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Full text of "Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie"

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Berliner Jahrbuch 



für 



Handel und Industrie 



Bericht 

der 

Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin 



Jahrgang 1912 



Band II 








BERLIN 
VERLAG VON GEORG REIMER 
1913 






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IVA 
BdSL 




Inhalts-Verzeichnis. 



Spezialberichte über Berlins Handel und Industrie. 



I. Pflanzliche Rohprodukte und Fabrikate. 

Seite 

A. Landwirtschaftliche Rohprodukte. 

1. Gretreide 3 

Tab. 1. Welternfe in Getreide S, 3. 

Tab. 2. Emtemengfen im Deutschen Reich S. 4. 

Tab. 3. Saatenstands-Notierungen S. 4/5. 

Tab. 4. Mehr- oder Minder-Erträge der deutschen Ernten gtegen das Vor- 
jahr S. 4. 

Tab. ij. Anbauflächen im Deutschen Reich S. 5. 

Tab. 6. Die Erträge für dea Hektar bebauter Fläche S. 5. 

Tab. 7. Einfuhr in das deutsche Zollgebiet S. 5. 

Tab. 8. Ausfuhr aus dem deutschen Zollgebiet S. 5. 

Tab. 9. Berlins Lieferungspreise für Weizen S. 14. 

Tab. 10. Berliner Lieferungspreise für Roggen S. 20. 

Tab. 11. Preise fiJr russische Futter« erste S. 23. 

Tab. 12. Lokopreise für Futtorgerste in Berlin S. 25. 

Tab. 13. Berliner Lieferungspreise für Hafer S. 30. 

Tab. 14. Berliner Lokopreise für Mais S. 34. 

Tab. 15. Berliner Lieferunespreise für Mais S. 34. 

2. Hülsenfrüchte 34 

3. Zwiebeln 37 

4. Landwirtschaftliche Sämereien 38 

Tab. IG. Preise der landwirtschaftlichen Sämereien im Jahre 1912 S. 43. 

5. Kartoffeln 44 

Tab. 17. Kartoffelernte S. 45. 

Tab. 18. Monatliche Durchschuittspreise für Kartoffeln in Berlin S. 45. 

Tab. 19. Empfang von Kartoffeln auf sämtlichen Berliner Bahnhöfen während 

der Jahre 1910—1912 S. 46. 
Tab. 20. Zufuhren von Kartoffeln nach den drei Hauptempfarigsbahnhöfen 

Berlins während des Kalenderjahres 1912 S. 46/47. 
Tab. 21. Ein- und Ausfuhr von Kartoffeln in den letzten drei Jahren S. 46. 

6. Oelsaaten (Raps und Rübsen) 46 

7. Fouragehandel 49 

8. Hanf- und Flachshandel 52 

9. Hopfen . 53 

10. Kunst- und Handelsgärtnerei 54 

11. Obsthandel 62 

B. Landwirtschaftliche Fabrikate. 

12. Mehl und andere Mühlenfabrikate 65 

Tab. 22. Notierungen für Weizenmehl im Jahre 1912 S. 68. 

Tab. 23. Preise für billigste und teuerste Roggonmehle im Jahre 1912 S. 70. 

Tab. 24. Tiieferangspreise für Roggenmehl S. 70. 

Tab. 25. Preise für "Weizen- und Roggenkleie im Jahre 1912 S. 72. 

13. Brotfabrikation 72 

Tab. 26. Brotpreise S. 72. 

14. Keks-. Honig"- und Lebkuchenfabrikation 74 

15. Rüböl 75 

16. Kartoffelfabrikate 76 

Tab. 27. Export von Kartoffelfabrikaten Wcährend der Jahre 1910—1912 S. 77. 
Tab 28. Monatliche Durchschnittspreise füi- Kartoffelfabrikate im Jahre 1912 S. 77. 



IV Inhalts-Verzeichnis. 

17. Zichorien und andere Kaffeesurrogate 78 

Tab. 29. Preise für gedarrten Cichorien im Jahre 1912 S. 80. 

IS. Konservierte Früchte und Gemüse 81 

19. Zucker 83 

Tab. 30. Zuckerproduktion S. 85 

Tab. 31. Deutschlands Zuckerausfubr und Verbrauch S 85. 

Tab. 32. Znckerpreise S. 85. 

Tab. 33. Zuckerzufahreu nach Berlin S. 85. 

20. Spiritus 86 

21. Essigfabrikation 92 

22. Bierbrauerei 93 

Tab. 34. Dividenden der Berliner Brauereien S. 94. 

Tab. .35. Betriebs- und Produktionsverhältnisse in den Bierbrauereien Groß- 

Berlins S. 95. 

Tab. 3G. Berlins monatliche Ein- und Ausfuhr von Bier S. 95. 

Tab. 37. Kin- und Ausfuhr von Bier auf Berliner Bahnhöfen S. 96. 

Tab. 38. Rohstoffpreise S. 96. 

Tab. 39. Malzpreise S. 96, 

23. Weinhandel 97 

Tab. 40. Einfuhr von Wein, Most und Maische in Fässern oder Kesselwagen 
aus den Hauptiraportl ändern S. 98. 

Tab. 41. Einfuhr von Schaumwein in den letzten drei Jahren S. 99. 

Tab. 42. Ein- und Ausfuhr von Wein, Most, Trauben. Arrak, Rum, Kognak in 
den Jahren 1911 und 1912 S. 99. 

Tab. 43. Einfuhr von rotem Verschnittwein und Wein zur Kognakbereitung 
aus den einzelnen Ländern S. 99. 

Tab. 44. Bestände in den Weinteilungslagern in Groß -Berlin am Jahres- 
schluß S. 100. 

Tab. 45.» Eiserner Weinkredit in Groß-Berlin S. 100. 

Tab. 46. Herstellung von Schaumwein im deutschen Zollgebiet und in der 
Provinz Brandenburg S. 101. 

Tab. 47. Zollerträge aus dem Wein- etc. Verkehr in Deutschland S. 101. 

24. Tabak und Tabakfabrikate 101 

C. Kolonialwaren. 

25. Kaffee 110 

Tab. 48. Hamburger Kaffeepreise S. 114. 

Tab. 49. Zufuhren in Santos und Rio S. 114. 

Tab. 50. Sichtbare Weltvorräte S. 115. 

Tab. 51. Ablieferungen in Europa und Nordamerika in den Jahren 1910 und 

1911 S. 115. 

Tab. 52. Einfuhr Aon Rollkaffee nach Deutschland S. 115. 

26. Tee 115 

Tab. 53. Einfuhr von Tee nach Deutschland S. 117. 

27. Kakao und Kakaowaren. Zuckerwaren 118 

Tab. 54. Preise von Rohkakao S. 120. 

Tab. 55. Außenhandel mit Schokolade und Schokoladeersatzstoffeu S. 120. 

Tab. 56. Außenhandel mit Kakaopulver S. 120. 

28. Reis 122 

Tab. 57. Deutsche Einfuhr von Rohreis S. 128. 

Tab. 58. Deutschlands Außenhandel mit poliertem Reis S. 128. 

29. Südfrüchte und Dörrobst. 128 

30. Speiseöl 132 

31. Gewürzhandel 133 

r 

II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

32. Vieh 135 

Tab. 59. Ernteerträge an Futtermitteln S. 135. 

Tab. 60. Auftrieb von Schlachtvieh am Berliner Markt S. 137. 

Tab. 61. Schlachtungen im Berliner Schlachthof S. 138. 

Tab. 62. Ausfuhr lebenden Schlachtviehes vom Berliner Markt S. 136. 

Tab. 63. Preisl^eweg-ung am Borliner V'iehmarkt S. 138. 

33. Wild und Geflügel 138 

Tab. 64. Monatlicho Durchschnitt.sproise von Wild im Jahre 1912 S. 140/141. 

34. Milchhandel 141 

35. Butter 143 

Tab. Gö. ButteruotieruDgen für la Qualität im Jahre 1912 S. 148/149. 

Tab. 66. Berliner Monatsdurchschnittepreise der höchsten la Qualität im Jahre 

1912 S. 148. 

Tab. 67. Jahresdurchschnitl^preise der höchsten la Qualität S. 146. 
Tab. 68. Deutschlands Butteriraport S. 149, 



Inhaits-Verzeichnis. V 

Seite 

36. Handel mit Schmalz 149 

Tab. 69. Weltvorräte an amerikanischem St'hmaiz S. ir.2. 

37. Kunstspeisefett 153 

38. Margarine 153 

Tab. 70. l'reisc für Kokosöl und Palmkernöl S. l.jß. 

39. Honig- 156 

40. Käse 157 

4].Jjj^ 161 

Tab. 71. Durchschoittspreise für frische, d. h. nicht konservierte Eier von nor- 
maler Größe im Berliner Großhandel S. 164. 

Tab. 72. Berlins Einfuhr, Ausfuhr und Konsum von Eiern in den Jahren 1907 
bis 1912 S. 164. 

42. Speck 164 

43. Därme 166 

44. Fische und Schaltiere 169 

Tab. 73. Monatliche Durchschnittspreise des Jahres 1912 S. 173/174. 

III. Industrie der Steine und Erden. 

45. Baumaterialien. 184 

Tab, 71. Steinpreiso S, 188 189. 

46. Ofenfabrikation 199 

47. SchamotteAvaren 199 

48. Porzellan und Steingut 200 

49. Glas und Glaswaren 204 



IV. Montanindustrie. 

50. Kohle 206 

Tab. 75. Kohlenzufuhr nach Berlin S. 207. 

Tab. 76. Berlins Zufuhr an engli.scher Steinkohle S. 207. 

Tab. 77. Berlins Zufuhr an westfälischer Steinkohle S. 210. 

Tab. 78. Berlins Zufuhr an silchsischer Steinkohle S. 211. 

Tab. 79. Berlins Zufuhr an oberschlesischer Steinkohle S. 211. 

Tab. K>. Berlins Zufuhr an t iederschlcsischer Steinkohle S. 212. 

Tab. 81. Berlins Zufuhr an bölimisclier Braunkohle S. 213. 

Tab. 82. Berlins Zufuhr an Braunkohlenbriketts S 213. 

Tab. 83. Berlins Zufuhr au inländischer Braunkohle S. 214. 

Tab. 84. Berliner Kohlenpreiso im Detailhandel S. 217. 

Tab. 85. Kohlenproduktion im Deutschen Reiche S. 217. 

Tab. 86. Deutschlands Kohleneinfuhr S. 217. 

Tab. ö7. Deutschlands Kohlenausfuhr S. 218. 

Tab. 88. Kohlenverbrauch im Deutschen Iteiche S. 218. 

51. Roheisen und Fertigeisen 218 

Tab. 89. Monatsziffern der deutscheu Uoheisenproduktion S. 218. 

Tab. 90. Durchschnittspreise von M. N. Warrants f. a. B. Glasgow S. 218/219. 

Devitsche Roheisenpreiso im Jahre 1912 S. 220/'221. 

Berliner Roheisenpreise S. 221. 

Durch.schnittlichc Verkaufspreise der Werke für Flußstabeisen S. 222. 

Berliner Großhandelspreise für Flußstabeisen S. 224. 

Weißblechproduktion der Voreiniyten Staaien, Entrlands und Detitsch- 

lands S. 228. 

Blei, Zink, Zinn 229 

Weltproduktion von Kupfer S. 229. 
Weltverbrauch -von Kupfer S. 229. 

Welt verbrauch und Weltproduktion von Kupfer S. 230. 
Deutscher Kupferverb auch S. 230. 
Amerikanische Kupferst.ntistick S. 231. 

Vorräte in ICngland und Frankreich einschließlich der von Chile und 
Australien als schwimmend gemeldeten Verschiffungen am Monats- 
ende S. 231. 

Durchschnittsnotieruugen für Standard u. Best-Selected-Kupfer S. 232. 
Durchschnittspreise für Zinn S. 233. 
Deutscher Außenhandel in Zinu S. 234. 
Durch.schnittspreise für Blei S. 234. 
Deutscher Außenhandel in Blei S. 235. 
Durchschniltsj)reise für Zink S. 23.0. 
Deutscher Außenhandel in Zink S. 2:-'>6. 

53. Altmetalle und Metallabfälle • • 239 

Tab. 109. Preise für Neukupfer und Altmetall 1912 S. 241. 



Tab. 


91. 


Tab. 


92. 


Tab. 


93. 


Tab. 


94. 


Tab. 


95. 


52. Kupfer, 


Bl€ 


Tab. 


9G. 


Tab. 


97. 


Tab. 


98. 


Tab. 


99. 


Tab. 


100. 


Tab. 


101. 


Tab. 


102. 


Tab. 


las. 


Tab. 


104. 


Tab. 


105. 


Tab. 


106. 


Tab. 


107. 


Tab. 


108. 



VI Inhalts-Verzeicimis. 

Seite 

V. Metallverarbeitung. 

54. Eisengießerr-i, Baukonstruktiooen, Maschinen- und Lokomotivenbau 241 

55. ßlekirizitätsindustrie 266 

Tab. 110. Statistik der Elektroraotoren im "Weichbilde von Berlin S. 280. 
Tab. 111. Stromabgabe der Kerliuer Elektrizitätswerke S. 281. 
Tab. 112. Stromabgabe der Elektrizitätswerke Groß-Berlins S. 281. 

56. Boots- und Schiffbau 282 

57. Automobil- und Fahrradindustrie 282 

58. Geldschvänke und Tresoranlagen 284 

59. Feilenfabrikation 285 

60. Wagenbau und Hufbeschlag 286 

61. Kunstschmiedearbeiten und Fabrikation eiserner Gitter 286 

62. Fabrikation von Blechemballagen 287 

63. Fabrikation und Vertrieb von Haushaltungsgegenständen .... 290 

64. Emaillewaren 292 

65. Eisenmöbelindustrie 293 

66. Kupfer- und Messingindustrie . . 294 

Tab. 113. Rohstoffpreise in der Messingindustrie S. 299. 
Tab. 114. Fabrikatpreise in der Messingindustrie S. 299. 

67. Bleirohr- und Zinnrohrfabrikation 300 

68. Metallschrauben- und Mutternfabrikation sowie Fassondreherei . . 301 

69. Kunstindustrie, besonders ßronze-Kunstindustrie 304 

70. Beleuchtungsindustrie und Verwandtes 305 

71. Heizungs-, Lüftungs- usw. Anlagen 309 

72. Bauklempnerei und Metalle rnamentenfabrikation 311 

73. Stahlfederfabrikation 312 

74. Gold-, Silbetwaren und Juwelen 312 

Tab. 115. Silberpreis S. 314. 

VI. Rohstoffe und Fabrikate der pharmazeutischen, chemischen und 
verwandten Industrien. Fettwaren, Oele und Farbstoffe. Gasfabrikation. 

75. Anorganische, chemische Industrie 318 

76. Organische chemische Industrie 320 

77. Chemisch-pharmazeutische Produkte und Spezialitäten 322 

78. Drogenhandel 326 

79. Apothekergewerbe , . 327 

80. Terpentinöl und Harze (Kolophonium) 329 

81. Petroleum und andere Mineralöle 331 

82. Lack- und Firnisfabrikation, Mineral- und Oelfarben, Farblacke . 339 

83. Farbhölzer 342 

Tab. 116. Einfuhr von Farbhöizern in Hamburg in den Jahren 1903—1912 S. 344. 

84. Gerbstoffe und Gerbextrakte 344 

85. Zelluloid und Zelhiloidwaren 347 

86. Seifen- und Parfümeriefabrikalion 349 

Tab. 117. Preise der Rohstoffe für die Seifenfabrikatiou S. 350. 

87. Kohlensäurefabrikation 353 

88. Mineralwässer und andere alkoholfreie Getränke 353 

89. Eishandel, Kunsteisfabrikation und Kühlhausgeschäft 356 

90. Knochen, Knochenfabrikate und Düngemittel aller Art 357 

91. Zündholzfabrikation 358 

Tab. 118. Außenhandel in Zündhölzern und Zündstäbchen aus Pappe S. 359. 

92. Stearinkerzen 359 

93. Gasfabrikation 360 

Tab, 119. Gasabgabe im Berliner Weichbilde und an die Vororte. Das Ver- 
hältnis der Gaspruduktion bezw. Gasabgabe zur Einwohnerzahl 
S. 36U/361. 

Tab. 120. Verbrauchtes Vergasuiigsmaterial und Gasproduktion der Berliner 
städtischen G-iswerke W. 362. 

Tab. 121. Gasabgabe der Berliner städtischen Gaswerke nach den Arten des 
Verbrauchs S. 362. 

Tab. 122. Ausbeute der berliner Gaswerke an Nebenprodukten S. 362. 

Tab. 123. Gasverbrauch in Charlotte d bürg S. 365. 

Tab. 124. Gewinnung von Nebenprodukten bei den Charlottenburger Gas- 
werken S. 365. 



Inhalts-Verzeichnis. VII 

Seite 
Tab. 125. üvirchsclinittliclier Verkaufserlös der Cbarlottenburger Gaswerke für 

Nebenprodukte S. 365. 
Tab. 126. Ausbeute aus 100 kg vergaster Koblen bei den Charlottenburger Stein- 

kohlengasanlagen S. 365. 
Tab. 127. Von den Charlottenburger Gaswerken verkaufte Koksmengen in hl S.366. 
Tab. 128. Ertrag- der Charlottenburger Gasanstalten S. 366. 

VII. Textilindustrie und Verwandtes. 

94. WoUhandel 371 

Tab. 129. Monatliche Durchschnittspreise für mittlere norddeutsche Schäferei- 
wollen-Rückenwäsche am hiesigen Platze S. 372. 

Tab. 130. Vergleichende Uebersicht der Preise für Kapwollen am hiesigen 
Platze S. 373. 

95. Wollgarne 373 

Tab. 131. Tätigkeit des öffentlichen Warenprüfungsamtes zu Berlin S. 373. 

96. Handel mit Baumwollgarnen • 380 

97. Handel mit roher und gefärbter Seide. Seidenfärberei .... 381 

98. Fabrikation von woUenen und halbwollenen Stoffen und Plüschen 384 

99. Fabrikation von baumwollenen Velvets 389 

100. Fabrikation von Schals 390 

101. Fabrikation von Phantasie-Wirkwaren und Strickwaren .... 391 

102. Handel mit Konfektionsstoffen und Tuchen . 399 

103. Posamentierwaren und Leonische Industrie 405 

104. Damen- und Kinderkonfektion 409 

105. Herrenkonfektion 413 

106. Veredelung von baumwollenen Geweben 415 

107. Handel mit BaumwoUbuntwaren 419 

108. Leinenhandel 419 

109. Wäsche-Fabrikation, -Konfektion und -Handel 420 

110. Wäscherei 433 

111. Konfektion von Schürzen, Jupons und Kinderkleidchen. .... 434 

112. Krawattenindustrie 435 

113. Roßhaarspinnerei . 436 

114. Handel und Industrie in Seidenstoffen 437 

Kurventafel 1. Preisschwankungen von Seidenzwirnen S. 441. 
Kurventafel 2. Preisschwankungen von Baumwolle S. 442. 

115. Großhandel mit Manufakturwaren 446 

116. Export von Manufakturwaren nach überseeischen Ländern . . . 448 

117. Juteindustrie 450 

118. Teppiche, Linoleum, Wachstuche . . . . : 451 

119. Handel mit Gardinen, Spitzen und Stickereien 456 

120. Fabrikation von Markisen und Zelten 459 

121. Gürtelfabrikation 460 

122. Korsettindustrie und -Handel 460 

123. Schirmfabrikation und -Handel 463 

124. Fabrikation und Handel mit Seilerwaren 464 

125. Fabrikation von Netzen 465 

126. Baumwollabfälle . 468 

127. Filzfabrikation 468 

128. Hutfabrikation 469 

129. Künstliche Blumen und Putzfedern 473 

VIII. Papierindustrie und Buchgewerbe. 

130. Papierhandel 478 

131. Luxuspapierfabrikation 479 

132. Fabrikation von Briefumschlägen 480 

133. Packpapierhandel, Tütenfabrikation und -handel 480 

134. Kartonfabrikation 481 

135. Buchdruckerei 481 

136. Geschäftsbücherfabrikation 482 

137. Klischeefabrikation 483 

138. Buchhandel 483 

139. Tapetenfabrikation 484 

140. Schriftgießerei und Messinglinienfabrikation . 487 

141. Steindruckgewerbe . 488 



VIII Inhalts-Verzeichnis. 

