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Full text of "Bericht über die zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen der Konigl.Preuss.Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

/ 



Monatsberichte 



der 



Königlichen 

Preufs. Akademie der Wissenschaften 
zu Berlin. 



Aus dem Jahre 1859. 



Mit 6 Tafeln. 



Berlin. 

Gedruckt in der Druckerei der Küniglichen Akademie 
der Wissenschaften. 

1860. 

In Ceninission jn Fcrd. Diimniltr'» Verlags-Buchhandlan*. 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der Königl. Preufs. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat Januar 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Ehrenberg. 



3. Januar. Sitzung der physikalisch-matlie- 
matischen Klasse. 

Hr. Riefs las über den Nebenstrom im Zweige 
einer elektrischen Schliel'sung. 

Bei der Untersuchung des Enlladungsstromes der leydener 
Batterie in einem in Zweige gespaltenen Schiiefsungsbogen hatte 
ich gefunden, dafs das Gesetz der Stromtheilung, das an der Er- 
wärmung der Zweige erkannt wurde, nur dann in den Ver- 
suchen rein ausgesprochen ist, wenn die Zweige nicht lang und 
ihre Leitungswerlhe nicht allzu verschieden sind. Wurde diese 
Beschränkung der Versuche nicht inne gehalten, so traten merk- 
liche Störungen des Gesetzes ein, die sich durch die, auch sonst 
plausible, Annahme erklären liefsen, dafs in jedem Zweige durch 
den darin fliefsenden Zweigstrom ein Nebenstrom erregt werde, 
der auf den Zweigstrom zurückwirke. Als diese Annahme durch 
die beobachtete Rückwirkung des in einem Nebendrathe erreg- 
ten Nebenstromes auf den Hauptstrom gestützt wurde (Pogg. 
Annai. 83.326) konnte sie als indirekt bewiesen gelten, zumal 
da die dagegen erhobenen Einwendungen theils auf einem Mifs- 
verständnisse beruhend, theils als nicht stichhaltig erschienen. 
Dennoch lohnt es immer der Mühe, den indirekten Beweis durch 
[1859.] 1 



2 Sitzung der physikaUsch-mathematischen Klasse 

einen direkten zu ersetzen, zu welchem ich vor Kurzem zufällig 
geführt wurde; ich fand in einem Zweige einen kräftigen Ne- 
benslrom, den ich nicht erwartet hatte, weil ich an einem ein- 
fachen Schliefsungsdralhe zu beobachten glaubte. Ich will zur 
Einleitung diesen Versuch beschreiben, der sich zwar nicht zu 
genauen Bestimmungen eignet, aber durch die Leichtigkeit seiner 
Anstellung empfiehlt. 

Die Rückwirkung des Nebenstromes auf den Hauptstrom hat 
das Eigenthümliche, dafs sie unmerklich ist bei sehr starkem, wie 
bei sehr schwachem Nebenstrome, und ihre gröfste Stärke er- 
reicht bei einem bestimmten Werthe des Nebenstronies. Um 
diese merkwürdige Erscheinung an der leydener Batterie aufzu- 
zeigen, bedarf man mindestens 3 einzelner Beobachtungen bei 
gleicher Ladung der Batterie, daher 12 und mehr Minuten Zeit, 
und einer messenden Vorrichtung zum Laden. Ich wünschte, 
die Erscheinung in kürzerer Zeit und ohne wiederholte Ladung 
aufzuzeigen und benutzte dazu einen elektromagnetischen In- 
ductionsapparat, durch den, nach Koos ens Versuchen, eine ley- 
dener Flasche beliebig schnell nach einander geladen werden 
kann. Von dem einen Ende der Inductionsrolle wurde ein Drath 
zum Knopfe einer Flasche geführt (Belegung li^ Quadratfufs, 
Glasdicke \ Lin.), das andere Ende durch einen Drath mit einem 
Isolirten Metallteller verbunden. Die Flasche wurde auf den 
Teller gestellt und so in die Inductionsschliefsung eingeschaltet; 
in dieser Schliefsung liefs ich keine oder eine äufserst geringe 
Unterbrechung. Geht nämlich der Inductionsstrom mit Funken 
über, so wird zwar die Ladung der Flasche verstärkt, die in 
gleicher Zeit zur Benutzung gewonnene Elektricitätsmenge aber 
in gröfserem Maafse verringert. Die Flasche erhielt eine Schlie- 
fsung durch dicken Kupferdralh, von dem 53 Fufs zu einer ebe- 
nen Spirale gewunden waren; aufserdem befand sich in der 
Schliefsung ein mäfsig empfindliches elektrisches Thermometer 
und eine Lücke von 0,1 Linie. Diese Unterbrechung Ist, wie 
man sogleich sieht, nöthig, damit die Wirkung der Flasche merk- 
lich werden kann. Als der Inductlonsapparat durch ein Grove- 
sches Element erregt war, erhielt ich, ohne Hülfe der Flasche, 
am Thermometer eine Erwärmung von 4 bis 6, mit derselben, 
von 50 bis 60 Linien. Nachdem der Stand der Flüssigkeit 



vom 3. Januar 1859. 3 

Im Thermometer ziemlich constant geworden war, wurde der 
Kupferspirale eine ganz gleiche Spirale In 2 Linien Entfernung 
parallel gegenüber gestellt. So lange die Enden dieser Neben- 
spirale frei blieben, war keine Änderung im Stande des Ther- 
mometers zu merken ; w^urden sie hingegen durch einen dün- 
nen 8^ Fufs langen Platindrath verbunden, so trat eine Ver- 
minderung der Wärme im Thermometer ein, und zugleich er- 
fuhr der in der Unterbrechung übergehende Entladungsfunke 
eine merkliche Schwächung seines Glanzes. Dies war ganz über- 
einstimmend mit meinen früheren Versuchen an der leydener 
Batterie; aber Im Widerspruche damit erschien die Erwärmung 
bedeutend gröfser, wenn die Nebenspirale durch einen kurzen 
Kupferdrath, als wenn sie nicht geschlossen war. Am auffal- 
lendsten erhält man diese Verschiedenheit der Erwärmung, wenn 
man die Nebenspirale zuerst mit dem Platlndrathe schliefst und 
die Flüssigkeit Im Thermometer einen festen Stand erreichen 
läfst, dann die Nebenspirale öffnet, wobei die Flüssigkeit weiter 
sinkt, und zuletzt durch den Kupferdrath schliefst, wonach sie, 
da hier die stärkste Erwärmung eintritt, ihren tiefsten Stand er- 
reicht. Den Grund der Abweichung dieser Beobachtung von 
den früher an der Batterie erhaltenen suchte Ich darin, dafs 
nicht in der einfachen Schliefsung einer leydener Flasche, son- 
dern In dem Zweige einer Schliefsung beobachtet worden war, 
und dafs die beiden Zweige sehr verschieden von einander wa- 
ren. Während nämlich der Zweig, in dem sich Thermometer 
und Spirale befand, etwa 57 Fufs mafs und gröfstentheils aus 
dickem Kupferdrathe bestand, besafs der andere Zweig (den die 
Inductionsrolle bildete) eine Länge von angeblich 14000 Fufs 
und bestand aus \ Millimeter dickem Kupferdrathe. Die folgen- 
den Versuche an der leydener Batterie setzten die Richtigkeit 
dieses Grundes und das Vorhandensein eines Nebenstromes im 
Zweige ganz aufser Zweifel. 

Der Schllefsungsbogen einer Batterie enthielt, aufser den 
wesentlichen Stücken aus dickem Messing, auf einer Holzscheibe 
von 1 Fufs Durchmesser eine ebene Spirale, aus 53 Fufs eines 
^ Linie dicken Kupferdrathes gewunden, und den Platindrath 
des Thermometers (19';, Zoll lang 0,057 Linie dick). Jener 
Hauptspirale stand die gleiche Nebenspirale in 2 Linien Entfer- 



4 Sitzung der physikaUsch-malhematischen Klasse 

nung gegenüber, deren Enden entweder frei blieben, oder durch 
Kiipferdrath (10^^^ Zoll lang ^ Linie dick), oder durch dünnen 
Platindrath (8^ Fufs lang 0,0.52 Linie dick) mit einander ver- 
bunden wurden. Je nach diesen Schliefsungen der Nebenspirale 
wurden im Hauptdrathe die folgenden Erwärmungen beobachtet. 



in 3 Flaschen 
Elektricitätsmenge 



10 
12 

Einheit d. Ladung 





Die Nebenspirale 


offen 


durch Kupfer- 


d. Platindrath 
geschlossen 


E 


rwärmung im Hauptdrathe 


19,8 


20, 


7,2 


30,7 


31, 


10,4 


42,8 


43,3 


14,6 


0,91 


0,92 


0,32 



Der Hauptslrom, für die in Einer Flasche angehäufte Elek- 
tricitätsmenge 1 berechnet, betrug im Mittel 91 bei ungeschlos- 
sener Nebenspirale, und würde ebenso gefunden werden, wenn 
diese Spirale ganz entfernt wäre. Der Strom blieb fast unge- 
ändert, als die Nebenspirale durch den Kupferdralh vollkommen 
geschlossen, also der darin circullrende Nebenstrom zu seiner 
gröfsten Stärke gebracht war. Als hingegen der Nebenstrom 
durch die Schllefsung mit dem Platlndralhe geschwächt wurde, 
war seine Rückwirkung auf den Hauptstrom so grofs, dafs die- 
ser auf 32, also fast das Drittel seines Werthes sank. Wäre 
der Platindrath von bedeutend gröfserer Länge genommen wor- 
den, so würde der Hauptstrom sich seinem Werthe bei iinge- 
schlossener oder vollkommen geschlossener Nebenspirale wieder 
genähert, und ihn bei einer gewissen Länge des Drathes er- 
reicht haben. Von diesem merkwürdigen "Wechsel der Stärke 
des Haupt'itromes bei Schllefsung einer Nebenspirale ist niemals 
eine Ausnahme bemerkt worden in der grofsen Zahl von Ver- 
suchen, die ich darüber veröffentlicht, und in der bei Weitem 
gröfseren, die ich darüber angestellt habe, und nur die quanti- 
tativen Verhältnisse der Stromstärke und der zur Schllefsung der 
Nebenspirale nöthlgen Drathlängen variirten nach der jedesma- 
ligen Anordnung des Apparates. 



vom 3. Januar 1859. 5 

Es wurden zwei Punkte des Schliefsungsbogens, zwischen 
welclien das Thennomeler und die Kupferspirale lagen, durch 
einen 100,7 Fufs langen 0,057 Linie dicken Platindralh mit ein- 
ander verbunden, der, was hier nicht weiter zu beachten ist, 
auf einem Rahmen im Zickzack ausgespannt war. Es war also, 
statt des früheren einfachen, ein verzweigter Schliefsungsbogen 
gebildet, in dessen Einem Zweige, der Kupferzweig heifsen mag, 
die Spirale und das Thermometer lagen, und dessen andern Zweig 
der lange Platindrath bildete. Aus 3 Beobachtungen des Ther- 
mometers berechnet, ergab sich für den Slrom im Kupferzweige 
bei entfernter Nebenspirale der Werth 29 (siehe Reihe II ), also 
viel geringer als im einfachen Schliefsungsbogen. Uafs dieser 
geringe Werth nicht der durch den Kupferzweig gegangenen 
Elektricitätsnienge entsprach, war sogleich klar, wenn nicht das 
bewährte Gesetz der Stromlheiluug gänzlich illusorisch sein 
sollte. Nach diesem Gesetze niulUe sich die entladene Elektri- 
citätsnienge zwischen beide Zweige im Verhällin'sse ihrer Lei- 
tungswerlhe theilen, konnte also im Kupferzweige nur we- 
nig geringer sein, als im einfachen Bogen, wo sie die Er- 
wärmung 91 hervorgebracht halte; wozu noch kommt, dafs 
die Zeit, in welcher die ganze In der Batterie angehäufte 
Elektrlcitälsmenge entladen wurde, Im verzweigten Bogen 
kürzer sein sollte, als im einfachen. Besafs der Strom Im 
Kupferzwerge wirklich die ElektricItätsmenge, die Ihm das Ge- 
setz zulheille, so konnte die geringe Stromstärke durch einen 
Nebenstrom verursacht sein, den der Strom des Kupferzwei- 
ges In eben diesem Zweige erregt hatte. Da dieser Neben- 
strom in grofser Nähe des Zweigstromes erregt war und durch 
den schicchlleltenden Platinzweig seinen Kreislauf vollendete, so 
folgte die dadurch bewirkte Schwächung des Stromes im Kupfer- 
zweige nach dem Beispiele der Reihe I. Für das Vorhanden- 
sein eines Nebenstromes gibt es aber ein untrügliches, von Fa- 
raday entdecktes, Prüfungsmiltel. Legt man dem Drathe, in 
dem ein Nebenslrom vermulhet wird, einen Drath parallel nahe, 
der metallisch zum Kreise geschlossen ist, so nimmt der Neben- 
strom jedenfalls an Stärke ab. War also die Schwäche der Er- 
wärmung im Kupferzweige Folge eines darin erregten Neben- 
slromes, so mulste diese Erwärmung verstärkt werden durch 



6 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Nahelegnng eines, dem Zweige parallelen , zum Kreise geschlos- 
senen Drathes. Im Kupferzweige befand sich die ebene Kupfer- 
spirale, der in 2 Linien Entfernung eine gleiche Spirale mit 
jener parallelen Windungen gegenübergestellt, und durch einen 
kurzen Knpferdrath geschlossen wurde. Je nachdem die Spirale 
offen oder geschlossen war, erhielt ich im Kupferzweige die fol- 
genden Erwärmungen. 



II. 



Die Neb 


enspiral« 


offen 


geschlossen 


Erwärmung im 


Kupferzweige 


6,6 


13,6 


9,3 


19,4 


13,1 


28,4 


0,29 


0,60 



in 3 Flaschen 
Elektricitätsmenge 

8 
10 
42 

Einheit d. Ladung 



Der Zweigstrom im Kupferzweige, der bei ungeschlossener 
oder ganz entfernter Nebenspirale den Werth 29 besafs, ist 
durch die Nähe der geschlossenen Nebenspirale bis 60, also dem 
doppelten Werthe, gestiegen. Bei einem andern Versuche, wo 
der Platinzweig durch 53i^ Fufs eines spiralförmigen ^ Linie 
dicken Kupferdrathes und durch einen fast 3 Fufs langen 0,037 
Linie dicken Platlndrath verlängert war, erhielt ich im Kupfer- 
zweige folgende Erwärmungen. 



m. 



in 3 Flaschen 
Elektricitätsmenge 

8 
10 
12 
Einheit d. Ladung 



Die Nebenspirale 


offen 


geschlossen 


Erwärmung im 


Kupferzweige 


7,3 


15,7 


10,7 


24,3 


14,4 


33,3 


0,32 


0,72 



Der Zweigstrom im Kupferzweige Ist durch Schliefsung der 
Nebenspirale mit einem kurzen Kupferdrathe im Verhältnisse 32 



vom 3. Januar 1859. 



zu 72 verstärkt worden. Durch jede der beiden Versuchsreihen 
ist der vollständige Reweis gegeben, dafs im Kupferzweige neben 
dem Zweigstronie ein Nebenstrom vorhanden war. Auch im 
Piatinzweige wird ein Nebenstrom erregt, ist aber, des ihn er- 
regenden schwachen Zweigstromes wegen, nur schwach, wie die 
folgenden Versuche zeigen. Die ebene Kupferspirale und das 
Thermometer wurden aus dem Kupferzweige entfernt und durch 
einen 50 Fufs langen Kupferdrath ersetzt; die Kupferspirale und 
ein äufserst empfindliches Thermometer wurden in den Platin- 
zweig eingeschaltet. Dennoch mufsten stärkere Ladungen der 
Batterie angewendet werden. 

IV. 





Die Nebensp 


irale 


in 3 Flaschen 


offen 1 geschlossen 


Elektricitätsmenge 


Erwärmung im Platinzweige 


12 


4,1 




5,0 


16 


7,7 




9,3 


20 


11,6 




13,9 


Einheit d. Ladung 


0,087 




0,10 



Der Zweigstrom Im Platinzweige ist durch Schliefsung der 
Nebenspirale mit kurzem Kupferdrathe im Verhältnisse 87 zu 
100 gestärkt worden, wodurch der Nebenstrom im Platinzweige 
erkannt wird. Durch diese Versuche ist der Satz erwiesen: In 
jedem Zweige des Schliefsungsbogens der leydener 
Batterie wird durch den darin fiiefsenden Entla- 
dungsstrom ein Nebenstrom erregt. 

Die Nebenspirale, welche das Mittel zur Erkennung des Ne- 
benstromes abgab, durfte nicht gleichgültig gewählt sein. Sie 
mufste aus gutleitendem Drathe bestehen, und durch einen gut- 
leitenden Drath geschlossen sein, denn nur unter dieser Bedin- 
gung bleibt die Spirale ohne direkten EInflufs auf den Haupt-: 
Strom, wie Reihe I. gezeigt hat. Enthält die Nebenleitung, sej 
es in dem der Hauptleitung parallelen, oder in einem andern 
Theile, einen weniger vollkommenen Leiter, so tritt die Rück- 
wirkung auf den Hauptstrom ein, von der in Reihe I. ein Bei- 



l 



8 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

spiel gegeben wurde. Dies zeigen die folgenden Beobachtungen, | 
die bei derselben Anordnung der Zweige, wie Reihe II , im Ku- ' 
pferzweige angestellt worden sind. Die Nebenspirale bestand 
zwar aus dickem Kupferdralhe, wurde aber durch verschiedene 
Längen Platindrath geschlossen. (Der Vollständigkeit wegen be- 
merke ich, dafs die zweite Schliefsung bestand: aus 17^^ Fufs 
eines 0,052 und 41; Fufs eines 0,047 Linie dicken Platindraths. 
Die letzte Drathlänge ist 5,2 Fufs eines Drathes der ersten 
Dicke gleichwerthig.) 



in 3 Flaschen 
Elektricitätsmense 



Nebenspirale geschlossen durch 
Platindrath 0,052 dick 
8!; Fufs 122,7 Fufs lang 







Erwärmung 


im 


Kupferzweige 


8 




6,3 




4,6 


10 




8,8 




6,3 


12 




12,2 




8,6 


Einheit d. Ladung 


0,27 




0,19 



Der Zweigstrom, der bei frei liegendem Zweige den Werth 
29 besafs und durch Naheslellung einer vollkommen geschlosse- 
nen Nebenschllefsung zu 60 verstärkt wurde (Reihe IL), ist hier 
durch unvollkommen leitende Nebenschliefsungen bis 27 und 19 
geschwächt worden. Diese entgegengesetzte Wirkung von Ne- 
benschliefsungen stimmt mit den Versuchen überein, die ich 
über die Wirkung zweier Nebenströme auf einander veröffent- 
licht habe (Pogg. Ann. 83. 321. Elektricitätslehre §.865) und die 
unter Annahme einer unmittelbaren und einer mittelbaren Wir- 
kung der Nebenscbliefsung auf den Nebenstrom erklärt wurden. 

Die beiden in den Zweigen eines Schliefsungsbogens nach- 
gewiesenen Nebenströme verfolgen eine entgegengesetzte Rich- 
tung in demselben Ringe, der durch beide Zweige gebildet wird, 
beschränken sich aUo gegenseitig. Hieraus folgt, dafs der Ne- 
benstrom jedes Zweiges auf den Zweigstrom des andern Zwei- 
ges in entgegengesetzter Weise wirkt, wie auf den Zweigstrom, 
der ihn erregt hat. Die Zweigströme, die in den vorgetragenen 



vom 3. Januar 1859. 9 

Versuchen durch Aufhebung ihrer eigenen Nebenströme verstärkt 
wurden, werden geschwächt durch Aufhebung der fremden Ne- 
benströme. Ich brachte in jeden der beiden Zweige eine Ku- 
pferspirale mit ihrer Nebenspirale und ein Thermometer, und 
fand, dafs die giitleltende Sclillefsung der Nebenspirale eines 
Zweiges die Erwärmung im andern Zweige bedeutend schwächte. 
Dies genügt, die grofse Verwickelung zu zeigen, welche die 
Wirkungen der Zweigströme erfahren müssen, wenn man mit 
ihnen zugleich zu kräftigen von einander verschiedenen Neben- 
strömen Anlafs gibt. So zusammengesetzte Wirkungen können 
nur ein geringes Interesse in Anspruch nehmen, selbst wenn es 
möglich wäre, sie einfachen Gesetzen unterzuordnen. Deshalb 
habe ich bei den Versuchen über die Stromthellung kurze Zweige 
von nicht allzu verschiedenem Leitungswerthe gebraucht, wo- 
durch die Nebenströme schwach und von einander nicht zu ver- 
schieden wurden, und es gelang mir, das einfache Gesetz der 
Stromthellung aus den Versuchen abzuleiten. 

Ich würde hier schliefsen, wenn ich nicht befürchtete, dafs 
der für die Nebenströme In den Zweigen gegebene Beweis des- 
halb für nicht allgemein gültig angesehen werden könnte, weil 
ich dazu überall spiralförmig aufgewundene Drälhe gebraucht 
habe. Obgleich nämlich seit lange Versuche vorliegen, die das 
Gegenthell beweisen, wird noch immer in Abhandlungen und 
Lehrbüchern angegeben, dafs zur Erregung eines Nebenstromes 
in der Masse des Stromleiters, entfernte Theile dieses Leiters 
einander parallel nahe gebracht, also Splrahlrälhe gebraucht wer- 
den müssen. Dies ist nicht richtig. Die Spiralform des Strom- 
leiters ist ein sehr bequemes Mittel, mit einer gegebenen Drath- 
länge einen möglichst starken Nebenstrom im Stromleiter zu er- 
halten, weil der in jeder Windung vorhandene Hauptstrom nicht 
nur auf diese Windung erregend wirkt, sondern auch auf alle 
naheliegenden Windungen. Aber zur Erregung überhaupt ist 
die Spiraiform nicht nöthlg. Wie dies von Faraday an unterbro- 
chenen voltalschen Strömen aufgezeigt worden ist (exper. resear. O'** 
series), werden die folgenden Versuche es für den Entladungs- 
strom der leydener Batterie beweisen. Es läfst sich jeder Ver- 
such dieser Abhandlung auch ohne Spiralen anstellen, nur we- 
niger bequem und weniger schlagend. Ein mit Guttapercha be- 



10 



Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 



kleideter Tclegrapliendralh (Kupfer 50 Fufs lang |-^ Linie dick, 
mit der Hülle 1^ Linie dick) war in einem möglichst weiten 
Bogen auf dem Fufsboden ausgebreitet, und wurde an der Stelle 
der bisher gebrauchten ebenen Spirale, in den Kupferzweig des 
Schliefsungsbogens eingeschaltet. Neben diesen Drath wurde ein 
gleicher 50 Fufs langer Teiegraphendralh gelegt, und mit Schnü- 
ren an ihm festgebunden, der zur Prüfung auf den Nebenstrom 
bestimmt war. Der Kupferzweig enthielt also, aufser dem Ther- 
mometer, nur einen Kupferdrath, dessen entfernte Thelle weder 
parallel, noch einander nahe lagen. Der Platinzweig war, wie 
früher, 100,7 Fufs lang 0,057 Linie dick. Es wurden die Er- 
wärmungen am Thermometer beobachtet, je nachdem die Enden 
des Nebendrathes, der vom Zweigdrathe durch eine 1^ Linie 
dicke Guttapercha-Schicht getrennt war, entweder frei blieben, 
oder durch einen 10^ Zoll langen \ Linie dicken Kupferdrath, 
oder endlich durch einen 22,7 Fufs langen 0,052 Linie dicken 
Platindrath mit einander verbunden waren. Ich gebe die ein- 
zelnen, zweimal angestellten Beobachtungen. 



VL 



in 3 Flaschen Elektricitäts- 




offen 


Der Nebendralh 
durch Kupfer 


durch Platin 
geschlossen 


menge 

8 


16 


Erwärmung im Kiipferzweige 

15,7,18,8 19,3 11 11,2 


10 


24,2 24,8,29 29,3116,7 16,9 ■ 


12* 


34 


34,2 


41,4 41,0 


23 23,1 


Einheit der Ladung 




0,73 


0,87 


0,50 



Der Zweigstrom, der bei frei liegendem Zweige den Werth 
73 hatte, ist bis 87 gestärkt worden durch einen danebenliegen- 
den geschlossenen gutleitenden Drath. Es war also unzweifel- 
haft bei den Versuchen der ersten Columne im Zweigdrathe ein 
Nebenstrom vorhanden, der den Zweigstrom schwächte und in 
der zweiten Columne izum Theil aufgehoben war. Dafs dieser 
Nebenstrom hier viel schwächer war, als bei den Versuchen mit 
der Spirale (Reihe IL), geht nicht nur aus der hier geringeren 



vom 3. Januar 1859. 11 

Verstärkung des Zwei'gstromes hervor, sondern schon aus den 
Erwärmungen bei freiliegendem Zweige. Der Werlh nämlich des 
Zweigstromes unter dieser Bedingung war dort 29, hier ist er 
73, Werthe, deren Unterschied sich nicht aus den etwas ver- 
schiedenen Dimensionen der Spirale (53 Fufs von i^ Linie Dicke) 
und des Telegraphendraths (50 Fufs bei 1{ Linie Dicke) herlei- 
ten iäfst. Die Schwächung des Zweigstromes durch den unvoll- 
kommen leitenden Nebendrath, die in der dritten Columne er- 
scheint, ist nicht viel geringer, als in den Versuchen mit der Spi- 
rale (Reihe V.), woraus folgt, dafs diese Schwächung nicht auf 
der theilweisen Wiederherstellung des Nebenstromes im Zweige, 
sondern auf einer direkten Wirkung des Stromes im Neben- 
drathe auf den Strom im Zweigdrathe beruht, was auch schon 
für sich klar ist. Der oben aufgestellte Satz wird durch den 
folgenden bekräftigt: In einem geraden, wie in einem 
spiralförmigen. Zweige des Schliefsungsbogens der 
Batterie wird durch den darin fliefsenden Strom ein 
Nebenstrom erregt. 

Die an Zweigen erhaltenen Resultate lassen sich auf den 
einfachen Schliefsungsbogen ausdehnen, wodurch eine allgemein 
gültige einfache Regel gewonnen wird. Es ist gezeigt worden 
dafs in jedem Zweige, er sei gestaltet wie er wolle, ein Neben- 
strom erregt wird, der eine auffallende Stärke erreicht, wenn 
entfernte Theile des Zweiges einander parallel nahe gebracht 
sind. Auch im einfachen Schliefsungsdralhe der Batterie wird 
ein Nebenstrom erregt, wenn entfernte Theile des Drathes pa- 
rallel einander nahe gelegt werden (Pogg. Annal. 81. 428 Elek- 
tricitätslehre §. 856). Der Strom war, selbst unter den gün- 
stigsten Bedingungen, äufserst schwach, aber es Iäfst sich mit 
Sicherheit erwarten, dafs er auch bei einem gerade ausgespann- 
ten Dralhe merklich sein werde, wenn man sich überaus grofser 
Längen bedient. Es folgt daraus eine einfache Regel, die so- 
wol für den Hauptstrom der leydener Batterie wie für jeden an- 
dern Strom kurzer Dauer, also auch für Inductionsströme jeder 
Art und jedes Ursprungs gültig ist: In jedem Leiter eines 
Stromes kurzer Dauer wir^l ein Nebenstrom erregt 
der stets zu einer merklichen Stärke gelangt im 
Falle, dafs der Leiter dem Nebenstrome gestattet, 



12 Sitzung der physikalisch-mathernalischen Klasse 

einen Kreislauf zu vollenden, oder dafs entfernte 
T heile des Leiters zu einander in Wirkungsnähe ge- 
bracht worden sind. 

Bei der Wirkung eines Stromes kurzer Dauer ist auch die 
seines ISebenstromes zu berücksichtigen; doch genügt es, bei 
Anwendung nicht zu langer Schliefiungsdräthe, den Nebenstrom 
nur zu beachten, wenn einer der beiden angegebenen Fälle 
stattfindet. Hieraus folgt, dafs im einfachen Schliefsungsdrathe 
der Batterie der Nebenstrom von Einflufs ist, wenn der Dralh 
U- oder N-Formen enthält (zu den letzteren gehören die Spi- 
ralen), in Zweigdräthen und in Nebenschliefsungen auch ohne 
diese Bedingung. Welche Änderungen durch den Nebenstrom 
in dem ihn erregenden Strome hervorgebracht werden, der mit 
jenem in demselben Drathe fliefst, habe ich früher ausführlich 
angegeben (Pogg. Annal. 81. 431 B. 83. 327 Elektricitätslehre 
8.856. 884 — 894). Die entgegengesetzte Änderung des erre- 
genden Stromes, je nachdem sein Leiter die U- oder N-Form 
besals, hat dabei gelehrt, dafs jedem, durch einen Strom von 
kurzer Dauer erregten Nebenslrome eine bestimmte Richtung 
beigelegt werden niufs. 



Hr. H. Rose las über das S tickstoffn lob. 

Wird Ammoniakgas über Niobsäure beim starken Rolh- 
glühen geleitet, so wird dieselbe unter Bildung von Wasser in 
Stickstoffniob verwandelt. Es ist aber schwer, die ganze Menge 
der Säure auf diese Weise zu zersetzen; das erhaltene Pro- 
dukt, welches ein Pulver von schwarzer Farbe ist, enthält noch 
mehr oder weniger Niobsäure. Dessen ungeachtet leitet es sehr 
gut die Elektricität, zeigt indessen keinen metallischen Glanz. 
Mit Kaliliydrat geschmolzen entwickelt es viel Ammoniakgas, 
und beim Zutritt der Luft verbrennt es mit lebhaftem Glänze 
zu Niobsäure. 

Wird die Niobsäure in einem Strome von Cyangas erhitzt, 
so wird sie schnell zersetzt. Die erhaltene Verbindung ist ein 
dunkelschwarzes Pulver, das die Elektricität sehr gut leitet, aber 



vorn 3. Januar 1859. 13 

aufser Stickstoff auch noch Kohlenstoff enthält, aber weit weni- 
ger, als um mit dem Stickstoff Cyan zu bilden. 

Am reinsten erhalt man das Slickstoffniob, wenn man Niob- 
chlorid in Ammoniakgas erhitzt. Es entstehen dann unter Bil- 
dung von Chlorammonium schwarze Rinden von Stickstoffniob, 
die man durch Behandlung mit Wasser von allem Salmiak rei- 
nigen kann. Es ist ein sehr dunkelschwarzes Pulver, das von 
Salpetersäure und selbst von Königswasser fast gar nicht ange- 
griffen wird, aber leicht unter Entwicklung von rothen Däm- 
pfen von einer Mengung von Salpetersäure und von Fluorwas- 
serstoffsäure. 



Hr. H. Rose berichtete über eine Arbeit des Hrn. Heintz 
über zwei neue Derivate der Zuckersäure. 

Das eine desselben ist das Saccharamid, welches ent- 
steht, wenn man durch die Lösung des Zuckersäureäthers in 
Äther, welche zwar Alkohol, aber kein Wasser enthalten darf, 
trocknes Ammoniakgas leitet. Es entsteht ein Niederschlag, der 
hauptsächlich aus dem Saccharamid besteht, aber auch zucker- 
saures Ammoniak enthält, weil es unmöglich ist, bei dieser Ope- 
peration jede Spur von W^asser zu vermeiden. Durch Auswa- 
schen des mit Äther gewaschenen Niederschlags mit kaltem Was- 
ser erhält man das Saccharamid rein als ein weifses amorphes 
Pulver, welches rolhes Lackmuspapier im feuchten Zustande 
schwach bläut, sich in lauwarmem Wasser unverändert löst und 
beim Erkalten der Lösung herauskrystallisirt. Löst man es in 
kochendem W^asser, so geht es in zuckersaures Ammoniak über. 
In Äther löst sich das Saccharamid nicht. Dagegen nimmt ko- 
chender Alkohol etwas davon auf, wovon sich beim Erkalten 
ein Thell in kleinen Kiystallchen absondert. Beim Erhitzen 
färbt sich das Saccharamid gelb, braun, endlich schwarz, den 
Geruch verbrennender stickstoffhaltiger Substanzen verbreitend. 
Die zurückbleibende Kohle verbrennt endlich in der Glühhitze 
ohne Rückstand. Kalihydrat entwickelt in der Kälte und lang- 
sam Ammoniak aus dem Saccharamid, in der Hitze schneller. 
Säuren wandeln es dagegen sofort in das Ammoniaksalz der an- 



14 Sitzung der phys.-rnath. Klasse vom 3. Januar 1859. 

gewendeten Säure und Zuckersäure um. Die Analysen des Sac- 
choramids führen zu der empirischen Formel C* H'' NO*. Hr. 
Heintz hält es für am wahrscheinlichsten, dafs die rationelle 

jyrTT, ist, dafs er also ein 

Ammoniak ist, in welchem zwei Äquivalente Wasserstoff durch 
das zwei basische Saccharyl (C ^ H* O' *), das dritte durch Am- 
monium vertreten sind. 

Das zweite neue Derivat der Zuckersäure ist eine Verbin- 
dung von zuckersaurem Bleioxyd mit Chlorblei, 
welche erhalten wird, wenn man den Niederschlag, den ein lös- 
liches neutrales zuckersaures Salz in Chlorbleilösung erzeugt, 
in einer grofsen Menge einer kochenden Chlorbleilösung, die so 
▼iel Wasser auf so wenig Chlorblei enthält, dafs letzteres auch 
beim Erkalten der Lösung sich nicht abscheiden kann, auflöst, 
und die fiitrirte Flüssigkeit erkalten läfst. Es scheiden sich kleine 
Krystaliblättchen aus, die in kaltem Wasser fast unlöslich sind, 
in kochendem sich nur wenig leichter lösen, dagegen von ver- 
dünnter Salpetersäure ziemlich leicht gelöst werden. Nach dem 
Trocknen besteht die Verbindung aus einem weifsen, perlmut- 
terglänzenden Pulver, das in der Hitze sich bräunt und schwärzt 
und endlich zur Abscheidung von metallischem Blei Anlafs giebt. 
Sie enthält kein Krystallwasser und ihre Zusammensetzung kann 
durch die Formel (C "= H" O ' * -t- 2 Pb O) + 2 PbCl ausgedrückt 
werden. 



Hr. Dove gab eine Mittheilung über die Jährlichen 
Veränderungen der Temperatur des Meerwassers un- 
ter den Tropen. 



Hr. Peters berichtete über ein neues Flugbeutel- 
thier, Petaurus {Belideus)^ aus dem südlichen Theile 
von Neuholland. 

Petaurus {Belideus) notatus n. sp.; canus, subtus pallidior; 
rostro brevi fusco; Stria a rostro ad rcgionem sacralem decur- 



Gesammtsittung vom 6. Januar 1859. 15 

rente, auriculis, regione orbitali, superficie patagü superiore ni- 
gris; macula infra et post auriculam, margine patagü taeniaque 
supracaudali alhtdis; cauda vlllosa, disticha, nigra, apice nivea. 

Longit. a rostri apIce ad caudae basin 0,150; caudae 0,160 
(c. pil. 0,173); antibrachii 0,031, man. c. dig. 0,0215; cruris 
0,032; ped. c. dig. 0,027. 

Das einzige Exemplar, welches der Beschreibung zu Grunde 
liegt, ist noch jung, indem die hinteren beiden grofsen Back- 
zähne zwar vorhanden, aber sowohl oben wie unten noch nicht 
zum Durchbruch gekommen sind. Die Zahl der Backzähne ist 
übrigens, wie bei den anderen Arten, oben und unten 7, von denen 
3 falsche, 4 wahre Backzähne sind. Das zoologische Museum 
hat dieses Thier von Hrn. Krefft gekauft, der dasselbe in den 
nördlichen gebirgigen Gegenden von Victoria in Neuholland er- 
legt hat. 



6. Januar. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Homeyer las über die Genealogie der Hand- 
schriften des Sachsenspiegels. 



Hr. Gerhard berichtete über 2 neue entdeckte grie- 
chische Inschriften und über das Museo Campana. 

1. Ein zu Athen neulich aufgefundener Inschriftstein von 
36 Zellen enthält das Tür Oxythemis, den aus Plutarch und 
Athenäus bekannten Schmeichler und Unterhändler des Deme- 
trios Pollorketes, ausgestellte Ehren- Decret. Diese Mittheilung 
wird Hrn. von Velsen verdankt. 

2. Aus Messenlen sind neuerdings zwei zusammengehö- 
rige Steinplatten bekannt geworden, deren aus 100 Zeilen be- 
stehende Inschrift (exoterlsche) Satzungen des aus Pausanlas be- 
kannten Mysteriendienstes im KarnasIschen Hain un- 
weit Oechalia enthalten; dieser Inhalt berührt aufser den Prie- 
stern und Eingeweihten hauptsächlich einen gewissen Mneslstra- 
tos, welcher den Festzug und den heiligen Quell zu beaufsich- 



16 Gesammtsitzung 

tigen hatte. Die Inschrift zerfällt in einzelne Abschnitte, denen 
die Überschriften 'nsot U^mu nett Is^au. Tcu^uhÖTiog. a-Tscpctvujv. sl- 
fxci-iTuZv. opxoQ yuvcitxouoixov. uofxnag. O'xctvuv. ctxoiTfxovvTuiv, 
paßBo(po^üt;i'. TTEoi TiiJi' 8ic4tpo^u}i'., ferner (auf der zweiten Platte): 
(ttboi) clStfirjUaTuiv. ttspi riZv it{7,s)n~ovTixiv iv rw h^w. nigi Tcig 
xoai/ctQ. &YiTa\J30V (?) >{aTcca-)tsv(ag). is^ov iistTruo'j. ccyo^ccg. (tsa«) 
\jSctTog. aXeitJ.fJiO.Tog yeti XovrooC. a-vviTiog ava<f)o^üg vcrangestellt 
sind. Ein vorläufiger Abdruck derselben ist in der Athenischen 
Zeitung '0 ^O.inm^tg , im November vor. J., erfolgt und durch 
Hrn. G. Papasliotis hierher gesandt worden. 

3. Aus Rom ist ein Quarlband gedruckter Verzeichnisse 
des Museo Campana uns zugegangen. Derselbe enthält zwar 
weder Abbildungen, noch ausführliche Beschreibungen, wohl 
aber gedrängte Notizen einer Sammlung antiker Kunstschätze, 
welche durch Umfang, Auswahl und Wichtigkeit ihres Inhalts 
alle früheren Sammlungen antiken Kunstbesitzes weit übertrifft. 
Ein ins Einzelne gehender Bericht über die wesentlichsten Ge- 
genstände und Ergehnisse dieser Sammlung soll in der bei G. 
Reimer erscheinenden „Archäologischen Zeitung" erfolgen, deren 
neuestes Quartaiheft (October bis Deceniber 1858) auch einen 
Abdruck der oben gedachten Inschrifts leine enthält. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Bulletin de la socie'le imperiale des naturalisles de Moscou. Tome XXXI, 

DO. 3. Moscüul838. 8. 
Proceedings of the Roj-al Geographical Society of London. VoL II. 

Londun 1858. 8. 
46. Publication des literarischen Vereins in Stuttgart. (l2. Jahrgangs, 

185S, 1. Publication.) Stuttgart 1858. 8. 
Annales de chimte et de physique. Tome 54. Cahier 4. Paris 1858. 8. 
Revue archeologique. 15""= annee, Livr. 9. Paris 1858. 8. 
ZeUschnft für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen. Land 6, Lief. 4. 

Berlin 1858. 4. 
Jahresbericht der Wetterauer Gesellschaf t für die gesummte Naturkunde. 

Hanau 1S5S. 8. 
Roulez, Discours sur les moeurs e'leclorales de Rome. Gand 1858. 8. 
La Rondinella. Anno iV, no. iS. Napoli 1858. folio. 



vom 13. Januar 1859. 17 

Förstemann, Altdeutsches Namenbuch. Band I, Lieferung^S. 9- Nord- 
hausen 1858. 4. Mit Schreiben des Hrn. Verfassers, * d.'.d. Berlin 
29. Dez. 1858. 

Preller, Römische Mythologie- Berlin 1858. 8. Im Namen des Hrn. 
Verfassers überreicht von Hrn. Trendelenburg. 

Mntanabbii Carmina cum commentario Wdhedii, ed. Fr. Dieterici. 
Faso. II. Berolini 1858. 4. IVlit Schreiben des Hrn. Herausge- 
bers, d. d. Berlin l6. Dez. 1858. 

Kiepert, Neuer Handallas über alle Theile der Erde. Heft 5 — 8. 
Berlin 1858. fol. obl. Überreicht durch den Hrn. Herausgeber. 

// nuovo Ctmento. Tomo VllI, October. Pisa 1858. 8. 



Rücksichtlich der durch Hrn. Bibliothekar Holtrop im 
Haag eingetroffenen Eröffnung, dafs die Versendung von Büchern 
und Manuscripten der dortigen Königl. Bibliothek für die Zwecke 
der Mitglieder der Akademie durch das Königl. Ministerium autho- 
risirt sei, wurde ein Dank an denselben beschlossen. 

Bescheinigungen für Empfang der Abhandlungen waren ein- 
gegangen von der Pariser Akademie für den Jahrgang 1857 der 
Abhandlungen und von der Akademie zu Boston in Massachu- 
setts für die Abhandlungen von 1856 und 1857, so wie für die 
Monatsberichte von Januar 1857 bis August 1858. 



13. Januar. Gesamintsitzung der Akademie. 

Hr. Petermann las über die arabische Chronik des 
Sa maritaners Abu'l Fath. 



An eingegangenen Schriften und dazu gehörigen Begleit- 
schreiben wurden vorgelegt: 

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. Jahrgang 5. Nürnberg 
1858. 4. 

Bibliotheca indica, ed. Rocr. No. l'iO. l42 — 145. Calcutta 1858. 8. 

Proceedings of the Rojral Society of Edinburgh. Vol. IV, no. 48. Edin- 
burgh 1858. 8. 

[1859.] 2 



%S Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Journal of the Asialic Socielf of Bcngal. no. 264 und 267. Calcutta 

185S. 8. 
Abhandlungen der naturhislorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Heft 2. 

Nürnberg 1858. 8. 
Berliner astronomisches Jahrbuch für isai. Berlin 1858. 8. 
Academiae Jcnensi saecuUa tertia gratulatur Academia scientiarum Petro- 

poUlana. Petropoli 1858. gr. h. 
Tomaschek, Deutsches Recht in Österreich. Wien 1S59. 8. Mit 

Beoleitschreiben des Hrn. Ritter von ChluDiecky, d. d. Briinn 

6. Jan. 1859. 
Corenwinder, Recherches sur V assimilation du carbone par les 

feuilles des vegdlaux. Paris 1858. 8. 
H. Martin, Appendice ajoute' au livre de la vuefuture. Paris 185S. 8. 
. Chapttres IX et XX du livre II de l'introduction arithme- 

tique de Nicomaque de Gerase. Roma 1858. 8. 
Sur quatre personnages appelles Thrasylle. Rome 1858. 8 



Aufserdem war eine dankende Empfangsanzeige der Äsiatic 
Society of Calcutta vom 8. Juli v. J. für die übersandten Ab- 
handlungen von 1856 und die Monatsberichte von 1857 einge- 
gangen. 

Eine von Hrn. Encke übergebene Abhandlung des Padre 
Secchi in Rom, betitelt Osservazloni della Comela Donati 
fatte al Osservalorio del Collegio Romano 1858, wurde auf des- 
sen Wunsch der Königl. Sternwarte überlassen. 



17. Januar. Sitzung der philosophisch-hi- 
storischen Klasse. 

Hr. \fVeber las über das Dagakumär a-C arit am 
die Fahrten der zehn Prinzen. 

Wilson, dem wir die erste Herausgabe des Dagahumdra 
(London i846) verdanken (eine spätere erschien in Calcutta 1850), 
berichtet in seiner Vorrede, Aais Dandin , der Verf. desselben, 
von der Tradition in die Zeit des Königs Bhoja (nach Lassen's 



vom 17. Januar 1859. 19 

neuster Berechnung 997 — 1053 s. Ind. Alt. III, s44. 1169) gesetzt 
werde. Da flaniii der letzte Abschnitt (die Geschichte des /^/fru/a) in 
Widerspruch steht, der von Fürsten aus dem Bhojavanga, Ge- 
schlecht des BfiDJa, handelt, also des Bhoja Zeit als der Vergan- 
genheit angehörig bezeichnet, so ist Wilson nicht abgeneigt, 
denselben, zumal er auch stylistisch vor den übrigen sich 
markirt, als eine spätere Zulhat zu betrachten: oder wenn man 
dies nicht wolle, müsse man das Werk als unter den unmillel- 
baren Nachfolgern Bhnja's Ende des llten, Anfang des 12ten 
Jahrhunderts abgefafst betrachten. In der That Ist der noch 
vollständig von mohammedanischer Zerstörungssiicht verschonte 
Zustand Indiens — und zwar gerade auch des westlichen Indiens 
— der uns in dem W'erke entgegentritt, die völlig einheimische 
Grupptrung desselben in einer spätem Zeit wohl kaum als li- 
terarisch möglich zu denken: die Yavana (Moslims) werden 
nur als Kaufleute, nie als Krieger erwähnt. Insbesondere aber 
ist es auch die mehrfache Erwähnung derBtiddhisten, einesKlosters 
derselben inCampä und buddhist. wandernder Schv^estem ebendas., 
wie in P^alabhi unAMadhurd ), welche ein s pä t e r esDalum kaum 
zuläfst. Aus dem reichen Schatze von Königsnamen der yer" 
schledensten Landstriche Indiens — Mnlava, Magadha, Videha, 
I^ia , Anga, Viirännsl, ^rdoasti, Ddrnallpln (Suhma), Kaiinga, 
Vidarbha, Afmaka, Vdnaväsi, Kuntala, Murala, Bicika, Kotikana, 
Sdgikja, Mdhishrnati — lälst sich leider nicht der geringste hi- 
storische Anhaltspunkt entnehmen, da die Namen jener Fürsten 
wohl säaiintlich reip erfunden sind ), und der einzige etwaige hi- 
storische Kern des Ganzen die Erinnerung an Kämpfe zwischen 
den beiden rivalisirenden Staaten des Westens und Ostens, ATd- 
/«ta und Mngadha, zu sein scheint. — Aufser den, wahrschein- 



') Letztere beiden Stellen gehören indefs allerdings den wohl aus 
früheren Darstellungen entlehnten Erzählungen des Mitragupta an, würden 
also für die Zeit des Dagak. selbst nicht beweiskräftig sein. 

') Vgl. Lassen Indische Allerth. 111,850. Lassen nimmt davon (pag. 
855. 56,) nnr die Angaben über die Königsfamilie von Vidarbha aus, für 
welche er ,,das Zeugnifs des Dichters Z^and/n als zulässig bezeichpet", ohne 
indefs anzugeben, welche Gründe ihn dazu bewegen. Diese Angaben sind 
übrigens gerade in dem letzten Abschnitte enthalten, der möglicher Weise 
(s. jedoch pag. 21. not. 5) von einem andern Verf. herrührt. 

2* 



20 Sitzung der pliilosophisch-hislorischen Klasse 

lieh früheren Darslellnngen enllehnten, vier Erzählungen des 
Mitragupta mag eben der ganze Inhalt des Werkes seine Erfin- 
dung der Phantasie des Verfassers verdanken, natürlich unbescha- 
del, dafs er auch darin einzelne Züge wie z.B. bei der Gesdiichte 
des Pramati anderswoher entlehnt hat. Anspielungen auf an- 
dere Erzählungen finden sich hie und da zerstreut (z. Ü. Bezugs der 
F'dsavadatiä): die bedeutsamste von Allen ist die Anspielung (pag. 
118) auf die Geschichte des iCamflr/ja/a in seinen beiden früheren Ge- 
burten als Qaunaka und ^udraka ), welche als völlig bekannt 
vorausgesetzt wird. Die Erfindungsgabe des Verfassers ist übri- 
gens trotz aller Kühnheit doch hie und da etwas einförmig: An- 
nahme der Gestalt des gelödleten Feindes durch den Mörder fin- 
den wir uns zweimal, bei Upahäravarman und Mantragupta, 
unterirdische Gänge dreimal, bei Apahäravarman, Arlhapdla und 
Vi^ruta, ebenso Ergreifung durch die Schaarwache und Liebe 
auf ein Bildnifs oder einen Traum hin mehrmals als Mittel zur 
Lösung oder Schürzung des Knotens aufgetischt. Das ßild der 
Gesellschaft, welches sich vor unsern Blicken aufrollt, ist kein 
sehr schmeichelhaftes: besonders auffällig ist die Fertigkeit im 
gemeinen Diebstahl, welche mehrere der Helden zeigen (so be- 
sonders Apahäravarman)^ und Betrügereien aller Art, die zur 
Erlangung eines Mädchens oder dgl. als vollständig In der Ord- 
nung erscheinen. Neben der tiefsten Versunkenheit des Volkes 
in Aberglauben aller Art erscheinen die zehn Prinzen als voll- 
ständig frei davon, keinen Gott und keinen Teufel fürchtend. 
Daher kommt ihr Erfolg. Wenn der Dichter aufser dem Zweck 
der Unterhaltung noch einen andern vor Augen gehabt haben 
sollte, so könnte es, wie bei Le Sage im Gil Blas und Diable 
boiteux, nur der sein, zu zeigen, dafs Muth und Klugheit in 
allen Gefahren den Erfolg sichern: nur müsse man eben 
über die albernen abergläubischen Vorstellungen der Menge völ- 
lig erhaben sein, sie dagegen vollständig zum eignen Vorthell 
auszunutzen wissen. Im Übrigen fehlt es den Helden und son- 
stigen Personen auch nicht an guten Eigenschaften, unter denen 
besonders unverbrüchliche Treue der Freunde und Liebenden 



*) Anders in der Kddambari, wo Candramas, Candrdpida, ^udraka, 
während hier Qaunaha, Qüdraka, Kämapäla, die identische Person in drei 
Existenzen sind. 



vom 17. Januar 1859, 21 

gegen einander, der Diener gegen Ihre Herrsrliaft, insbesondere 
der Ammei) und Zofen gegen ihre Pflegebefohlenen hervorste- 
chend sind. Für die Pflege der Gerichlsbarkeit, öffenilifhen 
Sicherheit (durch die nächth'chen Schaarwachen), wie überhaupt das 
öffentliche und private Leben der Hindu finden sich höchst in- 
teressante Darstellungen und Winke. Von besonderem Inter- 
esse ist z. B. die lange Darstellung in der Geschichte des Apa~ 
liäravarman von der Erziehung eines zur öffentlichen Tänzerin 
bestimmten Miidchens, von den Mitteln und Kunstgriffen, durch 
welche dgl. Schönen bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten sich 
Erfolg (eiiieCIaque, und Bestechung der Kritik) zu sichern pfleg- 
ten, so wie die ausführliche Beschreibung verschiedener Spiele, 
wie des Würfelspiels, Hahnengefechts, Ballspiels u. dgl. 

Was aber dem Dagakumäracaritam In unsern Augen eine 
ganz besondere Bedeutung verleiht, ist der Umstand, dafs es als das 
erste Werk seiner Art, das rein In Prosa geschrieben ist, auf- 
tritt. Dafs die F'äsa vadathd des Subandhu und die Kä- 
damb ari des Buna ihrem Style nach entschieden später sein 
müssen, Hegt auf der Hand*), und es Ist somit Wllson's der 
Tradition folgende Annahme von der Abfassung des Da^akumära 
zu Bhnja's 0(Jer bald nach dessen Zeit, wohl eher dahin zu mo- 
dificiren, dafs wir das Werk (und zwar dann unter Abtrennung des 
letzten Abschnittes) noch v o r iJAoya'j Zeit, oder wenigstens in die 
erste Zeit desselben setzen, da von jenen beiden Werken feststeht, 
dafs sie an seinem Hofe oder resp. bald nach seinem Tode verfafst 
wurden. Da übrigens der Inhalt des Da^akumära darauf abzielt, 
dieschliefsliche Besiegu ng ein esAffl/oya-Königs durch ein en^og^orfAo- 
König darzustellen, so ist eigentlich gar nicht abzusehen, wie es 
an Bhoja's, des TUä/ofo-Königs Hofe abgefafst sein könne ), für 



*) Vgl. meine Analysen in Z. der D. M. G. VII, 582 ff. VIII, 530 ff. 

') Auch erscheint der Name des DawAin nicht unter den Namen der 
Dichter, <lie im Bhnjaprabandha aufgezählt werden. — Woher mag Wilson 
überhaupt seine Angabe : ,,lradilton uffirms the contemporary exislence of 
DantMn and Blioja Deva" haben? — Wir kennen übrigens jetzt aus In- 
schriften auch zwei bedeutend ältere Bhnja, im achten Jahrhundert, s. Las- 
sen III, 827. 1169. Sollte der Bhojavauga p. 180,9. 200,11 etwa auf 
diese sich beziehen? Dann brauchte der letzte Abschnitt gar nicht erst 
abgetrennt zu werden. 



22 Sitzung der philosophisch-hislorischen Klasse 

den dieser Inhalt ja eine grobe Beleidigung gewesen sein würde! 
Es liegt die Vermulliung nicht fern, dafs der Umstand, dafs 
uns Allfang und Ende des Werkes fehlen, hieaiit in Zusammen- 
hang stehe, und der Verlust dieser beiden Theiie als eine 
auf Befehl Bhnja's des Tlfü/afo- Königs erfolgte Verstümmelung, 
resp. Vernichtung anzusehen sei? Dann miifste sich indels die 
Vernichtung noch weiter erstreckt haben, da ja die Besiegung 
des Ma/ofa- Vi c e königs wenigstens gerade noch in dem ersten 
Abschnitte des Werkes selbst erzählt wlr<l! Es müssen also 
wohl andere Gründe jene Verstümmelung herbelgenihrt haben. 
Im Übrigen ist der Verlust kein beträchtlicher, da das uns als Ein- 
leitung, zum Ersätze der ursprünglichen, gebotene Stück (trotz 
einzelner Widersprüche, in denen es sich mit dem Inhalt des 
Werkes selbst befindet) in der Hauptsache jedenfalls den Inhalt 
der verlornen genuinen Einleitung enthält, auch wesentlich in 
demselben Slyie abgefafst ist. Das Ende freilich, wenn auch dem 
Inhalt nach leicht zu ergänzen, ist in der That völlig verloren. 

Die folgende Analyse Ist zunächst bestimmt, auf das bei uns 
noch ziemlich unbekannt gebliebene Werk des Dnncjiu auch in 
weiteren Kreisen aufmerksam zu machen und im Allgemeinen 
darüber zu orienliren. Vergleichungen mit abendländischen Er- 
zählungen anzustellen, habe ich mir einstwellen versagt. 

Rdjahansa, König von Magadha (Süd-Behar), ward durch 
Mänasdra König von Mrilava mit Krieg überzogen, und floh be- 
siegt In den /^mt/A/a-Wald, wo ihm seine Gemahlin den Rnja- 
vähana gebar. Der Prinz ward mit neun verschiedenen Kna- 
ben gleichen Alters erzogen, die sieb in zum Theil höchst 
wundersamer Weise in dem Zufluchtsort des Räjahansn zusam- 
mengefunden hatten. Sieben derselben waren die S<")hne von 
Ministern desselben, zwei die Kinder seines in seinen Un- 
fall verwickelten und des Thrones ebenfalls verlustig gegangenen 
Freundes, des Königs von Videha (Nord-Behar). Nachdem ihre 
Erziehung mit dem sechszehnten Jahre vollendet, gehen sie alle 
zehn zusammen in die Welt. Räjaoähana trennt sich heimlich von 
den Andern, um einem seinen Schutz erbittenden Brahmanen bei- 
zustehen. Das Wiederfinden der Freunde, die sich trennen um 



vorn 17. Januar 1859. 23 

ihn zu surhen, imkI die Krzählung dessen, was ihnen begegnet, 
bilflet den Inhalt des Werkes. 

Der Krsle, der mit Räjnväfutna wieder ziisaniinentriffl, in 
einem I^uslgaiien nämh'ch, wo derselbe ausruht, ist Somadatla, 
der mit einem stattlichen Zuge herbeikömmt und, seinen Prinzen 
erkennend, alsbald aus seiner Sänfte steigt, und freudig herbei- 
eilend seine Füfse umfnlst. Somadaita hat mit Hülfe von Die- 
ben, zu denen er unschuldiger Weise ins Gefängnils ge\'\'orfen 
war, dem König von Lata {\aDiy.V\) Mattakäla viel Schaden zu- 
gefügt, ihn zuletzt im Kampfe gelö(Jtet, und »ich so die F'i'irna- 
loranä, Tochter des P^irahe/u Königs von Päiali, zur Gemahlin 
erworben, die ihr Vater wider seinen Willen Jenem hatte als 
Braut überlassen müssen. Er befindet sich auf dem Wege zu 
dem ^oAd/cä/rt-Tempel des ^U'a, wohin er mit seiner Gattin zu 
pilgern gedachte, um über «les Prinzen Geschick lieruhigung zu 
erhalten. — Während noch Beide durch das Wiederfinden be- 
glückt sind, kommt auch noch ein anderer der zehn Genossen, 
PushpoJbhava hinzu, der hocherfreut bewillkommnet wird und 
seine Gesehichte dann ebenfalls erzählt. Im kühlen Schatten 
am Fufse eines Berges gelagert, hatte er einen Mann aufgefangen, 
der sich, den Tod suchend, von der Höhe desselben stürzte, und sich 
dann als sein \ »ter Ra(nodl>/iat>a ergab: derselbe hatte nämlich vor- 
mals, als Kaufmann herumschweifend und von der Käla-Yaoana- 
Insel (p. 2S, ult.) eine Kaufmannstochter heimHihrend, mit dieser 
seiner schwangeren Gattin Schiffbruch gelitten, dieselbe dabei 
verloren, und war nun nach I6jährigem vergeblichem Suchen zu 
jener That der Verzweiflung geführt worden. In ähnlicher 
Weise rettete Pushpodbhava auch unmittelbar darauf eben diese 
seine Mutter, die damals durch ihre Dienerin gerettet worden 
war und, nachdem sie den Verlust ihres Gatten und ihres durch 
Schuld der Dienerin damals bald nach ihrer Rettung verlorenen 
Sohnes 1h Jahre lang ertragen hatte, jetzt eben sich in das Feuer 
stürzen wollte, um ihre Leiden zu enden. Er führte daranf 
seine wiedervereinigten Eltern mit einer Caravane nach Ujjajini, 
■wo ihm Bandhupäla, der Vater eines Freundes, durch Augurien 
über Rajavähana's Geschick Auskunft verspricht (p. 31). Dort 
verliebte er sich in die Kaufmannstochter i?a/acaridr*Ara, die durch 



24 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

die Bewerbungen des grausamen Däruvarman, eines Schwester- 
sohnes des Mdnasära und zweiten Statthalters in Ujjnyinl, ver- 
folgt ward. Auf Pushpodbhava's Rath gab sie vor, dafs ein 
böser Dämon (Yaxa) sie zu Zeiten besessen halte, und dafs sie 
nur dem gehören wolle, der denselben zu vertreiben im Stande 
sei. Da Däruvarman sich hierdurch nicht abschrecken liefs, 
sondern auf seinem Begehr bestand, begleitet Pushpodbhava, als 
erste Dienerin des Mädchens verkleidet, dasselbe zu dem Ge- 
mache des Fürsten hin und tödtet ihn daselbst mit Fauslschlägen 
und Fufstritten. Sein Tod wird von dem schon vorher auf den 
Ausgang neugierigen Volke dem bösen Yaxa zugeschrieben, und 
als eigene Schuld des Fürsten angesehen. Pushpodbhava, der 
in seiner Verkleidung ohne Verdacht zu erregen entkommt, hei- 
rathete wenige Tage darauf die Balacandrikä. Auf die Anwei- 
sung des Bandhupäla, der ihm für heute das Wiederfinden des 
Räjavähana vorhergesagt, hat er sich hieber aufgemacht, und 
nimmt nun den Prinzen, der den Somadatta zu seiner Mafia kd/a- 
Pilgerfahrt entläfst, bei sich in seinem Hause \n^väntikä(d.i.l7Jj )iuf, 
denselben für einen geschickten Brähmana ausgebend. — Da sieht 
denn der Prinz einstmals in einem Garten die Avantisundart, 
Tochter seines väterlichen Feindes, des Mdnasära, und Beide 
werden von der flammendsten Liebe zu einander ergriffen, in- 
dem die Erinnerung in ihnen erwacht, dafs sie bereits in einer 
früheren Existenz einander zugehört haben. Die Ankunft ihrer 
Mutter trennt das kaum begonnene Gespräch. Balacandrikä 
aber dient dem vor Liebessehnsucht verschmachtenden Paare als 
gegenseitige Liebesbotin. Ein Zaubermeister, den der Prinz 
von ungefähr, in jenem Garten herumstreifend, antrifft, bietet 
ihm seine Dienste an, und verspricht ihm für den nächsten Tag 
bereits Vereinigung mit seiner Geliebten. Mit grofsem Pompe 
zieht derselbe dann vor des Königs *) Palast und erbietet sich, 
nachdem er viele andere Kunststücke gezeigt, ihm die Hoch- 
zeit seiner Tochter (p. 47, 7) mit einem jungen Prinzen vor- 
zuHihren. Während alle Zuschauer dies für ein Gaukelstück, 
wie die bisherigen halten, findet dann die Vermählung der Bel- 



*) Damit ist Mdnasära gemeint, der, obwohl er nicht mehr regiert, 
doch noch den Titel Mälavendra führt. 



vorn 17. Januar 1859. 25 

den, gemäfs vorher getroffenen Verabredungen, wirklich vor den 
Augen des gnnzen Hofes statt, und während die übrigen Zau- 
bergestallen zerfliefsen , gelangt der Prinz unentdeckt mit sei- 
nem Liebchen in das Frauengeniach, wo er sie zunächst mit 
wundersamen Erzählungen ergötzt. 

Hiermit schliefst die den fehlenden Anfang des Werkes zu 
ersetzen bestimmte Einleitung. Das Werk selbst beginnt nun 
wie folgt. 

Die Prinzessin drückt ihr Entzücken über seine Erzählungen 
aus, und belohnt ihn mit dem Einzigen, was sie dafür bieten könne, 
dem Kufs ihrer Lippen und dem vollsten Ausdruck ihrer Liebe. 
Beim Erwachen findet sie die Füfse des Prinzen durch eine sil- 
berne Kette umstrickt. Im Schreck hierüber schreit sie laut 
auf, und in der dadurch im Harem entstandenen Aufregung drin- 
gen die Wächter herein, sehen den Prinzen, und melden es dem 
König Candavarman. Der kommt sofort herbei, erkennt in dem 
Prinzen den Freund A^s Pushpodbhaoa, welches Letztern Frau den 
Tod seines Bruders Däruvarman verschuldet hatte, und beschlielst 
ihn pfählen zu lassen. DerEinspruch beider Eltern der Prinzessin, 
des alten Mänasära, der die Regierung bereits lange niederge- 
legt halte, und der Mahädevi, denen Beiden der Prinz seiner 
Schönheit wegen als Schwiegersohn willkommen ist, nöthigt in- 
defs den Candavarman , der eben nur Vicekönig ist, we- 
nigstens zum Aufschub, und zum Einholen bestimmter Befehle 
von dem regierenden Könige Darpasära (dem Bruder der Prin- 
zessin), der sich gerade auf einer Bufsfahrt abwesend befindet. 
Räjavähana wird mittlerweile auf Befehl des Candavarman in 
einen Käfig gesperrt, und darin auf einem Kriegszuge gegen den 
König \on Anga, Sinhaearman, der dem Cand. seine Tochter y^/w- 
bälikd nicht zur Frau geben will, mitgeschleppt. Der Anga- 
König wird bei einem Ausfall (aus Campd) gefangen genommen: 
die Hand seiner Tochter soll ihm das Leben retten. Zugleich 
kommt von Darpasära der Befehl, den gefangenen Galan seiner 
Schwester ohne Rücksicht auf die Bitten des kindischen Vaters 
hinzurichten, und sie selbst nebst ihrem jüngeren Bruder Kir- 



26 Sitzung der phi/osophisch- historischen Klasse 

tisära einzusperren. Als dem geniäfs am andern Morgen Rd- 
javähana vorgeführt wird, um einem wiitlienden Eleplianten zum 
Zerstampfen vorgeworfen zu wenlen, löst sich plötzlich die sil- 
berne Kette von seinen Füfsen, nimmt diedeslalt einer schönen Fee 
i^Apsaras) an, die sich verneigend ihm das Wunder der Verwand- 
lung also erklärt. ,,Ili'' Halsband sei ihr einst, als sie in den 
Lüften mit einem Flamingo spielte, entglitten und einem biilsenden 
Einsiedler auf den Kopf gefallen, durch dessen Fluch sie dann 
für eine bestimmte Zeit zurKetle gewt)rden, und so in den Besitz 
eines Gelstes( /^/<^/t/t///ara) gekommen »ei. Dieser nun, Atn\Darpa- 
sära seine Schwester als Braut zugesagt hatte, habe damals, als 
dieselbe mit dem Prinzen das Lager gethellt, dies erschaut und zur 
Rache ihm die Füfse mit der Kette gebumlen. Jetzt aber sei 
ihr Flu(h zu Ende, und sie stehe zu seinen Diensien." Der 
Prinz entläfst sie hocherfreut, indem er ihr aufträgt, sein Lieb- 
chen zu trösten. Da erhebt sich plöszllch ein Tumult: Canda- 
varman sei im Beginn der Hochzeitsfeierlichkeiten von einem 
Fremilen erschlagen worden, der mit gewaltiger W'uth um sich 
hauend den Palast mit Leichen fülle. Der Prinz benutzt die 
Verwirrung, stufst den Wächter des wüthenden Elephanten, der 
ihn zu zerstampfen bestimmt war, von demselben herunter, 
schwingt sich selbst hinauf und eilt damit dem Palast zu, wo er 
den kühnen Mann, der die That gethan, mit lauter Stimme 
aufruft sich zu ihm zu flüchten. Es geschieht, und derselbe er- 
glebt sich als des Prinzen ?Veund Apahäravarman. Beide ver- 
theidlgen sich nun tapfer gegen die DIenerdeserschlagenen Fürsten, 
bis ihnen die plötzliche Ankunft fremder Schaaren Hülfe bringt, 
welche sichalsdieTruppen ergeben, die dem^^ng^ß-Könlge von Sei- 
ten der Herrscher von Videha, Väränast, QrävastI, Ddrnaliptä, 
Kaiinga und Vidarbha, unter der Anfiihrung der übrigen Freunde 
des Prinzen, zur Hülfe gegen den 7)/d/aca-Fürsten geschickt wor- 
den waren. Der Anga- König wird natürlich sofort befreit. 
Die Wiedervereinigung aller Freunde erregt den gröfslen Ju- 
bel, und jeder erzählt nun der Reihe nach, wie es ihm er- 
gangen sei. Zunächst Apaharavarman , der Königssohn von 
Videha. 



vorn 17. Januar 1859. 27 

Cap. II. Derselbe war damals, nach dem Verschwinden des 
Räjavdhana, diesen suchend im ^n^a-Lande umhergeirrt, und 
daselbst zu einem in holiem Rufe der Weisheit stehenden liinsledier 
Marici in der Nähe von Carnpä gepilgert, um Auskunft von ihm 
zu erhalten. Den fand er aber seinerseits in bitlerer Nolh, in 
die er durch die Hetäre Kämamanjari gerathen war, welche in 
Folge einer Wette, ihn mit ihren Liebesnetzen bestricken zu 
können, dies in der listigsten Weise durchgeführt, und nachdem 
sie ihn berückt, mit Spott und Hohn wieder heimgeschickt hatte. 
Bei ihm übernachtet habend, trifft er am andern Morgen vor 
derStadt ein zweites Opfer derPallstricke der Hetäre in hellen Thrä- 
nen, eines reichen Kaufmanns Sohn nämlich, ^jVü/vaiÄra genannt (von 
seiner Häfslichkeit), der nach dem Verlust seines ganzen Ver- 
mögens, das er an sie verschwenilet, buddhistischer Mönch ge- 
worilen war, sich aber nach dem brähmanischen Glauben seiner 
Väter zurücksehnte. Nachdem er ihn durch das Versprechen, 
dals die Hetäre ihm all das Seine wieder herausgeben werde, 
getröstet hat, begiebt er sich in die Stadt, gewinnt daselbst In 
einem Würfelspielhaus einem hochmüthigen Spieler \bOOO Dinära 
ab, und erwirbt sich durch Verschenkung der Hälfte des Ge- 
winnstes Kuhm und Freunde. In der Nacht macht er sich, 
nach allen Regeln des Diebeshandwerkes (wie sie von Karnisuta 
p. 78, 12 gelehrt sind) ausgerüstet, auf, um durch einen liinbruch 
sich noch mehr Reichthümer zu verschaffen. Unterwegs trifft er 
auf ein schönes, junges Mädchen, die von ihm angeredet sich 
als eine Kaufmannslochter Kulapälikä zu erkennen giebt, die zu 
ihrem Geliebten flieht, dem Dhatnimiira, dem sie früher von 
ihrem Vater versprochen war, der aber arm geworden ist, wes- 
halb sie jetzt einen Andern, den reichen Arthapati heiralhen 
soll. Der Prinz erbietet sich mitleidsvoll sie ihrem Geliebten 
zuzuführen. Die Schaarwache, welche gerade herbeikommt, 
wird getäuscht, indem er sich als eben von einer Schlange ge- 
stochen todt stellt und das Mädchen sich für seine trostlose Gat- 
tin ausgiebt. So der Gefahr der Festnehmung durch die 
Wache entronnen, gelangen sie glücklich zu Dhanamitra, der 
durch den hdelmuth des Prinzen gerührt sich ihm in inniger 
Freundschaft zu eigen giebt. Nachdem sie berathschlagt, was 



28 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

zu ihun sei, bringen sie zunächst das Mädchen wieder heim, rau- 
ben mit ihrer Hülfe das Haus ihres Vaters aus, und verstecken 
die Beute. Mit der Schaarwache zusammentreffend besteigen 
sie einen Elephanten, der am Wege schlummerte, werfen den 
Treiber herunter, sdilagen die Angriffe der Wache zurück, be- 
schädigen darauf durch das wüthende Thier das Haus des Ariha- 
pati, lassen sich in einem W^äldchen, die Zweige der Bäume 
ergreifend, von demselben herunter, und legen sich, heimgekehrt 
in Dhanamitra's Haus, daselbst zur Ruhe. Die Hochzelt der 
Kulapulika wird so zunächst um einen Monat verschoben. 
Auf die Anweisung des Prinzen begiebt sich Dhannmiira so- 
dann zum Könige mit einem ledernen Säckel ), der ihm in dem 
Walde von einem Büfser geschenkt worden sei, als er sich eben 
aus Verzweiflung über den Verlust seiner Braut habe das Leben 
nehmen wollen, und der in den Händen von Kaufleulen oder 
Hetären die Kraft besitzen solle, alle Morgen mit (iold genillt 
zu sein, vorausgesetzt, dafs dieselben vorher all ihr Besitzlhum 
verlheilt, das unrechlmäfsig Erworbene dem wahren Elgenthii- 
nier zurückgegeben, das rechlmäfsig Erworbene au die Gölter 
und Brahmanen verschenkt hätten. Der König sichert ihm für 
den Besitz seinen Schulz zu. Dhanamitra beginnt sein früheres 
freigebiges Leben und füllt nächtlich den Säckel mit dem ge- 
stohlenen Gute. Als der Vater der Kulapälikä davon hört, dafs 
Dhanamitra wieder reich geworden sei, kommt er von selbst, 
ihm seine Tochler wieder anzubieten. — Da geschah es, dafs In 
diesen Tagen Rdgamanjart, die jüngere Schwester der Hetäre 
Kämamanjari, zum ersten Male vor dem Publikum im Concert 
und Tanz auftrat. Der Prinz verliebt sich in sie zum Hinsie- 
chen, und da sie fest entschlossen ist nur um Liebe, nicht um 
Geld, und zwar nur als Gattin sich hinzugeben, die Ihrigen da- 
gegen nur für Gold ihre Einwilligung dazu ertheilen wollen, 
erreicht er Beides, indem er Ihnen durch Vermittlung einer bud- 
dhistischen Beltelschwester (79, 11) den Glücks -Säckel zu steh- 
len verspricht, und auch, mit Wissen des Dhanamitra, wirklich 
übergiebt. Er läfst zugleich durch einen in seinem Solde ste- 



') Vgl. des Fortunatus Glückssäckel: doch ist hier die Darstellung in 
so fern witziger, als die Kraft des Säckels hier als eine nur erlogene er- 
scheint. 



vom 17. Januar 1859. 29 

henden Freund des Arlhapati den Dhanamüra gröblich belei- 
digen, und auf dessen Klage steckt dann der König den Arlha- 
pati ins Gefängnifs, um für die Schmähungen Jenes, der sich 
auf des Prinzen Befehl aus dem Staube gemacht hat, einzustehen. 
Die Hetäre sodann, in dem Eifer den Glückssäckel recht bald 
zu probiren, giebt nicht nur, um den Vorbedingungen dazu zu 
genügen, dem Virüpaka all das Seine zurück, der nun zu dem 
brahmanischen Glauben zurückkehrt, sondern theilt auch all das 
Ihrige in der auffallendsten Weise aus. Auf des Prinzen An- 
ordnung geht Dhanamiira zum König, und theilt ihm seinen 
Verdacht mit, dafs sie eben wohl in dem Besitze seines Säckels 
sein möge, da sie, die bisher so geizig, auf einmal so verschwen- 
derisch geworden sei. Sie wird darauf mit ihrer ISIulter ein- 
gezogen, und giebt auf den Ralh des Prinzen den Arlhapati als 
denjenigen an, der ihr den Säckel geschenkt habe: derselbe 
wird darauf, da er ohnehin schon in schlechtem Rufe steht, zum 
Tode verurtheilt, auf Dhanamiira' s Bitten indefs vom Kör ige 
nur mit Einziehung seines Elgenthums und Verbannung bestraft. 
Einen Theil seines Vermögens erhält die Hetäre, die den Säckel 
herausgeben niufs, vom Könige zum Ersatz für das, wie er 
meint, im Glauben an den rochtmäfsigen Besitz des Säckels von ihr 
verschwendete eigene Vermögen. Hierauf endlich findet die 
Hochzeit des Dhanamiira statt. — Bei allem Glücke, welches nun 
auch Apahäravarman im Besitze seiner Ragamanjari genofs, 
setzte er doch seine Diebeskunst in einem solchen Grade in 
Thätigkeit, dafs, wie es heifst, „die früher reich waren nun an 
den Thüren Derer bettelten, welche früher arm, durch die von 
ihm gestohlenen und wieder verschleuderten Reichlhünier reich ge- 
worden waren". Bei einem dgl. nächtlichen Ausgange ward 
er aber von der Schaarwache nach tapferem Widerstände ver- 
wundet und gefangen. Um nicht auch die Seinigen in sein Un- 
glück zu relfsen, bricht er, kurz entschlossen, in Gegenwart der 
Wache, gegen eine treue Dienerin frigdlikd . die ihm gefolgt 
war, in die bittersten Schmähungen gegen dieselben aus, als ob 
sie ihn betrogen und verrathen hätten, und er nun aus Rache 
dem Dhanamiira den Säckel und der Rägamanjart ihre Juwelen 
gestohlen habe. Die schlaue Dienerin geht darauf ein und 



I 



30 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

welfs Hurch ihr Klagen ihn scheinbar zu erweichen, so wie von 
der Wache zu erlangen, riafs er Ihr ins Ohr den Platz nennen darf, 
wo er die gestohlenen Juwelen versleckt habe, was er natürlich 
aber zu andern Aufträgen benutzt. ImGefüngnifse dann von dessen 
Aufseher Käntaka, einem jungen, eitlen Laffen, mit achtzehn 
Torturen bedroht, wenn er den Säckel nicht herausgebe, stellt 
er sieb fortwährend als vom bittersten Hafs gegen Dhanamitra 
erfüllt und weigert sich dessen. Letzterer wendet sich nultler- 
■weile, durch ^rigälikä unterrichtet, an den König, und bittet 
ihm, in Anbetracht bisheriger Freundschaft für den Übelthäter, 
um Verschonung desselben mit weiterer Strafe, falls er nur den 
Säckel wieder herausgäbe: ^rlgalikä aber vermittelt gleichzeitig, 
den weiteren Aufträgen geniäfs, die ihr der Prinz gegeben, um 
für alle Fälle möglichst sicher zu gehn, zwischen Rägamanjart 
und der Tochter des Königs, Ambälikä, durch reiche Geschenke 
an deren Wärterin, ein inniges Freundschaftsbündnifs. Es ge- 
lingt ihr sodann, durch verschiedene Listen, in Käntaka den 
Glauben zu erwecken, dafs die Königstochter in ihn verliebt und 
er zur Thronfolge bestimmt sei; er möge sich doch durch einen 
unterirdischen Gang den Weg zu ihrem Gemache bahnen. Als 
er bereitwillig darauf eingeht, und ihr den Dieb des Säckels 
als denjenigen nennt, den er zum Aushölilen des Ganges ver- 
v\'enden wolle, räth sie ihm, denselben nach gethaner Arbeit bei 
Seite zu schaffen, um des Geheimnisses sicher zu sein. Er 
sendet sie dann selbst ab, um mit dem Apahäravarman Verab- 
redung zu treffen, den sie nun dabei von Allem unterrichtet, 
was sie gethan bat. Seiner Fesseln entledigt, macht sich der- 
selbe bald ans Werk, das ihm trefflich gelingt, tödtet darauf den 
Käntaka, der ihn, gegen den geleisteten Schwur ihn frei zu 
lassen, wieder in Bande schlagen will, mit dessen eigenem 
Schwerte, und beschliefst nun den Gang für sich selbst zu 
einer Beraubung des Harems zu benutzen. Der Anblick der 
auf ihrem Lager schlummernden Königstochter vertreibt ihm 
aber, daselbst angelangt, alle dgl. Gedanken und erfüllt sein 
Herz mit Sehnsucht nach ihrem Besitze. Der Gefahr wegen, die 
eine Überraschung der unvorbereiteten Jungfrau mit sich führen 
würde, weifs er sich indefs doch so weit zu bezähmen, dafs er 



vom 17. Januar 1859. 31 

nur ein Bildnils ihrer selbst, wie sie auf dem Lager ruht, und 
das seinige, wie er zu ihren Fiifsen gesunken bittend die Hände 
falJet, nebst einem seine Liebe schildernden Spruche auf ein da 
beGndliches Pastell malte. Durch den Gang ins Gefängnifs 
zurückgekehrt, unterrichtete er einen Mitgefangenen daselbst, 
Sinhaghoslia, von dem Plane und dem Tode des Käntaka, und 
verliefs dann dasselbe nebst der grigälikd, trifft aber sogleich 
auf die Schaarwarhe, der er nur dadurch entgeht, dafs er sich 
verrückt stellt, während g. sich als seine Mutter ausgehend die 
Wächter ihn zu fahen bittet. So entkommen Beide ohne Ver- 
dacht zu erregen, er indem er fortrennt, sie indem sie ihm 
wehklagend nachläuft, und gelangen so zur Rngamarijari, die 
er für die lange Trennung und Angst durch seine Liebkosungen 
den Rest der Nacht entschädigt, am Morgen erst sich zu Dha- 
nainitra begebend. Sinhaghosha wird am andern Tage voa 
dem Könige, dem er den ruchlosen Plan des dabei umgekommenen 
Käntaka mittheilt, an dessen Stelle zum Gefängnlfsaiifseher ge- 
macht, und verstattet nun dem Apahäravarman vermittelst des 
Ganges häufigen nächtlichen Zugang zu der in Folge des Bildes In 
Liebe zu Diesem erglühten Königstochter. Bald darauf begann die 
Belagerung der Stadt durch Can^aoarman, deren Verlauf und 
Ende wir bereits kennen. Als dieser Fürst eben im Begriff 
war die zitternde Hand der AmMUkä, dem ^/Äartona -Ritus 
(yi, J3) gemäfs, vor dem Feuer als Zeugen zu erfassen, erschlug 
ihn Apahäravarman, trug die erschreckte Maid durch das Ge- 
dränge rasch fort in den Harem, unter dem Schutze des Dhana- 
mitra, der mit Begleitern in der Nahe war, und leistete dann, 
wie wir gesehen, dem Ihm Hülfe verheifsenden Rufe des Räja^ä. 
hana Folge. 

Cap. HI. Der zweite, der seine Geschichte erzählt, ist 
Upahäravarrnan, des Vorigen Bruder. Er war, auf seinem Su- 
chen, nach seines Vaters Reich Fideha gekommen. In einem 
Tempel von Miihilä von einer alten Büfserln freundlich aufge- 
nommen fragt er theilnehmend nach dem Grunde ihrer Thrä- 
nen. Sie erzählt ihm dann das harte Geschick sei- 
ner eignen Ellern, (des PraJiäraoarman und der Prijam- 
vadd), welche von dem jetzigen Könige Vikatavarman, dem 
Sohne des Samhävavarman, ältesten Bruders des Praharavar- 



32 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

man, schon seit \G Jahren im Gefängnifs gehalten wurden, 
nachdem sich derselbe zur Zeit von des Letztern Besuch bei 
Räjahansa, \nYo\gc von deren Niederlage durch den -Wa/apa-König, 
nebst seinen Brüdern des Thrones bemächtigt hatte. Die Alte 
selbst und ihre Tochter waren die Wärterinnen der beiden jun- 
gen Prinzen gewesen, die damals auf der Rückkehr \on Magndha, 
als Prahäravarman sich um Hülfe gegen seine Bruderssöhne 
an seinen Schwestersohn, den König von Suhma, wenden wollte, 
bei einem Überfall durch Räuber im Walde verloren gegangen 
waren. Der Prinz giebt sich ihr zu erkennen; die Freude der 
Alten, wie ihrer Tochter Pushkarihä, welche Tags darauf zu- 
fällig dazu kommt, ist überaus innig. Letztere dient jetzt als 
Zofe bei Kalpasundart, der schönen Gemahlin des Vikatavarman, 
Tochter des Fürsten von Kärnarüpa {Kalindavarman). Der 
Prinz, der entschlossen ist, den Usurpator zu vernichten und 
seine Eltern zu befreien, weist zunächst die Zofe an, den be- 
reits vorhandenen Groll der Königin gegen ihren häfslichen, 
untreuen und bösen Gemahl auf jede Weise zu schüren, damit 
sie sich für möglichst beklagenswerth halte. Als dies einige 
Tage hindurch geschehen, sendet er durch die Alte der Königin 
sein Bildnifs, durch welches diese von heftiger Liebe zu ihm 
erfafst wird. Sie erzählt dabei der Alten, wie sie von ihren 
Eltern, die mit dem alten F'ideha-Y>.'6n\^ Prahäravarman und 
seiner Gattin in engster Freundschaft gelebt, ursprünglich für 
deren Sohn zur Gattin bestimmt gewesen sei, und dafs sie ihren 
jetzigen Gatten nie geliebt habe, jetzt aber von Liebe zu dem 
jungen Fremden ergriffen ihn förmlich hasse. Noch denselben 
Tag begehrte sie eine Zusammenkunft mit demselben zu haben. 
Der Prinz hat zwar nun einige Gewissensbisse wegen des Ehebruches, 
aber theils der Gedanke an seine Eltern theils ein ziemlich alberner 
Traum beschwichtigt dieselben. Nach den genauen Beschreibungen 
der örtlichkeit, die ihm die Alte giebt, und mit Hülfe eines für ihn 
zum Überspringen der Gräben bereit gelegten Springstocks ge- 
langt er gKuklich in den Garten des Harems und an das zum 
Stelldichein bestimmte Luslhäuschen. Die durch seine Liebe 
beeUickte Königin ist Morgens beim Scheiden ganz untröstlich, 
und ergreift freudig den Plan, den er ihr vorlegt, ihren Gatten 



vom 17. Januar 1859. 33 

aus dem Wege zu räumen und sicli selbst an seine Stelle zu 
setzen. Demgemäfs zeigt sie nämlich Jenem das Bildnifs des 
Upah., das sie durch die Alte erhalten, unter dem Vorwande, 
dafs eine weise Frau ihr ein Mittel gesagt habe den König 
umzugestalten und diesem schönen Bildnifse gleich zu machen: 
nachdem nämlich die Priester vorher dem ^^Äart-a-Ritus gemäfs 
verschiedene Opfer gebracht, müsse sie in der Nacht ganz allein 
an einem einsamen Orte des (iartens bestimmte Opfer von Aloe, 
Sandel, Kampfer, kostbaren Gewändern vollziehen, und werde 
dann durch einen mystischen Spruch zunächst selbst dem Bild- 
nifs ähnlich werden: darauf solle sie eine Glocke läuten, der 
dadurch herbeigerufene Gatte solle ihr zuerst alle seine Geheim- 
nisse verkünden, und sodann mit geschlossnen Augen sie um- 
armen, worauf die Gestalt des Bildnisses auf ihn übergehen, sie 
selbst aber ihre frühere Gestalt erhalten werde. Der König 
geht bereitwillig hierauf ein, im EInverständnifs mit seinen Mi- 
nistem. Der Ruf des bevorstehenden Ereignisses erregt im 
ganzen Volke allgemeine Erwartung. Zur näher noch verab- 
redeten Zeit schleicht sich Upah. in das Lusthäuschen: die Kö- 
nigin erscheint in opfergemäfser Pracht, theilt ihm mit, was sie 
so eben noch, seinem Rathe gemäfs, mit dem König gesprochen, 
und er geht nun statt ihrer an die Opferstclle, wo er die Glocke 
zieht. Der König, auf dies Zeichen herbeikommend, schöpft 
zwar zunächst einigen Verdacht, als er ihn sieht: da der Prinz 
jedoch den Gegenstand, von dem die Königin noch so eben 
mit dem König gesprochen, wieder berührt, das Versprechen 
nämlich, fortab ihr treu zu bleiben, so glaubt der König in der 
That mit der dem Spruche gemäfs verwandelten Königin zu 
sprechen, theilt ihr alle seine nur ihm und den betreffenden 
Dienern bekannten Staatsgeheimnisse ) mit und empfängt so- 
dann mit geschlossenen Augen den Todesstreich. Der Prinz 
zerschneidet die Glieder und verbrennt sie in dem lodernden 
Feuer zu Asche. Darauf beruhigt er die doch etwas in Angst 
gerathene Königin, und beglebt sich an ihrer Hand In den Ha- 



*) z. B. den beabsichtigten Betrug eines Jaya/ia- Kaufmanns Namens 
Khanati um den wahren Preis eines Diamanten, den er feil hat (111, 8). 
[1859.] 3 



34 Sitzung der philosophisch~his(orischen Klasse 

rem, unter die versammelten Frauen, die ihn erstaunt begriifsen. 
Durch die Kenntnifs aller der bösen Absichten des Königs wird 
andern Tages jeder Zweifel der Minister an der Identität der 
Person beseitigt. Mit dem neuen Körper hat er, wie er sagt, 
auch neue Gesinnungen angenommen und giebl den früheren 
durchweg gerade entgegengesetzte Befehle: insbesondere läfst 
er sofort seine Eltern ans dem Gefängnifs befreien, statt sie zu 
vergiften, wie früher bereits beschlossen war, und übergiebt sei- 
nem Vater wieder die Regierung. Die alte Wärterin unter- 
richtet die Eltern von dem wahren Sachverhalt. Der Prinz 
wird von seinem beglückten Vater zum juvaräjan (Kronprinz) 
geweiht, und zieht dem ^j?^a-Künige Sinhavarnian, als altem 
Freunde seines Vaters, dessen Briefe die ihm von dem Mälava- 
Fürsten drohende Gefahr melden, zu Hülfe. 

Cap. IV. Es folgt die Geschichte des Arthapala. Der- 
selbe war bei seinem Suchen nach dem Prinzen nach Väranasi, 
der Ä'^p-Sladt, gelangt, wo er bei der heiligen Badesfelle Mnni- 
karnikä den Tempel des Avimukle^vara umwandelnd auf einen 
riesenhaften, starken Mann trifft, der sich in Thränen ganz auf- 
löst. Mitleidig fragt er ihn nach dem Grunde seines Schmer- 
zes. Das Schicksal seines Wohlthäters, des Ministers Kama- 
pdla, Ist es, wie derselbe nun ausfiihrilch berichtet, das ihn so 
bekümmert. „Er selbst helfse Pürnabhadra und habe sich die 
Gunst des Kämapäla durch den tapfern Muth erworben, mit 
dem er einen wilden Elephanten eingeschüchtert habe, der be- 
stimmt war ihn zur Strafe für begangne Diebstähle zu zertreten. 
Kämapäla habe als Zeuge davon ihm nicht nur das Leben, son- 
dern auch seine Freundschaft geschenkt, und ihm als Zeichen 
der letztern einst seine früheren Schicksale erzählt. „ „Er sei 
ein Jüngerer Bruder eines der Minister des Mog'oJAa- Königs, 
habe aus Lust zu lockerem Leben Kusumapura verlassen, sei 
dann nach Väranasi gekommen , und daselbst mit Käntimatt, 
der Tochter des Königs Candasinha, in ein Liebesverhältnifs ge- 
treten. Ein Sohn, die Frucht desselben, der wie todtgeboren 
kam, sei um Entdeckung zu verhüten, auf dem Leichenacker 
ausgesetzt worden : die damit beauftragte Frau aber sei heim- 
kehrend von der Schaarwache gefafst worden und habe das Ge- 



vom 17. Januar 1859. 35 

heimnifs, so wie seinen eignen Aufenthaltsort verrathen. Man 
habe ihn gebunden uml zum Richtplatz genihrt. Als der Nach- 
richter sclion das Schwert erhoben, seien Ihm plötzlich die Bande 
entfallen, er habe jenem das Schwert entrissen, sich damit Bahn 
gemacht und sei entkommen. Im Walde lange herumirrend, 
sei er auf eine himmlische Jungfrau gestofsen, die sich ihm ehr- 
erbietig verneigt und als Tärävalt, Tochter des laxa- Fürsten 
Manibhadra zu erkennen gegeben habe. Einst von einem Be- 
suche der Lopamudrä, Frau des Agaitya, vom ^a/a/a- Berge 
I heimkehrend, habe sie in der Nähe von Vdr&rxasi auf dem Lei- 
chenacker einen kleinen Knaben ausgesetzt gefunden. Die müt- 
terliche Zärtlichkeit, die sie sogleich für denselben gefühlt, und 
die sie veranlafst, ihn mit sich zu nehmen, habe ihr der 
(Oberkönig der Yax.a, Kuvera) Herr von Alahä dadurch er- 
klärt, dafs sie in einer frühem Geburt dessen leibliche Mutter 
und unter dem Namen A'ryaddst Frau seines damals ^üdraka ge- 
nannten Vaters KAmapala gewesen, während er jetzt Sohn des- 
selben von der Käntimatt (damals Vinajavalf) sei. Sie habe 
den Knaben darauf Kuvera's Rathe gemäfs zur Einsiedelei des 
vertriebenen Magadha-lLöni^s Rdjahansa gebracht, um mit des- 
sen Sohne liäjaonhnna aufgezogen zu werden — dieser Knabe 
ist eben Arthapdla selbst — und sei nun jetzt herbeigekommen, ihm 
(^Kdmapdla) in seiner Noth Hülfe zu bringen. Nachdem er 
einige Tage mit ihr in himmlischen Freuden zugebracht, habe 
er sie um ihren Beistand gegen Candasinha gebeten, sei von 
ihr des Nachts in dessen Schlafgemach geführt worden, habe 
denselben das Schwert in der Hand geweckt, sich ihm zu er- 
kennen gegeben, und Verzeihung resp. Straflosigkeit für seinfe 
Schuld gefordert. Der König in der Todesfurcht habe dies zu- 
gesagt, ihm die Käntimatt zur Gemahlin und Antheil an der 
Regierung versprochen, und am andern Morgen auch sein Wort 
gehalten. Tärävalt habe dann die Kdntimati über das Ge- 
schick ihres ausgesetzten Söhnchens beruhigt, und so lebe er 
denn nun jetzt mit Beiden und noch drei andern, ebenfalls auch 
bereits in jener frühern Geburt gehabten, Frauen vereint in ru- 
higem Glücke."" Bald nach dieser Erzählung Kämapala's sei 
der Schwiegervater desselben gestorben, nachdem dessen 'älterer 

3' 



36 Sitzung der philosophisch-Jiistorischen Klasse 

Sohn Candaghosha in Folge zu reiclien Genusses der Liebes- 
freuden ihm schon vorausgegangen war. Kamapäla habe dann 
seinen damals kaum fünfjährigen jüngeren Schwager, Sinhaghosha, 
auf den Thron gehoben, für ihn regierend. Der aber habe jetzt, 
von Feinden des Kamapäla zur Furcht aufgestachelt, eine zeit- 
weilige durch grundlose Eifersucht herbeigeführte Abwesenheit 
der denselben sonst schützenden Tärd\>aU benutzt, um ihn in 
Bande zu schlagen, und habe den Befehl gegeben, ihm beide 
Augen auszustechen. Der Kummer hierüber presse ihm diese 
Thränen aus." Arihapäla glebt sich nun dem Purnabhadra als 
Sohn des Kamapäla zu erkennen. Eine giftige Schlange, die 
sich in demselben Augenblicke zeigt, und die er mit Hülfe sei- 
ner Formelkenntnifs sich zueigen macht, beschliefst er zur Rettung 
seines Vaters zu verwenden. Er trägt daher dem Purnabhadra 
auf, seine Mutter von dem was er vorhabe und was demgemäfs^ 
von ihr zu thun sei in Kenntnifs zu setzen. Als nun Kama- 
päla von einer grofsen Masse Volkes umgeben herbeigeführt 
•wird, um seine Strafe für die ihm Schuld gegebenen Anschläge 
auf das Leben des Königs zu erleiden, und der Nachrlchter eben 
nach dreimaliger lauter Verkündung des Urthells sich anschickt 
dasselbe zu vollziehen, wirft Arlhnijäla jene Schlange auf seinen 
Vater, stillt aber sogleich die Wirkungen des Giftes durch seine 
Formeln, so dafs derselbe nur scheinbar leblos daliegt, während 
der Nachrichter von der Schlange ebenfalls gebissen wirklich stirbt. 
Käntimati, mitllerweile von Purnabhadra unterrichtet, eilt her- 
bei, und erlangt von dem Könige dieErlaubnifs sich mit ihrem Ge- 
mahle zu verbrennen, und zu dem Zwecke denselben mit sich 
nach Hause zu nehmen. Daselbst von seinem Sohne durch die 
Formel dafür alsbald in das Leben zurückgeführt, beschliefst Ka- 
mapäla seine Freunde zusammenzurufen und mit ihrer Hülfe 
sich in seinem festgebauten Hause zur Wehre zu setzen. Wäh- 
rend diese dann glücklich alle Angriffe des Königs Sinhaghosha 
zurückschlagen, bahnt sich Arthapäla einen unterirdischen Gang 
zu dessen Schlafgemach. Er gelangt dabei unter der Erde zu 
einem Orte, wo er ein wunderschönes Mädchen von ihren 
Frauen umgeben findet. Es Ist dies Manikarnikä, nachgebornei 
Tochter des Candagho&ha, die ihr Grofsvater Candasinha zur 



vorn 17. Januar 1859. 37 

Gemalilin des Darpasära, Könfgs von Mdlava, beslimmt hatte 
und deshalb, durch das Beispiel seiner Tochler Kdnlimati ge- 
witzigt, um eine anderweitige Neigung von ihrer Seite zu ver- 
hüten, in diesen unterirdischen weiten Gemächern, die mit 
allem Luxus und Annehmlichkeiten für hundert Jahre aus- 
reichend ausgestattet waren, aufziehen liefs. Zwölf Jahre 
waren schon seitdem verflossen. Die Amme, die dies dem Ar- 
thapäla, der sich ihr genannt hat, erzählt, fügt hinzu, dafs die 
eigne Mutter des Mädchens dasselbe, während es noch in ihrem 
Schoofse befindlich war, im Spiel an seine Mutter als Gattin 
für ihn, der gleichfalls noch nicht geboren war, verwettet 
habe. Mit Hülfe der Amme gelangte Arthapäla darauf durch 
den Eingang der Höhle in das Schlafgemach des schlummern- 
den Königs, und schleppte ihn gebunden mit sich durch die Höhle 
und den Gang in das Haus seines Vaters: hier ward er dann 
gefangen gehalten, während Kämapäla die Regierung über- 
nahm, Arthapäla sich mit der Manikarnikä vermählte, und dar- 
auf dem Sinhavarmati zu Hülfe zog. Die Vereinigung mit 
Bäjavfihana trägt dem Sinhaghosha jetzt, dem Wunsche der 
Käntimati wie des Arthapäla geniäfs, seine Befreiung ein. 

Cap. V. ') Der nächste, der seine Geschichte erzählt, ist 
Pramati. Derselbe war nach der Trennung von seinen Ge- 
nossen in den P^indhja-W !\A gelangt, hatte sich da unter einen 
Baum gelagert, sich dem Schutze der Gottheit desselben mit 
einem frommen Gebete empfohlen und war dann eingeschlum- 
mert. Im Traume fühlte er sich emporgehoben und sah sich, 
die Augen öffnend, in einem zauberhaften Gemach an der Seite 
einer vom Mondlicht übergossenen schlafenden Jungfrau von 
wunderherrlicher Schönheit ruhen: aus Furcht sie zu erschrecken 
wagt er nicht sie zu berühren und eine Bewegung derselben be- 
merkend stellt er sich schlafend. Sie erwacht wirklich, be- 
trachtet staunend und entzückt ihren Lagergenossen, sinkt aber 
bald wieder In den Schlaf zurück. Ebenso er selbst. Am 
Morgen erwachend findet er sich früstelnd unter dem Baum im 
Walde. Während er noch über das was er gesehen nachsinnt, 



') Vgl. Vetdlapancavingati XS\\\. 



38 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

erscheint eine liimmlische Frau, die ihn zärtlich umarmt, und 
ihm das Räthsel löst. Es ist seine eigne Mutter Tdrävoll, die 
Tochter des Faxa- Königs Manibhadra, die nachdem sie seinen 
Vater Kdinapäla^^) auf gerlngnigigen Änlafs hin in eifersüch- 
tigem Zorne (er hatte sie mit dem Namen der Kuntimati ange- 
redet! p. 120, 16) verlassen hatte, zur Strafe dafür ein Jahr lang 
von einem bösen Geiste besessen ward. Die Zelt war jetzt um, 
und sie war im Begriff zu ihrem Gemahl zurückzukehren. Vor- 
her aber hatte sie noch dem Feste des Trjambaka in ^rävastt 
beiwohnen und den dazu herbeikommenden Göttern und Ver- 
wandten ihre Verehrung abstatten wollen. Am vorigen Abend 
hatte sie dann, hier vorbeikommend, das Gebet des Pramati 
gehört, und um ihn vor Ungema« h des Nachts über zu schützen, 
bis sie vom Feste zurückkomme. Ihn Im Schlafe zu der schlum- 
mernden Naoamälikä, Tochter des Dharniavardhana Königs von 
^rävasti gebracht. Zuiiickgekehrt von der Feier habe sie nun- 
mehr erst, wo Ihr Geist gatiz von dem Fluche gereinigt war, 
ihn als Ihren eignen Sohn erkannt, und zugleich gesehen, wie 
er sowohl als die Maid aus Schüchternheit und Scham sich ge- 
genseitig schlummernd gestellt hätten. Sie habe ihn dann 
wieder wirklich in Schlaf versenkt, und hieher zurück gebracht, 
lind müsse Ihn jetzt, zu seinem Vater eilend, seinem eignen 
Witz und Geschick überlassen. Nach zärtlichem Abschiede ver- 
schwindet sie. Prarnaii aber, von Liebe verzehrt, macht sich 
auf nach QrAvasti. Unterwegs erwirbt er sich als Zuschauer bei 
einem Hahnenkanipfe die Freundschaft eines alten Brähmana da- 
durch, dafs er die höhere Tüchtigkeit des Hahnes desselben 
zwar sogleich lächelnd gegen Ihn bemerkt, aber den Andern 
gegenüber verschwelgt. Der Alte beherbergt Ihn freundlich 

' ") In der Einleitung (9, 21) wird dessen Vetter Sumati als Vater des 
Pramati genannt und von seiner Mutler ist dort gar nicht die Rede ! — Es 
fehlt übrigens liier jeglidie Andeutung von Seiten der Tdrdvali, wann sie 
den Pramati geboren, und weshalb sie ihn nicht bei sich erzogen habe. 
Sie nennt sich hier (wie auch in der Einleitung p. l4, 21 geschieht) Mut- 
ter des Arthapala, während sie doch in der jetzigen Existenz (1 18, 8) nur 
seine Stiefmutter ist (,vgl. dazu dvaimdtura p. II6, 10. 19^4, 17 Bruder von 
einer zweitenFrau des Vaters). Nach dem Plural v o zu urtheilen (p. 133, 13), 
uiufs sie noch mehr Söhne haben, als diese Beiden. Oder ist väm zu lesen? 



vom 17. Januar 1859. 39 

die Nacht über. Am andern Morgen In Qriwasii ankommend 
legt sich Pramali, vom Gehn ermüdet, in einer Laube des äu- 
Iseren Lustwaldes um auszuruhen nieder: da tritt ein Mädchen 
an Ihn heran mit einem Bilde In der Hand, das sie staunend 
mit Ihm vergleicht. Navamdlikd hat nämh'ch das Porträt des 
Im Traume gesehnen Jünglings gemalt, und Ihre Zofe ausge- 
schickt nach dem Original dafür zu suchen. Pramati glebt sich 
dann als solches zu erkennen, Indem er das Bild der Prinzessin 
daneben malt, und die übrigen Umstände des beiderseitigen 
nächtlichen Erblkkens erzählt. Er schickt darauf die Zofe zu- 
rück, mit der Botschaft, dafs er In Kurzem selbst bei der Prin- 
zessin erscheinen werde, und wendet sich dann mit seinem 
Plane dafür an jenen alten Brähmanen. Dem zu Folge führt Ihn 
dieser als seine Tochter verkleidet darauf vor den König, mit der 
Lille Ihm, der jetzt seinen künftigen Schwiegersohn zu holen 
gehe, dieselbe für die Zeit seiner Abwesenheit zu bewahren, 
indem er keinen andern Ausweg wisse, denn erwachsene Mäd- 
chen seien, besonders wenn die Mutter todt sei, überaus schwer 
zu hüten. Der König geht freundlich darauf ein, und giebt 
das Mädchen seiner Tochter zur Gespielin. Einen Monat spä- 
; ter bei einem ßadewall fahrtsfest des Harems taucht Pramali in 
der Gangä unter, und schwimmt unter dem Wasser bis zu 
I einem verabredeten Platz, wo der Alte mit männlicher Kleidung 
auf Ihn wartet. Der Mädchenpulz wird bei Seite gelegt: und 
I der Alte tritt nun mit Pramati als seinem mitgebrachten Schwle- 
I gersohne vor den König, seine Tochter zurück zu fordern. Der 
Harem Ist mittlerweile durch das Ertrinken derselben In der 
gröfsten Aufregung, die Prinzessin ganz aiifser sich, und der 
; König nun dem Alten gegenüber In der schlimmsten Verlegenheit. 
' Schon Ist Letztrer Im Begriff, sich selbst vor des Königs Pa- 
\ last auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, da welfs Ihn Dle- 
' ser noch zu besänftigen, Indem er Ihm zum Ersatz für die ver^ 
- lorne Tochter die eigne Tochter für den Schwiegersohn zur Ge- 
: mahlin giebt, und zugleich diesem auch die Regierung überträgt. 
i So hatte Pramati alle seine Wünsche errelcVit: im weltern 
I Verlaufe zog er dann nach Campä um dem Sinhat^arman bei- 
zustehen. 



40 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Cap. VI. Milragupta kommt nun zur Erzählung seiner 
Fata. Er war Im Lande der Suhma Im äufsern Lustgarten der 
Stadt Dämaliptä zu einem grofsen Feste gekommen. Von 
einem In einer abgelegenen Laube seinen Kummer mit einer 
Laute zerstreuenden Jünglinge erfuhr er die Veranlassung des 
Festes, wie seiner Traurigkeit. Der iSwAma-König Tungadhan- 
van hatte dereinst durch die Gunst der Göttin Vindhyavusini 
zwei Kinder erhalten, einen Sohn Bhimadhanvan und eine Toch- 
ter Kanduhävaii, unter der Bedingung, dafs Jener dem Gemahl 
Dieser unterthan sein solle, — dafs ferner sie von Ihrem siebenten 
Jahre ab allmonatlich am Tage wo der Mond In der Station der 
Krittikäs steht, durch einen mit Ballspiel verbundenen Tanz die 
Göttin ehren solle, bis sie einen passenden Galten finden werde, — 
und dafs endlich die Wahl ihres Galten Ihr völlig frei stehen 
solle: das Fest aber solle den Namen „das Ballfesl" Tilhren. 
Dieses Fest nun stehe heute bevor. Er selbst sei mit der 
Milchschwester der Prinzessin, Candrasend, vertraut, die aber 
seit einigen Tagen von dem Prinzen {Bhimadhanvan) bestürmt 
werde. Das sei der Grund seiner Zurückgezogenheit und 
Trauer. Kaum war er zu Ende, da kam das Mädchen selbst 
herbei, Ihrem Kogadäsa — so heifst der Jüngling — ihre Zärt- 
lichkeit und Treue zu versichern. Indem sie sich bereit erklärt 
mit Ihm zu fliehen wohin er wolle, wenn es nölhlg werde. Sie 
fordert dann Beide auf, ihrer nahenden Gebieterin, zu der sie 
zurückeilt, bei Ihrem öffentlichen Ballspiel zuzuschauen Milra- 
gupta entbrennt bei ihrem Anblicke sogleich vom Feuer der 
Leidenschaft, und sein Anblick erweckt auch In ihr gleiche Glu- 
then. Am Abend nach dem ausführlich geschilderten Ballspiele 
kommt Candrasend mit der Nachricht davon zu Kogaddsa, um 
ihn damit zu erfreuen, denn wenn Mitragupta somit, wie es die 
Aussicht hat, König werde, könne Bhimadhanvan unmöglich 
sie selbst dem Kogaddsa, Miiragupta's Freunde, entreifsen. 
Eine Spionin des Prinzen hat aber alles dies gehört. Mitra- 
gupta wird deshalb auf seinen Befehl Im Schlafe überfal- 
len, gefesselt, und ins Meer geworfen. Eine Planke, auf die 
er von ungefähr stöfst, schützt ihn vor dem Untergange: er 
treibt damit am Morgen einem Jat^ana- Schiffe (p. l47, 15) zu, 



vom 17. Januar 1859. 41 

das unter Anfülirung eines gewissen Rdmeshu Trauben ) fülirte. 
Dasselbe ward bald darauf durch ein gröfseres und von vielen 
kleinen Booten umgebenes Schiff angegriffen, und die Yavana wa- 
ren nahe daran zu unterliegen. Da trhoi sich Milragufiln, wenn 
man ilim nur seine Fesseln lösen wolle, ihnen zu helfen. Er 
enterte auch alsbald das feindliche Schiff, und nahm den An- 
führer lebendig gefangen. Es war Bhi'madhanvan, der nun in 
dieselben Fesseln geschlagen ward, die Milmgupta so eben noch 
getragen halte. Das Schiff aber ward durch einen ungünstigen 
Wind, der sich plötzlich erhob, weitfort nach einer Insel ver- 
schlagen: man legt an, um Wasser und Friichle einzunehmen. 
Auch Mitragupia steigt ans Land, wandert auf einem Berge da- 
selbst unihei-, sich der köstlichen Gegend erfreuend, und badet 
sich in einem Teiche. Da stürzt plötzlich ein gewaltiger Räxasa 
auf ihn zu, und droht ihn zu fressen, wenn er ihm nicht vier 
Fragen beantworte. Mitragupta steht ihm kaltblütig zur Rede 
und bekräftigt seine Antworten durch vier Erzählungen, die als 
Beleg für ihre Richtigkeit dienen sollen (p. liO — bS). Der 
Jläxasa ist dadurch hoch erfreut: in demselben Augenblick rich- 
ten von der Luft herunterfallende Perlen die Augen Beider in 
die Höhe; sie erblicken einen andern Räxasa, der ein sich sträu- 
bendes Mädchen mit sich fortschleppt. Mitragupta ruft ihm 
erzürnt zu, die Unlhat zu lassen, kann aber, da er ohne Waffen 
und des Fliegens unkundig ist, nichts weiter thun. Ihm zu 
Liebe aber erhebt sich drohend der erste Räxasa und nöthlgt 
den Räuber, seinen Raub aus der Luft herabfallen zu lassen. 
Mitragupta fängt denselben unversehrt in seinen Armen auf, 
während die beiden Räxasa sich gegenseitig im Kampfe vernich- 
ten. Als der Prinz darauf das vor Schreck bewufstlose Mäd- 
chen an dem blumigen ITfer des Teiches niederläfst, erkennt er 
zu seinem Entzücken seine geliebte Kandukävatt. Zum Be- 
wufitsein gebracht durch seine Liebkosungen erzählt sie ihm, 



' ') drdxd, ob etwa entstanden aus p*|? Das Wort findet sich vier- 
mal im ganapalha zu Päaini: nämlich zu IV, 3, 167 dräxä\\ =■ dräxäyah 
phaldni. VI, 2, 88 drdxdprasthah.- 134 dräxd als zweites Glied eines Com- 
positums. YIII, 2, 9 drdxdmant. Die drei ersten sütra gehören zu denen, 
die im bhdshya nicht eiklärt sind. 



42 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

wie sie auf die Nachricht davon, dafs Ihr Bruder ihn habe ins 
Meer werfen lassen, sich von Hanse weggestohlen habe um ihr 
Leben zu enden. Da sei ihr plötzlich der Räxasa mit Liebes- 
anträgen genaht nnd habe sie trotz ihres Sträubens entführt. 
Mitragupta führt sie nun zum Schiffe, auf welchem sie mit gün- 
stigem Winde bald nach Ddmaliptd gelangen. Daselbst finden 
sie das Volk in der grüfsten Bestürzung, denn der alle König 
hat sich aus Kummer über den Verlust seiner beiden Kinder mit 
seiner Frau und vielem Gefolge an dem Ufer der Gangä nieder- 
gelassen, entschlossen durch Hunger das Leben zu enden. Mi- 
Iragupta wird natürlich auf das freudigste als Krretter begrüfst, 
und als Schwiegersohn und Mitregent angenommen, während 
Candrasenä mit Kogadäsa vereinigt wird. Als Anführer der 
Hülfstruppen für Sinhavarman hat Mitragupta nun auch das 
hohe Glück mit seinem Prinzen wieder vereinigt zu werden. 

Cap. VIL Es folgt Mantragupta. Nach dem Kalinga- 
Lande gekommen, hatte er slcii in einem Walde vor der Sladt, 
in der Nähe eines Platzes, der zur Leichenverbrennung diente, 
zur Nachtruhe gelegt. Bevor er noch einschlafen konnte, über- 
hörte er das (besprach eines Gelsterpärieins, die den Wunsch 
ausdrücken, dafs die Herrschaft des bösen Zaubrers, dem sie die- 
nen müssen, und der sie nie zum Genufse ihrer Freuden kommen 
lasse, bald ein Ende finden möge. Neugierig gemacht geht er 
dem Klang der Stimmen vorsichtig nach, und erblickt den Zau- 
brer, der mit Todtenknochen behängt, mit Todtenasche be- 
schmiert, mit blltzförmig um ihn fliegendem Haarputz ge- 
schmückt, mit der linken Hand Sesam und welfse Senfkörner 
ins Feuer streut. Der dienstbare Geist schafft auf seinen Be- 
fehl die Kanakalekhd , Tochter des Knlinga-Köm^s Kardann 
herbei, und der Zaubrer ist eben im Begriff dem weinenden, 
wehklagenden Mädchen, das er am Schöpfe fafst, mit seinem 
scharfgewelzten Messer das Haupt abzuschlagen: Ja entreifst 
ihm Mantragupta das Messer und schlägt ihm selbst den Kopf 
damit ab, den er darauf in den hohlen Stamm eines nahen Bau- 
mes hineinwirft. Der Geist, seiner Erlösung von dem harten 
Dienst froh, preist die That nnd bietet sieh als Diener an. 
Mantragupta weist bescheiden Lob wie Dienste zurück , und 



vom 17. Januar 1859. 43 

wünscht von Ihm nur, dafs er das zitlernde Mädchen wieder in ihr 
Gemach zurückschaffen möge. Mit gebrochner Stimme aber fleht 
ihn die Maid an, sie nicht, nachdem er so eben ihr Leben ge- 
reitet, aufs Neue dem Tode, durch Liebesgram nämlich, preis- 
zugeben, sondern mit Ihr zu kommen: der Verschwiegenheit und 
Treue ihrer Zofen sei sie sicher. Durch diese Worte selbst 
von Verlangen erfafst, befahl er dem Geiste, zugleich mit der 
Prinzessin auch ihn in den Harem zu bringen, und verlebte, da- 
selbst verborgen, im Verein mit derselben selige Tage. Als darauf 
einst in der helfsen Jahreszeit der Kn/inga-Ko\üg mit seinem 
Harem und ganzem Gefolge in einen an der Meeresküste gele- 
genen Wald zog, wo das Spriltzen der Wogen ans Gestade 
Kühlung versprach, ward er mitten im Spiel, Tanz und Gesang 
durch die Flotte des ^ndhra -Yürslen Jajasinha überfallen, und 
mit seinem ganzen Hofstaat gefangen weggeführt. Mantragupta, 
der im Harem zurückgeblieben, will ganz verzweifeln, schöpft 
aber bald neue Hoffnung, als er durch einen vom ^ndhra-hände 
kommenden Brähmanen hört, dafs Jajasinha allerdings um die 
Prinzessin freie, dieselbe sei aber von einem Yaxa besessen, 
der keinen andern Mann zu ihr lasse, und der König suche da- 
her einen Zauberer, den Geist zu bannen. Er holt nun den 
damals versteckten magischen Haarputz des erschlagenen Zau- 
bermeisters hervor, nimmt auch im Übrigen die Tracht eines 
Solchen, so wie Schüler an, die seinen Ruhm verbreiten. So 
zieht er nach dem ^/jdÄra-Lande, wo der König sich alsbald an 
ihn um Hülfe wendet. Der wie er vorglebt grofsen Schwierig- 
keit des Unlernehment wegen, bedingt er sich drei Tage zu Vor- 
bereitungen aus, welche er benutzt um des Nachts eine in Ver- 
bindung mit dem Ufer eines Teiches stehende versteckte Höhle 
zu graben. Nach Ablauf der dreitägigen Frist weist er sodann 
den König an, sich in der folgenden Nacht bei Fackelschein in 
jenem von Ihm nunmehr durch Sprüche geweihten Teiche, der 
mit Wachen zu umstellen sei, unterzutauchen und auf dem Bo- 
den desselben so gut es gehe sich niederzulegen. Die Wachen 
■würden ein leises Geräusch hören und wenn dieses vorbei sei, 
werde der König mit einer neuen, schönen Gestalt aus dem 
Teiche hervorgehen, vor welcher jener böse Geist, der die 



44 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Prinzessin besessen halte, sofort weichen werde. Er verab- 
schiedet sich zugleich, da er nicht länger, als bereits geschehn, 
an einem Orte wellen dürfe und zieht fort. In der Nacht ver- 
birgt er sich sodann in jener Höhle, zieht den König, der seinen 
Anordnungen gemäfs in den Teich hineinsteigt, unter dem Was- 
ser in dieselbe hinein, tödtet ihn, verbirgt den Leichnam in 
der Höhle, und steigt sodann selbst statt seiner aus dem Wasser 
hervor, von den über das Wunder der Gestaltverlinderung er- 
staunten Wachen freudig begrüfst werdend. Am Morgen ver- 
kündet er auf dem Throne sitzend, seine Verwandlung als einen 
Beweis der brihnianischcn Seherkraft, vor dem das Haupt aller 
Ungläubigen sich in Scham verneigen müsse, und befiehlt den 
brähmanischen Göttern ^iva, Yatna und Brahman alle Ehre zu 
erweisen, ) sowie reiche Geschenke zu vertheilen. Durch 
eine Zofe seiner Geliebten, die er von ungefähr sieiit, läfst er 
dieselbe von Allem was geschehn unterrichten, wird entzückt 
von ihr aufgenommen, befreit Ihren Vater von seinen Fesseln, 
und überglebt demselben die Regierung auch über das Andhra- 
Reich, worauf er von ihm dem Sinhavarman zu Hülfe ge- 
schickt wird. 

Cap. VHI. Die letzte Geschichte die des Vi^ruta ist nicht 
vollständig. Derselbe halte im Vindhya^S^^XA^ auf die Bitte 
eines achtjährigen von Hunger und Durst gequälten Knaben den 
in einen Brunnen gefallenen alten Begleiter desselben daraus ge- 
rettet, und Beide mit Früchten und Wasser gelabt. Der Greis 
berichtet ihm ihr Geschick. ^^Punyaearman , aus dem Bhojo' 
Geschlechte, der weise König von Vidarhha halte seinem Sohne 
Anantavarman ein schönes Reich hinterlassen. Die guten Ralh- 
schläge seiner Minister macht ein Spötter zu nichte, alle die 
verlachend, welche das in der Hand befindliche Gute nicht ge- 
nössen, wegen der Fata Morgana der Belohnungen, welche 
man ihnen für jene Entsagung in dem Leben nach dem Tode 
verheifse: oder welche sich durch ungemessene Verhelfsungen 
irdischen Erfolges unter die Zuchtruthe weiser Gaukler und Be- 
trüger begäben, welche den ganzen Tag eines Fürsten nach be- 



*') Wohl im Gegensalz gegen seinen, etwa buddhistischen? Vorgänger. 



vom 17. Januar 1859. 45 

stimmten Geschäften ordneten, Ihn mit Mlfstrauen aller Art er- 
füllten und dabei doch nur das Füllen Ihres Bauchs und Säckels 
im Auge hätten: er möge lieber sein Leben geniefsen und sich an 
den Freuden, die ihm so reichlich geboten seien, ergötzen (p. 
181 — SS). Diesen lockeren Rathschlägen des Vihdmbhadra 
kam bald ein Ankömmling, Candrapälita, der verbannte Sohn 
des Jndrapälila, Ministers des ^f//;oÄ«-Königs, weiter zu Hülfe, 
dessen Liederlichkeit den König völlig verstrickte. Jagd, Wür- 
felspiel, Liebeslust, Trunk, Härte In Wort und That, Raub frem- 
den Eigenlhums — Alles fand In Ihm einen beredten Verthel- 
dlger (p. 1S.W — 90) und er dafür am König einen eifrigen Schü- 
ler. Dem Beispiel des Königs folgten seine Diener, schranken- 
los alle Gelüste befriedigend und das Land aussaugend. Die 
Einnahmen begannen zu versiegen, die Ausgaben aber stiegen 
fortwährend. Das ganze Reich gericth in Verwirrung. Die 
Frauen des Harems vergafsen in Ihrer Liederlichkeit alle Sitte. 
Überall Streit, Unterdrückung der Schwachen, Raub und Elend 
(p. 191 — 2). Auch die Vasallen und Nachbarn empörten sich 
nun, zunächst Bh&nuoarman, Herr von Vänaväsi, auf Antreiben 
des Vasanlabhänu, Königs von Agmaka. y4nantai>arman zog 
von Letztrem und andern Vasallen begleitet gegen Jenen aus, an 
dem Ufer der Narmadä sich lagernd. Durch die Schändung 
der XmdCalorvact, einer Tänzerin eines seiner Vasallen, des 
Äiun/u/a-Fürsten Avanlideoa, erregte er daselbst In Letzterm sol- 
chen Groll, dafs es dem Vasanlabhänu gelang, denselben nebst 
vier andern Vasallen, Ftrasena Herrn von Murala , Ekavira 
Herrn von Ricika, Kumäragupla Herrn von Konkana und Nd- 
gapäla Herrn von Sägikya, zu einer Verschwörung zu vereinigen. 
Tags darauf In der Schlacht wandten sie ihre Waffen, statt ge- 
gen den ^anaj'dj/'- Fürsten, gegen Anantavarman selbst, der so 
seinen Tod fand. Vasanlabhänu dann, obwohl an Macht der 
geringere, wufste es welter so einzurichten, dafs seine Genossen 
über die Beute In Streit geriethen, sich gegenseitig vernichteten, 
und er so dieselbe allein davontrug, dem Bhänuvarman einen 
Antheil daran gewährend. Es unterwarf sich darauf das ganze 
Reich des Ananlavarman. Der alte treue Minister Vasuraxita 
rettete indefs den Sohn Bhdskaravarman — eben den Knaben 



46 Silzung der fjJillosofßliisch-hislorischen Klasse 

hier — so wie dessen dreizehnjährige Schwester Manjupädint 
und deren Mutter Vasundhara, starb aber bald darauf ans Gram. 
Andere Freunde führten dann die Geflüchteten nach Mühish- 
mali zu Mitravannan'' ) ^ einem Stiefbruiler des Ananfaoar- 
man. Dieser aber machte der Königin unpassende Anträge und 
beschlofs, zurückgewiesen, aus Rache Ihren Sohn zu tödten. 
Aus Furcht davor übergab sie denselben Ihm selbst, dem Greise, 
Ihrem treuen Diener zur Flucht, mit der Hoffnung später ihnen 
folgen zu können, wenn sie an einen sichern Ort gelangt wä- 
ren. So seien sie hier In den Wald gekommen und er bitte 
nun für den Knaben um seinen Schutz und Beistand." F'igruta 
glebt sich Ihnen, nachdem er nach der Herkunft der fasiindharä 
gefragt, als ein Verv\andter derselben zu erkennen, da seines 
Vaters Mutter die Schwester ihrer Mutter gewesen sei *^) und 
verhelfst Ihnen seine Hülfe zur Wiedervertreibung des Acmaka- 
Fürsten. Durch das Fleisch eines Rehs, welches er schiefst, 
kräftigt er sodann zunächst die beiden Flüchtlinge wie sich 
selbst, und gewinnt dabei durch seine Geschicklichkeit in Zer- 
legung und Zubereitung des Rehs die bewundernde Zuneigung 
eines Kiräia, mit dessen Bogen er das Thier geschossen hat. 
Nach Neuigkeiten aus Mähhhmati gefragt berichtet derselbe, 
dafs er erst heute da gewesen sei um Tigerfelle zu verkaufen: 
die Stadt sei freudig erregt, well die Ankunft des {Mnlaca-^v'xn- 
zen) Pracondavarman, jüngeren Bruders des Candavarrnan, be- 
vorstehe, der um die Manjucädinl^^) freien wolle. f^igruta 
schickt in Folge dieser Angaben den Greis an die Königin mit 
Nachricht und Grufs von ihm selbst und verschiedenen Bot- 
schaften und Rathschlägen. Demgemäls giebt sie zunächst vor, 
dafs ihr Sohn Im Walde von einer Tigerin zerrissen worden 
sei, und erklärt sich sodann gegen Mitravarman bereit nunmehr 
seine Wünsche zu erfüllen. Als er ihr hocherfreut naht, schlägt 



'^) Wilson hat hier und sonst 'mitrav., d. i.Amilrav., s. indefs 201,4. 

'*) Der Grofsvater des Vigruta wird hier Sindhudatta (p. 195, l4) 
während in der Einleitung Padmodbliava genannt (p. 3, 9). 

")Die hier (196, 8) Tochter des Mitravarman heifst ! statt: ^tsAnan- 
iavarman\ Auch die Caicult. Edit. hat so. 



vom 17. Januar 1859. 47 

sie ihn aber mit einem Kranze, den sie in Wasser getauclit, 
worin sich ein ihr von Fi^ruta geschicktes starkes Gift {F'afsa- 
nnbha genannt) befindet, an Kopf und ßrust, indem sie ausruft: 
„möge dieser Schlag Pur dich ein Schwertschlag sein, so wahr 
ich meinem Gatten die Treue bewahrt halte". Da er sofort 
todt niederfällt, ihre Tochter aber, welcher sie den nochmals in das 
Wasser, dem nun freilich ein ebenfalls von Vi(;ruta gesandtes 
Gegengift beigemischt ist, getauchten Kranz um den Hals hängt, 
unverletzt bleibt, so gilt dies Ereignifs als ein Zeichen der Wahr- 
haftigkeit Ihrer Galtentreue, ohne dafs Jemand Arges vermuthet, 
und das Volk jauchzt ihr freudig entgegen. Sie schickt darauf 
an Pracandavarman eine Aufforderung, die Tochter und mit 
ihr das Reich in Besitz zu nehmen, beruft aber heimlich eine 
Versammlung der angesehensten Bürger und Minister, denen 
sie anvertraut, dafs die Göttin Vindhyavasinl ihr heute im 
Traume erschienen sei und verkündet habe, dafs am vierten Tage 
von heute ab Pracandavarman sterben werde, am fünften Tage 
aber aus ihrem an der Reoä gelegenen Tempel, nachdem man 
ihn untersucht, leer gefunden und verschlossen habe, der junge 
Prinz — den sie selbst in Gestalt einer Tigerin geraubt habe, 
um ihn seinen Feinden zu entrücken — in Begleitung eines 
Brahm.Tnenjüngllngs hervorgehen werde, welcher letztre das 
Reich einstweilen verwalten und die Manjuvädinf als Gemahlin 
erhallen solle: sie bittet, das Geheimnifs treu zu bewahren, 
sich aber vorbereitet zu halten. f'icruta als Beltelbruder ver- 
kleidet bringt ihr den Knaben in gleichem Gewände, um ihr die 
Freude des Wiedersehens zu machen, um die Manjuvädlnt zu 
sehen, und sich in der Stadt die nöthige Ortskenntnifs zu ver- 
schaffen. Darauf legt er das Gewand eines Gauklers an, mischt 
sich unter die den Pracandavarman mit ihren Spielen erfreuen- 
den Tausendkünstler, zeigt verschiedene Kunstslücke der Art, 
und weifs bei einem Messerspiele einen Wurf so geschickt auf 
den zwanzig Bogen weit entfernten Fürsten zu richten, dafs 
derselbe sofort todt niederfällt. Mit dem KiisTui ^^P'asantabhänu 
lebe '^) noch 1000 Jahre" entspringt er, den Verdacht des Mor- 



I 



') jhäl, eine archaistische Conjanctivforin : „vivat!" 



48 Sitzung der i)hiIosn/i]iisch-hislorischen Klasse 

des dadurch auf den y4 gmaka-¥'nr sien als Anstifter lenkend, und 
nimmt im Walde wieder die Büfsertraclit an, sich mit dem Kna- 
ben versteckt hallend. Am andern Tage geschieht in der an 
gegebenen Weise die Durchsuchung des Tempels durch die 
Königin und ihr Gefolge. Derselbe wird leer befunden und 
geschlossen. F'i(;ruta aber hat sich in einer Höhlung, die er 
unter dem Gölterbilde gemacht hat, mit dem Knaben versleckt, 
hebt dasselbe in die Höhe, stellt es wieder richtig auf, und 
öffnet nun. Beide in reicher Kleidung, den Tempel von innen, 
dem Volke draufsen verkündend, was die Königin bereits vorher 
als ihr Traumgesicht erzählt hatte. Das Volk, überrascht und 
erstaunt, pries ihn als den Schützer des jB//o/'rt- Geschlechtes 
(p. 200, il): der Knabe erhielt von dem Schutze der Göttin den 
Namen A ryäputra (p. 200, 17) und Alles geschah, wie Vi^ruta 
angeordnet hatte. Derselbe übernahm die Regierung und rich- 
tete sein Bestreben daliin, in möglichst staatskunstgemäfser Weise 
den Kampf gegen den Aqmaka-VxxTsKcn vorzubereiten, und zwar 
zunächst die Minister des Mitruvarman, insbesondere den Arja- 
ketu, der wie die Königin aus dem jfiTofa/a-Lande stammte, zu 
gewinnen, was ihm denn auch bald gelang. 

Hiermit bricht das Werk ab. Es fehlt somit theils der 
Schlufs der Erzählung des Pl^ruta, das Gelingen seiner Pläne 
gegen den ^fwoA:a- Fürsten nämlich, theils aber auch die zur 
Vollendung des Rahmens nöthige Rückführung des Räjahansa 
auf seinen ihm dereinst durch den König von Mälava, welches 
Reiches Macht jetzt gebrochen, entrissenen Thron \oi\ Mag adha. 

Ich schliefse hier noch die vier Erzählungen des Milragupta 
an, welche ich oben (p. ''il), um den Zusammenhang nicht zu 
unterbrechen, ausgelassen habe. Es liegt die Vermuthung nicht 
fern, dafs dieselben ihrem Inhalte nach ein von dem Verfasser 
vorgefundenes Gut sind. 

Die vier Fragen und Antworten lauten: was ist grausam? 
Frauenherz! was ist einem Hausbesitzer lieb und zu nutz? sei- 
nes Weibes Tugenden! was ist Liebe? Entschlossenheit! was 
überwindet Schwierigkeiten? Klugheil! Beispiel dafür sind die 
Geschichten der Dhumint, Gomint, Nimbavati, Nitambavati. 



vom 17. Januar 1859. 49 

l) ^^) Im Lande Trigarta waren drei Brüder, wohlha- 
bende Hausbesitzer, mit Namen Dhanaka, Dhänjaka, Dhan- 
yaka. In Folge eines zwölfjährigen Regenmangels entstand 
eine arge Hungersnoth, in der die drei Brüder all ihr Hab und 
Gut, Vieh, Dienerschaft, Kinder, die Frauen des ältesten und 
mittlem Bruders der Reihe nach verzehrten. Nur Dhümini, die 
Gemahlin des jüngsten war noch übrig, und sollte am andern 
Tage verspeist werden. Dhanjaka aber, ihr Gemahl, entfloh, 
da er sie zärtlich liebte, mit ihr über Nacht, und gewann, die 
bald vom Wege Ermüdete tragend, den Wald. Mit dem eignen 
Fleisch und Blut stillte er ihren Hunger und Durst, und traf 
nach einiger Zeit, sie immer weiter tragend, auf einen Mann, 
der mit abgeschnittenen Beinen, Händen, Ohren und Nase auf 
dem Erdboden zuckend dalag. Mitleidig nahm er auch ihn auf 
die Schulter und liefs sich dann mit den Beiden in einem Theil des 
Waldes nieder, der reich an Wurzeln und Wild war und in dem er 
eine Laubhütte für sie zurecht machte. Er verband dem Ver- 
stümmelten die Wunden und pflegte ihn so gut, dafs er wieder 
stark und kräftig ward. Einst ging er wieder aus, um Wild 
zu suchen, da nahte sich Dhümint dem Krüppel mit Anträgen, 
die er zwar zurückwies, dann aber doch von ihr zu erfdllen 
gezwungen ward. Als Dhanjaka darauf heimkehrte und Was- 
ser wünschte, warf sie ihm, Kopfschmerzen vorgebend, den 
Schöpfeimer mit dem Seil zu, damit er sich selbst aus dem Brun- 
nen Wasser hole, schlich ihm dann nach und stürzte den zum 
Schöpfen sich Bückenden kopfüber in das Wasser hinab. Den 
Krüppel aber nahm sie auf die Schulter, zog mit ihm als ihrem 
Gatten von Land zu Land und gewann sich durch ihre ver- 
meintliche Gattentreue Ruhm und Ehren. So wohnte sie einst, 
hochgeehrt von dem Könige, in Avanti. Da sah sie den Dhan- 
jaka, den Kaufleute beim Wasserschöpfen gerettet hatten, rief 
aus „das ist der Bösewicht, der meinen Gatten so verstümmelt 
hat," und veranlafste so den König, denselben zum Tode zu 
verurtheilen. Zur Hinrichtung geführt werdend, rief Dhan- 
jaka, dafs seine Strafe eine gerechte sei, wenn auch der, den 



") Vgl. Pancatantra IV, 5 pag. 220—22. ed. Kosegarten. 
[1859.] 4 



50 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

er angeblich verstümmelt habe, dahin aussagen werde. Der 
Richter liefs den Krüppel herbeiholen, der sich nun weinend 
dem Dhanjaka zu Füfsen warf, und Alles der Wahrheit ge- 
mäfs erzählte. Das böse Weib ward darauf auf Befehl des 
Königs verstümmelt und den Hunden zum Frafs vorgeworfen, 
Dhanyaka dagegen gelangte zu hohen Ehren. 

2) In der Stadt Känct im Lande der Dravida war ein rei- 
cher Kaufmannssohn Namens Qaktikumara, der, 18 Jahr alt, weil 
er sah, dafs weder die Unbeweibten noch die, welche kein 
gutes Weib hätten, sich wohl befänden, ein passendes Weib zu 
suchen als Wahrsager verkleidet umherzog. Als Solchem 
brachte man ihm überall die Mädchen, um ihnen ihr Geschick 
zu weissagen, herzu. Wo er dann eine mit guten Anzeichen 
Begabte, von gleicher Kaste traf, frug er sie, ob sie ihm mit 
einem Reismaafse, das er bei sich trug, ein gutes Essen kochen 
könne. Verlacht und verspottet pilgerte er so von Haus zu Haus. 
Einst aber sah er im Lande der Qioi, die auf dem rechten Ufer der ATi^- 
veri wohnen, ein junges Mädchen, Gofw/n/ mit Namen, welche deren 
Amme ihm zubrachte, und deren Körper in allen seinen Gliedern 
passende Verhältnisse und alle Glückszeicben (sehr ausführlich 
beschrieben) zeigte, so dafs sein Herz sich sogleich zu ihr hin- 
gezogen fühlte. Er beschlofs aber doch, auch ihr erst seine 
Frage vorzulegen. Das Mädchen ging sofort darauf ein, und 
es wird nun in sehr ausführlicher Weise beschrieben, wie sie 
das Essen herstellte, und ihn bewirthete. Entzückt machte er 
sie zu seiner Frau, und auch als solche fuhr sie fort, auf das 
Trefflichste für ihn zu sorgen, sein Hauswesen unermüdlich zu 
pflegen und durch stete Freundlichkeit — auch gegen eine zweite 
Frau, die er sich noch dazu nahm — ihre ganze Umgebung für 
sich zu gewinnen, so dafs er durch ihre Tugenden sich Im aller- 
höchsten Grade beglückt fühlte. 

3) '*) In Valabht, im Lande der Sauräshtra, war ein rei- 
cher Schiffsherr, Grihagupta, der seine Tochter Ratnavatt an 
einen Kaufmannssohn Balabhadra aus Madhumatt verheirathete. 
Die junge Frau setzte demselben aus jungfräulicher Scham, als 



') Vgl. Shakespeare's Ende gut, Alles gut. 



vom 17. Januar 1859. 51 

sie allein waren, im Dunkel der Nacht, so heftigen Widerstand 
entgegen, dafs seine Liebe zu ihr in bittern Hafs umschlug, 
und er, obwohl er sie noch gar nicht ordentlich gesehen, doch 
sich gar nicht weiter mit ihr zu befassen beschlofs. Die Ver- 
lassene ward nun von den Ihrigen und andern Leuten hart ge- 
tadelt, und ihr Name spottweise in Nirnbavati^^) umgeändert. 
Nach einiger Zeit bittre Reue empfindend, sah sie eine alte 
wandernde Schwester, die ihr miitterlirh zugelhan war, und 
klagte ihr heimlich, nach dem Grunde ihres Kummers befragt, 
unter Thränen ihre Noth, wie sogar ihre eigne Mutter sie ver- 
achte und wie sie nahe daran sei, vor Gram ihrem Leben ein 
Ende zu machen: den geheimen Grund ihres Unglücks aber 
werde sie doch nie vor andern Ohren kund thun. Die Alte 
verspricht ihr, selbst zu Thränen gerührt, ihre Hülfe, wenn sie 
irgend ein Mittel wisse, ihren Gatten wieder zu gewinnen: und 
richtet das wirklich ihrer Anweisung gemäfs in folgender Weise 
aus. Kanakavall , die Tochter des Nachbarn, eines reichen 
Kaufmanns, Nidhipatidatla, war mit Rainavati innig befreundet. 
Zu ihr begiebt sich dieselbe, um reich geschmückt auf ihrem 
Söller Ball zu spielen. Da wufste die Alte ihren Gatten gerade 
bei dem Hause vorüber zu führen, und Ratnaoatt warf den Ball 
nach Ihm. Die Alte nahm Ihn und reichte ihm denselben, in- 
dem sie sagte, dafs Kanakavati, die Tochter des reichen Kauf- 
manns und Freundin der Ratnavatt, die ihm dieserwegen sehr 
grolle, es sei, die den Ball geworfen habe: er möge ihn ihr 
nur wieder zuwerfen. So entspann sich ein Liebesverhältnlfs, 
welches damit endete, dafs Balahhadra, in dem Glauben es sei 
Kanakavall, seine Gattin bei Nacht entführte und mit ihr, reich 
mit Juwelen versehen, In die Fremde zog. Die Nachforschungen 
der Verwandten nach den Beiden beschwichtigte die Alte damit, 
dafs sie vorgab, Balabhadra habe gegen sie Reue über seine 
grundlose Verstofsung der Rainavati ausgesprochen, und werde 
wohl mit Ihr fortgezogen sein. Rainavati aber nahm unter- 
wegs eine Dienerin an zum Tragen der Sachen. So gelangten 
sie nach Khefakapura, wo Balabhadra durch seine Klugheit im 



') nimba, Melia Azadiracta, mit säuerlichea Früchten. 

4- 



52 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Handel sich bald ansehnlichen Relchthum erwarb. Jene Die- 
nerin nun bekam einst wegen ihrer Faulheit, Unzuverlässigkeit 
und Widerspenstigkeit Schelte und Prügel, und rächte sich da- 
für durch den Verrath des Geheimnisses, welches sie in der 
Zeit ihrer Gunst erfahren hatte, soweit sie es kannte. Der 
Polizeiverweser, der etwas habsüchtig war, wandte sich sofort 
an die Stadtältesten mit dem Antrage dem Jungfrauenräuber, der 
die Tochter des Nidfüpalidatla gestohlen habe, sein Eigenthum 
zu konfisciren. Balabhadra gerieth darob in gewaltigen 
Schrecken: da rieth ihm seine Gattin zu sagen, dafs sie gar 
nicht Kanakavali, die Tochter des Nidhipatidutla, sondern sein 
chlich angetrautes Weib Ratnavatl, Tochter des Grihagupta, sei: 
wenn man es nicht glauben wolle, möge man die Verwandten 
zur Entscheidung kommen lassen. Grihagupta kam denn auch 
bald, Balabhadra ward zu seinem grofsen Erstaunen den wah- 
ren Sachverhalt inne und blieb fortab seiner Gattin innig zu- 
gelhan. 

h) "'') In der Stadt Madhurd im Lande der ^ürasena lebte 
ein dem Spiel und den ^Veibern ergebner Bursch, der, weil 
seine Faust seinen Freunden bei Schlägereien stets zu Dienste 
stand, den Namen Kalahakaniaka (Kampfzacken) erhalten hatte. 
Der sah einst in der Hand eines fremden Malers ein weibliches 
Bildnifs, das ihn sogleich mit der flammendsten Liebe erfidite. 
Er errieth aus ihren Zügen und der Haltung ihrer Glieder, dafs 
sie die Gattin irgend eines nicht besonders kräftigen alten 
Kaufmanns sein möge. So war es auch. Der Maler nannte 
sie ihm als Nitambavati, Gemahlin des Ananiaklrti in der Avanti- 
Stadt Ujjajini. Unverzüglich machte er sich nun als Wahr- 
sager verkleidet auf, sie zu sehen und betrat, um Allmosen bet- 
telnd, ihr Haus. Ihr Anblick entflammte seine Leidenschaft 
noch mehr, und er sann darauf, wie er sie gewinnen könnte. 
Auf seine Bitte erhielt er von den Stadtältesten das Amt, den 
Leichenverbrennungsacker zu bewachen. Mit von da genom- 



^°) Vgl. Veldla Pancai'ivfatil. — Ausführlich übersetzt findet sich 
diese Erzählung in C. v. Holtei's Sammlung „Für den Friedhof der 
evangelischen Gemeinde in Graz" 1857. 



I 



vom 17. Januar 1859. 53 

menen Leichentüchern gewann er eine alte wandernde Schwe- 
ster, Arhantika, die er als Liebesbotin an Nit. schickte. Er 
ward aber abgewiesen. Auf sein Anstiften ging dieselbe indefs 
nochmals zu ihr hin, that so als ob sie sie nur hätte auf die 
Probe stellen wollen , und versprach ihr zum Lohne für ihre 
Gattentreue einen Sohn zu verschaffen. Ihr Gatte sei bisher 
unfruchtbar gewesen, weil irgend ein böser Zauber sie gebannt 
halte: wenn sie aber heute Nacht in das (Kloster-) Wäldchen 
kommen wolle, werde sie einen Spruchkundigen treffen, auf 
dessen Hand sie ihren Fufs setzen möge, um ihn von demselben 
besprechen zu lassen: mit diesem Fufse müsse sie dann später 
ihren sich ihr nahenden Gemahl vor die Brust stofsen, wo- 
durch derselbe einen kräftigen Sohn zu zeugen in den Stand 
gesetzt werden würde. Nitambavati liefs sich bethören und 
kam. Kalahakantaka aber, der vorher durch die Alte in das 
Wäldchen eingelassen war, und sie da erwartete, zog ihr von 
dem Fufse, den sie ihm reichte, die eine goldne Spange ab, 
ritzte sie mit einem Messer in den Schenkel und lief eilig da- 
von. Ihre eigne Thorheit und die böse Alte verwünschend, 
wusch Nitambavali zunächst ihre Wunde in dem Tempelteiche 
aus, verband sie, nahm auch die andere Spange ab, und hielt 
sich drei oder vier Tage in der Einsamkeit, ihr Lager hütend. 
Jener Schelm indessen wandte sich mit der geraubten Spange, 
um sie zu verkaufen, an Anantakirti selbst. Dieser erkannte 
dieselbe sofort als die seiner Frau, und fuhr ihn hart an, woher 
er sie habe. Er blieb dabei, dafs er das nur vor versammelter 
Gilde sagen könne. Der Kaufmann liefs seiner Gattin ihre 
Spangen abfordern, und erhielt von ihr nur die eine, die sie 
noch hatte, indem sie ihm schämig und verwirrt sagen liefs: die 
andre habe sie neulich Abends im Wäldchen verloren, und noch 
nicht wiederfinden können. Vor versammelter Gilde sagte dann 
Kalahakantaka aus, er habe neulich Nachts bei seinem Amt als 
Hüter des Leichenackers, das er auch bei Nacht ausübe, eine 
schöne Frau einen halbverbrannten Leichnam von dem Holz- 
stofse zerren sehn, sei darauf zugesprungen, habe sie gepackt, 
und sie zufällig mit seinem Messer etwas an dem einen Schen- 
kel geritzt: sie sei ihm aber mit Zurücklassung der einen Spange 



54 



Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 



entflohen. Die Versammlung war nach einiger Überlegung ein- 
stimmig der Ansicht, dafs Nitamhavalt sonach eine Hexe (fa- 
kini) sei, die sich von Todtenflelsch nähre. Von ihrem Gat- 
ten deshalb verstofsen, ward sie des Nachts, als sie sich auf 
jenem Leichenacker aus Verzweiflung erhängen wollte, von 
Kalahakantaka betroffen. Er fiel ihr zu Füfsen, sagte ihr, dafs 
er allein aus leidenschaftlichem Verlangen nach ihrem Besitze 
alles dies angestellt habe, dafs er nur in ihr seine einzige Wonne 
finde, und brachte es durch seine Schmeichelelen und Betheue- 
rungen wirklich dahin, dafs sie, die eben keine andere Wahl 
welter hatte, ihm verzieh und sich ihm zu eigen gab. 



Es folgt ein Verzeichnifs der mitgetheilten Eigennamen. 



Agastya 35. 

Anga 25 — 27. 
Anantakirti 52. 53. 
Anantaoarman h\ — Kb, 
Andhra ki. hh. 
Apahdraoarman 26 — 31. 
Amitravarman (?) 46. 
Ambälikä 25. 30. 31. 
Arthapati 27 — 29. 
Arthapäla 3') — 3S. 
Arhantika 53. 
Alaka 35. 

Avant i 24 {°ntikä). 49. 52. 
Avantideva 45. 
Avantisundari 24. 
AoimukteQvara 3'i. 
Agmaka 45 — 48. 
Arjaketu 4s. 
Aryadasi 35. 
A'r/äputra 48. 
Jndrapalita kS. 
Ujjayini 23. 52. 



Updhäravarman 3 I — 34. 
Ekavira 45. 
Ricika 45. 
Kanakalekhd 42. 
Kanakaoatt 51. 52. 
Kandukdvati 40 — 42. 
Karnisuta 27. 
Kardana 42. 
Kalahakantaka 52 — 54. 
Kaiinga 26. 42. 43. 
Kalindaoarman 32. 
Kalpasundari i2. 
Kdnct 50. 
Käntaka 30. 31. 
Kdntimati 34 — 38. 
Kdmapäla 3 l — 3S. 
Kämamanjari 27— 29» 
Kdmarüpa 32. 
Kdlajavana 23. 
Kaveri 50. 
Kdgi 34. 
Kirtisära 25. 26. 



vom 17. Januar 1859. 



55 



Kuntala hS. 

Kumaragupta hS. 

KulapaliM 27. 28. 

Kusutnapura 34. 

Konkana 45. 

Kogadäsa 40. 42. 

Kogala 48. 

Xmätalorvagt 45. 

Khanali ii. 

Khetakapura 51. 

Gangä 42. 

Gfihagupta 50. 52. 

Gomini 48. 50. 

Candaghosha 36. 

Candavarman 25. 46. 

Cane^asinha 34 — 36. 

Candrapälila 45. 

Candrasend 40. 42. 

Camp4 25. 27. 
J ajasinha 43. 
Tdrävali 34 — 38. 
Tungadhanvan 40. 
Trigarta 49. 
Trjambaka 38. 
Darpasära 26. 37. 
Därnaliplä 26. 40. 42. 
Däruvarman 24. 25. 
Draoi^a 50. 
Dhanaka 49. 
Dhanamitra 27 — 3 1 . 
Dhanyaka 49. 
Dharmavardhana 38. 
Dfiänyaka 49. 
Dhämini 48. 49- 
Narmadd 45. 
Navamälikd 38. 39. 
Ndgapäla 45. 



Nitambavati k%. 52 — 54. 
Nidhipatidalla 51. 52. 
Nimbavali 48. 51. 
Padmodbhava 46. 
iJ^/a// 23. 
Punjavarman 44. 
Pushkarikd 32. 
Pushpodbhava 23 — 25. 
Pürnabhadra 34. 36. 
Pracandavarman h6. 47. 
Pramati 37 — 39. 
Prahäraoarman 31. 32. 
Prijamvadä 31. 
Bandhupala 23. 
Balabhadra 50 — 52. 
Bälacandrikd 23. 
Bhänuvarman 45. 
Bhdskaravarman 45. 
Bhtmadhanvan 40. 4l. 
ÄAo/a 44. 48. 
Magadha 22. 33. 48. 
Manjuvädini 46 — 48. 
Manikarnikd ZG. 37. 
Manikarnikd, Ort 34. 
Manibhadra 35. 38. 
Mattakäla 23. 
Madhumali 50. 
Madhurd 52. 
Mantragupta 42. 43. 
Marici 27. 
Malaya 35. 
Mahdkäla 23. 24. 
Mahddevi 25. 
Mdnasära 21. 24. 25. 
Mälava 22. 26. 32. 48. 
Mdhishmali 46. 
Mitragupta 40 — 42. 



56 



Gesammtsitzung 



Mitravarman k6. 
Mithilä 31. 
Murala 45. 
Yavana 33. 40. 4l. 
{Käla-^Yavana 23. 
Ratnavati 50 — 52. 
Ratnodbhaoa 23. 
Rägamanjart 2S — 31. 
Räjavdhana 22 — 26. 
Rdjahansa 22. 32. 48. 
Rdmeshu 4l. 
ÄCi^4 47. 
Za/a 23. 
Lopamudrd 35. 
Valabhi 50. 
Vasantahhdnu 45. 47. 
F'asundhard 46. 
fasuraxita 45. 
Vdnaväsi 45. 
Vdmalocand 23. 
Vdrdnasi 26. 34. 
Vikaiavarman 31. 32. 
Vidarhha 26. 44. 
F/dcÄa 22. 26. 31. 32. 



Vinayavatt 35. 
Vindhya 22. 37. 44. 
Vindhyavdsini 4o. 47. 
Virdpaka 27. 29. 
F'igruta 44. 4s. 
yihdrabhadra 45. 
Viraketu 23. 
^irasena 45. 
faklikumdra 50. 
fiVj 50. 
^udraka 35. 
^urasena 52. 
^rigdlika 29 — 31. 
^rdvasü 26. 3S. 39. 
Samhäravarman 31. 
Sdgikya 45. 
Sinhaghosha 31. 
Sinhaghosha, ein andrer 36. 
Siiihavarman 25. 
Sindhudatta 46. 
Suniati 38. 
Suhma 32. 4o. 
Somadatta 23. 24. 
Saurdshtra 50. 



37. 



20. Januar. 



Gesammtsitzung der Akademie. 



Hr. du Bois-Reymond las: Fortgesetzte Unter- 
suchungen über das Verhalten des Muskelstromes 
bei der Zusammenziehung. 



Hr. H. Rose trug alsdann eine Mittheilung des correspon- - ii 
direnden Mitgliedes der Akademie, Hrn. Hofmann in London, 
„zur Kenntnifs der Phosphorbasen" vor. 



lal 



K 



vom 20. Januar 1859. 57 

PhosphorhaltJge Harnstoffe. 
Die Existenz einer Gruppe wohlcharakterisirter Diamine: 

C^ J 

stellte die Bildung ähnlicher Körper in der Phosphor-, Arsen - 
und Antimon -Reihe in Aussicht: 





Sb, 



Es war sogar nicht unwahrscheinlich, dafs sich gemischte Ver- 
bindungen 






A, 
. NP B2 l.NAs ^, VPAs 



werden erzeugen lassen. 

Im Verlauf einer Untersuchung über die Polyammoniake 
und Verwandtes bin ich auf einige Verbindungen gestofsen, 
welche der letzten Gruppe angehören. 

Unterwirft man Sulphocyanphenyl der Einwirkung des Tri- 
athylphosphins, so erhitzt sich die Mischung zum Sieden, und 
erstarrt beim Erkalten zu einer harten Krystallmasse. Aus siedendem 
Äther schiefst der neue Körper in langen, prachtvollen, orange- 
gelben Nadeln an, die in Wasser nnlöslich, in Alkohol aufser- 
ordentlich leicht löslich sind. Die Krystalle schmelzen bei 6i°. 
Über ihren Schmelzpunkt erhitzt, zersetzen sie sich in mannig- 
faltige Produkte, unter denen schon jetzt das Bisulphid der 
Phosphorbase genannt zu werden verdient. Der neue Körper 
lost sich leicht selbst in den verdünntesten Säuren; es entste- 
hen krystallisirbare Salze von vollendeter Schönheit, aus deren 
Lösung auf Zusatz eines Alkali's die ursprüngliche Substanz wieder 
ausgeschieden wird. Dieses Verhalten charakterisirt die neue Ver- 
bindung als organische Base. 



58 Sitzung der philosopkisch-his/orischen Klasse 

Die Analyse derselben hat zu der Formel: 

geführt; sie entsteht daher einfach durch Vereinigung gleicher 
Äquivalente der Composanten. 

Sulphocyanphenyl Triäthylphosphin Neuer Körper 

Sowohl der Bildungsweise als auch den chemischen Eigen- 
schaften nach, gehört dieser Körper in die Gruppe substitulrter 
Harnstoffe. 

Betrachtet man den Harnstoff als ein Diamin 

(c. o,r 1 

H. J 



so gäbe die Formel 

(c. s,r 

(C, H,), }-NP 

(C, HO(C,,H,) 



) 



ein Bild des neuen Körpers, d. h. er Hefse sich als Harnstoff 
betrachten, dessen Sauerstoff durch Schwefel, dessen Wasserstoff 
theilweise durch Äthyl und theilweise durch Phenyl vertreten 
ist, während für die Hälfte des Stickstoffs Phosphor suhstl- 
tuirt ist. 

Die Bildung dieser Verbindung bietet einiges theoretisches 
Interesse, indem sie die Existenz von Harnstoffen beweist, in 
denen der ganze Wasserstoffgehalt substituirt ist, deren Vor- 
handensein man bisher bezweifelt hat. Auch beansprucht sie 
einige Beachtung als Beispiel der aufserordentlichen Persistenz 
des Harnstoff- Typus, der sich hier, einer beinahe bis zur Spitze 
getriebenen Substitution gegenüber, unverändert erhalten hat. 

Die Salze des neuen Harnstoffs, — dem ich keinen Na- 
men zu geben wage, — sind leicht krystallisirbar und lassen sich 
daher ohne Schwierigkeit in reinem Zustande gewinnen. Sie 
sind übrigens wie die Harnstoffsalze im Allgemeinen von nur 
geringer Beständigkeit und zersetzen sich unter manichfalllgen 



vom 20. Januar 1859. 59 

Einflüssen, in denen sich die Base oder ihre Coniposanten oder 
selbst weitere Zersetzungsprodukte ausscheiden. 

Ich habe die Formel des neuen Harnstoffs durch die Ana- 
lyse einiger seiner Verbindungen controlirt. Das chlorwasser- 
stoffsaure Salz, das bromwasserstoffsaure und das Piatinsalz zei- 
gen die gewöhnh'che Constitution. 

Chlorwasserstoffsaures Salz Cgg H20 NPS« HCl 
Bromwasserstoffsaures Salz C26 H^oNPSa Hßr 
Piatinsalz C^ e H,o NPS^ H Cl Pt CI^ 

Noch verdient bemerkt zu werden, dafs sich der neue Harn- 
stoff leicht mit Jodmethyl und Jodäthyl vereinigt. Die Methyl- 
verbindung krystallisirt in langen goldgiänzenden Nadeln. 

Cgg H20 NPS2, Cj H3 J 

In das entsprechende Chlorür verwandelt, liefert die Me- 
thylverbindung auf Zusatz von Platinchlorid einen in orange- 
gelben Nadeln krystallisirten Niederschlag. 

C26 H20 NPS., C, H3 Cl, Pt CI2. 

Bei der Behandlung mit Silberoxyd verwandelt sich die Jod- 
verbindung in eine Flüssigkeit von stark alkalischer Beaction, in 
der wir das Oxydhydrat eines Diamin-Phosphonium's 

[C, H3 ((C, S,r (C. H,) (C, H,) NP)]l 



H ) ^' 



annehmen dürfen. Diese Base aber ist von sehr geringer Be- 
ständigkeit, fast im Augenblick ihrer Abscheidung spaltet sie 
sirh in Sulphocyanphenyl und das Oxydhydrat des Methyltri- 
äthylphosphonlums. 

Das Sulphocyanphenyl ist nicht die einzige Schwefelcyan- 
verbindung, welche sich durch das Triäthylphosphin in einen 
Nitrophosphorharnstoff verwandelt. Sulphocyanallyl (Senföl) wirkt 
mit grofser Heftigkeit auf Triäthylphosphin. Nach einigen Ta- 
gen setzt die dunkel gewordene Mischung grofse wohlausgebil- 
dete aber gefärbte Krystalle ab, die ich noch nicht analysirt 
habe, die sich aber unzweideutig als eine der vorherbeschriebe- 
nen analoge Verbindung charakterisiren, in der Allyl an die 
Stelle des Phenyl's getreten ist. 



60 Gesamnilsilzung 

Ich habe auch das Verhalten des Sulphocyanphenyl's gegen 
das Triälhylarsen geprüft. Allein mit der Phosphorbase vergli- 
chen ist das Arsen ein träger Körper. Nichtsdestoweniger setzt 
die Mischung nach Verlauf von einigen Tagen Krystalle ab, 
welche wahrscheinlich den analogen Nitroarsenharnsloff darstellen. 



Hr. Weber gab Nachträge zu seiner Ausgabe (I8'i9) des 
ersten Buches des (^ atapatha Brähmana. 

