(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Berichte der Naturforschenden Gesellschaft zu Freiburg i. Br"

' fi<%. < v-s ^ .jr .> 






^■♦"'-* 


r 


' *v 


' -r* 




-•** 

■ A V 

r^': 






^ V 


1- 














.^•<^\ 



;-^c> 









r 

( 




'^-•fM;^ 


<• 


o 


■f 


ffi»«»^ 


\ 


•^c^. '-^ 





>t. Jf 



^ vy '-'* <^ ' 






^ -^-*?;a*, 









■^ '^ 



■•^'-ijs^; 



HARVARD UNIVERSITY. 




LIBRARY 



MUSEUM OF COMPARATIVE ZOOLOGY. 





5A^ 



b"^ 



AUSGEGEBEN IM JULI 1903. 



^^Av^ BERICHTE 



DER 



NATÜßFOBSCHENDEI HESEIISCBÄFT 

ZU 

FREIßURG I. BR. 

IN VERBINDUNG MIT 

Dr. Dr. F. Hildebrand, F. Himstedt, J. Lüroth, .1. von Kries, 
G. Steinmann, A. AVeismann, R. Wiedeksheim, 

PROFKSSORKN AN DER UNIVERSITÄT FREIBURO, 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

DR. K. GERHARDT. 
DREIZEHNTER BAND 

MIT'i4 TAFELN UND 42 ABBILDUNGEN IM TEXT. 



Selbstverlag der Gesellschaft. 

Kommissionsverlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebkck) in Tübingen dnd Leipzig. 



^~ FREI BURG I. BR. 
C. A. WAGNERS UNIVERSITÄTS-BUCHDRUCKEREI. 
1903. 



AUSGEGEBEN IM JULI 1903. 




BERICHTE 

DER 




zu 

FREIBURG I. BR. 

IN VERBINDUNG MIT 

Dr. Dr. F. Hildebrand, F. Hdistedt, J. Lüroth, ,T. von Kries, 
G. Steinjiann, A. Weismann, ß. Wiedersheim, 

PROFESSOREN AN DER UNIVERSITÄT FREIBURG, 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

DR. K GERHARDT. 
DREIZEHNTER BAND 

MIT U TAFELN UND 42 ABBILDUNGEN IM TEXT. 



Selbstverlag der Gesellschaft. 
Kommissionsverlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen und Leipzig. 



- FREI BURG I. BR. 
C. A. WAGNERS UNIVEHSITÄTS-BUCHDRUCKEREI. 
1903. 



S! '' 



OCi ' 1903 



Inhalt 

des XIII. Bandes. 



Seite 
Ueber die Zersetzungsgesckwindigkeit der Brombemstein- 

säiire in wässeriger Lösung. Von Wolf MidUr 1 

Ein Beitrag zur Kenntnis der Lagerungsverhältnisse in den 

Freiburger Alpen. Mit 5 Figuren im Text. Von K. Keidel 23 
Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. Mit 9 Figuren 

im Text. Von Wilhelm Meigen 40 

Induktionswirkung im Dielektrikum und Bewegung des 

Aethers. Mit 1 Figur im Text. Von J. Koenüjshcrger ... 9.5 
Ueber die Ionisierung der Luft durch Wasser. Von F. Himstedt 101 
Beiträge zur Kenntnis der Fauna des unteren Lias in der Val 

Solda. Geologiscli-paläontologische Studien in den 

Comasker Alpen. I. Mit 8 Tafeln. Von Freiherr von Bistram 116 
Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 

Mit 1 Karte, 1 Panorama, 4 Profiltafelu und 20 Figuren im Text. 

Von Henri/ Hoek 215 

Die Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstuhl. 

Mit 7 Figuren im Text. Von Privatdozent Dr. Eugen Fischer .. . 271 



1] 



lieber die Zersetzuiigsgescliwindigkeit der 
BrombernsteiDsäure in wässeriger Lösung. 

L Der Reaktions verlauf bei 50^*). 

Von 

Wolf MüUer. 



Einleitung. 

Wird die Geschwindigkeit eines chemischen Vorganges durch 
Zusatz eines Stoffes beeinflusst, der sich nach Ablauf der Reaktion 
im gleichen Zustande befindet wie vorher, so nennen wir diesen 
Vorgang einen katalytischen. Wird ein Stoff, welcher eine Reak- 
tion katalysieren kann, im Verlauf dieser Reaktion selbst gebildet 
oder verbraucht, so nennen wir eine derartige Reaktion eine Auto- 
katalyse ^ Diese Erscheinung wurde von Ostwald und Henry ^ 
an der Bildung von Laktonen aus Oxysäuren und gleichzeitig von 
CoLLAN^ an dem Uebergang der Oxymethyl-Benzoesäure in ihr 
Phtahd studiert. Später zeigte H. Goldschmidt ^, dass der Ver- 
lauf der spontanen Esterbildung einer Autokatalyse entsprach. 

Bei allen diesen Vorgängen wirken die Wasserstoftjonen als 
beschleunigende Katalysatoren. Ausserdem verschwinden im Laufe 
der Reaktion die katalysierenden Jonen, d. h., die Wasserstoftjonen 
sind ein Bestandteil des bei der Reaktion verschwindenden Systems. 
Die interessanten Eigenschaften dieser Jonen lassen es von Interesse 



* Ueber Versuche bei verschiedenen Temperaturen wird später berichtet 
werden. 

' Ostwald, Sachs. Ak. Ber. 1890 Bd. 42 S. 189. 

2 Henry, Zeitschr. f. phys. Chem. 1892 Bd. 10 S. 96. 

^ CoLLAN, desgleichen, S. 130. 

* Goldschmidt, BB. Bd. 29 S. 2208. 

Berichte XIH. i 



2 Wolf Müller: [2 

erscheinen, die Reaktionsgeschwindigkeit in einem Fall zu untersuchen, 
in welchem sie entstehen. Dies liegt bei dem Zerfall der Brombern- 
steinsäure in wässriger Lösung vor, dessen Verlauf bei 50 " den 
Inhalt vorliegender Abhandlung bildet. 

Die Untersuchungen erstrecken sich nun darauf, die Ge- 
schwindigkeit des Zerfalls in möglichst weiten Konzentrationsgrenzen 
festzustellen und weiterhin den Einfluss des Zusatzes von starken 
Säuren zu konstatieren. Da die Reaktion die Erscheinung der 
chemischen Induktion in hohem Masse zeigt, wurden einige Ver- 
suche angestellt, die sich auf diese speziell beziehen, 

lieber die Produkte der freiwilligen Zersetzung wässeriger 
Brombernsteinsäurelösungen sind in der Litteratur verschiedene 
Angaben vorhanden. Fittig und Doen^ fanden eine Notiz von 
Kekule^, dass sich bei der Zersetzung Apfelsäure und Bromwasser- 
stoifsäure bilde, nicht bestätigt, sondern geben an, dass in massig 
konzentrierten Lösungen nur Fumarsäure gebildet wird. Ebenso 
giebt VoLHARDT^ das Eindampfen wässeriger Brombernsteinsäure- 
lösungen als Darstellungsmethode für Fumarsäure an. Im Gegen- 
satz dazu erhielt Tanatar* bei längerem Erhitzen verdünnter Brom- 
bernsteinsäurelösungen vorwiegend Apfelsäure, und Walden^ fand 
bei Verwendung optisch aktiver Brombernsteinsäure, dass Gemische 
von Fumarsäure und optisch aktiver Apfelsäure entstanden. Die 
Bildung von Brombernsteinsäure erfolgt beim Behandeln sowohl von 
Fumarsäure", wie auch von Apfelsäure ^ mit bei 0° gesättigter Brom- 
wasserstoffsäure im Rohr bei 100°, 

Da jedoch Apfelsäure durch konzentrierte Bromwasserstoffsäure 
leicht in Fumarsäure übergeführt wird, was schon Kekule gezeigt 
hat, so geht die Bildung der Brombernsteinsäure wahrscheinlich nur 
durch Anlagerung von Bromwasserstoff an Fumarsäure vor sich. 
Um einen Anhalt über diese Verhältnisse zu gewinnen, wurden die 
Zersetzungsprodukte einer etwa 2 n und einer Oß'Z n Brombernstein- 
säurelösung durch Eindampfen isoliert, wobei sich zeigte, dass im ersten 
Fall keine Spur von Apfelsäure gebildet wurde, im zweiten Fall 
etwa die Hälfte der zurückbleibenden organischen Säure aus Apfel- 
säure bestand. 



1 Fittig und Dorn, A. Bd. 188 S. 87. 

- Keküle, A. 'Sup. Bd. 1 S. 133. 

3 VoLHARDT, A. 268, 265. * Tanatar, A. Bd. 273 S. 39. 

"> Walden, BB, Bd. 32 S. 1840. « Fittig, 1. c. 

' Kekule, A. 130, 21. 



3) Uebeb die ZersetzüngsgeschwindiüKkit der Bkombernsteinsäure. 3 

Bei der Zersetzung von Brombernsteinsäure mit Alkalien entsteht 
nur Apfelsäure, es scheint also das Verhältnis von gebildeter Fumar- 
säure zu gebildeter Apfelsäure von der Acidität der Lösung so ab- 
zuhängen, dass mit der Menge der vorhandenen Säure die Menge 
der gebildeten Fumarsäure wächst. 

Für die Verfolgung der Reaktionsgeschwindigkeit ist es nun 
gleichgiltig, ob Fumarsäure oder Apfelsäure gebildet wird, weil die 
Normalität der entstehenden Säure in beiden Fällen die gleiche ist. 
Ob die Verschiedenheit der bei verschiedenen Konzentrationen ge- 
bildeten Fumar- bezw. Apfelsäuremengen auf den Reaktionsverlauf 
einen Einfluss hatte, mussten Geschwindigkeitsversuche in möglichst 
weiten Konzentrationsgrenzen zeigen. 

Da ein solcher Einfluss, wie aus dem Folgenden hervorgehen 
wird, nicht vorhanden war, wurde vorläufig darauf verzichtet, dieses 
Verhältnis bei verschiedenen Konzentrationen genau zu ermitteln. 
In den Formeln soll deshalb auch immer der Einfachheit halber nur 
Fumarsäure geschrieben werden, was bei grösseren Konzentrationen 
auch sicher richtig ist. 

Wie schon gesagt, lässt sich die Brombernsteinsäure aus Fumar- 
säure und Bromwasserstoff darstellen. Es besteht also ein Gleich- 
gewicht zwischen diesen Körpern, das wir folgendermassen schreiben 
können: 

Ci H^ O4 Br \ » Ci Hi O4 + HB/- 

Für dieses Gleichgewichtssymbol gilt folgende Gleichung: 

(C,H,0,Br)-V 

Hierin bedeuten die eingeklammerten chemischen Formeln die Mengen 
der reagierenden Stoffe, V das Reaktionsvolumen und k die Gleich- 
gewichtskonstante. Da nun eine Bildung von Brombernsteinsäure 
erst bei sehr grossen Konzentrationen, d. h. kleinem Reaktions- 
volumen vor sich geht, so ist leicht ersichtlich, dass bei grossem 
Volumen die Reaktion vorwiegend im Sinn des oberen Pfeils im 
Gleichgewichtssymbol vor sich geht. Dies wurde durch die Ver- 
suche bestätigt", die Reaktion verlief bei den untersuchten Kon- 
zentrationen von 0,25 bis 0,01 n praktisch genommen vollständig. 
Als Versuchstemperatur wurde die Temperatur von 50*' ge- 
wählt, weil diese einerseits leicht auf längere Zeit konstant gehalten 
werden konnte und andererseits die Reaktion dabei mit bequem 
messbarer Geschwindigkeit vor sich ging. 

1* 



Wolf Müller: 



[4 



Tersuchsauordimiig und Arbeitsmethode. 

Die Versuchsanordnung war im allgemeinen die von Ostwald ^ 
und seinen Schülern benutzte. Als Thermostaten dienten grosse 
mit einem Siebboden versehene EmailtöiDfe. Der Siebboden war 
über einen Reifen aus Bandeisen ausgespannt, das Gestell des Reifens 
bestand aus 3 Bandeisen, welche in gleicher Höhe unten recht- 
winklig abgebogen und im Treffpunkt in der Mitte mit einer Messing- 
platte vernietet waren. Diese Messingplatte war mit einem Körner 
versehen, in welchem die zum Rühren benutzte OsTWALD'sche Wind- 
mühle lief. Die Temperaturregulierung geschah durch einen ÜST- 
WALo'schen"^ Toluolregulator mit REiCHERx'scher Regulierschraube. 
Bei den einzelnen Versuchen konnte die Temperatur des schwanken- 
den Gasdruckes halber nur auf 0,1" bis 0,2 ** genau konstant ge- 
halten werden. Die Versuchstemperatur verschiedener Versuche 
schwankte zwischen 48,8° und 50,5°; die Temperatur wurde an 
einem in V^" geteilten Thermometer abgelesen. Zur Aufnahme der 
zu untersuchenden Flüssigkeiten dienten gut ausgedämpfte Kölbchen 
aus jenenser Glas von etwa 100 ccm Inhalt. 

Zum Verschluss waren paraffinierte Korkstopfen verwendet, 
welche durch Bleikappen am Abfliegen verhindert wurden. Die 
Kölbchen selbst waren mit Bleiplatten beschwert. Die zu den Ver- 
suchen dienende Brombernsteinsäure war von Kahlbaum in Berlin 
bezogen. Sie enthielt wechselnde Mengen (bis zu 15 "/o) Fumar- 
säure und musste deshalb sorgfältig gereinigt werden. Nachdem zu 
diesem Zweck verschiedene Lösungsmittel, Aceton u. a., benutzt 
worden waren, stellte sich als das zweckmässigste Verfahren folgendes 
heraus. Die Brombernsteinsäure wurde in möglichst wenig kaltem 
Wasser gelöst , wobei die Fumarsäure beinahe vollständig zurück- 
blieb. Diese wässrige Lösung wurde dann mit reinem Aether ausge- 
schüttelt, der ätherische Auszug durch Stehen über entwässertem 
Glaubersalz getrocknet und die Säure durch Verdunstenlassen des 
Aethers zurückgewonnen. Falls einmalige Reinigung nicht genügte, 
wurde sie solange wiederholt, bis eine Säure resultierte, die 
bei der Titration höchstens um 0,1 °/o vom theoretischen Werte 
differierte. Zu den Titrationen wurde Barytwasser in zwei Nor- 
malitäten (etwa Yio und ^/öo n) verwendet. Die Titerstellung geschah 
teils gewichtsanalytisch, teils gegen Oxalsäure, der Titer wurde 

» Ostwald, Journal f. prakt. Chem. Bd. 29 S. 388 u. Bd. 31 S. 308. 
- ÜsiWALD, Zeitsclir. f. pliys. Chem. Bd. 35 S. 216. 



5] 



TiEBER DIE ZeRSETZUNGSGESCHWINDIGKEIT DER BrOMBERNSTEINSÄURE, 



häufig kontrolliert. Die Herstellung der Versuchsflüssigkeiten ge- 
schah durch Verdünnen einer Urlösung mit Pipetten. Sämtliche 
Flüssigkeiten waren vorher auf die Versuchstemperatur gebracht, 
sodass eine Temperaturkorrektion nicht nötig war. Ebenso wurde bei 
den Versuchen mit Säurezusatz verfahren. Ein Beispiel kann die er- 
reichte Genauigkeit am besten zeigen. Gelöst wurden 4,925 Gramm 
Brombernsteinsäure in 250 ccm Wasser = 0,2 n. Durch Titration 
gefunden 0,J998 n, die Verdünnung geschah nach folgendem Schema. 



8. 


W. 


Ti gef. 


Ti ber. 


100 





0,1998 


0,200 


50 


50 


0,0999 


0,100 


30 


70 


0,0602 


0,0600 


20 


80 


0,01996 


0,0200 


10 


90 


0,00995 


0,0100 



In dieser Tabelle bedeutet S die Anzahl ccm 0,2 n Säure, 
\V die Anzahl cbcm Wasser, Ti gef., den durch Titration gefun- 
denen Titer, Ti ber. den aus 0,2 berechneten Titer. 

Bei den Versuchen mit Salzsäure wurde genau 2 n Säure zum 
Zusetzen verwendet. Die Bestimmung der Geschwindigkeit geschah 
durch Titration von je 5 oder 10 ccm der Versuchsflüssigkeit. 
Zur Verwendung kamen nur geaichte Messgeräte. 

Messungen und Berechnung- derselben. 

Im folgenden gebe ich nun die Tabellen über sämtliche Ver- 
suche, welche zu den Berechnungen verwendet worden sind. In der 
ersten Kolonne wird die Zeit in Stunden, in der zweiten die jeweils 
verbrauchten ccm Barytwasser, in der dritten die daraus berechnete 
Normalität stehen. Bei den Versuchen mit Säurezusatz wird in der 
vierten Kolonne die Differenz zwischen Gesamtnormalität und Nor- 
malität der zugesetzten Säure stehen. 



Zeit 


Titer 


Norm. 


Zeit 


Titer 


Norm 


Versuch 1 


Versnch 2 





44,9 


0,2466 


0,0 


17,88 


0,1998 


7,435 


46,9 


0,2580 


2,083 


18,05 


0,2017 


23,36 


49,0 


0,2630 


5,550 


18.64 


0,2083 


48,03 


51,1 


0,2807 


7,367 


18,86 


0,2107 


102,3 


54,3 


0,2983 


23,034 


20,20 


0,2258 


198,2 


57,2 


0,3142 


29,450 


20,69 


0,2312 


311,4 


60.2 


0.3307 


49,617 


21,40 


0,2391 








73,55 


22,14 


0,2474 



Wolf Müller: 



[6 



Zeit 


Titer 


Norm 


Zeit 


Titer 


Norm 


Versuch 3 


Versuch 4 



5,000 
32,66 
51,91 
95,66 
167,1 
287,7 
oo 


16,9 

17,6 

19,7 

20,25 

21,3 

25,8 

27,1 

28,8 


0.1964 
0,2046 
0,2192 
0,2353 
0,2476 
0,2612 
0,2743 
0,2915 



1,000 
5,168 
8,168 
18,60 
42,42 
66,08 
89,25 
138,7 
oo 


8,95 
9,05 
9,55 
9,85 
10,50 
11,3 
11,7 
12,0 
12.4 
13,1 


0,1043 
0,1054 
0,1138 
0,1147 
0,1223 
0,1316 
0,1363 
0,1398 
0,1444 
0,1526 


Versuch 5 


Versuch 6 



16,92 
39,92 
66,33 
142,8 
192,5 
241,0 


4,50 
5,25 
5,71 
5,90 
6,30 
6,48 
6,55 


0,1006 
0,1173 
0,1276 
0,1319 
0,1406 
0,1448 
0,1464 




2,167 

5,417 

7,367 

23,034 

29,584 

49,634 

73,634 


8,94 

9,06 

9,50 

9,70 

10,60 

10,83 

11,34 

11,75 


0,09989 

0,1012 

0,1062 

0,1084 

0,1184 

0,1210 

0,1267 

0,1313 


Versuch 7 


Versuch 8 




24,583 

69,2 

95,2 
141,833 
233,333 


4,44 
5,29 
5,72 
5,90 
6,10 
6,35 


0,09922 
0,11824 
0,12782 
0,13186 
0,13632 
0,14192 




7,383 

48,85 

79,683 

102,683 

120,166 

192,916 


8.89 
9,71 
10,72 
11,50 
11,80 
12,00 
12,55 


0,09934 

0,1085 

0,1198 

0,1285 

0,1319 

0,1341 

0,1401 


Versuch 9 


Versuch 10 




7.084 
22,87 
47,37 
101,5 
197,55 
311,2 


17.95 

20,05 

20,7 

21,7 

23,05 

24,35 

25,2 


0,0986 
0,1101 
0,1137 
0,1192 
0,1266 
0,1338 
0,1384 



16,633 
24,1 
54,933 
78,033 
95,5 
168,25 


5,24 
5,78 
6,58 
7,10 
7,25 
7,33 
7,66 


0,05854 

0,06458 

0,07352 

0,07934 

0,081 

0,08191 

0,08559 



Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 



Zeit 


Titer 


Norm. 


Zeit Titer 


Norm. 


y ersuch 11 


Versuch 12 




1,067 

2,633 

5,716 

7,416 

23,133 

29,749 

48,916 


21,25 

21,40 

21,73 

22,80 

23,310 

26,09 

26,75 

28,37 


0,06024 

0,06066 

0,0616 

0,06463 

0,06607 

0,07396 

0,07582 

0,08043 



7,55 
23,37 
47,68 
102,0 
198,3 
311,4 


9,15 
10,10 
10,95 
11,65 
12,35 
12,9 
13,2 


0,05026 
0,05509 
0,06015 
0,06399 
0,06784 
0,07086 
0,07251 


Versuch 13 


Versuch 14 



6,8 
24,267 
55,08 
78,13 
95,63 
168,363 


4,49 
4,95 
5,15 
6,15 
6,24 
6,30 
6,57 


0,05018 
0,05506 
0.05755 
0,06873 
0.06973 
0,07039 
0,07342 




0,833 

3,216 

4,216 

5,833 

21,616 

30,799 

48,466 

95,883 


14,2 

14,29 

14,7 

15,03 

15,53 

17,98 

18,66 

19,44 

20,52 


0,04025 
0,04051 
0,04167 
0,04261 
0,04403 
0,05097 
0,05289 
0,05511 
0,05817 


Versuch 15 


Versuch 16 




3,316 

4,316 

6,233 

21,716 

30,883 

48,5 


10,60 
11,05 
11,29 
11,71 
13,94 
14,30 
14,92 


0,03005 

0,03133 

0,03201 

0,0332 

0,03952 

0,04053 

0,0423 




3,167 

4,167 

6,050 

21,600 

30,783 

48,35 


7,25 
7,5 
7,66 
7,97 
9,55 
9,90 
10,25 


0,02055 
0,02126 
0,02171 
0,02259 
0,02706 
0,02807 
0,02906 


Versuch 17 


Versuch 18 




1,167 

2,617 

5,733 

7,483 

23,116 

29,749 

49,949 


7,04 
7,11 
7,29 
7,85 
8,10 
9,55 
9,71 
10,19 


0,01996 
0,02016 
0,02066 
0,02225 
0,02296 
0,02707 
0,02752 
0,02888 



1,317 
8,400 
4,400 
6,367 
21,867 
31,067 


3,54 
3,57 
3,74 
3,86 
4,13 
5,00 
5,18 


0,01003 

0,01012 

0,0106 

0,01094 

0,01171 

0,01417 

0,01468 



Wolf Müller: 



[8 



Zeit 


Titer 


1 Norm 

1 


Versuch 19 





3,51 


0,00995 


2,533 


3,52 


0,00997 


5,583 


4,00 


0,01134 


7,416 


4,27 


0,0121 


23,033 


4,99 


0,01414 


29,633 


5,15 


0,0146 


48,833 


5,21 


0,01477 



Versuche unter Zusatz von Broiiiwasserstoffsäure. 



Zeit 


Titer 


Norm 


Norm. 
— a 


Zeit 


Titer 


Norm 


Norm 
— a 


Versuch 20 


Versuch 21 





19,1 


0,2219 


0,1969 





21,1 


0,2452 


0,1952 


5,017 


19,3 


0,2243 


0,1993 


4,968 


21,3 


0,2476 


0,1976 


32,67 


20,6 


0,2394 


0,2144 


32,60 


22,20 


0,2580 


0,2080 


51,94 


21,25 


0,2470 


0,2220 


51,88 


22,8 


0,2650 


0,2150 


95,67 


22,3 


0,2592 


0,2342 


95,63 


23,8 


0,2766 


0,2266 


167,1 


27,02 


0,2735 


0,2485 


167,2 


28,25 


0,2910 


0,2410 


287,7 


28,50 


0.2885 


0,2635 


287,7 


30,35 


0,3073 


0,2573 


oo 


31,2 


0,3159 


0,2909 


oc 


32,3 


0,3270 


0,2770 


Versuch 22 


Versuch 23 





25,4 


0,2952 


0,1952 





31,35 


0,3643 


0,1952 


4,985 


25,5 


0,2963 


0,1963 


5,00 


31,35 


0,3643 


0,1952 


32,61 


26,15 


0,3039 


0,2029 


32,60 


31,9 


0,3708 


0,2017 


51,90 


26,65 


0,3097 


0,2097 


51,90 


32,2 


0,3743 


0,2052 


95,65 


27,4 


0,3181 


0,2181 


95,62 


33,0 


0,3835 


0,2144 


167,2 


32,25 


0,3264 


0,2264 


167,2 


38,95 


0,3943 


0,2252 


287,7 


34,42 


0,8484 


0,2484 


287,7 


40,7 


0,4120 


0,2429 


CO 


38,4 


0,3886 


0,2886 


CXD 


45,45 


0,4600 


0,2909 



Versuche unter Zusatz von Salzsäure. 



Zeit Titer 


Zeit 


Titer 


Zeit 


Titer 


Zeit 


Titer 


Versuch 24 


Versuch 25 


Versuch 26 


Versuch 27 





47,0 





48,8 





25,70 





26,56 


16,42 


47,31 


24,583 


48.9 


16,58 


25,91 


24,5 


26,72 


39.42 


47,52 


66,05 


49,18 


39,58 


26,12 


66,083 


26,85 


230 


47,53 


141,583 


49,16 


66,17 


26,12 


95,166 


26,84 






233,67 


49,40 


142,42 


26,28 


141,749 


26,85 










192,2 


26,33 


233,58 


27,15 










240,8 


26,42 







9] Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 9 



Zeit 


Titre 


Norm 


Norm 

— a 


Zeit 


Titre 


Norm 


Norm. 
— a 


Versuch 28 


Yersuch 29 





13,09 


0,2925 


0,0997 





13,2 


0,2950 


0,0992 


16,78 


13,19 


0,2947 


0,1019 


24,583 


13,48 


0,3012 


0,10.54 


39,75 


13,25 


0,2959 


0,1031 


69,2 


13,55 


0,3028 


0,1070 


66,25 


13,40 


0,2994 


0,1066 


141,783 


13,77 


0,3078 


0.1120 


142,6 


13,57 


0,3032 


0,1104 


95,2 


13,62 


0,3044 


0,1086 


192,4 


13,67 


0,3055 


0,1127 


233,533 


13.99 


0,3126 


0,1168 


240,9 


13,70 


0,3069 


0,1141 











20 



Yersuch 



21 



22 



23 



28 



29 



a = 0,025 



a = 0,05 



a = 0,l 



:0,1691 «=0,1983 



0=0,1958 



Die letzte Tabelle giebt die Normalität a der in den ver- 
schiedenen Fällen zugesetzten Säure. 

Die zur Berechnung der Versuche notwendigen stöchiometri- 
schen Beziehungen ergeben sich leicht aus der Reaktionsgleichung: 

Q Äj Oi Bf = Ci Hi üi + HBr. 

für 1 Molekül zersetzte Brombernsteinsäure nimmt die Normalität 
um 1 zu. Der Titer, in Normalität gerechnet, ändere sich von Tq 
auf Tx-i dann ist Tx—Iq die gebildete Bromwasserstoffsäure, ^^TIc—T'öJ 
die gebildete Fumarsäure, daraus folgt der Titer der noch vorhan- 
denen Brombern.steinsäure 

Cx = Tx- (Tx - To) - 2CTx - To) = STq - 2Tx. 

Zur Bestimmung der Reaktionsordnung wurde nun versucht, 
die Molekülzahl nach Van'tHoff^, sowie nach der NoYEs'schen^ 
Modifikation dieser Methode zu bestimmen. Dieser Versuch ergab 
jedoch sehr schwankende Zahlen und es zeigte sich, dass die zur 
Berechnung verwendeten Anfangs -Werte unter dem Einfluss der 
chemischen Induktion standen. Da diese ein Ansteigen der Ge- 
schwindigkeit in der ersten Reaktionsperiode bedeutet, so entsprachen 



' Van't Hofe, Studien /,. cliem. Dynamik. Deutsclie Aus<rabe. Leipzig 1896. 
S. 105. - NoYES, daselbst S. 106. 



10 



Wolf Müller: 



[10 



die nach dieser Methode gewonnenen Werte, die alle unter 1 lagen, 
natürlich nicht dem wirklichen Sachverhalt. Weiterhin wurden 
Konstanten nach den Gleichungen erster und zweiter Ordnung be- 
rechnet, die aber auch entschieden einen Gang zeigten. 

Ein Blick auf die Versuche mit Säurezusatz zeigte nun, dass 
dieser entschieden verlangsamend auf die Reaktion einwirkt. Es wurde 
deshalb eine solche Reihe, bei welcher der anfänghche Säurezusatz 
gross war gegen die im Verlauf der Reaktion sich bildende Säure- 
menge, zur Berechnung verwendet. Hierdurch wurde eine Aenderung 
des zu Grunde liegenden Reaktionsverlaufes durch die sich bildende 
Bromwasserstoffsäure vermieden. Es zeigte sich dabei, dass die 
Reaktion einen monomolekularen Charakter hatte, wie aus folgender 
Tabelle über den Versuch No. 26 hervorgeht. 



t 

(in Stunden) 


Tx 


1 ^0 
^^^ 3To-2Tx 


KIO^ 


142,4 
192,2 

240,8 


0,1125 
0,1137 
0,1156 


0,0132 
0,0146 
0,0170 


9,1 

7,6 

7,1 



Es liegt also ein monomolekularer Vorgang zu Grunde, der 
durch die sich bildende Bromwasserstoffsäure katalytisch verzögert 
wird. Es soll nun die Gleichung für diesen Fall aufgestellt werden. 

Bekanntlich entspricht der Differentialgleichung für die Reaktion 
erster Ordnung 

— =r Ä • c das Integral log —- — ki • t, 

dt Cx 

der Differentialgleichung für die Reaktion zweiter Ordnung 

^ = k • c'^ das Integral -^ ^^r- ^= k2 - t. 

dt ^0 ' ^^ 

In diesen Gleichungen bedeutet Cx die Konzentration der rea- 
gierenden Molekülart, Cq deren Anfangskonzentration, k die Reak- 
tionskonstante und / die Zeit. 

Um die Gleichung auf unseren Fall anzuwenden, müssen wir c 
durch den oben erhaltenen Ausdruck 

3 To- 2 Tx 

ersetzen, dann ist die Anfangskonzentration Tg. Die Gleichungen 



1 1 1 Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 1 1 
lauten dann: 



Tq (3To-2 Tx) 

AVirkt nun die entstehende Bromwasserstoffsäure verzögernd 
ein, so müssen wir ihre Konzentration in Rechnung setzen. 

Diese Konzentration ist gleich Tx — Tq. Da nun cx = 3 Tq 

Cr. Cx 

— 2 Tx und Cq — Tq ist, so ist C Bromimsserstoffsmire = — ^ Wird 

dieser Ausdruck in den Geschwindigkeitsansatz eingesetzt und zwar 
unter der Annahme, dass die Geschwindigkeit dem jeweiligen Gehalt 
an Bromwasserstoffsäure umgekehrt proportional sei, so erhält man 

dCx j Cx o 7 ^« 7 ^« 1 „ 

dt Cq — Cx Cq — Cx Cq — Cx 

Ist von vornherein Säure in der Konzentration a zugesetzt, so lautet 
der Ansatz 

dcx , Cx „ , Cx 



dt a ^ Cq — Cx 2a-\- Cq — Cx 
2 

, Cx , 1 

~ "^ 2a^ Cq — Cx 

Dieser letzte Ansatz geht für den Fall, dass Cq — Cx klein ist gegen 

ü in -^ = — • Cx über, und dieser Gleichung entspricht das 

dt a ' & 1 

Resultat, das in der obigen Tabelle mitgeteilt ist. Um die anderen 

Gleichungen zu integrieren, bringt man die gleichen Variabelu auf eine 

Seite und erhält 

- i^ojzJj^ . ^(^^ _ ^^ Lff 2 a 

-C^^^^.=Z^.dcx = ks^dL 2 b 

Die Ausdrücke auf der linken Seite lassen sich leicht in zwei 
vollständige Differentiale zerlegen ; das Integral der Gleichung lautet 
dann 

— Cq ' hl Cx + Cx — ks t + const. 3 a 

— (2 a -\- Cq) • In Cx + Ca; = A^/ + const. 3 b 



12 



Wolf Müller: 



[12 



Die Integrationskonstante ist dadurch bestimmt, dass für 
t = o auch Cx = Cq wird. Es lauten dann die Gleichungen 



Co • In ;r. — Cco - Cx) = ks t 



(2 a + c^)) In -^ — ^r^ — Cx) = k^t, 

Cx 



4a 



4b 



oder wenn die andere Ausdrucksweise eingeführt wird und der na- 
türliche Logarithmus durch den BiiiGG'schen ersetzt wird 



2M26 • Ta • log 



'0 



2,3026 ■ (2(1 + Tq) • log 



3To-2Tx 

To 



3To- 2 Ti 



-2CTx - To)-=k3t 5a 

- 2(Tx'' To) = k:it. 5b 



Nachdem so die giltigen Beziehungen aufgestellt sind, folgen 
jetzt zwei Tabellen, in denen als Beispiel die nach verschiedenen 
Gleichungen berechneten Konstanten gegeben werden sollen. Es 
folgt dazu 

Versuchsreihe 7. 
Tq -= 0,09922; t in Stunden: 



t 


3To-2Tx 


Tx - To 


Kilo 3 


K2 10 i 


K,W' 


24,58 


0,06118 


0,01902 


8,5 


2,6 


4,6 


69,2 


0,04202 


0,0286 


6,8 


1,9 


4,1 


95,2 


0,03394 


0,03264 


4,9 


2,0 


4,3 


141,83 


0,02502 


0,03710 


4,2 


2,1 


4,4 


233,333 


0,01382 


0.04270 


3,7 


2,6 


4,7 



Versuchsreihe 13. 
Tq = 0,05018: t in Stunden: 



t 


3 To — 2 Tx 


Tx-To 


KilO^ 


K2IOI 


KslO^ 


55,08 

78,13 

95,63 

168,36 


0,0131 
0,01108 
0,00976 
0,00370 


0,0185 
0,0195 
0,0202 
0,02324 


10,6 

8,4 
7,4 
6,7 


12,9 
9,0 
8,6 

14,9 


5,5 

4,7 
4,3 
5,0 



13] Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 13 

Betrachtet man die hier berechneten Konstanten, so sieht man 
sofort, dass die Gleichung 5a dem Reaktionsverlauf am besten ent- 
spricht. Die Gleichung für einen bimolekularen Verlauf, welche eine 
steigende Konstante erzielt, ist auch deshalb unmöglich, weil die 
Konstanten für verschiedene Konzentrationen stark diflerieren. Es 
folgen Berechnungen der Konstanten nach Gleichung 5a für ver- 
schiedene Konzentrationen. 

Versuchsreihe 2. 

Tq = 0,1998; t in Shinden: 



t 


3 Tq — 2Tx Tx — Tq 


KlQi 


23,034 
29,45 
49,62 
73,55 


0,1478 
0,1370 
0,1212 
0,1046 


0,0260 
0,0314 
0,0393 
0,0476 


3,6 
4,3 
4,3 
4,7 


4,2 



Versuchsreihe 4. 
Tq = 0,1043; t in Stunden: 



t .5 T() — 2 Ix 


Tx — Tq 


K l(ß 


18,6 
42,42 
66',08 
89,25 
138,7 


0,0683 
0,0497 
0,0403 
0,0333 
0,0241 


0,0180 
0,0273 
0,0320 
0,0355 
0,0401 


4,4 
5,4 
5,3 
5,4 
5,2 






5,1 



Versuchsreihe 9. 

Tq = 0,0980; t in Stunden: 



t 3To-2Tx 


Tx — Tq 


KIO^ 


22,87 
47,37 
101,5 
197.55 
311,2 


0,0684 
0,0570 
0,0426 
0,0282 
0,0190 


0,0151 
0,0206 
0,0280 
0,0352 
0,0398 


2,6 
2,6 
2,6 
2,7 
2,7 








2,64 



14 



Wolf Müller: 

Yersuchsreihe 12, 
Tq = 0,05026 ; t in Shinden. 



[14 



t 


3Tq — 2Tx 


Tx — Tq 


KlQi 


23,3 

47,68 

102,0 

198,3 

311,4 


0,03048 

0,0228 

0,0151 

0,00906 

0,00576 


0,00989 

0,01373 

0,01758 

0,0206 

0,02225 


2,3 
2,6 
2,5 
2,3 
2,1 


2,4 



Versuchsreihe 16. 
Tq = 0,02055; t in Slimden : 



t 


3 Tq — 2 Tx 


Tx — Tq 


K 10^ 


21,60 

30,783 

48,35 


0,00753 
0,00551 
0,00353 


0,00651 
0,00752 
0,00851 


3,5 
3,9 

4,0 


3,8 



Versuchsreihe 19. 
0,00995; t in Stunden: 



t 


3Tq-2Tx 


Tx — Tq 


KIO^ 


23,03 
29,63 
48,83 


0,00157 
0,00065 
0,00031 


0,00419 
0,00465 
0,00482 


4,4 
6,0 
5,1 


5,2 



Bei diesen Berechnungen sind die im ersten Drittel der Re- 
aktion gelegenen Zahlen weggelassen, weil sie, wie schon oben be- 
merkt, der Anfangsbeschleunigung wegen steigende Werte ergaben. 

Auf diese Art und Weise wurde das ganze Versuchsmaterial 
durchgerechnet; in der folgenden Tabelle stehen die Mittelwerte 
der Konstanten für die verschiedenen Konzentrationen, wobei die 
um einen Mittelwert liegenden Konzentrationen einfach zusammen- 
ijenommen worden sind. 



15] 



Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 15 



0,25 


0,2 


0,1 


0,06 


0,06 


0,04 


0,03 


0,02 


0,01 


3,2 


4,2 


5,1 


5,3 


2,4 


4,9 


5,1 


3,8 


4,9 




4,7 


5,9 
4,5 
4,4 
3,9 
2,6 


4,7 


4,9 






4,9 


5,2 


3,2 


4,5 


4,4 


5,0 


3,7 


i,^ 


5,1 


4,4 


5,1 



In dieser Tabelle bedeuten die Ueberschriften die Konzentra- 
tionen, die darunterstehenden Zahlen die erhaltenen Konstanten. 
Die Uebereinstimmung ist bei der verschiedenen Herkunft der Zahlen 
eine vollständig genügende, da die Temperatur der Thermostaten 
bei den länger dauernden Versuchen auf nicht mehr als 0,3° garan- 
tiert werden kann, und nach Ausweis der Beobachtungsprotokolle 
von 49,8'' bis 50,3° differiert. Da ferner die Versuche an verschie- 
denen Orten mit verschiedenen Thermometern angestellt wurden, so 
ist eine Verschiedenheit der Temperatur um 0,5° bis 1° nicht aus- 
geschlossen. Eine solche Temperaturdifferenz ändert aber die Ee- 
aktionsgeschwindigkeit um 25 bis 30 7o. Eine genaue Temperatur- 
korrektion wurde nicht angebracht, weil die Konstanten den Gang 
der jeweiligen Versuchstemperaturen zeigten, welche sich immer in 
der Nähe von 50 ° bewegten. 

Da aber andererseits die Konzentration der Lösungen in den 
sehr weiten Grenzen von 0,25 n bis 0,01 n, also um das 25 fache 
geändert wurde, so können wir das Mittel aus den obigen Kon- 
stanten 4,5 • 10-^ als die Konstante der Reaktion bei 50° ansehen. 

Geht man nun zur Berechnung der Versuche mit Säurezusatz 
über, so handelt es sich hier um die Versuche 20 — 23 mit Brom- 
wasserstoffsäure, 24 — 29 unter Salzsäurezusatz. Was die Versuche 
unter Zusatz von normaler und halbnormaler Salzsäure anlangt, 
ist bei diesen die Aenderung der NormaUtät zu gering, als dass 
Konstanten daraus hätten berechnet werden können. 

Die Lösung No. 24 z. B. ändert ihren Titer in 230 Stunden 
von 47,0 auf 47,53 ccm, d. i. etwa 1 °/o des Gesamtwertes. Auf 
die ßrombernsteinsäure berechnet, sind das ja etwa 10°/o, also von 
4,4 auf 5,0 ccm. Die Aenderungen sind jedoch so unregelmässig, 
dass zufällige Verluste, die bei der langen Versuchsdauer durchaus 
nicht ausgeschlossen sind, an dieser Aenderung auch beteiligt sein 
können. 



16 



Wolf Müller: 



[16 



Man kann also sagen, dass ein Zusatz von normaler Salzsäure 
zu ^I^Q ji Brombernsteinsäure die Reaktion beinahe vollkommen 
hemmt. 

Die für diese Versuche geltenden Gleichungen sind schon weiter 
oben abgeleitet worden. Es ist die Gleichung 5 b 

To 



2,306 C2a + To) • log 



2CTx - To)^kt 



3Tx-2To 

welche für den Fall, dass die Konzentration der gebildeten Broni- 
wasserstoffsäure klein ist, in die einfache monemolekulare Gleichung 

To 



2 a ■ log 



sn 



2Ta 



kl t 



übergeht. Hierfür ist ein Beispiel ebenfalls weiter oben gegeben. 
a bedeutet die Konzentration der zugesetzten starken Säure in Nor- 
malität, wobei natürlich die Natur derselben gleichgiltig ist. Die 
folgenden Tabellen beziehen sich auf Versuchsreihe 20 und 22. 

a = 0,025 Tq = 0,1969; t in Stunden: 



t 


3To- 2Tx 


Tx - Tq 


KIO^ 


32,67 
51,94 
95,67 
167,1 

287,7 


0,1619 
0,1467 
0,1223 
0,0937 
0,0637 


0,0175 
0,0251 
0,0373 
0,0516 
0,0666 


4,1 

4,3 
4,5 
4,8 
5,1 


4,7 



0,J00 To ■= 0,1952; t in Stunden : 



t 


3 Tq — 2 Tx 


Tq— Tx 


K 10^ 


32,6 
51,9 
95,65 
167,2 

287,7 


0,1798 
0.1662 
0,1484 
0,1328 
0,0888 


0,0077 
0,0145 
0.0229 
0,0312 
0,0532 


5,3 
6,7 
6,3 
5,4 
7,1 


6,2 



Die Konzentration der zugesetzten Bromwasserstoffsäure war 
a = 0,025 und a = 0,l w, der steigende Gang der Konstante er- 
klärt sich durch eine Temperatursteigerung während des Versuches, 
sie zeigt sich auch an dem Steigen der Konstanten eines Kontroll- 



17] Ueber die Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 17 



Versuches ohne Säurezusatz. Die Konzentration der Brombern- 
steinsäure ist dabei 0,2 n gewesen. Es folgt jetzt eine Tabelle über 
Versuch 28 mit 0,1 n Brombernsteinsäure und etwa 0,2 n Salz- 
säure. 

a = 0,1928 Tq = 0,0997; l in Stunden 



t 


3 Tq — 2 Tx 


Tq — Tx 


KIO^ 


39,75 
66,25 

142,6 

192,4 

240,9 

* Das Mitt 
genoninien. 


0,0929 0,0034 
0,0859 0,0069 
0,0783 0,0107 
0,0737 0,0130 
0,0709 0,0144 

el ist unter Ausschluss der Beo 


6,7 

8,8* 

6,7 

6,3 

5,7 


6,4 
bachtung 2 



Die Grössenordnung der Konstanten, die bei den Versuchen 
mit Säurezusatz erhalten sind, ist die gleiche, wie bei den Versuchen 
ohne Säurezusatz. Es folgt daraus, dass das aufgestellte Gesetz 
auch beim weitesten Variiren der Versuchsbedingungen in grosser An- 
näherung den Reaktionsverlauf wiedergiebt. Die Aufstellung der 
Reaktionsgleichung war eine rein empirische, es soll deshalb im 
nächsten Teil der Untersuchung versucht werden, die gefundenen 
Thatsachen auch theoretisch zu betrachten. 



Theorie der gc undeueu (xleichimg. 

Zu diesem Zweck knüpfei. wir am besten an die Arrhenius ^- 
EüLER'schen^ Ansichten über chemische Reaktionsgeschwindigkeit 
bezw. Katalyse an. 

Zur Erklärung des abnormen Temperaturkoeffizienten der 
Reaktionsgeschwindigkeit hat Arrhenius eine Theorie aufgestellt, 
welche seiner elektrolytischen Dissociationstheorie nachgebildet war. 
Diese Theorie geht von der Anschauung aus, dass in einem Ge- 
menge , in welchem eine Reaktion mit messbarer Geschwindigkeit 
vor sich geht, nicht alle Moleküle an der Reaktionsgeschwindigkeit 
teilnehmen, sondern nur ein kleiner Teil, den er den aktiven nennt. 

Vermehrt sich nun bei steigender Temperatur der aktive Teil 
auf Kosten des inaktiven, so muss sich die Reaktionsgeschwindig- 



' Arrhenius, Zeitschr. f. phys. Chem. 4, 266. 
2 Euler, Scliwed. Akad. Ber. 1899. 309. 
Berichte XIII. 



18 Wolf Müller: [18 

keit mit der Temperatur ähnlich ändern, wie z. B. der Dissociations- 
grad des reinen Wassers. Das Gesetz einer derartigen Aenderung 
lässt sich durch eine Exponentialfunktion darstellen, in welche 
Form Akrhenius das Gesetz auch gekleidet hat. Aus Versuchen 
von Erikson, welche zeigen, dass die Auflösungsgeschwindigkeit 
von Zink in verdünnten Säuren von der Temperatur unabhängig 
ist, kann weiter geschlossen werden, dass die WasserstofFjonen als 
vollkommen aktiv zu betrachten sind'. Von dieser Thatsache aus- 
gehend, stellte Euler die Hypothese auf, dass der aktive Anteil in 
den Betrachtungen von Arrhenius der elektrolytisch -dissociierte 
sei. Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich nun jede chemische 
Katalyse als eine Aenderung des Dissociationsgrades der reagierenden 
Bestandteile dar. Bei Anwendung dieser Anschauung auf die bis 
jetzt beststudierten katalytischen Prozesse, die Rohrzuckerinversion 
und die Esterkatalyse, kam er jedoch zu chemisch nicht befriedigen- 
den Resultaten, und die Schwierigkeiten einer Erklärung positiver 
Katalysen auf diesem Wege scheinen noch nicht gehoben zu sein. 
Anders hegt der Fall bei der hier studierten Brombernstein- 
säurezersetzung. Es lässt sich leicht zeigen, dass die Annahme der 
Jonen als wirklich reagierender Bestandteile zu demselben Ansatz 
führt, welcher weiter oben rein empirisch gefunden worden ist. Der 
wirklich reagierende Körper wäre in unserem Fall dann entweder 
das Jon 

Q Ih Ö4 Br oder C^H^ Ö^ Br, .-. 

welches von beiden es ist, bleibt für unsere Betrachtungen gleich- 
giltig, da die Koncentration der beiden durch ein Gleichgewicht mit 
einander verbunden ist. Betrachten wir der Einfachheit halber das 

Jon Cj^ H^ 04^ Br und bezeichnen es mit Brb , so gilt die Gleichgewichts- 
bedingung 

CBrh . C H _ , 
CBrb ~ ' 

worin mit den verschieden bezeichneten C die Koncentration der 
am Gleichgewicht beteiligten Bestandteile bezeichnet sind. Setzen wir 
jetzt eine starke Säure zu, so wird dadurch das Gleichgewicht für 



' Nach neueren Arbeiten von Erikson und PäLMAER (Zeitschr. f. phys. 
Chem. Bd. 39, S. 1) scheint die Auflösung von Zink allerdings nicht rein dynamisch 
erklärt werden r.n können, weil dabei lokale elektrische Erscheinungen eine 
Hauptrolle spielen. 



19] 



Ueber die Zersetzüngsgeschwindigkeit der Brombernsteinsäüre. 



19 



die Brombernsteinsäure verschoben. Diese Gleichgewichtsverschiebung 
ist proportional der zugesetzten Menge starker Säure, solange man 

+ 
die Anzahl der /^-Jonen proportional der Konzentration der starken 

+ 
Säure setzen kann. Die //-Jonen, welche von der Brombernstein- 
säure geliefert werden , können den anderen gegenüber vernach- 
lässigt werden, weil die Dissociationskonstante der Brombernstein- 
säure gegen die der zugesetzten starken Säure klein ist. Die der 
Fumar- bezvv. der Apfelsäure entsprechenden //-Jonen können schon 
der Brombernsteinsäure gegenüber vernachlässigt werden. Ueber 
das Verhältnis der Koncentration der //-Jonen zur Brombernstein- 
säure geben einige Leitfähigkeits- und Inversionsversuche Auskunft. 



CSrb 


Chci 


h 


X, 


A, 


A, 


110^ 


A, 


0,1 
0,1 
0,1 

0,1 


0,1 

0,075 

0,05 

0,025 


0,0372 
0,0285 
0,0200 
0,0112 


0,04 
0,029 
0,020 
0,011 


8,7 
8,5 
8,7 


11 

9 
9 


3,877 
2,899 
1,936 
1,065 


0,973 
0,963 
0,871 



In der Tabelle steht in der ersten Kolonne die Koncentration 
der Brombernsteinsäure, in der zweiten die Koncentration der zu- 
gesetzten Salzsäure , in der dritten die Leitfähigkeit in reciproken 
Ohms und in der vierten die Leitfähigkeit von HCl, dann die je- 
weiligen Differenzen in Einheiten der dritten Decimale, dann die 
Inversionskonstante und ihre Differenzen. Sämtliche Zahlen beziehen 
sich auf 25 °, die Leitfähigkeiten der Salzsäure sind aus den Zahlen 
von Ostwald ^ interpoliert. Man sieht, dass die Brombernsteinsäure 
auf die Wasserstoff jonenkoncentrationen keinen merklichen Einfluss 
mehr hat, wenn die Koncentration der starken Säure etwa 7^ ^^^ 
Brombernsteinsäure beträgt. Diese Zahlen sind natürlich nur An- 
haltspunkte für eine etwaige genauere Untersuchung der Verhältnisse. 
Gehen wir nun von der oben gegebenen Gleichung aus, so haben wir 

CBrb ■ Ch ^k 1 



CBrb 
CBrb + CBrb = Cx 



' KoHLRAUScu und lioLBORN, Leitfähigkeit der Elektrolyte, S. 167. 

2* 



20 Wolf Müller: [20 

/^ — k • Cx _ 

daraus LBrh = . ^— o 

und ^^'^^FTÖI^'' 

Setzt man die aus Gleichung 3 folgende aktive Masse in die 
Geschwindigkeitsgleichungen, so erhalten wir dann daraus 

_ dcx _ , k Cx 
^ U ~ '^' CH+~k 

Da nun k eine kleine konstante Grösse ist, so können wir sie 
gegen Cr vernachlässigen. Es fragt sich nun, wie Cr aus- 
gedrückt werden kann. Dies ist für die Anfangsstadien der Reak- 
tion sehr schwierig, lässt sich aber, wie aus der obigen Tabelle her- 
vorgeht, sehr leicht von da ab durchführen, wo die Koncentration 
der gebildeten oder starken Säure etwa V^ der vorhandenen Brom- 
bernsteinsäure beträgt. Man kann dann die Wasserstoffjonenkon- 
centration in erster Annäherung der starken Säuremenge propor- 
tional setzen. Diese Säuremenge ist aber 

Cq — Cx . Co — Cx 

bezw. n + 



2 ■ ' 2 ' 

setzen wir dies in die obige Gleichung ein, so erhalten wir 

dcx jr Cx , dcx j. Cx 

= A • — T— bezw. — = A 



dt~ Co-Cx dt , Co-Cx' 

dies ist aber genau der gleiche Ansatz, zu dem wir oben rein 
empirisch gekommen sind. 

Zu demselben Resultat kommt man übrigens, wenn man an- 
nimmt, dass der nichtdissociierte Anteil reagiert und die Reaktion 
von Wasserstoffjonen verzögernd katalysiert wird, doch erscheint die 
erstere Annahme bei weitem die plausiblere zu sein. 

Tersuche über die chemische Induktion. 

Bei der Berechnung der Versuche war das erste Drittel der Reak- 
tion der chemischen Induktion wegen nicht berücksichtigt worden. 
Es konnte deshalb unterlassen werden, eine Formel für die Disso- 
ciation der Brombernsteinsäure bei Gegenwart von sehr wenig 
starker Säure aufzustellen. Für den weiteren Verlauf genügen die 



21] 



Ueber die Zersetzungs&eschwindigkeit der Brombernsteinsäure. 



21 



eingeführten Mengen vollkommen, doch sollte dielNIöglichkeit nicht aus- 
geschlossen werden, dass bei genaueren Versuchen sich eine genauere 
Berücksichtigung der Dissociationsverhältnisse notwendig werden 
könnte. Könnte die erste Reaktionsi^eriode mit berücksichtigt 
werden, so wäre hier ein Eingehen auf diese Verhältnisse möglich; 
es sind deshalb einige Versuche angestellt worden, um zu sehen, ob 
diese Anfangsbeschleunigung auf äusseren Gründen beruhe oder 
nicht. Als Beispiel folge hier ein Versuch, der bezweckte, einen 
eventuellen Einfluss der Gefässwände zu konstatieren. Die Anord- 
nung war so, dass ein Geschwindigkeitsversuch wie gewöhnlich an- 
gesetzt wurde. Als dann nach einiger Zeit die Geschwindigkeit 
einen höheren Wert erreicht hatte, w'urde die Hälfte der noch 
vorhandenen Flüssigkeit in ein anderes vorgewärmtes Fläschchen 
gegeben. 

Folgende Tabelle zeigt das Resultat dieser Versuche: 



t I. 


IL 


Diff. 


12" 16 
2" 42 
3«44 
4» 56 


14,32 
14,62 
14,94 
15,24 


15,24 


0,3 

0,32 

0,30 



Man sieht, dass die Aenderung während der ersten zwei Stunden 
ebenso gross ist, wie die in der dritten, und ferner, dass der Wechsel 
des Gefässes keinen Einfluss hatte. Die Induktion hängt also nicht 
von der Natur der Gefässe ab. 



Schluss. 

Die Resultate der vorliegenden Untersuchung lassen sich kurz 
in folgendem zusammenfassen: 

1. Bei der Zersetzung der Brombernsteinsäure in wässriger 
Lösung bildet sich Bromwasserstoif und als organische Säure, je 
nach der Koncentration, Fumarsäure, oder ein Gemisch von Fumar- 
säure und Apfelsäure. 

2. Die Natur der gebildeten organischen Säure hat auf die 
Reaktionsgeschwindigkeit keinen Einfluss. 

3. Die Anwesenheit von starken Säuren wirkt verlangsamend 
auf die Reaktion ein, sodass die Zersetzung das Bild einer ver- 
zögernden Katalyse zeigt. 



22 Müller: Zersetzungsgeschwindigkeit der Brombernsteinsädre. [22 

4. Für die Zersetzungsgeschwindigkeit gelten die Gleichungen 

2,3026 To log _ „ ^%„ - 2CTx - Tq) = kl und 

2,3026 To (2 a + r,; log ^\ - 2CTx - To) = kl, 

welche durch Versuche in den Koncentrationsgrenzen 0,25—0,01 n, 
sowie für Zusatz von Brom- und Chlorwasserstoffsäure verifiziert 
wurden. 

5. Im Falle, dass sehr viel starke Säure zugesetzt ist, geht die 
Reaktion nach der monomolekularen Gleichung 

T 

(i log — — ^--— = kl t 

O Iq — < Ix 

vor sich. Die Reaktion ohne Zusatz ist also eine Autokatalyse, 
und zwar wirken starke Säuren als verzögernde Katalysatoren. Die 
Art der Katalyse lässt sich nach der EuLER'schen Hypothese als 
Dissociationsbeeinflussung darstellen. 

6. Die Reaktion zeigt die Erscheinung der chemischen Induk- 
tion, die von der Natur der Gefässwände unabhängig ist. 



Vorstehende Versuche wurden während der Sommerferien 1899 
im physikalischen Institut von Stockholms Hoegskola begonnen, nach 
längerer Pause im Sommer 1900 im physikalischen Institut zu 
Münster i. W. weitergeführt und in der philosophischen Abteilung 
des chemischen Institutes zu Freiburg i. B. vollendet. 

Ich spreche hier den Herren Direktoren der genannten Institute, 
Prof. Arrhenius und Gattermann, meinen besten Dank für ihre 
Unterstützung aus und gedenke dankbar der Förderung, welche 
mein verstorbener Chef in Münster, Herr Prof. Ketteler, meinen 
Bestrebungen zu teil werden liess. 



23j 



Ein Beitrag 

zur Kenntnis der Lagerungsverhältnisse 

in den Freiburger Alpen. 



Von 

H. Keidel. 

Mit 5 Figruren im Text. 



Freiburg, Greolog. Institut, Oktober 1901. 

Im Herbst dieses Jahres habe ich während einiger Wochen 
eine grössere Anzahl Begehungen in der Spielgerten-Hornfiuhkette 
unternommen , um einen Einbhck in ihre Lagerungsverhältnisse 
zu gewinnen. Die Ergebnisse scheinen mir nun interessant genug, 
um eine kurze Mitteilung darüber zu geben, zumal dieser Teil der 
Freiburger Alpen bisher sehr wenig bekannt geworden ist. Das von 
mir untersuchte Gebiet umfasst nicht die ganze Spielgerten-Horn- 
fluhkette, sondern ich habe mich in Anbetracht der kurzen Zeit, 
die mir zur Verfügung stand, auf die Bergzüge zu beiden Seiten des 
Simmenthaies beschränkt. 

Die Spielgerten und die Hornfluh bilden tektonisch ein Ganzes, 
aber sie werden durch das von Süden nach Norden verlaufende 
Thal der grossen Simme orographiscb in zwei Hälften zerlegt. Auf 
der rechten Thalseite liegen zwischen St. Stephan und Bettelried 
die Spielgerten. Sie steigen im Nordosten von St. Stephan in 
jähen Felswänden schnell zu bedeutender Höhe an und erreichen in 
ihrem hinteren schwer zugänglichen Gipfel 2472 m. 

Während sie sich nun nach Norden zum Bettelriedbach ab- 
dachen, kehren sie den Gipfeln der Niesenflyschzone und den Hoch- 
alpen im Süden steile Felsabstürze zu, deren Höhe zwischen 300 
und 400 m schwankt. Diese Steilwände wiederholen sich mehrmals 



Keidel : 



[24 



hinter einander; sie erstrecken sich nach Nordosten 7 — 8 km weit 
bis zum Thal des Grimmibaches , wo sie im See- oder Röthihorn 
noch eine Höhe von 2283 m erreichen. Der Gegensatz zwischen 
der ständig wiederkehrenden Steilseite im Süden und der nördlichen 
flacheren Abdachung wird allerdings ein wenig abgeschwächt durch 
das Vorhandensein grosser Kare auf der Nordseite, die durch ihre 
kesselartigen Austiefungen und durch den Terrainabsturz davor das 
Relief stark beeinflussen. Die beiden Bergzüge, die auf der rechten 
Thalseite im Norden des Bettelriedbaches auftreten, gehören nicht 
mehr zur Gruppe der Spielgerten ; und während diese nicht auf die 
linke Thalseite der grossen Simme hinübergehen, haben jene dort 
ihre Fortsetzung in den Höhen des Geishornes (1895 m), der 
Saanerslochfluh (1962 m) und der Hornfluh (1901 m), sowie in dem 
Bergrücken auf der Nordseite der kleinen Simme. Die Formen 
sind hier milder als in den Spielgerten, der südliche Steilabfall ist 
flacher; stellenweise verdecken ihn Bergstürze, an anderen Orten 
Geröllanhäufungen, und aus dem Grunde der Thäler geht der 
Moränenschutt auch an diesen steilen Flanken weit hinauf. Es fehlen 
ferner die scharfen und zerklüfteten Grate, die in den Spielgerten 
die Gestalt der Oberfläche beherrschen. 

Dieser Gegensatz hat seine Ursache darin, dass an dem Auf- 
bau der beiden Gebiete jeweils verschiedene Gheder der jurassischen 
Gesteinsfolge beteiligt sind. 

Die Spielgerten gehören den „Chaines calcaires" an, wenn man 
die Zoneneinteilung zu Grunde legt, die Schardt für die Voralpen 
aufgestellt hat, und zwar zur „Zone Sud" mit dem Dogger ä Mytilus 
(Zone axiale der Prealpes medianes wie sie Lugeon benennt). Ueber 
Gyps, ßauhwacke und Dolomit folgt als unterstes Ghed des Jura 
eine rote Crinoidenbreccie von feinkörnigem Gefüge. Sie gehört 
dem Lias an. Ich habe sie zwar nicht anstehend gefunden, wohl 
aber Bruchstücke auf den Halden, die den Fuss der Dolomit- 
wände entlang ziehen. So am Brunnenhorn und am Koerbeli- 
liorn. 

Dann folgt der Dogger, ausgezeichnet durch die Couches ä 
Mytilus. Er führt ferner Breccien und dunkle Sandkalke, die durch 
ihre gelbe Verwitterungsrinde auffallen. Sie enthalten Belemniten, 
Gasteropoden, Korallen u. s. w. Ein guter Aufschluss, besonders 
der Couches ä Mytilus, findet sich auf dem Grat, der zum hinteren 
Gipfel der Sijielgerten ansteigt, im Westen des Rothornes. In den 
Schutthalden unterhalb dieses Grates liegen grosse Blöcke der 



25] 



Die Lagerungsverhältnisse in den Freiburger Alpen. 



Breccie und des Versteinerungen führenden Sandkalkes. Ein schönes 
Doggerprofil ist aufgeschlossen am Fusse des Seehornes auf dessen 
Ostseite. 

Ueber dem Dogger folgt der Malm, als hellgrauer dichter, 
unter dem Schlag des Hammers sjalittrig springender Kalk, wie er 
in weiter Verbreitung in den „Chaines calcaires" der Freiburger Alpen 
und des Chablais auftritt, und wie er auch die Hauptmasse der 
Mythen zusammensetzt. Hier giebt er den Spielgerten ihre schroffen 
Formen ; er baut ihre beiden Hauptgipfel auf und zieht von dort 
in einer 300 — 400 m steil nach Osten abstürzenden Wand über den 
Pfad und den Frohmattgrat zum Seehorn. Am Fusse dieser Wand 
finden sich auf den Schutthalden Blöcke mit Nerineen. Mancher- 
orts, so südlich Frohmatt, am Hinterspielgerten, im Kar des Gant- 
horn-Geiershubel wird der Malmkalk weiss und rötlich ; er ist als- 
dann sehr kry stallin. 

In allen übrigen Höhenzügen, ausserhalb der eigentlichen Spiel- 
gerten, wie sie oben abgegrenzt worden sind, wird der Jura durch 
die sogenannte Hornfluhbreccie vertreten, die ebenso wie der Lias 
und der Dogger der Spielgerten über Triasdolomit und Rauhwacke 
liegt. Die Hornfluhbreccie entspricht der Breccie des Chablais, und 
ihrer Lage nach deren Stirnrand, der im Osten des Drancethales 
vom Pic de la Corne über St. Jean d'Aulph zieht. Sie liegt 
wie dieser unmittelbar im Norden der „Zone Sud", aber sie 
tritt auch mit Bruchstücken dieser Zone in tektonischen Verband 
in dem Bergrücken des Flühwalds nordwestlich von Zweisimmen, der 
einen viel komplexeren Bau besitzt als alle anderen Erhebungen der 
Spielgerten- Hornfluhkette in der Nähe des Simmenthaies. 

Die Hornfluhbreccie wird in ihren unteren Lagen aus Trias- 
fragmenten von verschiedener Grösse zusammengesetzt, wie sich das 
leicht an der Kumigalm beobachten lässt. 

Dann folgt darüber eine dunkelbraune oder dunkelblaugraue 
Crinoidenbreccie, in der sich die gelb-weisslich verwitternden Dolo- 
mitbruchstücke scharf abheben. In den höheren Lagen scheint die 
Grundmasse der Breccie ein blaugrauer Kalk zu sein, in dem der 
Dolomit in kleinen Bruchstücken etwa von der Grösse einer Erbse 
liegt. 

Mancherorts treten innerhalb der Breccie Kalkschiefer, helle 
und dunkle Thonschiefer auf, von denen die beiden letzteren häufig 
Pyrit in Würfeln führen. In einzelnen Lagen sind die Schicht- 
Üächen ganz damit bedeckt, und der Pyrit ist häufig in Brauneisen 



Keidel : 



[26 



umgewandelt. Diese Schiefer sind leicht mit denen des Flysches 
zu verwechseln, denen sie petrographisch sehr ähneln. Ihre strati- 
graphische Stellung ist der verwickelten tektonischen Verhält- 
nisse und der ausgedehnten Moränendecke wegen sehr schwierig 
zu ermitteln. Vielleicht gelingt das, wenn man alle Vorkommnisse 
der Hornfluhbreccie, auch die der Rubli-Gummfluh bei Saanen, mit 
in den Kreis der Untersuchung zieht. Es ist möglich, dass diese 
Schiefer eine facielle Abänderung der unteren Breccie darstellen, 
ich glaube aber, dass sie sich zwischen diese und die obere Abtei- 
lung einschieben. Man findet sie an der Kumigalm oberhalb 
Muntigen, dann bei Bettelried über der Eauhwacke im Norden des 
Baches, an der Blankenburg im Thal der Grossen Simme, rings vom 
Schuttkegel umgeben, der aus dem Bett des Bettelriedbaches herab- 
kommt. Man könnte sie hier auf den ersten Anblick für dichte 
und graue Couches rouges halten. Ischer hat sie hier auch als 
obere Kreide kartirt. Sie finden sich ferner nordwestlich von Zwei- 
simmen im Flühwald, in der Breccie oberhalb Richenstein und an 
anderen Orten. 

Die Schichtköpfe der Hornfluhbreccie sind überall durch 
die Vergletscherung und durch die Erosion zerstört worden. Da- 
her die abgerundeten Rücken und die flacheren Südabhänge im 
Gebiet der Breccie, die auffällig zu denen der Spielgerten im 
Gegensatz stehen, wennschon hier wie dort die Lagerungsverhält- 
nisse die gleichen sind. 

Von den Bildungen der Kreide fehlt das Neocom hier gänz- 
lich, das Cephalopoden führend in der „Zone Nord" mit dem Dogger 
ä Zoophycos, und in der „Zone des cols" an der Grenze gegen die 
Hochalpen in grosser Verbreitung auftritt. Dagegen erlangen die 
Couches rouges mancherorts eine bedeutende Mächtigkeit, wie am 
Pfad und am Frohmattgrat, Sie sind hier in der Form plattiger 
mergehger, rot und blassgrün gefärbter Kalkschiefer ausgebildet. 
Sie treten am Frohmattgrat und unterhalb des Viehsattels in den 
Spielgerten aber auch als fleischfarbene Kalke mit dünnen, grün 
gefärbten mergeligen Zwischenlagen auf, am ersteren Orte auch als 
dichte, mit scharfen Kanten springende Kalke, in denen das 
tiefste Rot ganz allmählich in ein lebhaftes Grün übergeht. Die 
grauen Kalkschiefer der Couches rouges, ausgezeichnet durch die 
Führung von Pyritwürfeln, die meist in Brauneisen umgewandelt 
sind, scheinen mir die tieferen Lagen einzunehmen. Die Couches 
rouges liegen nicht nur über dem Malm der Spielgerten, sondern 



27] Die Lagerüngsverhältnisse in den Freiburger Alpen. 5 

auch über der Breccie. Schardt schreibt allerdings 1898^, dass sie 
im Gebiete der Breccie wie überhaupt alle Kreidebildungen voll- 
ständig fehlen. Im Nordwesten von Zweisimmen zieht aber ein 
Band Couches rouges längs der Breccie, von Sparrenmoos bis gegen 
den Schwarzen See, auf dessen westlicher Seite die Ueberlagerung 
unzweifelhaft ist, ebenso wie zwischen den Hütten von Hinter- 
Schwarzensee und Vorder-Hüsliberg dicht am Bachbett auf dessen 
linkem Ufer. 

Nun folgt als nächstes Glied der Flysch, auch innerhalb der 
Spielgerten-Hornfluhkette; er ist von Ischer auf der geologischen 
Karte der Schweiz zum Teil als Jura, zum Teil als obere Kreide 
eingetragen worden. Dieser Flysch unterscheidet sich von dem der 
Niesenzone und des Hundsrück durch das gänzliche Fehlen der 
Breccien- und Conglomerate aus krystallin - exotischem Materiale. 
Wohl aber findet sich Diabas zwischen Stockbrunnen und Romen- 
stalden auf dem rechten Ufer der kleinen Simme'^ Es liegen hier 
dicht neben einander Blöcke des Diabases, sie bedecken gänzlich 
den Flysch; es ist aber der dichten Vegetationsdecke wegen schwer 
zu erkennen, in welcher Verbindung beide mit einander stehen. 
Diabasblöcke findet man auch auf der anderen Seite der kleinen 
Simme in der Moräne bei Riedlenen, doch sind sie gewiss vom 
gegenüber liegenden Ufer durch das Eis herbeigeschafft. Stellen- 
weise nimmt der Flyschschiefer eine rote oder grünliche Färbung 
an; er glänzt dann seidenartig. Man würde in diesen Fällen im 
Zweifel bleiben können, ob es sich nicht um triadische Bildungen 
handelt, wenn nicht zugleich das Vorkommen eines glimmerführenden 
Sandsteines, der völlig ident mit Flyschsandstein ist, und vor allem 
die Lagerungsverhältnisse die Diagnose auf Flysch zu einer sicheren 
machten, wie das der Fall ist an der Oeschseite in der Nähe der 
Strasse Saanen-Zweisimmen. Der dunkle mergelige Flyschschiefer, 
der im Thale des Bettelriedbaches ansteht und den Ischer als 
Jura kartirt hat, führt Bänke des glimmerhaltigen Sandsteines, 
dessen Oberfläche die charakteristischen Wülste zeigt. 

Die Blöcke von Nummulitenkalk, die sich bei Bettelried und 
an anderen Orten in der Wildstrubelmoräne finden, sind durch das 

^ Les Regions exotiques du Versant Nord des Alpes Suisses, Bulletin de 
la Societe vaudoise des Sciences naturelles, Vol. XXXIV, No. 128, 1898, S. 172. 

* Es ist dies das zweite Vorkommen von Diabas im Flysch der Freiburger 
Alpen, neben dem von Studer entdeckten und von Schardt beschriebenen im 
Vallee de Fenils. 



6 Keidel: [28 

Eis herbeigeschafft worden; sie entstammen den Ketten mit helve- 
tischer Facies im Süden ; und sie lassen ebensowenig auf anstehendes 
Gestein schliessen wie die Blöcke von Nummulitenkalk, die Gilieron 
von der Berra-Gurnigelkette, im Norden der Freiburger Alpen 
erwähnt (Gilieron, Beiträge z. geolog. Karte d. Schweiz, Bd. XII, 
S. 139, Bd. XVIII, S. 193). 

Diese stratigraphischen Bemerkungen haben nur den Zweck, über 
das Vorhandensein oder das Fehlen sowie über die Verteilung der 
einzelnen Formationsglieder einerseits in der „Zone axiale", also in 
den Spielgerten und andererseits in der Hornfluh zu orientiren. 
Es lassen sich nicht nur im Dogger, sondern auch, wie ich glaube, 
im Malm bestimmte Horizonte ausscheiden. Die dunklen Kalke, die 
im Nordwesten von Zweisiramen bei Obegg im Walde anstehen, sind 
vielleicht liassisch; ich habe sie unter den Jurabildungen nicht an- 
geführt, weil ich Fossilien in ihnen nicht gefunden habe; es ist aber 
auch möglich, dass sie der Trias angehören, und wenn die Lagerungs- 
verhältnisse allein entscheidend wären, dann wäre diese Annahme 
die wahrscheinlichere. 

RiTTENER hat in seiner Arbeit über die Rauhwacken des Pays- 
d'Enhaut (Eclogae-Geolog. Helvet. Bd. III) dunkle versteinerungs- 
leere Kalke als „Jurassique indeterminable" bezeichnet. Nach seiner 
Darstellung wechsellagern diese Kalke im Massiv der Gummfluh 
mit Rauhwacke, mit grau, selbst hellgrau gefärbten dolomitischen 
Kalken und mit solchen von schwarzer Färbung und feinkrystallinem 
Gefüge, bei denen es im Zweifel bleibt, ob sie dolomitisch sind. In 
seinem sorgfältig ausgeführten Profil durch den Rocher du Midi führt 
RiTTENER auf dessen Südseite, zwischen dem Gipfel und dem Fusse, 
einen plattigen schwarzen Kalk an, „ä surfaces couvertes de vermicula- 
tions semi-cylindriques comme enchevetrees les unes dans les autres". 
Auf diesen Kalk folgt nach unten ein gelb verwitternder Dolomit. 
Ich habe nun eine ähnliche Schichtfolge in den Spielgerten gefunden, 
die ja in gerader nordöstlicher Fortsetzung des Gummfluhmassivs 
liegen. Man kann sie auf der West- und auf der Ostseite des 
Brunnenhornes beobachten. Wenn ich auf Grund der kurzen Be- 
zeichnung Rittener's vergleichen darf, ohne ein Handstück gesehen 
zu haben, dann habe ich auch den Kalk mit den wurmförmigen 
Gebilden angetroffen, der sogleich auffällt. Am Giswyler Stock 
habe ich diesen Kalk gleichfalls gesehen; er liegt hier in Bruch- 
stücken am Fusse der Halde auf der Westseite der C-Falte, in der 
Nähe der Blöcke mit der Retzia trigonella. Auch hier findet sich 



29] 



Die Lagerungsverhältnisse in den Freiburger Alpen. 



der Dolomit in dunklen Varietäten 
(HüGi, Die Klippenregion von 
Giswyl, S. 45 f.), denen gegenüber 
man im Zweifel bleiben kann, ob 
man sie nicht als Kalke bezeichnen 
soll. Die Schichtfolge der dunklen, 
feinkrystallinen dolomitischen Kalk- 
steine, denen der blauschwarze 
durch die wurmförmigen Gebilde 
ausgezeichnete Kalk eingelagert 
ist, wird durch Bänke unzweifel- 
haften Dolomites unterbrochen. 
Dieser verwittert mit einer hellen 
gelbgrauen Farbe und bedeckt 
sich dabei mit den feinen Runzeln, 
die ihn sogleich vom Kalkstein 
unterscheiden lassen. Ich glaube 
deshalb, dass in den Spielgerten 
diese ganze Schichtfolge der Trias 
zugezählt werden kann, und dass 
auch ein grosser Teil der von 
RiTTENER als „ Jurassique indeter- 
minable" bezeichneten Gesteins- 
schichten wahrscheinlich triadisch 
ist. 

Was nun die tektonischen 
Verhältnisse der Spielgerten- 
Hornfluhkette anbetrifft, so sind sie 
recht verwickelt. Das nebenstehende 
Profil (Fig. 1) verläuft in gerader 
Linie quer zum Streichen der Spiel- 
gerten -Hornfluhkette; es beginnt 
im Süden bei Birchlauenen im 
Fermelthale und endet an der 
Strasse im Thale der Grossen 
Simme, nördlich von Mannried. 

Im Fermelthale sieht man auf 
der rechten Seite des Bachbettes, 
noch oberhalb des Weges, der 
von St. Stephan nach dem Fusse 



,\V^\x ^ ■ 



-« 



a 
o 









1 






8 Keidel: [30 

des Kothhorns führt, den Niesenflysch, dem starke Bänke der Breccie 
aus krystallin-exotischem Materiale eingelagert sind, nach Nordwesten 
unter Rauhwacke einschiessen. Diese Rauhwacke selbst liegt an 
der Basis der steilen Wand der Mieschfluh, die vom Triasdolomit ^ 
aufgebaut wird und zu einer Höhe von 2156 m ansteigt. Der Grat 
der Wand liegt annähernd 600 m über der Rauhwacke; geht man 
von ihm aus weiter nach Norden, so sieht man die Dolomitbänke 
immer mit dem gleichen Fallen nach Nordwesten zur Tiefe gehen. 
Dann folgt wieder Rauhwacke in breitem Streifen und auf diese in 
der Lücke zwischen Ganthorn und Brunnenhorn abermals der Do- 
lomit, der in Nordost- Richtung über das Körbelihorn gegen den 
hinteren Gipfel der Spielgerten zieht, auf dieser Linie gleichfalls 
eine steile, nach Süd abfallende Wand von 200 bis 300 m Höhe 
bildend. Vom Fermelthal bis hier wiederholt sich die Rauhwacke 
und der Dolomit zweimal, nach Nordwest einfallend. Es liegt hier 
eine Schuppe vor. 

Nun steigt man in das Kar des Viehsattels hinab und über- 
blickt dabei dessen Boden, der mit Moränenschutt und einem wirren 
Haufwerk von Blöcken des hellen Malmkalkes bedeckt ist. An ein- 
zelnen Stellen, so neben den Hütten des Viehsattels, tritt dieser 
Kalk mit Nordwest fallenden Schichten aus der Moränendecke her- 
vor. Deutlicher aber lässt sich das Fallen der Kalkbänke verfolgen 
an der steilen Wand des Ganthorns und des Geiershubel, die halb- 
kreisförmig das Kar gegen Südwest begrenzt. In der Mitte dieser bogen- 
artig verlaufenden Wand liegen, konkordant dem allgemeinen Nord- 
west-Fallen eingeschaltet, graue und rote Kalkschiefer der Couches 
rouges; sie ziehen eine kurze Strecke den Abhang gegen das Innere 
des Kars hinab und verschwinden dann unter Schutt und Moräne. 
Sie tauchen erst wieder unterhalb des Terrainabsturzes vor dem 
Kar aus dem Weidland hervor, hier deutlich das Nordwest-Fallen 
zeigend. Dann folgt weiter unten im Sattelwald abermals Malm- 
kalk in grossen Klippen mit dem Fallen der Couches rouges. Nun 
folgen diese nochmals; sie fallen unter den Flysch im Thale des 
Bettelriedbaches nach Nordwest ein. Vom Ganthorn bis hier liegt 
eine zweite Schuppe. Der Bettelriedbach bildet die Nordgrenze 
der eigentlichen Spielgerten, also der „Zone Sud". Was weiter 
nordwärts folgt, gehört stratigraphisch der Hornfluhkette an. Auf 

^ Dieser Triasdolomit weist in seiner Schichtfolge eine ähnliche Zusammen- 
setzung auf wie der Dolomit des Giswyler Stockes; ich glaube, dass er wie dieser 
als Hauptdolomit betrachtet werden kann. 



31] Die Lagerüngsverhältnisse in den Freiburger Alpen. 9 

dieser vom Fermelthal bis zum Bettelriedbach in der Horizontal- 
projection 4 km langen Strecke ist keine Faltung zu bemerken. Die 
Schichten gehen alle mit dem gleichen Fallwinkel nach Nordwest 
zur Tiefe. Aber auch die Aufeinanderfolge der einzelnen Forma- 
tionsglieder lässt nicht auf das Vorhandensein eines Sattels oder 
einer Mulde schliessen. 

Dicht über dem Bett des Bettelriedbaches folgt im Norden 
wieder Rauhwacke und darüber der Triasdolomit. Verfolgt man 
beide im Streichen den Bach aufwärts, so sieht man bei den 
Hütten in der Weid die Rauhwacke sich teilen, um einen Streifen 
zerknitterten Flyschschiefers einzuschliessen. Sie bricht hier und 
weiter nach Nordost steil nach Süden ab und fällt nach Nordwesten 
ein, unter den Dolomit und die auf ihm ruhende Hornfluhbreccie. 
Diese bildet den Bergrücken, der von der Kumigalm langsam sich 
senkend gegen Bettelried zieht und hier mit einer Felswand im Walde 
endet. 

Auf der Breccie liegt in Nordwest-Richtung wieder Flysch ; es 
ist aber an dieser Stelle die Berührung beider nicht zu sehen 
die Blockhalden der leicht zerstörbaren Breccie verdecken sie. Der 
Bergrücken findet jedoch seine Fortsetzung jenseits des Thaies 
der Grossen Simme in dem Gipfel des Geisshornes. Auf dieser 
Seite ist nun die Ueberlagerung der Breccie durch den Flysch gut 
zu beobachten. 

Bis Mannried bleibt das Profil im Flysch, dann folgt wieder 
die Hornfluhbreccie, die ebenso wie die Flyschschiefer nach 
Nordwesten einfällt. Vom Bettelriedbach bis hier ist ebenfalls 
keine Faltung zu bemerken; die zweimalige Wiederholung der 
Breccie und des Flysches kann aber als eine Schuppe betrachtet 
werden. 

Die grosse Breite der Flyschzone zwischen dem ersten und dem 
zweiten Bergrücken der Breccie erklärt sich dadurch, dass die Thal- 
erosion des Mannriedbaches die Südwest-Nordost streichende Flysch- 
Breccienscholle schräg angeschnitten hat. Die Erosion ist auf der 
weichen Flyschunterlage nicht senkrecht in die Tiefe gegangen, 
sondern sie ist der immer wieder untergrabenen und abbrechenden 
harten Kante der Breccie nach Norden in ein immer tieferes 
Niveau gefolgt. Durch das schräge Anschneiden der Schollen 
erklärt sich auch die allmähliche Senkung der durch die Erosion 
heraus modellirten Rücken nach AVesten gegen das Tiial der 
Grossen Simme zu. 



10 



Keidel: 



[32 



^ 



1 



•H 



b^ 









3- 



I 



^ 



r 



2, 



V\^ 






•sV^i 



vNV 



''\;'!^ 



;;^ Das zweite hier angefügte 
Profil (Fig. 2) durchschneidet 
dennordöstüchenTeildes von 
mir untersuchten Gebietes, 
ebenfalls in gerader Linie 
bo und quer zum Streichen, Es 

ä beginnt am Ankenstock im 

|- Südosten, quert dann den 

Frohmattgrat und endet in 
der Breccie auf der Nord- 
Seite des Mannriedbaches. 
I Auch längs dieser Linie tritt 
das stetige Nordwest-Fallen 
der Schichten hervor. Auch 
hier ist keine Faltung be- 
merkbar, wohl aber kann 
c: die Wiederholung der Breccie 
....^5 und des Flyschschiefers als 
^ eine Schuppe betrachtet 
werden. Ich will dieses Profil 
j-^ nicht näher beschreiben, 

ä sondern nur kurz bemerken, 

.^ dass auch in dem Gebiete 

§- zwischen den beiden Profil- 
'^ linien keine Faltung auftritt, 
dass die Schichten immer 
Nordwest fallen und dass sie 
sich zum Teil in Schuppen 
wiederholen, die von Nord- 
west nach Südost gerichtet 
■? sind. Die steilen Abhänge 
^ nach Süden gegen die Hoch- 
,=?: alpen werden durch die 
ß_ Schichtköpfe gebildet, die 
flacheren Abdachungen nach 
Norden durch das Schicht- 
fallen bedingt. 

Das dritte Profil (Fig. 3) 

^ stellt einen Teil des Berg- 

-5 rückens des Flühwaldes dar, 

I ^ 



33] 



Die Lagerungsverhältnisse in den Freibürger Alpen. 



11 



der in dem "Winkel zwischen grosserund kleiner Simme im Nordwesten 
von Zweisimmen gelegen ist. Hier sind die Lagerungsverhältnisse sehr 
verwickelt, weil Lappen der „Zone Sud" mit den Schichten der 
Hornfluhbreccie in tektonischen Verband treten; Couches rouges 
und heller Malmkalk liegen hier in Schichten, die nach Nordwesten 
einfallen in mehrfacher Wiederholung mit Hornfluhbreccie, Trias- 
dolomit und Rauhwacke. Auch hier tritt also Schuppenstruktur 
auf, wenn auch in kleinerem Massstabe als in den übrigen Bergzügen 
der Spielgerten -Hornfluhkette. Sie geht hier selbst ins Kleinste. 
Eine Schuppe von der Klarheit eines Modells liegt unmittelbar 
westhch vom Schwarzen See. Es wiederholen sich hier Couches 
rouges und Hornfluhbreccie. Ich wiU nicht länger bei den Einzel- 



m. 



m. Frofil zwischen Hohlas und hinter den Flühnen 
M. von Zweisimmen. 



SO. 




Maa555fab 1.10000 

Fig. 3 



heiten verweilen, die sich nur umständhch beschreiben lassen. 
Wenn ich recht beobachtet habe, dann kommt auch in diesem Berg- 
rücken Faltung nicht vor. Aber die Lagerungsverhältnisse sind 
recht schwierig zu verfolgen, eine ausgedehnte Moränendecke ist 
vorhanden, welche die Wiederholung der Schichten, die auf schma- 
lem Gebiet erfolgt, zum Teil verdeckt. Dazu gesellen sich dann 
Verschiebungen quer zum Streichen, und die Bruchstücke der ein- 
zelnen Schuppen sind in vertikaler und horizontaler Richtung 
verschoben worden. Es bedarf zur genauen Aufnahme dieses 
Teiles der Spielgerten -Hornfluhkette einer Karte von grösserem 
Massstabe und besserer topographischer Unterlage als sie die 
Sigfriedkarte bisher bietet. 

Ich möchte nun noch einen Augenblick bei den Verschiebungen 
verweilen, welche die Schichten senkrecht zum Streichen erfahren 
haben. Sie treten besonders deutlich an den Wänden der Spiel- 
Berichte xiii. 3 



12 



Eeidel: 



[34 



gerten hervor, weil sie hier nicht wie im Gebiete der Hornfluh- 
breccie durch Geröllanhäufungen und durch die Vegetation verdeckt 







werden. So sieht man an der steilen Ostwand des Pfad die roten 
Couches rouges zweimal taschenartig in den hellen Malmkaik ein- 



35] Die Laöerungsverhältkisse in den Freiburger Alpen. 13 

gesenkt. Das plötzliche Abbrechen der Couches rouges im Süden 
des Seehornes erklärt sich gleichfalls durch eine Verschiebung quer 
zum Streichen. Die Verschiebungen folgen dann nördlich gegen 
den Gipfel des Seehornes so dicht hintereinander, dass sie die 
Wand förmlich zerschneiden und die erste Ursache des grossen 
Schrattenfeldes geworden sind , das die Westseite des Seehornes 
in grosser Ausdehnung bedeckt. Die nebenstehende Skizze (Fig. 4) 
stellt eine solche Störung dar, die sich in der Mitte des Frohmatt- 
grates dem Bergli (Siegfrid- Karte) gegenüber befindet. Sie ist 
von Westen gesehen. Der Malmkalk tritt mit glatten Schnitt- 
flächen aus dem Weidland heraus; er wird durch die Couches 
rouges bedeckt. Aber während der Kalk die Verschiebung deut- 
lich zeigt, haben sich die Couches rouges wie eine zähe Masse ver- 
halten und ihren Zusammenhang gewahrt. Sie gehen im Bogen 
über den hellen Kalk seitlich hinüber, stehen einen Augenblick steil 
und verschwinden im Weidland. Dicht daneben steht wieder Malm 
in grösserer Masse an. 

Diese Verschiebungen aber besitzen für die Tektonik der Spiel- 
gerten-Hornfluhkette nur eine untergeordnete Bedeutung. Wichtiger 
sind die Störungen auf der Nord- und auf der Südseite der bei den 
Spielgerten-Gipfel. Hier ist aus dem Malm ein westöstlich verlaufendes 
schmales Band herausgeschnitten, das sich heute in höherem Niveau 
befindet als die angrenzenden Teile; denn während hier die Decke 
der Couches rouges erhalten ist, hat sie die Erosion von den Spiel- 
gerten-Gipfeln längst entfernt. 

Auch das plötzliche Abbrechen der Spielgerten auf der rechten 
Seite des Thaies der grossen Simme ist durch eine grosse Störung 
quer zum Streichen zu erklären. Die Wand des Geiershubel stürzt 
hier, mehrfach absetzend, jäh zur Strasse hinab. Es ist wahrschein- 
lich, dass die ungewöhnliche Ausdehnung der Geröllhalden am Fusse 
dieser Wand ihre Ursache in der allmählichen Ueberdeckung stafi'el- 
förmig hintereinander auftretender Steilabfälle hat. 

Auf der anderen Thalseite findet man die Schichten der Spiel- 
gerten, also der „Zone Sud", nicht mehr; hier liegt die Hornfluh- 
breccie mit Rauhwacke an der Basis im AVesten von Ried unmittel- 
bar über dem Niesenflysch. 

Ich glaube, dass diese Mitteilungen über die Tektonik der Spiel- 
gerten-Hornfluhkette genügen, um zu zeigen, dass die Schichten 
durchweg nach Nordwest einfallen, dass sie sich teilweise in Schuppen 
wiederholen und dass Faltungen nicht vorhanden sind. 

3* 



14 



Keidel: 



[36 




37] Die Lagerüngsverhältnisse in den Freibüger Alpen. 15 

Die Verschiebungen senkrecht zum Streichen möchte ich zum 
grössten Teile als Blätter auffassen, die mit der Bildung der Schuppen 
im genetischen Zusammenhange stehen. 

Die eben geschilderten Verhältnisse lassen sich kurz so zu- 
sammenfassen: im Süden fällt der Niesenflysch nach Nordwesten ein, 
es folgen mit gleichem Schichtfallen die Trias- und Jurabildungen der 
Spielgerten-Hornfluhkette; ihnen sind mehrmals in der allgemeinen 
Streichrichtung breite Flyschzonen eingeschaltet, denen die Breccien 
und Conglomerate aus krystallin-exotischem Materiale fehlen. Es 
ist nicht zu beobachten, dass dieser Flysch den Kern von Mulden 
bildet, vielmehr scheint Faltung nicht vorhanden zu sein. Im 
iSTorden tritt der Flysch der Hundsrückzone ebenfalls mit Nordwest 
fallenden Schichten an die letzte Scholle der Hornfluhbreccie heran. 

Dieses ganze Schichtsystem ist nach Absatz der Flyschbildungen 
durch eine horinzontal wirkende Kraft in seine jetzige Lage ge- 
kommen: und diese Kraft ist von Nordwesten nach Süd- 
osten gerichtet gewesen. 

Die Verbreitung der einzelnen Glieder der mesozoischen Ge- 
steinsfolge und des Flysches, sowie das Streichen der Schichten, 
ihr wiederholtes Auftreten hintereinander ist ersichtlich auf der 
beigefügten Uebersichtskarte. Sie ist während der Begehungen 
aufgenommen worden, und die wesentlichen Verhältnisse sind auf 
ihr zur Darstellung gekommen; dagegen ist das nicht der Fall bei 
manchen Einzelheiten, deren genaue Eintragung eine Karte von 
grösserem Massstabe erfordert. 

RiTTENER erklärt am Schlüsse seiner oben angeführten Arbeit 
die Einschaltung des Flysches mit konkordanter Schichtung in die 
steil gestellten Jura- und Triasbildungen des Gummfluhmassivs da- 
durch, dass er annimmt, das Flyschmeer sei transgredirend in die 
bereits vorhandenen Mulden und selbst in die aufgebrochenen und 
zum Teil von der Erosion zerstörten Sättel eingedrungen. Später 
seien dann durch die letzte Alpenfaltung die Flyschschichten mit 
den älteren Bildungen steil aufgerichtet und zwischen diese einge- 
klemmt worden, so dass sie heute die konkordante Schichtung nur 
vortäuschen. 

Nun aber hat Rittener diese Mulden und Sättel mit Hülfe 
der von ihm als „Jurassique indeterminable" bezeichneten Gesteins- 
folge konstruirt, so am Rocher du Midi, am Rocher plat; er ist 
ausserdem mehrfach im Zweifel geblieben, ob es sich wirklich um 
Mulden und Sättel oder um Schuppen handelt (1. c, PI. 2, Fig. 1 ; 



16 Keidel: [38 

PI. 2, Fig. 1 und 3). Ich möchte hier nun nochmals die Vermutung 
aussprechen, dass ein Teil der als „Jurassique indeterminable" be- 
zeichneten Gesteine in Wirklichkeit triadisch ist. Dadurch würden 
dann die Lagerungsverhältnisse nicht unwesentlich beeinflusst, sie 
würden sich noch mehr denen der Spielgerten-Hornfluhkette nähern; 
und der Flysch wurde vielleicht die konkordante Lagerung nicht 
vortäuschen, sondern sie wirklich besitzen. 

Wenn man die grosse Mächtigkeit der Trias- und der Jura- 
bildungen, ihr stets gleiches Fallen und die Abwesenheit jeglicher 
Faltung im Auge behält, dann ist die Annahme nicht unwahr- 
scheinlich, dass der Flysch entweder über horizontalen Schichten 
oder über nur sehr flachen Gewölben und Mulden abgelagert 
worden ist. Es ist ferner möglich, dass in dieser triadischen und 
jurassischen Unterlage grosse, im Streichen der jetzigen Ketten ver- 
laufende Brüche vorhanden gewesen sind, die stellenweise den kry- 
stallinen Sockel der Sedimente haben zu Tage treten lassen. Das 
andringende Flyschmeer hat diesen Stellen dann das Material der 
Conglomerate und der Breccien entnommen, die in den Zonen 
des Niesen und des Hundsrück den Flyschmergeln eingelagert 
sind. Später sind die Brüche durch die von Norden wirkende Kraft 
zu Ueberschiebungsflächen ausgebildet und die triadischen und juras- 
sischen Sedimente mit Einschluss des Flysches zu Schuppen über- 
schoben worden. 

Während sich diese Mitteilung im Druck befand, ist eine 
Arbeit von Sarasin über die äusserste Kette der Voralpen in der 
Gegend von Chätel- St -Denis erschienen (Les formations infra- 
cretaciques d. 1. Chaine Pleiades-Corbettes-Niremont, Arch, d. 
scienc. phys. et nat. Geneve, 1901). Der Verfasser führt den 
Nachweis, dass auch in dieser äussersten Zone der Voralpen gegen 
das Molasseplateau Schuppenstruktur auftritt, und dass die Schuppen 
gegen die inneren Ketten einfallen. Es sind deren zwei oder drei 
vorhanden, und sie werden zusammengesetzt aus Bildungen des 
oberen Jura und der unteren Kreide. Zwischen diese Schuppen 
ist auch hier der Flysch eingeschaltet. 

Es ist möglich, dass durch eine genaue Untersuchung Schuppen- 
struktur auch in den übrigen Lappen mesozoischer Gesteine nach- 
gewiesen wird, die am Nordrande der äussersten Flyschzone auf- 
treten. Es könnte alsdann dieser ganze Zug mesozoischer Bildungen, 
der von Chätel-St-Denis gegen Nordost hart an der Grenze gegen die 
Molasse hinzieht, als das tektonische Aequivaleut der Spielgerten- 



391 Die Lagerungsverhältnisse in den Freiburger Alpen. 17 

Hornfluh - Gummfluh betrachtet werden. Und zwischen beiden 
liegen die Antiklinalen der „Zone Nord" der „Chaines calcaires" wie 
eine centrale Axe, im Norden wie im Süden von der Region der 
Schuppen durch eine breite Flyschzone getrennt. Das wäre dann 
an Stelle der grossen Ueberschiebungsdecke ein „zusammengesetzter 
Schuppenfächer" im Sinne Haug's ^ 



^ Haug, L'origine des Prealpes Romandes et 1. zones de Sedimentation d. 
Alpes de Suisse et de Savoie, Arch. d. sciences phys. et nat., 15. aoüt 1894. 

Haug, Les regions dites exotiques du versant nord d. Alpes suisses, Bullet, 
d. 1. societe vaudoise d. sciences nat., Vol. XXXV, No. 132, 1899, S. 153 f. 



[40 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren 

Kalkes. 

Von 

Wilhelm Meigen. 

Mit 9 Fiffuren im Text. 



Es giebt wohl nur wenige chemische Verbindungen, die von 
jeher das Interesse des Chemikers wie des Mineralogen und Geologen 
im gleichen Masse erweckt hätten wie der kohlensaure Kalk. Bei 
der grossen Zahl wichtiger und grundlegender Fragen, die sich an 
seine Abscheidung und an sein Verhalten knüpfen, von denen ich 
nur an die Bildung der marinen Kalkabsätze, sowie an die Ent- 
stehung vieler Erzlagerstätten erinnern will, kann es daher nicht 
Wunder nehmen, wenn die Zahl der Arbeiten, die sich mit ihm 
beschäftigen, fast unübersehbar ist, konnte doch Graf Bournon^ 
schon vor nahezu hundert Jahren ein mehrbändiges Werk über die 
verschiedenen Modifikationen des kohlensauren Kalkes schreiben. 