Seite 

IX. Rohstoffe und Fabrikate der Lederindustrie und Pelzwerk. 

142. Hohe Häute und Fälle 491 

Tab. 132. Preise für Kalbfelle S. 494. 

143. Lederhandel 502 

144. Lederfabrikation , . . . 509 

145 Glace- und Ohairlederfabrikation 511 

146. Lederhandschuhfabrikation 513 

147. Treib riemenindustrie 513 

148. Lederwaren- und Albumfabrikation ,.... 513 

149. Schuhwarenfabiikation 515 

150. Schuhhandel . 517 

151. Schuhmacher-Bedarfsartikel 518 

152. Kofferfabrikation 518 

153. Pelzwaren 519 

X. Holz und Holzwaren. 

154. Holzhandel 521 

155. Bautischlerei 533 

156. Jalousienfabrikation 534 

157. Möbelfabrikation und -Handel 535 

158. Leiterfabrikation 551 

159. Parkettfabrikation 552 

160. Wagenbau 553 

161. Fabrikation von Bierfässern 554 

162. Goldleistenfabrikation 554 

163. Kistenfabrikation 555 

164. Furniermesserei 555 

165. Kehlleistenfabrikation 555 

166. Holzpflasterfabrikation . 556 

167. Kinderwagen 556 

XI. Grundstückshandel und Hypotheken. 

168. Grundstückshandel und Hypotheken . 557 

Tab. 138. Freiwillige Yeräiißeruag'ea bebauter und unbebauter Grundstücke S.559. 

Tab. 134. Zwangsversteigerungea bebauter und unbebauter Grundstücke S. Ö5J. 

Tab. 135. WohnuDgsstatistik für Charlottenbupg S. 561. 

Tab. 13(3. Wohnungsstatistik für Schöneberg S. 562. 

Tab. 137. Wohnungsstatistik für Wilmersdorf S. 562. 

Tab. 138. Wohnuugs.statistik für Friedenau JS. 563. 

Tab. 130. AVohnuDgsstatistik für Lankwitz S. 564. 

Tab. 140. Wohnungsstatistik für Nicolassee S. 564. 

Tab. 141. Wohnungsstatistik lür Neukölln S. 565. 

Tab. 142. Wohnun-sstali.stik für Weißonsee S. 567. 

Tab. 143. Qrundstücksumsälze in Groß- Berlin S. 570 '571. 



XII. Verkehrsgewerbe. 



i69. Warenspeditionsgeschäft 572 

170. Möbeltransportgeschäft 573 

171. Schiffahrtsbetrieb 574 

Tab. 144. Verkehr auf dem Teltowkanal S. 577. 

Tab. 145. Gesamtverkehr auf den Berlin - Charlottenburger Wassjrstraßen im 
Jahre 1912 S. 578,579. 

172. Personenverkehr auf der Stadt- und Kingbahn 580 

Tab. 14(j. Personenverkehr auf der Stadtbahn .S. 5S0. 

Tab. 147. Anzahl der im imieren PersoniMiverkehr der Berliner Stadt- und 
Hingbahn in zweiter Wagenklasse auf einfache und Zeitkarten zurück- 
gelegten Fahrten S. 581. 

Tab. 148. Anzahl der im inneren Personenverkehr der Berliner Stadl- und Ring- 
bahn in dritter Wagonklasse auf einfache, Zeit- und Arbeiter-Karten 
zurückgelegten Fahrten S. 581. 

173. Verkehr auf der Großen Berliner Straßenbahn 581 

Tab. 149. Verkehr auf der Großen Berliner Straßenbahn S. 581. 



Inhalts-Verzeichnis. IX 

Seite 

174. Verkehr auf den Hoch- und Untergrundbahnen 581 

Tab. 150. Anzahl der auf den Strecken der Hochbahng-esellscüait beförderten 
Personen S. 582. 

Tab. löl. Anzahl der auf der Schöneberger Untergrundbahn beförderten Per- 
sonen S. 582. 

175. Omnibusverkehr 582 

Tab. 152. Omnibusverkehr S. 582. 

176. Droschken verkehr 582 

Tab. 151:3. Zahl der Droschken, welche an den Berliner Bahnhöfen in den einzelnen 
Monaten des Jahres 1912 angefahren sind S. 583. 



XIII. Versicherungswesen. 



177. FeiierA^ersicherung 583 

178. Leben.sversicherung 588 

179. Transportversicherung 590 

180. Hagelversicherung 592 

.181. Unfall- und Haftpflicht Versicherung 596 

182. Einbruchdiebstahlversicherung 597 

183. Glasversicherung 598 

184. Viehversicherung 598 

185. Rückversicherung 600 

XIV. Agenturgewerbe. 

186. Agenturgewerbe 600 

XV. Verschiedene Geschäftszweige. 

-187. Musikinstrumente 612 

188. Sprechmaschinen und Schallplauen 618 

189. Gummiwaren 619 

190. Asbest 621 

191. Elfenbeinhandel und -Verarbeitung 622 

192. Knopffabrikation 622 

193. Luxus-, Galanterie- und Ivurzwaren . . 625 

194. Photographische Bedarfsartikel 626 

195. Spielwaren 628 

196. Verband sslotfe 629 

197. Uhren 630 

198. Wissenschaftliche In-tiumente 631 

199. Schilderfabrikation 634 

200. Christbaumschmuck 635 

201. Schmirgelfabrikation 636 

202. Peitschenfabrikation 637 

^03. Lumpenhandel 638 



Spezialberichte über Berlins 
Handel und Industrie. 

Zusammengestellt aus Mitteilungen hervorragender 
Vertreter der einzelnen Geschäftszweige. 



I. Pflanzliche Rohprodukte und Fabrikate. 

A. Landwirtschaftliche Rohprodukte. 

1. Getreide. 

Im ersten Bande dieses Jahrbuchs ist bereits eine Ueber- 
sicht über die allgemeine Entwicklung des Gnetreidehandels ge- 
bracht worden. Im folgenden soll der Verlauf des Getreide- 
Geschäfts in Spezialberichten eingehender dargestellt werden. 
Wir schicken diesen Spezialberichten hier zunächst einige sta- 
tistische Uebersichten über die Ernten in den wichtigsten Er- 
zeugnissen des Ackerbaues, die Anbauflächen und Saatenstands- 
Jiotierungen voraus. 

Die Welternte in Getreide betrug in den letzten drei 
Jahren in Millionen Tonnen (a 1000 kg) nach' Beerbohüi: 

Tab. 1. Welternte in Getreide (in Millionen Tonnen). 





1910 


1911 


1912 


Weizen 


96.287 


94.101 


101.035 


Roggen 


43.823 


42.310 


49.418 


Gerste 


32.471 i 


32 067 


33.323 


Hafer 


61.779 ' 


56.722 


68.757 


Mais 


97.203 1 


82.726 


104.714 



Sie weist bei allen Getreidearten, namentlich' bei Weizen, 
Hafer, Mais, erhebliche Zunahmen auf. An der Steigerung der 
Weizenernte sind besonders Eußland, die Vereinigten Staaten 
von Amerika nnd Argentinien beteiligt gewesen; auch die 
deutsche Weizen ernte war gegenüber dem Vorjahre quantitativ 
bedeutender. Die Roggenernte hatte besonders in Eußland und 
demnächst in Deutschland eine Zunahme aufzuweisen. Auch in 
Hafer hatten beide Länder größere Ernten als im Vorjahre zu 
verzeichnen; insbesondere gilt das aber von den Vereinigten 
Staaten, deren Haferernte gegenüber dem' Jahre 1911 um über 
7 Mi 11. t zugenommen hat. Auch' in Mais hatten die Ver- 



4 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

einigten Staaten eine gewaltige Erntesteigerung ; die nord- 
amerikanische Maisernte war um rund 15,2 Mill. t größer als 
im Jahre 1911. Argentinien hatte gegenüber der Mißernte des 
Vorjahres ebenfalls ein bedeutendes Mehrerträgnis; auch die 
ungarische Ernte zeigte eine nicht unerhebliche Zunahme. 

Die deutsche Getreideernte der drei letzten Jahre wird 
durch folgende Tabelle illustriert, in der auch die Erträge 
einiger anderer wichtiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse mit- 
enthalten sind: 



Ernte. 



Tab. 2. 



Erntemengen im Deutschen Reich (in Tonnen). 



ir 1910 


1911 


1912 


Winterweizen .... 


3 428 686 


3 640 229 


3 908 211 


Sommerweizen . 








432 793 


426 106 


452 413 


Weizen zus. 








3 861 479 


4 066 335 


4 360 624 


Winterroggen . 








10 371855 


10 727 071 


11 462 515 


Sommerroggen . 








139 305 


139 045 


135 774 


Roggen zus. 








10 511 160 


10866 116 


11598 289 


Sommergerste 






! 


2 902 938 


3 159 915 


3 481974 


Hafer .... 








7 900 376 


7 704 101 


8 520 183 


Kartoffeln . . 








43 468 395 


34 374 225 


50 209 466 


Wiesenheu . 








28 250 115 


19 975 324 


27 681 860 



Die Tabelle weist zwar für alle Getreidearten Mehrerträge 
auf, läßt aber nicht erkennen, daß das höhere Erträgnis durch 
die geringere Qualität — eine Folge der regnerischen Witte- 
rung seit August — gegenüber dem Vorjahre paralysiert wurde. 
Bezüglich der Einzelheiten verweisen wir auf die folgenden 
Spezialberichte. Hier sei nur noch die bedeutende Steigerung 
der Kartoffel- und Heuernte hervorgehoben gegenüber den Miß- 



Tab. 6. 


























Saatenstands- 




Winter -Weizen 


Sommer -Weizen 


Winter- Roggen 




April 


Mai 


Juni 


Juli 


Aug-. 


April 


Mai 


Juni 


Juli 


Aug. 


April 


Mai 1 Juni | Juli 


Au^. 


1911 
1912 


2.3 

2.7 i 
2.3 1 


2.3 
2.6 
2.5 


2.3 
2.5 
2.3 


2.4 
2.6 
2.3 


2.6 
2.6 

2.4 


2.6 


2.5 
2.6 


2.6 
2.6 
2.3 


2.7 
3.0 
2.2 


2.8 
3.0 
2.4 


2.5 
2.8 
2.2 


2.7 
2.8 
2.6 


2.5 2.6 
2.7 2.7 

2.6 2.4 


2.7 
2.6 

2.4 



ernten des Jahres 1911. Die folgende Tabelle zeigt die Diffe- 
renzen in den Erntemengen der letzten drei Jahre. 



Tab. 3. 



Mehr-(-f-) oder Minder-(— )Erträge der deutschen Ernten 

gegen das Vorjahr (in Tonnen zu 10 dz). 



1910 



1912 



Weizen . . . 
Roggen . . . 
Sommergerste 
Hafer . . . 
Kartoffeln . . 
Wiesenheu 



-f 105 732 
" — 837 255 
I —592 678 
1—1225 440 
— 3 237 857 
H- 6 109 188 



-f 205 856 
-\- 354 956 
-j- 256 977 

— 196 275 

— 9 094 ] 70 

— 8 274 791 



-f 294 289 
-f 732 173 
+ 322 059 
4-816 082 
4-15 835 241 
4- 7 706 536 



1. Getreide. 



lieber die Anbauflächen unterrichtet folgende Uebersicht: 
Tab. 4. Anbauflächen im Deutschen Reich (in Hektar). 





1 1910 1 1911 1912 


Winterweizen .... 
Sommerweizen .... 

zus. Weizen 

Roggen 

Oerste 

Hafer 

Kartoffeln 

Wiesenheu 


1 734 923 1 751 239 

207 993 i 222 958 

! 1942 916 1 1974 197 

j 6 186 775 6135 617 

! 1570 435 1 1585 049 

4 289 387 4 327 701 
3 296 219 ! 3 321479 

5 961 438 1 5 931 198 


1730 251 
195 495 
1 925 746 
6 268 251 
1 589 773 

4 387 404 
3 341 606 

5 920 519 



Im Anschluß hieran geben wir eine Zusammenstellung der 
Erträge füi den Hektar bebauter Fläche (in Tonnen): 

Tab. 5. Die Erträge für den Hektar bebauter Fläche (m Tonnen). 





1910 


1911 1 


1912 


ji 1910 


1911 


1912 


Winterweizen . 


1.98 


2.08 


2.26 


Sommergerste 


1.85 


1.99 


2.19 


Sommerweizen . 


2.08 


1.91 


2.31 


Hafer 


1.84 


1.78 


1.94 


Winterroggen . 


1.71 


1.78 


1.86 


Kartoffeln . . . 


13.19 


10.35 


15.03 


Sommerroggen . 


1.19 


1.16 


1.26 


Wiesenheu . . 


4.67 


3.37 


4.67 



Die Erträge pro Hektar bebauter Fläche weisen überall 
Steigerungen auf, namentlich bei den Sommergetreidearten!, die 
im Jahre 1911 unter der trockenen Witterung sehr gelitten 
hatten; ganz besonders gilt das aber für Kartoffeln und 
Wiesenheu. 

Die Saatenstandsnotierungen sind in folgender Tabelle ent- 
halten : 



^>r«ti€rungen. 






























Sommer -Roggen 


Sommer- Gerste 


Hafer 


Kartoffeln 


April 


Mai 1 Juni 


Juli i Aug. 


April 


Mai IJuni 


Juli 


Aug. 


April 


Mai 1 Juni 


Juli JAug. 


Mai 


Juni j JuU 


Aüg. 


Sept. 


1910 — 

1911 — 

1912 — 


2.7 2.9 
2.5 2.5 
— 2.4 


2.9 
2.7 
2.3 


3.0 
2.7 
2.4 


— 


2.5 2.7 
2.4 2.4 
- 2.2 


2.7 
2.5 
2.1 


2.9 
2.5 
2.2 


— 


2.6 
2.6 


2.7 
2.6 
2.4 


2.7 2.8 
2.9 2.9 
2.5 2.7 


2.8 


2.6 2.5 

2.6 2.5 

2.7 2.6 


2.7 
3.0 

2.8 


3.0 
3.5 
2.6 



lieber die Ein- und Ausfuhr von Getreide in den letzten 
drei Kalenderjahren geben die folgenden Tabellen Aufschluß: 



Ein- u. Ausful'.r 



Tab. 7. Einfuhr in das deutsche 

Zollgebiet (in Tonnen). 



1910 



Weizen 
Roggen 
Gerste 
Hafer . 
Mais . 



2 343 742 
389 508 

3 000 624 
457 721 
573 126 



1911 



2 485 579 
613 905 

3 636 172 
628 308 
743 421 



1912 



2 297152 
315 724 

2 969 415 
665 935 

1 142 459 



Tab. 8. Ausfuhr aus dem deutschen 

Zollgebiet (in Tonnen). 





1 1910 


1911 1 1912 


Weizen. . 


281 307 


315 367! 306 489 


Roggen. . 


825 169 


771 330 


790 008 


Gerste . . 


2 055 


1830 


1156 


Hafer . . . 


436 795 


296 700 


383 774 


Mais . . . 


41 


42 


53 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



Weizen. 



Krstes Quartal. 



Weizen^). 

Schon im Anfange des Berichtsjahres war die Geschäfts- 
lage auf dem Weizenmarkt sehr fest. Der Berliner :Markt er- 
öffnete den Januar zu Preisen für 



loco inländ. 

von 205—207 



Mailieferimg 
216 



Julilieferung 
218 M. 



Die Lage war besonders durch die Knappheit neuer Zufuhr ge- 
kennzeichnet, die sich in den steigenden Preisen für Loco auch 
hier fühlbar machte, während für Lieferung die Aufwärts- 
bewegung der Preise zunächst nur ziemlich mäßig war. Denn 
wir hatten am Platze Anfang Januar einen Bestand von über 
12 000 t Weizen, der auf Mailieferung reportiert war, und dieser 
Vorrat sowie der Mangel neuer Anregungen hielt vorläufig die 
Unternehmungslust in mäßigen Grenzen. Imimerhin zogen im 
Laufe des Januar die Weizenpreise für Loco ca. 7 Mk., für 
Lieferung 3 — 4 Mk. an, und wir finden zunächst die höchsten. 
Preise für 



loco 
am 20.* Januar mit 213*/2 



Mai 

22OV4 



Juli 

221 M. 



Einige Anregung hierzu hatte der scharfe Frost im Januar 
gegeben, der sich dann im Pebruar auf einige Zeit wiederholte. 
Dieser fand aber die Saaten meist unter Schneedecke, und wenn 
auch in einigen Gebieten des nördlichen Deutschlands diese zuerst 
vollständig fehlte, und dadurch, wie sich später herausstellte^ 
große Umpflügungen besonders in Mecklenburg und manchen 
anderen Distrikten notwendig wurden, so schätzte man doch im 
ganzen die Nachteile für die Gesamternte nicht hoch ein. Die 
Anschauungen über die Saaten waren allermeist recht günstig- 
geblieben, dagegen hatte im Februar die scharfe Kälte dem Handel 
zeitweise enorme Schwierigkeiten gebracht. Denn die ganze Ost- 
seeküste war durch Eis blockiert, der Sund wie der Belt für die 
Schiffahrt gesperrt, und in Hamburg hatte man gleichfalls ernste 
Hindernisse überwinden müssen. Aber diese Unannehmlichkeiten 
waren nur vorübergehend. Wie die Kälte gekommen und zeit- 
weise die Festigkeit im Getreidehandel erhöht hatte, so machte 
sie bald wieder Tauwetter Platz, das die Kauflust vorsichtiger 
werden ließ und auf die Preislage nicht ohne Abschwächung blieb. 

Die Berliner Lieferungspreise standen zu den Cifnotierungen 
des Auslandes außer Parität. Dadurch hielten sich die An- 
schaffungen unserer Einfuhrhändler in verhältnismäßig engen 
Grenzen, und als England im Laufe des Februars australischen 
und Walla-W^eizen suchte, gaben auch hiesige Firmen früher ge- 



1) Nach dem Bericht des Vereins Berliner Getreide- und Pro- 
duktenhiindler (ebenso für Roggen, Gerste, Hafer, Mais und den 
Mehl- und Kleiehandel). 



