und lief H, lief W. 

3. Die interdentale spirans th ist in R am reinsten erhalten, wäh- 
rend sie in W stets, in den übrigen dialecten bisweilen durch den- 
talen verschlusslaut ersetzt ist. Ein beweis für die spirantische aus- 
spräche des th ist sowol die Verdoppelung {aththa vater R), die bei einer 
aspirata nicht denkbar ist, als auch die ausspräche des th im heutigen 
wangeroogischen dialect: thura dürfen R; thura und dura E; thüsend 
tausend R, tüsent W. 

4. Die Spirans h vor anlautendem w, liquida oder nasal ist in R 
am reinsten erhalten: hwerva wenden R, rverva HW; htvet was R, tvet 
BH; hlid deckel R, lith und Ihü E. 

5. Die palatalisierung der gutturale k und g vor e und i, die im 
friesischen unter gewissen umständen eintritt, ist in R noch nicht in 
dem maasse ausgebreitet wie in den übrigen mundarten. In den ältesten 
resten friesischer spräche finden wir sie nicht vor; in den modernen 
dialecten bat sie mehr und mehr um sich gegriffen: kiasa wählen R, 
sziasa H, tziesa W; tvigge und tvidzia wiege R, nridzie HE. 

6. R zeigt ältere flexionsformen als die übrigen mundarten: monnon, 
dativ pluralis von mon mann R, monnum B, monnem EH, mannem und 
mannen W; kömon, prät. plur. von koma kommen R, körnen B, 
kömin H. 

Der Rtistringer dialect, dem die mundart des Emsigo am 
nächsten steht, ist unseren Untersuchungen zu gründe gelegt, und 
die übrigen dialecte sind erst in zweiter linie berücksichtigt 
worden. 

Jedoch haben wir uns noch anderer, wichtiger h Ulfs mittel 
zu bedienen: das ist die vergleich ung der modernen friesischen 
sprachen; vor allen dingen aber sind es die ältesten reste frie- 
sischer spräche, wie sie uns in den vor der entstehung der 
rechtsquellen erscheinenden eigennamen entgegentreten. Da 
kommen besonders in bet rächt: 

1. Die heberegister der abtei Werden, die uns in drei 
handschrifken des Staatsarchivs zu Düsseldorf erhalten sind: 

a) WI ist am Schlüsse des neunten oder beginn des 
zehnten Jahrhunderts geschrieben, ßl. 22 — 25 kommt 
für unsere zwecke in frage. 



210 SIEBS 

b) WH ist von verschiedenen händen des zehnten u 
elften Jahrhunderts geschrieben. 

c) Will, geschrieben um 1160, bietet für uns nid 
nennenswertes. 

2. Die traditionen des klosters Fulda, im sogenannt 
1 codex Eberharde des Staatsarchivs zu Marburg, welcl 
zwischen 1150 und 1165 geschrieben ist. Für unsere zwec 
sind namentlich bl. 163 — 176 wichtig, welche die Schenkung 
privater enthalten. 

3. Die ältesten ostfriesischen Urkunden, deren älteste i 
dem jähre 983 stammt. 

Alle diese quellen sind mit grösster vorsieht zu benutz 
Von beweisender kraft für unsere zwecke sind höchst» 
die speciell friesischen orts- und personennamen, denn 
formen, die auch anderen germanischen dialecten geläufig si 
haben wir stets mit der möglichkeit einer Übertragung 
rechnen. 

Die vergleichung der modernen dialecte ist namentl 
zur ermittlung der ausspräche des altfriesischen notwendig. 
Die ostfriesische spräche war im achtzehnten Jahrhundert 
weit grösserem umfange erhalten als zu unserer zeit. Sie ^ 
z. b. damals noch im lande Wursten und im Harlingerlai 
lebendig. Johann Cadovius-Müller, welcher um 1700 pfai 
zu Stedesdorf war, verfasste ein 'memoriale linguae frisici 
ein Wörterverzeichnis mit einem anhang von lesestück 
welches die damals noch lebendigen reste des Harlinger dialec 
leider sehr mangelhaft, fixierte. Die friesische spräche in jei 
gegenden ist jetzt ausgestorben, wenn sich auch im ostfriesisot 
plattdeutsch noch viele elemente der alten mundart find 
Heute lebt die ostfriesische zunge nur noch auf zwei spra< 
inseln: auf Wangeroog und im Saterlande. 1 ) Ich habe sie all 
dings noch an anderen stellen vorgefunden, zu Hooksiel 
Jeverlande und zu Neuwangerooge bei Varel, doch nur 
munde von alten Wangeroogern, die in jene gegendenüber 
siedelt waren, als ein teil ihrer heimatlichen insel durch e 
grosse Sturmflut zerstört war. 



*) Vgl. des Verfassers artikcl in der Weserzeitung 1885, nr. 13( 
1H687. 136SS. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 2 1 1 

Bei einem vergleiche der beiden sprachen, deren kenntnis 
ich mir durch einen längeren aufenthalt an ort und stelle an- 
zueignen suchte, mit den uns überlieferten altfriesischen dialecten 
gelangte ich zu der ansieht, dass das wangeroogische (wg.) 
dem Rüstringer dialect, das saterländische (stl.) der mundart 
des Emsigo am nächsten stehe. Einige wichtige punkte mögen 
zur Unterstützung dieser ansieht hier berührt werden. 

1. Das wangeroogische. 

a) Beweisend für die enge verwaii tschaft des wg. mit dem RUstringer 
dialect ist vor allen dingen die auf beiden seiten häufige Vertretung des 
e durch i, z. b.: kille hülle R, helle EHW, wg. kill, stl. heüe. irthe erde 
R, erthe BEH, wg. irlk, stl. id. skila sollen R, skela BEH, wg. tu, 
stl. sgelle. twilif zwölf R, irvelef BEH, wg. twüef, stl. twilf. 

b) Die spirantische ausspräche des th, die fUr R bewiesen ist, hat 
sich im wg. erhalten. Freilich wird in manchen Wörtern, die im afrs. th 
zeTgen, im wg. d oder t gesprochen: die spirantische ausspräche verliert 
sich mehr und mehr. Afrs. thüma daumen, wg. thüm. 

c) Wie in R, so ist auch im wg. i häufig durch i vertreten: hit, 
prät. sing, von hita heissen R, hit EH, wg. hit. 

d) Afrs. ei (= urgerm. ag, eg) ist im wg. wie in R durch i ver- 
treten, jedoch haben wir diesen fall in keinem anderen dialecte. dt tag 
R, dei BEHFW, wg. di, stl. dej. Mn gehirn R, brein W, wg. brin, 
stl. briin. wi weg R, tuet BEHW, wg. wi, stl tvej. 

e) Einzelne in R und im wg. übereinstimmende, von den anderen 
dialecten abweichende formen dienen zum beweise : stvesler Schwester R, 
sutter BEHW; Harlinger mundart: sütter, stl. süster, wg. swesler. ekimin 
gekommen R, ekemen BEH, wg. kimin, stl. kirnen, tigun, siugun sieben 
R, sogen BEH, wg. siügen, sat. sögen. 

2. Das saterländische. 

Dass die saterländische spräche nicht, wie das wg., eine fortsetzung 
des Rüstringer dialectes ist, erhellt aus den soeben angeführten ent- 
sprechungen. Wenn nun saterländische formen solchen altfriesischen 
formen entsprechen, die allein in R und E auftreten, so darf man sie 
nur als beweise für die engere verwantschaft des saterländischen mit 
der Emsiger oder Rüstringer mundart in anspruch nehmen. Da wir aber 
nachgewiesen haben, dass das saterländische nicht der nachfolger des 
Rüstringer dialects ist, so sind jene formen beweisend für die engere ver- 
wantschaft des saterländischen mit der Emsiger mundart. 

a) Die mundart des Emsigo einerseits, das saterländische anderer- 
seits sind, wie auch R, weit weniger durch die Wirkung des t-umlautes 
beeinflusst worden als die übrigen dialecte: manniska mensch R, manska 
und mansche E, stl. mänskc\ alle übrigen dialecte zeigen e oder i in der 
Stammsilbe, thanka denken RE, wg. thank, stl. tanke; alle anderen 
ra und arten zeigen e oder i in der Stammsilbe, hängst pferd neben h eng st 
E, stl. hängst; alle anderen dialecte zeigen e oder i in der Stammsilbe* 



212 SIEBS 

*bügia beugen R und andere dialecte, beia nur E, stt.btje, wg. büg % 
nordfrs. boje, westfrs. burvgie. 

b) Einzelne formen sind beweisend, z. b. ivcn eben RE, alle anderen 
altfrs. dialecte zeigen die er- form, stl. iven. ledza liegen E, alle anderen 
frs. mundarten zeigen i in der Stammsilbe, stl. letze, tveigarja weigern 
erscheint nur in E, stl. tveigerje. 

Wenn sich auch nicht behaupten lässt, dass die saterländische 
spräche die neuere stufe des Emsiger dialectes ist, was freilich hinsicht- 
lich der geographischen läge des Saterlandes wahrscheinlich ist, so dürfen 
wir doch als bewiesen annehmen, dass das saterländische dem dialecte 
des Emsigo näher steht als irgend einer anderen der uns bekannten alt- 
friesischen mundarten. 

Ein weiteres, wenn auch nicht häufig von uns benutztes 
hülfsmittel ist endlich die berttcksichtigung der westfriesischen, 
der nord friesischen und der helgolandischen spräche. Einige 
wenige bemerkungen über diese drei schwestersprachen des 
ostfriesischen, deren vergleichung wir manchmal nicht umgehen 
können, mögen uns genügen. 

a) Die älteste stufe des westfrs. ist durch die oben er- 
wähnten rechtsquellen bekannt; seine weitere entwicklung er- 
sehen wir aus den werken des dichters Gisbert Japicx, 'friesche 
rijmlerije' betitelt; sie erschienen 1637. Das moderne westfrs, 
lebt heute in der holländischen provinz Fricsland, namentlich 
in Molquerum, Hindclopen, Bolswardcn, Lceuwarden. 

b) Wenn das westfrs. in seiner reinheit bedeutend durch 
die einflüsse des niederländischen idioms beeinträchtigt ist, so 
in noch weit höherem maasse das helgolandische durch ein- 
wirkung der niederdeutschen spräche. Ursprünglich bildete es 
eine Vermittlung zwischen ost- und nordfriesisch. 

c) Das nordfrs. ist heute noch auf den meisten der so- 
genannten nordfriesischen iuscln lebendig. Es ist vielfach durch 
das dänische beeinflusst worden. Auch an der Westküste 
Schleswigs ist es noch im gebrauch. 

Mit benutzung dieser drei hülfsmittel, der rechtsquellen, 
der Urkunden und der neufriesischen mundarten ist im folgen- 
den der altfriesische vocalismus behandelt worden. In der 
ersten abteilung werden die werte der altostfriesischen vocale 
und die nötigen bemerkungen über die aus der schriftlichen 
fixierung und den modernen ostfriesischen mundarten zu er- 
schliessende ausspräche gegeben. Im zweiten abschnitte sind, 



ALTFRIESISCHER VOC ALISMUS. 213 

unter Verweisung auf die früheren paragraphen, in kürze die 
entsprechungen der germanischen vocale im altfriesischen zu- 
sammengestellt. Der dritte teil enthält eine kurze Übersicht 
über die ablautsverhältnisse und über die Veränderungen der 
vocale durch den einfluss benachbarter laute* In einem an- 
hange endlich sind die Vertretungen der altfriesischen vocale 
in den modernen ostfriesischen mundarten, dem wangeroogischen 
und saterländischen, in möglichster kürze dargelegt. 

Verzeichnis der wichtigsten hülf smittel : 

Wörterbücher: 
von Richthof en, Afrs. Wörterbuch, Göttingen 1840, 4°. 
de Haan Hettenia, Friesen -latijnsch-nederlandsch wordenbock, Lecu- 

warden 1874. 
Foerstemann, Altd. namenbnch, Nordhausen 1856. 1872. 

Grammatische Schriften: 

Rask, Frs. Sprachlehre, übersetzt von Buss, Freiburg 1834, 8°. 

Cummins, A grammar of the old friesic language, London 1881. 

Friesisches archiv, hgg. von Ehrentraut Jever, 1S54. 

Heyne, Kurze laut- und flexionslehre der altgerm. dialecte, Pader- 
born 1881. 

Grimm, Deutsche grammatik 1. 

Günther, Die verba im al tos tf riesischen, Leipzig (dissert.) 1880. 

Strackerjan, Die jeverländ. eigennamen, Jever 1864. 

J. Cadovius-Müllcr, Memoriale linguae frisicae, hgg. von Kükelhan, Leer 
1875, S°. 

Outzen, Glossarium der friesischen spräche, Kopenhagen 1837, 8°. 

Bendsen, Die nordfriesische spräche nach der Moringer mundart, Leiden 
1860, 8°. 

Gisbert Japicx, Friesche rijmlerije hgg. von Epkema, Leeuwarden 
1S21/4, 8°. 

Sievers, Angelsächsische grammatik, Halle 1882. 

Paul, Zur geschieh te des germ. vocalismus, Beitr. VI, 1. 

Historische Schriften: 

Crecelius, Collectae ad augendam nominum propriorum scientiam etc., 1, 

1864, 8°. 
Dronke, Tradition es et antiquitates Fuldenses, Fulda 1844. 
Friedländer, Ostfrs. urkundenbuch, Emden 1881. 
von Ledebur, Die 5 münsterschen gaue und die 7 seelande Frieslands, 

Berlin 1830. 
von Hodenberg, Die diöcese Bremen, Celle 1858, 4°. 
C. Zeuss, Die Deutschen, München 1837. 



214 SIEBS 

Verzeichnis einiger abkiirzungen: 

Cad. = Cadovius-Mttller 'memoriale'. 

hgl. = helgolandisch. 

stl. = saterländisch. 

wg. = wangeroogisch. 

B = mnndart des Brokmerlandes. 

£ = mnndart des Emsigo. 

F = mundart des Fivelgo. 

H = mundart des Hansigo. 

R = mundart der RUstringer. 

W = westfriesische rechtsquellen. 

Fuld. = traditiones Fuldenses. 

WI, WII = Werdener heberegister. 

Urk. = Urkunde. 



ERSTER ABSCHNITT. 

Die entsprechungen der altostfriesischen 
Tocale im germanischen. 

Vorbemerkungen über das System der altfriesischen 

vooale und ihre ausspräche. 

Das altfriesische vocalsystem hat sich aus dem durch ver- 
gleichuug der einzelnen sprachen zu reconstruierenden gemein- 
germanischen vocalsystem entwickelt. Letzteres bestand aus 
folgenden lauten: 

kurze vocale: a e, i 1 i l o* o l u 
lange vocale: [ä] e 2 £ l i d ü 

diphthonge: j eu 

Zur erklärung dieser lautbezeichnungen mögen einige worto 
bemerkt werden: 

1. e und i 2 sind gleichwertig. Ob das e der indogerma- 
nischen ur 8p räche im germ. zu * wurde, welches in gewissen 
fällen brechung zu e erlitt, oder ob es im urgerm. erhalten 
blieb, ist controvers. Wir folgen der ansieht, dass das indo- 
germanische e y welches im got durch i vertreten ist (ausser 
vor r und ä), im germ. erhalten blieb ausser in zwei fällen: 
a) vor unmittelbar folgendem nasal + consonant; b) wenn in 
der folgenden silbe ein i oder j enthalten war. In diesen 
fällen wurde es zu t (vgl. § III 1 )* 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 215 

2. i { ist der dem i der indogermanischen Ursprache ent- 
sprechende vocal. 

3. [o 2 ] 1 ) bezeichnet einen offenen o-laut, der einem indo- 
germanischen o entspricht, in den einzelnen germanischen 
sprachen jedoch zu a geworden ist. Vermutlich lag dieses o 2 
im urgermanischen noch vor. 

4. o l und u sind gleichwertig. Aus u wurde o l gebrochen, 
wenn in der folgenden silbe ein a enthalten war. Jedoch vor 
nasal + consonant und durch ein dazwischenliegendes i oder j 
blieb u erhalten. 

5. e 2 entspricht einem indogermanischen e. Im altnor- 
dischen, altsächsischen und althochdeutschen ist es durch ä 
vertreten, während e { in diesen sprachen als e erscheint. 

Das altfriesische vocalsystem, wie es uns in den alten 
denkmälern entgegentritt, besteht aus folgenden lauten: 

diphthonge: a; e; i; o; u; 
vocale: ei (ai); iu, io, ia, ie; au. 

Es ist gewiss, dass in der lebendigen spräche weit mehr laute 
bestanden, als durch die schrift fixiert sind, und darum müssen 
wir, bei einer wissenschaftlichen betrachtung der spräche, diese 
laute reconstruieren. Die genannten vocale und diphthonge des 
afrs. hatten verschiedene etymologische und phonetische werte, 
und nach deren ermittlung gelangen wir zu folgendem vocal- 
system: 

kurze vocale: i 1 i 2 i 3 e l e 2 e z a x a 2 o 1 o 2 u 
lange vocale: Vi* e 1 e 2 ä l ä 2 6 ü 
diphthonge: ai, ei, ei; iu, iu, ia; au; 

Zur erklärung dieses Systems ist das wichtigste bei be- 
handlung der einzelnen vocale gesagt; einige Vorbemerkungen 
werden schon an dieser stelle gegeben: 

I. Kurze vocale: 
1. i l hat den laut des nhd. * in 'binde'. / 2 , welches in 
der schriftlichen fixierung mit e wechselt, hatte vermutlich eine 
geschlossene ausspräche, etwa ähnlich dem e in (englisch) pretty. 
Pj etymologisch dem e l und a { gleichwertig, hatte eine zwischen 
ö und ü schwankende ausspräche (vgl. § III ausspräche). 



J ) Vgl. Sievers, Ags. grauuuatik § 45, i. 



216 



SIEBS 



2. e { ist dem ** gleichwertig, e 2 ist P gleichwertig (doch 
etwas tiefer). e z entspricht dem nhd. ä in kräftig. 

3. a l ist dem e { und P gleichwertig, a 1 entspricht dem 
nhd. a in halten. 

4. o l entspricht dem a (d) im süddeutschen väter. o 1 ent- 
spricht dem o in nhd. stock. 

5. u entspricht dem nhd. u in huld. 

II. Lange vocale: 

1. C 1 entspricht dem nhd. t in ihn. i 2 bezeichnet wie e l 
einen diphthongischen laut, der etwa durch e l zu bezeichnen 
wäre und dem ei der modernen friesischen und einiger platt- 
deutschen mundarten entspricht. 

2. & ist dem i 2 gleichwertig, e 2 entspricht dem nhd. <fe 
in ähre. 

3. ä { entspricht dem nhd. ä in haben, d 2 hat den klang 
eines d A , wie er in gewissen plattdeutschen dialecten des nord- 
westlichen Deutschlands vorliegt z. B. hä*n, der hahn. 

4. 6 entspricht dem nhd. ö in höhn. 

5. ü entspricht dem nhd. ü in huhn. 

Demnach würde sich folgendes schema der altfriesischen 
vocale aufstellen lassen, wenn wir allein ihre durch die schrift- 
liche Überlieferung und die ausspräche der modernen ostfrie- 
sischen mundarten erschlossene phonetische geltung zum ein- 
teilungsprincip machen: 



Palatale 
offen 



ge- 
schlossen 



Palato-Gutturale 



ge- 
schlossen 



offen 



Gutturale 
offen 



ge- 
schlossen 



hoch 

mittel 
niedrig 



hoch 

mittel 

niedrig 



I 



;i 



— i e* 



e 



. h 



»'3 



e 



i m 



) 



Gerundet 



ü 
6 
4* 



o 1 



u 



l ) Die hier zusammengestellten vocale zeigen häufigen wechse\ 
unter einander. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 217 

§1. a. 

In der zeit, aus welcher unsere rechtsquellen stammen, 
wird die geltung des a immer mehr eingeschränkt Noch in 
den ältesten resten der frs. spräche ist diese weit ausgedehnter 
als in den rechtsdenkmälern. Wo a in diesen erhalten ist, 
finden wir es auch in den älteren Überlieferungen vor. Es entspricht 

1. Germ, a: 

Stengardo WI., vgl. got. gar äs, ahd. gart] Folcbaldesthorpe 
WI, Vgl. ahd. bald kühn; halda halten, got. haldan; achta acht, 
got. ah tau] lathia laden, vgl. got lapön; nam er nahm, got nam. 

Und zwar ist afrs. a = germ. a erhalten: 

a) vor gewissen consonantverbindungen: 

a) vor r + dental: StSngardo WI; flarde der läppen; srvart 
schwarz. 

Anm. 1. gers das gras, ist nur scheinbare ausnähme, da es 
spätere metathese von *gres ist. 

ß) vor Z + consonant: Aldonthorpe WI vgl. ahd. alt] Scald- 

walda W1I vgl. ahd. rvald\ FalconhSm WII vgl. ahd. falco der 

falke; falla fallen, ahd. fallan; faJsk falsch; half halb; hals, 

der hals; skalk, got. skalks der knecht 

Anm. 2. tella sagen, sella übergeben, helle die hülle, sind nur 
scheinbare ausnahmen, da sie einem got. *tatjan ahd. zaljan, got. 
suljan, got. ha/ ja entsprechen und somit das e sich durch t-umlaut 
des a erklärt. 

y) vor Ä + consonant und vor auslautendem h: Sahsbraht 

WII vgl. ahd. sahs seh wert, Sahsinghem WII Fuld; nacht die 

nacht; slachte die Schlacht; rvaxa =*wahsa wachsen, laster 

= ^lahster, ahd. lahstar das laster; sag = *sah ich sah. 

Anm. 3. Die form mecht H neben macht £ ist wol ans den casus 
obliqui, in denen t-umlaut gewirkt hatte, in den nominativ gedrungen: 
germ. stamm: mahti-. 

b) in ursprünglich offenen silben, falls nicht in der folge- 
silbe ein e enthalten ist: Scagasthorpa Will vgl. ahd. scahho 
(Schade, ad. wb. pag. 773), an. scaga das Vorgebirge; Waltsatxon 
WII; ffadinghem WI vgl. ahd. hadu der krieg. 

gadur vgl. ags. t dg ädere zusammen, halia holen, as. halön; 

maga der magen; skatha der schaden. 

Anm. 4. Steht ein e in folgender silbe, so schwankt die Ver- 
tretung zwischen a und e: kale die kahlheit E; tele die erzählung 
RE, tale W. 



218 SIEBS 

c) vor nasalen, insoweit diese nicht einen Übergang des a 
zu o bewirkt haben: Thancbert WI vgl. got. pagks dank; 
Campum WII vgl. nhd. kamp] Damhüsum WII vgl. nhd. damnv, 
Landbraht WH vgl. got. land land; Thiadbrand, Urk. 1220 vgl. 
ahd. brant das schwort. 

mantel E der mantel; hana B der kläger. 

In R findet der Übergang des a zu o nur dann nicht statt, 
wenn die folgende silbe ein i enthält oder enthielt: maryiiska 
R der mensch; mon R der mann. Durch ein solches i wird 
namentlich bei schwachen verben das ursprüngliche a der 
Stammsilbe erhalten, indem weder Übergang des a zu o noch 
umlaut des a zu e eintritt: bikanna bekennen R, bikenna EH; 
thanka denken R, thenkia H; barna brennen = *branna R, 
berna BHE. 

Es unterliegt keinem zweifei, dass wir für das urfrs. in 
allen fällen a vor nasal anzusetzen haben, denn in gewissen 
frs. dialecten finden wir überhaupt den Wechsel mit o nicht; 
und ferner zeigen die ältesten uns erhaltenen formen entweder 
a oder einen Wechsel zwischen a und o, der sich weder nach 
der zeit noch nach dem orte der dialecte erklären lässt (vgl. 
§ VII, 3). 

Anm. 5. Bei oberflächlicher betrachtung des afrs. vocalismus 
erscheinen uns anch in manchen anderen fällen die Vertretungen der 
urgermanischen vocale im friesischen durchaus willkürlich. So z. b. 
wechseln als entsprechungen des ahd. wSrid die insel , im frs. die for- 
men ward-, werd-, wird-, rvord-, ivurd-. 

Lacwurdh WI; Burnwurdh, Gerhardes werilha, Wurthum, Wir- 
thum WII; Echwardi, Ebesroerden Urk. 1124; Watworden. 

Vom 14. jahrh. an wechseln die formen Lacwurd, Laquard, Lak- 
wert, Leckwirth. 

Auch in den neufrs. dialecten finden wir ähnliche Verhältnisse, 
z. b. dem afrs. gär da der garten, entsprechen im nordfrs. die formen 
gardy gerd, gord. 

In gewissen afrs. mnndarten, namentlich in R, wechseln t und 
e in manchen Wörtern willkürlich mit einander: wiri neben tvere die 
wehre R; ebenso auch o und u: S cd hur st und Sedhorst Urk. 1150. 
Für alle diese tatsachen haben wir nur eine erklärung. Es ist sehr 
auffällig, dass diese vocal seh wankungen meist vor r, dann aber auch 
vor /, m, n statthaben; ferner finden wir sie in einigen fallen nach 
unmittelbar vorhergehender liquida oder nasal. Wir dürfen daher wol 
annehmen, dass der gipfel des silbenaecontes auf dem sonanten r, l,m 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 219 

oder n ruhte und sich daher ein schwanken der schriftlichen fixierung 
des vocals erklärt. Auch ist hier eine einwirkung der accentverhält- 
nisse auf die qualität des vocals nicht ausgeschlossen. 

d) gewisse praeterita der III., IV., V. ablautsreihe haben 
das a erhalten: band, fand, was, nam. 

Im urfrs. hatte, wie schon erwähnt, das a eine ausge- 
dehntere geltung. Zur zeit der aufzeichnung unserer rechts- 
quellen breitet sich an seiner stelle das e mehr und mehr aus: 

Ascanthorpe WI, afrs. *esc, ags. (esc esche; Marcberga WI 
afrs. marke RE die mark (vgl. § 111,2). 

2. Afrs. a = germ. u. Kaninohem WI (= Canagum Urk. 1 497), 
Cuninghem WI, vgl kining der könig R, ahd. kuning; dracht 
die schaar R, drecht HE, ahd. truht, vgl. got gadraühts; hars 
R, hers HE das ross, germ. *hrussa-\ nath R, neth BEH der 
nutzen, ahd. nuz\ fara R vor, got. faüra, ahd. furu 

Dieser vocalwechsel findet seine erklärung durch anmer- 
kung 5 (vgl. § III ausspräche). 

3. Afrs. a erscheint als Verkürzung eines afrs. ä = germ. ai: 
namtner = *ndmdr, ammon = *ämon, nimmer, jemand. 

Aussprache des a. 

1. In den fällen, in welchen afrs. a einem germ. a ent- 
spricht, haben wir seine ausspräche gleich derjenigen des nhd. 
a in 'halten' anzusetzen (ä 2 pag. 216). Sie hat sich in den 
neufrs. mundarten erhalten, insoweit dort nicht a durch den 
einfluss benachbarter laute nach den für diese einzelnen 
sprachen geltenden gesetzen beeinträchtigt ist: achta, acht, wg. 
acht, stl. ächte; falla fallen, wg. fal, stl. falle, westfrs. falle\ 
flarde der läppen, stl. flarre; al all, wg. stl. ai, westfrs. nord- 
frs. al. 

2. Für die seltenen fälle, in denen afrs. a einem germ. n 
entspricht, können wir die ausspräche nicht ganz sicher an- 
geben, da dieses a in den neufrs. sprachen nur in dem Worte 
hars R, hers HE, nordfrs. hors, westfrs. hoars vertreten ist. 
Nach der fixierung durch u, a, e zu urteilen, wurde ein dem 
u in (englisch) but ähnlicher laut gesprochen (a 1 ). 

3. Ueber das auch durch o fixierte a vor nasalen vgl. 
§ VII, 3. 



220 SIEBS 

§ II. I. 

1. Afrs. ä entspricht einem germ. ä oder ist durch vocal- 
contraction entstanden. 

Da das ä der indogermanischen Ursprache im germanischen 
zu 6 geworden ist, besitzt das germ. vocalsystem kein primäres 
ä. Ein secundäre8 ä entstand durch dehnung eines a infolge 
consonantenausfalls, durch contraction von a + a, und endlich 
liegt ä in fremdwörtern vor. So im afrs.: ächte die äohtung, 
ahi ähta, vgl. got. ähtjan; fä fangen, ahd. fähan, wurzel/oit^; 
slä schlagen = *slaha schlagen, got. slahan\ gräd, latein. 
gradus] pävs, ls.tein.pdpa. 

2. afrs. ä entspricht germ. ai. 

In weitaus den meisten fällen ist germ. ai im afrs. durch 
e vertreten (vgl. § IV, 2). Es ist durchaus zweifelhaft, ob für 
das urfrs. ai, ä oder e als entsprechung des germ. ai anzu- 
nehmen ist. Die behauptung der ersten mögliohkeit stützt sich 
auf folgende drei punkte: 

a) in WI erscheinen die namen Aiturnon, Aiteron und 
Eiteron, welche man mit dem stamme aitar — in Verbindung 
bringen könnte. Derselbe liegt vor in ahd. Eiter aha, die Eitrach 
(uebenfluss der Hier), und in an. eitri (name eines moerbusens). 

b) das zur bildung von Ortsnamen verwante wort 'Ä&ft' 
erscheint in Fuld. als heim z. b. Pevesheim. Diese differenz 
erklärt sich freilich auch leicht als transscription des htm in 
den dialect des Schreibers. 

c) in den rechtsquellen erscheinen je einmal die formen 
ein (R) und ain (F) = m eins; ebenso Einon und Enon WH. 

Die berechtigung zur annähme eines urfrs. ai ist damit 
wol noch nicht gegeben. Ebenso unsicher ist es, ob wir 
Priorität des ä oder e anzusetzen haben. Heyne sagt, das afrs. 
habe sich beliebig die eine oder andere entsprechung auserlesen. 
Das kann uns nicht befriedigen. Man könnte, da die regel- 
mässige entsprechung des germ. ai im ags. ein ä ist, das durch 
t- umlaut zu de wird, behaupten, dass afrs. d, welchen wert es 
immer haben mochte, in folge der umfassenden Wirkung des 
i-umlautes überall zu e geworden sei. Dagegen spricht nun 
die tatsache, das in den ältesten quellen der frs. spräche germ. 
ai fast immer durch e vertreten ist: Attingohtm, vita Liudgeri; 
Bredon madun WI vgl. got. braips, breit; Stengardo WI vgl. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 221 

got st ains stein-, Helagoiio fliaiun WI, vgl. ahd. heilac heilig; 
Enon gimenon WH vgl. got. ains eins; gamains gemein; HSm- 
wurdh WH; 

Nach dem Rtistringer dialect zu urteilen, ist die Vertretung 
des germ. ai durch d die ältere, denn es liegen dort d-formen 
vor, während die übrigen mundarten e zeigen, z. b. häm heim 
B; hem BE. Auch zeigen sich in compositis spuren eines ä, 
während wir in den siniplicibus e sehen: en R eins; andlova 
= *dntova R elf. Aber diese punkte sowie der umstand, dass 
das ags. als ursprünglichen Vertreter des germ. ai ein d zeigt, 
genügen nicht, für das frs. die priorität des d zu erweisen 
(vgl. § IV, 2). 

3. Afrs. d entspricht einem germ. au. Ästergä, Ostergau, 
Urk. 983, vgl. an. austr, ahd. gouwi\ Obstallisbaem , Urk. 1323 
vgl ahd. boum der bäum; äge das äuge, ahd. ouga, got. augö; 
ära das gut, vgl. an. aurar, lat. opes; däd tot, got. daups, 
ahd. tot] häved das haupt, got. haubip, ahd. houbit. 

Hieher gehören auch die präterita der starken verba der 

II. ablautsreihe (eu- reihe): bdd ich bot, got. baup\ käse der 

streit, stelle ich zu ags. ceäs, ahd. kösa, lat. causa; täm das 

geschlecht, zu ags. teäm, ahd. zoum, got. *taums. 

Anm. gland glänzend, wo Richthofen (Afrs. Wörterbuch p. 776) 
ä anoimmt, bat a und ist mit mhd. glander, glinden zusammenzustellen. 

Aussprache des ä. 

Unzweifelhaft ist die zwiefache ausspräche des afrs. d. 
Das beweisen uns einmal die in demselben dialecte und zu 
derselben zeit auftretenden differierenden formen, dann aber 
auch die verschiedenartige ausspräche des d in den neufrs. 
mundarten: 

1. In den fällen, wo das afrs. ä einem germ. au entspricht, 
hatte es den klang eines d A . So erklären sich parallelformen 
wie Opstallisb&em und Opstallsböm Urk. 1324; Östergd und 
Ästergä Urk. 

Im wg. und stl. ist dieses afrs. d durch ö vertreten: bäm 
wg. boem stl. böm. 

2. in den fällen, wo afrs. d gleich einem germ. secundären 
ä oder wo es durch contraction entstanden ist, lautete es wol 

Beitrüge zur geachiuhte der deuticheu spräche. XI. |5 



222 SIEBS 

wie ä in nhd. haben. Darauf weisen auch die neoostfrs. mund- 
arten hin: dchlia ächten, stl. acht je. 

Auch für die fälle, in denen afrs. ä einem gern*, ai ent- 
spricht, ist wol der dem & zuneigende klang des nordwest- 
deutschen ä anzunehmen, wie es z. b. in der umgegend Bremens 
gesprochen wird. So erklären sich parallelformen wie hdm und 
kern) die entsprechungen der neufrs. ui und arten führen uns 
ebenfalls auf diese Vermutung: läre die lehre, wg. täV, stl. 
lare vgl. got laiseim; fläsk das fleisch, wg. flask, stl. flask, 
ahd. fleisk. 

Freilich sind die meisten afrs. ä im wg. und stl. zu 6 ge- 
worden, z. b. mä, märre mehr, wg. mö, stl. mör, got tnaiza. 

§ III. e. 

1. Afrs. e entspricht einem germ. i, P. 

Wir nehmen an, dass das e der indogermanischen Ur- 
sprache im germ. erhalten blieb, ausser in zwei (allen: a) vor 
unmittelbar folgendem nasal -fconsonant; b) wenn in der fol- 
genden silbe ein i oder j enthalten war. 

Im got. ist germ. e, durch i vertreten, welches vor r und 
h zu ai gebrochen wird; die übrigen germ. sprachen zeigen e, 
so auch das afrs. Got. finpan finden, ahd. findan, as. ftthan, 
ftndan, ags. findan, afrs. Jinda, an. firma\ got bidjan bitten, 
ahd. bitten, as. biddjan, ags. biddan, afrs. bidda, an. biditfä] 
got. bairan tragen, ahd. beran, as. ags. beran, afrs. bera, an. bera. 
' Im afrs. ist die reguläre entsprechung des germ. e, wie 
wir aus den ältesten quellen und aus den rechtedenkmälern 
ersehen, ein e. Veldlagi WI vgl. ahd. feld das feld; Westarhüsun, 
WestarwcUde WI vgl. ahd. tvestan der westen; Uengistbeki WII 
vgl. ahd. hengist der hengst; besma der besen, ahd. besamo] fei 
das feil, ahd. fei, got. fill\ ierne gern, ahd. gerno, got gairns; 
mel das mehl, ahd. mel, got. *milw, wer der mann, ahd. wer, 
got wair; tvesa sein, ahd. wesan, got wisan. 

Nun aber finden wir in den ältesten quellen bisweilen, 
in den Rüstringer rechtsdenkmälern häufig afrs. i als Vertretung 
des germ. e vor: Tafalbergon , Thribirgi WI, vgl. ahd. berg\ 
Berg htm und Birghem WH; wiri R, tvere RBE die wehre, ahd. 
weri; irthe R, erthe BEH die erde, ahd. erda, got. airpa. 

Wenn wir bei reconstruetion , einer frs. urspraehe die 



ALTFRIESISCHER V0CALISMU8. 223 

ältesten quellen und die Rüstringer mundart, in denen i er- 
scheint, zu gründe legen, so sind wir trotzdem nicht berechtigt, 
die Vertretung des germ. e durch / dem urfrs. zu vindicieren, 
und zwar aus folgenden gründen: 

a) das westfriesische, welches sonst in jeder hinsieht auf 
einer bedeutend jüngeren stufe steht als die übrigen mundarten, 
zeigt in manchen Wörtern i, wo die anderen dialeete e haben; 
z. b. berch der berg REH, birg W. 

Da es doch zu gekünstelt wäre, für das westfrs. einen 
Übergang des urfrs. / zu e und nochmaligen Wechsel des e zu 
/ anzunehmen, so niüsste hier das westfrs. vor allen anderen 
mundarten eine altertümlichkeit erhalten haben — das ist nicht 
wahrscheinlich. 

b) im Rüstringer dialect haben wir nicht nur einen Wechsel 
zwischen germ. e und /, sondern auch zwischen umlauts-i 
(= germ. a) und i, z. b. kille R, helle EHW die hölle, got. 
halja\ hiri R, here EHW das heer, got. hari. « 

c) da dieser Wechsel des e und i nur unmittelbar vor oder 
nach liquiden und nasalen stattfindet, so dürfen wir annehmen, 
dass der gipfel des silbenaccents auf der sonantischen liquida 
oder dem sonantischen nasal ruhte und sich dadurch ein 
schwanken in der fixierung des vocals erklärt (vgl. § I, anm. 5). 

2. Afrs. e entspricht einem germ. a. 

a) germ. a wurde durch die sogenannte Schwächung im 
afrs. zu e (westsächsisch ce, kentisch e). Dieselbe greift erst 
zur zeit der abfassung unserer rechtsquellen um sich. Denn 
in den ältesten Überlieferungen hat das a noch eine ausge- 
dehntere geltung (vgl. § I, 1). Ascanthorpe WI vgl. afrs. *esc 
die esche; Watwurdh WII vgl. afrs. wet nass, ags. tvceV, Wulf- 
dalon WII vgl. afrs. del das tal; Nas, Nasse WI, erscheint in 
Urk. von 1361 ab als Nesse. 

Zu der zeit aber, aus welcher die rechtsdenkmäler stammen, 
ist jedes germ. a, welches nicht bereits durch t-umlaut beein- 
flusst war, zu e geschwächt: gres- EB (gers R) das gras, ags. 
grees, got. ahd. gras; fethm der faden, ags. feepm, ahd. fadam; 
feder der vater, got. /adar; ief er gab, ahd. gab] stef der Stab, 
ags. steef, ahd. stap\ sweren geschworen, got. swarans. 

Ausnahmen werden gebildet durch die in § I, 1 aufge- 
zählten fälle, in denen germ. a erhalten ist: 

15* 



224 SIEBS 

«) vor den consonantcn Verbindungen r + dental, / + con- 
sonant, h + cousonaut und vor auslautendem li: gar da] falla\ 
achta; *sah = sag. 

ß) in ursprünglich offenen silben, falls nicht in der fol- 
genden silbe ein e enthalten ist: skalha. 

y) vor nasalen, insoweit diese nicht einen Übergang zu o 
bewirkt haben: manniska. 

6) in gewissen präteritis der III., IV. und V. ablautsreihe: 

was, nam. 

Anm. e vor nasal finden wir in 1. ihenne, worin es sich durch 
die nnbetontheit der partikel (dann) erklärt; — 2. estenden gestanden, 
in welches das e wol nach analogie der anderen participia praeteriti 
der VI. classe eingedrungen ist. 

b) das germ. a ist durch /-umlaut zu afrs. e geworden. 
Das unilauts-i ist schon in den ältesten quellen sehr verbreitet: 
Üimersca WI vgl. got. *marisks die marsch; Altneri, Pulmeri, 
Ütermeri Wl, vgl. got. marei das meer; Elliswurdh WII vgl. got. 
aljis ein anderer; Henglstbeki WH vgl. westgerm. *baki der bach; 
Stedion WII, Stedesthorpe Urk. 1137 vgl. ahd. stat, plur. steti\ 
enda und ende das ende, got. andeis] esna der lohn, got. asneis; 
werna weigern, ahd. warnen, as. wernian\ skeppa schaffen, ahd. 
skaflaii und skepfen vgl. got. gaskapjan; sella übergeben, got. 
*saljan. 

Der i- umlaut hat im afrs. in ausgedehntestem masse ge- 
wirkt. Nur durch zwei umstände wird er eingeschränkt: 

a) a vor nasal wird in R niemals umgelautet, wohl aber 
in anderen mundarten (vgl. § 1, lc): barna brennen R, berna 
BEH, *branna. 

ß) wenn a in offener silbe steht, wird es bei mehreren 
schwachen verbis nicht umgelautet, z. b. skathia R schaden, got 
skapjan\ baria offenbaren BE. 

3) Afrs. e entspricht einem germ. u. 

a) germ. u wird durch /-umlaut im afrs. zu e. In den 
ältesten quellen finden sich keine sicheren belege; vielleicht 
ist das in einer Urkunde von 1124 erscheinende Nertin dag 
heutige 'Norden', hieherzustellen. In den rechtsquellen haben 
wir viele bei spiele: hei de R die huld, ahd. huldi, got hulps\ kedde 
die sehaar, ahd. kutti\ sende die sünde, got. sundjö-; bera ge- 
bühren, ahd. gabnrian\ sletel der Schlüssel, ahd. sluzzil; berthe 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 225 

die bürde, ahd. burdi, got. baürpei] ken das geschlecht, ahd. 
kunni\ kening EFH der könig, ahd. kuning. 

b) in den partieipiis präteriti der starken verba der IV. ab- 
lautsreihe (e- reihe mit liquida) ist u zu e geschwächt: stelin 
EB gestohlen, got. stulatis. Heyne gibt eine andere erklärung 
für das auftreten dieses e: 'man hat diesen verben nach ana- 
logie anderer im partieipium präteriti den ablaut des infinitivs 
gegeben, so dass jeven, breken nach eten, bereu nach wesen 
gebildet erscheint/ Ich glaube eine Schwächung des u zu e 
annehmen und jene ansieht für unrichtig erklären zu müssen, 
und zwar aus folgenden gründen : I. im afrs. besteht so wenig 
als in den anderen germanischen sprachen das bestreben, das 
partieipium präteriti in dieser weise dem präsens anzugleichen. 
Wir haben nämlich in der VI. klasse (verba der a- reihe) viele 
beispiele dafür, dass die partieipia präteriti, die ursprünglich 
die Yocalstufe des präsens zeigten, im afrs. das a zu e schwächten : 
fara — eferin; stonda — est enden; slä — eslein; skeppa — eskipin 
(mit tonerhöhung des e zu *'). Ferner: die partieipia der HL klasse 
(e- reihe mit doppelconsonanz) haben ohne ausnähme den vocal 
u in der Stammsilbe: helpa — ehulpen. Auch hier zeigt sich keine 
spur einer angleichung an das präsens. II. Heyne führt sodann 
als beweis an, dass auch kirnen gekommen, eine analogiebildung 
nach dem infinitiv *kwima = kuma sei. Sievers (Beiträge VIII, 
84) hat nachgewiesen, dass wir eine form *kvima nicht anzu- 
nehmen haben Ist schon die analogiebildung eines kirnen nach 
*kvima oder *kvema unwahrscheinlich, so ist vollends durch 
Sievers' nachweis die bemerkung Heyne's widerlegt. 111. Im 
Präteritum pluralis der verba der IL ablautsreihe (eu- reihe) 
wird im afrs. das u zu e geschwächt: biada bieten — bedon\ 
kiasa wählen — keron. Hier kann doch nicht etwa eine 
analogiebildung vorliegen, denn weder nach biada noch nach 
bäd konnte man bedon bilden. Warum sollen wir nicht eine 
gleiche Schwächung des u zu e für die partieipia präteriti der 
IV. klasse annehmen, zumal sie in den präterita pluralis der 
verba der ew-reihe und in Substantiven vorliegt, die von jenen 
verben abgeleitet sind? niata nützen — nette der nutzen, ahd. 
nuzzi\ fliata fliessen — ftet der fluss. 

Anm. Erklären wir also das e der partieipia praeteriti der IV. 
ablautsreihe als Schwächung des u, so kommen wir auch der beant- 



226 SIEBS 

wort un g der bisjetzt noch ungelösten frage näher, wie das e in epm 
offen, got: *upans zu erklären sei. Wir dürfen dann auch aus der afrs. 
form schliessen, dass die bezeiehnung für offen in den germanischen 
sprachen nach der trennung noch als partieipium praeteriti empfan- 
den wurde. 

Aussprache des e. 

In den fällen, wo das afrs. e einem germ. e (got. /) ent- 
spricht, war seine ausspräche vermutlich geschlossen, dem i 
sich nähernd; das dem germ. a entsprechende e des afrs. hin- 
gegen wurde offen gesprochen. Die sache liegt hier also anders 
als im mhd. und nhd. Zum beweise mag folgendes gelten: 

1. Dem afrs. e, welches Vertreter eines germ. e ist, ent- 
spricht im wg. ein /, im stl. e\ im zweiten falle ist jedoch das 
afrs. e im wg. durch e, im stl. durch ä vertreten: mel das mehl, 
ahd. melo, wg. milli, stl. mü\ st ef der stab, got *stafs, wg. stef, 
stl. stäf. 

2. In den rechtsquellen stehen manchmal a-formen den 
Worten zur seite, die im afrs. ein e = germ. a zeigen, doch nicht 
denjenigen, in denen das e einem germ. c entspricht: mecht H, 
macht E die macht, stamm *mahti-, 

3. Die angelsächsische entsprechung des afrs. e = germ. e 
ist e, diejenige des afrs. e = germ. a ist ä: mi/ags. melu\ stcf 
ags. steef. 

In den fällen endlich, wo ein e des afrs. einem germ. u 
entspricht, haben wir wol eine zwischen ö und ü schwankende 
ausspräche anzunehmen. Die Schwankung zwischen der be- 
zeichnung dieses lautes durch a, i, u, e sowie die neufriesischen 
sprachen unterstützen diese annähme: Cuning — Kanxng — WI, 
kinxng R, kening EFH, koning WE; könninck Cad.; wg. koning, 
stl. künnich, hgl. könneng, nordfrs. kmming, westfrs. kening (vgl. 
§ V, ausspräche III). 

§ IV. §. 

1. Afrs. e entspricht einem germ. e 2 . Man könnte behaupten, 
das urgerm. e 2 sei im westgerm. zu ä, dann im frs. wider zu S 
geworden. Man stützt sich dabei gewöhnlich auf zwei tat- 
sacheu. Einmal führt man das wort ags. str&t, afrs. strite 
als beweis an, dass ein altes ä im westgerm. zu e geworden 
sei. Jedoch erklärt Bremer, (oben s. 13) das e durch Wirkung 
des /-umlauts auf d in der form strdtia. Ein zweiter beweis- 



ALTFRIESISCHER VüCALISMÜS. 227 

punkt sollen die fälle sein, in denen ö als Vertretung des 
germ. e 1 erscheint: dieses ö könne nur durch Vermittlung eines 
westgcrm. ä entstanden sein. Es ist, meiner ansieht nach, gar 
nicht ausgeschlossen, dass e, gesprochen <5b , ohne Vermittlung 
eines ä durch nasaleinfluss zu ö wurde. 1 ) Vielleicht dürfen 
wir einen beleg für diese behauptung in der auffälligen tat- 
sache sehen, dass in R die formen ethma und ömma der atem, 
erscheinen, eine d-form in jener mundart aber nicht vorliegt 

Die ältesten quellen der frs. spräche, die uns zu geböte 
stehen, zeigen ä: Thiadmär, Frilhumär, Reinmär WI; Engelmär, 
Igmär Fuld.; vgl. got mers, berühmt. 

In WH erscheinen die ä- und ö-formen gemischt: Fert- 
mereshem und Fretmärashem; Aldmär und Aldmer. Diese namen 
sind von Schreibern fixiert, welche nicht Friesen waren. Dass 
sie ein so geläufiges wort wie das zweite compositionsglied 
jener namen, das afrs. mir (gesprochen m&r), in die mundart 
ihrer heimat übertrugen, ist nicht ausgeschlossen: so können 
sie nicht als beweiskräftig angesehen werden. — Auch die in 
WI erscheinenden Ortsnamen Bredon madun, Ondul madum, 
Middilmadun tragen nicht zur lösung der frage bei, da wir mit 
demselben rechte a als entsprechung eines germ. e 2 und a auf- 
fassen könnan (vgl. Foerstemann, altd. namenb. II, 1033). 

Wir haben wenig gründe, durch welche sich die ursprüng- 
lichkeit des afrs. e bestreiten lässt. breda braten, ags. br&dan, 
ahd. brätan, got. *bredan; brekon wir brachen, ahd. brächum, 
got brekum\ dede die tat, ahd. tat, got deps; gröva der graf, ahd. 
grävjo, got *grefja, vgl. gagrefts der befehl; jir das jähr, ahd, 
jär, got. jer\ slepa schlafen, ahd. släfan, got. slepan; swes eigen, 
ahd. srväsy got. swes. 

Hieher gehören auch diejenigen verba, welche im gotischen 
ai vor vocal zeigen: mea mähen, ahd. mäjan, got. *maian; sea 
säen, ahd. säjan, got. saian\ *wea wehen R, waia W, wg. trei, stl. 
tveje, hgl. rveje, nordfrs. rveje, westfrs. rvebje, ahd. ipfyan, got 
waian. 

2. Afrs. e entspricht einem germ. ai. Die häufigere Ver- 
tretung des germ. ai im afrs. ist e, jedoch erscheint auch ä 
und in seltenen fällen ai. Bei besprechung des ä ist dieser 



l ) So auch Bremer, oben s. 16. 



228 SIEBS 

punkt eingehender behandelt worden (vgl. § II, 2). SlSngardo WI 

vgl. got. stains der stein; del der teil, ahd. teil, got. dails\ erost 

der erste, ahd. erist vgl. got. airis; hera der herr, ahd. herro, got 

*hairha\ heta heisseu, got. haitan; aber afrs. skeltäta der schult- 

heiss; se der see, ahd. seo, got. sahrs\ tred der waid, ahd. weit; 

skref er seh rieb, prät. sing, von skriva. 

Anm. Vielleicht ist das noch unerklärte geia büssen hierherzu- 
zusetzen, indem man es dem got. *gaigjan, einem factitivum iu geig an 
gewinnen, gleichstellt. 

3. Afr. e ist durch cinituss des /-umlautes aus anderen 
vocalen entstanden. 

a) afrs. e = germ. ä + /-umlaut. Für diesen fall haben 
wir nur sehr wenige beispiele, da primäres a im germ. gar 
nicht, seeundäres ä nur in einigen Worten vorhanden ist. Viel- 
leicht ist man berechtigt, strete, die Strasse, als beleg zu be- 
trachten (vgl. § IV, 1); ichta neben ächtia ächten, got. *ähtjan. 

b) afrs. e = germ. ö + /-umlaut ist eine sehr häufige er- 
scheinung. In den ältesten Überlieferungen haben wir nur bei- 
spiele dafür, dass afrs. 6 durch /-umlaut zu e wurde, nicht 
germ. 6: Eselingis Urk. 1310, Eselinge Urk. 1350 neben Öslingae 
Urk. 1321, Esbrund, EsulfVf 11 vgl. germ. *ans — ags. 6s gott 
(vgl. § VIII, 2). 

In den rechtsquellen finden wir viele Wörter, in denen 
ursprüngliches 6 durch /-umlaut zu e gewandelt ist: beta büssen, 
ahd. buozzen, zu got. böta\ dema urteilen, ahd. tuomjan, got 
dömjan\ fet die füsse, zufot, ahd. /wo*, got. fötus; meta begegnen, 
ahd. muoten, got. mötjan, 

c) afrs. e ist = germ. au + /-umlaut. Diese fälle könnte 
man mit denjenigen zusammenfassen, in welchen e = germ. 
ä + /-umlaut ist, denn germ. au wurde zu afrs. ä, und dieses 
wurde später zu e umgelautet: hera hören, ahd. hörjan, got 
hausjan\ lesa lösen, ahd. losen, got. lausjan\ ned not, ahd. not, 
got. naups; skene schön, ahd. skoni, got. skaiois] steta stossen, 
ahd. stozan, got. staut an, ags. slötan\ in diesem worte ist der 
/-umlaut speciell friesisch, da nur in dieser spräche, das verbum 
in die zahl der schwachen verba übergetreten ist. Als starke 
form ist nur thruchsteten durchstossen, part. prät., erhalten. 

d) afrs. e = germ. ü + /-umlaut. Es ist im westsächsischen 
durch y, im kentischen durch e vertreten, bei die beule, inhd. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 229 

« 

biule, got. *büljo, ahd. *bütja, ags. byle; fest die faust, a,gs.fp$l, 
ahd. füst, got *füsts\ hede die baut, ahd. hüt, vorgeriu. küti-s. 

Hier findet auch das aus afrs. ü + /-umlaut entstandene e 
in £#/*<*, ags. cübjan, ahd. kundjan, got. *kunpjan seine er- 
klärung. 

e) afrs. e = germ. <?m + /-umlaut. Nicht in allen fällen, 
in denen germ. eu durch afrs. e vertreten ist, liegt Wirkung des 
i-umlautes vor (vgl. § XII anm.). Anzunehmen aber ist die- 
selbe vielleicht in Hredl neben Hriadi WI vgl. ahd. hriot, das 
riet. Wenn wir in den rechtsdeuk malern auch einige beispiele 
finden, so kann doch von einer durchgeführten Wirkung des 
i-umlautes auf germ. eu nicht die rede sein, stera steuern, ags. 
styran, got. stiurjan; kese der backenzahn, ist wol zu kiasa 
küren zu stellen, und auf die germ. form *keusjo- (kauer) 
zurückzuführen. 

4. Afrs. e entspricht einem germ. SK Dasselbe liegt in den 
praeteritis reduplicicrender verba vor, z. b. het er hiess; slep er 
schlief. Dieses e wechselt bisweilen in der schriftlichen fixie- 
rung mit {. 

5. Afrs. e, welches einem germ. i entspricht, erklärt sich 
ebenfalls durch schwankende fixierung eines lautes, dessen aus- 
spräche etwa zwischen e und i in der mitte lag. Wie wir 
einen Wechsel zwischen e und i vorfinden, so auch, namentlich 
im Rüstringer dialect, zwischen c und i: bitegath und bitigath 
er beschuldigt R, zu Agio, zeihen, ahd. zihan (vgl. § VI, 2). 

6. Afrs. e ist durch contraction entstanden, z. b. im E gegen, 
vgl. as. an. gegin, ahd. gegin, gagan\ esken = *eskehen, part. 
prät. von skia geschehen. 

Aussprache des e. 

I. Die ausspräche des afrs. c = germ. e' 1 ist für die 
ältesten quellen wol als & zu bezeichnen. Hierfür spricht einmal 
das ags. db y welches die Vertretung des germ. e 2 ist; ferner die 
Schreibung des lateinischen ae, welches durch i widergegeben 
wird: lat. haec wird hec geschrieben; endlich das schwanken 
der schriftlichen fixierung in den ältesten quellen. 

In dem Verhältnis des urfrs. e zu dem e der einzelnen 
mundarten haben wir eine analogie zu dem Verhältnis des 
urgerm. e 2 zu dem entsprechenden laute der einzelnen germa- 



230 SIEBS 

nischon sprachen. In gewissen niundarten nämlich neigte sieh 
das i dem i zu: einerseits im gotischen — andererseits im 
westfr8., stl. und wg.; in anderen niundarten näherte es sich 
dem ä: einerseits in den westgerm. sprachen — andererseits 
im hgl.: slepa schlafen, got slepan, SLgs.sltbpan, wg. sleip, westfrs. 
sliepe, hgl. sliäp; brekon sie brachen, wg. breiken, stl. brikenc, 
westfrs. brieken; Jer das jähr, stl. jlr, westfrs. jier, hgl. jüdr. 

II. Dass wir für das afrs. e, welches einem germ. ai ent- 
spricht oder durch /-umlaut entstanden ist, eine durch c* zu 
bezeichnende ausspräche anzunehmen haben, ergibt sich sowol 
aus dem Wechsel des e und ei: Pevesheim Fuld., -hem WI. II, 
Kinon, Enon WII, en, ein R als auch besonders aus der wg. 
spräche, in welcher ei die Vertretung des germ. ai ist: dei der 
teil, got. dails, wg. deil. 

III. Afrs. c, welches einem germ. e l entspricht, lautete dem 
i ähnlich. Das wird sowol durch die schwankende Schreibung 
in den rechtsquellen: let er Hess It, lit H, sowie durch die aus- 
spräche der neufrs. mundarten bestätigt: hei er hiess EFH, hU 
R, stl. hit, wg. htt. 

§ V. i. 

1. Afrs. j entspricht einem germ. /. Kiricon, Kiricthorpe 
Wl vgl. ahd. chirihha die kirche; Middilmadum WI, Middühem 
WII vgl. got. midjis der mittlere; Widufliatun WI vgl. ahd. witu 
das holz; If ildonhä WII vgl. ahd. tvildi wild; fisk der fi ch, 
got. ftsks; Uth das glied, got. lipus; minnera minder, got. mimiza\ 
sin der sinn 1 ); singa singen, got. siggnan\ thing das ding, an. ping\ 
trike die woche, ags. tricu, an. vika\ hnigun sie neigten, got hni- 
man\ edriwen, part. prät. zu driwa treiben, got. dribans. So 
auch in fremdwörtern: biscop der bischof, lat. episcopus] ntissa 
die messe, lat. missa. 

2. Afrs. i erscheint als Vertreter des afrs. e, und zwar ist 
dies namentlich im Küstringer dialect der fall. Die erklärung 
dieses i, welches nur unmittelbar vor oder nach liquida und 
nasal auftritt, ist bereits gegeben (§ I, anm. 5). Wir haben drei 
gattungen dieses / zu unterscheiden: 



*) Ein wort, welches Kluge (Etymol. würterb.) als nur im hoch» 
deutsehen vorhanden bezeichnet. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 231 

a) afrs. / an stelle eines afrs. e, welches dem germ. e 
(got i, ai) entspricht: Birghein neben Berghem WII vgl ahd. 
berg; irthc die erde R, vgl. ahd. erda; 

b) afrs. / an stelle eines afrs. e, welches dem germ. a 
entspricht: Miginward neben Meg inward WI, vgl. an. magn, mag in 
die kraft; kille die hölle R, helle EHW, got. halja; eskipin neben 
eskepen R, part. prät. zu skeppa schaffen, got. skapans; 

c) afrs. i an stelle eines afrs. e, welches durch Schwächung 
oder 2 -umlaut aus einem germ. u hervorgegangen ist: sinne 
neben sende R die sttnde, got. *sundjö~; kining R neben kening 
EFH, der köuig, got *kuniggs fässt sich hierher stellen (vgl. § III 
ausspr.); ekimin R kernen BEH, gekommen ahd. human, got 
qumans. l ) 

Aussprache des i. 

I. Das afrs. i = germ. i wurde gesprochen wie das nhd. i in 
1 binden'. Das beweisen uns folgende tatsachen: a) die Schrei- 
bung der aus anderen sprachen entlehnten Wörter, z. b. biscop, 
missa; b) die durchaus übereinstimmende Schreibung in den 
rechtsquellen ; c) die überall gleiche Vertretung und ausspräche 
des i in den neufriesischen sprachen: drinka trinken, vrg.drink, 
sti. drinke, westfrs. drincke. 

II. Das afrs. i als Vertreter des afrs. e hatte wol eine 
zwischen e und / schwankende ausspräche, wenn es einem 
germ. e oder a entspricht. Beweisend dafür ist die zwischen 
e und i schwankende schriftliche fixierung zu derselben zeit 
und innerhalb desselben dialectes: tvere uüd rviri R die wehre. 

Wie der Rüstringer dialect, so neigt sich auch das wg. 
allmählich mehr dem / zu; das stl. hingegen bevorzugt e: irthe 
R, erthe BEHW, wg. trth, stl. id, Cad. eerde. 

1IL Afrs. /, welches Vertreter eines germ. n ist, hatte ver- 
mutlich eine zwischen ö und ü schwankende ausspräche (vgl. 
§ III, ausspräche des e). 

§ VI. T. 

1. Afrs. t als Vertreter eines germ. i ist sehr häufig; Frt- 
lingothorpe WI, Friburgh Fuld.; vgl. ahd./W frei; Thribirgi WI, 



l ) kommen W ist wol speciell westfrs. analogiebildung nach dem 
präsens. 



232 S1UBS 

vgl. got f?rcis drei; H'itbrandas nie WI, vgl. got. tveihs die wohn- 
stättc; blta beissen, ahd. blzzan, got. heitern] driva treiben, ahd. 
trihan, got. dreiban\ hluna die gatten, vgl. ahd. hiwo, got. heiwa-\ 
hwit weiss, ahd. ;m, got. hrveits) stuja steigen, ahd. stigan, got. 
steiffan) tid die zeit, ahd. eif, ags. rfrf; ww weise, ahd. tris, got ir«*. 

2. Afrs. i erscheint als Vertreter eines afrs. e, welches 
germ. e l oder germ. ai entspricht oder auch umlaute- e ist; 
germ. e 1 ist niemals durch afrs. i vertreten; urfrs. *her, afrs. 
hir hier, got. ags. her. 

Der Wechsel zwischen c und i ist im Rlistringer dialect 
besonders häufig: hxldon R, helden EH, prät. plur. von halda 
halten ; tinidon R, prät. plur. von a-a/t/a walten. Die länge des i 
in diesen beiden formen ist nicht sichergestellt, wenn auch 
wahrscheinlich. Das in den entsprechenden formen der neufrs. 
sprachen erscheinende i könnte nämlich erst in späterer zeit 
dehuung erfahren haben (vgl. anhang § 1, II). klaglre der klüger 
R, Magere BEH, aber haldere der halter R; let R, let H, prät. 
sing, von leta lassen. 

Als regelmässige entsprechung des ahd. bede beide, vgl. 
got. bajops, müssen wir im afrs. bethe betrachten, aber neben 
beihe R findet sich öfter heithe E und bide W; bei R die beule, 
heil RE, got. *btiljö\ mi ich mag R, mei BEH; midc R die miete, 
meide BH, meithe B in compositis, mede W, ags. med, ahd. meta, 
got mizdö. 

Aus diesen beispielen erhellt, dass /, ei, e, namentlich aber 
i und e in der schriftlichen fixierung, ohne unterschied der zeit 
und ohne wahrnehmbaren principiellen unterschied der einzelnen 
dialecte, wechselten. Das l als das ursprüngliche anzunehmen, 
weil es von R bevorzugt wird, verbietet uns die vergleichung 
der übrigen germanischeu sprachen durchaus. Ich glaube, dass 
wir einen laut anzunehmen haben, der etwa mit & zu bezeich- 
nen ist und dem im heutigen ostfriesischen plattdeutsch vor- 
handenen e {spe { gcl der Spiegel) entspricht. Dass der unter- 
schied dieses %, ei, e hauptsächlich graphischer natur war, 
darauf weisen die in den einzelnen mundarten auftretenden 
parallelformen hin. Man darf hier wol die ahd. doppelformen 
wie ben und bein, eseön und eiseön zum vergleiche heranziehen. 

3. Afrs. t ist durch dehnuug bei consonantcnausfall oder 
durch vocalcontraction entstanden. 



ALTFRIESISCHER VOOALISMUS. 233 

a) i ist gedehnt aus *, da folgendes m und n vor f, th 
uud s unter Verlängerung des unmittelbar vorhergehenden 
vocals ausfiel. Wie der vergleich des as. und ags. zeigt, ist 
dieser Vorgang sicherlich schon für das urfrs. anzunehmen. 
Reginstvithd WI vgl. got. stvinps stark; Fi/anbetan WII ist in 
seinem ersten compositionsgliede wol auf /?/*, got. ftmf fünf, 
zurückzuführen; ßf t ags. fxf, got. #w/* fünf; tfM der genösse, ahd. 
sind, got. «m/>£; srvithe heftig, ahd. *stvindi, got. stvinps; hriiher 
das rindchen, vgl. ahd. rwd, got. *hrinpis. 

b) afrs. £ ist durch contraction entstanden. Dieselbe be- 
ruht in den meisten fällen auf einem zusammenfluss eines i 
mit j oder der palatalen spirans £ oder h: st der sieg, ahd. sigi, 
got. sigis] urfrs. *$/£*, woraus *sie und schliesslich st gebildet 
wurde; ia bekennen, hhd.ßhan, urfrs. *jicha; welches zu *fia 
und später zu ia wurde. 

Das h wurde hier als palatale spirans gesprochen, vgl. 
die 3. pers. sing, präs.: jecht Den beweis für diese ausspräche 
liefern formen wie: tvia neben tviga weihen, ahd. tvihen aus 
*nnhjan, zum adj. tvih, got. weihs. 

Wie ia ist zu erklären: sia sehen, ahd. sehan, got. saihwan; 
fia das vieh, ahd. fehu, got faihu\ iian zehn, ahd. /£Aok, got 
taihun; endta endigen H = endig ia B; s/ria geschehen, ahd. ^w- 
kehan\ nie neu, got. niujis, germ. *neujo-\ afrs. nti ist entstanden 
aus *niaje; mittelstufen sind *nieje, n\je\ sia nähen, got. siujan, 
machte vermutlich dieselbe entwicklung durch. 

Wir finden diese contraction bereits in den ältesten Über- 
lieferungen vor: Sifrid WI neben Sigerip WII, vgl. ahd. sigi. 

Aussprache des f. 

I. Für das afrs. i, welches mit i oder ei wechselt, müssen 
wir wegen der schwankenden schriftlichen fixierung die aus- 
spräche e { annehmen (s. o. pag. 85). 

IL Alle übrigen afrs. i wurden gesprochen wie nhd. t in 
liebe (in Nord- und Mitteldeutschland). Das wird sowol durch 
die übereinstimmende Schreibung im afrs. als auch durch die 
ausspräche in den neufrs. mundarten bestätigt: driva treiben, 
wg. driv, stl. drlrve, Cad. trifen. 



234 SIKBS 

§V11. 0. 

1. Afrs. o entspricht einem germ. o { \ germ. u und o 1 sind 
gleichwertig: jedes u werde vor a in folgender silbe zu o ge- 
brochen. Nur I. wenn vor dem a der folgenden silbe ein »-laut 
stand, und IL wenn auf das u ein nasal + consonant unmittel- 
bar folgte, blieb u erhalten. 

Die entsprechung des germ. o { bildet im afrs. das o: Thor- 
pun WI, vgl. ahd. dfor/das dorf; Nortwaldo Fuld., vgl. ahd. nard 
norden; Godinge Urk. 1158, das heutige 'Gödens' ist vielleicht 
mit ahd. got gott zu vergleichen; Thornnmrdh WII, vgl ahd. 
dorn der dorn; Ifibodas holta WII vgl. ahd. holz das holz; boda 
der böte, ahd. boto, got. *buda\ dochter die tochter, ahd. tochter, 
got. dauhtar; folgia folgen, ahd. folgen, got *fulgan\ word das 
wort, ahd. «wr/, got. rvaürd] worden £ geworden, ahd. wordan, 
got. tvaürpans. 

Anm. 1. Eine ausnähme bilden einige partieipia praeteriti starker 
verba der III. ablautsreihe (i-reihe mit doppelconsonanz), welche nach 
analogie anderer verba jener elasse ein u statt des o annehmen: bulgen, 
hulpen, tvurthen, wurp^n, vgl. ahd. *bolgan erzürnt, gaholfan geholfen, 
gawordan geworden, gaworfan geworfen (vgl. § IX, 2). 

Anm. 2. In einigen fallen wechselt o mit u, z. b. Scöhurst neben 
Sedhorst Urk. 1150, vgl. ahd. hörst neben hurst das gesträuch. Zur er- 
klärnng dieses wechseis vgl. § I, anm. 5. 

2. Afrs. o ist Vertreter eines germ. u. Diese falle sind 
sehr selten, und wir haben in nur wenigen worten sichere be- 
lege: tocht die zucht, ags. tycht, got. *(aühts; das o ist wol durch 
anlehnung an toga ziehen, zu erklären; das verbalabstractum 
zu da ziehen, müsste *techt lauten. — drochten der herr, ahd. 
druhtxn, vgl. got. gadraühfs; reguläre bildungen von demselben 
stamme liegen vor in afrs. drecht HE die schaar, ahd. trüht\ 
und drusta = *drucht-seta der drost. — dore die tür, ahd. turi 9 
got. daurs\ die o-form liegt auch im as. dar neben duri, und im 
ahd. tor vor. — mond der schütz R, mundelinge K, mund EBH. Im 
Rüstringer dialect ist das o entweder zur Unterscheidung des 
Wortes mund der schütz, vom worte mund der mund, eingeführt 
oder es erklärt sich, wie auch das o der Wörter drochten und 
dore durch das übergewicht der liquida oder des nasals (vgL 
§ I anm. 5). In den ältesten quellen erscheint nur die form 
mund: Adalmund, Odmund WI. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 235 

3. Afrs. o entspricht einem germ. a. 

a) o erscheint als Vertreter eines germ. a vor nasalen. 
Statt dieses o ist wol für das urfrs. ein a anzusetzen. In den 
ältesten Überlieferungen schwankt die Schreibung o und a be- 
ständig, und dieses schwanken läset sich an der hand der Ur- 
kunden bis in das 15. Jahrhundert verfolgen: Ganderon, Gon- 
drikashem Wi; hier ist vielleicht ein dem an. gandr der wol£ 
entsprechendes wort als erstes compositionsglied anzunehmen; 
Ambriki neben Ombriki WI; Longonmör, Langonmöre Fuld.; Lon- 
ganä WI, Langonhä WH, Langhene Urk. 1255, Longhene Urk. 
1276, Langen Urk. 1355, Longna Urk. 1338, Langhena Urk. 1347. 

Wir haben hier sicherlich eine zwischen o und a schwan- 
kende ausspräche anzunehmen, welche in den ostfrs. rechts- 
denkmälern in der regel durch o, in den westfrs. meistens 
durch a dargestellt ist. Wie in § I anm. 5 ausgeführt ist, ruhte 
der gipfel des silbenaccentes vermutlich auf dem nasal, und so 
erklärt sich das schwanken in der fixierung des vocals. bon 
der bann, ahd. ban\ lorn lahm, ahd. lam\ brond der brand RBEHF; 
brandVf, ahd. brant, an. brandr. stonda stehen, ahd. stantan, 
got. standan. 

Ausnahmen werden bewirkt, indem ein i der folgenden 
silbe den Übergang des a zu o verhindert, z. b. manniska der 
mensch R; ferner haben gewisse verba der III. classe im Prä- 
teritum singularis das a erhalten, z. b. nam (vgl. § I, 1 d). 

b) afrs. o als Vertreter eines germ. a erscheint in den Wör- 
tern nosi und of. nosi die nase R, nose BEH, ahd. nasa, ags. 
na su-, der Übergang des a zu o ist hier vermutlich durch ein 
ursprüngliches u der folgenden silbe veranlasst worden, o/'ab 
REH, af W, got. af, ags. of, griech. djto; in diesem worte ist 
das o statt des zu erwartenden a noch nicht erklärt. 

4. Afrs. o entspricht einem germ. tve. Früher glaubte man 
diesen fall durch das wort koma kommen belegen zu können. 
Sievers (Beitr. VIII, 84) hat nunmehr die ursprünglichkeit dieses 
o erwiesen, hok BEH = hwelik, hwelek RE welcher; vielleicht 
erklärt sich nach diesem das wort kok B, eine bezeichnung für 
die den richtern untergeordneten beamten, indem wir es aus 
*kwek, ahd. quec lebhaft, schnell, herleiten und es etwa &h 
'böte, läufer' definieren. 



236 SIEBS 

Aussprache des o. 

1. Die ausspräche des dem gernj. a entsprechenden o ist 
bereits erläutert (s. oben unter 3). 

2. Afrs. o = germ. o\ u hatte wol eine dem u zuneigende, 
geschlossene ausspräche, wie sich aus der, wenn auch seltenen 
Vertretung durch u sowie aus den neuostfrs. mundarten ergibt: 
wurthen neben worden E, wg. würden, stl. finden geworden. 
worpen £ neben wurpen EH geworfen. 

§ VIII. 6. 

1. Afrs. ö ist Vertreter eines germ. 6, welches erhalten 
blieb, insoweit nicht durch z-umlaut ein Übergang zu e bewirkt 
wurde: Böklö WI vgl. ahd. buohha, an. bdk, got. *b6ka die buche; 
Süthanbröka WII vgl. ahd. bruoh die feuchte wiese, ags. brök 
der bach; Mbre Urk. 983, Ütmöre Urk. 1124, vgl ags. mör der 
sumpf, blöd das blut, ahd. bhwt, got. blöp; btöia blühen, ahd. 
bluojan, germ. Wurzel Wo-; bdk das buch, ahd. buoch, got, bdk; 
möd der mut, ahd. muot, got. mods\ plöch der pflüg, 8\\d.pfluog, 
ags. plöh, an. plogr. wrögia rügen, ahd. mögen, got wröhjan; 
fbr ich fuhr, ahd. fuor, got. for. 

2. Afrs. ö ist aus germ. a durch nasaleinfluss und dehnung 
bei consonantenausfall entstanden: öther der andere, ahd. andar, 
got. anpar) töth der zahn, ags. top, ahd. zand, germ. stamm 
tanp-. Aus den entsprechungen des as. und ags. dürfen wir 
schliessen, dass bereits im urfrs. vor den tonlosen Spiranten 
f t th, s nasale unter Verlängerung des vorhergehenden vocala 
ausgefallen waren. Dem widersprechen die ältesten Über- 
lieferungen nicht: Ösgrim, Ösmund, Ösbrand WI, üslingae Urk. 
1321 vgl. den stamm ans-, welcher in ags. 6s gott, an. äs 
vorliegt. 

Da das secundäre germ. ä, welches durch dehnung eines 
a bei nasalausfall vor der lautgruppe ht entstanden ist, im frs. 
wie im as. und ags. als ö erscheint, so dürfen wir annehmen, 
dass es vor der trennung der germ. stamme nasaliert ge- 
sprochen wurde. Für das frs. 6, welches sich daraus entwickelt 
hatte, ist ein nasalklang nicht anzunehmen, da es namentlich 
hinsichtlich der Wirkung des i-umlautes dieselbe behandlang 
erfährt wie das primäre ö. bröhta ich brachte, ags. bröhte, 
got. brähUi; thögle H, föchte W ich dachte, ags. pöhte, got. pdhta. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 237 

Eselingis Urk. 1310, Eselinge Urk. 1351 neben Öslingae Urk. 

1321 ; Esulf WII vgl. Ansiulf (Förstemann, Ad. namenbuch 1, 11 1), 

teth nom. plur. zu töth der zahn. 

Anm. In dem worte ächtia BW, ächtaE, ichtaB ächten, ags. 
Shtan, got. ähtjan, vorgerm. *anktejö, hat vermutlich der i-laut der 
folgenden silbe den Übergang des ä zu ö verhindert 

3. Afrs. ö ist durch nasaleinfluss aus germ. e 2 entstanden: 
mönath der monat, abd. mdnöd, got. menöps] ömma der atem RE 
elhma R, ahd. ätum, got. *edma\ kömon wir kamen, ahd. qudmumj 
got. qemun; nömon wir nahmen, abd. nämun, got. nemun] durch 
einfluss des nasals ist auch das 6 in den Wörtern öni R, än^ 
W ohne, ahd. äno, sön RE, *2n E alsbald, ahd. sän zu erklären 
sowie in ögneil der augenwinkel, componiert aus afrs. d^i das 
äuge, got augö und n«7 der nagel, got nagls. 

4. Afrs. 6 erscheint ferner in folgenden Wörtern: ose die 
dachtraufe, zeigt dehnung eines o bei consonantenausfall: ahd. 
obasa, got. ubizva; orlbf der Urlaub, ahd. urloub; höve die haube, 
ahd. Aöfra, an. hüfa\ lögia E sich verheiraten, vgl. got. liugan. 

Aussprache des 6. 
Afrs. ö wurde vermutlich wie nhd. b in rose gesprochen 
Darauf weist die Übereinstimmung der schriftlichen fixierung* 
sowie die ausspräche der neufrs. sprachen hin. In einer Ur- 
kunde von 988 finden wir die Schreibung Ramaslaun (Rammeis. 
loh); 1347 erscheint die form Auster hüsum statt des sonst 
üblichen Östarhusum, Asterhüsum. Diese allerdings auffälligen 
tatsachen können uns aber nicht veranlassen , den laut des 
afrs. ö als <T anzusetzen. 

§ IX. u. 

1. Afrs. u entspricht einem germ. u: AlburgWl, vgl. ahd. 

bürg die bürg; Brunwurdh, Burnwurdh WII vgl. ahd. brunno 

der brunnen. burch die bürg, ahd. bürg, got. baürgs\ banden, 

got. bundans vgl. ahd. g abunt an, part. prät. von binda binden. 

hunger der hunger, ahd. hungar, got hührus; sum irgend wer f 

ahd. sum, got sums; sunu der söhn, ahd. sun, got. sunus; tunge 

die zunge, ahd. zunga, got. tuggb. 

Anm. 1. Die Verbindungen urv und rvu werden graphisch im afrs. 
wie im ahd. behandelt: wnnon neben wunnon RH; wurpen neben 
wrpen E. 

Beiträge zur geschickte der deutschen spräche. XI. \(j 



238 SIEBS 

2. Afrs. u entspricht einem gern), o. 

a) analog den participiis präteriti der verba der HL ab- 
lautsreihe (i- reihe mit doppelconsonanz), auf deren Stamm- 
silben vocal nasal + consonant folgt, erscheint u im part. prät. 
aller verba jener classe (vgl. § VII, 1 anm. 1): bulgen R, part. 
prät zu *belga, erzürnt; hulpen RB, part prät. zu helpa, ge- 
holfen; ivurpm neben worpen E, part prät. zu tverpa, ge- 
worfen. 

b) germ. o wird vor nasalen zu u: thunresdey donnerstag 

H, ahd. donarestac\ diese fälle sind fernerhin in einigen fremd- 

wörtern belegt : munik der mönch, ags. munuc, lat. monaehus. 

Anm. 2. puud das pfund, lat. pondo ist nicht hierherzustellen, 
da es wol vor der trennnng der germanischen stamme aus dem latei- 
nischen (pondo indecl.) entlehnt wurde und in allen germ. sprachen 
die it-form vorliegt. 

3. Afrs. u entspricht einem germ. a. Dieses u erscheint 
vor der consonantverbindung ng\ dass es als ein durch guttural- 
einfluss verdumpftes o zu erklären ist, lassen parallelformen, 
welche o zeigen, vermuten, gunga gehen, got gaggan; hüa = 
*hu?iga, got. hähan = *hanhan 3. pers. sing, präs.: hongath R. 

4. Afrs. u erscheint für die lautgruppe tve: suster BEH 
die Schwester, swester R, ahd. stvestar\ hulk W — hwelik R 
welcher. 

5. Afrs. u ist vor allen anderen vocalen zur fixierung des 
bereits eingehend (§ I, anm. 5) besprochenen sonantischen lautes 
verwant worden: Lacwurdh WI vgl. ahd. werid die insel; ful 
viel BE, fei RE, got. filu. 

Aussprache des u. 

Abgesehen von der unter 5. besprochenen geltung, war die 
ausspräche des afrs. u vermutlich eine einheitliche, und zwar 
diejenige des u in nhd. bürg. Keinerlei Schwankungen in der 
afrs. Schreibung, und ebensowenig die neufrs. mundarten weisen 
uns auf eine andere annähme hin: hund der hund, wg. hün, 
sat hünd, Cad. huhn, westfrs. hutvn. 

§X. 0. 

1. Afrs. ü entspricht einem germ. ü: Bürhem WI, vgl. ahd. 
bür das haus; Husum WI, Hüson WII, vgl. ahd. hüs das haus; 



ALTFR1ESISCHER VOC ALISMUS. 239 

Thünhem WI, Thunnwerde Fuld., vgl. ahd. zun der zäun; Ütertneri 
WI, Ütmöre Urk. 1124, vgl. üt, üter R aus, ausser, ahd, üz, üzar; 
brüka brauchen, ahd. brühhan, got. brükjan; buk der bauch, ahd. 
büh, an. bükr\ bürva, durch vocalspaltuug entstanden aus *büa 
bauen, ahd. büan, got. bauan\ thüma der daumen, ahd. dümo, got 
püma; sküva schieben, got. skiuban, ags. sküfan, 9M.sküfa\ thü- 
send tausend, ahd. düsunt, got. püsundi. 

2. Afrs. ö entspricht der gruppe un des germ., da vor den 
tonlosen Spiranten f, th, s der nasal unter Verlängerung des 
vorhergehenden vocals ausfiel. Dieses lautgesetz bat auch im 
as. und ags. seine Wirkung geübt, und wir dürfen dieselbe 
daher für das urfrs. in anspruch nehmen. Amüthon WI vgl. 
ahd. mund, as. ags. müö der mund, die mündung; Süthanhem WI, 
Süthanbröka WH, vgl. ahd. suntS-, ags. süti Süden; küth kund, 
ahd. chund, got. kunps; üse unser, ahd. unser, got. unsar. 

3. In wenigen Wörtern finden wir ein afrs. ü = germ. ö: 

düa tun, ahd. tuon, ags. don\ hü wie, ags. hü, as. hwö, 

germ. *hwö. 

Anm. &ö/r R, nach Richthofen = got. bögus der bug, ist wol 
nicht hierherzusetzen, denn wg. bauch der bug, weist auf *bög oder 
*McA R zurück, welches vom Schreiber der rechtsquellen nicht ver- 
standen und deshalb durch buk ersetzt sein mag. Die bedeutung 
'bauch' lässt sich zur erklärung jener stellen, an denen das wort buk 
erscheint, wol verwerten. 

Aussprache des ö. 
Das afrs. ü wurde stets wie ü in nhd. 'huhn' gesprochen, 
was durch die übereinstimmende Schreibung im afrs. und die 
ausspräche im neufrs. bewiesend wird, thüsend tausend, wg. 
stl. düsend, Cad. duhsend, westfrs. duwzen. 

§ XL ei (ai). 

1 . Afrs. ei, ai entspricht einem germ. ai (vgl. § II, 2). 