Aber trotz der aufgewandten vielen Mühe und des oft grossen 
Scharfsinns sind doch noch immer zahlreiche Fragen auch bis heute 
nicht mit Sicherheit beantwortet worden. Einen Beitrag zur Auf- 
hellung dieses vielfach noch dunklen Gebietes zu liefern, habe ich 
mit der vorliegenden Arbeit versucht, die nicht den Anspruch er- 
hebt, nach allen B,ichtungen hin vollständig abgeschlossen zu sein, 
die ich vielmehr als Grundlage und Einleitung zu einer Reihe von 
Arbeiten angesehen wissen möchte, in denen ich die hier begonnenen 
Untersuchungen über die Eigenschaften und das Verhalten des 
kohlensauren Kalkes fortzusetzen gedenke. 

Da die hier in Betracht kommenden Fragen wesentlich zweierlei 
Art sind, so ergiebt sich für die Gliederung dieser Arbeit ganz natur- 

^ Traite complet de la cliaux carbonatee et de Tarragonite par M. le comte 
DE BouRNON, Londres 1808. 



41] Beiträge zur Kexxtxis des kohlensauren Kalkes. 2 

gemäss eine Einteilung in zwei Abschnitte, von denen sich der erste 
mit der Fällung des kohlensauren Kalkes, der zweite mit dem Ver- 
halten desselben zu Lösungen von Salzen der Schwermetalle be- 
schäftigt. Dazu kommt, gewissermassen als Anhang, noch ein dritter 
Abschnitt über Bildung und Vorkommen des kohlensauren Kalkes 
in der organischen Natur, den ich nur aus Zweckmässigkeitsgründen 
von den beiden anderen abgetrennt habe. 



I. Die Fällung von kohlensaurem Kalk. 

Schon am Ende des 18. Jahrhunderts war bekannt, dass der 
natürlich vorkommende kohlensaure Kalk in zwei verschiedenen 
Kristallformen auftritt, hexagonal-rhomboedrisch als Kalkspat und 
rhombisch als Aragonit. Dass Kalkspat und Aragonit die gleiche 
chemische Zusammensetzung besitzen, wurde bereits 1788 von 
Klaproth^ durch die Analyse beider nachgewiesen und später von 
Hauy^ und Gustav Rose^ bestätigt, welche beobachteten, dass sich 
Aragonit in Kalkspat umwandelt, wenn er auf dunkle Rotglut er- 
hitzt wird. 

Unter dem Einfluss der Theorie Hauy's, welcher lehrte, dass 
jeder chemischen Verbindung eine bestimmte Kristallform, aber auch 
nur eine einzige, zukomme, nahm man an, dass der Aragonit seine 
Form einem, wenn auch mitunter sehr kleinen, Gehalt an kohlen- 
saurem Strontian verdanke. Dieser sollte ein stärkeres Kristalli- 
sationsvermögen besitzen und seine rhombische Kristallform dem 
kohlensauren Kalk aufzwingen. Durch eingehende Untersuchungen, 
besonders von Rose*, wurde jedoch später nachgewiesen, dass es 
auch strontiumfreien Aragonit giebt und dass der kohlensaure Kalk 
wirklich dimorph ist, d. h. also die Fähigkeit besitzt, je nach den 
Umständen in zwei gänzlich verschiedenen Formen zu kristallisieren. 



^ Vatek, Zeitschr. f. Kryst. 21, 434. 

Wo die Litteraturnachweise nicht den Originalmitteilungen entnommen 
sind, habe ich in erster Linie meinen Gewährsmann angeführt und die An- 
gabe des Originals in Klammern hinzugefügt, soweit mir dies überhaupt mög- 
lich war. 

- G. Rose, Abhaudl. d. königl. Akad. d. Wiss. z. Berlin, 1856, S. 8 Anm. 1. 

^ G. Rose, Ueber die Büdung des Kalkspats und Aragonits. Pogg. Ann. 42, 
362 (1837). 

* G. Rose, Ueber die Bildung des Kalkspats und Aragonits. Pogg. Ann. 42, 
353 (1837). 



3 Meigen : [42 

Es galt nun diese Umstände ausfindig zu machen, eine Frage, 
mit der sich bereits viele Forscher abgegeben haben, ohne dass sie 
jedoch bis heute vollständig gelöst wäre. 

Der erste, welcher sich hiermit eingehend beschäftigt hat, ist 
Gustav Rose\ Die Thatsache, dass der Tropfstein, wie er sich 
in den Kalksteinhöhlen bei gewöhnlicher Temperatur bildet, aus 
Kalkspat, der von den heissen Karlsbader Quellen abgesetzte 
Sprudelstein dagegen aus Aragonit besteht, brachte ihn auf den 
Gedanken, dass vielleicht die verschiedene Temperatur, bei welcher 
die Kristallisation des kohlensauren Kalkes erfolgt, von wesentlichem 
Einfluss auf die Form sei, in der er sich ausscheidet. Bei seinen 
zur Prüfung dieser Annahme ausgeführten Versuchen fand er nun 
folgendes. 

Aus einer Lösung von Calciumkarbonat in kohlensäurehaltigem 
Wasser kristallisiert bei gewöhnlicher Temperatur nur Kalkspat. 
Ebenso erhielt Rose ausschliesslich Kalkspat, wenn er eine Chlor- 
calciumlösung bei Zimmertemperatur mit kohlensaurem Ammoniak 
oder einem anderen kohlensauren Alkali fällte. Als er aber die 
Lösung von Calciumbikarbonat auf dem Wasserbade eindampfte oder 
eine kochende Chlorcalciumlösung mit heissem kohlensauren Ammon 
versetzte, entstanden Kristalle von der Form des Aragonits. Der 
so künstlich dargestellte Aragonit hielt sich nur dann unverändert, 
wenn er sofort abfiltriert und ausgewaschen wurde; blieb er unter 
der Mutterlauge stehen, so wandelte er sich im Verlaufe von etwa 
acht Tagen vollständig in Kalkspat um. Dieselbe Umwandlung fand 
langsamer auch beim Aufbewahren unter reinem Wasser statt, aber 
nur wenn der Aragonit frisch gefällt war; war er schon einmal ge- 
trocknet, so blieb er auch bei wochenlangem Stehen sowohl unter 
Wasser wie unter einer Lösung von kohlensaurem Ammon un- 
verändert. 

Rose zog aus diesen Versuchen den Schluss, dass sich auf 
nassem Wege sowohl Kalkspat wie Aragonit bilden kann, ersterer 
bei niederer, letzterer bei höherer Temperatur. Hiergegen wurde 
von Bischof^ eingewandt, dass sich diese Ansicht nicht mit dem 
Vorkommen des Aragonits in der Natur vereinigen lasse, dass 
dieses vielmehr dafür spreche, dass „sowohl Bildungen des Aragonits 

' G. Rose, Ueber die heteromorphen Zustände der kohlensauren Kalkerde. 
Abhandl. d. königl. Akad. d. Wiss. z. Berlin 1856, S. 1. 

^ Lehrbuch der chemischen und physikalischen Geologie von Dr. Gustav 
Bischof. Bonn 1855. Bd. II S. 1044. 



43] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 4 

als auch Umwandlungen desselben in Kalkspat unabhängig von der 
Temperatur erfolgen können, und dass sich wohl der meiste Ara- 
gonit aus kalten Gewässern abgesetzt hat". Eigene Versuche dar- 
über hat Bischof anscheinend nicht angestellt. Dass seine Auffassung 
richtig war, schien jedoch durch eine Beobachtung Becquerel's ^ 
bewiesen, wonach Gips durch eine 1 — 2 Monate dauernde Ein- 
wirkung einer Lösung von doppeltkohlensaurem Natron in Aragonit 
umgewandelt sein sollte. 

Durch neue Versuche stellte Rose^ nun zunächst fest, dass sich 
Kalkspat auch bei höherer Temperatur bilden könne und zwar so- 
wohl aus einer Lösung von kohlensaurem Kalk in kohlensäurehaltigem 
Wasser wie auch durch Fällen einer Lösung von doppeltkohlen- 
saurem Natron mit Chlorcalcium, während bei Anwendung von neu- 
tralem kohlensaurem Natron unter den gleichen Bedingungen Ara- 
gonit entstand. Aus diesen Beobachtungen schien hervorzugehen, 
dass bei höherer Temperatur der kohlensaure Kalk nur dann die 
Form des Kalkspats annimmt, wenn er von einer Atmosphäre von 
Kohlensäure umgeben ist oder sich, was im wesentlichen auf das- 
selbe hinauskommt, unter Entwicklung von Kohlensäure abscheidet. 
Durch weitere Versuche wies Rose^ nach, dass aus gesättigten 
Lösungen von Calciumkarbonat unterhalb 30° niemals Aragonit 
entsteht und dass dessen Menge mit steigender Temperatur zunimmt, 
so dass oberhalb 90° nur Aragonit gebildet wird. 

Um auch die Wirkung einer Verdünnung zu untersuchen, liess 
er die beiden Lösungen sich sehr langsam durch Diffusion innerhalb 
einer grösseren Wassermenge mischen. Nach Verlauf einiger Jahre 
hatte sich ein Absatz von büschelförmig gruppierten Kristallen ge- 
bildet, die ihren prismatischen Formen nach nichts anderes als 
Aragonit sein konnten, der in diesem Falle auch bei gewöhnlicher 
Temperatur entstanden war. Aehnliche Ausscheidungen erhielt er 
auch aus einer ganz verdünnten Lösung von Calciumbikarbonat. 

Die Arbeiten Rose's ergaben somit als Resultat, dass die Tem- 
peratur nicht die alleinige Ursache für die Form ist, in der sich der 
kohlensaure Kalk abscheidet, dass sich vielmehr beide Formen je 



' C. Becquerel, [Jeber die durch Berührung der festen und flüssigen 
Körper hervorgerufenen chemischen Wirkungen. J. f. pr. Ch. 56, 476 (18ö2). 

^ G. Rose, Ueber die Umstände, unter denen der kohlensaure Kalk sich 
in seinen heteromorphen Zuständen, als Kalkspat, Aragonit und Kreide ab- 
scheidet. Pogg. Ann. 111, 156 u. 112, 43 (1860). 

G-. Rose, Monatsber. d. königl. Akad. d. Wiss. z. Berlin. 1860, S. 369. 



Meiqen: 



[44 



nach den Umständen sowohl in der Hitze Avie in der Kälte zu 
bilden vermögen. 

Diese Untersuchungen wurden 1870 von Ckednee^ wieder auf- 
genommen und fortgesetzt. Ckedner konnte die Angabe B,ose's 
bestätigen, dass sich aus Lösungen von Calciumbikarbonat nach 
längerem Stehen, also bei grösserer Verdünnung, prismatische 
Kristalle abscheiden, die auch er für Aragonit ansah. Ausserdem 
stellte er Versuche an über die Kristallisation des Calciumkarbo- 
nates bei Anwesenheit noch anderer Stoffe. Hierbei beobachtete 
er, dass der kohlensaure Kalk aus Lösungen, welche ausserdem 
noch Strontium- oder Bleikarbonat oder auch Gips enthielten, ent- 
weder ausschhesslich oder doch teilweise die Form des Aragonits 
auch bei Anwendung kalter Lösungen annahm. 

In Uebereinstimmung hiermit fand Bauer ^, dass ein Zusatz 
von wenigen Prozenten Baryumkarbonat genügt, um aus Lösungen 
von Calciumbikarbonat gut ausgebildete rhombische Kristalle von 
Aragonit zu erhalten. 

Die eingehendsten und sorgfältigsten Untersuchungen über die 
Kristallisation des kohlensauren Kalkes aus verdünnten Lösungen 
sind im Laufe der letzten zehn Jahre von Vater ^ ausgeführt worden. 



* H. Credner, Ueber gewisse Ursachen der Kristallverschiedenheiten des 
kohlensauren Kalkes. J. f. pr. Ch. (N. F.) 2, 292 (1870). 

" M. Bauer, Ueber eine Pseudomorphose von Aragonit nach Kalkspat. 
Neues Jahrb. f. Mineral, u. s. w. 1890, I, 21. 

^ H. Vater, Ueber den Einfluss der Lösungsgenossen auf die Kristallisa- 
tion des Calciumkarbonates I. Zeitschr. f. Kryst. 21, 433 (1893). 

II. Kristallisation des Calciumkarbonates aus sog. verdünnten Lösungen. 
Zeitschr. f. Kryst. 22, 209 (1894). 

III. Die Beeinflussung der Homogenität und der Wachstumsgeschwindigkeit 
der Kalkspatkristalle durch dilut tärbende Substanzen. Zeitschr. f. 
Kryst. 24, 366 (1895). 

IV. Die von Gustav Rose dargestellten und als Aragonit beschriebenen 
garbenförmigen u. dgl. Aggregate sind durch den Einfluss dilut färben- 
der Substanzen zerfaserte Kalkspatkristalle. Zeitschr. f. Kryst. 24, 378 
(1895). 

V. Die scheibenförmigen Kristalliten des Calciumkarbonates. Zeitschr. f. 
Kryst. 27, 477 (1896) 
VI. Schwellenwert und Höheuwert der Lüsungsgenosseu bei ihrem Einflüsse 

auf die Kristallisation. Zeitschr. f. Kryst. 30, 295 (1898). 
VIL Der Einfluss des Calciumsulfates, Kaliumsulfates und Natriumsulfates. 

Zeitschr. f. Kryst. 30, 485 (1898). 
VIII. Ueber die Einwirkung von Alkalikarbonatlösungen auf Gips und An- 
hydrit. Zeitschr. f. Kryst. 31, 538 (1899). 



45] 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren KLilkes. 



Dieser ging dabei von der Ansicht aus, dass es zur Erklärung eines 
einzelnen Mineralvorkommnisses nicht genügt, die im allgemeinen zu 
seiner Entstehung notwendigen Bedingungen ausfindig zu machen, 
da dasselbe Mineral in den meisten Fällen auf sehr verschiedenen 
Wegen gebildet werden kann. Man müsse im einzelnen Fall auch 
die Ausbildung der Kristalle, ihren Habitus, und die auftretenden 
Flächenkombinationen berücksichtigen, und die Umstände zu er- 
mitteln suchen, welche die Entstehung gerade dieser Ausbildungs- 
weise verursachen. Da in der Natur ein Mineral wohl nur in den 
seltensten Fällen aus einer reinen Lösung auskristallisiert, so musste 
vor allem der Einfluss der übrigen in der Lösung vorhandenen Stoffe, 
die Vater sehr treffend als „Lösungsgenossen" bezeichnet, unter- 
sucht werden. Es stand zu erwarten, dass dieser Einfluss sich am 
stärksten bei den Verbindungen geltend machen werde, die sich in 
den verschiedensten Kombinationen vorfinden. Infolge seines grossen 
Formenreichtums bot sich daher als das geeignetste Untersuchungs- 
objekt der kohlensaure Kalk gewissermassen von selbst dar. 

Für den Zweck der Untersuchung war es wesentlich, möglichst 
grosse Kristalle zu erhalten. Deshalb Hess Vater die Lösungen 
des Calciumsalzes und des Alkalikarbonates durch äusserst langsame 
Diffusion sich vermischen; aus dem gleichen Grunde Avurde bisher 
nur das Verhalten kalter Lösungen untersucht. Mit Ausnahme von 
vier Versuchen entstand ausschliesslich Kalkspat. Bei den vier ab- 
weichenden Versuchen hatte sich der kohlensaure Kalk bei Gegen- 
wart von kohlensaurem Baryt in „sphärischen Aggregaten" ab- 
geschieden, die Vater ^ geneigt ist für eine dritte, neue Modifikation 
des Calciumkarbonates anzusehen, da sie nach seineu Bestimmungen 
ein beträchtlich niedrigeres spezifisches Gewicht (2,54) als selbst der 
Kalkspat (2,71) besitzen. Da Vater unter den Bedingungen, unter 
denen nach Rose und Credner Aragonit entstehen sollte, stets nur 
Kalkspat erhielt, gab er sich grosse Mühe, diesen Widerspruch auf- 
zuklären, was ihm auch schliesslich gelang, indem er nachweisen 
konnte, dass die von Rose und Credner beschriebenen büschel- 
förmigen Kristallaggregate auch nichts anderes als Kalkspat sind, 
der nur infolge der Anwesenheit von Verunreinigungen in der 
Lösung zerfasert ist^. 

Nachdem er den einen Fall der Bildung von Aragonit aus 
kalten Lösungen als Täuschung erkannt hatte, untersuchte er den 

' Ztschr. f. Kryst. 21, 471. 
2 Ztschr. f. Kryst. 24, 378. 



7 Meigen: [46 

Einfluss von Sulfaten als Lösungsgenossen, die ja ebenfalls das Auf- 
treten von Aragonit begünstigen sollten. Aber auch hierbei, wie 
bei der Einwirkung einer Natriumkarbonatlösung auf Gijjs, wodurch 
Becquerel, wie oben erwähnt, angeblich Aragonit erhalten hatte, 
bildete sich in der Kälte stets nur Kalkspat. 

„Gegenwärtig ist daher eine etwa 30 "^ überschreitende Tempe- 
ratur die einzige bekannte Ursache, welche unter Umständen be- 
dingt, dass sich reines Calciumkarbonat als stabiler Aragonit aus- 
scheidet." 

Die bisher erwähnten Untersuchungen sind ausschliesslich von 
Mineralogen in mineralogischem Interesse ausgeführt worden. Diesen 
lag vor allem daran, die Umstände ausfindig zu machen, unter denen 
in der Natur Aragonit oder Kalkspat entsteht; sie arbeiteten daher 
alle in Nachahmung der natürlichen Verhältnisse nur mit sehr ver- 
dünnten Lösungen. Die den Chemiker am meisten interessierende 
Frage, woraus die Niederschläge bestehen, die man beim Fällen 
von kohlensaurem Kalk aus konzentrierteren Lösungen im Labora- 
torium und in der Technik erhält, blieb bis auf die wenigen und 
unvollständigen Angaben in Rose's erster Arbeit gänzhch unberück- 
sichtigt. Der einzige, der sich mit diesem Problem in neuerer Zeit 
beschäftigt hat, ist M. Adler'. 

Wenn man aus dem Verhalten der verdünnten Lösungen einen 
Schluss ziehen wollte, durfte man wohl erwarten, dass sich bei der 
gewöhnlichen Fällung eines Calciumsalzes durch ein Alkalikarbonat 
bei Abwesenheit sonstiger Lösungsgenossen in der Hitze Aragonit, 
in der Kälte aber Kalkspat bilden werde. Adler fand dies nur 
teilweise bestätigt. Nach ihm kommt es vor allem auf die Kon- 
zentration des Alkalikarbonates an (er verwandte fast ausschliesslich 
Ammoniumkarbonat als Fällungsmittel). Den schönsten Aragonit 
erhielt er bei Anwendung einer Lösung von kohlensaurem Ammon von 
solcher Stärke, dass auf Zusatz der Chlorcalciumlösung eine dick- 
gelatinöse Masse entstand, die erst bei langem Rühren dünnflüssig 
wurde. Die Temperatur der ammoniakalischen Lösung durfte dabei 
32° nicht überschreiten, während die Chlorcalciumlösung auch heiss 
angewandt werden konnte. Bei Anwendung einer dünneren Lösung 
von kohlensaurem Ammon entstand bei gleicher Temperatur ein 
milchiger Niederschlag von grossen rhombischen Aragonitkristallen, 
die sich sehr schnell in Calcit umwandelten. Die theoretische Be- 

* M. Adler, Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. Zeitschr. t. 
angew. Chem. 1897, S. 431. 



47] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 8 

gründung dieses Verhaltens ist nach Adler folgende. Da nach 
Rose ^ sich bei Gegenwart freier Kohlensäure Kalkspat bildet, das 
neutrale kohlensaure Amnion aber an der Luft durch Abgabe von 
Ammoniak in das saure Salz übergeht und dieses in der Hitze in 
Ammoniak, Kohlensäure und Wasser dissoziiert, so ergiebt sich 
daraus, dass man, um die Gegenwart freier Kohlensäure zu ver- 
meiden, die Lösungen möglichst kalt anwenden muss, wenn man 
Aragonit erhalten will. In Uebereinstimmung damit fand Adler, 
dass man bei verdünnteren Lösungen nicht über 22° hinausgehen 
darf. Je kälter die Lösung, um so kleiner, aber auch um so stabiler 
waren die Aragonitkriställchen. Blieb der gebildete Aragonit in 
der Chlorammoniumlösung, so lagerte er sich bald in Kalkspat um. 
Er war um so beständiger, je konzentrierter die Ammoniumkarbonat- 
lösung war; ein üeberschuss von Ammoniak wirkte im gleichen 
Sinne. Ein Zusatz von Gipswasser zu der Chlorcalciumlösung 
machte den aus verdünnten kalten Lösungen gefällten Aragonit 
ebenso beständig wie den aus konzentrierten erhaltenen. 

In den letzten Jahren sind unter den Namen Ktypeit und 
Conchit zwei neue Modifikationen des kohlensauren Kalkes be- 
schrieben worden, die man bisher für Aragonit angesehen hat. 

Nach Lacroix^ bestehen die Erbsensteine von Karlsbad und 
von Hammam-Meskoutine (Constantine) aus einer neuen, vom Ara- 
gonit wesentlich verschiedenen Form des Calciumkarbonates, die er 
als „Ktypeit" bezeichnet. Der Hauptunterschied liegt einmal in 
dem geringeren spezifischen Gewicht (2,58 — ^2,70), sodann im opti- 
schen Verhalten; die Doppelbrechung ist beim Ktypeit positiv und 
beträchtlich geringer als bei Aragonit und Kalkspat. Beim Er- 
hitzen geht Ktypeit ebenso wie Aragonit in Kalkspat über; schon 
vorher zerspringen die einzelnen Kugeln mit explosionsartigem Knall, 
was auf starke innere Spannungen schliessen lässt. 

Die zweite neue Modifikation ist der „Conchit" von Agnes 
Kelly ^. Aus Conchit sollen die Schalen fast aller Mollusken und 
Cölenteraten , sowie einige natürlich vorkommende Inkrustationen 
und Sinter bestehen. Auch hier führten hauptsächlich etwas ver- 



1 Vgl. oben S. 4. 

- Lacroix, Sur la ktypeite, nouvelle forme de carbonate de calcium, diff^- 
rente de la calcite et de l'aragonite. Compt. rend. 126, 602 (1898). 

* Agnes Kelly, Ueber Conchit, eine neue Modifikation des kohlensauren 
Kalkes. Sitzungsber. d. math.-phys. Klasse d. bayer. Akad. der Wiss. z. München 
1900, S. 187. 



9 Meigen [48 

schiedene optische Eigenschaften und geringeres spezifisches Gewicht 
(2,8) zur Abtrennung vom Aragonit. 

Vor kurzem hat H. Vater ^ die Angaben über diese beiden 
neuen Formen des kohlensauren Kalkes einer sehr eingehenden 
und sorgfältigen Nachprüfung unterzogen. Bezüglich des Conchits 
weist er nach, dass das spezifische Gewicht der angeblich daraus 
bestehenden Gebilde, wenn es richtig bestimmt wird, genau das- 
jenige des Aragonits ist, und dass auch die optischen Eigenschaften, 
wie dies bereits früher von R. Brauns^ hervorgehoben worden ist, 
von denen des Aragonits nicht wesenthch verschieden sind; der 
Conchit ist hiernach als besondere Modifikation des kohlensauren 
Kalkes wieder zu streichen. 

Dagegen muss es vorläufig noch dahingestellt bleiben, ob der 
Ktypeit nur ein porenreicher Aragonit oder ein selbständiges Mineral 
ist. Vielleicht ist er identisch mit den von Vater ^ künsthch darge- 
stellten „sphärischen Aggregaten" vom spezifischen Gewicht 2,54. 

Ob das, was in der Litteratur als wasserfreier, amorpher, kohlen- 
saurer Kalk beschrieben ist, wirklich amorph ist, lässt sich zur Zeit 
noch nicht mit Sicherheit entscheiden. Wahrscheinlich ist ein Teil 
davon doch sehr fein kristallinisch, der andere aber organischen 
Ursprungs und besitzt die Struktur der Organismen, denen er seine 
Entstehung verdankt. 



A. Fällungen mit neutralem kohlensaurem Natron. 

Da es bei Anwendung des bisher fast ausschliesslich benutzten 
kohlensauren Ammons schwer ist, Lösungen von bestimmter Zu- 
sammensetzung zu erhalten, habe ich zunächst einige Versuche mit 
kohlensaurem Natron angestellt. 

Bevor ich auf die Einzelheiten der Versuche eingehe, möchte 
ich noch einige allgemeine Bemerkungen vorausschicken. 

Die verwendete Chlorcalciumlösung enthielt 200 g wasserfreies 
Chlorcalcium, die Lösung von kohlensaurem Natron 150 g wasserfreies 
Natriumkarbonat im Liter. 5(» ccm Chlorcalciumlösung erfordern 
in diesem Fall zur vollständigen Ausfällung nicht ganz 64 ccm von 
der Natriumkarbonatlösung. 



» H. Vater, Ueber Ktypeit und Conchit. Zeitschr. f. Kryst. 35, 149 (1901). 
^ R. Brauns, Ueber das Verhältnis von Conchit zu Aragonit. Centralblatt 
f. Mineral, u. s. w. 1901, S. 134. 
3 Siehe S. 7. 



49] Beiträge zur EIenmtnis des kohlensauren Kalkes. 10 

Die Fällungen wurden alle in Bechergläsern von ^/2 — ^/i 1 In- 
halt vorgenommen und zwar derart, dass bei einem Ueberschuss an 
Chlorcalcium die Sodalösung in die Chlorcalciumlösung, bei einem 
Ueberschuss an kohlensaurem Natron aber umgekehrt die Chlor- 
calciumlösung in die Xatriumkarbonatlösung gegossen wurde. Dabei 
wurde nur soviel umgerührt, als zur guten Durchmischung der beiden 
Lösungen notwendig war. 

Unter Mutterlauge verstehe ich die nach der Fällung vor- 
handene Salzlösung. 

Mit der Aragonitreaktion ist die auf S. 35 dieser Arbeit be- 
schriebene Reaktion mit Kobaltnitrat gemeint. 

Vej'such 1. 

(Ueberschuss an kohlensaurem Natron; konzentrierte, kalte Lösung.) 
75 ccm Natriumkarbonatlösung wurden bei 15" mit 50 ccm 
Chlorcalciumlösung versetzt. Hierdurch entstand eine dicke, ganz 
klar durchsichtige Gallerte, die innerhalb weniger Minuten weiss 
und undurchsichtig wurde; dabei war sie so dickflüssig, dass man das 
Becherglas fast ganz umkehren konnte, ohne befürchten zu müssen, 
dass etwas herausfliesse. Unter dem Mikroskop sah man zunächst nur 
hellbräunlich gefärbte, amorphe Flocken. Bald aber erschienen darin 
zahlreiche winzige Punkte, aus denen allmählich etwa 0,3 — 0,5 (x 
grosse Rhomboederchen oder Sphärokriställchen hervorgingen. 

Eine nach fünf Minuten genommene neue Probe zeigte be- 
ginnende KristaUisation. Der Niederschlag war inzwischen sehr 
klümperig geworden; die Klumpen bestanden aus amorpher Masse, 
in die zahlreiche 150 — 200 ;x lange und 40 — 50 [x dicke, monokline 
Kristalle von kohlensaurem Natron eingebettet waren. Daneben 
begannen einzelne grössere Bhomboeder und zahlreichere kugel- 
förmige Gebilde aufzutreten, deren Menge mit der Zeit zunahm. 
Nach einer Stunde war der Niederschlag ganz kristallinisch ge- 
worden. Er bestand jetzt fast nur aus Sphärokristallen von 2 — 15 jj, 
Durchmesser; ausserdem zeigten sich nur wenige klare Rhomboeder 
von 10 [X Kantenlänge und noch vereinzelter einige grössere. Eine 
abfiltrierte Probe gab sehr starke Aragonitreaktion , auch nach 
wiederholtem Auskochen mit Wasser. Unter dem Mikroskop zeigten 
sich nur die Sphärokristalle intensiv lilarot gefärbt, wodurch ihre 
radialfasrige Struktur (vgl. Fig. 1, S. 13) noch deuthcher erkenn- 
bar wurde, während die Rhomboeder ganz unverändert und farblos 
erschienen. Nach fünf Tagen waren die Rhomboeder bis zu 20 — 30 [i 

Berichte XUl. ^ 



11 Meigen: [50 

Kantenlänge gewachsen; die kugelförmigen Gebilde jedoch in rund- 
liche Kristallaggregate übergegangen, an denen wohl hier und da 
einzelne Flächen, aber keine bestimmte Formen zu erkennen waren. 
Der Niederschlag gab jetzt die Aragonitreaktion nicht mehr. Wird der 
Niederschlag sogleich abfiltriert und ausgewaschen, so sind die Sphäro- 
kristalle im trockenen Zustande beständig, bei längerem Kochen mit 
Wasser gehen sie jedoch auch in diesem Fall in Kalkspat über. 

Die ganz zuerst entstehenden, vollkommen amorphen, bräun- 
lichen Flocken scheinen bisher noch nicht beobachtet worden zu 
sein, da weder Rose^ noch Link"^, die im übrigen die Fällung von 
Calciumsalzen mit kohlensauren Alkalien genau beschreiben, etwas 
davon erwähnen. Rose giebt zwar an, dass bei der Fällung zuerst 
ein sehr voluminöser Niederschlag entsteht, der aber nach ihm aus 
kleinen, der Kreide ähnlichen Körnern zusammengesetzt ist. Wahr- 
scheinlich hat er den Niederschlag nicht sofort nach der Fällung 
untersucht, so dass dieser bereits vollständig kristallinisch geworden 
war, als er ihn unter das Mikroskop brachte. Die kreideähnlichen, 
rundlichen Körner erhielt auch Link, der davon Abbildungen giebt ^, 
die im wesentlichen dem von mir beobachteten entsprechen. Rose 
hielt sie für Kalkspat, da sie nach seinen Bestimmungen dasselbe 
spezifische Gewicht wie dieser besitzen, Dass dies jedoch nicht 
richtig sein kann, geht daraus hervor, dass sie die Aragonitreaktion 
geben. Da sie aber, wie oben erwähnt, ziemlich schnell in Calcit 
übergehen, so ist es leicht möglich, dass Rose dass pezifische Gewicht 
der bereits umgelagerten Substanz bestimmt hat. 

Wegen dieser Unbeständigkeit ist es nicht leicht, eine einiger- 
massen genaue Dichtebestimmung zu erhalten. Die Anwendung 
TnouLET'scher Lösung ist ausgeschlossen, da die Sphärokristalle 
hierin sehr schnell in Kalkspat übergehen. Zur Vertreibung der 
Luftblasen dürfen sie auch nicht längere Zeit mit Wasser gekocht 
werden, weil hierdurch bereits Umlagerung eintritt. Mit Hilfe von 
Acetylentetrabromid konnte ich feststellen, dass das spezifische Ge- 
wicht der vorher mit Benzol gekochten und einige Zeit im Vakuum 
unter Benzol stehen gelassenen Substanz zwischen 2,60 und 2,65 
liegt. Bei den Versuchen, das spezifische Gewicht mit Hilfe des 



' Rose, Ueber die Bildung des Kalkspats und Aragonits. Pogg. Ann. 42, 
353 (1837). 

- H. F. Link, Ueber die erste Entstehung der Kristalle. Pogg. Ann. 46, 
258 (1839). 

* A. a. 0. Tafel III, Fig. 3, 4 und 6. 



51] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 12 

Pyknometers oder nach der von Rose angewandten Methode der 
direkten Wägung unter Wasser zu bestimmen, erhielt auch ich 
stets die Zahl 2,71. 

Nach allem dem ist es mir nicht zweifelhaft, dass wir es hier 
mit der gleichen Form von Calciumkarbonat zu tliun haben, die 
von Vater als „sphärische Aggregate" beschrieben worden ist. 
Obwohl Vater kein Bedenken getragen hat, die von ihm erhaltenen 
Sphärokristalle „künstlichen Ktypeit" zu nennen, kann ich mich 
diesem Vorgang nicht anschliessen, da mir die Identität der „sphä- 
rischen Aggregate" von Vater mit dem „Ktypeit" von Lacroix 
doch noch nicht genügend einwandsfrei erwiesen scheint. Der Ein- 
fachheit halber werde ich die Sphärokristalle, soweit sie die Ara- 
gonitreaktion geben, im folgenden kurz als „Kugeln" bezeichnen. 

Wenn wir also vorläufig einmal von dem Unterschied zwischen 
den sphärischen Aggregaten, Ktypeit und Aragonit absehen, so ist 
bei diesem Versuch, inUebereinstimmung mit den Angaben Adler'sS 
in der Kälte Aragonit, allerdings von einer besonderen Ausbildungs- 
weise, entstanden. 

Die amorphen Flocken bestehen meiner Ansicht nach aus wasser- 
haltigem kohlensaurem Kalk. Das Auskristallisieren von kohlensaurem 
Natron erkläre ich mir dadurch, dass in dem Niederschlag eine ge- 
wisse Menge Wasser chemisch gebunden ist, wodurch die Lösung an 
kohlensaurem Natron übersättigt wird. 

Versuch 2. 

(Ueberschuss von kohlensaurem Natron; verdünnte, kalte Lösung.) 
50 ccm Sodalösung wurden mit Wasser auf 250 ccm verdünnt 
und bei 15° mit 25 ccm Chlorcalciumlösung versetzt, die ebenfalls 
auf 250 ccm verdünnt waren. Der sogleich sich bildende Nieder- 
schlag war völlig amorph und bestand aus den gleichen bräunlichen 
Flocken wie bei Versuch 1. Ein Teil wurde nun in eine grössere 
Menge siedendes Wasser eingetropft, wodurch er sogleich kristalh- 
nisch wurde. Unter dem Mikroskop sah er genau so aus, als ob 
er direkt heiss gefällt worden wäre (s. Versuch 6), d.h. er bestand 
aus büschelförmigen Nadeln, untermengt mit ganz wenigen mittel- 
grossen (5 — 10 [x) Rhomboedern; Kugeln waren keine vorhanden. 
Abfiltriert und ausgewaschen gab er starke Aragonitreaktion. 

Der in der Kälte stehen gebliebene, amorphe Niederschlag war 
nach einer Viertelstunde der Hauptmenge nach unverändert; da- 

' VM. S. 7. 



13 



Mkigen: 



[52 



zwischen fanden sich jedoch einzelne grosse, meist verzwillingte 
Rhomboeder von 20 — 30 \l Kantenlänge und wenige ebensogrosse 
Kugeln. Nach einer weiteren Viertelstunde war eine wesentliche 
Aenderung nicht bemerkbar. Die auf dem Objektträger befindliche 
Probe wurde in der bei Versuch 1 beschriebenen Weise schnell 
kristallinisch; im Verlaufe einiger Minuten erreichten Rhomboeder 
und Kugeln eine Grösse von 3 — 4 (x; die Rhomboeder, sämtlich 
Grundrhoraboeder, waren ganz klar durchsichtig und sehr scharf 
ausgebildet. 

Nach einer Stunde war ein Teil des Niederschlags immer noch 
amorph; Rhomboeder und Kugeln waren bis zu 40 \l gewachsen. 
Nach zwei Stunden war die Umwandlung beendet. Der Nieder- 
schlag bestand jetzt zum grössten Teil aus 15 — 50 [x grossen, meist 

zu wenigen zusammengewachsenen 
Rhomboedern, zum kleineren Teil 
aus gleichgrossen Kugeln. Wie 
bei Versuch 1 gaben die letzteren 
starke Aragonitreaktion , während 
die Rhomboeder unverändert blie- 
ben. 

Die Verdünnung hatte somit 
den Uebergang aus dem amorphen 
in den kristallisierten Zustand 
etwas verzögert und ausserdem die 
Bildung von Kalkspat begünstigt. 
Wohl infolge der laugsameren Um- 
wandlung erreichten Kugeln und Rhomboeder eine beträchtlichere 
Grösse. 

Dieser Versuch beweist ferner, dass der bereits abgeschiedene 
kohlensaure Kalk, solange er noch amorph ist, sowohl in typischen 
Aragonit wie in Kalkspat übergehen kann, und dass es wesentlich 
nur die Temperatur ist, welche die Entstehung der einen oder 
anderen Modifikation veranlasst. 




Fig. 1. 



Versuch 3. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium ; konzentrierte, kalte Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden bei 15 " mit 50 ccm 
Sodalösung versetzt. Auch hier bildete sich zuerst eine ganz 
wasserklare Gallerte, die in kurzer Zeit weiss und undurchsichtig 



53] Beiträge zur Kexxtxis des kohlensauren Kalkes. 14 

wurde. Unter dem Mikroskop zeigten sich nur die bräunlichen 
amorphen Flocken; Kristalle waren nicht erkennbar. Nach einer 
halben Stunde etwa war der Niederschlag ganz kristallinisch 
geworden. Er bestand jetzt fast vollständig aus kleinen rundhchen 
Körnern, deren Durchmesser sehr gleichmässig 2 — 3,5 [jl betrug, 
nur einzelne waren bis zu 7 ;j. gross. Der Niederschlag gab keine 
Aragonitreaktion. Nachdem er fünf Tage unter der Mutterlauge 
gestanden hatte, zeigten sich vereinzelte Rhomboeder bis zu 4 u. 
Kantenlänge. Nach ferneren fünf Tagen war eine weitere Aende- 
rung nicht bemerkbar. Durch den Ueberschuss an Chlorcalcium 
war die Entstehung von Kugeln völhg verhindert worden. 

Versuch 3a. 

Der gleiche Versuch wurde wiederholt. Nach etwa 3 Minuten, 
sobald die Masse dickflüssig geworden war, wurde mit 200 ccm 
kaltem Wasser verdünnt. Nach einer halben Stunde hatte sich der 
Niederschlag völlig zusammengesetzt. Er bestand jetzt überwiegend 
aus kugeligen Gebilden von 5 — 15 ]x Durchmesser, daneben zeigten 
sich vereinzelte Rhomboeder von 5 — 7 jx Kantenlänge und sehr 
zahlreiche kleinere von 1,5 — 2,5 [j.. Der Niederschlag gab keine 
Aragonitreaktion. Nach zweitägigem Stehen unter der Mutterlauge 
war er etwa zur Hälfte aus 10 — 20 [i grossen Rhomboedern zusammen- 
gesetzt; die kleineren waren fast vollständig verschwunden. Nach 
weiteren acht Tagen war keine Veränderung zu bemerken. 

Die nachträgliche Verdünnung hatte somit keinen wesentlichen 
Einfluss auf den Verlauf der Reaktion gehabt. 

Versuch 4. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; verdünnte, kalte Lösung.) 

25 ccm Chlorcalciumlösung wurden auf 250 ccm verdünnt und 
bei 15*^ 25 ccm Sodalösung, gleichfalls auf das zehnfache verdünnt, 
hinzugegeben. Der entstehende Niederschlag war völlig amorph. 
Nach zehn Minuten wurde eine Probe im Reagenzglas aufgekocht, 
wodurch sie schnell kristallinisch wurde. Unter dem Mikroskop 
erwies sie sich als nur aus Nadeln bestehend, dementsprechend gab 
sie auch die Aragonitreaktion sehr stark. 

Eine andere Probe wurde gleichzeitig abfiltriert und zweimal 
mit kaltem Wasser gewaschen. Es zeigten sich jetzt einzelne grössere 
und viele sehr kleine Rhomboeder in die amorphe Grundmasse ein- 
gebettet. Durch weiteres Auswaschen wurde sie ganz kristallinisch. 



15 



Meigen : 



[54 



Eine nach einer halben Stunde aufgekochte Probe bestand 
überwiegend aus Nadeln, daneben waren wenige Rhomboeder von 
15 — 20 |x Kantenlänge vorhanden. 

Nach einer Stunde war der Niederschlag ganz kristallinisch 
geworden. Er war jetzt etwa zu gleichen Teilen aus Kugeln und 
Rhomboedern von 2 — 15 ji Durchmesser bezw, Kantenlänge zu- 
sammengesetzt (in Fig. 2 sind nur die Kugeln zur Darstellung ge- 
bracht). Eine aufgekochte Probe besass genau das gleiche Aus- 
sehen; Nadeln waren keine mehr gebildet worden. Der Niederschlag 
gab starke Aragonitreaktion; unter dem Mikroskop zeigten sich 
nur die Kugeln gefärbt. Nach dreitägigem Stehen unter der 





Fiff. 2. 



Fig. 3. 



Mutterlauge bestand der Niederschlag fast nur noch aus 15 — 25 \l 
grossen Rhomboedern oder kugeligen Aggregaten solcher (Fig. 3). 
Die Aragonitreaktion gab er nun nicht mehr. 

Gegenüber den beiden vorigen Versuchen waren hier neben den 
Kalkspatrhomboedern auch Aragonitkugeln entstanden. Die grössere 
Verdünnung hatte somit dem Einfluss des Chlorcalciumüberschusses 
entgegengewirkt. 

Bei allen bisherigen in der Kälte ausgeführten Versuchen hat 
sich defr Aragonit niemals in Nadeln abgeschieden, diese entstanden 
vielmehr nur durch nachträgliches Erhitzen des amorphen Calcium- 
karbonates. 

Versuch 5. 

(Ueberschuss an kohlensaurem Natron ; konzentrierte, heisse Lösung.) 

75 ccm Natriumkarbonatlösung wurden zum Sieden erhitzt 
und mit 50 ccm siedender Chlorcalciumlösung versetzt. Die Mischung 



55] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 16 

blieb einen Augenblick ganz unverändert, dann schied sich eine 
klare, durchsichtige Gallerte aus, die beim Umrühren sehr bald trüb 
und weiss wurde. Die Masse bildete nun einen dicken, kaum noch 
flüssigen Brei. Erst nach und nach wurde der Niederschlag kristalli- 
nisch und damit das Ganze wieder dünnflüssig. Die Umwandlung 
erfolgt sehr viel schneller als in der Kälte und ist in etwa zwei 
Minuten beendet ^ durch Umrühren kann sie noch beschleunigt 
werden. Ein sofort abfiltrierter und ausgewaschener Teil des Nieder- 
schlags gab die Aragonitreaktion. Er bestand der Hauptmenge 
nach aus kurzen (5 — 10 \l grossen) Nädelchen und rundlichen 
Körnern von 0,5 — 1 \). Durchmesser; dazwischen zeigten sich ganz 
wenige gut ausgebildete Rhomboeder von 2 jj. Kantenlänge. 

In dem unter der Mutterlauge stehen gebliebenen Eest waren 
nach acht Tagen die Nädelchen noch zum grössten Teil erhalten, 
nach weiteren zehn Tagen waren aber nur nach langem Suchen 
hier und da einige zu finden. Der Niederschlag gab jetzt auch die 
Aragonitreaktion nicht mehr. 

Im Gegensatz zu den in der Kälte ausgeführten Versuchen 
hatte sich hier der Aragonit in Nadelform ausgeschieden, die sich 
im Vergleich zu den Kugeln als sehr viel beständiger erwies. 

Versuch 5 a. 

Der gleiche Versuch wurde noch einmal wiederholt, wobei die 
Reaktion ebenso wie vorher verlief. Sobald sich die amorphe 
Gallerte abgeschieden hatte, wurde ein Teil in eine grössere Menge 
kaltes Wasser gegossen, wodurch sogleich ein kristallinischer Nieder- 
schlag entstand, der genau so aussah, als ob er kalt gefällt worden 
wäre, d. h. er bestand zu zwei Drittel aus Kugeln von 10 — 15 [x 
Durchmesser; ebenso grosse, meist klar und scharf ausgebildete 
Rhomboeder bildeten den Rest. Er gab die Aragonitreaktion sehr 
stark. 

Der in der heissen Flüssigkeit gebliebene Teil war nach einigen 
Minuten ebenfalls ganz kristallinisch geworden und bestand aus 
kurzen Nadeln, zahlreichen rundlichen Körnern und wenigen Rhom- 
boedern. Auch er gab die Aragonitreaktion. 

Nach vier Tagen waren die Nadeln verschwunden und an ihre 
Stelle meistens körnige Aggregate getreten, neben wenigen grösseren 
Rhomboedern. Die Aragonitreaktion trat jetzt nicht mehr ein. 

Dieser Versuch beweist ebenso wie Versuch 2, dass es ledig- 
Hch von der Temperatur abhängt, ob der amorphe kohlensaure 



n Meigen: [56 

Kalk in kugelförmigen Aragonit bezw. Kalkspat oder in nadei- 
förmigen Aragonit übergeht. 

Versuch 6. 

(Ueberschuss an kohlensaurem Natron; verdünnte, heisse Lösung.) 

50 ccm Sodalösung wurden auf 250 ccm verdünnt und mit 25 
auf das zehnfache verdünnten ccm Chlorcalciumlösung in der Siedehitze 
gefällt. Der Niederschlag war im ersten Augenblick amorph, wurde 
aber sehr schnell kristallinisch und bestand fast völlig aus 20 — 35 [j. 
langen Nadeln (Fig. 4); dazwischen fanden sich wenige, nicht klar 
durchsichtige Rhomboeder. Er gab starke Aragonitreaktion. 





Fig. 4. Fig. 5. 

Nach drei Monaten war ein grosser Teil der Nadeln noch er- 
halten, die Hauptmenge bestand jetzt jedoch aus 15 — 20 [j. grossen 
Rhomboedern (Fig. 5). Die Aragonitreaktion gab der Niederschlag 
immer noch ziemlich stark. 

Die grössere Verdünnung hatte mithin im wesentlichen nur auf 
die Länge und die Beständigkeit der Nadeln Einfluss gehabt. 

Versuch 7 . 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; konzentrierte, heisse Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden zum Sieden erhitzt und 
mit 50 ccm siedender Sodalösung schnell gemischt. Auch hier 
bildete sich zuerst eine klare Gallerte, die sich bald in der bei 
Versuch 5 beschriebenen Weise umwandelte. Der kristalhnisch ge- 
wordene Niederschlag sah ebenso aus wie der bei 5 erhaltene. 
Nach dreitägigem Stehen unter der Mutterlauge waren keine Nadel- 



57] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 18 

chen mehr aufzufinden. Der Niederschlag gab jetzt auch die Ara- 
gonitreaktion nicht mehr. 

Der üeberschuss an Chlorcalcium hatte also auf den Verlauf 
der Reaktion keinen bemerkbaren Einfluss ausgeübt, beschleunigte 
aber die Umlagerung des gebildeten Aragonits in Kalkspat. 

Versuch 7 a. 

Der gleiche Versuch wurde wiederholt, nur mit dem Unter- 
schiede, dass die heisse Sodalösung langsam unter stetigem Um- 
rühren zugegeben wurde. Der Niederschlag wurde sehr schnell 
kristallinisch und war zu etwa zwei Drittel aus rundlichen Körnern von 
1 — 5 [x Durchmesser, zu einem Drittel aus 5 — 15 [a langen, dicken, an 
beiden Enden zugespitzten Nadeln zusammengesetzt; ausserdem waren 
nur sehr wenige, gut ausgebildete Rhomboeder vorhanden. Eine abfil- 
trierte Probe gab nach dem Auswaschen nicht sehr starke Aragonit- 
reaktion. 

Unter der Mutterlauge war der Niederschlag bereits nach 24 
Stunden ganz körnig geworden. Die einzelnen Körner waren jetzt 
etwas grösser, Nadeln keine mehr vorhanden. 

Bei diesem Versuch ist der ungünstige Einfluss eines Chlorcal- 
ciumüberschusses auf die Aragonitbildung deutlich zu erkennen. 
Dass dieser Einfluss sich bei dem vorhergehenden und dem folgen- 
den Versuch nicht so geltend gemacht hat, lässt sich wohl darauf 
zurückführen, dass bei der schnelleren Mischung der beiden Lösungen 
an manchen Stellen vorübergehend ein Üeberschuss an kohlensaurem 
Natron vorhanden ist. 

Versuch 7 b. 

Der gleiche Versuch wurde nochmals wiederholt. Der noch 
amorphe Niederschlag wurde zum Teil sofort in eine grössere 
Menge kaltes AVasser gegossen. Nachdem er kristallinisch geworden 
war, bestand er aus Rhomboedern von 2 — 10 [J. Kantenlänge und 
ebenso grossen Kugeln; dagegen waren keine Nadeln vorhanden. 
Er gab die Aragonitreaktion nicht sehr stark. 

Die heisse Hauptmenge wurde sehr bald kristallinisch und be- 
stand fast nur aus Nadeln ; daneben fanden sich wenige 2 — 5 {x 
grosse rundliche Körner und Rhomboeder. Dieser Niederschlag 
gab die Aragonitreaktion sehr stark. 

Nach drei Tagen waren die Nadeln verschwunden, es zeigten 
sich nur noch die rundlichen Körner, die wahrscheinlich auch nichts 



19 Meigen: [58 

anderes als undeutliche Rhomboeder vorstellten. Die Aragonit- 
reaktion trat nun nicht mehr ein. 

Versuch 8. 

(Ueberscliuss an Chlorcalcium; verdünnte, heisse Lösung.) 
25 ccm Chlorcalcium wurden auf 250 ccm verdünnt und in 
der Siedehitze mit 25 ccm Natriumkarbonatlösung, die ebenfalls 
auf 250 ccm verdünnt waren, gefällt. Der Niederschlag bestand 
ausschliesslich aus 10 — 20 [j. langen Nadeln und gab die Aragonit- 
reaktion sehr stark. Nachdem er 14 Tage unter der Mutterlauge 
gestanden hatte, war er noch ganz unverändert. Nach drei Monaten 
war er dagegen vollständig in 5 — 15 [a grosse, klar und scharf aus- 
gebildete Rhomboeder übergegangen. 

Die grössere Verdünnung hatte also auch hier, wie bei Ver- 
such 6, die Entstehung von Aragonit befördert. Infolge der An- 
wesenheit von Chlorcalcium in der Mutterlauge waren aber in diesem 
Fall die Nadeln weniger beständig als bei 6. 

Fassen wir die Ergebnisse aller mit neutralem kohlensauren 
Natron angestellten Versuche noch einmal kurz zusammen, so geht 
daraus folgendes hervor: 

1. Bei niederer Temperatur scheidet sich der Aragonit stets 
nur in Kugeln, bei höherer stets nur in Nadeln ab. 

2. Es entsteht um so mehr Aragonit, je alkalischer die Lösung 
ist-, ein Ueberschuss an Chlorcalcium wirkt der Aragonitbildung 
entgegen und vermag sie unter Umständen ganz zu unterdrücken. 

3. Durch Verdünnen wird in der Kälte der Einfluss eines 
Ueberschusses sowohl an kohlensaurem Natron wie an Chlorcalcium 
abgeschwächt; in der Hitze wird dadurch in allen Fällen die Ara- 
gonitbildung begünstigt. 

4. Der in der Kälte gefällte kugelförmige Aragonit geht unter 
der Mutterlauge in längstens 24 Stunden in Kalkspat über. Der 
heiss gefällte nadeiförmige Aragonit ist dagegen unter den gleichen 
Bedingungen ziemlich beständig; er lagert sich um so schneller in 
Kalkspat um, je mehr Chlorcalcium die Mutterlauge enthält. 

B. Fällung^en mit doppeltkohlensaurem Natron. 

Die verwendete Chlorcalciumlösung enthielt 200 g wasserfreies 
Chlorcalcium, die Alkalilösung .75 g doppeltkohlensaures Natron im 
Liter. 50 ccm Chlorcalciumlösung erfordern zur vollständigen Aus- 
fällung 200 ccm Natriumbikarbonatlösung. 



59] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 20 

Bei den in der Hitze ausgeführten Versuchen wurde die Lösung 
von doppeltkohlensaurem Natron auf 95 ° erwärmt, wobei noch kein 
wesentlicher Verlust an Kohlensäure eintrat; die Chlorcalciumlösung 
wurde kochend angewandt. 

Versuch 9. 

(Ueberschuss an Natriumbikarbonat; konzentrierte, kalte Lösung.) 

100 ccm Natriumbikarbonatlösung wurden bei 15" mit 25 ccm 
Chlorcalciumlösung versetzt. Es entstand sofort ein amorpher, aus 
bräunlichen Flocken bestehender Niederschlag, ohne dass sich 
Kohlensäure entwickelte. Erst nach Verlauf von etwa zwei Minuten 
zeigten sich die ersten Blasen, deren Menge beim Umrühren sehr 
zunahm. Eine aufgekochte Probe bestand aus undeutlichen Körnern 
und Nadeln. 

Nach fünf Minuten begann der Niederschlag kristallinisch zu 
werden. Eine nach einer Viertelstunde aufgekochte Probe war zu 
gleichen Teilen aus Kugeln von 15 — 20 [x Durchmesser, 5 — 20[j. grossen 
Rhomboedern und büschelförmig gruppierten Nadeln zusammen- 
gesetzt. 

Der in der kalten Flüssigkeit verbliebene Niederschlag bestand 
zur Hälfte aus sehr gleichmässig 10 — 15 |a grossen Kugeln, zur 
Hälfte aus ebenso grossen Rhomboedern. Die Kugeln gaben die 
Aragonitreaktion. Nach 24 Stunden waren noch Rhomboeder von 
15 — 20 [j. Kantenlänge vorhanden, sowie kugehge Aggregate solcher. 
Der Niederschlag gab jetzt die Aragonitreaktion nicht mehr. 

Wie bei dem entsprechenden Versuch mit neutralem kohlen- 
sauren Natron (1) hatte sich demnach auch hier in der Kälte neben 
Kalkspat Aragonit in Kugelform abgeschieden. 

Versuch 10. 

(Ueberschuss an Natriumbikarbonat; verdünnte, kalte Lösung.) 

100 ccm Natriumbikarbonatlösung wurden auf 250 ccm ver- 
dünnt und bei \h^ 25 ccm Chlorcalciumlösung, die gleichfalls auf 
250 ccm verdünnt waren, hinzugefügt. Die Mischung stellte eine 
milchige Flüssigkeit dar. Der Niederschlag war zunächst völlig amorph ; 
beim Umrühren ballte er sich zu grösseren Flocken zusammen. 
Nach zehn Minuten zeigten sich einzelne grössere Rhomboeder von 
10 {JL Kantenlänge, zahllose kleine und wenige Kugeln von 2 — 3 [x 
Durchmesser. 



21 Meigb:n: [60 

Nach 20 Minuten war der Niederschlag ganz zusammengefallen. 
Jetzt begann auch eine schwache Kohlensäureentwicklung, die lang- 
sam anhielt. Der Niederschlag bestand hauptsächlich aus 5 — 15 \i. 
grossen, klar und scharf ausgebildeten Rhomboedern; ausserdem 
waren aber auch noch viele von 1 — 2 [x Kantenlänge vorhanden. Nach 
einer Stunde waren die Rhomboeder 10 — 20 [x gross geworden; da- 
zwischen zeigten sich sehr vereinzelte Kugeln von gleicher Grösse. 
In einer mit Kobaltnitrat gekochten Probe wurden nur die wenigen 
Kugeln gefärbt. 

Der Niederschlag wurde nunmehr abfiltriert und ein Teil des 
Filtrates im Reagenzglas gekocht. Hierdurch fiel unter starker 
Kohlensäureentwicklung ein geringer Niederschlag, der ganz aus 
sechsstrahhgen Sternen von der Form der Schneekristalle zusammen- 
gesetzt war. Der beim Kochen des gesamten Filtrates in einem 
Kochfläschchen gebildete Niederschlag bestand neben wenigen 
Sternen aus rundlichen bis sechseckigen Scheiben, in deren Mitte 
sich ebenso wie bei den Sternen eine kleine Kugel oder ein 
Rhomboederchen befand (vgl. Fig. 6 u. 7). Scheiben wie Sterne 
gaben starke Aragonitreaktion. 

Die gleichen Sterne und Scheiben sind auch schon von Rose \ 
sowie von Vater- erhalten worden. Beide erklären sie für Kalk- 
spat, Da sie aber die Aragonitreaktion geben, glaube ich, dass 
sie ihrer Substanz nach mit den in der Kälte entstehenden Kugeln 
identisch sind und demnach eine besondere Ausbildungsform des 
Aragonits vorstellen. 

Durch die grössere Verdünnung ist bei diesem Versuch die 
Aragonitbildung sehr zurückgedrängt worden. 

Versuch 11. 

(Ueberschuss an Chlorcalciura; konzentrierte, kalte Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden bei 15 '^ mit 100 ccm 

Natriumbikarbonatlösung versetzt. Der Niederschlag war anfangs 

völlig amorph und bestand nur aus bräunhchen Flocken. Sehr 

bald begann eine schwache Kohlensäureentwickhmg, die langsam 



^ G. Rose, Ueber die Umstände, unter denen der kohlensaure Kalk sich in 
seinen heteromorphen Zuständen, als Kalkspat, Aragonit und Kreide abscheidet. 
Pogg. Ann. 111, 162 (1860). 

^ H. Vater, Die scheibenförmigen Kristalliten des Calciumkarbonates. 
Zeitschr. f. Krj'st. 27, 477 (1896). Hier sind auch die älteren Angaben über 
das Vorkommen solcher Scheiben ausführlich berücksichtigt. 



61] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 22 

fortdauerte. Eine sofort aufgekochte Probe zeigte unter dem 
Mikroskop fast nur kurze Nädelchen und gab die Aragonitreaktion. 

Nach einer Viertelstunde bestand die Hauptmenge des Nieder- 
schlags aus Kugeln von 2 — 15 ^ Durchmesser, daneben waren aber 
auch zahlreiche Rhomboeder von etwa 10 |i Kantenlänge vorhanden. 
Die Kugeln gaben die Aragonitreaktion. Nach einer Stunde war 
keine weitere Aenderung eingetreten. Nach 24 stündigem Stehen 
unter der Mutterlauge waren die Kugeln in Kristallaggregate über- 
gegangen, die die Aragonitreaktion nicht mehr gaben. 

Gegenüber dem entsprechenden Versuch mit neutralem kohlen- 
saurem Natron (3) waren also hier trotz des Ueberschusses an 
Chlorcalcium doch Kugeln gebildet worden. 

Versuch 12. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; verdünnte, kalte Lösung.) 

25 ccm Chlorcalciumlösung wurden auf 250 ccm verdünnt und 
bei 15° mit 50 ccm Natriumbikarbonatlösung, die gleichfalls auf 
250 ccm verdünnt waren, gefällt. Die Mischung blieb noch einige 
Augenbhcke durchscheinend, wenn auch sehr trüb. Die Trübung 
nahm schnell zu, und nach einer Minute war die Flüssigkeit milchig 
undurchsichtig geworden. Nach fünf Minuten begann der Nieder- 
schlag auch ohne Umrühren sich zusammenzuballen, und nach etwa 20 
Minuten traten die ersten Kohlensäurebläschen auf. Der Nieder- 
schlag war jetzt ganz zusammengefallen und die darüberstehende 
Flüssigkeit nur noch wenig getrübt. Unter dem Mikroskop zeigten 
sich hauptsächlich klare und scharfe Rhomboeder von 5 — 15 a 
Kantenlänge und nur ganz wenige Kugeln. Diese waren nach dem 
Kochen mit Kobaltnitratlösung gefärbt, was aber nur unter dem 
Mikroskop zu sehen war. 

Aus der vom Niederschlage abfiltrierten Mutterlauge schieden 
sich beim schnellen Aufkochen im Reagenzglase sehr schön ausge- 
bildete sechsstrahlige Sterne von 15 — 25 jx Durchmesser ab (Fig. 6). 

Eine andere Probe wurde in eine grössere Menge siedendes 
Wasser eingetropft. Hierdurch bildeten sich ausschliesslich 5 — 20 {x 
grosse, am Rande meist etwas gekerbte Scheiben, die in der Mitte 
ein kleines, rundliches Korn enthielten (Fig. 7). Nadeln waren in 
beiden Fällen nicht entstanden. Sterne wie Scheiben gaben die 
Aragonitreaktion sehr stark. 

Auch hier war, wie bei Versuch 10, durch die Verdünnung 
die Bildung von Kugeln zurückgehalten worden. 



23 



Meiqen : 



[62 



Versuch 13. 

(Ueberschuss an Natriumbikarbonat; konzentrierte, heisse Lösung.) 

200 ccm Natriumbikarbonatlösung wurden auf 95° erhitzt, 
wobei nur wenig Kohlensäure entwich, und unter Umrühren ziem- 
lich schnell mit 50 ccm kochender Chlorcalciumlösung versetzt. 
Unter starkem Aufschäumen entwich sehr viel Kohlensäure, die 
Temperatur sank dabei auf 85 *^. Der sofort kristallinisch ausfallende 
Niederschlag bestand aus 5 — 40 (meist 20 — 30) [x langen, garben- 
förmig vereinigten Nadeln. Dazwischen zeigten sich nur ganz 
wenige 5 — 10 [x grosse, klar durchsichtige Rhomboeder. Eine sofort 





Fis. 6. 



Fig. 7. 



abfiltrierte und ausgewaschene Probe gab die Aragonitreaktion sehr 
stark. Der Rest blieb unter der Mutterlauge stehen. Nach 24 
Stunden waren die Nadeln zum grössten Teil verschwunden und an 
ihre Stelle Rhomboeder von durchschnittlich 5 [t Kantenlänge ge- 
treten. Nach weiteren drei Tagen waren gar keine Nadeln mehr 
vorhanden. Der Niederschlag gab jetzt auch die Aragonitreaktion 
nicht mehr. 

In der Hitze hatte sich also trotz der grossen Menge freier 
Kohlensäure fast ausschhesslich Aragonit in Nadelform gebildet. 



Versuch 14. 

(Ueberschuss an Natriumbikarbonat; verdünnte, heisse Lösung.) 

100 ccm Natriumbikarbonatlösung wurden auf 250 ccm ver- 
dünnt und heiss mit 25 ccm Chlorcalciumlösung, die ebenfalls auf 
250 ccm verdünnt waren, versetzt. Unter starker Kohlensäure- 
entwicklung entstand sofort ein kristallinischer Niederschlag, der aus 



63] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 24 

40 — 70 {1 langen Nadeln und nur aus sehr wenigen klar durch- 
sichtigen und scharf ausgebildeten Rhomboedern von 7 — 10 {x 
Kantenlänge zusammengesetzt war. Eine sofort in kaltes Wasser 
gegossene Probe sah genau ebenso aus. Der Niederschlag gab die 
Aragonitreaktion sehr stark, auch noch, nachdem er 10 Tage unter 
der Mutterlauge gestanden hatte; sein Aussehen war dabei unver- 
ändert geblieben. 

Auch bei diesem Versuch war demnach trotz der freien Kohlen- 
säure fast nur Aragonit entstanden. 

Versuch 15. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; konzentrierte, heisse Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden heiss mit 100 ccm der 
Lösung von doppeltkohlensaurem Natron versetzt, wobei sich sehr viel 
Kohlensäure entwickelte. Der Niederschlag bestand aus büschelförmig 
angeordneten Nadeln von 10 — 30 ^. Länge. Ganz vereinzelt fanden 
sich einige 5 — 10 |jl grosse, klar durchsichtige Rhomboeder. Ein 
sogleich abfiltrierter Teil gab starke Aragonitreaktion. Nach drei- 
tägigem Stehen unter der Mutterlauge hatten sich in der obenauf 
schwimmenden Decke noch zahlreiche Nadeln erhalten. Die am 
Boden befindliche Hauptmenge bestand jedoch nur aus 5 — 10 [i 
grossen rundlichen Körnern und Rhomboedern; diese gaben die 
Aragonitreaktion nicht mehr. 

Auch hier war somit zunächst Aragonit gebildet worden, der 
sich aber verhältnismässig schnell in Kalkspat umwandelte. 

Versuch 16. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; verdünnte, heisse Lösung.) 
25 ccm Chlorcalcium, auf 250 ccm verdünnt, wurden siedendheiss 
mit 50 ccm Natriumbikarbonatlösung, die auch auf 250 ccm verdünnt 
waren, gefällt. Hierbei entwickelte sich sehr viel Kohlensäure. 
Der Niederschlag bestand aus einzelnen 30—60 [i langen Nadeln 
und wenigen 5 — 10 [x grossen Rhomboedern, deren Zahl etwas 
grösser als bei dem vorigen Versuch war (Fig. 8). Er gab die 
Aragonitreaktion sehr stark. Nach einem Monat schien er noch 
unverändert und gab auch noch immer die Aragonitreaktion. Nach 
drei Monaten waren nur noch sehr wenige Nadeln erhalten, die Haupt- 
menge bestand aus 10 — 20 {j. grossen, zum Teil gut ausgebildeten 
Rhomboedern. 



25 



Meigen : 



[64 




Durch die grössere Verdünnung war mithin der Einfluss des 
Chlorcalciums auf die Umlagerung des Aragonits abgeschwächt. 

Die mit doppeltkohlensaurem Natron angestellten Versuche 
haben sonach ergeben: 

1. In der Hitze scheidet sich der kohlensaure Kalk trotz der 
grossen Menge Kohlensäure, die bei der Fällung frei wird, als 
Aragonit in Nadeln aus; in der Kälte wird um so mehr Kalkspat 
gebildet, je verdünnter die Lösung ist. 

2. Der kalt gefällte Aragonit 
lagert sich in allen Fällen sehr 
bald in Kalkspat um; der heiss 
gefällte thut dies um so schneller, 
je mehr Chlorcalcium die Mutter- 
lauge enthält und je konzentrierter 
sie ist. 

Im übrigen zeigte sich kein 
Unterschied gegenüber den Ver- 
suchen mit neutralem kohlensaurem 
Natron, und das für diese Gesagte 
Fig. 8. gilt auch hier. 

C. Fällung-en mit kohlensaurem Ammon. 

Die angewandte Chlorcalciumlösung enthielt wie bei den früheren 
Versuchen 200 g wasserfreies Chlorcalcium, die Ammoniumkarbonat- 
lösung 150 g festes kohlensaures Ammon und die Ammoniakflüssig- 
keit 60 g Ammoniak im Liter. 

Unter der Voraussetzung, dass dem festen kohlensaurem Ammon 
die Formel NH4HCO3 + NH^ CO0NII2 zukommt, sind zur vollstän- 
digen Ausfällung von 50 ccm Chlorcalciumlösung 67 ccm Ammonium- 
karbonatlösung oder 52 ccm und 13 ccm Ammoniakflüssigkeit er- 
forderlich. 

Bei den in der Hitze ausgeführten Versuchen wurde die Lösung 
von kohlensaurem Ammon schnell auf 75° erwärmt, wodurch noch 
keine bedeutende Zersetzung herbeigeführt wurde; die Chlorcalcium- 
lösung wurde kochend angewandt. 

Versuch 17. 

(Ueberschuss an Ammoniumkarbonat; konzentrierte, kalte Lösung.) 

75 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden bei 15** mit 50 ccm 
Chlorcalciumlösung versetzt. Unter starker Kohlensäureentwicklung 



65] Beitkäge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes, 26 

fiel ein dicker gelatinöser Niederschlag, der völlig aus amorphen^ 
bräunlichen Flocken bestand. Nach 10 Minuten war er ganz kri- 
stallinisch geworden und zeigte sich jetzt unter dem Mikroskop als 
nur aus Kugeln von 5 — 20 »i Durchmesser zusammengesetzt; Rhom- 
boeder fehlten vollständig. Eine abfiltrierte Probe gab starke 
Aragonitreaktion. 

Nach 24 stündigeni Stehen unter der Mutterlauge hatten sich 
die Kugeln vollständig umgelagert; die Aragonitreaktion trat jetzt 
nicht mehr ein. 

Trotz Anwesenheit von viel freier Kohlensäure hatte sich also 
der kohlensaure Kalk als kugelförmiger Aragonit abgeschieden. 

Versuch 18. 

(Ueberschuss an Ammoniumkarbonat ; verdünnte, kalte Lösung.) 

50 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden mit 200 ccm Wasser 
versetzt und bei 15" mit 25 ccm Chlorcalciumlösung, die auf 250 ccm 
verdünnt waren, gefällt. Der sofort sich bildende Niederschlag 
war anfangs ganz amorph. Nach Verlauf einiger Zeit trat schwache 
Kohlensäureentwicklung ein. Nach einer Viertelstunde war der 
Niederschlag zum Teil immer noch amorph, doch waren auch schon 
viele Rhomboeder vorhanden. Nach einer halben Stunde war er ganz 
kristalhnisch geworden und bestand nun ausschliesslich aus 15 — 30 [x 
grossen Rhomboedern. Er gab infolge dessen auch nicht die Ara- 
gonitreaktion. 

Durch die grössere Verdünnung war somit die Aragonitbildung 
vollkommen unterdrückt worden. 

Versuch 19. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; konzentrierte, kalte Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden bei 15^* mit 50 ccm der Lösung 
von kohlensaurem Ammon gefällt. Der Verlauf der Reaktion war im 
wesentlichen derselbe wie bei Versuch 17. Der zuerst entstehende 
amorphe Niederschlag wurde innerhalb 10 Minuten kristallinisch 
und bestand grösstenteils aus 5 — 20 [j. grossen Kugeln, ausserdem 
waren zahlreiche sehr kleine (0,5 [j.) Körnchen vorhanden; Rhom- 
boeder waren nicht zu erkennen. Eine abfiltrierte Probe gab starke 
Aragonitreaktion. Nach 24 Stunden trat diese nicht mehr ein, ein 
Zeichen, dass die Umlagerung in Kalkspat vollendet war. 

Trotz des Ueberschusses an Chlorcalcium hatten sich also 
hauptsächlich Kugeln gebildet. 

Berichte XII] . n 



27 Meigen: [66 

Versuch 20. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium ; verdünnte, kalte Lösung.) 

28 ccm Chlorcalciumlösung wurden auf 250 ccm verdünnt und 
mit 25 ccm Ammoniumkarbonatlösung, die ebenfalls auf das Zehn- 
fache verdünnt waren, versetzt. Der zuerst amorphe Niederschlag 
war nach einer Viertelstunde kristallinisch geworden und bestand 
fast nur aus 5 [t grossen unregelmässigen Körnern, dazwischen 
zeigten sich einzelne gut ausgebildete Rhomboeder von 15— 20 jj. 
Kantenlänge und ganz wenige ebenso grosse Kugeln, Nach dem 
Kochen mit Kobaltnitrat war makroskopisch keine Färbung zu be- 
merken, unter dem Mikroskop erschienen die Kugeln gefärbt. 

Durch die stärkere Verdünnung war mithin auch bei diesem 
Versuch die Aragonitbildung sehr zurückgedrängt. 

Versuch 21. 

(Ueberschuss an Ammoniumkarbonat; konzentrierte, heisse Lösung.) 

75 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurde auf 75*^ erwärmt und 
mit 50 ccm siedender Chlorcalciumlösung versetzt. Unter starker 
Kohlensäureentwicklung fiel ein sofort kristallinischer Niederschlag, 
der nur aus Rhomboedern von meist 3 — 6 [jl Kantenlänge bestand 
und keine Aragonitreaktion gab. 

In Uebereinstimmung mit den Angaben Adler's war also that- 
sächlich in der Hitze kein Aragonit entstanden. 

Versuch 22. 

(Ueberschuss an Ammoniumkarbonat; verdünnte, heisse Lösung.) 

50 ccm der Lösung von kohlensaurem Amnion wurden auf 250 ccm 
verdünnt und in der Hitze mit 25 ccm Chlorcalciumlösung, gleich- 
falls auf 250 ccm verdünnt, gefällt. Der unter starker Kohlensäure- 
entwicklung entstehende Niederschlag war sogleich kristallinisch 
und bestand zu gleichen Teilen aus 5 — 10 [i grossen Rhomboedern 
und kurzen, büschelig vereinigten Nadeln. Er gab die Aragonit- 
reaktion. Nach einem Monat erschien er im wesentlichen noch un- 
verändert; nach zwei Monaten war er vollständig in Kalkspat um- 
gewandelt und gab die Aragonitreaktion nicht mehr. 

Infolge stärkerer Verdünnung war also wieder Aragonit ge- 
bildet worden. 



67] 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 



28 



Versuch 23. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; konzeutrierte, heisse Lösung.) 

50 ccm Chlorcalciumlösung wurden in der Hitze mit 50 ccm 
Ammoniumkarbonatlösung gefällt. Der unter starker Kohlensäure- 
entwicklung entstehende Niederschlag war sofort kristallinisch und 
bestand aus 5 — 10 [x grossen, gut ausgebildeten Rhoinboedern und 
aus undeutlichen Körnern; er gab keine Aragonitreaktion. 

Versuc/i 24. 

(Ueberschuss an Chlorcalcium; verdünnte, heisse Lösung.) 

25 ccm Chlorcalciumlösung wurden auf 250 ccm verdünnt und 
in der Hitze mit 25 ccm Ammoniumkarbonatlösung, die auch auf 
250 ccm verdünnt waren, versetzt. 
Unter starker Kohlensäureent- 
wicklung fiel ein kristallinischer 
Niederschlag, der etwa zur Hälfte 
aus klar und scharf ausgebildeten 
Rhomboedern von 15 [i Kanten- 
länge, zur Hälfte aus büschelig ver- 
einigten Nadeln zusammengesetzt 
war (Fig. 9). Derselbe gab die 
Aragonitreaktion sehr stark. Nach 
14 Tagen war er noch unverändert; 
nach einem Monat zeigte ein Teil 
der Nadeln beginnenden Zerfall, 
noch ziemlich viel Nadeln vorhanden, auch gab der Niederschlag 
noch die Aragonitreaktion. Nach weiteren drei Wochen war jedoch 
die Umwandlung in Kalkspat vollendet. 

Wie bei Versuch 22 war somit auch in diesem Fall bei stärkerer 
Verdünnung Aragonit gebildet worden. 

Versuch 25. 

(Ueberschuss an Ammoniak; konzentrierte, kalte Lösung.) 

75 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden mit 50 ccm Ammoniak 
versetzt und bei 15° 50 ccm Chlorcalciumlösung zugegeben. Es 
schied sich sofort eine völlig amorphe, durchscheinende Gallerte 
ab. Nach einer Viertelstunde war der grösste Teil des Nieder- 
schlages noch amorph, ein Teil war aber bereits in Kugeln über- 
gegangen. Nach fünf Stunden waren nur noch wenige amorphe Flocken 

5* 




Fig. 9. 
Nach 50 Tagen waren immer 



29 Meigen: [68 

erhalten, im übrigen bestand der ganze Niederschlag nur aus Kugeln 
von bis zu 40 [j. Durchmesser. Er gab die Aragonitreaktion sehr 
stark. Nach zweitägigem Stehen unter der Mutterlauge waren die 
Kugeln zum grössten Teil noch vorhanden, während nach vier Tagen 
nur noch wenige aufzufinden waren. 

Vergleicht man das Ergebnis dieses Versuchs mit dem bei 
17 erhaltenen, so sieht man, dass der Ueberschuss an freiem Am- 
moniak lediglich die Beständigkeit der Kugeln beeinflusst hat, die 
in diesem Fall eine ungewöhnhch grosse war. 



Versuch 26. 

(Ueberschuss an Ammoniak; verdünnte, kalte Lösung.) 

50 ccm der Lösung von kohlensaurem Ammon wurden mit 25 ccm 
Ammoniak versetzt, das Ganze auf 250 ccm verdünnt, und mit 25 ccm 
Chlorcalciumlösung, die ebenfalls auf 250 ccm verdünnt waren, ge- 
fällt. Der sogleich entstehende Niederschlag war vollständig amorph. 
Nach einer halben Stunde war er im wesentlichen unverändert, nach 
einer Stunde jedoch ganz kristallinisch. Er bestand jetzt fast nur 
aus Rhomboedern von 10 — 20 [x Kantenlänge, die meist klar und 
scharf ausgebildet waren, und wenigen bis zu 10 [t grossen Kugeln. 
Nach dem Kochen mit Kobaltnitrat war mit blossem Auge keine 
Färbung zu bemerken, unter dem Mikroskop erwiesen sich aber die 
Kugeln als gefärbt. 

Durch die grössere Verdünnung wurde die Aragonitbildung, 
wenn auch nicht wie bei Versuch 18 vollständig unterdrückt, so 
doch stark zurückgedrängt. 

Versuch 27. 

(Ueberschuss an Ammoniak; verdünnte, kalte Lösung.) 

50 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden mit 200 ccm Am- 
moniak versetzt und bei 15° mit 25 ccm Chlorcalciumlösung, die 
auf 250 ccm verdünnt waren, gefällt. Der Verlauf der Reaktion 
war im allgemeinen derselbe wie bei dem vorigen Versuch, nur ging 
die Umwandlung des amorphen Niederschlages langsamer vor sich. 
Der völlig kristallinisch gewordene Niederschlag bestand hauptsäch- 
lich aus Rhomboedern von der verschiedensten Grösse, die nur 
zum kleinsten Teil gut ausgebildet, sondern meist zu vielen mit- 
einander verwachsen waren; daneben waren auch ziemlich zahlreiche 
bis 40 [X grosse Kugeln vorhanden. Nach 24 Stunden waren die 



69] Beiträge zuk Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 30 

Kugeln grösstenteils noch vorhanden, sehr wenige auch noch nach 
zwei Tagen. 

Der grössere Ueberschuss an Ammoniak hatte also ebenso wie 
bei dem vorhergehenden Versuch die Bildung von Kugeln begünstigt. 



Versuch 28. 

(Ueberschuss an Ammoniak; konzentrierte, heisse Lösung.) 

75 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden mit 50 ccm Am- 
moniak versetzt, auf 75° erwärmt und mit 50 ccm siedender Chlorcal- 
ciumlösung gefällt, unter starkem Aufschäumen entstand ein zu- 
nächst amorpher Niederschlag, der aber in wenigen Sekunden kri- 
stallinisch wurde. Er bestand mit Ausnahme sehr weniger 5 — 20 [jl 
grosser, gut ausgebildeter Rhomboeder nur aus büschelig gehäuften 
Nadeln. Die Aragonitreaktion gab er sehr stark. Nach dreiwöchigem 
Stehen unter der Mutterlauge waren die Nadeln zum Teil bereits 
zerfallen, gaben aber die Aragonitreaktion immer noch ziemlich 
stark. Nach weiteren drei Wochen trat diese nicht mehr ein; der 
Niederschlag war nun ganz körnig geworden. 

Vergleicht man diesen Versuch mit dem entsprechenden Ver- 
such 21, so erkennt man, dass durch den Zusatz von Ammoniak 
die Bildung von Aragonit sehr befördert worden ist. 

Versuch 29. 

(Ueberschuss an Ammoniak; verdünnte, heisse Lösung.) 

50 ccm Ammoniumkarbonatlösung wurden mit 25 ccm Am- 
moniak versetzt, auf 250 ccm verdünnt und in der Hitze mit 25 ccm 
Chlorcalciumlösung, die gleichfalls auf 250 ccm verdünnt waren, 
gefällt. In dem Niederschlage zeigten sich neben sehr wenigen 
amorphen Flocken und vereinzelten 5 — 10 {jl grossen klaren Rhom- 
boedern nur büschelförmig verzweigte Nadeln. Nach zwei Monaten 
war er noch ganz unverändert. 

Im Vergleich mit Versuch 22 war also auch hier mehr Ara- 
gonit gebildet worden. 

Fassen wir die Ergebnisse der Fällungen mit kohlensaurem 
Ammon kurz zusammen, so zeigt sich folgendes: 

1. Bei Anwendung konzentrierter Lösungen wird in der Kälte 
vorzugsweise kugelförmiger Aragonit, in der Hitze nur Kalkspat 
gebildet. 



31 Meigen: [70 

2. Aus verdünnten Lösungen scheidet sich der kohlensaure 
Kalk in der Kälte als Kalkspat, in der Hitze dagegen auch als 
Aragonit ab. 

3. Die Gegenwart von freiem Ammoniak begünstigt in det 
Kälte die Entstehung von kugelförmigem, in der Hitze die von 
nadeiförmigem Aragonit. 

Soweit es sich um das Verhalten konzentrierter Lösungen 
handelt, stimmen die von mir erhaltenen Resultate mit den Angaben 
Adler's ^ überein, ebenso bei verdünnten kalten Lösungen. Dagegen 
triift seine Behauptung, dass in der Hitze niemals Aragonit entstehe, 
für die verdünnten Lösungen nicht zu. 

Vergleicht man die Wirkung des kohlensauren Ammons mit 
der des kohlensauren Natrons, so ist das verschiedene Verhalten 
der konzentrierten heissen Lösungen besonders bemerkenswert; 
während sich bei Anwendung von kolilensaurem Natron der kohlen- 
saure Kalk als Aragonit abscheidet, entsteht mit kohlensaurem 
Ammon unter den gleichen Bedingungen nur Kalkspat. Dies ver- 
schiedene Verhalten kann nicht, wie dies von Adler geschieht, 
auf die Dissoziation des kohlensauren Ammons zurückgeführt werden, 
da freie Kohlensäure die Bildung von Aragonit nicht hindert (Ver- 
such 13) und freies Ammoniak sie sogar befördert (Versuch 28). 
Es bedarf noch weiterer Untersuchungen, ehe sich eine befriedigende 
Antwort auf diese Frage geben lässt. 

II. Einwirkung des liohlensauren Kalkes auf die Lösungen 
Ton Schwermetallen. 

Obgleich eine genaue Kenntnis der Einwirkung des kohlen- 
sauren Kalkes auf Salzlösungen für viele Fragen von grösster Be- 
deutung ist, sind eingehendere Untersuchungen darüber nur selten 
angestellt worden. Es handelt sich hier vor allem um geologische 
und mineralogische Probleme. So pflegt man, um nur ein Beispiel 
anzuführen, die Entstehung vieler Erzlagerstätten, besonders solcher, 
auf denen die Erze als Karbonate wie Eisenspat, Galmei u. s. w. vor- 
kommen, auf eine derartige Einwirkung zurückzuführen. 

Die Fragen, welche hier in Betracht kommen, sind wesentlich 
dreierlei Art : 

1. Welche Metalle werden durch kohlensauren Kalk gefällt? 

2. In welcher Form werden die Metalle gefällt? 

1 Siehe S. 7. 



J 



71] Beitrage zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 32 

3. Wirken die verschiedenen Modifikationen des kohlensauren 
Kalkes auf die gleiche Lösung gleich oder verschieden? 

Die bisher ausgeführten Arbeiten beschäftigen sich mit einer 
einzigen Ausnahme (Klement) nur mit der Beantwortung der beiden 
ersten Fragen. 

Versuche, durch Einwirkung von kohlensaurem Kalk auf die 
Lösung eines Schwermetalls das Karbonat des letzteren darzustellen, 
wurden zuerst von Bequeeel ^ angestellt. Da es ihm darauf ankam, 
möghchst grosse, gut ausgebildete Kristalle zu erhalten, die nach 
Form und Zusammensetzung gut bestimmt werden konnten, liess 
er Stücke Kalkstein oder Kreide Wochen oder Monate, ja selbst 
Jahre lang in der Lösung des betreffenden Metalls liegen. Es ge- 
lang ihm auf diese Weise aus Lösungen von Bleinitrat oder Chlor- 
blei kohlensaures Blei in der Form des Cerussits zu bekommen; 
aus Kupfernitrat erhielt er Gerhardtit, basisch salpetersaures Kupfer, 
ebenso aus Kupfervitriol Brochantit, basisch schwefelsaures Kupfer. 
Nach Debray^ entsteht bei der Einwirkung einer Lösung von Kupfer- 
nitrat auf Kreide im geschlossenen Gefäss zunächst doppeltkohlen- 
saurer Kalk und Gerhardtit, der schhesslich in Kupferlasur über- 
geht. Senarmont^ konnte durch Erhitzen von Kalkstein mit 
Eisenchlorür, Manganchlorür oder Chlorzink auf 130—200° Eisen- 
spat, Manganspat und Zinkspat darstellen. Durch längere Ein- 
wirkung einer Eisenchloridlösung auf Kalkstein bei 300'' erhielt er 
Eisenoxyd. Nach Tschermak* fällt Kalkspat aus einer Lösung von 
Kupferchlorid das Kupfer als Malachit aus. Wendet man dagegen 
Kupferchlorür an, so erhält man Kupferoxydul als Pseudomorphose 
nach Kalkspat (Knop)^ Meunier^ fand, dass Kalkspat aus der 
Lösung eines Eisensalzes Eisenhydroxyd ausfällt-, aus der Lösung 
eines Mangansalzes entstand ein analoger Niederschlag nur bei An- 
wesenheit von etwas Eisen. 



' C. Becquerel, Ueber die durch Berührung der festen und flüssigen 
Körper hervorgerufenen chemischen Wirkungen. J. f. pr. Ch. 56, 471 (1852). 
— C. Becqderel, Ueber chemische Verbindungen, welche beim langsamen 
Aufeinanderwirken fester und flüssiger Körper entstehen. J. f. pr. Ch. 59, 7 (1853). 

- Brauns, Chemische Mineralogie S, 259. 

^ Brauns, Chemische Mineralogie S. 268 und 269. 

* Braiins, Chemische Mineralogie S. 259 (Tschermak's mineral. Mitteilungen 
1873, S. 41). 

° Brauns, Chemische Mineralogie S. 260. 

" Brauns, Chemische Mineralogie S. 260. Meunier, Compt. rend. 111, 661 
(1890). 



33 Meigen: [72 

Dass Kalkspat und Aragonit unter Umständen eine verschie- 
dene Wirkung haben können, geht aus den Untersuchungen von 
Klement^ über die Dolomitbildung hervor. Dieser fand nämlich, 
dass Magnesiumsalze wohl durch Aragonit, nicht aber durch Kalk- 
spat gefällt werden. Es sind dies auch die einzigen quantitativen 
Versuche, welche bisher angestellt worden sind. 

A. Qualitative Versuche. 

Ich stellte zunächst einmal durch einfache qualitative Versuche 
fest, welche Metalle durch kohlensauren Kalk überhaupt gefällt 
werden. 

Es wurden gewöhnhch drei Parallelversuche gemacht, einer mit 
natürlichem Kalkspat, einer mit Aragonit und einer mit künstlich 
gefälltem kohlensaurem Kalk. 

Der natürhche Kalkspat war isländischer Doppelspat, der fein 
zerrieben und gebeutelt wurde. Das Pulver besass im Mittel eine 
Korn grosse von 9 — 13 |i. 

Als Aragonit wurden grosse klare, aber etwas gelblich ge- 
färbte Kristalle von Bilin verwendet, die ebenfalls fein zerrieben 
und gebeutelt wurden. Die Korngrösse betrug im Mittel 5 — 13 [i. 

Der künstUch gefällte kohlensaure Kalk war ein von E. Merck 
in Darmstadt bezogenes Präparat. Er bestand aus klar und scharf 
ausgebildeten, fast gleichgrossen Rhomboedern von 10 [i Kanten- 
länge; dazwischen waren nur sehr wenige grössere bis zu 40 \^ 
Kantenlänge vorhanden. 

Die Versuche wurden derart ausgeführt, dass die abgewogene 
Menge Calciumkarbonat mit der Lösung des betreffenden Salzes ge- 
schüttelt oder gekocht wurde. Die angewandte Kalkmenge betrug 
meist um ein Viertel mehr als zur vollständigen Ausfüllung theo- 
retisch erforderlich war. 

Als Schüttelgefässe wurden starkwandige Glasröhren von 18 mm 
Durchmesser und 18 cm Länge benutzt, die mit gut passenden 
Kautschukstopfen verschlossen wurden. Diese Röhren besassen 
ein Fassungsvermögen von ungefähr 50 ccm. 8 — 10 solcher Röhren 
wurden in geeigneter Weise an einer Scheibe von Zinkblech be- 
festigt, worauf diese durch eine Turbine in langsame Umdrehung ver- 
setzt wurde. Durch die hin und her gleitende Luftblase wurde der 



* C. Klement, Ueber die Bildung des Dolomits. Tschermak's mineral. und 
petrogr. Mitteilungen N. F. 14, 526 (1895). 



I 



73] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 34 

kohlensaure Kalk in der Flüssigkeit ganz gleichmässig verteilt. Um 
bei konstanter Temperatur arbeiten zu können, wurde die ganze 
Vorrichtung in einen Thermostaten gesetzt. 

Mangan. 

Die Lösung enthielt 24 g MnS04 -\- 5 HoO im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (Island.) wurden mit 40 ccm Mangansulfat- 
lösung anhaltend gekocht. Noch nach halbstündigem Kochen gab 
das Filtrat mit Schwefelammonium einen starken Niederschlag. 

2. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Aragonit hatte dasselbe 
Ergebnis. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Mangansulfat- 
lösung bei 15° geschüttelt. Nach 48 Stunden Hess sich in der 
Lösung mit Schwefelammonium noch Mangan nachweisen. 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck), 
sowie 

4. mit 0,5 g Aragonit ausgeführt, hatte dasselbe Ergebniss. 
Die Rückstände waren bei sämtlichen Versuchen manganhaltig. 
Kalkspat und Aragonit zeigten somit in qualitativer Hinsicht 

das gleiche Verhalten. Durch beide wird Mangan aus seinen 
Lösungen zum Teil gefällt. Die Behauptung Meunier's^ dass Man- 
gan von kohlensaurem Kalk nur bei Gegenwart von Eisen nieder- 
geschlagen werde, ist also nicht zutreffend. 

Zink. 

Die angewandte Lösung enthielt 29 g ZnS04 + 7 HjO im 
Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Zinksulfat- 
lösung anhaltend gekocht. Nach einer halben Stunde gab Schwefel- 
ammonium im Filtrate noch einen starken Niederschlag. 

2. Der gleiche Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit angestellt. 
Nach halbstündigem Kochen gab Schwefelammonium noch einen 
beträchtlichen Niederschlag, der aber doch wesentlich geringer als 
bei 1 war. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Zinksulfat- 
lösung bei 15*^ geschüttelt. Noch nach 48 Stunden gab Schwefel- 
ammonium einen starken Niederschlag. 

> Siehe S. 32. 



35 Meigen: [74 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Mekck), 
sowie 

4. mit 0,5 g Aragonit ausgeführt, ergab dasselbe Resultat. 

Die Rückstände enthielten bei allen Versuchen Zink. 

Zink wird demnach aus seinen Lösungen, ebenso wie Mangan, 
nur teilweise gefällt und zwar durch Aragonit anscheinend etwas 
leichter als durch Kalkspat, jedoch ist der Unterschied nicht sehr 
gross. 

Kobalt. 

Die Lösung enthielt 29 g Co(N03)2 ~\- 6 H2O im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Kobaltnitrat- 
lösung versetzt und anhaltend gekocht. Der kohlensaure Kalk 
blieb während einiger Minuten ganz unverändert; erst nach etwa 
10 Minuten langem Kochen begann er sich allmählich hellblau zu 
färben. Die Lösung war auch nach halbstündigem Kochen noch 
rosa gefärbt. 

2. Der gleiche Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit ausgeführt. 
Sobald die Lösung zu kochen anfing, entstand ein lilafarbener 
Niederschlag, der bei weiterem Erhitzen noch dunkler wurde. Die 
Lösung war nach einer halben Stunde noch rosa gefärbt. 

3. 0,5 g Kalkspat wurden mit 10 ccm Kobaltnitratlösung und 
30 ccm Wasser versetzt und anhaltend gekocht. Nach einer halben 
Stunde gab Schwefelammonium im Filtrate einen starken, nach einer 
Stunde immer noch einen geringen Niederschlag. 

4. Derselbe Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit ausgeführt. 
Nach halbstündigem Kochen gab Schwefelammonium keine Reak- 
tion mehr, 

5. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden bei IS'' mit 40 ccm Kobalt- 
nitratlösung geschüttelt. Die Lösung war auch nach 72 Stunden 
noch rosa gefärbt. Der kohlensaure Kalk erschien äusserlich un- 
verändert, enthielt aber trotzdem eine geringe Menge Kobalt. 

5a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck) hatte 
dasselbe Ergebnis. 

6. 0,5 g Aragonit ebenso behandelt, waren schon nach 
24 Stunden helllila; das Filtrat war jedoch auch nach 72 Stunden 
noch rosa gefärbt. 

Nach diesen Versuchen zeigen Kalkspat und Aragonit Lösungen 
von Kobaltnitrat gegenüber ein so verschiedenes Verhalten, dass es 
mit Hilfe dieser Reaktion leicht ist, sie von einander zu unterscheiden. 
Man hat nur nötig, die feinzerriebene Substanz mit einer nicht zu 



75] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 36 

konzentrierten Lösung von Kobaltnitrat einige Minuten lang zu 
kochen; färbt sie sich hierbei lila, so bestand jene aus Aragonit, 
bleibt sie unverändert oder färbt sie sich hellblau, so war jene Kalk- 
spat. Der Unterschied in der Färbung ist schon ohne weiteres in 
der Lösung zu sehen, wird aber beim Abfiltrieren und Auswaschen 
noch deutlicher. Zweckmässig ist es, so viel Kobaltnitrat anzuwenden, 
dass die Lösung auch nach dem Kochen noch rot gefärbt ist. 
Die Konzentration kann im übrigen in sehr weiten Grenzen 
schwanken. 

Ktypeit und Conchit verhalten sich wie Aragonit. 
Ich habe die Reaktion auf einige natürliche Vorkommnisse von 
kohlensaurem Kalk angewandt und dabei folgende Resultate erhalten: 
Es gaben die Reaktion auf Aragonit: 

Aragonit, Bihn (Böhmen). 

Aragonit, Sasbach (Kaiserstuhl). 

Sprudelstein, Karlsbad. 
Es gaben die Reaktion nicht und bestanden demnach aus 
Kalkspat : 

Doppelspat, Island. 
_ Schreibkreide. 

Bergmilch, Kamor (Appenzell). 

Travertin, Tivoli b. Rom. 

Dornstein, Salzuflen (Westfalen). 

OHgocäner Kalkstein, Doberg b. Bünde (Westfalen). 

Korallenkalk, Istein (Baden). 

Korallenkalk, Lauterbrunnen (Schweiz). 

Hauptrogenstein, Liel (Baden). 

Jaumontoolith, Gravelotte. 
Ueber das Verhalten des von Organismen abgesonderten kohlen- 
sauren Kalkes s, S. 51 u. f. 

Die gleiche Reaktion wie Aragonit geben auch gefälltes 
Baryum- und Strontiumkarbonat, sowie Witherit und Strontianit. 
Ebenso giebt auch künstlich gefälltes (basisches) Magnesiumkarbonat 
denselben Niederschlag; natürlicher Magnesit ist nach halbstündigem 
Kochen mit Kobaltnitratlösung ganz schwach blau gefärbt, be- 
deutend heller als Kalkspat, ebenso verhält sich Dolomit. Gefällter 
dreibasisch phosphorsaurer Kalk giebt einen blauen Niederschlag 
mit einem Stich ins Rote, Gefälltes Fluorcalcium färbt sich ganz 
schwach rosa, während natürlicher Phosphorit, Apatit und Fluss- 
spat auch nach langem Kochen überhaupt keine Reaktion geben. 



37 Meigen: [76 

Nickel. 

Die Lösung enthielt 28 g NiSO^ -{- 7 H2O im Liter. 

L 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Nickelsulfat- 
lösung anhaltend gekocht. Das Filtrat war auch nach halbstündigem 
Kochen noch grün gefärbt. 

2. Der gleiche Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit ausgeführt. 
Das Filtrat war nach einer halben Stunde noch grün, jedoch viel 
heller als bei 1; der Niederschlag war dagegen wesentlich dunkler 
gefärbt. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden bei 15° mit 40 ccm Nickel- 
sulfatlösung geschüttelt. Die Lösung war auch nach 48 Stunden 
noch grün gefärbt. 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck), 
sowie 

4. mit 0,5 g Aragonit ausgeführt, hatte dasselbe Ergebnis. 
Die Rückstände waren bei allen drei Versuchen nickelhaltig, 

obwohl sie kaum gefärbt erschienen. 

Auch hier zeigte sich also ein, wenn auch nicht so deutlicher, 
Unterschied im Verhalten von Aragonit und Kalkspat wie beim 
Kobalt. 

Eisen. 
aj Eisenchlorid. 

Die Lösung enthielt 14 g FeCls + 6 ifgO im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Eisenchlorid- 
lösung versetzt. Sofort entstand unter starker Kohlensäureent- 
wicklung ein starker brauner Niederschlag von Eisenhydroxyd. Nach 
fünf Minuten langem Kochen war im Filtrat mit Ferrocyankalium 
kein Eisen mehr nachzuweisen. 