1. Getreide. 7 

kaufte Ladungen weißen Weizens hin. Das fortdauernd schwierige 
Mehlgeschäft machte sich im Lieferungshandel während des 
^•anzen Fehruar in großer Unternehmungsunlust für die Sichten 
des alten Ernte Jahres geltend, und wie dadurch, zum Teil unter- 
stützt durch matt-ere Auslandsberichte, die Preislage sich etwas 
drückte, so veranlaß ten die guten Anschauungen über den Saat^n- 
stand in der zweiten Hälfte des Februar die Provinzkundschaft 
zu lebhaften Verkäufen für Herbstlieferung. Am 16. Febr. war 
Septemberlieferung mit 206 Mk. zuerst zum Umsatz gekommen. 
Sofort mehrte sich aber das Angebot so erheblich, daß schon 
wenige Tage darauf der Preis auf 200V4 Mk. gefallen war. Zu- 
gleich mit diesem Rückgange war auch für nahe Lieferung die 
Haltung sehr schwach geworden, und so zeigte sich folgende Preis- 
bewegung 

loco Mai Juli Sept. 

am 1. Februar . . . 211—212 217,25 217,75 — 

„7. „ ... 213—213,50 220,25 221 — 

„ 1. März . . . 208—209 213,25 214,25 200,50 

Aber dieser Rückgang, zu dem auch die außerordent- 
liche Schwierigkeit des Mehlgeschäfts beigetragen hatte, war 
nur vorübergehender Natur. Die Exportnachfrage nach 
unserem Inlandsweizen machte sich im März und April 
mehr und mehr fühlbar. Hatten sie seither Besonders die 
Mühlen Sachsens, Posens, Pommerns und Preußens zu fühlen 
bekommen, so kam nun die Reihe an Schlesien. Dort hatten die 
Mühlen vorher in der großen Ernte ihrer Provinz ein reiches 
und vergleichsweise billiges Material gehabt, das ihnen eine er- 
folgreiche Konkurrenz gegen die übrige inländische, besonders 
aber die Berliner Müllerei gestattet hatte. Nachdem nunmehr 
der Export aber in den näher der Küste gelegenen Provinzen 
ziemlich aufgeräumt hatte, streckte er seine Einkaufsarme immer 
tiefer nach Schlesien hinein, und auch die dortigen Mühlen konnten 
fortan nur in Konkurrenz mit den Geboten der Exporteure ihr 
Rohmaterial erwerben. Italien, Belgien, Frankreich, Spanien, Eng- 
land und andere Gegenden drängten sich nach unserem vorzüg- 
lichen vorjährigen Weizen, auch der Rhein kaufte, denn neben 
der Beliebtheit des deutschen 1911er Weizens handelte es sich 
bei der Knappheit greifbarer Ware überall um die Erwerbung 
des möglichst schnell erreichbaren Materials, und das war im 
allgemeinen der deutsche Weizen. Bisher hatte sich das Berliner 
Lager in seinem Umfange wenig verändert. Es betrug an Weizen 
am 1. Jan. 13 233 t, am 1. Febr. 10 990 t, am 1. März 10 220 t, 
am 1. April 13 781 t und war durch darauf erfolgte Maiabgaben 
festgelegt und hielt sich verhältnismäßig lange, weil die Rück- 
deckung der Maiabgaben zu Preisen hätte geschehen müssen, 
gegen die sich der direkte Einkauf in der Provinz immer noch 
billiger stellte. Nach und nach änderte sich aber die Lage. 



Quartal. 



8 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Die Forderungen des Inlandes für den schon knapper werdendea 
.Weizen hatten sich erheblich gesteigert, die Gebote des Aus- 
lande;j bzw. der Exporteure waren mitgegangen, und immer mehr 
näherten sich auch die Berliner Preise der Exportparität. 
Zweites Damit war der Abfluß des hiesigen Bestandes zum Export 

besiegelt. Obwohl 4ie Zufuhren im Laufe des April ziemlich 
bedeutend waren und den laufenden Bedarf überstiegen, ver- 
minderte sich infolge der ansehnlichen Verladungen nach Ham- 
burg doch der Berliner Vorrat merklich, so daß am 1. Mai nur 
noch 6793 t hier vorhanden waren. Die Lieferungspreise, die 
sdhon im März den im Februar erlittenen Verlust wieder ein- 
geholt hatten, zogen bis Ende April weiter in scharfem Tempo 
an. Nicht nur ging unser eigenes Material fort, sondern es trat 
auch die Notwendigkeit verstärkten Imports ein, und die Preise 
mußten sich der Weltmarktsparität anbequemen. Die Auslands- 
forderungen waren aber iauch im Laufe der ersten Monate ge- 
stiegen. Der Laplata- Weizen hatte bei Beginn des Jahres 163 Mk. 
frei Hafen gekostet, er stellte sich Ende April auf 174 — 175 Mk., 
während Manitoba- Weizen Nr. 4 etwa 1 Mk. weniger kostete. 
Dieser Preis bedeutete verzollt frei Berlin ca. 235 Mk., und das 
ungefähr war auch das Niveau, das die Preise des Berliner Liefe- 
rungsmarktes allmählich erreichten. Sie stellten sich am 





loco 


Mai 


Juli 


Sept. 


1. April auf . 


. 215—217 


221,25 


221,75 


206,00 


29. „ „ . 


. 233 


236,25 


234,00 


212,00 



Diese scharfe Haussebewegung hing zum Teil auch mit den 
A'orgängen am Weltmarkt zusammen. Aus Amerika waren im 
April die überraschend großen Umpflügungszahlen, die besonders 
die Aussaat des roten Winterweizens betrafen, gemeldet worden. 
Um Mitte April war die Dardanellensperre erfolgt, wodurch die 
ohnehin schwache Exportleistung des südöstlichen Europa lahm- 
gelegt und der Preis des Futtergetreides, besonders der Gerste, 
auf eine abnorme Höhe getrieben wurde. Stieg doch der Preis 
schwimmender Kussengerste auf über 180 Mk. unverzollt. 

Auch eine scharfe Hausse der Getreidefrachten machte 
der Handelswelt zu schaffen. Ein allgemeiner Mangel an 
Schiffsraum, die Schwierigkeit auf nahe Verladung Frachten 
zu erhalten, wirkten um jene Zeit besonders scharf auf 
die Verhältnisse ein, und diese Frachtenkalamität war auch 
für das ganze weitere Jahr eüi Uebel, ujiter dem der 
Handel dauernd zu leiden hatte. Ein nicht minder fühl- 
barer Umstand war die Enttäuschung, die die argentinische q 
Qualitäten gebracht hatten. Erst verzögerte sich die Ab- 
ladung, die sonst schon Mitte oder Ende Januar in großem 
Stile zu beginnen pflegt, bis Ende März und in wirklich großem 
Umfange sogar bis Mitte April, dann aber stellte sich die durch 



1. Getreide. 9 

das schlechte Erntewetter veranlaßte sehr geringe Qualität in 
einem so umfassenden Maße heraus, daß ein sehr großer Teil 
der früheren Laplata-Kontrakte zurückgehandelt wurde. Alles 
dies und noch manches andere hatte im Verein mit der Knapp- 
heit der greifbaren Ware am Weltmarkt zu der Haussebewegung 
des Frühjahrs beigetragen und auch unseren Markt um so mehr 
in seinen Bannkreis gezogen, als wir mehr und mehr daran 
denken mußten, für den ins Ausland gegangenen deutschen 
AVeizen fremde Ware in stärkerem Maße als bisher ins Land 
zu ziehen. AVie schon gezeigt, war mit jener ansehnlichen Preis- 
steigeru^ig die Parität erreicht, und die Abschlüsse, besonders 
in Laplata-Weizen zu Ende April, wuchsen zu ansehnlichem 
Umfange an. Eür den Rest des alten Ernte Jahres war mit der 
Aufrechterhaltung der ungefähren Bezugsparität nunmehr un- 
gefähr die Preislage vorgezeichnet. Im Mai schwankten die Preise 
des laufenden Monats zwischen 2253/4 und 233V4 M. Die Preise 
blieben ungefähr im E/cndement zu den Laplata- und den billigeren 
kanadischen Sorten. Aber beide waren nicht für den hiesigen 
Markt an sich andienungsfähig, und deutscher Weizen war 
knapp und sehr teuer. So wickelten sich denn die Mai- Verbind- 
lichkeiten zum großen Teil durch Eückdeckungen ab. — Vom 
Auslande war während des Mai keine sonderlich befestigende 
Anregung erfolgt. Die Dardanellensperre, die speziell für den 
Weizenhandel ohnehin nicht von ernsterer Bedeutung gewesen 
war, wurde um Mitte Mai wieder aufgehoben und damit konnten 
die russischen Mai-Kontrakte erfüllt werden. Prankreich hatte 
bei sehr hohen Preisen eine ganze Anzahl weißer Ladungen er- 
worben, und mehr und mehr wurden solche knapp, während in- 
zwischen durch die wachsenden Ankünfte an Europas Küsten 
der früher so rar gewesene Kleberweizen in ziemlicher Fülle 
zur Verfügung stand. Die den Militärbehörden in Frankreich 
erteilte Erlaubnis, ausländisches Getreide zu kaufen, veranlaßte 
ansehnliche Bezüge fremden, auch deutschen Weizens mit Zoll- 
freiheit. 

Inzwischen hatten sich die Ernteaussichten ziemlich all- Drittes Quartal, 
gemein in der Welt günstig gestaltet. Besonders vorteilhaft 
lauteten die Nachrichten aus Amerika, wo naeh der teil weisen 
Auswinterung des roten Winterweizens sich der Kansas- 
Weizen, die andere Hauptsorte der Herbstaussaat, um so besser 
entwickelt hatte. Nicht minder vorzüglich ging das Wachstum 
des Sommerweizens drüben vor sich, so daß man im Mai und 
Juni in Nordamerika äußerst optimistisch war, und w^ie sich 
demnächst zeigte, mit vollem Recht. Auch von Kanada waren 
bis dahin überwiegend befriedigende Berichte eingelaufen. Nicht 
minder gut waren die Nachrichten über die Saaten aus ganz 
Europa. Waren auch infolge eines ziemlieh kühlen Frühjahrs 
die Saaten im allgemeinen rückständig, so waren sie doch um 



10 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

so kräftiger, und wie bei mis, so erwartete man aucli im größeren 
Teile AVesteuropas, besonders aber auch in Rußland, gute Er- 
gebnisse Es konnte angesichts dessen nicht überraschen, daß für 
Herbstlieferung das Inland im Berliner Zeitgeschäft immer wieder 
mit Verkäufen herauskam, die dafür sorgten, daß der Preis der 
späteren Sicht sich der Steigerung der nahen Monate stets nur 
vorübergehend anschloß, weshalb die Deports immer größer 
wurden. Das Zurückbleiben des Herbstpreises war aber mit 
Anlaß, daß sich schon im Laufe des Juni ein sehr bedeutendes 
Exportgeschäft auf Abladung aus neuer deutscher Ernte ent- 
wickelte. Hauptsächlich erfolgten die Abschlüsse mit Italien, 
dessen Ernte sich' als wenig vorteilhaft herausstellte, nachdem 
schon vorher Spaniens Ernte empfindlich enttäuscht und die Er- 
gebnisse in den französischen nordafrikanischen Kolonien, Algier 
und Tunis, teilweise einen ernsten Fehlertrag geliefert hatten. 
Diese Mißerfolge der Länder des Mittelländischen ^leeres waren 
ein Faktor, der sich weiterhin im Ernte jähre noch recht empfind- 
lich fühlbar machen sollte, denn er zog fortan einen nicht unerheb- 
lichen Teil der Abladungen der Exportgebiete an sich, und war 
die Ursache, daß trotz verhältnismäßig ansehnlicher AYeltver- 
schiffungen in der neuen Saison der Weltmarkt fort und fort 
mit ziemlich knappen, sofort greifbaren Weizenmengen zu tun 
bekam. 

Inzwischen räumten sich die Best-ände der alten Ernten 
überall schnell. Ziemlich kräftig entwickelte sich die Eäumung 
der Bestände in Amerika, aber auch in Europa, und wie der 
Berliner Markt dadurch immer höhere Aufgelder für Lieferung 
in alter Ernte erzielte, so zeigte das Bestehen hoher Deports 
ebenso, an Englands und Frankreichs Getreidebörsen, daß der 
Kontrast geringer alter Eeserven und guter Ernteaussichten 
fast überall derselbe war. Hier hatten sich' im Juni die Preis- 
schwankungen ungefähr auf dem vorhergegangenen Niveau be- 
hauptet, und auch im Juli waren darin nur insofern noch' 
einige Aenderungen eingetreten, als durch die sich imlner fühl- 
barer machende Knappheit des alten Weizens der laufende Monat 
weiter anzog, während die Herbstpreise stehen blieben. An 
einer Erhöhung der Herbstpreise hinderte die mit dem Beginn 
des Juli eintretende heiße und schöne Witterung. Vorher war 
infolge des ziemlich kalten Frühjahrs, wie schon oben erwähnt, 
die Entwicklung der Saaten etwas rückständig geblieben, 
während nunmehr die heiße Juliwitterung einen Teil der Ver- 
säumnis nachzuholen gestattete. Dadurch wurde das Inland zu 
immer neuen Herbstverkäufen veranlaßt, die aber bei den Ex- 
porteuren zur Deckung gegen deren fort und fort gemachten 
Abschlüsse nach Italien gute Aufnahme fanden. 

Greifbarer inländischer Weizen war inzwischen im Juli 
so knapp und teuer geworden, daß er die hohen Preise für 



1. Getreide. 11 

Julilieferung noch merklich überstieg und während des größeren 
Teiles des Juli überhaupt nicht mehr im regelmäßigen Geschäft 
war. Seine Loco-Notiz fiel daher schon mit Beginn der zweiten 
Jidiwoche aus. Für die Abwicklung der Juliverbindlichkeiten 
kamen ausländische AVeizensorten in Betracht, in welchen sich 
schon vorher ein ziemlich ansehnliches Importgeschäft entwickelt 
hatte. Das Inland war zum vermehrten Verbrauch der Aus- 
landsware gezwungen, und es waren in der Hauptsache argen- 
tinische imd kanadische Weizensorten, die den Zuschuß zur 
Ueberwindung der Knappheit während des Bestes der Saison 
unserm Lande lieferten. Von ihnen hatte man für die hiesige 
Andienung Manitoba- Weizen in Aussicht genommen, dessen erste 
Begutachtung ihn aber nicht als kontraktlich erwies, so daß 
demnächst mit Inlandsweizen gemischte fremde Qualitäten das 
Material für die JuliabA\T.cklung'' boten. Der Juli wickelte sieh 
sowohl in Berlia, wie auch an anderen europäischen Börsen unter 
schwierigen Verhältnissen ab. Die Preise waren: 







Loco 


Mai 


Juli 


Sept. 


Okt. 


Dezl>r. 


am 1. 


Mai . . 


. . 232—233 


234,00 


231,75 


310,50 


210,50 


— 


„ 31. 


Mai . . 


. . — 


231,50 


225,75 


205,25 


204,75 


205,00 


„ 21. 


Juni . 


. . 233—234 


— 


232,75 


208.25 


208,25 


208,50 


„ 12. 


Juli . . 


. . — 


208,50 


226,50 


203,25 


203,25 


203,00 


„ 31. 


Juli . . 


. . — 


211,75 


240,00 


207.25 


207,25 


207,75 



Zui- Verschärfung des Preisunterschiedes zwischen alter und 
neuer Ernte hatten inzwischen auch die scharfen Rückgänge 
der amerikanischen Notierungen für. AVeizen beigetragen. Diese 
Ermäßigung der für Europa unrentabel gewesenen amerika- 
nischen Notierungen hatte schon mit dem Beginn des Mai ein- 
gesetzt, als sich die Aussichten nicht nur für den Kansasweizen, 
sondern auch für den Sommerweizen günstig anzulassen schienen. 
Von AVoche zu Woche stiegen im Mai und Juni drüben die 
Hoffnungen auf ein gutes Export jähr, und damit suchte man 
die Preislage mehr und mehr den europäischen Verhältnisseh 
anzupassen, so daß bis zum Beginn des Juli die amerikanischen 
Notierungen ca. 30 Mk. pro Tonne nachgelassen hatten. Damit 
wurde nunmehr Nordamerika starker Exportverkäufer und be- 
gann seine das ganze Jahr andauernde Rolle als Hauptversorger 
Europas. 

Mit dem Beginn des August wurde bei uns die während des 
Juli so schön gewesene Witterung sehr unbeständig und blieb 
es auch während des ganzen August und September, so daß der 
ohnehin in seiner Entwicklung rückständig gewesene Weizen 
unter schlechten Bedingungen reifte und unter noch schlechteren 
geerntet wurde; denn da es in diesen Monaten, und selbst noch' 
bis tief in den Oktober hinein, fast Tag für Tag zu Nieder- 
schlägen kam, so verdarb der Weizen auf dem Felde in einem 
so allgemeinen und vielfach in so hohem Grade, daß wirklich 
gute Qualitäten in der neuen Ernte ziemlich spärlich waren, das 



12 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Gros des Materials minderwertige Beschaffenheit aufwies und 
ein nicht ganz unerheblicher Teil überhaupt nicht zu Mühlen- 
zwecken sich verwenden ließ und als Viehfutter Unterkommen 
suchen mußte. Unter diesen Verhältnissen kamen naturgemäß 
die vorher so lebhaften Vorverkäufe neuen deutschen Weizens 
nach dem Auslande sehr schnell zum Stillstand, und es handelte 
sich nunmehr hauptsächlich darum, die früheren großen Ab- 
schlüsse mit möglichst geringem Verlust zurückzuregulieren. 
Zum Teil waren die Kontrakte mit der Klausel erfolgt, daß der 
Verkäufer nach seinem Belieben auch Donauweizen liefern 
könnte, und vielfach wurde hiervon Gebrauch gemacht. Ein 
sehr großer Teil der Kontrakte kam zur Eückregulierung, ein 
anderer wurde aus dem besseren Material der neuen Ernte aus- 
geführt. Im weiteren Verlaufe der Saison fand sich dann auch 
etwas mehr Ware, die mäßigen Ansprüchen genügte, so daß 
von einer wirklichen Stockung des Exports auch in der neuen 
Saison trotz der erschXverten Bedingungen schließlich keine 
Rede war. 

Eecht schwierig vollzog sich der Uebergang von der alten 
zur neuen Ernte. Allerdings trat für den Konsum ein eigentlicher 
Mangel nicht ein, weil sich während der alten Saison große 
Mehlvorräte angesammelt hatten, die eine Folge der ungewöhnlich 
großen schon vorerwähnten Mehlergiebigkeit des Weizens von 
1911 gewesen waren. Da diese Vorräte die Mehlpreise auf einem 
Niveau hielten, das der Teuerung des um die Jahresmitte er- 
schöpften Inlandsweizens nicht entsprach und auch Nutzen für 
die Verarbeitung ausländischen Weizens nicht ließ, so zogen, 
einzeln schon im Juni, in vermehrter Anzahl im Juli und August, 
deutsche Mühlen es vor, ihren Betrieb einzuschränken oder gar 
vollständig stillzulegen. Dadurch lichteten sich die Riesen- 
bestände an Mehl, aber die Mühlen konnten erst verhältnismäßig 
spät das neue Getreide erhalten. Die micht unbedeutende 
Einfuhr, die sich im Laufe des zweiten halben Jahres nach 
Deutschland ganz besonders in amerikanischen Winter- und Früh- 
jahrsweizensorten entwickelte, ging in der Hauptsache nach dem 
Westen, w^o man sich durch starke Abschltlsse zeitweise etwas 
überkauft hatte und wo die Bestände in Auslandsware während 
des letzten Teils des Jahres wiederholt zu einer recht drückenden 
Last anwuchsen. 

Eine auffallende Erscheinung während des neuen Erntejahres 
war die Tatsache, daß man über die wirkliche Situation des 
Weizenweltmarktes nie recht klar wurde. Man war wohl über- 
zeugt, daß die Ernten quantitativ ungewöhnlich groß waren. Aber 
Tatsache war, daß außer in Amerika^ wo die Eiesenlieferungen 
der Landwirte und ein kolossaler Export die Anschauungen über 
die großen Ernten voll bestätigten, sich sonst nirgend ein gleiches 
entsprechendes Verhältnis zwischen Zufuhr und Erntezahl fand. 



1. Getreide. 13 

In allen Konsumländem Europas blieben die Zufuhren bis viertes Quai ini. 
zum Jahresschlüsse schwach, am krassesi;en aber war das Miß- 
verhältnis zwischen vermeintlicher Ernte und der Versorgung 
der Märkte in Rußland. Das Fernbleiben Rußlands als Verkäufer 
am! "Weltmarkt hat den Einfluß der großen Welterntezahlen, zu 
denen demnächst auch die neuen argentinischen und australischen 
Ernten beitrugen, bei der Preisbildung paralysiert. Gleichzeitig 
hat aber auch die Unsicherheit, die sich aus den russischen Ver- 
hältnissen für die Beurteilung der Situation ergab, die Unter- 
nehmungslust allgemein in einem Maße zurückgehalten, daß 
darunter ebenso das hiesige Lieferungsgeschäft wie der Verkehr 
an allen Weltbörsen in den letzten Monaten empfindlich litten. 
Auch die Preisschwankungen waren verhältnismäßig schwach und 
von einer wenig ausgeprägten Tendenz. Dabei war aber die schon 
das alte Ernte jähr beherrschende Knappheit greifbarer bzw. naher 
Ware auch das Kennzeichen des bisherigen Verlaufs der neuen 
Saison geblieben, und das sprach sich ziemlich regelmäßig bei dem 
Ablauf der einzelnen Lieferungsfristen aus, die sich nicht immer 
ohne Schwierigkeiten lösten, zumal unter der neuen Inlandsware 
das kontraktliche Material keineswegs reichlich vertreten war. 