Bei meinem letzten Aufenthalte in England im Herbst v. J. 
nahm ich die Gelegenheit wahr, die in Oxford befindlichen ac- 
centuirten Handschriften dieses Buches M (MIll 121). B und C 
(Bodley. Wilson 363 und 364) neu zu vergleichen. Es ist das- 
selbe (nebst einem Theile des dreizehnten) das einzige der vier- 
zehn Bücher des betreffenden Brähmana, bei dessen Ausgabe 
mir keine hiesigen Handschriften zu Gebote standen und bei 
dem ich daher blos auf meine im Jahre 184? gemachte Abschrift, 
resp. CoUation der eben genannten Mss. beschränkt war. Die 
neue Collatlon nun hat mir eine Reihe nicht unwesentlicher 
Verbesserungen ergeben, die ich nebst sonstigen dgl., insbeson- 
dere einigen durch Deuterologle im Druck ausgefallenen Stellen, 
wie folgt mitthelle ): 

pag. 1,8 SOT^rär^'lft . — 2,ult. FfTT^^rT.— 4, ii 

rT^^-Tf rTTjqT^ . - 21 "^XTm" bleibt besser, gegen Sä- 
yana (und pag. 131. 134.) . — 6, I2 ^ ^Öf . — 8, 10. 10, 7. 
12,9. l4 T^R^FTIrT rr^°, 3. pers. Dual. Conjunct. — 9,21 
°Fr{3^ FT^^rft ^TJT°. — 11, 17-21 der Accent von "Z^- 
ö^TrT 'st nicht zu ändern wie pag. 1191 vorgeschlagen: mit 



') Den Accent bemerke ich nur da, wo er fehlt oder zu verbessern 
ist. — Vgl. übrigens auch Edit. pag. 134. 1191. 






vom 20. Januar 1859. 61 

rlrr (= FR") beginnt der Nachsatz. — 12, 4 rTf^^T^^R"- 

^T^^. - 14,22^^(^1% tm^m ^ m°. - 15, is 

fJ^^^P'Tr. - 16,9 ^r^üTFrcf ^Wm-> ddruna als 

oxytonon in BC, (vgl. XIII, 4, 4, 9 ;) als paroxytonon in M. — 

j 11 ^FJ^cfr M pr. m. BC. (vgl. VII, 5, 2, 32.) ftj^J^TT M 

sec.m. - 17,1 ^ FöfRJTf ^^\ ^\^J^^^f{^^ ^- 
FTR'Tmr^ ^ ^öfT^tfR. - 18,2 Ffr^T^fFT =^g- 

?rfrr . - 20, 9 u. 12 FTT^^"^". - 24, 4 das erste "^^RT 
ist zu streichen. — 27, 20 TT^HtfrT • — 28, l6 ^fq"- 

HTT . - 21 qr^f^^T % %{: • - 29, lo Fr^"tsrf5fG?iF'72r 

— 33, 1 u. 2'^^Frr MBC, d.i. R'^"; wohl aber besser 
wie Edit. — 34, 21 FTTIi ^ ^^ FFT ist richtig (MBC), nicht 
'" ^R^FTF zu ändern wie pag. 134 vermuthet. — 35, 11 rsT5TTl9" 
fFfFT (MBC) bleibt besser, gegen Säjana. — 17 ^K ^ET^ET 
HörfrT- - 36, 9 ^-qt mit BC. gegen M. - 37, 4 °^- 

qgRcFTg". - 10 gprgr ^ ftä^t bc. (^ fehu m.). - 

40, 13 °^^^ ^ H5rF«T° bleibt so, mit ^mC.Säy. — 41, 15 



62 Gesamrntsilzung 



"^TTT^^TbFT'Tg^"- - 42, 19 ^T nach FTF^^tT Jst zu 
streichen. — 44, 17 ET^RT^^" • - 45, 7 fT^fT 'T^r MBC, 
wohl aber besser mit Säyana wie Edit. — 21 Jj^ (5^» — 46, 

16 girT^r^^.- 47, 5 °-^T^.- 53, 22 tT^TT^rTyrr-. 

— 55, 10. 11 ^R(^^HTFr nach qftZrfT: «nd q"^Tr]^ist zu 

Streichen. — 20 fT «e ^^^ ' ~" ^"»21 rQ"rr^ ist nicht in 
|C(^G| zu ändern (wie pag. 1 191 vermuthet), sondern hat zu blei- 

ben. - 57, 18 gi^JTT^. - 58, 2 ^5ri3^^R^ f%- 

- 9 ^^JT^>T^°. - ÖO, 2 ^TST ftT^°- Auf pag. 1191 
Irrig ^\UX vermuthet. - S u. 9 "CTTbJT^fsH^TrfT ^TFR" 

CTFR ^T t^^^mfFT ^i ^^w^^''. - 62, 22 ^r 

^^TCr#W^. - 63, 22 J^ (BC. J^ M.). - 65, 1 

rTFTTf^FTffr. - 6 feFft'fKÖTFftfFT MBC ist wohl beizu- 
behalten. — 21 ^^ll^r >T^P7°. — 67, 21 ^^ C sec. 

•^ _ _ 

m. B., aber ^^ C pr. m. M. — 68, 17 "^TSf^" (BC. 

-o _ 

^^^ M.). - 69, 6 FTT ^^^. - 70, 8 fTT f% 
^ift-.- 9 °-J=TRTmFn°. - 71,i2^^RT.- ^^ 

>T^rTFrT° ohne Accent MBC, wohl aber irrig. — 72, 3 ffT" 



vom 20. Januar 1859. 63 

^^JrJ MBC (l/ g^) gegen Säj^ana {V ^J^) - — 73, 15 

fW^rr ^FR^. - 74, 6 °q[q%^ FTFT. - 76, 3 bc 

j lesen mf^qf^J^TTf^ (Sdjr. ^J^^J^^) , M- aber wie Edit. 
I C sec. m., aber pr. m. und MB. wie Edit. — 77, 7 P^TWT'TT" 

Fg°. - 78, 10 5r^T ^fTT. - 11 FT^örraWFr^u|^ 

rrg°._ ,5 q-^fqfpT^^-H-. - 22 °fTr% ^^PTFr Cpr.m. 

o _ _ _ _ 

j ^sTIsFr C sec. m., MB wie Edit. - 83, 1 7 FTsTRIrT^ ^^^f 
(C. ?Tr^ W- — R- fehlt von pag. 81, 11 bis 87,16). — 21 

^: 5Tm- - 85, 16 qfrfr ^^ g^M. - 86, i 

g^^ FT^T^. - 80, 4 7jgfT ^"t. - 90, 5 f^^^TfrT 

i' rf^'T ^%Fri?nFf?l3 T^TT f^^(TH FTFTT". - 93, 16 

; FT^t.- 94, 20 W q-fFl^ . - 95, ly vT^jftF^cr 

I ^FT.- 

' Ich benutze diese Gelegenheit um einen unangenehmen Fehler 

In meiner Ausgabe der P^äjas. Samhitd zu verbessern, wo XV, 58 

r- • ■ -^, «- I r r ^ 

nach G?IT^T'7 zu lesen ist [Öf^ S'TTTrl'7^ I FT'TffT etc. — 

Meine Übersetzung der /^o/. S., fiir deren lange Verzögerung ich 
in der That um speclelle Nachsicht bitten mufs, wird mir zu einer 
Vi Retractatio verschiedener anderer Stellen Veranlassung geben. 



64 



Gesammtsitzung 



Hr. Dove theilte eine Bemerkung mit über die Tem- 
peraturgegensätze dieses Winters auf dem Gebiete 
des preufsischen Staates. 

Während häufig eine sehr lange Zeit hindurch die Polar- 
und Äqiiatorialströme in ihren uferlosen Betten ihre Richtung 
unveränder beibehalten, so dafs, während in einem bestimmten 
Gebiete intensive Kälte herrscht auf einem daneben liegenden 
ebenso eine ungewöhnliche Milde ununterbrochen sich zeigt, 
kommen wiederum Jahre vor, und das jetzige ist ein auffallen- 
des Beispiel davon, in welchen die Ströme schnell ihre Stelle 
verändern, so dafs an demselben Orte die Temperatur häufig auf 
und ab schwankt, während wenn man gleichzeitig ein gröfseres 
Beobachtungsgebiet ins Auge fafst verschiedene Stellen dessel- 
ben in der Art ihre Rollen mit einander vertauschen, dafs das 
jetzt zu warme nun das zu kalte wird und umgekehrt. Als Be- 
leg dafür mögen die mittleren Temperaturen der fünftägigen 
Zelträume vom 22. — 26. November und 17. — 21. December 
dienen, die im Folgenden zusammengestellt sind. Positive Zah- 
len bezeichnen um wie viel die mittlere Wärme (Reaumur) im 
Jahr 1858 das zehnjährige Mittel desselben Zeltraums übertraf, 
negative um wie viel es darunter herabsank. 



22.- 


26. 


Nov. 


17. — 21. Dec 


Memel 


— 


0.43 


— 7.44 


Tilsit; 


— 


3.20 


— 7.49 


Arys 


— 


453 


— 7.44 


Königsberg 


— 


4.16 


— 7.54 


Heia 


— 


2.19 


— 5.95 


Danzig 


— 


2.41 


— 6.83 


Schönberg 


— 


3.35 


— 7.85 


Conitz 


— 


3.31 


— 7.26 


Bromberg 


— 


5.32 


— 7.94 


Posen 


— 


3.40 


— 7.08 


Ratibor 


— 


5.86 


— 6.55 


Breslau 


— 


5.34 


— 6 33 


Zechen 


— 


4.20 


— 7.18 


Görlitz 


— 


5.69 


— 2 15 


Frankfurt a. 0. 


— 


4.02 


— 4.66 


Cöslin 


— 


3.03 


— 6.49 


Stettin 


— 


3.22 


— 5.23 



vom 20. Januar 1859. 



65 



22.- 


-26. 


INfov. 


17. — 21. Dec 


Hinrichshagen 


— 


2.87 


— 3 95 


Salzwedel 


— 


2.82 


— 121 


Berlin 


— 


3.13 


— 2.80 


Torgau 


— 


4.73 


— 1.33 


Erfurt 


— 


8.55 


010 


Heiligenstadt 


— 


5.17 


— 0.17 


Gütersloh 


— 


3.00 


0.77 


Paderborn 


— 


3.30 


1.24 


Cleve 


— 


4.00 


0.71 


Cöln 


— 


6.58 


0.26 


Boppard 


— 


3.88 


0.13 


Kreuznach 


— 


8 24 


— 0.45 


Neunkirchen 


— 


3.76 


1.19 


Trier 


— 


6.13 


0.66 



Im November haben die nördlichen Gegenden fast ihre 
normale Wärme, aber mit der Entfernung von der Ostsee stei- 
gert sich die Temperaturerniedrigung immer mehr nach Süden 
und erhält ihr relatives Maximum in Erfurt und Kreuznach an der 
südlichen Grenze unsres Beobachtiingsgebietes. Im December 
hingegen ist die gröfste relative Abkühlung in Ostpreufsen, wo 
sie vorher die kleinste war und nimmt so schnell nach Westen 
hin ab, dafs schon in Erfurt die Grenze des kalten Gebietes 
erreicht ist, und das Rheinland bereits im warmen Strome liegt. 
Bei so schnellem Wechsel kann natürlich keine dauernde Kälte 
hervortreten, die als Gegensatz zu Europa sich nun in Nord- 
amerika zeigt, wo Im Staate New -York am 7. Januar 18Ö9 die 
Kälte — 3U"^ R betrug, während wie mir LIeutnant Bluhm aus 
Erzerum schreibt In Kleinasien der Winter ein ungewöhnlich 
milder Ist. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Memoric deW J. R. Islilulo vcneto. Tomo V. Venezia 1855. 4. 

Atli deW J. R. Isüluto veneto. Tomo I, uo. 8 — 10. Tomo III, no. 9. 

10. Venezia 1855—58. 8. 
Am delle adunanze delV J. R. Isliluto veneto, Tomo VI. Veneria 

1855. 8. 
[185J.] 5 



66 Gesammtsiiiung vom 20. Januar 1859. 

Verhandlungen und MiHheilungen des siebcnhürgischen Vereins für Natur- 
wissenschaften zu Hermannstadt. Jahrgang 8. und 9, no. 1 — 6. 
Hermannstadt 1857—1858. 8. 

Mittheilungen der k. h. Geographischen Gesellschaft. I. Jahrgang, Heft 
2. II. Jahrgang, Heft 1. 2. Wien 1857— 1858. 4. Mit Schrei- 
ben des ersten Sekretärs der Gesellschaft, Hrn. Foet terle , vom 
27. Dez. 1858. 

Monumenti ed Annali pubhlicati dal Instituto di corrispondenza archeolo- 
gica nel 1836. Lipsia (1858). folio. 

Bulletino dell' Instituto di corrispondenza archeologica per Hanno 1856. 
Lipsia (1858). 8. 

Neues Jahrbuch der Pharmacie. Band 10. Speyer 185S. 8. 

Prouhet, Notice sur la vie et les travaux de Mr. Charles Sturm, Paris 
1856. 8. 

Memorie deW J. R. Istituto lombardo di scienze, leltere ed arti. Yol. VII, 
fasc. II. Milano 1858. 4. 

Alberi, Prima applicazione del pendolo all' orologio. Firenze 1858. -4. 

Sammlung der russischen Reichsgesetze. Fortsetzung. Band 1. Pe- 
tersburg 1858. 8. Mit Ministerialrescript vom 17. Jan. 1859. 



Alsdann kamen zum Vortrag: 

1) ein Rescript des vorgeordneten K. Ministeriums, d. d. 
15. Januar dieses Jahres, welches die dem Dr. Philipp Wirt- 
gen in Coblenz von der Akademie zur Fortführung seiner Be- 
arbeitung einer Flora der Rheinprovinz bewilligten 300 Rthlr. 
genehmigt; 

Ferner 2) ein gleiches Rescript vom 14. Januar, welches 
die zur Ausführung des Registerbandes zum Aristoteles dem Prof. 
Bonitz in Wien von der Akademie zur Verfügung gestellten 
200 Rthlr. genehmigt; 

3) Eine Einladung des Dresdener Gewerbe- Vereins, d. d. 
8. Januar, zur Theilnahme bei der Feier des 25jährigen Be- 
stehens desselben, welche dadurch zur Kennlnifs der daran Theil 
zu nehmenden beabsichtigenden Mitglieder gebracht wurde; 

4) Eine Empfangsbescheinigung der Naturforschenden Ge- 
sellschaft zu Danzig, d. d. 14. Januar, für die Abhandlungen von 
1857 und die Monatsberichte vom September 1857 bis Juni 
1858; 



öffentliche Sitzung vom 27. Januar 1859. 67 

5) Ein an Hrn. Ehrenberg ailresslrtes von ihm iiberge- 
benes Danksagiingsschreiben des Hrn. Ed. de Verneuil in Pa- 
ris, d. d. 17. Januar, für seine Ernennung zum correspondiren- 
den Mitgliede der Akademie. 



27. Januar. Öffentliche Sitzung zur Feier 
des Geburtstags Friedrichs des 
Grofsen. 
Der an diesem Tage versitzende Sekretär, Hr. Trende- 
lenburg, eröffnete die Sitzung mit einem Vortrage: Frie- 
drich der Grofse und sein S taatsminister Freiherr 
von Zediitz, eine Skizze aus dem preufsischen Unter- 
richtswesen. 

Auf diese Darstellung, welehe unten abgedruckt ist, folgte 
den Statuten gemäfs der Bericht über die Personalveränderungen 
in der Akademie seit der öffentlichen Sitzung am 28. Jan. v. J, 
Aus dem engern Kreise der ordentlichen Mitglieder schie- 
den durch den Tod Hr. Johannes Müller am 28. April 1858 
und Hr. Theodor Panofka am 20. Juni 1858. 

An auswärtigen Mitgliedern verlor die Akademie Sir Ro- 
bert Brown in London am 10. Juni 1858, Hrn. Friedrich 
Creuzer in Heidelberg am 16. Febr. 1858, ferner das Ehren- 
mitglied Hrn. C. J. Temminck in Leiden am 30. Januar 1858, 
an korrespondirenden Mitgliedern in der physikalisch -mathemati- 
schen Kl..sse Hrn. Karl (. usta v Mo san d'er in Stockholm am 
lij. Oct. 1858, in der phllosophlsch-liislorischen Klasse Hrn. Jo- 
seph Chmel in Wien am 28. Nov. 1858 und Hrn. Giovanni 
Girolanio Orti Manara in Verona. 

Dagegen ergänzte sich die Akademie durch die Wahl des 
Hrn. Theodor Mommsen, bisherigen korrespondirenden Mit- 
gliedes in Breslau, zum or.ientllchen Mitgliede der philosophisch- 
hi.lorlschen Klasse, der Hrn. Friedrich von Thiersch in 
München und Franz Nenmann in Königsberg, bisheriger Cor- 
respondentcn, zu auswärtigen Mitgliedern, A^% RaJscha Radlia- 
kanla Dcva in Caicutta zum Ehrenmitgliede, der Hrn. Her- 

5* 



68 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

mann Abich in St. Petersburg, Michel Chasles in Paris, 
Edouard de Verneuil in Paris zu korrespondirenden Mit- 
gliedern in der physikalisch-mathematischen Klasse, der Hrn. Pe- 
ter von Chlumecky In Briinn, Philippe Le Bas in Paris, 
Georg Rosen in Jerusalem, Anton Schiefner in St. Peters- 
burg, Aloys Sprenger in Heidelberg, Andreas Upström in 
Upsala, Natalis de Wailly in Paris zu korrespondirenden 
Mitgliedern in der philosophisch-historischen Klasse. 



Hr. Homeyer schlofs die Feier mit einem Vortrag über 
die Genealogie der Handschriften des Sachsenspie- 
gels. 

Er legte zunächst die Bedeutung derartiger Untersuchun- 
gen für die deutschen Rechtsbücher überhaupt, als Vorarbeiten 
zu deren Herausgabe dar, und gab dann eine Übersicht der Klas- 
sen, Ordnungen und Gruppen, in welche die Texte des Sachsen- 
spiegels nach dessen Entwicklungsgang sich scheiden lassen. 



31. Januar. Sitzung der physikalisch-mathe- 
matischen Klasse. 

Hr. du Bois-Reymond las über die Abhängigkeit 
der Gröfse der secundär-elektromotorischen Wir- 
kung innerlich polarisirbarer Körper von deren Di- 
mensionen. 

Die wichtige Rolle, welche die innere Polarisation bei ge- 
wissen thierisch- elektrischen Erscheinungen spielt, hat mich 
veranlafst, dieselbe noch nach mehreren Richtungen weiter zu 
verfolgen, als dies in meiner ersten Mittheilung darüber') ge- 
schehen ist. Unter anderen ward es mir wünschenswerth, eine 
deutliche Vorstellung davon zu erlangen, wie die Dimensionen 



*) Diese Berichte, 4. August 1856. S. 450; — Molescho tt's Un- 
tersuchungen zur Naturlehre des Menschen und der Thiere. 185S. Bd. IV. 
S. 158. 



vom 31. Januar 1859. 69 

des Innerlich polarlsirbaren Körpers auf die Stärke der secundär- 
elektromotorischen Wirkung einiliefsen. Offenbar mufs das Ver- 
hältnifs ein sehr verwickeltes sein, Insofern nämlich der Wider- 
stand der innerlich polarlsirbaren Körper stets ein grofser Im 
Vergleich zu dem der Säule und des Multiplicalors ist, die ur- 
spriinj^liche und die secundäre Stromstärke folglich schon in die- 
ser W^eise von den Mafsen jenes Körpers abhängen ; zweitens 
bei wachsendem Querschnitt des Innerlich polarisirbaren Körpers 
die Dichte des gleich stark gedachten ursprünglichen Stromes 
darin abnimmt, die secundär elektromotorische Kraft aber unzwei- 
felhaft nicht mit der ursprünglichen Stromstärke, sondern viel- 
i mehr mit dieser Dichte nach irgend einem Gesetze wächst. 
1 Um elnigermafsen die Folgen dieser verschiedenen Abhän- 

gigkeiten zu übersehen, wollen wir gewisse einfache Voraus- 
setzungen machen, wodurch wir in Stand gesetzt werden, uns 
der Rechnung zu bedienen. 

Es heifse nämlich 

E die elektromotorische Kraft der Säule, die den ursprüng- 
lichen Strom liefert; 

S der Widerstand des Säulenkrelses gemessen bis zum In- 
nerlich polarisirbaren Körper; 

M der Widerstand des Multiplicatorkrelses ebenso gemessen; 

if der Querschnitt Jenes prismatisch gedachten Körpers; 

L die Länge desselben gemessen zwischen den den Grund- 
flächen des Prisma's angelegten Endbäuschen des Säulenkreises; 

mZ/, worin m eine Constante <Z. 1, seine Länge gemessen 
zwischen den Keilbäuschen des Multiplicatorkrelses; 

ar der Widerstand desselben für die Einheit der Länge und 
des Querschnittes; 

endlich t die Dauer der Schliefsung des ursprünglichen 
Stromes. 

Die Stärke des ursprünglichen Stromes wird sein 

Wir wollen annehmen, die im durchströmten Körper Im Augen- 
blick der Öffnung des Säulen- und Schliefsung des Multiplicator- 



70 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

kreises (die als gleichzeitig betrachtet werden) gegenwärtige und 
im letzteren Kreise wirksame Summe E' secundär- elektromotori- 
scher Kräfte sei 1. der Dauer des ursprünglichen Stromes, 2. sei- 
ner Dichte, beides zwischen gewissen Grenzen, 3. der Länge der 
in's Auge gefafsten Strecke rnL einfach proportional. Da die 
Dichte = dem Quotienten aus dem Querschnitt in die Strom- 
stärke, so wird also E' dem Querschnitt, innerhalb gewisser 
Grenzen, umgekehrt proportional sein. 

Dies scheint ganz unverfänglich, doch ist zweierlei dazu zu 
bemerken. Erstens muls man sich den innerlich polarisirbaren 
Körper von sehr gestreckter Gestalt denken, damit man ohne 
merklichen Fehler E' der Strecke mL proportional setzen könne, 
w^eil nämlich die Ableitung zum Multlplicatorkreise nicht von 
den Grundflächen des Prisma's aus, sondern mittelst der Keii- 
bäusche geschieht, in welche sich die Stromescurven hineinbie- 
gen müssen, so dafs ein Thell der zunächst den Ableitungsstel- 
Icn Ihren Sitz habenden elektromotorischen Kräfte nicht zur i 
Wirkung kommt. Für's Zweite sind Gründe vorhanden anzu- \ 
nehmen, dafs die in einem Querschnittselement erzeugte secun- 
där-elektromotorische Kraft im Multlplicatorkreise nur mit elneai , 
Theile wirkt, welcher nicht unabhängig ist von dem Querschnitt I 
des innerlich polarisirten Körpers, von seiner Länge, und vom 
Widerstände des Mulliplicatorkrelses. 

Sieht man von diesen Umständen ab, so hat man also 

I 

E = — n.t . — , mL. 
f 

Setzt man hierin für / dessen Werth aus (I), so erhält man 

„, E mL 

E =— n.t. — — • 

S -t- a- L q 

9 
Unter der schon erwähnten Voraussetzung einer sehr gestreck- 
ten Gestalt des innerlich polarisirbaren Körpers Ist der Wider- 
stand desselben zwischen den Kelibäuschen ohne merklichen Feh- 
ler zu setzen 



vom 31. Januar 1859. 71 

Es crgiebt sich folglich für die Im ersten Augenblick der Schlie- 
fsung des Miiltlplicatorkreises stattfindende Stromstärke der Aus- 
druck 

/'=—„./. -— i— • (11) 

Wie man sieht, kommen in diesem Ausdruck die Dimensionen 
des polarlsirbaren Körpers L und q nur zusammen und zwar 
dergestalt verbunden vor, dafs sie den Widerstand Ats Körpers 
angeben, insofern derselbe von den Dimensionen abhängt. Llefse 
man daher L und q in gleichem Verhältnifs sich verändern, so dafs 

L 

— = r =Ä consl.^ 
1 

so würde die Im ersten Augenblick stattfindende secündäf- elek- 
tromotorische Wirkung dieselbe bleiben, welches auch der Werlh 
von L und q wäre. 

Ein Ergebnlfs, welches auch ohne Rechnung einleuchtet. 
Bleibt nämlich der Widerstand des innerlich polarlsirbaren Kör- 
pers unverändert, so bleibt dies auch die Stärke des ursprüng- 
lichen Stromes, und ebenso der Widerstand des secundären Krei- 
ses, d. h. dfes Kreises, der aus jenem Körper und dem Multipli- 
catorkrelse besteht. In dem Mafse, wie der Querschnitt wächst, 
nimmt freilich, bei sich gleich bleibender Stärke des ursprüng- 
lichen Stromes, die Dichte dieses Stromes im Querschnitt und 
folglich die secundär- elektromotorische Kraft im Längenelemente 
ab. Allein da in demselben Mafse die Länge wachsen soll, sO 
bleibt schliefsllch ^', die Summe der secundar-elektromotorlschen 
Kräfte, constant, und bei sich gleichbleibendem Widerstände des 
secundären Kreises also auch die Stärke der secundar-elektromo- 
torlschen W^irkung im ersten Augenblick. 

Denken wir uns nunmehr r veränderlich und untersuchen 
die Function l' = f {r)^ so zeigt sich, dafs dieselbe für r = und 
r = 00 verschwindet und dazwischen ein Maximum hat für 

1 -xISM. 

r =t — ]/ » 

a- ' m 

wenn also S = M und /m =ä i, für 



72 Sitzung der physikalisch -malhematischen Klasse 



9 



oder fiir den Fall, dafs der Widerstand des innerlich polarisir- 
baren Körpers gleich ist dem des Säulen- und dem des Muili-^ 
plicatorkreises. Geben wir S und M ihre allgemeine Bedeutung 
wieder, denken uns q beständig, und nur L veränderlich, so fin- 
det ein Maximum statt für 



/SM 



<T ' m 



Umgekehrt bei beständigem L und veränderlichem q für 

(III) 



f SM 



Bemerkenswerlh ist noch, was sich ereignet, wenn man 
sich denkt, dafs der Widerstand des Säulen- sowohl als des Mul- 
tlplicatorkreises verschwindet gegen den des innerlich polarisir- 
baren Leiters, und umgekehrt. In beiden Fällen hört die Func- 
tion /'=/(r) auf, ein Maximum zu besitzen. Im ersten Fall 
nämlich wird sie 

ntE 

im zweiten 

Die Stärke der secundär- elektromotorischen Wirkung wird also 
im ersten Falle dem Widerstand des polarisirbaren Leiters, so- 
fern er von dessen Dimensionen abhängt, umgekehrt, im zwei- 
ten gerade proportional sein. 

Es wäre nun von hohem Interesse gewesen, die wichtig- 
sten unter diesen Schlüssen durch den Versuch zu prüfen, theils 
um die Gestaltung des Phänomens unter den fraglichen Um- 
ständen wirklich zu erkennen, theils um sich von dem Mafs von 
Wahrheit und Irrthum in den gemachten Voraussetzungen zu 
überzeugen. Dies würde indessen für's Erste erfordert haben, 
dafs diese Versuche in messende umgewandelt würden, wozu die 
Beseitigung der Polarisation der Platinenden des Multiplicator- 



vom 31. Januar 1859. 73 

kreises und die Anwendung eines wirklichen galvanometrischen 
Mefswerkzeuges, statt des Multiplicators für den Nervenstrom, 
oder Gradtiiriing des letzteren, vor Allem nöthig geworden wä- 
ren. Für's Zweite ist aber noch zu beachten, dafs der Ausdruck 
(II) die Stärke der secundär- elektromotorischen Wirkung unter 
den gemachten Voraussetzungen genau nur im ersten Augenblick 
nach der als gleichzeitig betrachteten Öffnung des Säulen- und 
Schliefsung des Multiplicatorkreises darstellt. Zur Bewährung 
dieser Formel und der daraus abgeleiteten Schlüsse könnte folg- 
lich nur geschritten werden mit Hülfe der von Hrn. Poggen- 
dorff für das Studium der secundär- elektromotorischen Erschei- 
nungen empfohlenen und zwar äufserst schnell bewegten Wippe, 
etwa in der Gestalt, die Hr. Siemens derselben ertheilt hat.'^) 
Obschon ich nun dies Alles für nicht unausführbar hielt, so 
würde es doch auf alle Fälle ein so weit aussehendes Unterneh- 
men geworden sein , dafs ich vor der Hand davon abstehen zu 
müssen glaubte. Ich habe mich damit begnügt, von jenen Schlüs- 
sen solche durch den Versuch zu bestätigen, welche dazu keine 
eigentlichen Mafsbestimmungen erfordern, wobei ich also aufser 
Acht lassen durfte erstens, dafs die bei Schliefsung des Multi- 
plicator- nach Öffnung des Säulenkreises erfolgende Summe se- 
cundär- elektromotorischer Wirkungen auf die Nadel der Gröfse 
der im ersten Augenblick stattfindenden secundär- elektromotori- 
schen Kraft möglicherweise nicht einfach proportional ist; und 
zweitens, dafs wenn auch diese Proportionalität staltfände, der 
Ausschlag der Nadel doch nicht entfernterweise ein getreues 
Mafs jener Summe liefert. Sogar von solchen Prüfungen habe 
ich übrigens nur den allerkleinsten, wenn auch wichtigsten 
Theil bisher anzustellen vermocht. 

, L 

1. — = consl. 
V 

Ein Punkt, der zunächst zur experimentellen Bestätigung 
einlud, war das oben der Formel (II) entnommene Ergebnifs, 
dafs die Gröfse der secundär- elektromotorischen Wirkung von 



') Vgl. Poggendorff's Annalen der Physik und Chemie. 1844. 
Bd.LXI. S. 586; — 1857. Bd. CIL S. 70. 



74 



Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 



der Länge und dem Querschnitt ganz unabhängig sei, wenn 
nur das Verhäitnifs beider beständig bleibe. 

Ich liefs von einem gescliickten Tischler aus demselben 
Stück Weilsbiicheiiholz fünf Paar Stäbe von verschiedener Gröfse 
schneiden, an denen diese IJedingung möghchst genau erfüllt 
war. Dieselben besalsen nämlich (in rheinischen Zollen) fol- 
gende Mafse: 



III. 



IV. 



Lange 


1" 


2" 


3" 


1 4" 


6- 


Querschnitt 


\" X !-" 




V'xv 


XII y. V 

8 '^ 8 


3,« j^ 111 

8 '^ 8 



Diese Stäbe wurden in destillirtem Wasser gesotten, bis 
sie untersanken und anzunehmen war, dafs sie alle auf allen 
Punkten gleichmäfsig damit durchtränkt seien. Die Stäbe wur- 
den, bei den folgenden Versuchen, um ihnen den ursprünglichen 
Strom zuzuleiten, mit ihren beiden Enden zwischen die Zulei- 
tungsbäusche der Säule eingeklemmt. Die Enden waren, wie 
ich es häufig bei diesen Versuchen thue, um das Eindringen des 
Kupfersalzes zu verhindern, mit Schildern aus Modellirthon be- 
kleidet. Der Modellirthon ist zwar selbst innerlich polarisirbar, ') 
indessen verschwinden die secundär- elektromotorischen Wirkun- 
gen, deren er fähig ist, gegen die des Holzes sogar bei gleichen 
Dimensionen; vollends mulste dies hier der Fall sein, wo die 
Dicke der Thonschilder gegen die Länge der Stäbe, mit Aus- 
nahme vielleicht des kürzesten, kaum in Betracht kam. 

Die gröfstmögllche Dünne der Schilder war übrigens noch 
durch eine andere Betrachtung geboten. Durch die Einführung 
derselben in den Säulenkreis geht der erste Factor des Nenners 
in (II) über in 

2tX tL 
S-\ 1 

wo T den eigenthümlichen Widerstand des Thons, A die Dicke 
des Thonschildes bezeichnen. Da in dem hinzugetretenen Gliede 



') S. diese Berichte, 4. Aug. 1856. S. 455. 



vom 31. Januar 1859. 75 

der Querschnitt des innerlich polarisirbaren Körpers nicht mehr 
mit der Länge zusammen in der Art vorkommt, dafs dadurch 
der Widerstand jenes Körpers ausgedrückt wird, insofern er von 
den Dimensionen abhängt, so wiinie, wenn dieses Gh'ed einen 
grofsen Einflufs ausübte, die Schluf;-folge, auf deren Bestätigung 
im Versuch es hier abgesehen ist, in ihren Vordersätzen unter- 
graben werden. Es mufs also darauf geachtet werden, dafs 
2tX : q möglichst klein sei, was, da t durch die Natur der Dinge 
und q durch den angewandten Stab gegeben sind, nur dadurch 
geschehen kann, dafs man ?. mögliebst klein, d. h. die Thon- 
schilder möglichst dünn nimmt. 

Um die secundär- elektromotorische Wirkung von den 
Stäben abzuleiten, wurden denselben die mit doppelten EI- 
weifshäutchen bekleideten Schneiden der Keilbäusche angelegt; 
wenn die Stäbe nicht quadratisch waren, der einen breiten Seite, 
allen aber an zwei im Voraus bezeichneten, von ihren beiden 
Enden gleich weit entfernten und zwar so gewählten Stellen, 
das 771 = i^. 

Einige Vorversuche lehrten, dafs, um am Multiplicator für 
den Nervenstrom einen Ausschlag von passender Gröfse durch 
die secundär- elektromotorische Wirkung dieser Stäbe zu erhal- 
ten, der Durchgang des Stromes von zehn Grove'schen Ele- 
menten während eines gewissen durch das Uhrwerk*) abge- 
messenen Bruchtheils einer Secunde genügte, dessen absoluten 
Werlh ich noch nicht kenne und daher vorläufig mit ' „ " bezeichne. 
Diese Anordnung wurde beibehalten, da anzunehmen war, dafs 
der Widerstand der mit destillirtem Wasser getränkten Stäbe 
noch immer grofs genug war im Vergleich zu dem der zehn- 
gliederigen Grove'schen Säule, damit nicht eine Annäherung 
an den durch (IV) ausgedrückten Zustand stattfinde, während es 
aus Gründen, die ich hier noch nicht erörtern mag, zweckmäfsig 
schien, die Schliefsung des Säulenkreises möglichst kurz dauern 
zu lassen. 

Die Stärke des ursprünglichen Stromes, die begreiflich mit 
allen Stäben dieselbe sein mufste, wurde durch den Ausschlag 



*) S. diese Berichte, 17. Juli 1856. S. 395. 



76 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

bestimmt, den derselbe an einer Tangentenbiissole mit Spiegel- 
ablesung hervorbracbte. Der Spiegel schwang so viel schneller 
als das Nadelpaar des Muitiplicators für den Nervenstrom, dafs 
es keine Schwierigkeit halte, zuerst den Ausschlag durch den 
ursprünglichen Strom, dann den durch die secundär- elektromo- 
torische Wirkung zu beobachten. 

Es wurden nun nach einander, jedoch ohne in Bezug auf 
die absolute Gröfise der Stäbe irgend eine Ordnung zu beob- 
achten, mit jedem der beiden zu einem Paar gehöriger Stäbe 
vier Versuche angestellt. Bei zweien ging der Strom in der 
einen, bei den beiden anderen in der anderen Richtung, durch 
die Stäbe. Die Zahlen in der folgenden Tabelle sind demnach 
Mittel aus acht Ablesungen. Die Zahlen in der mit U bezeich- 
neten wagerechten Reihe sind die Ausschläge durch den ursprüng- 
lichen Strom, die in der mit S bezeichneten die durch die se- 
cundär-elektromotorische Wirkung. 

I I I II I III I IV I V 
U \ 38.2 ) 49.9 I 34.9 | 45.4 | 46.0 
^^ I 55.8 I 59.5 I 45.7 | 55.6 \ 50.6 

Die Zahlen der zweiten Reihe stimmen zwar nicht besonders, in- 
dem die unter II und III eine etwas grofse Abweichung vom 
Mittel zeigen. Da aber die Zahlen der ersten Reihe in dem- 
selben Sinne abweichen, so ist klar, dafs in diesen Fällen, aus 
irgend einem Grunde, das Product aus Stärke in Dauer des ur- 
sprünglichen Stromes beziehllch gröfser oder kleiner war als sonst. 
Erwägt man , dafs während die absoluten Dimensionen der Stäbe 
so aufserordentlich wachsen, die Zahlen, welche die ungefähre 
Gröfse der secundären Wirkung bemessen, sich beinahe gleich 
bleiben, und höchstens spurweise eine Abnahme nach der Rich- 
tung der wachsenden absoluten Dimensionen erkennen lassen; 
nimmt man hiezu die zahlreichen Fehlerquellen, als da sind ver- 
schiedene Leitungsfähigkeit und Polarlsirbarkeit des Holzes, ra- 
scheres Austrocknen der Stäbe von kleinerem Querschnitt, ver- 
schiedene Leitungsfähigkeit und Dicke der Thonschllder, ver- 



vom 31. Januar 1859. 77 

schledene Dauer der Schllefsung des Säulenkreises (da das Uhr- 
werk Lei so kurzen Zelträumen etwas weniger verläfslich arbei- 
tet), verschiedenes Anlegen der Kellbäusche, Austrocknen der 
Eiweifshäulchen und Kindringen des Salzes in dieselben, u. d. m.: 
so gelangt man zu dem Schlüsse, dafs das theoretisch vorherge- 
sehene Gesetz sich im Versuch hinreichend bewährt habe um 
annehmen zu können, dafs es nicht allzuweit von der Wahrheit 
abweiche. In diesem Schlüsse wird man noch bestärkt durch 
die Wahrnehmung, zu der uns alsbald Gelegenheit werden wird, 
wie rasch und gesetzmäfsig die secundär-eleklromotorlschen Wir- 
kungen sich verändern, sobald nicht blofs die absoluten, sondern 
auch die relativen Dimensionen des innerlich polarislrbaren Kör- 
pers sich verändern. 



II. Maximum i n B e z u g a u f Z. 

Demnächst versuchte ich nämlich jetzt, das durch die 
Rechnung verkündigte Maximum der secundär-elektromotorlschen 
Wirkung In Bezug auf den Leitungswiderstand des innerlich po- 
larislrbaren Körpers, sofern er durch die Dimensionen bestimmt 
wird, nachzuweisen, und zwar zuerst indem ich, bei beständigem 
Querschnitt, allein die Länge wachsen h'efs. Zu diesem Zweck 
brachte ich auf der einen schmalen Seite der in der vorigen 
Versuchsreihe mit V bezeichneten, 6" = 156.9""° langen, mit 
destlllirtem Wasser getränkten weifsbiichenen Stäbe, eine will- 
kürliche Thellung an, deren Grade beiläufig sehr nahe =2""° 
waren. Der Stab wurde mit dem einen Ende eingeklemmt, so 
dafs er wagerecht frei schwebte. An die eine seiner dabei senk- 
recht gestellten breiten Seltenflächen wurden die mit doppelten 
Eiweilshäutchen bekleideten Keilbäusche des Säulenkreises, an die 
andere, jenen genau gegenüber, die des Multipllcatorkreises ge- 
legt, so dafs also m hier = 1 war. Der ursprüngliche Strom 
wurde von nur fünf Grove'schen Elementen geliefert. Die 
Dauer der Durchströmung war auch hier nur ' /n "• Ich gebe 
die Zahlen einer Versuchsreihe, in Mitteln aus zwei Beobach- 
tungen mit verschiedener Richtung des ursprünglichen Stromes. 



78 Sitzung der physikalisch-mathentalischen Klasse 



L 




No. 


^ 


I «^ 


1 No. 


U 


1 ^ 


5 




1 


75. .3 


3.7 


26 


ÖXl 


..0 


10 




2 


54.5 


17,5 


25 


39.0 


7.0 


15 




3 


39.2 


26.2 


24 


35.0 


22.0 


20 




4 


34.2 


34.0 


23 


31.7 


30.5 


25 




5 


25.5 


30.5 


22 


27.5 


31.7 


30 




6 


23.7 


30.0 


21 


24.0 


30.2 


35 




7 


23.2 


32.5 


20 


22.7 


31.5 


40 




8 


19.7 


29.2 


19 


19.2 


26.5 


45 




9 


16.7 


26.0 


18 


20.0 


30.0 


50 




10 


16.0 


25.5 


17 


15.5 


24.2 


60 




11 


12.0 


22.0 


16 


15.2 1 


26.2 


70 




12 


9.7 


19.0 


15 


11.5 


20.0 


80 




13 


9.4 


17.0 


14 


9.2 


16.5 



In dieser Tabelle zeigt die erste Columne (L) die zwischen 
den beiden Paaren von Querbliiischen begriffenen Längen des 
feuchten Holzstabes in Graden jener willkürlichen Theilung an; 
die zweite und fünfte (No.) enthalten die Nummern der Ver- 
suche; die mit S und U bezeichneten haben dieselbe Bedeutung 
wie in der vorigen Tabelle- Beim Verfolgen der Versuchsnum- 
mern bemerkt man dafs ich zuerst L von 5 bis auf 80° wach- 
sen und dann wieder bis auf 5° sinken liefs. Dies hatte zum 
Zweck die Veränderungen der verschiedenen Theile der Vor- 
richtung, die während der mehrere Stunden langen Dauer des 
Versuches nicht wohl zu vermeiden waren, unschädlich zu ma- 
chen. Man sieht, dafs unserer Vorhersicht gemäfs, ein Maximum 
der secundär-elektromotorischen Wirkung in Bezug auf die Länge 
des innerlich polarisirbaren feuchten Leiters wirklich stattßndet. 
Dasselbe liegt zwischen den Längen 20^ und 35^. Die Aus- 
schläge schwanken hier so wenig, dafs ihre Unterschiede inner- 
halb der Grenzen bleiben, zwischen denen sie sich auch ohne 
Veränderung der Länge zeigen würden, wenn die Keilbäusche 



vom 31. Januar 1859. 79 

mehrmals entfernt und wieder hinangeschoben worden wären. 
Jenseits des Maximums nimmt die secundär- elektromotorische 
Wirkung weit langsamer ab, als sie diesseits desselben anstieg. 

Ähnliche Versuche mit gleichem Erfolg, wenn auch nicht 
so wohl ausgesprochener Gesetznialsigkeit der Zahlen, habe ich 
auch noch mit dem oben S. 76 mit III bezeichneten Stäbepaar 
angestellt. 

III. Maximum in Bezug auf 9. 

Nunmehr handelte es sich darum, das Dasein eines Maxi- 
mums auch in Bezug auf 9, bei beständig gehaltenem Z, nach- 
zuweisen. Dies hatte sehr viel gröfsere Schwierigkeiten. Erstens 
giebt er keine Art den Querschnitt des innerlich polarisirbaren feuch- 
ten Leiters mit solcher Leichtigkeit zu verändern, wie die beim Ver- 
such in Betracht kommende Länge desselben, und zweitens wird 
der Vergröfserung des Querschnittes durch die Mafse der Bäusche 
sehr bald eine nicht zu überschreitende Grenze gesetzt, wenn 
nicht ganz andere Einrichtungen nöthig werden sollen. 

Zuerst schnitt ich aus grofsen Kartoffeln Prismen von un- 
gefähr 40""" Länge und möglichst grofsem Querschnitt, klemmte 
sie, an ihren Grundflächen mit möglichst dünnen Thonschildern 
versehen, zwischen die Zuleitungsbäusche der Säule ein, und legte 
ihnen die mit doppelten Eiweifshäutchen bekleideten Kellbäusche 
des Multlplicatorkrelses an. Es zeigte sich , dafs bei 1" langer 
Dauer des ursprünglichen Stromes dreifsig Grove'sche Glieder 
nothwendig waren, um am Multlplicator für den Nervenstrom 
eine secundär -elektromotorische Wirkuug von passender Stärke 
zu erzeugen. Ich spaltete nun das Prisma der Länge nach, be- 
obachtete abermals die secundär-elektromotorische Wirkung, und 
so fort, bis ich das Prisma auf einen ganz dünnen Streifen des 
Kartoffelgewebes zurückgeführt hatte. Allein nur in seltenen 
Fällen gab sich, und auch nicht ganz überzeugend, anfangs eine 
Verstärkung, und erst später eine Schwächung der Wirkung in 
Folge der Verdünnung des Prisma's kund. Nur das zeigte sich 
allerdings, dafs von einer gewissen Grenze an die Wirkungen 
mit weiter wachsender Dicke nicht mehr merklich zunehmen. 
Unter der Voraussetzung, dafs ein Maximum wirklich vorhanden 
und die Formel (III) richtig sei, war es deutlich, dafs dasselbe 



80 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

in diesen Versuchen nicht erreicht werden konnte, weil die 
Bäusche sowohl, als die Kartoffeln, vermöge Ihrer absoluten Di- 
mensionen, nicht die Anwendung eines Prisma's von solchem ; 
Querschnitt erlaubten, dafs die in (III) ausgesprochene Bedin- 
gung erfüllt würde. Es konnte aber, von den Im Zähler ste- 
henden Factoren dieses Ausdrucks, o- naturgemäfs nicht verklei- 
nert werden, L aber deshalb nicht, weil alsdann die Gesetze 
der linearen Stromverlheilung auch nicht mehr annähernd an- 
wendbar gewesen wären, und weil dadurch die secundär-elektro- 
motorlsche Wirkung selber zu sehr geschwächt worden wäre. 
Aus demselben Grunde kann die Verkleinerung von m nicht f 
viel helfen, die ich übrigens fruchtlos bis zu zw =: ^ trieb. 

Eben so unglücklich war ich mit aus Thon gekneteten 
Stäben von verschiedenem Querschnitt, und mit balkenförmigen 
Fllefspapierbäuschen, die mit destilliilem Wasser getränkt waren, 
und von denen Ich Schicht um Schicht ablöste um ihren Quer- 
schnitt allmällg zu verkleinern. Indessen führte mich dieser 
letztere Versuch auf den Gedanken der Methode, mit deren Hülfe 
es mir zuletzt doch gelang, das Maximum der secundär- elektro- 
motorischen Wirkung auch in Bezug auf den Querschnitt dar- 
zuthun. 

Es war nämlich klar, dafs es sich darum handelte, einen in- 
nerlich polarlsirbaren Körper von geringerem elgenthümlichen 
Widerstände zu haben, als Kartoffelgewebe, Thon, Fllefs- 
papler mit W^asser getränkt. Ein solcher ist das mit einer 
Salzlösung getränkte Holz, welches sich damit noch immer, 
obschon bei weitem nicht so stark wie mit Wasser, kräftiger i 
secundär -elektromotorischer Wirkungen fähig zeigt.*) Die An 
Wendung des Holzes bot aber eine doppelte Schwierigkeit. Er 
stens die, es vollkommen glelchmäfsig mit der so schwer darin |u 
eindringenden Salzlösung zu tränken, zweitens die, dafs man i 
nicht weifs, wie man den Querschnitt nach Belieben veränder-p- 
Ilch machen könne. Denn daran, ein feuchtes Holzprisma etwap 
zu spalten oder mit der Säge allmällg zu verkleinern, war aus|u 
vielerlei Gründen nicht zu denken. 



') S. diese Berichte, 4. Aug. 1856. S. 456. 



vom 31. Januar 1859. 81 

Ich half mir folgendermafsen. Aus Birkenfonrnier liefs Ich 
lelne hinlängliche Anzahl Streifen von 6" Länge, y Breite und 
Ij-j" Dicke schneiden. Einen Theil davon sott ich in gesättigter 
Kochsalzlösung bis sie darin untersanken. Auf die In passenden 
Absland gerückten Zuleilungsbäuscbe der Säule legte ich nun 
zuerst einen Streifen mit seinen beiden Enden flach auf, gegen 
Verunreinigung mit dem Kupfersalz durch ein Thonschild geschützt. 
An die eine Kante des Streifens schob Ich, In geringer Entfer- 
nung von dessen Enden, die Keilbäusche des Multiplicatorkreises, 
hier natürlich ohne Eiweifshäutchen, da ja der Streifen gleich- 
falls mit Kochsalzlösung getränkt war. Nachdem die secundär- 
elektromotorische \\ irkung unter diesen Umständen bestimmt 
war, legte ich auf den ersten Streifen einen zweiten, auf diesen 
einen dritten, und so fort nach Bedürfnifs, Indem ich Sorge 
trug, dals die Kante der Streifen stets in genaue Berührung mit 
den Schneiden der Keilbäusche kam. Die Säule mufste, bei 'L" 
dauerndem Durchgang des Stromes, dreifsiggliederig genommen 
werden. Die secundare Wirkung wurde wie bisher am MultiplI- 
cator für den Nervenslrom, die ursprüngliche an der Spiegel- 
bussole beobachtet. In der folgenden Tabelle, deren Zahlen das 
Mittel aus vier Ablesungen bei verschiedener Richtung des ur- 
sprünglichen Stromes, und bei wachsender und abnehmender 
Anzahl der Streifen sind, bedeuten die obersten Zahlen die An- 
zahl der angewandten Fournierstreifen. 

Ii|2|3|4i5|6|8 
C I '27.7 i 33.1 i 4-J.O I 44.1 I 44.5 | 4Ö .U | 46.5 
S I 5.0 I 6.7 I 4.0 I 4.1 I 2.8 | ? j ~ 

Bei 6, vollends bei 8 Streifen fand nur noch eine ungewisse 
Spur secundär-elektromotorischer Wirkung statt. 

Da, bei verschwindendem Querschnitt des Innerlich polari- 
slrbaren Körpers, die secundär-elektromotorlsche Wirkung noth- 
wendig gleichfalls verschwinden mufs, so Ist durch diese Ver- 
suchsreihe nunmehr ein Maximum jener Wirkung auch in Bezug 
auf den Querschnitt erwiesen, wenn gleich die derselben ent- 
sprechenden Zahlen von 1 bis 2 Streifen nur unbedeutend 
wachsen. 

[1859.] 6 



82 Sitzung der physikalisch-Tnathematischen Klasse 

Besser spricht sich das Gesetz in folgender Versuchsreihe 
aus, welche mit ähnlichen Streifen angestellt wurde, die ich aber, 
statt in Kochsalzlösung, in schwefelsaurer Kupferoxydlösung ge- 
sotten hatte. Hier fielen die Thonschilder zwischen den Strei- 
fen und den Säulenbäuschen fort, hingegen ward es nöthig, die 
Keilbäusche mit mehreren Lagen Fliefspapler zu bekleiden, von 
denen die innersten mit Kochsalzlösung, die äufsersten mit schwe- 
felsaurer Kiipferoxydlösung getränkt waren. Die secundär- elek- 
tromotorische Wirkung war so sehr viel gröfser*), dafs es 
genügte, fünf Grove'sche Glieder '^'„" lang einwirken zu las- 
sen, aufserdem aber die Empfindlichkeit des Multipllcators für 
den Nervenstrom noch bedeutend gemäfslgt werden mufste. Die 
Zahlen in der mit ^ bezeichneten senkrechten Spalte sind mit 
einem der Länge nach in zwei gleich breite Hälften zerschlitz- 
ten Fournierstreifen gewonnen. 

I ^2 I 1 I 2 I 3 I 4 I 5 I 6 I 8 I 10 
U I 1 8 .2 I 19.6 I 47.3 , 6U.6 j 67.2 | 65.7 i 68.2 | 67.0 | ö6.3 
S I 10.7 I 19.6 1 22.6 | 19.0 1 11.7 | 11.0 ] 7.7 | 5.5 | ;10 

Das Dasein eines Maximums in Bezug auf den Querschnitt 
ist hienach nicht zu bezweifeln. Befremdend ist jedoch, dafs 
mit der Kupferlösung das Maximum wie mit der Salzlösung be- 
reits bei zwei Dicken erreicht wurde. Nach Formel (IH) hätte 
man erwarten sollen, dal's, wegen des gröfseren o- und des klei- 
neren SM, das dem Maximum entsprechende q mit der Kupfer- 
lösung gröfser hätte sein müssen. Dagegen ist es aber doch 
eingetroffen, dafs mit den mit Salzlösungen getränkten Holz- 
streifen das Maximum bei einem viel geringeren Querschnitt 
erreicht wurde, als mit den mit destilllrtem Wasser getränk- 
ten Fliefspaplerbäuschen, dem Thon und den aus Kartoffeln ge- 
schnittenen Prismen. 

Diese Versuche beweisen somit hinlänglich streng Folgendes: 
Die Stärke der secundär-elektromotorlschen Wirkung Innerlich pola- 
risirbarer Körper ist eine Function des Widerstandes dieser Kör- 
per, sofern derselbe durch die Dimensionen bestimmt wird. 
Diese Function besitzt ein Maximum, welches bei beständiger 



^) S. diese Berichte, 4. Aug. 1856. S. 460. 



vom 31. Januar 1859. 83 

Liinge und wachsendem eigentlüimllchen Widerstände der Inner- 
lich polarisirbaren Körper in Bezug auf 9 weiter hinausriickt. Bei 
weiter wachsendem Querschnitt verschwindet die secundär- elek- 
tromotorische Wirkung. 

Diese Ergebnisse stimmen mit der obigen Theorie iiberein, 
und sind zum Theil eigenlhiimlich genug, um es wahrscheinh'ch 
zu machen, dafs diese Übereinstimmung nicht auf einem blofsen 
Zufall beruhe. 

Weiter bin ich in dieser Bichtung nicht fortgeschritten. 
Das Bisherige genügle für meine Zwecke, und diese Prüfungen 
stellten sich doch auch bei dieser lockeren Art der Behandlung 
als viel zu schwierig hei*aus, als dafs es sich für mich der Mühe ver- 
lohnt hätte, damit weiter fortzufahren. Es däucht mir aber hier 
ein schönes Feld für weitere Bestrebungen in scharf messendem 
Sinne offen zu stehen. 



Hr. Kiotzsch theilte hierauf Beobachtungen des Hrn. Dr. 
M.Traube in Ralibor über die Respiration der Pflanzen 
mit. 

Das Keimen der Pflanzensaamen geht bekanntlich nur bei 
Gegenwart von Wasser und Sauerstoff vor sich , der hierbei in 
ein glelclies Volum Kohlensäure verwandelt wird. Dieser Oxy- 
dationsprozefs ') findet aber nicht nur statt, bis das Wür^elchen 
ausgetreten ist, sondern setzt sich auch fort, wenn man die ge- 
keimten Saamen unter Abschlufs des Sonnenlichts sich weiter 
zu bleichenden Pflänzchen entwickeln läfst. 

Der Keim wächst hier auf Kosten der in den Saamenlappen 
aufgehäuften Vorrälhe, wie daraus hervorgeht, dafs sein Wachs- 
thum aufhört, sobald man die Cotyledonen abtrennt. 

Aus Gründen, deren Darlegung mich hier zu weit führen 
würde, war es mir wahrscheinlich, dals der während des Wachs- 
thums im Dunkeln aufgenommene Sauerstoff nicht von den 
Saamenlappen, sondern von dem sich entwickelnden 
Keim aufgenommen werde. Ich machte deshalb nachste- 
hende Versuche, die alle, aus später leicht ersichtlichen Grün- 



') Statt Oxydation, ein Ausdruck, der bisher nur im anorganischen 
Reiche Anwendung fand, könnte man füglich Umwandlung sagen. Kl. 

6* 



'84 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

den, unter Abschlufs des Sonnenlichts vorgenommen 
werden mufsten. 



Übt der Sauerstoff einen Einflufs auf die Saa- 
menlappen aus? 

Versuch 1. 

Die Cotyledonen eines Erbsenpflänzchens, dessen Stengel 
in der Dunkelheit eine Länge von 2<^ Zoll erreicht hatte, wur- 
den In ausgekochtes, luftfreies, mit einer ölschicht bedecktes 
Wasser mit sammt den Wurzeln eingetaucht, während der Keim 
frei In die Luft hinausragte. 

Innerhalb 36 Stunden war der Keim um 11- Zoll gewach- 
sen, trotzdem die Cotyledonen In diesem Versuch keinen Sauer- 
stoff aufnehmen konnten. Andere Erbsenpflänzchen, die In 
Erde unter gewöhnlichen Verhältnissen vegetirten, wuchsen nicht 
schneller. 

Versuch 2. 

Einem Erbsenpflänzchen, dessen Stengel in der Dunkelheit 
eine Länge von 3 Zoll erreicht hatte, wurde ein Keimblatt ab- 
getrennt, um das andere desto bequemer dick mit Collodium be- 
streichen und der Einwirkung des Sauerstoffs gänzlich entziehen 
zu können. Darauf wurde das Pflänzchen wieder in feuchte 
Erde gesetzt, doch so, dafs das Keimblatt 2 Linien über dem 
Erdboden völlig unbedeckt schwebte, damit die Flüssigkeit in der 
Erde den Coliodlumiiberzug nicht lockerte. 

Nach 24 Stunden war das Pflänzchen Im Dunkeln um 1 Zoll, 
nach weiteren 48 Stunden um weitere 2\ Zoll gewachsen. Ais 
der Versuch dann beendigt wurde, zeigte sich der Collodlum- 
überzug noch fest anhaftend. 

Der nämliche Versuch wurde mehrere Male mit demselben 
Erfolg wiederholt. 

Aus diesen beiden Versuchen erglebt sich, dafs der Oxy- 
dationsprozefs ^) bei dem Keimen der Pflanzen nicht 
in den Cotyledonen vor sich geht. 



^) Vergleiche umstehende Bemerkung. 



vorn 3t. Januar 1859. 85 

Eine gelegentliche Bemerkung des so genauen Beobachters 
Saussure scheint diesem Experiment zu widersprechen. Er 
theilt (Saussure, deutsche Übersetzung, S. lU) mit, „dafs, 
„wenn man S.iainen der ßufLohnen in Wasser keimen liifst, die 
„Pllanze, welche heraufkommt, nicht anders gedeihen kann, als 
„so lange ihre Saaraenlappen über der Oberfläche des Wassers 
I „bleiben." 

Es kann sich aber der Einflufs des Sauerstoffs hier ebenso 

1 gut auf das junge PHänzchen direkt beziehen, welches unmiltel- 

:| bar nach dem Keimen noch lange nicht die Länge der Saamen- 

I läppen erreicht hat, mllhin in jenem Fall ebenialls noch unter 

Wasser befindlich ist. 



Übt der Sauerstoff auf den Keim einen Einflufs 
aus? 

Versuch 3. 

Kartoffelkeime, die eben heraustraten, von ^ bis 1 Linie 
Länge, wurden mit ColioiJium betupft. Nach einigen Stunden 
bereits waren sie zu dünnen, trocknen Resten zusammengetrock- 
net. Bestrich man aber nicht den Keim selbst, sondern nur die 
Kartoffel In der Umgebung der Augen, in dem Umkreis von 2 
bis 3 Linien mit Coliodium, so trocknete der Keim nicht ein, 
sondern wuchs freudig fort. 

Nicht blofs ein Überzug von CoUodlum lödtete den Keim, 
schon das dicke Bestreichen mit einer Mischung von öl mit 
Schlemmkreide hemmte sofort die Entwicklung eines schon 1^ 
Zoll langen Kartoffel-Ausläufer. 

Bestrich man die eine Seite eines 2 Zoll langen Keims der 
Länge nach mit Olfirnlls, so wuchs nur die andere Seite und 
während das junge Pilänzchen sonst iothrecht in die Höhe wuchs, 
bog sich hier bei weiterer Entwicklung die Terminalknospe 
nach unten. 

Beiläufig erwähnt, beweist die Thatsache, dafs auch In völ- 
liger Dunkelheit die Pflanzen Iothrecht In die Höhe wach- 
sen, dafs dieses Phänomen nicht, wie man glaubt, mit der Ein- 
wirkung des Sonnenlichts In Irgend einer Beziehung steht, son- 
dern auf ganz andern Ursachen beruht. 



86 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Versuch 4. 

Eine Kartoffel hatte in der Dunkelheit in feuchter Erde 
einen 6 Zoll langen Stolo getrieben, der mit zahlreichen Wiir- 
zelfasern in der Erde befestigt war. Ohne die Lage der Kar- 
toffel und der Wurzelfasern zu ändern, wurde der Keim in 
eine, mit dem untern offenen Knde in Quecksilber tauchende 
Glasröhre hineingebogen, die mit atmosphärischer Luft gefüllt 
und durch das Quecksilber gesperrt war. In zwanzig Stunden 
war der in die Röhre frei hineinragende Thell des Keims um 
1 Zoll gewachsen. Hierauf wurde reines Wasserstoffgas hineln- 
geleitet, um jede Spur atmosphärischer Luft hinauszutreiben. 
Nach 37 Stunden hatte sich die Knospe des Stolo auch nicht 
um eine Spur verlängert. Herausgenommen zeigte sich die Ter- 
minalknospe und der angrenzende Stolo-Theil bis zur Länge von 
1 Zoll gänzlich verwelkt. Der untere Thell des Ausläufers war 
gesund geblieben und trieb späterhin aus einem Rlattwlnkel eine 
neue Knospe. 

Zwei andere Versuche der nämlichen Art gaben das näm- 
liche Resultat. Übrigens verminderte sich in diesen Versuchen 
regelmäfslg das Volum der Atmosphäre in der Glasröhre, weil 
durch Diffusion längs des in Quecksilber eintauchenden Slengel- 
theils ein Thell Wasserstoff austrat und durch eine kleine Menge 
atmosphärischer Luft ersetzt wurde. 

Versuch 5. 

Mit Erbsenpflänzchen gelang der Versuch in dieser Weise 
nicht, weil sie die Abwesenheit des Sauerstoffs länger ertragen 
können und die durch Diffusion langsam eindringende Luft ge- 
nügt, ihr Wachsthum zu unterhalten. 

Hier mufste, nachdem durch Versuch 1. festgestellt war, 
dafs Cotyledonen und Wurzel auch unter Abschlufs des Sauer- 
stoffs functioniren, die ganze Pflanze in eine Atmosphäre von 
reinem Wasserstoff gebracht werden. 

5 Erbsenpflänzchen wurden aus der Erde herausgenommen 
und in ein unten offenes, mit lufifrelem Wasser gefülltes Glas- 
rohr hineingebracht, das dann durch Quecksilber abgesperrt 
wurde. Hierauf trieb man durch reines Wasserstoffgas das 



vom 31. Januar 1859. 87 

Wasser bis auf einen kleinen Theil aus, der zur Ernährung der 
Pflanzen nölliig war und nur die Wurzeln bedeckte. 

Iniierlialb 47 Stiiinlen hatten sich sämmtliche Pflanzen Im 
Dunkeln auch nicht imi eine Spur verlängert. Herausgenommen 
zeigten sie sich gänzlich verwelkt. In den letzten 17 Stunden 
des Versuchs vergröfserte sich das bis dahin constante Volum 
des eingeschlossenen Gases, durch Kohlensäureentwicklung in 
Folge eingetretener Fäulnifs. 

In einem anrleren, in der nämlichen Weise mit einem ein- 
zigen Krbsenpflänzchen angestellten Versuch, der 44 Stunden 

■ dauerte, blieb das Volum der Atmosphäre immer das nändiche. 

i Zu Ende des Versuchs zeigte sich die Terminalknospe mit dem 
angrenzenden Stengeltheil verwelkt, dagegen der untere Theil 
gesund, und als die Pflanze in Erde gesetzt wurde, trieb sie 
nach einigen Tagen eine Seltenknospe aus einem Blattwinkel. 

In einem Controllversuch, angestellt In der nämlichen Art 
mit 5 Erbsenpflänzchen mit der einzigen Abänderung, dafs die 
Atmosphäre nicht aus Wasserstoff, sondern atmosphärischer Luft 
bestand, waren die Erbsenpflänzchen auch nach 48 Stunden 
noch vollkommen gesund und um 1 bis 'l\ Zoll gewachsen. 
In feuchte Erde gesetzt, vegetirten sie sämmtlich freudig weiter. 

Versuch 6, 
Um zu ermitteln, ob in den vorhergehenden Versuchen der 
Wasserstoff an sich dem Wachsthum der Pflanzen schädlich ge- 
wesen sei, oder nur die Abwesenheit des Sauerstoffs, wurde ein 
t im Dunkeln gewachsenes Erbsenpflänzchen In ein mit dem offe- 
I nen Ende in Wasser tauchendes Glasrohr gebracht, das ein 
Gasgemisch aus gleichen Theilen Wasserstoff und atmosphäri- 
scher Luft enthielt. Innerhalb 28 Stunden war das Pflänzchen 
um 1 Zoll gewachsen und blieb vollkommen gesund. 

Versuch 7. 
Ein Im Dunkeln gewachsenes Erbsenpflänzchen wurde In 
ein mit gewöhnlichem, nicht ausgekochtem Wasser gefülltes 
Glasrohr gebracht, so dafs es gänzlich In Wasser getaucht war. 
Nach 24 Stunden war noch keine Spur eines Wachsthums bemerk- 
bar, und herausgenommen, zeigte sich der Terminaltheil des 



88 Sitzung der physikalisch-malhemalischen Klasse 

Stengels in der Länge von circa 1 Zoll mit der Knospe schlaff 
und verwelkt. Der untere Stengellheil war elastisch und gesund. 

Aus allen diesen Versuchen geht hervor, dafs der Keim 
Lei Abhaltung des Sauerstoffs keine Spur eines 
Wachsthums zeigt, und zunächst der Terminaltheil 
des Stengels mit der Knospe, später erst bei länger 
fortgesetztem Versuch und beginnender Fäulnifs, 
die ganze Pflanze verwelkt. 

Dafs immer nur der Terminallheil des Stengels verwelkte, 
nicht aber die unteren Theile desselben, wenn die voranstehen- 
den Versuche nicht zu lange fortgesetzt wurden, führte mich 
auf folgende Experimente: 

Versuch 8. 
Alle Theile eines im Dunkeln gewachsenen Erbsenpflänz- 
chens durften mit Collodium bestrichen werden , ohne dais ihr 
Aussehen verändert, oder das Wachsthum der Pflanze im Ge- 
ringsten behindert wurde, nur nicht der Terminaltheil des Sten- 
gels in einer Länge von ungefähr einem Zoll. Sobald dieser 
oberste Theil des Stengels einen Überzug von Collodium er- 
hielt, hörte das Wachsthum sofort auf, und der Theil selbst 
trocknete zusammen. Die Knospe war für immer todt, und erst 
nach einiger Zeit brach an einer andern Stelle in einem Blatt- 
winkel eine Seitenknospe aus. 

Hieraus geht hervor, dafs nur der dicht unterhalb der 
Terminalknospe befindliche Stengeltheil in einer 
Länge von einem Zoll des Sauerstoffs nothwendig 
bedarf. 

Versuch 9. 
Es wurden auf ein im Dunkeln gewachsenes Erbsenpflänz- 
chen der Länge nach feine blaue Querstriche (aus einer Mi- 
schung von öl , feingeriebener Kreide und Indigo) in gleichen 
Entfernungen von einander aufgetragen. Die Pflänzchen selbst 
waren an ein Stäbchen befestigt, an dem ebenfalls Behufs der 
Vergleichung eine solche Theilung angebracht war. 



|| vom 31. Januar 1859. 89 

Durch Beobachtung der Auseinanderschiebung der Quer- 
slriche während des VVachslhums ergab es sich, dafs das Wachs- 
thum der Erbsenpflanzen immer nur in dem Terminallheil des 
Siengels in einer Länge von 10 — 12 Linien vor sich geht. 
( Denkt man sich diese 10 — 12 Linien in 3 Theile gelheilt, so 
I ist in dem obersten und untersten Dritltheil (dicht unter der 
Knospe und 7 bis 12 Linien davon entfernt) das Wachsthum 
allemal langvamer als in dem mittleren Dritlheil, wo die Aus- 
einanderschiebung am Stärksten ist. Alle übrigen Theile des 
Stengels, die in irgend einem Moment weiter als 10 bis 12 Li- 
nien von dem Anheflungspunkt der Terminalknospe entfernt 
sind, wachsen nicht mehr und sind vollkommen entwickelt. 

Aus Versuch 8 und 9 gebt bervor, dafs nur derjenige 

Theil desStengels, der im Wachsen begriffen is t, zur 

Vornahme dieses Lebensprozesses des Sauerstoffs 

bedarf, d. h. der Sauers toff ist unentbehrlich zur Or- 
(1 
t\ ganisation. 

In den Keimblättern findet keine Oxydation ') statt, eben- 
sowenig in den unteren Theilen des Stengels. In den Cotyle- 
donen werden ohne Zutritt des Sauerstoffs durch chemische 
Prozesse die Nahrungsstoffe gelöst, gehen durch den unteren 
Theil des Siengels ohne weitere Veränderung hindurch, um in 
der Nähe und dicht unter der Terminalknospe durch den Zutritt 
des Sauerstoffs wahrscheinlich in Zellenmasse verwandelt zu werden. 

Über die Bedeutung des Sauerstoffs für die Wur- 
zeln. 

Ein in ihrer Entwicklung scheinbar abx'veichendes Verhal- 
ten zeigen die Würzelchen des Erbsenkeims, 

Während der Stengel sofort aufhört zu wachsen und bald 
zu Grunde geht, wenn er mit Wasser, selbst lufthaltigem, um- 
geben ist (Versuch 7), besitzen die Würzelchen die Fähigkeit, 
sich darin, wenngleich nur langsam, zu verlängern. In ausge- 
kochtem, unter Ol erkaltetem Wasser hört ihre Entwickelung 
vollständig auf; sie behalten aber dann immer noch eine Zeit 



') Vergleiche vorstehende Bemetkung. 



90 Sitzung der ph/sikalisch-mathematischen Klasse 

lang die Fähigkeit, Wasser aufzusaugen und in den Keim über- 
zuführen, bis sie endlich faulen. Auf dieser Fähigkeit der Wür- 
zelchen, den Luftgehalt des Wassers zu ihrer Entwicklung zu 
verwenden, beruht die Eigenlhümlichkeit der Saamen mancher 
Landpflanzen, z. B. der Erbsen und Bohnen, auch unter W^as- 
ser keimen zu können. 

Übergiefst man einen Haufen Erbsen in einem ßecherglas 
mit so viel Wasser, dafs sie selbst nach dem Quellen damit be- 
deckt sind, so keimen sie fast alle, aber die Würzelchen der 
oberen Erbsen sind auffallend länger, als die der untern, welche 
nach Durchbrechung der Saamenhäute aus Mangel an Sauerstoff 
gänzlich in ihrer Entwicklung stehen bleiben. Die Plumuia 
wächst unter Wasser gar nicht und bleibt zwischen den Saa- 
menlappen versleckt. 

Am Reichlichsten entwickeln sich die Wurzelfasern der Land- 
pflanzen in einer lockern, nicht wirklich nassen, sondern nur 
feuchten Erde, die der Luft möglichst freien Zugang gestattet, 
und hauptsächlich darauf beziehen sich die mühsamen, mechani- 
schen Arbeiten des Ackerbaus und wahrscheinlich auch der grofse 
Nutzen der Drainage. Als ich einmal bereits gekeimte Erbsen 
in nasse, fast schlammige Gartenerde setzte, und unter Pappbe- 
deckung vor Zutritt des Lichtes bewahrte, war ich erstaunt, 
auch selbst nach 11 Tagen nur ein höchst unbedeutendes Wachs- 
thum bei ihnen wahrzunehmen. Bei näherer Nachforschung er- 
gab sich als Ursache dieser Erschelntmg, dafs die Erde sich bei 
gehemmter Verdunstung zu dicken feuchten Klumpen zusammen- 
geballt, die Erbsen fest eingeschlossen und ihre Würzelchen 
meist völlig erstickt hatte. Li lockere, feuchte Erde gebracht, 
trieben die Erbsen bald neue Würzelchen und vegetirten im 
Dunkeln freudig fort. 

Man hat behauptet, dafs der Sauerstoff beim Keimen den 
Anstofs zur chemischen Bewegung für die In den Saamen ent- 
haltenen Prolelnstoffe abgebe und sie zu Fermenten umbilde, 
die nachher zu weiteren chemischen Veränderungen die Veran- 
lassung geben. 

Wir haben aber gesehen, dafs der Sauerstoff nicht blofs im 
Anfang des Keimens, sondern auch weiterhin nothwendig ist, 



vom 31. Januar 1859, 91 

(J.ils in jedem Moment, wo der Sauerstoff entzogen wird, auch 
sofort jede Organisation aufhört. Wir haben es also hier nicht 
mit einem Gähnmgs-, somlern mit einem wirklichen Verwe- 
sungsprozefs, mit der andauernilen Umwandlung eines Bestand- 
thcils des Keims zu llnin , ähnlich, wie in der Kssighiidung, wo 
in jedem Moment der zutretende Sauerstoff durch ein Verwe- 
suitgsferment auf den Alkohol übertragen wini, und, sobald man 
den Sauerstoff abhält, sofort auch die Kssigbililiing aufhört. 

Welcher ßestandtheil aber ist es, der beim Keimen oxy- 

I dirt wird? ") 

1 Die Haupfbestandtheile der Erbsencotyledonen sind Legu- 

\ min und Stärkemehl, die durch chemische Prozesse in der Kei- 
mung ersleres zu Eiweifs, letzteres zu einem löslichen Kohle- 
hyilrat gelöst werden, um als solche durch die unteren Thelle 
des Stengels zu den Terminallheilen zu gelangen. Das Eiweifs 
finden wir auch nachher als solches wieder, das lösliche Kohle- 
hydrat aber Ist In Cellulose übergeführt worden.*) Es kana 
keinem Zweifel unterliegen, dafs die Cellulose das während der 
Organisation sich bildende Oxydationsprodukt eines löslichen 
Kohlehydrats Ist. 

I .t Nach welchem Schema auch dieser Verwesungsprozefs vor 
sich gehen möge. Immer mufs neben einer dem Volum des ver- 
zehrten Sauerstoffs gleichen Menge Kohlensäure gleichzeitig auch 
Wasser und Sauerstoff Im Verhältnlfs des Wassers austreten, 
wie folgendes Schema deutlich macht: 

2(C,2 H,j 0,2)d.h. 2 At. Traubenzucker -+-24 = 12 (CO2) 

I -*-l4(HO)-+-C,2 H,o 0,0 (1 At. Cellulose). 

I In der That ist nach den Versuchen Saussure's das Vo- 

lum der gebildeten Kohlensäure Immer ilem des verzehrten Sauer- 
stoffs gleich und nach Boussingault treten während der Kel- 

j *) Vergleiche vorstehende Bemerkung. 

) Es ist nicht bewiesen, dafs sich Legnmin in Eiweifs verwandelt. 
Stärkemehl soll in ein lösliches Kohlehydrat übergehen, worunter Trau- 
benzurker zu verstehen. Die Umwandlung der letzteren in Cellulose, 
Kohlensäure und Wasser durch einen Oxydalionsprozefs ist eine Hypo- 
these des Hrn. Verfassers und sollte nach deQ bisherigen Erfahrungen um- 
gekehrt eher die Bildung von Traubenzucker aus Cellulose vorauszusetzen 
sein. Rmlsb". 



92 Sitzung der physikalisch-rnathemalischen Klasse 

mung neben Kohlenstoff auch Wasser- und Sauerstoff aus, so 
dafs die Saanien durch das Keimen relativ nicht kohlenstoffärmer 
werden. 

Der chemische Prozefs der Organisation, der 
Zellenbildung, ist also nichts Anderes, als die Oxy- 
dation eines löslichen Kohlenhydrats zu Cellulose, 
dem wichtigsten unlöslichen Bestandtheil der Pflan- 
zen. ') 

Mit diesem Ergebnifs meiner Versuche stimmen eine grofse 
Anzahl bisher unverstandener und deshalb unbeachtet gebliebener 
Versuche Saussure's überein. 

Dieser Forscher beobachtete, dafs ohne Zutritt von Sauer- 
stoff Zweig-Knospen im Frühjahr, ebenso, wie ßlüthen-Knospen, 
nicht zum Aufbrechen gelangen können; sie sind in sauersloff- 
freiem Gase wie gelähmt. Nur beim Zutritt von Sauerstoff ent- 
wickeln sie sich und verwandeln dieses Gas ebenso, wie es bei 
der Keimung geschieht, in ein gleiches Volum Kohlensäure. 

Ein ähnliches Verhalten zeigen auch die schon entwickel- 
teren, grünen Pflanzen. Diese starben in Saussure's Ver- 
suchen in reinem Stick- oder Wasserstoff nach einigen Tagen, 
wenn sie im Schatten vegetirlen. Dem Sonnenlicht ausgesetzt, 
fristeten sie, freilich meist schmachtend, ihr Leben längere Zeit, 
weil sie im Sonnenlicht etwas Sauerstoff aus sich selbst ent 
wickelten. Nur die langsam wachsenden Sumpfpflanzen hielten 
sich eine unbegrenzte Zeit in Wasser- und Stickstoff und wuch 
sen darin, weil der von ihnen im Sonnenlicht entwickelte Sauer- 
stoff zu ihrer Vegetation genügte. Wurde aber in dem Recl- 
pienten, in dem sie sich befanden, eine Mischung von Eisenfeile 
und Schwefel aufgehängt, die jenen Sauerstoff absorbirte, so 
hörte jede Spur des Wachsthums auf. 

Es ist unzweifelhaft, dafs auch der von den grünen Pflan 
zentheilen aufgenommene Sauerstoff ebenso, wie bei der Kei- 
mung, selbst im Sonnenlicht, in Kohlensäure verwandeil 
wird. Hier aber, wo sie sich sofort zersetzt, ist ihre Nachwel- 
sung unmöglich. Dies ist die Ursache, dafs man die Bedeutung 
des Sauerstoffs für die Pflanzen so lange verkannte. Dafs i« 



') Vergleiche umstehende Bemerkung. 



vom 31. Januar 1859. 93 

der Dunkelheit die grünen Pflanzentheile den aufgenommenen 
Sauerstoff in Kohlensäure verwandeln, hat man bekanntlich scboa 
längst wahrgenommen. 

Sonach gilt das Gesetz, dafs der Sauerstoff zum 
Wachsthum, zur Zelle nbildung not h wendig sei, 
nicht blofs für den Keimungsakt, sondern für jedes 
Stadium der Entwicklung bei den Pflanzen. 



Kurzer Überblick. 

1) Die Pflanzen nehmen nicht blos während der Keimung, 
sondern zu jeder Zeit ihrer Entwicklung, selbst im Sonnenlicht 
(Saussure), Sauerstoff auf. 

2) Die Aufnahme von Sauerstoff ist für ihre Entwicklung 
durchaus nölhig; wird ihnen dies Gas entzogen, so hören sie 
auf zu wachsen und gehen bald zu Grunde. 

3) Bekanntlich wird der von den Pflanzen in der Dunkel- 
heit aufgenommene Sauerstoff immer in Kohlensäure verwandelt. 
Es geschieht dies unstreitig auch im Sonnenlicht; nur ist hier 
die Kohlensäure nicht nachzuweisen, da sie von den grünen 
Pllanzen sofort wieder zersetzt wird. 

4) iJezelchnen wir bei den Thieren denjenigen zur Erhal- 
tung ihres Lebens nothwendigen Akt mit Respiration, 

r, der in der Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlen- 
i' säure besteht, so besitzen alle Pflanzen (ganz aufser Zusam- 
li menhang mit ihrer Fähigkeit, durch ihre grünen Theile die Koh- 
:l lensäure zu zersetzen) eine Respiration, gleich denThie- 
il ren. Die Respiration ist ein für die Erhaltung der 
ii{ Lebensthätigkeit aller Organismen nothwendiger 
Akt. 

5) Die Pflanzen besitzen kein besonderes Respirationsorgan. 
Es respiriren ausschllefsllch und immer nur diejenigen Tlielle, 

i die in der Entwicklung begriffen sind, und zwar vorübergehend 
► j nur so lange, als sie wachsen. Es sind dies bei jungen Pflan- 
; zen immer nur die Terminallheile der Knospen. 

6) Das wichtigste Produkt der Respiration bei den Pflan- 
zen ist die Cellulose, die durch Oxydation eines in allen 



94 Sitzung der phys.-math. Klasse vom 31. Januar 1859. 

Pflanzensäften nachweisbaren Kohlehydrats, des Dextrins, Trau- 
benzuckers u. s. w. entsteht.') 

7) Die vornehmste Funktion der Respiration bei den Pflan- 
zen ist die von der Cellulosebildung abhängige Organisation 
des Nahrungssaftes. Die Zellenbildung ist deshalb völlig 
unabhängig vom Sonnenlicht. Die Pflanzen wachsen, wie die 
Thiere, auch in der Dunkelheit. 

8) Die lothrechte Richtung des Wachsthums der jungen 
Pflanzen steht ebenfalls in keiner Beziehung zum Sonnenlicht. 



') Vergl. vorstehende Bemerkung. 



Nachtrag. 



Friederich der Grofse und sein Staatsminister 
Freiherr von Zedlitz. 

Eine Skizze aus dem preufsischen Unterrichtswesen. 

Vortrag zur Feier von Friederichs desGrofsen Geburtstag am 27. Jan. 1859. 

Von Hrn, Trendelenburg. 

Ein froher Tag führt uns heute zusammen. Im Begriff, 
in vaterländischer Erinnerung das Gedächtnifs Friederichs des 
Grofsen zu feiern, grüfst uns wie ein helles Zeichen der Zulcunft 
die Kunde, dafs ein Sprofs des Königshauses geboren ist, der, 
so Gott der Herr will, bestimmt ist, einst Preufsens Geschichte 
weiter zu tragen. 

Indem wir, dankbar aufblickend, die freudige Bewegung un- 
ti sers Königshauses und unsers Vaterlandes mitempfinden und ihre 
i[ heifsen Wünsche tbeilen, wenden wir, von Hoffnungen der Zu- 
il lunft belebt, gern unser Auge zu dem Polarstern der preufsi- 
schen Geschichte, zu Friederich dem Grofsen. 

Wenn die erste Hälfte von König Friederichs des Zweiten 
Regierung vornehmlich durch kriegerische Thaten bezeichnet ist, 
so gehört die zweite unter dem Schutz des schlagfertigen Arms 
der vielseitigen Entwickelung des gesicherten Reiches an. Kaum 
ruhte die blutige Arbeit des Krieges, kaum hatten heldenmüthlge 
Kämpfe einen ruhmreichen Frieden erworben, so beginnen die 
rastlosen Ijestrebungen des Königs von Neuem, nach allen Rich- 
tungen die Kraft des Landes und des Volkes menschlich auszu- 
bilden. Erst beide Seiten zusammen vollenden sein grofses Bild. 
Die letzte Ist stiller und geräuschloser als die erste. An dem 
ehernen Denkmal, auf welchem Friederich, von den Tugenden 



96 Nachtrag. 

getragen, über den Genossen seines Lorbeers als der gebietende 
König erscheint, bringt uns nur die Rückseite unter dem Zei- 
chen des Pahnenzweiges die tiefsinnigen schaffenden Männer vor 
Augen, welche uns den grofsen Inhalt der Friedensjahre dar- 
stellen, die Gesetzgebung und Verwaltung, die Wissenschaft und 
Kunst. Ein Name, der an dieser Seite des Denkmals, unter den 
Gestalten von Schlabrendorff und Finkenstein neben den 
Namen von Cocceji, Herzberg, Domhardt seine würdige 
Stelle fände, möge uns heute beschäftigen. Denn es liegt dem 
Beruf der Akademie nahe, in dankbarer Erinnerung die nach- 
haltige, aber dennoch leichter vergessene Thätigkeit von Män- 
nern zu erneuen, welche Preufsen geistig anbauten. 

Dieser Name heilst Zedlitz. Den Freiherrn Karl Abra- 
ham von Zedlitz Leipe') hatte Friederich früh hervorgezo- 
gen und im Jahr 1770 zu dem Minister sich erwählt, welcher B 
seine Absichten auf Erziehung und Bildung ins Werk setzte. 
Wie in Friederichs Generalen Funken seines Heldengeistes er- 
scheinen, so erscheint in einem solchen Minister eine Fortsetzung 
seiner regierenden Gedanken, eine ausführende Hand seines 
Geistes. 

An den Namen Zedlitz möge es beute erlaubt sein eine 
Skizze aus dem preulsischen Unterricbtswesen anzuknüpfen. 

Friederieb der Grofse verfafste im December 1769 einen 
Brief „über die Erziehung" mit besonderer Rücksicht auf Preu- 
fsen^). Schon mehrere Male halte er über Fragen der Erzie 
bung und zwar für besondere Zwecke gehandelt, wie z. B. 1751 
in der Anweisung an den Major Borcke,') den Erzieher sei- 
nes Neffen, des nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm H., und 
1765 in der Anweisung für die Leitung der neu angelegten 
Ritlerakademie in Berlin "). Der Brief über die Erziehung er 
schien im Jahre l770 und der König übersandte ihn an den 
Minister von Münchhausen mit dem Befehl, den Inhalt bei 
den Universitäten zu berücksichtigen. Schon im Januar desB^' 
nächsten Jahres trat der Freiherr von Zedlitz in das Depar- 
tement der lutherischen Kirchen- und Schulsachen ein und der 
Brief über die Erziehung bezeichnet uns des Königs Absichten! 
zu der Zeit, da er Zedlitz an die Spitze des Unterrichtswe- 
sens stellte. 



Anhang. 97 

Dem König schwebt In diesem Briefe das Beispiel der grie- 
chischen und römischen Erziehung vor, welche eine Fülle gro- 
fser Männer hervorgebracht. In den Gymnasien vermifst er, 
l.ifs die Schüler nicht gewöhnt werden selbst zu denken und 
iiltlit früh ihr eigenes Urthcil üben. In demselben Sinn for- 
dert er, dafs die Universitäten, statt nur das Gedächtnifs der 
Jugend zu füllen, die wichtigste Seite, den Gebrauch des Ver- 
standes ausbilden; und In demselben Sinn tadelt er, dafs die Stu- 
(lirenden keine eigenen Aufsätze schreiben. Selbst Im weibli- 
chen Unterricht hebt er die Nothwendigkeit hervor, die Ver- 
nunft mehr zu entwickeln. Allenthalben Ist das Selbstdenken, 
das Selbsturtheilen , des Königs erster Gesichtspunkt. Schon in 
der Anweisung an den Erzieher seines Neffen findet sich der 
Ausdruck: „es genügt nicht. Ihm die Geschichte wie einem Pa- 
pagei beizubringen". 

Der König wirft in dem Briefe auf die Universitäten einen 
scharfen Blick. Obwohl Halle und Frankfurt a. O. so gute 
Lehrer hätten, als die Zeit sie darbiete, so bemerke man doch, 
dals dort nicht mehr das Studium der griechischen und lateinl- 
sclien Sprache so im Schwange sei, wie vordem. Es scheine, 
dafs diese guten Deutschen, der tiefen Gelehrsamkeit, welche 
sie ehemals besafsen, überdrüssig, gegenwärtig mit dem minde- 
stens Aufwand berühmt werden wollen; sie hätten das Beispiel 
einer benachbarten Nation, welche sich begnüge liebenswürdig 
zu sein und sie würden Immer oberflächlicher. Der König ta- 
delt die Professoren, die zufrieden sind Collegienleser zu sein, 
und vermifst die persönliche Unterweisung. Selbst in den Stoff 
jdes Unterrichts läfst er sich ein. In der Medicin empfielt er, 
{Statt des Systems von Hoffmann oder eines obscuren Arztes, 
die Werke Boerhave's und in der Astronomie und Geometrie 
Newton, in der Philosophie lobt er Thomasius und statt 
Christian Wolfs Lehre, in welcher die Monaden und die 
prästabllirte Harmonie so abgeschmackt und unverständlich seien, 
als die substanliellen Formen des Aristoteles, dringt er auf ein 
Studium Locke's. Später vermifst der König In der Schrift 
über die deutsche Litteratur *) auf den Universitäten eine alige- 
meine Methode der Wissenschaften, da die gute Methode doch 
nur Eine sei. 
[1859.] 7 



98 Anhang. 

Der König klagt ferner in dem Briefe über die weichliche 
Erziehung im Adel, namentlich in dem reichen Tlieile desselben; 
die Spröfslinge derer, welche einst hei Fehrbellin siegten, ver- 
kämen In Geniifs und Trägheit. Die Griechen und Römer ver- 
dankten ihre grofsen Männer in jeder Gattung ihrer mannhaften 
Erziehung. Es dürfe in den Amtern die Geburt nicht über das 
Verdienst siegen. Wo das geschähe, würde die Regierung die 
traurigsten Folgen erfahren. Der König betont hier diesen Ge- 
danken, wie einst in der Anweisung an den Erzieher seines Nef- 
fen, der lernen soll, dafs alle Menschen gleich sind und dafs die 
Geburt, die nicht durch Verdienst gestützt wird, ein Hirnge- 
spinnst ist ^). Indem er auf die richtige Erziehung dringt, setzt 
er im Briefe hinzu: „Kurz, ich bin überzeugt, dafs man aus dem 
Menschen machen kann, was man will." Gegen das Vorurtheil, 
als ob Kunst und Wissenschaften die Sitten verweichlichten, erklärt 
er sich entschieden. „Alles," sagt er, „was den Geist erheilt, 
alles was den Kreis der Kenntnisse erweitert, erhebt die Seele 
statt sie herabzustimmen." Auch für den Stand des Offiziers 
fordert er gründlichere Bildung. JNach dem Vorbild der römi- 
schen Gesetze will der König eine strengere väterliche Erzie- 
hung und daher eine Ausdehnung der väterlichen Gewalt bis 
Ins 26ste Lebensjahr des Sohnes. 

Schliefslich will er eine Veredelung der weiblichen Erzie- 
hung, und tadelt scharf die höheren Stände, welche ihre Töch- 
ter nur dazu erziehen, dafs sie gefallen. 

In diesem Sinne verbreitet sich der Brief über den höhern 
Unterricht und die Erziehung In den höhern Ständen. An dem 
Volksunterricht und der christlichen Erziehung geht er schwei- 
gend vorüber. 

Für den allgemeinen Sinn dieser kleinen Schrift Ist es am 
bezeichnendsten, dafs die Übung des eigenen Urthells, der An- 
bau des schliefsenden Verstandes, kurz das Selbstdenken als die 
Seele des Unterrichts betrachtet wird. In demselben Sinne fin- 
det sich noch In dem berühmten Schreiben des Königs an den 
Etatsminister Freiherrn von Zedlltz vom 3. September 1779 
über den Unterricht der Jugend wiederholt der Ausdruck^): 
„Wer zum besten ralsonniren kann, wird Immer zum weitesten 
kommen, besser als der, der nur falsche Schlüsse zieht." Im 



jänJtang. 99 

Gegensatz gegen die gedächtnifsmäfsige Überlieferung eines un- 
verstandenen Stoffes, gegen die blinde Gewöhnung angelernter 
Vorstellungen, gegen die Geistestriigheit der Schüler, wie der 
Lehrer, hatte diese Stimme, welche den alten Unterricht auf- 
ri'itleite, eine erweckende Macht. Zedlitz stimmt mit dieser 
Forderung überein und sie wird ein Grundgedanke seiner Wirk- 
samkeit. Er sucht Lehrer, die einer bessern Methode mächtig 
seien und andere Lehrer zu einer bessern Methode anleiten kön- 
nen und versteht unter dieser besseren Methode eine solche, 
welche scibstzudenken lehrt. So schreibt er noch Im Jahre 1783 
an Dr. Freylinghausen "), damals Direktor der frankischen 
Stiftungen, da es sich um die Ernennung eines Inspektors am 
Pädagogium handelt, in einem uns abschriftlich vorliegenden 
Briefe: „Es ist wohl nichts Unleugbareres, als dafs die Kinder 
gar nicht zum Selbstdenken gewöhnt werden. Das geschieht 
nicht beim Religionsunterricht, wo blofs heilige Worte und 
Sprüche ins Gedächtnifs gezwungen werden, ohne an Sinn und 
Verstand zu denken. Es geschieht auch nicht beim Sprachun- 
terricht, wo man nur auf Vocabeln sieht und der Schüler 
schlechterdings nichts von den exponirten Sachen versteht. Dies 
fimle ich leider in den meisten Schulen so, wo auch die frömm- 
sten und gelehrtesten Leute unterrichten, denen es sonst gewifs 
um wahre Religion und um wahre Kenntnifs der Alten zu thun 
ist. Das Hindernifs aber besteht in dem Mangel richtiger zweck- 
mäfsiger Methode." Wir sehen hier die didaktische Fortsetzung 
der Bestrebungen, welche damals mit einem neuen und scböneo, 
mit einem noch unvernutzten und noch unbetleckten Namea 
Aufklärung hielten, an welchen die kräftigsten Gei^ter der Na- 
tion wie an einer Angelegenheit; der Menschheit Tliell nahmen. 
Im Jahre 1784 beantwortete Kant in der Berliner Monats- 
schrift die dort aufgeworfene Frage: was ist Aufklärung?') an 
welcher sich gleichzeitig Mendelssohn versucht hatte, und 
hob seinen Aufsalz mit der Antwort an: „Aufklärung ist der 
Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündig- 
keit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes 
ohne Leitung eines Andern zu bedienen. Selbst verschuldet ist 
diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Man- 
gel des Verstandes, sondern der Entschliefsung und des Muthes 



100 Anhang. 

liegt, sich seiner ohne Leituug eines Andern zu bedienen. Sa- 
pere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu 
bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Die bes- 
sere Methode, für welche Zedlitz im Sinne seines Königs Or- 
gane suchte, ging, bewufst oder unbewufst, auf dies Ziel der 
Mündigkeit hin. So erscheint das didaktische Streben in einem 
gröFsern Zusammenhang. 

Kant hat Recht, wenn er in demselben Aufsatz auf Friede- 
rich den Grofsen mit den Worten deutet: „Ich höre von allen 
Seiten rufen: räsonnirt nicht! Der Offizier sagt: räsonnirt nicht, 
sondern exercirt! Der Finanzrath: räsonnirt nicht, sondern be- 
zahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern glaubt! Nur 
ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel Ihr 
wollt und worüber Ihr wollt, aber gehorcht!" Kant hätte 
noch mehr saj^en können. Dieser Herr wollte sogar, dafs als 
denkende Wesen die Menschen raisonniren lernten; und 
stellte seinem Minister die Aufgabe es lehren zu lassen. 

Die Methode, welche sich auf das eigene Urtheil und das 
eigene Denken der Studirenden stützt, hat auf der Universität, 
auf welcher nach dem wissenschaftlichen Ziele Forschen und 
Lehren und selbst Lernen und Mitforschen Hand in Hand gehen 
müssen, unbestrittene Gellung. Nur über den Weg, wie sich 
die Forderung erfüllen lasse, wird man getheilter Meinung sein. 
Zedlitz handelte im Sinne des Briefes über die Erziehung, 
wenn er im Jahre 1772 bei der Revision des Königsberger 
Lectionskatalogs Examinatorien vermifst und aufglebt, ' ") und 
noch im Jahre 1785 an der Universität Halle zufolge ihrer Ak- 
ten durch eine Verordnung Examinatorien einzuführen ver- 
sucht, ' ') welche, wenn nicht mit allen, doch mit den Haupt- 
collegien sollen verbunden werden. Der Bericht der Universität 
sagte voraus, dafs nach der Erfahrung sich die Studirenden nur 
sehr schwach betheiligen würden. 

Sicherer als dieses zweifelhafte Mittel für den grofsen Zweck, 
war die Anregung, welche Zedlitz den philosophischen Studien 
auf den Universitäten zu geben suchte. Es bezeichnet die Höhe 
seines Geistes, dafs er selbst an den letzten Fragen des Wis- 
sens rege und thätig Theil nahm; und schon früh bewegt er 
sich in dieser Richtung. Als er in Halle Rechtswissenschaft 



[ Anhang. 101 

studirte, sah Frieder Ich der Grofse den jungen Schlesier 
voll glücklicher Anlage. Damals hatte wahrscheinlich der König 
das Gespräch über Locke, dessen er in dem Briefe über die 
Erziehung nicht ohne einigen Spott erwähnt, ' ^) und zwar mit 
Professor Meier, der blofs an seinen Baum garten gewöhnt 
war; er befahl ihm über Locke zu lesen. Das Colleglum fand 
nur 4 Zuhörer, aber unter diesen war auf des Königs Antrieb 
der jugendliche von Zedlitz. Später, da er schon Minister 
ist, sehen wir ihn in einer wissenschaftlichen Beziehung zu 
Kant und zwar schon zu einer Zeit, da Kant noch nicht seine 
Kritik der reinen Vernunft herausgegeben hatte und sein Name 
noch unbekannter war.'') Dr. Herz, ein Lieblingsschüler 
Kant's, hatte zu Berlin im Jahre 1777 vor einem gemischten 
Publikum Vorlesungen über Logik und Einleitung in die ge- 
sammte Philosophie eröffnet und der Staatsminister von Zed- 
litz war einer seiner aufmerksamsten Zuhörer. Im folgenden 
Jahre studirt er die physische Geographie nach einem in Kant's 
Vorlesungen entstandenen Hefte und bittet Kant in einem eigen- 
händigen Briefe mit sichtlichem Verlangen, ihm ein sorgfältiger 
nachgeschriebenes zu verschaffen. 

Es Ist das Rescrlpt merkwürdig, das Zedlitz unter dem 
25. Dec. 1775 an die ost-preulsische Regierung erläfst, um die 
Universität Königsberg zu Fortschritten anzuregen. Es heifst darin 
unter Anderem: „Da unsere landesväterliche Absicht dahin ge- 
het, dafs auf unseru Universitäten die Köpfe der Studirenden 
nicht mit nahrungslosen Subtilitäten verdüstert, sondern aufge- 
beitert und durch die Philosophie besonders zur Annahme und 
Anwendung wahrhaft nützlicher Begriffe fähig gemacht werden 
sollen, so sehen wir ungern, dafs auf dortiger Universität die 
Crusianische Philosophie, über deren Unwerth die erleuchtetsten 
Gelehrten längst eins sind, noch gelehrt wird." Es wird ferner 
darauf gedrungen, dafs sich die Professoren der Weitläuftigkelt 
enthalten, da der gedachteste Vortrag allemal der kürzste sei, 
und dafs sie z. B. die Pandektenlehre und das Lehnrecht In 
Einem Halbjahr lesen. Endlich wird die Aufsicht über die 
Sitten der Studirenden eingeschärft, und es wird gehofft, dafs 
von den Studirenden eigentlich gelehrte und unzweideutige Pro- 
ben des Fleifses sichtbar werden. So legt der Minister an die 



102 Anhang. 

Universitäten das Maafs an, das ihrem eigenen Wesen inne- 
wohnt, das Maafs des wissenschaftlichen Fortschrittes und treibt 
sie mit ihrem eigenen Geiste, dem Geist der Wissenschaft, 
vorwärts. 

Ein eigenhändiger Brief an Kant vom 28. Mai 1778 zeigt 
des Ministers freudigen Eifer für die Wirksamkeit seiner Uni- 
versitäten und den tieferen Blick, mit welchem er ihre Lehrer 
würdigte. 

Es war Meier In Halle verstorben, der, ein Schüler 
Baumgartens, zu den berühmtesten Wolfianern gehörte. 
Zedlitz berief Kant. Durch eine ablehnende Antwort über- 
rascht, schrieb er ihm unter Anderm: 

„Ich kann meinen Wunsch, Sie nach Halle zu ziehen, nicht 
aufgeben. Es ist zu schlimm, dafs Ihre Denkungsart mit Ihrem 
Amte so genau übereinkommt. — Wirklich, so lobenswürdig 
dies an sich ist, so schlimm dünkt es mir, dafs Sie mit so vie- 
lem philosophischen Kaltsinne eine so calculalorisch richtige 
Verbesserung ausschlagen. Und doch wiederhole ich den An- 
trag — — und bitte Sie zu erwägen, dafs Iih jetzt mit nicht 
ungegründeter Hoffnung eines guten Erfolges daran arbeile, 
Halle so empor zu bringen, als es jemals gewesen ist." Der 
Minister nennt nun einige vorzügliche Männer, wie z. B. Kar- 
sten, Meckel, und sagt: „Die theologische Fakultät Ist bes- 
ser besetzt als Irgendwo In Europa, und sollte einer der All- 
tagsmänner abgehen, so hole Ich mir den Herrn Griesbach 
wieder." Indem er Kant an die Pflicht erinnert, in einem weitern 
Zirkel gemeinnützige Kenntnisse und Licht auszubreiten, sagt 
er gegen den Schlufs: „Erwägen Sie, dafs die in Halle studi- 
renden 1000 bis 1200 Studenten ein Recht haben, von Ihnen 
Unterweisung zu fordern, deren Unterlassung ich nicht verant- 
worten möchte." 

Als Kant zufrieden und sich beschränkend der allen Wirk- 
samkeit In Königsberg, seiner Vaterstadt, treu blieb: ehrte der 
Minister Kant's beharrliche Gesinnung und machte wiederholt 
die Universität auf den Schatz aufmerksam, welchen sie In Kant 
und dessen Lehrthätigkelt besitze. So erkannte Zedlitz sei- 



Anhang. 103 

inen Mann, ehe noch, wie ein Jahrzehend später, Kant's Ruhm 
durch Deutscliland ging. Es würdigte der Minister den Im 
! Stillen die Reform der deutschen Philosophie vorhereitenden 
iKant mit tieferem Blick, als damals unsere gelehrte Körper- 
I! Schaft, welche ihn erst Im Jahr 1786 zum Milgliede der Aka- 
demie erwiihlte. 

Das befriedigende Einverständnifs mit der Universität Halle, 
dessen der Brief an Kant gedenkt, dauerte nicht lange. Die 

Händel des Dr. Bahrdt thaten darin einen Rifs. Dr. Bahrdt, 
i ... . 

I j der auf Belrleb des Weihblschofs zu Worms wegen unchrist- 

licher Lehre vom Reichshofralh geächtet war, kam im Mal 1779 
plötzlich nach Halle, um dort zu lesen. In Erfurt hatte er als 
Professor der Philosophie den heterodoxen Zeitgeist für sich 
ausgebeutet; In Graubünden und In Heideshelm war er als zwei- 

II ter Basedow aufgetreten, aber hatte dabei gemeine Zwecke ver- 
|l folgt. In seiner ITberselzung des neuen Testaments, welche 

j er unter dem Jsamen der neusten Offenbarungen Gottes heraus- 
j gegeben, halle er die christlichen Worte getilgt, z. B. Sünde 
I in Verdorbenheit der Grundsätze, Evangelium In Merkwürdig- 
1 Icelten aus dem Leben Jesu oder In den Ausdruck der liebens- 
i würdigsten Religion verwandelt, und das Tiefe ins Flache ge- 
i zogen. Überhaupt verwusch er das Chrlstentbum In eine des 
I Aberglaubens entledigte gemeinnützige Moral des Lebensgenusses. 
I Die Übersetzung des neuen Testaments und seine Schrift: die 
Lehre von der Person und dem Amte des Erlösers, waren 
Gegenstand der Anklage geworden. Bahrdt war verurtlieilt 
entweder zu widerrufen oder das Reich zu melden. Seiner 
Stelle als General-Superintendent In Dürkhelm entsetzt, Irrte er 
umher. Leichtfertig In seinem Lebenswandel, unruhig In sei- 
nem Wesen, gewandt Aufsehen zu machen und das grofse Pu- 
blikum für seine Gedanken zu erregen, begabt, aber halb ge- 
lehrt, konnte er der Universität Halle nicht genehm sein. Sie 
betrachtete ihn als einen Mann, dessen Berührung die Jugend 
anstecke und wünschte ihn entfernt zu sehen. In diesem Sinne 
berichtete der Senat. ' ^) Des Ministers Bescheid war scharf 
und abfällig. Dem Dr. Bahrdt, der, nicht ohne sein Vor- 
wissen nach Halle gekommen war, gestaltete er philosophische. 



104 Anhang. 

nur nicht theologische Vorlesungen zu halten. Indem er der 
Universität Intoleranz, Secllrerei und Verfolgungsgeist vor- 
warf,'*) stach er mit diesen Worten insbesondere in das Herz 
des würdigen Sem 1er, der in Halle in einer dem Grübeln und 
Frömmeln abgeneigten Zeit denkende und forschende Geistliche 
bildete. Der Minister hiefs sogar in einem eigenen Briefe 
Bahr dt in Halle willkommen. ) „Ich freue mich," schreibt 
er, „dafs Sie doch Einen Zufluchtsort in Deutschland haben fin- 
den können, und dafs dieses gerade in unsern glücklichen Staa- 
ten ist." Er hat für Bahrdt eine innere Neigung. Gern 
würde er ihn als Lehrer an einem Seminar anstellen, aber er 
scheut doch, wie er an einen vertrauten Mann schreibt, ) die 
„Klerisei" vorsätzlich dagegen aufzubringen. „Ich halle es für 
Pflicht," sagt er, „das Fersenstechen des Aberglaubens nicht zu 
achten, wenn ich den Weg über die Schlangs nehmen mufs; 
allein wenn ich vorbeigehen und doch an Ort und Stelle kom- 
men kann, warum soll ich da das Beest erst zischen machen? es 
ist ja doch eine Teufels- Musik." Wiederholt nimmt er sich 
Bahrdts gegen die Universität an, obgleich es der theologischen 
Fakultät wohl anstand, sich von dieser zweifelhaften Bundesge- 
nossenschaft ihres eigenen Freisinns loszusagen und ernste Kri- 
tik von flacher oder frivoler Negation zu unterscheiden. An 
die philosophische Fakultät, welche den Vorlesungen Bahrdt's 
über Quintillan und dem Dlsputatorlum Hindernisse entgegen- 
stellt, schreibt der Minister im Namen des Königs 30. October 
1779'^): „Unser Ober-Curatorlum will nicht hoffen, dafs Ihr 
von dem sehr unrühmlichen Parteigelst der theologischen Fa- 
kultät seid angesteckt worden. Daher Ihr auch von dergleichen 
für Unsere Zelten so unschicklichem Fanatismo abzustehen be- 
fehliget werdet." Des Ministers Liebe für Bahrdt war doch 
verschwendet. Vergebens ermahnt er ihn in einem Brief durch 
ein vorsichtigeres Leben den Schein abzulhun, ) „dafs die freie 
Denkungsart mehr aus den Begierden des Herzens als aus der 
Überzeugung des Verstandes entsprossen sei." „Bei Ihrer Ge- 
sinnung," fragt er ihn, ) „wollen Sie Jugendlehrer, Erzieher 
bilden?" Zuletzt wurde das Maafs voll. Als Bahrdt in Halle 
eine Weinwirthschaft für Studirende eröffnet, oder, wie es in 



Anhang, 105 

; dem Reskript helfst, *') als Dr. Bahrdl ein neues Erwerbungs- 
mittel dadurch ausfindig macht, dafs er eine Freimaurerloge an- 
gelegt hat und darin junge Leute für nicht unbeträchtliche Re- 
i ceptionsgebiihren aufnimmt, befielt Zedlitz dem Unfug zu 
steuern. Dies geschah Indessen schon unter der folgenden Re- 
I gierung im Sept. 1787. 

: Der Cultusminister, der dem leichtfertigen Dr. Bahr dt 

j Jahre lang die ruhige Wirksamkeit der theologischen Fakul- 
j tat preisgab, welche er kurz zuvor die beste in Europa 
■ genannt hatte, verhält sich ungefähr, wie der philosophl- 
\ sehe König, der auf den Verfasser des ßuchs „der Mensch 
eine Maschine,'' der auf einen La Metrie eine Lobschrift 
schrieb und In ihm nur den Verfolgten sah. Doch darf man 
bei der Beurtheilung einen politischen Grund nicht übersehen, 
den Zedlitz auch In dem Bericht an den König berührt. Der 
Reichshofrath hatte die Verbannung verfugt. Die Prolestanten 
mufslen Ihm das Recht bestreiten, sich um das zu kümmern, was 
sie als Protestanten thaten, und über evangelische Bücher zu 
urtheilen und sie zu verdammen, so lange sie das Corpus Evan- 
gelicorum nicht verdammt. Daher ziemte sichs wenigstens, 
über dem von einem solchen Übergriff Betroffenen die preufsi- 
sche Hand zu halten. ) Auf keinen Fall wird man in diesen 
hallischen Vorfällen die eiserne Consequenz vermissen, mit der 
Friederichs Regierung, der es galt, Duldung und Glaubensfrei- 
heit dem Staate einzuprägen, vor keiner Folge zurückwich. 

Wie Zedlitz, der Minister Friederichs des Zweiten 
die Theologie auffafste, Ist aus Bahrdts Sache zur Genüge er- 
sichtlich. Wo er Theologen beruft, beruft er sie Im Sinne 
„vernünftiger" Theologie, aber er sucht die wissenschaftlich be- 
gründenden Vertreter, wie er sich z. B. um Schröckh, Dö- 
derleln, Rosenmüller bemüht. Immer stellt er die philo- 
sophische und allgemein wissenschaftliche Bildung als die be- 
stimmenden Mächte der Cultur voran. Da er bei Döder- 
lein's Berufung nicht gleich gewähren kann, was gewünscht 
wird, schreibt er an Nicolai, den Vermittler in dieser Sache ): 
„in einem Lande wo man Sulzer e, Lamberts, Mendels- 
sone, Eberharde, Engels hat, da mufs man doch auch 



106 Anhang. 

nach ein bischen vernünftiger Theologie nicht so lecker thun, 
als wenn man in seinem Leben noch keine gespürt halle." 

Keinen Theil der Wissenschaften versäumte er; vielmehr 
kannte er den Werth aller. So stellte er z. B. in Königsberg 
Kraus an, der für die Lehre von der Slaatswirlhscliaft wich- 
tig wurde, den Physiker Reusch, den Chemiker Hagen; nach 
Halle berief er Johann Rein hold Forster, Kooks Be- 
gleiter auf der Weltumseglung, Friederich August Wolf; 
für Duisburg richtete er seine Absichten auf Heeren. ) 

Im September 1779 sprach der Konig ausführlich mit dem 
Freiherrn von Zedlitz über den Unterricht in den Schulen. 
Der dabei gegenwärtige Geheime Cabinetsrath Stelller mufsle 
den Inhalt der Unterredung nachschreiben und in die Form 
eines Schreibens an den Minister bringen. ) Zedlitz führt 
alsbald mehreres aus, was der König angedeutet hat; und es ist 
schön zu sehen, wie der Minister sich auch in den Gegenständen 
der Gymnasien mit eigener Lust bewegt. So lernt er z. B. 
noch Griechisch. Mit seinem Secretair, dem spätem Bibliothe- 
kar Biester, liest er die Klassiker und begleitet die gemein- 
same Leetüre mit feinen Bemerkungen und treffenden Saclier- 
klärungen; er nimmt Studien der Mathematik und Mechanik auf 
und urlheilt z. B. über eine herausgekommene „Vorbereitung 
zur Geometrie für Kinder" richtiger als der Philolog Christian 
Gottfried Schütz, damals Inspector am theologischen Se- 
minar in Halle. ^ ) Allenlhalben hat er sein Augenmerk auf 
die anregende Methode gerichtet; allenllialhen sucht er sich die 
rechten Männer, Schütz, Melerotlo, Niemeyer, Gedike, 
und sieht ihr Werk wie das seine an. So schliefst er z. B. 
einen Brief an Schütz unter dem 7. Mai 1776 mit den Wor- 
ten ): „Leben Sie wohl und bedenken Sie, dafs man sich 
durch nichts dem grofsen Geist, dem Schöpfer der Welt, mehr 
nahet, als wenn man Menschen besser und zum allgemeinen End- 
zweck brauchbarer macht. Lassen Sie uns stolz sein, dafs wir 
zu so einem Amt berufen sind, und wir wollen nicht müfsige 
Hände in den Schoofs legen." 

So suchte der Minister vom Mittelpunkte aus die Kräfte zu 
beleben, aber nicht in falscher Cenlralislrung zu beschränken. 



Anfiang. 107 

fDie Lehrer empfanden es. „So vortreffliche Gesinnungen," 
schreibt Schütz, ,, würden auch den kältesten und unlhätlgsten 
Arbeiter haben zur lebhaftesten Betriebsamkeit entflammen müs- 
sen." Überhaupt suchte Zedlitz die rechten Männer und mit 
ihnen in das Elgenthüinliche ihrer Aufgabe und in den Werth 
ihres Berufs tief eingehend, steigerte er ihre Kraft und Ilefs sie 
freudig empfinden, dafs ihre Tliätigkeit nicht versäumt und nicht 
vergessen sei. So setzte sich des Königs scharf abgerissener 
! Befehl, dessen Ton auch wol des Ministers Verfügungen an- 
schlagen, den Einzelnen gegenüber in eine warm und mild be- 
lebende Kraft um. 

Wenn der König die Einkünfte für die gröfsten Zwecke des 
Staats haushälterisch zusammenhielt, so war der Minister des Un- 
I terrichts durch knappe Mittel in seinen besten Entwürfen allent- 
halben beengt. In Halle griff er dazu, den neuen Bau der Bi- 
bliothek selbst den Gehalten der Professoren abzusparen. ) In 
solcher Lage waren Übelstände unvermeidlich. Milsgriffe der 
Einzelnen glich der Minister würdig und schonend aus, trotz der 
begangenen Fehler die Verdienste der Männer anerkennend, ihre 
bessere Seite anregend und ihre Thätigkeil aufmunternd. Es 
glebt davon ein in Act Autographensammlung der hiesigen Bi- 
bliothek aufbewahrter Briefwechsel des Ministers mit einem sei- 
ner Zeit nicht unberühmten Professor der Rechte in Halle ein 
schönes Zeugnifs. 

Zedlitz wufste, dafs auch Höheres als Geld die Gelehrten 
an Preufsen fesselte. So schreibt er an Frdr. Aug. Wolf, 
den Philologen, als er ihn nach Halle beruft, ihm aber äufserllch 
nur eine schmale Lage bieten kann^'): „Sie legen es mir da- 
durch zur doppelten Pflicht auf für Ihr besseres Fortkommen In 
Halle zu sorgen, wo doch Freiheit Im Denken, Zusammenflufs 
gelehrter Männer und Zulauf von Zuhörern Sie auch einiger- 
mafsen entschädigen wird." 

In jenem aus der mündlichen Anweisung entstandenen 
„Schreiben des Königs an den Etatsminister Freiherrn von Zed- 
litz" bilden die auctores classic! den Kern der Schule und zwar 
die griechischen so gut als die lateinischen. Die in unsern Ta- 
gen oft verhandelte Frage, ob Latein oder kein Latein in den 



J08 Anhang. 

höhern Bürgerschulen, durchschneidet der König mit den Wor- 
ten: „Lateinisch müssen die jungen Leute auch absolut lernen, 
davon gehe Ich nicht ab; es mufs nur darauf raffinlrt werden 
auf die leichteste und beste Methode, wie es den jungen Leuten 
am leichtesten beizubringen; wenn sie auch Kaufleute werden, 
oder sich zu was anderm widmen, wie es auf das Genie immer 
ankommt, so ist ihnen das doch allezeit nützlich und kommt 
schon eine Zeit, wo sie es anwenden mögen." Der König ver- 
glfst indessen nicht hinzuzusetzen: „Eine gute deutsche Gramma- 
tik, die die beste Ist, mufs auch bei den Schulen gebraucht wer- 
den, es sei nun die Gottschcd'sche oder eine andere, die zum 
besten Ist." Dies kurze Wort des Königs, das einen Zweifel 
an der noch im Jahre 1776 wieder aufgelegten Grundlegung 
einer deutschen Sprachkunst von Gottsched zu enthalten schien, 
blieb nicht müfsig. Der Minister wandle sich an Adelung, 
der seit 1774 sein grofses Wörterbuch der hochdeutschen Mund- 
art herauszugeben begonnen hatte; und es erschien schon im 
Jahre 1781 „Johann Christoph Adelungs deutsche Sprachlehre. 
Zum Gebrauche der Schulen In den Königl. preufsischen Lan- 
den." Die Widmung spricht den Dank dem Minister aus, der 
durch die Ausführung des würdigen Gedankens, die deutsche 
Sprache auf deutschen Schulen grammatisch zu lehren und zu 
lernen auch der Sprachkennlnifs neue und fruchtbare Aussichten 
verschafft habe. Das Buch blieb bis in das zweite Jahrzehend 
unsres Jahrhunderts in den Schulen. 

In jenem Schreiben liegt dem König besonders der Unter- 
richt in der Rhetorik und Logik am Herzen, auf welchen er 
wiederholt zurückkommt. Für die Rhetorik empfielt er den 
Quintllian und dessen Methode. „Zum Unterricht In der Lo- 
gik," setzt er hinzu, „ist die beste im Deutschen von Wolf; 
solche Ist wohl ein bischen weitläuflig, aber man kann sie abre- 
giren." „Im Joachimsthal und in den andern grofsen Schulen 
mufs die Logik durchgehends gründlich gelehret werden, auch 
In den Schulen der kleinen Städte, damit ein jeder lernt einen 
vernünftigen Schlufs machen in seinen Sachen; das mufs sein." 
Ferner sagt der König im Widerspruch mit dem, was neuerlich 
in Frankreich und auch wol sonst ins Werk gesetzt wird: „und 



Li Anhang. 109 

was die Philosopliie betrifft, die mufs von keinem Geistlichen 
gelehret werden, sondern von Weltlichen, sonsten ist es ebenso, 
als wenn ein Jurist einem Offizier die Krleg>kunst lehren soll" 
u. s. w. In demselben Sinne hatte Friederich der Grofse 
im Jahre 1765 in seiner ,,\nweisung für die Leitung der Rilter- 
>,akademie in Berlin" die philosophischen Cursen genau bestimmt. 
Für die Gymnasien blieb der Wille des Königs nicht ohne 
Frucht. Engel, der Verfasser des Philosophen fiir die Welt, 
gab im Jahre 1780 seinen „Versuch einer Methode die Vernunft- 
lehre aus platonischen Dialogen zu entwickeln" heraus, in wel- 
chem er den Menon des Plato zum Grunde legt, damit die Schü- 
ler selbst die Begriffe abstrahiren und sich selbst die Wissen- 
schaft unter Anleitung des Lehrers gleichsam erfinden. Das 
Buch ist dem Freiherrn von Zedlitz zugeschrieben, auf dessen 
Frage, wie Philologie und wissenschaftlicher Unterricht zu ver- 
einigen, es entstanden ist. Es war übrigens nichts Neues, was 
; der König wollte. L ut her hatte mit Mela n c htho n In dem Ent- 
wurf der lateinischen Schule den Unterricht In der Dialektik 
. und Rhetorik angeordnet. Melanchthon hatte dafür ein Lehr- 
buch verfafst. Philologen, wie Facciolati und Gefsner, 
Ernesti und Wyttenbach, hatten andere geschrieben. Der 
■__ alt überlieferte Gegenstand erhielt nur durch des Königs Ansehn 
ir und durch Engels Arbeit einen neuen Antrieb und setzte sich 
. I auf den preufsischen Gymnasien In der philosophischen Propä- 
, deutik fort, welche nur erst seit etlichen Jahren äufserst be- 
j I schränkt und jetzt fast Im Verschwinden begriffen ist. Für die 
■ philosophische Bildung gehen dadurch eingeschulte Elemente 
. ; verloren und für die Universitälsvorträge die Anknüpfung an 
sichere Vorbegriffe. Ja, der König behauptet In jenem Schrei- 
, ben: „Die jungen Leute lernen In den Schulen alles desto lelch- 
i.j|ter; denn wenn sie nachher auf Universitäten sind, so lernen 
sie davon nichts, wenn sie es nicht aus der Schule schon mit 
dahin bringen." 

Aus Melerotto's Leben °) Ist ersichtlich, wie eifrig und 

genau Zedlitz alle Anordnungen des Königs in dem ihm unter- 

,' gebenen Joachlmsthalschen Gymnasium auszuführen bemüht war, 

und wie einsichtig der König selbst iu einer Unterredung mit 



110 Anhang. 

Meierotto, dem Rector des Joachimsthalschen Gymnasiums^ 
den Erfolgen, namentlich im Unterricht der Rhetorik, nach- 
forschte. 

Es war ein richtiger Griff des Ministers, die neuen Schul- 
bücher nicht von methodisch geübten Fachlehrern, sondern viel- 
mehr von Forschern und Meistern, wie Adelung und Engel, 
schreiben zu lassen. 

Obwohl der Akademie nicht vorgeordnet, denn damals stand 
sie unmittelbar unter dem König, hatte der Minister von Zed> 
litz für ihre Arbeiten Thcilnahnie bewiesen. Sie wählte im 
Jahre 1776 den wissenschaftlichen, um den öffentlichen Unter- 
richt verdienten Mann zum Ehrenmitgllede. Der König bestä- 
tigte die Wahl mit besonderer Befriedigung und Zedlitz hielt 
beim Eintritt einen französischen Vortrag „über den Patriotis- 
mus als Gegenstand der Erziehung in den monarchischen Staa- 
ten." Es geht durch den Vortrag, der die Vaterlandsliebe des 
Volkes in die Hand der Geistlichen und Lehrer legt, eine Wärme 
durch, welche den Verfasser doppelt ehrt, da er Staatsmann ist. 
Vieles, z. B. eine besondere Liebe für das Nützliche, verleugnet 
darin den Geist des T.iges nicht. Es fehlt eine tiefere Auffas- 
sung der Geschichte, welche doch mit dem Thema verwandt ist, 
und am Schlufs wird in dieser Beziehung nur das Beispiel und 
die Geschichte des grolsen Königs als ein Hebel der Vaterlands- 
liebe hervorgehoben. Wo der Verfasser die Triebfeder der 
Monarchie bespricht, weist er mit Recht Montesquieu's halben 
Gedanken zurück, der sie nur in der Ehre sieht, und verlangt 
statt ihrer Tugend, Gehorsam und Dankbarkeit, indem er die 
Gesinnung in der gerechten Monarchie des Selbstregenten von 
der Sklavenfurcht des Despotismus uaterscheldet. 

In die Zeit, da Zedlitz an der Spitze des preufsischen Un- 
terrichtswesens stand, fällt die pädagogische Bewegung, welche 
von Basedow ausging. Es war der Grundgedanke, dafs aut 
unserm ganzen Unterricht der Schulstaub früherer Jahrhunderte 
liege und der Unterricht noch die Farbe des Mönchlhums trage. 
Alles arbeite darin der Natur entgegen. Es müsse diejenige 
Erziehungsmethode in Schwang kommen, die weislich aus der 
Natur selbst gezogen sei. Die Verstandesbildung sei die Haupfci 



Anhang. IJI 

Sache, denn auch der Weg zum Herzen gehe durch den Kopf. 
Die Gedächtnifsbildung mache leicht dumm; das Sprachstudium 
sei nur für die Sache da. Des Wissenswürdigen sei so viel ge- 
worden, dafs alles Überflüssige weggeschafft werden müsse, um 
Platz für das Nothwendige zu gewinnen. Zu dem Überflüssi- 
gen gehören die todten Sprachen, die im Leben so wenig An- 
wendung finden. Man solle das Latein lernen, wie eine neue 
Sprache. Auf Realien komme es an. Alles Lernen müsse vom 
Anschaulichen ausgehen; es müsse so leicht als möglich gemacht 
werden, damit die Kinder nach Lust und spielend lernen. Ge- 
gen die Weichlichkeit der Zeit bedürfe es der Abhärtung und 
der Gymnastik. Bis ins löte Jahr solle der Knabe nur als 
Weltbürger behandelt werden. Der Mensch sei von Natur gut; 
|iGott liebe Alle als Allvater; die Kinder lieben auch von INatur 
I die Menschen; sie sollen daher zu Menschenfreunden und W^elt- 
] bürgern erzogen werden. Daran schliefst sich Basedow's allge- 
j! meine Gottesverehrung, seine natürliche Religion, seine deistl- 
t sehe Poesie an. Für diese Gedanken errichtet er das Philan- 
jithropinum in Dessau im Jahre 1774 und verfafst er sein Ele- 
menlarwerk mit 100 Kupfertafeln. Für diese Gedanken ruft 
Basedow in stürmischem Eifer die Theilnahme Deutschlands 
■;iwach und fordert zur Beisteuer auf. Die bedeutendsten Män- 
ner horchen mit Vertrauen dieser Stimme. Kant empfielt das 
ILiternehmen ; Lessing lobt das Philanthropinum; ) Euler 
unterschreibt das günstige Zeugnifs der Petersburger Akademie.") 
■ Ein neuer Tag sollte der Jugend und durch die Jugend der 
■1 Welt anbrechen. 

'i Es waren die Gedanken der Zeit und sie stimmten mit dem, 

was Zedlitz suchte. Er förderte sie seines Theils. In sei- 
nem Vortrag bei der Aufnahme in die Akademie pries er Base- 
dow's Elementarwerk. 

Mit Wahrem war Falsches gemischt, und das Wahre, das 
gegen den Mechanismus des alten Unterrichts ging, war so blen- 
dend ausgeführt, dafs man vor dem Schein , den es warf, das 
' Falsche Im Grunde des Wesens nicht sah. Aber es konnte 
' nicht fehlen, dafs das Flache und Falsche eine taube Saat er- 
zeugte. Es war unmöglich, dafs eine gute Erziehung, welche 



112 Anhang, 

immer die Stille sucht, vor den Augen Europa's konnte getrie- 
ben werden. Es war verkannt, dafs weder Verstandesbildung 
anders erworben wird, als durch Arbeit am gediegenen Stoff, 
noch Wille und Gesinnung je aus blofser Verstandesbildung 
herstammen. Es war undenkbar, dafs es ohne Mathematik und 
ohne Klassiker eine echte Bildung solle geben können. Es war 
unsinnig zu glauben, dafs die natürliche Religion, ein Abhub des 
Verslandes, das Gemüth des Kindes solle ergreifen oder gar 
die tiefen Anschauungen des geschichtlichen Chrlstenthums solle 
ersetzen können. 

Die schärfste Kritik erfuhr der gegen die Theologie gerich- 
tete Satz, dafs der Mensch von Natur gut sei, durch Friederich 
den Grofsen, der, ohne es zu wissen und zu wollen, gegen 
diesen Gedanken französischen Ursprungs dem Dogma zu Hülfe 
kam. Der König fragte einmal den von Ihm hochgeschätzten 
Sultzer, dem er die Leitung der Schulanstallen In Schlesien 
aufgetragen halte, wie es damit gehe. Sultzer antwortete: 
seitdem man auf dem Grundsatz, dafs der Mensch von Natur gut 
sei, forlgebaut habe, fange es an besser zu gehen. „Ach," er- 
wlederte der König, Im Widerspruch mit dieser gulmülhigen, 
schwachherzigen Pädagogik, „Ihr kennt nicht genug diese ver- 
wünschte Race, welcher wir angehören." ) 

Männer, welche tiefer blickten und schärfer sahen, wie 
Schlözer und Plank, durchschauten das Luftige und Grofs- 
sprecherlsche des Plans. Auch der Philolog Schütz, von dem 
Minister zur Untersuchung der Sache nach Dessau gesandt, halte 
gleich Anfangs ungünstig berichtet. Das Philanthroplnum zer- 
fiel bald und Basedow verkam. Aber die Anregungen, die es 
gegeben hatte, dauerten fort; wir messen sie an Namen von 
Männern wie Salz mann. Campe, Rudolf Zacharlas 
Becker, und selbst Dohm, welche alle durch das Philanthro- 
pin durchgegangen waren, und sich auf ihre Welse praktisch 
eine Bahn brachen. Es war indessen schwerlich der richtige 
Gedanke, eine solche Pädagogik, in ihrer Richtung eudämonl- 
stlsch, In Ihren Mitleln flach, als Theorie an die Universität Halle 
zu verpflanzen. Der Minister berief Trapp aus dem Philan- 
throplnum als Professor der Pädagogik. Mlfsstände zeigten sich 



Anhang. 113 



bald. Ihm fehlte, was ihm auf einer Universität Halt geben 
konnte, gründliche Wissenschaft. Wo die Methode als die 
Form nicht zugleich aus dem tiefer erfafsten Inhalt herauswächst, 
wird sie leer; und auf eine blofse Methode läfst sich so wenig 
eine Professur gründen, als auf ein Schema. Der Minister stellte 
Trapp an die Spitze des Erziehungsinstitutes, das er zur Pflanz- 
schule geschickter, methodisch gebildeter Lehrer errichtet hatte. 
Der Plan desselben war von basedowschen Gedanken durchzo- 
gen, aber die Ausführung war gründlicher und wissenschaftlicher, 
da der Minister für die Leitung Männer, wie Karsten, Eber- 
hard, Sprengel gewonnen hatte. Vergebens suchte Trapp 
durch eine Ansprache „über das Hallische Erziehungsinstitut" 
eine grüfsere Thellnahme der Eltern zu erregen.'*) Das In- 
stitut halte keinen längern Bestand. Als Trapp im December 
1782 seine Entlassung begehrt, um nach Holstein, in seine Hei- 
mat, zurückzukehren, berichtet der Minister an den König: „Ich 
halte dafür, dafs sein Verlust nicht unersetzlich ist," und fügt 
hinzu, dafs er wegen der Stelle mit einem geschickten Mann im 
Hannoverschen fast schon richtig sei. Dieser Mann war Frdr. 
Aug. Wolf, dessen Berufung für die Entwicklung der phllo- 
I logischen Studien in Deutschland solche Bedeutung gewann.'*) 
Seit aller Zeit war die Sorge für die Volksschule eine in 
Preufsens Regierung überkommene Angelegenheit. Durch die 
Reformation war der Gedanke der allgemeinen Schulpflicht 
durchgedrungen. In dem Bereich der katholischen Kirche war 
bis ins vorige Jahrhundert nur stofsweise etwas für den Volks- 
unterricht geschehen. Im protestantischen Deutschland hatten 
insbesondere die von dem edeln und frommen A. H. Franke 
ausgehenden pietistischen Bewegungen die Bestrebungen für den 
Voiksunterricht neu beseelt. In Berlin war mit der von dieser 
Seite gegründeten Realschule ein Lehrerseminar verbunden. Un- 
ter König Friederich Wilhelm I. hatten die sogenannten prln- 
cipla regulativa die Schulen eng an die Kirchen angeschlossen 
und die Schullehrer den Predigern zur Aufsicht und Unterwei- 
sung untergeben. Noch im August 1763 nach eben beendigtem 
siebenjährigen Kriege erliefs der König das wichtige General- 
[1S59.] " 8 



114 Anhang. 

Landscluil-Rcglement, das indessen aus Mangel an Mitteln nicht 
durchgeführt wurde. 

Im katholischen Schlesien wurden um diese Zeit die ersten 
katholischen Volksschulen geschaffen. Es war das Verdienst des 
Abts und Prälaten von Felbiger, der im Jahre 1762 im 
Stillen, aber mit höherer Erlaubnifs , einige katholische junge 
Männer zum Besuche des lutherischen Seminars nach Berlin 
sandte. Der damals in Schlesien dlrlgirende Minister von Schla- 
brendorf unterstützte diese Bestrebungen und es kamen schon 
bereits am Ende des Jahres 1765 katholische Schullehrerseminare 
in Schlesien zu Stande und Friederich der Grofse unter- 
zeichnete am 3. November 1765 das von Felbiger ausgear- 
beitete Landschulreglement für die Römisch- Katholischen In 
Städten und Dörfern des souveränen Herzoglhums Schlesien 
und der Grafschaft Glatz. So blühte in Friederichs Schle- 
sien der katholische Volksunterricht auf und das schöne Beispiel 
leuchtete weithin. Denn die Kaiserin Maria Theresia berief 
1774 denselben Abt von Felbiger, um die Reform des öster- 
reichischen Schulwesens In seine Hände zu legen." ) 

Inzwischen bildete sich in der Mark zu einer neuen Gestal- 
tung der Volksschule ein anderer Mittelpunkt; es war eine Er- 
scheinung von hervorragender Eigenthümlichkeit. Auf Rekahn 
bei Brandenburg safs seit Jahrhunderten die Familie von Ro- 
chow. Ein Sprofs derselben, Fried er ich Eberhard von 
Roch GW, der die Schlachten von Lowositz und Prag mitge- 
fochten und verwundet den Abschied genommen hatte, Domherr 
am Dome zu Halberstadt, empfand mit dem verwahrlosten Volk 
Erbarmen und legte muthig Hand ans Werk, indem er die Schu- 
len zu Rekahn und Gethln freigebig erneuerte und geistig pflegte, 
1772 seinen „Versuch eines Schulbuchs für die Kinder der 
Landleute" und ein Lesebuch „der Bauernfreund" schrieb, spä- 
ter unter dem Namen des von Rochowschen Kinderfreundes oft 
herausgegeben, und In seinem Lehrer Bruhns den rechten Ar- 
beiter in dem Weinberge seiner Schulen suchte und fand. Ihn 
trieb christlicher Sinn. Er wünschte zu Schullehrern Candl- 
daten der Theologie und verlangte von ihnen die Gesinnung 
eines Missionars, ohne weloie die Lehrer Mielhlinge bleiben 



Anhang. 115 

würden. Dabei traute er der Aufklärung des Verstandes unbe- 
schränkt und dachte sie in keinem Gegensatz gegen die eigent- 
liche Bestimmung des Landvolks. ) Tiefer gegründet und 
sich weiser beschränkend, nachhaltiger und ruhiger als Basedow 
war er doch von ßasedow's Richtung mitergriffen und sandte 
Lehrer zur Ausbildung nach Dessau. Seine Schulen wurden 
Musler. Man unternahm Reisen nach Rekahn, wie z. B. der 
Geograph Büsching ihat, der die seine beschrieb. Aus vielen 
GcgentJen Deutschlands wurden Lehrer hingesandt und selbst 
über Deutschland hinaus weckte Rochow's Beispiel Nacheife- 
rung. Der katholische Abt von F' eibiger setzte sich mit ihm 
wie mit einem Genossen gleichen Strebens in Verbindung und 
seine Briefe an Herrn von Rochow sind ein schönes Zeugnifs, 
wie man danials für das genieinsame Ziel der Volkserzieliung 
über die Kluft der Kirchen hinüber einander die Hand reichte. ) 

Der Freiherr von Zedlitz sah in ihm den Mann, der ihm, 
wie er sich ausdrückte, zur Beförderung der grofsen Absichten 
des besten Königs in der Verbesserung des Unterrichts der Land- 
jugend kräftige Beihülfe gewähren könne. „Dafs ein Domherr," 
so schreibt er ihm unter dem 17. Januar 1773, „für Bauerkinder 
Lehrbücher schreibt, ist selbst in unserm aufgeklärten Jahrhun- 
dert eine Seltenheit, die dadurch noch einen höhern Werth er- 
hält, dafs Kühnheit und guter Erfolg bei diesem Unternehmen 
gleich grofs sind. Heil, Lob und Ehre also dem vortrefflichen 
Manne, den nur die Rücksicht auf die Allgemeinheit des Nutzens, 
welcher gestiftet werden kann, zu solchen Unternehmungen an- 
treiben konnte." * ) 

Wir sehen nun beide Männer Hand in Hand gehen. Ihr 
an Einzelheiten reicher, von gleichem Streben getragener Brief- 
wechsel glebt dazu sprechende Belege. Zu zwei ver.>chiedenen 
Malen im Jahre 1774 und 1779 kommt der Minister nach Re- 
kahu, um die Schulen selbst zu sehen und selbst zu prüfen. Im 
Briefwechsel mit Herrn von Rochow kommen die Hindernisse 
zur Sprache, die ihm bei der Ausführung, namentlich auch bei 
dem Könige, aufstofscn. Wie Friederich gern seine Akade- 
miker aus Frankreich oder der Schweiz berief, so war es ein bei 
1 ihm wie<lcrkelireuder Gedanke, Schulmeister aus Sachsen zu ho- 



116 Anhang. I 

len. Es war merkwürdig wie Friederich noch im sieben- I 
jährigen Kriege, drei Tage vor dem Hubertsburger Friedenschliifs, I 
von Leipzig aus plötzlii li die INachricht geschickt halte, dafs er 
acht Schulhaller In Sachsen angenommen habe, mit dem Befehl, 
vier in Hinterpommern und vier In der Kurmark anzustellen. 
Von Neuem war davon die Rede. Der Minister wünscht es ' 
nicht und auch Rochow widerrälh es. Der Dialekt mache 
die Sachsen den Landleuten unverständlich und am Ende hätten 
sie doch Immer keine patriotische Wärme für unsern Staat. 
Dies Mal unterblieb die Sache.'*') 

Im Jahr 1779 kreuzte eine andere Gefahr alle Hoffnung 
zur Verbesserung der Landschulen. Der König befahl dem 
Minister, die Invaliden, welche sich zu Schulmeistern schick- 
ten, anzustellen, „denn," schrieb er, „die Leute meriliren 
untergebracht zu werden, Indem sie Ihr Leben und Gesund- 
heit für das Vaterland gewaget haben." Freiherr von Zed- 
lltz schreibt darüber an von Rochow Im Jahr 1781: ) 
„Fast mufs Ich auf die Aufnahme der Landschulen ganz Ver- 
zicht thun ; der König bleibt bei der Idee, dafs die Invaliden zu 
Schulmeistern genommen werden sollen. Er vermengt die Bil- 
ligkeit, verdiente Leute zu belohnen, mit der Pflicht, brauchbare 
Menschen zu bilden. Ich habe selbst in einzelnen Fällen mit 
meinen Vorstellungen nichts ausrichten können." Büsching 
nennt das Jahrhundert Friederichs des Grofsen nach dieser Seite 
das Jahrhundert der Invaliden. 

Mit Herrn von Rochow bespricht der Minister die Ein- 
richtung von Musterschulen, Seminarlen und Armenschulen. 

Das Armenwesen lag sehr darnieder; das Betlein war eine 
Landplage geworden. Auf des Königs Befehl nahm der Mi- 
nister von Zedlitz im Jahr 1775 die Sache für alle Provinzen 
in die Hand und führte insbesondere den Grundsatz durch, dafs 
sich jede Gemeine ihrer Armen annehme. ) Um selbst mit 
dem Beispiel einer Armenschule voranzugehen, fafst er den Plan 
eine der Berliner Armenschulen In eigene Aufsicht zu nehmen. 
Er läfst einen Lehrer In Rekahn bilden, und errichtet vor dem 
Königsthor in der Nachbarschaft seines Hauses eine Schule, wo- 
hin die um ihn herum wohnenden Handwerker und Ackerbürger, 



Anhang. 117 

und zwar die Armen unentgeltlich, Ihre Kinder schicken. Er 
liilst seinen eigenen Sohn diese Schule besuchen.' ) 

So sehen wir den rastlos strebenden Minister niitlen In den 
Wissenschaften und wieder bei den Schiilbiichern und bei der 
Bildung von Lehrern; mitten In den Universitäten und Gymna- 
sien und selbst persönlirli in der eigenen Armenschule. TSichts 
ist ihm zu klein, Alles beseelt er; Kleines und Grofses begreift 
er In den Einen Gesichtspunkt des allgemein Nützlichen. 

Des Nützlichen, des Brauchbare n. Dafs er diesen Begriff 
nicht platt, sondern höher fafste, dafür bürgt seine philoso|)hi»che 
Liebe, seine edlere staatsmännische Weise. Aber dennoch lag 
darin die Grenze seines Geistes, wie überhaupt der Zeit, welche 
Friederich ausgeprägt halte. 

Wir erwähnen dabei nur Eine Mafsregcl, welche den Unter- 
richt, unser eigentliches Thema, nur berührt. 

Zedlitz hatte als Chef des geistlichen Departements und 
als Präsident des Ober- (Jonsistorlums wesentlichen Anthell an 
;j der Einführung eines neuen Gesangbuches. ) Es war In sei- 
nem Sinne, dafs Männer wie DItrich und Teller, neue Lie- 
I der auswählten und alte verbesserten. Kiopstock hatte an 
. den alten einst Ahnliches versucht. Allein wie es überhaupt 
I eine niilsliche Sache ist, eine ursprüngliche Poesie mit nachge- 
j kommenen Empfindungen zu verändern, so ist es am schwie- 
I rlgsten Lieder umzumodeln, In welchen einst die Kirche ihre 
[ Gefühle wiederfand und an welchen von Geschlecht zu Ge- 
I schlecht die lieb gewordene Erweckung frommer Empfindungen 
i hängt. Am wenigsten war aber die nüchterne Ansicht der 
I Zeit, die verständige Ansicht der Theologie zu solchen vorgeb- 
j liehen Verbesserungen der Lieder berufen. Es konnte nicht 
I fehlen, dafs das Ursprüngliche verwischt und das Eigenlhümllcbe 
I ins farblose Allgemeine gezogen wurde, wodurch sich ebenso 
sehr die Kirche als die Poesie für beschäiligt halten konnte. Im 
Vertrauen dafs der König ein solches vernünftigeres Gesangbuch 
I billigen weide, war es nicht für riöthig erachtet, seine Geneh- 
i migung vorher einzuholen. Ohne eine solche wurde Im Jahr 
\ 1780 das „Gesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauch In den 
' Königlich preufsischen Landen" bekannt gemacht und die Ein- 



118 Anhang. 

fiihrung In alle lulherischen Kirchen des Landes befohlen. Viele 
Gemeinden widersetzten sich, und der König, von mehreren 
Selten angerufen, erliefs im Januar 1781 im Sinne der von Ihm 
vertretenen Toleranz den Bescheid; „obwol d;is neue Gesang- 
hiich verständlicher, vernünftiger und dem wahren Gottesdienst 
angemessener sei, so solle kein Zwang gescliehen, sondern jeder 
Glaube hierunter ganz freie Hände haben und behalten." Wenn 
er eigenhändig hinzusetzte : „Ein jeder kann bei mir glatdjcn, 
was er will, wenn er nur ehrlich ist. Was die Gesangbücher 
angeht, so stehet einem jeden frei zu singen : „Nun ruhen alle 
Wälder" und dergleichen dummes und thötichtes Zeug mehr:" 
so ihul dieser Seitenblick dem schonen LIede Paul (ierhardts 
so wenig Eintrag, als den alten deutschen Gedichten das Urtheil, 
das der König in» Jahre 1782 an den Herausgeber Myller als 
Dank für die Einsendung schrieb : ,,die Gedichte seien keinen 
Schufs Ptdver werth." Aber wichtiger Ist es zu bemerken, wie 
die consequente Durchführung eines grofsen Grundsatzes, des 
Königs Anerkennung der Glaubensfreiheit, das wieder gut 
machte, was die eigene einseitige Richtung, welche in des Mi- 
nisters Verfahren zu Tage kam, gefehlt halle. 

Dem Minister von Zedlitz war anfser dem geistlichen De- 
partement die Criminaljustiz anvertraut. Es war darin das Ziel 
seiner unablässigen Arbeit, die Sorgfalt in Verhütung der Ver- 
brechen, die Menschlichkeit in Behandlung der Gefangenen, die 
weise Milde In Zuerkennung der Strafen immer weiter zu ver- 
breiten. ) 

Aus diesem Gebiet seiner Thätigkelt heben wir nur Eins 
heraus, weil es den Mann bezeichnet. In dem merkwürdigen 
Ereignifs des Müller- Arnoldschen Prozesses hatte der König, 
schlecht berichtet, den falschen Verdacht geschöpft, dafs die Ge- 
richte, vor welchen nach seinem Willen der Bauer dem Prinzen 
gleich sein sollte, einen Edelmann gegen den klagenden Müller 
begünstigt und das Recht gekränkt hätten, und ward aus Eifer 
für die Gerechtigkeit ungerecht. Schon halte er den Grofs- 
kanzler von Fürst unwillig entlassen und drei Kammergerichts- 
räthe verhaftet; und gab nun dem Minister von Zedlitz den 
Befehl, gegen die drei schuldigen Kammergerlchtsräthe auf Kas- 



Anhang. 119 

i satioii uml Feslungsstrafe und gegen den Präsidenten der neu- 
märkischen Regierung auf Anitsentsctzung zu erkennen. In der 
Ordre Higle der König die Drohung hinzu: wenn dies nicht mit 
aller Strenge geschehe, werde der Freiherr von Zedlitz sowol 
als auch das Crlminal - Colleginm es mit Sr. Majestät zu thun 
kriegen. Indessen ergab die Untersuchung, dafs in der Sache 
kein Richter parteilich verfahren war. Vergebens suchte der 
Minister den König durch einen Bericht des Crinilnalsenats zu 
überzeugen. Der König sah darin nur den Eigensinn der Rich- 
: ter, welche unter einander gegen ihn durchstechen wollten. 
I Keine Gegenvorstellung fruchtete. Da hatte Zedlitz den 
I Muth, dem Könige zu antworten, dafs er nicht wider sein Ge- 
i wissen und seine Überzeugung bandeln könne. Er schrieb:^ ) 
„Ich habe Ew. Königl. Majestät Gnade jeilerzeit als das gröfste 
I Glück meines Lebens vor Augen gehabt und mich eifrigst be- 
I müht, solche zu verdienen ; ich würde mich aber derselben für 
j unwürdig erkennen, wenn ich eine Handlung gegen meine t^ber- 
zeugiing vornehmen könnte. Aus den von mir und auch vom 
Criniinalsenat angezeigten Gründen werden Ew. Königl. Ma- 
jestät zu erwägen geruhen, dafs ich aufser Stande bin, ein con- 
dcmnatorisches Urlheil wider die in der Arnoldschen Sache ar- 
rctirten Jusllzbeamlen abzufassen." Darauf erliefs der König 
die verurtheileiide Kablnetsordre. ,,Wenn sie also nicht spre- 
chen wollen, so thue ich es und spreche das Urtheil" — „Übri- 
gens," so scblofs der Bescheid, „will Ich Euch nocb sagen, 
wie es INlir lieb ist, dafs Ich Euch bei dieser Gelegenheit so ken- 
neu lernen, und werde nun schon selien, was Ich weiter mit 
Euch mache. Wornarh Ihr Euch also richten könnt." Durch 
des Ministers Standhaftigkeit blieb die ungerechte Verurthellung 
ein Befehl, aber wurde kein preufsisches Rechtserkennlnifs. 
Trotz der Drohung blieb Zedlitz bei dem König in Achtung 
— ein selteiies Zeugnifs für beide. 

Es ist eine Freude zu sehen, dafs Fried ericbs Zeit nicbt 
blos auf dem Schlachlfelde Männer bervorbrachte. 

Dieser Zug sittlicher Kraft und sittlichen Grundes vollendet 
das Bild des für Menschen und Menschenbildung unermüdlich 
thätigen, alle Lebensbeziebungen menschlich und edel auffassen- 



120 Anhang. 

den Mannes. Selbst In Friederich des Grofsen Liebte 
verbleicht ein solcher Stern nicht. 

Begleiten wir Zedlitz noch einige Augenblicke In die fol- 
gende Regierung hinüber. 

Es lag in dem Gang der Dinge, dafs ein kirchlicher Rück- 
schlag erfolgte und bald auch den Minister traf. Veranlassungen 
zu einer solchen Gegenbewegung sind uns auch in dieser Skizze 
des Unterrichtswesens begegnet. Das Historische in den Con- 
fessionen war gekränkt, das Positive zurückgestellt, und was 
darauf gebauet war, fühlte sich unsicher. Friederich hatte 
auch die Religion, wie davon das an Zedlitz erlassene Schrei- 
ben einen Beweis enthält, in's blofs Nützliche gezogen; und in- 
dem seine Staatskunst den Staat als Ganzes, den Staat als Person 
hoch hob, wie kaum je vor ihm geschehen, fafsle sie die Men- 
schen eigentlich nur als Kräfte an diesem Ganzen und an dieser 
Person des Staats, als Kräfte, welche benutzt und abgenutzt wer- 
den, und nicht als Menschen, die in sich selbst Werth haben. 
Es bleibt die schöne Wirkung der Kirche, in welcher, so lange 
sie Ihrem Beruf treu Ist, der einzelne Mensch nimmer einen 
blofsen Marktpreis bat, einer solchen Slaatsansicht, welche am 
Ende die Menschen nur als Stoff des Staats betrachtet, die Wage 
zu halten, indem sie als geistige Macht den Werth wahrt, wel- 
cher dem allgemeinen Staat entgegengesetzt ist, den Werth des 
Menschen als Einzelnen, in welchem sie das Unvergängliche 
sucht, des Menschen als Person in sich. Von dieser Seite 
konnte eine Gegenströmung sogar heilsam wirken. Aber, 
schlimm genug; sie erfolgte nicht mit geistigen Mitteln, son- 
dern mit den Künsten der FInsternifs. Zedlitz wich im Jahre 
1788 einem Wo II n er. 

Ehe er es that, binterliefs er noch Eine Einrichtung, welche 
für Preufsens Entwlckclung wichtig wurde. Im Unterrichts- 
wesen war die wissenschaftliche und bürgerliche Seile längst so 
gewachsen, dafs sie über den Kreis der Theologie und über die 
Bildung und Vorbildung der Theologen hinausging. Die Con- 
slstorien konnten von ihrem Standpunkt das Ganze nicht mehr 
übersehn. Darin lag die Innere Nothwendigkeit, das Schul- 
wesen vom geistlichen Stande mehr zu trennen, Zedlitz hatte 



Anhang. 121 

den selbststäiifligen Fortscliritt des Unterrlchtsweseiis Im Auge, 
da er den Plan erdachte, ein Oberschulcolleglum als unabhängige 
oberste Behörde neben das Consistoriuni zu stellen. König 
Friederich Wilhelm II. vollzog diesen Entwurf, bald nach- 
dem er den Thron bestiegen. ) 

Es konnte nicht fehlen, dafs die 18jährige Wirksamkeit eines 
solchen Ministers auf Preufsen einen Eindruck machte, zwar 
einen einseitigen, aber bedeutenden. 

Es wäre ein Beitrag zur vaterländischen Geschichte, Zed- 
litzens zerstreute Briefe zu sammeln, ungedruckten nachzu- 
spüren, die Acten zu durchforschen, unrl aus diesen Quellen ein 
vollständiges Bild seines Wesens und Wirkens darzustellen. Wir 
wünschen dieser Aufgabe eine würdige Lösung. 

Inzwischen hat Kant ihm ein Denkmal gestiftet, das mit 
der „Kritik der reinen Vernunft" von Jahrhundert zu Jahrhun- 
dert dauern wird. Kant widmete sie ihm und in der Zueig- 
nung schreibt er unter Anderm, auf Zedlitz, den philosophi- 
schen Staatsmann hinblickend, mit philosophischem Bewufstsein, 
leise, aber deutlich: „W^en das speculative Leben vergnügt, dem 
ist, unter mäfsigen Wünschen, der Beifall eines aufgeklärten, 
gültigen Richters eine kräftige Aufmunterung zu Bemühungen, 
deren Nutzen grofs, ob zwar entfernt Ist, und daher von ge- 
meinen Augen gänzlich verkannt wird." 

Als hierauf nach den Statuten eine Übersicht der Personal- 
veränderungen in der Akademie der Wissenschaften seit der 
öffentlichen Sitzung am 28. Januar 1858 gegeben wurde, ver- 
weilte der Vortrag bei dem Verlust des Herrn Johannes 
Müller mit folgenden Worten: 

Sein wissenschaftliches Gedächtnifs Ist anderweitig von be- 
rufenen Männern, und In dieser Akademie am Leibniztage durch 
einen ausRihrllchen Vortrag des Hrn. du B o is-R ey mon d, be- 
gangen worden. Nur wenige Worte mögen dem entfernter 
Stehenden von seinem Standort erlaubt sein; denn niemand geht 
gern an einer Erscheinung von solcher Bedeutung stumm vorüber. 

Je riesenhafter die Erfahrungswissenschaften in sich wach- 
sen und je mehr sie sich aus diesem Grunde in einzelne neben 



1 22 Anhang. 

einander liegende Gebiete theilen, je mehr indessen dadurch 
auch das allgemeine Studium in Besonderheiten zu zerfallen droht: 
desto höher steht ein umfassender Geist da, wie J o h. Müller 
war. Der Logik der Thatsacheii zugelhan fiilirt er die Tiieorie 
bis zu den Anknüpfungspunkten der pbiiosophisclien Betrachtung. 
Sein beobachtendes Auge fesselt ihn an die Erscheinung und 
sein sinnender Geist zieht ihn in die Tiefe. Seine Physiologie, 
reich an Thatsachen und Zergliederungen, führt das Leben bis 
in die Regionen, in welchen es auf metaphysischen Voraussetzun- 
gen ruht, und dann wieder bis dahin, wo es, wie in der Seelen- 
lehre, in die Vorhalle des Ethischen eintritt, oder, wie in den 
Sinnen, das Ästhetische bedingt. In Johannes Müller war 
das philosophische Studium ein wesentliches Bildungselement sei- 
nes Geistes. Was er als Naturforscher war, war er nicht trotz 
der Philosophie, sondern von ihr mitgetragen, wie z. B. in sei- 
nem bleibenden Werke, der Physiologie des Gesichtssinnes. 
Den platonischen Constructionen der modernen Naturphllosopliie 
hing er nur vorübergehend an, aber er war und blieb ein aristo- 
telischer Geist, aristotelisch in der Strenge der Methode, in der 
analytischen Schärfe, aristotelisch in der die Welt der That- 
sachen durchsuchenden, sichtenden Beobachtung und in der 
W^elte seines wissenschaftlichen Horizontes, aristotelisch endlich 
in der Auffassung der Princlpien. Lmsonst hatte er nicht sein 
Lebelang den Aristoteles lieb. So er.schlen er dem, der die 
W^eise seines Geistes wahrnahm und sich klar machte, so er- 
schien er, wem es auch sonst nicht gegeben war, ihm in die 
Fiille und den Reichthum seiner specielien Anschauungen und 
Forschungen zu folgen, in seine Untersuchungen über Sinne 
und Reflexbewegungen, über Blut und Chondrin, über Genita- 
lien und Drüsen, Knochenstruktur und Geschwürbildungen, 
über Fische und fossile Thiere, über Pentacrinus und Asterolde, 
über Polycystinen und Echlnodermen , in Untersuchungen, 
welche sich so weit erstreckten, als das grofse Gebiet des 
thierlschen Lebens. Wo er untersuchte, entdeckte er. Wer 
ihm bis an den äufsersten Rand seiner Untersuchungen nach- 
ging, bewunderte oft, wie sicher er sich auf einem ihm schein- 
bar fremden Gebiete bewegte, sei es in den philosophischen 



Anhang. 123 

Begriffen seiner Pliyslologie, sei es bei lilterarlsclien oder philolo- 
gischen Fragen, wie z. li.in der ALliandliing von dem glatten Hai des 
Aristoteles, den er durch Hrn. Fe t er s Hülfe wieder entdeckte, oder 
in dem Vortrag über die Fische, v\el(he Töne von sich geben, in 
Aristoteles Tliiergeschichte. Seine geistige Gröfse ruhte auf niiinn- 
lichcr Kraft. Kein scheu zurückgezogener Gelehrter stand er 
in der Stunde der Gefahr seinen IMann. So begegnete er als 
Rector, da die unruhigen Wogen des Jahres 1848 hoch durch 
die Universität schlugen, vielfach dem Andrang mit entschlosse- 
nem INlulh. So rettete er in grausem Schiffbruch sein Leben 
schwimmend aus den Wellen. In beider Beziehung gilt von 
ihm das ^'Vort des Dichters: „saevis tranquillus in undis." Noch 
in den Jahren der Kraft brach plötzlich der starke Mann. Er 
starb früh, aber er halle ein ganzes Leben gelebt, ein volles Le- 
ben der Erfahrung und des Gedankens, ein schaffendes Leben 
der Wissenschaft, ein erprobtes Leben männlicher Kraft. In 
Joh. Müller schied uns ein klassischer Mann. 



') Karl Abraham Freiherr von Zedlitz, geboren am k. Ja- 
nuar 1731 zu Schvvarzvvalde bei Landshut in Schlesien, gestorben 18. März 
179i zu Kiipsdorf bei Scliweidnitz auf seinem Landsitze. Vgl. über ihn 
Berlinische Monatsschrift. Juniusl7y3. S. 537 ff. Schlich- 
tegroll Nekrolog. 1793. 2ter Band. S. 301 ff. L o we Bildnisse jetzt 
lebender Berliner Gelehrten 1S06 unter Biester. S. l6 ff. Karl Wil- 
helm CosDiar der Königl. Preufsische und Chnifiir.sllirhe wiiklich Ge- 
heime Staatsralh. Berlin 18Ü5; in dem vom Klaprotli beigegebenen Ver- 
zeichnifs der wirklichen Geheimen Staatsräthe. S. 452 f. Für die fol- 
gende Skizze lial der Verfasser Millheiliingen ans der Autographeiisitmm- 
lung der hiesigen K. Bibliothek, aus den Llniversitätsakten und dem WaiT 
senhausarchiv in Halle, aus dem Briefwechsel Nicolai's und die ihm wohl- 
wollend geslallele Einsicht einiger betreffenden Akten im hiesigen Königl. 
Staatsarchiv dankbar zu erwähnen. 

^) Lettre surVddacation. Werke. 18 iS. IX. S. 113 ff. 

^) Instruction au Major Borche. IX. S. 35 ff. 
) Instruclion pour la directton de l'acaddmie des nobles ä Berlin. IX. 
S. 75 ff. 

') De la Uttcrature Allemande. VII. S. 100. 

*) Werke. IX. S. 39- 

') Werke. XXVll. 3. S. 256 vgl S. 253. 



124 Anhang. 

') Nach einem Briefe vom 24. Oct. 1783, mit mehreren andern im 
AVaisenhausarchiv zu Halle. 

°) Kants Werke. Herausgegeben von Karl Rosenkranz und Friedr, 
Wilh. Schubert. 1838. VII. a. S. 145. S. l47. 

'") Reskript vom 23. Mai 1772. Im Köuigl. Staatsarchiv. 

' ') Reskript vom 10. Nov. 1785. Akten der Universität Halle. 

•') Werke. IX. S. 119. 

'^) Friedr. Wilh. Schubert. Immanuel Kants Biographie zum 
grofsen Theil nach handschriftlichen Nachrichten 1842 in Kants Werken. 
XI. S. 58 ff. Es mag hier beiläufig bemerkt werden, dafs Friederich 
der Grofse schon im Jahre 1750 den allgemeinen Zustand der deutschen 
L'niversitäten ins Auge fafste und auf einen Beschlufs des Reichstags hin- 
wirken wollte, um die Sitten der Studirenden zu heben. Der Erlafs an 
den Minister von Podewils, eine Instruction am Reichstage auszuarbeiten, 
ist vom 13. März 1750. Im K. Staatsarchiv. 

^*) Aus den Akten des Archivs der Universität Halle. 

' ^) ^g'- Christian Gottfried Schütz. Geschichte des Erzie- 
hungsinstiluts bei dem theologischen Seminarium zu Halle an Herrn Kir- 
chenrat Stroth zu Gotha zur Apologie des Herrn D. Semler. Jena 1781, 
S. 100 ff. Semlers Lebensbeschreibung von ihm selbst abgefafst. Er- 
ster Theil. Halle 1781. Vorrede. 

' *") Briefe angesehener Gelehrten, Staatsmänner und anderer an den 
berühmten Märtyrer, D. K arl Fri ede rieh Bahr dt. 2ter Theil. Leip- 
zig 1798. S. 67. 

") In einem Briefe an den Domherrn von Rochovv, s. dessen Litte- 
rarische Correspondenz mit verstorbenen Gelehrten. Berlin 1799. S. 203. 

' ') Ans den Akten des K. Staatsarchivs. 

''') Briefe an Bahrdt. 2. Tbl. 1798. S. 67- 

^°) A. H. Niemeyer. Leben Nösselts. 1809. S. 36. 

^') Aus den Akten des Universitätsarchivs zu Halle. Reskript vom 
16. Sept. 17S7. 