2. Derselbe Versuch mit 0,5 g Aragonit führte zu demselben 
Resultat. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Eisenchlorid- 
lösung bei 15° versetzt. Es fiel sofort unter Entwicklung von 
Kohlensäure Eisenhydroxyd aus. Nach zwei Minuten langem 
tüchtigem Durchschütteln Hess sich im Filtrat kein Eisen mehr 
nachweisen. 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck), sowie 

4. mit 0,5 g Aragonit ausgeführt, hatte dasselbe Ergebnis. 
Dreiwertiges Eisen wird demnach sowohl durch Kalkspat wie 

durch Aragonit aus seinen Lösungen schnell und vollständig gefällt. 



J 



77] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 38 

hj Eisenmtriol. 

Die Lösung enthielt 28 g FeS04 + 7 H2O im Liter. 

1. 0,5 g Kalicspat (isländ.) wurden mit 40 ccm Eisenvitriol- 
lösung anhaltend gekocht, wobei das Kochfläschchen mit einem 
BuNSEN'schen Ventil verschlossen war. Soweit das Eisen bereits 
oxydiert war, fiel es schon in der Kälte aus 5 beim Kochen bildete 
sich ein grauschwarzer Niederschlag. Das Filtrat gab auch nach 
einer halben Stunde noch mit Ferricyankalium einen starken Nieder- 
schlag. 

2. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Aragonit ausgeführt, hatte 
dasselbe Ergebnis, nur war der Niederschlag mehr grünschwarz 
gefärbt. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden bei 15*^ mit 40 ccm Eisen- 
vitriollösung geschüttelt. Es entstand sogleich ein geringer gelber 
Niederschlag von Eisenhydroxyd, der seine Entstehung einer teil- 
weisen Oxydation der Lösung verdankte. Auch nach 72stündigeni 
Schütteln gab das Filtrat noch immer mit Ferricyankalium einen 
Niederschlag. 

3a. Derselbe Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck) ausgeführt, 
führte zu dem gleichen Resultat. 

4. Der gleiche Versuch wurde ferner mit 0,5 g Aragonit 
wiederholt. Es bildete sich schon nach sehr kurzer Zeit ein tief- 
dunkelgrüner Niederschlag, der sich dann nicht weiter veränderte. 
Im Filtrat war noch nach 72 Stunden mit Ferricyankahum Eisen 
nachzuweisen. 

Eisenoxydulsalzen gegenüber verhalten sich mithin Aragonit 
und Kalkspat in so hohem Grade verschieden, dass sich diese Re- 
aktion ebenso gut wie die mit Kobaltnitratlösung zur Unterscheidung 
der beiden Formen des kohlensauren Kalkes eignet. Die Reaktion 
wird zweckmässig so ausgeführt, dass man in einem Reagenzglase 
die feingepulverte Substanz mit einer möglichst oxydfreien, neutralen 
Lösung von Eisenvitriol oder MoHR'schem Salz übergiesst und ein- 
fach in der Kälte stehen lässt. Ueber Aragonit bildet sich dann 
in sehr kurzer Zeit ein Niederschlag von grüner Farbe, deren Tiefe 
mit der Zeit immer mehr zunimmt. Ueber Kalkspat bildet sich in 
dem Masse, als die Lösung durch den Luftsauerstoft' oxydiert wird, 
allmählich ein hellgelber Niederschlag von Eisenhydroxyd. Schütteln 
ist unnötig und nicht einmal ratsam, da dadurch nur die Oxydation 
der Lösung begünstigt wird. Die gleiche Fällung wie Aragonit 



39 Meigen: [78 

geben auch Baryum- und Strontium-, sowie gefälltes (basisches) 
Magnesiumkarbonat, nicht aber gefälltes dreibasisches Calicumphos- 
phat. Dolomit verhält sich wie Kalkspat. 

Kupfer. 

a) Kupfersulfat. 

Die Lösung enthielt 25 g CuSO^ + 5 H2O im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (Mekck) wurden mit 40 ccm Kupfervitriol- 
lösung versetzt und andauernd gekocht. Unter starker Kohlen- 
säureentwicklung bildete sich ein blaugrüner Niederschlag. Eine 
nach fünf Minuten genommene Probe gab mit Ferrocyankalium eine 
schwache Reaktion. Nach 10 Minuten Hess sich kein Kupfer mehr 
nachweisen. 

2. 0,5 g Aragonit wurden ebenfalls mit 40 ccm Kupfersulfat- 
lösung gekocht. Der entstehende Niederschlag hatte das gleiche 
Aussehen wie bei 1. Eine nach fünf Minuten genommene Probe 
gab mit Ferrocyankalium einen beträchtlichen Niederschlag. Nach 
10 Minuten trat nur noch eine schwache Reaktion ein, und nach 
einer Viertelstunde war die Fällung vollständig. 

3. 0,5 g Kalkspat (Island.) wurden mit 40 ccm Kupfersulfat- 
lösung bei 15^ geschüttelt. Nach sechs Stunden trat mit Ammoniak 
noch ziemlich starke Blaufärbung ein. Der Versuch konnte nicht 
fortgesetzt werden, da infolge von Kohlensäureentwicklung der 
Stopfen herausgetrieben wurde. 

3a. Ein mit 0,5 g Kalkspat (Merck) ausgeführter Versuch 
ergab dasselbe Resultat und konnte aus dem gleichen Grunde nicht 
fortgesetzt werden. 

4. Derselbe Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit angestellt. 
Nach sechs Stunden gab eine abfiltrierte Probe mit Ammoniak eine 
starke Blaufärbung, die sehr viel intensiver war als bei den beiden 
vorigen Versuchen, Auch nach 24 Stunden trat noch immer eine 
ziemlich starke Reaktion ein. 

5. 1 g Kalkspat (isländ.) wurde bei 15'' mit 40 ccm Kupfer- 
vitriollösung geschüttelt. Nach 24 Stunden trat mit Ammoniak 
keine Reaktion mehr ein; Ferrocyankalium gab noch einen geringen 
Niederschlag. Nach 48 Stunden war kein Kupfer mehr nachzu- 
weisen. Der Niederschlag besass eine graugrüne Farbe und war 
sehr voluminös. 

6. Der gleiche Versuch wurde mit 1 g Aragonit wiederholt. 
Nach 24 Stunden gab eine Probe mit Ammoniak eine starke Blau- 



79] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 40 

färbung. Der Niederschlag sah mehr blaugriin aus. Nach 
48 Stunden trat mit Ferrocyankahum nur noch eine schwache 
Braunfärbung ein. Das Aussehen des Niederschlags war jetzt fast 
das gleiche wie bei dem vorhergehenden Versuch, nur war er weniger 
voluminös. 

h) Kupfernitrat. 

Die Lösung enthielt 29,5 g CuCNOsJs + 6 H2O im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (Merck) wurden mit 40 com Kupfernitrat- 
lösung anhaltend gekocht. Unter starker Kohlensäureentwicklung 
bildete sich ein blaugrüner Niederschlag. Nach fünf Minuten Hess 
sich im Filtrat kein Kupfer mehr nachweisen. 

2. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Aragonit hatte dasselbe 
Ergebnis. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden bei 15 ^^ mit 40 ccm Kupfer- 
nitratlösung geschüttelt. Nach 24 Stunden gab Ammoniak eine 
schwache Blaufärbung, Ferrocyankalium einen geringen Niederschlag. 
Nach 48 Stunden war kein Kupfer mehr nachzuweisen. 

3a. Bei dem gleichen mit 0,5 g Kalkspat (Merck) ausge- 
führten Versuch war die Fällung bereits nach 24 Stunden vollständig. 

4. Derselbe Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit wiederholt. 
Nach 24 Stunden gab Ammoniak noch eine starke Bläufärbung. 
Nach 48 Stunden Hess sich kein Kupfer mehr nachweisen. 

Kupfer wird somit aus seinen Lösungen sowohl durch Kalk- 
spat wie durch Aragonit vollständig gefällt und zwar im Gegensatz 
zu den bisher behandelten Metallen durch Kalkspat schneller als 
durch Aragonit. Ein wesentlicher Unterschied im Verhalten des 
Sulfats und Nitrats war nicht zu bemerken. 

Blei. 
Die Lösung enthielt 33 g PhCNOs)^ im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (Merck) wurden mit 40 ccm Bleinitrat- 
lösung anhaltend gekocht. Nach 10 Minuten Hess sich mit Schwefel- 
wasserstoff kein Blei mehr nachweisen. 

2. Bei dem gleichen Versuche mit 0,5 g Aragonit gab Schwefel- 
wasserstoff auch nach halbstündigem Kochen noch einen Nieder- 
schlag von Schwefelblei. 

3. 0,5 g Kalkspat (isländ.) wurden bei 15" mit 40 ccm Blei- 
nitratlösung geschüttelt. Nach sechs Stunden trat mit Schwefel- 
wasserstoff noch eine geringe Bräunung ein, nach 24 Stunden war 
die Fällung vollständig. 



41 Meigen: [80 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck) führte 
zu demselben Ergebnis. 

4. Derselbe Versuch wurde mit 0,5 g Aragonit wiederholt. Nach 
24 Stunden gab Schwefelwasserstoff noch einen Niederschlag; selbst 
nach 72 Stunden trat noch immer eine Braunfärbung ein. 

Durch Kalkspat wird Blei aus seinen Lösungen vollständig 
gefällt. Durch Aragonit ist die Fällung bei genügend langer Dauer 
wahrscheinlich auch vollständig, geht aber sehr viel langsamer vor 
sich als mit Kalkspat. Der Unterschied in dieser Hinsicht ist beim 
Blei noch bedeutend grösser als beim Kupfer. 

SillDer. 

Die Lösung enthielt 17 g AgNO^ im Liter. 

1. 0,5 g Kalkspat (Island.) wurden mit 40 ccm Silbernitrat- 
lösung zum Kochen erhitzt. Es entstand sofort ein gelber Nieder- 
schlag von kohlensaurem Silber; das Filtrat gab aber noch nach 
einer halben Stunde mit Salzsäure einen starken Niederschlag. 

2. Derselbe Versuch mit 0,5 g Aragonit führte zu dem gleichen 
Ergebnis. 

3. 0,5 g Kalkspat (Island.) wurden mit 40 ccm Silbernitrat- 
lösung bei 15*^ geschüttelt. Es bildete sich sofort ein gelber Nieder- 
schlag von kohlensaurem Silber. Die Lösung gab noch nach 
48 Stunden einen starken Niederschlag von Chlorsilber. 

3a. Der gleiche Versuch mit 0,5 g Kalkspat (Merck), sowie mit 

4. 0,5 g Aragonit ausgeführt, ergab dasselbe Resultat. 
Silber wird demnach aus seinen Lösungen durch kohlensauren 

Kalk nur sehr unvollständig gefällt. Ein Unterschied zwischen Ara- 
gonit und Kalkspat war nicht zu bemerken. 

Fassen wir die Resultate der vorstehenden Versuche noch ein- 
mal kurz zusammen, so kommen wir zunächst zu dem Ergebnis, 
dass Aragonit und Kalkspat den Lösungen der Schwermetalle 
gegenüber im allgemeinen ein verschiedenes Verhalten zeigen, und 
zwar ist es sehr bemerkenswert, dass der Unterschied beider nicht 
bei allen Metallen den gleichen Sinn hat: während Zink, Kobalt, 
Nickel und zweiwertiges Eisen durch Aragonit leichter gefällt 
werden als durch Kalkspat, verhält es sich bei Kupfer und Blei 
umgekehrt. Im allgemeinen kann man sagen, dass ein Metall 
durch kohlensauren Kalk um so schneller und vollständiger nieder- 
geschlagen wird, je stärker die Lösung seiner Salze hydrolytisch 
gespalten ist. 



81] 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 



42 



B. Quantitative Versuche. 

Quantitative Versuche über die Fällung von Schwermetallen 
durch kohlensauren Kalk wurden von mir vorläufig nur mit Lösungen 
von Mangansulfat angestellt. Das Mangan wurde nach der Methode 
von YoLHARD durch Titration mit Kaliumpermanganat bestimmt. 
Diese Methode gab bei den hauptsächlich angewandten ungefähr 
1/5 normalen Lösungen bis auf Vs % des vorhandenen Mangans 
genaue Resultate. Bei den verdünnteren Lösungen war die Ge- 
nauigkeit wesentlich geringer. 

Der verwendete Aragonit war derselbe, der auch zu den 
qualitativen Versuchen benutzt wurde. 

An Stelle von Kalkspat wurde von E. Merck in Darmstadt 
bezogener, gefällter kohlensaurer Kalk genommen. Das Präparat 
bestand hauptsächlich aus rundlichen Körnern und undeutlichen 
Rhomboedern von durchschnittlich 0,5 — 1 \l Durchmesser; dazwischen 
fanden sich einzelne grössere, gut ausgebildete Rhomboeder bis zu 
10 |JL Kantenlänge. Da dieses Präparat der Modifikation des Kalk- 
spats entsprach, werde ich es der Kürze halber im folgenden ein- 
fach als Kalkspat bezeichnen. Der besseren Uebersicht wegen gebe 
ich die erhaltenen Resultate in Tabellenform. 



1. Einwirkung von Kalkspat. 



Nr. 
des 
Ver- 
suchs 


Normalität 

der 

Maugau- 

lösuug 


Auf 1 Aequ. 

Maugau 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Maugau in 

Prozenten 


1. 


0,24 


50 


72 


25" 


1,0 


2. 


0,24 


50 


120 


25» 


1,2 


3. 


0,24 


50 


192 


25« 


1,4 


4. 


0,24 


50 


24 


50« 


1,8 


5. 


0,22 


100 


72 


17» 


2,0 


5 a. 


0,22 


100 


72 


21» 


3,8 


6. 


0,22 


100 


168 


21» 


2,9 


7. 


0,22 


100 


8 


90» 


8,6 


8. 


0,22 


200 


72 


21» 


5,0 


9. 


0,22 


200 


168 


21» 


6,3 


10. 


0,22 


200 


8 


90» 


13,8 


11. 


0,045 


50 


72 


17» 


2,4 


12. 


0,045 


50 


168 


17» 


1,9 


13. 


0,045 


100 


72 


17» 


2,9 


14. 


0,045 


100 


168 


17» 


2,9 


15. 


0,045 


200 


72 


17» 


6,8 


15 a. 


0,045 


200 


72 


21» 


4,9 


16. 


0,045 


200 


168 


17» 


5,8 



Berichte XIII. 



43 



Meigen : 



[82 



Die Versuche wurden derart ausgeführt, dass je 40 ccm der 
Lösung mit der abgewogenen Menge Kalkspat mittels der schon 
früher erwähnten Vorrichtung ständig geschüttelt wurden. 

Da der kohlensaure Kalk nicht immer vollkommen die gleiche 
Beschaffenheit hat, auch das Schütteln bei verschiedenen Versuchen 
nicht immer in der gleichen Weise erfolgt, so darf man natürlich 
nicht erwarten, dass man bei gleichen Versuchen auch immer genau 
die gleichen Resultate erhält. Immerhin ist die Uebereinstimmung 
doch so gross, dass sich folgende Gesetzmässigkeiten erkennen 
lassen. 

Die Menge des gefällten Mangans hängt in hohem Grade von 
der Menge des angewandten kohlensauren Kalkes ab-, sie nimmt 
ferner mit der Dauer der Einwirkung zu. Ebenso hat eine höhere 
Temperatur einen sehr beschleunigenden Einfluss. Stärkere Ver- 
dünnung hat dagegen keine wesenthche Bedeutung. 

2. Einwirkung von Aragronit. 



Nr. 


Normalität 


Auf 1 Aequ. 






Gefällte 


des 
Ver- 


der 
Mangan- 


zugesetzte 
Aequ. 

CaCOs 


Dauer des 

Versuchs 


Tempe- 
ratur 


Menge 
Mangan in 


suchs 


lösung 


in Stunden 




Prozenten 


17. 


0,22 


50 


24 


17» 


50,6 


18. 


0,22 


50 


72 


170 


96,5 


19. 


0,22 


50 


168 


21 " 


99,4 


20. 


0,22 


100 


0,1 


17» 


3,9 


20 a. 


0,22 


100 


0,1 


17" 


4,2 


21. 


0,22 


100 


24 


17« 


88,7 


22. 


0,22 


100 


72 


17" 


98,5 


23. 


0,22 


100 


168 


21 " 


94,4 


24. 


0,24 


100 


24 


50» 


97,6 


25. 


0,24 


100 


48 


.50» 


99,1 


26. 


0,24 


100 


96 


50» 


98,6 


27. 


0,22 


100 


8 


90» 


99,8 


28. 


0,22 


200 


24 


17» 


93,9 


29. 


0,22 


200 


72 


17» 


99,1 


30. 


0,045 


50 


24 


17» 


44,8 


31. 


0,045 


50 


72 


17» 


57,3 


32. 


0,045 


100 


24 


17» 


44,8 


33. 


0,045 


100 


72 


17» 


70,2 


34. 


0,045 


100 


168 


17» 


98,8 


3.5. 


0,071 


150 


0,1 


17» 


5,8 


35 a. 


0,071 


150 


0,1 


17» 


5,3 


36. 


0,045 


200 


24 


17» 


57,0 


37. 


0,045 


200 


72 


17» 


78,8 


38. 


0,045 


200 


168 


17» 


90,0 


39. 


0,060 


100 


72 


11» 


99,6 



Für die Einwirkung von Aragonit gilt im wesentlichen das 
gleiche wie für Kalkspat. Der Gleichgewichtszustand ist anscheinend 



83] 



Beiträge zur Kentjtnis des kohlensauren Kalkes. 



44 



erreicht, wenn etwa 99,5 % des Mangans gefällt und die Normalität 
der Mangansulfatlösiing ungefähr 0,001 geworden ist. Bei ver- 
dünnteren Lösungen geht die Fällung langsamer vor sich als bei 
konzentrierteren. 



3. Yergleichuug: der Wirkung von Kalkspat und Aragonit. 



Nr. 

des 


Normalität 
der 


Auf 1 Aequ. 
Mangan 


Dauer des 


Tempe- 


Gefällte 
Menge 




Ver- 
suchs 


Mangan- 
lösung 


Aequ. 

CaCOs 


\ ersuchs 
in Stunden 


ratur 


Mangan in 
Prozenten 




1. 


0,24 


50 


72 


25" 


1,0 


Kalkspat 


18. 


0,22 


50 


72 


17" 


96,5 


Aragonit 


5. 


0,22 


100 


72 


17» 


2,0 


Kalkspat 


oa. 


0,22 


100 


72 


21 » 


3,8 


Kalkspat 


92 


0,22 


100 


72 


17« 


98,5 


Aragonit 


7. 


0,22 


100 


8 


90» 


8,6 


Kalkspat 


27. 


0,22 


100 


8 


90» 


99,8 


Aragonit 


8. 


0,22 


200 


72 


17» 


5,0 


Kalkspat 


29. 


0,22 


200 


72 


17» 


99,1 


Aragonit 


11. 


0,045 


50 


72 


17» 


2,4 


Kalkspat 


31. 


0.045 


50 


72 


17» 


57,3 


Aragonit 


13. 


0,045 


100 


72 


17» 


2,9 


Kalkspat 


33. 


0,045 


100 


72 


17» 


70,2 


Aragonit 


15. 


0,045 


200 


72 


17» 


6,8 


Kalkspat 


15 a. 


0,045 


200 


72 


21 » 


4,9 


Kalkspat 


37. 


0,045 


200 


72 


17» 


78,8 


Aragonit 



4. Einwirkung von Kalkspat beim Durchleiten von Luft. 



Nr. 
des 
Ver- 
suchs 


Normalität 

der 

Maugan- 

lösung 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Jlangan in 

Prozenten 


40. 
41. 
42. 
43. 
44. 


0,25 

0,22 

0,25 

0,025 

0,025 






100 

40 

200 


8 
48 
8 
8 
8 


15» 

15» 
15» 
15» 
15» 


-0,2 

— 0,8 
0,2 

- 0,1 
0,1 



Durch diese Versuche sollte festgestellt werden, welchen Eiu- 
fluss ein längere Zeit fortgesetztes Durchleiten von Luft auf die 
Fällung des Mangans durch Kalkspat hat. Um zunächst einmal zu 
sehen, wie gross hierbei der durch Verdunstung veranlasste Fehler 
ist, wurde bei den beiden ersten Versuchen die Luft längere Zeit 
durch die reine Mangansulfatlösung geleitet. Damit dieser Fehler 
möglichst klein werde, wurde die aus einem grossen Gasbehälter 

6* 



45 



Meigen : 



[84 



entnommene, schon feuchte Luft noch durch eine Waschflasche mit 
Wasser geleitet. Wie man sieht, ist so die Verdunstung auch bei 
48-stündiger Versuchsdauer nur sehr gering und kann bei 8-stündiger 
Dauer als innerhalb der Fehlergrenzen liegend ganz vernachlässigt 
werden. Die Lösung befand sich in den gleichen Röhren wie bei 
den übrigen Versuchen, so dass die Luft eine etwa 15 cm hohe 
Flüssigkeitssäule zu überwinden hatte. 

Ein Einfluss des Luftdurchleitens auf die Fällung ist nicht zu 
bemerken. 

5. Einwirkung- von Aragonit beim Durchleiten yon Luft. 



Nr 
des 
Ver- 
suchs 


Normalität 
der 
Mangan- 
lösung 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

Ca CO 3 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Mangan in 

Prozenten 


45. 


0,22 


50 


8 


15° 


13,6 


46. 


0,22 


100 


8 


15» 


19,4 


46 a. 


0,24 


100 


8 


15» 


18,7 


47. 


0,22 


100 


24 


15» 


27,2 


48. 


0,22 


100 


48 


15» 


33,6 



Auch auf die Fällung des Mangans durch Aragonit hat das 
Durchleiten von Luft keinen bemerkbaren Einfluss. Dass bei Ver- 
such 47 soviel weniger Mangan gefällt wurde als bei dem im übrigen 
mit ihm ohne weiteres vergleichbaren Versuch 21, kommt wohl 
daher, dass durch die aufsteigenden Luftblasen der Aragonit nicht 
so gut in der Flüssigkeit verteilt wird wie durch Schütteln. 



6. Einwirkung von Kalkspat beim Dnrclileiten von Kohlensäure. 



Nr. 
des 
Ver- 
suchs 


Normalität 

der 

Mangau- 

lösuiig 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Mangan in 

Prozenten 


49. 
50. 
51. 
52. 


0,25 
0,25 
0,24 
0,025 


50 
100 
100 

40 


1 

8 

24 

8 


15« 

15» 
15» 
15» 


0,0 
1,7 
3,3 
0,8 



Durchleiten von Kohlensäure beschleunigt demnach die Fällung 
des Mangans durch Kalkspat bedeutend. 



85] 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 



46 



7. Einwirkung von Aragonit beim Durchleiten von Kohlensäure. 



Nr. 
des 
Ver- 
suchs 


Normalität 
der 
Mangan- 
lösung 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Dauer des 

Versuchs 
in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Mangan in 

Prozenten 


53. 
54. 
55. 
56. 
57. 


0,22 

0,24 

0,24 

0,071 

0,071 


100 
100 
200 
150 
150 


8 
24 

8 

8 

48 


15» 
15» 
15« 
15» 
15» 


26,7 
83,9 
49,0 
22,0 
65,0 



Wie ein Vergleich mit Tabelle 5 zeigt, wird auch die Fällung des 
Mangans durch Aragonit beim Durchleiten von Kohlensäure sehr 
befördert. 

S. Einwirkung von Kalkspat bei Cregenwart von Eisen. 



Nr. 

des 
Ver- 
suchs 


Normalität 
der 
Mangan- 
lösung 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 
zugesetzte 
Aequ. Eisen 


Dauer des Tempe- 
Versuchs ^.atur 
in Stunden 


Gefällte 

Menge 

Maugan in 

Prozenten 


58. 
59. 

59 a. 
60. 

60 a. 


0,24 
0,24 
0,24 
0,18 
0,18 


50 

50 

50 

100 

100 


0,06 
0,06 
0,06 
0,71 
0,71 


24 

48 

48 
0,1 
0,1 


25» 
25» 
25» 
15» 
15» 


1,3 
1,3 
1,4 
1,1 
1,2 



Mangan bei Gegenwart von Eisen durch 
kohlensauren Kalk vollständig gefällt werden soll, so wurde bei diesen 
und den folgenden Versuchen der Mangansulfatlösung eine gemessene 
Menge einer Lösung von Eisenamraoniakalaun zugesetzt. 

Aus den Versuchen geht hervor, dass durch Eisen allerdings 
die Fällung begünstigt wird. Der Einfluss des Eisens scheint sich 
aber nur ganz am Anfang geltend zu machen und ist selbst bei 
verhältnismässig grossen Eisenmengen nicht sehr bedeutend. 

9. Kinwirknng- von Aragonit bei Gegenwart von Eisen. 



Nr. 

des 
Ver- 
suchs 


Normalität 
der 
Mangan- 
lösung 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Auf 1 Aequ. 
Mangan 

zugesetzte 
Aequ. Eisen 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Mangan in 

Prozenten 


61. 

61a. 

62. 

63. 

64. 

64 a. 

65. 


0,18 

0,18 

0,064 

0,064 

0,064 

0,064 

0,064 


100 
100 
150 
150 
150 
150 
150 


0,71 

0,71 

0,14* 

0,29* 

0,89 

0,89 

0,95* 


0,1 
0,1 
0,1 
0,1 
0,1 
0,1 
0,1 


15» 

15» 
15« 
15» 
15» 
15» 
15» 


2,1 

2,8 
3,1 
3,3 
4,9 
4,7 
3,1 



Bei den mit einem Stern verseheneu Versuchen wurde das Eisen in Form 
einer einfachen Forrisulfatlösung zugesetzt. 



' Siehe S. 32. 



47 



Meigen : 



[86 



Wie ein Vergleich mit den entsprechenden Versuchen der 
Tabelle 2 (20, 20a, 35, 35a) ergiebt, hat die Gegenwart von Eisen 
auf die Fällung des Mangans durch Aragonit eher einen ungünstigen 
Einfluss. 

10. Eimvirkuug- von Kalkspat bei Gegenwart Ton Eisen und Dnrchleiten 

Ton Luft. 

Da die Wirkung des Eisens auf die Fällung des Mangans 
möglicherweise eine Oxydationswirkung sein konnte, so wurde bei den 
folgenden Versuchen in der oben beschriebenen Weise Luft durch- 
geleitet. 



Nr. 
des 
Ver- 


Normalität 

der 

Mangan- 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 
zugesetzte 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Mangan in 


sucüs 


lösung 


Aequ. Eisen 




Prozenten 


66. 


0,23 


50 


0,13 


8 


15° 


0,9 


67. 


0,22 


50 


0,26 


8 


15» 


1,7 


68. 


0,20 


50 


0,64 


8 


15« 


5,3 


69. 


0,23 


100 


0,13 


8 


15« 


1,5 


70. 


0,23 


100 


0,13 


24 


15» 


2,1 


71. 


0,23 


100 


0,13 


72 


15« 


2,6 


72. 


0,22 


100 


0,26 


8 


15« 


2,0 


73. 


0,20 


100 


0,64 


8 


15« 


6,6 


74. 


0,20 


100 


0,64 


24 


15« 


7,1 


75. 


0,23 


200 


0,13 


8 


15« 


2,7 


76. 


0,22 


200 


0,23 


8 


15« 


3,8 


77. 


0,16 


200 


1,25 


8 


15« 


10,3 


78. 


0,024 


40 


0,51 


8 


15« 


3,6 


79. 


0,023 


100 


2,53 


8 


15« 


10,4 


80. 


0,024 


200 


0,51 


8 


15« 


4,3 


81. 


0,023 


200 


2,53 


8 


15« 


12,8 


82. 


0,023 


400 


2,53 


8 


15« 


13,8 



Aus den Versuchen geht hervor, dass bei Anwesenheit von 
Eisen die durch Kalkspat beim Durchleiten von Luft gefällte Menge 
Mangan mit der Menge des zugesetzten Eisens zunimmt. Da die 
gefällten Mengen beträchtlich grösser sind als bei Abwesenheit von 
Luft (Tabelle 8), so kann man den Einfluss des Eisens vielleicht auf 
eine Uebertragung des Luftsauerstoffs zurückführen. Dem wider- 
spricht allerdings der Umstand, dass eine längere Versuchsdauer 
nicht von wesentHchem Einfluss ist, man müsste denn annehmen, 
dass das Eisen seine Uebertragungsfähigkeit* bald verliert. 



87] 



Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 



48 



11. Einwirkung von Aragonit bei Gegenwart Ton Eisen nnd Durchleiten 

Ton Luft. 



Nr. 


Normalität 


Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCOs 


Auf 1 Aequ. 


Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 




Gefällte 


des 
Ver- 
suchs 


der 
Mangan- 
lösung 


Maugan 
zugesetzte 
Aequ. Eisen 


Tempe- 
ratur 


Menge 
Mangan in 
Prozenten 


83. 


0,21 


50 


0,14 


8 


15» 


6,2 


84. 


0,23 


100 


0,13 


8 


15» 


8,0 


84 a. 


0,23 


100 


0,13 


8 


15» 


8,6 


85. 


0,18 


100 


0,71 


8 


15» 


17,0 


86. 


0,064 


150 


0,14* 


8 


15» 


25,0 


87. 


0,064 


150 


0,29* 


8 


15» 


16,1 


88. 


0,064 


150 


0,89 


8 


15» 


13,8 


89. 


0,064 


150 


0,95* 


8 


15. 


13,6 



Auch aus diesen Versuchen geht hervor, dass Eisen auf die 
Fällung des Mangans durch Aragonit ungünstig einwirkt; je mehr 
Eisen zugesetzt wird, um so weniger Mangan wird gefällt. Die 
Ausnahme des Versuchs 85 vermag ich nicht zu erklären, vielleicht 
ist der Einfluss des Eisens je nach der Konzentration verschieden. 

12. Einwirkung von Kalkspat bei Gegenwart von Eisen und Durclileiten 

von Luft. 



Nr. 

des 
Ver- 
suchs 


^^ ,.,.., ' Auf 1 Aequ. 
Normalltat Maugan 
der 1 zugesetzte 
Mangan- j Aequ. 
1°^'^"^ CaCOs 


Auf 1 Aequ. 
Mangan 

zugesetzte 
Aequ. Eisen 


Dauer des 

Versuchs 
in Stunden 


Tempe- 
ratur 


Gefällte 

Menge 

Maugan in 

Prozenten 


90. 
91. 
92. 


0,18 

0,024 

0,023 


100 
40 

200 


0,71 
0,51 
2,53 


8 
8 
8 


15» 
15» 
15» 


3,4 
1,8 

7,8 



Vergleicht man die erhaltenen Resultate mit den entsprechenden 
Versuchen der Tabellen 6 (50 und 52) und 10 (73, 78 und 81), so sieht 
man, dass Eisen auch beim Durchleiten von Kohlensäure die Fällung 
des Mangans durch Kalkspat befördert, jedoch ist in diesem Fall sein 
Einfluss bei weitem nicht so gross wie beim Durchleiten von Luft. 



13. Einwirkung von Aragonit bei Gegenwart von Eisen und Durchleiten 

von Kohlensäure. 



Nr. 
des 
Ver- 
suchs 



93. 
94. 
95. 



Normalität 

der 
Mangan- 
lösuug 



0,23 
0,18 
0,064 



Auf 1 Aequ. 

Mangan 

zugesetzte 

Aequ. 

CaCO, 



100 
100 
150 



Auf 1 Aequ. 

Mangan 
zugesetzte 
Aequ. Eisen 



0,13 
0,71 
0,95'* 



Dauer des 

Versuchs 

in Stunden 




Gefällte 

Menge 

Mangan in 

Prozenten 



12,6 

19,8 
8,0 



49 Meigen: [88 

Ein Vergleich dieser Zahlen mit den entsprechenden Versuchen 
der Tabelle 7 (53 und 56) zeigt, dass Eisen die Fällung des Mangans 
durch Aragonit auch beim Durchleiten von Kohlensäure ungünstig 
beeinflusst, und zwar thun dies geringe Eisenmengen anscheinend 
in höherem Grade als grössere. Gegenüber den entsprechenden 
Versuchen mit Luft (Tabelle 11, Nr. 84, 85 und 89) wird aus 
konzentrierteren Lösungen durch Kohlensäure mehr, bei ver- 
dünnteren weniger Mangan gefällt als beim Durchleiten von Luft. 

Kurz zusammengefasst sind die wesentlichsten Ergebnisse der 
vorstehenden Versuche folgende: 

1. Unter gleichen Bedingungen wird durch Aragonit bedeutend 
mehr Mangan gefällt als durch Kalkspat. 

2. Die Menge des gefällten Mangans nimmt mit der Menge 
des angewandten kohlensauren Kalkes zu. 

3. Höhere Temperatur beschleunigt die Fällung. 

4. Durchleiten von Luft hat keinen wesentlichen Einfluss. 

5. Durchleiten von Kohlensäure befördert die Fällung. 

6. Bei Gegenwart von Eisen wird durch Kalkspat mehr, durch 
Aragonit weniger Mangan gefällt als aus reinen Lösungen, sowohl 
beim einfachen Schütteln, wie beim Durchleiten von Luft oder 
Kohlensäure. 

III. Bildung und Torkommen des kohlensauren Kalkes in der 

organischen Natur. 

Der kohlensaure Kalk spielt auch in der organischen Welt 
eine sehr wichtige Rolle. Verdankt er doch seine ursprüngliche 
Entstehung sicher zum grössten Teil, vielleicht sogar ausschliesslich 
der unmittelbaren oder mittelbaren Mitwirkung von Organismen. 
Alle Kalksteine sind ursprünglich Meeresablagerungen. Dass die 
in ihnen erhaltenen Schalen von Muscheln, Schnecken u.s.w. durch 
die Lebensthätigkeit dieser Tiere gebildet sind, ist ohne weiteres 
klar, die Frage ist nur, wie die Hauptmasse des dichten Kalksteines 
entstanden ist. Das Meerwasser enthält neben Calciumsalzen in 
noch viel grösserer Menge Magnesiumsalze. Abgesehen von den 
Dolomiten, deren Entstehungsweise noch immer streitig ist, die aber 
jedenfalls nicht von vorneherein als solche im Meerwasser abgesetzt 
wurden, sind aber fast alle Kalksteine fast vollkommen frei von 
Magnesium. Der kohlensaure Kalk kann daher nur durch ein 
Reagenz gefällt sein, durch das Magnesiumsalze nicht nieder- 
geschlagen werden. Das einzige Fällungsmittel, welches diesen 



891 Bkiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 50 

Anforderungen genügt, ist das kohlensaure Ammon und die einzige 
Quelle für dieses in der Natur ist die Zersetzung von Eiweiss. 

Was nun die Art und Weise der Kalkabsonderung durch 
Organismen betrifft , so sind die Ansichten darüber noch sehr ge- 
teilt. Von Harting ^ wurde nachgewiesen, dass der bei Anwesenheit 
kolloidaler Stoffe wie Eiweiss oder Gelatine erzeugte Niederschlag 
von kohlensaurem Kalk die gleichen Eigenschaften besitzt, wie die 
Coccolithen der Meeresabsätze, Kreide u. s. w. Steinmann ^ zeigte 
dann, dass die gleichen Niederschläge auch ohne Zusatz eines 
Fällungsmittels beim Zusammenbringen von Eiweiss mit Calcium- 
salzen entstehen. Aus seinen Versuchen zieht er den Schluss, dass 
die Abscheidung des kohlensauren Kalkes durch Organismen nicht 
notwendig als ein Lebensvorgang angesehen zu werden braucht. 
Von Murray und Irvine^ ist durch Versuche an Hühnern und 
Krebsen festgestellt worden, dass es für die Kalkausscheidung dieser 
Tiere ganz gleichgültig ist, in welcher Form sie das Calcium in ihrer 
Nahrung aufnehmen. 

Ich habe die Versuche Steinmanns wiederholt und kann dessen 
Angaben im allgemeinen bestätigen. Wie eine Prüfung mittels der 
Kobaltreaktion ergab, besteht der beim Vermischen von Eiweiss 
mit Chlorcalcium entstehende sphärokristaUine Niederschlag aus 
Aragonit. 

Dass die Schalen zahlreicher Tiere aus kohlensaurem Kalk 
bestehen, ist schon sehr lange bekannt. Aber auch die Form des- 
selben, ob Aragonit oder Kalkspat, ist bereits in vielen Fällen 
festgestellt worden, besonders durch die Arbeiten von G. Rose^. 

Da es mit Hilfe der auf Seite 35 und 38 dieser Arbeit mit- 
geteilten Reaktionen jetzt sehr leicht ist, Aragonit und Kalkspat 
von einander zu unterscheiden, so habe ich eine grössere Anzahl Ver- 
treter des Tier- und Pflanzenreichs daraufhin untersucht und gebe 
im folgenden die erhaltenen Resultate*. 



' Gr. Steinmänn, Ueber Schalen und Kalksteinbildimg. Berichte der 
Naturforscheudeu Gesellschaft zu Freiburg i. Br. Bd. IV S. 288 (1889). 

- Mdrray and Irvine, Coral Reefs and other Carbonate of Linie Forma- 
tions in Modern Seas. Nature 42, 162 (1890). 

^ G. EosE, Ueber die heteromorphen Zustände der kohlensauren Kalk- 
erde. Abhandl. der königl. Akademie der AVissensch. zu Berlin 1858, S. 63. 
Hier ist auch die ältere Litteratur ausführlich berücksichtigt. 

* Herrn Hofrat Prof. Dr. Steinmann, sowie Herrn Prof. Dr. Oltmanns, 
durch deren Güte ich den grössten Teil des untersuchten Materiales erhielt, 
sage ich auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank. 



51 Meigen: [90 

A. Pflanzen. 

Im Pflanzenreiche finden sich eigentHche Kalkskelette nur bei 
den sogenannten Kalkalgen. Nach Rose bestehen die Skelette 
dieser Algen aus Kalkspat. Ich erhielt folgende Resultate. 

1. Chlorophyceen. 

Siphoneen. 
a) Codiaceeii. 
Halhneda Tima, lebend. Aragonit. 

ß) Dasycladaceen. 
Acetabularia medUerranea, lebend. Aragonit. 
CymopoUa spec, lebend. Aragonit. 

2. Rhodophyceen. 

a) Cryptonemiales. 
Corallinaceeu. 

Corallina spec, lebend. Kalkspat. 
LUlwlhamnion cruciatum, lebend. Kalkspat. 
Lithophyllum expansiim, lebend. Kalkspat. 

b) Nemalionales. 
Chaelaiigiaceen. 

Galaxaura spec, lebend. Aragonit. 

B. Tiere. 

1. Protozoen. 

Rliizopoden. 
Foraminiferen. 
PoUjtrema spec, lebend. Kalkspat. 
JSummuUtes spec, Eocän, Sisikon (Schweiz). Kalkspat. 

2. Schwämme. 

Caicispongia. 
Pelrostroma spec, lebend. Kalkspat. 

3. Cölenteraten. 

a) Hydrozoen. 
Hydromedusen. 
Millepora dichotoma, lebend. Aragonit. 
Dislichopora spec, lebend. Aragonit. 
Slylaster roseus, lebend. Aragonit. 



91] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 52 

b) Antüiozoen. 

a) Alcyonarien. 

Corallium nibriim, lebend. Kalkspat. 

Isis spec, lebend. Kalkspat. 

/*/■* melitensis, Pliocän, Messina. Kalkspat. 

Tubipora mnsica, lebend. Kalkspat. 

HeUopora coendea, lebend. Aragonit. 

ß) Zoantharien. 

Montipora spec, lebend. Aragonit. 
Echinopora flexuosa, lebend. Aragonit. 
Porites spec, lebend. Aragonit. 
Slylophora Danai, lebend. Aragonit. 
TrachyphylUü amarautum, lebend. Aragonit. 
Fiingia patella, lebend. Aragonit. 
Hydnophora excisa, lebend. Aragonit. 
MeruUna ampliata, lebend. Aragonit. 
Fai'ia speciosa, lebend. Aragonit. 
Coeloria sinensis, lebend. Aragonit. 
Astroides calyciilaris, lebend. Aragonit. 
Podabacia crustacea, lebend. Aragonit. 
Madiepora spec, lebend. Aragonit. 
Seriatnpora spec, lebend. Aragonit. 
Pocilopora spec, lebend. Aragonit. 
Galuxea clamis, lebend. Aragonit. 
Dendrophyllia inegularis, lebend. Aragonit. 
Goniastraea spec, lebend. Aragonit. 
Sderohelia hirlella, lebend. Aragonit. 
Plerogyru spec, lebend. Aragonit. 
Cystiphyllum spec, Devon, Harz. Kalkspat. 
Anabacia complanata, Brauner Jura, St. Privat (Lothringen). 
Kalkspat. 

4. Würmer. 

Anneliden. 
Sedenluria. 
Serpiila spec, lebend. Kalkspat. 



53 Meigen: [92 

5. Echinodermen. 

Seeigel. 
Spatangus spec, lebend. Kalkspat. 
Clypeus Ploti, Brauner Jura, Pfirt (Elsass). Kalkspat. 
Echinolampas Kleini, Oligocän, Doberg b. Bünde (Westfalen). 
Kalkspat. 

6. Bryozoen. 

Zwei lebende und eine fossile Art aus dem Oligocän des Do- 
bergs b. Bünde (Westfalen) bestanden aus Kalkspat. 

7. Brachiopoden. 

Alrypa reticularis, Devon, Eifel. Kalkspat. 

Rhynchonella r«r/«w*^ Varians-Schicbten, St. Privat (Lothringen). 

Kalkspat. 
Terehratida spec, lebend. Kalkspat. 
Terebratula vulgaris, Muschelkalk, Schönberg b. Freiburg i. Br. 

Kalkspat. 
Terebratula grandis, Oligocän, Doberg b. Bünde (Westfalen). 

Kalkspat. 

8. Mollusken. 

a) Lamellibranchiaten. 
a) Taxodonten. 
Pectunculus spec., Tertiär, Kreuznach. Aragonit. 

ß) Schizodojiten. 
Trigonia spec, lebend. Aeussere Schale Kalkspat, innere 

Aragonit. 
Trigonia spec, Brauner Jura, Bielefeld. Kalkspat. 

i) Heterodoiiten. 
Cardium spec, lebend. Aragonit. 
Lucina spec, lebend. Aragonit. 
Unio spec, lebend. Innere Schale Aragonit. 
Cytherea spec, Oligocän, Doberg b. Bünde (Westfalen). Aragonit. 
Mya spec, lebend. Aragonit. 
Pholas spec, lebend. Aragonit. 
Perna spec, Oligocän. Aragonit. 
Mytilus eduUs, lebend. Aeussere Schale Kalkspat, innere Aragonit. 



93] Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. 54 

Pecten */;^c., Oligocän, Doberg b. Bünde (Westfalen). Aragonit. 

Ostrea ediilis, lebend, Kalkspat. 

Östren acuminala, Brauner Jura, St. Privat (Lotbringen). 

Kalkspat. 
Gryphaea arcuala, Lias, Wutacbthal (Baden). Kalkspat. 
Pinna spec, lebend. Aeussere Schale Kalkspat. 

b) Scaphopoden. 
Dentalium spec, Oligocän, Doberg b. Bünde (Westfalen). 
Aragonit. 

c) Gastropoden. 
Natica spec, lebend. Aragonit. 
Cifpraea spec, lebend. Aragonit. 

Melania albigensis, Oligocän, Kleinkems (Baden), Kalkspat. 
Melanopsis gnlloprocincialis, Senon, Le Beausset (Var). Aragonit. 
Cerithium bacciüum, Eoeän, Val Ronca b. Verona. Kalkspat, 
Cerithium plearotomoides, Ludien. Le Wast b. Gisors. Aragonit. 
Kostellaria spec, Grobkalk, Cephalonien, Aragonit. 
Fiisus deformis, Lutetien, Parnes b. Gisors. Aragonit. 
Helix poniatia, lebend. Aragonit, 
Helix ohroluta, lebend. Aragonit. 
Helix hispida, Löss, Kaiserstuhl. Aragonit. 
Helix arhustonun, Löss, Kaiserstubl. Aragonit. 
Helix costata, Löss, Kaiserstubl. Aragonit. 
Helix moguntina, Littorinellenthon, Curve b. Wiesbaden. 

Aragonit. 
Helix silvana, Miocän, Mörsingen. Aragonit. 
Clausilia spec, Löss, Kaiserstuhl. Aragonit. 
Pupa muscorum, Löss, Kaiserstuhl. Aragonit. 
Papa doliam, Löss, Kaiserstuhl. Aragonit. 
Succinea nblonga, Löss, Kaiserstuhl. Aragonit. 
Bidimus spec, lebend. Aragonit. 
Cyclostoma elegans, lebend. Aragonit. 

d) Cephalopoden. 
Naatilas Pompilius, lebend. Aeussere und innere Schale Aragonit. 
Argonaata spec, lebend. Kalkspat. 
Parkinsonia spec, Brauner Jura, Bielefeld. Kalkspat. 
Spirula spec, lebend. Aragonit. 
Sepia officinalis, lebend. Der Schulp besteht aus Aragonit. 



55 Meigen: Beiträge zur Kenntnis des kohlensauren Kalkes. [94 

9. Arthropoden. 
Crustaceen. 

Baianus spec, lebend. Kalkspat. 

10. Wirbeltiere. 

V'ög e l. 
Die Schale der Hühnereier besteht aus Kalkspat. 



Vorliegende Arbeit wurde im Laufe des Jahres 1901 im 
chemischen Universitäts-Laboratorium (Abteilung der philosophischen 
Fakultät) zu Freiburg i. Br. ausgeführt. Dem Direktor des ge- 
nannten Institutes, Herrn Professor Dr. Gattermann, sowie den 
Herren Hofrat Professor Dr. Steinmann und Professor Dr. Graeff, 
durch deren Vorlesungen ich hauptsächlich zu diesen Untersuchungen 
angeregt wurde, sage ich auch an dieser Stelle für das meiner Ar- 
beit stets entgegengebrachte Interesse meinen herzlichsten Dank. 



95] 



Indiiktloiiswirkiiug' im Dielektrikum und 
Bewegung des Aetliers. 

Von 

J. Koenigsberger. 



Wird ein Dielektrikum in einem magnetischen Felde bewegt, 
so muss in ihm eine elektromotorische Kraft induciert werden, 
falls die FARADAY-MAXWELLsche Hypothese der Gleichwertigkeit 
von Verschiebungsstrom und Leitungsstrom durchweg richtig ist. 
Aus den Gleichungen, die Hertz (Ges. Werke H S. 261) und 
früher, noch teilweise vom Standpunkt der älteren Theorie aus, 
Helmholtz ^ für die elektromagnetischen Erscheinungen in be- 
wegten Körpern aufgestellt haben, folgt (Hertz a. a. 0. S. 264 ob.): 

Xi=Ä iyM' ~ßK) (a 
r, =A{a N' - y L) (b (1) 

Zi = A ißL' -a M') (c 
für y — ist Xi — — A- ß - N' 

Hierin sind L' M' N' die Komponenten der magnetischen 
Polarisation = ,« • L, ß ' i)/, ,« • N\ X; Y, Z, die inducierten elek- 
trischen Kräfte, a ß y die Komponenten der Geschwindigkeit des 

Körpers im magnetischen Felde; A — _,^ - Die elektrischen und 



* Später hat Helmholtz dann die HERTZSchen Gleichungen, die etwas 
einfacher sind als seine früheren, unter das Prinzip der kleinsten Wirkung 
gebracht. 



KOENIGSBERGER : 



[96 



magnetischen Kräfte sind in GAUSSschem Masse gemessen (vgl. a. 
a. 0. S. 213), also von der Dimension 31^12 • X — V^ T—'^. Hertz 
hebt hervor, dass diese obigen aus seinen Gleichungen abgeleiteten 
Formeln den älteren Anschauungen entsprechen und leitet ab, wie 
man bei der Annahme von Gleitflächen auf die gleichen Formeln 
kommt (S. 294), vgl. Fig. Es ist X^ = - Ä - N' - ßo, falls ein 
Körper sich in einem ruhenden Medium bewegt. Ein solcher Fall 
wäre gegeben, wenn zwischen den Platten eines Kondensators, parallel 
diesen und normal zur Richtung eines starken magnetischen Feldes, 
sich ein Dielektrikum z. B. Glas bewegt. Die Kondensatorplatten mit 
der anliegenden Luft, oder falls sie lackiert sind, Schellack, bleiben 
ruhig, das Glas bewegt sich. Es lässt sich leicht aus der obigen 

Gleichung berechnen, wie gross 
bei einem Felde von 4000 Ein- 
heiten die Geschwindigkeit sein 
muss, um in einem Konden- 
sator von 1 cm Plattenabstand 
eine Potentialdifferenz von Y^oo 
Volt zu erzeugen-, es müsste 

dann ß = 300 ^^ sein. Diese 

' See. 

würde einer Rotation eines 
Glascylinders vom Radius 5 cm 
bei einer Tourenzahl von 10 
entsprechen. Versuche mit einer entsprechenden Anordnung werden 
vom Verfasser unternommen. 

Die magnetische Wirkung eines bewegten Dielektrikums lässt 
sich aber auch aus den bereits durch die Erfahrung bestätigten 
MAXWELLschen Gleichungen, die ja nur für ruhende Körper gelten, 
beweisen. Falls nämlich der Kondensator, in dem sich das Dielek- 
trikum befindet, geladen oder entladen wird, so ändert sich natürlich 
in ihm das elektrische Feld und daher X'. Es ist aber nach den 

dX' 
MAXWELLschen Gleichungen -= — gleichwertig mit einem elektrischen 

Strom m in der Richtung der x-Axe, magnetische Kräfte werden 
durch beide in gleicher Weise hervorgerufen, und die Annahme ist 
kaum abzuweisen, dass diese Kräfte ebenso wie den stromdurch- 
flossenen Draht auch das Dielektrikum in Bewegung versetzen 




^ Der matheraatisclie Beweis ist ganz analog wie der vom Verf. Auualen 6. 
S. 508, 1901 gegebene. 



97] Indüktionswirkükg im Dielektrikum und Bewegung des Aethers. 3 

können, wenn ein Magnetpol oder -feld Anziehung oder Ab- 
stossung hervorruft. 

Bei der Bewegung können aber die ponderomotorischen Kräfte 
Arbeit leisten und daher ist nach dem Prinzip von der Erhaltung 
der Energie auch notwendig, dass die Bewegung entgegengesetzte 
elektrische Kräfte induciert, damit die bei der Entladung des Kon- 
densators schliesslich übrigbleibende Wärme um den Betrag der 
ponderomotorischen Arbeit geringer ist ^ Es muss nach dem ersten 
Hauptsatz d A ^=^— d E. Die elektrische Energie des Kondensators 

ist für die Yolumeinheit = r — e • X~. Hierbei ist der Einfachheit 

8 TT 

halber der Abstand der Kondensatorplatten = 1 cm und dessen 
Oberfläche = 1 qcm gesetzt und das Feld ist homogen gedacht. 

Demnach ist d E = - — X- — ° d t. Die ponderomotorische 

Arbeit ist, falls zunächst Gleichwertigkeit des Verschiebungsstromes 

von der Grösse -— A — —,— = :; — A • b • -^ mit einem Leitungs- 

4 v: dt 4tc dt ° 

ström angenommen wird, gleich der Anzahl der vom Strom bei der 
Bewegung geschnittenen magnetischen Kraftlinien. Es sei die mag- 
netische Feldstärke M, dann werden von dem Würfel des Dielektri- 

kums von 1 cbcm Inhalt Ji • y- dt Kraftlinien bei der Bewegung 

in der Richtung von s geschnitten und die Arbeit d A ist also 

^Ab^~\iM-~- dt. Da dA^-dE, so ist 

ir^ ö t ^ o t 

fA-3I-li = X. (1) 

Also die von Hertz gegebene Gleichung. AVie man sieht, ist 
Voraussetzung, dass für die Grösse der am Verschiebungsstrom 
wirkenden ponderomotorischen Kraft das gleiche Gesetz gilt, wie 
für den Leitungsstrom. Ist die ponderomotorische Kraft nur der 

Grösse eines Stromes (s — i) yr proportional, so lautet Gleichung (1) 
lu-A-M-^^ = i^J X 

'^ O t c 

Dies sind strenge Folgerungen aus den durch Hertz bewie- 
senen Gleichungen Maxwells. Hierbei ist aber ein Punkt durch 

' Diese Annahme stellt iu Uebereinstimmung mit dem FRESNELSchen 

FortführuQgscoefficienteu : (l — —A v = o i ^^ ) "^ ( — 7) — ) '^• 

Berichte XIII. 7 



4 KOENIGSBERGER : [98 

die Erfahrung noch nicht genügend kontrolliert, ob nämlich die 
bei der Aenderung der elektrischen Polarisation im Dielektrikum 
auftretenden magnetischen Kräfte bei der ponderomotorischen Be- 
wegung voll in Rechnung zu setzen sind, wie z. B, bei einem strora- 
durchflossenen Draht oder ob nur ein Teil derselben, nämlich der 
von der Aenderung des (e — 1) X herrührende in Betracht kommt. 
Letzteres ist das wahrscheinliche und das negative Ergebnis des 
von Blondlot angestellten Versuches über die inducierte elektrische 
Kraft beim Durchblasen von Luft durch ein magnetisches Feld 
wäre dadurch erklärt. 

Bei dem oben berechneten Beispiel müsste sich im Flintglas 

die inducierte elektrische Kraft auf — — = ~lg ihres berechneten 

Wertes erniedrigen, ein Wert, der noch gut messbar wäre. 

Nach dieser Annahme für die ponderomotorische Wirkung 
gehen die Gleichungen für die inducierten elektrischen Kräfte, wie 

oben gezeigt, in folgende über: (^-^ — ) X=Ä (;^ • M' — ß • N") 

u. s. w. Für Leiter, für welche s sehr gross, ergibt sich dann 

(^—^ — ) — i; in Übereinstimmung mit der Erfahrung. 

Die Theorie von Lorentz muss auf den gleichen Ausdruck 
führen, da sie ja annimmt, dass auch hei der Bewegung des 
Dielektrikums der Aether in ihm ruht und dessen Wirkung also in 
Abzug gebracht werden muss. 

IL 

Sehr viel schwieriger stellt sich die Frage über die Bewegung 
des Aethers und die Induktion in demselben. Die Gleichungen von 
Hertz und Helmholtz ergeben ponderomotorische Wirkung auf 
den Aether und Strömung desselben, und andererseits daher auch 
inducierte elektrische Kräfte bei Bewegung des Aethers in seinem 
Magnetfelde. Durch mechanische Mittel ist aber eine Bewegung 
des Aethers, wie alle bisherigen Versuche gezeigt haben, nicht 
möghch, daher war eine Prüfung jener Folgerungen so nicht reali- 
sierbar. Dagegen lässt sich gewissermassen durch Umkehrung der oben 
beschriebenen Versuchsanordnung eine Prüfung ermöglichen. Statt 
nämlich den Aether im ruhenden Kondensator und ruhenden Magnet- 
feld zu bewegen, könnten wir das Magnetfeld und den Kondensator 
bewegen und den Aether ruhen lassen. Dieser Versuch wird durch 
die Erdbewegung von selbst ausgeführt, das Dielektrikum, der 



99] Induktionswirkdng im Dielektrikum und Bewegung des Aethers. 5 

Aether, ruht hierbei, wenigstens nach der Theorie von Lorentz. 
Alsdann muss aber, wie aus den Gleichungen von Hertz und 
Helmholtz folgt, eine inducierte elektrische Kraft auftreten ^ 
Ihre Grösse ist sehr beträchtlich. Wenn die Erde bei der Trans- 
lation in ihrer Bahn den Aether nicht mitnimmt, so ist seine relative 
Geschwindigkeit = 29,5 km, was bei den oben angegebenen Be- 
dingungen 300 Volt entspräche. Aber W. Wien hält es auf 
Grund der MiCHELSON-MoRLEYschen Versuche für denkbar, dass 
infolge der Gravitation bei der Bewegung in der Bahn die Erde 
den Aether mitzieht ^. Bei der Rotation ist dies wohl ausgeschlossen, 
sonst würde sich ein Verlust an kinetischer Energie oder eine Dis- 
kontinuitätsfläche ergeben. Die Rotationsgeschwindigkeit in Freiburg 
ist etwa = 5i^ m und dies müsste cet. par. 3 Volt ergebend Auch 
diesen Effekt konnte ich vorläufig nicht wahrnehmen, doch beab- 
sichtige ich, mit einem wesentlich verbesserten Elektrometer von 
geringer Kapazität und Rückstand dies noch einmal zu prüfen. 

Die Theorie von Lorentz* erlaubt eine direkte Berechnung 
der Erscheinung nicht, da sie für bewegte magnetische Ladungen 
nicht explicite entwickelt ist. Es wäre möglich, dass der bewegte 
Aether Kompensationsladungen auf den stromführenden Drähten 
hervorruft; aber selbst bei dieser Annahme müssten die Glieder 
zweiter Ordnung bei der vom Verfasser benutzten Anordnung 
noch wahrnehmbar sein. 

Anmerkung bei der Korrektur. 
Herr H. A. Lorentz hatte die grosse Liebenswürdigkeit, mir 
brieflich einen sehr eleganten strengen Beweis für die Unmöglichkeit 
eines Effekts zweiter Ordnung mitzuteilen. Ein Effekt erster Ord- 
nung ist, wie Herr Lorentz für höchst wahrscheinUch hält, durch 



^ W. Wien hat in dem Referat zur Nat.-Vers. in Aachen, Beilage zu 
Wied. Ann. Bd. 65, 1898, S. XVII darauf ganz kurz aufmerksam gemacht. 

- Lorentz erklärt das negative Ergebnis des Michelsün-Morley -Ver- 
suches bekanntlich anders. 



X == Y • M^ ■ A M^ = 10* (rund) A 



1 



3-10^0 
XVolt 10*3-10^ 



3-10^ 3-10^0 
XVolt 10* 3 10* 



= 300 V. 
= 5 V. 



3-10^ 3-10^" 

■* H. A. Lorentz, Versuch einer Theorie der elektrischen und optischen 
Erscheinungen in bewegten Körpern. Leiden 1895, S. 41 u. 47. 

7* 



■() KOENIGSBERGER : InDüKTIONSWIRKUNG IM DIELEKTRIKUM. [100 

die Kompensationsladungen in und um den stromführenden Drähten 
des Elektromagneten aufgehoben; doch scheint mir diese Annahme 
aus folgendem Grund nicht ganz zwingend. Wenn man nämlich 
den Kondensator, zwischen dem sich der Aether hindurchbewegt, 
mit einer zur Erde abgeleiteten Schutzhülle aus Messing umgiebt, so 
können die Kompensationsladungen an den Drähten des Elektro- 
magneten keinen Einfluss mehr haben, die magnetischen Kräfte 
und die Bewegung des Aethers dagegen würden die Schutzhülle un- 
gehindert durchdringen; der Effekt müsste dann also vorhanden sein. 



101] 



Ueber die loiiisieruna^ der Luft durch AVasser. 



Von 

F. Himstedt. 



1. Um die überaus interessanten Versuche der Herren Elster und 
Geitel über die Elektrizitätszerstreuung in abnorm leitender Luft, 
{Kellerluft, Bodenluft etc.) nachmachen zu können, habe ich zuerst 
ein älteres Elektroskop von Mülle-Uri, später ein nach den An- 
gaben der genannten Autoren von Günther und Tegetmeyer in 
Braunschweig angefertigtes Elektroskop benutzt und mich auch 
sonst durchweg der von Elster und Geitel^ angegebenen Ver- 
suchsanordnung eng angeschlossen. Das Elektroskop mit Zerstreu- 
ungskörper und umgebendem Cylinder stand auf dem Boden eines 
36 cm weiten, 43 cm hohen Glasgefässes, das innen vollständig mit 
zur Erde abgeleitetem Messingdrahtnetz von 1 mm Maschenweite 
ausgekleidet war. Das Drahtnetz hatte an der Vorderwand des 
Glasgefässes eine Oeffnung von 3X2 cm, durch welche hindurch mit 
einem in 1,5 m Entfernung aufgestellten kleinen Fernrohre die 
Stellung des Goldblättchens an der Skala abgelesen wurde. Es 
wurde stets nur ein Goldblatt beobachtet und jedesmal die Zeit 
abgelesen, zu welcher dasselbe einen ganzen Teilstrich passierte, 
und aus diesen Beobachtungen dann der Verlust für 60 Minuten 
berechnet. Durch diese Anordnung war eine ausserordentlich scharfe 
und sichere Ablesung möglich, und ich möchte gleich hier bemerken, 
dass sich das Elektroskop mit JN7<-Trocknung vorzüglich bewährt hat. 
Dass das Drahtnetz im Innern des Glasgefässes einen absolut sicher 
schützenden FARADAYschen Käfig bildete, wurde durch besondere 
Versuche festgestellt. Der Deckel des Glasgefässes hatte drei Boh- 



Phvsik. Zeitschrift II 560. 1901. 



Himstedt: 



[102 



rungen, durch die mittlere konnte das Elektroskop geladen werden^ 
in die beiden anderen waren Glasröhren mit Hähnen eingekittet für 
die Zu- resp. Ableitung der zu untersuchenden Gase. Beide Glas- 
röhren befanden sich ausserhalb des Drahtkäfigs, die eine reichte bis 
zum Boden des Gefässes, die andere endete direkt unter dem Glas- 
deckel, aber noch oberhalb des Deckels des Drahtkäfigs. Ausserdem 
hing in dem Gefässe noch ein KLiNKEKFUESsches Haarhygrometer. 

Wie zu erwarten, war es mir ohne Schwierigkeiten möglich, 
nach den genauen Angaben der Herren Elster und Geitel deren 
Versuchsergebnisse zu bestätigen. In einem Keller unter einem 
vor zwei Jahren errichteten Gebäude wurden drei Wochen Fenster und 
Thüren geschlossen gehalten. Wurde nach dieser Zeit aus dem 
Räume ca. 20 Minuten lang Luft durch das oben beschriebene Ge- 
fäss gesaugt, so zeigte das Elektroskop in 60 Minuten einen Span- 
nungsverlust von 180 — 220 Volt, während in Zimmerluft unter sonst 
gleichen Verhältnissen in derselben Zeit der Abfall 28 Volt betragen 
hatte. Zu gleicher Zeit mit dem Keller war ein Raum im 2. Stocke 
des Gebäudes, dessen Voluminhalt etwas grösser als der des Kellers 
war, abgeschlossen worden, und zwar möglichst luft- und lichtdicht. 
In diesem Räume war nach vier Wochen keine irgendwie nennens- 
werte Steigerung der Leitfähigkeit der Luft zu konstatieren. In 
Uebereinstimmung hiermit Hessen sich Drähte und Drahtnetze nach 
der von Elster und Geitel angegebenen Methode im Keller stark 
aktivieren, in dem erwähnten Zimmer nur kaum nachweisbar. Auch 
die Beobachtung, dass aus dem Erdboden gesaugte Luft eine sehr 
hohe Leitfähigkeit besitzt, habe ich leicht bestätigen können. 

2. Bei diesen Versuchen habe ich nun durch Zufall eine Be- 
obachtung gemacht, deren weitere Verfolgung mir interessant er- 
schien, weil ich es nicht für unmöglich halte, dass sie zur Erklärung 
der lonenbildung in der Luft beitragen kann. Als die untersuchte 
Luft aus dem oben erwähnten grossen Glasgefässe ausgesaugt werden 
sollte, war durch ein Versehen der Schlauch nicht an das Saugrohr, 
sondern an das Blasrohr der mit Gebläsevorrichtung versehenen 
Wasserstrahlpumpe gesetzt worden. Es wurde also nicht die Luft 
aus dem Glasgefässe herausgesaugt, sondern es wurde die durch die 
Wasserstrahlpumpe angesaugte und mit dem Wasser fortgerissene 
Luft in das Gefäss hineingeblasen, in derselben Weise, wie sonst 
etwa diese Luft zur Bethätigung einer Gebläselampe benutzt wird. 
Der Irrtum wurde nicht bemerkt, ich glaubte Zimmerluft im Appa- 
rate zu haben, und war nicht wenig erstaunt, die Blätter des Elektro- 



103] 



Uebkr die Ionisierung der Luft durch Wasser. 



skops nach der Ladung zusammenfallen zu sehen mit einer Ge- 
schwindigkeit, wie ich sie noch bei keinem Versuche gesehen hatte. 
Als jetzt der erwähnte Irrtum erkannt wurde, glaubte ich natürlich, 
den Grund in der eingeblasenen Feuchtigkeit suchen zu müssen, 
obgleich das Hygrometer nur 567" gegen sonst 20 — SO^/o zeigte. 
Ich nahm den Apparat sofort auseinander und fand zu meiner Ueber- 
raschung, dass das Elektroskop nach wie vor vorzüglich isolierte. 

Das schnelle Zusammenfallen der Goldblättchen konnte also 
nicht durch Oberflächenleitung, etwa eine auf der Bernsteinstütze 
gebildete Wasserhaut bedingt sein, sondern musste auf eine enorm 
gesteigerte Leitfähigkeit der durch die Wasserstrahlpumpe mit- 
gerissenen Luft zurückgeführt werden. 

Weitere Versuche bestätigten diese Vermutung vollauf. Um 
den Einfiuss etwa mitgerissener Feuchtigkeit auszuschliessen, wurden 
bei allen weitereu Versuchen die in den Versuchsapparat zu füllen- 
den Gase vorher sorgfältig getrocknet, indem man sie durch drei je 
50 cm lange Röhren langsam hindurchströmen liess, von denen die 
erste mit CftC'/g, die beiden anderen mit P2 0^ gefüllt waren. Auf 
diese Weise wurde erreicht, dass das Hygrometer bei keiner Füllung 
mehr als lö^o relative Feuchtigkeit anzeigte und dass diese im Ge- 
fässe angenähert (bis auf 2^0) immer die gleiche Höhe hatte, sowohl 
wenn Zimmerluft oder Luft aus dem Freien als auch wenn die durch 
das Wasser gepresste Luft eingefüllt war. Um eine möglichenfalls 
vorhandene Elektrisierung der Luft (Wasserfallelektrizität) zu be- 
seitigen, wurde dieselbe durch ein 100 cm langes Rohr geleitet, das 
mit zwölf Schichten abwechselnd aus Watte und aus zur Erde abge- 
leiteter Kupferwolle ^ gefüllt war. Bei diesen Trockenvorrichtungen 
hielt das JVa-Stückchen in dem Elektroskop 2 — 3 Wochen lang, und 
der Spannungsverlust in dem Elektroskop allein, ohne Zerstreuungs- 
körper, war so gering, dass es kaum je nötig war, ihn in Rechnung 
zu setzen. 

Es möge zunächst ein Beispiel für das Verhalten der durch die 
Wasserstrahlpumpe gegangenen Luft angeführt werden. 

Am 18./10. 02 wird 15 Minuten lang bei offenem Fenster 
Zimmerluft durch den Apparat gesaugt. Hierauf wird das Elektro- 
skop auf 208 Volt geladen ^ Für 60 Minuten ergibt sich ein Ver- 



^ Einer hiesigen Firma, Bühne & Co., ist es gelungen, alle Metalle in so 
feine Streifen zu schneiden, dass man Metallwolle erhalten kann, die der Glas- 
wolle an Feinheit nicht nachsteht. 

- Die Ladung des Elektroskops erfolgte bei allen Messungen mittelst einer 



Himstedt: 



[104 



lust von 8,12 Volt. Hierauf wird 15 Minuten lang, von 11^ 00 J"! 

bis 11^ 15"i, mit dem AVasserstrahlgebläse 'Luft durchgeblasen. 

Der Verlust, auf 60 Minuten umgerechnet, ergibt sich in Volt: 

11h 20m i2ii 20™ 2^1 30'» Q^ 50"» 

632 733 852 786 

Die Luft wurde in dem Gefässe gelassen und ergab an den 
folgenden Tagen 

19./10. 20./10. 21. /lO. 22./10. 23./10. 24./10. 25./10. 
728 630 520 440 370 300 240 

Aehnliche Resultate ergaben alle in dieser Weise angestellten 
Versuche, und man erkennt wohl auf den ersten Blick, dass diese 
durch das Wasser hindurchgepresste Luft genau dasselbe Verhalten 
zeigt, wie die Kellerluft resp. die aus dem Boden angesaugte 
Luft in den Elster- und GfiiTELschen Versuchen. Sofort nach 
dem Einfüllen ausserordentlich hoch gesteigerte Leitfähigkeit der 
Luft, die im Verlaufe von einigen Stunden bis zu einem Maximum 
anwächst, um dann sehr langsam abzufallen. Hierdurch wird aber 
die Frage nahe gelegt, ob nicht auch bei den Versuchen von Elster 
und Geitel die grosse Leitfähigkeit der Kellerluft etc. bedingt resp. 
zum mindesten mit bedingt sei dadurch, dass im Erdboden und 
auch in feuchten Kellern die Luft durch die mit feinst verteilten 
Wassertröpfchen bedeckten Erdmassen hindurch- resp. an ihnen 
vorbeistreicht, dass also auch in diesen Fällen die Luft ihre hohe 
Leitfähigkeit dadurch erlangt hat, dass sie in innige Berührung mit 
dem Wasser gebracht ist. 

Um dies zu untersuchen, wurde ein Blechgefäss von 75 cm 
Höhe, 20 cm Durchmesser mit fein zerstückeltem Coaks gefüllt, 
der mehrere Tage auf über 100° C. erhitzt und dadurch vollkommen 
getrocknet war. In der Mitte des Gefässes war ein 2 cm weites 
Glasrohr aufgestellt, das fast bis auf den Boden des Gefässes reichte. 
Letzteres hatte am Boden einen Hahn, um dort sich ansammelndes 
Wasser ablassen zu können. Wurde Zimmerluft durch den trockenen 
Coaks in das Untersuchungsgefäss gesaugt, so konnte niemals eine 
Erhöhung der Luftleitfähigkeit beobachtet werden, eher in einzelnen 
Versuchen eine ganz geringe Abnahme, die vielleicht darauf zurück- 
zuführen ist, dass trotz des Watterohres von dem äusserst feinen 



Cu, Zn, il/(/ÄO^- Batterie, und zwar wurde stets auf die gleiche Höhe von 
208 Volt eeladen. 



105] Ueber die Ionisierung der Luft durch "Wasser. 5 

Coaks Staub in den Apparat gelangte. Wurde aber nun derselbe 
Coaks reichlich befeuchtet und dann 20 — 30 Minuten Luft durch 
denselben in den Apparat gesaugt, so zeigte sich die erhöhte Leit- 
fähigkeit genau in derselben Weise wie bei Kellerluft oder aus dem 
Erdboden angesaugter Luft. Z. B. Zimmerluft, 20 Minuten lang 
durch trockenen Coaks gesaugt, ergibt in 60 Minuten Spannungs- 
verlust von 9,1 Volt. Zimmerluft, 20 Minuten lang durch den 
nassen Coaks in den Apparat gesaugt, ergibt in der gleichen Zeit 
39,2 Volt Abfall. 

Dieselben Resultate wurden erhalten, als der Coaks durch 
grobkörnigen Sand ersetzt wurde, ja es war möglich, absolut sichere 
Wirkungen zu erzielen dadurch, dass man ein ca. 50 cm langes 
Glasrohr mit Glaswolle dicht anfüllte, zuerst in Wasser tauchte, 
nach dem Herausziehen kurze Zeit abtropfen Hess und dann 
30 Minuten lang Luft durch die feuchte Glaswolle hindurch in den 
Apparat einsaugte. Ebenso unzweideutig konnte endlich die erhöhte 
Leitfähigkeit der Luft erreicht werden, wenn man dieselbe einfach 
durch mehrere hintereinander geschaltete Waschflaschen mit AVasser 
streichen Hess. Um recht feine Bläschen zu erzielen, waren die 
Glasröhren, aus welchen die Luft in das Wasser eintrat, nur mit 
ganz feinen Austrittsöffnungen versehen. 

3. Mit Hilfe des Durchsaugens durch Waschflaschen war es 
nun auch möglich zu untersuchen, ob andere Flüssigkeiten dieselbe 
oder doch ähnliche Wirkungen hervorbrachten wie das Wasser. Es 
zeigte sich, dass sorgfältig destilliertes Wasser genau dieselben 
Werte der Luftleitung erzeugte wie Leitungswasser oder Regen- 
wasser. Ein Zusatz von jV«C7 oder CuSO^ oder HoSO^ gab keine 
Aenderung, welche die Beobachtungsfehler überstiegen hätte. Pe- 
troleum (sog. Kaiseröl), Vaselinöl, Benzol hingegen gaben gar keine 
Wirkung. 

Wie schon erwähnt, war bei dieser Versuchsordnung die Zu- 
nahme der Leitfähigkeit der Luft auch dann nur eine geringe, 
5 — 1070, wenn die Waschflaschen, durch welche die Luft gesaugt 
wurde, mit Wasser oder Salzlösungen oder verdünnten Säuren ge- 
füllt Avaren. Es wäre deshalb nicht unmöglich gewesen, dass der 
Effekt bei den isolierenden Flüssigkeiten nur um deswillen nicht 
beobachtet werden konnte, weil er, in schwächerem Masse auf- 
tretend, durch die Beobachtungsfehler verdeckt wurde. Ich suchte 
deshalb nach einem Verfahren, bei welchem es möglich war, stärkere 
Wirkungen zu erzielen und gelangte auf folgende Weise zum Ziele. 



6 Himstedt: [106 

Mit dem LiNDEschen Kompressor wurde Luft auf ca. 180 Atm. 
komprimiert. Da hierbei gemäss der Konstruktion des Apparates 
die Luft schon mit fein verteiltem Wasser in innige Berührung 
kommt, so kann es nicht wundernehmen, dass sie hierbei schon 
eine grössere Leitfähigkeit erhielt. Man liess die Luft deshalb meist 
mehrere Tage stehen, damit die Leitfähigkeit wenigstens zum grössten 
Teile wieder verschwand. Hierauf liess man die Luft aus einem 
Glasrohre, das am Ende mit einer Anzahl feiner Oeffnungen ver- 
sehen war, oder meist aus einem Metallrohre, dessen eines Ende 
mit feinmaschigem Drahtnetz verschlossen war, ausströmen in eine 
WüLFFsche Flasche, durch deren einen Tubulus das eben erwähnte 
Ausströmungsrohr so geführt war, dass es ca. 1 cm über dem Boden 
der Flasche endigte. Aus dem anderen Tubulus strömte die ein- 
geblasene Luft dann durch ein weites Glasrohr in eine ca. 50 1 
fassende Glasflasche. Der Hahn des Metallcyhnders, in welchem 
die komprimierte Luft sich befand, wurde hierbei sehr vorsichtig so 
gestellt, dass ein Manometer, welches zwischen dem Kompressions- 
cylinder und der WuLFFschen Flasche eingeschaltet war, stets 
30 — 32 cm Hg-dvnck anzeigte, die Luft also immer unter demselben 
Drucke ausströmte. Man liess bei jedem Versuche 160 1 aus- 
strömen, so dass man annehmen darf, dass die 50 1 fassende 
Glasflasche gut mit der Luft ausgespült und angefüllt wurde. Nach 
dem Durchströmen resp. Füllen der Flasche wurde diese mit einem 
doppelt durchbohrten Gummistopfen verschlossen, und nun die Luft 
langsam durch einfliessendes Wasser in die Trockenröhren und den 
Versuchsapparat geleitet. Eine mit H2SO4 gefüllte Waschflasche am 
Austrittsrohre des Apparates gestattete, die Schnelligkeit des Durch- 
strömens zu beurteilen. Ein Versuch verlief nun in folgender Weise: 

a) Man liess 160 1 Luft aus dem Kompressor in der be- 
schriebenen Weise ausströmen, während die WuLFFsche Flasche 
leer, sorgfältig getrocknet, war. Die Luft wurde auf ihre Leit- 
fähigkeit untersucht. 

b) Man liess 160 1 Luft ausströmen, wobei aber jetzt die 
WuLFFsche Flasche etwa bis zu halber Höhe mit 2 1 der zu unter- 
suchenden Flüssigkeit gefüllt war, so dass die Luft in ganz fein 
verteilten Bläschen energisch durch die Flüssigkeit geblasen wurde. 
Die Luft wurde ebenfalls auf ihre Leitfähigkeit untersucht. 

c) Der erste Versuch wurde wiederholt. 

Vor jedem neuen Versuche wurde durch den Apparat, in dem 
das Elektroskop sich befand, zwei Stunden lang getrocknete Zimmer- 



1071 Ueber die Ionisierung der Luft durch "Wasser. 7 

luft durchgesaugt und festgestellt, dass die Leitfähigkeit wieder die 
normale geworden war. Die Sicherheit, mit der sich hierbei immer 
die gleichen Versuchsbedingungen wieder herstellen Hessen und mit 
der unter gleichen Bedingungen auch gleiche Resultate erhalten 
wurden, lässt sich am besten daraus erkennen, dass die bei a und c 
beobachteten Leitfähigkeiten nie um mehr als 5 '^/o von einander 
verschieden Avaren. Der Unterschied der bei b beobachteten Leit- 
fähigkeit gegen das Mittel aus a und c darf angesehen werden als 
hervorgerufen durch das Durchströmen der Luft durch die betreffenden 
Flüssigkeiten. 

Untersucht wurden : Destilliertes Wasser, Leitungswasser, Regen- 
wasser, wässerige Lösungen von CuSOi (10 °/o), H2SO4 (30 ^jo), 
NaCl (10 70), Kaiseröl, Paraffinöl, Benzol, Aethylalkohol, Nitro- 
benzol. 

Bei "Wasser und wässerigen Lösungen wurde unter gleichen 
Bedingungen für alle derselbe Betrag der Luftleitfähigkeit be- 
obachtet, von den übrigen Substanzen Hessen nur Alkohol und 
Nitrobenzol bei einigen Versuchen einen die Versuchsfehler über- 
steigenden Einfluss auf die Leitfähigkeit der Luft erkennen. 

Endlich habe ich mit den genannten Flüssigkeiten mich dem 
Ausgangsversuche mit der Wasserstrahlpumpe soweit als möglich 
zu nähern gesucht, indem ich eine solche Pumpe dadurch zu be- 
tätigen suchte, dass ich die Flüssigkeiten aus einem 3 m über dem 
Fussboden aufgestellten Gefässe in die Pumpe fliessen Hess. Die 
unten angekommene Flüssigkeit wurde stets wieder oben nachgefüllt. 
Auch hierbei erhielt ich dieselben Resultate. Ob die geringen 
AVirkungen, welche bei Alkohol und Nitrobenzol erhalten wurden, 
auf beigemischte Spuren von Wasser zurückzuführen sind, oder ob 
wirklich diese beiden Flüssigkeiten mit den hohen Dielektrizitäts- 
konstanten eine dem Wasser ähnliche Wirkung ausüben, vermag 
ich noch nicht zu entscheiden. Der Alkohol wurde von gebranntem 
Kalk abdestilliert, das Nitrobenzol war in der Fabrik von Kahlbaum 
aus krystallisiertem Benzol dargestellt. 

Mit den beiden letztgenannten Versuchsanordnungen habe ich 
auch untersucht, ob das Wasser durch längeren Gebrauch die 
Fähigkeit verliert, durchstreichende Luft leitend zu machen. So 
wurde z. B. bei einem Versuche durch V^ ^ Leitungswasser eine 
ganze Woche lang Luft durchgeblasen, wobei etwa die Hälfte des 
Wassers durch Verdampfen verloren ging. Der Rest machte am 
Schlüsse der Versuche die Luft genau so stark leitend, wie das 



HiMSTEDT : 



[108 



gleiche Quantum frischen Leitungswassers unter gleichen Bedingungen 
dies that. 

Ausser mit Luft habe ich entsprechende Versuche auch mit 
und mit COg angestellt und eine ähnliche Vermehrung der Leit- 
fähigkeit bei diesen Gasen erhalten. 

4. Es entsteht jetzt die Frage, wie kommt diese Leitfähigkeit 
der Gase zu stände? Wird das Gas bei dem Durchstreichen durch 
das Wasser direkt ionisiert, oder nimmt dasselbe dabei S^juren einer 
radioaktiven Substanz in sich auf, oder endlich führt es eine soge- 
nannte Emanation von einer in dem Wasser enthaltenen radioaktiven 
Substanz mit sich? Das sind wohl die zunächst sich aufdrängenden 
Fragen. Dass das Gas beim Durchstreichen des Wassers einfach 
ionisiert wird, in der Weise etwa, wie dies durch die Einwirkung 
von ultravioletten oder von X-Strahlen geschieht, muss schon um 
deswillen als unwahrscheinlich bezeichnet werden, weil es die 
lange Glasröhre mit dichtgestopfter Watte zu durchsetzen vermag, 
ohne nachweisbare Einbusse an seiner Leitfähigkeit zu erleiden. 
Auch spricht entschieden dagegen das sehr langsame Verschwinden 
der erlangten Leitfähigkeit, das hier ebensoviel Tage erfordert wie 
dort Minuten. 

Die Frage lässt sich, glaube ich, endgültig entscheiden, wenn 
man das Gas durch ein genügend starkes elektrisches Feld leitet. 
Das elektrische Feld wurde dadurch hergestellt, dass ein 80 cm 
langer, 0,7 cm dicker Metallstab mit Siegellack in die Axe eines 
3,5 cm weiten Metallrohres eingekittet wurde, so dass er die eine, 
das Metallrohr die andere Belegung eines Cylinderkondensators 
bildete, der mit Hilfe einer Elektrisiermaschine bis 8000 Volt ge- 
laden werden konnte. Liess man die Luft durch dieses elektrische 
Feld, sei es schneller, sei es Blase für Blase, hindurchgehen, so 
beobachtete man zuweilen unmittelbar nach der Füllung eine ganz 
minimale Schwächung der Leitfähigkeit, die zwar fast in die Grenzen 
der Beobachtungsfehler hineinfiel , mich aber doch auf die Ver- 
mutung brachte, es könnte in dem starken elektrischen Felde in 
der That ein Verbrauch der vorhandenen Ionen stattfinden, diese 
Thatsache sich aber um deswillen der Beobachtung entziehen, 
weil dieselben sehr schnell wieder umgebildet werden. Es wurde 
deshalb das Elektroskop aus dem Glasgefässe herausgenommen, 
durch den Deckel dieses ein sorgfältig isolierter Draht geführt, an 
welchem im Innern des Gefässes der Zerstreuungskörper in der 
Mitte des zur Erde abgeleiteten Blechcylinders aufgehängt war. 



109] Ueber die Ionisierung der Luft durch Wasser. 9 

Durch den nach aussen führenden Draht konnte nun der Zerstreu- 
ungskörper entweder mit dem aussen aufgestellten Elektroskope 
oder mit dem einem Pole einer Elektrisiermaschine verbunden werden. 
Der Apparat wurde mit der Luft des Wasserstrahlgebläses gefüllt, 
das Elektroskop angelegt und die Zerstreuung für -f und — Elek- 
trizität gemessen. Hierauf wurde das Elektroskop abgeschaltet und 
der Zerstreuungskörper 15 Minuten lang auf —8000 Volt geladen, 
dann wieder das Elektroskop angelegt und wieder die Zerstreuung 
gemessen u. s. w. 

Eine einzelne Messung der Zerstreuung dauerte 3 — 4 Minuten. 
Ich gebe im folgenden die Spannungsverluste in Volt auf 60 Minuten 
berechnet; die angeführte Zeit bezieht sich jeweils auf das Ende 
der fraglichen Zerstreuungsmessung. Also 9'^ 10™ +1114 soll 
heissen, dass um 9^^ 10™ die Messung zu Ende war, bei welcher 
das + geladene Elektroskop einen Spannungsverlust von 1114 Volt 
(für 60 Minuten berechnet) ergeben hat. 

9h iQm 9I1 94m gh 2.5m bis 9^1 40™ 

^1114 -1146 auf - 8000 Volt geladen 

9h 44m 9h 47m 9h 5lra 9h 55 9h 58ra iQh pii 

— 662 -864 -942 +1275 +1272 +1269 

lOi^ 3™ bis lO'i 18™ auf - 8000 Volt geladen 

10^^ 20™ IQii 23™ 10h 26™ lo^^ 29™ lO^^ 33™ 10'' 37™ 

+ 2364 +1704 +1544 -942 -1000 -1032 

Der Apparat blieb eine Stunde lang ohne Ladung stehen, dann 
wurde genau der gleiche Versuch angestellt, nur wurde jetzt der 
Zerstreuungskörper auf + 8000 Volt geladen. Ich lasse die Zeit- 
angaben der Einfachheit wegen fort. . 

+ 1158, -1114, 15 Minuten auf +8000 Volt geladen 
+ 480, +770, +860, -1266, -1158, -1120 

15 Minuten auf + 8000 Volt geladen 
-2826, —1868, -1576, +614, +792, +872 

Die Versuche lassen deutlich erkennen, dass wenn der Zer- 
streuungskörper eine Zeitlang auf + 8000 Volt gehalten ist, die nega- 
tiven Ionen in seiner Umgebung stark verbraucht sind, so dass nun 
bei einer Ladung desselben auf + 200 Volt in den ersten Minuten 
nur eine verhältnismässig geringe Zerstreuung, weniger als halb so 
viel wie vor der Ladung auf 8000 Volt , stattfindet. Bei einer 
Ladung auf — 200 Volt dagegen zeigt sich umgekehrt eine sehr 
starke Zerstreuung, die + Ionen sind angehäuft. Die Beobachtung 



10 Himstedt: [110 

lehrt aber weiter, dass eine recht schnelle Regeneration der Ionen 
stattfindet. In drei Minuten steigt die Zerstreuung von -f 480 auf 
+ 770. Nach einer Stunde ist die Wirkung, welche durch das 
starke elektrische Feld hervorgebracht wurde, so gut wie vollständig 
beseitigt und die vorher beobachtete angenähert gleich grosse Leit- 
fähigkeit für + und — Elektrizität wieder hergestellt. 

5. Die Luft, welche durch die Wasserstrahlpumpe gegangen ist, 
ist also nicht einfach ionisiert wie die den X-Strahlen oder dem 
ultravioletten Lichte ausgesetzt gewesene Luft. Sie hat eine Ver- 
änderung erlitten oder einen Zusatz erhalten, der auf längere Zeit 
ihr die Fähigkeit verleiht, die Zahl der freien Ionen und damit ihre 
Leitfähigkeit auf konstanter bedeutender Höhe zu halten. Der 
nächstliegende Gedanke dürfte sein, anzunehmen, dass die Luft aus 
der wirksamen Flüssigkeit eine Emanation oder geringe Mengen einer 
radioaktiven Substanz mitreisst. Da Wasser die bei weitem stärkste 
Wirkung ausübt, vielleicht überhaupt die einzige wirksame Substanz 
ist, so liegt es nahe, zu versuchen, der Luft nach Möglichkeit alle 
Spuren des mitgeführten Wassers zu entziehen, um zu sehen, ob 
die fremde Substanz dann auch verschwindet. Auf dem Boden 
des Griasgefässes, in welchem sich das Elektroskop befindet, wurden 
drei Schalen mit P^ O.j und zwei mit Stücken von metallischem 
Na gestellt. In das mit trockener Luft gefüllte Gefäss wurde so- 
viel Luft aus dem Wasserstrahlgebläse eingeblasen, dass das Hygro- 
meter 29°/o zeigte und der Potentialabfall (für 60 Minuten berechnet) 
795 Volt betrug. Es wurden nun die folgenden Ablesungen gemacht: 



T 


0,6 


0,3 


0,85 


2- 


3 — 


18,- 


H 


25 


20 


15 


19,5 


8,5 


5 


F 


880 


1030 


1070 


1330 


1370 


1240 



Hierin bedeutet T die Zeit in Stunden, welche seit der Füllung 
des Gefässes verflossen ist, H die Ablesung am Hygrometer in 7^? 
P die Zerstreuung für 60 Minuten in Volt. Man sieht, dass das 
Hygrometer stark fällt, die Leitfähigkeit aber unabhängig hiervon 
wie immer zuerst steigt. 

Man kann gegen diesen Versuch einwenden, dass wenn an dem 
mitgerissenen Wasser die radioaktive Substanz haftet, sie dann 
immerhin in dem Gefässe bleiben muss, wenn etwa die Feuchtigkeit 
von dem Fg ^5 oder Na absorbiert wird. Deshalb wurde die Luft 
zuerst in einem anderen Gefässe getrocknet und dann ganz langsam 
herübergesaugt, endlich wurde ihr die Feuchtigkeit direkt beim 



111] TJeber die Ionisieruxg der Luft durch Wasser. 11 

Einleiten in das Gefäss entzogen dadurch, dass man zu den schon 
erwähnten Trockenröhren noch ein 1 m langes Rohr einschaltete, 
das mit lose gestopfter Asbestwolle gefüllt war, die in P^ 0^ um- 
gedreht und reichlich damit überschüttet war, und weiter noch ein 
30 cm langes Rohr, das dicht mit kleinen Stücken von metallischem 
Xa gefüllt war. Obgleich man mit diesen Mitteln der Luft ihren 
Feuchtigkeitsgehalt, wie er durch ein Hygrometer angezeigt wird, 
vollständig entziehen kann, war ein Einfluss auf die Leitfähigkeit 
nicht zu konstatieren. 

Noch gründlicher kann man die Feuchtigkeit der Luft ent- 
ziehen, indem man sie auf sehr tiefe Temperatur abkühlt. Es wurde 
deshalb ein Kupferrohr von 1,8 m Länge zu einem Schlangenrohr ge- 
bogen und in flüssige Luft getaucht. Die vom Gebläse gelieferte 
Luft strich Blase für Blase durch zwei AVaschflaschen mit H2SO4, 
eine solche mit KOH durch ein 1,5 m langes Rohr mit Natronkalk, 
durch das lange Rohr mit Fo 0^, dann durch die Kupferspirale und 
das Watterohr in den Apparat. 

Nachdem man eine Stunde lang die Luft durchgeleitet hatte, 
war keine die Yersuchsfehler übersteigende Erhöhung der 
Leitfähigkeit im Apparate zu konstatieren, während ein 
Vorversuch gelehrt hatte, dass bei der gleichen Versuchsanordnung, 
nur mit dem einzigen Unterschiede, dass die Kupferspirale Zimmer- 
temperatur hatte, nach 15 Minuten die Leitfähigkeit auf den 30 fachen 
Betrag gestiegen war. 

Es fragte sich nun, war durch die tiefe Temperatur die Ver- 
änderung resp. der Zusatz, den die Luft beim Durchstreichen der 
Wasserstralilpumpe erhalten hatte, und durch welche die abnorm 
hohe Leitfähigkeit der Luft hervorgebracht war, vernichtet, oder 
nur im Kupferrohre zurückgehalten, also sozusagen ausgefroren? 
Es zeigte sich zu meiner grossen Ueberraschung, dass das letztere 
der Fall war. Wurde nämlich das Kupferrohr, nachdem ein Ver- 
such mit flüssiger Luft ausgeführt war, am einen Ende verschlossen, 
am anderen aber in Kommunikation mit dem Versuchsapparate 
gelassen, und Hess man nun das Rohr sich ganz langsam erwärmen, 
indem man es Centimeter für Centimeter aus der flüssigen Luft 
herauszog, so taute der eingefrorene Inhalt der Röhre wieder auf 
und wurde von der durch die Erwärmung sich ausdehnenden Luft 
mit in das Versuchsgefäss hinübergeführt. Schon nach 15 Minuten 
war die Leitfähigkeit in dem Apparate auf das 10 fache gestiegen 
und stieg noch weiter. Wurde dagegen das Kupferrohr, ehe es aus 



12 Himstedt: ril2 

der flüssigen Luft genommen wurde, ganz von dem Versuchsapparate 
getrennt und auf Zimmertemperatur erwärmt, während gleichzeitig 
ein lebhafter Luftstrom hindurchgesaugt wurde, so war nach 15 Mi- 
nuten an oder mit dem Kupferrohr auf keine Weise mehr etwas 
nachweisbar, das Einfluss auf die Leitfähigkeit der Luft gehabt hätte. 

Um zu untersuchen, ob in dem Schlangenrohre eine sichtbare 
Substanzmenge ausfriert, habe ich das Cu-^ohr durch ein Glasrohr 
ersetzt. In einzelnen Versuchen glaube ich mit der Lupe an den 
Wandungen äusserst feine Eiskryställchen gesehen zu haben, doch 
war die Beobachtung sehr schwierig und deshalb nicht sicher. Dass 
es nicht abgeschiedene feste CO2 war, habe ich durch Untersuchung 
des aufgefangenen Röhreninhaltes mit KOH festgestellt. 

6. Die Herren Elster und Geitel haben zur Erklärung der 
abnorm hohen Leitfähigkeit der Luft in Kellerräumen etc. eine 
mögliche Radioaktivität der Luft selbst herangezogen. Ich will auf 
die mannigfachen Versuche hier nicht näher eingehen , die ich an- 
gestellt habe, um in dem, was in dem Kupferrohre ausgefroren war, 
das radioaktive Agens zu finden. Sie haben alle ein negatives Re- 
sultat gehabt, sind aber um deswillen nicht beweiskräftig, weil man 
wird einwenden können, dass für die Hervorbringung der be- 
obachteten Effekte ja nur ganz minimale Mengen erforderlich sind, 
und diese können sich der Wahrnehmung entzogen haben. Ich 
möchte aber darauf aufmerksam machen, dass die abnorm hohe 
Leitfähigkeit der Luft und die im Vorstehenden beschriebenen Er- 
scheinungen in anderer und wie mir scheint, besonders einfacher 
AVeise sich erklären lassen, nämlich durch die Annahme, dass das 
Wasser in ähnlicher Weise wie auf Säuren und Salze, so auch aul 
Gase eine stark ionisierende Wirkung auszuüben vermag. Man kann 
sich vorstellen, dass wenn ein Gas durch Wasser in Blasenform 
hindurchgepresst wird, einzelne Gasmoleküle in so innige Berührung 
mit dem Wasser kommen, dass sie gewissermassen darin gelöst 
werden, und sich mit einer, natürlich ganz minimalen Spur von 
Wasser so vereinigen, dass nachher ein in eine Wasserhülle ge- 
hülltes oder darin gelöstes Gasmolekül aus dem Wasser in die Luft 
tritt. Solche Moleküle würden nun, analog wie in Wasser befind- 
liche Salzmoleküle, die Fähigkeit besitzen, ausserordentlich leicht 
zu dissoziieren, d. h. Ionen zu bilden, und auf diese Weise die 
Leitfähigkeit der Luft bedingen. Diese allerfeinsten mit den Luft- 
molekülen verbundenen Wasserteilchen dürfen natürlich nicht mit 
den weit beträchtlicheren Wassermengen verwechselt werden, die 



1131 Ueber die Ionisierung der Luft durch Wasser. 13 

etwa in den Nebelbläschen enthalten sind. Das geht ja schon daraus 
hervor, dass die letzteren von einigermassen dicht gestopfter Watte 
zurückgehalten werden, in ruhender Luft sich verhältnismässig schnell 
absetzen, erstere aber nicht, 

Dass sich aus der Annahme, das Wasser besitze auch für die 
Gasmoleküle eine ionisierende Kraft, die vorstehend beschriebenen 
Versuchsresultate leicht erklären lassen, ist wohl einleuchtend. Je 
stärker der Druck ist, mit dem die Luft durch das Wasser hin- 
durchgepresst wird, desto inniger, wird man annehmen dürfen, ist 
die Berührung und Durchmischung von Wasser und Luft, desto 
grösser dementsprechend die Anzahl der erzeugten leicht ionisier- 
baren Moleküle, desto grösser die Leitfähigkeit, In der Nähe eines 
hoch geladenen positiv elektrischen Körpers tritt ein starker Ver- 
brauch, eine Erschöpfung der negativen Ionen ein, es bleibt der 
Raum angefüllt mit positiven Ionen, die einen dorthin gebrachten 
negativ geladenen Körper sehr schnell entladen, Ueberlässt man 
den Raum sich selbst, so sind nach kurzer Zeit schon sowohl posi- 
tive als negative Ionen wieder in grosser Zahl vorhanden. Ob 
diese aus den angrenzenden Gebieten durch Diffusion dorthin ge- 
kommen sind, — dann müsste durch genügend langes Elektrisieren 
der Vorrat sich erschöpfen lassen — oder ob eine Regeneration 
der verbrauchten Ionen durch lonenstoss etc, eintritt, müssen 
weitere Versuche erst entscheiden. 