Eine der spärlichen Anregungen während der letzten Monate 
des Jahres ging noch Anfang Oktober von dem Ausbruch des 
Balkankrieges aus und die damit ausgelöste Beunruhigung trat 
im weiteren Verlaufe durch die Befürchtung einer Verwicklung 
der Großmächte in die Wirren noch des öfteren zutage und trug 
zu der Unsicherheit der geschäftlichen Beurteilung und zu der 
Unlust zu neuen Unternehmungen viel bei. Die mäßigen Preis- 
schwankungen wiederholten sich vom August ab von Monat zu 
Monat. Ein ernsterer Preisdruck trat vorübergehend nur im 
jSTovember infolge des schlechten Warengeschäfts und zeitweise 
größerer Zufuhr ein, doch hielt der Druck nur kurze Zeit an, 
und die Preise hatten ihre Widerstandskraft bald zurückgewonnen. 
Die Preise waren: 



am 


Loco 


Sept. 


Okt. 


Dez. 


Mai 


1. Aug. 


— 


207.75 


208.— 


208.— 


212.— 


3. Sept. 


200—206 


210.- 


210.— 


210.— 


214.25 


30. „ 


. — . 


221.— 


210.75 


208.50 


211.75 


31. Okt. 


200-206 


— 


209.75 


208.25 


212.25 


23. Nov. 


196—199 


— 


— 


203.75 


208.50 


1. Dez. 


195—198 


— 


— 


204.25 


209.25 


30. „ 





— 


— 


210.50 


209.— 


31. „ 


— 


— 


— 


205.50 


208.50 



Der schließliche Rückschlag am Ultimo Dezember war rein 
lokal, der dadurch erfolgt war, daß für ein vermeintlich noch 
bestehendes Deckungsbedürfnis, das tatsächlich nicht vorhanden 
war, am Ultimo noch Andienungsware fertig gemacht und hier- 
auf Dezemberlieferung ausgeboten wurde. Der Mangel an Reflek- 
tanten ließ den Preisdruck eintreten, der für die Geschäftslage 



14 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



keine Bedeutung hatte. Die höchsten imd niedrigsten Preise der 
verschiedenen Lieferungssichten waren in den einzelnen Monaten 
für (Weizen: 



Ta»>. 9. 



Berlins Lieferungspreise für Weizen in M. pro t. 



Monat I Mtiilieferung 



Julilieferung 



September- 
liefei-ung 



Okto})er- 
lieferung 



Dezember- 
lieferung 



Jan. . 
Febr. . 
März . 
April . 
Mai . 
Juni . 
Juli . 
August 
Sept. . 
Okt. . 
2sov. . 
Dez. . 



,216.— 
213.25- 
: 213.50- 
221.25- 

225.75- 



211.— 
210.75- 
212.50- 
208.25- 
206.75- 



220.25 
220.25 
221.— 
236.25 
233.75 



215.50 
214.75 
220.50 
213.25 
211.— 



207.75-221.— 
214.50-221.— 
214.75-221.75 
221.75-234.— 
223.25-231.— 
224.50-232.75 
224.25-240.— 



200.25- 
200.50- 
206.25- 
204.— 
204.— 
203.25- 
206.— 
209.25- 



206 — 
206.75 
211.75 
210.50 
208.25 
208.— 
214.— 
218.50 



206.25-211. 
203.75-210. 
204.— 208. 
203.25-208. 
206.50-213. 
208.— 214. 
202.25-215. 



75! 

75! 204.25- 
25i 204.50- 
— ! 203.— 
50' 206.50- 
25 208.— 
50i 208.25- 
: 203.75- 
i 203.25- 



205.— 
208.50 
208.— 
212.75 
212.— 
216.25 
208.50 
210.75 



Deutschlands Einfuhr tuid Ausfuhr an Weizen und Weizen- 
mehl (letzteres umgerechnet zu Weizen) betrug während des 
zwölfmonatigen Erntejahres vom 1. Aug. bis 31. Juli in Doppel- 
zentnern; 

1909/10 1910/11 1911/12 

Einfuhr von Weizen 26 734 449 27 320 611 23 665 507 

„ Weizenmeh l. . . . 222 496 262 496 246172 

zusammen 26 956 945 27 583 107 23 911679 

Ausfuhr von Weizen 3 599 283 5 413 404 5 654 299 

„ Weizenmehl .... 2244548 2 623 090 2091520 

zusammen 5 843 831 8 036 494 7 745 819 

Isetto-Einfuhr 21113114 19 546 613 16 165 860 



Deutschlands Einfuhr und Ausfuhr an Weizen und Weizen- 
mehl (letzteres umgerechnet zu Weizen) betrug vom 1. Aug. bis 
31. Dez., also in der neuen Saison, in Doppelzentnern: 



1910 1911 1912 

Einfuhr von Weizen 11904 091 11586 626 12 713 331 

„ Weizenmeh l. . . . 115 590 116 958 126 333 

zusammen 12 019 681 

Ausfuhr von Weizen 2 900 351 

„ Weizenme hl . . . 1339 518 

zusammen 4 239 869 3 480 952 2 891 735 

Netto-Einfuhr 7 779 812 8 222 632 9 947 929 



11703 584 

2 530 643 
950 309 



12 839 664 

1 746 439 
1 145 296 



In den letzten drei Kalenderjahren betrug die deutsche Ein- 
und Ausfuhr in Weizen (in dz): 





Einfuhr 






Ausfuhr 




1910 


1911 


1912 


1910 


1911 


1912 


23 437 423 


24 883 333 


22 971524 


2 813 071 


3 099 991 


3 064 891 



1. Getreide. 15 

Roggen. Roggeft. 

Für den Preis des Roggens war bei Beginn des Jahres die Erstes Quartal. 
Teuerung- aller Futterartikel maßgebend; denn der Landwirt hatte 
für Gerste und Mais frei Haus mehr zu bezahlen, als er für seinen 
Roggen ab Hof erhielt, und für das Ausland stellte sich infolge 
der EinfuhrscheinvergTitung der deutsche Roggen nicht teurer 
als der Bezug des Futtergetreides. Die Fol,ge davon war, daß 
sowohl in den heimischen Wirtschaften als im Auslande größere 
Mengen unseres deutschen Roggens v^erfüttert wurden. Die pracht- 
vollen Qualitäten des vorjährigen Roggens hatten sich auch bei der 
ausländischen Müllerei viele Freunde erworben, und so spielte die 
Ausfuhr im Geschäft eine Hauptrolle. Das Jahr eröffnete mit 
einem Preise für Mailieferung von 196 V2 Mk., während inländische 
Locoware mit 184 — 185 Mk. zu haben war. Die Zufuhr war aber 
zunächst nur spärlich, und so befestigte sich der Markt im Januar 
noch weiter, so daß die Locoware bis auf 193 Mk., Mailieferung 
auf 199 Mk. stieg, womit das anfängliche starke Aufgeld der 
Früh Jahrssicht gegen Locoware beträchtlich zusammengegangen 
war. Julilieferung hatte am 3. Jan. mit 200 Mk. bei einem Report 
von ca. 2 ;Mk. eingesetzt, der aber schnell verloren ging und einem 
Deport Platz machte, da das Inland vielfach Julilieferung lan- 
gesichis der befriedigenden Anschauungien über die Saaten ver- 
kaufen ließ. "War es doch jedenfalls nicht ganz ausgeschlossen, 
daß für den Schluß des Juli Roggen aus der neuen Ernte mit- 
sprach. Daß angesichts dessen ein so enormer Preis damals Ver- 
kä,ufer in den Markt führte, war um so weniger überrasche?nd, 
als im Februar, nachdem die zeitweise recht kalte Witterung 
milder Temperatur Platz gemacht hatte, die kaufmännische und 
landwirtschaftliche Provinzkundschaft Septemberlieferung zirka 
17 Mk. unter Maipreis und 15 Mk. unter Julipreis in größeren 
Mengen verkaufen ließ. Dies blieb auch nicht ganz ohne Einfluß 
auf den Wert vorderer Sichten, für die demnächst die Preis- 
bewegung einige Zeit hindurch abwärts ging. Hierzu hatte auch 
der Umstand beigetragen, daß der Export bei den höheren Preisen 
weniger jieue Abschlüsse machte und daß die Küste im Laufe 
der Zeit sehr große Ankäufe in Ladungen gemacht hatte, deren 
Ankunft bei der sich aiähernden Schiff ahrtseröffnung zu erwarten 
war. Daher zeigte sich für die Häfen weniger Nachfrage im 
Lande und die Offerten der in großen Mengen fertig gemachten 
Winterladüngen wandten sich in starkem Maße nach Berlin. 
Die im März heranschwimme^den Ladungen wurden auch nicht, 
wie man erwartet hatte, größtenteils nach der Küste abgelenkt. 
Viel mehr als vorausgesehen, kam davon nach Berlin, und das 
hiesige Roggenlager, das bei Beginn des Jahres 13 233 t aus- 
sichließlich der Mühlenläger betragen hatte und bis zum 1. März 
auf 10220 t zurückgegangen war, schwoll bis zum 1. April auf 



16 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

22 508 t an. Im Zeitgeschäft war die Folge hiervon, daß für 
Mailieferung stärkere Abgaben und Begleichungen erfolgten, wo- 
durch aus dem. Deport wieder ein Reportverhältnis wurde. Die 



Preise waren: 












Loco 


Mai 


Juli 


Sept. 


am 3. Januar 


185—186 


197.75 


200.— 


— 


„ 7. Februar . 


192—193 


199.25 


197.— 


181.75 


„ 1. März . . 


186 


190.75 


189.50 


174.50 


„ 1. April . . 


187—188 


193.75 


195.25 


176.75 



Die Ankünfte der großen Roggenmengen drückten hier emp- 
findlich, weil infolge großer Mehlläger, die in Berlin überwintert 
hatten und auch bei Frühjahrsbeginn noch ungewöhnlichen 
Umfang besaßen, schon ein erheblicher Teil des Bodenraums 
belegt war, während für weitere Mehlseüdungen die Empfänger 
sich teilweise Bodenraum bereits gesichert hatten. Die Lagerung 
von Getreide war daher nicht leicht und stellte sich auch ziemlich 
teuer, was naturgemäß die Besitzer der Ankünfte nach Ver- 
äußerung ihrer "Ware auch unter Preiskonzessionen sti'eben ließ. 
Die Folge davon sprach sich zum Teil in den obigen Rück- 
gängen aus, doch waren diese auch veranlaßt durch die be- 
friedigende Ueberwinterung der Roggensaaten, die von den zeit- 
weisen Kahlfrösten des Winters keinen Nachteil davongetragen 
hatten. Inzwischen hatte sich bezüglich der Teuerung des Futter- 
getreides noch nichts geändert, und dadurch, ebenso wie durch 
die sich erneut belebende Ausfuhrnachfrage gingen die Preise 
schon im Laufe des Aprils wieder in die Höhe, so daß der 1. Mai 
einsetzte mit einem Preisstand von 

Loco Mai Juli Sept. Okt. 

198—199 200 201.50 182.50 182 M. 

ZAveites Mit den großen Märzankünften war der Hauptansturm der 

Zufuhren gebroehen. Noch wiederholt wuchsen allerdings die 
Ankünfte zu merklichem Umfange, aber die Aufnahmefähigkeit 
der Küste, teils für die dortigen Mühlen, teils zum Export nach 
den verschiedensten Ländern, war wieder größer geworden, 
während infolge der in Zug gekommenen Feldarbeiten das An- 
gebot vom Lande nun mehr und mehr nachließ. Auch der 
R-oggenverbrauch der Mülleorei wurde ziemlich beträchtlich. 

Die hiesigen Vorräte hatten sich angesichts dieser Verhält- 
nisse bereits im Laufe des April wieder um ca. 6000 t ver- 
mindert, so daß der 1. Mai hier noch 16 455 t antraf. Die t>eils 
hieraus, teils aus neuen Ankünften erfolgenden Maiandienungen 
wurden für Mühlen, zum Export und für russische Rechnung 
aufgenommen, wodurch die Preislage im Mai zwar ihre anfäng- 
lichen hohen Notierungen im Hinblick auf die sehr günstig ge- 
wordenen Emteaussichten nicht behaupten konnte, immerhin aber 
doch eine Stütze gegen ernsteren Rückgang erhielt. Die höchsten 
Preise im Mai und gleichzeitig damit auch im Jahre waren 



1. Getreide. 17 

Loco Mai Juli Sept. Okt. Dez. 

am 6. Mai ... 201—202 20325 203 182 182 — 

Sie fielen 
bis 31. Mai üxit . . 193 194.25 r93 174.50 174.50 174.50 

Von dem Bestände wurden weitere aaisehnliche Mengen im 
Laufe des Mai absorbiert und die Versendungen gingen auch im 
Jimi weiter, so daß sich bis zum 1. Juli der Vorrat bis auf 
6949 t verringert hatt-e. Diese am hiesigen Markt sich kund- 
gebende Aufbrauehung der Vorrät-e und das Knappwerden greif- 
baren Materials war eine Erscheinung, die sich allmählich im 
ganzen Lande zur Geltung brachte, zumal die Ausfuhr fort und 
fort ansehnliche Ansprüche stellte. Gleichzeitig war die Aus- 
sicht auf eine frühe Roggenemte durch die kalte und vielfach 
nasse Witterung während des Frühjahrs bis zum Ende Juni hin 
ziemlich geschwunden, und wenn auch der Juli uunmehr mit 
prachtvoller AVitterung einsetzte und solche während seines ganzen 
^''erlaufes beibehielt, so war doch die Verzögerung nicht ganz 
einzuholen. 

Das starke Aufgeld von über 20 Mk., das Julilieferung gegen Drittes Quartal. 
Hertst erzielte, ebenso aber die den Julipreis noch überragende 
schließlicho Teuerung der greifbaren Ware hatte allmählich das 
Bedarfsgeschäft außerordentlich eingeschränkt. Ueberall im 
Lande hielten die Mühlen während des Juli mit Käufen alten 
Koggens soviel als möglich zurück. Man wartete um so lieber 
auf das neue, so viel billigere Material und schränkte den Be- 
trieb ein, als das Mehlgeschäft durchaus unlohnend war. Die 
Folge hiervon und die durch das schöne Juliwetter hervorgerufene 
Hoffnung einer vielleicht doch noch im Juli erfolgenden Zufuhr 
neuen Getreides veranlaßte zeitweise zu sehr starken Be- 
gleichungen und kräftigen Abwärtsschwankungen der Preise. 
Hierzu hatte auch der Umstand beigetragen, daß man noch 
russischen Roggen hier erwartete. Während des ganzen Jahres 
hatte Rußlands Roggenprodukt bei uns keine Rolle gespielt, weil 
dies Land keine nennenswerten Ueberschüsse hatte und die 
wenigen Angebote sich auf Material bezogen, das an Qualität 
mit dem deutschen Roggen von 1911 keinen Vergleich aushalten 
konnte. Bei der gegen Schluß des Erntejahres sich hier ent- 
wickelnden außerordentlichen Knappheit und Teuerung hatte man 
schließlich aber doch wieder manches an russischem Roggen, der 
schon vorher für Westdeutschland gekauft war, auch für Berlin 
genommen, um ihn, der an sich wohl nicht kontraktlich war, 
mit inländischem gemischt für Julilieferung anzudienen. Gegen 
Schluß des Monats zog man auch schon etwas neuen inländischen 
Roggen heran, doch scheiterten die Versuche, solchen mit 
russischem vermengt als Lieferungsmaterial herzustellen, an 
dein zu starken Feuchtigkeitsgehalt der frischen Inlandsware. 
Die großen Juliverbindlichkeiten waren hier durch die anfäng- 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 2 



18 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

liehen starken Deckungen und Begleichungen nur zum Teil er- 
ledigt. Die Hoffnung auf die Einwirkung der neuen Ernte hatte 
noch bis in den späten Teil des Monats größere Engagements 
erhalten, zu deren Abwicklung dann Andienungen der russischen 
Zufuhren und alten inländischen Materials erfolgten. Der starke 
Preisfunterschied zwischen alter und neuer Ernte blieb bis zum 
letzten Tage des Juli in zeitweise noch erhöhtem Maße bestehen. 
Die Tendenz für Herbstlieferung war im Laufe des Juli im 
allgemeinen schwach. Die Vorberechnungen der preußischen 
Roggenernte ließen ein anormal großes Ergebnis erwarten, und 
auch bezüglich der Qualitäten durfte man auf Grund des günstigen 
Juliwetters das Beste hoffen. Leider brachte dann die traurige 
Begenwitterung des August und September für die Qualitäten 
eine furchtbare Enttäuschung. Nur ein ganz kleiner Teil der 
Roggen ernte wurde noch unter guten Bedingungen unter Dach 
gebracht. Da zum Teil zwischen dem 16. und 20. Juli schon 
mit dem Schnitt bei günstigem Wetter begonnen wurde und 
letzteres bis in die letzten Tage des Juli anhielt, so war es 
eigentlich verwunderlich, daß nicht ein größerer Prozentsatz des 
Roggens in tadelfreier Beschaffenheit geborgen wurde. Die Tat- 
sache erklärt sieh aber daraus, daß der Roggen äußerlich wohl 
reif war, innen aber noch keineswegs den Reifeprozeß vollendet 
hatte und einer weit längeren Zeit als sonst zum vollen Aus- 
trocknen bedurfte. Immerhin war Roggen diejenige Getreideart, 
von der ein Teil noch unter einigermaßen befriedigenden Ver- 
hältnissen eingefahren werden konnte. Aber das Vertrauen, das 
die Landwirte in die Widerstandskraft des Roggens setzten, 
war die Ursache des Verderbens eines großen Teils der Ernte. 
In dem Bestreben, zuerst möglichst die empfindlicheren Getreide- 
arten, besonders die Gerste, den Wettereinflüssen zu entziehen, 
ließ man große Mengen Roggen geschnitten auf dem Felde stehen, 
wo ei' unter der regnerischen Witterung sehr litt. Immerhin 
fehlte es nicht an Material, das unter starker Herabsetzung der 
Ansprüche, die man an den vorjährigen Roggen gestellt hatte, 
sich für den Export eignete, und so ging das Ausfuhrgeschäft 
auch im neuen Ernte jähre flott weiter. Die Ausfuhr war es 
auch diesmal, die den Preisen eine starke Stütze bot und die 
Innehaltung der von vornherein, zuerst im Februar, für neue 
Ernte bezahlten Preise zähe verteidigen half. 