'0 Schloeze r Briefwechsel. 1779. V. No. XXIX. S. 332 ff. VL 
No. XXXII. S. 82. Dieser politische Grund geht namentlich auch aus 
dem Bericht des Ministers von Zedlitz an den König vom 24. Decbr. 1779 
hervor, welcher sich in Dr. Bahrdt's Angelegenheit im Königl. Staatsarchiv 
befindet. Darin heifst es unter Anderm: „Da es meine Pflicht ist, alle 
Art von Gelehrten in Ew. K. Majestät Lande zu ziehen, so mufs ich be- 
kennen, dafs ich den Bahrdt nach Halle habe kommen lassen, weil ich 
eines Tlieils überzeugt bin, dafs der Kais. Reichshufrath in protestantischen 
Religionssacheu nicht jugc compelenl ist, und weil der Bahrdt ein beson- 
ders in der Litteratur und Rhetoric geschickter Mann ist. Ich lasse ihn 
aber dort Rhetoric nach dem Quintilian und über die Orientalische Spra- 



Anhang. 125 

chen lesen, und keine Theologie, damit nicht etwa orthodoxe Eltern abge- 
halten werden, ihre Söhne nach Halle zu schicken." Der Bericht schliefst: 
„Bahrdt hat von Ew. Majestät keinen Gehalt, sondern ich nebst einigen 
meiner Bekannten haben ihm auf zwei Jahre eine jährliche Einnahme von 
400 lUhlr. aus unsern Mitteln ausgesetzt." Der König erklärt sich einver- 
standen. Die Rhetorik nach Quintilian ist sein alter Lieblingsgedanke. 
Wenn Bahrdt später den Tacitus übersetzt, so entspricht auch dies der 
Absicht des Königs, dafs die griechischen und lateinischen Klassiker sol- 
len ins Deutsche übertragen werden. Seine Antwort auf die Einsendung 
des Tacitus vom 19. Jan. 1781 s. Briefe an Bahrdt. 2. Thl. 1798. S. 252. 
vgl. S. 247. 

'^) In einem ungedruckten Briefe vom 24. Juni 1777 im Besitz des 
Hrn. Parthey. 

**) Letzteres nach den Akten des K. Staatsarchivs. Der Minister 
präsentirt unter dem 20. April 1786 Mag. Heeren für eine philosophische 
Professur in Duisburg und schreibt „ist ein guter Schüler Heyne's und ein 
denkender Kopf, hat aber noch nichts geschrieben. Sein erstes Werk 
wird eine kleine Abhandlung sein, die im nächsten Stück der Berliner Mo- 
natsschrift gedruckt wird und die dies ürtheil von ihm bestätigen wird." 
Die Beziehungen des Ministers von Zedlitz zu Kraus s. in dessen Leben 
von Johannes Voigt in Chr. Jac. Kraus vermischten Schriften. 8. Th. 
1819. z B. S. 76. S. 117. 

^=) Werke. XXVIT. 3. S. 251 ff. 

'*) Christian Gottfried Schütz Geschichte des Erziehungsin- 
stituts bei dem theologischen Seminar zu Halle. Jena 1781. S. 65. S. 70. 
") Ebendaselbst S. 26. 

'^) Johann Christian Förster Übersicht der Geschichte der 
Universität zu Halle in ihrem ersten Jahrhundert. Halle 1 7.v4. S. 206. 

^') In einem Briefe der Autographensammlung der hiesigen K.Bi- 
bliothek vom 19. Juli 1783. 

^") Brunn Versuch einer Lebensbeschreibung Meierotto's. Berlin 
1802. S. 189 ff. S. 265 ff. 

' ' ) Sur le palriotisme considere comme objel d'education dans les etals 
monarcliiques. Discours de receptton prononce dans l'academie des sciences 
et helles lettres. Berlin 1777. 

'') Le SS ings Werke. X. S. 259- 

^^) K. von Raumer Geschichte der Pädagogik ff. IL 1843. S. 
269 ff S 278. 

'*) Kant in der Anthropologie. Werke von Rosenkranz. VIL b. 
S. 275. S u 1 1 z e r hatte im Jahr 1 768 herausgegeben : Vorübungen zur Er- 
weckuug der Aufmerksamkeil und des Nachdenkens. 1768. Thl. 3 u. 4. 
1781. Der dritte Theil ist noch 1825 in einer neuen Autlage erschienen. 



126 j4nhang. 

^=) Chr. Gottfried Schütz a. a. O. S. 21 ff. über das Philan- 
tlu-opin. Ebendaselbst S. Ii7 ff. S. \h5 ff. über Trapp. Der Minister 
schrieb im Jahre 1777 plan d'iine pepiniere de pedagogucs et de gouver- 
neurs etablie c Halle. Die Schrift, insbesondere für den König bestimmt, 
wurde nur in wenigen Exemphiren abgedruckt (Schütz S. 53), und es ist 
trotz mannigfaUigei Nachfragen nicht gelungen, sie in Berlin, Halle oder 
Königsberg aufzutreiben. Indessen ündet sich im K. Staatsarchiv „Plan 
des auf Befehl und unter höherer Aufsicht Sr. Excellenz des Hrn. Gehei- 
men Staatsministers und Ober- Curators der K. Universität Freiherrn von 
Zedlilz in Halle errichteten K. Erziehungsinslituts. Halle am 15. April 
1780," unterzeichnet Wenceslaus Jo. Gust. Karsten. Joh. Aug. Eberhard. 
Matthias Chr. Sprengel. 

^*) Aus einem Aktenstück im K. Staatsarchiv. Den Brief an Wolf 
vom 19. Juli 1783 schliefst der Minister mit einem Wunsch, den Wolf 
wahr machte. „Leben Sie nun ganz Ihrer Wissenschaft, — — , und helfen 
Sie den einen Vorwurf, der noch immer Halle traf, abwälzen, dafs man 
dort keine Philologen bildet." In der Antographensamniiung der hiesigen 
K. Bibliothek. 

") Dr. II. Heppe Geschichte des deutschen Volksschulwesens. I, 
1858. S. 77 ff. S. 105 ff 

") Friederich Eberhard von Rochow litterarische Corre- 
spondenz mit verstorbenen Gelehrten. Berlin 1799- S. 178 ff. 

'') Ebendaselbst S. 241 ff. 

'"') Ebendaselbst S. 115 ff. Der Briefwechsel zwischen beiden Män- 
nern geht vom 17. Januar 1773 bis 2. JS'ovember 1787. 

*') Ebendaselbst S. 218. 

*') Ebendaselbst S. 2l3. 

") Ebendaselbst S. l68 ff. 

'*) Ebendaselbst S. 198 ff. S. 208 f. vgl. Berliner Monatsschrift 
1787. Aug. S. 113 f. 

*') Christian Wilhelm von Dohm Denkwürdigkeiten meiner 
Zeit. S. 258 ff. J. D. E. Preufs Friederich der Grofse. 1833. III. 
S. 221 ff. 

^^) Berliner Monatsschrift. 1793. XXI. S. 5-40. 

*') 31. December 1779. J. D. E. Preufs Friederich der Grofse. 
1833. III. S. 405. 

'') Das Gesetz unter dem 22. Febr. 1787 bei Mylius S. 6lSvgI. 
der dem Könige vorgelegte Plan von Zedlitz: Vorschläge zur Verbesse- 
rung des Schulwesens in den Königl. Landen, in der Berlinischen Monats- 
schrift 1787. Aug. S. 96 ff. 



p 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der König). Preuls. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat Februar 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Ehrenberg. 



3. Februar. Gesammt Sitzung der Akademie. 

Hr. Peters las eine Abhandlung über die Chiropte- 
rengattung Nj ctophilus , von der hier ein kuzer Auszug 
mitgelheilt wird. 

Nach einer von Nj-ctophilus Genffmyi Leach durch ihre 
beträchth'chere Gröfse und auch durch die Färbung verschiedenen 
Art, TV. ausiralis P., wurde eine genauere Darstellung des Äufse- 
ren dieser Thiergattung gegeben und die Resultate der Unter- 
suchungen über die bisher unbekannten inneren Theile, das 
Skelet und die Eingeweide, niifgetheilt. Es wurde hiernach die 
Angabe von Leach, nach welcher die Zahl der unteren Schneide- 
zähne sechs ist, bestätigt, wahrendTemminck an demLeach'schen 
Originalexemplar nur 4 hatte finden können. Die Zahl der un- 
teren Backzähne ist dagegen nicht vier, wie bisher von allen 
Autoren angegeben worden, sondern fünf, so dafs die Gebifs- 

3.1 1 1—1 113 

formel bei dieser Gattung folgende ist: — ^ — — — ^ = 30. 

Im Bau des Schädels, des Skelets und der Eingeweide zeigt diese 
Gattung die gröfste Übereinstimmung mit den eigentlichen 
Vespertilionen und steht daher diesen viel näher als den Nycie- 
ris oder Rhinolophus , mit denen man sie bisher für nahe ver- 
wandt hielt. 

[1859.] 9 



128 Gesamnilsitzung 

Hr. Barth, Correspondent rler phllosopliisch- historischen 
Klasse, las hierauf: Versuch einer eingehenden Erklä- 
rung der Felssculpturen von ßoghaskoei im alten 
Kappadocien. 

Ich will hier eine eingehende Erklärung einer der merk- 
würdigsten bildlichen Darstellungen des Alterthums versuchen, 
die bis jetzt, als aus ihrem natürlichen Zusammenhange heraus- 
gerissen, unverstanden und bedeutungslos geblieben ist, während 
sie dazu dient, grofse geschichtliche Verhältnisse einer Zeit zu 
beleben und uns anschaulich vor die Augen zu führen, über die 
wir sonst nur sehr sparsame historische Urkunden besitzen. Ich 
meine die Felssculpturen von Boghäskoei, „dem Dorfe des Eng- 
passes", einer Ortschaft im nordwestlichen gebirgigen Theile 
von Kappadocien, östlich vom Halys „unter dem (richtiger 
„etwas westlich vom) Meridian von Sinope", y.mn Xiumt^-y,!', wie 
Herodot sich ausdrückt,') demjenigen Theile dieser einst ausge- 
dehnten, ursprünglich syrischen, Landschaft, der dem Berichte 
desselben lebensvollen Geschichtsschreibers zufolge, bei den Grie- 
chen Pteria hiefs. Ich habe anderswo gezeigt, dafs Pteria nicht 
der Name einer Stadt, sondern einer Landschaft war und es ist 
meine Ansicht, die erst durch die Entdeckung von einheimisch 
kappadocischen oder assyrischen Inschriften ihre weitere Bestä- 
tigung finden kann, dafs die Landschaft diesen Namen von dem 
Umstände hatte, weil ein Doppeladler ihr Symbol war, der Dop- 
peladler, der eine hervorragende Stelle an dem Portale des Tem- 
pels oder vielmehr des Palastes des benachbarten Ueyük ein- 
nimmt und der auch in der hier zu erklärenden Sculptur an sei- 
ner Stelle höchst bezeichnungsvoll auftritt. 

In dieser Hauptstadt von Pteria — denn als solche erweist 
sich die gewaltige Ruinenstätte von Boghäskoei — haben wir 
auf das Bestimmteste die Gränzfeste des medlsch- assyrischen 
Reiches auf der grofsen Strafse von Phryglen über eine leicht 
furtbare Stelle des Halys auf das mit dem Siegesdenkmal über 
die Skythen geschmückte Zela und Amasia zu erkennen, die lange Zeit 
hindurch die Grenze des grofsen mesopotamlschen Reiches gegen die 
vorder-asiatischen Reiche, zuerst Phryglen, dann Lydien, schirmte. 

') 1. J. c. 76. 



vom 3. Februar 1859. 129 

Aber ich will hier nicht von den grofsartigen Befestigungen 
reden, welche schon allein diese Stadt zu einer der interessan- 
testen Ruinenstätlen Klein -Asiens machen, auch nicht von dem 
Tempel oder vielmehr Palast, dessen ganzer merkwürdiger Grund- 
plan offen zu Tage liegt und die gröfste Übereinstimmung mit 
dem Grundplane des Nord -West -Palastes von Nineve ^) zeigt, 
sondern ich will diese Verhältnisse nur andeuten, um die grofse 
Bedeutung dieser Stadt zu zeigen, die nach den unzweidentig- 
sten, ihren mit der gröfsten Sorgfalt ausgeführten cyclopischen 
Bauten aufgeprägten Merkmalen mit Einem Schlage der Zerstö- 
rung anheimfiel und dies ist nach der klaren von Herodot uns 
gegebenen Beschreibung des Feldzuges des Kroisos eben der 
Zeitpunkt, als dieser letzte lydische Herrscher auf die siegsge- 
wohnte Tüchtigkeit seiner Heerschaaren bauend das auf den 
Trümmern des medisch- assyrischen Reiches mit neuer Ju- 
gendkraft aufwachsende persische Reich auf eigenem Terraiq 
angriff. 

Wir lassen nun diese, die nach Osten und Süd- Osten, nach 
Armenien und nach Cilicien führenden Engpässe beherrschende, 
TOfl hohen, zackigen Felsmassea ringsum geschützte und von 
Kunst gleichwie von Natur wunderbar befestigte Gränzstadt öst- 
lich zur Seite hinter uns und wie wir am Abhänge der Felsen 
nach N. uns hin winden, viele steile, von der Hand des Men- 
schen bearbeitete Felsmassen umgehend kommen wir nach etwas 
weniger als einer halben deutschen Meile zu jenen von Hrn, 
Texier aufgefundenen Felssculpturen, deren Erklärung ich hier 
versuchen will. 

Schon die angegebene Lage, weit aufserhalb der Stadt, 
zeigt wol zur Genüge, dafs wir hier keine Darstellung eines 
Gegenstandes des täglichen Lebens der Bewohner haben, weder 
aus dem religiösen, noch aus dem bürgerlichen Ideen-Kreise. 
War es ein religiöser Gegenstand , so war dazu der einzig 
geeignete Platz die Tempel der Stadt, war es sonst ein ge- 
wöhnlicher Umstand, der anschaulich dargestellt werden sollte, 
so hätte man sicherlich eine andere passendere Stätte des 



') Layard Monuments first series pl. 100 plan III; Nineveh and its 
remains. 

9* 



130 Gesaniinisilzung 

Stnfltweichbildes selbst gewählt und nicht diese rauhen, nur mit 
Wiihe leidlich ^egeImäf^ig abzuglättenden Wände einer zackigen, 
dem Wetter ausgesetzten Felsmasse. In der That ist dieser 
Abbang der Felsböben keineswegs ein geeigneter Tanzplatz, um 
auch nur einen religiösen Tanz, wie die Sakäen , dort aufzufüh- 
ren. Das nämlich warTexier's spätere Idee, nachdem er seine 
Vermuthung, dafs die Amazonen hier dargestellt seien, als völlig 
unhaltbar bei Seite halte werfen müssen. 

Alles zusammengenommen ist es ganz augenscheinlich, dafs 
in diesem Relief, dem Feinde so wie Wind und Wetter ausge- 
setzt, ein Ereignifs ve'rewigt werden sollte, das ungewöhnlich war, 
das etwas Aufserordentliches betraf und das mächtig in das Le- 
ben dieser Gränzstädler eingriff. Schon diese Rücksicht also 
bestimmt uns, auch wenn wir in diesen merkwürdigen Sculptu- 
ren eine Menge göttlicher Symbole dargestellt finden, sie nicht 
als den Inbegriff der Göttlichkeit selbst zu fassen, sondern sie 
zur Verherrlichung menschlicher, d. h. fürstlicher Wesen ange- 
wandt zu erklären. Nichts ist gewöhnlicher, als solche Ver- 
herrlichungen in assyrischen wie ägyptischen Darstellungen, ja 
wir finden in den ersteren nach den von Layard so schön 
illustrirten Denkmälern von Nineve die schlagendsten Analogien 
für fast alle einzelnen Verhältnisse unserer Darstellung; so um 
das gleich hier vorweg zu nehmen, da es den allgemeinen Cha- 
rakter und die Redeutung derselben betrifft, sehen wir 2 Flügel- 
figuren, ganz wie sie bei uns als Beschützungsgenien des Ver- 
trages erscheinen, auf einer Darstellung hinter zwei Fürsten, die 
sich für eine religiöse Ceremonle vorbereiten'). 

Wir wollen nun den Gesammtcharakter dieser Sculptur ins 
Auge fassen. Ich will nur noch bemerken, dafs die Hauptgruppe 
die ungleichen, nur wenig behauenen und abgeglätteten Wände 
einer nach S. S. W. sich öffnenden FeUeinbucht schmückt. 
Gleich beim ersten Anblick der Darstellung wird einem Jeden 
klar, dafs er hier ein Zusammentreffen zweier Partelen vor 
sich hat, deren Charakter als ganz verschieden auf's deutlich- 
ste bezeichnet ist, sowohl in Tracht, als auch allem Anscheine 



') Layard, Monuments of Nineveh, first series pl. 25. Vgl. pl. 39 A 
und pl. 20. 



vom 3. Februar 1859. 131 

nach in Gcsclilecht. Das war selbst Texier's erster Eindruck. 
Die Verscl>ie<lenl)eit der Rasse verkannte auch gleich beim ersten 
Besuch der vortreffliche Hamilton nicht, aber ihm blieb die 
nähere Beziehung unklar"), eben so drängle sich Herrn Carl 
Ritter*) die historische Bedeutung des Gegenstandes auf das 
Anschauligste auf, aber da Ihm in Texier's Zeichnung manches 
Bedeutungsvolle in falscher Darstellung vorlag, konnte er die 
rechte Beziehung nicht erfassen. 

Von beiden Selten rücken die Figuren nach dem Mittel- 
punkt zu auf, die der linken Prozession von SW. und W. her- 
anziehend In reichem, zahlreich gegliederten und stark charakle- 
risirlen Aufzuge von 33 Personen, wenn wir in dem Aufzuge 
selbst zwei Figuren einschliefsen wollen, die vom Künstler auf 
die deutlichste und handgreiflichste Art als nicht eigentlich zum 
Zuge gehörig bezeichnet sind; auf der Rechten von Osten her- 
ankommend, die Hauptfiguren eingerechnet, ein anderer kürzerer 
Zug von 17 Personen, alle, mit Ausnahme einer einzigen Ge- 
stalt, von anscheinend weiblichem Charakter. 

Dies Ist der Gegenstand der Hauptsculptur, hoch vom Fels- 
abhang hinabschauend über die schöne reiche Thalebene eines 
dem Halysvon Osten zufliefsenden Bergwassers; aufser Ihr aberha- 
ben wir theils auf anderen abgesonderten Flächen derselben gro- 
fsen Felsnische, theils in einem dahinter künstlich ausgesprengten 
oder wenigstens erweiterten Felsspalt andere einzelne Figuren, 
die zum Theil nur grölsere Darstellungen einiger schon In der 
Prozession erscheinender Persönlichkeiten zu sein scheinen, an- 
dererseits aber auch wol verschieden sind. In diesen Figuren der 
hinteren Felskluft zumal, die zum Theil noch halb verschüttet 
waren, hat Texler In seiner Zeichnung grofse Versehen gemacht, 
die ich durch weitere Ausgrabung so glücklich war, berichtigen zu 



*) Hamilton sagt hierüber, Theil 1. S. 394 der engl. Ausgabe seiner 
Researcbes in Asia Minor — it is pussible, that in the figiire wilh the flo- 
■wiiig rubes we may recognise the king of Persia and in the olher the king 
of Lydia with his atteiidanis, Lydians and Phiygians, for their headdress 
leseiiibles the wellknown Phrygian bonnet und p. 3.*^5 sagt er — the allu- 
sion lo the battle between Croesus and Cyrus is a remarkable fact in con- 
nexion with the basrelief wbich J have just described. 

^) Erdkunde von Klein-Asien I. S. 383. — 



132 Gesamnilsitzung 

können, so dafs auch diese Darstellungen ungleich gröfseres 
und zwar entschieden historisches Interesse erhalten. 

Es ist nicht unmöglich — um hier der Erklärung vor- 
zugreifen — dafs wir in der Figur des Streiters dieser hin- 
teren Felskluft, der die weibliche Figur unter seinem linken 
Arm hält, eine Wiederholung der eigentlichen Hauptperson vor 
uns haben, wenn wir als solche den der Tocliler des Alyattes 
vermählten Astyages ansehn wollen; denn dieser hat auf der Haupt- 
sculptur eine etwas untergeordnete Stellung erhalten. Es ist nämlich 
woi zu beachten, dafs von allen männlichen Hauptfiguren der grofsen 
Sculptur nur die jünger erscheinende männliche Figur hinter der 
weiblichen als unbärtig erscheint. Dagegen ist unbärtig in der 
hintern Nische auch jene eigenthümliche, grotesk componirte Fi- 
gur no. 5. unter meinen Skizzen, die sich durch 6 — 7 Zoll hohes 
Relief und äufserst scharf markirte Züge auszeichnet, die bei Texier 
aber durchaus unrichtig dargestellt ist. Wir wollen dabei nicht aus 
dem Auge verlieren, dafs auch der Krieger in Karabel unbärlig ist. 

Aulserdem aber haben wir in dieser Hinternische auch eine, eine 
Schlachtordnung von 12 mit Sichelschwertern bewaffneten Strei- 
tern darstellende Felsplatte, von der Texier nur die hervor- 
ragenden Mützen oder Helme sah, die aber nun, ausgegraben, in 
ihrem ganz frischen, von Wind und Wetter noch nicht ange- 
griffenen Gepräge, wovon in no. 7. meiner Skizzen eine Probe 
gegeben ist, die wichtigste Urkunde zur nationalen Beziehung 
dieser höchst merkwürdigen Darstellungen geben. Überhaupt 
mufs man von weiteren Ausgrabungen oder vielmehr von einer 
gänzlichen Bloslegung dieser hinteren Felskluft noch interes- 
sante Resultate erwarten. 

Wenn wir nun nachforschen, welch' eine historische Bege- 
benheit hier wol dargestellt sein möge — denn dafs wir etwas 
Historisches hier vor uns haben, deutet Lage und der in nationaler 
Verschiedenheit ausgeprägte bestimmte Charakter auf das Deutlich- 
ste an, so haben wir nach den auf uns gekommenen Bruchstücken der 
Geschichte besonders zwei Ereignisse hier zu berücksichtigen, die 
als auf diese Gegend auf das Entschiedenste sich beziehend vor 
uns treten. Wir haben nämlich einmal den Feldzug des Krösos und 
an ihn dachte Hamilton. Der letzte lydische Herrscher aber griff 
nur zerstörend und verwüstend in diese Gegend ein — e(>,s f/.Bv 



vom 3. Februar 1859. 133 

riSv HtbsIuiv tyiV ttoXw xxt rivSotunooiTctTo, eiKs ot xui r«? Trsaiotxt^ag 

CtKlTYfi TIKTCIC, —VOtO\jq Tt Ot/0£C gCI'TrtC «(TIOV? CtVUTT KT Q\jq S 71 OtYiTS, 

wie llerodot sich ausdrückt — so (iafs er die ganze kappado- 
cische, von Assyrern und Medern bisher geschonte Nationalität 
vernichtete; er wellte kurze Zeit und mur»te bald sein Heil im 
Rückzug suchen. An diesen Feldzug können wir zur Erklärung 
unserer Darstellung nicht denken. Wenn wir nun weiter zu- 
riickgehn, so haben wir den mächtigen, siegreichen Vater 
des Kroisos, den Erbauer jenes grofsartigen Grabmales im Thaie 
des Hermos, den Alyattes, der in der ersten Hälfte seiner Re- 
gierung 6 Jahre mit dem medischen Cyaxares Krieg führte und 
zuletzt Friede mit ihm schlofs auf eine Weise, die höchst bedeut- 
sam in das damalige Völker- und Slaatenleben Vorder Asiens eingriff. 
Beide Mächte waren sich einander gewachsen und die Vortheile, 
die eine von ihnen errang, wurden bald durch die der anderen 
aufgewof^en und Schauplatz dieses langen Kampfes war natürlich 
iii's Besondere Pteria, die feste Gränzlandscliaft von Kappado- 
cien, der westlichsten medischen Provinz, mit ihrer Gränzfestef 
dein Felsenneste von Boghaskoei. 

Während die Völker so im sechsten Jahre mit einander kämpf- 
ten, ereignete es sich, dafs mitten in der Schlacht eine Sonnen- 
finsternifs eintrat, dals die Kämpfenden vor Schreck Einhalt thaten 
und besonders auf Zureden des kilikischen Fürsten (Syennesis) und 
des babylonischen Fürsten Labynetos oder vielmehr Nabopalassar, 
Friede schlössen. Ja, der Friede ward durch eine Heirath be- 
siegelt und des Alyattes Tochter ward dem Sohne des uiedischea 
Herrschers zur Frau gegeben. Aber ich will die ganze Stelle 
des Herodot*) hier wörtlich anführen, weil sie Umstände und 
Einzelheiten enthält, die ich für die Erklärung unsrer Darstel- 
lung von der grölsten Bedeutung halte, weil dadurch alles Ein- 
zelne derselben ein wunderbares Licht gewinnt. 

\Utu 6s tccCtcc — no'ksiJiog Toirt AithoiTi xat toTt« M>;'So<t« l<y£- 
•ysi'Ss in stsk mfTS, iv Toi-i no7,7.axi<; jmsv ot MriS'oi tou« Avbovs 
iviy.r,!rav, iio/Xaxtg hi o'i Avboi roiig .VI»;6o'jf sv hs xcti vvttTOfJLCt" 

'/^ir,!' TtVCC SnOtYiTCtlTO. Am(jjSJOUTt Si ITipt iTC ITYiS TOC TTO?.£IXOI' TW 

tiCTu.' BTci T'jfJißaXYi<; ysvojxit'Y[<; crui'Y,i'eiHB mtts tyj? /<*«X»?S (tuvs- 
') 1. I. c. 74. 



134 Gesammtsitiung 

a-TEMTV[c; TY,v Yi^xiMV s^ctTC tvYig uvHTcc ysi'zrS'ctt. — Ol 0£ Av^ot 

TS HXt Ol M^OOI STTStTS SlOOV VVKTCC CtVT Y,fXiGYfi yWOIJLiVYiV, TY^g 

\xa'yYig ts inctVTCii'-o xcti u.a}.Xov ti STTisvTcti' ncti njJ.(poiSDOt st^Y,- 

VY,V i'JOVTOlTl ySViT^ni. 0« 0£ (TVjULßtßcCTCCI'TSg KVTOVg BTCCV oi'Ss, 

—VivvETig T£ KO.ih y.ai Acxßvi'YiTog 6 BrtOvXwi'io?. Ovtoi Tipi 
xcti To opxiov Ol (nzi\iTKV7sg yei'sxS'ai btuv nett yajuitji' incOJ^ciyYjV 
STTOiYiJ-au. .'AXvaTTSct, yceo syvojG-ctv hoZvaiTYiV B'vyccTiocc 'Aavvji'it' 
'ATTVaysi rw KvnS^aosM TrtxiBi — Oantot, ös notzsTcti tcivtcc tcI 
sB'i'en Tanso t£ EXAri^Ec, nui npog rovrotTt — das Folgende ist 
mm von der gröfsten Wichtigkeit — iTrsav rovg ß pay^ioung 
in iTu fJiwvTctt ig tyiU o iAO'y(^^o iiy^v to alixa ava.XEiy^ov 7t 
ccXXyiXm u. 

Hier haben wir eine Begebenheit, die fast in allen Bezie- 
hungen sich auf die bildliche Darstellung, die wunderbarer Weise 
bei dem Untergang so vieler Lileraturschätze auf den Felsen 
dieser Wildnifs auf uns gekommen ist, auf das Innigste bezieha 
Täfst und sie im Ganzen und Einzelnen vollständig erklärt, und 
so wird denn dieser Fels zu einem wirklichen Schrift- oder Ur- 
kundenstein, einer Yasili-kaya, wie die Osmanli mit vollem Recht 
diese Felsurkunde kappadocischer Geschichte benennen, so gut 
wie das Grab des Midas als Schriftstein von Alt-Phrygien. Nun 
nämlich erklärt sich vollständig die eigenthümliche Stellung die- 
ser Sculptur; nun sehen wir ein, warum dieses Kunstwerk nicht 
im Schutze der Stadtmauern geborgen, sondern hier draufsen 
frei auf der Felswand stehen mufste, zum grolsen Nachthell des 
späten Forschers. Aber, denken wir uns die beiden Kriegsheere, 
verschiedene Völkerschaften der beiden mächtigen Reiche um- 
fassend, die den langen Kampf geführt hatten und endlich auf 
so wunderbare Weise in Frieden auseinander gegangen waren. 
Wie konnte man das fremde Streitheer und den ehrgeizigen 
kriegslustigen Lyder in die so wichtige Gränzfeste einlassen?, 
Aber hier in der Thalebene war Platz für beide Heere; in ihrem 
Angesichte konnten die Friedens- und Helraths-Ceremonien voll- 
zogen werden und hier oben am Felsabhang, wo die Herrscher 
den Frieden geschlossen, hier ward auch das denselben verewi- 
gende Denkmal in den Fels gehauen und so erklärt sich denn 
vollends die Grausamkeit, mit der Kroisos, der seine Schwester 
und Astyages an der neuen persischen Dynastie rächen wollte, 



vom 3. Februar 1859. 135 

gegen Pleria und seine Bewohner verfdhr, besonders gegen diese 
U;ui[)lfeste selbst. Aber ganz ebenso, wie die Gcsammtbezie- 
hung dieser feierlichen Handlung nun ihre Erklärung erhält, er- 
Iclärl sich auch das Kinzelne. So erklärt sich die Mannichfallig- 
keit hervorragender Figuren, so erklärt sich die Prozession allem 
Anscheine nach weiblicher Figuren, deren die Haiiptaiizahl die 
Zither zu schlagen scheinen^), so erklärt sich die in kleinerem 
Maafsstabe als Königsprinz der weiblichen Figur zur Seile und 
auf gleichem Symbol — Leopard oder Tiger, nicht Löwe — 
wie sie stehende Streiter, so erklärt sich der Aufzug der Krie- 
ger meist ohne Waffen, während selbst solche Figuren, welche 
in ihrer Rechten die Waffe führen, in der Linken beständig das 
als Lebens- und Friedenzeichen allgemein anerkannte Henkel- 
kreuz tragen, nur in verschiedener Rlannichfaltlgkelt der Darstel- 
lung; so aber auch die beiden, von Priestern getragenen, Schaa- 
len — Texler's Zeichnung gibt ungenau die eine Schaale 
als Sichelmesser; die Henkelschaale auch in der Hand dieser Fi- 
gur ist vollkommen deutlich — so die am Fllbogen der männ- 
lichen Hauptfigur, ihrer ganzen mittleren Stellung im Hauplbilde 
nach entschieden die Hauptperson der ganzen Darstellung, und 
am Ellbogen des der weiblichen Figur und durch das Symbol, 
worauf er steht, mit ihr in enger geistiger Beziehung darge- 
stellten jungen männlichen Streiters und zwar nur an diesen 
beiden Figuren angebrachten, eigenthümllchen Vorrichtung, 
meiner Ansicht nach einer Bandage oder eines rückgebogenen 
Instrumentes zum Aderlafs für den heiligen von Herodot er- 
wähnten Bluttrunk zur Befestigung des Vertrages — insuv tov9 

So aber erhält nun auch seine grofsartige Bedeutung 
ganz besonders die eine wunderbare Gruppe, die bisher völ- 
lig unverstanden als höchst störend und abgeschmackt er- 
scheinen mufite, ich meine jene beiden, die gesammte Prozession 
unterbrechenden, thierisch aussehenden Figuren, die in Texler's 
Zeichnung scheinen, als ob sie eine Art Boot trügen und wirk- 
lich von Ihm selbst sonderbarer Weise als die Marine vertre- 



') Diese Figuren haben am meisten gelitten und somit ist nicht Alles 
deutlich. Darüber Näheres in der Beschreibung der einzelnen Figuren. 



136 Gesammtsitzung 

tenfl, von anderen Erklärern als Spafsmacher angesehen werden. 
Keine dieser beiden Erklärungen kann dem aufmerksamen Be- 
obachter, der sich in dieses reiche Bild ganz hineinlebt, irgend- 
wie geniigen. Der Künstler hat mit Allem, was ihm auf der 
ihm angewiesenen, schmalen Felsbande mit seinen geringen 
Hilfsmitteln zu Gebote stand, sich* auf das Eifrigste bemüht, dem 
Beschauer einen Wink zu geben, dafs er hier einen nicht direkt 
zur Prozession gehörigen Gegenstand vor sich habe. Nicht allein 
hat er diese Figuren ganz allein von allen hier erscheinenden 
mit vollem ®), eigenthümlich breiten Antlitz dem Beschauer zu- 
gewandt, nicht allein hat er ihnen besonders durch die Ohren 
ein unmenschliches, dämonisches Aussehn gegeben, sondern er 
bat sie auf eine besondere Grundlage gestellt, einen nach der 
Linken, d. b. nach West, wo die Sonne untergeht, hinabglei- 
tenden Waagbalken, der aus der Grundlinie, worauf die ande- 
ren Figuren dieser Felsbande stehen, auf das Absichtlichste voll- 
kommen herausgeschnitten ist. Nun aber tragen diese beiden 
Figuren nicht ein Boot, noch irgend ein derartiges Gefäfs, son- 
dern zwei mondviertelartige Scheiben über einander und 
ich habe nicht den geringsten Zweifel, dafs der Künstler hier 
die Sonnenfinsternifs vorstellen wollte, und was man immer über 
das Unbeholfene einer solchen Darstellung sagen mag, jedenfalls 
ist sie nicht unbeholfener als die Darstellung der Wand und des 
Mondes in Shakespeare's Pyramus und Thi.sbe und sie findet 
ihre Analogie in den assyrischen und ägyptischen Darstellungen, 
wo Flüsse, Berge und andere Naturerscheinungen auf ähnliche 

') Es ist in dieser Beziehung von der allergröfsten Bedeutung 
und schon allein ein schlagender Beweis, dafs hier ein Gegenstand aus der 
Natur dargestellt ist, dafs unter allen Sculptiiren in Nineveh eine „fuU- 
face figure" nur in solchen Fällen vorkommt, während alles Andere im 
Profil erscheint. S- die fullface figure bei Layard, IMonuments, first series 
pl. 50, 7. Diese Figur mit Ziege auf dem rechten Arm, einer Blume in der 
linken Hand ist nach meiner Ansicht entschieden der Frühlingsgott. Die 
Darstellung bildet einen Theil des Gewandschoiuckes einer Flügelfigur. 
Ganz übereinstimmend dann mit unserer Darslelhing ist die Gestalt des 
Typhon mit der Flügelkugel auf einem Cylinder bei Layard, Nineveh 
and Babylon p. 607. — Auch die fullface figure von Arban, ebenda p. 279, 
ist entschieden keine menschliche Figur, sondern stellt wahrscheinlich den 
Kriegsgott dar. Ganz dieselbe Erscheinung finden wir in Botta's Darstellungen. 



vom 3. Ftbruar 1859. 137 

Weise mitten inne erscheinen; nur müssen wir bedenken, wie 
migleicli schwieriger hier der darzustellende Gegenstand und wie 
beschränkt der Baum war. Gleich beim ersten Anblick dieser 
Gruppe drang sich mir unwillkürlich der Eindruck auf, dafs hier 
eine dämonische Naturgewalt oder ein Naturphänomen darge- 
stellt sei, aber den Augenblick waren mir die Verhältnisse der 
Alyattesgeschichte und der Sonneiifinsternifs, nicht gegenwärtig, 
aber so wie ich die Stelle des Herodot aufmerksam wieder 
durchlas, blieb mir nicht der geringste Zweifel, und ich hoffe, 
dafs meine Erklärung auch anderen aufmerksamen Beobachtern 
sich bewähren wird. 

Diese berühmte, angeblich von Thaies vorhergesagte Son- 
nenfinsternifs ward von den meisten Gelehrten neuerer Zeit auf 
den 10. Sept. 610 a. Chr, gesetzt; ganz neuerdings aber haben 
die Astronomen Hind, Airey und besonders Herr Zech sich 
in Übereinstimmung mit PI in ins für den 28. Mai 584 erklärt.') 
In Beziehung auf die zu erklärende Sculptur kann es ganz gleich- 
gültig sein, ob das Ereignifs ein Paar Jahre früher oder später 
eintrat. Denn auch nach Hrn. Zech's Berechnung würde die 
Curve der centralen Sonnenverfinsterung mit einem Gürtel von 
etwa 40 D. G. Meilen das ganze mittlere Halysthal umfaist ha- 
ben und wenn auch dieses denkwürdige Nalurerelgnifs sich nicht 
gerade in der nächsten Umgebung der Hauplgränzfeste kund 
that, war es natürlich, dafs der Gegenstand zugleich mit der 
Feier seiner Ceremonie hier seine Darstellung fand. 

Ehe ich nun zu einer besonderen Beschreibung der einzelnen 
Figuren unsrer Darstellung übergehe, will ich noch ein Paar allge- 
meine Bemerkungen machen. Ich erwarte und weifs bestimmt, dafs 
einigen jener Zeit kund gen Gelehrten der ganze Stil jener Sculptu- 
ren älter erscheint, als das Ende des 7ten oder der Anfang des 6sten 
vorchristlichen Jahrhunderts und dafs sie demzufolge diese Sculptu- 
ren eher auf die Zeit der assyrischen als der medischen Her- 
schaft zurückführen möchten. In Hinsicht des Stiles aber haben 
wir für diese Zeilen, besonders in einer Provinziallandschaft, wie 
das halb barbarische Kappadocien, kein bestimmtes Kriterium, 
um zwischen einem oder zwei Jahrhunderten zu entscheiden; 

') S. Bosanquet,' fall of Nineveh p. \k. Dt. J. Zech's Astrono- 
mische Uutecsuchunaen über Sonnen- und Mondfinsternisse 1853. 



138 Gesammtsitzung 

in dieser von den Hauptkiilturplätzen der damaligen vorherr- 
schenden Staaten, wie vom Meere gleichweit entfernt abgelege- 
nen Provinz, deren Künstler doch wol diese Gelegenheitssculp- 
turen ausführten, mufste der ältere Stil sich länger erhalten, als 
In den Hauptstädten Nineve, dann Kgbatana, und deshalb dürfen 
wir uns keineswegs wundern, hier nicht den glänzenden Pomp 
königlicher Figuren zu sehen, wie sie besonders in Nineve er- 
scheinen. Vielleicht oder wahrscheinlich brachten es die Meder, 
die im Allgemeinen freilich den Pomp der Assyrer annahmen, 
darin nie so weit ' °). Allerdings ist nicht zu läugnen, dafs die 
vereinzelte Felssculptur von Karabel bei Nimphi, so weit die dort 
vom Wetter sehr mitgenommene Sculptur einen besondren Cha- 
rakter des Stiles erkennen läfst, manche Analogien mit eini- 
gen, besonders den Hauptfiguren unserer Darstellung zeigt; die 
Kopfbedeckung hat sehr viel Ahnliches, das Wams ist nicht 
sehr verschieden, aber erstlich ist der Streiter von Karabel 
unhärtig und könnte also mit einiger Wahrscheinlichkeit nur 
mit einer der Figuren in der hinteren Felskiuft identificirt 
werden und dann findet sich ein sehr grofser Unterschied 
In der Bewaffnung, der wol allein schon genügen kann, einen 
Zwischenraum von Jahrhunderten zwischen beiden Darstellungen 
anzuzeigen, obgleich die genaue Zeit der schon von Herodot 
(1. II. c. 1U6) erwähnten, aber fälschlich dem ägyptischen Se- 
sostris beigelegten Sculptur bei Nimphi durchaus nicht feststeht. 
Denn, während die letztere Figur neben der charakteristerischen, 
auch in unserer Darstellung stets wiederkehrenden, Klein- Asien 
und den Saken elgenthümlichen, Gürtelstreitaxt, der sagaris, 
einen Bogen trägt, sehen wir uns hier bei Boghaskoei umsonst 
nach einer einzigen Darstellung einer solchen Waffe um und 
finden dafür nur Sichelschwerter, gerade Schwerter und ganz 
besonders Keulen. Die Keule ist bei der Frage der Identifica- 
tion der Hauptfigur allerdings nicht ohne Bedeutung; denn 
Manche möchten in Zweifel ziehen, ob die Lyder sich dieser 

' ") Wegen besonderen königlichen Schmuckes will ich nur erwähnen, 
dafs auf der Hanptsciilptur keine derHanptpersunen Ohrringe trägt, dagegen 
die beiden Figuren in der hinteren Felskluft solchen Schmuck haben. 
Übrigens haben selbst auf den Sculpturen von Nineve die Könige derglei- 
chen nicht immer. So z. B. Layard, first series pl. 13. 



vom 3. Februar 1859. 139 

Waffe je bedient hätten, aber mit Sicherheit In Abrede zu 
stellen ist es gewifs nicht. Man mufs eben berücksichtigen, 
welch grofse Veränderung in Kleidung und Bewaffnung Jahr- 
hunderte hervorbringen, sehen wir doch schon in den Sculptu- 
ren von Nineve, auch abgesehen von verschiedenen Waffengat- 
tungen grof>e Verschiedenheit, abhängig vom Fortgange der Zeit. 
Ja wir finden in eben jenen Sculpturen im Fortschritte der Zelt 
eine ganz evidente und unläugbare Annäherung an unsere Sculptu- 
ren, nicht allein, wenn wir die hohen, schlankeren Figuren und 
die stets höher werdenden Spilzmiitzen auf den Sculpturen von 
Knynndjik mit den kurzen stammigen Figuren und den niedrigen 
Hauben auf den altern Sculpturen von Nimrod vergleichen, son- 
dern ganz besonders gerade mit Bezug auf die Keulen. Denn 

hier finden wir als Umstand von der allerhöchsten Bedeutune 

o 

zur annähernden chronologischen Bestimmung unserer Felssculp- 
turen, dafs die Keule so wie die Streitaxt auf den assyrischen 
Sculpturen zum ersten Mal in den Kriegsdarstellungen 
des tnkel's S ennach er ib's erscheinen, der vielleicht eben 
der letzte König von Nineve war, also ein Zeitgenosse des Cya- 
xares, jedenfalls aber nur um wenige Jahre früher war.'') Die 
jüngsten Sculpturen von Kuynndjik steigen eben ganz bis In die 
Zeit des Cvaxares herab. Kben solche Keulen tragen die Assy- 
rer in dem ein Jahrhundert später unternommenen Heereszuge 
des Xerxes. '*) Wenn dagegen in jenem Feldzuge Perser und 
Meder eine sehr verschiedene Kleidung tragen und auch wieder 
als besondere Waffe Bogen und Pfeil führen, so hindert dieser 
Umstand gar nicht, dafs die Meder nicht um 600 a. C. die 
mehr assyrische Bewaffnung der Keulen und kurzen Schwerter 
gehabt haben sollten. Ja wir lernen ausdrücklich aus Hero- 
dot I. I. c. 73, dafs die Meder eben zur Zeit des Cyaxares des 
Bogenscliicfsens ziemlich unkundig waren. Mit den assyrischen 
Sculpturen, so weit sie mir sowohl aus Anschauung der in Lon- 
don aufgestellten Schätze, als ausLayard's und ß o tt a's Pracht- 
werken bekannt sind, stimmen auch nicht die hier dargestellten fast 
durchweg geschnäbelten Schuhe überein; solche Fufsbekleidung 

' ') S. Layard, Nineveh and Babylon p. 451. 
") Herodot I. VII c. 61, 62. 



140 Gesammtsitzung 

erscheint Im Gegenthell auf Jenen Sciilpturen nie bei Assy- 
rern, sondern nur in ähnliclier Weise bei unterworfenen Völ- 
kerschaften, wie auf Tafel 40 der ersten Folge von La- 
yard's Monumenten und auf dem Obelisken, Tafel 53. Da^ 
gegen wissen wir ausdrücklich, dafs die Lyder solche Schuhe 
trugen und es ist nun von hoher Bedeutung, dafs auch die 
Figur von Karabel ganz genau solche Schuhe trägt. Auf der 
anderen Seite scheinen die Waffenröcke Ärmel gehabt zu haben, 
also ganz und gar den hiB'ujvsq •yji^t^unol bei Herodot zu ent- 
sprechen. Dagegen würden wir hier in der rüstigen kräftigen 
Zeit des medischen Reiches bei den eigentlichen Streitern von 
selbst noch nicht die weiten Pumphosen oder uva^v^thsg erwar- 
ten, die wir in der späteren verweichlichten Zeit im persischen 
Heere finden; wir finden sie daher in unserer Darstellung nur 
bei priesterlichen Figuren. Ich habe schon oben bemerkt, dafs 
auf der Hauptdarstelltmg alle männlichen Hauptfiguren mit Aus^ 
nähme der kleineren Figur zur Rechten bärtig sind; dagegen sind 
aber alle gewöhnlichen Streiter unbärtig und das ist ein gewalliger 
Unterschied im Vergleich mit den älteren assyrischen Sculpturen, i 
wo nur Eunuchen unbärtig erscheinen; nur in den jüngsten Sculp- 
turen ist das auch bei Kriegern der Fall. Die drei bärtigen Fir 
guren unserer Darstellung, die Texier Stratagen nennt, werde 
ich als einem höheren Range angehörig darthun. 

Gewifs erscheint bei meiner Erklärung der iydische Fürst 
mit seinem Hause als besonders hervorragend , wenn wir näm- 
lich die die Mitte des Bildes einnehmende männliche Figur Väg 
Alyattes und die ihm gegenüberstehende weibliche für seine Toch- 
ter nehmen. Darauf aber bestehe ich keineswegs, obgleich es mir 
wahrscheinlich scheint; diese Identification wäre noch sicherer, wenp 
die beiden Figuren, auf denen dieser Streiter steht, wirklich ip 
solcher Klarheit erhalten wären, wie Texier sie gezeichnet hat; 
denn dann könnte man sie füglich nur als die Repräsentanten 
des unterworfenen Phryglens und demgemäfs den auf sie treten-t 
den Eroberer nur für den Lyder erklären, aber, wie ich das nähe^F 
weiter unten ausführen werde, haben diese Figuren sehr gelit^l 
ten. Man könnte sonst meinetwegen diese Figur auch furl 
Kyaxares nehmen, aber wenn wir daran festhalten, dafs die klei- 
nere männliche Figur hinter der weiblichen aller Wahrschein- 



vom 3. Februar 1859. J41 

iichkeit nach dessen Sohn ist, ist es keineswegs wahrschein- 
lich, dals der Vater auch in so hervorragender Stellung erschei- 
nen sollte. Jedenfalls ist so viel wol sicher, dafs in dem ganzen 
von Ilerodot beschriehenen Kampfe der Lyder mit seinen da- 
mals (hirch Tapferkeit und Waffenkunst vor allen asiatischen Völ- 
kern ausgezeichneten Heerschaaren nicht im Nachlheile war und 
es war neben dem Rachegefühl gegen Pleria, wo seine Schwe- 
ster dem vom persischen Emporkömmling entthronten Meder 
vermählt worden war, wol besonders auf eine solche Erinnerung, 
dafs sein Sohn Kroisos sich stützte, als er gegen Cyrus kühn 
die Offensive ergriff und ohne Schonung verheerend und vernich- 
tend in Kappadocien eindrang. 

Zwei der zur Linken folgenden Figuren erkläre ich für den 
kilikischen un<l babylonischen Fürsten. Nun stehen allerdings 
gerade zwei sehr hervorragende Figuren hart hinter der männ- 
lichen Hauptfigur, nur geschieden von ihr durch einen Platz, 
wo der Fels besonders rauh ist und eine dieser beiden Figuren 
ist meiner Ansicht nach entschieden der Syennesis von Kilikien, wol 
die erste besonders kriegerisch aussehende, die auf den Berg- 
höhen steht. Die nächst folgende, gleichfalls auf zwei Berg- 
hohen siehende, Figur ist aber wol nicht mit dem Fiabylonier 
zu ideiitificiren, sondern mit einem anderen Fürsten, der sich 
in jenem Kriege besonders hervorthat. Dagegen ist mit einer 
der beiden, von Herodot so hervorragend erwähnten, Persön- 
lichkeiten meines Erachtens die letzte Figur auf dem zweiten Felde 
zur Linken, die durch eine besondere Abbildung in vergröfser- 
tem iMaafsstabe verewigte Figur, n. I unter meinen Skizzen, zu 
identificiren. Diese Figur habe ich besonders gezeichnet, da sie 
als ausnahmsweise trefflich erhalten grofses Interesse verdient 
und weil Texier's Zeichnung mangelhaft ist. So, um das 
gleich hier voraus zu nehmen, erscheint der Charakter dieser 
Figur allerdings durch die geflügelte Kugel oder das geflügelte 
Rad, das sie in der Prozession auf dem Haupte, auf der Einzel- 
vorstellung mit der phallischen Ausschmückung in der rechten 
Hand trägt, als durch göttliche Weihe besonders geheiligt, zu- 
mal wenn wir bedenken, dafs dies Symbol auf der Hauptvor- 
stellung nur bei ihr erscheint und stellt der bidens in ihrer 



142 Gesammtsitzung 

Rechten sie als einen Friedensstifter dar * ''), aufserdem aber führt 
sie, was Texler ganz und gar übersehn, in der Einzeldarstel- 
lung eine Gürtelaxt und erscheint damit entschieden als Mann 
und Fürst und scheint mir demnach in diesem dreifachen Cha- 
rakter als unter dem besondren Schutz der Gottheit stehend, 
als Friedensstifter und endlich als Fürst, mit dem Friedensstifter, 
dem klugen Priesterfürsten von Babylon identificirt werden zu 
müssen. 

Nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen gehe ich zu einer 
besonderen Beschreibung der einzelnen Figuren über. Hier 
mufs ich mit Jedem beklagen, dafs Texier In der Beschreibung 
seiner bildlichen Darstellung gar nichts über die gröfsere oder 
geringere Deutlichkeit des im Einzelnen Erhaltenen sagt, so dafs 
man in einigen Fällen nicht weils, ob vor 20 Jahren, wo er 
diese Zeichnungen machte. Einiges was jetzt verlöscht, wirklich 
noch deutlich zu erkennen war, oder ob er es aus seiner Phan- 
tasie ergänzt hat. Ich berücksichtige die Anordnung in Hrn. Rit- 
ter' s reducirtemMaafsstabe (Erdkunde Kleln-Asiensl. Tafell. u II.), 
daTexier'sPrachtwerk(Descriptionde l'AsieMineure)wolWenigen 
zu Gebote steht. Ich wiederhole zuerst, dafs das ganze Bild nach S. 
20" W. schauet. Die Gröfse der Hauptfigur ist kolossal, die hintere 
zur Rechten ziemlich von natürlicher Grofse, die auf der nächstfol- 
genden Tafel nach W. etwa 3 Fufs hoch. Die dann folgenden 
und die auf der gegenüberstehenden Wand etwa 2 Fufs. 

1. Ich fange mit der Hauptfigur der ganzen Darstellung 
an. Dies ist seiner Stellung, gerade in der Mitte der Haupt- 
wand der Nische, zufolge, die Kolossalfigur des nach Ost ge- 
wandten Streiters. Seiner ganzen Erscheinung nach tritt er 
auf als ein Eroberer der westlichen Lander. Dies würde noch 
viel klarer sein, wenn das Pledestal, worauf er steht, noch deut- 
lich zu erkennen wäre. Das ist aber wenigstens jetzt durchaus 
nicht mehr der Fall und ich sowohl wie mein Begleiter, 
Hr. Mordtmann, waren zuerst der Ansicht, dafs auch diese 
Unterlage einen Fels vorstelle, der nur in diesem Falle durch 
einen Sperberkopf besonders ausgezeichnet sei, aber ich machte 



'') Zu diesem bidens vergl. Layard Monuments, first seties 
pl. 39 A. 



vom 3. Februar 1859. 143 

dann meinen Begleiter, der auf dem Sperberkopf bestand, darauf 
aufmerksam, dafs der Umrifs der Arme an beiden Figuren, ge- 
nau so, wieTexier sie gieLt, nicht zu verkennen sei und sie 
doch entschieden als wiikliche Menschen in vorgebeugter Stel- 
lung mit vorgebogener phrygischer Mütze bezeichne. Leider 
■war die Beleuchtung nicht klar und ich halte es daher für 
möglich, dafs Texier vom Bart und den Besonderheiten der 
Gewandung wirklich mehr erkannt hat, als jetzt zu erkennen ist. 
Jedenfalls würden künftige Reisende wohl thun, diesen Figuren 
ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, da, wie ich oben 
bemerkt, ihre Darstellung von der gröfsten Bedeutung Tür die 

i Identification der von ihnen getragenen Figur ist. 

I Die kolossale, auf diesem Untersatz stehende, männliche Ge- 

stalt nun mit nicht sehr adlerförmiger Nase und ziemlich langem 
Bart, trägt eine sehr hohe, geschmückte Spitzmütze, wie sie über- 
haupt bei allen männlichen Figuren auf diesem Bilde am häufig- 
sten ist. Sie hat vorne, wo sie das Antlitz berührt, die basi- 
liskenähnliche, jedoch nicht Immer auf dieselbe Welse darge- 
stellte Krümmung. Ich habe jedoch, um das gleich hier zu be- 
merken, weder an dieser Hauptfigur, noch an den anderen Fi- 
guren, welche diese Mütze tragen, den in Texler's Zeichnung 
erscheinenden unteren Besatz mit auf den Nacken fallender Kappe 
erkennen können; dagegen ist ein solcher Untertheil völlig klar 
bei der in meiner Skizze no. 2. vorgestellten Figur. 

Die Figur 1. trägt ferner eine eng an den Leib schliefsende, 
gegürtete, die Zeichnung der Brust stark anzeigende Tunika, 
allem Anscheine nach, wie das bei anderen Figuren vollkommen 
aufser allem Zweifel steht, mit langen Armein. Die Beine schei- 
nen unbedeckt, aber die Füfse haben die höchst bedeutsame, 
in diesem Falle gerade überaus stark geschnäbelte, Schuhbeklel- 

idung, bei der man jedoch in keinem Falle sieht, wie hoch 
sie am Bein hinaufreichte. An dem rechten Ellbogen Ist eine 
hakenförmige Vorkehrung, von der Ich schon oben gespro- 
chen habe. 

Als Waffen trägt diese Figur ein Doppelbeil, die In Kleln- 
Asien recht heimische sagaris, an der linken Seite, in der rech- 
ten llaiid eine Keule an die Schulter angelehnt und In der Lin- 
ken, wie es scheint, die crux ansata In einer Lotosblume. 
[I85y.] 10 



144 Gesamtntsil zung jj 

Was Texier als Einhorn zur Seite dieser männlichen, wie 
zur Seite der gegenüberstehenden weiblichen Figur dargestellt j 
hat, war mir unmöglich genau zu erkennen. 

2. Hinter dieser Figur nach W. folgt nun nach einem an- 
sehnlichen Zwischenraum, der wahrscheinlich, wenn der Fels 
hier nicht stark gelitten hatte, noch einen anderen Gegenstand 
zeigte, in um ein Drittheil kleinerem Maafsstab, ein bärtiger Krie« 
ger, auf zwei bergähnlichen hohen Aufsprüngen stehend mit nach 
oben etwas verschieden geformter Spitzmütze, ähnlichem Wams 
und Schuhen. Er trägt keine Streitaxt im Gurt, führt aber in 
der Rechten gleichfalls eine Keule und in der Linken ein Attribut, 
das ich nicht mit Texier als gerades zweischneidiges Schwert 
erkennen konnte. Jedenfalls Ist auch bei ihm der friedliche Cha- 
rakter durch die vor seiner Mütze sichtbare Lotosblume deut- 
lich angezeigt. 

3. Hinter dieser Figur folgt nun eine andere, gleichfalls bär- 
tige, männliche Figur von gleicher Gröfse und gleichfalls auf 
Bergen stehend, aber sonst sehr verschieden angethan. Sie trägt 
nämlich über dem kurzen Wams ein nur hinten bis auf die 
halbe Seite vorschlagendes Gewand, das vielleicht mit einem vom 
linken Ellbogen herabhangenden Stoff zusammenhangt. Nun 
habe ich bei einer genauen Durchmusterung der von Layard 
gegebenen reichen assyrischen Bildwerke mich überzeugt, dafs 
diese Art Gewandung, wie wir sie hier vor uns sehen, nur von 
Figuren übermenschlichen Ranges getragen wird. Sie erscheint 
nie bei gewöhnlichen menschlichen Figuren, sondern fast nur 
immer bei Flügelfiguren, z. B. first series pl 25, 35, 36, 37, 
38, 44 n. 1, 47 n. 4, 50 n. 2, 4 und 5; second series pl. 3 n. 5, 
Eben so gekleidet erscheint der Fischgott L series pl. 50 n. 7 
und die Figur pl. 49 n. 4 halb Greif, halb Mensch. Die Figur 
pl. 47 n. 2 ist allerdings ungeflügelt, aber doch überirdisch 
Ganz dieselbe Erscheinung läfst sich in Botta's Darstellungen 
verfolgen. Wir können hieraus wol mit Recht den Schlufs 
ziehen, dafs wir auch hier in der so bekleideten Figur keinen 
gewöhnlichen welllichen Fürsten zu sehen haben. Die Figur 
trägt im Übrigen eine Spitzmütze und die Schnabelschuhe, scheint 
aber in den beiden halbvorgestreckten Händen nichts zu halten. 

Ich will nun zuerst die auf der Haupttafel der Darstel 



vom 3. Februar 1859. 145 

lung den so eben beschriebenen gegenüberstehenden Figuren be- 
schreiben, damit wir diese Gruppe vollständig vor uns haben. 

4. Der königlichen Mittelfigur gegenüber also steht eine ganz 
und gar verschieden aussehende Gestalt, von durchaus friedlichem, 
allem Anscheine nach weiblichen Charakter, im Übrigen aber in 
verhällnifsmäfsiger Gröfse. Wir wollen sie nicht von vornherein 
als weiblich bezeichnen, aber ihre Züge haben allem Anscheine 
nach etwas Weibliches. Anstalt der Spitzmütze trägt sie eine Mütze 
in Form einer Mauerkrone mit einem gabelförmigen Schmuck — 
wahrscheinlich dem oben erwähnten bidens, also eine Diminutiv- 
darstellung des von ihr in der Hand geführten Stabes — in den 
äbgetheiltei) Feldern. Anstatt des Bartes hat sie lang auf die Schul- 
tern herabwallendes Haar — wenn man dies nicht fiir einen 
zurückgeschlagenen Schleier halten will. Wenigstens würde 
die letzlere Annahme leichter erklären, wie diese breiten Streifen, 
wie das bei einigen der nachfolgenden Figuren ganz deutlich der Fall 
ist, hinten im Gürtel befestigt sein können, was doch bei Haar- 
locken unnatürlich ist. Die Figur trägt ein mit langen Ärmeln 
versehenes und um den Leib gegürtetes volles Gewand, das bis 
auf die Füfse herabreicht, weniger stark geschnäbelte Schuhe, 
in den Ohren mäfsig grofse Ohrringe, in der rechten Hand 
einen langen krückenähnlichen Stab, das heifst, den schon mehr- 
fach erwähnten bidens, in der Linken die Lebensblume oder 
crux ansata in der Lotosblume. Das von Texier angegebene Kin- 
horn zu ihrer Rechten konnte ich nicht erkennen, ebensowenig 
wie das gegenüberstehende. Es kann etwas ganz Anderes sein. 
Sie steht auf einem Thier, das Texier wol fälschlich für einen 
Löwen gehalten hat, da es nichts mit einem solchen gemein 
hat; gewils Wenige, die dies hochbeinige Thier mit der kurzen 
stämmigen Löwenfigur an dem von Texier selbst in den Rui- 
von Boghäskoei aufgefundenen Löwenthron vergleichen, werden 
dies Thier für einen Löwen halten. Es ist wol sicher ein 
Leoparde, der im Orient, besonders in Persien, in Sculpturen 
eine keineswegs seltene Erscheinung ist. Eben so wenig sind 
die beiden Thiere, worauf zwei Figuren auf der Felssculptur zu 
Bavian stehen, Löwen (Layard M. second series 51), aber aller- 
dings haben sie eben so wenig Ähnlichkeit mit unseren Thieren. 
Dafs, wie Texier meint, durch die höheren Berghöhen unter 

10* 



146 Gesatnmlsitzung 

den HInterfiifsen dieses Tliieres angezeigt werden soll, dafs es 
vom Gebirge herabkomint, ist möglich. 

5. Hinter dieser Figur im oberen Felde, getrennt von ihr 
durch ein in menschliches Untertheil auslaufendes Lebenssymbol 
folgt eine männliche Figur, die ungeachtet ihrer kleineren Ver- 
hältnisse durch das ganz ähnliche Thier, worauf sie mit der vor- 
hergehenden steht, augenscheinlich in jeder Weise aufs Engste 
mit ihr zusammengeordnet gedacht werden soll. Der einzige 
Unterschied besteht darin, dafs dieser Leopard auf zwei, anstatt 
auf vier Felshöhen steht, und ist wol ganz ohne Bedeutung. 

Diese Figur trägt eine sehr hohe Spitzmiitze. Ich rathe je- 
doch späteren Reisenden, die Mützen alier dieser Figuren nocli 
einmal genau zu untersuchen, ob einige nicht vorgebogen sind 
und somit den phrygischen sich mehr annähern. 

Sie trägt die einfache gegürtete Tunika und hoch unige- 
krämpte Schuhe. Als Waffen führt sie eine eigenthümliche drei 
schneidige , sehr lange Streitaxt in ihrer Linken, einen auf dei 
Kopf des Leoparden gestützten umgekehrten Krummstab in ih 
rer Rechten und kurze sagaris im Gürtel, aber auf der rechtei 
Seite. An dem linken Eilbogen dieses männlichen Streiters fin- 
det man nun, wie oben bemerkt, einen ähnlichen Haken, wie an 
der Hauptfigur links. 

Dann folgen, dieses Hauptbild rechts abschiiefsend: 

6. u. 7. zwei Figuren, die wir noth wendig zusammen neh- 
men müssen, weil sie fast ganz gleich angethan sind und aui 
einem und demselben Untersatz stehen. 

Dieser Untersatz ist von aufserordentlicher Bedeutung füi 
das Verständnils des Bildes. Es ist der Pterische Doppeladler in 
ganz genau derselben Darstellung, wie wir ihn im inneren Por- 
tal des alt-assyrischen Gebäudes im benachbarten Ueyük finden 
und auch offenbar mit jeder Klaue auf einer Maus ruhend — 
das Thier In Ueyük ist entschieden nicht ein Haase, was man 
sonst voraussetzen sollte — wovon wir hier nur den Oberthtil 
gewahren, während das interessante Attribut zu Ueyüi; ganz 
deutlich ist. 

Beide Figuren 6. u. 7. haben noch kleinere Verhältnisse, al.- 
die vorhergehende männliche, haben sonst aber ganz dieselbe Tracht, 
wie die der ihnen voranschreitenden Hauptfigur; ein langes, um den 



vom 3. Februar 1859. 147 

Leib gegürtetes und unten gefaltetes Gewand mit langen Är- 
meln, eine Tliiirmlcrone, lange Haarlocke oder Schieter, dieselbe 

I Art Schuhe und auch Ohrringe; nur in Hinsicht dessen, was sie 

! in der Hand halten, scheinen sie etwas verschieden; die erste die- 
ser beiden Figuren nämlich hat in der Rechten, wie es scheint, 
einen etwas gekrümmten Stab, während, was sie in der Linken 
hält, ganz undeutlich ist; die hintere scheint den geraden Stab 
mit noch einem Rlatt oder sonst etwas in der Linken, in der 

i Rechten eine Blume zu halten. 

I Ich will nun erst die rechte oder östliche Seile der Fels- 

nische beschreiben, da sie weniger Figuren enthält und also leicht 
abzumachen ist. 

8 — 10. (bei Ritter Tafel IL no. 6). In einer kleinen Ein- 
biegung der Felswand folgt eine sehr schöne Gruppe von drei 
weiblichen Figuren, d. h. Figuren in ähnlicher Tracht wie die 
drei zur Rechten in der Hanptgruppe ; sie haben aber leider 
sehr gellllen, zumal die Attribute, die sie in ihrer Hand tragen. 

I Nur das sieht man klar, dafs es oben in eine crux ansata en- 
dende, aber mannichfallig gegliederte Stäbe waren. Die Thurm- 
niiitzen scheinen verschiedenen Zierrath zu haben. 

11 — 20. Zehn ähnliche Figuren, aber in Gestalt, Hallung, 
Ausführung und Attributen als jenen drei vorhergehenden unter- 
geordnet vom Künstler angezeigt. Auch sind sie dadurch ausge- 
zeichnet, dafs ihr rechter Arm auf einer breiten, bis an den Boden 
reichenden und vorn concav ausgeschnittenen Unterlage ruht, 
die ich für ein musikalisches, harfenähnliches Inslnmient halle, 
wenigstens ist es gewifs kein Stab; allerdings könnte es auffal- 
lend scheinen, dafs sie das Instrument in der rechten Hand 
halten, aber das möchte durch seine Schwere bedingt sein und 
auch auf den Sculpturen von JNineve sehen wir etwas Ahnliches. 
Vgl. Layard, Monuments second series pl. 48,2, auch 49. 
Wollten wir diese Frauen oder Mädchen als Lydierinnen ansehen, 
Brautführerinnen ihrer Prinzessin, die bei dieser Gelegenheit 
vielleicht den entsprechenden Jünglingen auf der andern Seite 
vermählt wurden, so könnten wir diese Darstellung auf das Ver- 
dienst der Lyder im Cytherspiel beziehen. Der Fallenwurf am 
unteren Theile des Gewandes scheint bei einigen dieser Figu- 



148 Gesammtsittung 

ren etwas verschieden zu sein, aber diese Figuren haben sebr 
gelitten. 

Hiermit schliefst diese Seite der Prozrssion ab. Denn die 
grofse von Texier Padischah genannte Figur an einer wieder 
nach N. gekehrten Seite dieser Felswand sieht allein und bildet 
ein Bild für sich. 

Ich gehe daher nun zur Beschreibung der Prozession auf 
der gegenüberstehenden Felswand über. 

21 — 26. Hier haben wir auf der zunächst folgenden, nord- 
nordöstllcb gewendeten Felstafel eine sehr bedeutsame Gruppe (bei 
Ritter Tafel I. n. 4) von sechs Figuren, alle In entschieden 
ausgeprägter, würdiger Haltung einer feierlichen Prozession und 
von sehr schöner Ausführung. 

Voran schreitet eine würdige bärtige Mannesgestalt In lan- 
gem, ganz einfach gehaltenen Gewand, wenn der untere Theil 
nicht vielleicht Pumphosen darstellt; der Oberkörper Ist doch 
wol bekleidet. Vom Ellbogen des linken Armes scheint ein of- 
fener Mantel herunterzuhängen. Gegenwärtig kann man nicht 
erkennen, ob die Gestalt In den vorgestreckten Händen etwas hält. 
Sie hat keine Ohrringe. 

23. Ihr folgt eine ganz deutlich ausgeprägte Fingelfigur. 
In der Zeichnung Texier' s können die von jeder der beiden 
Schultern emporreichenden Flügel mehr gewaltige Köcher vorzu- 
stellen scheinen, aber so viel ich sah — s. Skizze n. I — haben 
sie davon nichts, sondern sind viel weniger steif und sind durch- 
aus flügelartig gehalten. Auch Ist der Oberthell des rechten 
Flügels abgebrochen. Dabei sind die eigenthümlichen , abwärts 
gehenden Falten des Hintergewandes sehr deutlich. Diese höchst 
bedeutsame Figur, die den Inneren Bezug unserer Darstellung 
auf Friedensvertrag am anschaulichsten personificirt, trägt eben- 
falls die Spitzmütze, dann ein allem Anschein nach am vorge- 
streckten linken Bein ganz eng anschliefsendes, stark horizontal 
gestreiftes, Untergewand und darüber ein vorn bis über die 
Taille reichendes und über dem Leib in einer Spitze ausge- 
bendes Wams, das sich hinten In einem Ausschnitt bis auf die 
Fersen hinabzieht und mit dem Untergewand in einer steifen 
Spitze nach hinten ausläuft. Dabei aber scheint auch diese Figur 
noch überdies eine Art Mantel zu tragen, dessen linke Seite vom 



vorn 3. Februar 1859. 149 

linken Ellbogen herabhängt. Die Figur ist unbärtig, und ist 
wol als weiblich zu fassen, entsprechend dem weiter zurück 
nachfolgenden männlichen Flügeigenius; denn so erscheinen 
diese Figuren auf den Monumenten von Nineve beiderlei Ge- 
schlechts, first series pl. 5, 7 u. 7a. Sonst könnte man die Figur 23. 
ihrer hohen Gestalt nach als männlich fassen, da die dem Anschein 
nach als Frauen angedeuteten Personen hier im Durchschnitt 
kleineren, gedrungeneren Wuchses sind. Von dem Ohrringe 
konnte ich nichts erkennen. 

24 u, 25. Folgen zwei, zur Erklärung der Sculptur gleich- 
falls sehr wichtige, Figuren in sehr verschiedenem Aufzug und 
mit Attributen, die sie vor allen übrigen auszeichnen. Es sind 
kurze unbärtlge Figuren, auf dem Kopfe eine einem einfachen Helm 
ähnliche Bedeckung mit einem an der Brust eng anliegenden, 
am Halse ausgeschnittenen und unter dem Gurt in starken, re- 
gelmäfslgen Fallen herabhangenden Gewände, die linke Hand 
halb erhoben, aber ohne dem Anschein nach etwas zu fassen, 
die Rechte mit kleiner Einbiegung herabgesenkt, mit einem Arm- 
ring geschmückt — wenn dies nicht der stark markirle Saum 
des Ärmels ist, und ein mit einer Handhabe versehenes, rundes 
Instrument hallend , das nach der dem Beschauer zugekehrten 

j Wölbung wol sicher eine Schaale ist. Jedenfalls ist bei beiden 

i Figuren dies Instrument ganz dasselbe und Texier's Sichel bei 

I der einen i»l vollkommen falsch. Ich halle diese beiden Schaalea 
zum Auffangen des Blutes bei dem helligen Aderlafs und zum Blut- 
trank, zur Befestigung des Frledensschwures bestimmt und halte die 

I beiden Figuren für babylonische Priester. Die Füfse sind bei 
diesen beiden Figuren nicht erkennbar. Kein Ohrschmuck. 

' 26. Folgt nun das männliche Widerspiel der ersten Fliigel- 

figur, ausgezeichnet durch Bart und eine im oberen Thell mit eigen- 

\ thümllchen Vorsprüngen verzierte Spitzmülze, die aber noch ganz 
genaue Untersuchung erfordert. Als Gewand hat sie nichts als 
eine um den Leib gegürtete Tunika; denn bei ihr scheint der unter 

; dem linken Arm bis auf den Boden herabreichende Streifen ein 
Stab zu sein. Schuhe stark geschnäbelt, keine Ohrringe. 

27. Folgt eine noch interessantere Figur, die uns bestimmt 
zu zeigen scheint, dafs wir es hier mll ganz historischen Per- 
sonen zu thun haben. Es ist eine sehr kurze, unbärtige Figur 



150 Gesammtsilzung 

mit runder, haubenartiger Kopfbedeckung, vielleicht mit Nacken- 
bedeckung, wenn diese scheinbare Verlängerung nicht das Haar ist, 
einem, dem Anscheine nach, den rechten Arm mit Ärmel be- 
deckenden, sehr groben Gewand, das über der linken Schulter 
offen ist, den linken Arm frei läfst und auch auf der ganzen 
linken Seite aufgeschlitzt ist. Auf der Kopfhaube trägt sie die ge- 
flügelte Kugel in sehr scharfer Abzeichnung, in der linken Hand 
trägt sie ein mit drei Querstäben versehenes Lebenszeichen und 
in der Rechten einen nach unten herabhängenden stark gewun- 
denen lituus oder vielmehr bidens Diese Figur nun ist, wie 
schon jeder der beiden früheren Betrachter erkannte, in der 
Hauptcharakteristik genau dieselbe, wie die grofse allein ste- 
hende, auf einem nach N. gekehrten Felde der gegenüber lie- 
genden Felswand dargestellte, die mit ihrer Glasur vortrefflich 
erhalten ist und von der ich eine besondere Zeichnung machte, 
n. 2, weil Texier, wie schon oben angegeben, Verschiedenes 
weniger richtig dargestellt hat, sowohl im Stile des Ganzen, als 
auch in einzelnen Attributen, wie er denn die sagaris ganz über- 
sah. Hier auf dieser grofsen Darstellung steht die Figur auf 
zwei Berghohen, die ganz wie die Berge auf den assyrischen 
Sculpturen gearbeitet sind. (Vgl. Layard Monuments second 
series 29, 31 und oft.) Ihr Gewand und ihre Kopfbekieidung ist 
ganz dieselbe, wie auf der gröfseren Gruppe, nur dafs der rechte 
Arm hier unbekleidet, der linke dagegen bekleidet ist. Hier 
trägt sie in der Linken den gewundenen bidens und in der Rech- 
ten die mit wohl phallischen Symbolen und einem Idol der Na- 
turgöttin geschmückte Flügelkugel. Nur die Schuhe sind auf 
der grofsen Darstellung nicht so stark geschnäbelt, wie In der 
Gesammtdarstellung. 

28 — 37. Folgt nun eine andere Tafel ' '*), wenn recht ver- 
standen, kaum minder interessant und wichtig, mit neun Figuren, 
wovon sieben allerdings eine geringere Bedeutung haben, zwei aber 
vielleicht das allergrölste Interesse in der ganzen Sculptur In 



'*) Bei Ritter ist diese Tafel verstellt, denn die Gruppe 3b auf 
Tafel II. sollte der mit 3a bezeichneten vorhergehen; so sind die beiden 
Kobolde ganz aus ihrer richtigen Stellung hinausgeschoben. 



vorn 3. Februar 18Ö9. 151 

Anspruch nehmen. Die Tafel nämlich wird durch eine höchst 
merkwürdige Darstellung in zwei Gruppen gelhelit, indem nach 
den ersten vier Figuren die sclion oben besprochene, ganz und 
gar abgesonderte Gruppe (32. 33.) folgt, die auf den ersten Anblick 
einen wunderbaren Eindruck macht, die aber, sobald wir das 
ganze Bild in seiner rechten historischen Bedeutung fassen, seine 
volle, lebendige Erkliirung erhält. Ganz so sehen wir auf den 
assyrischen Sculpluren mitten z^■^isthen den historischen Dar- 
stellungen Naturgegenstände dargestellt, Flüsse mit ihren Fischen, 
Gebirge mit ihren Tliieren oder Waldungen. Was haben wir 
hier? Wahrlich nicht eine Gruppe Schauspieler, die eine Tanz- 
gesellschaft belustigen sollen. Alles hat einen höchst ernsten, 
feierlichen Charakter; auch hat der Künstler auf dem kleinen 
Felde, das ihm gegeben war und mit den rohen Kunstmitteln, 
die ihm zu Gebote standen, sehr sinnreich angedeutet, dals die 
Gruppe gar nicht innig mit der Reihenfolge der Darstellung ver- 
flochten und dafs das hier Dargestellte keineswegs sich auf Er- 
den bewegt, kurz dafs es ein Naturphänomen ist, das hier dar- 
gestellt werden soll. Es sind zwei Kobolde, halb Mensch halb 
Dämon mit einem dem Beschauer zugekehrten, wahrhaft mas- 
ken-und mondartigen breiten Gesicht — mit kurzen spitzen Ohren 
oberhalb der Schläfen — stehend auf einem nach links abge- 
neigten, an der Seite gespaltenen, in der Mitte aber geeinigten, 
dicken Wagbalken , und zwei über einander stehende Scheiben- 
ausschnilte tragend. Denn das ist vollkommen deutlich, dafs es 
nicht ein breites, einem Boote ähnliches Gefäls ist, wie Texier 
meint, sondern es sind vollkommen deutlich zwei Scheiben über- 
einander. Kurz, es ist eine kindische Darstellungsweise der schon 
dem Alterlhum klaren, vonEnnius mit der anschaulichen Phrase 
„soli luna obstitit" dargestellten Erklärungsweise der Sonnenfin- 
sternifs. Dafür, dafs auch diese so ganz überirdischen, un- 
menschlichen Gestallen das gewöhnliche kurze Wams der übrigen 
Figuren tragen, haben wir unzählige Analogien aus Nineve und 
bedarf es dazu keiner besonderen Erklärung. Den zopfartigea 
Anhang, der bei Texier von dem Rücken unter dem rechten 
Arm bervorhangt, konnte ich nicht deutlich erkennen und habe 
ihn deshalb auf meiner Skizze n. 4. fortgelassen. 



lo2 Gesammlsitzung 

Ich gehe nun zur speziellen Beschreibung der vier ersten Fi- 
guren auf dieser Tafel über. Auch hier kehrt dasselbe Prinzip, 
wie überall in dieser Darstellung wieder, dafs die Figuren einen 
kriegerischen mit einem friedlichen Charakter vereinigen. 

28. 29. Zunächst kommen zwei Krieger, unbärtig, mit Spitz- 
mütze, kurzem Wams, Schnabelschuhen, krummem Schwert nach 
Texier, oder wahrscheinlicher einer gekrümmten leichten Keule, 
in der Rechten, und die Linke ohne Attribut vorgestreckt. 

30. Folgt dann eine durch ihren Kopfschmuck — eine ein- 
fache Helmhaube — sich den Figuren 27. und 2. unter meinen 
Skizzen anschliefsende Figur, mit kurzem Wams und in der vor- 
gestreckten linken Hand das zweifach gejochte Lebenssymbol tra- 
gend, In der Rechten nichts. 

3L Ein Streiter wie 28 und 29, aber In der halb erhobe- 
nen Linken das einfach gejochte Lebenssymbol tragend. 

Hinter der, die Sonnenfinslernlfs personlficlrenden, Gruppe 
nun kommen folgende drei Figuren: 

34. Eine durch ihre hohe Gestalt hervorragende Figur. 
Vielleicht war das blos die Folge der hier sich erweiternden 
Felstafel; unbärtig, mit Spllzmütze, Schnabelschuhen, In der Lin- 
ken mit sehr lang gestrecktem Lebenszeichen oder vielleicht Feldzei- 
chen — denn es hat allerdings etwas Ähnlichkeit mit den auf den 
assyrischen Sculpturen auf den Sirellwagen aufgesteckten Feld- 
zeichen — In der Rechten eine Keule. 

35. Ähnliche Figur, mit noch länger gestrecktem Symbol 
In der Linken, in der Rechten ein Sichelschwert, das wir sonst 
in dieser Hauptdarslellung gar nicht finden, wovon wir dagegen nun 
in der In der hintern Felskluft zu Tage getretenen, so schön er- 
haltenen Schlachtlinie ein vollkommenes Schaubild haben. 

36. Besonders kleine und jugendlich aussehende Gestalt, un- 
bärlig, mit Spitzmütze, Tunika und Schnabelschuhen; sie hält In i 
keiner der halb vorgestreckten Hände etwas. 

37 — 45. Nun folgt eine andere Tafel mit 9 auch sehr 
verschiedenen Figuren: 

37. u. 38. Zwei Streiter, unbärtig, mit Spitzmütze, kurzem 
W^ams, Keule in der Rechten, in der Linken kurzem Lebens- 
symbol. 



vom 3. Februar 1859. 153 

39. Recht interessante Figur, die bei Texier nicht genau 
dargestellt ist und wovon ich deshalb eine Skizze gebe n. 3, 
da sie zur wahren Erklärung dieser Darstellung Bedeutendes ent- 
hält. Vor Allem zeichnet diese Figur aus seine ganz eigen- 
thiiniliche, nach vorwärts gebogene Spilzmiitze mit weit vor - 
reichender Zunge daran; sonst trägt auch sie die Tunika. Aber 
iiire Haltung wird durch die beiden halb vorgestreckten Arme 
sehr verändert und dadurch tritt die Schuller sehr stark hervor. 
Sie hält In den so vereinigten Händen ganz augenscheinlich 
einen Stab und scheint mit der rechten Hand auf ein Blatt zu 
zeigen und zwar zu schreiben, ganz ähnlich wie wir das auf 
den assyrischen Sculpluren sehen. Dies wäre von der gröfsten 
Bedeutung, da man nur zu viel Werlh darauf gelegt hat, dafs hier 
g.ir keine Schrift dargestellt sei. Das ist, glaube ich, mehr zufällig, 
als grundsätzlich; ja die Spuren einer cartouchenähnlichen Schrift- 
tafel mit dem Reste einer Inschrift ist noch ganz deutlich an 
der gegenüberstehenden Felswand und ich habe keinen Zweifel, 
dafs man bei weiterer Nachforschung und etwa einer Ausgra- 
bung noch Inschriften finden wird. — Die Stellung der Hände 
bei Texier und was die Figur darin hält, ist ganz falsch. 

40. Folgt eine jünger aussehende Figur mit gewöhnlicher 
Spitzmütze, Tunika, Keule in der Rechten, dagegen In der halb 
vorgestreckten Linken nichts. 

41. 42. Zwei F>wachsene aber unbärlig, beide mit vor- 
gebogener Spitz mutze, Tunika und vielleicht einem Mantel, 
obgleich das vom linken Ellbogen herabhangende mehr einem 
Stabe ähnlich sieht. Texier's Darstellung ist ungenau. 

43. Gewöhnliche Spitzmütze, Tunika, Keule in der Rech- 
ten, In der Linken nichts. 

44. 45. Zwei sehr stattlich und feierlich aussehende bärtige 
Figuren mit gebogener Spitzmütze, einem unterhalb des Gürtels 
stark schräglinig nach hinten gestreiften nicht sehr langem Gewand, 
das jedoch die Beine durchsehen läfst, wenn der untere Thcil 
nicht die weiten Pumphosen darstellt, beide Arme halb vorge- 
streckt und ein einmal gejochtes Lebenssymbol tragend. Wahr- 
scheinlich sind diese beiden bedeutsamen Figuren phrygische 

I Priester von Pessinus. 



154 Gesammtsilzung 

46 — 49. Eine nach S. gekehrte Ecktafel der Felswand mit 
vier Figuren. 

46. Ein bartloser Mann in Spilzmütze und Wams — ich 
glaube, dafs Texier's kurzes Wams nicht genau ist; in den 
Händen trägt er nichts. 

47. 48. u. 49. Drei einander ziemlich ähnliche Figuren, ob- 
gleich an Gröfse, wol nur des Steins wegen, etwas nach hinten ab- 
nehmend, (bei Ritter II, 2); bärtig, gerade Spitzmiitze, sehr starke 
Schnabelschuhe und über dem kurzen \'V'^ams nach hinten vor- 
liegendes und halb an den Seiten bedeckendes Obergewand, über 
dessen religiöse Bedeutung ich schon oben gesprochen habe. 
Jedenfalls dürfen wir diese Personen in diesem ganz unkriegeri- 
schen Gewand auf das Entschiedenste nicht für Strategen hal- 
ten, wie Texier gethan. Ohne Zweifel vertreten sie hier ein 
anderes, religiöses, Prinzip. 

49 — 60. Eine weniger interessante Tafel, die den Abschlufs 
der ganzen Darstellung bildet, in dem Gesammtbilde völlig un- 
tergeordneten Ranges, deren Gegenstand aber, weil er dem die 
Felsnlsche betretenden Resucher zuerst in die Augen fällt, durch 
die Tänzern ähnliche Stellung der Figuren wol hauptsächlich 
bei Texier die Meinung begründet hat, dafs hier ein Tanz, 
die Sakäen, dargestellt werden solle. Alle Figuren sind unbär- 
tig und in derselben Stellung, imlem sie den linken Fufs stark nie- 
dersetzen und sich darauf stützen, den rechten dagegen in die 
Höhe ziehen und nur mit der Zehe aufsetzen, zum Lauf oder 
Angriff. Diese Stellung ist vollkommen dieselbe, wie in dem 
Relief in der hinteren Felsspalte, von dem ich gleich spre- 
chen werde und wo die Krieger kurze Schwerter tragen in der 
Rechten, in der Linken aber dem Anscheine nach nichts fassen, 
aber doch wol den Schild halten sollen. Auf unserem Relief habe 
ich nur 12 Figuren erkennen können und ich glaube, dafs es 
nur stets so viel waren, wiewohl eine Rücksicht auf gleiche An- 
zahl dieser männlichen Figuren mit den entsprechenden weibli- 
chen auf der gegenüberstehenden Felswand nicht unpassend 
scheint. Auch auf dem anderen Relief der hinteren Felsspalte 
erscheinen 12 Figuren. Übrigens sind auf unserer Tafel die 
beiden ersten Personen von den übrigen durch einen Zwischen-, 



I vorn 3. Februar 1859. 155 

! . 

' räum geschieden. Ihre Tracht übrio;ens ist ganz dieselbe, ge- 
rade Spitzmütze, kurzes Wams und Schiiabelschuhe. 

Ehe ich nun nach Beschreibung der Hauptdarstellung der 

, Yaslli-kaya von Boghäskoei die Sciilpluren der hinleren, ziemlich 
parallel mit der grofsen ^<ische laufenden Felsspalte beschreibe, 

I muls ich noch einer Figur Erwähnung thun, die ziemlich am 
Eingange jener Kluft steht. Von dieser habe ich auch eine 
Skizze gemacht, die bedeutend von Texier's abweicht und die 
Figur keineswegs als einen Kobold, sondern als einen gewöhn- 

i liehen Krieger erscheinen llifst, der nur eine eigenthiiniliche 
Kopfbedeckung trägt; da ich aber im Augenblick Texier's 

I Zeichnung nicht vor mir hatte und nicht Alles genau control- 

' lirle, will ich meine Skizze nicht mitlheilen. Es kommt auch auf 
diese Figur wenig an. Um so mehr Gewicht aber hat eine, 

i leider fast völlig ausgelöschte, Kartousche an dieser selben Fels- 

1 OD" 

wand, deren Inneres nur so viel erkennen läfst, dafs sie keine 
j Hieroglyphen enthielt, sondern den Buchslaben der kurzen In- 
1 Schrift von Ueyük ähnliche Charaktere. 

Ich gehe nun zur schmalen hinteren Felsspalte über, in die 
man jetzt über Felsblöcke von S. hineinsteigt. Diese Felsspalte 
I Ist jetzt im untern Theile verschüttet, und, wie erst in diesem 
I Jahre ein anderer, mir imbekannter, ich glaube, deutscher Rei- 
I Sender das höchst interessante Relief mit den 12 Kriegern auf- 
gedeckt hat und ich selbst den untern Theil der von Texier 
für Mylilla gehaltenen und der anderen eigenlliümiichen Fi- 
gur aufgegraben habe, so verspricht diese Nische noch ande- 
ren Fund, zumal in Bezug auf die beiden, im unteren Theile 
der sich entsprechenden Felswände angebrachten, halbrunden Ni- 
schen, um zu untersuchen, ob sie in irgend einem Zusammen- 
hang mit den Darstellungen stehen. 
l| Die hervorragendste Figur in dieser Nische, die gleich die 

i' Blicke des lierelntretenden auf sich zieht, ist die in 6 — 7 Zoll hohem 
Relief gearbeitete und Im oberen Theile vortrefflich erhaltene, son- 
derbare Gestalt n. 5. meiner Skizzen, deren überaus scharfes 
Gepräge Texler In seiner Zeichnung ganz entstellt hat (bei Ri t- 
i' ter II, 9). Auch hat er den absonderlichen Charakter der ¥i- 
;! gut dadurch noch bedeutend erhöht, dafs er auch an der lin- 
t| ken Schuller einen Löwenkopf angebracht hat, wovon das Re- 



156 Gtsatnmtsilzung 

lief nichts zeigt, obgleich die äufsere, abschliefsende Linie der 
Schulter und der Arm, nicht mehr deutlich zu erkennen sind; 
er hat wol etwas in der Hand gehalten. Sonderbar bleibt die 
Figur immer, aber die beiden, zwischen den Beinen herabhan- 
genden, Fetzen erklären wol den Löwenkopf auf der Schulter 
für ein als Wams verarbeitetes Löwenfell. Die Beine sind 
aber ganz unnatürlich mit dem Leib verbunden; dagegen sind 
die Fiifse ganz menschlich, wie ich nach der Ausgrabung mich 
überzeugte. Da ich die ganze Figur mafs, kann kein Zweifel 
über das Verhältnifs der einzelnen Theile sein. Im Ganzen 
macht diese Figur scheinbar den Eindruck höheren Alters, als 
das Relief in der grofsen Nische, auch kann die Figur nicht 
füglich mit Irgend einer der in jenen erscheinenden Identlficirt 
werden. Die scharfe Adlernase weist sie wol entschieden 
dem Osten, wol Assyrien zu und das bartlose Kinn unter- 
scheidet sie merklich von der andern Darstellung, die Spilz- 
mütze Ist hoch, nicht mit dem gewöhnlichen basiliskenartigen 
Ansatz an der Vorderseite, sondern mit einer nach unten ein- 
wärts gebogenen Krümmung; sie hat keine Nackenkappe. In| 
dem Ohre sieht man einen grofsen Ohrring. Über den Lö-i 
wenkopf habe ich gesprochen. 

Auch die andere, In kleineren, der Natur sich anschliefsen- 
den Verhältnissen gezeichnete Figur, die Texier nach dem von 
ihm allein gesehenen oberen Theile für eine Mylitta hielt (Rit- 
ter II. n. 10), zeichnet sich aus durch ihr bartloses Kinn und 
könnte also allein wol mit dem jungen, hinter der welbllchen'l 
Figur auf dem Hauplbilde stehenden Streiter identlficirt werden. 
Diese Figur, deren Profil weniger deutlich ist, aber entschieden 
nicht sehr scharfe Züge hat, trägt eine überaus hohe, eigen- 
thümlich geschmückte, eher breite als spitze Mütze, ein untei 
dem Gurt faltenreich herabhangendes Gewand, hat keine Waffe 
aufser der sonderbar vom Gurt abstehenden Doppelaxt unc 
schliefst mit seinem linken Arm eine jugendlich aussehemlc 
weibliche Figur an sich, ihre rechte Hand mit seiner linken hal 
tend, worin er aufserdem einen langen Stab zu haben scheint 
während er auf seiner vorgestreckten Rechten eine kleine, an 
scheinend männliche, Figur mit kurzem Wams trägt; dies Atlri 



vom 3. Februar 1859. 157 

Ibiit aber ist nicht deutlich genug erhalten, um bestimmt seine 
edeutung auszusprechen. Die weibh'che Figur nun trägt ein 
:,nges im untern Theile faltenreiches Gewand, in das sie, ähn- 
ch der Figur des Babylonlers, ihren linken Arm aufgewickelt 
at; in ihrer Linken hält sie einen krummen Stab, vielleicht 
inen bidens; ihr Haar hängt lang herab und wird von einer 
■ inde gehalten; die Füfse beider Figuren sind noch mit Stel- 
en verschüttet. Hinter der Mütze der männlichen Figur nun 
:hliefst sich eine mit den Flügeln weit sich ausspannende 
eHiigelte Kugel an mit ähnlichen herabhangenden oder stützen- 
en Symbolen, wie bei Figur 2. meiner Skizzen. Die Säulen 
ilt Ihren breiten phrygischen oder assyrischen Voluten — denn 
uch auf assyrischen Denkmälern kommen sie schon vor — sind 
uch hier ganz deutlich. Seine Skizze n. 6. 

Ich will nun noch zum Schlufse ein Paar Worte sagen, über 
as vortrefflich erhaltene Relief mit den zwölf Streitern, das erst 
or Kurzem blosgelegt, mit jugendlicher Frische dem Beschauer 
nigpgen lacht. Ich habe in der Skizzenprebe n. 7. auch die Maafse 
egeben. Besonders bemerkcnswerlh ist hier das scharf mit fast 
apagelenarllg gebogener Adlernase vorspringende Profil, die 
nlerselzte Gestall und vor Allem das dem ägyptischen sich 

nschliefsende Sicbelschwert, das sie entschieden in der Rechten 
'1 . . . 

lallen — ich sage das ausdrücklich, weil man auf den ersten 

'illck meinen könnte, sie hielten es in der Linken. — Sie tra- 

l en ein mit Ärmeln versehenes kurzes Wams, breite, in ihrer na- 

1 iirlichen Weiche sich umbiegende, aber nicht, wie es scheint, 

, ün»tlich geschnäbelte Schuhe und eine spitze Mütze mit Rand 

i|nd stark ausgedrückter Hakenspitze. 

Hiermit beschllefse ich die Beschreibung dieser so höchst 

merkwürdigen Sculpturen, auf die ich hoffe die Aufmerksamkeit 

: ünfliger Forscher noch mehr gelenkt zu haben. Unzweifelhaft 

1 aben wir in dieser Umgegend noch reiche geschichtliche und 

c rchäologlsche Ausbeute zu erwarten. 



l58 Gesammtsitzung 

Hr. Weber las über ein indisches Würfel-Orakel, 

im Anschlufs an die zunächst folgenden Mittheilungen des cor- 
respondiienden Mitgliedes der Akademie, Hrn. A. Schiefner 
in Petersburg vom 10 und vom 21. Januar. 

„Als ich kürzlich für meinen Coiiegen Stephani, der sich 
mit einer archäologischen Arbeit über den Strahlenkranz be- 
schäftigt, in demselben Bande des Tandjur (123sler Band der 
suira), dem ich VirnalapraQnottaramdlä entlehnt habe und in 
welchem auch verschiedene Schriften über Anfertigung von 
BuddhahW^&vn sich befinden, nach dem Sirahlenkranze suchte, 
stiefs ich auf einige Dinge, die Ihnen recht interessant sein 
dürften. Aus den „Monatsberichten" ersehe ich, dafs Sie vedl- 
sche Texte über Omina und Portenta besprochen haben. Hieran 
anknüpfend nenne ich zuerst das dem Niigärjuna zugeschriebene 
W^erk Pratiiyusamutpädnnämacakra. Es zerfällt in zwölf Ab- 
schnitte. Um den mittlem Wintermonat angefangen werden 
die zwölf ersten Tage des Monats mit den Namen der zwölf 
niddna bezeichnet, und zwar wird dabei mit avidjä angefangen; 
der 13te Tag ist = 3, der I4te =: 4, der löte = 5. Die 
weifse Hälfte des Monats hat für ihre 15 Tage dieselbe Bezeich- 
nung als die schwarze. Für jeden Tag wird angegeben, was er 
für die Geburt u. s. w. bedeute. Die zwölf Capitel behandeln: 
1) Geburt. 2) Unternehmung. 3) Ausgang. 4) Diebstahl. 
5) Krankheit. 6) Aiigenzucken. 7) Töne. 8) Schlucken. '.)) 
Hunger. 10) Fufszucken. 11) Fufsknacken. 12) Gedanken. 
Diese Schrift umfafst etwa nur zehn Blätter. — Siebenfach stär- 
ker ist dagegen eine andere Schrift mit dem corrumpirten Titel 
yudhajasarnavaitantraräjasvarodayanäma „das Hervorgehen der 
Buchstaben, genannt der den Kampf besiegende 2"a/7^/a-KönIg" 
nach der tibetischen Übersetzung: es zerfällt in zehn Abschnitte. 
— Eine dritte Schrift hat keinen Samkrittitel : der tibetische 
lautet in seiner Übersetzung also: die von dem mahämuni und 
rishi Vasudei'a 0.) gelehrte Weisheit (oder gewiesene Gelehr- 
samkeit) in 24 Abschnitten. Es werden darin Vorbedeutungen 
behandelt 1) der Sonne und des Mondes, 2) der Sterne, 3) der 
Sternschnuppen, 4) Regenbogen, 5) Donner und Blitz, 6) Zei- 
chen in der Luft, 7) aufserhalb entstehende Zeichen u. s. vv. 



vom 3. Februar 1859. 159 

Das 23ste Capitel behandelt die Bedeutung des Erdbebens, und 
ist durch die Aufzählung der einzelnen Gegenden und Länder 
sehr interessant. Dieses Werk umfafst etwa 36 Blätter. — Nur 
zwei Blätter stark ist eine kleine Schrift, welche den corrupten 
Titel käkajariti führt, was wohl nichts anders als käkarutam sein 
wird: der tibetische Titel besagt „Bedeutung des Rabenge- 
schreis" (genauer, „der Rabensprache"). Es werden die Raben 
in vier Kasten getheilt. Die rothaugigen sind die Xatriya, die 
Flügelreibenden die Vai^ya, die Fischgestalt-babenden (?) die 
fudra: die Bezeichnung der Brähmana ist mir nicht klar: es 
kann heifsen „die mit karsha's wohnenden." Ich vermuthe hier- 
bei ein Rllfsverständnifs mit kärshnja , Schwärze, so dafs die 
schwärzesten Raben die Brähmana wären: ebenso glaube ich 
die „Fischgestalthabenden" durch Verwechslung von matsja mit 
matsara entstanden. Dgl. Übersetzungsfehler bietet die tibeti- 
sche Übersetzung z. B. des Amarakosha in Masse dar, wie ich 
solches in dem kleinen Aufsatz über die logischen und gramma- 
tischen Werke im Tandjur p. 17 durch mehrere Beispiele er- 
härtet habe. Doch könnte freilich auch etwas Sachliches, das 
wir nicht kennen, noch auf andere Dinge fuhren. Darauf kommt 
die Bedeutung des Geschreis nach den vier yäma's und den 
Wellgegenden wie es von dem Hausherrn wahrgenommen wird. 
Dann folgen die Bedeutungen des Rabengeschrei's, die man auf 
dem Wege wahrnimmt. Am interessantesten ist jedoch die 
Vorbedeutung nach dem Orte, wo sie ihr Nest bauen. Bauen 
sie es an einem Zweige auf der Oslselte des Baumes, so kommt 
ein gutes Jahr und Regen ; bauen sie es auf der Südseite, so 
verdirbt das Getreide. Dies stimmt zu dem Glauben der Land- 
leiUe anderer Gegenden. Auch die einzelnen Töne haben ihre 
Bedeutung: kaka, ghaga, lata, dada. Sieht man ein schlechtes 
Zeichen, so mufs man dem Raben ein Streuopfer bringen, ihn 
namentlich durch Froschfleisch erfreuen. Einzelnes aus dem 
Schriftchen dürfte Kuhn besonders interessiren : z. B. setzt sich 
auf dem Wege ein Rabe auf das Haupt oder die Hauptbedeckung 
und giebt er einen Ton von sich, so deutet dies auf den Tod. 
Ergreift der Rabe einen rothen Faden, setzt er sich auf das 
[lS5j.] 11 



160 Gesaniinlsitzung 

Dach de« Hauses, und giebt einen Ton von sich, so wird das 
Haus abbrennen. — An päi^aketfuli (Verz. der ßerl. Handsch. 
No. 901) schliefst sich eine Schrift an mit dem Titel kevalt, 
Afvas im Tibetischen durch ,,Loos-Rechnung" wiedergegeben wird. 
Es werden in der I4ten Nacht des ersten Frühiingsmonats, in 
der zweiten Nachtwoche, nördlich oder östlich von den Wur- 
zeln des (7an</i//-a- Baumes {Aegle Mannelos) drei vierseitige 
Würfel geschnitten und mit den Buchstaben a ya va da be- 
zeichnet. Es giebt dies 64 Fälle. Wie der einleitende ^loka 
besagt, ist diese Schrift hervorgegangen aus der Schule des im 
endlosen Norden, im Pärgika-Linnde nördlich von Nepal gebo- 
renen Mahäinurii (ri Raudhe (sie). — Ihnen sind diese Dinge 
wohl alle schon in den von Ihnen beschriebenen Handschriften 
vorgekommen. Möglicher Weise weichen aber die bei den 
Buddhisten in Geltung befindlichen Werke von denen der brah- 
manischen Literatur mehr oder weniger ab. — Als ich den 
Lama Gambojew neulich fragte, ob er solche Werke, die es 
mit Vorbedeutungen zu thun hätten, aus eigener Anschauung 
kenne, antwortete er mir lächelnd „Ob ich sie kenne! Habe ich 
doch so manche Einnahme durch dieselben gehabt." Natürlich 
giebt der Lama dem fragenden Laien auf Grund solcher Werke 
die nöthigen Antworten und wagt es nicht, auf eigene Faust 
etwas vorzulügen. Die zum Handgebrauch nöthigen Werke be- 
finden sich in einer tibetischen Sammlung, die den Titel: der 
weifse Vaidurya führt. — Endlich habe ich noch einige Werke 
zu erwähnen, welche die Zeichen des Menschen behandeln, so- 
wohl der Männer als der Frauen. Sie werden einem Samudra 
zugeschrieben. Es ist mir heute jedoch nicht möglich, Ihneii 
dieselben genauer zu charakterlslrcn." 

Im Anscliluls hieran erinnere Ich zunächst für die zuletzt 
genannten Werke an den von mir In der Z. der D. M. G. X, 
500 besprochenen, in meinem Besitz befindlichen Calciillaer Druck 
eines chiromanlischen Lehrbuchs sämudrikam (über dieses W^ort 
s. Wilson s. v) und für das käkarutam an Cap. 94 der Vdräht 
Samhilä und an Cap. XII. ) von des f^asan/ardja (^dkunam ; speciel'l 

) Dieses letztere Stück (181 vv.) stimmt in Inhalt und 
Reihenfolge ziemlich genau zu dem tibetischen Texte, enthält 



i vom 3. Februar 1859. 161 

dagegen wende ich mich zu den höchst dankenswerthen Angaben 
über das kevalt genannte Werk, durch welche Ich zu einer 
näheren Untersuchung der betreffenden Handschrift unsrer hie- 
sigen Sammlung (Chambers 286) veranlafst ward und nunmehr 
die in meinem Verzeiclmifs der letzlern davon gegebene unzurei- 
chende und zum Theil irrthümliche Nachricht berichligen kann. 

Das Werkclien fuhrt den Titel pägaka-keval/, d. !. 
„Würfel- Orakel". ') Es besteht angeblich, nach der Zäh- 
lung In der Handschrift selbst, aus 184 vv. : doch sind es in 
der That deren nur 183, da die Zahl 113 bei der Zählung der 



z. B. auch die bei F'aräha Mihira noch fehlende EInthellung der 
kaka nach den vier Kasten, nur dafs hier auch noch eine fünfte 
hinzutritt, die der antyaja, Paria. Die betreffenden Verse lau- 
ten, wie folgt: 

ye brähmanäh xatriyavaifjagudrah 

kdkä bhavanty antyajapancamas le I 
varnäkritibhy cim rishibhashitabfiyciTn 

sadd 'bhiyuktair abhilaxanfydh II 2 II 
brihatpramäno gurudirghatundo 

dridhasvarah krishnaoapuh sa viprah I 
pingäxanlläsyavimigravarnah 

syät jc atriy o rüxaravo 'tigürah. II 3 H 
äpänduntlah sitani'lacancur 

nd'lyantarüxaratilag ca v aigyah. \ 
bhasmachavir bhiirikakdragabdah 

(üdrafy krigdngag capalo 'tiruxah II 4 II 
virüxasüx.mdsyatanur viganko 

ydh kamdhardm dirghatardm bibharti I 
slhirdrauah sthairyasamelabuddhih 

kdko 'n ty ajdt ih khalu pancatno 'tra II 5 II 
Schlefner's Vermutluing in Bezog auf kdrshnya wird hiedurch 
bestätigt: in Bezug au£ rnaisya oder matsara dagegen findet sich 
hier keine Lösung. 

) So übersetze ich das Wort kevalt, welches eigentlich 
wohl „aiisschllefsliche Kenntnifs" bedeutet, und wozu vidyä zu 
ergänzen sein wird, vgl. v. 4. kevalajndna. 

n • 



162 Gesammtsitzung. 

Verse übersprungen Ist. Den Inhalt bildet die Antwort auf die 
Fragen, die man an die Würfel gerichtet denkt. Diese müssen 
wie oben als drei an der Zahl und als vierseitig (pyramidenför- 
mig) resp. gleichseitig und je mit 1. 2. 3. 4. (statt mit a ja va 
da) bezeichnet gedacht werden : denn es werden hier ebenfalls 
64 Fälle unterschieden: und zwar indem die Zahl der Augen 
eines jeden Wurfs stets sowohl in Ziffern ) voran gestellt, als 
auch noch aufserdem in dem ersten Hemistich der dazu gehö- 
rigen, durchschnittlich je drei, Verse in Worten ausgedrückt 
wird. An Stelle der obigen Angaben über die Zeit und die 
W^eise des Orakels giebt hier der sehr verderbte dritte Vers lei- 
der nur höchst unvollkommene Auskunft. Danach findet zunächst 
an einem Sonnabend eine Weihung der Würfel ) statt: am Sonn- 
tage dann schultet der Fragende selbst die Würfel auf ein reines 
Tuch, und eine Jungfrau, humäri, ) verkündet ihm die Bedeu- 
tung des Wurfes. Oder sollte kumärt etwa hier nicht diese 
Bedeutung haben, sondern Name der Durgd sein? Dafür spricht 
allerdings zunächst der zweite Vers, In welchem diese Göttin in 
der That unter verschiedenen Namen direkt aufgefordert wird, 
eilig herbeizukommen und die Wahrheit zu verkünden. Dann 
müfste indefs v. 3. ganz anders restituirt werden, als mir mög- 
lich gewesen ist, da bei dem jetzigen Texte die kumärt entschie- 
den als die Leiterin der ganzen (Zeremonie erscheint, was von 
der Göttin undenkbar Ist. Es Ist daher die Jungfrau einfach 
wohl nur als die Repräsentantin der Göttin zu fassen; und In 
der That Ist auch nur unter einer solchen Voraussetzung die für 
Indien ganz ungebräuchliche Verwendung eines Mädchens für 
einen dgl. Zweck erklärlich. Weshalb gerade Durgu als die 
Orakelspenderin gilt, erhellt leicht, wenn man sich an die bei 



') Dies sind die Zahlen 111 — 444, die Ich In meinem Ver- 
zelchnifs ganz falsch verstanden habe. 

^) pägaka, a dice, partlcularly the long sort used In playlng 
Chaupai. Wilson. 

^) Kumärt a young girl, one from 10 to 12 years old, a 
virgln or In the Tantras any vIrgin to the age of 16, or as long 
as menstruatlon has not commenced. Wilson. 



vom 3. Februar 1859. 163 

Bhartrihari (III, 43), in den Puräna etc. mehrfach erwähnte 
Vorslellung erinnert, wonach das Geschick der Einzelnen von 
einem Würfelspiel zwischen ihr und ihrem Gemahle ^wa her- 
geleitet wird So werden denn auch im Innern des Werkchens diese 
Beiden vielfach genannt (so mahädeva 4. devadeva 7. 39. bhavänt 
27. candihd 98. deut 62, und zwar als kuladeot ^^. 87. 98. 123. 
gotradevi 82): aufserdem erscheinen nur noch die mälaras 153. 
und kuladevän 74. 157, so wie devahuläni 62 — Aufser durch 
V. 3. wird uns nur noch durch die der Bedeutung jedes Wur- 
fes vorhergehende kurze Bezeichnung desselhen einige Aufklä- 
rung üher den Vorgang selbst. Den Beginn macht stets die 
Ansähe der drei Würfelseiten, welche aufgefallen sind, in der 
hetrefTenden Reihenfolge. Also z. B. „eins zuerst, drei In der 
Mille, vier am Ende". Die Würfel werden nämlich nach ein- 
ander geworfen, nicht gleichzeitig, und zwar ist diejenige Seite, 
mit welcher der Würfel auf dem Boden Hegt, die entscheidende. 
Eins wird durcliweg durch padam, ,,a mark, a spol" W^il- 
son , gegeben (nur einmal mascul , In v. 140. padau): Zwei 
durch dvikam, fünfmal (von den 48 Malen) als Mascul. (90 92. 
94. 116. 154): Drei durch trikam, siebenmal Mascul. (10. 68. 
116.133.138 169.177): Vier durch catushkam, welches 13Mal 
als Mascul. (40. 48. 60. 84. 92. 94. 133. 138. 143. 171. 173. 
175. 177) und sechs Mal als femln. (71. 129. 148. 151. 158. 
166) erscheint. Einmal, in v. 179., wird die Vierzahl durch 
vrishabha ausgedrückt. Auf die Zahlen folgt in der Regel noch 
eine weitere auf den Wurf bezügliche Angabe, die In vielfacher 
Weise differirt. Am häufigsten, achtmal (23. 29. 42. 53. 56. 
75. 97. 122) erscheinen die Worte ,,dundubhih patitä taoa, 
Ist deine d. gefallen," wo dundubhi, als mascul. „a sort of large 
kettle drum" Wilson, offenbar eine von dem Rasseln der Würfel 
entlehnte Metonymie Ist und zwar für den Wurf selbst, nicht den 
einzelnen Würfel (fem. ,,a die or dice" Wilson): ähnlich wie v. 
138 fakaii {fäkale Cod.) „a cart" vom Wagengerassel, (anders 
163 ). Viermal (17. 50. 102. 125) findet sich ..pdgake patitarn. 
\patitas V. 17.) tava" , wo Ich pägakaih. lesen möchte, da ich für 
pdfaka (masc.) bei Am^ara und Hemacandra nur die Bedeutung 
„Würfel" selbst, nicht die von „Würfelbrett", die für pdgake 



164 Gesammtsiliung 

allein passen würde, finde. Aus „patita tnva karnika" v. 13. 
scheint sich die Kreide als das Material der Würfel zu ergeben? 
DieWörter kartar /„Scheere" v.T., vishakartar i „Giftscheere" 
V. 109., märjani „a brush, a broom" v. 169. bedeuten einen un- 
glücklichen, alles Glück abschneidenden, wegkehrenden Wurf. 
Die Angabe „cincineh frinu tat phalam" „der Klirrenden hör' 
diese Frucht" v. 10. bez.Ieht sich auf das Klirren (vgl. kinkini) 
und „mathaneh g. t. ph." v. 34. auf das Schütteln des Wurfes. 
Zu beiden Wörtern, wie zu den übrigen Femlninis, die sich auf 
die Bedeutung des Wurfes beziehen, wie bahuld 84. 113. tripadl 
116 (die Bedeutung unklar), saphald 119. 171. mälint 129. vdmä 
\.11 C? bäj-d Cod.)., ist wohl dundubhi zu ergänzen? oder etwa 
patri (v. 63.) „a letter , a dritten document or address" Wil- 
son, welches den Wurf als einen an das Schicksal geschriebe- 
nen Brief bezeichnet? In letzterem Sinne ist auch „pragno 'yarn 
patitas tava" v. 71. (vgl. v. 127.) zu verstehen, als „Frage an das 
Schicksal", und entweder dieses Wort, oder preshyah „Bote" 
V. 154.), besser indefs wohl einfach ayah „Wurf" (s. v. 36, äya 
163.) zu den verschiedenen Masculinen, die sich sämmtlich auf 
die Bedeutung des Wurfes beziehen, zu suppliren: also zu 
vdmah (? vdsnh Cod.) v. 20., gobhanah. 5., bhadrah 26. 60., 
kütah 68. 78. 148. 173. Das Wort vrishah, Stier, wird vier- 
mal v. 48. 88. 94. 175 zur Bezeichnung eines Wurfes verwen- 
det, das letzte Mal bei einem Unglückverhelfsenden. Als die 
besten aller Würfe erscheinen 1. 3. 4. mit dem ausdrücklichen 
Beinamen viyaja, Sieg v. 36., und der umgekehrte Wurf 4. 3. 1., 
mit dem Beinamen gakafam „W^agen" v. 163, wohl davon ge- 
nannt, dafs er mit Glück beladen ist. — Übrigens hat sich das 
Schriflchen die Popularität sehr leicht gemacht, indem es Glück 
und Unglück nicht, wie von Rechtswegen der Fall sein sollte, 
gleichmäfsig vertheilt, sondern dem Unglück nur ein Viertel der 
Würfe zuweist, und auch bei diesen sucht es noch häufig guten 
Rath zu geben, wie man dem Unglück entgehen, und schliefslich 
doch noch glücklich werden könne. Die schlimmen Würfe sind 
der Reihe nach die folgenden 1.1.2. —1.3.3. — 2.2.2.— 
2.2.3. — 2.3.2. — 2.3.3. — 3,2.1. — 3.3.2. — 3.4.3. — 
4.1.1. — 4.1.2. — 4.2.2. — 4.3.3. — 4.4.1. — 4.4.2. — 



vom 3. Februar 1859. 165 

4.4.3.; — gemischt, resp. tröstend mit Hülfe aus Noth, sind 

1.1.3. — 2.2.1. — 2.2.4. — 2.3.4. — 3.1.3. — 3.2.2. — 

3.2.4. — 4.1.1. — 4.1.2. — 4.2.2. — 4.3 3. Der Inhalt 
der Veihelfsungen oder Drohungen selbst ist sehr allgemeiner 
Art, bezieilt sich auf Glück in allerlei Unternehmungen, Erlan- 
gung von Reichlhum und Würden, Gewinnung einer Jungfrau, 
Hochzeit, Geburt eines Sohnes, Wiedersehen von Freunden und 
Verwandten, glücklicher Heimkehr von einer Reise, Genesung 
von Krankheit, Wiedererlangung verlorner Gegenstände u. dgl. 
mehr. Im Ganzen herrscht grofse Einförmigkeit, und finden 
sich viele \'\'iederho!ungen, biswellen sogar (besonders gegen das 
£nde hin) ganze Verse (so 146 b. 147. und 151b. 152., ebenso 
160b. 167 b., 164 b. 166 b. u. A. m.). Einen eigenthümlichen 
Charakter tragen die Wahrzeichen (abhijndnam), welche durch- 
weg für die Richtigkeit der Prophezeihung angeführt werden, 
und sich theils auf geheime Schäden am Körper des Fragenden 
(V. 12. 16. 96. 121. 139), theils auf die Richtung seiner Ge- 

I danken in diesem Augenblicke, theils auf Träume, die er haben 
wird, oder sonstige Ereignisse, die bereits stattgefunden haben 
oder noch stattfinden werden, z. B. Streit mit der Mutter, der 
i Frau u. dgl. beziehen. Mehrfach wird auch ein bestimmter 
I Termin für das Eintreffen der Vorhersagung gesetzt (15. 41, 
■ 57. 149.). 

j Als Verfasser wird am Schlufs ein Weiser Namens Garga, 

' von der Sekte der Jaina angegeben, und überhaupt die ganze 
1) Kenntnils auf die Jaina rishi zurückgeführt. Im Innern des 
ll Werkes ist nichts, was auf einen dgl. Ursprung hinwiese, wenn 
'i nicht etwa der mehrfache Gebrauch von nirvnna v. 38. 56. 95, 
freilich nur in seiner ahgeblafstesten Bedeutung: Gemülhsruhe, 
so wie der Umstand, dafs der einleitende erste Vers die Wahr- 
heit verherrlicht, und erst der zweite Vers an die Durgä sich 
wendet. Dagegen findet sich, wie bereits bemerkt. Vieles darin, 
was den Verfasser entschieden als einen fiva'ilen kennzeichnet. 
Nun bei einem Jaina läfst sich ja Beides vereinigt denken: fin- 
.den ja doch auch zwischen den buddhhüschen und den f/<'«iti- 
schen Sekten so viele Berührungen statt. Da wir, Schief- 
ner's Miltheilungen nach, entschieden eine Schrift ziemlich 



166 Gesammtsittung 

desselben Inhaltes in tibetischer Übersetzung bei den Buddhisten 
finden, so halte ich es im Verein mit der eignen Angabe unsers 
Textes für wahrscheinlich, dafs das Werkchen eben ursprünglich 
von einem Buddhisten herrührte, wie wir ja die Buddhisten 
jetzt immer mehr als sehr wesentliche Träger des indischen 
Aberglaubens, in Bezug auf Zauberei und all dgl. kennen ler- 
nen. Der Name Garga ist in der astrologischen und abergläu- 
bischen Literatur bekannt genug, ohne Indefs für die Abfassungs- 
zeit etwas Bestimmtes zu ergeben. — Ganz von dem Bemerk- 
ten abgesehen, sprechen übrigens für eine gewisse Alterthüm- 
llchkeit unsers vorliegenden Textes noch einige andere. Innere 
wie äufsere Gründe. Zunächst nämlich datirt die Handschrift 
einer ÄAdjAa- Übersetzung davon, die sich In unsrer Chambers- 
scben Samndung (uro. 723) findet, bereits aus dem Jahre sarnvot 
1761 d. i. AD. 1705 her. Eigentlich ist es Indefs weniger eine 
direkte Übersetzung, als vielmehr eine abgekürzte Bearbeitung 
unseres Textes, dem sie sich In den wesentlichen Punkten durch- 
aus anschliefst, wie sie auch zu 1.1.2. sich ausdrücklich als Gar- 
gäcäryakrita anglebt (die Unterschrift am Schlufs hat irrthüm- 
llch Gangacärya). Der Schreiber hat dem Texte eine Schach- 
brettförmige Vertheilung aller 64 Würfe vorausgeschickt, die ich 
nicht unterlassen will zur bessern Anschaulichkeit hiermit mlt- 
zutheilen. 



1.1.1. |1.1.2. 


1 1.1.3. 


11.1.4. 


|1.2.1. 


11.2.2. |1. 2.3. 


11.2.4. 


1.3.1. |1.3.2 


|1.3 3. 


[1.3 4. 


1 1.4.1 


|1.4.2. |1.4.3. 


11.4.4. 


2.1.1. 12.1 2. 


|2.1.3. 


12.1.4. 


|2.2.1. 


|2 2.2. |2.2.3. 


|2.2.4. 



2.3.1. 12.3.2. ,2.3 3. 12. 34. 12.4.1. 12.4.2. 12.4.3. 12.4.4 



3.1.1. |3.1.2. |3.1.3. [3.1.4, |3.2.1. |3.2.2. | 3. 2 3. | 3.2.4 



3.3.1. 1 3.3.2. 1 3.3.3. | 3.3.4. |3.4.1. | 3.4.2. | 3.4.3. | 3.4.4 

T.lX 1 4. 1. 27|4.1.3. |4.1.4. |4.2. l.|4.2. 2. 14.2.3. |4.2.4~ 

4.3.1. 14.3.2. 14.3.3. 14.3.4. 14.4.1. 14.4.2. |4.4.3. |4.4.4. 

Sodann aber hat auch die Sprache unseres Werkchens man- 
ches Eigene und zum Thell wenigstens für ein gewisses Alter 
Sprechende. Dahin gehört der Ausdruck hör äjnäna v. 6., 



vom 3. Februar 1859. 167 

welcher — horä ist bekanntlich aus dem griechischen woa ent- 
standen — an die ältere (jdtaka- )Per'iode der Astrologie, ge- 
genüber der späteren (/äj'aka-)V.^oche, anschliefst. Eigentliiim- 
lirh sind die Masculina milrah 169. und devatän 65., so wie die 
Neutra samägamarn 21., yogax.emarn 159. und dravyal&bham 
132., falls diese letztem drei nicht etwa einfach Fehler des Schrei- 
bers sind. Irregulär ist gävam 52. für gäm, girodaram 121. für 
fira-udaram, härayya 3 (wenn ich richtig so restituirt habe). Ein 
seltenes Wort ist ägraha 112., ebenso sind präcja 100. in der 
Bedeutung von präclna, griyäm Gen. Plur. 44. 69., niräpa 62. 
■bemericenswerth: auch sanmäna 17. 20. 113. 115. ist sonst 
nicht gerade häufig. Statt kutumba findet sich durchweg 
(wie in den Atharvaparigishta) kuiamba 24. 43. 85. 100. 122. : 
ebenso (freilich nur einmal) utsaka 145. statt utsuka. Ganz 
eigenlhümllch ist das neugebildete triiiyatum 155. für tritiyam. 
Durch das Metrum (resp. die euphonischen Regeln) geschützt ist 
äya 163. st.itt aya. Ebenso fordert das Metrum, dafs wir sva- 
janaih 24. (und 18.?), nagaram 77., und calushkam 88. zweisil- 
big, so wie focitaoyam 128. dreisilbig lesen. — Endlich ist auch 
die leider nicht datirte Handschrift des Werkchens fiir ein gewis- 
ses Aller zeugend, insofern sie theils vielfach noch selbst die ältere 
Bezeichnungsweise von e und o, durch den Strich nämlich vor 
dem Consonanten, statt des Striches darüber, beibehalten hat, 
theils aber auch an andern Stellen durch irrthümliche Heranziehung 
dieses Striches (als ä) zu dem vorhergehenden Consonanten (so 
36.), oder im Gegentheil durch irrthümliche Verbindung von 
d (als e) mit folgendem Consonanten (so 5.) bekundet, dafs 
ihr eignes Original noch völlig die alte; Bezeichnungsweise hatte, 
und zu ihrer Zeit eben durch das Schwanken zwischen dieser und 
der neuen Methode Unsicherheit herrschte. Sie mufs also jeden- 
falls wohl mindestens noch aus dem löten Jahrhundert stammen, 
also circa 300Jahr alt sein. Von Eigenheiten der Schrift darin ist 
sonst noch die vielfache Vertauschung von th mit ^A zu erwähnen, 
Insbesondere aber die höchst sonderbare Form, welche das kh 
in dem Wort duhkha hat, wo es nämlich überall (ausgenommen 
v. 117. in dukha und v. 164. in duhkha, wo, ebenso wie durch- 
weg in sukha, richtiges kh steht) unter Auslassung des vorher- 



1 68 Gesamrnisilzung 

gehenden visnrga als rk erscheint, daher z. B. In v. 170. auch 
geradezu durakena mit lingualem n geschrieben wird. Im tlbri- 
gen Ist die Schrift gut und kriiftlg, jedoch im Ganzen nicht sehr 
sorgfältig, insofern nämlich aufser vielen andern Fehlern, die 
ich stets In der Note angemerkt habe, vielfach auch ganze Sil- 
ben ausgelassen sind, ohne dafs der Schreiber es gemerkt hat: 
hie und da hat er jedoch selbst dafür die entsprechende Lücke 
gelassen. Wo ich es vermochte, habe ich dgl. conjectureil (in 
Parenthese) ergänzt. Doch ist mir dies nicht immer geglückt: 
auch finden sich sonst noch einige Stellen, wo ich mir keinen 
rechten Rath gewufst habe, siehe die vv. 3. 86. 87. 131. 132. 165. 
Ich hoffe, dafs die folgende Mitlheilung des Textes nicht 
unwillkommen sein wird, 

satyena dharyate p.rithvi satyena tapate ravi^ I 

salyena väyavo vänti sarvam satye pratish/hitam Hill 

om ) namo bhagavate küshmäm<?inl sarvakäryaprasä- 

dhini') I 
sarvanimittaprakä^inl ehi 2 ) tvara 2 varade 2 hall ) 2 

matangini ) satyam brubi 2 sväha II2II 
^anau g.rihabalim ) datva pagakadhlväsanäm kritvä ) ravl- 

vare )kumari ) I 
pa<;cä^ ) gucipa/./ake pa^aka/älanam karayya ) te ) ^u- 

bhä^ubham vakti II3II 
mahädevam namask.rilya k evala jnänabhäskaram I 
vaxye 'ham guruwadish/aTTi jneyam yatna/ (jiiblia^ubham Il4ll 
1.1.1. padam pada»t (padam) caiva patitaÄ ) (jobhanas tava I 

^ubbam ca d/i^yate tatra sarvära(77i)bheshu ^) cintitam Il5ll 



) Für V. 2. u. 3. vermag ich kein Metrum herzustellen. 
*) bhagavate ku°ni sarOdhinI7^ I ) Die 2 nach diesen Wörtern 
bedeutet, dafs dieselben zu wiederholen sind. "*) hali als 

ein Beiname der Durga ist mir unbekannt; Ist es etwa Feminin 
zu hara? etwa um an den Würfelnamen hali anzuknüpfen? 
*) gini ) guwihali/raka ) krlvä ) vära ) mari 

ohne I ' ) pä^cät ) ? käräpya: für kärayitvä? 

"^) te I '') patite ' '*) sarvarebhe, e In der alten Weise. 



vom 3. Februar 1859. 169 

samgrame carlhalabhe ca vyavahare samagame I 
^obhanam caiva vaktavyaw ho ra Jirlnasya cintakai/t ) II6II 

1.1 2. padam pailam dvikarn c.iiva patila ta(va) kartari') I 

devadevam prapadyasva ) kä(r)yam anyad vicintaya Il7ll 
tvam käkolükag/-idhra;j5 ca maxikaiiia^akans tatha I 
lailabiiyaktam tatha svapne krishnasarpam ca pa^yasi Il8ll 
xudrabhava^, ca te eitle papa/n k.ritva na ^amyali I 
tataft papakriyayogan na 'rlhasiddhis ) taväpyate II9II 

11.3. padaTTi padam trika^ ca'nle cincineh ) ^nnu tat phalam I 
stbane tatharthaläbhe ca cinta svajanasamganie HlOll 
etat sa(r)vam aviglmena tvajn lapsyasi na sam^ayah ) I 
vyali(ta)s te^) '^iibhaA kalaTi kle(^avatta ) ca te gata llllll 
kalliayami bhavaccitte cihnani pratyayakaranam I 
vibhavaya vapu/i samyak yat kuxau vranam asti te II12II 

1.1 4. padam ) padam calushkam ca patIta tava karnika I 

kniavriddhikari by esha kalyana/T? samiipasthltam II13II 
bbumüabbo 'rlhaläbha^ ca sa(n))ba(ti)dhakaranani ca I 
priyasya ) dar^anam caiva putralabhag ca d;I^yate II14II 
masatrayeria te läbha/t sarvo 'py esba bhavishyati I 
kuru bbakti(m) pareshawi ca kiiladevan? ca püjaya 1115 II 
idam ca te by abbijnanarw väinahasle 'sti te vraMam I 
daxi/iena pradecjena man</alam tllakankitam II16II 

1.2.1. pailarn dvikam padam cä'nte pä^ake patitas tava I 

asit te bhiitapürvam tu sanmanam pürvajeshv api II17II 
sthanalabhaA svajanai/i ' ') ,sa(m)yogac cintilas tvaya I 
dbyatä sampatlir artha.sya' '^) bandhiipiisb./i^ ca piishkalälllSlI 
etat sarvam avigbnena bhavishyati sukhavaham I 
idam ca te by abl)ijnanam svapne draxyasi kn^jaran II19II 

1.2.2. padam dv'ikam dvikam caiva vämo ) 'yam patitas tava I 
vittasyartbayase labham sthanam sanmana(in) eva ca 112011 
samagamam tavesh/anäm bhavishyati na sam5aya?^ I 



) cintake ^) kattari ') pupa. ) rgbasadvis 

) n')h ') Ilpsasi nam qa^ayah ^) sti ) ? klesasita 

) pade ) vriyasya ' ') ein axara fehlt, ob svajanaiA 

saha? und zwar svajanai/i zweisilbig wie 24. ) arghasya 

) ? vaso 



170 Gesammtsüiung 

masena nasli päpaTTi (te), kalyana(77i) samupasthitam 1121 II 
sa(j7i)sIddiiiÄ sarvakäryäfiam d.rl^yale tava sampiati I 
alrä'rthe cihnam etat te') mäträ yat kalaho 'jani II22II 

1.2.3. padam dvikam trikam ca'(n)te dimdubhlÄ palitä tava I 
karvantarasya cä'rthasya sarvasiddhir na sam^ayaÄ II23II 
ku/anibavriddlil/i striläbhaA svajanai/?i saha Lhavishyati") I 
na samdehag cirad ish/adravyasyä 'rtha(sya)cagamaÄ ) II24II 
idam ca te hy abhijnänam kalahas te 'bhavad grihe I 
strinimittä lavasic ca*) cintä 'taÄ pa(n)came dine II25II 

1.2.4. padam dvikam catushkam ca bhadro'yam patitas ) tava I 
bandhiinäm samgamo'tag ca xipram eva bhavishyati 1 12611 
sukrltam cästi te sädhu naxalram ca fubhä grabäÄ I 
sarve kamä bbavishyanti te bha van iprasädata/i ) II27II 
Idam ca te hy abhijnänam bändhavaiÄ parimucyase I 
tathedam api janiyäA svapne draxyasi pärthiva(7n) II28II 

1.3.1. padam trikam padam ca'nte d.ri^yate tava dundubhi/i I 
sarvabhadrä7il jäyante läbhag ca vijayo niahän II29II 
pulradareshu te vrlddhi(r) d/i^yate nätra sam^ayaA I 
sthänam ca dravyalabha^ ca h/idayasya ca nirvritift II30II 
yac ca nash/am vinash/am va tad api priipsyasi dhruvam I 
idam cate hy abhijnänam svapne pagyasi parvatän 113111 

1.3.2. padaTTi trikam dvikam cäpi du(n)dubhi7i patita tava I 

yat tvayä cinlitam karyam tat te xipram bhavishyati II32II 
svapne ca svastriya särdham pritis te ) sarvagobhanä I 
mä vishadaparo bhüyä manovancham ca lapsyase II33II 

1.3.3. padam trikam trikam caiva malhaneÄ ) f.rinu tat phaiam I 
arlhanagag') ca te hy asid vyädhig cäpi garirajaft II34II 
taväsid bandhanam cä'pi, präplavän pränasamgayam I 
idam gurutarani karyam kash/enaiva bhavishyati 1135 II 

1.3.4. padam piirvam trikam madhye catushkaTTx cä'vasänikam ) I 
ayo'yam'') vijayo näma, tasya vaxyämi cintitam II36II 



') etatre ^) shyatim ') "rädish/asyacägama/j erste 

Hand. Dies Ist das einzige Mal wo von zweiter Hand dgl. 
Lücken ergänzt sind. ') sicca ) yamyä patitas ) dat- 

taft ^) tisne *) maghane/i ') argha '") ca I 

vasäninyum ) äyayam 



vom 3. Februar 1859. 171 

rajanam mantrinam capi de^am uddigya kamcana ) 
de^aiitaragatä cinta (ta)va celasJ vartate ) II37II 
parajayam ) ca ^atrunfiTn läbham nirvänam eva ca I 
präpsyasi tvam kramat sarvam manasa yad vlcintitam II38II 
na^a^ ca tava nästy eva xinam papain atah param I 
devadevam prapadyasva tataA siddhir bhavishyati II39II 

1.4.1. padam adau catushka^ ca padam calvavasanikam^) I 

abhiyogas tvaya dhyato vyavasaye na samqayah II40II 
sarvapic^ävinirmiiktaTi präps(y)ase niarigalam dhruvam I 
saptame divase tubhyam itah ^reyo bhavishyati II41II 

1.4 2. padam adau calushkam ca dvikam caivä 'vasänikam I 

dundubhlA patita tena tava dhänyarw dhanam griham II42II 
bändhavanäm tathaVthäya tava cinta ca vartate I 
ku/ambav/iddhiÄ kalyanam sa/ngama/i svajanai/i saha II43II 
bhavishyati na samdeho nash/am ca lapsyase*) dhruvam I 
rajagriyam ca te v/iddhift kalyanam sarvasiddhayaÄ II44II 
idam ca te hy abhijnanam kalahas te 'bhavad g.rihe I 
strinimitta ca te cinta svanimittä'pi vartate II45II 

1.4.3. padam pürvam catushkam ca trika(m) caivä 'vasänikam I 
gaktyä nimittasiijnäna^i ) cintitärthasamägamaÄ II46II 
upaslhita/n ca kalyä/iair« kanyälabhag ca d.rigyate I 
abhijnanam idam yatra svapne grämäntaram gataft II47II 

1.4.4. pada(m) purvam catushkau ) dvau vrisho 'ya(77i pa)tito 

'dhunä I 
sa(m)palliÄ sarvakäryänäm dhanadhänyasamägama/i II48II 
yas tvayä ) cintitag cä'rthaÄ sa ca sarvo bhavishyati I 
svapne drax(y)asi devam ca ni^äyäm nätra sam^ayah II49II 
2.1.1. dvikam pada(77i) dvayam calva pägake patitam (ta)va I 

mahäkäryam idam citte dharmärtham cintitam tvayä lloOll 
bhavishyati sukham nityam priyabandhusamägama/i I 
idam ca te hy abhijnanam yat pa^yasi nirantaram II51II 
parvatärohanam svapne varapushpaphaläni ca I 



) kimcana ) cinta väcatasimrvattate ^) parajayam 

) catushva(;ca padam caivanäsikam *) labhyase *) su~nnam, 
mit Lücke für ein axara. ') shko ") yattvaya 



172 Gesammtsitzung 

ava(t)sä(7n)va savatsämvä gäva/Tz draxyas! ) hrish/abliäk II52II 

2.1.2. dvikaw padam dvikam c.Vnte patita tava dundubhlTi I 
grihe v.riddhiTi prajaläbho mitraiTi saha samagama^Ji II53II 
kulav/iildhir vivähena hira/jyam sarvasampadaTi I 
bhavishyati tava 'tra'rllie cilinam gosvapnadarc'anam Il54ll 
pravasagamaiiam citte yat karyam clntitam tvayä I 
kiiladevim prapadyasva tata/i siddhir Lhavishyati ) llooll 

2.1.3. dvikam pada(m) trika?« cä'nte dundubhiA patitä (ta)va I 
dvipade vartate cintä hridi ii irvänakäranani 115611 
tasya läbho'sti mäsena bandhiivargasamagamaÄ I 
malaram pilaram caiva bhralaram ca sutaw talhä II57II 
(;arire/ia tatharogyam rnana»a cintitam tvayä I 

pürvajan piijaya xipram ) pujyastbaneshu saiTzsthitän II58II 

eteiia vibftenä'rthaTt sampürnas te bhavishyati I 

idam ca te hyabhijnanam rätrau (sva)strisamägamaA II59II 

2.1.4. dvikam padam catushka^ ca ) bhadro'yani patilas tava I 
nimltta;?? d/i^yate hy atra yäd/i^aTw tad.ri^am ^rinu II60II 
yat te iiasb/am vä ('pa)h/itam — — *) tad aparena tu I 
tathä duragatasyä'pi läbho 'pi tava d.ricyate II61II 

adya svapne ) tvaya d.risb/a ) devi devakiiläni ca I 
nadyo jat.i iiiräpa^ ca svajanai/i saha samgama/i II62II 
2.2 1. dvika(m) dvayam padam ca'iile palri 'yam patitä tava I 
idam trlliyakaw varsha?« kli(;yase nä'sti te sukham II63II 
tvaTTi cintayase kalyänaw h.ridaye cärthasamgamam I 
vigish/aslhänacinläbhyäm tava citlarn caläcalam I164II 
xinäni tava du/fikhäni ) kalyänam samiipasthitam I 
idam ca te hy abhijnänam svapne draxyasi devalän II65II 

2.2.2. dvikalraye 'tra patite virodhaTi svajanaiÄ saha I 

' amitralÄ saha sambandho mitral/i saha viparyayaÄ II66II 
yä ca te nianasac cintä h/idaye parivartate I 
idam guriitaram karyam äyäso yatra d.ricyate II67II 

2.2.3. dvikadvayam trika(; cä'nte kü/o 'yam patitas tava I 
idänim a(;iibhe kärye tava cintä ca vartate 1168 II 



^) dvaxyasi ) tift ') ? kripra *) kam^ca 

') 2 axara fehlen noch, ohne Lücke dafür. *) svapnawi 

') drishtvä. ) durakäni 



vom 3. Februar 18.')9. 173 

pararthe vyavaharas te nasti punyam tava ) 'dhuna I 
d.ri^yate na ^rlyam labho vyavasayena te'dhuna II69II 
tat tyaja prak/ityani anya — — ) sarvam vicintaya I 
\dam ca te hy abliijnänam svapne pa^yasi durdinam II70II 

2.2 4. dvikaiTz dvlkawr ratuslikä'nte pragno j'yani patitas ) tava I 

paradarakalatrarlhe^) cintä te hridi varlate II71II 
bhavato 'trä'cirenaiva nirvedac cagamishyati I 
paritapa^ ca te bliavi pr;iya?a/i*') kalahas talba II72II 
atikrä(n)la ca te pi(/ä kalya/iam samiipaslhitani ) I 
pra^anlani ca papäni du/ikhadani ) sadaiva te II73II 
gurubliaklir ato iiityam kuladevan^ ca püjaya I 
cinlitam manasa sarvam yena te saphalam bbavet 117411 

2.3 1. dvikam trikani padam ca'nte patitä diindiibhis tava I 

apatyadliaiiasainpalliTi ) xiprani eva bliavishyati ) ll7oll 
na^o na'sti tadatra'rthe käryaiii elan mahapbalam I 
idam ca te hy abhijnanam strinimilte katbä krita II76II 
draxyase ^iislikavrixam ca svapne (^iinyagrlbani ca I 
nagarawj janapada?« ^üiiyam ^iislikani ) ca saransi ca II77II 

2. 3. 2. dvikam trikam dvaya/« ca nte kii/o'yam patitas fava I 
darunam cintilaw karma na ca greyo vilokyale 117811 
karyasiddlii^ ca te nasti sukbam catra na dri^yate I 
tava'^) cihnam Iha rllie tu svapne niahi'shadai(;anam II79II 

2.3 3. dvikam trikadvayam ca'rile diindublii/i patitä tava I 

acintyawi karana/n kimcid ekam ulpadyate tava II80II 
parakäryagat;'i(m) cinta(m) karosbi tvam na sam^ayaA I 
talhä te däriinam citlam anarlha^, cintitas tvayä ) II81II 
kuru käryäntaram kimcit pürvacintäni parityaja I 
gotradevim prapadyasva tala/i ^reyo bhavisbyati II82II 
aträ'rthe cihnam etat te vidhäya kalaham grihe I 
tato bahir vinirgatya tvam ckaÄ ^ayita nl^i'^) II83II 

2 3.4. dvikam trikam catushkag ca bahula palita tava I 



') labä ^) ? zwei axara fehlen, ohne Lücke daTiir. 

" ) pra(;lo *) patiblias ) kalaarthe ^) prayasa/i 

) stliitä ) dtirakadani. Ob dii7ikhiiii ca zu lesen? ) dha- 

nam ) shyamti ' ') ^iishkini ' ^) taba ) anar- 

tham^ cintlla svayam ^) ^ayitoni^i/i 



174 



Gesammtsütung 



bahunam siddhir arthanärra si'ddhiÄ xtpram bhavishyati II84II 
ku/nmbasthanacintäbhyam muhyase tvam niuhur muhuTi') I 
ma bhaishir ) na'sti te päpam xipram moxo bhavishyati II85II 
svapne ) draxyasi ga/n tvani ca mahisham ) caiva pa^yasl I 
jale*)pratarama«afn )ca svapne ) labdhva prabudhyasi II86II 
utiirno du/ikl)akantara/72 ) inaha(m)budhi$ tava'dhuna I 
aradhaya ^ucIbhaktlA pramodat kuladevatam II87II 
2.4.1- dvikam catushka;?! pada/n caiva ) v.risho'yam patitas tava I 
pänigrahena ci(n)ta te kanyayä ) gamane tathä II88II 
cintitam präpsyasi ) xipram sthanavriddhi/w ca lapsyase ) I 
idam ca te hy abhijnanam mailhunarthe kalhä krita II89II 

2.4.2. dvikaTi pürvawj catushkani ca dvikam caiva 'vasanikam I 
cirapravasitänam ) tu samgama^ cintita(s) tvayä II90II 
ya(t)lvam cintayase sthänam ^obhanam tan na sam^aya/i I 
cinlltas tu tvaya — — ) vinä^aTi kim tu kasya cit II91II 

2.4.3. dvikac; catushkas tritayam ) patita/i kramago yadi I 
vyadhidu/ikhavimoxag' )ca tada te sa(777)mukhamsukhanill92ll 
prapya pracintilärtham ca ) viniv/itllm upadravät I 
adhvano gamanad eva tava läbhas tu d.n'^yate II93II 

2.4.4. dvikaÄ pürvam catushkau' ) dvau vrisho'yani patitas tava I 
yat te hridi gatam ki/ncid udvegas tatra drl^yate II94H 
upasthitam ca kalyanam h.rldi n irvanakara;ja(w) I 

yävat siddhir idäiiiwte tata/i ^reyo bhavishyati 119511 
idam ca te hy abhijnäna?« guhya^n te tilakankitam I 
tataÄ sarvani idam satyam yan maya gadita??! tava II96II 
3.1.1. trikam padam padam cä'nte dundubhiTi patita tava I 

sthanaläbhe 'sti te cinta tatha 'dhvaganianam prati II97II 
atikräntdni vighnäni sukham te samupasthltam I 



*) ttam muku/i ^) bheshir ') svapna ) mahi.^ 

paw: *) jala *) nämlich roahisham? ) svapnai; 

*) duraka. — ? ,,eine grofse Fluth überschwemmt deinen Schmer^ 
zenswald." — Oder ob: "taran mahäbuddhis tvam adhuna? ) ein« 
Silbe zuviel! ' ) kanyäpya ) cintatam prapyasfl) 

'*) vriddhi(;ca lipsyase ) sicitänam ) zwei axara 

fehlen, ohne Lücke dafür. * ) triQayam * ) dural 



) pratimtltarlhäm 



') sbko 



vom 3. Februar 1859. 175 

canrfika kuladevi te ta/7i ca pi*ijaya nlgcalaft II98II 

3.1.2. trikam padam dvika/n caiva dundiibhi/z patIta tava I 
manorathas tatha pürn.4 arthalabha^ ca d.ri^yale II99II 
ku/ambav.riddhir ärogyam bhavishyati tava kramat I 
pracyavyadhyupa^aniartham ) daivatäradhanam kuru IIIOOII 
ya(t) tvam arabhase karma tasya siddhir bhavishyati I 
svapne drax(y)asi ga/u tva/w ca bayän mattäng ca kunja- 

rän') IIIOIII 

3.1.3. trikam padam trikam cä'nte pägake patitam tava I 
arlhacintä 'sti te eilte svabhavamardave ) 11102 II 
vaira(m) kartum na ^aknoshi mitrair api na sevyase I 
tvam sädhii^ ca maharlha^ ca^)tato na^yati te dhanam II103II 
pagcä^t^ ) bhadrani d.rigyante diiÄkha^äntir ) bhavishyati I 
atra 'rthe tava cihnam tu kaiaho yad abhüd g.rihe 1 11041 1 

3.1.4. trikam pürvam padam madhye catushkam ca'vasänikam I 
kaly.inagunasampannä gaktir nipatita tava) lllOoll 
nirvriti/» sarvasiddhi^/i ca dhruvam cintayase hridi I 

tat te sarvam krainenaiva dharmabhajo ) bhavishyati II106II 
manasä'pi na bhetavyam gokaw ca hridi ma kuru I 
kalyanagunasampannam mahäkaryam bhavishyati 1 11071 1 
tatha ca jnanam etat te suvrishtisasyasampadaTt ) I 
tarfagani ca ramyani svapne matsyäng ca pagyasi IIIOSII 
3.2.1. trikam dvikam padam cä'nte palitä vishakartari I 

etasya^ )ca phalam vacmi savadhänam tatha ^r'mn )II109U 
svapne' ) pa^yasi rätrau ca bahupräkäratoranam I 
gandharvanagaraka^yam te ca tathavidha/i' ) IIIIOII 
etan manovirägäya käryaw tava nirarlhakam ) I 
masam ekam mahapäpam, anyam artham vicintaya lllllll 
mahädu/ikhani' ) bhavato bhavishya(n)ti n/ipägrahät I 
ata/t sthänäntaram gacha ^ighram yena hi jivasi II112II 



) präcya hier wohl = präclna former, ancient. ) jarat 

) zwei axara fehlen ohne Lücke dafdr. ) harthamcagca, 

doch ist des erste ca ausgestrichen. *) pa^cäta *) duraka 

) bhava ) dharmabhäjau. s. 52. ') sampadam * ") eta- 

syag ) satadhämna taya ) svapnam ) zwei 

axara fehlen, ohne Lücke dafür. ' *) tirarth°. ' *) durakäni 

[1859.] 12 



176 Gesarmntsitzung 

3 2 2. trikam dvikadvayaTn caiva babulä patitä tava ) 

dravyasanmänanä^ena ) tavodvega taft ) 11113 )ll 

ataTi param tu te bandhusaTwgamarogyav.riddhayaÄ I 
bhavishyanti tatha dravyalabba/i ka^cana sainbhavi II114II 
cinlitä rajasanmanasiddhis tasya'pi sat phalam I 
idam ca te hy abhijnänam niaithunarthe kathä krita II115II 

3.2.3. triko dvikas trikag caiva tripadi patita tava I 
saubhagyam kiwcid astiba duTikhazn )na tu kadäcana II116II 
vairana^o'rlhalabhat; ca priyaiTi saba samägamaTi I 
sarvadu/ikhavinioxag*) ca d.ri(;yate tava mänava II117II 

na cedani anyatlia ) cintyaTn väma vahati cet ) tava I 
idam ca te hy abhijnänam rätrau priyasamiaganiaTi II118II 

3.2.4, trikam dvikam catushka/w ca saphala patitä tava I 

g.ribe xelre ca v.rid<lhi5 ca vyavabärena sa(m)pada7i II119II 
yat tvaya manasa dbyätam tat te sarvam bhavishyati I 
kimtu ko'pi tavodvegag cintä^oka^ ca bhävy atha II120II 
idam ca te hy abhijnänam savranam ca ^Irodaram ) I 
rätrau ca kalaham kritvä tvam ekaÄ ^ayltä ) nigi 11121 II 

3.3.1. trikam trikam padam cä'nte dundiibhiTi patitä tava I 

tena tva/n einläse ')byarlbam kii/ambag;ibasanipadaÄlll22ll 
dhanavriddhi/i prajäiäbho vastraläbhat; ca ^obhanaTi I 
kuladevim prapadyasva' ) tataft siddbir bhavishyalilll23ll 
avatsäm vä (savalsäm vä) sitä(77j) yad vä sitetaräm I 
aträrthe cibnam etat te yad gäm svapne ca pa^yasi I1124II 

3.3.2. trikadvayam dvikam cänle pä^ake patitaTTz tava I 
du/ikha(;ilam ) ca te cittam tena sarpanti bändhaväÄ II125II 
ya(t) tvam cintayase käryam tasya nästi tavägama/i I 
anyaTTz janapadam gacba tala/i präpsyasi vänchilam II126II 

3.3.3. trikänäm ti-itayam yatra pra^ne patati ni^cltam I 
manasaÄ prärlhitäA kämäft präpyante tatra sarvadä 1 11271 1 



) taca ) satmäna ') drei axara fehlen, ohne Lücke 

dafür. *) 114 Cod. — 113 fehlt in der Zählung, daher auch 

im Folgenden bis zum Schlufs die Zahlen des Cod. stets um eins 
zu hoch. ) durakam *) sarvadukha ^) caidama- 

nyavä ) ? cabati. Ob calati? Wer istdievämä? ') glras-udaram 
) gayito ) für cintayase. ' ) dyastra ' ') duraka 



vom 3. Februar 1859. 177 

na ^ocitavyam') tvaya bhadra, syat tava pritlr uttama I 
yat tvaya manasaw dhyatam tat te sarvam bhavishyati 1 11281 1 
3.3.4. trikau dvau ca catuslika te malini patita tava I 

vyavaliäragata cinta mitrabandhusamägama/i II129II 
sarvadu/jkhavimoxa^ ) ca d.ri^yate tava samprati I 
bhavishyati na samdehaTt saphalam tava cintitam II130II 

3.4.1. trikam adau catushka»! ca padaiTz caiva'vasänikam I 
' tataA süraparä ) cintä hridaye pari'vartate 11131 II 

bhavishyaly eva bhadram te mä vishädam karishyasi I 
saiikhya^i ca dravyaläbha/n*) ca svajanai/ipritir uttama II132II 

3.4.2. trikaA pürvam catushkag ca dvikam caiva 'vasänikam I 
tat te parijanapriti^ cinta ca hridi vartate II133II 
sthäiiavriddhiA prajälabho hridayasyä'pi nirvriti/i I 

yac ca nash/am vinash/am va tat te sarvam bhavishyati II134II 

kalyü«agunasampanna praja labhag ca d.ri^yate I 

idam ca te hy abhijnanam svapne draxyasi padapan 1113511 

3.4.3. trikam caiva catushkam ca trikam caivä 'vasänikam I 
kapa/am caiva sambandham prati cintä 'sti te 'dhuna II136II 
suciram tava kalo'yam kll^yam.inasya yäsyati I 
gatasyägamaiiaTTi na'sti bhadram kimcin na dri^yate II137II 

3.4.4. trikaÄ pürva(m) catushkau dvau ^aka/i ) patilä tava I 
samastam ^ohhanam käryam dhruvam ish/asamagamaÄ II1381I 
sarvadu/ikhavimoxag") ca d.ri^yate tava mänava I 

idam ca te hy abhljnanam savranam yac ca te ^iraÄ 1113911 

4.1.1. catushkaTTC dvau padau prä(n)te patita yatra dri^yate I 
arlhahanir vapuApirfa vibhramaQ ca panah-pvtnah II140II 
äsiti, ä ) saptama»i varsham jälo 'py artho ) vina^yati I 
atikräntä ca te pi^ä ma vishädam karishyasi 11141 II 

ala/t param ca te bhadram dhanacJhanyasamägama/i I 
upasthilam ca kalyänam baiidhiibhig ca saniägamaA 1114211 

4.1.2. calu>hka§ ca padain madhye dvikaTTi caivä 'vasänikam I 
strininiitlä ca te cintä purusha^ cä'pi cintita/i ) II143II 



) dreisilbig zu lesen. ) duraka ) ? ob etwa su- 

raparä? ") neutr. ! ) ^aka<e '') duraka ') äsi- 

da/i ®) argho ') cintata^ 

12* 



178 Gesaninitsitzung 

artham pararate ) kimcld yäcase na tu ) budhyase I 
viväde ca'rthalabhe (ca) taväyasa^ ca d.rigyate II144II 
na drl^yate phala/n ki(7'«)cid utsakatve ) krite lava I 
kimcit kälam pratixasva talaft ^reyo bhavishyati 1114511 

4.1.3. catushkam ca padam madhye dvika?« caivä 'vasänikam I 
artham ci(n)tayase nünani pratish/ha d.ri^yate tava 11146 II 
pravasagamanam ) te syad ish/ai/i saha samagamaÄ I 
artham ca prapsyasi dhyätam strinimitte katha )kritalll47ll 

4.1.4. catushkädau ) padam madhye catushkam cä'vasanikam I 
daivanukülyataÄ sädhu kü/o ) 'yam patitas tava 11148 II 
dvipade vartate ) cinta tasya mäsena sambhavaA I 
arthagamas tatha bandhusamyogo mäsamatrataÄ II149II 
^arire caivam arogyam manasa cintitam punaA I 

tataTi sarvam idam xipram saphalam te bhavishyati II150II 

4.2.1. catushkädau dvikam inadhye padam caiva 'vasänikam I 
artham cintayase nünam pratish/hä tava dri^yate II151II 
praväsagamanam — (wie 147) 1 11521 1 

etenapy anumanena (jubham sarvawi bhavishyati I 
mät.rinäm garanam gacha yena vighnaTw na jäyate II153II 

4.2.2. catushkam ca dvikau ) dvau tu preshyo'yam patitas tava l 
cintä ca te prabhutvärthe daridram vartate grihe II154II 
parakarye niyukto'si m.rilyum mrlgayase hridi I 

adya triliyatam varsham kli^yase ) nästi te sukham II155II 
anyam' ') cet kurushe karyam tac ca te (a)phalam bhavet I 
svapnam pa^yasl ghoram ca tasyäVthena'vabudhyase 1115611 
goträcärarato ) nityam kuladevänp ca piljaya I 
gurürtäm sevaya sarvä siddhiÄ sampatsyate tava 1 11571 1 

4.2.3. catushkädau dvikam' ) madhye trikam' ) caivä 'vasänikam i 
tena te vljayo, läbhaA, ^atrünäm ca xayas ) tathä II 158 II 
dhanaläbho 'rthasampattiA svajaiiaiA saha samgamaA I 
yogaxemaiTx ) ca ^äntl^ ca bhaisbajyakaranäni ca II159II 



) argbam pararäta ) nanu ) für utsukatve ) pra- 

väsäg-, doch ist das zweite ä getilgt. *) kaplä (kadhä in 152) 

^\ catushvädau ') kta/o *) vartatte ') dviko ' ) kligä* 
'') statt anyac! ) gotraÄcära ) dvaika ) traikari 

' *) ca rldayas * ^) neutr. ! 






vom 3. Februar 1859. 179 

gubham samprati pa^yäroi päpam pratihalam tava I 
yat tvnw ci'nfayase karyam tat te sarvam bhavfshyati 1 11601 1 
4.2.4. catushkam ca dyWam madhye catushka(w) ca'vasanikam I 
udveg.-Ȁ sumahan') eilte sa ca te vidyale 'dhund II161II 
karya/n gurutara^z (ki»cM^) yat tvay.1 ci'ntfla^'') hrldl I 
tat sarvam saphala^i viddhJ bnday;ma(n)dakarana(m) 1 11621 1 

4.3.1. calushkadau trikam madhyc pada(w) caiva 'vasänlkam I 
esha äyapradhänas") tu faka/am nama nämalaÄ 1 11631 1 
sthanantarngatanam tu bandhüna(m) ca samägamaA I 
xi/iani tava duÄkhani kaly.inam samupasthltam II164II 
digyatray.1171 dhanam präpya ku^alena'gamJshyasi I 
parvatarobana/u svapiie nagam pras.idam eva ca*) II165II 

4.3.2. catushkädau trikam madhye dvikam calva 'vasdnikam I 
xinani tava (duÄkhani) kalyanam samupastbi'tam 1 11661 1 

j sthänantaraTTi gata cinta, bbavila tatsamagamaÄ I 

I yat tvam cintayase karyam tat te sarva^ bhavJshyati II167II 

yadartham ca tvayä dhyätam praväsagamanam prati' I 
tadarlham apl sampräpya ku^alenagamlsbyasi II168II 

4.3.3. catusbkam ca trikau dvau ca marjani patIta tava I 
dhanam äsit prabhütaT/z te') mJtraA') puträ? ca bändba- 

väÄ III 6911 
tato duAkarma duÄkhena®) xmam etat tu sampratam I 
ata eva manastush/iTi karyä creyo bhavi'shyati* 1117011 

4.3.4. catus trikam catushkag ca') saphala patita tava I 

yac cintayasi maranam tac ca te na'sll sampratam II171II 
yat tvaya manasa dhyatam amukam me bbavishyati'") | 
tad bhavishyatJ kalena yat te manasi sawsthltam II172II 

4.4.1. catushkau dvau padam cä'nte kü/o'yam patitas tava I 
bandbunä^as tatbd klegaÄ pirfä ca mahati bndJ II173II 
yasyedam karyam elasya naxatrar« grahapirfltam I 
pancaratrarji paxam' ') ca kllgyase nastJ te sukbam 1 11741! 

4.4.2. dvau catushkau dvikam ca'nte vrisbo'yam patitas tava I 

3 /) samahan *) gurutaram " " cid, Lücke für zwei(!)axara. 
) citelam ') sollte esho 'yapr. heifsen! *) seil, agamishyasi? 
oder lapsyase zu ergänzcD? *) tä ") mascul. ! ^)du- 

rakena ^) shka^fca '") nämlich otiU " ) pa rim 



180 GesarnrntsUzung 

käryam ärabhase yatra yatnena'pi na sidhyati 1 11751 1 

äyäso nishphalo jätaÄ sarvo pi prakritas tava I 

tasmat parityajan pürvam anyam artham vicintaya II176II 

4.4.3. dvau catushkau trika^ cä'nte väme'yam ) palita tava I 
karyam ärabhase yac ca kritayatnam na sidhyat! 1 11771 1 
pränän parärthe tyajasi sarvathaiva nirarthakam I 
anyam artham vidheby agu tatra siddhir bhavisbyati II178II 

4.4.4. vrishabha§ ca trayo yatra patitä/i suvicaxanä/i I 

yat tvam cintayase nityam käryam ekarn punaTi punaTi 1117911 
yat tvam prärthayase xipraTTi siddhis te samupasthilä I 
proshitägamanam xipram putraläbhas tathaiva ca 1 11801 1 
nash/asyä'rthasya sarvasya ^ighraTTi läbbo bhavisbyati I 
ekenaiva ) tu yämcna tathaikadivasena ca ) II181II 

Jaina äsij jagadvandyo Garganämä mabämunlTi I 
tena svayam^) nigiine'yaTTi satya pä^akakevali II182II 
etaj jnänam mahäjnänam Ja i n a rshibhir ) udäli.ritam I 
prakä^yam guddbac^iläya kulinäya jilälmane II 18311 
iti ^rip ä5äkevali(!) samäpla?i(!) II 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Annales de tobservatoire phrsique central de Russie- Annee 1855. Pe- 

tersbourg 1857. 4. 
Neue Denkschriften der allgemeinen Schtueizerischen Gesellschaft für die 

gesammlen Naturwissenschaften. Bd. 15. l6. Zürich 1857 — 58. 4. 
Atli deW Accademia de' nuovi Lincei. Anno XI, Sessione 7. Roma 

1858. 4. 
Atti dein I. R. Istiluto lombardo di scienze- Vol. I, Fase. 11. Milane 

1858. 4. 
35. Jahresbericht der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur. 

Breslau 1858. 4. 
Jahrbuch der geologischen Reichsanstalt. 9. Jahrgang, n. 3. Wien 

1858. 4. 



') ? bäyeyam '') ekainaiva ^) ? divasetanu 

) staya *) jainasbimbhir 



vom 3. Februar 1859. 181 

Würlembergische naturwissenschaftliche Jahreshefte. 15. Jahrgang, 
Heft 1. 2. Stuttgart 1859. 8. 

Abhandlungen der naluriuissenschafllich - technischen Commission in Mün- 
chen. München 1858. 8. 

Mutheilungen der naturforschenden Gesellschaft in Bern. Bern 1856. 

1857. 8. 

Verhandlungen der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft. Ver- 
sammlung 4 1. 42. 1856.1857. 8. 
Mnemosyne. Vol. VIII. Pars 1. Lugd. 1859- 8. 
Revue archcologique. 15™« annec, Livr. 10. Paris 1859. 8. 
Annales de chimte et de phjrsique. Tome 45, no. 1. Paris 1859. 8. 
Murchison, Siluria. Third edition London 1859. 8. 
de Rouge, Elude sur wie siele egyptienne. Paris 1858. 8, 
Lee, Engravings of the ganglia and nerves of the Uterus and heart. 

London 1858. 4. 
Cornalia e Panceri, Osservazioni zoologico - analomiche. Torino 

1858. 4. 