Dass die Luft ihre hohe Leitfähigkeit nicht verliert, wenn sie 
über P2OS etc. geleitet wird, ist leicht verständHch, wenn man be- 
denkt, wie schwer es ist, der Luft die letzten Spuren gewöhnlicher 
Feuchtigkeit zu entziehen, dass es sich hier aber nach der oben 
skizzierten Vorstellung um minimale Mengen in feinster molekularer 
Verteilung handelt, Dass aber thatsächlich Wasser in der Luft an 
den Molekülen haftend vorhanden ist, dafür spricht, dass bei ge- 
nügend tiefer Temperatur ein Erstarren und dann schnelles Zu- 
bodensinken stattfindet. Wird die Temperatur wieder erhöht, so 
fliegen die Luftwasserteilchen wieder davon und die Luft wird 
wieder leitend. 

Nach dieser Vorstellung würde man sich auch die sog. natür- 
liche Leitfähigkeit der Luft und besonders ihre Abhängigkeit von 
den meteorologischen Verhältnissen der Atmosphäre leicht erklären 
können. In der bewegten Luft bilden sich, wenn sie über feuchte 
Flächen, durch feuchtes Gebüsch etc, hinstreicht, je nach Umständen 
eine grössere oder geringere Anzahl leicht dissoziierbarer Moleküle. 

Berichte XIII. 8 



14 HiMSTEDT: [114 

Durch lonenstoss, durch ultraviolettes Licht, durch Strahlen radio- 
aktiver Substanzen^ werden diese in Ionen gespalten, und wird 
dadurch die Leitfähigkeit der Luft hervorgerufen. Diese zeigt 
jedenfalls in mehrfacher Beziehung dasselbe Verhalten wie die durch 
Wasser hindurchgeblasene Luft. Stellt man mit der aus der freien 
Atmosphäre entnommenen Luft die S. 9 beschriebenen Versuche an, 
so erhält man Resultate, die den dort mitgeteilten vollkommen ent- 
sprechen. 

Leitete ich atmosphärische Luft durch das in flüssiger Luft 
befindliche Kupferrohr, so beobachtete ich eine Abnahme der Leit- 
fähigkeit um ein Drittel, ja um die Hälfte ihres Betrages. Der 
Luft auf diese Weise die Leitfähigkeit ganz zu entziehen, ist mir 
allerdings nicht gelungen. Ob dies daran liegt, dass die durch das 
Schlangenrohr streichende Luft bei dem Eintritt in den Versuchs- 
apparat die dort befindliche Luft selbst bei längerem Durchleiten 
nicht vollständig verdrängt hat, oder ob die Leitfähigkeit der Luft 
zum Teil von Ionen herrührt, die nicht ausfrieren, vermag ich noch 
nicht zu entscheiden. Hat man längere Zeit (1 — 2 Stunden) atmo- 
sphärische Luft durch die Kühlschlange geleitet, und man lässt 
dann die auftauende Kupferspirale ihren Inhalt in den Versuchs- 
apparat entleeren, so beobachtet man in diesem eine bedeutende 
Steigerung der Leitfähigkeit, also gerade so wie bei den ent- 
sprechenden Versuchen mit der Luft des Wasserstrahlgebläses. 
Möglichenfalls lässt sich die grosse Leitfähigkeit der aus der auf- 
tauenden Kupferröhre tretenden Luft auch so erklären, dass beim 
Abkühlen auf tiefe Temperatur die Luft thatsächlich ihre Leitfähig- 
keit vollständig verliert, — diese also nicht nur, wie oben an- 
genommen, durch Ausfrieren sozusagen latent wird — und dass dann 



^ Ich glaube, dass ausser Radium, Polonium, Thorium etc. noch eine grosse 
Anzahl von Körpern radioaktiv sind, dass in dieser Beziehung zwischen Radium 
und Blei oder Zink z. B. ein ähnlicher, nur quantitativer Unterschied vorhanden 
ist, wie etwa hinsichtlich der magnetischen Eigenschaften ein solcher zwischen 
Eisen und Blei besteht. Ich glaube, bei meinen Versuchen deutliche Unter- 
schiede in der Radioaktivität verschiedener Metalle beobachtet zu haben. Ich 
habe, um zunächst wenigstens einen orientierenden Versuch in dieser Richtung 
zu machen, zwei genau gleiche Gefässe aus Blei und aus Zink anfertigen lassen. 
Bei den meisten Versuchen ergab sich die Leitfähigkeit der Luft in dem Blei- 
gefässe grösser als iu dem Zinkgefässe, nie umgekehrt, nur einige Male in beiden 
Gefässen gleich. Die Versuchsauordnung mit dem Elektroskop scheint mir für 
diese Untersuchung nicht empfindlich genug. Ich gedenke, die Frage auf anderem 
Wege zu verf(;lgen. 



115] Ueber die Ionisierung der Luft durch "Wasser. 15 

beim Auftauen die ausströmende Luft durch Hinstreichen an in der 
Röhre gebildeten feinsten Eiskryställchen wieder leitend wird. Denn 
ich habe gefunden, dass Luft auch dann ihre Leitfähigkeit ver- 
grössert, wenn sie durch fein zerteiltes Eis oder Schnee geleitet wird. 

7. Durch die vorstehenden Versuche ist gezeigt worden, dass 
Luft beim Durchblasen durch Wasser, beim Durch- oder Vorbei- 
streichen an mit Wasser befeuchteten Flächen eine Vermehrung 
ihrer Leitfähigkeit erlangt, so dass diese unter günstigen Umständen 
auf das mehr als hundertfache ihres gewöhnlichen Betrages an- 
steigen kann. 

Diese Leitfähigkeit hängt nicht ab von dem Feuchtigkeitsgehalte 
der Luft, wie er mit dem Hygrometer gemessen wird. 

Die Leitfähigkeit verschwindet beim Abkühlen der Luft auf 
genügend tiefe Temperatur, erscheint aber wieder, sobald die Luft 
in dem Abkühlungsbehälter wieder erwärmt wird. 

Die abnorm hohe Leitfähigkeit wird nicht zerstört beim Durch- 
leiten durch ein elektrisches Feld. 

Sie verschwindet, wenn die Luft in einem geschlossenen Be- 
hälter sich selbst überlassen bleibt, sehr langsam, erst nach mehreren 
Tagen, ja Wochen. 

Ich glaube, dass die von Elster und Geitel beobachtete hohe 
Leitfähigkeit der Keller- und Bodenluft auf diese AVeise entsteht. 
Ebenso glaube ich, dass zum mindesten ein Teil der stets in freier 
Luft vorhandenen Leitfähigkeit resp. deren Schwankungen auf die 
obige Erscheinung zurückzuführen sind, und dass die Ionisierung 
der Luft durch Wasser bei allen elektrischen Erscheinungen unserer 
Atmosphäre eine wesentliche Holle spielt. 

Die Hypothese, dass das Wasser nicht nur auf Säuren und 
Salze, sondern auch auf die Gase eine hohe dissoziierende Kraft 
auszuüben vermag, scheint mir geeignet, die beschriebenen Er- 
scheinungen zu erklären. 

Freiburg i. B., März 1903. 



[116 



Beiträge zur Kenntnis der Fauna des unteren 
Lias in der Val Solda. 

Geologisch -paläoiitologische Studien in den 
Comasker Alpen. L 

Von 

A, Freiherr von Bistram. 



Vorwort. 

Als ich zum Zwecke der geologischen Kartierung das Gebiet, 
das sich nördUch vom Luganer See und der Senke von Porlezza 
zwischen Lugano und Menaggio erstreckt, untersuchte, fand ich 
unterhalb der Alpe Bolgia, an dem Wege, der von Castello 
nach dieser resp. dem Passe des Pian da Scagno (Paso Bis- 
cagno) führt, zwischen den Punkten, die auf dem italienischen Mess- 
tischblatte mit den Höhenzahlen 942 und 961 bezeichnet sind, 
schwarzgraue Kalke anstehend, auf denen ausgewitterte Fossilien 
(Pectines und Gastropoden) zu sehen waren. Dieselben Schichten 
fand ich auch südlich von der Alpe di Castello anstehend wieder. 
Etwas westlich vom erstgenannten Punkte, am unteren Ende des 
Zickzackweges, der von Punkt 96 1 zur Alpe Bolgia führt, 
fanden sich zahlreiche, scheinbar nicht verkieselte, schlecht erhaltene 
Ammoniten. 

Bei dem Auflösen der mitgenommenen Handstücke in ver- 
dünnter Salzsäure zeigte sich eine sehr reiche Mikrofauna darin. So 
schlug ich denn, bei meiner Anwesenheit im folgenden Jahre, ein 
recht grosses Quantum Stücke am erstgenannten Fundorte, und 
brachte auch einiges Material von A. Castello mit, während leider 
eine grössere Anzahl Stücke von dieser Fundstelle, die ich dort ge- 



117] CoMASKER Alpen. I. Liasfaüna der Val Solda. 2 

lassen und die mir heruntergebracht werden sollten — sie enthielten 
hauptsächlich Schwämme — , verloren ging. Auch die Stücke aus 
dem Ammonitenhorizont; aus denen sich nichts mit Nadel und Meissel 
herauspräparieren Hess, gaben in Säure aufgelöst ein recht gutes 
Resultat, und zeigten sich wenigstens die inneren Windungen der 
Ammoniten recht gut verkieselt. 

Im ganzen werden wohl ca. I72 Zentner Gestein von mir aus- 
geätzt worden sein, wozu ca. 3 Zentner (= 2 Ballons) rohe Salz- 
säure verbraucht wurden. Ich gewann daraus eine sehr reiche und 
vielfach gut erhaltene Fauna von zum grössten Teile allerdings sehr 
kleinen Individuen. 

Zum Zwecke der Untersuchung und Bestimmung der Fossilien 
habe ich dieselben, nachdem der Aetzrückstand ausgewaschen, durch 
Schlämmen vom Thone befreit und darauf getrocknet war, meist 
unter der Lupe, mit feiner Pincette oder angefeuchtetem Marder- 
pinsel ausgelesen und einen grossen Teil der gut erhaltenen vergrössert 
photographiert. Ich benutzte hierzu das Seibertsche mikrophoto- 
graphische Objektiv mit Irisblende von der nominellen Brennweite 
von 272" (= 64 mm), dessen wahre Brennweite auf den optischen 
Mittelpunkt bezogen aber nur ca. 4\''2 cm ist. Es lassen sich auch 
körperliche Gebilde durch starkes Abblenden , nach erfolgter Ein- 
stellung mit voller Oeffnung, scharf mit diesem Objektive photo- 
graphieren und auch zwecks geringerer Vergrösserung die Vorder- 
linse allein benutzen. 

Es lag nahe, diese Photographien zu reproduzieren und dieser 
Arbeit als Abbildungen beizugeben, doch sah ich aus verschiedenen 
Gründen davon ab. Um die Details der Skulptur auf der Photo- 
graphie hervortreten zu lassen, muss eine ziemlich einseitige Be- 
leuchtung verwandt werden, und ist es dabei nicht möglich, die 
Details verschiedener Richtungen der Skulptur, also etwa sich kreuzen- 
der Kiele, gleich gut auf einer Photographie hervortreten zu lassen. Es 
müssten dazu schon drei Aufnahmen gegeben werden, von denen die 
eine mit Rücksicht auf die allgemeine Form und je eine für die 
Längs- und Querskulptur beleuchtet worden wäre. Nie aber 
wird eine solche Photographie dasselbe charakteristische Bild wie 
eine gute Zeichnung geben. Auch treten, besonders bei Vergrösse- 
rungen, kleine Fehler in der Schale und das Korn, das die sekundär 
an Stelle der früheren aus Kalk und Chitin bestehenden Schale ge- 
tretene Kieselsäure zeigt, und das mit der Form und dem Aussehen 
der ursprünglichen Schale nichts zu thun hat, sehr störend hervor. 



3 VON Bistram: [118 

Ferner fehlt solchen photographischen Bildern, besonders noch in der 
Reproduktion, das reine Weiss der Lichter und das tiefe Schwarz 
in den Schatten, alles ist Grau in Grau. 

Leider ist in neuerer Zeit dieses Verfahren der photographischen 
Wiedergabe öfters angewandt worden, wodurch ein Bestimmen von 
Fossilien nach diesen Abbildungen sehr erschwert, oft fast unmöglich 
wird. Ich halte eine solche Wiedergabe nur bei ganz ausserordent- 
lich günstigen Erhaltungszuständen für angebracht, und auch da nur 
als Notbehelf, wenn ein brauchbarer Zeichner absolut nicht zu haben 
ist oder sich die Kosten für denselben nicht aufbringen lassen. 

Der Zeichner kann noch durch Anwendung stärkerer Vergrösse- 
rung oder Betrachten der Stücke in verschiedenem Lichte und von 
allen Seiten Details sehen und auf die Zeichnung bringen, die bei 
der Photographie vollkommen verloren gehen. Ich übernehme es 
von vielen Fossilien, besonders Gastropoden, mit reicher Skulptur, 
durch verschiedene Beleuchtung photographische Bilder herzustellen, 
nach denen man aus demselben Individuum verschiedene Arten 
machen könnte. 

So wurden denn die Photographien von mir nur benutzt, um 
mit Ersparung von Zeit und vor allem Schonung der Augen die 
vorläufigen Bestimmungen zu machen, die typischesten und zur Ab- 
bildung geeignetesten Exemplare auszusuchen, die Messungen vor- 
zunehmen (es wurden nur bestimmte, am Apparat markierte und 
durch Einstellung eines Massstabes in ihrem Werte festgestellte 
Vergrösserungen benutzt)*, dann dienten sie dem Zeichner zur Grund- 
lage, ihm das Abnehmen der Masse an den kleinen Objekten er- 
sparend und das Berühren der meist sehr fragilen Stücke unnötig 
machend, so dass dieselben weniger gefährdet waren. Schliesslich 
erleichtern die Photographien die Kontrolle des Zeichners. 

Was die Bearbeitung des Materials anbetrifft, so habe ich mich 
bemüht, möglichst alle Litteratur, die ja in Bezug auf die Fauna dieser 
Schichten nicht sehr gross ist, zu vergleichen und möglichst die mir 
vorliegenden Typen unter beschriebene Arten einzureihen, soweit es 
mit meinem paläontologischen Gewissen vereinbar war. Besonders 
bei den Gastropoden, wo man, sobald nur genügendes Material vor- 
liegt — und dieses war für einzelne Arten bei mir der Fall — alle 
möglichen Variationen mit allen Uebergängen beobachten kann, 
überzeugt man sich bald, dass eine grosse Variabilität herrscht, wo- 
zu noch der verschiedene Erhaltungszustand kommt. Da es sich 
ferner nur um einen Horizont handelt und viele der Formen sowohl 



119] CoMASKER Alpen. I. Liasfaüna der Val Solda. 4 

aus den Planorbis- als aus den Angulatenschichten beschrieben werden, 
somit dieselben zu feineren Horizontausscheidungen nicht benutzt 
werden können, die Parallelisierung der Schichten verschiedener 
Lokalitäten ausserdem hierdurch viel mehr erleichtert wird, als 
wenn dieselben Arten unter verschiedenen Kamen von den einzelnen 
Orten aufgeführt werden — wobei es kaum schadet, wenn zufällig 
zwei ganz nahe stehende nicht idente Arten miteinander vereinigt 
werden — so hielt ich es im Interesse der Sache, das Bild mög- 
lichst zu vereinfachen und mir ident scheinende Formen zu ver- 
einigen. Anders ist es natürlich, sobald gewisse feine Unterschiede 
bei Fossilien als konstant in gewissen Horizonten konstatiert werden 
können; hier müssen die feinst möglichen Unterscheidungen gemacht 
werden. 

Ich gebe von allen Fossilien, die etwa bei dem eben Besprochenen 
in Frage kommen, Abbildungen, bei verschiedenen vorhandenen Tj^ien 
auch mehrere von derselben Art, ausserdem im Text die Angabe 
der meisten Citate, die mir vorgelegen haben, so dass der Leser 
meine Auffassung kontrollieren kann. 

Die beschriebenen und abgebildeten Stücke, sowie überhaupt 
das ganze von mir gesammelte Material befinden sich in den Samm- 
lungen des Freiburger Geologischen Institutes, in dem ich auch das 
Material bearbeitet habe. Hierbei habe ich mich der ausgiebigsten 
Förderung meiner Arbeit durch den Direktor des Institutes, Herrn 
Professor Steinmann, zu erfreuen gehabt, der mir in liberalster 
Weise die Bibhothek und Sammlungen des Institutes sowie seine 
Privatbibliothek zur Verfügung stellte, und mich durch sein reiches 
Wissen und grosse Litteraturkenntnis unterstützte. Ihm möchte ich 
daher an dieser Stelle meinen Dank aussprechen. 

Freiburg i. Br., März 1903 v. B. 

Geoloffisches Institut. 



Yerzeiclmis der beiiiitzteii und citierten Litteratur*), 

1824. Sowerby, Mineral Couchology (Deutsche Bearbeit. von Agassiz. 

Xeuchatel 1837). 

1825. Defrance, Memo ir es d. M. de Caumont (Mem. soc. linueenue 

du Calvados). 
1830. V. Zieteu, Versteinerungen Württembergs (Stuttgart). 



*) Die gesperrt gedruckten Worte geben die Spitzmarke, unter der das 
betreffende Werk im Text der Arbeit citiert wird. 



5 VON Bistram: [120 

1836. ßoerner, Versteinerungen des norddeutsch. Oolithgebirges 

(Hannover). 

1837. Koch und Dunker, Beiträge z. Kenntnis d. norddeutschen Oolith- 

gebirges (Braunschweig). 

1838. Leymerie, Partie inferieure du syst, secondaire du dep. du Rhone 

(Mera. SOG. geol. Fr. ser. I t. III). 

1839. Goldfuss, Petre facta Germaniae (Düsseldorf 1826—44). 

1841. Graf Münster, Beiträge zur Geognosie und Petrefaktenkunde 

d. südl. Tirols, vorz. St. Cassians (Beiträge z. Petrefaktenk. 
von "Wissmann und Graf Münster, Heft IV). 

1842. d'Orbigny, Paleontologie FranQaise. Terrains jurassiques 

(Paris). 

1843. Y. Klipstein, Beiträge z. Kenntn. d. Östlichen Alpen (Giessen). 

— Quenstedt, Das Flötzgebirge "Württembergs. 1. Aufl. (Tübingen, 

2. Aufl. 1851). 

1845. AgassiZ; Monographie des Mues (Etudes crit. s. 1. Mollusques 
fossiles. Neuchatel). 
1846 — 48. Dunker, IJeber i. d. Lias bei Halberstadt vorkommende Ver- 
steinerungen (Palaeontographica I). 

1847. Agassiz und Desor, Catalogue raisonne des Echinodermes 
(Ann. sc. nat. VI, VII, VIII Paris). 

— d'Arcliiac, Fossiles du groupe nummulitique (Mem. soc. geol. 

Fr. ser. II t. III). 
1850 — 54. Milne Edwards und Hainie, A Monograph of the British fossil 
corals (London, Palaeontographical society). 
1859. King, Permian Fossils (London, Palaeontographical society). 

— d'Orbigny, Prodrome de Paleontologie (Paris). 

1851 U.58. Chapuis und Dewalque, Memoire s. 1. terr. sec. de Luxembourg. 
(Mems. Acad. roy. de Belgique tome XXV u. XXXIII). 

1851. Schafhäutl, NeuePetrefakten des Südbayernschen Vorgebirge« 

(Neues Jahrb. 1851, S. 407 ff.). 

1852. Quenstedt, Handbuch d. Petrefaktenkunde (1. Aufl. Tübingen 

2. Aufl. Tübingen 1867, 3. Aufl. Tübingen 1885). 

1853. Emmericli, Geognostische Beobachtungen a.d. östl. bayerischen 

Alpen (.lahrb. k. k. geol. R.-A. Bd. IV). 

— Escher v. d. Linth, Das nördl. Vorarlberg u. einige angrenzende 

Gegenden. 

— Hauer, lieber Gliederung des Trias, Lias u. Juragebilde i. d. 

nordöstl. Alpen (Jahrb. k. k. geol. R.-A. Bd. IV S. 715). 

1855. Terquem, Paleont. de l'et. inf. du lias de Luxembourg et de 

Hettange (Mems. soc. geol. Fr. ser. II t. V). 
1856 — 58. Oppel, Die Juraformation Englands, Frankreichs u. d. südwestl. 
Deutschlands (Württemberg, naturwissenschaftl. Jahreshefte 
Jahrg. XII— XIV). 

1856. Oppel und Suess, Aequivalente d. Kössener Schichten in Schwaben 

(Sitzungsber. d. k. Akademie Bd. XXI, "Wien). 

— Piette, Gres d'Aiglemont et de Rimogne (Bull. soc. geol. Fr. 

ser. II t. XIII). 



121] 



CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 



1858. Desor, Synopsis des ecbinides fossiles (Paris et Wiesbade). 

— Bolle, An der Grenze von Keuper u. Lias in Schwaben auftretende 

Versteinerungen (Sitzungsb. d. k. Akademie d. Wiss. 
mathem.-naturw. Kl. Wien Bd. XXVI). 

— Quenstedt, Der Jura (Tübingen). 

1859. Martin, Notice paleont. et strat. sur le lias infer. de la Cote d'Or 

et de l'Yonne etc. (Congres scientifique de Fr., XXV Ses- 
sion, Auxerre 1858). 

— Martin, Paleontologie stratigr. de l'infralias du dep. de la Cote d'Or 

(Mems. soc. geol. Fr. ser. II t. VII 18.59—62). 

— T>'inkler, Die Schichten der Avicula Contorta (München). 

1860 — 65. Stoppani, Couches ä Avicula Contorta en Lombardie (Paleon- 
tologie Lombarde ser. III). 
1861. (xiimbel, Geognostische Beschreib, des bayerischen Alpengebirges 
u. seiner Vorländer (Gotha 1858 — 61). 

— Oppel, Brachiopoden des unteren Lias (Zeitschr. D. G. G. 

Bd. XIII S. 529 ff.). 

— Stolitzka, Gastropoden u. Acephalen d. Hierlatzschichten (Jahrb. 

k. k. Akad. d. Wiss. mathem.-naturw. Kl. Bd. XLIII). 
1862 Capellini, Studji stratigr. paleontol. sull Infralias del Golfo di 
Spezia (Bologna). 

— Terquem und Piette, Lias inferieur de la Meurthe, Mo seile etc. 

(Bull. soc. geol. Fr. ser. II t. XIX p. 322 ff.). 

— Oppel, Palaeontolog. Mitteilungen I. 

1863, Schaf häutl, Südbayerns Lethaea geognostica (Leipzig). 

1864. V. Dittmar, Die Contorta-Zone (München). 

1864 — 69. Dnmortier, Depots jurassiques du Bassin du Rhone. Bd. I: Infra- 
lias, Bd. II: Lias inferieur, Bd. III: Lias moyen. 

1864. Laube, Die Münsterschen Arten v. St. Cassian (Jahrb. k. k. 

R.-A. Bd. XIV p. 402 ff.). 
1865 — 68. Laube, Die Fauna d. Schichten von St. Cassian (Wiener Akad. 
d. Wiss. mathem.-naturw. KL). 

1865. Martin, Zone ä Avicula Contorta ou etage rhaetien (Paris). 

— Schloenbach, Beiträge z. Palaeont. d. Jura- und Kreideform. 

i. nordw. Deutschland (Palaeontograph. Bd. XIII). 

— Terquem und Piette, Lias inferieur de Test de la France (Mems. 

soc. geol. Fr. ser. II t. III). 

1866. Capellini, Fossili infral. del. Golfo della Spezia (Mem. Acad. sc. 

di Bologna ser. II vol. V). 
1866 — 72. Duncan, A Monograph of the British fossil cor als (London, 
Palaeontographical society ser. II). 

1867. Moore, Secondary Dep. of Somersetshire etc. (Quart. Journ. 

vol. XXIII). 
1871. Bi-auus, Der untere Jura im nordw. Deutschland (Braunschweig). 
1874. Brauns, Der obere Jura im nordw. Deutschland (Braunschweig). 
1876. Täte und Blake, The Yorkshire Lias (London). 
1877—78. Zittel, Studien über fossile Spongien (Abhandl. k. bayr. Akad. 

der Wiss. IL Kl. Bd. XIII Abt. I). 



7 VON Bistram: [122 

1877. Zittel, Beiträge zur Systematik d. fossilen Spongien (Neues 

Jahrb. S. 337 ff'.). 

1878. T. Ammoii, Die Gastropoden des Hauptdolomites u. d. 

Plattenkalkes d. Alpen (Zoolog.-miueral. A^ereiu zu Regens- 
burg). 

— Neuiuayr, Unvermittelt auftretende Cephalopodentypen i. Jura 

Mitteleuropas (Jahrb. k. k. geol. R.-A. Bd. XXVIII). 

1879. ?feumayr. Zur Kenntnis d. untersten Lias i. d. Nordalpen (Ab- 

handl. k. k. geol. R.-A. Bd. VII fasc. V). 

— Reyiies, Monographie des Ammonites. Lias. Atlas (Marseille). 

1881. Wrig'lit, Monograph on the Lias Ammonites (The Palaeonto- 

graphical society, London 1878 — 86). 

1882. Cauavari, Fauna des unter. Lias von S p e zi a (Palaeontograph. XXIX). 

— Roeder, Zweischaler des terrain ä chailles von Pfirt. (Dr.-Diss.). 

1883. Xeumayr, Zur Morphologie des Bivalvensc blosses (Sitzungsber. 

d. k. Akad. d. Wiss. Bd. LXXXVIII, Wien). 
1883 — 85. Qiieiistedt, Die Ammoniten des schwäbischen Jura. Bd. I: 
Der schwarze Jura (Stuttgart). 

1884. Hall, Lamellibranchiata I Monomyaria (Geolog. Survey of N.-Y. 

Palaeontology). 
1884 — 98. Wähner, Beitr. z. Kenntn. d. tief. Zonen d. unter. Lias i. d. nordöstl. 
Alpen (Beiträge z. Palaeontol. Oesterreich-Ungarns) Teil I 
(IL Bd.), II (III. Bd.), III (IV. Bd.), IV(V.Bd.), V(VLBd.), 
VI(VIILBd.), VII (IX. Bd.), VIII (XL Bd.). 

1886. de Koninck, Oalcaire carbonifere de Belgique (Ann. Musee 

roy. t. XI). 
Pocta, Ueber einige Spongien a. d. Dogger d. Fünfkirchner- 
Gebirges (Mitt. k. Ung. G. A. Bd. VIII). 

— "Wähner, Zur heterop. Differenzierung d. alpin. Lias (Ver- 

handl. d. k. k. geol. R.-A. S. 168 ff., 190 ff".). 

— Winkler, Ueber d. unter. Lias i. d. bairischen Alpen (Neues 

Jahrb. Bd. II). 
1887 — 96. Hxidleston, British Jurassic Gastropoda (Monograph of the 
Infer. Oolite Gastropoda Part. I, London). 

1887. Andi'eae, Die Glossophoren d. terrain ä chailles der Pfirt. 

(Abhandl. z. geol. Sp.-K. v. Elsass-Lothringen Bd. IV). 

1888. Caiiayari, Fauna del Lias infer. di Spezia (Mem. del R. Com, Geol, 

d'Italia vol. III). 

— Hinde, The fossil sponges of the British Museum (London). 

— Schlippe, Fauna d. Bathonien im oberrhein. Tief lande (Abhandl. 

z. geol. Karte v. Elsass-Lothringen Bd. IV K. IV), 

1889. Koken, Entwickelung d. Gas trop öden vom Cabriuni bis z. Trias 

(Neues Jahrb. Beilagebd. VI). 

— V. Wöhrmann, Fauna d. sog. Cardita- u. Raibler Schichten 

Nordtirols (Jahrb. k. k. geol. R.-A. Bd. XXXIX). 

— Parona, Note paleontol. sul Lias inf. nelle Prealpi lombarde 

(Rend. R. Ist. Lombard, vol. XXI). 

1890. Jackson, Phylogeny of the Pelecypoda (Boston soc. of nat. bist.). 



123] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 8 

1890. Frech, Die Korallenfauua d. Trias I. Korallen der juvavisclien 

Triasprovinz (Palaeontograjshica XXXVII). 

1891. Fi'ecli, Die devonischen Aviculiden Deutschlands (Abhandl. z. 

geol. Sp.-K. von Preussen etc. Bd. IX). 

— Kittl, Gastropoden v. St. Cassian d. südalpinen Trias (Ann. 

k. k. naturhist. Hofmuseums Bd. VI). 

— »nmayr, Morpholog. Einteilung d. Bivalven (Denkschr. d. 

mathem.-uaturw. Kl. d. k. Akad. d. Wiss. Wien, Bd.LVIII). 

1892. Fox-Straiig"ways, The Jurassic Rocks of Britain (London) vol. I 

u. II, Yorkshire. 

— V. Aiumon, Gastropodenfauna d. Hochfellenkalkes und Gastro- 

podeureste v. Adnet, Mte. Xota u. Raibler-Schichteu (Geo- 
gnost. Jahresheft. Jahrg. V). 

1893. Böse, Fauna d. lias. Brachiopodensch. hei Hindelaug (Jahrb. k.k. 

R.-A. Bd. XLII). 

— (irreppiii, MoUusques des Couches coralligenes d'Oberbuchsiten 

(Mem. soc. paleout. Suisse t. XX). 

— Pompecky, Revision d. Ammoniten des schwäb. Jura (Stuttgart). 

— Rauft', Palaeospongiologie (Palaeontographica Bd. XI). 

1895. Bittiier, Lamellibranchiaten der alpinen Trias (Abhandl. k. k. 

geol. R.-A. Bd. XVIII). 

— Boebiu, Gastropoden des Marmolatakalkes (Palaeontographica 

Bd. XLII). 

— Cossmaim, Etudes s. 1. Gastropodes des terrains jurass. (Mem. 

soc. geol. Fr. Paleontologie t. V u. VI). 

1896. Koken, Gastropoden der Trias um Hallstatt (Jahrb. k. k. R.-A. 

Bd. XLVI). 

— Ogilvie, Study of Madreporian Types of Corals (Ph. Transact. 

Royal soc. of London, vol. CLXXXVII). 
1896 — 97. Ogllvie, Korallen der Str am berger Schichten (Palaeonto- 
graphica Suppl. II Abt. VII). 

1897. Philiyyi, Revision d. unterlias. Lamellibranchiaten v. Kanonen- 

berge b. Halberstadt (Zeitschr. D. G. G.). 

1898. Bittiier, Palaeontol. triad. Ablagerungen centralasiat. Hoch- 

gebirge (Jahrb. k. k. geol. R.-A. Bd. XLVIII). 
1898 — Philippi, Beiträge z. Morphologie u. Phylogenie der Lamelli- 
1900. branchiaten (Zeitschr. D. G. G. I. u. IL Pectiniden, 

III. Lima). 

1899. Bittiier, Triasablagerungeu d. Süd-Ussurigebietes (Mem. com. 

geol. Petersbourg Bd. VII, 4). 

— Kittl, Die Gastropoden der Esinokalke etc. (Ann. k. k. natur- 

hist. Hofmuseum Bd. XIX). 

— Pliilippi, DasSchloss v. Pterinaea retroflexa, Wahlenb. (Zeitschr. 

D. G. G. S. 181). 

1900. Bittiier, Ueber Pseudomonotis Telleri etc. (Jahrb. k. k, geol. 

R.-A. Bd. L S. 559 ff.). 

1901. \. Bistraiu, Ueber geol, Aufn. zw. Luganer u. Corner See 

(Brief 1. Mitteilung i. Ceutralblatt f. Min. S. 737). 



9 VON Bistram: [124 

1901. Bittner, Lamellibranchiaten a. d. Trias d. Bakonyer "Waldes 

(Budapest). 

— Oppenheim, Die Priabonaschicliteu u. ihre Fauna (Palaeonto- 

graphica Bd. XLVII). 

— Waagen, Der Formenkreis des Oxytoma inaequivalve (Jahrb. 

k. k. E.-A. Bd. LI). 

1902. Chartron und Cossmann, Note sur Tinfralias de la Vendee (Bull. 

SOG. geol. Fr. ser. IV t. II). 

— Frech, Ueber Gervilleia (Brietl. Mitteilung i. Centralblatt f. Min. 

S. 609 ff.). 

— Reis, Das Ligament d. Bivalven (Jahrb. d. Ver. f. Naturk. 

Württembergs Bd. LVIII). 

— Bepossi, Osservazioni stratigr. sulla Val d'Intelvi, la Val Solda 

etc. (Atti SOG. Ital. sc. naturali vol. XLI). 

1903. Wähner, Das Sonnwendgebirge im Unterinntale (Leipzig 

und "Wien). 

— Schrammen, Zur Systematik der Kieselspongien (Mitt. Roemer- 

Museum, Hildesheim). 

Stratigraphie. 

Die stratigraphische Stellung der Schicliten, aus denen die in 
Folgendem beschriebenen Fossilien stammen, lässt sich nur einiger- 
massen an den Fundstellen unterhalb der Alpe Bolgia beobachten, 
während die Liasschichten von Alpe Castello einen kleinen Eelict 
in einem Gebiete sehr starker Störungen darstellt. 

Zu ersterem Punkte vom Dorfe Castello kommend, führt der 
Pfad auf steilgestellten Dolomiten des oberen Rhät {ConcJtodon- 
dolomit Stoppanis). Die klotzigen Dolomiten zeigen nach oben hin 
bessere Schichtung, der Magnesiagehalt nimmt ab und es tritt ein 
Wechsel von dolomitischen und kalkigen Bänken ein. Ueber diesen 
liegen dann die dunklen, gut gebankten Kalke mit glatten 
Schichtflächen, aus denen der grösste Teil der Fauna mit Ausnahme 
der Cephalopoden stammt. Es sind hier einige übereinanderliegende 
Bänke aufgeschlossen, die alle die gleiche Fossilführung zeigen. Wie 
mächtig der ganze fossilführende Complex ist, lässt sich mangels 
weiterer Aufschlüsse nicht feststellen. Der offenbar nur geringe 
Mächtigkeit aufweisende Ammonitenhorizont liegt etwas weiter 
nach Westen, infolge einiger Lagestörungen lässt sich seine Lage 
zu den Bänken des ersten Fundpunktes nicht genau ermitteln, doch 
dürfte er jedenfalls etwas höhere Schichten repräsentieren. Auch 
hier enthält der Kalk ausser den Ammoniten dieselben Faunen- 
elemente, doch scheinbar in geringerer Menge. Bei Alpe Castello 
habe ich nur dem unteren Horizonte entsprechende Schichten 



125] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 10 

gefunden, hier dürfte der fossilführende Complex eine Mächtigkeit 
von mindestens 50 Metern haben. Ich zähle diese Schichten, wie 
ich es weiter unten beweisen werde, alle zur untersten Etage des 
Lias a (unteres Hettamjien) , den PlanorbisschicJiten. Die Mächtig- 
keit kann nicht weiter überraschen, wenn wir bedenken, dass nach 
Beobachtungen an anderen Stellen des Gebietes, besonders den Funden 
bei Alpe Loggio oberhalb Osteno am gegenüberliegenden Seeufer ^, 
die Mächtigkeit des unteren Lias bis zu den Arietenkalken min- 
destens 500 Meter beträgt. 

Unterhalb Alpe Bolgia lässt sich beobachten, dass der 
Rhätische Dolomit durchaus concordant von den Liaskalken 
überlagert wird, so dass hier eine Fortdauer der Meeresbedeckung 
ohne Lücke sicher behauptet werden kann. Nur haben sich offen- 
bar die Verhältnisse geändert, ohne dass das Meer sich dabei merk- 
lich vertieft hat^, eine facielle Aenderung ist allmählig eingetreten, 
anstelle der Algen und Korallen der Dolomitrifte ist eine mächtige 
Entwicklung der Kies eis chwämme getreten. Denn massenhaft 
finden sich, einen grossen Teil der noch organische Formen zeigen- 
den kieseligen Aetzrückstände bildend, Schwammelemente nio- 
nactinellider, tretractinellider und hexactinellider Form, 
die wohl zum grössten Teile neben Radiolarien und Fora- 
miniferen die Kieselsäure für die Verkieselung der ursprünglichen 
Kalkschalen geliefert haben. Es finden sich sehr viel kugelige und 
gestielte Gebilde, die jedenfalls Schwämme darstellen, deren Struktur 
aber infolge zu weit fortgeschrittener Verkieselung nicht zu be- 
obachten ist. Der Kieselgehalt nimmt in den hangenden Schichten 
bedeutend zu, es bilden sich Kieselknollen und ganze Kiesellagen. 
Damit verschwinden alle Reste einer höher stehenden Fauna. Dabei 
lässt sich, besonders gut an den hornsteingebänderten Kalken des 
Steiiabsturzes des Monte Bolgia südlich der Alpe Bolla (Schweiz) 
beobachten, wie in den mehr kalkigen Lagen noch ziemHch in ihrer 
ursprünglichen Form enthaltene Kieselnadeln einen grossen Teil des 
Gesteins ausmachen, dann in anderen Lagen sich aussen an die 
Nadeln Kieselsäure angesetzt hat und sie verkittet, während die 
Kanäle sich sehr erweitert haben, bis in den noch stärker kieseligen 
Lagen das ganze Gestein von Kieselsäure durchsetzt ist, während 
die primäre Kieselsäure der Schwammnadeln weggeführt ist und 

' Parona, Xote paleontologiche sul Lias inf. nelle Prealpi lombarde 1889. 

^ Da ja wohl beide Ablagerungen, die des Dolomites und die des Lias, in 

unserem Gebiete ihrer lithologischen Ausbildung nach der Flachsee angehören. 



11 VON Bistram: [126 

durch Kalk ersetzt, so dass nach Aetzen solcher Stücke oder nach- 
dem die athmosphärischen Niederschläge den Kalk ausgelaugt haben, 
in dem leichten, tuffartigen Gestein, welches zurückbleibt, sich 
Schwaramnadeln als Hohlräume („Negative") erkennen lassen. 

In den ursprünglich kieseligen Elementen unserer Planorbis- 
schichten, den Schwammnadeln, Foraminiferen , Radiolarien , ist 
die Kieselsäure umgelagert und subkristallin geworden und lässt 
keinerlei Struktur erkennen. 

Interessant ist der Vergleich unserer Planorbisschichten mit der 
Ausbildung, wie sie an den anderen Fundorten der gleichen Fauna 
beschrieben wird. 

Faciell am nächsten dürften die Ablagerungen am Golfe von 
Spezia stehen, wo, wie Capellini bemerkt, die Fossilien, auch, 
wenigstens zum Teil, verkieselt sind. Wenn er auch Spongiennadeln 
oder sonst Kieseltiere nicht erwähnt, so muss doch wohl angenommen 
werden, dass solche in den Ablagerungen vielfach vorhanden gewesen 
sein müssen und vielleicht noch sind, da sonst die Verkieselung der 
Schalen nicht zu erklären wäre. Er scheint übrigens die Horizonte des 
Rhät und des untersten Lias nicht genau auseinandergehalten zu 
haben, so dass wir nicht nur Lias-, sondern auch Rhätfossilien finden, 
so Cardita austriaca und Ävicula contorta z. B., abgesehen von den 
JBactrijllien, denen er einen besonderen, tieferen Horizont anweist. 

Es fällt auf, wenn man die von ihm mit der von Canavari^ 
beschriebenen Fauna vergleicht, wie dieselbe gewechselt und sich in 
ihrem Charakter so vollständig verändert hat. Canavakis Fauna, 
die aus etwas höheren Schichten stammt und typisch die Angulaten- 
schichten repräsentiert, ist reich an Ängidaten und Fliytloceraten, ver- 
hältnismässig arm an anderen Fossilien, und finden sich darin dieselben 
meist in Schwefelkies verwandelt oder mit solchem angefüllt. 

Capellini giebt in einer früheren Arbeit^ von der West- 
kette des Golfes, zu der die in der Arbeit erwähnten Fundpunkte 
gehören, folgendes Profil: 

1. Thonige Macigno. 

2. Galestro-Schiefer, rot und grün. 

3. Albarese-Sandstein, ähnlich der Majolika. 

4. Bunte Schiefer, vielleicht dem oberen Jura der Pizauer Berge analog. 

5. Harter, dichter, grünlicher Schiefer — Novaculit. 



1 1882 und 1888. Canaväri, Spezia. 

- 1862. Studj stratigr. paleont. stiU' Infralias nelle montagne del golfo di 
Spezia. Bologna. 



127] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 12 

6. Schiefer mit Posid. Brounii. 

7. Roter Ammonitenkalk. 

8. Fahle Schiefer und grauer Kalk mit Ammoniten uud sonstigen von 

Eisenerz durchdrungenen Petrefakten. 

9. Schwärzliche Kalkschiefer mit Belemniten. 

10. Dolomit, abwechselnd mit Schichten geringeren Magnesiagehaltes 

= oberer Dolomit der Lombardischen Geologen, mächtig ent- 
wickelt. 

11. Marmor — Marnoportoro. Ihm folgt eine kurze Wiederholung von Xo. 10. 

12. Schwarzer, fossilführender Kalk. An mehreren Orten (Ooregna, Ca- 

stellana, Muzerone uud auf den Inseln Palmaria, Tino und Tinetto) 
liegen No. 10 und 12 in verkehrter Ordnung, w^ährend sonst die 
schwarzen Kalke tiefer anstehen. 

13. Schiefer mit Bactryllium oder INIyacites Faba uud Plicatula Mortilleti. 

Ganz klar erscheint das Profil nicht. Jedenfalls entsj^richt die 
Schicht No. 8 den Angulatenschichten Canavakis und haben wir 
in No. 12 die Planorbisschichten zu suchen. Es erscheint wahr- 
scheinlich, dass die von ihm als verkehrt angegebene Lage von No. 10 
und jSTo. 12, die sich an einigen Orten finden soll, die normale ist, 
dann hätten wir No. 13 als Contorta-(Kössenev)-ScJiicJiten, 10 und 
11 als Conchodondolomit (oberen Dachsteinkalk), 12 als Flanorhis- 
scltichtcn und 8 (+ 9?) als Angulatenscliicliten zu deuten. 

Der unglückliche Versuch Stopp anis , Rhätschichten 
(einmal schon die schwarzen Mergel von Azzarola, dann nur 
den Conchodondolomit) auf Grund der FUcatula intustriata mit 
dem Hdtanglen zu parallehsieren, hat leider hier, wie auch sonst auf 
die älteren italienischen Geologen, verhängnisvoll eingewirkt und eine 
richtige Erkenntnis der Schichtenfolge verhindert, so dass auch 
Capellini sich nicht der Wichtigkeit bewusst worden ist, die es 
gehabt hätte, den Horizont der Avicida contorta von den Plcmorhis- 
sdiicJitcn zu trennen. So lässt auch Canavari den Lias von Spezi a 
mit den Angulatenschichten beginnen und rechnet die älteren 
Schichten ofienbar zum Rhät. 

In der Vendee findet sich eine Gastropoden- und PeJecypoden- 
Fauna, von der nur die Gastropoden von Cossmann bearbeitet 
worden sind, während Chaktkon die stratigraphische Uebersicht 
giebt ^ Die beschriebene Fauna lässt wohl keinen Zweifel darüber, dass 
wir es mit Hettawjkn hier zu thun haben. Wir finden hier nach 
Chaktkon über alten sericitischen Schiefern transgredierend eine ca. 
1 Meter starke Kalkbank, die unten aus oolithischen, oben braunen. 



1902. Chartron und Cossmann, Vendee. 



13 VON Bisträm: [128 

stellenweise blauen Kalken besteht. Letztere enthalten taschenartige 
Linsen von dunkelgefärbtem Quarzsande, aus denen die Fauna, die 
vor allem aus Gastropoden und PeUcijpoden, auch aus JBrachiopoden, 
Echiniden, Korallen und Bruchstücken von Krebstieren besteht, 
stammt. Die Fossilien sollen verhältnismässig gut erhalten sein, 
indem die Schale durch den umgebenden Sand metamorphosiert 
sein soll. Ich kann dieses nur so verstehen, dass die Schalen ver- 
kieselt sind, und der Verfasser diese Verkieselung der Einwirkung 
des Quarzsandes zuschreibt. Cephalopoden fehlen, was nicht zu ver- 
wundern ist, da wir es mit einer reinen Littoralfauna hier zu thun 
haben. Ueber dieser Schicht finden sich zwei Oolithbänke, die wohl 
das Sinemurien und untere Liasien darstellen, da die darüberhegende 
Bank Gryphaea cynibiimi führt. 

Eine Fauna, die sich vor allem durch das so reichliche Vor- 
kommen kleiner Gastropoden und dann auch ZiveiscJialer auszeichnet, 
während Cephalopoden selten sind, findet sich im Rhonebecken 
und der Güte d'Or sowie in Luxemburg und den angrenzen- 
den Teilen von Belgien, Lothringen und Frankreich, wo die 
Schichten des unteren Lias vorwiegend aus Sandsteinen und Mergeln 
bestehen, wozu nur untergeordnet Kalke kommen. Wir haben es 
hier mit Ablagerungen in seichten Buchten, die sich bei der Trans- 
gression des Liasmeeres bildeten, zu thun. Die Ablagerungen des 
Yorkshire zeigen denselben Charakter. 

Aber auch in Westdeutschland, wo die Bedingungen etwas 
andere waren, die Sande fehlen und Thone und Kalke die Sedimente 
bilden, auch die reichlicher sich findenden Cephalopoden auf ein 
etwas tieferes, wenn auch noch flaches Meer schliessen lassen, finden 
sich u. a. dieselben kleinen Gastropoden, nur natürlich in schlechterer 
Erhaltung und wegen Vorherrschens anderer Fossilien weniger be- 
achteti — so finden wir solche von der Umgegend von Halberstadt 
schon von Dunker ^ beschrieben, und können auch bei Quenstedt^ 
aus dem Malmsteine (Angidatenschichten) des schwäb. Jura ver- 
schiedene unserer Formen mit seinen allerdings kaum ausreichenden 
Abbildungen der Mikrofauna identifizieren. Die schwäbische Facies 
finden wir auch im Jura und den Westalpen. Wo wir dagegen 
die dolomitische Ausbildung der Sedimente noch aus der Trias in 
den Lias sich fortsetzend finden, wie im Languedoc, den See- 



' 1846. Dunker, Halberstadt. 
- 1858. QüENSTEDT, Jura. 



129] CoMASKER Alpen. I, Liasfauna der Val Solda. 14 

alpen der Provence, dem südwestlichen Frankreich und 
Spanien, können wir natürlich nicht auf ein faunistische Ausbeute 
rechnen. 

Vielfach scheint der Dachsteinkalk der Ostalpen ausser 
dem Rhät auch die Schichten des Lias a zu enthalten, und so 
sind auch hier diese Schichten lithologisch nicht zu trennen ^ 

AVo dagegen der untere Lias in den Ostalpen eine reiche Am- 
monitenfauna enthält, während Gastropoden fast ganz zu fehlen 
scheinen, gehört er offenbar einer Gegend tieferen Meeres an. 

Martin ^ bezweifelt, ob die Schichten bei Halberstadt, aus denen 
Dunker seine Fossilien beschreibt, nur dem unteren Lias angehören 
oder nicht auch noch Teile des Rhät repräsentieren, und macht ferner 
auf die Vermengung der Formen beider Horizonte bei Capellini, 
Spezia, aufmerksam. Für ersteren Punkt scheint mir der Zu- 
rechnung der Schichten zum unteren Lias (Hettangien) allein nichts 
im Wege zu stehen, während, wie ich schon bemerkte, Capellini 
von Spezia Formen aus beiden Horizonten beschreibt. Hier scheinen 
allerdings die Contortaschichten von den Planorhisschichten schwer 
zu trennen zu sein, während die Trennung dieser letzteren Schichten 
vom Anrjulatenhorisont gut durchführbar ist. 

Auch in der Gegend des Luganer Sees dürfte es nicht 
überall leicht sein, die genaue Grenze zwischen Rhät und Lias zu 
ziehen, da, wie ich an manchen Punkten beobachtet habe, bald die 
Verkieselung schon im oberen Rhät eintritt, und sich z. B. ver- 
kieselte Litliodendren in Schichten, die ich zum Rhät rechne, linden, 
anderseits aber Bänke, die ich wegen der vielen Hornsteinhnsen 
und Bänder für basisch halte, noch dolomitisch zu sein scheinen. 

Wo wie in Frankreich, Luxemburg, Westdeutschland 
und England der Lias aufgeschlossen ist an Stellen deutlicher 
Transgression und der Rhät fehlt, oder als hmie-hed sich findet, lässt 
sich natürlich der Trennungsstrich zwischen Trias und Lias leicht 
machen. 

Bei Vergleich unserer Fossilliste mit denen der anderen 
oben erwähnten Gebiete fällt es auf, dass ein Teil der von mir aus 
den FlanorhisscJücJifen beschriebenen Fossilien, besonders Gastropoden, 
dort in höheren Horizonten vorkommt und in den PlanorbisscIiicJiten 
fehlt. Einesteils beweist dieses, dass diese Fossilien eine grössere 



' Vgl. 1903. Wähner, Sonnweudgebirge. 
- 1865. Martin, Etage rhaetien. 
Berichte XIII. 



15 VON Bistram: [130 

vertikale Verbreitung besitzen, sich daher zu einer genaueren Hori- 
zontausscheiclung nicht eignen; anderenteils aber erklärt sich das 
Fehlen in den unteren Schichten daher, dass aus denselben über- 
haupt meist nur eine viel dürftigere Fauna, als aus den Angulaten- 
schichten bekannt ist. Es waren jedenfalls dort zu der Zeit der 
Ablagerung der Flanorhisschkhten die Verhältnisse für die Ent- 
wicklung einer Fauna viel ungünstiger, da wir es wohl mit einzelnen 
Buchten und flachen Aestuarien zu thun haben, die sich bei Trans- 
gression des Liasmeeres bildeten, während wir in der Val Solda 
eine ruhige offene Plachsee auf ähnliche Verhältnisse im Rhät 
folgen sehen. Den faciellen Wechsel von Dolomit und kieseligem 
Kalk, also einerseits reichen Gedeihens von Algen und Korallen, 
anderseits üppiger Schwammansiedelung, können wir uns wohl 
dadurch zu erklären versuchen, dass, durch die an so vielen Stellen 
zu beobachtende Transgression des Liasmeeres, sich die Strom- und 
damit zusammenhängend die Temperatur -Verhältnisse und Ernäh- 
rungsbedingungen der Organismen im Meere verändert haben. 

Dass wir es in der Val Solda nur mit Planorbisschichten 
zu thun haben, beweisen die Ämmoniten. Vor allem finden wir die 
nur mit wenigen Falten geschmückten Planorhen und den evoluten 
Aeg. Johnstoni, dann die niedrigmündigen, involuten Ängulaten, die 
jedoch weniger häufig zu sein scheinen und Aeg. tenerum, alles 
Formen der FlanorhisscJiicJden. Auch spricht die grosse Mächtig- 
keit (mindestens 500 Meter) der unteren Liasschichten bis zu den 
ArietenJcallcen dafür, dass in dem beschränkten Horizonte nur der 
unterste Lias vertreten sein kann. 

Bei der Art der Erhaltung der Fossilien durch Verkieselung 
ist es natürlich, dass die Lobenlinien der Ämmoniten nicht erhalten 
sind. Mehrfach fand es sich, dass die Ämmoniten, besonders ihre 
äusseren Umgänge, auf beiden Seiten verschiedene Erhaltung zeigen, 
so, dass die Schale der unteren Seite gut durch Verkieselung er- 
halten ist, während die Seite, die in der Schicht nach oben lag, 
nur schlechte Erhaltung zeigte und sich auch als unvollkommen 
verkieselt erwies. Dieser Zustand lässt sich so erklären, dass die 
im Schlamm eingebettete Schalenseite durch den Schutz, den ihr 
eben diese Umhüllung gewährte, erhalten wurde, und ebenso die 
inneren Windungen auf der oberen Seite dadurch, dass sie durch in 
die Vertiefung des Nabels hinein gespülten Schlamm geschützt wurden. 
Die ungeschützte obere Seite der äusseren Windungen wurde entweder 
durch äussere Umstände, etwa Abscheuerung der Schale durch vom 



131] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 16 

Wasser bewegten Sand u. dergl., oder aber durch chemische Vor- 
gänge zerstört, indem die Schale da, wo sie freilag, rascher auf- 
gelöst wurde als die Verkieselung eintreten konnte, während an 
derselben, soweit sie geschützt war, die Auflösung des Kalkes mit 
der Substitution der Kieselsäure gleichen Schritt hielt. 

Eine ähnliche Erhaltung der Ammouitenschalen erwähnt Wähner ^ 
in Bezug auf Animoniten der Adnether Schichten. Hier sind meist 
nur die unteren, im Schlamm eingebetteten Seiten erhalten, so dass 
beim Abheben der einzelnen Schichten auf der oberen Seite der 
Platten nur die Abdrücke, auf der unteren Seite der hangenden 
Platte aber sich die mit dem Gestein fest verwachsenen Ammoniten 
finden. Wähner erklärt den Vorgang so, dass in der Tiefsee, in 
der diese Sedimente abgelagert wurden, die Schale, soweit sie frei- 
lag, rasch aufgelöst wurde, während die vom Schlamm umgebenen 
Schalenreste viel langsamer gelöst wurden, und so die Sedimente, 
die nach Zerstörung des freiliegenden Teiles der Schale in die 
Kammern eingedrungen waren und sie ausfüllten, Zeit hatten, sich 
zu verfestigen und so für die untere Seite Steinkerne zu bilden. 

Paläoutologisclier Teil. 

Cephalopoda. 

Familie: Aegoceratidae Neüm. 

Schlotheimia Neumayri nov. nom. 

Tab. I Fig. 1—2, 5—6. 
Ammonites angulatus auct. pars. 
1851. Ammonites angulatus Schl., Chapuis etÜEW. Luxembourg I S. 38— pars. 
?1862. Ammonites suhangularis Oppel, Palaeontol. Mitteil. I S. 130 — pars. 

1878. Aegoceras suhangulare Opp., Neumayr, Cephalopodentypen S. 64 — pars, 

1879. Aegoceras suhangulare Opp., Neumayr, Unterer Lias S. 33 — pars. 
1879. Aegoceras n. f. cf. angulatum Neumayr, Ibid. S. 33 Tab. II Fig. 5. 
1886. Angulaten "Wähner, Unterer Lias III S. 165, pars. 

1901. Schlotheimia angulata, var. exeoptycha Wähn., v. Bistram, Luganer 
und Corner See. 

Grösse des abgebildeten Exemplars: 

Dm. 26 mm (100%) 

W.H. 11 (42,3) 

W.D. 9,5 (36,5) 

N. 9 (34,6) 



' Verhandlungen d. k. k. Reichsanstalt 1886, S. 197. 



17 VON Bisträm: [132 

Die Umgänge sind im Verhältnis zur Höhe sehr dick, sub- 
quadratisch, der Nabelabsturz steil, die Flanken flach, nur ganz massig 
gewölbt, der Rücken breit. Das Gehäuse besitzt mittlere Involution. 
Die Rippen sind scharf, beginnen verhältnismässig niedrig an der 
Nabelkante, um im oberen Viertel, wo sie nach vorne sichelförmig 
umbiegen, ihr grösste Stärke zu erreichen. Auf der Externseite 
sind sie nach vorne geschwungen, so dass sie sich etwa im rechten 
Winkel treffen würden, wenn sie nicht an einer ziemlich breiten De- 
pression abbrechen würden. Das Verhältnis der Windungshöhe zur 
Windungsdicke ist etwa 11 : 10. 

Die inneren Windungen sind gerundet und tragen ziemlich 
dichtstehende, sichelförmig geschwungene, im oberen Viertel am 
stärksten werdende Rippen, die auf dem Rücken an einer Median- 
furche sich verlieren. 

QuENSTEDT^ erwähnt das Vorkommen auffallend niedrigmün- 
diger Angiüaten aus den FsüonotenscMcJden und weisst darauf hin, 
dass Chapuis und Dewalqüe dasselbe für die Mergel von Jamoigne 
bemerken. Er giebt dazu die Abbildung Tab. 3 Fig. 1, auf die hin 
Oppel dann die Form suhangularis geschaffen hat^. Da damals 
die Abbildung des Rückens, die Quenstedt^ später bei nochmaliger 
Abbildung desselben Ammoniten (als Ammon. angidatus psilonot'i) gab , 
noch nicht vorlag, so kann es zweifelhaft erscheinen, ob Oppel wirk- 
lich nur diese „Angulaten" ohne Rückenfurche gemeint hat, als er 
den A. suhangidaris schuf, oder darunter auch solche mit niedrigen, 
dicken Windungen und mit Rückenfurche verstanden hat. 

Auch aus Neumayrs'* Bemerkungen zu Aegoceras suhangidare, 
Oppel, dessen Vorkommen er aus den Alpen erwähnt, ohne Stücke 
abzubilden, geht nicht hervor, ob er darunter Formen mit oder ohne 
Rückenfurche verstanden habe, da damals Quenstedts schwäbische 
Ammoniten noch nicht erschienen waren. Aus dem Vergleich, den 
NEUMAYß mit Aeg. circumdatum Martin^ zieht, scheint es beinahe, 
als ob er die furchenlose Form gemeint habe, während aus einer 
späteren Bemerkung^, wo er als „Angulaten" der Planorbisschichten 
nur Aeg. suhangidare erwähnt, man den Eindruck gewinnt, als ob 
er beide Formen unter diesem Namen verstehe. Neumayr erwähnt 



1858. Der Jura S. 43. - 1862. Oppel, Palaeont. Mitteü. I S. 130 Anm. 
QuEXSTEDT, Ammoniten des schwäb. Jura. 

1879. Neumayr, Fauna d. unt. Lias. 

1859. Martin, XXV. Congres scientifique Tab. I Fig. 1. 
1878. Neumayr, Cephalopodentypen S. 64. 



133] CoMÄSKER Alpen. I. Liasfaüna der Val Solda. 18 

noch in der erstgenannten Schrift, dass mögUcher weise ein Teil der 
von Chapuis und Dewalque erwähnten Angulaten zu Ä. suhangu- 
lare gehören könne. Diese Autoren^ bemerken, dass unter den 
kleinen Angulatenformen aus den Mergeln von Jamoigne sowohl 
solche, deren Rippen auf dem Rücken zusammenstossen (also = A. 
stthcmgidare Oppel emend. Wähner) als solche mit einer Rücken- 
furche (= Ä. Keumaijri, nov. nom) vorkommen. 

Nun will Wähner 2 den Namen suhangulare auf die Formen 
ohne Furche, entsprechend der später zu der Abbildung in Quen- 
STEDTs Jura gegebenen Rückenansicht beschränkt wissen, auf die 
Oppel seine Form begründet, und Pompeckj^ trennt die Form 
ganz von ScMotheimia und stellt sie zu Psiloceras. 

Wähner erwähnt aber*: „Ammoniten, welche noch kräftigere 
Rippen besitzen als Aeg. angulatum, in dem Verhalten derselben 
mit diesem vollständig übereinstimmen, aber niedrigere Windungen 
haben als die niedrigsten Exemplare von Aeg. angnlare\ sie stimmen 
in den Windungsverhältnissen mit A. suhangulare überein, von welchen 
sie durch das Verhalten der Sculptur scharf zu trennen sind." 
Wähner zweifelt nicht, „dass wir in diesen Ammoniten Vorläufer 
des Aeg. angulatum und zugleich ein Bindeglied zwischen A. suhangu- 
lare und letztgenanntem vor uns haben." 

Nach der Form der Rippen, die an meinem Exemplare sehr 
scharf sind, scheint das von Neümayr a. a. 0. abgebildete 
Bruchstück gut mit dem meinigen übereinzustimmen; die etwas 
grössere Höhe der Windungen lässt sich aus der verschiedenen 
Grösse erklären und der grössere Abstand der Rippen bei dem 
NEUMAYRschen Exem^olare ebenso durch die grösseren Proportionen. 
Dabei hat sich die charakteristische Schärfe der Rippen erhalten, 
während die Breite der Zwischenräume sich vermehrt hat. Wie man 
an dem Valsoldaer Exemplare beobachten kann, scheint die Anlage 
zu Rippenteilung, resp. Einschiebung von Rippen, dieser Art voll- 
ständig zu fehlen, da die innere Windung ebensoviel Rippen zeigt, 
wie die darauf folgende, äussere. 

Indem ich meine Form mit der von Neumayr als A. n. f. cf. 
angulatum identifizieren zu können glaube, widme ich sie Neumayk. 

Untersuchte Exemplare: 1 grosses, 4 Jugendexemplare. 

Fundort: A. Bolgia. 



' 1851. Chapuis und Dewalque, Luxembourg I p. 38. 

- 1886. Wähner, Unt. Lias in S. 162. 

^ 1893. PoMPECKJ, Revision d. Ammoniten S. 69. * Loc. cit. S. 165. 



19 VON Bistram: [134 

Aegoceras tenerum, Neum. 

Tab. I Fig. 3—4. 
1879. Aegoceras tenerum Neumayr, Unterer Lias S. 31 Tab. III Fig. 4, 5. 
1886. — Neum., Wähner, Unterer Lias III S. 43. 

Grösse 
des Exemplares a. d. Valsolda. d. Originales Neumayrs 

7o 7o 

Dm. 26,8 mm (100) Dm. 36 mm (100) 

W.-H. 8,9 „ (33,2) W.-H. 8 „ (30,8) 

W.-D. 5,6 , (20,9) W.-D. 5 „ (19) 

N. 10,8 „ (40,3) N. 11,6 „ (44) 

Sowohl was seine Sculptur, als auch seine Proportionen an- 
betrifft, stimmt das abgebildete Exemplar durchaus mit dem Neu- 
MAYRschen überein. 

Ich habe oben die von Neumayr gegebenen Masse — nach 
Correktur des Masses der Breite (W.-D.), wo offenbar ein Druck- 
fehler vorliegt, von 8 auf 5 mm — zum Vergleiche beigefügt. 

In Bezug auf die Beschreibung verweise ich auf die NEUMAYKsche 
Arbeit; die Lobenlinie ist natürlich an meinem Exemplar nicht er- 
halten. Neumayrs Beschreibung wäre nach dem hier abgebildeten 
Exemplare nur hinzuzufügen, dass sich, von der Biegungsstelle der 
Rippen ab, diesen noch weitere feine Streifen zugesellen, die ebenso 
wie sie über den Rücken verlaufen. Wähner macht beim Aegoceras 
calliphyllum^, indem er dasselbe Verhalten auch von Äeg. planorhis 
erwähnt, zuerst darauf aufmerksam, diese feine Streifung gewisser- 
massen mit „Anwachsstreifen" vergleichend. Es ist interessant, bei 
unserer Form auch diese Eigenschaft konstatieren zu können — ein 
weiterer Beweis zu der Verwandtschaft dieser Formen, auf die beide 
Autoren schon hingewiesen haben. 

Untersuchte Stücke: 2 Exemplare. 

Fundort: unterer Horizont und Ammonitenhorizont von 
A. Bolgia. 

Aegoceras Emmrichi Gümb. 

Tab. I Fig. 7—8. 
1861. Ammonites Emmrichi Gümbel, Bayer. Alpen S. 473. 
?1865. — anomalus Tqm., Terquem und Piette, Lias infer. S. 27 

Tab. I Fig. 1—2. 
1882. Aegoceras Guidonii Canavari, Spezia pars, S. 167 Tab. XVIII Fig. 16 
(non. 14—15). 



1 1886. Unterer Lias m S. 137. 



J351 COMASKER AlPEK. I. LlASFAUNA DER VaL SoLDA. 20 

1886, Aegoceras Emmriclii Gümb., Wahner, Unterer Lias III S. 54 Tab. XXVI 

Fig. 4—6, 8—10. 
1888. Psüoceras Guidonii Sow. sp. Canavari, Spezia S. 100 pars. Tab. IV 

Fig. 16 (non 14—15), Tab. VIII Fig. 8. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 
Dm. 11 mm (100 «/o) 
W.-H. 4,5 „ ( 41 7o) 
W.-B. 3 „ ( 27 7o) 

N. 3 „ ( 27 7o) 

Das kleine Exemplar, dessen Masse hier angegeben, stimmt in 
seinen Sculptureigentümlichkeiten sehr gut zu der Beschreibung 
Wähners. Zwischen die sichelförmig geschwungenen Hauptrippen 
schieben sich vom äusseren Rande her Secundärfalten ein, die auf 
dem Rücken ziemlich dieselbe Stärke wie die Hauptrippen haben, 
auf den Flanken aber an Stärke abnehmen, um auf der Mitte der- 
selben in verschiedenem Abstände vom Nabel zu verschwinden. 

Mein Exemplar ist noch hochmündiger und flacher als die be- 
schriebenen und gleicht darin sehr dem von Wähner abgebildeten 
Aeg. Guidonii, Sow. ^, doch veranlasste mich der Charakter der 
Sculptur — die so stark ausgebildete Tendenz zur Einschiebung 
von Zwischenfalten vom Rücken her und die Beobachtung, dass die 
Rippen beim Uebergang über den Rücken keinerlei Neigung zur 
Abschwächung zeigen — dazu, es zur erstgenannten Form zu stellen. 

Die äusserst flache Form des abgebildeten Exemplares ist jeden- 
falls nicht etwa durch Flachdrücken entstanden, sondern die ur- 
sprüngliche, da es keine Spur von Verletzungen in dieser Richtung zeigt. 
Die Tendenz zur Rippenteilung drückt sich schon darin aus, dass die 
Rippenzahl mit dem Wachstume stark zunimmt. So sehen wir auf dem 
äusseren Umgang 16 Hauptrippen, auf dem nächst inneren nur 8. 

Ein zweites kleineres Exemplar scheint auch hierher zu gehören, 
doch gestattet sein Erhaltungszustand sichere Bestimmung nicht. 

Wahrscheinlich gehört das von Terquem und Piette loc. cit. 
abgebildete Ammonitenbruchstück hierher oder zur Aeg. Guidonii. 

Die Exemplare von Canavari sowie Terquem und Piette 
stammen aus einem höheren Horizonte, Wähner erwähnt diese 
Form aus den Schichten mit Fsiloceras megasfoma und denen mit 
Scidoth. marmorea. 

Untersuchte Stücke: 2 kleine Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia. 



' Wahner loc. cit. Tab. XXVI Fig. 3. 



21 VON Bistram: [136 

Aegoceras calliphyllum Neum. 

Tab. I Fig. 9—13. 
Ammonües planorhis auct. pars. 
1879. Aegoceras calliphyllum Neümayr, Unterer Lias S. 27. 
1886. — — Neum., Wähner, Unterer Lias III S. 137. 

1895. — — Neum., Wähner, Ebd. VII S. 32 Tab. VI Fig. 5. 

Grösse der Exemplare: 
Fig. 11—13 Fig. 9 nicht abgeb. 

Dm. 22,4 mm (100 %) erg. 13,1 mm (100 «/o) 20 mm (100 Vo) 

W.-H. 8,3 „ (37,5 7o) 4,4 „ (33,6 7o) 7 „ (35 »/o) 

W.-D. 7,6 „ (33 7o) 4,1 „ (31,3 7o) 6,4 „ (32 7o) 

N. 8,5 „ (38 7o) 4,4 „ (33,6 7o) 7,5 „ (37,5 7o) 

Da die äusseren Windungen der Ammoniten nicht oder nur 
sehr schlecht verkieselt sind, hegen mir nur verhältnismässig kleine 
Exemplare vor. Das grösste, etwa 35 mm im Durchmesser messende 
ist nur einseitig verkieselt, zeigt aber auch die niedrigen, dicken 
Windungen und verhältnismässig starke Einrollung, wie die ab- 
gebildeten. Diese stimmen sehr gut mit Wähneks Abbildung, die 
ich oben citiert habe, sowie mit Abbildungen mancher kleinerer Pla- 
norben. Neümayk bildet nur ein grösseres Exemplar der ganz 
glatten Form ab und auch die übrigen von Wähner abgebildeten 
Individuen, die zwar ähnliche Berippung zeigen, sind, abgesehen 
von ihrer viel bedeutenderen Grösse, evoluter und flacher. 

Die Sculptur besteht bei meinen Exemplaren aus verhältnis- 
mässig dicken, faltenartigen geraden Rippen, die auf dem unteren 
Drittel am stärksten sind, über dem oberen Drittel zu verschwinden 
scheinen, sich aber bei genauerem Zusehen über den Rücken ver- 
folgen lassen, wo sie, eben noch angedeutet, nur sehr wenig nach 
vorne geschwungen und mit den entsprechenden der anderen Seite 
zusammenlaufend, eine nach vorne schwach bogenförmige Linie bilden. 
Feine „Anwachsstreifung" ^ ist ebenfalls zu bemerken. 

Das ganz junge, in zweimaliger Vergrösserung abgebildete 
Exemplar zeigt den Beginn der Rippenbildung. Es sind nur eben 
angedeutete breite, flache Falten, die vom Nabel ausstrahlen. Bei 
etwas fortschreitendem Wachstume accentuieren sie sich mehr, heben 
sich und nehmen regelmässigen Abstand an. 

Sehr ähnlich unseren Exemplaren erscheinen die von Wähner 
abgebildeten Exemplare von ? Arietites minusculus, Wähn, und 



* Vffl. Wähner loc. cit. S. 137. 



137] CoMASKER Alpen. I. Liasfauxa der Yal Solda. 22 

Aneütes semicostattdus, Beyn. ^ ihrer Sculptur und Involution nach, 
doch sehen wir, dass bei ihnen die Dicke die AVindungshöhe über- 
trifft, während bei unseren Exemplaren das Umgekehrte der Fall 
ist, — abgesehen davon, dass die erwähnten Formen aus höherem 
Niveau stammen. 

Man kann zweifelhaft sein, ob die Psilonoten der Val Solda, 
wie hier geschehen, zu Ä. caniphyünm, oder zu A. pJanorhis zu stellen 
seien, da sich die Lobenlinie nicht beobachten lässt; doch spricht wohl 
die Wahrscheinlichkeit, da wir es hier mit einem alpinen Vorkommen 
zu thun haben, dafür, dass erstere Bezeichnung die richtige sein wird. 

Untersuchte Stücke: 6 Exemplare. 

Fundort: Ammonitenhorizont bei A. Bolgia. 

Aegoceras Johnstoni Sow. 

Tab. I Fig. 14. 
1824. Ammonites Johnstoni Sowerby, Mineral Couchology vol. V p. 70 Tab. 449 

Fig. 1. 

1842. — torus d'Orbigny, Pal. Fran(;aise, terraius Jur. p. 212 

Tab. LIII. 

1843. — psilonotus Qüenstedt, Flötzgebirge "Württemb. S. 127 — 128 

pars. 
1847. — raricostatus Ziet., Dunker, Halberstadt pars S. 114. Tab. XIII 

Fig. 21 (non VII Fig. 1). 
1849, — psilonotus plicatus Qüenstedt, Cephalopodeu S. 74 pars. 

1852. — — — Qüenstedt, Petrefakteukuude 1. Autl. 

Tab. 27 Fig. 6. 
1856. — Johnstoni Oppel, Juraformatiou S. 74. 

1858. — 2^^^^o^^otiis plicatus Qüenstedt, Jura S. 40 (links). 

1858. — Johnstoni Chapuis, Luxembourg p. 15 Tab. III Fig. 2. 

1865. — — ScHLÖNBACH, Jura und Kreideforni. S. 151. 

1865. — laqueolus Schlönbach, Ebd. S. 151. 

1879. Aecjoceras Johnstoni Neümayr, Unterer Lias S. 29 Tab. III Fig. 2. 
1879. — torus Neumayr, Ebd. S. 30 Tab. III Fig. 3. 

1879. Aminonites Johnstoni Reynes, Ammonites Tab. II Fig. 19 — 21. 

1880. Aegoceras tonis-Johnstoni Wright, Lias Ammon. Tab. XIX Fig. 34. 

1881. — Johnstoni Wright, Ebd. S. 311. 

1883. Ammonites psilonotus plicatus Qüenstedt, Ammoniteu schwäb. Jura 

S. 14—17 pars Tab. I Fig. 8 u. 13. 
1886. Aegoceras Johnsfoni Wähner, Unterer Lias III S. 146 Tab. XVI Fig. 6. 
non 1883. Ammonites Johnstoni Qüenstedt, Ebd. Tab. I Fig. 20. 

Der hier abgebildete, nur teilweise erhaltene und deformierte 
Ammonit ist der grösste, den ich durch Aetzen gewonnen habe. 



1 Loc. cit. Tab. XXVII Fig. 6—13. 



23 VON JBistkam: [138 

Der abgebildete Teil des äusseren Umganges war nicht vollständig 
verkieselt, Hess sich aber aus dem Gestein präparieren. Er wurde, 
da sich von der Rückseite die verkieselte, aber auf dieser Seite 
nicht vollständig erhaltene innere Windung ausgewittert zeigte, ge- 
zeichnet und darauf das Stück geätzt, wobei der gezeichnete Teil des 
äusseren Umganges allerdings litt, aber der innere Umgang ge- 
wonnen wurde. Es zeigen sich an dem Nabelabfall schwach be- 
ginnende, auf der Mitte etwa am stärksten ausgebildete und dann 
zum Rücken hin verschwindende gerade wulstige Rippen, die meist 
etwas nach vorwärts verlaufen. Die Umgänge sind im Querschnitt 
eiförmig gerundet und zeigen nur ein schwaches Anwachsen, daher 
starke Evolution. 

Zwei Bruchstücke kleinerer Exemplare zeigen dasselbe Ver- 
halten. 

Untersuchte Stücke: 3 Exemplare. 

Fundort: Ammonitenbank bei A. Bolgia. 



Aegoceras cf. Hagenowi Dkr. Neum. 

Tab. I Fig. 15. 
1879. Aegoceras cf. Hagenoivi Neumayr, Unterer Lias S. 28 Tab. II Fig. 6. 

Grösse des abgebildeten Exemplars: Neumayrs Original: 
Dm. 32,5 mm (100 » 31,5 

W.-H. 10,5 „ (32,3 7o) 10 

W.-D. 7,3 „ (22,5 7o) — 

N. 13,2 „ (46 "/o) 14 

Neumayr giebt keine Masse an. Ich habe sie zum Ver- 
gleiche der Abbildung entnommen. Sie stimmen ausgezeichnet mit 
meinem nicht ganz vollständigen Exemplare, welches auf dem äusseren 
Umgange breite, nicht sehr hohe Falten zeigt, die über der nicht 
hohen, aber steil abfallenden Nabelkante beginnen, im ersten Drittel 
ihre stärkste Entwicklung zeigen, um etwa auf der Mitte schon sich 
abzuflachen und dann ganz zu verschwinden. Diese Falten er- 
scheinen auf dem inneren Umgang ausgesprochener und scheinen 
mit zunehmendem Alter des Individuums die Tendenz zu haben, 
sich abzuschwächen und vielleicht zu verschwinden. Die AVindungen 
sind auf den Seiten abgeflacht, zeigen aber doch immer eine schwache 
Wölbung und fallen ebenso zu dem schmalen gerundeten glatten 
Rücken ab. 



139] CoMASKER Alpen. L Liasfäüna der Val Solda, 24 

Drei kleine, flachscheibenförmige, scheinbar glatte, sehr schlecht 
erhaltene Ammoniten gehören vielleicht hierher oder zum typischen 
A. Hagenoivi. 

Untersuchte Stücke: 4 Exemplare. 

Fundort: Ammonitenbank bei A. Bolgia. 

Mollusca. 

Familie: Aviculidae Lam. 

Genus: Leplodesma Hall. 

Avicula (Leptodesma) Valsoldae n. f. 

Tab. II Fig. 4—8. 
Cf. 1855. Avicula Alfredi Terqdem, Hettange p. 314 Tab. XXI Fig. 11. 
Cf. 1855. — Dmikeri ebd. Fig. 12. 

Cf. 1855. — Boumgnieri ebd. Fig. 14. 

Cf. 1865. — falcaia Stoppani, Contortaschichten S. 135 Tab. XXXI Fig. 6. 

Schalen ungleichseitig, gleichklappig, fein concentrisch gestreift, 
schief nach hinten verlängert, Schlossrand lang und gerade mit 
schmaler Furche für das bandförmige, die ganze Schlosslänge ein- 
nehmende Ligament. Wirbel vorderständig, nach vorne und innen 
gekrümmt. Die Schalen in der Mittellinie gewölbt, zu beiden Seiten 
des Wirbels unter dem Schlossrande flach zusammengedrückt, der 
Uebergang von der Wölbung zur Abflachung, besonders hinten, con- 
cav. Die hintere Seite der Schale unter dem Schlossrande aus- 
geschnitten, so dass derselbe flügelartig wird. Kein Byssusausschnitt, 
Schalen unter dem vorderen Ohr etwas klaffend, unter dem Wirbel 
kleines heterodontes Schloss, in der rechten Klappe aus zwei etwas 
divergierenden Cardinalzähnen bestehend, in der linken aus drei 
solchen Zähnen /^ \ \. 

Unsere Form gleicht sehr einigen Abbildungen aus dem unteren 
Lias von Frankreich, dann einer rhätischen Form bei Stoppani, 
die ich oben angeführt habe, ferner triadischen, carbonischen und 
devonischen Formen, die anzuführen zu weit führen würde, doch 
muss sie der Schlosszähne wegen, die jenen zu fehlen scheinen, von 
hnen getrennt werden. 

Untersuchte Stücke: einerechte und eine linke Klappe, ein 
kleines zweiklappiges Exemplar. 

Fundort: A. Bolgia. 

Ich habe lange geschwankt, wohin diese Form zu stellen sei. 
Die Diagnosen, die für Avicula gegeben werden, stimmen bei den 



25 VON Bistram: [140 

verschiedenen Autoren nicht überein. Sie sind wohl meistens, so 
die von Fischer (Conchyliologie) besonders, auf Grund der lebenden 
Formen gegeben. Nun scheinen mir aber die mesozoischen Aviculen 
und ihre paläozoischen Vorgänger nicht ganz mit den recenten über- 
ein zu stimmen. Einerseits sehen wir bei den recenten einen Byssus- 
ausschnitt und ausgesjjrochene Ungleichklappigkeit, dann ein schiei 
nach hinten verlaufendes Ligament, welches somit halb äusserlich 
und halb innerlich ist. Zähne von heterodontem Typus, sehr klein, 
sind vorhanden oder fehlen. 

Die altmesozoischen glatten Avkulae dagegen zeigen ein durch- 
laufendes äusseres Ligament, keinen Byssusausschnitt und Gleich- 
klappigkeit. Auch habe ich nirgends in der Litteratur Andeutung 
von Schlossbezahnung bei den abgebildeten und beschriebenen For- 
men gefunden ausser bei Bittnek, der eine Innenansicht einer linken 
Klappe von Avicula Tofanae mit rudimentärem Schloss^ abbildet, 
sowie ein gut ausgebildetes heterodontes Schloss an einer ebenfalls 
linken Klappe einer ^Avkula aus der Gruppe der Cassiana'"'' ^, über 
die er im Texte nichts erwähnt. 

In der neuen englischen Ausgabe von Zittels Lehrbuch findet 
sich zu FUria (= Aviciüa) die Definition „in der Jugend Pseudo- 
cardinal- und Lateralzähne", was wohl vielfach zutrifft, 

Vergleichen wir unsere Form mit Jugendexemplaren von Gei'- 
villia aviculoides ^, so tritt uns die grosse Aehnlichkeit im Schlossbau 
beider entgegen. Bei ganz jungen Exemplaren dieser Art sehen wir 
ein heterodontes Schloss, das vollständig dem unserer Form ent- 
spricht, nur können wir schon die Anlage einiger Bandgruben be- 
merken. Bei weiterem Wachstume haben die Cardinalzähne ihre 
symmetrische Lage verlassen und verlaufen schräg nach hinten. Die 
Zahl der Bandgruben hat sich dabei vermehrt. Hierbei fällt es auf, 
dass der ursprüngliche heterodonte Schlosstypus in der linken Klappe 
sich länger erhält als in der rechten, wo man nur noch ein paar 
schräge Leistenzähne sieht. Dieses kommt daher, dass infolge der 
Tendenz der linken Schale, sich stärker zu wölben, das Bandfeld 
hier in einer Ebene mit der Schlossfläche bleibt, während auf 
der rechten Klaj)pe es dadurch, dass die linke Klappe sie gewisser- 
massen umfasst, einen stumpfen AVinkel mit der Schlossfläche 
bildet. So sehen wir auch, dass bei weiterem Wachstume, wobei 

^ 1895. Lamellibranchiaten der alpineu Ti'ias Tab, VIII Fig. 11. 

2 Loc, cit. ibid. Fig. 23. 

3 Diese Arbeit, Tab. II Fig. 11 u. 12. 



141] CoMASKKR Alpen. I. Liasfäi-na der Yal Solda, 26 

die Schale bedeutende Dicke erreicht, die linke Klappe von 
der Mitte der Wölbung ab, wo sie die grösste Stärke hat, bis 
zum Schlossrande fast die gleiche Dicke zeigt, während die rechte 
Klappe sich zum Schlossrande, fast wie messerförmig, zuschärft. 
Diesen Charakter sehen wir sehr lange wenigstens an der hinteren 
Schlüssseite erhalten, während vorne auch die rechte Schale all- 
mählig sich bis zum Schlossrande verdickt. Dieses Verhältnis wird 
schon von Dunker und Koch^ durch einen Querschnitt gut dar- 
gestellt. Dabei schiebt sich der Wirbel immer mehr nach vorne, 
so dass das vordere Ohr fast verschwindet. Xoch näher unserer 
Form steht die GerrilUa pygmaea, Dunker und Koch ^. Nur die schon 
sehr früh sich bildenden Ligamentquerfurchen weisen darauf hin, 
dass diese Form zu Gervillia zu stellen ist. Somit hat Roeder^ 
Unrecht, wenn er gegenüber Brauns und Stuckmann, welche die 
Form zu Gervillia gestellt haben, sie wieder als zu Avicida gehörig 
ansieht. Aehnliche Entwicklungsvorgänge, welche oben bei Gervillia 
aviculoides beschrieben wurden, hat Philippi bei Gervillia Hagenowi 
Dkr. aus dem untersten Lias beobachtet *, wobei er auf den Ueber- 
gang vom Gervillien — zum Pen^ej^habitus hinweist und ferner Frech °, 
der die Entwicklungsstadien von Ligamentgruben und Zahnbau an 
der lebenden Perna ephippium (nach Bernard) abbildet und beschreibt. 
In Bezug von Aviculiden meint Neumayr*', die Gattung Pteri- 
naea bilde den Ausgangspunkt für die überaus formenreiche Familie 
der Aviculiden, von diesen Formen ergebe sich der Weg zu den 
echten Aviculen durch Reduction des vorderen Muskeleindruckes, 
Veränderung des Bandansatzes und Obliterieren der Zähne. Gegen 
diese Auffassung wendet sich Frech", indem er hervorhebt, dass an 
den sog. Pterinaeen des Silurs bisher niemals die bezeichnenden 
Schlosszähne nachgewiesen seien, während Avicula sich schon im Silur 
vorfinde. Nun bildet aber Philippi^ das Schloss eines Exemplares 
von Ftcrinaea retroflexa aus dem Obersilur ab , an dem deutliche 
Zähne, die noch ziemlich heterodonten Typus zeigen, sichtbar sind. 

' 1837. DüXKER und Koch, Beiträge zur Kenntnis des norddeutschen 
Oolithgebirges. 

- Diese Arbeit, Tab. II Fig. 9 u. 10. 

3 1882. RoEDER, Pfirt S. 59. 

" 1897. Philippi, Lamellibranchiaten von Halberstadt S. 436. 

^ 1902. Frech, üeber Gervilleia. 

"1891. Nedmayr, Einteilung der Bivalven. 

' 1891. Frech, Die devon. Aviculiden Deutschlands S. 184. 

** 1899. Philippi, Pterinaea retroflexa. 



27 VON Bistram: [142 

Neumayr^ sagt, der Heterodontentypus stelle gewissermassen 
das Normalschloss der Muscheln dar. Die typische Entwicklung 
eines solchen Schlosses stelle eine beschränkte, nicht über drei 
steigende Zahl von Cardinalzähnen in jeder Klappe dar, zu denen 
noch je ein vorderer und hinterer Seitenzahn trete; Abweichungen 
Hessen sich leicht auf den ursprünglichen Tyj^us zurückführen. Wenn 
wir ferner an den Beispielen der Entwicklung von GervüUa aviculoides 
und j^ygniaea, im Jugendstadium ein typisches heterodontes Schloss 
sehen, dann eine Form mit solchem Schloss in ^Avicula aus der 
Gruppe des Cassiana"- Bittner, sowie Avicula Valsoldae n. f. finden 
und uns daran erinnern, dass unter den recenten Aviculen sich eben- 
falls solche mit einem gleichen Schlosse (z. B. Avicula semisagitta 
Lam) finden, so kann man wohl als Ursprungstypus der AvicuUden 
eine Form mit heterodontem Schloss annehmen. 

Neumayr bemerkt^, der heterodonte Schlosstypus komme nur 
bei Formen mit zwei gleichen Schliessmuskeln vor. Nun sehen wir 
bei den älteren Aviculidenformen , dass der vordere Muskel zwar 
kleiner, aber jedenfalls stark entwickelt war und erst bei jüngeren 
Formen mehr zurücktritt. Reis bemerkt^, dass die Lage des Liga- 
mentes und die Schlosszahnbildung mit der Lage der Schliessmuskeln 
eng zusammenhängen ; damit erklärt sich sehr gut die Veränderung 
des Typus der Schlossbezahnung. 

"Wir haben in der von mir beschriebenen Form einen Ueber- 
gangstypus von Aviculiden zu GervüHcn. Wenn nun dieses der Fall 
ist, so erscheint es einigermassen befremdlich, dass schon im Paläo- 
zoicum echte GervüUen sich finden sollen, und kommt man dazu, 
sich die Frage vorzulegen, ob die als GervüUen beschriebenen älteren 
Formen wirkHch als solche anzusehen oder nicht etwa von den- 
selben zu trennen sind. 

Wir haben die Entwicklung einiger GervüUen durch ihre ver- 
schiedenen Altersstadien verfolgt und können wohl annehmen, dass 
die Entwicklung der Gattung durch die verschiedenen geologischen 
Stufen ähnlich verlaufen ist. 

Nun haben wir im Paläozoicum als sehr alte Form die 
Fterinaeen, die sich m, E. aus der aviculiden Urform ganz ent- 
sprechend entwickelt haben können, wie die GervilHen aus den Avi- 



^ 1891. Einteilung der Bivalven. 

- Loc. cit. S. 14. 

^ 1902. Reis, Das Ligament der Bivalven. 



143] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Yal Solda. 28 

culen des Beginnes der mesozoischen Aera. Die Uebereinstimmung 
ist gross: die Schale hat sich verdickt, das den ganzen Schlossrand 
einnehmende, äusserliche Bandfeld ist verbreitert, die Zähne des 
Schlosses sind verändert, es prävalieren schräg nach hinten gerichtete 
starke Zähne, dazu kommen noch kleine Zähnchen vorne. Der 
Wirbel ist stärker nach vorne gerückt. Das hauptsächlichste 
Unterscheidungsmerkmal von Fterinaea und GervilJia bilden somit nur 
die, zum Schlossrande senkrechten, Kerben des Ligamentfeldes. Nun 
ist, wie vielfach betont wird, die Zahl der Kerben sehr wenig con- 
stant, man sieht sie sich ja auch nur ganz allmählich bei fort- 
schreitendem Wachstume entwickeln, auch ist ihre Bedeutung nicht 
etwa die, dass das ganze Ligament sich gespalten und in diese 
Gruben zurückgezogen habe, sondern im Gegenteil hat sich das 
Ligament nur differenziert und zwar so, dass das elastische Liga- 
ment den Hauptteil des Ligamentfeldes zwischen den tiefen Kerben 
einnimmt und nur das unelastische (sonst äussere) Ligament die 
Gruben einnimmt ^ So sehen wir auch zuweilen die Gruben, du^^h 
Verbreiterung des elastischen Ligamentes nach innen, sich ver- 
schmälern , zusammenlaufen oder gar verschwinden , während am 
hinteren Schlossende sich neue bilden. Reis erklärt diese eigen- 
tümhchen Vorgänge aus dem starken Schalenwachstum nach hinten. 

So scheint es mir, dass beim Aufstellen von Theorien über die 
Abstammung der einzelnen Formen voneinander auf die Ausbildung 
des Ligamentes nicht so grosses Gewicht zu legen ist und wir 
vielleicht das Auftreten dieser Erscheinung in verschiedenen Stamm- 
reihen annehmen können (.,Isodimorphismus" bei Frech). Dann 
hätten die paläozoischen „Gervillien" direkt nichts mit den eigent- 
lichen Gervillien des Mesozoicums zu thun, sondern stellten einen 
Seitenzweig desselben Stammes dar. 

Wir haben gesehen, wie die recente Perna epMirpium in ihrer 
Entwicklung ein BalieiüeTlia-^i2idi\\iTß. durchmacht, woraus wir schlies- 
sen können, dass die Fernen vielleicht von einer so gestalteten 
früheren Form abstammen. So hat meines Erachtens Frech ^ durchaus 
Recht, wenn er entgegen v. Wöhrmann ^, der Ferna Bouci aus den 
Raibler Schichten zu GerviUia stellt, hierfür eine neue Untergattung 
( Odontöperna) geschaffen hat und sagt, er halte die Zurechnung der 
obertriadischen Art zu GerviUia nicht für statthaft, weil Ferna Bouei 

' 1902. Vgl. Reis, Das Ligament der Bivalven. 
- 1891. Frech, Devonische Aviculiden S. 215. 
^ 1889. vox AVöHRMANX, Carditaschichten S. 207. 



29 VON Bistram: [144 

wie die typischen Fernen durch Gleichklappigkeit, rhombischen 
Umriss und DickschaUgkeit sich auszeichne. In einer späteren Mit- 
teihing^ dagegen stellt Frech, der offenbar seine frühere Meinung 
geändert hat^, seine Gattung Odontoperna zu GermlUa, — ohne zu er- 
wähnen, dass er seine Auffassung geändert habe, noch einen Grund 
dafür anzugeben, — und bemerkt dazu, dass er annehme, diese Form 
sei ein besonderer erloschener Seitenzweig, aber keineswegs etwa 
ein Uebergang von GerviUia und Perna gewesen. Bereits in der 
ersten citierten Arbeit hat er die Meinung ausgesprochen, dass die 
Aenderung der Lebensbedingungen zur Zeit des folgenden Haupt- 
dolomites und Dachsteinkalkes das baldige Verschwinden dieser Form 
zur Folge gehabt habe. 

Nun scheint mir aus dem ganzen Entwicklungsgange der Tier- 
formen, wie wir ihn aus der Paläontologie erkennen können, alles 
viel mehr für eine allmähhche Umbildung der einzelnen Formen als 
für ein plötzliches Verschwinden derselben zu sprechen, und die An- 
nahme, dass wir in Odontoperna einen Vorläufer der spätmesozoi- 
schen Fernen vor uns haben, grosse Wahrscheinlichkeit zu besitzen. 
So stelle ich denn Odontoperna Fkech, als Untergattung zu Perna, 
halte sie aber nicht für eine Zwischenform zwischen Gervülia und 
Perna, sondern glaube, dass sie sich aus paläozoischen Pterinaen 
entwickelt hat, wozu ihre Umrissform auch besser passt. Ein Ver- 
lust der Zähne erscheint nach Analogie der Pernenentwicklung 
eher dafür als dagegen zu sprechen. 

Stellen wir nun einen Teil der älteren Gervülien zu Pterinaea, 
so bleiben noch zwei Gruppen nach, die sich mit ihnen nicht in Ver- 
bindung bringen lassen, nämlich die Cassianellen und Hoernesien. 
Diese fasse ich als einen besonderen Entwicklungstypus der Ävi- 
culiden auf, bei dem, bei Dickenzunahme der Schale und entsprechen- 
der Veränderung der Ligamentfelder und des Schlosses, die Linie des 
stärksten Zuwachses der Schale einen stumpferen, sich dem rechten 
mehr nähernden Winkel (wenigstens in den früheren Wachstumsstadien) 
zur Schlosslinie bildet, wodurch auch der vordere Schlossteil nicht 
so stark verkürzt, daher das vordere Ohr erhalten und der Wirbel 
mehr mittelständig bleibt. Auch hier sehen wir die den Aviculiden 
eigene Anlage zur stärkeren Aufwölbung der hnken Schale. In 
diese Gruppe gehören wohl auch einige triadische Gervillien, wie 
Gervülia inflata, socialis, vielleicht Ävicula contorta. 

^ 1902. Frech, lieber Gervilleia. 

^ Vielleicht infolge des Einspruches von Bittner, Bakony S. 31, 1901. 



1451 CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Soldä. 30 

Jungpaläozoische „Gervillien", für die King den Namen 
BaJceiveUia aufgestellt hat, bleiben allerdings noch nach. Diese sind 
m. E. zu GervilUa zu stellen, doch möchte ich für sie die Bezeich- 
nung BakeweUia als Untergattung nicht missen, da sie zum Teil doch 
in ihrem arcidenartigen Habitus von den Gervillien s. str. abweichen 
und sich vielleicht früher schon als besonderer Zweig entwickelt haben. 

Es bleiben dann noch Formen nach, die am meisten im Umriss 
der Schale und infolge ihrer Dünnschahgkeit den Typus der recenten 
Ävkida haben. 

Es sind einerseits die gerippten Formen, für die der Gattungs- 
name Oxytoma geschaffen wurde, mit flacherer rechten Schale und 
Byssusausschnitt, sowie schräg nach innen verlaufendem Ligament, 
dann die glatten Formen, die gleichklappig sind und keinen Byssus- 
ausschnitt besitzen, und die durchaus an die j^aläozoische Gattung 
Leptodesma erinnern. 

Hall unterscheidet Leiopteria und Leptodesma hauptsächlich nach 
dem Fehlen oder Vorhandensein von Schlossbezahnung. Vergleicht 
mau aber seine Abbildungen, so fällt ein anderes Merkmal sehr 
in die Augen, nämlich dass bei Leptodesma das vordere Ohr ziem- 
hch spitz ausläuft und die geradlinige Verlängerung des Schloss- 
randes bildet, während bei Leiopteria dieses Ohr mehr verkümmert 
ist, abgerundet erscheint und mit seiner oberen Seite einen Winkel 
zur Schlosslinie bildet. So müssen wir denn annehmen, dass hier 
das Ligament nur bis unter den Wirbel sich erstreckte, während 
es bei Leptodesma wohl durchgeht. Mir scheint es, dass Leiopteria 
eher in die Nähe von Pterinaea zu stellen ist, während Lepto- 
desma eine Aviciäa im weiteren Sinne ist und zu den mesozoischen 
Gervillien hinüberführt. 

Infolge Fehlens von Zähnen stellt de Koninck^ Formen, die 
sonst den Leptodesmen Halls viel mehr gleichen, zu Leiopteria. 

Wenn wir nun der Bezahnung bei den Aviculiden weniger Wich- 
tigkeit als Unterscheidungsmerkmal beimessen müssen, da wir sehen, 
dass zuweilen solche in der Jugend vorhanden ist, mit weiterem 
Wachstume sich verändert und zuletzt ganz verschwindet, so dürften 
wohl die Leiopterien de Konincks und auch die glatten mesozoi- 
schen Aviculen zu Lepdodesma zu ziehen sein. 

Ich möchte die Gattungsdiagnose von Leptodesma folgender- 
massen erweitern: 



' 1886. DE KoNiNCK, Calcaire carbonifere. 
Bericlite XIII. IQ 



31 VON Bistram: [146 

Glatte, gleichklappige oder fast gleicbklai^pige Muscheln, schräg 
nach hinten verlängert, gerader langer Schlossrand mit spitzen Ohren, 
Ligament äusserlich in einer schmalen Ligamentgrube, die die ganze 
Länge des Schlosses einnimmt, kleiner vorderer und grosser hinterer 
Adduktor, Schloss in der Jugend zuweilen mit heterodonten Zähnen, 
ausgewachsen zahnlos oder mit kleinen schiefen Zähnen, kein Byssus- 
ausschnitt, Schale vorne etwas klaffend. 

Diese Gattung würde einen Teil der bisher zu Avicula ohne 
nähere Unterscheidung gestellten Formen umfassen und den anderen 
Aviculidengattungen , wie z. B. Gervülia , PseudomonoUs , Oxytonia 
gleichwertig sein. Die Form Fteroperna, die nur durch die breite 
Ligamentfläche und kleine Zähne sich unterscheidet, dürfte vielleicht 
von Leptodesma abstammen und könnte der Name als Untergattung 
beibehalten werden. Der Name Avicula, den wohl der von Pteria, 
der in der neuen englischen Ausgabe von Zittels Handbuche an- 
gewandt wird, trotz Anciennität kaum verdrängen dürfte, würde als 
allgemeiner, mehrere Gattungen zusammenfassender zu gelten haben, 
ausserdem recenten Formen, für die er geschaffen wurde, ver- 
bleiben. 