Die niedrigsten Preise im Jahre hatten wir im Juli gehabt, 
nämlich am 

Juli Sept. Okt. Dez. Mai 

16. Juli 180. - 167.— 165.25 165.— 169.50 M. 

Zu diesen hatten nicht nur die glänzenden Aussichten bei 
uns und das damals so wundervolle Wetter beigetragen, sondern 
ebensoviel auch die sehr günstigen Berichte, die aus Rußland 



1. Getreide. 19 

über die dort zu erwartende Eoggenernte vorlagen. Allerdings 
hatten große russische Exporteure selbst damals wenig Voraus- 
verkäufe auf Abladung gemacht. Sie waren durch frühere Er- 
fahrungen gewarnt ; auch hatten sie damit zu rechnen, daß man 
in Rußland, ebenso wie bei uns, mit geräumten Beständen in 
die neue Saison ging. Wie richtig diese Vorsicht war, zeigte sich 
sehr bald. Ganz ähnlich wie bei uns wurde auch in Rußland 
die Ernte durch schlimmes Wetter verzögert und benachteiligt. 
Die Regengüsse waren noch weit stärker als in Deutschland 
und die Qualitäten wurden dort teilweise in noch höherem Grade 
als üi unserem Lande benachteiligt und ruiniert. Große Mengen 
der Ernten blieben bis tief in den Herbst hinein auf dem Felde, 
vieles wurde bis zur Unbrauchbarkeit zerstört und nicht ganz 
unerhebliche Mengen hat man überhaupt nicht erst eingefahren. 
Gegenüber solchen Verhältnissen hatte es für die Praxis wenig 
zu sagen, daß die Ernteschätzungen der russischen Regierung 
^anz enorme Zahlen aufwiesen. Mit einem angeblichen Ertrage 
von 1600 Mill. Pud hatte man auf eine Rekordernte geschätzt, 
also ebenso wie in Deutschland, wo auch das Roggenergebnis 
mit einer Ernteziffer von 11,6 Mill. t alles früher Dagewesene 
weit übertroffen hatte. Aber während in Deutschland die auch 
im neuen Erntejahre Monate hindurch spärlichen Zufuhren doch 
neben der knappen Befriedigung des Mühlenbedarfes noch an- 
sehnliche Mengen Roggen für die Ausfuhr übrig ließen, fehlte 
es in Rußland den Exporteuren um so mehr an Gelegenheit, 
im Inlande Material für Ausfuhrzwecke zu kaufen, als die Preise 
im russischen Inland weit höher waren als paritätisch am 
Weltmarkte für Roggen sich erzielen ließ. 

So blieb denn trotz der vermeintlichen Riesenemte Ruß- 
lands das Verhältnis ganz beim alten. Weder Deutschland noch 
die auswärtigen Bedarfsgebiete bekamen von Rußland nennens- 
werten Zuschuß. Wieder war alles auf die deutsche Ernte an- 
gewiesen. Neben dem andauernd großen Abfluß deutschen 
Roggens ins Ausland hatten wir einen sehr beträchtlichen Export 
an Roggenmehl, der in der Provinz viele Mühlen fast allein 
beschäftigte und mit dazu beitrug, die Versorgung Berlins forti 
gesetzt spä,rlich zu gestalten. Diese Umstände hatten zur Folge, 
daß die Preislage des Roggens auf einem ca. 20 Mk. niedrigeren 
Niveau als in der vorigen Saison sich behauptete. Portgesetzt 
war mit einer gewissen Ejiappheit besonders in besserer Ware 
zu kämpfen, und am Berliner Lieferungsmarkt war es gewöhnlich 
nicht leicht, die einzelnen Lieferungssichten ohne schließl'iches 
Anziehen der Preise zu erfüllen, zumal meist die Ware zium Ver- 
sand nach den Häfen und für Mühlen g^ebraucht wurde. Wir sehen 
die Hauptscliwankungen der Preise am Berliner Lieferungsmarkt 
in folgenden niedrigsten und höchsten Monatspreisen in Mark pro 
1000 kg: 

2* 



20 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. LAnd\^irtsch. Rohprodukte. 

Tab. 10. Berliner Lieferungspreise für Roggen (in Mk. pro t). 

im Mailieferung Juli September Oktober Dezember 

Jan. . 195.50-199.25 195.25-200.— _ _ — 

Febr. . 191.25-199.25 190.25-197.— 175.25-181.75 — — 

März . 190.25-194.25 190. — 195.50 174. — 178.25 — — 

April. 193.— 199.— 195.— 200.75 175.50-181.75 181—181.75 — 

Mai . 193.— 203.25 192.75-203.— 174.— 182.50 173.75-182.— — 

Juni . — 188.75-197.25 172.25-176.25 172.— 176.— 172.50-176.— 

Juli . 169.50-175.50 180. — 195.75 167. — 173.75 165.25-173.75 165. — 173.75 

Aug. , 171.75-176.25 — 168.50-173.50 168.— 173.75 167.50-173.75 

Sept. . 173.25-177.50 — 170.50-179.75 170.75-175.75 170.75-174.75 

Okt. . 175.25-189.— — — 173.— 188.75 173. — 189.— 

Nov. . 175.75-180.— _ _ _ 174.75-179.2& 

Dez. . 171.— 177.75 _ _ — 170.— 183.-- 

Zu diesen Preisbewegungen hatte auch die Politik nicht un- 
erheblich beigetragen. Im April und Mai war es die Dardanellen- 
sperrung, die die Haussebewegung begünstigte, um nach ihrer 
AuHiebung die Stimmung wieder abflauen zu lassen. Im Oktober 
wirkte der Ausbruch des Balkankrieges scharf anregend auf die 
Kauf- und Deckungslust und auf die Preise, doch hielt auch dieser 
Einfluß nicht lange an. 
Viertes Quartal Der Widerspruch, der sich im zweiten Teil des Jahres zwischen 

der angeblich so großen Ernte und ihrem verhältnismäßig kleinen 
tatsächlichen Ergebnis zeigte, und zwar in Rußland noch viel 
stä.rker als bei uns, machte dabei die Beurteilung der Geschäfts- 
lage sehr schwierig und unsicher, und daraus ergab sich auch 
eine große Vorsicht der geschäftlichen Beteiligung. Speziell 
für die russischen geringen Leistungen glaubte man immer wiedei^ 
neue Erklärungen zu haben, so zuerst die Verspätung und 
Verzögerung der Hoggenemte, dann die durch die milde und nasse 
Witterung veranlaß te Grundlosigkeit der Wege, die die Trans- 
porte fast zur Unmöglichkeit machte, dann die Besorgnis, daß 
Rußland, welches an seiner Westgrenze rüstete, früher oder 
später kriegerische Verwicklungen haben könnte. Genug an 
Erklärungen für die kleinen Lieferungen im Gegensatz zu der 
vermeintlich großen Ernte fehlte es nicht, und so bestand immer 
noch die Möglichkeit, daß sich schließlich das russische Ergebnis 
wirklich größer herausstellen könnte, als man im Geschäft mehr 
und mehr anzunehmen begann, obwohl auch der Januar 1913- 
demnächst keine Aenderung in den russischen Verhältnissen 
brachte, und dies die Annahme, daß durch die Witterung außer- 
ordentlich viel verdorben sei, nur noch verstärken mußte. Füi^ 
die deutsche weitere Ausfuhr hängt aber vieles davon ab, ob 
Rußland seine bisherige Exportzurückhaltung aufgeben kann 
oder nicht, und da man nach dieser Richtung andauernd im 
unklaren blieb, so erklärt sich auch die geringe GeschäftsbeteiH- 
gung, die in den letzten Jahresmonaten im Berliner Lieferungs- 
handel sich zeigte. 

Die Ausfuhr- und Einfuhrbewegung Deutschlands während 
der fünf Monate seit Beginn der neuen Saison vom 1. Aug. bi& 



1. Getreide. 



21 



31. Dez. betrug an Roggen und Roggenmehl (umgerechnet zu 
Roggen) nach den Zahlen des Gesamthandels in Doppelzentner: 

Einfuhr 1910 1911 1912 

Roggen : . 2 401358 1710 638 1186 316 

Roggenmehl . . . 8 734 7 741 6 000 

zusammen 2 410 0V2 1 718 379 1 192 316 
Aus fuhr 

Roggen 4 379 847 4 823 138 4 338 540 

Roggenmehl 1 351 107 1 084 733 1 432 594 

zusammen 5 730 954 5 907 871 5 771 134 

Einfuhr geg-en Ausfuhr . . . . —3 320 862 —4 189 492 —4 578 818 

Während der ganzen vom 1. Aug. bis 31. Juli reichenden 
Saison stellt sich die gleiche Tabelle wie folgt in Doppelzentnern: 

Einfuhr 1909/10 1910/11 19U/12 

Roggen 3 244 969 7 067 492 3 767 741 

Roggenmehl . . . 15 634 22 006 19 920 

zusammen 3 260 603 7 089 498 3 787 661 
Ausfuhr 

Koggen 6 791427 7 545 588 8 535 850 

Roggenmehl . . . 2 029 141 2 454 787 2 157141 

zusammen 8 820 568 10 000 375 10 692 991 

Einfuhr gegen Ausfuhr . . . . —5 559 965 —2 910 877 —6 905 330 



Gerste, 
a) Braugerste. 

Die diesjährige deutsche Ernte von Gerste war quantitativ 
roß. Deutschland erntete an Gerste (in t) : 



1910 

2 902 938 



1911 

3159 915 



1912 

3 481 974 



Während die Ernte von 1911 quantitativ vergleichsweise 
schwach war, hat sie doch prozentual mehr Malzgerste geliefert 
als die so viel größere Ernte von 1912, der es aber auch, wie es 
sich im Verlaufe der Saison herausstellte, an Brauware nicht 
mangelte. Wie bei den anderen Getreidearten, so war auch die 
Einheimsung der 1912 er Gerste durch das nasse Wetter ver- 
zögert worden. Die Qualitäten litten zum Teil empfindlich, und 
wenn es auch milde, brauchbare Gerste dabei gab, so mußte man 
selbst bei dem besten Material die Ansprüche an die Earbe meist 
zurücksetzen. Auch wegen des Gehaltes wurden im allgemeinen 
die Ansprüche nicht befriedigt, imd nach den ersten ungünstigen 
Erfahrungen, die die Malzfabriken bezüglich der Extraktgarantie 
gemacht hatten, wurden sie nach dieser Hinsicht vorsichtiger. 
Der Eiweißgehalt der Malzgerste war durchschnittlich größer 
als im Vorjahre und noch mehr war dies bezüglich des Wasser- 
gehaltes der Fall. Wie sich die Lage der Dinge kurz nach der 
Ernte anließ, befürchtete man, daß sich für die allo-emeine Ver- 



Braugerste. 



22 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

sorgimg nicht genügend Efäugerste in der Ernte finden würde, 
und da Mahren durchschnittlich auch ungünstiges Material ge- 
wonnen hätte und nur Böhmen einigermaßen befriedigende Quali- 
täten lieferte, so griff namentlich der Ehein frühzeitig und kräftig 
zu, auch Süddeutschland wurde lebhafter Käufer; das gab 
Anlaß, daß die Preise, die reichlich auf vorjährigem Stande ein- 
gesetzt hatten, sich im ersten Teil der Saison beträchtlich er- 
höhten. Durch diese Verhältnisse bewogen, gaben allmählich 
auch die hiesigen Brauereien ihre anfängliche Zurückhaltung' 
auf, da die Gefahr zu bestehen schien, daß sie zur Deckung ihres 
Bedarfes bei längerem Warten zu spät kommen würden. Das. 
C4eschäft entAvickelte sich allgemein zu ziemlichem Umfange und 
man zahlte Preise, die je nach der Beschaffenheit des Materials 
zwischen 205 und 230 M., teilweise noch darüber schwankten. 

Um Mitte September wurde das Geschäft ruhiger. Die west- 
und mitteldeutschen ebenso wie süddeutsche und hiesige Brauer 
hatten einen guten Prozentsatz ihres Bedarfes gedeckt, sie wurdea 
zurückhaltender, und die Preise begannen daher um so mehr zu- 
rückzugehen, als sich allmählich die wirkliche Leistungsfähigkeit 
der diesjährigen Ernte in unerwartetem Maße zu entwickeln be- 
gann. In schwerfälligerem Tempo setzte sich das Braugersten- 
geschäft fort. Aber immer mehr mußte man erkennen, daß die 
Erträge noch verwendbarer Malzgerste doch alle Voraussetzungen 
weit übertrafen, und so schloß das Jahr in recht flauer Haltung- 
und zu Preisen, die sich zwischen 190 und 210 Mk. und dem- 
nächst selbst noch darunter hielten. Wirklich feine Qualitäten 
wurden auch bis zuletzt noch hoch bezahlt, waren aber recht 
knapp. 

Weniger feines, wenn auch brauchbares Material ^vurde aber 
gegen Jahresschluß sehr stark offeriert, und da zunächst der Be- 
darf sich gegenüber dem gewachsenen Angebot immer mehr zurück- 
zog, so wurde von der für Brauzwecke bestimmten Gerste viel zu 
Futterzwecken verwandt, was durch den Ausnahmetarif, der dem 
Viehfutter zugute kam, erleichtert ^vurde. Nach hier war das 
Geschäft in ausländischer Braugerste nur sehr mäßig und drehte 
sich hauptsächlich um böhmische Ware, von der das meiste 
innerhalb der Preisgrenze von 236—230 Mk. herab gehandelt 
wurde. Dagegen ist nach anderen Gebieten Deutschlands ziemlich 
viel fremde Gerste importiert worden, wie dies aus den Einfuhr- 
zahlen Deutschlands hervorgeht. Es betrug Deutschlands Ein- 
fuhr von Malzgerste nach den Zahlen des Gesamteigenhandels im 
alten Erntejahre und dem bisher abgelaufenen Teile der neuen 
Saison in Doppelzentnern : 

19U9/1Ü 1910/11 1911/12 

1. Augiist bis 31. Juli . . 2 263177 2 561925 2 057 857 

1910 1911 1912 

1. Anglist bis 31. Dezember 1 535 178 1 194 662 2 093 086 



1. Getreide. 23 

In den drei letzten Kalenderjahren betrug die Einfuhr an 
Malzgerste (in dz): 

1910 1911 1912 

1743 041 1581919 2124 899 



b) Futtergerste. 

Aus dem Vorjahre war infolge des enormen Bedarfes gegen- 
über ungenügender Leistungen Rußlands ein sehr hoher Preisstand 
der Gerste übernommen, der sich im Verlaufe dieses Jahres noch 
weiter steigerte. Die Cifpreise für 58 bis 59 kg schwere süd- 
russische Futtergerste waren: 



Tab. 11. Preise für russische Futtergerste. 











Lieferung 


im 




3. 


Januar . . 


Jan. -März 


145.25 M. 


April-Mai 


142.50 




Februar 


Febr.-März 


157.— 


?i 


April-Mai 


151.- 




März . . . 


März 


153.— 


1» 


April-Juni 


147.75 




April . . 


April-Mai 


166.— 


?? 


Aug.-Okt. 


132.50 


23.' 


" . * ' 


schwimmend 


180.— 


i? 


Sept.-Nov. 


135.— 




Juni . . . 


schwimmend 


157.- 


»? 


Sept.-Dez. 


125.50 




Juli . . . 


Juli 


136.— 


)? 


Aug.-Nov. 


122.— 




August . . 


August 


119.50 


» 


Sept.-Nov. 


119.— 




September 


September 


125.— 


59 


Sept.-Nov. 


124.50 




Oktober . 


Oktober 


134.— 


jj 


Okt.-Dez. 


133.75 




November . 


November 


143.- 


5J 


Nov.-Jan. 


142.50 


% 


Dezember . 


Dezember 


135 — 


5J 


Jan. -März 


135.— 


31. 


V 


Januar 


138.- 


'.^ 


Jan. -März 


137.50 



M. 



Aus dieser Tabelle ist in großen Zügen die Wertbewegun^ 
der Eussengerste zu ersehen. Der Hauptgrund für die weitere 
Steigerung der Oerstenpreise war in der zunehmenden Eirschöpfung 
der russischen Exportfähigkeit zu suchen. Das Land hatte gleich 
beim Beginn seiner Ernte im Jahre 1911 so große Mengen aus- 
geführt, daß sich schon im letzten Teile des Vorjahres die 
Schwäche der weiteren üeberschüsse herausstellte. Der Bedarf 
für Gerste war aber im Hinblick auf die Knappheit aller anderen 
Futterartikel sehr umfangreich, und wenn auch Deutschland der 
Hauptkonsument blieb, so stellten doch auch andere Länder, be- 
sonders Großbritannien, nicht unerhebliche Ansprüche. So stiegen 
denn bei der Knappheit des Materials die Preise im ersten Jahres- 
drittel von Alonat zu Monat weiter und fanden ihren Höhepunkt, 
als durch den Schluß der Dardanellen im April die Erledigung 
der schwebenden April-Kontrakte in Frage gestellt war und be- 
sonders solche AVare mit enormen Preisen bezahlt wurde, die 
die Dardanellen bereits passiert hatte. Diese Teuerung bewirkte, 
daß in anderen Provenienzen viel für den Konsum genommen 
wurde. Es handelte sich hierbei in erster Reihe um indische 
Gersten, die in ansehnlichen Mengen gehandelt wurden und im 
April, als das russische Material seinen Höchstpreis mit 180 Mk. 
für schwimmende Ware erreicht hatte, mit 158 — 160 Mk. für 
April- bis Juni-Verladung zum Umsatz kamen. Auch in indischen 



24 I. Pflanz!. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

„Grams", einer Futtererbsenabart, fand ein nicht unbeträchtliches 
Geschäft zum Ersatz der Russengerste statt. Daneben wurde 
besonders persische Gerste gehandelt, auch mexikanische Gerste 
kam zum Umsatz, und im Beginn des Jahres spielte auch die 
rumänische und marokkanische Futtergerste einige Rolle. 

Dadurch, daß sich unter solchen Verhältnissen der Konsum 
der teuren russischen Gerste abwandte, andererseits aber infolge 
der einen vollen Monat dauernden Dardanellensperre und der 
dadurch gehinderten Verladetätigkeit der südrussischen Häfen 
sich an diesen größere, vorläufig unverwendbare Massen ansam- 
melten, erfolgte im Mai und Juni ein scharfer Rückgang der 
russischen Preise, der sich bei äußerster Zurückhaltung der Käufer 
im Juli noch fortsetzte, als sich die neuen Ernteaussichten vor- 
teilhaft gestalteten. Zu den ermäßigten Preisen wurden die Ab- 
schlüsse wieder recht lebhaft, und die Blankoverkäufe in Rur3sen- 
gei^ste, teils seitens der Russen selbst, teils seitens deutscher Im- 
porteure nahmen wieder großen Umfang an. Aber die Witterung 
machte den Verkäufern einen Strich durch die Rechnung. Die 
Gerstenernte wurde in Rußland durch fortdauernde Nässe außer- 
ordentlich geschädigt, die Einheimsung verzögerte sich, und 
die Qualitäten, auf die man diesmal so große Hoffnungen gesetzt 
hatte, wurden in außerordentlichem ^laße verschlechtert. Trotz- 
dem waren die Forderungen für diese Ware im Innern Rußlands 
sehr hoch, weil zur Erfüllung der großen Vorverkäufe sich starker 
Deckungsbegehr zeigte, der dann auch bei Beginn der neuen 
Saison die Ausfuhr Rußlands ziemlich umfangreich gestaltete. 
Aber lange dauerte diese Exporttätigkeit in solchem Maße nicht 
an. Die Zufuhren an den Innenmärkten Rußlands ließen bald 
nach, die Forderungen erhöhten sich wieder, und schon im Laufe 
des August begann eine neue Hausseperiode, die sich bis zum 
Beginn des Novembers fortsetzte. Mit dieser erneuten Teuerung 
verminderte sich aber wieder die Verwendung der russischen 
Gerste im Konsum, um so mehr, als nunmehr inländische und 
polnische Futtergerste in ansehnlichen ^Mengen angeboten und 
mittels des neuen Ausnahmetarifes verhältnismäßig billig bezogen 
wurden. Im letzten Monat trat daher eine außerordentliche Ruhe 
im Geschäft mit Russengerste ein. In den Absatzgegenden Berlins 
hörte die Verwendung immer mehr auf, und nur im nordwest- 
lichen Deutschland behielt der Verbrauch noch einen mäßio-en 
Umfang. Tatsächlich war aber für eine stärkere Verwendung gar 
kein Material vorhanden, denn in den letzten Jahresmonaten 
schrumpfte der Export Rußlands immer mehr zusammen. Andere 
Provenienzen, die in der ersten Jahreshälfte eine so erhebliche 
Rolle gespielt hatten, waren in der neuen Saison wenig^er vor- 
handen. Die nordafrikanische Gerstenemte war in den ersten 
Jahresmonaten durch Dürre mißraten, und was von anderen 
exotischen Gerstensorten vorhanden war, hatte sich größeren Teils 



1. Getreide. 



25 



geräumt, ohne daß entsprechender Nachschub sich eingefunden 
hätte. Als Ersatz hierfür kam im letzten Teil des Jahres nord- 
amerikanische Gerst« auf den Plan, die sich anfänglich bis 
ca. 15 Mk., später 6 bis 8 Mk. billiger als die russischen Forde- 
rungen stellte. Es wurden davon auch größere Mengen gehandelt, 
aber der Bedarf hat den amerikanischen Ei-satz seither auch nur 
zögernd aufgenommen. 