Reslhuber, Untersuchungen über den Druck der Luft. Linz 1858. 8. 
Ephemeris archaeologica. no. 49. Athen 1858. 4. Mit Ministerial- 

rescript vom 29. Jan. 1859. 
Oeuvres ine'diles de Maine de Biran, publiees par Ernest Naville. Tome 

1 — 3. Paris 1S59. 8. IJberieicht von Hrn. Tren de ienburg. 
Diario di Francesco Capecelatro, coriteneiite la storia delle cose avvenute 

nel reame di NapoU negli anni 1647 — 16öO, messe a stampa dal 

Marchcse Angela Granilo. Vol. 1 — 3. Napoli 1850 — 1854. 8. 

Überreicht von Hrn. Gerhard. / 

Hr. Pertz bemerkte dazu: Dieses bedeutende Buch von einem 
durch mehrere geschichtliche Werke bekannten Gelehrten des I7ten Jahr- 
hunderts entheTJt eine gleichzeitige Darstellung des Aufstandes, welcher 
unter dem Namen des Masaniello bekannt ist. Dafs ein solches Werk 
durch den Marchese Angelo Granito, Fürst von Belmonte, aus den 
Handschriften zum Druck befördert worden, müsse als eine sehr er- 
wünschte Bereicherung unserer geschichtlichen Quellen mit Dank aner- 
kannt werden. 



Hierauf wurde ein RescrIpt des vorgeordneten K. Ministe- 
riums, d. d. 20. Jan. c, vorgetragen, welches die von der Aka- 
demie zur Anschaffung einer Glältpresse fiir die Druckerei be- 
willigten 470 Ktkir. genehmigt. 



182 Gesammtsitzung 

Ferner wurde eine an die Akademie ergangene Einladung 
der K. Bayerischen Akademie der Wissenschaften, sich durch eine 
Deputation am 28. März an der Feier ihres 100 jährigen Stif- 
tungsfestes zu betheiligen, heut dadurch erledigt, dafs die, nach 
Beschlufs der Akademie, in jeder der beiden Klassen vorzuneh- 
menden Wahlen eines Deputirten erfolgt waren und somit die 
Hrn. Ehrenberg und Lepsius, jener für die physik.-mathem. 
dieser für die philos.-histor. Klasse, zu Deputirten erwählt wor- 
den waren. 

Die Academla pontificia zu Rom und die Schwelzerische 
Gesellschaft für die gesammten Naturwissenschaften melden den 
Empfang der Abhandlungen von 1855 und 1856, so wie der 
Monatsberichte von 1856 bis Aug. 1857. Die Naturforschende 
Gesellschaft zu Bern die der letzteren allein. 



10. Febr. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Lepsius theilte einige Abschnitte mit aus einer Ab- 
handlung, welche folgende Punkte behandelt: 

1. Über die Einführung des Alexandrinischen Kalenders unter 
Augustus. 

2. Wiederherstellung des zur Zeit der Ptolemäer aufgestellten 
Dionysischen Kalenders. 

3. Wiederherstellung des Eudoxischen Kalenders und Bemer- 
kungen über die Lage des Schaltjahrs in diesem und andern 
Parapagmen. 

4. Wiederherstellung der Parapegmen der Ägypter, des De- 
mokrlt, Euktemon, Kallippus, Hipparch, Ptolemaeus, Caesar, 
Varro, Hygin, Columella, Plinius. 

5. Über die Jahres - und Tagesbestimmung der Eroberung 
Troias und das Verhältnifs des Kallipplschen Cyklus zu der- 
selben. 

Es kamen hiervon nur der zweite und dritte Punkt zum Vor- 
trag. Die Wiederherstellung des Dionysischen Kalenders wurde 
nach den Andeutungen, die schon in einer früheren Abhandlung 
gegeben worden waren, ausgeführt. Nach einer Übersicht der 



vom 10. Februar 1859. 183 

Beurtheilungen , welche frühere Gelehrte deoi Dionysischen Ka- 
lender gewidmet hatten, wurden die vier Fragen näher erörtert, 
welche früher nicht beachtet worden waren, deren Beantwor- 
tung aber zum richtigen Verständnifs der alten Nachrichten über 
den Dionysischen Kalender unerläfsiich ist, 1) mit welcher Ta- 
gesstunde Ptolemaeus den aegyptischen Tag beginnen liefs, 
2) mit weicher Stunde der Dionysische Tag begann, 3) wie 
sich die überlieferten Dionysischen Daten zu den Juliani- 
schen Schaltjahren und 4) wie sie sich zu den Dionysi- 
schen Schaltjahren verhalten. 

Die erste Frage wurde dahin beantwortet, dafs zwar die 
Aegypter im gewöhnlichen Leben den Tag mit dem Morgen be- 
gannen, ein astronomischer Gebrauch aber vorhanden war, nach 
welchem der Tag von Mitternacht an gezählt wurde, sich also 
gegen die Julianische Zählung nicht verschob. Diesen Gebrauch 
führt Plinius an und Ptolemaeus folgt ihm in seinen Datlrungen, 
wenn diese sich auf die Hipparchlsche oder nachhipparchische 
Zeit bezogen. 

In Bezug auf den Dionysischen Tag wurde nachgewie- 
sen, dafs dieser wie bei allen Griechen mit dem Abend be- 
gann, sich also gegen den Aegyptischen Tag um 6 Stunden ver- 
schob. Die zu den Dionysischen Beobachtungsdaten gehörigen 
Lichttage, auf deren Ermittelung die Vergleichung der verschie- 
denen Kalender gerichtet sein mufs, fallen daher im Alexandri- 
nischen und im Julianischen Kalender einen Tag später als die 
Tage der Beobachtungen, wenn diese am Abend vor Mitter- 
nacht angestellt wurden, bleiben aber dieselben, wenn sie Mor- 
gens nach Mitternacht angestellt wurden. 

Um das Verhältnifs der Julianischen und der Dionysischen 
Schaltjahre zu ermitteln, wurden die 7 Dionysischen Daten aus 
sehr vernchiedenen Jahren auf die entsprechenden Jahre der er- 
sten Dionysischen Tetraeteride reducirt, welche vom Juni 285 
vor Chr. bis zum Juni 281 vor Chr. reichte. 

Die Einreihung der ägyptischen Daten in die einzelnen Jahre 
dieser Tetraeteride setzt es aufser Zweifel, dafs die entspre- 
chenden Dionysischen Daten, wie sie jetzt gelesen werden, nur 
zwei Berichtigungen verlangen, indem der 25. Aigon in den 26., 
der 29. Hydron in den 21. zu verbessern ist; ferner, dafs die 



184 Gesammtsitzung 

Monate SOtägig waren und ihnen 5, In den Schaltjahren 6 Epa- 
gomenen zugefügt wurden, endlich dafs der Schalttag an das 
Ende des dritten Jahres der Dionysischen Tetraeterlden fiel. 
Der erste Lichttag des Dionysischen Kalenders fiel auf den 
27. Juni 285 vor Chr. Auf diesen Tag setzte Dionyslus die 
Sommersonnenwende und den ersten Tag seines Krebsmonats. 
In jedem ersten Jahre der Dionysischen Tetraeteride fiel dann, 
nach Lichttagen gerechnet, der 10. Parthenon auf den 4. Sep- 
tember, der 22. Skorpion auf den 15. November, der 26. Aigon 
auf den 18. Januar. Im dritten Jahre fiel der 21. Hydron auf 
den 12. Februar, der 4. Tauron auf den 26. April. Dieses Jahr 
war das Dionysische Schaltjahr und der Schalttag fiel auf den 

27. Juni. Im vierten Jahre fiel daher der 1. Krebs auf den 

28. Juni, der 28. Leonton auf den 24. August. In dieses Jahr 
traf der Römische Schalttag, daher der 7. Didymon dem 2'J. Mai 
entsprach, und der nächste 1. Karkinon wieder auf den 27. Juni 
fiel. Mit dieser Wiederherstellung des Dionysischen Kalenders 
vereinigt sich Alles, was uns über denselben entweder direkt 
berichtet wird, oder von ihm aus andern Gründen als nothwen- 
dig vorausgesetzt werden muls. 

In Bezug auf den Eudoxischen Kalender ging der Vortra- 
gende von der Bemerkung des Hipparch aus, dals die Anfänge 
der Thierzelchen nach seiner eigenen Einlheilung des Himmels 
den Mitten der Zeichen nach der Eintheilung des Eudoxus ent- 
sprachen. Es wird uns von Plinius berichtet, dals Eudoxus sein 
Jahr mit dem Aufgange des Sirius begann. Es wurde gezeigt, 
dals die Sommerwende zur Zeit des Eudojtus auf den 28. Juni 
fiel und daraus gefolgert, dafs das Eudoxische Neujahr weder auf 
den 4. Alexaudrinischen Mesori fallen konnte, auf welchen — weil 
auf diesen Tag der Siriusaufgang unter dem Parallel von Rhodus 
und Knidus, des Eudoxus Heimath, traf, und Eudoxus auf densel- 
ben Tag nach Ptolemaeus den Anfang der Opora ansetzte — Ideler 
das Neujahr legen zu müssen geglaubt hatte, noch auf den 27. Krebs 
= 23. Juli, auf welchen Eudoxus nach Geminus den Aufgang des Si- 
rius (nämlich wie zu vermuthen In Heliop oi Is) gesetzt hatte. Es 
wurde vielmehr nachgewiesen, dafs Eudoxus sein Neujahr auf den 
ägyp tischen Siriusaufgangstag, den 20^ 19. Juli gesetzt habe. An 
diesem Tage begann daher nach Eudoxus der Löwenmonat, wel- 



vom 10. Februnr 1859. 185 

eher Ilim wie den alten Ägyptern der erste des Jalires war. Es 
ging daraus zugleich mit Nolhwendigkelt hervor, dafs Kiidoxus am 
Ende seines Jahres, wie noch der sp;iler lebemle Dionysliis und 
ohne Zweifel vor ihm die Ägypter thaten, 5, in den Schaltjah- 
ren 6 Epagomenen zufügte und seine Monate 30l;igl{j waren. 

Es wurde hierauf gezeigt, wie nach dieser Konstruktion so 
wohl die Ansätze des Eudoxischen Kalenders bei Hipparch als 
die übrigen Nachrichten der Allen über denselben zu erklären 
sind, wie sich namentlich aufser den I5ten Graden für spätere 
Zeit auch die von Andern erwähnten 12ten Grade, so wie, durch 
die Anwendung des HIpparchlschen Sonnenlaufs auf den Eu- 
doxischen Kalender, auch die 8ten Grade, auf welche die Eu- 
doxischen Kardlnaipunkte nach Columelia gefallen sein sollten, 
erklären. Endlich wurde auch die Angabe Im Gemlnischen Ka- 
lender, dafs die Eudoxische Winterwende auf den 4. Steinbock, 
die Frühlingsgleiche auf den 6. Widder, also 91 Tage später, 
gefallen sei, mit Berücksichtigung einer Verschiebung zweier 
Gemlnischen Monatslängen gegen Hipparch, ganz im Einlclange 
damit gefunden, dafs Eudoxus die Sommersonnenwende auf den 
28. Jiuil, Gemlnus aber, welcher mit dem Eudoxischen Jahresan- 
fang nichts zu thun hat, auf seinen oder des Kallippus 1. Krebs 
= 27. Juni ansetzte. 

Eine Vergleichung der Eudoxischen Episemasien im Geml- 
nischen und Ptolemälschen Kalender hatte ferner gelehrt, dafs 
auch diese im Wesentlichen unter sich und mit der aufgestell- 
ten Wiederherstellung des Eudoxischen Kalenders übereinstim- 
men. Eine auf diese Erörterungen begründete Verglelchungs- 
tafel des ursprünglichen und des übertragenen Eudoxischen Ka- 
lenders mit denen des Hipparch, des Plolemäus, der Alexandri- 
ner, des Columelia u. a. wurde vorgelegt. 

Endlich wurde die W^ahrschelnlichkeit zu begründen ge- 
sucht, dafs nicht nur der altägyplische, der Dionysische, der 
Alcxandrlnische und der ursprüngliche Julianische Kalender, son- 
dern auch der Eudoxische und alle übrigen bedeutenderen Ka- 
lender jener Zelt, mit Ausnahme des Augustischen jetzt vorzugs- 
weise Julianisch genannten Kalenders, den Schalttag der vier- 
jährigen Periode sämmtllch in den Jahren zufügten, welche den 
Julianischen Schaltjahren vorausgehen, ohne Rücksicht auf die 



186 Gesamrnlsilzung 

verschiedenen Epochen Jahre, auf welche die meisten dieser Ka- 
lender zurückgegangen zu sein scheinen. In dieser Voraus- 
setzung wurde zugleich eine Vermuthung über das Epochenjahr 
des Eudoxlschen Kalenders aufgestellt und mit der Stelle des 
Plinius über den Anfang des Eudoxlschen Lustrum in Verbin- 
dung gesetzt. 

Hr. Böckh bemerkte nach diesem Vortrage, dafs er sich 
in letzter Zeit gleichfalls eingehend mit den Kalendern des Dio- 
nysius und des Eudoxus beschäftigt habe und in Bezug auf die 
vorgelegte Wiederherstellung des Dionysischen Kalenders völlig mit 
Hrn.Lepsius übereinstimme, in Bezug auf die des Eudoxlschen 
aber abweichender Ansicht sei, indem er in demselben weder 
das Vorhandensein von Epagomenen, noch den Beginn mit 
dem Ägyptischen Siriusaufgange am 20/19. Juli zugeben könne, 
vielmehr, gestützt auf eine dem Vorredner nicht zugänglich ge- 
wesene Quelle dem Eudoxus Zodlakalmonate von verschiedener, 
auch von HIpparch abweichender Länge zuschreiben und den 
Eudoxlschen Jahresanfang auf den 21. Juli (vom Abend ab) le- 
gen müsse. 

Hierauf erwiderte Hr. Lepsius, dafs ihm namentlich die 
Hipparchischen Angaben jede andere Anordnung des ursprüng- 
lichen Eudoxlschen Kalenders auszuschllefsen scheinen, dafs aber 
der Eudoxische Kalender, welcher, wie gezeigt worden, aus 
den Angaben des Geminischen Kalenders (4. Steinbock und 
6. Widder) hervorgehe, von ihm für einen abgeleiteten gehal- 
ten werde. 



Hr. du Bois-Reymond legte eine vorläufige Mit- 
theilung über die chemische Reizung der Muskeln 
und Nerven von W. Kühne, d. d. Paris den 5. Februar 
1859, vor. 

Ein Muskel verfällt in Zuckungen, wenn sein Nerv der 
Einwirkung eines chemischen Körpers ausgesetzt wird, welcher 
in bestimmter Weise zerstörend auf die im normalen Zustande 
befindliche Substanz desselben wirkt. Nach der Untersuchung 
des Hrn. Eckhard sind dazu besonders geeignet: die Lösungen 



vom 10. Februar 1859. 187 

der Alkallen, die unorganischen Säuren, eine Anzahl neutraler 
Salze und gewisse organische Körper. Was sich ereignet, wenn 
dieselben Körper den Muskel direct treffen, ist unbekannt, und 
die nachfolgenden Versuche dürften daher geeignet sein, in die- 
ser Beziehung eine Lücke auszufüllen. Eine grofse Zahl chemi- 
scher Körper ergreift den Muskel der Art, dafs es unmöglich 
ist zu entscheiden, ob dem eingetretenen Zustande der Starre 
eine Zuckung vorausging, weshalb es in diesem Falle geboten 
ist, die Reizung nur an einem Theile der Muskelfaser vorzu- 
nehmen, während der von dem angewendeten Erreger unbe- 
rührt gebliebene Abschnitt beobachtet wird. Um dieser An- 
forderung zu genügen, bedienten wir uns des Muse, sartorius 
Cuv. des Frosches und zwar in der Art, dafs wir den oberen 
Querschnitt dieses aus einer Vereinigung fast parallel neben ein- 
ander verlaufender Primitivbündel bestehenden Muskels, also 
Einen Theil sämnillicher Fasern gleichzeitig, mit der zu unter- 
suchenden Flüssigkeit benetzten. Hat die letztere die Eigen- 
schaften eines Erregers, so antwortet der Muskel darauf mit 
einer einmaligen über seine ganze Länge verlaufenden Zuckung. 
Die so erhaltenen Resultate sind folgende: 

1. Während die Mineralsäuren z. ß. die Salzsäure oder die 
Salpetersäure nur bei einem Gehalte von 20 bis mindestens 
11 Theilen der wasserfreien Säure in 100 Theilen Wasser 
in dem Nerven den Zuckung erregenden Vorgang auslösen, 
bewirken dieselben bei directer Application auf den fri- 
schen Querschnitt der Muskelfaser noch eine einmalige kräf- 
tige Zuckung, wenn ein Theil der Säure mit 1000 Theilen 
Wasser verdünnt angewendet wird. Destillirtes Wasser da- 
gegen erzeugt niemals Zuckung bei momentaner Berührung 
mit dem Muskelquerschnitt. 

2. Die Alkallen verhalten sich nahezu gleich gegen den Mus- 
kel wie gegen den Nerven, mit dem einzigen Unterschiede, 
dafs durch eine wässrige Lösung derselben von 0,1 ° q leich- 
ter Zuckungen erhalten werden können, wenn man den 
Nerven als wenn man den Muskelquerschnitt damit benetzt. 
Lösungen von 0,2 ° q erzeugen aber jederzeit auch bei di- 
recter Reizung Muskelcontractionen. 



188 Gesammlsilzung 

3. Das Ammoniak ist in keinem Concentrationszustande ein 
Erregungsmittel für den Nerven, während 'der Muskel selbst 
noch die geringsten Spuren von Animonlakdämpfen in der 
Atmosphäre mit erstaunlicher Sicherheit durch heftige Zuckun- 
gen anzeigt. Es kann nachgewiesen werden, dafs alle 
Zuckimgen, welche bisher nach Benutzung des Nerven mit 
Ammoniak beobachtet wurden, von der directen Einwirkung 
des flüchtigen Körpers auf den ungeschützten Muskel her- 
rührten. 

4. Die Salze Chlornatrium, Chlorkalium und Chlorcalcium wir- 
ken in concentrirter Lösung zwar sowohl auf den Muskel 
als auf den Nerven, bei einer gewissen Grenze der Ver- 
dünnung aber zeigen sie sich nur noch bei der directen 
Muskelreizung wirksam. 

5. Die Metall-Salze wirken meist nur zerstörend auf den Ner- 
ven, ohne Zuckungen in den davon versorgten Muskeln zu 
erzeugen. So erregen Lösungen von neutralem und ba- 
sisch-essigsaurem lileloxyd, so wie von Eisenchlorid oder 
schwefelsaurem Kiipferoxyd, einerlei, welches auch ihre Con- 
centration sei, niemals vom Nerven aus Zuckung. Un)ge- 
kehrt verhalten sie sich bei direcler Application auf den 
Muskel. Eine Lösung von CuOSü' zeigt sich in diesem 
Falle selbst noch bei einem Gehalte von nur 4° q wirk- 
sam. 

6. Aufserordentllch verschieden gegen beide Organe verhalten 
sich die organischen Säuren. Die Essigsäure wirkt nur sehr 
concentrirt angewandt auf den Nerven, ist aber als directer 
Reiz noch in grofser Verdünnung ein Erreger für den Mus- 
kel. Andere Säuren, wie z. ß. die Oxalsäure, erzeugen nie- 
mals Zuckungen, bei keiner Art der Reizung. Säuren, 
welche, wie die Milchsäure in concentrirtem Zustande we- 
gen ihrer dickflüssigen Beschaffenheit verschiedene thierische 
Membranen mit merklich veränderter Geschwindigkeit durch- 
dringen, verhalten sich auch demgemäis verschieden zu dem 
mit zäher Flüssigkeit gefülltem Nervenrohre und zu dem der 
Imbibition äufserst fähigen Muskel. So erzeugt die con- 
centrirte Milchsäure niemals von dem Muskelquerschnitt aus 
Zuckung, die dagegen augenblicklich eintritt, wenn sie sei- 



vom 10. Februar 1859, 189 

nen Nerven ergreift. Wird die Säure nur mit ihrem hal- 
ben Volum Wasser verdünnt, so verliert sie alle erregende 
Wirkung für den Nerven, beginnt aber nunmehr dieselbe 
auf den Muskel zu entfallen, so dafs sie selbst noch In 
2Üfacher Verdiinnung als directer Muskelreiz betrachtet wer- 
den kann. 

7. Körper, welche einen nachweisbaren Einflufs auf die im 
Nerven enthaltenen Fette ausüben, wie das Glycerin, er- 
zeugen durch die Bahn des letzteren den heftigsten Teta- 
nus. Nur das ganz concentrirte Glycerin, das für den Mus- 
kel ohne erregende Wirkung ist, zeigt diesen Erfolg; bei 
der Verdünnung desselben mit Wasser wiederholt sich die- 
selbe Erscheinung, wie bei der Milchsäure, indem nur die 
verdünnteren Lösungen allein bei directer Reizung den 
Muskel erregen. 

8. Einige ßeslandthelle des Thierkörpers selbst, wie die Galle, 
oi]er das daraus dargestellte Alkalisalz der Glycochoisäure 
erregen Zuckungen bei der directen wie bei der indirecten 
Muskelreizung. Der Nerv bedarf einer Lösung des gallen- 
sauren Natrons von mindestens 6 °'o, um dadurch in den 
erregten Zustand zu verfallen, während Lösungen von 1 ° j ^ 
noch vom Muskelquerschnilt Zuckungen bewirken. 

1). Flüchtige organische Körper, wie der Alkohol, der Äther 
und das Chloroform nähern sich bereits den völlig indiffe- 
renten Substanzen. Obgleich der Muskel sowohl, wie der 
Nerv sehr rasch ihre normalen Eigenschaften darin ein- 
bülsen, gelingt es doch nur unter besonders günstigen Ver- 
hältnissen Contractionen damit hervorzurufen. 
10. Eine grofse Zahl von Körpern, welche für das lebensvolle 
Bestehen der beiden Organe keinesv\egs günstig sind, be- 
wirkt niemals Contractionen der Muskeln, einerlei ob sie 
direct oder indirect angewendet wurden. 
Bei den mitgetheilten Versuchen geschah die Wahl der che- 
nn'schen Körper nach Belleben, da die chemische Kennlnifs der 
Muskeln und Nerven kein Mittel an die Hand giebt, vorher auf 
die erregenden Eigenschaften einer Lösung zu schiiefsen. Um- 
gekehrt darf man aber jetzt wohl annehmen, dals die Muskeln 
und Nerven grade in ihrem physiologisch wesentlichsten Theile 



190 Gesammtsitzung vom 10. Februar 1859. 

auch eine sehr grofse chemische Verschiedenheit darbieten, welche 
eben in der grofsen Abweichung der Erfolge nach direcler oder 
indirecter Erregung mittelst qualitativ verschiedener Reize ihren 
besten Ausdruck findet. Dieselbe Anschauung führt gleichzeitig 
zur Annahme einer selbständigen Reizbarkeit der Muskelfaser, 
welche vielleicht dadurch noch wahrscheinlicher gemacht werden 
kann, dafs die Erregbarkeit der mit Nerven untermischten con- 
tractilen Substanz gegenüber chemischen Reizen dieselbe bleibt, 
wenn der gröfsere Theil aller motorischen Nerven durch Wu- 
rali leistungsunfähig gemacht wird. Alle für die directe che- 
mische Reizung aufgeführten Thatsachen gelten ebenfalls für die 
Muskeln solcher Frösche, welche mit Pfeilgift vollständig ver- 
giftet waren und bei denen jede Art der chemischen Einwirkung 
auf den Nerven für den Muskel gleichgültig blieb. Auch hier 
verliefen die Zuckungen, trotz der localen, auf den Querschnitt 
beschränkten Reizung, über die ganze Länge der Fasern. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Gelehrte Anzeigen. Band 47. München 1858. 4. 

Abhandlungen der historischen und math-physikalischen Klasse der Bay- 
rischen Akademie der Wissenschaften. München 1858. 4. 

Bischoff, Johannes Müller und sein Verhällnifs zum jetzigen Stand- 
punkt der Physiologie. München 1858. 4. 

Neu mann. Reisen des Johannes Schdtberger aus München in Europa, 
Asia und Africa- Nach der Heidelberger Handschrift. München 
1859. 

Die Ereignisse in Ostasien. (Augsburg 1859.) 8. 

Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeshunde. Neue Folge. 
Band 1. 2. 3,1.2. Kronstadt 1853—1858. 8. 

Chronicon Fuchsio-Lupino- Oltardmum ; ed. Trausch. Pars 1. 2. Co- 
ronae 1847—1848. 4. 

Hintz, Geschichte des Bisthums der griechisch-unirlen Glaubensgenossen 
in Siebenbürgen. Hermannstadt 1850. 8. 

Bielz, Fauna der Wirbelthiere Siebenbürgens. Hermannstadt 1857. 8. 

Proaramme der Gymnasien zu Hermannstadt und Mühlbach. 1854 — 58. 
4. (Acht Stück.) 

American Journal of science. Vol. XXVI, no. 78. New Haven 1858. 8. 



Sitzung der phil.-hist. Klasse vom 14. Februar 1859. 191 

Bulletin de seances de la socie'ta vaudoise des sciences naturelles. Tome 
V. Lausanne 1858. 8. 

Calalogue de la Dibliolhe.que de la socie'te des sciences naturelles. Lau- 
sanne 1858. 8. 

Bulletin de la socie'te ge'ologique de France. Dez. 1858. Paris 1858. 8. 

d'Avez ac, Les voyages d' Americ Vespuce- Paris 1858. 8. 

Pictet, Essai sur quelques inscriptions en langue gautoise. Geneve 
1859. 8. 

Angelini, DegU studi archeologici del P. Giampetro Secchi. Roma 
1858. 8. 

Drach, On the Statistics of marriages in England. (London 1859-) 8. 

Bulletino archeologico napolitano. Anno Vi, no. 1 — 16. Napoli 1857 — 
1858. 8. 

Plaut amour, Observalions astronomiques failes ä l'observatoire de 
Geneve dans les annees 1851 — 1833. Geneve 1858. 4. 

Besume meteorologique de Vannee 1867 . Geneve 1858. 8. 

Note sur la comete de Donati. (Geneve 1858.) 8. 



14. Februar. Sitzung der philosophisch-hi- 
storischen Klasse. 

Hr. Kiepert hielt einen Vortrag über die geographi- 
sche Stellung der nördlichen Länder in der phöni- 
kisch- hebräischen Erdkunde. 

Das durch die genealogisirende Form seiner Anordnung in 
der ganzen alten Schriftwelt einzige Verzeichnifs von Länder- 
und Völkernamen, welches, wie es scheint erst des letzten Be- 
arbeiters ordnende Hand an der Spitze der hebräischen Urge- 
schichte (Gen. c. X.) eingefügt hat, verdankt dem Zufall dieser 
seiner Stellung in einem zu kanonischem Ansehen gelangten 
Buche und der unverdienten Auctorität, die es dadurch auch als 
angeblich ethnographische Quelle erlangt hat, eine grofse Zahl 
von Commentaren, unter denen jedoch nur wenige besonnene 
Kritik erkennen lassen') und auch diese keineswegs zu einem 

) Abgesehen von dem für seine Zeit bewundersvvürdigen Bochart 
eigentlich nur Tuch (1838), wogegen Rückschritt zu früher mit Recht 
verlassenen Hypothesen bei Knobel (1850) und neuerdings bei Bunsen 
[1859.] 13 



192 Sitzung der f/hilosnphisch'hislorischen Klasse 

für die geographische Seite der Untersuchung befriedigenden 
Ergebnisse gelangen. Für die Geschichte der Erdkunde aber 
erhält, abgesehen von allen ethnographischen Speculationen, jenes 
Verzeichnifs, welches uns den Umfang allsemitischer Länder- 
kenntnifs für eine, dem Beginn griechischer Aufzeichnung weit 
vorausliegende Zeit vergegenwärtigt eine erhöhte Bedeutung durch 
die naheliegende und von den meisten neueren Exegeten ausge- 
sprochene Vermuthung eines wenigstens theilweise phöniki- 
schen Ursprungs, wo nicht einer gänzlichen Entlehnung 
aus phönikischer Quelle ^), so dafs wir in diesem Documenta 
und der Weise seiner Anordnung eines der wenigen bis auf uns 
gekommenen Fragmente der durch die Ungunst der Zeiten fast 
völlig untergegangenen Wissenschaft jenes merkwürdigen Cul- 
turvolkes, der Vorgänger und Lehrer der Griechen auf dem Felde 
praktischer Länderkunde zu erkennen hätten. Vielleicht gelingt 
es diese Vermuthung der Gewifsheit um ein grof>es näher zu 
bringen durch den in den bisherigen Untersuchungen vermifstea 
Erweis einer streng geographischen Anordnung. Ist von vorn- 
herein zuzugeben dafs eine solche kaum denkbar wäre ohne das 
Hülfsmittel einer wenn auch noch so rohen, doch die ein- 
fachsten durch Erfahrung festgestellten geographischen Thatsachen 
im Bilde veranschaulichenden Kartenzeichnung, so berechtigt uns 
der zufällige Mangel bestimmter Zeugnifse durchaus nicht, einem 
schon in so früher Zeit ausgedehnte Seeschiffahrt betreibenden, 
durchaus praktisch erscheinenden Volke den frühen Gebrauch 
jenes nothwendigen Hülfsmittels abzusprechen, vielleicht, wie 
wir in folgendem darzuthun gedenken, nur wenige Jahrhunderte 



freilich weit überboten durch die unglaublichsten Verirrungen bei Sören- 
s en (1851) auf der hyperkritischen, wie bei G ö rres (1845) auf der aucto- 
ritätsgläubigen Seite. 

') Auf ägyptische Weisheit zurückzugehen müssen natürlich 
aufser den älteren (Bochart, Michaelis u. A) diejenigen vorziehen, die 
auch heut zu Tage von mosaischer Autorschaft träumen. Der das andere 
Extrem vertretende Anachronismus Sörensen's der die vollständige 
Entlehnung aus fremder Quelle zugebend, eine solche in dem (um 
250 v.Chr. griechisch geschriebenen) Werke des Babyloniers Be- 
rosos zu finden glaubt, wird schwerlich einen Vertheidiger finden. 



vom 14. Februar 1859. 193 

früher, als wir bei flen Griechen, auf diesem Felde sicher nicht 
den ersten Krfindern, den Gebrauch von Erdkarten finden.') 

Vorzüglich wichtig jedoch bisher noch am wenigsten be- 
nutzt erscheint für beide Fragen: Ursprung wie Alter der 
Urkunde, die Ausmittelung der unter dem Namen Jap he e als 
nördlicher Erdgiirtel zusammengefafsten, ungeachtet ihrer wieder- 
holten Erwähnung in Beziehung zu historischen Thatsachen bei 
den späteren Propheten schon früh aus der lebendigen Kennt- 
nifs entschwundenen und daher mifsverstandenen Ländernamen. 
Die Hauptgfbiete des südwestlichen Asiens und nordöstlichen 
Africas (die Erdlheile Sern und Harn) nennt die alte Urkunde 
mit ihren uralten allgemein semitischen, im ganzen Orient wohl- 
verstandenen, zum Theil auch zu den ersten arischen Eroberern, 
den Persern übergangenen und selbst den Griechen nicht ganz 
unbekannt gebliebenen Namen.'*) Die diesen Hauptgebieten als 
zweite und sogar dritte Glieder untergeordneten kleineren Land- 
schaften oder Volksslämme aber, in andren AT. Schriften kaum 
erwähnt, entziehen sich bis auf wenige in griechischen oder ara- 
bischen Quellen sicher erkennbare vielleicht auf immer jeder 
sichern Deutung und gewähren auch bei dem Mangel an Be- 
richten über die Völkergeschichte jener Gebiete keine histori- 



^) Zu dem auf beiliegender Karte enthaltencD Versuch einer unne- 
fähren Herstellung der alten phönikischen oder, wenn man lieber will, alt- 
semitischen Erdansicht bieten für den Westen und Norden allerdings die 
in folgendem zu besprechenden Steilen der Propheten aafser der Keihen- 
folge der sog. Vülkertafel selbst die einzige Richtschnur; für den Osten 
und Süden ist nach dem Vorgange Bertheaus (die der Beschreibung des 
Paradieses zu Grunde liegenden geographischen Anschauungen, in den Göt- 
tinger Studien 18 47), dessen Annahme allein unter alleu einen befriedigenden 
Zusammenhang auch mit späteren orientalischen Erdansichten herstellt, eine 
Cumbination mit den vielleicht erst einer späteren Zeit angehörigen An- 
gaben von Gen. c. II. versucht worden. 

') Kusija, Mudraja, Paulija der Inschriften des Dareios = 
Küs, HJijr aim, Put des A. T. gegenüber AiStoTzia,, A'iyvirTOi; (Mfa-Tpscia. 
aus oriental. Quellen nur bei den Chronographen) Aißuij; für K'naian 
Xv«. = •toiiiV.j; bei Steph , Ardm Ap(ii.ua.7oi = X<jpo'i bei Strabon; aber Lud, 
Assür, yElam = AuÄi'a, 'Aaavpix, 'EXu^a'ij, letzteres wenigstens als Theil 
neben Kiircrisc und ^cua-ixv^. 

13* 



194 Sitzung der philosop?iisc7i-his/orisc7ien Klasse 

sehen Anhaltspunkte; nur der Mangel eines schon bei Jesaja 
vorkommenden allgemeinen Voiksnamens wie >Arab statt der 
ismaelitischen und joqtaiiilischen Stammnamen, so wie die Nicht- 
erwähnung von Paraj (Persien, schon bei Ezechiel) und ÄaÄe/, 
sind mit Recht schon von andern Erklärern als Beweise für ein 
höheres, der blühenden Zeit des Assyrerreiches näher stehendes 
Alter der Tafel geltend gemacht worden. 

Anderer Art sind die Schwierigkeiten welche uns bei Be- 
trachtung der nördlichen Reihe von 14 Namen (in der ge- 
nealogischen Form der Tafel 7 Söhnen und 3-1-4 Enkeln Ja- 
phets) entgegentreten; indem selbst unter den 7 Hauplnamen 
nur zwei — Madai und Ja van — in ihrer historischen Be- 
deutung völlig unbestritten, zwei der Unterablheiliingen (die Ja- 
vansgeschlechter Tars'is und Kiitini) ihrem Sinne nach in 
andern Stellen des A. T. gesichert sind, nicht ohne dafs für 
unser Capllel von manchen Erklärern eine Ausnahmsbedeutung 
hinelnlnleipretirt wäre ; von den übrigen zehn Namen sind aller- 
dings nur drei cnrn!^ sIsyijxh'X {Riphath, Rodanim, Tiras)', 
wenn aber die übrigen auch in einzelnen prophetischen Stellen 
besonders bei Ezechlel wiederkehren, so werden sie nur allge- 
mein als nördliche Länder bezeichnet und bei dem Mangel ge- 
nau entsprechender Namen in der griechischen Länderkunde der 
speclelleren Erklärung ein welter Spielraum gelassen, der bereits 
seit alter Zeit möglichst benutzt worden ist, um mit den alt- 
überlieferten Namen den fortwährend erweiterten Kreis positi- 
ver Länderkunde möglichst auszufüllen. Finden wir dies Bestre- 
ben bei Josephus schon auf südasiatischem Boden, in der 
dann von allen folgenden jüdischen und christlichen Erklärera 
angenommenen Verpflanzung der j oqtanitische n Stämme aus 
Südarabien nach Indien,*) so bot der Norden und besonders das 



') Veranlafst offenbar durch die Aufzählung von Ophir und H'avilah 
unter den joqtanischen Gebieten, nicht weniger aber auch durch das Streben, 
jenes iiufsersteöstlicheWunderland, die Nachbarschaft des damals schon(ab- 
weichend von der Anschauung derPropheten)amOstrande der Erde gedach- 
ten Ausgangspunktes der Menschheit, des verlornen Eden, dem bevorzug- 
ten Geschlechte S em's zu sichern: daher in jüdischen Kosmographien, 
wie im Jubiläenbuche ganz Indien als östlicher Theii ,'Elams im Ge- 
biete S em^ s untergebracht. 



vom 14. Februar 1859. 195 

dem hebräischen Alterthum kaum in seinen südlichsten Umrissen 
zur unsichern Kunde gekommene Europa einen fast überflüssigen 
Raum um die dem lebendigen Volksgebrauch verloren gegange- 
nen unverstandenen Namen, als angebliche Urstämme der später 
in den Kreis der Culturwelt eingetretenen Nationen unterzu- 
bringen — ein unkritisches Verfahren, das von den Kirchenvä- 
tern und gelehrten Rabbinern weiter ausgebildet, leider auch 
jetzt noch nicht aufgegeben ist, wie u. a. der neueste ausschliefs- 
lich die Völkertafel behandelnde Commentar von KnobeI(Cjie- 
fsen 1850) beweist. Das zu diesem Zwecke mitunter schon von 
den Alten, weit umfangreicher aber von neueren Bearbeitern 
ausgebeutete Mittel, die Vergleichung oft nur scheinbar ähnli- 
cher Namen*), ist natürlich nicht allein das leichteste, sondern 
auch unzuverlässigste, und der iMifsbrauch desselben hat ebenso 
natürlich die verschiedenen Erklärer zu unglaublich weit ausein- 
anderlicgenden, meist sich untereinander widersprechenden, dabei 
j gleichwohl in einzelnen Fällen {Gorner, Riphath, Eli sah) 
I sich in der am wenigsten wahrscheinlichen Deutung vereinlgen- 
I den Ergebnissen geführt — die inneren Widersprüche solcher 
I Erklärungen, die weilenllegene Länder (z. B. Gallien, ja Britan- 
I nien) als bekannt voraussetzen, während sie weit näherliegende, 
I viel eher als gekannt vorauszusetzende (z. B. Italien und Sici- 
' lien) in Verlegenheit um passende Namen ganz übergehen, sprin- 
I gen am deutlichsten in die Augen wenn man sich die kleine von 
den Autoren selbst mit Unrecht vernachlässigte Mühe nimmt, 
' sie der Karte einzuordnen. Zur Innehallung einer geogra- 
phischen Reihenfolge aber hätte schon die Einsicht führen 
sollen, dafs dasselbe Princip in der Tafel auch für die Aufzäh- 
{ Zählung der semitischen und der h'amitisch en Länder mafs- 
gebend gewesen ist: dafs die 5 Söhne Sems von >Elam bis 
i Aram im Grofsen und Ganzen eine Reihe von Osten nach 



*) Rein aus dem Gleichklang errathen und ohne alle Auctorität sind 
bei Josephus offenbar 'EXitroi := A.oXsr?, Mscra'x = Ma^axa, Qxü(n\i = Tap- 
vo^^ 4'ouT = ^'dÜTn? TTOTO.y.h T?? Mxupi'y xvctti;, Tm-SifiO? = BaxTpiavoi', Mji(7«? = 
yiriaa.ia.hi, vielleicht auch ©ö/3»;Ao? ="l/3»;pff, Qcit,a.i = 0f,'Ziie<;, ^a/Safia? = 
A(rTa/3«'p«.i,'Api^a^xÄ'»K=:XaXi5"a.riJi, ebenso bei Synkellos0iJ/3£A=0£tr!raAoi', bei 
Hieronymus Caphlhor^Cappadocia, im JubiiäenbuchTiras=tyisen. Meer. 



196 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Westen bilden*), hat schon Bochart richtig gesehen, — aber 
dieselbe Ordnung scheint auch für die vier h'a mi ti seh en Haupt- 
namen zu gelten, von denen K' na' an als Standpunkt des Verf. 
die Reihe schliefst, ohne dafs, wie die geographische Nachbar- 
schaft erwarten liefse, Ägypten sich ihm unmittelbar anschlöfse, 
vielmehr bezeichnet die Stellung des äulsersten Westlandes Pdt 
zwischen jenen beiden und die deutliche Beziehung des ersten 
Namens Küs auf den äufsersten Südosten des Erdkreises (wo 
alle Söhne des Küs', tiieils in Südarabien, theils In Indien zu 
suchen sind) wenigstens die Folge der ersten drei Namen als eine 
der semitischen Reihe parallele. Liefse sich eine analoge Folge 
der Aufzählung auch für die japhetischen Namen wahrschein- 
lich machen, so würde die Unhallbarkeit vieler bisherigen An- 
nahmen sofort einleuchten und die Erklärung in gewisse nicht 
zu überschreitende Grenzen eingeschlossen sein. Indefs über- 
zeugt uns ein Blick auf die uns überlieferte Namenreihe: in ihrer 
genealogischen Form 

J ^ P ff E T 



&Askenaz h.Kiphath c.Togarmah A.EUs^ah h.Tars'iS c.Kittim d.D{ii}odanim 

in deren 3 und 4 Hauptgliede wir die Ost- und West grenzen des 
den Bewohnern Kanaan's bekannten Nordens: Medien und die 
griechischen Küstenländer (denen sich das äufserste Weslland 
Tarsis" ^ Spanien unterordnet) unmittelbar nebeneinandergestellt 
finden, dafs hier keine so einfache Reihe, wie bei den Gebieten 
des mittleren und südlichen Erdgürtels vorliege^): eine solche 



*) Dafs das in der That westlichste Land, Lud, (Lydien) nicht am 
Schlufs der Reihe, sondern vor Ar am (Syrien) steht, hat man mit der Ab- 
sicht eines geographischen Anschlusses an den Standpunkt des Verfassers, 
K'nal an, motivirl; es mag aber auch für die alte Erdanschauung weniger 
die westliche Ausdehnung Kleinasiens bestimmend gewesen sein, als 
dessen für die Schiffahrt wie für den Landverkehr von Piiönikien aus in 
der That nördliche Lage, so dafs der scheinbare Sprung von dem nord- 
östlichen Lande zirp A aks'ad nachdem nordwestlichen Luc/ sich verringert, 
wie dies in dem beigegebenen Kärtchen zu verdeutlichen versucht ist. 

') Den einzigen Versuch, jenem scheinbaren Sprunge zum Trotz ein« 
einfache, der semitischen Reihe parallele Folge von O. nach W. den ja 



vorn 14. Februar 1859. 197 

würde die den IJewohnern Kanaans durch alten Verkehr be- 
kannten Völker der näheren nördlichen Nachbarschaft, der arme- 
nischen und pontischen Gebirgsländer, die in der Tafel auf keine 
Weise übergangen sein konnten und in der That nach den 
wahrscheinlichsten bisherigen Erklärungen in den Gliedern Ic, 
5 und 6 enthalten sind, vielmehr ihrer wirklichen Lage ent- 
sprechend, zwischen 3 und 4 geordnet haben. In der That 
läfst sich jener scheinbare Sprung vom niedischen Osten bis zum 
griechischen Westen nur durch die Annahme erklären, dafs hier 
eine neue, von den ersten 3 Gliedern unabhängige Reihe der 
Aufzählung beginne, und dafs dies sich wirklich so verhalte, soll 
durch Prüfung der einzelnen Ländernamen in geographischem 
Zusammenhange nachgewiesen werden. *) 



phetischen Namen nnterzuschieben, freilich durch das gewaltsame Mittel 
einer Verjttlanzung der Meder in eine angeblich ältere europäische Hei- 
math zwischen Skythen und Griechen, also in Thrakien (möglicherweise 
bestimmt durch trügerische Namenanklänge wie <iie3/aedi am Slrymon 
oAtt Makedonien) verdanken wir der syslemalisirenden Klügelei eines 
alcxandrinischen Juden des 1. oder 2. Jahrh. v. Chr., des Vf der sog. klei- 
nen Genesis d. i. Ergänzungen zur Genesis aus jüdischen Traditionen , unter 
dem Namen des Jubiläenbuches in aethiopischer l bersetzuug mitgelheilt 
von Dillmann in Ewald's Jahrb. f. bibl. Wiss. B. H, wo in Cap. Ylll. 
u. IX. {p. 251 ff) bei Gelegenheit der Vertheilung der Erde unter die No- 
achiden die offenbare Beschreibung einer jüdischen Erdkarte mitgelheilt 
ist : merkwürdig auch dadurch dafs sie, abweichend von Josephus und als 
Vorgängerin der bei den spätem Kirchenvätern herrschenden Ansicht, die 
altsemilische Dreitheilung der Noachiden gleichsetzt mit den aus der grie- 
chischen Erdkunde geläufig gewordenen drei Erdtheilen und demzufolge 
ausschliefslich Europa mit den Geschlechtern Japhets anfüllt. 

) Nur eine zufällige Begegnung mit dieser Annahme bietet die An- 
ordnung Knobel's , des einzigen unter den bisherigen Erklärern der diese 
Frage der geographischen Reihenfolge berührt und auf die von ihm her- 
ausgefundene „Oekonomie der Völkertafel" als auf den vorzüglichsten 
Leitfaden seiner Ansetzungen grofscs Gewicht legt — diese soll nämlich 
darin bestehen, dafs immer an erster Stelle die entferntesten Länder ge- 
nannt und die Keihen nach dem Standpunkte des Vf. selbst im Mittel- 
punkte der semitischen Welt hin verfolgt werden — gleichwohl ist er bei 
den Japhetiten genölhigt diese seine Regel zu verlassen und seinem eignen 
Postulat, wonach dieselben von Nordwesten nach Osten bin aufgezählt 



198 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Die Scheidelinie des semitischen und Japhetischen Gebietes nach 
der Auffassung des Aufzeichners der Tafel wird im Allgemeinen 
durch die natürliche Grenze bezeichnet, weiche die südlichsten 
Taurusketten durch ihre Erhebung aus den Tiefländern des Eu- 
phrat-Tigris-Gebletes, denen Ar am, As's'tlr, 'El am fast aus- 
schliefslich angehören, gegen die nördlichen Hochländer Klein- 
asiens, Armeniens und Mediens bilden. Überschritten wird jene, 
nach Westen durch das südliche Kleinasien sich fortsetzende Ge- 
birgsscheide eigentlich nur im äiilsersten Westen durch die Auf- 
nahme Lydiens'), dessen Nennung an dieser Stelle, vielleicht |< 
seiner bis auf die Erhebung der Mermnaden- Dynastie nie ganz 
unterbrochenen politischen Verbindung mit dem assyrischen 
Reiche zuzuschreiben, jedenfalls dahin führt auch das ganze Süd- 
Küstenland der Halbinsel in seinem natürlichen Zusammenhange 
als Südabdachung des Taurus dem semitischen Gebiete zuzuwei- 
sen. Wenigstens findet sich unter den japhetischen Namen kei- 
ner, der sich mit irgend einiger Wahrscheinlichkeit auf einen 
der historischen Namen dieses Küstengebietes: Karlen Lykien 



sein sollen, durch seine speciellen Erklärungen zu widersprechen, nach 
diesen ergeben sich vielmehr zwei im Grofsen und Ganzen parallele von 
West nach Ost gestreckte Reihen, eine nördliche (1 — 3) Mitteleuropa 
und das nördliche Vorderasien einnehmend, und eine südliche (4 — 7) für 
Südeuropa und wiederum einen (und zwar nördlichen) Theil Klein- 
asiens nebst dem Kaukasus, wobei aber gerade das 4. und 7. Glied in der 
Mitte der südlichen Reihe zu stellen kommen, 5 und 6 sich jedes dop- 
pelt, sowohl östlich als westlich anreihen ! Solcher Mangel an Ordnung 
im ganzen wie im einzelnen, entstanden aus unkritischer Anwendung sei- 
nes falschen e thnographischen Princips in einer rein geographischen 
Frage darf auf die Bezeichnung „Oekonomie'' schwerlich Anspruch ma- 
chen. 

') Knebel, dem hierin Bun sen folgt, hält sich zwar durch die 
ganz unzuverlässigen Genealogien der späteren Araber über die Abstammung 
der iAmdliija von L aud nnii das zufällige Vorkommen des Namen» Z« u </ 
unter den ägyptischen Stämmen für berechtigt, das semitische Lud an die 
Südgrenze Paiästina's zu versetzen: dadurch aber würde die Stellung die- 
ses Namens vor Aram vollends ebenso unbegreiflich, wie das völlige Still- 
schweigen der historischen Zeugnisse, sowohl des A. T. als der Griechen, 
über diese angeblichen südlichen Lyder. 



vom 14. Februar 1859. 199 

Pnmpliylien ofler Kilikien beziehen llefse. Ebensowenig freilich 
unter den Namen der Seniitenllinder, von denen hier nur die 
vier „Söhne Arams", mit Ausnahme <les durch andere Stellen im 
Süden Syriens gesicherten W's. sämmllich cnrn^ shrjxn'ct, in Frage 
kommen können; dafs einige dieser verschollenen Namen schon 
im Alterthum im Norden gesucht wurden, zeigt die Erklärung 
von Gether durch Karien bei Hieronymus, von H'ül durch 
Armenien bei Josephus; näher noch läge es an Kilikien zu 
denken, das man mit seiner schon in ältester Zeit von phöniki- 
schen Niederlassungen besetzten Küste'") schwerlich als ganz 

I fibergangen voraussetzen möchte und das durch seine geographi- 
sche Lage, mit seinen nur durch mäfsige Gebirgshöhen mit viel- 
fachen Pässen vom obern Syrien geschiedenen reichen Ebenen 
so völlig dem Zugange aramäischer Bevölkerung offen lag' '). 

! Dafs aber auch weiter östlich, am Euphrat und Tigris das alte 
Gebiet Arams die nördliche Grenze des uns historisch bekann- 
ten Syriens überschritt, und die südlicheren Thallandschaften in- 
nerhalb des Tauros begriff, welche wir später zu Armenien 
gerechnet (d. h. in den Grenzen des armenischen Reiches ein- 
geschlossen) finden, mögen wir um so leichter zugeben, als 
wir diese Gebiete — die melitenische und sophenische Landschaft, 
die Ebene des obern Tigris mit den sie überragenden Innern 
Tauruskelten bis nach Arzun und Tarön hin noch im öten 
Jahrh. n. Chr. nach den Zeugnissen armenischer und syrischer 
Schriftsteller'^) von aramäisch redender Bevölkerung eingenom- 
men finden. 

Indessen haben wir noch ein bestimmteres Zeugnifs für das 
Hinaufreichen des semitischen Gebietes auf die inneren Hoch- 



'") Vgl. die gründlichen Nachweisungeu von^Iovers im 2. Bande 
seiner Geschichte der Phönizier. 

' ') Für den nach sprachlichem Begriff semitischen Charakter des 
südlichen kleinasiens bis nach Karien hin dient wenigstens das aramäische 
Wort für Gebirge in seiner Anwendung als Gebirgsname (Tavcs? r= r"-j) 
als vollgültiges Zeugnifs. 

' ') Mos. Choren. I, 22. II, 7. 111, 5. 6. Derselbe, oder wie es scheint 
vielmehr sein syrischer Gewcührsmann aus dem 2ten Jahrh. v. Chr., Mar 
Abas, bezieht den damals noch gebräuchlichen Namen des östlichen arme- 
nischen Tauros Sim, deutlich auf den Namen des Patriarchen S em. 



200 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

länder, welche sogar den höchsten Theilen des Tauros nörd- 
lich im Rücken liegen und nur durch den Lauf ihrer Flüsse dem 
Tigrisgeblete angehören, in dem Namen Arphaksad, weichen 
die Tafel als mittelstes semitisches Gebiet unmittelbar an As- 
sär anfügt. Während die Identität jenes Namens mit der von 
Ptolemäos innerhalb der Nordgrenze Assyriens angesetzten Land- 
schaft 'Aponna'yjTiq bereits seit Bochart allgemein anerkannt ist, 
hat niemand bis jetzt' ^) bemerkt, dals in der vor dem Eindrin- 
gen neuer Bevölkerungen und Benennungen so geschützten Al- 
penwelt Kurdistans jener uralte Name sich bis heut wenig ent- 
stellt erhalten hat: das Hochthal, welches der grofse Zäh in 
seinem obersten Laufe durchfliefst, bevor er die wilden Tief- 
schluchten des durch seine nestorianischen Bewohner und die 
ihnen gewidmeten Besuche englischer und amerikanischer Rei- 
senden neuerdings bekannter gewordenen Gebirges von Hakkl- 
jari nach Süden hindurchbricht, heilst bei den Armeniern seit 
aller Ze\i.* "*) Aghbak (l^^i^iu^), bei den heutigen kurdisch spre- 
chenden Bewohnern in mehr erweichter Form v4/6ä^ (^^LJ\)' *), 
Die Lage dieser Gebirgslandschaft in 5 — 60Ü0 Fufs Meereshöhe, 
zwischen mächtigen, mit ewigem Schnee bedeckten Alpenketten 
(also im Verhältnifs zum assyrischen Tieflande am Tigris etwa 
ähnlich der Lage des Engadin zum Pothale) schliefst doch wohl 
völlig die Möglichkeit aus, dals sie in der Vorzeit den Sitz 
eines mächtigen Reiches gebildet habe, wie Ewald, geleitet 
durch die richtige Erwägung der politischen Bedeutung der vier 
übrigen Semitenstaaten, als mafsgebend für ihre Nennung in er- 
ster Reihe in der Tafel, anzunehmen geneigt ist.'^) Vielmehr 



* ') Auch nicht der gelehrte bahnbrechende Forscher auf dem Gebiete 
armenischer Alterthnmsknnde, Saint Martin, der irrig den griechischen 
Namen mit dem von den Armeniern Arrue stan genannten Theile Assy- 
riens identificirt. Mem. sur l'Armenie, Paris 1822, I. p. \lk. 

' *) Vgl. dieCitate aus Moses Chor. Johannes Katholikos und Thomas 
Ardzruni bei Ing ig'ean, Sloragrul/iiun hin Halastaneaits, (Beschreibung des 
alten Armeniens) Yen. 1822 p. l-llS. 206. 

•') Vgl. bei Ritter Erdk. IX, 641 ff. die Berichte englischer Rei- 
senden, die aufser dem Orientalisten Eli Smith allerdings den Namen 
sehr entstellen (Ali Baugh bei Monleilh). 

'^) Gesch. d. V. Isr. I. p. 378. (2te Ausg.) 



vom 14. Februar 1859. 201 

I tritt hinter jenen vieren das Land ^r/?Än Ar j'a«/ als ein vom Völ- 
kerverkehr abgelegenes enghegrenzles historisch bedeutungsloses 
80 weit zurück (wie es denn auch ohne die ztifiillige Erw;ih- 
I nung bei dem einzigen Plolemiios der vergleichenden Geogra- 
' phie gänzlich entschwunden wäre), dafs die Vermulhung nahe 
liegt, es sei der ursprünglichen Recension der Tafel, soweit diese 
etwa auf phönikischer oder aramäischer Quelle beruhte, über- 
haupt fremd und erst vom hebräischen Bearbeiter, den an diesen 
j Namen geknüpften Überlieferungen über die Urheimath des eige- 
; nen Stammes zu liebe an der passenden Stelle eingeschaltet worden. 
Jedenfalls ist für unsern Zweck die Lage dieses Ge- 
bietes als des nördlichsten unter den semitischen, tief in die 
den höchsten Taurusketten nördlich angelagerten Hochländer 
I eingreifend, dadurch wichtig, dafs dessen Kennlnifs auch die Be- 
' kanntschaft mit dem unmittelbar angrenzenden Armenien vor- 
' aussetzt, welches demnach unter den japhetischen Ländern nicht 
übergangen sein kann. Freilich weder unter seinem einheimi- 
schen Namen Haikh, noch unter demjenigen, welcher erst durch 
griechischen Gebrauch zum allgemein bekannten geworden, doch 
bei den südlichen Nachbarstämmen seil aller Zeit üblich gewesen 
sein mufs, — sondern unter einer alterlhümlicheren, ihrer Com- 
posltion nach noch unerklärten Form: Tog a nn ah.^'' ) Die 
seit Michaelis allgemein angenommene Gleichstellung dieses 
Namens mit Armenien, vorzüglich begründet auf die In alter und 
neuer Zeit berühmte Pferde- und Maullhierzucht dieses Landes 
(und zwar vorzugsweise des westlichen zum Euphratgeblete ge- 



' ') Dafs der Stamm tdg'in diesem Namen und in Kappadokia, altpers. 
Kalpa-tuka {Iialpa=:S]ri in deiBed. Seite) identisch sein könne, mögen wir 
P. Böttcher (Üelagarde) z. Uigesch. d. Arm. Berlin 1854. p. 36 leicht zu- 
geben; ob aber auch mit ihm als voller Stamm togor anzunehmen und 
nur ma als Ableitungssuffix nach armenischem Sprachgebrauch anzuer- 
kennen sei, erscheint um so fraglicher, als der Name schwerlich als einhei- 
mischer gelten darf, und es andererseits nahe liegt vielmehr in arma als 
zweitem Theil des Coinpositums die Wurzel der syrischen, auch zu den 
Persern (Dareios Inschriften) übeigegaugeiien Benennung Armina zu ver- 
muthcn, zumal da selbst die von Mos. Chor, angeführte syrische Quelle 
diesen Namen mit Ar am in etymologischen, nur durch mythische Genea- 
logien entstellten Zusammenhang bringt. 



202 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

hörenden Theiles) verglichen mit Ezechiels Angabe der Ausfuhr 
dieser Thlere aus Togarmah nach Tyrus, scheint mir auch durch 
die Volksgenealogie bei Moses Chor, mehr als man neuerdings 
zuzugeben geneigt ist, gesichert. Die bei dem christlichen Au- 
tor des /iten Jahrh. natürlich der nationalen, auf die LXX be- 
gründeten Bibelübersetzung entlehnten Namens formen be- 
rechtigen noch keineswegs zu dem voreiligen Schlüsse einer 
ebenso späten Entstehung des Stoffes der Erzählung, der 
Volksgenealogie, durch welche der Stammvater und Eponym der 
Nation, Ä^cfjÄ-, durch Thnrgnm auf Japhet zurückgeführt wird,'*) 
vielmehr führt die von der biblischen durch Einschiebung eines 
Namens abweichende genealogische Reihenfolge (1,5: Japeth, 
— Gamer — Thiras — Thorgom) auf die Annahme einer frem- 
den Quelle, wohl keiner andern als des von dem ehrlichen aber 
unkritischen Armenier als Hauptquelle seiner Behandlung der 
Urgeschichte öfters angeführten dem 2ten Jahrh. v. C. angehö- 
rigen Syrers Mar Abas, so dafs uns in dieser Version die äl- 
tere syrische Ansicht über die Ursprünge des armenischen 
Nachbarvolkes vorliegen dürfte. 

Hiermit wäre jedoch nur die südliche Grenze des Gebietes 
T ogarmah als eines Nachbarlandes des obern Syriens am Eu- 
phrat bestimmt, keineswegs dessen Ausdehnung nach Norden und 
Osten, welche wir keinen Grund haben derjenigen des ganzen 
Armeniens, wie wir es durch die geographischen und histori- 
schen Berichte der Griechen und der Armenier selbst kennen, 
gleichzustellen. Auch abgesehen von den späteren durch Erobe- 
rungen vorgerückten Grenzen des armenischen Reiches, bildete 
das Land von vornherein ebensowenig ein historisches und eth- 
nisches Ganzes, als es eine natürliche geographische Einheit ist; 
vielmehr spricht sich die engere natürliche Verbindung zwischen 
den Hochebenen des östlichen Armeniens am Araxes und denen 
des nördlichen Medlens {Azerbaig'an'' s) gegenüber den enge- 
ren tieferen wärmeren Thaliandschaflen Westarmeniens am Euphrat 
auch In der Geschichte und dem Charakter der Bevölkerung aus. 
Herrschte auch dieselbe armenische Sprache , wie aus den zahl- 



'*) „Aus dem ©op^a^« der LXX in die armenische Stammsage ein- 
geschmuggelt" P. Böttcher a. a. O. 



vom 14. Februar 1859. 203 

reich angeführten geographischen Namen hervorgeht, soweit die 
armenische Literatur hinaufreicht, im Westen und im Osten, am 
Euphrat und am Araxes, so läfst doch für ältere Zeiten selbst 
die zu Gunsten der eienen Nalionah't'ät entstellte Tradition bei 

D 

Moses Chor. (I. 30) in der Sage von der Ansie<]elung angeblich 
unterworfener medischer Bevölkerung in der Araxeslandschaft 
jäiraral die ursprüngliche ethnische Verschiedenheit noch deut- 
lich durchblicken und verleiht dadurch der Vermuthung eines 
Zusammenhanges jener Benennung mit dem Ariernamen ' ') 
eine bisher unbeachtet gebliebene Stütze. Die Bedeutung Ai' 
rarat^ s in der historisch beglaubigten Zeit des armenischen Rei- 
ches (mit der kurzen Unterbrechung der südlichen Ausdehnung 
des Reiches über Nord-Mesopotamien durch Tigranes) als beständi- 
ger politischer Mittelpunkt und Sitz der Könige hat den Sammler 
der nationalen Überlieferungen verführt, jener Hauptprovinz für die 
Urzeit des Volkes denselben Rang beizulegen und die alten Für- 
sten dieses Landes die er in seinen syrischen Quellen erwähnt 
fand als Könige des gesammten Armeniens darzustellen, doch 
nicht ohne in dem Umstände, dafs die besondere Niederlassung 
Hnik's, des Urvaters der ganzen Nation, auf das südlichere Thai- 
gcbiet des Ost-Kuphrat-Armes beschränkt (I. 6), erst seinem Sohne 
Armen ak die Besitznahme der Airarat-Landschaft zugeschrieben 
wird, die den nationalen Unterschied beider Gebiete festhaltende 
ältere Form der Sage noch durchleuchten zu lassen. Vollständig er- 
scheint denn auch die Trennung derselben in dem einzigen wirklich 
historischen, weil gleichzeitij^en Zeugnisse: in der durch Herodot 
aufbewahrten politischen Organisation des persischen Reiches 
unter Dareios, welche wie in so vielen Fällen nur alte histo- 
rische Verhältnisse beibehielt, sind neben dem eigentlichen 
Armenien in der dreizehnten Satrapie, die Hauptvölker des spa- 
tem Nord- und Ost- Armeniens, Saspiren und Alarodier 
(d. i. Ararat) mit dem des späteren nordwestlichen Mediens 
(Azerbaig'on) , den Malianern, zu einer besonderen Pro- 
vinz, der achtzehnten, vereinigt. Wenn daher das Land Ara- 



'^) Zuerst ausgesprochen von Benfey, in der freilich nicht durch- 
aus haltbaren Zuiückführuug auf skr. Arjavarla (Monatsnamen alter 
Völker p. iy7). 



204 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

rat als ein besonderes, von Assyrien damals unabhängiges Reich 
(nsV^-a Jerem. 51. 27 ps neben Jes. 37. 38, II. Reg. 19. 37) be- 
reits zur Zeit des Todes Sancherib's (676 v. Chr.) genannt wird, 
so ist durch jenen keineswegs mit Togarmah gleich bedeutenden 
Namen, ebenso wie in der dem letzten liearbeiter der Kosmogonie 
angehörigen Darstellung der Fliilhsage, (Gen. VIII.) ein Fortschritt 
der Kenntnifs des Nordiandes gegen die offenbar ältere Abfas- 
sung von Gen. X., in welcher das entferntere Ararat noch un- 
bekannt oder unter einem anderen Namen mitbegriffen ist, zu 
erkennen. Für die geographische Bestimmung von Togarmah 
werden wir uns auf das westliche oder ursprüngliche Arme- 
nien am Euphrat zu beschränken haben. 

T ogarriiah tritt in der Tafel nur als Sohn (ünterabthei- 
lung) des direkten Japhetiden Gorner auf, mit welchem „mäch- 
tigen Volke des Nordens" es auch bei Ezech. 38. 6. unmittelbar 
verbunden erscheint: der naheliegende Schlufs auf geographische 
Nachbarschaft beider Gebiete hätte nun für das unbekannte Go- 
rner ein der bekannten Lage von Togarmah nicht zu fernes 
Land zu suchen geboten: statt dessen hat eine allzuwörtliche 
Auffassung des hyperbolischen (weil gerade zu dem, gegen Me- 
s'ekh, Tubal u. a. südlicher gelegenen Togarmah gestellten) Aus- 
drucks des Propheten „von den Enden des Nordens" (-pss "^nsTa), 
verbunden mit dem scheinbaren Gleichklange des Kimmerier- und 
Kymren-Namens die Erklärer seit Calmets Zeit'^") bis auf die 
neuesten in die entferntesten Regionen Nordeuropa's verlockt, 
um damit der hebräischen Länderkunde ein unermefsliches freilich 
sehr unsicheres Feld zu gewinnen. Denn ist schon die Gleich- 
heit der Namen Ki^us^ioe und Gomer (nach der masoretischen 
Punctation, TofxnoYiQ bei Jos.) oder wie die LXX schreiben Vctfjis^, 
keine vollkommene, so liegt eine völlige Homonymie weit näher 
in dem bei den älteren Armeniern, doch wohl in Folge alter 



'") Josephus Fa^AEp = r«.Ac<,T*i meint sicher nur die kleinasiatischen 
deren späte Einwanderung dem in der Geschiclite wenig bewanderten jü- 
dischen Autor nicht erinnerlich war, kann also nicht als alte Ansicht für 
den europaischen Norden in Anspruch genommen werden; die. erste Be- 
ziehung auf ein Land nördlich vom Kaukasus finde ich in dem oben ange- 
führten jüdischen Jiibiläenbuche, dann bei Sa'adia, der dafür Türken setzt. 



vom 14. Februar 18.59. 205 

lickanntscliaft mit der einheimischen Renennnng, gebräuchlichen 
JSainen ihres westlichen Nachbarlandes G amir, der erst bei den spä- 
teren durch das griechische (von den Persern entlehnte) Ä'o///ya</o - 
kia verdrängt wird^'); auf dieselbe Quelle müssen die von den 
lliklärern bisher ganz übersehenen Glossen beim Syukellos 
(j). 49 Par.) Tctix-3 i^ cv Y>.o.TTT:c'(hcy.sq , und des Kephalion beim 
aruienischen Eusebios: Gimmeros = Kappadokia, zurückgehen. 
In der That erwartet man in der Nähe Armeniens Kappado- 
kien in der Tafel bezeichnet, ein durch Kilikien in leichter und 
naher Verbindung mit Syrien und Phönlkien stehendes Gebiet, 
weiches durch seine weiten Hochebenen am obern Halys mit 
den gesegneten Thallandschaften am Fufse des Argaeos und der 
alten Hauptstadt Mazaka"^) weit mehr als selbst das rauhe ge- 
birgige enge Weslarmenien von der Natur zum Sitze eines 
selbständigen Reichsgebietes bestimmt ist; dafs es in der That auch 
vor den achaemenidischen Fürsten als ein solches, wenn auch seit 
Alters unter a>syrischer Oberhoheit siebend, unter das medische 
und später von diesem an das persische Reich gekommen ist, 
dafür scheint seine selbständige Stellung in den officiellen Listen 
der Reichsländer in üareios Inschriften zu zeugen, wo es von 
allen kleinasialischen Ländern allein aufser Jauna und Sparda 
(lonien und Lydien) namentlich aufgeführt wird. Es mag also 
älteres politisches Übergewicht über die Nachbarländer in Osten 
und Westen und dadurch bedingtes früheres Bekanntwerden im 
seniilischen Süden, weit mehr als eine nur vorauszusetzende dem 
hebräischen oder phönlkl.schen Autor aber sicher nicht bekannte 
Stammverwandtschaft die Aufführung Gomer's in der ersten 

*') So wird regelmäfsig bei Faustus Byz. (III, 12, l6, 17, IV, 3, 4, 7) 
Kesaria Hauptstadt des Landes der Gamirkli genannt. Diese Identität von 
Gomer und dem aruienischen Gamir hatte ich ohne zu wissen, dafs sie be- 
reits vorlängst in einem freilich seiner abenteuerlichen Hypothesen wegen 
jetzt mit Recht so gut als vergessenen Buche von G. Wahl (Altes und neues 
Voiderasien I, 27'0 ausgesprochen ist, vorlängst erkannt (vgl. m. Bibelatlas, 
Berlin 1845) was ich bemerke, weil neuerdings P. Böttcher a. a. O. auf 
dieselbe Bemerkung gekommen ist. 

^'} Ihre Bedeutung in der einheimischen oder syrischen Überlieferun" 
über die ältere Zeit ist durch die Zurückführung ihresNamens auf einen dem 
ältesten armenischen Königshause angehörigen Fürsten J/j-'aÄ bei Mos. Chor, 
angedeutet, den Josephus irrig mit dem Mes'ekh der Genesis gleichsetzt. 



206 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Reihe der Japhetiden- Stämme und die Unterordnung der mög- 
licherweise erst später mit dem Südland In Verbindung getrete- 
nen Länder Togarmah und Askenaz veranlafst haben. Ja 
es wäre immerhin als in den Grenzen der Möglichkeit liegend zu- 
zugeben, dafs jenes anscheinende einstmalige politische Überge- 
wicht Kappadokiens eben der Periode der durch griechische 
Zeugnisse aus dem 8ten und 7ten Jahrb. bekannten Einfälle der 
Kimmerler im nördlichen Kleinasien angehörte, die eben so gut 
wie ein halbes Jahrtausend später die Galller und in der medi- 
schen Zeit die Saken und Matlaner hier einen dauernden Wohn- 
sitz erworben und auch nach dem Erlöschen ihrer nationalen 
Existenz dem Lande Ihren Namen In einer von der griechisaheii 
etwas abweichenden Form hinterlassen haben könnten. 

Den andern „Sohn Gomers", Askenaz nun gleichfalls im 
benachbarten Kleinasien zu suchen, darf die hislorlsche Erwäh- 
nung desselben (bei Jerem. 51. 27) als mit den Reichen Minni 
und Ararat am Kriege der Meder gegen Babel theilnehmeiid, 
wohl um so weniger hindern, als in jener Prophetle offenbar auf 
die Eroberung Babylons durch Kyros hingedeutet Ist, die Theil- 
nahme kleinasiatischer Hülfstruppen nach dem Falle LydIens also 
gar nichts befremdliches hat" ') und für die geographische Stel- 
lung aus jener Stelle, wegen der gänzlichen Ungewifsheit 
über das anap stprijunvoi' Minni nichts welter zu gewinnen 
ist. Die schon von Bochart gemachte Gleichung mit dem 
Namen der A skanie r ^''), als des in älterer Zelt bekanntesten 
Stammes im nördlichen Phrygien empfiehlt sich jedenfalls durch 
geographische Wahrscheinlichkeit, da ein aus uraller bis In die 
historische Zeit der Mermnaden-Könige selbständig erhaltenes 
durch kunstvolle Lidustrie berühmtes Reich wie Phrygien In un- 
mittelbarer Nachbarschaft und steter Verkehrsberührung mit dem 



*') Unter diesen Umständen mag die in der Kyropädie geradezu 
berichtete Führung phrygischer Truppen gegen Babylon immerhin zu 
dem mitbenutzten wirklich historischen Stoffe gehören. 

^*) Der u. a. von Tuch gemachte Einwurf des Mangels der Enduu;; 
von T3SBS in der griechischen Form ist von P. Böttcher a. a. O. durch Hin- 
weisung auf das im Armenischen bekannte adjectivbiidende Ableitungs- 
sufüx — az beseitigt. 



vom 14. Februar 1859. 207 

lyrischen Küstenlande zu Tyrus kaum unbekannt sein konnte. 
Für den Ausdruck des Gegensatzes zu den semitischen Nach- 
barn, den Lydern, ist bei diesen Bewohnern des innern Hoch- 
landes Kleinasiens auch auf die von den Alten übereinstimmend 
berichtete und durch Wörter und Mythen bestätigte enge Sprach- 
verwandtschaft zwischen Phrygien und Armenien mehr Gewicht 
zu legen, als ihr an sich betrachtet für die vorliegende Frage 
zukommen würde. 

Erkennen wir nun, die letzte Deutung als nicht unwahrschein- 
lich vorausgesetzt, in den vier bekannten Gliedern der ersten 
japhetischen Reihe 1, 3 und a, c: 

1 Gomer 2 Magog 3 Madai 

, ^ —^ ~- 

a. Askenai b. Riphath c. Togarmah 

ein zweimaliges Fortschreiten von W. nach O., so liegt es nahe 
die noch nicht bekannten Mittelglieder 2 und Ib auch als geo- 
graphisch e Mittelglieder zu fassen und ihnen danach ihren Platz 
auf der Karte anzuweisen. Unter dieser Voraussetzung würde 
die dem Namen Riphath in der Tafel angewiesene Stelle neben 
den bereits besetzten inneren Gebieten Kleinasiens so natürlich 
auf das nördliche Küstenland Paphlagonien passen, dafs man 
fast versucht ist, der durch keinerlei Analogie der Namen oder 
sonst bekannte historische Thatsachen veranlafsten, also wie man 
sclillefsen muls auf irgend einer bestimmten Meldung eines uns 
verlornen Autors beruhenden Aussage des Josephus: "Bnpu^Yfi 
Tc-l'i n.ctipXceyovccg tuy.iTsv einige wenn auch schwache Autorität 
beizulegen; sonst blieben in Kleinasien höchstens als anderwei- 
tig nicht bezeichnet die Gebiete am Nordfufse und innerhalb des 
Tauros (Pisidien, Lykaonien u. s. w.), die aber schwerlich als 
politisch hinreichend bedeutend und den Phönikern mehr als das 
nördliche Küstenland mit seinem alten Handelsmittelpunkte SI- 
f nope"*) bekannt gelten dürfen. 

I Sicherer möglich ist die Bestimmung des noch übrigen Na- 

mens Magög, für den die in Ezechlels Schilderung begründete 
ethnographische Bedeutung als skythisches Reitervolk seit Jose- 
,!; phus fast nicht angezweifelt worden ist, welcher aber auch eben- 



*^) Vgl. die Nachweisungen über dieses vonMovers, Phönizier I, 375. 
[1859.] l4 



208 Sitzung der philosophisch-hislnrischen Klasse 

sogiit wie flie übrigen Namen einen geographischen Platz 
beanspruchen darf und denselben nach jener einfachen Reihen- 
folge zwischen Armenien, als östlichstem Theile der gomeriti- 
schen Familie, und Medien verlangt. liier würde sich in der 
That ohne einen solchen ausfüllenden Namen ein plötzlicher 
Sprung finden, insofern das Hochgebirgsland der Kurden und 
die östlich daran grenzenden Hochebenen um den östlichen der 
beiden grofsen Seen (das hcuü^e. A z e r b a i g' d n) zwar unter den 
den spätem Perserkönigen und in der Folgezeit als Theil Me- 
diens angesehen und als älteste medische troberung schon frü- 
her mitunter politisch dazu gerechnet (in Herodotos im Pontos 
eingezogenen Berichten, IV, 44) doch nicht als ursprünglich oder 
ununterbrochen medisch es Land gelten darf, da es in der persi- 
schen Staatspraxis von Medien gesondert, als besondere Satrapie 
unter dem Namen M atiane mit Ararat verbunden war (oben 
p,203). Diese Matianer habe ich in einer früheren Untersuchung'^*) 
als skythische zwischen die arischen oder arisirlen Meder Kurden 
und Armenier eingedrängte Nomadenstämme nachgewiesen ; ihr 
Name lautete, wie die Vergleichung der herodotischen Satra- 
pienliste mit dem kürzeren Verzeichnisse in der Grabinschrift des 
Dareios lehrt, altpersisch Macija, welches selbst nur eine eth- 
nische Ableitung von dem aus Gedrosien und dem gegenüber- 
liegenden Arabien durch griechische Zeugnisse und die Inschrif- 
ten bekannten Volksnamen Maka zu sein scheint. Ich weifs 
nicht ob man in dieser einfacheren Form auch die Wurzel des 
semitischen vielleicht erst mit dem nur aus Ezechiel bekannten 
Namen Gog^'') combinirten Magög vermulhen darf; aber auch 
ohne diese vielleicht täuschende Analogie in den Namen bei 
Übereinstimmung in dem nomadischen Volk>charakter bleibt der 
Platz wohl unbestritten, welchen wir Magog seiner Stellung in 
der Reihe nach, in einem durch seine Nachbarschaft mit Assür 
nnA Ar phaks ad wohl noch früher als das entfernte Medien den 
Westsemiten bekannten Lande angewiesen haben. 

") M.matsber. 1857 p. 139. 

") Wenn nämlich wirklich Gog, w^orauf die Gogari (Plin. VI, 7.. 
Tui'^iii.fm Strab. XI, 528. armen Gugarkh Mos. Chor. II, 8.) zwischen 
Armenien und Iberien vielleicht führen dürften, mit Bunsen u.a. als Volks- 
name anzuerkennen sein sollte. 



vom 14. Februar 1859. 209 

Die öfters angeführte Prophetie des Ezechiel über die zum 
Einbruch g<*geri das Land Israels hin aus dem entfernten Nor- 
den herbeigerufenen Völker, als deren historische Veranlassung 
man wohl mit Recht den grofsen Skythenzug nach Palästina um 
6'iO V. C. angesehen hat, zeigt uns, gegenüber der Völkertafel, 
nicht allein eine räumlich erweiterte, sondern auch in Bezug 
auf die Lage genauere Kenntnifs der nördlichen Völker. Jene 
in der Nennung des in der Tafel übergangenen unbekannten 
Namens lids'^^), diese in der Zusammenstellung mit zwei an- 
dern, in der Tafel an anderer Stelle stehendenVölkernamen : Tu- 
bal und Mesekh {^loroy^ der LXX.) an deren Identität mit 
den TIbarenern (Ttßctoot nach Hekat.) und Moschern der Grie- 
chen"') wohl kein Zweifel mehr besteht; entscheidend scheint 
aufser der Analogie der Namen besonders die Angabe des Pro- 
pheten über den Verkauf von Kupferwaaren und Sklaven an die 
Tyrier, noch heut zwei Hauptausfuhrartikeln der pontischen und 
kaukasischen Bergvölker. Dieser Lage entspricht nun auch die 
Stellung in der Mesekh und Tübal bei Ezechiel (38.2.3. und 
39.1.) als Unterthanen des Königs von Magög erscheinen'"): 
es wird eine Zeit bezeichnet, in der aufser Ararat, welches noch 
unter den Persern mit den Matianern (Mag-og) verbunden er- 
scheint, auch die noch nördlicheren Gegenden bis zum Kauka-» 
sus, der äufsersten Nordgrenze südsemitischer Erdkenntnifs, dem- 
selben Barbarenreiche angehörig gelten; ebenso schliefst sieb 
Ezech. 27. 13, an Tubal und Mesekh unmittelbar Togarmah 
an. Dafs nun diese geographische Nähe, wie wir sie um 
600 V. Chr. bei dem Propheten angedeutet finden, dem Verfas»- 
ser von Gen. X. noch nicht bekannt war, beweist klar die ReL- 



^') Den eben ans dieser Stelle die Araber als achten Sohn Jafel's 
I {_y^\ in die alte Genealogie eingeschmuggelt haben. 

; ") Meskliclhi als einheimischer Landesname am obern Kur, Va- 

khouscht Descr. de la Georgie \\.5i. 71. 75. — Ob auch identisch mit dem 
3/ai/(u//i- Volke der armeuischen Quellen ist aus sprachlichen Gründen 
nocli zweifelliaft. 

^") Auf die Verbindung mit Gomer und Togarmah (3S. 6.) ist 
\n dieser Stelle wohl deshalb kein Gewicht zu legen, weil im vorangehen- 
den Verse auch Völker vom äufserslen damals bekannten Südrand der 
Erde: Pdras, JSTüi', Pii/ genannt werden. 

l4» 



210 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

henfolge der Namen in der Tafel, worin jene bei den Propheten 
wiederholt zusammengestellten Nachbarländer die 2te, 5te und 
6te Stelle einnehmen und durch ganz entfernte Erdstriche wie 
Madai und Javan von einander getrennt werden. — Der geo- 
graphische Grund dieser abweichenden Reihenfolge liegt offen- 
bar darin, dafs die 6 ersten Namen von Gomer bis Madai durch 
die von uns als wahrscheinlichste angenommene Deutung sich 
sämmllich als Binnenländern angehörig erwiesen haben, wäh- 
rend Mesekh und Tubal ebenso gut wie Javan Küstenländer 
sind. Auch wenn man die weniger sicher durch Phrygien und 
Paphlagonlen gedeuteten Länder Askenaz und Rtphalh bis 
zur Nordküste der Halbinsel reichen läfst^'), so mufsle doch, 
selbst abgesehen von möglicher alter politischer Zusammengehö- 
rigkeit mit dem Lande Gomer, der Umstand dafs jene Länder 
dem Handel und Verkehre des Südens früher auf dem Landwege 
durch Kleinasien bekannt geworden waren, für ihre Stellung in 
der Erdkarte entscheidend sein, während die rauhen schwer zu- 
gänglichen gegen das Binnenland hin noch heutiges Tages so 
scharf abgeschlossenen Gebirgsländer der Tibarener und Moscher 
in ältester Zeit kaum anders als von der Seeseite her und auch 
hier nur wegen der Kostbarkeit ihrer Produkte, des reichen Ku- 
pferertrages und der schönen Sklavinnen, aufgesucht und in Ty- 
rus bekannt wurden. Mit dieser oberflächlichen Kunde konnte 
aber nicht sofort eine Kenntnifs ihrer wirklichen Lage verbun- 
den sein; bis genauer verzeichnete Periplen oder Verkehr zu 
Lande über Armenien die Gewifsheit der im Verhältnifs zu Ja- 
van ÖS tlicheren Lage jener Länder verschaffte'^), lag es nahe 
sie nur als jenseit Javan's, an dessen Küsten der Seeweg zu 
ihnen vorbeiführte, also im fernen Nordwesten gelegen zu 



^') Namentlich vv^ürde diese Annahme gefordert, wenn man nach 
Bocharts scharfsinniger Vermuthung den wegen der Umwandlung in Eü- 
^ervo? sicher nicht ursprünglich griechischen Namen des Ilo'vro? ' hziioq als 
eine Umdeutung einer vürauszusetzenden phönikischen Benennung „Meer 
vonAskenaz", nach dem Volke welches in alter Zeit die Zugänge zu 
demselben inne hatte, gelten läfst, 

^^) Hätte dieser Verkehr einer älteren Zeit angehört, so würden 
wir in Gen. X. Tubal uud Mes'^ekh wohl nicht als Hauptabtheilungen Ja- 
phet's, sondern etwa als Söhne Gomer's oder Togarmah's finden. 



vorn 14. Februar 1859. 211 

denken. Dafs die Schiffahrt von Phönikien aus zu den Küsten 
Grlethenlands westlich, durch das Inselmeer aufwärts aber im 
all|:5;einelt)en nördlich führte, konnte in Tyrus leicht bekannt 
sein; über die Richlimg der Fahrt durch die weiter folgenden 
iMeerestheile mochte es an genaueren Nachweisen fehlen, dafs 
aber im Alterthum selbst griechische Kunde auch noch bis in 
späte sonst besser uiilerricbtete Zeit im allgemeinen mehr die 
nördliche, als die wirklich nordöstlich gehende Richtung 
der Linie durch Hellespontos Propontis und Bosporos ins Auge 
fjfste, lehrt ein Blick auf die Ptolemäische Karle. So konnte 
(Iniin leicht das unvollkommen erkundete grofse nördliche Mee- 
re>becken, an dessen fernsten Küsten die Völker Tubal und 
iMfsekh wohnten, in Tyrus als ein in nördlicher oder gar nord- 
^^esllicher Richtung jeiiseit Javans sich fortsetzendes angesehen und 
in diesem Sinne der Krdkarte eingefügt werden : derselben An- 
schauung fügen sich nicht nur Erwähnungen, wie bei Ezech. 27. 13 
Jiwan, Tübal und Mesekh, und bei Pseudo Jes. 66. 19. Tarsts-, 
Pill, Lud und die Bogenschützen, Tdbnl, Javan und die enlfern- 
/tn Inseln, unter lauter Gegenden des fernen Westens, — sondern 
diese Vorstellung hat auch offenbar bei den späteien Juden und 
Cliristen nachgewirkt in den trklärungen der in der Folge unver- 
slindlich gewordenen Namen der ponlischen Völker durch die 
inzwischen in weiterem Umfange erkundeten Länder desW'estens: 
so bei Synkellos durch Thessalien und Illyrien, im Jiibiläenbuche 
durch Italien und Spanien, während HIeronymus Tubal für das 
westliche Iberien nimmt, — lauter Nothbehelfc der Unwissen- 
heit, durch die Knobel's auf dieselben Westländer hinausge- 
hende Hypothese um nichts wahrscheinlicher gemacht wird. 

Den wirklichen Umkreis der beginnenden phönlkischen 
Kinide von den fernen Westländern bezeichnen, wie längst an- 
erkannt worden Ist, die vier „Söhne Javan's". Noch keineswegs 
anerkannt aber ist, was uns doch in diesem besonderen Falle das 
Zetignifs des in Rede kommenden Volkes selbst, der Griechen, 
so sehr erleichtert, die Unhalibarkeit der unserem Document 
untergelegten ethnographischen Tendenz. Sollten die Ja- 
vansöhne Elisuh, Tarsis, Kiltim, R{^D)nd ani m wirklich, 
wie selbst Knobel und Bunsen noch annehmen, den Griechen 
ve rwandte Völker oder gar direkte hellenische Colonien bezeich- 



212 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

nen, dann freilich dürfte man Josephus nur auf scheinbarer Laiit- 
ähnlichkeil beruhende Identificationen gellen lassen, wie 'EXit« 
= AfoAsT? und Qa^nlg = Titaro?. Dals letztere Conjectur, nur 
unsicher bezeugten alten griechischen Niederlassungen zu liebe 
von ßunsen wieder aufgenommen, sogar etymologisch gar keinen 
Grund habe, hat bereits vor zwanzig Jahren Tuch aus der ab- 
weichenden Schreibung des Namens in den phönikischen Münz- 
legenden (T"iri gegen tt3"'ü-in) nachgewiesen. 

In der That kann Tarsis an dieser Stelle nichts anderes 
bedeuten als in allen übrigen ziemlich derselben Zeit angehöri- 
gen historischen Erwähnungen des A. T. : das bereits seit dem 
Uten Jahrb., der Zeit der Gründung von Gadir, mit Tyrus ia 
lebhaftem Handelsverkehr stehende, seiner reichen Silbergruben 
wegen aufgesuchte und im fernen Orient bald berühmt gewor- 
dene äufserste Westland, dessen einheimischer Name Turde- 
tania der auch durch das griechische Tw^riicrTo? bezeugten phö- 
nikischen Form Tartis so ähnlich ist, dals diese wohl mit 
Recht als blofse Semiiisirung, nicht selbständig semitische Na- 
menbildung angesehen worden ist; eine Bemerkung, wodurch die 
Vermuthung einer ursprünglichen Beziehung des Namens auf 
näher gelegene östlichere Länder (z. l>. Sicilien oder Nord- 
Africa, woran schon unter den Alten Hieronymus und Theodo- 
retus gedacht haben) und einer späteren Verrückung nach dem 
Westen abgeschnitten wird. 

Kittim = Kypros ist die zweite in ihrer Bedeutung durch 
andere Stellen des A. T., so wie durch Zeugnifs griechischer 
Auetoren (unter denen das des gebornen Kypriers Epiphanios an 
der Spitze) und der phönikischen Inschriften und Münzen ge- ■ 
sicherte Identität; dafs nun jener Name, obwohl der vorder^ten, 
den Küsten Syriens zunächstgelegenen , also auch früher oder 
doch eben so früh wie das eigentliche Hellas besuchten Insel 
des Westmeeres nicht als besonderes Hauptglied, sondern als 
Theil des ferneren Javan erscheint: statt dafs man nach allen 
Analogien eine Übertragung des Kittier- Namens selbst auf die 
westlicheren Inseln und Küsten erwarten dürfte''), diefs kann 

^ ^) Doch konnte immer speciell aram äisch er Sprachgebrauch eine 
solche IJbertragung gekannt haben, nach der klaren Beziehung von Kittim 
auf ganz Griechenland im Daniel und Makkabäerbuche zu scliliefsen. 



vom 14. Februar 1859. 213 

wolil nur durch eine frühere, der Schlffahrtsverbindung voran- 
giliende, also wohl auf dem Landwege, durch semitische Klein- 
;i^i;ilen (Karer und Lyder) vermittelte Kenntnifs des bekanntlich 
im Gebrauche aller Asiaten die ganze Nation umfassenden lo- 
iiiernaniens erklärt werden. 

Wenn die den Propheten geläufige Nennung von Inseln 
der Kittim in der Mehrzahl (D'^ns ''"'N Jerem. 2. 10., Üzech. 
'J7. 6 ) nicht blofs poetische Reilewelse ist, so kann damit nur 
dasselbe gemeint sein, was Epiphanios durch die Erklärung von 
Xs^'tsiiJL als KvTTciot HUI Pobioi andeutet, während damit überein- 
stluiniend die LXX Pobiot für das vierte Javangebiet lioda- 
tiirn^'*) setzen: Rhodos als der Name der für phönikische 
Schiffahrt zunächstgelegenen Hauplinsel steht hier offenbar zur 
Bezeichnung der Inseln des aegäischen Meeres im allgemeinen, 
wie in derselben Bedeutung KIttim bei den Propheten und in 
der von Josephus benutzten, den 4ten Javanssohn ganz auslas- 
senden Redaclion der Genesis. Damit wird der Name Javan 
in seiner besonderen Bedeutung auf das Festland beschränkt, 
aber nicht, oder doch nicht allein, wie der nationale Gebrauch mit 
'iwcm lliat, auf das asiatische ^*), welches dem Phönlker wegen 
seiner geographischen Isolirung weit natürlicher blofs als Küste von 
Liiii erschienen wäre, sondern vielmehr auf das vor der homeri- 
schen Zeit den Phöiiikern bereits so wohl bekannte europäi- 
sche. Es ist diels nothig zu bemerken, da man letzteres, oder 
wem es auf schärfere geographische Unterscheidung ankam, we- 
nigstens die Peloponnesos mit ziemlich allgemeiner Überein- 
stimmung, entweder an den Namen 'H?./? oder viel ungeschickter 
an 'E/.Ä«? oder AloXlg sich anlehnend, in dem allein noch übri- 
gen ersten Lande Javan's Etisah, und eine Stütze dafür in dem 
angeblichen Vorkommen des bekannten lakonischen Purpur's bei 



'*) Die masoretische Lesart Dodanim mufs diesem natürlichen Zu- 
sammenhange gegenüber zurückstehen; die Erklärungen dafür sind alle 
gleich schlecht, von le Clerc's Dodona bis auf dieDardaner, welche 
Gesenius, Kiiubel, Bunsen als angeblichen nordgriechischen Stauiui haben 
unterschieben wollen. 

") Wie diejenigen meinen, welche wie Bunsen E. Cuitius' un- 
glückliche Hypothese von ursprünglicher ionischer Heinialh in Kleinasieu 
als erwiesen annehmen. 



214 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Ezech. 27. 7. hat finden wollen. Dem gegenüber Ist bereits von 
Michaelis erinnert worden, dafs in dieser Stelle gar nicht 
von dem Färbemalerial, sondern von pnrpurgefärbten Stoffen 
die Rede ist, welche von den Inseln Elis'ah nach Tyros einge- 
führt werden, deren Fabricalion also bei der Leichtigkeit des 
Transports der Farbe sehr wohl auch in andern Küstenländern 
des Mittelmeeres angenommen werden darf'*). Da nun die 
drei übrigen Javanssöhne Im Gegensalze zu der ethnographi- 
schen Auffassung der Neueren sich als ph ö n Iki s c h e Colonieländer 
ausgewiesen haben — Tartessus dauernd, Kypros Rhodos und 
die Nachbarinseln wenigstens vor und neben der griechischen 
Besitznahme — so Hegt es nahe in Elisa gleichfalls ein Ge- 
biet phönikischer Ansiedelung zu suchen, und wenn die Ver- 
bindung der vier Namen durch die Copula zu zwei Gruppen Im 
Texte der Genesis (csi"!"] cro lüi^önm nTli"'-«) überhaupt einen 
Sinn hat'^), so darf man dem zweiten Paare der benachbarten 
Ost liehen Gebiete Kypros und Rhodos, ein anderes geographisch 
verbundenes Paar gegenübergestellt, also neben dem westlichsten 
Tarsis ein näheres Küstenland westlich von Javan als Eli- 
stih genannt erwarten. Nun mufste es allerdings befremden, neben 
weniger bedeutenden Punkten phönikischer Ansiedelung die von 
diesem Volk von alter Zeit her besuchten und besiedelten beiden 
grofsen Inseln Kreta und Sicilien gänzlich übergangen zu 
finden; in den nur allgemein ohne Namensbezeichnung angefüg- 
ten „Inseln der Heiden" ^^) für die überdiefs noch manche an- 



") Auf den Ausdruck des Propheten na'Vs '^•'S lege ich darum kein 
Gewicht, weil die Beschränkung der Bedeutung von -s auf den Begriff In- 
sel wenigstens durch die zwei jesajanischen Stellen (die übrigen angeführ- 
ten scheinen nicht entscheidend) aufgehoben wird; dann weil auch die 
Peloponnesos, wie schon im griechischen Namen, wohl als Insel bezeich- 
net werden durfte. 

") Diefs hat von allen Erklärern m. W. nur Knobel behauptet, 
aber der Sinn welchen er unterschiebt: die Bezeichnung zweier grofsen 
ethnographischen Gruppen (Aeoler und Tyrsener als angeblich pelasgi- 
scher. Karer und Dardaner als sogenannter lelegischer Stämme !) niuthet 
dem hebräischen Aufzeichner künstliche Theorien zu, die weder ihm noch 
irgend einem Alten auch nur im Traume eingefallen wären. 

") v. 5. ö-'ijn i^N, wo das fiV.N'a natürlich nicht, wie noch Knobel 



vom 14. Ffbrunr 1859. 215 

dere Inseln und bei erster Bekanntschaft ihnen gleich gerech- 
nete Halbinseln oder Kiistenslrecken der italischen Meere zur 
Verfügung stehen, kann aber wenigstens eine derselben nicht 
einbegriffen sein. Denn Kreta, dessen Bekanntschaft freilich 
neben Rhodos selbstverständlich vorausgesetzt werden mufs, fin- 
den wir in der That in der Tafel als Knphtor^'*) — aller- 
dings nicht als javanitisches oder überhaupt japhetisches, sondern 
als h'a m i t i sc h es, speziell zu Aegyplen (/l//.jra/m) gerechnetes 
Land. Darf diese abweichende Stellung in der Reihenfolge der 
Länder um so mehr befremden, als sich für eine Verbindung mit 
Aegyplen für jene Zeit keine historischen Gründe nachweisen 
lassen, so erklärt sie sich doch befriedigend durch eine geogra- 
phische Betrachtung. Verfolgen wir nämlich nach Anleitung der 
historisch überlieferten oder durch ihre Namen klar erwiesenen 
Kiistenorle phönikischen Ursprungs die wahrscheinlichen Rich- 
tungen der Seefdirten jenes merkwürdigen Volkes, so zeigen sie 
uns keinerlei Berührung mit dem östlichen Theile des nordafri- 
caniscben Gestades: nicht nur die öde Syrtenküste war in älte- 
rer Zeit eine wegen ihrer Gefahren geflohene, auch im kyrenäi- 
schen Hochlande läfst manches auf frühere Verbindung mit 
Aegypten, nichts auf phönikische Gründimgen schliefsen und in 
der That bot die Sterilität der ganzen Küste bis zum Nil hin 
nichts für ein Handelsvolk anziehendes. Dagegen mufste von 
Kypros als der ersten Station inmitten des Meeresbeckens die 
gewöhnliche Fahrt gen Westen sich an die auf Rhodos, Thera, 
Melos, Kythera und anderen Inseln, ja selbst auf einzelnen Kü- 
stenpimklen des Festlandes (Tyros in Lakonika, Megara) wohl- 
bezeugten Niederlassungen anknüpfen. Die diesem vielbesuch- 
ten Meereslheile südlich vorliegende grofse Insel Kreta selbst 
bietet mit ihrer reicher entwickelten städtevollen Nordseile weit 



meint, wegen der Analogie mit v. 20. und 31. auf alle Japhetiten, sondern 
nur auf die -it« -'.z bezogen werden darf, da es auch bei gering angesclda- 
gener Erdkenntnifs dem Verf. kaum einfallen konnte, Insel- oder Kiisten- 
bewohner z. B. von Medien oder Armenien herzuleiten. 

'^) Was nach früheren Andeutungen am vollständigsten wold durch 
Ewald (Gesch. Isr. I. 350) erwiesen ist Cappadocia bei Hieron. ist eine 
schlechte Etymologie, mit Unrecht von P. Böttcher wieder aufgenommen. 



216 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

mehr Beziehungen für Sclilffahrtsverkehr als an der überwiegend 
steilen felsigen, weniger fruchtbaren und angebauten Südseite; 
vollends von dieser Siidkiiste zur gegenüberliegenden Nordküsle 
Africa's hin das Meer zu durchschneiden war für die Phönikier 
gar keine Veranlassung. Blieb also dieser iMeerestheil ganz un- 
erforscht und seine wirkliche Breitenerstreckung unbekannt, so 
lag es für die phönikische Erdkunde nahe, die bei den regel- 
mälsigen Westfahrten zur L i nke n oder sü dlic h bleibende grofse 
Insel, welche sie Kaphtor benannten, im Gegensatz zu den 
nördlichen griechischen Inseln und Küsten dem südlichen Erd- 
giirtel, dem Anlheile H'^am^s und speclell demjenigen Thelle 
desselben, in dessen Nähe es der erste rohe Versuch einer Erd- 
karte bringen mufste, zuzurechnen'*"). 

Von den Küsten von Hellas an können aber die kanaani- 
tischen Schiffer unmöglich das ganze mittlere und westliche 
Becken des Mittelmeeres bis nach Spanien hin durchschnitten 
haben, ohne die zwischen denselben so bestimmt trennenden 
Küstenvorsprünge in Norden und Süden zu treffen: der Verkehr 
in Tartessus setzt nolbv> endig die Kciinlnils Siciliens und 
der Nordwestküste von Africa voraus. Letztere konnte in der 
phönikiächen Erdkunde nur zur südlichen Zone, zu //'am ge- 
reehnet werden , sie wird durch den Namen von tl'am's Sohn 
Püt mit bezeichnet: wenn auch der Ursprung dieses Landes- 
oder zunächst Volksnamens in unmittelbarer Nähe Aegyptens zu 
suchen ist*'), mufs er doch beim Fortgange der Entdeckung, 
ebensogut wie Javan und Küs"^, um nur das nächstliegende zu 
erwähnen, auf das Westland ausgedehnt worden sein. Dafs aber 
ungeachtet dieser Ausdehnung den» Hamiten Put keine weitere Ge- 
nealogie gegeben wird, ist wohl als ein Beweis für die damals erst 



'") Die bei dem Autor von Gen. X. vorauszusetzende ungefähre An- 
schauung dieser Orlsveihältnisse, einschliefslich der Aullösung des ganzen 
iibernieeiischen Westens in vereinzelte oder in Gruppen zusaninienliegende 
Inseln habe ich gewagt in der beigefügten Kartenskizze zu verdeutlichen. 

*') Insofern der Name PT von den Aegyptern selbst zur Bezeich- 
nung ihrer westlichen libyschen Nachbarn gebraucht, als P autija zu den 
Persern überging und das damit bezeichnete dem Dareios unterworfenen 
Lande doch schwerlich weiter westlich als das Kyrenäische Gebiet ge- 
reicht haben kann. 



vom 14. Februar 1859. '217 

bejrinnende, noch nicht durch zahlreiche Niederlassungen begrün- 
dete Bekanntschaft mit diesem Wesllande anzusehen. 

Darf demnach Elisah nicht, wie Schiillhefs wollte (wohl 
nur wegen des Vorkommens des Namens in der Griindungssage 
der tvrisclien Colonie) von Karthago verslanden werden, so 
bleibt geographisch betrachtet als natürlichste Deutung das sonst 
ganz vergessene Sicilien übrig, so dafs die ganz vereinzelt 
stehende von Synkellos aufbewahrte Nachricht: 'E/.jtt« o« "^iy.t- 
?.ot wohl ebefisogut wie seine bewährt gefundenen Meldungen über 
Gomer und Thorgoma auf eine zufällig benutzte gute alle Quelle 
zurückgehen mag. 

So bleibt uns nach Unlerbrlngung der Geschlechter Javans 
in den sparsam erst vom Lichte des Orients erhellten Geslade- 
ländern des europäischen Westens nur ein japhelisches Gebiet 
übrig: das an den Schlufs der ganzen Reihe, hinter Tubal und 
Me!.''ekh gestellte (c—n^ /.sycixsvci- Tiras. Der in der alten Krd- 
anschauung vorausgesetzten Reihenfolge nach müfste man ein 
Küstenland und zwar ein fernes nordwestliches, besser wohl 
noch nördliches Land erwarten; denn ein Küstenland im We- 
sten würde, nicht anders wie Tars**!«", Javan untergeordnet wor- 
den sein. Von den durch die bisher wahrscheinlich gemachten Schif- 
fahrtslinien der Phönikier noihwendig berührten Ländern finden 
wir nur die Nordküslen des aegaeischen Meeres bis zum Zu- 
gange zu Tubal und Mes'^ekh, dem ßosporos, noch nicht be- 
stimmt bezeichnet, also Thrakien, welches kaum ganz unter dem 
tarnen Javan milbegriffen gedacht werden kann nnd das sämmt- 
liche allen Interpreten aufser dem Jubüäenbuche unter Tiras 
verstehen. Gegen diese vielleicht auch nur auf dem Namen be- 
ruhende Gleichung ist der Mangel eines dem / des hehr. Na- 
mens entsprechemlen Vocals in der griechischen Form von Tuch 
geltend gemacht, der Name aber den er selbst, übrigens für die- 
selbe geographische Beziehung, in Vorschlag bringt: T\j3Tr,i>oi 
bietet, selbst wenn man seine historische IJedeutimg für das 
aegaeische Meer gellen lassen will^''), in seinem kurzen in den 



* ') An die italischen Tyrsener hat von den Alten nur der Verf. des 
Jubiläenbuches gedacht, während von den Neueren knobel sie mit dem 
Javanilen Tars'is zusammenbrinffen will. 



218 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

italischen Sprachen meist durch ii ersetzten Stammvocal * ') die- 
selbe Schwierigkeit, welche auch die von Schuithefs und Häver- 
nick angegebene Vergleichung mit Tvocig nicht ganz beseitigt. 
Könnte die Übertragung des letztgenannten Flufsnamens etwa wegen 
eines daran gelegenen Emporions auf die angrenzenden pontiscben 
Küstenländer im Munde der Phönikier wahrscheinlich gemacht wer- 
den, so wäre geographisch gegen diese Vermuthung am wenig- 
sten zu erinnern, da wir nach der Ordnung der Aufzählung hin- 
ter Tubal und Mesekh am Schlufse der ganzen Reihe eher ein 
noch entfernteres Küstenland des Ponto» erwarten würden, 
als die thrakische Küste welche natürlicher zwischen Javan und 
Tubal ihren Platz gefcmden haben würde. Auf die Einreibung 
von Tiras in die genealogische Reihe zwischen Gomer und Tor- 
gom (Togarmah) in der oben (p. 2Ü2.) angeführten Version der 
syrisch -armenischen Überlieferung bei Moses Chor, möchte ich 
weniger Gewicht legen, da sie der Anordnung der Genesis gänz- 
lich widersprechend Tiras zu einem Binneniande machen würde, 
und sehr den Anschein hat, nur wegen der Nachbarschaft des 
Moscher-Namens, dessen geographische Bedeutung den armeni- 
schen Nachbarn sehr wohl bekannt war, eingeschwärzt zu sein. 
Ich mufs mich demnach bescheiden mit den kritischeren unter 
nieinen Vorgängern die bestimmte Lage des Landes Tiras 
so lange für zweifelhaft anzusehen, bis etwa aus assyrischen Denk- 
mälern oder sonst noch unbekannten Quellen ein eine passen- 
dere Vergleichung gestattender Landesnamen aufgefunden wird. 

Das gewonnene Resultat scheint aber auch so schon voll- 
kommen zu genügen zu dem Erweise 

1) dafs die Abfassung der Tafel jedenfalls in die Zeit vor 
Ezechiel, wahrscheinlich vor die Gründung zahlreicher phöniki- 
scher Colonien in Nordafrica gehöre; 

2) dafs für die Aufzählung der Tafel sowohl in den Haupt- 
ais in den Unterabtheilungen wesentlich die geographische 
Reihefolge, aller Wahrscheinlichkeit nach im Anschlufse an eine 
rohe bildliche Darstellung des Erdkreises malsgebend gewesen ist; 



*^) Turske (unibr.) Etiusci, Tusci; vielleicht auch durch a, wenn 
Tiifxuiv, Taiquiuii,Tarraco, Tarracina wirklich auf dieselbe Wurzel zurück- 
zuführen sind. 



vom 14. Februar 1859. 219 

3) dafs insbesondere die Aufzählung der Japbetischen Län- 
der dieser vorauszusetzenden geographisclien Quelle entsprechend 
deutlich eine doppelte Reihe, zunächst eine binnenländische (öst- 
liche), dann eine küstenländische (westliche und zugleich nörd- 
lichere) erkennen läfst; 

4) dafs mit dieser Erkenntnifs alle ausschweifenden Ver- 
muthungen früherer Erklärer*^) über Beziehungen der vorder- 
sten Namen (Gomer, As^kenaz, RIphatb, Magog) auf die Völker 
des fernen Nordlandes namentlich Europa's abgeschnitten, so- 
mit auch die Grenzen phönilclschen Wissens in der älteren Zeit 
von dem Norden der Erde, selbst bei Zulassung des vielleicht 
in dem letzten Namen angedeulelen sehr unsicheren Bli(kes 
auf die Nordküste des Pontos, auf ein bescheideneres Mafs 
zurückgeführt werden. Bleibt auch den Phönlklern der Ruhm, 
in den westlichen Küstenländern Europas und Africas den Grie- 
chen als Entdecker und Erforscher weit vorgeleuchtet zu haben, 
ja an den atlantischen Küsten von den begünstigleren Nachfol- 
gern nicht entfernt erreicht worden zu sein, so darf anderseits 
den Griechen die zuerst die Nordküsten des Pontos erforscht 
und besiedelt haben, das Verdienst von dort aus die Kunde der 
osteuropäischen und nordasiatischen Völkerwelt der Wissenschaft 
erschlossen zu haben, auf keine Welse geschmälert werden. 

Welche Wahrscheinlichkeit endlich dem von besonnerer 
Kritik von jeher geforderten, hier wie ich glaube bestimmter 
durchgeführten geographischen Principe der Anordnung ge- 
genüber, die von den neuesten Erklärern K nobel und Ban- 
sen (In seinem Bibelwerke) wieder dem alten Verfasser unter- 
gelegte ethnographische Kenntnifs für sich habe: welches 
Zutrauen namentlich eine Interpretation verdiene, wonach die 
noch keineswegs so sicher begründete neueste Ansicht einiger 
Sprachforscher über die ursprüngliche wurzeMiafte Einheit ag- 
glutlnlrender turaniscber und flectirender indogermanischer Spra- 
chen in der den Angaben der Genesis imputirten Stammver- 



") Nur der alte Bochart ist mit seinen Deutungen, freilich aus 
einem andern aber sehr vernünftigen Grunde: der auf dem Glauben an Mo- 
ses als Verfasser beruheuden Voraussetzung einer sehr eingeschränkten 
Erdkunde, auf dem von mir umschriebenen engeren Gebiete geblieben. 



220 Gesamrntsitzung vom 17. Februar 1859. 

wandtschaft der Japhetiten wiedergefunden und die Reihefolge der- 
selben durch Riicksiclitnahme auf jene beiden Spraclifamiiien erklärt 
wird — (Gomer und Javan sollen nacli B. die europäischen nördlichen 
und südlichen Indogermanen , das sonst allgemein für skythisch 
genommene Magog nebst Madai die asiatischen Arier, die drei 
letzten Namen aber, von denen Tiras kühn genug auf die Taur- 
■vasa der in<li»chen Quellen, angeblich die Türken, bezogen wird, 
die Turanier bezeichnen) — diefs zu ermessen mag füglich dem 
Urtheil des Lesers überlassen bleiben. 



17. Februar. Gesaratntsitzung der Akademie. 

Hr. Bu Feh mann las über feine fy ftema tifch e Wort- 
tafel des athapaskifchen Sprachftamms und legte die 
Worttafel vor. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Nolice of the Proceedings of the Royal InstUalion of Great Britain 

Part Vlll. London 1858. 8. 
Gelehrte Denkschriften der Universität Kasan. Jahrgang 1858. Kasan 

1858. 8. 

Sammlung gelehrter Aufsätze der Universität Kasan. Band 1. Kasan 
185b. 8. 

Journal für Mathematik. Band 56, Heft 2. Berlin 1859. h. 

Lamont, Untersuchungen über Richtung und Stärke des Erdmagnetis- 
mus. München IS58. 4. 

Voigtländer, Akademiker Prof. Petzval in fP'ien. Braunschweig 

1859. 8. 

Comptes rendus de T Academie des scicnces. Tome 47, no. 23 — 26. 
Tome 48, no. 1—4. Paris 1859. 4. 



Überdiefs waren Empfangs-Anzeigen über die beiden neue- 
sten und letzten Sternkarten hora und IX von Hrn. d' Ar- 
rest zu Copenhagen, d. d. 9. Febr., und von Hrn. Lichten- 



Gesammlsitzung vom 24. Februar 1859. 221 

berg zu Neuiikirchen bei Saarbrücken, d. d. 10. Febr., einge- 
gangen. Ferner über die Monatsberichte von 1858 von der K. 
Societät der Wissenschaften zu Göttingen, d. d. 12. Febr., 
und über die zugesandten Abhandlungen und Monatsberichte 
von der Kaiserlich Russischen Universität zu Kasan, d. d. 
12. Aug. 1858, 

Folgende von der Akademie beschlossene gröfsere Unter- 
stützungen für wissenschaftliche Zwecke waren durch Rescripte 
des vorgeordiielen K. Ministeriums genehmigt worden: 

1. 150 Rthlr. zum 5ten Bande von Leibnizens mathematischen 
Schriften für Hrn. Prof. Gerhardt in Fisleben. 

2. Erhöhung der zum 2ten Bande von Hrn. Dr. Förste- 
manns alldeutschen Namcnbuche früher bewilligten Summe 
auf 200 Rthlr. 

3. 600 Rthlr. für die neuen Schriften der akademischen Drucke- 
rei zum Drucke des Corpus inscriptionum latinarum. 



24. Februar. Gesammlsitzung der Akademie. 

Hr. Riedel las über die Bestrebungen der Bran- 
denburgischen Kurfürsten zur Erlangung der Ko- 
ni e s w ü r d e. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Transactions of ihe Cambridge Plülosophical Society. Vol. X, Part 1. 

Cambridge 1858. 4. 
Mdmoires de la socie'le de physique de Geneve. Tome XIV, 2. Geneve 

1S5S. 4. 
Acta Academiae Naturae Curiosorum. Vol. XXVI, Pars II. Bonnae 

185S. 4. 
Ilistoria diplomatica Friderici II. Preface et introduction. Paris 1859. 4. 
W&W, Palaeontology of New-York. Vol. I. Albany 1847. 4. 
S tu der, Eröffnungsrede der 43. Versammlung schweizerischer Natur- 
forscher. Bern 1858. 8. 
Astronomische Nachrichten. Band 49. Altona 1859- 4. 



222 Sitzung der physikalisch-malhematischen Klasse 

Überdiefs waren eingegangen : 

1. Ein Dankschreiben der Sociele de pbysique et d'hlstolre na- 
tureile de Geiieve, d. d. Genf 20. Nov. 1858, für den Em- 
pfang der Abhan(]lungen der Akademie von 1856 und 1857, 
so wie für die Monatsberichte von Januar bis August 1857 
und vom Sept. 1857 bis Juni 1858. 

2. Ein gleiches des Hrn. Prof. Heis in Münster für die Stern- 
karten hora und IX, d. d. 18. Febr. c. 



28. Febr. Sitzung der physikalisch-mathe- 
matischen Klasse. 

Hr. Peters las eine Abhandlung: „Neue Beiträge zur 
Kenntnifs der C h irop ter en", aus welcher hier ein kurzer 
Auszug folgt. 

1, Rhinopoma Geoffroy. 

Es wurde von dieser Gattung bemerkt, dafs ihr die Spornen 
nicht fehlen, wie man angegeben hat, sondern dafs dieselben nur 
knorpelig sind, und dafs sie durch die Entwicklung ihrer Extre- 
mitäten, namentlich durch die Gestalt ihrer Füfse und durch das 
Vorhandensein von zwei knöchernen Fingergliedern am zweiten 
Vorderfinger, so wie durch die Bildung ihrer Zwischenkiefer sich 
unter allen Flederthieren mit spitzhöckerigen Backzähnen am 
nächsten den Piempina anschlief>t. 

Rhinopoma Lepsianurn n. sp. ; supra dilute cinnamo- 
meum, subtus flavidum; cranium regione interorbitali cordiformi, 
concava, intumescentiis antcorbilalibus nullis. 

Long, a rostri apice ad caudae basin 0,076; caudae 0,066; 
cap. 0,026; antibr. 0,070; crur. 0,026; exp. alar. 0,360. 

Diese Art, welche von Hrn. Lepsius am blauen Nil ent- 
deckt wuide, ist nicht allein durch viel beträchtlichere Gröfse 
und andere Färbung, sondern auch durch eine andere Gestalt 
des Schädels von Rh. microphjllurn verschieden. Bei letzterer 
ist der Schädel jederseits vor und über den Augenhöhlen durch 
eine bereits von Geoffroy beschriebene blasige Auftreibung aus- 



vom 28. Februar 1859, 223 

gezeichnet, welche bei dieser neuen Art ganz fehlt. Auch Ist 
das Foramem infraoibitale Lei dieser letzteren viel gröfser uad 
von länglicher Gestalt. 

2. Megaderma Geoffroy. 

Die von Gray vorgeschlagene generische Trennung der 
afrikanischen Meg. Fr ans wird auch durch das Gehlfs gerecht- 
fertigt, indem die asiatischen Arten, Meg. Lyra und Meg. 
Spasma {t r ifo l i u rn) ^ noch einen kleinen bisher übersehenen 
oberen falschen Backzahn besitzen, so dafs die Gebifsformel für 

dieselben folgende Ist — ^ TAT "ö^q" ^'^ Zwischenkiefer sind 

bisher verkannt worden; sie bestehen jederselts aus einer sehr schma- 
len aufsteigenden Knochenleiste, welche wie ht\ Nj ciicejus u. Si. 
mit dem vorderen Oberkieferrande sehr früh verwachsen ist. 

3. OroNYCTERis nov. gen. 

Zwei Exemplare dieser neuen Gattung befinden sich Im zoologi- 
schen Museum, welche aus derSammlung der Hrn. H emp ric h und 
Khrenberg stammen sollen. Sie hat durch den Bau der Oh- 
ren und des Olirdeckels die gröfste Ähnlichkeit mit der Gattung 
Plecotus und war unter diesem Namen auch aufgestellt; je- 
doch sind die Nasenlöcher nicht nach hinten erweitert, noch auf 
der oberen Seite gelegen, sondern sie sind einfach sichelför- 
mig und nach vorn gerichtet wie bei der Gattung V esper tilio. 
In der Gestalt des Schädels nähert sich diese Gattung am mei- 
sten den Njciicejus und ebenso stimmt sie auch hinsichtlich der 
Gestalt und Zahl der Zähne ganz mit Nyclicejus (planirostris 

„ ,.., . 3.111-111.3 
Pet.)uberem:__-^-^ = 30. 

O lonycteris Hemprichii n. sp. ; supra albescentl-brun- 
neus, subtus albus, alis dilute brunneis. 

Long, tota 0,110; cap. 0,025; aur. 0,030; tragi 0,015; 
caudae 0,045; antibr. 0,058; exp. alar, 0,320. 

Ist diese Art übereinstimmend mit Gray 's Plecotus Chrisiii? 

4. Nycticejus. 

Hr. Graf Wilhelm von Schlieffen-Schllcffenberg 
hat unter anderen sehr werthvoUen ägyptischen Naturallen auch 
eine kleine Fledermaus dem zoologischen Museum geschenkt, 
[1S5^.] 15 



224 Sitzung der physikalisch-mathemalischen Klasse 

Hie ich der Gröfse und Färbung nach für den von Cretzsch- 
mar in Rüppell's Atlas Taf. 29. Fig. A. abgebildeten und 
pag. 94 beschriebenen Vespertilio mar ginatus gehallen ha- 
ben würde, wenn nicht ein genauer Kenner der Flederlhiere, 
Hr. Professor Blasius in seiner vortrefflichen „Naturge- 
schichte der Säugethiere Deutschlands" pag. 65 aus- 
drücklich bemerkt hätte, dafs die Originalexemplare von Rüp- 
pell's Vesp. mar ginatus durchaus mit P^esperus Kuhlii 
übereinstimmten. 

Das von dem Hrn. Grafen von Schlieffen in Cairo gefan- 
gene Thier zeigt in der Form der Schnauze, der Ohren und des Ohr- 
deckels eine sehr grofse Übereinstimmung mit F'esperus Kuh- 
// j Bl. Die Gebifsformel ist aber die von Nyciicejus, nämlich 

3 -£ I I -^ 1 1.3 

— '■ -—. Es ist hier aber nicht etwa anzunehmen, dafs 

3.2 16 12.3 ' 

ein erster kleiner oberer Backzahn übersehen oder ein äufserer 
oberer Schneidezahn ausgefallen sei; es ist auch die Gestalt des 
einzigen ganz dicht an den oberen Eckzahn angedrängten obe- 
ren Schneidezahns eine andere als bei Vesperus, der Zwischen- 
kiefer zugleich, wie bei Nycticejus , schmäler als bei den -Ves- 
pertilionen mit 4 oberen Schneidezähnen. Auch der erste falsche 
untere Backzahn ist verhäitnlfsmäfsig sehr klein, so wie er sich 
bei den N ycticej us findet. 

Nycticejus Schi ieffenii n. sp.; supra rufescens, subtus 
ex albo rufescens; aus fuscis. 

Long, tota 0,075; cap. 0,015; aur. 0,013; tragi 0,005; 
caudae 0,032; antibr. 0,031; exp. alar. 0,200. 
5. Spectrellvm Gervais. 

Hr. Gervais hat (Documents zoologiques pour servir ä 
la monographie des Cheiropteres Sud- Americains, Paris 1856. 
4to. pag. 51. Taf. 15. Fig. 3.) diese neue Gattung von Fleder- 
thieren aufgestellt und wegen der Zahl der Schneidezähne den 
Phyllostomen angereiht, obgleich sie weder ein Nasenblatt be- 
sitzt noch die Zwischeukiefer einen vorn geschlossenen Bogen 
bilden. 

Das zoologische Museum hat ein Exemplar einer Fleder- 
maus von Appun aus Puerto Cabello erhalten, welches, mit Aus- 
nahme der Unterkieferzähne in jeder Beziehung, in der Gestalt, 



vom 28. Februar 1859. 225 

Gröfse, Färbung, Bildung der Ohren, der Nase, der Unterlippe, 
der Gliedmafsen, Flughäute, des Schädels, der Zahl und Bildung 
der einzelnen Zähne eine so vollkommene Übereinstimmung mit 
dem von Gervais beschriebenen S pectr ellurn macrourum 
zeigt, dafs ich glaube, die Annahme wagen zu dürfen, dafs das 
einzige von Hrn. Gervais untersuchte Exemplar in Beziehung 
auf die unteren Schneidezähne nicht ganz vollständig gewesen sei, 
um so mehr, da die Angaben, welche Hr. Gervais grade über 
diesen Punkt gegeben, etwas unbestimmt sind: „Les incisives sont 
petites; Celles de la macholre inferieure sont rudimentaires, l'interne 
etant a peine visible (Notre figure 3 a ne reproduit pas cette 
disposition avec assez d'exactitude. La meme dent est caduque)." 
— — „La paire externe des incisives inferieures parait ir- 
regullerement trilobee." — An unserm Exemplar befinden 
sich in dem Unterkiefer 6 deutlich dreilappige, quer zum Kie- 
ferrande gestellte Schneidezähne. Die Gebifsformel würde daher 

3.3 1 2-2 13.3 ^„ . j ,. ^ . ^ , 

— — - — — 7 -;5 — X = oö sein und diese Ijattung nicht den 

Phyllostomen sondern den ächten Vespertilionen, zunächst dem 
Nyctiellus lepidus anzureihen sind. 
6. Artibevs (Leach) Gervais. 

Artibeus vittatus n. sp.; supra fuscus, subtus pallidior, 
striis faclalibus mediaque dorsall albis. 

Long, ab occipite ad marg. pat. interf. 0,075; capit. 0,034; 
anr. 0,023; prosth. 0,0135; antibr. 0,060; crur. 0,022; pat. in- 
terf. 0,003. 

Puerto Cabello. Coli. Appun. 

Diese Art reiht sich in der Zeichnung dem A. lineatus 
und A. personatus an, ist jedoch viel gröfser und auch durch 
das Nasenblatt verschieden, indem der untere Band des Huf- 
eifens nicht frei hervorragt, sondern mit der Schnauze ohne Ab- 
satz verwachsen ist. 



15* 



226 Sitzung der physikalisch-mathernalischen Klasse 

Hr. du Bois-Reymond legte eine Mittheilung des Hrn. 
Dr. W. Kühne über die selbständige Reizbarkeit der 
Muskelfaser, d. d. Paris 20. Febr. 1859, vor. 

Es darf angenommen werden, dafs die grolse Zahl chemi- 
s«her Körper, welche auf den Querschnitt eines lebenden Mus- 
kels applicirt Zuckungen erregt, und welche niemals bei Berüh- 
rung mit der motorischen Nervenfaser den gleichen Erfolg be- 
stimmt, erregend auf die Substanz des Muskels selbst wirkt. Die 
Annahme des Gegentheils bedingt zugleich die Vorstellung einer 
gänzlichen Verschiedenheit der einzelnen Theile eines Nerven, 
d. h. eines physikalischen und chemischen Unterschiedes der Ner- 
venstämme und ihrer intramuscularen Endigungen. Um die 
Richtigkeit der einen oder der anderen dieser Voraussetzungen 
annähernd zu ermitteln, wurde schon in einer früheren Mlllhei- 
lung gezeigt,') dafs die Vergiftung eines Thieres mit dem Pfeil- 
gifte ganz ohne Einflufs ist auf die Erregbarkeit der Muskeln 
gegenüber chemischen Einwirkungen, wodurch wir unserer Frage 
bereits um einen Schritt näher getreten zu sein glaubten. Bis 
heute ist allerdings erwiesen, dafs das Curara zweifelsohne einen 
grofsen Theil der motorischen Nerven im Muskel selbst unwirk- 
sam macht; da wir aber nicht wissen, ob nicht grade die alier- 
äufsersten Spitzen derselben, also die für uns wesentlichsten 
Theile von dem Gifte verschont bleiben, so müssen wir uns 
nach einer anderen Methode umsehen, durch welche es mit grö- 
fserer Wahrscheinlichkeit gelingt, den ganzen intramuscularen 
Nerven bis an den Punkt, wo er aufhört Nerv zu sein, d. h. 
wo die der Contraction fähige Substanz beginnt, leistungsun- 
fähig, unerregbar für die bei der directen Muskelreizung ange- 
wendeten Reize zu machen. Als ein solches Mittel kennen wir 
den Constanten Strom, welcher an irgend einer Stelle den mo- 
torischen Nerven durchfliefsend, die Erregbarkeit desselben für 
alle zur Seite der positiven Elektrode gelegenen Punkte herab- 
setzt, sowohl für den Reiz von Stromesschwankimgen , die eine 
gewisse Gröfse nicht übersteigen, als für den Einßuls erregend 
wirkender chemischer Agentien. Der Erfolg directer elektri- 
scher Reizung des Muskels unter diesen Umständen ist bekannt: 



') Diese Berichte, 10. Febr. d. J. Vergl. oben S. 186. 



vom 28. Februar 1859. 227 

der Muskel bedarf eines stärkeren Stromes um in Zuckung zu 
verfallen nach Applicirung des constanten Stromes auf seinen 
Nerven, als vorher. 

Selbslversländlich kann der Versuch in dieser Form die 
Frage von der Muskelirritabilitnt nicht beantworten. Wir kön- 
nen wohl mit Sicherheit schlielsen, dafs der Nerv dem Einflüsse 
des lalmienden Stromes in seiner ganzen Ausdehnung unterliegt, 
was allein schon den beobachteten Vorgang erklärt, wir wissen 
aber zur Zeit noch nicht, inwieweit die Erregbarkeit des Mus- 
kels selbst dabei verändert wird. Die chemische Reizung ist 
hier der geeignete W^eg, den wir in folgender Weise ein- 
schlugen. 

Der Musculus sartorius Cuv. des Frosches wurde isollrt, 
sein Nerv bis zu seinem Abgange vom Stamme des Ischiadicus 
herauspräparirt, dort abgeschnitten und das so erhaltene Präparat 
mit gröfster Schonung aller Theile in einen passenden Apparat 
eingehängt, welcher so eingerichtet war, dafs der Nerv dicht vor 
seinem Eintritt in den Muskel die beiden Zinkeleklroden einer 
kleinen viergliedrigen Grove'schen Kette überbrückte, während 
der Muskel selbst an seinem unteren sehnigen Zipfel durch eine 
Klemme gehalten mit dem entgegengesetzten Ende, seinem Ur- 
sprünge vom Os ilium, senkrecht herabhing. Scblufs der Kette 
in aufsteigender Richtung bedingt beim ganz frischen Muskel 
keine Zuckung, die Wirkung derselben zeigt sich aber sofort in 
seiner herabgesetzten Erregbarkeit, welche wir durch Schlielsung 
und Öffnung eines einfachen Dan iell'schen Elements, das nach 
Einschaltung eines Rheochords als directer Mnskelerreger ver- 
wendet wurde, constatirten. Nach Öffnung der Kette, deren 
Strom den Nerven durchilols, tritt eine Zuckung ein und damit 
ist der Vorversuch beendet. Jetzt wurde dicht über dem äu- 
fsersten herabhängenden Ende des Muskels ein Schnitt senkrecht 
auf die Richtung sämmtlichcr Primitivbündel geführt und damit 
der Querschnitt aller Fasern gleichzeitig dem chemischen Reize 
zugänglich gemacht. Als erregende Körper wählen wir hier 
vorzugsweise diejenigen, von welchen schon früher gezeigt wurde, 
dafs sie ausschliefslich bei directer Reizung, niemals vom Ner- 
venstamme aus Zuckungen erregen. 



228 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Bei gut erhaltenen, in allen Stücken erregbaren 
Muskeln haben wir nun ohne Ausnahme beobachtet, 
dafs Salzsäure in jeder Concentration, bis zu einer 
tausend fa eben Verdünnung mit W asser hinab, die 
Lösungen der Alkalien, Lösungen vieler Metallsalze, 
des schwefelsauren Kupferoxyds bis zu einem Ge- 
halte von nur 4 ° <,) die Lösungen der Chloralkalien, 
verdünntes Glycerin, so wie verdünnte Milchsäure 
und viele andere unter jeden anderenUm ständen eben- 
falls auf den Muskelquerschnitt erregend wirkende 
Körper, eine über die ganze Länge des Muskels ver- 
laufende Zuckung hervorrufen, selbst wenn der Nerv 
desselben der W irkung des au fs teigenden constan- 
ten Stromes unterliegt. 

Vor und nach der Ausführung des chemischen Reizversu- 
ches zeigte der mit der elektrischen Reizung angestellte Con- 
trolversuch, dafs die Erregbarkeit des Muskels laut der Aussage 
unseres Rheochords dennoch gesunken war. Der constante 
Strom ist aufserdem ganz ohne Einflufs auf die durch die Dämpfe 
des Ammoniaks entstehenden Zuckungen und den darauf folgen- 
den Tetanus, ebenso wie auf die, durch längeres Verweilen in 
destillirtem Wasser, oder durch mechanische Mifshandlungen des 
Muskels erzeugten Contractionen. Die Erscheinungen bleiben 
ferner ganz dieselben, wenn man den Reiz an irgend einem an- 
deren unterhalb der Eintrittsstelle des Nerven gelegenen Orte des 
Muskels anbringt, und das Resultat bleibt unbeeinträchtigt, wenn 
das ober- oder unterhalb des Nerveneintritts gelegene Stück als 
unmittelbar betroffene Stelle beansprucht wird. Flüssigkeiten, 
welche sonst überhaupt niemals bei momentaner Berührung mit 
dem Mubkelquerschnltt Zuckungen erregen, sind ebenfalls ohne 
Wirkimg, wenn der Nerv des Präparats von dem constanten 
Strome durchflössen wird, einerlei welche Richtung man dem- 
selben gegeben. 

Da wir nun voraussetzen dürfen, dafs die Abnahme der Er- 
regbarkeit in den zur Seite der positiven Elektrode gelegenen 
Theilen des Nerven, sich überall, selbst auf die äufsersten Enden 
desselben innerhalb der Primitivbündel, erstreckte, so ziehen wir 
aus unseren Beobachtungen den Schlufs, dafs der Muskel 



vom 28. Februar 1859. 229 

ganz unabhängig von seinem motorischen Nerven, 
durch die angeführten chemischen Agentien erregt 
werden kann, und dafs sich diese Erregung ganz so, 
wie in den Nerven fasern von Querschnitt zu Quer- 
schnitt fortzupflanzen vermag, selbst wenn der ur- 
sprüngliche Reiz von rein localer Natur war. 



Hr. Magnus theilte folgende Untersuchung des Hrn. Dr. 
R. Weber, Hiilfsiehrer am Königl. Gewerbe-Institut, mit: 

Der fünffach Cliiorphosphor, welcher durch die Untersu- 
chungen der Hrn. Cahours und Gerhardt ein wichtiges 
Mittel geworden ist viele Chlorverbindungen organischer Radi- 
kale darzustellen, ist auch im Stande eine grolse Zahl anorgani- 
scher Verbindungen zu zersetzen und in Chlorverbindungen über- 
zuführen. 

Sehr viele von den in der Natur vorkommenden und künst- 
lich erzeugten Oxyden oder deren Verbindungen, welche sehr 
energisch wirkenden Reagentien oft hartnäckig widerstehen, 
lassen sich unter bestimmten Umständen durch den fünffach 
Chlorphosphor leicht so zersetzen, dafs sie in Chlorverbindungen 
verwandelt werden. 

Diese Zersetzung wird dadurch erreicht, dafs man die Dämpfe 
des Chlorphosphors über das glühende Oxyd leitet. Die ein- 
fache Vorrichtung, welche hierfür angewandt wurde, besieht in 
einer 7 — 8 Zoll langen Röhre aus schwer schmelzbarem Glase, 
die an einem Ende zugeschmolzen und knieförmig gebogen ist. Der 
offene Schenkel des Rohrs wird von einer passenden Dralhklemme 
horizontal gehallen und kann an der Stelle, wo das Oxyd sich 
befindet, durch eine Gaslampe beliebig stark erhitzt werden. Der 
Chlorphosphor wird zuvor in den kürzeren zugeschmolzenenScheiikel 
gebracht; durch Erwärmen desselben erzeugt man, sobald das Oxyd 
bis zum Glühen erhitzt worden ist, einen mäfsig starken Dampf- 
strom. Die durch die Wechselwirkung erzeugten flüchtigen 
Produkte werden zum grofsen Theile in einem vorgelegten Rea- 
genzgläseben aufgefangen. 



230 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

Kieselsäure im Zustan(^e wie sie bei der Bereitung der Kie- 
selflufssäure erhalten, oder wie dieselbe bei Analysen von Si- 
licaten ausgeschieden wird, wurde, nachdem sie heftig geglühet 
worden, noch warm in das Rohr gebracht und bis zum Glühen er- 
hitzt. Alsdann wurden die Dämpfe des Chlorphosphors darüber 
geleitet. Es entstanden sofort weifse Nebel, welche zu einer 
farblosen Flüssigkeit in dem vorgelegten Glase sich verdichteten. 
In kurzer Zeit erhält man eine hinreichende Menge des Destil- 
lats, während die Kieselsäure sichtlich abnimmt. Die überge- 
gangene Flüssigkeit ist gewöhnlich durch etwas unveränderten 
fünffach Chlorphosphor getrübt. Mit wenig Wasser gemischt 
erhitzt sich dieselbe nach wenigen Augenblicken sehr stark, es 
entweichen saure Dämpfe und es bildet sich die für die Kiesel- 
säure so charakteristische Gallerle, welche mit mehr Wasser in 
Berührung gebracht, sich nicht wieder auflöst. Mit der Isoli- 
rung des so gebildeten Chlorsiliciunis ist der Verfasser noch be- 
schäftigt. 

Wird statt der höchst fein zerthcilten Kieselsäure Qiiarz- 
pulver angewendet, so ist der Vorgang derselbe, nur erfolgt die 
Zersetzung wegen der kleineren Oberfläche langsamer. 

Die Glasröhren widerstehen selbst in starker Glühhitze der 
Einwirkinig des Chlorids sehr gut, bei längerer Dauer des Ver- 
suchs wird indessen der Augriff merkbar. Es finden sich dann 
geringe Mengen von Chlorsilicium unter den Destillationspro- 
duklen, selbst wenn Körper in die Röhre gebracht worden wa- 
ren, welche keine Kieselsäure enthielten. 

Unter gleichen Umständen wurden mit der Titansäure flüch- 
tige Chlorverbindungen erhalten, welche, wenn sie mit Vor- 
sicht in eine gröfsere Menge von Wasser gebracht wurden, 
eine Lösung von Titantäure bildeten, in der durch Kochen ein 
starker Niederschlag entstand. 

Stark geglühete Zinnasche wird in der Glühhitze schnell 
zersetzt; das flüchtige Chlorid giebt sich sogleich durch den 
starken Dampf, der aus der Röhre strömt, zu erkennen. 

Interessant ist die Zersetzung der Thonerde. Möglichst 
sorgfältig bereitete, scharf geglühete Thonerde von schnee- 
weifser Farbe, wurden wie oben behandelt. Zunächst der glü- 
henden Stelle condensirte eine schwer flüchtige Verbindung von 



vom 28. Februar 1859. 231 

Chloralumium mit Chlorphosphor. Aufser dieser Verbindung 
subliniirte der unveränderte Chlorphosphor mit den durch die 
Oxydation desselben entstandenen flüssigen Produkten. 

Die Verbindung von fünffach Chlorphosphor mit dem Chlor- 
alumium ist von Hrn. Dr. Weber auch durch directe Verei- 
nigung beider Chloride erhalten worden. Dieselbe ist fast weifs, 
leicht schmelzbar, und viel schwerer flüchtig als jedes der 
Chloride für sich. Hierauf gründet sich das Verfahren dieselbe 
vom Überschufs des Chlorphosphors zu befreien, der bei der 
Bereitung im Überschüsse zugesetzt worden ist. Die geschmol- 
zene Masse erstarrt beim Erkalten krystallinisch. Ihre Zusam- 
mensetzung wurde durch zwei Versuche bestimmt, welche mit 
einander sehr gut übereinstimmen und zu der Formel: 

AlCl, -l-PCls 

führen. 

Diese Verbindung hat viel Ähnlichkeit mit den Verbindun- 
gen des Chloraluminiuras mit Chlorselen und Chlortellur. 

Auch der Corund, späthiger von Miasc, liefs sich zersetzen. 
Das abgeschreckte Mineral wurde in einem Stahlmörser fein ge- 
pulvert. Die Zersetzung desselben erfolgte erst bei starker Glüh- 
hitze; im Übrigen aber waren die Erscheinungen dieselben wie 
bei der Thonerde. 

Auch auf natürlich vorkommende Verbindungen von Oxyden 
Ist dies Verfahren mit Erfolg angewendet worden. Viele der 
hierher gehörigen Mineralien werden nur durch andere, selbst 
die stärksten Reagentien schwer angegriffen. 

Titaneisen von Egersund wird als feines Pulver durch Phos- 
phorchlorid leicht aufgeschlossen. Bringt man den Theil der 
Glasröhre in welchem sich die Chloride von Eisen, Titan 
etc. abgesetzt haben, in eine hinreichende Menge Wasser, so 
erhält man eine fast klare Lösung in der durch Kochen ein star- 
ker Niederschlag entsteht. 

Hierauf möchte sich vielleicht ein Verfahren gründen las- 
sen, die Titansäure in andern Mineralien und Niederschlägen 
leicht aufzufinden. 

Die Mineralien der Spinellgruppe werden mehr oder weni- 
ger leicht von Phosphorchlorid afficirt. Chromeisenstein von Unst 
[1859.] 16 



232 Sitzung der physikalisch-malhematischen Klasse 

wird als feines Pulver leicht angegriffen, es entweicht dabei das 
flüchtige Chlorid des Eisens in Verbindung mit dem fünffach 
Chlorphosphor. 

Franklinit von Sparta in Amerika verhält sich ebenso. 

Das im Stahlmörser bereitete feine Pulver klarer, röthlicher 
Octaeder von Spinell von Ceylon ist ebenfalls bei Glühhitze 
durch den Dampf des Chlorphosphors zersetzt worden; die Zer- 
setzung erfolgt zwar nicht leicht, aber doch bildet sich bald 
eine hinreichende Menge des schwer flüchtigen, Chloralumium 
enthaltenden, Destillats, das sich in Wasser vollständig löst und 
durch Ammoniak stark gefällt wird. 

Bis jetzt läfst sich noch nicht entscheiden ob die Zersetzung 
des Chromeisensteius eine vollständige ist; die fremden Ein- 
schlüsse des Minerals, die geringe Flüchtigkeit des Chromchlo- 
rids erschweren die Entscheidung dieser Frage , mit deren sorg- 
fältiger Prüfung der Verfasser noch beschäftigt Ist. 

Leichter als jene Verbindungen werden einfache Oxyde auf- 
geschlossen, viele derselben zeigen sogar beim gelinden Er- 
hitzen Im Dampfe des Chlorphosphors eine lebhafte Glüher- 
scheinung. 

Ein gerades 5 — 6 Zoll langes unten zugeschlossenes Glas- 
röbrchen genügt für diese Versuche. In das Rohr wird zu- 
nächst etwas Chlorphosphor gebracht, darauf das geglühete Oxyd. 
Mit einer kleinen Flamme erhitzt man zuerst dies und erzeugt 
dann Dämpfe des Chlorids. Sehr leicht und schön zeigt das 
Erglühen das Cadmiumoxyd, und fast ebenso die calcinirten Man- 
gan- und Kobaltoxyde. 

Ein besonders schönes Licht aber entwickelt die Magnesia. 
Selbst das verglimmte, unlösliche Chromoxyd erglühet stark, da- 
bei sublimlrt violettes Chlorid. Beim Eisenoxyde, das gleich- 
falls erglüht, tritt das gebildete Eisenchlorid In Verbindung mit 
fünffach Chlorphosphor, 

Auch diese Verbindung Ist direct durch Vereinigung beider 
Chloride erhalten worden; dieselbe Ist braun gefärbt, leicht 
schmelzbar, und schwerer flüchtig als die Chloride für sich, ela 
Verhalten worauf sich, wie in der analogen Aluminiumverbln- 
dung, die Abscheidung des überschüssigen fünfach Chlorphos- 
phors gründet. 



vom 28. Februar 1859. 233 

Zwei übereinstimmende Analysen der Verbindung fiihren zu 
der Formel: 

Bei minder stabilen Sauerstoffverbindungen erfolgt schon bei 
gewöhnlicher Temperatur die Zersetzung. 

Hierher gehört die Jodsäure. Ein Gemenge von arseniger 
Säure mit dem Chloride verwandelt sich nach kurzer Zeit, ohne 
äufsere Erwärmung, unter starker Erhitzung in eine farblose 
Flüssigkeit. Arsensäure entwickelt mit dem Chloride gelinde 
erwärmt Chlor. Molybdänsäure wird bei gewöhnlicher Tempe- 
ratur gebräunt etc. 

Der Einflufs des fünffach Chlorphosphors erstreckt sich auch 
auf viele Salze. Salpetersaures Silberoxyd wird davon zerlegt; 
desgleichen chlorsaures Kali. 

Ferner wirkt dasselbe bei der Glühhitze zersetzend auf den 
Wolfram, auf Schwerspath, phosphorsaures Natron etc. 

Mit den hierher gehörigen Versuchen, sowohl die näheren 
Umstände der Zersetzung als auch die Zersetzungsprodukte be- 
treffend, ist Hr. Dr. Weber noch nicht zum Abschlufs ge- 
kommen. 

Das Verhalten der Borsäure, womit derselbe gleichfalls be- 
schäftigt ist, hat noch zu keinem ganz sicheren Resultate ge- 
führt, da die Schmelzbarkeit der Borsäure die Untersuchung sehr 
erschwert. 

Die Ursache der erwähnten energischen Wirkungen des 
fünffach Chlorphosphors möchte wohl eine mehrfache sein. Zu- 
nächst kommt die überwiegende Verwandtschaft des Phosphors 
zum Sauerstoff in Betracht, ebenso die grofse Affinität des Chlors 
zu vielen Radicalen. 

Durch diese entsteht Phosphoroxychlorid, das sich, wenig- 
stens so weit es hat bis jetzt ermittelt werden können, stets 
unter den überdestilllrenden Zersetzungsprodukten findet. Die- 
ser Körper entsteht nämlich auch auf directem Wege. Bloch 
fand schon, dafs die Dämpfe des Chlorids über wasserfreie Phos- 
phorsäure geleitet, von dieser aufgenommen wurden. Er hielt 
die entstandene Flüssigkeit für eine Verbindung aus gleichen 
Äquivalenten von Chlorid und Säure. 

16* 



234 Sitzung der phys.-math. Klasse vom 28. Februar 1859. 

Der Verfasser hat gefunden, dafs wenn wasserfrei Phos- 
phorsäure und Phosphorsuperchlorid im festen Zustande mit ein- 
ander gemengt, und gelinde erwärmt werden, eine farblose Flüs- 
sigkeit erhalten wird, deren Zusammensetzung nach zwei über- 
einstimmenden Analysen sehr genau mit der von Wurtz auf- 
gestellten Formel PCIj O2 des Oxychlorids übereinstimmt, wel- 
ches dieser bekanntlich nach einer ganz anderen, freilich weniger 
directen Weise erhalten hat, wie es überhaupt auf verschiedene 
Weisen dargestellt werden kann. Mit Rücksicht hierauf läfst 
sich wohl annehmen, dafs bei der Bereitung des Oxychlorids 
durch Destillation des Chlorphosphors mit Oxalsäure, krystalll- 
sirter Borsäure etc., zunächst aus einem Theile des Chlorphos- 
phors durch den Einflufs des mit der Säure verbundenen Was- 
sers Phosphorsäure gebildet wird, die sich dann mit dem übrigen 
Chlorid verbindet, in ähnlicher Weise wie dies auf directem 
Wege bei Anwendung von wasserfreier Phosphorsäure geschieht. 
Um mit dieser das Oxychlorld zu erhalten, thut man gut einen 
Überschufs derselben anzuwenden, da das überschüssige Chlorid 
sich leicht dem Oxychlorld beimengt. 



!#(♦« 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der König). Preufs. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat März 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Ehren her g. 



3. März. Gesamratsitzung der Akademie. 

Hr. Braun gab Nachträge zu seiner früheren Abhandlung 
über die Parthen ogenesis bei Pflanzen, indem er insbe- 
sondere die Keimung von Caelebogyne , und die dieser Gat- 
tung häufig zukommende Polyembryonie beschrieb. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Memorie delC I. R. Istituto venelo di scienze. Vol. VII, Parte 2. Vene- 

zia 1858. 4 
Atti deW I. R. Islitulo venelo di scienze. Tomo IV, Dispensa 1. 2. 3. 

Venezia 1858—59. 8. 
Annales des mines, Tome XIII, no. 3. Paris 1858. 8. Mit Rescript 

vom 2 3. Febr. 1859. 
Manry, Explanattons of sailing directions. Vol. I. Ed. VIII. enlarged 

and improved. Washington 1858. 4. Mit Rescript vom 26. Fe- 
bruar 1859. 
Memoires de la socie'lc des sciences naturelles de Strasbourg. Tome V, 

Livr. 1. Strasbourg 1858. 4. 
Revue archc'ologique. 15™' annee, Livr. 11. Paris 1859. 8. 
Annuaire des cinq departements de l'ancienne Normandie. Annee 25. 

Paris 1858. 8. . 
Bulletin monumental, par M. de Caumont. VoL XXIV. Paris 1858. 8. 
[1859.] 17 



236 Gesainntlsilzung 

Catulogue of ihe collectinn of splendid manuscripls, formed br Guglielmo 

Libri. (London 1859.) 8. 
Flora hatava. Ailevecing 18''l. Amsterdam 1859. 4. 
Stanislas Julien, Reponse mesure'e d un libelle injurieux de Mr. Reinaud. 

Ed. IL (Paris 1859.) 8. 
Chr. Fr. Walt her, Carmina latina duo. Petropoli 1858. 4. Mit 

Schreiben des Hrn. Verfassers, d. d. Petersburg 3. Febr. 1859. 



Hiernächst wurde ein Danksclireiben der Sociele des sciences 
naturelles de Strasbourg, d. d. 24. Febr. 1859 für Empfang der 
Abhandlungen der physik. -mathem. Klasse vom Jahre 1856 und 
der Monatsberichte von 1856 bis Aug. 1857 vorgetragen. 



10. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Klotzsch las über Linne's natürliche Pflan- 
zenklasse Tricoc c ae des Berliner Herbarium's im 
Allgemeinen und die natürliche Ordnung Euphor- 
biaceae insbesondere. (Auszug.) 

Carl von Linne, in seiner Philosophia bntanica vom 
Jahre 1751,') versuchte nach einer natürlichen Methode, die er 
als fragmentarisch bezeichnet und welche der fernem Forschung 
empfohlen wird die Gattungen, welche ihm damals bekannt wa- 
ren, zu gruppiren. Eine dieser Gruppen nennt er Tricoccae, 
und obgleich sie, wie die Übrigen jeder Charakteristik entbehrt, 
so sieht man doch mit Bestimmtheit aus der Zusammenstellung 
der dahingezogenen Gattungen, was er meinte und wollte und 
es kann darüber kein Zweifei sein, dafs er sie in demselben 
Sinne, wie ich auffafste. 

Anton Lorenz von Jussieu substiluirte für diese Gruppe 
im Jahre 1774^) den Namen Euphorbiae. 



') Stockholmiae apud Godofr. Kiesewetter, p. 32, n. 47. 
^) Antonii Laurentii de Jussieu, Gen. plantarum secundum Ordines 
naturales disposita. Turici Heivetorum 1791, p. 423. 



vom 10. März 1859. 237 

Adrian von Jussieu sclirieb im Jahre 1824 eine Mono- 
graphie der Euphorbiaceen ^), eine sehr fleifsige und für die da- 
1 mah'ge Zeil ausgezeiclinete Arbeit, In welcher derselbe alles, was 
Linne unter Tricoccae und Anton Lorenz von Jussieu 
I unter EufihorLiae zusanimenfalsten in sechs Sectionen vertheilt. 

Erste Section: Fruchtfächer 2-samig. Staubgeflifse in be- 
I stimniter Zahl, unterhalb des centralen Pislillrudiment's einge- 
! fügt. Zweite Section: Fruchtfächer 2-samig. Slaubgefäfse 
! in bestimmter Zahl das Centrum der Bliithe einnehmend. Dritte 
I Section: Fruciilfächer einsaniig. Bliilhen gewöhnlich mit Blii- 
i theublättern verschen, in Bündel, Ähren, Trauben oder Rispen 
i mit einer bestimmten oder unbestimmten Zahl Staubgefäfse. 
Vierte Section: Fruchtfächer einsamig. Blätter blumenblatt- 
los, in zusanmiengeliäuften Ähren, selten fast traubenartig. 
Fünfte Section: Fruchtfächer einsamig. ßlüthen blumen- 
blaltlos mit einer bestimmten Zahl Slaubgefäfse, von greisen 
Bracleen geslülzt, welclie in Ähren oder Kätzchen stehen. 
Sechste Sectio n: Fruchtfächer einsamig. Blüthen blumenblatt- 
los, einhäusig, eingeschlossen, von einer allgecneinen Hülle umgrenzt. 
Barlling in Göllingen *), dem das grofse Verdienst ge- 
bührt, der erste gewesen zu sein, der auf die Wichtigkeit und 
die Unterschiede von Klassen und Ordnungen in der botanischen 
Systemkunde hinwies, erhob zwar die von Linne aufge.^tellle 
und mit demselben Namen belegte Gruppe zu einer natürlichen 
Klasse, brachte aber sehr entfernt stehende Ordnungen, wie die 
Stackhauseae, Kinpelreae , Bruniaceae , lihanmeae, Aquijoliaceae, 
Piitosfioreae, Ctlastrintae und andere hinzu. Er lieferte dadurch 
den Beweis, dals er den Sinn, den Linne in seine Gruj^ipe ge- 
legt, milsverstanden halte. Eigentlich gehören nur die JCuphor- 
biaceae, welche seine 217te Ordnung bilden, hierher. Die Ein- 
theilung folgt genau der von Adrian von Jussieu im Jahre 
1824 vorgeschlagenen, indem seine Section A. Buxea, der er- 
sten Section von Jussieu, B. Phjllaniha, der zweiten Section 
desselben Verfassers. C liicinea, der dritten Section. D. Aca- 



) Adiiauo de Jussieu, de Euphorbiacearum generibus medicisque ea • 
lumdem viribus Tentanien. Paris, 1S24. 

*) Fr. Th. Bartling, OrJines naturales plantarum. GoUingae, ISiO. 

17* 



238 Gesarnnitsilzung 

IjTfihea, der vierten Section. E. Hippomanea, der fünften Sec- 
tion und F. Eufihnrbiae, der sechsten Section des Adrian von 
Jussieu entspricht. 

John Lindley, im Jahre 1832*), umfafst in seiner 88sten 
Ordnung Euphnrbiaceae die ganze Klasse der LInne'schen Tri- 
coccae. Vier Jahre später*) nimmt derselbe Verfasser eine Klas- 
seneintheilung an, die er mit dem Namen Verbln(kingen be- 
zeichnet, in welcher als vierte Allians seine Euphorbiales aufge- 
stellt und diagnosirt werden. Allein auch hier entspricht nur 
die Ordnung Euphorbiaceae den Tricoccis und die übrigen hier- 
her gezogenen Ordnungen, wie Empetraceae . Stackliousiaceae, 
Fnuquieraceae, Celaslraceae , Hippocrateae , Trigonieae , Slaphy- 
leaceae , Malpighiaceae und Erythroxyleae müssen anderweitig 
untergebracht werden. 

Von Martins in München, einer der verdienstvollsten Bo- 
taniker und zugleich eines der ältesten correspondirenden Mit- 
glieder der hiesigen Akademie der Wissenschaften substituirt im 
Jahre 1835^) statt Klasse Cohors und statt der Tricoccae Coc- 
ciferae. Allein auch er bringt die Slockhausieae , welche zur 
Klasse der Rhamnanthen und die Empeireae, die zur Klasse der 
Diospyranlhen gehören mit Unrecht hierher. 

Der zu früh für die Wissenschaft verstorbene Endlicher 
in Wien*) folgte Hrn, von Martins in Bezug auf den Um- 
fang der Klasse, und Adrian von Jussieu und Bartling in 
der Eintheilung der Euphorbiaceen, im Jahre l839. 

Adolph ßrongniart, der Stolz der französischen Bota- 
niker, der im Jahre 1843 ein kleines aber höchst gediegenes 
Werk') über die systematische Eintheilung der Pflanzen publi- 
cirte, das seit jener Zeit mehrere Auflagen erlebte, fafst die 
Klasse der Tricoccae im Sinne Linne's, bezeichnet sie aber 
als Crotoninae und bringt, was allgemeine Billigung finden wird 
die Antidesmeen als Ordnung hinzu. 

*) Inlroduction to the natural System of Botany. London, 1832. 
') Natural System of Botany. London, 1836. 
') Conspectus Regni vegetabilis. Nürnberg, 18 35. 
) Endlicher, Genera plantarum secundum Ordines naturales dispo- 
sita. Vindobonae 1836—1840. 

') Ad. Brongniart, Enumeration des genres de plants. Paris, 1843. 



vom 10. März 1859. 239 

Gris eb ach ' ") In Göltingen nennt das was Bartling 
und Endlicher Klasse und von Martins als Cohors bezeich- 
nen Nixus. In einer rühmlichen Welse hat er es versucht die 
Unterschiede des Endosperms und Perlsperms für die botanische 
Syslenikunde in Anwendung zu bringen. 

Dagegen Ist Ihm mit Unrecht von mehreren Selten das 
Verdienst vindicirt worden, der erste gewesen zu sein, der die 
Gruppe der dicotylen apetalen Angiospermen unter den plelo- 
petalen Gewächsen dieser Pflanzenabtheiiung vertheiit habe. Al- 
lein dies war vor ihm von A. Brongniart bereits geschehen. 
Auch er begeht den Fehler seinen Nixus, den er nach von 
Martins als Cncciferae bezeichnet mit sehr entfernt stehenden 
Ordnungen bereichert zu haben, Indem er die Polygaleen , Tre- 
mandreen und die Trigoniaceen hinzubringt. 

Im Jahre 1841'') brachte Ich die Mutls'sche Gattung Pera, 
zu der sich noch einige andere Gattungen gesellten, hinzu. Ich 
bezeichnete diese Gruppe als Prosopidoclineae, die eine Annähe- 
rung zu den Myristicaceen zeigt und In der That von dem ver- 
storbenen Professor Kunth als dahin gehörig betrachtet wurde, 
In dem er ein Gewächs als Myristica orinocensis (Himib. Bonpl. 
et Kunth. Nova genera et specles vol. VII), beschrieb, das mei- 
ner Gattung Schisinatopera nicht unähnlich sieht. 

Diese eigenthümiiche Pflanzengruppe wurde sowohl von 
Endlicher (Gen. plant. Suppl. II. p. 78) als auch von Bent- 
ham (Hooker's Journal of liotany and Kew Garden Miscellany, 
vol. V, p. 1) anerkannt. Von Ihr ist nicht bekannt, ob sie einen 
Milchsaft enthält. Sie gehört zu der Abtheilung mit einem EI 
in jedem Fache, ist dioecisch, enthält In Ihren fruchtbaren Blii- 
then meist die Rudimente des zweiten Geschlechts und mehrere 
ihrer Blüthen, gewöhnlich In bestimmter Zahl, werden von einer 
kapuzenförmigen Hülle eingeschlossen, die entweder an der einen 
Seile sich öffnet oder in zwei Klappen aufschlitzt. Aufserdem 
Ist hier statt der Strophiola eine mantelförmige Samendecke, die 
beinahe die Hälfte des Samens einschliefst, vorhanden, und das 



'") Grisebach, Grundrifs der systematischen Botanik. Göttingen, 
185''(. 

") Erichson, Archiv, v. VII, p. 178. 



240 Gesammtsitzung 

Endosperm kömmt In geringerer Menge vor als bei Hen übrigen 
Ordnungen, welche zur Klasse Tricoccae gehören. 

Zu Ende des vorigen Jahres, erschien eine gröfsere Arbeit 
über diesen Gegenstand von einem Franzosen Baillon'*), 
welche die ganze Linne'sche Klasse Tricoccae umfafst und in 
der sich der Herr Verfasser über 1) Organographle, 2) Organo- 
genie, 3) geographische Verbreitung, 4) Verwandtschaften und 
5) über die Eintheilung in Tribus ausläfst; auch die Beschrei- 
bungen der Gattungen liefert; sogar in den meisten Fällen die 
dahin gehörenden ihm bekannten Arten citirt. Was die fran- 
zösische Literatur betrifft, die in diesem Werke niedergelegt 
ist, so habe ich sehr viel daraus gelernt. Es sind eine Anzahl 
Arbeiten darin aufgeführt, in denen man über die Systematik 
der Tricoccae kaum etwas vermuthen sollte. Die hierauf be- 
zügliche Literatur der Italiener, Engländer und Deutschen da- 
gegen ist nicht ohne Lücken. In Bezug auf Organographle, 
Organogenie und geographische Verbreitung, enthält die Arbeit 
viel Gutes. Zieht man jedoch in Betracht, dafs er das schöne 
und reichhaltige Material, welches das Museum d'Histoire natu- 
relle von Paris besitzt, mit dem das hiesige Herbarium in Tausch- 
verbindung steht und In welchem die meisten der von mir auf- 
gestellten neuen Gattungen sich in Originalexemplaren befinden, 
so begreift man kaum, wie es möglich war, dafs er was die 
Eintheilung der Tricoccae und die Feststellung der Gattungen 
betrifft, sich zu einem solchen Verkennen des wesentlichen vom 
unwesentlichen verleiten lassen konnte. Wir haben gesehen, 
wie bei Adrian von Jussieu die Klasse Tricoccae In 6 Ab- 
theilungen zerfällt. Hr. Baillon theilt sie in 14 gleichwer- 
thige Gruppen. Seine erste Serie entspricht der sechsten Ab- 
theilung von Adr. von Jussieu oder den Euphorbieen von 
Endlicher, nur dafs er die Gattungen Dalechampia und An- 
thostema daraus entfernt. In Bezug auf erstere Gattung hat er 
recht, in Bezug auf Anihostema nicht. Er hat verkannt, was 
hier von und ohne Werth Ist, er hat hier die richtige Deutung 
der Blüthenorgane mifsgedeutet. Das Involucrum ist bei Ihm 



*^) M. H. BailloD, Etüde generale du groupe des Euphorbiacees. Pa- 
ris, 1858. 