In der Regel wird Pterinaea zu den Aviculiden gerechnet, 
Gervülia zu den Perniden dagegen — wegen der gleichen Ausbildung 
des Ligamentes. Nach meinen obigen Deductionen aber erscheint 
mir diese Classificierung unnatürlich zu sein, Gervillia lässt sich von 
den Aviciüen m. E. nicht gut trennen, dagegen dürfte es vielleicht 
angebracht sein, Pterinaea mit Perna zusammenzustellen, dazu ausser 
Odontoperna noch MyaVma de Kon. 

Genus: Gervillia Defr. 
Gervillia pygmaea Koch und Dkk. sp. 

Tab. II Fig. 9, 10. 

1837. Avicula pygmaea Koch und Dkr., Beiträge S. 37 Tab. III Fig. 6. 
1874. Gervülia — Koch uud Dkr., Brauns, Oberer Jura S. 309. 
1878. — — Koch und Dkr., Struckmann, Oberer Jura S. 38 

No. 133. 
1882. Avicula — Koch und Dkr., Roeder, Pfirt. S. 59 Tab. III 
Fig. 1. 
Cf. 1837. Gervillia ventricosa Koch und Dkr., Beiträge S. 41. 
Cf. — — Koch und Dkr., v. Seebach, Hanu. Jura S. 106. 

Untersuchte Stücke: 4 Exemplare aus der Pfirt (Ober- 
elsass). 



147] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Yal Solda. 32 

Gervillia aviculoides Sow. 

Tab. II Fig. 11, 12. 

1814. Gervillia aviculoides Sowerby, Mineral Couch. S. 16 (830) Tab. 511 (372). 
1866. — angustata Roem., Köchlin-Schlumberger und Delbos, Descr. 

geol. dep. Haut-Rhin Bd. I S. 374. 
1874. — aviculoides Sow., Brauns, Oberer Jura S. 309. 

1878. — — Strückmann, Oberer Jura S. 38 No. 136. 

Auf beide Formen, die zum Vergleiche abgebildet wurden, ist 
bei Leptoäesma Valsoldae n. f. Bezug genommen. 

Untersuchte Stücke: 7 Exemplare aus der Pfirt (Ober- 
elsass). 

Genus: Pseiidomonotis Beyr. 
Pseudomonotis Bolgiensis n. f. 

Tab. I Fig. 16—20. 

Linke Schale stark gewölbt, etwas ungleichseitig, gerader breiter 
Schlossrand, den der nach innen eingebogene Wirbel überragt. Die 
Sculptur besteht aus feinen, gerundeten, nahe zusammenstehenden 
Radialfalten und starken Anwachsstreifen, welche, besonders auf den 
Kämmen der Eadialrippen, aufblättern, und so eine dachziegel- 
förmige Sculptur hervorrufen. Der Abstand der concentrischen 
Streifen entspricht ungefähr dem der Radialfalten. Mit zunehmender 
Grösse der Schale vermehren sich dieselben, wobei diejenigen der 
hinteren Seite, entsprechend dem stärkeren Wachstume der erst 
fast gleichseitigen Schale nach hinten, in gewissen Zonen von der 
ursprünglichen Richtung etwas abbiegen; hierbei tritt auch meist 
eine Vermehrung der Rippen ein. Leider ist die Zeichnung etwas 
schematisch geworden, so dass dieses übrigens wenig auffallende Merk- 
mal nicht hervortritt. Im Innern der Schale ist der Eindruck des 
ziemlich grossen hinteren Adduktors zu sehen. Auf dem Schlossrande 
ist von der vielleicht schief nach hinten und innen verlaufenden 
Ligamentfurche noch nichts zu sehen. 

Die rechte Klappe glatt, kleiner, weniger gewölbt, mit durch eine 
scharfe Falte abgesetztem vorderen Ohr, unter dem der Beginn des 
Byssusausschnittes sichtbar wird. Wir haben es hier offenbar mit 
Jugendexemplaren zu thun, wo sich der Byssusausschnitt eben bildet, 
weswegen die hnke Klappe auch noch für den Byssus ausgebogen 
ist und, auf eine ebene Fläche gelegt, vorne klafft. Ich stelle diese 

10* 



33 "fON Bistram: [148 

rechten Klappen ohne Bedenken hierher, in Analogie der Abbildung 
einer solchen Klappe von Ps. [Claraia] tndentina bei Bittner^ 

Wir können verfolgen, wie bei Pseudomonotis das Byssusohr 
sich zuerst durch Einknickung von der Schale differenziert, dann der 
Ausschnitt sich bildet und allmählich tiefer einschneidet, wobei an- 
fänglich das Ohr im Vergleiche zu der übrigen Klappe viel grössere 
Dimensionen hat, während es später nur wie ein ganz kleiner spitzer 
Lappen erscheint. Aus der oben geschilderten Richtungsveränderung 
der Radialrippen können wir schliessen, dass die ausgewachsene 
Schale ungleichseitiger, nach hinten mehr verlängert, gewesen sein 
muss, als in diesem Jugendstadium. 

Die Sculptur ist in ihrem Charakter schon der der Pseudo- 
monotis ecJiinata Sow. ähnlich, doch scheint bei der uns vor- 
hegenden Art die Aufblätterung der Anwachsstreifen noch stärker 
hervorzutreten. Ausserdem stehen diese Anwachsstreifen dichter 
zusammen, während bei Ps. ech'mata die Radialrippen etwas grössere 
Zwischenräume zwischen sich lassen, so dass in Bezug auf die sich 
voneinander entfernende concentrische Streifung wir eine Reihe 
haben, an deren einem Ende unsere Form steht, dann die Ps. 
ecJiinata folgt, während Ps. suhecJänata Lahusen, wie ich sie in den 
Callovien-Sanden von Popielany an der Windau (Litthauen) ge- 
funden habe, die noch weiter sich entfernende concentrische Streifung 
zeigt und so das andere Ende der Reihe bildet. 

Auch Ps. speluncaria, Schlh. erinnert in der Sculptur an unsere 
Form. 

Untersuchte Stücke: 2 linke, 3 rechte Klappen. 

Fundpunkt: A. Bolgia. 

Familie: Pectinidae Lam. 

Genus: Pecteii Klein. 

Subgenus: Cltlamys Bolten. 

Pecten (Chlamys) Thiollierei Martin. 

Tab. II Fig. 13—15. 

1859. Pecten Tliiollierei Martin, Cöte-d'Or. p. 89 Tab. VI Fig. 21—23. 

1864. — — Mart., Dumortier, lufralias p. 62 Tab. X Fig. 4—7. 

?1865. — textorius Schlh., Terquem uud Piette, Lias inferieur p. 103 pars. 

V1865. — aequalis? Terquem und Piette, Ibid. p. 102 Tab. 12 Fig. 15—19. 

?1865. — sp. Stopp ANi, Contortaschichten S. 138 No. 14 Tab. XXXII 

Fig. 4 u. 5. 

^ 1900. Bittner, Ueber Pseudomontis Telleri etc. 



149] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 34 

Gerundet gleichseitig, stark gewölbt, ebenso hoch als breit, 
beinahe gleichklappig. Die grössten Exemplare aus der Val Solda 
messen ca. 30 mm in beiden Richtungen bei einer Dicke von etwa 
20 mm (DüMORTiER giebt als grösstes Mass 35 mm hoch, 36 breit 
und 21 dick an). Die Schale ist recht dick und bat ziemlich 
grosse Ohren, welche einige Radialfalten tragen. Der Schlossrand ist 
gerade. Die Sculptur besteht aus sehr gleichmässig ausgebildeten, 
ziemlich hohen und breiten Radialrippen, ca. 20 an der Zahl. Diese 
Sculptur zeigt sich auch im Innern der Schale, wo flache Rippen von 
rechteckigem Querschnitt den Mulden der Aussenseite entsprechen. 
Gegen den Rand zu vertieft sich diese Sculptur, so dass beide 
Schalen ganz genau ineinander greifen, indem sie eine Zickzacklinie 
bilden. Beiderseits haben die Schalen eine ziemlich grosse Area, 
deren feine Querstreifung eine feine Zähnelung des Seitenrandes be- 
wirkt; desgleichen kann man auf den Ohren die senkrecht auf 
den Schlossrand verlaufende Querstreifung erkennen. 

Die linke Schale unterscheidet sich von der, unter dem vorderen 
Ohr einen Byssusanschnitt tragenden, rechten Klappe ausserdem 
noch durch etwas stärkere Wölbung und einen kleinen Unterschied 
in der Sculptur. Während die Rippen der rechten Schale gerundet 
und die Mulden zwischen denselben mehr scharfeckig sind, tritt auf 
der linken Schale der umgekehrte Fall ein und erscheinen die Rip- 
pen schärfer, der Abfall derselben dachförmig oder concav und die 
Mulden rund, so dass die Rippen der rechten Schale dem Auge 
dicker erscheinen, mit schmäleren Zwischenräumen, während sie auf 
der linken Schale schlanker, mit breiteren Zwischenräumen, zu sein 
scheinen. 

Eine feine Anwachsstreifung bedeckt gleichmässig die ganze 
Schale und tritt natürlich je nach dem Erhaltungszustande mehr 
oder weniger hervor, ist besonders in den Zwischenräumen zwischen 
den Rippen bemerkbar und giebt der ganzen Muschel bei guter Er- 
haltung ein sammetartiges Aussehen. 

Dieser Sculpturunterschied der beiden Klappen scheint allen 
einfach gerippten Pectines dieser Zone eigentümlich zu sein, immer 
lässt es sich auch an Bruchstücken erkennen, ob wir eine rechte 
oder linke Klappe vor uns haben. Auch ist die linke Klappe immer 
die gewölbtere. Da beide Klappen an ihrem unteren Rande genau 
mit ihren Falten ineinanderpassen, müssen natürlich die Rippen der 
einen Seite genau den zwischenliegenden Mulden der anderen Seite 
entsprechen. 



35 "VON Bistram: [150 

Die ausgewachsenen Exemplare dieser Form, die in den 
Schichten recht häufig zu sein scheint, sind ein sehr gutes Erken- 
nungszeichen für dieselben. Dank ihrer Schalenstructur sind sie 
sehr gut verkieselt und treten, wenn sie auf blossliegenden Schicht- 
licächen auswittern, sehr deutlich auf dem Gestein hervor und sind 
ihrer starken Wölbung wegen unverkennbar. 

In denselben Schichten habe ich noch recht viel kleinere Fectmes 
mit einem Durchmesser von ca. 12 — 18 mm gefunden, die der Rippen- 
anzahl, der Sculptur der Schale und dem Verhalten der beiden Klappen 
zueinander nach durchaus obiger Art entsprechen, nur durchweg 
geringere Wölbung und daher auch verhältnismässig geringere Dicke 
zeigen. Es scheint, dass die für Pectines ungewöhnlich starke Wöl- 
bung dieser Art sich erst bei fortschreitendem Wachstume ausbildet 
und dürften daher diese Exemplare auch hierher zu stellen sein. 
Eine ganze Reihe ganz kleiner Jugendexemplare, deren Grösse 
zwischen 3 und 6 mm im Durchmesser schwankt, lassen sich natür- 
lich kaum sicher einer bestimmten Art zuzählen. 

WahrscheinHch dürfte ein Teil der von Terquem und Piette 
beschriebenen zu Pecten textorius gestellten Formen und der als 
Pecten acqiialis? abgebildete hierher gehören. 

Untersuchte Stücke: 7 Klappen ausgewachsener Exemplare, 
ferner Bruchstücke, ca. ebensoviel mittlere und kleine Exemplare. 

Fundpunkte: A. Bolgia und A. Castello. 

Pecten (Chlamys) Yaloniensis Defr. 

Tab. III Fig. 2. 
1825. Pecten valoniensis Defrance, Memoires de M. de Caumout p. 507 

Tab. XXII Fig. 6. 
1838. — lugdunensis Leymerie, Dep. du Rhone Tab. XXIV Fig. 5. 
1864. — valoniensis Defr., Dümortier, Infralias p. 58 Tab. IX Fig. 1 — 6, 

Tab. X Fig. 1—3. 

In seiner Beschreibung verwechselt Dümortier die Klappen, 
indem er den Byssusausschnitt unter das hintere Ohr der linken 
Klappe verlegt. In folgendem, Dümortiers Beschreibung kurz wieder- 
gebend, habe ich die betreffende Correktur eintreten lassen: 

Gerundet, gleichseitig, sehr ungleichklappig, ausgewachsen etwas 
breiter als lang. Die linke Klappe, ziemlich gewölbt, trägt 22 bis 
24 Hauptrippen, zwischen denen sich hie und da feine Secundär- 
rippen einschieben, die jedoch nicht bis zum Wirbel reichen. Die 
ganze Schale ist mit feiner concentrischer Anwachsstreifung be- 



151] CoMÄSKER Alpen. I. Lusfauna der Val Solda. 36 

deckt, die besonders in dem Grunde der Falten sichtbar wird. 
Manchmal fehlen die Secundärrippen und die Hauptrippen grup- 
pieren sich zu zwei. Die Rippen sind alle etwa gleich stark, auch 
nach den Seiten zu, und ist sogar die äusserste am Hinterrande 
die am stärksten ausgebildete. Beiderseits besitzt die Muschel eine 
grosse, fein quergestreifte Area. Der Wirbel reicht nur wenig über 
den Schlossrand hinaus. Die rechte Klappe ist ganz flach und hat 
dieselbe Sculptur wie die linke, nur ist die Einschiebung von 
Secundärrippen viel seltener und dafür die paarweise Anordnung 
häufiger. Das vordere Ohr der rechten Klappe trägt einen tiefen 
Byssusausschnitt und zeigt 3 — 4 Radialfalten. Im übrigen sind beide 
Ohren ziemlich gleich und mit mehreren Querrippen verziert. Die 
Ohren der rechten Klappe sind gegen die Schale scharf abgesetzt, 
so dass sie in einer anderen, der des Schalenrandes parallelen, Ebene 
verlaufen. 

Ich kann nur zwei Bruchstücke von Jugendexemplaren, denen 
übrigens Wirbel und Ohren fehlen, mit dieser Form identifizieren. 
Ferner glaube ich noch 3 schlecht erhaltene solche Schalen hier- 
her stellen zu müssen, sowie das Bruchstück einer ausgewachsenen 
Schale, da dasselbe, ohne irgendwelche Spur von Verdrückung zu 
zeigen, ganz flach ist, — obgleich es keine Spur von Zwischenfalten 
oder paarweiser Anordnung der Rippen, vielmehr sonst ganz die 
Sculptur von Pecten TMoUierei zeigt. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Pecten (Chlamys) dispar Tq]\i. 

Tab. III Fig. 3. 
1855. Pecten dispar Terqüem, Hettange p. 323 Tab. XXIII Fig. 6. 

Es liegt nur das Bruchstück einer rechten Klappe eines Jugend- 
exemplares vor. Die Sculptur besteht aus gerundeten Rippen, 
die grössere Zwischenräume zwischen sich haben, in die sich 
niedrige, feine Secundärrippen einschalten. Concentrische feine 
Anwachsstreifen kreuzen diese Rippen und Falten und stellen ein 
feines Maschwerk her, das die Schale bedeckt. Diese Anwachs- 
streifen treten an dem hier vorliegenden Exemplare auf der vorderen 
Area, auf der die Radialberippung zurücktritt, schärfer hervor und 
bewirken eine feine Zähnelung des Randes. 

Fundort: A. Bolgia. 



37 VON Bistram: [152 

Pecten (Chlamys) aequalis Qüst. 

Tab. III Fig. 4, 5. 
1851. Pecten acuticosta Chapuis und Dew., Luxembourg p. 211 Tab. XXXI Fig. 3. 
1858. — aeqiialis Quenstedt, Jura Tab. IX Fig. 13. 

Gleichklappig, flach, etwa gleich hoch wie lang, mit 18 — 20 
Radialrippen, Schlossrand etwas convex, das hintere Ohr recht- 
winklig, das vordere, nur wenig grössere, spitz mit einigen Eadial- 
falten. Die Sculptur ist flacher, die Rinnen zwischen den Rippen 
sind weniger tief als bei gleich grossen Exemplaren von Pecten 
Thiollierei, von dem sich dieser Pecten schon durch die geringere 
Wölbung unterscheidet. 

Die rechte und linke Klappe zeigen dieselben Sculpturunter- 
sohiede, auf die schon bei Pecten ThioUierei hingewiesen wurde, indem 
die Rippen der linken Klappe etwas schärfer, die der rechten ge- 
rundeter sind. 

Chapuis und Dewalque, mit deren Abbildung und Beschreibung 
unsere Exemplare sehr gut übereinstimmen, besonders was die Sculptur 
anbetrifft, äussern schon Zweifel über die Zugehörigkeit der von ihnen 
beschriebenen Form zu P. acuticosta Lam. resp. acuticostatus Ziet. 

Bei der Abbildung fallen die verhältnismässig kleineren Ohren 
im Vergleich zu unserer Form auf, was jedoch nicht so sehr ins 
Gewicht fällt, da die Verfasser ein viel grösseres, also älteres Exem- 
plar abbilden. 

Die Ohren an der linken Klappe des von mir abgebildeten 
Exemplares wurden durch punktierte Linien nach einem anderen 
Exemplare, dessen Schale nicht vollständig erhalten ist, ergänzt. 

Untersuchte Stücke: 2 linke, 2 rechte Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Pecten (Chlamys) Palgeri Mer. 

Tab. III Fig. 1. 
1853. Pecten Falgeri Mer., Escher v. d. Linth, Vorarlberg S. 19 Tab. III 

Fig. 17—21. 
1853. — — "Winkler, Contortaschichten S. 7. 

1865. — — Mer., Stoppani, Contortaschichten S. 76 Tab. XIV 

Fig. 3. 
Cf. 1864. — Euthymei Ddmortier, Infralias p. 64 Tab. X Fig. 8—10. 
Cf. 1865. — janiriformis Stoppani, Ibid. p. 76 Tab. XIV Fig. 4—6. 

Die vorliegende Form, obgleich der vorigen sehr ähnlich, unter- 
scheidet sich doch von ihr durch die etwas höheren und dichter 



153] CoMASKER Alpen. I. Liasfäuna der Val Solda. 38 

zusammenstehenden Rippen, die durch die feine, aber sehr deuthch 
hervortretende Anwachsstreifung ein sammetartiges Aussehen haben. 
Sie steht jedenfalls dem Peden textorius Schlh. sehr nahe, unter- 
scheidet sich von ihm durch etwas geringere Rippenanzahl und dichter 
zusammenstehende Anwachsstreifung. Würde nicht von Dümortier 
bei Feden Enthpmei, mit dem Stoppanis janiriformis mir ident zu 
sein scheint, die Körnelung der beiderseitigen äusseren Rippen — die 
aber vielleicht nur durch etwas stärkeres Hervortreten der Anwachs- 
streifung an den betreffenden Exemplaren hervorgerufen sein können, 
ohne den "Wert eines Artenunterschiedes zu haben — hervorgehoben, 
so hätte ich keinen Anstand genommen, auch diese Formen mit unserer 
zu vereinigen. 

Untersuchte Stücke: 3 rechte Klappen. 

Fundort: A. Bolgia. 

Subgenus: Enlolium Meek. 
Pecten (Entolium) Hehli d'Orb. 

1832. Pecten glaber Hehl, Zieten, Versteinerimgeu Württembergs Tab. LIII 

Fig. 1 (nou 1803. P. glaber Montague). 
1850. — Hehlii d'Orbigny, Prodrome et. 7 No. 130. 

Zwei glatte Klappen von ganz jungen Exemplaren, denen dazu 
noch Schlossrand und Ohren fehlen, liegen mir von A. Bolgia vor. 

Familie: Limidae d'Orb. 

Genus: Lima Brug. 

Subgenus; Plagiostoma Sow. 

Plagiostoma giganteum Sow. var. exaltatum Tqm. 

1855. Lima exaltata Terqüem, Hettange p. 319 Tab. XXII Fig. 2. 
Cf. 1860. — punctata Stoppani, Contortaschichten S. 73 Tab. XIII 

Fig. 1—6. 
Cf. 1860. — discus Stoppani, Ebd. Fig. 7. 

? 1864. — valoniensis Dümortier, Infralias p. 51 Tab. VI Fig. 8 — 10. 
1866. ^ praecursor Qüenst. , Capellini, Specia p. 72 Tab. VI Fig. 8. 

Zwei papierdünne Schalen liegen mir vor, die leider beim Aus- 
ätzen wegen ihrer bei bedeutender Grösse geringen Dicke in Stücke 
gingen und auch nicht zusammengeleimt werden konnten. Die 
Sculptur stimmt genau mit der der TERQUEMschen Abbildung und 
der eines Exemplares aus dem badischen Lias a (Wutachthal). Auch 
die äussere Form scheint gut zu dem TERQUEMschen Exemplare sowohl 



39 VON Bistram: [154 

als zu den Exemplaren der typischen Lima gigantea und jmnctata 
zu stimmen, da die Teile um den Wirbel zusammenhängend erhalten 
sind und man an ihnen sieht, dass die Seiten der Schale gegen das 
Schloss im fast rechten AVinkel zusammenliefen. Es scheint mir sehr 
wahrscheinlich, dass Lima valoniensis Dmi. dieselbe Art ist, viel- 
leicht ebenso die von Stoppani aus dem Rhät abgebildeten Formen. 

Von der typischen Lima gigantea unterscheidet sich unsere Form 
durch die stärker ausgeprägte Sculptur. Sie hat eng aneinander- 
stehende, dünne, nicht ganz gleichmässig starke Rippen, die nicht 
ganz gerade radial verlaufen, sondern dazwischen wie schwache AVellen- 
hnien bilden und über der Mitte der Schalenoberfläche etwas schwächer 
ausgebildet zu sein scheinen, als mehr nach den Seiten zu. 

Sehen wir nun, wie wechselnd stark die Sculptur der Lima 
gigantea ist, wie sich alle Uebergänge zu der Lima punctata finden 
und von dieser wieder zu unserer Form, so erscheint es wohl ge- 
rechtfertigt, die Formen zusammenzuziehen. Lima gigantea und 
punctata werden ja wohl schon meistens vereinigt und trage ich kein 
Bedenken, auch unsere Form anzuschhessen und sie allenfalls als 
Varietäten zu unterscheiden, so dass wir die in der Mittelregion glatten 
als Li?na gigantea s.sli\, die mit schwacher Skulptur als Lima gigantea 
rar. punctata und die mit noch stärkerer Skulptur, die sich aber 
durch die grössere Zahl und geringere Breite und Stärke der Rippen 
noch deutlich von Lima succineta Schlh. = antiquata Sow. unter- 
scheidet, als rar. exaltata bezeichnen würden. 

Die unter so mannigfachen Namen in den Faunenbeschreibungen 
des unteren Lias von den verschiedenen Autoren beschriebenen Formen 
die nicht in unsere Gruppe gehören, dürften wohl meistens entweder 
zu Lima succineta Schlh. == antiqiiata Sow. oder zu Lima Ller- 
mcmni Ziet. zu stellen sein. 

Fundort: A. Bolgia. 

Subgenus: Mantelhüu (Bolten, em.) Philippi. 

Philippi^ macht darauf aufmerksam, dass die „duplicaten" 
Limeen des Lias wohl kaum als solche aufzufassen sind, sondern der 
Gattung Mantellum sehr nahe stehen und wohl Vorläufer dieser Gat- 
tung darstellen dürften. Er weist darauf hin, wie bereits Qüenstedt 
hervorgehoben habe, dass „Limea duplicata von Flagiostonia cluplica- 



1900. Philippi, Morphologie der Lamillibranchiateu III Lima. 



155] CoMASKER Alpen. I. Liäsfauna der Val Solda. 40 

tum kaum spezifisch abweiche und jedenfalls nicht zu den Arcaceen, 
zu denen die echten Linieen gerechnet werden, gehöre" ^ 

Allerdings dürfte die Ansicht Quenstedts, dass Limea zu den 
Arcaceen zu stellen sei, kaum mehr anerkannt werden, vielmehr 
wird Limea jetzt wohl als zur Familie der Limiden gehörig angesehen. 

Aus dem Lias der Val Solda liegen mir von solchen dupli- 
caten „Limeen" Exemplare von verschiedener Grösse vor, alle zeigen, 
soweit die Ohren gut erhalten sind, kerbzahnartige Falten zu 
beiden Seiten der nach innen gerundeten Grube für das innere Liga- 
ment. Sie verlaufen parallel mit den Rändern der Grube, also schräg 
nach innen von der Ecke zur Mitte; diese „Schlosszähne" erscheinen 
auf verschiedenen Exemplaren verschieden stark ausgebildet, fehlen 
aber nirgends. Ich habe zum Vergleiche duplicate Limen und 
Limeen aus dem unteren Lias von Württemberg und Baden, sowie 
dem badischen Hauptoohth untersucht und dabei eigenthch alleUeber- 
gänge von stark ausgebildeten Zähnen bis zu zahnlosem Schloss beob- 
achten können. Dabei konnte ich bei einigen Exemplaren aus dem 
badischen Hauptoolith, sowie bei einem kleinen zweiklappigen von 
Vaihingen in Württemberg^ bemerken, wie diese Schlosszahnbildung 
sich auch auf der äusseren Schalenseite der Ohren als Faltung ganz 
deutlich ausprägt. Wir haben es hier also nicht mit eigentlicher Zahn- 
bildung, sondern mit einer gewissermassen Zähne ersetzenden Fal- 
tung des Schalenrandes zu thun. Es will mir scheinen, als ob die 
Faltenbildung in der Jugend besonders stark sei, mit dem Alter aber 
abnehme. Fast sämtliche kleinen Exemplare, die mir aus dem Haupt- 
oolith vorliegen, zeigen diese „Bezahnung" mehr oder weniger, 
während an den ausgewachsenen aus dem unteren Lias Deutschlands, 
deren Schloss allerdings nicht frei liegt, von der Seite wenigstens, 
nichts davon zu sehen ist. 

An ganz jungen Exemplaren, deren ich eine ziemliche Anzahl 
aus der Val Solda habe, treten die „Zähne", bei allen gleichmässig, 
sehr stark hervor, auf der linken Klappe eines grösseren Indivi- 
duums erscheint die Faltung schon schwächer, während an der 
rechten Klappe eines noch grösseren Exemplares, bei dem die Ein- 
schiebung der Zwischenrippen zwischen die Hauptrippen schon über- 
all stattgefunden hat, nur noch Spuren der Bezahnung als kleine 
Falten am äussersten Rande zu sehen sind. So erklärt sich viel- 
leicht Vorhandensein und Verschwinden dieser Schlossausbildune nur 



• 1858. QuENSTEDT, Jura S. 436. 
- Diese Arbeit, Tab. III Fig. U— 16. 



41 VON Bistram: [156 

durch verschiedene Altersstadien, wobei ja bei verschiedenen Indivi- 
duen, oder vielleicht auch Varietäten derselben Art, die Pseudo- 
bezahnung, wie ich sie nennen möchte, als ein Jugendmerkmal 
bald später, bald früher verschwinden mag. 

Uebrigens habe ich auch bei einigen grossen recenten Limen 
(z. B. Lima excavata Fabricius) an der Innenseite der äussersten 
Ecke des hinteren Ohres ein paar kurze Falten gefunden, die noch an 
den Typus, wie ihn das grösste meiner Exemplare (Fig. 11) zeigt, 
erinnern. Auch an einer miocänen Lima squamosa Lam. glaube ich 
noch Spuren solcher Falten sehen zu können. 

Somit dürfte es wohl feststehen, dass diese Schalenrandfalten 
nicht mit den Kerbzähnen der Limeen zu identifizieren sind und die 
„duplicaten Limeen" des Lias zu Lima zu stellen sind, während, 
wie schon Philippi hervorhebt, Limea margineplicata Klipst. in 
ihrer Bezahnung, die aus viel mehr (7 — 8) senkrecht zum Schloss- 
rand gestellten Kerbzähnen besteht, wohl eine echte Limea sein mag. 

Von den jüngeren Arten, die Philippi zu ManteUnm stellt, 
unterscheiden sich unsere Exemplare ausser durch die Bezahnung 
noch dadurch, dass sie gar nicht klaffen; doch weist schon Philippi 
darauf hin, dass dieses Klaffen um so geringer ist, aus je älteren 
Schichten die betreffende Mantellenart stammt, und schon bei ein- 
zelnen Kreidearten nicht mehr zu beobachten ist. 

Da nun unsere Form nach Philippi weder zu Flagiostoma noch 
zu Radtda zu stellen ist, so schien es mir angängig zu sein, die- 
selbe zu Manteüum zu stellen, indem ich davon absehe, eine neue 
Gattung aufzustellen. 

Sollte es sich durch Beobachtungen an reichlichem Material ver- 
schiedener Provenienz erweisen, dass meine Vermutung, dass es sich 
bei der Pseudobezahnung um ein Wachstumsstadium handelt, richtig 
ist und sollten diese Formen innerhalb der Gattung ManteUum 
belassen werden, so würde die Definition der Gattung dahin zu 
ergänzen sein, dass die mesozoischen Formen (wenigstens zum Teil) 
in der Jugend eine später verschwindende Pseudobezahnung der 
Schalenseitenränder unter dem Schlossrande zeigen. 

Mantellum pectinoide Sow. 

Tab. II Fig. 6—13. 

SowERBY, Mineral Couchol. Tab, 114 Fig. 4. 
d'Orbigny, Prodrome I p. 219 (et. 7 No. 122). 
Chapuis und Dew., Ibid. p. 195 Tab. XXVII Fig. 



1815. 


Lima pectinoides 


1850. 


— Eryx 


1850. 


— fallax 



1571 CoMASKER Alpen. I. Lusfaunä der Val Solda, 42 

? 1850, Lima Omalusii Chäpcis und Dew., Ibid. p. 196 Fig. 5. 

1850. — duplicata — Ibid. p. 198 Tab. XXX Fig. 3. 

Cf. 1850. Limea Koninckana — Ibid. p. 192 Tab. XXVI Fig. 9. 

1856. Lima liettangensis Terquem, Hettange p. 320 Tab. XXIII Fig. 1. 

? 1856. — dentata — Ibid. p. 321 Tab. XXIII Fig. 4. 

1858. — tecticosta Rolle, Liasversteinerungen S. 16 Fig. 9. 

1858. Plagiostoma duplum Quenstedt, Jura S. 47 Tab. IV Fig. 4 — 7. 

1858. — pectinoides — Ibid. p. 58 Tab. VI Fig. 1—2. 

1864. Lima duplicata Dumortier, Infraliasp.58u. 157Tab. XXIVFig. 17. 

1865. — — MsTR, Terquem und Piette, Lias inferieur p. 97. 

1866. — subdupla Stoppani, Contortaschichten S. 75 Tab. XIII 

Fig. 11—12. 
1866. — hettangensis Stoppani, Ebd. S. 207 Tab. XXIV Fig. 16. 

Gleicbklappig, stark gewölbt, ungleichseitig, nach vorne schief 
verlängert, der vordere Rand steil abfallend und eine ziemlich grosse 
etwas concave Lunula bildend, gerader Schlossrand, mit vorne und 
hinten gleich grossen Ohren zu beiden Seiten des nach einwärts 
gedrehten Wirbels. Das innere Ligament in einer halbkreisförmigen 
Grube unter dem Wirbel; die Sculptur besteht in der Jugend aus 
starken dachförmigen, oben etwas abgerundeten Rippen (ca. 18), 
zwischen die sich in einem späteren Wachstume feine Secundärrippen 
einschieben, ausserdem wird die Schale von einer feinen Radialstreifung 
bedeckt, die von ebensolchen Anwachsstreifen gekreuzt werden. Auf 
der Lunula und dem hinteren Schalenabfall sind die Rippen eben- 
falls, nur schwächer, vorhanden. Zu beiden Seiten der Ligament- 
grube einige schräge Pseudoschlosszähne (Schalenrandfaltung), die 
mit zunehmendem Wachstume schwächer werden und verschwinden. 

Sieht man von den Schlosszähnen ab, so kann ich unsere Form 
(Fig. 10) von diQV Lima pecüonoides = liettangensis nicht unterscheiden. 
Bei typischen Exemplaren letzterer Form, von Hettingen sowohl 
als solchen aus dem badischen unteren Lias, sieht man, dass die 
Zwischenrippen sich erst deutlich bei einer Höhe der Schale von 
ca. 1 cm zeigen und nicht alle gleichzeitig beginnen. Sobald der 
Erhaltungszustand nicht ganz vorzüglich ist, kann man sie erst 
in noch späterem Wachstumstadium erkennen, während bei sehr 
guter Erhaltung der Schale durch die auf dem Boden der Furchen 
etwas mehr hervortretende, schon von Quenstedt bemerkte, feine 
Längsstreifung der Schale die Ausbildung der Einschaltrippen ange- 
deutet erscheint. Bei den kleinen duplicaten bezahnten Limen des 
Hauptoolithes, die auch etwas breiter im Vergleich zur Höhe zu 
sein scheinen, ist die Einschiebung von Secundärrippen schon in 
einem früheren Stadium zu bemerken. 



43 ^'ON Bistram: [158 

Bei dem mittleren Exemplare, das ich abbilde, ist nur eben 
(vom Zeichner nicht genügend hervorgehoben) der Beginn der Ein- 
schaltung der Zwischenrippen wahrzunehmen, während die kleinen 
Exemplare einfache Berippung zeigen, — wie die badischen und 
Hettinger Exemplare auf dem entsprechenden Teile der Schale. 

Bei der zum Vergleich abgebildeten kleinen Lima von Vaihingen 
zeigt die linke Klappe keine Spur von duplikater Berippung, während 
die rechte bei viel flacherer Sculptur schon deuthche Zwischenrippen 
erkennen lässt. Diese Lima, die ziemlich starke Unterschiede in der 
Sculptur auf beiden Klappen zeigt und deren rechte Klappe auch kleiner 
ist als die linke, mit unserer Art zu vereinigen ist, scheint mir nicht 
angängig, eher ist sie mit Lima Hcmsmcmni zu vergleichen. 

Eine Bezahnung des Schlossrandes, der unserer Exemplare 
ziemlich entsprechend und noch mehr der von denen aus dem 
Hauptoolith gleichend — da solche Zähne in grösserer Anzahl vor- 
handen sind und sie sich an dem Schalenrande weiter nach unten fort- 
setzen — , bilden Chapuis und Dew. loc. cit. als Liniea lioninchana ab, 

Ueberbhckt man die Litteratur, so findet sich, dass die 
hier besprochene Art unter sehr vielen Namen aufgeführt wird 
Bkauns^ führt eine ganze Reihe Synonima sowohl für Limea 
acuticosta als Lima pectinoides an, ohne dabei noch die Liste zu 
erschöpfen. Es erscheint wohl sehr wahrscheinlich, dass man bei 
Vergleichung der Originale gewisse Arten wird unterscheiden können, 
auch dass speziell die wohl häufigste Liasart, L. pectinoides von der 
L. duplicata des Doggers sich wird unterscheiden lassen, vielleicht 
auch eine Art im unteren Lias mit einfachen Rippen, zwischen die 
sich auch bei grösserem Wachstume keine Secundärrippen ein- 
schieben; solange aber diese Sichtung nicht einwandsfrei erfolgt ist, 
scheint es mir das beste zu sein, die duplikaten Limen des unteren 
Lias als pectinoides zusammenzufassen — ausser denen, die mit 
Lima Hausmanni zu identifizieren sind — während denen des Dogger 
der Name duplicata verbliebe. 

Chapuis und Dewalque haben eine ganze Reihe von Arten 
aufgestellt, von denen gewiss ein Teil einzuziehen sein wird. Es 
fällt dabei auf, dass bei ihnen die Angaben über Rippenzahl nicht 
mit den Abbildungen übereinstimmen, was wohl daher kommen 
mag, dass sie auch sämtliche Rippen auf den Areae mitzählen, 
während andere Autoren nur die auf dem Mittelteile zählen. 



• 1871. Der untere Jura S. 378, 380. 



Cf. 


1836. 


Cf. 


1846. 


Cf. 


1852. 


Cf. 


1856. 


Cf. 


1865. 


Cf. 


1865. 


Cf. 


1876. 



159] COMASKER AlPEX. I. LiASFAUXA DER VaL SoLDA. 44 

Lima Jiettangensis führt Stoppani aus dem unteren Lias von 
Meillerie am Genfer See an, während er seine Linta suhänpla, nur 
ein Bruchstück, aus den Conto rtaschichten, mit PJagiostonia 
duplum QuENST. identifiziert. Es dürfte schwer sein zu entscheiden, 
ob wir die Form hierher oder zu Lima Hausmanni zu stellen haben. 

Untersuchte Stücke: 18 einzelne Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Mantellum äff. Hausmanni Dkk. 

Tab. III Fig. 14—16. 
Limea acuticosta Goldfuss, Petrefacta p. 103 Tab. CVII Fig. 8. 
Liina Hausmanni Dünker, Lias v. Halberstadt S. 41 Tab. VI Fig. 26. 

— — Dkr., Chapuis und Dew., Luxembourg p. 195 
Tab. XXVII Fig. 2. 

— pectinoides Oppel, Jura S. 101. 

— Hausmanni Dkr., Terqüem und Piette, Lias inferieur p. 98. 
Limea acuticosta Mstr., Ibid. p. 96. 

— Blakeana Täte uud Blake, Yorkshire Lias p. 368 Tab. XIV 

Fig. 5. 

Philippi macht darauf aufmerksam, dass Lima Hausmanni von 
pectinoides zu trennen sei. Allerdings scheint ihre Gestalt eine etwas 
andere zu sein, nach oben spitzer, mit kürzerem Schlossrande, so 
dass eine mehr dreieckige Form entsteht. Ganz dieselbe Form 
zeigt das bereits erwähnte Exemplar aus dem Lias a von Vaihingen 
in Württemberg und entspricht die linke Klappe mit ihrer aus gleich- 
massig breiten einfachen Rippen bestehenden Sculptur ganz den ci- 
tierten Abbildungen. Xur zeigt der Schalenrand zu beiden Seiten des 
Schlosses die erwähnte zahnähnliche, von aussen sichtbare Faltung. 
Die rechte Klappe ist etwas kleiner und trägt nur schwach erhabene 
Rippen mit viel grösseren Zwischenräumen, in denen sich je eine feine, 
sich wenig abhebende Secundärrippe zeigt. Die Zahl der Hauptrippen 
entspricht der der einfachen Rippen der linken Klappe so, dass jede 
Rippe genau unter einer Furche der linken Klappe liegt. 

Untersuchte Stücke: 1 zweiklappiges Exemplar von Vaihingen 
in Württemberg. 

Familie: Spondylidae Gray. 
Genus: PUcatula Lam. 
Plicatula spinosa Sow. 

1819. Plicatula spinosa Sowerby, Min. Conch. Tab. 245 Fig. 1 — 4. 
1836. — rentricosa MrxsTER, Goldfuss, Petrefacta Tab. 107 Fig. 3. 

?1836. — nndulosa Ziet., Römer, Oolithgebirge S. 61 Tab. XIII Fig. 24. 



45 VON Bistram: [160 

1855. — spinosa Sow., Terqüem, Hettange p. 327. 

1856. Plicatula ventricosa Mstr., üppel, Juraformation § 14 No. 109. 
1858. — oxynoü Quenstedt, Jura S. 109 Tab. XIII Fig. 24—25. 

1864. Harpax spinosus Dumortier, Infralias p. 72 Tab. XII Fig. 1 — 3,8 — 9. 

1865. Flicatula spinosa Terqüem und Piette, Lias inferieur p. 107. 

Mir liegt nur ein zerbrochenes Exemplar der aufgewachsenen 
(rechten) Klappe vor. Die Sculptur besteht aus concentrischen, 
aufblätternden Streifen, die von Radialfalten gekreuzt werden, sich 
dachziegelartig überlagern und, auf der Höhe der Falten stärker 
auswachsend und aufgebogen, stachelartige Fortsätze bilden. 

Fundort: A. Bolgia. 

Plicatula hettangensis Tqm. 

Tab. I Fig. 20, 21. 

1855. Plicatula hettangensis Terqüem, Hettange p. 326 Tab. XXIV Fig. 3 — 4. 
1865. — — Tqm., Terqüem und Piette, Lias inferieur p. 108. 

Der vorigen ziemlich ähnlich. Auf dem oberen, gewölbten Teil 
der Schale stehen die Radialfalten als scharfe, durch die concen- 
trische Streifung schuppige, feine Rippen dicht zusammen. Auf dem 
sich abflachenden äusseren Teile der Schale sind die Falten gröber, 
stehen nicht so dicht zusammen, und erheben sich die Schuppen zu 
Stacheln, ganz wie bei PL spinosa. Es erscheint mir ziemlich wahr- 
scheinlich, dass beide Formen zu einer Art gehören und vielleicht 
nur als Varietäten anzusehen sind, doch habe ich nicht genügendes 
Material, um es zu entscheiden. 

Fundort: A. Bolgia. 

Familie: Dimyidae Fischer. 
Genus: Dimyopsis Bittner 1901. 
Dimyopsis Emmerichi nov. nom. 

Tab. II Fig. 1—3. 
1851. Ostrea placunoides Mstr., Schäfhäütl, Südbayerisches Vorgebirge 

S. 413 Tab. VIII Fig. 7. 
1853. — intustriata Emmerich, Geognost. Beobachtungen S. 52. 
1853. Plicatula intustriata Emm., Hauer Gliederung der Trias etc. S. 24. 
18.53. Spondylus ohliquus Klipst., Escher, Vorarlberg Tab. IV Fig. 44 — 45. 
1860. Plicatula intustriata Emm., Stopp ani, Contortaschichten S. 80 
Tab. XV Fig. 9—16. 
? 1855. Spondylus liasinus Terqüem, Hettange p. 326 Tab. XXIII Fig. 7. 
1864. Plicatula intustriata Emm., Dümortier, Infralias p. 74 Tab. I 

Fig. 13—16. 
1866. Plicatula intustriata Emm., Capellini, Spezia p. 74 Tab. VI Fig. 12. 



Ißl] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Tal Soldä. 46 

Cf. 1889. Dimyodon intustriatuni Emm. sp. v. Wöhrmann, Contortaschichten 

S. 209 Tab. VIII Fig. 4—6. 
Cf. 1895. — Wöhrmanni Bittner, Alpine Trias S. 219. 

Cf. 1901. Dimyopsis intusornata Bittner, Bakouy p. 72 Tab. VI Fig. 27—28. 
non 1900. Dimya? intustrtata d'Arch., Oppenheim, Priabonaschichteu S. 126, 

Tab. XVII Fig. 2 u. 9. (= 1848. Anomia intustrtata 

d'Arch., Mem. S. G. de Fr. ser. 11 Bd. III p.441. = 1861. 

Vulsulla internostriata Güembel, Bayerische Alj)eu 

S. 661.) 

Die zwei best erhaltenen Exemplare habe ich abbilden lassen. 
Leider sind auch diese nicht ganz vollständig, doch ist die innere 
Schalensculptur an ihnen gut zu sehen. 

Die yiPUcatida intustrtata'^ gilt vor allem als Leitfossil für die 
Kössener Schichten, während sie im Lias nur an wenigen Punkten 
vorzukommen scheint. 

DuMORTiER bemerkt, dass diese Art in den Planorhisschichten 
des Rhonebeckens sehr häufig, ja geradezu für die Schichten leitend 
ist. Die Verbreitung dieser Art im Rhönebecken ist wohl zum grossen 
Teil der Grund gewesen, dass die ContoHaschichten von manchen 
älteren Autoren (z. B. Stopp ani) für Aequivalente der Planorbiszone 
angesehen worden sind. Im unteren Lias scheint PL intustriata 
nur noch, wenn auch selten, in der Moselgegend vorzukommen, da 
wir wohl für Spezia, wie ich bereits früher angeführt habe, annehmen 
müssen, dass Cappellini hier die Contortaschichten nicht von der 
Planorbiszone getrennt hat. 

V. WüHRJiANN führt die Art schon aus den Raibler Schichten 
an, doch ist Bittner der Ansicht, dass die Raibler Formen von 
der rhätischen zu trennen sei und nennt die WöiiRMANNsche Art 
daher Bimyodon Wöhniianni. 

"WöHRMANN hatte angegeben, dass D. intustriatuni mit der 
linken Schale aufgewachsen sei-, dagegen weist Bittner nach, dass 
die rechte Schale die aufgewachsene ist, und glaubt auch aus 
WöHRMANNs Bemerkungen folgern zu können, dass er die Klappen 
verwechselt hat. An der kleineren hier abgebildeten Schale glaube 
ich ebenfalls den Muskeleindruck erkennen zu können, der beweist, 
dass wir eine rechte Klappe vor uns haben, was Bittners Ansicht 
bestätigt. Ferner meint Bittner, dass die Arten aus dem Formen- 
kreise der D. intustriata weder bei Plicatula belassen, noch zu 
Bimyodon oder Binuja gezogen werden können. Er bezeichnet 
sie als Dimyaartige Plicatuliden und benennt sie mit einem neuen 
Gattungsnamen Bimyopsis. 

Berichte XIII. ]j 



47 VON Bistram: [162 

' Dem aus den Raibler, Kössener und untersten Liasschichten 
uns bekannten Formenkreise der „Flkatiüa mtustriata" offenbar sehr 
nahe verwandte Formen finden sich wieder im OUgocän (Priabona- 
schichten). Oppenheim stellt sie zu Dimya?, wobei er sich gegen 
BiTTNERs Ansicht wendet, der diese Formen mit PJicafuJa in nahe 
Beziehung bringen will. Bei den tertiären Formen meint Oppenheim 
sicher nachweisen zu können, dass die linke Klappe die aufgewachsene 
sei, im Gegensatz zu den mesozoischen. 

Da nun jetzt beide Formen, die EMMERicnsche und die von 
d'Archiac, wohl zu derselben Gattung oder wenigstens Gattungs- 
gruppe zu stellen sind, ob man sie nun Dimya nennt oder den 
BiTTNERschen Namen Dimpopsis acceptiert, so muss jedenfalls eine 
von beiden mit einem anderen Namen bezeichnet werden. Der Ancienni- 
tät nach hätte der Name der o'ARCHiACschen Form zu verbleiben. 
Es läge daher nahe, einen der Namen, unter denen die rhätische Art 
sonst in der Litteratur angeführt worden ist, zu benutzen. Wenn wir 
aber dieselben bei den Autoren, die sie geschaffen, verfolgen, so 
finden wir, dass diese Namen anderen Formen zukommen und nur 
irrtümlicher Weise für sie verwandt worden sind; so bezeichnet 
der Name Ostrea 2}lacunoides Münster^ eine Form aus dem Muschel- 
kalk, Spondylus obliqims Münster ^ eine der unserigen nahestehende, 
aber wohl nicht idente aus den Cassianer Schichten; Änomia alpina 
Winkler ^, die Stoppani als Synonym anführt, dürfte wohl, wie es 
Martin "^ annimmt, Synonym \oxv Anmnia ixRlucida, Tqm.^ sein. Es 
bleibt noch der Name Spondylus Uasinus Tqm. (loc. cit.) übrig, 
doch erscheint es mir sehr fraglich, ob Stoppani mit der Identi- 
fizierung Eecht hat. Uebrigens erscheint dieser Name für eine Art, 
die sich hauptsächlich im Rhät findet, wenig geeignet. Ich schlage 
daher vor, die rhätische Dimyopsis mtustriata, da dieser Name 
schon vergeben war, nach dem Autor Emmerich, der sie zuerst als 
noch nicht benannte Form erkannt hat, Dimyopsis EmmericJii nov. 
nom. zu benennen. 

Sollte es sich bei Vergleich von reichlicherem Materiale, als es 
mir zur Verfügung stand, herausstellen, dass unsere und Dumotiers 
Liasform von der rhätischen zu trennen sei, was ich jedoch bezweifle, 



' 1839. GoLDFUSs, Petrefacta II S. 18 Tab. LXXIX Fig. 1. 

- 1841. Münster, Beiträge z. Geognos. Tirols IV S. 74 Tab. VI Fig. 34. 

3 1859. Winkler, Avicula contorta S, 5 Tab. I Fig. 1. 

* 1865. Martin, Etage Rhaetien S. 250. 

"• 1855. Terquem, Hettange p. 112 Tab. XXV Fig. 5. 



I 



163] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Yal Soldä. 48 

anderseits diese Form mit dem TERQUEMschen Sj). liasinus ident sein , 
so hätte der TERQüEMsche Name für diese Form einzutreten, während 
die Rhätform dann allein den Namen Emmerichi zu führen hätte. 

Untersuchte Stücke: 7 einzelne Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Familie: Ostreidae Lam. 

Genus: Östren Lin. 
Ostrea sublamellosa ? Dkr, 

1846. Ostrea sublamellosa Dunker, Halberstadt S. 41 Tab. VI Fig. 27 — 30. 
1864. — — Dkr, Dumortier, Iiifralias p. 79 Tab. I Fig. 8—12, 

Tab. VII Fig. 12—14. 

Ein kleines, zweiklappiges Exemplar, dem die Wirbelregion fehlt, 
stellte ich hierher. 

Fundort: A. Bolgia. 

Ostrea irregularis Mstr. 

1834. Ostrea irregularis Mstr., Goldfdss, Petrefacta II S. 20 Tab. LXXIX 

Fig. 5. 
1855. — anomala Terquem, Hettange p. 329 Tab. XXV Fig. o. 

Zwei kleine Exemplare von ca. 1^/4 cm Durchmesser, von denen 
eines mit der Wirbelregion an eine glatte Fläche senkrecht zur 
Commissurebene angewachsen war (nur untere Klappe) und dünn- 
schalig ist, das zweite, doppelklappige etwa mit der halben unteren 
Fläche aufgewachsen war, stimmen sehr gut mit den Abbildungen 
von GoLDFUSs und Terquem überein. Brauns dürfte wohl Recht 
haben, wenn er 0. anomala zu 0. irregularis zieht. Ob unsere Art 
wirklich mit Grypliea arcuata zusammenzuziehen ist, wie es Oppel 
und Brauns wollen, erscheint mir mindestens zweifelhaft. 

Untersuchte Stücke: 1 untere Klappe und 1 doppelklappiges 
Exemplar. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

?Anoiiiia sp. 

Ein kleines fast kreisrundes, zusammengedrücktes doppelklappiges 
Exemplar stelle ich zu Anomia, ohne es näher bestimmen zu 
können. 

11* 



49 VON Bistram: [164 

Familie: Mytilidae Lam. 

Genus: Mi/tUns LiN. 
Mytilus productus Terquem. 

1837. Mytilus scalprum Goldfuss, Petrefacta II Tab. CXXX Fig. 9 (non Sow., 
Don Phill.). 

1855. — productus Terquem, Hettauge p. 311 Tab. XXI Fig. 7. 

1856. — JSIorrisi Oppel, Juraformation S. 99. 

1871. Modiola scalprum Sow., Brauns, Unterer Jura S. 348 — pars. 

Oppel unterscheidet seine Art von dem M. scalprum des mitt- 
leren Lias. Terquem unterscheidet sogar im unteren Lias noch die 
Art ]\I. productus von 31. scalprum, doch scheint mir die Unter- 
scheidung, die darin beruht, dass der Kiel, der auf den beiden Klappen, 
vom Wirbel ausgehend, sich ausprägt, bei ersterer Form, die er in 
einem recht grossen Exemplare abbildet, etwas früher verschwinde, 
ferner sich in der noch stärker ausgebildeten Krümmung der Schalen 
ausspräche, zu geringfügig zu sein und wohl nur in verschiedenen Alters- 
stadien ihren Grund zu haben. Ich war im Zweifel, unter welchen 
Namen ich meine Form aufführen sollte. Ich habe nach Oppel den 
Namen scalprum den mittelliasischen Exemplaren allein belassen, da 
mir genügendes Vergleichsmaterial fehlt. Sollte es sich erweisen, 
dass die unterliasische und mittelliasische Form ident sind, so wäre 
natürlich der Name productus einzuziehen und die Form sccdprwn 
zu benennen. Oppel dürfte wohl unter M. Morrisi dieselbe Art im 
Auge gehabt haben. 

Mir liegt ein gut erhaltenes zweiklappiges Exemplar von 210 mm 
Länge, 96 mm Breite und 76 mm Höhe vor. 

Fundort: A. Bolgia. 

Familie: Arcidae. 

Genus: ParaUelodou Meek. {Macrodon Lyc.) 

Parallelodon sinemuriense Mart. sp. 

Tab. IV Fig. 3-6. 

? 1847. Mya? xmrvula Dünker, Lias v. Halberstadt S. 116 Tab. XVII 

Fig. 5. 
1859. Area sinemuriensis Martin, Cote d'Or S. 87 Tab. VI Fig. 1—3. 
1859. — Collenoti — Ibid. Fig. 4—6. 

Cf. 1858. Ciicullaea psilonoti Quenstedt, Jura S. 50 Tab. IV Fig. 22. 



1651 COMASKER AlPEK. I. LiASFAUNA DER VaL SoLDA. 50 

Ungleichseitig, gleichklappig, Schale oval vierseitig, gewölbt, der 
vordere Rand abgerundet, der hintere schief abgeschnitten, Schloss- 
rand lang, gerade, mit einigen schiefen Querzähnchen vor dem AVirbel 
und langen, dem Schlossrande parallelen Leistenzähnen hinter dem- 
selben, Bandarea niedrig. Wirbel nach vorne gekrümmt, etwas vorder- 
ständig, über denselben verläuft eine flache Furche etwas schräg 
nach hinten zum unteren Rande. Hinter dem Wirbel anfangend, 
ziehen sich nach hinten auf der dort abgeflachten Schale, fast parallel 
dem Schlossrande, zwei flache Furchen, so dass eine Art Kamm 
zwischen ihnen entsteht. Die Sculptur der Schale besteht aus 
feinen Radialrippen, die von einer feinen etwas schuppigen Anwachs- 
streifung gekreuzt werden. Bei einzelnen Exemplaren tritt mehr die 
doppelte Furche des hinteren Teiles der Schale, bei anderen mehr 
die Mittelfurche, die über den Wirbel läuft, hervor, so dass man 
geneigt sein könnte, mit Martin zwei Arten zu unterscheiden, doch 
finden sich Uebergänge, die mich veranlasst haben, beide Arten zu- 
sammenzuziehen . 

Martin hebt die Aehnlichkeit seiner Form mit CucuUea Het- 
tangensis hervor, doch zeigt die Abbildung bei Terquem^ eine etwas 
andere Zahnbildung, indem die vorderen Qiierzähne schon mehr 
von der Mitte des Schalenrandes aus beginnen und vor denselben 
auch noch Leistenzähne sich einzustellen scheinen. Dunkers Mya? 
parvida könnte wohl auch dieselbe Form, wie die iinserige, darstellen. 

Während unter Stoppanis Fauna aus den Contortaschichten 
sich keine unserer ähnlichen Form findet, scheinen sehr ähnliche 
Formen in den Cassianer Schichten vorzukommen. Bittner^ 
bildet solche ab. Doch fällt es auf, wie fast jede Art ein etwas 
anderes Schloss zeigt. Bittner scheint auch nicht ganz sicher ge- 
wesen zu sein, wohin die Arten zu stellen, da wir die Bezeichnungen 
„CucuUea (? 3Iacrodon)'' und „3Iacroäon (CucuUea)" bei ihm finden. 

Auch ich war zweifelhaft, wohin die vorliegende Art zu stellen 
sei und ob sie sich überhaupt unter eine bestehende Gattung an- 
standslos einreihen lasse. Am meisten gleicht die Bezahnung noch 
der der Formen aus dem Carbon, die de Konick zu ParaUeJodon 
stellt. 

Während Fischer^ als Subgenus den Xamen ParaUehdon auf- 
stellt, und Macrodon als eine „section" davon ansieht, scheint Zittel 

' 1855. Hettange p. 308 Tab. XXI Fig. 3. 
- 1895. Bittner, Alpine Trias Tab. XV. 
^ Fischer, Manuel de Coiichyliologie. 



51 VON Bistram: [166 

beide Namen als Synonyma anzusehen und giebt in seinem Handbuch 
dem Namen Macrodon den Vorzug, während in der neuen englischen 
Ausgabe der Name FaraUelodmi an erster Stelle steht und Macrodon 
eingeklammert dahinter. 

Untersuchte Stücke: 19 zum Teil rechte, zum Teil linke 
Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Genus: Niiculina d'Orb. 
Nuculina liasina n. f. 

Tab. IV Fig. 2. 

Kleine gleichklappige ovale Muschel, die stark gewölbten glatten 
Schalen nach hinten etwas verlängert, der Wirbel nach vorne und 
innen gedreht, unter dem Wirbel fünf kleine Leistenzähne, senk- 
recht zum Schlossrand; dahinter ein grosser Seitenzahn, grosser 
hinterer Muskeleindruck. 

Die Bezahnung stimmt absolut mit der für Nuculina angegebenen 
überein. In Zittels Handbuch hat sich ein Fehler eingeschlichen, 
wenn von einem vorderen Seitenzahn gesprochen wird. Aus der 
Lage der Muskeleindrücke auf seiner Abbildung geht hervor, dass wir 
in derselben die einer linken Klappe vor uns haben. Fischer (Ma- 
nuel de Conchologie) giebt richtig den Seitenzahn als hinteren an. 
Bisher scheinen Nuculinen nur aus dem Tertiär bekannt zu sein. 

Ausser der einen linken Klappe, über deren Stellung zu Nucidina 
kein Zweifel sein kann, liegen mir zahlreiche kleine doppelklappige 
Exemplare vor, von zum Teil noch geringerer Grösse; sie sind, dem 
Schalenumriss und übrigen Habitus nach, wohl ebenfalls hierher zu 
stellen, obgleich das Schloss nicht sichtbar ist. 

Untersuchte Stücke: 1 einzelne linke Klappe, 18 doppel- 
klappige Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Familie: Astartidae Aray. 

Genus: Astarie Sow. 
Astarte subtetragona Mstr. 

Tab. IV Fig. 11—13. 

1839. Astarte subtetragona Mstr., Goldfuss, Petrefacta S. 190 u. 304 pars 

Tab. CLIV Fig. 6 a u. b. 
Cf. 1852. — complanata Roem., Quenstedt, Handbuch S. 542 Tab. LVI 

Fig. 1. 



167] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 52 

? 1855. Astarte irregularis Terquem, Hettange p. 294 pars (non) Tab. XX 

Fig. 5. 
Cf. 1875. — Heherti Terquem und Piette, Lias infer. p. 74 Tab. VI 

Fig. 22—24. 

Gleichklappig, ungleichseitig, rhombisch-oval. Die Wirbel vorder- 
ständig, nach vorne gekrümmt. Ovale tiefe Lunula, schmale lancett- 
förmige Area, die sich scharf abhebt und von der Bandgrube nur halb 
ausgefüllt wird. Die Sculptur besteht aus concentrischen, scharfen 
Hauptrippen, die etwa viermal so breite etwas concave Zwischenräume 
zwischen sich lassen, auf denen drei bis vier concentrische, schwach 
angedeutete Linien eben noch zu sehen sind. Der Schalenrand innen 
gekerbt. Die concentrischen Hauptrippen scheinen mit fortschrei- 
tendem Wachstum an Stärke abzunehmen. 

GrOLDFüSS führte die Form erst als excavata Sow. an und 
ändert die Bezeichnung in suhtetragona S. 304 („Verbesserungen"). 
Er fasst die A. coniplana Roem. als Synonym auf, wogegen Roemer^ 
Einspruch erhebt, indem er hervorhebt, dass seine complanata aus 
dem Dogger stamme, während die GoLDFUSSsche in dem oberen 
Lias sich finde. 

Terquem^ scheint als A. irregularis zwei verschiedene Formen 
zusammengefasst zu haben, von denen die eine vielleicht zu obiger 
Art gehören könnte, während die abgebildete Form jedenfalls nicht 
mit unserer übereinstimmt. Er erwähnt bei seiner Form eine kiel- 
artige Erhebung der Schale, die schräg nach hinten über dieselbe 
weg zieht, was bei unserer Form sich nicht findet. 

QüENSTEDTS A. psilonoti^ dürfte sich, obgleich sonst sehr ähn- 
lich, durch das Fehlen der inneren Bandkerbung unterscheiden, wie 
solches auch von Goldfuss* bei der A. integra hervorgehoben wird. 

Meine Exemplare stimmen durchaus mit Goldfuss' Abbildung 
der „jungen" A. suhtetragona und habe ich sie daher mit derselben 
identificiert. Es scheint mir zweifelhaft, ob die Fig. a und b wirk- 
lich mit c und d dieselbe Art darstellen. 

Untersuchte Stücke: 3 doppelklappige Exemplare und 23 ein- 
zelne teils rechte, teils linke Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 



' 1839. Roemer, Versteinerungen d. norddeutschen Oolithgebirges, Nach- 
trag S. 40. 

- Loc. cit. 

3 1858. QüENSTEDT, Der Jura S. 45 Tab. Ill Fig. 14. 

* Loc. cit. S. 191. 



53 VON Bistram: [168 

Astarte cingulata Tqm. 

Astarte cingulata Terqüem, Hettange p. 294 Tab. XX Fig. 6. 

Gerundete flache Schale mit kleinem Wirbel, ziemhch starker, 
weit auseinanderstehender concentrischer Streifung, zwischen diesen 
Streifen sind noch je drei bis vier feine ebensolche Streifen zu bemerken. 
Schalenrand innen glatt, ungekerbt. Das Schloss ist leider nicht zu 
sehen, doch stimmt Form und Sculptur sehr gut mit Terquems 
Beschreibung und Abbildung. 

Fundort: A. Bolgia. 

Familie: Lucinidae Desh. 

Genus: ? Corbis Cüv. 

Corbis? obscura, Tqm. und Piette. 

Tab. III Fig. 17—20. 

1875. Lucina obscura Terquem et Piette, Lias infer. p.88 Tab.VIII Fig. 11 — 13. 

Cf.l839. Venus jmmila Mstr., Goldfuss, Petrefacta S. 243 Tab. CL Fig. 7. 

Cf. 1850. Lucina pumila B'OnBidi^Y, Prodrome p. 235 No. 176. 

Cf.l875. — oviila Terquem et Piette, Lias infer.p. 87 Tab.VIII Fig. 14—16. 

Gleichklappig, ungleichseitig, ziemlich convex, Wirbel etwas hinter- 
ständig, nach vorne gekrümmt, vorderer Schalenrand zusammen- 
gedrückt, kleine, kurzovale, tiefe Lunula, lancettförmige Area mit 
äusserlichem Ligament, concentrisch gestreift. In der rechten Klappe 
ein starker Cardinalzahn und je ein vorderer und hinterer Seiten- 
zahn; in der linken zwei Cardinalzähne und je ein Seitenzahn. 

Ich habe die mir beschriebene Art hierher gestellt, obgleich 
die Abbildungen, Fig. 11 und 12, nicht ganz übereinstimmen, doch 
machen dieselben den Eindruck, nicht recht gelungen zu sein. Die 
Fig. 13, die die Umrisse in natürlicher Grösse giebt, stimmt aber 
sehr gut, und auch die Beschreibung, — bis auf die Bemerkung, 
dass ausser dem Cardinalzahn nur ein hinterer Seitenzahn vor- 
handen sei, was wohl an dem Erhaltungszustande gelegen haben 
mag. Die Verfasser erwähnen diese Art aus den Angulatenschichten, 
während L. ovula in dem Planorbishorizonte sich finden soll. 

Ich war geneigt, die Muschel zu Lucina jM'oblematica Tqm.^ zu 
stellen, doch scheint sich letztere durch die kaum sichtbare Lunula 
zu unterscheiden, während die Lunula bei unserer Form sehr deut- 
lich hervortritt. Von L. ovula unterscheidet sich unsere Form durch 



> 1855. Terquem, Hettange p. 337 Tab. XX Fig. 20. 



1691 CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 54 

den weniger über den Schlossrand vorspringenden Wirbel und den 
glatten Schalenrand, während Tqm. und Piette für L. ovula eine feine 
Zähnelung des Randes angeben. L. inimila wird bisher nur aus dem 
mittleren Lias erwähnt, gleicht aber sonst recht sehr unserer Art. 

Da Muskeleindrücke nicht zu erkennen sind, ist es nicht leicht, 
zu entscheiden, ob die Art zu Luc'ma oder zu Corhis gehört, der 
ganzen Gestalt nach aber möchte ich sie eher zu letzterer Gattung 
stellen. Die Angabe von Tqm. und Piette, dass L. ovuJa einen 
gekerbten Schalenrand habe, spricht dafür, dass diese Art ebenfalls 
bei Corhis einzureihen sei. 

Nach kleinen Schalen von jugendlichen Exemplaren, die voll- 
kommen mit den ausgewachsenen übereinstimmen, sind die Schloss- 
zeichnungen in viermaliger Vergrösserung angefertigt, während das 
abgebildete doppelklappige Exemplar zweimal vergrössert wurde. 

Untersuchte Stücke: 4 Exemplare und 5 einzelne Klappen 
von Jugendexemplaren, 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 



Familie: Cardüdae Lam. 

Genus: Cardinni Lin. 
Cardium Heberti Tqm. sp. 

Tab. IV Fig. 7—10. 

1855. Cardita? Heberti Terquem, Hettange p. 302 Tab. XX Fig. 10. 
1859. Cardium Terquemi Martin, Cote d'Or p. 86 Tab. V Fig. 16—20. 
1865. — — Märt., Terquem und Piette, Lias infer. p. 71. 

1864. Cardita Heberti Tqm., Dümortier, Infralias p. 146 Tab. XXI 

Fig. 10—12. 
1871. Cardium — Tqm., Brauns, Unterer Jura S. 326. 

Cf. 1856, — cloacinum Qüenst., Oppel und Süss, Aequivalente S. 540 

Tab. II Fig. 2. 
Cf. 1858. — — Qüenstedt, Jura Tab. I Fig. 37. 

Gerundeter Umriss, Schale gewölbt, Wirbel nach vorne und ein- 
wärts gebogen, stark über den Schlossrand vortretend. Die Sculptur 
besteht aus zahlreichen enganeinanderschliessenden gerundeten Radial- 
rippen, die von feiner concentrischer Streifung bedeckt und von 
einzelnen stärker hervortretenden Anwachsstreifen gekreuzt werden. 
Kleine tiefe Lunula und lancettförmige Area mit äusserlichem Liga- 
ment. Das Schloss besteht aus einem Hauptzahn in der rechten 
Klappe, zwei kleineren zu beiden Seiten der breiten Zahngrube in der 



55 VON Bistram: [170 

linken Klappe, dazu vorne und hinten je ein Seitenzahn. Der 
Schalenrand ist innen gekerbt, 

Martin betont, dass sein C. Terquemi in äusserer Form und 
Sculptur durchaus mit erstgenannter Art übereinstimme, seine Form 
aber ein richtiges Cardiumschloss zeige. Er erwähnt ferner, dass 
die jungen Exemplare nicht so aufgebläht seien als ausgewachsene, 
die ca. 8 — 9 mm Grösse erreichen. Dumortier will beide Formen 
nach der Sculptur unterscheiden, indem bei C. Terquemi die Rippen 
durch ebenso breite Zwischenräume, die von C. Heberti dagegen 
nur durch feine linienförmige Vertiefungen getrennt seien. Brauns 
hingegen glaubt an vielen untersuchten Exemplaren nachweisen zu 
können, dass diese Unterschiede nur Folge des Erhaltungszustandes 
seien. Wenn Terquem und Piette zur Unterscheidung anführen, 
dass ihnen vorliegende Exemplare, die der Grösse nach der ver- 
grösserten Zeichnung Martins entsprechen, viel mehr aufgebläht 
erscheinen, sowie stumpfere Rippen zeigen, so kann man darin nach 
der vorher erwähnten Bemerkung Martins im Gegenteil nur einen 
Grund zur Vereinigung finden. Es liegen nirgends Andeutungen 
dafür vor, dass Terquem das Schloss seiner Art gekannt habe^ 
Brauns vereinigt auch noch C. cloadnum mit unserer Form; jeden- 
falls stehen sich die Formen sehr nahe. 

Untersuchte Stücke: 27, meist einzelne rechte und linke 
Klappen. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Genus: Protocardia Beyr. 
Protocardia Philippiana Dkr, 

Tab. IV Fig. 1. 

1847. Cardiiim Philippianmn Dünker, Halberstadt S. 116 Tab. XVII 

Fig. 6. 
? 1853. — rhaeticum Mer., Escheb, Vorarlberg S. 19 Tab. IV 

Fig. 40. 



^ Für diese Annahme, dass Terquem das Scbloss nicht gekannt hat, siDiicht 
der Umstand, dass er, obgleich er das nicht seltene Vorkommen von einzelnen 
Schalen erwähnt, die Gattungsbezeichnung Cardita unter Reserve mit einem ? 
giebt. Ferner spricht dafür die Bemerkung von Terqüem und Piette, die, nach- 
dem sie die oben erwähnten Unterscheidungsmerkmale angeführt haben, zugeben, 
dass beide Formen sicher nur nach dem Schloss zu unterscheiden seien — 
2 Seitenzähne (1 hinterer und 1 vorderer) bei Cardimn, 1 (hinterer) Seitenzahn 
bei Cardita. — Hätten sie bei Cardita Heberti die Schlossmerkmale beobachtet, 
so würden sie es wohl sicher an dieser Stelle hervorgehoben haben. 



171] CoMASKER Alpen. I. Liasfaüxa der Val Solda. 56 

~ 1855. Cardium Philipinanum Dkr.,Terquem, Hettange p. 288 Tab. XVIII 

Fig. 16. 
? 1856. — rhaeticum Mer., Oppel und Süss, Aequivalente S. 13. 

Tab. II Fig. 1. 
? 1865. — Phüipjnaniim Dkr., Stoppani, Contortaschichten S. 48 

Tab. IV Fig. 18—25. 
1871. Protocardia Pliilippiana Dkr., Brauns, Unterer Jura S. 324. 
1897. — — Dkr., Philippi, Halberstadt S. 440. 

? 1902. Cardium rhaeticum Mer., Repossi, Val d'Intelvi p. 32. 

Cf. 1836. — truncatum Roemer, Oolith S. 39. 

Cf. 1839. — — Roem., Goldfüss, Petrefacta S. 218 

Tab. CXLIII Fig. 10 a u. b. 

Es liegen mir aus der Val Solda nur zwei Bruchstücke vor, 
an denen hauptsächlich der Schlossrand und Teile der Schale zu beiden 
Seiten desselben erhalten sind. Ich Hess den Schlossrand des gut 
erhaltenen Schlosses wegen abbilden. Der erhaltene Teil der Schale 
lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass wir die Exemplare 
zu dieser Form zu stellen haben. 

Stoppani (1. c.) vereinigt C. rhaeticum mit der DuNKERschen Lias- 
form, und ebenso C. truncatum aus höherem Niveau, während Dunker 
ausdrücklich C. PhHippiatium von C. truncatum trennt und Brauns 
(1. c.) auch C. rliaetkum trennen will. Es lässt sich also auch nicht 
sicher erkennen, ob Stopp anis Form, falls die letzterwähnte 
Trennung gerechtfertigt sein sollte, hierher oder zu C. rhaeticum "zm. 
stellen sei. Oppel und Süss (1. c.) trennen C. rhaeticum ebenfalls von 
der liasischen Form. Die mir vorliegenden Stücke genügen nicht, 
um zu entscheiden, ob der Kiel, auf den hin C. rhaeticum von 
C. Philippicmum getrennt wird, vorhanden ist oder nicht, so stelle 
ich sie der grösseren Wahrscheinlichkeit wegen zur DüNKERschen 
Art. Jedenfalls stehen sowohl die rhätische Form als auch die C. trun- 
catum aus den höheren Schichten unserer Form ausserordentlich nahe. 

BiTTNER^ weist nach, wie die Gattung Protocardia kaum vor 
dem Rhät auftritt, um dann sehr häufig zu werden. 

Untersuchte Stücke: 2 Bruchstücke von A. Bolgia. 

Famihe: Pholadomyidae Fischer. 

Genus: PhoUidomija Sow. 

Pholadomya corrugata K. u. D. 

1837. Pholadomya corrugata Koch und Duncker, Beiträge S. 20 Tab. I Fig. 6. 
1845. — gldbra ägassiz, Mues p. 69 Tab. IIT, 1 Fig. 12—14. 

' 1895. BiTTNER, Lamellibranch. d. alp. Trias S. 225. 



57 VON BiSTRAM: [172 

1852. Pholadomya glahra Ag , Chapuis und Dew., Luxembourg p. 114 

Tab. XVI Fig. 2. 
1858. — — Ag., Quenstedt, Jura S. 81 Tab. 10 Fig. 2. 

1864. — — Ag., Dümortier, Infralias p. 45 Tab. V Fig. 7—8. 

Zwei mir vorliegende doppelklappige Exemplare, von denen eines 
fast vollständig ist und, bei 22 mm Länge, 14 mm Breite und 
11 mm Dicke zeigt, sowie ein zweites grösseres unvollständiges von 
22 mm Breite stimmen sehr gut zu den angeführten Beschreibungen 
und Abbildungen, 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

BracMopoda. 

Genus: RItynchonella Fischer. 
Rhynchonella variabilis Schlth. 1813 sp. 

1832. Terebratula variabilis Zieten, "Württemberg Tab. XLII Fig. 6. 
1852. — triplicata Quenstedt, Handbuch S. 451 Tab. XXXVI Fig. 1-2. 

1861. Bhynclionella Buchii? Roem., Chapüis und Dew., Luxembourg p. 247 

Tab. XXXVII Fig. 4. 

1865. — variabilis Schlth. sp. Dümortier, Infralias p. 165 Tab. XXV 

Fig. 5—10. 
1861. — Deffneri Oppel, Branchiopod. d. unt. Lias S. 535. 

1871. — variabilis Schlth., Brauns, Unterer Jura S. 436. 

Stark gewölbte bauchige Schalen mit starken Rippen, die meist 
nach dem "Wirbel zu sich abschwächen und verschwinden. Der 
Sinus in der grossen Klappe trägt zwei bis fünf Rippen, die rechts 
und links sich anschliessenden, die den Sinus begrenzen, treten am 
stärksten, kielartig, hervor. 

Ich unterlasse es, die reichhaltige Litteratur anzuführen und 
die Synonyma aufzuzählen und will nur bemerken, dass schon Chapuis 
und Dewalque bemerken, dass die von ihnen als Rh. BucJäi auf- 
geführte Art vielleicht zu Rh. variahüis zu ziehen sei. 

Untersuchte Stücke: 19. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Rhynchonella plicatissima Quenst. sp. 

1852. Terebratula plicatissima Quenstedt, Handbuch S. 451 Tab. XXXVI 

Fig. 3. 
1856. Bhynchonella — Oppel, Jura S. 109. 

1866. — portuvenerensis Capellini, Specia p. 76 Tab. VI Fig. 17 — 18. 



173] CoMASKER Alpen. I. Liasfaüna der Val Solda. 58 

Unterscheidet sich von der vorigen dadurch, dass die Schale 
eine grössere Zahl feiner einfacher Falten trägt und verhältnis- 
mässig flach, viel weniger kugelig ist. 

Untersuchte Stücke: 3 von A. Castello. 

Gastropoda. 

Famihe: Pleurotomariidae d'Okb. 

Genus: Pleurolomaria Defk. 

Pleurotomaria lens Tqm, 

Tab. IV Fig. 14, 15. 

1855. Pleurotomaria lens Terqüem, Hettange p. 271 Tab. V Fig. 6. 
1865. — — Tqm., Terqüem und Piette, Lias inferieur p. 59. 

Flachgerundete Schale, die Windungen sich zum grössten Teil 
umfassend, so dass das Schlitzband nur auf der letzten AVindung sicht- 
bar ist; der Windungsquerschnitt auf der oberen Seite eckig (bei den 
jüngsten Umgängen einfach gerundet), die untere Seite gerundet, 
so dass eine gewölbte Basis entsteht. Die Spindel anfänglich hohl 
und ziemlich breiter Nabel, der sich aber mit dem Alter verkleinert 
und wohl später ganz verschwindet. 

Obgleich meine beiden Exemplare einen Nabel zeigen, während 
Terqüem für seine PL Jens ausdrückhch das Fehlen desselben be- 
tont, so glaube ich aus den angeführten Merkmalen annehmen zu 
dürfen, dass mit fortschreitendem Wachstume der Nabel sich ganz 
schliesst und die TERQUEMsche Abbildung nur ein älteres Exemplar 
darstellt. Sonst stimmt die Form und der Charakter meiner Exem- 
plare ganz mit denen Terquems überein. 

Untersuchte Stücke: 2. 

Fundort: Val Solda. 

Famihe: Trochonematidae Zittel. 

Genus: Amberleya jV[oor. und Lyc. {Eucyclus Deslongch.) 

Amberleya decorata Mart. sp. 

Tab. IV Fig. 17, 18. 

Martin, Congres scientifique d. Fr. XXV Session 

p. 382 Tab. I Fig. 7. 

Martin, Ibid. p. 383 Tab. I Fig. 8. 

— Ibid. p. 383 Tab. I Fig. 9. 

— Cote d'Or p. 73 Tab. I Fig. 37—38. 
1859. Purpurina tricarinata — Ibid. p. 75 Tab. II Fig. 6 — 7. 



1858. 


Turbo decoratus 


1858. 


— snbcrenatus 


1858. 


— cristatus 


1859. 


— triplicatus 



59 'V'ON Bistram: [174 

1902. Eucyclus tricarinatus Mart., Cossmann, Veudee p. 194 Tab. IV 

Fig. 13—14. 

Masse des abgebildeten Exemi)lares: 

Länge 5,4 mm. 

Spitzenwinkel 58". 

Kreiseiförmige Schale, Basis ebenso, nur etwas stumpfer, um 
die Mitte der Windungen ziehen sich zwei Spiralkiele, während ein 
dritter, schon gewissermassen zur Basis gehöriger nur auf der letzten 
"Windung in der Seitenansicht sichtbar ist, sonst aber von den fol- 
genden Windungen verdeckt wird. Gekreuzt werden diese Kiele 
durch Querleistchen, die auf den späteren Umgängen älterer Exem- 
plare nach unten dichotomieren. An den Kreuzungsstellen beider 
Sculpturelemente bilden sich Knötchen. Durch diese Sculptur er- 
scheint die ganze Schale wie von einem sehr elegantem Netzwerk 
bedeckt, dessen Maschen auf den oberen Windungen rechteckig, bei 
älteren Exemplaren aber auf den unteren infolge der Dichotomierung 
der Querrippen dreieckig erscheinen. An älteren Exemplaren kann 
man auch beobachten, wie auf dem oberen Abfall der Windungen unter 
den Hauptkielen noch ein bis drei schwache Spiralkiele sich einstellen. 
Die Basis zeigt dieselbe Sculptur, indem vier Spiralkiele (incl. des 
schon oben erwähnten) auf derselben hervortreten, die von radialen 
Leisten gekreuzt werden. Innenlippe etwas schwielig, die Mund- 
öffnung gerundet mit schwachem vorderen Ausguss, die Mundränder 
nicht zusammenhängend. 

Das abgebildete Exemplar stimmt am meisten, wenn auch nicht 
vollständig, mit dem von Martin unter dem Namen Furjß. tricarinata 
abgebildeten überein, doch kann ich an anderen mir noch vorliegen- 
den, wenn auch nicht so gut erhaltenen, Exemplaren die verschiedenen, 
oben erwähnten Uebergänge in der Sculptur beobachten, welche es 
mir zweifellos erscheinen lassen, dass Martins sämtliche oben 
erwähnten fünf Formen zusammenzuziehen sind. Dabei gebührt dem 
Namen T. decoratus, als älteren, der Vorrang und erscheint der- 
selbe auch geeigneter als tricarinatus, da es sich in Wirklichkeit 
nur um zwei Hauptkiele (auch auf Martins Abbildung von Purp, 
tricarinata) handelt. Turho cristatus ist nur ein jüngeres Exemplar, 
wie es schon Martin als möghch hinstellt. Jedenfalls dürfte es 
sich nicht hier um verschiedene Arten, sondern höchstens um 
Varietäten derselben Art handeln. 

Dem Spitzenwinkel und der Skulptur nach sehr ähnlich unserer 
Art scheint eine St. Gas si an er Form, die zuletzt von Kittl als 



175] CoMASKEE Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 6Q 

Wmihenia Triton d'OiiB.^ beschrieben ist, von Münster Fleuroto- 
maria decorata genannt wurde, von Laube als Turho decoratiis^ er- 
wähnt wird und von demselben später als Fleurotomaria Triton^ 
bezeichnet ist. Ich war daher zweifelhaft, ob unsere Art den 
Namen decorata behalten dürfe, habe mich aber bei den eben er- 
wähnten Autoren überzeugt, dass ihre Form, der der Anciennität 
nach den Namen decorata zukommt, wohl zweifellos eine Fleurotoniariide 
ist, während unsere Art sicher kein Schlitzband hat. Somit unter- 
scheidet beide Arten schon der Gattungsname. 

Von jüngeren Formen scheint das Bruchstück, das Goldfüss* 
als Trochiis anaglyptkus Mstr. aus dem unteren Oolith abbildet, 
unserer Art einigermassen ähnlich zu sein. 

Untersuchte Stücke: 5. 

Fundort: Val Solda. 

Famihe: Umboiiiidae Ad. 

Genus: Clirysostonia. 

Chrysostoma solarium Piette sp. 

Tab. IV Fig. 19—21. 
1856. Turho solarium Piette, Aiglemont p. 205 Tab. X Fig. 16. 
1865. — — — Terquem und Piette, Lias inferieur p. .50 

Tab. III Fig. 22—24. 
?1902 Ataphrus planilabium Cossmann, Vendee p. 196 Tab. IV Fig. 21. 

Kleine kugelige, glatte Schale mit kurzem, etwas kantigem Ge- 
winde und grossem gerundeten letzten Umgange, runder Mundöffnung 
mit umgeschlagener Innenlippe. Nabel mit schwachen Falten am 
Abfall der Schale zu demselben, von der Innenlippe fast verdeckt. 
Er verschwindet bei älteren Exemplaren. 

Obgleich bei meinen Exemplaren die Schalenfalten um den Nabel 
nur eben angedeutet erscheinen, glaube ich doch dieselben zur Piette - 
sehen Form stellen zu sollen, da sie in Form, Grösse, Querschnitt der 
AVindungen und der Mundöffnung ganz der Abbildung entsprechen. 

Die "Wiedergabe des At. planUahium bei Cossmann ist zu un- 
deutlich, um sichere Vergleiche damit anzustellen. 

Untersuchte Stücke: 5. 

Fundort: Val Solda. 



' 1891. Kittl, Gastropoden v. St.Cassian S. 198 Tab. III Fig. 17, 18. 
- 1864. Laube, Münstersohe Arten v. St. Cassian S. 410. 
•■' 1868. Laube, St. Cassian III S. 51 Tab. XXVI Fig. 10. 
' Petrefacta III p. 55 Tab. CLXXX Fig. 4. 



gl VON Bistram: [176 

Familie: Neritopsidae Fischer. 

Genus: Aerifopsis Arat. 

Neritopsis granum Dum. sp. 

Tab. IV Fig. 16. 
1864. Trochus granum Dumortier, Infralias p. 129 Tab. XX Fig. 15, 16. 

Kleine stumpfkreiselförmige Schnecke mit vertieften Nähten und 
runden Umgängen, die 3 Spiralkiele und ca. 20 Querleisten gleicher 
Stärke tragen , deren Zwischenräume ziemlich gleich sind , so dass 
eine quadrierte Sculptur entsteht. Auf der gerundeten Basis gleiche 
Spiralkiele, doch keine Quersculptur. Dumortier bemerkt, wie er 
und gleichfalls Martin diese Art ursprünglich mit Troclms Doris 
MsTR. ^ identificiert hätten, doch sei der Spitzenwinkel letzterer Art 
viel stumpfer und der Querschnitt der Umgänge eckiger. 

Untersuchte Stücke: 1. 

Fundort: A. Bolgia. 

Familie: Turritellidae Gra?. 

Genus: Mesalia Gray. 

Turritella (Mesalia) Zenkeni Dkr. sp. 

Tab. V Fig. 13, 14. 

1847. Melania Zenlceni Dunker, Halberstadt S. 108 Tab. XIII 

Fig. 1—3. 
1847. Chemnitzia Zeiikeni d'Orbigny, Prodome I p. 213 No. 41. 
1852. — turhinata Tqm., Chapuis und Dew., Luxembourg p. 77 

Tab. XI Fig. 3. 
1855. Turritella Zenlceni Dkr., Terquem, Hettange p. 253 Tab. III 

Fig. 6. 
1855. — DesJiayesea Terquem, Ibid. p. 253 Tab. III Fig. 7. 

1858. Melania Zinkeni Quenstedt, Jura S. 60 Tab. V Fig. 17—19. 

1864. — Zenkeni Dkr., Dumortier, Infralias p. 116 Tab. XIX 

Fig. 4. 

1864. Turritella Deshayesea Tqm., Dumortier, Ibid. p. 29. 

1865. — — Tqm., Terquem und Piette, Lias inferieur 

p. 37. 

1865. — Zenkeni Dkr., Terquem und Piette, Ibid. p. 36. 

1866. Chemnitzia Meneghinii Capellini, Spezia p. 39 Tab. I Fig. 13 — 14. 
1876. Turritella Zenkeni Dkr., Täte und Blake, Yorksbire lias p. 349. 

non 1866. — — Dkb., Capellini, Spezia p. 38 Tab. II Fig. 12. 

non 1866. — Deshayesea Tqm., Capellini Ibid. p. 39. 



' 1839. GoLDFUSS, Petrefacta III S. 54 Tab. CLXXIX Fig. 10. 



177] CoMASKER Alpen. I. Liäsfauna der Val Solda. 62 

Turmförmiges Gehäuse mit wohlgerundeten Umgängen und tiefen 
Nähten; die Sculptur besteht aus feinen vertieften Linien, so dass 
die Windungen von schmalen, flachen, gleichmässig breiten Spiral- 
streifen (auf dem abgebildeten Exemplare ca. 20) bedeckt erscheint. 
Die von ihm früher als Ch. turhinata benannte Schnecke stellt 
Terquem selbst hierher; die Turriteüa Deshaijesea Tqm. kann nach 
Abbildung und Beschreibung m. E. nicht von T. Zenlxni getrennt 
werden. 

Die von Capellini als T. Desliwjesea und T. Zenkeni beschrie- 
benen Formen haben einen viel stumpferen Spitzenwinkel und ge- 
hören wohl nicht hierher, sondern vielleicht zu Promathildia fragilis Tqm. 

Untersuchte Stücke: 1. 

Fundort: A. Bolgia. 

Famihe: Pyramidellidae Gray. 

[Pseudomelaniidae Fischer.) 

Genus: Outphaloptycha v. Ammon. 

Omphaloptycha morencyana Piette sp. 

Tab. V Fig. 1, 2. 

1856. PJiasianella morencyana Piette, Aiglemont p. 204 Tab. X Fig. 12. 
? 1858. Paludinenartige Muschel Quenstedt, Jura S. 50 Tab. V Fig. 6. 
Cf. 1892. Chemnitzia (Microschiza) notata v. Ammon, Hochfellen etc. S. 200. 
1902. Coelosti/Una Chartroni Cossmann, pars Vendee p. 186 Tab. IV Fig. 15 
(non Fig. 9). 

Grösse der abgebildeten Stücke: 
Fig. 1 Fig. 2. 

Länge 17 mm 5,2 mm 

Breite 9,2 „ 2,9 „ 

Spitzenwinkel 48" 520 

Basiswinkel 83 '^ 90" 

Gehäuse kegelförmig, Windungen wenig gewölbt, stark über- 
einandergreifend, Nähte nicht sehr tief, Schale glatt, Mundränder 
scharf, der innere etwas übergeklappt, die Nabelspalte halb verdeckend, 
die Basis stumpfconisch, Mundöffnung linsenförmig-oval. Ich konnte 
an einem Exemplare constatieren , dass die Spindel hohl ist, doch 
deckt die übergeklaispte Innenlippe in den meisten Fällen dieselbe. 
Somit erscheint die Classitikation unter obiger Gattung gesichert, 
nachdem Kittl^ für die Originale v. Ammons die hohle Spindel 
nachgewiesen hat. 



' 1899. Kittl, Gastropoden d. Esinokalke S. 106. 
Berichte XIII. 12 



63 VON Bis TRAM : [178 

Die Art scheint in den betreffenden Schichten der Val Solda 
recht häufig zu sein, da ich viele, wenn auch zum Teil verdrückte 
oder nicht ganz vollständig erhaltene Exemplare gefunden habe. 
Die Grösse schwankt zwischen ziemlich weiten Grenzen, so dass 
man versucht sein könnte, wenigstens an Varietäten zu denken, doch 
liegen mir auch Zwischengrössen vor. Ich habe ein grösseres und 
ein kleineres Exemplar abbilden lassen. 

Recht ähnlich unserer Form erscheint Littorina sylvestris^, die 
sich aber nach dem Autor dadurch unterscheiden soll, dass die 
Windungen sich stärker umfassen, ausserdem die Mundöffnung runder 
sei; letzteres Unterscheidungsmerkmal scheint mir nicht sehr stich- 
haltig, da bei Dumortiers Exemplaren die Mundöffnung, nach den 
Abbildungen wenigstens, nicht erhalten zu sein scheint. 

CossMANNS oben citierte Abbildung stimmt ebenso wie die Be- 
schreibung durchaus zu meinen Exemplaren, während Fig. 9 viel 
gerundetere Windungen zeigt. 

Untersuchte Stücke: 27. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Genus: Promathildia Andreae sp. 
1887. Andreae, Glossoplioren d. Terrain ä chailles der Pfirt S. 23. 

Altmesozoische, schlankturmförmige Schnecken mit ausgesproche- 
ner Spiral- sowie concentrischer Sculptur, die aus feinen Kielen 
oder Linien besteht, mit ovaler MundöÖnung und eben angedeutetem 
Ausguss, sind bald zu Turrüella, bald zu Ceritldum oder Chemnitgia 
gestellt worden. 

Wir haben es in Folgendem mit einer Reihe solcher Formen 
zu thun, die sich hauptsächlich durch das raschere oder langsamere 
Anwachsen der Windungen und den Betrag des Spitzenwinkels von- 
einander unterscheiden, ihrer Sculptur nach aber sich sehr gleichen 
und eine so nahe Verwandtschaft miteinander zeigen , dass bei dem 
Vorhandensein von Zwischenformen es fast schwer hält, sie von- 
einander in verschiedene Arten abzugrenzen. 

Leider ist die Spitze mit dem Embryonalgewinde sehr selten 
erhalten (bei meinen zahlreichen Exemplaren konnte ich keines er- 
kennen), so dass die Frage der systematischen Stellung schwierig ist. 

Nun meint aber Cossiviann ^ bei einem Exemplare von Ceritlniim 
Semele d'Orb. das heterotrope Embryonalgewinde deutlich erkannt 

> 1864. DuMORTiER, Infralias p. 118 Tab. XIX Fig. 7. 
- 1902. CossMANN, Vendee S. 183. 



179] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 64 

zu haben und bereits v. Ammon glaubt die Andeutung des links 
gewundenen Embryonalendes an Vorläufern unserer Formen, derTurri- 
teUa Bolma Ms,TR. aus den Raibler Schichten^ sehen zu können. Daher 
glaube ich, alle diese Formen zu der ANDEEAEschen Gattung stellen 
zu müssen. 

Fischer (Manuel de Conchyliologie) stellt 3IatliUda zu den 
Turritelliden, ebenso früher Zittel in seinem grossen Handbuche, 
während er im kleinen Handbuche sie von TitrnteUa trennt und zu 
den Pyramidelliden stellt, v. Ammon bemerkt, dass vielleicht bei 
Beurteilung der systematischen Stellung auf das Merkmal der hetero- 
tropen Embryonalwindung kein so grosses Grewicht zu legen sei und 
meint, Promathildia jedenfalls als TurriteUa (Mesalia) sehr nahestehend 
ansehen zu müssen, während G. Boehm^ Promathildia zu den Ceri- 
thiiden stellt. Koken ^ bespricht diese Gattung und bemerkt dabei, 
dass sie zu den eigentümlichen zwischen Opisthobranchiaten und 
Prosobranchiaten schwankenden Famihen gehöre und will sie in 
die Nähe der Ceritliien stellen. 

Ich habe die Gattung, Zittel folgend, vorläufig unter Fyrami- 
deUidae, des links gewundenen Embryonalgewindes wegen, gestellt. 

Promathildia Dunkeri Tqm. 

Tab. V Fig. 3—8. 

1846. Melania TurriteUa Dünker, Menkes Zeitschrift f. Malakol. 

S. 169. 

1847. — — Dunker, Halberstadt S. 109 Tab. XIII 

Fig. 5—7. 
1847. Cerithium subturriteUa d'Orbigny, Prodrome p. 214 Xo. 58. 
1851. — — Dkr. sp., Chapüis und Dew., Luxembourg 

p. 105 Tab. XIII Fig. 5. 

1855. TurriteUa DunJceri Dkr. sp., Terqüem, Hettange p. 252 Tab. XIV 

Fig. 5. 

1856. Cerithium pleurotoma Piette, Aiglemont p. 202 Tab. X Fig. 6. 
1858. TurriteUa unicarinata Quenstedt, Jura S. 61 Tab. V Fig. 27 — 29. 

1858. Cerithium Martinianum d'Orb., Martin, XXV Congres scientifique 

p. 389 Tab. II Fig. 5. 

1859. — sinemuriense Martin, Cote d'Or p. 76 Tab. II Fig. 19, 20. 
1859. — CoUenoti — Ibid. p. 77 Tab. II Fig. 21, 22. 
1859. TurriteUa Humberti — Ibid. p. 70 Tab. II Fig. 11—14. 



1 1892. V. Amjion, Hochfellen S. 203. 

- 1895. BoEHM, Gastropoden der Marmolata. 

' 1889. Koken, Entwicklung der Gastropoden S. 458 ff. 

12^ 



Fig. 4. 


Fig. 7. 


Fig. 8. 


10,7 mm 


11,2 mm 


9,8 mm 


4,0 — 


3,4 - 


3,3 — 


20« 


18" 


19» 


18 7o 


19 7o 


20 7o 



6.5 VON BXSTRAM [180 

1861. Channitzia fistulosa Stolitzka, Hierlatzschichteu S. 166 Tab. I 

Fig. 9. 
1865. — — Dkr. sp., Terquem und Piette, Lias infer. 

p. 37. 
1892. Turritella circinnicla v. Ammon, Hochfellen etc. S. 195. 
1802. — Dunkeri — Ebd. S. 195. 

Cf. 1892. Loxonema alpicolum v. Gümb., v. Ammon, Ebd. S. 180. 
(non 1864. Turritella Dunkeri Tqm., Dümortier, Infralias p. 119 Tab. XX 

Fig. 1.) 

Grösse der abgebildeten Exemplare: 
Fig. 3. 
Länge 10,5 mm 

Dicke 2,5 — 

Spitzenwinkel 12" 

Breite des letzten Umganges 14,5 "/o 

Schnecke von geringer Grösse, Gehäuse spitzturmförmig, lang, 
zaMreiche gerundete Umgänge, scharf eingeschnittene Naht. Die 
Sculptur besteht aus einigen (1 — 4) scharfen Spiralkielen und zahl- 
reichen feinen, dicht gestellten Anwachslinien, die in einem kleinen 
Bogen, dem äusseren Mundrande entsprechend, quer über die Win- 
dungen verlaufen. Die Basis ist flachgerundet, die Mundöftnung 
(an meinem Exemplare nicht erhalten) gerundet mit kleinem Ausguss. 

Die Sculptur der Schale ist in ihren Details ziemlich wechselnd 
und auch der Spitzenwinkel schwankt in gewissen Grenzen. 