Die im Lokalverkehr bezahlten Futtergerstepreise waren zuin 
Beginn eines jeden Monats in Mark: 



Tab. 12. Locopreise für Futtergerste in 


Berlin 


(in M. pro 


t). 






inländische 




russische u. 


Donau 


Anfang 


mittel u. geringe gute 




leichte 




schwere 


Januar . . 


. 180-188 189-200 




170—174 




175—180 


Februar 


184—188 189—200 




180—183 




184—188 


März . . 


185—190 191—202 




178-183 




184—190 


April . . 


186—191 192—202 




181—185 




186-191 


Mai . . . 


197—201 202—210 




196—199 




200—210 


Juni . . . 


197—202 203—210 




— 




— 


Juli . . . 


191-196 197—204 




175—178 




— 


August . . 


— 195—202 




168—172 




173-178 


September 


183—200 




168-174 




175-180 


Oktober . 


185—204 




167—171 




172—178 


November . 


182—200 




162—166 




167-176 


Dezember . 


178-198 




155—160 




161—168 


Sl. Dezember 


164-183 




158—161 




162-167 


Deutscl 


ilands Einfuhr an Futtergerste 


betrug in 


dz 


: 




1910 1911 




1912 








28 263197 34 779 796 


27 


569 246 







Hafer. 

Der Beginn des Jahres fand im Hafergeschäft eine sehr 
feste Situation vor. Die Ernte von 1911 war mit 7,7 Mill. t 
sehr klein gewesen, hatte aber vorzügliche Qualitäten gebracht, 
für die das Ausland andauernd Käufer war. Besonders starke 
Ausfälle hatten im Erntejahre 1911/12 gerade Berlins i^bzugs- 
geg enden, Brandenburg sowie die Provinz und das Königreich 
Sachsen, gehabt, und dementsprechend war es eine nicht kleine 
Aufgabe für die Händler, den laufenden Bedarf in scharfer 
Konkurrenz mit der Ausfuhr regelmäßig zu befriedigen. Eecht 
leistungsfähig war, wie fast imiaer, die Provinz Schlesien, in 
mäßigerem Umfange auch Pommern, während merklich größere 
Ueberschüsse als sonst Ost- und Westpreußen hatten. Von Kuß- 
land war zwar ganz im Beginn des Jahres zu kaufen gewiesen, 
sehr bald aber versiegten seine Offerten, und eine lange Periode 
der Rückregulierungen früherer Abschlüsse begann. Die russische 
Haferernte von 1911 war mit 761 Mill. Pud gegen 927 bzw. 
1015 Mill. Pud in den beiden Jahren zuvor sehr klein, seine 
Xotstandsdistrikte hatten viel der Ueberschüsse der Export- 
gouvernements aufgesogen, und so wurden teilweise in Rußland 



Hafer. 
Erstes Quartal. 



26 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



Zweites 
QuartAl. 



selbst paritätisch höhere Preise gezahlt als am AVeltmarkt. Auch 
rentierte das russische Material oft besser nach Westeuropa, 
worin die Zurückkaufe der Russen gleichfalls zum Teil ihre 
Ursadie hatten. 

Seit den letzten Monaten des Vorjahres war sehr viel in 
Laplata-Hafer der zum Jahreswechsel 1911/12 fälligen Ernte 
abgeschlossen worden. Die Preise waren im Vergleich zu unseren 
Inlandssorten, von denen Mittelqualität schon beim Jahres- 
beginn 200 Mk. kostete, verhältnismäßig billig; war doch viel 
46 bis 47 kg Laplata-Hafer zum Preise von 115 bis 120 Mk. 
unverzollt frei Häfen gehandelt und für 50 kg Ware 5 bis 
6 Mk. mehr bezahlt worden. Das Geschäft hierin wurde 
bei Beginn des Jahres stiller, und es erfolgten sogar Zurück- 
verkäufe vorher gemachter Abschlüsse, als das Eegenwetter in 
Argentinien für die Qualität fürchten ließ. Die Forderungen 
Argentiniens zogen im Februar bis 127 für das leichtere, bis 
134 Mk. für das schwerere Material an und hielten sich dann 
ungefähr so bis Mitte März, um im April weiter auf 137 Mk. 
für 46 bis 47 kg, auf 139 Mk. für 50 kg Hafer zu steigen. Zu 
diesen Preisen fehlte es hier an größerem Kaufinteresse, und 
von neuen Abschlüssen in südamerikanischer AVare wurde es 
fortan still. 

Gleichzeitig hatten sich auch die Preise für inländischen 
Hafer weiter gesteigert. Die Loconotizen des Prühmarktes, die 
die Verkaufspreise darstellen, lauteten: 









feine 


mittlere 


geringere «Qualität 


am 


2. 


Januar . 


. 201—205 


196-200 


192—195 M. 


?) 




Februar 


. 212—216 


208—211 


204—207 „ 


7} 




März . . 


. . 210—215 


204—209 


200—203 „ 


»» 




April . 


. 208—213 


204—207 


199—203 „ 


91 




Mai . . 


. 214—218 


210-213 


207-209 „ 


»» 




Juni . . 


. 211—216 


206—210 


202-205 „ 


;i 




Juli . . 


. 209—215 


204^208 


200—203 „ 


^j 




August . 


. 208—214 


203—207 


199—202 „ 



Anfang September wurde alter Hafer in einer einzigen 
Notiz mit 219 bis 223 Mk. notiert. Man sieht in diesen No- 
tierungen während der alten Saison durchweg eine verhältnis- 
mäßig geringe Preisspannung für die einzelnen Qualitäten, die 
sich daraus erklärt, daß im Jahre 1911 fast durchweg gutes, 
hellfarbiges Material gewonnen war, und daß sich geringerer 
Hafer knapper stellte als feiner. Als die Früh Jahrszufuhren 
in großem Umfange im März und April eintrafen, schwächte 
der Markt wohl ab, aber das Gros der Ware war disponiert, 
und es war nur die Schwierigkeit, hier Lagerraum für den 
Hafer zu erlangen, welche billigeres Angebot aus den an- 
kommenden Kähnen veranlaß te. Sonst bestand ziemlich gleich- 
mäßig Klage über das geringe inländische Angebot, das, wie 
schon erwähnt, durch die Ausfuhr abgelenkt wurde, und über 



1. Getreide. 2/ 

die hohen Forderimgen, die beim Konsum kaum wieder ein- 
zuholen waren. Tatsächlich lag der Nutzen für die Kaufleute 
allermeist nur darin, daß sie in der Hoffnung auf weiteres 
Steigen dei' Preise regelmäßig einkauften, und daß sie zu den 
allmählich anziehenden Notierungen wieder mit mäßigem Vor- 
teil verkaufen konnten. Der Konsum schränkte naturgemäß 
seinen Haferverbrauch infolge der Teuerung so viel als möglich 
ein imd kaufte fortdauernd sehr vorsichtig. Je weiter das alte 
Erntejahr fortechritt, desto knapper w^urde der heimische Hafer^ 
von dem trotz: der kleinen Ernte über 5 Mill. dz im Jahre 
1911/12 ins Ausland gegangen waren, und die neue Saison 
fand das Land von deutschem Hafer völlig entblößt. 

Für den Lieferungshandel waren inzwischen neben den Ver- 
hältnissen des Inlandes auch die Geschäftslage in Auslandsware 
maßgebend gewesen. Daß Eußland seine früheren Verkäufe zu- 
rückkaufte, ist schon oben gesagt. Aber bald stellten sich die 
argentinischen Qualitäten, welche durch Nässe vielfach gelitten 
hatten, zum Teil als so ungünstig heraus, daß argentinische 
Exporteure ebenfalls große Mengen zurückregulierten. Die Arbi- 
trageuxe, die hier auf ihre fremden Erw-erbungen vielfach Liefe- 
rung abgegeben hatten, sahen sich daher zur Eückdeckung ge- 
zwungen, und da somit für die Abwicklung zum Teil das teure 
inländische Material als Mischungsware in Betracht kam, so 
zeigte Mai- und Juli-Sicht im Aj)ril und Mai Preise bis zu 
203,50 Mk. Im Juni und Juli erfolgte ein Rückschlag. Teils 
wirkten hierbei gute Erntehoffnungen und der um ca. 25 Mk. 
niedrigere Preis der Herbstlieferung mit, teils gab Anlaß der 
Umstand, daß unter den inzwischen erfolgten Laplata-Ankünften 
sich auch guter, andienungsfähiger Hafer befand, gegen den 
Lieferung abgegeben wurde. Die Aussicht, daß ein Teil des 
Laplata-Hafers, der in unserer Gegend vom Konsum wenig ge- 
kauft wird, kontraktlich sein würde, veranlaßte, ebenso wie 
die Ernteaussichten, vielfach Begleichung-en. 

Die Julilieferung wurde durch Andienung gemischten La- 
plata-Hafers abgewickelt, der für russische Rechnung aufgenommen 
und zu kleinem Teil nach der Küste gesandt wurde. Einige 
Partien davon waren nach England verkauft, der größere Prozent- 
satz ging hier zu Boden. Die nicht unerheblichen Bestände, die 
sich von argentinischem Hafer im Inlande angesammelt hatten, 
wurden von Großbritannien gut bezahlt und flössen dahin wiedei- 
ab. Von russischem Material war bei Beginn der neuen Kampagne 
wenig Vorrat vorhanden ; und so traf die neue Ernte fast nirgends 
größere Vorräte mehr an. In Berlin hatten die Haferbeständc 
betragen : 



fang Januar . . 


. 10 631 t 


Anfang Mai . . . 


. 13 293 t 


., Februar 


. 6 819 t 


., Juni . . 


12 702 t 


März . . . 


. 4 826 t 


Juli . . . 


. 12 193 t 


„ April . . 


. 163 71 t 


August . . 


. 6 924 t 



28 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Drittes Quartal. Der August brachte infolge seiner regnerischen Witterung 

eine arge Verzögerung der Ernte und der neuen Zufuhren. Was 
noch an altem inländischen Hafer aufzutreiben war, erzielte Preise, 
die selbst den ungewöhnlich hohen Stand während der ganzen 
vorhergegangenen Saison noch übertrafen. Der Lapl ata- Hafer, 
ob gemischt oder ungemischt, war jetzt gleichfalls ein hoch- 
willkommenes Material und wurde teuer bezahlt. Die dem- 
nächstigen ersten Zufuhren von neuem Hafer zeigten infolge 
der nassen Witterung überwiegend ungünstige Qualität, und es 
erwdes sich schnell, daß wir im neuen Emtejahre mit wesent- 
lich schlechteren Qualitäten zu rechnen haben würden als in der 
vorhergegangenen Kampagne. Der Bedarf sah sich indessen so 
geringen Warenmengen gegenüber, daß er sich über die Ent- 
täuschung bald hinwegsetzen und kaufen mußte. Ebenso wie 
bei uns war aber auch in AVest- und Nordeuropa das Erntewetter 
äußerst ungünstig. Gleichzeitig hielt Rußland mit seinen An- 
geboten zurück, und so wandte sich das Ausland mit seinem Kauf- 
bedarf wieder nach Deutschland, wo es immerhin am schnell- 
sten Ware bekommen konnte. Da die Qualitäten auch in 
den fremden Ländern ungünstig geworden waren, so begnügte 
man sich dort mit dem diesmaligen deutschen Material in seinen 
besseren Partien, und es entwickelte sich bei uns ein sehr be- 
deutendes Ausfuhrgeschäft nach West- und Nordeuropa und 
auch ein lebhafterer Abzug nach dem Rhein. Der Umfang dieses 
A^ersandes hing weniger von der zeitweise außerordentlichen 
Kauflust ab, als von dem Maß des zu erhaltenden Schiffsraumes. 
Letzterer wurde zeitweise recht knapp, und es mußten hohe 
Frachten bezahlt werden. Dieser Haferexport hielt während des 
ganzen Jahres in ziemlichem Umfange an und war Anlaß, daß 
der Einkauf für unsere Händler dauernd schwierig blieb. Die 
feineren Sorten, die vergleichsweise knapp wurden, wurden zur 
Aufmischung der durchschnittlichen Ware für die Ausfuhr ge- 
sucht, wogegen das gering^e Material, welches das Gros der Ernte 
bildete, vom Bedarf immer nur zögernd aufgenommen wurde. 
Dabei blieben die Forderungen der Provinz außer Verhältnis zu 
den hier zu erzielenden Preisen. 

Im Lieferungshandel war es seit Beginn des neuen Ernte- 
jahres ziemlich ruhig geworden. Angeblich hatte Rußland eine 
große Ernte in Hafer, kam aber zuerst fast gar nicht, sfjäter 
aucli nur spärlich mit Offerten heraus. Das argentinische Material 
hatte sich geräumt, und so wurde es nicht leicht, die Lieferungs- 
verbindlichkeiten in den einzelnen Schlußmonaten der Sichten 
zu erfüllen. So bekamen wir im September und Oktober ver- 
hältnismäßig hohe Lieferungspreise für den laufenden Monat, 
zumal die neue inländische Ernte nur spärlich kontraktliches 
Material gebracht hatte, das teuer bezahlt werden mußte. Im 
Oktober war es auch der Ausbruch des Balkankrieges, der hier 



1. Getreide. 29 

dem Lief erimgshandel eine kräftige Anregung gab und zeitweise 
dio Preise sprunghaft steigerte. Die Bewegung hielt allerdings 
nicht lange an ; aber wiederholt zeigte sich im letzten Teile 
des Jahres Kauflust, die man auf Befürchtungen wegen Ver- 
wicklungen der Großmächte in die Unruhen glaubte zurück- 
führen zu dürfen. 

Infolge der gestieg-enen Preise kam besonders im Oktober vieite^Quaiiai. 
ein größeres Geschäft in nordamerikanischem Clipped - Hafer 
zustande. In diesem hatte Nordamerika eine sehr große Ernte 
erzielt und war um jene Zeit ziemlich verkaufslustig. Es dauerte 
jedoch nicht lange, so zogen sich jene Offerten wieder etwas 
mehr zurück und es wurde undurchsichtig, ob die Vereinigten 
Staaten trotz ihrer enormen Hafererträge wirklich größere Ueber- 
schüsse für Europa zur Verfügung haben würden. 

Auch bezüglich Rußlands sah man nicht klar. Ab und zu 
mehrte sich wohl das nordrussische Angebot und fand in West- 
deutschland und bei uns Aufnahme, aber im allgemeinen war 
doch die Verkaufslust in keiner "Weise der vermeintlich großen 
russischen Ernte entsprechend. 

Bei uns hatte man bis in den November hinein mit ver- 
hältnismäßig schwachem Angebot des Inlandes zu kämpfen, 
und die zeitweise ansehnlichen Käufe der Proviantämter ver- 
stärkten die Ablenkung des Angebots nach hier. Erst von Mitte 
November ab begann die inländische Zufuhr sich kräftig zu 
mehren. Zu größerem Teil bestanden die Offerten aber aus 
geringer, verregneter und vielfach mit Geruch behafteter Ware, 
für die der Verkauf außerordentlich sehwierig wurde. Dasselbe 
war auch anderweitig der Fall, und so wurden allmählich größere 
Mengen nach hier konsigniert, und da ihr Verkauf ohne stärkere 
Preiskonzessionen vielfach nicht möglich war, so mehrten sich 
hier die Bestände. Diese Schwierigkeit des Logo- und Ab- 
ladungsgeschäfts dauerte den ganzn Dezember durch und ging 
in das neue Jahr hinein. Die Bestände Berlins, die sich während 
der neuen Saison auf sehr niedriger Stufe gehalten hatten, be- 
gannen daher zum Schluß des Jahres sich kräftig zu vermehren. 
Es lagerten in Berlin: 



Anfang August . . 


. 6924 t 


Anfang November . 


. 3882 t 


„ September . 


. 4638 t 


„ Dezember 


. 3429 t 


Oktober . . 


. 3689 t 


Ende „ 


. 8560 t 



Nicht ohne Einfluß blieben im letzten Teil des Jahres die 
guten Nachrichten über die argentinische Haferernte, die zu ver- 
hältnismäßig niedrigen Preisen größere Offerten allerdings erst 
in der zweiten Hälfte des November brachte, nachdem drüben 
die neue Ernte quantitativ als gesichert betrachtet war; sie 
mehrten sich erheblich, als man später nach der frühzeitig be- 
gonnenen und bei günstiger Witterung vorgeschrittenen Ernte 



30 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

gute Qualitäten glaubte gewährleisten zu können. Die ersten 
Proben neuen Materials, die diesseits eintrafen, erwiesen sich 
ak recht befriedigend, besonders in den 50 kg schweren Sorten 
Weißhafer. Die Preise für argentinischen Hafer waren zum 
Schluß des Jahres für Januar/Pebruar-Abladung in 46 — 47 kg 
schwerem Hafer auf ca. 112 Mk., für 50 kg Weißhafer auf 
116 Mk. zurückgegangen. 

Tab. 13. Berliner Lieferungspreise für Hafer (in M. pro t). 

im Mailiefeiung Juli September Oktober Dezember 



Jan, 

Febr. 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

Aug. 

Sept. 

Okt. 

:n^ov. 

Dez. 



192. — 196.75 193. — 196.50 _ _ _ 

191.75-196.75 190.75-196.25 _ _ _ 

191.75-196.25 191.25-196.50 171.75-173.50 — — 

197.25-202.— 197.50-203.— 172.50-179.25 — — 

199. — 203.50 194.25-203.50 170.75-179.25 169.75-177.25 — 

— 187.— 194.- 166.50-169.75 166.— 169.25 165.— 169.25 

169. — 173.75 182—194.50 163.25-170.— 162.75-169.50 162.75-169,— 

170.75-178.25 — 167.75-176.25 167.75-176.50 167.75-176.75 

175.25-181.- — 174.75-188.— 172.75-180.25 171.50-179.75 

177.75-186.25 — — 180.75-191.25 175.75-186.25 

174.50-179.50 _ _ __ 176.50-182.75 

170.25-175.— — — _ 170.25-177.— 



Die Locopreise hatten wir weiter oben bis zum Beginn des 
August mitgeteilt. Im neuen Ernte jähre stellten sich die Loco- 
notierungen in Berlin für inländische Ware in Mark pro 1000 kg: 



Anfang August . . 
„ September 
„ Oktober 
„ November 
„ Dezember . 

Ende 



feine mittlere geringe (t)ualität 

208—214 203 -207 199—202 

198—209 184—197 177—183 

195—201 184—194 177—183 

198-210 186-197 — 

193—206 180—192 — 

188—204 171—187 — 



Seit der letzten Oktoberwoche wurde die Notiz für geringe 
Qualität eingestellt. Bei der diesjährigen Ernte war geringer 
Hafer vielfach nicht marktgemäße, mit Geruch behaftete Ware, 
für die die bezahlten Preise bis zu ca. 155 Mk. herabgingen. 

Ein Bild von den in der Saison 1911/12 zur Verfügung 
gewesenen Hafermengen Deutschlands erhält man aus folgenden 
Vergleichen. Es hatte in den vom 1. Aug. bis 31. Juli laufenden 
Emt^jahren betragen: 

11)09/10 1910/11 1911/12 

die Haferernte . . 9 125 816 7 900 376 7 704 101t 

die Einfuhr . . . 525 772 808 738 644 317 t 

zusammen 9 651588 8 709 114 8 348 418 t 

ab Ausfuhr . . . 570 360 439 236 441 998 t 

«tand zur Verfügung 9 081228 8 269 878 7 906 420 t 

Hiernach waren rund 360 000 t weniger Hafer für den 
Inlandsverbrauch zur Hand gewesen. Ohnehin war die Strenge 
der Situation gleich von vornherein durch den Mangel an Vor- 
räten bei Beginn der Saison 1911/12 gegeben, und sie wird 



Mais. 