Der diphthong ei (ai) = germ. ai ist nur in einigen wenigen 
eigennamen und fremdwörtern vorhanden. Aiteron, Eiteron, 
Aiturnon WI; Einon WH; Pevesheim Fuld.; ausserdem ein R, 
ain F = en eins, got. ains. In R erscheinen die worte : Heinrik 
thi keyser, hertoga tö Beygeron. 

Heyne führt weigarja sich weigern EW und weinja weinen, 
als ^/-formen an: letzteres finden wir als weina in F einmal 

IG* 



240 SIEBS 

belegt. Beide Wörter sind vermutlich aus dem hochdeutschen 
entlehnt. 

2. Afrs. ei ist Vertreter eines afrs. e (vgl, § VI, 2). beil 
die beule neben bei, got. *büljo; breid die braut, ahd. brüt, got. 
brüps, stamm brüdi-. In diesen beiden fällen, die Heyne als 
bemerkenswert bezeichnet, aber nicht erklärt, erscheint ei statt 
eines e ■= germ. ü + t-umlaut. 

3. Afrs. ei ist in vielen fallen gar nicht als diphthong zu 
betrachten, sondern entspricht einem afrs. e + i: Sin eigen, ist 
contrahiert aus *egin, ahd. eigen, got. *aigans\ heia erhöhen = 
*hehja, ahd. höhjan, got. *hauhjan; beia beugen = * big ja, ahd. 
*bougjan\ feithe die fehde = *fehithe, ahd. fehida, got. *faihipa. 

4. Die afrs. lautgruppe eg, welche einem germ. ag, eg ent- 
spricht, wird wegen der ausspräche des g als palataler spirans 
durch ei = ej widergegeben. In manchen fällen, namentlich 
wenn die unmittelbar folgende silbe einen t'-laut enthielt, gieng 
eg in ig über, und dieses wurde dann zu % contrahiert Der 
Rüstringer dialect zieht das i dem ei vor. Meinward neben 
Meginward und Miginward WI, Meginbrahl, Miginbraht WI, 
Meginfrid Fuld., vgl. an. magn und megin die kraft; Eegmbert, 
Reginhard, Reingard, Reinger, Reinmar WI, Renger, RSnhard 
WH, vgl. an. regin, got. ragin die meinung; Egildag WI, Eüric 
WI, Iko WII = Egico, Ido Urk. 1350 = Egido, vgl. die germ. 
wurzel ag (mit der bedeutung ' spitz') got. *agja ecke, dt der 
tag R, dei BEHW vgl. got. dags\ aber nom. plur. dega y dat. 
plur. degon wegen der trennung der lautgruppe eg] neu RBEHW, 
nil R der nagel, ahd. nagal } got nagls) brein das gehirn, aga. 
brcegn\ tvei, nn der weg, ahd. wec, got. tvigs\ heia hegen — ■ * 
*hegja } ahd. hegen vgl. hag die einfriedigung; wein, warn der 
wagen, ahd. wagan, ags. wcegn\ mei, ml ich mag, got mag; slam, 
slein geschlagen, ahd. geslagen. 

Aus den gegebenen beispielen ist zu ersehen, dass erst 
kurz vor der zeit, aus welcher die rechtsquellen stammen, eg 
und ig consequent durch ei resp. t vertreten sind. 

5. Afrs. ei entspricht einem afrs.* in mehreren Wörtern: ei/ha 
ebnen R, vgl. ahd. eban\ deil E, del BR das tal, got dai\ 
f eider E, feder RBEH der vater, got fadar\ tveisa E, wesa RBE 
sein, ahd. wesan; heinzioch neben hanzoch, hemzoch R, hendsc- 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 241 

geht E, heirzeg H, bedeutet vermutlich 'abhängig'. Richthofen 
denkt an einen Zusammenhang mit hüa hängen: dann würde 
ei Vertreter eines afrs. e sein. Ich glaube es als compositum 
von hang- und -ioch, -och, -ich mit Sicherheit ansetzen zu 
müssen. 

Das ei in diesen Wörtern erscheint nur in R und E. Es 
scheint für die annähme zu sprechen, dass der laut des e sich zu 
* hin bewegte, und wir dürfen hier wol die fälle, in denen im 
hochdeutschen ei statt e erscheint, als analoga betrachten: ahd. 
einti neben enti das ende; mhd. breichen neben brechen (vgl. 
Weinhold, Mhd. gramm. 2 p. 47). 

Anm. 1. ai finden wir bisweilen neben ei geschrieben. In 
einigen wenigen Wörtern bildet es die entsprechung des germ. ai, z. b. 
ain F eins; in der regel aber ist es als a -\- i aufzufassen, nicht als 
diphthong: äider REW, eider REBH jeder (ä- = ahd. So, got. aitv)\ 
fäithe E, feithe REH die fehde, got. *faihipa\ rvain neben wein RE 
der wagen. 

Anm. 2. ey und ay sind rein graphische unterschiede von ai 
und ei. 

Aussprache des ei (ai). 

1. Afrs. ei = germ. ai wurde wie nhd. ai in 'hain* ge- 
sprochen. Das bezeugen uns die neufrs. mundarten: keyser, 
stl. keiser, Cad. kayser] weigarja E, stl. weigerje. 

2. Das mit e und i wechselnde afrs. ei wurde, wie wir 
aus diesem schwanken sowie aus der ausspräche des wg. und 
stl. entnehmen, & gesprochen, beithe E, bithe R beide, wg. beith\ 
mi R, mei BEH ich mag, wg. rm, stl. mei, nordfrs. mai, 
westfrs. mey. 

3. Afrs. ei = e + i behielt bis ins neufrs. seine ursprüng- 
liche ausspräche bei: ein RBEH neben Ain EFW, ügen R, igen 
H, wg. egen, stl. äjen. 

4. Afrs. ei = eg wurde als e + j gesprochen. Das be- 
weisen uns die ältesten quellen, in denen uns ei und eg ab- 
wechselnd entgegentreten, und die neufrs. mundarten, vor allen 
die stl.: dei, gesprochen: däi, afrs. dei der tag; afrs. brein das 

gehirn, stl. brein. 

Anm. Afrs. ai = aij hat die ausspräche a + j , die aber in 
einigen dialecten zu ai vereinfacht ist. tvain der wagen, wg. rvain, stl. 
rväjen, nordfrs. rvajen. 



242 SIEBS 

§ XII. iu, ia (io, ie;. 

1. Afrs. iu ist durch b rechung eines germ. e vor h + con- 
sonant entstanden; in W erscheint bisweilen io. fiuchta fech- 
ten, ags. feohtan, ahd. /2/tfan; riucht recht, &g&.reoht, ahd. reht f 
got. raihts, riocht W.; *wriust R, riust E der rist, ags. tvyrst, 
wrist, ahd. rist, got. *wrihsti-. Ferner scheint eine brechung 
im zahlworte niugun angenommen werden zu müssen: nigun R, 
niugun R, niugen RBEH, niogen EW neun, ahd. got. niun\ in sigtm, 
siugun R, so^en BEH sieben, got ahd. s/&mw ist die brechung ge- 
wiss nur durch analogiebildung nach niugun erklärlich. 

2. Afrs. ia ist in einigen fällen nicht als diphthong, son- 
dern als i + a zu betrachten ; ebenso afrs. iu als i + u, io als 
i + o. /»an zehn, got. talhun; ia bekennen, ahd. jehan; wta 
weihen, ahd. *nihjan\ fia das vieh, got. faihu; fiand RW f 
fiund BEH der feind, ahd. fiant, as. fhint, ags. feond, got 
fyands\ frtund BEH, /Wo/wf RW der freund, as, ahd. friunt, 

m 

ags. freond, got. frijonds. 

3. Afrs. /m, /a (w, te) als Vertreter des germ. diphthonges eu. 
In der germanischen Ursprache mag der Wechsel von eu 

und iu demjenigen von e und i gleich gewesen sein, indem 
nämlich iu für eu eintrat, wenn in der folgenden silbe ein t 
stand. Demnach mUssten wir da, wo in der folgesilbe ein u 
oder w steht, noch eu erhalten finden (Paul, Beitr. VI, 87). Wir 
können als beleg für die geltung dieses gesetzes im frs. das 
wort tretra R statt treuwa, triutva E, triwa H die treue, as. treutva 
in anspruch nehmen. Ferner dürfen wir auch für das frs. die 
geltung des germ. lautgesetzes behaupten, dass e als erster 
component eines diphthonges in * übergeht und eine assimila- 
tion der beiden componenten angestrebt wird. So wird germ. 
eu zu im, io, im westfrs. mit weiterer assimilation zu ie. 

Betreffend das Verhältnis von iu, io zu dem häufig erschei- 
nenden ia ist folgende regel von Heyne gegeben worden: ra 
und io stehen vor / und m, ia vor a in folgender silbe. Dass 
iu und io vor i, ia vor a in folgender silbe erscheint, ist durch 
viele beispiele zu belegen: thiaf der dieb, got. piubs — thiuvethe 
der diebstahl, got. diubipa; kiase ich wähle, l.pers. sing. präs. 
von kiasa, got. kiusa — kiust, kiost 2. pers. sing., got. kiusis\ 
kiust, kiost 3. pers. sing., got. khisip \ st tarne das Steuerruder, ags» 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 243 

steore, got. stiura — stiora R steuern, stiura RE, ags. styran, got 
stiurjan] thiade das volk, got piuda — thiote deutseh, vgl. got. 
piudisko. 

Wir können für das frs. die regel aufstellen: germ. eu er- 
scheint vor i der folgenden silbe als tu im afrs.; vor einem a 
der folgenden silbe erscheint germ. eu in der gebrochenen form 
ia\ io ist eine dialectische nebenform des tu, welche namentlich 
vom Rüstringer dialect bevorzugt wird; ie ist eine dialectische 
nebenform des ia, welche besonders häufig im westfr. er- 
scheint. 

Diese regeln werden durch die wenigen formen aus den 
ältesten Überlieferungen bestätigt, in denen wir Vertretungen 
des germ. eu vorfinden: Helagono fliatun, Widufliatun WI; Hriadi 
WI vgl. ahd. hriot das Schilfrohr, got. *hriuda~; Thiadbald, 
Thiadmär WI, vgl. got. piuda das volk; Liafger WI vgl. ahd. 
Hob vorgerm. stamm *leubho-\ Harfliata WI; Liudbald, Liudhard 
WI, vgl. ahd. iiufi die leute, Tiuding tiochi WI vgl. ahd. ziuh 
der Ü8chfang; Thyuchen Urk. 1319, vermutlich im Erasigo ge- 
legen; Thiedrad, Thiedbold WI; Thietsuides Urk. 988; Hriedi 
WII statt Hriadi WI] Wigflieta WII Vom vierzehnten Jahr- 
hundert an erscheint das ie bisweilen als contrahierte form t: 
Thithardus Urk. 1327. 

Durch die Vertretung des germ. eu in den rechtsquellen 
sehen wir diese regeln ebenfalls bestätigt: biada bieten REH, 
bieda W, ahd. biotan, got. *biudan\ biut B, biuth W, biot 3. pers. 
sing. präs. von biada, got. *biudip; biar das bier EH, bierW, 
ahd. bior, ags. beor. briast EH statt brüst die brüst, as. ags. 
breost, an. brjöst weist auf einem germ. stamm *breusta- zurück, 
welcher neben Hrusti- vorlag. diapEB tief, diepW, ahd./io/", got. 
diups) diar EB, dier W das tier, ahd. tior, got. stamm diuza-\ 
diure BEH, diore RW teuer, ahd. tiuri, as. dinri, ags. df)re, deore] 
driapa triefen B, ahd. triofan, got. *driupan] driupth E, 3. pers. 
sing. präs. von driapa, got. *driupip; ^fliegaVf, 3. pers. sing, 
präs. fliucht W er fliegt, got. */1iugip; fliot R, 3. pers. sing. präs. 
von fliata flicssen, got. *fliutip] biiuth E 3. pers. sing. präs. von 
*bigiata bcgiessen; kiasa s. oben; kriapa kriechen R, ags. creö- 
pan, got. * kriupan; l lacht das licht, ahd. Höht, gotliuhap; liaf 
RBWH, Zie/Hlieb, ahd. Hob; dazu liavia lieben; liaga R lügen, 
3. pers. sing. präs. liucht, got. liugan, liugip] '^liasa in urliasa 



244 SIEBS 

BEHW, liesa BE verlieren, 3. pers. sing. präs. urliust B vgl. 

ahd. verliosan, got. fraliusan\ Uode RW, liude BEHF die leute, 

ahd. liuti] niata F (*BE), nieta W gemessen, got. ganiutan; *riaka 

E rauchen, vgl. ahd. riohhan riechen; stak R siech, siek W, 

ahd. sioh, got. siuks; siatha sieden E, ahd. siodan, ags. seotian; 

skiata schiessen, ahd. sciozan, got. *skiutan; stiap-feder RH, stiep- 

W, ahd. stiuf — stiöf, vgl. got. *stiupan invertere (Schade, Ad. wb. 

p. 873); thianosi der dienst, thiania dienen R, tienst, tieniaVf, 

ahd. dionöst, dionön] thiaf, ihiade, thiothe s. oben; thiustere düster 

E, as. thiustri, ags. p$stre, peostre] tla = *tiaha RBEHF ziehen, 

3. pers. sing. präs. tiucht RBEH, got. tiuhan, tiuhip; tiona R, 

tiuna HE beschädigen, as. thinian, ags. t^nan; tiuga BE, tioga W 

bezeugen, vgl. ahd. giziugbn, abgeleitet von gaziug. 

Anm. Schon in den ältesten quellen finden wir in einigen fällen 
& als Vertreter des germ. eu. Dieses 3 weist auf ein im urfrs. dem ia 
vorhergegangenes ea, eo hin: Hredi neben HriadiVfl vgl. ahd. hriot\ 
Oltarfliaton neben OUarflitun Vi 11 \ Wianheri\\\, WenanYf\l\ Tiu- 
dingWl, Thidingh&m Urk. 1276. Es ist wahrscheinlich, dass einige 
<?-torinen der neufrs. mundarten, welche meist als plattdeusche ein- 
fUhrungen beurteilt werden, auf ein solches e des frs. zurückweisen, 
z. b. afrs. thiaf der dieb, wg. döf, sat. de f. 

Aussprache des tu und ia. 

I. Afrs. iu, welches die gebrochene form eines germ. e 
repräsentiert, hatte vermutlich die ausspräche i + u. Wir 
schliessen das aus dem wg. und stl., wo die beiden kürzen er- 
halten sind: riucht recht, wg. stl. riücht. Zu bemerken ist, dass 
in diesen fällen im neuostfr. accentwechsel eingetreten ist 

II. Afrs. iu «= germ. eu hatte vermutlich die ausspräche 
eines { + w, afrs. io diejenige eines i + o. Dass der erste eoni- 
ponent des diphthongen den accent trug, schliessen wir aus 
dem ags. : afrs. liude, Uode die leute, ags. Uode. 

III. Afrs. ia hatte die ausspräche eines % + a. Dass der 
accent im afrs. noch auf dem ersten componenten lag, sehen 
wir aus dem Übergang des ia zu ie, i und durch die gleiche 
behandlung des diphthongen ia und des ia = i + a in den 
neufrs. dialecten: thianost der dienst, wg. fhionst, stl. tjö'nst, 
ahd. dionöst; tian zehn, wg. tion, stl. tjön, got. taihun. 



ALTFRIESISCHER V0CAL1SMUS. 245 

§ XIII. au. 

Afrs. au erscheint nur in wenigen fällen. In den ältesten 
quellen finden wir es einige male anstatt eines zu erwartenden 
ö oder ä } z. b. Ramaslaun Urk. 988, Austerhüsum Urk. 1347. 

Wo au in den rechtsdenkmälern vorliegt, ist es meist durch 
einfluss eines w entstanden; manchmal ist es wol nur als 
graphische eigentflmlichkeit zubetrachten : nautvet RB, näwel RB, 
nöwel H, nauet E, naut B nicht, ahd. neowiht; aiuva BE zeigen, 
ärva WE, vielleicht mit dge, das äuge, zusammenhängend, tauw 
R, töw W das tau, an. taug] rauld E, rvrauld W die weit, wrald 
RW, warld EH, rwa/tf E, ahd. tveralt. 

In der form auber RH neben 4for E offenbar , vgl. ahd. 
aber, ags. ebber (?) ist w wol durch spirantische ausspräche des 
b zu erklären (#). 

ZWEITER ABSCHNITT. 

Die entsprechnngen der germanischen vocale im 

altostfriesischen. 

§ XIV. Germ. a. 

1. Germ, a blieb im afrs. erhalten (vgl. §1,1): 

a) vor gewissen consonantverbindungen (r + dental, / + 
consonant, h + consonant) und vor auslautendem h: garda, 
halda, nacht] 

b) in ursprünglich offenen silben, falls nicht in der folgen- 
den silbe ein e enthalten ist: skatha; 

c) vor nasalen, insoweit diese nicht einen Übergang zu o 
bewirkt haben: manniska; 

d) in gewissen prätt. sing, der III., IV. und V. ablautsreihe: 
was, nam. 

2. Die häufigste Vertretung des germ. a im afrs. ist e; und 
zwar wurde das germ. a zu e (vgl. § III, 2): 

a) durch die sogenannte Schwächung: stef. Dieses e ent- 
spricht einem westsächnischen &, einem kentischen e. 

b) durch i-umlaut: enda. 

Ausnahmen von dieser regel werden sowol durch diejenigen 
fälle gebildet, in denen a erhalten ist (vgl. 1.) als auch durch 



246 SIEBS 

3. diejenigen Wörter, in denen das einem germ. a ent- 
sprechende afi-8. e durch tonerhöhung zu i geworden ist, vgl. 
§ V,2b: hüle. 

4. Germ, a ist durch afrs. o vertreten 

a) vor nasalen, insoweit der Übergang zu o nicht durch 
ein i der folgenden silbe verhindert wurde: brond. 

b) in den Wörtern of und nosi\ vgl § VII, 3. 

5. Afrs. o = germ. a von nasal + dentaler spirans, s oder 
ht wird bei ausfall des nasals zu o gedehnt: öther; vgl. § VIII, 2; 
dieses o wird durch /-umlaut zu e gewandelt: teth, vergL 
§ IV, 3, b. 

6. Afr. e = germ. a erscheint in manchen Wörtern z. b. hebi- 
zoch, feider, deil E als ei; die lautgruppe l ag* des germ. ist im 
frs. ebenfalls durch ei vertreten: dei vgl. § XI, 4, 5; in einigen 
fällen, namentlich im Rüstringer dialect, durch % vgl. § VI, 2. 

7. Gern), a wird vor der lautgruppe ?ig, durch o als mittel- 
stufe, zu u erweicht: gunga vgl. § IX, 3. 

8. Germ, a + a wird zu d contrahiert: sld vgl. § II, 1. 

§ XV. Germ. ä. 

1. Die regelmässige entsprechung des germ. d ist afrs. d: 
dchta, pdvs vgl. § II, 1. 

J2. Durch Wirkung des /-umlautes wird d zu e: echta vgl. 
§IV3a. 

§ XVI. Germ. e. 

1. Germ, e ist durch afrs. e vertreten: wer vgl. § III, 1; 
dieses e ist die regelmässige entsprechung. 

2. Afrs. e = germ. e wird durch tonerhöhung zu i, und 
das ist namentlich im Küstringer dialect der fall § V,2 a. Dieses 
i kann durch zusammenfiuss mit der palatalen spirans j, g, h 
zu i gedehnt werden: la vgl. § VI, 3 b. 

3. Durch brechung vor h + consonant oder vor g (?) wird 
germ. e zu iu (io): riueht, riocht vgl. § XII, 1. 

4. Germ, e erscheint als ei in Wörtern wie eifna und weisa 
E; germ. eg finden wir durch afrs. ei vertreten: wei, vgl, 
§ XI, 4. 5. 

5. Afrs. e ist aus germ. e entstanden, indem dieses bei 
consonantenaupfall gedehnt wurde: aien § IV, 6. 



ALTFRIESISCHER VOC ALISMUS. 247 

6. Afrs. u, o entspricht der germ. lautgruppe rve: swester, 
vgl. §§ VII, 4. IX, 4. 

§ XVII. Germ. § 2 . 

1. Germ, e 2 entspricht einem afrs. e: slepa vgl. § IV, 1. 

2. Durch na8aleinflus8 wurde germ. e 1 zu afrs. 6: mönath 
§ VIII, 3. 

§ XVIII. Germ. §'. 

1. Germ, e 1 ist durch ein afrs. i vertreten: hir, vgl. § VI, 2. 

2. Das westgcrm. e der präterita reduplicierender verba 
erscheint im afrs. als e: het (vgl. § IV, 4). 

§ XIX. Germ. i. 

1. Die regelmässige entsprechung des germ. i ist afrs. i 
fisk, vgl. § V, 1. 

2. Germ, j + nasal erscheint vor f, th, s als i: fif, vgl. 
§ VI, 3. 

§ XX. Germ. 1. 

1. Die regelmässige Vertretung des germ. I ist afrs. i: bita, 
vgl. § VI, 1. 

2. Im RUstringer dialect wechselt bisweilen das afrs. i = 
germ. i mit e: bitigath neben bitigath, vgl. § IV, 5. 

§ XXI. Germ. o. 

1. Die häufigste Vertretung des germ. o ist afrs. o, vgl. 
§ VII, 1. 

2. Doch erscheint u 

a) Vor nasalen: thunresdey, § IX, 2; 

b) in den participia präteriti gewisser verba der III. ab- 
lautsreihe (e- reihe mit doppelconsonanz): hulpen vgl. § VII, 1 
anm. 1. 

3. Durch dehnung bei consonantenausfall wird germ. o zu 
afrs. ö: ose (§ VIII, 4). 

§ XXII. Germ. 6. 

1. Die regelmässige Vertretung des germ. ö ist afrs. 6: 
blöd vgl. § VIII, 1. 

2. In einigen fällen wird ö zu ü erweicht; hü vgl §X,3 f 



248 SIEBS 

3. Durch t-umlaut wird gerni. ö zu afrs. e: dema, vgl. 
§IV,3b. 

§ XXIII. Germ. u. 

1. Die regelmässige Vertretung des germ. u ist afrs. u: 
bunden § IX, 1. 

2. Afrs. o = germ. u erscheint in den Wörtern: tocht, 
drochten, dore, mond (neben mund) der schütz, vgl. § VII, 2. 

3. Germ, u wird zu afrs. e 

a) durch Schwächung: breken, bedon vgl. §111,3; 

b) durch j-umlaut : helde vgl. § III, 3, a. 

4. Germ, u hat seine entsprechung im afrs. i, insoweit das 

aus germ. u durch Schwächung oder /-umlaut hervorgegangene 

afrs. e seinen ton zu i erhöht: kiniiig vgl. § V, 2 c. 

Anm. Diese falle erklären sich vielleicht daraus, dass der gipfel 
des silbenaccentes auf dem semantisch gesprochenen nasal oder der 
liquida ruhte und so ein schwanken in der vocalfixierung hervorgerufen 
wurde vgl. § I, anm. 5. 

5. In einigen wenigen Wörtern erscheint a als Schwächung 
des germ. u: dracht, vgl. § 1, 2. 

6. Afrs. ü ist durch sogenannte ersatzdehnung eines 
germ. u bei ausfall eines unmittelbar folgenden nasals ent- 
standen: küth, vgl. §X,2; dieses ü wird durch Wirkung des 
/• umlautes zu e gewandelt: ketha, vgl. § IV, 3 d. 

§ XXIV. Germ. 0. 

1. Die regelmässige entsprechung des germ. ü ist afrs. ü: 
thüsend, vgl. § X, 1 . 

2. Germ, ü wird durch z-umlaut zu e gewandelt: bei, wofttr 
auch ei eintritt, § IV, 3 d; § XI, 2. 

3. In einigen fällen erscheint afrs. ö: höve § IX, 3. 

§ XXV. Germ. ai. 

1. Die urfrs. Vertretung des germ. ai ist nicht erwiesen 
(vgl. § II, 2). In einigen eigennamen und fremdwörtern er- 
scheint afrs. ai, ei: keyser, Aiteron, vgl. § XI, 1. 

2. Afrs. ä erscheint häufig als entsprechung des germ. ai: 
fach (vgl. §11,2); 

3. Gewöhnlich aber afrs. e: det, vgl. §IV,2. 

Anm. In einigen fällen ist afrs. ä » germ. ai zu afrs. a verkttnt 
worden : nammer, vgl. § 1, 3. 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 249 

§ XXVL Germ. au. 

1. Die regelmässige Vertretung des germ. au ist afrs. ä: 
<&, vgl. § II, 3, 

2. Afrs. e erscheint als Vertreter des germ. au, auf welches 
der i-umlaut gewirkt hat: hera, vgl. § IV, 3 c. 

3. In einigen fällen erscheint 6 als entsprechung des germ. 
au: orlöf vgl. § VIII, 4 und ausspräche des ö. 

Anm. Ob afrs. ou, z. b. in frörvc, und au in aubir reguläre ent- 
sprechungen sind, ist nicht sicher; vgl. § XIII. 

§ XXVII. Germ. eu. 

1. Die entsprechungen des germ. eu sind gewöhnlich iu, 
ia; letzteres ist durch brechung entstanden. Als dialectische 
nebenformen von iu ist io, von ia: ie, % zu betrachten: diure, 
diore; kiasa, tziesa, vgl. § XII, 3. 

2. Afrs. e ist durch i-umlaut oder contraction des germ. eu 
entstanden: stera, Hredi, vgl. §§ IV, 3 e; XII anm. 

3. Germ, eu +J ist zu afrs. t contrahiert: rde, vgl § VI, 3 b. 

DRITTER ABSCHNITT. 

Uebersieht über die Veränderungen der vocale der 
Stammsilben durch einfluss der nachbarlaute. 

a) Einfluss der nasale. 

1. Wie im ags., so auch im frs. wurde das germ. a zu ä, 
einem laute, welcher bald durch a, bald durch o fixiert ist: 
stonda, got. standan; ausnahmen : 

d) a bleibt, namentlich in R, erhalten, wenn in der folgen- 
den silbe ein f-laut enthalten war: manniska; 

ß) gewisse präterita singularis von starken verba der III., 
IV. und V. classe haben a erhalten: nam. 

y) vor dem volaren ng wird afrs. o = germ. a zu u er- 
weicht: gunga. 

2. Germ. e> vor nasalen erscheint im frs. als b: mönath. 

3. Afrs. ä wird durch einfluss eines folgenden nasals zu 
6: ögneil. 

4. Germ, o wird, wie auch im ags., vor nasalen zu u: 
thunresdey, vgl. § IX, 2. 



250 SIEBS 

5. Nasaliertes germ. ä wurde vor der consonantverbindung 
ht zu 6: t kochte. 

6. Vor den Spiranten f, th, s und vor ht fielen die nasale 
der lautgruppen in, un, im unter Verlängerung des vorher- 
gehenden vocals zu t resp. ü aus: üse, fif. 

b) Einfluss des w. 

1. Die lautgruppe rve wird in der regel zu u\ im Rüstringer 
dialeet bleibt sie erhalten: swester R, suster BEH; hrvelik, hwelek 
R, MW; in BEH erscheint o: tok; vgl. § VII, 4. §IX,4. 

2. Die gruppen arv und erv haben ein u zwischen dem 
vocal und dem rv entwickelt: atva neben auwa. 

3. In dem worte hü wie = *hwö ist, wol durch einfluss 
des Wy das 6 erweicht worden. 

c) Brechungen. 

1. Das germ. e wird im afrs. vor h + consonant sowie in 
einem falle vor g gebrochen zu iu, wofür in W bisweilen io 
erscheint: fiuchta, riueht, *wrzust, nivgun, vgl. § XII, 1; kerke 
BHEW, sthereke R die kirche, sziurke H, ziurke E, tsiurke B f 
tzierke W; tzilik neben tzielk W der kelch, as. kelik\ keke E 
der kinnbacken, sthiake KI, tziake EW, ziake F. 

Die beiden erstgenannten formen lassen sich als belege 
für die brechung betrachten; vermutlich aber liegt in ihnen 
sowie auch- in sthiake eine diphthongierung durch palatale vor, 
wie wir sie im ags. häufig vorfinden. 

2. Vielleicht dürfen wir in der erhaltung des germ. a 
vor r + dental, / + consonant, h + consonant und vor aus- 
lautendem h eine erscheinung sehen, welche der im ags. in 
diesen fällen häufigen brechung entspricht: afrs. halda, ags. 
healdan. 

d) Umlaute. 

Unter umlaut begreift man diejenigen Veränderungen be- 
tonter vocale, welche durch Wirkung eines vocals oder halb- 
vocals der folgenden silbe hervorgerufen werden. 

1. Im afrs. können wir den Übergang des germ. eu zu ia 
als a-umlaut bezeichnen. Diese Wandlung wird häufig mit 
einem aus der althochdeutschen grammatik stammenden aus- 
drucke 'brechung' genannt; vgl. § XII, 3. 

2. Einen beleg für die Wirkung des w-umlautes im afrs. 



ALTFRIESISCHKR VOCALISMUS. 251 

haben wir vermutlich in dem worte nosi, nose zu sehen, vgl. 
§ VII, 3. 

3. Die Wirkung des /-umlaute» ist im afrs. wie im ags. 
eine sehr ausgedehnte. In den ältesten Überlieferungen hat sie 
noch nicht so weit um sich gegriffen als in der spräche der 
rechtsdenkmäler; doch auch zu der zeit, aus welcher diese 
stammen, ist sie noch nicht abgeschlossen. So erscheint uns 
der eintritt des i-umlautes manchmal willkürlich. 

a) Germ, a wird durch Minilaut zu afrs. e: ende] aus- 
nahmen: 

a) a vor nasal erleidet, namentlich in R, keinen umlaut: 
manniska\ 

ß) bei mehreren schwachen verbiß, welche a in offener 
silbe zeigen, hat der /-umlaut nicht gewirkt: skathia. • 

b) Germ, u wird zu afrs. e: helde, vgl. § III, 3 a. 

c) Germ, ä -f i = umlaut gibt afrs. e: echta, vgl. §IV, 3 a. 

d) Germ, ö + i = umlaut gibt afrs. e: dema, vgl. § IV, 3 b. 

e) Germ, ü + i = umlaut gibt afrs. e, welches bisweilen 
als ei erscheint: bei, beil; so wird auch das einem germ. un 
entsprechende afr. ö zu e umgelautet: ketha; vgl. § IV, 3 d. 

f) Germ, au + i = umlaut erscheint im afrs. als e: hera 
hören, vgl. § IV, 3 c. 

g) Germ, eu + i = umlaut erscheint in einigen fällen als 

afrs. e: stera. 

Anm. Erhaltende wirkuDg eines s-lautes auf betoote vocale 
der vorhergehendeD silbe habeo wir in zwei füllen anzunehmen: 

a) tu bleibt vor t-laut der folgenden silbe erhalten, vgl. § XII, 3. 

b) Germ, a vor nasalen wird nicht zu 0, wenn die folgende silbe 
einen t-laut enthält. Diese regel gilt vor allem für den Rüstringer 
dialect. 

e) Dehnung und contraction. 

I. Dehnung des betonten vocals bei consonantenausfall, 

die sogenannte ersatzdehnung, haben wir in folgenden fällen 

1. Vor den tonlosen Spiranten /, th, s fallen die nasale 
unter Verlängerung des vorhergehenden vocals aus; germ. a er- 
scheint als ö: f%f 9 ktith, töth. 

2. In gewissen einzelnen Wörtern, z. b. ose = ahd. obasa 
vgl. § VIII, 4, aien § IV, 6. 

II. Contraction der vocale findet statt, indem 
1. Oenn. a + a im afrs. als ä erscheint: slä. 



252 SIEBS 

2. Zwei /-laute erscheinen als langes i: si, ahd. sigi\ ia 
= *Jiha, vgl. § VI, 3 b. 

f) Schwankungen der quantität 

I. Auslautende vocale einsilbiger Wörter werden gedehnt: 
nü nun, got. nu\ thü, got. pu; hrvä, ?vä wer, got. hos ; mi mir 
got. mis. 

IL Vor den consonantgruppen, die aus nasal oder Iiquida 
+ consonant bestehen, erscheint in den neufrs. sprachen, 
namentlich im etl., der vocal als lang: wann die dehnung ein- 
getreten ist, wissen wir nicht; vielleicht ist sie im afrs. schon 
in manchen fällen vorhanden gewesen. Dasselbe gilt von der 
dehnung eines betonten vocals in offener silbe. 

III. Kürzung trat ein in den mit ä, nä = got aiw, ni aiw 
zusammengesetzten Wörtern, z. b. ammon, nammer. 

Der altfiiesisehe ablaut. 

Zur Orientierung sei hier zum Schlüsse eine kurze Über- 
sicht über das ablautssystem gegeben, obschon sich eine solche 
den hier behandelten capiteln über den combinatorischen laut- 
wandel schlecht unterordnet Den germanischen vocalstufen 
werden die afrs. entsprechungen beigefügt; und die stelle, an 
welcher letztere erklärt worden sind, wird durch die hinzu- 
gesetzten Ziffern angegeben. 

I. Ablautsreihe: 

Germ. ?, afrs. ?: got greipan, afrs. grtpa VI, 1. 
Germ, ai, afrs. £: got graip, afrs. grtp IV, 2. 
Germ, t, afrs. t : got gripum, afrs. gripon V, t. 
Germ, t, afrs. t: got. gripans, afrs. gripen V, 1. 

II. Ablautsreihe: 

Germ, cu, afrs. ia: got. kiusan, afrs. kiasa XII (lüka X, t). 
Germ, au, afrs. ä: got. kaus, afrs. käs If, 3. 
Germ, u, afrs. e: got. kusum, afrs. keron III, 3 b. 
Germ. w, afrs. t\ got. kusans, afrs. keren III, 3 b. 

III. Ablautsreihe: 

Germ, e, t, afrs. e, i : ahd. s (erb an, helfan, bindan, afrs. sterva III, 1; 
hüpa 111, 1; binda V, 1. 

Germ, a, afrs. a: ahd. starb, afrs. starfl, 1. 

Germ, w, afrs. ti: got. bundum, afrs. 6tM<fonIX, 1. 

Germ. u } ö, afrs. u(o) : got *staurbans, bundans, afrs. sturven, bw%r 
den IX, 1 ; hulpen IX, 2. 

IV. Ablautsreihe. 

Germ. <?, t, airs. *: got tft/an, afrs. slela III, 1. 



ALTFRIESISCHER V6CÄLISMU& 253 

Genn. a, afrs. a (e): got narn, afrs. nam I, t d. 
Germ. I, afrs. £ (d): got nemum, afrs. n<$m<w; got. stSlum, afrs. 
*f#<m IV, 1. 

Germ, u, o, afr. *: got. stulans, afrs. jfc/in III, 3 b. 

V. Ablautsreihe. 

Germ, e, t, afrs. *, t: got giban, bidjan, afrs. wa III, 1; bidda V, 1. 
Germ, a, afrs. *, a: got. gaf afrs. t^/* III, 2, got was, afrs. ftw I, t,<L 
Germ. S, afrs. e: got gibum, afrs. tltwn IV, 1. 
Germ. *, t, afrs. e\ got gib ans, afrs. fatfn III, 1. 

VI. Ablautsreihe: 

Germ, a, afrs. ä, *: got fara, afrs. /ara 1, 1, drega III, 2. 
Germ, d, afrs. 0: got. /tfr, afrs. för VIII, 1. 

Germ, a, afr. a, *: got farans, afrs. faren\ got swarans, afrs. *ftrc- 
r<at I, l. III, 2. 

ANHANG. 

Kurze Übersicht der entsprechungen der altfriesischen 
Tocale im wangeroogischen und saterländischen. 

§1. a. 

I. Wangeroogisch. 

Das afrs. a ist in der regel durch wg. a vertreten, z. b. 
falla, wg. f(ü\ jedoch gibt es zwei auenahmefälle: 

1. Vor der consonantgruppe Id wird afrs. a durch einfluss 
des gutturalen / zu o gedunkelt. Sodann tritt dehnung zu ö 
ein: halda, ald, kald — wg. hol, 61, köl. 

2. In gewissen präteritis der III. ablautsreihe erleidet 
germ. a vor der consonantgruppe nd dunkelung und dehnung 
zu ü: band, fand — wg. bün, fÜn. 

II. Saterländisch. 

Das afrs. a bleibt in der regel im stL erhalten : falla — 
stl. falle. In gewissen fällen erleidet es modificationen: 

' In den modernen ostfrs. dialecten werden fast alle kurzen 
vocale, wenn sie in offener silbe oder unmittelbar vor conso- 
nantverbindungen stehen, deren erster component ein nasal oder 
eine liquida ist, gedehnt.' 

a) Das afrs. a erleidet dehnung zu ä: 

1. In offener silbe: afrs. maga -der magen, %t\.mäge\ afrs. 
fara, stl. fdre. 

2. Vor den consonantverbindungen: h + consonant, Id, lt f 
ls, nd. Hierbei ist zu bemerken, dass ä vor Id und nd zu 6 

Beitrügt» zur geschieht« der deutschen spräche. XI. * |7 



254 SIEBS 

gedunkelt wird, achta acht, stl. ächte] sax =«= *s<ths da* mfesser, 
wg. Mia;, stl. s&x\ halda, stl. Äflfcte; fand, st). /Stttf; tote der hals 

Stl. Ädfc. 

b) a wird zu gedunkelt: 

1. durch einfluss eines folgenden nasals, falls nicht ein t 
in folgender silbe stand: band, fand — stl. band, find] aber afrs. 
manniska, stl. mänske\ 

2. durch einfluss eines w-lautes: Aa//*halb, stl. holwen; 

3. vor Id: kald, stl. köld. 

Anm. Innerhalb des gebietes der stl. spräche lassen sich droi 
mnndarten unterscheiden: die Striic klinger, Scharreier und Ramsloher. 
Für die letztgenannte ist die ausspräche des ä bezeichnend, welches 
nach seiner phonetischen geltnng durch <V zu fixieren wäre: afrs. 
achta, stl. ächte (Ramsloh: (Tchte). 

§ 2. a. 

L Wangeroogisch. 
Die regelmässige Vertretung des afrs. ä im wg. ist 6, wel- 
ches dem ü nahe liegt; meist lässt es, wol durch einfluss des 
geschliffenen accentes, den nachklang eines e oder u hören: 
afrs. däth der tod, wg. döeth\ ausnahmen sind sehr selten: 
afrs. fldsk fleisch, wg. flask\ thä die, wg. da. 
II. Saterländisch. 
Im stl wird afrs. ä regelmässig zu 6: afrs. pdvs der papst, 
stl. pöpst; äge das äuge, stl. öch. Ausnahmen: 

1. Vor doppelconsonanz, deren erster component ein * ist, 
wird d zu a gekdrzt: afrs. trdst der trost, stl. trast\ kläster das 
kloster, stl. Master] fldsk das fleisch, stl. flask. 

2. Einzelne (wenige) Wörter, wie afrs. hdved das haupt, 
stl. hoft ; sätha das rasenstttck, stl. sä* de. 

§ 3. e. 
I. Wangeroogisch. 

1. Das afrs. e, welches einem gerra. e entspricht, hat seine 
regelmässige Vertretung in wg. t. Dasselbe entspricht phone- 
tisch dem e im englischen worte pretty. helpa helfen, wg. Mjp; 
breka brechen, wg. brik. Afrs. e aber hat sich erhalten vor 
r + consonant; war letzterer ein tönender laut, so wurde e m 
e gedehnt: bersta bersten, wg. berst\ kerl, wg. sßi (= fl'Ä); 
strerd das seh wert, wg. stvid. 

2. Afrs. e = germ. a ist im wg. durch e vertreten, dessen 



ALTFR1ESISCHEB VOCALISMUS. 255 

Aussprache derjenigen des e in nhd. 'kennen' entspricht. Afrs. 

stef der stab, wg. stefi setta setzen, wg. set. 

Dieses e wird vor r + consonant und vor nd, vermöge 

des geschliffenen accentes, zu i gedehnt: afrs. erm arm, wg. 

erm; senda senden, wg. sende. 

Anm. Einige fälle in denen t statt eines su erwartenden e er- 
scheint, erklären sieh durch speciellen Vorgang des Rüstringer dialects 
oder als analogiebildungen: irthe die erde R, wg. \rth\ küle die hölleR, 
wg. hiü\ afrs. degar die tage, wg. diggc, nach dem nominativ singularis 
dt. — Einige Wörter endlich, In denen a oder 6 als Vertreter des afrs. 
e erscheint, sind als einführungen ans dem sächsischen zu betrachten: 
afrs. ekker der acker, wg. acker\ afrs. bifel er befahl, wg. biföl. 

II. Saterländisch. 

1. Das afrs. e = germ. e ist im stl. erhalten, nur wird es 
in offener silbe und vor gewissen consonantverbindungen (Id, 
rg) zu e gedehnt. Die ausspräche ist eine geschlossene. Afrs. 
helpa, stl. helpe; besma der besen, stl. besem\ ield das geld, 
stl jeld; berg, stl. birg. 

2. Dieselbe behandlung hat das aus einem germ. u ent- 
standene afrs. e erfahren: afrs. gerdel der gttrtel, stl. gerdel\ 
sieten geschlossen, stl. sleten\ skelde die schuld, stl. sgSlde. 

3. Afrs. e = germ. a ist im stl. erhalten, doch in offener 
silbe und vor gewissen consonantverbindungen {nd, rm) er- 
scheint es gedehnt als e. Die ausspräche des stl. e ist die- 
selbe wie diejenige des ags.üt, seine dehnung lautet a. Afrs. 
skerp scharf, stl. skärp; afrs. beteria bessern, stl. baterje\ afrs. 
ende das ende, stL ande. 

§ 4. & 

I. Wangeroogisch. 

1. Das afrs. e = germ. e 2 ist im wg. durch e vertreten, 
welches phonetisch als ff zu bezeichnen ist Das nachklingende 
i verschwindet vor r: afrs. slepa schlafen, wg.sleip; afrs.>£r 
das jähr, wg. jer. Einige wenige ausnahmen erklären sich 
durch einfluss des sächsischen idioms, z. b. afrs. dede die tat, 
wg. dä\ 

2. Das afrs. £ = germ. ai sowie das afrs. umlauts-£ haben 
im wg. dieselbe Vertretung wie das germ. S 2 : afrs. dSl der teil, 
wg. deil] afrs. hera hören, wg. her; afrs. hede die haut, wg. hSid. 
Ausnahmen werden bewirkt: 

17* 



256 SIEBS 

a) durch einfluss des plattdeutschen: afrs. dSpa taufen, wg. 
äopt\ afrs. nid die not, wg. nöd\ 

b) einige Wörter, welche im afrs. i = germ. eu zeigen, das 
man geneigt ist durch t-umlaut zu erklären (vgl. § IV, 3e; 
§ XII anm.), haben im wangeroogischen die unumgelautete form. 
Wir dürfen in diesen fällen wol für das afrs. eine doppelform 
ansetzen, wie sie in Hriadi neben Hridi vorliegt: hrem der 
riemen H, *hriom R, wg. riü'm\ stira neben * st iura R, ags. 
steöran und siyran steuern, wg. stfilr, stl. stiü're. 

3. Afrs. i = germ. i l ist im wg. stets durch i vertreten : 
afrs. ging ich ging, wg. ging; afrs. hit, hit hiess, wg. htt. 

II. Saterländisch. 

1. Afrs. e 1. == germ. £ 2 , 2. = germ. ai und 3. afrs. um- 
lauts-l sind im stl. durch i vertreten, welches durch einfluss 
eines folgenden r zu <T wird: afrs. slepa, stl. slepe; hira hören, 
stl. M*re; hera der herr, stl. hiCr; bere die bahre, stl. bä*re. 

Ausnahmen wie dö*pc, nöd sind wie im wg. so auch im 
stl. durch einfluss des plattdeutschen zu erklären. 

2. Afrs. e = germ. e l ist im stl. durch i vertreten, welches, 
vermutlich nach analogie der reduplicierenden verba, in das 
Präteritum pluralis gewisser verba der IV. und V. ablautsreihe 
eingedrungen ist hit, hit hiess, stl. hit; weron sie waren, 
stl. nArne. 

§5. i. 

I. Wangeroogisch. 

Das afrs. i ist im wg. durch i vertreten, welches in offener 
silbe und vor gewissen conso n an t Verbindungen (nd, id, rt) zu 
t gedehnt wird: afrs. fisk der fisch, wg. fisk; afrs. nima, nema 
nehmen, wg. nimme; hirth der lierd, wg. hirt; livere die leber, wg. 
Hver; binda binden, wg. bin] wilde wild, wg. wU. Ausnahmen 
werden bewirkt: 

1. Durch einfluss des sächsischen idioms: afrs. hirle das 
herz, wg. hart. 

2. Afrs. t = germ. u ist, seiner ausspräche gemäss, dureh 
ö oder ü vertreten (vgl. § III, ausspr., pag. 226): afrs. sende 
die sttnde, wg. sün; afrs. kining der könig, wg. koning. 

II. Saterländisch. 

1. Afrs. i = germ. / ist im stl. durch i vertreten; es er- 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 257 

scheint gedehnt als i in denselben fällen wie im wg.: afrs. thing 
das ding, stL ding\ afrs. bmda, stl. binde. 

2. Afrs. i = germ. e ist im stl. erhalten, wo der Emsiger 
dialect ein i zeigte. För die dehmung gelten dieselben regeln 
wie für das dem germ. i entsprechende stl. i: afrs. sine die sehne, 
stl. sine. 

3. Afrs. j = germ. u ist im stl. durch e oder ü vertreten: 
afrs. sende, stl. sende; afrs. kining, stl. künich. 

§6. i. 

I. Wangeroogisch. 

Die entsprechung des afrs. i im wg. ist durchgehends t: 

afrs. bita beissen, stl. bitte, wg. Ut; gripa greifen, wg. grip] 

hir hier, wg. hir; fif fünf, wg. /?/*; m neu, wg. ro. 

Anm. Afrs. i in Verbindung mit folgendem a ist im wg. mit dem 
diphthong ia zusammengefallen: afrs. tian zehn, wg. tiö'n (vgl. § 12,2). 

IL Saterländisch. 
Die entsprechung des afrs. i im stl. ist durchgehends t; 
afrs. driva treiben, stl. driwe; afrs. tid die zeit, stl. tid\ afrs. smthe 
sehr, stl. srvit] ausnahmen: 

1. Das contractions-t des afrs. ist im stl. zu e geworden, 
wenn es in offener silbe stand: afrs. fri frei, stl. fri\ afrs.«a 
nähen, stl. sie. 

2. Wie im wg. ist im stl. t mit folgendem a wie der 
diphthong ia behandelt worden: afrs. tian, stL tjdn. 

§7.0. 

I. Wangeroogisch. 

1. Afrs. o = germ. o ist im wg. durch o vertreten. Das- 
selbe wird in offener silbe und vor gewissen consonantver- 
bindungen (rd, rn, rt, Id) zu ö gedehnt Die ausspräche des 
o ist eine geschlossene und neigt sich derjenigen des u zu. 
Afrs. word das wort, wg. wöd\ hörn das hörn, wg. hön; gold, wg. 
gbl\ north der norden, wg. nörd. 

Die einzige ausnähme bildet das wort l mSn der morgen', 
welches im afrs. nur durch die form morn W belegt ist Ver- 
mutlich ist für die ostfrs. dialecte ein afrs. *mern = got maür- 
gins anzusetzen, indem germ. u durch t-umlaut zu e geworden 
ist (vgl. § III, 3), während das westfrs. die unumgelautete form 



258 SIEBS 

beibehielt So erklären sich leicht das wg. min und stl 
meddn. 

2. Afrs. o = germ. a ist im wg. dureh o (gesprochen &) 
vertreten, welches vor der consonantverbindung nd zu 6 ge- 
dehnt wird. Dieses ö wird wie dasjenige mancher plattdeut- 
schen dialecte dem au ähnlich gesprochen. Afrs. stonda stehen, 
wg. sidwi] afrs. hoiid die hand, wg. hdun, Cad. haukn\ afrs. lond 
das land, wg. Idun. 

Die wenigen ausnahmen, in denen statt des o ein a er- 
scheint, erklären sich wol durch einfluss des plattdeutschen, 
z. b. braut, lang. 

IL Saterländisch. 
Dem afrs. o entspricht ein stl. o, welches sich in seiner 
ausspräche dem u nähert In offener silbe und vor gewissen 
consonantverbindungen (Id, lg, lk; rd, rt, rk\ nd) wird das o 
zu ö gedehnt Airs, thoni der dorn, stl. todchv, fdk das Volk, 
stl. folk\ boda der böte, stl. böde\ borga der bürge, stl. bdrge; 
brond der brand, stl. brönd; sang der gesang, stl. sang. Ueber 
das wort meddn der morgen, vgl. 1, 1. 

§ 8. 6. 
I. Wangeroogisch. 
Die regelmässige Vertretung des afrs. 6 ist ein wg. 6, dessen 
ausspräche eine geschlossene, dem ü zuneigende ist Man 
könnte das wg. ö in der schriftlichen darstellung durch 6u, ja 
auch durch au widergeben; letzteres namentlich bei geschliffenem 
ton, wie er durch die consonantverbindung nd bewirkt wird: 
afrs. blöd das blut, wg. blöd; slög ich schlug, wg. slöug; öther 
anderer, wg. 6r\ ose dachtraufe, vgl. wg. dsing; nömon nahmen, 
wg. näumen\ ömma der atem, wg. dm. 

IL Saterländisch. 
Im stl. ist das afrs. 6 ebenfalls durchgehends durch d ver- 
treten, welches, seiner ausspräche gemäss, durch 6u fixiert 
werden könnte: afrs. mbd der mut, stl. mbd\ bröhta ich brachte^ 
stl. brdchte; ortöf Urlaub, stl. urlöw, Öse die dachtraufe, stL 6use; 
mönath, stl. möund, 

§ 9. u. 
I. Wangeroogisch. 
Das afrs. u ist im wg. durch u vertreten, dessen ausspräche 



ALTFRIESISCHER VOCALISMÜS. 259 

dem nhd. u in 'bürg' gleichkommt. In offener silbe und vor 
gewissen consonantverbindungen (nd, mb) erleidet es dehnung 
zu ü. Afrs. burch die bürg, wg. bürg; tunge die zunge, wg. tung; 
gunga gehen, wg. gwig; kund der hund, wg. Mm, Cad. kühn; 
tkura dürfen, wg. dür, thür; umbe um, wg. um. 

II. Saterlftndisch. 
Im stL haben wir durchgehende dieselbe Vertretung wie im 
wg. Afrs. Hunger, stl. Jmnger; thura, stl. düre\ bunden gebunden, 
stl. bünden) umbe um, stl. um. 

§ 10. ö. 

I. Wangeroogisch. 

Die consequente Vertretung des afrs. ü ist wg. ü } dessen 
ausspräche derjenigen des u in nhd. huhn gleichkommt Afrs. 
brüka gebrauchen, wg. brük; afrs. ür (— over, ovir) über, wg. ür; 
afrs. süther südlich, wg. süth — afrs. *sülh der Süden. Afrs. 
küde ich konnte neben * künde zeigt auffälligerweise im wg. 
eine andere bildung als im stl. Wg. kün, stl. küde. 

II. Saterländisch. 

Im stl. haben wir durchgehends dieselben entsprechungen 
wie im wg. brüka, stl. brüke\ ür, stl. ür; *$üth, stL süde. 

§ 11. ei (ai). 

L Wangeroogisch. 

1. Afrs. ei (ai) = germ. ai ist in den wenigen Allen, in 
denen es vorliegt, erhalten: afrs. keyser, wg. keiser, Cad. 
Keyser. 

2. Das afrs. ei, welches nur graphischer unterschied von 
e (gesprochen P) ist, und das afrs. ei, welches aus 6 + i com- 
poniert ist, sind im wg. durch ii vertreten: Afrs. breid die braut, 
wg. briid; feithe die fehde, Cad. fehde, wg. ftide. 

3. Wo das afrs. ai zeigt, welches dem germ. ag entspricht, 
ist dieses ai im wg. erhalten; dem afrs. ei, welches häufig, 

. namentlich im rüstringer dialecte, durch t vertreten ist, ent- 
spricht ein wg. i: afrs. wain neben wein der wagen, wg. wain; 
afrs. slain neben slein geschlagen, wg. slain; afrs. dei, di der 
tag, wg. dl 

Anm. Das wort L enda R, einde W erscheint im wg. als ein. 
Dieses ii ist wol als fixierung einer dem ei zuneigenden ausspräche 



260 SIEBS 

des t zu erklären, welches durch dehnung vor der consonantgruppe 
nd aus e entstanden ist. 

IL Saterländisch. 

1 . Afrs. ei (ai) — germ. ai ist im stl. erhalten : afrs. keyser, 
stl. keiser] weigarja, stl. wcigerje. 

2. Afrs. ei = e und afrs. ei = e + i sind im stl. durch ei 
vertreten, wie auch im wg.: breid die braut, sti.breid. 

3. Dem afrs. ai, welches aus ag entstanden ist, entspricht 

im stL aj\ in offener silbe ist das a gedehnt worden: afrs. wobt, 

stL tv&jen; afrs. slairi, stl. sldjen. Dem afrs. ei = eg entspricht 

durcbgehends stl. ei (gesprochen äi): dei, di der tag, stL dei] 

mei, m ich mag, stl. mei. Das i = j hat seinen spirantischen 

character in diesem falle nicht völlig eingebüsst. 

Anm. Sehr auffällig ist die entsprechung des afrs. ei das schaf 
W durch stl. d, wg. }. Ich glaube diesen fall folgendennassen erklären 
zu müssen. Die urgerm. form war *awi, am. Dieselbe ergab ein urfrs, 
*äi, und dieses erscheint im nordfrs. als ai, im westfra. mit gewöhn- 
licher Vertretung des ai durch ei (vgl. wein, warn) als eu Im ostfrs. 
erhielt sich *äi, welches im stl. *d*e, geschrieben 6, ergab. Speciell 
im Büstringer dialecte trat für ai ein ei ein, welches im wg. zu I wurde, 

§ 12. iu (io), ia. 
L Wangeroogiöch. 

1. Dem afrs. iu = germ. e entspricht ein wg. iü, denn es 
ist accentwechsel eingetreten : afrs. riucht recht, wg. riucht. 

2. Dem afrs. ia entspricht ein wg. id: afrs. liacht das lieht, 
wg. liacht, Cad. liacht. Das ia wurde in der regel in offener 
silbe, also in den meisten fällen, zu id, welches, analog der 
Vertretung des germ. eu durch anord. jö, jü, accentwechsel er- 
litten hat : afrs. giata giessen, wg. jöt. Dieses id nähert sich in 
der ausspräche dem iü, mit welchem es bisweilen wechselt. 

Wie der diphthong ia wird auch das aus contractions-i -+- a 
entstandene ia behandelt: afrs. tian zehn, wg. Hon (vgl. §6, Lanm.) 

Anm. In einigen wenigen Wörtern ist ia vermutlich zu i con- 
trahiert worden, z. b. dlf (vgl. § XII anm.). 

3. Afrs. tu, io sind im wg. durch iü vertreten, das aber in 
offener silbe und vor gewissen consonanten zu iü' geworden 
ist: Afrs. fliucht er fliegt, wg. fliücht; afrs. fior, fiur das feuer, 
wg./f^V; afrs. stiura steuern, wg.stjür; die wenigen ausnahmen,' 



ALTFRIESISCHER VOCALISMUS. 261 

z. b. afrs. montich, wg. nitgentich erklären sich durch einwirkung 
des plattdeutschen. 

II. Saterländisch. 

Afrs. io und iu sind im stl. durch tu vertreten, welches in 
denselben fällen wie im wg. zu iü gedehnt wurde; auch im 
stl. ist der accentwechsel durchgeführt: afrs. fliucht, stl. flvücht\ 
afrs. fiar, fiur das feuer, stl. fjür\ afrs. linde, liode die leute, stl. 
Ijüde. Die ausspräche des iü' kommt derjenigen des iT nahe, 
mit dem es bisweilen wechselt: afrs. krioze das kreuz, stl. kriü's 
neben krifs. 

2. Afrs. ia hat im stl. dieselben entsprechungen wie im 
wg.: afrs. skiata schiessen, stl. skiö'te] tia ziehen, stl. tß\ tian 
zehn, stl. tjdn; thiaf der dieb, stl. def (vgl § XII anm.). 

BREMEN, den 9. märz 1885. TH. SIEBS. 



GERMANISCHES £. 

«Nachdem wir s. 1 — 76 die lautgesetzliche entwicklung 
des idg. e in den ältesten germanischen sprachen verfolgt haben, 
gehen wir dazu über die frage zu beantworten: Was l&sst sich 
aus dem germanischen für die Stellung und entwicklung des 2 
innerhalb des indogermanischen vocalismus schliessen? Zu- 
nächst besprechen wir den ablaut c — ö. 

n. 

DER IDG. ABLAUT E - — A IM GERMANISCHEN. 

Unter ' ablaut' pflegt man zwei ihrer art nach ganz ver- 
schiedene erscheinungen zusammenzufassen. Man versteht unter 
dieser bezeichnung sowol den vocalwechsel zweier einander 
sonst gleicher silben (lelx-co : Xi-kout-a) als auch das Ver- 
hältnis von sonant in der einen und fehlen dieses sonanten in 
der anderen silbe (Xelx-w : t-ktjt-ov). Natürlich haben diese 
beiden erscheinungen im gründe nichts mit einander zu ton. 
Der durch accentcntziehuug bewirkte schwund eines sonanten 
ist wol in allen sprachen bekannt und phonetisch leicht be- 
greiflich. Aber der vocalwechsel, wie er in ZeUco : Xiloixa 
vorliegt, ist hinsichtlich seiner entstehung einer vorindogerma- 
nischen sprachperiode zuzuweisen und widerholt sich in ähn- 
licher weise in keiner bekannten spräche. Indem ich nur auf 
diesen vocalwechsel den namen 'ablaut' beschränke, darf ich 
behaupten, dass sich vielleicht alle idg. ablautsreihen auf die 
i-0-reibe zurückführen lassen. Denn der Wechsel von di und i 
(cu&co — l&aQoc), dr und r {pars — portio), dg und g (djmanr 
— jmdn-) u. s. w. ist auszuschliessen, weil hier die betonte silbe 
keine vocal Veränderung aufweist; desgleichen bleibt der Wechsel 



BREMER, GERMANISCHES E. 263 

von ä und a (Vczäfii : örarog) unberücksichtigt, weil auch hier in 
der betonten sflbe kein vocalwechsel stattfindet, sondern das ä 
eonstant ist, welches bei eintretender tonlosigkeit eben nur ver- 
kürzt wird 1 ); dasselbe wird von dem vocal Wechsel ö — o 
(oöcoöa — ogc», ßdi — fodio) zu gelten haben, falls es einen 
solchen überhaupt im idg. gegeben hat; auch in den vereinzel- 
ten fällen eines wechseis von ö mit a (öldtofu — ödvog) scheint 
a nur der unbetonten silbe zuzukommen; ausserdem fällt ausser« 
halb unserer betrachtung das Verhältnis von ei : i (sphrfyati 

— sphitd-), l?i : % (jcijtcoxa — Jtld-i), ai& : ü (&HXioq — suvnr 
< idg. *sauel-, *stil-), $ : 1 (sitm — sfmus) u. dgl. Anders 
steht es mit dem Wechsel von a und o (avilla — ovis), von 3 
und ö (g>ä(il — pann}). Allein ich vermag diesen ablaut noch 
nicht für das idg. als sicher erwiesen anzusehen. Von dem 
neben > — o vorkommenden e und ö (abg. rekq — reka — lit 
roke) sehe ich hier ganz ab. Ich behandle diese fälle später 
im zusammenhange. So bleibt nur der ablaut e — ö (QTJYWfii 

— BQQooya) übrig, dessen Zugehörigkeit zur e-o-reihe die folgende 
auseinandersetzung dartun soll. 

Die e-0-reihe erscheint in verschiedener gestalt je nach 
der lautlichen Umgebung des e-o. In den meisten fällen haben 
wir es mit diphthongen zu tun: ix, in, er, il, im, in, zuweilen 
auch in umgekehrter Stellung ii, ui, ri, li, mi, ni. Hervor- 
gegangen sind diese diphthonge aus der Verschmelzung je 
zweier sonanten, also ei aus e + i 2 ), ef aus e + r u. s. w. Die 



*) Analog der im folgenden zu begründenden auffassung der reihe 
c — ö ^=z e a — o a Hesse sich der Wechsel von ä mit a als a a — a auf- 

0* 0h 0h 

fassen, so dass für eine uridg. sprachperiode das gesetz gälte, dass 
accententziehung einer silbe den schwand ihres sonanten zur folge hätte. 
*) Ich bezeichne der grösseren deutlichkeit halber, wenn es darauf 
ankommt, die sonantische und die consonantische geltung eines lautes 
einander gegenüber zu stellen, jeden sonanten durch , jeden conso- 
nanten durch _. Man sollte überhaupt diakritische zeichen nur da an- 
wenden, wo es sich um diejenige lautliche Verschiedenheit bandelt, 
welche man durch jene zeichen darstellt. Sonst erschweren die dia- 
kritischen zeichen nur das lesen. Es genügt z. b. idg. *de'km zu schrei- 
ben, weil man das m in dieser Stellung so wie so nur als sonant lesen 
kann. Ebenso empfiehlt sich die Schreibung idg. *evm, *sre'ueti, *rftrtf , 
*duud, *mrrtä u. s. w., hingegen in zweideutigen fällen z. b. *dtfyu t 
*iiiti, *b c iröint, *gmieti. 



264 BREMER 

sache erscheint auf den ersten blick sehr natürlich und fast 
selbstverständlich, ist dies aber keineswegs. Es ist vielmehr 
ein allgemeines urindogermanisches lautgesetz, dass beim zu- 
sammentritt der sonanten a, e, o mit den sonanten i, u, r, l, 
m, n letztere als consonanten fungieren. Die Wirkung dieses 
gesetzes sehen wir recht deutlich in der e-o-declination. Die 
/ endung des loc. sing, war -i, z. b. idg. *pedi (lat. pedi), *naw 
A,<\lL (väfC), *patiri (naxtQi); vor vocalisch auslautendem stamme 
wurde dieses i zum consonanten, z. b. idg. *ubikei (olxet) < 
*ubike + i, *gmmäi (japa!) < *gmmd + i. Die endung des 
acc sing, war -m, z. b. idg. *naum (lat nävem), *patijm 
(jrar^pa); bei den vocalisch auslautenden stammen wurde dieses 
m zum consonanten, z. b. idg. *ekubm (lat. equum), *ek%iäm (lat 
equam). 1 ) Die reihen ei — oi, er — or u. s. w. sind also tat- 
sächlich reine 1-0-reihen; hier folgte eben auf das e, o'ein i,r 
u. s. w., wie bei anderen stammen ein consonant folgte; die 
stamme mit e + consonant blieben unverändert: die mit e +> i, 

o 

u, r, l, m, n unterlagen dem. genannten lautgcsetze.*) 

Eine ganz abweichende gestalt musste die *-o-reihe an- 
nehmen, wenn andere sonanten als jene dem den silbenaccent 
tragenden e, folgten, nämlich a, e, 0. Osthoff, Morph, unters. 
II, s. 113 — 126 hat für die uridg. vocalcontractionen das ge- 
setz erwiesen: beim zusammentritt zweier von den vocalen a, 
e, 'siegt allemal die qualität des ersteren der beiden m- 
sammenfliessenden vocale.' Also aus a + a, a + e 9 a + o wurde 
3; aus e + a, e + e y e + wurde e; aus + a, + e } + 
wurde ff. 3 ) Das von Osthoff a. a. 0. beigebrachte material lftsst 



*) Dass von -m und nicht von -m als endung auszugehen ist, er- 
gibt die proportion *paterm : *ueiköm = *pateri : *udike'i. 

*) Es ist sehr wol glaublich, dass die tiefstufe das alte 1, u, r, l, m, n 

000000 

erhalten hat. Osthoff, Morphol. unters. IV nimmt die reihenfolge <t^»Q 
^1^1 an. Man kann aber auch denken, dass ei bei accententziehung 
den sonanten verlor, so dass i blieb und später erst ei zw ei wurde; 
1 neben ¥ könnte auch secundar sein, oder man könnte von einem Ü 
ausgehen; vgl. s. 267. 

s ) Wenigstens gilt dies gesetz für den fall, dass der erstere voeal 
betont war; bei betonung des zweiten vocale entscheidet sich Qsthofi, 
Zur gesch. des perf., s. 123 f. für die umgekehrte contraction, alsVo:^.*, 
oä^-a u. s. w. Man fasst das idg. contraction sgesetz also besser, wenn 
man sagt: es siegte die qualität des betonten vocals. 



GERMANISCHES E. 265 

sich für die entstehung des e noch vermehren. Idg. e musste 
sich noch in folgenden fällen ergeben: 

1. Aus e + a. Dieser fall trat bei den augmenttemporibus 
der mit a anlautenden verben ein (vgl. Osthoff s. 123); z. b. 
griech. fptov < idg. *ekbm < *4akbm l ) < *S-äkbm. Ferner 
erscheint e < i + a, mit ö < b + a je nach den aecentver- 
hältnissen wechselnd (vgl. s. 35 — 39), in der flexion der e-o- 
stämnie. Die endung des dat sing, -ai haben die consonan- 
tischen stamme bewahrt, z. b. idg. *patrdi (ai. pitre), *uidminai 
(ved. vidmäne, gr. Idpevai); in der i-o-declination lautete dieser 
casus auf -ei oder -tfi aus; ei weisbar ist in diesem falle nur 
die form auf -ö'i, z. b. idg. *dkuöU (gr. Xxnq>)\ wegen der an- 
nähme eines -ei vgl. s. 50. Der instrumental sing, endete bei 
den consonantischen tatämmen auf -a (vgl. Osthoff, Zur gesch. 
des perf. s. 572 — 577), z. b. idg. *prrä (gr.jiaQa), *p?dd (gr. 
jtsöd); bei den auf -e-o auslautenden stammen entstanden 
durch contraction mit diesem -a die ausgänge -e und -ö (vgl. 
s. 35 f.), z. b. idg. *qe (got. h/i\ *mbdö y (lat. modo). In derselben 
weise wird die endung des ablativ sing, auf -ed, -od, z. b. 
idg. *rdkted (falisk. rected), *ikutid (lat. equö(d)) in -i + ad, 
-b + ad zu zerlegen sein. 

2. Aus e + e in den augmenttemporibus der mit e an- 
lautenden verben (vgl. Osthoff, Morph, unters. II, 123 und Zur 



*) Ich sehe in a ein con semantisch fungierendes a, ganz genau j und 
u entsprechend. Wir haben diesen laut z. b. vielfach im französischen 
oi, alemannischen ua> ahd. ea, ia, afries. ia, lit. (, h (Schleicher, Lit. gramm. 
§ 5, 5. 9). Mit Möller, Beitr. VII, 492 anm.*) einen besonderen gutturalen 
verschlusslaut = semitisch älef anzunehmen liegt gar kein grund vor. 
Es ist das ein pnnkt, über den sich nicht streiten lässt. Es ist ja gar 
nicht unmöglich, wenn auch unwahrscheinlich (vgl. s. 267 f.), dass in einer 
ganz frühen idg. sprachperiode wirklich ein solcher laut gesprochen 
wurde nnd sich ans diesem später ein a entwickelt hat; aber erweisen 
lässt sich das nicht, und es erscheint mir nutzlos solche luftschlösser 
aufzubauen, zu denen keine feste brücke vom boden der tatsachen aus 
führt. Wir können über die letzte sprachstufe vor der idg. Völker- 
trennung hinaus nur sehr wenig in das wesen der idg. grundsprache 
eindringen, und wir müssen es mit grösster vorsieht tun. So wenig wie 
man bei der betrachtung einer einzelnen idg. spräche über diejenige 
stufe hinauskommen kann, in welcher sich die verschiedenen mundarten 
der betreffenden spräche vereinigen, so wenig bietet uns die idg. spräche 
selbst ein sicheres mittel den Schleier ihrer Vorgeschichte zu lüften. 



266 BREMER 

gesch. des perf. 8. 122 — 124, 151 f.), z. b. idg. */m (ai. j"«») 
< *i t fsm < *i-ism, *eim (ai. ayam) < *e,#(ro < *i-Sim. 

3. Aus <? + o. Die endung des gen. plur. war ursprüng- 
lich -om Dach Osthoff, Morph, unters. I, 207—232, z. b. idg. 
*p9dbm (\&Lpedum), *patrbm (lat patrum); in der e-o-dedina- 
tion entstanden die endungen -em und -öm (vgl. s. 37), %. h. 
idg. *ulq?m (got t>u//2), *ikudm (gr. &wrcoi>). Ob * aus e + o im 
sing. perf. der mit £ anlautenden verben entstand, ist zweifel- 
haft; Tgl. Brugman, Morph, unters. IV, 411 f. und Osthoflj Zur 
gesch. des perf., s. 123 f., 139 f. 

Es ergibt sich also aus den erkennbaren contractions- 
gesetzen, deren Wirkung in der letzten epoche der idg. spräche, 
d. h. unmittelbar vor der Völkertrennung, bereits l&ngst ab- 
geschlossen war, die möglichkeit, die ablautsreihe e-ö auf die 
e-o-reihe zurückzuführen, indem wir in den langen vocalen die 
summe jenes e, o und desjenigen vocals sehen, welcher in der 
tiefstufe neben betontem e, tf auftritt Wir können von den 
theoretischen reihen e-ö < ee-oe und eo-oo absehen; denn die- 
selben sind nicht als idg. erweisbar. 1 ) Es bleibt also nur die 
ablautsreihe e-o mit der tiefstufe o. Ich halte die zurück- 
führung dieser reihe auf uridg. ea-ba nicht nur für möglieh 
sondern für unabweislich. Stellen wir dem Verhältnis von 
Xebico : XiXoixa : sXuiov das Verhältnis QT(yw[ii : iQQarfU : 
hQQcc/rjv gegenüber, so müssen wir als componenten des vocals 

*) Dem neusten versuche von Fick, Bezzenberger's beitr. IX, 313— 317 
für ursprünglich auslautendes z, ö ein tiefstufiges e, o als idg. su er- 
weisen kann ich nicht beistimmen. Die angeführten fälle erklären sieh 
anders. Griech. hxoq : fy/xi, öoxoq : öidw/xt müssen gegenüber lat iatus, 
datus unursprünglich sein und ihr e, o einer qualitativen angleiohu&f 
an das tj, w verdanken nach dem vorbilde von atatog : %axäpu\ das 
griechische selbst bat noch in einzelnen aus dem verbalsystem heraus« 
getretenen Wörtern das alte er bewahrt, vgl. z. b. öavoq gegenüber <foroc* 
Hinsichtlich der unursprünglichkeit des s, o in formen wie aeioi, 6Mwu 
u. s. w. ist auf Brugman, Morph, unters. 1, 32 f. und Griech. gramm. § 26 
zu verweisen. Auch das von Fick a. a. o. als idg. aufgestellte geaafes: 
'ursprünglich auslautende i? und w schwächen sich zu e und o, niebt 
ursprünglich auslautende, sondern (nach der früheren auffassung durah 
metathese) erst aus zweisilbigen formen entstandene und inlautende y 
und io lauten schwach beide zu ä ab' ist kaum aufrecht zu erhalten; 
neben dem von Fick zur enteren kategorie gezählten *sd~ (iV/tu) liegt 
*es- (ai. as-)\ neben *gse- (£r/co'c) liegt *yes- (ßX.ghas-). 



GERMANISCHES E. 267 

-der verbalwurzol mit denselben rechte hier a annehmen wie 
dort i, und wir können mit demselben rechte in dem 17, a> von 
{n}yw{ii, eQQar/a das a von iQpayrjV finden, wie wir dem u, 01 
von Xsljcto, XiXoina das 1 von IXucov entnehmen. Man kann 
einwerfen: In Xehtco steht ja ein 1 da; in Qrjyvvfii ist von 
-einem a nichts zu sehen. Aber das Schriftbild si darf uns 
nicht täuschen. Der Maut in Xelxco ist nicht derselbe wie der 
in eXixov, wenn er auch mit demselben buchstaben geschrieben 
wird. Und doch wird niemand die etymologische identität des 
consonantischen 1 in XeLjhd und des sonantischen 1 in tXuiov 
bestreiten. Lehrt uns oixsi, olxoi gegenüber jcartyi das $ von 
XeIjmd, X&Xouta auf das 1, welches IXutov aufweist, lautgesetz- 
lich zurückzuführen, so lehrt uns xrj-jioxa, jcA-nots gegenüber 
xsöd in gleicher weise das rj y m von jnjypvfu, iQQmya in s, 
o + dem a von iQQapjv aufzulösen. 

Wenn ich so das Verhältnis von idg. a : e : ö demjenigen 
von t ; ei : oi völlig gleichsetze, bin ich eine erklärung darüber 
schuldig, welche entsprechung sich in der i-d-reihe für die tief- 
stufe 1 findet, die neben t in der ii-ot-reihe vorkommt. Wenn 
wir für alle i-o-reihen mit Osthoff eine doppelte tiefstufe an- 
nehmen, müssen wir eine solche auch bei dem ablaute £-0 er- 
warten. Man mag sich das Verhältnis des 1 zum t erklären, 
wie man will, jedenfalls zieht es die annähme eines nebentonig 
tiefstufigen a neben unbetontem a nach «ich. Die richtigkeit 
der Osthoffschen tiefstufentheorie vorausgesetzt, stellt sich die 
entstehung der tiefetufe a < a < aß < ea ebenso dar wie 
i < 1 < ii < ei. Ich möchte bemerken, was ich bereits s. 264 
anm. 2 ) andeutete, dass dies nicht die einzig mögliche auffassung 
ist Setzt man die entstehung der durch accententziehung be- 
wirkten vocalschwächnng in eine zeit, zu welcher man ei, ea 
noch zweisilbig sprach, so bedarf der schwund des sonanten 
keiner besonderen erklärung; später könnte i und a unter be- 
stimmten bedingungen gedehnt worden sein. Falls die längen 
aber ursprünglicher sind als die kürzen, so liegt es recht nahe 
ei, e nicht e + i, e + a sondern in e + 1, e + a aufzulösen. 
Die rnöglichkeit einer solchen Zerlegung lässt sich lautgesetz- 
lich dartun: So ist z. b. i aus 1 im optativ entstanden; vgl. idg. 
*siet (titj), *ti erbM (g>tQoi) gegenüber *8im£m (lat. smus). Die 



268 BREMER 

Proportion von e + i > ei : e + i > ei = e + a > l : e + ä > x 
ergibt e für x, also die möglichkeit einer auflösung von 2 in 
e + ä. Uebrigens ist e aus e + ä vielleicht wirklich in der 
endung des instrumental sing, der t-o-declination entstanden; 
denn es darf wol noch nicht als ausgemacht gelten, dass diesem 
casus ursprünglich nur die endung -a zukam und nicht viel- 
mehr -äT; vgl. z. b. a/iä neben äpa und besonders den arischen 
instrumental. Von welcher seite man also die erklärung der 
doppelten tiefstufe im idg. anfasst, immer drängt sich uns ge- 
bieterisch die forderung auf, diese doppelheit auch in der 
i-d-reihe nachzuweisen. Da ich in der folgenden Zusammen- 
stellung von beispielen für die ä-ö-reibe nur den germanischen 
sprachen gefolgt bin, im germanischen aber idg. 5 und ö zur 
sammengefallen sind, bringe ich hier einige beispiele Ar tief- 
stufiges idg. a aus dem griechischen und lateinischen, da diese 
sprachen den unterschied zwischen altem ä und ö bewahrt 
haben. Es gibt aber auch in den anderen idg. sprachen worte 
genug, deren bildungsweise keinen zweifei darüber lässt, dass 
man es mit der tiefstufe zu tun hat 

Gr. xixdvcD, bei Homer mit langem, bei den Attikern mit 
kurzem a, ist eine tiefstufige n-präsensbildung von \/ *ge > 
xlxmu (s. 272, 2). 

Gr. /iävig < idg. *mänii- gehört mit pdificu < idg. *maidti 
zu / *me (s. 273, 4). 

L&ljanus, janua ist von [/ *ie abgeleitet (s. 277,4). 

Lat. gnärus < idg. *gnäre- liegt \J *gne zu gründe (s. 277,5). 

Lat. näscor < idg. *gnaske(i, nätns < idg. *gnäte-, nätio < 
idg. *gnätii- gehören zu / *gne (s. 277,6). 

Lat fläre, flatus = germ. *blaöa- repräsentieren ein idg« 
H'iaieti, *6late- von \J Hie (s. 278,8). 

Lat clärus < idg. *qiäre-, clämor sind verbalnomina von 
1/ *qie (s. 278, 10). 

Gr. JtXäd-oq neben jrZfj&og (Brugman, Morphol. unters. 
I, 44 f.) scheint ein reflex von idg. *pledfos, *plädfesos zu sein. 

Lat. grätus < idg. * gräte- kommt von \/*g reher (s. 279, 13). 

Lat. st rät us < idg. * straf 4-, strömen < idg. *strcmUn- sind 
auf |/ *stre zurückzuführen (s. 280, 18). 

Lat. lübi neben läbäre gehört wahrscheinlich zu got. slipan 
(h.283,11) < \&%.*(s)lebÖ, *(s)iäbesi. 



GERMANISCHES E. 269 

Lat flavus = germ. *bleua- (s. 285) scheint auf eine stamm- 
abstufende idg. flexion *6le'ubs, *tiWuesib hinzuweisen. 

Lat. rüvus = germ. *greua~ (s. 285) repräsentiert ein idg. 
*greubs, *grauesib. 

Lat materies ist zu metior zu stellen. 

Altlatein, caiim vertritt die unbetonte, cäfigo, ccUtgäre die 
nebentonige tiefstufe zu celäre. 

Gr. fiaxwv = abg. maku lässt im verein mit ahd. mdgo, 
mhd. mähen ein idg. *meqö(ri), *maqenb$ 'mohn' erschliessen. 

Gr. xäQog stellt sich zu lat. cera. 

Lat. räpa, griech. Qcuivq weisen die tiefstufe auf zu 
abg. repa. 

Soviel im allgemeinen Aber die ablautsreihe e-ö-it. Selbst- 
verständlich erfordert nicht jeder ablaut e-ö die tiefstufe a, 
da nicht jedes e aus e + a entstanden ist Das e, welches, 
mit ö ablautend, in der *-ö-reihe erscheint — ich meine fälle 
wie abg. rekq : reka, lit. roke oder lit. stebiü'-s : stebiü'-s, stöbas — , 
ist im zusammenhange mit der 1-0-reihe zu behandeln. Nur 
scheinbar gehören zur reihe e-ö-a einige wenige verben — 
das einzige sichere beispiel ist idg. ]/ *dte — , welche als 
tiefstufe zwar a aufweisen, daneben aber statt des zu erwar- 
tenden ä vocallosigkeit haben, ersteres natürlich als die neben- 
tonige, letzteres als unbetonte tiefstufe; vgl. Osthoff, Morph, 
unters. IV, Xu f. Vocallosigkeit als dritte tiefstufenform ist 
neben a eben so wenig denkbar wie neben f oder u. Die fälle 
sind also gänzlich zu trennen. Das e wird hier ursprünglich sein 
und kein contractionsproduct aus e und a, ist daher bei accent- 
entziehung einfach ausgefallen wie z. b. in idg. *sxmim (lat. sTmiis) 
gegenüber siem (griech. dtjv)\ das nebentonig tiefstufige a mag 
einzelsprachlicher Vertreter von idg. 9 sein. Es ist leicht be- 
greiflich, dass die Übereinstimmung der beiden e-ö ablautenden 
classen in der betonten silbe vielfach vertauschung der tief- 
stufen zur folge hatte, schon im idg. selbst, so dass sich mit 
Sicherheit gar nicht erkennen lässt, welcher classe ein verbum 
angehörte. Ich vermute — und ich nähere mich hiermit wider 
der 8. 266, anm. bekämpften ansieht Fick's — , dass ursprüng- 
lich diejenigen auf -e auslautenden verbalwurzeln e-ö-9 ab- 
lauteten, welche in keiner bezieh ung zu dem von Brugman, 
Morph, unters. I, 1 ff. besprochenen verbalsuffix ä stehen, dass 

Beiträge cur geschiente der deutschen tprache. XI. 18 



- ,-k ** 



270 BREMER 

dagegen allen verben letzterer art, denen ein nach früherer 
auffassung ohne nietathesis gebildeter verbalstamm zur ßeite 
steht, die tiefstufe a zukommt. Dann wäre also z. b. von 
y *se (neben y *es) wol ein verbaladjcctiv *sate- (lat satus) 
lautgesetzlich, aind. stri aber eine idg. analogiebildung; um- 
gekehrt wäre von \Z*ge das homerische xixuvco eine idg. neu- 
bildung, falls das a nicht Stellvertreter von idg. n ist, was die 
germanischen formen (s. 272, 2) nicht gerade wahrscheinlich 
machen. 

Mit dem vorbehalte, dass manche Wörter der reihe e-ö-a 
ursprünglich der reihe e~ö-d angehört haben mögen, gehe ich 
nun dazu über die mir aus dem germanischen bekannten bei- 
spiele des idg. ablautes e-ö-a zusammenzustellen. Ich weise 
darauf hin, dass wir vielfach e statt der zu erwartenden tief- 
stufe finden. Das abweichende aussehen der £-#-reihe musste 
bewirken, dass das Sprachgefühl nicht mehr die Zugehörigkeit 
derselben zu den anderen 1-0-reihen empfand. Während der 
ablaut e~ö selbst an dem parallelen von e-o einen anhält fin- 
den konnte, ging die Zugehörigkeit einer tiefstufe a zu einem 
betonten e, u dem Sprachgefühle verloren, weil der fall zu ver- 
einzelt dastand. Kein wunder, wenn hier viele analogie- 
bildungeu eintraten, in allen idg. sprachen, zum teil vielleicht 
schon im idg. selbst, indem die ^-stufe die tiefstufe zugleich 
mitvertreten musste. Jedoch haben wir noch eine ziemliehe 
anzahl von beispielen, welche die richtige form der tiefstufe 
zeigen; besonders ist dies naturgemäss da der fall, wo Wörter 
aus dem System, dem sie angehören, herausgetreten sind, also 
nicht mehr als zur e-ä-reihe zugehörig empfunden wurden. 