Die Anfangswindungen zeigen durch das besonders starke Her- 
vortreten eines Spiralkieles einen winkehgen Querschnitt, während 
die grösseren Windungen mehr gerundet erscheinen. Durch Hervor- 
treten von zwei Hauptkielen wird auf der Mitte der Windungen ein 
scheinbar flaches Band gebildet. Ueberhaupt erscheint, je nachdem 
die Spiralsculptur mehr oder weniger stark hervortritt, was zum Teil 
auch von dem Erhaltungszustande abhängt, der Querschnitt der Win- 
dungen bald mehr gerundet, bald eckiger, auch spielt, bei der im 
Ganzen nicht sehr stark hervortretenden Sculptur, die Richtung der 
Beleuchtung, unter der die Exemplare betrachtet oder abgebildet 
werden, eine grosse Rolle, ein Punkt der besonders beim Vergleiche 
der immer kleinen Individuen unter der Lupe oder dem Mikroskope, 
resp. von Photographien derselben, wobei einseitiger schräger Licht- 
eiufall benutzt werden wird, berücksichtigt werden muss. 

So ist es denn erklärlich, dass diese Art unter so verschiedenen 
Namen abgebildet und beschrieben worden ist. Terquem \ dem die 



^ 1855. Log. cit. 



181] CoMASKER Alpen. I. Lusfauna der Val Solda. 66 

Originale Dunkers, sowie Stücke von den verschiedenen französischen 
Fundpunkten vorgelegen haben, hat sie bereits unter einem Namen 
vereinigt. Nur eines seiner Citate habe ich weglassen zu müssen 
geglaubt, nämhch das auf Tab. VII Nr. 16 abgebildete, als Tiirr. 
ZenTxeni bezeichnete Stück, welches er im Texte Cer. aciiticostatum 
nennt. Terqüem und Piette citieren die betr. Abbildung \ doch 
ist nicht klar zu ersehen, ob sie die Form, die nach Zeichnung und 
Beschreibung doch stark abweicht, aufgeben wollen und Cer. acidi- 
costatum auch zu der vorliegenden Art ziehen. 

Dagegen dass die Formen mit zwei Kielen, mit solchen, wo an 
den Windungen oben dicht an der Naht noch ein dritter Kiel 
erscheint oder gar noch ein vierter am unteren Teil der Windung 
in der Nähe der Naht, zusammengezogen werden, wird sich kaum 
ein Einwand erheben, da die Anlage zu diesen Kielen offenbar bei 
allen Individuen vorhanden ist und es sich im einzelnen Falle nur 
darum handelt, ob die Kiele bei der Aufrollung der Schale sichtbar 
bleiben oder durch dieselbe verdeckt werden, — resp. sich nicht 
bilden können, wenn sie unter die Schale des vorigen Umganges 
fallen. 

Man kann dagegen allerdings im Zweifel sein, ob die Formen, 
die sich durch die viel geringere Dicke als die der Durchschnitts- 
exemplare auszeichnen und daher auch einen noch spitzeren Spitzen- 
winkel haben, auch noch zu dieser Art gezogen werden können; ich 
habe es nach dem Vorgang von Terquem und Piette gethan, 
da es schwer fällt, die Grenzen zwischen beiden Formen zu be- 
stimmen. Wohl aber wäre es vielleicht am Platze, hier zwei Varie- 
täten zu unterscheiden, erstens die häufigste Form mit einem Spitzen- 
winkel von ca. 18 — 20° und in der Regel 2 — 3 Spiralkielen, die 
als Prom. Dunkeri s. str. aufzufasssen wäre und eine Varietät mit 
schlankerem Gewinde (ca. 12°) entsprechend unserer Fig. 3 und 
der MARTiNschen Form Collenoti, sowie der STOLiTZKASchen Ch. 
fistuhsa, und v. Ammons Turr. cirdnmüa, die als Prom. Dunkeri, 
Tqm., rar. Martini der erstmaligen Abbildung durch Martin ent- 
sprechend zu bezeichnen wäre'-. 

Nahe Verwandte unserer Art finden sich jedenfalls schon in 



1 1865. Loc. cit. 

^ Terqdem und Piette haben, nachdem sie den Namen Collenoti als 
Synonym von Dunkeri eingezogen, denselben für eine andere Form verwandt, 
sonst hätte ich für die Varietät den Namen CoUenoti, den ihr Martin als Art 
gegeben, beibehalten. 



67 VON Bistram: [182 

der oberen Trias, worauf v. Ammon schon hinweist^, so Tiirritella 
Gmnbeli ' v. Ammon und T. Stoppanii Winkler aus dem Rhät und 
Turritella (Frmnathüdia) Bolina Mstr. aus den Raibler Schichten 2. 

Untersuchte Stücke: Zahh'eiche Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Promathildia Semele d'Orb. sp. 

Tab. V Fig. 18. 

1847. Gerithium Semele d'Orbigny, Prodrome I p. 215 No. 60. 

1855. — Jobae Terqüem, Hettange p. 277 Tab. XVII Fig. 7. 

1856. — Terquemi Piette, Aiglemont p. 201 Tab. X Fig. 7. 
1858. Turritella Melania Quenstedt, Jura S. 61 Tab. V Fig. 21, 22. 
1858. Gerithium Semele d'Orb., Martin, Cote d'Or p. -75 Tab. II 

Fig. 8—10. 
Cf. 1864. — viticola Dumortier, Infralias p. 31 Tab. III Fig. 3. 

? 1864. — Falsani Dumortier, Ibid. p. 141 Tab. XXVII Fig. 7. 

1866. — Semele d'Orb., Capellini, Spezia p. 33 Tab. II 

Fig. 1, 2. 
1866. Turritella bicarinata Capellini, Ibid. p. 39 Tab. II Fig. 13, 14. 
1866. — JDunkeri Dkr. sp.?, Capellini, Ibid. p. 37 Tab. II 

Fig. 10, 11. 
1902. PromatMldia Semele d'Orb., CossMANN,Vendee p. 183 Tab. III Fig. 10. 
1902. — terebrans Cossmann, Ibid. p. 184 Tab. III Fig. 28, 29. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 
Länge 11,3 mm 

Spitzenwiukel 22 " 
Letzter Umgang 22 "fo 

Turmförmige Schale mit tiefen Nähten, die Sculptur besteht 
aus feiner Quer- und Spiralstreifung. Letztere tritt auf der vor- 
deren Hälfte stärker hervor, die Spiralhnien stehen weiter von einander 
ab und bilden Kiele (meist drei), deren oberster etwas vor der Mitte 
gelegener die Umgänge in zwei Teile teilt, so dass der nach der Spitze 
abfallende Teil von feinem rechteckigen Maschwerk bedeckt erscheint, 
während die Maschen des Abfalles zur Mündung länglich erscheinen und 
hier die Spiralstructur durch ihre Stärke überwiegt. Die Umgänge sind 
in der Jugend eckig, vom obersten Kiel nach beiden Seiten in fast 
geraden Linien abfallend, runden sich dann mit zunehmender Grösse 
ab. Es schieben sich dann auch noch feinere Spiralstreifen zwischen 
die mehr zurücktretenden drei Hauptkiele. Martin weist schon auf 



' Loc. cit. p. 196. 

^ V. Ammon, loc. cit. p. 203. 



1831 CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 68 

die grosse Variabilität der Sculptur hin. Eine grössere Anzahl mir 
vorliegender Exemplare zeigt dasselbe, ebenso einen gewissen Wechsel 
des Spitzenwinkels (zwischen 22 und 28°). Der Sculptur nach gleicht 
diese Art durchaus der ProniatJiüdla DimJceri sowie der Proni. 
Terqiiemi, nur die stumpfere resp. spitzere Form unterscheidet sie. 
Bei der Proni. Dank, bleibt ausserdem der eckige Windungsquerschnitt 
länger erhalten. Ich habe keinen Anstand genommen, die von 
CossMANN aufgestellte neue Art terehralis mit unserer zu vereinigen 
nach Vergleich seiner Abbildung und Beschreibung mit meinem 
Material. 

Zwei der von Terquem als Synonyma von Cer. Jobae = Semele 
erwähnten Artennamen dürften wohl zu Prom. Biiiiken zu ziehen sein 
und sind daher unter jener Art von mir angeführt. 

Wahrscheinlicherweise ist Cer. viticola Dum. hierher zu stellen; 
was Cer. Falsani anbetrifft, so würde ich es auch unbedenkKch nach 
der Abbildung, die einen Spitzenwinkel von 22 ^ zeigt, hierher rechnen, 
nach der Angabe im Text, die ihn mit 16° aufführt, jedoch dürfte 
dieses (einzelne) Exemplar wohl zur vorigen Art gehören. Sicher 
gehört Turr. hicarinata Cap. hierher und dürfte das mit Tttrr. DimJceri? 
bezeichnete Bruchstück wohl ebenfalls hierher zu stellen sein. 

Untersuchte Stücke: Zahlreiche Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Promathildia Terquemi nov. nom. 
(non Cerithium Terquemi Piette 1856.) 
Tab. V Fig. 9—11. 
1865. Turbo atavus Ch. und Dew., Terquem und Piette, Lias infer. 

p. 51 Tab. III Fig. 28—30. 
1865. — Nysti Ch. und Dew., Terquem und Piette, Ibid. p. 50 

Tab. III Fig. 25—27. 
1862. Turritella hmensis Capellini, Spezia p. 44 No. 26. 
Cf. 1866. — somervilliana Capellini, Spezia p. 40 Tab. II Fig. 15, 16. 

Cf. 1892. — — Cap., v. Ammon, Hochfellen etc. S. 195. 

Grösse der abgebildeten Exemplare: 

Fig. 9. Fig. 10. Fig. 11. 

Länge 7,7 mm 7,5 mm 5,5 mm 

Spitzenwinkel 32« 42» 40« 

Breite des letzten Umganges 29 «/o 31 «/o 25,5 «/o 

In der Jugend eckige, später sich abrundende Windungen 
mit tiefen Nähten, die Sculptur aus sich kreuzenden Anwachslinien 
und etwas stärkeren Spirallinien bestehend. Letztere stehen auf der 



69 VON Bistram: [184 

unteren Hälfte der Windungen etwas weiter von einander und 
treten durch ihre Stärke mehr hervor, wodurch gewissermasen ein 
oder zwei umlaufende Bänder abgegrenzt werden. Die Mundöffnung 
konnte nicht beobachtet werden. Der ganzen Sculptur nach steht 
diese Art der vorigen sehr nahe, nur der Spitzenwinkel ist ein 
stumpferer. Ich zweifle nicht, dass die bei Terquem abgebildeten, 
oben citierten beiden Exemplare hierher zu reebnen sind, während 
mir die Zurechnung derselben zu den Arten atavus und Nysti sehr 
gewagt erscheint, wenn man auch berücksichtigt, dass die Abbildungen 
der Arbeit von Chapüis- und Dew. offenbar wenig gelungen sind. Ich 
schlage daher vor, die Art nach dem Autor, der sie zuerst abge- 
bildet und beschrieben hat, zu benennen, nachdem derselbe Name 
(Cerithium Terquemi, Piette = Fromath. Semele d'Orb) von dem 
Autor ^ eingezogen worden ist. 

Mir erscheint es recht wahrscheinlich, dass die als Turrit. somer- 
vüliana Fig. 15 — 16 abgebildete Schnecke hierher gehört, doch erwähnt 
Capellini nichts von irgend einer Anwachsstreifung, sondern nur 
Spiralsculptur. Sollte eine solche auf den Originalen vorhanden sein, 
so wäre wohl die Identität ziemlich sicher. 

Besonders veranlasst mich der Umstand, dass auf der Mitte der 
Windungen zwei Spiralstreifen etwas stärker hervortreten und ge- 
wissermassen Kiele bilden, diese Schnecke hierher zu stellen. 

Untersuchte Stücke: 6 Exemplare. 

Fundort: Val Solda. 

Promathildia fragilis Tqm. sp. 

Tab. V Fig. 12. 

1865. Turbo fragilis Terquem und Piette, Lias iuferieur p. 49 Tab. III 
Fig. 13—15. 
?1864. — Ferrtji Dumortier, Infralias p. 135 Tab. XIX Fig. 6. 
Länge 5,2 mm 

Spitzenwinkel 45'' 

Letzter Umgang 32 7o 
Vergrösserung 4,5 

Der Sculptur nach den vorigen durchaus ähnlich. Diese 
besteht aus dünnen Spiralkielen, die auf der unteren Seite der 
Windungen stärker sind und dem gerundeten Windungsquerschnitt 
ein etwas eckiges Ansehen, besonders bei den jüngeren Windungen, 



' 1865. Terquem und Piette, Lias inferieur p. 65. 



185] CoMASKER Alpen. L Liasfaüna der Yal Solda. 70 

verleihen, und feiner Querstreifung. Dieselbe Sculptur sieht man 
auch auf der Basis, Terquem und Piette geben eine gerundete Mund- 
öfinung an. Obgleich das citierte Exemplar (Tarho Ferryi) bei 
DuMORTiER einen noch stumpferen Spitzenwinkel hat, glaube ich es 
doch seinem ganzen Habitus nach mit erstgenannter Art vereinigen 
zu können. 

Von der vorigen Art scheidet sie hauptsächlich, nächst dem 
stumpferen Spitzenwinkel, das weniger steile Ansteigen derAVindungen. 

Untersuchte Stücke: 5 Exemplare. 

Fundort: Yal Solda. 

Familie: Cerithiidae Mexke. 

Genus: Protocerithium n. g. 

Cerühium auct. pars. 
1902. Procerithium Cossmann, Vendee p. 177. 
1902. Faracerithium Cossmann, Ibid. p. 173. 

Die älteren Cerithiiden lassen sich meist nicht unter bestimmte 
Gattungen, die nach recenten und tertiären Formen aufgestellt sind, 
einreihen, weil sie von den jüngeren Formen doch vielfach ab- 
weichen oder Merkmale mehrerer Gattungen in sich vereinigen. Auch 
ist das beste Classificationsmerkmal, der Mundrand, bei ihnen nur 
in seltensten Fällen erhalten. Von dem Cerithiwntjpns, wie er für 
die jüngeren hierher gestellten Arten festgestellt ist, unterscheiden 
sie sich durch weniger charakteristische Mündung, der Ausguss ist 
schw^ächer. So erscheint es vielleicht nicht unangemessen, diese 
älteren Formen von den Cerithien i. e. S. als besondere Gattung 
abzutrennen und schlage ich daher obigen Namen vor, der andeuten 
soll, dass wir es mit alten, gewissermassen Collektivformen zu thun 
haben, von denen wohl, zum Teil wenigstens, die jüngeren Gattungen 
herzuleiten wären. 

Als Typus nehme ich die so sehr variabile Art des Cer. lugdunense, 
die mir in ausserordentlich grosser Individuenzahl vorliegt. Die 
jüngeren Windungen haben ganz den Ce rithiiimcha.r akter , während 
die älteren sich abrunden und mehr den Habitus von Biastoma und 
Exelissa resp. den von TurriteUa annehmen. 

Ich schlage als Gattungsdiagnose vor: schlankturmförmige 
Gehäuse mit eckigen bis gerundeten Windungen, starker Sculptur, 
aus Spirallinien und Querfalten bestehend, tiefen Nähten, ovaler 
Mundöfifnung mit scharfen Mundrändern und kleinem vorderen und 
ebensolchem hinteren Ausguss, glatter Spindel. 



7J VON Bistram: [186 

CossMANN hat^ zwei neue Gattungen Paracerithium und Pro- 
cerithium aufgestellt, die sich m. E. nach nur sehr wenig von 
einander unterscheiden. Beiden soll der vordere Ausguss fehlen, 
bei Paracerith. jedoch eben noch angedeutet sein. Die eine Gat- 
tung ist auf die neue Art Parac. acanthocolpiim , die in sieben 
Exemplaren vorhegt, von denen eines abgebildet ist, die andere 
auf Procer. qn'mquegranosum , die in drei, abgebildeten, Exem- 
plaren vorliegt, gegründet. Es erscheint nun an und für sich 
unpraktisch, so subtile Unterschiede bei diesen alten Formen, die 
nur in seltensten Ausnahmen wegen ihrer Erhaltung dieselben 
erkennen lassen, zur Aufstellung gesonderter Gattungen zu benutzen; 
besonders aber scheint es nicht gerechtfertigt, solche Arten auf 
Grund nur weniger und dazu unvollständiger Exemplare zu gründen. 
Den drei einzigen Exemplaren von Proc. (ßiinquegrcmosum, auf die der 
Verfasser noch dazu zwei Varietäten gründet, fehlt die Mundöffnung, 
und ebenso dem einen abgebildeten von Paracer?^/^ aconthocoljMmvfemg- 
stens teilweise und darf man wohl annehmen, dass der Verfasser das 
besterhaltene abgebildet hat. Woraus er somit die Mündungsform er- 
kannt hat, erscheint ziemlich unverständlich. Wohin Cossmann mit 
dieser Gattungsunterscheidung kommt, ersieht man daraus, dass er zwei 
Exemplare von CeritJi. lugdunense, die, wie ich aus meinem überreichen 
Material nachweisen kann, einen vollständig ausgebildeten vorderen 
Ausguss besitzen, als zwei neue Arten von Paracerithium (die keinen 
Ausguss haben sollen!) beschreibt und abbildet, während er auf das 
dritte Exemplar hin eine neue Exelissa-Avt aufstellt. Ueberhaupt 
dürfte von allen von ihm abgebildeten Para- und Procerithien höch- 
stens zwei eine auch nur zum Teil erhaltene Mundöffnung besitzen. 

Uebrigens lässt Paracer. acantJiocolpum Fig. 21 auf der Photo- 
graphie einen ganz ausgesprochenen Ausguss erkennen, so dass es nicht 
zu dem Gattungsschema, das Cossmann auf diese Art hin aufgestellt 
hat, passt. Nebenbei bemerke ich, dass Parac. acantlwcölpum Cossm. 
dem Turho Hoffmanni Cap.^ sehr nahe steht, wenn es nicht mit 
demselben ident ist. 

Cerithium (Protocerithium) lugdunense Dmi. 

Tab. V Fig. 15—19, Tab. VI Fig. 1, 2. 

? Cerithium gratum auctor. pars (uou Tqm.). 

1864. Cerithium lugdunense Dumortier, Infralias p. 142 Tab. XIX Fig. 11. 
1902. Exelissa infraliasica Cossmann, Vendce S. 182 Tab. III Fig. 19, 

' 1902. Loc. cit. - 1866. Capellini, Spezia Tab. II Fig. 21, 22. 



1871 CoMASKER Alpen. I. Liasfäuna der Val Solda. 72 

1902. ParacerüMum loxocolpiim — Ebd. S. 177 Tab. III Fig. 24. 

1902. — Chartroni — Ebd. S. 176 Tab. III Fig. 27, 

Masse der abgebildeten Exemplare: 

Fig. 15. Fig. 16. Fig. 17. 

Länge o mm 7,2 mm 6,4 mm 

Spitzenwinkel der 6 ersten Umgänge ) 5,00 ^^*' -^^ 

Spitzenwiukel der 2 letzten Umgänge J " 10** 19" 

Kleine spitzturmförmige Gehäuse, die, durch tiefe kerbenförmige 
Nähte getrennten, auf ihrer äusseren Seite flachen Windungen 
runden sich bei weiterem Wachstum mehr ab. Die Sculptur besteht 
aus Querfalten, die nicht bis an die Nähte hinunterreichen, und Spiral- 
kielen, anfänglich zwei bis drei, später an Zahl zunehmend; an den 
Kreuzungsstellen bilden sich Knötchen. Mundöffnung oval mit schwa- 
chem hinteren und ausgesprochenem, schnibbenartig ausgezogenem, 
vorderen Ausguss, Innenlippe umgeschlagen. Basis in der Jugend flach 
kegelförmig, später gerundet, ohne Nabel, mit Spirallinien verziert. 

Jüngere oder nur in ihrem oberen Teile erhaltene Exemplare 
stimmen recht gut mit der Abbildung bei Dumoktier überein. 
Mit zunehmendem Wachstum nimmt die Zahl der Spiralkiele zu und 
damit ihre relative Stärke ab, und runden sich dadurch die Windungen 
zu. Ueberhaupt wird die ganze Sculptur weicher und weniger 
hervortretend. Auch ändert sich der Winkel, so dass ausgewachsene 
Exemplare viel schlanker erscheinen als junge. Der Spitzenwinkel 
der ersten vier bis sechs Umgänge schwankt zwischen 26 und 36" 
während ältere Exemplare einen solchen von 18 bis 25° zeigen. 
Die Zahl der Qaerfalten nimmt zu, doch in unregelmässiger 
AVeise. Die einzelnen Individuen verhalten sich ziemlich verschieden, 
manche behalten die eckige Jugendform länger als andere, die 
Vermehrung der Spiralkiele tritt früher oder später ein; ebenso 
nimmt die Zahl der Querfalten bei einzelnen Individuen ganz 
allmählich mit dem Wachstum zu, bei anderen erhält sie sich lange 
dem Anfangsstadium entsprechend (ca. neun), um dann mit einemmale 
in stark vermehrter bis zu mehr als doppelter Anzahl aufzutreten. 
So sehen wir eine sehr grosse Variabilität bei dieser Art. Bei 
stark sich ändernder Wachstumsform entstehen pupoide Gehäuse, 
auch bemerkt man dazwischen eine gewisse Tendenz der Mundränder, 
sich abzulösen. Bei Individuen, bei denen die Abnahme des Breiten- 
wachstumes und damit die pupoide Form am ausgesprochensten ist, 
erscheint auch die Mundöffnung wie verengt und entstehen Formen, die 
bei nicht vollständig erhaltenen Mundrändern Exelissa-SiTtig erscheinen. 



73 VON Bistram: [188 

Wie ja bei dünnschaligen, turmförmigen Schnecken meist der 
Fall, ist der Mundrand nur sehr selten erhalten, und entdeckte ich 
erst bei Durchsicht einer grossen Menge, wohl einiger Hundert, 
Exemplare und Bruchstücke von solchen, dass die Mundöfifnung mit 
vorderem tiefen Ausgusse versehen war, was nur an ca. sechs Exem- 
plaren, an denen übrigens die Mundränder auch nicht vollständig 
erhalten sind, sich aber durch Vergleich ergänzen, gut zu sehen ist, 
an vielen anderen aber, nachdem man die Gestalt einmal kennt, 
andeutungsweise sich erkennen lässt. 

Die sehr variabile Grestalt erklärt es einigermassen , dass 
CossMANN aus drei ihm nur vorliegenden Exemplaren drei Arten 
gemacht hat. Dabei ist darauf aufmerksam zu machen, dass seine 
Abbildungen in verschiedener Vergrösserung gegeben sind (Fig. 19 
zweimal, Fig. 24 dreimal und Fig. 27 achtmal vergrössert), worauf bei 
Vergleich der Abbildungen untereinander natürlich zu achten ist, 
da z. B. Fig. 27 nur den obersten Windungen der beiden anderen 
Exemplare entspricht. 

Wie es schon Dumortier für das Rh 6 neb ecken hervorhebt, ist 
auch in der Val Solda diese Art ausserordentlich häufig-, sie 
überwiegt bedeutend an Zahl alle anderen Formen zusammen- 
genommen und kann als leitende Art neben Prom. Dunlceri und 
Semde (diese beide in geringerem Grade) angesprochen werden. 

Von anderen Fundpunkten als denen Dumortiers sowie der 
Vendee und meinen in der Val Solda ist bisher diese Art nicht 
beschrieben worden, doch macht Dumortier darauf aufmerksam, 
dass vielleicht ein Teil der zu Cer. gratum gestellten Exemplare hier- 
her gehört. 

Zahl der untersuchten Stücke: Sehr zahlreiche Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Cerithium (Protocerithium) abcisum Tqm. und P. 

Tab. VI Fig. 12. 

1865. Cerithium abcisum Tekquem und Piette, Lias inferieur p. 66 Tab. VI 

Fig. 16, 17. 
1867. — Ogerieni Dumortier, Lias inferieur p. 198 Tab. XLV Fig. 6. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 

Länge 4,8 mm 

Dicke 1,1 mm 

Spitzenwinkel 10,5 " 

Breite des letzten Umganges 12,5 °/o. 



189] CoMASKER Alpen. I. Liasfaüna der Val Solda. 74 

Kleines, ausserordentlich schlankes, turmförmiges Gehäuse mit 
zahlreichen, flachen, zur kerbenförmigen Naht beiderseits ziem- 
lich steil abfallenden Windungen. Ihre Sculptur besteht aus drei 
Spiralkielen, die von ca. elf in der Längsachsenrichtung des Ge- 
häuses verlaufenden Querfalten gekreuzt werden, so dass sich an den 
Kreuzungsstellen Knötchen bilden. Auf der convex-kegelförmigen 
Basis verlaufen einige Spiralrippen. Die Mundöffnung ist leider bei 
keinem der mir vorliegenden Exemplare erhalten. 

V. Ajlmon^ stellt diese Art mit zu Pramathüdia, aus welchem 
Grunde, vermag ich nicht zu erkennen. Der ganzen Sculptureigen- 
tümlichkeit nach, die bis auf die schlankere Form ganz an die der 
oberen AVindungen der vorigen Form erinnern, muss man m. E. diese 
Art, solange keine einwandsfreien Beweise dagegen erbracht werden, 
zu den Cerithiiden stellen. 

Das Cer. Ogerieni, welches Duäiortier aus einem höheren 
Niveau (des Am. oxynotus) abbildet, scheint mir nach Abbildung 
und Beschreibung mit unserer Art durchaus übereinzustimmen. 

Untersuchte Stücke: 13 Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Cerithium (Protocerithium) costellatum Tqm. sp. 

Tab. VI Fig. 11. 

1855. Turbo costellahis Terqdem, Hettange p. 265 Tab. V Fig. 2. 

1856. Rissoa frumentum Piette, Aiglemont p. 205 Tab. X Fig. 21, 22. 
1867. Chemnüzia lessoniana Capellini, Spezia p. 28 Tab. I Fig. 21, 22. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 
Länge 3,8 mm 

Spitzenwinkel 24 "^ 

Letzter Umgang 26 7"- 

Kleines turmförmiges Gehäuse mit gerundeten Umgängen und 
tiefen Nähten; die Sculptur besteht aus verhältnismässig groben 
voneinander ziemlich entfernten, schräg zu der Längsachse des Ge- 
häuses verlaufenden Querfalten (neun bis zehn auf den Umgang), 
die beiderseits an dem Abfall der Umgänge zur Naht sich abflachen 
und vor derselben verschwinden. Die obersten Umgänge noch glatt, 
ohne Sculptur. 

Junge Exemplare dieser Art, die eine nur sehr geringe Grösse 
erreicht, zeigen ein rascheres Anwachsen der Umgänge, so dass sie 



^ 1892. V. Ammon, Hochfellen etc. S. 218. 



75 VON Bisteam: [190 

einen stumpf-kegelförmigen Querschnitt zeigen. Später nimmt das 
Anwachsen der Umgänge ab, so dass die Grehäuse älterer und aus- 
gewachsener Individuen die CerUhiumioxm. zeigen. Mir liegen zahl- 
reiche Jugendexemplare, die ganz der TEEQUEMschen Abbildung 
entsprechen und nur einige ältere vor, ich habe das grösste abbilden 
lassen, Capellini hat ein noch grösseres (loc. cit.) vorgelegen, von 
ca. 6,5 mm Länge. 

In der Veränderung des Spitzenwinkels älterer Exemplare im 
Vergleiche zu dem der ersten Windungen, wodurch die Gehäuse eine 
etwas pupoide Form erhalten, haben wir ganz dieselbe Erscheinung 
wie bei Cer. lugdimense. 

Untersuchte Stücke: Zahlreiche Gehäuse. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Famihe: Actaeonidae d'Okb. 

Genus: Cylindrohullina v. Ammon 

{Odhostoma Desh. pars.) 

CossMANN^ hat eine neue Untergattung Striact aeonina auf- 
gestellt für eine Gruppe von kleinen Actaeoniden aus dem unteren 
Lias, die sich durch fast cylindrische Form infolge Vorwiegens der 
letzten Windung, auf die sich als kurzer Kegel der freie Teil der 
oberen, stark überdeckten Windungen aufsetzt, auszeichnen, mit hinten 
sehr schmaler, vorne sich wenig erweiternder und am unteren Ende 
abgerundeter Mundöffnung und fast gerade verlaufendem äusseren 
Mundrande, die Schale verziert durch feine Spiralstreifen, 
welche nach der Basis zu etwas auseinanderlaufen, und 
einer Furche, die auf dem oberen Teil der Windungen dicht 
unter dem Abfall zur Naht eine Art Wulst oder Kiel von 
dem Hauptteile der Windung trennt. 

V. Ammon hat die Gattung CylindrolndUna - aufgestellt, die diese 
Formen mit umfasst und jedenfalls viel besser dem verwandtschaft- 
lichen Verhältnisse Rechnung trägt, während die von Piette 1856 
noch viel weiter gefasste Gattung Tahifer der Hauptsache nach wohl 
Formen, die zu Ceritella gerechnet werden, umfasst, aus der also 
unsere Formen ausscheiden müssen. Das specifische Merkmal, 
worauf CossMANN seine neue Untergattung gründet, ist die feine 
Streifung der Schale-, nun wird eine solche nur bei vorzügUchem 



' 1895. CossMANN, Gastropodes des terrains jur. p. 25. 
^ 1878. v. Ammon, Gastropoden d. Hauptdolomites. 



191] CoMASKER Alpex. L Liasfauna der Yal Solda. 76 

Erhaltungszustande, besonders bei so kleinen Individuen, wie die, 
um die es sich hier handelt, überhaupt sichtbar sein, ausserdem 
finden sich natürlich alle Uebergänge, Alle mir aus der Val Solda 
vorliegenden Formen erscheinen z. B. glatt, und nur an einzelnen 
Stellen weniger Exemplare kann man die Spiralstreifung, ich möchte 
sagen, gerade noch ahnen. Trotzdem bin ich nicht im geringsten 
im Zweifel, Formen vor mir zu haben, die Cossmann zu seiner neuen 
Untergattung stellt, während ich sie nach ihm davon trennen müsste. 
Er reisst eben eine eng zusammenhängende Gruppe von Formen 
auf m. E. unwichtige Merkmale hin auseinander. Belässt doch 
Cossmann z. B. CylindrohiiUina clongata Moore aus dem Haupt- 
dolomit und C. fragilis Dkr. bei CyVmdrohidlina, während er die so 
äuserst nahe verwandten Formen striata und Bouvignieyi in seine 
neue Untergattung stellt. Ferner lässt er diese Untergattung schon 
im Bathonien verschwinden, während sich noch im Sequan z. B. 
Actaeonina Jauretana und andere^ Arten finden, die sich m. E. in 
der Gattung nicht von unseren Formen trennen lassen. 

Meiner Ansicht nach ist daher Cossmanns neue Untergattung 
Striactaeonina nicht zu acceptieren, sondern nur v. Ajevions Gattung 
Cylindrohullina in der von demselben gegebenen Ausdehnung beizu- 
behalten. 

CylindrobuUina sinemuriensis Mart. sp. 

Tab. VI Fig. 3, 4. 

? 1842. Tornatella fragilis Dunker, Halberstadt S. 111 Tab. XIII 

Fig. 19. 
1860. Äctaeon sinenmriensis Martin, Cote d'Or S. 70 Tab. I Fig. 9, 10. 
1864. Orthostoma Scolaris Dumortier, Infralias p. 126 Tab. XX Fig. 12. 

1892. Actaeonina Dwnortieri Hüdl. und AVils., Brit. jur. Gastrop. p. 27. 
1892. — sinemuriensis Hddl. und AVils., Ibid. p. 29. 

1902. Striactaeonina — Mart., Cossmann, Vendee S. 27 Tab. I 

Fig. 40—41 Tab. IV Fig. 42. 

Grösse der abgebildeten Exemplare: 
Länge 4,75 mm 

Breite 2,6 mm 

Höhe des letzten I'mganges 26 mm 

Diese Form ist diejenige, die im Vergleich zu ihrer Länge die 
grösste Dicke zeigt, da die Umgänge sich sehr stark umfassen, so dass 
der freibleibende Teil der oberen "Windungen nur einen ganz kurzen 
Kegel bildet. Die Windungen fallen oben fast senkrecht zur Naht 



' 1893. Greppin, Oberbuchsiten Tab. I Fig. 13. 



77 VON Bistram: [192 

ab, dicht unter dem Nahtabfall läuft eine feine vertiefte Furche um 
die Windungen, eine Art von Wulst oder Kiel von dem Hauptteile 
abtrennend. Auf dem Abfall zur Naht sieht man zwei Spirallinien. 

DuMORTiERs 0. Scolaris erscheint auf der Abbildung etwas 
schlanker, dürfte aber wohl hierher zu stellen sein und könnte allen- 
falls als Varietät angesehen werden. 

Untersuchte Stücke: 3 Exemplare. 

Fundort: Val Solda. 

Cylindrobullina striata Piette sp. 

Tab. VI Fig. 5, 6. 

1856. Tuhifer striatus Piette, Aiglemont p. 203 Tab. X Fig. 22. 

1865. Orthostoma striatum Piette, Terqüem und Piette, Lias infer. p. 41 

Tab. IV Fig. 12, 13. 
1865. Actaeonina Valleti Stoppani, Contortaschichten S. 201 Tab. XXV 

Fig. 7. 
1895. Striactaeonina striata Piette, Cossmann, Gastropodes S. 26. 
1895. — avena Tqm., Cossmann, Ebd. S. 30 Tab. I Fig. 36. 

Grrösse des abgebildeten Exemplares: 

Länge 3,75 mm 

Breite 1,8 ram 

Höhe des letzten Umganges 3 mm 

Der Wulst tritt schwächer als bei voriger Art hervor. Einige 
Spiralstreifen auf dem Abfall zur Naht geben ihm ein schwach 
treppenförmiges Ansehen. Das Gehäuse erscheint etwas schlanker. 

Untersuchte Stücke: 7 Exemplare. 

Fundort: Val Solda, 

Cylindrobullina Bouvig-nieri Tqm. sp, 

Tab. VI Fig. 7. 

1855. Tornatella Bouvignieri Terqüem, Hettange p. 257 Tab. XV Fig. 1. 

1858, — fragilis Quenstedt, Jura S. 61 Tab. V Fig. 26 pars. 

1864. Orthostoma cylindrata Dümortier, Infralias p. 125 Tab. XX Fig. 10. 

1865. Actaeonina Pilleti Stoppani, Contortaschichten S. 202 Tab. XXXV 

Fig. 6. 
1867. Tornatella Bouvignieri Tqm., Moore, Quart. Journ. vol. XXIII p. 565. 
Cf. 1869. Orthostoma fontis Dümortier, Lias super, p. 220 Tab. XXVII 

Fig. 14. 
1892. Actaeonina Bouvignieri Tqm., Hudl. und Wils., Brit. jur. Gastrop, 

p. 25. 
1895. Striactaeonina — Cossmakn, Gastropodes S. 7 Tab. I Fig. 38, 39. 



193] CoMASKEB Alpen. I. Liasfaüna der Yal Solda. 78 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 

Länge 10 mm 

Breite 3,7 mm 

Höhe des letzten Umganges 6,6 mm 

Das Gehäuse ähnelt durchaus dem vorigen, nur ist der Windungs- 
abfall weniger steil, die Streifung auf demselben weniger zu bemerken 
und der AVulst auf einen kaum bemerkbaren Kiel reduciert. Der 
Windungskegel ist im Vergleiche zur letzten Windung etwas höher. 
Hierher dürfte auch Quenstedts Tornat. fmgüis (Fig. 26, Hnks) ge- 
hören, während das abgebrochene Exemplar (rechts) wohl zu C. sine- 
miiriensis zu stellen sein dürfte. 

Untersuchte Stücke: 5 Exemplare. 

Fundort: Val Solda. 

CylindrobuUina avena Tqm. sp. 

Tab. VI Fig. 8. 

1855. Orthostoma avena Terquem, Hettange p. 260 Tab. XV Fig. 8. 
1859. — (jracile Martin, Cote d'Or S. 71 Tab. I Fig. 17, 18. 

1864. — — Mart., Dümortier, Infralias p. 125 Tab. XX 

Fig. 11. 

1865. — avena Tqm., Terquem und Piette, Lias infer. p. 40. 
1867. _ _ _ Moore, Quart. Journ. vol. XXIII p. 564. 
1892. Actaeonina — — Hudl. und Wils., Brit. jur. Gastrop. p. 26. 
1895. Striactaeonina avena — Ccssmann, pars Gastropodes S. 26 Tab. I 

Fig. 37 (non 36). 
Cf. 1895. Tornatellaea fontis Dum., Ccssmann, Ebd. S. 12 Tab. I Fig. 2. 
1902. Striactaeonina avena Tqm., Cossmann, Vendee S. 167 Tab. HI 

Fig. 3, 4. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 

Länge 6,1 mm 

Breite 2,6 mm 

Höhe des letzten Umganges 4,3 mm 

Der gerundete Windungsabfall zur Naht, sowie eine etwas 
schlankere Form des Gehäuses und der verhältnismässig etwas höhere 
Windungskegel unterscheidet die Form von der vorigen. Nach der 
citierten Abbildung bei Terquem scheint mir das 0. gracUe hierher 
zu gehören, während die von Cossmann als solche abgebildeten 
Exemplare von mir eher zu der folgenden Art gezogen werden. 

Untersuchte Stücke: 5 Exemplare. 

Fundort: Val Solda. 

Berichte XIII. , 13 



79 VON Bistram: [194 

CylindrobuUina oryza Tqm. sp. 

Tab. VI Fig. 9, 10. 
1855. Ch-thostoma oryza Terquem, Hettange p. 260 Tab. XV Fig. 9. 
1895. CylindrobuUina — Tqm., Cossmann, Gastropodes S. 45 Fig. 5. 
1902. — _ _ _ Vendee S. 170 Tab. III Fig. 7 

Tab. IV Fig. 22, 23. 
Cf. 1902. Tornatellaea gracilis Mart., Cossmann, Gastropodes S. 12 Tab. I 

Fig. 4, 5, Tab. IV Fig. 39. 

Grösse des abgebildeten Exemplares: 
Länge 3,6 mm 

Breite 1,7 mm 

Höhe des letzten Umganges 2,2 mm 

Der Windungsquerschnitt mehr gerundet, der Windungskegel 
höher und die Höhe der letzten Windung entsprechend niederer als 
bei voriger Art. 

Untersuchte Stücke: 1 Exemplar. 
Fundort: Val Solda. 

Echino dermata. 

Klasse: Criiioidea. 
Genus: Pentacrinidae d'Orb. 
Pentacrinus ang-ulatus Opp. 

1856. Oppel, Die Juraformation S. 151 Tab. 12. 

1864. DuMORTiER, Infralias p. 166 Tab. XXIII Fig. 3—4, XXV Fig. 11—12. 
1874—76. QuENSTEDT, Petrefaktenkunde IV S. 205 Tab. 97 Fig. 86, 37. 

Es liegen nur zahlreiche einzelne, und auch einige zusammen- 
hängende Stielglieder vor. Die Erhaltung ist eine nicht sehr gute, 
die Verkieselung oft nur unvollständig (innen hohl). Ich nenne sie 
nach DüMORTiERs Abbildung P. angiüatus Oppel, will aber nicht 
bestimmt behaupten, dass man sie nicht auch als P.psUonoü Qu.^ oder 
tuhercul. Mill.^ ansehen könnte, wenn überhaupt diese wirklich von- 
einander zu trennen sein sollten. 

Untersuchte Stücke: Zahlreiche Stielglieder. 
Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 



' 1858. QüENSTEDT, Jura p. 50 Tab. V Fig. 7. 

- 1821. Miller, Crinoiden (Bristol) p. 64. 1856. Oppel loc. cit. p. 111. 



195] CoMÄSKER Alpen. I. Liasfauna der Yal Solda. 80 

Klasse: Eehiuoidea. 

Familie: Diadematidae. 

Genus: Diademopsis Desor. 

Diademopsis buccalis Ag. sp. 

1847, Hemicidaris bucccdis Agassiz, Catalogue raisonne p. 35, 
1858. Diademopsis — Ag,, Desor, Sjnopsis p. 79. 

1864, Diademopsis huecalis Ag., Dümortier, Infralias p. 91 Tab. XVI Fig. 11, 

12, 13 Tab. XVII Fig. 3. 

Schalenbruchstücke, die mir allein vorliegen, gestatteten, sie mit 
ziemhcher Sicherheit auf obige Art zu beziehen. 

Ferner liegt mir noch ein kleines Bruchstück einer Cidaris- 
schale, das unbestimmbar ist, vor und viele einzelne Stacheln von 
verschiedener Länge und Stärke, dünne längsgestreifte lange Stäbe 
mit kleinem, an der Ansatzstelle etwas dickerem Conus, wie sie Dümor- 
tier (loc. cit.) Fig. 3 abbildet, vor. 

Nach DüMORTiERs Ausführungen und Abbildung (loc. cit,) und 
der Abbildung Desors ^ von der jedenfalls unserer Form sehr nahe- 
stehenden Diademopsis Heerl Merian kann es wohl keinem Zweifel 
unterliegen, dass die erwähnten Stacheln zu obiger Form gehören. 

Untersuchte Stücke: Schalenbruchstücke und einzelne Stacheln. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 

Coelenterata. 

Famihe: Eupsamidae E. u. H. emend. Ogilvie. 

Genus: Slylophyllopsis Frech. 

Stylophyllopsis Haimei Chap. und Dew. sp. 

Tab. VI Fig. 13—17, 

1851. Montlivaidtia Haimei Chapuis und Dew., Luxerabourg p. 263 

Tab, XXXVIII Fig, 5. 
1859. — sinemiiriensis d'Orb,, Martin, Cote d'Or S, 92 pars, 

?1859, Thecosmilia . . .? Dümortier, Ebd. S. 174 Tab. XXIX Fig. 14. 

?1859. Folypier . . .? — Ebd. Fig. 11. 

1865, MontUvauUia Haimei Chap, und Dew,, Terquem und Piette, Lias 

infer. p. 126. 
1867. — — Chap. und Dew., Duncan, Brit. foss. corals 

ser. II p. IV, p. 35 Tab, X Fig, 24-32. 

Einfache Zelle, cylindrisch, flach-kreiselförmig, mit der Spitze 
oft an einem kurzen Stiel aufgewachsen, im Alter vielleicht frei. 



' Loc. cit. Tab. Xm Fig. 1, 2. 

13^ 



81 VON Bistram: [196 

5 Leistencyclen = 9 Ordnungen — 96 Septen, Runzelige Epithek, 
die bis an den Kelchrand reicht. Die Septen, von denen der erste 
und zweite Cyclus schon bei geringer Grösse der Individuen gleich 
stark erscheinen, erheben sich nur wenig über den Rand der Epi- 
thek, sind auf ihrer oberen Kante ausgezackt und haben wellen- 
förmige Seitenflächen, so dass der Querschnitt ein perlschnurartiges 
Bild giebt. Einige Exemplare zeigen noch das erste Stadium mit 
beginnender Bildung der beiden ersten Cyclen, während auf den 
meisten jungen Exemplaren bereits drei Cyclen entwickelt sind. Eine 
Columella ist nicht vorhanden, die sechs Septen des ersten Cyclus 
treffen im Centrum zusammen, indem sie sich hier in Pfählchen 
auilösen, der zweite Cyclus reicht ebenfalls bis zur Mitte heran, 
indem er sich ebenfalls in Pfählchen auflöst, sodass die zu diesen 
beiden Cyclen gehörenden Pfählchen quasi ein Bündel in der Mitte 
bilden. Der dritte Cyclus reicht noch bis beinahe zur Mitte vor, 
ist aber durch einen Zwischenraum deutlich von dem Säulenbündel 
getrennt, die folgenden Cyclen sind dann entsprechend kürzer und 
auch etwas schwächer. Der Uebergang der Septen (die ja gewisser- 
massen nur zusammengewachsene Pfählchen darstellen) der zwei 
ersten Cyclen zu der Pfählchenbildung ist ein allmählicher, so dass sich 
eine Grenze nicht ziehen lässt und ich auch nicht angeben kann, 
wie viel concentrische Reihen das Pfahlbündel aufbauen. 

Junge Exemplare zeigen eine kelchförmige oder auch halb- 
kugelige Form der epithekbedeckten Unterseite und sitzen oft auf 
einem kurzen Stiele, während ausgewachsene Exemplare scheiben- 
förmig mit flach conischer Unterseite sind. 

Es sind keinerlei Böden oder Querblättchen entwickelt, sondern 
die Septen reichen freistehend bis auf die Epithek herab. Die Indi- 
viduen scheinen nicht gross zu werden, — das grösste mir vorliegende 
Exemplar misst 12 mm im Durchmesser. Sie pflanzen sich bei 
calycinaler Knospung durch sog. Verjüngung fort und zwar oft schon 
in einem frühen Altersstadium. Da bei keinem der zahlreichen 
Exemplare auch nur eine Spur irgend welcher Endothek zu sehen 
ist, müssen wir wohl solches als eine Eigentümlichkeit der Art an- 
sehen. Auch nach Chap. und Dew.s und Duncans Bemerkungen 
scheinen Dissepimente bei dieser Art nie beobachtet zu sein. Die 
Individuen bleiben eben off'enbar bei diesem Jugendstadium stehen, 
altern rasch, um sich dann wieder zu verjüngen. Spuren von Lateral- 
knospung oder Teilung konnte ich nirgends sehen. Wir haben es hier 
offenbar mit einer Form zu thun, die über ein primitives Ent- 



197] CoMASKER Alpen. L Liasfauna der Val Solda. 82 

Wicklungsstadium nicht hinauskommt, oder aber vielleiclit mit degene- 
rierten, kränkehiden Formen, denen die nötige Nahrung zu weiterer 
Entwicklung fehlte. 

Frech hat Formen, deren Septen aus isolierten Dornen be- 
stehen, als StyhjjhjUum^ von den MontJivauJtien abgetrennt. Für 
Formen, die in Bezug auf den Aufbau ihrer Septen etwa in der 
Mitte zwischen diesen beiden Gattungen stehen und die bisher zu 
Montlivaidtia oder Thecosmilia gestellt wurden, hat er die Gattung 
Stylophyllopsis'^ geschaffen. Er stellt hierher Formen mit Septen, 
die aus Dornen bestehen, welche im Centrum isoliert sind, nach 
der Peripherie aber sich aus mehr oder weniger lose miteinander 
verbundenen solchen Dornen aufbauen, wobei der Oberrand der 
Septen tief ausgezackt ist und die Seitenflächen derselben glatt — 
oder wenigstens fast glatt und nur regellos fein gekörnt sind — , wäh- 
rend sie bei Montlivaidtia ausgesprochene, in Wellenlinien angeord- 
nete Granulation zeigen. Frech unterscheidet beide Gattungen auch 
noch durch die Beschaifenheit der Dissepimente, worauf wir hier 
nicht einzugehen brauchen, da bei unserer Art überhaupt keine 
sich finden. 

Aus Frechs Definition der Gattungen ergiebt es sich, dass 
unsere Art zu StylopliyUopsis zu stellen ist. Die von Duncan als 
Montl. Guettardi^ beschriebene Form scheint ebenfalls hierher zu 
gehören. Sie muss somit von der Montl. Guettardi Blainv., die 
Chapuis und Dew. * beschrieben haben, getrennt werden, welche 
nach Beschreibung und Abbildung zusammenhängende Septen, die 
an den Seiten mit ausgesprochener Granulation bedeckt sind, be- 
sitzt, also typisch zur Gattung Montlivaidtia gehört. 

Frech stellt die Genera Stylophyllnm und StylophyUopsis zu 
den Astraeidae. Miss Ogilvie^ wendet sich gegen diese Zusammen- 
stellung und weist nach, dass diese beiden Gattungen unter die 
Familie der Eupsamidac einzureihen seien. 

Ich war zweifelhaft, ob die mir vorliegenden Exemplare zu 
M. Hainiei gestellt werden könnten, da ihre Grösse geringer, immer 



' 1890. Frech, Korallenfauna der Trias S. 42 ff. 

=> Loc. cit. S. 48. 

=" 1867—68. DuxcAN, Brit. fossil corals ser. II pari. IV p. 51 Tab. XII 
Fig. 6—10. 

' 1851. Chapüis und Dew., Luxembourg p. 264 Tab. XXXVIII Fig. 6. 

^ 1895. Ogilvie, Madreporian types of corals p. 301 ff. 1896 — 97. Ko- 
rallen der Stramberger Schichten p. 248 ff. 



83 VON Bistram: [198 

nur fünf Cyclen (statt sechs bei Chap, und Dew.) entwickelt sind 
und dachte an eine Mittelform zwischen 3£. Haimei und M. Guettardi 
DuNC.^ (non Blainville^). An den Abbildungen von Duncan habe 
ich mich überzeugt, dass die Identifizierung wohl angängig ist. 

Anfänglich war ich geneigt, diese Form zu M. shiemuriensis zu 
stellen, überzeugte mich aber nach Dumortiers und Martins Be- 
schreibungen und Abbildungen, sowie durch gütige Mitteilungen, 
die mir Herr Dr. Roman in Lyon über die DuMORTiERschen Origi- 
nale zukommen Hess, dass M. sinemuriensis in der Regel in die Höhe 
wächst und dabei Endothek bildet, auch grösser wird als unsere Art, 
welche somit von sinemuriensis zu trennen ist. 

Dagegen scheint es mir nicht unwahrscheinlich, dass ein Teil 
der bisher zu M. sinemuriensis als Jugendformen gestellten Exem- 
plare zu unserer Art gehört: es wäre auch auffäUig, dass eine 
Form, die in der Val Solda so häufig zu sein scheint, in den 
räumlich sowohl als faciell so naheliegenden gleichen Schichten des 
Rhonebeckens fehlen sollte. Dumortiers Fig. 11 dürfte wohl den 
abgestorbenen Kelch eines Individuums unserer Art darstellen, 
in dem man als concentrischen Ring die Reste des abgebrochenen 
durch Verjüngung entstandenen Kelches sieht ^. Allerdings bemerkt 
DuMORTiER, dass dieses Exemplar mit seiner ganzen unteren Fläche 
auf der Cardinienschale festgewachsen sei, was im Gegensatze steht zu 
der nach unten spitz zulaufenden oder gestielten Form der meisten 
Kelche, doch liegt mir auch ein Exemplar vor, das der inneren 
Seite einer Astartenschale wenigstens mit einem Teile seiner Fläche 
aufgewachsen erscheint. Fig. 14 (ibid.) stellt vielleicht einen ver- 
jüngten Kelch über dem älteren vor. 

Unsere Form steht jedenfalls der M. Guettardi DuNC. recht 
nahe, nur zeichnet sich letztere, abgesehen von bedeutenderer Grösse, 
dadurch aus, dass die Septen die Wand mehr überragen, und ge- 
hört in der Regel einem etwas höheren Niveau an. 

Untersuchte Stücke: 40 — 50 Exemplare. 

Fundort: A. Bolgia und A. Castello. 



> 1867—68. Duncan, Brit. fossil corals ser. II part. I\^ p. 51 Tab. XII 
Fig. 6—10. 

- 1851. Chapüis und Dew., Luxembourg p. 264 Tab. XXXVIII Fig. 6. 

^ Individuen mit ganz derselben Erscheinung liegen mir in mehreren 
Exemplaren vor. 



199] CoMASKER Alpen. I. Lusfauxa der Val Solda. 84 

Ordnung: Hexactiiiellida. 

U.-Ordnung: Dictyoiima Zitt. 

Familie: ? Callodictyonidae Zitt. 

Genus: Kudictyou n. g. 

Becherförmiger Schwamm mit weitem Centralraum und dünner 
Wand, diese besteht aus mehreren Schichten verschmolzener regu- 
lärer Sechsstrahler, welche reihenförmig geordnet, quadratische ziem- 
lich weite Maschen bilden, die ein äusserst regelmässiges gegittertes 
Gerüst ergeben (cubische Maschen Zittels). Die Kreuzungsknoten 
der Arme sind dicht. 

Auf der äusseren Wandfläche verdichtet sich das Skelett zu einer 
Deckschicht, in die sich kleine rundliche Canalostien einsenken, die in 
Verticalreihen angeordnet sind und in flachen Längsfurchen liegen. 
Diese Ostien sind flach und nur auf die Deckschicht beschränkt, während 
im Innern der Wand das Skelett aus einem vollständig homogenen 
Gitterwerk besteht. Dieses Gitterwerk bildet auch die innere Wand- 
fläche, die gleichmässig eben erscheint und nur eine schwach ange- 
deutete Streifung erkennen lässt, welche durch eine flache Wellen- 
form, die wohl den äusseren Furchen entspricht, zu Stande kommt, 
ohne die gleichmässige Anordnung der Skelettmaschen im geringsten 
zu beeinträchtigen. Auf die innere Wand legt sich eine Deckschicht 
hexactiner, feiner, regulär ausgebildeter einzelner Dermalnadeln, die 
an Grösse und Dicke bedeutend hinter den Skelettelementen zurück- 
stehen. Von solchen Dermalnadeln ist auf der äusseren Seite keine 
Spur zu sehen. 

Nach obiger Diagnose lässt sich die Form in keine der be- 
stehenden Gattungen einreihen und muss daher eine neue für sie 
geschaffen werden. Es ist auch nicht ganz leicht, diese Gattung in 
eine der bisher aufgestellten Familien^ einzureihen. Der etwas 
erweiterten Form der Definition von Craücularndae Rauff (= Eure- 
tidae Zittel, non von Schulze), wie sie Zittel in seinem kleinen 
Lehrbuche giebt, wo nur bhnde Kanäle im allgemeinen erwähnt werden, 
nicht aber speciell solche sowohl in der äusseren wie in der inneren 
Wand (Epirrhysen und Aporrhysen), nach könnte man sie hierher 
stellen, wegen der festen Beschaff"enheit der Kreuzungsstellen des 
Skelettes; doch müsste man von dem Merkmal, dass die Kanäle bei 



' 1893. Radff, Palaeospongiologie S. 186 ff. 



85 VON Bistram: [200 

dieser Familie immer im Baue des Skelettes sich ausdrücken, während 
bei unserer Gattung das eigentliche Skelett aus nur gleichgrossen 
Maschen besteht ohne Erweiterungen für die Kanäle, absehen, was 
wohl kaum angeht. Von der Familie der Callodktyonidac , wie sie 
ZiTTEL aufgestellt hat \ würde sie durch die Ausbildung der Kreu- 
zungsknoten, die octaedrisch durchbohrt sind (Lychnisken), bei 
unserer Form aber dicht sind, geschieden sein, während sonst alle 
Merkmale bis auf die Bedeckung der inneren Wandfläche unserer 
Form durch hexactine Dermalnadeln stimmen. Es fragt sich nun, ob auf 
das Merkmal der Kreuzungsknoten ein so grosses Gewicht zu legen 
ist und ob wir es nicht mit einer secundären Ausbildungsweise zu 
thun haben, die von der primitiveren Form mit festen Kreuzungs- 
knoten abzuleiten wäre. Macht doch Pocta ^ bei Craticularia parallela 
GoLDF. sp. darauf aufmerksam, dass an dem Skelett hie und da 
um den Kreuzungsknoten gruppierte kleine Oeffnungen zu bemerken 
sind, die an das Aussehen eines octaedrischen Knotens erinnern. 
Systematisch wichtiger dürfte wohl für die Unterscheidung der Zu- 
gehörigkeit der Gattung die Ausbildung des Kanalsystems sein und 
hier haben wir die vollständige Uebereinstimmung unserer Gattung 
mit den CaUodictyoniden. Bei beiden drückt sich der Verlauf der 
Kanäle, ebenso wie bei der recenten Farrea, im Bau des eigentlichen 
Wandskelettes nicht aus^, weil die Kanäle innerhalb der Oeffnungen 
des ziemlich weitmaschigen Gitters verliefen. Berücksichtigt man nun, 
dass unsere Gattung geologisch älter ist als die bisher beschriebenen 
CaUodictyoniden, so könnte man wohl dazu hinneigen, die Gattung 
zu dieser Famihe zu stellen und müsste dann nur die Diagnose er- 
weitern, indem es heissen müsste: „Wand aus weitmaschigem Gitter- 
gerüst mit Lychnisken oder festen Kreuzungsknoten." 

Wird eine solche Zusammenfassung von Formen mit festen 
Kreuzungsknoten (Hexactinen) und solchen mit octaedrisch durch- 
bohrten (Lychnisken) nicht für angängig gehalten, was z. B. 
A. Schrammen thut*, so lässt sich die hier beschriebene Gattung 
in keiner der bestehenden Familien unterbringen, sondern müsste 
dann eine neue Familie, etwa Eiidictyonidae, dafür geschaffen werden. 
Diese würde in der Tribus der Hexactinosa Schrammen ein Pen- 



^ 1877. ZiTTEL, Fossile Spongien. 
- 1886. Pocta, Fünfkirchner Gebirge S. 114. 
3 1893. Rauff a. a. 0. S. 128. 

* 1903. Schrammen, Zur Systematik der Kieselspongien (Mitt. Römer- 
Museum Hildesheim No. 19). 



201] CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 86 

dant zu den CaUodictyonidae Zittel in der Tribus der Lychniscosa 
ScHKAMMEN darstellen. 

Schrammen glaubt in der Systematik ein besonderes Gewicht 
auf die Ausbildung der Kreuzungsknoten legen zu müssen und 
scheidet daher die Hexactineüiden mit festem Skelett {Hexasterophora 
F. E. Schulze 1899 ^) in oben angeführte zwei Tribus. Er meint 
nachgewiesen zu haben, dass die Annahme, dass Lychniske und 
Hexactine an demselben Individuum als normale Erscheinung vor- 
kommen könnten, irrtümlich sei. Er fasst die Hexactmosa einer- 
seits und die Lychniscosa andererseits als zwei getrennte phylogene- 
tische Gruppen auf. 

Eudictyon Steinmanni n. f. 

Tab. VII Fig. 1, Tab. VIII Fig. 1—5. 

Becherförmiger Schwamm obiger Gattungsdiagnose entsprechend, 
mit Gittermaschen von ca. 0,35 mm Seitenlänge. Wandstärke 
ca. 2,5 mm,_ die Wand wird von ca. 7 Maschencyclen aufgebaut. 

Der Becher ist nicht vollständig erhalten, sondern auf der 
einen Seite aufgebrochen. Auch fehlt der Fuss des Schwammes 
und ebenso der obere Rand. Der Schwamm dürfte in der Höhe 
des jetzigen Oberrandes einen Durchmesser von ca. 40 — 45 mm 
gehabt haben. Die Detailzeichnungen auf Tab. VIII zeigen die 
äussere Wand mit der verdichteten Deckschicht (Fig. 1 und 3), 
die von den unregelmässig geformten, in Längsreihen angeord- 
neten, nur durch diese reichenden Kanalostien durchbrochen wird; 
ferner die innere Wand (Fig. 2 und 5), die die regelmässigen 
Maschen des Skelettes zeigt, auf die sich die kleinen Dermal-Sechs- 
strahler legen. Fig. 4 giebt nach einem Dünnschhff den Bau des 
Skelettes. Dieser wurde von einem in Canadabalsam eingebetteten, 
ausgeätzten Skelettstückchen angefertigt, darauf der Balsam auf- 
gelöst und das Präparat in Wasser gebettet. 

Ich widme diese Form Herrn Professor Steinmann. 

Untersuchte Stücke: 1 Exemplar. 

Fundort: A. Bolgia. 

Problematicum. 

Tab. VII Fig. 2, 3. 
Ich habe ein aus Schwammelementen bestehendes Gebilde ab- 
bilden lassen, über dessen Natur ich zu keiner genaueren Vorstellung 

* 1899. F. E. Schulze, Amerikanische Hexaktinellideu. Jena. 



87 



VON BiSTRAM: 



[202 



gelangt bin. Auch Herr Schrammen in Hildesheim, an den ich 
mich gewandt, konnte mir keine Auskunft darüber geben. Ich 
hatte die Vermutung ausgesprochen, dass es vielleicht den Stiel 
eines Schwammes darstellen könnte. Er machte mich darauf auf- 
merksam, dass in einem solchen Stiele die Schwammnadeln in der 
Längsrichtung angeordnet sein müssen, während sie hier quer zur 
Hauptausdehnung liegen. 

Mir liegen mehrere Stücke vor und zwar sowohl solche, die 
einen CyHnder, dessen Aussenseite von den quer liegenden Schwamm- 
nadeln gebildet wird, darstellen (Fig. 2), als auch solche, in denen 
die Nadeln eine Röhre bilden, die von Gesteinsmaterial (verkitteten, 
unregelmässig liegenden Kieselelementen, hauptsächlich Spongien- 
nadeln und Bruchstücken derselben) umgeben wird. 

Der Hauptsache nach werden diese Körper gebildet aus ein- 
achsigen grossen Schwammnadeln, wie sie sich sonst auch massen- 
haft in dem Gesteine finden, doch scheinen auch einige Sechsstrahler 
an dem Aufbau sich zu beteiligen. 

Man könnte versucht sein, die Erklärung des Gebildes als 
einer Röhre zu versuchen, die sich irgend ein Geschöpf, etwa ein 
Wurm, aus den jedenfalls in grosser Anzahl in dem damaligen 
Meere der Gegend vorhandenen Schwammelementen gebaut hätte, 
wenn nicht der Aufbau des Cylinders als ein gar zu regelmässiger 
erschiene. Alle Nadeln hegen nämlich tangential in Ebenen, die 
auf die Längsachse desselben senkrecht stehen. 

Hierbei mag erwähnt werden, dass Serjnilae sich ziemhch zahl- 
reich in diesen Schichten gefunden haben, aber nirgends die An- 
deutung einer solchen Umkleidung mit Spongiennadeln zeigen. 



Uebersiclit der beschriebenen Fossilien 

nebst Angabe anderweitigen Vorkommens derselben Arten auf dem europäischen 

Continente. 

Rh. = Rhönebecken und Cöte d'Or. V. ^= Vendee. L. = Luxemburg, Hettange, Ostfrankreich. 
Sp. = Spezia. I. = Oberitalien. H. = Halberstadt. A. = Ostalpen. D. = Westdeutsch- 
land. X = verwandte Formen. 



Art 


Rhät. 


Planorbis- 
zone 


Angulat.-Z. 
u. höh. Seh. 


1. Schlotheimia Neumayri nov. nom. 

2. Aegoceras tenerum Neum. . . . 

3. — Emmrichi GtJMB. . . . 

4. — calUpliißlum Neum. . . 

5. — Johnstoni Sow. ... 

6. — cf. Hagenmci Neum. 

7. Lejßtodesma Valsoldae n. f. . . . 


?I. 


L. A. D. 

A. ?D. 

A. 

A. ?Rh. ?L. 

D. H. L. A. 

A. 

?L. 


A. Sp. L. 



203] 



CoMASKER Alpen. I. Liasfauna der Val Solda. 



88 



Art 




Angulat.-Z. 
u. höh. Seh. 



9. 
10. 
11. 
12. 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 
22. 
23. 
24. 
25. 
26. 
27. 
28. 
29. 
30. 
31. 
32. 
33. 
34. 
35. 
36. 
37. 
38. 
39. 
40. 
41. 
42. 
43. 
44. 
45. 
46. 
47. 
48. 
49. 
50. 
51. 
52. 
53. 
54. 



Fseudomonotis Bohjiensis u. f. 
Pecten TliiolUerei Mart. . . 

— caloniensis Defr. . . 

— dispar Tqm 

— aequalis Qust . . . 

— Falgeri Mer. . . . 

— HeliJi d'Orb. . . . 
Lima (/igantea Sow. . . . 
ManteUum pectinoide Sow. . 
Plicatula spinosa .... 

— hettaugensis . . . 
Dimyopsis Evnuerichi dov. nom 
Ostrea subhimeJIosa Dkr. . . 
Ostrea irregularis Mstr. . 
Mytilus pwductus Tqm. . . 
ParallelodoH sinemuriense Mart 
NiicuUna liasina u. f. . . 
Astarte subtetragona Mstr. . 

— cingulata Tqm. . . 
Corhis? ohscura Tqm. u. P. 
Cardium Heberti Tqm. . . 
Protocardia Phüippiana Dkr 
Pholadomya comigata K. u. D. 
Mhynchonella variabiUs Schlh. 

— plicatissima Qust. 
PJeurotomaria Jens Tqm. . . . 
Amberleya decorata Mart. . . 
Clirysostoma solarium Piette . 
Neritopsis granum Dum. . . . 
Turritella Zenkeni Dkr. . . . 
Ompludopt y clia morencyana Piette 
Promatliildia Dunkeri Tqm. . 

— Semele d'Orb. . . 

— Terquemi nov. nom 

— fragiUs Tqm. . . 
Protocerithium lugdiinense Dum. 

— abcisiim Tqm. 

— costeUatum Tqm. 
Cylindröbullina sinevuiiiensisMART, 

— striata Piette . 

— Bouvignieri Tqm 

— avena Tqm. . . 



— oryza .... 

Pentacrimts angiäatus Opp. 
Diademo2isis bticcalis Ag. . . 
Stylopliyllopsis Haimei Ch. u. D. 
Eudictyon Steinmanni n. f. . . 



54 Arten 



?I. 
Rh. 



I. 

?I. 

?L 

?I. 
I. A. Sp. 



?D. 
■?I. ?A. PRh. 



Rh. 
Rh. 
L. 

Rh. 

D. 

Rh. D. 

Rh. L. D. 

Rh. L. 

Rh. L. 

Rh. ?Sp. ?L. 

H. Rh. 

D. ? Rh. 

L. Rh. D. 

Rh. ? H. ? D. 

?D. PL. 
L. 

X 
L. ?D. 
H. L. 
Rh. D. 
L. D. 
Sp. 

V. 
V. 

H. Rh. L. S. 
V.?D.?A.?L, 



X 


H. A. L. Rh. 


L. Rh. D. 




Rh. L. 


Rh. Sp. 


— 


A. Sp. L. 


L. 





— 


? Rh. L. 





V. ?D. 


Rh. 


— 


— 


Rh. 


— 


Sp. L. Rh. 


— 





V. ? H. 


Rh. 


I. 


Rh. 


L. 


I. 


— 


Rh. D. 





V. L. 


Rh. 


— 


V. L. 


— 


D. 


D. Rh. 


Rh. D. 




Rh. 


— 




L. Rh. 


Rh. L. 


6 (13) 


42 (40) 


37 



D. L. 

D. Rh. 

Sp. D. 

L. D. Rh. 

L. D. Rh. 

L. 

D. 

D. L. 
L. D. 
Rh. 

D. ?L. 

L. 
Rh. D. L. 

D. 

L. D. ?Rh. 

Rh. D. L. 

D. Rh. 

L. 

Rh. 

L. 

Rh. 

L. D. 

L. 



Durchmustert man die obige Liste, so kann wobl kein Zweifel 
obwalten, dass wir es mit unterem Hettangien (Planorbis- 
zone) zu tbun haben; zur Bestimmung des Horizontes können natür- 
lich nur die Animoniten in Frage kommen, da die übrigen ver- 



89 VON Bistram: [204 

tretenen Fossilarten überall eine grössere vertikale Verbreitungszone 
aufweisen. 

Unter den aufgeführten sechs Ammoniten arten sind fünf 
dem Planorbishorizonte eigentümlich, während nur eine, Aer/. Emm- 
richi GüMB. auch in dem nächsthöheren von Spezia und vielleicht 
auch von N.-O. Frankreich vorkommt. So habe ich mich denn über- 
zeugt, dass die fossilführenden Horizonte, deren Fauna ich hier be- 
schrieben habe, nur die Piano rbiszone repräsentieren, während 
ich früher ^, als mir nur ein Teil des Materiales vorlag und ich das- 
selbe nur oberflächlich bestimmt hatte, angenommen hatte, dass wir 
hier das ganze Hettangien vor uns hätten. 

Von Lamellibranchiaten habe ich 24 Arten aufführen können, 
3 davon sind neu und 1 unsicher. Somit bleiben uns zum Ver- 
gleiche 20 Arten nach, von denen 10 (oder wenigstens ihnen sehr 
nahe verwandte Arten) wahrscheinlich sich schon in der oberen Trias 
finden und 14 in höhere Horizonte hinaufreichen. Nur auf den Hori- 
zont beschränkt dürfte von den 20 schon früher beschriebenen keine 
einzige Art sein. 

Viel zahlreicher an Individuen und auch an Arten reichlich 
vertreten sind die Gastropoden, von denen wir 18 Arten zählen. 
Von ihnen haben nur 2 — 3 schon in der oberen Trias Vertreter, 
während alle bis auf 2 in höhere Schichten hinaufreichen, 4 sogar 
bisher nur in den nächsthöheren Schichten beschrieben sind. Dabei 
habe ich den Horizont in der Vendee, aus dem Cossmann (1902 
loc. cit.) seine Fauna beschrieben hat, als zur Planorbiszone gehörend 
gerechnet, obgleich es auch nicht ausgeschlossen ist, dass er zur 
nächsthöheren Zone gehört. In letzterem Falle würde sich das Ver- 
hältnis etwas zu Ungunsten der Planorbiszone verschieben. 

StylophyUopsis Haimei Ch. und D. wird auch noch aus den An- 
gulatenschichten erwähnt, hat aber in Frankreich ihre Hauptverbrei- 
tung in der Planorbiszone, allerdings hauptsächlich in den höheren 
Schichten derselben. 

Deutlich ist in unserer Fauna der Charakter des Ueberganges 
von der Trias zum Jura ausgesprochen, indem Avicula Valsoldae, 
Pseudotnonotis Bolgiensis, einige Fecthies, Lima gigantea, Proto- 
cardia Phüippiana, vor allem aber Bimyopsis Emmerichi (PUc. intu- 
striata), diese Leitform des Rhät, ferner auch einige Gastropoden, 
so OmpJialoptycha und die Promathüdien und Cglindrohullincn durch- 



1901. V. Bistram, Brief 1. Mitt. : Lugauer und Corner See. 



205] COMASKER AlPEX. I. LiASFADNA DER VaL SoLDA. 90 

aus an Triasformen erinnern, während die Ammonitenfauna 
und der grösste Teil der Gastropoden, dann aber auch Mantellum 
pectinoide und Pentacrinus angulatus uns zu den höheren Liashori- 
zonten hinüberleiten. 

Es macht den Eindruck^ als ob die auf unsere Schichten fol- 
genden Horizonte in dem Seengebiete nicht mehr fossilreich ent- 
wickelt seien, wegen des zunehmenden Kieselgehaltes der Schichten, 
in welchen bei dem fast durchweg verkieselten Gestein auf keine 
Fossilausbeute mehr zu rechnen ist. Erst das Sinenmricn, in dem 
der Kieselgehalt wieder zurückgegangen ist, gewährt eine, wenn 
auch schwächere Fossilausbeute, doch scheint es nicht ausgeschlossen, 
dass sich auch Fossilfundstellen in den zwischenliegenden Horizonten 
des Seengebietes finden können, während Verarbeitung weiteren Mate- 
riales aus den von mir entdeckten Fundstellen in der Val Solda 
sicher noch die oben beschriebene Fauna mit manchen weiteren 
Formen bereichern dürfte. Dabei hat man die begründete Aussicht, 
weitere Spongienformen zu finden, was, bei der geringen Kenntnis, 
die wir bisher von solchen des Lias besitzen, von grossem Werte 
wäre. Kleine Bruchstücke von hexactinelliden Skeletten liegen mir 
z. B. vor, die nicht zu der beschriebenen Form Eudidijon zu ge- 
hören scheinen, sondern eher den Typus von Craticiüaria zeigen. 



Hier am Schluss möchte ich noch allen den Herren, die mir 
ausser Herrn Prof. Steinmann Auskünfte und Ratschläge bei dieser 
Arbeit haben zu teil werden lassen, besonders Herrn Prof. Dr. Boehm- 
Freiburg, Herrn A. ScHRAMMEN-Hildesheim und Herrn Dr. Roman- 
Lyon, meinen Dank für ihre freundliche Unterstützung aussprechen. 



91 VON Bisträm: [206 



Tafelerkläriiiiffen. 



Tafel I. 

Fig. 1 — 2. Schlotheimia Neumayri nov. nom. (p, 16.). Unterhalb A. Bolgia. 

Fig. 3 — 4. Aegoceras tenerum Neüm. (p. 19). Unterer Fossilpunkt unterhalb 

A. Bolgia. 

Fig. 5 — 6. Schlotheimia Neumayri nov. nom. (p. 16) 2:1. Unterer Fossilpunkt 

unterhalb A. Bolgia. 

Fig. 7 — 8. Aegoceras Emmrichi Qüenst. (p. 19) 1,5 : 1. Unterer Fossilpunkt 

unterhalb A. Bolgia. 

Fig. 9. Aegoceras calliphyllmn Neum. (p. 21). Ammonitenbank unterhalb 

A. Bolgia. Kleines Exemplar. 

Fig. 10. — — 2:1. Ammonitenbank unterhalb A. Bolgia. 

Jugendexemplar. Die Rippen , die nur 
etwas aufgewölbte, unregelmässig gestellte 
Falten bilden, sind etwas zu regelmässig 
und schematisch gezeichnet. 

Fig. 11—13. — — 2:1. Ammonitenbank unterhalb A. Bolgia. 

Mittelgrosses Exemplar. Die "VVohnkammer 
fehlt. 

Fig. 14. Aegoceras Johnstoni Sow. (p. 22). Ammonitenbank unterhalb A. 

Bolgia. Das erhaltene Stück des äusseren 
Umganges war unvollständig verkieselt und 
konnte präpariert werden. Darnach wurde 
die Zeichnung desselben augefertigt, darauf 
die inneren Umgänge durch Aetzen ge- 
wonnen ; das Exemplar war offenbar vor der 
Fossilisation schon deformiert. 

Fig. 1.5. Aegoceras cf. Hagenmoi Dkr. (p. 23) Neum. Ammonitenbank unter- 

halb A. Bolgia. 

Fig. 16 — 17. Pseudomonotis Bolgiensis n. f. (p. 32) 7,8 : 1. A. Bolgia. Rechte 

Klappe eines Jugendexemplares von aussen 
und von innen. 

Fig. 18u. 19. — — 6,5:1. Linke Klappe eines etwas grösseren 

Jugendexemplars von aussen und von innen 

Fig. 19. — — Sculpturdetail der linken Klappe (Fig. 18) 

in noch stärkerer Vergrösserung. 

Fig. 21. Plicatula hettangensis Tqm. (p, 45). A. Bolgia. Rechte Klappe von 

innen. 

Fig. 22. — — A. Bolgia. Rechte Klappe von aussen. 



207] CoMASKER Alpen I. Liasfauna der Val Solda. 92 

Tafel II. 

Fig. 1. Dimyopsis Emmerichi nov. nom. (p, 45) 3:1. A. Bolgia. Mit ihrer 

ganzen äusseren Fläche aufgewachsene 
(rechte) Klappe von innen. 

Fig. 2. — — 3:1. A. Castello. Nur mit der Wirbel- 

region aufgewachsene rechte Klappe von 
aussen. 

Fig. 3. — — 3:1. Dieselbe von innen. 

Fig. 4. Leptodesma Valsoldae n. f. (p. 24) 4:1. A. Bolgia. Linke Klappe 

von aussen. 

Fig. 5. — — 4 : 1. A. Bolgia. Schloss und vorderer 

Flügel derselben Klappe von innen. 

Fig. 6. — — 4:1. Rückenansicht eines doppelklappigen 

Exemplares (Wirbel und vorderes Ende 
fehlen). 

Fig. 7. — — 4 : 1. A. Bolgia. Rechte Klappe eines 

etwas kleineren Exemplares, Innenansicht 
mit Schloss. 

Fig. 8. — — 4:1. Aussenansicht der rechten Klappe 

desselben Exemplares. 

Fig. 9. Gervillia pygmaea Koch und Dkr. sp. (p. 26, 31) 2,6 : 1. Terrain 

ä chailles der Pfirt (Oberelsass). Jugend- 
exemplar. Linke Klappe von aussen. 

Fig. 10. — — 3,5 : 1. Linke Klappe eines anderen Exem- 

plares von ebenda von innen. 

Fig. 11. Gervillia aviculoides Sow. (p. 25, 32) 2 : 1. Terrain k chailles des Pfirt 

(Oberelsass). Jugendexemplar. 

Fig. 12. — — 2 : 1. Linke Klappe eines anderen Exem- 

plares von ebenda, von innen. 

Fig. 13. Pecten (Chlamys) Tliiollierei Mart. (p. 33). A. Bolgia. Rechte Klappe 

eines ausgewachsenen Exemplares. 

Fig. 14. — — — A. Bolgia. Doppelklappiges jüngeres Exem- 

plar. 

Fig. 15. — — — A. Castello. Linke Klappe eines aus- 

gewachsenen Exemplares. 



Tafel III. 



Fig. 1. Pecten (Clilamys) Fdlgeri Mer, (p. 37) 2:1. A. Bolgia. Rechte 

Klappe. Die Zeichnung der Rippen ist 
nicht ganz gelungen, a. d. 0. erscheinen 
die Rippen breiter, gerundeter und die 
Zwischenräume schmäler. 

Fig. 2. Pecten (Clilamys) valoniensis Defr. (p. 35) 3:1. A. Bolgia. Bruch- 

stück einer -(rechten?) Klappe. 



93 VON Bisträm: [208 

Fig. 3. Pecten (Glüamys) dispar Tqm. (p. 36) 6,5 : 1. A. Bolgia. Bruch- 

stück der rechten Klappe eines Jugend- 
exemplai'es. 

Fig. 4. Pecten (Ghlamys) aequalis Qüst. (p. 37) 2 : 1. A. Bolgia. Linke 

Klappe. Die Conturen der Ohren sind nach 
einem anderen Exemplare von derselben 
Fundstelle durch punktierte Linien ergänzt. 

Fig. 5. — — — 2 : 1. A. Bolgia. Rechte Klappe. 

Fig. 6 — 7. Lima (Mantellum) pectinoides Sow. (p. 41) 2:1. A. Bolgia. R. u. 1. 

Klappe von Jugendexemplaren, von aussen. 

Fig. 8 — 9. — — — 4 : 1. A. Bolgia. Rechte und linke Klappe 

von Jugendexemplaren, Innenansicht. 

Fig. 10 — 11. — — — 2 : 1. A. Bolgia. Rechte Klappe eines grös- 

seren Exemplares von aussen und innen. Es 
ist die grösste von mir gefundene Schale. 

Fig. 12 — 13. — — — 2 : 1. A. Bolgia. Linke Klappe, Zwischen- 

grösse zwischen den beiden Vorigen. 

Fig. 14. Lima (Mantellum) äff. Hausmanni Dkr. (p. 44) 2 : 1. Lias a von 

Vaihingen (AVürttemberg). Zweiklappiges 
Exemplar, linke Klappe. 

Fig. 15. — — — 2,4: 1. Dieselbe, rechte Klappe (etwas 

kleiner als die 1., mit Einschaltrippen). 

Fig. 16. — — — 2:1. Dieselbe, etwas von oben gesehen, 

zeigt die "Wirbel (der 1. abgebrochen) und 
die von aussen sichtbare Faltung des 
Schalenrandes neben denselben (Pseudo- 
schlossbezahnung). 

Fig. 17. Gorhis ? öbsciira Tqm. und Piette (p. 53) 2:1. Grosses zweiklap- 

piges Exemplar, Ansicht der rechten Klappe. 

Fig. 18. — — 2:1, Rückenansicht eines anderen Exem- 

plares (nicht ganz gelungen, da nicht gerade 
von oben, sondern etwas schräg von hinten 
gezeichnet ; ausserdem die Vorderseite nicht 
richtig — zu kurz — ergänzt. 

Fig. 19 u. 20. — — 4:1. Schloss der linken und der rechten 

Klappe (die Zeichnungen sind nicht ganz 
gelungen); die rechte Klappe zeigt einen 
starken Kardinalzahn, die linke zwei solche. 



Tafel IV. 



Fig. 1. Protocardia Philippiana Dkr. (p. 54) 4 : 1. A. Bolgia. Schloss 

der rechten Klappe. 
Fig. 2. Nuculina liasina n. f. (p. 51) 6 : 1. A. Bolgia. Linke Klappe von 



209] CoMASKER Alpen I. Liasfauxa der Val Solda. 94 

Fig". 3. Parallelodon sinemuriense Mart. sp. (p. 49) 6 : 1, A. Bolgia. Linke 

Klappe von aussen, 

— — 6 : 1. A. Bolgia. Linke Klappe von innen. 

— — 6 : 1. A. Bolgia. Rechte Klappe von innen. 

— — 6 : L A. Castello. Rechte Klappe eines 
etwas grösseren Exemplares von aussen. 

Cardüim Heberti Tqm. sp. (p. 54) 6:1. A. Bolgia. Rechte Klappe 
von aussen. 

— — 6 : L Rückeuansicht eines zweiklappigen 
Exemplares. 

— ■ — 6:1. Linke Klappe von innen. 

— — 6:1. Rechte Klappe von innen. 
Ästarte suhtetragona Mstr. (p. .51) 6:1. Val Solda. Linke Klappe 

von aussen. 

— — 6:1. Rechte Klappe von innen. 

— — 6:1. Linke Klappe von innen. 
Pleurotomaria Jens Tqji. (p. 58) 6:1. Val Solda. 
Neritopsis granum Dum. sp. (p. 61) 6:1. A. Bolgia. 
Amberleya decorata Mart. sp. (p. 58) 6,5 : 1. Val Solda. Exemplar 

mittlerer Grösse. 
Fig. 19 — 21. Chrysostoma Solarium Piette sp. (p. 60) 4,5 : 1. Val Solda. 



Fig. 


4. 


Fig. 


5. 


Fig. 


6. 


Fig. 


7. 


Fig. 


8. 


Fig. 


9. 


Fig. 


10. 


Fig. 


11. 


Fig. 


12. 


Fig. 


13. 


Fig. 


14, 15. 


Fig. 


16. 


Fig. 


17, 18. 



Tafel Y. 



Omphaloptycha morencyana Piette sp. (p. 62) 2:1. A. Bolgia. 
Grösseres Exemplar. 

A. Bolgia. Kleineres Exemplar. 
var. Martini (p. 66) 4,5 : 1. Val 



Fig. 


2. 


— — 4,5 : 1. 


Fig. 


3. 


Promathildia Dunkeri Tqm. sp 
Solda. 


Fig. 


4. 


- — 4,5 : 1. 


Fig. 


5. 


— — 4,5 : 1. 



Val Solda. Mit 4 Spiralkielen. 
Val Solda. Junges Individuum mit 
3 Spiralkielen. 

Fig. 6. — — var. Martini (p. 65) 4,5 : 1. Val Solda. 

Junges Exemplar. 

Fig. 7. — — 4,5 : 1. Val Solda. Mit 3 Spiralkielen. 

Fig. 8. — — 4,5 : 1. Val Solda. Mit 2 Spiralkielen. 

Fig. 9. Promathildia Terquemi nov. nom. (p. 68) 4,5 : 1. Val Solda. 

Mittlere Form. 

Fig. 10. — — 4,5 : 1. Val Solda. Form mit stark gerun- 

deten Umgängen. 

Fig. 11. — — 4,5 : 1. Val Solda. Form mit kantigen Um- 

gängen. 

Fig. 12. Promathildia fragilis Tqm. sp. (p. 69) 4,5 : 1. Val Solda. 

Fig. 13, 14. Mesalia Zenkeni Dkr. sp. (p. 61) 1:1. A. Bolgia. 

Fig. 15. Protocerithium lugdunense Dum. (p. 71) 6,5 : 1. Val Solda. Exem- 

plar mit gleichmässig zunehmenden Quer- 
rippen. Mundöffnung! 
Berichte XIII. j4 



95 VON Bistram: [210 

Fig. 16. P)-otocerithium lugdunense Dum. (p. 71) 6,5 : 1. Val Solda. Die 

Querrippen vermehren sich anfänglich nicht, 
um dann plötzlich in viel grösserer Anzahl 
aufzutreten, wobei sich dann auch die Spiral- 
kiele vermehren und der Windungsquer- 
schnitt sich stark rundet. 

Fig. 17, — — 6,5 : 1. Val Solda. Foi'm mit kantigem 

Querschnitt der Windungen. Die Quer- 
rippen vermehren sich nur langsam. 

Fig. 18, Promathildia Semele d'ORB. sp. (p. 67) 4,5 : 1. Val Solda, 

Fig. 19. Protocerithium. lufjäunense Dum. (p. 71), Val Solda, Mundöffnung. 



Tafel YI. 



Fig. 1, 2. Protocerithium, lugdunense Dum. (p. 71). Val Solda. Zum Teil er- 
haltene Mundränder. 

Fig. 3. Cylindröbullina sinemuriensis Mart. sp. (p, 76) 6,4 : 1. Val Solda, 

Unterseite. 

Ficr. 4. — — 6,4 : 1. Val Solda. Rückenseite eines 

anderen Exemplares. 

Fig. 5, Cylindröbullina striata Piette sp, (p. 77) 7,8 : 1. Val Solda. 

Unterseite. 

Fio-. 6. — — 7,8 : 1. Val Solda. Rückenseite desselben 

Exemplares. 

Fig. 7. Cylindröbullina Bouvignieri Tqm. sp. (p. 74) 3,4 : 1, Val Solda. 

Fig. 8, Cylindröbullina avena Tqm. sp. (p. 78) 4,5 : 1. Val Solda. 

Fig. 9. Cylindröbullina oryza Tqm. sp. (p. 79) 7,8 : 1. Val Solda. Rücken- 
seite. 

Fig. 10, — — 7,8 : 1, Unterseite desselben Exemplares. 

Fig, 11. Protocerithium costellatum Tqm. (p. 74) 4,5 : 1. Val Solda. Aus- 
gewachsenes Individuum. 

Fig. 12. Protocerithium abscisum T(iM, und P, (p. 73) 4,5 : 1. Val Solda. 

Fig. 13. Stylophyllopsis Haimei Ch. und Dew, (p, 80) 6,4 : 1, A. Bolgia. 

Mittleres Exemplar, Ansicht von oben. 

Fig. 14. — — 5 : 1. A. Bolgia Septendetail eines grossen 

Exemplares. 

Fig. 15. — — 3,5 : 1. A. Bolgia. Unteransicht eines grossen 

Exemplares. 

Fig. 16. — — 3,5 : 1. Dasselbe von der Seite. 

Fig. 17. — — 3 : 1. A. Bolgia. Profilansicht eines ge- 

stielten jungen Individuums. 



Die Fig, 9 — 12 sind leider versehentlich beim Zusammenstellen der Tafel auf 
den Kopf gestellt worden. 



211] CoMASKER Alpen. I. Lusfauna der Val Solda. 96 

Tafel yil. 

Fig. 1. Eudictyon Steinmanni u. g., n. f. (p. 86). A. Bolgia. 

Fig. 2. Prohhmatieum (p. 86) 7:1. Cj'linder aus meist einachsigen Schwamm- 
nadeln bestehend. A. Bolgia. 

Fig. 3. — 5:1. Dasselbe Gebilde, als hohle Röhre 

erhalten. A. Bolgia. 



Tafel yill. 



Euäidyon Steinmanni n. g., n. f. (p. 86). Details. 
Fig. 1. Stück der äusseren Wand, vergr. 3:1. 
Fig. 2. Stück der inneren Wand, vergr. 3:1. 
Fig. 3. Stück der äusseren Wand, stärker vergr. 15 : 1. 
Fig. 4. Skelettdetail (Dünnschliff) .50 : 1. 

Fig. 5. Stück der inneren Wand, stärker, vergr. 25 : 1, mit aufliegenden Dermal- 
nadeln. 



Die Abbildungen auf den acht Tafeln sind bis auf die Tab. I Fig. 15, 
Tab. II Fig. 9 — 12 und Tab. III Fig. 15 von dem Freiburger Universitätszeichner 
Schilling, die aufgeführten sechs von dem Zeichner Johnsen nach den Originalen 
unter Controle des Verfassers gezeichnet worden. 

Die Originale befinden sich in den Sammlungen des geologischen Institutes 
der Universität Freiburg i. Br. 

Sämtliche Stücke aus der Val Solda sind verkieselt und wurden durch 
Aetzen mit Salzsäure aus von dem Verfasser gesammeltem Materiale gewonnen, 
die Stücke aus dem terrain k chailles der Pfirt, ebenfalls verkieselt und aus- 
geätzt, befanden sich in den Institutssammlungen. 



14^ 



97 



VON BiSTRAM: 



[212 



Alplial)etisches Kegister 

der beschriebenen Arten, Synonyma sowie sonst ericähnten Formen. 



Actaeon fontis 78. 

— gracilis 79. 

— siueiuuriensis 76. 
Actaeonina avena 78. 

— Bouvignieri 77. 

— Dumortieri 76. 

— lauretana 76. 

— Pilleti 77. 

— sinemuriensis 76. 

— Valleti 77. 

Aegoceras vide Ammonites. 
Amberleya decorata 58 (IV 17- 

— tricarinata 59. 
Ammonites angulatus 16. 

— — var. exeoptychus 16. 

— anomalus 19. 

— calliphyllus 21 (I 9—13). 

— circumdatus 17. 

— Emmrichi 19 (I 7—8). 

— Guidonii 19. 

— cf. Hagenowi 23 (I 15). 

— Johnstoni 22 (I 14). 

— laqueolus 22. 

— minusculus 21. 

— Neumayri 16 (I 1,2,5,6). 

— planorbis 19. 

— psilonotus 22. 

— — plicatus 22. 

— raricostatus 22. 

— semicostatulus 22. 

— subangularis 16. 

— tenerus 19 (I 3—4). 

— torus 22. 
Anomia sp. 48. 

— alpina 47. 

— intustriata 46. 

— pellucicla 47. 
Area Collenoti 49. 

— sinemuriensis 49. 
Astarte ciiignlata 53. 

— complanata 51. 

— excavata 52. 

— Heberti 52. 

— integra 52. 

— irregularis 52. 



-18). 



Astarte subtetragona 51 (IV 11 — 13). 

— psilonoti 52. 
Ataphrus planilabium 60. 
Ayicnla Alfredi 24. 

— ßouvignieri 24. 

— Gr. d. Cassiana 25. 

— contoi'ta 29. 

— Dunkeri 24. 

— falcata 24. 

— pygmaea 31. 

— senüsagitta 27. 

— Tofanae 25. 

— Valsoldae 25 (II 4—8). 
Bakeioellia 30. 
Callodictyonidae 84. 
Cardita Heberti 54. 
Cassianella 29. 
Cardium cloaeinum 54. 

— Heberti 54 (IV 7—10). 

— FliiHppiaimm 55. 

— rhaeticum 55. 

— Terquemi 54. 

— truncatum 56. 
Cerithium abcisum 73 (VI 12). 

— acuticostatum 66. 

— acanthocolpum 71. 

— Chartroni 72. 

— Collenoti 64. 

— Collenoti Tqin. u. P. 66. 

— costellatum 74 (VII 11). 

— Falsani 67. 

— gratum 71. 

— Jobae 67. 

— loxocolpum 72. 

— Ingduneiise 71 (V 15—17, 19; 

VI 1—2). 

— Martinianum 64. 

— Ogerieni 73. 

— pleurotoma 64. 

— quinquegranosum 71. 

— Semele 63, 67. 

— sinemuriense 64. 

— subturritella 64. 

— Terquemi 67, 68. 

— viticola 67. 



213] 



CoMASKER Alpen. I. Lusfauxa der Val Solda. 



98 



Chemnitzia fistulosa 65. 

— lessoniana 74. 

— Meneghinii 61. 

— notata 62. 

— turbinata 62. 

— Zeiikeiü 61. 
Chlamjs vide Pecten. 
Chrysostoma solariiiiu 60. 
Coelostylina vide Omphalotycha. 
CorbisJ obscura 53 (III 17—20). 
Craticulariidae 84. 
Craticularin x>arallela 85. 
Cucullaea hettangensis 50. 

— psilonoti 49. 
Cylindrobullina (geaus) 75. 

— aveiia 78 (VI 8). 

— Bomigiiieri 77 (VI 7). 

— elongata 76. 

— fragilis 76. 

— oryza 79 (VI 9—10). 

— sinemurieiisis 76 (VI 3 — 4). 

— striata 77 (VI 5—6). 
Diademopsis buccalis 79. 

— Heeri 80. 
Dimya (genus) 46. 

— intustriata 46. 
Dimyodon intustriatum 46. 

— Wöhrmanni 46. 
Dimyopsis (Genus) 46. 

— Emmerichi 45 (II 1—3). 

— intusornata 46. 
Entolmm vide Pecten. 
Encyclus vide Amberleya 
Eudictyoii (genus) 84. 

— Steinmanni 86 (VII 1, VIII 1—5). 
Exelissa infraliasina 71. 

Farrea 85. 

dfervillia angustata 32. 

— aviculoides 25, 32 (II 11—12). 

— Bouei 28. 

— inflata 19. 

— pygmaea 26, 31 (II 9—10). 

— socialis 29. 

— ventricosa 31. 
Orgpliaea arcuata 48. 
Harpax spinosus 45, 
Hemicidaris buccalis 79. 
JSoernesia 29. 
Leioptena 30. 
Leptodesina (genus) 24, 30. 

— vide Avicula. 
Liraea (genus) 39. 

— vide Lima. 

— margineplicata 41. 
Lima acuticosta 44. 

— antiqiiata 39. 

— Blakeana 44. 

— dentata 42. 

— discus 38. 

— dupla 42. 



Lima duplicata 42. 

— Eryx 41. 

— (var.) exaltata 38. 

— excavata 41. 

— fallax 41. 

— g:igaiitea 38. 

— (äff.) Hausmanni 44 (III 14—16). 

— Hermanni 38. 

— hettangensis 42. 

— Koninckana 42. 

— Omalusii 42. 

— pectinoides 41, 44 (II 6—13). 

— praecursor 38. 

— punctata 38. 

— subdupla 42. 

— succincta 39. 

— sqriamosa 41. 

— tecticosta 42. 

— valoniensis 38. 
Littorina sylvestris 63. 
Loxonema alpicolum 65. 
Lucina ovula 53. 

— obscura 53. 

— problematica 53. 

— pumila 53. 

Macrodon vide Parallelodon. 
Mautelhim vide Lima. 

— (genus) 39. 
Melania turritella 64. 

— Zeulieiii 61. 

— Zinkeni 61, 
Mesalia vide Turritella. 
Modiola — Mytilus. 
Montlivaultia Guettardi 82. 

— Haimei 80. 

— sinemuriensis 80. 
Mya parvula 49. 
Mytilus productus 49. 

— scalprum 49. 

— Morrisi 49. 

Neritopsis granum 61 (IV 16). 
Nuculiiia liasina 51 (IV 2). 
Odontoperna 28, 29. 

— Bouei 28. 

Omphaloptycba moreucyaiia 62 (VI 2). 

— Chartroui 62. 
Orthostoma aveiia 77, 7S. 

— Bouvignieri 77. 

— cylindrata 77. 

— foutis 77. 

— gracile 78. 

— oryza 79. 

— scalaris 76. 

— siiiemuriense 76. 

— striatum 77. 
Ostrea anomala 48. 

— intustriata 45. 

— irregularis 48. 

— placunoides 45. 

— snblamellosa 48. 



99 



VON Bistram: Comasker Alpen. I. Liasfadna der Val Solda. [214 



Oxytoma 30. 

Paracerithium vide Cei'ithlum. 

Parallelodoii sinemuriense 49 (IV 

3—6). 
Pecteii aciiticosta 37. 

— acuticostatus 37. 

— aequalis 33, 37 (III 4—5). 

— (lispar 36 (III 3). 

— Euthymei 38. 

— Falgeri 37 (III 1). 

— glaber 38. 

— Hehli 38. 

— janiriformis 38. 

— lugdunensis 35. 

— textorius 33, 38. 

— Thiollierei 33 (II 13—35). 

— valoniensis 35 (III 2). 
Peiitacriims angulatus 79. 

— psiloDoti 79. 

— tuberculatus 79. 
Ferna Bouei 28. 

— ephippium 26. 
Pholadomya corrugata 56. 

— glabra 56. 
Plagiostoiua vide Lima. 
Plenrotomaria decorata 60. 

— leiis 58 (IV 14—15). 

— Triton 60. 

Plicatula hettaiigensis 45 (I 20—21). 

— intustriata 45. 
■ — nodulosa 44. 

— oxynoti 45. 

— spinosa 44. 

— ventricosa 44. 
Proceritliium vide Cerithlum. 
Promathildia (geuus) 63. 

— (ibcisa 74. 

— Diiiikeri 64 (V 3—8). 
(var.) Martini 66 (V 3, 6). 

— fragilis 62, («> (V 12). 

— Seiuele 63, 67 (V 18). 

— terebralis 67. 

— Terqiiemi 68 (V 9—11). 
Protocardia vide Cardiiim. 
Protocerithium vide Cerithium. 

— (genus) 70. 

Pseudomoiiotis Bolgiensis 32 (I 16 
bis 20). 