1. Getreide. öl 

charakterisiert durch den Umstand, daß die Erschöpfung der 
Vorräte bei Schluß der Saison noch int-ensiver war, als bei 
ihrem Beginn. 

Die Situation für das neue Erntejahr 1912/13 stallte sich 
für die fünf Monate vom 1. Aug. bis 31. Dez. wie folgt dar: 

1910 1911 1912 

die HafererDte 7 900 376 7 704 101 8 520 183 t 

die Einfuhr . . . 311008 262 695 422 665 t 

zusammen 8 211384 7 966 796 8 942 848 t 

ab Ausfuhr . . . 182 153 183 633 236 905 t 

blieben im Lande 8 029 231 7 783 163 8 705 943 t 

Mais. 

Aehnlich wie auf dem Weizenmarkte hat beim Mais der Erstes Quartal, 
jährlich wachsende Einfluß der argentinischen Produktion die 
Bedeutung Nordamerikas und Osteuropas an zweite Stelle ge- 
rückt. Das verflossene Jalir bietet ein besonderes Beispiel dafür, 
weil der argentinischen Mißernte von 1911 ein Eekordertrag im 
Jahre. 1912 folgte, was von einschneidender Bedeutung für die 
Preisbildung auf dem Maismarkte war. In der ganzen Saison 
1911/12, die vom 1. Mai bis 30. April gerechnet wird, hatte 
Argentinien nur 2500 t Mais exportiert, teilweise sogar zu 
einem Importe von Mais seine Zuflucht nehmen müssen. Das 
Fehlen eines so bedeutenden Exportgebietes hatte zur Eolge, daß 
das Jahr 1912 mit einem ungewöhnlich hohen Preisniveau ein- 
setzte. Amerikanischer Mixed-Mais und runder Mais notierten 
Anfang Januar ca. 180 Mk. in Berlin, wobei allerdings mit- 
sprach, daß die anhaltende Schiffahrtsstörung und der infolge 
der Trockenheit gesteigerte Konsum von Mais zu Futter- und 
Brennzwecken eine Ansammlung von Lägern bisher nicht ermög- 
licht hatte. Das Preisniveau konnte sich in der nächsten Zeit 
im vollen Umfang behaupten, als später die soeben erst wieder 
eröffnete Schiffahrt durch Frost unterbrochen wurde und auch 
die Angebote von Mixed-Mais aus Nordamerika eine sichtliche 
Abnahme erfuhren. Dieses Land hatte in der Saison 1911/12 
auch keine gute Maisernte zu verzeichnen — sie blieb mit nur 
2 531 000 000 Busheis gegenüber dem Durchschnitt der letzten 
Jahre nicht unerheblich zurück — und nur die unverhältnis- 
mäßig hohen Preise hatten eine Zeitlang die Amerikaner ver- 
anlaßt, sich am Exporte zu beteiligen. Dazu kam, daß die 
Qualität de^ amerikanischen Mais durch die während der Ernte 
herrschende feuchte Witterung besonders stark in Mitleiden- 
schaft gezogen worden war, was unsere Importeure bei dem noch 
immer nicht ausgerotteten System der Zertifikate bald zu ihrem 
eigenen Schaden erfahren mußten. Der größte Teil der Ankünfte 
erwies sich als nicht einwandfrei, ging aber trotzdem zu vollen 
Preisen in den Konsum über, einmal, weil Amerika überhaupt 



jirtal. 



32 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

nicht mehr als Abgeber für Mais auftrat, und andererseits, weil 
auch die Zufuhren von Rundmais nicht genügten, um den noch 
immer starken Bedarf zu befriedigen. So hielten sich die Preise 
für Mixed- und Rundmais fast das erste Vierteljahr hindurch 
auf dem Niveau des Jahresbeginnes, um ca. 180 Mk. 
Zweites Als die Aussichten für die neue Laplata-Ernte sich günstig 

zu gestalten begannen, mußten die Preise um Anfang April 
herum etwas nachgeben, als plötzlich die Dardanellenspen^e ein- 
trat und alle diesbezüglichen Kalkulationen über den Haufen 
warf. Viele Tausende von Tonnen Donaumais lagen einen 
vollen Monat vor den Dardanellen, und unsere Importeure, die 
durch ihre Inlandskontrakte nicht ebenso geschützt waren wie 
ihre ausländischen Lieferanten, hatten einen nach Hundert- 
tausenden zählenden Schaden. Eine Menge von Prozessen und 
Schiedsgerichten über Nichtlieferung usw. wurden notwendig, und 
die hieraus resultierenden Streitigkeiten sind auch heute noch 
nicht erledigt. Auf dem Maismarkt hatte das plötzliche Aus- 
bleiben so bedeutender Zufuhren eine stark preissteigemde 
Wirkung. AVaren, die bereits die Dardanellen passiert hatten, 
und ebenso die Inlandsläger wurden den Verkäufern aus den 
Händen gerissen und wir sehen am 1. Mai am Berliner Markt 
eine Preissteigerung von mnd 10 Mk. auf ca. 190 Mk. für 
Rund- und sogar für defekten Mixed-Mais, letzteres weil, wie 
bereits erwähnt, Amerika nach dem ersten Drittel des Jahres 
überhaupt nicht mehr mit Exportangeboten hervortrat. 

Allmählich begann sich aber wieder der Einfluß der argen- 
tinischer. Ernte auf den Weltmarkt geltend zu maehen und es 
bildeten sich stark abgestufte Deports heraus, die auch am 
Berliner Markte in einer allmählichen Herabsetzung der Loco- 
preise zum Ausdruck kamen. Hatte Anfang Alai. wie oben er- 
wähnt, Mais ca. 190 Mk. notiert, so stand er am 15. Alai ca. 
185 Mk., am 1. Juni öa. 180 Mk., am 15. Juni schon 
ca. 165 Mk., am 1. Juli 157 Mk. und langte am 15. Juli auf 
dem Niveau von 150 Mk. an, das er, von vorübergehenden 
Schwankungen abgesehen, bis zum Ende des Jahres beibehalten 
hat. Die argentinische Ernte war im Gegensatz zum A^orjahi' 
unter glänzenden Bedingungen herangereift und in guter Be- 
schaffenheit geemtet worden, so daß quantitativ und qualitativ 
ein Rekordertrag zu verzeichnen war. Nunmehr setzte, in erster 
Reihe veranlaßt durch die großen Deports und dann infolge des 
Zuströmens der Zufuhren aus dem Innern, eine derartig intensive 
Verladungstätigkeit von Argentinien ein, daß der vorhandene 
Fraehtraum den Anforderungen nicht genügte, und nicht zuletzt 
hierauf das enorme Anziehen der Frachtraten zurückzuführen 
ist, das wir in der zweiten Hälfte des Berichtsjahres zu ver- 
zeichnen haben. In den acht Monaten, die seit dem Beginn der 
Saison, dem 1. Mai, verflossen sind, hat sich der durchschnitt- 



1. Getreide. 33 

liehe AVochenexport Argentiniens von Mais auf rund 150 000 t 
halten können, was das Gesamtquantum der Verladungen auf 
rund 5 ^lill. t "gebracht hat. Ebenso auffallend wie dies gewaltige 
Quantum war die Leichtigkeit, mit welcher der Weltmarkt die 
ihm angebotenen Maismengen bewältigt hat. Bis zum Ende des 
Jahres w^ar von einem Drucke des Angebotes nichts zu spüren, 
und wenn auch die anhaltend großen Abladungen eine Preis- 
besserung nicht aufkommen ließen, so hielt sich doch das Niveau 
auf den Inlandsmärkten infolge des lebhaften Absatzes stets in 
voller reichlicher Bezugsparität zum AVeltmarktspreise. 

Allerdings war Laplata fast das einzige Land, das in der Drittes und -^ 
zweiten Hälfte 1912 für den Weltmarkt in Betracht kam. In 
Amerika hatten selbst die glänzenden Aussichten der neuen Ernte 
nicht wie sonst in jedem Jahre, zurückgehaltenes Material aus 
alter Ernte hervorgebracht, und die Donauländer hatten einerseits 
eine wenig befriedigende Ernte; andererseits hielt der bald aus- 
brechende Balkankrieg die Ware im Lande, verhinderte sogar 
den sonst sehr ausgedehnten Bahnbezug von serbischem und 
bulgarischem Mais nach Oesterreich-Ungarn, so daß auch dieses 
Land trotz des höheren Importzolles (4 Kr. pro 100 kg statt 
2,80 Kr.) zur Einfuhr von Laplata-Mais in größerem Maßstabe 
über die Elbe und die Oder schreiten mußte. Die neue amerika- 
nische Ernte hatte sich, ebenso wie die Laplata-Ernte, im Jahre 
1912 unter den günstigsten Bedingungen vollzogen, so daß die 
Amerikaner bald mit starken Angeboten auf dem Markt er- 
schienen und bedeutende Quantitäten zu Preisen, die sich um 
110 Mk. unverzollt cif Hamburg bewegten, nicht nur zur V^er- 
ladung per Januar/März, sondern teilweise auch schon per 
Juli/September vorverkauften. Etwa am Schluß des alten Jahres 
trafen die ersten Abladungen von drüben ein; sie fielen qualitativ 
gut aus, allerdings mit Ausnahmen. Auch für Laplata-Mais neuer 
Ernte hat sich schon ziemliches Geschäft entwickeln können, 
und zwar zu Preisen, die sich ebenfalls um 110 Mk. cif Hamburg 
bew^egen. Zuletzt sind diese Angebote verschwunden, da Ttegen- 
mangel die anfänglich überschw anglich beurteilten Aussichten 
in Argentinien gefährdet. 

Andere Provenienzen als die vorgenannten haben im Jahre 
1912 am Berliner Markt keine nennenswerte Rolle gespielt. 
Eußlands Qualitäten ließen meist sehr zu wünschen übrig, auch 
von der Türkei usw. war der Bezug wenig bedeutend. Nur der 
weiße Natalmais hat infolge seiner vorzüglichen Beschaffenheit, 
und weil er den fehlenden amerikanischen Mais ersetzen mußte, 
ein verhältnismäßig recht hohes Preisniveau behaupten können. 
Ueber das von Südafrika zu erwartende Quantum hat sich der 
Handel getäuscht, denn bald nach Einsetzen der Exporttätigkeit 
machte sich Begehr zur Rückregulierung seitens der Afrikaner 
geltend. Die Ware wurde speziell in Berlin so knapp, daß der 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 3 



34 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



Erbsen. 



Preis, trotzdem er mit 180 Mk. um volle 30 Mk. über dem 
Niveau des Laplata-Mais stand, noch um weitere 10 Mk. an- 
ziehen und sich dieser Preis bis zum Jahresschluß behaupten 
konnte. 

Die am Berliner Mai'kt von den Konsumenten bezahlten 
Locopreise waren in Mark für 1000 kg: 



Tab. 14. 



Berliner Locopreise für Mais (in M. 
amerik. Mixed 



pro t). 



uuder 



Anfang 


1911 


1912 


1911 


1912 


Januar .... 


138—141 


181—185 


135—138 


178—182 


Februar . . . 


138—142 


185—188 


137—141 


184—188 


März 


136—141 


181—184 


140—142 


180—184 


April .... 


128—139 


179—183 


138—142 


180—186 


Mai 


127—152 


190—193 


134—149 


190—193 


Juni 


129—154 


185-188 


136—154 


181—186 


Juli 


140—164 


178—183 


136—160 


158-162 


August .... 


146—164 


— 


142—161 


150—154 


September . . 


151—170 


— 


151—171 


149—156 


Oktober . . . 


163—180 


— 


158—180 


149—153 


November . . 


178—181 


— 


176—180 


154—158 


Dezember . . . 


180—184 


— 


177—182 


149—152 


31. Dezember . 


181—185 


— 


178—182 


147—150 



Der hiesige Lieferungshandel für Mais gewann auch im ver- 
flossenen Jahre wenig Bedeutung. Die Notierungen, die zum 
Teil nur nominelle waren, stellten sich per 1000 kg in Mark: 



Tab. 15. 



Berliner Lieferungspreise für Mais (in M. pro t). 





Mailieferung 


Juli 


September 


Oktober 


Dezember 


Jan. 


165.— 172.— 


159.75-164.— 


— 


— 


— 


Febr. 


165.75-172.50 


155.75-162.— 


— 


— 


— 


März 


165.50-169.75 


155.25-158.50 


— 


— 


— 


April 


170.— 179.— 


159.25-164.75 


— 


— 


— 


Mai 


173.50-179.— 


153—164.50 


— 


— 


— 


Juni 


— 


146—154.50 


145. — 150.— 


— 


— 


Juli 


— 


141.— 149.75 


144.— 147.— 


143.— 147.— 


143.50-147.50 


Aug. 


149.— 149.50 


— 


143.50-148.- 


143.50-148.— 


143.50-148.- 


Sept. 


148.— 150.75 


— 


146.— 149 — 


146. — 149.— 


146.50-149.— 


Okt. 


149. — 155.— 


— 


— 


147.50-153.25 


147.50-152.— 


Nov. 


143.75-152.25 


_. 


— 


— 


143 50-151.25 


Dez. 


142.50-144.25 


— 


— 


— 


142.50-144.50 






2. Hülsenfrucht 


e. 




Igemeines. 


'nfolge der a 


llgemeinen 


Teuerung des vorigen 


Jahres, die 



sich, verursacht durch die anormale Trockenheit, besonders bei 
den Kartoffeln und dem Gemüse bemerkbar machte, wurden 
Hülsenfrüchte im Vertrauen auf einen zu erwartenden 
großen Konsum sehr stark vorgekauft. Die Preise für die 
drei Hülsenfruchtsorten schnellten zu einer schwindelnden Höhe 
empor. Der Rückschlag blieb jedoch nicht aus, da einerseits 
der erwartete Konsum sich nicht einstellte, andererseits die guten 
Ernteaussichten die Inhaber der Läger veranlaßten, sich dieser 
zeitig zu entledigen. 

So mußten kleine Kocherbsen, die einen Preisstand bis 28 Mk. 
erklommen hatten, bis auf 23 Mk. per 100 kg zurückgehen. Be- 



2. Hülsenfrüchte. 35 

sonders Westpreußen und Posen schienen unerschöpflich, doch 
auch Polen und Nordrußland waren zeitweise mit dringenden 
Offerten am Markte. — Die neue Ernte in Deutschland hat sich 
derart verspätet, daß bis zum Schluß des Berichtsjahres wenig 
Offerten vorlagen. Nur Rußland war mit ziemlich starkem An- 
gebot am Markte. Die Preise für neue kleine Kochorbsen stellten 
sich auf 23—24 Mk. für gute und 21—22 Mk. für Mittel- 
qualitäten. 

Einen noch stärkeren Preissturz erlitten Viktoria-Erbsen, 
nämlich von 38 Mk. per 100 kg auf 28 Mk. In weit stärkerem 
Maße hatten sich Händler wie Detaillisten mit Viktoria-Erbsen 
versorgt, so daß einem sehr bedeutenden Angebot gar keine Nach- 
frage und Aufnahmefähigkeit gegenüberstanden. Die vorjährige 
Inlandsernte in Viktoria-Erbsen war in qualitativer wie quanti- 
tativer Beziehung eine Rekordernte, und es wurden große Mengen 
in die diesjährige Kampagne hinübergenommen. Diese Lager aus 
alter Ernte konnten sich zum Herbst noch recht schnell zu etwas 
anziehenden Preisen räumen, da erst bei Jahresschluß das Inland 
mit Offerten aus neuer Ernte herauskam. Nur Thüringen war 
schon seit Ende September mit Angeboten neuer Viktoria-Erbsen 
im Markt, doch ist die Frucht dieser Ernte nur recht klein geraten, 
so daß der vorjährigen guten Qualität der Vorzug gegeben wurde. 
Nordrußland brachte nur geringe Qualitäten, vereinzelte feine 
Sorten wurden bis 30 Mk. per 100 kg, neue Thüringer Erbsen 
wurden bis 33 Mk. bezahlt. — Die kriegerischen Ereignisse auf 
dem Balkan veranlaßten den Handel, sich etwas mehr zu ver- 
sorgen, so daß durch vermehrte Kaufkraft Viktoria-Erbsen etwas 
im Preise anziehen konnten. Erneutes starkes Angebot zum 
Schluß des Jahres von Posen, Thüringen und Rußland her 
führten aber einen weiteren Preisabschlag bis zu 3 Mk. pro 
100 kg herbei. Der Osten Deutschlands scheint auch in diesem 
Jahre eine große Ernte gehabt zu haben, doch bleibt die Qualität 
wohl etwas hinter der des Vorjahres zurück. 

Kleine grüne Erbsen wurden bei Beginn des Jahres bis 
38 Mk. per 100 kg bezahlt. In dieser Sorte versagte der Konsum 
vollständig, so daß trotz kleiner Ernte auch das Wenige teil- 
weise nicht untergebracht werden konnte; bei Beginn der neuen 
Ernte kosteten grüne Erbsen 26 — 28 Mk. Diesen Preisstand 
konnten aber grüne Erbsen nicht lange behaupten. Das Angebot 
wurde von allen Seiten sehr dringend, so daß die Besitzer der 
A^'are mit ihren Preisforderungen bis auf 24 Mk. heruntergehen 
mußten, Rußland und Polen brachten uns recht früh aus dieser 
Ernte gute Qualitäten. Das Inland hat anscheinend quantitativ 
eine große, qualitativ eine recht geringe Ernte aufzuweisen. 

Mehr denn je wurde von den hiesigen Firmen über die Bohnen, 

mangelhafte, unkontraktliche Lieferung von Bohnen seitens gali- 

3* 



36 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

ziselier Händler Klage gefülirt. Die Ware kommt in der Regel 
so hoch vinkuliert an, daß der kleine Restbetrag, der auf der 
AVare verbleibt, bei weitem nicht die Unkosten und den vom 
Schiedsgericht erkannten Minderwert deckt. Andererseits ist 
man bei steigender Konjunktur oftmals gezwungen, diese mindere 
Ware zu übernehmen, um eingegangene Lieferungsverpflichtungen 
zu erfüllen. Abwehrmaßregeln gegen schlechte Ablader wären 
erwünscht. Die Bohnenpreise schwankten zu Beginn des Jahres 
für Kurzbohnen von 30 — 32 Mk., für Langbohnen von 35 — 37 }^Ik. 
und für Rundbohnen von 35 — 38 Mk. Die schlechten Quali- 
täten der vorjährigen Ernte einerseits, die guten Aussichten für 
die neue Ernte andererseits veranlaßten die Händler, ihren Be- 
darf in allen Sorten Bohnen in überaus vorsichtiger Weise zu decken. 
Die Folge war auch ein stetes Abbröckeln der Preise bis auf 
26 Mk. für Kurzbohnen, 31 Mk. für Langbohnen, 31 Mk. für 
Rundbohnen. Während die hauptsächlichsten Bezüge in Kurz- 
und Langbohnen der alten Ernte aus Galizien, in Rundbohnen 
aus Rußland und Galizien und nur wenige kleine Posten Kurz- 
bohneii aus Ungarn und Mähren stattfanden, versorgte uns seit 
Beginn der neuen Ernte vornehmlich Ungarn mit guten Quali- 
täten in Kurz- und Mittelbohnen. Galizien hat unter der nassen 
Witterung derart zu leiden gehabt, daß erst zum Schluß des 
Berichtsjahres Offerten herauskamen. Die Qualitäten sind, wie 
im Vorjahre, recht schlecht. Dagegen hat Nordrußland anschei- 
nend eine gute Bohnenernte zu verzeichnen und war infolg^e 
des Ausfalles von Galizien in Langbohnen und Rundbohnen mit 
teilweise guter Qualität am Markte. Bei Beginn der Ernte Aer- 
* suchten Rumänien und Serbien, von welchen beiden Ländern gute 

Berichte vorlagen, nach hier Kurz- und Mittelbohnen zu expor- 
tieren. Die Offerten wurden jedoch sofort infolge der drohenden 
Balkanwirren zurückgezogen und von Serbien die getätigten Ver- 
käufe bei Ausbruch des Krieges annulliert. Selbstverständlich 
blieb diese Maßregel wie überhaupt der Balkankrieg nicht ohne 
Einfluß auf die Preisgestaltung des Bohnenmarktes. Die Notie- 
rungen gingen von ihrem tiefsten Standpunkte bis auf 31,50 Mk. 
für Kurz- und Mittelbohnen, 39 Mk. für Langbohnen und 35 ^Ik. 
für Rundbohnen, konnten jedoch diese höchsten Preise nicht voll 
behaupten. 