Die wichtigste literatur über den idg. ablaut e-ö mit der 
tiefstufe a ist folgende: Fick, Bezzcnberger's beitr. II, 207 — 213. 
De Saussure, Mtfm. sur le syst, prim., s. 140 — 145, 166 — 170. 
Mahlow, Die langen vocale a, e, o, s. 116 f., 137 — 142. Bezzen- 
berger in seinen beitr. V, 312— 319. Leskien, Der ablaut der 
Wurzelsilben im lit., s. lOSf. (s. 370 f. des IX. bandes der Abb. 
der phil.-hist. cl. der kgl. sächs. gcs. der wissensch.). Fick, 
Bezzenbergcr's beitr. IX, 313 — 317. 



GERMANISCHES E. 271 



I. Stämme, welche auf -e, -ö auslauten. 

Vgl. Leo Meyer, Kuhu's ztschr. VIII, 245— 286 und Brug- 
man, Morph, unters. I, 1 — 91. Ich stelle zur besseren Übersicht 
den einzelnen beispielen die als idg. zu erschliessenden wurzeln 
voran, ohne damit behaupten zu wollen, dass sie wirklich alle 
schon der idg. Ursprache zuzuschreiben sind. 



A. Primäre stamme, welche aus einem consonanten 

+ e-ö bestehen. 

1. Idg. \/ *d*e i hinsetzen, hinlegen, tun' (Leo Meyer, a. a. o. 
s. 275— i281) > ai. dädhämi, gr. rld^jfii, abg. dezdq, dejq, lit. 
dedit, de ml Dies verbum ist dem ostgermanischen verloren ge- 
gangen; im westgerm. entspricht ags. dort, afries. düa, asächs. 
dön, ahd. tuon. Diese iufinitive repräsentieren, wie das ganze 
präsens, die ö-stufe. Mit einem tiefstufigen idg. ä haben wir 
es keinesfalls zu tun. Denn ein solches wäre nur bei einem 
fd-präsens, nicht aber bei einem präsens auf -mi denkbar, das 
wir hier offenbar vor uns haben. Auch eine Verallgemeine- 
rung des schwachen pluralstammes ist germ. [/ *dö schwerlich; 
denn einmal dürfen wir nach ausweis des plurals im alt- 
indischen dies verbum der idg. ablautsreihe e-ö-9 zuzählen; 
dann aber wäre für den plural die unbetonte tiefstufenform a 
zu erwarten, falls der übertritt zur £-#-<f-reihe erfolgt sein 
sollte. Wir haben also mit einem Wechsel von idg. *dfe- und 
*cto- im präsensstamme zu rechnen. Derselben erscheinung 
werden wir in den folgenden beispielen noch vielfach begegnen. 
Ich glaube, die annähme lässt sich nicht von der hand weisen, 
dass die idg. reduplicierten präsentien auf -mi auch im singular eine 
stammabstufende flexion hatten. Ich setze in Übereinstimmung 
mit dem s. 49 entworfenen paradigma *6iro, *tirresi, *tirriti 
als idg. an *<fedfdmi, *{d t d)d < esi, *(<?9)dfeti, *(d K d)d l (m)mes 
u. s. w. Im germ. ist das ö der ersten person verallgemeinert 
worden, im aind. 1 ), griech., balt.-slav. das e der 2. und 3. sg. 



x ) Dass das ai. a an dieser stelle wenigstens teilweise auf s zuriiek- 

18* 



272 BREMER 

Bildungen mit stammhaftem e sind von diesem verbum im 
germ. sonst nur ausserhalb des präsensstammes zu finden und 
zwar in Wörtern, in welchen ein tiefstufiger stamm zu erwarten 
wäre, nämlich in dem verbaladjectiv ags. gedon, afrs. edin, ahd. 
gitän und dem verbalnomen got. gadeds, an. däb, ags. d&d, afre. 
ded, as. däd, ahd. tat. Griech. d-troq, &£oi$ haben tiefstufe wenn 
auch mit unursprünglicher vocalqualität (vgl. &a(ia). Ich wage 
es nicht zu entscheiden, ob die germ. bildungen, welche sich 
in gleicher weise bei den folgenden verben vielfach wider- 
holen, ebenso wie die baltisch-slavischen neubildungen sind 
nach dem e des präsensstammes, oder ob wir nicht vielmehr 
eine Verallgemeinerung des e von den starken formen einer 
stamm abstufenden idg. flexion *dfenbs, *ctanesib bezüglich 
*dtnnesib, *(fetbs, *dfatesib bezügl. *<fdtesib, *d'etis, *cfatSis 
bezüglich * 'dt 91 eis anzuerkennen haben. Von demselben verbum 
zeigt die d-stufe das germ. verbalnomen got. dorn 'urteil', 
an. domr, ags. afrs. as. dorn, ahd. tuom\ es entspricht lautlieh 
genau griech. d-coftog 'häufe'. 

Von dieser wurzel ist die gleichlautende idg. wurzel *efe- 
1 saugen' zu trennen, deren e-stufe durch ahd. täen (= &tfid-cu) y 
deren o-stufe durch got. daddjan (= ai. dhdyati) vertreten ist 
Das verbum gehört nicht hierher, weil die eigentliche wunel 
nicht *tfe- sondern *d i ei- ist; vgl. Schulze, Kuhn's ztschr. 
XXVII, 425. 

2. Idg. / *ye 'erreichen, kommen, gehen' (Leo Meyer, 
8. 283 — 285) > dL\.jihämi (vgl. s. 271 anm.), gr. xlxtjiii. Ueber 
die zurückführung des ags. afrs. as. ahd. gän auf idg. \/ m gi 
habe ich s. 41 — 45 gehandelt. Lett. güju weist wahrschein- 
lich die idg. ö-stufe auf (< idg. *<j ig ö % mi)] es könnte auch 
eine tiefstufige /-präsensbildung sein (< idg. * ( jäidti\ wie 
xixavco (< idg. g ig ane(i) eine tiefstufige n-präsensbildung ist 
Im germ. ist von der tiefstufe idg. *ga- gebildet got gatvö 
'Strasse', an. gata, ahd. gazza. 



geht, beweist jihämi, dessen h Dach aus weis von lett. güju idg. g ver- 
tritt; idg. g erscheint bekanntlich im ai. nur vor palatalen vocalen ab Jk, 
sonst als gh. 



GERMANISCHES E. 273 

iei allen folgenden stammen ist der ablaut e-ö auf der 
heu lautstufe noch lebendig gewesen, wenn die tiefstufe 
eh nur in solchen Wörtern erhalten ist, deren zugehörig- 
zum verbalsystem nicht mehr empfunden wurde. Alle 
stamme bildeten im got. ein redupliciertes perfect mit 
nhaftem ö; der präsensstamm weist die c-stufe auf. 

I. Idg. [/ *tie 'warm waschen' (Leo Meyer, s. 262 f.) > 
bäen, mittelengl. b&wen. Gotisch wäre *baian anzusetzen 
lern perfect *baibö. Das idg. verbaladjectiv *ßate- hat 
erm. substantivische bedeutung angenommen. Das tief- 
e a ist in an. bau 'bad', ags. beep, afrs. beth, as. bati, ahd. 
lur erhalten, weil das wort nicht mehr als zu *bean zu- 
ig empfunden wurde. 

\. Idg. 1/ *me 'heftig erregt sein* (Leo Meyer, s. 272) > 
ü-meti l wagen*. Die 2-stufc kennt das germanische nicht; 
laben nur das causativum (idg. *möidiö y ) in ahd. muoeti 
m, ärgern', got. *mdjan, crschliessbar aus afmauids 'er- 
V (au = ö ; vgl. 8. 74). Die primäre bedeutung der leiden- 
tlichen erregung, des rasens scheint in ahd. holzmuoa 
hexe, waldgespenst' vorzuliegen. Zu germ. *möjan gehört 
dj. an. möbr 'müde', ags. mebe, as. möüi, ahd. muodi. Das 
i. zeigt ö in fiöjXog 'mühe, anstrengung im kriege', fimlvg 
löpft'. Ob wir idg. ä oder ö vor uns haben, ist zweifel- 
>ei got. möds 'zorn', an. mötfr, ags. afrs. as. tnöd, ahd. muot. 
loppelte tiefstufe ist im griech. durch fiaofiai 'nach etwas 
igen' und fiärtg 'groll' vertreten. Im germ. zeigt a platt- 
sh mal 'verrückt', auf ein idg. *male- weisend. 

)ie beiden folgenden verben rechnet Brugman, Morph. 
3. I, 37 f. und 27 — 33 zu der von mir unter B zu be- 
llenden classe. 

>. Idg. |/ *me 'mähen' (Leo Meyer, s.261) > an. ma } ags. 
n, afrs. mea, ahd. mden = got. *maian, *maimö', dazu das 
srerbaladj. SLgs.mcep 'mahd', afrs. meth, a&.mdth, ohd.mdd 
r. aprjftoq 'ernte'). Die tiefstufe *ma- weist ags. meadu 'wiese', 
mede, mhd. malte, maie auf, ahd. in fränk. matha, rnada, 
mata nachgewiesen von Müllenhoff, Haupt's zeitschr. 
■I, 5 f.). Griech. äfiaco (< idg. *(m)maieti) ist eine tiefstufige 
Jensbildung wie got. daddjan (< idg. *d t aiett). 



274 BREMER 

6. Idg. \f *ve 'wehen' (Leo Meyer, s. 245 — 247) > got 
vaian, ags. tvdrvan, ahd. uuäen (= ai. vami, gr. afr/fii, abg. r&jif)\ 
dazu ahd. uuäla Fächer'. Das perfeet lautet im got. mit 
ff- stufe vaivd. Seiner Stammbildung nach werden wol die 
nebentonige tiefstufe repräsentieren das alte verbaladj. got. vods 
'wütend', an. ddr y ags. wöd, abd. uuuot sowie das verbalabstrao- 
tum abd. uuuot Svut, stürmisches verlangen 1 (< idg. *vätS- 9 
*vüttii-). Die tiefstufe *va- 1 ) zeigt ahd. uuadat, uuedil 'wedel', 
eigentlich ' Werkzeug zum wehen', ein vcrbalnomen mit dem 
idg. suffix *-tle- f *-/Ä-. 

7. Idg. \/ *uc l glauben'. Die ansetzung einer solchen 
wurzel scheint mir die Übereinstimmung von germ. *u&ra- 
Svalir' mit dem gleichbedeutenden lat. verus, air. fir und abg. 
vera 'glaube' notwendig zu machen. Die grundbedeutung von 
ags. wAr } afrs. wer, as. ahd. tiuär als ' glaubhaft' geht hervor 
aus got. tuzverjan 'zweifeln', abd. zurunäri 'verdächtig', got. 
unvers 'unwillig' (wegen der bedeutung vgl. unser falsch), abd. 
mitiuudri, manduuäri 'mild'. Zu dieser wmzel bildet ein verbal- 
abstractum auf *-nei- idg. *uenis } erschlicssbar aus got. vens 
'erwartung, hoftnung', an. van, ags. afrs. wen, as. ahd. uuän. 
Ein zu *ue- ablautendes *uö- ) *uu- habe ich nicht gefunden. 

B. Stämme mit verbalsufflx a. 

Brugman, Morph, unters. I, 1 ff. bat den nachweis geführt, 
dass die grosse mehrzahl der auf langen vocal auslautenden 
vcrbalstämme ein suffix ä enthält und von der schwächsten 
gestalt des Stammes gebildet ist. Brugman begriff unter dem 
ä damals noch idg. e und ö mit ein. Wir haben nun nicht 



l ) Got. vinds, an. vindr, ags. afrs. as. ahd. wind dürfen uns nicht an 
der tiefstufe *va- irre machen. Germ. *w'nda- ist eine ableitung aus dem 
part. prüs. , bei welchem wir die e-stufe zu erwarten haben (vgl. aind. 
viint-). Ich halte germ. *uinda **z *uenda wie lat. ventus (gr. neig, aevrog) 
für lautgesetzlich aus idg. *ventö- entwickelt, d. h. ich glaube, dass wie 
im griech. und lat. (vgl. Brugmann, Griech. gramm., § 26 und Morph. 
unters. I, 32) so auch im germ. langer vocal vor allen tünenden dauer- 
lauten innerhalb derselben bilbe verkürzt wurde; vgl. noch wegen idg. 
dm =*■ germ. im got. mimza = aind. mämsä-. Aus inangel an gesichertem 
material habe ich s. 40 ff. davon abgesehen den lautwandel idg. dn =»■ 
germ. en u. s. w. im zusammenhange mit dem von ei =- ai, eu =»■ eu 
behandeln, mit welchem er völlig parallel steht. 



GERMANISCHES E. 275 

etwa von einem ä- y e- und ff-suffix zu reden ; diese langen vocale 
sind vielmebr in a, e, o + suffix a aufzulösen (vgl. 8. 264 ff.). 
Für die in frage stehenden verben kommt nur das ablautspaar 
e + a , o + a in betracht; e, o sehe ich als bindevocal an. 
Die gestalt der verben ist in dieser weise zu bestimmen: Eine 
grosse anzahl von verben, deren stamm auf einen ein- 
fachen consonanten ausgeht und zwar überwiegend 
auf i, u, r, l, m, n bildet vom unbetont tiefstufigen 
stamme einen neuen stamm durch bindevocalische an- 
fügung des Suffixes a. So gibt es z. b. neben *ei- 'gehen' 
einen verbalstamm *ie-, der also in i-e-a zu zerlegen ist, neben 
*pel- ein *ple-, neben *gen- ein *gne- u. s. w. Wie *ei- mit 
*bi- ablautet, so *ie- mit *io k -, *gne- mit *gno- u. 8. w. Es 
ist nicht unmöglich, dass das in der tiefstufe hervortretende 
suffix a ursprünglich nur dem präsensstamme angehört hat; 
wenigstens wäre die scheinbare Verbreitung in diesem falle 
nur natürlich; denn vom präseustamme *gne- < *gnea musste 
die 1. und 3. sing. perf. auch ohne dieses suffix schon *gegno 
lauten < *gegnba, *gegnbd (bezüglich die 1. 8g. *g?gne < *gd- 
gned), konnte also nur zu leicht ihr ö auf die 2. sing, über- 
tragen, und in die tiefstufigen formen ausserhalb des präsens- 
stammes könnte das a des schwachen präsensstammes auf dem 
wege der analogie eingedrungen sein, also etwa das verbaladj. 
idg. *g)iate- nach der 1. plur. präs. *gignames nach dem vor- 
bilde von *ite- : *imü. Ich wollte diese möglichkeit nur an- 
deuten. Nachweisen lässt sich hier natürlich nichts, da diese 
analogiebildung weit vor die zeit der Sprachentrennung fallen 
müsste. 

Indem ich nun dazu übergehe, die germanischen verben 
dieser classe zu besprechen, verweise ich wegen der ent- 
sprechungen in den anderen idg. sprachen sowie wegen der 
einfacheren verbalstämme ohne das suffix a auf die ge- 
nannte abhandlung von Brugman und die daselbst angeführte 
literatur. 

1. Idg. |/ *se 'säen' (Leo Meyer, s. 247 — 251, Brugman, 
s. 33 — 35) > got. saian, an. sä, ags. säwan, afrs. sea, as. säian, 
ahd. säen. Ueber die lautgesetzliche zurückführung dieser 
formen auf urgerm. *sean habe ich s. 51 — 76 gehandelt. 
Zu diesem verbum ist das verbalabstractum idg. *semb?i- in 



276 BREMER 

äs. ahd. sämo 'same' bewahrt. Die e-stufe ist hier lautgesetz- 
lich gerechtfertigt, wie *-Mcw-bildungen anderer 1-0-reihen zeigen, 
z. b. got. skeima, hliuma, milhma u. a. Die d-stufe trat im 
perfect ein; idg. *wW (> aind. sasa > sasau) ist genau in got. 
saisö *)) an. sara erhalten. Für idg. ö an dieser stelle ist imxa 
beweiskräftig. Zu diesem verbum gehört auch mit ö-stufe 
an. söa 2 ) l verschleudern, opfern, vernichten', dessen bedeutung 
zu derjenigen von aind. sä- 'vernichten-, töten' stimmt; vgl. 
wegen des Zusammenhanges der bedeutungen Leo Meyer, 
s. 250 f. Die verbaladjectiva zeigen gegenüber tiefstufigem lat. 
satus in Übereinstimmung mit den baltisch-slavischen formen 
die £- stufe; got. saians, an. säinn, &g&.sdwm, afrs. esen weisen 
auf ein idg. *senb-, an. saftr, ahd.yisdt auf *$£/</- ; dazu stimmt 
das substantivierte neutrum an. satt *saat\ ags. s&d, afrs. sSd, 
as. säd. Ebenso verhält es sich mit dem verbalabstractum got. 
{mana)scds '(men8chcn)saat , , ahd. sät. Wäre die i-stufe ur- 
sprünglich, so sollten wir den idg. accent auf der Stammsilbe 
erwarten; das Vernor'scho gesetz weist aber auf endbetonung. 
Entweder muss man also idg. mit stammabstufung *senb-, 
*sane-, *setb-, *sate-, *seti-, *satei- flectiert haben — und dies 
ist das wahrscheinlichste — oder das c ist erst auf germ. 
boden und ebenso im baltisch-slavischen in dem ganzen verbal- 
system eingeführt worden. 

2. Idg. \/*re 'stossen, rudern ' (Leo Meyer, s. 207 f., Brug- 
man, s. 39). Die e-stufc, welche durch abg. rejq 'stosse', lat 
remiis ' rüder' repräsentiert wird, kennt das germanische nicht. 
Wir haben nur mit ö an. röa 'rudern', ags. röwan, mhd. rüejen 
= got. *rauan, *rairo (an. rsra). Wir haben hier denselben 
fall vor uns, der uns bereits bei / *cfe und \J *ye begegnete, 
und den wir weiterhin noch vielfach finden werden, dass ohne 
wahrnehmbaren bedeutungs Wechsel ein verbum in der einen 
spräche ein paradigma von der £-stufe, in der anderen ein 
solches von der ö-stufe ausgebildet hat. Selbst in so nahe 
verwanten sprachen, wie das litauische und lettische es sind, 

f ) Wegen des ö im auslaute statt des zu erwartenden a vgl. 
Mahlow, Die langen vocale s. 64 und Osthoff, Zur gesch. des perfecta, 
s. 20S, anm. 

*) Den etymologischen Zusammenhang längnet mit unrecht Cleaaby- 
Vigtusson. Vgl. Müllenhoff, Haupt's zeitschr. XXIII, 25. 



GERMANISCHES E. 271 

kommt ein solcher Wechsel vor; vgl. lit. reju = lett. raju. 
Sogar in ein und derselben spräche liegen zuweilen beide bil- 
dungen neben einander, denen man meist etwas differencierte 
bedeutung gab; vgl. gr. iptjx<» neben tpo^ro, ags. bldwan neben 
blörvan. Diese auffallende erscheinung ist nur durch eine alte 
stammabstufende flexion zu erklären, indem bald die e-, bald 
die ö-formen verallgemeinert wurden; vgl. s. 271. Neben idg. 
*re- und *rö- wird die nebentonige tiefstufe *rü- vorliegen in 
dem mittels des Suffixes idg. *-tre-, *-/rö- gebildeten nomen an. 
röör 'rudern', ags. rotier * rüder', afrs. r oder , shd.ruodar, eigent- 
lich 'das Werkzeug zum rudern* bedeutend. Die unbetonte 
tiefstufe *ra- steckt in lat. ratis 'floss'. 

3. Eine zweite Wurzel *re- 'brüllen' (vielleicht im gründe 
identisch mit der vorigen, 'brüllen' soviel wie 'laute ausstossen') 
> aind. rä- 'bellen', lit. reju 'heftig losschreien', lett. raju 
'schelten' wage ich aus Notker's irruota 'rugiebam' Ps. 37, 9 
nicht für das germ. zu erschliessen; dies wort ergibt keineswegs 
mit notwendigkeit ein ahd. *ruoe7i t sondern kann ebenso gut für 
irruodta stehen und von ruoden 'brüllen', einem denominativ 
von ruod 'gebrüll', herkommen; vgl. Schade, Altd. wörterb. 
unter l ruohen\ Dieses ruod selbst wird freilich von der in 
frage stehenden wurzel abgeleitet sein. 

4. Idg. \/ *ie 'gehen' (Brugman, s. 3 — 6)., Zu diesem ver- 
bum, welches im germ. nicht mehr lebendig ist, gehören zwei 
verbalsubstantiva, beide mit vielleicht unursprünglicher £- stufe: 
mhd.ydw m. 'fortlaufende reihe, strich' und got. jer 'jähr', au. 
ar, ags. geär, afrs. ier, as. ahd. idr, welches mit griech. coQoq 
'jähr' im ablaut steht. 

5. Idg. ]/ *gne 'erkennen' (Leo Meyer, s. 254 f., Brugman, 
s. 46 f.) > ags. cnäwan, ahd. knden] gotisch wäre *knaian, 
*kaiknö anzusetzen. Das *~tei~ verbalabstractum zeigt auch hier 
die e-stufe: ahd. ur-, bi-kndt. An. knär 'tüchtig' kann auch 
zur folgenden wurzel gehören. 

6. Idg. / *gne 'erzeugen' (Leo Meyer, s. 255; Brugman, 
s. 47). Im germ. ist von *knö-, das wahrscheinlich ein idg. 
*gnü- vertritt, gebildet got. knöds f. 'geschlecht', ahd. ktiuot, 
ebenso ags. cnösl 'geschlecht', as. knösat, ahd. knuosal. 

7. Idg. \/ *sne 'binden, spinnen' (Brugman, s. 48). Ahd. 
näen und got. nöpla, an. ndl, ags. neb dl, afrs. nidle, as. nddla, ahd. 



278 BREMER 

nddala wage ich aus den s. 5 ausgeführten gründen nicht hier- 
herzustellen. Dagegen rechne ich hierher, indem ich von der 
grundbedcutung 'einen faden laug ziehen' ausgehe, got.stwrjo 
'geflochtener korb', an. snöri 'geflochtener strick', ahd. snuor 
'schnür* und das tiefstufige an. snara 'strick 7 , ags. snear 'strick, 
schnür, saite'. 

8. Idg. \> *ßle 'aufblasen, blähen, anschwellen' (Leo Meyer, 
s. 256 f., 27 1 f., Brugmau, s. 52 f.) > ags. bldtvan, ahd. bläen «-= 
got. *blaian, *baiblö. Von *6le- ist das substantivierte verbai- 
adjeetiv ags. bl&d 'hauch, fülle, blute', ahd. blät abgeleitet, 
desgleichen mhd. blädem 'bluhuiig' (< idg. *l> letmb-, *tilatme-), 
ferner mit dem suffix idg. *-tra ags. bld'dre 'blase, blatter', 
ahd. bldtara. Auf idg. *tf/rJ- gehen ags. bldtran 'blühen', afrs. blöia, 
as. bloian, ahd. bluoen zurück. Dazu gehört das *-tei- femininum 
ags. Med 'blute', nhä.bluot, ferner mit dem suffix *-//i«i- got 
biomo, 'blume', an. blömi, ags. blöma, as. biomo, ahd. bluomo. 
Wegen des Verhältnisses von *blö- zu *b/e- vgl. s. 271 und 276 f. 
Wir erkennen hier eine diflerencierto bedeutung; *ti lö- bedeutet 
ausschliesslich 'blühen', so auch in anderen idg. sprachen. 
Ticfstuligcs idg. *tila- ist im germ. verbaladj. bewahrt, welches 
eigentlich 'das aufgeblühte' bedeutend, die substantivische be- 
deutung 'blatt' bekommen hat, nu.btäö, ags. bleed, afrs. bled, 
as. bind, ahd. blat. 

9. Idg. |/ *ple 'füllen' (r,rugman, s. 43—16). Hierher ge- 
hört das s. 41 besprochene an. fleiri, fleistr, welches in *fle + iz 
zu zerlegen ist. Brugman stellt a.a.O. mhd. vldt 'Sauberkeit' 
hierher, ein wort, welches wir in der gestalt fledis aus alten 
germanischen eigennamen kennen, ebenso an. flöa 'fliessen, über- 
schwemmt werden', ags. flörvan nebst got. flddus 'flut', an. flötf, 
ags. flöd, afrs. /löd, as. flöd, ahd. fluof. Al>er die bedeutung dieser 
worte lässt eher an einen Zusammenhang mit idg. ]/' *pleu 
denken; dann wäre das e, fi vor den dentalen im idg. aus £u, 
Du entstanden; vgl. Schulze, Kuhn's zeitschr. XXVII, 427 ff. 
Hiernach ist es nicht glaublich, dass mhd. vlce(j)en 'spülen' 
den idg. verbalstamm *ple- repräsentiert; ahd. /lernten 'waschen', 
mhd. vlöu(tv)en zeigt ja u. Es verhält sich mit vl£(j)en ebenso 
wie mit ahd. täen (s. 272); wie hier e für vi, so steht dort B 
für eu. 

10. Idg. \/ *qle 'schreien' (Leo Meyer, s. 206 f., Brugman, 



GERMANISCHES E. 279 

g. 49). Griechischem xlrj-, lat. da- gegenüber steht germ. 
*Xlöan 'brüllen' > ags. hlöwan, ahd. hluoen. 

11. Idg. / *tire 'warm ausdünsten, dampfen' (Leo Meyer, 
s. 272 f., Brugman, s.68) > mhd. brce(j)en (Parz. 171, 23 D und 
Lorengel K, str. 17, Haupt's zeitschr. XV, 228) ' riechen, durch 
den geruchsinn wahrnehmen ' = got. *braian, *baibrö\ dazu 
*g&.br&p 'dunst, gerucb, hauch, wind* < idg. *ß reib-. Mhd. 
brädem, bradem 'dunst' crschliesst auch für das nur einmal be- 
legte ahd. bradam 'dampf, brodem' langen neben kurzem vocal 
und führt uns auf eine stammabstufende flexion idg. *firetmb- 
*6ratmS-. Das causativum zu *ßre- ist mhd. brüejen 'brühen, 
sengen'; dazu das substantivura mhd. brüeje 'brühe'. Ndl. 
broeij'en 'erwärmen, brüten' zeigt den bedeutungsübergang von 
ags. bröd 'brut', mhd. bruot und ags. bredan, ahd. bruoten 'brü- 
ten'. Die auffallende bedeutung des mhd. breeen 'riechen' ver- 
mittelt schweizerisch brüederle 'nach schweissigen kleidern, 
dumpfigem zeug riechen' (Brandstetter, Die Zischlaute der mund- 
art von Bero-Münster, s. 25), ein denominativum von mhd. 
*bruod. 

12. Idg. ]/ *gre 'lärmen, krähen' (Leo Meyer, s. 257— 259, 
Brugman, s. 50) > ags. cräwan, ahd. kräen = got. *kraian, 
*kaikro; dazu ags. cräwe 'krähe', as. kräia, ahd. kräa } kräia, 
krdwia (vgl. s. 172). Das feminine abstractum auf *-tei- ist im 
germ. gowol von *kre- als von *krö- gebildet, hatte also idg. 
8tammab8tufung * grell- *grätei-; erstere form wird durch mhd. 
krdt 'krähen', as. hanokräd 'hahnenschrei', ahd. hanakrät ge- 
fordert, die letztere durch ags. hanacred < *hanacrödi-. Ahd. 
krddam, kradam (mhd. kradem) 'lärm' beweist ein idg. *gretmb- 

gratme-. Unser kranich wage ich nicht als tiefstufenforra hier- 
her zu stellen; vgl. Kluge, Etym. wb.,- 8. 181. Eher scheint mir 
die frage erwägung zu verdienen, ob nicht ahd. krön 1 ) 'ge- 
schwätzig ' idg. / *greu verrät; die lautgesetzlichen formen ohne 
% hätten dann in derselben weise die oberhand bekommen wie 
he» \l Hei (s. 272, 1) und ]/ *pleu (s. 278, 9). 

13. Idg. \/*gre 'begehren' ([/ *ger > ai. har- 'begehren', 
P'Z^pco, Z<*Q l S> X^Q^} os k- umbr. her 'wollen, begehren', air. 



l ) Mit unrecht von Fick, Bezzenberger's beitr. VI, 160 abg. grajq, 
ut. gröju gleichgesetzt, weil ahd. ö natürlich auf au zurückgeht. 






280 BREMER 

garte 'hunger', got faihugairns 'habsüchtig'). Hierher stelle ich 
got. gredus 'hunger', an. grätir, ags. gned und mit nebentoniger 
tiefstufe das verbaladj. lat. grädis. 

14. Idg. \/ *tre 'drehon, durchbohren, zerreiben' (Leo 
Meyer, s. 259 f., Brugman, s. 41 — 43) > ags. präwan, ahd. dräen 
= got. *praian, *paipro. Das alte verbaladjectiv ist substanti- 
viert in an. präür, ags. preed, afrs. thred, ahd. drät. Ahd. drdi 
f. 'tornatura' ist das *-te/-abstractuni. Auch ahd. drdti ' schnell, 
heftig' gehört wol hierher. 

15. Eine andere wurzel *tre ist aus ahd. dräen 'duften, 
hauchen, riechen', mhd. drd?(j)en zu crschliessen = got. *praian, 
*paipro\ dazu ahd. dräo 'duftig, wolriccbend'. Belegt sind 
freilich nur ahd. drähen und dräho und es wäre also möglich! 
dass das h hier organisch wäre; dann müsste mhd. drötjen 
eine noubildung für dr&(h)en sein nach dem vorbilde von 
sivjen neben s(v(h)en, krebjen neben kr(b(h)en u. s. w. 

16. Idg. ]/ *skre 'spritzen, stieben' (Leo Meyer, 8. 263 f., 
274, Brugman, s. 6S) > mhd. schrce(j)en = got *skraiaH f 
*skaiskrö\ dazu mhd. schrdt 'tropfen \ schrä 'Schneegestöber'. 

17. Idg. \J *sprc 'zerstieben ' (Leo Meyer, s. 263 f., 274, 
Brugman, s. 07 f.) > mhd. spr(b(j)en = got. *$praian, *spaisprö\ 
dazu das verbalabstractum mhd. sprät 'spritzen'. Nhd. sprühen 
ist erst seit dem 16. jhdt. bezeugt, beruht aber sieher auf 
einem vorauszusetzenden ahd. *spruocn, so dass wir auch hier 
den doppelten stamm mit c und mit o haben. Nhd. sprudel 
< ahd. spruodal < got. *spropla- mag, mit dem idg. suffix 
*~tle-*tlb- gebildet, nebentonige tiofstufenform sein. Dazu 
kommt das adj. nhd. spröde, welches sonst nur im mittelengL 
sprepe 'gebrechlich' nachgewiesen ist; spröde ist wegen seines 
ö ein plattdeutsches lchnwort; die hochdeutsche form wäre 
*sprüde. 

18. Idg. i/ *s(re 'sich ausbreiten' (Brugman, s. 54 f.) > 
mhd. strcb{j)en 'spritzen, sprühen'. Ob mhd. stradem ' Strudel* 
hierzu eine tiefstufenform ist, oder zu streden 'brausen, strudeln 9 
gehört, ist nicht auszumachen. Mittels des idg. suffixes *-le-*R>- 
ist ags. str&l 'pfeil', as. ahd. sträla (= abg. strela 'pfeil') 
und ahd. strälen 'strählen, kämmen', mhd. str<vl 'kämm' ge- 
bildet. Vielleicht ist idg. stre- im gruude als *streu- aufzu- 
fassen und ist mit *streu- (got. straujan) verwant. 



GEBMANISCHES E. 281 

19. Idg. \/ *spe 'zunehmen, vorwärts kommen' (Leo Meyer, 
8. 270 f., Brugman, s. 24). Im germ. ist das primäre verbum 
nur in der ö-form vorhanden: ags. spöwan 'von statten gehen, 
gelingen', ahd. spuoen = got. *spauan, *spaispö mit dem verbal- 
abstractum ags. sped 'erfolg, gelingen', as. spöd, ahd. spuot\ 
letzteres wort bedeutet auch 'eile', daher spuotön 'sputen'. 
Die e-form (abg. speti 'erfolg haben', \it speti 'müsse, räum 
haben) liegt in got. spediza, spedists 'später, spätester, letzter', 
nhd.späti vor; die bedeutung 'räum habend, lang hingezogen' 
ist hier zeitlich gefasst worden, wie in lat. spatium, welches 
die tiefstufe aufweist Gehört auch an. spann, spönn 'holz- 
apan ', ags. afrs. spön, ahd. spän hierher? Vgl. Schade, Altd. 
wb. unter l spän\ 

II. Stämme mit inlautendem e — ö. 

Bisher haben wir es mit lauter etymologisch klaren idg. 
-wi- Verben zu tun gehabt, die freilich mit ausnähme von tun 
und gehen im germ. in die bindevocalische conjugation über- 
getreten sind. Die folgenden verben, für welche die verwanten 
sprachen nur vereinzelte anknüpfungspunkte bieten, sind ur- 
sprüngliche ö-verben. Sie haben wie die voraufgehenden ein 
re dupliciertes perfect. Ich stelle diejenigen verben voran, 
welche in einem noch unaufgeklärten verwantschaftsverhält- 
Qtese zu verben der unter I. besprochenen classe stehen. 

1. Got. blisan 'blasen', an. bläsa, ags. btäsan, ahd. bläsan\ 
0)1 1 derselben stufe as. ahd. bläsa 'blase', desgl. mhd. blas 
'hauch', ferner an. blästr 'blasen, tönen', ags. blökst 'hauch, 
*fod, stürm', ahd. bläst 'blasen'. Offenbar ist idg. i/ *file 
(*• 278, 8) verwant. Die bedeutungen entsprechen sich völlig; 
a Och hier hat die ü-stufe die bedeutung des bllibens, welche 
aü f grund von lat. flös, flöreo < *flözeo (< idg. *ßlösiio) wol 
^hon als idg. anzunehmen ist. Dem lat. flörere entspricht 
jtenau mndl. blasen 'blühen'. Ferner zeigen ö im germ., viel- 
leicht in Vertretung von idg. ü das *-te/-femininum mhd. bluost 

olöte' und ags. blbstma 'blume, blute'. Die tiefstufe *blas- 
l% * in ahd. anablast 'andrang' (vgl. wegen der bedeutung unser 
an *turm) gewahrt 

2. As. faruuätan 'verfluchen', ahd. ftruuäzzan 'anblasen' 



282 BRUMER 

> verabscheuen, verbannen' = got. *vStan gehört mit mh<L 
tväz 'stürm' zu \/ *ve (s. 274, 6). 

3. Ags. br&dan 'braten', afrs.Wtfa, &hd.brdtan = gr.XQq(r<B 
'in brand setzen' ist vielleicht zu ]/ *6re (s. 279,11) zu stellen; 
dann wäre die grundbedeutung 'in hcisscn dampf setzen'. 

4. Got. red an 'befehlen, anordnen, raten', garedan 'auf 
etwas bedacht sein', an. räba, ags. rdtdan, afrs. reda, as. rädan, 
ahd. rätan. Das reduplicierte perfect mit dem von der 0-stufe 
gebildeten stamme ist in got. rairop erhalten. Dazu an. rdö 
'rat, beratung, hülfsmittel', ags. rced, afrs. red, as. rdp, ahd. 
rät und ags. r Adels ' rätsei ', mhd. rätsal, rcbtsel. Vgl. ai. 
rädh- 'zu stände bringen, zurecht machen', rädhas- 'vorrat, 
reich tum', nbg.raditi 'für etwas sorge tragen'. Man stellt diesen 
stamm zu \J *re (Brugman, Morph, unters. I, s. 38). 

5. Got. letan 'lassen', an. lata, ags. Id'/an, afrs. leta, as. 
lätan, ahd. läzzan. Das perfect hat ö-ablaut: got. lailöt. Die 
vorauszusetzende tiefstufe des verbaladjectivs, welche in got 
letans dem vom präsensstamme her eingedrungenen e gewichen 
ist — oder idg. stamniabstufend */ed?ib~, *ladne- e i — zeigt 
lat. lassus < idg. *latfr(e- < *ladte. Auch das germ. kennt 
noch a in Wörtern, die aus dem verbalsystem herausgetreten 
und daher von diesem unbeeinflußt geblieben sind; dahin gehört 
got. lats 'lässig, faul', an. latr, ags. /«?*, afrs. let, as. lat, ahd. laz(z) 
mit dem denominativum got. latjan 'lässig machen, aufhalten, 
verzögern', an. let ja, ags. leüan, afrs. letta, as. lettian, ahd. lezzen 
und an. loskr 'schlaft', lass' < idg. *latskeu- < *ladskeu-. Lit 
leidzu 'lassen' legt den gedanken nahe, dass idg. *led- als 
*leid- aufzufassen ist; dann wäre das verbum schon im idg. 
in die ablautsreihe e-ü-a übergetreten. *leid- würde sich zn 
*/e(i)tf- verhalten wie z. b. lett. nemu zu nemu. 

6. Got. gretan 'weinen', krimgot. criten, an. grata, ags. 
gr&ta?i, as. grdtan, mhd. gräzen\ got. grets 'das weinen'. Das 
perfect lautet got. gaigröL Das causativum, von der ö-stufe 
gebildet, ist an. grata 'zum weinen bringen', dazu ags. gritan 
'anreden, angreifen', afrs. greta 'grüssen', as. grbtian 'anreden', 
ahd. gruozzen 'antreiben, anreden, grüssen'. Die bedeutung des 
mhd. gräzen 'schreien' vermittelt die von 'weinen' mit der von 
'anrufen'; wir brauchen ja heutzutage in ähnlicher weise die worte 



GERMANISCHES E. 283 

schreien, brüllen sowol für * weinen ' als für Maut sprechen'; 
eine andere parallele für diese reihe verschiedener bedeutungen 
bieten germ. galan 'singen', gellan ' ertönen ', got.££/./an'grUBsen', 
mhd. mir goUet 'mir ist zuwider'. An letztere bedeutung er- 
innert auch die tiefstufige form des in frage stehenden verbums, 
ahd. grazzo 'ernstlich, heftig, sehr', mhd. graz 'zornig, wut'; 
auch hier bietet der Sprachgebrauch unseres brüllend, schreiend 
eine analogie. Dass idg. *g c red- für *greud- steht, lässt ags. 
gredtan, as. griotan 'weinen* vermuten. 

7. Got. tekan 'berühren' hat laltök im perfectum. An. 
taka 'nehmen', tök tökom lekenn flectierend wie fara för 
forum farenn, ist eine tiefstufige präsensbildung nach der ai. 
VI. classe. Ich nehme nicht zwei neben einander bestehende 
bilduDgen idg. *degeti und *dageti an, sondern in Überein- 
stimmung mit dem s. 49 und 271 construierten paradigmen 
idg. *degö\ *dagesi, *dageti, *degbms, *dagetd, *degbnti. Tief- 

o 

stufiges *dag- ist noch in öaxrvXog, lat. digitus (< idg. *dagetu-, 
*dakteu-) bewahrt. 

8. Ags. {pn)drobdan 'in furcht geraten', as. (a?i)drddan } ahd. 
{in)trätan = got. {ana)dredaru Dazu geholt das verbalabstractum 
airs. dred 'furcht' und ags. ondresn 'furcht' < *dromi-. 

9. Ahd. bägan 'streiten, zanken' = got. *began neben 
dem schwachen verbum bägen; dazu ahd. bdga 'streit' sowie 
an. bägr 'streit', as. bäg 'das rühmen', mhd. bäc 'streit'. 

10. Das ahd. perfect ier (Gratf, Ahd. Sprachschatz 1, 402 f.) 
beweist für dran 'pflügen' die länge und somit ein got. *Sran. 
Also sind got. arjan, ahd. erren } lat. aräre, gr. agoco u. s. w. tief- 
stufige bilduugen. 

11. Got. slepan 'schlafen', krimgot. schliepen f ags. sl&pan, 
afrs. slepa, as. sldpan, ahd. sld/fan, dazu got. sleps 'schlaf, ags. 
slckp, afrs. slep, as. sldp, ahd. sldf. Das got. perfectum wird 
auffälligerweise nicht von der ö-stufe gebildet, sondern lautet 
saizlep. Dieser umstand verhindert uns bei den voraufgehen- 
den verben, bei welchen das perf. im got. nicht belegt ist, 
dieses anzusetzen, weil es nicht auszumachen ist, ob die Goten 
Haiblos, *vaivot, *baibröp, *daidröp, Haibig sagten oder HaiblSs 
u.8. w. Got. saizlep ist noch unerklärt. Wäre das e unursprünglich 
und aus dem präsens entlehnt so sollte man bei den anderen 



284 BREMER 

verben ein gleiches erwarten; ausserdem wäre eine solche 
analogiebildung sehr unwahrscheinlich, da der verbalablaut 
e-ö in der gotischen spräche offenbar noch lebendig war. Einen 
neuen erklärungsversuch hat Holthausen, Kuhn's Zeitschrift 
XXVII, s. 619 gemacht; er setzt das e von saizlep dem anord. 
und westgerm. e des perfects der reduplici er enden verben 
gleich; das liefe also auf einen germ. ablaut von offenem und 
geschlossenem langen e (vgl. s. 6) hinaus. Zu germ. sßpan 
erscheint die tief stufe in plattd. slap, ahd. mhd. slaf(f) 'schlaff 9 . 
Ahd. slaf(f) : släffan = laz(z) : läzzan. Germ, slap hat ein idg. 
*slabe-, abg. slabu ' schlaff ' ein idg. *släbd- zur Voraussetzung. 

in. Einzelnes. 

Nur wenige beispiele für den ablaut e-ö-a gibt es, welche 
vom Standpunkte des germanischen aus sich in dem System 
der oben genannten verben nicht unterbringen lassen: 

Zu got. garihsns 'bestimmung, anordnung' ist griech. aQ^ya) 
'wehre, helfe' das primäre verbum. Die d-stufe, welche aQcoyog 
'helfer' aufweist, kennt das germanische in Sihd.ruoh, ruocha 
'sorge' und in an. rikja 'um etwas sorgen, sich um etwas 
kümmern 9 , ags. recan, as. rokian, ahd. ruochen. 

Zu gr. frjymin hQQooya £qq<xyt]v 'reissen, brechen' ist afrs. 
wrak 'schadhaft', mnd. wrack tiefstufenform. 

An. f&gja ' reinigen', eigentlich 'in Ordnung bringen', dazu 
mit grammatischem Wechsel got gafehaba 'angemessen, an- 
standig' haben £-stufe. Die d-stufe zeigt ags. gefSgan 'passend 
verbinden', afrs. föga, as. fögian y ahd. fuogen. Got fagrs 'pas- 
send', sai.fagr, ags. fceger, as. ahd. fagar ist von der a-stufe 
gebildet. 

Mhd. räm 'ziel', ahd. rämen 'zielen, trachten nach etwas' 
haben as. römon 'streben' neben sich und mit tiefstufe an. 
ramr 'widder', ags. rom(m), ahd. ram(m) und an. ramr 'stark, 
heftig'. 

Idg. *reua- röua- wird durch ahd. räuua 'ruhe' einer- 
seits, durch an. rö 'ruhe', ags. röw, ahd. ruouua = gr. Iqw9j 
'ruhe, rast, ablassen' andrerseits repräsentiert Ahd. räuuin, 
räuuön 'ruhen' gegenüber gleichbedeutendem ruouuen, mouubn 
zeigt denselben Wechsel. Vgl. übrigens noch Kluge, Etym. wb. 
unter 'rast'. 



GERMANISCHES E. 285 

In dem Verhältnis von got miki 'schwertf, krimgot. mpcha, 
an. m&kir^ as. mäki zu ags. mece vermag ich keinen ablaut e-ö 
zu erblicken und halte auch gr. (taxcuQct fern; vgl. 8. 4 f. 

Es folgen ein paar fälle, in welchen nur die e- und a-stufe 
belegt ist, wenn die ö-stufe^auch theoretisch vorausgesetzt wer- 
den darf. 

In an. kam 'dünner Überzug von schmutz' mhd. kam, kän 
gehört das m zum suffix. Mhd. kadel 'russ, schmutz' geht auf 
*gatU- zurück, eine bildung wie ahd. uuadal < *vatle- 
von ]/ *ve. 

Zu got. feljan 'schmücken', ags. fobted 'geschmückt' ahd. 
gifäzzi 'commeatus' bietet die tiefstufe an. fot n. pl. 'kleider' 
= got *fata } mit Schade, Altd. wb. unter '/az' aus portugies. 
fato, span. hato 'kleider Vorrat, hausgerät' erschliessbar; dazu 
ahd. fazzbn 'rüsten, kleiden'. 

Got megs 'Schwiegersohn, Schwager', an. mdgr 'verwanter 
durch heirat', ags. meeg, afrs. mich, as. ahd. mag scheint in got. 
magus 'knabe', an. mogr, as. magu und got mavi 'inädchen', an. 
mdbr seinen nächsten verwanten zu haben. 

An. skräma 'wunde' bewahrt die £-stufe zu mhd. schräm, 
schramme 'schramme, narbe, schwertwunde', schräm 'felsspalt 
loch', schramm 'aufreissen, öffnen'; Schade führt im Ältd. wb. 
an: l scramasacs afränk. messerartiges seh wert. Greg. Tur. 
4, 51 cum eultris validis quos vulgus scramasaxos vocant Lex 
Wisig. 9, 2, 1 scutis spatis scramis laneeis sagittis. Davon 
aspan. escramo 'wurfspiess'. 

Zum schluss die mir aus dem germ. bekannten beispiele 
für idg. e-o'-stammabstufende flexion. Wir haben bereits oben 
eine ganze reihe solcher fälle kennen gelernt. Hierzu kommen 
die folgenden beispiele: 

An. blär 'blau', afrs. blau, ahd. bläo = lat flävus 'gelb' er- 
geben für die idg. farbenbezeichnuug ein stammabstufendes 
*tileub- *tiläue~. 

An. grär 'grau', ags. grdkg, ahd. gräo = lat. rävns 'grau' 
< idg. *greub- * 'graue-. 

Nach analogie dieser beiden fälle wird man ndl. flaauw 

Beiträge zur gesebichte der deutschen spräche. XI. 19 



286 Bremer, germanisches e. 

'matt' auch trotz des fehlens einer tiefstufenform als *pleuh- 
*pläud- auffassen dürfen, ebenso 

An. hldr 'lau', ahd. Ido < *kleub- *kläue-. 

Zu ahd. mägo 'mobn', dessen g < idg. q endbetonung 
voraussetzt, ist gr. fiaxwv, abg. makii die tiefstufenform, also < 
idg. *meqb)i- *mäq6n-, 

Ahd. ruoba 'rübe* = lat. räpa, vertritt die nebentonige, 
gr. Qcurvg die tonlose tiefstufe zu abg. repa. 

Ags. &pm 'atem', afrs. ethma, as. äSom setzen stainmbetonung, 
ahd. ätum < *edm endbetonung voraus; der tiefstufige stamm, 
welchen letztere als ursprünglich erwarten läset, tritt in gr. 
at/iog 'dampf, dunst* hervor. 

Zu ags. gittere Baumharz, bernstein' ist die tiefstufenform 
An.gler 'glas', ags. glm (vgl. s. 16), afrs. gles 9 bhd.glas; der 
die Stammabstufung hervorrufende accentwechsel spiegelt sieh 
in dem Wechsel von s und r wider. 

STRALSUND, d. 26. sept 18S5. OTTO BREMER. 



ZUM ALTHOCHDEUTSCHEN VOCALISMUS. 

Die nachfolgenden Untersuchungen, bei denen die neue 
glossen ausgäbe, weil unvollendet, nicht benutzt ist, sollen ein- 
zelne dunkelheiten in der geschichte des ahd. yöcalismus auf- 
hellen, und auf sprachliche tatsachen aufmerksam machen, 
welche vielleicht in der grossen frage über die ausnahms- 
losigkeit der lautgesetze eine rolle zu spielen bestimmt sind. 

I. 

In der geschichte der spräche treffen wir oft auf neigungen 
zu einer oder der anderen bestimmten lautentwickelung, die 
niemals herschend, sondern nur in individuellen aussprachen 
— soweit diese schriftlich fixiert sind — nachweisbar, nach 
gewisser zeit wider verschwinden, ohne ganz durchgedrungen 
zu sein, aber doch nicht ohne spuren in der spräche hinter- 
lassen zu haben. 

Ein beispiel wird die sache klarer machen: wir finden in 
dem codex Kb. folawemo für falawemo, nollas, nolas für nalles 
geschrieben und werden sehr geneigt sein, dies als schreibefehler 
zu betrachten, besonders da ßb. sonst o für a nicht kennt. 
Könnte nicht aber der Schreiber doch, sonst mechanisch ab- 
schreibend, diese wenigen male seiner individuellen ausspräche, 
seiner neigung a vor / zu verdumpfen, rechnung getragen 
haben? Wir werden eher letzteres annehmen, wenn wir 
notieren: nols Sg. 299. noles MSD.' 2 LXXV. ionoltres M. 31. 
Le. Le. 3. nionoltres VG. III, 357. olangiz Org. -omo Rc. -a Nf. 
N. 65, 13. olde D. II, 291. einfolt 0. III. 22, 45. V. 23, 85, 165. 
~o Ic. bold, gold QF. 3, 108 ff. bolckun Hs., wider nur vereinzelte 
fälle; aber die neigung ist durchgedrungen in sol (scol\ haga- 
stolt (Schm. a. 54, 92. QF. 3, 109) holön (ein ags. gehoO'an, das 
Kluge, Et. \vb. 139 beibringt, finde ich nirgends). Warum nur in 

19* 



V 



288 SINGER 



*l|M^4 



diesen drei fällen durchgedrungen, in allen anderen nicht? 
Die frage ist kaum zu beantworten, da hier augenscheinlich 
nicht phonetische differenzen (benachbarte laute, accentver- 
schiedenheit) zu g\ unde liegen, sondern historische, denen nach- 
zugehn im einzelnen falle unmöglich sein dürfte. Sicher ist 
nur ausgang von einem weiteren oder engeren umkreise indivi- 
dueller ausspräche (dialekt, Jargon, sprachunart des indivi- 
duums), ja oft von mehreren solcher centren, die zufällig in 
dem einen punkte sich treffend, ebenfalls nicht immer bestimm- 
bar sein werden. 

Dieselbe neigung zur verdumpfung eines a besteht eben* 
falls vor r und vor nasalen: vorwe Wm. 119, 4. soma O.II, 17, 19 
Z'.rH» F. stvom, fungus Sg. 299. pondnier Ib. hodscöhc (1. hondscöhc) 
D. II, 34G. chomarsidillun D. noman B. womba Is. 9, 1. N. bei 
0. herscht firmonen, das wir sonach nicht als ablaut anzusehn 
brauchen; durchgedrungen ist gasworan, fona. Girvon sehe ich 
als ablaut an. Das o in swom, womba, gasnoran dem einflösse 
des voranstehenden w zuzuschreiben, ist kaum statthaft, da 
ein solcher einfluss eines w auf die Wandlung des a zu o sonst 
nirgends nachgewiesen ist {iva zu o z. b. chtvam zu chom ist 
etwas anderes) und sich dieselbe ganz gut aus dem dunklen 
timbre der folgenden sonanten erklärt Auch für ä finden wir 
\>>1 f ö unter diesen umständen: Soman glk. irstoonte (particip) Seh. 
85. Dieselbe neigung vor h: soha glk. 147,3. sohiu B.; durch- 
gedrungen in mohta, joh, oh, wenn wir letzteres = got ak 
setzen dürfen. 

Auch vor anderen consonanten: sumarlota R. Rc modo 
Em. 24. solöt glk. (?). stoflu! Wzbg. urk. lobileion D. IL 343. 
pihroget Pa. 62, 23. 

Besonders in unbetonten silben, ableitungen, praefixen wie 
gosageta 0. IL 7,10 F. gohiez, kobet MSD. 2 XVII; durchge- 
drungen im zweiten compositionsteil in tvorolt. Hierher könn- 
ten auch allenfalls früher erwähnte fona, joh, oh gestellt 
werden. 

2. 

Diese neigung zur verdumpfung erscheint nicht nur beim 
a, sondern auch beim e und i, obwol etwas modificiert 

Beim e zu o oder einem ähnlichen laute (o) vor liquiden 



}** 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMÜS. 289 

und nasalen: scornen, scurrae Schm. i. 1070. schoel, emissarius -****/ }> 
Bib. 4. schoeme, larva Hd. Bei weitem grösser aber der einfluss 
eines vorhergehenden w: durchgedrungen in worolt, wollen, 
ivola, wocha. In unbetonter silbe: bo'ghontez MSD. 2 XVII. 
ockert, dohhein, nohhein; durchgedrungen odo. 

i wird zu ü verdumpft: 1. vor liquiden und nasalen, 2. in 
unbetonten silben, 3. in diphthongen. 

1. Bei Förstemann ' Altdeutsches namenbuch' I. (IL böte 
wol kein abweichendes resultat, weshalb ich excerpierung des- 
selben unter Hess): Chyntasind 309. Phylibert 403. Hyltipalto 666. 
ZfyWw//"683 (HydulfWX wol Schreibfehler für Hyldulf). Chylde- 
ricus 679. Hylin 683. Ymmo, Hymmo 775. Ymma 776. Ymmar 786. 
Ymfrid 422. Hymmchildis -trüdis 779. Hynodulf 763. Ynfred 780. 
YrftnglSS. Frinc, Hyrinc 788. Yrmbert -burc -frid 790. Yrmina 
794. -drüd -frid 795. -gSr 796. -gardlM. Syni\\02. Syrirvald 
1109. Wynbert 1317. -/Wrf 1318. In anderen quellen: goldsyndeh 
spuma Voc. Arch. 39. cylenti Rb. *t- picymbaröt glk. furicym- 
barton Rb. tylle Gc. 11. stylläby Cgm. 154. S.37. Yrmisül Bib. 4. 
fyrspyrne O. I. 23, 30. P. (vgl. Erdmann Otfrid. 441 gegen Kelle 
II. 63). Fni, fluminis Urk. v. 1140. Mb. kylbira, agna Tr. Äy/w 
(ei) MSD.' LH. B. 

Fraglich ist nur: dürfen wir diesem y den lautwert ü zu- 
erkennen? Wir werden diese frage bejahen, wenn wir sehen, 
dass nur sehr selten y für i vor mutis erscheint — diese sel- 
tenen fälle selbst werden unten erklärt werden — wenn wir 
uns etwa an die Wirkung eines / auf vorgehendes i im bairi- 
schen dialekte erinnern, und werden von einer verdumpfung 
durch das u-tinibre des folgenden sonanten sprechen. 

Als Vertreter desselben lautes findet sich u für r. furstsül uyyi 
L. baioar. 9, 6 var. sisumbra Pfl. 6. spunneni D. II, 283. piscur- ' 
munge Nb. IL pitrungan Ra. hulfa D. II, 349. beinburgun Aid. 
munza, mentha F. 2. kumiles, -e O. III, 12, 37. F. I, 3, 32 F. 
berunnent Wm. 139,2 F. fviu Ra. 237,29. In uuulido, dissidia 
Pa. Ra. 100,7. unuuullido, ignavia Pa. 100,8. uulin, sponte glk. 
253,5. uuleote glk. 267,4. uuntar, hiems Ra. 171,23, denen 
fälle wie suuümmene Bo. 5. suümendez Org. suümente N. 31, 6. 
getrunno etc. N. Bo. 5. Gh. 1. guunne (Substantiv) Bo. 5. hellt- 
wunna, Eumenides Prud. 5 gleich stehen, will Kögel Ker. gl. 15. 
verdumpfung durch das vorhergehende w annehmen, da aber, 



* 



iS 



290 SINGER 

so viel ich sehe, diese erscheinung nur vor sonanten nach- 
gewiesen ist, so ist dieselbe wol mit Sicherheit der einwirkung 
der letzteren zuzuschreiben. Mit ausnähme von piguzzit y adi- 
piscit Ra., das wol auf schreibefehler beruht, findet sich u für 
* nur vor sonanten. Durchgedrungen ist diese entwickelung 
in fünf, quinque. 

y für i in ysenina D. IL 331. ysaro gl. Adm. tvyter MSD. 1 
XCIII. B. unzytlicheme XGIV. grynen Bib. 12 und häufig bei 
Försteinann, ist graphische eigentttmlichkeit (ij für if) vgl 
Weinhold, AI. gr. § 145. Als Stellvertreter von t möchte ich es 
auch auffassen in den fällen, wo es vor muta für i zu stehen 
scheint: Kyppo, Kybichus Förstemann I, 448. Gybmdach 454. 
Yda, rtall\. Sxjgur 1087. Sygebrodo 1090. Sygfrid 1091. 92. 
-hard 1093. -mar 1098. Sygimund 1101. y^/ön Em. 19 
— unorganische production des vocals annehmend, wie sie ja, 
wie wir unten sehen werden, ohnehin als vorausgehend an- 
gesetzt werden muss, wenn wir Siegfrida Förstern. L 1092 
finden. 

2. In unbetonter silbe: a) Siggybert Förstern. I. 1088. 
Sigychar 1093. Ingyna 783. Hildifryd 672. Homfryd 759. Eldoyn. 
RagymdfNQug&rt 776. Sigybreht QF. 3, 113. yr, yr- 0. scultyrra 
Schm. o. 231. fyr Is. 0. 1, 4, 68. V. (corr.) I, 23, 30. P. 

b) gu- glk. Bib. 5. Wm. Ran. 2B. zu- 0. 1, 27, 26. F. gru*- 
grimmön Bib. 2. Ify. M. 31. un (= in) Pa. 158,21. glk. 29,24. 

3. Diphthonge: a) ei: bantrayda L. geyza F. seyl Fr. geysia 
D. leylach Sal. 4. leydede, beydet, -heyt, rveynegon, scheyne, ge* 
leyste, reydewaganon Wm. A. hoy D. III, 88 (oi = ei z. b. Wm.). 
Sehr häufig bei Förstemann. 

Anders ausgedrückt in eulriga Eh. speiuchulla Schm. i. 531. 
exiskön (1. euiskon d. i. eiscön) Ra. Es ist dies eine ausspräche, 
die Schleicher als zwickauerisch bezeichnet hätte. 

b) iu, io: fyur Is. 3,15. frg. 15. metfyode Cod. 5. galL 930. 
hyesuabe, pronuta Rx. kyl, celox Gff. 3, 574 häufig bei Forste» 
mann. Anders ausgedrückt in nuazan 0. V. 23, 30. VP. nuoter 
Wm. 86. 7. 0. fruiunt Wm. 8. Bei iu bildet diese ausspräche 
als üu den Übergang zu der späteren als u. 



ZUM ALTHOCHD. VOCALI8MUS. 291 

3. 

Wenn wir auf diese weise den neigungen der spräche nack- 
gehn, so stossen wir auf die auffallende tatsache, dass dieselbe 
zu gleicher zeit conträren neigungen folgt. So finden wir neben 
der abgehandelten neigung zur verdumpfung eine ebenso starke 
zur aufhellung von vocalen vertreten. Natürlich gehn solche 
conträre neigungen von verschiedenen sprachcentren aus, aber 
durch dialektmischung und Übertragung von sprachgewohnheiten 
können sie gleichzeitig und gleichörtlich erscheinen. 

o wird zu a in pisargidu M. 30. gisprahhaniu Schm. o. 408. 
saschöh (d. i. sohscöh) Doc. A. e. 46. scarrantan A. halces Pa. 
150,5. salich Wm. 13,7. A. brasma 0. III, 7,28. R; in zatta, 
(an. toddi) und duruhnaht hat diese Wandlung weites gebiet 
gewonnen, in adebar (D. III, 453) ist sie durchgedrungen — dass 
o hier das ursprüngliche, zeigt an. ioS, infans; in zatta, ital. zatta, 
zazza ist diese entwickelung, die man sonst speciell dem mittel- 
deutschen zuschreibt, sogar in's italiänische gedrungen. Auch 
ö zu ä in säno glk. irhähii Mtf. ßib. 5. 7. bäne Jh. fränisc 
MSD. 2 XL strdm s. u.; vgl. nhd. rahm — gleichgültig ob 6 = 
got. ö oder = got. au. 

u zu a in uspannia Tg. 5. uspanna Schm. a. 99 (= uspunna, 
stuppa); gisanten 0. IV. 13, 54. gisuamfstin Doc A. d. 5. tvarmi 
glk. trahtine Ep. 

u zu ü 1. in unbetonter silbe, 2. in diphthongen, 3. durch 
assimilation an ein i der folgenden silbe. Der letzte fall, der 
t-umlaut gehört eigentlich nicht hierher, wird nur Zusammen- 
hanges wegen hier abgehandelt. 

Bezeichnet wird dieses ü durch y, yu, iu, ui, i, im Über- 
gang zum mittelhochdeutschen sogar schon durch ü in chünne 
Earajan, Sprachdenkmale s. 41, chünnescaft MSD. 2 XXXIX, 5,7. 

1. In unbetonter silbe: ny 0. IV, 28, 11. zdmyn 0. 1, 12,34; 
ni 0. III, 18,27. P. IV, 11,31. V. IV, 23, 14. F. (das ist nicht 
falsche auffassung wie Kelle II, 405 meint); lyhoygyn Mark; 
sichuire N. 26,6. 105,23. gesihhiurel Can. 5. 

2. In diphthongen a) wo: gyote Wiener N. 17,47. myates, 
gimyati, ubarmyati, syazo 0. (teilweise erst später hinein corri- 
giert vgl. Kelle II, 401). syah 0. 1, 18, 19. V.; syitorhewin, iacin- 
tin Rx.; blyent 0. III, 7,64. V, 23, 167. 273; miuot MSD. 2 XLI1I, 



292 SINGER 

16, 3. A.; besonders häufig in fällen = mhd. üe z. b. frhwia 
(d. i. früoja) Bib. 8. fiuozen MSD. 2 LXXV etc. Uebergang *ur 
ausspräche io etc.: vioge Wm. riorta T. 88. kihliad Ra. briutit 
fovet Bib. u. a. m. 

b) ou: boyl, species piscationis Rp. (hierher?), tyhoygyn 
Mart. doychene (1. boychene) Wm. 47, 11 A.; gelouibo Co. 2. 
Uebergang zu dem besonders bei Wm. so häufigen oi. Gebrycho 
WN. 17,39 = gebroycho? 

3. Der umlaut des u zu ü ist eine bekannte erscheinung, 
wir können aber sein auftreten höher hinauf, verfolgen und 
zahlreicher belegen als es bisher geschehen ist: mdnotsyhti 
Bib. 5. yparmuotemo gl. Teg. 187 (das a scheint aus i entstan- 
den, welches allerdings aus a geschwächt war vgl. edul Förstemann 
1, 139). scyrgidanst (1. scyrgidwi) Pb. 2. scyzelun Eb. Schm. i. 60. 
stydlo Mart. (aus studilt). Cynigund Förstemann I, 314. Gydotn 
513 (= Gudnnn 540). Byda 256 (= Butia, 289). Yppo, Fvo 769 
(= Ibbi 1208). lyuzilan Js. 21, 12. 

viule, pultrinus Wn. 460. zistriudit glk. erbriuttet D. II, 342. 
chiuninge N. 44, 2. fiuhsin Wn. 460. 

/Mirö» Wm. chulnftic Sg. 911. ztu/ife Wm. 55, 5. CD. ruihki 
Ra. 9, 27. muillen MSD. 2 XVII. twiri (= furi) Sb. cwmty Wm. 
uittriniu Em. 31. 

i'W/o MSD. 2 XXXII, 2,64. ibilen Kchron. 5, 28,20. scipiling 
Sal. Doc. A. e. 77. Voc. Arch. 44 pestirzlihcer Prud. 1. enzlipftht 
Doc. A. b. 73. enzlipfm Doc. A. b. 97 (ein schwaches verb on/- 
slifan ist nirgends belegt), trihtinan K. 7. gervirget D. II, 338. 
/Sri (=/uri) 0. III, 7,38 F. //c/fcm Pa. 88,19. winnisamit Ra. 
137, 30. tisic Pa. 54, 11 (= tusik glk. Ba.). mz in (vgl. m£0 iA) 
T. 88, 92. 

Sonst erscheinen derartige zeichen für u nur in folgen- 
den fällen, mit unechtem umlaut (beilaut; in unbetonter silbe 
vermöge des satzaccentes?) Yge Förstern. I, 770 (= ügo, Hugo 
751). luifte MSD. 2 LXXXVII. irtvircalöt glk. 65,2. wmsc glk. 
221, 38. intar D. Gc. 4. 

Wir haben bei dieser gelegenheit zugleich die alleinige 
anwendungsweise des y im ahd. kennen gelernt. Es erscheint 
mit phonetischer geltung nur für i und u, für i mit bloss gra- 
phischer, für ü nur in lyhoygyn (d. i. lühougun) Mart. mit offen- 
barem schreibefehler durch die beiden folgenden im vorher- 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMUS. 293 

gehenden erklärten y veranlasst. Da es somit nur für i und u 
erscheint, so ist es um so gerechtfertigter es für den zwischen 
beiden liegenden laut ü zu erklären und auch Otfrids be- 
merkung: 'interdum vero nee a, nee e y nee i, nee u [nee o hat 
man wol zu ergänzen] vocalium sonos praeeavere potui: ibi y 
graecum mihi videbatur ascribi', widerspricht nicht. Zugleich 
sehen wir, dass nicht erst Otfrid diesen gebrauch eingeführt hat, 
obwol er unabhängig auf den gedanken gekommen sein mag. 

4. 

Ferners solchen neigungen der spräche nachgehend, stossen 
wir auf die conträren der dipbthongation und monophthongation. 
Ich wende mich im folgenden der ersteren zu. 

Sie entsteht durch zweigipfelige ausspräche eines langen 
vocals und allmähliche differenzierung der beiden gipfel, da- 
durch dass der eine oder der andere offener gesprochen wird 
resp. geschlossener. Wider conträre neigung die offene aus- 
spräche der ersten, resp. der zweiten hälfte zu teil werden zu 
lassen. 

Wir wenden uns zur betrachtung der einzelnen vocale: 

$ wird zu eh und dann zu ei, ei oder zu ie, ia (eo, eu), 
ia, ie. Es erscheint: 

1. In fremdwörtern: bioza, piozza, Pfl. 1,2. Sg. 299. pieza, 
biez Mon. 2 aus *beza (vgl. neuslov. pesa) aus lat. beta. 

briaf, brief y brif, farbreuvit W. — undarbrevita Bib. 10 — 

lat. breve. 
fiebar, biever Wm. — lat. febris. 
Peatres H. 13,2. Pietres H. 25,4 — Petres T. 80. Pa. H. 13 

— lat PetrL 
priestar, brister Tr. — prSstarlth glk. Pa. presta Can. 4 — 

lat. presbyter. 
zeagel Bib. Zf. 1. ia Rf. io A. fc, % Gff. 5,626, daneben zeigal 

Aid. 3. Bib. 13 — zigai Bib. — lat. tegula. 
ziecha Gff. 5, 625, daneben zeicha St. — lat theca. 
ciederpouma, ziederboume W. Notker 103, 17. 18 — cederbonm 

Gff. 3, 872 — lat. cedrus. 
kriecha Tr. ea glk. ia 0. III, 4, 4. Chreuhesheim Förstemann 

II, 2&6(?), daneben kreihisc Ka. 161,31 — Chreh, got. 

kriks — lat. Gr accus. 



294 SINGER 

chriesiboum Em. 22 — chresipoum Sg. 299 — *cresia. 
meoter, cola i. membra, commata Zf., daneben rvolameit oolus 

Sg. 913 — melar Gff. 2, 708 — metrum. 
riemo Id. — bordremun Gd. 4 — lat remus. 
Riez Hd. — lat. Rhaetia. 
spiagal Rb. spiegal, spigela Bib. 10, daneben speigela Bib. 13 — 

lat. speculum. 

2. Als ersatzdehnung für ef. Vor allen in dem redupli- 
cierten praeteritis. Die diphtbongierung zu ea, ia ist bekannt, 
icb notiere nur die fälle entgegengesetzter entwickelung: biheilt, 
intpheing MSD.* LXXIII. A. reiiun 0. IV, 28, 9 P. üzsceit Sb. 
caheiz Gh. 3. untarfeille Rb. firleizssi Is. Vielleicht auch piheialt 
K. wenn es als zerdehnung des ei zu beurteilen ist. Solche 
zerdehn ung von diphthongen kommt öfters vor und ist das 
resultat gewiss nicht immer als nebeneinanderschreiben des 
zweifelnden Schreibers aufzufassen, von welchem mittel der er- 
klärung mir überhaupt Scherer in den denkmälern (vgl. auch 
seine iniscelle über leniter saxonizans in Zfda. 21) allzuhäufig 
gebrauch zu machen scheint. Wir finden da den einen teil 
des diphthonges entweder 1. über die gewöhnliche Zeitdauer hinaus 
verlängert: bouum Sg. 242. tuooch Bib. 5. ganuooh D.Il y %2b. stuool 
Mt. drüos Wn. 232. 460. huuit (ans huit d. i. huot) D. II, 330. 
diiu glk. geeil glk. oder 2. im späteren verlaufe selbst wider 
diphthongiert: duoa Virg. guoattät Prud. 1. deiob MSD.*IV,3. 
pihieozon Em. 30. diea N. Virg. keien D. 11,313. sta&b Sal. 1. 
miltoü Bib. 4. herdo'om D. II, 285. go'at MSD. 2 LVI. liüth ibid. 
XXV, 20, 4. Als bezeichnungen des umlauts werden wol aller- 
dings fälle wie süezze, wo v ehse MSD. 2 XXXIX, 1,5. 6,4. titiBa 
Zf. zu fassen sein. 

Ausserdem gehören hierher folgende worte: 

meas K. 39. ia. K. 38. 48 aus *rnes (vgl. got. mes) aus lat 
mensa. 

phiesel Sal. 4, 2. Mon. 2. t Sal. 1. Hs. Ob wol mit pisale 
glossiert, doch kaum daraus, sondern wie franz. poele wol aus 
*pesalis, pensaUs, pensilis (vgl. Littre-Beaujan 880). 

Trieri aus Treveri, *Trevri, *Treri. 

ziosala, murice, ziosed, tineturas Aid. 4 aus *zehsal *zisal 
zu zehön, tingere. 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMÜS. 295 

zearrer Ib. Rd. ziari, zioro 0. ziert, ziri Can. 7 daneben 
auch zeirda Bib. 13. ceirida D. II, 321 aas ceeri R. Pa. 138, 11. 
Ra. glk. 139, 11 aus *zehri zu *zehor = lat. decus (*zehor: 
an. tir, *tihir = ags. sigor: got. sigis). 

kien, daneben auch cheien D. 11,313 (= chein) aus kin, 
chen Pa. 144,31. glk. 145,50 aus *kersn, *kerzndm [denn es ist 
wol ursprünglich neutrum , wie oft ira mhd.] mit an. kiarr n. 
(copswood, brushwood) aus *kerzdm zu [/ gars, tönen Fick II 3 , 
346 das prasselnde. 

meata Ja. Ib. glk. 263,29. ia. Ra. 210, 12. ie häufig, fir- 
meotton Zf. neben meida glk. 210,12 aus mela Ra. glk. 252,9. 
235, 30 aus *mezdd (ags. meord, got. mizdo). 

Uztriet Hs. aus *Uztret = Uztreht, Utrecht 

3. Erscheint e häufig als monophthongierung von io, ie, 
z. b. grez = grioz. Eine allfallsige erneute diphthongation ist 
dann kaum zu erkennen, da die mit ie der ursprünglichen un- 
monophthongierten form gleicht, die mit ei wie deich, coxae 
F. 1, 2. greizin Bib. 13. cheil celox Bib. 13. reid Wn. 232. neiro 
F. neiron A. teifle MSD. 2 XC1L es zweifelhaft lä6st, ob nicht die 
diphthongierung aus t erfolgt ist, welches ebenfalls als mo- 
nophthongierung von ie erscheint. Auch mag hier in einzelnen 
fällen Verstellung der buchstaben durch versehen eines oder des 
anderen Schreibers ja allenfalls vorliegen. 

e ist monophthongierung des ei. Selten im ahd. di- 
phthongiert: 
ieo N. aus So aus *ew = got. aiv (die gewöhnliche entwicke- 

lung ist So, eo, io). 
tvieo N. aus *hweo *hwew = got. hvaiva, aber mit anderer 
adverbialendung wie z. b. mins (während hrviu = got. hvS). 
irfleohöt Gff. 3, 756 ■= irflehöt. 
ziesento VG. I, 390 aus *zesento = zeisento. 
Hiericus Förstemann 1,662 = Herxcus, Hinricus. 

% wird ebenfalls zu ie oder zu ei diphthongiert. Die letz- 
tere entwickelung, die sogenannte bairische gunierung aber 
durchaus nicht auf Baiern beschränkt, ist im ahd. noch ?ehr 
selten: kaseeit, fieri B. (aus kasdt für kaseihi) pesmeizze N. 7,6. 
deihsela } deisilo D. I, 314. 328. leylach Sah 4. 



296 SINGER 

Die erstere entwickelung findet sich am häufigsten vor 
h: tfieÄen* N. 53, 1. diehente 1,3. 53,1. 10G,38. diehsamo 103,13. 
53, 4. Mcp. Bo. 5. D. II, 353. diechsele Wn. 460. diessela L. m- 
/te/rirf Bib. 9. N. 36,21. 26. 111,5. lieht KBo.b. Mcp. *t*As 
N. 29, 1. wiehta N. 44,8. 104,5. gewiehto etc. N. Nf. Nh. Nb. 
wierouches Wm. 66, 12. 0. tnisselieche Wm. ziehent N. 10 b , 3. 
101, 6, firziehan = negare Bib. 9. virziehin, virliehin MSD.* 
XLII, 57. 58. 

Aber es ist zweifelhaft ob wir diese erschehrang, die be- 
sonders gern im aleman. vorkommt, hier einreihen dürfen. Eb 
ist mindestens mischung zweier entwickelangen anzunehmen: in 
einzelnen der fälle mag das % wirklich über die zweigipflige 
ausspräche hin zum diphthong gelangt sein, in andern aber 
durch Verbindung mit einem gleitelaut der die mundstellung 
des palatalen vocals der des gutturalen consonanten annähern 
sollte. Möglich ist letzteres auch, wenn sich vor sonanten ie 
aus % entwickelt, kaum wenn vor muten: spieren Id. spier D. 
II, 146 = sorbus. spierboum = spirboum\ ieleta Wm. 3, 6. ielego 
Wm. 2, 10; Chriemhilt Förstemann 1, 549; schienen Wm. 39, 2. Q^ 
ie diminutivsuffix Prager gl. (= t). ge stieg ent N. 36, 20. irwiegcda, 
taedium N. 30, 11 (vgl. arwigan, conficere, debilitare). Wiecräd 
Förstern. 1,1300 (=W\cräd). keriete, pompa Mcp. 60. fliezzent 
Wm. fliezegor Wm. 76, 4 BGN. giesel Wn. 232. Jesinpach Förstern. 
2, 587 (= hanpach). G litis not 1, 528 (= Cliisnöt). Kyesinga2,bl9 
(= Gisinga). rieffo Wn. 232. Wm. 41, 3. BGN. trieben Bo. 5. ge- 
slieffen Gff. 6, 805 (= geslxfen Gff. 6, 808). siet MSD. 2 LXXXYL . 
snieda, lisca (unter den speisen) Id. zu snida? Gff. 6, 845. Vto- 
tola, Wieda, Wiedinchora Förstern. II, 1280. 1281 = Widüo et* 

5. 

Im mhd. werden nicht nur die alten ie aus dem ahd. 
herübergenommen, sondern neue durch die fortlebende noigung 
zur diphthongation gebildet. So ausser den bekannten fremd- 
worten: fieber (biever), bieze, brief, krieche (wol dazu krieche = 
vogelkirsche), kriese, priester, rieme, Spiegel, zieche, ziegel noch 
biegger aus begehart, krien aus kren (aus dem slavischen vgL 
DWB. 5, 2167), liehe aus franz. laie (mit den auffälligen neben- 
formen liene und liere). Ausser den reduplicierten praeteritis, 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMUS. 297 

ausser kien, ziere, miete, phiesel finden wir noch diem aus *dem, 
dehem = decima\ schiec aus *schic * schenk, ablaut zu an. skakkr 
= skankr. Noch für ein drittes e, das dem ahd. fehlt, für 
den umlaut des d (ae) finden wir ie: dieren Lexer 1,429. DWB. 
2, 1133 = daeren und hiete Weinhold, Mhd. gr.* § 394 — haete 
(vgl. § 95). Für e finden wir es in wienec, zwiene, stien 
(stare). 

Bezüglich der diphthongierung des t hat sich seit dem 
ahd. eine Veränderung vollzogen: Sie ist fast gänzlich auf 
Mitteldeutschland beschränkt worden und h spielt keine grössere 
rolle als andere nachfolgende consonanten: lieht Hartm. v. glaub. 
299. Mein. nat. Wack. leseb. 770, 17. tiehsel Grw. 1, 107,219; 
biese Ath. A. 44 aus *bise 9 binse; kieme, kiemen, kien md. = kirne] 
lies Zimrar. ehr. = ßse\ Herne Hans. 292 = rim\ schienbar Dfg. 
94 b = schinbaere; schief = schif, welches im ablautsverhältnis 
zu sehet/, an. skeifr. — anders Zimmer QF. 13, 93 ff. — ; schrieden 
Dfg. 415». ngl. 282» = schriten; Strieme MSH. 3, 311 b . Wig. Bph. 
Voc. 1482 = slrxme; vertielgen Himelr. 335 (Zfda. 8, 145 f.) = 
verfingen; vliez Li vi. M. 319. 5488 u. ö. vliezen Elis. 2272 = 
vRz, vlizen; ziet LivL M. 6599. Gris. 3, 18. 16, 27 = zit. Ausser- 
dem vgl. Weinh., Mhd. gr.* § 107. 

Ganz analog dem vorgange bei e und % vollzieht sich die 
diphthongation bei 6 und iL 

S wird zu ob, dies entweder zu ob, oa, ua, uo, und dies 
ist die gewöhnliche entwickelung, oder zu bö, ao, au, ou, und 
auch dieser Vorgang ist zu bekannt, als dass ich beispiele 
dafür anzuführen brauchte. Nur einen fall will ich hier des 
näheren betrachten, worin die ungewöhnlichere entwickelung 
den sieg davon getragen hat. 

Der fall ist jene alte crux guomo — goumo. Bevor wir 
aber darauf eingehen, müssen wir vorerst 2 ablautsformen, die 
man aufzustellen pflegt (vgl. J.Schmidt, Ez. 26,8; Kluge, Et 
wb. 99), bei seite schaffen. 

A. giumo. Mit recht von Kluge a. a. o. bezweifelt. Graff 
4, 206 belegt es aus L. Em. 27 und N. Nun steht aber in L. 
gvimo und da auch F. guimo bietet, können wir wol das in den 



298 SINGER 

andern fällen das iu als für ui verlesen (oder verschrieben) 
ansehen. Ui ist nun allerdings oft selbst wider zeichen för tu, 
oft aber auch zeichen für uo, und zwar zumeist allerdings für 
uragelautetes uo (üe): irsuihhist 0. II, 9,21 F. uipari VG. 1,299. 
gruizen Prüveninger cod. 1. m. 13002. suizzen Wm. tuilla Bib. 9. 
Zf. 1. tuillah Bib. 12. tuiUili, tuMitin Bib. 9. Zf. 1. cÄwt//e* Bib. 11. 
turstuidel Schm. a. 575, aber auch linbruich Bib. 5. pruider SaL 2 
und ämm/7 D. II, 330. Und so wird wol auch dieses giumo recte 
#w///io nichts anderes sein als ein verkapptes guomo. 

B. Ahd. *gummo, ags. *gumma von Kluge a. a. o. angenom- 
men und zwar: 

a) Geschlossen aus früh-nhd. formen wie gumme Behaim 
8, 26. ghümmen Alberus. Alle anderen mir sonst bekannten 
formen können wol ü haben als regelrechte entsprechung für 
uo. Aber auch die kürze gibt noch kein recht eine solche Ur- 
form anzusetzen, wenn wir nur an die ganz analogen Ver- 
kürzungen in mutier, futter, schuppe etc. erinnern. 

ß) Geschlossen aus engl. gums. Aber gums : göma = engl. 
rudder : ags. röder. 

Was die übrigbleibenden formen guomo — goumo betrifft, 
so ist hier von einem o auszugehen, wie es uns ag&.göma, 
an. gömr, ahd. goomo Sg. 913 zeigt, somit uo die regelmässige 
entwickclung, nicht ou, wie Heinzel 'Wortsch. u. sprachf. d. 
W. Notker hs.' 3,11 irrtümlich annimmt. Aber allerdings ist 
die letztere form die herschendc geworden, wie wir ja schon 
im früheren oft ungewöhnliche entwickelungen durchdringen 
sahen. 

In einem falle ist o aus o durch ersatzdehnung entstanden 
wie e aus e. Ich meine ahd. truosana, trüsana (die länge des 
u ist bewiesen durch den mangel der brechung; wenn Ps. 1 
trosena bietet, so ist dieser ganz vereinzelte fall wol als trösena 
oder als schrcibefchler für trö°sena zu fassen) = ags. drösn, 
got. drauhsna, drausna n. = tpixiov, xXaöpa\ mhd. drüsen, 
druosen] nhd. drusen. 

Ableitung des ahd. und ags. wortes von mlat. trüsare 
(Wcigand 4 1,398) ist unmöglich, da lat. ü bei entlehnungen 
immer = nhd. au (vgl. mauer, flaum, pflaume etc.); die für jene 
lautvei tretung aao. gebrachten beispiele bube und kufe 



ÄÜM ALTHOCHD. VOCALISMUÖ. 299 

üD&tichhaltig: buhe aus püpus ist des inneren cöbsötianten 
wegen unmöglich, kufe erklärt sich aus der nebenform cöpa, 
nicht direct aus cüpa (Kluge, Et. wb. 187). 