Jj vom 10. März 1859. 241 

ein Kelch, der einhäusige Bliithenstand, der vom Involucriim ein- 
geschlossen wiH eine ZwItterLiiillie. Nur aus der unrichtigen 
Ij 'Deutung der liiiilhenorgane von den Euphorbieen und Pedilan- 

i, theen wird es erklärlich, wie er Anthnslema von den wahren 
I Euphorbiacees trennen konnte. Er vereinigt nämlich Anilio- 
slema, Dtilenber/ia, Algernnnia, Ophlhahnnblaf/lnn, Cornmia, Te- 
Iraplandra ind Pachysttmon als dlclinisch-monücische Gewächse 
in seiner neunten oder letzten Gruppe der Uniovulaten mit der 
I Bezeichnurg Anihnstemideae , nur weil die männlichen Blüthen 
i hier blofs ein Staubgefäfs besitzen, während der eigentliche Un- 
serschied ,1er echten Euphorbiaceen darin besteht, dafs der Pe- 
dicellus nitlelst einer geschlossenen Gliederung mit dem auf- 
sitzenden Staubgefäfs verbunden ist. Dalechampia , die nicht in 
3 Untergattungen, wie Hr. Baillon annimmt, sondern in zwei 
wirkliche Gattungen zerfällt, bringt er zwar zu seiner sechsten 
Abtheiiuig, die der vierten Section von Adrian von Jussieu 
und der Tribus Acaljpheae von Endlicher entspricht, allein 
er zieht auch Gattungen in diese Abtheilung, die nicht dabin 
gehören ind von ihm nur dazu gerechnet werden, weil sie blu- 
nicnblattlo; sind, wie z. B. Cephalocroion (eine Crotonee). Seine 
zweite, drlte und vierte Serie fällt mit Endlicher's Tribus 
Crnioneae, die der dritten Ablheilciig Adrian von Jussieu's 
entspricht «nd nur eine Tribus der Acalyphaceen ist, iiber- 
ein. Die fiiifte Serie, die er aufstellt, ist nicht gleichwerthig 
mit den Triius verschiedener zur Klasse der Tricoccae gehören- 
der Familien, sondern bildet eine eigene Ordnung Pernceae. 

Seine sechste Gruppe, die er mit dem Buchstaben F. be- 
zeichnet, gehirt mit einigen Ausnahmen den Acalypheen von 
Endlicher oler der vierten Abtheilung von Adrian von 
Jussieu an, (ie wie schon gesagt nur eine Tribus der Ord- 
nung Acalyphacem ausmacht. Seine mit G. bezeichnete Gruppe 
unifafst hndlich»r's Hippomaneen oder die fünfte Abtheilung 
von Adrian von Jussieu, die ebenfalls zur natürlichen Ord- 
nung der Acaiyphaieen gehört. Die Serie H. oder seine achte 
Gruppe gehört eberfalls zu einer Tribus der Acalyphaceen (Cro- 
toneen). Die Serie ^ mit Ausnahme von AnlJtostema zu den 
Hippomaneen. Mit de Serie J. beginnen die Blovnlaten. Von 
der Serie L. bis zur Sele M. sind die Buxeen und Pbyliantbeen, 



242 Gesammtsitzung 

die zwei sehr unterscheidbare natürliche Familien bilden, bunt 
durcheinander geworfen. Die Serie N., die durch Callltriche L. 
vertreten werden soll, hat von Lindley 1. c. eiren angemesse- 
nem und passendem Platz erhalten. Nur in ein?r Beziehung, 
meine ich, hat er recht, dafs er A. ßrongniart ^olgt und die 
Antidesmeen mit einfächrigen, ein- und zweieiigen Fruchtknoten 
der Klasse Tricnccae einverleibt. 

Mit der Eintheilung der Gruppen im Pflanzenreiche hat es 
eben so gut seine Schwierigkeiten, wie mit der Feststellung von 
Gattungen und Arten. Jede neue Deutung der Organe, jede 
neue Entdeckung eröffnet eine neue Fernsicht. Schon die Ge- 
schichte der Systematik lehrt uns, wie so viele vergebliche Ver- 
suche gemacht wurden durchgreifende Kennzeichen ausfindig zu 
machen, die als Leitfaden für das Auffinden der Gruppen dienen 
sollten. Bald wurde die Insertion der Staubgefäfse benutzt, 
bald das Verwachsen des Kelches mit dem Fruchtknoten ein an- 
dermal die Zahl der Fruchtblätter, welche den Stempd bilden, 
hinwiederum die An- oder Abwesenheit des Endospirms und 
Perisperms, auch wohl die Consistenz desselben oder die Form 
und Lage des Embryo's. Wenngleich die elweifslos^n Samen 
im Gegensatz zu den elweirshaltigen und die Beschaffenheit des 
letztern bei den monocotylen Angiospermen sehr dur.hgreifende 
Kennzeichen liefern, so ist dies doch bei den dicol'len Angio- 
spermen keineswegs der Fall. In dieser Gruppe, di« den gröfs- 
ten Theil aller phanerogamischen Gewächse enthält unterschei- 
det der Scharfblick zwar Gruppen, allein er mlfslritet zuweilen 
doch, namentlich wenn er das Studium der Ertwlcklungsge- 
schichte auf den Stand der Placenten, die Verkimmerung der 
Blüthenhülltheile und die Richtung des Würzeldens unberück- 
sichtigt läfst. 

Die Aufgabe des Systematikers ist nun oe, dafs er die 
Gruppen so umfafst und feststellt, dafs sie wrder etwas fremd- 
artiges enthalten, noch etwas dazu gehöriges auslassen. Ferner 
ist es seine Aufgabe die festgestellten Gruppm nach dem Grade 
der Verwandtschaften zu ordnen. Einige Bispiele werden viel- 
leicht geeignet sein dies zu erläutern. He Klasse der Aran- 
then enthält in ihrem Samen einen Emlryo , der von einem 
mehligen Perisperm eingeschlossen wird. Diesen Charakter fin- 



vom 10. März 1859. 243 

det man nicht nur in den hierher gehörigen Ordnungen der 
ytrnidene, Typhaceae und den Pistiaceen wieder, sondern er wie- 
derholt sich auch bei den Gramineen und Cyperaceen, die der 
Klasse der Glumaceen und bei den Ordnungen der Resliaceen, 
Eriocauieen, Xyrideen , Commelynaceen und Juncaceen, die der 
Klasse Juncißnrae angehören. Allein welchen Unterschied bie- 
tet hier der Habitus und der Blüthen- und Fruchtbau. Eben so 
ist es mit den Orchanthen, einer Pflanzenklasse, die es nur mit 
der Klasse der Fluvialen, gleichsam ausnahmsweise gemein hat 
des Eiwelfses zu entbehren, das in der Mehrzahl der Monoco- 
tyledonen vorhanden ist. Vergleicht man die zu den Orchanthen 
gehörenden Ordnungen Orchideae, Cjfiripediaceae, Aftostasiaceae 
und Burrnanniaceae , so findet man nicht nur in den einfiichri- 
gen Früchten mit drei Wandpiarenten ein gemeinschaftliches 
Kennzeichen, welches die Klasse charakterisirt, sondern auch eine 
auffallende Übereinstimmung im Habitus, während bei den Flu- 
vialen ganz andere Verhältnisse mafsgebend sind. 

Nicht anders ist es bei den Bicnrnes , welche zu den ga- 
mopetalen Dlcolylen gehören und die Ericaceen, Slphonandra- 
ceen, Menzicsiaceen, Rhodoraceen, Clelhraceen und die Hypo- 
pityaceen umfafst. Hier war ich gezwungen die Epacrideen, 
welche von den Syslematikern dazu gezählt worden waren, we- 
gen der Centralplacenten, der abweichenden Pollenentwicklung 
und den einfächrlgen Staubbeuteln in die Nähe der Diospyraceen 
zu bringen, die Andromedeen und Arbuteen, welche sonst zu 
den Ericaceen zählten, mit den Vaccinieen zu verbinden. Die 
Clethraceen und Rhodoraceen als besondere Ordnungen aufzu- 
stellen, die Familie der Menzicsiaceen zu begründen und die 
früher bestandenen Ordnungen Pyrolaceen und Monotropaceen 
zu vereinigen. Jetzt ist man sicher, in der Klasse der Bicnrnes 
reinen Tisch zu besitzen. Ein analoges Beispiel liefern ferner 
die Leguminosen als Klasse, die den plelopetalen Dicotylen ange- 
hören, von den meisten Systemalikern als eine Ordnung be- 
trachtet werden, während die wirklichen Ordnungen, die diese 
Klasse umfafst, nämlich die Papilionaceen, Caesalpiniaceen und 
die Mimosaceen nur als 3 Tribns gelten. 

Genau so steht es mit den Tricoccen. Nicht die Uniovu- 
laten und Biovulaten begründen Familien, sondern dieselben sind 



244 Gesammtsilzung 

innerhalb dieser Abtheilungen enthalten. Wenn man auch als 
Charakter Her Tricoccen Her Frucht, die vorherrschend dreiknö- 
pfig und kapselartig ist, ihren Werlh nicht versagen kann, 
denn beerenartige Früchte kommen zwar vor, geliören aber zu 
den Ausnahmen, so scheint mir doch die sehr entwickelte und 
bleibende Centralsäule der Frucht nicht nur eine wichtigere Rolle 
zu spielen, sondern sie hat auch den Vorzug die wirklichen Ver- 
wandtschaften anzudeuten, die sie mit der Klasse Columniferae 
gemein hat. 

Vergleicht man die Tribus der Euphorbiaceen oder Tricoc- 
cen, welche Adr. von Jussieu darin feststellte und die bis 
auf Hrn. ßaillon allgemeine Geltung hatten, so sieht man 
gleich, dafs dieselben in ihren Charakteren von ungleichem Werlhe 
sind, denn die Tribus, welche den Euphorbiaceen Endllcher's 
entspricht und wie schon gesagt nur eine nicht dazu gehörige 
Gattung {Dalechampia) enthält, welche zur Tribus Acalypheae 
der natürlichen Ordnung Acalyphaceae gehört, hat weder habi- 
tuell noch essentiell mit den übrigen Abtheilungen, die von 
Ad. von Jussieu aufgestellt wurden, etwas gemein, aufser den 
Charakter, den die Klasse bietet und dieselbe zusammenhält; 
demungeachtet bildet sie in ihrem eigentlichen Unterschiede 
ein Kennzeichen, das für die IJegründung von Familien als ein 
normaler hingestellt zu werden verdient und nicht darin be- 
steht, dafs die männlichen Blüthen nur 1 Staubgefäfs be- 
sitzen, sondern dafs viele männliche Blüthen und eine weib- 
liche von einer Hülle (Involucrem) eingeschlossen werden und 
insbesondere, dafs diese männlichen Blüthen, die einen klei- 
nen Blüthenstiel besitzen, mittelst einer geschlossenen Gliede- 
rung mit dem Staubgefäfs verbunden sind. Eine nächste natür- 
liche Ordnung Peraceae von der eine Gattung schon von Mutis 
unter dem Namen Pera aufgestellt war und zu der in späterer 
Zeit noch drei Gattungen hinzukamen, zeigt auf der einen Seite 
den Übergang zur Tribus Crnlonene der Ordnung Acalypiiaceen 
durch wesentliche und habituelle Kennzeichen, auf der anderen 
Seite eine Übcreinstimnumg millelst des Involucrums zu der 
Ordnung der Euphorbiaceae , ferner durch das Auftreten der 
zweiten Geschlechter im verkümmerten Zustande in der norma- 
len männlichen und weiblichen Blüthe von Schismatopera und 



vom 10. März 1859. 245 

S/tirin zu der natürlichen Ordnung Ruxaceen, und zugleich eine 
habituelle Annüherung zu den Myrisllcaceen, wozu der verslor- 
slorbene Professor Kunth, der sonst in der liegrenzung von 
natürlichen Ordnungen eine bewunderungswürdige Meisterschaft 
bekundete, sie brachte. 

Die Sectionen 3, 4 und 5 der Uniovulaten Jussien's bil- 
den eine natürliche Ordnung, die ich mit dem Namen Acalypha- 
II ceen bezeichne und welche in drei Unterablheiluiigen zerfällt. 
I Dies sind die HIppomaneen, die Acalypheen und Crotoneen, 
i welche zum Theil durch den ßlüthenstand, theils durch die 
I Kno'penlage und zum Theil durch den Entwicklungsgrad der 
' Blülhenhülllheile charakterisirt werden. 

Die biovulaten Jussieuschen Sectionen 1 und 2 sind wlrk- 
1 liehe Ordnimgen und von diesem berühmten Manne in einer 
I Weise definirt, die Respect für dessen Scharfblick einflöfst, den 
er besafs. Nur der Conformität wegen, welche in den Endun- 
gen der Namenbezeichnimg den Unterschied angiebt, ob etwas 
Klasse, Ordnung oder Familie, und Tribus ist, möchte ich für 
Endlicher's Buxeae Buxaceae und für dessen Phjllanlheae 
Phyllanlhaceae substituiren. 

Ferner gehören zur Klasse Tricoccae als natürliche Ordnung 
die Antidesmaceen, welche nur einen einfächrigen Fruchtknoten 
mit ein oder zwei hangenden Eichen besitzen. 

Die Klasse der Tricoccae^ welche durch hangende Eierchen, 
die entweder einzeln oder nebeneinander zu zweien in jedem 
Fach vorkommen, durch die Trennung der Geschlechter in den 
Blüthen und durch den geraden Embryo mit blattartigen Sanien- 
lappen, der Im Centrum eines ölig -fleischigen Endosperms liegt, 
charakterisirt sind, umfafst demnach 6 Ordnungen. 

A. Eineiige. 
1) Euphnrbiac eae. Eine zwei- bis sieben tbeilige Hülle 
schliefst eine weibliche und eine unbestimmte Zahl männlicher 
Blüthen ein. Die Hülle (Involucrum) ist regel- oder unregel- 
mäfsig. Die männlichen Blüthen besitzen nur einen 2fächrigen 
Staubbeutel, der mit einem abfallenden Staubfaden versehen ist, 
und mittelst einer geschlossenen Gliederung dem bleibenden Blü- 
thenstlelchen aufsitzt Monoecische selten dioecische Gewächse. 



246 Gesamrntsitzung 

2) Peraceae, Eine kapiizenförmige Hülle (Involucrum), 
die entweder seitlich, oder über den ganzen Scheitel in zwei 
Klappen, oder auch so aiirschlitzt, dafs sie einen zurückgeschla- 
genen Lappen bildet, schliefst eine bestimmte Anzahl einge- 
schlechtiger Blülhen ein. Nicht selten finden sich zwischen den 
männlichen die Rudimente der weiblichen Blülhen. Diöcische 
Bäume, deren Zweige, Blätter und Hüllen mit glänzenden Schül- 
fern bekleidet sind. 

3) A caly phac e ae. Blüthen ein- selten zwelhäusig, ohne 
Hülle (Involucrum), mit oder ohne Blumenblätter. Kelch in den 
weiblichen Blüthen stets vorhanden. Staubgefäfse meist in unbe- 
stimmter Zahl. Rudimente des zweiten Geschlechtes in den normal 
entwickelten Geschlechtsblüthen fehlend. Kräuter, Halbsträucher, 
Slräucher oder Bäume. 

Zwei- selten Eineiige. 

4) Buxaceae. Blülhen zwei- selten einhäusig ohne Hülle 
(Involucrum), stets mit den Rudimenten des zweiten Geschlechts. 
Blumenblätter vorhanden oder fehlend. Bäume oder Sträucher. 

5) Phf llant haceae. Blüthen ein- selten zwelhäusig ohne 
Hülle (Involucrum), stets ohne Rudimente des zweiten Geschlechts. 
Kelch vorhanden. Blumenblätter häufig fehlend. Kräuter und 
Sträucher oder Halbsträucher, seilen Bäume. 

6) Antidesmaceae. Fruchtknoten einfächrig, ein- oder 
zweieiig. Bäume oder Slräucher, wozu auch die Galtung ^re • 
mncar/ßus Benlham gehört. 

Was nun die eigentlichen Euphorbiaceen betrifft, nicht die 
im Sinne der früheren Autoren, welche mit dieser Bezeichnung 
die ganze Klasse Tricoccae umfafsten, sondern die sonst als 
Tribus betrachtete Gruppe Euphorbieae , so habe ich die Bear- 
beitung derselben in Gemeinschaft mit meinem Freunde und Col- 
legen Hrn. Dr. G ar cke ausgefiihrt. Unsere Untersuchungen ha- 
ben ergeben, dafs der Fanilliencharakter in einem 2 — Tspaitigen 
Involucrum besteht, welches eine weibliche Blülhe, umgeben von 
einer unbestimmten Zahl männlicher einschliefst. Die Stiele der 
männlichen Blüthen sind bleibend, durch eine Gliederung mit 
dem aufsitzenden einzelnen Staubgefäfs verbunden. Sie zerfallen 
in drei Unterabtheilungen, die Euphorbieen mit regelmäfsigem 



vom 10. März 1859. 247 

geradem Involucrum, deren Lappen an der Spitze oder dicht 
unter derselben mit drüsenarflgen Organen versehen sind. Sie 
ermangeln des kelcliarligcn Bechers an der Gliederung der männ- 
lichen IMüthe, deren Stiel von einer Bracteole gestützt wird, wäh- 
rend die weibliche Bliilhe häufig einen Kelch besitzt; ferner in die 
Unterahlheilung Pedilanlheae mit unregelmäfsigem schuh.'ihnlicheni 
lippigem schiefem Involucrum, das an der Basis aufgeblasen ist 
und im Grunde desselben 2 — 6 Drüsen neben männlichen Blii- 
then in unbestinmiter Zahl eine einzelne centrale weibliche 
Bliithe enthält. Die männlichen Bliilhen sind ganz von der Be- 
schaffenheit derjenigen der vorigen Tribus, nur werden sie nicht, 
wie dort von Hracteolen gestützt, sondern dieselben befinden 
sich in der Peripherie des Blüthenstandes und die weiblichen 
Blülhen kommen mit und ohne Kelch vor. Bei der dritten Tri- 
bus Anthos/eTiieiie findet sich innerhalb des zweilapurgeii Invo- 
lucrunis, deren Abschnitte nach innen, im Grunde mit einer 
Drüse versehen sind eine verkürzte Ramificalion. Die männli- 
chen Blüthen sind an ihrer Gliederung mit einem becherförmi- 
gen gezahnten Kelche versehen, die Bracteoien, welche in den 
beiden vorhergehenden Tribus spreuartig waren, treten hier 
blatlartig auf und finden sich zerstreut, während der Kelch der 
weiblichen Blüthe krugartig, gezahnt den ganzen Fruchtknoten 
einschliefst. 

Die Euphorbieen zerfallen wiederum in zwei Subtribus, 
das heilst in solche, welche mit einem häutigen Limbus des In- 
volucrums versehen sind, an dessen innerer Basis der Saumlappen 
sich ein drüsenartiges Organ in mannigfaltiger Form vorfindet, 
K.Anisofthyllae und in solche, deren Saundappen des Involucrums 
unmittelbar von dein drüsenartigen Organ begrenzt werden. 
B. Tilhjmalae. 

A. Die AnisnphjUae enthalten acht habituell und essentiell 
begründete Gattungen. 

1) Anisophj llum Haw. charakterisirt durch nionöclsche 
sehr selten diöcische Involucra, welche mit vier oder fünf äu- 
fseren Lappen versehen sind, die an ihrer inneren Basis flache 
drüseiiartigc Organe tragen und mit den dreieckigen getrennten 
sehr kleineu, nach innen gebogenen gefranzten Einschnitten ab- 
wechseln; äufserlich sind sie kenntlich, an den gegeuständigea 



248 Gesammtsilzung 

scblefen Blättern mit zwischenständigen Nebenblättern. Von 
dieser Gattung besitzt das hiesige Herbarium 51 Arten, die aus 
America, Ostindien und Nordafrica stammen und in Südeuropa, 
den Siidseeinsein und auf Timor nur wenige Vertreter haben. 

2) Alectoroctonum von Schlechten dal charakterisirt 
durch schüsselförmige Drüsen der äulsern Hülilappen, getrennte 
keilförmige zwischenständige Einschnitte, einen mit geschlossenen 
Gliedern versehenen Stengel und Zweige, gegenständigen zu zweien 
oder zu vier in einem W irtel gestellten Hlättern mit hinfäl- 
ligen zwischenständigen sehr kleinen Nebenblättern und ent- 
ständigen wiederholt zwei- bis drelgabeligen Trugdolden. Ame- 
rlcanische Kräuter oder Sträucher. Von dieser Gattung sind 
bis jetzt 17 Arten bekannt, zu denen Euptiorbia f^righiH Torr. 
et Gray, E. dilalata Torr, et Gray, -E. sanguinea Hort, lier, 
E. scandens H. B. Kth., E viridis Herb. Ruiz, E. petiolaris 
Sims, E. nudißoru Wllld., E. colinoides Miq., A. Scolanurn 
SchlechtdI., A. ovatum Schlechtdl. , A. Yat^al(juahuill Schlechtdl. 
und A. cntinifolium Schlechtdl. gehören. 

3) T richoslerigma Kl. u. G k e. charakterisirt durch be- 
cherhiillenförnilge Drüsen der äiifseren, gewöhnlich ausgerande- 
ten oder gekerbten und gefärblen Hülllappen, welche In einem 
keilförmigen Polster bis zur Basis der Innenwandung des Invo- 
lucrums herablaiifen, sitzende ausgerandete gezähnte getrennte 
zwischensländige Innere Einschnitte und llnlenförmige ßracteolen, 
die oberwärts mit langen Wimperhaaren, unterwärts aber kahl 
sind. Aufserlich erkennt man diese Galtung an dem strauchar- 
tigen Wuchs, an den ungegliederten Stengeln und der Zweige, 
den abwechselnden Blättern, den fehlenden Nebenblättern, den 
hinfälligen beiden Bracteen des Involucrums und den winkel- 
ständigen abgekürzten Trugdolden. Es gehören hierher folgende 
vier mexicanische und cailfornlsche Arten. Euphorbia fulgens 
KarwInskI, Kl. {E. jaquiniflnra Hooker sen), E. ca/^ornica Benth , 
E. nnsera Benlh. und E. Hmdsiana Benth. 

4) Euinecanihus Kl. et Gke. charakterisirt durch die 
zwischenständigen Einschnitte des Involucrums, welche unter- 
wärts verwachsen und am Rande gefranzt sind, durch pfriemen- 
förniige kahle Bracleolen durch krautartige ungegliederte Stengel 
mit gabelförmigen Verästelungen und gegenständige nebenblatt- 



vom 10. März 1859. 249 

lose oberwärts In Wirtel gestellte Blätter. Zu dieser Gattung 
gehört Kuphnrbia ariensis H. B. Kth., Eiimecanlhus lieiilhaiiiia- 
nus Kl. et Gke. (Euphorbia ariensis Benth. in pl. Hartw. nee 
II. B. Kth.), Euph. arenaria 11. B. Kth. nec Nutlall und Euph. 
triphjlla IIb. Willd. n. 9316. 

5) Tiihynialnpsis Kl. et Gke. charakterisirt durch die 
äufseren Lappen des Involucrums, welche verkehrteiföruiig fast 
kreisrund, verhältnlfsmäfsig grofs, weifs gefärbt und an der In- 
nern Basis mit grünen schüsselförnilgen Drüsen versehen sind, 
durch die sehr kleinen zwischenständigen getrennten eiförmigen 
gefranzten Einschnitte, durch krautartige oder verholzte unge- 
gliederte Stengel und Zweige, die an den Spitzen quirlförmig 
zerthellt sind, nebenblattlose abwechselnde Blätter und gipfel- 
Sländige zuweilen achselständige vielstrahlige Schirme, die von 
quirlförniigen Blättern gestützt sind. Hierher gehören Euphor- 
bia corol/uta L. und eine vom Dr. Cabannis in Florida ge- 
sammelte Art Tilliynialopsis anguslifolia Kl. et Gke. 

6) Dichrop hyllutn Kl. et Gke. charakterisirt durch sehr 
grofse Invclucra mit ebenfalls sehr grolsen kreisrunden gefärbten 
äulseren Lappen und sehr kleinen zwisclienständigen keilförmigen 
an der Spitze abgestutzten und gefranzten Einsclinitlen. Sten- 
gel und Zweige sind stielrund, oberwärts gabelig- verästelt. Die 
Blätter sind abwechselnd oder fast gegenständig, oberwärts sehr 
ge<lrängt und weifs gerandet und haben pfriemliche abfällige 
Nebenblätter. Die Involucra sind entweder winkelständig und 
einzeln oder gipfelständig und gedrängt. Hierher gehören nur 
3 Arien. Euph. marginala H. B. Kth., Euph. biculor Engelm. 
und Gray und Euph. vanegaia Coli. Herb. Berlandier n. 1779. 

7) Leptop US Kl. et Gke. eine südamericanische Pflanzen- 
gattung mit äulserst dünnen stielrunden ungegliederten etwas 
verholzten wenig verästelten Stengeln und Zweigen, entfernt 
stehenden abwechselnden langgestiellen nebenblattlosen zarten IJlät- 
tern, die nach oben gedrängt stehen und dann quirlfömig er- 
scheinen, sehr kleinen glockenförmigen Hüllen, die gewöhnlich 
in gipfelständige Trugdolden geordnet sind, tiefgespaltene äufsere 
Lappen und sehr kurze eingebogene zwischenständige Einschnitte 
haben. Es gehören hierher Euph. adiantoides Lam., Euph. ocj~ 
moides L., und 4 neue Arten, Leptopus brasiliensis Kl. et Gke. 



250 Gesammtsitzung 

aus Brasilien, Leptopus Poeppigii Kl. et Gke. aus Peru, Lepto- 
pus orinocensis Kl. et Gke. vom Orinoco und Leptopus sego- 
viensis Kl. et Gke aus Centralamerica. 

8) Adenopetalurn Kl. et Gke. ist charakterisirt durch 
krautartige Arten mit ungegliederten stielrunden Stengeln und 
Zweigen, welche an den Verästelungen gestielte hecherförmige 
Drüsen tragen, langgestielte zarte nehenbiattlose- unterwärts ab- 
wechselnde- oberwärts gegenständige Blätter haben und sehr 
kleine Hüllen besitzen, die achsel- oder endständig geordnet sind, 
deren äufsere Hülllappen verkehrteiföiniig an der inneren Basis 
mit schwärzlichen becherförmigen Drüsen und zwischenständigen 
und geschlitzten scharfgezahnten zarten Einschnitten versehen 
sind. Hierher gehören Euph. picta Jacquin {E. Humboldtii 
Willd), Euph. s/ihaerorhiza Benth., E. grarninea L. und 8 neue 
centralamericanische Arten, Adenopetalurn pubexcens , A. Hoff- 
manni, A. boerhaaviifoliurn, A. subsinuatum , A. bracteatuni , A, 
pubescens, A, Oerstedii, A. discoLor und A. irasuense Kl. et Gke. 

B. Die Tithyrnalae, deren äufsere Lappen des Involu- 
crums von dem drüsenartigen Organ begrenzt werden, enthalten 
7 Galtungen. 

1) Euphorbia L. Involucrum glockig, an der Spitze 
5 — 7spaltig, häutige zwischensländlge Einschnitte eingebogen, 
tief gefranzt, äufsere Lappen in eine halbkreisrunde oder fast 
viereckige meist flache Drüse endigend. Bracteolen der männ- 
Blüthe unten breit, an der Spitze tief gefranzt. Cactusartige 
meist blattlose Gewächse mit eckigen Stämmen und Zweigen, 
deren Höcker gewöhnlich Stacheln tragen und auf den canari- 
schen Inseln, Ostindien, besonders aber in Südafrica zu Hause 
sind. 

Hierher gehören 1) E. nfßcinarum L., 2) E. erosa Willd., 
3) E. canariensis L., 4) E. grandidens Haw., 5) E. grandifolia 
Haw., 6) E. hepiagona Willd., 7) E. poljgona Haw., 8) E. 
Hjslrix W^illd. (Treissia Hystrix Haw.), 9) E. triacantha G. 
Ehrenb, 10) E. triaculeata Forsk., 11) E. neriifoha L., 12) E.\ 
Nwulia Hamit. , 13) E. Caltimando W. EH., 14) E. trigonal 
Roxbg., 15) E. tortilis Rottl., 16) E. anliquorum L. , 17) ^.j 
mammillaris Willd., 18) E. coerulescens Haw., 19) E. angularisl 
Kl. (Mossambique) und 20) E. abyssinica Rausch. 



vom 10. März 1859. 251 

2) Medusea KI. et Gke. (Medusea et Dac/j-fantfies Hiw.), 
Involucrum glockig oder kreiseiförmig, an der Spitze 4 — 5spal- 
tlg, an der Basis von 2 gegenständigen Bracteen gestützt, äu- 
fsere Lappen drüsenartig, auf den Innenflächen fein porös, an 
der Spitze kammförmig - eingeschnitten; zwischenständige Ein- 
schnitte aufrecht oder abstehend, an der Spitze fast abgestutzt 
und gewinipert. Bracteolen der männlichen ßlüthen linearisch, 
bis zur Basis gefranzt. Fleischige caclusartige einfache oder ver- 
ästelte unbewehrte capische Gewächse, die entweder blattlos oder 
unterwärts mit Schuppen und oberwärts beblättert sind. Hierzu 
zählen 1) M. tridenlata KI. et Gke. (E. tridentata Lam., E. ana- 
cantha Ait., M. anacanlha Haw.), 2) M. major Haw. {E. caput 
Mediisae « Ait.), 3) M. tuberculata Kl. et Gke., 4) M. globosa 
Kl. et Gke., 5) M. patula KI. et Gke. {Dactylanthes patula 
Haw.), 6) M. hamata Kl. et Gke. {Dacljlanlhes hamala Haw.), 
7) M, procumbens Haw., 8) M. fructus pini Haw. und 9) M. 
tessellala Haw. 

3) y4rehroehamnusK\.el Garcke, Invoiucra klein, von 
2 Bracteen gestützt, glockig, 5spaltig und diöcisch, äufsere Lap- 
pen drüsenartig, kreis- oder halbkreisrund, abstehend; zwischen- 
ständige Einschnitte eiförmig gespitzt, gewinipert, häutig und 
aufrecht. Capseln sitzend. Capische gabelförmig verästelte Sträu- 
cher, deren Hauplstainm ungegliedert, die Zweige aber gegen- 
ständig und gegliedert sind. Die Blätter schuppenförmig, gegen- 
ständig, sitzend, zu beiden Seiten mit einer Drüse versehen. 
Trugdolden end- zuweilen seitenständig. 

Hierher zählen 8 Arten, 1) ^. TirucalU KI. et Gke. (^Eu- 
phorbia Tirucalli L.), 2) A. brachialus KI. et Gke. {E. brachiala 
E. Meyer), 3) A. Burmanni KI. et Gke. {E. Bunnanni E. 
Meyer), 4) A. densißorus KI. et Gke , 5) A. Ecklonii Kl. et Gke. 
(tcklon, n. 23, 24 et 25), 6) A. scopijormis KI. et Gke., 7) A. 
Bergii Kl. et Gke. und 8) A. cymosus KI. et Gke. 

4) Tithy malus S c o p. InvoIucra glocken- kreiseiförmig, 
an der Spitze 4 — 5spaltlg, Lappen drüsenartig, kreisrund oder 
halbmondförmig, gehörnt; zwischenständige Einschnitte häutig, 
eiförmig, eingebogen. Bracteolen der männlichen Blülhen lan- 
zettförmig, gewinipert. Kräuter, Sträucher oder Bäume, wehr- 
los, fast über den ganzen Erdball verbreitet, besonders aber In 

[1859.] 18 



2o2 Gesamnilsitzung 

flen gemäfsigten und warmen Gegenden der alten Welt zalil- 
reich vertreten. Blätter wechselnd, sehr selten gegenständig, 
gleichbreit, nebenblatllos, die den doldenartigen ßlüthenstand ein- 
schliefsenden in Quirlen. 

Diese Gattung zerfällt in zwei Sectionen: 

a. G alorrheus Kl. et Gke. {Galorrheus Haw. , Euphnrb. 
sect. Tiihyrnalus Koch). Drüsenlappen des Involucrums Icreis- 
rund oder länglich mit 106 Arten. 

b. Esula Roeper (Esu/a Haw.), Drüsenlappen des Invo- 
lucrums halbmondförmig oder zweihörnig mit 11.5 Arten. 

5) Sterigm anihe Kl. et Gke. Cactusartige verästelte 
ungegliederte (iewächse mit afterblattständigen Stacheln und ab- 
wechselden häutigen Blättern. Involucra glockenförmig, von 2 
grofsen hochrolhen bleibenden, an der Basis verwachsenen Brac- 
teen gestützt, an der Spitze 5spalllg, äufsere Lappen dick, dru- 
senartig, verkehrt-eiförmig, an der Spitze abgestutzt und nieren- 
förmig ausgebogen, an der Basis verdünnt; zwischenstäudige Kin- 
schnitle gefärbt, fächerförmig, aufrecht, an der Spitze ungleich 
gezähnt. Die gegabelten Trugdolden sind gestielt und achsel- 
ständlo-. Hierher gehören 2 Arten, die auf den ost-africanischen 
Inseln einheimisch sind, nämlich Euphorbia Bojeri Hooker und 
E. splendens Bojer ex Hooker. 

6) Euphorbiasirum KI. et Gke. Ein verästeltes Kraut 
mit stielrundem ungegliedertem Stengel und Zweigen und ab- 
wechselnden langgestielten nebenblatllosen Blättern. Die Invo- 
lucra sind kreisellörmlg, mit 5 äufseren Lappen, welche aufrecht, 
drüsenartig, verkehrt- eiförmig, auf der Innenseite mit sehr klei- 
nen sechsseitigen Poren versehen, an der Spitze abgestutzt und 
an der Basis verdünnt sind; die zwischensländigen Einschnitte 
sind häutig, keilförmig, an der Spitze abgestutzt und sechszälinig. 
Blüthenhiillen von rauschenden gegenständigen spatelförnu'geii 
stachelspllzigen gekielten Bracteen eingeschlossen, einzeln an den 
Enden der Zweige in den Winkeln der Blätter. Nur eine Spe- 
cles ist von dieser Gattung bekannt, Euphorbiasirum Hojfman- 
nianum Kl. et Garcke, welche der Dr. Carl Hoffmann in 
Costarica entdeckte und an das hiesige Herbarium sandte. 

7) Poincett ia Graham, Involucra glockenförmig, an der 
Spitze fünfspaltig, zwischenständige Einschnitte halbkreisrund, 



vom 10. März 1859. 253 

oft gefranzt, äufserllch mit 1 — Skraterformigen Drüsen verse- 
hen. Miiiinliche Blülhen von franzenartig eingeschnittenen Brac- 
teolen gestützt. Nord- und siidamericanische Kräuter oder Sträu- 
cher mit ungeglieilertem Stengel nnd Zweigen, abwechselnden 
aebenblattlosen Blättern, gewöhnlich schöngefärbten Floralblät- 
tern und endständigen gedrängten Trngdolden. Hierzu zählen 
folgende Arten. 1) P. pulcherrima Graham, 2) P. geniculata 
Kl. et Gke. yE. geniculala Ortega) , 3) P. pedunculata Kl. in 
Seemann's Voy., 4) P. punicea Kl. et Gke. {E. punicea Sw.), 

. 5) P. frangulacfnlia Kl. et Gke. (£. frangulaefnlia H. B. Kth.) 
6) P. Scliiedeana Kl et Gke , 7) P. dentata Kl. et Gke. {E. 
deiUata Miclix.), 8) P. Ruiziana Kl. et Gke., 9) P. xalapensis 
Kl. et Gke {E. xalapensis H. B. K.), lÜ) P. insulana Kl. et 
Gke. (Brasilia), 11) P. lancifolia Kl. et Gke. {E. lancifolia 
Sclilechldl), 12) P. Oerstediana Kl. et Gke. (Ins. St. Thomas), 
13) P. helemphylla Kl. et Gke. (E. heterophylla Willd), 14) P. 
Morisoniana Kl. et Gke. {E. Morisoniana Kl. in Seemann's Voy.), 
15) P. cyalhnphora Kl. et Gke. {E. cyalhnphora Murr.), 16) P. 
prunifolia Kl. et Gke. (-E. prunifolia Jacq), 17) P. Edwardsü 
Kl. et Gke. (E. cyalhnphora Edw. nee Murr.), 18) P. radiuns 

i; Kl. et Gke. {E. radiani Benth.)- 

I| Von der zweiten Tribus Pedilantlieae, die sämmtlicb ame- 

ricanischen Ursprungs sind, konnten nur 3 Gattungen unler- 
sclueden werden. 

1) P edilanihus Neck er, charakterisirt durch die 4 Drü- 
sen im Grunde des schubförmigen Involucrums hat 8 Arten: 

j 1) P. lilhymaloides Poit. {E. (ilhyrnaloides "L., E. r/iyr/ifolia ham., 

I Crepidaria tnyrlifnlia Lam. , E. carinala Donn, E. canaliculuta 
' Lodd.), 2) P. padifolius Poit., 3) P. angustifi.lius Poit., 4) P. 

' parasiticus Boiss. (Hb. Pavon), 5) P. anacarnpstroides Kl. et Gke. 

1 j (JE. anacartipseroides Descourt.), 6) P. Oerstedii Kl. et Gke. (Cen- 

> tralamerica) , 7) P. aphyllus Boiss. (Hb. Pavon) und 8) P. reiu- 

■\\ sut Benth. 

•| 2) Hexadenia Kl. et Gke. Diese Gattung, welche an 

1 den 6 Drüsen kenntlich ist, welche sich im Grunde des Invo- 
lucrums befinden, wird nur durch eine von Beotham unter dem 

3 Namen Pedilanihus rnacrocarpus beschriebene, aus Californien 

- stammende Art repräsentirt. 

IS* 



254 Gesammfsilzung 

3) Diadenar ia Kl, et Gke., die aus Neuspanien stammt, 
und sich durch grofse gegenständige hüllenartige Bracleen, die sich 
oft wiederholen, durch einen gaheligen Bliilhenstand und 2 Drü- 
sen Im Grunde des Involucrums unterscheidet, enthält 1) D. in- 
volucrata Kl. et Gke. (Hort. bot. Berol.), 2) D. psilocarpa Kl. 
et Gke. (Hb. Berol. et Hb. Boiss. sub Pedilantho tUh/maloide 
Dill.) und 3) D. Pavonis Kl. et Gke. (Herb. Boiss). 

Von den Anthostenieen, welche die dritte Tribus der Eu- 
phorbiaceen bilden und die nur die Gattung Anlhostema ent- 
hält, von der 2 Arten bekannt sind, haben wir nur die vom Se- 
negal, aus dem Herbarium des Hrn. A, de CandoUe zu unter- 
suchen Gelegenheit gehabt. 



Hierauf las Hr. J. Grimm über die göttin Tanfana. 

Neulich ist durch überraschenden fund zu Wien ein kleines, 
wahrscheinlich erst im zehnten jh. niedergeschriebenes, aber sei- 
nem Inhalt nach offenbar unserm heidenthum angehöriges denk- 
mal zu tage gekommen und so eben Im 29 band der Sitzungsberichte 
der kaiserlichen akademie von Zappert herausgegeben worden, 
an umfang zwar geringer als die zu Merseburg entdeckten heid- 
nischen Sprüche darf es einen noch höheren werth in ansprach 
nehmen und wird die altdeutsche niythologie vielfach bereichern, 
es ist ein gesang zum einschläfern der kinder, gleichsam das Vor- 
bild bis auf heute unter dem volk fortlebender, nur abgeschwäch- 
ter Wiegenlieder, in einfacher, fast zu glatter darstellung. statt das 
ganze gedieht schon hier zu w^iederholen und erläuterungen bei- 
zufijgen, deren eine menge versucht werden könnte, hebe ich 
eine einzige, unter allen die wichtigste zeile aus, die uns einen 
seit Tacitus verschollenen götternamen plötzlich wieder vor äu- 
gen führt. 

Der römische geschichtschreiber schildert im ersten buche 
seiner annalen cap. 50 den barbarischen, grausamen heerzug, 
welchen vom Niederrhein aus, im jähr 14 unsrer Zeitrechnung, 
Germanicus mit Caecina gegen die Germanen dieses landstrichs 
unternahm, es müssen Bructeri und deren verbündete, etwa 
Tencteri, Usipetes und Marsi gewesen sein, die feinde drangen 



vom 10. März 1859. 255 

durch den Hei'si'wald '), die sHva Caesla, vor, überfielen nachts 
die nach einem eben gefeierten fest, dessen künde den Römer 
verralhen worden war, sorglos schlummernden Deutschen, mach- 
ten ohne Schonung alles nieder und verheerten planm-iszig die 
ganze gegend: non sexus, non aetas mlseralionem allulit, pro- 
fana simul et sacra et celeberrlmum illls genllbus ten.plum, qnod 
Tanfanae vocabant, solo aequantur, sine vulnere mililes, qui semi- 
somnos, Inermos aul palantes ceciderant. Hier, nur dies eincmal 
ist die göttln, deren tempel dem boden gleich gemacht wurde, 
genannt, in der allgemeinen Schilderung der Germanen bleibt 
sie unerwähnt. 

Doch auch eine oft abgedruckte Interamnatlsche Inschrift'') 
enthält die worte "Tamfanae sacrum', allein sie gilt für erlogen 
und von Ligorlus, einem verrufenen falscher ausgedacht, der den 
namen bei Tacitus gelesen und für seinen zweck verwendet ha- 
ben müste. Ich überlasse andern zu entscheiden, ob der sonstige 
Inhalt der Inschrift gebieterisch ihre unechlheit dargibt, wo dies 
nicht der fall Ist, kann sie aus dem namen Tamfaua nicht her- 
vorgehen, es hält schwer in solchen fällen einmal erhobnen ver- 
dacht zu tilgen und jeder ist gewohnt ihn dem andern nachzu- 
sprechen, mir scheint, Inschriftenschmiede werden In Ihrem ma- 
terial wahres und fdsches untereinander vor sich gehabt haben, 
sonst wäre Ihr unseliges handwerk gar nicht ergangen, und viele 
alte steine sind im verlauf der zeit abhanden gekommen, so dasz 
nicht nachverglichen werden kann, übrigens weicht Tamfana 
von Tanfana bei Tacitus ab, aus der Inschrift wäre Immer zu 
lernen, dasz der name bestimmt auf eine göllin geht, nicht auf 
den tempel, von dem Ihn einige ausleger verstehen wollten, und 
dasz der göttln cultus verbreiteter gewesen sein musz. Marcus 
Appulejus Paetulus decurlo Interamnensis konnte In Deutschland 
gewesen sein und Irgend eine Ursache haben der Tamfana noch 
in seiner heimat zu gedenken, denn genug bei,piele begegnen, dasz 
die Römer gallischen und germanischen göltern tafeln weihten. 
Aber hiermit Ist es für die entwerlhung des alten namens 
noch nicht abgelhan, Müllenhoff hat Ihn auch unter die verderb- 

') vgl. Bekkers jahrb. des deutschen rechts 1, 26l. 
) z. b. in de Wal monum. epigr. p. 188 no. 26t. 



256 Gesammlsilzung 

ten namen bei Tacitus gestellt, erklärt also die an ihm versuchten 
etymologien im voraus für unmöglich, andere werden jetzt schon ge- 
neigt sein, das nunmehr auftauchende altdeutsche lied blosz dieses na- 
mens wegen anzuzwelfehi, auch an weitern zweifelsgründen wird 
es nicht gebrechen. 

Ich meinestheils, mehr gestimmt an Wahrheit als an trug zu glau- 
ben, halle den namen Tanfana für vollkommen echt und für ein 
wunderbares glück, dasz, während er bei allen deutschen volksstäm- 
men untergegangen war, ihm so unerwartete bestätigung angedeiht. 

Das denkmal ist nicht in der mundart abgefaszt, vielche ich 
die strenghochdeutsche nenne, sondern in einer weicheren west- 
lichen, die neben hochdeutscher aspiralion auch noch die alte 
aspirata th in themo, wurgianlhemo für strengahd. media und 
tenuis festhält, über das z in Zanfana werde ich mich gleich 
erklären, der dialect erscheint mir als ein solcher, wie er zur 
zeit des neunten, zehnten Jahrhunderts im rheinischen Franken, 
also unfern von jenem uralten heiligthum der Tanfana könnte 
gesprochen worden sein. 

Vor allem sei nun eine neue deutung des namens vorgelegt, 
es kommt dabei auf das anlautende T und das inlautende NF 
an. überalt wo die Körner im anlaut deutscher wörler T schrei- 
ben, liegt deutsches TU unter, so in Teutones, Teutoburgium, 
Tencteri, Tungri, folglich auch in Tanfana und dem entstellt 
aussehenden Tuisto, wo Lachmanns Tvisco = bimus gar nicht 
gebilligt werden kann, so wenig als Tivisco = caelestis. liesze 
sich die lesart zweier handschriften Tristo zur gewisheit erhe- 
ben, so läge die erklärung Thristo, der kühne, starke in aller nähe, 
alts. entspricht thristi, ags. {)riste unserm heutigen dreist, das 
ahd. nicht verzeichnet wird, ältere abweichende bedeutungen blie- 
ben unausgeschlossen, wie sie sich für einen erdgebohrnen gott 
schicken, ja selbst das lat. Irlstis fiele hinzu, das nicht nur maestus, 
sondern aus severus, saevus aussagt, auch an goth. J)rafstjan 
trösten und die namen Thrafstila, mhd. volkes trost liesze sich 
denken, dies alles hier nur beiläufig, ich habe es mit Tanfana zu thun. 

Deutsches NF oder MF ist doppelter arl. entweder steht 
es zur selte gothlschem NF, MF, z. b. in hanfs mancus, fimf 
quinque, die ahd. ebenso lauten müssen hanf, finf; oder gothl- 
schem MP = ahd. MF, MPH, diese goth. MF haften auch alts. 



vom 10. März 1859. 257 

unJ ags., während in beiden letzteren mundarlen vom goth. INF 
das N ansgesloszen und mit verlängertem vocal haf, fif gespro- 
chen wird, ein gotliisch erfasztes Tlianfana hätte ahd. zu lauten 
Danfana, alts. Thäfana (Thabliana), ags. Thiifene. 

Nun fällt unmöglich Thanfana aus den gothischen, Danfana 
aus den hochdeutschen, Thafana aus den altsächsischen quellen, 
die uns alle sparsam flieszen, gegenwärtig zu deuten, nur der 
reichere angelsächsische Sprachvorrat geht uns willkommen zur 
band, er allein üherliefcrt ein auch im späteren englisch erloschenes 
verbum {)afian, ge{)äfian, welches golh. {janfjan, ga|)anfjan, ahd. 
denfan, gidenfan lauten würde, und consentire, juvare, favere 
aussagt, das substantivum Jjäfa oder ge|)afa bedeutet fautor, ad- 
I jutor, ein entsprechendes femininum |)äfene würde aussagen fau- 
j trix, adjutrix und wir sind unmittelbar zu Tanfana, dem namen 
' einer holden, günstigen, gnädigen göttln gelangt, der in ahd. 
Danfana zu übersetzen wäre, auf bructerisch oder marsisch würde 
er nicht anders als Thanfana gelautet haben, das die Römer voll- 
kommen richtig durch Tanfana wiedergaben. MF wäre wol 
befugt, wie in fimf=finf, auch in Tamfana, Thamfana, Dam- 
fana einzutreten. 

Wie aber zu fassen ist die uns nunmehr überlieferte gestalt 
Zanfana? Z musz überall und nothwendig als fortgeschobne te- 
nuis betrachtet werden, alle unsere heutigen Z sind aus den T 
der frühern lautstnfe herzuleiten, ihnen aber läszt sich die aspi- 
rala von Zanfana nicht gleichstellen, da sie nicht auf gelehrtem 
wege auf das lateinische Tanfana zurückzufidiren sein wlnl, viel- 
mehr volksmä>.zig aus deutschem Thanfana selbst geworden sein 
musz, wahrscheinlich schon in sehr früher zeit, man erinnere 
sich aus Gregorlus turonensis 5, 44, dasz bereits im sechsten 
jh. könig Cliilperlch Z für TH einführen wollte, und die lis- 
pelnde ausspräche des griechischen 0, des altnordischen, angel- 
sächsischen und noch englischen TEI nähert sich unmittelbar der 
des hochdeutschen Z. man erwäge, wie ich in meiner geschichte 
der deutschen spräche p. 395 anführe, dasz der nordische name 
Thorgils in alemannischen klöstern Zurglls geschrieben wurde, 
so ein Z steht auch in Zanfana für Thanfana und die übrigen Z 
des Wiegenliedes in läzan, felziu, suoziu, unza sind anderer art, 
nenilich die gewöhnlichen aus T laulverschoLnen. alle diese z 



258 Gesammtsitzung vom 10. März 1859. 

der handscbrift haben eine ungewöhnliche auffallende gestalt. Z In 
Zanfana ist nicht verschoben, nur eine andere Schreibung für Th, 
das in themo daneben auftritt, mir fiele wol unser bisher dunkles 
mhd. zäfen, ornare, comere ein, ob es für zanfen, gleich dem ags. 
{)äfjan stehn könnte? aber ein zanfen, zenfen und die bedeutung 
von consentire, favere wäre erst auf zu weisen, wie wenn der 
malbergische name des mitlelfingers thaphano, taphano comis, fa- 
vens das gerade gegenthell vom späteren indecens, impudicus 
bei den alten Franken besagt hätte? 

Der vers Im liede lautet: 

Zanfana sentit niorgane feiziu scaf clelnlu, 
Zanfana sendet morgen fette kleine lämmer (den einschlafenden 
kindern), in dem haln um ihren sitz hatte die göttin schafe wei- 
den, sie ist, wie das wort selbst ausdrückt, hold und hilfreich 
(comis, favens, benigna), ihr name gemahnt an die gleiche bll- 
dung von Huldana, wenn so das Hludana einer andern berühm- 
ten Steinschrift geändert werden mag, und von Berhtana, nach 
altfränkischer namensform; Im verlauf der zeit kürzten sie sich 
in Holda und Berhta, nicht unmöglich, dasz Zanfana In Stempfe 
entstellt wurde, falls die späte Überlieferung') wirklich so lau- 
tete und nicht geradezu Zenfe darbietet. 

Fällt nun mit dieser auslegung der uralten, beglaubigten 
Tanfana eine früherhln versuchte nieder, nach welcher sie zu 
Vesta oder Hestia gehalten wurde? das könnte gerade noch 
neuen schein gewinnen, und auch einen altnordischen namen in 
den kreis der Untersuchung ziehen. Ich will aber den günstigen 
eindruck, wie Ihn das augenscheinliche und sichere macht, jetzt 
nicht verwischen dadurch dasz ich weher greifende, anklingende, 
ihrer natur nach unentschledne mythische und sprachliche Ver- 
hältnisse beifüge. 

An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
Memorie deW I. R. Istituto lomhardo di scienze. Vol. VII. Fase. 8. Mi- 

lano 1859. 4. 
Maurokordato, AoKijuioy laxofi>.h Trepi t?; p ocraiK^s yofA.oS£(ri!*,s. Athen 

1S57. 8. 
Congres scientißque de France. 26™« Session. Limoges 1S59. 4. 



') deutsche mythologie s. 256. 



Sitzung der philos.-fnst. Klasse vom i^. März 1859. 259 

Verhandlungen des naiurhistorischen Vereins der preufsischen Rheinlande- 

Jahrgang l4. 15. Bonn 1857. 8. 
Sociale jihilomathique de Paris Proces verbaux de 1858. Paris 1858. 8. 
Proceedings of the Royal Geographical Society of London. London 

1859. 8. 
Journal of the Asialic Society of Bengal. no. 268. Calcutta 1858. 4. 



Nachdem verschiedene minder erhebliche Geschäfts- Angele- 
genheiten erledigt waren, trat die hierzu einberufene Wahlver- 
sammlung in Thätigkelt tind ernannte Hrn. Wurtz in Paris 
zum correspondirenden Mllgllede der Akademie im Fache der 
Chemie. 



14. März. Sitzung der philosophisch-hi- 
storischen Klasse. 

Hr. Parthey las über die Erdansicht des Geogra- 
phen von Ravenna. 



Hr. Bekker trug Zahlenverhältnisse vor, die er an 
dem Homerischen versbau beobachtet hat. 

1. 

In der ersten stelle des hexameters ist der daktylus häufiger 
als der spondeus. A hat (in den ausgaben vor meiner letzten) 
389 daktylische versanfänge gegen 222 spondeische, B 501 gegen 
376, r 316 gegen 145, A 324 gegen 220. woher dies über- 
gewicht des drelsylbigen fufses? allein daher dafs die Griechische 
spräche überhaupt mehr daktylische als spondeische demente bie- 
tet. Vorliebe zeigt sich eher für den spondeus. um den in die 
erste stelle zu bringen wird vorlieb genommen mit der schwäch- 
sten ihesis, längen blos durch angehängtes v oder durch positlon 
einer muta mit ^ gebildet (kj-Tw rct, slrtv [Xiv, hn^sv ^\, wotsv 

OS, 7r«?.?.£l/ Bs^tTBjr,, TTCtTtV K^JH^MT^STirty TOtTlV hs, TjCUXIf B\, Ok- 



260 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

vY,Cg erTY,>{E), wird keine zusammenziehiing gescheut (S«Si30üt'j S'so?- 
crii', y^Dswij.st'og, a-vy.icci, yjO.y.iot, Bsi'Bdsiuu, XcoäiMVy TTYiS'iuiv, ij/xbouv, 
nXX' l(/7|Mei', oCy. iccTovrtv) und kein hiatus, weder in dem fufse selbst 
(n *;§>;, y, oi, yj ov, ^ aXXoi', v/ aCrog, y, v'toc, rw Iv, tm ov, ZsC 
ctX>.ot TS Ssot) noch gegen den folgenden fufs (d^ccfxi'öc dS'cci'ccTovg, 
Y,tJ.a.i nX7,oiTiv, vwu.a'sv^c(, TTStoce cug, yslxS'ctt dXX , jui'aTCcct ovoi, sXftst 
ov, i^ujyost 'Arpiog, -ctgßsi ovhe, tbvPsi nirnYO-ceg, XfxtuSrEÜ si, uj yrnd 
ovru), Xs'jnoi iv, 'nrnoi ctvTOQ, cuvrov stg, ^luoC aCrap, ^xymov i^s- 
pvTcct, v\pov üjc). hat ein wort zwei formen, eine daktylische 
und eine spondeische, so kehrt es die spondeische hervor für 
die erste stelle, darin lesen wir nicht ocyyj^i ty'/.o^i C\l/oS't 
sondern, mit höchst wenigen ausnahmen, ayypC tYi}.o\j C^ov, 
nicht YivicLQ sondern y^vk;, nicht Y,^iui sondern y^^w, nicht iyjyvceg 
sondern tyßrvg, nicht yjtDsrw aiMpors^Yig oder yji^snv u^uvaT-ffcri 
sondern yjtDETcr djutpoTicYig und ^/ji3stt cc'^avaTYiTw. ebenso 
yspylv T c(ix(bct(powvro und '^^idtih t YiTiia^oi'TO, nicht y^stüsrt t 
(ifji.i})nc])ouivTo oder yjioBTi t' YiO-na^ovTo. desgleichen iv crTns-Ti^ 
nicht aber Iv a-nnTi, ^w ttsivTiTtv vyi'jti, nicht «ji'sji'tji'. fer- 
ner vom verbum im indicativ Y,T:-tBiv ai^icc und nicht y,thsev, 
Y^hr, y^ost YiTsi wo/s» und nicht ■>]§££ ^JS£ YjTss ttoiss. o'i 8' 't^svov, 
nicht isjEvoi'. s'icc vuijulcc tiucc tpotru und Yijxmv joXßujv iponiuv 
nirgend mit aufgeiöslem a oder w. Sy\o\jv, nicht aber, was dem 
parlicip ^Yi'iowv entspräche, c>ri00i/; für das particip selber steht 
P 6ö hYjwv. und im imperativ ay^si exiTEt ^r,r£( ^ujysEi Sru^rBt 
atrilr ^wy^EÜr cthsirM für ccy^ES O-iTse ^Y/TEE ^uptes cciveet' ^m- 
ypsET n'tasiTuj. injSnitive auf stv, wie ßctXXsw ^uiitv, hat in der { 
ersten stelle die Ilias 46, die Odyssee 44, auf Efji.sv, wie Soute- 
usv vsiipiuEv, jene 4, diese lö. Ssi^m steht 11 mal in der ersten 
stelle, ^sloiu 1 mal ("t» 536), ^ntvvvr 9 mal, sh^uT 2 mal. über- 
all Tov S' YiUEißET ETzstTu, nirgend rov b' dTrafxsißEr EnstTn, trotz 
dem vielmaligen tov S' dnu!J,Eißo!J.Evog ttootsc^v; und nnuixElßsTO 

CpMVYiTEV TS. ßoTn' Iv YlsaXMTYl Uud (TTa? tV p.ETITOtTtV, nicht 

aber ivi Weshwtyi und ivi p.ss-roiTiv. endlich i>' VY/Vyi y7.ct(pii^YiTi, wo 
PYfVa-iv li« yXcapv^YiTi von dem sonstigen vY,ct<; etvi y7M(pv^ng oder 
VY,ng dvd yXcapv^dg gefordert schien, ähnlich su tyi b' eßboiMCTYi 
für iv 6'e 7V1 ißSofj.a-Yi. 

solcher neigung zum spondeus bequemen sich denn auch, 
so leicht wie billig, manche an sich zweifelhafte formen, die 



vom 14. März 1859. 261 

dativen z. b. der dritten declination im Singular, die meist drel- 
sylbig sind in handscliriflen und ausgaben, h^st arret "yna«« ') 
tyy^et e?.xst eaxsi Srcearst xaX/.st hccjtsi ixcivTst Trif'S'st Tz'/.Y,<7et 
Ilo^-S'sT OT>;S"e« \jWt') yj,Tit. y^zvTsov müssen wir zweisylbig spre- 
chen in y^xja-sov a-y.Y,TiT^ov und y^vTsov Xnyj'ov: warum sollen 
wir es anders sprechen in ycvTsov oC8' und yj^vTsou ccßüYixrou? 
oder warum soll cccpjsou 6s j-tYiS'scc und wstsov h' Iv (A 282, 3 
116) nicht maar.>>gebend sein für hlvscu oöc und htvtoixsv (i 384 
388), für B'Y^.Bou iv^ct (e 73), vsineov ov (M 268), notiov Oipoct 

(T 147), iy.l'SOV rt/A(/)0TS^OJ (T 15Ö)? 

anhangsweise ein paar worle über die kürzen womit einige 
hexameter anzufangen scheinen. 

hin mit bald langem bald kurzem a (hia ixiv c(T7ri8o<; YjXS'e 
— xcct oia -^'jjdyiXoc;) steht in einer reihe mit uyciov vootStsv 
X 313 neben clyctov oi> A 106, ' \r>i7.Y,wio\i ovo B 731 neben 
' ArnXY\nioC v'tov A 194, avs^/Tov neben nus^/t'cv, 8iript?.oi; neben «j*;»'- 
i/)i/,oc, äVoyii'ig neben Si'orc.sipic, rjT« TiO.ovrctt N 103 neben y/k Trcturee 
Ä363, TavS'Yi 6UC t 595 neben Srvuo? lauS-Yi T 600, 'l/.tov wpo- 
naDOt^e neben 'lÄiot/ i^c<?.ct7ru^cei , hocc y.cO.a neben h^Y^v 
inctTÖixßYiV , TriTr7^Y,yoi> S/ IfxccTtv "l» 363 neben sutotStsv lunTw 
K 262, fTixTi |3 283 neben iTctn /3 211, y.nmzsTiv iv y.ovl^ ne- 
ben \xiav'^Y,7av ht y.ortri, ctvTao ö ßY^fts A 488 neben 'Ay^tT^svg ixy,- 
i'tci' B 769, iJ.-j^i'HYii; neben fx'joiyni, ofxouov neben öixouov, ovit 
oitu neben ov yao li'x, wgTv neben n^t'v B 348 und 344, njfct- 
Moc neben n^r«aiclv]c, '^i'hoi'ZQ neben —ihoi>ioi, rioi' ' \yjcioi T 703 
neben szycc rioi' ^705, TsTY.y.oTi A696 neben -aiY;y.oTi t^ 19. so wan- 
delbare quanlität, auch an den übrigen vokalen unschwer nach- 
zuweisen, mag uns verwundern , muss aber unangetastet bleiben, 
man hat neulich o-v/Sorsia. geschrieben für o-i//3ot(«: mit glei- 
chem recht könte man hnu schreiben, d. h. mit gleich täppi- 
scher schulmeislerei. 



') 'irpt; (und S'sTTct x(c«. fl-sXa.), wie noch immer geschrieben wird, ist, 
bei der tinbestrittenen kürze des *, nicht verständiger als tei'xe oder aiä'a, 
7>pa.' uJTo Xnrxp'2 wie rely^ xnso Tfliut. 

') für wix wird überall uiic eintreten können, wie es steht E 154, M 
188, S 490. 



'262 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

fast noch mehr als in Si« fällt das lang gebrauchte i \n 
iplXs auf {tplXs xcccrtyvYiTB) , einmal weil es gar leicht zu umgehn 
war, durch aCi~oxctTiyvY,Ts etwa oder m (piK «0£X(/)fis oder y'■^£«)) 
uscjictXri oder (piXTa-s fxot yvunrüit', und also zeigt wie wenig be- 
denklich dergleichen abweichiing von der gewöhnlichen ausspräche 
dem sänger schien, sodann weil der darum nöthig gewordene 
circuniflex das äuge um so mehr befremdet je üblicher und nolh- 
wendiger der acut ist, nolh wendig schon darum weil sich (piXog 
zu (piX>xu.ett verhält wie fccvriXos zu vctvTtXXofjictt, y.MTikog noiy.ikog 
zu nt/)rik7.M noty.iXXtii, aloXoQ zu alo'kXw, yoyyvXoi; a-TooyyvXos 
oTou^tJXo? zu yoyyvKXt*) a'Tpoyy\j}.Xui <rTw^ji,vXXofJini.^) (ptXs schrei- 
ben und (/i7X£ sprechen heifst sich widersprechen ohne noth und 
ohne nutzen. 

ebenso steht es mit Xxjto Q.Cto B' uymv) und Xvro (Xuto 
yovvctTct, XvvTO hl- yvicc). 

iTTSiSri (X379, T2, 513, ^452, </. 25, t« 482) kan eV- 
neiSr, werden, weil es einigermafsen ähnlich ist mit ottttyi oVttots 
oiTTvwg. aber sTitrovog (tJ. 423) hat auf langen anfangsvokal so 
viel anspruch wie nScevccrog uFtuyj>g anafj,ce-og avKpsXos oder wie 
YiU.ccSrosit; und r^us/ixostQ, und Yinhovog kan nicht gewagt scheinen 
neben r,ntuXog = imukTYjg. 

2. 
In der zweiten stelle tritt nach der arsis gewohnlich eine 
cäsur ein, die trithemimeres, in A auf 611 verse 374 mal, in N 
auf 837 498 mal, in S- auf 586 385 mal; begleitet von der ca- 
sur des vierten fufses, der hephthemimeres, in A 178 mal, in N 
200 mal, in S" 223 mal. alle cäsuren aber fallen oft in die 
fuge von zusammenselzungen (die beiden genanten allein in N 
gegen 50 mal), wie denn Zusammensetzungen dem verse überall 
nicht für festverwachsene einheilen gelten, am wenigsten verba 
mit angesetzten präpositionen; vielmehr wird da die präpositioa 



') a-yysXo? und J*i^aX«, ursprünglich «771X0« und S'aiS^xX*, haben ihren 
ar.cent verrückt wie sie Substantive geworden, a7Äao? (a7*A3;) wie es durch 
Verschiebung der liquida gleiche endung bekommen mit äXcto; xipxoi xpx' 

I 



vom 14. März 1859. 263 

wie ein fiir sich stehendes adverbium behandelt, darum hina-Tr^- 
Tr,v iatTKVTB ohne spur von augment. 

das syllabische augment gerälh auch sonst häufig in colli- 
sion mit der cästir. soll man schreiben 7.cioi hz j-y.iHvctvro oder 
S' ir^ii^i'fcvTo? ToC 6s. xXvs^o7ßog'A7roXXu)v oder 8' sx^.vs? sicher- 
lich geht die cäsur vor. wessen kein vers entralhen kan, und 
was sich in einem und demselben verse vier- bis fünfmal wie- 
derholt, ist wesentlicher als was für den sinn in den meisten 
fällen völlig gleicligülllg bleibt, dem verse aber nur höchst sel- 
ten und gleichsam zufällig förderlich wird, verse wie A 596 
IxitBriTctrct hs 7iC4tbog IBi^nro yji^ii fevrreX/.cv oder x 58 ctCrccs 
inu TiToto T InccrTccixs^' rhs ttotyjtoi; würden freilich ohne aug- 
ment übel fahren, auch y 220 und ou 27 {8r,iJLUj si^i T^uimv, o<Tt 
vctTyjsßsir ccXys' 'A%a,tot) dürfte man versucht sein ocr inar^^o- 
fiiv zu schreiben, und S 243 und 330 o-5"' snaryjTs (oS'j wird 
apostrophirt B 572, A 217, T 320, g" 210, S 512, im 11 und 336, 
T 58), und y 118 {elvKsisg ycca Tcpiv xuxu ^ciTCTouEf) xkx ijun- 

TO{XBV. 

3. 

In der dritten stelle scheiden sich die zwei reihen woraus 
der hexaineler besteht, eine daktylische und eine anapäillsche. 
die grenze zwischen beiden zieht eine cäsur, die natürlichste 
nolhwendigste cigenlhümlichste von allen, hinreichend auch einen 
mang^elhafl gebauten vers zum hexameter zu stempeln, der En- 
nianische z. b. 

Poeni pervnrlenles omnia circurncursant 
ist unleidlich, weil er, cäsurlos, in monotone und unverbundene 
hälftcn, wenn man will, in zwei verse, auseinander bricht, die 
ähnlichen im Homer, wie 

r\ B'iiMg du^aujTTujv mXsi \ nvBaüjv y^Bb yvvctiy.Mv 

I 134 

TY^V S'S IA.ST ^KXH[XY)VY,V tSof j 'AlJLiplTOViUVOg ccy.otTW 

X 266, 
geben geringen anstofs, weil sie durch die cäsur des dritten 
fufses, die deutliche bezeichnung des wechseis der rhythmen, 
in ungleich grofse und nach verschiedenen richtungen bewegte 
theile zerlegt werden, ein anderer vers des Ennius 



264 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

disperge hostes, distrahe, diduc, divide, differ 
hat recht viele verwandte unter den Homerischen, von A 2 an 

bis Ü 801 

ysvcti'Tsg os ro ] tv;^« naAiv y.tov \ nvTup sttsitcc, 
von a 1 

cti'^ice (J.Ol kvvens 1 iMva-ct TroXvTooTrof \ og fxctXn noX>.ä 
bis M 535 

näl'TfC (5' iTtl 'yS'Oft I TtlTTT? CSrt? OTT« | CpUll'yiTCtTr,g 

(wer suchen will, wird in E allein, auf 909 verse, 102 derartige 
finden in O, auf 746, 82): aber während der Lateinische dichter 
seine drei paare von füfsen ohne alles band neben einander schiebt, 
eliedert sie der Grieche auf das gefälligste mit hülfe der cäsiir. 

ein so bedeutendes moment kan nicht oft entbehrt werden, 
auch zählen wir unter den 15694 versen der Ilias nur l8ö, 
unter den 12101 der Odysee nur 71 ohne cäsur im dritten 
fufse.'') wo aber die cäsur fehlt, fehlt sie in einem drei- oder 
mehrsylbio^en wort, das entweder zusanmiengesetzt ist oder nanie, 
eigener oder patronymlscher, und wird ersetzt durch trithenii- 
meres oder hephthemimeres, meist durch beide zusammen : 



*) A l45 218 307 4C0 466 584, B 25 62 173 204 249 354 365 367 3S2 
426 429 463 494 558 572 653 7l4 852, r 71 80 92 l48 200 250 271 
361, A 87 124 328 529 332 358 371 451, E 46 76 109 127 207 240 263 
313*323 5S4 628, Z 3 107 197, H 123 l68 317 318 389 457, 65 9i 
12S 268 346 3'i8 429, I 73 78 l45 287 308 472 518 531 552 62 j 62 i, 
K 80 87 94 l44 429 502 555, A 221 229 249 426 432 494 5\\ 600 662 
810, M 21 53, N 92 342 351 479 500 563 6lO 709 715, S 42 47 273 307 
390425, O 18 53^), n 27 155 219 224 251 282 291 3/l3 4l6 535 608 
760, P 132 137 267 270 369 4üO 582 706 717 754, 2 4l 44 46 312 407 
4l7 367, T 38 4S 53 185 201 252 254 361, T 160 237 457, * 283, X 63 
115 258, T 118 159 225 231 237 250 26l 295 3l6 362 395 423 525 
723 838 867 870 893, O 256 449 623 624 665 718 782 791, 7 79 202 
247 475, J 224 280 343, s 34l 4l8 423 440, ^ 200, » 66 120, S 175 191 
369, f 19 395 506 535, x 32 130 504, X 60 92 97 383 405 473 520 595 
617^ 1^ 223, V 166 375, ^ 431, « 37 323, tt 108 110 167 334 374 421, p 35 
55 134, c A6 65 83 135, t 5 321 432, v 24 1 303 318 319, <f> 75 224, 
X, 164 242 267 270 277 28'» 294 400 499, w 155 2l4 270 542. 



vom 14. März 1859. 265 

a'txeaoct7^iov os iJiey ujfX'jj^sv, 
otoysi'E(; AcccJTicc^Yi, 
U) ^STT02 Ny/.yiiäo'/j. 

die cäsiir ist übrigens penllietnlineres oder im dritten tro- 
chäus, je nachdem sie die arsis abschneidet oder die ihesis durch- 
schneidet, penlheniimeres zählen wir in A, auf 611 verse, 298, 
in B auf 877 450, in F auf 461 231, In A auf 544 262, in E 
auf 909 454. beide, wie auch, nur in geringerem maasse, die tri- 
themimeres und die hephthemimeres, geniefsen der freiheit von vers- 
enden, so dafs sie kürzen lang gebrauchen (o^eo? oc-j, c-nyaripsg s^) 
und den hiatus zulassen in allen seinen gestalten, langen vokal lang 
vor langem und vor kurzem vokal (jv^ohoixw svj, xot^at r'ä', 
Y^nusw aybsci, Huar, lyji), kurzen vokal vor langem und vor 
kurzem {Ovtiq ifxot y oi'Oßce Ovrii', Ü-ioxyi iür^t^ct ou?, r/ßrxjoBi'rct drcxp, 
SipctuTo vTroToonoi'). dem versende widersteht der aposlroph: 
also nicht ny-u^ ecprcys sondern nwu ipäys, nicht {xy,^^ shccyj son- 
dern ixYiJcc itccYi, nicht «Cr i%ct^Yi sondern «üts %'*9'^ii nicht 
mitTui' T eTriou sondern crniiTav ts tziou. 

4. 

In der vierten stelle finden wir die cäsur nach der arsis, 
die hephlhenn'meres. In A auf 544 verse 305 mal, darunter 193 
mal im gefolge einer trilheminieres, in N auf 837 verse 443 mal, 
darunter 67 mal in der fuge von Zusammensetzungen, höchst selten 
stellt die hephthemimeres als alleinige cäsur, wie T 362 
0( o aixu TtavTEQ i(p urirottv ixumyccg üstoctu. 

bukolische cäsur haben in E von 909 versen 561, In A von 
848 575, In N von 837 436, In X von 515 316, In « von 444 
247, in 6' von 847 512, in ^ von 586 352, In tt von 481 300. 
vor der bukolischen cäsur stehn daktylen in E 470 gegen 61 
spondeen. In A 478 gegen 97, in N 446 gegen 60, in X 258 
gegen 58, In «213 gegen 34, In b 437 gegen 75, In S^ 238 
gegen 64, in tt 230 gegen 70. all diese daktylen zu beschaffen 
haben die sänger mitunter zu Wörtern und formen greifen müs- 
sen die in andern stellen selten oder nie vorkommen, so steht 
für w^07ujnct und tt^otmttok; t 19 ttootmtvoltu, H 212 TvpoT'JiniXTi, 
SO 386 oisTw und 557 avam&Tw für oi'sircr' und uvuy.-iTT 
I 35 und an 4 andern stellen ctvaKHihu für das doch auch übliche 
uvukHiv, I 12 £\j^ia TiovTov nebcu u-i^ujov i\i^\iv und o\>2uvqv su- 



266 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

pvv, T 208 nn^Yitct für Tvn^sicti, anderwärts ^vwiict für ^vvu und 
auf ähnliche weise gedehnt <£jy;ioi/ N>5>.>;(oi' 'OSvtDjioi' TfoijJLVYiiov l 
'ito\i<ji,Y,iov TTosTßviiov yji7,y.Yiov, AirwXtoQ ferner für AtTM?.OQ, asS'- ) 
>.«« (B" 108^ für «E'SrA.ou?, sXui^icc für sXui^a, ßBTwmov für /i^srcun'oi', tts- 
}Moice für mX'M^ct, ysXouog und ouoitog für ysXoiog und oiJ.o7og, tttoXi- 
■ttojS'io? für TrroXtTTO-S'oi?, o-«oro/<t>;i'jo^' für iT7roTC)iXYiVO?,Si8viA,aousg für S<- 
Suf/Kji,«ot/7«To? und i'sovTctroi; neben novTo<;,^ctipoa>ioi/ neben hctcpotvcv, 
und selbst gegen die gewöhnliche analogle £bT£(<j(^Eoi' für £ü7si')(^e«, 
BvTYi^iog für §uT-/5')^o'j, li'«3«3'/^(0<rfür li'«ji3'//to?, Trav^YjMog für 7r«t/§>;- 
|i/toc, «roTri^of für ui'ottov, (pnctuTctroQ für (pctsiuorcerog. der zIegenhIrt 
heifst Melanlheus im ausgang des verses, Melanthios in der vierten 
stelle, Deiphobos im ausgang •£"joe(S>;V(M94), hier irsosinsXo? (8276), 
und geradeso Alkinoos (v; 281, •&256), während zu TYiXii/.a^ov 
beide epilhete passen, S'fO£((j£rt und Ssosly.EXou (n 20, y 416), je 
nachdem ein vokal oder ein konsonant folgt. uksMTn aXiiipa-o? 
xctDYiCCTa hsi^Yjfxovic; ^Y,XY,iJi.oiisg wslctrcc nur in dieser stelle. S«(rvo? 
X496, aber kein anderer casus von hcurvg. auch nicht von sTTYiTvog ov- 
(rToi.y.Tvog rctvvTTVoc, noch von khYjvog, das selber an 30 mal steht, 
•wie Y,yYi-o^sg 25 mal in dieser stelle, 2 mal in einer andern, 
fjLYiTs^og 6 mal in dieser, sonst fXYjDog. onct yjucXy.sov für %«X- 
mYiv. ^s^ov £ 402 neben ^YiJcci'yi cp 347. von den beständigen 
beiwörlern scheinen viele wie festgebannt an diese stelle: ciyct- 
TTYit'Ojct, ccyc(>iXv-cc, ccy:^iOceoi', tist>:sce,c{uvuoi.>cc(38 mal), ccoyV(pc(,cc3Tt7rog, 
drccT-^aXcc, yuiYoyj^g, ywatjuinreg, oaupoofa (mit octK^igovog und octi 

(pSOI'tan 50 mal), OlCC>C~030g,0'JTCCiOC, Ö'JTCC!MU0O0g,iV/(cC<,sCocisX0V,iVT>t0- 

vog,H£Xctii'£(pic,HX'jTog{ll mal), x^urvg, iX£Xi(}->poi'a,, vcfjT-iy.XvTot, i'£v;Xü 
hsg, oXoo.pioi'og, Tceitv-jatvog, nsßiKccXXicc, TrsßtiXYiy.sTov, no^Y^vsijiog, ttoX'j 
ßeiSiog, 7roX\j(poovQg, TaXcea-uppoi'og, C'^^ti^vyog (neben bi'^vysg), 'yp'jTo- 
iTTsoov,y^-jTo^om:ig. an den verben wird alle contraction unterlassen 
STtXss Yibss yißSB YiTBs, unsyoiriJ.soi> Itcy,v£ov H\yBtjtßsci', ijLSvotvaov (neben 
ixsvotva), oixoaXsov (neben ofxoxXct), oaty^sov, ttsttoiStsn. im passivum 
avctii'sctt nvctizscti SyiXy)T£C(i iT^iTiXXsttt Ittttcci^scci XctßoEVZCtt jULYiBsCCt, 
oiscct, oder cctÖeo cci'it'/^so a(p£tXso yovi'a^so XiXcttso ixiixvyiTXso ohvoso 
ont^so yjjjso, und lysi\'a.o isiTao i^ao iXvruo lixccgvcio ipcto. gewöhn-i 
Heb sind auch iterative: yeuiTftsTO Soltccthsto hsihlry.sTo Bsohsthsto 8yi-\ 
aruo'xsro «>joeo-x£To Hin^.Yia-tcsro fMtryta-HSTo navtaysTO TrwXfJusro. dritte 
personen auf «ra« oder «ro: ßsßXYiuro ßsßoXYiCtTO ßiwctro yBvotctro §£-i 
8uiaTui Bs§iJi,YiUTo Bi^vKTO kXatuTO iSocaro ifioiccTO HCc&siccTO ixx'^otaTO f/.e-{ \ 






vom 14. März 1859. 267 

ho'ictTO i>so!a.To vsipoßriCtTo TTvS'oiaTo. aorlste im medium: ißriosro und 
iburiTO mit ihren compositis, ßiri<raro Soccttccto i^YiTccro innuYiO-uTO 
InsixYiVctTO sy^wTctTO YiyYiTctro f<pcXv4^aT0 niyjiTctTO oyY,(raTO TsßctrTci.TO, 
darunter ii'r'jaTo 5 mal und i'oy.tc<-o 1 mal, da doch sonst nur si'ulcsiv 
und foiTu üblich ist. desgleichen lycxvofxctt (^ 457, 7 52, S 32'2) jx«- 
vscti (oL. 28) iHcivsTM (K 118, A 610, 4^27 36 138) für 'ihÜvm 
tHaiieiv titavet, xiyjxi'ofxni (T 289) und ntyjxvsTcct (A 441) für m- 
yjxviu und itiyjwBt, 6\<i»tc-o für ihmxsu ^ 602, i^i^srcti für lfl/$'£j(E172), 
ayoaYiTicro zu ccyoDSVSti>, nupcevTy.oixcci tti^ccv T^isrcct neben Truj^avTHM 
niil^nvTxsi {ß 32 44 162), iJi.sXYiJ-arctt 1 mal (A 523) gegen 14- 
mallges ia.sXyiTsi. ScttsTo heifst überall brante, aber (0 l40) ;<^£« 
Sctt'sTo zerlegte. umgekehrt (w 297) ßiä^irs für ßtä^sa-5's. 
nicht weniger lieben diese stelle infinitive auf tjusf««: rtvjwjfKj kXyiixb- 

Vmi CiZY,{XSVC(l ßYJXSl'CCt yOYiUSt'CCl OCCYi^SPCtl ÖaiAYUSI'Ctl «OCr^UfC«! HC(XY,UBVai 
UtyYißll'CCt TrSll'Yi/JLcl'Ctt nil'^Y,lJ.evCCl TTO'^YilJ.S.Vai TCtpnY,!XSl'Ul Tl^YiUSUAl ifu- 

huifxsvat ipocYiUsimt. infinitive auf s^?!/ hat hier die Ilias 116 gegen 52 
auf £11', die Oilyssee 5J gegen 9. «7r«f*j//32ro, nicht r,iJ,sißsTo. sysv- 
S'ai'ov iavxai'cu y.a^i^avov y.ctrih^ct^ov ««tjjXvS'oi/ {XETey.lct^ov viel- 
mals, avya^ouat ujjlttvjs SiSmtoixsv 1 mal. 1 mal auch y.ciy.mvs 
für y.-Btt'ou (jL 164). noch mehr: A 243 {y.\j\xa Tvsaiu-TahY^ wäre 
verniuthlich tts^It-yi passender, und ^ 468 (0 S' Ixrft'S'»; ^tire ns- 
T^Yi) STTY, oder sTTY,yit. \// 413 erwartet man (^liBYiS-Zrov, nicht 
(pE^i^HIxs^ic, K 547 ioiy.UT , nicht ioindrsg, 8 544 S>;£tc, nicht 6V'o- 
|usi', X 458 aHovsi<;, nicht ccyovsTS. A 478 könte itcqxarTYj stehn 
für hctixamrui, X 419 nlhi7TY,T für ctlbiTj-sTut, 8 412 ntiXTräcr- 
(TYj für T^sjULTrcta-TaTcci, 8 672 i/fi!V7-»?.X>;T' für vuvTi'/.'ksTat, x 328 
«/:*£tu/>;0'' für uuif^srni, K 70 ttousmixst^' für 7rofst»7A£5r«: aber 
der daklylus ist vorgezogen trotz incorrectheit und bialus. der 
hiatus bleibt auch unbeachtet ^■ 153 somixs^u il und m 466 Ittj 
T£\jyjct iTTEvovro, so wie , nach der alten und richtigen lesart, 

^ 351 OlY^OBTCt UJUHpOTlOYia-lU. 

5. 

In der fünften stelle hat A 33 spondeen gegen 578 dakty- 
len, B 54 gegen 823, T 20 gegen 441, A 32 gegen 512, E 38 
gegen 871, Z 18 gegen 5il, H 17 gegen 465, 30 gegen 
535, I 42 gegen 671, K 22 gegen 557, A 44 gegen 804, M 
17 gegen 454, N 33 gegen 804, S 25 gegen 497, O 30 gegen 
[185./.] 19 



268 Sitzung der phil.-hist. Klasse vom 14. Mürz. 1859. 

716, n 47 gegen 820, P 40 gegen 721, 2 40 gegen 570, T 
20 gegen 404, T 36 gegen 471, * 25 gegen 586, X 22 gegen 
493, T 45 gegen 852, Q, 41 gegen 763, « 24 gegen 420, ß 
16 gegen 4l8, 7 21 gegen 475, h 46 gegen 80), s 25 gegen 
468, g" 11 gegen 320, r, 16 gegen 331, ^ 25 gegen 562, 1 27 
gegen 539, a 25 gegen 549, X 40 gegen 600, w 26 gegen 427, 
V 15 gegen 425, ^ 20 gegen 513, 15 gegen 542, n 28 gegen 
481, 23 gegen 583, t 16 gegen 412, t 27 gegen 577, v 24 
gegen 370, (p 22 gegen 412, % 25 gegen 476, \|/ 18 gegen 
372, w 30 gegen 518. der spondeen sind aber ungnfähr 50 noch 
weniger geworden seitdem l^-Jice geschrieben wird für jjSoT« und 
der diphthong aufgelöst In zu. In ncug, in den patronymicis, In 
ccßysupcvTyfi und ca'^osi(pöwT-/]Q. der grund zu dieser letzten auf- 
lösung dürfte sein dals, wenn für «i'Sjoi/'oit-/;? nicht avh^Y,<poi>TYig 
(wie iXacpYißiy^oi;) sondern uiihost<poi'7Y,c beliebt wurde, dies nur ge- 
schah um vermittelst des aufgelösten diphthonges den spondeischen 
ausgang zu umgehn. 

6. 

Betrachten wir endlich In der sechsten und letzten stelle 
die versausgänge, so sehn wir z. b. In A auf ein einsylbiges 
wort 11 verse ausgehn, auf ein zweisilbiges 160, auf ein drei- 
sylbiges 270, auf ein viersylbiges 97; In I auf ein einsylbiges 
18, auf ein zwelsylbiges 195, auf ein dreisylbiges 323, auf ein 
viersylbiges 132, auf ein fünfsylblges 44, auf ein sechssylbiges 
4; in — auf ein einsylbiges 12, auf ein zwelsylbiges 175, auf 
ein dreisylbiges 261, auf ein viersylbiges 91, auf ein fünfsylbl- 
ges 63, auf ein sechssylbiges 3, auf ein siebensyibiges 5*); in 
( auf ein einsylbiges 6, auf ein zwelsylbiges 216, auf ein drei- 
sylbiges 231, auf ein viersylbiges 84, auf ein fünfsylblges 28, 
auf ein sechssylbiges 2; In S auf ein dreisylbiges 320 von 847; 
in £ 225 von 493. demnach machen die dreisylbigen ausgänge 
überall nah an die hälfte der gesamten ausginge, und die ge- 
wöhnlichsten wortfüfse der zwei letzten stellen sind trochäus 
und bacchius, ccXys sS'yiHii', vottov Itcuowv. 

^) Suo'ctfiiUTOTixet», xocTaÄEi/SojitsKiio, Te'Aot-fi'MVM^ci.ii, xiii,ra.^rifj,oßopra»,i, «tto- 
5eipoTo^>I(r}i. 



G es ammt Sitzung vom 17. Märt 1859. 269 

17. März. Gesammt Sitzung der Akademie. 

Hr. Haupt las die zweite Hälfte seiner Abhandlung über 
den Apollo ni US von Tyrus. 



Hr. Peters gab Nachrichten von Hrn. Fedor Jagor, 
der auf eigne Kosten nach Ostindien und den Philippinen ge- 
reist ist und von der Akademie nn"t Instructionen für das Sam- 
meln naturwissenschaftlicher Gegenstände versehen wunle. Der 
Reisende Ist, nachdem er die Halbinsel Walacca, Borneo und 
Java besucht hat, nach Manila abgereist und hat bereits sieben 
Kisten mit Naturalien an das K. zoologische Museum eingesandt,' 
worunter sich namentlich sehr schöne Korallen und viele wäh- 
rend der Seereise selbst gefischte pelagische Thiere befinden. 
Es wurde eine von demselben entdeckte neue Schlangen gat- 
tung vorgelegt und zugleich eine Übersicht der von ihm 
gesammelten Schlangen gegeben. 
AGLYPHODONTA. 

1. Python reticulatus Schneider. Sp. — Malacca. 

2. Xenopeltis unicolor Reinw. — Singapore (Prlacefs Hill); 
diese Art ist, so viel Ich weifs, bisher nicht an diesem Fund- 
orte beobachtet worden. 

3. D endr ophis pictus Gm. Spec. — Sarawak. 

4. Sirnotes octolineat us Schneider Sp. — Singapore. 

5. Gorijrosoma oxyc ephalum Reinw. Spec. — Malacca. 

6. C olub er hexahonotus Cantor. — Singapore. 

7. A tnphiesma chrysargum Boie Sp. — Sarawak, 

8. Ophiies sub cinctus Boie Spec. ^ Singapore. 

GLYPHODONTA. 

9. Chrysopelia ornata Shaw. Spec. — Malacca; Sarawak, 

10. T r igly f/ hn don de ndrophilus Reinw. Sp. — Krebrong, 

11. Dryiophis prasinus Reinw. — Singapore; Labüan. 

12. Eurostus plumbeus Boie Sp. — Malacca. 

Weibchen mit entwickelten Embryonen. An einem Exem- 
plare ist an beiden Seiten das Frenalschild mit dem Nasale 
verschmolzen. 

13. Cerberus boaeformis Schneider Sp. — Pongoor. 

14. Hemiodontus leucob alia Schleg. Spec. — Pongoor. 

19* 



270 Gesarnmtsilzung 

HrDRODipSAs nov. gen. 

Körper sehr lang, spindelförmig, in der Mitte zusammenge- 
drückt, mit kantigen Batichrändern. Körperschuppen (19 Längs- 
reihen) rhombisch, glatt. Bauchschilder schmal. Anaischild und 
Schwanzschihler doppelt. Kopf länglich abgerundet, von dem 
schmalen Halse deutlich abgesetzt. Augen sehr klein mit runder 
Pupille, nach oben gerichtet, von vier Schildern, 1 anteorbitale, 
1 postorbitale, 1 supraorbitale und 1 infraorbitale umgeben. Na- 
senlöcher sichelförmig, im hintern Drittheil der einfachen gre- 
isen Nasenschilder gelegen. Internasalschlld einfach. Zwei Prae- 
frontalschilder, 1 Frontale medium und dahinter zwei Scheltel- 
schilder. Ein Frenalschild. Vordere Oberkieferzähne mit Aus- 
nahme des vordersten kleinen gleich lang, hinter ihnen, durch 
einen Abstand getrennt, zwei längere Furchenzähne. 

Diese Gattung gehört zu der Familie ^et Plaiyrhini in dem 
System von D u m e ri 1 und Bibron, steht in ihrer Kopfform dem 
Hemiodon tus / e u c o b a / i a S c\\ l e g. Sp.am nächsten, unterschei- 
det sich aber von ihm durch die vollständige Bewaffnung des Ober- 
kiefers, durch die Anwesenheit eines Frenalschildes und von ihm, 
so wie von allen verwandten Siifswasserschlangen leicht durch 
den sehr gestreckten Körper und den vollständigen Kreis von 
Orbitalschildern. 
15. H/drndipsas elapifo r misset, nov. sp. (s. Taf. Fig. 1.) 

Die Oberseite des Kopfes und des Rückens olivenbraun, 
oder vielmehr von breiten, mehr oder weniger zusammenfliefsen- 
den Querflecken bedeckt, welche durch schmale unregelmälsige 
Querbinden getrennt werden; die ganze Unterseite gelblich. 
Die Form der Kopfschilder ist aus der beigefügten Tafel Fig. l,a. 
b. zu ersehen. Oberkieferzähne 9 -+- 2, Unterkleferzähne 14, 
Gaumeiizähne 8, Plerygoldalzähne 11 je<lerseits. Die Gestalt des 
Oberkiefergaumenapparats ist durch Fig. Ic. dargestellt. Die 
Körperschuppen liegen in 19, die des Schwanzes in 10 bis 12 

Längsreihen. Bauchschilder 270 -i — — ; Schwanzschilderpaare 62. 

Ganze Länge 1,140; Schwanz 0,165; Kopf 0,018; Höhe 
der Körpermitte 0,014; Breite ebenda 0,008. 
Fundort: Saräwak auf Borneo. 



vom 24. Märt 1859. 271 

ELAPTNA. 

16. Elaps furcatus Schneider, var. Cantoris. — Singapore. 

17. B ungarus fasciatus Schneider. — Singapore. 

18. Naja tr ip udians Laur. var. nigra. — Sarawak. 

C HOT A LINA. 

19. T ropidolaemus rnaculatus Gray. — Labuan. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
Keller, Nolices sur la navigalion transatlantique des paquehots inter- 

oceaniques. Paris 1S59. 8. (10 Exemplare.) 
Annales de clumie et de physique. Tome 45, no. 2. Paris 1859. 8. 
Jahresbericht des physikalischen Vereins zu Frankfurt a. M. 1837 — lSo8. 

Frankfurt a. M. 1859- 8. 
Journal für die reine und angewandte Mathematik, Band 56, Heft 3, 

Berlin 1859. 8. 



Aufserdem war ein Dankschreiben des Hrn. Dr. Förste- 
mann, d. d. Wernigerode lO. März, für die ihm gewordene 
Unlersliilziing zum Abschlüsse des altdeutschen Namenbuches 
eingegangen. 



24. März. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Kiepert las über die Handelsstrafse der Alten 
durch Central-Asien insbesondere nach Serica, als 
Schlufs seiner im März v. J. gelesenen Abhandlung. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Bulletin de la societe de gc'ographie. Tome 16. Paris 1858. 8. 

The quarlerly Journal of the chemical Society, no. 4'l. London 1859- 8. 

Bulletin de la societe gcologique de France. Tome XVI, no. 1 — 6. Pa- 
ris 1859. 8. 

Report of the commissioners of patents for the year 1836. Vol. 1. 2. 3. 
Washington 1857. 8. 



272 Gesanimtsitzung 

Comptes rendus de V Academie des sciences de France. Tome 'l8, no. 5 — 

8. Paris 1859. 4. 
Joseph Bai ogh, De quadratura circuU. Pestini 1858. 8. 
11 nuovo Cimenlo. Tomo IX. Gennajo e Febbrajo. Torino 1859- 8. 



Hierauf wurde die in früheren Sitzungen beschlossene und 
demgemäfs Hrn. Lepsius zur Abfassung übertragene Glückwün- 
schungs- Schrift an die K. Bayerische Akademie in München für 
die hundertjährige Stiftungsfeier derselben am 28. März zur schllefs- 
lichen Genehmigung vorgelegt und durch Unterschrift des Sekre- 
tariats vollzogen, deren Wortlaut folgender ist: 

„Die Akademie der Wissenschaften zu Berlin entspricht mit 
Dank und Freude der ehrenvollen Einladung der Deutschen 
Schwester-Akademie zu München, an dem bevorstehenden Ehren- 
tage ihrer Säkularfeier einen festlichen Anthell zu nehmen. Sie 
hat zwei ihrer Mitglieder abgeordnet, um sie in diesen der Er- 
innerung an die Gründung und das hundertjährige Gedeihen der 
Bayerischen Akademie geweihten Tagen zu vertreten und ihr 
den Ausdruck ihrer thellnehmenden Wünsche für ihre fernere 
frucht- und ruhmreiche Wirksamkeit zu überbringen. 

Es geht ein Zug nach geistiger Gemeinschaft durch das 
Reich der Wissenschaft, welcher im Wesen derselben begrün- 
det, von jeher die Männer, die ihr angehörten, über die Schran- 
ken der Länder und der Zelten hinweggehoben und auf einem 
höheren Felde der Ehre zusammengeführt hat, eine Gemeinschaft, 
in welcher noch immer der Einzelne seine beste Kraft wie seine 
weise Beschränkung, und die Wissenschaft im Ganzen die Be- 
dingung Ihrer höchsten Entwickelung findet. Es war dieser Zug, 
welcher im verflossenen Jahrhundert, dem Gründungsjahrhundert 
fast sämmtllcher Europäischer Akademleen, diese Festungen der 
W^issenschaft sich erbaute. W^enn diese neuen Schöpfungen an- 
fangs noch mit manchem Ungehörigen belastet waren, wenn sie 
noch längere Zeit hindurch in einer ihrer Bedeutung nicht wür- 
digen, ihre wahren Zwecke zuweilen geradezu aufhebenden Ab- 
hängigkeit gehalten wurden, so ist das jetzt, zum Ruhme der 
Zeiten, der Fürsten und Völker, besser geworden. Es ist den 
unermüdeten Anstrengungen der einsichtigsten und edelsten Män- 
ner, zumeist aber in Folge der eigenen inneren Erstarkung des 



vom 24. März 1859. 273 

wlssenscliaflli'chen Lebens und des bewundenmgswiirdlgen Auf- 
schwungs vieler einzelner Zweige derselben, gelungen, der Wis- 
senschaft und ihren wichtigsten Organen eine grüfsere Selbstän- 
digkeit, eine freiere IJewegnng und eine allgemeine Achtung, 
vornehndich in unserm Deutschen Valerlamle, zu gewinnen. 

Auch die Geschichte der Bayerischen Akademie bietet ein 
Bild dieser Kämpfe und endlichen Siege innerhalb ihres ersten 
Säculums dar, auf welches sie, an der Grenzscheiile des neuen 
angelangt, mit Befriedigung und gerechter Zuversicht in ihr fer- 
neres (iedeihen, zurückblicken wird. Es ist nicht eins der ge- 
ringsten Verdienste ihres jetzigen hochgefeierten Präsidenten, in 
diesem Sinne sowohl für die innere Kräftigung und gesteigerte 
Thätigkeit als für die öffentliche Anerkennung und eine der 
inneren Würde entsprechende äufsere Stellung der unter seinem 
Vorsitz blühenden Akadenn'e unablässig mit edler Begeisterung, 
mit Mannesmulli, und mit entsprechendem reichen Ei folge ge- 
wirkt zu haben. Dem den höchsten geistigen Gütern ihres Vol- 
kes zugewandten, Kunst und Wissenschaft mit befreiender Kraft 
umfassenden Sinne der beiden jetzt lebenden erleuchteten Kö- 
nige Bayerns aber gebührt der Ruhm, diese Anstrengungen ge- 
würdigt und ihnen zum Siege verholfen zu haben. 

Mit der erweiterten Wirksamkeit und der freieren Selbst- 
bestimmung der Wissenschaft gewann auch ihr eingeborner Zug 
nach wetteifernder Gemeinsamkeit in der Arbeit, nach gegen- 
seitiger neidloser Förderung und einem darauf begründeten freu- 
digen Gemeingefühl eine neue Gestalt. Welcherlei erd- und 
weltumspannende Aufgaben heutzutage die Wissenschaft in Folge 
des allgemeinsten Zusammenwirkens und eines Alle wie Einen 
erfüllenden wissenschaftlichen Gemeinsinns sich gestellt hat, und 
zu stellen berechtigt war, bedarf nur der Andeutung. Es mag 
uns aber erlaubt sein, in dieser Beziehung und gerade an die- 
sem Orte, Eines Mannes Erwähnung zu thun, der seit einem 
halben Jahrhundert das würdigste Bindeglied zwischen den Aka- 
dcmieen von Berlin und München bildet, und von allen Zeit- 
genossen als der mächtigste Beförderer und edelste Träger die- 
ser Ulliversellen Richtung wissenschaftlicher Gemeinlhäligkeit an- 
erkannt ist. Alexander von Humboldt, seit dem ersten 
Jahre dieses Jahrhunderts Mitglied der Berliner Akademie, hat 



274 Gesammtsilzung vom 24. März 1859. 

vor kurzem sein fünfzigstes Jahr der Münchener Mitgliedschaft 
vollendet, zu der er bereits im Jahre 1808 berufen wurde. 
Gielchzelllg begann damals, erst In Pjenediklbeurn später in Mün- 
chen, die epochemachende Thäligkelt Fraunhofers, jenes 
hervorragenden Bayerischen Akademikers, welcher das mensch- 
liche Auge für die Erforschung des Kosmos geschärft und da- 
durch den Horizont seines Blickes wesentlich erweitert hat. 

Es Ist nicht nöthig hier noch auf andere von den zahl- 
reichen Verbindungen und innigen Beziehungen zwischen den 
beiden Akademieen hinzuweisen, auf den öfteren Auslausch be- 
deutender Männer, auf die, beiden Körperschaften gemeinsam an- 
gehörenden Mitglieder, auf die gegenseitige hohe Anerkennung 
ihrer wissenschaftlichen Leistungen, um den warmen Anthell zu 
erklären, welchen die Berliner Akademie an dem bevorstehenden 
Säcuiarfeste ihrer Münchener Genossin auszusprechen wünscht. 
Die allgemeinste Theilnahme, welche für diese Feier In Deutsch- 
land und über seine Grenzen hinaus zu erwarten ist, wird nur 
ein andrer Ausdruck desselben erfreulichen Gemeingeistes sein, 
welcher die wissenschaftliche Welt jetzt mehr als je erfüllt. 

Es ist für jedes höhere Streben heilsam, im Laufe seiner 
Entwlckelung von Zelt zu Zelt auf den Ausgang-^punkt zurück 
zu blicken, um sich des Zieles schärfer bewufst zu werden, und 
es ist würdig, an solchen Wendepunkten durch eine festliche 
Feier zur Erinnerung für spätere Geschlechter gleichsam nach 
allrömischer Sitte einen Säcularnagel einzuschlagen. Möge die- 
ser Clavus annalis, in die Wand des Münchener Mlnerventem- 
pels eingeschlagen, noch für lange Zelten und viele folgende 
Saecula ein Wahrzeichen froher Rückerinnerung sein an die Ein- 
heit Deutscher Wissenschaft und Deutschen Geistes, deren sich 
unsre Zeit erfreut. Möge, was der Dichter einst am Römischen 
Säcuiarfeste von Phoebus, dem Gott des Lichtes und der Wahr- 
heit, erflehte, auch auf unsre Zeit angewendet, gelten: 
Remque Germanam Monacumque fellx 
Alterum in lustrum mellusque semper 
Proroget aevum." 

Ferner war ein Dankschreiben des Hrn. Fötterle, d. d. 
Wien 4. März c. , für Empfang der Abhandlungen der philos.- 



Sitzung der phys.-malh. Klasse vorn 28. März 1859. 275 

hist. Klasse von Selten der Geographischen Gesellschaft zu Wien 
eingegangen. 

Schliefslich zeigte Hr. Pertz an, dafs Hr. Benjamin 
Woodcroft im Namen des Patent Office in London für das 
von der Akademie überwiesene Gegengeschenk der akademischen 
Abhandlungen seinen Dank ausgesprochen habe. 



28. März. Sitzung dex' physikalisch-matlie- 
matischen Klasse. 

Hr. Braun las: Beiträge zur Kenntnifs zweier 
Süfswass er- Algen Pleurocladia und Pleurocarpus. 



Hr. Peters berichtete über die von Hrn. Dr. Hoffmann 
in Costa Rica gesammelten und an das Königl. zoologische Mu- 
seum gesandten Schlangen. 

AGLYPHODONTA. 
1. S t reptop hör US Sebae D. B.') 
CoLOBOGNATHUs n. gen. 
Gestalt und Beschuppung ganz wie bei Geophis^'), aber 
die Oberkiefer und Gaunibeine sind sehr kurz, so dafs das vor- 



') Ich mufs bemerken, dafs die in dem Catalog der Reptilien des 
zoologischen Museums von 1856 pag. 23 als Elapoides slriolatus Tro- 
schel und Ilaldea slriatula Lin. Sp. bezeichneten und unter diesen Namen 
vertauschten Schlangen nichts ah Slreplophorus Larisbergii Seh leg. Sp. 
sind, eine Art, die, wie aus der Vergleichung einer grofsen Anzahl von 
Exemplaren hervorgeht, in der Beschuppung, namentlich auch in einigen Fäl- 
len durch das Vorkommen von kleinen Piiiorbitalschildern, sehr vaiiirt. 

') Geophis Wagler (Syst. der Amphibien pag. \9h u. 342) ist über- 
emstimmend mit Rliabdosonia D. B. Sein Geophis chalybeiis aus Mexico 
befindet sich in mehreren Exemplaren, von Deppe in Mexico gesammelt, 
in dem zoologischen Museum unter dem Namen Elaps chalybeus. Ich habe 
seiner Beschreibung nur hinzuzufügen, dafs 6 Oberlippenschilder vorhan- 
den sind, von denen das 3. und 4. ans Auge stofsen, dafs das 5. sich, wie 



276 Sitzung der pliysikalisch- mathematischen Klasse 

dere Drittheil des Mundes oben ganz glatt und zahnlos erscheint. 
Die Zähne sind sämmtlich fein und ungefiircht. Diese Gattung 
würde daher in dem System von Dunieril und Bibron nicht 
zu den Calamarien, sondern zu den Leptognatlien gehören. 

2. C nlo bngnalhus Hoffmanni n. sp. Oben schwarz, un- 
ten hellbraun, gelblich oder weifs; bei den ganz jimgen Thieren 
zieht sich die helle Färbung der Bauchseite in Form eines Hals- 
bandes hinter den Scheitelschildern herum, welches bei den er- 
wachsenen Thieren verschwindet. Die Form der Kopfschiider 
und des Klefergaumenbeinapparats ist aus der beifolgenden Zeich- 
ntmg (pag. 270 Tafel Fig. 2.) zu ersehen. 5 Ober-, 6 Unter- 
lippenschilder, 1 Temporalschild, 2 Kinnschilder; 1 sehr kleines 
oberes, und 1 oder 2 sehr kleine hintere Aiigenschilder. Die Kör- 
perschuppen bilden 15 Längsreihen. Es sind 127 Bauchschilder, 
ein einfaches Analschild und 33 Paar Schwanzschilder vorhanden. 

Ganze Länge 0,24r>; Kopf 0,010; Schwanz 0,042. 

3. HerpetodrjasBoddaertiiS chlegel. — Einh.Name luri. 

4. H er pelodry as Rappii Günther. 

5. Spiloles melanurus Schleg. Sp. — Einh. Name sa- 
V an er a. 

6. Splintes variaÄ/V/jMerremSp. — In Costa Rica sehr selten. 

7. Leptnphis ahaetulla Linne Sp. 

8. Leptnphis ni a rg aril ifer Schleg. Sp. 

9. Linphis cobella Linne Sp. 

Hydromorpiius nov. gen. 
Diese neue Gattung schliefst sich durch die Körperform zu- 
nächst an die Homalopsidae mit ungefurcliten hinteren 2Khnen, 
Calnpisma, Hypsirhina und Hydrops an, ist aber durch eigen- 
thümlichen Kieferbau, Bezahnung und Kopfschilder leicht zu un- 
terscheiden. Die Kiefer sind noch viel schwächer als bei Hy~ 
drops und von ganz anderer Gestalt (Taf. Fig. 3 c); der Ober- 
kiefer ist gerade, nicht nach dem Lippenrande gebogen, mit un- 
gefurchten Zähnen bewaffnet; das Os transversum ist durch seine 
Länge ausgezeichnet; das Os palatinum ist nur vorn bezahnt und 

bei G.semidolialus D.B. Spec. das 4,, mit dem Parietalschilde vereinigt, da- 
her nur 1 Temporaischild vorhanden ist und dafs die Körperschuppen 17 
Längsreihen bilden. Von den 8 Paar Unterlippenschildern stölst das erste 
Paar zusammen ; hinter ihm folgen zwei Paar Kinnscliilder. 



vom 28. März 1859. 277 

«Ins Os plerygoideum ist zwar ganz bezahnt, bildet aber eine 
dünne spatelfdrmige Platte, welche hinten nahe ihrem Zahn- 

; raiide von einem Loch durchbohrt ist. Das einfache Nasen- 
schild erscheint eingedrückt nnd die ziemlich grofsen Nasenlöcher 
sind von ovaler Gestalt. Es sind zwei Internasalschllder, dage- 
gen nur ein einziges Präfrontalschild vorhanden. 
{Q. Hf d r nrno rphus concolor n. sp. Das einzige Exemplar, 
ein Weibchen, ist oben dunkelgraubraun, die Körperseilen und die 
Unterseite sind heller, indem die Schuppen und Schilder hier zum 
Theil schmutzig gelb sind. Kopf wenig abgesetzt von dem Körper, 
der in der Mitte merklich dicker ist. Ein längliches an die Au- 
gen stofsendes Frenalschlld, darüber ein kleines Praeorbitaiscbild. 

I Zwei Postorbitalschilder. Sechs Oberlippenschilder, von denen 
das dritte unten ans Auge slöfst. Ein langes Temporalschild 
über dem vierten nnd fünften Oberllppenschdd; zwei kürzere über- 
einander liegende hinter demselben. Neun Unterlippenschilder. 
Zwei Paar Kinnschlldcr. Die glatten Körperschuppen in 17, 
vor dem Schwänze in 15 Längsreihen. Bauchschilder 176, dar- 
unter 2 Paar doppelte Analschildcr; 31 Schwanzschilderpaare. 
Oberkieferzähne 14, Unterkieferzähne 14, Gaunienzähne 3, Pte- 
rygoidalzähne 14. 

Totallänge 0,850; Kopf 0,025; Schwanz 0,086, 
GLYPHODONTA. 

11. TI otn alocr aniurn melano c ephalum D. B, — Diese Art 
Ist nicht auf Südamerika beschränkt, sondern kommt auch 
in Nordamerika vor, indem das Museum ein Exemplar be- 
sitzt, welches von Lieber in Südcarolina gesammelt Ist. 

12. Oxybelis Catisbyi Scbleg. Sp. 

13. O xyb elis aeneus Wagler. — Aus dem Candalarloge- 
birge und von Punta de arenas. 

14. Erythrolamprus v e nuslissimus WIed. Sp. 

15. Difisas annulata Linne Sp. — Einh. Name toboba. 

16. Himan todes cenchoa Ltnne Sp. 
HYDROPHIDAE. 

17. Hy drnphis bicolor Daud. — Aus dem Golfo dulce. 
EL AP INA. 

18. Elaps semiparlitus D. B. 

19. Elaps circin alis D. B. 



2/8 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

CROTALJNA. 

20. Bothrops bilineat US Wied. Sp. — Vom Vulkan von 
Barbo. 

BoTHRiECHJS nov. gen. 
Eine Gattung, die zwischen Bothmps und Atropos steht, 
mit jener durch das grofse Supraorbitalschild, mit dieser durch 
die Gröfse, Lage und Begrenzung der Thränengruben, durch den 
Mangel der Kiele an den Schuppen des Vorderkopfes übereinstimmt. 
(Taf. Fig. 4.) Die übrigen Schuppen des Kopfes und des Körpers 
sind mit Ausnahme der untersten oder der beiden untersten 
Reihen schwach gekielt. Die Schwanzschilder sind an drei mir 
vorliegenden Exemplaren sämmtlich einfach. 

21. Bothriechis nigrovirid is n. sp. Oben grün und schwarz 
gesprenkelt, indem auf dem Rücken die meisten Schuppen am 
Rande schwarz, in der Mitte grün sind, so dafs sich längs der 
Mitte des Rückens einige unterbrochene grüne Linien hinziehen, 
die Schuppen der Körperseiten dagegen so mit Schwarz ge- 
sprenkelt sind, dafs die Ränder und der Kiel grün erscheinen. 
Die Bauchschilder und Schwanzschilder sind grün mit schwarzen 
Rändern, letztere so wie die Schilder des Hal>es aufserdem mehr 
oder weniger schwarz gesprenkelt. Obere und untere Lippen- 
schilder jederseits zehn bis elf. Ein Paar gröfsere Kinnschilder. 
Körperschuppen in neunzehn Längsreihen. Analschild ungetheilt. 
Bauchschilder 142 -f- 1, Schwanzschilder 52. 

Tolallänge 0,360; Kopf 0,030; Schwanz 0,102. 
„ 0,344; „ 0,020; „ 0,080 

Von Hrn. Dr. Ho ff mann am Vulcan von Barbo entdeckt. 



Hr. Dove las über die stereoskopische Darstel- 
lung eines durch einen Doppelspath blnocular be- 
trachteten Typendrucks. 

In dem Berichte der Akademie 1858 S. 3l5 und Pogg. 
Ann. Bd. 104, S. 329 habe ich nachgewiesen, dafs nur bei bino- 
cularer Betrachtung durch ein Kalkspathrhomboeder das eine Bild 
einer ebenen Zeichnung stark über das andere gehoben erscheint, 
bei monocularer hingegen beide In einer Ebene liegen. Da der 



vom 28. März 1859. 279 

Grund dieser Hebung in der verschiedenen Brechung des or- 
denlh'chen und aulserordentlichen Strahles zu suchen ist, so kam 
ich darauf, dafs sich die Erscheinung im Kaikspath stereoskopisch 
müsse wiedergeben lassen, wenn man die Doppelbrechung durch 
einen doppellen Typendruck darstellte, die verschiedene Dre- 
chung beider Strahlen durch eine Verschiebung der Doppelzeile 
gegen die erste Zeile. Die sechs obern Zeilen der diesem Hefte 
beigelegten Drucktafel 1 zeigen im Stereoskop betrachtet in einer 
auffallenden Weise diese Krscheinung, die letzte Zeile bezieht 
sich auf die nachfolgende Notiz. 

Wenn man in einem Stereoskop die für das rechte Auge 
entworfene Zeichnung mit der für das linke Auge entworfenen 
und umgekehrt diese mit jener vertauscht, so wird das convexe 
Relief ein concaves. Es ist klar, dafs wenn man die Verwand- 
lung des einen in das andere, d. h. bei einer abgekürzten Pyra- 
mide das Durchgehen der Schnitlfläche durch die Grundfläche 
anschaulich machen will, das Verlauschen in der Weise statt- 
finden mufs, dafs während der ganzen Zeit dieses Vertauschens 
beide Projeclionen im Gesichtsfeld bleiben müssen. Man erhält 
diels am einfachsten, wenn man eine Zeichnung, welche man 
mit dem einen blofsen Auge und zugleich mit dem andern durch 
ein Spiegelprisma betrachtet, um 180" in ihrer Ebene dreht. 
Ich habe diefs im Berichte 1851 S. 249 und Pogg. Ann. 83, 
S. 185 beschrieben. Will man dieses Princip auf ein gewöhn- 
b'ches Linsen- oder Prismenstereoskop anwenden, so braucht man 
nur die beiden Zeichnungen auf drehbare gleiche Kreise zu be- 
festigen, und diese vermittelst eines sich kreuzenden Schnurlau- 
fes in Drehung zu versetzen. Da die von mir angegebene Er- 
scheinung von vielen Physikern später dargestellt worden ist, so 
ist es möglich, dafs diels auch auf diese Weise geschehen. Die 
letzte Modification ist, so viel ich welfs, von Hrn. Halske 
(Pogg. Ann. Bd. lOÜ, S. 657) veröffentlicht worden, welcher 
gezeigt hat, dafs man vermittelst einer complicirten Ziehvorrlch- 
tunn beider Bilder in einer der Verbindungslinie beider Augen 
parallelen Bichlung diese Bewegung der Schnittfläche senkrecht 
auf die Ebene der Zeichnung erhält. Es ist aber leicht dasselbe 
vermittelst des Ziehens eines einzigen Bildes zu erhalten. Um 
davon eine Anschauung zu geben, habe ich auf der zweiten 



280 Sitzung der physikalisch-matheniatischen Klasse 

Dnicktnfel die ersten Zeilen so abdrucken lassen, dafs nun die 
ungeraden Zeilen statt der geraden eingerückt sind. Die vorher 
Im Stereoskop vertieften Zeilen erscheinen nun als die erhobenen. 
Es ist klar, dafs wenn man nun die Doppelzeiien auf einem 
Schlitten beweglich macht, man die Bewegung senkrecht auf die 
Ebene des Druckes unmittelbar sichtbar macht. 

Da mit zunehmender Wärme die doppeltbrechende Kraft des 
Kalkspathes abnimmt, indem die rhomboüdrische Form sich der 
Würfelform immer mehr nähert, so würde, wenn man diese 
Veränderung sehr weit fortsetzen könnte, der negativ doppelt- 
brechende Kalkspath nach dem Durchgang durch einfache Bre- 
chung sich in einer positiv doppeltbrechenden verwandeln, in- 
dem der aufserordenliiche Strahl, welcher bei gewöhnlicher Tem- 
peratur eine geringere Brechung zeigt, dann den aufserordent- 
lichen in der Brechung übertreffen würde. Der eben beschrie- 
bene letzte Versuch erläutert das, was sich in einem Kalkspalh 
bei steigender Erwärmung in Beziehung auf die scheinbare Be- 
wegung des einen Bildes zeigen würde. 



Darauf las derselbe über Anwendung des Stereo- 
skops um einen Druck von seinem Nachdruck, über- 
haupt ein Original von seiner Copie zu unterschei-" 
den. 

Die erhebliche Erhöhung, in welcher in der gedruckten Bei- 
lage die Zeilen im Stereoskop über einander treten bei einer 
verhältnifsmäfsig geringen Verschiebung der Zeilen gegen ein- 
ander in horizontaler Richtung, zeigt, dafs hierdurch ein Mittel 
ee<^eben ist, die Verschiedenheit nicht identischer Drucke auf 
eine auffallende Weise sichtbar zu machen, denn es ist klar, dafs 
wenn die Zwischenräume der einzelnen Worte nicht absolut 
gleich sind, die bei Betrachtung mit blofsem Auge in einer 
Ebene liegenden Worte treppenartig über einander treten müs- 
sen. Die unterste Zeile beider Blätter ist aus derselben Schrift 
gesetzt worden, ohne dafs dem Setzer gesagt wurde, dafs eine 
Verschiedenheit beabsichtigt werde und dennoch treten, obgleich 
die Verschiedenheit der Entfernung des zweiten und dritten 



vom 28. März 1859. 281 

Wortes mit blofsem Auge fast unmerklich, im Stereoskop alle drei 
Worte treppenart'g übereinander, indem auf der ersten Tafel 
das erste Wort am tiefsten, das zweite höher, das dritte das 
höchste wird. Wahrend der wiederholte Abdruck desselben 
Satzes daher alles in einer Ebene darstellt, wird jeder neue Satz 
ähnliche Verschiedenheiten zeigen, auch wenn er aus derselben 
Druckerei hervorgegangen ist und die gröfste Sorgfalt eine Gleich- 
heit zu erhalten, angewendet worden ist. Ob also bei einer 
neuen Auflage nur der Titel neu, liifst sich leicht beurthellen. 
W^as vom Druck gesagt ist, gilt natürlich von jeder Copie über- 
haupt. Bei der Nachbildung von Papiergeld ist bisher das Cri- 
terium der Vergleichung, Abweichung in der Form gewesen, 
das hier gegebene Verfahren glebt eine viel schärfere Prüfung. 
Legt man nändich ein Werthpapier und seine Copie neben ein- 
ander in das Stereoskop, so wird eine für das blolse Auge nicht 
sichtbare Differenz in dem Abstände der Worte sich sogleich 
auf die angegebene Weise durch ein Hervortreten aus der tbene 
des Papiers merklich machen. Durch dieses Verfahren ist also 
ein einfaches und scharfes Mittel gegeben, eine Copie eines 
Druckes oder einer Zeichnung als solche zu erkennen. Die 
Veröffentlichung des Verfahrens hat allerdings den Nachtheil, 
dafs denen, welche solche Copien anzufertigen beabsichtigen, zu- 
gleich die Mittel an die Hand gegeben werden, durch das Ste- 
reoskop selbst zu prüfen, in wie fern sieb die Copie dem Ori- 
ginal anschlielst, aber die Schwierigkeit diesem Hülf»mlttel ge- 
genüber eine bis an Identität streifende Übereinstimmung zu 
erhalten ist so grofs, dafs es eher als Abschreckungsmittel dienen 
kann, da die Hoffnung eine Täuschung zu erreichen, so sehr in 
die Ferne gerückt wird. 

Wie gering nänilich der Unterschied des Abstandes zweier 
W^orte oder Buchstaben zu sein brauche, um das Heraustreten 
derselben aus der Ebene der übrigen hervorzubringen, kann ge- 
messen werden, wenn man den in der vorigen Notiz ange- 
führten Schieber mit einer mlkrometrlschen Vorrichtung versieht. 

Die Banknoten können entweder vermittelst einer Druck- 
platte angefertigt sein, oder wie es besonders bei verschiedenem 
Farbedruck der Fall ist, mit mehreren. Möglicher Weise kann, 
wenn die bereits mit der ersten Platte bedruckten Papiere, dem 



282 Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse 

zweiten Druck unterworfen werden, in einzelnen Fällen die Lage 
des Papiers gegen die zweite Druckplatte eine etwas veränderte, 
sein. Ks werden sich dann alle Buchstaben und Zeichen der 
einen Platte, über die Buchstaben oder Zeichen der andern er- 
heben. Diefs kann aber nicht stattfinden in Beziehung auf die 
Buchstaben und Zeichen derselben Platte, und dadurch giebt sich 
eben eine Fälschung zu erkennen, dafs bei dieser innerhalb der- 
selben Platte solche Ausweichungen sich zeigen. Man wird in 
den beigegebenen Druckplatten viele solcher Ungleichheiten in 
den einzelnen Zeilen, eben so ein ungleiches Hervortreten der 
ganzen Zeilen wahrnehmen, welche dann vermieden worden wä- 
ren, wenn das auf der einen Seite stehende zuerst allein auf 
der einen Seite abgedruckt worden wäre, und dann auf der an- 
dern Seite dieselben Zellen nur etwas gegen einander eingerückt 
angewendet worden wären. Nur in diesem Falle würde die im 
Kalkspath hervortretende Erscheinung treu wiedergegeben wor- 
den sein. 

Der Identität echter Werthpapiere, auch wenn bei der An- 
fertigung derselben nur eine Platte oder ein Druck mit Typen 
angewendet wurde, treten noch andere Hindernisse entgegen. 
Wir wollen dabei davon absehen, dafs wenn bei Abnutzung einer 
Platte dafür eine neue substituirt wird, diese der ersten nicht 
mathemalisch gleich sei, weil sich diese Schwierigkeit ja leicht 
dadurch beseitigen läfst, dafs das mit einer zweiten Platte ge- 
druckte irgend wie als eine andre Serie bezeichnet wird und 
man dann eine Copie eben mit einem Original derselben Serie 
zu vergleichen hat. 

Eswas anders sind die Veränderungen, welche möglicher 
Weise bei Anwendung derselben Platte hervortreten können. 
Sie sind doppelter Art und können entstehen entweder durch 
Verändertnigen des zu bedruckenden Materials oder durch Ver- 
änderungen der druckenden Platte. 

Da das zu bedruckende Material Papier Ist, so sind die hier 
zu betrachtenden Einflüsse Feuchtigkeit und mechanische Deh- 
nung. 

Um den Einflufs der Feuchtigkeit zu erhalten, wurde fol- 
gender Versuch angestellt. Zwei ganz gleiche durch denselben 
Satz erhaltene Drucke wurden im Stereoskop neben einander 



vom 28. Märt 1859. 283 

gelegt, so dafs nur ein ebenes Bild gesehen wurde. Es wurde 
nun einer derselben befeuchtet und nun das trockne und be- 
feuchtete Blatt so belrachtet, dafs die Mitte fixirt wurde. Das 
Ganze erschien nun als eine conlinuirlich gekrümmte Fläche, 
die sich von der vertieften Mitte allmählich nach den eriiöhten 
Rändern hin erhob. Sollte daher bei demselben Satz zwischen 
verschiedenen Exemplaren desselben eine Differenz entstanden 
sein, so läfst sich durch Befeuchten beider diese abgleichen. 

Der Einflufs einer ungleichen mechanischen Dehnung läfst 
sich auf ähnliche Weise untersuchen. Die zu vergleichenden 
Papiere werden an der Stelle, wo sie einander berühren, be- 
festigt und auf der andern Seite über eine Rolle gehend durch 
Gewichte gespannt. Am geeignetsten, um diese Wirkung an- 
schaulich zu machen, sind die bei Reduction durch photographi- 
sche Mittel erhaltener meteorologischer Aufzeichnungen in An- 
wendung kommenden mit einer aufgetragenen Längentheilung 
Tersehenen Streifen von Kautschuk. Ermittelt man für bestimmte 
Spannungsgewichte die Gröfse der eintretenden Veränderung, so 
übernimmt das Stereoskop wie im vorhergehenden Falle die Rolle 
eines Hygrometers, hier die einer Federwage. 

Was die Veränderungen der Druckplatten oder Stempel be- 
trifft, so können diese möglicher Weise nicht allein In einer 
Abnutzung bestehen, sondern auch in einer Ausdehnung der 
ganzen Masse. Da mir diese Prüfung anzustellen das dazu er- 
forderliche Material fehlte, so habe ich auf eine indirecte Weise 
die daraus folgenden Erscheinungen zu bestimmen gesucht.') 

Bekanntlich hat ßaudrimont (Ann. de Ch. et de Phys. 60 
p. 78) gefunden, dafs die durch denselben Dralhzug gezogenen 
Dräthe, wenn sie von verschiedenen Metallen sind, verschiedene 
Dicke haben, indem nämlich die Metalle verschieden elastisch 
sind, und sich vermöge dieser Elasticität, wenn sie aus demsel- 
ben Loch heraustreten, um ungleiche Gröfsen ausdehnen. Diese 
Ausdehnung geht daraus hervor, dafs kein Dralh, aufser Gold- 
drath, durch dasselbe Loch, aus welchem er unmittelbar hervor- 
gegangen ist, ohne Kraftanwendung wieder durchgezogen werden 



1 ') Die hierher gehörigen Versuche wurden erst in der Sitzung vom 

t l4. April vorgezeigt. 

[1859.] 20 



284 Sitzung der plijsikaliscJi-mathemalischen Klasse 

kann. Silber erfordert die geringste Kraft, die durch die Ela- 
sticität bewirkte Ausdehnung dauert aber noch mehrere Wo- 
chen fort. 

Es war mir nun wahrscheinlich, dafs bei dem Prägen von 
Medaillen etwas ähnliches stallfinden werde, und dafs daher Me- 
daillen, welche in verschiedenen Metallen durch denselben Präg- 
stempel erhalten sind, nicht gleich sein können, sondern, um 
mich so auszudrücken, in einem etwas verschiedenen Maafsstab 
ausgeführt sein werden. Am geeignetsten dazu sind Medaillen, 
in welchen das darauf geprägte in Beziehung auf den Rand sym- 
metrisch geordnet ist, wie z. B. bei der Pariser Ausstellungs- 
medaille, die Seite, in welcher um den französischen Adler in 
der Mitte, die Wappenschilder kreisförmig herumliegen. Ich 
legte ein in Silber und ein in Bronce ausgeführtes Exemplar in 
das Stereoskop. Man sieht nach einiger Zeit diese stereoskopisch 
combinirte Medaille, wenn man den Adler In der Mitte fixirt, 
in Form eines hohlen Schildes in der eigenthümlichen Farbe 
einer gleichsam dadurch entstehenden Legirung. Welchen Ein- 
flufs die bei dem Erstarren einer geschmolzenen Substanz ein»- 
tretende Ausdehnung oder Zusammenziehung auf einen Abgufs, 
und die Temperatur des Schmelzpunktes auf den Stempel selbst 
habe, konnte ich noch nicht untersuchen, da die zu dieser Un- 
tersuchung erforderlichen Abgüsse mir noch nicht zur Hand sind. 
Ich werde in einer spätem Notiz die Ergebnisse derselben mit- 
theilen. 

Den Einilufs der Temperatur allein erhält man, wenn man 
zwei Medaillen von demselben Metali combinirt, zwischen denen 
ein conslanter Temperatur-Unterschied stattfindet. Das Bezeich- 
nende aller dieser Veränderung ist die Continulläl des über 
ganges, welche, wenn man die Mitte fixirt, eine Krümmung her 
vorruft, hingegen ein contlnuirliches Erheben oder Zurücktreten, 
wenn man den Rand fixirt. Der Grund dieser Verschiedenheit 
leuchtet sogleich ein, wenn man im Stereoskop zwei Waafsstäbe 
mit einander combinirt, bei welchen der Abstand der Theil 
striche des einen zwar nahe gleich aber nicht Identisch mit den 
Abständen der Thellslrlche des andern. Bringt man nämlich 
durch Fixiren eines bestimmten Striches beider Thellungen die- 
sen Strich der beiden Maafsstäbe zur Deckung, so verhalten sich 



I §- 



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! vom 28. März 1859. 285 

die Theilstriche beider Maafsstäbe wie eiri Noni'üs, bei welchem 
die Coincidenz an jenehi Striche stattfindet. Liegt niih difesfer 
Strich in der Mitte, so ist der Sirih der Abweithiing auf beider! 
Seiten desselben entgegefigesetzt, liegt hihgegen der Strich AvA 
Ende, so sind alle Ab^Veichungen in demselben Sinn. Iiti ersten 
Falle wird daher im Stereoskop eine Krümmung sich zeigen, itü 
I zweiten ein conlinUirliches Aufsteigen oder Herabsteigen. Um 
I daVort eine Anschauung zü geben, habe ich auf der Drucktafet 
ii 3 und 4 die Worte „Prüfung eilier Larigehtheilüfig" einmal 
ohne Zwischenräume zwischen den Buchstäben setzen lassen, 
dann mit Zwischenräumen. Fixirt man auf deni ersten Blatte, 
wo die welter entfernten Buchstaben in dem rechten Felde ste- 
I hen, längere Zeit den ersten Ruchstaben P, So sieht man nach 
! (fihiger Zeit sämrfitliche ßuchstaben jeder Zelle in einer fast auf 
die Ebene des Papiers senkrechten Richtung hinter einander tre- 
ten, während auf der vierten Tafel, wo die weiter von ein- 
ätider abstehenden Buchstaben auf der linken Seite stehen, da? 
Umgekehrte eintritt, indem der erste Buchstabe jeder Zeile danri 
id der Reihe der hinferste wird. Fafst man hirigegeh die mit- 
telsten Buchstaben ins Äuge, So erscheinen diese arii tiefsten und 
die Erhebung zu beiden Seilen. Je geringer nun der Unter- 
schied des Abslandes der einzelnen Zeichen in beiden Bildern 
Ist, desto mehf nimi^t das Hervortreten die Gestalt einer con- 
tih'uirlichen Kriimhitirtg an. 

In den Beritbte'n der Akademie 1841 p. 252 hab'e ich ge- 
I zeigt, dals die stereoskopische Combinatröh' zw^ef^r Zeichnungehf 
itf elnerti Relief auch stattfindet, v\^enh man diese im Dunkelh' 
aufgestellten Zeichnungen durch den elektrischen Funken eln'^f' 
steh entladenden Kleistisch'en Flasche beleuchtet, dessen Dauer 
noch nicht den mllHonsten Theil einer Secunde beträgt. Es is^ 
danilt natürlich nicht gesagt dafs die Augen dann in dem tau- 
sendsten Theil einer Secunde lausend solcher Comblnationen zu' 
I ih'achen Im Stande sind. Auch geht diefs in der That aus fol- 
\ getidem Versuch hervor. Ich spatinte zwei Saiteh' derselben 
;Nafhmer so neben einander, dafs sie sich im Stereoskop genau' 
iü einem Bilde deckten. Es vvurde nun vort den beiden uni- 
sono tör.enden Saiten, einmal die eine, dann die andere in horl- 
'Zoßtaler Richtung in Schwingung versetzt, während die zweite 
1 20« 



286 Sitzung der physikalisch-niatheniatischen Klasse 

Saite in Ruhe blieb. Hätte hier eine stereoskopische Combina- 
tion stattgefunden, so hätte eine Ossillation von scheinbar sehr 
vergröfserter Schwingungsweite in einer mehr oder minder loth- 
rechten Ebene sichtbar werden müssen. Diefs war aber nicht 
der Fall, da die Augen diese schnell aufeinander folgenden Com- 
binationen nicht auszuführen vermochten. Man sieht nämlich 
die Schwingung so, als wenn man mit einem Auge die schwin- 
gende Saite allein betrachtet, indem das auf die ruhende fixirte 
Auge die Combination versagt. Da möglicher Weise bei die- 
sem Versuch die Schwingung der Saite nicht in einer horizon- 
talen Ebene erfolgte, so wurde der Versuch auf folgende Weise 
modlficirt. Es wurden zwei gleiche Stimmgabeln so neben ein- 
ander eingeschraubt, dafs im Stereoskop die obern vierseitigen 
Endflächen derselben einander zu den Endflächen einer einzigen 
Stimmgabel deckten. Es wurde nun eine derselben zum Tönen 
gebracht, während die andre nicht tönte. Es wurde darauf eine 
grofse Stimmgabel so aufgestellt, dafs die Endflächen beider Zin- 
ken sich zu einer deckten, und diese Stimmgabel durch Strei- 
chen ins Tönen versetzt. In beiden Fällen erschien kein Her- 
auf- und Herunterbewegen, die Ossillation erfolgte horizontal 
und in derselben unvergröfserten Weise, als wenn sie mit einem 
Auge beobachtet wurde, ein Beweis, dafs die stereoskopische 
Combination nicht erfolgt. Ich halte diesen Versuch für eine] 
neuen Beleg gegen die, von mir durch den frühern Versuch wie ichi 1 
glaube bereits widerlegten, physiologischen Theorie, dafs wir aufj 
das Vorhandensein eines Körpers schliefsen, aus der Veränderung! 
der Convergenzpunkte der Augenachsen, indem wir abwechselnd i 
die nähern und entferntem Theile desselben ins Auge fassen. 

Wenn das vorher angegebene Verfahren auf diese Weise ', 
ein Mittel an die Hand giebt, Längentheilungen mit einander ( 
zu vergleichen, so findet bei Kreistheilungen natürlich immer nur 
der zweite Fall statt, denn es ist klar, dafs da der Umfang des 
Kreises ein gegebener, die Fehler der Thellung sich auf die An 
vertheilen müssen, dafs die an einer Stelle zu grofsen Abstände 
durch zu kleine an einer andern Stelle compensirt werden müs 
sen. Die Theilstriche erheben sich dann an einer bestimmtei 
Stelle über die Ebene der ganzen Theilung, und gehen dam 
unter dieselbe herab. Ist aber an einer bestimmten Stelle eii 



vom 28. März 1859. 287 

falscher Strich, so tritt dieser unabhängig weit heraus. Diefs 
ergab eine mit der gröfsten Sorgfalt angefertigte Copie einer 
durch eine genaue Kreislheilmaschine angefertigte Kreislheilung. 
Hier also, wie bei falschem Papiergeld, sind es bestimmte 
Fehler, das plötzliche Heraustreten bestimmter Buchstaben oder 
Worte, welche sogleich darauf aufmerksam machen, dafs man es 
mit einer Nachbildung zu thun hat. Solche Unterschiede traten 
in einer sehr gut nachgemachten Banknote, welche ich zu prü- 
fen Gelegenheit hatte, auf den ersten Blick hervor. Es wird 
fiir den Staat dann zweckmäfsig sein, wenn eine solche Note 
einmal als falsch erkannt ist, die Ergebnisse der stereoskopischen 
Analyse als untrüglichen Steckbrief zu veröffentlichen. Aller- 
dings kann man sagen, dafs die im Abstände der Zeichen be- 
gangenen Fehler sich auch durch feine mikrometrische Messun- 
gen müssen feststellen lassen, wer hat aber Zeit den Absland 
aller einzelnen Buchstaben mikrometrisch zu messen, während das 
von mir angegebene Verfahren auf einen Blick die fehlerhafte 
Stelle erkennen läfst. 

Für den hier erläuterten Zweck giebt man dem Stereoskop 
entweder keinen Boden, um es unmittelbar auf die vergleichende 
Papiere zu stellen, oder man macht an der Stelle der vier loth- 
rechten dunklen Ränder der Tafel In den Boden Einschnitte, um 
längere Streifen der zu vergleichenden Schriften hindurchzuzie- 
hen und auf diese Weise verschiedene Stellen derselben nach 
einander zu vergleichen. 
I Legt man die beiden ersten Drucktafeln gleichzeitig in ein ge- 

I wohnliches W heatstone'sches Spiegelstereoskop, die eine auf die 
linke Seite desselben, die andere auf die rechte, so sieht man 
gleichzeitig das alternirende Hervortreten der Doppelzeilen und 
zwar in der Weise, dafs in dem einen der neben einander ste- 
henden Bilder die Zeilen die hervortretenden sind, welche In 
dem andern zurücktreten, doch erscheinen hier die Buchstaben 
als Typen. Wem diese zu lesen Schwierigkeit macht, kann in 
das W hea ts tone'sche Spiegelstereoskop hineingehen, mit dem 
von mir angegebenen Prismenstereoskop (mit zwei Prismen (Po gg. 
Ann. Bd. 83, S. 186 No. 4), für welches Moigno den Namen 
Stereoskop a reßexion totale, Wheatstone den Namen Pseu- 
I doskop vorgeschlagen hat. Um bei grofsen Platten zunächst un- 



2§S Gesamnilsilzung 

gleiche Stellen aufziifin(!en, nuils man den Whea tston e'scVien 
SpiegelstereOÄkop die Eiiirlclitung geben, dafs man darin Platlen 
von beliebiger Gröfse aufstellen kann, welches man dadurch 
leicht erhält, dafs die Spiegel nicht zwischen zwei Bretter be- 
festigt, sondern nur auf einem aufgestellt werden und für die 
einzulegenden Biälter nur die untere Rinne bleibt, während die 
obere wegfällt. Man kann zur Inversion der als Typen erschei- 
nenden Buchstaben mit einem solchen Stereoskop das Prismen- 
stereoskop dann fin für allemal verbinden. Handelt es sich da-^ 
r^im, die Identität zweier Sätze derselben Wprt^ in Tvpen, oder 
zweier Kupferplatten vor dem Abdruck zu prüfen, so wendet 
man dieses Stereoskop unmittelbar auf die neben einander ge- 
legten Platten an. Bei Anwendung des Spiegelstereoskops ist 
es zweckmäfsig, vorn zwei Vergröfserungsgläser anzubringen. 

Nachdem die Wissenschaft In der Daguerotypie, Photogra- 
phie und Galvanoplastik so mächtige Mlltel treuer Nachbildung 
geliefert hat, ist es wohl an der Zeit, dafs sie einmal die ent- 
gegengesetzte Richtung verfolge, und auf die Auffindung von 
Methodep bedacht sei, das Nachgebildete yon seinem Original 
zu unterscheiden. 



31. März. Gesammtsitziing der Akademie. 

Hr. du Bois-Reymond theilte die lirgebnisse einer Un- 
tersuchung über die angeblich saure Reaction des Mus- 
kel fleisch es mit. 

Bekanntlich hat zuerst Berzelius selber im Jahr 1807 
beobachtet dafs das MuskelHeisch eine saure Reaction besitze. 
Für die Ursache derselh^n erklärte er den Gehalt des Fleisches 
^11 einer freien, nicht flüchtigen, organischen Säure, die er nach 
allen ihm damals bekannten Merkmalen für einerlei mit der von 
Scheele aus der sauren Milch dargestellten Säure erkannte. Es 
^st noch in All^r Gedächtnifs und braucht deshalb hier nicht 
weiter ausgeführt zu werden, zu wie heftigen Kämpfen zwischen 
ihm und Hrn. v. Liebi g volle vierzig Jahre später die von die- 
sem wieder aufgenommene Erörterung über die Natur der Fleisch- 
sdure führte. Hr. v. Lieb ig, der zuerst das Vorkorjimen der 



vom 31. März 1859. 289 

Milchsäure im ihierlsclien Körper läugnete, ward bald darauf, bei 
Gelcgoiiheit seiner so berühmt gewordenen Untersuchungen über 
das Fleisch, gleichsam der zweite Entdecker derselben in den 
Muskeln, deren saure Reaction er von saurem nilichsatnem und 
saurem phosphorsaurem Alkali herleitet. Im Verfolg seiner Un- 
tersuchungen haben dann einerseits die Hrn. Engel hardt, 
Heintz und Strecker die Natur der Fleischmilchsäure genauer 
studlrt und Ihre Abweichungen von der gewöhnlichen Milchsäure 
festgestellt; andererseits die Hrn. vScherer und Wydier auch 
noch eine Anzahl flüchtiger Säuren aus dem Fleische gewohnen, 
endlich die Hrn. Lehmann und Siegmund die saure Reac- 
tion der von Hrn. V. LIebIg nicht berücksichtigten glatten Muskeln 
beobachtet. In Frankreich verlheldigen neuerdings die Hrn. 
Valenciennes und Freiny die Meinung, die saure Reaction 
des Muskelfleisches werde nur in einzelnen Fällen durch Milch- 
j säure, gewöhnlich aber durch saures phosphorsaures Kall (KO, 
I 2 HO, POä) bedingt. 

Während so über die ISatur der Säure, denen die Muskeln 
j ihre Reaction verdanken, viel und lebhaft gestritten worden Ist, 
hat man stets stillschweigend angenommen, dafs die ganze Menge 
derselben, die sich aus den Muskeln gewinnen läfst, auch bereits 
im lebenden Körper darin vorhanden sei. So sehr verstand sich 
dies, nach der Meinung der Chemiker, von selbst, dafs sie es, 
I wie es sclvelnt, nicht für nothwendig hielten, sich durch den 
I Versuch am frisch getödteten Thlere davon zu überzeugen, und 
I dafs einzelne dem entgegen lautende Stimmen, wie die der Hrn. En- 
' derl In und v. 11 ibr a, ganz unbeachtet blieben. Hr. v. LIe b I g grün- 
dete auf die Gegenwart der freien Milchsäure in den Muskeln, 
deren Menge er so hoch anschlägt, dafs sie unter Umständen 
alles im IMut enthaltene Alkali zu sättigen vermöge, eine Reihe 
I der Icühnsten und weltaussehendsten Folgerungen. Unter anderen 
suchte er aus der elektrochemischen Wechselwirkung der in den 
Muskelbünileln enthaltenen sauren und der in den Blut- und 
Lyinphgefälsen enthaltenen alkalischen Flüssigkeit durch das Sar- 
kolcnim und durch die Haargefäfswände hindurch die Entstehung 
des Muskelslromes zu erklären. 

Unter diesen Umständen glaube ich, dafs es für die Che- 
miker sowohl als für die Physiologen von einigem Interesse sein 



290 Gesamnitsitzung 

wird, wenn ich zeige, dafs die ein halbes Jahrhundert lang von 
den Chemikern unangefochlen behauptete Gegenwart freier 
Säure in den lebenden Muskeln für gewöhnlich nicht zu erwei- 
sen ist; dafs zweifellos der bei weitem gröfste Theil der Säure, 
welche die Chemiker im angeblich frischen Fleisch erkannt ha- 
ben, erst zur Zeit der beginnenden Fäninifs darin frei wird; 
endlich dafs nur in dem Falle, wo dauernde heftige Muskelan- 
strengung vorhergegangen Ist, der noch leistungsfähige Muskel 
eine saure Reaction besitzt. 

Der Weg auf dem ich zu dieser Kenntnifs gelangt bin, ist 
folgender. Nachdem Ich im Sommer 1842 das Gesetz des Mus- 
kelstromes entdeckt hatte, bestand natürlich einer der ersten 
Versuche, die Ich anstellte, darin, dafs ich untersuchte, ob 
nicht vielleicht der Längsschnitt und der künstliche Quer- 
schnitt des Muskels eine verschiedene Reaction darböten. Die 
Angaben der Chemiker über die saure Beschaffenheit des Fleisch- 
saftes waren mir wohl bekannt; ja ich hatte selber Gelegenheit 
gehabt, mich davon zu überzeugen bei einem von Hrn. Brücke 
Im Laboratorium des Hrn. Mitscherlich angestellten Versuch, 
der zum Zweck hatte, zum Erweis der von Hrn. Brücke er- 
sounenen Theorie der Todtenstarre eine freiwillig gerinnbare 
Flüssigkeit aus den Muskeln auszupressen. Einem Kaninchen 
wurde blutwarmes destillirtes Wasser so lange In die Bauchaorta 
gespritzt, bis es farblos aus der unteren Hohlvene wieder abflofs, 
und die blutleeren Beinnniskeln so warm und zuckend als mög- 
lich unter die Presse gebracht. Die stark röthllch gefärbte Flüs- 
sigkeit, welche dergestalt erhalten wurde, setzte freiwillig kein 
Gerinnsel ab, enthielt aber eine grofse Menge Eiweifs und rea- 
glrte stark sauer. Jetzt erwartete Ich also, den künstlichen 
Querschnitt des Muskels sauer reagirend zu finden, woraus, Im 
Verein mit der bekannten alkalischen Reaction der den natür- 
lichen Längsschnitt benetzenden Lymphe oder allgemeinen thle- 
rischen Feuchtigkeit, eine elektromotorische Wirkung nach dem 
Gesetze des Muskelstromes sich allenfalls würde haben ableiten 
lassen. Allein zu meinem nicht geringen Erstaunen zeigte der 
künstliche Querschnitt bei wiederholter Prüfung mittels Lak- 
muspapiers keine deutliche saure Reaction; und da Ich damals an- 
dere Fragen In Fülle zu beantworten hatte, und andere Gründe 



vom 31. März 18Ö9. 291 

genug mir zur Hand waren, aus denen hervorging, dafs ein blo- 
fser eleklrocliemischer Gegensatz von Längs- und Qnersclinilt 
nicht der Ursprung des Muskelslromes sein könne, so liefs ich 
die Sache auf sich beruhen, indem ich mich bei der Vorstellung 
Leruliigte, die aus den querdurchschnittenen Blut- und Lyniph- 
gefäfsen fliefsende alkalische Flüssigkeit habe die Säure des 
Muskelquerschnitts gesättigt. 

Ich wurde erst wieder auf diesen Punkt zurückgeführt, als 
ich, acht Jahre später, mich mit dem von mir sogenannten par- 
elektronomischen Zustande der Muskeln beschäftigte. Ich habe 
damals dargelhan, dafs am Querschnitt der Muskeln eine Schicht 
vorhanden ist, deren elektromotorische Kräfte denen des übrigen 
Muskels entgegenwirken. Diese Schicht heir>t die parelektronomi- 
sche Schicht. Je nach der verschiedenen Stufe ihrer Ausbildung 
ist der Muskel mit natürlichem Querschnitt schwach positiv wirk- 
sam, d. h. der Strom geht im Multlpllcatorkreise vom Längs- 
schnitt zum Qnersclinilt, oder der Muskel ist unwirksam, oder 
endlich gar er ist negativ wirksam. Sobald aber die elektromo- 
torischen Kräfte der parelektronomischeu Schicht auf irgend eine 
Art aufser Spiel gebracht werden, sei's dafs man die Schicht 
mechanisch entfernt, d. h. den künstlichen Querschnitt herstellt, 
sei's dafs man sie nur ihrer elektromotorischen Wirksamkeit auf 
chemischem oder kaustischem Wege beraubt: wird der Muskel 
im gehörigen Maafs positiv wirksam, der Muskelstrom tritt in der 
gewohnten Art hervor. Um eine Veränderung des Stromes zwischen 
Längsschnitt und natürlichem Querschnitt, gleichviel wie er gerade 
beschaffen sei. In positivem Sinne hervorzurufen, genügt es also, 
den natürlichen Querschnitt des Muskels mit einer Flüssigkeit zu 
benetzen, welche die Muskelsubstanz chemisch angreift, gleichviel 
ob die Flüssigkeit leitend sei oder nicht, und gleichviel welche 
sonst ihre chemische Beschaffenheit sei. Die Veränderung des 
Stromes im positiven Sinne, wie sie sich Im ersten Augenblick 
kund glebt, ist um so gröfser, je stärker die Flüssigkeit die Mus- 
kelsubstanz angreift, und je rascher sie dieselbe durchdringt. 
Aber auch die scheinbar am wenigsten differenten und der Dif- 
fusion fähigen Flüssigkeiten sind einer solchen Wirkung fähig. 
Man kann sich also der positiven Veränderung des Stromes beim 
Benetzen des Querschnittes mit einer gegebenen Flüssigkeit 



'292 Gesarnmtsitzung 

gleichsam als eines neuen Reagens bedienen, um zu erfahren, 
ob die Mnskelsubstanz davon anj^egriffen werde oder nicht. Ja 
ich bezweifle, dafs es für die Angreifbarkeit der Mnskelsubstanz 
durch eine gegebene Flüssigkeit ein empfindlicheres Merkmal 
gebe als das hier bezeichnete. Überflüssig ist es wohl zu er- 
wähnen, dafs die positive Veränderung dann am leichtesten 
wahrnehmbar ist, wenn der Muskel, wegen der parelektro- 
nomischen Schicht, nahe stromlos verharrt. Diese Bedingung 
findet sich meist an den Muskeln solcher Frösche erfüllt, die 
mindestens 24 Stunden auf 0° erkältet worden sind. 

Mit Hülfe dieses Prüfungsmittels fand ich bei einer Gele- 
genheit, die hier nichts zur Sache thut, dals der künstliche 
Querschnitt eines Froschmuskels bei fortgesetzter Berührung die 
Substanz eines anderen Froschmuskels chemisch angreife. Die 
natürlichen Flächen des Muskels wie auch der durch Zerreifsen 
des Muskels in der Richtung seiner Fasern dargestellte künst- 
liche Längsschnitt thaten es nicht. Ich sah mich also zu dem 
Schlüsse getiieben, dafs entweder in den Muskelbündeln eine 
Flüssigkeit enthalten sei, die den Inhalt der Muskelbündel an- 
greife, was widersinnig ist, oder, dafs sich am künstlichen Quer- 
schnitt im Laufe der Zeit eine solche Flüssigkeit bilde. Es ge- 
lang sofort, die letztere Ansicht durch den Versuch zu bestäti- 
gen. Dazu war nur nöthig, die ätzende Wirksamkeit eines fri- 
schen und eines schon seit einiger Zeit hergestellten Quer- 
schnittes miteinander zu vergleichen. Der ältere Querschnitt 
zeigte sich viel stärker ätzend als der frische. Die Bildung einer 
ätzenden Flüssigkeit am künstlichen Querschnitt war somit er- 
wiesen, und von hier aus ward es mir nicht schwer, den wah- 
ren Zusammenhang der Dinge und den Grund des Widerspruchs 
zu durchschauen, der so lange für mich zwischen jenen früheren» 
Versuchen, in denen frische Froschmuskelqiierschnitte mir neu>- 
trale Reaction gaben, und der Lehre der Chemiker von der sau- 
ren Natur der Flelschflüssigkeit, geherrscht hatte. 

Ich überlegte mir, dals die Chemiker unter frischem Fleische' 
insgemein wohl nur solches verstehen, welches noch gut za 
essen ist. Dies ist aber nicht frisches Fleisch im Sinne der! 
Physiologen, Die Physiologen nennen frisches Fleisch solches, 
welches nach dem Tode, oder nach der Trennung vom lebenden 



vom 31. lilürz 1859. 293 

Thiere noch im IJesitze seiner Lebenseigenscliaflcn verharrt, d. 
,h. welches noch zuckungsfäliifj ist, iiml eleklromolorisch wirkt 
nach dem von mir aufgeslelllen Gesetze. Man könnte fliesen 
Zustand der Muskeln nach dem Vorhilde eines von Hrn. Flou- 
rens gebrauchten Ausdrucks der französischen Rechlspraxis den 
des Überlebens (l'etat de survle) nennen. Nur Fische und 
Frösche, und in einigen Gegenden Deutschlands die Hühner 
tragen ihre Muskeln int Zustande des Überlebens in den Koch- 
topf, Krebse bekanntlich sogar im Zustande des Lebens selbst. 
Das Fleisch anderer Thiere mufs, um für uns geniefsbar zu sein, 
erst eine Reihe von Veränderungen durchlaufen haben, die sich 
nach dem Tode freiwillig daran einstellen. Es mufs aus dem 
Zustande des Überlebens in den der Todlenstarre übergegangen 
sein, wo es nicht mehr zuckungsfähig ist und seine elektromo- 
torische Wirksamkeit eingebüfst hat. Aus dem Zustande der 
Todlenstarre mufs es sodann, durch Lösung derselben, in den 
der beginnenden Fäulnifs übergetreten sein. Wir essen für ge- 
wöhnlich Fleisch im Zustande der gelösten Todtenstarre, der be- 
ginnenden fäulnifs. In der Küche heilst dies Fleisch noch fri- 
sches Fleisch. Beim Wilde lassen wir die Fäulnils sogar merk- 
h'ch werden. Nur Völkerschaften im Urzustände, wie die Hellenen 
Homer's oder die Nordamerikanischen Hinterwäldler essenFleisch 
im Zustande des Überlebens, frisches Fleisch im Sinne der Phy- 
siologen, in welchem ich fortan dies Beiwort ausschliefslich brau- 
chen werde. Der Grund unserer Sitte ist leicht einzusehen. 
Er liegt wohl weniger darin dafs Fleisch im Zustande des Über- 
lebens bei der Zubereitung doppelt todtenstarr wird, erstlich 
durch Gerinnung des flüssigen Muskelfaserstoffs, denn durch Ge- 
rinnung des Eiweifses, als darin dafs die Zähigkeit des Binde- 
gewebes, welches bei vielen Arten der Zubereitung nicht Zeit 
hat sich in Leim zu verwandeln, durch die beginnende Fäulnifs 
vermindert wird. 

Durch meine thierisch-elektrischen Versuche wufste ich, was 
sich ohnehin vom physiologischen Standpunkt aus leicht erklärt, 
dafs eine dünne Schicht des Muskels am künstlichen Querschnitt 
binnen kurzer Zeit abstirbt. So kam ich unvermeidlich auf den 
Gedanken, dafs erst beim Absterben des Muskels, gleichviel ob 
es schnell oder langsam geschehe, die Säure in ihm frei werde. 



294 Gesarnmtsilzung 



1 



Diese Muthmafsung war offenbar geeignet, den oben bezeichne- 
ten Widerspruch zu versöhnen. Denn Hrn. v. Liebig's feinge- 
hacktes Fleisch frischgetödteter Thiere war eben kein frisches 
Fleisch mehr in dem oben bestimmlen Sinne. Gehacktes Fleisch 
sogar von Fröschen ist stets bereits todlenstarr. Auch die stärk- 
sten elektrischen Schläge bringen in dem Häcksel keine Spur 
von Bewegung mehr hervor. Bei jenem Versuch des Hrn. 
Brücke kamen die Kaninchenmuskeln zwar noch warm und 
zuckend unter die Presse. Allein sie wurden nach dem Aus- 
pressen todtenstarr vorgefunden, und aus demselben Grunde, aus 
dem die Abwesenheit eines freiwillig entstandenen Gerinnsels in 
der ausgeprefsten Flüssigkeit nichts gegen Hrn. Brücke's Theo- 
rie der Todtenstarre bewies, aus demselben Grunde bewies auch 
die saure Reaction dieser Flüssigkeit nichts für die Gegenwart 
der Säure in den noch lebenden Muskeln. 

Um meine Muthmafsung zur Gewifsheit zu erheben, war 
nur nölhig, einen älteren, bereits ätzend gewordenen Querschnitt 
auf seine Reaction zu prüfen. Dieselbe ergab sich als lebhaft 
sauer; und so ward ich dazu geführt, der Aufklärung dieses Ge- 
genstandes weitere Bemühungen zu widmen. 

Die folgenden Versuche sind sämmtlich mit auf gewöhn- 
liche Art bereitetem, im Dunkeln über Kalihydrat aufbewahrtem 
Lakmuspapier angestellt, und zwar mit verschiedenen Proben, 
die ich theils der Güte befreundeter Chemiker verdankte, theils 
selbst dargestellt, theils gekauft hatte. Als die beste Vorkehrung, um 
die Reaction der Muskeln zu untersuchen, ist mir folgende erschienen. 
Auf einem gefirnifsten Brettchen aus Lindenholz wird eine Anzahl 
rother und blauer Lakmuspapierstrelfen der Länge nach nebenein- 
ander in bunter Reihe mit Hülfe von Siechknöpfen so ausgespannt, 
dafs je ein Streifen den folgenden mit dem Rande dachziegel- 
förmlg deckt. Die Fläche, deren Reaction geprüft werden soll, 
prefst man gegen die Grenze zweier Streifen, so dafs sie zur 
Hälfte einem rothen, zur Hälfte einem blauen Streifen anliegt. 
So hat man nicht allein den Vortheil, dafs man in einem Ver- 
such zwei Erfolge sogleich beobachtet; es wird auch das Urtheil 
über die Natur und den Grad einer z. B. auf blauem Gruude 
erzeugten Verfärbung durch den gegenwärtigen Eindruck des 
benachbarten Roth wesentlich unterstützt. 



vom 31. März 1859. 295 

Es ist zweckmäfsig, sich bei der Unterstichung zunächst auf 
die Froschmuskeln zu beschränken, weil der langsame und durch 
die Temperatur leicht zu beherrschende Verlauf der Erscheinun- 
gen an denselben mancherlei zu beobachten gestattet, was an 
den Muskeln warmblütiger Thiere sich der Wahrnehmung ent- 
zieht. 

Zuerst prüfte ich von Neuem mit aller Sorgfalt die Reac- 
tion der natürlichen, die Muskeln begrenzenl^en Flächen. Dabei 
kommt der Unterschied zwischen natürlichem Längs- und Quer- 
schnitt, der in der Lehre vom Muskelstrom eine Rolle spielt, 
natürlich nicht in Retracht. Dagegen kann ein Unterschied ge- 
macht werden zwischen der Fläche des Muskels, die in den 
Lymphräumen frei zu Tage liegt, und selbstverständlich mit dem 
Lymphe und der inneren Hautfläche einerlei Reaction besitzt, 
und den Flächen, mit denen die Muskeln einander berühren, und 
die man durch künstliche Trennung der Muskeln entblöfsen mufs. 
Letzteres geschieht am besten indem man den grolsen Unterschen- 
kelstrecker vom Knie her aufhebt. Die Reaction beider Arten 
von Flächen ist ganz dieselbe, und, wie gesagt, einerlei mit der 
der Lymphe und der inneren Hautfläche, nämlich eine leicht 
alkalische, der Art dafs rotlies Lakmuspapier erst nach längerem 
Verweilen in Rerührung damit deutlich gebläut wird. 

Ganz ebenso verhält sich der künstliche Längsschnitt der 
Muskeln, den ich auf die in meinen Untersuchungen beschrie- 
bene Art herstellte. 

Trocknet man die Muskeln, ehe man sie mit dem Lakmus- 
papier in Berührung bringt, ab, indem man sie zwischen Fliefs- 
papler knetet, so erhält man, wegen der Trockenheit der Ober- 
fläche, gar keine Einwirkung mehr auf das Pigment. 

Schneidet man einen dergestalt abgetrockneten Muskel mit- 
telst einer gleichfalls sorgfältig abgewischten Scheere quer durch 
und prefst die frischen Querschnitte der beiden Hälften auf 
blaues und auf rothes Lakmuspapier, so ereignet sich folgendes. 
Auf dem rolhen Papier entsteht sofort ein bläulicher Fleck, der 
sich bei längerem Verweilen des Querschnittes auf dem Papier 
entschieden blau ausnlnmit. Auf dem blauen Papier entsteht 
meist erst etwas später ein ebenso entschiedener rolher Fleck. 
Vergleicht man aber den scheinbar blauen Fleck auf rotbem 



296 Gesammtsitzung 

Grunde mit dem scheinbar rolhem auf blauem Grunde, so dafs 
Fleck an Fleck slöf^t, was eben am leichtesten so geschieht, ' 
dafs man den Muskelquerschnitt in der oben angegebenen Art i 
halb auf einen rothen und halb auf einen blauen Streifen auf- i 
setzt, so zeigt sich, dafs beide Flecke genau genommen vort 
einerlei Farbe, nämlich violett sind, und dafs der Anschein ihref 
verschiedenen Farbe auf nichts beruhte, als auf dem Gegensatze 
des Grundes, auf dem man sie erblirkl. Der Umstand, dafs der 
frische Muskelqiierschnltt auf blauem Papier scheinbar eine deut- 
liche rolhe Spur hinterläfst, mag manchen getäuscht haben, def, 
um sich von der angeblich sauren Reaction der frischen Muskeln 
zu überzeugen, die Prüfung nur auf diese Art vorgenommen hat, 
ohne zu ahnen, dafs er auf rothem Papier einen scheinbar eben 
so entschiedenen blauen Fleck erhalten haben würde. 