— echinata 33. 

— suhechinata 33. 

— speluncaria 33. 

— tridentina 33. 
Psiloceras vide Ammonites. 
Pterinaea (Genus) 29, 30. 



Pterinaea retroflexa 26. 
Purpurina tricarinata 58. 
Radula 41. 
Rhyiichonella Buchii 57. 

— Deft'neri 57. 

— plicatissinia 57. 

— portuvenerensis 57. 

— triplicata 57. 

— Tariabilis 57. 
Rissoa frunientum 74. 
Sclilotheiiuia vide Ammonites. 
Spondylus liasinus 45. 

— obliquus 45. 
Striactaeonina vide Orthostoma. 

— (subgeuus) 75. 

StylopliyllopsisHaimei 80 (VI 13—17). 
Stylophyllum 82. 

Terebratula vide Rhynchonella. 
Tornatella Bouvignieri 76. 

— fragilis 77. 
Toruatellaea vide Actaeon. 
Trochus anaglypticus 60. 

— Doris 61. 

— graniim 61. 
Tubifer striatus 77. 
Turbo atavus 68. 

— costellatus 74. 

— cristatus 58. 

— decoratus (Martin) 58. 

— decoratus (Laube) 60. 

— Ferryi 69. 

— fragilis 69. 

— Hoffmanni 71. 

— Nysti 68. 

— Solarium 60. 

— subcrenatus 58. 

— triplicatus 58. 
Turritella bicarinata 67. 

— Bolina 65. 

— circinnula 64, 67. 

— Deshayesea 61. 

— Dnnlieri 64, 67. 
■ — Gilmbeli 64. 

— Humberti 64. 
— ■ lunensis 68. 

— Melania 67. 

— somervilliana 68. 

— Stoppanii 67. 

— turbinata 61. 

— unicarnitata 64. 

— Zenkeni 61 (VI 13, 14). 
Venus pumila.53. 
Vulsella internostriata 46. 
Worthenia Triton 60. 



215] 



Geologische 
TJntersuehmigeu im Plessurgebirge um Ai^osa. 

Von 

Henry Hoek. 

Mit 1 Karte, 1 Panorama, 4 Profiltafeln und 20 Figuren im Text. 



Vorwort. 

"Wer an einem klaren Tage den Gipfel des Hochwang (2535), 
der höchsten Erhebung des kleinen Grebirgsastes inmitten von 
Landqiiartthal, Foncläpass und Fiessurthal, besteigt, dem muss der 
ganz eigentümliche Charakter der Aussicht von diesem Berge auffallen. 
Der Beschauer steht auf dem höchsten Punkte inmitten einer cen- 
tralen Depression, die von einem grossen halbkreisförmigen Gebirgs- 
bogen im Norden, Osten und Süden umschlossen wird. Dieser 
Bogen beginnt im Nordwesten mit dem Falknis und seinen Vor- 
bergen, zieht sich über Scesaplana, Brusenflnli, und die anderen 
stolzen Flühen des Bhätikons nach Klosters, biegt dort allmählich 
nach Südosten und Süden um und endet schliesslich mit den Bergen 
des centralen Flessurgehirges. 

Während der Wanderer zu seinen Füssen überall die einer 
Schieferformation eigentümlichen, berasten, zumeist sanften Berg- 
formen schaut, stellt jener grosse Gebirgsbogen ihm fast überall 
steile, imposante Mauern entgegen, die seltsam mit der näheren Um- 
gebung contrastieren. 

Selbst ein geologisch nicht geschultes Auge wird unschwer er- 
kennen, dass ein Gegensatz auch im Bau bestehen muss zwischen 
diesen landschaftlich so eindrucksvoll unterschiedenen Bergen. 

Der Geologe, der vertraut ist mit den modernen Theorien 
alpinen Gebirgsbaues, wird unwillkürlich den vorläufigen Eindruck 



HOEK: 



[216 



gewinnen, als hätte hier von allen Seiten ein Uebergreifen anders 
gearteter Berge stattgefunden über ein Schieferland, dessen Centrum 
ungefähr sein Standpunkt ist. 

Für den nördlichen Teil der geschauten Berge des steilgeran- 
deten Bergbogens, für die Strecke vom Falknis bis zur Siihfluh, 
hat Dr. Lorenz^ den Beweis erbracht, dass hier thatsächlich gross- 
artige Ueberschiebungen stattgefunden haben, deren sichtbarste 
Folgeerscheinung die prallen Südwest- oder süd-schauenden Steil- 
wände der RhätiJconherge sind. Für den mittleren Teil des Bogens, 
für die Strecke Sclieienfluh-Strelapass liegen die zu einem analogen 
Resultate führenden Arbeiten von Tarnuzzer und Bothpletz vor; 
der südliche Teil, das eigentliche Fiessurgebirge war für mich Sommer 
1903 während dreier, in unerhörter Weise vom Wetterglück be- 
günstigter Monate der Gegenstand einer Specialaufnahme, deren 
hauptsächlichste Resultate in den folgenden Blättern niedergelegt sind. 

Es ist zwar — auch in neuester Zeit — schon manches über 
das Flessurgehirge gearbeitet und geschrieben worden. Auf Karten- 
blättern grossen Massstabes geologisch kartiert wurde bislang noch 
nicht. Jeder, der die Complicationen in diesem Gebiet einmal 
vielleicht auch nur geahnt hat, wird unbedenklich zugeben, dass 
ohne geologische Specialaufnahme hier wohl nur ein Genie Klarheit 
schaffen könne. So mag man also in dem Umstände des bisherigen 
Fehlens einer geologischen Karte eine gewisse Rechtfertigung, wenn 
man so will, meines Unterfangens erblicken. 

Auch öffentlichen Dank schulde ich meinem hochgeschätzten 
Lehrer Herrn Prof. Dr. G. Steinmann dafür, dass er mich auf dieses 
so hochinteressante Gebiet aufmerksam gemacht, sowie für seine 
stets mir im reichsten Masse zu teil gewordene Anregung und An- 
leitung bei Fertigstellung dieser Arbeit. 

Geographisches und Historisches. 

Das Fiessurgebirge im weiteren Sinne des Wortes umfasst alles, 
was von Älbulathal, Landquartthcd und Rheinthal eingeschlossen ist. 
Dies ist der geographische Gebrauch des Namens. Spricht der 
Geologe vom Fiessurgebirge, so versteht er darunter das, was 
Geograph und Tourist als y^centrales Flessurgebirge^ bezeichnen, 
d. h. jenes Gebirgsdreieck , das begrenzt ist von den Thälern: 



' Th. Lorenz 1901 : Geologische Studien im Grenzgebiet zwischen hel- 
vetischer und ostalpiner Facies. II. Der südliche Rhätikon. 



217] Geologische Untersuchüngeh im Plessürgebirge um Arosa. 3 

Rabiosa-Heidhach, Albida-Landwassef und Plessiirimtetiauf-Sapüner' 
back. Es liegt eine Berechtigung in der Einschränkung des Begriffs. 
Denn das zuletzt umgrenzte Stück Bergvvelt steht in mehrfachem, 
schroffem Gegensatz zu den äusseren Partien des ganzen Plessur- 
(jehirges^ sowohl durch den Contrast der Bergformen, durch den 
Unterschied zwischen steilen Hochgebirgsformen und runden Schiefer- 
bergen, als auch durch seine ungemeine Complication der Tektonik 
und seiner Bauelemente im Vergleich mit dem einförmigen Vorlande. 
Darum fasst der Geologe den Begriff enger, wie wir ihn oben 
skizziert haben. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich wiederum 
nur mit einem Teil dieser vielgegipfelten Berggruppe, nur mit dem 
eigentlichen Quell- und Ursprungsgebiet der Fkssur, mit dem süd- 
westlich ansteigenden Hochthale, in dem Arosa gelegen ist, sowie 
mit seinen Verzweigungen und umgebenden Höhen und Bergen. 

Wenn wir uns zunächst rein orographisch über dieses Stückchen 
Alpenwelt orientieren wollen, so wird es am besten von hoher 
Bergeswarte geschehen, vielleicht von dem ungefähren Centrum 
dieser Gegend, von dem Gipfel des Arosaer Wässhornes (2657); 
es ist leicht auf gutem Pfade erreichbar und auch dem Touristen 
ohne wissenschaftliche Intuition bietet dieser Berg eine vielgerühmte 
Aussicht. Uns interessiert hier natürlich nur die nähere Umgebung, 
nicht die Pracht der Ferne. 

Nach Osten und Südosten blickend schauen wir im grossen 
und ganzen ein ziemlich einheitliches Bild. Zunächst zu unseren 
Füssen ein hügeliges Hochplateau mit unruhigen Conturen, auf dem 
die Häuser Arosas und Maräns gelegen sind , dann kommt die 
ziemlich tiefe Thalfurche des Plessurfhtsses und jenseits dieses Ein- 
schnittes erhebt sich eine Doppelkette statthcher braungelber Berge, 
die uns alle steile, senkrecht erscheinende, wilde Dolomitwände zu- 
kehren. Es sind von Nord nach Süd aufgezählt die Berge : Küpfen- 
/luJi, Müdriyerfluh , Thiejerßiih, Furlicihoni , Amsel/Iuh, Schiesshorn, 
Leidfluh, Strelä, ValbeJlahorn. 

Wenden wir uns etwas weiter südlich : Das Bild wird unklarer. 
Der Vordergrund bleibt ein unregelmässiges Hochplateau, aber vor 
der oben genannten Doppelkette taucht, etvfa. hei Arosa beginnend, 
ein neuer Gebirgskamm auf, den ersten verdeckend. Es sind zu- 
nächst von Nord nach Süd gehend wieder steile, wilde Wände: 
Schaf rächen, 1\ 2545, AeJpliseehorn, F. 2831, Ershorn: an letzteres 
grenzt dann ein milder contourierter Berg, das Arosaer EotJiorn 
(2986), der Culminationspunkt der ganzen Gruppe. 



4 Hoek: [218 

Schauen wir jetzt gen Südwesten. Ein ziemlich spitziger und 
zerrissener Grat, aus den Flattenliörnern bestehend, verbindet unseren 
Standpunkt mit den steilen, ost-west verlaufenden Wänden des 
TscJiirpen und Parpaner Weisshornes, die uns die Nachbarn des 
Arosaer Bothornes zudecken. 

Nach Westen, Nordwesten und Norden trägt die Aussicht 
einen ganz anderen Charakter. In schauerlichen Abstürzen bricht 
unser Berg, sowie der ganze Grat, dessen höchste Erhebung er ist 
(Plattenhörner, Weisshorn, Brüygerliorn), gegen das Vrdenthal ab. 
Weiter draussen treten uns aber Formen entgegen, die fast an 
Mittelgebirge mahnen, und bis zu den Glarner-Mpen und dem lilUl- 
ükon übersehen wir ein relativ einförmiges gerundetes Bergland mit 
grünenden Hängen. 

Soviel über die Berge. Zwischen Tschirpen und ErgJiornlcette 
entspringt die Flessur, um dann als stattlicher Fluss bei Langivies 
aus ihrer Südnordrichtung in eine ostwestiiche umzubiegen, 
zwischen Ershonikette und der ^^Strela-Amseltluh-Doppelkette^ senkt 
sich der tiefe wilde Welsclitobel ein, und durch die nordsüdliche 
Thalfurche des Urdenhaches fliesst ein kleiner Bach, der sich unter- 
halb Tschiertschen mit der Flessur vereinigt. 

Die erste geologische und eigentlich auch einigermassen genaue 
geographische Kunde des Fiessurgebirges verdanken wir Studer. 
Er kennt bereits die hauptsächlichsten Gesteine dieses Gebirges, 
nennt; Granit, Glimmerschiefer, Hornblendeschiefer, 
Sandstein, Porphyr, Kalkstein, Dolomit, Diorit, Serpentin 
und „Bündtner Schiefer". Schon in dieser Arbeit wird hin- 
gewiesen auf die Analogie zwischen dem Verruca n ©-Sand- 
stein und dem deutschen Rotliegenden, schon Studer ahnt die 
ungeheure Complication der Tektonik, schon er kennt die Ueber- 
schiebung des RotJiornmassives über den Dolomit des Farpaner 
Weisshornes — ohne natürlich das Wort „Ueberschiebung" zu 
gebrauchen! — und auch ihm schon sind die Bündtner Schiefer 
ein sehr problematisches Gestein, dem er nur zögernd ein alt- er e- 
tacisches Alter zuschreibt. 

„Wir müssen die organischen Ueberreste dieser Formation der 
unteren Kreide zuzählen, so sehr wir uns auch sträuben mögen." 
Die beigegebene kleine geologische Uebersichtskarte ist im Gesamt- 
verlauf der Linien, besonders im östlichen Teil auch heute noch 
richtig. Besonders auffallend erscheint es mir, dass dieses für uns 
so wichtige Grenzgebiet schon von Studer als geologisch besonders 



2191 Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa. 5 

interessant erkannt wurde. Spricht er doch von „dem hohen geo- 
logischen Interesse" dieser Gegend und seiner „höchst auffallenden 
Beschaffenheit." 

Von grösserer — und auch jetzt noch grosser! — Bedeutung 
wurden dann Theobalds Arbeiten in diesem Teile der Alpen. 
Wer jetzt — fast 40 Jahre später und nach dem Verlauf der 
Decennien, die fast die ganze Entwicklung der modernen Alpen- 
geologie brachten — mit den Werken dieses Forschers in der 
Hand in den Bau des Flessurgehirges einzudringen versucht, der 
muss für diesen Mann die grösste Hochachtung gewinnen und 
staunt, wie klar seine Beobachtungen wiedergegeben sind. 

Fast alle Glieder der Schichtfolge sind schon richtig erkannt. 
Viele tektonische Details können natürlich nicht bestehen bleiben; 
der Versuch, den ganzen complicierten Bau dieser Gegenden in das 
Faltenschema hineinzupressen, versagt; seine Karten, bei der Grösse 
des Gebietes begreiflich, sind oft schematisiert. — Das sind aber 
alles Dinge, die ja beinahe selbstverständlich khngen, die uns aber 
in der Wertschätzung seiner Arbeit nicht beeinflussen dürfen 
und können. 

Es verging eine lange Zeit, während der in diesem Gebiet so 
gut wie nichts Neues gefördert wurde. Einen grossen Schritt weiter 
in der Erkennung der Complication und auf dem Wege ihrer 
Lösung kommen wir dann durch die Arbeiten Steinmanns. Leider 
stand ihm die Zeit zu eingehendem genauen Kartieren nicht zu 
Gebote; aber schon nach kurzer Begehung der Umgebung Arosas 
erkannte er die Analogie mit dem PiJuitilon, zog eine Grenze 
zwischen Grund- und Schub gebirge, wies hin auf die ungeheure 
Complication des Gebietes zwischen der Zone relativ normaler 
Faltung und dem vorliegenden Schieferland, und prägte für diesen 
Streifen das bezeichnende Wort „Aitföruc/izone" . Genauer auf den 
weiteren Inhalt dieser Arbeiten einzugehen, deren Hauptziel eigent- 
lich die Feststellung des Alters der heissumstrittenen Bündtner 
Schiefer ist, kann hier nicht der Ort sein, da wir es ja nur mit 
dem PIrsst(r(/ehir(/e, resp. mit einem Teil dieser Berggruppe, zu thun 
haben. Hinweisen muss ich aber doch darauf, dass Steinmann 
zuerst die Cenomanbreccie vom Ärosaer Hochplaieau und den 
Globigerinenhorizont im Unlentliale hescXväoh. Näheres darüber 
ist im stratigraphischen Teil dieser Arbeit zu finden. 

Auch beschrieb er einen prachtvollen Aufschluss im Crdentliul, 
an dem das Eindringen des Serpentin in alle Sedimentschichten 



HOEK: 



[220 



bis zum Malm einschliesslich beobachtbar ist, und giebt ferner eine 
genaue Kenntnis der eigentümlichen Contacterscheinungen. 

Eine Arbeit von A. Bodmer-Beder in Zürich, die im Jahre 
1898 erschien, vermittelt uns die genaue petrographische Kenntnis 
der jung-eruptiven Gesteine des Flessimjebirges , die haupt- 
sächlich als Olivindiabase erkannt werden. 

Im Jahre 1899 erschien dann eine ziemlich umfangreiche Arbeit 
von A. V. Jennings über „The Geology of the Bavos Distrkt'^. 
Der westliche Teil seines Arbeitsgebietes deckt sich mit der Ost- 
grenze des ineinigen. Jennings hat den normalen Faltenbau bis zur 
Sfrela-ÄmselflnhJcette einschliesslich nachgewiesen. Weiter westlich, 
ausserhalb seines eigentlichen Arbeitsgebietes, ist er naturgemäss sehr 
kurz und schematisiert, ähnlich wie Theobald, in einer stark an des 
letztgenannten Ergebnissen sich anlehnenden Weise. In der Arbeit 
Jennings' finden wir auch den Hinweis auf ein neues stratigra- 
j)hisches Element, bis dahin unbekannt, die kristalline Breccie, 
auf die weiter unten näher einzugehen ist. 

Das Jahr 1900 brachte schliesslich den ersten Teil der „Alpen- 
forschungen" von A. Rothpletz. Dem Flessiirgebirge ist ein grosser 
Raum in dieser Arbeit gewidmet. Zu bedauern ist es, dass Roth- 
pletz nach seiner Aussage nicht die Zeit zum Kartieren zu Ge- 
bote stand. Daher ist unser Gebiet leider nur durch eine ganze 
Reihe von Profilen erläutert. 

Sowohl die letzte normale Falte, wie die Aufbruchzone, als 
auch das keilförmige Gebirgsstück Parpaner Weissliorn-Tschirpen, 
alle sind sie mehrfach von den Schnitthnien getroffen. 

Die genaue kartographische Aufnahme dieser Gegend hat nun 
ergeben, dass diese Profile nicht immer der Wirklichkeit entsprechen. 

Wie weit Differenzen vorliegen, wird man aus einem Vergleich 
zwischen den in dieser Arbeit gegebenen Profilen — die nur das 
Geschaute wiedergeben und zum grossen Teil auf Constructions- 
linien verzichten — mit denen von Rothpletz unschwer ersehen. 



Fassen wir die Ergebnisse der bisherigen geologischen For- 
schungen im Flessiirgebirge kurz zusammen, so kommen wir zu 
folgendem Resume: 

Die Linie Briiggerhorn, Weissdorn, Hörnli, Farpaner Weiss- 
liorn bezeichnet eine grosse Ueberschiebung eines ostalpinen Ge- 
birges über ein basales, hauptsächlich aus Flysch bestehendes 



221] Geologische Unteksüchungen im Plessurgebirge um ärosa. 7 

Vorland. Die Schubrichtung war im grossen und ganzen Südost 
gegen Nordwest. Die genaue Grenze wird verschieden gelegt. 

Die westlichen Massen des Schubgebirges sind mehr oder minder 
stark gestört, von Eruptivmassen stark durchsetzt. In dieser Masse 
selbst herrschen facielle Unterschiede. Ihre genaue Grenze nach 
Osten gegen die Region relativ normalen Faltenbaues wird von den 
einzelnen Forschern recht verschieden gelegt. Zum Teil herrscht 
die Ansicht eines Zusammenhanges der geschobenen Masse mit 
wurzelndem ostalpinen Gebirge, zum Teil wird ihr Ursprung weit weg 
verlegt und die Masse selbst als erratische Insel betrachtet. 

Bevor ich mich zur Stratigraphie des Fiessurgebirges wende, 
mögen zuerst einige — fast hätte ich gesagt „termini technici" — er- 
läutert werden, die viele Umschreibungen ersparen und die im tek- 
tonischen Teil ihre Rechtfertigung finden werden. 

In dem untersuchten Gebiete sind vier Regionen scharf aus- 
einander zu halten. 

1. Das östliche Gebiet normalen Faltenbaues. Grenze nach 
Westen verläuft in der Steilwand der Mädriger/Iuh, Thierjerfluli, 
FurJiahorn, SchafrücJcen, weiter über Aelplisee zur Arosaer Furka, 
Es umfasst die beiden — orographischen — Ketten : Strela-Amsel- 
fluh- Guggernell und Schafrik-ken-Erzhoru-Ptothorn. 

2. Die Aufbruchzone. Westlich dem erstgenannten Gebiet 
vorgelagert. Reicht nach Westen bis zu den Steilwänden des 
Brüggerlwrnes , WeissJwrnes, PlattenJiornes einschliesslich. 

3. Das keilförmige Gebirgsstück des Parpaner Weisshornes und 
Tschirpen. In mancher Beziehung zur Aufbruchzone gehörig, aber 
durch verschiedene wesentliche Merkmale doch davon unterschieden, 

4. Das nach Westen und Nordwesten sich ausdehnende 
Schiefergebirge und Vorland. 

Ein Blick auf die beigegebene Uebersichtskarte wird die Grenzen 
der einzelnen Regionen besser klar machen, als viele Worte dies 
vermögen. 

Stratigrapliisclier Teil. 

Das Grundgebirge. 

Es tritt in der Form der verschiedensten sogenannten kristallinen 
Gesteine vielfach im Plessurgebirge zu Tage. 

Wir haben zwei grössere zusammenhängende Complexe zu unter- 
scheiden : 



S Hoek: [222 

1. Das Massiv Rothoni, Aelplihorn, Parpaner Rofhorn, P. 2900. 
Ein typisches, kleines Centralmassiv. 

2. Eine grosse zusammenhängende Masse nordwestlich der 
Maärigerfluli. Unterhalb der steilen Dolomitfelsen etwa von 2400 
bis 1920 herabreichend, nördlich bis „Wcmgegg'% südlich his „Thiejer 
Haupt" sich erstreckend. Begrenzung westHch Serpentin in grossen 
Mengen. Die Fortsetzung dieser kristallinen Massen vielleicht ober- 
halb der Furhaalp und des Gri'mseelis? 

Dann treffen wir beinahe zahllose kleinere Vorkommnisse in 
der Aufbruchzone: bei Ärosa, bei der Alp Pretsch etc. etc., herab- 
gehend bis zur Grösse von Schollen, die kaum einige Quadratmeter 
m essen (Briiggerhorn). 

Folgende Gesteine sind im Grundgebirge gut unterscheidbar: 

Granitit: Ein schönes, frisches, rötliches Gestein, immer sehr 
feinkörnig. Die Grösse der einzelnen Kristallindividuen 4—5 mm 
im Durchschnitt nicht überschreitend. Das schönste Vorkommen 
an der Nordostseite des AdpUJiornes. 

Augengneiss: Ein porphyrisch ausgebildeter Granit, mit grossen 
parallelgeordneten Einsprenglingen von gerundeten Feldspäthen. In 
schönster Ausbildung auch wieder am Aelplihorn, und dann unter- 
halb des Sanatoriums Arosa, an der Strasse, die von Ausser- 
nach Inner-Arosa führt. 

Hornblendeschiefer: — früherer Diorit? — Manchmal grob- 
körnige Aggregate von Hornblendekristallen bis zu mehreren mm 
Länge-, ein schwarzgrünes, stark glänzendes Gestein. — Manchmal 
sehr feine Aggregate kurzer Kristallnadeln zu einem dichten fast 
schwarzen Gestein verwachsen. Die Schieferung der gröberen Ab- 
änderung undeutlicher, die der feineren sehr ausgesprochen. Das 
Gestein ist häufig durchsetzt von vertikalen Klüften, wodurch es 
dann in einzelne oft regelmässige Blöcke zerfällt. Wieder ist es 
das AelpliJiorn, das uns die besten Aufschlüsse liefert, dann die 
basalen Teile des Arosaer RotJiorne.'^. 

Glimmerschiefer: Ein graulich, graugrünlich, braun, braun- 
grün bis grünliches Gestein; in der Regel stark glänzend und leicht 
angreifbar von der Verwitterung. Zusammenhängende Lagen seri- 
citischen Materials wechseln mit mehr oder weniger zusammenhängenden 
Quarzlagen in dünnen Blättern. Oft parallel der Schieferung an- 
geordnete Quarzknoten. Vorkommen: In grösseren Mengen am 
Arosaer PiOthorn, Parpaner Rothorn, P. 2900. Dann fast überall in 
der Aufbruchzone in bald grösseren bald kleineren Partien. 



223] Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa, 9 

Der Glimmerschiefer zeigt eigentlich alle Uebergänge zu 
dem Gestein, das man als Gneiss bezeichnen muss. Ein kristalliner 
Schiefer, der bekannten wechselnden Zusammensetzung, der im 
Plessunjehirge eine weite Verbreitung besitzt. Gewöhnlich ein ziemlich 
gleichartiges Gemenge von Quarz, Feldspath und Glimmer. Auf 
den einzelnen Lagen reiche Glimmerausscheidungen. Die Schichten 
sind massig dick, stets stark gepresst und gefaltet. 

Als Stellen typischen Vorkommens erwähne ich hier nur die 
Region unterhalb des Arosaer Untersees sowie die Berghänge west- 
lich der Mädngertluh. 

Zum Grundgebirge gehört ferner wahrscheinlich auch der 
sogenannte Casann aschiefer, ein wohl paläozoischer, stark ge- 
presster Schiefer von altem Charakter. 

„Es ist schwer, eine zutreffende Beschreibung dieses Gesteines 
zu geben, die für grössere Entfernungen Gültigkeit hätte. Manch- 
mal trifft man gefaltete Gesteine, die so cristallin sind, dass man 
sie als feinkörnige Gneisse ansprechen möchte, manchmal sind es 
dünne, schwarze, schalige Schiefer von altem Habitus. Das vor- 
herrschende Gestein ist ein Glimmerschiefer mit deutlich graphi- 
tischen Lagen und oft grossen Mengen gelben Eisenoxydhydrates." ^ 

Ich füge hinzu: Diese Schiefer sind immer absolut kalkfrei, im 
Gegensatz zu den ihnen sehr ähnlichen liassischen Gesteinen. 

Jennings fährt fort: „Wenn es auch oft schwer ist, eine 
genaue Definition dieses variablen Gesteines zu geben, wenn auch 
ihre Grenze gegen das ältere Kristalline schwer zu ziehen ist, so bilden 
sie doch einen bestimmten Horizont mit bestimmten charakteristischen 
Merkmalen und nehmen immer ihren Platz ein zwischen Verrucano 
und dem älteren Kristallinen." 

Das Auftreten des „Gas annasch iefers" im PlesstirgeUrge ist 
übrigens recht beschränkt. Einer der besten und grössten Auf- 
schlüsse ist der Berganschnitt, der in Arosa geschaffen wurde zum 
Bau des Hotel des Alpes. Westlich der Mädrir/erfhih, wo Jennings 
einen Zug dieses Gesteines einzeichnet, konnte ich dasselbe nie 
auffinden. 

Aus der Tektonik des Gebietes lässt sich über das genauere 
Alter der kristallinen Gesteinsmassen wenig sagen. Nur soviel 
scheint sicher zu sein, dass diese Gesteine alle älter sind als das 
erste sicher dem Alter nach bestimmbare Sediment, der Verrucano. 



' Jennings, The geology of the Davos district. 



10 Hoek: [224 

Zum Grundgebirge gehört vielleicht auch noch die „kristalline 
Breccie", ein ganz eigenartiges sehr auffälliges Gestein, auf welches 
zuerst Jennings aufmerksam gemacht hat. Sein Auftreten im 
Fiessurgebirge ist sehr beschränkt. Anstehend kenne ich es nur 
von einer einzigen Stelle, Nördlich des Berges Tscliirpen, schon 
in der Aufbruchzone, in einer Höhe von 2420 — 2450 m bedeckt 
es ein kleines Areal von etwa 200 m Länge und 160 m Breite 
ungefähr gerade an der Stelle des Wortes „Wäng" nördhch von 
P. 2305 auf der Siegfriedkarte. Seine Verbreitung kann auch sonst 
nicht gerade gross sein. Nur ein vereinzeltes Geröllstück im Plessur- 
hett und zwei lose Blöcke gerade oberhalb der Kirche von Inner- Arosa 
sind mir zu Gesicht gekommen. Beschreibung: Die Componenten 
dieses Gesteines sind: Heller, weisser Glimmerschiefer, fein- 
körniger, normaler Granitit, wenig Aplit, Gneiss, dann aber 
auch Hornblendeschiefer in ziemlich bedeutender Menge. Dadurch 
ist das Gestein etwas unterschieden von dem, welches Jennings 
von Laret beschreibt. — Ein Cement scheint zu fehlen. Brocken 
von Kopf- bis Sandkorngrösse sind wild durcheinander gemengt und 
zusammengepresst, geschweisst möchte man fast sagen. 

Bei erster Betrachtung fühlt man sich unwillkürhch an eine 
Dislocationsbreccie erinnert. An den einzelnen Gemengteilen sind 
zahlreiche Harnische erkennbar, und an diesen entlang zerspringt die 
sonst sehr zähe Breccie gern beim Anschlagen. Das beschränkte Vor- 
kommen lässt leider keinen Schluss auf das Alter zu; südlich stösst 
die Masse anRadiolarit^, westlich stösst sie an kristallinen Glimmer- 
schiefer oder geht in ihn über. Nach Norden und Osten ist der 
Contact verborgen. Vielleicht ist diese Breccie wohl auch Verru- 
cano. Dies erscheint besonders deshalb nicht ganz unmöglich, weil 
mir aus dem Val Trupchum ( Oher-Engadin) Stücke Verrucano zu 
Gesicht gekommen sind, die grosse Brocken Gneiss enthalten und 
eine wichtige Mittelstellung in petrographischer Hinsicht einnehmen 
zwischen normalem Verrucano und der kristallinen Breccie. 

Jüngere Sedimentär-Formatioiieii. 

Als ältestes, sicher seinem Alter nach bestimmbares Gestein 
tritt uns im Plessurgebirge der Verrucano entgegen. Immer sehen 
wir ihn als Sandstein, der dem deutschen Rotliegenden zum Ver- 
wechseln ähnlich sieht, trüb rot oder grün, mit grossen Zwischenschal- 

' „Radiolarit." Diese von Steinmann eingeführte Abkürzung für „ Radio - 
larienhornstein" ist im folgenden durchgehend gebraucht worden. 



2251 Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. H 

tungen von Quarzporphyrmassen. Wo wir denVerrucano in normaler 
Lagerung treffen, ist sein Liegendes stets Gneiss oder Granit, 
sein Hangendes sind typische Triasgesteine. Wo im Plessurgebirge 
der Verrucano auftritt, fehlt der Buntsandstein und umgekehrt. 
Aus obigen Gründen wird wohl kein Zweifel über seine Zugehörig- 
keit zum Perm bestehen bleiben können. 

Er ist ausschliesslich beschränkt auf das relativ normale 
Faltungsgebiet, auf die Sfrela-AniselfluMeUe und bildet hier den Kern 
einer grossen, aufgebrochenen Antiklinale. Sehr schöne, instruktive 
Profile von Verrucano bis in die mittlere Trias reichend, sieht man 
an der Amselfluh und am ValheUalwrn. Ebenso schön — nur natürlich 
in umgekehrter Reihenfolge — an den westHchen Gipfeln dieser liegende 
Falte (Thiejerfliik, FiirJcaliorn etc. etc.) (Taf. XII, No. IX). Stellen- 
weise reicht der Verrucanosandstein bis auf die Spitzen dieser 
Gipfel, wie z. B. am ScJiiesshorn. Jedenfalls ist es höchst beachtenswert, 
dass sein Vorkommen streng beschränkt ist auf die relativ normale 
Zone und dass nordwestlich der letzten grossen, zusammenhängenden 
Falte, im eigentlichen Auf bruchsgebiete, nirgends mehr dieses Gestein 
zu treffen ist. Was wir hier als ältestes Sediment auf dem kristal- 
linen Grundgebirge treffen, ist durchweg Haupt dolomit, abgesehen 
von ganz sporadischen Vorkommen von Buntsandstein, der sich 
durch seine stark grobkörnige und conglomeratische Beschaffenheit 
als Küstenbildung zu erkennen giebt. Das scheint darauf hin- 
zudeuten, dass die östhche Grenze der Aufbruchzone zusammenfällt 
mit einer alten Küstenlinie und dass erst das Triasmeer diese 
Gegenden transgredierend nach Westen überflutete. 

Gesteine des Verrucano: 

1. Ein fein- bis grobkörniger, weisser bis trübroter Sandstein, 
wie schon gesagt von dem Habitus des Rotliegenden. Das Gestein 
fast ausschhesslich bestehend aus Porphyrbruchstücken und Por- 
phyrtuffragmenten. So in der Depression des Alteiner Tiefenberges 
und auf der ganzen langen etwas vertieften Linie zwischen der 
östlichen und westlichen Bergreihe der Strela-Amselflalikette (Taf. XII 
Xo. VIII). 

2. Darüber folgt, in wechselnder Mächtigkeit, aber 10 — 15 m 
wohl nie überschreitend, ein auffallender, roter Schiefer. Da er die 
obere Abteilung des Verrucano bildet, so giebt er sich auch schon 
dadurch als gleichstehend zu erkennen dem ganz gleichen roten 
Thonschiefer des Rotliegenden. Dieses trüb dunkelschwarzrote 
Gestein ist auf den ersten Blick verwechselbar mit dem (im west- 

Berichte XIII. 15 



12 Hoek: [226 

liehen Aufbruchsgebiet weit verbreiteten) roten Radiolarit des 
Mahn, unterscheidet sich von ihm aber doch wesentHch einmal durch 
seine vollständige Fossilfreiheit, dann durch seine leichtere Ver- 
witterbarkeit und bei weitem geringere Härte und schliesslich durch 
seine viel ausgesprochenere blätterige Schieferung. 

Einen sehr guten Aufschluss passiert man zwischen Thiejerflnh 
und Mädngerfhih auf dem Wege zum Strelapass emporsteigend in 
der Einsenkung östlich des letztgenannten Berges. Einige wenige 
kleine Vorkommnisse liegen zerstreut in der ganzen oben skizzierten 
Verrucanozone, stets zwischen Porphyrsandstein und Rauh- 
wacke. Speziell erwähnenswert erscheint mir noch der Nordostgrat 
des Schiesshorms etwa 3 Minuten unterhalb des Gipfels, weil hier 
von anderer Seite Kössner Schichten angegeben werden (Taf. XII 
No. VIII). 

3. Eingeschaltet in den Verrucanosandstein finden wir oft 
mächtige Massen von Quarzporphyr und seinen Tuffen. „Es 
ist Eeldsteinporphyr, an ähnliche Erscheinungen im deutschen 
Rotliegenden erinnernd. Es erheben sich die Porphyrspitzen am 
Kummerhubd bis 2599 ra. Die in eine amorphe, grünlichgraue oder 
rötliche Grundmasse eingebetteten grünlichen oder rötlichen Feld- 
spathkristalle erheben sich selten zu vollkommener itegelmässigkeit 
und erscheinen nicht so gross als in dem analogen deutschen Por- 
phyr, doch ist das Gestein nicht wohl zu verkennen."^ 

Mächtige, gewöhnlich gerundete Berge bildet dieser Porphyr, 
so den Schafsgrind, Kummerhubd , Sandhubel u. s. w., u. s. w., fast 
immer durch seine grusartigen Verwitterungsproducte den Bergen 
ein charakteristisches Aussehen verleihend. 

Triasgesteine. 

Buntsandstein: er fehlt in der ganzen Zone normaler Faltung, 
soweit die Trias im übrigen fast vollständig ausgebildet auftritt. 

Erst im eigentlichen Aufbruchsgebiet, wo, wie uns wahrscheinhch 
dünkt, der Hauptdolomit normalerweise als erstes mesozoisches 
Sediment auf dem kristallinen Untergrunde liegt, schiebt sich der 
Buntsandstein an wenigen Stellen zwischen Dolomit und Grund- 
gebirge ein. 

Es ist ein fast unverkennbares Gestein. Ein feines Conglomerat 
nur aus Quarzkörnern zusammengesetzt. Die Grösse der einzeluen 



^ Theobald, Geolog. Beiträge zur Karte der Schweiz 2, 1864. 



227] GeologischS Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa. 13 

Körner schwankt etwas, ebenso die Farbe. Gelblich, rötlich bis 
rot, erinnert er sehr an ladische Vorkommnisse. Fast immer ent- 
halten die Sandsteine grosse Milchquarzgerölle, bis zur Nussgrösse 
und gelegentlich auch darüber, seltener sind dunkle Quarzite, fehlen 
aber nie ganz. 

Soweit das Gestein grobkörnig ist und Gerolle enthält, wird 
€s stets sofort als Buntsandstein erkennbar sein. Anders die 
feinkörnigen und geröllfreien Abarten. Wie alle Gesteine des Plessur- 
gehirges in der Aufbruchzone einer starken Pressung ausgesetzt, 
resultiert aus ihnen eine Masse, die nur durch ihren continuierlichen 
Zusammenhang mit typischem Sandstein als solcher erkennbar ist, 
und die sonst nur als weisser Quarzit zu bezeichnen wäre, un- 
bestimmbaren Alters. 

Vorkommen: Auf dem Grate, der vom Ärosaer Weisshorn 
direct südöstlich zur ..Hinteren Hütte'' herabzieht, ist dieses Gestein 
zweimal sehr gut aufgeschlossen (Taf. XI No. V). Zahlreiche Trümmer, 
namentlich der Varietät mit den nussgrossen Quarzgeröllen, in der 
muldenförmigen Vertiefung zwischen genanntem Grat und dem Briigger- 
Jtorn machten mich zuerst auf dieses Gestein aufmerksam. Ausser am 
Weisshorn kenne ich es nur noch aus einer Gegend — aus dem Schaf- 
ivalde zwischen Maran und Lütsenriiti, wo es an mehreren Punkten zu 
Tage tritt, da die Neigung des Gehänges denselben Winkel hat wie 
das Fallen der Schichten. Weitverbreitet sind ferner Gerolle, wahr- 
scheinlich vom Weisshorn stammend, in dem Moränenmaterial, das 
von der Alp Obersäss bis Arosa alles überkleidet und stets von dem 
grossen Alp weg zur genannten Alp geschnitten wird. 

Im Schafiüalde liegt der Buntsandstein dem kristallinen 
Untergründe auf. Sein Hangendes bildet Dolomit von ziem- 
licher Mächtigkeit. Damit harmoniert das eine Auftreten am Weiss- 
liorn, wo wir in verkehrter Lagerung unter einer Scholle kristal- 
linen Gneisses den Buntsandstein auf Dolomit liegen sehen. 
Weiter oben liegt er zwischen zwei Dolomit schichten. 

Da in der Aufbruchzone der immer fossilfreie Dolomit fast 
überall dem kristallinen Untergrunde aufhegt, so dass ein Zweifel 
über sein Alter entstehen konnte, ist es sehr angenehm, in den zwei 
zuerst geschilderten Vorkommen ein sicheres Kriterium für das 
triadische Alter dieser strittigen Dolomite zu besitzen. 

Die Untere Rauhwacke tritt auf als doppelte, wohl ausgebildete 
Zone in der ganzen Strela-Amselfluhfalte, sowohl über (Ostseite) 
wie unter (Westseite) dem Verrucano (Taf. XII No. VIII). 

15* 



14 Hoek: [228 

Das Westband verschwindet etwa am See MuHerus (südlich 
der Leidfluh), wo die Falte unklar wird und allmählich in eine 
Ueberschiebung übergeht. Das östliche Band ist bis zum Guggernell 
verfolgbar und wird nur einmal durch die gewaltige Porphyr- 
masse des Sandhubeis unterbrochen. 

Als besonders schöne Aufschlüsse sind zu nennen: Mädriger- 
fluh, beim Abstieg in den Tobel zwischen diesem Berg und der 
Thiejerfluh; ferner die Einsattlung zwischen Thiejerfluli und Kumnier- 
Jmbel, sowie Spitze und Nordgrat des Schiesshonies. 

Auf dieser ganzen Zone schwankt die Mächtigkeit der Rauh- 
wacke sehr, zwischen 2 und 40 m. Bald ist sie gelblich mit 
vielen dolomitischen Lagen und etwas brecciös, bald ein typisches, 
grosszelliges, schwammiges Gestein. Dies scheint die unterste Lage 
zu sein. Denn wo wir dieses Merkmal am besten ausgebildet finden, 
enthält die Rauhwacke immer Fetzen roten Thones aus dem Verru- 
cano, dem sie aufliegt, und Bruchstücke des porphyrischen Sand- 
steines. 

Durch diese Einschlüsse von Thon und Sandstein ist sie auch 
sehr gut unterscheidbar von der — übrigens in ihrem Auftreten sehr 
beschränkten — oberen Rauhwacke, die niemals derartige dem 
Verrucano entstammende fremde Gemengteile erkennen lässt. 

Die untere Rauhwacke ist, soweit meine Beobachtungen mich 
gelehrt, nur der normalen Faltungszone eigentümlich. Sie fehlt 
westlich und nordwestlich derselben im Aufbruchsgebiete vollständig. 

Untere Kalkgruppe (Muschelkalk und Wettersteinkalk): Es 
sind dies, zusammen mit dem Hauptdolomit, die Gesteine, die 
landschafthch am meisten hervortreten, und die zum grossen Teil 
die steilen Felsmauern zusammensetzen, die der Kurgast Arosas 
so gerne für unersteiglich erklärt, und die im Landschaftsbilde der 
westlichen Aufbruchzone vollständig zurücktreten. 

Schöne, normale Profile zeigen uns besonders die beiden Berge 
Ämseißuh und Valbelkihorn , die mit einem Wandabfall von etwa 
300 m sich über den Verrucano der Depression des Alteiner Tiefen- 
berges u. s. w. erheben. 

Ebenso schöne Profile, natürlich in verkehrter Lagerung, sehen 
wir an den imposanten Wänden der westlichen Parallelkette, an den 
ca. 600 — 700 mauerartigen Wänden der Berge Thiejerfluh, FurJia- 
horn, Schiesshorn etc. (Taf. XII No. VIII, Taf. XII Xo. IX). 

Auf der Theobald sehen Karte scheinen diese Wände fast 
ausschUesshch aus Hauptdolomit zu bestehen, im Osten unterlagert 



2291 Geologische Untersuchüngkk im Plessürgebirge um Arosa. 15 

und im "Westen überlagert von einer schmalen Zone, die aus 
Muschelkalk, Partnachschiefer, Arlbergkalk und Lüner- 
schichten besteht. 

Schematisierend hat er diese Gesteinsserie überall durch- 
gezeichnet. Unverständlich bleibt dabei die fast doppelt so mächtige 
Ausbildung des Hauptdolomits in der westlichen Bergreihe, da 
doch eine einfache, liegende Falte vorausgesetzt ist. 

Bei näherer Betrachtung eines der genannten Profile, vielleicht 
der Wand des VaJbeUaJiornes , treffen wir zunächst über der schon 
besprochenen unteren Baulnvacl'e den Muschelkalk. 

Ein harter, schwarzer, unter dem Hammer klingender, in ziem- 
lich dünne, ca. 40 cm dicke Bänke von ungemeiner Regelmässigkeit 
geschichteter, manchmal etwas dolomitischer Kalk. Auf den Schicht- 
flächen fallen uns eigenartige Wülste auf, und schwarze Hornstein- 
knauer treten besonders auf angewitterten Stücken aus der Ober- 
fläche hervor. 

Viele rundliche Hohlräume mit weissen Calcitkriställchen heben 
sich deutlich von dem dunklen Untergrunde ab und geben dem 
Gestein ein schwach durchsprenkeltes Aussehen. Seine Mächtigkeit 
steigt bis 80 m in der östlichen Bergkette, bleibt aber für gewöhn- 
lich ziemlich darunter. Der Muschelkalk ist in der ganzen StrcJa- 
ÄmselfluhJceUe auf beiden Seiten der Verrucano erfüllten Depression 
einmal über und einmal unter der unteren Bauhwacke gut aus- 
gebildet und aufgeschlossen (Taf. XH No. VIII). Charakteristisch für 
ihn sind neben den oben erwähnten Merkmalen noch häufige, leider 
stets unbestimmbare, Bivalvendurchschnitte und nicht seltene Stiel- 
glieder von Encrinus (gracilis-liliiformis?). 

Ferner führt RoTHPLETZ an vom Valhdlaliorn : Eine Ptychites 
sp. sowie Gyrolepsis Alberti. Der Muschelkalk fehlt der Kette 
SchafräcJcen-Er^horn, sowie der Aufbruchzone und dem keilförmigen 
Gebirgsstück Paijxiner Weisshorn-Tscldrpen. 

Wettersteinkalk: Ueber dem Muschelkalk sehen wir dann 
die ganzen Steilwände der genannten Berge {Amsclfluli, Strehl, Val- 
heJlahorn etc.) aus einer ziemlich einheitlichen Masse bestehen. 
Mächtige, gelbliche, gut geschichtete, schwach klüftige, dolomitische, 
dolomitisch-kalkige und kalkige Bänke bis zur Dicke von zwei Metern 
bauen die Wände bis zu den Spitzen der Berge auf. Da die Wände 
bis zu den Gipfeln aus diesem Material bestehen, so können wir hier 
nichts Genaues über die Mächtigkeit dieser Dolomitkalke aussagen. 
Anders in den verkehrten Profilen am Schiesshorn etc., wo unter 



16 Hoek: [230 

diesem Wettersteindolomit der Hauptdolomit erscheint. Wenn 

auch die Ausbildung schwankt, so sind doch gewiss diese gelblichen 

Dolomite mit 250 — 350 m nicht zu gering taxiert (Taf. XII No. IX). 

Dieser Wettersteindolomit tritt im Plessurgebirge auf: 

1. In zwei Zonen in der Strela-Amsdtliilikette. Einmal als- 
die Steilmauern der östlichen Bergreihe {Amselfluh, P. 2700, Strehl,. 
VdlbeUahorii etc.), normal über Rauhwacke und Verrucano — 
das Hangende, der Hauptdolomit, ist allenthalben durch Erosion 
verschwunden — dann in verkehrter Lagerung unter Verrucano 
und über Hauptdolomit in der westlichen Bergreihe (Küpfenfluh, 
Mädrigerfluli, Thiejerfluh, FurlMhorn, SchiessJiorn, Leidfluh) (Taf. XII 
No. IV). 

2. In der Kette Schafrüchen-Erzhorn normal unter Haupt- 
dolomit, teils infolge einer Ueberschiebung nochmals auf Haupt- 
dolomit lagernd. 

Der Wettersteindolomit fehlt in der Aufbruchzone ein- 
schliesslich des Gebirgsstückes Parpaner Weisshorn und Tschirpen, 

Eine genauere Gliederung dieser Massen wird sich bei der 
Armut an organischen Einschlüssen schwer durchführen lassen. — 
Ausser Lithodendron, sowie schlecht erhaltenen und sehr seltenen 
Spongien, finden sich nur Trochiten und wenige unbestimmbare^ 
kleine Gastropoden. 

Gut unterscheidbar, wenn auch anstehend in der B,egel schwer 
auffindbar, aber doch eine nähere Behandlung erheischend, ist ein 
Horizont in diesem grossen Dolomitcomplex. Es ist eine Lithoden- 
dronbank von ca. 2 m Dicke. 

Ihr entstammen die vielen Stücke mit Lithodendron, die 
man allenthalben auf der Passhöhe der MayenfeläerfurlM findet, die 
so häufig sind in den Schutthalden der Thiejerfluh und 3IädrigerfluJi, 
die im Geröll der Amselfluh gefunden werden und die ich sowohl 
im Schutte des Welschtobels wie an den Hängen der Westseite 
des Gipfels P. 2545 sammelte. 

Da die mäandrisch gewundene Structur dieses corallogenen 
Gesteines aber nur auf den Schichtflächen hervortritt und nicht 
auf den vertikalen Spaltflächen sichtbar ist, und da die Lithoden- 
dronbank andererseits nicht mehr als 2 m im Ausmass zu besitzen 
scheint, so hält es sehr schwer, diesen Horizont anstehend nach- 
zuweisen. 

Den wenigen Stellen nach zu schliessen, die ich am FurJcahorn, 
an der Amselfluh und hoch oben in den Felsen des Aelpliseehornes 



2311 Geologische Untersuchungen lm Plessuegebirge um Arosa. 17 

finden konnte, scheint es, als ob diese Bank rund 50 m über dem 
Muschelkalk gelegen ist\ Jennings und Rothpletz kannten 
diese Lithodendronschicht auch, erklärten sie aber für rhätisch, 
woraus besonders bei Jennings ganz unverständHcbe Lagerungs? 
Verhältnisse resultieren. Auf Rothpletz' Profilen stört dies weniger. 

Raibler. Meist folgt über dem Wette rsteindolo mit der 
Hauptdolomit, stets nur in verkehrter Lagerung beobachtbar. 

Nur am ScJiafrücJceu, am Tscliirpen und am Parpaner Weiss- 
hornist die jüngere Rauhwacke nachweisbar als zelhges, poröses, 
typisches „Rauhwacken"-Gestein von geringer Mächtigkeit. Sie 
ist sehr wohl unterschieden von der älteren. Einmal durch ihre 
geringe Mächtigkeit und gesetzmässige Verknüpfung mit Haupt- 
dolomit, dann durch das Fehlen der Zwischenlagen gelblichen 
Dolomits und durch ihre grobzelligere Structur, schliesslich durch das 
vollständige Fehlen fremder, dem Verrucano entstammender Ein- 
schlüsse, sowohl des Quarzporphyrsandsteins wie des roten Thones. 

Als ganz constante Begleiterin des Haupt dolo mit s zieht die 
Rauhwacke in zwei schmalen, nur wenig Meter mächtigen Streifen 
durch die Nordwand des Farpaner WeissJiornes, jeweils das Liegende 
des doppelt auftretenden Hauptdolomites bildend (Taf. XIII No. I). 
Am Tschirpeii tritt dies Gestein an einer Stelle auf dem Verbindungs- 
grate genannten Berges mit dem HörnJl unter der Dolomit wand zu 
Tage, am Scliafrnchen konnte ich es nur in wenigen losen Bruch- 
stücken in den Schuttkegeln am Fusse der Dolomitwände auffinden. 
Es fehlt in der gesamten St rela- Amsel fluhJ^ette, wo, wie bereits er- 
wähnt, gesetzmässig dem Wetterstein der Hauptdolorait auf- 
zuliegen scheint, es fehlt ferner in der ganzen Aufbruchzone im 
engeren Sinne des Wortes. 

Der Hauptdolomit, lieber dem Wettersteinkalk folgt in der 
Zone normaler Faltung, unter Ausschluss der Rauhwacke, der 
Hauptdolomit, nur in verkehrter Lagerung beobachtbar, da er im 
hangenden Schenkel der Falte durch Erosion verschwunden ist. Pracht- 
volle Profile zeigen ScJdesshoni und Leidfluh (Taf. XII No. VIII). 
Auch tritt bei einer Betrachtung aus einiger Entfernung die Grenze 
zwischen Hauptdolomit und Wettersteindolomit sehr schön 
in die Erscheinung, da der erstere weniger gelblich, klotziger, klüf- 
tiger und weniger gut geschichtet ist. Quert man z, B. das Profil 

' Wähner erwähnt in seiner Arbeit über das Sonmcendriehirgc auch „Litlio- 
dendron artige Corallen" aus dem "Wetters teinkalk, die besonders auf an- 
gewitterten Oberflächen erkennbar sind. 



18 Hoek: [232 

am SchiessJiorn, beim Aufstieg zum ÄUeiner Tiefenherg, so wird ein 
unbefangener Beobachter bei etwas näherer Untersuchung kaum 
über die Natur der unteren Felsmassen im Zweifel sein können. Es 
ist typischer obertriadisc her Hauptdolomit, von einer Ausbildung, 
wie sie sonst in den Ostalpen weit verbreitet ist, und mit allen petro- 
graphischen Merkmalen, die von diesem Gestein zur Genüge bekannt 
sind. Es ist hell bis dunkelgrau, beim Anschlagen schwach zucker- 
körnig, von weisslichem Verwitterungsstaub bedeckt, von Calcitadern 
reichlich durchzogen und zerfällt leicht in eckige Bruchstücke. Wie 
anderswo zeichnen sich diese Massen auch im Plessurgehirge durch ihre 
vollständige Fossilfreiheit aus und senden, wie auch anderswo, mäch- 
tige Schuttströme zu Thal, die fast überall die untere Grenze gegen 
andere Gesteine dem Auge entziehen. Die Mächtigkeit des Haupt- 
dolomits mag zwischen 200 und 300 m betragen. Es ist dabei 
zu beachten, dass in den der Flessur zugekehrten Steilmauern der 
Berge Fiirkahorn, ScJdesshorn etc. die Mächtigkeit des Haupt- 
dolomits grösser erscheint, weil hier — wie im tektonischen Teil 
gezeigt werden soll — eine Verdopplung des Dolomits statt- 
gefunden hat (Taf. XII No. IX). 

Der Haupt dolomit ist im Fiessurgebirge zu finden: 

1. In verkehrter Lagerung mit fehlendem Raibler in der 
Strela-Amselfluli falte. 

2. Ueber ßauhwacke und unter Rhät zweimal übereinander 
in dem Gebirgsstück des Parpaner Weissliornes und Tschirpen. 

3. Auf dem kristallinen Untergrund namentlich im östhchen 
Teil der Aufbruchzone. 

4. Als zahlreiche Schollen, fast immer in Verknüpfung mit Lias- 
ge st einen — an wenigen Stellen auch mit Rhät — in der ganzen 
Aufbruchzone. 

Rhät. Die jüngste Ablagerung der Trias im Plessurgehirge 
wird repräsentiert durch die Kössner Schichten. Dachstein- 
kalk scheint nirgends entwickelt zu sein. Die Hauptmasse der 
Kössner Schichten besteht aus weichen, dunklen Mergeln. Da- 
zwischen treten bis 3 m mächtige kalkige Bänke auf, die sich 
schon von ferne durch ihre helle Farbe von dem umgebenden 
dunklen, schiefrigen Gestein abheben. An diesen hellen Kalkbändern 
lässt sich, z. B. am Südost- Abhang des Ershornes, sehr schön be- 
obachten, dass die Mächtigkeit der Kössner Schichten eine 
recht grosse ist, denn eine eventuelle Rückfaltung müsste an diesen 
auffallenden Kalkbändern unzweideutig in die Erscheinung treten. 



233] Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Akosa. 19 

Die Mächtigkeit dieses Horizontes schwankt allerdings ziemlich be- 
trächtlich, ob infolge verschiedenartiger Ausbildung, oder weil das 
Gestein stellenweise unter starkem Druck ausgepresst wurde, mag 
dahin gestellt bleiben. Jedenfalls erreichten die Kössner Schichten 
an manchen Orten bis 90 m in verticaler Ausdehnung. 

Sie sind sehr fossilreich, wenn auch arm an Arten. Der Er- 
haltungszustand der Einschlüsse lässt sehr zu wünschen übrig, wie 
dies bei einem weichen, mergeligen Gestein in einem Gebiet der- 
artiger Gebirgsstörung auch a priori zu erwarten ist. Denn die 
Fossilführung ist ausschliesslich auf die mergeligen Lagen beschränkt, 
und den erwähnten widerstandsfähigen Kalkbändern fehlen organische 
Reste. Das alles war übrigens schon Theobald bekannt und wurde 
von ihm auch beschrieben. 

RoTHPLETz' Fossilliste für die Kössner Schichten des FJessur- 
gehirges weist folgende Arten auf: 

Pentacrinus propinquus Münster. 

Cidaris verticillata Stopp. Stacheln. 

Hypodiadema Stopp, sp. Stacheln. 

Terebratula gregaria Suess. 

Terebratula pyriformis Suess. 

Cardita austriaca Hauer, 

Thamnastraea rectilamellosa Winkler. 

Astraeomorpha confusa Winkler. 

Thecosmilia sp. 

Isastraea sp. 
Das sind die am häufigsten gefundenen Fossilien. 
Ausgiebige Fundpunkte sind schon lange bekannt. Den be- 
reits beschriebenen am Südosthang des Arosaer JRothonies und am 
Sattel zwischen Parpaner Weisshorn und Tschirpeu können leicht 
noch weitere reiche Localitäten zugefügt werden (Taf. XHI No. I, 
Taf. XIII Xo. III). 

Ich erwähne hier nur die Nordwand des Parpaner Weisshornes, 
den Aufstieg von der Arosaer FurJca auf diesen Berg sowie den 
Südostabhang des Ershorncs als besonders ergiebig. 

Die Kössner Schichten fehlen in der normalen Strela- 
Amselßuhfalte. Im östlichen Teile — im hangenden Schenkel — 
sind sie durch Erosion verschwunden, im liegenden — westlichen 
— Schenkel wahrscheinlich zwischen dem gedoppelten Haupt- 
dolomit ausgequetscht. Sehr gut entwickelt sind sie am Erzhorn 
und Arosaer Rothorn. Ihr normales Liegendes ist hier der Haupt- 



20 Hoek: [234 

dolomit. Eine Transgression resp. direktes Auflagern auf kri- 
stallinem Untergrund konnte ich nirgends beobachten. 

Dann treten sie sehr gut erschlossen auf in dem Gebirgsstück 
Farpaner Weisshorn-TscJdrpen, wo sie durch ihre dunkle Farbe 
schon von Arosa aus erkennbar sind. 

In der Aufbruchzone schienen sie, bisherigen Beobachtungen 
nach zu schliessen, vollständig zu fehlen. 

Lose Stücke mit deutlichen Fossilien in den westlichen Schutt- 
halden der Plattenlwrner , Stücke, die nur von diesen Gipfeln 
stammen konnten, machten mich zuerst darauf aufmerksam, dass 
die Kössner Schichten wohl auch in der Aufbruchzone ent- 
wickelt seien. Nach langem Suchen gelang es endlich, ein — wenn 
auch beschränktes — so doch sicher anstehendes Vorkommen aus- 
findig zu machen. Steigt man auf dem hübschen Fusswege von 

S.O N.W. 




Fig. 1. Profil durch den Serjjentinbuckel kurz unterhalb des Gipfels des Arosaer 

TVeisshornes. Massstab ca. 1 : 5000. Einzig anstehendes Vorkommen der Kössner 

Schichten in der Auf bruchzone. 

Norden auf das Arosaer Weisshorn, so kommt man vor Erreichung 
des Gipfelkegels an einem links liegenden kleinen Hügel vorbei. 
Das Profil durch diese kleine Erhöhung ist folgendes: 

Ueber Liasbreccie und Malm folgen circa 5 m Serpentin. 
Darauf lagern etwa 12 m Hauptdolomit. Dann folgen 2 m 
Kössner Schichten, 5 m Liasbreccie und zum Schluss mächtige 
Massen von Serpentin. Die Kössner Schichten sind unver- 
kennbar, sind genau so ausgebildet wie z. B. am Arosaer JRothorn, 
sind ungemein fossilreich und enthalten unter anderem eine Avicula 
contorta sowie Pecten sp. 

Das Liegende dieser rhätischen Mergel ist Dolomit, und 
zwar ein in gar keinem Merkmal von dem übrigen Dolomit des 
Arosaer Weisshornes unterscheidbares Gestein. /Ja icir schon 
früher sahen, dass dieser Dolomit an einigen Stellen auf Binit- 
sandstein liegt, und da hier nun eine LocalitiU vorliegt, wo er 
twn lihüt bedeckt ist, so dürfen wir ihn — abgesehen von allem 



235] Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 21 

anderen — icohl schon aus diesen Gründen für Haupidolomil an- 
sprechen. 

Eine weitere Fundstelle für Kössner Schichten in der Aiif- 
bruchzone, wenn auch nicht gerade in meinem engeren Arbeits- 
gebiet, möge hier anhangsweise kurz erwähnt werden. Beim Auf- 
stieg von ^Volfgamj (nördl. Davos) zur Parsennf urica fand Professor 
Steinmann, der mit mir im Sommer 1902 dieses Gebiet beging, 
einige Bruchstücke rhätischer Mergelkalke mit Fossilien (Kössner 
Schichten). Sie lagen unweit der Stätzalpen (1971) im Bachschutt 
und können ihrer Lage nach nur von der Casana oder dem Grün- 
liorn stammen. Anstehend sind sie in diesen Bergen noch nicht 
aufgefunden worden. 

Mit den Kössner Schichten schliesst die Reihe der Trias- 
sedimente im Plessurgebirge. Wo das normale Hangende dieser 
Schichten zu Tage tritt, besteht es nie aus Dachsteinkalken, 
sondern stets aus liassischen Schiefern. 

Jiiragesteiue. 

Lias. Mit der Besprechung des Lias kommen wir in ein Gebiet 
viel umstrittener, viel beschriebener Gesteinscomplexe. Was die Ver- 
breitung des Lias anbelangt, so kann ich im Flessurgehirge, soweit 
dasselbe auf der kleinen Uebersichtskarte (Taf. X) zur Darstellung 
gelangt ist, drei getrennte Gebiete unterscheiden. Erstens die oft 
genannte normale Faltungszone, die SireJa-AmselfhiMcette mit Ein- 
schluss von SclmfrücJicn-Erzliornlictte. Hier ist nirgends eine Spur 
von Lias zu entdecken. Es fehlt uns jede Andeutung jüngerer 
Sedimente, abgesehen von einem Vorkommnis von Lias in Adnether 
Facies, das, wenige Quadratdecimeter gross, als Kern in der ein- 
geklemmten Rhätmulde der Nordwand des Erzhornes steckt. 
Hauptdolomit, resp. Kössner Schichten sind die jüngsten 
Ablagerungen, die wir kennen. 

Zweitens das Gebirgsstück Tschirpen-Parpaner WeissJiorn. 
Hier tritt Lias thatsächlich auf, sehr wenig mächtig und in einer 
Facies, die durchaus abweichend ist von der der Aufbruchzone. 
Harte, rötlich- weisse, unter dem Hammer khngende, scherbenartig 
zerspringende Kalke sind hier aufgeschlossen zwischen Rhät und 
typischem oberjur assischem Radiolarit. Zum Teil findet man 
diese Kalke als wohl verfolgbare und im Streichen sich ziemlich an 
Mächtigkeit gleich bleibende Bänke, zum Teil als kleine zerquetschte 
Schollen zwischen Triasgesteinen eingeklemmt (Tschirpen). Sehr 



22 Hoek: [236 

deformierte, aber doch noch erkennbare Ammoniten und Belemniten 
stecken gar nicht selten in diesen Kalken , lohnen aber nicht einmal 
die Mühe des Mitnehmens. 

Wahrscheinlich entstammen diesem Horizont auch die losen 
Bruchstücke mit Ammoniten, die J, BoEmi und andere vom Alp- 
weg von La'l zur Lenzer Alp beschreiben, und diese Ausbildung des 
Lias ist wohl auch dieselbe, aus deren losen Blöcken Rothpletz an 
der Casanna seine Ammoniten fand. Es ist eine Ausbildung, die der 
Adnether Facies ungemein nahe steht, wenn nicht mit ihr ident ist. 

Die Basis dieser Kalkbänke ist gebildet von einer groben 
Breccie mit Oomponenten bis über Faustgrösse, nur aus Trias- 
bruchstücken bestehend, die eingebettet liegen in einer roten 
Grundmasse, die wohl entstanden ist aus der Terra rossa der 
Obertriadischen Dolomite, die sich vor Ablagerung des Lias 
bildete. Es ist genau dasselbe Gestein, das am Ofenpass zwischen 
Lindauer und Douglas Hätte im Mhätikon ansteht. Diese Breccie ist 
nicht sehr verbreitet. Nur an wenigen Stellen des Farpaner Weiss- 
liornes und des Tscldrpen ist sie anstehend zu finden. 

Lose Blöcke finden sich ganz vereinzelt kurz vor der „Clus'', 
rechts am Wege (im Sinne des Abstieges), der vom Aelplisee nach 
Arosa führt. In etwas grösserer Menge fand ich sie westlich vom 
Nordgrat des Tschirpen unter dem „f" des Namens „auf dem Graf' 
(SiegfriedJcarte) . 

Drittens die Aufbniclizone. Hier treten uns liassische Ab- 
lagerungen in anderer Form entgegen. Mergelschiefer, Kalk- 
schiefer, Thonschiefer, kieselige Schiefer mit reinen Kieselbänken, 
sandige Schiefer, Sandsteine, feine und grobe Breccien, das ist 
alles zweifellos zum Lias zu rechnen und wurde von jeher zum 
Teil auch dazu gestellt. Die Aehnlichkeit mit sicherem Eocän- 
Flysch ist aber eine verzweifelte und das Ziehen einer Grenze 
fast ausgeschlossen. Fossilien fehlen — man kann sagen, so gut 
wie ganz. Ausser recht seltenen, schlechten Belemniten und 
unverwendbaren Algen nichts, aber rein gar nichts. Da bleibt es 
dann in den meisten Fällen eine höchst missliche Sache, über die 
Stellung der Schiefervorkommnisse in der Aufbruchzone etwas 
aussagen zu sollen. 

Die poljgenen Breccien sind in der Regel schon leichter 
zu stellen. Meistens enthalten sie Crinoiden, nie Radiolarit, 
oft sind sie mit Dolomit verknüpft; auch sind sie es immer, welche 
die spärlichen Fossilandeutungen enthalten (ausser den Algen). 



237] 



Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 



23 



An manchen Stellen giebt uns allerdings die Lagerung der 
Schiefer ein ziemlich unzweideutiges Kriterium über das, was sie 
sind. Sehen wir zum Beispiel am Nordwestabsturz des Arosaer 
Weisshornes oder Platfenhornes viermal Dolomit und Schiefer 
sich wiederholen, ohne Einschaltung des weiter unten zu behandeln- 
den Radiolarits (oder seines Aequivalents des Pretschkalkes), 
so liegt die Annahme nicht gar zu fern, dass es sich hier um 
wiederholte Schuppen von Dolomit und Lias handelt. Auch 
wenn wir in der kristallinen Basis der Mädrigerßuh, ndejerfluh 
oder des Furlcaliornes zusammen mit kleinen Dolomiteinspitzungen 



Parpaner Weisshorn 




Fig. 2. Skizze der Schuppen des Arosaer Weisshorns sowie der üeberschiebungen 
des Parpaner Weisshorns. Die Hauptüberschiebung (über Flysch) nur im Vorder- 
grunde sichtbar. Gez. nach einer Photographie des Verfassers. 

solche von Schiefer finden, so wird man diese mit früheren Be- 
obachtern unbedenklich zum Lias stellen (Taf. XI No. X). 

Aber die Schiefervorkommnisse im Plessurheftc unterhalb 
Arosa? Die Schiefermassen des 3Iidta oberhalb des SchtvelUsees? 
Und namentlich die weitausgedehnten und so sehr einheitlichen 
Sandsteine zwischen SchiueUisee und HörnU"? Die Frage, ob hier 
Lias oder Flysch vorliegt, kann ich nicht entscheiden. Petro- 
graphische, paläontologische und tektonische Kriterien lassen uns 
gleichmässig im Stich. Zahlreiche Dünnschliffe dieser Gesteine er- 
gaben ganz ausnahmslos eine vollstcändige Fossilfreiheit. Wenn es 
überhaupt angängig wäre, Gefühle — um so zu sagen — mit- 
sprechen zu lassen, so würde ich mich für Lias entscheiden. 
Nirgendwo in Bünden sah ich jemals unzweideutig als Flysch er- 
kannte Gesteine von Eruptivmassen durchbrochen; die oben er- 
wähnten Schiefer und Sandsteine haben überall Durchbrüche 
ophiolithischer Gesteine. 



24 Hoek: [238 

Die sogenannten „echten, kalkfreien Flyschfuco'iden" geben 
leider kein Kriterium ab. Auf dem Gipfel des Arosaer Plattenhornes 
kann z. B. ein Schiefer mit solchen „echten" Flyschfucoiden 
geschlagen werden — ein Gestein, das kein Mensch je für Flysch 
erklcären wird, und das auch selbst von den intuitivsten Forschern 
als liassisch betrachtet wurde. 

Die Frage, inwieweit wir in den Schiefern der Anfhrucltzonc 
Lias oder Flysch vor uns haben, muss also einstweilen als noch 
stets ungelöst angesehen werden. Und demgemäss liegen zwei Möglich- 
keiten vor, die ich vorwegnehmend kurz streifen will: 

Entweder: Aller Schiefer etc. der Aiifhruclisone ist Lias, 
oder: über Malm etc. kam noch Flysch zur Ablagerung und wurde 
in der Aufbruchzone mit zerquetscht, zerbrochen und verarbeitet. 
Für die Grundzüge der Tektonik ist das nicht einmal von ein- 
schneidender Bedeutung. Denn, dass nicht der dritte denkbare Fall 
vorliegt, dass wir nicht in den tiefstgelegenen Schiefermassen 
im Plessurhett unterhalb von Arosa etc. ein Zutagekommen des 
hasalen Schief er Vorlandes zu sehen haben, werde ich weiter unten 
versuchen plausibel zu machen. 

Malm (Radiolarienhornstein). War die Stellung der Schiefer 
etc., die zum grossen Teil widerspruchslos dem Lias zugerechnet 
werden, zum Teil aber auch nicht, eine sehr schwierige, ihre Erken- 
nung eine oft nichts weniger als leichte, so sind die oberjuras- 
sischen Ablagerungen für den kartierenden Geologen um so be- 
quemer. 

Mittlerer Jura ist im Fiessurgebirge bis jetzt nicht bekannt 
geworden. Ileberall, wo wir eine ungestörte Schichtfolge annehmen 
dürfen, folgen auf den LiascMagerungen rote, grüne, harte Kiesel- 
schiefer, die ungemein reich sind an Radiolarien: „ßadiolarit". 
Da dieses Gestein von den Atmosphärilien kaum angreifbar ist, 
ausserdem durch seine meistens leuchtend rote Farbe sehr auffällt, 
so kann sein Auftreten kaum irgendwo übersehen werden. 

Durch seine eigenartige, etwa 5 cm dicke Schichtung, sowie 
durch den grossen Radiolarien reich tum ist das Gestein vor- 
züglich charakterisiert. Die rote oder grünliche Farbe ist nicht 
constant. Namentlich wo der Radiolarit stark zerquetscht ist, 
sehen wir alle Uebergänge von dem Auftreten einzelner weisser 
Kieseladern bis zu einer vollständigen Umwandlung in eine durch 
und durch weissliche Kieselmasse, die aber immer noch die Radio- 
larien erkennen lässt. 



2391 Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa. 25 

Manchmal ist in einer fortlaufenden Bank der Wechsel der 
Farbe schön beobachtbar, wie z. B, in dem ziemlich ausgedehnten 
Radiolaritzug oberhalb der Urdensees, wo, wie auch sonst, dieses 
Gestein mit liassischen Schiefern verknüpft ist. 

Vorkommen: Dem normalen Faltengebirge, der Strela-ÄmselfluJi- 
Tictte fehlt der Malm, wie ja alle Sedimente von Wetterstein- 
dolomit an aufwärts. IviiGehirgB'&iüc^FcüjxinerWcisshorn-Tsclnrpfm 
tritt der Radiolarit als zusammenhängendes Band auf, verknüpft 
mit liassischem Schiefer. In der Anfhriiclisone finden wir ihn 
beinahe allenthalben, bald als grössere Züge, bald in Form ver- 
einzelter, isolierter Schollen (Taf. XIII No. III). 

Nach oben zu zeigt dieses Sediment stellenweise allmählich ein- 
tretende Veränderungen. Es geht beinahe ganz unmerklich in einen 
kieselreichen, klingenden Kalk über und wird schliesslich zu einem 
compacten, graublauen Kalke, der auch wieder alle Uebergänge 
zeigt zu einem mürben, weissen, feinblättrigen Kalkmergel. Hie 
und da {Ärosaer Fnrl-a, unterhalb der ÄIj) PrefscJt) liegen auch 
Radiolarit und das Endglied der oben geschilderten Reihe, Kalk- 
mergel, unmittelbar aufeinander. Mit Zunahme des Kalkgehaltes 
nimmt der Radiolarienreichtum ab. Ein sehr schöner Aufschluss, 
der besonders die Verhältnisse des allmählichen Ueberganges von 
Radiolarit in compacte Kalkbänke zeigt, liegt etwas nord- 
östlich oberhalb des GrünseeUs. 

Der Radiolarit ist hier nicht so mächtig, wie anderswo, und 
vielleicht liegen die Verhältnisse auch so, dass gegen den nörd- 
lichen Rand der Aufbruchzone der Radiolarit allmählich durch 
compacte Kalke vertreten wird, resp. anfängt mit ihnen zu 
wechsellagern. Diese Stellen, die ein allmähliches Uebergehen des 
Radiolarits in typischen, von allen Seiten für Tithon erklärten, 
Pretschkalk zu beobachten gestatten, beweisen auch sicher das nicht- 
permische Alter des Radiolarits, gleichgültig ob man hier eine 
normale oder verkehrte Lagerung annimmt. 

Wir müssten dann wohl auch die in der Litteratur mehrfach 
erwähnte „Pret schkalk"wand, die sich als ziemlich geschlossene 
Steilwand vom Sajninerhach über Lütsenrüü bis beinahe zur Churer 
Ochsenalp verfolgen lässt, für ein zeithches Aequivalent des Radio- 
larits nehmen. 

Diese orographisch sehr in die Erscheinung tretende Kalkwand, 
die nach Osten und Westen (Sapiiu einerseits. Clturcr Ochsenalp 
andererseits) allmähhch ausdünnt und verschwindet, erreicht etwa in 



26 Hoek: [240 

der Mitte ihre Längserstreckung, westlich Lüt^enrüti, ihre grösste 
Mächtigkeit mit annähernd 80 m. Sie besteht aus einer geschlossenen, 
ungeschichteten, klotzigen Masse grauen, harten Kalkes. Unter dem 
Hammer springt das Gestein klingend zu Scherben. Makroskopische 
Fossilien fehlen fast ganz. Ausser einem unbestimmbaren Belemniten 
und wenigen Crinoiden bin ich nicht im Besitz von organischen 
Resten aus diesen Kalken ^ Unter dem Mikroskop giebt sich der Kalk 
als deutlich oolithisches Gestein zu erkennen. Crinoidenbruch- 
stücke sind nicht selten, ebenso finden sich andeutungsweise Fora- 
miniferenschalen ähnliche Reste. In der Litteratur fand diese 
Kalkwand mehrfach Erwähnung und wurde von jeher meistens für 
Tithon erklärt. 

Noch an zwei anderen Stellen kenne ich — wie oben schon 
angedeutet — den Radiolarit in Verband mit kalkigen Schichten. 
Einmal an der ÄrosaerFurJca zwischen Parpaner WeissJiorn undP. 2768. 
Fast unmittelbar nördlich der Ueberschiebung des kristallinen 
über die Sedimentgesteine des Weisslwrnes tritt Radiolarit als 
kleine secundäre Mulde auf. Sie schliesst weisse, dünnplattige, 
kalkige Mergellagen ein, deren continuierlicher aber rascher Ueber- 
gang in Radiolarit gut aufgeschlossen ist. 

Dasselbe kann man beobachten auf dem runden Rücken, der 
sich von der Alp Pre^sc/i (nördlich Mar an) südöstlich zu dem kleinen 
gewundenen Seelein hinzieht, dem der „Seetobelbach" entspringt. 

Kreidegesteiue. 

Cenomanbreccie. Wir haben bereits drei Typen von Breccien 
aus dem Flessurgebirge kennen gelernt. Einmal die „kristalline", 
dann die zwei verschiedenen Arten liassischer Breccien. In be- 
deutend geringerer Verbreitung als die polygene jurassiscJie tritt 
eine vierte auf, ihr in vieler Hinsicht recht ähnhche, aber doch wieder 
petrographisch nicht unwesentlich von ihr verschiedene. 

Steinmann hat zuerst in seiner Arbeit über das Alter der 
Bündner Schiefer auf dieses Gestein aufmerksam gemacht. Er 
beschreibt es folgendermassen: 

„Das Auffallendste an diesen Breccien liegt in der reichlichen, 
zuweilen vorwiegenden Beteiligung von Bruchstücken des tithoni- 
schen Radiolarienhornsteines neben solchen von Kalk und 
Dolomit, untergeordnet auch von älteren Schief er gesteinen. 



^ RoTHPLETZ fand auch unbestimmbare Austernschalen. 



2411 Geologische Untersuchungen im Plessdrgebirge um Arosa. 27 

Dadurch wird die meist intensiv tiefrote Färbung bedingt. Da 
ferner der Radiolarienhornstein ein unvervvitterbares Gestein ist, 
die damit gemischten Dolomite und Kalke dagegen bei der Ver- 
witterung tiefe Löcher zurücklassen, so wird die Breccie an der 
eckigen rauhen Verwitterungsfläche ebenfalls leicht kenntlich." 

Steinmann zählt drei getrennte, wenig mächtige Vorkommen 
dieses Gesteines auf, und tritt dann in grosser Ausführlichkeit den 
Beweis an für das cenomane Alter dieser brecciösen Gesteine, 
sich dabei stützend auf analoge postjurassische Vorkommnisse, 
die in den Ostalpen weit verbreitet sich finden. 

Diesen Beobachtungen kann ich noch folgendes hinzufügen: 
AVährend Steinmann die Beteiligung der kristallinen Gesteine 
nur in untergeordnetem Masse kannte und geneigt war, diese Com- 
ponenten aus der Aufarbeitung liassischer polygener Breccie zu 
erklären, fand ich an verschiedenen Punkten Gneisse und Glimmer- 
schiefer in grösserer Menge und in scharfkantigen, eckigen Stücken 
bis Kopfgrösse an der Zusammensetzung dieses Gesteines beteiligt, 
so dass es höchst wahrscheinlich erscheinen muss, dass sich auch 
ältere Gesteine primär an der Bildung dieser Cenomanbreccie 
beteiligen. 

An vielen Punkten überwiegt in der Zusammensetzung der Ra- 
di olarit über alle anderen Bestandteile zusammengenommen. Dann 
resultiert für gewöhnlich ein tiefrotes Gestein mit vielen eckigen 
Löchern und Höhlungen, das in seinem Habitus einigermassen an die 
„Honeycomb-structure" erinnert. Es finden sich aber alle Ueber- 
gänge zu einer Breccie, die nur so verschwindend wenig Stückchen von 
Radiolarit enthalten, dass dieselben leicht der Beobachtung entgehen 
können. 

Oft muss man mehrere Blöcke zerschlagen , bis endlich ein 
kleiner Fetzen des roten Gesteines sich zeigt — und wären nicht 
continuierlich alle Zwischenstufen zwischen dieser Breccie und der 
tiefroten radiolaritreichen vorhanden, so würde man selbstredend 
die Diagnose „Liasbreccie" stellen. 

Es ist dieser Wechsel der Ausbildung wohl erklärlich, wenn 
man sich darüber klar wird, dass nach Aufarbeitung des tithoni- 
schen Radiolaritmaterials nur mehr älteres Material zur Verfügung 
stand. Was das Alter dieser Breccien betrifft, so möchte ich 
darauf hinweisen, dass dieses Gestein bei allen aiisf/edehnteren 
mir bekannten Vorkommnissen — also abgesehen von den kleinen 
Partien in der Schollenregion des JBriiggerhornes — stets auf Lias 

Berichte XIII. 16 



28 Hoek: [242 

oder Dolomit liegt. Ferner fehlt stets der Radiolarit, wo wir diese 
Breccie treffen —sehr natürlich, da der Hornstein zur Bildung der 
Breccie verbraucht wurde. Andererseits, wo wir Radiolarit in 
grösseren Mengen fanden, werden wir stets vergeblich nach iinserer 
Cenomanbreccie suchen. 

Die Verbreitung dieser interessanten Bildungen ist eine viel 
grössere, als Steinäiann bei einer flüchtigen Begehung annehmen 
konnte. Am auffallendsten — beinahe möchte man sagen aufdring- 
lichsten — tritt dem Geologen diese Breccie entgegen an dem 
von Maran durch das Wäldli nach Arosa führenden Fusswege, etwa 
300 m südlich Maran in einer Meereshöhe von 1800 — 1840 m. 
Die Ablagerung lässt sich als continuierliche, massig mächtige Decke 
etwa 400 m nach Osten und 300 m nach Westen verfolgen. Un- 
mittelbar südhch Maran an dem kleinen Buckel vor dem Hotel ist 



NW vmo. 



S.O. 



^'"""-^ffl 



J830. 




Fig. 3. Profil durch das Maraner Aelpli. Massstab ca. 1 : 12 500. Zeigt die 
Auflagerung der Cenomanbreccie auf Lias mit fehlendem Radiolarit. 

die Auflagerung auf triadischem Hauptdolomit unzweideutig 
aufgeschlossen (Taf. XI No. XII). 

Dann erweist sich das ganze wiesenbedeckte Plateau, das sich 
zwischen Maran und dem bewaldeten Steilabhang im Osten gegen 
die Flessur erstreckt, soweit die spärlichen Aufschlüsse dies zu be- 
obachten gestatten, als bestehend aus Cenomanbrecci e, die Do- 
lomit aufgelagert ist. 

Nördlich Maran, auf dem guten AVege zur Älj) Pretsch, sieht 
man einen Viehzaun aus diesem Gesteine gehäuft. Eine nähere 
Untersuchung zeigt, dass hier die Breccie in einer Höhe von 
1920 — 1900 m eine grosse Ausdehnung besitzt.. Die Abart mit 
den wenigen Rad iolarit-Compo nenten herrscht vor. Das Liegende 
ist wiederum Hauptdolomit, Für die eben aufgezählten Vorkomm- 
nisse ein Abstürzen vom JBriiggerhorn annehmen zu wollen, wie dies 
thatsäcliHch gethan wurde, erscheint ganz widersinnig. 



243] Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa. 29 

Ein weiteres grosses Vorkommen befindet sich an dem runden 
Buckel, „Maraner AelpU" genannt (2162 m). Der Gipfel dieser Er- 
hebung ist aus Cenomanbreccie gebildet, die mit concordantem 
Fallen liassischen Schiefern (mit Eucuiden!) aufgelagert ist. 
Da der Osthang dieses kleinen Berges in seiner Neigung mit dem 
Fallen der Sedimente übereinstimmt, so treten überall an diesem 
Hange bald grössere, bald kleinere Partien dieses unverkennbaren 
Gesteines auf. 

Ein weiteres kleines Vorkommen — wichtig, weil hier Serpentin 
in diese Breccie injiciert auftritt — liegt hart am Wege von der 
„Mittleren Sattelhütte'' zum Arosaer WässJwrn und wurde von Stein- 
mann schon beschrieben. 

Oestlich vom Briiggerhom, an dem kleinen Bache, der am Arlm- 
u-alde vorbeifliesst, oberhalb des ausgedehnten Serpentin Vor- 
kommens, in einer Höhe von 2140 m kenne ich einen weiteren kleinen 
Aufschluss. 

Schliesslich ist dann noch der Gipfel des BrüggerJwrnes zu 
erwähnen (2451 m), wo, wild durcheinandergestochen mit Schollen 
von kristallinen Gesteinen, von Dolomit, Lias, Liasbreccie 
und Radiolarit, auch einige Partien typischer Cenomanbreccie 
sichtbar werden (vgl. Fig. 18 S. 261). 

Am Arosaer WeissJiorn und am PlaUenhorn gelang mir der 
Nachweis dieses Gesteines nicht. Ebensowenig Glück wie Steinmann 
hatte ich mit meinen Bemühungen, FossiHen zu finden, trotz häufigen 
stundenlangen Klopfens. 

Die Frage nach der Entstehungsart dieser Breccie ist nicht 
einfach zu beantworten. Liegt uns in diesem Gesteine eine Dis- 
locationsbreccie vor? Oder ist es eine Brandungsbreccie? 

Während diese Arbeit mich beschäftigt, ist das prachtvolle 
AVerk Fr. Wähners über das Sonnhlicl-gehirge erschienen. Bei dem 
Studium dieser Arbeit fiel zunächst die grosse tektonische Aehn- 
lichkeit beider Gebiete auf-, dann vor allem aber auch die fast voll- 
ständige Identität der WÄHNERschen „Hornsteinbreccie" mit 
unserer Cenomanbreccie. Nach langen und detailKerten Unter- 
suchungen und Beweisführungen neigt Wähnee schliesslich mehr 
zur Auffassung, es läge eine Dislocationsbreccie vor. Er spricht 
sich aber ausserordentlich vorsichtig aus. 

Die im Flessurgchirge auftretende roteHornsteinbreccie scheint 
mir für die Erklärung ihrer Entstehungsart eine andere Deutung 
zu fordern. 

16* 



30 Hoek: [244 

Dafür spricht: 

1. Die Mächtigkeit unserer Breccie; sie erreicht bis 30 m, in 
zum Teil sicher relativ ungestörter Lagerung. 

2. Cenomanbreccie und Radiolarit vertreten sich — nicht 
faciell! — und die Breccie zeigt alle Uebergänge zu einer solchen ohne 
Hornstein, wie sie naturgemäss nach Verbrauch des tithonischen 
Materials bei einer Brandungsbreccie entstehen niusste. 

3. Das Auftreten ist ein recht beschränktes, auf die weitere 
Umgebung 3Iarans lokalisiertes. 

4. Wir treffen diese Breccie in ihren grösseren Vorkommen 
stets als oberstes an, nie von einem anderen Material bedeckt. 

Aus diesen Gründen scheint mir die Deutung der Cenoman- 
breccie im Plessurgebirge alsTransgressionsbreccie den grösseren 
Grad der Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. 

Eruptiva. Junge Eruptiva treten — nicht zur Freude des 
Geologen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Gegend 
tektonisch verstehen zu lernen — im Fiessurgebirge in grosser Aus- 
dehnung auf. Von dem klassischen Erforscher dieser Gegenden, 
von G. Theobald, wurden sie 1860 — 1864 als Spilitdiorite^ 
Dioritmandelsteine oder Spilitporphyre beschrieben. 

Eine genaue petrographische Untersuchung dieser Gesteine 
durch Bodmer-Beder im Jahre 1898 hat ergeben, dass wir es 
hier zu thun haben mit „Olivindiabasen, vielfach begleitet von 
Serpentinfels und grünem Schiefer". Soweit meine Kenntnis 
der Fiessurgesteine reicht, unterscheide ich Serpentin und Spilit 
(Variolit). Tuffe dieser Gesteine sind mir nicht bekannt ge- 
worden. Da die oben citierte Arbeit eine erschöpfende petrogra- 
phische Darstellung der in Frage kommenden Gesteine giebt, so 
kann ich mich auf die Beschreibung ihres Vorkommens und auf die 
Discussion der Frage nach ihrem Alter beschränken. 

Zunächst ihr Vorkommen: Es fehlen die Eruptiva in der ganzen 
normalen Faltungszone, im Gebiet der Strela- Ämselflulikette (Taf. XII 
No.VIII). Escher und Studer haben einen kleinen Serpentinfleck 
oben auf der Mayenfelder Furka angegeben. Es scheint dies aber auf 
einem Irrtum zu beruhen, denn schon Theobald konnte diese 
Stelle nicht auffinden und auch ich habe vergeblich lange danach 
gesucht. Wahrscheinhch liegt eine Verwechslung mit grünen Por- 
phyriten aus dem Verrucano des Kummerhuhel vor, wie eine 
solche bei schneller Begehung ja wohl leicht vorkommen kann. 

Wir können also daran festhalten, dass junge Eruptiva der 



245] 



Geologische Untersuchungen lm Plessürgebirge um Arosa. 



31 



Zone Strela- Amselfluh fremd sind. Ebenso fehlen sie in dem Keil- 
stück Farpaner Weisslwrn-Tscliirpm , welches wir ja schon öfters 
eine eigenartige Mittelstellung zwischen normalem Faltengehirge und 
Aufhruchzone einnehmen sahen. 

Sobald wir aber weiter westlich gehen, sobald wir irgendwo die 
landschaftlich so ungemein auffallende Linie der Steilmauern, die sich 
vom Farpaner WeissJiorn über Schafrücl-en und Schiesshorn bis zum 
Sirelapass zieht, passiert haben, und damit in das Äiifbruchgehiet 
gelangen, stossen wir sofort auf jung eruptive Vorkommnisse, 
die so ziemlich überall in dem westlichen Teile des Gebirges ver- 
breitet sind (Taf. XI No. V). 



Hör Tili 




y^m^^^ 



Fig. 4. Das Hörnli von Westen gesehen (nacli Photographie des Verfassers) 
Spilit concordant zwischen liassischen Schiefern gelegen. 

Bald durchsetzen die Serpentingänge alle hier vorkommenden 
Sedimente, bald sehen wir sie fast concordant zwischen Sediment- 
gesteinen eingeklemmt und einem Schichtgesteine ähnlich mit- 
dislociert. 

Das best aufgeschlossene Beispiel für das erste Vorkommen 
hat SteiNiMANN in seiner Arbeit über das Alter der Bündner 
Schiefer^ bereits pubhciert; es ist der grosse Serpentingang, 



' Steinmann, Geologische Beobachtungen in den Alpen I. Das Alter der 
Bündner Schiefer S. 593 f. 



I 



32 Hoek: [246 

der an der Thalschwelle zwischen Urdencdp und Urden-Augstherg 
alle Sedimente bis zum Radiolarit einschliesslich durchsetzt. 

Ein gutes und für die zweite Art des Auftretens überzeugendes 
Vorkommen liegt z. B. fast unter der Spitze des Arosaer Weiss- 
]iornes, y^o in einer Höhe von beiläufig 2550 m Serpentin in con- 
cordanter Lagerung zwischen Dolomit und Lias sichtbar wird. 
Auch der turmartige Felsbau des Hörnlis ist, wie eine nähere 
Untersuchung zeigt, eine zwischen zwei Schiefermassen concordant 
eingepresste Spilitmasse, die dann durch Erosion freigelegt wurde, 
und die sogar in derselben Richtung wie das umgebende Gestein 
geschiefert erscheint (Fig. 4 S. 31 Taf. XIII No. III). 

Diese basischen Eruptiva hören mit den sicher mesozoi- 
schen Gesteinen auf und fehlen dem fraglichen Schiefergebiet 
vollständig. Nordwestlich der Aufbruchzone im „Grundgebirge" 
E,OTHPLETz' trefi'en wir nie und nirgends Serpentin oder andere 
junge Eruptiva. Es ist dies ein — wenn auch nicht voll beweis- 
kräftiger — Beleg für die einheitliche Flyschnatur dieser ganzen 
Massen. Wenn hier wirklich Lias und Flysch vorlägen, so wäre 
es bei der zweifellos enormen Störung, die diese Massen er- 
litten haben, zum mindesten höchst auffallend, dass hier nirgends 
Eruptiva sichtbar werden, wie es ja bei dieser Erkenntnis auch 
sonderbar erscheinen müsste, dass jede Andeutung älterer Gesteine 
(Dolomit vor allem, der fast immer mit Liasschiefer verknüpft 
in der östlichen Hälfte des Gebirges auftritt) sowie des unverwitter- 
baren Radiolarits fehlen sollte. 

Es macht wirklich den Eindruck, als ob die basischen Erup- 
tiva alle Gesteine bis zum Oligocän flysch durchsetzen. Unter 
dieser — aber auch nur unter dieser — Voraussetzung lässt sich dann 
auch das Auftreten der Eruptiva als Kriterium für das Alter der 
fraglichen Schiefer im Flessurhette unterhalb und bei Arosa verwerten. 

Ueberall, wo wir im Flessurgebirge den jüngeren Eruptiv- 
gesteinen begegnen, finden wir auch stets und ganz constant 
typische Contacterscheinungen an den durchbrochenen Gesteinen. 
Im direkten Contact mit den Eruptivmassen lassen sich nach- 
w^eisen: Hauptdolomit, Liasschiefer, Radiolarit und Ceno- 
manbreccie. Das auffallendste Merkmal sind stets apophysenartige 
Verzweigungen der ophiolithischen Gesteine in den Sedimenten. 

Einzelne Localitäten für derartige Erscheinungen namhaft zu 
machen, hat keinen Wert, da so ziemlich überall, wo Eruptiva 
auftreten, auch Contactbildungen getroffen werden. 



247] Geologische Unteksüchüngen im Plessubgebirge um Arosa. 33 

Die petrographisclie Beschreibung dieser Contactstructuren 
ist sehr eingehend und genau in Steinmanns Arbeit: „Geolog. 
Beobachtungen in den Alpen" ^ zu finden. 

Tertiärgesteiiie. 

Flysch: Die einförmigen Schiefermassen ausserhalb der 
Aiifhruchsone fasse ich als Flysch auf. Damit befinde ich mich im 
Einklang mit der Auffassung Steinmanns und teilweise im Gegen- 
satz zu RoTHPLETZ, der hier Flysch und Lias unterscheiden 
und die Trennung hauptsächlich nach Fucuiden durchführen 
möchte, wozu, wie mir scheint, keine Berechtigung vorliegt. 

AVas den genauen Verlauf der Grenzlinie zwischen Aufhrnch- 
2one und Vorland, oder tektonisch gesprochen, zwischen Basal- 
und Deckgebirge betrifft, verweise ich auf den tektonischen Teil 
dieser Arbeit. 

Wenn wir die Gesteine des Flyschlandes charakterisieren 
wollen, die in grosser Einförmigkeit dieses ganze Gebiet zusammen- 
setzen, so hört man so ziemlich dasselbe Lied wie bei der Aufzählung 
der Liasgesteine : Kalkige Schiefer, sandige Schiefer, mergelige 
Schiefer, thonige Schiefer, kieselige Bänke, Sandsteine, Kalke, 
Breccien (zum Unterschied der Liasbreccie, aber nur mit Compo- 
nenten bis zur Nussgrösse, sonst aber genau so ausgebildet wie die 
polygene Liasbreccie). 

Die Schiefer sind in der Regel sehr mürbe und oft ausser- 
ordentlich dünnplattig. Im grossen betrachtet, herrscht ein bedeu- 
tenderer Reichtum an Fucuiden und eine hervoi'ragendere Nei- 
gung zur Bildung „fauler Gesteine" als sie dem Lias zukommt. 
Das sind aber beides Kriterien, mit denen wenig anzufangen ist. 
Eine ungeheure Complication des Baues zeichnet die Flyschberge 
aus, eine Complication, die bei dem Fehlen kennthcher Horizonte 
in der Gesteinsmasse im Detail nur geahnt und nicht entwirrt 
werden kann. 

Die Frage, ob wir innerhalb der Au/hnicli^onc auch Flysch 
treffen, ist einstweilen, solange ein sicheres Kriterium um Lias 
und Flysch zu trennen fehlt, nicht sicher zu entscheiden. Nur eine 
mehr oder minder grosse Wahrscheinlichkeit für die eine oder 
andere Auffassung kann geltend gemacht werden. Schon bei Be- 
sprechung des Lias wurde darauf hingewiesen, dass entweder alle 

' Stein>unn, Geologische Beobachtuugeu in eleu Alpen I. Das Alter der 
Büuduer Schiefer S. 61 — 63. 



34 Hoek: [248 

Schiefer in der Aufbruchzone Lias sein können, oder aber dass 
Flysch ursprünglich die normale Folge der Sedimente geschlossen 
habe und dann mit seinem Liegenden zusammen zerrissen und ver- 
schoben sei. 

Von anderer Seite ist der Versuch gemacht, es wahrscheinlich 
erscheinen zu lassen, dass der Flysch des basalen Gebirges im 
tiefen Fiessurbett unterhalb Ärosas nochmals zu Tage trete. 

Dem halte ich erstens entgegen, dass diese Schiefer von 
Eruptivmassen durchbrochen sind, was bei den Schiefern des 
JBasalgeUrges (gleichgültig ob Flysch, ob Lias und Flysch) nie 
der Fall ist. Zweitens gebe ich folgendes zu bedenken : Die Ueber- 
schiebungslinie der Aufbruchgone über das Schiefervorland in unserem 
Gebiete verläuft, im grossen betrachtet, etwa von Südwesten nach 
Nordosten. Wo wir den Contact der beiden „Gebirge" beobachten 
können, ist die Decke etwa im Winkel von 30 "^ auf das basale Ge- 
birge hinaufgeschoben, im Südwesten etwas steiler als im Nordosten. 
Die Ueberschiebungsfläche wird im Südwesten, am Urclen- Äugst- 
berg, etwa in der Höhe von 2160 m sichtbar und senkt sich dann 
ganz allmählich in ihrem Verlaufe noch Nordosten. An ihrem nörd- 
lichsten Punkte (dem „P" des Wortes „PretschivaM' auf der 
Siegfriedkarte) hat sie etwa 1500 m erreicht. 

Infolge der Erosion des Fiessurflusses springt die Linie hier 
ziemhch scharf nach Süden zurück und gestattet dadurch an dieser 
Stelle die constante Neigung der Ueberschiebungsfläche zu beob- 
achten, derart, dass bei dem Orte Biiti die Grenze etwa in der 
Höhe von 1380 m liegt. 