Bosworth-Toller 215 setzt ags. drosn mit kurzem o an, wol 
auf schott. drush, fragmenta sich stützend (was sich aber wol 
wie gums s. o. erklärt). Dann gienge es wol zu driusan = 
cadere zu stellen; aber dann entfiele nicht nur die verwant- 
schai't mit got. drauhsna sondern auch die mit dem kaum davon 
zu trennenden ahd. trestir. Fick, KZ. 21,4 stellt allerdings 
auch trestir zu driusan, aber ohne die Schwierigkeiten des ab- 
lautes zu beheben. 

Holtzmann, Ad. gr. 1,246 hält die ahd. form mit uo (sie 
kommt übrigens nicht nur bei Notker sondern auch in F. 1. 
Em. 21. M/y. Mt. Sb. Bib. 1. 2. vor) für entstanden aus der mit 
ü durch einwirkung des folgenden ausgefallenen h. Aber erstens 
ist uo das ursprüngliche, ü monophthongierung davon wie Weigand 
a. a. o. richtig zeigt, zweitens ist der ausfall des h älter als 
die entstehung eines diphthongen uo. Das h ist vielmehr zum 
teil schon im got. abgefallen, in den andern sprachen nie be- 
zeugt und ersatzdehnung eingetreten, die allerdings im got. 
nicht bezeichnet ist (drausnös Skeireins 50), wol auch nicht 
bezeichnet werden konnte, da das 6 zur bezeichnung des ge- 
dehnten aü kaum passend war. Dann ahd. trestir *tre?istir 
(ausfall ohne dehnung wie in mist-maihstus) ags. därst (*dräst 
*drähsi) därstan im richtigen ablautsverhältnis, ebenso an. dregg, 
engl, dregs von Fick a. a. o., wie mir scheint, unnötig davon 
getrennt, preuss. dragios etc., auch gr. rptg (Dwb. 2, 1461), wenn 
man qv hier wie öfters sonst (J. Schmidt voc. 2, 337. 6. Meyer 
gr. gr. 31) als Vertreter von r nimmt. 

r 

o ist monophthongierung des au. Diese tritt gewöhnlich 
vor dentalen, h und R ein. Demgemäss finden wir die 
diphthongierung uo in: gipuosi 7 nenia Sal. 1. huohmuot, gehuore 
W. Notker (Heinzel, Wortschatz 3, 1 0). gehuoret N. 93, 9. ruod } 
ruber Wm. 87, 1. A. scuoniu Is. 5, 7. scuona, scuone Wm. gioa- 
deger Sg. 292. stuoz N. psalm. 93, 118. ferstuozzen N. 108, 10. 
zefluozet Wm. 82,2. 0. noatida Ra. 109,26. koaz Ra. 129,18. 
kinoazsamöt, -sam, -scaf glk. 61, 24. 141, 34. 77, 13. toadiu, 



300 SINGER 

toat, toa(n)dero 82,36. 122,25. 59,9. huohmüti MSD.* LXXVL 
roazegen 0. V, 5, 20. F. hroara (= röra) Ra. 

Aber auch vor allen andern consonanten tritt ausnahms- 
weise die monophthongierung ein und somit haben wir immer 
ein uo, das wir an stelle eines au finden entweder als schreibe- 
fehler (was es ja wol manchmal sein mag) oder als diphthon- 
gierung eines 6 zu fassen. So finden wir: gluobigen W. Notker 
(Heinzel a. a. o. 3, 11). arluobit T. 110, 1. chuoffan Bib. 13. täber 
Sal. züber Mon. 2. firzübiröte Zf. 1. arm — hals buoch, buch 
Bib. 4. 13. früa F. gituog'mi Sb. 31 1. tuofte MSDJ XLVII, 1, 12. 
giluofit T. 1 12, 2. scuo% gleba D. II, 322. lüba Bib. 13. cruomiHn 
Prud. 1. huosal Bib. 13. gihuofbt 0. I. 24, 18 F. (VP. ou). suof 
(praet.) N. 118, 131. pisuoftcr Sb. unter sluof (praet.) D. III, 75. 
duopön VG. 4, 102. geduobet N. 118,20. <&oiwte Prud. 2. Atfo&if 
Nd. II. Wm. süm Bib. 4. kisüme Schm. a. 532. suomare Bib. 13. 
ruohgerta Wm. guomöta T. 107, 1. ^i/Äfca MSD. 2 LXXXIII. jwl- 
cämm, nutibus Zf. rotf/ä Bib. 4. tu MSD. 2 XXXIX, 3, 3. Es 
wäre natürlich leicht für die meisten dieser fälle die mittel- 
formen mit ö nachzuweisen. 

Besonders interesse wegen seiner manigfachen vocalwand- 
lungen gewährt ein wort, bei dem wir nach ausweis des ags. 
und an. (stream, straumr) au als grundform ansetzen müssen. 
Im ahd. ist ou noch das bei weitem gewöhnlichste; daneben 
mit ungewöhnlicher monophthongierung ö {ström Sg. 913), was 
im laufe der spräche das her sehen de wurde; aus diesem durch 
die oben behandelte erhellung ä (strämilaht F. Id. mhd. strdm), 
durch diphthongation uo (strümin Zf.); aus letzterem wider 
monophthongiert ü (strüme Mcp.). 

ü wird diphthongiert zu uo und ou und zwar letzteres 
weit häufiger im ahd. als i zu ei: do'chare Adm. gl. (die mit- 
teilungen über diese glosse verdanke ich der gute meines 
freundes Murko). dro'he Tr. hantdrauch Bib. 4. hantdrouch D. II, 
353. ho'be F. Prag. gl. uncrout L. rauchaus Bib. 4. mo v s Wn. 460. 
Adm. gl. phlouboum, phloumboum L. Adm. gl. roudo, impetigo L. 
sco'vila Adm. gl. erso v re Doc. A. b. 67. provtelouft Sg. 1394. «i- 
fuori frg. 3, 4. oi/MSD. 2 XLIII, 9, 3 B. pro*telo*ften MSD.* LXXXIX. 
hro v mo Ra. 23,2. maure Bib. 4. tourvingen N. 131,5 aus *tüwmgm 



ZUM althochd. VOCALISMUS. 301 

*tunrvmgen d. i. tunetvangen\ mauhhuari Pa. = mühhari gl. K. 
Hierher gehören auch die ou ~ tu, für die wir ü die mono- 
phthongierung des xu als mittelstufe ansetzen müssen: souh L. 
^o r cÄ Cr. *prö r Doc. A. b. 76. e. 82. do'muole N. ps. 4. toumuotigen 
Wm.60,5. 0. pavla glk. /7o*Zu?*MSD. 2 XXXIX,10,6. flo'zzit 10,3. 
ro v ^e XLII, 58. erlovhtent XLIII, 3, 12. B. Besonders häufig in 
der Millstädter und Vorauer handschrift. 

Für uo aus ü vor h gilt dasselbe wie für ie aus t: nlder- 
geduohtemo N. 61, 4. duohta, duohti, giduohton N. Bo. 5. Nf. Mcp. 
Ma. druoh N. 68, 34. 78, 11. 145, 7. Prud. 1. D. II, 319. gedruoh- 
ten N. 68, 34. gebruochender Bo. 5. fuohte Seh. 75. MSD. 2 LXXXVI. 
tuohil Bib. 7. rwocÄ Bo. 5. uohte N.; Bezzenbergers annähme 
(unters, üb. d. got. adverbien 40) einer entgegengesetzten entwicke- 
lung von uo zu ü in uohte entbehrt jeder begründung. Vor an- 
dern consonanten: bluogo 0. I, 4, 38. kipuorum Bib. 7. Z/rwöte 
Mcp. brüthlouft MSD. 2 XXXVII, 9, 9. /r/ua/fen 0. 1, 1, 145. II, 9, 
42. F. huosunmrz W. huoshirro Hs. MSD. 2 LXXXVI. hüt, pellis 
Wn. 232. huete Bib. 4. cÄrarto Bo. 5. unerüt F. tfcrwotf 6c. 4. 
chuoschtichen MSD. 2 LXXXVI. fledermüs, müsare Wn. 460. #*- 
muozten W. Notker (Heinzel a. a. o. III, 11). rüoment Bo. 5. ruä- 
mana 0. II, 4, 54. D. ruonazit Bib. 7. s/rÄz Bib. 4. sürögßr Adm. 
gl. *r$äre Mon. 2. *wo$£* Cgm. 17, 57 b . tuobon Wm. tuoben, tüben 
MSD. 2 XLIII, 17, 4. A. XXXIX, 9, 6. suolin XLIII, 3, 10. Ä. 
truobo, trübo Bib. 4. 7. Bo. 5. fr twf Wm. W. Notker (a. a. o.) N. 
ps. 28, 6. gelütenne MSD. 2 XCIX. zun ibid. muazzbti, mutaret 
Prud. 1. puahaftaz Ib. bürvet MSD. 2 XL, 4, 10. b&rven ibid. 
XLVI, 46. 

Für uo — tu, gilt dasselbe wie für ow = tu: bedruozzet 
Wm. thruozisale Gc. 8, 9. urdroaz Can. 9. Auo/t^ Bo. 5. stüorrent 
Bo. 5,236. stuorruoder Bo. 152. /£/» MSD. 2 XXXIX, 12, 5. 

Die entwickelung im mhd. bietet hier nichts interessantes, 
weshalb ich sie darzulegen unterlasse. 

7. 

Im engsten zusammenhange mit jener zur diphthongation 
ist eine neigung zur produetion kurzer vocale zu betrachten. 
Denn bei unserer mangelhaften kenntnis der geltung der 
accente in den ahd. denkmälern, bei der Seltenheit der doppel- 
schreibungen, sind wir genötigt aus der diphthongation auf 

Beiträge aur geschichte der deutschen ipraohe. XI. 20 



302 SINGER 

vorhergegangene production zu schliessen, da sich nur auf 
diese weise, ausgenommen die oben besprochene Verbindung 
mit einem gleitvocal, das auftreten eines diphthongen für einen 
kurzen vocal erklären lässt 

Von Schmidt voc. II. ist bereits die dehnende Wirkung 
folgender sonanten auf kurze vocale besprochen. Aber auch 
vor anderen consonanten tritt sie ein. 

e zu e (dies folgt aus der offenen ausspräche des e, die 
Frank Zfda. 25 nachgewiesen hat) dies zu ei oder ea, ie. 

Vor sonanten: sciari, scioro aus seeer i C. sceri glk. 273. 
skiro Ra. 273. Pa. 208. glk. aus *skeri, an. skiarr, shy, timid. 
Keinesfalls wie Lexer 2, 276 meint skiri aus skiari contrahiert, 
ebenso wenig aber mit Zimmer QF. 13, 105 an. skiarr als aus 
*skerr diphthongiert zu fassen. 

chiela, branchia Mr. chiel Bib. 1. 2 aus chela Bib. 5 aus 
cMa, gula mit differenzierung der bedeutung. 

Cheamperc Förstern. II, 874. kiemisse 876. nhd. kieme aus ndl. 
kirn (wol aus kiem\ wenn Osthoff, MU. 4,21 ein ahd. *kiomo aus 
*kyümö aufstellt, so ist das bei dem fehlen des Wortes im ahd. 
nur geraten; auch an kauen, \J kitv kann man nur denken, wenn 
man das w darin — wie in abg. zivati — als stammeserweite- 
rung, wurzeldeterminativ fasst, was aber unwahrscheinlich vgl 
Fick II 3 , 351. Die obigen Ortsnamen dazu zu stellen hat nichts 
unwahrscheinliches, wenn man sich an sonstige Ortsnamen ans 
körperteilen erinnert.) aus kemingauwe, Chemissem a. a. o. aus 
*chem~no, an. kiammi (vgl. Kluge, Et. wb. 162; kjannr ist wol 
ferne zu halten, da vielmehr zu got. kinnus gehörig) mit un- 
gebrochenem vocal in Chimincgaowe, Chimincsee a. a. o. Chim- 
bald etc. 1, 308. 

hear Is. 3. 4. 5. Matth. fragm. 7. 45. Mar, hier aus *hSr, 
got an. ags. her als gemeingermanische dehnung aus'*A£r vgl. 
ahd. hera. 

fiara aus fera got fera aus *fera = ausdehnung, richtung 
vgl. verro aus ver-no. 

tviara {kirveordta Zf.) aus *tvSra aus *tvera, rd-ableitang 
von ]/ vi, flechten, Fick 1 3 , 203. An. virr aus selber / mit ro- 
ableitung, ebenfalls mit dehnung durch die liquida, doch ohne 
brechung. An. virr : ahd. *wera = schif : sehe/'. Umgekehrtes 



ZUM ALTHOCBD. VÖCÄLISMÜ8. 303 

Verhältnis in ahd. xla an. el, l& resp. /o-ableitung aus \l 1 gehen. 
(Vgl Kluge, Et. wb. 62; anders Schmidt voc. 2,419.) 

WioUmdus QF. 3. 114. Wielant aus WSlant (vgl. Myth.« 312. 
313) zu an. vä mittels dehnung aus *wela. Daneben ein 
*wiljom n. anzusetzen für das ags. vil n., das, erst später ge- 
dehnt, nach weise der kurzsilbigen in der flexion behandelt 
wurde. Dass e hier das ursprüngliche ist, sehen wir aus dem 
im ablautsverhältnis stehenden Völundr, Galandus. Ablauts- 
verhältnis ist vielleicht auch bei an. vael. Etwas anders erklärt 
das ganze Schmidt voc. II, 421. 

Nicht durchgedrungen ist dehnung und diphthongierung 
in: zear Em. 19 neben zeir Bo. 5 aus zeer Bo. 5 aus zer. 

ceilt Rb. aus *zelt, zeit. Da für e, wenn nicht besondere 
gründe vorliegen, wie wir deren einen gleieh kennen lernen 
werden, niemals i eintritt, was auch nur bei geschlossener aus- 
spräche des e begreiflieh wäre, so kann dieses ei gewiss nicht 
aus einem schwanken der Schreiber erklärt werden. Ebenso 
Ailaghoga, Ailihccauga, Alling as QF. 3, 113 ai für e darf nicht 
wunder nemen: so wie ee zu ea'zu ia, so wird he zu ii zu ai. 
Anders bei feiliso glk. 89,10 für feliso, neben welchem durch 
assimilation an das folgende i filise Pa. 68,10 erscheint, wo 
wir, wenn diese assimilation nicht, wie wol sieher die an das 
vorhergehende i in pinimant [glk. 109,8. kifiht 57,37, einem 
Schreiber zur last zu legen ist, an ein schwanken der aus- 
spräche glauben mögen. 

In gienen 0. II, 9, 82 F. geinen a. a. o. P. = jenen, ist der 
Sachverhalt nicht ganz klar, da wir nicht wissen, ob wir es 
mit gebrochenem oder umgelauteten e (vgl. Beitr. IX, 567) zu 
tun haben. 

Bei folgendem h werden wir in spiehen SJ. spiohöta 0. 
IV, 11,2. paspeohön Rb. aus spehan, zeahanunga Ra. 107,11 aus 
z'ehanunga, uff riecht MSD. 2 XXXIV [ea als Vorstufe sicher 
anzusetzen] aus uffreht, zweifeln, ob wir es nicht mit Verbindung 
mit dem gleitvocal zu tun haben. Keinesfalls aber bei der 
entgegengesetzten entwickelung in leihtaro Bib. 8. gileihter M. 
33. Ph. grünspeich Wn. 232. unfarreihanü (1. tmfarseihanü) Pa. 

Eine gedehnte mittelform müssen wir auch voraussetzen 
bei: stiaga aus stega, stiegereif 'Id aus stitgereif, stiagil, steogal 
Zf. aus *stegal; siazza, siozza, siuzza (vgl. J. Grimm Zfda. II). 

20* 



304' SINGER 

SiezgSr Förstern. 1, 1110 aus *seza, ags. geseotu. smieffa Mon. 2 
= snepfa. Vorhanden ist sie in chrieg, chreg aus *chr8g, 
schwache stufe von krigan, kreic. Anzusetzen für eissa St. = 
essa, obwol hier schwanken möglich wäre, da aus t entstan- 
denes e nach Franck geschlossene ausspräche hatte; deis Wm. 
73, 2 0. 

e diphthongiert in liefe Hs. liet Hd. s. u. mhd. lieteme, 
Meter de aus letto; kasiezzi Da. aus kasezzi] gimieran, landen 
0. V, 25, 2 wol zu mer, mare wie auch mhd. mier = mare s. u. 

i zu ie, selten ei. In einzelnen fällen wird es zweifelhaft 
sein, ob ie aus i oder e entstanden (seif, scefi fridu, fredu). 
Vor h und sonanten wird Verbindung mit gleitevocal, ohne 
vorhergegangene dehnung anzunehmen sein. 

Vor h meist im alemannischen: fiehu N. jieho N. Wo. 2. 
sieho N. Ne. .Mete* Wm. 149, 10. 0. ungesliehten D. II, 332. gu- 
ciehet N. neowiehti K. 7. 

Vor sonanten: i^r, Sprachpr. 18. ps. 113, 15 (vgl. an. er, ier). 
pierit glk. 234, 14. biert D. II, 280. vierst Wn. 460. üierolt 
Förstern. 1, 662 zu Hiro, lro. ierten Wm. 38, 9. C. sieh Wn. 232. 
seitspiele N. 70,22. hiemele Wm. hyemno glk. kalienne H. 16. 
sciena Ib. /fensf Prag. gl. 

Vor muten: vermiegunVmd 1. Piekenbroker Förstern. 11,218. 
Siegfrida 1, 1092. Brietger 1, 282. Hietol (ffittilo) 662. watete Id. 
Hiudinheim(Hiddenheim), Hiadonösa(Hiddeshüson) Förstern. 11,733. 
thrielten MSD.* V. wiehel (1. wiecÄ*/) F. 1—8. kieseRnc Wn. 231. 
Fiesilbach Förstern. 11,504. Riesia 1, 1059. Viesche(Fiscaha) 11,496. 
wteteitf Prag. gl. tfryü&o Em. 32. ftt*- MSD. 2 XLUI, 18, 6. A. pio- 
Sal. 2. 4. *to- glk. yie- Wn. 232. #w- Rhein. Paul. 103 aus Art- 
glk. 267, 29. 33. scleßcher (1. scießcher] l für t nicht seltene 
verschreibung , an sc/* zu denken verbietet der stand des sc 
in diesem denkmal) Adm. gl. 376 daneben seeif a. a. o., viel- 
leicht schwanken zwischen seif, scef; smiedes Id. neben smeidar 
glk. Ra. 263 aus smid, smeth Id. friudilo, friedelo F. 1. Prad. 5. 
friedela F. 1. Freudolf Förstern. I, 431. Friether 427 neben 
Freidebadus, Freitdrüt, Godefreit (Heinzel, Nfr. gesch. spr. 73) 
aus fridu, freda, fredu, Fretela (Heinzel a. a. o.), fr edel Sg. 105 
(wenn dies mit Weinhold, Alem. gr. § 37 mit e anzusetzen wäre, 
so müssten wir wol von e, nicht von i ausgehn; ebenso bei) 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMÜS. 305 

i 

Freaso, Friaso, Frieso neben Freysenheim Förstern. II, 528 f. 
aus Friso, Freso (mit e Weinh. Bgr. § 46); ßioda, Biotuit 
Förstern. 1, 265. Biettemburghe II, 221. Piatahgetve, Bietgowensis 
II, 194 aus Bito, Bita I, 256, Bidburgh II, 221. Bedagouwa II, 
194; durchgedrungen wie in vriedel und Friese in rviaga 
aus rviga. 

Dehnung ohne diphthongierung können wir nachweisen 
im monosyllabischen bi gegen got bi. 

8. 

Mhd. ie für e: spieher Alem. Chr. 8, 258. 31. 9, 852, 12. tien 
(= sehen) Pass. Albr. PfeiflF. üb. schiechter Dfg. 502* (= schech- 
ter, sch'etter Weigand II 4 , 567). piermeit (= pergamente) Brunn, 
str. spier Chr. 3, 366, 5. stier Voc 1482. stierten Mgb. tiermunge 
gesta. Rom. 3 wier Lexer III, 877. zierunga a. a. o. 1109. (Zweifel- 
haft ob aus e oder i: schierm Chr. 5, 261, 14. liernen Griesh. 
2, 18. Ar/e/-*tt Mart. 107. 30.) schiel Pass. meresquiel Heldb. K. 
24,13 (vgl. tvazzerquel, anders Lexer 11,326). niemen M. Himmelf. 
181. Kindh. 140. 300. niemet Mart. 50, 62 (= nemen, nemet). 
schiem Voc. 1482. schiemen Const. ehr. (b. Mone). schiek oder 
schecheling, spinacius Voc. 1482 (kaum verschreibung wie Lexer 
11,677 meint, vgl. schech, spitz Earlm. 128, 66. schechen, stechen 
Chr. 2, 188, 7); wie schon ahd. stiege, stieget] vgl. stege Dfg.268 1 ; 
trien Voc. 1582 = tren, trene (im ablautsverhältnis zu ags. 
dran, drden, das mit Bosworth-Toller 210 mit langem, nieht 
mit Schade 2 953 mit kurzem vocal anzusetzen ist, da es sonst 
im ags. dron heissen müsste, im nengl. nicht drone heissen 
könnte. Ebenso weist das nhd. dröhne auf länge des ndd. Wor- 
tes aus dem es entlehnt ist); ietetiche Grsh. pr. 1, 16. zieter, 
zeter aus zeter vgl. gr. 111,303. Weigand 4 II, 1172. zie- Wack. 
pr. 1,31.2,40. bie- 1,26. gie- 1,32. 2,34. schiel, Splitter, hirn- 
schale vgl. schelze, testa de pomo (vgl. Schindler 2, 401). spiel, 
splitter vgl. spelte, Splitter. 

f zu ie] biest Osw. 150. 705. mier 1040. 1570. schieich, 
schielg = *scheltich, ahd. schaltich frankf. baumstb. a. 1443. 
schieme (= scheinet) Erlös. 3877. schierg (« scherge) Mon. 
Wittelsb. rviecken Gr. w. 2,218. iemzectichen Mart. 247, 11 
lieterde frankf. baumstb. lieteme Zfda. 9, 42 (wie schon ahd.). 



306 SINGER 

i zu ie: vor h: riehlen etc. Germ. 17,349. 1361. Gschtf. 
15, 102. 294. Kopp. 2, 149. geschiet Lanz. 4674. MF. 74, 25. 
82, 25. sieht Boner 40, 24. Eracl. 4487. Lanz. 4976. triehter Chr. 
3, 394, 16. viehe Helbl. 1,629. Such. 39, 221. 41, 383. Prag. r. 
135,115. Pract67. 

Vor r besonders häufig und zwar vor allem im bai dachen; 
die einzige nennenswerte Veränderung gegenüber dem ahd.: ier 
Grsh. pr. durchaus; ieren Dfg. 627. biergest Grsh pr. 1, 32. 2, 14. 
dierre (1273) Schreiber 1, 73. (1302). 164. begierde Grsh. pr. 1, 91. 
giervalke Dfg. 208 b . hiern Grsh. pr. 1,69. hiers 1, 101. hiert 1,6. 
ierren (schon ahd.) Hb. M. 250. Don. 1359. Mart. 40,74. Mein, 
nat. 2,7. (1282). Schreiber. 1,96. ierdisch Grsh. kierhe Chr. 8, 
106,1. = krieche 8,19,23. mier Grsh. pr. 1, 19. Boner. 62,44. 
41,83. stiern Wack. les. 1013,6. schrieren Kl. A. 327. stierbe 
Grsh. pr. 1,69. spierzen Lexer II, 1090. tvier Wack. pr. 38, 10. 
nierde Licht 383, 12. Heinz. 129, 64, 6. j. Tit. 378. HelbL 13, 125. 
wierdich Grsh. pr. 1,162. wierstu 2,33. wiert 2,32. Wst 1,99. 
tvierseste Grsh. pr. 2, 134. zwier Aneg. Jer. Ot. cap. 365, 791. 
Mgb. 164,28. Grsh. zrvierm Lexer III, 1219. vierwitz Geis. 418. 

Vor l, m, r: dielet&pe Fichard arch. hiemel (schon ahd«) 
Pass. hien Ls. 109, 12. kriemeln Ring. 10 b , 25. Helge Voc. 1482. 
phriemcrüt = phrimme; rvient Br. H. prol. 71. ziemer, krammete- 
vogel Mone z. 4,85 (a. 1449) = zimer (dies wol das ursprüng- 
liche, obwol jenes früher belegt). 

Vor muten: swieger Chr. 5,141,21. zieger Lexer III, 1110. 
1103. bievunge Leys. 60, 4, 10. kiebeln, ' kieveln Dfg. Wolfd. 1999. 
lieberei Nbg. liebem, liefern Gr. w. 1, 567 u. ö. Mone z. 1488. 
anz. 6, 196, 97. Mich, frankf. baumstb. einlief Nib. C. 8620. 
griefen (praet) Nib. C. 16961. rieppe Keller erz. 27,9. Trist. 
2905. 3175. Dfg. 154*. ngl. 116 b . schief (schon ahd.) Herb. 4338.* 
j. Tit. Beh. Dfg. sieben, cribrare MSH. 3, 468 f . swieboge Miltenbg. 
stb. dieser (1388) Gschtf. 8,51. kriesten Chr. 8,28, 11. 151,7. 
liest frankf. RCP. Mainz fgb. pietanz Mon. Boica. ries, riesz 
(papiers) Rock, riese (schon ahd.) Roth. R. 632. Zfda. 16,282,44. 
Grsh. denkm. 21. riet, equitatio Tuch, riet, febris Farn. 273,9. 
524, 3. Hpt. arzb. sliete Voc. 1482. tiesch j. Tit. Hb. M. 269. 
fiesieren Ls. 2, 242, 1117; wiege, wiegen, wieget etc. wie schon 
ahd.; im mhd. durchgedrungen in viez = schlauer kerl, teufel, 
held gegen ahd. fizus, callidus. 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMÜS. 367 

Reimbelege bringt Weinh. rahd. gr.* § 45. 48. 53. Agr. § 40. 
Bgr. § 90. Vollständigkeit ist fttr's mhd. nicht zu erreichen. 
Vgl auch Gr. Rudolf ed Grimm, einl. s. 5. 

Jedes ie, das nicht in eine der in den vorigen abschnitten 
behandelten kategorien fällt, gehört in die «v-reihe. Ich hoffe 
etwas zur erklärung dieser oft schwierigen bildungen beige- 
tragen zu haben, wenn auch nicht alle rätsei gelöst 

9- 

Ebenso wird o zu ö, dann zu ou und uo. Und zwar: 

Zu ou: brutegö°m Tr. sisegoumo Tr. Em. 31. Mon. 2. Hs. 1, 2. 
Ve. 1. D. 111,35. haodon Ra (das o in ahd. hodo, mhd. Kode ist 
als kurz anzusehen wegen afr. Äof Aa, vgl. Franck. anz. 11,21). 
ho v nic Tr. irhouglun 0. II, 1 1, 55. F. ho v ro, limus Tr. goHeppe Mon. 
2 (= gotowebbi 0. V, 19, 64. Schade 2 343). ko'rbeßn Tr. houbeU 
louch Adm. gl. Prag. gl. moulta L. F. 1. F. 2 (= molta, malla, 
meltd) mauroh, scarindra Em. 31 (== moraha?). mo'rsar L. mous 
L. o v debero Mon. 2. o v berlith gl. Teg. 228 rw. aodo Ra. aodowan 
R. ro'st, aerugo Tr. toubÖn } bacchor F. gasoupha Sb. trouc L. 
teigatro v c R. tro v ta Prag. gl. gäotes (dei) MSD. 2 LIV. A. (miss- 
verständnis, wie dort angenommen, nicht notwendig). go v t LVIII. 
roVis, equus Rb. swibowjo Pr. v. t. Prud. 3. bo v tec Tr. Durch- 
gedrungen in lo'ft Tr. (mhd. ausschliesslich loufi), indem loft 
Mon. 2. D. II, 330 die grundform zeigen, lat. delubrum, über ent- 
sprechend (Schmidt voc. 1,159). Diese erscheinung scheint auf 
bestimmtem local besonders häufig; doch wage ich keine 
dialektbestimmung. 

Seltener ist die diphthongierung zu uo: wisegüm (= sisi- 
gomo) Ve. 2. frümmede D. II, 289. güteppe Mon. 2. huoroaiuonemo, 
palustribus Ra. hürnuzze Bib. 4. ruoz y mucus Sal. 4. gitrüch } 
fantasma Le. 3 (von Gff. fälschlich mit ö angesetzt), lüft Hs. 
(= loft, bast s. o.) uoba (= oba) T. 82, 1 l a . 

u zu üj zu ou und uo. 

In ou: riemlo v cher Id. o v rlo v ge Pr. lattouch Bib. 6. mo'lin Tr. 
khouuntheo (= khuntheo) glk. 137,33. bo"hse, vo°r, no'schelin, tro 9 - 
gelin, ko'ssin, zöhil knutel, böterich (uter) Tr. Äouto, roudo (mo- 



308 SINGER 

losans), bro'cca, wollo'ch F. grounispeth, gelescfth L. ho v Ua, Adm. 
gl. co'nol (cuniculus) cho'mich (cuminus), ho v r (palatus), tr<?hsaz, 
zo v cha (ruga) Prag, gl., co'min (cuminum), io'cchido, io'ccho, sp&'n- 
neruns, bo'deminc, fo v li, hartro v geJ\n, tro v ha, bo'hsa, co'rbiz, bro'cca, 
cro v stela Mon. 2. (Unter diesem namen begreife ich nicht nur 
den bei Graff so bezeichneten codex, sondern auch zwei nahe 
verwante Münchner Codices, aus welchen mir durch erwähn- 
ten freund auszöge zur Verfügung gestellt wurden.) Am klar- 
sten ist die entwickelung bei no v Ra. 169, 1 aus nü aus im; 
zaur- Pa. aus zuur- Bibl. 1. 2. aus zur-. 

Bei uo aus u ist natürlich wider dasselbe zu bemerken 
wie bei uo aus ü: 

Vor h: fluohe, ftuohen, fluohin N. ruohit N. ps. 21. trüha 
Mon. 2. zuol, buol N. müssen nicht aus Huohü, *zuo?ul ent- 
standen, sondern können auch aus *buil, *zuil in den nächst- 
liegenden diphthong verwandelt sein. 

Vor r: tuoron T. 213, 2. spüre Wm. zuordon, libidinum (zu 
zurdel, delicatissimus) Bo. 5. fuora- Em. 33. vür MSD. 1 XLVI, 
43. tvürm XXXIX, 10, 6. vuorino (= furhino) Bib. 1. 2. Sb. /ruo- 
rum Can. 12. gürtel, gürdel Tr. chürsitina Tr. hart Mon. 2. 
fürz Hs. zuor- Mcp. aus zuur- Bib. 1. 2 aus zur- (bei zuor- 
sind wir sicherer als bei zuur- oder zawr-, zeir-, zear-, zeer-, 
dass wir es nicht am ende mit einer Zusammensetzung von 
zu- und ur- zu tun haben, da die form or überhaupt nur Ein- 
mal (Can.) im ahd. vorkommt, also gar nicht in betracht zu 
nehmen ist). 

Vor /, m, n: süolon Wm. 49, 8. M. cuonft 1, 2. cuomst 1, 2. 
A. fuli Mon. 2. suondon Co. 2. pituompta Bib. 13. bitümti Bib. 4. 
tuonstRchir Sal. 1. cuoniowidi MSD. 2 IV, 1. fcnJnnt XXXV, 5 b . 
10. sünes, süne XXXVIII, 204. XLVI, 44 (wenn Osthoff MU. 
IV, 122 versucht, aus derartigen formen auf ein germanisches 
*sünus mit ü zu schliessen, das sich zu skr. sünus stellen 
würde, so bedarf das kaum der Widerlegung); uoun- Pa. ans 
uun- Ra. glk. aus wn-. 

Vor muten: trügetin Sal. 5. Hd. zügel Mon. 2. Prud. 1. gir 
huoct Bib. 7. behuocle W. Notker (Heinzel Wortschatz III, 10). 
ruoden, molossis Aid. 6 (= rudo, das wol nicht mit Gff. 2, 490 
mit ö anzusetzen ist, nach ausweis des ags. und mhd. Warum 



ZUM ALTHOCHD. VOCALISMÜS. 309 

behauptet Kluge, Et wb. 270 dass das wort im ahd. fehle?) 
Win, ovenscuxü, wanchüssin Tr. gruoze, furfur (ich halte mit 
Kluge, Et wb. 116 das u für kurz; anders Holtzmann, Ad. gr. 
1, 147. Paul, Beitr. 7, 120). luohun (= luckun) Bib. 7. rüheHn Tr. 
ruothiRn (1. ruochiHn) D. II, 283. iuahinti (= juckmti) Can. mügin 
MSD.*XXXIV,31,2. unmügelich XXXVIII, 16; muozzinezi Bib. 7 
= muccin nezzi Bib. 5 (das zz für cc erklärt sich aus conta- 
mination mit der nebenform mizza, miza)\ am klarsten in nua 
aus nü aus nw; rfwo Wm. 37, 7 aus <#} aus du. 

WIEN, d. 21. october 1885. S. SINGER. 



DIE ALTHOCHDEUTSCHEN BEARBEITUNGEN 

DES PHYSIOLOGUS. 

Von althochdeutschen bearbeitungen des Physiologie sind 
bisher bekannt geworden ein sogenanntes Bruchstück ' in prosa, 
nach der Handschrift 223 (früher cod. phil. 244) der k. k. hof- 
bibliothek in Wien zuerst von v. d. Hagen, darauf von Hoffmann 
und neuerdings von Müllenhoff und Scherer veröffentlicht 1 ); 
ferner eine prosaredaktion aus dem anfange des 12. Jahrhun- 
derts, nach der handschrift 2721 (früher cod. theol. 653) der- 
selben bibliothek nach einander von Graff, von Hoffmann und 
von Massmann herausgegeben 2 ); endlich eine metrische be- 
arbeitung des Stoffes, welche Karajan nach einer handschrift 
aus dem 12. Jahrhunderte publiciert hat, die ehemals dem 
kloster Milstat in Kärnthen gehörte und dann in den besitz 
des 'Vereins für die geschieh te und landeskunde Kärnthens zu 
Klagenfurt' kam. 3 ) 

Ist den genannten Schriften auch nicht dieselbe bedeutung 
für die deutsche sprach- und literaturgeschichte beizumessen, 
wie für die französische dem c. 1125 gedichteten Bestiaire des 
Philipp von Thaun und dem 1211 in achtsilblern verfasston 
Bestiaire Divin des Guillaume, Giere de Normandie, in denen 



l ) F. H. v. d. Hagen, Denkmale des mittelalters , Breslau 1824, 
8. 50—56. Dieses buch war mir nicht zur band. — H. Hoffmann, Fund- 
gruben I, s. 17—22. K. Müllenhoff & W. Scherer, Denkmäler », nr. LXXXIL 
Vgl. anch die anmerkungen hierzu, s. 575 — 577. 

*) E. G. Graff, Diutiska III, s. 22—30. — Hoffmann, a. a. o. s. 22—37. 
— H. F. Massmann, Deutsche gedichte des 12. Jahrhunderts, 2. teil, 
Quedlinburg und Leipzig, 1837, s. 311—325. 

3 ) Th. G. v. Karajan, Deutsche Sprachdenkmale des 12. Jahrhunderte, 
Wien 1846, s. 71—106. 



MANN, ALTHOCHD. PHYSIOLOGUS. 311 

die Umwandlungen fixiert sind, welche die normannische mund- 
art auf englischem boden erlitt, so sind sie für uns als denk- 
male unserer vaterländischen spräche immerhin von Wichtig- 
keit und haben vor ihren französischen genossen jedenfalls ein 
höheres alter voraus. Wie bei jenen ist aber auch bei ihnen 
besonders die frage von Wichtigkeit, nach welcher vorläge sie 
gearbeitet sind, wichtig sowol um ihrer selbst willen, als auch 
im hinblick auf die geschickte des Physiologus, die noch zu 
schreiben ist; denn ihre beantwortung wirft auf die quellen 
unserer frühesten literatur ein neues licht und fügt zugleich 
ein weiteres glied ein in die lange reihe von Physiologus- 
redaktionen, die sich durch die christliche weit des mittelalters 
zieht. — In dem angedeuteten sinne haben unsere althoch- 
deutschen redaktionen noch keine zusammenhängende Unter- 
suchung erfahren. Diese lücke auszufüllen ist zweck vor- 
liegender arbeit. 

Eine solche Untersuchung muss jedoch mit besonderer vor- 
sieht geführt werden. . 

Es ist bekannt, dass der Physiologus eine im 2. Jahr- 
hundert von christlichen kirchenlehrern verfasste schrift ist, 
welche aus der Überlieferung altheidnische tiermärchen von 
zum teil fabelhaften geschöpfen aufnahm und diese nun im 
einklauge mit der orthodoxen lehre typisch auf Christus und 
seinen Widersacher, den teufel, und auf die menschen in ver- 
schiedener Zusammenfassung deutete. Diese schrift fand dem 
geschmacke der zeit entsprechend bald eine wahrhaft universelle 
Verbreitung, eine schrift jedoch von feststehendem Wortlaute ist 
sie nie gewesen. Wol bleiben sich im wesentlichen die natur- 
historischen Schilderungen inhaltlich gleich und der grundgedanke 
der hermeneia, die typische deutung, ist immer dieselbe, aber im 
ausdruck und in der zahl der typen geht eine stete änderung 
vor sich, letzteres insbesondere, weil jeder artikel für sich ein 
abgerundetes ganze bildet und ohne nachteil beliebig hinzu- 
gefügt oder abgetrennt werden kann. Weil aber in den ein- 
zelnen artikeln ein gewisser kern immer widerkehrt, gleichen 
bei oberflächlicher betrachtung sämmtliche Physiologusredak- 
tionen sich untereinander, wie ein ei dem anderen, ein um- 
stand, aus dem sich die gewagten Zusammenstellungen erklären, 
die ich in bezug auf solche in englischen bibliothekskatalogen 



312 MANN 

anzutreffen gelegenbeit hatte. Will man also eine redaktion 
als vorläge einer anderen erweisen, so ist neben der Überein- 
stimmung im inhalt und ausdruck noch besonders darauf zu 
sehen, dass beide in zahl und reihenfolge der artikel sich 
völlig gleichen. Weiterhin geben die bibelstellen ein gutes 
be weismaterial an die band, die in der hermeneia jedesmal 
zur Verwendung kommen. Endlich ist auf besondere eigen- 
tümlichkeiten der texte und etwaige corruptelen gebührende 
rücksicht zu nehmen. 

Welche lateinischen redaktionen — denn um solche kann 
es sich nur handeln — liegen nun unseren althochdeutschen 
bearbeitungen zu gründe? 

Veröffentlicht sind bisher: 

1. Eine von Mai 1 ) nach einer handschrift des 8. Jahr- 
hunderts, welche aber ihrer altertümlichen form wegen wol 
aus noch früherer zeit stammt. 

2. Eine redaktion aus der handschrift 10074 der kgl. 
bibliothek zu Brüssel. — A. 

3. Der Physiologus aus der handschrift 223 der Berner 
bibliothek. — B. 

4. Der Physiologus aus der handschrift 318 derselben 
Bibliothek. — C. 

5. Der Physiologus aus der handschrift 101 des klostere 
Göttweih, und zwar von Heider. 2 ) — G. 

Nr. 2 — 4 sind mit Varianten anderer handschriften heran»* 
gegeben von Cahier. 8 ) 

Die Physiologen ABU gehören mit einem 6., den ich in 
den 'Französischen Studien' veröffentlichen werde, weil er in 
engster beziehung zu der vorläge des Anglo-Normannen Guil- 



! ) Angelo Mai, Classici Auetores, t VII, Romae 1S35, s. 589—590. 
Ergänzt von Pitra, Spicileg. Solesmense, t. III, s. 418 f. 

s ) Gustav Heider in: Archiv für die künde österreichischer ge- 
schichtsquellen. 3. Jahrgang. 1S50. 2. band. Einleitung s. 541—551, tezt 
8. 552—582. 

3 ) Cahier et Martin, Melanges d* Archeologie, d' Histoire et de Iittf- 
rature. Paris. Textes: t. II, 1851, p. 106—232; tili, 1853, p. 203— 288; 
t IV, 1S56, p. 55—67. 



ALTHOCHD. PHYSIOLOGUS. 313 

laume steht, zu einer gruppe. Der redaktion G räume ich auf 
grund besonderer eigentümlichkeiten eine Stellung für sich ein. 

An andeutungen nun über die quellen der althochdeutschen 
bearbeitungen hat es nicht gefehlt. 

In bezug auf den vollständigen Prosaphysiologus sagt 
Graff (111,22): 'Diese abhandlung die mit der abgekürzten in 
Hagens denkmälern gedruckten reda'umbe diu tier eine ge- 
meinschaftliche quelle hat, ist in cod. Denis 1, 137 der Wiener 
hofbibliothek (aus dem 12tenjahrh.) enthalten. Die lateinische 
quelle, der sie satz für satz nachgearbeitet ist, habe ich im 
Wiener codex 346 (Denis cat. I.) unter dem titel: incipiunt 
dicta Johannis Grisostomi de naturis bestiarum, aufgefunden.' 

Hoffmann (1,16 f.) stellt nur ganz allgemein die Vermutung 
auf, dass in den lateinischen prosaischen Physiologen die quelle 
der beiden althochdeutschen prosaischen zu suchen sei. 

Heider (a. a. o. p. 548) sagt von dem lateinischen Physio- 
logus Göttweih 101, dass er inhaltlich genau mit den beiden 
althochdeutschen des 12. Jahrhunderts übereinstimme, weshalb 
er vermutet, dass diese aus ihm, oder mit ihm zugleich aus 
gemeinsamer uns unbekannter grundlage hervorgegangen seien. 

Bei Müllenhoff und Scherer endlich wird das bruchstück 
verglichen mit der lateinischen redaktion Göttweih 101. 

Von diesen angaben ist die von Heider und die bei 
Müllenhoff und Scherer richtig. Alle 3 althochdeutschen redak- 
tionell gehen auf eine gemeinsame quelle zurück, die uns er- 
halten ist in dem lateinischen Physiologus der handschrift 
Göttweih 101 aus dem XL Jahrhundert. 

Da der Wiener cod. 346 aus dem 12. Jahrhundert stammt 
und da er mit den althochdeutschen texten gar nicht genauer 
übereinstimmen kann als der Göttweiher, der mit jenen gleiche 
corruptelen aufweist, so gebühret dem Göttweiher codex 101 
der vorrang, und Graff's angäbe erledigt sich, wenn sie auf 
Wahrheit beruht, in der weise, dass der Wiener codex direkt 
oder indirekt auf den Göttweiher zurückgeht. 

Quellenmaterial. 

In dem oft genannten codex Göttweih 101 findet sich unser 
lateinischer Physiologus unter dem titel *Jo. Grisostomi dicta 



314 MANN 

de naturis animalium' auf blatt 2 — 10. 1 ) Bei seiner Veröffent- 
lichung bat Heider offenbar manche irrige lesart unterlaufen 
lassen, auch hat er sich in manchem punkte geirrt. Um gleich 
jetzt ein beispiel hiervon anzuführen, so beklagt Heider s. 548 
das fehlen des artikels vom äffen, obwol sich am rande 
zwischen onager und elephas eine abbildung desselben finde. 
Ganz mit unrecht jedoch, denn an der bezeichneten stelle ist 
allerdings der artikel vom äffen vorhanden, der mit dem vom 
onager zu einem einzigen verbunden ist Statt der Verstümme- 
lung: 'Similiter figuram habet diaboli quia sicut simia caput 
habet', welche den vom äffen handelnden teil beginnt, muss es 
heissen: Similiter et simia figuram habet diaboli quia caput 
habet ....' Onager und äffe bezeichnen nämlich den teufel. 
Heider's vergleichende Übersicht (vgl. s. 551) ist also, was 
Göttweih 101 anlangt, dahin zu ergänzen, dass der 7. artikel 
wie in allen mit G. verwandten redaktionen 'de onagro et 
simia' lauten muss. G. zählt somit 27. artikel. — Von G. fin- 
den sich 2 abschriften im selben kloster: 

1. Cod. 200 (chart.), fol. 55*— 72, XIV. jh. 

2. Cod. 154, 5. stück, XIV. jh. 

Zwei weitere abschriften sind nach Heider (s. 549, anm. 1) auf 
der Wiener hofbibliothek vorhanden: 

Cod. lat. 1010 aus dem XII. jahrh. (fol. 65»— 73 b ); 

Cod. Suppl. 502 aus dem XIII jahrh. 
Hierzu käme Graff's 

Cod. 346 aus dem XII. Jahrhundert, 
welcher aber mit Cod. 1010 identisch ist und in zahl und 
reihenfolge der typen mit Göttweih tibereinstimmt. 2 ) 

Der Wortlaut von G ist uns ferner erhalten in 3 hand- 
schriften, auf welche ich zum ersten male aufmerksam ge- 
macht habe, bezüglich mache. 

Der Cod. Paul. 351 (cod. membr. in fol.) der Leipziger 
Universitätsbibliothek enthält an 10. stelle von fol. 128* — 133 b 
einen Physiologus aus dem 13. Jahrhundert, welcher am schliua 
als 'Liber Veteris Celle Sancte Marie' bezeichnet wird. 



') Vgl. die eingehende beschreibung von Heider a. a. o. s. 547 ff. 
2 ) Vgl. Michael Denis, Codd. Msb. Theol. Bibl. Palat. Vindob. — 
Vol. I, Vindob. 1793, p. 5S9. 



ALTHOCHD. PHYSIOLOGÜS. 315 

Der Cod. Paul. 1305 (cod. chart. in kleinquart) derselben 
bibliothek weist unter dem titel: 'De natura animalium mistice' 
einen solchen an 3. stelle auf von fol. 54 b — fol. 63 b . 

Beide Leipziger handschriften bringen zunächst mit dem- 
selben Wortlaut und in derselben reibenfolge die 27 artikel 
des Göttweiher Physiologus und schliessen hieran in knapper 
darstellung noch die folgenden 9 artikel, die einer anderen 
redaktion entstammen: 28. De simia, 29. De vulture, 30. De 
turture, 31. De hi rundine, 32. De ceto, 33. Lapides pyropoli, 
34. Agates, 35. Osterus, 36. Adamantinus lapis. 

Der cod. 1305 widerholt am schlussse das unter nr. 29 ge- 
sagte unter dem titel: 'Item de uulture'. Durch die Überein- 
stimmung in den hinzufügungen, sowie durch gemeinsame cor- 
ruptelen wie 'est "uolatile" animal quod lacerta dicitur', 'de 
dracone (1. dorcone!)' u. a. m. stellt sich Bestiarius cod. 1305 
als eine abschrift des in cod. 351 enthaltenen dar. 

Endlich kehrt der Bestiarius Göttweih 101 wider in der 
handschrift Sloane 278 des British Museum. Dieselbe stammt 
aus dem 14. Jahrhundert und ist durch schöne schriftzüge und 
abbildungen ein wahres prachtstttck und muster sorgfältiger 
ausführung. Ihr inhalt wird im katalog l ) fälschlich angegeben 
als 'Hugonis de folleio sive folieto libellus de avibus et bestiis 
cum duobus prologis praemissis'. An erster stelle steht der 
bekannte Volucrarius mit dem prolog an Rayner, darauf folgt 
von fol. 44 a — fol. 57 ein Bestiarius, der unter Umstellung 
einiger artikel die ersten 18 von Göttweih wort für wort 
widergibt, als 16. die in G. unter nr. 24 stehende Asida ein- 
schiebt und als 20. — 23. abweichend von den übrigen redak- 
tionen anführt: 20. De salamandra, 21. De mustela et aspide, 
22. De basilico, 23. De dracone. 

Im folgenden gebe ich eine vergleichende inhaltsübersicht 
über die 3 althochdeutschen und die ebengenannten lateinischen 
redactionen und corrigiere damit zugleich die von Heider und 
im Sloane-katalog gemachten fehler. 



') Oatalogue of the Sloane Manuscripts, vol. 1, p. 41. 



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Beiträge zur gMobiobie der deutschen ■praaho. XI. 



21 



318 MANN 

Insbesondere bebe ich hierzu hervor, dass die beiden alt- 
hochdeutschen bearbeitungen des 12. Jahrhunderts nicht, wie 
Heider zeigt, 29 artikel, sondern genau wie Göttweih 101 
27 artikel in derselben reihen folge haben. Den beweis, dass 
dieses haupterfordernis zu der nun folgenden Untersuchung tat- 
sächlich vorhanden ist, werde ich weiter unten geben. Ich be- 
trachte zuerst das bruchßttick "des 1 1 . Jahrhunderts und darauf 
zusammenhängend die zwei anderen recensionen, und zwar in 
beiden fällen so, dass ich nur die etwaigen abweichungen an- 
gebe, und als hauptbeweis das Vorhandensein von beiden texten 
gemeinsamen corruptelen constatiere. Ein aufführen der Über- 
einstimmungen würde unnötige widerholung der texte im ge- 
folge haben. 

I. Das bruchstück. 

Die althochdeutsche bearbeitung aus dem 11. Jahrhundert 
wird bruchstück genannt. Nun folgt aus dem oben kurz 
skizzierten Charakter des Physiologus, dass eine redaction von 
20 typen im allgemeinen ebenso abgeschlossen ist als eine von 
30 typen. * Bruchstück' kann also nur dann eine recension ge- 
nannt werden, wenn sich erweisen lässt, dass sie nach einer 
vorläge gearbeitet ist, die an zahl der artikel vollständiger ge- 
wesen. In diesem sinne sprechen wir von einem fragmente 
eines angelsächsischen Physiologus, im gleichen sinne ist auch 
unsere bearbeitung ein fragment. 

1. Löwe. 

MSch. 1: Hier begin ih einna reda umbe diu tier, uuaz 
siu gesltho bezehinen = Incipiunt dieta Joh. Crisostomi de 
naturis bestiarum. 

MSch. 1 — 3, Leo — genamit fehlt in G. 

MSch. 5: ti dir unserin trotinin bezeichenint fehlt in 6. — 
Physiologus nicht citiert. 

Der auslegung der 1. natur entspricht von 6 nur: Sic et 
dominus noster ... cooperuit intelligibilia deitatis sue vestigia, 
descendens in uterum virginis. 

2. natur. Es fehlt Ps. 121,4: Eccc non dormitabit etc. 

3. natur. Es fehlt 4. Mos. 24, 9: Accubans requiescit etc. 

') Wir eitleren nach MMlenhoff und Scherer 3 = MSch. 



ÄLTHOCBD. PHYSIOLOGUS. #19 

2. Pantera. 
'Physiologus' wird nicht citiert. 

In der auslegung fehlt gänzlich G. ß. 554, zeile 9 — 13 mit 
der bibelstelle Eph. 4, 8. — Der ganze abschnitt: Panthera 
enim omne capiens interpretatur u. s. w. ist durch MSch. 2, 8 — 9 
nur angedeutet Auch fehlt insbesondere Hos. 5, 14. — 

Der abschnitt: Ergo et mansuetum est animal etc. ist nur 
durch Jes. 62, 1 1 : Gaude et letare u. s. w. angedeutet; ebenso 
der abschnitt: et quia panthera varium est animal etc. nur 
durch Ps. 45, 3 : Speciosus forma etc., beide übrigens in unserem 
bruchstücke in umgekehrter reihenfolge. 

Dem abschnitte: Et quia illud animal cum saciatum fuerit 
etc. entspricht MSch. 2, 13 bis zum schluss. Was also G. von 
Quod autem tercia die etc. an (ß. 554, viertletzte zeile) noch 
bringt, ist im bruchstücke gar nicht vertreten, noch angedeutet. 

3. Einhurno. 

G.: monoceros = Bruchst: rtnoceros. — In locum ubi mora» 
tur = dar tes tfris vard ist. — Es fehlt 'hedo simile', natürlich 
dann auch in der hermeneia die auslegung dieser eigenschaft. 

Von der hermeneia ist der grundgedanke aufgenommen: 
Daz bezeichenet unserin trotin Christin. Der satz: 'der dir 
lucil uuas durih di deumüti der meniscbün geburte' entspricht 
dem: Pusillum est animal propter incarnationis ejus humili- 
täte. — 'Daz eina borin daz bezeichenet einen got' führe ich 
zurück auf: Quod autem unum cornu habet significat hoc quod 
christus dicit: 'Ego et pater unus sumus 1 (Joh. 10, 30). — MSch. 
3, 8 — 1 1 geht zurück auf den abschnitt: Qui in tantum est 
acerrimus etc. — Alles andere der redaction G. fehlt, ins- 
besondere sind die zahlreichen bibelstellen des lateinischen 
textes: Ps. 29,6, Ps. 92, 11, Luc. 1,69, Deut. 33, 17, Joh. 10,30, 
1. Kor. 11,3, Matth. 11,29, von denen Heider nur wenige an- 
gibt, nicht zur Verwendung gekommen. 

4. fdris. 

Bei MSch. eine mit * bezeichnete lücke: Cum viderit 
(sc. Hydrus) corcodrillum in litore fluminis dormientem ore 
aperto. 

Aus der hermeneia fehlen: 1. Kor. 15, 55, Hos. 13, 14, 
sowie der schlusssatz: Quia et corpora etc. 

2i* 



320 MANN 

5. Sirene unde onocentauri. 

Nach MScb. 5, 1 leben beide wesen im meer. — In der 
darstellung der sirenen fehlt Jes. 13,22, in der des honocen- 
taurus Ps. 49,13. Sonst herrscht Übereinstimmung, nur ist der 
ausdruck äusserst knapp. So stehen den diaboliois pompis, den 
theatralibus voluptatibus, den tragoediis und musicis, die die 
Verführungsmittel des teufeis ausmachen, nur 'die weltlichen 
lüste' im deutschen texte gegenüber. 

6. Igena. 

In der naturgeschichtlichen Schilderung fehlt: de qua lex 
dicit etc. und die stelle aus 'Jesaias'. 

Der hermeneia des deutschen textes würde entsprechen aus 
der des lateinischen: Cui similes estimati sunt . . . qui nee fideles, 
nee perfidi sunt, sed sicut salemon dicit: Vir duplex corde in- 
constans est in omnibus viis suis. 

7. Onager. 

Das koptische wort für märz ist ausgelassen. — Die her- 
meneia gibt nur an, dass das tier den teufel bezeichne. Für 
den anschliessenden satz: 'der tac undiu naht bezeichenet didir 
rehto uuerchon sulin t&ges unde n&htes ' steht nichts entsprechen- 
des im lateinischen texte. Ausserdem fehlen Hiob 6, 5 und 
1. Petri 5,8, und was damit zusammenhängt, und endlich die 
in 0. mit dem onager verbundene darstellung des äffen. 

8. Elevas. 

Völlige Übereinstimmung mit G. bis einschliesslich 'Salvom 
me fac deus' (Psalm 69,2). Was G. hiernach noch aufweist, 
fehlt gänzlich. 

9. Autula. 

In der hermeneia ist der wichtige punkt: 'Duo cornua duo 
sunt testamenta' ausser acht gelassen. Der merkwürdige 
schluss von G.: Sunt enim duo lapides ignari etc. ( — wovon 
später — ) fehlt 

10. Serra. 

Die naturgeschichtliche Schilderung ist im lateinischen 
texte etwas verstümmelt. Bei Heider X, 3 (s. 565) . . . velificat 
sicut navis et contendit e contra ( — contra eam? — ). Cum 
diu fecerit talia pennas ad se revocat quia et lassitudine 
et unda revocatur in pristinum locum. Nach revocat lasse ieh 



ALTHOCBD. PHYSIOLOGUS. 321 

quia wegfallen und flöge dem et lassitudine ein abstinet bei. 
Dadurch ist die stelle dem deutschen texte angepasst: . . . unde 
uuil die segela äntderön. Denez so eine uutle geduot, so uuird 
ez sä maode unde gl ob et sih (— abstinet lassitudine). Et 
unda revocatur etc. fehlt im deutschen texte. 

11. Vipera. 

Die einleitung XI, 1 — 3 (s. 565) fehlt, ebenso in der er- 
zählung der ersten natur die einschiebung: anteilige ergo, 
quid faciet concubitus mer[e]tricis', und am Schlüsse derselben 
Matth. 7, 14: Angusta est porta etc. 

12. Lacerta. 

Dem 'unde fliugat' (MSch. 12, 1) steht das 'aquatite (-ile) 
animal' des lateinischen textes gegenüber. Es hat also in der 
vorläge des bruchstückes wie in den Codd.: Pauli. 351 und 1305 
und Sloane 278 volatile für aquatile gestanden. — Am Schlüsse 
des deutschen artikels fehlen wenige worte; sie würden ent- 
sprochen habon dem passus: ... et lucem misericordie sue 
ostendat tibi, qui illuminat omnem hominem in hunc mundum 
venientem. 

Als resultat der vorliegenden Untersuchung ergibt sich, 
das» unser bruchstück nach einer vorläge gearbeitet ist, die 
wie aus den übereinstimmenden partien, aus der gleichen 
reihenfolge der artikel und aus gleichen corruptelen (s. unten) 
hervorgeht, in engster beziehung zu G. gestanden hat. Andrerseits 
kann nicht geleuguet werden, dass dieselbe entgegen G. sich 
durch knappen ausdruck und besonders durch beschränkung 
der hermeneia auf das notwendigste ausgezeichnet haben muss. 
Ich glaube deshalb in der annähme nicht fehl zu gehen, dass 
die vorläge des bruchstückes genau so aussah, wie dieses 
selbst schliessen lässt, d. h. dass sie im ausdrucke der ältesten 
bekannten lateinischen redaction aus dem 8. Jahrhundert glich. 
Aus der vorläge des bruchstückes mag dann G. als gemeinsame 
quelle für die beiden anderen althochdeutschen bearbeitungen 
des Physiologus hervorgegangen sein. 

Was die autorschaft des bruchstücks anlangt, so weisen 
Müllenhoff-Scherer (s. 577) dasselbe aus sprachlichen gründen, 
deren gewichte ich mich nicht entziehen kann, 2 dem aleman- 
nischen sprachkreise angehörenden Verfassern zu, und zwar 



322 MANN 

sollen die artikel 1 — 9 von dem einen, die artikel 10 — 12 von 
dem anderen herrühren. Ich kann einen weiteren für ihre an- 
sieht sprechenden grund anführen: Während nämlich in den 
artikeln 1 — 9 der Übersetzer dem häufig widerkehrenden worte 
'Physiologie' beständig ausweicht, sicher weil er nicht wusste, 
was er damit anfangen sollte, so wird es im 2. teile, wo es im 
12. artikel widerholt erscheint, jedesmal genau widergegeben. 
Es ist dies gewiss kein unwesentlicher grund, wenn man be- 
denkt, wie sich die einzelnen Übersetzer zu jenem worte ge- 
stellt haben, 1 ) — Ich gehe nun zu den althochdeutschen be- 
arbeitungen des 12. Jahrhunderts über, die ich zusammen 
betrachte. 

Die bearbeitungen des XII. Jahrhunderts. 

Es sind dies die prosaredaction, PR., und die metrische, 
MR., welche letztere nach einer einzigen handschrift, die 
durch nässe vielfach gelitten hat, von Karajan veröffentlicht 
ist; und zwar so getreu, dass selbst die zeilen des druckes 
mit denen der handschrift übereinstimmen. Leider ist durch 
dieses wertlose verfahren dem metrum gar nicht rechnung ge- 
tragen, und da die Überlieferung vielfach mangelhaft ist, wäre 
eine Untersuchung auf Sprachgebrauch und reim und in Ver- 
bindung damit eine kritische ausgäbe sehr zu wünschen. 

Die prosaredaction beginnt mit den Worten: Ditze buch 
redenot unde zellet michilen wistüm uon tieren unde uon 
fogilen, aller erist uon dem lewen, wie siniu dinch gele- 
gen sint. (Wir citieren nach Graff.) 

Der metrischen bearbeitung geht ein prolog voraus: 

Ir sult an disen stunden 

Von wises mannes munde 

Eine rede suochen 

An diesem buocbe. 

Phisiologus ist ez genennet, 

Von der tiere nature ez uns zellet, 



l ) Vgl. z. b. für Philipp von Thaun: Mann, Der Physiologus des 
Ph. v. Th., Anglia VII, 420 ff.; für das eben gesagte besonders Angtta 
VII, 441 ff. 



ALTHOCHD. PHYSIOLOHÜS. 323 

« 

Ist ez nu iwer wille, 
So s w iget uil stille. 

Darauf beginnt die darstellung wie in PR. mit den einleitenden 
worten: 

Ditzze buoch wil uns chunt tnon 

Unde zellen grozzen wistuom 
Uon tieren unde uon uogelen, 
Allerste uon dem Lewen, 
Wie sin nature unde sin leben 
An im sint gelegen. 

1. Löwe. 

Physiologus dicit = PR., MR. zellent diu buch. 

2. Panther. 

Physiologus dicit = PR., MR. Man lisit (liset). 

Der 1 . abschnitt der hermeneia von 6., der mit: Sic et dominus 
noster etc. beginnt und mit Eph. 4, 8: 'captivam duxit capti- 
vitatem dedit dona hominibus' schliesst, fehlt in beiden re- 
dactionen vollständig. Sie schliessen ferner den vers Ps. 45,3: 
'Speciosus forma pre filiis hominum , , der zur erläuterung der 
worte dienen soll: 'Et preciosum animal est panthera', un- 
mittelbar an den vorausgehenden abschnitt: Et quia panthera 
varium est etc. an, ohne jene worte zu übersetzen. Von dem 
nun folgenden abschnitte: 'Ergo et mansuetum est animal' sind 
nur diese worte übersetzt, die erläuternde bibelstelle Jbs. 62, 1 1: 
'Gaude et letare, filia syon etc. hingegen ist weggelassen, 
so dass dieselben fälschlich mit dem passus: Et quia illud ani- 
mal cum saciatum fuerit etc. verbunden sind. — Im weiteren 
verlaufe fehlen die bibelstellen: Joh. 17,12, 20,17 und 14,18. 
— Beide redactionen schliessen ab mit den worten: ... 'ad 
celestia migremus ut nos introducat rex in palatium suum, id est 
in celestem hierusalem ibique exultantes dicamus', ... 'da sin 
mendenti'. Die in 6. folgende bibelstelle Ps. 87, 3 fehlt als<> 
in unseren redactionen gänzlich. 

3. Einhorn. 

Völlige Übereinstimmung des lateinischen und der deut- 
schen texte. 

4. Hydrus. 

Die deutschen redactioneu haben eine gemeinsame lücke. 



324 MANN 

Nachdem nämlich erzählt ist, dass der hydrus sich im kote 
(hör, lutum) wälze, um besser in das krokodil hineinschlttpfen 
zu können, heisst es in ihnen nach 'slieffen megi' nur: 'so 
uert er lebenticho (-ig) uon ime\ Es fehlt also der ganze 
wichtige abschnitt: 'veniensque insiliet in os corcodrilli qui su- 
bito vivum transgluciet [eum]. Hydrus autem dilanians omnia 
viscera eius exiet vivus de visceribus ejus, corcodrillo jam 
mortuo ac disruptis omnibus interraneis ejus.' 

In der hermeneia fehlt beiden redactionen 1. Kor. 15, 55 
und Hos. 13, 14. 

5. Sirenen und honocentauren. 
Völlige Übereinstimmung der 3 texte. 

6. Hyaene. 
Desgleichen. 

7. Onager und äffe. 

Desgleichen. — Beide typen sind in G., PR. und MB. zu 
einem artikel verbunden. 

8. Elephant 

In den althochdeutschen redactionen fehlen die beiden 
sätze der auslegung: 'Cum ergo profecti sunt (sc. Adam et 
Eva) in hunc miserie lacum, cognovit adam uxorem suam 
evam et genuit cain in luto fecis' (Heider, s. 562 unten) und: 
1 Dominus autem pacis sanctificet vos ad perfectum, nt integer 
Spiritus fester et anima et corpus sine querela in adventum 
domini nostri jhu. xpi servetur' (Heider s. 563). 

Die metrische Bearbeitung hat den fehler, dass sie den 
anfang der hermeneia: 'Isti ergo duo elcphantes masculus et 
femina figuram haben t adam et eve' (PR. ( Der helphand und 
sin gimachide bezeichinent adamen unt euam') widergibt: 'Der 
t räche unde sin gemaechede bezechint Adam unde Euen\ 

9. Antilope. 

Uebereinstimmung. — Man beachte: Sunt autem ibi ( — Es 
ist vom Euphrat eben gesprochen worden — ) virge viticee sub- 
tiles et molles: 

PR.: In dem wazzere sint manige gerten chleine unde 

lange; 

MR.: In dem wazzir reine 

Ist manich gerte lange unde chleine. 



ALTHOCHD. PHY8IOLOGUS. 32* 

10. Serra. # 
Uebereinstimmung. — Merkwürdig ist, dass im lateinischen 

texte auf eine abbildung nicht verwiesen wird, während die 2 
althochdeutschen redactionen dies gleichlautend tun: 

PR.: unt ist getan so hfe gemalet ist. 
MR.: Ez ist getan als hie gemalet ist. 

11. Viper. 

Die drei texte sind satz für satz conform. Die beiden 
althochdeutschen schliessen jedoch noch eine 4. 'natur' an, 
welche in 6. und sämmtlichen obengenannten recensionen fehlt 
und deren lateinischen text Heider s. 566 anm. 1 aus Epipha- 
nius ergänzend hinzufügt 

Die metrische redaction rühmt im eingange als quelle 
'meister physiolog'! 

12. Eidechse. 
Völlige Übereinstimmung. 

13. Hirsch. 

Desgleichen. ^ 

14. Steinbock. 

Die bibelstellen Cant. cant. 2,9 und 18,4 erscheinen in den 
althochdeutschen texten nicht. 

15. Fuchs. 

Völlige Übereinstimmung. 

16. Biber. 

Desgleichen. — Gegen ende führt G. als 'fructus spiri- 
tales 7 an: 'caritatem in operibus bonis, in elemosinis, in visi- 
tationibus in firm or um, in consolatione pauperum, in laudibus 
dei et orationibus assiduis.' Die althochdeutschen redactionen 
fassen diese ausdrücke kurz zusammen in: 

PR.: ... unt wir geistlichiu wacher gewinnen mugin, daz 
wir uon güttatin wunne mit gote haben müzzen. 

MR.: ... unde geistlichiv wochir gewinnen ovf dirre erde, 
Daz wir uon guotaeten suzzen 
Wnne mit got haben muozzen. 

17. Ameise. 

Bei der 2. 'natur' fehlt beiden redaktionen die stelle 1. Kor. 
10,11: Hec autem in figura contingebant Ulis etc. — In der 



326 MANN 

3. 'natur' beginnen sie die aufzählung von heretikera mit 
Arrius, der in O. fehlt, und haben zwischen Sabellius und 
Manicheus Marcedonius, an dessen stelle O. 'mareionem' 
aufweist. 

18. Igel. 

Beiden redaktionen fehlt: 'Erinatius habet lactei circuli 
quandam similitudinem '. 

19. Adler. 

Völlige Übereinstimmung. 

20. Pelikan. 
Desgleichen. 

21. Käuzchen. 

Desgleichen bis auf die bibelstelle Jes. 9, 2: 'et illumunavit 
[nos] sedentes in tenebris, in regione umbre mortis lux orte 
est nobis'. 

22. Fulica. 
Desgleichen. 

23. Rebhuhn. 

Desgleichen. — Man beachte: 'in medio autem dierum 
derelinquet eum': 

PR.: 'So diu halp zogen sint' (sc. pulli); 
MR.: 'So diu halpzogen sint'. 

24. Strauss. 

Beide redaktionen verweisen mit dem ausdrucke: 'Ditzze 
tier heizzet (-it) struz (strouz)' auf eine abbildung, was in G. 
nicht geschieht. In der naturgeschichtlichen Schilderung fehlt 
ihnen Hiob 9, 9, in der hermeneia am ende Matth. 8, 22. 

25. Wiedehopf. 
Völlige Übereinstimmung. 

26. Caradrius. 

Desgleichen bis auf Eph. 4, 8, welche stelle den althoch- 
deutschen bearbeitungen fehlt. 

27. Phönix. 
Völlige Übereinstimmung. 

Gemeinsame corruptelen. 
Unsere lateinische redaction G. weist ferner eine ansahl 
corruptelen auf, die in den deutschen Übersetzungen wider* 
kehren. 



ALTHOCHD. PHYSIOLOGUS. 327 

1. Im artikel von der hyäne (6) wird im eingange für 
die bibelstelle: 'Speluncae hiene hereditas mea' Jesaias als 
quelle citiert. Sie findet sich aber daselbst gar nicht, sondern 
wie die Berner und Brüsseler Physiologen richtig angeben, in 
Jeremias, und zwar oap. XII, v. 9. 

Die 3 althochdeutschen bearbeitungen führen insgemein 
Jesaias dafür an. 

2. Derselbe artikel von der hyäne schliesst mit den Wor- 
ten: Sicut et immunda fulica, que nee vir nee femina esse di- 
citur, id est nee fidelis, nee perfidus, sed sicut salemon dicit: 
' Vir duplex corde inconstans est in Omnibus viis suis'. Es wird 
also nur vergleichsweise ein anderes tier, die 'fulica' heran- 
gezogen, und deshalb kann dieser passus nun und nimmer- 
mehr, wie es sämmtliche herausgeber der althochdeutschen 
bearbeitungen tuen, als selbständiger artikel, de fulica, auf- 
gefasst werden. Zur bestätigung meiner ansieht kommt hinzu, 
dass die fulica als typus für sich unter nr. 22 erscheint, und 
dass das, was hier bei der hyäne gesagt wird, mit dem 
im 22. artikel berichteten und im Physiologie allgemein gül- 
tigen im Widerspruche steht. Die fulica ist nämlich ein reiner 
vogel ( — nee ullo cadavere vescitur — ) und wird deshalb 
und wegen anderer eigenschaften zum sinnbilde des gläubi- 
gen, während sie unter 6 (de hiena) als unrein ausdrück- 
lich bezeichnet und zum bilde des 'vir duplex corde* ge- 
macht wird. 

Die corruptele besteht also darin, dass 6. der fulica die- 
selben eigenschaften wie der hyäne andichtet und sie des- 
halb als vergleich bei der darstellung dieser benutzt. Die 
vollständige prosaredaktion und die metrische redaktion folgen 
ihr hierin. 

Die corruptele ist aber eine doppelte, denn es war wie 
aus den anderen nicht zur gruppe G. gehörigen lateinischen 
Physiologen hervorgeht, hier überhaupt kein vergleich zu ziehen, 
und das wort fulica ist nur durch zufall in den text gekommen. 
So heisst es in Reg. 2 C. XII (British Museum): Sed et qui- 
eumque inter nos circa voluptatem et avaritiam Studium ha- 
bentes, [quod] seeundum apostolum radix est omnium malorum 
et idolarum servitus, huic ipsi immunde belue comparantur, 
cum nee viri, nee femine sunt etc. Hierfür spricht auch das 



328 MANN 

verhalten des prosafragments und seiner vorläge: sie worden 
sicherlich den ganzen passus, der in G. unter der fulica er- 
scheint, nicht so abgekürzt haben, wenn dieser oder ein an- 
derer name in ihrer quelle genannt worden wäre. 

3. In eben diesem passus am Schlüsse des artikels von 
der hyäne wird als Urheber der bibelstelle 'Vir duplex 9 etc. 
'Salemon' genannt. Dieser vers findet sich aber gar nicht bei 
Salomo, sondern steht im briefe des Jacobus, cap. I, v. 8. 

Die 3 althochdeutschen bearbeitungen citieren aber wie 
G. Salomo. 

4. Gegen ende des artikels von der 'Autula' findet rieh 
folgender passus: 'Sunt enim duo lapides ignari (lies: igniferi!), 
masculus et femina. In ergo professor intellige, multos periuse 
propter vinum et feminas, et cautus esto ut salvus fias.' Es 
ist dies ein fragment des artikels von den lapides pyropoli, 1 ) 
der in Reg. 2 C. XII und allen Physiologen, welche zu dieser 
gruppe gehören, der Autula folgt. Die nutzanwendung beider 
hermeneien ist dieselbe: 'Haltet euch fern von wein und 
weib', und aus diesem gründe ist der genannte passus in 6. 
dem artikel von der Autula angefügt, ohne jedoch einen selb- 
ständigen artikel zu bilden. 

Auch hierin folgen G. die beiden vollständigen althoch- 
deutschen bearbeitungen, während das fragment sich entgegen- 
gesetzt verhält — 

Wir glauben in der vorliegenden Untersuchung eine engste 
verwantschaft zwischen dem im Cod. Göttweih 101 erhaltenen 
lateinischen Physiologus und den 3 althochdeutschen bearbei- 
tungen erwiesen zu haben. Was insbesondere die 2 althoch- 
deutschen redactionen des 12. Jahrhunderts anlangt, so stimmen 
sie mit wenigen ausnahmen satz für satz und wort für wort 
mit G. überein, so eng, dass sie auch deren corruptelen auf- 
weisen. Sie sind also nach einer vorläge gearbeitet, die wört- 
lich mit G. übereinstimmte, wenn G. nicht selbst diese vorläge 
gewesen ist. Unter sich aber gleichen sich diese beiden be- 

') IlvQOfpoQoq (<ptQtiv — igniferns). — Besser wol 7tvQoß6Xo$, 
' feuerwerfend ', von ßäXleiv werfen. Hierfür spricht auch die Schreibung 
'terebolim', worin 'tere' verderbung ans *pyro\ — Es sind steine, die 
eich gegenseitig entzünden, wie mann nnd weib. 



ALTHOCHD. PHYSIOLOGÜS. 329 

arbeitungen so sehr, dass man einer behauptung, die eine sei 
eine Umarbeitung der anderen, keinen ernstlichen grund ent- 
gegensetzen kann. Nicht eine einzige Verschiedenheit ist 
zwischen ihnen nachzuweisen. Von G. weichen sie hie und da 
darin ab, dass sie manche bibelstellen auslassen. Es sind dies 
aber sämmtlich solche, welche im lateinischen texte nicht aus- 
drücklich als bibelstellen kenntlich gemacht sind. Aus Un- 
kenntnis haben die Übersetzer, welche häufung von ausdrücken 
vermieden, dieselben als gewöhnlichen ausdruck in der dar- 
stellung mit anderen zusammengezogen. 

An unserer obigen behauptung wird somit nichts geändert. 

LEIPZIG, Dr. MAX FRIEDRICH MANN. 



ZUR TEXTKRITIK DES REINHART FUCHS. 

Die dichtung des Elsässers Heinrich des Glichexare ist 
uns in ihrer ursprünglichen gestalt nur bruchsttickartig in 
einer handschrift aus dem ende des 12. Jahrhunderte erhalten. 
(J. Grimin Sendschreiben an Karl Lachmann über Beinhart 
Fuchs, Leipzig 1840.) Vollständig dagegen kennen wir das 
gedieht in einer bearbeitung des 13. Jahrhunderts, welehe uns 
in zwei handschriften überliefert ist, in einer Heidel- 
berger (cod. palat. 341) und in einer Kalocsaer. Ans der 
letzteren ist Reinhart Fuchs von Mailath und Köffinger 
in dem 'Kolocsaer codex altdeutscher gedichte, Pesth 1817', 
doch fehlerhaft abgedruckt. Die Heidelberger handschrift 
haben wir bezüglich der erwähnten dichtung zunächst aus 
Grimms edition kennen gelernt Beide Codices 1 ), pergament- 
handschriften aus dem 14. Jahrhunderte, habe ich oollatio- 
niert und das resultat dieser collation in meiner ausgäbe 
des Rein hart Fuchs (Pauls altdeutsche textbibliothek) ver- 
wertet Die handschriften sind nicht bloss nach ihrer äussern 
einrichtung und ihrem schriftduetus, sondern auch nach ihren 
sprachlichen und graphischen eigentttmlichkeiten im gansen 
übereinstimmend und weisen nach Mitteldeutschland, vielleicht 
nach Ostfranken. 

Es ist einigemale hehauptet worden, der Kalocsaer codex 
(K.) sei von dem Heidelberger (P.) abgeschrieben. Auch Schön- 
bach ist in seinem jüngst veröffentlichten wertvollen beitrage 
zur Reinhartkritik (Zf. f. d. a. XXIX, s. 47 ff.) der ansieht, EL 
sei 'nur eine copie von P und zwar mechanisch angefertigt 
und ohne dass eine andere handschrift zu rate gesogen 

*) Ueber beide Codices vgl. man übrigens Fundgruben I, s. 340, 
v. d. Hagen, Gesammtaben teuer III, s. 752; Haupt, Lieder und bfafc- 
lein b. IX f. 



ZU REINHAKT FUCH& 331 

wäre/ Ich habe auf Schönbachs darlegung hin mir die 
sache nochmals angesehen, muss aber bekennen, dass ich seine 
anschauung nicht acceptieren kann. Meine ansieht geht viel- 
mehr dahin, dass P. und K., wie im ganzen, so bezüglich Rein- 
harts unabhängig von einander sind, doch auf eine und die- 
selbe quelle zurückweisen. Ich will davon absehen, dass die zahl 
und anordnung der stücke in beiden handschriften nicht mit 
einander übereinstimmt, schon der text spricht gegen eine ab- 
schritt des cod. K. von P. Ganz richtig hat sich M. Haupt in 
der vorrede zu seiner ausgäbe der 'Lieder und büehlein und 
des armen Heinrich' 8. IX f. über die erwähnte behauptung ge- 
äussert: diese 'wird weder im armen Heinrich, noch in den 
andern gedieh ten, von denen ich den text beider kenne, be- 
stätigt: beide können abschriften einer verlorenen sein'. Dem 
stimme ich auch vom Standpunkte unseres gedichtes bei. Mögen 
auch die differenzen zwischen P. und K. im ganzen unwesent- 
lich sein, alles in K. lässt sich doch nicht aus P. erklären. So 
bietet E. z. b. 326 ff. nur den ausdruck valle, während P. 
widerholt dafür druhe, druck einsetzt Das ursprüngliche kann 
nur volle sein, wie 331 f. der reim valle : Galle beweist Diese 
Sachlage deutet aber entschieden nicht auf die abhängigheit 
des cod. K. von P. hin. 1065 überliefert K. twgezeuge 
(; urleuge), das einen reinen reim gibt, wogegen P. unge- 
zewe (: urleuge), also einen ungenauen reim bietet Da- 
gegen will ich nicht läugnen, dass cod. P., mag er auch sonst, 
gleich K., entstellungen aufweisen, den bessern text überliefert 
und, wie eine vergleichung mit dem alten Reinhart lehrt, dem 
ursprünglichen texte der bearbeitung etwas näher steht, als 
K. Auch der name des dichters ist in P. treuer gegeben, 
als in K. Vgl. 1786 u. 2250. 

Was die spräche der bearbeitung anlangt, so ist es 
nur sehr weniges, was sich hierüber mit Sicherheit feststellen 
lässt. Deshalb hat es auch seine Schwierigkeit, den text ganz 
in dem Wortlaute, herzustellen, den ihm der bearbeiter gegeben 
hat Und den handschriften konnte man in dieser hinsieht 
doch nicht unbedingt folgen. 

Auch die metrischen Verhältnisse liegen im Reinhart 
Fuchs im argen. Doch hat auch nach dieser richtung Schön- 
bach in der angezogenen publication die textkritik unserer 



332 REISSENBERGER 

dichtung, namentlich durch den Dach weis zweisilbiger Senkungen, 
erheblich gefordert. 

Bei der gestaltung des textes in meiner ausgäbe 
habe ich mich, nicht bloss im hinblicke auf die zwecke der 
'altdeutschen textbibliothek', sondern hierin auch Schönbachs 
auseinandersetzungen folgend, enger an die handschriftliche 
Überlieferung angeschlossen. Ich /habe P. den Vorzug gegeben, 
doch nicht unbedingt. An einigen stellen, wo E. das bessere 
zu haben schien, habe ich vielmehr diesen codex berücksichtigt 
Ebensowenig meinte ich den text des alten gedicbtes (S) von 
der textgestaltung der bearbeitung ferne halten zu sollen, zu- 
mal dort wo die bearbeitung corrumpierte stellen bietet, im 
alten gedichte aber alles plan ist Wo bestimmte gründe zu 
einer änderung nicht vorlagen, habe ich die sprachliche ge- 
stalt des Grimmschen textes beibehalten. 

Soviel im allgemeinen. Ueber alles weitere mögen die 
folgenden bemerkungen orientieren. 