Um diese Art der Einwirkung des Muskelquerschnitles auf 
das Pigment zu erklären, könnte man sich denselben zuerst vor 
stellen gleichsam als eine Mosaik aus dem sauren Inhalt der Pri 
niitivbündel einerseits, andererseits dem alkalischen Sarkolemmar, 
Bindegewebe, Perimysium, den Blut- und Lymphgefäfsen. Auf 
rothem Grunde mülsten die zuletzt aufgezählten Gewebe blaue, 
auf blauem Grunde der saure Inhalt der Primilivbündel rothe 
Spuren hinterlassen, und so in beiden Fällen der Anschein eines 
violetten Fleckes entstehen. 

Abgesehen davon, dafs alsdann doch wohl der scheinbar 
rothe Fleck auf blauem Grunde deutlicher ausgeprägt sein 
müfste, während eher das Gegentheil zutrifft, zeigt die Lupe 
nichts von einer solchen Buntscheckigkeit des Muskelabdrucks; 
und es bedarf auch überhaupt dieser künstlichen Annahme nicht. 
Es Ist in neuerer Zeit mehrmals beobachtet worden, dafs (phy- 
sikalisch) in sich gleichartige Flüssigkeiten, wie z. B. Harn, der- 
gestalt auf das blaue und auf das rothe Lakmusptgment wirken, 
dafs sie jenes röthen, dieses bläuen. Man mufs wohl In diesert 
Fällen die Reaction als neutral auffassen , obschon sie sich frei- 
lich anders darstellt als die neutrale Reaction z. B. destillirte» 
Wassers oder einer Lösung eines nach Aussage des Lakmus-- 
papieres neutralen Salzes, welche keines von beiden Pigmenteiif 
verändern sollen. In wie weit hier wirklich etwas Besonderes 
vorliege, oder nur ein gradweiser Unterschied stattfinde von jenen 



vom 31. März 1859. 297 

leichten Verfärbungen, welche man auch mit Wasser, Alkohol, 
Neiilralsalzlösiingen zu beobachlen Gelegenheit hat; ferner wie 
diese Art neutraler Reaction in Einklang zu bringen sei mit der 
gangbaren Theorie der Reaction auf das Lakniuspigment: dies zu 
beurtheilen überlassen wir den Chemikern. Da sich aber, wie die 
Folge lehren wird, aus den frischen Muskeln auf verschiedenem 
Wege eine mit jener Art neutraler Reaction behaftete Flüssig- 
keit gewinnen lälst, ja da es mir einigemal begegnet ist, dafs 
eine solche Flüssigkeit ohne weitere Bemühung in geringer 
Menge aus dem frischen Querschnitt sickerte, so braucht man 
wohl für die gleiche Reaction des Querschnittes nach einem an- 
deren Grunde, als nach der Gegenwart einer solchen Flüssigkeit 
in den Primitivbündeln, nicht mehr zu suchen, und wir dürfen 
demgemäfs den Inhalt der frischen Primitivbündel fortan wohl 
als von neutraler Beschaffenheit bezeichnen. 

Violettes Lakmuspapier wird denn auch in geeigneter Nu- 
ance durch den frischen Muskelquerschnitt gar nicht veränderL 
Übrigens ist nicht zu verkennen, dafs, wenigstens an den Win- 
terfröschen, mit denen ich zuletzt diese Prüfungen angestellt 
habe, die Reaction des frischen Muskelquerschnittes sich mehr 
zum Alkalischen hinneigt, so dafs die rölhllche Färbung auf 
blauem Grunde nicht nur zu erscheinen zögert, sondern ganz 
ausbleibt, oder doch nicht von Dauer ist. 

Wie dem auch sei, läfst man einen querdurchschnittenen 
Muskel vor dem Austrocknen geschützt bei mittlerer Temperatur 
liegen, und untersucht nach einiger Zeit die Reaction des Quer- 
schnittes von Neuem, so findet man, wie schon gesagt, dieselbe 
lebhaft sauer. Ein in einiger Entfernung von dem ersten ange- 
ll legter Querschnitt verhält sich aber noch neutral, wie der erste 
I unmittelbar nach seiner Herstellung. Nach Ablauf einer neuen 
j Frist erscheint auch dieser sauer; es kann aber gelingen, noch 
einen dritten Querschnitt neutral zu finden, u. s. f. 

Wenn enrilich (\er Muskel seine Leistungsfähigkeit einge- 
büfst hat und todlenstarr geworden ist, dann erst reagirt er auf 
jedem Querschnitt sofort sauer. Noch aber verhält sich der 
künstliche Längsschnitt alkalisch. Aber mit der Zeit wird das 
Alkali der übrigen Gewebe im Muskel durcli die im Inne- 
ren der Bündel gebildete Säure übersättigt, und der Muskel 



298 Gesammtsitzung 

reagirt durch und durch sauer: er überfliefst von Säure, denn 
die Flüssigkeit, welche jetzt aus dem Querschnitt sickert, färbt das 
blaue Lakmuspapier fast zwiebelroth. Nun geht der Muskel 
rasch den weiteren Stadien der Fäulnifs entgegen, welche es 
schliefslich mit sich bringt, dafs der Querschnitt wieder von 
kohlensaurem Ammoniak alkalisch reagirt, ganz wie man ursprüng- 
lich normal sauren Harn durch die Fäulnifs alkalisch werden sieht. 

Die rothen Flecke, welche die todtenstarren Muskeln auf 
blauem Lakmuspapier machen, bleiben auch nach dem Trocknen 
sichtbar. Daraus dürfte zu schlielsen sein, dafs dieselben nicht 
allein, wie die Hrn. Valenciennes und Fremy wollen, von 
saurem phosphorsaurem Kali herrühren. Denn, wie Hr. Mit- 
scher lieh bereits vor vielen Jahren gezeigt hat, die vom sau- 
ren phosphor- und arsensauren Kali auf blauem Lakmuspapier 
gemachten rothen Flecke verschwinden beim Trocknen, weil das 
Salz beim Krystalllslren die Säure wieder aufnimmt, welche das 
Lakmuspapier röthete. 

Über die Zeit, welche verillefsen mufs, damit diese ver- 
schiedenen Zustände des absterbenden Muskels sich bemerklich 
machen, läfst sich nichts bestimmtes sagen, weil der Verlauf 
der Erscheinungen von allen den zahlreichen Umständen abhängt, 
welche die Dauer der Muskelerregbarkelt nach den» Tode über- 
haupt bedingen. Einzelne ausgeschnittene Froschmuskeln bei 
einer Temperatur von etwa 0° aufbewahrt können sich noch 
am zehnten Tage lebhaft zusammenziehen, und demgemäfs eine 
völlig neutrale Reaction besitzen. Bei mittlerer Temperatur da- 
gegen versagen sie meist schon am dritten Tage jede Spur von 
Zuckung, und werden bald darauf starr und sauer angetroffen. 
Verletzte Muskeln werden viel früher durch und durch sauer als 
nnversehrte, u. s. f. 

Aus diesen Versuchen folgt also bereits mit Bestimmtheit 
zweierlei. Erstens, dafs in den Muskeln um die Zeit des Er- 
starrens Säure in ansehnlicher Menge frei wird, und zweitens, 
da wir den künstlichen Längsschnitt noch alkalisch fanden als 
schon der künstliche Querschnitt sauer reagirte, dafs das Innere 
der Primitivbündel der Sitz dieser Säurebildung ist. 

Hingegen könnte man noch bezweifeln, ob wirklich im In- 
neren der frischen Muskelbündel noch gar keine freie Säure vor- 



vom 31. März 1859. 299 

banden sei, indem die Möglichkeit da sei, dafs dieselbe durch die 
alkalischen aus den Blut- und Lymphgefäfsen stammenden Flüs- 
sigkeiten hätte verdeckt werden können. Um hierüber in's Klare 
zu kommen, war es nöthig, die obigen Versuche mit Muskeln 
zu wiederholen, aus deren Gefäfsen das Blut durch eine neu- 
trale Flüssigkeit war vertrieben worden. Ich wählte als solche 
eine verdünnte Rohrzuckerlösung (^ dem Gewichte nach) in 
destillirtem Wasser, und entleerte, je nach der Gröfse des 
Frosches, eine damit gefüllte Spritze von 47 CC. Inhalt zwei 
bis dreimal durch dessen Gefäfssystem. Die Muskeln zuckten 
nicht beim Ausspritzen mit dieser Flüssigkeit, wie sie es bei An- 
wendung von destillirtem Wasser zu thun pflegen, und sie blie- 
ben fast eben so lange erregbar als Muskeln mit ihrem normalen 
Blutgehalt. Einen klar ausgesprochenen Unterschied zwischen der 
Reaction des Querschnittes mit Blut und mit Zuckerwasser er- 
füllter Muskeln konnte ich nicht wahrnehmen, obschon die Spur 
eines solchen, welche allenfalls vorhanden war, allerdings für 
eine etwas geringere Alkalescenz des Querschnittes sprach. Die- 
ses Ergebnils entspricht somit vollständig dem, zu welchem 
Hr. Kühne im vorigen Sommer in meinem Laboratorium ge- 
langle, als er Hrn. Brücke's ooen S. 290 beschriebenen Ver- 
such mit Frosch- statt mit Kaninchenmuskeln und mit Zucker- 
wasser statt mit destillirtem Wasser wiederholte. Er erhielt 
durch Auspressen des blutleeren Froschfleisches eine Flüssigkeit, 
welche, wie die Querschnitte der Muskeln selbst, wahrscheinlich 
neutral reagirte, da sie rothes Lakmuspapier schwach blau, und 
das blaue l'apler röthllch färbte.') 

Aufser mit der Zuckerlösung habe ich ähnliche Versuche 
auch noch mit destillirtem Wasser angestellt. Die Erscheinungen 
beim Einspritzen von destillirtem Wasser in die Muskeln sind 
durch Job. Müller's, Ed. Weber's, G. v. Liebig's und 
V. Wittich's Beobachtungen bekannt. Die Muskeln schwellen 
unter Zuckungen auf, werden ganz weifs, ihre Leistungsfähig- 
keit ist sehr vermindert, und hat, wenn die eingespritzte Was- 
serniasse grofs war, bald ein Ende. Indessen auch der Quer- 



') Allgemeine medicinische Central -Zeitung. Berlin, den 1. Sep- 
tember 1858. 

[1859.] 21 



300 Gesamrii/silzung 

schnitt solcher Muskeln reagirt neutral; höchstens kann man 
sagen, dafs nach sehr reichlicher Wassereinspritzung die Renc- 
tlon sich etwas mehr z(mi Säuerlichen neigt. 

Allein dergleichen Muskeln zeigen noch eine andere auf- 
fallende Erscheinung, deren jene Beobachter nicht gedacht haben. 
Bewahrt man nämlich nach Hindurchspritzen von etwa 200 — 
30U CC. deslillirten Wassers die hintere Hälfte eines Frosches in 
der Kälte auf, so lassen die Beinmuskeln allmälig einen ansehnlichen, 
■wenn nicht den gröfsten Theil des aufgenommenen Wassers in 
Gestalt einer trüben Flüssigkeit wieder fahren, von der man 
leicht innerhalb der ersten 24 Stunden 2.5, Innerhalb der fol- 
genden entsprechenden Zeltabschnitte über 1 CC, im Ganzen 
bis 6 CC. .luffangen kann. Anfangs reagirt diese Flüssigkeit, 
ganz wie der frische Muskelquerschnitt, auf beide Lakmuspapiere. 
Sterben die Muskeln ab, so findet man die fortan ausgeslofscne 
Flüssigkeit sauer; gehen sie In Fäulnlfs über, so ändert sich die 
Reaction in die alkalische um. Zu jeder Zeit enthält die Flüs- 
sigkeit eine grofse Menge Muskelelweifs. Freiwillige Bildnng 
eines Gerinnsels habe Ich In derselben nicht beobachtet. Die 
aus den faulenden Muskeln stammende alkalische Flüssigkeit sieht 
gelblich aus und wimmelt von Vibrionen. Ob die Muskeln die 
Flüssigkeit auch durch ihre unversehrte Oberfläche, oiler nur 
durch die durchschnittenen Gefäfse ausslofsen, habe ich noch 
nicht durch den Versuch entschieilen. 

So haben wir nunmehr drei Arten kennen gelernt, wie aus 
den Muskeln eine mit der Reaction des frischen Muskelquer- 
schnittes behaftete Flüssigkeit zu gewinnen sei. F2Ine solche Flüs- 
sigkeit sickert gelegentlich von selbst aus dem frischen Quer- 
schnitt, man kann dieselbe durch Auspressen mit Zuckerwasser 
ausgespritzter Muskeln darstellen, wie Hr. Kühne that, endlich 
die mit destilllrtem Wasser strotzend angefüllten Muskeln geben 
sie In reichlichem Mafse freiwillig von sich. 

Jetzt wird dem Schlüsse, dals nicht nur, wie schon vor- 
her bewiesen wurde, der bei weitem gröfste Theil der In den 
abgestorbenen Muskeln enthaltenen Säure erst beim Erstarren 
in den Muskeln frei geworden ist, sondern dafs überhaupt 
in den frischen Muskeln gar keine durch die Reaction auf Lak- 
mus nachweisbare freie Säure vorhanden ist, — diesem Schlüsse 



vom 31. März 1859. 301 

wird wohl nichts Erhebh'ches mehr entgegenstehen. Da auch 
Muskehl, welche statt Blut Zuckerwasser oder destillirtes Was- 
ser in ihren Gefäfsen enthalten, auf dem Querschnitt neutral 
reagiren, so kann nicht mehr gesagt werden, dafs das Alkali des 
Blutes die freie Säure des Muskelbündel-Inhaltes sättige; und da 
auf mehrfachem Wege das Dasein einer auf beide Lakmuspa- 
piere reagirenden Flüssigkeit im Muskel dargethan ist, so kann 
auch nicht mehr füglich daran gedacht werden, zur Erklärung 
der gleichen Reaction des Querschnittes des ausgespritzten Mus- 
kels an der an sich schon so bedenklichen Hypothese festhalten 
zu wollen, wonach der violette Fleck auf beiden Papieren aus 
blauen und rothen Flecken nach Art einer Mosaik sollte zusam- 
mengesetzt sein. Es kann vielmehr keine Frage mehr sein, 
dafs die ganze in den abgestorbenen Muskeln von 
den Chemikern erkannte Säure menge erst zur Zeit 
des Erstarrens innerhalb der Primitivmuskelbündel 
frei wird. 

Daraus, dafs man die Schnittfläche eines querdurchschnitte- 
nen Muskels schon sauer findet zu einer Zeit, wo der übrige 
Muskel sich noch neutral verhält, könnte man zu schllefsen ge- 
neigt sein, die Säurebildung beruhe auf einer Oxydation, zu der 
sich an der Schnittfläche wegen der freigegebenen Berührung 
mit dem Sauerstoff der Luft vorzugsweise Gelegenheit finde. 
Der Versuch spricht aber gegen diese Auffassung, denn in der 
That beobachtet man ganz den nämlichen Verlauf der Erschei- 
nungen, wenn man die Muskeln unter Quecksilber durchschnei- 
det, so dafs der Querschnitt derselben erst im Augenblick der 
Untersuchung in Berührung mit der Luft kommt, oder dieselben 
in der Guer icke'schen Leere mit hinreichend viel Wasser auf- 
hebt, um sie vor dem Austrocknen zu schützen. Unverletzte 
Muskeln werden unter Quecksilber, unter Olivenöl, im luftleeren 
Räume ganz ebenso, nur vermuthlich, nämlich der beeinträchtigten 
Athmung halber, etwas früher sauer als an der freien Luft. 
Handell es sich also bei der Säurung der Muskeln zur Zeit des 
Erstarrens um einen Oxydations- und nicht blofs um einen Spal- 
tungsprocefs oder sonstigen Wandel der Materie, so geschieht 
jedenfalls die Oxydation nicht auf Kosten des Sauerstoffes der 
atmosphärischen Luft. Die frühzeitige Säurung des in einem 

21» 



302 Gesammtsit:.ung 

Querschnitt blofsgelegten Muskelinnercn ist auf Rechnung des 
durch die Verletzung, wir wissen freilich noch nicht wie, be- 
dingten raschen Absterbens der von derselben zunächst betrof- 
fenen Theile des Muskels zu schieben. 

Es stellt sich nun begreiflicherweise der Wunsch ein, zwi- i 
sehen den beiden Erscheinungen der Erstarrung und der Säu- 
rung des absterbenden Muskels einen ferneren Zusammenhang 
aufzufinden. Nach den von Hrn. Kühne im vorigen Sommer 
in meinem Laboratorium angestellten Versuchen kann man die 
Richtigkeit der Brücke'schen Hypothese über die Entstehung 
der Todtenstarre nunmehr als ausgemacht ansehen. In der oben 
erwähnten Flüssigkeit nämlich, welche Hr. Kühne aus den mit 
Zuckerwasser ausgespritzten Muskeln preiste, und welche mit dem 
frischen Muskelquerschnltt gleiche Reaction besafs, bildete sich 
zur Zeit, wo ausgespritzte und abgeschnitlene Muskelstücke bei 
der zur Zeit der Versuche herrschenden Temperatur zu erstar- 
ren pflegten, nämlich nach etwa vier Stunden, ein flockiges Ge- 
rinnsei. Zusatz von Wasser beschleunigte die Geiinnung, ge- 
rade wie ein in Wasser befindlicher Muskel nach kurzer Zelt 
erstarrt. Nach Bildung des Gerinnsels fing die Masse an, gleich 
einem todtenstarren Muskel, sauer zu reagiren. Die ausgeprefs- 
ten Muskeln hingegen wurden nicht mehr ordentlich todtenstarr. 
W^enn auch diese Versuche erst als vorläufige zu betrachten sind, 
wird man sich fortan doch schwerlich weigern können, zuzuge- 
ben, dafs die Todtenstarre durch die nach dem Tode eintretende 
freiwillige Gerinnung einer in den Muskeln aulserhalb der Ge- 
fäfse enthaltenen eiwelfsartigen Substanz zu erklären sei, die 
einstweilen Muskelfasersloff beilsen mag, ohne dafs damit ihre 
Einerleiheit mit dem Muskelfibrin Liebig's, dem Syntonni 
Lehmann's behauptet werden soll; und zwischen diesem Vor- 
gange und der, wie man so eben gesehen hat, auch noch au- 
fserhalb der Muskeln gleichzeitig damit eintretenden Säurung des 
Muskelsaftes, würde es also nunmehr unsere Aufgabe sein, eine 
ursächliche Verknüpfung aufzufassen. 

Dazu wird es zunächst dienlich sein, die Reihefolge In's 
Auge zu fassen, in der die Erscheinungen auftreten. Es ist be- 
reits oben festgestellt worden , dafs der Muskel , so lange er 
zuckungsfähig ist, und noch eine geraume Zeit darüber hinaus, 



vom 31. März 1859. 303 

neutral reaglrt. Da der Anfang der Todtenstarre durch kein 
entscheidendes Merkmal bezeichnet ist, so läfst sich nicht mit 
i gleicher Bestimmtheit behaupten, dafs die Säurung sich immer 
erst nach vollendeter Erstarrung benierklich macht. Ni< htsdesto- 
wenlger halte ich dies für den wahren Sachverhalt, wodurch also 
bereits gewisserniafsen die Gerinnung des Muskelfaserstoffes als 
das ursprüngliche, die Säurung des Muskels als das secundäre 
Pliünomen würde gekennzeichnet sein. 

, Demnächst schien mir das Wichtigste, was hier zu thun 

flwar, die Entscheidung der Frage, ob die Säurung des Muskels 
I stets und unter allen Umständen die Folge der Gerinnung des 
j Muskelfaserstoffes sei, oder ob beide Vorgänge auch von einander 
I getrennt vorkommen können. Zu diesem Zweck untersuchte ich 
also jetzt Muskeln, die unter verschiedenen Umständen ihre Lei- 
! stungsfähigkeit eingebiifst hatten und todtenstarr geworden wa- 
i| ren, nach der oben beschriebenen Methode auf die Reaction ihres 
künstlichen Querschnittes. 

In Wasser') von mittlerer Temperatur (15°) werden die 
Muskeln bekanntlich sehr bald (binnen einer Stunde) todtenstarr, 
und dabei, wie ich gefunden habe, sauer. 

Ein über Schwefelsäure getrockneter und in Wasser wie- 
der aufgeweichter Muskel wird todtenstarr und sauer vorge- 
funden. 

Ein in Olivenöl bei einer Temperatur unter — 6*^ C. er- 
frorner Muskel wird nach dem Aufthauen todtenstarr und sauer 
vorgefunden. 

Ein fünf Minuten lang in Wasser von 45° eingetauchter 
Muskel wird todtenstarr und sauer vorgefunden. Man könnte mei- 
nen, dafs dies vielleicht weniger die 'W Irkung der Wärme, als des 
Wassers sei, welches wegen der durch die Wärme begünstigten 
Diffusion rascher in den Muskel eindringe, so dafs dieser Ver- 
such mit dem zusammenfalle, wo der Muskel längere Zeit in 
Wasser von mittlerer Temperatur verweilt. Allein der Erfolg 
ist ganz derselbe, wenn statt des Wassers Quecksilber oder Oli- 
venöl von gleicher Temperatur angewendet werden. 

') Mit Wasser ist stets destillirtes Wasser gemeint. Das hiesige 
Brunnenwasser reagirt schwach alkalisch von dopjielt kohlensaurem Kalk. 
Die angewandten Froschmuskeln waren stets die Wadenmuskeln. 



304 Gesarnrnlsitzung 

In allen diesen Fällen also sehen wir, wie im Verlauf des 
natürlichen Absterbens des Muskels, die Krstarrung des Muskels 
von Säurung begleitet. Doch würde es voreilig sein, daraus den 
Schlufs zu ziehen, dafs diese Verknüpfung eine nothwendige sei. 
Sogleich die weitere Verfolgung der Einwirkung der Wärme auf 
die Muskeln wird uns ein Beispiel vom Gegentheil liefern. 

Sechs Muskeln, A, B, C, D, E, F werden beziehlich fünf 
Minuten lang in Wasser von 45, 50, ?ir>^ 60, 75, 100° ge- 
taucht. Alle verlieren natürlich ihre Leistungsfähigkeit und wer- 
den todtenstarr, die den höheren Temperaturgraden ausgesetzten 
sogar doppelt todtenstarr, wegen der Gerinnung nicht nur des 
Muskelfaserstoffes, sondern auch des Muskeleiweifses. Unter- 
sucht man die Reaction des Querschnittes dieser sechs Muskeln, 
so stöfst man auf ein sehr unerwartetes Ergebnifs. Muskel 
A reagirt, wie schon gesagt, entschieden sauer. Die Reaction 
von Muskel B und C ist zweifelhaft, die von B mehr säuerlich, 
die von C mehr neutral. Muskel D ist durchaus neutral, Mus- 
kel E neigt zum Alkalischen, und endlich Muskel F, der fünf 
Minuten in siedendem Wasser verwellt hat, reagirt ganz deut- 
lich alkalisch. 

Froschmuskeln, die einzeln der Siedhitze ausgesetzt waren, 
habe ich nie sauer werden sehen, wenn ich dieselben bei mitt- 
lerer Temperatur der Fäulnifs überliefs. 

Ganz dieselben Versuche habe ich, nur mit Auslassung ein- 
zelner Temperaturen, mit öl und Quecksilber statt mit Wasser 
angestellt und im Wesentlichen ganz denselben Erfolg beob- 
achtet. 

Was mich dabei vornehmlich in Erstaunen setzte, war der 
Widerspruch, in dem diese Versuche zu stehen scheinen mit der 
bekannten Erfahrung Hrn. v. Liebig's, wonach die Fleischflüssig- 
keiten der verschiedensten Thiere, obschon sie der Siedhitze aus- 
gesetzt waren, sauer reagiren. Als ich aber beim Schlächter ge- 
kauftes Rindfleisch, welches eine sehr starke saure Reaction be- 
safs, sodann freiwillig erstarrte und sauer gewordene Froschmus- 
keln, endlich sogar Froschmuskeln, die durch fünf Minuten Auf- 
enthalt in 45" sauer gemacht worden waren, eine Viertelstunde 
lang kochte, blieben dieselben nach wie vor sauer. Es war also 
klar, dafs, wenn einmal die Muskeln sauer geworden sind, sie 



vom 31. März 1859. 305 

durch die Siedhitze nicht mehr ihre saure Reaction elnbüfsen, 
und daraus schien unmittelbar zu folgen, dafs die Muskeln C bis 
F in der obigen Versuchsreihe niemals sauer gewesen seien. 

Andere Ver>uche indefs verhinderten mich zunächst auf diese 
Schlufsfolge einzugehen. Tauclit man nändich einen Muskel in 
siedendes Wasser, so ist es deutlich, dafs alle seine Theile folg- 
weise sömnUliche Gra<le von der ursprünglichen Temperatur bis 
zur Siedhitze durchlaufen werden. Zieht man den Muskel zu 
einer Zeit heraus, wo noch nicht alle seine Theüe die Sledhitze 
erreicht haben, und untersucht man dann die Reaction seines 
Querschnittes, so wird, falls verschiedenen Temperaturen ver- 
schiedene Reactionen des Muskels entsprechen, der Abdruck des 
Muskels auf dem Lakmuspapier sich aus concentrischen Ringen 
von verschiedener Färbung zusammensetzen müssen, deren jeder, 
von aufsen nach innen fortschreitend, einer isothermen Schicht 
von geringerer Temperatur entspricht. Der Versuch bestätigte 
diese Voraussicht vollkommen. Tauchte ich nändich einen Mus- 
kel vom Frosch nur wenige (4 — 6) Secunden hindurch in sie- 
dendes Wasser oder gleich warmes Quecksilber, so zeigte sich 
im Abdruck des Miiskelquerschnlttes auf Lakmuspapier ein ro- 
ther Ring, der einen Hof von neutraler Reaction, wie sie dem 
frischen Muskel zukommt, umschlof«. Hielt ich den Muskel etwas 
länger, 6 — 9 Secunden, in der lOÜ'^ warmen Flüssigkeit, so ent- 
stand nachher auf dem Papier ein fast gleichmäfsig roth gefärb- 
ter Fleck, umgeben mit einem Saum von zweifelhafter, auf der 
Grenze von neutraler uncl alkalischer Reaction stehenden Fär- 
bung. Liefs ich den Muskel noch länger in der Siedhitze, so 
erschien der Saum immer breiter und deutlicher alkalisch, bis 
zuletzt, wozu gewöhnlich schon eine Minute Aufenthalt im sie- 
denden Wasser ausreichte, der ganze Fleck, wie schon oben ge- 
sagt wurde, auf alkalische Beschaffenheit hindeutete. Genaue 
Zeilbestimmungen lassen sich hier nicht füglich geben, da die 
Zeil, innerhalb welcher ein gegebener Punkt im Inneren des 
Muskels eine gegebene Temperatur erreicht, von mehreren zum 
Thell schwer zu bestimmenden Umständen abhängt, die es sich 
nicht verlohnen würde, methodisch durchzuprüfen; als da sind 
die ursprüngliche Temperatur des Muskels, seine Gröfse, die 



306 Gesammtsitzung 

Natur des siedheifsen Mittels, seine Menge, die Wärmemenge die 
demselben in der Zelteinheit zugeführt wird, u. d. m. 

Aus diesen Versuchen scheint sich, im Widerspruch mit dem 
Schlufs, zu dem wir so eben gelangt waren, unwiderleglich zu 
ergeben , dafs allerdings die einzelnen Theile eines in siedendes 
Wasser getauchten Muskels verschiedene Reactionsarten durch- 
laufen, indem sie zuerst durch eine gewisse Reihe niedrigerer 
Temperaturen, etwa denen von 40 — 50°, sauer, durch eine Reihe 
darüber liegender aber wiederum neutral werden, um zuletzt aus 
der Siedhitze alkalisch hervorzutreten. Die höheren Tempera- 
turen, so scheint es nunmehr, müssen das Vermögen besitzen, 
die durch die niederen Temperaturen im Muskel entwickelte 
Säure auf Irgend eine Art wieder zu vernichten. Dabei ist aber 
ganz unverständlich, wie es komme, dafs, während sie dies Ver- 
mögen in Bezug auf die Säure besitzen, die im Muskel durch 
ein paar Secunden langes Eintauchen in siedhelfse Flüssigkeit ent- 
wickelt wird, sie dasselbe entbehren in Bezug auf die Säure, die 
entweder durch freiwilliges Absterben oder durch einen längeren 
Aufenthalt In einer Temperatur von 40 — 50° entsteht. 

Eine Möglichkeit, wie dies zu erklären gewesen wäre, war 
die, dafs die durch kurzes Eintauchen entwickelte Säure anderer 
Art als die durch langes Verweilen In der Wärme gebildete, 
nämlich flüchtiger Natur sei. Allein ich gab diesen Gedanken 
auf, nachdem ich beobachtet hatte, dafs Muskeln auch aus öl 
und Quecksilber von 60 — 95° neutral bis alkalisch hervorgingen, 
ohne dafs Ich das Entweichen auch nur der kleinsten Blase hätte 
wahrnehmen können. 

Eine andere Art, jene Schwierigkeit zu heben, bestand da- 
rin, anzunehmen, dafs die Menge der durch die säuernden Tem- 
peraturen, um mich so auszudrücken , entwickelten Säure bis zu 
einer gewissen Grenze wachse mit der Zeit, während welcher 
der Muskel diesen Temperaturen ausgesetzt ist, so dafs In dem 
nur wenige Secunden in siedhelfse Flüssigkeit getauchten Mus- 
kel nur eine kleine, in dem längere Zeit auf 45° erwärmten 
Muskel eine verhältnifsmäfslg bedeutende Säuremenge frei werde; 
dafs sodann bei den höheren Temperaturen eine Entwickelung 
von Alkali, vielleicht von Ammoniak, stattfinde; endlich dafs die 
Menge dieses Alkali's zwar zur Übersättigung der durch kurzes 



vom 31. März 1859. 3ü7 

Eintauchen, nicht aber zur Sättigung der durch längeren Auf- 
enllialt in den säuernden Temperaturen entwickelten Säure hin- 
reiche. 

Mit dieser VorsleIlung.swei.se war es jedenf;ills leicht in Ein- 
klang zu bringen, dals ein Muskel, der mit kalle(n Wasser bei- 
gesetzt und mit demselben bis zur Siedhilze erwärmt wird, nicht 
alkalisch, sondern sauer gefunden wird; ebenso dafs man eine 
gröfsere Muskelmasse, wie z. B. die beiden noch im Becken ver- 
bundenen Oberschenkel eines Frosches wenigstens im Inneren 
sauer findet, auch wenn man sie plötzlich in siedheilse Flüssig- 
keit taucht und beliebig lange Zeit darin verweilen läfst, be- 
sonders aber, wenn die Menge der Flüssigkeit verhall nifsmäisig 
klein ist. Denn in beiden Fällen werden die einzelnen Theile 
des Muskelinneren länger auf den säuernden Temperaturen ver- 
weilen, als wenn eine kleinere Muskelmasse mit verhällnifsmäfsig 
gröfserer Oberfläche, wie ein einzelnerGastroknemius vom Frosche 
sie darbietet, plötzlich in die siedheifse Flüssigkeit getaucht wird. 
In jenen Fällen wird (stellte ich mir vor) zu viel Säure entwickelt, 
als dafs dieselbe durch das nachmals entwickelte Alkali übersät- 
tigt werden könnte. 

Was nun aber diese Entwicklung eines Alkali's im Muskel 
durch die Siedhitze betrifft, so bemühte ich mich vergeblich eine 
fernere Thalsache zur Stütze dieser Mulhmalsung auszumittela. 
Ammoniak konnte jenes Alkali keinenfalls sein, denn die blauen 
Flecke, die ein dergestalt alkalisch gemachter Muskel auf dem 
rothen Papier hlnterlälst, sind bleibender Beschaffenheit, und als 
ich einen mit passend verdünnter Chlorwassersloffsäure benetzten 
Glasstab über gekochtes und zerhacktes Froschfleisch hielt, ent- 
stand keine Spur von Salmiaknebeln. Da die Grenze der säuern- 
den Temperaturen und derjenigen, aus denen der Muskel neutral 
hervorgeht, auffallend genau zusammenfällt mit den Temperatu- 
ren, bei denen nach Berzelius das Albumin des Rindfleisches, 
nach Hrn. Grobe das der Froschmuskeln gerinnt, so versuchte 
ich, ob beim Kochen der oben beschriebenen eiv\elf»baltlgen neu- 
tral reagirenden Flüssigkeit, welche strotzend mit Wasser ange- 
füllte Froschmuskeln entleeren, oder beim Kochen von Rinder- 
blutserum, welches ich mit Chlorwasserstoffsäure neutralisirt 



308 Gesammlsitzung 

hatte, Alkali frei werden würde; aber es gab sich keine Spur 
davon zu erkennen. 

Ferneres Nachdenken über die Sachlage deckte mir denn 
auch eine Lücke in meinen Versuchen auf, deren Ausfüllung als- 
bald zu einer anderen Auffassung derselben führte. Ich hatte 
niiiulich versäumt mich davon zu überzeugen, ob ein durch we- 
nige Secuuden langes Hinfauchen in siedheifse Flüssigkeit gro- 
fsentheils sauer gewordener und als solcher erkannter Muskel, 
wenn er wieder in die Flüssigkeit gebracht und längere Zeit 
darin gelassen wird, auch wirklich wieder neutral oder gar al- 
kalisch wird. Freilich scheint sich dies von selbst zu verstehen; 
nichtsdestoweniger trifft es in Wirklichkeit nicht zu. Läfst man 
einen Muskel dauernd in der siedheifsen Flüssigkeit, und unter- 
sucht nach einiger Zeit seine Reaction, so findet man dieselbe, 
wie gesagt, alkalisch. Zieht man ihn aber nach 4 — 6 Secunden 
heraus, untersucht seine Reaction, die man für einen ausgedehn- 
ten ring- oder kreisförmigen Theil des Querschnittes sauer fin- 
det, oder lälst man den Muskel auch blofs erkalten ohne diese 
Prüfung vorzunehmen, und taucht ihn dann wieder auf unbe- 
stimmte Zeit in die siedheifse Flüssigkeit, so wird er nie wieder 
neutral, geschwelge alkalisch, sondern bleibt immerdar sauer. 

Hieraus geht hervor, dafs es eine Täuschung war, wenn 
wir annahmen, der der Siedhitze ausgesetzte Muskel durchlaufe 
mit steigender Temperatur seines Inneren verschiedene Reac- 
tionsarten. In der That wird ein solcher Muskel zu keiner Zeit 
sauer. Damit ein Muskel sauer werde, ist es nölhig, dafs seine 
einzelnen Theile eine gewisse nicht zu kurze Zeit auf den säu- 
ernden Temperaturen verweilen. Wird der Muskel in eine hin- 
längliche Masse siedheifser Flüssigkeit getaucht, so durchlaufen seine 
einzelnen Theile die säuernden Temperaturen zu schnell, als dafs er 
sauer werden könnte. Zieht man aber den Muskel nach einer 
gewissen kurzen Frist heraus, so behält er, indem er an der 
Luft erkaltet, die säuernde Temperatur von 50 — 40° noch lange 
genug bei, um ausgesprochen sauer zu werden. 

Diese Ansicht von der Sache also versöhnt alle obigen Wi- 
dersprüche. Es würde nur übrig bleiben den Unterschied zu 
erklären, der, wie mir wenigstens hat scheinen wollen, obwaltet 
zwischen der Reaction einerseits von frischen rohen Muskeln 



vom 31. März. 1859. ' 309 

und solchen, die einige Zeit einer Temperatur von 50 — 70° aus- 
geselzt waren, andererseits gesottener Muskeln. Die letzleren mufs 
ich für alkalischer ansprechen. Im Vergleich zu den bei 50 — 70° 
erstarrten Muskeln ist dies niciit so schwer zu verstehen, da bei 
diesen Temperaturen immer noch eine gewisse Säuremenge frei 
werden mag. Sollte sich aber die grölsere Alkaiescenz des ge- 
kochten Muskels im Vergleich zur Keaction des rohen frischen 
Mu-kels bestimmt herausstellen, so würde dies freilich weitere 
Aufklärung erheischen. Vielleicht rührt der wahrgenommene 
Unterschied nur von der auffallend gröfseren Flüssigkeitsmenge 
her, welche der gekochte Muskel von sich giebt. 

Da uns dieser Punkt indessen minder nah betrifft, so 
überlasse ich die weitere Erörterung desselben Hrn. Kühne, 
den selbständig geführte Untersuchungen, wie ich aus brief- 
licher Mittheilung weifs, zu der mit dem obigen Krgebnifs 
übereinstimmenden Vorstellung geführt haben, dals die rasch 
einwirkende Siedhilze den Muskel in seinem natürlichen Zu- 
stande, auch was seine Reaclion betreffe, gleichsam con- 
servire, während gewisse niedere Temperaturen, wenn sie län- 
ger einwirken, dem iMuskel die saure Reaction erthellen. 

Wie dem auch sei, die Einwirkung der Siedhilze auf den 
Muskel bietet uns, wie man sieht, das erste Beispiel dar einer 
ohne Säurung des Muskels vor sich gehenden Gerinnung des 
Muskelfaserstoffes. Ein andere Art des Temperatureinflusses lie- 
fert aber sofort noch ein zweites. Bewahrt man nämlich eln- 
relne Muskeln vom Frosch bei einer Temperatur von etwa 0^ 
auf, so werden dieselben zu keiner Zeit deutlich sauer, sondern 
gehen unmittelbar aus der neutralen Keaction über in die alka- 
lische, welche der ausgesprochenen Fäulnils angehört. Allerdings 
konmit es vor, dals der Abdruck des Querschnittes auf blauem 
Grunde rolh gesprenkelt erscheint; anderemale ereignet sich 
das Sonderbare, dafs anfangs auf dem rothen Papier ein blauer, 
auf dem blauen Papier kein Fleck erscheint, dals aber beim 
Trocknen der erslere Fleck verschwindet, während auf dem 
blauen Papier ein rother Fleck hervortritt. Nie jedoch sieht 
man die dergestalt in der Kälte aufbewahrten Muskeln auch nur 
entfernterweise so von Säure überfllefsen, wie solche, welche 
bei mittlerer Temperatur die Fäulnifs durchmachen. 



310 Gesammtsittung 

Ebensowenig habe ich Muskeln sauer werden sehen, die Ich 
in gesättigte Lösungen von Chlornatrium, salpetersanrem Kall, 
schwefelsaurem Natron und schwefelsaurer Magnesia gelegt hatte, 
während wenigstens das Syntonin ans seiner Lösung In ver- 
dünnter Chlorwasserstoffsäure durch Zusatz von Salzlösungen 
gefällt wird. Auch in absoluten Alkohol gelegte, nachher In 
Wasser aufgeweichte Muskeln habe Ich nicht deutlich sauer ge- 
funden. 

Aus diesen Versuchen folgt somit wohl mit hinlänglicher 
Bestimmtheit, dafs das Freiwerden von Säure Im Muskel keine 
nothwendige und unmittelbare Folge der Gerinnung des Mus- 
kelfaserstoffes sei, sondern dafs unter Umständen letztere aller- 
dings stattfinden könne, ohne erstere nach sich ziehen. Ehe 
wir aber über die Natur des Vorganges der Säiirebildung im ab- 
sterbenden Muskel weitere Mulhmafsungen äufsern, wird es 
zweckmäfsig sein, zuerst noch durch die Untersuchung der Mus- 
keln anderer, Insbesondere warmblütiger Thiere uns zu unter- 
richten, Inwiefern das am Frosch beobachtete denn auch wirk- 
lich von allgemeiner Geltung sei. 1 

Unter den Fischen prüfte Ich die Karausche (Cyprinus ca- \ 
rassius), den Schlei {Chrysitis iinca), den Hecht (^Esox lucius) j 
und den Barsch {Perca ßuviaii/is) auf die Reaction des Quer- 1 
Schnittes des von den lebenden Fischen abgeschnittenen Schwan- j 
zes. Ich fand dieselbe alkalisch und erst später, der gewöhn- I 
liehen Angabe entsprechend, sauer; wobei jedoch das Barsch- i 
fleisch eine Ausnahme machte, welches Ich In zwei Versuchen ' 
nicht deutlich sauer, sondern nur in der oben bezeichneten Art 
neutral werden sah, auch wenn Ich dasselbe fünf Minuten lang 
in 45" warmes Wasser tauchte oder es unbestimmte Zelt lang 
in Wasser von mittlerer Temperatur liegen liefs. 

Stücke aus dem grofsen Bruslmu^kel einer den Augenblick 
vorher geköpften Taube, eines mit Curara vergifteten Huhnes ge- 
schnitten, reagirten, die ersteren mehr alkalisch, die letzteren 
mehr neutral Von Säure war auch hier an den frischen Mus- 
keln keine Spur bemerkbar, obschon dieselben nach eingetrete- 
ner Starre auf das deutlichste sauer gefunden wurden. In Be- 
zug auf die Wirkung der Wärme verdient bemerkt zu werden, 
dafs bei den Vogelmuskeln die Temperatur von 45°, die ja nur 



vom 31. März 1859. 311 

wenige Grade über der Blutwärme des Vogels liegt, zur Säu- 
ruiig lies Muskels nicht ausreicht, sondern dafs 50 — 55° C. dazu 
erforderlich sind. Siedendes Wasser ertheilt dem Vogelflcisch 
die neutrale Reaclion in der oben bescliriebenen Art; wobei ich 
Sorge trug, nicht gröfsi're Stücke Mu^kelfleisch zu den Versu- 
chen anzuwenden, als solche welche etwa einem einzelnen Ga- 
stroknemius des Frosches entsprachen, um sicher zu sein, dafs 
das Verliällnirs der Oberfläche zur Masse für das Eindringen der 
Wärme kein minder günstiges gewesen sei. 

Was die Säuger betrifft, so experimentirte ich im Schlacht- 
hause an Rind und Schwein, im Laboratorium an Hund, Kanin- 
chen und Meerschweinchen {^Cavia Cobaja). Das Fleisch aller 
fand ich anfangs mehr oder weniger deutlich alkalisch, und oft 
erst nach Stunden trat die saure Reaclion hervor. Die Abwe- 
senheit der sauren Reaclion an den frischen menschlichen Mus- 
keln hat, wie ich aus brieflicher Mitllieilung weils, mein Freund 
Hr. H. Bence Jones in London bei Gelegenheit einer Am- 
putation beobachtet. 

In allen diesen Versuchen enthielten die Muskeln noch 
Blut. Ich unterliefs aber nicht auch hier wie bei den Frosch- 
niuskeln noch den Beweis zu führen, dafs die neutrale oder al- 
kalische Reaclion des Muskelquerschnittes nicht etwa von einer 
Sättigung, beziehlich Übersättigung der in den Muskeln fertig 
gebildet enthaltenen Säure durch das Alkali des Blutes herrührte. 
In die Baucbaorta eines lebend geöffneten Kaninchens spritzte 
ich blutwarmes Zuckerwasser von dem oben angegebenen Pro- 
centgehalt, bis das Wasser farblos aus der unteien Hohlvene 
flofs; die Reaclion der blutleeren Muskeln war aber von derje- 
nigen mit Blut erfiilller Muskeln desselLen Thieres kaum zu unter- 
scheiden. Mit solchem blutleeren Kaninchenfleisch wieilerholte 
ich die an den Vogelinuskeln angestellten Versuche über den 
Linflufs der Wärme auf die Reaclion der Muskeln. Fünf Mi- 
nuten lang in Wasser von 50° getauchtes Muskelfleisch hatte 
eine saure Reaclion angenommen; kleine Stücke in siedendes 
Wasser gehalten wurden dagegen nicht sauer, sondern nur neu- 
tral gefunden. 

Einen gleichbedeutenden Versuch mit dem am Kaninchen 
stellte ich am Hunde an, indem ich an dem durch Curara ge- 



312 Gesammtsilzung 

lähmten Thiere von der Arteria iliaca communis aus das eine Bein 
mit Ziickerwasser von mittlerer Temperatur ausspritzte. Beim Ent- 
leeren der zweiten und dritten Spritze (von 47 CC. Inhalt) entstanden 
leichte Zuckungen. Die Muskeln, obwohl blutleer, blieben noch 
deutlich roth gefärbt. Ihre Reaction war neutral in der ange- 
gebenen Art; auf violettem Papier machten sie gar keinen Ein- 
druck. Die mit Blut erfüllten Muskeln der anderen Seile reagirten 
ziemlich ausgesprochen alkalisch. 

Wie man sieht, haben uns unsere Reobachtungen an 
den Froschmuskeln nicht irre geführt. Man wird wohl jetzt 
den Schluls für gerechtfertigt halten, dafs es in der Wirbel- 
ihlerreihe keine quergestreiften Muskeln gebe, die im frischen 
Zustande saure Reaction besitzen. Auf die Muskeln wirbelloser 
Thiere habe ich meine Untersuchungen noch nicht ausgedehnt. 

Dagegen bin ich bemüht gewesen, mich über die Reaction 
der glatten Muskelfasern in's Kl;ire zu setzen. Die früheren An- 
gaben darüber widersprechen einander. Hr. Lehmann will den 
wässrigen Auszug aus der Muskelhaut des Schweliiemagens und 
aus der nilltleren Arterieiihaut des Rindes schwach sauer, den 
aus der Tunica darins ohne alle Reaction auf Pflanzenfarben ge- 
funden haben. Hr. Gustav Slegniund hat aus deui Uterus 
einer nach der künstli(hen Frühgeburt im achten Monat der 
Schwangerschaft verstorbenen Frau Ameisensäure, Essigsäure und 
später noch, wie ich aus mündlicher Mitthelluiig weifs, Milch- 
säure dargestellt. Hingegen Hr. M. S. Schnitze giebt an, den 
wässrigen Auszug aus der mittleren Haut einer frischen Ochsen- 
aorta alkah\ch gefunden zu haben. 

Die unstreitig beste Gelegenheit, eine grofse und möglichst 
reine Ansammlung glatter Muskelfasern im völlig frischen Zu- 
stande zu beobachten, bietet der Muskelmagen der Vögel dar. 
Hr. Leydig betrachtet zwar die Faserzellen desselben als bereits 
einen Übergang bildend zu den quergestreiften Muskelbündeln. 
Um so auffallender wird es erscheinen, dafs ich vom frisch getöd- 
teten Thiere entnommene Stücke des Muskelmagens des Huhnes 
und der Taube mehrmals bei mittlerer Temperatur bis zur stinken- 
den Fäulnifs verfolgt habe, ohne je eine Spur saurer Reaction 
wahrzunehmen. Die Reaction war anfangs schwach alkalisch, 
und blieb so bis zur Ammoniakentwicklung durch die Fäulnifs, 



vom 31. Märt 1859. 313 

wo sie deutlicher ward. Auch in Wasser von mittlerer Tem- 
peratur unbestimmte Zeit hindurch verweilend wurden Stücke 
vom Muskelinagen nicht sauer; ebensowenig in Wasser von den 
verschiedensten Temperaturen bis zur Siedlillze. Nicht minder 
habe ich die Muskeihaut des Dickdarms und die Aorta eines vor 
meinen Augen geschlachteten Ochsen alkalisch- reagirend gefun- 
den, und dieselbe Reaclion fort und fort bis zur ausgesproche- 
nen Fäulnifs beoLychtet. Auch der Darm des Schleies und das 
contractile Gaumenorgan der Cyprinoiden haben mir keine saure 
Reaction geben wollen, obwohl eine solche wegen der darin 
enthaltenen quergeslreiflen FJündel zu erwarten war. Viel- 
leicht wurde dieselbe durch die alkalische Reaction der umge- 
benden Gewebe verdeckt. Ein zu dieser Untersuchung passen- 
der Uterus ist leider seit der Zeit, wo ich Veranlassung fand 
danach zu trachten, bis auf den heutigen Tag meinen Freunden 
den Hrn. Reichert und Virchow nicht vorgekommen. 

Für die Erklärung der von Hrn. Siegmund am Uterus 
gemachten lieobaclitung wird sich uns weiter unten eine Aus- 
t kimft ijIettM. Wie die Saciien stehen, mufs ich urtheilen, 
I dafs wenn die fiiihere Ansicht von der sauren Beschaffenheit 
I der quergestreiften Flei>chfaser in so fern unrichtig war, als 
diese ßeschaf(enhelt sich erst in Folge einer Leichenverände- 
rung einstellt, die Lehre von der sauren Natur der glatten Mus- 
i kelfaser nicht einmal so weit zutrifft, da diese Faser nach meinen 
I Erfahrungen vielmehr zu keiner Zeit ihres Absterbens aufhört, 
alkalisch zu reagiren. 

Bis hieher reichen meine Ermittelungen über die Reaction 
der ausgenditen absterbenden Muskeln. Über die Entsleliungs- 
' weise der Säure in Folge des Erstarrens habe ich nichts beizu- 
bringen. Die Hrn. Lehmann und Seh I ofsberger halten es 
: nicht für unmöglich, dals die Fleischmilchsäure ein Zersetzungs- 
' product eiweilsartiger Körper sei. Hr. Schlo fs berger be- 
merkt, dafs, ohschoii der Scherer'sche Muskelziicker in Berüh- 
rung mit faulen<len Eiweifskörpern, Fibrin und Casein, der Milch- 
säure- Gährung fähig scheine, dies doch kaum der Ursprung der 
Fieischmilchsäure sein könne, weil dazu die Menge des Inosits 
sogar im Herzen, v»o er noch am reichlichsten vorkonmit, eine 
viel zu kleine sei. Erwägt man, dafs die Säurung des Muskels 



314 Gesammlsitzung 

durch Temperaturerhöhung innerhalb gewisser Grenzen ausneh- 
mend beschleunigt, durch Temperalurernledrigung hingegen ge- 
hemmt, dafs sie durch Siedhitze, Alkohol, Salze gänzlich verhin- 
dert wird, so ist es freilich nicht leicht, sich der Vorstellung zu 
erwehren, dafs man es hier mit einem wahren Gährungsvorgange 
zu thun habe. Es ist aber jetzt an der Zeit, Kenntnifs zu neh- 
men von einem weiteren Umstände, wodurch einestheils die bis- 
her aufgedeckten Thatsachen ganz ungemein an Bedeutung ge- 
winnen, anderentheils die Erklärungsweise derselben auf alle 
Fälle wesentlich bedingt werden dürfte. Dies ist die Eingang 
schon erwähnte Säiirung der noch leistungsfähigen 
Muskeln in Folge heftiger Anstrengungen. 

Ein Frosch werde so zugerichtet, dafs nur noch die Wir- 
belsäule mit dem darin enthaltenen Riickenmarke, der Ischiadnerv 
und der zugehörige Gastroknemius übrig bleiben. Dieser werde 
mittelst des Schlittenmagnetelektromotors bis zur Erschöpfung te- 
tanisirt, indem man zuerst das Rückenmark, dann am Ischiad- 
nerven herabsteigend dessen einzelne Strecken, endlich den Mus- 
kel selber den Strömen aussetzt. Bei jeder neuen Strecke, die 
man in den Kreis einführt, beginnt man mit den schwächsten 
Strömen, welche noch Zuckung geben, und geht nicht eher zu 
einer neuen, tiefer gelegenen Strecke über, als bis auch die stärk- 
sten Schläge, die man vernünftigerweise anwenden kann, keine 
Zuckung mehr erzeugen. Untersucht man darauf die Reaction des 
Querschnittes eines dergestalt tetanisirten Muskels, so findet man die- 
selbe oft, wenigstens stellenweise, entschieden sauer; im schlimm- 
sten Falle wenigstens stets mehr zur sauren Reaction sich hin- 
neigend, als die des in Ruhe gebliebenen Gastroknemius der an- 
deren Seite, und zwar in viel zu auffallendem Grade, als dafs 
man den Unterschied auf die durch die Zusammenziehung etwa 
bedingte gröfsere Blutleere des tetanisirten Muskels schieben 
könnte. Nach wenigen Minuten Ruhe übrigens ziehen sich die 
Bruchstücke des dergestalt bei seinen Lebzeiten gesäuerten Mus- 
kels wieder kräftig auf mäfsig starke Reizung zusammen. 

Man kann gegen diesen Versuch denselben Einwand machen, 
dem Hr. Helmholtz bei seinen berühmten Versuchen über den 
chemischen Stoffverbrauch bei der Muskelaction dadurch zuvor- 



vom 31. Man 1859. 315 

kam, dafs er sich zum Tetanisiren reibungselekirlscher Entladun- 
gen bediente, welche im Verhältnifs zu ihrer elektrolytischen 
eine sehr bedeutende physiologische Wirkung besitzen; nämlich 
dafs, da der Muskel selber zuletzt den Strömen ausgesetzt 
wurde, die Säurung desselben möglicherweise eine elektrolyti- 
sche Wirkung dieser Ströme, statt eine Folge der Zusammen- 
ziehungen sei. Indessen gelingt es, den Versuch mit wesent- 
lich demselben Erfolg anzustellen, auch ohne die Schläge zuletzt 
den Muskel unmittelbar treffen zu lassen ; nur dafs alsdann 
die Säurung, wegen der geringeren Summe von Zusammen- 
ziehungen, die man vom Nerven aus zu erlangen vermag, auf 
einer niedrigeren Stufe stehen bleibt. 

Besser gelingt die Säurung des Muskels durch mittelbare Rei- 
zung am lebenden Frosch, und zwar in folgender Weise. Der Frosch 
wird auf der von mir in meinen Untersuchungen beschriebenen 
„Vorrichtung zur Befestigung des lebenden Frosches" gefesselt, 
die Bauchaorta unterbunden, und der eine Ischiadnerv in der 
Kniekehle durchschnitten. Am Rücken bringt man in Schulter- 
und Lendengegend entweder die ebendaselbst beschriebenen Frosch- 
haulklemmen an, oder man verfährt in der gleichfalls dort bereits 
bezeichneten Art, nämlich indem man Streifen dünnen Zinkble- 
ches durch zwei Hautschlitze führt, die man in jenen beiden 
Gegenden, der Längsmitteliinie gleichlaufend, in passendem Ab- 
stand von derselben angebracht hat. Die Zinkstreifen, an deren 
eines Ende ein Draht gelöthet ist, oder die Froschhautklemmen 
dienen als Elektroden der secundären Rolle des Schlitlenmagnet- 
elektromotors. Das eine Ende der primären Rolle ist mit dem 
Pendel eines Mälzel'schen Metronoms verknüpft, das andere 
durch zwei Drähte mit dem Platin und mit dem Zink zweier 
kleinen Grove'schen Ketten. Das Zink und Platin dieser ste- 
hen In Verbindung mit zwei Quecksilbernäpfchen, und eine 
jederseits an dem Pendel angebrachte verquickte Spitze taucht 
jedesmal etwa eine Secunde lang in das eine oder das an- 
dere dieser Näpfchen, wenn das Pendel seine gröfste Ablen- 
kung erreicht hat. Man übersieht leicht, wie dadurch erreicht 
wird, dafs abwechselnd die eine und die andere der beiden 
entgegengesetzt angeordneten Ketten eine Secunde lang in 
den Kreis der primären Rolle eingeschaltet wird. So lange dies 
[1859.] 22 



316 Gesammtsitziing 

der Fall ist, spielt die Feder des Magnetelektromotors, und es 
wird also das Rückenmark des Frosches in Zwischenräumen, wel;- 
che der Schwingungsdaiier des Pendels weniger einer Secunde 
gleich sind, eine Secunde lang abwechselnd in der einen und in 
der anderen Richtung von den Öffnungsschlägen getroffen. Es 
geben sich, bei diesem Verfahren, mancherlei eigenthümliche: 
Erscheinungen kund, auf die ich hier nicht näher eingehen: 
will. Es genüge die Angabe, dafs, da die aufsteigenden Siröme 
bald unwirksam werden, die absteigenden aber leicht zwei Stun- 
den lang wirksam bleiben, bei 38.5 Schwingungen des Pendels 
in der Minute der Muskel mindestens 120 X 19.25 = 2310 mal eine 1 
Secunde, oder im Ganzen 38.5 Minuten lang, mit Erfolg mittel-' I 
bar tetanisirt wurde, was eine bei weitem gröfserc Summe von 
Zusammenziehungen vorstellt, als sie bei einer anderen mir be- 
kannten Art mittelbar zu tetanisiren erzielt wird. 

Versagt endlich der Muskel vom Rückenmark aus weitere 
Zuckungen, so wird er mit dem der anderen Seite, der gar nicht 
gezuckt hat, ausgeschnitten, wobei er die Durchschneidung des'i j 
N. tibialis leicht noch mit Zuckimg beantwortet, und die Re- i 
action seines Querschnittes geprüft. Man findet dieselbe mei <t 
deutlich sauer, während ich kaum zu sagen brauche, dafs der 
Querschnitt des anderen Muskels noch die übliche neutralcy 
zum Alkalischen sich hinneigende Reaction zeigt. Dies Ergeb-j 
nifs ist um so auffallender, als sich merkwürdigerweise stets der 
tetanisirte Muskel als der bei weitem blutreichere zeigt. Man 
kann den Frosch am Leben erhallen, um sich davon zu über- 
zeugen, wie er nach kurzer Zeit und, trotz der unterbundenen 
Bauchaorta, auch noch am folgenden Tage die Muskeln des 
gleichfalls telanisirten Oberschenkels ganz gut beherrscht. 

Die Bauchaorta unterband ich bei diesen Versuchen in der 
Absicht zu verhindern, dafs nicht das stets erneute alkalische 
Blut die in dem Muskel entwickelte Säure sättige, und etwa In 
Gestalt lleischmllchsauren Natron's fortführe. Ich habe einige 
Versuche angestellt, welche zu beweisen scheinen, dafs diese 
Vorsicht nicht ganz überflüssig war. Als ich nämlich denselben 
Versuch ohne Unterbindung wiederholte, gab sich ein weit klei- 
nerer Unterschied zwischen der Pieaction des ruhigen und der des 
tetanisirten Muskels zu erkennen. Ais ich sodann beide Nervei 



vom 31. März 1859. 317 

unversehrt Hefs, und statt der Aorta die eine A. iliaca communis 
unterband, zuckten die Muskeln der Seite, wo nicht unterbunden 
war, länger und stärker als die der anderen, und erschienen 
verhältnilsmäfsig blutleer. Nichtsdestoweniger gaben sie keine 
deutliche Zeichen der Säurung, während die Muskeln der ande- 
ren Seite , wo unterbunden war, obschon von Blute strotzend 
und folglich viel reicher an Alkali, entschieden sauer gefunden 
wurden. 

Zerschneidet man einem Frosch, dessen Aorta unterbunden 
ward, den einen Ischiadnerven , vergiftet dann den Frosch mit 
Strychnin, um! vergleicht die Reaction der beiden Gastrokne- 
mlen, so findet man dieselbe auf beiden Seiten neutral, obschon 
die des tetanisirten allerdings etwas mehr zum Sauren neigt. 
Der mangelhafte Erfolg dieses Versuches rührt wohl davon her, 
dals dabei die Summe der Zusammenziehungen eine zu kleine 
bleibt, als dafs eine bemerkbare Spur von Säure im Muskel 
aufgehäuft werden könnte. 

So bleibt also die Säurung des Muskels durch Tetanus beim 
Frosche stets eine ziemlich zarle Erscheinung, deren Nachweis mit 
nicht geringen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Anders ist es 
beim Kaninchen. Hier gelingt auf das leichteste und sicherste 
der zuletzt beschriebene Versuch, dessen Ergebnifs am Frosch 
so gut wie verneinend ist. Zerschneidet man einem Kaninchen 
den Ischiadnerven der einen Seite, vergiftet dasselbe mit Strych- 
nin, und schneidet unmittelbar nach oder besser noch wäh- 
rend dem letzten Krampfanfalle die Wadenmuskeln beider Sei- 
ten aus, so findet man die ruhigen neutral, die tetanisirten 
auf's entschiedenste sauer, so dafs blaues Lakmuspapier bei län- 
gerer Berührung mit deren Querschnitt zwiebelroth gefärbt wird. 
Ebenso verhallen sich alle anderen am Strychninkrampf bethei- 
liglen Skeletninskeln. 

Ich weifs nicht recht, warum derselbe Versuch am Hunde 
keinen ebenso günstigen Erfolg liefert. Ich fand in mehreren Fäl- 
len die niiiigen Muskeln alkalisch, die tetanisirten neutral. Al- 
lerdings also neigt die Reaclion der letzteren mehr zum Sauren 
als die der ersleren, und vielleicht erscheint sie nur deshalb nicht 
sauer, weil die Reaclion der ruhigen Muskeln hier eine mehr ausge- 

22* 



318 G es ammt Sitzung 

sprechen alkalische ist, so dafs der Punkt, von dem aus die Mus- 
keln sich bei der Zusammenziehung der sauren Reaction nähern, 
im Hunde ein welter davon entfernter ist, als im Kaninchen. 

Man kann diesem Versuch am Kaninchen noch eine an- 
dere Gestalt geben. Das Thier wird auf dem Bauche lie- 
gend festgebunden, in Schulter- und Lendengegend eine 
Hautfalte in die Höhe gehoben, mit dem Scalpell durch- 
stofsen, und auf dem zur Führung dienenden Scalpellstiel ein 
Streifen Zinkblech von etwa lö""" Breite hindurchgeführt, an 
dessen eines Ende ein Draht gelöthet ist. Damit bei Bewe- 
gungen des Thieres die Blechstreifen nicht wieder herausgleiten, 
knickt man das freie Ende derselben hakenförmig über die Haut- 
brücke um, unter der der Streifen fortgeht. Diese Art, der 
"Wirbelsäule eines Kaninchens Elektroden anzulegen, möchte der 
von Hrn. Pflüger in seinem Buche über das Hemmungsnerven- 
system der Gedärme empfohlenen vorzuziehen sein. Die beidea 
Zinkstreifen werden mit den Enden der secundären Rolle des 
Macnetelektromotors verknüpft. Öffnet man, bei passendem Ab- 
stände beider Rollen, den Schlüssel, so verfällt das Thier in Te- 
tanus. Der Kopf wird zurückgebogen, die Pupille erweitert 
wegen Erregung der Ciliospinal- Gegend des Rückenmarkes, 
nicht selten schreit das Thier kläglich, endlich der ganze Körper 
geräth, wegen der Unterbrochenheit auch der scheinbar stetig- 
sten Muskelzusammenziehung, in ein so heftiges und rasches Zit- 
tern dafs dadurch ein tiefer musikalischer Ton entsteht. Ich, 
habe dies zuerst in den eben erwähnten Versuchen des Hrn. 
Pflüg er zu beobachten Gelegenheit gehabt, als derselbe, um 
das von ihm im Rückenmark vorausgesetzte Centralorgan der 
Nn, splanchnici zu reizen, Kaninchen in ähnlicher Art vom Rücken- 
mark aus tetanisirte. Musikalisch bestimmt habe ich jenen Too 
nicht, es ist aber nicht zu bezweifeln, und gewifs bemerkens- 
werlh, dafs derselbe dem Ton des Magnetelektromotors bedeu- 
tend an Höhe nachsteht. Bei fortgesetztem Tetanisiren wird, 
unstreitig wegen des Krampfes der Athemmuskeln, das Blut des 
Kaninchens schwarz, und es kann leicht geschehen, dafs Einem 
das Thier unter der Hand stirbt. 

Ein Stück Muskel aus einem solchen Kaninchen ausgeschalt- 



vom 31. März 1859. 319 

ten findet man sauer. Hat man auf der einen Seite den Ischiad- 
nerven zerschnitten, so kann die neutrale Reaction der davon ver- 
sorgten und in Ruhe gebliebenen Muskeln wie in den vorigen Ver- 
suchen zur Controle dienen. Dies ist nun nichts weiter als eine 
Bestätigung des mit Strychninvergiftung erhaltenen Ergebnisses. 
Allein die neue Versuchsweise hat vor jener das voraus, dafs 
man dabei das Thier am Leben erhalten kann, und so Gelegen- 
heit hat, eine Frage vom höchsten Interesse zu beantworten, 
nämlich die, was aus der in Folge des Tetanus im Muskel ent- 
wickelten Säure werde. Ich habe hierüber erst einen Versuch, 
aber mit recht günstigem Erfolge, angestellt. Nachdem ich näm- 
lich ein Kaninchen so lange und so stark tetanisirt hatte, als es 
möglich war ohne dasselbe zu tödten, schnitt ich ein Stück 
Muskelfleisch aus dem einen Oberschenkel aus, und fand 
dasselbe angegebenerniafsen lebhaft sauer. Darauf wurde die 
Wunde zugenäht, und dem Kaninchen Ruhe gegönnt. Die er- 
sten zwei Stunden lag es in tiefster Ermattung auf der Seite, 
und war ganz kalt anzufühlen; dann erholte es sich allmälig, 
setzte sich auf und fing wieder an zu fressen. Nach etwa fünf 
Stunden wurde die Wunde wieder geöffnet, und ein neues 
Stück Muskelfleisch ausgeschnitten, welches sich nicht mehr 
sauer verhielt. Abermals wurde die Wunde zugenäht, und das 
Thier zu weiteren Versuchen aufgehoben. Ein paar Tage dar- 
auf prüfte ich an demselben vergiftete Pfeile der Jakuns (Min- 
tras) von Malacca, die mir Hr. Fedor Jagor von dort zuzu- 
senden die Güte gehabt hatte. Es erfolgte Tetanus und Tod, 
wie nach Strychninvergiftung. Ein drittes ausgeschnittenes Mus- 
kelstück erwies sich jetzt wieder deutlich sauer. Aus diesem 
Versuche erglebt sich mit Gewifshelt, dafs wenige Stunden hin- 
reichen, um die auch im ungewöhnlichsten Malse in den Mus- 
keln durch Anstrengung erzeugte Säure unmerklich zu machen. 
Ich habe aber Grund anzunehmen, dafs bei unversehrtem Kreis- 
lauf ein sehr viel kleinerer Zeitraum, vielleicht schon von we- 
nigen Minuten, dazu ausreicht. 

Da das Herz während des Lebens unablässig eine gewaltige 
mechanische Arbelt leistet; da bereits anderweitige Spuren eines 
besonders regen Stoffwechsels darin gefunden wurden, als da 
sind Kreatin in ungewöhnlicher Menge, Inosit, Hypoxanthin ; da. 



320 Gesammtsitzung | 

wie ich bemerkt habe, Braconnot's Analyse des Ochsenher- 
zens von Berzelius' Analyse anderer Muskeln desselben Thie- 
res hinsichtlich des Verhältnisses des alkoholischen und wässri- 
gen Auszuges in dem Sinne abweicht, wie es nach den Beob- 
achtungen des Hrn. Helmholtz zu erwarten stand; endlich da 
schon 1828 Hr. C. Aug. Sigm. Seh u Uze das Herz unter 
allen Muskeln am stärksten sauer gefunden zu haben glaubte: 
so versuchte ich, ob vielleicht das noch leistungsfähige Herz 
eine saure Reaction geben würde. Beim Frosch, der Taube, 
dem Ochsen, Kaninchen und Meerschweinchen traf dies indefs i 
nicht zu. Nur dafs das Herz, trotz seiner grofsen Blutfiille, 1 
die ihm stets eine deutliche alkalische Reaction verlieh, frü- 
her als andere Muskeln sauer zu werden schien. Hr. Kühne 
schrieb mir aus Paris, er habe frische Herzen von Hunden und 
Katzen sauer gefunden, die Hr. Claude Bernard zu seinen 
Versuchen verwandt hatte. Ich dachte mir, dafs diese Herzen 
vielleicht deshalb sauer gewesen seien, weil sie während der 
Vivisection vor Angst und Wuth heftiger als sonst geklopft hat- 
ten. Ich zerschnitt also einem starken männlichen Kaninchen 
beide Vagi, um sein Herz in ungewöhnlich heftige Bewegung 
zu versetzen. Das Thier starb unter den gewöhnlichen Zuf;!!- 
len bereits nach 22 Stunden, als ich gerade anders heschäfiigt 
war. Doch traf ich, als ich sehr kurze Zeit darauf die ßrust- 
hühle öffnete, das Herz noch für mechanischen Reiz empfäng- 
lich an. Die Reaction desselben war aber die gewöhnliche ziem- 
lich ausgesprochen alkalische. 

Die rothen Flecken, welche durch Tetanus gesäuerte Mus- 
keln auf blauem Lakmuspapier machen, sind von dauernder Be- 
schaffenheit, und die Siedhitze vermag über die dergestalt in 
den Muskeln entwickelte Säure eben so wenig wie über die 
auf anderem Wege freigewordene (S. oben S. 308). Die saure 
Reaction der angestrengten Muskeln rührt folglich weder her 
von der nach Angabe der Hrn. Matteucci und Valentin 
reichlicher darin entwickelten Kohlensäure, noch von saurem phos- 
phorsaurem Kali. Dafs Fleischmilchsäure die Ursache derselben 
sei, wird noch dadurch wahrscheinlich gemacht, dafs Berzelius, 
wie er im Jahr 1841 Hrn. Lehmann in Schweden erzählt hat, 
aus den Muskeln gehetzten Wildes eine auffallend grofse Menge 



vom 31. März 1859. 321 

i Milchsäure erhielt, während die MusTcehi partiell gelähmter Ex- 
I ireniitäten ihm weniger als sonst davon zu enthalten schienen.') 
ÜLer die Enlstehungsart der Fleischuiilchsäure Lei der Zu- 
sammenzichung wird es weise sein, sich zunächst jeder Muth- 
niafsuDg zu enthalten. Nur die Widerlegung einer Ansicht dar- 
über, welche vielleicht auftauchen könnte, halte ich für zweckmäfsig. 
Wir haben oben den Beweis geführt, dafs die Gerinnung 
des Muskelfaserstoffes unabhängig von der Säurung des iNluskels 
stattfinden könne. Die gegenwärtigen Versuche scheinen nun 
auch umgekehrt zu zeigen, dafs die Säurung des Muskels ohne 
die Gerinnung des Muskelfaserstoffes stattfinden könne. Es 
I könnte aber der Zweifel ausgesprochen werden , ob wirklich die 
I Säurung des Muskels durch Tetanus von der durch das Absterben, 
i oder durch die Gerinnung des Muskelfaserstoffes, herbeigeführten 
wesentlich verschieden sei. Man könnte sagen, dals in Folge der 
heftigen Muskelanstrengung vielleicht ein Tlieil der Muskelbündei 
I wirklich absterbe, todtenstarr und sauer wenle, während ein an- 
I derer allerdings noch leistungsfähig sei. So komme der An- 
schein der Säurung des noch lebenden Muskels zu Stande. Wenn 
dann den Muskeln Ridie gegönnt werde, löse das arterielle Blut 
die Starre jener abgestorbenen Bündel und wiederbelebe sie, wie 
in den bekannten Versuchen der Hrn. Bro wn-Sequard und 
Stannius. 

Diese Meinung ist unhaltbar. Erstens würde es irrig sein, 
sich die tetanisirlen Muskeln, an denen wir saure Reaclion nach- 
gewiesen haben, in dem Mafs erschöpft vorzustellen, dafs einzelne 
Primitiv- oder secundäre Bündel derselben mit sofortigem Absterben 
bedroht wären. Ich will nicht läugnen, dafs sich dies im An- 
fang meiner Versuche ein- oder das anderemal zugetragen habe, 



') Dies ist, wie mir Hr. Lehmann brieflich mitzntheilen die Güte 
hatte, der Ursprung der in sein Lehrbuch der physiologischen Chemie 
Bd. I. Leipzig 1850. S. 103 aufgenommenen Angabe, („Berzelius glaubt 
„sich überzeugt zu haben, dafs ein ^luskel desto mehr Milchsäure enthält, 
„je mehr er vorher angestrengt worden ist") welche von dort vermuthlich 
in Hrn. Ludwig's und Hrn. S chlofsberger's Werke übergegangen 
ist. Berzelius selber scheint jene Beobachtung nirgends veröffentlicht 
zu haben. 



322 Gesammtsilzung 

besonders als ich dieselben noch allein am Frosch anstellte und 
zuletzt, um schlagendere Wirkungen zu erhalten, die Muskeln un- 
mittelbar reizte. Obschon auch hier, wie gesagt, sogar die 
zerschnittenen Muskeln nach kurzer Ruhe wieder leistungsfähig 
erschienen (S. oben S. 314). Allein bei mittelbarer Reizung 
vom Rückenmark aus, sei's durch den elektrischen Strom, sei's 
durch Strychnin, ist wirklich von einer so gefahrdrohenden Er- 
schöpfung des Muskels selber die Rede nicht. Die sauer reagi- 
renden Muskeln z. B. eines durch Strychnin getödteten Kanin- 
chens zucken noch beim Durchschneiden des Nerven, vollends 
antworten sie noch leicht, kräftig, und, soweit sich dies beur- 
theilen läfst, in ganzer Ausdehnung auf jeden unmittelbar ange- 
brachten elektrischen , ja mechanischen Reiz. Solche Muskeln 
erschöpft zu nennen, würde in der That keinen Sinn haben. 
Übrigens ist der rothe Fleck, den der Querschnitt eines tetant- 
sirten Kaninchenmuskels auf blauem oder violettem Grunde macht, 
ganz einfarbig und frei von jeder Einmischung des Grundes, wie 
sie unstreitig stattfinden würde, wenn die saure Reaction nur 
einzelnen besonders angestrengten Muskelbündeln zukäme. 

Sollte hienach noch ein Zweifel sein daran, dafs die Säu- 
rung der tetanisirten Muskeln nicht auf diese Art erklärt wer- 
den könne, so würde derselbe vor einer neuerdings von Hrn. 
Kühne ermittelten wichtigen Thatsache weichen müssen. Hr. 
Kühne schreibt mir aus Paris vom 5. Februar d. J., es sei ihm 
gelungen sich auf das bestimmteste zu überzeugen, dafs die Lö- 
sung der Todtenstarre durch das arterielle Blut In dem Versuch 
vonStannlus und Brown-Sequard nur dann eintrete, wenn 
die Muskeln nicht bereits In Folge der Erstarrung sauer gewor- 
den seien. Damit verliert der hier bekämpfte Einwand gegen 
unsere Versuche vollends den Boden, da er gerade auf der Mög- 
lichkeit fufst, dafs die In Folge übermäfsiger Anstrengung abge- 
storbenen, erstarrten und gesäuerten Bündel durch das arterielle 
Blut wiederbelebt würden. 

Die Beobachtung des Hrn. Kühne dürfte übrigens eine 
andere Muthmalsung ähnlicher Art In nicht minder bedenkli- 
chem Licht erscheinen lassen, zu der man jetzt hier leicht ge- 
führt wird. Sie besteht In der Umkehr der bekannten Ansicht, 
wonach die Todtenstarre eine letzte dauernde Zusammenziehung 



vom 31. März 1859. 323 

sein sollte. Es würde nämlich danach vielmehr Jede Znsammen- 
zichung mit einer Gerinnung einer gewissen Menge flüssigen 
Miiskeifaserstoffes verknüpft sein, welche ihrerseits nicht ohne 
Sänreblldung einherschrelten würde, wobei man noch der die Zu- 
sammenziehung begleitenden Temperaturerhöhung einen begünsti- 
genden Einflufs zuschreiben könnte, welche in den eigentlichen 
Heerden des Molecularvorganges ja eine viel beträchtlichere sein 
mag, als sie sich für die Gesamnitheit der Muskelmasse darstellt. 
Auch diese Hypothese würde zuletzt nolhwendig der Auflösbar- 
keit des bereits gesäuerten Gerinnsels durch das arterielle Blut 
bedürfen, und also, wenn man nicht noch weitere Vermuthun- 
gen hinzufügen will, gleichfalls durch jene Beobachtung besei- 
tigt sein. 

Leichter als von der Entstehung der Säure bei der Zusam- 
menziehung, wird man wohl dazu gelangen sich einen Begriff 
zu machen von den Schicksalen, denen die einmal gebildete 
Säure unterliegt. Wir haben gesehen, dafs die Säure sehr bald 
wieder unmerklich wird. Das natürlichste ist wohl, sich zu den- 
ken, dafs das alkalische Blut dieselbe aus den Primitivbündeln in 
Gestalt flelschmilchsauren INatrons auswasche, während Kohlen- 
säure frei werde. Ob das flelschmllchsaure Natron im Blute zu 
kohlensaurem Natron und anderen Producten verbrannt werde, 
oder ob dasselbe als solches im Harn erscheinen könne, ist eine 
Frage, die zu weiteren Untersuchungen auffordert. Obschon von 
den Chemikern die Gegenwart milchsaurer Salze und freier Milch- 
säure im Harne heutzutage im Allgemeinen bezweifelt wird, 
ist es doch schwer, sich jetzt hier nicht zu erinnern, dafs 
einst Hr. Lehmann die Menge der von ihm als Milchsäure 
angesprochenen Substanz Im Harn nach körperlichen Anstren- 
gungen vermehrt gefunden hatte. 

Der Säurung der Muskeln bei heftigen Krämpfen wegen ist 
es rathsam, wenn man bei warmblütigen Thieren sich von der 
neutralen, beziehlich alkalischen Reaction der ruhigen Muskeln 
überzeugen will, die Thiere mit Curara zu vergiften. In der 
That gelang es mir nur durch diesen Kunstgriff, beim Huhne, 
welches geköpft erst nach unendlichem Geflatter stirbt, die Mus- 
keln neutral zu finden, da sie sonst eine mehr oder weniger 



324 Gesammtsitzung 

entschieden säuerliche Reaclion anzunehmen pflegen. Hierin liegt 
ein neuer Erklärungsgrund dafür dafs die Chemiker über die 
Reaction der frischen Muskeln so lange haben können in Täu- 
schung befangen sein. Es ist denkbar dafs dieser oder jener 
in der That Versuche am frischgelödteten Thier angestellt und 
die Muskeln, wegen der meist den Todeskampf begleitenden 
Krämpfe, sauer angetroffen habe. So ist es jetzt auch denkbar, 
dafs die von Hrn. Siegmund beobachtete saure Beschaffenliuit 
des Uterus -Auszuges von den Wehen herrührte, die vor dem 
Tode stattgefunden hatten. 

Schllefslich würde uns übrig bleiben, einen Blick zu wer- 
fen auf Hrn. v. Lieb ig' s Hypothese über den Ursprung des 
Mnskelstromes. Da die Muskeln, so lange sie einen elektri- 
schen Strom entwickeln, keine Säure in ihrem Inneren enthal- 
ten, so versteht es sich von selbst, dafs in dem Sinne, wie Hr. 
V. Lieb ig es wollte, von seiner Hypothese die Rede nicht mehr 
sein kann; um so mehr, als ich mich überzeugt habe, dafs 
Nerven und Muskeln eines mit Zuckervvasser ausgespritzten 
Froschbeines alle gewohnten elektrischen Wirkungen zeigen. 
Nichtsdestoweniger knüpfen sich an eine genauere Erwägiii; 
dieses Gegenstandes mancherlei nicht unwichtige Fragen, die 
ich bei einer späteren Gelegenheit und in einer besonderen 
Abhandlung zu erörtern gedenke.') 



') Die Literatur zur gegenwärtigen Abhandlung findet sich möglichst 
vollständig in meiner Habilitationsschrift: DeFibrae muscularis Iveactiom , 
ut Cheniicis visa est, acida. Berolini. Prostat apud Georgium Rei- 
mer. 1859. 4". zusammengestellt. Einen Punkt daraus kann ich nicht unihi. 
auch an dieser Stelle noch zu besprechen. In der dritten Aullage sein 
chemischen Briefe, Heidelberg 1851, S. 551, sagt Hr. v. Liebig: „l)i 
„freie Säure der Fleischbrühe scheint erst in Folge einer Veränderung / 
„entstehen, welche ausnehmend rasch nach dem Tode eintritt, oder durc 
„das Kochen bewirkt wird; die ÄJuskclu frisch gelödteler Thiere, vu. 
„dem Eintreten der Todtenstarre, färben blaues Lakmuspapier nicht roth." 
(Vergl. Chemische Briefe, vierte Aullage, Leipzig und Heidelberg 185," 
Bd. H. S. 134; — Lehmann, Zoochemie u. s. w. 1858. S. 488.) iJii 
ser Ausspruch, welcher in so voUkommenem Widerspruch mit der Ansiclii 
steht, die Hr. v. Liebig wenige Jahre zuvor fester als je begründet zu 



vom 31. März 1859. 325 

Ferner hielt Hr. Klotzsch einen Vortrag über zwei 
M/ristica- krlen^ die llr. Feodor Jagor eingesandt hat. 



I Hr. Magnus machte die folgende Mitlbeilung, betreffend 

11 eine Untersuchung des Hrn. Dr. Rudolph Weber über: die 
Zersetzung der Schwefelmetalle durch Chlorphos- 
phor. 
I In einer früheren Miltbeilung hat Hr. Dr. Weber die EIu- 

'' Wirkung des fünffach Chlorphosphors auf die Sauerstoffverbin- 
dungen beschrieben, und gezeigt, dafs sowohl eine grofse An- 

!l haben glaubte, und welcher deshalb in seinem ^lunde für diejenigen, die 
' der Geschiciite dieser Angelegenheit gefolgt waren, etwas sehr Überra- 
schendes haben mufsle, wird durch Anführung keines Beobachters und keiner 
'1 eigenen Erfahrung unterstützt. Hr. v. Lieb ig hat es somit mir über- 
'! lassen , zu erzählen , wie er zu jener neuen Einsicht gelangt ist. Als 
i mein Freund, Hr. Georg v. Liebig, sich im Jahr 1850 in Berlin auf- 
;\ hielt, theille ich ihm meine Versuche über die neutrale Reaction der fri- 
1 sehen Muskeln mit. Nach seiner Rückkehr nach Giefsen, stellten die Hrn. v. 
Liebig, Vater und Sohn, in Gemeinschaft mit Hrn. T h. L. Bisch off, Ver- 

I suche an, durch die sie von der Richtigkeit meiner Behauptung überzeugt 
wurden. Ein Bericht darüber von Hrn. Georg v. Liebig, vom 1. Mai 
1851 gezeichnet, liegt mir vor. Ich halte indessen schon am 20. Decem- 
ber 1850 der physikalischen Gesellschaft hieselbst eine Mitlbeilung ge- 
macht, in der ich zeigte, dafs leistungsfähige ^Muskeln, sowohl im natür- 

i liehen Zustande, als nachdem sie mit Zuckerwasser ausgespritzt wurden, 
neutrale Reaction besitzen, und dafs sie zur Zeit des Erstarrens, durch 
Eintauchen in lauwarmes Wasser, endlich durch anhaltende heftige Zu- 

i sammenziehuugen sauer werden. Diese Mittheilung ist nicht gedruckt 

II erschienen, sondern gemäfs den Statuten der Gesellschaft von den Hrn. 
! Krönig und Wiedemann als Beamten derselben unterschrieben und 
li ttntersiegelt zu den Acten gelegt worden (Vergl. die Fortschritte der Phy- 
sik in den Jahren 1850 und 1851. Dargestellt von der physikalischen 
Gesellschaft zu Berlin. VI. und VI!. Jahrgang. Redigirt von Dr. A. 
Krönig und Prof. Dr. W. Beetz. Berlin 1855. S. VII). Dafs Hr. v. 
Lieb ig nicht richtig vcrmuthet hat, die Säurnng der Muskeln trete aus- 
nehmend rasch nach dem Tode ein, oder werde durch das Kochen 
bewirkt, ergiebt sich aus dem oben S. 298. 30i Gesagten. 



326 Gesammtsitzung 

zahl von einfachen Oxyden, seihst Kieselsäure, geglühete Thon- 
erde, Chromoxyd, als auch die verschiedensten Salze z. B. 
Schwerspalh, phosphorsaure Baryterde, Wolfram bei Rothgliih- 
hitze durch die Dämpfe des Chlorphosphors zerlegt werden. 
Bei diesen Einwirkungen wird ein Theil des Chlors vom Chlor- 
phosphor an das Radical des Oxydes übertragen , während der 
entsprechende Sauerstoff an die Stelle des Chlors tritt. Als 
Zersetzungsprodukte vrerden die den Oxyden entsprechenden 
Chlorverbindungen der Metalle und Phosphoroxychlorid ge- 
bildet. 

Der Verfasser hat sich seitdem mit der Einwirkung des 
Chlorphosphors auf die Schwefelmetalle beschäftigt, und sich bei 
diesen Versuchen wieder des in der früheren Mittheilung be- 
schriebenen Apparates bedient. Es wurde das Verhalten einer 
Anzahl von natürlich vorkommenden und künstlich erhaltenen 
Schwefelverbindungen untersucht und gefunden, dafs die Zer- 
setzung derselben im Allgemeinen leichter als die der Oxyde 
und auch hier zuweilen unter Feuererscheinung erfolgt. 

Schwefelkies, Zinkblende, Schwefelwismuth, Realgar, Grau- 
spiefsglanzerz, Bleiglanz werden sehr leicht und vollständig 
zerlegt. Letzterer zeigt das Glühphänomen sehr schön. Bei 
der Einwirkung des Chlorphosphors auf den Bleiglanz bildet sich 
zunächst ein braunroth gefärbtes Produkt, wohl eine Verbindung 
von Chlorblei mit Schwefelblei, welches durch längere Einwir- 
kung in reines Chlorblei übergeführt wird. Der Schwefelkies 
liefert bei der Zersetzung nur flüchtige Produkte, so dafs als 
Rückstand nur eine Spur von Gangart bleibt. Desgleichen wer- 
den Arsenikkies, Speifskobalt, Kobaltspeise, Rothgülligerz leicht 
zersetzt; letzteres hinterläfst reines Chlorsilber. Bournonit, 
Fahlerz etc. verhalten sich wie die übrigen Schwefelverbindun- 
gen. Die Arsenikmetalle wie Arsenikeisen, Kupfernickel wer- 
den schwieriger angegriffen. 

Bei diesen Zersetzungen werden wieder Chlormetalle und 
aufserdem ein flüssiges Produkt gebildet, welches Schwefel, Chlor 
und Phosphor enthält. Letzteres läfst sich bei der Zerlegung 
des Bleiglanzes leicht isollren ; es ist eine gelbe ölige Flüssig- 
keit von stechendem Gerüche, schwerer als Wasser, von dem 



vom 31. März 1859. 327 

sie sehr langsam unter Abscheidung von Schwefel zersetzt wird. 
Die Lösung enthält Salzsäure, Phosphorsäure und unterschwef- 
lichte Säure. Salpetersäure zersetzt die Verbindung und schei- 
det Schwefel aus, welcher aber noch etwais Chlor enthält, ein 
Umstand der die Analyse sehr erschwert. 

Der Verfasser zieht aus seinen Versuchen den Schlufs, dafs 
diese Flüssigkeit zum gröfsten Theile aus einer Verbindung be- 
steht, welche dem Phosphoroxychlorid analog zusammengesetzt 
ist. Ein solches hat zuerst Serullas durch Einwirkung von 
Schwefelwasserstoff auf ftinfach Chlorphosphor erhalten. Die 
Abscheidung des überschüssigen Chlorphosphors ist noch nicht 
vollständig geglückt. 

Der bei der Zersetzung der Schwefelverbindungen stattfin- 
dende Vorgang hat daher mit dem bei der Zersetzung der Oxyde gro- 
fse Ähnlichkeit. Der mit den Metallen verbundene Schwefel tritt 
nämlich wie der Sauerstoff der Oxyde an den Phosphor, während 
das Metall mit einem Theile des Chlors vom Chlorphosphor sich 
vereinigt. Aus der grofsen Verwandtschaft des Schwefels zum 
Phosphor und des Chlors zu den Metallen Ist der hier stattfin- 
dende Prozefs leicht erklärlich. 

Der Verfasser hat ferner durch directe Vereinigung von 
Chlorphosphor mit Schwefelphosphor eine Verbindung erhal- 
ten, welche nach der damit vorgenommenen Untersuchung aus 
P Cl, S^ besteht; also gleiche Zusammensetzung mit der von 
Serullas hat, und durch welche die angeführte Zersetzung der 
Schwefelmetalle ihre vollständige Bestätigung erhält. Wird näm- 
lich eine entsprechende Menge von fünffach Schwefelphosphor, 
durch Zusammenschmelzen von Schwefel mit rolhem Phosphor 
erhalten, mit fünffach Chlorphosphor in einem Glasröhrchen ge- 
linde erhitzt, die gebildete Flüssigkeit nach dem Erkalten von 
dem nicht gelösten Schwefelphosphor und den ausgeschiedenen Kry- 
stallen abgegossen und der Rückstand wieder erwärmt, so wird 
derselbe fast vollständig in eine ölige Flüssigkeit verwandelt, 
welche alle Eigenschaften der von Serullas beschriebenen Ver- 
bindung zeigt. Reines Chloraluminium wird von derselben 
nicht geröthet, was die Abwesenheit von halb Chlorschwefel 
erweist. 



328 Gesammlsilzung 

Leitet man die Dämpfe von fünffach Chlorphosphor über 
erhitzten Schwefel, so wird eine Flüssigkeit erhalten , welche 
Chloraluminium stark rötliet und wahrscheinlich ein Gemenge 
von halb Chlorschwefel mit der oben erwähnten Verbindung ist. 

Durch Einwirkung von fünffach Chlorphosphor auf Selen- 
blei hat der Verfasser neben Chlorblei eine rölhliche Selen bal- 
lige Flüssigkeit erhalten, welche mit Wasser unter Abscheidung 
von Selen sich zersetzt. Die Lösung enthält neben andern Ver- 
bindungen auch Selenwasserstoff. 



Hr. Weber las über die Päll-Legende von der 
Entstehung des Sähya- und Ä"o//ja-Gesch lec h tes. 

Hr. V. Fausböll, der sich jetzt behufs Collalionen für 
seine so höchst wünscbenswerthe Ausgabe der Jutaka in Lon- 
don aufhält, sandte mir kürzlich das nachfolgende Stück aus 
Buddhaghosa's Commentar zum Suttani/jäta (dem fünften Ab- 
schnitt des Khuddanikäja), welches seines historisch-chronologi- 
schen Inhaltes wegen von Interesse ist. Die Abschrift ist aus 
einem Kopenhagener Codex (C), der mit ceylonesischer Schrift 
geschrieben ist (nro. XIX des Catal.), gemacht, und dann mit 
einem Londoner Codex (B) in der Tiibliothek der asiatischen 
Gesellschaft, der in birmanischer Schrift den Suttanipata eben- 
falls nebst Commentar enthält, collationirt worden. Der erste 
Theil der Legende, der von der Entstehung des Säkya-(je 
schlechts handelt, ist bereits mehrfach bekannt, und zwar sowohl 
nach den Berichten der südlichen, wie der nördlichen Buddhi- 
sten: aus den /'«//-Quellen nämlich durch Turnour, in seiner 
Einleitung zum Mahävansa pag. XXXV. XXXVI., und in seiner 
Abhandlung über den Dl/iavansa in J. As. Soc. Beng. Novem 
her 1838 VII, 925, so wie durch Ilardy im Manual of Buddhism 
p. 126 — 133: und aus den tibetischen Quellen durch Csoma 
Körösi im Journal of ihe As. Soc. of Bengal August 1833 II, 
385 ff. (danach imFoeKoue Ki pag. 214) und durch Schiefner tibet. 



vom 31. März 1859. 329 

Lebensbeschreibung des Buddha ^äkyamuni pag. 2. Den zwei- 
ll ten Tlieil, der von der Entstehung der KoUya handelt, kennen 
11 wir aus Hardy Manual pag. 134 — 7: und den Schlufs, nämlich 
i den Streit zwischen den Sükya und Koliya aus ibid. pag. 307 
1 1 und aus Fausbüll s Dharnmapadam pag. 351. Die Vergleichung 
dieser zum Theil sehr schwülstigen Berichte mit dem so ein- 
fachen, schlichten Originaltext, dem ich eine möglichst wörtliche 
Übersetzung anschliefse, ist höchst instruktiv. — Aus Fausböll's 
Briefe erlaube ich mir noch Folgendes mitzutheilen. Er schreibt 
u. A.: „Ich habe leider hier nicht so viele /^äA- Bücher gefun- 
den, wie ich gehofft hatte, und beklage namentlich, dafs Ich von 
dem Commeiitarzu dtQjdlakanurMahänäradakassapajdtakai^oß, 7) 
im British Museum und 2"" — 5"" nipäta im East India House 
gefunden habe. Meine Hoffnung steht nun nach Paris, wo sich 
yielleicht ein vollständiges Exemplar davon findet, oder wenig- 
stens Stücke davon, da Biirnouf's Nacblassenschaft mehrere 
Jätaka enthält. Sollte ich ihn auch da nicht vollständig erhal- 
ten, so müfste ich noch nach Ceylon und Siam gehen, da dieses 
Werk mir von der ganzen -Pa//-Literatur das interessanteste er- 
!' scheint, wie es auch das umfangreichste ist. Es ist das Haupt- 
werk der Seelenwanderungslehre, enthält Vielerlei von historisch- 
chronologischer Wichtigkeit, und Ist von besonderer Bedeutung 
für die mittelalterliche und neuere Volksliteratur; auch 
i, giebt es darin manche Stücke von hoher poetischer Schönheit. — 
. Suilanipdia, welches V\^erk in mehreren Hinsichten über dem 
il( Dhanimapadam steht, hoffe ich nach den beiden Handschriften 
,(! leidlich genug herausgeben zu können. — Ich habe hier zuerst 
|i;Turnour's und Gogerly's Abhandlungen gesehen, die In 
. Kopenhagen nicht zu haben sind, Gogerly's vielleicht über- 
[ haupt nicht, aufser in London. Es wäre höchst wünschens- 
[ werth, sie separat herausgegeben zu sehen. Möchte doch Go- 
. gerly (der noch In Ceylon lebt) sich zu einer Sammlung sel- 
I ner verschiedenen Abhandlungen über Buddhismus entschliefsen, 
j und zugleich die von Turnour damit verbinden. Diese bel- 
1^ den Männer sind durch ihre Kenntnifs des Päli In der That 
t> höchst ausgezeichnet. — Mein Freund Trenckner in Kopen- 
]| bagen Ist jetzt mit einer Bearbeitung des Milindapanha beschäf- 
li 



330 Gesammtsilzung 

tjgt. Ich sende ihm in diesen Tagen eine Handschrift davon, 
die Dr. Rost in Canterbury gehört, der die Güte hatte sie ihm 
zur CoUation zu überlassen. Die Sprachformen in diesem Werke 
sind korrekter als in den meisten jPa/i-Büchern; ich hoffe daher, 
dafs die Ausgabe desselben dazu dienen wird, einige noch schwe- 
bende Pa//-Formen festzustellen." 

Aus der paramatthajotika zum sammaparibbajaniyasutta im suttani- 
pata (II, 13). 
Pa/bamakappikänam kira ra/H/lo Mahäsammatassa Rojö nama 
putto ahosi, Roiassa Vararojo näma, Vararojassa Kalyano ), Ka- 
lyanassa Varakalyäno , Varakalyanassa Mandhälä, Mandhätussa 
Varamandhälä, Varamandbälussa Uposatho, Uposathassa Caro ), 
Carassa Upacaro , Upacarassa Maghädevo ), Maghädevaparam- 
parä*) caturäsitikhattiyasahassäni abesum, tesam parato tajo Ok- 
käkavamsä^) ahesuwi. Tatija-Okkäkassa pancü mahesiyo ahesum: 
Hatlhä, Citla, Jantu, Jälini ), P^isdkhä ti, ekekissa pa/ica panca 
ittbisatani pariväräni; sabbaje//haya cattäro putta: Okkärnukho^ ), 
Karakandu^), Hatthiniko'* ), Nipuro* ) ti, panca dhitaro : Pijä, 
Suppijd''), Anandd, VijitA ), F'ijitasenä ) ti ; evam sa nava 
putte labhltva kälam akäsi. Atha räjä afinam daharam abhirüpam 
raiadbitaram änetva aggamahesi//hane <hapesi, säpl ekam ) put- 
tam viiäyi, jatakumärarra' ) pa/icamadivase ) alamkaritvä ra/i/io 



') Codex C schreibt stets kaliyano mit zwei I. *) B 

Varo Varassa Upavaro Upavarassa. ) ß Maggbadevo 

*) B Maggbädevassa parampara. ) B bat auch im Folgen- 

den Ukkäka. *) B Jälini, C Jälini, Turnour: Pälini. ') B 
Ukkämukho, Hardy : Ulkämukba. Turnour hat Okkäkamukho, 
aber das Metrum zeigt, dafs man im Mahävamsa p. 9 Linie 3 zu 
lesen hat: Okkämukho. *) B und Turnour: Karakan</o, Hardy: 
Kalanduka. ') C Hattbinukho, Turnour: Hatthineka, Hardy: 

Hastanika. '°) C Sinlpüro, Hardy: Purasunika oder Sirini- 

pura. *') Sapiyä, Turnour. * ) Sanandä, Turnour. 

'*) B Vijivitasenä. * *) B sapi Jantunama ekam. 

* *) ß jätazn kumärar«. ' ') ß paäcarae divase. 



vom 31. März 1859. 331 

dassesuTTi, raja tii//ho mahesiya ) varam adasi; sä riatakehi sad- 
(Iliim mantetva puttassa rajjaTTz yäci, räjä nassavasali mama puttä- 
nam antaräyam icchasiti ) nädäsi; sä piinappunam ) raho räjänani 
paritoselvä na maliäräja musävädo va//atiti^) ädini ) vatvä yäcati 
eva. Alha räja putte ämanlesl : aham tälä tumhäkam kani//liawr 
Jantukumuram disvä tassa mätu sahasä varam adäsi, sä puttassa ) 
rajjaw parinämetum ) Icchati, tiimhe mam' accayena ägantvä 
rajjam käreyyäthä ti a//hahi amaccehi saddhim uyyojesi. Te bha- 
giniyo ädäya catura/Jginiyä senäya nagarä ) nikkhamiwisu. Ku- 
märä pitu accayena ägantvä ) rajjam käressanti, gacchäma ne ) 

I upa//liahämä ti cintelvä bahü ) manussä aniibandhimsu ). Pa- 
/hamadlvasc yojanamattä senä ahosi, dutiye' ) dviyojanamattä 

I taliye ) tiyojanamattä. Kumärä cintesum: mahä aya??! bala- 
käyo ), sa ce ) mayam ka?1ci sämantaräjänam akkamitvä ) ja- 
napada/?? ganhissäma so ) pi no na- ppahessati ), kirn paresam 

j pi/am katvä laddharajjena, mahä Jambudipo, ara/^/le nagaram" ) 

I mäpessämä ) ti Himavantäbhiinukhä agamamsu ) tattha naga- 
ramäpanokäsa/n ) pariyesamänä. HImavati Kapilo näma gbo- 
ratapo täpaso pa/ivasali* ) pokkharanitire niahäsäkavanasanc/e ), 
tassa vasanokära»7i ) gatä. So te disva pucchitvä sal>bam pa- 
vattlm sutvä tesu anukampam ) akäsi. So kira bhummajälanz ) 



') B tassä mahesiya ) B icchasiti, C Iccbäsiti ^) B 

punapunam, C punappuna ) C vaddhatiti ) B ädini, 

' C äditi *) B piitta ) B parinänietum ) C na/igarä 

) C accayenägantvä ' ) C no ) B bahu ) B 

; anubandhisu, C anubandhinsu ) B dutiyadivase ) B 

i tatiyadivase ) B janakäyo, C balakäye ) sa ce (s. 

I cel) schreibe ich wie no ce in zwei Worten: sa ist Affirmativ- 
Partikel, wohl wie in sakubbato Dhpd. v. 52. — (Dies sa ist das- 
selbe, das wir in den Brähma^a so oft finden: vgl. mein Väjas. 
S. spec. II, 90 und praef. p. 17. AW.) *^) B atikkamitvä 

) B sabbam ) B nappahemäti ) C na/igaram 

) D mapissama ) B agamaTTisu ) d na/?gara 

) C pativasati ) C mahäsäkasanrfe, B mahäsäkavanasonrfo 

) C vasanokäsa ) anukammam ) B bhümivajaya 

j [1S59.] 2i 



332 Gesaiinnlsitzung 

nama vlijam jänati yäya ) asitihatthe akase ca he//lia bhümiya^l 
ca^) gunadose passati. Ath' ekasmiTn padese sükaramiga silia- 
vyagghäilayo läsetvä ) paripätenll ) , ii)an</iikaniüsikä sap- 
pehi saTTina senti ). So te disva: ayam bhümippadeso pu- 
thtiviaggan') ti tasmim padese assamam mäpesi. Tato so rä- 
jakumäre aha: sa ce mama namena nagaram ) karotha dem! 
vo idam okäsan ti. Te tathä pa/ijanimsu ). Täpaso: imas- 
vaxrn okäse fhatva caniialaputto pi cakkavaltlm balena atise- 
titi ) vatva assame ra/j/to gharam mapetvä nagaram ) niapelha 
ti tarn okasam datvä sayam avidiire pabbalapäde assamam katva 
vasi. Tato kumara tattha nagaram ) niäpelva Kapilassa vutllio- 
käse ) katatta ) Kapilavatthun ti nämam aropelvä ) tallha 
niväsam kappesiim. Atha amaccä: ime kumärä vayappalta yadi 
nesam pilä ) santike bhaveyya so ävahavivaham käreyya ) Idani 
pana amhäkam bliäro ti cintetvä kumarehi pi saddhim manle- 
sum' ). Kumärä: amhäkam sadlsä khattiyadhitaro na passäma tä- 
sam ) pi bhagininam laTTi ) sadise khattiyakumäre jälisambheda/l 
ca na karoniä ti te jätisambhedabhayena je«habhaglnim ) mä- 
tu//häne <bapclvä avasesähi samväsaTTi kappesum. Tesam ) pitä 
tarn pavatlim sutvä Sakyä ) ti udänam udänesi ). Ayam täva 
Sakyänam uppatti. 

Vultam pi ) c'etam Bhagavatä: Atha kho AmbaUharäjä 
Okkäko amacce pärisajje ) äniantesi : kahan ) nu kho bho eta- 



) B fügt nach yäya hinzu uddham ) B he/hä ca 

bhümiyan ca ) C näsetvä? ) B parlpä/entl ") B 

säpenti. Sollte man nicht lesen: sappe samtäsenti? ) ß 

pathavi, C pulhuvi ) C nangaram ) B pa/ijänisnm 

) B cakkavallibalena atiseyyo ti ) C na^jgaram ) C 

vuttokäse ) B ka/altä ) C ärepetvä, B ursprüng- 

lich ebenso, aber korrigrrt in äropetvä. ) So beide Mss. 

) B kareyya ' ) C sammannesum ' ) B täsam 

) So beide Mss. Ob: na? ) C se//ham bhagini, B je//habhaginl 
) B tesam ) B Sakyä vata bho kumärä ) B fügt 

hinzu: taduppäya te sabbe pi yäva Suddhodano Sakyä näma jätä 
) C vuttam cetam ) C pärisajje ) B kaham 



vom 31. Märt 1859. 333 

rahl kumara sammantiti ). Atth! deva Himavantapasse') pok- 
kharaniya tire mahasakasa'x^o ) , talth' etarahi kiiniarä sam- 
manti * ), te jdtisambhedaLliaya * ) sakahi * ) bhaginihi saddhim 
Sii/iväsam kappentiti. Atha kho Ainba//haräja Okkako ) uda- 
nam udanesi: Sakyä ) vata bho räjakutnara ), paramasakya ) 
vata bho kumara ti, tadaggena ca pana Arnbatthasakjä ) pa«- 
Aayanti ), so ca Sakyänam ) pubbapuriso ti. 

Tato nesam je//habhaginiya kii//harogo udapädi, koviVärapup- 
phasadisani gattani ahesum. Rajakumara: imaya saddbim ekato 
nisajja/./hanabhojanadini karontanam ) pi upari esa rogo' ) sirn- 
kamatiti cintelva uyyanaki/akam' *) gacchanla viya tar« yane aro- 
petva är^nfiäm pavisitvä ) pokkharanim khanapetvä tattha ) 
kbädaniyabhojanlyena' ^) saddhi')7z pakkhipitva' ®) upari pa/iccha- 
detvä pamsum ) datva pakkamimsu ). Tena ca samayena 
Ramo näma raja ku//barogi orodhehi ca na/akehi ca jigucchiya- 
mäiio tena samvegena je//haputtassa rajjam datvä ara/l/iam pavi- 
sitvä tattba panna>älam katvä ) mülapbalani paribhu/ljanto na 
cirass' eva arogo ') suva/inava/ino hutvä ito c' ito ca vicaranto 
mahantam susirarukkham disva tass' abbhantare so/asahatthappama- 
tizm ) tarn ko/apaTO(?) ) sodhetva dvara« ca vatapana/l ) ca 
katva nissenim ) bandbitva tattha väsam kappesi. So a/igara- 



') B sampantiti ^) B Himavantapadesa ^) B ma- 

bäsakasencfo *) B sampanti ) B jatisam" ) B 

sakahi sakahi ) B ukkäko ) B Sakya ) B bho 

kumara ) C paz/j/Jayaiiti ) B Säkyanam ) B 

karontanam ) paparogo ^) B uyyanaki/am ) B 

paviselva '*) B tarn tattha '^) B "bhojanehi 

) B pakkhipetva ) B pamsu ) B pakkamlsum 

) C hat an Statt von pannasälam katva nur patta (panna?) 

*) C ärogo: so oft in den iMss., und vielleicht ist es unrichtig, 

es In arogo zu ändern, da es möglicher Weise Adjcctiv zu dem 

Substantiv arogo, = s. arogya sein könnte. Oder ist das a 

etwa Folge des Accenles wie in anubhavo? ) Bei(le Mss. 

haben "ppamanaw '^) B ko/h;»sam. S. unten ko/arukkha 

) vätayana/l? (A\V.) ^^) B niseni, C nissenim 

23* 



334 Gesamrnfsiizutig 

ka/ahe aggim katvä rattim vissara(~ ca ) sunanto sayatl. So 
asukasmim padese siho saddam akasi asukasmir« ca ) vyaggho ) 
ti sallakkhetva ) pabhate tatüia gantvä vighäsama77isam ädaya 
pacitvä khadati. Alh' ekadivasam so paccüsasamaye aggir« jä- 
letvä ) nisidi, tena ca samayena tassä rajadhitaya gandhawi gha- 
yitvä vyaggho ) izm padesam klianitvä padaraltare ) vivaram 
akäsi, tena vivarena vyaggham disvä bhitä vissaram akäsi, so ta?» 
Saddam sutvä itthisaddo ) eso ti ca sallakkhetva päto va tattha 
gantvä ko ettha ) ti aha, mätugamo sämili, nikkhamähiti, na 
nikkhaniamiti, kimkäranan ti, khaltiyaka/i/lä ahan ti, evar« sobbhe 
nikhätapi mänam eva karoti, so sabbaTTi pucchitvä : aham pi khat- 
tiyo ti ) jatirw äcikkhitvä ) ehi ")dänikhire pakkhittasappi vlya 
jäto ) ti aha, sä: kii«harogini-mhi' *) sämi na'*) sakkä nikklia- 
mitun ti aha, so katakammo däni aham sakkä tikicchitun ti nisse- 
nlm )datvä lani uddharitvä attano vasana//hänam' )netvä saya?;^- 
paribhuttabhesajjäni eva ) datvä na cirass' eva arogam' ) su- 
van?;iavannam akäsi, täya ca' ) saddhim samväsaz« kappesi, sa 
pa/hamasamväsen' ') eva gabbham gaiihltvä dve piitte vijäyi, 
puna pi dve ti ), evam so^asakkhattum vijäyi, evan ) te dvat- 
timsa ) bhätaro ahesum, te anupubbena vuddhippatte ) pitä 
sabbasippäni sikkhäpesi. Ath' ekadivasaz/i eko Rämara/fMO naga- 
raväsi ) pabhate' ) ratanäni gavesanto ta/u ) padesam ägato 
räjänam disvä a/5;läsi, jänäm' aham deva tumhe ti cäha, kuto 
tvam ägato sili etena pu//ho nagarato ) devä ti aha, tato nam 



) B visara/i ca ) C läfst ca aus. ^) B byaggho 

) B sallakkhitvä ) B aggi jalltvä ) B byaggho 

) C padaratthare. Ich vermuthe, dafs wir lesen müssen: pa- 

darantare. ^) C icchisaddo ') B eso '") C lalst 

ti aus. **) C äclkkhi ") B eti *') C jätan 

) B kuttharogimhi ' *) B na sämi * *) B niseni, (] 

nisserii ) C vasana//häna, B vasanokäsam ) C eva?/; 

) Beide Mss. ärogam ^°) B läfst ca aus. ^') B pa- 

thamao, C pa/ama" ^') B pi ^') B evam ''*) B 

dvattisa, C dvattim ^*) B vuddhipatte ^ ^) C na^'/gara 

^) B pappate, C sabbate ^*) B tarn pi ^') C na/i- 

garato 



vom 31. März 1859. 335 

räja sabbam pavaltim pucchl. Evam tesu samullapfyamanesa ) 
te daraka aganilmsu ). So te disva ime ke flevä ti pucchF^ 
putla nie bha/ie li, imehi däni deva dvatlimsakimiarehi parivuto 
vane kim karissasi elii rajjaTTi samanusasa ti, alam blia»re idh' eva 
siikhan tl. So: laddham dani nie kalliapabliatan ) ti naga- 
ra/n ) gantva rarlüo puttassa ärocesi ), ranno putto pitaram 
anessamiti ) catura»giniya senaya tatlha gantva nanappakarehl 
pilaram yaci. So pi: alan ) lata kumara idh' eva sukhan ti 
na ) iccbi. Tato räjaputto: na däni raja agantum icchati 
band' assa idh' eva nagaram ) mäpessarnili ) cinletva tam ko- 
/arukkham uddbaritva saram katva ) nagararw ) mapetva ko^a- 
rukkhaw apanetvä katattä ) Koianagaran ) ti ca vyaggha- 
palhe ) katatla Vjagghapajjan ) ti ca ti dve namani aropetvä 
agamasi. Talo vayappatte knniare matä anapesi ): tata tum- 
hakam Kapilavalthuvasino Sakyd mätnla ) bonti dbitaro nesam 
ganbalhä ti. Te ya^i divasawi khattlyakan/jäyo nadtki/anam ga- 
cchanti law divasam gantva nadilillham uparundhitvä' *") nänianl 
sävetva palthila ) rajadhitaro gabetva agamamsn ). Sakyara- 
jano ) tarn ) sutvä : bolu bbane ambäkaTTi //ätaka eva ) tl 
tuuhi ) abesiim. Ayam Ko/iyanam uppatti. 

Evam tesam Säkiya-KoIiyanaTTi a/j/iamanMam avabaviväba/u 
kaiontanam agato vanxso yava Sihahanuräja ) tava vittbarato 
veditabbo. Sihahanura/!/jo pana pa/üca putla ahesuwi: Suddho- 
dano Amitodano ) Dhotodano Sukkodano ) Sukkhodano ) ti. 



') C samuUapanesu ^) C agamimsu ^) B katbä- 

patatan ) C na^garam ) ("- arocetvä ^) B aney- 

yäniiti ) B alam ) B neva ) C nar/garam 

) C mapemiti ' ) B läfst saram katva aus. ' ^) B 

ka/atta ' ^) B byaggba" ' *) C anapesi ' *) B 

Sakyamätuyä ) B uparuddbitvä ^ ') B wiederholt pat- 

tbila ") B ägamamsu ") B Sakya" ''°) C läfst 

tarn aus. ') B ete ^^) B tu/ihi ^^) So beide 

Mss. '') B amittodano ^^) C Sukko '*) B Suk- 

kodano : Sp. Hardy Manual p. 134 bat Ghatitodano, vergl. Tur- 
nour im Mabävansa Cap, 2. p. 9. (Der Text daselbst sagt, 
es seien 5 Söhne, nennt aber nur vier.) 



336 Gesammtsitzung 

Tesu Suddhodane rajjam karayamänesu tassa pajapatiya ) Mabä- 
mäyädeviya kucchimhi piiritapärami ) mahäpuriso. Jatakanidane 
vuttanayena Tusitapurä cavitva pa.^lsandhim gahelva anupubbena 
katamahabhinlkkbamano ^) sammäsanibodbim '') abhisambujjhltva 
pavattavaradbammacakko ) yatbanukkamawi ) KapilavattbuTTi 
gaiitvä Suddhodanamabaräjadayo ariyapbale patl//bapelva ) jana- 
padacärikaTTi pakkamitvä puna pi aparena samayena paccägantva 
pannarasabi Lbikkhusatebi saddbim Kapilavattbusniim ) viharati 
Nigrodhäräme. Taltha vlharante ca Bhagavati Säkiya-Ko/iyänaTTi 
udakaiTz pa/Icca kalaho ahosi, katham : tesam ) kira ubhinnam ) 
pl Kapilapura-Ko/iyapuränaTi antare ) Roliini ) nama nadi pa- 
vattati, sä kadaci appodakä' ) boti kadäci mabodakä ), appoda- 
kakäle'*) setum katva Säkiyäpi Ko/Iyäpl attano attano sassapäya- 
nattbaiTz udakam änenli, tesam manussä ekadivasam setum ka- 
rontä'*) zfiiidimannäTn bbanrfantä ): are tumbäkam rajakulam 
bhaginihi saddbim samvasam kappesi kukku/asonasigäläditiraccbänä 
viya, tumbäkam räjakulant susirarukkhe väsam kappesi pisäcll- 
likä'*) viyä ti, evam jativädena kbuinselvä attano attano räjüna??! 
ärocesuTTj, te kuddhä yuddbasajjä butvä Rohminaditiram ) sam- 
patta, evan tam sägarasadisa/n balam ) a//basi. Atba Bhagava: 
/iätakä kalabam karonti banda ne väremiti äkäsenägantvä ) dvin- 
nam senanam majjbe a//häsi ), tarn pi ) ävajjilva ) Savat- 
tbito^*) ägato ti eke, /batvä''*) pana Attadanrfasutlam abhäsi, 
tarn sutvä sabbe samvegappattä ävudhäni cbarfrfelvä ) Bbaga- 



') B Tilgt binzu A/ijanaranno dbttäya ) C "mi 

) B "nikkbamanena *) B sammasambodbi ) B pa- 

vattitao *) B yatbanukkamena ^) B pa/I/hapelvä 

®) B "vattbumhl ') B nesam ' ") B ubbinnam 

') B samanantare ' ) B Robini ) C appodika 

•*) C madikä '*) C appodikao ' *) B karonto, C 

karontaTTz ) B a/z/jama/j^lam udakam ganbanta are 

* ®) B pisaci/ika ' ') B Rohininaditlram ) B eva/7i 

vibangasadisam balam *') B fikäsena gantva ) B 

dvinnam senämajjhe äkäse a/häsi ) C läfst tarn pi aus. 

''*) B ävajjetva ^*) B avathito kira '^*) B ibatvä ca 

*') B cba./etvä 



vom 31. März 1859. 337 

vantam namassamäna a/zhamsu mahaggha'l ca asanam pan/lape- 
sum, IJliagavä oriiyha pa/Tnaltasane nisiililva ku/härihaltho ) pu- 
riso ti ailikam Phandanajälakam vaiidämi ta/n ku/jjarä ti aclika>7i 
La/ukikajalakam 

samniodaniana gacchanti jalam adaya pakkhino 
yada le vivadissanti ) tada ehinti me vasan ti 
Imam Va//akajataka/i ca kathetva puna tesam clrakalappavattaTri 
natibhavaTz dassento iiiiam niahävamsam kathesi. Te pubbe pi 
kira niayam ;latakä eva ti ativlya ) pasidimsu. 

„Von den dem ersten kalpa angehörigen (Königen) hatte 
König Mahfisammaia einen Sohn Namens Roja: dessen Sohn 
war Vararoja: dessen Sohn Kalyäna: dessen Sohn Farakaljäna: 
dessen Sohn Mandhäia{r): dessen Sohn Varamandhuia{r) : des- 
sen Sohn Ufjosaiha ): dessen Sohn Cara: dessen Sohn Upa- 
cara: dessen Solin ) Maghcideva. Des Maghddeva Nachkom- 
menschaft waren 84,000 Fürsten. Darunter waren im Verlauf 
drei Okkäka- )Stämme. Der dritte Okkäka ) hatte fünf Frauen 
Haithd, Ciiia, Jantu, Julint, Vigäkhä, und jede derselben 500 
Frauen als Zofen. Die älteste Gemahlin halte vier Söhne Ok- 
kdriiukha , Karakandu , Hatihinika , Nipura, und fünf Töchter 
Pijä, Suppijä, Anandä, Vijild, f^ijilasenä: nachdem sie diese 



) B kudhari" ) B vicarissanti ') C ativa 

) Uposalha fehlt im Mahävansa Cap. 2. — Die Angaben aus 
dem Dipavansa bei Turnour J. As. Soc. ßeng. 1838 p. 925 dif- 
feriren hievon, indem auf Varakalya;ia daselbst Uposalha, dann 
Mandhala, darauf Cara, Upacara folgen. Wieder anders bei 
Hardy p. 126. ) Im Mahävansa 1. c. stehen zwischen 

Upacara und Makhädeva (so daselbst) noch mehrere andere Na- 
men. Ebenso im Dipavansa bei Turnour a. a. O. p. 926 und 
bei Hardy p 128. 129. ") Aus Ixväku, mit Wechsel von 

i in u (vgl. usu für ishu, ebenso im Zend, Milhra-Yesht § 24) 
und von u in o (vgl. Okkamukha)? oder besser wohl aus AIx- 
väka. — Der Mah.ivansa weifs nichts von drei Okkäkaslämmen: 
s. indefs Hardy p. 130 und Csoma Körösi a. a. O. ^) Am- 

ba//harajan mit Namen, s. im Verlauf. Hardy hat blos Amba. 



338 Gesammlsitiung 

neun Kinder erhallen hatte, starb sie. Da führte der König 
eine andere feine ), schöne Königstochter heim und machte sie 
zu seiner ersten Gemahlin. Auch sie gebar ihm einen Sohn. 
Am fünften Tage zeigte man dem Könige den neugebornen Kna- 
ben geschmückt. Der König erfreut gab seiner Gemahlin eine 
Wahlgabe. Nachdem sie sich mit Ihren Verwandten beralhen 
hatte, erbat sie für ihren Sohn die Herrschaft. Der König aber 
gewährte ihr dies nicht, sagend: „du böses Weib ), wün- 
schest meiner Söhne Verderben )!" Sie aber ging wie- 
derholentllch Im Geheimen, den König umschmeichelnd, mit 
ihren liltten vor, indem sie sagte: „ein grofser König darf sei- 
nem Wort nicht untreu werden" u. dgl. Da rief der König 
seine Söhne zusammen: „Kinder! ich habe, als ich den jüng- 
sten von Euch, den Knaben Jantu, sah, seiner Mutter übereilt 
eine Wahigabe gegeben: sie wünscht das Reich Ihrem Sohn 
übertragen zu sehen. Ihr mögt denn nach meinem Tode zu- 
rückkehrend die Herrschaft antreten." Damit verstiefs er sie, 
ihnen acht seiner Räthe beigebend. Sie aber verllefsen, Ihre 
Schwestern mit sich nehmend, in Begleitung eines vlerglledri- 
gen Heeres die Stadt ). Viel» Leute schlössen sich ihnen an, 



) dahara, klein, zart, fein. ) nassavasall = nagya- 

vnshali. Turnour: thou outcast! Hardy: lowcast woman. 
") antaräyam könnte auch blos Ausschllefsung bedeuten. ) Un- 

ser Text nennt den Namen dieser Stadt nicht. Nach Turnour 
a. a. O. p. 925 (the Okkäka-famlly quitting Baränasi founded 
Kapilavatthu) und Hardy p. 131 ist es Benares. Der Dipavansa 
selbst Indefs führt bei Turnour a. a. O. p. 927 Okkaka, Okkäka- 
mukha, Nlpura als löten 17ten 18ten König In einer Reihe von 
Fürsten auf, die sämmtlich bereits in Kapilavatthu residirten, 
während die ihnen vorhergehende Linie In Benares herrschte. 
— Die Tibetischen Quellen nennen (s. Csoma Körösl a. a. O.) 
als den Ausgangspunkt des ^akya- Geschlechtes „ Potala (Gru 
-hdsin, the harbour) the anclent Potala or the modern Tatta at 
the mouth of the Indus." Über den wahrscheinlichen Grund der 
Wahl dieses Ortes s. das von mir In den Akad.Vorles. über Ind.LIt. 
Gesch. p. 249 not. Bemerkte. — Der Name Amba//harajan übri- 



vom 31. März 1859. 339 

indem sie sich überlegten: „nach des Vaters Tode werden die 
Prinzen ziirückkelirend die Herrschaft antreten : lafst uns gehen, 
uns ilinen') anzuschh'efsen." Am ersten Tage war das Heer 
ein joj'anarn grofs ), am zweiten Tage zwei, am dritten drei. 
Die Prinzen hielten Rath: „dieser Heereskörper ist grofs. 
Wenn wir irgend einen Nachbar- König überfallend sein Reich 
nehmen wollen, wird er uns nicht zurückschlagen (können). 
Was soll uns aber ein Reich erlangt durch Beeinträchtigung 
Anderer? der Jatnbudvipa ist grofs: lafst uns im Walde eine 
Stadt erbauen." So zogen sie denn nach dem Himauant zu, 
daselbst einen Platz zur Errichtung einer Stadt suchend. Am 
Hirnavant wohnte ein ßüfser von gewaltiger Dufskraft, Namens 
Knpila, am Ufer eines Seees, das von einem Walde grofser 
<yaÄra-liäume umringt war ). Zu dessen Wohnort kamen sie. 
Sie erblickend frug er wer sie seien, und nachdem er ihre ganze 
Geschichte gehört, fühlte er Mitleid mit ihnen. Er hatte die Kunst 
inne, welche bhummnjäla heilst ), vermöge deren er auf 80 Hand 
Weite oben in derLuft und unten in der Erde Vorzüge und Mängel 
erschaute. So war da ein Platz gewesen, auf welchem die Schweine 
und die Rehe Löwen, Tiger u. dgl. in Schrecken zu setzen 
und in die Flucht zu schlagen pflegten; ebenso machten es da- 
selbst die Frösche und Mäuse mit den Schlangen. Als er diese 
(dies ihun) gesehn, hatte er in der Überzeugung: „dieser Land- 
fleck hier ist die Spitze der Erde," daselbst seine Einsiedelei 
angelegt. Er sprach nun zu den Prinzen: „wenn ihr die Stadt 
nach mir nennen wollt, so gebe ich Euch diesen Platz." Sie 
versprachen es ihm. Der Büfser fügte darauf hinzu: „auf die- 

gens führt auf die (damals vielleicht noch nördlicher sitzen- 
den?) 'A.fJ.ßaTTai an der Tapti jenseits des Vindhya (oder 
ob zu zu den Abastanern am Indus, Lassen Indien II, 173?) 
) ne = enan. ) „this multltude marched 

one yojana only" Turnour. ,,the retinue of the princes extended 
sixteen miles" Hardy. ' ) san<7a = sandra. ) bhoml- 

lakkhanam, Turnour: bhümlvljaya, Hardy (vgl. B) : — bhumma- 
jäla steht also wohl für bhümljala, und bezeichnet, gegenüber 
dem auf die Luft bezüglichen indrajala, die die Erde wie ein Netz 
umfassenden Zauberkünste? 



340 Gesammtsitzung 

sem Platze sich befindend würde sogar ein Candäla -So\\n einem 
{Cakravarlin) Weltherrscher an Kraft überlegen sein '). Baut 
zuerst des Königs Haus in der Einsiedelei, danach die andere 
Stadt": daraufräumte er ihnen den Platz ein, und machte sich 
selbst nicht weit davon am Fufse des Berges eine Einsiedelei, 
wo er wohnte. Die Prinzen bauten darauf daselbst die Stadt, 
gaben ihr, weil sie auf dem von Kapila ihnen genannten Platze 
ihr Ziel erreicht halten ), den Namen Kapilavatlhu und schlu- 
gen darin ihren Wohnsitz auf. Es überlegten nun die (mitge- 
gebenen) Käthe: „diese Prinzen sind in das Jünglingsalter ein- 
getreten. Wenn ihr Vater in der Nähe wäre, würde er ihr 
Heimführen und ihre Hochzeit besorgen. Jetzt aber ist das 
unsere Sorge": sie sprachen darauf hievon mit den Prinzen, 
Die Prinzen waren der Ansicht: „wir sehen nicht unser wür- 
dige Fürstentöthter, noch für unsere Schwestern deren würdige 
Fürstensöhne. Geschlechtserniedrigung ) aber gehen wir nicht 
ein." Aus Furcht somit vor Erniedrigung ihres Geschlechtes 
setzten sie die älteste Schwester als ihre Mutter ein, und wohn- 
ten den übrigen Schwestern bei. Als ihr Vater von diesem 
ihrem Vorgehen hörte sprach er (erfreut) den Spruch: „Fähig 
(sakj'd) fürwahr sind meine Prinzen." Dies ist die Entstehung 
der Sa fcja (des faÄ-/a- Geschlechtes). Von da ab sind bis zu 
Suddhodana Alle Sahya genannt worden )." 

Auch Folgendes erzählte Bhagaoant ) : 

Ambatiharäjan, der Okkäka, frug einst seine beisitzenden 
Bäthe: „wie mögen wohl jetzt die Prinzen sich befinden )!" 
Sie antworteten : „es ist, o Herr, an der Seite des Himavant 
am Ufer eines Sees ein Wald von grofsen »yaAra- Bäumen ); dort 

*) atiseti = ati^ete vgl. ati^aya, ati^ayana etc. ) ka- 

tatta, wohl kritarthä;?»? der Ausfall der Aspiration ist indefs auf- 
fällig. ') sambheda im Sinne von samkara. ) Soweit Turnour 
Mahäv. praef. p. XXXVI. *) Es folgt ein anderer kurzer Be- 
richt des Bisherigen. ) (;ramyanti eig. „zu leiden haben", 
ein Ausdruck des Mitleids von Seiten des reuigen Vaters. ) da 
auch hier wieder die Saka(^äka)-Bäume (Tectona grandis) ge- 



vom 31. März 1859. 341 

befinden sich jetzt die Prinzen: aus Furcht vor Erniedrigung 
des Geschlechtes wohnen sie Ihren eignen Schwestern bei." Da 
sprach Ambattharajan, der Okhäka, den Spruch : „Fähig für- 
wahr sind die Prinzen!" Seitdem sind sie als die Ambattha- 
sak/a {['Äh\^tn AmbaUha) bekannt, und dies ist der Ursprung (?) 
der Sak/a. 

Da traf sich's, dafs ihre älteste Schwester am Aussatz er- 
krankte: ihre Gh'eder glichen den Blumen des koviddra-haa- 
mes ). Die Prinzen überlegten sich: „Wenn wir mit Dieser 
zusammen an einem Orte Lager, Aufenthalt, Essen u. s. w. thei- 
len, so wird diese böse Krankheit auch auf uns übergehen." 
Sie hoben sie daher auf den Wagen, als ob sie zu einem Spiel 
im Freien zögen, und als sie in den Wald gekommen, gruben 
sie eine grofse Höhlung ), thaten sie, mit Nahrung und Speise 
versehen, hinein, deckten die Grube oben zu. Indem sie Erde 
darauf häuften, und gingen davon. Zu derselben Zeit war auch 
ein König ) Namens Hämo vom Aussatz befallen worden, der, 
da seine Frauen und Verwandten sich vor ihm scheuten. Im 
Kummer darüber seinem ältesten Sohn das Reich iiberliefs, und 
in den Wald zog. Er baute sich da eine Hütte von Laub, 
nährte sich von Wurzeln und Früchten und ward dadurch in 
Kurzem wieder gesund und von klarer Farbe ) Im Walde 
hin und her streifend sah er einen grofsen bohlen Baum*): er 
reinigte die sechszehn Hand grofse Höhlung ) im Innern des- 
selben, machte eine Thür und ein Luftloch (Fenster) hinein. 



nannt werden, liegt die Vermuthung nahe, dafs der Ursprung 
des Namens Sakya (^akya) mit ihnen in Verbindung stehe. 

) Nach Wilson ist kovidara eine Art Ebenholz, Baiihlnia va- 
riegata: „her whole body bccame white like ihe flower of the 
mountain ebony" Hardy. ) elg. einen Lotusteich! *) „king 
of Benares" Hardy, was aber nicht zu der früheren Angabe (auf 
p. 131) pafst, wonach König Amba in Benares herrschte. ^)suvar- 
navarnah, von goldener Farbe „pure as a statue of gold" Hardy. 

) susira, sushira. ) Statt ko/apam und ko/häsam vermuthe 

ich ko/aram. 



342 Gesammlsitzung 

band eine Leiter an, und schlug darin seine Wohnung auf. In 
einer Kohlenpfanne machte er sicli Feuer und lag in der Nacht 
nach den Tönen (der Thiere) lauschend da. „An dem') Platze 
hat ein Löwe gebrüllt, an dem ) ein Tiger" das sich merkend 
ging er am Morgen dahin, nahm das (von diesen) beim Frafs 
übriggelassene Fleisch an sich, kochte es und niihrte sich damit. 
So safs er eines Tages gegen Morgen da, nachdem er sein 
Feuer angezündet hatte. Da geschah es, dafs ein Tiger die 
Witterung der Königstochter bekam, und <len Platz aufgrabend 
ein Loch in ihre Höhle machte. Als sie den Tiger durch das 
Loch erblickte, stiefs sie erschreckt ein Geschrei aus. Der 
Prinz hörte die Stimme und da er sie als die Stimme eines 
Weibes erkannte, ging er am Morgen dahin. „Wer ist hier?" 
sprach er. „Ich bin ein Weib^), Herr!" „So komm heraus." 
„Nein, ich komme nicht." „Warum?" „Ich bin ein Fürsten- 
kind." So, obwohl in einer Höhle ) vergraben, wahrte sie doch 
ihren Stolz. Da frug er sie nach Allem, sagte ihr dann: „auch 
ich bin ein Fürst," nannte ihr sein Geschlecht und sprach: 
„komm nur! ich bin geworden, wie die Butter {sarpis), die auf 
der Milch schwimmt )." Da sagte sie: „ich bin krank am Aus- 
satz, Herr! ich kann nicht herauskommen." Erfreut*) antwor- 
tete er nun: „ich bin im Stande, dich zu heilen )," reichte ihr 
die Leiter, zog sie heraus, führte sie nach seiner Wohnung, gab 
ihr die Heilkräuter, die er selbst gegessen hatte, machte sie In 
Kurzem gesund und von klarer Farbe, und wohnte ihr dann 
bei. Von der ersten Beiwohnung ward sie schwanger und 
gebar ihm zwei Söhne, ebenso das zweite Mal, und so sechszehn 



) asukasmim, von asuka, einer Weiterbildung vom Nomin. 
asu (asau). ) matugäma, eig. Mutterschaar, dann entspre- 

chend dem antaApura, Frauenzimmer, yvvaiKSiOV auch für ein 
einzelnes Weib gebraucht. ) soLbhe, ^vahhre. ) d. I. 

so leicht, so leichten Mulhes, so froh. „our meeting together 
is like that of the waters of the rain and the river" Hardy. 
*) So ist katakammo wohl zu fassen. ) sakko zu lesen? 

tikicch für cikicch, eine höchst interessante Form. 



vom 31. März 1859, 343 

Male. So waren es denn zweiunddrelfsig Brüder, die der Vater 
der Reihe nach wie sie verständig wurden, in allen Fertigkeiten 
unterrichtete. Eines Tages kam ein Bewohner der Stadt des 
Königs Räma, der auf dem Berge Edelsteine suchte, nach jenem 
Orte, sah den König, erkannte ihn und sprach: „ich erkenne 
dich, hoher Herr ) !" „Woher kommst du?" von ihm befragt, 
antwortete er „aus der Stadt, hoher Herr!" Da frug ihn der 
König, wie Alles stünde. Während sie so zusammen sprachen, 
kamen die Knaben ) herzu. Sie sehend frug Jener „wer sind 
diese?" „Meine Söhne, Freund )1" „O hoher Herr! was 
willst du, umgeben von diesen 32 Prinzen, Im Walde machen! 
komm doch! und verwalte dein Reich!" „Genug damit, Freund! 
Hier allein ist mir wohl." Jener aber: „jetzt habe ich ein wah- 
res Geschenk ) von einer Nachricht gewonnen" also denkend, 
ging in die Stadt zurück und enthüllte (berichtete) dem Sohne 
des Königs. Dieser machte sich mit einem vlergliedrigen Heere 
auf dorthin, um seinen Vater zurückzuführen, und bestürmte 
denselben auf alle Welse mit seinen Bitten. Der Vater aber: 
„genug mein lieber Sohn! Hier allein ist mir wohl" also spre- 
chend willigte nicht ein. Da dachte der Königssohn: „der Kö- 
nig will nun einmal nicht zurückkehren. Wohlan'), so will 
ich ihm hier eine Stadt bauen." So llefs er denn den kola~ 
Baum*) herausnehmen, einen Teich graben und eine Stadt 
Lauen, gab derselben die beiden Namen Koianagara und Vyag- 



) deva, elg. „Gott!" die höfische Anrede für den König. 

) däraka Kind, und dara (daras) Frau gehen wohl auf [/ dar 
„spalten" zurück. In dem Sinne, den dies Verbum sonst nur In 
Verbindung mit Praeposition a hat: „sich abarbeiten, mühen, 
sorgen, bekümmern um etwas": bedeuten also eigentlich wohl 
„was Sorge, Mühe macht, Pflege braucht", ähnlich also wie 
bliarya, bh.ritya. ) bhane Voc. von bhani „der Einem zu- 

spricht, Freund"? oder wie? ) prabh/Ita a present, an of- 

fering to a delty or soverelgn, Wilson. ) handa, ge- 

schwächt aus hanta, eigentlich Schlachtruf, resp. plur. Imper. 
„schlagt todt," dann überhaupt Ausruf der Freude, Ermunterung. 

) the kolom tree, Nauclea cordlfolla, Hardy. 



344 Gesamrntsitzung 

ghapajja, weil sie durch Hinwegräumung des ATo/a-Baumes und 
dem Pfade des Tigers folgend ihr Ziel erreicht hatten, und zog 
heim. — Als darauf die Prinzen das Jünglingsalter erreicht hat- 
ten, sprach zu ihnen die Mutter: „Kinder! die in Kapilavatihu 
wohnenden Sakja s\\\A eure mütterlichen Oheime! Suchet ihre 
Töchter üu erhallen." So machten sie sich denn eines Tages, 
als die jungen Fürstinnen zum Spiel nach dem Flusse gingen, 
auf, bemächtigten sich des Flufsufers, riefen ihre Namen aus, 
traten vor, nahmen die Königstöchter und zogen mit ihnen 
heim. Die 5'flAr/a- Könige, als sie es hörten, dachten: „lafst es 
sein! wohlan ): es sind ja unsere Verwandten," und waren still. 
Dies ist die Entstehung der KoHya. — 

Von den in dieser Weise gegenseitig Heimführung und 
Hochzeit übenden Sdkiya und KoHja pflanzte sich das Ge- 
schlecht bis z\\{Sihahanu fort, wie (anderswo) ausführlich zu ler- 
nen ist. König Sihahanu aber halte fünf Söhne: Suddhodana, 
ylniitodana , Dhotodana , Sukkodnna, Sukkhodana. Dieselben 
liefsen die Herrschaft bei Suddhodana. Der Schoofs von des- 
sen erster Gemahlin MahämdjdJevi, Tochter des Königs Anjana, 
ist es, in welchen der vollendete hohe Mann"), in der im Jätnka- 
nidäna beschriebenen Weise aus der Stadt der Tushiia-GöVltv 
herabkommend ), sich einliefs; ordnungsgemäfs ihn verlassen 
habend, erreichte er die volle Erkenntnifs, setzte das Rad des 
guten Gesetzes in Bewegung, kam als es die Reihe war nach 
Kapilavatihu zurück, setzte den grofscn König Suddhodana etc. 
in die Frucht der Edlen ein, zog wieder aus um in den Ländern 
umherzuwandeln, kehrte zu einer andern Zeit wieder zurück und 
wohnte mit 1500 bhikkhu In Kapilavatihu im Nigrodha-W»\ne. 
Als nun damals der Bliagavant daselbst sich aufhielt ), entstand 
zwischen den Sdkija und Koli/a ein Streit über Wasser. Wie 
geschah das? Zwischen den beiden Städten Kapilapura uud 
Kolijapura nämlich ist ein Flufs Namens Rohini ): der hat 

') bhane, wörtlich: „o Freund"? ) Buddha nämlich. 

') cavitvä, V cya, geu. ) s. Dhammapada p. 351. 

Hardy Manual p. 307. *) Hardy 1. c. : the Rohini is said 

by Klaproth to come from the mountalns of Nepaul, and after 
uniting with the Mahanada, to fall into theRaply, ncar Goruckpur. 



vom 31. März 1859. 345 

manchmal wenig Wasser, manchmal viel. Wenn wenig Was- 
ser ist, pflegen die Sükijra wie die Koliya sich das W^asser zur 
Berieselung ihrer Felder durch Anlegung von Kanal- Kinnen zu 
versclKiffen. Eines Tages, al» ihre Leute dabei beschäftigt wa- 
ren, und einander das Wasser wegnahmen ), schimpften sie sich 
mit ihrer Herkunft: „Euer Königshaus hat den eigenen Schwe- 
stern beigewohnt, wie Hunde, Schweine ), Schakale u. dgl. Ge- 
thier": „Euer Königshaus hat in einem hohlen ßaume gewohnt, 
wie die Fledermäuse )," und meldeten es dann ihren Königen. 
Erzürnt rüsteten ) sie sich zum Kampfe, und zogen nach dem 
Ufer der Rohini. Ihr Heer war einem Vogelschwarme gleich*). 
Da kam BJiagavant: „meine Verwandten streiten sich: wohlan 
ich will sie davon zurückhalten" also denkend, durch die Luft 
herbei, stellte sich zwischen die beiden Heere — Einige sagen, 
er kam von Sävatihi, weil man ihn holen llefs ) — und recitirte 
(so, InderLuft)stehend das y///at/oi?<^ajt///a (von denen, welcheden 
Stock heben, iy^^/anj/ya/a 4, 15). Dieses gehört habend, warfen Alle 
von Bewegung ergriffen ihre Waffen nieder ), verneigten sich 
dem Bhagavant, und liefsen Ihm einen kostbaren Sitz zurecht 
machen. i?Äcf^afa«/ stieg herab, nahm auf dem dargebotenen Sitze 
Platz, recitirte das Pliandanajdtaka (48, 2) welches beginnt „ein 
Mann, der eine Axt in der Hand hat," sodann das Latukikajätaka 
(36,7), welches beginnt: „ich preise den, o Elephauten!" und 
das rattakajdlaka (40, 9) : 

„wenn einig, fliegen freudevoll mit dem Netze die Vögel fort: 

wenn aber sie uneins werden, dann kommen sie in meine 

Macht")." 

') oder nach C „und sich einander aufzogen" (s. V hhid). 

) sona ? „llke pigs and dogs." Hanly. ) pl(;aclllika ? „Ilke 

bats" Hardy. ") sajja, eigentlich sajya, deren Bogensehne ge- 

spannt Ist. ) oder nach C: einem Meere. *) ävaj- 

jitva Ist wohl Gerundium PassivI (des Causativs ?) von ]/vraj, mitä. 

) charfrfelvä, )/ chard vomcre. ) Dieser Vers, somit das 

betreffende Jälaka, basirt offenbar auf derselben Geschichte, die 
wir im zweiten Buche des Pancatantra (wie Im Eingänge des 
HItopade(;a) vorfinden: vgl. ibid. v. 10 und Hilop. I. v. 37, wel- 
che beiden Verse zusammen ein getreues Abbild unsers Verses 



346 Gesammtsitzung vom 31. März 1859. 

Darauf setzte er ihnen ihre aus aller Zeit stammende Verwandt- 
schaft auseinander, und erzählte ihnen ihren hohen Stammhaum. 
Sie aber: „von Alters her sind wir Verwandte" also erkennend 
nun überaus friedlich wurden". — 



Hr. Braun legte alsdann vor: Florae Columbiae ter- 
raruinque adjacentiuin specimina selecta, ediditHer- 
niannus Karsten, fasciculus I, Berolini apud Diimmlerum 1858 
mit begleitenden Bemerkungen über das Werk im Allgemeinen 
und die in demselben dargestellten neuen Pflanzenarten im Ein- 
zelnen. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Revue archeologique. 15™= annee. Livr. 12. Paris 1S59. 8. 

Proceedings of tlie Royal Geographical Sncielr of London. London 
1859. 8. 

Mulder, Schcikundige Verhandelingen. Deel II, Stuk 1. Rotterdam 
1858. 8. 

Nicoliicci, Delle razze umane saggio elnologico. Vol. 1.2. Napoli 
1858. 8. 

V. Kokschaiow, Materialien zur Mineralogie Rufslands. 3. Band. 
Petersburg 1858. 8. 

Robert Sc h mi d t, Theoretisch -prahtlscher Lehrgang der A.ronometrie. 
Leipzig 1859. 8. mit Atlas in folio. Mit Schreiben des Hrn. Ver- 
fassers, d. d. Berlin 24. März 1859- 



hier geben. Es erhalten hierdurch FausböU's Worte (s. obenl 
p. 329) über die Bedeutung der Jätaka für die mittelalterliche 1 
und neuere Volksliteratur gleich einen praktischen Beleg, wobei! 
ich Im Übrigen auf das schon im dritten Bande der Indischenl 
Studien p. 356 — 61 von mir darüber Bemerkte verweisen kann. 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der Königl. Preufs. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat April 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Ehrenberg, 



ijl 7. April. Gesammt Sitzung der Akademie. 

Hr. Ewald las über die jurassischen Bildungen der 
Provinz Sachsen. 

In einer früheren Mittheilung wurden die untersten 
I Lias-Bild ungen des zwischen Magdeburg und dem Harz ge- 
I legenen Theils der Provinz Sachsen besprochen. In Vergleich 
! mit diesen, die ausgedehnte Gebirgsmassen zusammensetzen, 
, I treten alle übrigen jurassischen Gesteine des genann- 
ten Landstrichs, welche den Gegenstand der folgenden Erör- 
terungen bilden, nur untergeordnet auf. Indessen sind auch sie 
I sorgfältig zu beachten, wenn es sich um den Bau und die 
'' Entslehungsweise des östlichsten Theils der subhercynischen Hü- 
•j gel handelt. 
' Was von jurassischen Gesteinen, die jünger sind als der 

' unterste Lias, in der Provinz Sachsen vorhanden ist, ordnet sich 
i .. . 
■ räumlich zu sechs Gruppen von Vorkommnissen zusammen, von 

I denen jede einen durch die orographischen Verhältnisse des Lan- 
des scharf begrenzten Bezirk einnimmt. Diese sechs Gruppen 
von Vorkommnissen sollen einzeln betrachtet werden, indem mit 

1 der südlichsten begonnen wird: 

Cl85y.] 24 



348 Gesaninitsilzung 

Erste Gruppe. — Dieselbe ist In der grofsen, zwischen 
dem Harz einerseits und dem Fallstein, Huy und Hakel anderer- 
seits sich einsenkenden, nach Westen geöffneten, nach Oslen 
aber durch das Plateau von Aschersleben geschlossenen Bucht 
enthalten, welche man als die Halberstädter Bucht be- 
zeichnen kann, und welche ihren allgemeinen Umrissen nach be- 
reits vorhanden war, als die jurassischen Gesteine sich absetzten. 
Diese treten in einem schmalen Streifen am nördlichen Rande 
der Bucht zu Tage; der südliche am Harz entlang laufende 
Rand hat bekanntlich, so weit er der Provinz Sachsen angehört, 
also westlich bis an die Ecker, keine Spur davon aufzuweisen. 

Auch im nördlichen Rande finden sich jurassische Gesteine, 
wenn man von dem Vorkommen derselben bei Homburg, wo 
die Bucht sich öffnet, absieht, nur zwischen Halberstadt und 
Hoym. Es waren von hier bisher nur Gesteine des unter- 
sten Lias bekannt, welche bei Halberstadt jene reiche durch 
Dunker in den Paläontographica Vol. I. beschriebene fossile 
Fauna geliefert haben. Von Halberstadt aus läfst sich der un- 
terste Lias bis über Dittfurth hinaus auf das rechte Ufer der 
Bode verfolgen. Schon in Dittfurth selbst finden sich im Han- 
genden desselben Thone, welche wahrscheinlich jüngeren juras- 
sischen Bildungen angehören, indefs -zu wenig aufgeschlossen 
sind, um sich mit Sicherheit bestimmen zu lassen. Geht man 
aber, das in dieser Gegend herrschende Streichen der Gesteine 
inne haltend, weiter nach Osten, so gelangt man südlich von 
Hoym am linken Ufer der Selke auf mächtigere Thonmassen, 
deren organischer Inhalt keinen Zweifel darüber läfst, dafs es die 
Schichten des Ammonites opalinus sind. In der That 
hat sich hier in neuester Zeit nicht allein der Ammonites opa- 
linus selbst, sondern auch der dieses Niveau bezeichnende Arn- 
moniies torulosus, so wie ein Belemnit, der dem tripartiius am 
nächsten verwandt ist, vorgefunden. Auch die Erhaltung der 
Schalen mit ihrer opalisirenden Oberfläche ist ganz dieselbe, die 
sich an anderen Orten in diesem Niveau so häufig zeigt. 

Betrachtet man die Thone des Ammonites opalinus als zum 
braunen Jura gehörig, so ist das Vorkommen bei Hoym das ein- 
zige bis jetzt bekannte von braunem Jura in der Provinz Sach- 
sen. Verbindet man sie jedoch, wofür gewichtigere Gründe 



vom 7. ^pril 1859. 349 

sprechen, mit dem Lias, so ergiebt sich, da von den Bildungen 

■ zwisclien den Schichten des Amnionites opalinus und dem weifsen 
l^! Jura in der Provinz Sachsen noch keine Spur entdeckt worden 
f I ist, dafs der braune Jura daselbst in seiner Gesammtheit noch 
> I vermifst wird, während der Lias sich in um so gröfserer Mannig- 
^ faltigkeit entwickelt zeigt. 

1 Ebenfalls noch zur ersten Gruppe jurassischer Vorkomm- 

li nisse gehören die Lias- Gesteine, welche das zwischen Langen- 

\ stein und Badeborn mitten aus der Halberstädter Bucht sich er- 

t| hebende Q uedlln burger Geb irge darbietet. In dem auf der 
linken Seite der Bode gelegenen Theile dieses Gebirges bildet der 

fi Lias, wie sich trotz seiner spärlichen Aufschlüsse nachweisen 

« läfst, von dem in der Erhebungsaxe entblöfsten Keuper gegen 

^ die Stadt Quedlinburg hin ein regelniäfsig aus dem Liegenden 

•j ins Hangende fortschreitendes Profil; er umzieht ferner diesen 

1 Keuper auf dessen nördlicher, zum Theil auch auf dessen süd- 

ii lieber Seite. Aufser dem untersten Lias finden sich hier die 

!• Arieten- Gesteine mit Amnionites Bucklandi und Grjphäa ar- 

!t cuata und beide Abtheilungen des mittleren Lias, sowohl die 

1- untere, durch zahlreiche Belemniten und Ammoniles capricornus 

i- charakterisirt, als auch die obere, letztere in Form von Thonen 

1 mit Aiiunonites costaius. — In dem auf der rechten Seite der 

ii Bode liegenden Theile des Quedlinburger Gebirges sind jurassi- 

it sehe Bildungen, die jünger sind, als der unterste Lias, nur in 

• einem sehr schmalen Bande, das an der Südseite des Sewecken- 

(1, berges entlang zieht, zu beobachten. Aus diesem Bande sind 

li seit längerer Zeit Arieten-Gesteine und beide Abtheilungen des 

il mittleren Lias bekannt. Hierzu sind nun aber zwei Glieder des 

1- oberen Lias hinzuzufügen, und zwar das untere Glied dessel- 

1 j ben oder das Schichtensystem der Posidonienschiefer und das 

« obere oder das Schichtensystem Ats Ammoniles radians und yw- 

!t rensis, von denen sich das erstere im ganzen Bereich der Pro- 

ii vinz Sachsen nur noch im Allerthale, das letztere aber über- 
haupt noch an keinem anderen Punkte dieser Provinz mit Sicher- 

■ heit hat nachweisen lassen. 

]■ Der Posidonienschiefer ist hier nicht in Form von 

il bituminösen Mergelschiefern entwickelt, sondern von hel- 
lt len Kalkschiefern, die man ihrer petrographischen Beschaf- 

24« 



350 GesnrnT7>/silzung 

fenhelt nach schwer als diesem geognostlschen Niveau ange- 
hörend erkennen würde, die jedoch eine Reihe charakteri- 
stischer Versleinerungen desselben enthalten. Posidonien sind 
darin zwar noch nicht gefunden worden, wohl aber Ammonites 
communis und serpentinus , SO wie in grofser Menge Avicula 
suhstriata und Inoceramus dubius, damit zusammen stellenweise 
zahlreiche Zähne und Schuppen von Ganoid-Fischen. 

Das jüngere Glied des oberen Lias zeigt sich hier in 
Form von grauen kalkigen Mergeln, welche mit Thonen in Ver- 
bindung vorkommen und von organischen Resten namentlich den 
Ammonites radians geliefert haben. 

Es sind also überhaupt in der Halberstädter Bucht aufser 
dem durch Ammonites psilonotus und Ostrea irregularis charak- 
terisirten untersten Lias folgende jurassische Schichtensysteme 
entwickelt: 

1) der Ar iete nlias, 

2) der untere Theil des mittleren Lias, durch zahlreiche 
Belemniten und Ammonites capricornus bezeichnet, 

3) der obere Theil des mittleren Lias, den Ammonites costa- 
tus und amaltheus enthaltend, 

4) der untere Theil des oberen Lias (das Äquivalent der Po- 
sidonienschiefer), 

5) der obere Theil des oberen Lias (das Schichtensystem des 
Ammonites radians und jurensis\ 

6) der untere Theil des obersten Lias (die Thone Aes Am- 
monites opalin us). 

Zweite Gruppe. — Der zweiten Gruppe von jurassischen 
Gesteinen, welche jünger sind als der unterste Lias, gehören 
die Arietengesteine und die durch Hrn. von Strombeck be- 
obachteten mittleren Liasbildtingen auf dem kleinen aber ausge- 
zeichneten Plateau von Pabstdorf an, das seiner Hauptmasse nach 
aus unterstem Lias besteht. Es kann nicht zweifelhaft sein, dais 
diese LIasgesteine sich einst in dem inneren östlichen Winkel der 
Bucht abgesetzt haben, welche sich noch jetzt zwischen Fallstein 
und Huy einerseits, und Asse und Heeseberg andererseits verfol- 
gen läfst, gleich der von Halberstadt nach Westen geöffnet ist und 
als Bucht von Pabstdorf bezeichnet werden kann. Wenn den- 
noch der Lias von Pabstdorf, statt den Boden dieser Bucht zu bilden, 



vom 7. ^pril 1859. 351 

als Plateau über seine Nachbarschaft hervorragt, so hat dies 
jedenfalls nur in der Zerstörbarkelt der ihn umgebenden Keu- 
perniergel seinen Grund. 

In derselben Bucht liegen ferner die jurassischen Vorkomm- 
nisse von Rohrsheim, welche ursprünglich mit denen von Pabst- 
dorf in Znsammenhang gestanden haben und gleich jenen über 
unterstem Lias die Arieten-Gesteine und den mittleren Lias be- 
obachten lassen. 

Westlich von Rohrsheim theilen sich diese Gesteine über 
Tage in zwei Arme, von denen der eine am Nordflügel, der an- 
dere am Südflijgel der Bucht bis zu ihrer Ausmündung in die 
grofse Braunschweigische Ebene entlang zieht. Zwischen bei- 
den Lias -Armen dringt die Kreideformation von Westen nach 
Osten vor. 

Dritte Gruppe. — Zur dritten Gruppe der zu betrach- 
tenden Lias -Vorkommnisse gehört auf preufsischem Gebiet die 
Lias-Masse von Ohrsleben. Dieselbe hat sich ursprünglich in 
einer dritten westlich geöffneten Bucht abgesetzt, welche süd- 
Kch von der Asse und dem Heeseberg, nördlich vom Elm be- 
grenzt wird und als Bucht von Ohrsleben bezeichnet wer- 
den möge. Gegenwärtig tritt der Lias von Ohrsleben nichts 
desto weniger wie der von Pabstdorf in Form eines Plateaus auf. 
Dieses Plateau halte bisher aufser dem untersten Lias nur noch 
Arletengesleine geliefert, enthält indefs, wie sich neuerlich ge- 
zeigt hat, gleich der Pabstdorfer Gegend auch den mittleren Lias. 
Man überschreitet denselben, wenn man sich von dem Hötens- 
lebener Vorwerk nach Norden wendet. Die daselbst allerdings 
' nur schwach entblöfsten Thone mit Thonelsensteingeoden bewel- 
; sen schon allein durch die vielen Belemniten, die sie enthalten, 
; dafs sie keiner älteren Abtheiiung des Lias angehören können. 
Weiler westlich theilt sich auch der Lias von Ohrsleben in zwei 
ij Arme zwischen denen die Kreideformation aus der Gegend von 
Braunschweig her gegen .Osten vordringt. 

Während auf diese Weise die Liasmasse von Ohrsleben mit 
der von Pabstdorf im Allgemeinen sehr grofse Ähnlichkeit dar- 
bietet, unterscheidet sie sich von derselben dadurch, dafs sie 
nicht gleich jener das östliche Ende der Bucht darstellt, der sie 
angehört. Im Gegentheil setzt sie nach Osten unter dem Ter- 



352 Gesamrnlsilzung 

tlärgebirge der grofsen Helmstädter Braunkohlenmulde fort, um 
sogar noch jenseits derselben in einem kleinen Bezirke bei Wars- 
leben zum Vorschein zu kommen. Von den daselbst auftre- 
tenden Thonen war es lange zweifelhaft, welcher Abiheilung 
des Lias sie angehören, bis vor Kurzem feste Gesteine darin 
aufgefunden worden sind, welche nicht allein petrographisch mit 
dem mittleren Lias der dortigen Gegenden vollständig überein- 
stimmen, sondern auch neben zahlreichen Belemniten einen Theil 
der am Rautenberge bei Schöppenstedt vorkommenden Ammo- 
nlten-Arten enthalten. Hier endet mit dem mittleren Lias zu- 
gleich auch der Arieten-Lias der Ohrslebener Bucht, und ein nur 
wenig weiter östlich, nämlich zwischen Üplingen und Becken- 
dorf, liegender Punkt, wo Arieten- Gestein zu Tage tritt, gehört 
entschieden schon dieser Bucht nicht mehr an. 

Vierte Gruppe. — Während die drei bisher betrachte- 
ten Gruppen jurassischer Vorkommnisse in der Längsausdehnung 
der sie einschliefsenden Buchten eine dem nördlichen Harzrande 
parallele, d. h. eine westnordwestliche Richtung hervortreten 
lassen, folgen jetzt drei andere, in denen sich diese Richtung 
mit der des Magdeburger paläozoischen Gebirges d. h. mit einer 
nordwestlichen bis nordnordwestlichen vertauscht. 

Die erste dieser drei letzteren Gruppen besteht aus den 
Arielen -Gesteinen, welche sich auf dem durch untersten Lias 
gebildeten Plateau zwischen der Helmstädter Braunkohlenmulde 
und dem oberen Allerthale vorfinden. 

Bei den mannigfachen Analogien, welche dieses Plateau mit 
denen von Pabstdorf und Ohrsleben darbietet, wird man nicht 
anstehen, ihm einen ähnlichen Ursprung und eine ähnliche Be- 
deutung wie jenen zuzuschreiben und anzunehmen, dafs auch 
seine Gesteine sich ursprünglich auf dem Grunde einer Bucht 
abgesetzt haben, selbst wenn die Ränder dieser letzteren nicht 
mehr genau nachzuweisen sind. 

Den bedeutendsten Bestandtheil In dieser vierten Gruppe 
macht der seit langer Zeit durch den Eisenreichthum seiner 
Sandsteine und Oolithe bekannte Arietenlias von S ommersch en- 
burg aus, nach welchem man die ganze Gruppe benennen kann. 
Südöstlich von dem Vorkommen bei Sommerschenburg selbst 
folgen nach kurzer Unterbrechung die ähnlichen bei Badeleben, 



vom 7. April 1859. ^ 353 

so wie das erst vor Kurzem aufgefundene bereits oben erwähnte 
zwischen Üph'iigen und Beckendorf, welches das südliche Ende 
der Gruppe bezeichnet. Nordwestlich von Sommerschenburg 
folgen wiederum eine gröfsere und einige kleinere Massen des- 
selben Gesteins, welche die Verbindung mit entsprechenden 
IJraunschweigischen Vorkommnissen, namentlich mit denen am 
Ilelmstädter Gesundbrunnen und beim Kloster RIarienthal ver- 
iiiilteln. Dorthin, nach Nordwest, war die Bucht, die den Som- 
iiierschenburger Arielen-Lias aufgenommen hat, während des Ab- 
satzes dieses . letzteren jedenfalls geöffnet. An ihrem südlichen 
l.ude, zwischen Üplingen und Beckendorf, wo nur ein schma- 
ler Sattel von unterstem Liassandslein die Sommerschenburger 
Arietengesleine von den Ohrslebenern trennt, war sie zwar wäh- 
rend der Bildung des untersten Lias wahrscheinlich noch mit 
der Ohrslebener Bucht in Verbindung, während der Bildung des 
Arietenlias aber gegen dieselbe geschlossen. Dem mittleren Lias 
scheint sie überhaupt schon nicht mehr zugänglich gewesen zu 
I sein , da sich noch keine Spur desselben in Gesellschaft der zur 
I Sommerschenburger Gruppe gehörenden Arietengesteine gefun- 
i den hat. 