Die Schiefe rmassen der Aufbruchgone im Flessurbette unter- 
halb Arosas, welche man ja eventuell als Flysch auffassen kann 
und die Rothpletz als basales Gebirge gedeutet hat, liegen in einer 
Höhe von 1700 bis 2000 m. Nach dem Gesagten erscheint es mir 
aber ziemlich unmöglich, dass sie dem Untergrunde angehören, man 
müsste dann, um diese Behauptung annehmbar zu machen, schon 
seine Zuflucht nehmen zu der Annahme einer — durch keine Be- 
obachtung gestützten — starken Wellung der Ueberschiebungsfläche. 
Bei alledem bin ich mir aber vollständig klar darüber, dass für 
meine Auffassung der Verhältnisse ein strikter Beweis einstweilen 
nicht beizubringen ist. 

Schliesshch mag noch kurz die Frage gestreift werden, ob in 
dem „Schiefervorlande" wirklich nur Flysch, oder, wie mehrfach 
behauptet wurde, auch Lias sichtbar werde. 



249] Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa: 35 

Wenn die anstehenden Schiefergesteine wirklich zum Teil 
auch dem Lias angehörten — warum findet man dann nirgends 
eine Spur von dem doch so auffallenden und unzerstörbaren Ra- 
diolarit, der den Lias sonst so constant begleitet? Es ist dies 
ein Punkt auf den schon Steinmann mit allem Nachdruck hinge- 
gewiesen hat. Und weiter: Warum fehlt auch jede Spur von Haupt- 
dolomit, der ja stets unter dem Lias Allgäuer Facies ansteht, 
wenn hier wirklich Synclinalen vorliegen, die uns den Lias zu 
sehen gestatten? 

Noch auf eine besonders interessante, im basalen Gebirge nicht 
tief unter der Ueberschiebungslinie gelegenen Stelle ist hier noch 
hinzuweisen. Nicht weil sie für die tektonische Erklärung von be- 
sonderer Bedeutung wäre, aber weil hier der Flysch reich an 
Fossilien auftritt. Es sind die Felsen Capetscli, westlich etwa 200 m 
unterhalb des zwischen Arosa Weisshmii und Flattenliorn durch- 
führenden Carmennapasses gelegen. Ein grauweisser, blätteriger 
Kalkmergel steht hier an, der geradezu gespickt ist mit Globi- 
gerinen -Schalen und zwar nur mit diesen. Steinmann hat in 
seiner Arbeit über das Alter der Bündner Schiefer dieses sehr 
beschränkte Vorkommen für Couches rouges genommen und als 
solche beschrieben, war aber bei unserer letzten Begehung auch der 
Ansicht, dass es sich um einen Tertiärhorizont handle, wie solche 
ja auch in der nordschiveizerischen KJippenregion bekannt sind \ 
zumal da wenig oberhalb der besprochenen Stelle die orographisch 
so deuthch ausgeprägte UeberschiebungsHnie zwischen Flysclüand 
und Aufbruclisone verläuft. 

Tektoiiisclier Teil. 

Kurz muss ich mich leider fassen. Es ist nie schön, auf Ar- 
beiten zu verweisen, die der Zukunft angehören sollen. Nicht in 
diesem Sommer, aber hoffentlich später, sobald die genaue geo- 
logische Aufnahme des ganzen Flessiirgebirges vollendet sein wird, 
soll eine Specialkarte erscheinen, deren Erläuterung dann haupt- 
sächlich die Tektonik dieses schwierigen Gebietes klarzustellen ver- 
suchen wird. 

Es mögen hier aber vorgreifend wenigstens einige Profile durch 
das Gebiet von Arosa gegeben werden — und sie erfordern not- 
wendig eine, wenn auch nur gedrängte textliche Erklärung. 

* Vgl. Quereaü 1893: Klippenregion vom Iherg. Beiträge zur geologischen 
Karte der Sclnceiz, XXXI. Lief. 



,36 



Hoek: 



[250 



Bei der Betrachtung des beiliegenden Uebersichtskärtchens 
(Taf. X) unterscheidet man sogleich vier getrennte Gebiete. Sie ent- 
sprechen ebensovielen Regionen tektonisch verschiedener Ausbildung. 

Der ganze südöstliche Teil der Karte ist eingenommen von 
einer nach Westen zu ziemlich geradlinig abgegrenzten Partie. 
Ich möchte sie bezeichnen, als den westlichsten Teil des 
normalen Faltengebirges. Was noch in den Rahmen dieser 
Arbeit hineinfällt, ist die „Strela-ÄmselfluMette" , die dritte der von 
Osten her gezählten Falten des von Jennings ^ bearbeiteten Gebietes. 

Es ist eine grosse, sehr flachliegende Falte, deren höchsten 
Teile durch Erosion zerstört sind. Darin liegt auch die Erklärung 
für die auffallenden hydrographischen Verhältnisse dieser Gebirgs- 
zone, die orographisch sich als Doppelkette präsentiert. 




Wettersteinü. *''^''V?*"/ 



"'^e. 



KDdmil 
Fig. 5. Profil durch die Strela- Amselfluhfalte. Massstab ca. 1 : 50 000. 

In den Bergen Ämselfluh, Streld, Valhellahorn, P. 2700, P. 2800, 
und GuggerneU hat man den hangenden Schenkel der Falte zu er- 
blicken. Steigen wir aus der Depression des Älteiner Tiefenberges 
auf einen der genannten Gipfel, so begegnet unser Auge in normalen 
Profilen von unten nach oben: Verrucano, untere Rauhwacke, 
Muschelkalk, Wettersteindolomit. Folgen müsste darauf natür- 
lich Hauptdolomit und Rhät; sie fehlen. Erosion hat diese 
ehemals höchsten Teile der Schichtfolge von den Bergen weggeschajfft. 

Und nun umgekehrt: Bei einem Abstieg von einem Gipfel des 
westlichen Astes der Doppelkette (Küpfenfluh, Mädrigerßuh, Thiejer- 
fltih, Furkahorn, Schiesshorn, Leiäfluli) hinunter zum Bette der 
Plessur kreuzen wir in verkehrter Lagerung: Verrucano, untere 
Rauhwacke, Muschelkalk, Wettersteindolomit, Haupt- 
dolomit (Taf. XII No. IV). 



^ Jennings, The geology of the Davos district. 



251] 



Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge um Arosa. 



37 



Zwischen den beiden Reihen von Triasbergen, in der centralen 
Depression, die den erodierten Scheitel der Falte darstellt, tritt 
uns überall als tiefstes sichtbares Glied der Verrucano entgegen, 
stellenweise ausserordentlich mächtig, wo er infolge der Einschaltung 
von Porphyrmassen über die normale Mächtigkeit anschwillt — 
wenn man überhaupt von normaler Mächtigkeit sprechen kann, da 
ja der Verrucano immer von einer ausserordentlich schwankenden 
Entwicklungsstärke ist, eine Beobachtung, die besonders für den 
Porphyr Sandstein, weniger für den roten Thon, Gültigkeit be- 
sitzt. 

Wenn wir so in oben besprochener Weise die steile Felswand, 
die den wilden Thalboden des WelscMohels im Osten begleitet, queren, 



WNW. ?2Sfö. WelscWobei. Leidfluli. P279r 

y^lteiner Tiefenberg. 



O.S.O 



^«, 




H dtUjma, 






^""ptDolo 



Fig. 6. Profil durch die Strela-Amselfluhfalte, Schafsrücken-Erzhoru falte etwas 
südwestlich vom Profil No. 5. Massstab ca. 1 : 40 000. 



dann fällt uns die grosse — allerdings auch schwankende — Mäch- 
tigkeit des Hauptdolomites auf. Sie resultiert aus einer teil- 
weisen Verdopplung dieser Gesteinsmasse, die in den unteren Par- 
tien als aufstrebender Schenkel der nächsten Falte zu denken 
ist. Rhät wird zwischen dem Dolomit nicht sichtbar. Warum 
mag dahingestellt bleiben. Vielleicht weil er ausge(iuetscht, vielleicht 
weil wir gerade die Umbiegungsstelle des Hauptdolomites vor 
uns haben. 

Unmittelbar im Anschluss an diesen unteren Hauptdolomit 
(„unten" im tektonischen Sinn!) beginnen die Unregelmässigkeiten, 
Einspitzungen, Zerreissungen etc., mit einem Worte westlich dieses 
Dolomites befinden wir uns in der Aufbruchzone. Dies gilt 
wenigstens für das Gebirgsstück vom Schicsshorn an nordwärts. 



38 



Hoek: 



[252 



Südlich des SchiessJiornes steigt die oben erwähnte Falte — man 
müsste sie im Sinne Jennings' als die vierte Falte, vom Hochducan 
an nach Westen gezählt, bezeichnen — noch relativ regelmässig 



WN.W 



P283I. 



OSO. 

Gugernetl 



^^h 




Fig. 7. Profil durch Strela-Amselfluhfalte und Schafrücken-Erzhornfalte. Süd- 
westlich von Fig. 6. Die Sjnclinale ist hier in eine Ueberschiebung übergegangen. 
Massstab ca. 1 : 40 000. [K. S. = Kössner Seh.] 

in die Höhe. Sie bildet die Bergkette: Schafrücken, F. 3545, 
Äelpliseehorn, P. 2831, Ersliorn. 



MW 



Erzhom. 



SO. 




Fig. 8. Detailprofil der Einspitzungen in der N.-W.-Wand des Erzhornes. 
Massstab ca. 1 : 25 000. Cf. Fig. 9 und 10. [K. S. = Kössner Seh.] 



Je weiter wir vom SchiessJiorn aus südwärts wandern, um so 
kräftiger ist diese vierte Falte entwickelt und um so mehr dehnt 
sie sich nach Westen aus, eine Erscheinung, die combiniert ist 
mit einem langsamen Umbiegen der Streichrichtung aus Nordost- 



253] 



Geologische Untersuchungen lm Plessürgebirge um Arosa, 



39 



Südwest nach Ost-West, Es entsteht auf diese Weise mehr Platz, 
und daraus erklärt sich das Auftreten des Rhäts am Südhange 
des Ersliornes und von P. 2831. Gleichzeitig zerreisst die dritte 
St rela-Ämselfluh falte und geht allmählich in eine Ueberschiebung über, 
so dass am Ershorn dann Verrucano auf Rhät zu liegen kommt 
(Taf. XIII No. XI). 

In untergeordneten kleineren Fältelungen steigt diese vierte, 
Schaf rüclxen-Erzliornf alte, hoch empor, so dass am Ershorn und JRot- 
horn der kristalline Untergrund zur mächtigen Entfaltung gelangt. 



S.Q. 



Erzhorn 



2921 



M.W 



iTrio^ 




Fig. 9. Profilansicht des Erzhornes (nach Photographie des Verfassers) 
von Aelplisee aus gesehen. 

Hauptdolomit liegt hier, wie auch im Norden unter der 
Mädngerfluh ohne Zwischenschaltung älterer Sedimente direkt dem 
kristallinen Untergründe auf (Taf. XIII No. XI). 

Diese kristallinen Massen ihrerseits {Rothornmassiv, Äelpli- 
horn etc.) sind an einer steilen Fläche auf die Sedimentärmasse 
des Parpaner Wdsshornes und Tschirpen hinaufgeschoben (Taf. XIII 
No. II). 

Verfolgen wir die Linie dieser Ueberschiebung nach Osten und 
Nordosten. • 

An der Ärosaer FurJca zwischen P. 2768 und Parpaner Weisshorn 
sehen wir das Kristalline teils dem Rhät, teils dem Hauptdolomit 



40 



Hoek: 



[254 



auflagern. Nach Osten nimmt die Mächtigkeit des Kristallinen 
bald ab und in der steilen Nordvvand des Ershonies sehen wir es 
unter dem hangenden Haupt dolomit alsbald auskeilen. 

Der überschobene Hauptdolomit des Tschirpen tritt in der 
Höhe von P, 2831 immer näher an den hangenden Hauptdolomit 
der Schaf rücken-ErsJiornkette heran und am Fusse der oberen Steil- 
wand von P, 2545 und Schafrndcen sehen wir schliesslich Haupt- 
dolomit auf Hauptdolomit liegen, nicht entwirrbar als oberer 
(„übergeschobener") und unterer („überschobener"), wenn wir nicht 
den Dolomit des Tschirpen im Streichen continuierlich bis in die 
Basis des SchafrücJcens verfolgen könnten. 

Erzfiom 

m. 




H.I>. ■Haupidolom.it 
WD ■ WetLrrsleindohmit 
Kr ■ Kristallin. 



Fig. 10. Eine Face-Ansicht der Erzhornkette (nach Photographie des Verfassers) 

vom Aelplihorn gesehen. Zeigt das kurze horizontale Ausmass der Einspitzungen 

der N.-W.-Wand des Erzhornes. 



Die Streichrichtung der Schichten macht etwa an der, den 
Aelplisee abdämmenden, Clus einen ziemlich scharfen Knick aus der 
Richtung Ost- West in die Nordost-Südwest. Dementsprechend sehen 
wir hier auch steilgestellte Schichten mit beinahe saigerem, an ein- 
zelnen Stellen sogar überkipptem Einfallen, und demgemäss hat 
sich auch hier am Orte minoris resistentiae das Wasser seinen 
Abfluss geschaffen. 

Unternehmen wir es nun, die Grenzlinie zwischen dem Gebirge 
ziemlich normalen Faltenbaues und der Aufbruchzone zu ziehen, 
so würde sie von der Arosaer FurJca östlich über den Aelplisee weg 
bis zur halben Höhe der Schutthänge des P. 2545 verlaufen, hier 



255] Geologische Untersuchükge.v im Plessürgebirge ümArosa: 41 



eine Biegung nach Nordosten machen, die Steilwand des' ScJiafrücl-ens 
schneiden, und fernerhin etwa in der Höhe von 2200 m die Dolomit- 



P. 2768. 



Parpait.Weissbom. H 



Alteiner furKa.. 




Liasschiefer. 



Yis. 11. Massstab ca. 1 : 25 000. 



SSO. Erzhom. 



Tschirpen. NMV 




assciucfer 



8.0. Aeipliseehcrn 



Fig. 12. Massstab ca. 1 : 25000. 

Tsehirperv'föstLT) 
Mplisee. 



MW 




Fig. 13. Massstab ca. 1 : 25 000. Drei Parallelschnitte durch das Keilstück des 
Parpaner "Weisshornes-Tschirpen. Besonders gewählt zur Erklärung des ver- 
dreifachten Hauptdolomits an der Schnittlinie Aelpliseehorn-Tschirpen. 

wände des Schiesshornes, Fnrlmhornes, Thiejerfltih, Mädngerfluh und 
Küpfenfluh queren. 

Was westlich und nordwestlich dieser Linie bis zur grossen 
— unten näher zu behandelnden — Hauptüberschiebungslinie über 



42 Hoek: [256 

Flysch liegt, das fasse ich in Uebereinstimmung mit Steinmann als 
„Aufhrnchsone"' zusammen. 

Besondere Beachtung und Besprechung beansprucht in diesem 
Gebiet noch ein keilförmiges Gehirgsstück , die Bergmasse des 
Parpaner Weisshornes und Tschirpen; auch hier herrscht 
kein normaler Faltenbau mehr, auch hier ist das normale Schema 
schon durchbrochen, es ist aber noch nicht zu so weitgehender Zer- 
stückelung und Auflösung gekommen, wie dies sonst in der Auf- 
bruchzone die Regel zu sein scheint. 

Betrachten wir also dieses Stück für sich. Es ist eine länglich 
keilförmige Bergmasse, die zwei Gipfel urafasst: Das Parpaner 
Weisshorn und den Tschirpen, die eine etwas gewundene Kammlinie 
zeigen. Im Profil von Osten oder Westen aus gesehen haben wir 
ausserordentlich elegante Pyramiden vor uns, die ihre etwas weniger 
steile Seite gegen Süden richten. En Face erblicken wir jähe 
Mauern, so steil, dass die dem Norden zugekehrte Seite des Berges 
dem ungeübten Auge leicht senkrecht erscheinen mag. 

Eine Erkletterung des Parpaner Weisshornes quer durch diese 
Nordwand führt uns von unten nach oben, vom Lias des Urden- 
augstherges, an über folgende Gesteine: Zunächt obere Rauhwacke, 
vielleicht 2 m mächtig; darüber typischer Hauptdolomit (40 bis 
50 m), folgt ein von weitem schon auffallendes, dunkles, fast schwarz 
erscheinendes Schieferband, das den ganzen Berg (von Norden 
gesehen) umgürtet. In diesem ca. 80 m mächtigen Bande entdeckt 
man bei näherer Untersuchung blutrote und hellgraue Streifen. 
Das Schieferband besteht aus rhätischen Mergeln und Schie- 
fern, Kössner Schichten; die auffallenden, anders gefärbten 
Bänder erweisen sich als ein ganzes System von Einspitzungen 
jüngerer Gesteine (Radiolarit und Liaskalke). Manches dieser 
Bänder hat an die 200 m Horizontalausdehnung und verschwindet 
dann plötzUch; andere, Hnsenförmig, sind oft bloss 10, 20, 30 m 
lang und keilen dann aus. Manchmal convergieren diese Bänder, 
verschmelzen sogar. Es resultieren tektonische Bilder, deren Ent- 
stehung schwer vorstellbar ist. — „Faltungsdiscordanz". 

Dieses Band umzieht, wie gesagt, die ganze Nordseite des 
Parpaner Weisshornes. 

Da nun der Winkel des Fallens in diesem Bande bedeutend 
geringer als der Neigungswinkel der Gipfelpyramide des Berges 
ist, andererseits aber ungefähr gleich gross wie der Neigungswinkel 
der unteren Hänge, so läuft man von dem secundären Gipfel 2701 



257] 



Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 



43 



zur Ärosaer FurJca absteigend fast ausschliesslich auf Kössner 
Schichten. 

Haben wir dieses schwarze Band im Aufstiege getjuert, so be- 
gegnen wir wieder einer wenig mächtigen Schicht oberer Rauh- 



im. 



sw 



D ■ Haupidolomil 

K ■ Kössner 

L Lias 

R RaÄwlarienhornsl 




/[ >^ »//^^ ,^j^ '■' ^^ Oslgtpfel des ParpanerWetsshornes. 

Fig. 14. Ansicht der beiden Schuppen des Parpaner Weisshornes. Besonders 
schön sichtbar sind die linsenförmigen isolierten Partien des Radiolarits im Lias 
unmittelbar unter der Ueberschiebung. (Nach einer Photographie des Verfassers.) 

wacke (2 m) und darauf folgt abermals typischer, ungeschichteter, 
reich zerklüfteter, heller Hauptdolomit, der den eigentlichen, turm- 
reichen Gipfelkamm des Berges zusammensetzt. 



Parpaner Weisshorn 




Fig. 15. Parpaner "Weisshorn von S.-O. gesehen. Cf. Fig. 16 und 17. 
(Nach Photographie des Verfassers.) 

Die einzig mögliche Deutung dieser Lagerungsverhältnisse ist 
wohl diese : 

Der Berg besteht aus zwei Schuppen. Die untere ron Jiauh- 
wacke, Hauptdolomit, Rhät, Lias und Radiolarienhorn- 
stein gebildet, ist auf den Lias schiefer des Urdeuaugst- 

Berichte XIII. I7 



44 



HoEK: 



[258 



berges hinaufgeschohen. Die obere, %iceile Schuppe aus Rauh- 
wacke und Hauptdolomil (das andere durch Erosion ver- 

\^esl-6ipf.d. Porp. Weisshomes. 



N. 



Urden Furkc 




Fig. 16. Die Ueberschiebung der unteren Scholle des Parpaner "Weisshomes 
(jüngere Rauhwacke, Hauptdolomit, Kössner — mit Lias- und Radiolarienhorn- 
stein-Fetzen — ) über den Lias der Urden-Furka, sowie der oberen Schuppe 
(jüngere Rauhwacke und Hauptdolomit über die untere). (Nach Photographie 

des Verfassers.) 

sch wunden?) ist über den Radiolarit der miteren weg auf diese 
hinaufgeschoben. Dabei haben dann die relativ weichen und plas- 



N 



Psves. 



Alfeiner FurKa 



Parpon.Vpisshorn. s 

Lioi u Rad. H 
Einspi.lzungen . 




Radio larienhcmslein 
wit MergeliCallC. 



Liasschrefer. 



Fig. 17. Profil durch die beiden Schuppen des Arosaer Weisshomes. Massstab 
ca. 1 : 25 000. Einspitzungen von Radiolarit in den Hauptdolomit der oberen 
Schuppe. Ueberschiebung des kristallinen Grundgebirges auf die obere Schuppe. 

Cf. Fig. 15. 

tischen Kössner Schichten der unteren Schuppe vielfach unregel- 
mässige, secundäre Faltungen und Zusammenstauchungen erlitten 
(Taf. XIII No. II). 

Diese beiden Schuppen ihrerseits sind von dem Kristallinen 
des Rothornmassivs überschoben, wie dies an der Arosaer FurJca 



2591 Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 45 

ausserordentlich schön sichtbar wird ^). Diese Stelle ist sehr klar und 
instructiv. Erstens sieht man hier den Dolomit der oberen Schuppe 
über den Radiolarit der unteren hinweggeschoben. Dann tritt die 
secundäre Stauchung des Rhät an einigen hellen Kalkbändern 
prachtvoll hervor, und schliesslich sieht man das Kristalline 
auf einer steilgeneigten Fläche auf den Dolomit der oberen 
Schuppe geschoben und erblickt in dem sehr reducierten und 
stark gepresstem Dolomit mehrfach ßadiolarit und Lias als 
isolierte Linsen und Fetzen hineingepresst. 

Dieser Radiolarit sollte natürlich zusammen mit Kössner 
Schichten und Lias auf dem Gipfeldolomit des Weisshornes 
liegen, ist hier aber abgetragen worden. 

Ganz analoge Verhältnisse sehen wir am Tschirpen, der die 
direkte östliche Fortsetzung des Parpaner Weisshornes darstellt. 

Ein Unterschied ist bloss insofern vorhanden, als hier die 
Schichten — nahe der Umbiegungsstelle im Streichen bei der „Clus" 
— steiler gestellt, als alle Glieder der Schichtfolge stärker gepresst 
und mehr reduciert sind, als die untere Schuppe nach Osten ihr 
Ende findet und etwa an der CIks auskeilt, und als schliesslich die 
Ueberschiebungsfläche zwischen den beiden Schuppen weniger regel* 
massig ausgestaltet ist. Die obere Schuppe reduciert sich auf den 
Dolomit, der, allmählich immer dünner und dünner werdend, noch 
eine Strecke weit in die untere Steilwand des ScJiafrückens hinein 
verfolgt werden kann. 

Wer vom Parpaner Weisshorn ausgehend und den einzelnen 
Schichten in ihrem Streichen nachgehend diese Verhältnisse verfolgt, 
wird sich kaum darüber im unklaren sein können. Ohne Kenntnis 
der Tektonik des Parpaner Weisshornes dürfte aber der Tschirpen 
dem kartierenden Geologen schwere Rätsel zu lösen geben. 

Ob ausserdem zwischen Parpaner Weisshorn und Tschirpen 
noch eine Verticalverschiebung, eine Blattverschiebung, zu constatieren 
ist, wage ich nicht zu entscheiden. Manchmal glaubte ich für diese 
Vermutung J. Boehms Anhaltspunkte gefunden zu haben, ein 
anderes Mal wieder schienen mir die Verhältnisse nicht so zu liegen, 
und ich glaubte sie durch Erosion und Umbiegen der Streichrichtung 
allein erklären zu können. 

Abgesehen von der Tektonik, veranlasst noch ein Moment die 
eben besprochene Gebirgsmasse von der Aufbruchzone zu trennen. 



' Vgl, J. Böhm 1895 : Ein Ausflug ins Plessurgebirge, 



46 Hoek: [260 

Schon im stratigraphischen Teil wurde kurz darauf hingewiesen. 
Es ist einmal die Ausbildung des Lias in Adnether Facies, die 
der Aufbruchzone vollständig fremd ist, und dann das vollständige 
Fehlen ophiolithischer Gesteine, die gerade ein so ausgesprochenes, 
wenn auch für den Geologen und Aelpler wenig erfreuliches Merk- 
mal der stärkst gestörten Zone bilden. 

Nördlich des Keilstückes Parpaner Weisshorn-Tschirpen und 
westlich der Strela- Amsel fluli falte kommen wir dann in ein Gebiet 
von ganz anderem Bau. Auch orographisch prägt sich der 
Gegensatz scharf aus. Es fehlen die zusammenhängenden Ketten, 
die Berge von annähernd gleicher Form. An ihrer Stelle erblicken 
wir ein unruhiges, unübersichtliches Bergland, dem sozusagen die 
Leitmotive fehlen — „DieAufbruch%one.^^ 

In unregelmässigen, verschiedenartig contourierten Linien steigt 
diese Gegend, das Hochplateau, wie es schon genannt wurde, von 
Ärosa nach Nordwest allmählich empor, um in den sanften Gipfeln 
JBrüggerJiorn, Ärosaer Weisshorn und Flattenliönier seine höchsten 
Erhebungen zu linden, die dann in unerwartet schroffen und wilden, 
terrassendurchsetzten Wänden jäh und unvermittelt gegen das Urden- 
thal abbrechen. 

Diese Wände lassen natürlich den Aufbau dieser Berge sehr 
gut erkennen und bieten ausgezeichnete Querschnitte (Taf. XI No.Y); 
dafür ist auf dem ganzen östlich gelegenen, plateauartigen Lande 
die geologische Beobachtung um so mehr erschwert, einmal durch 
eine weitgehende Moränenbedeckung und dann durch grosse 
Massen jungen Eruptivmaterials^ dazu kommt in den tieferen 
Regionen eine ausgedehnte Wald- und Wiesenbedeckung. 

Legt man an der Hand einer geologischen Specialaufnahme, 
die fast überall und ausnahmslos Nordost — Südwest -Streichen 
und 20 '^ — 50° südöstliches Fallen der Schichten ergiebt, Querprofile 
durch dieses Gebiet, mag das nun sein wo es will, so bekommt man 
zunächst ein Bild, dem man vollständig hoffnungslos gegenübersteht. 

Fast durchgängig liegen in grandioser Ungesetzmässigkeit 
Schichten oder Schichtcomplexe verschiedenalteriger Gesteine auf- 
einander. 

Kaum je trifft man mehr als zwei, höchstens einmal drei zu- 
sammenhängende Schichtglieder im normalen Verbände — und auch 
in diesem Ausnahmefalle stets in mehr oder minder reducierter 
Mächtigkeit. Ein Beispiel möge dies erläutern: Die etwa 2000 m 
messende Profillinie (Taf. XI No. V, VI) von der mittleren Sattelalp 



261] 



Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 



47 



durch das Arosaer Weisshorn bis zum Urdenthal trifft folgende Ge- 
steinselemente: 



1. Serpentin. 

2. Kristallines. 

3. Liasschiefer. 

4. Dolomit. 

5. Buntsandstein. 

6. Dolomit. 

7. liiasschiefer. 

8. Kristallines. 

9. Dolomit. 

10. Kristallines. 

11. Dolomit. 

12. Kristallines. 

13. Buntsandstein. 

14. Dolomit. 



15. Liasschiefer. 

16. Dolomit. 

17. Liasbreccie. 

18. Rhät. 

19. Dolomit. 

20. Serpentin. 

21. Badiolarit. 

22. Liasbreccie. 

23. Liasschiefer. 

24. Dolomit. 

25. Lias. 

26. Dolomit. 

27. Lias. 

28. Flysch. 



Nehmen wir eine andere Linie: Vielleicht vom Pusse des 
Tscliirpm über das Hörnli weg durch das PJaUenhoi-n bis ins Urden- 
thal (1800 m Länge) (Taf. XIII No. III). Es folgen nach einander: 

18. Kristallines. 

19. Lias. 

20. Kristallines. 

21. Radiolarit. 

22. Serpentin. 

23. Lias. 

24. Kristallines. 

25. Dolomit. 

26. Lias. 

27. Dolomit. 

28. Lias. 

29. Dolomit. 

30. Lias. 

31. Dolomit. 

32. Lias. 

33. Schutt. 

34. Flysch. 
Versucht man dann in solchen Profilen die einzelnen Elemente 

nach dem Schema eines Faltengebirges zu verbinden, so tritt sofort 
das Unnatürhche eines solchen Versuches hervor. Wohl lassen sich 
natürhch die einzelnen Schichtglieder in ein Faltenschema pressen, 



1. 


Kristallines 


2. 


Lias. 


3. 


Radiolarit. 


4. 


Kristallines 


5. 


Lias. 


6. 


Serpertin. 


7. 


Dolomit. 


8. 


Lias. 


9. 


Dolomit. 


10. 


Kristallines 


11. 


Lias. 


12. 


Radiolarit. 


13. 


Serpentin. 


14. 


Kristallines 


15. 


Lias. 


16. 


Spilit. 


17. 


Lias. 



48 



Hoek: 






*->' 


p 


'S 


o^ 






a 




^ 


a> 


S" 


^^ 


c-l- 


&j 


o 




CD 


t^ 


o 


CO 


p 


<l 






a> 






P" 




CO 






<t> 


00 




5^ 


CD 



[262 

nur fallen ganz unregel- 
mässig bald weniger, 
bald mehr, bald alle 
Teile des Hangenden, 
des Liegenden oder gar 
beider Schenkel der ein- 
zelnen Falten fort — 
müssten als zerdrückt 
bezeichnet werden. 

Dazu kommt die 
Schwierigkeit, dass man 
nie weiss, ob und wo 
in den einzelnen Ge- 
steinscomplexen Ver- 
dopplungen vorliegen. 

Sieht man dann, 
dass auf verschiedenen 
Profillinien, die nur in 
wenig hundert Meter 
Abstand parallel ge- 
zogen wurden, verschie- 
dene Bilder erscheinen, 
beginnt man die Schich- 
ten in ihren Streichen 
zu verfolgen und findet 
dabei, dass sie sich nur 
selten über einigermas- 
sen längere Strecken 
verfolgen lassen , oft 
schon nach wenigen 
Metern auskeilen, so 
wird die Unmöglichkeit 
evident, in diesem Ge- 
biet mit dem Schema 
des Faltenbaues eine 
befriedigendeErklärung 
geben zu wollen. 

Die Einsicht, dass 
es sich hier um eine Zone 
wild durcheinander ge- 



263] Geologische Untersuchungen im Plessdrgebirge um Arosa. 49 

schobener, bald grösserer, bald kleinerer scliuppenartiger Schollen 
handelt, die Kartenblättern ähnlich durcheinander gestochen wurden, 
drängt sich ganz von selbst auf. Sie wird fast zur Gewissheit, so bald 
man die Verhältnisse am Brüggerhorne studiert. Das nebenstehende 
Bildchen giebt eine Skizze des Berges im Massstabe ca. 1 : 1250. Aehn- 
lich ist aber der ganze Berg gebaut. Man ist versucht von einer 
Riesenreibungsbreccie zu sprechen, deren einzelne Componenten 
gigantische Dimensionen angenommen haben (Taf. XI No. VII). 

Besonders aufdringlich wird dieser Vergleich bei der Betrach- 
tung mancher der grossen Steinblöcke, die auf dem Ostabhange des 
Briiggerhornes liegen, und die zum Teil aus einzelnen Stücken von 
zwei bis drei Kubikmeter gradezu zusammengeschweisst erscheinen. 

Bloch aus der Quetschzone des Briiggerhornes. 

j^,a7|i5jigWj^ R • RadwIanenHsl. 




Fig. 19. Block am Ostabhang des Briiggerhornes. Länge ca. 6 m. 
(Nach Photographie des Verfassers.) 

So zeigt nebenstehende Skizze einen solchen aus Hauptdolomit 
imd Radiolarit in innigster Verknetung bestehenden Block. 

Der Versuch, in diese ganze Zone irgendwelche Gesetzmässigkeit 
künstlich hineinzubringen, scheint mir den Verhältnissen direkt Zwang 
anzuthun. Nur eine Norm scheint ziemlich constant zur Erscheinung 
gekommen zu sein: 

Dort, wo diese Zone in den steilen Abstürzen des Bürggcrliornes, 
Arosaer Weisshornes und Flattenhornes etc. gegen Westen ihr Ende 
findet, scheint die Basis dieses Deckgebirges fast ausnahmslos nur 
aus Hauptdolomit und liassischen Gesteinen, oft in vielfacher, 
schuppenförmiger Wiederholung zu bestehen. 

Im Oberflächenrelief tritt dieser Wechsel zwischen dem harten 
Hauptdolomit und dem durchgängig weichen Liasschiefer sehr 
auffällig hervor in dem terrassenförmigen Aufbau dieser Steilwände. 

Weiter nach Norden, in der Gegend der Churer Ochscnalj) und 
des Wolfsbodens sowie gegen den Pretschtvald zu scheint auch diese 



50 



HoEK: 



[264 



Regelmässigkeit zu verschwinden. Jedoch ist zu bemerken, dass 
einmal der direkte Contact zwischen Schub- und Basalgebirge überall 
entweder durch Schutt oder durch Vegetation verdeckt ist, und 
dass wir zweitens wahrscheinlich nirgends den ursprünglichen Stirn- 
rand der Ueberschiebungsdecke vor uns haben, der hier durch Ero- 
sion schon ziemlich beträchtlich nach dem Osten zurückverlegt ist. 

Sobald wir dann von Osten, von Ärosa, kommend die steilen West- 
abhänge von Brüggerhorn, Arosaer Weisshorn, Plattenhorn usw. hinter 
uns haben, befinden wir uns sofort in einem landschafthch anders 
aussehenden Gebiet. Die Hauptüberschiebungsfläche ist orographisch 
recht schön sichtbar (Taf. XI No. V, VI, VII). 

Es ist eine ziemlich ebene Fläche mit ca. 30° südösthchem 
Einfallen, die sich nach Norden ganz allmählich senkt. An den Felsen 



Arosaer 
** , Weissdorn 



Parponer Weisshom 




Fig. 20. Skizze der Schuppendes Arosaer Weisshorns sowie der üeberschiebungen 
des Parpaner Weisshorns. Die Hauptüberschiebung (über Flysch) nur im Vorder- 
grunde sichtbar. Gez. nach einer Photographie des Verfassers. 



von Capetsch (2280) kann man sehr gut die Ueberschiebungsfläche 
unter den steilen Weetfelsen des Arosaer WeissJiornes heraustreten 
sehen und den eigentümlichen Contrast zwischen der vorliegenden 
Flyschlandschaft und den Dolomitklippen der Aufbruchzone 
beobachten. 

Westlich der Inneren Urdenalp, zwischen Alpstein und Parpaner 
Schwarzhorn, liegt die üeberschiebungslinie etwa 2275 m hoch. Die 
Grenze zwischen den beiden „Gebirgen" springt an der Erosions- 
furche des Urdenthals ziemlich weit nach Süden zurück — bis zu 
dem Felsriegel vor dem Urdensee! — und senkt sich dabei con- 
tiunierlich bis ca. 2160 m, läuft dann zunächst etwas ansteigend 
(weil nach Westen wieder vorspringend) über die Felsen Capetsch 
(2250) weg im flachconvexen Bogen nach Nordosten bis zum Pretsch- 



265] Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 51 

walde, dabei sich langsam senkend bis 1440 m, springt dann an dem 
grossen Erosionsthal der Plessur tief nach Süden zurück und erreicht 
ihren tiefsten beobachtbaren Punkt bei dem Orte liiiti 1380 m. 
Auf der östUchen Thalseite geht sie wieder nach Norden, natürlich 
dabei ansteigend. Ein Blick auf das Uebersichtskärtchen trägt 
übrigens mehr zur Erkenntnis dieser Verhältnisse bei als viele AVorte 
dies thun können. Die Consequenzen, die sich aus diesem Verlauf der 
Ueberschiebungsfläche für die Stellung der Schiefer in 1700 bis 2000 m 
Höhe vom Plessurthale unterhalb Ärosas ergeben, habe ich bereits 
im stratigraphischen Teil im Capitel „Flysch" besprochen. 

Recapitulierend möchte ich nur noch einmal darauf hinweisen, 
dass es äusserst unwahrscheinlich ist, dass wir in den Schiefern 
unterhalb Arosa Partien des basalen Gebirges zu erbhcken haben. 

Dass durch die Schollenmasse der Aufbruchzone auch hier 
und da einige grössere Querverschiebungen gehen neben den un- 
gezählten kleinen und kleinsten zwischen den einzelnen Schollen, ist 
eigentlich a priori schon wahrscheinlich. Nur ist natürlich bei der 
geschilderten Complication des Baues ein genauer Nachweis und 
ein genaues Verfolgen ausserordentlich erschwert. 

Als Beispiel für die ungeheure Verwicklung im Bau wurde sehen 
oben das Profil durch das dreigipfelige Plattenhorn herangezogen. 

Wenn man jeden dieser drei nahe zusammenliegenden Gipfel 
detailliert untersucht, bekommt man dreimal ungefähr dasselbe Bild 
der Zusammensetzung, Bloss ist der zweite und dritte Gipfel, von 
Süden gezählt, jeweils um rund 50 m gegen den vorliegenden nach 
Westen verschoben. Dabei haben die Schichten des südlichsten 
Gipfels Südfallen, die des mittleren südsüdöstliches, die des nörd- 
lichen südöstliches; und es macht den Eindruck, als hätte das 
Umbiegen der Streichrichtung die Zerreissungen veranlasst. 

Ebenso scheint quer über den Carmennapass zwischen Platten- 
horn und Arosaer Weisshoru eine ziemlich ausgedehnte Blattver- 
schiebung zu liegen. 

Auf der Passhöhe wenigstens sieht man eine ziemlich aus- 
gedehnte Scholle kristallinen Gesteines des PJattenhorncs unmitteU 
bar an den Dolomit des Wcisshornes stossen. Diese Verschiebung 
würde dann auch die Unterbrechung der Wandflucht PJattenhorn- 
Weissliorn am Carmennapass, sowie das auffallende Vorspringen des 
Weisshornes erklären. 



52 Hokk: [266 

Die tektonisclie Deutung der Terliältnisse im Plessurgebirge. 

Die ersten, naiv beobachtenden Forscher, die diese Gegenden 
besuchten, Escher, Studer, Theobald, sie, die den ungeheuren 
Vorteil hatten, vorurteilsfrei, unbeeinflusst von selbstgefasster oder 
angelernter Meinung beobachten zu können, sie hielten natürlich 
alles, was sie sahen, für anstehendes im Untergrunde wurzelndes 
Gebirge. 

Steinmann prägte das Wort „Äufbruchzoiie" '^ er fasste das Ge- 
biet von Ärosa etc. auf als direkte Fortsetzung der normalen öst- 
lichen, in der Tiefe wurzelnden, anstehenden Falten, gewissermassen 
als die letzte, weit über das angrenzende Schieferland vorgeschoben 
liegende Falte, die bei diesem tektonischen Prozess zerstückelt, zer- 
brochen und zerknittert wurde, wobei vielfach ihre tiefsten, kristal- 
linen Teile sichtbar wurden, ja sogar oft sich an der Zusammen- 
setzung der Gipfel beteiligten. 

Jennings konnte in seiner Arbeit über die Umgegend von 
Davos zu keinem anderen Resultate gelangen, und auch ich schliesse 
mich dieser Auffassung vollständig an und habe nichts gesehen, was 
mich veranlassen könnte, eine andere Deutung der vorliegenden Ver- 
hältnisse zu versuchen. 

Im schroffen Gegensatze befinde ich mich dadurch mit der 
Auffassung Rothpletz' und Lugeons, welche das gestörte, dem 
Schiefervorlande aufruhende Bergland als losgelöste weithergeholte 
Masse deuten. 

Mit Steinmann und Jennings erblicke ich also in der Auf- 
bruchzone des Plessiirgebirges eine mit dem anstehenden Gebirge 
ostalpinen Charakters im Osten zusammenhängende, durch einen 
Faltungsprocess über das Flyschvorland geschobene Masse, deren 
Ueberschiebungsausmass ich mit Rücksicht auf den nördlich an- 
schliessenden Rh'dtikon und mit Rücksicht auf die beobachtbare 
Neigung der Ueberschiebungsfläche auf mindestens drei, vermut- 
lich auf nicht mehr als höchstens fünf Kilometer schätze, dabei 
ausgehend von dem jetzigen Stirnrande der Ueberschiebungsdecke. 



267] Geologische Untersuchungen im Plessürgebirge dm Arosa. 55 



Beiuitzte Arl)eiteu. 



Ball 1897. „The Serpentin and associated rocks of Drtuos", Zürich, Disser- 
tation. 

Blaas 1902. „Geolog. Führer durch Vorarlberg und Tirol.'' 

Bodmer-Beder 1898. „lieber Olivindiabase aus dem Plessürgebirge'', Neues 
Jahrb. Beilg. Bd. XVI, S. 238 f. 

Böse 1895. „Triasglieder in TiVo?", A^erh. d. k. k. g. R.-A. 

J. Böhm 1895. „Ein Ausflug ins Plessürgebirge" , Z. d. D. G. G. 

Bittner 1894. „Ueberschiebungserscheinungen in den Ostalpen", Verh. d. k. k. 
g. R.-A. 

Diener 1888. „Südwestliches Graubünden", Stzbr. d. Ak. "Wien. 

DiTTMAR 1864. „Contorta-Zone", München. 

EscHER und Studer 1839. „Geologie v. 3Iittelbünden", Denkschrift d. Naturf. 
Gesellsch. d. Schweiz. 

— 1853. „Geologische Karte der ScJnveiz." 
Heim. „Geolog. Karte der Schweiz", Blatt XIV. 

Jennings 1899. „TheGeology of theDavosD/stnci", Quart. Journ.Geol.Soc. vol. 55. 
Imhof 1891. „Itinerar des S. A. C", 1890—91, Plessürgebirge. 
Lorenz 1900. „Monographie des Fläscherberges." 

— 1901. „Geologische Studien im Grenzgebirge zwischen helvetischer und 

ostalpiner Facies", Berichte der naturf Gesellsch. Freihurg i. B., 

Bd. XII 1901 Heft 1. 
V. Mojsisovics 1892. „Beiträge zur Altersbestimmung einiger Schiefer- und 

Kalkformationen der östlichen Scluceizer Alpen", Yerhandl. R.-A. 
V. Richthofen 1859. „Kalkalpen v. Vorarlberg und Noi-dtirol", Jahrb. d. 

k. k. g. R.-A. 
Rothpletz 1895. „Ueber das Alter der Bündner Schiefer", Z. d. D. G.G. 

— 1900. „Geologische Alpenforschungen." 

Qüereau 1893. „Klippenregion von Iberg", Beitr. z. geol. Karte d. Schweiz, 

XXXI. Lief. 
Steinmann 1895. „Geolog. Beobachtungen in den Al2yen." 

— 1897. „Das Alter der Bündner Schiefer." 

Studer 1837. „Die Gebirgsmassen zwischen Chur und Daves", Bd. I d. Denk- 
schrift f. d. schw. naturf. Gesellsch. 

Tarnuzzer 1891. „Der geologische Bau des Rhätikongebirges" , Jahrb. d. naturf. 
Gesellsch. Graubündens, Bd. XXXV. 

— 1893. „Wanderungen in der Biindner Trias", Jahrb. d. naturf. Gesellsch. 

Graubündens, Bd. XXXVI. 



54 Hoek: [268- 

Theobald 1860. „Zur Kenntnis des Bündner Schiefers", Jahrb. d. naturf. 
Gesellsch. Graubündens. Chur 1860. 

— 1863. „Geologische Beschreibung der nordöstlichen Gebirge Graubündens.^ 

Neuenburg 1863. 

— 1864. „Geologische Karte der ScMveiz^^, Blatt XV (Davos und Martins- 

bruck), 

— 1864. „Geologische Beschreibung Graubündens." 

"Wähner 1902. „Das Sonnblick-Gebirge — ein Typus alpinen Gebirgsbaues." 

Tafelerkläruiig. 

Tafel IX. 

Als Uebersicht über die bisher besprochenen stratigraphischen Elemente 
mag die schematische Zusammenstellung der Schichtfolge im Plessurgebirge 
südöstlich des Schiefervorlandes dienen. 

Es ist der Versuch gemacht, durch Einteilung in verticaler Richtung die 
Beteiligung der einzelnen Formationen an dem Aufbau der drei von mir im 
Plessurgebirge unterschiedenen Regionen zur Anschauung zu bringen. 

In der Zone normaler Faltung treffen wir die im stratigraphischen Teil 
der Arbeit behandelte Schichtfolge vom Kristallinen bis zum Malm. Letz- 
terer ist überall durch Erosion verschwunden, im östlichen Teil ging die Ab- 
tragung tiefer und umfasst auch noch Lias, Rhät und Hauptdolomit. Nur 
die Raibler-Schichten und der Buntsandstein scheinen diesem Gebiet 
primär zu fehlen. 

Gleichzeitig soll die Trausgression über den kristallinen Untergrund 
dargestellt sein. "Wo uns in der Zo«e wormaZer I^aZfttn^ Li asrestchen begegnen, 
haben wir es stets mit einer Ausbildung Adnet her Facies, also einem Tiefsee- 
sediment zu thun. 

In dem Zivischenstück des Parpaner Weisshornes kenne ich als älteste 
Ablagerung Rauhwacke II, darüber die ganze Folge bis zum Radiolarit, 
zum Teil bereits vertreten durch Kalkmergel. 

In der Aufbruchzone treffen wir als ältestes Sedimentgestein durchgehends 
den Hauptdolomit, nur in einzelnen Depressionen, wie es scheint, ist Bunt- 
sandstein zur Entwicklung gelangt. Als neues Element begegnet uns die 
Cenomanbreccie, eine locale Brandungsbreccie ; die Vertretung des Radio- 
larit durch Kalkmergel und compacte graublaue Kalke („Pretschkalk") nimmt 
immer grössere Dimensionen an. Das ganze Gebiet ist durchsetzt und durch- 
brochen von Eruptivgesteinen, die der Uebersichtliehkeit wegen in der 
Zeichnung vernachlässigt wurden. 

Gleichzeitig gestattet diese schematische Zeichnung das Ablesen einer 
anderen, etwas mehr hypothetischen Beobachtung. Wir sehen die Linie stärkster 
Störung zusammenfallen mit einer ausgesprochenen Transgressionsgrenze, gewisser- 
massen als hätte die Zerstückelung der Sediraentdecke an dem ersten Orte ge- 
ringeren Widerstandes eingesetzt. 

Tafel X. 

Tektonische Kartenskizze des Plessurgebirges um Arosa im Massstabe 
1:60000. Eingetragen sind die vier von mir unterschiedenen Gebiete: Strela- 



2691 Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. 55 

Amselfluhkette, Parpaner Keilstück, Aufbruchzoue und Schiefervorland. Die 
Profiltracen sind durch schwarze Linien angegeben und mit römischen Ziffern 
bezeichnet. Zu Grunde gelegt sind dieser Kartenskizze die Blätter 418 und 422 
des Siegfriedatlasses im Massstab 1 : 50 000. 

Tafel XI, XII, XIII. 

Specialprofile durch das Plessurgebirge um Arosa. Längen und Höhen stets 
im gleichen Massstab. Massstab bei jedem Profil angegeben. Die Lage der 
Profillinien ist ersichtlich aus der Einzeichnung auf dem Uebersichtskärtchen 
(Taf. X). 

Aus zeichnerisch-technischen Gründen sind die Profile ein wenig schema- 
tisiert worden. Natürlich setzen in einem so complicierten Gebiet, wie es uns 
im Plessurgebirge vorliegt, die Schichten nicht mit derartig geraden Linien an- 
einander ab. Ebensowenig wie dies zeichnerisch zum Ausdruck gelangte, sind 
auch die kleinen secundären Stauchungen, Fältelungen und Zerreissungen inner- 
halb der einzelnen Gesteinsschichten wiedergegeben worden. 

Ausser im Gebiete relativ normaler Faltung, der Strela-Amselfluh-Leidfluh- 
kette, war es nicht möglich, die Profile auch nur einigermassen in die Tiefe 
gehen zu lassen, da abgesehen von einzelnen wenigen, senkrecht zum Streichen 
stehenden Aufschlüssen kaum anders als vermutungsweise die Erstreckung der 
Schichten in verticaler Richtung sich erschliessen lässt. 

Tafel XIT. 

Die Ansicht des Plessiirgehirges auf Tafel XIV ist eine Skizze nach einer 
photographischen Panorama- Aufnahme des Verfassers. 

Der Standpunkt der Aufnahme ist eine kleine Anhöhe (ca. 1900 m) un- 
mittelbar nördlich des Dorfes Muran oberhalb Arosas-^ die natürliche Länge des 
dargestellten Gebirgsbogeus beträgt beiläufig 13 Kilometer. 

Zu seinen Füssen sieht der Betrachter eine hügelige, unregelmässig con- 
tourierte Landschaft, grösstenteils mit Moränen bedeckt oder von Wiesen und 
Wald überkleidet. Wo Aufschlüsse vorhanden sind, wie namentlich unterhalb 
der Steilwände von Furkahorn, Schafrücken, Tschirpen etc., enthüllen sie ein 
auf den ersten Blick sehr schwer entwirrbares Bild des geologischen Aufbaues. 
Dies ganze — bis zu der gestrichelten Linie reichende — Gebiet ist die 
j,Axifbruclizone'\ 

Jenseits des tiefen Thaies der Flessur haftet das Auge dann gerne an den 
imposanten Wänden geschlossener Bergketten. Es ist einmal die Doppelkette 
Strela-AmseJfluh-Leidfluli und zweitens die Kette Schafrücken bis Erzhorn. 

Die Strela-Amselßiihkette stellt, wie wir wissen, eine liegende Falte dar. 
Demgemäss sehen wir an der östlichen Bergreihe (^Ämselfluh, Valbellahorti, Sand- 
hubel) normale Profile von dem Verrucano bis zum Wettersteindolomit 
und in der westlichen verkehrte Schichtfolge von Verrucano der Central- 
depression zwischen den Ketten bis zum Hauptdolomit, der den Hauptanteil 
der Steilwände der Berge lliiejerfluh, Furkahorn, Sclüessliorn und Leidßiih bildet. 

Die Kette SchafrUckeH-Erzhorn ist, wie in den vorliegenden Blättern aus- 
geführt wurde, der aufsteigende Schenkel einer nächsten Falte, nur am Erzhorn 
treten noch secundäre Fältelungen auf. 



56 Hoek: Geologische Untersuchungen im Plessurgebirge um Arosa. [270 

Im äussersten Südwesten, sehr verkürzt, erblickt man dann das „Parpaner 
Zwischenstück". Am Tschirpen ist bloss die untere der beiden Schuppen dieses 
interessanten Grebirgsteiles , aus Hauptdolomit und Kössner Schichten 
bestehend, sichtbar; am Parpaner Weissliorn erscheint über den Kössner 
Schichten nochmals der Dolomit der oberen zweiten Schuppe. 

Zwischen Erzhorn und dem „Zwischenstück" erscheinen dann noch einige 
Spitzen {Arosaer Bothorn und Äelplihorn), die aus kristallinem Grundgebirge 
bestehen und tektonisch die direkte Fortsetzung der JErzhornlcette sind, die nur 
ihrer Sedimentärdecke beraubt wurden und nun durch ihre gerundetere Urgebirgs- 
form im deutlichen Contrast mit den wilden Dolomitwänden der anderen Berge 
stehen. 



271" 



Die Reste eines neolithisclieii Gräberfeldes 
am Kaiserstulil. 

Von 

Piivatdocent Dr. Eugen Fischer. 



Die allerletzten Jahre brachten eine Menge Untersuchungen 
und Beobachtungen über Siedelungs- und Gräberreste aus der so- 
genannten jüngeren Steinzeit. Eifrig ist man dabei, die Rätsel, die 
uns jene Ueberreste aufgeben, zu lösen, eine chronologische Glie- 
derung, eine Deutung und Erklärung der verschiedenen kulturellen 
Typen zu geben. 

Entsprechend diesem regen Interesse wuchs auch die Zahl der 
Funde aus jener Zeit. Ich möchte in folgenden Zeilen ebenfalls 
über einen solchen aus derselben Zeit berichten, möchte mich aber 
auf theoretische Erörterungen nicht einlassen, ebensowenig zur Frage 
Stellung nehmen, ob eine Gliederung des betr. Zeitraumes auf Grund 
verschiedener Typen der Keramik möglich ist (Kohl) oder nicht 
(Schlitz, Reinecke u. a.) — mein Material ist viel zu dürftig, 
um da mitentscheidend gelten zu können. Aber eben als Material 
— dazu aus einer Gegend stammend, die bis jetzt solches noch 
nicht lieferte — möchte ich meine Fundstücke durch genaue Be- 
schreibung und Abbildung zugänglich machen und damit indirekt 
an der Förderung jener Probleme helfen. Auf die Litteratur werde 
ich im Genaueren nicht eingehen, wenn ich an die zahlreichen und 
wichtigen Arbeiten Kohls, besonders im „Korrespondenzblatt", an 
diejenigen von Schlitz, von Reinecke, Götze u. a. erinnere (bei 
Reinecke siehe die Litteratur und Funde zusammengestellt, 
Westdeutsche Zeitschr. XIX 1900) dürfte das meinen Zwecken 
genügen. 



2 Fischer: [272 

Der Fund wurde zufällig gemacht. Der Landwirt Wie dem an n 
(jung) in Bischoffingen fand beim Pflügen schon sehr oft Knochen- 
reste, kürzlich ein Steinbeil und brachte dieses ins hiesige geologische 
Institut. Ich bin Herrn Hofrat Prof. Steinmann zu grossem 
Danke verpflichtet, dass er mich auf diesen Fund aufmerksam 
machte und ihn mir überliess. Ich beschloss, genauere Grabungen 
vorzunehmen. Der Naturforschenden Gesellschaft Freiburg möchte 
ich auch an dieser Stelle danken, dass sie mich finanziell reich 
unterstützte, den Herren Wiedemann, Vater und Sohn, muss ich 
Dank sagen, dass sie gegen angemessene Vergütung mich auf ihrem 
Acker graben Hessen und eifrigst förderten. 

Das freundliche Dörfchen Bischoffingen Hegt an der Westseite 
des Kaiserstuhles, umrahmt von dessen rebenbesetzten Hügeln, 
sonnig und warm in einer kleinen Thalmulde, noch an den Berg- 
hang anlehnend; etwa eine Stunde westhch davon zieht der Rhein. 
Diese schönen warmgelegenen Hänge hatten nun offenbar auch 
schon in jener von uns als Neolithicum bezeichneten Zeit zur Be- 
siedelung angelockt. Die Reste der Wohnungen, des steinzeitHchen 
„Dorfes" fand ich nun nicht, wohl aber eine der Ruhestätten seiner 
Bewohner. Gerade kürzlich hat Prof. Pf äff bei Heidelberg reiche 
Funde von Resten steinzeitlicher Siedelungen gemacht, die sich ja 
wohl an viele andere Funde am Neckar und in der ganzen pfälzi- 
schen Rheinebene anschHessen. Aus Südbaden, aus dem Breisgau 
sind neolithische Funde, sicher Gräberfelder meines Wissens noch 
nicht bekannt. 

Wohl also zur selben Zeit, wo jene Gegenden, besonders um 
Worms, so dicht bewohnt waren, bestanden auch am Oberrhein An- 
siedelungen, deren Kultur, soweit meine dürftigen Funde sprechen, 
mit jenen übereinstimmt. Gerade im Hinblick auf die geographische 
Verbreitung solcher Niederlassungen erscheint mir mein Fund recht 
erfreulich. 

Das Grabfeld liegt am westlichen Ausgang des vorhin genannten 
Dorfes Bischoffingen, im Gewann Breitenfeld; der betr. Acker zieht 
sich allmählich am Berge hinan, oben begrenzt von der nach Jech- 
tingen führenden Strasse. Die Nachbaräcker liegen alle etwas 
tiefer — sie wurden nach Angabe der Leute vor einigen Jahren 
um soviel abgetragen. Eine systematische Durchgrabung des ganzen 
Ackers ergab in dessen unteren zwei Dritteln eine grosse Menge 
schwarzer dicker Thonscherben, eine bedeutende Zahl Knochen- 
stücke, bestehend aus kurzen Trümmern (wo erkennbar) mensch- 



273] Die Reste eines xeolithischen Gräberfeldes am Kaiserstuhl. 3 

lieber Knochen, alles im ganzen Gebiet zerstreut. Weiter wurden 
hier die unten zu beschreibenden Steingeräte ebenfalls einzeln zer- 
streut zu Tage getördert. Ich gab die Hoffnung, ausser diesen 
zerstörten Resten etwas Brauchbares zu finden, bereits auf, als wir 
im oberen Teil des Ackers doch noch auf unverletzte Gräber 
stiessen. Das Vorhandensein dieser völlig intakten Hockergräber 
(um solche handelte es sich) im oberen (höchsten) Teil des Ackers 
macht es mir fast sicher bewiesen, dass die zerstreuten Knochen 
im unteren Teil die durch tiefere Beackerung zerstörten Reste 
eines Grabfeldes sind. Dass im oberen Teile sich Gräber un- 
versehrt erhielten, danke ich wahrscheinlich dem Vorhandensein 
einer Reihe von Kirschbäumen, welche den Rand des Ackers (an 
der Strasse) einnehmen. Im Bereich der weithin sich verzweigenden 
feinen , äussersten AVurzelenden dieser Bäume war nie tief gegraben 
worden, auch jetzt wurde nur unter Bedauern seitens des Besitzers 
bis in deren Bezirk eingegangen. Wie weit sich das Grabfeld nach 
rechts und links hinzog, kann ich nicht sagen, die Nachbaräcker 
waren mit Saat bestellt, so dass ich nicht graben konnte. Dass sie 
früher einmal etwas abgetragen wurden, mindert die Aussicht auf 
erfolgreiche Nachforschung bedeutend. 

Bis jetzt fand ich folgendes: Etwa 60 cm unter der Oberfläche 
lagen ohne jede Andeutung einer Grabwand die Skelette- etwa 20 
bis 30 cm ist die Höhe des dunkelbraunen oberflächlichen Humus, 
unter ihm folgt gelber, weicher, trockener Löss. In diesem Löss 
eingebettet ruhen die Skelette in typischer Stellung als „liegende 
Hocker". Steine oder Spuren, wo einst die Wand der gegrabenen 
Grube war, Hessen sich nicht finden; der einzige Unterschied im 
Boden war der, dass die Farbe der Lösserde unmittelbar um das 
Skelett herum etwas dunkler, brauner war als sonst. Skelette solcher 
Hocker waren es vier. 

Alle lagen mit dem Kopfe nach Osten, mit dem Gesicht nach 
Süden, also auf der linken Seite; die Beine waren in Hüft- und 
Kniegelenk stark gekrümmt, die Arme ebenso im Ellenbogengelenk, 
die Hände lagen vor dem Gesicht, kurz, es war die typische Lage; 
statt einer Abbildung verweise ich auf die verschiedenen derartigen 
Abbildungen, welche Kohl gegeben (z, B. Korrespondenzbl. 1900 
S. 139, 140, 141). Dadurch, dass die langen Röhrenknochen^ 
welche ziemHch mürbe waren, noch genau in der richtigen gegen- 
seitigen Lage ruhten, ist sicher bewiesen, dass es sich um völlig 
unberührte Gräber handelt. 

Berichte XIII. 18 



4 Fischer: [274 

Zwei lagen nebeneinander, etwa fünf Schritte voneinander ent- 
fernt {}) und c genannt); die zwei anderen lagen weiter oben (und 
nördlich) davon, ebenfalls wieder nebeneinander und in gleicher Ent- 
fernung unter sich {a und y). 

Es sind also dadurch zwei (recht spärlich belegte) Reihen an- 
gedeutet. Irgend welche Beigaben hatten diese Skelette nicht, keine 
Schmucksachen, keine Geräte oder Scherben, auch von Asche oder 
roter Farbe war nichts zu finden. Oberhalb des Kopfes eines der 
beiden letztgenannten Skelette lag ein anderes quer zu diesem {x). 
mit dem Kopf nach Südosten, in der Hüfte winkHg abgeknickt, mit 
den Beinen also nach Südwesten. Noch etwas nördlich von diesem 
lag nach Aussage Herrn Wiedemanns noch ein Skelett {z), eben- 
falls gestreckt; bei dessen Ausgrabung war ich nicht anwesend. In 
der Hand dieses Skelettes lag ein etwa 5 cm grosser Feuerstein, rings 
mit länglichen Bruchflächen versehen, wie die Xuclei sie aufweisen. 
Ein kleines, ganz rohes Feuersteinmesserchen lag in der Nähe, 
Die beiden letztgenannten Skelette sind etwas oberflächlicher ge- 
lagert, wohl von einer anderen Beisetzung stammend wie die 
„Hocker". Gleichweit von einem dieser Skelette und dem einen 
Hockerskelett lag eine gut erhaltene Urne; bei der Herausnahme 
zerbrochen, Hess sie sich wieder zusammenfügen, ihre Verzierung zeigt, 
wie die unten folgende Beschreibung lehren wird, Spiralbandtypus. 

Im Anschluss an diesen Fundbericht möchte ich nun die Fund- 
stücke kurz schildern. 

Steingeräte sind als Meissel und durchlochte Hämmer vorhanden. 
Die Meissel sind typische Breitmeissel. Die Bestimmung des Ge- 
steines zu übernehmen, hatte Herr Medizinalrat Dr. Schultze die 
grosse Güte; ich möchte ihm dafür auch an dieser Stelle meinen 
allerherzlichsten Dank sagen. Nach seinen liebenswürdigen Mit- 
teilungen bestehen die Meissel und Hämmer aus ausserordentlich 
festem, zähem Gestein. Von den Meissein sind drei aus eigentüm- 
lichem, graugrünem, quarzitischem Amphibolgestein hergestellt. (Von 
Quarz und Magnetit durchsetztes Filzwerk von grünem Amphibol.) 
Dieses Material ist sehr schwer schleif bar, ausserordentlich dauerhaft. 
Nur ein Meissel ist aus weniger resistentem Gesteine hergestellt, er 
ist basaltischer Natur, dicht, schwarz. Von den Hämmern bestehen 
die zwei grossen (siehe unten) aus schönem, grünem, serpentinisiertem 
Gestein (nicht eigentlicher Serpentin) einer Vereinigung von Serpen- 
tin, Magnetit, Limonit etc. — auch dieses Material sehr widerstands- 
fähig und zäh. Der kleinste Hammer dagegen ist ein relativ weicher, 



275] 



Die Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstuhl. 



5 



dunkelgrauer, unreiner, eckige Quarzkörner enthaltender Kalkstein. 
— Das ganze Material mag aus den vom Rhein ans Ufer geschleppten 
Oesteinen ausgelesen sein, so dass über dessen genauere Herkunft 
sich nichts vermuten lässt-, mit sehr grosser Sachkenntnis und Sorg- 
falt scheinen gerade bestimmte (nicht häufige) Gesteinsarten bevor- 
zugt worden zu sein. 

Die Breitmeissel zeigen folgende Eigentümlichkeiten: 
Die Form ist aus Fig. 1 zu ersehen, sie weicht von bekannten 
Formen nicht wesentlich ab. Die Schneide ist ausserordentlich 
scharf und genau gearbeitet, von der Fläche gesehen, nie ganz 
symmetrisch. Von den beiden Flächen ist eine sehr stark gebogen, 
die andere flach, etwa in der Art wie bei einem länglichen Brot- 





Fig 1. a) Seiten- und Flächenansicht, b) Querschnitt. Y2 nat. Grösse. 



laib (siehe Querschnitt). Die gewölbte Seite ist ohne weitere Kunst- 
hilfe die gewölbte und durch das Rollen im Wasser mit natürlicher, 
glänzender Politur versehene ursprüngHche Oberfläche bezw. Aussen- 
seite eines länglichrunden Steines, von dem der Meissel abgespalten 
wurde. Die Spaltfläche wurde künstlich poliert und ist die jetzige 
flache Seite. Gewisse Unebenheiten und die Form der gewölbten 
Fläche lassen jenen Schluss zu. Solcher Beile hatte ich fünf, von 
denen mir leider eines während der Grabarbeit entwendet wurde. 
Alle haben ganz genau bis in alle Details die gleiche Form, difterieren 
nur in der Grösse von 13 zu 12, zu 11,5, zu 9 cm Länge, und 
von 3,5 zu 3,5 zu 4, zu 3 cm grösster Breite bei 272—3 cm Höhe. 
Von diesen Meissein unterscheidet sich ein kleines flaches Beilchen 
durch Form und Grösse, Es ist (wie Fig. 2 zeigt) sehr flach, 
ebenfalls mit sehr schön gearbeiteter regelmässiger Schneide und 

18* 



Fischer: 



[276 



sehr glatter Oberfläche, 65 mm lang, 32 breit und 5 dick. Es 
besteht aus demselben Material wie die grossen Meissel. 

Ausser diesen Meissein oder Beilen sind drei schön polierte 
durchlochte Hämmer vorhanden. Die Politur ist überall die natür- 
liche, wie sie die Gerolle am Rheinufer alle aufweisen. Der eine 
dunkelgrüne Hammer, flach, oval, ist 14 cm lang, 8V2 breit und 4 

b und c 




Fig. 2. a) Flächenansicht, b) Seitenansicht, c) Querschnitt. V2 nat. Grösse. 

dick (Fig. 3). Durch die Mitte geht ein glattes, rundes, nach einer 
Richtung sich etwas verengendes Loch, es ist mit sehr scharfen 
Rändern versehen; in seiner Mitte hat es eine unregelmässige, ring- 
förmige Rille auf der sonst glatten Wand. Sein Durchmesser be- 
trägt 272—2 cm. 




Fig. 3. Seitenansicht. Y2 nat. Grösse. 



Kleiner, aber viel dicker und schwerer ist ein zweiter Hammer 
(Fig. 4). Er hat etwa die Form eines Herzens (anatomisch). Vorder- 
und Rückseite, oder Ober- und Unterseite sind etwas abgeflacht; 
diese Abflachungen sind wohl künstlich anpoliert, alles andere ist 
die natürliche Oberfläche des Steines, glatt, glänzend, hellgrün mit 
dunkleren Flecken. Der Klotz ist 10 cm lang, 9 breit, 5 dick. 
Durch die Dicke geht ein glattwandiges, scharfrandiges Loch, von 
22 auf 18 mm Durchmesser sich von einem zum anderen Ende 
verengend. 



277] Die Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstühl. 7 

Der dritte Hammer^ der weiche aus Kalkstein, ist kleiner, er 
ist flach, etwa linsenförmig, nicht ganz regelmässig; der grössere 
Durchmesser der Linse ist 8\/2, der andere 7 cm, die Dicke beträgt 
272—3 cm. Die Oberfläche ist wohl die ursprüngliche des flachen 
am Flussufer in dieser Form oft vorkommenden Steines. Durch 




Fig. 4. Seitenansicht. Y^ ^^^- Grrösse. 

die Mitte ist ein 17 mm weites, cylindrisches Loch gebohrt, das 
auf einer Seite einen sehr scharfen, gut gearbeiteten Rand aufweist, 
während auf der anderen dieser Rand rundgeschliffen ist, wie man 
es z. B. am Rand des Loches in Senksteinen an Fischernetzen sehen 
kann. In der That könnte dieser weichere „Hammer" sehr gut ein- 
fach als Senkstein gedient haben. 





Fig. 5 und Fig. 6. Je -,'3 nat. Grösse. 

Das schon erwähnte Feuersteinmesserchen ist rotbraun, 6 cm 
lang, 2 breit, im Querschnitt dreieckig-, es ist roh zugeschlagen und 
zeigt nichts besonderes, ebensowenig der ca. 5 cm lange und 2^2 cm 
dicke Nucleus aus grauweissem Feuerstein. 

Die Keramik ist einmal durch viele Scherben aus schwarzem, 
schlechtgebranntem Thon vertreten. Es sind zum Teil Stücke von 



8 



Fischer : 



[278 



über 1 cm Dicke, aussen rot gefärbt, flach, also von relativ sehr 
grossen Gefässen stammend, ohne jede Verzierung. Daneben finden 
sich dünnere Scherben, aussen und innen schwarz; an einzelnen 
Stücken sieht man den leicht abgesetzten Hals; an seinem Umfang 
zieht eine Reihe dreieckiger Eindrücke, an einem anderen Stück 
mehr strich- oder auch punktförmige Eindrücke, während die übrige 
Fläche glatt ist (Fig. 5 und 6). Ueber zwei kleine Scherben ziehen 




Fig. 7. -js nat. Grösse. 

gerade, scharf eingeritzte Linien. Dann ist ein grosses Stück, etwa 
^4 einer halbkugeligen, glattrandigen unverzierten Schüssel vorhanden; 
sie ist aus schwarzem Thon, etwa 8 mm dick, mag 8—9 cm hoch 
und oben 17—20 cm weit gewesen sein. Auch einige wenige Scherben 
eines hellgrauen, härteren, khngenden Thones sind vorhanden, aber 
nur ganz kleine Bruchstücke, eines mit Resten einer AVarze (oder 
Henkelansatz). Von den schwarzen unverzierten Stücken waren 
sehr grosse Mengen vorhanden; all dies war zerstreut im ganzen 
Acker. Endlich noch das relativ wohlerhaltene Stück. 



2791 Die Rkste eines xeolithischen Gräberfeldes am Kaiserstuhl. 9 

Das Gefäss, dessen Form Fig. 7 zeigt, ist 15 cm hoch, 873 cm 
ist die Weite der oberen Oefinung, ca. 13 cm der grösste Durch- 
messer des Bauches. Das Material ist ein hellgrauer, feiner Thon. 
Der Boden ist ganz leicht gewölbt, immerhin so wenig, dass man 
das Gefäss stellen kann. Der Rand ist glatt, gleichmässig. Als 
Verzierungen sind zunächst sechs Warzen angebracht, drei etwas 
grössere auf der stärksten Wölbung des Bauches, drei etwas kleinere 
auf der tiefsten Einziehung am Hals und zwar so verteilt, dass sie 
je auf einer Lücke zwischen zwei der unteren Warzen sitzen. Die 
übrigen Verzierungen bestehen aus scharf eingeritzten geraden oder 
leicht gebogenen Linien und Reihen eingedrückter 2—3 mm grosser 
Tupfen. Das Muster, das daraus entsteht, zeigt zunächst eine 
Doppelreihe der Tupfen unterhalb des Randes, ihm entlang ziehend. 
Von jeder oberen läuft zu jeder unteren Warze (also schräg ab- 
wärts) ein Linienpaar, die beiden Linien sich an den Warzen fast 
berührend, in der Mitte einen gegenseitigen Abstand von 1 cm 
wahrend; jede von ihnen wird aussen begleitet von einer Tupfen- 
reihe. Dadurch entsteht ein grosses Zickzackband, das rings um 
das Gefäss läuft und dessen Zacken je durch eine Warze markiert 
sind. Von jeder unteren Warze zieht weiter je eine Tupfenreihe 
senkrecht nach oben gegen den Rand, nach unten zum Boden, 
nach rechts und links zur nächsten Warze. Von der Mitte zwischen 
zwei unteren Warzen zieht dasselbe Muster, wie es eben für die 
oberen Warzen beschrieben wurde, also Doppellinie, flankiert von 
je einer Tupfenreihe, nach abwärts, so dass hier ein dem ersten 
paralleles und gleiches Zickzackband entsteht, dessen Zacken ein- 
mal auf der (freien) Mitte zwischen zwei unteren Warzen, dann 
auf dem Boden des Gefässes sich finden, also mit den oberen 
Zacken correspondierend stehen. Die Löcher der Tupfenreihen und 
die Striche scheinen, wie ja schon oft beobachtet, mit weisser 
Kreidemasse ausgefüllt gewesen zu sein-, Farbe wurde sonst nicht 
wahrgenommen. 

Es sind also nur Gefässe vorhanden, deren Verzierung sie zur 
Gruppe der Bandkeramik weisen. Herr Dr. Kohl hatte die grosse 
Güte, mir (da ich eigene Erfahrung in diesen Fragen noch nicht 
sammeln konnte), nach einer ihm eingesandten Probe und Skizze 
zu bestimmen, dass es sich bei dem ganzen Gefässe um Spiralband- 
keramik handle; ich möchte ihm auch an dieser Stelle für seine 
Liebenswürdigkeit danken. Wie ich schon oben erwähnte, ist der 
Fund zu gering (auch im zerstörten Teil des Feldes nicht Mischung 



10 Fischer: [280 

verschiedener Bestattungen auszuschliessen), so dass ich genauere 
Vergleichungen mit den Funden von Kohl und Schliz nicht an- 
stellen will. 

Endlich seien hier noch einige kurze Angaben über die 

Skelettreste beigefügt, wobei ich mich ebenfalls auf eine 
ganz kurze Charakterisierung beschränken will: ich hoffe, es werde 
mir durch weitere Nachforschung gelingen, in unserer Kaiserstuhl- 
gegend noch mehr ähnliche Funde zu machen; erst eine grössere 
Zahl und noch besser erhaltene Skelettfunde würden eine ge- 
nauere osteologische Bearbeitung und Beurteilung des neolithischen 
Menschen erlauben, worüber, wie mir scheint, noch recht wenig 
bekannt ist. 

Meine Skelette sind alle recht schlecht erhalten-, von den 
langen Knochen fehlten fast sämtliche Gelenkenden; sie waren fast 
spurlos verschwunden, oder zu einer mehligen, bröckligen Masse 
verwandelt. Von den Schädeln ist nur einer (b) relativ vollständig 
erhalten, von den übrigen nur die Calvarien. Als Beitrag zu 
künftiger Arbeit gebe ich hier, ohne irgend welche Vergleichungen 
mit in der Litteratur niedergelegten Daten zu ziehen, folgende 
Maasse und deskriptiven Angaben: 

Am besten erhalten ist wie gesagt Schädel h'^ hier fehlen nur 
Teile an der Schädelbasis, der Sphenoidkörper, Teile vom rechten 
Palatinum, Maxillare, Temporale, der linke Jochbogen. Schädel a 
besteht nur aus der hinteren Hälfte der Calotte; c aus der ganzen 
Calotte, ebenso x, wobei das rechte Scheitelbein zum Teil zer- 
brochen ist; bei der Calotte y fehlt das rechte Scheitelbein beinahe 
ganz, die Calotte ^ war in sieben grosse Stücke zerfallen, welche 
sich aber zusammenfügen Hessen. 

Eine sichere Geschlechtsbestimmung lässt sich nicht vornehmen, 
bezüglich des Alters geht aus dem Verhalten der Nähte, Zähne und 
sonstigen Merkmalen hervor, dass wir es nur mit völlig aus- 
gewachsenen, zum Teil sehr alten Individuen zu thun haben. 

Die Schädel sind nicht alle gleich, zwei fallen durch ihre dolicho- 
cephale Form auf (s und c), während die anderen mesocephal und 
der eine in geringem Grade brachycephal sind; der eine der beiden 
dolichocephalen (»') ist von allen Schädeln absolut der längste und 
zugleich absolut der schmälste; der andere (c) ist absolut klein, aber 
im Verhältnis zur Länge ist die Breite ganz besonders gering. So 
kommt es, dass der Längenbreitenindex für ^ = 73,12 und für 
c ■— 72,99 ist, während die Werte für h x y beziehentlich 78,80, 



2811 Die Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstühl. H 

78,65 und 80,92 sind^ Auch aus anderen Maassen ergiebt sich 
die Schmalheit jener beiden Schädel. Höhenvergleiche lassen sich 
nicht anstellen, der Längenhöhenindex für h ist 76,09, die absolute 
Höhe ist ziemlich beträchtlich, 140 mm; der Breitenhöhenindex ist 
96,55. 

Ich will der nun folgenden Schilderung den vollständigsten 
Schädel (&) zu Grunde legen und jeweils die Abweichungen der 
anderen augeben, den Schluss soll eine Zusammenstellung der 
Zahlenwerte bilden. Von einer umfangreicheren Beifügung von 
Kurven und Abbildungen muss ich leider aus äusseren Gründen 
absehen. 

Bevor die Normenbeschreibung folgt, seien hier einige Angaben 
über die allgemeinen Grössenverhältnisse gemacht. 

Der Inhalt des Schädels h beträgt etwa 1370 ccm (Hirsemessung) ; 
eine genaue Messung ist unmöglich, da an der Basis einige Lücken 
sind-, die angegebene Ziffer ist das Mindestmaass. 

Gewichtsbestimmungen haben beim Erhaltungszustand meines 
Materials keinen Wert. 

Auch die Umfange lassen sich kaum bestimmen, für h ist der 
Horizontalumfang 515 (alle Maasse in mm), für c (den Lang- 
schädel) 478. 

In der 

Norma yerticalis 

betrachtet, stellt der Schädel ein kurzes Oral dar, dessen vorderes 
Ende gegen das hintere nur wenig verjüngt ist; die Stirnbreite ist 
ziemlich beträchthch, der transversale Frontoparietalindex beträgt 
bei l), X, y die Werte: 68,97, 71,43 und 75,00, der für c und s 
= 72,44 und 69,85, so dass also für dieses Verhältnis die beiden 
Schädel sich nicht von den anderen scheiden. 

Dagegen erscheint ihre Form, wie es der Längenbreitenindex 
vorhin anzeigte, viel länglicher; gegen die Stirngegend zu besonders 
schmäler; diese Verjüngung ist derart, dass von den Parietalhöckern 
aus die Seitenkontur des Schädels nicht im Bogen, sondern mehr 
geradhnig nach vorn zieht. Ein weiterer Unterschied ist der, dass 
die Scheitelgegend bei allen Schädeln ziemlich flach ist, nur bei c 
ist die Wölbung in der Querrichtung ziemlich stark bis nach vorn 
in die Stirngegend. Der flache Scheitel der anderen Schädel wölbt 



^ Bei z die Gesamtbreite durch Verdoppelung einer halben Breite ge- 
wonnen; ebenso einzelne sonstige Maasse. 



12 Fischer: [282 

sich nach allen Seiten gleichmässig sanft abwärts, Scheitel- und 
Stirnhöcker sind schwach entwickelt. Die grösste Schädelbreite liegt 
im Gebiet der Parietalhöcker. An Schädel x bemerkt man die 
bekannte durch Altersschwund bedingte starke Abplattung der 
Scheitelgegend sehr deutlich; stellenweise geht hier der Knochen- 
schwund soweit, dass die Mitte der Parietalia nur halb so dick ist 
wie die Knochen der Nachbarschaft. Auch bei c sind ähnliche 
Verhältnisse, doch nicht so stark wahrzunehmen. Beide Schädel 
lassen ihr Alter auch durch völlige Obliteration der Sagit- 
talnaht und Coronalnaht erkennen (c hat noch geringe Reste 
davon). Die Nähte der übrigen Schädel sind schwach gezahnt, 
y hat eine persistierende Stirnnaht. 

Norma lateralis. 

Von der Seite betrachtet erscheint der Schädel h massig 
hoch; die Sagittalkurve wölbt sich sehr regelmässig, einen flachen 
Bogen darstellend; weder an Stirn noch am Hinterhaupt besteht 
starke Abknickung; letzteres springt in toto ein wenig vor; in der 
Form und Beschaffenheit der Kurve sind alle Schädel recht ähn- 
lich, nur bei y ist sie etwas flacher, dagegen weicht c und z nicht 
von den anderen Schädeln ab. Die Länge des ganzen Sagittal- 
bogens ist für h = 376. 

Der Frontalbogen ist bei h recht flach, ohne vorspringende 
Glabella oder Augenbrauenwüllste; die Nasalia sind gegen die 
FrontaUinie kaum nach vorn erhoben; bei x sieht man den Glabel- 
larwulst deutlicher (die Nasalia fehlen den anderen Calvarien); die 
relative Länge des Frontal-Parietal-Occipitalbogens ist ungleich bei 
den einzelnen Schädeln, bei h und y ist der Frontalbogen kleiner 
als der parietale, bei x und ^ grösser (bei c nicht zu bestimmen); 
die Einzelwerte siehe Tabelle S. 14. 

Die Höhe des Schädels b wurde oben schon angegeben, die 
der anderen ist nicht messbar. Die Calottenhöhe, über der Nasion- 
Inionebene, die ich dafür maass, betrug überall fast dasselbe, für 
h = 110; c = 115; x = 112; y = 101; ^ -: 111. 

Die Schläfengegend lässt zunächst eine ziemlich scharfe, als 
schwache Leiste sich erhebende Temporallinie erkennen, die aber 
nur kurz ist, nicht über die Coronarnaht hinausgeht; sie zieht dabei 
sehr flach; sie ist an allen Schädeln sichtbar. Was dann die 
Nahtverhältnisse hier anlangt, so zeigt h beiderseits einen Schalt- 
knochen im Pterion, der aussieht, als ob er ein selbständiger Pro- 



283] DiK Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstühl. 13 

cessus frontalis des Temporale wäre, indem er in eine leichte Ein- 
buchtung in dessen oberem Rande eingefügt ist. An den anderen 
Calvarien ist diese Gegend jeweils zerstört. 

Auch der Gresichtswinkel lässt sich nur bei Schädel h bestim- 
men und zwar zu 81 "^ (nach der Frankfurter Verständigung ge- 
messen). Man sieht die Prognathie sehr gut an der Sapittalkurve, 
die ganze Profillinie, von der Stirn an. geht einheitlich nach vorn. 
Mittelgesichts- und Alveolarwinkel lassen sich wegen Fehlen der 
S2)ina nasalis und deren Umgebung nicht bestimmen. Die Zähne 
sitzen ziemlich senkrecht in der Alveole. 

In der 

Norma frontalis 

erscheint das Gesicht massig schmal (nur bei Schädel h ist das Ge- 
sicht erhalten) j der KoLLMANNsche Gesichtsindex ist 91,54, die 
Jochbögen sind sehr wenig gewölbt; nach Virchow ist der Gesichts- 
index relativ geringer: 122,68. In der Stirngegend fällt die Flach- 
heit, das Fehlen einer Einbuchtung am Nasion besonders auf. Die 
Augenhöhlen sind geräumig, der Orbitalindex ist 84,62-, der obere 
Augenhöhlenrand ist scharf, das Dach stark nach oben gewölbt; 
die Interorbitalbreite sieht wegen der Flachheit dieser Strecke 
grösser aus, als sie ist, der Interorbitalbreitenindex (Schwalbe) ist 
22,77. Die Nase ist schmal, genaue Maassangaben der Oeffnung 
lassen sich nicht geben, da oben und unten Stücke der begrenzen- 
den Knochen fehlen, der Nasalindex ist 48,08. 

Die 

Norma occipitalis 

gleicht etwa einem regelmässigen, auf einer Seite ruhenden Fünfeck 
mit stark abgerundeten oberen (drei) Ecken. In der Mitte wölbt 
sich vom Inion an die Hinterhauptschuppe gleichmässig rundhch 
vor. Protuberantia occipitalis externa ist im allgemeinen wenig ent- 
wickelt, nur bei y springt sie als torusartiger Querwulst vor. Die 
Lambdanaht ist ziemlich reich gezackt, bei z finden sich in ihrer 
linken Hälfte mehrere kleine Nahtknochen, oberhalb ihrer Spitze 
auf der rechten Seite ein grösserer Knochen, davor ein kleinerer 
{Interparietcde und Praeinterparietale [?], die betr. Stücke links 
wären dann mit dem Parietale verbunden, die Lambdanaht geht fast 
quer, ohne Spitze nach oben). Bei Schädelstück a findet sich ein 
richtiges Interparietale hipartitum'^ die beiden Knochen sind zu- 
sammen 53 mm breit, 42 lang, die Nähte sind sehr stark und fein 
gezackt. 



14 



Fischer : 



[284 



Ueber die 

Norma basilaris 

kann ich nichts sagen, auch Schädel b zeigt hier zu viel Verletzungen; 
der Gaumen scheint kurz und breit zu sein; die Zähne sind gut 
entwickelt, gross, stark abgekaut, so dass ausgedehnte Abnützungs- 
flächen bestehen; der hinterste Molar ist unter diesen der kleinste. 

Der Unterkiefer zeigt ein sehr gut entwickeltes Kinn mit 
ziemlich spitzem Höcker; der ganze Bau ist ein ziemlich derber 
(Maasse vgl. Tabelle). 

Ich gebe noch kurz die wichtigeren absoluten und Verhältnis- 
Zahlenwerte für die Schädel an: 



Schädel 



Grösste Länge 

„ Breite 

„ Höhe 

Längen-Breiten-Index . . 

„ Höhen- „ . . 

Breiten- „ „ . . 

Sagittalumfang 

Frontalbogen 

Parietalbogen 

Sagitt. Fronto- par. Ind. 

Occipitalbogen 

Horizontalumfang .... 
Vert. Querunifang .... 

Ohrhöhe 

Calottenhöhe 

Kleinste Stirnbreite . . . 
Fronte- pariet. Ind. (transv.) 
Schädelbasislänge .... 
Schädelbasisbreite .... 



184 

145 

140 
78,80 
76,09 
96,55 

376 

124 

140 

112,90 

112 

515 

330 

128 

110 

100 
68,97 
99 

101 



174 

127 

72,99 



245 



478 



115 
92 
72,44 



178 

140 

78,65 



137 
124 
90,51 



112 

(ca.) 100 
71.43 



173 
140 

80,92 



117 
122 
104,27 



101 
105 
75,00 



Gresichtsmaasse für Schädel b. 



Jochbogenbreite 130 

Obere Gesichtsbreite . . . 107 

Mittelgesichtsbreite ... 97 

Gesichtshöhe 119 



Obergesichtshöhe . . . 
Gesichtsindex (Kollmann) 

„ „ (ViRGHOW) . 

Obergesichtsindex (K.) . 

„ . « (V.) . 

Interorbitalbreite . . . 

Orbitalbreite 

Orbitalhöhe 

Interorbitalbreitenindex . 



70 

91,54 
122,68 
53,85 
72,16 
23 
39 
33 
22,77 



Orbitalindex .... 
Nasenbreite .... 
Nasenlänge .... 
Nasalindex .... 
Maxillarlänge .... 

Unterkiefer: 
Condylenbreite . . . 
Winkelbreite .... 

Kinnhöhe 

Asthöhe 

Astbreite 

Profilwinkel .... 



186 
136 

73,12 



134 
127 
94,78 



111 

95 
69,85 



84,62 

25 

56 

48,08 
50 



109 
89 
32 
64 
35 
81» 



Eine Trennung der Schädel in zwei Gruppen lässt sich bei 
deren mangelhaftem Erhaltungszustand nicht vornehmen; so kann 



285] Die Reste eines neolithischen Gräberfeldes am Kaiserstuhl. 15 

man nach der Schädelbeschaffenheit keineswegs die beiden Nicht- 
hocker herausfinden-, wohl sind diese sich (jc und ^) in einzelnen 
Punkten gleich, aber auch die anderen Schädel zeigen in diesen 
oder anderen Merkmalen keine scharfe Sonderung, 

Das übrige Skelett lohnt seines Erhaltungszustandes wegen 
eine ausführliche Beschreibung nicht; soweit eine einfache Betrach- 
tung belehrt, scheint es Besonderheiten nicht aufzuweisen, insbesondere 
entspricht die Länge der langen Extremitätenknochen durchaus den 
Werten, wie sie unsere recenten Knochen zeigen; ebenso sind 
Krümmungsverhältnisse und Knochenrelief scheinbar die gewöhn- 
lichen, doch halte ich auf Grundlage von genügendem Material eine 
Bearbeitung dieser Fragen für äusserst wichtig. 

Man sieht aus vorliegender Beschreibung, dass ich leider nur 
dürftige Fragmente schildern konnte, ich glaubte aber trotzdem, 
dies thun zu sollen; bei derartigem prähistorischen Material scheint 
mir für eine künftige genaue Bearbeitung der Skelettverhältnisse der 
Hockergräberbevölkerung einstweilen jede, auch die bescheidenste 
Beisteuer von Material nötig und berechtigt, bis man diese kleinen 
Bausteine wird endgültig zusammenfügen können zu einem Bilde 
vom Aussehen der einzelnen prähistorischen Menschenrassen. 

Die vorliegende kleine Skizze hatte den Zweck, das Vorkommen 
von Hockergräbern in Südbaden festzulegen. Es bestand also auch 
im Oberrheinthal Siedelung zur sogenannten jüngeren Steinzeit; die 
Keramik weist den Typus der Spiralbandkeramik auf, gehört also 
in den Kulturkreis, der uns in den Funden der pfälzisch-rheinischen 
Ebene entgegentritt. Eine genauere kritische Bearbeitung der sich 
hierbei aufdrängenden Fragen ist mir nicht ausführbar gewesen, so 
mögen diese Zeilen einfach als Materialbeitrag angesehen werden. 

Freiburg i. Br., Juni 1903. 



Beriditc d. iiaturf. Ges. Freibiirg i.B. Bd.llll. 1003. y. Bistram, Val Solda Taf. I. 




Fi ^2 2. 



Fiq.lß. 



Fiq. 20. 



Lichtdruck K.Carl Ebner, Siuttgarl-. 



Bonclito d. iiatui-f. ües. Freibui-g i.B. MM. 1903. v. Bistram, Val Solda Taf. II. 



Ficj.l 




Fig 7. 



Fic|.9. 




Fig 14-. 



Fid 13. 



.ichtdruck V.Carl Ebner, Stulljart-. 



B(M-idLte (liifiturfües. Freiburg i.B. Bd.XI. 1903. 



v.Bistrain.Val Solda Taf. 1. 



Fig.l. 




Fig.lO 



Lichtdruck V.Carl Ebier,Stiit!qs 



Boiidilo (l.iinturlUires. Freiburg i.B. Ed.XUl. IDOo. 



v.Bistrmu.Vnl Solda Tut. E 




Fig. 5. 



i" l.^.^.- 



# 



.:+- 



Fi9.2. 





^Hitj.+. . 



^>^v 



T"'; 



?m 




Fig.ü. 



Fig. 7. 




Fi(| 21. 



Fi;|. Jf). 



Lichtdruck v. Carl Ebner, Stutigart 



•i.hliH 

'i'iif 



Bcriclitc d.natm-r (ics. Frriburti i.B Hd.XlIl. r.HKV 



V. HistraiiiA'al Solda T:if. Y 



Fig.I 




Fi n. 10. 



Lichtdruck V.Carl Ebner, Siu«9arf 



Boi'irlite (l.natiiif Ges. Freiburg i.B. B.I.Xlll. 190H. v.Blstram.Val Solda Taf. 11. 




Fic].l. 







Fitj.2. Fi||.3. 




Fijj.o 



Fi j. ü. 






Fi 9.+. - 



Hg/. 




ia.8. 



Fiq.io. ^y 

Fig.U. 




Fig. 12 




; ''^n 



13. 



Fig,l+ 




Fitj 1: 




Lichtdruck v-Carl Ebner, Slirttgort. 



Bpi'iclilc (1. iiatiirf. (j(\s. Freibiircj i.B MM. 100:). v. Bistram.Val Solda Taf. Hl 




Ficj.l. 



1 C 



Fi(j.2. 



Lichlilruck »Carl Ebner, Stu«9(ii+ 



ßfM'iclüe <l.iiatiirr.Cies.Frpibur(j i.B. JJd.Xlll. 11)1):). 



V. BistramAal Solda laf. 




l'ic). 3. 



Lichtdruck ».Carl Ebner, S(u«9»rt 



Normaler 
TaltenljaTi 



Z"wäscKeTL-| 
stück 



Au fbrucK z oTie 

Tii.it Las. ETTiptiv^est. 



.^r^sn 








if^""J Haufitdolomit 



''\^)r^-^\BuntamidsUin ^^^Anauhmatkr I ESH^ 



"" I .llJT?^ '•^ I Vetlrrsleui 
l=vr^— I iolamil 



Carumumhrrccif 



Berichte d. Naturf. Gesellscli. Fieil)urs i. B. Band XIII. 1903. 



H. Hoelc: Aiosa. Taf. IX. 




Massstalj 160000 



Beridite d. Saturf. (Jesellsdiaft Freibiu's i. B. Band XIII. 1903. 



H. Hoek: Aiosa. Taf. X. 



N- Brüiäfrliorii 




Beriolite der Kiitnrf. (ipsellscli. iTnilmiR i, B. liaiul XIII. l!l(i:i. 



II, Hoek; Arosii. Taf. XI. 




1:i:jOO 



Beriehte der Natnrf. (ieseUsch. Freibuig i. B. Band XUI. 1903. 



H. Hoek: Ai'osa. Tat M. 




XVr 



Berichte der >'atm-f. GeselJsch. Freiburg i. B. Band XIII. 1903. 



H. Uoek: Arosa. Taf. Xin. 



Strela-Amselfliihkcttc und Schafrücken Erzhonikette („Zone nornialer Faltnng"), sowie Tschii'iieu und Parpaner Weisslioni („Zwischeustück") von Maran fi'eselieu, 

Im Vordei'jii'und das Plateau von Ai'osa („Aufbruchzone"). 



ONO. 



Täiejerfiah Furkahorn Amselßuh 



Schiesslwrn 



Valbellahorn Sandhubel 

Leidßuh 



Schafrücken. 



sw. 

Erzhorn Aelplihorn ParpanerWeush. 

! Arosaer Rothorn ; Tschirpen 




bvvkhU' (1. Natiiii', (icscllsdi. Krcilnirt; i. Ji. liaiul XlII. HKI3. 



U, Uuek; Aiusa, Taf. \l\. 



Berichte 

[eF Naturforschendeii Gesellschaft zu Freiburg i. Br. 

Erscheinungsweise und redaktionelle Bestimmungen. 

Die „Berichte" erscheinen in zwangloser Folge. 

24 Druckbogen, wobei auch jede den Raum einer Druckseite einnehmende 
Tafel als 1 Druckbogen gerechnet wird, bilden einen Band. 

Der Abonnementspreis ist auf M. 12.— festgesetzt. 

In den „Berichten" finden Aufnahme: 

I. Abhandlungen aus dem Gebiete der Naturwissenschaften. 
II. Kürzere Mitteilungen über bevorstehende grössere Publikationen, 
neue Funde etc. etc. 

Die für die „Berichte" bestimmten Beiträge sind in vollständig druck- 
fertigem Zustande an ein Mitglied der Redaktionskommission einzusenden. 

Ueber die Aufnahme und Reihenfolge der Beiträge entscheidet lediglich 
die von der Naturforschenden Gesellschaft ernannte Redaktionskommission. 
Auch ist mit dieser über die etwaige Beigabe von Tafeln und Illustrationen zu 
verhandeln. 

Der Autor erhält 50 Freiexemplare und ausserdem jede beliebige Anzahl 
von Sonderabdrücken von der Druckerei (C. A. Wagner) zum Selbstkostenpreise. 

Die Souderabdrücke müssen spätestens bei Rücksendung der Korrektur 
bestellt werden. t 

Sonderabdrücke von Abhandlungen können dem Autor unter Um- 
ständen erst am Tage der Ausgabe des betr. Heftes zugestellt werden, solche 
von „kleinereu Mitteilungen" dagegen sofort. 



Die Redaktions-Koniniission. 

Professor Dr. A. Gruber. Prof. Dr. J. Lüroth. 

Prof. Dr. G. Steinmann. Dr. K. Gerhardt. 



Als Sonderabdrücke 

sind durch 

J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) In Tübingen und Leipzig 

zu beziehen: 

Lorenz, Th. Geologische Studien im Grenz- 
gebiete zwischen helvetischer und ost- 
alpiner Facies. IL Teil. Südlicher Rhae- 
tikon. Mit 9 Tafeln und 19 Figuren im 
Text. 1901. M. 4.—. 

Meyer, G. Erdmagnetische Untersuchungen im 
Kaiserstuhl. Mit 4 Tafeln. 1902. M. 3.—. 

Bistram, Freiherr von. Beiträge zur Kenntnis 
der Fauna des unteren Lias in der Val 
Solda. Geologisch -paläontologische Stu- 
dien in den Comasker Alpen. I. Mit 
8 Tafeln. 1903. M. 4.—. 

Hoek, Henry. Geologische Untersuchungen 
im Plessurgebirge um Arosa. Mit 1 Karte^ 
1 Panorama, 4 Profiltafeln und 20 Figuren 
im Text. 1903. M. 4.—. 



3 2044 106 306 509 




^^^..-^.^ 






/V ts^ -> 



'AI,. * 






^^ v'*^. 



■» ..^' -^^ 






>i.^ 



-* •;? 



-^ >•■, 






1.. .. • - ».T 



:^^^^ 



.«^j: ^ 






■"^'./'■f 



V'.V'^V