20 zu Ruotzela vgl. Schönbach a. a. o. — 34 klammer mit 
Schönbach. — 36 babe scheint nur von den Schreibern ein- 
geführt. Es steht bereits oben v. 28 und ist hier wol Ober- 
flUßsig. — 40 Mit Ixet (P.) und het (K.) ist nicht viel anzu- 
fangen. Auch Grimms riet {Reinhart an den lip) will mir nicht 
behagen. Ich setze, da ich vorläufig nichts besseres weiss, den 
gie Reinhart an den iip. — 46 brüht ern für brahten der cod. — 
49 sinen der cod. ist doch wol nur für einen verschrieben. Ich setze 
daher dieses. Für senete der cod. und bei Grimm nehme ich mit 
Schönbach smucte auf, obwol ich einem denete sich nicht ganz ab- 
geneigt wäre. Im Rom. de Kenart heisst es (Martin II, 1. br. v.60): 
moult se defripe. — 53 f. interpunction mit Schönbach. — 54 
könnte diu henne vom bearbeiter herrühren und gar wol stehen, 
da Pinte hier zum ersten male vorkommt Der vers würde 
dann einen dreisilbigen auftact, also nichts ungewöhnliches 
haben. Doch habe ich diu henne nicht in den text gesetzt, 
dafür aber auch nicht Schönbachs ver (Pinte) aufzunehmen 
mich entschliessen können. — 63 weiss ich uf erwarten nieht 
zu bessern. — 69 muss mit Schönbach einem geschrieben wer- 
den. — 135 schrei (PK.) ist nicht gut auszulassen, da die drei 
folgenden zeilen sich erst aus diesem worte recht erklären« — . 
136 nehme ich von Grimm rvan auf, zugleich aber aus den 



ZU BEINHART ftJCHS. 3& 

cod. auch danne. — 143 lät für lazet der cod. mit Grimm cf. 89. 
Die bearbeitung zeigt "Überhaupt eine besondere Vorliebe für con- 
trabierte verbalformen. Von läzen führe ich an: län : getärl 
11 f. 1205 f. 2059 f., ; hän 291 f. 601 f., : stän 1985 f., ; gän 739 f. 
821 f., lät : rät 2237 f. — 147 f. die stelle macht Schwierigkeiten. 
Aber ich möchte nicht, wie Grimm tut, den reim dö : vrö ganz 
beseitigen, denn er ist in der bearbeitung beliebt Vgl. 49 f. 
243 f. 321 f. 609 f. 679 f. 1019 f. 1225 f. 1489 f. 1689 f. 1795 f. 
2065 f. 2103 f., dö.unvrö 405 f. 1453 f. 2227 f. Hier freilich 
erwartet man da. Aber wol nicht ohne grund vermutet Paul: 
'migerne da könnte nach dem dialecte auf vrö reimen'. Den 
bearbeiter denke ich mir im Elsass oder im westlichen Mittel- 
deutschland. Gibt man dö : vrö auf, so kehrt man wol am besten 
zu Grimms da : sä zurück. ' Als er im entweich der cod. ist schwer 
aufrecht zu erhalten. Ich schreibe mit Schönbach: als er im 
entleip. Die entsprechende stelle im Rom. de Renart (Martin 
Hbr., v. 435) lautet: Quant eil sentilache la boce. wart ist für 
want verschrieben, sam steht für sän, sä. Dies ist, wie Schön- 
bach mit recht hervorhebt, ursprünglich und deshalb ist es 
auch nicht zu tilgen. Dass der vers holperig und anormal ist, 
darf bei einem machwerke des wenig befähigten bearbeiters 
nicht befremden. — 157 das fragezeichen bei Grimm ist über- 
flüssig. — 200 rührt sin gavatere offenbar nur von einem Schrei- 
ber her und Grimm tat recht, es zu eliminieren. Das wort 
kehrt ohnehin 202 wider. — 203 Ich setze ein mist mit P., 
übrigens hat auch K. 209 daz mist. — 209 f. für begripfte : ent- 
rvischte ist mit Grimm (anmerk.) begripfte : entslipfte anzu- 
nehmen. — 249 f. ich schreibe hier und in ähnlichen reimen niet 
und nehme es nicht blos, wie Schönbach zu 751 f. es tut, für den 
bearbeiter, sondern auch für den dichter an. 1759 f. überliefert 
P. geradezu: diet : niet. Ausserdem führe ich die reime an: 
liet : niht 51 1 f. 533 f., geriet : niht 751 f. 769 f. 1327 f. 2119 f., 
diet: niht 1297 f. 1809 f. In diesen fällen setze ich überall 
niet und dem entsprechend 455 in dem reime iht : diet ein iet. 
Die meisten der angeführten reime sind von dem bearbeiter 
aus der alten dichtung übernommen. Denn 1671 f. und 1759 f. 
ist sogar in S. diet : niet überliefert und ein niet, iet ist nicht 
im Widerspruch mit der spräche des dichters. Weinhold, AI. 
gr. §. 63. Indem der bearbeiter diese reime gelten Hess, tat er 

Hei trüge zur geschichte der deutschen spräche. XI. 22 



334 REISSENBERGER 

jedoch seiner spräche keinen zwang an, denn er selbst bildet 
an stellen, wo er von dem alten gedichte abweicht, so be- 
stimmt 769 f., solche reime und sie stehen mit seiner heimat 
gewiss im einklange. Weinhold, Mhd. gr. 3 § 494. Genn. XXIX, 
s. 262. — 258 und 264 lese ich mit Schönbach trütneve. — 
282 f. schreibe ich statt vil der vedern, vier der vedern nach Koni. 
de Benart (Martin II br., v. 991) qatre des penes. — 284 gegen 
Grimm mit PK., vgl. Schönbach. — 285 tiberliefern PK. vliheru Das 
ist aber nur ein Schreibfehler, da eine solche Sinnlosigkeit selbst 
dem bearbeiter nicht zuzumuten ist Ich nehme Grimms conjeotur 
imbxzen auf. — 300 setze ich iu für P. euch K. uch und so 
auch später im gegensatze zu Schönbach, in Übereinstimmung 
mit Paul. Denn die handschriften sind in dieser Vertretung des 
dat. durch den acc. nicht consequerft und so kann man doch 
nicht gewiss entscheiden, ob dieselbe blos den handschriften, 
oder auch dem bearbeiter, ja selbst dem dichter zukommt — 
329 interpunction mit Schönbach. — 345 Von der zutat in K. 
ist natürlich abzusehen. — 357 f. P. bietet Lucifere : schiere 
einen reim, der mitteldeutsch rein sein könnte. Vgl. Wein- 
hold, Mhd. gr. 2 § 135. K. hat statt dessen Lucifere : gemere, 
was noch bestimmter mitteldeutsch ist — 386 lasse ich den 
wolf der cod. aus, wie 54 die kenne. — 415 m daz lant, wie 
Schönbach mit PK. unter hinweis auf 574 schreibt — 447 
not mit PK. Vgl. hierzu die reime: not : tot 273. ; rdt 283. 
u. 8. w. — 479 f. mit K. und Grimm kleine : beme. bcine, 
m<L pluralform. Weinhold, Mhd. gr. 2 § 454. — 489 ist es 
nicht nötig, mit Schönbach aus P. spilinde aufzunehmen. Das 
zweite i gehört doch wol nur dem mitteldeutschen sehreiber 
an. — 500 weilet statt wollet der cod. mit Weinhold, Mhd. gr. 1 
§ 421. — 511 abermals eine wertlose einschaltung in K. — 
521 nehme ich mit Grimm die rückumgelautete form schände. 
Eückumlaut ist in der bearbeitung mehrfach durch den reim belegt: 
{gelüste :) kuste 1 80, gerant (; want) 59, (: zehant) 793, gesant (: ze- 
hont) 1322. 1889, erkant (:elefant) 1334, genant (:lant) 1241. — 559 
mit P. leiste, leist, stmf., sonst noch bei Beinfried von Braun- 
schweig. — 562 Grimm: genuogez bröt, ich wähle genuoc brdt. 
Cf. 1779 f. brdtindU Oder sollte man schreiben: genuoc unz 
in den iöt? tot : not häufiger reim im gedichte. Cf. auck 
Nib. 638, 3. — 594 mit den cod. weste, obwol einmal mite 



ZU RßlNflABT FUCHS. 33$ 

(: liste) 506 im reime steht, rviste, wette finden sich ja häufig 
hei 6iuem dichter nebeneinander. — 626 P. wetz got lasse ifch 
fallen, in K. fehlt es au«h. Zudem erscheint es 629 wider und 
zwar passender. Hier gehört es blos dem Schreiber von P. an. 
Für ich trowete (trowet) ime an tretven (triweri) rvol mit Schönbach 
ich drouwete ime entriuwen wol. — 63 t zu lät vgl. oben 143. — 
647 Ich sehe nicht ein, weshalb der bearbeiter das bessere, be- 
zeichnendere ersmacfo, das noch in S. steht, gegen smacte ein- 
getauscht haben sollte und nehme daher jenes auf. — 648 ähd 
nach PK. — 653 dar tn bozen mit PKS. — 649 f. der be- 
arbeiter hat sich über den unreinen reim des ursprünglichen 
gedichtes spise : rvisen nicht hinweghelfen können. Ein schwf.- 
spUe gibt es, soviel ich sehe, nicht. Andere reime mit über- 
schüssigem -n sind: laden : schade 1449 f., rvitze : sitzen 931 f., 
burne : misselungen 955 f., alumbe : tumben 1757 f. (? S. rein: alutnbe 
: tumbe). — 654 der aus S. zu ergänzen, v. 655 PK. sprach (ohne 
er, das Grimm hat) deutet darauf hin. — 655 und 659 zu 
gän und vorn in S. und bern in PK. cf. Schönbach. — 657 wol 
hat in S. die richtige stelle, die ich deshalb auch acceptiere. 

— 658 ist mit Schönbach den sin din (PK.) zu belassen. — 673 
nehme ich aus P. du mäht lihte vergeben auf. Von der 
einschiebung in K. ist hier abzusehen. — 674 das handschrift- 
liche vürbaz macht den vers zu einem fünfhebigen. Das ist 
aber kein grund das passende wort aufzugeben. — 675 getete der 
cod. kann auch für getaete genommen werden, da e in den cod. auch 
für ae steht. — 680 mit Schönbach ginen gegen Grimms ginen. 

— 6S4 hinne mit Wackernagel. — 699 paradfs, wie 898 und 
912 PKS. — 703 PK. und S. haben also, das ich auch be- 
halte. — 713 dinne mit Grimm wie PK. 765 und 869. — 714 
ich bleibe bei Grimms sit, da ich nicht weiss, ob sint wirklich 
dem bearbeiter oder blos den cod. zukommt. — 725 besser scheint 
mir der ausdruck in S.: die bruodir leitense drin. Doch ich bleibe 
bei der Überlieferung in PK. — 730 passt loch in S. metrisch 
besser, als gruobe, das PK. überliefern. Aber es ist wahrscheinlich, 
dass, wie Schönbach — im manuscript des erwähnten aufsatzes 
-— vermutet, nicht loch der ursprüngliche ausdruck sei, sondern 
ein bezeichnenderer hier gestanden habe. In dem entsprechen- 
den siebenb. tiermärchen wird de läm überliefert. (Wolff-Haltrich, 
Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen, Wien 1884, s. 38). — 

22* 



336 REISSENBERGER 

734 hat der bearbeiter den vers, um seine form zu bessern, dem 
sinne nach verschlechtert. Der alte vers ist klarer und der folgende 
schliesst sich besser an den alten an. — 739 hie in mit PS. 

— 740 statt stürmen bei Grimm (nach PK.) ist mit Schönbach 
sturen zu setzen. — 745 fehlt er sprach (PK.) in S. Audi in 
der bearbeitung bleibt es mitunter aus. Uebereinstimmend in 
SPK.: 739. 747. 748. 909. 929. 1539 u. a. o. Ich lasse es an unserer 
stelle weg und so dürfte es auch an andern stellen zu eliminieren 
sein (man vgl. W. Grimm, Graf Rudolf s. 13). Auch £. Schröder 
sieht im Anegenge s. 19 ein solches er sprach als heraustretend 
aus dem verse an und Amelung erklärt es Zs. f. d. philoL III, 
s. 268 in den von ihm betrachteten gedichten auch für überflössig. 

— 750 drinne mit PKS. — 763 fehlt daz (PK.), welches auch Grimm 
weglässt, in S. Nichtsdestoweniger setze ich es. — 769 Schön- 
bachs conjectur küchen für Grimms zocken ist fein, aber zu fein, 
wie mir scheint, für den bearbeiter. Ich wage deshalb nicht, sie 
in den text zu setzen, um so mehr als zocken, wofür wol die cod. 
PK. kochen verschrieben haben, immerhin noch einen erträglichen 
sinn bietet. — 784 P. ungelat, K. angelabt, J. Grimm im text des BF. 
ungelabety anmerk. ebenda: ungejagct. Ich wählte dies, das in PK. 
verschrieben sein kann und an S. eine stütze findet (anjagin kertir 
sitien sin). — 786 vor mit PK. und Schönbach gegen vart in 
S. — 795 erbeizte mit PKS. — 800 f. offenbar vom bearbeiter 
eingeschoben, um den unreinen reim zu beseitigen. — 807 ü/ 
den rucke mit PK. und Schönbach. — 808 vgl. hierzu Grimm 
RF. anmerk. und Schönbach. — 813 glete im aber mit PK£L, 
obwol der vers schlechter wird als bei Grimm, cf. Schönbach. 

— 821 da, wie S. do in PK. bietet nur eine^mundartliche ver- 
dumpfung des a und besagt dasselbe. — 833 ff. ich setze con- 
sequent bunte. In den handschriften steht — mit ausnähme 
von 851 — übereinstimmend bald brunne, bald bunte. Die 
form bunte ist sowol dem elsässischen, als dem mitteldeutschen 
eigen. Vgl. Weinhold, Mhd. gr. 2 § 214, AL gr. § 197, Grimm, 
Deutsches wtb. II, s. 433, Schönbach a. a. o. — 837 schreibe ich, 
um der handschriftlichen Überlieferung in PK. näher zu bleiben, 
mit Schönbach sich verginte } doch wäre ich auch nicht ab- 
geneigt, aus S. ergouchete aufzunehmen, das jedenfalls besser 
in den sinn passt. — 847 ist vor kleinett ein niht zu ergänzen. 
S. hat michelitt dattch. — 855 füge ich mir aus S. ein. — 862 



ZU REINHART FUCHS. 337 

wol nach PKS. (Grimm wole). — 865 f. tief : gief. Dieser reim 
rührt vom bearbeiter her, da S. hier einen andern text hat. 
Der reim ist aber eben deshalb von bedeatung für die her- 
kunft des bearbeiters. Denn gief ist bisher blos aus mittel- 
deutschen quellen belegt, aus dem Renner, dem Passional, aus 
Rüdiger von Münner (Gesammtabenteuer 3, 62, 720), den Kol- 
marer meisterliedern, aus Heinrich und Kunigunde, Jeroschin, 
dem Väterbuch (Zingerle Findlinge 2, 127) und aus Aristotelis 
heimlichkeit (Lexer III, s. V). Auch giefen findet sich blos in 
einem mitteldeutschen denkmal, dem Jüngern Titurel. — 885 
Für PK. ergetzet setzt S. irgouchet. — 908 mit dem cod. ver- 
brant so und nicht mit Grimm verbrennet so. Das part. praet 
hat nach den reimen (vgl. oben zu v. 521) auch sonst rück- 
umlaut und das fehlen der letzten Senkung ist ja in der be- 
arbeitung, wie in S., auch nicht auffallend. — 904 mit Grimm 
Send. anm. und Schönbach roup, obwol sich hier auch ruorve nemen, 
das Grimm im texte des RF. hat, verteidigen Hesse. Die ge- 
bräuchlichkeit der letzteren phrase hat Grimm in der anmerk. 
zu Sendschr. mit einem citate aus Tristan nachgewiesen. — 
913 das von Grimm eingeführte, in PKS. fehlende 6 ist zu 
streichen. — 914 scheint es mir nicht nötig, mit Schönbach 
für hüt und här aus S. houbethär zu setzen. — 916 sach 
hätte besser für gesach (PK.) einzutreten. So ist es auoh 
in S. nu. statt im mit Schönbach. — 925 hie mit PKS. — 929 
tuo, wie S. bietet, und nicht du, cf. Schönbach. — 931 f. trotz 
PKS. (witzen : sitzen) mit Grimm: witze : sitzen. — 938 mit 
S. wider östert, nicht wider höster (PK.). Für jenes tritt auch 
Grimm anmerk. im Sendschr. 938 gegen seine frühere, auf PK. 
basierte ansieht ein, indem er auf den Roman de Renart ver- 
weist. Dem wider östert analog ist gen östert in den Ald- 
deutschen blättern 1, 249. Nimmt man an der form östert an- 
stoss, so kann man etwa öster setzen. Schönbach greift auf 
höster zurück. — 942 undern statt andern nach S. Vgl. Grimm 
Sendschr. s. 58. — 943 der den mit PKS. — 952 vor bei 
Grimm steht nicht in PK. Ich setze mit S. du verst. — 956 
ein schlechter vers. Grimms änderung kann ich nicht billigen. 
Das von ihm für fsengrine gebrachte im ist an dieser stelle 
unklar. Ausserdem sieht man ja, dass der bearbeiter dem 
dichter, bis auf das reimwort treu geblieben ist. Hier aber tritt 



338 reissenberger 

seine Unfähigkeit wider einmal zu tage. Für söt musste 955 burne 
eintreten. Darauf sollte der bearbeiter einen reim finden. Er 
fand hier, wie später 975 f. nicht nur keinen reinen reim, sondern 
verlängerte den ursprünglich ziemlich correcten vers (956) auch 
noch ganz ungebührlich. Der vers muss, so schlecht und so 
lang er ist, stehen bleiben. — 960 in S. besser: dd kam ein 
bruodir gigän. — 969 f. geringe : bertinge. Dieser reim gehört, 
wie die vergleichung mit S. beweist, dem bearbeiter. Das 
wort geringe ist für die heimatsbestimmung des bearbeiten, 
freilich für keine genaue, von belang. Denn geringe ist, wie 
ich in meiner abhandlung 'Zur kröne Heinrichs von dem 
Türltn. Graz 1879 s. 6' nachgewiesen habe, sowol mitteldeutsch, 
als alemannisch. — 975 f. der grund, weshalb der bearbeiter die 
beiden, in S. guten verse ändert, liegt, wie Schönbach unter hinweis 
auf 826, richtig bemerkt, in nötlich. Aber der bearbeiter bat 
v. 975 des ursprünglichen gedichtes mißverstanden und ein 
monstrum geschaffen, gotes räche und huoben sich wird man 
nicht aufgeben dürfen, da diese bestandteile auch durch S. ge- 
stützt werden, über den bumen wider ist des reimes wegen 
nötig. Grimms fassung ist willkürlich und kann aus den 
entwickelten gründen nicht bestehen. Auch was den inhalt 
anlangt, hat S. das richtige. Auf die nachricht, dass der 
wolf in dem brunnen sei, erheben sich die mönche und bereiten 
sich zum kämpfe vor. Nachdem sie hinausgekommen, heben sie 
sich über den brunnen. Nach der darstellung des bearbeiten 
schauen sie sofort nach dem empfange der nachricht in den 
brunnen und dann erst rüsten sie sich aus. — 976 mit PJL 
und Schönbach ist der name einzusetzen, wart ein fehler für 
was. — 992 was heisst die velt Stent? Die erklär ung Grimms 
befriedigt mich nicht Dagegen stimme ich seiner Vermutung 
K. F. anmerk. bei, wonach es für diu velt heissen soll diu werlt, aber 
weiter bin ich nicht für stuont, wie er will, denn das würde dem 
präs. der cod. uud dem folgenden noch nicht entsprechen, sondern 
stät, wobei man im geiste ergänzen kann, 'wie früher', um 
den Übergang zu den folgenden praeteritis herzustellen. Ich 
schreibe stät und nicht nach den cod. stet, da die form mit £ 
nicht ein einzigesmal, dagegen die formen stän, gän, öfter 
durch den reim gestützt werden. Zu stän vgl. 1084. 1109. 
1201. 1379. 1527. 1996. Zu gän 1043. 1090. 1235. 1485, 1512. 



ZU BEINHART FUCHS. 339 

1694. 1742. 1905. 1914. 2088. — 994 f. ich halte mich gegen 
Grimm an die cod. — 999 gra (PK.) überflüssig. — 1001 mit 
Schönbach er waenet statt Grimms er sprichet. — 1015 f. zewäre 
: riuwäre (PK. reuwere). Dieser reim mit nicht umgelautetem 
d ist wol ebenso von dem bearbeiter aus dem alten gedichte 
übernommen worden, wie 1855 f. zewäre : verrätäre (SP. verratere). 
Ob man freilich darnach für die spräche des bearbeiten wider- 
stand gegen den umlaut annehmen darf, lasse ich dahingestellt, 
sein. — 1028 streiche ich mit Sohönbach als. — 1040 Schön- 
bach nimmt habe aus den cod. auf gegen Grimms hdn. Ich 
lasse in meinem texte das letztere stehen, obwol es hier ziem- 
lich gleichgültig sein mag, ob habe oder hdn gesetzt wird. An 
andern stellen dürfte die volle form doch wol erst den cod. 
angehören und unnötig den vers verschlechtern. Aus den 
reimen entnehme ich eine gewisse Vorliebe des bearbeiten für 
contractionen. Vgl. 175. 361. 369. 396. 439. 460. 515. 575. 672. 
723. 807. 1010. 1125. 1277. 1284. 1373. 1404. 1508. 1510. 
1703. 1728. 1840. 1852. 1862. 1940. 1951. — 1042 lät mit Grimm 
gegen PK. lazet, aus den zu v. 1040 und früher zu v. 143 ge- 
gebenen gründen. Hier übrigens auch metrisch besser. — 
1049 schreibt Schönbach mac, doch auch das in PK. überlieferte * 
moht lässt sich, als erzählend, vertreten. — 1065 f. vgl. hierzu 
oben s. 331. — 1080 iuch von Grimm beigesetzt, ich halte es 
für überflüssig. — 1114 komma nach quam, mit Schönbach. — 
1116 zu rvan vgl. W. Grimm, Graf Rudolf s. 19. — 1125 
Schönbach setzt (wie 1531) für entschuldeget, entredet h&n. 
Doch bin ich für enschuldet, das mir formell und sachlich zu 
passen scheint entschuldegen kann wie ähnliche bildungen 
erst durch die Schreiber hineingekommen sein. Vgl. die belege 
bei Lexer. — 1 128 liest Paul mit recht für das mundartlich gefärbte 
noch der cod. nach. — 1130 zu Reitze Schönbach. — 1131 Grimm 
setzt geloube mir, aber warum nicht vernim mir, wie P. bietet? 
Vernemen wird auch c. dat. (vgl. Lexer) verbunden, wenn 
freilich gerade im Reinhart sonst die construction mit dem acc 
(1387. 1442) vorkommt. K. hat auch an unserer stelle vernim 
mich (; dir). Ich bleibe bei P. — 1 1 42 ergänze ich nach v. 83 
mir. — 1 1 46 mit PK. sich sprechen. Man sieht nicht ein, wes- 
halb Grimm dieses wort durch sich sprächen ersetzt. In 402 
ist sich sprechen sogar im reime (: zehrechen) gebraucht. — 



340 REISSENBERGER 

1 157 alles Schönbach. — 1 162 vgl. Schönbach. Vorläufig lasse ich 
die worte stehen, wie sie sind. — 1164 burc mit PK. vgl. oben zu 
447. — 1167 der name Reinhart (PK.) ist hier des Verständnisses 
halber nicht unbedingt nötig. Ich bleibe bei dem von Grimm an- 
genommenen er. — 1171 har flir her (im reime aufgor), eine 
alemannische erscheinung, die möglicherweise der bearbeiter auch 
nur, weil er den reim nicht ändern konnte, beibehielt Wein- 
hold, Mhd. gr.' § 44 und AI. gr. § 11 u. ,112; Germ. XXIX, s. 274. 
— 1188 ff. ich lasse unentschieden, ob hier der bearbeiter 
schlecht gestaltet hat oder die Überlieferung schlecht ist und 
schliesse mich ihr an. Was übrigens Grimms drohten statt 
des handschriftlichen quamen anlangt, so ist das hier nicht not- 
wendig, widerholt sich doch 1331 f. quam sehr häufig. Aehn- 
lieh ist es 1099 ff. — 1189 f. vreisam : sän (Weinhold, Mhd. gr.» 
§ 216 und 218). Vgl. übrigens vreisam : quam 1273 f. 1835 f. — 
1207 f. eine schwierige stelle. Der reim bäte : me ist nicht gut 
möglich. Wir haben es hier wol mit einem corrumpierten 
texte zu tun. Die conjeetur, die Grimm in der anmerkung 
aufstellt, scheint mir zu gewagt Wenn ich eine Vermutung 
versuchen dürfte, so wäre es: entriurven dö der pate schre, ich 
enmac gesin niht süener me. Der reim schre : me findet sich im 
Reinhart öfter. — 1241 warum sollte denn das von PK. über- 
lieferte der ausfallen? — 1251 schreibe ich mit Lexer (1,50) 
dmeizhtifen. — 1272 der herre, wie die cod. haben, genügt 
Grimm setzt ir herre. Ebenso mit PK. burc, wie oben 1164« 
1290 bekorn, wie Schönbach. — 1331 mit PK. dar. Diese 
form auch im reime 1137 und 2139. — 1340 schere, so 
und nicht stere ist es, wie schon Grimm richtig erkannt hat 
Denn 'maulwurf' passt besser zu der im selben verse genann- 
ten maus als widder. Zudem wird ja der widder später (1343) 
erwähnt. — 1401 ff. über die confusion vgl. Schönbach. — 
Nach 1427 mit Schönbach doppelpunkt. — 1481 gesach mit 
den cod. gegen Grimms sach (ohne angäbe der Varianten). — 
1489 f. wenn Grimm die verse * unerträglich* findet, so soll 
dem nicht widersprochen werden, aber dem bearbeiter gehören 
sie trotzdem, man könnte sagen, ebendeshalb an. Vgl. oben 
zu v. 147. Für Grimms conjeetur in der anmerkung zu HF. 
1489, zumal für entstvap, spricht kein ausreichender grund. — 
1503 aigelxche. — 1540 mit PKS. Drün. — 1541 schreibe ich 



ZU REINHART FUCHS. 341 

wxstin y wie es auch in S. steht — 1548 binen. Grimm nimmt 
aus P. 1548 die schwache, 1549 die starke form. Ich wähle 
coosequent die schwache form, welche S. und K. durchaus haben. 
Die Schreibung in P. 1549 bine würde übrigens eine verschreibung 
wahrscheinlich machen; vgl. auch Schönbach. — 1568 scheint 
mir die fassung in K. besser. Doch kann me in P. bloss 
verschrieben sein. — 1586 vgl. Schönbach. — 1589 f. S. be- 
stätigt die lesarten von PK. Vgl. Grimm zu Sendschr. 1589. 

— 1605 f. fehlen in S., doch möchte ich nicht sagen, dass sie 
das alte gedieht schon besessen habe, vgl. Schönbach. — 1623 ff. 
verändert der bearbeiter mehrfach den überkommenen text. — 
1632 gevolgen nach PK., ebendasselbe wort auch 1634 und 1636. 

— 1633 das in S. stehende der hirz konnte, wie ich meine, 
der bearbeiter des bessern Verständnisses halber nicht fallen 
lassen. — 1651 Grimm vermutet in der anmerkung zu RF., dass der 
dichter sicher künnelinc gehabt habe und das wird nun durch S. 
bestätigt Ich behalte für die bearbeitung die kürzere form bei, 
obwol sie mittelhochdeutsch blos in den cod. PK. des Reinhart 
belegt ist. — 1666 ich nehme gegen Grimm die Wortstellung der 
drei handschriften. — 1677 Brian mit PKS. — 1691 ff. vgl. Schön- 
bach. — 1695 nach dem Mhd. wörtb. 1, 1024 und Schönbach bloss 
loch. — 1705 f. unreiner reim Smarte : dräte. — 1719 dem ören, 
wie in P. und S. — 1722 wie richtig hier die conjeetur Grimms 
ist, geht aus S. hervor. — 1739 boteschaft, wie in S. — 
1756 gevolgich, wie oben, sowie in S. — 1757 al umbe mit 
Schönbach. — 1758 nach Grimm und Schönbach zog der be- 
arbeiter die Unreinheit des reimes (überschüssiges -n) dem 
fehlen des artikels vor. Auch ich mag den überlieferten text 
nicht ändern. Doch kann ich den gedanken nicht unterdrücken, 
dass der bearbeiter bei seinem offenbaren streben nach reinen 
reimen und seiner aecomodation an die spräche des dichters 
immerhin einen vers angenommen haben könnte, der ihm nicht 
nur einen reinen reim bot, sondern auch einen sprachlichen 
ausdruck, der dem dichter correct war. — 1770 f. PK. haben 
hier offenbar corrumpiert, wie schon das unpassende geswachen 
beweist. — 1771 oder mit S. — In 1772 haben PK., abgesehen 
vom versschluss, die Wortfolge von S. In dieser handschrift 
ist übrigens der text so gut, dass ich denselben unbedenklich 
eingesetzt habe. P. hat nach meiner collation nicht machen, 



342 KEISSENBERGER 

wie bei Grimm steht, sondern auch lachen wie K. öberliefert 

— 1773 auch an dieser stelle scheint der text in PK. verderbt 
Ich greife deshalb auch hier auf den bessern text in S. zurück. 

— 1776 nehme ich mit Schön b ach die ganze Überlieferung ans 
PK. auf, obwol das einen ungebührlich langen vers gibt — 
1779 diu neve mit PKS. gegen Grimm: der neve din. — 1781 
vgl. Schönbach. — 1786 P. schreibt de, K. die fBr der GL 
Das eine oder das andere könnte dem bearbeiter angehören, 
dem dichter kaum. Vgl. Weinhold, Mhd. gr,* § 482. Doch 
bieten 2250 P. und K. der Gl. — 1787 mit Grimms coqjeetar 
iu künde gtt, gewaerlich kann ich mich nicht einverstanden er- 
klären, gewaerlich wird durch alle drei cod. überliefert und 
durch den reim gestützt Aber von dem durch PK. gebotenen 
zweiten satz wen si sint geiverlich dürfte 'doch mehr aufzu- 
nehmen sein, als das letzte wort. In der auch an dieser stelle 
defecten handschrift S. ist uns von dem ganzen verse blos g&- 
warlich erb alten. Jedoch die räumliche ausdehnung der verse 
ins äuge gefasst, kann der vers mehr worte und buchstaben 
enthalten haben, als iu künde gtt gewärlich. Grimm hat das 
auch gefühlt, in dem er im Sendschr. diesen vers so restituiert: 
iu künde git vil gewärlich. Ich habe aus dem text von PK. si 
sint gewaerlich aufgenommen. Einen ganzen satz statt gewaerlich 
anzusetzen, wird sich wol auch deshalb empfehlen, weil der nach- 
druck auf die Wahrheit der mitteilung gelegt werden soll Mit 
Grimm schreibe ich glt, da ich doch nicht wage, das von PK. 
überlieferte mundartliche geit (Weinhold, Mhd. gr. 2 § 53), das 
auch blos den cod. angehören könnte, in den text zu setzen. 1 ) 

— 1796 krimel mit PKS. Natürlich mit Grimm vuor f wie & 
gegen ver in PK. beweist — 1818 drinne wie PK. 750. — 1816 
arzät auf grund der reime 1915 f., 1923 t, 1962 f. — 1837 
ausser dem reime spricht auch S. für albesunder. — 1844 naeh 
PKS. solde (Grimm tohte). — 1852 acceptiere ich Grimms Wort- 
stellung lasters vil. — 1858 hatte S. wol den ganzen langen 
vers so, wie ihn PK. bieten. Einige worte sind uns aus 8. er- 
halten {er sprach — wizzin wol däz ir\ andere (kunec wir — 
sint) lassen sich erschließen. Ich behalte den vers bei, wie 



') Aehnliche contractionen sind in reimen nicht selten: gtseitl% 
'<16. 323 536. 598; unverseit 717; geleil 363; trat 1824; lit 308. 



ZU REINHART FUCHS. 343 

er in PK. steht und lese ihn mit zweisilbiger Senkung. Oder 
sollen wir etwa er sprach weglassen? Zu sint, 2. pers. plur. 
praes., al.-md. form, vgl. Weinhold, Mhd. gr. 2 §364. — 1863 
rabe. Den ausgang auf e bieten PKS. gegen Grimm RF. raben. 
Für rape, wie S. hat oder rappe, wie Grimm Send, setzt, kann ich 
mich nicht entscheiden, so bleibe ich bei PK. — 1864 henket 
mit rücksicht auf 1853 f. — 1872 setze ich er mit S. gegen 
man in PK. Weshalb sollte denn auch der bearbeiter das 
bessere er gegen man vertauscht haben? — 1874 Bendbn. S. 
hat an der einzigen stelle, an der daselbst das wort er- 
halten ist (1886), benäht und PK. haben an derselben stelle 
die gleiche Schreibung. — 1884 ai wie 1731. — 1891 liez 
mit PK. oder He mit Grimm? Für das eine, wie für das 
andere finden sich reime und so bleibe ich, da die reim- 
beweise für das erstere (35 f., 783 f., 1549 f.) nicht zwingen- 
der sind, als für das letztere (41 f., 811 f., 935 f., 991 f., 2075 f.), 
bei Grimms He. — 1908 setze ich mit P. das in K. fehlende 
wider iuch, da ein ähnlicher ausdruck 1955 an der stelle 
des reimes steht. Man beachte hier den reim leben : geben 
und 2007 f. sagen .getragen, also die 1. pers. sg. praes. mit -» 
gebildet Der bearbeiter kann diese form aus dem alten ge~ 
dichte übernommen oder selbst gebildet haben. Dass K. die 
Varianten leben \ sol und sage und P. lebe bietet, würde kein grund 
dagegen sein. Im alemannischen findet sich der ausgang auf 
-n seit dem 12. Jahrhundert Vgl. Weinhold, Mhd.gr. 2 §367, 
AI. gr. 339. Im fränkischen ist diese form auch schon frühe 
nachweislich. Cf. Weinhold, Mhd. gr. a. a. o. — 1910 Grimms 
Wortstellung, meister aus PK. — 1919 zu dem handschriftlichen 
iz im vgl. Schönbach. — 1929 f. entwichen : begrxfen, unreiner 
reim. Oder dürften wir ihn als mundartlich rein auffassen? Vgl. 
Weinhold, Mhd. gr. 2 § 233 ff. — 1964 üzer mdze, das PK. über- 
liefert, statt des von Grimm angesetzten unmäzen. — 1968 
müeste auf Pauls Vorschlag. — 1972 lies mit Schönbach arm* 
man. — 1974 nehme ich die contrahierte form hdn wir. — 
1 980 ich mit Schönbach als versehen zu streichen. — 2009 für 
gewermet der cod. gewärmt mit rücksicht auf den durch reime 
sonst nachgewiesenen rückumlaut — 2014 im, das ich mit PK. 
ansetze, ist hier, wie 2088 er, der Vorläufer des Substantivs. Ich 
schreibe katzenhüt, da ich die Zusammensetzungen mit katze bei 



344 REISSENBERGER, ZU REINHART FUCHS. 

Lexer so finde. — 2022 bleibe ich der überlieferten Wortstellung 
etwas mehr treu, als Grimm. — 2041 krouch mit Paul. — 2054 
mit Schönbach er tet. — 2099 schreibe ich, wie 1333 — PK. 
hat hier elephant — elefanU Ebenso auch 1 103 und 16351 — 2123 
zem Erstem mit Grimm, Altd. bl. 1, 417. — 2140 ir mit Schönbach. 
— 2143 schreibe ich künden für kündigen, da letzteres erst der 
späteren zeit, hier dem Schreiber, anzugehören scheint. Lexer I, 
1773 und D. Wtb. V,2629f. Vgl. oben zu v. 1 125. — 2146 und 2150 
nehme ich ebtissin, wie in P. an beiden und in K. an letzterer 
stelle steht. Dieselbe form etwa auch 2123? Vgl. Schönbach. — 
2149 was soll sehnten bei Grimm heissen? Noch dazu ein 
praesens umgeben von praeteritis! PK. überliefern schreiten. 
Das ist mundartlich soviel als schrieten, praet. von schroten, 
hauen, schneiden. Das wort würde auch zu dem folgenden 
gut passen, ei für gemeindeutsches ie ist nach Weinhold, Mhd. 
gr. 2 § 131 und 136 besonders im westen des mitteldeutschen 
gebietes verbreitet. Vgl. noch Germ. XXIX s. 268. Dem bearbeiter 
kann schreiten angehören, dem dichter aber nicht da sich im 
elsässischen ei für ie nach Weinholds, AI. gr. § 131 nur vom 
14 — 16. Jahrhundert und auch in dieser zeit nur zuweilen findet 
Uebrigens könnte schreiten auch = schrieten f 3. pers. plur. prftt. 
von schrien. Weinhold, Mhd. gr. 2 § 425. — 2217 f. 'flickreime' 
nach Grimm, die er beseitigen möchte. Dieselben müssen aber 
nicht einmal erst von dem bearbeiter, sondern können bereits 
von dem dichter herrühren. Denn den reim da : sä gebraucht 
auch der dichter. Vgl. s. 917 f., 963 f., 1589 f. Aus der be- 
arbeitung vgl. übrigens noch 1729 f. (S. da : - gä). — 2230 das 
md. hin weck in PK. gehört wol erst den handschriften an, 
weshalb ich mit Grimm dafür enwec setze. — 2248 Schönbach 
vermutet dem röten R. — Nach 2248 bringen PK. zwei verse, 
die Grimm nicht in den text aufnimmt. Ich möchte dieselben 
nicht fallen lassen, denn sie können gar wol den schluss des 
alten gedichtes gebildet haben. Ueberdies berühren sie sich 
nicht blos in ihrem tone, sondern zum teil auch inhaltlich mit 
versen, die Grimm anstandslos in den text gesetzt hat und die 
sich auch in S. finden. Man vgl. 854 f., 1791 f., auch 1787. — 
2255 halte ich ouch dem sinne nach für überflüssig. 

GRAZ. KARL REISSENBERGER. 



ZUM ANGELSACHSISCHEN REIMLTED. 

V. 5 ff. des Keimliedes sind in der handschrift fnlgender- 
Uberliefert: 

f riet weil wiejum. 
wiü ofer wanjiini. wennun 3011511111. 
liese mid ionjuw. leuiiia jetuii^mn. 

Grein'» text Bchliesst sieh eng an die Überlieferung an. Er 
Mtrlgiert rtxrgiun mit recht in niwgon, das bereits durch den 
reim auf das vorausgehende gefegon gefordert wird, inter- 
pretiert wie als wieg, zweifelsohne ebenfalls mit recht, und 
Reizt fllr wetttum ein wrennan. Das ganze gibt er dann, Germ. 
X, 306, wo wider: Ornati currebaut equi (ornatos agitabant 
cuuos?) in campis admissariorum gressibus suaviter cum lougiB 
Otembrorum festinationibus. Gegen diese auffassung aber er- 
tiebeu rieb gewichtige bedenken. Für wegan läSBt sieb weder 
die bedeutuug currere noch agitare nachweisen. Die stelle 
Es. 180, welche Grein im glossar II, 655 f. für die erstere be- 
di'utiiBg heranzieht, kann nicht als beweis dieneu, denn sie ist 
selbst unklar. Sodann erregt wrennan gongurn &\b 'admissa- 
r iorum gressibus 1 anstoss, seihst wenn man das falsch con- 
sttuierte *wrenaa noch ahd. reineo, rebi{ii)o Graff I, 978 f. in 
*>rrip>ui verbessert; denn man musste immerhin den gen. plu- 
rali» erwarten. Endlieh ist der ansatz gelang = 'motu» aceele- 
ratus, festinatio' Grein I, 46"2 schwerlich haltbar; denn das 
*"erbum Ungtm heisst ursprünglich wenigstens nicht schlechtwog 
'eilen', wie Grein II, 525 annimmt, sondern 'tendere aliquo', 
eigentlich 'sich nähern', wie die zahlreichen verwanten des 
Wortes lehren. Ich glaube es ist zu lesen 



wiüj ofer wob 

KM miil luii;;. 



fnetwe w 63011 
1 wräiuui 300311111 



346 SIEVERS 

und übersetze 'schmuck trugen die rosse auf den wangen, 
stolzen sehrittes freudig mit langem gliederbehang', ziehe also 
wongum zu tvonge swn. 'wange', nicht zu rvong gefilde, und 
nehme wr&nan als dat. pl. zu dem adj. tvr&ne lascivus, zu 
dem ja auch reineo emissarius gehört. Zur sache mag es ge- 
nügen auf die eahta meäras fcktedhleöre Beow. 1036 f. zu ver- 
weisen, und hervorzuheben, dass in die Schilderung des reich- 
tuins und glückes deren der dichter zu eingang sich rühmt, 
besser die beschreibung der pracht seiner rosse passt, als eine 
angäbe über Wettrennen oder dergleichen. 

Auch die folgenden verse scheinen mir nicht in Ordnung 
zu sein. Jedenfalls enthält world onspreht 9 b auch nach der 
Umsetzung in woruld onspreaht einen metrischen fehler, der 
vers ist zu kurz. Zudem ist das ano xoivov anstösaig. Er- 
gänzt man aber irgend etwas vor woruld, so fehlt dem ersten 
stücke des satzes pd rvoes wcestmum äwceht das subject Aach 
scheint die Schilderung eines üppig fruchtbaren Jahres, welche 
nach Grein's Übersetzung in den zeilen enthalten ist ('quum 
fuit plantis expergefacta terra frutectosa sub coelis expansa*), 
ebenso wenig in den Zusammenhang zu passen, als der schlnss- 
satz, dass die 'weit' mit einer reiterschaar bedeckt gewesen 
sei ('turma equestri supertecta'). Ich möchte dem gegenüber 
glauben, dass die participia sich alle auf den dichter selbst 
beziehen. Man könnte also etwa denken, dass der ursprüng- 
liche text gelautet habe 

\>% was ic waestmum äwsht, ofer woruld onspraht, 
ander roderum ar«ht, rödmaejue ofer}>»ht, 

aber auch dieser text bietet noch grosse Schwierigkeiten. Die 
erste halbzeile müsste etwa heissen 'da war mir reichtum er- 
wachsen', der zweite 'ich war über die weit erhaben', die 
dritte 'hier auf erden erhöht'. Aber können die worte das 
bedeuten? Einfacher ist der schlussvers: 'eine schaar von be- 
ratend (oder wenn man Grein's rddmcegne aufnimmt, von 
roitern) schützte mich'. Vielleicht gelingt es einem andern, in 
der hier angedeuteten richtung eine befriedigende erklirong 
zu finden. 

Zu v. 11 vermutet Grein für gerscipe die bedeutung 'iocu- 
latio', indem er auf gear 25 und georran verweist (II, 442. 493). 
Das ist sehr bedenklich. Wollte man auch zugeben, dass 



ZUM AGS. REIMLIED. 347 

gerscipe etwa för gearscipe (aus gearr-) stehen könnte, so 
müsste doch das gear von v. 25 ausser betracht gelassen wer- 
den, denn dort verlangt der reim die form gSr, also das wort 
'jähr'. Man wird sich also einstweilen begnügen müssen, 
gerscipe als unverständlich zu bezeichnen. 

V. 13 scrifen scräd gläd ist zu kurz; man mttsste min- 
destens scrifen ansetzen, was aber auch keinen sinn ergibt. 
Die stelle muss verdorben sein. 

Für v. 18 habe ich Beitr. IX, 235 vorgeschlagen zu lesen 
pegnunge pSge, peödne was ic wöge. Dabei war nicht beachtet, 
dass der dichter selbst die Stellung eines herren einnimmt. Es 
wird also penden einfach beizubehalten sein. Das folgende 
enthält dann die weitere ausffthrung zu v. 18 b . 

V. 21 ändert Grein das überlieferte hygedryht in hxgedryht 
'communitas familiarium' (gl. II, 78). Das müsste mindestens 
JAwgedryht heissen, denn in allen deutlichen compositis bleibt 
das w des ersten wortes, vgl. hiwcüti> hiwgeddl, hxrvr&den, hiw- 
scipe bei Bosworth-Toller; das einzige Urea, angl. htörod kann 
hiergegen nicht in betracht kommen. Durch Grein's lesung 
aber wird ausserdem der glatt überlieferte vers (hygedryht be- 
feöld ^ X -x I A ein E mit auflösung der ersten hebung) sehr 
belastet Verse der form _l X -x I - kommen zwar hie und 
da vor, Beitr. X, 266. 309 f., aber fast alle diese verse haben 
in der Senkung eine silbe wie -or, -el, -um u. dgl. aus silben- 
bildendem r, /, m etc., welche, wie Beitr. X, 480 f. gezeigt ist, 
Öfter als unsilbisch gerechnet werden. Das gilt auch von dem 
verse galdorwordum göl Reiml. 24% wo sicher galdrrvordum zu 
lesen ist Jedenfalls wird man ohne die zwingendsten gründe 
solche verse nicht erat durch oonjectur in den text hinein- 
bringen dürfen. Sonach ist hygedryht einstweilen beizu- 
behalten. Die bedeutung dieses caiat- Xeyopevov könnte ' liebe 
schaar' sein. 

V. 23 f. liest Grein folgendermaassen: 

Btepegongum weöld: 
swylce eoröe öl ahte ic aldorstöl, 

und übersetzt Germ. X, 306 'pedisequorum potestatem habui: 
sicut segetis plantam (dazu die note: o/id quod crevit, planta?) 
habui sedeni dominicam'. Im glossar erklärt er 11,480 stepe- 
gongum zweifelnd als dativ eines *stepegong gressus, oder eines 



348 SIEVERS 

*stepegenga pedisequus, dl dagegen II, 321 als praeteritum xu 
alan. Das letztere ist gewiss allein möglich, denn wenn öl 
sub8tantivum wäre, mtlsste eorban statt eorbe stehen. Fassen 
wir aber dl als verbum, so steht bei Grein's interpunktion 
srvylce in der luft. Man muss es deshalb zum vorausgehenden 
ziehen: stepegongum weöld srvylce eorbe 61: ähte ic aldorsiöl 
u. s. w. 'stolzen Schrittes b erachte ich über alles was die erde 
hervorbrachte, den horscherstuhl hatte ich inne'. 

V. 24 b ist Überliefert als gomel sibbe ne of oll. Daftlr setzt 
Grein gomen sibbe ne of-dl 'laetitia pacis non decresoebat', was 
mir wider sehr bedenklich vorkommt Denn einerseits wird 
sich die intransitive bedeutung 'decrescere' für ofalan schwer- 
lich wahrscheinlich machen lassen, andererseits wäre die Wort- 
stellung, sibbe nach gomen, sehr ungewöhnlich- Ich glaube, 
man müsste bei Grein's lesung wol sibbe als dativ, und das 
wort in der freilich sonst nur noch einmal, SaL 4, bezeugten 
bedeutung 'sippe' fassen. Auch die dreisilbige Senkung in 
einem verse des typus D oder £ wäre auffällig (allerdings 
könnte das e von ne vielleicht elidiert werden). Ich glaube 
also, dass auch für diesen vers noch keine heilung gefun- 
den ist An gomelsibb ne ofcbl wird doch schwerlich au 
denken sein. 

V. 25 f. lauten in der handschrift 

ac waes gefest ge&r. gellende sner. 
wuniendo waer. wilbec biscsBr. 

Dies behält Grein bei, nur dass er 25 b um des reimes auf 
gear willen snear einsetzt. Aber, wie bereits Beitr. IX, 235 an- 
gemerkt wurde, liegt es auf der hand, dass auch hier vier- 
facher reim anzusetzen ist, und das ist nur möglich, wenn man 
die reim Wörter als ger, sner, wer, biscer (oder biscasr) auffassL 
Schon damit wird Grein's deutung von gear als 'ioculatio* 
(oben 8. 346 f.) hinfällig. Auch seine erklärung von gefest ist 
falsch. Er zieht die form zu einem adj. *geaf, welches er 
weiterhin gl. I, 491 mit gafspr&c etc. zusammenstellt; gif- aber 
hat aus leicht ersichtlichen gründen langes ä, und ahd. gebös 
nugae, das Grein zum Schlüsse auch heranzieht, ist natürlich 
nichts anderes als das bekannte gi-bösi G raff III, 217 (vgl zum 
Uberflus8 die von Grein angezogene stelle in den Ahd. glL II, 
558, 03). Ausserdem passt gefest mit kurzem vocal nicht in 



ZUM A6S. REIMLIED. 349 

den vere, der zum typus B gehört. Es läge am nächsten, 
gefest zu setzen, aber diese form wäre kaum zu erklären. 
Darf man an anglisches gef-fest = ws. gief-fcest 'begabt = 
reich an gaben' denken? Das wort begegnet, freilich in etwas 
anderen sinne, Cräft. 36: tvööbora giedda giffßst. Man könnte 
dann übersetzen 'sondern gesegnet war das jähr, es ertönte die 
saite' u. s. w. Die folgende zeile verstehe ich nicht, denn an 
die erklärung Grein's kann ich nicht glauben. 

V. 30 lautet burgsele bifade, beorht h&fade. Für hlifian 
ist Beitr. X, 502 länge des wurzelvocals nachgewiesen, folglich 
muss hier im reime auch bifade gesetzt werden, zumal auch 
im folgenden nur langsilbige verba stehen. In ags. ist dies 
bifian allerdings nur hier . zu belegen (alle andern stellen in 
der poesie fordern oder gestatten bifian resp. biofiari), es wird 
aber durch ahd. Hba gestützt; vgl. thö uuard thär sdr uuila mihi! 
erdWm Otfr. V, 4, 21. 

V. 31 eilen eacnade. ead beacnade ist von Grein dem sinne 
nach richtig in eilen eacnade, ead rveacnade verbessert worden; 
nur ist rveacnade für woecnade keine mögliche form. Vielmehr 
ist auch hier in anglischer form der reim als ecnade : rvascnade 
herzustellen; e reimt hier auf oe wie oben wir : bisccer 26. 

V. 38. Ueber den reim froetwum : gcettvum 8. Beitr. IX, 235. 

V. 40 foldan ic freobode, folcum ic leobode. So richtig 
Grein im text, dagegen leöbode Germ. X, 425 und gl. II, 173, 
'populis cantavi' Germ. X, 306. Dadurch wird der reim zer- 
stört. Im altsächsischen heisst lithön 'führen': tiuhid up te 
stade, lidid sie (die fische) te lande Hei. 2632, reflexiv that sie 
im thanan ödran uueg erlös farin, lidödin sie te lande Hei. 684, 
und so ist ags. libian, leoöian auch nichts als 'führen', nur 
dass es an unserer stelle intransitiv gebraucht wird: 'dem volke 
war ich fuhrer'. Dazu passen auch die composita Alitiian 
'entführen* und tölibian = mhd. zevüeren: hi past andweorc 
of Addmes \ Uce dleobode ond him listum äteäh \ rib of sidan 
Gen. 176 ff., btö pcet heäfod töhliden, handa töliöode Seelen 
109. Wegen Guthl. 362 f., wo Grein ebenfalls leööian ansetzte, 
vgl. Beitr. X, 517. 

V. 42. Grein's deutung dieses verses ist höchst bedenk- 
lich, denn getonge und gehonge können doch nicht starke nonii- 
native von adjectivis sein, wie er annimmt (ftir getenge und 

Beiträge zur geschieht« der deutschen spräche. XI. 23 



350 SIEVER8 

gehenge), und wie soll man schwache flexion rechtfertigen? 
Auch teala scheint mir weder gl. 1, 408, wo es als gen. pl. von 
Hin. gefasst wird, noch 11,521, wo es zu talu gestellt wird, 
befriedigend erklärt zu sein. 

V. 43 f. sind die reimwörter in der anglischen form hrSh : 
seih : rieh : fleh herzustellen, Beitr. IX, 235. Keine Verbesserung 
des handschriftlichen gemtetS nihtes in fledh 49 b ist Grein's eon- 
jeetur getviiod nihtes infledh, denn einerseits existiert ein gt- 
witoä m. 'die einem bestimmte lebenslage' nicht und lftsst sich 
auch aus dem part-adj. witod nicht so ohne weiteres ableiten, 
andern teils verstösst die änderung gegen die regel, welche 
alliteration des nomens resp. ersten nomens einer halbzeile 
verlangt: eine regel die jedenfalls beim conjeeturieren zu be- 
achten ist, wenn auch hie und da ausnahmen vorkommen, wie 
im Reimlied selbst balawum hSr gehloten 79 mit alliteration 
auf h. Der handschriftliche text kann wol beibehalten wer- 
den, wenn man fledh resp. fleh als 'flucht' fasst: 'der muss 
jetzt nächtlicher weile fliehen, der ehedem am tage in ehren 
stand'. 

Schwierig ist wider v. 45. Ueberliefert sind die reim- 
wörter in der form dyre : feor. In einem anglischen gedieht 
können diese entweder deöre : feöre oder deör : feor gelautet 
haben, aber nicht dQre : före wie Grein schreibt, Beitr. IX, 235. 
Wenn deöp in v. 45 richtig ist, muss das endwort des verses 
zweisilbig sein (typus G); wir kämen also zu dem reime 
deöre : feöre. Dies feöre gleich fpre zu setzen, also dem ags. 
eine dem ahd. alts. ftur entsprechende nebenform feör su- 
zuschreiben, wird schwerlich angehn, da diese form sonst 
nirgends vorkommt, wenigstens aus dem compositum fedrstudu, 
-stubu [destina feursiud 1 ) in den alten glossen am schlösse 
des hymnus Gsedmons im Ely MS., obstipum feorstupu in den 
Cleopatraglossen, Wright-Wülcker I, 280, 10. 461, 3] wol kaum 
entnommen werden kann, da dieses wort Querbalken, Stütz- 
balken' bedeutet. Es bliebe also wol nur feöre als dativ Ten 
feorh übrig. Dies könnte dem dat. breöstvm 46 parallel stehen, 



') Man beachte dasa hier slud noch ohne das u erscheint, welches 
die kurzsilbigen consonantischen feminina sonst nach dem mnster der 
d-stämme angenommen haben, Beitr. IX, 249. 



ZUM AGS. REIMLIED. 3$1 

Dur fragt es sich, ob feöre zu ferh eine correcte anglische form 

ist Nach dem was Zeuner, Die spräche des kent. psalters 

8. 85 f. über die flexion von bweorh und feolan im Ps. bemerkt 

hat, würde man eher fere oder fire zu erwarten haben, vgl 

namentlich den conj. feie zu feolan, aus *felhe, nicht *feolhe.*) 

Andererseits weicht aber der Ps. wider von der gewöhnlichen 

behandlung der gruppen Ih und rh ab, indem brveoru nom. sg. 

f. zu btverh kürze des wurzelvocals trotz dem ausfall des h 

voraussetzt, gegen Beitr. X, 487 ff. Die ganze frage bedarf 

noch einer genaueren Untersuchung. 

V. 48 lauten nach der lesung von Thorpe und Schipper 

mödes gecynde 
jröteö ungrynde jnorn ©fen pynde. 

Für das letzte wort vermutet Grein II, 362 zweifelnd die be- 
deutung 'cisterna, lacus', und demgemäss übersetzt er Germ. 
X, 306 'animi naturam aggreditur fundo carens moeror cister- 
nae instar'. Dagegen ist zu erinnern, dass zwar ein abgelei- 
tetes verbum pyndan existiert, aber kein substantivum pynde, 
soviel bekannt ist, sondern nur pund (= neuengl. pound) in 
ags. pundfald pferch {of bam putte on hacan pundfald, of hacan 
pundfalde ob eft on bcet eferfearn in einer Urkunde des königs 
Eadgar vom jähre 961 bei Kemble, Cod. dipl. VI, 41) und 
pundbreche LL. Henr. 1, 40 (weiteres s. bei Skeat, Et Dict. 
unter pound* und pinfold). Wie pund eine 'ein Schliessung' 
überhaupt bedeutet, so heisst auch pyndan allgemein ( ein- 
schliessen' und dadurch 'zurückdrängen', so in der einzigen 
stelle wo das wort in der poesie begegnet: pcet is Euan scyld 
eal forpynded, wcergbu äworpen Crist 97 f. Speciell aber be- 
deutet es ( eindämmen', l aufstauen', wie sich in den folgenden 
stellen der Cura pastoralis zeigt: bcet ungeornfldle mbd ond 
bcet löslopene hyngreb, forböbm hie ndkfre ne beöb gereorde mid 
gddum tveorcum, ne hie nellab hii gehceftan ond gepyndan hiora 
mbd, swylce mon deöpne pool gewerige, ac he lobt his mbd 
töflowan on bcet ofdele giimeliiste etc. 283, 11 ff., und ac bcet 
mennisce mbd hcefb rvcetres bedtv. Beet wceler, bonne hit bib 
gepynd, hit miclab ond uppab ond fundab rvib bees be hit ebr 
from com, bonne hit flörvan ne möt bider hit rvolde. Ac gif siö 



l ) Vgl. auch den acc. suire ans *snearhc Wyrde 82. 

23* 



352 SIEVERS 

pynding wierb onpennad obbe siö wering wirb töbrocen, banne 
töflewb hit eail 211, 5 ff. Demnach galt pvnd ohne zweifei auch 
einmal in dem sinne von 'dämm, wehr' oder 'schleuse', und 
hieran bei unserer stelle anzuknüpfen, liegt, meine ich, ziemlich 
nahe. Ein adj. efenpynde gibt zwar auch noch keinen rechten 
sinn, wol aber dürfte ein mit geringer änderung daraus herzu- 
stellendes oferpynde 1 ) billigen ansprüchen genügen. Der schmerz, 
grorn, wird dem aufgestauten gewässer verglichen, das den 
dämm übersteigt oder bricht, und wie es weiter in v. 50 b heisst 
(nachdem in 50» ein neues bild eingeschoben ist, bealoßs brm- 
neb), bittre törinneb, d. h. gewaltsam und vernichtend sich nach 
allen seiten ergiesst 2 ) 

Für v. 50 ist eben nur anzumerken, dass statt des über- 
lieferten byrneb : töyrneb des vierfachen reimes wegen brinneö 
: torinneb herzustellen ist, oder vielleicht genauer gleich brinnttS 
: törinnib, denn die folgenden sinnip, cinnib, blirmib können 
doch wol nur Überbleibsel der ursprünglich durch das ganze 
gedieht sich erstreckenden altertümlichen Orthographie sein. 

Damit ist zugleich schon angedeutet, dass ich Grein's anf- 
fassung von shmip 52 als sin-niti nicht billigen kann. Ein 
reim wie sin-niö : cinnib wäre für unser gedieht ganz unerhört, 
Sinnib muss eine verbalform sein, wie die übrigen reimwörter, 
und darauf weist auch die Überlieferung hin, welche nicht 
särne, sondern sär ne hat. Freilich, wenn man mit Grein 
II, 453 für sinnan die bedeutung 'reputare, curare, rationem 
habere alieuius' annimmt, bleibt die stelle dunkel. Aber jene 
bedeutung ist durchaus unursprünglich. Sinnan bedeutet ah<L, 
wie man bei Graff VI, 227 ff. ersehen kann, zunächst * gehen', 
dann 'streben'. Die letztere bedeutung haben wir ags. im 
Guthlac: ne ic me eorbwelan örviht sinne ne me mid tnode mietet 
gyrne 290 f. Mit der grundbedeutung ' einhergehen ' kommt man 
Gen. 1851 ff. aus, wenn man nur 1852 poet für ond setzt: 
Abraham ist mit Sarah nach Egypten gekommen, und alle 
preisen Sarahs Schönheit: 

*) Conybeare gibt als lesung der hs. ofen pynde. Aber da Thorpe 
und Schipper in der lesung efen übereinstimmen, kann ich danwf 
kein gewicht legen. 

■) Grein's erklärung von tö-yrneti als 'aecurrit' ist natürlich an 
werfen. Auch das metrum spricht dagegen. 



ZUM AGS. REIMLIED. 353 

htä t>öet cüÖ dydon 
heora folcfrö^an, J>»t ffcjerro l^t 
for aeöelin^e idese sunnon, 
ac hi6 Sarräan awiöor micle 
wynsumne wlite wordum Ueredon 

'und sie verkündeten ihrem herrn, dass wenige der frauen, die 
vor dem edeling wandelten, an Schönheit sie überträfen ' u. s. w. 
Dann bleibt noch eine stelle im Andreas übrig, v. 1279. 
Andreas wird den ganzen tag lang gepeinigt, und 

hra weorces ne sann, 
wund um wörig. }?ä com wöpes hrinj 
Jnirh )>&& beornes breöst blat üt faran 

u. s. w. 'Streben' passt hier gar nicht Im glossar versieht 
Grein die stelle einfach mit einem fragezeichen, in den Dich- 
tungen II, 35 übersetzt er 'die leiden fühlte kaum noch der 
wundenmatte leib'. Dagegen ist einzuwenden, dass 'fühlen ' 
aus dem grundbegriff von sinnan nicht abzuleiten ist, und dass 
der folgende klagruf schlecht sich anschliesst, wenn Andreas 
schon bis zur bewusstlosigkeit gepeinigt worden ist. Auch 
scheint mir der ganze gedanke etwas allzu modern. Ich nehme 
vielmehr an, dass das ursprüngliche sinnan 'gehen' sich in die 
beiden bedeutungen 'hingehen, streben' und 'fortgehen, ver- 
gehen, aufhören' gespalten hat, wie etwa mhd. sich bewegen, 
übersetze also etwa dem sinne nach 'kein aufhören, keine 
Unterbrechung des leids kam dem wundenmüden leibe.' Im 
Reimlied bedeutet dann sär ne sinnib einfach 'sein schmerz 
hört nicht auf. 

Unklar bleibt auch dann noch die zweite vershälfte, sor- 
gum ci?miü. Im Sal. 107 begegnet ein auch noch unerklärtes 
forcinnati etwa in dem sinne von 'überwältigen, ergreifen'. 
Läge dasselbe verbum hier vor, so müsste sär noch subjeet 
sein, was mir sehr bedenklich vorkommt. Bis eine bessere 
lösung gefunden wird, möchte ich fragen, ob man nicht cinnan 
als (neugebildetes?) intransitivum zu cennan 'zeugen, gebären' 
fassen darf, mit der bedeutung etwa von 'wachsen'. Also 'er 
nimmt zu an sorgen'? 

Aus den folgenden Zeilen, die ich zum teil auch nicht ver- 
stehe, hebe ich nur noch hervor die verse 70 ff. Dieselben 
lauten bei Grein: 



354 8IEVERS 

mö ]net wyrd jewsef and jewyrht forgeaf 
]>sdt ic jröfe grsßf and J>»t grimme gerof 
fleön fl&sce ne mtoj. 

Dass in dem ersten verse forgcef zu lesen ist, habe ich Beitr. 
IX, 235 bemerkt. Ausserdem nehme ich anstoss an Grein's 
conjectur gercef für handschriftliches grref. Das wort ist un- 
erklärt, Grein selbst kann nur zweifelnd als bedeutung des- 
selben 'constitutum, destinatum' vermuten. Ohne zweifei ist 
grcef in 71 b nur widerholung des greef von 71% man braucht 
sich also nicht zu ängstlich an seine buchstaben zu halten. 
Mit scrcef wird dem verse wie dem sinne vollkommen genügt 

TÜBINGEN, 18. august 1885. 



DIE HEIMAT DES BEOWULFDICHTERS. 

In diesen Beiträgen XI, 1 73 ff. sucht G. Sarrazin seine an- 
nähme eines nordischen ur-Beowulf in liedform unter anderem 
auch durch eine reihe von sprachlichen argumenten zu stützen. 
Ich möchte diesen versuch nicht ohne einspräche hingehen 
lassen; es könnte sonst doch am ende jemand auf den wahn 
verfallen, als verhielte es sich mit den besprochenen dingen 
wirklich so wie der Verfasser jenes aufsatzes seine leser glau- 
ben machen will. Dabei lehne ich es ausdrücklich ab, auf 
discutable punkte einzugehen, d. h. auf dinge, wo meinnng 
gegen meinung stehen kann. Meine kritik soll sich bloss auf 
dinge erstrecken, welche Sarrazin als angeblich factische grund- 
lagen seiner auffassungen benutzt. Vollständigkeit in der Wider- 
legung des widerlegbaren habe ich dabei nicht im äuge. 

Seine beweisfbhrung hebt Sarrazin s. 173 mit der be- 
hauptung an, der Beowulf wie die übrige ags. dichtnng zeige 
altnordischen einfluss im Wortschatz und in der phraseologie. 
Diese behauptung wird dann weiter gestützt auf eine liste von 
36 Wörtern, die dem Beowulf entnommen sind, aber auch sonst 
in der ags. poesie begegnen, dagegen der ags. prosa fehlen. 
Diese 36 poetischen Wörter werden danach für scajidinavische 
fremdwörter erklärt. Sehen wir uns dieselben also etwas 
näher an! 



HEIMAT DES BEOWULFDICHTERS. 355 

Ags. brego, breogo soll aus ahn. bragr entlehnt sein. Ich 
wäre begierig zu wissen, wie die Angelsachsen aus der form 
bragr oder meinetwegen urnordisch *brägiR oder *bragiz die 
form bregu gemacht haben sollen. Ausserdem passt die be- 
deutung nicht, denn ags. bregu bedeutet schlechthin 'herscher, 
beh er scher', altn. bragr aber den 'besten, trefflichsten'. Alte 
wurzelverwantschaft der beiden Wörter wird damit nicht ge- 
leugnet (Grimm, Myth. 4 194 f.; beachte auch Bregowine npr. Chr. 
a. 759). 

freca = altn. freki. Die identität beider Wörter ist un- 
zweifelhaft, denn beide sind schwache substantiva zu dem 
gemeingerm. adj. got. -frilcs, altn. frekr, ags. free, ahd. freh. 
Aber altn. freki bedeutet 'wolf; dass das ags. freca, welches 
zur bezeichnung von helden dient, jemals auch diesen sinn ge- 
habt und nicht direkt 'der kühne, kampfgierige 1 bedeutet habe, 
wird zwar z. b. von Grein 1, 338 angenommen, ist aber absolut 
unerweislich. Auch mhd. heisst vrech noch sehr gewöhnlich 
'kühn', s. z. b. Mhd. wb. 111, 396. 

beorn = altn. bjgrn. Ich vermute, dass Sarrazin nicht 
daran gedacht hat, dass ags. beorn 'beld, mann, mensch', aber 
altn. bjorti 'bär' heisst. Die zahlreichen auch deutschen eigen- 
namen, die mit bern gebildet sind, wird ja auch wol Sarrazin 
nicht aus dem norden stammen lassen. 

secg = altn. seggr. Eine unzweifelhaft richtige gleichung. 
Aber auch im Heliand steht das wort fünfmal. Ist denn auch 
der Heliand aus dem nordischen übersetzt? 

byre = altn. burr; das wort ist auch gotisch, baür ysvvrj- 
rog, frumabaür jegeororoxog, ainabaür der eingeborene. Man 
sieht also nicht, weshalb das wort aus dem nord. entlehnt sein 
muss. Das gleiche gilt von 

mago = altn. mogr. Hier haben wir nicht nur got. magus, 
sondern auch alts. magu nebst dem compositum magujung, und 
ahd. magazogo, magazoha. 

byrle = altn. byrlari, byrli Die flexion stimmt nicht. 
Ausserdem fehlt das wort keineswegs der ags. prosa. Bereits 
Grein 1, 152 gibt glossenbelege dafür; weiteres 8. bei Bosworth- 
Toller 8. v. byrle. 

serce = altn. serkr, ersteres swf., letzteres stm.! Auch ist 
ist ags. serce der prosa keineswegs fremd: serce armilausia 



356 SIEVERS 

Wright-Wtilcker 7,5. 349,35, vgl. serc colobium Hpt gl. 493 b 
(letzteres bei Leo citiert), syrc colobium Wright-Wttlcker 125, 1, 
suppar, interula ib. 187, 17. 

heoru = altn. hjorr. Dabei ist sowol das got. hairus wie 
alts. heru- in den compositis heru-bendi, -drörig, -grim, s£l, 
-thrum ausser acht gelassen. Von diesen compositis begegnen 
sich einige geradezu mit angelsächsischen, vgl. heorudredrig, 
heorugrim. 

darob = altn. darrabr. Dann ist wol auch ahd. tart 
laucea, sagitta (Graff V, 457 = Ahd. gl. II, 463, 52. 546, 60) 
aus dem nordischen entlehnt, auch franz. dard, ital. span. 
dardo'i 

rces = altn. ras. Die prosabelege gibt schon Lye. Dazu 
kommt das verbum rcbsan mit seinen compositis, wie ber&san, 
onr&san, ebenfalls in prosa nicht selten; vgl. z. b. schon rcbsde 
inruit in den Corpusglossen. Wright-Wülcker 28,1, onrcbsati 
Vesp. PS. 61,4, onrcksdun ib. 58,4, bercksti tJura past 143,6, 
ber&saft ib. 295, 20 etc. etc. 

orlege = altn. erlog. Das erstere wort ist durch alts. ur- 
lagi, orlag, ahd. urlag vor jedem verdacht einer entlehnung 
geschützt. Es ist gewiss ein alter os-es-st&mm. 

wieg — altn. viggr (!) oder vielmehr vigg, da das wort 
auch im nordischen neutrum ist. Das wort begegnet auch im 
Ueliand 389. 

blanca = altn. blakkr 'ross'. Dass man auch ausserhalb 
des nordens einen Schimmel als 'blankes' pferd bezeichnete, 
lehrt ein blick auf Graff 111, 254, welche stelle bereits von 
Grein s. v. blanca angezogen ist. 

ben = altn. ben\ übersehen ist das alts. ben(i)wunda. 

heef = altn. haf, allen nördlichen seevölkern gemeinsam, 
wie ein blick auf Schade 2 372 lehren kann. Namentlich frie- 
sisch ist hef ganz geläufig, Richthofen 803. 

sund = altn. sund ist auch prosaisch: mid sunde pd cd 
of'erfaran Oros. 72,29 Sweet ist schon bei Lye zu finden, des- 
gleichen gibt Lye belege für die composita sundgier d, -One, 
-mere. Weiteres dazu s. bei Wright-Wülcker II, 377. Md. sunt 
m. (gegen aitn.) s. bei Lexer III, 1319. 

bearu = altn. borr ist in ags. prosa ganz gewöhnlich« 
Ausser den belegen bei Boswortb-Toller 73, Wright-Wülcker 



HEIMAT DES BEOWULFDICHTERS. 357 

11,253 vgl. z. b. noch Cura past. 355,5. Ep. Alex. 515. 619. 
632. 641. 672 Baskerv. Leechd. 1, 106. Auch in Ortsnamen be- 
gegnet das wort, vgl. z. b. sübbeara C. D. 6, 181. 182, ciddesbeara 
C. D. 6, 182 etc. 

leomu 'äste' = altn. limar. Wie erklärt Sarrazin bei seiner 
annähme einer entlehnung die Verschiedenheit des geschlechts? 
Im ags. scheint leomu 'äste' doch nur als plurale tantum vor- 
zukommen, also kann der nordische neutrale sing, lim nicht 
wol herangezogen werden. 

ful 'becher' = altn. füll Alts. /W steht im Heliand. 

mene = altn. men; aber auch alts. halsmeni im Heliand, 
ahd. menni, Graff II, 798. Ausserdem ist das wort in ags. prosa 
ganz gewöhnlich. Glossenbelege 8. z. b. bei Wnght-Wülcker 
II, 342 8. v. mene, menas und II, 346 8. v. myne (zum teil). 

ddgor = altn. dcegr. Das wort kann des fehlenden Um- 
lauts wegen nicht entlehnt sein; es ist alter oi-e^-stamm. 

gealdor = altn. galdr ist auch in prosa gebräuchlich, vgl 
z. b. die belege bei Bosworth-Toller und bei Wright-Wttlcker 
H, 294. 

snotor = altn. snotr\ vgl. aber auch got snutrs, snutrei, 
ahd. snottar Graff VI, 845. Reichliche ags. prosabelege s. 
bei Lye. 

fr od = altn. fröbr ! Bekanntlich ein gemeingermanisches 
wort, got. fröps, alts. altfries. fr öd, ahd. fruotl 

gamol = altn. g amall. Uebersehen ist alts. gigamalöd. 

pmfcest = altn. gimfastr. Das sieht auf den ersten blick 
sehr bestechend aus. Aber erstens ist das einmalige gimfcest 
im Beowulf nur fehler oder nebenform für ginfcest, zweitens 
beruht die ansetzung eines altn. gimfastr adj. auf der einzigen 
höchst zweifelhaften stelle vib gimfastan Völundarkv. 5, 4 
(Bugge), wo man jetzt mit Bugge wol allgemein viti gim 
fastan liest. 

hringan = altn. hringja, begegnet auch in ags. prosa, wenn 
auch verhältnismässig spät, s. Bosworth-Toller. 

eorclanstän = altn. jarknasteinn. Einen ags. prosabeleg 
verzeichnet Bosworth-Toller s. 253. Wenn das wort der einen 
spräche ursprünglich fremd ist, und das ist ja nach der läge 
der dinge sehr wahrscheinlich, so liegt die entlehnung sicher 
auf seite des nordischen, wo das wort ganz isoliert steht, 



358 SIEVERS 

während wir auf westgerm. boden sowol das selbständige b4j. 
erkan als zahlreiche namen finden die mit diesem adjectiv ge- 
bildet sind. 

feorhlege (lies -legu?) = altn. fjorlag kann aus formalen 
gründen ebensowenig entlehnt sein als orlege aus altn. erlog. 
Man müsste durchaus *feorhlceg erwarten. 

Von den 36 angeblichen fremdwörtern sind also sicher 
einmal 30 zu streichen, weil sie sich entweder als bestandteile 
auch des prosawortschatzes der Angelsachsen oder als gemein- 
germanisches eigentum erwiesen haben. Es bleiben dann noch 
folgende reste: 

eodor = altn. jattorr in der bedeutung 'Schützer, fürst'; 
nur die gemeinschaft der übertragenen bedeutung kann Ober- 
haupt angezogen werden. Sonst ist das wort ja bekanntlieh 
gemeingermanisch. 

missere = altn. misserL Warum ein wort, das sich auf 
die altgermanische halbjahrrechnung bezieht, die bei den süd- 
lichen Völkern früher durch das christliche jähr abgelöst wor- 
den, notwendig aus dem nordischen entlehnt sein muss, sieht 
man nicht. 

fäcenstafas = altn. feiknstafir. Die bildung von abstractis 
auf -stafas pl. tank ist im ags. durchaus gewöhnlich, s. Grein 
II, 477. Das nord. wort bezeichnet an einer stelle geradezu 
noch 'verderbliche rnnen', möglicherweise auch noch an den 
beiden andern stellen wo es erscheint (s. Egilsson s. v.). Das 
zusammentreffen beider Wörter kann also rein zufällig sein. 
Dasselbe gilt auch von dem compositum feorhseöc — altn. 
fjorsjukr. 

Als einzige stützen bleiben hiernach für Sarrazin übrig 
die beiden adjectiva atol und bront = altn. atall und brattr, 
und die wird man denn getrost auch für urgermanisch halten 
dürfen. 

Nicht minder unglücklich ist Sarrazin in seiner weiteren 
argumentation. Da soll z. b. pyle s. 174 zu den 'altnordischen* 
Wörtern gehören, welche der Beowulf vor der übrigen ags. 
poesie und der prosa voraus hat. Es hat ihm also beliebt die 
ausführungen Müllenhoff's über den ags. pyle (Altertumskunde 
V 7 1,288 f.) und die dort gegebenen prosanachweise zu igno- 
rieren. Auch pyrs soll aus altn. purs entlehnt sein. Wttaste 



HEIMAT DES BEOWÜLFDICHTEBS. 359 

man ftur, wie dann der umlaut sich erklärt! Auch ahd. durs 
GraffV, 228, existiert nicht für Sarrazin, um von den eigen- 
namen abermals zu schweigen. 

Ein weiteres beispiel nordischen einflusses im Beowulf 
findet Sarrazin in der bedeutung der praeposition ymbe Beow. 
508. 569. Es soll nämlich hier ymbe in der sonst ungewöhnlichen 
bedeutung 'über — hin, in, auf dem altn. um entstammen. Der 
erste beleg, Beow. 507 f. ist natürlich zu streichen, denn ymb 
sund flite heisst doch nur 'um die schwimmkunst wetteifertest'. 
Richtig ist das zweite beispiel ymb brontne fard 'auf dem 
meere'. Hätte aber Sarrazin auch nur z. b. Heyne's glossar 
zum Heliand nachgeschlagen, so würde er dort beispiele wie 
umbi Galileoland 2665, umbi Sodomoland 4370 'über Galilaea, das 
Sodomiterland hin — in Galilaea etc.' gefunden haben. Was 
dann die heranziehung Ton Wendungen wie altn. fara um ey, 
fara um sundit anlangt, so will ich der kürze halber an- 
nehmen, dass Sarrazin hinlängliche gründe hat, um diese um 
so ohne weiteres mit Sicherheit auf die praeposition tumjbi zu- 
rückzuführen. 

Auch die bemerkung über furtum Beow. 1707 = altn. 
forftum ist ungenau. An der citierten stelle des Beowulf heisst 
furtum nur * neulich, jüngst': HroÖgar bezieht sich auf die rede, 
die er nach der tötung Grendels an Beowulf gerichtet hatte, 
vgl. v. 946 ff.; altn. forüum aber heisst 'vor alters'. Wo bleibt 
da die entlehn ung? 

Aus der s. 174 noch weiter folgenden langen liste von 
vergleichungen, die sich meist von selbst richten, hebe ich 
beispielsweise hervor die bemerkung s. 175, dass zu beachten 
sei, dass im altn. tdr nicht bloss lacrima, sondern auch gutta 
heisst. Damit ist gesagt, dass teär im ags. nicht als 'tropfe' 
vorkomme. Natürlich gilt auch hier wider das genaue gegen- 
teil von dem was Sarrazin behauptet. Grein II, 526 belegt aus 
der prosa baisames teär, aus der poesie huniges tedr und blo- 
digum teärum von 'blutstropfen'; andere stellen sind z. b. bei 
Bosw.-Toller s. v. hunig, hunigtedr(lic) zusammengetragen. 

S. 176 wird behauptet, die asynthetischen Verbindungen 
wie uncer Grendles kämen in der ags. prosa nicht vor. Beitr. 
IX, 271 habe ich die prosabeispiele uncer Wulfrices und uncer 
Brentinges aus Urkunden nachgewiesen. 



360 SIEVERS 

S. 177 wird vermutet, der gen. part. in der Verbindung 
hwcel searohcebbendra Beow. 237 sei 'wol' nur in der poesie 
üblich. Wie drückte man denn in der ags. prosa den begriff 
'was für einer' aus? Prosabeispiele s. bei Bosworth-Toller 
s. 569 f. Und vielleicht überzeugt sich Sarrazin durch einen 
blick auf Grimm's gr. IV, 451 f. dass diese construcüon auch 
altsächsisch und althochdeutsch ist. 

Als * seltsam und mehr altnord. als altenglischer syntai 
entsprechend' wird ferner ebenda die construction transitiver 
verba mit dem dativ bezeichnet Voran stehen belege für 
onfön c. dat. mit dem zusatz 'in poesie auch sonst', d. h. also 
wider 'nicht in prosa'. Nun ist es zwar richtig, dass die ältere 
Übersetzungsprosa sehr häufig onfön mit dem acc. construiert, 
aber keineswegs ausschliesslich. Die belege für onßn c dat 
sind so häufig, dass ich leider nicht besonders dafür gesammelt 
habe. Doch habe ich zufallig aus Aelfred's Cura past an- 
gemerkt hie onfooÜ bcbre läre 293,25, aus dem Beda onfeng 
he bonan mfe 2,9 p. 131 Wheloe, bäm gerfjnum onßn 2,9 
p. 132, päm geleäfan onfön 2, 13 p. 141. Der index iu den 
Bückling Homilies ergibt folgende sichere 1 ) belege für den 
dativ : onfenge hS heora hirve 29, 5, ürum hirve onßn 29, 6, on- 
fehb eailum päm gödum 37,25, pcbre mede ne ne onß 41,14, 
ge onßn to lytlum leänum 41,21, mannum onß 49,5, onfeng 
scinendum rvuldorhelme 49, 11, onfehtf medmycclam feö 61,30, 
onß pctre Scan genyperunga 61, 32, heofonficre mide onßn 
63, 15, gi onßö päm mcegne 119, 11, onfengon päm hdlgan gaste 
133,19, onfengon pcbre mcbstan strenge 135,34, onßh pisstm 
palmtwige 137,24. 153,14, onßh pä minre säwle 139, 14, onfen- 
gon pivre eädigan Mariati 145, 30, onßn rihtre ondetnesse 155, 1, 
onßb minre meder 157,32, onfehü eailum his cnihtum 159,20, 
he . . . pcbre . . . gegaderunge onfenge 165, 36, pckre . . . wdktan 
hie onfengon 209,8, him onfengon pä nicras 211,5, w&pmm 
onßn 213,2. 

Sehr schön ist dann wider s. 182 die Zusammenstellung 
von ags. gerAcan 'erreichen' mit altn. rcekja 'curare, expellere, 



') Als sicher habe ich dabei die beispiele für dat. sg. f. mit ein- 
gerechnet, weil für Blickl. die spätws. sehr geläufige construction von 
onfön mit dem gen. noch durch kein sicheres beispiel zu belegen ist 



HEIMAT DES BEO WULFDICHTERS. 361 

aversari*. Diese definitionen sind aus Egilsson abgeschrieben, 
der natürlich von einander trennt 1. rcekja = rcekja = ags. 
recan, ahd. ruochen, und 2. rcekja für *vreekja = gera rcekan 
'vertreiben'. Nun möchte man wirklich wissen, wie 'erreichen* 
pait diesen beiden scandinavischen Wörtern zusammenkommt! 

Ein deutlicher scandinavicismus ist für Sarrazin die Wen- 
dung tö bonan weortfan = altn. at bana verba s. 182; dieselbe 
wendung ist aus dem Hildebrandslied und dem Heliand be- 
kannt, vgl. meine citate, Heliand s. 453. Dass das objekt in 
den beiden von S. hauptsächlich verglichenen Sätzen kein per- 
sönliches ist, macht keinen erhebliehen unterschied. 

Ebenso wenig sind die s. 182 aufgeführten constructionen 
von standet scandinavisch; ich verweise wegen einer Heliand- 
parallele abermals auf meine nachweise im formelverzeichnis 
s. 432 unter 'leuchten*. 