Fünfte Gruppe. — Wenn man sich von dem seiner 
Hauptmasse nach aus unterstem Liassandstein bestehenden Pla- 
' teau, welches die Sommerschenburger Arietengesteine trägt, nach 
Osten wendet, so gelangt man in das obere Allerthal. Der 
grüfste Theil dieses Thaies ist lange für eine einfache Keuper- 
niederung zwischen dem Muschelkalk der rechten und dem Lias- 
plateau der linken Allerseile gehalten worden. Erst neuerlich 
bat sich gezeigt, dafs das obere Allerlhal aulser dem Keuper eine 
Mannigfaltigkeit von jüngeren Flötzgeblrgsarten aufzuweisen hat 
und eine V'erwickelung des geognostischen Baues darbietet, wel- 
che die Annahme einer sehr zusammengesetzten Entstehungs- 
weise für dasselbe noihwendig macht. Es mufs in der That an- 
genommen werden, dafs die Vorgänge, welche den Muschelkalk 
der rechten Allerseite stellenweise zu einer Steilheit von 60 bis 
7ü" aufgerichtet und die Veranlassung zu einer starken Ein- 
senkung an der Stelle des jetzigen Allerthals gegeben ha- 
ben, bereits in oder gleich nach der Triasperiode eingetreten 
und später mehrfach wiedergekehrt sind, während sich zugleich 



354 Gesammtsilzung 

die jüngeren Flötzformati'onen in die vorhandene Einsenkung 
einlagerten. Nur so kann die auffallende Erscheinung erklärt 
werden, dafs hier die jüngeren Flötzgebirgsarten häufig mit Über- 
springung von Formationen fast unterschiedslos bald auf dem 
einen bald auf dem anderen älteren Gestein angetroffen werden. 

Aufser verschiedenen inselartig über dem Keuper des Thal- 
grundes sich erhebenden Massen von unterstem Liassandstein, 
die getrennt von dem grofsen Liasplateau der linken Allerseite 
sich auf beide Ufer des Flusses verlbeilen, sind von jurassischen 
Gesteinen folgende aus dem oberen AUerlhale anzuführen. 

In dem Theile des Thaies, welcher zwischen Walbeck und 
dem Durchbruch der Aller durch den Muschelkalk von Wefer- 
lingen enthalten ist, findet sich an der Westseite einer jener 
mitten aus der Keuperniederung aufsteigenden Massen von unter- 
stem Liassandstein das Arietengestein und wenig weiter west- 
lich der mittlere Lias entwickelt, ohne dafs sich bei der Spär- 
lichkeit der Aufschlüsse mit Sicherheit beurtheilen läfst, ob die 
drei genannten Bildungen gleichartig gelagert sind und einer un- 
gestörten Schichtenfoige angehören. Der mittlere Lias besteht 
hier aus Thonen, deren Alter lange zweifelhaft war, bis der 
Amtnonites capricornus darin aufgefunden worden ist. — In dem- 
selben Theile des Allerthals ist aufserdem der obere Lias und 
zwar der Posidonienschiefer an zwei Punkten entwickelt; der 
eine dieser Punkte, der an der Strafse von Wefetlingen nach 
Helmstädt nahe der Braunschwelgischen Gränze liegt, und an 
dem der Posidonienschiefer mit dem Keuper in unmittelbare 
Berührung tritt, ist bereits auf der von Strombeckschen Karte 
des Herzogthums Braunschweig angegeben; der andere Punkt ist 
neuerlich dem Orte Walbeck gegenüber am linken Ufer der 
Aller ermittelt worden, wo sich ungemein bituminöse Mergel- 
schiefer mit Amnionites communis und serpentinus nahe unter 
der Oberfläche gezeigt haben. 

In dem zwischen Walbeck und Belsdorf liegenden Theile 
des Allerthals sind vor Kurzem zwei Vorkommnisse eines juras- 
sischen Gesteins entdeckt worden, welches in den bisher be- 
trachteten Bezirken der Provinz Sachsen vollständig zu fehlen 
scheint. Es ist der Coralrag des weifsen Jura. Dieser ist un- 
mittelbar bei Bendorf und nordwestlich von Belsdorf am söge- 



vom 7. y4prit 1859. ^ 355 

nannlen Landgraben zu beobachten. An beiden Orten ist er 
zum Theil als ein grauer krystallinischer Dolomit, zum Theil als 
ein grauer dichter Kalk entwickelt, welcher die charakteristischen 
Beslandtlieile der Korallen -Facies dieses geognostischen Niveaus, 
nämlich Nerineen, Sternkorallen und zahlreiche Apiocrinitenstiele 
liefert. Bei Belsdorf steht in der Nähe des Coralrags der Keu- 
per an, ohne dafs sich zwischen beiden andere Formationen 
vorfinden ; es scheint sich daher auch hier die oben ausgespro- 
chene Ansicht über die Unregelmäfsigkeit der Lagerungsverhält- 
nisse im oberen Allerthale zu bestätigen. 

In dem oberhalb Belsdorf folgenden Theiie dieses Thaies 
ist westlich von Wefensleben wiederum der mittlere Lias mit 
zahlreichen Belemniten und der Posidonienschiefer mit Posido- 
nien, Avicula substriata und Arnmonites communis vorhanden. 
Noch weiter südlich haben sich jurassische Gesteine, welche jün- 
ger sind als der unterste Lias, nicht entdecken lassen; nichts 
desto weniger ist es wahrscheinlich, dafs die dem Allerthal an- 
gehörende Gruppe von Vorkommnissen dieser Gesteine, so wie 
die Einsenkung, welche zur Aufnahme derselben gedient bat, 
erst zwischen Ummendorf und Seehausen ihren südlichen Ab- 
schlufs gefunden hat. Geöffnet war aber auch diese Einsen- 
kung jedenfalls nach Nordwesten und zwar vermittelst des braun- 
schweigischen durch Hrn. von Strombeck aufs Genaueste er- 
forschten Thals von Querenhorst, mit dessen Gesteinen die hier 
betrachteten die gröfste Übereinstimmung zeigen. 

Beiläufig sei hier hinzugefügt, dafs die Einsenkung des oberen 
Allerthals aufser den jurassischen Bildungen auch solche der Kreide- 
periode in sich aufgenommen hat, wie sich daraus ergiebt, dafs 
sich bei Moorsleben auf dem rechten Ufer der Aller Trümmerge- 
steine gefunden haben, welche den am Nordrande des Harzes vor- 
kommenden, der weifsen Kreide im Alter nahestehenden, vollstän- 
dig gleichen, und wie jene den Pecten quadricostaius und Beleni- 
nitellen geliefert haben. 

Sechste Gruppe. — Die sechste Gruppe, die man auch 
als eine Abzweigung oder Fortsetzung der fünften ansehen kann 
die hier aber abgesondert betrachtet werden soll, ist bis jetzt 
erst durch ein ihr angehöriges Vorkommen bekannt, welches 
indefs besonderes Literesse dadurch gewährt, dafs es sich nicht 



356 Gesammtsitzung 

fem von Magdeburg in einem Bezirke gefunden hat, in welchem 
man noch weniger als im oberen AUerthale jüngere Flötzfor- 
niatlonen als die Triasbildungen vorauszusetzen geneigt war. Es 
ist hier zwischen den Dörfern Wellen und Grofs- Rodensieben 
wiederum der Coralrag vorhanden, mit denselben Dolomiten, 
denselben Nerineen und Korallen wie im AUerthale. Man 
wird nicht anstehen, an dieses Vorkommen die Annahme zu 
knüpfen, dafs der Coralrag def Gegend von Magdeburg bei sei- 
ner vollkommenen Übereinstimmung mit dem an der Aller sich 
auch in unmittelbarem Zusammenhange mit demselben, d. h. in 
einer Einsenkung, die mit dem AUerthale in Verbindung stand, 
abgelagert hat. Bei der Ermittelung, wie dieser Zusammenhang 
gedacht werden müsse, ist zunächst zu berücksichtigen, dafs das 
grofse das Magdeburger Gebirge südlich umziehende Muschel- 
kalkband, nachdem es die Aller südlich bis Aller-Ingersleben be- 
gleitet hat, bei letzterem Orte den Flufs verläfst und sich nach 
Erxleben hinzieht. Die Muschelkalkmassen zwischen Aller-In- 
gersleben und Ovelgünne können nicht als zu diesem Bande ge- 
hörig, sondern nur als in sich abgeschlossene inselartige Berge 
betrachtet werden. Erst bei Seehausen und Gr. Wanzleben er- 
weist sich der Muschelkalk von Neuem als ein Theil des grolsen 
zusammenhangenden Bandes. Nimmt man nun an, dafs dasselbe 
sich von Seehausen aus um den Dreilebener bunten Sand- 
stein herum nach Süden bis über Grofs-Rodensleben hinaus, von 
da aber nach Norden gegen Erxleben wendet, wo es wieder 
über Tage beobachtbar ist, so wird dadurch eine von Mu- 
schelkalk umzogeiie nach Süden geschlossene Bucht gegeben, 
welche zwischen den oben erwähnten inselartigen Muschel- 
kalkbergen mit dem oberen Allerthal in Verbindung steht. 
Da es gelingt, den Keuper zwischen diesen Bergen hindurch in 
die vorausgesetzte Bucht zu verfolgen, so wird man nach Auf- 
findung des weifsen Jura westlich von Magdeburg kein Beden- 
ken tragen, anzunehmen, dafs mit dem Keuper zugleich sich, 
auch die jüngeren Flötzformationen vom AUerthale aus dahin 
verbreitet haben. 

In den vorstehenden Betrachtungen ist angenommen worden, 
dafs die jurassischen Gesteine der Provinz Sachsen sich in eine 



vom 7. y4pn7 1859. 357 

Anzahl nach West und NorJwest geöffneter, nach Ost und Süd- 
ost geschlossener Buchten abgelagert haben, welche Tliellc des 
grofsen zwischen Magdeburg und dem Harze enthallenen sub- 
hercynischen Golfs bildeten und schon während der Juraperiode 
ihren allgemeinen Umrissen nach vorhanden waren, wenn sie 
auch später mannigfache Veränderungen erlitten haben. Dafs die 
Art, wie die jurassischen Gesteine hier auftreten, nur so, und 
nicht durch theilweise Zerstörung einer grofsen zusammenhängen- 
den Juradecke erklärt werden kann, geht schon aus dem Um- 
stände hervor, dafs mehrere der angenommenen Buchten durch 
ihre ganze Erstreckung, namentlich in dem Vorhandensein und Feh- 
len von Formationsgliedern, Erscheinungen darbieten, die sich in 
den benachbarten Buchten nicht wiederfinden. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
Zeitschrift für Berg-, Hütten- und Salinenweseri. VII. Baod, Heft 1. 

Berlin 1859. 4. 
Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. 13. Band, 

Heft 1. 2. Leipzig 1859. 8. 
Abhandlungen zur Kunde des Morgenlandes. 1. Band. Leipzig 1859. 8. 
The American Journal of science and arts, no. 79. New-Haven 1S59. 8. 
Annais of the Lyceum of natural hislory of New -York. Vol. VL New- 

York 1858. 8. 
Memoirs of the Lilera/j and Philosophical Society of Manchester. Vol. 

XV, part 1. London 1858. 8. 
Bulletin de la socic'te gc'ologique de France. Fevrier. Paris 1859. 8. 
Atti deW Istituto lombardo di scienze. Vol. I, fasc. 12. Milano 1859. 4. 
5. Jahresbericht des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1859. 4. 
liaL\\,oxx, New System of Chemistry. Manchester 1810— 1S42. 8. 
Meteorological Observations and Essais. Second edition. 

Manchester 18J4. 8. 

On the phosphates and arseniates. London 1S40 — 42. 8. 



Reichardt, Die Theorie der Wärme. Jena 1S57. 8. 

Hausmann, tber die Kry stallformen des Cordierits. Göttingen 

1859. 4. 
Berlhelüt, Recherches sur le soufre. (Paris 1859) 8. 
Scheerer, Über den Traversellit. Leipzig 1858. 8. 
Tonzi, Sulla eruzione solforosa avvenula 28 — 30 Oct. 1838. Borna 

1858. 4. 



358 Sitzung der pJiil.-hist. Klasse vom 11. April 1859. 

Hiernächst wurden auf Antrag der pbysik. - mathem. Klasse 
die Hrn. Georg Gabriel Stokes in London und Moritz 
Jacobi in St. Petersburg in Rufsland zu correspondirenden Mit- 
gliedern der Akademie im Facbe der Physik gewählt. 

Ferner kamen zum Vortag: 

1) Ein Rückschreiben des vorgeordneten K. Ministeriums, d. d. 
31. März, welches die von der Akademie bewilligte Unter- 
stützung der Herausgabe der Leibnizischen mathematischen 
Schriften durch Herrn Dr. Gerhardt mit 150 Rthlr. ge- 
nehmigt. 

2) Ein gleichartiges zweites Ministerial-Schreiben von gleichem 
Tage, welches die von der Akademie beschlossene Veraus- 
gabung von 600 Rthlr. pro 1859 zu neuen Typen der 
Druckerei für das Corpus inscriptionum latinarum geneh- 
migt. 

3) Ein Dankschreiben des Lyceum of natural history of New- 
York, d. d. 30. Januar 1858, für die Abhandlungen der 
pbysik. -mathem. Klasse der Akademie 1854, 1 Suppl. 1855, 
und die Monatsberichte von Juli bis December 1855, Ja- 
nuar bis December 1856. 

4) Ein gleiches Schreiben vom 21. Januar 1859 über Em- 
pfang derselben Abhan<llungen von 1856 und der Monats- 
berichte von Januar bis August 1857. 

5) Ein Schreiben des Hrn. Wilh. Weitling in New -York, 
welches die von ihm verfafste Druckschrift: „Der bewe- 
gende Urstoff in seinen kosmoelektromagnetischen Wirkun- 
gen" betrifft und deren Inhalt anzeigt. 



11. April. Sitzung der philosophisch-hi- 
storischen Klasse. 

Hr. Mommsen las über die griechi seh - asiatischen 
Münzwährung en und ihr Verhältnifs zum römischen 
G e 1 d e. 



Gesammtsiizung vom 14. April 1859. 359 

14. April. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Rammelsberg las über die Oxyde des Cers und 
die gelben und rothen Sulfate seines Oxydoxyduls. 

Die gelben und rolhen Salze des Cers, welche von Hisin- 
ger und Berzelius für Ceroxydsalze gehalten wurden, sind bis 
jetzt wenig untersucht worden. Wosander hatte zwar schon 
nach seiner Entdeckung des Lanthans und Didyms ein Ceroxyd- 
oxydul angenommen, Andere aber glaubten reines Ceroxyd dar- 
gestellt zu haben, wie denn namentlich Hermann jene gefärb- 
ten Salze geradezu für Ceroxydverbindungen hielt, sie analysirte, 
die Oxydationsstufe des Cers, welche ihre Basis bildet, jedoch 
nicht weiter prüfte. Erst Marignac hat ihre wahre Natur als 
Doppelsalze von Ceroxyd und Oxydul erkannt, ihre Zusammen- 
setzung jedoch kaum untersucht. Das Atomgewicht des Cers 
ist von Beringer, Hermann und neuerlich von Je gel nahe 
übereinstimmend zu 575 — 576 bestimmt worden. Marignac 
hatte 5)^\^ Kjerulf, in Folge unrichtiger Arbeit, 727 angege- 
ben. Meine eigenen Versuche ergeben in naher Übereinstim- 
mung mit den zuvor genannten fast 576, so dafs es am pas- 
sendsten scheint, die Zahl 575 (46, wenn H = i) als Atomge- 
wicht des Cers zu betrachten. 

Cer läfst sich von Lanthan und Didym vollständig befreien, 
wenn man nach dem Verfahren von Hermann basisch schwe- 
felsaures Ceroxydoxydul durch Wasser fällt, und aus diesem Nie- 
derschlage alle übrigen Verbindungen darstellt. 

Ceroxydul, Ce, erhält man durch Erhitzen von kohlen- 
saurem oder oxalsaurem Ceroxydul in einem Strom von ganz 
luflfreiem Wassersloffgas. Es ist ein graublaues Pulver, wel- 
ches sich an der Luft sogleich unter starker Erhitzung in gelb- 
lichweilses Oxydoxydul verwandelt. Sein Hydrat Ist welfs, färbt 
sich aber an der Luft gelb, und verwandelt sich in ein Gemenge 
von kohlensaurem Ceroxydul und von Ceroxydoxydulhydrat. 

Ceroxydoxydul, Ce Ce, wird durch Glühen von kohlen- 
saurem, oxalsaurem oder salpetersaurem Ceroxydul erhalten. Es 
ist gelblich weifs mit einem Stich ins Röthliche, färbt sich in 
der Hitze vorübergehend gelb und löst sich nur in ziemlich con- 
centrirter Schwefelsäure zu einer gelbrothen Flüssigkeit auf. In 



360 Gesammtsitzung 

Wasserstoffgas wird es zu Oxydul reducirt. Aber weder durch 
Erllitzen in Sauerstoff, noch durch Schmelzen mit chlorsaurem 
Kali oder Kalihydrat kann es höher oxydirt werden. Sein Hy- 
drat, welches 3 At. Wasser enthält, entsteht durch Einleiten 
von Chlor in eine Auflösung von Kalihydrat, in welcher Cer- 
oxydulhydrat vertheilt Ist. 

Aus der gelbrothen Auflösung des Ceroxydoxyduls In Schwe- 
felsäure erhält man zwei Salze: 

A. Ein hraunrothes oder gelbrothes, in sechs- 
gliedrigen Krystallen (a : c = 0, 4231 : 1 ) nach der Formel 
(3 Ce S -h €e S^) -+- 18 aq zusammengesetzt. Es zersetzt sich 
in Wasser unter Abscheidung eines schwefelgelben basischen 
Salzes, giebt mit Kalihydrat einen röthlichgrauen Niederschlag, 
3 Ce -H -Ge, der sich an der Luft gelb färbt und in Ce €e ver- 
wandelt, aber auch etwas Kohlensäure anzieht. 

B. Ein gelbes undeutlich krystallinisches Salz, welches 
nur ^ soviel schwefelsaures Ceroxydul enthält, (CeS-J-CeS^) 
■+- 8 aq, und sich gegen Wasser wie A verhält. 

Basisch schwefelsaures Ceroxydoxydul entsteht 
aus den beiden oben erwähnten durch Zersetzung in Wasser. 
Es ist ein hellgelber Niederschlag (von Mosander entdeckt, 
von Hermann zur Darstellung der reinen Cersalze angewandt, 
von Ihm und vonMarlgnac untersucht). Es besieht aus '2 At. 
Ceroxydoxydul, 3 At. Schwefelsäure und 6 At. Wasser, was 
man durch (2 Ce S -f- €e^ S) -+- 6 aq. oder weniger gut durch 
(Ce'^ S -f- 2 Ce S) -+- 6 aq ausdrücken kann. 

In strenger Glühhitze hinterlassen diese drei Salze reines 
Ceroxydoxydul. 

Wird eine Auflösung des schwefelsauren Ceroxyd- 
oxyduls (A) mit einer solchen von schwefelsaurem Kali 
vermischt, so entsteht ein gelber krystalllnischer Niederschlag. 
Allein je nach der Menge der Salze, der Temperatur und Con- 
centration entstehen Fällungen, aus denen von 36 bis 27 pC. 
Ceroxydoxydul, und von 17 bis 24 pC. Kali erhalten werden. 
Es sind offenbar häufig Gemenge von mindestens zwei Verbin- 
duni^en. Ich glaube aus meinen Analysen schliefsen zu dürfen, 
dafs die kaliärmste, cerreichste Fällung auf 1 At. des Cersal- 
zes 3 At. schwefelsaures Kali und 6 At. Wasser enthält, und 



vnm 14. April 1859. 361 

dafs die kalireichsten eine solche Verbindung mit der doppelten 
Menge, d. h. mit 6 At. scliwefeisaurem Kali, enthalten, wiewohl 
letztere nur mit der ersten gemengt erhalten wurde. Zugleich 
scheint es mir, dafs man diese Niederschläge wohl besser als 
isomorphe Miscluingen zweier Doppelsalze betrachtet, d. h. die 
Verbindung mit 3 At. schwefelsaurem Kali, 

3 K S -t- (3 Ce S -H Ce S') -H 6 aq 

als 

I, ^ "l ... 

" -+- -Ge S') -t- 6 aq. 



(3 Ce S-f- €e S'^) -f- 6 aq 







2 ^ 


und 


die 


andere 

6KS 4- 


als 










(9^^^ >S-*-€eS') + 6aq. 

Schwefelsaures C eroxydoxydul - Ammoniak ent- 
steht in gleicher Art. Aber neben dem krystallinisch -körnigen 
Niederschlage, dessen Zusammensetzung der Formel 

4 Am S -H (2 Ce S -+- €e S"') -H 4 aq 
oder 



M' 



(6^^ ^S-+-CeS3) + 4aq 

entspricht, bilden sich sehr schöne grofse orangerothe Krystalle, 
welche nach den Messungen von Schab us und von mir zwei- und 

I eingliedrig sind (a : b : c = 0,8144 : 1 : 0,6877; Winkel der schie- 
fen Axen =83° 29), Sie sind sehr vollkommen spaltbar und 
trichromatisch. In Wasser lösen sie sich leicht auf. Ihre Zu- 

I sammensetzung ist 

9 ÄmS -i- (CeS -f- 2Ce S') -+- 12 aq., 
i oder wohl besser 



i^CeJ 



(5 '° • ^S -4-€eS')-+-6aq. 

Beim Glühen geben sie reines Ceroxydoxydul. 
Eine Reihe von Analysen hat mir für den Cerit die For- 
li mel 



362 Gesammtsilzung 

Ce, La, Dlj'= 

Caj- Si -+- aq 
FeJ 

gegeben. Zersetzt man ihn durch Chlorwasserstoffsäure, so ent- 
hält die Kieselsäure noch eine grofse Menge jener Basen, und, 
was beinerkenswerth ist, es steht in diesem Theil das Lanthan- 
und Didymoxyd in einem viel gröfseren Verhältnifs zum Ceroxy- 
dul als in der chlorwasserstoffsauren Auflösung. 



Derselbe las hierauf über den Magnoferrit vomVe- 
suv und die Bildung des JMagneteisens und ähnlicher 
Verbindungen durch Sublimation. 

In einer am 15. Juli v. J. der Akademie vorgetragenen Ab- 
handlung habe ich angeführt, dafs die bisher für Eisenglanz ge- 
haltenen regulären Octaeder aus den Fumarolen der Eruption 
des Vesuvs vom Jahre 1855 eine Verbindung von Magnesia und, 
Eisenoxyd sind, und neben Eisenglanz sich auch zu anderen Zei- 
ten dort gebildet haben. Als ich Anfangs September v. J. ia 
Hrn. Ehrenbergs Gesellschaft den Vesuv besuchte, waren au- 
fser zaiilreichen kleinen Lavaströmen auch mehrere Fumarolen 
von hoher Temperatur in Thätigkeit, allein es liefs sich keine 
Spur von Eisenglanz, wohl aber Kochsalz an ihnen wahrnehmen, 
was auch mit den Erfahrungen der Hrn. Guiscardi und Pal- 
mieri übereinstimmt. Dagegen thellte mir Hr. Scacchi eine 
grölsere Quantität jener Krystalle mit, welche ich seitdem zur 
Wiederholung meiner älteren Versuche benutzt habe. Eine frak- 
tionirte Behandlung des Pulvers unter Wasser mit dem Magnet 
gab das Resultat, dafs die einzelnen Portionen unter sich so- 
wohl wie mit den früher untersuchten nahe dasselbe Verhältnifs 
der Bestandtheile liefern, d. h. 14 — 16 pC. Magnesia. Das nie- 
drigste spec. Gew. = 4,568 ergab die erste Portion. 

Diese Constanz der Mischung macht es sehr wenig wahr- 
scheinlich, dafs die Krystalle eigentlich Mg Fe seien (20 Mg und 
80 Fe), und ich halte an der früher ausgesprochenen Ansicht 
fest, dafs sie aus Mg^ Fe"* bestehen, und dafs überhaupt Verbin- 
dungen R'" R" isomorph seien, eine Ansicht, welche durch meine 



vom 14. April 1859. 363 

Versuche am FranklJnit eine wesentliche Stütze erhält, inso- 
fern in diesem zur Spinellgnippe gehörigen Mineral, welches aus 
den Oxyden von Eisen, Mangan und Zink besteht, 5 At. der 
Metalle gegen 6 Atome Sauerstoff enthalten sind, wonach es 
R' R ist'). 

Bekanntlich erhält man durch Zusammenschmelzen von Ei- 
senvitriol und Kochsalz Eisenoxyd. Hält man den Zutritt der 
Luft ab, und behandelt die Masse unter Wasser mit dem Magnet, 
so folgt demselben ein Theil in Form eines schwarzen Pulvers, 
welches grofsentheils Magnet eisen ist. 

Erhitzt man Eisenchlorür zum Glühen und leitet Wasser- 
dämpfe und Luft darüber, so entsteht ein schwarzes Sublimat, 
welches reines Fe Fe ist. 

Unterwirft man ein Gemenge von Eisenchlorür und Chlor- 
magnesium dieser Operation, so erhält man ein Sublimat von 
gleichem Aussehen, welches immer nahe dieselbe Zusammen- 
setzung hat, nämlich 16 — 18 pC. Magnesia, 13 — 14 Eisenoxy- 
dul, 67 — 69 Eisenoxyd, und sehr wohl als eine Verbindung 
R^ Fe*^ betrachtet werden kann. 

Hieraus folgt, dafs Magneteisen und überhaupt Verbindun- 
gen R" SL" auf gleiche Art wie Eisenoxyd als Sublimate ent- 
stehen können, und in dieser Weise hat sich offenbar die octae- 
drische Verbindung am Vesuv erzeugt, für welche ich den Na- 
men Magnoferrit in Vorschlag zu bringen mir erlaube. 



Hierauf legte Hr. Encke das zweite und dritte Hrft von 
Hrn. Argelan der's Sternkarte in Gegenwart des Hrn. Ver- 
fassers als Geschenk vor, und Hr. Argelander gab selbst eine 
Erläuterung überdenPlan und das Fortschreiten sei- 
nes grofsen Sternkarten-Werkes. 



') Speciell 

Fel^fFe 
ZnJ JMn 

[1859.] 25 



364 Gesammtsilzung 

Hr. Dove las über die Anwendung mit Silber be- 
legter Gläser als Blendgläser. 

Die Schwächung des Lichtes intensiver Lichtquellen wird 
in der Regel durch farbige Gläser hervorgerufen, welche die 
verschiedenen Theile des Spectrums ungleich absorbiren und da- 
her das geschwächte Licht in einer bestimmten Färbung zeigen, 
welche sich bei manchen der Homogeneität nähert. So wün- 
schenswerth dies für bestimmte optische Versuche ist, so wird 
doch bei anderen Versuchen gerade das Entgegengesetzte ver- 
langt. Man hat daher vielfach polarisirende Vorrichtungen an- 
gewendet, um das Sonnenlicht so zu schwächen, dafs man ohne 
Nachtheil hineinblicken kann, und dafs es dabei weifs bleibt. 
Eine Mittelstufe zwischen beiden stellen die Metalle dar. Da 
man es In seiner Gewalt hat, das Silber, über Platin habe ich 
keine Beobachtungen gemacht. In Lagen von verschiedener Mäch- 
tigkeit auf Glasplatten zu fixiren, so erhält man dadurch Blend- 
gläser von jedem beliebigen Grad der Schwächung, die zugleich 
als Spiegel angewendet werden können und Insofern wohl zu, 
empfehlen sind, da die blaue Färbung, die sie geben , für welfse 
Objecte keinen störenden Eindruck macht. 



Alsdann gab der Vorsitzende eine kurze Nachricht vom 
glücklichen und glänzenden Verlauf der am 28. März erfolgten 
einhundertjährigen Stiftungsfeier der K. Bayerischen Akademie 
der Wissenschaften In München, gedachte der ehrenden Aufnahme 
der von hier gesendeten Deputirten und überbrachte den Ihnen 
vom Vorstande jener Akademie ausgesprochnen Dank für die er- 
wesene Thellnahme zurück. Es wurden hierbei die durch den 
Präsidenten der Münchener Akademie, Hrn. v. Thiersch, an 
die Berliner Akademie mit kurzem Begleitschreiben übersandten,? 
vorgelegten Mo numenta saecularia, elnschllefslich eines geo- 
graphischen, die allmällge Entdeckung Amerika's betreffenden, 
Pracht -Atlas dankbarst empfangen. 



vom 14. y^prii 1859. 365 

An eingegangenen Schriften und dazu gehörigen Begleit- 
schreiben wurden vorgelegt: 

Monumenla saecularia. Heransgegeben von der Königlich Bayerischen 
Akademie der Wissenschaften. München 1859. 4. und Atlas in 
folio. 

Rapporlo generale della puhhlica esposizione dei prodotli naturali e in- 
dustriali della Toscana. Firenze 1858. 8. Mit Schreiben des 
Hrn. Corridi, d. d. Florenz 1. Juni 1858. 

Conte Conestabile, Iscrizione elrusche e etrusco-laline in monumenti, 
Firenze 1858. 4. con tavole. 

Favre, Memoire sur les terrains liasique et Keuperien de la Savoie. 
Geneve 1859. 4. 

Memoires de la socie'te des sciences naturelles de Cherbourg. Paris 
1858. 8. 

Annales de chimie et de phjrsique. Tome 45, Mars. Paris 1859. 8. 

Gervais, Discours prononce aux funer ailles de Mr. Gergonne' Mont- 
pellier 1859. 4. 

Atlas des nördlichen gestirnten Himmels, entworfen auf der Kgl. Stern- 
warte zu Bonn. 3. und 4. Lieferung. Bonn 1858. folio. Über- 
reicht von Um. Argelander. 



Aufserdem kamen zum Vortrag: 

1) Ein Schreiben des Dekans der Fakultät der Wissenschaften 
bei der Akademie zu Montpellier, Hrn. Paul Gervais, 

. d. d.- 8. April c, welches den am 4. ejusd. erfolgten Tod 
. des Correspondenten unserer phjsik.-mathem. Klasse des 
Hrn. Joseph Diez Gergonne anzeigt. 

2) Ein Schreiben der Kaiserl. Französ. Gesellschaft der Natur- 
wissenschaften zu Cherbourg, d. d. 1. Sept. 1858, welches 
den Empfang der Monatsberichte von 1854 bis 1857 dan- 
kend anmeldet. 



«■» ♦ St»» 



25' 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der König). Preufs. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat Mai 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Trendelenburg. 



2. Mai. Sitzung der physikalisch - mathe- 
matischen Klasse. 



^ 



Hr. Klotzsch las über die Aristolocbiaceen des 
Berliner Herbariums. 



5. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Kummer las den zweiten Theil der Abhandlung: 
ober die allgemeinen Reciprocitätsgesetze unter den 
Resten und Nichtresten der Potenzen, deren Grad 
eine Primzahl ist, als Fortsetzung der in der Sitzung vom 
18. Februar vorgetragenen Abhandlung. 



Hr. H. Rose legte eine Abhandlung des Hrn. A. W. 
Hofmann, Correspondenten der Akademie, „zur Theorie 
der Polyammoniake" vor. 

[1S59.]' 26 



368 Gesarnmtsilzung 

Phosphorreihe. 

Bei der weiteren Ausführung einer Untersuchung über die 
mehrsäurigen Stickstoff basen, die mich seit längerer Zeit be- 
schäftigt, bin ich auf höchst complicirte Reactionen gestolsen, 
deren Entwirrung durch die Anzahl und Analogie der gebildeten 
Produkte unerquicklich erschwert ist. Um den Faden der Theo- 
rie nicht zu verlieren, habe ich für den Augenblick die Stick- 
stoffreihe verlassen und mich mit den Phosphorbasen, zumal dem 
Triäthyiphosphin beschäftigt, dessen rasche und scharfe Reactio- 
nen zugänglichere Resultate versprachen. 

Das Triäthyiphosphin hat meine Erwartungen nicht ge- 
täuscht. Die Reactionen dieses bemerkenswerthen Körpers sind 
in der That so glatt, die Charaktere der Verbindungen, die sich 
in ihnen bilden, so ausgebildet und scharf gezeichnet, dals ein 
eingehendes Studium derselben nicht fehlen kann die Theorie 
der polyatomen Basen in allgemeinerer Weise zu präcisiren. 

Einwirkung des Aeth ylendibromürs auf das 
Triäthyiphosphin. 

Bei gewöhnlicher Temperatur wirken die beiden Körper nur 
langsam aufeinander ein, allein schon bei gelindem Erwärmen 
findet eine lebhafte Reaction statt und die durchsichtige Mi- 
schung erstarrt schnell zur blendend weifsen Krystallmasse. 

In Folge secundärer Reactionen ist die Zusammensetzung 
dieser Krystallmasse nicht selten complicirt. Gleichwohl habe 
ich mich durch geeignete Behandlung überzeugt, dafs sie stets 
— obwohl in wechselnden Mengeverhällnissen — zwei Haupt- 
produkte enthält, für welche sich — wenn man anders Sesqui- 
pedalia verba vermeiden will — nur schwierig geeignete Be- 
nennungen finden lassen. Ich will sie vor der Hand als ein- 
atomiges und zweiatomiges Salz unterscheiden. 

Die Zusammensetzung dieser beiden Salze Ist In folgenden 
Formeln gegeben. 

Einatomiges Salz. 

C,6H,,PBr2 = (C,H5)3P-f-C,H, Br, 

= |(C,H3)3(C4H,Br)P}Br 



vom 5. Mai 1859. 369 

Zweiatomiges Salz. 
C28 H3, P, Br^. = 2 {(C, H,), P| -*- C, H, Br^ 

= {(C,H3)6(C,H,)"P,|"Br, 

Aus diesen Formeln erhellt dafs das Athylendibromür je 
nach den Umständen fähig ist ein oder zwei Triäthylphosphln- 
Moleküle zu fixiren. Im ersten Falle bildet sich ein einatomiges 
Bromür entsprechend einem Aq. Chlorammonium, im zweiten 
Falle wird ein zweiatomiges Bromür erzeugt, dessen Molekül 
zwei Äq. Salmiak repräsentirt. 

Einatomiges Salz. 
Es bildet sich, obwohl nie in allzugrofser Menge, wenn 
man Triäthylphosphin mit einem Überschufs von Athylendibro- 
mür behandelt. Drei oder vier Krystallisationen aus absolutem 
Alkohol liefern die neue Substanz im Zustand vollkommener 
Reinheit. Sie krystallisirt in grofsen prachtvollen, farblosen Oc- 
I taedern von aufserordentlicher Löslichkeit in Wasser; in abso- 
lutem Alkohol sind sie etwas weniger löslich, unlöslich in Äther. 
Silbersalze greifen nur die Hälfte des in dem neuen Kör- 
jl per enthaltenen Bromes an. Behandlung mit Chlorsilber z. B. 
liefert ein entsprechendes Chlorür, das noch ein Aq. Brom zu- 
rückbehält. 

C,6H,9PBrCl={(C,Hä)3(C,H, Br)P| Cl. 

Zusatz von Platinchlorid zu der Lösung dieses Chlorürs schlägt 
ein ziemlich schwer lösliches Doppelsalz nieder, das aus Wasser 
in langen wohlausgebildeten Prismen krystallisirt, welche 

C,6H,,PBrCI, PtCl2=|(C,H5)3(C, H, Br) P| Cl, Pt CI^ 

enthalten. 

Durch die Einwirkung des Silberoxyds erleidet das einato- 
mige Bromür eine bemerkenswerlhe Umbildung. Der ganze 
Bromgehalt tritt aus und es entsteht eine Lösung von stark alka- 
lischer Reaction, welche einer Base von der Zusammensetzung 

C,,H,.P0, = |(C,H,)3(C,H, 0,)P||q^ 

angehört. 

26* 



370 Gesamintsitzung 

Ich habe die Natur dieser Verbindung durch die Analyse 
des Jodürs und des Platinsalzes fixirt. 

Das Jodiir ist äufserst löslich in Wasser und in Alkohcl, 
unlöslich in Äther; aus der Alkohollösung wird es von Äther 
in mikroskopischen Prismen gefällt, welche 

Ca H^o PO, J= {(C, Hs), (C* Hs OOP} J 

enthalten. 

Das Platinsalz krystallisirt in grofsen dunkelrothen Octae- 
dern von der Formel 

CeH^oPO^Cl, PtCl2 = i(C,Hj)3(C4H5 0,)P}Cl,PtCI, 



Zweiatomiges Salz. 
Die alkoholische Mutterlauge des einatomigen Salzes enthalt 
stets eine beträchtliche Menge der zweiatomigen Verbindung. 
Allein das geeignetste Verfahren, diese Substanz im Zustand der 
Reinheit zu erhalten, besteht in der Behandlung des einatomi- 
gen Salzes mit einem Überschufs von Triäthylphosphin. 

C,eH,,PBr2-i-C,2H,5P=C28H3,P2Br2 

Das einatomige Bromür fixirt demnach ganz einfach ein 
additionelles Triäthylphosphin- Molekül, wodurch es in ein wah- 
res Diphosphonium-Dibromür verwandelt wird, welches zwei 
Molekülen Salmiak entspricht. 

C28 H34 P. Br, ={(C, Hs)^ (C4 H,)"P4 "Er, 

Das zweiatomige Bronfür verliert unter dem Einflufs von 
Silbersalzen seinen ganzen Bromgehalt, indem sich eine Reihe 
wohlcharakterisirter, krystallisirbarer, zweiatomiger Verbindungen 
bildet. Die Einwirkung des Sllberoxyds auf das neue Dibromür 
liefert die freie Base. Es ist dies eine äufserst kaustische Ver- 
bindung von grofser Löslichkeit und staunenswerther Stabilität. 

Sie enthält: 

C^s H36 P2 O, = {(C, Hs)^ (C4 HO'P^r'l o^ 
und entspricht mithin zwei Wassermolekülen. 



vojn 5. Mai 1859. 371 

Ich habe die Zusammensetzung der zweiatomigen Salzreihe 
vorzugsweise durch die Analyse eines prachtvollen Dijodürs so- 
wie des Platin- und Goldsalzes festgestellt. 

Das Jodiir wird leicht durch Sättigung der freien Base mit 
Jodwasserstoffsäure erhalten. Dies Salz ist das charakteristisch- 
ste Glied der Reihe. Es krystallisirt in langen weifsen Nadeln 
von vollendeter Schönheit. Mäfsig löslich in Wasser, schwer- 
löslich in absolutem Alkohol, unlöslich in Äther bietet das Jo- 
diir alle Bedingungen zur leichten Reindarstellung. Es enthält: 

C,8 H3, P, J, = {(C, H^)^ (C, HO"P,}" J. 

Das Platinsalz ist ein blafsstrohgelber, krystallinischer Nie- 
derschlag, fast unlöslich in Wasser, aber löslich in siedender 
concentrirter Chlorwasserstoffsäure. Aus dieser Lösung scheidet 
es sich beim Erkalten in schönen Prismen ab, welche 

|: C28 H,,P, Cl,, 2PtCI, 

m ={{C, H,)^ (C, H J"P,}" Cl„ 2 Pt Cl, 

enthalten. 

Das entsprechende Goldsalz krystallisirt in mikroskopischen 

goldglänzenden Nadeln. 

CgH,, P2CI,, 2 AuClj 
= |(C, H,)^ (C, HO" P,|" Cl„ 2 Au CI3 

Die Umwandlung des einatomigen Salzes in das zweiato- 
mige hat mich zu einigen Versuchen geführt, welche die Con- 
struction der zweiatomigen Verbindungen noch schlagender ver- 
anschaulicht. 

Das einatomige BromiÄ 

|(C,H5)jC,H,Br)P}ßr 

wird von dem Ammoniak und den Stickstoffbasen 
lebhaft angegriffen. 

Versetzt man die alkalische Lösung dieses Bromürs mit einer 
Alkohollösung von Ammoniak, so giebt sich die chemische Ac- 
tlon alsbald durch lebhafte Wärmeentwicklung zu erkennen. Die 
Lösung enthält nunmehr ein Dibromür, dessen Metall neben dem 
zweiatomigen Äthylen zur Hälfte aus Ammoniak und zur Hälfte 
aus Triäthylphosphin besteht. 



372 Gesarnmtsitiung 

J(C4H3)^(C,H,Br)P}Br-f-H3N 

= {H,(C, H5)3(C,H,)"PN|"Br2 

Es ist dies ein Phosphammoniumdibromür zwei Molekülen 
Salmiak entsprechend; indem zwei Aq. Wasserstoff durch Äthy- 
len und drei Aq. Wasserstoff durch Äthyl ersetzt sind. 

Durch Behandlung mit Silberoxyd verwandelt sich das neue 
Bromur in eine stark kaustische äufserst stabile Verbindung 

welche alle Eigenschaften der Kalilauge zeigt. 

Die freie Base mit Jodwasserstoffsäure oder Chlorwasser- 
stoffsäure gesättigt liefert das entsprechende Dijodür und Di- 
chlorür. Letzteres glebt mit Platinchlorid einen hellgelben Nie- 
derschlag, der sich aus Wasser umkrystalllsiren läfst und 

{H3(C,H5)3(C,HJ"PN}"Cl2, 2PtCl, 

enthält. 

Ich habe denselben Versuch mit Äthylamin und mit Tri- 
methylamin wiederholt. Man beobachtet genau dieselben Er- 
scheinungen. 

Es bilden sich die Dibromüre: 

|H2(C4Hä)jC,H0"PN|"Br2 und 

|(C, H,)^ (C, H,)^ (C, HJ"PN|"ßr, 

und durch Behandlung derselben mit Silberoxyd die kaustischen 
Verbindungen: 

|(C, H3)3 (C, H,)3 (C, HO"PN|"| Q^ 

Die Chlorüre dieser beiden letzten Basen bilden schöne 
Platinsalze, die in langen feinen hochgelben Nadeln krystallisiren. 
Durch ihre Analyse war es leicht die Natur der beschriebenen 
Phosphamnionlum-Verblndungen zu präcisiren. Sie enthalten 

{H2(C4H5)^(C4H0"PN}"Cl2, 2PtCl2 und 

{(C^ H3), (C4 Ha)^ (C, HO"PN|" Cl„ 2Pt Cl, 



vom 5. Mai 1859. 



373 



Die Bildung der beschriebenen Verbindungen liefert den 
Schlüssel zum Verständnifs der Dianimoniumbasen. Analoge Un- 
tersuchungen in der Stickstoffreihe und namentlich Versuche 
über die Diammonlake, mit denen ich beschäftigt bin, werden, 
hoffe ich, das Bild vervollständigen. Übrigens treten schon jetzt 
die Beziehungen der neuen Körper zu den zweiatomigen Alko- 
holen in bestimmten Umrissen hervor. 



Äthylen-Alkohol. 

H J "^ 



Einatomige Base. 
|P(C,H,),H^ 

H J^^ 



(C. 



Zweiatomige Base. 
{P(C,H3),H}) 

Gemischte zweiatomige 
Base. 

{P(C,H3)3Hn 



Intermediärer 

Bromwasserstdffäther. 

(C,H0"lO 



H JBr 



Bromwassers toff- 
Älher. 



Erstes einatomiges 

Bruniiir. 

{P(CJI03(C.H,Br)|Br 



Zweiatomiges 
Broniür. 




Zweites einatomiges Gemischtes zwei- 

Bromür. atomiges Bromür. 

|P(C,H3)3H} 1o, (P(C.H3)3]" 

(C,H,r]ßr { (C.HJ'IB' 



Gemischtes zwei- 
atomiges Bromür, 



I 



P(C,H3),]" 
(C.HJ'JB'- 



Hr. Dove theilte einen experimentellen Beweis mit, dafs 
die Tartinischen Töne nicht subjectiv sondern ob- 
jec tiv si nd. 

Im Bericht der Akademie 1857 p. 291 habe ich Versuche 
beschrieben, aus welchen entschieden hervorgeht, dafs wenn ein 
Ohr längere Zeit einen Ton von bestimmter Höhe gehört hat, 



374 Gesamrntsitzung 

es für das Vernehmen desselben unempfindlicher geworden ist, 
als das andere, welches diesen Ton nicht gehört hat, so dafs, 
wenn dann vor beiden Ohren derselbe Ton gleichzeitig erregt 
wird, nur der gehört wird, welcher vor dem Ohre erregt wird, 
welches ihn vorher nicht gehört hatte. In dieser Beziehung 
schliefst sich also das Verhalten des Ohres ganz an das des Au- 
ges an, dessen Unempfindlichwerden für einen lange gebotenen 
Farbeneindruck eben die subjective complementare Färbung einer 
nachher betrachteten weifsen Fläche veranlafst. Eben so wenig 
wie aber diese Abstumpfung für einen bestimmten Farbenein- 
druck sich auf die Wahrnehmbarkeit einer anderen Farbe erstreckt, 
so ist dies auch bei dem Ohr der Fall. Modificirt man nämlich 
den mit zwei unisono tönenden Stimmgabeln angestellten Ver- 
such in der Weise, dafs die vor das rechte und linke Ohr ge- 
haltenen Stimmgabeln verschiedene Töne geben, so hört man, 
wenn man die eine so um ihre Achse dreht, dafs sie durch die 
4 Interferenzstellen hindurchgeht, nicht wie bei unisono tönenden 
Gabeln abwechselnd die eine und die andere, sondern die eine , 
und dann beide. 

Die stereoskopischen Erscheinungen zeigen, dafs Lichtein- 
drücke, welche auf den Netzhäuten beider Augen verschiedene 
Bilder hervorrufen, sich combiniren und durch die von mir im 
Bericht 1841 p. 251 beschriebenen Versuche ist dies auch defi- 
nitiv für die Combination verschiedener Farbeneindrücke ent- 
schieden worden. Es schien mir nun interessant die Frage zu 
beantworten, ob auch für das Ohr dies gültig sei, d. h. ob ver- 
schiedene Erregungszustände beider Ohren einzeln dem Gehirn zu- 
geführt sich in denselben zu einer Resultante verbinden lassen. 
Der angestellte Versuch entschied dagegen. Von zwei eine reine 
Quinte gebenden Stimmgabeln wurde die eine vor das rechte 
Ohr gehalten, die andere vor das linke. Der als tiefere Oktave 
aus der Combination beider Schwingungssysteme entstehende 
Tartinische Ton wurde nicht gehört, aber sehr deutlich, wenn 
beide Stimmgabeln vor demselben Ohr standen. Obgleich also 
die gleichen oder nahe gleichen Eindrücke sich combiniren, wie 
daraus hervorgeht, dafs man die Schwebungen Stöfse gebender 
Stimmgabeln hört, wenn die eine vor dem einen, die andere 



vom 5. Mai 1859. 375 

vor dem andern Ohr steht, so findet dies doch nicht statt wenn 
die gröfsere Anzahl derselben sich zu einem neuen Ton conibi- 
nlren soll. Der Tartinische Ton ist daher objectiv nicht sub- 
jcctiv. 



An eingegangenen Schriften und dazu gehörigen Begleit- 
schreiben wurden vorgelegt: 

Atti dclt I. R. Istilulo veneto di scienze. Tomo IV, Dispensa h. 5. Ve- 

nezia 1S59. 8. 
Bulletin de la societe imperiale des naluralisles de Moscou. Annee 1S58, 

no. 4. Moscou 1858. 8. 
Siebenter Bericht der Oberhessischen Gesellschaft /ür Natur- und Heil- 
kunde. Giefsen 1S59. 8. 
Traite doptique physique, par M. F. Bill et. Tome 1. 2. Paris 1858 

— 1S59. 8. Mit Schreiben des Hrn. Verfassers, d. d. Dijon 

11. April 1859. 
Mittheilungen des historischen Vereins für Steiermark. Heft 8. Gratz 

1858. 8. 
S. W. F a 1 1 o u , An english-Hindustani Law and Commercial Dictionarr. 

Calcutla 1858. 8. 
The Atlantis, do III. London 1859- 8. 
Mnemosjne. Vol. VIII, Pars 2. Liigd. Bat. 1S59. 8. 
Maury, Sailing Directtons. Ed. VIII, Parti. Washington 1858. 4. 

Mit Rescript des vorgeordneten Kgl. Ministeriums vom 30. April 

1859. 
Archiv des historischen Vereins von Unterfranken und Aschaffenburtr. 

Band l4, Heft 3. Würzburg 1858. 8. 
Sullivan, On the influence tuhich the physical geography .... exert 

upon-the languages etc. s. 1. et a. 8. 
Rudolf Wolf, Mittheilungen über die Sonnenßecken. no. 7. 8. (Bern 

1858) 8. 
Jahrbuch der Geologischen Reichsanstalt. Jahrgang 9, no. 4. Wien 

1858. S. 
Klein, Inscriptiones latinae provinciarum Hassiae transrhenanarum. Mo- 

gunlii 1S58. 4. 

Memoire sur quelques inscriptions mediomatriciennes. (Metz 

1858.) 8. 

Die Bedeutung der Humanitätssludien für den Fortschrift. 



376 Gesammtsitzung 

Mainz 1858. 8. Mit Schreiben des Hrn. Verfassers, d. d. Mainz 
14. April 1859. 
Leibniz, Malhemalische Schriften, herausgegeben von Gerhardt. 
Band 4. Halle 1859. 8. 



Ilr. H. Ab Ich in Tiflis nimmt unter dem —. März d. J. 
die Wahl zum correspondirenden Milgliede der physikalisch- 
niathemallschen Klasse dankend an. 



12. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Bei der Eröffnung der Sitzung gedachte der Vorsitzende 
Sekretär des doppelten schweren Verlustes, welchen die Aka- 
demie in letzter Woche durch den Tod des Hrn. Di richtet 
in Göltingen am 5. und des Hrn. Alexander von Hum- 
boldt am 6. Mai erlitten. 



Hr. Borchardt las über ein die Elimination be- 
treffendes Problem. 

Wenn man die Resultante der Elimination zwischen zwei 
algebraischen Gleichungen mit einer Unbekannten aufsucht, so 
pflegt man die ganzen Funktionen, welche die linken Seiten der 
Gleichungen bilden, als durch die Werthe ihrer Coefficienten 
gegeben vorauszusetzen. Diese Art der Bestimmung ganzer 
Funktionen ist als diejenige Speclallsirung der Interpolation an- 
zusehen, die dem Zusammenfallen s'ammtlicher Argumente, für 
welche die Funktlonswerthe gegeben sind, entspricht. Aber man 
wells, dafs jedes Zusammenfallen mehrerer Argumente In der 
Theorie der Interpolation, anstatt die Resultate zu vereinfachen, 
sie verwickelter macht, und die leicht übersichtliche Gesetzmä- 
fslgkeit der Ausdrücke stört. 

Es war daher ein glücklicher Gedanke, der von Hrn. Ro- 
senhain herrührt, die Resultante der Elinilnation zwischen zwei 
Gleichungen ipz = O und ^/^ = o nicht durch die Coefficienten 



vom 12. Mai 18o9. 377 

von (pt und 4^z sondern durch die Werthe darzustellen, welche 
diese Funktionen für gegebene Argumente annehmen. Das von 
demselben im 30sten Bande des mathematischen Journals veröf- 
fentlichte Ergebnifs ist von um so gröfserer Bedeutung, als sich 
die nämliche Art der Darstellung auf eine ganse Reihe anderer 
Ausdrücke ausdehnen läfst und namentlich auf diejenigen, welche 

sich bei der Entwicklung des Quotienten -, — in einen Ketten- 

bruch ergeben. 

Aber die R osenhainsche Darstellung erfordert, dafs man 
die Werlhe der Funktionen (/)^, -^/z für eine Reihe von Argu- 
menten kenne, deren Anzahl der Summe der Ordnungen von 
(pz und n|/z gleich ist, also in dem Fall, in welchem beide Funk- 
tionen von der «"° Ordnung sind, für 2n verschiedene Argu- 
mente. Diese 2 n Funktionswerlhe sind also nicht von einander 
unabhängig, sondern n — 1 derselben durch die übrigen n-i-i 
bestimmt. Die Rosenhain sehe Formel kann daher nicht dazu 
gebraucht werden, die Resultante der Elimination darzustellen, 
wenn jede der Funktionen (pz^ "^z interpolatorlsch gegeben ist. 
Auf diesen Fall bezieht sich die gegenwärtige Untersuchung, sie 
beschäftigt sich mit der Lösung folgender Aufgabe : 

Die beiden Funktionen (pz und 4^2, jede n'^" Grades, 
sind durch die Werthe gegeben, die sie für s = «(,, 

«,, «„ annehmen. Durch diese zweimal n -H l 

Funktlonswerthe soll die Resultante der Elimination zwi- 
schen den Gleichungen (j); = 0, -v//^ = ausgedrückt werden. 

In dem hier vorliegenden Fall giebt die sogenannte abge- 
kürzte Bezoutsche Eliminationsmethode die Resultante durch 
die Coefficienten ausgedrückt. Nach der übersichtlichen von 
Hrn. Cayley gegebenen Darstellungswelse des anzuwendenden 
Verfahrens hat man den Quotienten 

„ / X (px ■■!/y — (Pf 4^x 

^(^, n = 

y — x 
zu bilden und nach Potenzen von x und j zu ordnen. Ist 

das allgemeine Glied desselben, so ist die Determinante D der 



378 Gesammtsilzung 

Coeffici'enten a;/, (wo sowohl i als k die Zahlen bis n — 1 
durchlaufen) die Resultante der Elimination zwischen den Glei- 
chungen (pZ=:a, 4/Z = 0, 

Vermittelst bekannter Determinantensätze läfst sich die De- 
terminante -D so transformiren, dafs sie, anstatt durch die Coef- 
ficienten «;* , durch besondere Werthe der Funktion F{x.^y) 
dargestellt wird. Bezeichnet man mit F{x,.,ff.) diese besonde- 
ren Werthe (wo sowohl j als k die Zahlen 1 bis n durchlaufen), 
mit D' die Determinante derselben und mit A(x,, Xg, .... x„) 
das Produkt aller Differenzen der Argumente x,, X2 . . . . x„ 
(jede Differenz so genommen, dafs ein Argument mit kleinerem 
Index von einem mit gröfserem abgezogen wird) so hat man') 

A{x,, x^, . . . . x„)ACjx,j2, • • • •!.)' 
In dem Fall der vorliegenden Aufgabe sind die Werthe von 
(f)x und \l/x für a; = «o, «, ...,«„ gegeben. Unter Einfüh- 
rung der Funktion 



') Es läfst sich beiläufig bemerken, dafs in der Transformation (1) zu- 
gleich eine unmittelbare Verification der abgekürzten Bezoutschen Eli- 
minationsmelhode liegt. Diese Verification ergiebt sich, indem man die bei- 
den Reihen von Argumenten x,, j-j . . . . j-» und /i,/i .••./» niit den 
Wurzeln ß,, iQj . . . . ß„ der Gleichung fx^O zusammenfallen läfst. 
Unter dieser Annahme wird 

cl,x = B{x-ß,)(x-ß,)....(x^ß„) 

4^x ^ _^-=" 4^^. i 



cpx i=i (p'ßi X ßi 

'■=» 4^ßi 1 1 



also 



F(/3, ,ß.) = - ^ßi cp'ßi 
F(ß,. , ß,) = 

wenn «von k verschieden ist. Die allgemeine Transformation (l)giebt da- 
her, so angewendet, für D, abgesehen vom Zeichen, den Ausdruck; 

B''4^ß, 4^ß, ....v^/3„, 

was die bekannte Eni er sehe Form der Eliminationsresultante ist. 



vom 12. Mai 1859. 379 

/x = (x — «o)(x — «,) . . . . (x — ce„) 
werden also die interpolatorlschen Darstellungen von ^jc und 4yx 

(bx ='^" ^^ A f ^, __ %" 4^"l fx 

i=0 f'ctj X «; 1=0 f'Ui X Ui 

und daher 

= 5 j, — -7- (c/j«,- \f/«^ — 4)% 4-«, ) ^"-^ , 

J ",J "k X — iic, X — «^ y — et; y— ct^ 

WO über alle Combinationen zweier verschiedenen Gröfsen «, , 
«I, zu Summiren ist. 

Hieraus ergiebt sich für a; = a, , j = «^ oder x = «^,j=(t,, 
wenn * von k verschieden ist: 

^{^i , «* ) = i^(«* , «,• ) = — ^ , 

dagegegen für x =y = «, : 

k f'"t "k — «,• 

wo sich die Summe nach k über alle von t verschiedenen Werthe 
erstreckt. Es ist daher 

Führt man für je zwei von einander verschiedene Zahlen i, k 
aus der Reihe bis n die Bezeichnung ein: 

und setzt ferner 

('') = -2(/Ä), (3) 

wo nach k wiederum über alle von j verschiedenen Zahlen aus 
der Reihe O bis n zu summiren ist, so wird demnach schliefs- 
lich : 



.180 Gesammtsitzung 

F(ce; , «,• ) = f'ctj /'«,■ . (j i) 

Man bilde nun das System der (« + l)^ Gröfsen {i k), 
nämlich 

(00) (Ol) (02) (On) 

(10) (11) (n) (in) 

(4) (20) (21) (22) (2n) 



{nO) (nl) (n2) (nn) 

ein System, welches erstens ein symmetrisches ist, so dafs (ik) 
= (ki), und weiches ferner nach Gleichung (3) die Eigenschaft 
besitzt, dafs je n -h l in einer Horizontal- oder Verticalreihe 
stehenden Elemente die Summe Null haben, so dafs: 

(jO) -f- (jt) -t- .... H- (ü) -+-.... -f- (in) = 0. 

Hieraus folgt zunächst, dafs die Determinante n -|- l*'*"^ Ord- 
nung R aus dem ganzen mit (4) bezeichneten System ver- 
schwindet. Es folgt überdies, dafs die sämmtlichen Unterdeter- 
minanten erster Ordnung von /?, die Gröfsen -;r , einander 

d[ik) 

deich sind. Man betrachte z. 'B. ;r — , d. h. die Determinante 

^ 9(00) 

desjenigen Systems, welches aus (4) hervorgeht, wenn die erste 
Horizontal- und die erste Verticalreihe fortgelassen wird, und 
das mit (5) bezeichnet werden möge. In dem System (5) ist 
irgend ein Element der ersten Verticalreihe (j'l), wofür man die 
Summe 

— f ('0) -*- 0'2) ■+■ ('3) H- -h (in)] 

setzen kann. Wegen der übrigen Vertlcalrelhen ist es erlaubt, 
in dieser Summe die Glieder (/2), (i3) .... (in) fortzulassen, 

7\R 
ohne dafs sich der Werth der Determinante ändert, ^- — - bleibt 

d(oü) 

also sich selbst gleich, wenn man für jedes Element (ii) seiner 
ersten Verticalreihe — (io) setzt, d. h. es ist 

du _ dn 
9(00) "" 9(01) 



vom 12. Mai 1859. 381 

Ähnliches gilt, wenn man für die Indices 0, 1 zwei beh'e- 
bige Indices setzt, und es sind demnach sämmtliche Unterdeter- 
minanten 

l einander gleich. Diesen gemeinschaftlichen Werlh der Unter- 
determinanten, welcher mit R bezeichnet werde, braucht man 
nur mit dem Quadrat des Produkts aus allen Differenzen der 
Argumente «q, «,,....«„ zu multlpliciren, um die Ellmina- 

f tlonsresultante D zu erhalten. 

g In der That, man setze In der Transformationsformel (1) 

Xl=fx =«M ^2=^2 =«2» • • • . a:„ =J„ =a», 

SO erglebt sich 

^ ^ :S±F(»,, »,) F(«2, «g) F{a„, «„) 

oder, Indem man mit (/'«o)^ =(«t — "o)' ("ü — "o)^"-(«n — "o)* 
oben und unten. multlplicirt, 

n Setzt man der Kürze ^^halber 
I 

I w = (a,— «o)^(*2— «o)* («„-«„_,)% (6) 

I 

I SO ist also 

Den gemeinschaftlichen Werth R' der Unterdeterminanten 

von R, mit ( — l)" multlplicirt und In die — '- Elemente (i/t) 

ausgedrückt, wo i, k zwei Zahlen aus der Reihe bis n sind 
und j <. Ar, bezeichne mau mit (n, 1, . . . . n) = »S", so dafs 

^-iyR=^ ^ =(0,1,....^) = ^ (7) 

ist. 



382 Gesammtsitzung 

Um die algebraische Zusammensetzung dieses Ausdrucks S 
kennen zu lernen, mufs man auf das früher betrachtete System 
(5) zurückgehen, welches aus (4) durch Forllassung der ersten 
Horizontal- und der ersten Verticalreihe hervorging. Nimmt 
man in (5) jedes Element mit entgegengesetztem Zeichen und 
drückt die Elemente — (//) der Diagonale durch die übrigen 
aus, so geht (5) in das folgende System (8) über: 

(10) -I- (12) -H . . . -t- (tn), — (12) - (1«) 

— (21), (20)-+- (2l)-t-(23) -+-... + (2«),. . . — (2«) 
(8) - (31) - (32) - {in) 



— (nl) — (n2) (nO)-f-... -+- (nn— l) 

(_1)»Z> . 
dessen Determmante S = ist. 

77 

Die den Index enthallenden Elemente kommen in (8) 
jedes nur einmal vor und zwar in den Diagonalgliedern. So 
findet sich (Ol) nur im ersten Gliede der ersten Horizontalreihe. 
Geht man von (8) wiederum zu einem neuen System (9) 
durch Fortlassung der ersten Horizontal- und der ersten Ver- 
ticalreihe über und bezeichnet mit S' die Determinante von (9), 
so ist daher (Ol) . S' der Complex der Terme von iS", die (Ol) ent- 
halten. In (9) kommen die Indices und 1 nur in den Diago- 
nalgliedern vor, folglich nur in den Verbindungen 

(20) -t- (21), (30) -t- (31), (nO) -h {n\). 

Es ist daher zur Bestimmung der Determinante S' von (9) 
hinreichend, ihren Werth in dem besonderen Fall zu kennen, 
wo die Elemente (20), (3o) .... (nO) sämmtllch verschwinden, da 
sich aus demselben der allgemeine Werth von S' ergiebt, wenn 

man an die Stelle von (21), (31) (n\) die Summen (20)-f-(2l), 

(3())_f_(,si), .... (no)-i-(nl), oder, kürzer symbolisch ausgedrückt, 
an die Stelle des Index 1 das Aggregat der beiden Indices -t- 1 
setzt. In jenem besonderen Fall aber, wo (20), (3o) .... (^70) ver- 
schwinden, geht (9) in ein System über, welches, um eine Ord- 
nung niedriger als das System (8), sich ebenso auf die Indices 



vom 12. Mai 1859. 383 

1, 2, .... « bezieht, wie jenes auf die Indices 0, l, . . . . n, des- 
sen Determinante daher = (l, 2, . . . . ri) ist. Folglich wird 



S' = (o-f-1, 2, 3, ... . n), 

unter welcher symbolischen Bezeichnung der Ausdruck zu ver- 
stehen ist, in den (1, 2, ... . n) übergeht, wenn an die Stelle 
von jedem Element (lAr) die Summe (oAr) -f- {ik) tritt. ^) Man 
hat also den für die hier betrachteten Ausdrücke fundamentalen 
Satz, dafs in 

iS" = (O, 1, 2 . . . . «) 

der Coefficient von (Ol) der Ausdruck 



(0 -f- 1, 2, n) 

ist. 

Durch wiederholte Anwendung hiervon findet man weiter, 
dafs in 

^ = (0, 1, n) 

das Produkt (oi) (02) .... (O/), wo i<.n ist, zum Coefficienten 
den Ausdruck 



(0 -H 1 -H . . . . -f- /■, / -H 1, . . . . n) 

hat, welche symbolische Bezeichnung in analogem Sinn, wie die 
frühere, zu verstehen ist. Für i = n erhält man als Coefficien- 
ten des Produkts (01) (02) .\ . . (Om) die Einheit. 

Aus vorstehenriem Ergebnils läfst sich eine Entwicklung 
von S nach den Produkten der Elemente (01), (02) .... (n«) 
bilden. Dieselbe besteht, da Glieder, die von allen diesen n 
Elementen unabhängig sind, nicht vorkommen,'} aus einer ersten 
Klasse von Ausdrücken, deren jeder nur eins dieser Elemente 
als Faktor enthält, aus einer zweiten Klasse von Ausdrücken, 
deren jeder ein Produkt von zweien dieser Elemente als Faktor 
enthält u. s. w. Schreibt man von jeder Klasse nur einen re- 



') Hier ist k eine der Zahlen 2, 3, .... n. 

') Denn wenn man die Elemente (01), (02) .... (o/j) alle zugleich 
verschwinden läfst, so geht (8) in ein dem (4) ähnliches System über, des- 
sen Determinante verschwindet. 

[1859.] 27 



384 Gesarnnitsitzung 

präsentirenden Ausdruck nieder, also von der A'*° Klasse den fol- 
genden: 

(Ol) (02) {Qk)C,, 

J 
WO Ci von den Elementen (oi), (02) .... (On) unabhängig ist, 

so ergiebt sich als Werlh von C^ der von dem Index freie 

Theil des Ausdrucks (0 -+- 1 -t- . . . . -+- A, Ar -f- 1, .... n), d. h. 



C^ = (l-H 2 -H . . . . -f- ^, Ä + 1, n) 

wenn k Kin, und 

so dafs man für S die Entwicklung hat: 

(0, 1, n) 

= S(01)(1, 2,....n) 

-+- 2 (Ol) (02) (1 + 2, 3, n) 



-+- 2 (Ol) (02) (0^) (1 -H 2 -t- -hk, Ä -H 1, n) 

-h 

■+• (Ol) (02) (0«) 

Diese Entwicklung ist ausreichend, um die Ausdrücke S für 
alle Ordnungen zu bilden. Man hat nur nölhig, von der nie- 
drigsten Ordnung anfangend stufenweise zu den höheren aufzu- 
steigen und erhält 

(0, 1) = (Ol) 
(0, 1, 2) = 2 (Ol) (12) -♦- (Ol) (02) 

= (Ol) (02) -H (10) (12) -t- (20) (21) 



Die der bisherigen Untersuchung zu Grunde liegenden und 
jetzt zusammenzustellenden Eigenschaften der Ausdrücke S, wel- 
che zur Herleitung der obigen Entwicklung nolhwendlg waren 
und für die vollständige Bestimmung jener Ausdrücke hinrei- 
chen, sind die folgenden: 

1. «y = (0, 1, . . . . n) ist ein Ausdruck n^" Ordnung der — '- 

Elemente (Ol), (02) (""), (12) etc., welcher bei Vertau- 
schung von je zwei Indices ungeändert bleibt. 



vom 12. Mai 1859. 385 

2. Der Coefficient des Produkts (ot) (02) .... (On) in S ist 

3. Es kommt in S kein Glied vor, das von einem der Indices 
z. B. von frei wäre. 

4. Der Coefficient von (Ol) in S ist der Ausdruck 



(0 -+- 1, 2, . . . . n). 

Hierauf sich stützend ist man im Stande nachzuweisen, dafs 
die Ausdrücke S einem einfachen Bildungsgesetz folgen. Um 
dasselbe kurz in Worte fassen zu können , ist es zweckmäfsig, 
vorher eine Unterscheidung in Beziehung auf Produkte aus einer 

beliebigen Anzahl der — Elemente (Ol), (02) (On), (l2) 

etc. einzuführen. Wenn ein solches Produkt eine Reihe von Ele- 
menten enthalt, welche dergestalt im Kreise angeordnet werden 
können, dafs jedes Element einen Index mit dem vorhergehenden 
Element und den anderen mit dem folgenden gemein hat, d. h. 
eine Elementenreihe von der Art der folgenden: 

(ik) (ki) 
(ik) (kl) (/i) 
(iklikO (^m) (mi) 
u. s. w. 

so soll das Produkt ein cyclisches genannt werden, wonicht, 
ein nicht-cyclisches. Dies vorausgesetzt, so wird die Bil- 
dungsweise des Ausdrucks S in folgendem Satz ausgesprochen: 
Der Ausdruck 

(7) s^i:z^, 

wo Z) die Eliminationsresultante der beiden Gleichungen 
«"" Grades (pz=o, \pz = o, und cj das Quadrat des Pro- 
dukts aus allen Differenzen der Argumente «o» "m ••••*», 

•II II» n , n — f- 1 
läfst Sich durch die Elemente 



(2) (.^^^c/'«, 4.«,-<^«,4.«, 



27* 



386 Gesnrnrntsilzung 

darstellen, wo «', k zwei von einander verschiedene Zahlen 
aus der Reihe 0, !,....«, und/j=(r— o!o)(z — «,)... .(2 — «„); so 
dargestellt ist er gleich der Summe aller nicht- 

cyclischen Produkte, die aus je n jener 

Elemente (ik) gebildet werden können. 

Zum Beweise des Satzes bezeichne man die Summe dieser 
nicht-cyc lisch en Produkte mit 

.4(0,1,2, ....rz). 

Dafs dieselbe die unter 1. und 2. aufgeführten Eigenschaf- 
ten besitzt, i>t einleuchtend. 

Um an der Summe A die Eigenschaft 3. nachzuweisen, ist 
zu zeigen, dafs wenn man den Index ausschliefst, also n Indi- 

ces und Elemente übrig behält, aus diesen ein nicht- 

cyclisches Produkt von n Elementen zu bilden unmöglich Ist. 
Diese Unmöglichkeit wird für n IndIces 1,2....« bewiesen, In- 
dem dieselbe, wenn m<in ist, für m Indices und Produkte aus 
m Elementen vorausgesetzt wird. 

Angenommen, für n IndIces gebe es ein nicht- cycllsches 
Produkt von n Elementen und dasselbe enthalte den Faktor (12), 
so mufs es jeden der Indices 1,2 noch einmal enthalten, denn 
käme der Index 2 nicht noch einmal vor, so wäre das übrig 
bleibende Produkt ein nicht cyclisches n— l'" Ordnung der n — 1 
Indices 1, 3, 4 .... w g^gd die Voraussetzung. In dem betrach- 
teten Gllede kommt also der Index 2 noch einmal vor, und zwar 
nicht in der Comblnatlon (21) (denn sonst wäre der Cyclus 1 2 
geschlossen), also In einer neuen Comblnallon, etwa durch das 
Element {ii). Aus denselben Gründen kommt jetzt der Index 3 
noch einmal vor und zwar nicht In der Combination (32) oder 
(31), (denn sonst wäre der Cyclus 2 3 oder der Cyclus 123 ge- 
schlossen), also in einer neuen Combination, etwa durch das 
Element (34). Indem man auf dieselbe Weise fortfährt, erhält 
man ein Produkt von n — 1 Faktoren, welches abgesehen von 
der Ordnung der Indices die Form 



vom 12. Mai 1859, 387 

(12)(23)....(^-In) 

hat, und wie man jetzt auch den n'^" hinzuzufügenden Faktor 
wählen möge, so wird durch denselben immer ein Cyclus ge- 
schlossen. 

Für n=2, wo es nur (fes eine Element (12) giebt, Ist die 
Unmögllclikeit eines nicht- cyclischen Prodcikls zweier Elemente 
augenscheinlich, folglich gilt dieselbe nach obigem Beweise all- 
gemein, d. h. wie man auch aus den Elementen 

(12), (13) . (l/j), (23) etc. ein Produkt von n Elementen 

bilden möge, so ist dasselbe immer ein cycllsches. 
Hiermit ist die Eigenschaft 3. an der Summe ^4 nachgewiesen. 

Es bleibt jetzt noch zu zeigen, dafs die Summe A auch die 
Eigenschaft 4. besitzt. Der In (01) mulllpllclrte Theil von 

^(0, !,....«) 
sei 

(01)^(0, l,....n), 

wo kein Glied in B das Element (oi) noch einmal enthalten 
darf, weil sonst der Cyclus ni geschlossen wäre. 

Jedes Glied von ß wird eine Anzahl von Elementen (O») 
und eine Anzahl von Elementen (ik) enthalten. Dafs beide An- 
zahlen gjeichzeitig verschwinden, ist nach dem vorhin Bewiese- 
nen unmöglich. Zwei Elemente (oi) und (l/) können nicht in 
demselben Giiede von B vereinigt sein, weil sonst der Cyclus 
Oll geschlossen wäre. IMan betrachte , irgend ein Produkt von 
n Elementen, unter welchen (Ol) und (0/) aber nicht (\i) sei. 
An die Stelle von (0/) werde (li) gesetzt, und das neue Produkt 
helfse dem ursprünglichen zugeordnet, so leuchtet ein, dals zwei 
zugeordnete Produkte zugleich cyclisch und zugleich nicht- cy- 
clisch sind. Hieraus folgt, dafs der Ausdruck B die Elemente 
(oj), (ii) nur in der Verbindung (0/) -+- (1/) enthält, wo i eine der 
Zahlen 2, 3, .... n bedeutet. Der von dem Index unabhängige 
Theil des Ausdrucks B Ist aber offenbar nichts Anderes als 

^(1,2,....«), 

folglich Ist nach dem so eben Erwiesenen 



J5(0, 1, . . . . n) = ^(0 -♦- 1, 2, 3, n)» 



388 Gesaminlsiliung 

d. h. die Summe A besitzt die Eigenschaft 4. Hiermit ist die 
Identität der Ausdrücke S und der Summen nicht-cycllscher Pro- 
dukte A vollständig dargethan. 

Es möge noch schliefslich angedeutet werden , wie sich mit 
Hülfe der oben gegebenen Entwicklung des Ausdrucks S auch 
die Gliederzahl desselben bestimmen läfst. Man vermehre in S 
sowie in der Entwicklung von S jeden Index um i und setze 
alsdann an die Stelle des Index i das Aggregat O-f- 1 •+•.... -f- i, 
welches der Kürze halber mit i' bezeichnet werde. Der Aus- 
druck 

(/', »■ -j- 1, . . . . /-f- n) 

in welchen jetzt S übergeht, heifse jT, seine Gliederzahl t, so ist 

T = {i+ l)(i + n-h 1)"-*. 

In der That, die Entwicklung von 2\ d. h. diejenige, in welche 
die frühere Entwicklung von S übergegangen ist, enthält Aus- 
drücke, welche dem T ähnlich gebildet sind, für welche aber 
die Zahlen j, n durch andere ersetzt sind und zwar n überall 
durch kleinere. Indem man im Fall solcher Ausdrücke, die einem 
kleineren an die Stelle von n gesetzten Werlhe entsprechen, die 
Formel für t als gültig voraussetzt, zeigt es sich, dafs sie auch 
für T selbst gilt. Für n = l glebt aber die Formel den richti- 
gen Werth T=i-Hl, also ist sie allgemein gültig. 

Für j = o geht T in S über und t in die Gliederzahl o- 
von S, welche durch die Formel 

o- = (« -t- 1)"-' 
bestimmt ist. 



Hr. Peters legte eine neue Schlange aus der Familie der 
Uropeltacea, Plectrurus ceylonicus vor und fügte einige 
Notizen über die hieher gehörigen Arten des K. zoologischen 
Museums hinzu. 

Plectrurus ceylonicus n. sp.; scuto rostrali ad fronto- 
nasalia extenso, supraorbitalibus nullis; squamis corporis per se- 
ries longitudinales 18 dispositis; abdominalibus 154, subcaudali- 



vom 12. Mai 1859. 389 

Liis 9; umbrinus vel vioiaceofuscus, flavido adspersus, taenia la- 
teral! flavida irregulari. 

Long. toLa 0,193; cap. 0,007; caud. 0,0075; crass. corp. 0,006. 
— Ceylon. 

Das K. zoologische Museum besitzt aufserdem noch fol- 
gende Uropeltacea: 

\. Rfiinophis o xy rhynchus ^em^r\c\\\ die beiden Orl- 
ginalexemplare, nach weichen Schneider seinen Typhlops 
oxyrhynchus beschrieben hat, aus der Bloch'schen Samm- 
lung. 

2. Rhinophis homolepis Hemprich. 

Diese beiden Arten, welche mir mit den beiden von Ke- 
laart (Ann. Mag. ]Nat. bist. 2. ser. XIII. p. 28) unter der 
Gattung Dapatnay a beschriebenen Arten übereinzustimmen 
scheinen, sind von Hemprich in seinem „Grundrifs der 
Naturgeschichte", Berlin 1820. pag. 119 ohne weitere Be- 
schreibung aufgeführt und Ist es mir nicht möglich gewesen, 
irgend eine andere Stelle zu finden, wo die Gassung Rhino- 
phis von Hemprich aufgestellt wäre; in den „Verhandlungen 
der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin I. 2.", wel- 
che von Wagler, .1. Müller u. A. citirt werden, findet sich 
nichts darüber. — Von Graf von Bore k. 

3. Rhinophis punctata Müller. Diese Art ist, wieDu- 
nieril und Bibron bereits richtig erkannt haben, übereinstim- 
mend m\\. ^c\\\^^c\i P seudn ty p hin p s o x.y rhy nchus {^Kh\y\- 
dungen Taf. 12.), wovon ich mich durch Vergleichung mit den 
Resten des im hiesigen anatomischen Museum befindlichen Mül- 
lerschen Originalexemplars überzeugt habe. — Durch Graf von 
Borck. 

4. Rhinophis philippinus J. Müller, Dumeril et 
Bibron, Erpelologie generale Bd. 7. pag. 154. — Ein Exem- 
plar durch Hrn. Nietner aus Ceylon, welches beweist, dafs 
diese Art eine eben so weite geographische Verbreitung hat wie 
Typhlops b rarn in US. 

5. Rhinophis ß/ythii Kelaart,Ann. Mag. Nat. bist. 2. ser. 
vol. XIII. pag. 26. Ein schadhaftes Exemplar aus Ceylon. 



390 Gesammtsüzung vom 12. Mai 1859. 

An eingegangenen Schriften und dazu gehörigen Begleit- 
schreiben wurden vorgelegt: 

Comples rendus de l'Academie des sciences. Tome 48, no. 9 — 15. Pa- 
ris 1859. 4. 

Glasnik. Vol. X. Belgrad 1 858. 8. 

Monumenla saecularia. Herausgegeben von der Kgl. Bayerischen Aka- 
demie der Wissenschaften. München 1859. 4. 

V> Martins, Erinnerung an Mitglieder der ph^s.-malh. Klasse der Kgl. 
Barerischen Akademie der Wissenschaften. München 1859. 4. 

V. Maurer, Rede bei der hundertjährigen Stiftungsfeier der K. Bayeri- 
schen Akademie der IVissenschaften. München 1859. 4. 

Almanach der Kgl. Bayerischen Akademie der l-f issenschaflen für das 
Jahr 1859. 8. 

P. V. Chlumecky, Des Rathsherrn Georg Ludwig Chronik von Brunn. 
Brunn 1859. 8. 

The quarlerlr Journal of the geological Society. Vol. XV, Part 1. 2. 
London 1859. 8. 

Address delivered at the anniversary meeting of the geological Society of 
London. London 1858. 8. 

Clausius, Die Polentialfunctioii und das Potential. Leipzig 1859. 8. 

Reichert, Der Bau des menschlichen Gehirns. 1. Abtheilung. Leip- 
zig 1859. 8. 

Claparede, De la formation et de la fecondation des oeufs chez les 
vers nematodes. Genev« 1859- 4. 

Claparede et Lach mann, Etudes sur les infusoires et les rhizo- 
podes. Livr. 1. Geneve 1859. 4. 

Max Schnitze, Zur Kennlmfs der elektrischen Organe der Fische. 
2. Abth. Halle 1859- 4. 



Schliefslich vernahm die Akademie voll Thellnahme ein 
Schreiben ihres correspondlrenden Mitgliedes, Hrn. Haidinger 
in Wien, vom 9. d. M., in welchem derselbe die Trauer um 
Alexander von Humboldt in warmen Worten ausdrückt. 



Sitzung der phil.-hist. Klasse vom 16. Mai 1859. 391 

16r Mai. Sitzung der philosophisch - hi- 
storischen Klasse. 

Hr. Ranke las über den Fortgang der spanischen 
Kolonien in Süd-Amerika nach der Eroberung. 



Hr. Bekker sprach über den Hom erischen gebrauch 

von ort und o ri, o rs und ots, s<rs?.uj und Srs'/.w. 

oTt ist das neutrum nicht von cg -tg sondern von ori?: 

riii'ov oric fxo< ii{t~iv ccx STmro p 53. 
ort? aber, aus og, wofür ja auch ö gesagt wird 

(o T(/'(l' iV (pDCVi'JlV ayo3Y,Tc<ro A 73 
y.cd '^ijijxy^ • ycto rv o'i, ccn'jj?.£T£ 2 460), 
und Tig zusammengewachsen zeigt seinen Ursprung in der be- 
deulung, die gewöhnlich nicht auf einen bestimten einzelnen 
geht, sondern nah anstreift an e'i ng 

(^dvZrp{j.TTa\jg twjt^ov, oTtg iKio^y.ov cuottyi T 279, T 260 

a?.?.og orig TaiceC-u ys pi^rt T 494, « 47, y^ 315 

OTtg ii sixa bujunSr^ 'ly.r-ctt C" 32 

OTig (Tipiag UTn(pty.r,Tcti fx 40, o 188, n 228, v 188, y^ 415, vL' 66 

OTiQ Cnoyjiaiog bASyi o 447 

OTig c'jy. aXzyst 7r307); 
und seine Selbständigkeit und einheit zeigt es theils in der de- 
clination, welche die erste sylbe unberührt lässt 

(c-£V y.sy üY,iJ.ivog £X-S"oj o 421 

Vi^Liv oTiw ^'jjo'jTi y.cti ui yccrcc~£^vY,y.ccTw O 664 

orivce mahir, ^vijLog ts xa/.svst Sr 204 

OTB'juv TS 7zo}.iv Hat yciictv tHr~(it a 39 

y^iXi-v OTiotTtv ftCoog VTZizrszov syyva?,t^Yi 

^S' CTtVCtg IXtVV^lpTt O 491 — 2), 

theils in der Verdoppelung des consonanten *) 



) die Verdoppelung hat cn gemein mit oTrohi nnd cttoVo?, formen die 
vielleicht aus o; ttcicq und o? ttoctc; entstanden sind und ähnliche adverbien 
gebildet haben, oTrm statt i'j ttjh; und ottou statt ou ttou. 



392 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

(VTTI X£ eiTZTig A 294 

oTTi voY,rYig A 543 

OTTEO (TZ %Oyl CC 124 
CTTSO y^OYil^WU p 121). 

den endvokal kan or» so wenig elidlren wie t«: mit dem t ginge 
die Verständlichkeit verloren. 

anfangs pronomen wird oTi oder otti oft als conjunction ge- 
braucht 

(£((/)' ort Ol Tlfjg sifM TT 131 

yiyvMT-^M ^' OTt noyXot iv aCmZ BcttTct tj^sit«* ^ 269 
Yi oJ'v «A(c OTTI yvi'cciHccQ uva):y.thct<i Y7ricc7rivst(; E 349 
oiSct yct:: otti xcchoi ^j.sv anoi'yjjVTCct TroXs/xofO A 408), 

und pflegt dann an seinen Ursprung zu erinnern durch anleh- 

nung an ein demonstrativum 

i^ovhz TO ol8s — oTTt ixa}^ OV §Y,VniOQ E 406 7), 

gerade wie die gleichbedeutenden ovi'iku nnd ms 

(^HOTS^TCCjUil'Yi TO yS &'JIJI.Üj 

ovusH iyui Acevceolrt (7t/ 0£ Tjmsttiv dOYiystQ a 191 
iHswüuv iM'Y,TOiJLcti (Lg lA dj-ViftYi^^of ei> 'AoystotTiu s^s^sv I 646), 
und im wi(ler>pruch mit der orthographischen unlerschelilung 
beider bedeutungen, die ange und verstand mit o, tti oder o tt« 
erfreut, wie wenn quod das pronomen anders geschrieben würde 
als quod die conjunction, oder che anders als che, que als que, 
that als that. das ginge ja an trotz der einsylbigkeit: unter- 
scheiden wir doch das und dafs. 

beide bedeutungen vereinigt auch das einfache o 
(jyjiiTnfxivYi Ol ov ti S'ceXvxirc — Otvsvg §^Q^^ I 534 
yvM S' 'OSvteOc Ol OV ri Ti}.og naTny.aiatov y^X-^sv A 439 
oiy. ccUtg o jus — ßa?^ev Ai«9 O 248 
und mit voraufgehendem demonstrativum oder nomen 

},£\jtj-sts yr)o to ys navTsg o ixoi yi^cig e^'yzTcci a/.Xvi A 120 

TMV nOlVY^V TOI OV Tl 6i^STC(t ' At'hcOfA.CCyYi nXVTCt TSV<y^SCt 

P 207 

yuM S'Ai'aS' — kpyct S'sJjv, o pce TTccyy^v ixccyjrfi im (XYiOsa nii- 

§zv Zsvg n 119. 

Vgl. E433, 1493, T 144 und 421, S 771, ?. 540, ^^ 295 
und 375, u 340, ^ 545, r 543, <]> 289, ^^ 220). 



vom 16. Mai 1859. 393 

daran hängt sich jenes noch wenig verstandene te, das der 
prosa nur in «re errg oto<; ts und ujtts gebh'eben ist, bei Ho- 
mer aber auch den arlikel {rce r a}Xa ns^ b 29 und o 273), 
die pronomina o? oicc qtov orsiuv (y, 39) riQ, und viele partikeln 
begleitet («Ä?.«, a^« B 281 I 519, «j und «j«, clrctj, ocv, yna, 
hl und oihi, siffe^, si-S-«, Itji A 87, r^, r,, tuet, Hat, iJ.ct},u A 218, 
jusi/, oCf f, o-CT/j orf, ou? und ou? ei) : 

yjuoixsi'o? r ctDiTTOv 'A'/atüJv ovBsv k~iTcc<; A 244 
'^lyvttiTXMV T ni'ct7.y.i<; £>;i' ^soi; E 331 (vgl. 251, P 623, 
^ 90 und 366, o iii). 
solches TS zu verwechseln mit der zeltparlikel cts. ist auch 
mir begegnet (A 412 und 518, W 274 433 509, T 57) und liegt 
um so näher als die zeitpartikel mit olhct und (xiiMYiixctt verbun- 
den wird wie cum mit mernini: 

no7.y.c<y.i ycto (reo — cty.o'jTct sy'yj)iA.svY,c;, or s<pY,r^c( A 397 

o<po slBrj yXaxjyMTCtg ot uv ui ■ftctTDi tjinyjfja.t 406 

Tihsa ixsv ytcQ OTS 7rao<ppttif Aavao7Tiv uixijvsv, 

o\ha hs vCv ots rot/? /u.£f nv6cei'St 2 7l — 2 

r ovf{ otT^r OTS osCoo 7raTY,3 tso<; ly.sTo (psvyuiv it 424 

JJ OÜ IXSßVYj OTS y.slyS 'rCKTYiAV^OV W 115. 

ja wer mit slg o y.sv vergleicht sU ots y.sv - 144 und das voll- 
ständige i'c^ sTt ToC OTS I 106, auch sw; cts ^ 358 und ttdIv y 
OTS (I 588, M 437, ß 374, b 180 und 477, u 322, v^ 43) in die 
betrachtnng zieht, dürfte zweifelhaft werden ob o ts und ö're 
ursprünglich irgendwie verschieden gewesen. 

gewisser ist dafs o -s sein t nicht verdoppeln kan : was 
einige grammatiker einer liquida zugestanden {ivtuusyüzctn, 
o3'tvvY,To<; , Tccoa), hat niemand je auf eine muta ausgedehnt, 
was ist dann aber er-' in ott i-:ri/.cict' o 317? weder 07» ist es 
noch TS, sondern eine unform, flugs zu beseitigen durch rück- 
kehr zu der vorwolfischen lesart otti hs/.otsv. die hat allerdings 
Aristarchs autorität gegen sich: aber Aristarch hätte schon A 277 
an dem monstrum Ily.Ei'öyc^e?.' inne werden sollen dafs seine an- 
nähme, Homer kenne nur kht/.etv, nicht aber auch ^b.siv, in 
dieser allgemeinheit unrichtig sei. das verbum kömt über 230 
mal vor, 80 mal in fällen wie wyo ic'iXsi, xjoctIsiv s^sKstg, wo 
die dreisylblgkeit unzweifelhaft ist, und 40 mal etwa mit der 
negation, o\j>c z-zrsXst, oOx I^sXout*): niemand wird ov^i S'shst 



394 Sitzung der phüos.-hist. Klasse vom 16. Mai 1859. 

versuchen oder oim S'eXovtyi, da ja oiiyj unhomerisch ist, ovm 
aber, das überhaupt nur 9 mal vorkömt, blos am ende eines 
Satzes steht, elliptisch, nicht wie das tonlose oder proklilische 
oü angeschlossen an das folgende wort, 

rik Hai oC>y.l B 238 300 349, K 445, « 268, § 63'i, X 493 

0? T cttrioQ og rs Hat ovhi O 137 

ttoXA' trsa rs Hat ovy.t Y 255.^) 
die so erwachsene mehrzahl, noch verstärkt durch 40mallges 
i^'.S-sXoi' neben loinaligem i^sXou, mag immerhin mafs geben wo 
die wähl zwischen ik-b.w und ^O.m beliebig scheint, W s-TsXs 
(imperativ E 441), Tcäi'r l^iXsi, d?X i-^sXsic, 5' J^e/sic, jy' e-S-e- 

>.oic, darf aber weder der grammatik noch der metrik zwang an- 



^) hätte sich eine so einfache bemerknng zu rechter zeit eingestellt, 
so wäre zu O 7l6 nicht der name Benlleys unniilzlich gefuhrt worden, 
sondern in den text gesetzt, dort und 11 762, ou ti, und in die note zu 
n 7ö2 'ou Tt: oü%i. 

möge auf diesen anlass vergönt sein noch einige andre versehn mei- 
ner ausgäbe zu berichtigen, es ist zu setzen 

biind t s 6i im columnentitel 4. und A für 3. und F A 50 

TtoTH«. für TTOTHva, K 346 TToSeaa-iv, für TrcISKrar M 286 Fsi- 

XuT*i für FffAuolTc« 454 arfüroi' N315 a^nv [iit ciSriv 

I150I nach xparspi^? ein komma 2 106 afiti'vovE? für «.ittiftovss 

in der n<>te zu A 3 15 r. für xev zu M 23y E 267 für M 2^9 

zu N l''iy = für 7rup7>'8';v — zu N 174 I 683 für hie —, Odjrssea 

zu N 759 ' h'äxtj.a.wa. für ' Ay.cijxi*.na. zu O (anfang) 1 für 2 und 

343 für 3/14 zu T lb9 l42 für I 42 s. 5iS z. 6 v. u. 

fehlt 359. vor >i«.,u.7rpov zu * 172 lies y.e'JiroTta.'iii; -. iJ.i(j70T:i»,\li für 

usCdOTTOLAki : jLt£a(r07r«.7£? ZU X 328 ÄTipu.fCL'^ai für ä.<j-(pa.px'^ov 

zu T 22— 3. 3l6 für 336 42. oTtpfi? für ffTsps'oj? 6S. 59 

für 20 91. tropcf für o-oi^ö; 215. 215 für 25 491. 

xaripvKE : (pairo fj.\J&o<i für (p^xo /jivöov : xXTifivxe band 2 s. 3 TIIO- 

0E2E12 für TO0E2E12 ß 4 09 »V für fep* v 195 fxeff. 

(rr)7u? für fA.riaa-riy!i? x 2 AiöAo; für Ai'oAo? (und dazu als note 2. 44. 

AicAo? Arcad. p. 56 6: Ai'oAo;) ^ 353 uÄJi? für viAtj tt 307 

oTi? für TU v^ 3 l4 Aio'Xov für Ai'oÄov in der note zu « 

252 £7ra.Xa(rT)i'ir«.tra. für 67raA«.(7T>iac<, zu /3 82 nach oute cf 2 246 

(wonach die note zu 92 wegfällt) zu X 211 W für ß 

zu 238. 190 für 101 371. 'C für g zu p 347. TrupsTm 

für TTÄpeTioit 



Gesammlsilzung vom 19. Mai 1859. 395 

thiin, sondern niiiss z. b. »ttu ^O.y,t^cc und ccpscc Srh.rjou und 
einige 40 ähnliche ausnahmen gestatten, wofern der Adonische 
vers, womit der bukolisch cädirte hexanieter schliel^t, oben (s. 
268) richtig schematisirt ist. 



19. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Mommsen las die Einleitung zu einer Aus- 
gabe der unter dem Namen der vaticanischen Frag- 
mente bekannten vor justinianischen Rechtscompila- 
tion. 

Hr. du Rois-Reymond legte eine Mittheilung des Hrn. 
W. Kühne, beireffend die Endigungsweise der Nerven 
in den Muskeln und das doppelsinnige Lei tun gs ver- 
mögen der motorischen Nervenfaser, d. d. Paris 3. Mai 
1859, vor. 

1) Die Anschauung, welche die \Virksamkeit directer Mus- 
kelreizung allein den intramuscularen Nerven zuschreibt, und 
welche dem Muskel selbst sowohl eine eigene Irritabilität, wie 
das den Nerven elgenlhiimliche Leltungsvermögen abspricht, ist 
zugleich mit der Voraussetzung verknüpft, dafs der Muskel in 
allen seinen Punkten mit gleichen Mengen der reizbaren Ner- 
vensubstanz vermischt sei. Die Verfolgung der motorischen 
Nerven bis zu ihren letzten peripherischen Ausbreitungen ist 
darum auch von Interesse für die Irritabilitätsfrage, welche durch 
die nachstehenden Beobachtungen eine neue Entscheidung ge- 
winnen dürfte. 

Es ist schon von mehreren Histologen beobachtet, dafs bei 
manchen wirbellosen Thieren die breiten motorischen Nerven- 
fasern in das Innere der Muskelprimitivbündel eindringen, so 
dafs der directe Contact zwischen den Nerven und der contrac- 
tilen Substanz mindestens als wahrscheinlich betrachtet werden 
mufs. Eigene anatomische Untersuchungen haben nn"r gezeigt, 
dafs auch bei Wirbelthlereu, am Sartorius des Frosches, feste 
Verbindungen zwischen den Nerven und dem Sarkolemma nach- 
gewiesen werden können, wofern die Muskeln frisch und ohne 



396 Gesammtsilzung 

Druck bei starker Vergröfserung beschaut werden. Der Inhalt 
des Muskelrohres ist aber bei Wirbelthleren zu undurchsichtig 
um den Nerven jenseits des Sarkolemms weiter verfolgen zu 
können, und damit liegt die Aufforderung nahe das Experiment 
zu Rathe zu ziehen, wo die optischen Hülfsmittel den Dienst 
versa oen. 

Der Sartorius des Frosches erhält seinen sehr feinen Ner- 
ven etwa an der Mitte seines inneren Randes in der Art, dafs 
derselbe sofort nach seinem Eintritt zwischen die Muskelbündel 
in zwei Theile zerfällt, welche in fast parallelen Zügen mit den 
Primitivbündeln nach zwei entgegengesetzten Enden, nach unten 
und oben, verlaufen. Die früher als wahre Nervenenden be- 
schriebenen Schlingen befinden sich an diesem Muskel nur hart 
hinter dem HIlus, so dafs die geringe Anzahl dieser Vorrichtun- 
gen ausschllefsllch als Piexusbildungen des Stammes zu betrach- 
ten sind. Jenseits derselben beginnen die einzelnen Nervenpri- 
mltlvfasern sich gabelförmig zu thellen , um als secundäre oder 
auch tertiäre Astchen an die contractile Substanz heranzutreten. 
So findet man das Verhalten bis nahe vor dem Ursprünge und 
dem Ansätze des Muskels, einige Millimeter vor diesem Über- 
gange der Muskelfasern in ihre beiden Endsehnen aber kann 
auch bei der gewissenhaftesten Durchmusterung jedes einzelnen 
Abschnittes keine Spur von Nervenelementen mehr nachgewie- 
sen werden. 

Dennoch zuckt, wie bekannt, bei der Reizung des Nerven 
jedes Mal der ganze Muskel, und es ist von Interesse zu zeigen, 
dafs der Nerv sogleich bei seinem Eintritt zur Herrschaft über 
die gröfste Zahl der Primitivbündel gelangt. Jedes noch so 
kleine Muskelstückchen, welches die Technik dem eintretenden 
Nerven anhaften zu lassen gestattet, geräth in Zuckungen, wenn 
der Stamm des ersteren gereizt wird, sei es elektrisch oder che- 
misch. Die wirksame Verbindung zwischen Nerv und Muskel 
ist also nicht ausschllefslich an die beiden Enden des Sartorius 
verlegt. 

Da der Muskel eine Combination von contractller Masse 
und intramuscularer Nervensubstanz darstellt, so ist vorauszu- 
setzen, dafs die Erregbarkeit dieses Ganzen der Summe der Er- 
regbarkeiten des Muskels selbst und des Nerven gleich sei, und es 



vom 19. Mai 1859. 397 

ist um so wahrscheinlicher dafs ein Muskel an Punkten, wo er 
viele Nerven enthält, reizbarer sei, als an solchen, wo er deren 
wenige oder gar keine besitzt, als kürzlich J. Ro sen thal nach- 
gewiesen hat, dafs die Erregbarkeit des Nerven beträchtlich grö- 
fser als die des Muskels selbst ist. 

Die Methode um die Erregbarkelt verschiedener Punkte eines 
Muskels zu vergleichen ist sehr einfach; sie besteht darin, dafs 
derselbe mit zwei um einen stets gleichbleibenden Absland von 
einander entfernten Elektroden berührt und mit dem Minimum 
der zur Zuckung grade hinreichenden Stromesstärke gereizt wird. 
In diesem Falle erreichen die Stromesschwankungen innerhalb 
des Organs nur an den Orten, welche die Verbindungslinie zwi- 
schen den Elektroden bilden, denjenigen Werth , welcher zur 
Reizung genügt, alle übrigen Punkte werden zwar mit davon 
betroffen, die dort passirenden Stromescurven reichen aber nicht 
aus um Zuckung auszulösen. Der Muskel kann also ganz par- 
tiell gereizt werden. 

Zur Abstufung der Stromesstärke bediente ich mich der Ver- 
schiebung der secundären Rolle desSchlllten-Magnetelektroniotors 
von du lio is- Rey mond, im Falle die Reizung statt durch 
Induclionsschläge durch Schliefsung und Öffnung einer constan- 
ten Kette geschah, des zur Nebenschliefsung angeordneten Neu- 
ro an n'schen Rheochords. 

Beim Aufsetzen der um 3°"" von einander entfernten durch 
zwei Platinspitzen gebildeten Elektroden zuckt jedes Mal nur das- 
jenige Muskelbündel, welches direct gereizt wurde, wenn die die 
Spitzen verbindende grade Linie parallel der Faserrichtung des 
Muskels liegt, und wenn die eben hinreichende Stromesstäike 
zur Reizung verwendet wird. Eine Ausnahme von diesem Falle 
tritt nur ein, wenn die Elektroden zu beiden Seiten des eintre- 
tenden Nervenstämmchens liegen, oder wenn sie auf einer auch 
anatomisch nachweisbaren primären Nervenröhre ruhen. Die 
grofse Mehrzahl aller so erhaltenen Zuckungen ist fibrillär, die 
einzelnen Muskelbündel zucken aber stets in ihrer ganzen Länge. 
Für den Fall, dafs die Linie zwischen den Elektroden den gan- 
zen Stamm des Nerven schneidet, erstreckt sich häufig die 
Zuckung auch über den ganzen Muskel, im Falle, wo sie dage- 
gen nur den Verlauf eines dem Hauptstamme entsprungenen 



398 Gesammtsilzung 

Astes betrifft, breitet sieb die Zuckung nur auf eine besebränkte 
Zahl von Muskelfasern aus, welclie freilich an sehr wechselnden 
Orten in der Breite des Muskels liegen können. Niemals aber 
ergreift die Zuckung unter diesen Umständen alle Primitivbün- 
del, so dafs nie eine gleichmäfsige \'erkürzung des ganzen Sar- 
torius eintritt. 

Schon bei dieser Anlegungsweise der Elektroden zeigt sich, 
dafs an manchen Stellen des Muskels ein überaus geringer Reiz 
genügt um Zuckung hervorzurufen, während häufig bei einer 
ganz geringen Verschiebung der Elektroden derselbe Reiz nicht 
mehr ausreicht, sondern erst bei einer ganz belrächtlicKen Ver- 
mehrung der Slromesstärke derselbe Erfolg wieder beobachtet 
werden kann. Viel auffallender tritt dies hervor, wenn der Mus- 
kel so über die Elektroden gebrückt wird, dafs alle seine Fasern 
in senkrechter Richtung über did feinen parallel zu einander 
stehenden Platindrähte laufen , so dafs man durch Verschieben 
des Muskels von der Nerveneintrittsstelle an bis zu dem oberen 
oder unteren Ende hin alle Punkte nach einander zur unmittelbar 
betroffenen Stelle macht. Nahe der geometrischen Mitte ist die 
Erregbarkeit am gröfsten, etwas weller nach oben hin mufs be- 
reits die Stromesstärke um ein Geringes vermehrt werden, und 
bei grofsen Exemplaren zeigt sich dann schlielslich * bei einer 
4 — 5""" betragenden Entfernung von dem kurzen oberen sehnigen 
Ursprünge an eine so plötzliche Abnahme der Erregbarkelt, dafs 
eine beträchtliche Verlängerung des Neusllberdrahls am Rheo- 
chord, oder eine starke Verkürzung des Abstandes zwischen den 
beiden beweglichen Drahtrollen des Inductionsapparats nöthig 
wird, um von diesen Theilen des Muskels aus Contractiouen zu 
erzeugen. 

Die plötzliche Abnahme der Erregbarkeit des Sartorlus nach 
dem Ende zu ist nicht bedingt durch Veränderungen in der Gröfse 
des Muskelquerscluiitts, sie findet in gleicherweise statt an dem 
unteren spitzen Ansätze des Muskels, dessen geringerer Quer- 
schnitt bei gleichbleibender Stromesstärke das Umgekehrte be- 
wirken mufste. Auch an diesem Ende des Muskels mufs die 
Stromstärke im Vergleich zur Mitte vermehrt werden, wenn 
Zuckung eintreten soll. 



vom 19. Mai 1859. 399 

Der Grund der erörterten Erscheinung liegt darin, dafs der 
Sartoritis nur in beschränkter Weise mit Nerven versehen ist. 
Die Summe der intraniuscularen Nerven bleibt in allen zwischen 
der Mitte und den Endpunkten angelegten Querschnitten nicht 
dieselbe. Indem der Nerv vom Cerabrospinalcentrum nach der 
Peripherie hin an Erregbarkeit abnimmt, wird dieser Umstand 
wieder ausgeglichen durch die Vermehrung der Angriffspunkte, 
welche dem Reize mitteist der zahlreichen Nerventheilungen dar- 
geboten werden, so dafs die Erregbarkeit der Combination von 
Muskel und Nerv für eine gewisse von der Nerveneintrittssteile 
nicht allzu entfernte Strecke nahezu dieselbe bleibt. Einige Mi- 
limeter vor den beiden Enden des Muskels aber haben die Ner^ 
venfaserii ihr Ziel erreicht, das überschüssige Stück der Muskel- 
primitivbündel empfängt den Nervenreiz ausschliefslich von der 
Mitte näher liegenden Punkten, wo die Nerven in wirksamer 
Verbindung mit der contractilen Substanz verknüpft sind. 

Der ßeweis für diese Anschauung wird dadurch geliefert, 
dafs, bei der Wegnahme des Nerven aus dem Muskel, letzterer 
in allen seinen Theilen gleich erregbar wird. Während ein auf- 
steigender constanter Strom den Nerven des Sartorius hart vor 
seinem Übergange in den Äluskel durchfliefst, nimmt die Erreg- 
barkeit desselben in allen Punkten, welche zwischen der Mitte 
und dem Ende liegen, in beträchtlichem Grade ab, ausgenommen 
in den einige Millimeter vor dem Ansätze und dem Ursprünge 
gelegenen Orten, auf welche der Elektrotonus des Nerven nicht 
den mindesten Einflufs auszuüben vermag. Bei Vergleichung 
der angewendeten Stromstärken zeigt sich dann, dafs der Reizj 
welcher nach der Nervenlähmung auch für die sonst erregbar- 
sten Theile angewendet werden mufs, übereinkommt mit dem 
Minimum des Reizes, welcher grade von der oberen nervenlosen 
Ursprungsportion des Sartorius aus Zuckung erzeugt. 

Ein fernerer Beweis für das Fehlen der Nerven in den End- 
stücken des Muskels liegt darin, dafs gewisse chemische Verbin- 
dungen, welche nur auf den Nerven erregend wirken, nicht aber 
auf die Muskelsubstanz selbst, bei directer Application an den 
Muskelquerschnitt nur dann Zuckungen erregen, wenn an der 
Stelle grade Nerven eingebettet liegen. So giebt ein Sartorius, 
[185:;.] 28 



400 Gesarnmlsilzung 

der mit seinem am oberen breiten Ende angelegten Querscbnitt 
in concentrirtes Glycerin getaucht wird, niemals Zuckungen, 
selbst nicht nach stundenlanger Berührung. Benetzt aber das 
Glycerin einen wenige JVlillimeter tiefer angelegten Querschnitt, 
so treten nach kurzer Frist Zuckungen ein, welche zuletzt ia 
vollständigen Tetanus übergehen, der, wie an einem anderen Orte 
nachgewiesen, ausschliefslich der Reizung intramuscularer Nerven 
seinen Ursprung verdankt, da er durch aufsteigend im Nerven- 
stamm lliefsende galvanische Ströme beliebig zurückgehalten wer- 
den kann. 

Jeder Reiz, welcher von den beiden hart vor den End- 
punkten des Sartorius angelegten Querschnitten aus Zuckungen 
erzeugt, ist darum ein Muskelreiz; indem an diesen Orten nur 
die reine contractile Substanz ohne alle Nervenelemente dem 
reizenden Einflüsse unterliegt, wenn dieser local auf den Quer- 
schnitt beschränkt werden kann. 

2) Der Sartorius des Frosches bietet ein vortreffliches 
Object zur Demonstration der centripetalen Leitung der mo- 
torischen Nervenfasern. Da der Nerv in der Mitte dieses 
Muskels eintritt, und von dort nach beiden Enden hin Zweige 
abgicbt, welche sich der Art spalten, dafs ein und dieselbe Ner- 
venröhre in zwei oder noch mehrere Aste zerfällt, welche ihrer- 
seits ganz verschiedene Muskelprimitivbündel versorgen, so ist 
es ohne weiteres klar, dafs die doppelsinnige Leitung sofort er- 
wiesen wäre, wenn es gelänge das peripherische Ende eines se- 
cundären Astes für sich allein zu reizen. Der Nerv müfste bis 
zur Theilungsstelle den Reiz eben aufwärts leiten, damit der- 
selbe von dort wieder abwärts nach dem Muskel fortgepflanzt 
werden könne. 

Da es unmöglich ist eine einzelne Nervenprimltivfaser me- 
chanisch zu isoliren, so mufs der folgende Versuch, der auf das- 
selbe hinauskommt, genügen. Ein grofser Sartorius wird mit 
seiner unteren spitzen Sehne so befestigt, dafs das obere breite 
Ende nach unten hängt. Das herabhängende Stück wird, in einer 
Ausdehnung von 6 — 7°"° Einflüssen ausgesetzt, welche die con- 
tractile Substanz zerstören, den intramuscularen Nerven aber erst 
nach längerer Zeit vernichten. Es ist möglich, wenngleich sehr 
schwierig, durch vorsichtiges Erwärmen in Ol von 40^ C. oder 



vom 19. Mai 1859. 401 

durch Eintauchen in Salzsäure von 0,1 °/o oder durch eine Lö- 
sung von Schwefelcyankalium von 1 °|oi auch selbst durch blo- 
fses destilllrles Wasser, diesen Zustand herzustellen. Ist der 
Muskel bis zu der bezeichneten Stelle abgetödtet und trägt nnan 
nun Millimeter um Millimeter mit der Scheere von unten her 
ab, so dafs ein Querschnitt immer dem anderen nachfolgt, so er- 
eignet es sich bisweilen, dafs durch den Schnitt der Muskel in's 
Zucken geräth, so aber, dafs die Contraction nicht von der 
Schnittstelle, sondern von der darüber liegenden Gränze be- 
ginnt, wo die zerstörte Muskelsubstanz an das noch erregbar 
erhaltene Stück slöfst. Bei der Abwesenheit aller Nerven- 
schlingen in diesen Partieen des Muskels, leidet es keinen Zwei- 
fel, dafs die Erregung einzelne der secundären Nervenäslchen 
traf, von welchen sie bis zur Thellungsstelle aufwärts und 
von da abwärts in einen anderen kürzeren secundären Ast ge- 
leitet wurde. Der einmal durch die Scheere biosgelegte Quer- 
schnitt kann noch zu einem zweiten Relzversuclie dienen, wel- 
cher passend durch Benetzung mit concentrirter Kalilauge aus- 
geführt wird. Dafs nicht die lodte Muskelsubstanz den Reiz 
fortpflanzte, erhellt daraus, dafs die so entstehenden Zuckungen 
nur fibrlllär sind, und zweitens daraus, dafs chemische Reize, 
welche nur die Muskelsubstanz erregen, nicht aber die Nerven, 
wie Salzsäure in mälsiger Verdünnung oder Lösungen von 
schwefelsaurem Kupferoxyd u. d. m., unter diesen Umständen nie- 
mals Zuckungen hervorrufen. 

Da der Versuch in dieser Form sehr selten gelingt, so habe 
ich einen anderen bereit, der fast nie ohne Erfolg angestellt 
wird. Der eben so hergerichtete Sartorlus wird in der Längs- 
richtung von unten her 6 — 7""" wÄt durch einen in der Mitte 
angelegten Schnitt in zwei Zipfel gespalten. Der eine Zipfel 
wird auf eine feste Unterlage gelegt, während der andere da- 
neben senkrecht herabhängt. Wird von dem letzteren nun ein 
Stück nach dem anderen durch mit der Scheere geführte Schnitte 
abgetragen, so zuckt der MusTcel so lange nur in der Hälfte, in 
welche der Schnitt gefallen, als man noch nicht zu einer Höhe 
von 4 — 5°"° vorgedrungen ist. Alle chemischen Reize, welche 
man man auf diese Querschnitte appliclrt, wie HCl von 0,1 "/o 

28* 



Hr. Peters legte eine neue Gattung und eine neue 
Art von Frösclien aus Caracas vor. 

Ranula nov. gen. In Gestalt, Bau der Gliedmafsen, der 
Schwimmhäute, des Ohrs, der Zunge, des Brustbeins und der 
Sacralwirbel ganz mit liana übereinstimmend, aber verschieden 
durch den Zahnbau; die Zähiie des Oberkiefers sind so schwach 
und wenig zahlreich, dafs man sie erst bei genauer Untersuchung 
findet und am Gaumen fehlen sie ganz. 

Ranula Gollmerii n. sp. Schnauze vorn abgestutzt; 
Körper glatt, ohne deutliche Liingswülste, dagegen eine stark 
hervorragende Falte, welche vom Ange dicht am obern und hin- 
tern Rande des Trommelfells verlaufend vor dem Oberarm bis 
zur Brust herabsteigt.- Augenlid hinten quergefaltet; Trom- 
melfell halb so grofs wie das Auge, Finger frei, Zehen mit fast 
vollständigen Schwimmhäuten versehen. Unter den Gelenken 



402 Gesammtsitzung 

verdünnte Kalilauge, Lösungen von Metallsalzen u. s. w. rufen genau 
dieselbe Erscheinung hervor. So wie aber die Schnitte die an- 
gegebene Grenze überschreiten, zucken fast jedes Mal einige in 
der anderen Hälfte des Muskels befindliche Primitivbündel mit, 
was man sehr schön an dem daneben ruhenden Zipfel beobach- 
ten kann. Der Beweis, dafs auch hier das Zucken in der an- 
deren Muskelhälfte durch erregte Nervenfasern zu Stande gekom- 
men, liegt darin, dafs nur solche Körper, welche den Nerven 
erregen, das Resultat herbeiführen, während die reinen Muskel- 
reize wirkungslos bleiben. Der nämliche Umstand weist auch 
den Verdacht zurück, dafs die Erregung nur zu Stande gekom- 
men, indem die direct gereizte zuckende Muskelhälfte durch ihre i 
negative Stromesschwankiing auf den intramuscularen Nerven i 
erst weiter zum Centrum hin gewirkt habe, so wie die noch ■ 
viel unwahrscheinlichere Vermuthung, dafs die secundäre Strom- 
schwankung der direct gereizten zuckenden Muskelbündel die ) 
nebenliegenden Fasern der anderen Hälfte ohne Beihülfe der Ner- 
ven zum Zucken gebracht habe. 

Für das Gelingen des Versuches ist es gleichgültig ob die 
innere oder die äulsere Hälfte des Sartorius gereizt wird. 



vom 19. Mai 1859. 403 

der Finger und Zehen starke Knötchen und ein einziger unter 
dem Metatarsus (der ersten Zehe). Choanen kaum so grofs wie 
die Öffnungen der Tubae Enstachii, denen unten gegeniiber bei 
dem Männchen die enge Öffnung zu den Sihallbla.sen liegt. 
Die Zunge ist verlängert und zeigt hinten zwei ebenso lange 
Fortsätze wie bei den gewöhnlichen Fröschen. Farbe oben 
dunkelgrün, unten weifs mit blafsgrünlichen mehr oder weniger 
zusanimenfliefsenden Flecken; der Schnauzenrand, ein Fleck hin- 
ter den Augen, dunklere Flecke auf dem Rücken, auf der vor- 
deren Extremität, Querbinden auf den hinteren Extremitäten und 
Marmorirung am hintern Thell der Oberschenkel von schwarzer 
Farbe. 

Ganze Länge 0,050; der vordem Extremität 0,028; der 
hintern Extremität 0,080 M. 

Rana ajfinis n. sp. Dieser Frosch unterscheidet sich 
von unserer Rana tempor aria, mit welcher er durch die 
Form des Körpers, der Extremitäten, des einfachen Tuberkels 
am Hacken übereinstimmt, durch die Abwesenheit des Tempo- 
ralfleckes und der Lage der beiden kleinen Gruppen der Vo- 
merzähne, welche nicht hinter der Linie der Choanen, sondern 
in der Mitte von diesen liegen. Er. Ist vielleicht nur als eine 
locale Varietät desselben zu betrachten. 

Körperlänge 0,063; vordere Extremität 0,040; hintere Ex- 
tremität 0,105. 

Beide Frösche stammen aus Caracas, wo sie von Hrn. 
Gollmer gesammelt sind. 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 
YQ>x%\.«.Ts\A'a.x\f^Altdeutschcs Namenbuch. Band 2. Nordhausen 1859. 

4. (2 Ex.) 
Gerhard, Denkmäler, Forschungen und Berichte Lieferung 4 1. Ber- 
lin 1859. 4. 
Zeitschrift fär Mathematik. Band 56, Heft 4. Berlin 1859. 4. (3 Ex.) 
Mittheilungen der k. k. Gengraphischen Gesellschaft. 3. Jahrg., Heft I. 

Wien 1859. gr. 8. 
Bulletin de la societe geologique de France. Tome 1 6, feuilles 15 — 23. 

Paris 1859. 8. 
The American Journal of science and arts. Vol. 27, no. 80. New- 
Haven 1859. 8. 



404 Gesammtsittung vom 26. Mai 1859. 

Linati et Caggiati, Recherches expe'rimenlales sur les effets du cou 
rant electrique appliqud au nerf grand-sympathique. Parme 1859. 8. 

Ofjicieüe Berichte über die letzten Reisen und den Tod von Adolf Schlag- 
iniweit in Turkistan. (Berlin 1859.) 4. 



Für die Mitglieder der Akademie waren Exemplare eines 
Gedichtes eingegangen Honori et memoriae viri excellentissimi 
illustrissimi Alex.andri de Humboldt rerurn naturae qua latissime 
patet tnaximi et elegantissimi sacerdolis, unterzeichnet Dresdae. 
Aug. Gull, Hedenus, und wurden mit Dank in Empfang ge- 
nommen. 



26. Mai. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Weber las über die Vajrasüct (Oiamantnadel) 
des A g V aghosha. 



An eingegangenen Schriften nebst Begleitschreiben wur- 
den vorgelegt: 

Monumenta Zollerana. 5. Band. Berlin 1859. ^^ 

Gedenkwaardigheden uit de Geschiedenis van Gelderland, door J. A. 
Ntjho/f. Deel VI, Stuk 1. ArnhemlS59. 4 Mit Rescript des 
vorgeoriineten Ministeriums vom 23. Mai 1859- 

Annales des mines. Tome l4, Eivr. 4. Paris 1858. 8. Mit Rescript 
des vorgeordneten Ministeriums vom 17. Mai 1859. 

Paul Laurent, Etudes physiologiques sur les animalcules des infusions 
vege'tales. Tome II. Paris 1858. 4. 

Adolphe Pictet, Les origines indo - europeennes. Partie 1. Paris 
1859. gr. 8. 

Bericht über die erste allgemeine Versammlung von Berg- und Hütten- 
männern zu ff^ien. Wien 1859. gr. 8. 

Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg. Heft 8. Inns- 
bruck 1859. 8. 

Annales de chemie et de physique. Serie III. Tome 45. Paris 1859. 8. 



Sitzung der phys.-rnath. Klasse vom 30. Mai 1859. 40o 

The QuaTlerly Journal of the chemical Society. Vol. XII, Part 1. Lon- 
don 1859. 8. 

Atti deW I. R. Jsliluto lombardo dt scienze. Vol. I. Fase. 13. l4. Mi- 
lano 1859. 4. 



30. Mai. Sitzung der physikalisch-mathe- 
matischen Klasse. 

Hr. Beyrich las über das Vorkommen der Gonia- 
tlten bei Brilon. 



— «^#1«« — 



Bericht 

über die 

zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen 

der Königl. Preufs. Akademie der Wissenschaften 

zu Berlin 

im Monat Juni 1859. 



Vorsitzender Sekretär: Hr. Trendelenburg. 



9. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Parthey las über die iberische Halbinsel der 
alten Geographen. 



Hr. H. Rose berichtete über die Resultate einer Untersu- 
chung des Hrn> Heintz „über die Einwirkung des 
Chloracetyls auf Oxalsäure und bernsteinsaure Salze 
und desSuccinylchlorids auf essigsaure Salze, so wie 
über die Atherbernsteinsäure und ihre Salze." 

Durch dieselbe wird die Angabe von Gerhardt und 
Chiozza bestätigt, dafs unter Umständen, wobei Doppelanhy- 
dride ein- und zweibasischer Säuren entstehen könnten, nur Ge- 
mische von den Anhydriden der ein- und zweibasischen Säuren 
erzeugt werden. Chloracetyl und entwässertes neutrales oxal- 
saures Kali oder Bleioxyd liefern Chlormetall, Essigsäureanhydrid 
und ein Gemisch von Kohlensäure und Kohlenoxydgas. In die- 
sem Falle wird also nicht Oxalsäureanhydrid gebildet, sondern 
dieses zerlegt sich in dem Moment seiner Bildung in diese bei- 
[1859.] 29 



408 Gesarnrntsitzting 

flen Gase. Mischt man dagegen vollkommen trocTcne bernstein- 
saure Baryterde mit Chloracetyl, so bildet sich unter schwacher 
Wärmeentwicklung Bernsteinsäure- und Kssigsäureanhydrid. )n 
beiden Fällen wurde keine die Radikale beider Säuren enthal- 
tende Verbindung beobachtet. — Läfst man Succinylchlorid, das 
durch Einwirkung von Phosphorsuperchlorid auf Bernstelnsäure- 
bydrat nach der von Gerhardt und Chiozza gegebenen Vor- 
schrift von Hrn. Heintz dargestellt worden ist, und an dem 
derselbe die Beobachtung machte, dafs es bei einer Temperatur 
von etwa 0° zu schönen tafel- oder blätterförmigen Krystallen 
gesteht, auf essigsaure Salze wirken, so geschieht die Zersetzung 
und Bildung des Chlorinetalls unter so heftiger Action, dafs sich 
Essigsäurehydrat und ein brauner Körper bildet, welcher letzlere 
offenbar unter Wasserabgabe an das Essigsäureanhydrid, das sich 
bilden sollte, aus dem Bernsteinsäureanhydrid, in das das Succi- 
nylchlorid hätte übergehen sollen, entstanden ist. Mildert man 
die Reaction dadurch, dafs man das essigsaure Salz mit wasser- 
freiem Älher schüttelt, ehe man das Succinylchlorid hinzufügt,' 
so bildet sich neben Essigsäureanhydrid Bernsteinsäureanhydrid, 
nicht aber ein Doppelanhyilrid der Radikale beider Säuren. 

Bei der Untersuchung der Uinsetzungsprodukte, welche bei 
diesen Operationen gebildet werden, hatte Hr. Heintz das Es- 
sigsäureanhydrid nebst einer geringen Menge des IJernsteinsäure- 
anhydrids durch absoluten Alher extrahirt, und den Rückstand 
mit absolutem Alkohol ausgekocht. Beim Eindunsten dieser Lö- 
sung im Wasserbade blieb eine syrupartige Flüssigkeit, die auch 
in der Kälte nicht fest wurde, in Wasser leicht löslich war, da- 
her weder aus Bernsteinsäurehydrat, noch aus Be^n^teillsäure- 
äther bestehen konnte. Hr. Heintz hat darin die Älherbern- 
steinsäure aufgefunden. Diese Säure bildet sich in der That, 
■wenn Bernsteinsäureanhydrid mit absolutem Alkohol im Wasser- 
bade längere Zeit erhitzt wird. Zugleich aber entsteht in der 
Regel auch Bernstelnsäureälher. Aus diesem kann die Ather- 
bernstelnsäure oder vielmehr ein Derivat derselben auch darge- 
stellt werden. Wenn man ihn z. B. mit der äquivalenten Menge 
Barylhydrat und Wasser im Wasserbade so lange erhitzt, bis 
alles Wasser verdunstet ist, so entsteht die ätherbernsteinsaure 
Baryterde. 



vom 9. Juni 1859. 409 

Zur Darstellung der Alherbernsleins'äure und ihrer Salze 
dient folgende Methode. Man erhitzt das Bernstelnsliiireanhydrid, 
das in genügender Reinheit am leichtesten auf die Weise ge- 
wonnen wird, dafs man es in einer geräumigen Retorte bei so 
gelinder Hitze, dafs fast nur Wasser überdeslillirt, so lange 
kocht, als noch reichliche Mengen Wasser übergehen und dann 
den Rückstand in einen trocknen Kolben bei stärkerer Hitze 
übertreibt, im Kolben mit absolutem Alkohol mehrere Stunden 
im Wasserbade bis nur noch wenig Alkohol rückständig ist. 
Die erhaltene Lösung wird mit Wasser gemischt, der sich etwa 
abscheidende Bernsteinsäureäther mehrmals mit Wasser geschüt- 
telt, und die wässrigen Lösungen mit Barythydrat schwach über- 
sättigt. Der Überschufs des letzteren wird durch Kohlensäure 
entfernt, die Flüssigkeit im Wasserbade zur Trockne gebracht 
und mit absolutem Alkohol extrahirt. Zur Abscheidung der letz- 
ten Spur bernsteinsauren Baryts fügt man etwas Äther hinzu, 
filtrirt und fällt dann den ätherbernsteinsauren Baryt mit Äther. 
Ganz auf dieselbe Weise können die Verbindungen der Äther- 
bernsteinsäure mit Kali, Natron, Kalkerde erzeugt werden. Man 
wendet dann zur Sättigtuig der rohen Säure kohlensaures Kali 
oder Natron oder Kalkhydrat an. 

Die übrigen SaUe der Ätherbernsteinsäure, so wie diese 
Säure selbst, stellt Hr. Heintz aus dem Barytsalze durch Zer- 
setzung seiner wässrigen Lösung mit der entsprechenden schwe- 
felsauren Verbind'*ngen dar. Bei der Darstellung der letzteren 
wird für einen Überschufs des Barytsalzes gesorgt, die nicht fil- 
trirte Flüssigkeit unter der Luftpumpe zur Trockne gebracht und 
mit Äther extrahirt. Beim Verdunsten des Äthers bleibt die 
Säure rein zurück. Zur Darstellung der Salze dagegen aus dem 
Barytsalze wendet man einen geringen Cberschuls des schwefel- 
sauren Salzes an, dampft die Mischung ein, und zieht den Rück- 
stand mit absolutem Alkohol unter Zusatz von etwas Äther aus. 
Durch Verdunsten der Lösung erhält man die Salze der Äther- 
bernsteinsäure rein. Das Silbersalz kann durch Fällung eines 
ätherbernsteinsauren Salzes, das man in Wasser gelöst hat, mit- 
telst salpetersauren Silberoxyds gewonnen werden. 

Die Ätherbernsteinsäure ist eine farblose, nicht grade sehr 
dickflüssige, syrupartige Flüssigkeit, die sich in Wasser, Alkohol 

29' 



410 Gesammtsitzung 

und Äther in jedem Verhältnifs löst. In der Hitze zersetzt sie 
sich nicht. Sie Ist vielmehr deslillirbar, ohne sich wesentlich zu 
zersetzen. Durch Destillation einer Mischung gleicher Äquiva- 
lente des Hydrats und des Äthers der Bernsteinsäure kann sie 
nicht dargestellt werden. 

Von den Salzen der Ätherbernsteinsäure Ist das Silbersalz 
schwer In W^asser und Alkohol löslich und nicht krystallisirbar. 
Dagegen lösen sich das Natron-, Kali-, Talkerde-, Kalkerde-, 
Baryterde-, Manganoxydul-, Zink- und Kupferoxydsalz leicht so- 
wohl In Wasser, als in Alkohol auf. Einige sind zerfliefslich 
und nicht krystallisirbar, wie namentlich das Kali-, Talkerde-, 
Kalkerde- und Manganoxydulsalz, die endlich zu gummiartigen, 
farblosen , durchsichtigen Massen erhärten. In freilich unbe- 
stimmbaren Krystallen kann das Natron-, Baryterde-, Zink- und 
Kupferoxydsalz erhalten werden. Ersteres schiefst bei der Fäl- 
lung der Alkohollösung durch Äther In langen sehr zarten Na- 
deln, das zweite bei derselben Operation In rhombischen Tafeln 
oder flachen prismatischen Krystallen an. Beide können auch 
durch langsames Verdunsten der wässrigen Lösung in Krystalle 
verwandelt werden. Das Zink- und Kupferoxydsalz hat Hr. 
Heintz nur auf diesem Wege In Krystallen erhalten können. 

Die Zusammensetzung der genannten Salze der Ätherbern- 

steinsäure kann durch die Formel /r4ij;&\|\if O* ausgedrückt 

werden, der Säure selbst gebührt also die Formel /p'.Tjä ih i ^- 

Die untersuchten Salze fand Hr. Heintz alle wasserfrei. 

Dafs man bisher die Ätherbernstemsäure noch nicht darge- 
stellt hat, beruht auf dem Umstände, dafs sie nur durch Einwir- 
kung des Anhydrids der Bernsteinsäure auf absoluten Alkohol 
entsteht. Wird Bernstelnsäurebydrat In absolutem Alkohol ge- 
löst und im Wasserbade verdunstet, so bleibt eine feste Masse 
zurück, die aus Bernstelnsäurebydrat besteht. 



vom 9. Juni 1859. 411 

Hr. W. Peters legte eine neue von Hrn. Ja gor im at-, 
lanlischen Meere gefangene Art der Gattung Leptocephalus 
vor und fügte Mlllheilnngen über einige andere neue Fi- 
sche des zoologischen Museums hinzu. 

1. Lep tocefi hal US ac u tiro str is n. sp. 

Körper zusanimengedriickl, seine Höhe zur Länge wie 1:15. 
Der Kopf hat eine zugespitzte Schnauze. Das Oberkieferende 
ragt ein wenig hackenförmig nach unten gekrümmt über den 
Unterkiefer hervor. Das Auge liegt ein wenig weiter von der 
Schuauzenspitze als von der Kiemenöffnung entfernt hinter 
und über dem Mundwinkel. Die Kiefer tragen sowohl oben 
wie unten jederseits etwa 12 lange, grade, getrennt stehende 
Zähne. Das hintere Nasenloch liegt etwa um einen halben Durch- 
messer des Auges vor demselben. Die Rückenflosse ist um den 
vierten Theil länger als die Afterflosse; die Schwanzflosse nur 
1 !- Mm. lang und die sehr kleinen Brustflossen liegen unmittel- 
bar hinter den ziemlich breiten Kiemenöffnungen. — Der im 
Lbrigen farblose Körper zeigt eine schwarz punctirte Linie 
längs des Bauches und längs der Rückenflosse. 

Tolallänge 0,198; Kopf 0,0066; Schnauze 0,003; Auge 
0,0012; Körperhölie 0,0J3; Entfernung vom After bis zum 
Schwanzende 0,023; Länge der Rückenflosse 0,029; Afterflosse 
0,022; Schwanzflüsse 0,00 12. 

4 Exemplare von Hrn. F. Ja gor Im atlantischen Meer ge- 
fangen. 

2. S c op el US J a g orii n. sp. 

Körperhöhe zur Länge (ohne die Schwanzflosse) wie 1:5; die 
Länge des Kopfes ist etwas giöf>er als die Körperhöhe. Augen mäfsig 
grofs, ^^ ihresDurchmessers von der Schuauzenspitze, 2 — 2^ dessel- 
ben vondemhlntern Rande desKicmcndeckels entfernt. Bauchflossen 
liegen in der Mitte zwischen dem Kiemendeckel und dem Anfange der 
ersten Rückenflosse. Diese letztere ist so lang wie die Entfer- 
nung des Auges vom hinleren Rande des Kiemendeckels und über- 
ragt mit dem Ende den Anfang der \\^ Mal längeren After- 
flosse. Die strahlenlose Fetlflosse steht um mehr als die Länge 
ihrer Basis vor dem Ende der Afterflosse. Der After Hegt um einen 
Augendurchmesser vor der Mitte des Körpers. Die grofsen 
Schuppen, deren 37 bis 38 in der Seitenlinie liegen, sind cy- 



412 Gesammtsitzung vorn 9. Jurü 1859. 

cloidisch; die Schuppen des Schwanzes sind kleiner. Farbe «nd 
Zeichnung wie bei anderen Arten. 

D. 10 (11). A. 20 (22). 

Im atlantischen Ocean unter dem 19" 10 N. B., 25° 22 W.L., 
26° 6 N. Br., 24° 7 W.L. und 22° 4 S. Br., 23°50W. L. Gr. 
von Hrn. Jagor gefangen. 

3. Lutodira (Chanos) elongata n. sp. 
Körperhöhe zur Totallänge (mit der Schwanzflosse) wie 

1 : 5\\ der Kopf ^ länger als die Höhe des Körpers. In der 
Seitenlinie 90 Schuppen; 11 Reihen über und 13 unter dersel- 
ben. Farbe silberig. 

D. 4, 12; P. 1, 14; V. 1, 11; A. 2, 8; C n 

7 

Auf den Sandwich Insel n von Deppe gesammelt. 

4. S icj ases fas cia t US n. sp. 
Kopf und Körper abwechselnd dunkelgrün und gelblich 

quergebändert. Rückenflosse über der Afterflosse und mit Ihrem 
Anfange diese vorn überragend, um die Länge Ihrer Basis von 
der Schwanzflosse entfernt. Die gröfsten Exemplare sind 50 
Millimeter lang. 

D. 7. A. 7. 

Aus Puerto Cabello von Appun. 

5. Cotjlis nig r i pinnis n. sp. 

Naslöcher, Mund, Zähne, Kiemendeckelstachel, Flossenstrah- 
len wie bei C. Stannii, aber Rückenflosse länger. Oben 
hellbraun, mit der Lupe betrachtet, mit schwarzen Punkten 
besät, Rücken-, After- und Schwanzflosse schwarz. 

P. 22; D. 11; A. 6. 
Ebendaher. 

6. P oe cilia r etic ulata n. sp. 

Grünlichgelb mit einem schwarzen Netzwerk, dessen Ma- 
schen den Rändern der Schuppen parallel liegen, am Bauche sil- 
brig. Schuppen In 7 Längs- und in 27 Querreihen; obwohl 
einige derselben durchbohrt erscheinen, ist doch keine deutliche 
Seitenlinie zu sehen. Ganze Länge 39, Höhe 9, Länge des 
Kopfes 7 Millimeter. 

D. 8. A. 10. 

Caracas; in dem Guayre-Flusse von Gollmer gesammelt. 



Sitzung der philos.-hist, Klasse vom 20. Juni 1859. 413 

An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Verhandlungen der k. k, zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. 
8. Band. Wien 1858. 8. 

Verhandlungen der physik.-med. Gesellschaft in Würzburg. 9. Band. 
Heft 2. 3. Würzburg 1859. 8. 

Neues Lausitzisches Magazin. Band iS, Görlitz 1859. 8. 

Neues Jahrbuch für Pharmacie. 9. Band. Speyer 1858. 8. 

Atli deir imp. regio Istituto veneto di scicnze. Tomo IV, Disp.'ö. Ve- 
rezia 1859. 8. 

Annali dell' Insliluto di Corrispondenza archeologica. Vol. 30. Roma 
1858. 8. 

Bulletino deW Insliluto di corrispondenza archeologica. Roma 1858. 8. 

Monumenti inedili. Vol. VI, Fase. 2. Roma 1858. folio. 

Bulletin de la sociele geologique de France. Tome XV, feuilles 43 — 51. 
Paris 1859. 8. 

Revue archeologique. l6™= annee, Livr. 1. 2. Paris 1859. 8. 

Proceedings of the Massachusetts historical Socielf in respect to ihe Me- 
mory^ of )¥. H. Prescotl. Boston 1859. 8. 



20. Juni. SUzung der philosophisch - hi- 
storischen Klasse. 

Hr. J. Grimm las über die göttin Freia. 

Kaum sonst in unserer heimischen mythologie, deren bröckel- 
bafle Überlieferung genug dunkelheit und rätsei darbietet, ist 
etwas schwieriger und seltsamer, als das auftreten zweier göt- 
tinnen, die ähnlich klingende namen tragen, beide fast gleich 
grosze gewalt besitzen und dennoch verschledne Verhältnisse kund 
zu geben scheinen, in der edda und bei den altnordischen dich- 
tem sind sie als Frigg und Freyja aufgeführt, in andern näher 
deutschen sagen heiszen sie Fricke, Frea und Fraue, um leisere 
abweichungen, auf die es minder ankommt, hier vorbei zu lassen, 
auch gehe ich jetzt nicht auf die elymologie dieser namen ein, 
die ich bereits anderweit behandelt habe. 

Frigg ist nun Odins gemahlin, die sich mit ihm in die her- 
schaft iheilt und neben ihm den sitz hat, die geehrteste aller 
gölllnnen. sie steht ihm gegenüber ungefähr wie Here dem 
Zeus, im Grimnismal wählen sich beide, er und sie, ihre eignen 



414 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Schützlinge, auf die sie von Hlidscialf herab niederschauen und 
deren geschicke eben darum einen ganz verschlednen ausgang 
nehmen. Paulus Diaconus, indem er eine andere fabel erzählt, 
nennt die göltin Frea und ausdrücklich Wodans ehefrau, die als 
wiederum beide durch das himmelsfenster ihren blick auf die 
erde richten, listig mit Verschiebung des betts von seinerstelle'), 
den Langobarden, ihren giinsllingen den sieg zuzuwenden ver- 
steht. Freyja hingegen, die schönste der götlinnen, nach der 
wir bis auf heute den freitag, ahd. Friatac benennen und womit 
dies Veneris verdeutscht wurde, hätte eigentlich in hochdeut- 
scher mundart Frouwä, in gothischer Fraujö zu lauten, wie der 
Merseburger segenspruch wirklich Früä gewährt, aber auch ags. 
wurde derselbe tag Frigedäg ausgesprochen, sie ist schon dem 
Worte nach liebesgöttin, von frljon, skr. pri amare und ihr ent- 
spricht der sl. name Prija. Freyr, ihr bruder, ist ihr in namen 
und macht gleich, er würde auf golhisch Frauja gehelszen haben 
und dieser ausdruck dauert als appellativum für den höchsten, 
göttlichen herrn, gerade wie ahd. Froho, Fro, ags. Freä, wo- 
runter sich die beiden einen ihrer hehrsten götter dachten. 

Aus mehr denn einer stelle erhellt, dasz Frigg und Freyja 
als verschledne göttliche wesen aufgefaszt wurden, Snorri, alle 
asinnen aufzählend, nennt Frigg als die erste, Freyja ah die 
sechste; im Oegisdreckalied erhebt sich Frigg und nach ihr Freyja 
gegen Loki; zu Balders feierlichem lelchenbrand kam Frigg mit 
Odin gefahren und dann Freyja auf ihrem besonderen wagen. 
Friggs Wohnung hiesz Fensalir, Freyjas aber Folkvangr. 

Wenn aus diesem allem und noch aus andern zügen die 
Verschiedenheit beider göttinnen sattsam hervorleuchtet und es 
nothwendig erscheint, sie gesondert zu lassen, so vereinigen sich 
doch andere bedeutende umstände zu der ansieht, dasz ihnen 
ursprünglich nur eine und dieselbe gestalt unterliege. 

Vor allem ist nicht zu übersehen , da sich sonst das ge- 
schwisterpaar Freyr und Freyja, ungefähr wie Liber und Libera 
parallel laufen, dasz nicht auch der Frigg ein gleichnamiger 
männlicher gott zur seile steht, allerdings nennt uns Adam von 
Bremen einen solchen Fricco, der jedoch nichts anders sein kann 



') Haupts Zeitschrift 5, 2. 



vom 20. Juni 1859. 415 

I als Fro oder Freyr selbst, ist demnach Fri'cco nur dialectische 

I abweichung des namens Freyr, so wird auch Fri'gg gleichbedeu- 

tig scheinen mit Freyja, und die verniiilung drängt sich auf, dasz 

namen und mylhen lediglich nach zeit oder ort von einander 

gewichen seien. 

Sehr auffallen musz es, dasz nach Grimnismäl 14 Odin sich 
mit Freyja in die gefallnen heiilen theilt, d. h. sie zu sich auf- 
nimmt, da es doch beinahe nothwendtg wäre, dasz er dies zei- 
chen seiner macht zusammen mit seiner gemahlin Frigi^ ausübte, 
auch sagt man von sterbenden kriegern, dasz sie zu abend bei 
Odin oder bei Freyja gasten werden, niemals heiszt es bei Frigg, 
so dasz augenscheinlich Freyja es ist, der die rolle einer genos- 
sin Odins angewiesen war. 

Weiter, Frigg wird genannt Fiörgyns mser, tochter des 
Fiörgyn, eines allen nalurgoUes, der, wie sein name zu erken- 
nen gibt, die erde vorslellle; es ist vollkommen angemessen die 
göllermulter als erdgeborne zu fassen. Freyr und F:eyja hin- 
gegen sind kiniler des Niördr, den wir wiederum unserer Ner- 
thus, als terra maier, die auf allnordisch ebenfalls Fiörgyn hiesz, 
gleichstellen dürfen. beide Frigg und Frevja haben augen- 
scheinlich einen identischen vater, wie sollten sie nicht selbst 
identisch sein? 

Hierzu gesellt sich aber noch ein umstand, dem viel ab- 
geht, um gehörig ins licht zu treten, man weisz dasz ein un- 
terschied zwischen Äsen und Vanen galt, zwei göttlichen stam- 
men, die sich anfangs befeindeten, zuletzt aussöhnten und einig- 
ten, war vielleicht Frigg die asische, Freyja die vanische be- 
nennung einer ähnlichen göltin? es folgte daraus von selbst, 
dasz beiden. Äsen und Vanen, auch eigenlhümliche mylhen von ihr 
zugestanden haben können, die sitze der Vanen sind schwer zu er- 
mitteln, doch sie müssen rückwärts der Äsen, tiefer im Osten oder 
Südosten angenommen werden, die Äsen halten sich bereits west- 
lich forlbewegt, dürfte man den Golhen und andern im ver- 
folg hochdeutschen slämmmen vanischen cullus, den Niederdeut- 
schen und Scandinaven asischen beimessen? hier schlägt etwas 
anderes ein, worauf ich gewicht lege. Freyja führte auf ihren 
weilen zügen durch die weit, von denen ich gleich nachher 
reden werde, manigfache namen, unter andern auch den von 



416 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Vanadis, worin eine merkwürdige beriihrung mit der aus nach- 
richten der Griechen und Römer bekannten thrakisclien Bendis 
vorbricht; dieser gegenständ will ausführlich besprochen sein, 
was ich mir auf ein andermal vorbehalte, hat jene Verbreitung 
vanischer demente irgend grund, so würde sich begreifen, warum 
Lei Paulus Diaconus Frea, in noch lebenden niederdentschen 
volksagen aber frau Fricke nnd bei Adam von Bremen Fiicco 
vorkommen, unter den Golhen blieb franja, wie schon gesagt, 
geläufige benennung des göttlichen herrn, selbst noch des christ- 
lichen, im östlichen Scandinavien sehen wir bei Schweden und 
Gothen Frö vorragen, während in Norwegen und Dänemark 
Thor und Odin überwogen; auch bei uns Hochdeutschen läszt 
die Straszburger formel den Fro dem Lazakere d. i. Kerans = 
Ansker = speergott Wuotan voranstehen. 

W^ir schreiten zu einem bedeutenderen, eingreifenderen Ver- 
hältnis, das der entfalteten ansieht noch mehr vorschub leistet, 
oben wurde davon ausgegangen, dasz Frigg als Odins gemahlln 
erscheint, in den altnordischen sagen ist aber verschiedentlich 
und auf abweichende weise berichtet, dasz sie ihm untreue er- 
wies. Snorri in Ynglingasaga cap. 3 meldet, während Odins 
langer abwesenheit in fernen Kindern sei das reich durch Ve und 
\ilir, seine beiden brüder verwaltet worden und als man an 
seine riickkehr nicht mehr geglaubt habe, auch Frigg in den be- 
sitz der brüder übergegangen, bald darauf sei jedoch Odin heim 
gekommen und habe sich auch seiner Frau wieder bemächtigt, 
weniger schonend erzählt Saxo, unter dessen band die alten my- 
then sich bereits vergröberten, aus dem Norden sei eine goldne 
Llldseule Odins nach Byzanz übersandt worden, diesem bild aber 
habe Frigg durch schmiede das gold, um es für ihren schmuck 
zu verwenden, abziehen lassen und sich nachher einem ihrer 
vertrauten, dessen list jenes bild zerstört hatte, hingegeben. 
Odin, über seiner gemahlin treulosigkeit zürnend, sei auszer landes 
gewandert und habe sich den angen seines volkes eine zeillang 
entzogen, hier also tritt Odin erst nach dem unfall seine reise 
an, während sie bei Snorri schon voraus eingetreten ist und erst der 
anlasz wird, dasz sich seine frau von ihm abwendet, in vielen 
anderen mythen Ist Odin characteristisch als ein wandernder, zu den 
Völkern kommender gott dargestellt. 



I vom 20. Juni 1859. 417 

I 

Weit genauer und ausführlicher lautet aber eine in Olafs 
Tryggvasons sage eingeschaltete nachrlcht von dem kostbaren 
schmuck Brisingamen, wobei alsogleich auffällt, dasz dem Odin 

1 nicht Frigg seine gemahlin, sondern Freyja als geliebte oder 
friede), fridla zur seite steht. Freyja war die schönste aller wei- 
ber und wurde von Odin innig geliebt, eines tags war nun 

i Freyja zu der thür eines unfern dem königshofe gelegnen fel- 
sens gekommen, in welchem kunstreich schmiedende zwerge 

[ hausten, in welchen leicht Saxos schmiede wieder zu erkennen 

I sind, sie sah wie diese ein kostbares goldhalsband gefertigt hat- 
ten, das ihr in die äugen stach, sie bot ihnen gold, silber und 

j andere schätze dafür, welches die vier zwerge zwar ausschlugen, 

sich aber bereit erklärten ihr geschmeide abzutreten, wenn die 

schöne frau bei jedem von ihnen, der reihe nach, eine nacht 

zubringen wolle, was sollte Freyja ihun? ihr sinn war auf das 

I kleinod versessen, sie willigte ein und als vier nächle verstri- 
I ... 

chen waren, befand es sich in ihren bänden, in den mylhen 

aller völker ist die liebesgöttin leichtfertig und wie Freyja mit 
schmiedenden zwerge zu schaffen hat, war ja Aphrodite einem 
schmiede vermählt. 

An Odins hof war ein über alle andere menschen verschla- 
gener, listiger mann, der in nordischer sage unter dem namen 
Loki bekannt ist, und böses zu stiften die gröszte lust halte, 
dieser brachte bald heraus, dasz Freyja das köstliche halsband 

I erworben und was sie dafür gegeben hatte; er offenbarte alles 
dem Odin und erhielt von ihm den befehl, sich um jeden 

' preis des halsbandes zu bemächtigen, und ihm nicht unter die 
äugen zu kommen, bevor er den auftrag vollführt habe, die sache 
war nicht leicht, denn Freyja wohnte in einem schönen, fest 

I verwahrten gemach, in das niemand, sobald die thür verschlos- 
sen war, ohne ihren willen dringen konnte. Loki nahte sich 
der kammer, fand sie geschlossen und wüste nicht, wie er hin- 
ein kommen sollte, es war kaltes wetler und er begann zu 
frieren, er verwandelte sich in eine fliege, flog an alle Schlösser 
der kammer und fand nirgends ein loch; endlich spürte er einen 
engen risz aus, in den man knapp eine börste wie in ein uadel- 
öhr stechen mochte, darein schmiegte er sich und schlüpfte ins 
gemach, er schaute spähend um und sah, wie alles schlief, 



418 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

Freyja mit dem band um ihren hals geschlungen im bette lag; 
da nahm er die gestalt eines flohes an, setzte sich auf Freyjas 
wange und hackte ein, dasz sie erwachte, sich umdrehte und 
wieder einschlief, nun verwandelte sich Loki in seine natiir- 
'iche gestalt, löste der schlafenden das halsband ab, schlosz von 
innen die kammerthür auf, entkam mit seinem raub und trug ihn 
zu Odin, als Freyja frühmorgens aufwachte, die thiir offen ste- 
hen und das gute halsband entwendet sah, errieth sie leicht, 
was geschehen war, gieng zu Odin und klagte über den dieb- 
stal. unter welchen bedingungen der könig es ihr zurückzuge- 
ben und mit ihr zu versöhnen sich bereit erklärte, berührt nicht 
meinen gegenwärtigen gesichlspunct, es müssen darüber, wie 
Frevja das ihr unentbehrliche, von Loki geraubte halsband wie- 
der erlangte, abweichende, groszenlheils verlorne sagen umge- 
gangen sein, denn aus einer stelle in Skald»kaparmäl läszt sich 
entnehmen, dasz Heimdali mit Loki um das kleinod stritt und 
davon den beinamen menssekir, recuperator monilis, führte, wir 
erraten gar nicht mehr auf welchen grund hin Heimdali sich in 
den handel einzumengen berufen war. von einer freiwilligen 
Verbannung und reise Odins ist hier nicht die mindeste spur. 

Wer verkennt, dasz in diesem bedeutsamen mythus Freyja 
voUkonmien identisch erscheint mit Frigg in den vorausgehenden 
dürftigeren erzählungen? zwischen geuialilin und frledel tritt 
kein wesentlicher unterschied ein; man möchte wiederum an- 
nehmen, dasz auch hier die asische Frigg und vanische Freyja, 
die Vanadis, Vanagod einander vertreten. 

Damit nicht genug. Snorri wusle und meldet sowol in 
Gylfaginning cap. 35 als kürzer in Ynglinga saga cap. 13, dasz 
Freyja einen gemahl namens Odr halle und mit ihm Hnoss und 
Gersemi zeugte, dasz er aber weit weg in fremde länder wan- 
derte, Freyja in thränen zerflosz und goldne zähren weinte, sie 
zog ihm nach um ihn aufzusuchen und fiihrte unter unbekann- 
ten Völkern mancherlei namen, die die edda nennt, das goid 
heiszt der dichter Freyjas weinen oder thräne. in dieser fabel 
ist von Odin gar keine rede, so wenig als von Frigg in der 
vorhin milgetheilten, es wird verschwiegen, warum Odr frau und 
kinder verlassen und sich verbannt habe, eine vermeinte oder 
wirkliche untreue seiner frau musz die Ursache gewesen sein; 



vom 20. Juni 1859. 419 

man sieht klar, dasz Friggs treulosigkeit und Odins exil zusam- 
menfallen mit dem, was hier von Freyja und Odr erzählt und 
durch den begütigenden zusatz ergänzt ist, dasz die vermuthlich 
untreu geglaubte gattin ihrem heiszgeliebten gemahl in den bana 
nachzieht, wie in den märchen geliebte ihren liebhaber unermüd- 
lich in der ferne aufsuchen, darf man nicht folgern, wenn Odr 
ein und derselbe ist mit Odin, dasz wiederum die Vanen den 
Odin einfacher Od nannten? 

Bisher habe ich fast lauter altnordische Überlieferungen an- 
geführt und daraus einige gesichtspuncte zu leiten getrachtet, 
unter welchen sich bisher gangbare Vorstellungen ändern und 
erweitern, nach deutschen, in unsrer heimat geborgenen götler- 
mylhen hat bis noch nicht lange her niemand gefragt, seit man 
aufmerksam geworden ist, sind plötzlich, in lebendiger volkssage und 
in abergläubischen segensformeln, unleiigb.Tre spuren des heidni- 
schen Wiiotancultus aufgetaucht, die bei unfern dem alterthum viel 
näheren dichleru des mitlelalters zugescharrt liegen, nur in dem ein- 
zigen gölllichen Wunsch llesz sich ein gott wiedererkennen, wie der 
einäugige, breithutige nianlelträger selbst den eingang des alten 
Ludwigliedes noch erklären helfen musz. es scheint merkwür- 
dig, dasz bei Alemannen und Burgunden Wut für Wutan ge- 
braucht wurde und dasz Wuotans wilde jagd in Schwaben nicht 
anders als Wutesjagd heiszt; ich finde in den so eben herausge- 
kommnen mythen des volks in Osterreich von Vernaleken s. 24, 
dasz man einen tölpel, der den hut tief in die stirne drückt, 
mit dem zurufe Wut! neckt, dies Wut statt Wutan entspricht 
genau dem eben behandelten Od statt Odin, denn das r in Odr 
drückt blosz den männlichen nominaliv aus. 

Allein diese Wahrnehmung will wenig gelten gegenüber einer 
bedeutsamen in Schönwerths reicher und werthvoller sanimlune 2, 
312 — 3l4 aufgezeichneten oberpfälzischen sage von Woud und 
Freid. das nördliche Deutschland welsz mancherlei zu erzählen 
von frau Fricke oder frau Frecke, der göttermutter, stellt sie 
doch nirgend als Wodens gemahlin auf. 

Es war einmal ein herscherpaar mit groszem gebiete, in der 
Zauberkunst wol erfahren, selbst die elemente waren ihnen un- 
terlhan. er hiesz Woud, sie Freid. der könig war ein gewal- 
tiger mann mit langem wallenden harte, sein äuge so feurig 



420 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

blitzend, dasz menschen welche hinein blickten, darob erblinde- 
ten, gewöhnlich gieng er nackt, nur an der hiifte bekleidet, 
gehallen wurde das hiiftkleid durch einen endlosen gürtel, an 
diesen gürtel war die herschergewalt gebunden: so lang er ihn 
tr'ägt, herscht er, entwendet werden kann er ihm nicht, denn 
hüften und schulter sind so breit, dasz der gürtel sich nicht ab- 
ziehen läszt. so oft Woud zum herschen gieng, hieng er einen 
mantel um, der ihn ganz einhüllte. 

Seine gemahiin war das schönste frauenbild, sie trug ein 
hüftenkleid gleich ihrem galten, aber die haare so reich und 
lang, dasz sie sich darin ganz verhüllen konnte. Freid trank nur 
wasser aus der quelle, Woud eine art wein, wenn sie sich 
bückte über der quelle, um mit der holen band wasser zu schö- 
pfen erglänzte ihr haar wie die sonne und ihr arm wie schnee. 

Sie wurde eifersüchtig, sie fürchtete dem feurigen galten 
nicht zu genügen, in ihrer leidenschafl gieng sie zu kunstreichen 
Zwergen, diese arbeiteten ihr einen halsgürtei, der die kraft 
halte dasz wer ihn trug alle herzen bezauberte und den geiieb 
ten nie in seiner treue wanken liesz. doch muste sie sich den 
Zwergen zum lohne ergeben. 

Mit dem schmucke angethan fesselte sie den galten in liebe, 
bis er erfuhr um welchen preis sie das halsband erlangt hatte, 
da entwich er von ihr. als Freid am morgen im bette er- 
wachte, streckte sie die band aus nach dem galten. Woud war 
nicht da, sie fuhr mit der band an den bals, das geschmeide 
fehlte, namenlos unglücklich machte sie der verlust des schmuckes 
erst recht in liebe zu Woud entbrennen, sie eilte dem flüch- 
tigen nach in viele länder lange jähre, wenn sie abends ermü- 
det von der fahrt sich niedersetzte, weinte sie in ihren schosz 
und jede throne ward zu einer perle. 

Endlich als die zeit um war, Iraf Freid den Woud, klagte 1 
ihm ihr leid und wies auf die um ihn geweinten perlen, und er ' 
zählte die perlen und ihrer waren gerade so viel, als der Stern- 
chen im halsgeschmeide. da ward er erweicht und reichte ihr J 
zur Versöhnung den schmuck, weit sei er umgewandert, aber \ 
keine habe er gefunden ihr gleich an Schönheit, so habe er ihr 
die treue bewahrt. 



vom 20. Juni 18Ö9 421 

Neulich besprach ich das vier göttinnen und den einäugigen 
Herrn, d. i. Wuolan nennende sclilnnimerlied, auch der spruch 
von Balders verrenktem fohlen enthält vier namen von göttin- 
nen, drei von göttern. starken glauben an die möglichkeit 
treuer foripflanzung uralter Überlieferung begehrt auch die aus- 
gehohene sage, wer überall zweifei einträgt, sich von jeder 
conihlnallon abwendet, ausgenommen die trockne, dürre, wird 
hier nichts sehen als ein plagiat aus der edda mit absichtlich 
versteckenden änderungen. ich bat den Herausgeber, den schon 
die grosze fülle und ganze art und weise seiner Sammlung gegen 
verdacht schützt, um einige nähere angaben über die entnähme 
eines so belangreichen Überbleibsels aus dem munde des volks. 
er schrieb mir: die sage von Woud und Freid habe ich von 
meiner frau, die aus Neuenhammer gebürtig ist. eine alte kinds- 
magd aus dem orte, welche 24 jähre lang die kinder im herren- 
hause aufzog, war eine Fundgrube von märchen und sagen und 
konnte den aufgeweckten mädchen nicht genug erzählen. das 
treue gedächtnis meiner frau bürgt mir dafür, dasz ich nur 
Wahrheit erhielt, so wie die art meines forschens, da ich mich 
hüte in die leule hinein zu examinieren, auch habe ich zu wei- 
terer beruhigimg mir öfter nach längern Zwischenräumen diese 
sage wiederholen lassen, die erzählung blieb stets dieselbe, wol 
halle sie manches vergessen, wie die länder, welche Freiil durch- 
zogen und die abenteuer, die sie auf der Wanderung durchlebt, 
doch war ich schon des kleinen bruchstückes froh, ob ich es 
' ergänzen oder sonst noch vorfinden werde, weisz ich nicht, die 
I gegend von Neuenhammer ist jungfräulicher boden. 
i Neuenhammer liegt in der bairischen Oberpfalz, unweit der 

i böhmischen grenze, in abgeschiedner, stiller gegend, eine angäbe 
] der länder, welche vor alters die wandernde göttin durchschrit- 
ten hätte, müste sich seltsam ausnehmen. Freids begier nach 
dem geschmeide und wie sie es von den zwergen erwarb, konnte 
hervorstechen und in der sage haften, wer aus der edda ent- 
wendet hätte, würde schwerlich des Loki und seiner Verwand- 
lung in fliege und floh entraten haben, das sind züge, die ein- 
mal feststehend sich nicht verwischen, niythol. s. 951 sind schon 
ähnliche hinzugehalten, dasz Freids Schönheit, wenn sie sich 
mit der band wasser schöpfte, leuchtete, gemahnt an die eddi- 



422 Sitzung der philosophisch-historischen Klasse 

sehe Ger<!r, von deren armen luft, land und wasser glänzte, als 
sie aus dem haus gieng, die thiir öfnete und schlosz, bei wel- 
chem anblick Freyr sich heftig in sie verliebte, was von Freys 
geliebter gilt, lenkt sich hier auf seine Schwester, wie einfach er- 
scheint die angäbe des wassertrankes für die göttin, des methes 
für den gott, denn melh wird unter dem zu verstehen sein was 
'eine art weins' heiszt. 

Noch bedeutsamer klingt dieser göttlichen wesen nacktge- 
hen, gerade wie Tacitus alle Germanen unbekleidet (intecti) er- 
scheinen läszt: nee alius feminis quam viris habitus, nudae bra- 
chia ac lacertos, sed et proxima pars pectoris patet; so weit 
zurück in die alte tracht versteigt sich kein dichter des mitlel- 
allers mehr, doch der weite mantel hüllt anständig den her- 
scher und dieser mantel war sogar Wuotans kennzeichen. die i 
göttin wird in ihr schönes, langes haar gehüllt, ganz wie das 
nackte Marienkind, groszes gewicht liegt auf dem gürlel Wouds 
um seine hüfte, unverkennbar der nordischen meglngiörd, wie 
sie die edda dem Thor beilegt, wodurch seine göttliche macht 
(äsmegin) um das doppelte wächst, dergleichen krafterhöhende 
gürtet begegnen auch sonst in den dichtungen, in einem nor- 
wegischen märchen sieht ein knabe ein blaues band am wege 
liegen, das er aufhebt; sobald er es umgürtet hat, steigt seine 
macht augenblicklich so, dasz er felsen heben und niederstürzen 
kann, gleicht dieser gürlel, an den Wouds herschermacht ge- 
bunden ist, nicht des Zeus goldner kette {TeiaY, y^vTety,), woran 
sich götter und göttinnen hängen könnten, ohne dasz sie ver- 
möchten sie vom hiinmel nieder zu ziehen, mit der aber Zeus 
alle andern gölter, erde und meer emporzöge? wir haben zu 
dem gürlel ein griechisches ebenbiid gefunden, Freyjas Brisln- 
gamen entspricht noch deutlicher der y.sT-og ly-ccg ■KoimXog, In 
dem Aphrodites liebreiz enthalten ist und dessen sie eben so 1 
wenig entbehrt als Freyja, die nordische liebesgöttin, des hals- \ 
bandes. wenn diesen gürlel Aphrodite einmal der Here lieh, so 
hätte er auch von Freyja übergehen mögen auf Frigg, wie hier : 
Here und Aphrodite berühren sich FrIgg und Freyja, die wir an- I 
deremal ganz zusammen fallen sehen. Beachtenswerth scheint, i 
was Stalder 2,515. 516 angibt, dasz die Schweizerinnen ihr > 
gürtelband 'die freude' nennen, Freyja heiszt hier Freid und j 



vom 20. Juni 1859. 423 

unser freude reicht unmittelbar an frau, wie das skr. pri amare 
und exhilarare ausdrückt, perlen und thränen sind eine allbe- 
kannte Vorstellung und vergleichung, die edda setzt an die stelle 
der perlen gold, in den märchen werden rosen, edelsteine und 
perlen gelacht oder geweint. 