Den beschlusB möge noch eine syntaktische blute machen. 
S. 181 scheint die stelle 

j?aßt fram häm jefraejn Higeläces )?ejn 

Bcow. 194 für Sarrazin besonders beweisend. Fram häm kann 
ihm nichts anderes bedeuten als 'aus Seeland', und es ist 
nach ihm nur zu verstehen, 'wenn man es vom Standpunkt 
des dichters, sängers und seiner zuhörer auffasst*. Der englische 
bearbeiter behielt 'begreiflicher weise* (!) die wendung bei. 
Besonders beweisend ist die stelle nur dafür, dass eine wichtige 
syntaktische regel des ags. Sarrazin unbekannt geblieben ist. 
Wir heutzutage 'betrachten* uns zwar z. b. ein ding -' in der 
nähe', aber das ist unanschaulich und unlogisch. In alten 
zeiten 'sah* man es noch 'aus der nähe oder ferne*, von einem 
nahen oder fernen Standpunkt aus. So lesen wir z. b. im 
Beowulf richtig neun in der stelle peet ge genöge nedn sceäwiaö 
beägas ond brad gold 3105 f. Ebenso 'erwartet* man jemand 
'aus der nähe*: gif pü Grendles dearst nihtlongne fyrst nedn 
btdan Bcow. 527 f. Man hört zwar einen lärm 'weithin', aber 
der in der ferne befindliche hörer hört ihn doch 'aus der ferne*: 
hlöh ond hlydde, hlynede ond dynede, peet mihlen fira bearn 
feorran gehyran, hü se stiömöda styrmde ond gylede Judith 23 ff. 
Mau erinnert sich eines jüngstvergangnen ereignisses wider 
'aus der nähe': tvi pees heretveorces , hl&fdige rmn, fior n$d- 



362 SIEVEBS, HEIMAT DES BEOWULFDICBTEB& 

pearfe nein myndgiaö Elene 656 f. Auch die Sterne die dem 
Dordpol nahe stehen drehen sich 'aus der nähe' um die axe: 
ötiru tungl . . . forp&m hl pckre eaxe ütan ymbhrverfab, pone 
normende nedn ymbcerrati Metra 28, 13 f. Ebenso werden aber 
auch endlich die verba des Verfahrens, hörens' oonstruiert 
Zeugnis ist dafür wider der Beowulf : syföan cebelingas feorran 
gefricgean fleäm eöwerne 2889 f. 'wenn fern wohnende helden 
von eurer flucht hören'. So ist denn auch jenes fram kSm 
gefrcegn für unsere anschauung nichts anderes als 'es hörte in 
seiner heimat'. 

TÜBINGEN, 22. sept. 1885. E. SIEVERS. 



AGS. GENESIS 431. 

In der anrede, in welcher Satan seine anhänger auf- 
rdert, den menschen zum ungehorsam gegen gott zu ver- 
bren, sagt Satan: 

l'iiniic li@ bim äbolgen wuröeö; 
•ifiöan biö him ae wela onwcnded and wyrö him wile gegearwod, 
siiiu beard bearraBce»ro. 

•ein gibt in seinem glossar für onwendan an: Wertere, con- 
rtere, avertere, pervertere, mutare', und übersetzt die stelle: 
eweudet ist ihr wol alsdann, und ihnen wird weh be- 
itet'. Sweet, Ags. Reader, erklärt omv. hier als 'change to 
s worse'. 1 ) Diese bedeutungen passen aber an dieser stelle 
ch kaum, man würde erwarten: 'dann (wenn sie gottes 
bot Übertreten) wird ihnen der schätz, die glitckseligkeit 
tnommen, entwendet'. In diesem sinne scheint nun aber 
w. im ags. nicht belegt zu sein; zwar Übersetzt Sweet es 
lige zeilen früher (Gen. 401) omeendan him pär willan sines) 
t 'deprive', allein wenn schon dies, und nicht 'abhalten', 
sr das richtige wäre, dann würde die construetion c. dat. 
rs. gen. rei doch noch immer abweichen und dürfte eine 
MitiiicieriiDg nicht unbedenklich sein. 

Jedenfalls scheint onwendan in dieser bedeutung und con- 
uctimi nicht gemcinaugelsäebsisch. Es liegt bei der von 
iveis erwiesenen ursprünglich altsächsischen abfaseung der 
ha, B nahe, auch hier an einen 'altsaxonisnius' zu denken. 3 ) 

') Auch Ettm., Bobw. und Leo geben nur solche bedeutungen an, 
d wenn Heyne, GIobs. Beow. oute, erklärt als: '(entwenden), beseitigen, 
wenden' iat dies wol eben nur mit rüekeicbt auf bb. anuuendean (b. u.) 
Bchehen: an den BenwullHtellen heisat onw. nur 'avertere, converti". 

! ) Zuerst wollte ieh statt onw. einfach lesen: äSwmdan, mich dabei 
uplsüchlich stutzend auf eine aebline parallele! eile, ebenfaila in Gen. 
(4M): 



364 MULLER, AGS. GENESIS 43t. 

Da weder Sievers in seiner betreffenden schritt: Der Heliand 

und die ags. Genesis (oder in der einl. zur Heliandauegabe 

XXXII anm.), noch Hönncher, Zur interpol. der ags. Genesis 

(Anglia VII, 469) diese stelle bespricht, möchte ich auf eine 

parallelstelle im Heliand hinweisen, wo gleichfalls von einem 

welo (nl. vom himmlischen schätz) die rede ist, v. 1649 (Sievers): 

that (sc. hord) ni mag in eoig fiund beniman, 

De uuiht anuuendean, huuand the uuelo standid 

gani iu tegegnes. 

Die bedeutung i entwenden' des as. anuuendean, welche hier, wie 
aus dem parallelen beniman hervorgeht, die einzig richtige ißt, 
scheint mir also an der stelle in Gen. B auf das ags. onwendan 
welches sonst jene bedeutung nicht kennt, übertragen zu sein; 
ein verfahren, wovon Sievers in seinen anmerkungen sehr viele 
beispiele gibt; als nachtrag dazu möchte diese stelle ein wei- 
teres beispiel davon liefern 1 .) 



uton ÖÖwendan hit nü monna bearnum 
j?aet heofonrice, du we hit habban oe möton. 
(s. these III hinter meiner dissertation : De oude en de jongere bewerking 
van den Reinaert. Amst. 1884), bis prof. Cosijn mich freundlichst auf 
diesen näherliegenden ausweg aufmerksam machte. 

*) Zu vorstehendem schreibt mir £. Sievers, indem er die be- 
obachtung des herrn verfassen als treffend anerkennt: 'Im Heliand steht 
an-wendean natürlich für and-wendian , und da im ags. das deutlich als 
4 ent-' empfundene alts. and- durch oft- ausgedrückt wird, so hat dir 
Übersetzer das einemal (v. 403) ganz richtig otüwendan gesetzt (das i» 
der poesie auch ein an. Xsy. ist), das andere mal (v. 431) hat er bkNW 
mechanisch an- in on- übertragen und dadurch lautliche gleichheit mit 
onrveitdan = invertere geschaffen'. W. B. 

HAAKLEM, juli 1885. J. W. MULLER. 



DIE OSWALDLEGENDE IN DER DEUTSCHEN 

LITERATUR, 
IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE VERBREITUNG. 

Die deutschen Spielmannsdichtungen von St. Oswald sind 
bereits zu verschiedenen malen gegenständ eingehenderer Unter- 
suchungen gewesen. Der erste, der das Verhältnis der ver- 
schiedenen redaktionen festzustellen suchte, war Bartsch (Germ. 
V, 129 — 174); doch kannte er von dem längeren gedichte nur 
die von Ettmüller herausgegebene Schaffhausener und die 
Münchner band schritt, von dem kürzeren nur die von Pfeiffer 
veröffentlichte Wiener handschrift, zur vergleichung zog er die 
prosa im sommerteil des lebens der heiligen herbei. Was 
Bartsch mit diesem material an resultaten gewonnen hat, 
wird im allgemeinen bestehen bleiben müssen, wenn auch seine 
beweisführung sich als unvollständig und in manchen punkten 
anfechtbar ergeben wird. In betreff des gedichtes der Wiener 
hdschr. scheint er indes selbst keine bestimmte ansieht gefasst 
zu haben, da er die demselben zu gründe liegende redaktion 
auf s. 155 in das 13. Jahrhundert verlegt, wenige Seiten später 
aber ins 12. Strobl fasste in seiner schrift 'Ueber das spiel- 
mannsgedicht von St Oswald* (Wien 1870) nur das von Ett- 
müller herausgegebne gedieht und dies allein nach der metri- 
schen seite ins äuge; er erklärte die Morolfstrophe für die ur- 
sprüngliche form desselben; dem Überarbeiter sei aber ein 
andres, im Hildebrandston verfasstes gedieht von Oswald be- 
kannt gewesen, das er mit jenem verschmolzen habe. Diese 
Untersuchungen, jedoch mit Zugrundelegung des gesammten 
materials, setzte Edzardi fort in seinen * Untersuchungen über 
das gedieht von St. Oswald* (Hannover 1876). Er versuchte, 
sämmtlichc fassungen auf ein dem ende des 12. Jahrhunderts 

Heiträge zur gcHchichtc «1er deutlichen 8j>rache. XI. 24 



366 . BERGER 

angehöriges gedieht zurückzuführen, das die form der Morolf- 
strophe gehabt habe. Er ging dabei von der Wahrnehmung 
aus, dass in dem von Ettmüller publicierten gedichte ein vier- 
zeiliges gesätz meist mit einem gedankenabschnitt schloss, und 
dass in der reget am schluss eines solchen gesätzes ein lang- 
vers sich geradezu vorfand oder doch mit hilfe der andern 
Überlieferungen leicht herstellen liess. Ersteres kann in an- 
betracht des parataktischen Satzgefüges wenig beweisen (Schade 
nahm bekanntlich eine sechszeilige, Simrock eine zweizeilige 
Strophe an), und letzteres ist allerdings zuzugeben, doch sind 
Edzardis hierauf gebaute Schlüsse und seine herstellungen von 
langzeilen zu gewagt Wenn man bedenkt, dass von unsern 
Überlieferungen keine über das 15. Jahrhundert zurückgeht, so 
dass man also schwerlich entscheiden kann, welche langverse 
wirklich alte langverse und welche der verderbten Überlieferung 
zuzuschreiben sind, — wenn man ferner erwägt, dass in der 
Morolfst: ophe sich schon früh die neigung entwickelte, die 
zweite zeile der vierten anzugleichen, ja dass sich auch lang- 
verse in der ersten und dritten zeile nicht selten finden, so 
wird sich eine auch nur annähernd wahrscheinliche herstellung 
von ganzen Strophen als unmöglich ergeben. Dass die stro- 
phische form die ursprüngliche war, ist auch mir unzweifel- 
haft; ich werde diese frage an einer andern stelle im zu- 
sammenhange mit den übrigen spielmannsgedichten zu be- 
bandeln haben. Wenn aber Edzardi als prineip für die con- 
struetion des textes aufstellt, dass stets die Überlieferung den 
Vorzug verdiene, welche sich der von ihm hergestellten Strophen- 
form am treuesten anschliesse (s. 87), so vermag ich ihm darin 
nicht zu folgen. Da die von ihm versprochne ausgäbe des 
gedichtes, die bei solcher anläge doch keine sichere grundlage 
für Untersuchungen hätte bilden können, nicht erschienen ist, 
scheint er selbst von der willkürlichkeit seines Verfahrens sieh 
überzeugt zu haben. Auch seine beweisführung ist nicht frei 
von gcwaltsamkeiten und Widersprüchen; einige derselben hat 
Ködiger in seiner recension der arbeit (Anz. f. d. a. II, 245) 
nachgewiesen, andre werden sich im laufe dieser Untersuchung 
ergeben. Da ausserdem das von mir gewonnene resultat ein 
andres ist und noch manche wichtige frage zu erledigen blieb, 
besonders die nach Verbreitung und entwicklung der legende, 



OSWALDLEGENDE. 367 

deren lösung hier zum ersten male versucht ist, so wird die 
vorliegende arbeit keiner weiteren rechtfertigung bedürfen. 

Eine kritische ausgäbe der beiden gedichte gedenke ich 
baldmöglichst nachfolgen zu lassen. 



Erster Abschnitt. 

DIE DEUTSCHEN REDAKTIONEN 
DER OSWALDLEGENDE. 

Die Überlieferung. 

1. WO, das kürzere gedieht. W, die Wiener hdschr., 
wurde herausgegeben von Pfeiffer (Zs. f. d. a. 11,92 — 130). Von 
0, der von Feifalik entdeckten Olmützer hdschr., gab Bartsch 
eine kurze collation (Auz. f. k. d. d. v. 1861, 391 — 93). ge- 
hört dem 15. Jahrhundert an, W ist aus dem jähre 1472. 1 ) 

2. SMJ, das längere gedieht. S, die Scbaffhausener hdschr. 
wurde herausgegeben von Ettmüller (Sant Oswalde« leben, 
Zürich 1835). Die wichtigsten lesarten von M, der Münchner 
hdschr., teilte Bartsch mit in dem erwähnten aufsatz (Germ. 
Y, 142 ff'.). Ein Verzeichnis der abweichenden lesarten in I, 
der Innsbrucker hdschr. gab Zingerle (Zs. f. d. phil. VI, 379— 403), 
freilich in recht unzuverlässiger weise und ohne zu bemerken, 
dass darin die hände von drei Schreibern mit ganz deutlichen 
mundartlichen und orthographischen abweichungen zu scheiden 
sind. 2 ) S stammt aus dem jähre 1472, M und I gehören eben- 
falls dem 15. Jahrhundert an. 

3. s oder die Stuttgarter prosa. Einen kleinen teil der- 
selben sowie die Schlusspartie teilte Zingerle mit (Anz. 1857, 



*) Von W, S, M und I besitze ich genaue abschritten resp. colla- 
tionen, während einstweilen noch aussteht. Den betr. bibliothek- 
verwaltungcn zu Innsbruck, München, Schaffhausen und Wien bin ich 
für die gütige Überlassung der betr. hdschrr. zu vielem danke ver- 
pflichtet, desgleichen dem kgl. eultusministerium für die Übermittlung 
der Wiener hdschr., sowie herrn oberbibliothekar prof. dr. Krehl in 
Leipzig für seine liebenswürdigen bemühungen im interesse meiner 
arbeit. 

a ) Eine beschreibung der handschrifton und ihres dialekts wird 
meine ausgäbe bringen. 

24* 



368 BERGER 

38—40); alles übrige publicierte Edzardi (Germ. XX, 192—97. 
XXI, 171 — 93), der sie in den anfang des 15. jahrh. setzt. 

4. b, die Berliner prosa, herausgegeben von Haupt (Zh. f. 
d. a. XIII, 466 — 91) gehört ebenfalls dem 15. jahrhdt. an. 

5. z, die prosa im sommerteil des lebens der heiligen, 
nach zwei Innsbrucker hdschrr. ediert von Zingerle in seiner 
schrift 'Die Oswaldlegende und ihre beziehung zur deutschen 
mythologie' (1856 s. 43 — 66), stammt aus dem anfang des 
15. Jahrhunderts. Dazu stellt sich ein druck von 1510. 

6) n oder die nordische prosa, herausgegeben von Jon Si- 
gurdson (Annaler f. nord. oldkyndighed og hist 1854, s. 15 fl'.), 
gehört nach dessen angäbe der zweiten hälfte des 15. Jahr- 
hunderts an. 

WO. 

Diese beiden hdschr. gehen, wie bereits Bartsch (Ans. 
1861, 391) bemerkte, auf eine gemeinsame quelle zurück: was 
sie ausser unserm gedieht gleiches enthalten, zeigt im wesent- 
lichen dieselbe anordnung. 

Dass W nämlich nicht nach gearbeitet ist, folgt aus 
dem fehlen des Schlusses 1336 — 1465 in 0, ausserdem hat W 
meist das ursprüngliche besser bewahrt, wie beispiele zeigen 
werden. Dass andrerseits nicht aus W geflossen ist, ergibt 
sich daraus, dass sich in W fehlende verse aus ergänzen 
lassen. So fehlt nach 209 der entsprechende vers, O bietet 
ihn: Den raben begunden kaffen an. Ebenso fehlt in W nach 
295: Her muss seyn leben lan. Andre solche stellen sind 492. 
531. 533. 658. 908. Dagegen nehme ich z. b. die nach 1051 
und 1299 in folgenden verse nicht als ursprünglich an, son- 
dern als einen versuch, die lücke des gemeinsamen Originals 

durch conjeetur auszufüllen. Die verse lauten: 

1050 darum b wil ich werbin 

Czu eyner kirchin dir 

[Die dorfler helfen mir OJ 

Also ich sy allir beste habe. 
Der eingeschobne vers ist in Oswalds munde lächerlich, er 

rührt vom Schreiber von her. 

120S und bat das her ym sagete 
was dy drey shile wem 
[Drey stul an alles gefere Ü] ... 



OSWALDLEGENDE. 369 

Offenbar ein notbehelf. Auch sonst strebt nach glättung. 
So reimt in W 53 irkorn : wol geton, in 0: hoch geporn. V. 93 
vereinfacht den etwas geschraubten ausdruck in W: Sy hot 
togunde vnd schonde ane czil zu: Dy hoth schöner tugent vill. 
243 ff. liest 

W: Her sprach wiltu wunder sehen O: Her sprach wiltu wunder sehen 

zo losz balde her yen zo losz balde her yen 

das schachczagil spil bren- das schachczagil spil bren- 

gin dir gin dir 

der haide sprach nw sage mir durch korczweyl czeuch 

Off die rechte trewe deyn mit mir 

Von dem schachczagil spil meyn der haide sprach nw sage mir 

her sprach, nw ich dirs sagin wer hot gesaget dir 

sal Off die rechte trewe deyn 

du host ey n bret das ist wol Von dem schachczagil spil meyn 

hundert lote marg wert. her sprach 

Auch hier hat W offenbar das ursprüngliche, denn weder darf 
'nw sage mir off die rechte trewe deyn* so getrennt werden, 
noch antwortet der rabe auf die frage 'wer hot gesaget dir'? 
483 beseitigt den rührenden reim zelikeit : ewigkeit durch 
den etwas gesuchten ausdruck: der taufe klayt. 

W 535 ff.: Sy czu ir brengin lyss 
Eyne stolcze lade 
Das tat wol dem raben 

kürzt des unreinen reims wegen lyss : Eyn lade sy bringen 
hyss. 729 reimt W hymmelreich : leip, bessert gene- 
dikleich. 

Bartsch zieht an allen diesen stellen die lesart von vor, 
ich kann ihm darin ebensowenig wie Rüdiger (s. 250 f.) folgen. 
Eine kritische ausgäbe des gedichts wird durchaus W zu folgen, 
aber nur heranzuziehen haben, wo es unverkennbar ur- 
sprüngliches enthält. Solche stellen sind z. b. die nach 346 
folgenden verse, wo zehn die königstochter beschattende adler 
erwähnt werden, eine alte Vorstellung (Gr. D. M. 948. Cf. auch 
Bartsch, Ueb. Karl Meinet s. 102. Thidrekssaga ed. Unger, 
cap. 236), die einem schreiber des 15. Jahrhunderts kaum noch 
lebendig gewesen wäre. Ferner 1001, wo in W das verbum 
fehlt, 1287 ff. u. a. 

Diese wenigen beispiele mögen genügen: der wert von O 
wird von Bartsch und Edzardi entschieden überschätzt. 



370 BERGER 

Das aus der vergleichung von W und zu erschliessende 
gedieht setzt Bartsch noch ins 15. jahrhdt. und nach Ober- 
deutschland, erklärt aber dessen vorläge, deren alter er un- 
bestimmt lässt, für eine niederrheinische. Ihm folgt Edzardi. 
Roediger (a. a. o. 257 ff.) setzt es ebenfalls ins 15. jahrhdt, be- 
stimmt den dialekt näher als den alemannischen, hält aber 
eine vorläge für unwahrscheinlich. Muss ich Roediger im 
ersten punkte zustimmen, so kann ich es im zweiten nicht: 
er hat übersehen, dass vieles in unserm gedichte unleugbar 
auf eine vorläge deutet. Freilich eine lateinische prosa, wie 
Pfeiffer vermutete (Germ. II, 495), zu gründe zu legen, dafür 
finde ich im gedichte nicht den geringsten anhaltspunkt, dazu 
ist auch die bildungsstufe des dichters eine zu niedrige. 
Indes muss eine vorläge angenommen werden aus folgenden 
gründen: 

1. Es finden sich eine erhebliche anzahl im 15. Jahr- 
hundert bereits nicht mehr gebrauchter ausdrücke. Solche 
sind z. b. blnamen 25. 1420. gevuoc 33. missewende 58. alze- 
hant301.338. 347. 379. 556. 624. 831. 1017. 1130. 1182. äne, 
sunder wän 111. 209. 475. 1029. 1136. magedln 146.397.454. 
wunderschiere 154. einem ane gewinnen 283. 365. hövescheit 
327. sich underwinden (= sich in besitz setzen) 380. gehaz 
399. vriedel 497. 512. gemeit 542. lueten (= begehren) 386. 
clär (= schön, edel) 458. sider 652. 770. 1 199. unde (— flut) 
670. beiten (= zögern) 879. Alle diese worte scheinen nach 
der mitte des 14. Jahrhunderts nicht mehr vorzukommen. 

2. Das bereits erwähnte beschatten durch adler (nach* 346 
in 0) wäre keinem dichter des 15. jahrh. mehr gegenwärtig 
gewesen: bereits in dem längeren gedichte (Ettm. 793) ist diese 
Vorstellung zu dem bilde eines phellers verblasst, der über dem 
haupt der jungen königin getragen wird. 

3. Das gedieht ist im versbau roh, in der darstellung 
nüchtern und unbeholfen. Dagegen, worauf bereits Edzardi 
hindeutete, heben sich einige stellen durch zarte empfindnng 
und poetischen ausdruck deutlich ab, z. b. das gespräch des 
raben mit der jungen königin 3S3 ff., besonders seine längere 
begrüssung derselben 411 ff., dann 638 — 41, Oswalds gebet auf 
dem schiffe 935 ff., der empfang der braut 1132 — 43, das ge- 
löbnis der keuschheit 1376 ff., Oswalds folgendes gebet u, a. 



OSWALDLEGENDE. 37 1 

Diese stellen können unmöglich vom Verfasser von WO her- 
rühren, sie weisen auf einen begabteren dichter. 

4. Was merkwürdiger weise noch gar nicht beachtet 
wurde, sind die zahlreichen alliterationen, die ich hier zu- 
sammenstelle: 

einem teclfchen nach einen Iren 312. temer din eigen 378. die im 
alle sind ttndertän 573. allez über a\ 1443. wil temer behalden Iwic- 
liehe 1380. 

an beten wir bilde 1193. lä £alde dringen 113. in Einern 
Dienste 1055. 

dö bekunde der vil ^uote 10. ^erne liepltche graben 167. got ver- 
gelte 419. ^an ez mir denne ^ot 578, cf. 802. hat dir ^ot gegeben 769 
cf. 874. £TÖze ^rimmecheit 1160. ein ^uoter ^ot 1319, cf. 1387. 

gehörten ze slnem Aove 24. Aät er zetant 98. dö hiez der heide- 
nische man den raben heben an 266 f. (eine vollständige langzeile mit 
3 reimstäben!). die Ferren solden Aaben 307. Aatte gehört 507. mfnem 
Ferren Aold 531. Aantwere aller Aande 795. von /rinnen alzeAant 831. 
wil mich mfn A§rre Aän 844. daz er im Aelfe daz ist not umb einen 
Äirz 1015. wie der h\rz liefe hin 1034. ein Äorn nam er in die Äant 
1155. also wir Aiute Aaben getan 1197. 1219. Äilf uns tärre 1215. er 
hinderte den beiden 1222. der heide zeÄant vrägete 1282, of. 1306. daz 
Aöhe Äimelrtch 1292. an des höhen Aimels tröne 1296. Äörre mich hkt 
der vater mtn her ze dir gesant 1352 f. (wider eine vollständige lang- 
zeile). er hat mir (lies 'mich') so hoch genant (1. 'gemant') 1354. in 
einer hnot heAalde 1457. 

diu selbe Einsehe Xriineginne 104. er /runde niht dornen 888. 

daz /eben ver/iesen 107. 519. 402. an ir Zip wart ge/eit 339. /iebe 
oder leide 748. /outen durch ir vater /ant 1036. Ziep als sin /eben 1153. 
Zip unde /eben 1250. 

ifarjen der lieben muoter stn 1377. 

Den raben er bereitte 880. dnrh rehte reinekeit 1204. 

Da f/uonden drt steine 172. diu schif gar schiere 806. daz sol 
niht sin 871. und schicke dir die schoene 878. daz sie im *olde sagen 
918. waz ich dir jagen sol 949. daz sol sin, daz sag ich dir, silberin 
(widernm eine alliterierende langzeile!) 1016 (in O). so\de getan sin 
1033. ich sine einen bolzen hirz s/än 1073. diu slöz üf j/iezen 1096. 
1117. dö sach der geselle 1272. da bt s/uont ein j/uol 1281. dö er 
lach über sich 1291. daz ir s/aete solt stkn 1349. 

verre in vremde lant 137. 832. verre vliehen 559. er vlouo durch 
ein vensterlin 975. ir vater mit der part 1436. 

gewuohs und wart 32. gewar werden 67. 590. 650. 921. 973. 1002. 
1071. 1180. 1226. 1293. wie ich sie gewinne 103. niht wol dawider 
streben 108. wünschten gewinnes heil 274. wart also wolgemuot 526. 
werde war 1464. üf wazzer noch üf wegen 545. der rabe dö wec wolde 
582. gewunden wol 629. gewahsen was 726. ich wil ez wol bewarn 



372 BEßGER 

833 (in 0). du weist ez selber ?vo\ 950. ir wizzet tvol 1348. wider 
rvirt gegeben 1360. staete an allez gewanken mit Worten and mit wer- 
ken 1381 f. (stabreimende langzeile). mit den wölken oder mit den «rin- 
den 1390. 

Dass die alliteration noch im 13. Jahrhundert im bewusst- 
sein des Volkes lebendig war, zeigen der Otnit und Wolf- 
dietrich. In solcher fülle, dazu noch untermischt mit voll- 
ständigen stabreimenden langzeilen, können aber diese allite- 
rationen von einem dichter des 15. Jahrhunderts unmöglich 
herrühren. 

Die reime sind im allgemeinen rein, nur etwa zum vierten 
teile assonanzen. Der reim a : ä findet sich 57 mal, e : 6 
3 mal, i : i 17 mal, o : 6 6 mal. Au sich könnten diese bin- 
düngen das gedieht ebenso wol dem ausgange des 13. wie des 
12. Jahrhunderts zuweisen. Sicherer weisen in's 12. Jahrhundert 
einige harte assonanzen wie erkorn : getan 53. werden : genesen 
294. geswummen : unden 669. bescheiden : reise 883. alter : 
m arter 933. gewanken : werken 1381. weiden : winden 1389. 
tihten : cristen 1428. ofte : vüeze 1450. adler : bewaren (in O 
nach 346) und zahlreiche rührende reime. Die sonst vor- 
kommenden assonanzen sind solche, wie sie sich in der volks- 
tümlichen dichtung bis heute erhalten haben. 

Dazu kommen aber andre erwägungen. Unser gedieht 
zeigt noch so gut wie gar keinen höfischen einfluss. 
Spuren eines solchen finden sich nur bei der ankunft des 
wallers Tragemund. Als Oswald diesem einen stuhl anweist, 
sich selbst aber auf der bank niederlässt, bemerken die herren 
des hofc8, dass sich das für einen so mächtigen könig doch 
nicht zieme (66 ff.). Hier scheint schon etwas höfische etikette 
mitzusprechen. Auch das wort hövescheit kennt der dichter 
schon (327). Doch das sind vereinzelte spuren. Der begriff 
der minne ist dem dichter völlig fremd, desgleichen der des 
frauendienstes und der ritterlichen kampfspiele. Von edel- 
steinen kennt er nur saphir, gold, silber und wassorperlen: 
welch eine armut gegenüber den kostbarkeiten höfischer dich- 
tungen! Ferner wird noch uicht hoch zu ross, sondern nach 
altgermanischen brauch zu fuss gekämpft. Das ihrzen und 
duzen geht noch bunt durcheinander. Im allgemeinen gilt als 
anrede 'du', nur hie und da wird bei dem könig oder der 



OSWALDLEGENDE. 373 

königstochter eine ausnähme gemacht: 69 ff. wird Oswald von 
seinen mannen mit 'ihr' angeredet; 299 ff. redet der rabe den 
heidenkönig mit ir an, ebenso die königstochter 390 ff. 480 ff. 
530 ff. 999 ff. Auch Oswald redet Spange zweimal mit ir an 
1345 ff. 1364 ff. Beschreibungen finden sich, obwol es an ge- 
legenheit nicht fehlt, gar nicht: alles ist handlung. Der rabe 
wird vor unsern äugen geschmückt (602 ff.); wir sehen, wie 
gewänder angelegt, wie schiffe ausgerüstet werden. Die stereo- 
typen, oft übertriebnen Zahlenangaben (zuweilen sogar sinnlos, 
wie der Widerspruch 1163 zu 1174 zeigt), die häufigen Schen- 
kungen, die anreden an die zuhörer u. s. w. sind ebenfalls 
merkmale der volkstümlichen technik der fahrenden: ich halte 
es für überflüssig, das weiter auszuführen (cf. auch Rödigor, 
s. 258 f.). 

Der gr und ton der darstell ung ist schlicht und ernst. Wie 
man in diesem gedieht eine tendenz 'zur eignen und andrer 
belustigung', einen 'scherzhaften erzähl ungston' (Zingerle a. a. o. 
8. 39 f.), ein 'weitergehendes hinüberziehen ins komische 1 (Ed- 
zardi, s. 25) finden konnte, ist unbegreiflich. Jene äusserliche 
frömmigkeit, die nur als deckmantel für die übermütigste 
spielmannslaune dient, jenes ans possenhafte grenzende arbeiten 
mit dem überirdischen apparat, die parodistische ausbeutung 
der legendenhaften Übertreibungen — alles dies, was für das 
unten zu besprechende längere gedieht charakteristisch ist, ist 
dieser fassung völlig fremd. Hier tritt das religiöse element 
entschieden in den Vordergrund, doch ohne jede ironische be- 
leuchtung. Der Verfasser, offenbar ein fahrender kleriker, ist 
kein unfähiger, aber doch ein ungewöhulich trockner und nüch- 
terner dichter, den nicht sowol die abenteuerliche, als vielmehr 
die religiöse und moralische seite seines Stoffes mächtig an- 
zieht Ist er von höfischem einfluss so gut wie gänzlich un- 
berührt geblieben, so steckt doch andrerseits wider zu viel vom 
geistlichen in ihm, als dass ein gesunder spielmannshumor bei 
ihm aufkommen könnte. Er verschmäht die drastischen Wir- 
kungen, die plumpen spässe der fahrenden: seine darstellung 
ißt die denkbar schmuck- und kunstloseste und trägt überall 
das gepräge einer fast philiströs zu nennenden moral. Am 
deutlichsten zeigt dies die entschiedene betonung des keusch- 
heitsmotivs, das er allerdings in der legende bereits vorfand 



374 BEBGER 

(s. unten im IL abschn.), dessen ausbeutung aber ihm gehört 
Gleich im eingange, als Oswald Tragemund wegen einer gattin 
um rat fragt, hebt er hervor, dass sie keusch mit ihm bleiben müsse 
(453). Der anblick des verlobungsringos macht die Jungfrau 
keusch und tugendhaft (528). Auch der heidenkönig wird 
beim anblick des ringes keusch und sittsam (912 ff.). Als 
Oswald die Jungfrau am schiffe empfängt, nimmt er ihr sofort 
das gelöbnis der keuschheit ab (11 40 ff.). Als später Spange 
an Oswald, der fortwährend betend dargestellt wird (1340 ff.), 
die bitte richtet, er möchte die gefallenen hoidon auferwecken, 
tadelt er sie, dass sie nicht oft genug zur kirche gehe und 
bete und verspricht, ihre bitte erst dann zu erfüllen, wenn de 
nochmals feierlich keuschheit gelobt habe (1348 ff. 1363 01). 
Dazu kommen noch andre zttge. Die bokehrung der königs- 
tochter durch den raben (389 ff.), Oswalds gebet nach dem 
Untergang seiner schiffe (931 ff), seine bitte, dass ihm der 
hiramel den goldnen hirsch senden möge (1041 ff.) und später, 
dass sich die Schlösser öffnen möchten (1104 ff), endlich sein 
gebet vor dem kämpf mit den heiden (1197 ff.), die bekehrung 
des heidenkönigs in folge einer vision (1259 ff.), die darauf 
folgende widererweckung und taufe sind verhältnismässig breit 
und in durchaus würdiger weise ausgeführt Sogar der rabe, 
der in dem längeren gedichte zum spassvogel herabgesunken 
ist, alles geistliche abgestreift hat und zum typus des ver- 
schlagnen und begehrlichen spielmanns geworden ist, geniesst 
hier gleichsam göttliche Verehrung: der fischer Ise hält ihn für 
einen engel, fällt vor ihm nieder und wird plötzlich Christ 
(673 ff.); als der rabe bei der abfahrt vergessen wird, moss 
Oswald selbst umkehren und ihn fussfällig bitten, von sei- 
nem zorn zu lassen (851 ff.); der rabe ist es dann wider, 
der seinem heiligen herren ein dreitägiges fasten auferlegt 
(935 ff.) i) u. s. w. 

Diese momente, das fehlen höfischen einflusses und die 
stärkere geistliche tendonz weisen auf das 12. Jahrhundert: 
die Verletzungen der Quantität im reime, die zahlreichen apo- 



') Edzardi begeht hier einen wunderlichen irrtuin: or meint, es sei 
zu beachten, dass Oswald erst an dieser stelle Christ werde (8. 10 
s. 52). Er hat wul 'gloube' für 'globe' gelesen. 



OSWALDLEGENDE. 



375 



kopen von tonlosem e sprechen wenigstens nicht dagegen, die 
angeführten harten assonanzen entschieden dafür. Dazu kommt 
dass unser gedieht unter der unmittelbaren einwirkung 
des Orendel und wol auch des Morolf steht, wie sich gleich 
zeigen wird. 

Edzardi behauptet nun, WO gehe auf dieselbe quelle 
zurück, wie das später zu behandelnde längere gedieht und 
glaubt, dies durch Übereinstimmungen im ausdruck erwiesen zu 
haben (s. 22). Sehen wir uns dieselben etwas näher an. 

383 f. Sie truoc in vil dräte Ettm. 1015 f. und truoo in mit ir dräte 
In eine kernen äte. In ir kemenäte. 

Diese wendung kommt aber — soviel ich weiss nur den Morolf 
ausgenommen — in allen volkstümlichen gedichten so massen- 
haft vor, dass sie gar nichts beweist Sie begegnet allein im 
längeren gedieht noch 11 mal. Ferner: 

Ettm. 937 ff. 
Als diu junge küniginne ervuor 

die maere, 
Daz der rabe von ir willen ge- 

vangen waere . . . 

Ettm. 837 f. 

Sie sprächen: nu müezen wir alle 
jehen, 

wir haben kluogern vogel nie ge- 
sehen. 

Ettm. 211 ff. 
Er nam in under einen arm träte 
unde vuorte in in sin kemenäte. 



330 ff. 
Juncvrouwe Spange hörte sagen 
Üf der bure die maere, 
Wie da ein rabe waere . . . 

210 ff. 
Si begunden alle gltche jehen, 
Sie beten schöners raben nie ge- 
sehen. 

61 ff. 
Sant Oswalt alzehant 
Nam den bruoder bt sin er hant 
Und vuorte in vil dräte 
In eine kemenäte. 

1212 ff. 
So wil ich alle die gewern, 
Die an mir iht begern 
Durch den willen din . . . 



725 f. 
Üf eime steine er dö saz, 
Der üz dem mere gewahsen was. 



Ettm. 2713 ff. 
Er sprach: himelischer trechtin 
Nu nim hin die triuwe min, 
Daz mich üf ertriche ein man 
Nimmer mere niuhtes gebiten kan, 
Swes er mich durch dtoen willen 

gert, 
Hörre got, des wirt er alles gewert 

Ettm. 635 f. 
Üf einen höhen stein er saz, 
Der üz dem wilden mer gewäh- 
ren was. 



376 BERGER 

Man sieht, Edzardis beweis steht auf schwachen fassen; selbst 
die letzte Übereinstimmung verliert alles auffallende, da sie 
ganz vereinzelt dasteht und ausserdem in unserm gedieht kurz 
vor des raben widerkunft, in dem andern aber beim ersten aus- 
flug ihre stelle hat Die Übereinstimmungen sind eben ledig- 
lich im gang der gemeinsamen handlung begründet, sonst hat 
unser gedieht mit dem längeren nichts gemein: es wurde viel- 
mehr nach meiner Überzeugung auf allgemeine kenntnis der 
legende hin aus dem gedächtnis gedichtet Wo dieses 
den dichter im stich Hess, half er sich durch ontlehnung von 
motiven aus ihm bekannt gewordnen gedieh ten, deren anzahl 
freilich, seiner bildungsstufe entsprechend, sehr beschränkt war, 
hie und da wol auch mit eigner erfindung. Ich werde das im 
einzelnen darzulegen versuchen. 

Der dichter weiss, dass Oswald ein mächtiger könig war; 
aber wo, ist ihm entfallen, so macht er ihn zu einem deut- 
schen könig (228. 359), dessen vater ein kaiser war (so ist 
v. 14 mit zu lesen; 'heide' in W ist verderbt). Ebenso wenig 
weiss er das land der heiden und deren könig zu bezeichnen, 
er hilft sich mit ' heidenischer man, herre' etc. Als name der 
königstochter findet sich nur hier Spange: er scheint also an 
Spanien gedacht zu haben. 1 ) Dass Oswalds mannen ihm zur 
ehe raten ist das ursprüngliche und stimmt zu nz, entspricht 
auch den stoffverwanten dichtungen (in den andern redak- 
tionell gibt ein engel den rat). Dass Tragemund — dieser 
echte name findet sich nur in dieser fassung, sonst 'W&rmunt' 
— dem könige zur wähl der Jungfrau Spange rät, ist dem 
dichter bekannt, ebenso dass der rabe mit gold geschmückt 
wird, doch macht nur hier Tragemund diesen Vorschlag, in den 
andern Versionen der rabe selbst. Die geistliche tendenz tritt 
wider hervor, als der rabe bei seiner ankunft im heidenland 
nicht gleich die Werbung vorbringt, sondern erst den könig zur 
taufe zu bewegen sucht, natürlich durch aussieht auf geschenke 
nach spielmannsart. Nun war dem dichter wol bewusst, dass 

•) Andrer ansieht ist Pfeiffer (Germ. V, 165 a.). Er hält für den ur- 
sprünglichen namen Pouge (so in s), daraus sei Paimg (IMS), Parig (b), 
Pay (z), Pia (n) entstellt. 'Spange' sei im 15. Jahrhundert für das ver- 
altete 'bouge' gesetzt worden. Doch Edzardi (Germ. XX, 194) liest in • 
Pange, was Paimg in IMS entsprechen würde. 



OSWALDLEGENDE. 377 

die königstochter von dem wunderbaren vogel erfahren musste, 
um sich ihn zum geschenk zu erbitten. Er muss also etwas 
ungewöhnliches erfinden, das von dem raben reden macht So 
greift er zu einer scbachspielscene, in der der rabe dem könig 
300 mark goldes abgewinnt, wofür er den ganzen hof neu 
kleiden lässt, auch alles gesinde, damit er ungestört im koch- 
haus eingaug finde (hier verrät sich einmal der spielmann). 
Diese scene, deren erfindung wir unserm dichter nicht zutrauen 
dürfen, ist natürlich durch ein gleichzeitiges gedieht veranlasst. 
Am nächsten liegt wol Salmän und Mörolf. Dafür könnte 
auch die Übereinstimmung sprechen: 258 mit golde so durch- 
slagen (das Schachbrett nämlich), cf. Mor. 226, 5: daz was mit 
golde wol durchslagen. 1 ) Die Jungfrau erhält den raben zum 
geschenk. Das erste, was dieser zu tun hat, ist natürlich, sie 
zur taufe zu mahnen (in IMSbs ist sie bereits heimlich christin); 
erst dann erzählt er von der macht Oswalds, der hier 15 jähre 
alt ist (sonst 24) und verspricht ihr die ewige Seligkeit, wenn 
sie dessen gattin werde. Oswalds ring bekehrt sie zum Christen- 
tum 2 ), von einem brief weiss der dichter nichts. Sie gibt dem 
vogel auch einen wunderbaren ring mit, dessen träger keines 
unrechten todes sterben kann. Oswald solle mit 72 schiffen 
als kaufmann verkleidet kommen, um sie zu entführen — eine 
entlehnung aus der Hildensage oder dem Kother. In den an- 
dern redaktionen soll Oswald mit 12 goldschmieden kommen, 
die dann den hirsch, der den heidenkönig verlocken soll, mit 
gold beschlagen. Man könnte dies für die entstellung und die 
Verkleidung als kaufmann für das ursprüngliche halten, wenn 



') Ich vermute, dass auch die unklaren verse in nach 40, wo 
Tragemund zu Oswald kommt 'yn allem dem gepere ob her des konig 
bruder were' auf einj verworrene erinnerung an jene scene im Morolf, 
wo dieser von Salmän in seiner Verkleidung nicht erkannt wird, zurück- 
zuführen sind. Die lächerliche ausführung dieses gedankens freilich, 
dass nämlich Oswald den namen seines bruders vergessen hat, gehört 
allein. 

s ) Hier verrät sich wider die geistliche umfarbnng. Man wusste 
wol von ringen, die liebe erweckten (wie im Morolf), ungewöhnliche 
macht verliehen, die unsichtbar machten (wie im Iwein) oder vor un- 
rechtem tode sicherten (wie im Flore und in unserm gedieht später); 
aber ein ring, der sofort zum Christentum bekehrt, ist gewiss eine ten- 
denziöse umdeutung unsres dichters. 



378 BERGER 

nicht der goldne birschj, auch in unserm gedieht nachher eine 
rolle spielte, was sich nur aus dem erstgenannten motiv er- 
klären lässt. — Reichgeschmückt wird der rabe entlassen. 
Dass ihm auf dem fluge der ring entfällt, ist dem diehtef 
wider erinnerlich, doch wo und wie er ihn widererhalt nicht 
(in den andern Versionen durch den einsiedler auf der klippe). 
Er lässt daher den raben auf dem mastbaum eines versunke- 
nen Schiffes ausruhen und führt nun den aus dem Orendel 
wolbekannten meister Ise (ein vischer guot und wtse 673 ent- 
spricht dem im Orendel stereotypen verse: ein vischer her und 
wtse) herbei, der natürlich sofort ein gläubiger ehrist wird. 
Dieser fängt dem raben zur Sättigung einen fisch, in dessen 
bauch sich der verlorne ring widerfindet So hat auch der 
dichter den vorteil, auf das eingreifen dos engeis verziehten zu 
dürfen, wie es sich in den andern fassungen findet. Die 
speisung des raben aus dem paradiese (727 ff.) mag eine selb- 
ständige zutat sein. Oswald lässt sogleich 72 schiffe aus- 
rüsten; als er aber mit seinen mannen abfährt, wird der rabe 
vergessen. Erst hier (814) wird das mitbringen des raben als 
bedingung des gclingens erwähnt, also ein nach trag, um den 
früheren gedächtnisfehler wider gut zu machen. Wie der rabe 
zu seinem herm gelangt, ist dem dichter wider entschwunden 
(in den andern redaktionen muss hier wider ein engel her- 
halten); so lässt er eine an zahl leute zurückkehren, den raben 
zu holen. Doch dieser weigert sich, bis Oswald (der hier erst 
auf dem wege ist, nicht schon im heidenlande selbst, wie in 
allen andern Überlieferungen) selber umkehren und den raben 
kniefällig um seine hilfe bitten muss. Im folgenden scheint 
den dichter abermals sein gedächtnis verlassen zu haben, denn 
er entlehnt widerum aus dem Orendel den seesturm und das 
versinken der 71 schiffe (cf. 991 f. sie sint ertrunken und in 
dem wilden mere versunken = Orend. 496, 901, 1461 u. ö. die 
sint mir alle versunken, in dem [wilden] mere ertrunken). 
Oswald allein rettet sich mit dem raben. Während der 8 jähre 
des umherirrens Oswalds wird der heidenkönig, der seine 
tochter selbst zum weihe nehmen wollte (460 ff.), dureh den 
anblick von Oswalds ring zur keuschheit gezwungen — letz- 
teres auch wol freie erfindung. Der rabe fliegt zu Spange, 
die ihm rät, Oswald solle zu gott um einen mit gold und 



OSWALDLEOENDE. 379 

silber gezierton hirsch bitten. Oswalds gebet wird erfüllt: der 
hirsch erscheint, und alle beiden jagen ihm nach. Hier hat ein 
gedächtnismangel wider das ursprüngliche verwischt, nämlich 
dass die 12 goldschmiede den hirsch beschlagen. Auf Oswalds 
gebet (nicht auf das der jungen königin, wie in den übrigen 
fassungen) tun sich die Schlösser auf, und sie entfliehen. Als 
der- beide den hirsch gefangen hat, — wider ein selbständiger 
zusatz — kehrt er zurück, findet die tochter nicht, bläst 
grimmig in sein hörn und sammelt seine krieger. 'Ein kauf- 
mann hat mir die tochter entführt'! ruft er (1169 f.). Der 
dichter weiss also nicht mehr, dass er uns noch gar nicht ge- 
sagt hat, woher der heide von Oswalds ankunft erfahren hat. 
An dieser stelle taucht ihm eine dunkle erinnorung an den 
wahren Zusammenhang auf, der ihm vorher entgangen war. 
Spange hört das hörn schallen und fürchtet ihres vaters zorn, 
doch auf Oswalds gebet halten widrige winde die heiden auf, 
während er bald sein land erreicht. Diese ab weichung (in 
den andern Überlieferungen findet der folgende kämpf auf einer 
insel statt) ist eine natürliche folge des versinkens der schiffe 
Oswalds. Die heiden werden alle erschlagen, ihr könig ge- 
fangen. 1 ) Die schliessliche bekehrung der heiden durch das 
hervorstampfen der quelle ist dem dichter wieder entfallen. Er 
schiebt also eine der beliebten Visionen ein: erst zeigt ein engel 
dem heidenkönig die hölle, wo die teufel einer wölfin, die ihm 
als seine verstorbne frau vorgestellt wird, pech und schwefel 
in den hals giessen; neben ihr steht ein für ihn reservierter 
stuhl. Darauf sieht er ins himmelreich, wo bei Maria drei 
stuhle stehen, die für Oswald, seine tochter und ihn, wenn er 
sich taufen lasse, bestimmt sind. So wird er zum Christen, 
macht aber noch die bedingung, dass Oswald die gefallenen 
heiden widererwecke. Oswald tut es, nachdem ihm Spange 
nochmals keuschheit gelobt: alle heiden werden getauft, ihr 
könig erhält den namen Johannes. Das* derselbe in sein land 
zurückkehrt, alle Untertanen tauft und die widerstrebenden 
tödtet, findet sich ähnlich nur noch in z und erklärt sich wider 
aus der geistlichen tendenz. 

') als ich hörte sagen 1245 ist ein beweis für meine annähme: der 
dichter beruft sich nirgends auf ein 'buoch' oder eine schriftliche auf- 
zeichnung, sondern nur hier auf mündliche tradition. 



380 BERGER 

Die von tmserm dichter benutzten gediente weisen alle 
auf den Niederrhein : der Orendel fällt in die gegend von Trier, 
der Morolf etwas Rüdlicher, der Rother wol etwas nördlicher. 
Ein heidnischer könig, der in der taufe den namen Johannes 
empfangt, kommt auch im Brandan vor, dessen erste fassung 
am Niederrhein zu suchen ist (cf. K. Schroeder, Germ. XVI, 74). 
Mit diesem sowie dem Tundalus, dessen älteste redaktion, 
ebenfalls vom Niederrhein stammt, hat unser gedieht die vision 
von hölle und paradies gemein. Zudem war Eehternach ein 
hauptsitz der Oswaldverehrung, also wird hier vermutlieh auch 
ein Oswaldgedicht entstanden sein. Das alles würde zu Bartschs 
Vermutung einer niederrheinischen vorläge trefflich passen, 
doch sind die sprachlichen orscheinungen, die Bartsch anführt, 
nicht schlagend. Roediger (a. a. o. s. 252 ff.) hat sie alle im 
alemannischen des 15. jahrh., teilweise noch früher, nach- 
gewiesen. Immerhin bleibt die annähme von Bartsch wahr- 
scheinlich. 

Es bleibt noch übrig, für unser gedieht innerhalb des 
12. Jahrhunderts eine engere abgrenzung zu finden. Wir sind 
dabei lediglich auf vergleich ung mit den gleichzeitigen spiel- 
mannsgedichten angewiesen, dem Rother, Orendel, Morolf, die 
unser gedieht voraussetzt, und dem Herzog Ernst Man hat 
diese gedichte meist bisher bis gegen das ende des 12. Jahr- 
hunderts hinabrücken wollen. Die beweise, die man dafür 
beibringt, sind, soweit sie nicht aus historischen tatsachon ge- 
wonnen wurden, aus der beobachtung der reime und des metri- 
schen baues hergeleitet. So wenig sich gegen solche kriterien 
einwenden läset, ist doch solchen statistischen nachweisen eine 
untrügliche beweiskraft nicht beizumessen, zumal wenn es sich 
um geringe zablenunterschiede handelt. Wenn sich bei einem 
dichter verse mit 3 hebungen und klingendem ausgang ent- 
sprechend 4 hebungen mit stumpfem ausgang in grösserer zahl 
finden, als bei einem andern, so ist doch damit dessen Prio- 
rität durchaus noch nicht sicher erwiesen, ebensowenig wenn 
bei diesem mehr reimfrei bei ten vorkommen, als bei jenem. 
Das sind alles mehr seeundure erwägungen, die nur erst im 
zusammenhange mit der genauen betraebtung des poetischen 
stils und dessen zunehmender annäherung an den höfischen 
kunststil den vollen wert eines beweisen haben. Und kann 



OSWALDLEGENDE. 38 1 

man an so später datierung der genannten spielmannsgedichte 
noch ernstlich festhalten, wenn man ihnen die erzeugnisse der 
volkspoesie gegenüberstellt, die uns nach ablauf des Jahr- 
hunderts entgegentreten ? Man braucht gar nicht das Nibelungen- 
lied oder die Gudrun herbeizuziehen, schon gedichte wie Bite- 
rolf und vor allem Laurin bezeichnen einen ganz bedeutenden 
fortschritt, sowol in der grösseren Sorgfalt der motivierung, als 
in der charakteristischeren ausarbeitung des details und kla- 
rerer Zeichnung der persönlichkeiten, besonders aber in einer 
unendlich geschickteren bandhabung des verses und grösserer 
gefügigkeit und reichbaltigkeit des sprachlichen ausdrucke. 
Eine derartige entwicklung, wie sie die vergleich ung dieser 
beiden gruppen von Spielmannsdichtungen voraussetzen lässt, 
in die kurze spanne eines oder zweier decennien hineinpressen 
zu wollen, ist eine litterarhistorische Unmöglichkeit. Es sind 
denn auch versuche gemacht worden, diese älteren Spielmanns- 
dichtungen in eine frühere zeit hinaufzurücken. 

Für den Rother ist dies z. b. von Edzardi geschehen 
(Germ. XVIII, 401), der denselben um 1130 ansetzt, v. Bahder 
in seiner ausgäbe des Rother (s. 8) nimmt als terminus a quo 
1152 an, weil den grafen von Dachau der titel 'herzog von 
Meran' erst in diesem jähre officiell zugesprochen wurde. Das 
kann indes nicht als beweis gelten, da der titel offenbar nicht 
erst damals aufkam; nennt doch schon die Kaiserchronik 
(D. 225, 1 3) einen herzog von Meran. Ich halte den Rother in 
der uns vorliegenden gestalt, die er nach der mitte des Jahr- 
hunderts erhalten haben mag, für die Überarbeitung eines 
bairischen Originals durch einen mittelfränkischen spielmann, 
der freilich an poetischer befähigung hinter dem dichter der 
vorläge weit zurückstand — eine ansieht, die ich anderwärts 
auszuführen gedenke. Das original ist entschieden vor 1147 
zu setzen, denn es zeigt noch keine spuren von der geistigen 
Umwälzung, die der zweite kreuzzug hervorbrachte, und die in 
den andern spielmannsgedichten so deutlich nachwirkt. Den 
angelpunkt des interesses bildet seit dieser zeit der gegensatz 
zwischen Christen und heiden, und die durch die wunderbaren 
berichte aus dem Orient erhitzte pbantasie gefällt sich auf ein- 
mal in den ungemessensten Übertreibungen, den sprunghaftesten 
kombinationen und den abenteuerlichsten schilderunge \ Dabei 

Beiträge iur geachichte der deutschen spräche. XI. 25 



382 BERGER 

wird nicht viel nach logischer entwicklung und verständlicher 
motivierung gefragt, wenn nur die immer höher gespannte neu- 
gierde des wundersüchtigen publikums ihre befriedigung findet 
Wie contrastiert dagegen die schlichte poesie des König Rother, 
dem eben darum in der Spielmannsdichtung des 12. Jahrhunderts 
eine ganz exceptionelle Stellung zukommt! 

Was den Orendel betrifft, so hat Harkensee (Untersuchung. 
üb. d. spielmannsged. Orendel, Kiel 1879, s. 68) als den ter- 
minus adquem mit recht das jähr 1187 festgestellt, weil das 
ganze gedieht hindurch Ackers noch in den händen der Christen 
ist. Jedenfalls ist er aber viel früher entstanden. 1 ) In den 
gleichen anschauungskreis fällt auch der Morolf und Herzog 
Ernst. Für den letzteren nehme ich mit Bartsch ans histo- 
rischen und sprachlichen gründen das achte decennium des 
12. Jahrhunderts an. Der Morolf wird von Vogt, Schaumberg 
u. a. in das letzte decennium hinabgerückt: mir scheint diese 
datierung besonders aus stilistischen und metrischen gründen 
bedenklich (cf. auch Zarncke, Litt, centralbl. 1880, nr. 40); ich 
werde an andrer stelle eine frühere abfassungszeit (bald nach 
der des Orendel) wahrscheinlich zu machen suchen. 2 ) 

Unser Oswaldgedicht gehört nun gleichfalls in diese gruppe, 
wenn es auch die charakteristischen merkraale derselben nicht 
in gleicher ausgeprägtheit aufweist, wie das nachher zu be- 
sprechende längere gedieht. Wie wir sahen, sind die reime 
nur zum vierten teile assonanzen, von denen vielleicht manche 
noch der späten Überlieferung zuzuweisen sind. Es übertrifft 
also in reimgenauigkeit bei weitem den Morolf (cf. ausg. v. 
Vogt, s. XCVII); näher steht ihm schon der Herzog Ernst, 
in dem indessen die assonanzen immer noch zahlreicher sind 
(cf. Bartsch, H. E. s. VI). Wir werden also für unser gedieht 
am besten eine abfassungszeit in der nähe des Herzog Ernst 
annehmen. 



! ) Meine ansieht darüber werde ich in meiner ausgäbe des Orendel, 
die hoffentlich noch im laufe dieses Jahres erscheinen wird, aussaftlhren 
haben. 

9 ) Dass Ackers als heidnische Stadt aufgefasst wird, kann In an- 
betracht der sonstigen geographischen und historischen Irrtümer des 
dichtere nicht gegen eine solche datierung sprechen. 



OSWALDLEGENDE. 383 

Dass freilich die darstellungsweise des dichtere im all- 
gemeinen gegenüber den vorangegangnen spielmannsepen eher 
einen rückschritt als einen fortschritt bedeutet, liegt eben an 
der unbeholfenheit seiner technik, zum teil wol auch an der 
rohheit der Überlieferung; dass aber neben grossem Ungeschick 
im versbau, der übrigens das Schema der 4 hebungen im all- 
gemeinen festhält, sich meist tadellose reinheit des reims zeigt, 
weist immerhin auf die zeit einer schon vorgeschrittneren 
kunstentwicklung. 

Das resultat dieses abschnittes ist sonach: Die gemein- 
same vorläge von W und 0, die wahrscheinlich um 
1400 entstand, hat ein gedieht aus den 70er jähren 
des 12. Jahrhunderts zur grundlage gehabt, das nach 
mündlicher Überlieferung aus einem schwankenden 
gedächtnis gedichtet wurde, und dessen heimat mög- 
licher weise am Niederrhein zu suchen ist. 



sm. 

Die handschriften dieses gedichtes zerfallen in 2 gruppen: 
S und MI. Was M und I gemeinsam haben, S gegenüber, ist 
das fehlen von 745 — 99, 6 verse nach 720, die grosse plusstelle 
nach 840, die richtige Umstellung: 1554. 1545 — 46. 1539 — 40. 
1535 — 38. 1541 — 44, ferner 4 verse nach 1790, vertauschung 
von 1807. 8., 4 verse nach 1928, das fehlen von 2145 f., ver- 
tauschung von 2191. 2 und 2195. 6, 2 verse nach 2248, fehlen 
von 2266, 2 verse nach 2488, 1 3 verse nach 2537, einige verse 
nach 2574, vertauschung von 2619. 20 und 2675. 76 und 
2719.20, 2 verse nach 2772, fehlen von 2873 f., 2 verse nach 
3156, fehlen von 3337 und viele lesarten im einzelnen. 

Dass nun M nicht aus I geflossen ist, folgt daraus, dass 
1 gegen M die ersten 385 verse in einer sehr willkürlichen 
kürzung gibt, in einigen 90 versen. Auch sonst kürzt es, z. b. 
1820—68 zu 8 versen, 2349—82 zu 6 versen. Anderseits 
kann M nicht vorläge von I gewesen sein, weil dies viele 
verse bietet, die M nicht hat (z. b. 1931 f., 2076, 2159—62, 
3032 etc.) und iu zahlreichen fällen zu S stimmt I geht also 
mit M auf eine vorläge zurück, doch nicht unmittelbar, weil, 

25* 



384 BERGEB 

wie das fehlen der verse 385 — 674 zeigt, der vorläge von I 
mehrere blätter gefehlt haben müssen. 1 ) Allerdings fehlt die 
partie 483 — 506 auch in M, doch lediglich durch abirren des 
Schreibers zu dem gleichen reim (komen : vernomon). Wir er- 
halten also das Schema: 

X 



I* 



S M 1 

M ist also die relativ vollständigste und zuverlässigste hdsehr. 
I ist die lückenhafteste. Ausser den bereits genannten vereen 
fehlen in I noch die folgenden: 1221—64. 1299 f. 1363. 1501 f. 
1601 f. 1903—10. 1976. 2260 f. 2385—96. 2411 f. 2470. 2646 f. 
2673 f. 2711 f. 3040. Dennoch hat es oft, auch wo es nicht zu 
M stimmt, das ursprüngliche erbalten, wie sich unten zeigen 
wird. Weil die Stuttgarter prosa für die textkritik nicht ohne 
wert ist, werde ich über die grundsätze der textbehandlung 
erst nachher zu sprechen haben. 

Dass nun dies gedieht in der überlieferten gestalt nicht, 
wie Ettmüller und Mone meinten, dem 12. jahrbd., sondern 
dem anfang des 15., höchstens dem ausgange des 14. angehört, 
hat bereits Bartsch in dem mehrfach angezognen aufs&ts er- 
wiesen: namentlich die debnungen kurzer Stammsilben, die 
Verletzungen der quantität im reime und die zahlreichen apo- 
kopen von e nach langer Wurzelsilbe zeigten das. Offenbar 



') Dass die blätter nicht etwa erst in I fehlen, zeigt der sehlnM 

von bl. 62 b : 

Nain sprach der piligrein 

Mir ist vmb den vogel wol knnt 

Sprach der pilgrain warmut 

Daz ez mag chain engel sein 

' Daz hab auf die trew mein 

Ez ist newr ain wilder vogel 

Wir mochten mit im w'den petragQ. 

Die letzten verse entsprechen bereits Ettm. 675—78. Bl. 63» beginnt 
dann: Nu sprach ain ander mer weib (— Ettm. 679). 



OSWALDLEGENDE. 365 

lag diesem gedieht aber wider eine ältere quelle zu gründe. 
Das zeigen folgende beobachtungen. 

1. Eine grosse zahl altertümlicher Wörter. Bartsch stellte bereits 
eine anzahl zusammen, von denen ich die wichtigsten nennen will: ge- 
brehte, geboeren, verdagen, gallne, krinzestal, lin (= balkon), magedln, 
marc, niemen, getrehte, trehttn, westerbarn, ane gewinnen. Ich füge 
diesen noch eine reihe hinzu, die sich aus der vergleichung von s er- 
geben. Was in s dafür steht, setze ich in [] bei: pflegen c. gen. 458 
[achten], degen [könig 557. vürsten 683. pilgerin 3155]. unz 815. 1069. 
1134. 3378 [biss]. harte v. 52 nach 840 in MI [ser]. erdiezen 850. 2619 
[erhallen], sich übergeben 1139 [überworffen werden], muot 1184 [willen], 
ein teil 1280 [ein wenig], hdchgemnot 1503 [hochgeborn]. übergän o. 
acc. 1813 [bezwingen. 2155 überkommen], würken 2151 [wol gemachen], 
dräte 2317 [balde]. getaete 2495 [wyse]. vaste 2540 [balde]. tougenltch 
2543 [stilliglich]. erschallen (trans.) 2617. 2620 [blasen], gewerren 2622 
[gewerden], ze leide komen 2780 [ze schaden komen]. ernern in M 4 
nach 2792 [gehelffen]. ort 2973 [spitz], vähen (= ergreifen) 2970. 3236 
[nemen]. stunt (= mal) M 3047 [mal], waenen 3036 [meynen]. zergän 
(= zu ende gehen) 3125 [geschehen], dar tragen 3244 [für tragen], sich 
abe heben 3330 [üf stan]. Bemerkenswert ist ferner, dass s für ölich 
wtp stets frouwe gebraucht. 

Einige dieser Wörter (wie lin, westerbarn, niemen, krinzestal, mage- 
dln, ernern) scheinen schon in der zweiten hälfte des 13. Jahrhunderts 
im aussterben begriffen. 

2. Berufungen auf eine schriftliche quelle. Solche, die sich in 
allen 3 hdschr. finden an der gleichen stelle, die also bereits X an- 
gehört haben, 6ind: als uns daz [tiutsche M] buoch seit 1556. 2306. 2454. 
3382, daz buoch seit uns daz vür war 1574, also tuot uns daz buoch be- 
kant 2748. Dazu kommen in M noch 2 solche stellen, in S 5. Daneben 
finden sich freilich auch berufungen auf mündliche Überlieferung: als 
wir noch hoeren sagen 114. 1382. 1436. 1525. 2842. 3272, als wir ez sit 
haben vernomen 398. 482. 506. 824. 1634. 2266 etc. 

3. Auch hier lassen sich alliterationen in grosser menge nach- 
weisen : 

0swalt in ^ngellant 5. 204. 877. 1030. 1170. 2605. al dln arebeit 
1408. 2594. 

den brief üf ärach 1350. enzwischen den bergen verborgen 1631. 
dö den träten ersach der Mlgerln 3245. der Mlgerin Miete 3258. der 
fcilgerln 60 1 3392. 

des gieuc in grö/Au. ndt zuo 20. ^otes er nie ver^az 30. got der 
^uote 112. 318. 1270. 1VJ0. 3165. bekunde ^eben 190. vor ^ot vergeben 
372. ^lt er Quoten aolt 500. bekunde ^rüezen 508. 1162. ^erne ^eben 
558. 884. 896. befunden ^ähen 663. ^eben ^erne 896. befunden ver- 
^ezzen 17S9. 1903. 3226. ^ieiic en^egene 1878. gurten umb sieh ^uldln 
sporn 2464. en^regene ^ähen 2521. 2526 ze der ^oltsmitten wasin^äch 



386 BERGER 

2537. be^rrifet in sin grimmer zorn 2687. bekunde gkn 3162. ein gkbe 
geben 3147. durch got gerne geben 3250. von got sd wirt es vergol- 
ten 3342. 

Herzogen Aöre 11. 93. 889. Aimelischer got und Aörre 41. Ain und 
Aere 52. die Aörren Aöchgemuot 111. mit den Aörren Wirtschaft Aan 
134. die harren heim 192. heimlich vor dem Aeidenischen man 247. 
Aabent nieman der in Aelfo 252. der Aeiden habe 308. er Aat von un- 
serm harren 353. nu Aoeret ir Aörren 379. der Aimelische Aeilant 393. 
669. 1211. 3069. 3167. 3313. 3337. 3439. ich Aan geAört 416. Aelfe von 
Ainnen 608. 1710. 2708. der Aät in uns Aer gesant 670, cf. 878. üf mines 
Aörren Aove 688. daz heten erAoeret 735. Aunde unde Aeidenische man 
780. von Ahmen Aeben 985. hin Aeim ze dem lieben Aörren dln 1077. 
nü Aät mir geboten der Aimelische Aerre 1171. ir Aerzogen Aöchgemuot 
1503. von der wilden Aeiden Aanden 1532. 1682. 1732. sie Aaften an 
daz Aeidenische gestat 1621. Aßrre daz Aaben wir 1254. daz er si 
Aaete in sfner Auot und si beAuote vor den Aeiden 1716 f. der 
Aeiden wolt mich haben erAangeu 1750. ininem Aerren ich niht geAelfen 
kan 1784 — 1800. mit mines ASrren Aunden 1794. under daz Aere hin 
erAal 1830. ein Aundert Aelde guot 2007. ze sinem Aerren sft zeAant 
2029. Aeide daz Aabe üf a\ min Sre 2200. min Airz üf einem Aoubete 
2284. sine Aeiden mit ir Aunden werdens gen dem Airze kö- 
rnen 2293. Agrre got nu gip mir Aeil 2310. und habest den Airz inne 
gemachet Aol 2336. die Aeiden Aöchgeborn 2365. die Aütten lies e na 
alle stän und Auuben sich nü bald dar van 2561 f. den erAdrten 
die Aörren 2624. die Aörren under den Aeiden 2625. wir Aaben geAört das 
Aorn 2627. und Ailf mir mit gren Ain von den Aeidenischen 
harren 2724. den Aeideu lac ez Aerte 2739. daz sie Aer nach uns 
Aabent getan, des muoz sie Aarte geriuwen 2783. sie Äiwen 
durch die Aelme 2S27. in der Aeizen Aelle gründe 2936. der Aeiden 
Aörre 3018. einer Ain der ander Aer 3228. ich verAiez dem Aimelischen 
vürsten 3307. einen Airz muoz er Aaben 1114. 1342. 

Der Aemerlinc /ram 468. diu Ann st was im wol be&ant 536. 14U5. 
2300. kein Aurzwil ich /ran 686. von dem /roch und von dem /rellaere 
1787, cf. 1897. so waere der Aristen Aeiner Aouuen heim 2666. ernennen 
Aunde 315s. 

Nu /iez er niht be/iben 79. und /äzet niht lenger be/iben 569, 
cf. 579. 2237. 1419. daz /eben ver/iesen 718. 936. 1048. 1658. 1736. 1776. 
2678. 268s. H760. 2824. 2845. Zip unde /eben S46. S55. 944. 1614. ich 
/äze in zwar niht lenger /eben 965, cf. 979. des be/eip ich bt dem 
/ebene min 1754. du lebest niht /enger 3417. 

von dem muten //tan 3. der milte got müeze 18b. sin genOz niene 
164. 176. nieman ir genöz 234. ziiemer läzen genesen 1752. nieman 
wani 1554. 

raten rehte. 14s. der rabe ist redende worden 355. 369. der 
rabe entrunnen was 741, cf. 746. reite wider sich selben der rabe 811. 



OSWALDLEGENDE. 387 

dö der rabe die rede erhörte 1221. din rede dfthte den raben smaehe 
1279. also reite der engel zuo dem raben 1807. 

* Daz er die stne zesamene brachte 78. sie besorgeten an den selben 
stunden 163. daz soY got selber 322. mit einer stdiner snuoren 578. 
1073. mit allen stnen sinnen 709. 927. stt ich dir daz sagen sol 1168. 
daz solt du sagen 1278. sflc und sfr&ze 1733. üf einen segelboum er 
saz 1827. singen oder sagen 2154. dö er die sine vor im sach 2271. 
unz an den sibenden selben morgen 2303. an ein sidinez seil 2309. 
sterker sfrit 2S02. solten wir also sorgen 3071. solt du sehen 3336. 
des sult ir sicher ßln 3463. 

Mit friuwcn der ich iu ge/rouwe 151. nü luo ez durh die friuwe 
din 2422. sie friben in von dem fische 3227. 

Im enttriel daz ringerlin 1146, cf. 1148. ein irisch daz vingerlln 
1210. daz ringe rlin tmorte 1212. das tringerltn er von dem tusche en- 
phie 1216. werder vürste vtt 1347. Zwar ez sint fremde geste her 
komen vtir die veste 2089. sie falten die zeigen (so ist wol 2828 
herzustellen, denn 'die töten* ist sinnlos). 

waz ir wellet 120. ir wizzet wol 153. Ich /dl dir die botschaft 
werben 425. 1935. daz wil ich dir vür war sagen 447, cf. 476. diu rvlle 
werte 467. 929. 1389. 1637. wan ich wil in enwec senden 518. werden 
min wip 598, cf. 1036. üz dem wilden mer gewahsen was 636. wan ez 
ist niwan ein wilder vogel, wir mühten wol mit im werden 
betrogen 677 f. und wil werben 765. wol bewarn 1092. 1320.2218. ich 
wolte werben minem hörren nach wirden 1179 f. sie welle ob got 
wil gerne werden din wfp 1314. wil sie werden 1315. die würcket 
mir durch den willen mtn 1402. und waer sin tohter niht gewesen 1751. 
ich wolte daz wir waeren 2252. wolte ich dir die wärheit 2132. in was 
vil wol gelungen 2499. da was ouch gröziu wünne 2742. waerlfch das 
habe ich wol vernomen 2675. wän si wistun selbe wie 2738. wir wer- 
den nü bestanden mit werllchen handen 2767 f. waerltch die 
wilden haiden 2279. wunden wlt 2822. sie würfen daz wazzer 3047. 
wil ich willecllchen wallen 3372, cf. 3376. daz wil ich dir allez wider- 
geben 3415. der wolte sich verwegen 3447. 

Zwischen zwo zinnen 776. — Auch hier haben sich also eine ganze 
anzahl alliterierender langzeilen noch nachweisen lassen. 

4. Ein zeichen von altertümlichkeit ist auch die construction anb 
xoivov, die sich nicht selten findet. Z. b. 

736 ff. sie sprächen: nu sin wir alle betoeret 
von dem listigen vogel 
sin wir alle sament betrogen. 

1775 ff. körnest du in niht ze helfe in kurzer vrist, 
so verliesent sie ir leben, als vil ir ist 
undc weiden t alle erslagen, 
swenne si dlner helfe niht mugent gehaben. 



388 BERGER 

2717 ff. Swes er durch dlnen willen gert, 
hörre got, des wirt er alles gewert, 
swes er mich durch dinen willen ermant, 
und baete er mich umbe bürge und lant 

M bl. 5 *> z. 5 ff. Dir ist doch wol chunt 

Wie der haiden sei genant 
Das ist dir doch wol bechant. 

521» z. 27 ff. Er war schon cze tisch gesessen 
Mit seinen helden gut 
Sas cze tisch der hochgemut. 

I bl. 81* z. 11 ff. pald hiez er tragen here 

Semel vnd gutten wein 
Gab er dem lieben raben sein 

105 b z . 2 ff. Mein her ist hie zu land 

Mit mangem werden ritter gut 

Hat er bracht über des wilden mers flüt. 

5. Altertümlich sind auch Wendungen wie: die rede lat beltben 674. 
ich kan dirz lenger niht verdagen 2201. 2087 u. 0. in aller der geteate 
(gebaere) 2495 u. ö\ er wolte niht erlän u. a. m. 

Das uns vorliegende gedieht ist also Überarbeitung eines 
älteren. Es fragt sieb, in welche zeit wir dieses zu setzen 
haben. Das vorkommen einiger archaistischer Wörter nötigte 
uns, den ausgang des 13. Jahrhunderts als spätesten abfassungs- 
termin anzunehmen. Eben dahin weisen die unreinen reime» 
etwas mehr als die hälfte aller reimpaare sind assonanzen. 
Dass sich auch im Wortschatz kein einziges element findet, 
das spezifisch dem 12. jahrh. zuzuweisen ist. hat bereits Bartseh 
gezeigt. Mir ist auch die lockere, zuweilen ans frivole strei- 
fende darstellung für das 12. jahrh. unwahrseheinlich. Man 
kann dagegen einwenden, dass der gegensatz von Wunder- 
glauben und dessen Verspottung, von sittlicher strenge und 
laxer moral, von kirchlichem aberglauben und ironischer zweifel- 
sucht von jeher bestanden habe. Das ist gewiss zuzugeben, 
doch im ganzen 12. jahrhdt. — man denke nun an einen 
Heinrich von Melk, einen Archipocta oder an die derben spftsse 
eines Morolf — ist die satire lediglich gegen die sittenlosigkeit 
und die socialen missstände in der geistlichkeit gerichtet, und 
wird auch dieser zuweilen übel mitgespielt: nirgends findet sieh 
doch eine so kecke Verhöhnung der wunder der legende oder 
gar ein herabziehen der persönlichkeit des heilandes selbst in 



OSWALDLEGENDE. 389 

die Sphäre niedrigster komik, wie hier. Derartiges läset sich 
mit dem strengeren geiste und der gesunderen gemtttsart des 
12. Jahrhunderts schlechterdings nicht vereinigen. 

Dennoch ist mir unzweifelhaft, dass das original auch 
dieser gruppe ins 12. Jahrhundert zu setzen ist, wie ich gleich 
zeigen werde. Scenen, wie die eben charakterisierten sind also 
als spielmännische zutaten einer späteren zeit anzusehen. 

Eine derartige regellosigkeit des versbaus, wie sie unser 
gedieht zeigt, ist im 13. Jahrhundert undenkbar. Ich werde 
später auf diesen punkt zurückkommen. Dazu kommen aber 
andre momente. Wir finden dieselbe Unkenntnis höfischer 
sitten, höfischer kostbarkeiten, höfischen frauendienstes, wie in 
WO. Das wort 'minnen' kommt zwar vor (M 320. 323), doch 
— sehr bezeichnend — nur im sinne des beilagers. Auch 
hier wird der kämpf noch zu fuss mit dem schwort geführt. 
Ebenso charakteristisch ist, dass Oswald seinen mannen vor 
der fahrt erst 'riehen solt' verheisst. Ueberhaupt findet sich 
keine spur von einer ausbildung ritterlichen ehrgefühls. Dass 
die königinnen mit ihren frauen während des Jagens auf der 
zinne stehen, ist ebenfalls nicht höfischer brauch. Auch hier 
gilt als anrede allgemein noch 'du'. Nur Oswald wird zu- 
weilen mit 'ir' angeredet (175. 568. 1606. 1651. 2220), hie und 
da auch geringere personen, wie der goldschmied (487. 1393) 
und der kämmerer (495). Von spezifisch höfischen Worten 
ist nur 'harnasch' zu nennen, das einige male vorkommt (1442. 
1712). 

Der wichtigste beweis aber liegt in der nahen verwant- 
schaft unsres gedientes mit den rheinischen spielmannsgedichten 
des 12. Jahrhunderts. Abgesehen von der gleiehheit der stoff- 
lichen grundlage (erwerbung einer braut jenseits des meeres 
und der kämpf um sie), zeigen alle auch in den einzelmotiven 
auffallende ähnlichkeiten. Auf einige züge, die unser gedieht 
mit dem Orendel teilt, hat bereits £. H. Meyer (Zs. f. d. a. XII, 
394 f.) hingewiesen. In beiden tritt der waller Tragemunt 
auf, in beiden ziehen die beiden mit 72 schiffen auf braut- 
werbung aus. Zwölf goldschmiede schmieden im Orendel 
goldne Sporen, im Oswald goldne kreuze. 1 ) Oswald ruft 12 



') Hier hat wul Orendel das ursprüngliche. Die freiwillig mit- 



390 



BEBGER 



könige zusammen, Orendel 8, beide versprechen ihren mannen 
vor der fahrt sold und lassen sie die kreuze an den rocken 
befestigen bez. die goldnen sporen anlegen. Die helden beider 
gedichte leben auf himmlische Weisung keusch, beiden kündet 
ein engel an, dass sie bald nach der Vermählung sterben wer- 
den (Orendel nach einem halben jähr, Oswald nach zwei 
jahren). Engel führen beider seelen ins himmelreioh. Die 
losung: taufe oder tod wird in beiden gedieh ten mit gleicher 
entschieden heit gestellt. Orend. 102 und Osw. 3003 werden 
'niun klafter' als längenmass verwant, 'zwelf wochen 1 und ein 
jär im Osw. 2246 entspricht Orend. 3908: zwen tag und ein 
halbs jor. Auch die Zahlenangaben zeigen auffallende be- 
rührungen. Dazu kommen Übereinstimmungen im ausdruck. 
Zu Osw. 197 f.: der was geheizen Wärmunt, zwei und sibenzic 
lant wären im kunt cf. Orend. 115 f.: Er was geheissen Träge- 
rn unt, im worent zwei und sübenzig konnigreich kunt Zu 
Osw. 8 f.: dem dienten vriuntlichen zwelf künicriche of. Orend. 
172 f.: Über zwölff künigreichen was er ain herre reicher (so 
in D). Zu Osw. 574: Din schoenste ob allen wiben cf. Orend. 
229 und viel öfter. Zu Osw. 776 ff.: er dö saz üf die bure- 
müren, dö begunde er sich vröuwen uude trüren cf. Orend. 
847 f.: Er begund sere truren, er sas zu Jerusalem zu der 
burgmuren. Ferner 



Orend. 1549 ff. 
Man riech te dem heren dar ein tisch 
MaD trug jm dar fleisch und fisch 
Man gab jra alles des genug 
Das man uff ertrich je getrng, 
Von brot und ouch von wine 
Und onch manger hant spisc, 
Man gab jm wildes und zam, 
So man es beste mochte han. 
Cf. auch Orend. 3491 ff. 

Orend. 2559 f. 
Kunig Eiern e liesz es nit bliben, 
Er hiesz brieffe schriben. 



Osw. 125 ff. 
er saztes schön zc tische, 
er gap in braten, vi sc he, 
er gap in semelen unde guoten wtn 
unde swaz da zames moht gestn; 
er gap in zamez und wiltpraet 
guote spfse also wol bereit 
der allerbesten sptse genuoc, 
so mans vlir hörren ie truoc. 

■ 

Osw. 79 f. 
Nune liez er niht belfben 
er hiez im brievc schriben. 
cf. 579. 2237. 



ziehenden mannen legen zum zeichen ihrer ritterlichen mitwirkung 
goldne spuren an. Der dichter des Oswald deutet die expodition in 
einen kreuzzug um und setzt für die goldnen sporen goldne kreute ein. 



OSWALDLEGENDE. 



391 



Orend. 2902. 
Der jm nutzer sy uff des meres trän 

Orend. 2987 f. 
Ir encker sy do usz schassen t, 
Gegen einander sy do Aussen t. 

Orend. 2629 f. u. ö. 
Er gab dem bertzouwen einen 

schlag, 
Das er vor jui uff der erden gelag. 

Orend. 1055 f. 
Er wapnet sich mit grimme 
In die harten stehein ringe. 



Usw. 351. 
er ist dir nutzer über mer. 

Osw. 1567 f. 2568 f. 
Die anker sie üz schuzzen, 
Vroellchen si vorne gestade vluzzen. 

Osw. 3299 f. 
Dem dritten gab er einen unge- 

viiegen slac, 
daz er gestrecket vor im lac. 

Osw. 2635 f. 
Sie bereitten sich mit grimme 
in ir staelfne ringe. 



Dazu kommen zahlreiche widerkehrende formein, wie: do hiez 
er balde springen : bringen; dannen gienc er diäte : kemenäte; 
nu muget ir hoeren wie er sprach etc. 

Ebenso begegnen im König Rother manche verwante 
züge: der vater der Jungfrau, die Rother erwerben will, tötet 
jeden freier (cf. Osw. 311); wie im Oswald der rabe wird im 
Rother Lupolt als werbebote abgeschickt; Rother wie Oswald 
geben sich bei der landung nicht zu erkennen, beide halten 
ihr heer verborgen; die alte königin teilt den zorn ihres gatten 
über die entführung der tochter nicht (cf. Osw. 2592 ff.); beide 
helden mit ihren gattinnen entsagen der weit. Der parallelen 
im ausdruck sind indes nur sehr wenige, so dass ich sie bei 
seite lassen kann. 

Auch aus dem Morolf lässt sich einiges zur vergleichung 
herbeiziehen: Morolf als pilger wird mit kutte und palmzweig 
dargestellt, wie in unserm gedieht Wärmunt (203. Cf. übrigens 
Mhd. wb. II, 1. 461 b ), in beiden gedichten spielt das meerweib 
eine rolle, ebenso ein wunderbares hörn; der kämmerer, der 
an Morolfs krankheit zweifelt findet sich in MI (nach 840) 
wider, wo er gegen die angaben des raben bedenken äussert; 
Morolf selbst ist in jeder beziehung ein würdiges seitenstück 
unsres raben. Die zahlreichen berührungen im ausdruck «ind 
bereits in Vogts ausgäbe in den anmerkungen zusammen- 
getragen. 

Mit dem Brandan hat unser gedieht den possenhaften zug 
und viele ausdrucksfornien gemein, die zum grössten teil 
Schroeder im commentar seiner ausgäbe des Brandan ver- 



392 BERGER 

zeichnet hat. Auch der einsiedler auf der klippe, das meer- 
weib, sowie das motiv des unerlaubten Umgangs zwischen 
vater und tocbter, was an die (ebenfalls niederrheinische) 
Albinuslegende erinnert, kehrt im Brandan wider. In der 
Crescentia, sogar in den etwas späteren österreichischen spiel- 
mannsgedichten Biterolf und Laurin finden sich ebenfalls 
mancherlei analogieen, die ich indes hier nicht weiter ver- 
folgen will. 1 ) Jedenfalls ist sicher, dass unser Oswaldgedicht 
ganz in demselben anschauungskreise steht und nach derselben 
technischen Schablone gearbeitet ist, wie die rheinischen spiel- 
mannsgedichte des 12. Jahrhunderts. Dazu würde passen, dass 
man im Oswald niederrheinische reime finden wollte (gröz : bot 
121, doch cf. M : göz; stän : van, doch ist das auch obd.; er- 
sehn ck et e : blickete für erschrach : sach), aber darauf ist nichts 
zu geben. Dennoch bleibt der Niederrhein als heimat des 
Originals gewiss. 

Bevor ich mich zur darlegung der einzelzttge wende, 
werde ich erst über das Verhältnis der Stuttgarter prosa zu 
unserm gedichte zu sprechen haben. 



s. 

Eine ausführliche beschreibung dieser hdschr. gab Edzardi 
(Germ. XX, 190 f.). Sie gehörte dem franziskanerkloster Rente 
unweit Stuttgart. Der dialekt stimmt durchaus zu jener gegend; 
auch das anlautende d in 'dag', 'dochter ' etc. widerspricht dem 
nicht, wie Edzardi meint (cf. AI. gr. § 1 79). 

Diese prosa nun folgt dem eben besprochnen gedieht fast 
zeile für zeile, zuweilen sogar mit beibehaltung der poetischen 
Wortstellung. Da sie überall, wo sie reime zeigt, die unsres 
gedichts hat, und, nach Edzardis angäbe, sehr häufig die Wort- 
folge des gedichtes geschrieben und erst dann in die prosaische 
umgeändert bat, so muss sie auch aus einer hdschr. des letz- 
teren abgeschrieben sein. Eine nähere betrachtung lehrt aber, 
dass sie zu MI, nicht zu S zu stellen ist, denn es fehlen ihr mit 
MI die versc 483—506, 745—98, 2145 f., 2395 f., 2873 f. und 



*) Das verhältniö zum Otnit hat Alune dargelegt in seinem Anzeiger 
IV, 411 ff. 



OSWALDLEGENDE. 393 

3357. Gemeinsam mit MI sind ihr ferner die plusstellen nach " 
720, 840, 1790, 2538, 2772 u. a. 

Es könnte demnach scheinen als sei s aus M oder I ab- 
geschrieben. Doch das ist unmöglich, weil es mit I nicht die 
vielen kürzungen teilt (cf. s. 383), sondern an solchen stellen 
wörtlich S und M folgt. Andrerseits stimmt es in vielen les- 
arten zu S gegen M und I. Ich gebe im folgenden ein Ver- 
zeichnis von lesarten einer oder mehrerer gedichthdschrr., die 
durch s bestätigt werden. 

Durch s bestätigte lesarten in S: bilgertn 196, wallaere M. 
edeler, eilender M. — getrehte 31 bestätigt durch träntet, gerehte M. — 
der himelische vürste guot 591, d. h. heilant M, fehlt I. — üz dem mer 
710, fehlt MI. — bringen 804, br. inne MI. — trinken unde ezzen 826, 
iuch neiden iuwer (daz I) ezzen MI. — mit einer stimme gröz 849, ein 
st. gr. MI. — Kost und ouch guot gewant 1111, MI weichen ab. — Also 
1227, Dd M, fehlt I. — Und wellent gewinnen an 2110, Sint dir gewon- 
nen an bessern MI des reims wegen. — wirdecliche 2170, gar w. ML — 
sant 2249, fehlt MI. — wider 2258, fehlt MI. — Nu 2263, Daz MI, was 
auch ursprünglich in s gestanden hat (cf. Germ. XXI, 183 anm.). — sfnem 
2584, dem MI. — 2353 f., in M vertauscht, I weicht ab. — Und 2423, fehlt 
MI. — Hebe mir [üf] 2424, habe mir M, tuo umbe I. — nam 2444, hete 
genomen MI. — üf geworfen haete 2496, MI weichen ab. — michel 2554, 
vroelich MI. — allen 2558, fehlt MI. — Und vrägten 2645, Nu vragten 
sie MI. — zuokunft 2858, kunst M, kunft I. — erman 2892, 'man MI. — 
Und 2920, fehlt MI. — dd 3103, fehlt ML — mit gäbe 3115, mit grözer 
g. MI. — ouch 3133, fehlt MI. — zuo der driten schar 3148, an die d. 
seh. MI. — kint 3186, kindelin ML — von 3227, vor MI. — vür 3255, 
her MI. — Daz 3260, So Ml. — diner 3416, der MI. — iu 3428, dir ML 

— nieman 3431, n. möre MI. — Ferner fehlen in S und ß die verse 940 
(von Etlm. eingesch.), 2 verse nach 1022, 2 nach 2248, 13 nach 2538. 

Durch s bestätigte lesarten in M: nach sinem rehte 108 be- 
stätigt durch nach s. gesiebte, S ändert, I kommt nicht in betracht. — 
Je einer den andern 162, S weicht ab. — über mfn rfch 222, und mtnem r. 
S. — Wes ir ze muote waere 262, Ob ir muot zuo mir w. S. — stn 
stiure 277, selbe S. — Hörre merk waz ich dir sage 418, Nu merket was 
ich iu s. S. — zwölf marc von golde röt 561, S weicht ab. — zehen tac 
632, unz an den zehenden tac S. - betwungen 638, benomen S. — 
varende 698, vremde SI. — in den sal 812, in d. ß. herabe S, verzaget I. 

— bröt v. 45 der plusstelle nach 840, braten I. — Leb nur äne sorgen 
v. 48 dieser plusstelle, I weicht ab. — werden man 892, biderman SI. — 
Schiefen sich 1570, Schifften SI. — geleit 2001, erhaben SI. — dem hir- 
zen min 2278, fehlt SI. — her 2210, in daz lant S, fehlt I. — Als sie 
der hirz 2284, A. s. min h. I, wan mirs min h. S. — üz 2605, in SI. — 
Nu muoz ez in an ir leben gän 2784, Des muoz sie harte geriuwen S, fehlt I. 



394 BERGER 

— begunden smeln 2820, beg. mindern S, machten minder I. — zwOn 
und flinfzec 3042, zwen und sibenzic SI. — samt 3415, fehlt Sf. 

Durch s bestätigte lesarten in I: üf den tisch 821, dar SM. 

— Er sprach: Sit du mtnen harren kennest wol 1174, Er spr. s. d. mich 
k. w. M, S weicht .ib. — Er sprach nü dank 1270, Nu dank M, Er sprach 
ze im dank S. — beste 1272, fehlt SM. — lieber 1294, fehlt SM. — edelen 
1505, fehlt S, in M lücke. — nü fehlt 1527. — swinen in den versen 
nach 1790, verkelin M. — üz einem vremden lant 2097, üz vremden lan- 
den M, üz vremdem lant S. — vater fehlt 2152. — wilkomen 2189, willeo 
k. M, gotwilk. S. — den meistern schrlben 2238, d. m. brieve sehr. S, 
im br. sehr. M. — in ir herberge fehlt 2240. — Dö 2249, Nü SM. — ich 
2286, er SM. — dem hiraen 2287, neben d. h. SM. — mit ir hunden fehlt 
2293. In M lücke. — tac unde naht 2302, [den M] tag and ouch die 
naht SM. — dö an fehlt 2308. — Mit den 2418, Damit SM. - gestän 
2431, bestan SM. — üf 24S4, an SM. — Diu fehlt 2598. — Mit allem 
stnem gesinde 2608, M. allen sfnen sinnen SM. — Daz erhörten die lande» 
hörren 2621, D. erh. sfne 1. S, Daz ez erh. die 1. M. — Zuo in nimen 
sie ir dienstmann 2629, Zuo im nam er sin d. M, zime ermant er s. d. S. 

— Und machten den heiden arebeit 2818, Und pruoften d. h. a. M, Sie 
brahten die h. in gröze klage S. — einem fehlt 2863. — Und warfen 
des wazzers dristnnt 3047, drfstunt fehlt M, Ir dri würfen daz wssser 8. 

— Dö sprach sant Oswalt 3055, D. sp. der milte kttnic [sant S] Oswalt 
SM. — heiden fehlt 3057. — Kam er vroelfch heim in Engellant 3110. 
E. er v. gen E. M, Vuor er v. g. IC. S. — balde fehlt 3213. — nam es 
war 3230, begunde des nemen w. SM. — Da solt du sitzen 3239, da solt 
s. SM. — Den ersach 3245, Daz ers. M, Dö den braten ersach S. — un- 
gevüegen fehlt 3299. — gebot 3392, bot SM. — Daz solta nü [künden 
unde] sagen 3398, Daz soltu mich wizzen län M, S weicht ab. — 
3409 fehlt. 

Durch s bestätigte lesarten in MI: kurzwll uns eines 680, 
S weicht ab. — Hat mich her zuo dir gesant 878, Der hat m. h. ges. 8. — 
heiden 905, heiden S. — wünneclfchen 942, minneclfchen S. — wirde 970, 
triwe S. — wol 989, fehlt S. — Ich gaebe dir ez 1000, Daz gaebe ich dir 6 & 

— erlöst 1014, löste S. — an lfbe 1055, an dfnem 1. S. — Jesum 1088, 
fehlt S. — Min helfe sol im unverzigen sfn 1124, Mfner h. der sol er 
u. s. S. — Und vlouc hin in daz lant [schöne] ze dem [riehen] kttnee 
Aröne 1181 f., Und ich vlouc seh. in daz lant zAaröne S. — lebendiges 
1197, almehtigen S. — liebe 1203, fehlt S. — deheine rede 1283, min 
rede S. — Ir sult mir 1285, Oder aber ir heizet mir S. — das inaigel 
1350, den brief S. — Daz wil ich [iu] sagen [rehte] 1468, Das ich in 
sagen wil, daz merket rehte S. — ouch fehlt 1519. — Nü fehlt 1631. — 
achtzehen 1549, sibenzehen S. — lägen 1589, wären S. — herre fehlt 
1600. — genäde 1893, guot gemach S. — pfründe 1900, sptse S. — und 
in daz mer irdrenken fehlt 1913. — Und all diu weit 2000, alles S. — 
Und wer in danne vräge 2017, Und ob in ieman vraget S. — geTaren 
2138, komen S. — erzeig 2140, enbiut S. — Selber wol einer guldtner 



OSWALDLEGENDE. 395 

kröne 2150, Einer schoener guldtner kr. S. — dem 2156, stoem S. — 
BÖ fehlt 2152. — dtnen — so 2110, fehlt S. — Und fehlt 2239. — ouch 
fehlt 2241. — ganzes fehlt 2246. — wir waeren da heime in Engellant 
2252, daz wir w. in E. S. — Dö 2265, Und 8. — vier fehlt 2278. — 
innen hol 2278, vonvinem golt 8. — also fehlt 2290. — • widere fehlt 
2292. — selben fehlt 2303. — Dö 2305, Und S. schöne fehlt. — widere 
2314, herwidere S. — under daz her 2401, über den bere S. — Und 2417, 
fehlt 8. — vil fehlt 2421. — denne fehlt 2436. — Rente fehlt 2458. — 
namen war 2478, luogten S. — Die stolzen juncvrouwen 2497, diu junge 
künigtn mit ir j. 8. — vil fehlt 2499. — baz 2504, fehlt S. — gezelt 
2508, zeit S. — üf der goltsmitten 2510, üf einem segelboam 8. — balde 
2526, schöne 8. — Daz 2557, Dö 8. — vil fehlt 2573. — vierdehalb- 
hnndert 2730, vierhundert 8. — zwar fehlt 2609. — dem hörren 2632, 
ime S. — als ein wilder ber 2813, als ein biderber hörre S. — under- 
giengen 2851, ergiengen 8. — niunde 3184, zehenS. — vil fehlt 2671. — 
erschrac 2679, erschricket 8. — geschehen also fehlt 2683. — griwelfchen 
fehlt 2728. — wan fehlt 2781. — der künigtn 2850, der juncvrowen 8. 
— Zuo ir fehlt 2860. — Nu hat mtn got wol die craft 2872, Und daz 
durch mfnes gotes c. S. — wan fehlt 2913. — Erst 2930, fehlt S. — 
niht 2934, nimmer möre S. — Oienc hin üf die stein want 2968, Der er- 
Bach die st. 8. — Daz dise heidenischen hörren In dtnem namen [alle M] 
cristen werden 2983 f., S weicht ab. — einer 3003, niun S. — ganz 3071, 
fehlt S. — dar zuo 3105 fehlt. — Wie, nft fehlen 3112. — sibenden tac 
3121, sunnentac 8. — nider 3141, fehlt S. — niun stunt 3156, sehen 
mal 8. — So heiz ich dir 3240, Ich heize dir 8. — Und 3246, Er S. — 
vil edeler vtirste fehlt 3259. — twehel 3269, tischtuoch 8. — darzuo 
fehlt 3270. — guotem fehlt 3273. — aber fehlt 3275. — Di sol man sie 
zuo einem altartuoch haben 3278, S weicht ab. — Dö 3330, Nu 8. — 
Und 3332, Er S. — Und fehlt 3339. — das die fehlen 3340. — so fehlt 
3342. — edel fehlt 3347. — Bilgertn ich gibe sie dir 3354, Nu gib ich 
dirs S. — Vrouwe 3358, Zwar 8. — lieben 3359, fehlt 8. — gieno 3364, 
kam 8. — vaste fehlt 3381. — gerne 3393, niht ungerne 8. — edele 
fehlt 3399. — rehte gerne 3400, von herzen gerne 8. — lebendige 3408, 
almehtige S. — wilden fehlt 3412. — alsamt 3413, allez schöne 8. — 
dfne fehlt 3414. — Daz himelrfch 3428, Diu himelische kröne S. — Rieh- 
tuom 3375, Rihtunge S. — nam er urloup 3379, huop er sich 8. — vastet 
813, vähet S. — lihte 814, fehlt S. — er 815, sie 8. — gesagen 844, ver- 
daten S. — Du wellest 845, ir wellet S. — wolte 847, wil 8. — dir 847, 
iu 8. — sfn 853, fehlt 8. — Nein lieber 971, herzelieber 8. — von der 
veste 1132, von dannen vaste S. — zehenden 1134, zweinzigösten 8. — 
borgen der zuht dfn 2130 bestätigt durch zuht phlegen, berttgen den 
zorn dtn S. — Dö sie der beide ansach 2187, Dö er die beiden ansach 
8. — Gemeinsam mit MI hat ferner s die vertausohungen der verse 
1619 f., 2191 f., 2195 f. 

Durch s bestätigte lesarten in MS: wlser 349, werder I. — 
ganzez 352, grözez L — dester baz 692, wol I. — enboten 848, geboten 



396 BERGER 

I. — höchgelopten 883, höchgeporn I. — geben 884, I bessert des 
reime wegen degen : verwegen. — redet 910, gat I. — in Engellsat 1220, 
I weicht ab. — libes 1327, lebens I. — vroelich 1521, gerne I. — als ob 
1581, sam I. — phlägen 1901, täten I. - SO wolt ich dich 1926, Ich wil 
dich I. — unserm 3204, fehlt I. — verzern 2259, verzfhen I. — küni- 
ginne 2267, junge k. I. — decke 22S6, tuoch I. — an den 2289, dem I. 

— diu porte 2295 bestätigt durch daz tor, der portenaere I. — alten 
2416, fehlt I. — üf ir houbet 2440, I weicht ab. — alle 2546, fehlt I. — 
Wie daz er vroelich komen waere 2550, Wie d. diu künigtn k. w. L — 
rfcher 2580, fehlt I. — hirz 2590, fehlt I. — sin und drt juncvrouwen 
2599, diu schoeniu juncvrouwe I. — ze boten 2195, fehlt I. — die crislen 
2686, I hat ursprünglich 'die' geschrieben und es dann gestrichen; um 
den vers zu kürzen schreibt es 'wir'. — Dö 2727 fehlt I. — Aber 2740, 
fehlt I. — wert iuch 2766, bewart iuch I. — uns 2783, fehlt I. — iemer 
2912, nü I. — Und nemen schaden 3079, I weicht ab. — mit dem an- 
dern töde 3084, mit einander I. — getouften 3089, fehlt I. — Mute 3179, 
fehlt I. — den köpf 3266, in I. — herwider 3196, fehlt 1. — zezcen und 
ze trinken 3214, ze tische I. — Daz 3223, Dö I. — dfnem 3261, dem I. 

— zuhten 3290, rouften I. — einen . zuo den 3296, die . an die I. — hin 
3281, fehlt I. — lenger 3417, mö I. — diu 3442, fehlt I. 

Durch s bestätigte lesarten in SI: gotwilkomen 2857, wil- 
komen M. — verhiez 3138, hßte verheizen M. — Ausserdem hat auch s 
die in M fehlenden verse 284, 609—12, 925, 1141 f., 1505 f., 1620, 2049 f., 
2584, 3032. Zu SI stimmt auch das fehlen von 2 versen nach 1022, die 
M bietet. 

Es läset 8i ch ,au8 dieser Zusammenstellung ersehen, dass 
s mit der gruppe MI eng verwant ist; da aber in vielen fällen 
sich Übereinstimmung mit S gezeigt bat, kann s nicht auf die 
vorläge von M und I, sondern nur auf deren quelle zurück- 
geben. Das oben gegebne schematische bild wäre also so zu 
modificieren: 



Ml* 



S s M I 

Daraus folgt für die textbehandlung, dass, wo alle 3 oder auch 
2 hdschrr. (natürlich nur SM oder SI) übereinstimmen, a nicht 
in betracht zu ziehen ist; wo alle 3 hdschrr. verschiedenes 
bieten, ist stets der zu folgen, die zu s stimmt. 



OSWALDLEGENDE. 397 

In manchen fällen steht s ganz allein und hat hier auch 
zuweilen ursprüngliches bewahrt. Z. b.: 

2131 bat S: und woltest du mir ez . . . 

bö wolte ich dir die warheit sagen. 
M: und woldest du mir ez gelouben 

bö wolde ich dir die warheit sagen 
I: woldest du ez gelouben mir 

so wolt ich die warheit sagen dir 
s: wolltestu mir es nit vor Übel han, 
jch wolt dir die warheit sagen. 

Offenbar ist 'haben : sagen* das ursprüngliche: hier wäre also 
die lesart von s in den text zu setzen. Ebenso 1449 

S: er hete sich selben garwet kreftenclfche 
M: er hete sie besament kr. 
I : er hete sich besament kr. 
s: er hatt sie so krefftiglich besant. 

Wie das 'sich* in S und I zeigt, ist 'sich besenden ' (= sich 
rüsten) das richtige. 

s hat nichts wesentliches ausgelassen; nur manches kürzer 
zusammeDgefasst (so 1350 — 1450 zu 15 zeilen, 1637 — 48 zu 
3 zeilen, 1660 — 80 zu 5 zeilen etc.), dagegen einiges selbst 
hinzugesetzt; so heisst es von dem pilger Wärmunt: 'aber 
etliche bticher sagen es were ein enger, das stimmt zu z 44,21; 
jglichen nach siner wirdikeit* entspricht b 468, 22; 'Do was 
künig Oswalt trüerig dz jm die h'ren keyn königin mochten 
gezeigen, die für in were* erinnert an b 469, 6. Es könnte also 
scheinen, als hätte der bearbeiter mehrere quellen vor sich ge- 
habt, doch der anhaltspunkte sind zu wenige.' Er könnte diese 
worte aus der erinnerung oder eignem gutdünken hinzugefügt 
haben. Der eignen zutaten sind nur wenige und geringfügige 
(so in den versen 1725—38, 1963, 2310 u. s. w.). 

Ich gehe nun zur darstellung der einzelzüge über und 
hoffe dabei von der 'durchweg ernsten haltung', dem 'schlichten 
innigen volkston', die Zingerle hier 'oft sehr ansprechen* (s. 38) 
das gerade gegenteil zeigen zu können. 

Gleich im eingange wird der himmel in bewegung gesetzt: 
Oswald empfängt den rat, sich zu vermählen, nicht von seinen 
mannen, sondern von einem engel, der ihm empfiehlt, zur Wäh- 
rung des Christenglaubens in die heidenschaft zu fahren und 

Beiträge zur geBchichte der deutschen spraoho. XI. 26 



398 BERGER 

eine heidnische königin heimzuführen. Bei dem feste, das 
Oswald nun seinen mannen gibt, wird natürlich bloss gegessen 
und getrunken. Dem pilger Wärmunt, der ihn auf die schöne 
Paimg, Aarons tochter und heimliche christin, anfmerksam 
macht, verspricht er gleich ein herzogtum, wenn er die Wer- 
bung übernehmen wolle. Dieser lehnt es aber ab, da der 
heide, der später seine tochter selbst heiraten will, jeden werber 
umbringt und schlägt an seiner statt den raben vor, der plötz- 
lich redend geworden sei. Der rabe sitzt aber auf einem 
hohen türm, es bedarf erst himmlischer hilfe, ihn herbeizuholen. 
Der rabe ist hellsehend, er weiss bereits alles und erklärt sich 
zur botschaft bereit, doch will er zuvor mit gold und kröne 
geschmückt werden, damit er von den heiden angestaunt und 
desto besser empfangen werde, — eine zutat, die recht den 
spielmann zeigt. Mit brief und ring fliegt er fort, wird aber, 
als er im meere auf einem stein ausruht, von einem meerweib 
erfasst und in die tiefe geführt, wo er allerlei kurzweil treiben 
soll. Er verspricht es, verlangt aber erst ordentlich zu essen 
und zu trinken. Als ihm dies verlangen gewährt ist, ruft er 
den meerfrauen zu, sie möchten sich doch einmal umsehen, 
was da hinter ihnen für ein wunder vorgierige. Sie schauen 
sich erschrocken um, während er in die höhe fliegt, sich auf 
einen stein setzt und über den gelungnen streich einen 'un- 
gevüegen schal' erhebt. Er tröstet noch die jammernden weiber, 
dann fliegt er davon. Diese ganze burleske episode ist natür- 
lich spielmannserfindung ohne jeden mythischen Charakter, den 
hier Zingerle entschieden finden will (s. 101). Nachdem er in 
Aarons bürg angelangt ist und sich satt gegessen und ge- 
trunken, nachdem ihm der heide trotz warnung eines höflings 
Sicherheit versprochen, bringt er die Werbung vor. Der könig 
fährt auf und lässt ihn fangen und binden. Die tochter sucht 
den vater zu besänftigen, und ihrer Überredungskunst gelingt 
es denn auch, des raben leben zu retten und ihn zum ge- 
schenk zu erhalten, nachdem sie gedroht hat, mit einem spiel- 
mann aus dem lande gehen zu wollen. Natürlich befriedigt 
sie zunächst wider den appetit des raben. Am neunten morgen 
gibt sie ihm brief und ring mit, Oswald solle 72 schiffe und 
einen übergoldeten hirsch rüsten, auch des raben nicht ver- 
gessen. Auf dem meere bricht ein stürm aus, dass sieh der 



OSWALDLEGENDE. 399 

rabe dreimal überschlägt und den ring verliert. Einem ein- 
siedler, der auf einem felsen wohnt und den raben sofort er- 
kennt, klagt er sein missgeschick. Derselbe schickt ein gebet 
zum himmel, worauf ein fisch im maule den ring zurückbringt 
In England angelangt wird er sofort von Oswald mit fragen 
bestürmt, vertröstet seinen herrn aber bis zum nächsten morgen, 
da er erst essen, trinken und seine nachtruhe haben müsse. 
Dieser zusatz ist wider characteristisch für den spielmann, der, 
was er im leben von der willkür seines herrn zu dulden hat, 
diesem in seinen gedichten gehörig zurückzugeben liebt Oswald 
lässt 72 schiffe auf 8 jähre mit bedarf versorgen und einen 
goldschmied 72000 kreuze anfertigen, die seine mannen an 
ihren rocken befestigen. Der hirsch wird mitgenommen, doch 
der rabe vergessen. Im heidenland angekommen legen sie sich 
auf einen anger zwischen zwei berge und schlagen zelte auf. 
Als man das fehlen des raben bemerkt, müssen alle die 
rüstungen ablegen und zu gott beten. Da sendet der himmel 
einen engel nach England, der den raben herbeiholen soll. 
Doch dieser meint in beleidigtem Selbstgefühl, Oswald möchte 
doch seinen hirsch zur königin schicken, er hätte keine schuld, 
wenn alles noch Übel abliefe. Dazu beklagt er sich über koch 
und kellermeister, er hätte mit den hunden essen müssen, die 
ihm sein gefieder so zerzaust hätten, dass er zum fliegen zu 
schwach sei. Der engel rät ihm aber, es zu versuchen und 
Überlistet ihn schliesslich, so dass er in 4 tagen bei Oswald 
anlangt. Ein schiffknecht, der des raben kommen meldet, wird 
fürstlich belohnt. Der rabe selbst wird gar feierlich empfangen, 
doch muss ihm Oswald versprechen, koch und keilner hängen 
zu lassen. Paimg rät nun dem raben, es sollten sich zwölf 
als goldschmiede verkleiden und vor der bürg ein zeit her- 
richten. Zwölf helden erbieten sich dazu; Aaron wird durch 
ihr hämmern aufmerksam, erkennt sie als Christen und will 
alle hängen lassen. Doch seine tochter erklärt ihm, es seien 
goldschmiede, die man freundlich empfangen müsse: sie könnten 
ihnen ja ringe und spangen bereiten, und Aaron könne wol 
auch eine neue kröne brauchen. Oswald versichert den heiden, 
sie kämen, weil sie erfahren hätten, er wolle seine tochter 
verheiraten und gern etwas verdienen möchten. Der heide 
lässt sich das gefallen und bewirtet sie ein jähr lang. In 

26* 



400 BERGER 

einem träume wird Oswald rat. Er läset den hirsch mit einer 
goldnen decke und kröne versehen und führt ihn im nebel an 
den burggraben. Die heiden wollen ihn jagen, verschliessen 
die bürg und setzen ihm nach. Die alte königin sieht mit 
ihrer tochter und deren Jungfrauen von der zinne dem treiben 
-zu. Da schützt Paimg plötzlich unwolsein vor, übergibt einer 
gespielin mantel und kröne, dass sie unbemerkt an ihre stelle 
trete, und eilt mit drei mädchen in ihre kemenate, wo sie 
männliche gewänder anlegen. Sie finden das burgtor ver- 
schlossen, der sprung von der mauer dünkt ihnen zu gefähr- 
lich; doch ein kurzes gebet genügt, um die Schlösser zu 
sprengen. Sie werden von Oswald freudig empfangen und 
entfliehen. Als Aaron nach vergeblicher jagd zurückkehrt, 
meint er, die goldschmiede könnten ihm ja einen neuen hirsch 
rüsten, doch die königin lacht ihn aus, die seien mit seiner 
tochter auf und davon. Der heide bläst sein hörn, die mannen 
sammeln sich und fahren den fliehenden nach. Diese hören 
den schall, Oswald bittet gott um hilfe, er wolle jedem, der 
ihn in seinem namen etwas bitte, alles gewähren. Der himmel 
sendet einen widrigen wind, der die heiden irre führt Die 
Christen landen, um sich zu beraten, da kommen die heiden 
an. Sie kämpfen den ganzen tag, alle heiden werden er- 
schlagen, Aaron gefangen. Oswald begrüsst ihn höhnisch als 
Schwiegervater und will ihn taufen. Doch Aaron weigert sich: 
wenn Oswald alle gefallenen wider auferwecke, wolle er gläubig 
sein. Auf Oswalds gebet erheben sich alle todten wider, und 
Aaron will den kämpf gleich auf's neue beginnen. Das ge- 
schieht auch in z und ist offenbar das ursprüngliche. Der 
spielmann wendet die sache anders. Die heiden jammern, 
schwören Mahomet ab und wollen nicht weiter kämpfen. Nun 
ist auch Aaron zur taufe geneigt; doch das meer ist ihm zu 
salzig und grundlos, er will lieber mit quellwasser getauft 
werden. Oswald betet, schlägt mit dem seh wert an den fela, 
und die quelle springt heraus. Aaron erhält den namen Zen- 
timus, drei tage dauert die taufe der heiden. Zuletzt werden 
sie so eifrig, dass 72 auf einmal ins wasser springen. Sie 
fragen Oswald, ob sie wol nun ewig leben würden; doeh der 
erklärt ihnen, sie würden alle noch in demselben jähre sterben. 
Da ziehen sie es vor, lieber gleich zu verscheiden, was auch 
auf Oswalds gebet geschieht. 



OSWALDLEGENDE. 401 

Man sieht, diese ganze darstellung ist parodistisch gefärbt; 
echt ist nur die erweckung der gefallenen und das entspringen 
der quelle, alles andre verrät deutlich die kecke band des 
spielmanns. 

Man feiert nun in England ein grosses fest, Oswald läset 
alle armen zu sich kommen, bewirtet und beschenkt sie. Da 
mischt sich auch der heiland unter das volk, eilt in bettler- 
gestalt von einer scfaaar zur andern und erhält überall gaben. 
Trotz des einspruchs der diener, die sein treiben beobachten) 
gibt ihm Oswald immer mehr. Als er sich zu tische setzt, 
kommt der arme pilger wider, doch die diener jagen ihn fort 
Da nimmt ihn Oswald selbst bei der hand, fahrt ihn zum ofen 
und lässt ihm zu essen und zu trinken geben. Darauf ver- 
langt der pilger den goldnen wein k rüg, der auf dem altar 
stehen solle, und das tischtuch, das zu St Peter in Rom als 
altartuch dienen solle. Die empörten diener zücken ihre messer 
auf den begehrlichen pilger. Da springt der könig scheltend 
dazwischen, gibt einem eine ohrfeige, dem andern einen stoss, 
dass er auf den rücken fällt, den dritten zieht er bei den 
haaren herum u. s. w. Hier sieht man wider recht deutlich 
den mangel alles höfischen einflusses: der spielmann lässt ein- 
mal mit innigem behagem seinem ingrimm gegen das diener- 
volk freien lauf. Der pilger wird immer zudringlicher und 
fordert dem könig sein ganzes reich sammt scepter und kröne 
ab; eingedenk seines gelübdes gewährt ihm dieser alles. Schliess- 
lich widerholt er parodierend die worte, die einst Oswald zu 
seinen mannen sprach: 'was soll ich mit dem grossen könig- 
reich, wenn mir ein tugendhaftes weib fehlt?' Resigniert tritt 
ihm Oswald auch seine gattin ab, bittet den pilger um sein 
gewand und will traurig davongehen; da gibt sich dieser als 
der heiland zu erkennen, er habe ihn nur versuchen wollen, i 
Er nimmt Oswald das gelübde der keuschheit ab und ver- 
heisst ihm und seiner gattin in zwei jähren den tod. Er em- 
pfiehlt den beiden noch, sie sollten vor ihr bett ein gefäss mit 
wasser stellen, um, falls sie 'ir menscheit' überkommen sollte, ' 
hineinzuspringen. Nach diesen Vorschriften lebt Oswald mit 
seiner gattin noch zwei jähre, dann gehen beide zur Selig- 
keit ein. 

Diese ganze schlusspartie mit ihrer höhnenden Übertreibung 



402 BERGER 

des legendenstils ist natürlich jüngere zutat. Ich möchte sie 
für eine entlehnting aus der legende vom papst Gregor halten, 
zu dem auch der heiland als bettler verkleidet kommt, um sich 
ihm dann zu offenbaren; ein motiv, was freilich unter diesen 
grellen färben, die dem rohen geschmacke der späteren zeit 
entsprachen, kaum widerzuerhennen ist 

Ich denke, Zingerles urteil von dem wert des gedichtes 
hiermit hinlänglich widerlegt zu haben. Geht auch dem original 
der gruppe WO der kecke humor des spielmanns ab, es bildet 
trotz seiner unbeholfenheit durch seinen schlichten ernst zu 
dem eben besprochnen mit seinem plumpen wunderspuk, fort- 
währendem essen und trinken, schenken und prügeln einen 
woltuenden gegensatz. 



b. 

Dass diese prosa mit dem eben behandelten gedichte ver- 
want ist, fällt sogleich ins äuge. Bringt sie auch manche 
neue züge, lässt sie manches aus, so ist doch der gang im 
wesentlichen derselbe. Ja neben zahlreichen berührungen im 
ausdruck finden sich auch viele wörtliche Übereinstimmungen: 

470,32: das ich nicht gelauben wolt Ettm. 441: daz ich niht wolte ge- 
d einen worten. louben den worten dtn. 

472, 16: sein craft was im entwichen wörtlich = Ettm. 629. 

472, 32 : ditz mag wol ein engel sein wörtl. «* Ettm. 668. 
473, 10: und lie da ein ungefuogen schal wörtl. = 733. 

473, 24 : der den himell hat besessen S25 f.: der den himel hat besezzen 

der gesegen ew haiden allen der gesegen iu iuwer trinken 

das essen. unde ezzen. 

473, 32; des raben vart ist mir wol cf. I, v. 6 nach 840: des raben vart 
kund, mich triegen dann ist mir wol bekant, mich 

mein synn. triegen danne die sinne mtn. 

474,29: stellt all ewr synn dor- IM 5: und setzet darnach al 
nach iwer sinne. 

475, 12: ich han der sprüng von 992: ich hän der Sprünge keinen 
dir selten gesehen. von dir nie gesehen. 

475, 14: was ich hewt nicht kan das lern ich morgen wörtl. = Ettm. 994. 
477, 12: dein clag hab ich vernomen wörtl. = 1164. 

178, 1: das jr an gotnyemant lieber 1312 f.: daz ir an got nieman lieber 
sey dann dw und dein si als ir ist dtn werder ttp. 

werder leib. 



OSWALDLEGENDE. * 40g 

479, 7 : zwelf wochen und ein gantz jar wörtl. = 1573, et 482, 55 su 2246. 

479, 30: wie hastu deins herren so 1729: wie hast du des s6 lange 
gar vergessen? vergessen? 

480,4: dy grynn mich dann gar 1796: der grein mich jamerttchen 
grewlich an. an. 

480, 15: aller mtted er da vergas 1828 f.: aller einer mttede er vergas, 
nnd traib da ein grossen ' er treip einen ungevttegen 

schal. schal 

482, 19: jr cristen seyt mir gotwilligkom = 2189. 

484, 35: der haiden nam selber ein rueder in sein hend = 2655. 

486, 12: du solt meinen got nicht schelten = 2869. 

486, 30: ich will gelauben an den allten = 2915. 

486, 31 : an den wil ich gelauben 2918: an den geloube ich vruo 
früe und spat. und spät 

488, 9 : got hat aller ding gwalt = 3056. 

489, 4: ob er jm wolt laisten = 3137. 

489, 25 : das man dorm wandl das lebentig prot = 3263. 

Die auslassungen in b beschränken sich auf unwesent- 
liche punkte (z. b. 739—66. 779—818. 1385—1414. 1635—60. 
1971—80. 2229—36 u. a.). Beachtenswert dagegen sind die 
selbständigen Änderungen und ausätze, von denen ich die wich- 
tigsten hervorhebe: Oswald will selbst den raben mit gold 
beschlagen lassen; er macht über den scheidenden raben drei 
mal das zeichen des kreuzes; der rabe hat auf dem finge nicht 
nur hunger, sondern auch durst und wünscht sich einen krug 
aus Oswalds keller; der rabe schildert den heiden erst Oswalds 
macht, dann bringt er die werbnng vor; Parig will keinen 
mann ohne ihres vaters einwilligung nehmen; der kämpf ist 
an der stelle, wo der einsiedler wohnt; Oswald läset dort eine 
kapeile bauen; die erweckten heiden schildern, was sie in der 
hölle gesehen; das hofgesinde, das den pilger so schlecht be- 
handelte, erschrickt, als dieser sich als heiland offenbart; Aaron 
erhält in der taufe den namen Zenturus, und Oswald über- 
trägt ihm die weltliche gewalt. 

Die Berliner prosa zeigt Übereinstimmungen mit allen 
3 gedichthdschrr., von denen ich nur einige andeuten will. 

Zu MI stimmt: die plusstelle nach 840 (473,31 — 474,6) und nach 
720 (473, 8 f.), vertauschung von 2195.96 (482,22), 2663—66 (484, 36 f.), 
939 (fehlt in S) und mancherlei leearten wie 'neiden' 905 (heiden S), 
' wünneclichen' 942 (minneclfchen S), 'zehen tag' 1134 u. a. 



404 BERGER 

Zu M stimmt: fehlen von 2395 f., varnnder man 698, lieben mueter 
614, fehlen von /der kilnec in vienc' 933, zwelf marck golds 561. 

Zn I stimmt: der frawnt ich nicht wil sein 912. Ferner 1311. 
2131. 2955 u. a. 

Zn S stimmt: fehlen der verse nach 2538 in Ml, 1141 f. (fehlt M), 
pillgreim 196 (wallaere M). 632, 3368 u. a. 

Da b für die textkritik nicht in betracht kommen kann, 
ist es unnötig die Übereinstimmungen vollständig zu geben. 

Man könnte hiernach meinen, dass b auf Y oder X zurück - 
gienge, doch dem widersprechen einmal die sich ergebenden 
reime, die bis auf ganz wenige von denen des gedichts 
abweichen; andrerseits hat b eine längere einleitung (466,1 
bis 467,39), die erzählt, wie in England ein mächtiger könig 
Seebarth lebte, der, als er alt und krank wird, seine mannen 
beruft und ihnen gehorsam gegen seinen söhn Oswald em- 
pfiehlt. Sie geloben dem jungen könig treue, und Seebarth 
stirbt. Diese partie muss bereits dem b zu gründe liegenden 
gedieh te angehört haben, denn sie weist deutlich reime anf 
(Engllahnd : genant 467, 1. ertzogen : raben 4. Sewart : ward 6. 
vernomen : kamen d. i. vernämen : quämen 7. all : sal 14. eren 
: lernen d. i. leren 23. starb : Sebart 27. Oswalt : allt 28. raben 
: tagen 30). Der name Sebart kommt übrigens auch in MI 
1512 vor (in S entstellt zu zartt). 

Am schluss ist die unverweslichkeit der hand offenbar ein 
der kirchlichen legende entnommener zusatz des bearbeiters. 
Der folgende zusatz wird von einem späteren Schreiber sein, 
denn er steht zur legende in keiner directen beziehung, und 
ausserdem timmt die angäbe: 'Sannd Oswald und sein ge- 
macht stürben nach Cristi geburd süben hundert und sechss 
jar', die auch der geschieh te widerspricht, nicht zum an- 
fang des ganzen: 'Do man zalt nach Cristus gepurd suben 
hundert jar.' 

Das vorkommen von werten wie 'trachtein' 476,2 (sonst 
meist umschrieben), untz 472,19. 188,2 (doch daneben auch 
biss), 'vingerlln, harte' etc. nötigt uns, die entstehung des zu 
gründe liegenden gedichts nicht lange nach 1300 anzunehmen. 
Dazu passen auch die zahlreichen unreinen reime, die ich 
nicht aufzuzählen brauche. — Beachtenswert ist auch sahs «= 
spitze 472,2, 



OSWALDLEGENDE. 405 

Das gedieht des 13. Jahrhunderts also, das wir als 
nächste grundlage von SHI erschlossen haben (s. 388), 
wurde allem anseheine nach bald nachher in Ober- 
deutschland (darauf weisen die reime — nur einmal 
'potschafit : volbracht' 474,24 — ) mit einer längeren ein- 
leitung, änderungen und Zusätzen versehen, welche 
umgearbeitete gestalt die grundlage von b wurde. 

Daraus ergibt sich aber, dass alles, was Edzardi aus b 
für die textgestaltung des gedichtes zu gewinnen suchte, nur 
von sehr zweifelhaftem wert sein kann. 



Die prosa z ist widerum die auflösung eines alten ge- 
dichtes. Das ist schon an und für sich wahrscheinlich, denn 
auch andre heiligenleben dieser Sammlung wurden aus gedich- 
ten in prosa umgeschrieben (cf. Wackernagel, LG 451; Stein- 
meyer, Z8. f. d. a. XVI, 475). Zur gewissheit machen das die 
zahlreichen reime, die sich darin finden. Schon Bartsch hat 
darauf hingewiesen, desgleichen Edzardi. Ich verzichte darauf, 
hier ein Verzeichnis der reime in z zu geben und nenne nur: 
quam : man 44, 18; bart : hant 44,21; geben : swertslegen 45,16; 
raben : erzogen 45, 20; sagete : habete 46, 12. 51, 22; rabe : tage 
46, 16; hinnen : willen 46,20; gegeben : reden 47, 16; sage: habe 
48, 13; zuo : tuon 53, 17; gesinde : inne 54, 12; glouben : toufen 
55,23, weil diese auf das 12. Jahrhundert weisen. Auf die 
gleiche zeit deutet der schlichte und würdige ton der dar- 
stellung, die das geistliche element wider bevorzugt. So 
schreibt Oswald in den brief an die Jungfrau die zwölf stocke 
des heiligen glaubens, aus dem raben spricht der heilige geist, 
die bekehrung der heiden durch Oswald und Gaudon, ihren 
könig, ist breiter ausgeführt Für diese zeit spricht auch das 
Vorhandensein gewisser alter züge, die nur hier erhalten sind; 
überhaupt erscheint in z die legende in ihrer verhältnismässig 
reinsten und anmutigsten gestalt. So schwört der heide auf 
das haupt seiner tochter, er wolle sie keinem manne geben, 
der sie ihm nicht im kämpf abgewinne — eine alte form der 
eidablegung_(cf. Gr. DRA 899 f.). Die Werbung bringt der rabe 



406 BERGER 

gleich vor, ohne erst über den zweck seines kommens zu 
täuschen. Die goldschmiede schlagen ein zeit auf mit einem 
goldnen adler darauf in fliegender Stellung — ein altes sym- 
bolisches bild (Gr. DM 527). Nach auferweckung der beiden 
beginnt der kämpf von neuem. Die quelle wird von Oswald 
mit dem fusse hervorgestampft, nicht mit dem schwert er- 
schlossen. Ueber den namen Gaudon später. 

Dass aber z nicht direct aus diesem alten gediente ge- 
flossen, sondern nur die verkürzte gestalt einer vollständigeren 
fassung ist, zeigt zunächst die composition, die zuweilen an 
Unklarheiten leidet. So ist z. b. der im eingang auftretende 
waller hier ein verkleideter engel; der name Tragemunt fehlt, 
dennoch findet sich die kenntnis der 72 länder auch hier an- 
gedeutet (45, 2). Ferner ist nicht gesagt, wo der kämpf statt- 
findet. Wie die vergleichung der nordischen prosa n, die nur 
eine Übersetzung dieser redaction ist, lehrt, auf einer inseL In 
z ist davon nichts angedeutet, doch 'darnach rayt kunig 
Symon haym mit seinem her 1 (55,21) spricht keineswegs da- 
gegen. Andrerseits zeigt die nordische prosa, die — worauf 
bereits Zingerle hingewiesen hat — der recension z meist 
wörtlich folgt, manche zusätze, die, wie Edzardi (s. 3 — 9) aus- 
führlich dargetan hat, auf eine vollständigere vorläge schliessen 
lassen, und die zum teil an züge des längeren gedichtes 
erinnern. 

Aus letzterer tatsache will nun Edzardi schliessen, dass 
die n und z gemeinsame quelle auch die quelle von IMS, so- 
mit auch von WO, gewesen sei. Ich kann mich zu dieser an- 
nähme nicht verstehen. Die reime in z sind durchaus 
andre, als die, die uns an den entsprechenden stellen jenes 
gedichts begegnen, und die Übereinstimmungen sind lediglieh 
aus der gleichheit des stoffes zu erklären: berührungen in in- 
dividuelleren zügen finden gar nicht statt. Sollte dies aber 
noch in der vorläge von n und z der fall gewesen sein, so 
wäre es doch sonderbar, wenn die spuren davon in unsrer 
bearbeitung z so ganz verwischt sein sollten. Warum hätte 
auch der Verfasser von SMI die oben angeführten alten motive 
sich entgehen lassen sollen? Dass die nordische prosa aber 
in detnilzügcn zu dem längeren gedieht einzelne analogieen 
bietet (z. b. 38, 1 zu 82U-32. 42,26 zu 11 39 ff. 44,24—29 zu 



OSWALDLEGENDE. 407 

1213—22. 48, 14 ff. zu 1561—70 u. s. w.), lässt sich nur so er- 
klären, dass dem Schreiber von n das längere Oswaldgedicht 
bekannt war und ihm bei seiner niederschrift einige zttge aus 
jenem wider ins gedächtnis kamen, welche er in seinen Zu- 
sätzen verwertete. 

Ich will noch hinzufügen, dass z auch andre quellen be- 
nutzte (cf. ( an etlichen bttchern stet geschriben' 44,21; 'et wen 
stet geschriben ' 53, 7). Wir können von diesen nur noch Beda 
nachweisen. 56,7 bis zum schluss wird noch von Oswalds 
kämpfen mit den heidnischen Merciern und verschiednen wun- 
dern berichtet, die die reliquien des heiligen und seine todes- 
stätte gewirkt haben sollen. Dabei geht es nicht ohne miss- 
Verständnisse ab: Oswalds unverwesliche hand soll zu St Peter 
in Rom (statt in Bamborough) verwahrt werden (57,5), die 
provinz Lindissi wird Laudissimo genannt (63, 10) u. a. Inter- 
essant ist der zusatz, dass Oswald eine glocke machen Hess, 
an der die armen läuten sollten, wenn sie seine hilfe brauch- 
ten; den reichen war es aber verboten (57, 7 ff.). 1 ) Dass auch 
in dieser schlusspartie zuweilen reime vorkommen (streyt : 
reych 59, 9. grasz : asz 60, 23. erschlagen : pegraben 62, 1, 17. 
gepain : tayl 62, 2. verprunnen : funden 62, 13. pegert : gewert 
62, 20. sagen : begraben 62, 21. pesehen : geschehn 63, 1. schein 
: gepain 63, 20), wird man bei ihrer geringen zahl als zufall 
anzusehen haben. Diese partie gehörte dem alten gedichte 
höchstwahrscheinlich nicht an. Ebensowenig der anfang 43, 1 
bis 44, 1, wo erzählt wird, dass Oswald ein guter Christ war, 
den gott wegen seines frommen wandeis zum könig ausersah. 
Als bei der krönung das salböl zerrann, brachte ein rabe vom 
himmel chrisem und einen brief mit einem goldnen kreuz 
darauf, in dem geschrieben stand, dass Petrus den chrisem 
selber gesegnet habe. Dass dies eine zutat des Schreibers von 
nz* ist — denn auch in n findet sie sich — ergibt sich aus 
dem Widerspruch 43, 1 1 f. (der rapp kund latein reden vnd 
was spräche man wolt und sprach) zu 46, 4 f. (do sprach sant 
Oswalt: nu han ich dich zwelf jar gehabt, das ich dich als 



l ) Cf. Karls Gutzkows gedieht von der 'glocke'. Ich vermag die 
sage augenblicklich sonst nicht nachzuweisen. 



408 BEUGER 

menschlichen nye hört reden); auch lassen sich in dieser 
partie keine reime nachweisen. 

Ich kann nunmehr das gesammtresultat dieses abschnittes 
meiner Untersuchungen ziehen. 

Unsere Überlieferungen der Oswaldlegende zerfallen in 
drei völlig getrennte gruppen. 

1. WO. Das aus der vergleichung von W und 
erschlossene gedieht fällt um 1400. Das original 
dieser gruppe, welches aus dem gedächtnis gedichtet 
wurde, stammt aus dem 12. Jahrhundert (und zwar aus 
dem 8. decennium desselben), möglicher weise vom 
Niederrhein. 

2. SMIsb. Das aus SMI erschlosene gedieht, das 
dem ausgange des 13. Jahrhunderts angehörte, wurde 
indirect, durch Vermittlung von Y (cf. s. 396), die vor- 
läge von s; eine freie bearbeitung desselben, die bald 
darauf entstand, die vorläge von b. Das original 
dieser gruppe gehört ebenfalls ins 12. Jahrhundert 
und bestimmt an den Niederrhein. 

3. nz. Die aus vergleichung von n und z er- 
schlossene redaction geht ebenfalls auf ein gedieht 
des 12. Jahrhunderts zurück, über dessen heimat in- 
dessen nichts zu ermitteln ist. 

Dass es sonach im 12. Jahrhundert drei gedichte von 
St. Oswald gegeben hat, darf uns bei der grossen popularität 
des heiligen nicht wunder nehmen. Am frühesten entstand 
wol das original der dritten gruppe. Die s. 375 f. aufgeführten 
und von Edzardi für seine bypothese fälschlich geltend gemach- 
ten parallelen im ausdruck zwischen WO und SMI gestatten 
die annähme, dass der Verfasser von WO* das lungere gedieht 
bereits hatte vortragen hören, und dass einige kleine remi- 
niscenzen aus demselben so in seine darstellung eingeflossen 
sind. Dann wäre also SMI* noch vor die 70er jähre zu setzen. 
Allerdings übertrifft es an reimgenauigkeit den Morolf bei 
weitem den Orendel und Kother, doch lässt sich daraus kein 
sicherer schluss ziehen, da es eben nur in überarbeiteter ge- 
stillt vorliegt. Als die grenzen der abfassungszeit lassen sich 
also mit Sicherheit nur die jähre 1150 — 1170 festsetzen. 



OSWALDLEGENDE. 409 



Zweiter abschnitt 
DIE LEGENDE UND IHRE VERBREITUNG. 

Die älteste aufzeichnung unsrer legende findet sieh bei 
Beda (Hist eccl. II, 5, 20. III, 1, 3, 6, 9—13). Ihr inhalt ist 
folgender: 

Oswald, ein söhn des nordhumbrischen königs Ethelfred, 
mas8 nach dessen tode, als der von jenem vertriebene Eadwin 
sich des thrones wider bemächtigt, mit seinen brttdern und 
vielen edlen nach Schottland . fliehen, wo sie alle das Christen- 
tum empfangen. Nachdem Eadwin im kämpf mit Penda, dem 
könig der heidnischen Mercier und dem Britenkönig Kedwalla 
im jähre 633 besiegt und getötet ist, teilen sich sein verwanter 
Osric und Oswalds ältester bruder Eanfrid in das reich und 
suchen das von Eadwin eingeführte Christentum wider zu ver- 
drängen, werden aber 634 beide von Kedwalla erschlagen, der 
das land nunmehr auf das schrecklichste verwüstet In dieser 
bedrängnis ruft man Oswald aus Schottland herbei, der bei 
Denisesburna* das kreuz Christi aufpflanzt und mit einem 
kleinen heere den weit überlegnen Kedwalla schlägt und tötet 
Eifrig auf die ausbreitung des christlichen glaubens bedacht 
lässt er schottische prediger kommen, an ihrer spitze den from- 
men mönch Aidan, dem er die insel Lindisfarn als bischofssitz 
anweist Wenn es diesem nicht gelingt, dem volke verständ- 
lich zu werden, tritt der mit der spräche der Schotten ver- 
traute könig selbst als dolmetscher auf. Neue kirchen werden 
errichtet, klosterbauten werden in angriff genommen, die kinder 
der vornehmen müssen sich von schottischen geistlichen unter- 
richten lassen, allenthalben wird der sinn für eine höhere 
bildung rege. Auch nach aussen beginnt das reich zu er- 
starken: nachdem ßernicien und Deiri zu einer provinz ver- 
einigt sind, beugt der gottesfürchtige könig schliesslich alle 
Völker Britanniens, die Briten, Picten, Scoten und Angeln unter 
sein gewaltiges scepter. Dennoch macht ihn sein rühm nicht 
hochmütig: er bleibt ein frommer diener seines herrn und hört 
nicht auf, den armen wolzutun. Als er einst am Osterfest sich 
zu tische setzt und ihm ein kämmerer meldet, dass eine schaar 
armer leute draussen versammelt sei, lässt er die aufgetragnen 



410 BEBGER 

speisen sammt der goldnen schüssel sogleich an das volk ver- 
teilen. Da ergreift Aidan die rechte des königs und ruft: 
'Nunquam inveterascat haec manus'. Wir haben noch Zeug- 
nisse aus dem 16. Jahrhundert, dass diese hand in England 
gezeigt und verehrt wurde. Als Oswald im begriffe "war, sich 
mit Kyneburg, der tochter des königs der Westsachsen, Kyne- 
gilsus, zu vermählen, kam Birinus, vom papst Honorius aus Rom 
gesandt, nach Wessex, das Christentum zu verkündigen. Beider 
bemühungen einten sich zur bekehrung des königs. Am 
5. august 642 wurde Oswald im kämpfe mit Penda erschlagen. 
Der ort, an dem er fiel, soll noch lange wunder gewirkt haben, 
ebenso die stelle, wo er vor der schlacht mit Kedwalla das 
heilige kreuz aufpflanzte. Vieh und menschen werden gesund, 
wenn sie wasser trinken, in das zuvor einige späne von jenem 
kreuz geschüttet wurden. Osthryda, die tochter seines brudero 
Oswiu, will seine reliquien dem kloster Bardney (südlieh von 
Lincoln) übergeben, doch die mönche weigern sich, sie aufzu- 
nehmen, da sie aus einer ihnen ehemals feindlichen provinx 
stammen. Da erscheint in der nacht eine bis zum himmel 
emporsteigende lichtsäule über den gebeinen des heiligen, und 
diesem göttlichen winke folgend nehmen die mönche die reli- 
quien in Verwahrung. Die von Penda an einen baumstamm 
gehefteten arme des heiligen setzt Oswiu in Bebbanburgh bei, 
den köpf läset er nach Lindisfarn bringen. Der ruf ron 
Oswalds gottseligem lebenswandel dringt auch nach Irland und 
zu den Friesen, w t o seine reliquien viele wunder wirken. Nach- 
träglich wird von Beda bemerkt, dass Oswald auch einen söhn 
namens Oidilwald gehabt habe (III, 23, 24). 

Zu dieser schlichten erzählung Bedas bildet unsere deutsehe 
spielmannslegende einen wunderlichen gegensatz. Der gemein- 
samen züge sind eigentlich nur zwei: Oswald, ein mächtiger 
und freigebiger christlicher könig in England, ist bei der 
bekehrung eines heidnischen fürsten tätig und vermählt sich 
mit dessen tochter. Der historische kern ist allerdings schon 
in dieser ältesten quelle mit legendarischen Vorstellungen über- 
spönnen: auch hier spielt das wunderbare schon keine un- 
beträchtliche rolle, aber von dem ganzen abenteuerliehen auf- 
putz der Spielmannsdichtung, besonders von dem für die hand- 
lung dort so wichtigen auftreten des raben und des goldhirsehes 



OSWALDLEGENDE. 4 1 1 

findet sich hier nicht die geringste spur. Wie ist eine so selt- 
same ent wicklung möglich? Man könnte versucht sein, die 
frage schnell abzutun, indem man alles der erfinderischen 
phantasie der spielleute zuschiebt. Das wäre eine falsche auf 
fassung. Von selbständiger erfindung darf in der poesie der 
spielleute, wenigstens soweit sie noch dem 12. Jahrhundert an- 
gehört, so gut wie nie die rede sein. Ihr unstätes nach er- 
werb trachtendes Wanderleben Hess sie weder der darstellung 
noch dem Stoffe besondre Sorgfalt zuwenden: nicht sowol die 
erfindung, als die findigkeit ist ihre kunst. Sie kannten den 
ge8chmack des publikums, nahmen einen interessanten stoff, 
richteten ihn nach ihrem schablonenhaften recepte her, rafften 
ein paar drastische motive zusammen, taten einige zeitgemässe 
würzen und etwas selbßtverherrlichung hinzu und präsentierten 
so ihren hungrigen zuhörern eine derbe, aber wolschmeckende 
kost. Mag hier und da ein feiner zug, eine poetische Wen- 
dung einen fähigeren köpf verraten, im ganzen besteht die 
tätigkeit der spielleute doch nur in sorglosem zusammentragen, 
drastischem variieren und zeitgemässem zustutzen überkommener 
motive. Diese Umgestaltung der legende kann also unmöglich 
ein willkürliches werk der fahrenden sein, sie ist auf andre 
einwirkungen zurückzuführen. 

Man hat diese in der germanischen mythe finden wollen. 
Diesen versuch machte J. V. Zingerle in seinem etwas hastig 
geschriebnen büchlein 'Die Oswaldlegende und ihre beziehung 
zur deutschen mythologie' (Stuttgart und München 1856). 1 ) 
Ich würde diese flüchtigen aufstellungen Zingerles kaum ernst- 
haft zu widerlegen haben, wenn nicht seine auffassung auch 
in Simrocks Handbuch d. d. myth. (cf. bes. 8. 53. 213. 374) und 
manche andre werke übergegangen wäre. 

Zingerle geht davon aus, dass der geschichte Oswalds in 
der mittelalterlichen legendenlitteratur so gut wie gar nicht 
gedacht werde, ausserhalb Deutschlands sei Oswald so gut wie 
unbekannt gewesen: seine legende sei somit alleingut des 
deutschen volks gewesen. Wie es sich damit verhält, werden 



*) Denselben ^versuch, doch in ganz dilettantischer weise, machte 
v. Perger in einem kleinen aufsatz 'Zur Oswaldlegende' in den Mittheil, 
d. k. k. centralkommission 18, 23 f. 



412 BEBGER 

wir später zu erörtern haben. Zingerle will nun beweisen, 
dass sich auf Oswald der Wodancultus vererbt habe. Was er 
dafür beibringt , sind teils Vermutungen ohne jeden halt (z. b. 
dass Oswalds seh wert, das die quelle aus dem felsen schlägt, 
Wodans wunderbarer speer Gungnir sei; dass die 12 gold- 
schmiede die 12 äsen seien; dass der den raben zurückbringende 
wind der wünsch wind, die widererweckung der 30000 toten 
die erweckung zu neuem leben in Walhall sei), teils sind es 
verwirrte thesen, deren beweis er schuldig bleibt. Wenn er 
z. b. anführt, dass der name des heidenkönigs, Gaudon (in nz), 
identisch mit Wodan sei, und dass dessen wunderbares hörn 
mit Wodans wunschhorn sich vergleichen lasse, so bleibt dabei 
unklar, warum dieser name gerade dem gegner Oswalds zu- 
gefallen wäre: das könnte doch erst in einer zeit geschehen 
sein, wo man sich der bedeutung des namens nicht mehr be- 
wusst gewesen wäre. War dieser name in der deutsehen 
legende ursprünglich vorhanden, so kann er doch — wenn 
Zingerles hypothese richtig ist — nur für Oswald selbst ge- 
golten haben, während doch dessen name nach Zingerle ja 
selbst deutlich genug war (= Asenwalter). Damit ist also 
gar nichts anzufangen. Ebenso kann die in fast allen litte- 
raturen verbreitete Vorstellung eines wunderbaren horns fttr 
diesen zweck gar nichts beweisen. Wenn Zingerle durch den 
vom goldhirsch verlockten Gaudon resp. Aaron an den in die 
unterweit geführten Odin erinnert wird, so lässt sich dagegen 
natürlich nichts einwenden. Wenn er aber in dem epitheton 
'der milde', welches Oswald zuweilen führt, einen hinweis auf 
den 'allspendenden' Wodan erblicken will, so dürfte wol 
jeder, der mit Spielmannsdichtung einigermassen vertraut ist, 
sich das auch auf etwas andre weise zu erklären wissen. 
Aehnlich steht es mit der meerweiberepisode, die lediglich 
eine burleske zutat von SMI* ist (cf. s. 398). So bleiben nur 
zwei punkte übrig, die Zingerle allenfalls für seine hypothese 
geltend machen könnte: dass Oswald im Volksglauben als 
wetterherr und beschützer der saaten gilt, weshalb ihm jähr- 
liche ernteopfer dargebracht werden, und dass er als attribut 
einen raben führt. Ueber diese beiden punkte werde ich 
weiterhin zu sprechen haben. Bemerken will ich hier nur, 
dass als eigentlicher wetterherr doch Donar galt; dass es also 



OSWALDLEOENDE. 413 

för Zingerle ebenso leicht gewesen wäre, unsre legende an 
den Donarcultus anzuknüpfen. Dafür Hesse sich auch die aus 
Tirol beigebrachte bezeichnung der alpen- oder donnerrosen als 
4 Oswaldstauden ' geltend machen. Wenn in Tirol der glaube 
herrscht, dass, wer beim gewitter eine donnerrose trägt, vom 
blitz erschlagen werde, so lässt sich das doch leichter auf 
Donar deuten. Ebenso gut Hesse sich auch Oswalds beziehung 
zum feldbau aus dem cult des Donar ableiten, von dem be- 
kanntlich Adam von Bremen sagt: tonitrua et fulmina, ventos 
imbresque, serena et fruges gubernat (cf. auch Uhland, Sehr. 
z. gesch. d. dichtg. u. sage VI, 28. Gr. DM 147). Warum sollte 
auch- schliesslich bei Oswalds schwort, das die quelle aus dem 
stein schlägt, sich nicht an den felsenspaltenden hammer des 
gottes denken lassen? Man darf also mit derartigen mythischen 
Übertragungen nicht zu voreilig sein. Was den zweiten punkt 
betrifft, so ist da freilich nicht einzusehen, warum die sage, 
wenn sie die Oswaldlegende überhaupt an Wodan angeknüpft 
hätte, dem heiligen nicht ebenfalls zwei raben beigegeben 
haben sollte. 

Die aufstellungen Zingerles verlieren zudem sammt und 
sonders jeden halt durch die tatsache, dass sich in der Oswald- 
legende nicht die spur eines Wodanmythus nachweisen 
lässt. Erst wenn man einen solchen nachweisen könnte, wäre 
man überhaupt berechtigt, nach weiteren parallelen sich um- 
zusehen. Da dies aber nie gelingen wird, so ist damit die 
Zingerleschc hypothese endgültig als erledigt zu betrachten. 
Zum Ubei flu8S möge man sich noch zu vergegenwärtigen suchen, 
wie solche Übertragungen mythischer Vorstellungen überhaupt 
zu stände gekommen sind: doch nur so, dass einzelne legenden 
in wesentlichen zügen analogieen zu gewissen heidnischen 
mythen zeigten, und darum beim Vortrag durch den prediger 
in den Zuhörern die erinnerung an jene aufsteigen lassen konn- 
ten, was dann zu einer durchdringuug des frisch erworbnen 
legendenstoffs mit althergebrachtem mythischen besitztum führen 
mochte. Wo hätte aber in der ursprünglichen form unsrer 
legende, da doch zwischen Oswald und Wodan jedes geistige 
band fehlte, ein solcher anlass gelegen? Zingerle meint, im 
namen des heiligen: so äusserliche anknüpfungen sind dem 
wesen der sage zuwider. 

Ht^i trüge zur geschieht« der deutschen ipraohe. XL. 27 



414 BERGER 

Bevor ich selbst zur Untersuchung schreite, habe ich noch 
einer ansieht zu gedenken, die Mone bei gelegenheit seines 
Vergleichs zwischen Oswald und Otnit in seinem Anzeiger 
(IV, 416) aufgestellt hat Er will in der Oswaldlegende ge- 
radezu eine Umgestaltung der Otnitsage finden. ' Die umstände, 
worin die sage Oswalds vom Otnit abweicht, sind meistenteils 
durch den Charakter der legende bedingt. Eiberich konnte in 
der legende nicht stehen bleiben, noch viel weniger Otnits ab- 
kunft von demselben. Und dennoch ist unverkennbar, dam 
der rabe Oswalds die rolle des Eiberich spielt* 'Hatte etwa 
der priester, den Oswald sante (!), um die heidnische königs- 
tochter Kyneburg zu taufen, oder sonst ein Unterhändler einen 
rabennamen, so war es der dich tung mit ihren weissagenden 
vögeln nicht schwer, daraus einen solchen vogel zu machen, 
wenn sie dazu veranlasst war. Und der anlass lag, wie ich 
glaube darin, dass die legende den elfen nicht brauchen konnte 
und eher den wundervollen vogel aufnehmen durfte. Daher 
auch die eben nicht geschickte Verbindung des engeis und des 
einsiedlers mit dem raben.' 'Die christliche ansieht hätte lieber 
die taube eingeführt, wenn sie nur irgend mit den neckereien 
des elfen vereinbar wäre, die man auf den raben besser über- 
tragen konnte/ Die gestaltung der legende schreibt Mone den 
Normannen zu, die sie aus England nach Unteritalien gebracht 
hätten, was die einfügung der seefahrt zur folge gehabt 
hätte. Ich glaube, ich brauche diesen verworrenen, aller 
logik entbehrenden aufctellungen kein weiteres wort hinzu- 
zufügen. 

Um nun selbst über die seltsame entwicklung unsrer 
legende einiges licht zu gewinnen, war es nötig, der ganzen 
Verbreitung des Oswaldcultes, der Stellung des heiligen im 
Volksglaube n und dem auftreten seiner legende in der litteratur 
nachzugehen, alle mit demselben in Verbindung gebrachten 
traditionell aufzusuchen und die dabei tätig gewesenen einflüsse 
nach möglichkeit aufzudecken. Ich darf wol hoffen, dass man 
angesichts der Schwierigkeiten einer solchen Untersuchung und 
der mangclhaftigkeit der einschlägigen hilfsmittel einer erst- 
lingsarbeit wie der vorliegenden nicht grosse erwartungen ent- 
gegenbringe. Sollte mir indes bei dem reichtum des materials 
auch wesentliches entgangen sein, so glaube ich für meinen 



OSWALDLEGENDE. 415 

zweck immerhin dag wichtigste geben zu können; zugleich mag 
das folgende als ein kleiner beitrag zu einer künftigen icono- 
graphie gelten, deren mangel schon allzu lange schmerzlich 
empfunden wird. 

I. Verbreitung des Oswaldcultus. 

Ich gebe zunächst, was ich in dem heimatlande des heiligen 
von seiner Verehrung ermitteln konnte. 

Schon Beda (III, 2) erwähnt, dass an der stelle, wo Ked- 
walla von Oswald besiegt wurde — zwischen Denisesburna 
und der mauer des Severus, südlich von dem heutigen Halling- 
ton 1 ) — die mönche von Hexham (Hagustaldensis ecclesiae) 
alljährlich am Vorabend von Oswalds todestag gottesdienst hielten. 
Später erbauten sie daselbst eine kirche. Noch heute befindet 
sich nördlich von Hexham eine dem andenken Oswalds ge- 
weihte kapelle (cf. James Raine, ThePriory of Hexham I, s. IX). 2 ) 
Ebenso wurde an der statte, wo Oswald von Penda erschlagen 
wurde, eine kirche erbaut, welche 'Candida Ecclesia 1 genannt 
wurde (cf. Reginald, Vita S. Osw. in 'Symeonis Monachi opera 
omnia' ed. by Th. Arnold I, 326 — 85). Nach den Bollandisten 
(Aug. 11,94) gab es auch eine Oswaldkirche unweit Nosthill, 
wo einst ein dem heiligen geweihtes kloster war, eine bei Sci- 
licestria und eine auf der insel Farn (südöstlich von Lindis- 
farn) ; als die besuchteste Oswaldkirche galt nach Alfordus eine 
'in Lincolniensi provincia 1 . 

Wie mir herr prof. Skeat in Cambridge gütigst mitteilt, 
befindet sich in dem dorfe Oswaldkiik (Yorkshire) noch heute 
eine Oswaldkirche. In Oswaldtwistle (Lancashire) und Oswe- 
stry (Shropshire), auch in Oswaldcastle (Northumberland) hat 
sich' der name des heiligen erhalten. Ob sich daselbst auch 
Oswaldkirchen befinden, war nicht zu ermitteln, sicher ist es 
indes von Oswestry (cf. Encyclop. Brit. XVIII, 64), wo sich 

*) Nach Nennius § 63 (wo in den jüngeren Zusätzen anch Oswalds 
knrz gedacht wird) hiess die schlacht bretonisch Catscaul = bellum sab 
vallo (cf. De la Borderie, Les Bretons insul. et les Anglo-Saxons duV« 
au VIII e siecle Paris 1873, s. 203). 

2 ) Die mitteilung dieser stelle verdanke ich herrn J. B. Kandlbindr, 
kgl. studienprüfect in Burghansen, da ich das buch selbst nirgends er- 
langen konnte. 

27* 



416 BERGER 

noch beute eine ßt. Oswaldsquelle befindet (ef. auch unten). 
Der name der Stadt Oswestry entstand aus Oswaldestre (= crux 
Oswaldi), und sie gilt als der ort, wo Oswald im kämpf mit 
Penda erschlagen wurde. 1 ) Im index zu Kembles 'Codex diplo- 
niaticus' (bd. 6) sind verzeichnet: Oswaldesberh, Oswaldesdtin 
(das jetzige Ossulston in Worcestershire), Oswaldeshl&w (Oa- 
waldslow in Worcestershire), Oswaldesmöre, Oswaldingttin, Os- 
waldinguilla. Leider konnte ich in betreff der dortigen kirchen 
nichts näheres feststellen. Eine Oswaldkapelle von sehr hohem 
alter soll sich in Lancashire (Schottland) nächst dem hause 
der familie Lee befinden (Mitth. d. k. k. centralkomm. 18, 23). 

Schon aus dieser, gewiss nicht vollständigen, aufzfthlung 
geht hervor, dass der heilige in seinem heimatlande in nicht 
geringem ansehen stand und dass sich sein cult bis auf den 
heutigen tag erhalten hat. Auch tritt uns der name Oswald 
in der englischen geschichte häufig genug entgegen, ich brauche 
dafür keine beispiele anzuführen. Das beste zeugnis für die 
beliebtheit eines heiligen bleibt es immer, wenn sich seiner 
persönlichkeit bald die sage bemächtigte: dass dies in England 
mit Oswald der fall war, wird sich im nächsten kapitel zeigen. 
Leider gelang es mir nicht, über die bildlichen darstellungen 
des heiligen in englischen kirchen etwas sicheres zu erfahren, 
ebensowenig von etwa noch vorhandenen volkstraditionen von 
demselben. Das einzige mir bekanut gewordne bild ist das 
auf dem ehemaligen siegel der kirche zu Durham, deren patron 
Oswald noch heute ist; es zeigt auf der Vorderseite das ge- 
krönte haupt Oswalds mit der Umschrift 'Caput Sancti Oswaldi 
Regis', auf der rückseite das kreuz (mitgeteilt in Mignes Patro- 
logia lat. 95, 335). Ein zweites bild erwähnt Cahier in seinem 
werk 'CaractäristiqueB des Saints dans l'art populaire' I, 767. 



') Dagegen macht De la Borderie a. a. o. s. 205 geltend, es lasre 
sich Dicht nachweisen, dass Oswestry jemals Maserfeld oder Cocboy (d 
Nenn. 63) geheissen habe. Er setzt die Schlacht vielmehr in den Buden 
von Lancashire unweit Winwic, etwas nördlich von Warrington. Cf. auch 
Monasticon Angl. 1,233 und Leechdoms, Wortcnnning and »Starcraft of 
Early Engl. 111, 452, wo das missverständnis so erklärt wird, dass man 
die stelle, wo Penda köpf und arm Oswalds an einen bäum heftete 
(Oswaldestre), später fälschlich für den ort der Schlacht (Maserfeld) 
gesehen habe. 



OSWALDLEGENDE. 417 

Dasselbe soll sich in der cathedrale zu Durham befinden und 
sanct Cuthbert darstellen, wie er Oswalds gekröntes haupt in 
der hand trägt. Nach späteren Zeugnissen wurde Oswalds 
köpf von Lindisfarn nach Durham gebracht (s. unten). Ueber 
die Oswaldlegende in der englischen litteratur werde ich unten 
im zusammenhange zu sprechen haben, wobei sich die beliebt- 
heit des heiligen von neuem herausstellen wird. 

Nur sehr gering sind die spuren, die auf eine kenntnis 
der legende in romanischen ländern schliessen lassen. Wenn 
Aelfric in seiner später zu besprechenden Vita von Oswald 
sagt: 'Da asprang bis hlisa geond Öä land wide and e&c swilce 
to Irlande and eäc stiÖ tu Franclande', so muss hier natürlich 
unter ' Franclande ' Deutschland verstanden werden (cf. Beda 
III, 13: Nee solum inelyti fama viri Britanniae fines lustravit 
universos, sed etiam trans Oceanum longe radios salutiferae 
lucis spargens, Germaniae simul et Hiberniae partes attigit). 
Ebenso wenig kann die erwähnung Oswalds bei Florus als ein 
zeugnis seiner Verehrung in Frankreich gelten, da dessen mar- 
tyrologium nur eine erweiternde bearbeitung des Beda'schen 
ist, in dem unser heiliger natürlich vorkommt. Nicht besser 
steht es mit den in den martyrologien des Ado und Usuardus 
(um die mitte des 9. jahrh.) sich findenden notizen, denn beide 
berufen sich widerum auf Beda ('cuius actus commemorat ve- 
nerabilis Beda presbyter'). Nach den Bollandisten (Aug. 11,95) 
behauptet ein 'Legendista Gallicus' (Paris 1705) in seiner 'Vita 
S. Oswaldi' der körper sei aus Flandern (cf. s. 419) nach Soissons 
übergeführt worden. Spricht dagegen auch das zeugnis des 
Molanus, der in den 'Natalibus SS. Belgiis' zum 5. august be- 
merkt, dass die gebeine bis auf einen kleinen teil durch die 
kriege mit Frankreich verbrannt seien, so zeigt es doch, dass 
Oswald in Soissons verehrt wurde; daselbst soll eine ver- 
goldete hölzerne truhe gezeigt worden sein mit der inschrift 
'Corpus S. Oswaldi Regis Angliae et Martyris.' Damit sind 
aber auch die Zeugnisse für Frankreich erschöpft: in der fran- 
zösischen litteratur scheint die legende nicht vorzukommen. 
Meine bemühungen über den gegenwärtigen stand der Oswald- 
verehrung in Frankreich einige auskunft zu gewinnen, wurden 
leider ignoriert. 

Noch dürftiger sind die spuren in Italien und Spanien. 



418 BERGER 

Ein aus Lissabon stammendes reliquienverzeichnis meldet, dass 
daselbst im jähre 1587 reliquien von Oswald eintrafen (Stadler, 
Vollst, heiligenlexikon 4, 633). Wie mir von massgebender 
seite versichert wurde, ist der heilige in Italien nirgends be- 
kannt: die einzige, freilich wenig besagende spur ist ein ge- 
mälde von Bonifazio Veneziauo, das sich in der Accademia 
dello belle arti zu Venedig befindet und den heil. Matthäus 
und könig Oswald mit kröne, scepter und schwert darstellt. 
In der 'Legenda aurea' ist des heiligen nur in den späteren 
Zusätzen kurz gedacht (und zwar nur der scene am Osterfeste), 
auch Petrus de Natalibus und Mombritius kennen ihn nicht 

Auch in betreff Belgiens blieben mir bestimmte nachrichten 
aus, obwol mir widerholt versichert wurde, dass der heilige 
daselbst noch heutigen tages verehrt werde. 

In slawischen gegenden ist, wie mir von kundiger seite 
verschiedentlich mitgeteilt wurde, die legende ebenfalls nicht 
bekannt. Eine sporadische erscheinung ist ein walachisches 
dorf st. Oswald mit einer pfarrei von nicht unierten Griechen 
im Szolnoker comitat, Siebenbürgen (Mitth. d. k. k. centralkomm. 
18, 23). 

Graf Montalembert in seinen 'Meines d'Occident' (IV, 35) 
bemerkt, dass reliquien von Oswald, somit auch sein eultus 
bis nach Griechenland gekommen ( sei: ich konnte darüber nichts 
ermitteln. 

Dass im scandinavischen norden die Oswaldlegende be- 
kannt war, haben wir oben gesehen. In den ' Annaler for 
nord. oldkyndh. og bist.' 1854, s. 18 führt J. Sigurdson ans, 
dass man in Island im 14. und 15. Jahrhundert eingehende 
kenntnis von englischen legenden gehabt habe (of. bes. den 
exkurs über die Hauksbök). 

Eine dauernde statte fand der Oswaldcultus in Deutsch- 
land. 

Dass reliquien bei den Friesen wunder wirkten, bemerkt 
bereits Beda (III, 13). Schon im jähre 789 kam durch Walt- 
gerus, den Stifter des klosters Herford, 'des heiligen Oswaldi 
heiligtum' nach Westfaleu; in Dörenberg genoss der heilige 
grosse Verehrung, auch die Ueberwasserkirche zu Münster be- 
wahrte reliquien von ihm (Stadler, Vollst, heiligenlexikon 
IV, 633). Im jähre 103S wurden Oswalds gebeine nach dem 



OSWALDLEGENDE. 4 1 9 

benedictinerkloster Winnoc bei Berg in Flandern gebracht. 
Hier entstand bald darauf die 'Vita S. Oswaldi' des Mönches 

r 

Drogo (Acta SS. Aug. II, 92 ff.), der Beda mit nur geringen ab- 
weichungen, zum teil wörtlich folgt. Zu Echtei nach im luxem- 
burgischen wurde das haupt des heiligen mit dem des Willi- 
brord seit 1138 verehrt. Sein kinn soll nach Weingarten ge- 
kommen sein. Aus den breviarien des 15. und 16. Jahrhunderts 
geht hervor, dass Oswald in dieser zeit in den bistümern von 
Köln, Mainz, Münster, Konstanz, Speier, Bamberg, Salzburg 
und Augsburg, auch in Böhmen verehrt wurde (Acta SS. a. a. 0.). 
Noch gegenwärtig ist er patron von Berg, Düren und Mömpel- 
gard (cf. J. v. Radowitz, Ges. sehr. I, 66). 

Die martyrologien des Notker und Hraban nennen den 
heiligen nicht : er scheint also damals in Oberdeutschland noch 
nicht bekannt gewesen zu sein. Dagegen erwähnt ihn bereits 
Wandelbert (um die mitte des 9. jahrh.), der zum 5. august 
bemerkt: 'Nonas Casianus, Memmius atque Oswaldus Rex pius 
Anglorum merito et virtute retentant'. Dass im 13. Jahrhundert 
Oswald in ganz Oberdeutschland beliebt sein musste, wird auch 
durch zwei erwähnungen in mittelhochdeutschen gedichten be- 
stätigt. Die eine findet sich in Renner 13535: 

Wä rtchet nu sant Oswaldes hant 
Oder sant Nicolas arme liute? 

Die andre lautet (Seifr. Helbl. 7,361): 

Sant Mertin und sant Oswalt 
zno den muten sin gezalt. 

Hermann von Fritzlar und der gelehrte Verfasser des Pas- 
sionals nahmen unsre legende allerdings nicht auf; man darf 
aber nicht mit Zingerle daraus schliessen, dass sie von der 
glaubwürdigkeit derselben geringschätzig geurteilt oder sie etwa 
gar nicht gekannt hätten: Hermann von Fritzlar hat überhaupt 
nur wenige legenden behandelt, und der Verfasser des Pas- 
sionals erwähnt von Oswald nichts, weil er dessen legende in 
der 'Legenda aurea', die ihm als quelle diente (cf. Wichner, Zs. 
f. d. phil. X, 255 — SO), nicht vorfand. Sonst kommt die legende 
in der litteratur nicht gerade selten vor. Das 'Leben der hei- 
ligen', aus dem die fassung z stammt, war ja in zahlreichen 
drucken und handschriften über ganz Deutschland verbreitet. 
Wir besitzen mehrere vollständig ausgearbeitete officien unsres 



-a * 



420 BEBGER 

heiligen. Das eine, welches vermutlich im 13. jahrh. abgefaßt 
worden ist, befindet sich handschriftlich in St. Gallen (Cod. 
S. Gall. 404, p. 474 — 4S0). Hexameter, vierhebige gereimte 
verse und rhythnien wechseln darin ab, die eingeschobnen 
lectiones sind fast wortgetreue auszüge aus Beda. Cod. S. GalL 
472 (p. 28 — 33) enthält ebenfalls die Ordnung einer kirchliehen 
ceremonie zu ehren unsres heiligen mit weglassung der lectiones 
und starker benutzung des erstgenannten officiums. 1 ) Ein 
drittes officium auf st. Oswald mit einer voraufgehenden, eben- 
falls sich eng an Beda anschliessenden, lebensbeschreibung des- 
selben findet sich in der Münchner kgl. bibliothek (CG 2924 
vom jähre 1759 — 60. 4°. 92 bl.). Auch in die hymnenpoesie 
fand unser heiliger eingang. Eine hymne, die die unverwes- 
liche hand feiert, findet sich bei Daniel, Thesaur. hymnol. 
II, 161; eine zweite bei Mone, lat. hymnen d. MA. III, 469 f. 
Alcuin besang Oswalds leben und Wundertaten nach Beda in 
schwungvollen hexametern in den ( Versus de Patribus Regibus 
et Sanctis Euboricensis Ecclesiae' (Dümmler, Poetae lat aer. 
Car. 1, 175 ff.), nach Wattenbachs Vermutung allerdings, bevor 
er nach Deutschland kam, etwa 780. Sogar in dramatischer 
form ist unsre legende vorhanden gewesen. Im jähre .1480 
oder 1485 wurde zur ein weihung der st. Oswaldskirche in Zug 
(cf. 8. 423) gespielt 'Das leben des heiligen Oswald', ein Just- 
spiel in 8000 versen in 2 teilen von je 5 acten, das 2 tage 
dauerte (cf. Geschichtsfreund 17, 12). Leider ist die handschrift 
seit 1862 verloren. Wie mir herr prof. dr. Brandstetter in 
Luzern freundlichst mitteilt, findet sich im 'Catalogus Trag, et 
Com. Lucernen8ium' (geschrieben von 1584 — 1795) auf bL 22* 
die notiz 'Anno 1621 Oswaldus Rex' gespielt von den Jesuiten- 
zöglingen. Der verlust dieser beiden spiele ist um so mehr 
zu bedauern, als sie vermutlich neben den spielmannsgediehten 
die einzigen behandlungen der volkstümlichen Oswaldlegende 
sein würden, worauf doch die bezeichnung als 'lustspiel' 
deutet. 

Die Verehrung unsres heiligen war also über ganz Deutseh- 
land beinahe verbreitet, in Oberdeutschland aber hat sie eine 



') Herr Stiftsbibliothekar Idtensohn in St. Gallen war so freundlich, 
mir von beiden copieen zu verschaffen. 



OSWALDLEGENDE. 421 

dauernde heimstätte gefunden: noch beute zählt Oswald in 
Bayern, Tirol, Steiermark, Kärnthen, Krain und der Schweiz 
zu den populärsten heiligen. Ich führe zunächst die in be- 
tracht kommenden bayrischen kirchen auf. 