Genug gesagt ist, um den ungemeinen werth einer aus tie- 
fer vorzeit nachhallenden sage hervorzuheben und glaublich zu 
machen, dasz auch in ihr vanische bestandtbeile im gegensatz 
zu den asischen an den tag treten. 



Hr. Bekker gab noch einige belspiele von Wörtern die 
bei Homer ein e zu an fang bald haben bald nicht 
haben. 

Aristarch las O -94 o\og y.swov S'v/xo? für insivov, 'Ictnwg. 
soll das heifsen "wie die lonier sprechen" und nicht "darum weil 
die lonier so sprechen", so nehmen wir die o 212 wiederkeh- 
rende und durch fälle wie ß l7l xeti ya^ xelvw und ^ 70 y-cii 
ya^ xBivog gestützte lesart, als willkomne bestätigung des s. 259 
— 60 nachgewiesenen Vorrechts des spondeus auf die erste stelle, 
gern an, geben die übereilten änderungen X 262 ß 272 und 
^491 auf, und enthalten uns ähnlicher, wie oft sie sich auch 
anbieten die versglieder inniger mit einander zu verbinden und 
dadurch dem allzu üppigen wuchern der dreitheiligen verse 
(s. 264) zu steuern: vgl. A 266, E 604 und 648, I 312, M 348, 
N 232, A 250, O 148, Y 858, a 90, « 177 und 199, 7 116, 
S 152 519 731 739, ^ 166, * 456, « 437, X 429, f* 106 und 258, 
i'418, ^42 153 156 283, 181 und 361, tt 376, ^110 243 
521, (p 201, ou 313. solches anerbieten wird überdies schon da- 
durch bedenklich dafs es meist den amphibrachys einführt oder 
anhäuft (z. b. X 418 und c« 90 «>.Aa ix iHitvn tMcXirra), denje- 
nigen wortfufs der mit seiner unruhigen beweglichkeit, seinem 
kurzathmigen aufhüpfen und umknicken, von allen am wenigsten 
pafst in das (rTct!ri(j.'jü-ctTOv nat oyycMBsTTCcTou tmv /xstomi'. auch 
die bukolische cäsur führt öfters die zweisylbige form herbei: 
l^iii'cti TB IJ.S y.iivov uvi/jyctg 346 
T'jct? y.ai y.iivcc (pv?^c(^(/jv a 593. 
[1859.] 30 



424 Sitzung der philosoftkisch-hislorischen Klasse 

dagegen am schluss des Hexameters steht nicht allein, was 
kaum zu vermeiden war, ä^ic/nc inetvcDv ^ 35"2, iv iy.sivw y 103, 
s-Cv iy.e.lvw ß 183, 0? rig sastvov £ 163, o? >cev Ittuvtnv r 322, ti? 
xev sstsTi'u y 113, oio? insivoQ A 653, *] ttso instvov S 819, srn' 
IxeTi'oc I 63, dvTKXTsiccg iHsii'w a- 147, VTroopr,TTyi2£Q inewmu o 330, 
sondern auch onnoT Ikiivuiv I 646 und o(p^' civ sy.slS't (nicht 
Qipüa xs y.ii^ri, wie doch ß 124 o'p^cc y.s nsivv^. wonach kein 
zweifei bleibt dafs Ü 188 sich reu^s sysirot gehört für rsvyjcc 
x£?i'Oij «212 und o 112 six' ixsivo<; für £W£ xÜvoq, v 265 yTr.TuT 
IxeTi'O? für sy.rrTccTO y.iivoQ. r,ua.ri y.eww (B 37 und 482, 2 324, 
# 518) und f ('m«t( «e/i'ov ^ 501 macht die im gebrauch aller dative 
des Singulars dritter declinalion begründete ausnähme. 

die adverbien hsi^'i hs7ts tcii-b-ev kommen nur zu anfang oder 
mitten im verse vor, adverbien und pronomen zusammen unge- 
fähr 170 mal zweisylbig auf 30 mal dreisylbig, 

W^ie iHstt'og zu xiivog , so verhält sich sfs^S'sv zu vsaS'ei'. 
tvs^Bev steht sicheF im ausgang 

ayy^Zi'OV si'io^sv A 252 
Srw^YiHog si'BsS'sv A 234 

iDZt^UiySV BV£3-^eV I 38o 

und auch wohl, aus gleichem gründe mit ixEtvog, mitten im 
verse 

fxaifxwwTi 5' £i'eoS'£ N 75 

fXCfOT-JDBg WT o'i ai'ioB's S 274 

v\|/oSei/* avrrc^ fi'e^'Crg T 57 

Ta'jnuvM' Ol 0£ T lus^^su t 385, . ) 

xnuss aber in der zweiten stelle, nach einem trochäus, der zwek 
sylbigen form weichen > 

tÖttou vsdS'' 'AiBsm 16, I 

um übereinzustimmen mit 

0« xcci i'io-ctsv X 301 und 1 

o't ns^ vi^-e^oi O 225; cf. S 204. 
sonst findet sich v'i^bs noch zu anfang (A 535, 11 347, T 500) 
und in der bukolischen cäsur (H 212, A 282, N 78, X 452, 
V 352). 

Auch vor manchem digamma erwartet ein zu und ab tre- 
tendes £ noch seine regelung. 



vom 20. Juni 1859. 426 

es ist in der Ordnung dafs neben TstrctTo auch iTstrctro 
vorkömmt, Jenes in der ersten und fünften stelle (B 791 und 
^283'); ^8», ß319, £ 283, .^352, t283; in der vierten nvtt 
einmal, N 191), dies in der vierten (1645, /3 320, s 398 und 
442, r, 281 und 343, S- 295, % 89) und wieder einmal in der 
zweiten (y. 149, wo indess 'Psitpcto unverwebrt ist): denn die 
dreisyibige form in der vierten stelle würde den vers meist um 
seine hauptcäsur bringen, 

nnum ti fxoi kktu Sv^ou Tetrcto /nüS'yjo-WT-^«» 
oder 

ytyuouctt' oü? i^v ttov via.ia.w TsiTCtro y.spoioi' siucct, 
die viersylbige in der fünften um die bukolische cäsur, 

roTT acct Tov ly.ccTssS'iv stuu titso'' ieiTnro os Tcpiv. 
wohl aber befremdet istTuixsvog neben strceiu.si'og, zumal stSo/j.ei'Oi; 
niemals IsiSofXcvog lautet, es steht aber sstTcciAsuag 

B 22: Ttf! uiif istTa/xsvog 7rooTS(pwi'S£ 

n 720, P 326 585, T 82: tw ixw hirciixsi'og n^oA(pv\ 

\ 241 : T!« S' ccp ietTctixsvog yaiY,0'^og 

UT)d iBirctfXiVYi 

B 795 : Ttt; [xiv IstTctfxtvY) 

r 389, ^ 24 : tTi ßw istTccuzuri, 

wird da nicht ein ursprüngliches 'FetTuixevog und ^sirctuivYi wahf- 
jcbeinlkh, das den voraufgehenden trochäus durch position 2afii 
spondeus machte, während ihn, wer vom digamma nichts wüste, 
meinte durch den an liTctg und isiy.ort üblichen Vorschlag zunl 
daktylus ergänzen zu müssen, gerade wie y 472 dieselbe unkent- 
Bis a\i>oi> iifotvoyjieCu-sg setzte für Votvov TowcyjsiCinsg ^ und A 3 
pixTccs ivwvoyäst für olfcycsi (A 598 und o 141). wo def 
Calsche schein nicht statt fand, haben wir Tstrüßsuog ungestört: 
KVi^i TsiTctixivog n 716 P 73 $ 213, 'tnnrw Tsiräixsvog T 224, 
'SiTivTooi Tsiraixsvr, E 78o. 

isiaoTt selber verlangt der vers 17 mal (auch n 249, wo 
das verkant ist), aber nicht u 158, sondern da genügt 



') itacLT Ifxii bedeutet offenbar nicht ßri p" ifxii sondern ßngit iter, U 
fit semblant daller, muss also digammirt werden, wiewohl auch fio-ara 
nnti £6i<rxT5 g i n n das digamma zu haben scheint A 138, E 5.38, O 4l5 
und 544, P 518, i/ 524, als verwandt mit via'? 

30» 



426 Gesamrntsitzung 

Ctl f*£I/ FStKOTt ßcttvOV. 

e'inoTi wird geschützt durch die bukolische cäsur B 510 und 748, 
N260, /3 212, S669, «209 und 241, >« 208. hinoTTov steht 
3 mal, aber ^ 170 lesen wir lieber y^^t^og "Fsr^oTTw, \|/ 102 und 
170 sXS'oi FsttcoTTw. ssMOTCcfctg ist nöthig I 379. isiHOToaoio körnt 
1 mal vor, ieiKOJ-äßoiov 2 mal, nicht ohne den Vorschlag. 



23. Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. Weierstrafs las über eine neue Behandlungs- 
weise des Kotations-Problems. 



Hr. Dove las über die kalten Tage im diesjähri- 
gen Mai. 

In den Abhandlungen der Akademie 1856 p. 121 habe ich 
in einer „die Rückfälle der 'Kälte im Mai" überschriebenen Ar- 
beit die Temperaturverhältnisse der in Deutschland unter dem 
Namen der gestrengen Herren und in Frankreich als trois saints 
de glace bekannten Tage näher untersucht. Es hat sich daraus 
ergeben, dafs die Erscheinung auf das mittlere Europa beschränkt 
ist, und auf diese Weise von nördlichen nach südlichen Gegen- 
den fortrückt, dafs im nördlichen Deutschland der Mamertus, 
Pancratius und Servatius der 11. 12. 13. Mai besonders ge- 
fürchtet sind, während schon im südlichen Deutschland der Bo- 
nifacius (der 14. Mai) an die Stelle des Mamertus tritt. Die 
nähere Betrachtung einzelner Fälle zeigte, dafs die Erscheinung 
genau sich darstelle wie zu andern Zeiten eintretende Anoma- 
lien, nämlich als Rückwirkung eines lokal kalten Gebietes auf 
ein daneben liegendes stärker erwärmtes und man nur deswegen 
auf dieses Beispiel ein besondres Gewicht gelegt habe, weil es 
in die Zeit der Blüthenentwickelung fallend vorzugsweise für die 
Vegetation verderblich werde. Wenn das Fortrücken der Ab- 
kühlung über die Oberfläche der Erde von vorn herein eine 
kosmische Ursache wie das Entziehen der Sonnenstrahlen durch 
zwischentretende Sternschnuppen ausschliefse, so könne für das- 



vom 23, Juni 1859. 427 

selbe ebenso wenig die von Schnurrer in den Krankheiten des 
Menschengeschlechts vom 12. Mai 1706 erwähnte Verdunkelung 
als Beweis angeführt werden, da eine durch den Mond hervor- 
gerufene totale Sonnenfinsternifs in sich selbst den Grund der 
Verdunkelung enthalte. Die terrestrische Ursache in dem Eis- 
gang der Dwina zu suchen sei ebenso ungerechtfertigt, da dieser 
im Mittel auf den 14. Mai falle und die Wirkung doch unmög- 
lich der Ursache vorausgehen könne. Selbst aber, wenn der Eis- 
gang auf die kalten Tage im mehrjährigen Mittel falle, könne in ihm 
nicht die Ursache gesucht werden, da es hier nicht auf mittlere 
Werthe ankomme, sondern auf die Frage, ob in den Jahren, 
wo die Abkühlung hervortritt, eben dieses Zusammentreffen 
staltfinde, wovon grade das Gegenlheil sich ergebe. 

Nach einem Winter von ungewöhnlicher Milde, in welchem 
die fünftägigen Wärmemittel sich drei volle Monate hindurch in 
den nordöstlichen Theilen des preufsischen Staates über ihrem 
milllern Werth erhielten, v^^ar die Temperaturerniedrigung in 
diesem Jahr in dem angegebenen Zeitraum besonders auffallend. 
Ks schien mir daher nicht unangemessen, die Beobachtungen der 
Stationen des preufsischen meteorologischen Instituts und die 
mir telegraphisch zugehenden Daten zusammenzustellen, um zu 
prüfen, ob auch in diesem Falle sich das Fortrücken der Ab- 
kühlung über die Oberfläche der Erde nachweisen lasse. Das 
Ergebnifs dieser Untersuchung ist folgendes: 

1. Überall tritt die Abkühlung mit nördlichen und östlichen 
Winden ein. 

2. In Schweden und im nördlichen Rufsland (Stockholm, Pe- 
tersburg, Moscau) und auf dem Plateau von Westpreufsen 
(Schönberg, Conitz, Bromberg) ist die gröfste Kälte am 
Mamertus den 11. Mai. 

3. In Curland, Ostpreufsen und Pommern (von Dorpat über 
Memel, Tilsit, Königsberg, Cöslin, Posen bis Putbus auf 
Rügen) am Pancratius den 12. Mai. 

4. In Schlesien, der Mark, Sachsen bis zum Harz ist der käl- 
teste Tag der Servatius, der 13. Mai. 

5. In Westphalen und am Rhein der 14. Mai, Bonifacius. 

6. In Frankreich, wo die Erscheinung sich sehr abschwächt, 
der 15. und 16. Mai. 



428 



Gesammtsitzung 



7. In Spanien und Portugal ist sie überhaupt nicht ersichtlich. 

Die folgende Tafel enthält die Belege. Die in Reaumur- 

schen Graden ausgedrückte Temperaturen sind für die preufsischen 

Stationen Tagesmittel, für die übrigen die Beobachtung um 7 Uhr 

Morgens. 













Pan- 


Ser- 


Boni- 








1 1 iMam.] erat, i vat. | fac. | i 


1 


8 1 9 1 


10 ) 11 i 12 1 13 1 14 1 15 1 16 


Stockholm 


4.16 


5.54 


4.80 


120 


2.96 


4.16 


5 44 


880 


8.88 


Petersburg 


2.48 


2.32 


2.40 


1.44 


2.84 


4.24 


6.32 


6.48 


8.40 


Moskau 


1.68 


2 32 


3.04 


5.04 


3.04 


6.00 


§.48 


9.84 10.00 


Dorpat 


2.85 


4.65 


6.80 


665 


4.65 


6.00 


8.55 


10.35 


13.25 


Memel 


61 


7.8 


7.7 


56 


40 


9.5 


9.1 


10.4 


13.9 


Tilsit 


596 


820 


8.40 


5.90 


5.06 


9.23 


9.33 10.40 


13.33 


Arys 


7.40 


950 


11.50 


5 50 


3.87 


7.47 


7.87 


10.17 


13.07 


Königsberg 


7.30 


10.22 


11.20 


4.97 


3.97 


8.75 


8.75 


9 85 


13.92 


Heia 


6.43 


7.76 


7.70 


4 73 


4.40 


5.90 


6.73 


8.03 


10.70 


Schönberg 


7.57 


9 83 


8.30 


. 3.23 


3 33 


5.70 


5 97 


8.00 


1360 


Conitz 


9 20 


11. .30 


9.97 


4 43 


490 


5.63 


6.73)10.07 


13.87 


Bromberg 


10.80 


11.73 


12 13 


5.60 


5 63 


6 43 


7.33 1120 


14.70 


Posen 


104 


11.3 


112 


5.7 


55 


5.9 


7.8 115 


14.7 


Cöslin 


10 03 


11.80 


7.67 


5.37 


4.80 


5.47 


8.5311.13 


15.23 


Colberg 


8.90 


9.70 


7.57 


6 23 


5 40 


5.40 


6.97 9.53 


11.47 


Regenwalde 


109 


12.1 


8.9 


5.2 


45 


52 


8.5 10.5 


15.0 


Putbus 


9 80 


7 90 


8.07 


6.43 


5 60 


597 


8.2.3 9.67 


8.33 


Neu-Brandenb. 


12 23 


11 6(1 


10.33 


6.23 


5.33 


5.00 


8 20 10 90 


13.67 


Hinrichshagen 


10 97 


10.83 


9 07 


5.33 


4.30 


3.90 


697 10.07 


12.90 


Potsdam 


11.0 


11.0 


118 


6.5 


6 35 


4.0 


8.5 8.2 


13.15 


Berlin 


12 17 


12.43 


12 17 


6 37 


6 20 


4,87 


7.37, 9 57 


13 30 


Frankfurt a. 0. 


1 1 .23 


11.47 


1073 


5.33 5 43 


5.40 


7.60| 9 93 


13 87 


Zechen 


10.10 


10.80 


II 60 


6 30 5 63 


4.47 


7.01 


1097 


14.10 


Breslau 


10.97 


11.10 


1 1 .37 


7.30 


5 07 


4.10 


6.60 


1(^63 


14 03 


Ratibor 


12 17 


1 1 00 


12 57 


7.73 


4.87 


3.27 


7 73 


12 33 


14.53 


Eichberg 


10.7 


9.2 


97 


54 


42 


2 


4.7 


8.4 


1200 


Görlitz 


9 87 


927 


1067 


5.77 


4.57 


3.37 


6 10 


8 47 


12 60 


Torgau 


11.70 


1129 


11.00 


7 30 


6 53 


4.77 


7.73 


8.70 


12.47 


Salzwedel 


12.10 


12.83 


10.53 


6.90 


7.17 


7.27 


7.80 


9.27 


1263 


Erfurt 


965 


11 Ih 


10.78 


6.67 


6.27 


.508 


6 38 


7.72 


9.68 


Mühlhausen 


9 90 


10.43 


11.93 


8.07 


7.43 


5 83 


6.13 


8 67 


1067 


Heiligenstadt 


1013 


10 00 


10.13 


7.73 


6.43 


5.90 


5 60 


7.40 


10.13 


Weraingerode 


10.83 


9.97 


10.50 


6.43 


6.27 


5 00 


5.63 


6.90 


10.23 



vom 23. Juni 1859. 



429 













Pan- 


Ser- 


Boni- 








1 Mam. erat. 


val. 1 fac. 1 1 




8 9 ! 10 11 12 


13 1 14 1 15 1 16 


Clausthal 


l()9( 


7.77j 9.0( 


4.10; 4.7;^ 


3.73 


4 20 


6.2(1 


9 37 


Göllingea 


1 9J 


10.37 10.27 


8 03 7.9( 


643 


633 


857 


10 49 


Hannover 


1-2 73 


9 13 10.46 


7.46 893 


706 


7.26 


8 83 


11 43 


Lüneburg 


13 10 


1 1.93 10.60 


6 83| 647 


6 23 


8 33 


92( 


12 33 


Otlerndorf 


I2.4(» 


827| 9.53 


8 47 


907 


8.07 


1 03 


10 43 


9.90 


Güleisloh 


13 33 


8 93| 9 13 


8 45 


907 


8.43 


8.20 


9.10 


1087 


Paderborn 


12.70 


890 


8 10 


7.77 


8.10 


7 33 


7 23 


8 70 


10 87 


Lingen 


1 2 ßo 


8.16 


9.40 


8 20 


9.17 


8.03 


9 73 


10.27 


11 43 


Enulen 


11.3(1 


9 46 


93(t 


8 16 


8.40 


7.80 


10.26 


10 16 


10 50 


Norderney 


96 


74 


7.7 


86 


78 


79 


8.8 


93 


9 i 


Cleve 


12 70 


7 97 


7 17 


9 20[ 9 30 


8 67 


8.73 


9 67 


10 67 


Cr e leid 


14 68 


9.22J 8 77 


10.89 11.16 


10.22 


9 66 


10 55 


11 76 


Co In 


14 50 


10.03 9 93 


10 93 10 60 


9.50 


803 


9.40 


10.43 


Boppard 


11 8.S 


10 15 10.05 


11.32! 9 83 


7 82 


8.40 


9 03 


1(».82 


Neunkirchen 


1 3 20 


11.03' 12 43 


11 671 9 00 


7.90 


7 00 


8 17 


943 


Trier 


12 (»7 


I0.27|ll 8(1 


12 93' 10 07 


8.47 


8 27 


8 67 


11 33 


Frankfurt a. M. 


13.00 


12.73 


12.70 


11.93 


9.90 


8 53 


8.20 


9.93 


11.87 


Strasburg 


10 32 


11.44 


9 92 


M 84 


926 


8 96 


8 24 


760 


6.56 


Besancon 


10 96 


II 84jlI.5J 


13 92 II 04 


9.28 


6.64 


6 56 


7.44 


Lyon 


13(11 


12 21 13.20 


13 84 


I3.6(» 


12.08 10.00 


9 12 


1096 


Avignon 


14 08 


13 36 14.56 


14 16 


13.76 


13 76 10.32 


9 36 


9 68 


Linioges 


12.00 


1408ll4.2l 


9.68 


13 36 


16(10 


10.48 


9 68 8.32 


Montauban 


10 21 


12 00' 12 00 


9 60 1 1 .20 


12.08 


11.76 


9.44 8.48 


Paris 


10 96 


6 00 


7,60 


9 04 9 44 


8.96 


824 


7 60, 6.56 


Havre 


960 


8.00 


8.08 


8 80 9 68 


9.92 


8.b(t 


8 64 8.88 


Dunkirchen 


7t»4 


7.76 


7.60 


8 00 7 92 


7 92 


8 56 


8 72 9 36 


Brest 


8.24 


9 12 


9.76 


9.36 8 88 


9.20 


9 44 


8.56 9 68 


Nap. Vendee 


10 00 


10 40 


10 21 


8 56 10 16 


12.48 


8 96 


9 (»4 9 68 


Mezieres 


11.84 


872 


II (14 


10.72,11 Ol 


11.84 


9.44 


7 92 7 12 


Bayonne 


10.88 


11.68 


12.72 


12 88 12.64 


11.36 


13.44 


1136 


12.24 


Madrid 






1256 


9 20 10.80 


9.28 


7.68 


8.24 


7.60 


San Fernando 






14 16 


13 60 13 44 


12.64 


12.48 


12 48 12 48 


Lissabon 






13.36 


15.60 


12 00 


11.12 


13.28 


12.48 


13.92 



Im Jahr 1835 habe ich in einem Aufsatz „über das Vor- 
haniiensein zweier Regenzeilen im südlichen Europa" (Pogg. 
Ann. 3ö p. 375) nachzuweisen gesucht, dafs die gröfsle Menge 
des Niederschlags dort nicht allein im Herbst eintritt, vrie es 



430 Gesammtsitzung 

bisher angenommen war, sondern dafs dem Herbstmaximum ein 
Früblingsmaximum entspricht. Um die Zeit der Nachtgleichen 
nämlich kommt die in der Nahe des Äquators aufsteigende und 
als oberer Passat nach den Polen zurückfliefsende Luft im süd- 
lichen Europa herab und veranlafst am Südabhange der Alpen 
die heftigsten Niederschläge. Diese Luft überströmt erst, wenn 
die Sonne in nördlichere Zeichen tritt, die Alpen und veran- 
lafst dann in Deutschland herabkommend imsere Sommerregen, 
während bei niedrigstem Sonnenstande die Regen an der Nord- 
küste von Afrika bis zu den Azoren und Canaren wahre Win- 
lerregen sind. Diese von oben herabkommenden feuchten Winde, 
welche Überschwemmungen veranlassend zu Anfang des jetzigen 
Krieges die Fiufsübergänge so bedeutend erschwerten, gehen da- 
her unsern ersten kräftigen Regen unmittelbar voraus. Ja kün- 
digen sie im eigentlichsten Sinne an. Wenn nun bei rasch 
zunehmender Wärme Im Frühjahr die nördlichen Gegenden, 
welche sich noch nicht Ihrer Schneedecke entledigt haben, da- 
durch in einen bedeutenden Gegensatz zu denen treten, wo dies 
früher geschehen und wo daher die Insolation nur auf direkte 
Erwärmung der Luft auf dem Festlande verwendet wird, so wird 
das Bestreben der Ausgleichung nördliche Ströme veranlassen, 
welche an Ihrem weitern Vordringen nach Süd durch den ent- 
gegen wehenden Passat verhindert nun als abkühlende Ostwinde 
über das mittlere Europa strömen. Dies Ist wahrscheinlich eine 
Hauptursache der grade Im Frühjahr so häufig eintretenden 
Rückfälle, wenn auch, wie Ich früher gezeigt habe, nicht alle 
auf diese Weise entstehen. In Amerika, wo zwischen den Al- 
leghanls und Rocky Mountains vom mexikanischen Meerbusen 
bis zum Polarmeer kein bedeutender von West nach Ost ge- 
richteter Quergürtel sich erhebt, ist für den Austausch nördli- 
cher und südlicher Ströme kein Hindernifs vorhanden. Hier 
sind daher auffallende Sprünge In der Temperatur zu allen Jah- 
reszeiten, nicht überwiegend zu einer bestimmten, und hier fehlt 
auch der regelmäfsige Übergang der subtropischen Regen In die 
der gemäfsigten Zone mit einem ausgesprochenen Sommermaxi- 
mum des Niederschlags. 

Mit dem Mai sind die Einbiegungen der Temperaturcurven 
nicht beendigt, sie treten noch sehr entschieden im Juni hervor. 



vom 23. Juni 1859. 431 

ja sind dort sogar universeller Art als im Mai, werden aber we- 
niger beachtet, da bei uns die Abkühlung des Bodens selten bis 
zum Frostpunkt herabgeht. In den Tafeln der mittlem Tem- 
peraturen verschiedener Orte (Abhandl. der ßerl. Akad. 1846 
p. 254) habe ich darauf aufmerksam gemacht und zugleich ihre 
Ursache nachgewiesen. „Solche Gegensätze als die Kühle des 
Sommers an den atlantischen Küsten und die hohe Temperatur 
der siberischen Steppen müssen sich gegenseitig auszugleichen 
suchen. Daher wird zu derselben Zeit, wo der SW. -Mousson 
über den NO. in Asien siegt, dessen Kraft durch Auflockerung 
vollkommen gebrochen ist, Europa von Nordwestwinden über- 
strömt, denn die kalte Luft des atlantischen Oceans findet 
in der nach Süden und Osten hin liegenden Wärme Anzie- 
hungspunkte, welchen sie in der Diagonalrichtung folgt. Daher 
greift in Europa das Seeklima im Sommer tiefer in den Conti- 
nent hinein als im Winter, denn nördlich von den Alpen er- 
reicht überall in den Sommermonaten die Regenmenge ihr Ma- 
ximum und bei dem Anblick der Temperaturcurven, welche die 
fünftägigen Mittel darstellen, fällt es sogleich in die Augen, dafs 
sie in den Sommermonaten wie abgestumpft erscheinen. Unser 
Sommer erfüllt nur ausnahmsweise die Erwartung, welche der 
Frühling erregt, ja selbst in den vieljährigen fünftägigen Mitteln 
von Paris, Carlsruhe, Berlin, Königsberg, Petersburg senken sich 
im Juni, noch ehe der höchste Sonnenstand erreicht ist die Cur- 
ven und beginnen nur träge ihr Wiederansteigen. Erst in Italien, 
welches bei höchstem Sonnenstande in den rückwärts verlänger- 
ten Passat aufgenommen ist, wo daher eine kurze regenlose Zeit 
diesen Sonnenstand bezeichnet, erhalten die Wärmecurven schär- 
fere Scheitel." 

Da diese Kälte in die Zeit der Wollschur fällt, so hat sie 
bei den Landwirthen Norddeutschland den bezeichnenden Namen 
der Schaafkälte erhalten. 



432 Gesarnmtsilzung 

Hr. Weber legte eine Mittlieilung des Dr. R. Rost 
in Canterbnry vor, vom 18. Juni d. J., betreffend einige neue 
indische Drucke. 

„In diesen Tagen erhielt ich aus Benares eine Anzahl da- 
selbst erschienener Sanskrit-Werke, sämnillich lithographirt, wo- 
von ich ein Verzeichnifs beilege. Wer hatte bis jetzt eine 
Ahnung davon, dafs bereits seit 5 bis 6 Jahren gedruckte Aus- 
gaben von den unter No. 2. 4 — 8. 10 —15. genannten Werken 
existiren? Es läfst sich voraussetzen, dafs auch an andern Or- 
ten in Indien, ganz abgesehen von Calcutta und Benares, die 
Sanskrit- Pressen nicht unthällg gewesen sind, und gleichwohl, 
wie selten kommt es doch vor, dafs sich einmal eine solche Cu- 
riosltät nach Europa verirrt! Was die Präsidentschaft Madras 
betrifft, wo ja auch Sanskrit gedruckt wird, wenn auch meist in 
der augenverderbenden 7>/(/g't/schrift, so hat mir der neue Gou- 
verneur, Sir C Trevelyan, versprochen dahin zu wirken, dafs 
von allen Büchern welche in der Präsidentschaft gedruckt wer- 
den, und zwar sowohl In Sanskrit als \n den Volkssprachen und 
im Englischen, regelmäfsig Verzeichnisse angefertigt werden, 
damit man wenigstens erfährt. In welcher Riclilung die einge- 
bornen Literati thätig sind. Die dadurch angestrebte Publicität 
kann nur ermuthlgend und anregend auf die Letzteren einwirken. 
Vielleicht folgen dann auch die andern Präsidentschaften dem 
guten Beispiele." 

I. Der Amarakosha, mit dem Commentar des Bhänujl 
Dfxiia. I. 60 Bll. IL 130 Bll. III. 58 Bll. Samvat 
1911. Die Unterschrift lautet: /// ^rivaghelavamgod- 
bhavagri m ahidharavish aj ä d h ip a grlk ir 1 1 is irnha de- 
väjnayä gribhaUnjidLvilutmnjngribhünujidIxitaviracttäyäTn 
amaratlkciyaTn vjdkJiyusudhakhjnyarn. etc. Am Ende 

des 1. und 2. Buches steht mahfpara anstatt maht- 
dhara, und am Ende des 2. ist vor gr iki'rf lis imha 
eingefügt grtmaharaiahumüra. Bn ghela ist Name 
einer /?a/pw//e«- Familie und wohl richtigere Lesart als 
die im Berliner Codex N. 792 befimlllche. Gedruckt ist 
zwar an allen 3 Stellen ein ^, allein im Hindi WB. 
steht ^q^^. 



vom 23. Juni 1859. 433 

W. Muhürt acintämani des ^ridaivajnaräma, Sohnes des 
^ri'daivnjnänanta, nebst dem Pr amitäx a rd genannten 
Commentare desselben Verfassers. 120 Dil. Samvat 
1912. Enthält 13 Capitel, nämlich 1 ^uhhn<;ubhapraka- 
ranarn, 57 vv. ; \\. Naxatrapr., 63 vv. ; III. Sarnkräntifir., 
20 vv. ; IV. Gocarapr., 19 vv. ; V. Sarnskärapr., 60 vv. ; 
VI. Vivähapr. , 110 vv ; VII. Vadhuprace(;apr. , 3 vv. ; 
VIII. Duirdgamanapr., 4vv. ; IX. Agnyddhanapr., 3 vv. ; 
X. Rcijdbhishekapr., 4 vv. ; XI. Ydtrdpr., 112 vv. ; XII. 
Qrwdsfupr. , 29 vv. ; XIII. Grihapraoegnpr., 7 vv. — 
Dann folgen noch die 3 Verse wie in Berl. No. 877., in 
verbessertem Texte. 

III. Yäjnavalkja nebst der Mitd.rard, letztere über und 
unter dem Texte. Samvat 1910. 1. 3 RH. Index und 
56 Bll. II. 8 Ell. Index und 91 Bll. III. 5 Bll. Index 
und 110 Bll. 

IV. Der Laghugabdaratna genannte Commentar des Ha- 
ridixita, Enkels des Bhaftojidi'xi/a, zur P ra u dharna- 
noramä, nebst der Glosse , {Ra/napra käfikd ge- 
nannt) des Bhairavann'gra , Sohnes des Bhavadevamigra. 
SaiTivat 1910. 291 Bll. Ersterer hat die Unterschrift: 
/// grimaddlxilabhaiiojipautradlxitoharwiracite praudha- 
manoramävyäkhyäne lagJiugabduralne kdrakoprakaranarn. 

V. Des Qrimahumahdpddhydyn grir u dradha ra ^rdddha- 
vii>eka. Samvat 1912 67 Bll. 
VI. Des Sdrng adhara, Sohnes des friddmndara, Sam- 
hitä. Samvat 1912. 72 Bll. Der sehr fehlerhafte 
Text scheint mehr mit Berl. No. 935 als mit No. 936 
übereinzustimmen, weicht aber auch von ersterem noch 
vielfach ab. 
VII Der Pre takalpa genannte Theil des Garudapurdna, 

in 35 Kapiteln. SaTTivat 1912. 49 Bll. 
VIII. Des Var ähamihirdcdrya f'riha j j dtaka nebst dem 
Comnientare {Vrihajjälakavivriti) des Bhaiiotpala. Sarn.- 
vat 1911. 124 Bll. Viel correcterer Text als der in 
Berl. No. 857 gebotene. 
IX. Das Mdnavadharmagds t ram mit dem Commentare 



434 Gesammtsitzung 

des Kullukd Bhatia. 268 BlI. und 10 BII. Index. 
Ohne Jahreszahl und Druckort, aber auch zu Benares 
lithograpbirt, wie aus der Unterschrift zu Ende des suct- 
patram: ^rikdfi'vigvegvardja narnah, hervorgeht. 

No. 1 — 8 sind in halb folio, No. 9 In etwas breite- 
rem Format (beinahe wie folio), nach Art der Hand- 
schriften llthographirt. 
X. Acdrädarga, von ^rtdatta. Samvat 1912. 2 Sei- 
ten Index und 127 Seiten In 8. Zur Vergleicbung mit 
Berl. No. 1023 bemerke ich, dafs diese Ausgabe im 2. 
Verse ahorätragrito und nibandhibhih liest. 
XI. Des Bhattakedära F'rittaratnäkara, mit dem Com- 
mentare (seiu) des Haribhäskara , Sohnes des ^rimad 
äfäjibhatta (Berl. No. 810). Samvat 1913. 25 Bll. 
in hoch 8. 
XII. Des ^ri gane gadaivajna J atakäl ankära , nebst kur- 
zem Commentare von Jajagopälapandita. 42 Bll. in 
hoch 8. Samvat 1915. Ein astrolog. Werkchen, in 7 
Capiteln : I. Sarnjnädhjäyali, 10 vv. ; II. Bhcwädhy., 36 
vv. ; III. Yogädhy., 34 vv. ; IV. vishakanjdyogädhj., 4 
vv.; V. Yogajäyurdäyädhy., 22 vv. ; VI. Fyatyayabhä- 
vädhy., 9 vv. ; VII. Varngädhy., 5 vv. Das erste Capitel 
schliefst: hridyaih pafhyair gumphite süritoshe 'lankä- 
räkhye jätake manjule 'smirp. I sajnjnädhyäyah grigane- 
gena digbhir yuktah glokair ädimo 'yam pranitah; und 
ähnlich die übrigen. Voll Schreibfehler. 

XIII. Des ^ripatibhatta (Berl. No. 865?) Jyotisharat- 
namälä, ein astrolog. Buch in 20 Capiteln, in verschie- 
denen Versarten. SaTTivat 1913. 31 Bll. in 8. cf. 
Mackenzie Coli. I, p. 128. 

XIV. Des Ndräyana Bhatfa (Mack. Coli. I, p. 127 No. 
XLI. ?) Camatkär acintämani , nebst der Glosse 
(anvayärthadipikä) des Sudaivajnadharmegvara aus Mdlva, 
ein astrolog. Werk über die Einflüsse der Planeten, in 
9 Capiteln von je 12 Strophen. Samvat 1913. 28 Bll. 
in 8. 

XV. Ududay apr adipa (Astrologisch), 42 vv. in 4 Capi- 



vom 23. Juni 1859. 435 

teln {Sarnjnadhyuya, RAjajrogddhy,, Ayurddy/idhy., An~ 
tardafudhy.) nebst Commentar — ud{d)yola — von Bhai- 
ravudatiadaivajna. 8. 47 pp. und 3 pp. Druckfehler- 
liste. Ohne Datum. 
XVI. Der Me ghadüta, mit dem Commentare des Mallinatha. 
132 Seiten und 4 S. Druckfehierverzeichnifs. Ohne Da- 
tum. Bietet sowohl im Texte als im Commentare man- 
che Varianten zu der Calcuttaer Ausgabe. Samvat 1907. 
XVII. Des fr//? ush padant a m ahitnn ah. s f o t r am^ in 42 vv. 

mit Commentar. Samvat 1912. 16 Bll. 8. 
XVIII. Das Chandas, 8 Bll, in 8., welches ich nebst den 3 
vorhergehenden Nummern schon voriges Jahr aus Bena- 
res erhielt, habe ich nicht zur Hand. 
Von anderen selteneren Sanskritdrucken, die ich In der letz- 
ten Zeit erworben habe, bemerke Ich noch eine, im J. 1829 zu 
Surat llthographirte Ausgabe der »ydraj po/Z-'Gram matik, 
mit dem Titel: gri süryapure amkitd anubhutisoarupäcäryahrita- 
särasvali prakriyä. Angefügt Ist die Dhätumanjari. Zusammen 
etwa 450 Selten In 4. 

Adhikar anam al ä , zxxxnVedänta gehörig, für die Tattea- 
bodhint sabhä herausgegeben von (^riänandacandra vedäntavägiga, 
Calc. ?aka 1774. 8. Bis jetzt 9 Nummern. 

Die B hagavadgttä mit ^ankara's bhdshya , der Glosse 
Anandagiri's, dem Commentare (^n'dharasvdmin's und einer Ben- 
galischen Paraphrase. (Tattoabodhint sabhä,) Calc. 1853 ff. 
follo. In 18 Heften. 

Eine Ausgabe des Pr as thdnabheda , Sanskrit mit ben- 
gal. Übersetzung, findet sich In der bengalischen Monatsschrift 
Sarvärlhapurnacandra. Calc, 1856. No. 7, p. 217 ff. 



Hieran schlofs Hr. Weber eine entsprechende geschäftliche 
Mittheilung eingeborner indischer Buchhändler aus Caicutta (So- 
bhabazar, 22. P'ebr. 1858), die er den Hrrn. Williams and 
Norgate in London verdankt, an welche sie gerichtet ist. 

„We are preparing for you a detailed and coplous list of the 
Sanscrit, Bengalee, HIndee, Pali and Pracrit books published in 



436 Gesammtsilzung. 

India. Meanwhile we send a short list. The prices we have 
set down are the prime costs at which we have been able to or 
can purchase tliem: we leave it to you to fixa ny fair rate of com- 
mission including ttie charges of transit etc. Should any of the 
Savans or Societies in Europe or America wish to purcha.'>e or 
get copied any mss. oriental works not hitherto published we 
shall gladly execute such Orders as we have great facilities for It. 
We intend furnishing you witb h'sts of the Sanscrit Ms. works 
in the librarles of private individuals and pubifc instilutrons 
which we believe is feit a great desideratum of the scholars of 
Europe. If you find any Sanscrit work to be in great demand 
in your quarter of the world and you advice us to edit it, we 
shall be glad to publish it here with great available facilily. The 
first number of our new edition of the ^abdakalpadruma and Räja 
Radhakänta Bahadoor's Supplement to the old edition will be 
ready by the end of Mareh next. In the nieantime we shall fur- 
nish you wilh our prospectuses. 

We remain, Dear Gentlemen, Yours very truly 

Anandakrishna Böse') 
Amritaiala mittre 
Sreenatha Ghose. 
1. Sanskrit. Rupee Anna 

1. bhai.nkavya, 2 voll. Calc. 1828 pp. 511 — 3 — „ — 

2. kiratarjuniya, 2 voll 287 — 3 — „ — 

3. gi^upäiabadha, 2 voll 991 _ 6 — „ — 

4. kavyaprakä^a, 1 voll 197 — 2 — „ — 

5. vedäntaparibhasha 53 — „ — 12 — 

6. vcdantasära 128 — 2 — „ — 

7. älmatattvaviveka 97 — 1 — „ — 

8. dhätupa/ha in 12mo 54 — „ — 4 — 

9. ^abdac^aktiprakägikä 172 — 1 — 8 — 

10. kusumanjali 45 — „ — 12 — 

11. anumanadidhiti 163 — 1 — 8 — 

12. khanrfanakhanc?akhädya 199 — 2 — „ — 

13. tattvacintamani 83 — „ — 12 — 



') ob auch Ghose? i. e. Ghosba. 



vom 23. Juni 1859. 437 

Rupee Anna 

14. tattvakaumudl pp. 59 — „ — 12 — 

15. vivädacinläma«! 173 — 2 — „ — 

16. vyavaharatatlvadi — 2 — „ — 

17. lilavali 124 — 1 — „ — 

18. golädhyaya 1842 . . 166 — 1 — „ — 

19. ga«itädhyaya 1842 . . 309 — 2 — 8 — 

20. xetrataltvadipika 165 — 2 — „ — 

21. raghuvan^a wilh comm 6 — „ — 

22. kumärasambbava 2 — 8 — 

23. meghadüta with comm 1 — „ — 

24. rägbavapän<?aviya 4 — „ — 

25. mahaviracarita 1 — 8 — 

26. dhanajTzjayavijaya 1 — „ — 

27. (;abdärtharatna „ — 12 — 

28. ^alakavall „ — S — 

29. rijiipatha orSt Reader by I. C.V.(/5vara Candra Vidyas.agara) 
princ. St. Coli 1 pt. „ — 4 — 

2 - „ - 8 - 

3 -„-10- 
We have sent you as specimenstwo Nos. of ihe grimadbbäga- 

vatawhicb (ibe text with the comm. of gridharasvamin) are being 
pubjiabed by Nandakumarakaviratna: 1 skandba compl«ted, 8 Rs. 
— also 17 Nos. of the sarvartliapur/iacandrodaya , pubid. by 
Abhayaaddy(!): they are translatlons frorn the Purä/ias and other 
oriental works. 4 Annas the No. — also: vahyavastur sahitamänava- 
prak.ritlr sanibandhavicbura (!) in 2 vols., being a very handsome 
and clever Bengalee translation of Combe's Constitution of man 
by the learned Editor of the Taltvabodhinipatrika; Price 3 Rs. 
2. IJengali. 

upakrama/ilka or SanscritGrammar in Bengali, an elementary 
treatice by J^vara Candra Vidyäsagara Principal of the Calc. St. 
Coli. 8 Annas. 

kaumudl, a larger treatise by the same. 2 parts ä 8 Annas. 
S.th pt. in the press. 

^akuntalä, a bengal translation, by the same. 12 Annas. 



438 Gesammisiizung 

da^akumaracarlta, dto by Glri^acandra Vi'dyäratna Pro- 
fessor of Grammar St. Coli. 1 R. 

kädambari, dto by Tara^ankara. 1 R. 4 A. 

venisamhar ana/aka, dto by Rämanaräyana Nyäyaratna. 
1 R. 

annadamangala, annadamangaladl, vidyasundara. Edited by 
I.C.V. at 10 A., 1 R. 8 A., 8 A. from the original ms. of Bhära- 
tacandra in the possesslon of the Raja of Nudea. 

kulinakulasarvasva, a Drame exposing kulinism in Ben- 
gal by Rämanaräyana Nyäyaratna. 12 Annas. 

vidabh a vi ba h anä/a ka (vidhavävivähan.) a drame expo- 
sing the folly of not allowing Hindoo widows to remarry, by 
Ume^acandramittra. 1 R. 4 A. 

vidabhavibaha by I. C. V. showing by citations from the 
texts of Parägara (^ the legality of Hindoo widows marriage. IR. 

Antagonist pamphlets. — 

vetäiapancavingati Edtd by I. C. V, 1 R. 

Elementary books for learning Bengali, viz. 
varnaparicaya 2 pts. ä l'^Anna. — rijupä/ha ^^Annas. — 5i5U5ixä 3 
pts 4 Annas. — bodhodaya, a Reader [ohne Preis]. — kathämälä, 
a translation of some of Esops fables by I. C. V. 4 Annas. — 
caritävali, by the same, 4 Annas. — nilibodha 5 A. — nitigixä 
12 A. — Bengala Itihäsa, from the iime of Hirajeddowlah by 
I. C V. 8 A. — jivanacarita, a translation of Chambers biogra- 
phy by I. C. V. 8 As. — Russellus, dto by Tära^ankara. 1 R. 
— sansk.ritaprastäva by I. C. V. 6 A. — 



An eingegangenen Schriften wurden vorgelegt: 

Abhandlungen der Senckenb ergischen naturforschenden Gesellschaft. 2, 

Bandes Lieferung 2. Frankfurt a. M. 1858. 4. 
Journal de l'ccole polytcchnique- Tome XXI. Paris 1858. 4. 
The American Journal of science and arts. No. 81. New Haven 1859. 8. 
Annales de chimie et de physique. Tome 46, Livr. 1. Paris 1859. 8. 
Me'moires de la sociele royale des antiquaires du Nord. 1836 — 1837. 

Copenhagen 1838. 8. 
Oeuvres de Frederic le Grand. Tome 12— 15. Berlin 18/(9— 1850. 4 



vom 30. Juni 1859. 439 

Pertsch, Die persischen Handschriften der Herzoglichen Bibliothek zu 
Gotha. Wien 1859. 8. ♦ 

Ahlquist, Läran om Verhet i Mordvinshans Mokscha-Dialect. Hel- 
singfors 1859. 4. 

Studer, Einleitung in das Studium der Physik und Elemente der Mecha- 
nik. Bern 1859. 8. 

B rüg seh, Hisloire d'Egypte. Premiere partie. Leipzig 1859. 4 
(Im Namen des Hrn. Verfassers überreicht von Hrn. Böckh.) 



Ein Rescript des vorgeordneten Hrn. Ministers Excellenz 
vom 18. d. M. genehmigt die Ausgabe von 200 Rthlrn. aus den 
Fonds der Akademie, um die Herausgabe des zweiten Bandes 
des von Dr. Förstemann verfafsten altdeutschen Namenbuches 
zu unterstützen. 

Die Hrn. G. G. Stokes aus Cambridge und M. Jacobi 
in St. Petersbiirg nehmen ihre Wahl zum Correspondenten 
dankend an , jener in einem Briefe vom 18. d. M. an den 
Sekretär der Akademie, Hrn. Encke, dieser in einem an Hrn. 
Dove gerichteten. 



30, Juni. Gesammtsitzung der Akademie. 

Hr. H.Rose las über die Niobsäure. 
Die Niobsäure (welche der Verf. früher Pelopsäure nannte) 
erhält man bis jetzt nur aus dem gelben Niobchlorid, so wie 
durch Rösten des Schwefelniobs und des Stickstoffniobs. In den 
in der Natur vorkommenden niobhaltigen Mineralien ist sie nicht 
enthalten. Sie hat die gröfste Ähnlichkeit mit der Tantalsäure, 
und theilt auch mit derselben dieselbe atomistische Zusammen- 
setzung. Die Hauptunterschiede zwischen der Niobsäure und der 
Tantalsäure bestehen vorzüglich in der leichteren Reducirbar- 
keit der Niobsäure durch reducirende Mittel, in der geringeren 
Dichtigkeit, und dem geringeren Atomgewicht derselben, so 
wie auch darin, dafs die Niobsäure obgleich äufserst schwierig 
und nur unvollkommen in eine Säure mit geringerem Sauer- 
[1S5L».] 31 



440 Gesamtntsitzung 

Stoffgehalt verwandelt werden kann, was bei der Tantalsäure 
nicht der Fall ist. Schmelzt man die Niobsäure mit saurem 
schwefelsaurem Kali, so wird sie in ihrer Zusammensetzung nicht 
verändert; löst man sie aber durch Schmelzen in saurem schwe- 
felsaurem Ammoniak zu einem klaren Syrup auf, so erleidet sie 
eine aber nur unvollkomuine Reduction. 

Die Niobsäure ist bei gewöhnlicher Temperatur weifs; bei 
erhöhter Temperatur nimmt sie aber eine gelbliche Farbe an. 

Wenn die Niobsäure mit starken Basen verbunden ist, so 
ist sie nach dem Glühen der Verbindungen ebenso schwer wie 
die Tantalsäure von den Basen zu befreien. Es geschieht dies 
auch, wie bei den tantalsauren Salzen durchs Schmelzen mit 
saurem schwefelsaurem Kali. 

Die Niobsäure, welche man durch Zersetzung des Chlorids 
vermittelst Wassers erhält, ist von anderer Dichtigkeit als die, 
welche mit saurem schwefelsaurem Kali geschmelzt worden ist. 
Man erhält die Niobsäure aus dem Chloride von verschiedener 
Beschaffenheit, je nachdem man dasselbe plötzlich mit Wasser 
übergiefst, oder wenn man dasselbe lange Zeit der Einwirkung 
der atmosphärischen Luft, oder vielmehr der Feuchtigkeit der- 
selben aussetzt, wodurch sehr allmälig Chlorwasserstoff aus dem- 
selben entwickelt wird. Im ersten Falle ist die Säure nach dem 
Glühen, welches mit einer Feuererscheinung begleitet ist, glasar- 
tig, im zweiten Falle aber krystallinisch. 

Die Niobsäure ist, wenn sie aus dem Chlorid dargestellt 
wird, in der geringen Menge der erzeugten Chlorwasserstoff- 
säure nicht ganz unlöslich, und Spuren derselben bleiben im 
Wasser gelöst. Aus der Lösung der niobsauren Alkalien wird 
die Niobsäure durch Chlorwasserstoffsäure niedergeschlagen. Ge- 
schieht die Fällung bei gewöhnlicher Temperatur, und hat man 
kein zu grofses Übermaafs der Säure angewandt, so kann die 
Fällung eine vollständige sein; wird aber das niobsäure Alkali 
mit einem Übermaars von Chlorwasserstoffsäure versetzt und da- 
mit gekocht, so erhält man eine trübe Flüssigkeit, die aber 
durch einen Zusatz von Wasser eine vollständig klare Lösung 
giebt. In dieser Lösung kann verdünnte Schwefelsäure nur 
dann eine Fällung bewirken, wenn nicht zu viel Chlorwasserstoff- 
säure zugegen i^t. 



vom 30. Juni 1859. 441 

Salpetersaure verhält sich gegen die Lösungen der niob- 
sauren Alkalien ähnlich der Chlorwasserstoffsäure. 

Durch Phosphorsäure wird kein Niederschlag in der Lö- 
sung der niobsauren Alkalien erzeugt, wodurch sich die Niob- 
säure von der Tantalsäure unterscheidet. Arseniksäure be- 
wirkt ebenfalls keine Fällung, eben so Oxalsäure, Wein- 
steinsäure, Traubensäure und C itronensäur e, wohl 
aber Essigsäure. Cy an wasserstoffsäure macht die Lö- 
sungen der niobsauren Alkalien nur opalisirend, bringt aber kei- 
nen Niederschlag hervor. Lösungen von Gallusgerbsäure 
und von Gallussäure, so wie Galläpfel tinctur erzeugen 
in den Lösungen der niobsauren Alkalien keine Fällungen; wenn 
man indessen dann Chlorwasserstoffsäure oder Schwefelsäure hin- 
zufügt, so wird ein oranienrother Niederschlag erzeugt. Er ent- 
steht (wie bei der Tantalsäure), wenn auch die Niobsäure durch 
ein ÜbermaaTs von Chlorwasserstoffsäure aufgelöst worden, oder 
wenn sie durch verdünnte Schwefelsäure oder durch Chlorwas- 
serstoffsäure als ein dicker weifser Niederschlag gefällt worden 
ist; dieser nimmt durch Hinzufügung der oben erwähnten Re- 
agentien dieselbe oranienrothe Farbe an. Hat man zu der Lö- 
sung der niobsauren Alkalien Oxalsäure, W^einsteinsäure, Trau- 
bensäure und Citronensäure hinzugefügt, so bringen die Gallus- 
säuren keine Fällung hervor. 

Wird die Lösung der niobsauren Alkalien mit Chlorwasser- 
stoffsäure versetzt, und der gröfste Theil der Niobsäure dadurch 
gefällt, so wird sie, wenn man metallisches Zink hineinlegt, 
während sich Wasserstoffgas entwickelt, erst graublau, dann blau 
und endlich braun. Je mehr Chlorwasserstoffsäure hinzugefügt 
worden, und je rascher die Gasentwicklung vor sich geht, desto 
früher erscheint die Färbung. Nach längerer Zeit wird die aus- 
geschiedene blau oder braun gefärbte Säure wiederum weifs. 
Durch verdünnte Schwefelsäure entsteht die blaue Farbe etwas 
langsamer, aber sie ist gewöhnlich reiner. Am sichersten blau 
erscheint sie bei Anwendung von Chlorwasserstoffsäure mit 
einem Zusatz von verdünnter Schwefelsäure. Setzt man zu der 
blau gewordenen Niobsäure einen Überschufs von Ammoniak, 
so wird der Niederschlag braun mit einem schwachen Stich ins 

3t • 



442 Gesarnmtsilzuns 

Röthliche. Durch den Zutritt der Luft wird der braune Nie- 
derschlag bald wiederum welfs. 

Wie die Tantalsäure wird auch die NIobsäure von sehr 
verschiedenen Zuständen der Dichtigkeit erhalten. Das specifl- 
sche Gewicht der Säure, wenn sie mit saurem schwefelsaurem 
Kali geschmolzen worden, ist 6,140 bis 6,146, und kann auch 
noch von etwas minderer Dichtigkeit erhalten werden. Unter 
dem Mikroskop kann man keine kryslallinische Structur darin 
wahrnehmen. Wurde diese Säure in einem Windofen einem 
dreistündigen Kohlenfeuer ausgesetzt, so erhielt sie eine Dich- 
tigkeit von 6,48. Wurde sie aber darauf in die stärkste Hitze 
des Gutofens der königlichen Porzellanfabrik gebracht, so be- 
stand sie bei der mikroskopischen Besichtigung aus kleinen Kry- 
stallen, und zeigte das speclfische Gewicht 5,830. Die Dich- 
tigkeit der aus dem Chloride erhaltenen Säure ist nach einem 
schwachen Glühen 5,9 bis 5,98, bisweilen auch 5,706, aber auch 
6,236 bis 6,239. Die Dichtigkeit der Säure nimmt zu, wenn 
sie einem starken Rothglühen in einem Kohlenfeuer ausgesetzt 
wird und wird 6,088, bis 6,318 und 6,37; und sogar 6,416 und 
selbst 6,725. Letztere Dichtigkeit ist die höchste, welche der 
Verfasser bei der NIobsäure wahrgenommen hat. Wird diese 
Niobsäure der höchsten Temperatur des Porzellanofens ausge- 
setzt, so wird sie krystalllnisch, wenn sie vorher amorph war, 
zeigt aber ein bedeutend niedrigeres specifisches Gewicht, und 
zwar bei den verschiedenen Versuchen ein sehr ähnliches, näm- 
lich 5,793 und 5,7887. Wurde eine Niobsäure einem Weifs- 
glühen, durch ein Gebläse erzeugt, eine halbe Stunde ausgesetzt, 
so zeigte sie die noch niedrigere Dichtigkeit von 5,514 bis 
5,517, zeigte aber eine amorphe, und nur theilweise krystallini- 
sche Beschaffenheit. 

Bei allen diesen Versuchen veränderte sich das absolute Ge- 
wicht der Säure nicht. 

Wird eine Niobsäure vermittelst Schwefelkohlenstoffs in 
Schwefelniob verwandelt, und dieses durch Rösten wiederum zu 
Niobsäure oxydirt, so hat diese genau das absolute Gewicht der 
zuerst angewandten Säure, durchläuft aber verschiedene Zustände 
der Dichtigkeit je nach der verschiedenen Temperatur, die zu 
diesen Umwandlungen angewandt wurde. Eine aus dem Chio- 



vom 30. Juni 1859. 443 

rid erhaltene Säure von dem specifischen Gewichte 6,175 er- 
hielt bei diesen verschiedenen Umwandlungen die Dichtigkeiten 
6,04; 5,683; 5,68; 5,869 und 5,732. 



Hr. du Bois-Keymond las über nicht polarisirbare 
Elektroden. 

Jedem, der der Entwickelung der Elektrophysiologie wäh- 
rend der letzten Jahrzehende gefolgt ist, sind die Schwierigkei- 
ten bekannt, welche die sogenannte Polarisation der Elektroden 
den elektrophysiologischen Untersuchungen in den Weg legt: 
sei's dafs es sich darum handele, elektrische Ströme von den 
thierischen Thalien dergestalt in den Multlplicatorkreis abzulei- 
ten, dafs ihre Stärke bestimmt werden kann, sei's dafs umge- 
kehrt Ströme von beständiger und gemessener Stärke den thie- 
rischen Theilen zugeführt werden sollen. 

Um so gröfseres Interesse mufste daher im Jahr 1854 Hrn. 
Jules Regnauld's Angabe erwecken, dafs es ihm gelungen 
sei, unpolarisirbare Elektroden dadurch herzustellen, dafs er Platten 
aus reinem, mehrmals destillirtem Zink in reine, neutrale schwefel- 
saure Zinkoxydlösung von derConcentration tauchte, bei der sie das 
Maximum ihres Leitvermögens besitzt.') Die Unpolarisirbarkeit die- 



') Nach Hrn. E. Becquerel theilen salpetersaures Kupfer und 
schwefelsaures Zinkoxyd, und vermuthiich die sehr löslichen oder gar 
zerfliefslichen Salze überhaupt, die Eigenschaft der Schwefelsäure und 
einiger anderen Säuren, dafs das Leitvermögen ihrer wässerigen Lösungen 
bezogen auf den Procenlgehalt ein Maximum zeigt. Das Leitvermögen 
einer gesättigten schwefelsauren Zinklösung von 1.4410 Dichte bei l4.°40C. 
verhielt sich in Hrn. Becquerel 's Versuchen zu dem derselben Lösung, 
wenn sie bis zum doppelten und vierfachen Volum verdünnt wurde, 
:: 5.77 : 7.13 : 5.43. (Für Silber = 100 000 000. S. Annales de Chimie 
et de Physiqne etc. 1846. 3me Ser. t. XVU. p. 280 et suiv.; — p. 289*), 
Hr. Becquerel und Hr. Regnauld sagen nicht, bei welchem Grade der 
Verdünnung das Maximum staltfinde. Hr. de ia Rive aber, indem er 
Hrn. Becquerel's Beobachtungen anführt, giebt an, dafs dies bei der 
Verdoppelung des Volums der gesättigten Lösung der Fall sei (Traite 
d'Electricite etc. t. IL Paris 1856. p. 56*). 



444 GesaminUitiung 

ser Combination erklärte Hr. Regnauld aus dem Umstände, „dafs, 
da die elektrolytischen Wirkungen darin die chemische Natur der 
Elektrodenplatten unverändert lassen, die von fremdartigen Ab- 
l.igerungen herrührenden entgegengesetzten Spannungen sich 
nicht entwickeln können." Er fügte hinzu dafs die Zinkplalten, 
nachdem sie einige Zeit in der Lösung verweilt hatten, (ob zum 
Kreise geschlossen, oder nicht, wird nicht gesagt) im Allgemei- 
nen gleichartig an seinem Multiplicator erschienen, der, wie man 
aus anderen Versuchen schliefsen kann, eine hinreichende Em- 
pfindlichkeit für den Muskelstrom besafs. Dennoch ward es, 
wie es scheint, manchmal nöthig, auf die Unschädlichmachung 
eines übrig bleibenden beständigen Unterschiedes der beiden 
Platten bedacht zu sein. Dies gelang Hrn. Regn au Id, in seinen 
schätzbaren Versuchen über die absolute Stärke des Muskel- 
stromarmes im Multiplicator unter verschiedenen Umständen, 
beiläufig den ersten messenden Versuchen in diesem Gebiete, 
mit Hülfe einer in entgegengesetztem Sinne in den Kreis ein- 
geführten thermoelektrischen Kupfer- Wismuth-Kette, deren eine 
Lölhstelle auf 0°, die andere auf der erforderlichen Temperatur 
erhalten wurde. ') 

Zwei Jahre darauf machte Hr. Matteucci ähnliche An- 
gaben. Er empfahl als ganz unpolarisirbare Combination Plat- 
ten aus destillirtem Zink, oder auch aus verquicktem gewalzten 
Zink in einer neutralen gesättigten schwefelsauren Zinkoxydlö- 
sung. Man bringe, sagt er, an dem einen Ende der Multiplica- 
tornadel eine Hemmung an, welche die Nadel verhindert, nach 
der einen Seite auszuschlagen, und sende durch den Multiplicator 
den Strom mehrerer nach Art einer Säule angeordneter Waden- 
muskeln vom Frosch in der Richtung in der die Nadel gehemmt 
ist. Nach wenigen Augenblicken entferne man die Säule und 
schliefse den Kreis zwischen den Bäuschen, (die Hr. Matteucci 
nämlich jetzt nach meinem Vorgange anwendet). Dabei bleibe 
die Nadel völlig unbewegt, zum Zeichen, dafs keine Ladung 
stattgefunden habe.^) 

') Cümptes rendus etc. 15 Mal 1854. t. XXXVIII. p. 891;* — l'In- 
stitut. vol. XXII. No. 1067. p. 206;* — Cosmos. Revue encyclopedique 
etc. par M. l'Abbe M o ig n o. t. IV. p. 599.* 

') Comptes reudus etc. 2S Juillet 1S56. t. XLUI. p. 23''l;* — Ibid. 
1 Decembre. p. 1054;* — l'Institut. 1856. t. XXIV. No. 1178. p. 267.* 



vom 30. Juni 1859. 445 

Das Jahr darauf kam Hr. Matteucci auf diesen Gegen- 
stand zurück, indem er diesmal nur verquickte Zinkplatten in 
gesättigter schwefelsaurer Zinkoxydlösung oder Chi orcal cium- 
lösung als unpolarlsirbare Comhination empfahl. Dabei rühmte 
er namenllich die grofse beständige Ablenkung, die der Muskel- 
strom bei Ableitung mittels solcher Elektroden erzeuge. Mit 
Platinplatten in Kochsalzlösung als Elektroden bringt ein Ga- 
stroknemius oder halber Oberschenkel vom Frosch an dem Mul- 
tiplicator von 240U0 Windungen, den er sich nach dem Vor- 
bilde des meinigen hat bauen lassen, einen Ausschlag von 30 
bis 40^^ hervor, der binnen wenigen Secunden nur 2 — 1° be- 
ständiger Ablenkung hinterläfst. Mit verquicktem Zink in Zink- 
lösung hingegen erhielt er, nachdem die Platten gleichartig ge- 
worden, einen Ausschlag von 90° und eine beständige Ablen- 
kung von 70 — 80", welche sehr langsam abnahm. Entfernte er 
den Muskel und brachte er, sobald die Nadel sich beruhigt 
hatte, (in Ermangelung eines Schliefsungsbausches) die Zulei- 
tungsbäusche zur Berührung, so gab sich keine Spur von La- 
dung kund.') 

Mir mufsten diese Angaben sehr bedenklich erscheinen. 
Zwar Ist es von vorn herein nicht so unwahrscheinlich, dafs 
Zink in Zinklösung eine sehr geringe Ladungsfähigkeit besitze. 
Allerdings nicht aus dem Grunde, aus dem Hr. Regnauld die 
vollkommene Unpolarisirbarkelt dieser Comhination ableiten zu 
können meint. Hrn. Regnauld's Betrachtung pafst ebensogut 
auf jedes andere Metall in einer Lösung eines Salzes desselben 
Metalls, woraus sich letzteres gut galvanoplastisch niederschlägt, 
oder, wie man der Kürze halber sagen kann, auf alle galvano- 
plastischen Combinationen. In der That pflegt man auch an 
die Unpolarisirbarkelt solcher Combinationen ganz allgemein zu 
glauben"^), und ich selber habe deshalb früher die Anwendung von 
Kupferelektroden in schwefelsaurer Kupferoxydlösung, von Sil- 
berelektroden In Cyansllberkaliumlösung zur Ableitung der 



') Philosophical Transactions etc. For the Year 1857. P. I. p. 131. 
132». 

') Vergl. z. B. E. Becquerel, Annales de Chimie et de Physique. 
3me Serie. 1846. t. XVII. p. 271*; — 1847. t. XX. p. 68*. 



446 Gesammlsilzung 

ihierisch - elektrischen Ströme vorgeschlagen.') Allein Hr. 
Helmholtz fand dafs diese Combinationen noch immer ein 
Maafs von Polarisation zulassen, welches keine sicheren Strom- 
bestlmmungen erlaubt.^) Möglicherweise könnte nun beim Zink 
dieser Rest von Polarisation besonders klein ausfallen wegen der 
geringen Condensationsfähigkelt für Gase, welche die Ober- 
fläche der positiven Metalle besitzt. Demgemäfs hatte Ich sel- 
ber schon bei verschiedenen Gelegenheiten, wo mir die Polari- 
sation besonders lästig war, die jetzt von Hrn. Regnauld 
empfohlene Combination, Zink in schwefelsaurer Zinkoxydlösung, 
wirklich versucht, mit dem Unterschiede allerdings, dafs ich mich 
des Im Handel vorkommenden Materials bediente. Ich verband 
die Zinkelektroden in Zinklösung erst mit einer Grove'schen 
Kette, dann durch eine Wippe plötzlich mit dem sogenannten 
Museums -Multlpllcator, dessen Nadel 12" schlug. Es geschah, 
im Sinne negativer Ladung, ein Ausschlag bis auf 20°, wäh- 
rend bei Anwendung von Platin in Kochsalzlösung die Nadel 
an die Hemmung geworfen wurde'). Ich konnte mich demnach 
nicht bewogen finden, für gewöhnlich meine zwar höchst pola- 
rislrbaren, aber auch der höchsten Gleichartigkeit fähigen Pla- 
tinelektroden gegen weniger polarlsirbare, aber in Bezug auf 
Gleichartigkeit durchaus unzuverlässige Zinkelektroden zu ver- 
tauschen. 

Hr. Regnauld hatte sich freilich chemisch reinen Mate- | 
rials bedient, zum Beweise der Unpolarlslrbarkelt der von Ihm 
empfohlenen Combination aber keinen Versuch mitgethellt. Was 
Hrn. Matteucci's Angaben betrifft, so war es einmal a priori 
wohl sehr wenig wahrscheinlich, dafs das verquickte Zink in 
Zinklösung unpolarlslrbar sei, da man nicht begreift, wie die an 
der Oberfläche liegenden Quecksilbertheilchen nicht mit dem 
daran ausgeschiedenen Wasserstoff elektromotorisch wirken soll- 
ten. Wie sodann Zink in Chlorcalclumiösung eine unpolarlslr- 
bare Combination abgeben könne, ist gar nicht zu verstehen. 



') Untersuchungen über ihierische Elektricitat. Berlin 1848. Bd. I. 
S. 243. 

') Untersuchungen u. s. w. Bd. 11. Abth. I. S. l49. 
^) Untersuchungen u. s. w. Bd. II. Abth. I. S. 4üy. 



vom 3U. Juni 1859. 447 

Hrn. Matteucci's Versuche endlich sind bei weitem nicht 
strenge genug, um darauf eine Behauptung von so grofser prak- 
tischer Wichtigkeit für den Fortschritt der Wissenschaft zu 
gründen, wie die des Daseins einer wirklich unpolarisirbaren 
Combination. Erstens besafs sein Multiplicator, obschon von 
24000 Windungen, nur eine sehr mäfsige Empfindlichkeit. Bei 
uns führt ein mit Längs- und Querschnitt aufgelegter Ischiadnerv 
vom Frosch die Nadel eines solchen Multlplicators an die Hem- 
mung, und hält sie beständig auf 40 — 50°. Einen Ausschlag, 
wie Hr. Matteucci ihn an seinem Multiplicator von 24000 
W^indungen bei Ableitung des Muskelstromes mit Zinkelektroden 
in Zinklösung erhält, bekomme ich an meinem alten Multipli- 
cator für den Muskelstrom von nur 4650 Windungen mit Pla- 
tinelektroden In Kochsalzlösung'). Dann aber Ist an seiner 
Versuchsweise auszusetzen, dafs während der Zeit, die nothwen- 
dlg ist, um die Nadel auf Null zu bringen und den thierlschen Erreger 
durch einen unwirksamen feuchten Leiter zu ersetzen, die wäh- 
rend der Dauer des Stromes vorhandene Polarisation bereits un- 
merklich geworden sein kann. Bei dem, übrigens vonHrn. Farad ay 
herrührenden Kunstgriff^), die Nadel einseitig zu hemmen, wird 
zwar dieser Zeltverlust vermieden. Dafür tritt jedoch der Ver- 
dacht ein dafs die Nadel an der Hemmung geklebt, oder dafs 
sich, In Folge des Abhebens der Glocke beim Anbringen der 
Hemmung, die Gleichgewichtslage der Nadel während des Ver- 
suches Im Sinne des ursprünglichen Stromes verrückt habe, oder 
endlich dafs die Hemmung zu weit im Sinne der Ladung ver- 
schoben worden sei. 

Wie dem auch sei, Ich durfte natürlich nicht anstehen, die 
Angaben der Hrn. Regnauld und Matteucci einer Prüfung 
von solcher Schärfe zu unterwerfen, wie die Bedeutung des Ge- 
genstandes sie erheischt. Ich theile in dem Folgenden das, wie Ich 



') Poggendorff's Annalen u. s. vv. 1843. Bd. LVIII. S. 2; — Ud- 
tersuchungen u. s. w. Bd. I. S. 464 ff.; - Bd. II. 1. Abth. S. 492. 

') Experiraental Researches in Eleclricity. Reprinted from the Phi- 
losophical Transactions. vol. I. Second Edition. London 1849. Series IX. 
Dec. 1834. p. 332. 333. No. 1087. p. 338. No. 1103.* „Blocking the 
needle"; — Poggendorff's Annalen u. s. w. 1835. Bd. XXXV. S. 428. 
436.' 



448 Gesatnrnlsitzung 

glaube, nicht unwichtige, jedenfalls überraschende Ergebnifs mei- 
ner Untersuchung mit. Ich bemerke übrigens hinsichtlich der Art, 
wie dieselbe geführt ist, dafs ich dabei weniger vom Standpunkte 
des Physikers ausging, der die Polarisation um ihrer selbst wil- 
len erforscht, als von dem des Elektrophysiologen, dem es zu- 
nächst nur darauf ankommt, sich für seine besonderen Zwecke 
gewisse Kenntnisse und Hülfsmittel zu verschaffen. Aus diesem 
Grunde wird man manche Frage, die sich hier zur Beantwor- 
tung darbot, unerledigt, ja unberührt finden. 

Ich begann damit einige Vorversuche mit käuflichem Zink- 
draht In käuflicher Zinklösung') anzustellen. Die Drähte hatten 
0.5""" Durchmesser, und wurden, damit sie ja gleichartig sein 
sollten, so geschnitten, dafs die beiden zum Eintauchen be- 
stimmten Enden im Draht aneinanderstiefsen. Sie wurden ge- 
putzt, Indem ich sie an dem zum Einklemmen bestimmten Ende 
mit einer Zange fafste, und sie durch feines Sandpapier hin- 
durchzog, bis sie überall eine gleichmäfsig blanke Oberfläche 
zeigten. Dies liefs sich am leichtesten erkennen, Indem ich das 
freie Ende In Schwingungen versetzte. Sodann zog Ich die 
Drähte so oft durch die Falten eines reinen Linnentuches bis 
sie keinen schwarzen Strich mehr hinterliefsen. In diesem Zu- 
stand eingetaucht, verhielten sie sich am Muskel- Multiplicator 
meist leidlich gleichartig. Am Nerven -Multiplicator hingegen 
war kaum etwas damit anzufangen. Es gehörte eine übermensch- 
liche Geduld dazu, um abzuwarten, dafs die hier noch stets beträcht- 
licher Wirkungen fähigen und dabei im höchsten Grade wandel- 
baren Unglelchartigkeiten der Drähte einmal in einer glücklichen 
Stunde eine Beobachtung erlaubten. Die Nadel wurde dadurch bald 
auf dieser, bald auf jener Seite des Nullpunktes oft auf 20 — 25*^ be- 
ständiger Ablenkung gehalten, oder sie wanderte langsamer oder 
schneller über den Nullpunkt fort zwischen diesen Grenzen hin und 
her, so dafs an Compensiren dieser der Gröfse und Richtung 
nach völlig unbeständigen Wirkungen durch eine in den Kreis 
eingeführte elektromotorische Kraft auch nicht füglich zu denken 



') Mit Zinklösung ist vor der Hand stets gesättigte schwefelsaure 
Zinkoxydlösung gemeint. Die käufliche Lösung ist die des Zincum sul- 
phuricum Pharm. Bor. (nicht des venale). 



vom 3U. Ju„i 1809. 449 

war. Die geringste Erschütterung eines der Leiden Drähte, 
auch wenn dabei die Benutzung neuer Punkte der Oberfläche 
vermieden war, machte den erschütterten Draht negativ gegen 
den anderen, wie mir schon von früherher bekannt war'). 
Überhaupt aber schien es, als ob hier das Geschlossenhalten der 
eingetauchten Drähte zum Kreise, viodurch ursprünglich un- 
gleichartige Platindrähte bald nahe oder ganz gleichartig werden, 
nicht nur wenig nutzte, was sich aus der vergleichweise 
geringen Ladungsfähigkeit erklärt, sondern sogar schädlich wirkte. 
Streifen von Zinkblech statt der Drähte angewandt erwiesen 
sich vollends als unbrauchbar. 

Was die Ladungsfähigkeit anlangt, so gelangen mir mit 
diesen Elektroden zwar sehr leicht ähnliche Proben wie die 
durch welche Hr. Matteucci die Unpolarlslrbarkelt des deslil- 
lirten oder verquickten Zinks in Zinklösung bewiesen zu haben 
glaubt. Also z. B. Ilefs ich den Muskel 5' lang die mit Zink- 
lösung getränkten, mit Eiweifshäutchen bekleideten Bäusche mit 
Längs- und Querschnitt berühren, hob Ihn dann ab, brachte die 
Is'adel mittelst des Beruhigungsstäbchens auf Null, was kaum län- 
ger dauert, als eine halbe Schwingung, und legte den Schlle- 
fsungsbausch auf, so gab sich keine Spur von Ladung zu er- 
kennen. Man würde sich also für gewöhnlich, wenn es sich 
blofs d^rum handelte, die Ladung nicht zu sehen, zu Ver- 
suchen am Muskel- Mulliplicator der käuflichen Zinkdrähte in 
käuflicher Zinklösung bedienen können. Dafs aber dennoch diese 
Comblnation nicht unpolarlsirbar sei, zeigte sich sofort, als ich 
die Zinkdrähte ein paar Secundea lang mit einer Grove'schen 
Kette, dann durch Umlegen einer Wippe schnell mit dem Mus- 
tel-Multlplicator verband. Jetzt erfolgte, wie es nach jenen äl- 
teren, oben S. 446 angeführten Versuchen nicht anders zu er- 
warten war, ein heftiger Ausschlag Im Sinne negativer Ladung. 
Und es ward mir nicht schwer, denselben Erfolg auch mit Strömen 
von der Ordnung des Muskelstromes wahrnehmbar zu machen, 
indem ich der Wippe eine solche Einrichtung gab, dafs die 
Schliefsung des Multlplicatorkreises möglichst rasch auf die Öff- 
nung des Kettenkreises folgte. Die Ströme erzeugte ich thells 



') S. diese Berichte, 1854, S. 296. 297. 



450 Gesaminlsilzuns 

mit Hülfe einer Säure- Alkali- Ketle, da ich damals noch nicht 
auf die Anwendung des Princips der Nebenschliefsung zur Er- 
zeugung passend abgestufter Ströme bei thierisch- elektrischen 
Versuchen verfallen war; thells diente mir dazu der Muskelstrom 
selber. Ich brachte nämlich zwischen den Zinkdrähten, als Ne- 
benschliefsung zum Multiplicator, noch eine metallische Leitung 
an, deren Widerstand gegen den des Multiplicators verschwand, 
so dafs die Nadel auf Null blieb. In dem Augenblick nachdem 
ich den Muskel entfernt hatte, öffnete eine eigenthümiich ge- 
baute Wippe diese Nebenschliefsung und drückte unmittelbar 
darauf den Schliefsungsbausch auf die Zuleitungsbäusche. Unter 
diesen Umständen erhielt ich am Nerven-Multiplicator eine zwar 
sehr kleine, aber deutliche Spur von Ladung. Man bemerkt 
leicht, dafs die zum Multiplicator angebrachte Nebenschliefsung 
mir hier denselben Dienst leistete, wie Hrn. Matteucci die 
einseitige Hemmung der Multipllcatornadel, jedoch ohne diesel- 
ben Bedenken nach sich zu ziehen. 

Wurden noch schwächere Ströme angewandt, so gelang es' 
auch mit Hülfe dieser Vorkehrungen nicht, deutliche Spuren 
negativer Polarisation wahrzunehmen. Hingegen gab sich, bei lange 
dauernder Schliefsung solcher Ströme, die sonderbare Erscheinung 
einer positiven Polarisation kund, welche schon früher von Hrn. 
Beetz und Hrn. Martens an Eisen in verdünnter Schwefel- 
säure und von mir selber an verquicktem Zink in Brunnenwas- 
ser beobachtet wurde'). So beständig war hier diese Erschei- 
nung, dafs ich zu der Vorstellung geführt wurde, die Polarisa- 
tion des Zinks in Zinklösung sei bei schwachen Strömen positiv, 
über eine gewisse Stromstärke hinaus negativ. Die positive Po 
larisatlon bei schwachen Strömen würde erklären, warum bei 
dieser Combination das Geschlossenhalten der Elektroden zum 
Kreise, statt die Gleichartigkeit zu befördern, dieselbe vielmehr 
gefährde. Der ursprünglich vorhandene Strom würde sich sel- 
ber allmällg durch positive Polarisation verstärken, statt sich 
durch negative Polarisation zu schwächen. 

Dadurch dafs ich unter denselben Umständen, yv-o Hrn. Mat- 
teucci reines und verquicktes Zink in Zinklösung keine Ladung 



') Untersuchungen u. s. vv. Bd. I. S. 236. 6lO. 



vom 30. Juni 18o9. 451 

;aben , auch mit unreinem keine erhielt, während ich unter 
lesseren Bedingungen mit diesem letzteren allerdings Ladung 
jeobachtele, mufste mir die angebliche Unpolarisirbarkeit des 
einen und des verquickten Zinkes natürlich doppelt verdächtig 
Verden. Ich beharrte indefs, der Wichtigkeit der Sache halber, 
n meinem Entschlufs, derselben auf den Grund zu gehen; und 
glücklicherweise bot sich mir die Gelegenheit, dies auf einem 
riel vollkommneren Wege, als dem bisher betretenen, zu ver- 
uchen. 

Durch die Güte meines Freundes Werner Siemens 
;tand mir nämlich die von diesem in Poggendorff's An- 
lalen u. s. w. 1857. Bd. CIL S. 70 ff. beschriebene und 
Faf. L Fig. 1 — 3 ebendaselbst abgebildete automatische Wippe 
;u Gebot, welche für die Erforschung solcher Ladungserschei- 
lungen, die nach einer kurze Zeit dauernden Durchströmung 
linterbleiben, sehr geeignet ist, da sie Wirkungen wahrzuneh- 
nen gestattet, welche ihrer Kleinheit halber bei einmaliger Ein- 
virkung auf die Nadel völlig spurlos vorübergehen. Ich mufs 
liese Wippe hier als bekannt voraussetzen. Der Plan, nach 
lem ich verfuhr, war folgender. Der Schieber der Wippe sollte, 
ndem er sich an die eine der Anschlagschrauben m und n' 
S. die angeführte Figur) anlegte, den urprünglichen Strom 
lurch die auf ihre Ladungsfähigkeit zu prüfenden Elektroden 
lindurchlassen. Indem er sich an die andere der beiden Schrau- 
jen anlegte, sollte er der Ladung Gelegenheit zur Abglel- 
:hung im secundären Strome geben. Beide Kreise, der primäre 
ind der secundäre, sollten gleichen Widerstand haben, und ver- 
i;leichbare Bussolen enthalten. Es sollten die beständigen Ab- 
enkungen bestimmt werden, in denen die beiden Bussolnadeln 
jjehalten würden durch die sich in gleichen, sehr kurzen ZwI- 
chenräumen wiederholenden gleichen, sehr kurzen Stöfse be- 
iehlich des secundären und des primären Stromes. Das Ver- 
lältnifs beider (auf eine und dieselbe Einheit zurückgeführter) 
Ablenkungen S:P=c( kann man als den Polarisalionscoefficien- 
en der betreffenden Combination für die durch den Mechanls- 
nus der Siemens'schen Wippe bedingten Zeitverhältnisse be- 
eichnen, und aus der Vergleichung der Polarisationscoefficienten 



452 Gesammtsilzung 

verschiedener Combinationen einen Schlufs auf deren vergleich- 
weise Ladungsfähigkeit ziehen. 

Bei der Ausführung dieses Planes handelte es sich natür- 
lich zunächst darum, die Anwendung der beiden vergleichbaren 
Bussolen zu umgehen. Das Mittel dazu bestand darin, nur eine 
Bussole zu beobachten, diese aber abwechselnd in den secun- 
dären und primären Kreis einzuschalten. 

Als Bussole wendete ich die von Hrn. Wiedemann mit 
Hrn. W. Weber's Stahlspiegel und dämpfender Kupferhülse 
versehene Lamont'sche Bussole') mit verschiebbaren Gewinden 
an, wie sie Hr. Sauerwald hicrselbst in gewohnter Vollkom- 
menheit anfertigt. Die Entfernung der Scale vom Spiegel be- 
trug 2285""". Das Rollenpaar, dessen ich mich bediente, hat 
12000 Windungen eines ganz feinen Kupferdrahtes, und die Bus- 
sole zeigt mit demselben, wenn beide Rollen über der Kupfer- 
hülse zusammengeschoben sind, ohne dafs dem Spiegel etwas von 
seiner Richtkraft genommen wird, eine Kmpfindlichkeit, welche 
sich der des Nerven -Multiplicators nähert, indem dieser, zwei 
seiner Grade auf einen Sealentheil gerechnet, innerhalb der er- 
sten 55° allerdings die gröfsere relative, und innerhalb der er- 
sten 65° die gröfsere absolute Empfindlichkeit besitzt, darüber 
hinaus jedoch der Bussole mehr und mehr nachsteht. Leider 
schwang der Spiegel etwas zu schnell, so dafs er die kleinen 
UnvoUkommenheiten im Gange der Wippe nicht hinlänglich 
durch seine Trägheit ausglich, sondern bei starken Strömen in 
fortwährenden kleinen Schwankungen blieb, aus deren Beobach- 
tung auf die wahrscheinliche Gleichgewichtslage des Spiegels 
geschlossen werden mufste. 

Da die Bussole einen sehr bedeutenden Widerstand dar- 
bietet, so leuchtet ein, dafs es nicht genügte, dieselbe einfach 
abwechselnd in beide Kreise einzuschalten. In dem Fall, dafs 
die Bussole sich im primären Kreise befand, wäre der primäre 
Strom geschwächt, hingegen die Entladung der Elektroden be- 
günstigt gewesen; im anderen Falle wäre der primäre Strom 
stärker gewesen, und der Polarisa lionsstrom hätte einen sehr 



*) Poggendorff s Annalen u. s. w. 1853. Bd. LXXXVIII. S. 230;' 
— Bd. LXXXIX. S. 504, Anm.* 



vorn 30. Juni 1859. 



453 



grofsen Widerstand zu überwinden gehabt. Um diesem Übei- 
stande vorzubeugen, mafs ich an einem Siemens-Halske'schen 
Rheostat, wie sich derselbe in dem oben angeführten Aufsatz 
des Hrn. Siemens S. 75 beschrieben, Taf. I. Fig. 4. ab- 
gebildet findet, mittels des W heatsto ne'schen Stromnetzes 
einen Widerstand gleich dem der Bussole ab, und traf eine 
solche Anordnung, dafs jedesmal, wenn sich die Bussole in 
dem einen Kreise befand, dieser Widerstand, nämlich 80 Meilen 
Telegraphendraht, in den anderen Kreis eingeschaltet war. 




454 Gesammtsittung 

Die vorhergebende Figur Ist bestimmt, eine Übersicbt der 
Einrichtung des Versuches zu geben. Um sich darin zurecht- 
zufinden , sehe man zuerst von den punktirten einfachen Linien 
ab. Dieselben kommen erst später In Betracht. 

E, E' sind die auf Ihre Ladungsfähigkeit zu prüfenden Elek- 
troden, k' Ist der Schieber der Siemens'schen Wippe, der 
während der Ruhe der Wippe durch die Feder wider den lei- 
tenden Anschlag m' gedrückt wird, während des Ganges, unter dem 
abwechselnden Elnflufs der Feder und des Elektromagnets, bald m\ 
bald den gegenüberliegenden, ebenfalls leitenden, Anschlag «'trifft'), 
und beziehlich an jedem so lange liegen bleibt, bis der Hebel 
seinen Hub in der anderen Richtung nahe vollendet hat. 

B Ist die Bussole, Rh der an Widerstand derselben gleiche 
Rheostat. X) ist eine Daniel l'sche oder Grove'sche Kette grö- 
fserer Art, für deren Beständigkeit stets die äufserste Sorgfalt getra- 
gen wurde. Von derselben wurde durch Nebenschliefsung der 
ursprüngliche Strom In folgender Art abgeleitet. NS Ist ein 
gleich einer Clavlersaite auf einem Brett ausgespannter Messing- 
draht von 1.75°"° Durchmesser und beiläufig 1.6 "^ Länge. Die- 
ser Draht helfst der Nebensch Hefsungsdrah t. Das Ende 
S des Nebenschliefsungsdrahtes steht durch einen Schlüssel S in 
Verbindung mit der Kette sowohl als mit den Elektroden. Hier 
also spaltet sich, bei geschlossenem Schlüssel S, wie man In der 
Figur sieht, der Strom, und geht zum Theil durch den Neben- 
schliefsungsdraht, zum Theil durch die Elektroden welter. Auf 
dem Wege zu den Elektroden trifft er auf einen Po bi- 
schen Stromwender C,, der dem Stromzweig zwischen den Elek- 
troden die passende Richtung in Bezug auf eine schon beste- 
hende Unglelchartigkeit giebt, also z. B., wenn negative Polari- 
sation erwartet wird, die Richtung jener Unglelchartigkeit. In 
der Figur Ist eine solche Lage der Wippe des Stromwenders 
angenommen, dafs der Stromzweig geradesweges weiter zur Elek- 
trode E' geht. Auch Ist hier noch ein Schlüssel iS", eingeschaltet, 
der jenen Stromzweig nach Belieben herstellt oder unterbricht. 



') Die Bezeichnungen k' , m und n sind der leichteren Vergleichung 
halber aus Hrn. Siemens Beschreibung seiner Wippe beibehalten. S. a. 
a. O. 



vom 30. Juni 1859. 455 

Aus den Elektroden kehrt der Stromzweig, nachdem er andere 
Theile der Vorrichtung durchlaufen hat, durch die Leitung ctßyB 
zurück, um sich bei (S wieder mit dem Hauptstronie zu vereini- 
gen. Das Ende h des Drahtes C ^B ist beweglich am Neben- 
schliefsungsdrahte, so dafs man zwischen S und S ein beliebiges 
Stück des Nebenschliefsungsdrahtes aufnehmen kann. Die Folge 
davon ist begreiflich, dals der Stromzweig zwischen den Elektroden 
verschiedene Stärke erlangt. Der Nebenschliefsungsdraht ist so 
gewählt, dafs man mittels der Verschiebung von § leicht Ströme 
von der Ordnung des Muskelstromes erzeugen kann. Beim Offnen 
des Schlüssels S aber fällt die Nebenschiiefsung ganz fort, und 
der Strom der Kette D gelangt ungeschwächt zu dem Elektro- 
denpaar. Selbst in diesem Falle aber, kann man annehmen, blei- 
ben die Widerstände des primären und des secundären Kreises 
einander hinlänglich gleich, da der Widerstand der Kette D 
gegen den der Bussole oder des Rheostats und der Ladungs- 
zelle nicht in Betracht kommt. 

Cj2 und C, sind zwei Pohl'sche Stromwender ohne Kreuz, 
und, wie die ihre Wippen verbindende punktirte Doppellinie 
anzeigen soll, mit gekuppelten Wippen. Diese Anordnung ist 
derselben Dienste fähig, welche die neuerdings von Hrn. Wild' 
beschriebene Wippe leistet'). Die Doppelwippe C^ C^ war es, 
die, wie man leicht versteht, wenn sie nach rechts In der Figur 
umgelegt war, den ursprünglichen Strom durch die Bussole und 
den secundären durch den Rheostat llefs, wenn nach links, die 
umgekehrten Verbindungen herstellte. Der Stromwender mit 
Kreuz C^ bewirkt, dafs mau abwechselnd die Contactstelle m' 
In den Kreis des ursprünglichen, die n' in den des secundären 
Stromes aufnehmen könne, und umgekehrt. S2 ist ein Schlüssel, 
welcher in den den beiden Kreisen, dem primären und dem se- 
cundären, gemeinsamen Thell der Leitung eingeschaltet. In 
jedem Augenblick die NIchtveränderung des Nullpunktes zu con- 
troliren erlaubt. Endlich MM' stellt den Elektromagnet der 



') Die Neu mann 'sehe Methode zur Bestinimnng der Polarisation 
und des Lbergangswideistandes, nebst einer Modifikation derselben. Vier- 
teljahrsschrift der naturfurschenden Gesellschaft in Zürich. 2. Jahrgang. 
1857. S. 215.* 
[1859.] 32 



-456 Gesarrini/sitzting 

Sie nie HS 'sehen Wippe, G die zugehörige Gangkette, bestehend 
aus zwei Grove'schen Elementen gröfserer Art, S^ den Schlüs- 
sel vor, der die Wippe in Gang und in Ruhe setzt. 

Sendet man einen beständigen Strom durch die eine oder 
die andere der beiden Contactstellen m' und n' der im Gange 
begriffenen Siemens'schen Wippe, so bleibt ein gewisser 
Bruchtheil der Stromstärke übrig, den man als den Coefficienten 
der bezüglichen Contactstelle bezeichnen kann. Die Wippe ar- 
beitet um so vollkommener, je gleicher und je gröfser zugleich 
die beiden Coefficienten sind. Im besten Zustande der Wippe 
unterscheiden sich die beiden Coefficienten um keinen in Be- 
tracht kommenden Bruchtheil ihrer Gröfse von einander, und 
zwar erreichen sie dabei den Werth von — . Es stellt sich 

2.6 

aber die Nothwendigkelt heraus, die Coefficienten mit Leichtig- 
keit öfter revidiren zu können, und kleine Veränderungen der- 
selben, die sich aus unbekannten Gründen dann und wann ein- 
finden, durch etwas veränderte Spannung der Federn (Vergl. 
die Beschreibung der Wippe a. a. O.) zu berichtigen. Zu die- 
ser Revision diente die in der Figur durch die punktirten einfachen 
Linien angedeutete Anordnung. C5, Cj, C7 sind Stromwender ohne 
Kreuz. Die Wippen von C^ und C^ sind gekuppelt. Wird die 
Doppelwippe C5 C^ von £', f, /3 nach 6', b, s umgelegt, 
und die Wippe des Stromwenders C^ ausgehoben, so geht der 
von dem Nebenschliefsungsdraht abgeleitete Stromzweig statt 
durch die Elektroden E, E durch die Bussole, und, je nach der 
Lage der Wippe C7, durch die eine oder die andere Contact- 
stelle. War die Sie mens'sche Wippe gut im Stande, so durfte 
der Spiegel das Umlegen der Wippe C^ nur durch ein Zucken 
nach der Ruhelage hin beantworten. 

Aufserdem wurden, zu gröfserer Sicherheit, die Versuche 
stets so angestellt, dafs jede Contactstelle einmal in den primä- 
ren und einmal in den secundären Kreis eingeschaltet wurde. 
Dies gab zwei Paar Ablesungen, /*„,, S^, und /*„,, S^,. Da 
aber auch noch die Richtung des primären Stromes durch das 
Elektrodenpaar umgekehrt wurde, so setzte sich schliefslich jede 
Bestimmung des Polarisationscoefficienten in dem oben S. 451 
angegebenen Sinne aus acht Ablesungen zusammen, welche den 



vom 30. Juni 1859. 457 

acht möglichen Combinationen der beiden Lagen der Doppel- 
wippe C2 C3, der Wippe C,, und der C, entsprachen. 

Sollte die Polarisation nach längerer Dauer des ursprüng- 
lichen Stromes beobachtet werden, so brachte ich mittelst des 
Schlüssels S^ die Siemens'sche Wippe in Ruhe, und legte 
die Doppelwippe C^ C^ nach oben , die Wippe C^ aber nach 
unten in der Figur um, wodurch die Bussole und die Contact- 
stelle m\ gegen welche die Feder den Schieber drückt, in den 
secundären Kreis geriethen. Dann fixirte ich durch einen Keil 
den Hebel der S ieme ns'schen Wippe in der Lage, die ihm 
der Elektromagnet zu ertheilen strebt, und hielt so, bei geöff- 
netem secundären Kreise, den primären Kreis dauernd geschlos- 
sen. Wurde im gegebenen Augenblick der Keil fortgezogen, 
so fiel der Hebel, der Feder gehorchend, vom Magnet ab, gleich 
als wäre dieser durch Offnen seiner Gangkette entmagnetet wor- 
den, nur, da kein magnetischer Rückstand den Fall verzögerte, 
noch geschwinder, und führte zuletzt mit grofser und stets 
gleicher Geschwindigkeit den Schieber in die Lage über, wo er 
den secundären Kreis schlofs. Diese Beobachtungsweise der La- 
dung soll zum Unterschied von der erstbeschriebenen, zu der 
die Siemens'sche Wippe eigentlich allein bestimmt ist, die 
zweite heifsen. Als dritte endlich gelte die selten ange- 
wandte Versuchsweise, wobei die Ladung im primären Kreise selber 
nach Aufhören des ursprünglichen Stromes beobachtet wurde. 
Hiezu genügte es, bei ruhender Wippe und bei Gegenwart der 
Bussole im primären Kreise, im gegebenen Augenblick einen in 
dem Hauptkreis DNS der Kette selbst angebrachten Schlüssel 
zu öffnen. 

Bemerkt zu werden verdient noch, dafs ich es zur Erleich- 
terung des Vergleiches der primären und secundären Wirkung 
bequem gefunden hatte, die Leitungen, wie es sich aus der Fi- 
gur ergiebt, so anzuordnen, dafs negative Ladung im secundären 
Kreise den Spiegel in derselben Richtung ablenkte, wie der ur- 
sprüngliche Strom. 

Ich begann damit zuzusehen, wie sich die Ladung einiger 
in Ansehung ihrer Polarisirbarkeit bereits besser gekannten 
Combinationen an meiner Vorrichtung gestalten würde. Wo 
es nicht ausdrücklich anders bemerkt ist, hatten die auf ihre 

32* 



458 Gesdrnrri/silzting 

Ladiingsfähigkeit zu prüfenden Elektroden die Form von Dräh- 
ten von O-S""" Durchmesser und tauchten bei V Abstand von 
einander 2"° tief in die Flüssigkeit. 

(1) Platin in verdünnter Schwefelsäure (SO4H: 
HO : : 1 : 5 dem Volum nach). Die elektromagnetischen Wir- 
kungen des primären und des secundären Stromes ergaben sich 
als völlig gleich, so dafs rasches Umlegen der Doppelwippe 
C2 ^3) oder Vertauschen beider Wirkungen mit einander an der 
Bussole, sich im Fernrohr nur durch ein Zucken des Spiegels 
nacb der Ruhelage hin bemerklich machte. « (S. oben S. 451) 
war also hier = 1. In Übereinstimmung damit sah man, bei der 
dritten Beobachtungsweise, den primären Strom beim Schliefsen 
des Schlüssels «$"2 augenblicklich bis auf einen sehr kleinen Bruch- 
theil verschwinden, und beim Öffnen des im Hauptkreise befind- 
lichen Schlüssels, auch nach kürzester Frist, einen negativen 
Ausschlag von sehr nahe gleicher Gröfse mit dem primären er- 
folgen. Die Gleichheit der primären und secundären Wirkung 
hörte übrigens, wie sich nach den bekannten Gesetzen der Po- 
larisation erwarten liefs, auf, wenn die Stärke des primären Stro- 
mes eine gewisse Grenze überschritt. Schon bei Anwendung 
eines einzigen, nicht durch Nebenschilefsung geschvväcbten Da- 
nlell's fing die primäre Wirkung zu überwiegen an; bei fünf 
Danie ll'schen Gliedern war « nur noch etwa = *^, wozu 
noch kommt, dafs jetzt der secundäre Kreis dem primären an 
Widerstand bedeutend nachstehen mufste. 

Platinplatten, die sich in V° Abstand 2 Quadratcentimeter 
benetzter Oberfläche zukehrten, zeigten ganz dieselben Erschei- 
nungen. 

(2) Platin in gesättigter Kochsalzlösung. Drähte 
und Platten. Ganz dieselben Erscheinungen. 

(3) Platin in rauchender Salpetersäure. Diese 
Comblnation gilt allgemein für unpolarlsirbar, und ich selber 
habe früher einen Versuch beschrieben, der dies zu beweisen 
scheint. Die durch den Strom einer Grove'schen Kette, in 
deren Kreis Platinelektroden in rauchender Salpetersäure einge- 
schaltet waren, in beständiger Ablenkung gehaltene Nadel zeigte 
keinen merklichen positiven Ausschlag, als der Strom in dem 
Elektrodenpaar mittels einer Wippe so rasch wie möglich um- 



I 



vom 30. Juni 1859. 459 

gekehrt wurde'); eine Beobachtungsweise der Ladungen, die 
wir im Gefolge der bereits früher aufgezählten hier beiläufig 
noch als die vierte bezeichnen können. Hr. Pflüger hat neuer- 
dings, bei Wiederholung dieses Versuches, unter denselben Um- 
ständen nur 1" Ausschlag beobachtet, wo Kupferelektroden in schwe- 
felsaurer Kupferoxydlösung 20° Ausschlag gaben. Indessen ist nicht 
zu übersehen erstens, dafs bei dieser Versuchsweise die Empfindlich- 
keit der Nadel nothwendig vermindert ist, selbst wenn man sich, 
wie Hr. Pflüger that, in den empfindlichen Breiten der Thei- 
lung hält; zweitens, dafs, in meinem Falle bestimmt, in Hrn. 
Pflü ger's Falle höchst wahrscheinlich, Elektroden von gröfserer 
Oberfläche angewendet wurden. Mit Drähten als Elektroden 
zeigt die Siemens'sche Wippe, dafs diese Combination noch 
einen gewissen und zwar gar nicht so geringen Grad von La- 
dungsfähigkeit besitzt. Ich bemerke dafs die Säure tief braun- 
roth gefärbt war, stark rauchte, und bei '26.9° C. 1.49 Dichte 
befals. Dennoch war mit Strömen von der Stärke des Muskel- 
stromes « = — , mit ungeschwächtem Daniell = — . Auch als 

33 37 

ganz einfach die oben S. 457 als zweite bezeichnete Ver- 
suchsweise mit einem solchen Daniell und 2' Durchströmung 
in's Werk gesetzt wurde, erfolgte ein Ausschlag von 40 Scalen- 
theilen. Da in dieser Combination der Wasserstoff an der ne- 
gativen Elektrode auf Kosten der Salpetersäure oxydirt wird, 
so hat man sich vermuthlich zu denken, dafs diese Pnlarisation 
von der elektromotorischen Wechselwirkung des Platins und 
des Sauerstoffs an der positiven Elektrode herrührt, welche das 
Platin noch negativer mache, als es schon durch die Berührung 
mit den hohen Oxydationsstufen des Stickstoffs wird. 

(4) Silber in gesättigter salpetersaurer Silber- 
oxyd lösung. Auch diese für unpolarisirbar geltende Combi- 
nation liefs an der Siemens'schen Wippe unter Umständen 
bedeutende Ladungen hervortreten, bot aber noch aufserdem 
eine sehr merkwürdige Erscheinung dar. Ich fand nämlich mit 



') Untersuchungen u. s. w. Bd. II. Abth. 1. S. 379. 
') Untersuchungen über die Physiologie des Elektrutonus. Berlin 
1859. S. 449. 450.* 



460 GesamnUsitzuns 

Strömen von der Ordnung des Muskelstromes « = -L ; — : 

1.7 1.6* 

ein Mafs der Ladungsfähigkeit etwa so als ob gar keine Vor- 
kehrung zur Beseitigung der Ladung wäre getroffen wor- 
den. Hingegen mit ungeschwächtem Daniell ward « nur 
= — ; — gefunden. Dies rührte nicht allein davon her, dafs 

die Stärke des Polarisationsstromes überhaupt langsamer wächst 
als die ursprüngliche Stromstärke. Sondern indem ich bei ar- 
beitender Wippe die secundäre Wirkung dauernd beobachtete, 
während ich die Länge der Nebenschliefsung zwischen *$" und S 
stetig wachsen liefs, zeigte sich's, dafs die absolute Gröfse der 
secundären Wirkung in Bezug auf die primäre Stromstärke ein 
Maximum habe. Ich ziehe vor mich jeder Äufserung über die 
muthmafsllche Ursache dieser Erscheinung zu enthalten, erlaube 
mir aber, dieselbe der Aufmerksamkeit derjenigen zu empfehlen, 
welche die Elektrolyse zum Gegenstand ihrer Untersuchungen 
machen. 

(5) Kupferdrähte in verdünnter Schwefelsäure von 
der unter (1) angegebenen Concentration waren zu ungleichartig, 
um einigermafsen genauere Beobachtungen zu gestatten. Als sie 
nur mit den Spitzen eintauchten, gelangen einige Ablesungen, 
wonach bei Strömen von der Ordnung des Muskelstromes « 
hier etwa = — sein würde. 

f. 5 

(6) Kupferelektroden in schwefelsaurer Kupferoxyd- 
lösung verhielten sich auch nur selten gleichartig genug für 
meinen Zweck. Es zeigte sich, dafs mit dieser Comblnatiun die 
Polarisation für Ströme von der angegebenen Ordnung an der 
Siemens' sehen Wippe fast unmerklich war. Sie ward erst 
mefsbar, als die ganze Länge des Nebenschllefsungsdrahtes In 
den primären Kreis aufgenommen worden war. Unter diesen 
Umständen bestimmte ich « zu höchstens — . Nicht erheblich 

155 

kleiner fiel u bei Anwendung eines ungeschwächten Daniell's aus. 
Während demnach bei der oben S. 458 als vierten bezeichneten 
Beobachtungsweise Kupfer in Kupferlösung viel stärkere Ladung 
giebt, als Platin in Salpetersäure, übertrifft an der Siemens- 
schen Wippe die secundäre Wirkung der letzteren Combination 
die der ersteren um etwa das fünffache; ein Widerspruch zwi- 



vom 30. Juni 1859. 461 

sehen den Ergebnissen beider Methoden, auf den wir unten 
werden zurückzukommen haben, der aber immerhin hier schon 
dienen kann zu zeigen, dafs die gewöhnh'chen Beobachtungswel- 
sen nicht ausreichen, wenn es sich darum handelt, einer Com- 
bination die Ladungsfähigkeit abzusprechen, sondern dafs man 
in dieser Beziehung mindestens noch eine Vorrichtung nach Art 
der Siemens'schen Wippe zu befragen habe. 

(7) Käufliches Zink in käuflicher Zinklösung. In 
der That lehrt denn auch die Siemens'sche Wippe sofort, 
dafs diese Combination nicht allein, den oben S. 449 berich- 
teten Erfahrungen scheinbar entgegen, durch Ströme von der 
Ordnung des Muskelstromes Ladung im gewöhnlichen, nega- 
tiven Sinn annimmt, sondern dafs diese Ladung sogar, unter 
übrigens gleichen Umständen, die des Kupfers in Kupferlösung 
ganz ungeheuer übertrifft, a nämlich ward hier, so genau als 
die Ungleichartigkeiten es gestatteten, zu — , — , ja einmal 

zu — bestimmt. Mit dem Strome des ungeschwächten Da- 

niell's war « nur ^ — ? also relativ sehr viel kleiner, je- 

79.3 

di)( h nicht, wie beim Silber in Silberlösung, auch absolut klei- 
ner als mit den schwachen Strömen. 

Es fragte sich nun natürlicherweise vor Allem wie es 
komme, dafs ich früher bei langer Schliefsung schwacher Ströme 
duich die Zinkelektroden positive, mit starken Strömen aber ne- 
gative Polarisation beobachtet habe. Die Wiederholung des 
Versuches an der Bussole, statt am Multiplicator, liefs ver- 
möge der geringen Schwingungsdauer des Spiegels einen Um- 
stand hervortreten, welcher den Schlüssel hierzu gab. Es zeigte 
sich nämlich, bei der zweiten Beobachtungsweise, zuerst stets ein 
kleiner negativer Ausschlag, von etwa einem Sealentheil, und 
dann erst wurde der Spiegel im Sinn der positiven Polarisation 
abgelenkt. Das unreine Zink in Zinklösung besitzt also wohl 
beide Arten von Polarisation zu gleicher Zeit, die gewöhnliche 
negative, und die unregelmäfsige positive, so dafs man in Wahr- 
heit stets nur den Unterschied beider zu sehen bekommt. Die 
beiden Polarisationen befolgen aber in Bezug auf Ihr Wachs- 
thum mit der Dauer des ursprünglichen Stromes und auf ihre 



462 GesainriUsUzuns 




Abnahme nach dem Aufhören desselben ein verschiedenes Ge- 
setz, wie dies in der Figur vorgestellt ist. Die Abscissen Ot bedeu- 
ten die Zelten, die ausgezogenen Curven gehören der negativen, 
die punktirten Curven der positiven Polarisation an. Die nega- 
tive Polarisation wächst mit der Dauer der Schliefsung bis zu einer 
gewissen Grenze rascher als die positive, nimmt aber auch nach 
Unterbrechung des primären Stromes schneller ab. Wird die- 
ser daher, wie es in der Siemens'schen Wippe der Fall ist, 
bereits nach sehr kurzer Zeit, z. B. bei t', unterbrochen, so er- 
hält man eine durch den schraffirten Fiächenraum abt" gemes- 
sene, rein negative, secundäre Wirkung. Wird dagegen die 
Kette erst bei t'" geöffnet, so fällt die secundäre Wirkung dop- 
pelsinnig aus, indem ein kleiner negativer Vorschlag, gemessen 
durch cde, der gröfseren positiven Hauptwirkung vorangeht, die 
durch et^^ t vorgestellt wird. Ja es scheint, obwohl es mir nicht 
gelang diesen Zustand künstlich herbeizuführen, dafs bei fortge- 
setzter Schliefsung eines Stromes von gewisser Schwäche die 
positive Polarisation die negative sogar an Gröfse übertreffen 
kann, so dafs die beiden Curven zuletzt einander schneiden. 
Man würde sonst nicht verstehen , wie Zinkelektroden in Zink- 
lösung durch Geschlossenstehen zur Kette ungleichartiger statt 
gleichartiger werden können. Aufserdem findet allem Anschein 
nach auch noch eine verschiedene Abhängigkeit der beiden Ar- 
ten von Polarisation von der Stärke des ursprünglichen Stromes 
statt, der Art, dafs die positive Polarisation viel langsamer mit 
der Stromstärke wächst. So wird es erklärlich, dafs bei gröfse- 
rer Stärke des ursprünglichen Stromes, bei Anwendung z. B. 
eines ungeschwächten Daniell's, die positive Polarisation nicht 
beobachtet wird. Die uuregelmäfsigen Wirkungen, welche nach 
Abgleichung der starken negativen Polarisation In diesem Falle 
meist hinterbleiben, gestatten keine sichere Aussage darüber, ob 



vom 30. Juni 1859. 463 

die positive Polarisation dabei noch spurweise wahrnehmbar sei 
oder nicht. 

Wie dem auch sei, hält man zunächst nur die Empfäng- 
lichkeit des unreinen Zinks in Zinklösung für die gewöhnliche, 
bei weitem wichtigere negative Ladung im Auge, so haben wir 
also gefunden, dafs diese Combinalion kaum weniger polarlsirbar 
ist als Kupfer in verdünnter Schwefelsäure. Es Ist danach wohl 
hinlänglich klar, dafs Elektroden, welche, bei der gewöhnlichen 
Art der Untersuchung, wie sie von Hrn. Malteucci in's Werk 
gesetzt wurde, gar keine, und bei den oben von uns angewand- 
ten, schon etwas schärferen Prüfungen nur eine äufserst schwache 
Spur von Ladung wahrnehmen lassen, dennoch in sehr hohem 
Grade ladungsfähig sein können; und nicht minder klar, nach 
diesen Vorgängen, dafs die Untersuchung über das dem reinen 
oder verquickten Zink in Zinklösung zukommende Mafs von 
Polarisation völlig von vorn anzufangen habe. 

(8) Reines Zink In reiner Zinklösung. Das reine 
Zink, dessen Ich mich bediente, hatte Hr. Apotheker Voigt die 
Güte gehabt, durch wiederholte Destillation darzustellen. Zu- 
letzt war dasselbe, was besser wäre vermieden worden. In einer 
eisernen Höllensteinform, obschon allerdings bei möglichst nie- 
driger Temperatur, In Stangen gegossen worden. Aus einem 
Theile dieser Stangen wurden in einer Form aus sogenanntem 
Blaustein (worin zinnerne Soldaten gegossen werden), später, da 
der Blaustein, obschon vorgewärmt, absplitterte. In einer Gypsform, 
Platten von 25'""' Breite und 60"'"' Länge gegossen. Allein 
Ich mufste auf den Gebrauch so grofser Platten verzichten, well 
es schlechterdings unmöglich war, mit den Ungleichartigkeilen 
derselben fertig zu werden. Ich brach daher die an den Stan- 
gen haftenden flügeiförmigen Lappen, welche sich durch das Ein- 
dringen des geschmolzenen Metalls zwischen beide Hälften der 
Form gebildet hatten. In schmale Leistchen, und schabte deren 
Oberfläche mit der scharfen Kante einer gesprungenen Glasscheibe 
rein. Diese möglichst reinen Zinkoberflächen tauchte Ich in gesät- 
tigte reine schwefelsaure Zinkoxydlösung, die ich Hrn. Heinrich 
Rose verdankte. Auch so liefs die Gleichartigkeit viel zu wün- 
schen übrig, jedoch war sie genügend, um gute Beobachtungen 
an der S lerne ns'schen Wippe zu gestatten. Es zeigt sich aber. 



464 Gesarnmtsilzung 

mit Strömen von der Ordnung des Muskelstromes, negative Po- 
larisation eben so stark wie beim käuflichen Zinkdraht, welche 
eben so schnell als dort mit der wachsenden Stärke der Ströme 
abnahm. Mit den schwächsten Strömen nämlich fand ich u 
= — , mit den stärksten, die der Nebenschliefsungsdraht bei An- 

2.9 

Wendung eines Daniell's zuliefs, = — , mit dem ungeschwächten 
Strom des Daniell's aber nur noch = Auch hier überzeugte 

78.3 

ich mich davon, dafs die absolute Gröfse der secundären Wir- 
kung nicht, wie beim Silber, ein Maximum in Bezug auf die 
Stromstärke besitzt. 

Dagegen war bei dem reinen Zink im Gegensatz zum käuf- 
lichen keine deutliche Spur von positiver Polarisation zu bemer- 
ken. Bei der zweiten Beobachtungsweise gab sich nach langem 
Schlüsse der primären Kette unter denselben Umständen, wo das 
unreine Zink die doppelsinnige Polarisation zeigt, nur eine leb- 
hafte und nachhaltige negative "Wirkung kund. 

Es war danach klar, dafs die positive Polarisation nicht dem 
Zink selber, sondern einer Verunreinigung desselben angehöre, 
und zwar wahrscheinlich dem Eisen, da nämlich das Eisen bis- 
her das einzige bekannte Metall ist, welches positive Polarisation 
besitzt. Doch ist unter den Flüssigkeiten, in denen Hr. Beetz 
diese Erscheinung beobachtete, schwefelsaure Zinkoxydlösung 
nicht genannt, die zu prüfen er keinen Grund hatte. Ich ver- 
suchte deshalb wie sich Eisenelektroden in dieser Flüssigkeit 
verhalten. 

(9) Eisen in Zinklösung. Ich fand, dafs zwei Stücke 
Ilsenburger Eisendraht darin sehr gut gleichartig wurden; dafs 
sie an der Siemens 'sehen Wippe, mit Strömen von der Ord- 
nung des Muskelstromes, starke negative Polarisation zeigten 
(et s= —• —), dafs sie aber bei der zweiten Beobachtungs- 

1.7 2.6 

weise nach langer Durchströmung genau wie das unreine Zink 
einen doppelsinnigen Ausschlag gaben, zuerst einen deutlichen 
negativen Vorschlag, dann eine lang anhaltende positive Wir- 
kung. 

Die chemische Analyse des unreinen Zinkdrahtes, die Hr. 
Heinrich Rose die Güte hatte, in seinem Laboratorium aus- 



vom 30. Juni 1859. 465 

rühren zu lassen, wies denn auch in demselben eine gewisse 
Menge Eisen nach. Auch das destillirte Zink ward bei dersel- 
ben Gelegenheit nicht ganz frei von dieser Verunreinigung ge- 
funden. Möglich dafs diese Verunreinigungen es waren, von 
welchen auch die negative Polarisation meines destillirten Zinks 
herrührte. Möglich dafs Hrn. Malteucci's Zink einen Grad der 
Reinheit besaf<, bei dem es auch an meinen Vorrichtungen keine 
negative Polarisation gezeigt haben würde. Indessen fehlt der 
chemische Beweis für jene Reinheit, so gut wie der physikali- 
sche für diese Nichtladungsfähigkeit, und was jene Möglichkei- 
len in hohem Grade unwahrscheinlich macht, ist der Umstand, 
dafs sich in meinen Versuchen zwischen der Empfänglichkeit 
des käuflichen und der des gereinigten Zinks in Zinklösung für 
die negative Ladung gar kein Unterschied ergeben hat. 

Wie dem auch sei, bei der ungemeinen Schwierigkeit, sich 
Zink in diesem Zustande vollkommenerReinheit zu verschaffen, würde 
den Elektrophysioiogen mit dem Vorschlage des Hrn. Jules Re- 
g I) a til d nicht geholfen sein, da sie immer erst der Sie m e n s 'sehen 
Wippe bedürfen würden, um sich zu überzeugen, dafs ihre Zinkelek- 
troden nicht ladungsfähig seien, und es in dieser Ungewifsheit viel 
bequemer für sie sein würde, sich des käuflichen Kupfers in käuf- 
licher Kupferlösung zu bedienen, welche Comblnatlon, nach mei- 
nen Versuchen, eine ohne Vergleich kleinere Ladungsfähigkeit 
besitzt, als jedenfalls schon sehr sorgfältig gereinigtes Zink. 

Vielleicht würde die galvanoplastische Darstellung des Zinks 
ein Mittel abgeben, sich ein minder ladungsfähiges Metall zu 
verschaffen, als das meinige war. Ich habe keine Veranlassung 
mehr gehabt, diesen Versuch anzustellen, auch nicht mich um 
chemisch noch besser gereinigtes Zink zu bemühen, da die fol- 
genden Ergebnisse diese Bemühungen von dem praktischen 
Standpunkte aus, den ich erwähntermafsen hier einnahm, als 
überflüssig erscheinen liefsen. 

(10) Verquicktes Zink in Zinklösung. Ich ging nun 
nämlich auch noch, und zwar, wie ich schon oben S. 446 
andeutete, mit sehr geringen Erwartungen, an die Untersu- 
chung der Ladungsfähigkeit des verquickten Zinks in Zinklö- 
sung. Wie grofs war mein Erstaunen, als ich zunächst fand, 
dafs zwei beliebige Slücke Zink auf beliebige Art reichlich 



466 Gesammlsitzung 

verquickt, sich in Zinklösung nicht allein an der Bussole, son- 
dern sogar am Nerven -Mulliplicator absolut gleichartig ver- 
hielten. Zuerst reinigte ich die Zinkdrähte oder -Bleche sorgfältig 
mit Sandpapier, verquickte sie mit reinem Quecksilber mittels che- 
misch reiner Schwefelsäure, und tauchte sie in die chemisch reine 
Zinklösung. Dann dreister werdend erkannte ich Schritt für Schritt, 
dafs alle diese Vorsichtsmafsregeln unnütz seien, und dafs zwei be- 
liebige Stücke ganz gemeinen Zinkbleches, wie es zuKlempnerarbei- 
ten gebraucht wird, mit altem schmierigen Quecksilber und roher 
Salzsäure verquickt, mit Wasser abgespült und mit Fliefspapier 
abgetrocknet, sich in käuflicher Zinklösung bei einer benetzten 
Oberfläche von mehreren Quadratzollen nach wenigen Augen- 
blicken am Nerven -Multiplicator absolut gleichartig verhalten. 
So vollkommen ist diese Gleichartigkeit, dafs ich, ehe ich mich 
an den Anblick gewöhnt hatte, immer in Versuchung kam zu 
prüfen, ob denn auch der Kreis wirklich geschlossen sei, da beim 
Schliefsen und Offnen desselben durchaus keine Spur von Bewe- 
gung, sei's des Spiegels, sei's der Nadel, bemerklich wurde, nicht 
anders als ob der Kreis entweder an einer zweiten Stelle 
offen oder rein metallisch gewesen wäre. Mit wie geringer 
Sorgfalt diese Gleichartigkeit erzielt werde, die das Beste weit 
hinter sich läfst, was nach meiner Vorschrift mit allem Fleifs 
zubereitete Platinelektroden leisten, geht wohl am deutlichsten 
aus folgendem Versuch hervor. Aus einer D an i eil 'sehen Säule 
griff Ich auf's Gerathewoh! zwei Zinkcylinder von beiläufig 33°"" 
Durchmesser heraus, von denen, wie sich ergab, der eine schon 
mehrmals, der andere noch nicht gebraucht worden war, und 
tauchte dieselben, nachdem sie, um an dem gebrauchten Cylin- 
der etwa haftendes Kupfer zu entfernen, mit Wasser abgespült 
und mit Fliefspapier abgetrocknet worden waren, einander mög- 
lichst nahe SO"" tief in Zinklösung, wobei also die benetzte 
Oberfläche jedes Cylinders über 50 Quadratcenthneter betrug. 
Es erfolgte zwar im ersten Augenblick ein ziemlich starker Aus- 
schlag am Nerven -Multiplicator, sehr bald aber kam auch hier 
die Nadel absolut auf Null, und blieb daselbst, auch wenn der 
Kreis minutenlang geöffnet und dann wieder geschlossen wurde. 
Die Abgleichung dieser im Anfang vorhandenen Ungleich- 
artigkeilen beruht demnach, wie die Folge noch deutlicher leh- 



uum 30, Juni 1859. 467 

ren wird, nicht auf Polarisation, wie die Abgleichung der Pla- 
tinelektroden in Kochsalzlösung, welche bis zu einem gewis- 
sen Grade deshalb stets nur eine scheinbare ist. Die Ab- 
gleichung des etwa beim ersten Eintauchen sich kundgebenden 
Unterschiedes findet denn auch hier ebensowohl bei offenem 
wie bei geschlossenem Kreise statt. Die so unbegreiflich leicht 
erreichte vollkommene Gleichartigkeit wird eben so leicht, ohne 
alle besonderen Vorsichtsmafsregeln, in^'s Unbegrenzte erhalten. 
Zwar beobachtet man am Nerven -Multiplicator, wenn von zwei 
verquickten Zinkplatten die eine um die andere tiefer in die 
Zinklösung getaucht wird, jedesmal bei Benetzung neuer Punkte 
der einen Platte einen Ausschlag von wenigen Graden, der diese 
Platte als negativ gegen die andere anzeigt, und etwas stärker 
negativ wird von zweien verquickten Zinkelektroden , die man 
zwischen den mit Zinklösung benetzten Fingern beider Hände 
hält, diejenige, auf welche man einen Druck ausübt oder aus- 
üben läfst. ') Dies ist aber auch Alles, was hier noch von 
den zahlreichen Umständen übrig ist, wodurch sonst gleichartige 
Elektroden ungleichartig werden. Man kann die eine der beiden 
Platten, nachdem sie einmal vollständig benetzt worden, an die 
Luft heben und wieder eintauchen, man kann sie in der Zink- 
lösung schütteln wie man will, sie zwischen den Lagen eines 
mit Zinklösung getränkten Bausches drücken^): das Gleichge- 
wicht am Nerven -Multiplicator wird nicht gestört. Das Was- 
ser der Zinklösung verdunstet, Krystalle schiefsen in der Flüssig- 
keit an den Platten an oder bekleiden dieselben über deren Spie- 
gel, und nach Wochen findet man die Platten in der zurückbleiben- 
den nichtleitenden Krystallmasse eingewachsen, ohne dafs während 
dieser ganzen Zeit die Nadel den Nullpunkt auch nur um einen Grad 
verlassen hätte. Diese, ich wiederhole es, jede Vorstellung über- 
steigende Gleichartigkeit findet in ganz gleicher Weise statt, ob 
die beiden Zinkplatten erst eben verquickt seien und die Tro- 
pfen flüssigen Amalgams noch daran heruuterflielsen; ob sie seit 
Wochen In den krystallinischen Zustand übergegangen seien; end- 
lich gar, was wohl als das wunderbarste erscheint, ob die eine 



') Vergl. diese Berichte, 1854. S. 288. 
^) Vergl. ebendaselbst, S. 293, 



468 Gesammtsitiung 

derselben sich in dem einen, die andere in dem anderen dieser 
Zustände befinde. 

Schon durch diese Eigenschaft einer unübertroffenen mit 
leichtester Mühe zu erzielenden und zu erhaltenden Gleichartig- 
keit würde diese Combination, wie ich nicht zu bemerken 
brauche, eine höchst werthvoUe Bereicherung nicht blofs des 
elektrophysiologischen, sondern des galvanischen Apparates über- 
haupt sein. Allein meine Überraschung steigerte sich noch, als 
ich nun ferner fand, dafs die mit Hülfe der Siemens'schen 
Wippe bestimmte Ladungsfähigkeit dieser Combination in der That 
verschwindend klein, jedenfalls unvergleichlich kleiner sei, als die 
irgend einer anderen bisher bekannten Combination. Mit Strö- 
men von der Ordnung des Muskelstromes liefs die Wippe keine 
Spur davon erkennen. Noch als bei verminderter Empfindlich- 
keit der Bussole und Anwendung eines ungeschwächten Da- 
niell's, /*„/, P„i etwa 300 Scalentheile betrugen, waren *$"„,, 
S^, schlechterdings nicht wahrnehmbar, d. h. dieselben betrugen 
ganz gewifs nicht 0.2, ja schwerlich 0.1 Scalentheil. Ich fahn- 
dete darauf mittels eines Verfahrens, bei dem mir auch eine so 
kleine Spur von Ladung nicht entgehen konnte, nämlich indem 
ich, bei arbeitender Wippe und geschlossenem secundären Kreise, 
in dem die Bussole befindlich war, das Auge am Fernrohr, den 
primären Kreis mittels des Schlüssels »S", abwechselnd öffnete und 
schlofs, oder gar den primären Strom zwischen den Elektroden 
mittels des Stromwenders C, ab und zu umkehrte. Erst als ich 
die Nebenschliefsung fortliefs, und mit beiden Rollen im Ab- 
stand von 0°"° eine Grove'sche Kette gröfserer Art als Quell 
des primären Stromes benutzte, erschien negative Ladung der 
Zinkdrähte in bestimmbarer Gröfse, nämlich etwa 1.2 Scalen- 
theil betragend. Die primäre entsprechende Wirkung, mit nur 
einer Rolle in 100""" Abstand beobachtet, während die andere 
an einer anderen Stelle des Kreises eingeschaltet war, betrug 
120 Scalentheile. Die Wirkung einer Rolle bei 100°"° verhält 
zu der bei 0""° Abstand :: 1 : 26.85. Daraus ergiebt sich 
1.2 _ 1 

" ~ 2 X 26.85 X 120 ~ 5370" 
Diese Zahl wird sich, für den vorliegenden Fall, nicht weit von 
der Wahrheit entfernen. Indessen soll sie vorzugsweise dazu 



vom 30. Juni 1859. 469 

dienen, eine Vorstellung von der Ordnung der Gröfse zu geben, 
um die es sich hier handelt. Denn erstens lag aus mancherlei 
Gründen die Messung einer so kleinen Ablenkung an der Grenze 
meiner Beobachtungsmittel, zweitens schien der Werth von cc 
Schwankungen unterworfen zu sein, da ich es einigemal nicht 
unbeträchtlich gröfser (jo^), anderemale aber auch wieder sehr 
viel kleiner gefunden habe, so dafs die secundäre Wirkung der 
Grove'schen Kette bei voller Empfindlichkeit der Bussole ganz 
unmerklich war. Nimmt man an, dafs mir 0.2 Sealentheil secun- 
därer Wirkung entgangen seien, so konnte doch « in diesen 
Fällen nicht viel gröfser als ^^^ sein. Ich glaube bereits mit 
Bestimmtheit sagen zu können, dafs diese Schwankungen von 
dem Zustande der verquickten Zinkfläche so abhangen, dafs die 
gröfseren Werthe von o. schon öfter gebrauchten, die kleinsten 
frisch, oder von Neuem verquickten Drähten zukommen. 

Als die Drähte durch Platten ersetzt wurden, die einander 
6 — 7 Quadratrentimeter benetzter Oberfläche zukehrten, wurde 
die secundäre Wirkung, selbst mit ungeschwächlem Strom der 
Grove'schen Kette und bei voller Empfindlichkeit der Bussole, 
unter allen Umständen ganz unwahrnehmbar. 

Am Nerven -Multiplicator erfolgten mit den Drähten durch 
die secundäre Wirkung eines Daniell's 4°, durch die zweier 7° 
beständiger Ablenkung. 

Bei Anwendung der zweiten Beobachtungsweise mit einem 
Daniell und 5' Durchströmung erfolgten mit den Drähten an 
der Bussole bei voller Empfindlichkeit derselben etwa 5 Sca- 
lentheile Ausschlag im Sinne negativer Ladung. Mit den 
Platten betrug unter denselben Umständen der Ausschlag keinen 
ganzen Sealentheil, und als ich die Daniell'sche Kette durch 
eine fiinfgliederige Grove'sche Säule ersetzte, auch nur 3.5 
Scalentheile. Erst als aus dem primären Kreise der Widerstand 
entfernt wurde, der darin zu dem Zweck angebracht war, den 
Gesanimtwiderstand des primären und des secundären Kreises 
gleich zu machen (S. oben S. 452), wurden deutlichere Wir- 
kungen erhalten. 

Die Verquickung vernichtet also, kann man sagen, die be- 
deutende negative Ladungsfähigkeit des Zinks in Zinklösung. 
Aber auch die positive Ladungsfähigkeit dieser Combination 



470 Gesamnitsitzung 

ist dadurch beinahe gänzlich aufgehoben. Noch 15 — 20' lan- 
ger Durchströmung mit Strömen von der Ordnung des Mus- 
kelstronies erfolgte höchstens ein halber Sealentheil Ausschlag 
im positiven Sinne. 

(11) Verquicktes Zink in Chlore alciumlösung. 
Ehe wir an diese Thatsachen weitere Folgerungen knüpfen, sol- 
len noch einige andere Punkte beleuchtet werden. Hr. M al- 
te ucci führt verquicktes Zink in Chlorcalciumlösung als eine 
seinen Erfahrungen nach ebenso unpolarisirbare Combination wie 
das verquickte Zink in Zinklösung an. Es ist nicht leicht zu verste- 
hen, wie er zu diesem Ausspruch gelangt ist, der theoretisch nichts 
für sich hat, und von dessen Unrichtigkeit es leicht Ist, sich im 
Versuch zu überzeugen. Erstens verhalten die verquickten Zink- 
elektroden in gesättigter Chlorcalciumlösung sich sehr schlecht 
gleichartig. Für's zweite fand ich « für diese Combination mit 
primären Strömen von der Ordnung des Muskelstromes = — . 

Drittens warf bei der zweiten Beobachtungsweise, nach wenigen 
Minuten Durchströmung mit dem Strom des ungeschwächten 
Daniell's, die secundäre Wirkung das Bild der Scale aus dem Ge- 
sichtsfelde. Positive Polarisation war bei dieser Combination 
nicht wahrnehmbar. 

(12) Verquicktes Zink In Chlorzinklösung ver- 
hält sich dagegen nahe, aber, wie mir schien, doch nicht ganz 
so gleichartig wie in schwefelsaurer Zinkoxydlösung. Die Chlor- 
zinklösung enthielt noch ungelöstes Chlorzink, und stellte eine 
syrupöse Flüssigkeit von2.008 Dichte bei 27° C. dar. Die etwas 
geringere Gleichartigkeit rührt vielleicht daher, dafs die Lösung 
sich an der Oberfläche durch Wasser verdünnt, welches sie aus 
der Atmosphäre anzieht. Jedenfalls scheint aber die Ladungsfähig- 
keit dieser Combination nicht gröfser zu sein, als die des Zinks in 
der schwefelsauren Lösung, denn auch hier wurde an der S lerne ns- 
schen Wippe die Ladung erst merklich, als ich Drähte im pri- 
mären Kreise dem Strom eines ungeschwächten Daniell's aus- 
setzte, und die secundäre Wirkung bei voller Empfindlichkeit 
der Bussole beobachtete. Auf dieselbe Art, wie dies oben 
S. 468 beschrieben wurde, bestimmte ich dabei « zu 5^; auf 
den Unterschied zwischen diesem Werthe, und dem in der 



vom 30. Juni 1859. 471 

scijwefelsaurcn Lösung gewonnenen, ist natürlich nichts zu ge- 
ben. Auf positive Polarisation nach langer Schllefsung schwa- 
cher Ströme konnte hier wegen der geringeren Gleichartigkeit 
nicht mit derselben Schärfe wie bei der schwefelsauren Lösung 
geprüft werden; indessen kann davon höchstens eine ganz un- 
bedeutende Spur zugegen sein. Die gesättigte Chlorzinklösung lei- 
tete beiläufig nach meinen Versuchen dreimal schlechter als die 
schwefelsaure Lösung bei gleicher Temperatur. Verdünnung mit 
dem gleichen Volum Wassers erhöhte aber ihr Leitvermögen auf 
das Fünffache, so dafs sie nun um zwei Drittel besser als die 
gesättigte, und auch noch um ein Drittel besser als die ebenso 
verdünnte schwefelsaure Lösung leitete. 

Diese Wahrnehmung ist geeignet, uns daran zu erinnern, 
dafs Hr. JulesRegnauld das reiue Zink nicht in gesättigter, son- 
dern in so verdünnter Zinklösung als unpolarisirbar empfohlen 
hat, dafs die Lösung das Maximum ihres Leitvermögens besitze 
(S. oben S. 443). Obschon, wie bemerkt, Hr. Regnauld seine 
Aussage durch keine Versuche gestützt hat, und obschon es 
höchst unwahrscheinlich war, dafs die Verdünnung der Zink- 
lösung bis zu jener Grenze die Ladungsfähigkeit der Combina- 
tion aufheben solle, so habe ich doch nicht unterlassen, auch 
hierüber noch den Versuch zu befragen, indem ich Hrn. de la 
Rive's Angabe zu Grunde legte, wonach das Maximum des 
Leitvermögens der Zinklösung bei Verdünnung derselben mit 
dem gleichen Volum Wassers eintritt. Ich prüfte demgeniäfs 
noch (13 — 16) reines Zink in reiner, käufliches, reines 
und verquicktes Zink in käuflicher Zinklösung von 
der angegebenen Verdünnung. Das verquickte Zink — 
es wurden in beiden Flüssigkeiten dieselben Drähte benutzt — 
lieferte ein etwas gröfseres cc als In der gesättigten Lösung. 
Dagegen fand Ich allerdings, was sehr sonderbar ist, dafs mit 
dem reinen und käuflichen Zink in der verdünnten käuflichen 
Lösung « erheblich kleiner ausfiel, als unmittelbar vor und 
nachher mit denselben Elektroden in der gesättigten Lösung. 
Indessen blieb « hier noch immer bedeutend gröfser als mit Ku- 
pfer in Kupferlösung; und mit dem reinen Zink in der ver- 
dünnten reinen Lösung betrug es, bei schwachen Strömen, so- 
gar ^. Der Widerspruch zwischen unseren Ergebnissen und 
[1859.] 33 



47- Gesarnrntsitzting 

der Behauplung des Hrn. Regnauld beruht also nicht darauf 
dafs wir uns bisher stets der gesättigten Zinklösiing bedien 
haben. 

(19 — 24) Verquicktes Zink in verdünnter Schwe 
feisäure, in Serum von Pferdeblut, in Brun nen wass er unr 
in destillirtem Wasser. Da ich früher gerade bei Anwen- 
dung verquickter Zinkelektroden auf die räthselhafte Erschei- 
nung positiver Ladung gestofsen war, so versuchte ich, um 
diese Beobachtung zu erneuern, noch die in der Aufschrift 
genannten Combinationen. Serum hatte ich unter die mit dem 
verquickten Zink zu prüfenden Flüssigkeiten aufgenommen, um 
zu erfahren, wie sich letzteres bei unmittelbarer Berührung mit 
den thierischen Theilen, z. B. beim Überbrücken zweier daraus 
gebildeten Elektroden mit einem Nerven, in Bezug auf Gleichartigkeit 
und Ladungsfähigkeit verhalten würde. Es zeigten sich in der ver- 
dünnten Schwefelsäure, dem Serum und dem Brunnenwasserk 
aber so ungeheure Ungleichartigkeiten der verquickten Zink-| 
drahte, und von solcher Unbeständigkeit zugleich, dafs jedel 
feinere Beobachtung der Ladung dadurch unmöglich gemacht' 
wurde. Bei der leisesten Erschütterung sah man die Scale pfeil- 
schnell im Gesichtsfelde hin und herschiefsen. ') In diesen drei 
Flüssigkeiten wurde deshalb nur die gewöhnliche oder negative 
Ladung beobachtet. Bei Brunnenwasser konnte auch kein an- 
nähernder Werth von « gewonnen werden. Bei der verdünn- 
ten Schwefelsäure gelang es einmal, « zu etwa ^^ zu bestlm-l 
men. Sehr viel gröfser schien « im Serum zu sein, denn ich 
erhielt mit Strömen von der Ordnung des Muskelstromes Quo- 
tienten wie — ; -i-, und bei der zweiten Beobachtungsweise 
warf die secundäre Wirkung des ungeschwächten Daniell's nach 
5' Durchströmung das Bild der Scale aus dem Gesichtsfelde. 
Ganz ähnliche Werthe von « lieferten Kupfer drahte im Pferde- 
serum; mit Platin drahten war « auch hier=l. Was nun 
die positive Ladung des verquickten Zinks betrifft, so nah- 
men im destillirten Wasser die Ungleichartigkeiten eine etwas 
mildere Gestalt an, und es zeigte sich mit einem Da- 

') Verquicktes Zink in verdünnter Schwefelsäure wird nach Hrn. 
Poggendorff durchschütteln negativ. Vergl. diese Berichte, 1854, S.297. 



vom 30. Juni i85^. 473 

iilell an der Siemens'schen Wippe folgende merkwürdige Er- 
scheinung. Beim Schliefsen des Sclilüssels J, , während die 
Bussole im secundären Kreis beobachtet wurde, entstand zuerst 
ein Ausschlag im Sinne negativer Ladung. Darauf fingen po- 
sitive Ladungen sich zu entwickeln an, dergestalt dafs die se- 
cundäre Wirkung durch Null hindurch ihr Zeichen wechselte, wo- 
bei das sonst negative, hier positiv gewordene « zu etwa Ji be- 
stimmt wurde. Wurde dann S^ geöffnet, so nahm, trotz dem Auf- 
hören des primären Stromes, anfangs noch die positive secundäre 
Wirkung an Stärke zu; unstreitig, und in Übereinstimmung mit 
dem was wir oben S. 461 über die gleichzeitige positive und nega- 
tive Ladung des käuflichen Zinks in eben solcher Zinklösung ange- 
nommen haben, weil die schneller entstehende, aber auch schneller 
▼ergehende negative Ladung jetzt fortfiel, die sich während der 
Dauer des primären Stromes von der secundären Wirkung im 
positiven Sinne abgezogen hatte. Bei der zweiten Beobach- 
tungswelse wurde leicht sehr starke positive Ladung beob- 
achtet, die im Falle schwacher Ströme ganz rein zur Erschei- 
nung kam, während im Fall eines ungeschwächten Daniell's dem 
positiven Hauptausschlage ein negativer Vorschlag vorausging. 

Wir kehren nun zum verquickten Zink in den Zinklösungen 
zurück. Zu der unschätzbaren Gleichartigkeit, die wir an diesen 
Comblnationen zu rühmen gefunden haben; gesellt sich also, nach 
den Versuchen an der Siemens'schen Wippe, auch noch eine 
bei weitem geringere Ladungsfähigkeit, als die Irgend einer an- 
deren bekannten Combinatlon. Es ist leicht, sich von demsel- 
ben Ergebnifs noch auf eine andere Art zu überzeugen. Man 
läfst zuerst den primären Strom Im nämlichen Kreise nach ein- 
ander durch die Zinkzelle und durch die damit zu vergleichende 
Combinatlon gehen, und setzt dann plötzlich die beiden letzte- 
ren einander im Multipllcatorkreise dergestalt entgegen, dafs die 
Richtung des Ausschlages anzeigt, welcher von beiden Combi- 
natlonen die gröfsere secundär elektromotorische Kraft zukomme. 
In Ermangelung der eigens von Hrn. Poggendorff hierzu an- 
gegebenen Wippe ) gelingt dies leicht mittels einer Doppel- 



') Annalen u. s. \v. 1844. Bd. LXl. S. 612.* 

33' 



474 Gesanii/itsilzuDg 

wippe, wie sie S. 453 in C„ C,, C^ Cy angedeutet ist. Ich 
stellte dergestalt folgende Vergleiche an. 

(1) Verquickte Zinkdrähte in gesättigter käuf- 
licher schwefelsaurer Zink-, und Kupferdrähte in 
schwefelsaurer Kupfer oxydlös ung. Nachdem der Strom 
eines ungeschwächten Daniell's 1 — 2 hindurchgeschickt worden, 
erfolgte an der Bussole, bei voller Empfindlichkeit derselben, ein 
kräftiger Ausschlag im Sinne der negativen Ladung der Kupfer- 
zelle. Mit Strömen von der Ordnung des Muskelstromes sah 
ich anfänglich zu meinem nicht geringen Befremden einen klei- 
nen Ausschlag (2 — 3 Scalentheile) im Sinne negativer Ladung 
der Zinkzelle erscheinen. Bei näherer Untersuchung zeigte sich 
indefs, dafs, wie es nach den oben S. 468. 469 beschriebenen 
Versuchen nicht anders sein konnte, die Polarisation der Zink- 
zelle schlechterdings unmerklich war, dafs aber die Kupferzelle 
unter diesen Umständen eine geringe Spur positiver Polarisation 
besafs, welche den Anschein überwiegender negativer Ladung 
der Zinkzelle bewirkt hatte. 

(2) Kupferzelle wie vorher, und reines Zink ir 
gesättigter reiner schwefelsaurer Zinkoxydlösung 
Mit Strömen von der Ordnung des Muskelstromes wurde nichts 
deutliches wahrgenommen, indem die Ungleichartlgkelten sich fei 
neren Wahrnehmungen widersetzten. Mit dem Strom des un- 
geschwächten Daniell's erfolgte ein ansehnlicher Ausschlag im 
Sinne negativer Ladung der Zinkzelle. 

(3) Kupferzelle wie vorher, und Silberdräh te in 
Silberlösung wie oben S.459. Bei schwachen Strömen hat 
die Silberzelle ein sehr bedeutendes, bei starken die Kupferzelle 
ein geringes Übergewicht. Nach den oben bestimmten Wer- 
then von a für die Silberzelle hätte Letzteres nicht der Fall sein 
sollen. 

(4) Kupferzelle wie vorher, und Platindrähte in 
rauchender Salpetersäure wie oben S. 458. Erfolg wie 
beim vorigen Versuch. Mit schwachen Strömen überwiegt die 
Platin-Salpetersäure-, mit starken die Kupfer-Zelle. 

Wie man sieht, spricht auch diese Beobachtungsreihe dafür, 
dafs das verquickte Zink in Zlnklösung die am wenigsten la- 



vom 30. Juni 18.59. 475 

diingsfähige Combination sei. Was aber die beiden letzten 
Versuche betrifft, so giebt sich darin abermals ein Widerspruch 
kund, gleich dem bereits oben S. 460 bemerkten, zwischen dem 
an der Siemens'schen Wippe gewonnenen Ergebnifs und dem 
des gewöhnlichen Verfahrens, die Ladung durch Umlegen der 
Wippe eines Stromwenders zu beobachten. Auf doppelte Art 
kann man die Erklärung dieses Widerspruchs versuchen. 

Entweder nämlich braucht die Kupferladung längere Zeit, 
um sich zu entwickeln, und dies Ist der Grund, weshalb « an 
der Siemens'schen Wippe für das Kupfer kleiner ausfällt als 
für die beiden anderen Combinationen. Oder die Kupferladung 
ist nachhaltiger als die dieser letzteren, so dafs, wenn der Wech- 
sel der Verbindungen mittels der Wippe eines Stromwenders, 
d. h. verhältniftmälsig ziemlich langsam, geschieht, die Ladung 
des Silbers in Silberlösung, des Platins in Salpetersäure, schon 
Zeit gehabt hat sich zu zerstreuen, während sie zur Zeit, wo 
die Siemens 'sehe Wippe den secundären Kreis nach Öffnung 
des primären schliefst, in der That die des Kupfers übertrifft. 
Beide Voraussetzungen lassen, ohne Hinzunahme weiterer Muth- 
m^ilsungen, unerklärt, weshalb der Erfolg mit den schwachen 
Sliümen ein verschiedener sei von dem mit Aen starken Strö- 
men beobachteten. 

Weder hierauf, noch auf die Frage, welche von beiden An- 
nahmen der Wirklichkeit entspreche, wollen wir indefs näher 
eingehen. Uns interessirt an dem in Rede stehenden Verhalten 
vorzugsweise das Licht, welches dasselbe auf den Werth der 
bisher von uns zur Bestimmung der Ladungsfähigkeit der Com- 
binationen angewandten Verfahrens zu werfen geeignet Ist. Man 
sieht, dafs wir aus der Gröfse, in der die Ladung nach Aufhö- 
ren des primären Stromes erscheint, keinen sicheren Schlufs auf 
die Ladungsfähigkeit einer Combination machen können. Ein 
ähnliches Verhältnifs, wie zwischen der Ladung der galvano- 
plastischen Kupfercombination und der des Platins in Salpeter- 
säure, könnte zwischen der des verquickten Zinks in Zinklösung, 
und der der galvanoplastischen Kupfercombination, stattfinden. 
Zwar schliefscn die bei der zweiten Beobachtungsweise und auch 
so eben bei der Entgegensetzung der Zink- und Kupferzelle 



476 GesamriUsUzung 

nach längerer Durchströmung gemachten Wahrnehmungen die 
Möglichkeit aus, dafs das verquickte Zink in Zinklösung an der 
Siemens'schen Wippe deshalb ein so kleines « geliefert habe, 
weil die Polarisation desselben wegen der kurzen, durch den 
Gang der Wippe bedingten Schliefsung des primären Stromes 
i.icht Zeit gehabt habe, sich zu entwickeln. Sehr wohl denk- 
bar wäre es dagegen wegen der geringeren Fähigkeit der positi- 
ven Metalle, Gase an ihrer Oberfläche zu verdichten (Vergl. oben 
S. 446), dafs die Ladung des verquickten Zinks in Zinklösung be- 
deutend flüchtiger wäre, als die des Kupfers in Kupferlösung, 
und dafs darauf der erstaunlich kleine Werth von a bei erste- 
rem beruht habe. 

Mit einem Worte, den Curven, in denen während des 
Schlusses der primären Kette die Polarisation bis zu einer ge- 
wissen Grenze wächst, um nach Öffnung der Kette wieder ab- 
zufallen, sei's dafs der secundäre Kreis offen bleibe, oder nach 
kürzerer oder längerer Zeit geschlossen werde, diesen Curven darf 
bei verschiedenen Combinationen gewifs nicht ohne Weiteres 
ein gleiches Gesetz untergelegt werden. Ich kann nicht umhin, 
in der Nichtberücksichtigung dieses Umstandes einen gewichtigen 
Einwurf gegen den von Hrn. Wild (S. oben S. 455) veröf- 
fentlichen Vorschlag zur gesonderten Bestimmung der Polarisa- 
tion und des Übergangswiderstandes zu erblicken, wonach zuerst 
die durch Polarisation und Übergangswiderstand gemeinschaft- 
lich bewirkte Stromschwächung in eine Gleichung gebracht, 
und dann daraus die Polarisation mit Hülfe eines Werthes elimi- 
nirt werden soll, der aus Beobachtung derselben nach Öffnung 
des primären Kreises hervorgeht. Ich weifs sehr wohl dafs die 
Polarisation nach dem öffnen des primären Kreises, so lange der 
secundäre Kreis nicht geschlossen ist, bei weitem langsamer 
sinkt, als nachdem dies geschehen. Öffnet man den Hauptkreis 
einer Kette, In deren Nebenleitung, wie in unserer ersten Figur, 
Phitinelektroden In verdünnter Schwefelsäure oder Kochsalzlösung 
eingeschaltet sind, auf wenige Augenblicke, wobei der secundäre 
Kreis geschlossen bleibt, und die Ladung sich abgleichen kann, so 
geht der durch die Ladung geschwächte Strom der Kette sofort 
wieder zeitweise bedeutend in die Höhe. Dies ist nicht der Fall, 



vom 30. Juni 1859. 477 

mit anderen Worten, die Polarisation bleibt verhältnifsmäfsig un- 
verändert, wenn man statt des Hauptkreises die Nebenleitung selber 
eben so lange öffnet, weil nun der Ladung zwar wie vorher der sie 
auf steter Höhe erhaltende primäre Strom entzogen, allein diesmal 
keine Gelegenheit zur Abgleichung gegeben ist. Nichts desto- 
wen iger mufs ich darauf bestehen, dafs, bis nicht für jeden ein- 
zelnen Fall das Gegentheil erwiesen ist, keine andere Bestim- 
mung der Polarisation oder der Ladungsfähigkeit einer Combl- 
nation Vertrauen verdient, als solche die während der Dauer 
des primären Stromes in dessen Kreise selber gemacht, oder we- 
nigstens mit Hülfe von dergleichen Beobachtungen controlirt 
sind. 

Es bleibt uns also schllefslich übrig, auch noch auf diese 
Art die Unpolarisirbarkeit unserer Combination darzuthun. Ich 
halte einen parallelepipedischen Trog aus gefirnifstem Eichen- 
holz, von 125"" Länge, 53°"° Breite und 40""" Tiefe, in des- 
sen Wände und Boden, ehe dieselben zum Troge zusammenge- 
fügt wurden, in Ebenen senkrecht auf die Längsrichtung des 
Troges und in 15.6'°"' Abstand von einander, neun 5°"° tiefe 
Sngeschnitte angebracht waren. Diese dienten dazu, Bleche 
aufzunehmen, welche sich alsdann als Zwischenplatten auf der 
Bahn eines den Trog der Länge nach durchfliefsenden Stromes 
eingeschaltet fanden, indem die Leitung durch die im Falz um 
das Blech herum übrigbleibende capillare Flüssigkeitsschicht nicht 
in Betracht kam. Dieser Trog wurde 5""° hoch mit gesät- 
tigter schwefelsaurer Zinkoxydlösung gefüllt, und mit zwei 
verquickten Zinkblechen als Elektroden in den beiden äufser- 
sten Falzen, in den Kreis einer Grove'schen Kette und der 
Bussole gebracht. Während das Bild der Scale im Fernrohr 
beobachtet wurde, schob ich nach einander verquickte Zink- 
bleche auch in die sieben übrigen Falze. Da die Flüssig- 
keitssäule im Troge dabei nicht allein um 5"°"° verkürzt wurde 
(so viel betrug die Gesammtdicke der sieben Bleche, deren 
Widerstand vernachlässigt werden kann), sondern zugleich, 
wegen der durch die Bleche verdrängten Flüssigkeit, an 
Querschnitt zunahm, so nahm der Widerstand des Troges 
durch das Einsenken der sieben Bleche um r^ ab. Ich hatte 



478 Gesammtsifzung 

aber, hierauf rechnend, einen so bedeutenden metallischen 
Widersland in den Kreis eingeführt, dafs eine Verkürzung des 
Troges um ^, wie sie die Folge des Versenkens der äufsersten, 
als Elektroden dienenden Bleche in zwei einander zunächst be- 
findliche Falze war, den Widerstand des Kreises nur um ^Äti das 
' iy6' 

1-insenken der sieben Bleche denselben folglich nur um -^L- 
verminderte. Bei einer Ablenkung von 150 Scalentheilen mufste 
also die durch Verminderung des Widerstandes beim Einsen- 
ken der Bleche erzeugte Vermehrung der Stromstärke unter 
0.1 Sealentheil bleiben, und es hätte mir nicht entgehen können, 
wenn die sieben Bleche, deren jedes ein Elektrodenpaar von nur 
2.65 Quadratcentimeter Oberfläche vorstellte, durch eine der 
des primären Stromes entgegengesetzte elektromotorische Kraft, 
eine Verkleinerung der Ablenkung auch nur um 0.2, oder eine 
Schwächung des Stromes um =-'—, d. h. also jedes Blech eine 
Schwächung um etwa jqqq, hervorgebracht hätten. Ich konnte 
aber mit dem Strome der zwar nicht durch Nebenschliefsung, 
wohl aber durch die eingeführten Widerstände sehr geschwäch- 
ten Grove'schen Kette nichts der Art wahrnehmen. Mit sehr 
schwachen Strömen traten beim Einsenken und Herausnehmen 
jeder einzelnen Platte Spuren von Wirkung, bald in der einen, 
bald in der anderen Richtung auf, die aber sichtlich nicht auf 
Polarisation, sondern auf leichter Ungleichartigkeit der beiden 
Seiten der Platten beruhten. 

Da bei dieser Versuchsweise die Oberfläche der Elektroden, 
obschon im Vergleich zu der, die man in thierisch-elektrischen 
Versuchen anwenden kann, nur klein, mit Rücksicht auf den 
Zweck, die Ladungsfähigkeit zu prüfen, immerhin eine grofse 
zu nennen war, so änderte ich die Anordnung noch in folgender 
Art ab, wobei ich zwar eine beliebig kleine Oberfläche, jedoch 
nur noch ein Elektrodenpaar anwenden konnte. 

In den Kreis einer zweigliederigen Grove sehen Säule und 
der Bussole wurden zwei verquickte Zinkbleche eingeschaltet, die 
in zwei Gefäfse A und B mit derselben Zinklösung, wie oben, 
tauchten. A und B waren durch ein 250""° langes zweimal recht- 
winklich gebogenes, mit derselben Lösung gefülltes Thermometer- 
rohr verbunden. Neben Ä stand ein drittes ähnliches Gefäfs Cmit 



vom 3U. Juni 18Ö!). 479 

Zinklüsung. In B und C tauchten verquickte Zinkdrälite von 
0.5""" Durchmesser 5""" tief, also mit einer Oberfläche von 
7 — 8 Qua<iralmillimetern, ein. Dieselben waren metallisch ver- 
bniiden und stellten das plötzlich in den Kreis einzuführende 
KIcktrodenpaar vor. Die Einführung geschah einfach so, dafs 
das Therniometerrohr, während sein eines Ende in A stecken 
blieb, mit seinem anderen Ende aus B in C übertragen wurde. 
Natürlich verschwand unter diesen Umständen jeder andere Wi- 
derstand im Kreise, auch der etwaige Übergangswidersland, 
gegen den des capillaren Flüssigkeitsfadens im Thermometer- 
rohr, und die Einführung des Gefäfses C liefs demnach auch 
zuerst die Stromstärke durchaus unverändert. Jedoch durfte 
dabei das Rohr nicht mit den Fingern angefafst werden, 
sondern es ward nothwendig, es mittelst einer Handhabe zu be- 
wegen, weil die durch die Finger bewirkte geringe Tempera- 
turerhöhung des Rohres wegen des dadurch verminderten Wi- 
derstandes des Flüssigkeitsfadens sofort einen Ausschlag um meh- 
rere Scalentheile hervorbrachte, so dafs man sich einer solchen 
Vorrichtung als eines höchst empfindlichen Thermoskops bedie- 
nen könnte. Wenn aber C eine Zeit lang im Kreise gewesen 
war und dann plötzlich wieder durch Zurückführung des ent- 
sprechenden Endes des Thermometerrohrs nach B davon ausge- 
schlossen wurde, fand allerdings in einigen Fällen eine geringe 
Vermehrung der Stromstärke statt, die sich jedoch höchstens 
auf :r^ belief. Mit frisch verquickten Drähten aber habe ich 
auch gesehen, dafs bei über 200 Scalentheilen Ablenkung der 
Faden sich genau an derselben Stelle der Scale wieder einfand, 
die er mit dem Eleklrodenpaar im Kreise zuletzt inne hatte. 
Die Stromstärke war in diesem Versuche trotz der bedeutenden 
elektromotorischen Kraft, wegen des ungeheuren Widerstandes, 
nicht viel gröfser, als die des Muskelstromes. 

Mit Zinklösung, die mit einem gleichen Volum Wassers 
verdünnt worden war, gaben frisch verquickte Zinkdrälite, die 
in gesättigter Lösung keine Spur von Schwächung erzeugt hat- 
ten, etwa ^-nfj Stromabnahme. Dies scheint zwar mit dem zu 
stimmen, was wir an der Siemens'schcn Wippe mit dem ver- 
qju'cklen Zink in verdünnter Zinklösnng beobachtet haben (S. 



4SÜ Gesarnnitsitzung 

oben S. 471), doch möchte ich vor der Hand nichts darauf geben. 
Wie dem auch sei, man sieht, dafs sich auf diesem Wege, wie 
mit der Siem ens'schen Wippe, die Ladung des verquickten 
Zinks in schwefelsaurer Ziukoxydlösung im günstigsten Falle nur 
eben spurweise darthun läfst. 

Als aber die verquickten Zinkdrähte durch Elektroden aus 
reinem Zink ersetzt wurden, betrug die Stromschwächung mit 
der gesättigten Lösung ^, mit der verdünnten, gleichfalls in 
Übereinstimmung mit dem an der Siem ens'schen Wippe Wahr- 
genommenen (S. oben S. 471), sogar Jj. 

Jetzt wiederholte ich dieselben Versuche, sowohl die eben 
beschriebenen, als den mit dem Trog voll Zwischenplatten, mit 
Kiipferelektroden in Kupferlösung. Der Versuch im Troge 
konnte indefs wegen der Ungleichartigkeiten der Platten nur 
mit so starken Strömen angestellt werden, dafs gegen die den- 
selben zu Grunde liegende elektromotorische Kraft die jener 
Ungleichartigkeiten verschwand. Es ergab sich, dafs bei dieser 
Art der Prüfung das Kupfer in Kupferlösung ungefähr dasselbe 
höchst geringe Mafs von Polarisirbarkeit zeigte, wie zuweilen 
das verquickte Zink in Zinklösung. Im Troge war die Polari- 
sation unwahrnehmbar, mit einem Paar Drahtelektroden betrug 
sie ungefähr ^-ir. Es hat also, wenn man von den so eben er- 
wähnten Fällen absieht, wo das frisch verquickte Zink durchaus 
keine bemerkbare Stromschwächung bewirkte, in der That den 
Anschein, als ob an der Sieme n s'schen und an der Pog- 
ge n do rff'schen Wippe die Polarisation des Kupfers die des 
verquickten Zinks hur deshalb übertroffen habe, weil erstere 
minder flüchtig sei. Indessen ist es doch unmöglich , dafs 
die elektromotorische Gegenkraft des Kupfers in Kupferlö- 
sung während der Dauer des primären Stromes nur etwa 
-ij betrage, und nach dem Aufhören desselben an der S le- 
rn ens'schen Wippe eine Wirkung erzeuge, der im Mittel eine 
elektromotorische Kraft \on ^4^, wegen der sofort beginnenden 
Abgleichung anfangs also noch eine viel bedeutendere, zu Grunde 
liegen mufs. Ich vermuthe deshalb, dafs die oben S. 474 be- 
merkte positive Polarisation des Kupfers in Kupferlösung sich 
hier in der Weise eingemischt habe, dafs die wahrgenommene 



vom M). Juni IS.V.). 481 

Wirkung nur der Unterschied der negativen und der positiven 
L.i<lung war, während an der Siemens 'sehen Wi|^)pe, ganz 
wie es Lei dem käuflichen Zink der Fall ist (S. oben S. 461. 
462), allein die negative Ladung zur Erscheinung kommt. 

Nach alledem kann keine Frage mehr sein, welcher Com- 
binntion wir, um bei thierisch- elektrischen und bei Reizversu- 
chen die Polarisation zu vermeiden, den Vorzug zu geben haben