In 'S. Oswald' bei Grafenau, diöcese Passau, wurde bereits 
im jähre 1389 vom landgrafen Johann IL von Leuchtenberg 
über einer vielbesuchten heilquelle eine kapeile zu ehren des 
heiligen Oswald, £ustach, Andreas u. a. errichtet Neben der- 
selben steht heute eine, allerdings erst 1877 nach abbrennung 
des alten gotteshauses erbaute pfarrkirche. Nach der 'Bründl. 
kapelle' gehen jedes jähr vor pfingsten zahlreiche wallfahrts- 
züge um die gnade des heil. Oswald, der hier als patron gegen 
viehkrankheiten verehrt wird, anzurufen und ihre flaschen mit 
dem quell vvasser zu füllen, welchem heilkraft für augenleiden 
und gicht zugeschrieben wird. 1 ) Oswald ist ferner patron in 
den kirchen zu Marktl (bezirk Altötting, Oberb.), zu Herzogs- 
reut bei Freyung (Niederb.) und zu Traunstein (erzdiöcese 
München). Der geschichte der letzteren kirche hat Max Fürst 
eine kloine monographie gewidmet (Gesch. d. st. Oswaldskirche 
zu Traunstein, 1884). Dieselbe ist erst seit 1342 bezeugt, hat 
aber offenbar schon früher bestanden. K. Heinr. ritter v. Lang 
in seiner schrift 'Ueber die h. Schutzpatrone der alten bair. 
kirchen' (Nürnberg 1829, s. 5) gibt an, dass 12 derselben dem 
heil. Oswald geweiht waren. 

Viel zahlreicher sind die kirchen, die in Tirol dem heiligen 
geweiht sind. Zingerlc (a. a. o. s. 71 f.) hat dieselben bereits 
fast vollständig aufgeführt. Es sind in der diöcese Brixen die 
seelsorgskirchen zu Mauls, Seefeld, Steeg, Gaissau, Sonntag 
und Dalaas, in der diöcese Trient die gotteshäuser zu Pawigl, 
Bedollo, Garniga, ferner St. Oswald bei Kastelruth, St. Oswald 
bei Sillian. In der nähe von Bozen stehen zwei kleine Oswald- 
kirchen, von denen die eine unter könig Heinrich von Böhmen 
(1310 — 35) erbaut wurde; die andre soll ein alter von mehr 
als 1000 jahren haben. Eine kleine Oswaldkapelle steht auf 
dem länger bei Hafling. 2 ) Ausserdem sind dem heiligen in 



') Freundliche Mitteilung des herren pfarrer Bauer daselbst. 
2 ) Lewald in seinem 'Tirol' (II, 146) behauptet, dass an der stelle 
dieser 'uralten' kirche einst ein heidnischer tempel gestanden habe, 



422 BERGER 

vielen kirchen seitenkapellen geweiht, und sein bild steht in 
zahlreichen feldkapellen. 

In Steiermark führen sehr viele orte den namen St. Os- 
wald. Es sind St. Oswald in Freiland, bei Zeiring, bei Plan- 
kenwarth, bei Krakaudorf, bei Eibiswald, bei Puch, im Drau- 
walde (17S7 erbaut), bei Ponigl, bei Sachsenfeld, bei Hörberg, 
bei Pettau, bei Windischgräz, bei Prastberg, bei Drachenburg, 
bei Wöllau. Alle diese orte haben natürlich auch Oswald- 
kirchen. Solche finden sich ferner in Eisenerz (1279 erbaut), 
Gasen, Kapfonberg, Rötheistein, Rachau, Kallwang und Gra- 
den. 2 ) Genauere angaben über diese kirchen konnten mir 
nicht gemacht werden, als dass die mehrzahl derselben ein 
alter von mehreren Jahrhunderten haben soll. Im bezirk Yoits- 
berg findet sich ein Oswaldgraben. 

Kaum mfnder reich ist Eärnthen an Oswaldkirchen. Da- 
selbst tragen folgende Ortschaften den namen des heiligen. 
St Oswald ob Hornburg (bei Eberstein), in Seeland (bei 
Kappel), bei Kleinkirchheim, bei Koseck, in der Sommerau 
(bei Reichenfels), bei Villach, bei Bleiburg, auf dem Rieding, 
am Nussberg, im Unterrosenthal (pfarre Suetschach), bei Schön- 
weg. Ferner gibt es filialkirchen zu St. Oswald in Schwarzen- 
bach, Oberdrauberg, in Tschau, Rinkelach, Goritschach (pfarre 
Pörtschach), Thon (bei Grafensteiu), Räch (pfarre Leifling), 
Tibitsch (pfarre Techeisberg). Auch von diesen kirchen soll 
der grösste teil mehrere hundert jähre alt sein. Dazu kommen 
zahlreiche wegkapellen und seitenaltäre in andern gottes- 
häusern. Auf dem Oswaldiberg bei Vassach steht ebenfalls 
eine alte kirche. Vier bergwerke in der Umgebung von Blei- 
berg tragen den namen des heiligen. 



ebenso v. Perger (Mittheil. d. k. k. centralkomm. 18, 24), indem er auf 
den nordischen Ifing hinweist, der nie von eis bedeckt die unübersteig- 
liche grenze zwischen menschen und gittern bildet (Vafthrudnismal 
v. 16 ff.) und mit diesem hinweis seine identificierung Oswalds mit Wodan 
stützen zu dürfen glaubt. Wie mir aber von glaubwürdigster Seite ver- 
sichert wurde und wie auch Zingerle (a. a. o. s. 72) bemerkt, ist diese 
kapelle erst in unserm Jahrhundert (in den 30 er jähren) errichtet 
worden. 

*) Freundliche mitteilung der herren pfarrer Zahlender in Eiseners, 
Stiftsbibliothekar Weis in Gratwein u. a. 




OSWALDLEGENDE. 423 

In Krain kann ich nur 2 kirchen zu St. Oswald nach- 
weisen, es sind 'St. Oswald' im bezirk Bischoflack und 'St Os- 
wald' im bezirk Egg; im eigentlichen Oesterreich auch nur 
wenige: 'St. Oswald' bei Persenbeug in NOe., 'St. Oswald* bei 
Freistadt und 'St. Oswald* bei Haslach in OOe. Die letztere 
kirche lägst sich bis ins 13. jahrhd. historisch verfolgen, wo in 
einer Urkunde von 1277 ein herr Christian, pfarrer zu St Os- 
wald, als zeuge aufgeführt wird. 1 ) In der 'historisch-topogra- 
phischen matrikel des landes ob der Enns' von Johann Lamp- 
recht (Wien 1863) ist s. 150 genannt: St Oswald, ecclesia et 
parochia an der grenze von Böhmen. Wie mir herr dompropst 
dr. Schrödl in Passau mitteilt, befindet sich auch eine Oswald- 
kirche iu der diöcese St. Polten. Unweit Wippel in Oberösterr. 
führt ein bauernhaus den namen 'Oswaldl in Berg', bei Waldzeil 
findet sich eine einöde ' Oswaldneck \ 

Im Salzkammergut ist Oswald patron der kirche zu Mühl- 
rain bei Abtenau, auch gibt es daselbst in der nähe von Dürrn- 
berg eine Oswaldmühle. 

Ein ' Oswaldenhof ' fiudet sich in der badischen gemeinde 
Urach, ein weiler gleichen namens liegt bei dem wttrtembergi- 
schen Schramberg im Schwarzwaldkreise. Bei Scheer in Wttr- 
temberg führt ein isoliertes haus den namen 'St Oswald' (cf. 
Rudolf, Ortslexikon 11,3266). Auch im Elsass soll zwischen 
ßreusch und Magel ein meierhof 'St Oswald' liegen, der 
ehemals den herren von Mundolzheim gehörte (v. Perger 
a. a. o. 23). 

Ich lasse eine Übersicht über die Verehrung unsres heiligen 
in der Schweiz folgen. Der mittelpunkt des schweizerischen 
Oswaldcultus ist Zug. Wie derselbe nach Zug gekommen, er- 
hellt aus einer Urkunde von 1481, 25. herbstmond, die mir 
herr prof. dr. Brandstetter in Luzern freundlichst mitteilte. In 
derselben bestätigt ein abt Wilhelm zu St. Petri 0. S. B. in 
Burgo (bistum Lincoln, Cantuar. prov. England) dem magister 
Eberhard, kirchberrn zu Weggis und Zug, dass ein frommer 
pilger Friedrich Winter in sein kloster gekommen, um die 
reliquien des heil, königs und märtyrers Oswald zu sehen. Er 



l ) Ich verdanke diese mitteilung herrn pfarrprovisor Palle in Klein- 
kirchheim und herrn prof. DUrnwirth in Klagenfurt. 



424 BEBGER 

babo daselbst gesehen den unversehrten rechten arm des ehr- 
würdigen königs, geopfert 10 englische pfennige und empfangen 
einen teil des tuches, so mit dem blut dieses heiligen mär- 
tyrers gefärbt, um es dem genannten magister Eberhard 
zu bringen. Die baugeschichte der Zuger Oswaldkirche hat 
P. Bannwart im ' Geschichtsfreund ' (II, 82 ff.) mit benutzung 
des tagebuchs von magister Eberhard mitgeteilt 1478 legte 
man den ersten stein an den bau, 1482 vergabte das gottes- 
haus Wettingen zu St. Oswald ein fingerglied von der linken 
hand des heiligen, von Weingarten, wo manches gezeigt wurde, 
was königin Judith (gemahlin des herzogs Guelf von Schwaben) 
aus England mitbrachte, kam ( ein röhren Sancti Oswaldi' und 
'ein erber stück von eim arm'. 

Doch gibt es in der Schweiz weit ältere Oswaldkirchen« 
Die pfarrkirche zu St. Oswald in Sargans (canton St. Gallen) 
kommt bereits im 11. jahrhdt. vor als zum bistum Ghur ge- 
hörig (Nüscheler, Gotteshäuser d. Schweiz 1, 10). In demselben 
canton begegnet noch eine Oswaldkapelle zu Oberschan, welche 
ebenfalls bereits im 11. Jahrhundert erwähnt wird (Nüscheler 
1, 16), und eine zu Wallen statt (Nüscheler 1, 15). Im jähre 
1227 wird in Urkunden zuerst einer Oswaldkapelle in St Gallen 
selbst gedacht (Urkundenbuch d. abtei St.-G. III, 73. 104. 138. 
385 u. ö.). Die benedictinerpropstei St Oswald zu Wislikofen 
im Thurgau wurde am 27. december 1113 oder 1114 dem 
kloster St. Blasien übergeben, 1807 aufgehoben. Die pfarr- 
kirche zu Udligenschwil im canton Luzern wird bereits im 
jähre 1036 erwähnt. Die Oswaldkapelle zu Basel kommt im 
jähre 1248 zuerst vor. Im canton Zürich sind Oswaldkapellen 
in Truttikon und Breite, erstere wird 1300 zuerst genannt, 
letztere 1370 (Nüscheler II, 46. III, 592). Im canton Bern ist 
die kapelle zu Holderwald St. Oswald geweiht, zusammen mit 
Jacob, Maria und Leonhard ist ihm eine kapelle zu Biessen- 
hofen geheiligt. Patron us seeundarius bis zur aufhebung des 
zweiten patronats war Oswald in Romoos, er ist noch jetzt 
patron der Wislikofen am andern Kheinufer gegenüberliegenden 
pfarrei Birnheim. 1 ) Die kapelle zu Inwyl bei Baar (1584 ge- 



! ) Letztere notizen verdanke ich herrn prof. dr. Brandstetter 
in Luzern. 



OSWALDLEGENDE. 425 

stiftet) ist den heiligen Sebastian, Oswald und Anna geweiht 
(Zuger kalender 18S4). Die pfarrkirchen zu Solothurn und 
Nenzlingen sind ebenfalls St. Oswald geheiligt. Doch wird 
sein (est zu Solothurn am 9. august gefeiert (Stadler, Vollst, 
heiligenlex. IV, 633); daselbst wird ein arm des heiligen ver- 
ehrt. Ausserdem sind ihm in vielen grösseren kirchen seiten- 
altäre geweiht, so in Chur, Schaff hausen, Zürich, Lachen etc. 
Wie populär Oswald in der Schweiz, besonders in Zug ge- 
wesen, zeigt die Schilderung der Oswaldfeste im 17. und 18. 
Jahrhundert, wie sie prof. S. Koch nach den Zuger rechnungs- 
büchern im 'Jahresber. der kantonal, industrieschule und des 
städt. obergymn. in Zug' von 1883/84 s. 24 f. gibt. Geistliche, 
fremde und einheimische, musikanten und Studenten strömten 
zusammen, jeder wurde am tore beschenkt, unter das volk 
wurde brot, wein, milch, hirse, salz, holz etc. ausgeteilt, in 
früherer zeit wurde sogar vom seckelmeister noch geld unter 
die menge geworfen: es war das grossartigste fest in Zug. 
Zur erhöhung der popularität des heiligen in der Schweiz 
mochten die oben erwähnten spiele nicht wenig beitragen. Wie 
für Oberdeutschland überhaupt, so Hessen sich besonders für 
die Schweiz reiche belege für die Verbreitung des taufnamens 
Oswald beibringen. Die anführung der tatsache möge indes 
genügen. 

Zu dieser Übersicht über die Verbreitung des Oswaldcultus 
wird sich gewiss noch manches nachtragen lassen: ein flüch- 
tiger blick auf das beigebrachte material lässt indes schon 
ermessen, wie ausserordentlich zahlreich die bildlichen dar- 
stellungen des heiligen sein müssen. Ich habe eine grosse 
menge derselben teils durch autopsie, teils durch das dankens- 
werte entgegenkommen der betreffenden herren geistlichen, die 
mich mit copieen, siegel- und münzenabdrücken freundlichst 
versorgten, kennen gelernt. Statuen und bilder des heiligen 
finden sich auf den hochaltären sämmtlicher ihm geweihter 
kirchen; daneben trifft man sein bild auf kirchenfenstern, 
plafonds, giebelwänden, glocken, chorstühlen, antependien, mon- 
stranzen, kelchen, münzen, rosenkranzmedaillen, fahnen u. s. f. 

Die gesammtheit dieser bildlichen darstellungen lässt sich 
in zwei grosse classen teilen. Die eine schliesst sich treu 
an die officielle kirchenlegende an und wählt ihre vorwürfe 



426 BERGER 

aus der von Beda überlieferten lebensgeschichte deB heiligen. 
Weitaus die meisten bilder aber fügen dem heiligen, der nie- 
mals anders als mit den insignien seiner königlichen würde, 
zuweilen hoch zu ross, dargestellt wird, das attribut des 
raben hinzu. Dass auf den statuen der rabe häufiger fehlt, 
mochte nicht selten an der grösseren Schwierigkeit der aus- 
führung liegen; doch auch auf vielen bildern sucht man ihn 
vergebens. 

Die mehrzahl der bilder von der erstgenannten art stellen 
jene sceno am Osterfeste dar, wo Oswald mit Aidan und an- 
dern zu tische sitzt und den hereindringenden armen die für 
ihn bestimmten speisen sammt der goldenen Schüssel überliest» 
worauf Aidan seine band für unverweslich erklärt Andere 
haben Oswalds tod durch Penda, wider andre den kämpf mit 
Kedwalla zum Vorwurf gewählt. Doch ist auch hier wider 
ein unterschied zu bemerken, insofern auf einigen gemälden 
Oswald inmitten des schlachtgetümmels betend am kreuze 
kniet, während z. b. auf einem emailbild, am fuss einer silber- 
nen monstranze, welches sich in der pfarrkirche zu Eisenerz 
befindet, Oswald selbst mit einem kreuze in der hand dem 
heere voranzieht. Bemerkenswert ist, dass auf einem bilde 
dieser art, welches den heiligen in rotem mantcl und blauer 
Stahlrüstung, an der schulter mit ei Dem löwenkopf geschmückt, 
auf der spitze eines hügels am kreuze knieend und von einem 
engel überschwebt darstellt, die weichenden feinde turbane 
tragen. Der maier dachte also nicht an die schlacht mit den 
Merciern, sondern verlegte — offenbar unter dem einfluss der 
spielmannstradition — den kämpf ins morgenland, was auch 
dadurch bestätigt wird, dass das heer Oswalds mit einem roten 
kreuz bezeichnete fähnlein führt. Dies bild befindet sich am 
hochaltar zu St. Oswald in der Sommerau (Kärnthen) und ist, 
nach angäbe des herren pfarrer Waldner in Reichenfels, gegen 
200 jähr alt. Weit auffallender ist aber, dass Oswald auch 
selbst in orientalischem krönungsornat. auf dem haupt einen 
turban und auf diesem eine kleine kröne tragend dargestellt 
wird. Allerdings kann ich für diesen fall nur 2 beispiele an* 
führen. Ein bild dieser art, das dem 16. jahrhdt. angehören 
soll, befindet sich nach aussage des herrn pfarrprovisor Palle 
in Kleiukirchheim, auf dem mittleren teile des altarantepen- 



OSWALDLEGENDE. 427 

diums zu St. Oswald ob Kleinkirchhcim (Kärnthen), ein zweites 
unweit von dieser kirebe in einer kleinen kapelle; letzteres 
gehört aber erst dem jähre 1835 an, mag also unter der ein- 
wirkung des ersteren entstanden sein. 

Auf der grossen mehrzahl der bildlichen darstellungen er- 
scheint aber der rabe. Auch hier lassen sich mehrere Unter- 
abteilungen scheiden. Der rabe sitzt auf der hand des königs, 
auf seinem scepter, seinem reichsapfel oder zu seinen füssen, 
zuweilen erscheint er auch fliegend über seinem haupte. Meist 
führt er einen goldnen ring im schnabel, oft fehlt aber auch 
derselbe. Die bilder der zweiten gattung zeigen den raben 
auf einem gefäss (pokal oder kapsei) sitzend, das der könig 
in der hand hält oder das ihm zur seite steht. Eine dritte 
kategorie führt den vogel in derselben Stellung vor, aber mit 
dem ring im schnabel. Am häufigsten scheinen die darstel- 
lungen der letzten art zu sein. Ein unterschied in der zeit 
lässt sich zwischen diesen drei Varianten nicht machen, da 
alle drei in ihren ältesten Vertretern bis ins 15. jahrhdt. zu- 
rückgehen. 

In der mitte zwischen diesen beiden grossen classen steht 
eine kleinere anzahl von darstellungen, in denen momente aus 
jenen beiden zusammengeflossen sind. So stellt z. b. das hoch- 
altarbild der Kuratiekirche zu St. Oswald ob Kleinkirchheim 
Oswalds speisung der armen am Osterfeste dar, Aidan deutet 
auf des königs unverwesliche hand. Die scene ist also der 
darstellung bei Beda nachgebildet, dennoch schwebt über dem 
haupte Oswalds der rabe mit dem ring im schnabel. Dies 
bild gehört — nach dem urteil des herrn prof. Dürnwirth in 
Klagenfurt — in den anfang des 15. Jahrhunderts (die glocken 
der kirche tragen die zahlen 1411 und 1437). Wie gesagt sind 
die bilder dieser art weit seltner. 

Es darf nuu gar wol die frage aufgeworfen werden, auf 
welcher seite hier die priorität zu suchen sei, in der bildenden 
kunst oder in der Spielmannsdichtung: wirkte die letztere auf 
die erstere oder umgekehrt? — Gewiss ist es an sich denkbar, 
dass das motiv eines bildes den anknüpfungspunkt für freie 
poetische erfindung abgeben kann, nur muss dies motiv selbst 
wider seine daseinsberechtigung aus irgend einer tradition her- 
leiten lassen können. Und das scheint hier allerdings der fall 



428 BERGER 

zu 8 ein. Wir Bähen, dass in z erzählt wird, bei der krOnung 
Oswalds sei der chrisem zerronnen, da sei ein rabe vom him- 
mel gekommen mit dem salböl und einem brief, in dem ge- 
schrieben stand, dass Petrus den chrisem selber gesegnet habe. 
Sollte diese erzählung den anlass zur einführung des raben in 
die kirchliche kunst gegeben und sollte nun die spielmanns- 
legende versucht haben, diesen raben auf ihre weise zu deuten 
und ihn zum helden eines der originellsten poetischen gebilde 
zu machen? Diese Vermutung ist entschieden abzulehnen. Wie 
schon oben betont wurde, ist eine derartige Selbständigkeit der 
erfindung der älteren Spielmannsdichtung fremd. Dass aber 
die volksphantasie selbst in der entwicklung einer sage an ein 
attribut der kunst anknüpfen sollte, das wäre wol eine erschei- 
nung ohne jede analogie. Und selbst wenn dies möglich wäre, 
so würden sich aus jener tradition immer noch nicht die 
bilder erklären lassen, auf denen das gefäss mit oel fehlt und 
der rabe nur den ring im schnabel führt. Dazu kommt, 
dass jene erzählung sich ganz allein in z findet, in keiner 
behandlung der kirchlichen legende ist sie sonst nachzuweisen: 
sie ist also jüngeren und offenbar geistlichen Ursprungs. Da 
der rabe in folge des mächtigen einflusses der volkssage auf 
den darstellungen des heiligen unvermeidlich war, musste man 
ihn auch aus der legende zu rechtfertigen suchen, denn sein 
auftreten als heiratsvermittler in der spielmanustradition konnte 
unmöglich als eine ausreichende legitimation für ihn gelten. 
So machte man einfach eine anleihe bei der Remigiuslegende 1 ) 
und schwärzte in die legende jene erzählung von der himm- 
lischen sendung des raben ein. Wie willkommen aber diese 
der kirche gewesen sein muss, beweist, dass sie noch heute 
verbreitet ist, wenigstens wurde sie mir von vielen geistlichen, 
die ich um die bedeutung des raben fragte ebenso mitgeteilt. 
Auf dem altarblatt der kirche zu Pawigl in Tirol ist geradezu 
die scene der krönung dargestellt, wie Oswald von drei 
bischöfen mit dem vom himmel gesandten chrisem gesalbt wird. 
Das bild gehört dem 16. Jahrhundert an. 



! ) Natürlich musste hier die taube dem raben weichen. 'Die taube, 
obwol häufig gegen satz des raben, kann ihn dennoch vertreten* (Gr. 
DM 122). 



OSWALDLEGENDE. 429 

Eine grosse reibe von bildern steht also unter dem ein- 
fluss dieser geistlichen erfindung. Dass das dem raben bei- 
gegebne geföss bald ein pokal, bald eine kapsei ist, hat nichts 
auffälliges. Weit auffallender ist, dass auf bildern dieser art 
dennoch der rabe nicht selten einen ring im schnabel führt — 
ein seltsames compromiss zwischen der volkslegende und der 
nachträglichen geistlichen ausdeutung, für das das ich bis 
jetzt allerdings kein analogon nachweisen kann. Auch in den 
bildern, auf denen der rabe allein, aber ohne ring erscheint, 
verrät sich geistlicher einfluss. Mochte man auch das in der 
Vorstellung des volkes mit der person des königs so eng ver- 
wachsene attribut des raben nicht gerne ganz entfernen, so 
glaubte man doch nicht unnütz durch den verlobungsring die 
erinnerung an die weltlichen abenteucr des ehrwürdigen hei- 
ligen wachrufen zu müssen. 

Während also in der oben angenommenen ersten classe 
von bildern die kirchliche legende allein massgebend ist, be- 
kämpfen sich in der zweiten classe geistlicher und volkstüm- 
licher einfluss: dieser ist siegreich, wo der rabe mit dem ring 
abgebildet wird; jener ist massgebend, wo der rabe mit dem 
oelgefäss erscheint. Dazwischen stehen zwei andere gruppen: 
in der einen (rabe ohne ring) macht die volkstradition der 
kirchenlegende eine concession, in der zweiten (rabe mit ge- 
fäss und ring) die letztere der volkstradition. Das gleiche 
ist bei jenen bildern der fall, die zu den nach Beda ent- 
worfenen scenen noch den raben mit ring hinzutreten lassen. 

Auch andre legenden nach dieser seite zu untersuchen, 
wäre eine lohnende aufgäbe für den kunsthistoriker, für deren 
lösung bisher noch so gut wie nichts geleistet ist. Es wird 
sich stets zeigen, dass bei den heiligen, deren legenden zum 
geistigen eigentum des volkes geworden sind und dem um- 
bildenden einfluss der volksphantasie unterworfen waren, auch 
in den bildlichen darstellungen dieser einfluss sich geltend 
macht und in dieselben demente trägt, die der kirchlichen 
legende ursprünglich fremd sind. Um nur ein beispiel anzu- 
führen, erinnere ich an den sagenumwobenen heiligen Nicolaus, 
der auf die mannigfaltigste weise (mit 3 Jünglingen, 3 gold- 
nen äpfeln, einem schiff, einem kindlein, das er an den haareu 
hält etc.) abgebildet wird, je nachdem diese oder jene volks- 

Bciträge cur geschieht« der deutschen spräche. XI. 2$ 



430 BERGER 

tradition die massgebende wurde. Eine ähnliche Verschieden- 
heit der attribute findet sich in den darstellungen des beson- 
ders in der gegend von Würzburg sehr beliebten heil. Kilian. 
Wo derartige den attributen der kunst zu gründe liegende tra- 
ditionell sich mit der würde der kirche in einklang bringen 
Hessen, mochten sie auch wol in die canonische legende 
schliesslich aufgenommen werden: in unserm falle hätte ein 
derartiges verfahren nur eine profanierung derselben bedeuten 
können; so blieb nichts übrig, wenn man den raben beibehielt, 
als eine tendenziöse umdeutung desselben, von der uns in z 
das erste und einzige zeugnis vorliegt. 

Wir können es sonach als gesichert annehmen, dass,. wo 
uns auf bildern der rabe entgegentritt, die volkstümliche* Ver- 
sion der legende verbreitet war. I 

Für die behauptung von Hack (Der christliche bilderkreis, 
Schaff hausen 1856, s. 331) und Cahier (CaractäristiquoB des 
Saints etc. I, 242), dass Oswald auch mit einer über Beinern 
haupte schwebenden taube dargestellt werde, habe ich nirgends 
einen anhält finden können. 1 ) Sollten solche bilder wirklieh 
existieren, so können sie meines erachtens nur produete einer 
jüngeren zeit sein, der die bedeutung des raben nicht mehr 
verständlich war, und die deshalb den für heidnisch geltenden 
vogel durch die christliche taube, das symbol des auf dem 
heiligen ruhenden göttlichen geistes, ersetzte. Uebrigens könnte 
auch die gleich zu erwähnende sage aus Eärnthen zu gründe 
liegen. Auch der von Cahier a. a. o. s. 256 erwähnten dar- 
stellung des raben mit dem brief im schnabel, die sich in alten 
passionalen finden soll, bin ich nirgends begegnet Da der 
ring hier fehlt, kann der brief ebenfalls nur auf den brief des 
Petrus zurückgehen, den nach z der rabe vom himmel gebracht 
haben soll. 

Unsre volkstümliche Oswaldlegende scheint denn auch von 
jener eben gekennzeichneten, von geistlichen erfundenen und 
verbreiteten Überlieferung schliesslich erstickt worden zu sein, 
wenigstens weiss der volksmund heutzutage nichts mehr von 
der ursprünglichen bedeutung des raben und gibt abweichende 



*) Auch bei Stadler, Vollst, heiligenlexikon IV, 633 wird ausdrück- 
lich bemerkt: rabe (nicht taube). 



OSWALDLEGENDE. 43 1 

ausktinfte. Manche behaupten, der heilige habe einen raben 
im wappen geführt. Andere erzählen, Oswald sei lange zeit 
von einem raben ernährt worden (Zingerle, s. 85). Dieser zug 
kommt z. b. in den legenden von Elias, Benedictus, Paulus 
Eremita und Antonius Abbas vor. In Eisenerz wurde mir er- 
zählt, ein vortiberfliegender rabe habe vor Oswald einen ring 
aus dem schnabel niederfallen lassen. Der könig forschte 
nach dem besitzer desselben und fand ihn in der tochter eines 
benachbarten flirsten, die er darauf zu seiner gattin machte. 
Eine ähnliche sage weiss ich augenblicklich nicht nachzuweisen; 
auch der gräfin Ida von Toggenburg wird von einem raben 
ein ring entführt (Gr. DS 513). 

Interessanter sind ein paar sagen aus Eärnthen, für deren 
mitteilung ich heim prof. Dürnwirth in Klagenfurt zu dank 
verpflichtet bin. Die erste lautet: 

Oswald war ein ritter und hatte sich mit einer neger- 
Prinzessin verlobt. Durch eine weisse taube sante er seiner 
braut den verlobungsring. Als die taube übers meer flog, fiel 
ihr der ring aus dem schnabel; doch rasch stürzte sie dem 
fallenden nach und war so glücklich ihn noch zu erfassen. 
Aber vor schrecken wurde sie darüber ganz schwarz. Deshalb 
führt der heilige heute den raben bei sich. 

Aehnlich klingt eine zweite: 

Der heilige Oswald war ein einsiedler und brachte 33 
jähre im walde zu. Er hatte einen grossen und langen bart, 
dass er sich damit fast zudecken konnte. Da kam einmal ein 
vöglein geflogen, ein weiss küniglein, und sagte: Oswald, geh 
mit, dass du heiratest, denn dein haus daheim braucht einen 
heim.' Oswald meinte, er habe ja keine braut. — 'Da will 
ich dir helfen, sprach das vöglein, ich weiss eine braut, eine 
königstochter über'm meer. Gieb mir einen ring, ich bring* 
ihn dahin.' Da gab Oswald seinen güldenen ring, der so hell 
leuchtete, als ob ein licht in ihm brennte. Das küniglein flog 
nun mit dem ring im schnabel übers meer. Da erhob sich ein 
stürm, dass ihm der ring entfiel. Doch schnell hatte ihn das 
vöglein wider erhascht. Vor schrecken schwärzte sich aber 
sein gefieder und es ward ein rabe. Den ring brachte es wol- 
behaltcn zur prinzessin, die gab ihm ihren ring dafür, dass es 
ihn herwider zu Oswald bringe. 

28* 



432 BERGER 

Die erste sage stammt aus der gegend von Villach, die 
zweite aus dem slovenischen Rosental, fast ebenso wird sie 
aber in der gegend von Millstatt erzählt; sie scheint also in 
ganz Kärnthen heimisch zu sein. 

Man spürt in diesen beiden sagen deutliche nachklänge 
der spielmannslegende. Dass der vogel der Vermittler des ver- 
lobungsringes ist und dass ihm dieser bei einem stürme ins 
meer zu fallen droht, ist natürlich auf eine nachwirkung jener 
zurückzuführen. Die entführung der königstochter, der kämpf 
um sie und die Vermählung, alles also, was in der spiel- 
mannslegende die eigentliche handlung ausmachte, ist, soweit 
ich sehen konnte, aus dem gedächtnis des Volkes heute bereits 
entschwunden, nur jene beiden züge retteten sich aus der Ver- 
gessenheit, weil sie eng mit dem wunderbaren raben zusammen- 
hängen; und dieser lebte ja in den bildern fort, man hatte 
ihn also fortwährend vor äugen. Wie wenig man sonst noch 
von der alten legende weiss, erhellt daraus, dass Oswald ein- 
mal als ritter, das andre mal als einsiedler bezeichnet wird, 
dass ihn der vogel zur heirat mahnt, und dass sogar die braut 
als negerprinzessin hingestellt wird. Während aber die aas 
Eisenerz mitgeteilte tradition sich bei dem raben beruhigte» 
geht derselbe hier einerseits aus einer faube, andrerseits ans 
einem ' weiss küniglein 1 hervor. Sollte hier ein ursprünglicher 
zug vorliegen? sollte die taube erst unter den bänden der 
spielleute durch den raben, der sich ja für deren zwecke ohne 
zweifei wirksamer verwerten Hess, verdrängt worden sein? 
Ich werde im nächsten abschnitt darauf zurückkommen; soviel 
sei indes gleich hier bemerkt, dass wir für eine solche Ver- 
mutung nicht den geringsten anhält haben. Diese sagen sind 
meines erachtens ebenfalls jüngeren Ursprungs und zeigen 
widerum, dass man die Zusammenstellung des heiligen mit 
dem heidnischen vogel störend empfand und ihm deshalb durch 
erfindung jener metamorphose eine mehr christliche fftrbung zu 
geben suchte. 

Damit haben wir aber das gebiet der weiteren an St Os- 
wald sich anknüpfenden volkstraditionen betreten, nnd wir 
werden ihn darin noch weiter zu verfolgen haben. Ich be- 
merkte bereits oben, dass der heilige in Niederbayern als 
patron gegen viehkrankheiten verehrt \yird. Es liegen 



OSWALDLEGENDE. 433 

eine reihe von Zeugnissen von geistlichen vor, die dasselbe für 
Steiermark und Eärnthen bestätigen. Einige fresken in der 
kirehe zu St. Oswald im Drauwalde (Steiermark) zeigen den 
könig mit der heilung von krankem vieh beschäftigt; das bild 
ist allerdings ziemlich jung: die kirehe selbst ist erst 1787 er- 
baut. 1 ) Wie unser heiliger zu dieser ehre gekommen, ist nicht 
nachzuweisen. Vielleicht hat dazu anlass gegeben, was bei 
BedalH, 2 berichtet wird: 'Nani et usque hodie multi de ipso 
ligno sacrosanetae crucis astulas excidere solent, quas cum in 
aquas miserint eisque languentes homines ant peeudes po- 
taverint sive asperserint, mox sanitati restituuntur'. Man 
hat aber kaum nötig, nach einer solchen begründung zu suchen, 
da diese auch bei anderen heiligen, die als viehpatrone gelten, 
häufig fehlt. So spielt z. b. in Oberbayern besonders der 
heilige Leonhard, in der Oberpfalz St. Sebastian diese rolle, 
ohne dass deren legenden irgendwelchen anhält dafür böten. 
Das vieh ist das wertvollste besitztum des landmanns, und der 
wolstand der heerden hängt mit dem ihrer eigentümer so eng 
zusammen, dass man sie am liebsten dem schütze desjenigen 
heiligen anvertrauen mochte, der in der gegend das meiste an- 
sehen genoss. Aehnlich steht es wol mit einer zweiten eigen- 
schaft, die das volk unserm heiligen beilegt. Wie mir herr 
prof. Dürnwirth mitteilt, ist Oswald in Eärnthen auch beson- 
ders beliebt auf den altären der holzknecht- und knappen- 
kapellen. Man geht selten fehl, wenn man in der nähe seiner 
kapeilen alten bergbau vermutet. Wie schon oben bemerkt, 
tragen in Kärnthen 4 bleibe ig werke seinen namen. 

In einem niederdeutschen gedieht des 14. Jahrhunderts 
i Van den doden koningen' (Gräters Bragur I, 369 — 378) finden 

sich die verse (107 ff.): 

Der kneycht rieff an sent Oiswalt 
De der drume hait gewalt 
Wat syn droum seulde dulden 
De eme vurquam van doden lue den. 

08 wähl gilt also hier als patron der träumenden: ich habe 
diese tradition weder in der litteratur, noch im volksmunde 
sonst widergefunden, sie kommt einzig hier vor und muss un- 
erklärt bleiben. 



') Mitteilung des herren priester Nachtigall daselbst. 



434 BERGER 

Der heilige hat aber auch macht über wind und wetten 
Dass er in Tirol als wetterpatron verehrt wird, bemerkte be- 
reits Zingerle (s. 77): ich kann dasselbe aus eigner erfahrung 
auch für Steiermark und Eärnthen bestätigen. Besonders 
fürchtet das landvolk seinen hagelschlag und wallfahrtet zu 
seinen altären, um Schonung und gedeihen für seine saaten zu 
erbitten. Auch diese eigenschaft teilt Oswald mit andern hei- 
ligen. Am frühesten wurde sie dem propheten Elias zu- 
gesprochen (cf. Gr. DM 144. Nachtr. 64), dessen legende aller- 
dings dafür manchen anknüpfungspunkt bot. In der Kaiser- 
chronik heisst es (D 335, 1) von Johannes und Paulus: 

si bant 
da ze himele weteres gewalt. 

Sie gelten noch heute als wetterherren* und in Süddeutsohland 
wird an ihrem tag (26. juni) vielfach noch die 'hagelfeier' ab- 
gehalten (cf. Jahn, d. d. opfergebr. bei ack erbau u. viehz. 153). 
Das gleiche lässt sich auch bei andern heiligen nachweisen, 
ohne dass man dabei gleich eine identificierung mit Wodan 
oder Donar zu wittern brauchte. Ein derartiges ebenso be- 
quemes wie unzuverlässiges verfahren mythischer forschung 
gehört wol heute zu den glücklich überwandnen Standpunkten 
unsrer Wissenschaft. Das glückliche gedeihen der saaten ist 
für den landmann eine lebensfrage; natürlich legt er es in die 
hand der heiligen, die sein ganzes vertrauen besitzen. Daher 
gilt die autorität Oswalds als wetterherren auch nur für einen 
teil Oberdeutschlands; in andern gegenden spielen die heiligen 
Jodocus, Urbanus, auch Benno, Desideratus, Eutychius u. a. 
diese rolle. Die ersteren sind mehr patrone des gedeihens der 
feldfrüchte, die letzteren mehr des befruchtenden regen». Für 
unmöglich will ich es übrigens nicht erklären, dass in unsenn 
falle auch der in der volkstümlichen legende auf Oswalds 
gebet entstehende und die heiden irreführende nebel von eini- 
gem einfluss gewesen ist. 

Ich komme nunmehr zu den viel behandelten ernte- 
gebrauchen, die mit unserm heiligen in Verbindung gebracht 
werden. Man findet sie jetzt zusammengestellt bei Jahn (d. d. 
opfergebr. 175 ff.). Der 4 Oswald 1 oder nothalm wird am schluss 
der ernte aus dem stehengebliebenen ährenbüschel gebildet, in- 
dem man die ähren um einen in ihre mitte gepflanzten stab 



OSWALDLEGENDE. 435 

schlingt, bis eine mit köpf, arm und rümpf versehene puppe 
entsteht, die man mit feldblumen schmückt. Dann beten alle 
im kreise und danken, dass das getreide wider gewachsen ist 
und sie sich nicht geschnitten haben. Nach dem gebet um- 
tanzt man den nothalm, dem zuweilen auch ein stück brod 
eingebunden wird. 

Ich bin überzeugt, dass diese gebrauche mit unserm hei- 
ligen gar nichts zu tun haben. In ganz Deutschland sowie 
im scandinavischen norden war es brauch, auf dem letzten 
acker einen büschel stehen zu lassen für den Wode oder 
Waude, auch Wud, Waur, Waul, W61, Wöld etc. (cf. Jahn 
s. 169). In Norddeutscl\land wird diesel büschel vielfach 'Ver- 
godendels8tru88 , genannt, was = Frau (d. i. Frö) Goden teil; 
auch der name Wutfutter kommt vor. In Westfalen und Bran- 
denburg heisst er 'der alte'. Alles das deutet entschieden auf 
Wodan und uralte ihm dargebrachte dankopfer. Ebenso steht 
es mit dem Aswald oder, wie es häufiger heisst, Aswal, Aswol. 
Wie Jac. Grimm in seinem aufsatz über den nothalm (Zs. f. 
d. a. VII, 385 — 94) zeigte, sind solche erntegebräuche auch in 
England, Schottland, auch bei den Slaven verbreitet und waren 
bereits den Griechen bekannt. Mag man über seine interessante 
parallele zwischen frau Holle oder Wolle und Demeter Julo> 
dem 'oswol* oder 'answol' und dem Ar)(iriTQOvXoq oder xaXUovXog 
denken wie man will, jedenfalls bleibt unbestritten, dass 4 wol* 
oder 'war identisch ist mit dem oben angeführten 'wöl, waul, 
wode* etc., und dass der name des gottes, der bei dem opfer 
von den Schnittern dreimal gerufen wurde, auch für den ähren- 
büschel selbst gegolten hat. Dann bedeutete 'öswal* oder 'answal' 
den göttlichen, heiligen halm oder den nothalm. Dass die 
kirche, die diese zäh festgehaltne heidnische sitte nicht aus- 
rotten konnte, an stelle des alten gottes heilige zu setzen 
suchte, zeigt z. b. der saterländische Peterbölt und andres, was 
Jahn s. 175 anführt. Da lag es denn natürlich sehr nahe, bei 
dem rufe 'oswol' oder 'oswal' an Oswald zu denken und das dank- 
opfer schliesslich als eine huldigung für diesen heiligen auf- 
zufassen. Dass dieser schluss richtig ist, beweist die tatsache, 
dass der name i Oswald' für diesen erntebrauch nur aus 
bairischen gegenden bezeugt ist (Panzer, Beitr. z. d. myth. 
I, 241 ff. II, 214 ff.), wo wegen der beliebtheit des heiligen diese 



436 BERGER 

Übertragung am ersten möglich war, und dass sogar hier noch 
die bezeichnung 'nothalm' daneben vorkommt. 

Doch damit sind die an Oswald sich knüpfenden tradi- 
tionen noch nicht erschöpft: das volk kennt auch quellen, die 
ihm heilig sind. Die heilkräftige quelle zu St Oswald bei 
Grafenau (Niederbayern) habe ich schon oben erwähnt Un- 
weit der Oswaldkapelle auf dem Ifinger sprudelt ein quell, 
genannt der Jungbrunnen (Zingerle s. 83). Panzer (Beitr. z. d. 
myth. 1,132) berichtet folgende sage: 'Heidenheim, Anhausen 
und Heilsbronn wurden von drei geschwistern erbaut; Heiden- 
heim von der heiligen Walburgis, Anhausen vom heiligen 
Oswald, Heilsbronn vom heiligen Willibald. Diese drei heili- 
gen reisten miteinander und hatten einen esel bei sieh, welcher 
die quellen in Heidenheim, Anhausen und Heilsbronn fand.' 
Vielleicht liegt hier ein irrtum des Verfassers vor; doch lässt 
sich das missverständnis auch anders erklären. Die heiligen 
Willibald und Walburgis, die übrigens im bistum Eichstedt be- 
sonders beliebt sind, waren geschwister, ihr bruder war aber 
nicht Oswald, sondern Wunibald. Dass Oswald an dessen 
stelle trat, ist eine leicht erklärliche Verwechslung, da jene 
ebenfalls aus einer englischen königsfamilie stammten: Wal- 
burg, Wilibald und Wunibald waren die kinder des englischen 
heiligen königs Richard (f 722). — Jedenfalls geht ans dem 
gesagten hervor, dass man quellen mit Oswald in Verbindung 
brachte, und das geschah offenbar unter dem einfluss der volks- 
tümlichen legende. Dass man diesen quellen auch heilkraft 
zuschrieb, ist beinahe selbstverständlich und bedarf keiner 
weiteren motivierung (über die Oswaldsquelle in England 
s. s. 416.442). 

Aus der letzterwähnten tradition ergibt sich aber noch 
ein interessantes moment: man erzählte von Oswald, dass er 
in Deutschland gereist sei; noch ein schritt weiter, und man 
hatte seine geschichte selbst auf deutschem gebiete localisiert 
Und eine solche tradition gab es in der tat. Zingerle (s. 85) 
erzählt nach mündlicher Überlieferung, Oswald sei ein christ- 
licher könig im Etschtale gewesen, unter ihm herrschte ein 
goldnes Zeitalter; er wurde aber von bösen leuten und beiden 
vertrieben und habe sich zum Ifinger hinaufgefluchtet, wo er 
noch jetzt die anliegen der bauern am liebsten erhöre. Daran 



OSWALDLEGENDE. 437 

knöpft sich noch eine zweite sage (Zingerle s. 73). Die stelle, 
wo jetzt die kapeile auf dem Ifinger steht, war einst dicht 
von alpenrosenhecken bewachsen, in denen einst ein bild des 
heiligen gefunden wurde. Man trug es hinab nach Schönna 
und stellte es in der dortigen kirche auf; doch mit anbruch 
der nacht stieg Oswald lichtstrahlend aus der geschlossenen 
kirche empor und ritt dem Ifinger zu, wo man ihn am folgen- 
den tage unter den alpenrosen fand. Man brachte ihn noch 
mehrmals nach Schönna, doch jedesmal ritt er des nachts 
wider strahlend hinauf. Die sage hat jedenfalls den anlass 
gegeben, die alpenrosen auch Oswaldstauden zu nennen, wenig- 
stens scheint diese bezeichnung bloss in jener gegend Üblich 
zu sein (Zingerle 8. 85). 

In diesen beiden traditionen will Zingerle den gedanken 
finden, dass der glaube unsrer heidnischen vorfahren sich auf 
die abgeschiednen höhen habe flüchten müssen, obwol doch 
Oswald als christlicher könig ausdrücklich bezeichnet war. Ich 
vermag über den Ursprung dieser — offenbar nicht alten — 
traditionen nichts sicheres zu sagen, will indes eine Vermutung 
nicht unterdrücken. Wie wir sahen, gilt und galt Oswald all- 
gemein als viehpatron; eben aus diesem gründe baute man 
ihm kapeilen natürlich mit Vorliebe in der nähe der platze! 
wo sich das vieh am meisten aufhielt, also viel weniger im 
tal, als auf den hochgelegnen abhängen der alpen. So mochte 
wol allmählich die Vorstellung entstehen, dass der heilige in 
der höhe am liebsten verehrt werde, und hieran konnten sich 
leicht sagen wie die angefahrten knüpfen. Dass aber ein aus- 
ländischer heiliger in der Vorstellung des Volkes zu einem ein- 
heimischen wird, ist durchaus keine so vereinzelte erscheinung. 
Es ist das nur ein neuer beweis für die grosse Volkstümlich- 
keit des heiligen, zugleich aber ein zeichen, dass in den gegen- 
den, wo jene Vorstellung herrscht (in diesem falle Südtirol) 
die canonische legende bereits populären Überlieferungen ge- 
wichen war, eine tatsache, die wir schon widerholt beobachten 
konnten. Es scheint hiernach auch nicht unmöglich, dass der 
Verfasser von WO*, der Oswald als deutschen könig bezeich- 
nete (cf. s. 376) sich bereits auf eine derartige volkstradition 
stützen konnte. Blicken wir auf den bisherigen gang der 
Untersuchung zurück, so ergibt sich folgendes: 



438 BERGER 

Die officielle und die volkstümliche Oswald- 
legende sind zwei grundverschiedene dinge. Von den 
bildliehen darstellungen, die bald von dieser, bald 
von jener, bald von beiden zugleich beeinflusst sind, 
kann die entwieklung nicht ausgegangen sein. Ebenso 
wenig geben die volkstraditionen darüber aufschluss, 
da sie entweder jüngeren Ursprungs oder mehr äusser- 
liehe anwüchse sind, die mit der eigentlichen ent- 
wieklung der legende nichts zu tun haben und zum 
teil überhaupt erst möglich waren, als die letztere 
schon aus dem gedächtnis zu schwinden begann. Der 
heilige ist in England und besonders in Deutschland 
ausserordentlich beliebt, auch im scandinavischen 
norden wolbekannt, in romanischen ländern wenig- 
stens nicht unbekannt gewesen; sein eult ist noch 
heutigen tages weit verbreitet. 

Nachdem sich gezeigt hat, dass auch mit hilfe der jeder 
vernünftigen begründung entbehrenden Wodanhypothese die 
entwieklung der legende sich nicht erklären lässt, bleibt also 
die frage, wie der heilige zu einer derartigen, an- 
dauernden popularität gelangen konnte und welchen 
einflüssen die legende ihre tiefgreifende Umgestaltung 
verdankte, vorläufig noch eine offne: ihrer discussion soll 
der folgende abschnitt gewidmet sein. 

n. Entwicklung der legende. 

Die erste frage muss hier natürlich sein, ob wir in der 
heimat der legende, in England selbst, Zeugnisse für eine fort- 
entwieklung derselben haben. 

In der angelsächsischen litteratur ist die legende zwei mal 
behandelt worden. Einmal in dem vielleicht von King Aelfred 
herrührenden 'Book of Martyrs' (cf. Cockayne, The Shrine, 
1864 — 69, s. 1 13 f.); es ist das nur ein kurzes excerpt aus Beda. 
Dann in rhythmischer alliterierender prosa in Aelfrics hei- 
ligenleben (ed. Sweet im Anglo-Saxon Keader, 1876, s. 95 — 102, 
Koerner, Einl. in d. st. d. ags. II, 16). Auch diese vita ist nach Beda 
gearbeitet. Bemerkenswert ist nur, dass der kämpf mit Ked* 
walla hier bis zum nächsten morgen dauert ('and syÖÖan on 



OSWALDLEGENDE. 439 

oÖerne mergen eodon to Öam gefeohte 1 ) und die notiz, dass 
Oswalds gebeine später nach Gloucester gebracht worden seien. 
Eine altsüdenglische Version von 44 septenarischen langzeilen 
ist in vielen hdschrr. erhalten (Ashm. 43, Laud 108, Corp. Chr. 
Coli. Cambr. 145, Egerton 1993, Vernon, Cotton Jul. DIX, Addit. 
10301, Trin. Coli. Oxf. 57, Laud L 70, Bodl. 779, Lambeth 223, 
Trin. Coli. Cbr. R 3), die fast wörtlich den gleichen text bieten *), 
der ebenfalls nur ein verkürzter auszug aus Beda ist. An 
Beda schliesst sich auch mit geringen abweichungen, zum teil 
aber mit wörtlicher treue die grosse reihe der englischen Chro- 
niken, die ich eben deshalb nicht einzeln aufzuführen brauche; 
einige, wie Wilhelm von Malmesbury, Heinrich von Huntingdon, 
Richard von Circencestria u. a. haben recht ausführliche dar- 
stellungen, die meisten begnügen sich indes mit einem kurzen 
referat nach Beda. Wie für das übrige abendland ist also 
Beda auch in England die massgebende quelle gewesen. 

Alle diese darstellungen sind lediglich aus dem interesse 
des geschichtschreibers geflossen, sie treten einfach als berichte 
historischer tatsachen auf. Zum glück aber finden sich einzelne 
spuren, die uns weiter führen und uns erkennen lassen, wie 
um die persönlichkeit des heiligen die sage langsam ihre 
fäden zu spinnen beginnt. Von hier aus sei es versucht zu 
verfolgen, wie das gewebe immer mehr sich verdichtet, bis die 
umrisse der historischen persönlichkeit immer dunkler werden 
und die veränderten linien schliesslich zu jener gestalt zu- 
sammenfliessen, die uns in unsren Spielmannsdichtungen ent- 
gegentritt. 

Was grosse historische ereignisse oder persönlich keiten 

aus der geschieh te heraushebt und für ihren Übergang in die 

sage die erste Voraussetzung bildet, ist das hervorragende 

ethische interesse, das sie zu erwecken im stände sind. In 

der sittlichen persönlichkeit auch unsres heiligen lag für die 

&ge die aufforderung ihm ihren schimmernden schmuck zu 

schenken und so sein angedenken durch die Jahrhunderte wach 

zu halten. Ein junger fürst, den ein feindliches geschick ins 

wil treibt, der für den verlust der heimat und des trones im 



*) Ich verdanke diese notiz der gute des herrn dr. C. Horstmann 
in Berlin. 



440 BERGER 

christlichen glauben seinen trost findet, der dann das heilige 
kreuz auf den boden pflanzt, den er mit dem Schwerte zurück- 
gewonnen, der sein volk mit den Segnungen christlicher bildung 
beglückt und sein reich zu schöner blute entfaltet, um dann 
auf dem Schlachtfeld für sein Vaterland und seinen heiland als 
märtyrer zu fallen: — diese gestalt war ganz dazu geschaffen, 
verklärt in der sage fortzuleben. Schon von Beda (II, 5) wurde 
Oswald den ' Bretwaldas ' beigezählt und als herrscher von ganz 
Britannien bezeichnet Mochte diese Herrschaft auch nieht von 
allen stammen anerkannt werden, so war doch durch die 
einigung von Bernicien und Deiri Nordhumbrien ohne zweifei 
zur führenden macht geworden. Cumineus in der Vita S. Co- 
lumbae 25 sagt von Oswald: 'Totius Britanniae imperator a 
Deo ordinatus'. Wie Oswald als held von seiner nation ge- 
feiert wurde, davon zeugen uns einige verse, die einem grösse- 
ren epischen gedichte von seinen taten angehört haben müssen, 
und die Camden aus einem 'poeta satis antiquus' mitteilt 
(Monast. Angl. I, 219): 

Quis fuit Alcides? qais Caesar Julias? aut quis 
Magnus Alexander? Alcydes se superasse 
Fertur; Alexander m und um, sed Julius hosten: 
+ Se simul Oswaldus et mundum vicit et hostem. 

Bin ähnlicher gedanke findet sich in einem gedichte des- 
13. jahrhdt., welches sich auf der Bodleyana (Ms. A 1.2. R» 
Warton, history of E.ngl. Poetry s. CLXIX) befindet und — 
wie mir herr dr. Wenzel in Oxford freundlichst mitteilte — auf 
8 blättern, jede scite zu etwa 36 hexametern, die geschichte 
Oswalds und seiner nächsten vorfahren nach Beda erzählt 
Die betreffende verse lauten: 

Aleiden byperbolice commendat Homerus, 
Gualterius pingit torvo Philippida vultu, 
Caesareas late laudes Lucanus adauget; 
Tres illi famam meruerunt tresque poetas 
Auetores habuere suos: multo magis autem 
Oswaldi regia debent insignia dici. 

Was nun die weitere entwicklung der legende in England 
betrifft, so sind wir hier leider auf ein einziges denkmal an- 
gewiesen. Es ist das die bereits erwähnte 'Vita 8. Oswaldi 
Regie et Martyris' vom mönche Reginald (ed. by Th. Arnold, 



OSWALDLEGENDE. 441 

Symeonis Monachi opera omnia, London 1882, I, 326 — 385, 
doch nicht vollständig, indem die aus Beda geschöpften par- 
tieen weggelassen sind), der im jähre 1165 schrieb (cf. s. 382). 
Der Verfasser sagt cap. XLX11I: 'Unde nos non alia hie de- 
pingendo posteris commendavimus quam quae non hactenus 
scripta fuisse didieimus 1 ) vel quae nuper patrata per eum a 
testibus veridicis comperimus'. Daraus geht schon hervor, dass 
er manches der tradition entlehnt haben muss. Ich führe nun 
die neu hinzugekommenen züge einzeln auf. — Vor dem kämpf 
mit dem Britenkönig, der hier Cathlo heisst (cap. XL1I) hat 
Oswald im lager eine vision, der heil. Columba erscheint ihm 
und treibt ihn, zum kämpf zu schreiten. Er erzählt diese 
vision seinem volk, worauf das ganze heer gelobt, sich nach 
dem kämpfe taufen zu lassen, denn allein Oswald 'cum duo- 
deeim viris, qui cum eo inter Scottos exulante baptizati sunt', 
war christ Er breitet mit gottes hilfe seine macht aus, und 
rasch wächst der wolstand seines Volkes. 'Unde omnibus sibi 
subditis rerum eunetarum opulentia suecrevit, et in 
uberioribu8 omnium rerum fructibus admiranda bonitatis 
copia emanavit. Paupertas hiß diebus in Anglorum finibus 
paene ignota erat eo quod terra eius esset nimis opu- 
lenta, agricolantium multis millenis fructibus innumerose 
red und a.' Erinnert diese Schilderung nicht auffallend an die 
oben (s. 436) mitgeteilte deutsche tradition von einem glück- 
seligen Zeitalter, das unter Oswalds herrschaft geblüht haben 
sollte ? 

Als in Nordhumbrien plötzlich eine pestilenz ausbricht, 
und auch der könig von ihr ergriffen wird, glaubt er, gott 
wolle seine Untertanen für seine Sünden büssen lassen und 
bittet ihn, sein leben als sühne zu nehmen. Er nimmt das 
abendmahl und bereitet sich zum tode vor. Da erscheinen ihm 
drei engel, die ihm verkünden, dass er noch nicht sterben 
werde: Christus habe sich seiner bitten und seines elends er- 
barmt, er werde die seuche von England nehmen und ihm 
noch viele jähre schenken, er werde aber dereinst als märtyrer 
sterben. Darauf nennen sie ihm tag und stunde seines todes. 



*) Was freilich eine Unwahrheit ist, denn er hat Beda sehr stark 
benatzt. 



442 BERGER 

Seitdem lebt Oswald in tränen und almosen, sein ende er- 
wartend. 'Et quia — fährt cap. XI fort — rege saneto Dei 
flagellis castigato, quicquid bactenuB in aliquo excessit totum 
sedule emendare curavit, factum est, ut Kyneburgam sponsam 
guara, regis Kynegulsi filiam, post banc visionis gloriam ab 
unius thori communione seiungeret et deinceps casti- 
tatis illibatae munditiam conservaret'. Er gelobt also 
keuschheit. — Nachdem Oswald im kämpfe mit Penda ge- 
fallen ist, wird sein bruder Oswin in einer ausführlich ge- 
schilderten vision (cap. XV) beauftragt, die reliquien desselben 
aufzusuchen. Er eilt der stelle zu, wo Penda die arme and 
den köpf des gefallnen königs an einen bäum geheftet hat, 
findet daselbst den köpf und den linken arm unversehrt vor, 
doch der rechte arm ist verschwunden. Denselben hatte vor 
Oswins ankunft ein grosser vogel (ales permaxima olim in 
partibus illis tantae quantitatis invisa) entführt und war da- 
mit auf einen benachbarten bäum geflogen. 'Eratque ales 
ipsa, ut putabatur, corvini generis; sed pro grandibus rostro et 
unguibus aquilarum similitudini conformis fuisse videbator; 
alioquin tantae portionem rapinae nequaquam tolleret, nisi 
robore simul et corpore avis ipsa praestantissima esset' Und 
hier geschieht ein wunder: der bäum, auf den der vogel flog, 
war alt, dürr und blätterlos, doch auf einmal bedeekt ihn 
frisches grün, und seitdem steht er allezeit in seinem blätter- 
schmuck: kein stürm, kein winter kann ihn wandeln, das 
machte die unverwesliche hand des heiligen. Niemand wagt 
es, ein blatt von ihm abzureissen, kranke berühren ihn, kosten 
von seinen blättern und gesunden. Und von allem volk wird 
der bäum 'Sancti Oswaldi fraxinus' (Oswestry) genannt. 

Doch der vogel vermag den arm nicht länger zu halten; 
er lässt ihn aus dem schnabel fallen auf einen harten stein, 
und sofort entspringt aus diesem ein quell (cap. XVIII). 

Nachdem Keginald cap. XII die gründung der Candida 
Ecelesia (cf. s. 415) auf Oswalds todcsstätte erwähnt hat, ßhrt 
er fort: 'In loco non longe ab ipso fons perennis exoritur, 
qui sancti Oswaldi fons ab incolis illius gentis nominatur. 
Et in ripa fonticuli arbor pergrandis radicari cernitur; sab 
umbra cuius culminis paene tota fontis amoen^as contegi vide- 
tur. Nam non longe inde, ubi nunc arbor nascitur caput saneti 



OSWALDLEGENDE. 443 

Oswaldi cum manibus per annum integrum stipitibus, qui in 
patria ex parte haben tur adhuc infixa fuerunt.' 

Oswalds körper wird in Bardney beigesetzt, doch heim- 
lich werden reliquien von dort weggeführt, sowol nach andern 
klö8tem wie zu überseeischen Völkern, sodass schliesslich in 
Bardney nur noch 3 knochen zurückbleiben. Später werden 
seine gebeine nach Gloucester gebracht, wobei der Verfasser 
anwesend gewesen sein will (cap. XLIV). Dass letztere an- 
gäbe unwahr ist, ergibt sich daraus, dass sie sich bereits bei 
Aelfric findet (Sweet, s. 102): 'Öses hälgan Öswoldes ban wur- 
don eft gebroht aefter manegum gearum tö Myrcena lande 
intö Gleäwceastre'. Sie zeigt aber, dass doch in betreff des 
besitzes der reliquien schon damals zweifei herrschten, denen 
der Verfasser auf solche weise begegnen zu müssen glaubt. 1 ) 
Königin Bebbe bringt die arme des heiligen unversehrt nach 
Bebburgh (d. ist 'Bamborough'), wo sie in der Petruskirche ver- 
wahrt werden. Ein mönch von Burch stiehlt den rechten arm 
für sein kloster. Später wird ein abt in einer vision von 
St. Guthbert beauftragt, Oswalds köpf, den Oswins diener aus 
Lindisfarn nach Bebburgh gebracht hatten, zu ihm nach Dur- 
ham überzuführen. Wie er von hier später nach dem luxem- 
burgischen Echternach gekommen sein soll, darüber fehlen 
sichere Zeugnisse: es lohnt indes nicht der mühe, derartige 
translationen, bei denen natürlich der fromme betrug keine 
kleine rolle spielt, weiter zu verfolgen; sie können eben nur 
in betracht kommen, insofern sie für ein bekanntsein des Os- 
waldcultus sprechen. 

Cap. L gibt Reginald eine Schilderung Oswalds, darin findet 
sich ebenfalls ein volkstümlicher zug: 'In humeris vero illius 
plenitudo eminebat condensae spissitudinis 2 ), quae, ut aiunt, 
indicium solet esse fortitudinis'. Er verdankt diese Schilderung 



2 ) Auch Wilhelm von Malmesbury sagt (Gesta Pontificum An glo- 
mm § 155): dubium mihi est utrum bracchia apud Bebbanburh serven- 
tur, und § 180 zweifelt er, dass Oswalds unversehrter arm in Peter- 
borough liege. 

2 ) Cf. Orendel 2681: Der Grog Rock ist zu den schultern dick. 
Auch 1197. Dies merkmal der tapferkeit kehrt auch sonst in der deut- 
schen und nordischen litteratur nicht selten wider. 



444 BERGER 

einem gewissen Robertos, der sie 'in libris veteribus Angiitis' 
gefunden haben soll. 

Bevor ich näher auf die sich an diese vita knüpfenden 
fragen eingehe, sei noch bemerkt, dass die darstellung der 
Oswaldlegende bei Capgrave in seiner 'Nova Legenda Angliae' 
(London 1516) aus Reginald geschöpft ist. Leider konnte ich 
dieses buchs, von dem noch kein neudruck erschienen ist, nicht 
habhaft werden; indessen ist aus den kurzen auszQgen bei den 
Bollandisten zu ersehen, dass der gang der darstellung, auch 
der Wortlaut fast derselbe ist. Es scheint sonach ein und die- 
selbe redaction zu sein. 

Die legende, wie sie Reginald erzählt, steht unsrer deut- 
schen schon um vieles näher. Wäre es auch allzu kühn, in 
dem 'ales permaxima corvini generis' das prototyp unsres raben 
sehen zu wollen, so finden wir doch das motiv der keuschheit, 
einer aus dem stein springenden wunderbaren quelle und viel- 
leicht auch die volksvorstellung von einem glückseligen Zeit- 
alter unter Oswalds herrschaft hier wider, auch erscheint Os- 
wald einmal in Verbindung mit der zwölfzahl (s. 441). Diese 
darstellung kann aber unmöglich auf die gestaltung der deut- 
schen legende von einfluss gewesen sein, denn sie entstand 
erst 1 1 65, also zu einer zeit, wo die letztere bereits fertig vor- 
liegen musste. Die deutsche legende hat also vermutlich aus 
denselben quellen geschöpft, aus denen Reginalds vita geflossen 
ist. Wir werden diesen quellen näher kommen, wenn wir 
den Charakter jener legendarischen zusätze näher in äuge 
fassen. 

Da ist es zunächst auffallend, welche hervorragende rolle 
die Visionen spielen: wir haben deren hier nicht weniger als 
vier. Coluinba erscheint Oswald im träume, ihn zum kämpf 
zu mahnen; Oswald ist dem tode nahe und erfährt von drei 
engein sein künftiges Schicksal; Oswin sucht die reliquien sei- 
nes bruders auf in folge einer (breit geschilderten) vision, und 
ein abt wird ebenfalls durch ein gesiebt veranlasst, das haupt 
des märtyrers nach Dur h am zu bringen. — Visionen sind ja 
seit dem bestehen legendarischer litteratur beliebt gewesen: 
eine derartige liäufung bleibt immerhin auffallend. In Eng- 
land findet sich die erste vision bei Beda III, 19; es ist die 
des irischen mönches Furseus. Halten wir daneben die zahl- 



OSWALDLEGENDE. 445 

reichen Visionen eines St. Patrick, Drihthelm, Brandan, Thur- 
cill, Tundalus, William, Owayne Miles, des mönches von Evi- 
sbam, der mönche von Kolum Kille, des Merlin und wie sie 
alle heissen, so lässt sich mit einigem recht behaupten, dass 
die keltische legende eine besondre Vorliebe für solche Vi- 
sionen hatte. 

Was haben wir uns aber unter dem 'ales permaxima cor- 
vini generis olim in partibus Ulis tantae quantitatis invisa' zu 
denken? Ein greif kann unmöglich gemeint sein, er ist klei- 
ner und hat nicht dessen stärke. Ich habe einen ähnlichen 
vogel nur in der Brandanlegende finden können; daselbst tritt 
auch ein 'ales grandissima' auf, der später mit einem vogel 
'griffa' kämpft (Schroeder, St Brandan 25, 4 und 30 ff.), den 
Schroeder auf den 'gryps' der vulgata zurückführt. In den 
speise verboten heisst es: Ne comedatis aquilam scilicet et 

gryphem et haliaeetum, ixion et vulturem ac milvum 

iuxta genus suum et omne corvini generis (Levit. XI, 13. 
Deuteron. XIV, 12). An einen derartigen vogel wird auch hier 
zu denken sein. 

Wie der. vogel den arm fallen lässt, springt aus dem stein 
eine quelle. Die sage von heilkräftigen quellen kehrt in kel- 
tischen legenden in unzähligen widerholungen wider, besonders 
war es das quellenreiche Irland, dass immer neuen anlass zur 
entsteh ung solcher traditionen bot. Um nur einige beispiele 
anzuführen erinnere ich an die legenden von könig Gwynllyw 
(Rees, Lives of Cambro-british Saints 150), von Illtyd (Rees 
169), Maedoc (Rees 240), Cadoc (Rees 26. 61. 65), Dewi (Rees 
121. 130) und viele andre. 

Die pestilenz in Nordbumbrien kann nur auf einem histo- 
rischen irrtum beruhen: in der tat brach eine solche unter 
Oswalds nachfolger Oswin aus (Beda III, 30. Nennius § 64). — 
Für die erscheinung des engeis, der dem heiligen die stunde 
seines todes voraussagt und die märtyrerkrone verheisst, lassen 
sich ebenfalls aus keltischen legenden zahlreiche parallelen 
beibringen. Ich will indes nur die auffallendste und beweis- 
kräftigste nennen: es ist die legende von könig Gwynllyw von 
Glamorgan (Rees 145 ff.). Gwynllyw heiratet Gwladys, die 
tochter des königs Brychan von Brycheiniog, von der er 
einen söhn, den heiligen Cadoc, erhält; eines nachts er- 

Bei träge zur geachichte der deuteohen spräche. XI. 29 



446 BERGER 

scheint ihm ein engel, der ihm befiehlt, mit seiner gattin 
der weltlichen freude zu entsagen und gott zu dienen. 
Beide geben ihre königliche würde auf und werden einsiedler. 
'Roborati constringere corpora desideria consueti se lavare 
aqua frigidissima; quando frigesceret hyemps pruinosa, 
non tunc minus se abluebant quam in estate fervida. Nocte 
enim media surgebant de lectulis et redibant post lavac- 
rum lateribus frigidissimis 1 . Also dasselbe mittel zur ertötung 
der Sinnlichkeit wie in unserm spielmannsgedicht! Auch die 
quelle fehlt nicht: 'pupugit terram aridam ex baculi cuspide. 
Post hoc factum vidit fontem in eodem loco liquidissimum 
effluere, qui nunc manet et manebit sine intermissione; unde 
nominatur Föns Gundliu' (s. 150). Diese legende stimmt also 
zug um zug zu der unsrigen, wie sie bei Reginald erscheint, 
nur dass die quelle auf andre weise hervorgerufen wird. 

So wenig es bisjetzt gelungen ist, in den sprachen des 
abendlandes die spuren keltischer einwirkungen hinreichend 
kenntlich zu machen, ebensowenig läset sich bislang der ein- 
fluss übersehen, den dieses merkwürdige volk auf das abend- 
ländische geistesleben des mittelalters ausübte. Seit Jahrhun- 
derten mit römischer eultur, schon frühe mit christlicher bil- 
dung vertraut, dazu mit einer starken Sinnlichkeit, einer leb- 
haften, etwas zügellosen einbildungskraft begabt, war dieses 
volk, zumal es von den grossen kämpfen und Umwälzungen 
des mittelalters weniger berührt wurde, ganz dazu angelegt, 
der entwicklung des eignen geistigen lebens seine ganze pflege 
zuzuwenden und mit den schätzen seiner produetiven phantasie 
und der reichen fülle seiner sagen auf die nationen des abend- 
landes eine tiefgreifende, anregende und befruchtende Wirkung 
zu üben. Zu welcher unwiderstehlichen macht sind die breto- 
nischen sagen geworden, welch eine fülle von wunderbaren 
legenden, von phantastischen und naive gemüter geheimnisvoll 
anziehenden Vorstellungen wurde durch Vermittlung wander- 
lustiger Schottenmönche in tausend canälen dem innern des 
festlandes zugeführt! Die begeisterung, die die kreuzzüge 
weckten, war ja im letzten gründe keine religiöse: sie flow 
aus dem beglückenden bewusstsein, dass man die wunder des 
morgenlandes, von denen die sage gesungen, von denen man 
Jahrhunderte lang geträumt, nun mit eignen äugen Behauen 



OSWALDLEGENDE. 447 

und gemessen durfte, — und ein anstoss zu dieser bewegung 
gieng sichtlich auch von den Kelten aus: durch das phantastisch 
anreizende ihrer legenden, myten und sagen, durch die von 
ihnen besonders genährte Vorstellung eines schmerzlosen, in 
ewigem frühling blühenden Wunderlandes halfen sie den boden 
bereiten, in dem der gedanke der kreuzzüge so mächtig würzet 
schlagen sollte. 

So glaube ich denn auch in unsrer Oswaldleger.de die 
einwirkungen keltischer sagen nachweisen zu können. Man 
wird mir nicht einwenden, dass die ausbildung einer sage 
durch ein fremdes volk undenkbar sei: die litteraturgeschichte 
hat das bereits widerlegt. Indes hier kam noch ein moment 
hinzu, das eine solche entwicklung begünstigen musste. Oswald 
hatte bei den Schotten eine herzliche aufnähme gefunden: den 
grössten teil seiner Jugendzeit, vom 14. bis zum 30. jähre, 
hatte er bei ihnen zugebracht, ihnen verdankte er das Christen- 
tum und seine höhere geistige bildung. Als er in seinem 
reich für den christlichen glauben zu wirken begann, wante 
er sich nicht nach Canterbury oder York, wo ja bereits 
römische missionare tätig waren, sondern er erinnerte sich dank- 
bar seiner Jugendfreunde und vertraute der schottischen kirche 
die bekehrung seines Volkes an. Und wie er die 'verhassten 
germanischen eindringlinge' jetzt mit dem geiste keltischer 
bildung überwand, so hatte er sie vorher auch mit dem schwort 
überwunden und seiner herrschaft unterworfen. So konnten 
die Kelten den heiligen könig, obwol er ein Sachse und somit 
eigentlich ihr feind war, doch mit einigem rechte als den 
ihrigen betrachten und seine taten durch die sage verherr- 
lichen. Den ansatz dazu finden wir bereits in dem bei Nen- 
nius (§ 64) überlieferten ehrenvollen beinamen, den Oswald bei 
den Kelten führte: Lamnguin, den Montalembert (Moines d'Occ. 
IV, 46) als 'L'Ep6e brillante ' übersetzt. 1 ) Wie hätte auch Beda 
(III, 6) behaupten können, dass 'oiunes nationes et provinciae 
Britanniae', nämlich Briten, Picten, Scoten und Angeln, Oswald 
untertänig gewesen seien, wenn er von einer solchen an- 



') Die bei Lappenberg, Geschichte Engl. 1, 157 gegebne Übersetzung 
freigebige band' ist, wie mir herr prof. Windisch freundlichst versichert, 
unrichtig. 

29* 



448 BERGER 

erkennung seitens der keltischen stamme nicht bestimmtes ge- 
winnt hätte? 

Diese erwägungen waren notwendig, um eine derartige, 
von mir angenommene beeinflussung unsrer legende wahr- 
scheinlicher zu machen. Nachdem ich also Air die in Regi- 
nalds darstellung neu hinzugetretnen zöge keltische einwir- 
kungen vermutet habe, liegt es nahe, auch unsre deutsche 
Oswaldlegende nach dieser richtung zu untersuchen« Ein 
punkt fällt hier sogleich ins äuge: der einsiedler auf der 
klippe. Wie sollte ein solcher in einer continentalen legende 
möglich sein? Die christliche tradition kannte lediglich ein- 
siedler im walde, im gebirge oder in der wüste: ein einsiedler 
auf einer klippe ist eine Vorstellung, die sich nur bei einem 
inselvolk entwickeln konnte, und hier ist es vor allem das 
insel- und klippenreiche irische und schottische köstenmeer, 
das für eine solche Vorstellung mannigfache anknüpfungen bot 
Auch in der Brandanlegende sitzt Judas auf einem felsen im 
meer, ebenso Paulus der eremit (Schroeder, St Brand. 30, 3 ff. 
32, 4 ff.). Damit hängt das motiv von der rettung des rings 
durch einen fisch eng zusammen. Diese sage gehört zu den 
allerverbreitetsten: es gen (ige zu erwähnen, dass sie auch der 
keltischen legende nicht fremd ist, wie z. b. der heilige Kenti- 
gern zeigt, der mit einem fisch, welcher einen ring im maul 
trägt, abgebildet wird, weil er eine königin, die in folge des 
Verlustes ihres eherings gefangen sass, befreit haben soll, indem 
er den ring im bauche eines fisches widerfand (Acta SS. Jan. 
I, 815). Das motiv des unerlaubten Umgangs zwischen vater 
und tochter, das in allen abendländischen litteraturen wider- 
kehrt, scheint aus byzantinischen quellen zu stammen: jeden- 
falls fand es bei den Kelten Sympathie, denen ja eine tendenx 
zum unsittlichen eigen war — man denke nur an die obsoöni- 
täten der französischen Artusromane. Bereits bei Nennius (also 
in der ersten hälfte des 9. jahrhdt.) wird von könig Quorthi- 
girn erzählt (§ 39), dass er mit der eignen tochter einen söhn 
gezeugt habe. Ein seitenstück dazu ist die legende von der 
heiligen üympna (Surius, De prob. SS. vitis VI, 216, 15. mal). 
Dympna ist die tochter eines irischen königs im 7. Jahrhundert, 
der sich wider verheiraten will, allein im ganzen reich kein 
weib zu finden weiss, die seiner verstorbnen gaftin gliche. 



OSWALDLEGENDE. 449 

ausser seiner eignen tochter. Diese entflieht mit einem priester 
den nachstellungen ihres vaters, wird aber von demselben ver- 
folgt und, als sie sich seiner begierde widersetzt, getötet. Eine 
ganz ähnliche erzählung berichtet Matthaeus Parisiensis von 
einem englischen könig Offa. 1 ) 

Endlich will ich noch einer keltischen legende gedenken, 
die vielleicht auf den goldhirsch in unsern spielmannsgedichten 
einiges licht wirft. Vom heiligen Aidan oder Maedoc wird 
folgendes berichtet: 'Alio quoque die sanctus puer Aidus ele- 
vata voce in campis legebat; in illa quoque hora venator qui- 
dam cum canibus cervum celeriter in eisdem perseque- 
batur campis. Tunc cervus in itinere lassus sancti pueri 
vocem audiens divertit ad eum, auxilium ab eo postulans 
coram pucro genua flexit in terram; sanctusque Aidus suum 
ceraculum super cornua ipsius ponens legebat canesque per- 
frequenter discurrentes cervum videre non poterant, 
et sie cervus illesus evasit* (Rees233). Das ceraculum 2 ) spielt 
hier fast die rolle einer tarnkappe. Sollte der goldbedeckte 
hirsch in einer ähnlichen Vorstellung seinen Ursprung haben? 

Ich verhehle mir nicht, auf wie schlüpfrigem boden sich 
Untersuchungen, wie die vorliegende, bewegen: sollte ich indes 
in der ausscheidung keltischer elemente auch etwas zu weit 
gegangen sein, so glaube ich doch die existenz solcher be- 
standteile nachgewiesen zu haben. Dass das motiv der keusch- 
heit und der aus dem stein springenden quelle — wenn auch 
letzteres in andrer form — bereits in England angewachsen 
ist, ist durch die vita Reginalds gesichert, ebenso wol die an- 
nähme, dass hierbei keltischer einfluss tätig war, besonders 
durch die auffallend verwante legende von könig Gwynllyw. 
Im übrigen darf der einsiedler auf der klippe mit bestimmt- 
heit als eine keltische Vorstellung bezeichnet werden, doch 
hoffe ich auch für andre züge dies wahrscheinlich gemacht zu 
haben. 

Gehen wir aber in der analyse unsrer spielmannslegende 

*) Giraldus Cambrensis (Descriptio Kambriae cap. VI) bemerkt, dass 
der Incest bei seinem volke nichts seltnes sei. 

2 ) Es wird teils als 'chlamys', teils als 'libellus, volumen* über- 
setzt. Letzteres ist wol richtiger (cf. Du Cange, gl. man. II, 348). 



450 BERGER 

weiter. Die bisher besprochnen teile derselben bangen mit 
ihrem eigentlichen kern nur mehr äusserlicb zusammen. Aber 
auch dieser kern ist kein einheitlicher: in ihm bat sieh die 
legende mit der sage verschmolzen. Oswald entführt die ihm 
willig folgende tochter eines überseeischen königs mit list, wird 
von dem nachsetzenden vater auf einer insel eingeholt, und es 
folgt ein kämpf, nach dessen beendigung die erschlagnen 
widererweckt werden, um ihn aufs neue zu beginnen« Von 
diesem kern der handlung stammt aus der legende nichts, als 
die tatsache, dass Oswald sich mit der tochter eines fremden 
königs vermählte: es ist also zur legende eine sage hinzu- 
getreten, und diese ist unschwer als die Hildensage zn er- 
kennen. 

Aus der analyse des in unsern Spielmannsdichtungen vor- 
liegenden sagenstoffes ergeben sich somit vier stoffliche grnp- 
pen: einmal der niederschlag der alten legende, daran an- 
knüpfend die Hildensage, ferner die der kürze halber sogenann- 
ten ' keltischen bestandteile' und schliesslich das wunderbare 
element, der rabe. 

Ein könig, der sich mit der tochter eines fremden königs 
vermählt, das war die Situation, an die die Hildensage mit 
leichtigkeit anzuknüpfen war. Als die älteste gestalt derselben 
wird gewöhnlich die folgende angenommen. Der norwegische 
könig Hedin entführt Hognes, des Dänenkönigs, tochter Hilde 
während dessen abwesenheit, sie folgt ihm willig. Hogne eilt 
dem entfüh rer nach und holt ihn auf einer insel ein. Ver- 
geblich sucht Hilde eine Versöhnung herbeizuführen. Die bei- 
den könige mit ihren mannen fallen, werden aber von Hilde 
in der nacht widererweckt und erneuern den kämpf. Und 
so geschieht es nacht für nacht bis zur göttcrdämmerung. 

Diese handlung stimmt mit der unsrer legende fast vOllig 
überein. Ja wir finden sogar in der letzteren noch die erinnerung 
an einen zug wider, der in der verwanten Walthersage keine 
unwichtige rolle spielt und auch der Hildensage offenbar einst 
nicht fremd gewesen ist: der schätz, der mit der braut zu- 
gleich entfuhrt wird. Darauf scheint eine erwähnung in z zu 
deuten (54, 6 ff.): 'Nu hett die kunigin ain krön mit ir pracht, 
die setzt si sant Oswalt auf vnd hett auch vil reylicher chlay- 
net mit ir genomen'. Hat dieser zug der legende einmal an- 



-^,M-*t. 



eSWALDLEGENDE. 451 

gehört, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass wie in der 
Hildensage und (auf den entfuhrer selbst übertragen) in der 
Walthersage, so auch hier ursprünglich dem kämpfe der ver- 
söhnungsversuch der tochter vorausgieng: freilich ist von diesem 
motiv nirgends mehr eine spur zu erkennen. — Es ist ferner 
nicht richtig, wenn man behauptet, die widererweckung der 
gefallenen habe dem der Hildensage zu gründe liegenden 
mythus nicht von jeher angehört, sondern sei erst im norden 
angewachsen. Wie in der Gudrun, so sind auch im Waltha- 
rius deutliche nachklänge davon zu spüren. Gudrun 530 ff. 
bittet Hilde Waten auf den knieen, dass er ihren vater und 
die andern verwundeten helden durch seine kunst heilen 
möchte. Im 'Waltharius' (1157 ff.) erscheint derselbe zug nach 
den erfordernissen des Christentums umgestaltet: Walther fügt 
den leichnamen die abgeschlagnen häupter an und spricht mit 
entblösstem seh wert nach osten knieend ein gebet. — Aus der 
Hildensage, oder vielmehr ihrem mythischen hintergrunde, er- 
klärt sich dann auch jene fatalistische Vorstellung von dem 
vater, der alle freier umbringt, die sich in der Oswaldlegende, 
wie in den meisten brautwerbungssagen findet. Diese Vor- 
stellung muss auch für die gestalt der Hildensage in der Snorra 
Edda notwendig vorausgesetzt werden. Eine rationalistischere 
auffassung suchte für dies dämonische prineip der Vernichtung 
eine menschliche auslegung und griff nach den, ursprünglich 
vielleicht aus dem Orient stammenden, sagen von blutschände- 
rischem umgang zwischen vater und tochter. So entstand wol 
die Vorstellung, der vater bringe alle freier um, weil er seine 
tochter selbst heiraten wolle. 

Bei dieser verquickung mit der Hildensage blieb aber das 
bewusstsein der legende stets lebendig, und die bewahrung 
de8 legendarischen Charakters machte in einzelheiten modifi- 
cationen notwendig. Da der historische Oswald die tochter 
eines heidnischen königs heiratete, nachdem er für ihre und 
ihres vaters bekehrung tätig gewesen, so musste das moment 
der bekehrung auch hier in den Vordergrund treten. Deshalb 
durfte auch der kämpf der widererweckten nicht beständig er- 
neuert werden, sondern musste in dem siege Oswalds und der 
bekehrung der heiden seinen abs