Linsen. J)[q Linscupreise konnten ihren hohen Preisstand, der am 

Schluß des Vorjahres zu verzeichnen war, nicht lange aufrecht 
erhalten. Im Laufe des Jahres gingen 

M. 



3/0 Linsen 


von 35, — 


bis 30.— 


4/0 „ 


» 39.— 


„ 32,- 


5/0 „ 


„ 44- 


„ 35,- 


6/0 , 


„ 4S_ 


„ 38.- 


7/0 „ 


„ 52,— 


„ 42,- 



3. Zwiebeln. 37 

zurück. Die neue Ernte scheint recht groß gewesen zu sein, 
setzte zu den vorstehend niedrig notierten Preisen ein, mußte sich 
jedoch infolge sehr dringenden Angebotes einen weiteren Preis- 
abschlag gefallen lassen. Der tiefste Wertstand war für: 

M. 



3/0 Linsen 


25- 


4/0 „ 


27- 


5/0 „ 


29,- 


6/0 „ 


31,- 


7/0 „ 


34,- 



Es kommen nur nordrussische Linsen für uns in Betracht, da 
südrussische meistens mit Käfern behaftet sind und mährische 
um 20 Mk. per 100 kg teurer als russische sind. Die Ernte w^ar 
qualitativ w4e quantitativ in Rußland gut. Trotzdem konnte 
sich das Preisniveau infolge der allgemeinen Preissteigerung der 
Lebensmittel etwas heben. Am Schluß des Berichtsjahres wurden 
3/0 Linsen zu 25 Mk., 4/0 zu 28 Mk., 5/0 zu 30 Mk., 6/0 zu^ 
34 Mk. und 7/0 zu 38 Mk. umgesetzt. 



3. Zwiebeln. 

Zu Beginn des Berichtsjahres gab es noch große Mengen 
inJäJidischer und ungarischer Zwiebeln, die bis zum Eintreffen 
der ägyptischen Zwiebeln in Berlin, Ende März, bei nach und 
nacli fallenden Preisen geräumt wurden. Während sie im Januar 
noch einen Preis, von 7,50 bis 8 Mk. hatten, kosteten sie im 
März nur noch 6 bis 6,50 Mk. In ägyptischen Zwiebeln war 
das Geschäft zufriedenstellend. Vorkäufe waren nur wenig ge- 
tätigt worden, wohl mit Rücksicht auf die schlechten Erfahrungen 
der Vorjahre. Auch im Berichtsjahre brachten sie den hiesigen 
Händlern keinen Vorteil. Aegypten lieferte gut und genügencl; 
nur einige Abladungen brachten minderwertige Ware. Die Preise 
setzten hier mit 9 Mk. pro Zentner ein und gingen allmählich 
nach Eintreffen größerer Zufuhren herunter auf 8 und 7,50 Mk. ; 
einige Tage trat infolge Ueberfüllung des Marktes ein vorüber- 
gehender Sturz auf 6 — 6,50 Mk. ein, doch erholte sich der Preis 
bis zum Schluß der Saison (Juli) wieder nach und nach. Die 
letzten ägyptischen Zwiebeln wurden mit 10 und 11 Mk. pro 
Zentner bezahlt. — Die neue hiesige (inländische) Ernte brachte 
Zwiebeln in Massen, wie seit langen Jahren nicht, auf den Markt. 
Gegen Ende des Berichtsjahres waren fast ausschließlich in- 
ländische Zwiebeln auf dem hiesigen Markt, die mit 2 bis 2,50 
Mark pro Zentner gehandelt wurden. Nur für gToß-sortierte 
Ware wurden bessere Preise erzielt (3 — 4 Mk.). Ausländische 
Zwiebeln kamen um diese Zeit wenig nach Berlin, da sie 
nicht mitkonkurrieren konnten. Hin und w^ieder sah man etwas 



38 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



holländische, auch ungarische Zwiebeln, die aber wenig begehrt 
waren. Russische Zwiebeln fehlten in diesem Jahre ganz, da 
ihr Import infolge der großen deutschen Ernte nicht lohnte. 
Im allgemeinen war das Geschäft schleppend und wenig nutz- 
bringend. 



Frühjahrs- 
geschäft. 



Rotklee. 



4. Landwirtschaftliche Sämereien, 
a) Früh Jahrsgeschäft. 

Die Preisentwicklung und der Umsatz im Winter und Früh- 
jahr 1912 entsprachen im allgemeinen nicht den Erwartungen, 
welche man an die durch den anormalen Sommer und Herbst 
des Vorjahres geschaffene Situation geknüpft hatte. Die Preis- 
steigerung fast aller Artikel hatte mit Jahresschluß 1911 ihr Ende 
erreicht, da die Käufer bereits in den Monaten November/Dezember 
anfingen, eine reservierte Haltung einzunehmen. Infolge des 
Ausbleibens der für Januar erwarteten Belebung des Geschäfts, 
die sich erst im Februar/März wieder einstellte, konnte eine ganze 
Keihe Artikel iliren Preisstand nicht behaupten. Die rückläufige 
Tendenz hielt für die meisten Sorten bis zum Schluß des Früh- 
jahrsgeschäftes an, da bei der hohen Preislage die Lagerinhaber 
selbst Verlustverkäufe der Uebernahme in die nächste Saison 
vorzogen. 

Die Markttendenz in Kleesaaten pflegt durch Eotklee ihr 
Gepräge zu erhalten. Für diesen Artikel hatte der Herbst eine 
Klärung der Situation noch nicht gebracht, da das Gros der 
heimischen Ernte erst in den Monaten Dezember/Februar an den 
Markt kam. Es zeigte sich, daß in fast ganz Norddeutschland 
Saat geerntet worden war, selbst in solchen Provinzen, die Klee- 
schlägo in anderen Jahren nur für Futterzwecke ausnutzen, eine 
Verwendung, welche durch die Dürre und die schwache Entwick- 
lung der Pflanzen unlohnend geworden w^ar. Obgleich die Unter- 
bringung im Anfang nicht auf Schwierigkeiten stieß, vermochte 
der Markt auf die Dauer dem großen Angebot nicht standzu- 
halten, welches besonders die östlichen Provinzen herausbrachten. 
I'nterstützt wurde diese Marktlage durch das Ausbleiben der 
öihofften amerikanischen Aufträge, da der dortige Bedarf außer- 
ordentlich eingeschränkt wurde. Die starke deutsche Ernte brachte 
auch die übliche Nebenerscheinung eines Saataustausches zwischen 
den Landwirten hervor, so daß viele sonstige Absatzgebiete gar 
keinen oder nur einen äußerst geringen Bedarf aufwiesen. Der 
Import wurde hierdurch unlohnend und um so überflüssiger, als 
Oesterreich - Ungarn und Rußland bedeutenden Inlandsbedarf 
hatten, und die dortigen Preise sich erst allmählich der hier 
herrschenden Konjunktur anpaßten. 

Weißklee hatte unter der Lustlosigkeit des Geschäfts eben- 
falls zu leiden. Der Ernteertrag war aber nicht groß genug, 



4. Landwirtschaftliche Sämereien. 



39 



um einen starken Druck auf den Markt auszuüben; abgesehen 
von kleinen Schwankungen vermoclite sich die hohe Preislage 
zu behaupten, indem der scliwache Inlandsabsatz durch größere 
Exportaufträge ausgeglichen wurde, und die Saison schloß mit 
so gut wie vollständig geräumten Lägern. 

Eecht bedeutend erwies sich die heimische Ernte von 
Schwedenklee. TV'enn sie trotzdem einen Preisrückgang nicht zur 
Folge hatte, ist dies der guten Nachfrage zuzuschreiben, da be- 
sonders das Ausland die zum Teil selten schönen Qualitäten 
willig aufnahm. Die russische Ernte war bereits vorher — der 
Hauptmenge nach — untergebraeht, während Kanada und auch 
die Vereinigten Staaten infolge ihrer ungünstigen Ernte niemals 
einen entscheidenden Einfluß auf den europäischen Markt ge- 
winnen konnten 

Die Preisbewegung für AYundklee paßte sich ganz derjenigen 
für Eotklee an, w^urde allerdings weniger durch inländisehes 
als durch russisches Angebot beeinflußt. Die Preise gingen bis 
zum Saisonschluß andauernd zurück, obgleich nennenswerte Be- 
stände kaum verblieben sein dürften. 

Im Gegensatz hierzu ist bei Gelbklee über guten Bedarf zu 
stetigen Preisen zu berichten. Die hohe im Herbst geschaffene 
Preislage behauptete sich, abgesehen von vorübergehenden ge- 
ringen Rückgängen, welche mehr der allgemeinen Tendenz zuzu- 
schreiben waren, und die Saison schloß mit fast vollständig ge- 
räumten Lägern. 

Eine große Enttäuschung brachte der Artikel Luzerne, da der 
Preisrückgang sich bis zur Beendigung der Saison fortsetzte. 
Anscheinend ist die Produktion so ausgedehnt worden, daß die 
Unterbringung einer europäischen Normalernte einen bedeutenden 
Export erfordert. Da ein Teil dieser Absatzgebiete versagte, 
konnten die Vorräte nicht geräumt werden. 

Eine bessere Unterstützung durch den Export fand Inkarnat- 
klee, wovon Amerika schon im Herbst 1911 recht bedeutende 
Quantitäten aufgenommen hatte. Die hohe Preislage für den 
Artikel konnte sich bis zum Erscheinen der neuen Ernte im Juli 
behaupten. 

Von Schotenklee hatte die in Italien angebaute gehörnte 
Varietät eine Normalernte mit entsprechenden Preisen. Auch der 
deutsche Sumpfschotenklee hatte die Trockenheit des Sommers 
1911 bedeutend besser überstanden, als ursprünglich angenommen 
wurde. Die im Herbst durch überstürzte Einkäufe geschaffenen 
abnorm hohen Preise mußten infolgedessen langsam weichen, nicht 
ohne daß der Bedarf eingeschränkt worden wäre. 

Das letztere trifft auch für Timothee zu; hier stand der 
amerikanischen Mißernte ein selten großer europäischer Ertrag 
gegenüber, welcher zur Folge hatte, daß die hiesigen Preise 
rapide unter die amerikanischen Forderungen heruntergingen und 



Schwedenklee. 



Wundklee. 



Gelbklee. 



Luzerne. 



Inkarnatklee. 



Schotenklee. 



Timothee. 



40 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



einen Import ebenso unnötig wie unrentabel machten. Die Qualität, 
besonders der schlesischen und der russischen Saat, stand zwar 
bezüglich der Reinheit im Durchschnitt gegenüber dem ameri- 
kanischen Produkt erheblich zurück, andererseits zeigte die säch- 
sische Ware vor allem vorzügliches xlussehen, so daß recht be- 
deutende Mengen zum Export abgeschlossen wurden. 
Kaygräser. Für Raygräser konnten England und Frankreich ihre ur- 

sprünglichen Forderungen nicht aufrecht erhalten. Bei eng- 
lischem Raygras kam infolge eines über das gewöhnliche Maß 
hinausgehenden Bedarfes die Situation zwar weniger scharf zum 
Ausdruck, desto stärker mußte italienisches Baygras weichen. 
Eine Nebenart des italienischen Raygrases, das einjährige, in 
Holland gebaute Westerwoldische Raygras, erfreute sich trotz 
hohen Preises außerordentlicher iSTachfrage zum Zwecke des 
Ausbesserns lückiger Kleeschläge. 

Das Geschäft in Knaulgras wickelte sich bei erheblich ge- 
ringerem Export als in früheren Jahren ruhig und ohne sonder- 
liche Preisschwankungen ab. 

Schafschwingel ging dauernd im Preise zurück, konnte auch 
nicht vollkommen geräumt werden, da die hohe Preislage in 
keinem Verhältnis mehr zu dem Anbauwert des Grases steht, 
und der Bedarf infolgedessen wesentlich abgenommen hat. 

Noch stärker war der Rückschlag bei Wiesenschwingel, der 
den Lagerinhabern empfindliche Verluste brachte. Auch Fiorin- 
gras mußte, allerdings erst gegen Ende der Saison, im Preise 
nachgeben, während Wiesenrispengras und gemeines Rispengras 
ihre feste Tendenz unverändert behaupteten und ausverkauft 
wurden. 

Der durch die Trockenheit verursachten heimischen Miß- 
ernte in Futterrübensamen stand ein g'-utes Resultat in Rußland 
gegenüber. Trotzdem überflüssiges Material brauchbarer Qualität 
nicht auf den Markt drückte, hatte die abwartende Haltung 
des Konsums zur Folge, daß die Höchstpreise sich nicht be- 
haupten konnten. Einige Sorten, darunter auch die in Deutsch- 
land am meisten verbreitete Eckemdorfer Rübe, erlitten zum 
Schluß der Saison sogar sehr empfindliche Preisabschläge. Aehn- 
lich verhielt es sich mit Futtermöhren. In Kohlrüben war die 
Preisgestaltung im Herbst gleichartigen Uebertreibungen nicht 
ausgesetzt worden, so daß dieser Artikel von unangenehmen 
Rückwirkungen befreit blieb. 
SerradeUa. Eine unrichtige Beurteilung hatte Serradella im Herbst 1911 

erfahren. Es zeigte sich im Laufe der Saison, daß den schlechten 
Ergebnissen verschiedener Anbaudistrikte enorme Erträge 
anderer Striche gegenüberstanden, deren dauerndes Angebot die 
Preise langsam aber sicher herunterdrückte. Der Rückgang wurde 
verschärft durch eine längere Absatzstockung und durch den 
Druck, welchen die alten Läger auf den Markt ausübten. Die 



Knaulgras. 



Schaf- 
schwingel. 



Wiesen- 
schwingel, 
Fioringras. 
Iiispen-Gräser. 



Futten*übei 
samen. 



4. Landwirtschaftliche Sämereien. 



41 



Saison schloß zu wesentlich niedrigeren Preisen als sie begonnen 
hatte, so daß der Artikel den meisten Beteiligten Verluste ge- 
bracht haben dürfte. Die alten Bestände konnten nicht völlig 
geräumt werden, wohingegen Saat aus der 1911er Ernte nur 
noch in schwachen Mengen vorhs^nden ist. 

In Hülsenfrüchten hatte je nach der Reifezeit der trockene Lupinen. 

Sommer die verschiedensten Besultate gezeitigt. Gelbe Lupinen 
blieben knapp. Die Nachfrage war aber zeitweise auch der- 
artig gering, daß ein Bückgang der Preise hierdurch erzwungen 
wurde. Die Umsätze in dem Artikel waren so klein wie seit 
Jahren nicht, und beschränkten sich fast ausnahmslos auf Saat- 
ware, während die Verwendung als Futter durch die hohe Preislage 
so gut wie ausgeschaltet wurde. Blaue Lupinen wurden vielfach 
als Ersatz herangezogen und konnten trotz guten Ertrages in 
Bußland ihren Preisstand noch erhöhen. Erst mit dem Nach- 
lassen des Bedarfes gegen Schluß der Saison und dem Ueber- 
wiegen des Angebots trat auch hierfür ein Bückgang ein. 

Von Wicken brachte Bußland so große Posten zum Export, Wickeu. 

daß der schlechte Ausfall der deutschen Ernte vollkommen aus- 
geglichen wurde und die am Jahresanfang geltenden Preise all- 
mählich nachgeben mußten. 

Peluschken, die zwar in einigen Gegenden mißraten waren, Peiuschkeu. 
kamen vor allem aus Polen in genügenden ^Mengen an den Markt, 
teilweise auch in selten schöner Qualität. Die durch Wicken be- 
einflußten hohen Eröffnungspreise konnten sich nicht behaupten. 

Desgleichen wurden Eelderbsen im Laufe der Saison erheb- reWerbsen. 
lieh billiger, da der Ernteertrag unterschätzt worden war. 



b) Herbstgeschäft. 

Infolge der günstigen Witterung ergab der erste Futter- 
schnitt der Wiesen einen äußerst zufriedenstellenden Ertrag. 
Auch die frühzeitig reifenden Klee- und Grassorten profitierten 
hiervon, soweit nicht die Felder durch die Dürre des Jahres 
1911 für ein Xormalergebnis zu sehr geschädigt waren. Die 
anhaltenden Begenfälle im August/September beeinträchtigten 
zwar die Grummeternte sehr nachteilig; die aus dem ersten 
Schnitt noch vorhandenen reichlichen Vorräte machten indessen 
die Verwendung von Zwischensaaten überflüssig. Der Um- 
satz w^ar hierin ganz außerordentlich klein. In gleichem Maße 
litten unter der regnerischen Witterung die spätreifenden Klee- 
arten und Futterkräuter. Ein großer Teil der Ernte wurde auf 
dem Felde vollkommen vernichtet. 

Von Weißklee und Gelbklee waren im Herbst 1911 große 
Flächen umgeackert worden, welche infolge der Trockenheit zu 
schwachen Bestand zeigten. Die vorhandenen Schläge ergaben 
von beiden Artikeln gute Erträge, aber bei äußerst .^ringen 



Herbst- 
geschäft. 



Zwischen- 
saaten. 



Weifj- und 
Gelbklee. 



42 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



alten Lagern setzten die Preise von vornherein hoch ein und 
konnten seitdem weiter steigen. Für Weißklee ist die Ursache 
vornehmlich in einem großen Exportbedarf zu suchen. 

Wundklee. Pür Wundklee kommt Frankreich in diesem Jahre als Be- 

zugsquelle infolge einer Mißernte nicht in Frage, und der deutsche 
Bedarf ist auf Eußland angewiesen, welches die Situation durch 
langsame aber anhaltende Erhöhung seiner Forderungen ausnutzt, 
obgleich die Ernte dort als mittelgut bezeichnet wird. 

chwedenkiee. Bei dem später reifenden Schwedenklee sind die Einflüsse 

der Witterung an den Qualitäten schon deutlich erkennbar. Die 
deutsche Ernte ist zum größten Teil vernichtet worden, auch 
diejenige Rußlands bleibt weit hinter den ursprünglichen Er- 
wartungen zurück. Da der Ertrag Kanadas Abfluß nach den 
Vereinigten Staaten fand, konnte das russische Angebot der Nach- 
frage nicht genügen, und der Artikel hat schließlich einen selten 
dagewesenen hohen Preisstand erreicht. 

Luzerne. Eine Ausnahme von der allgemeinen Teuerung bildet Luzerne, 

wovon bereits aus der vorhergehenden Saison nicht unbedeutende 
Ueberstände verblieben waren. Lifolge einer großen Ernte in 
Italien und guter Erträge in Ungarn und Turkestan bleibt das 
durch Regenwetter verursachte ungünstige Ergebnis Frankreichs 
ohne entscheidenden Einfluß. 
Rotklee. An Rotklee hat Europa seit Jahren keine so ungünstige 

Ernte zu verzeichnen gehabt wie in diesem Herbst. Der Artikel 
hat unter den Nachwirkungen des trockenen Sommers 1911 so 
gelitten, daß bereits im Herbst 1911 in vielen Produktions- 
gegenden große Umpflügungen stattgefunden haben. Die Reife- 
zeit fiel mit Ausnahme von Südeuropa vollständig in die Regen- 
periode, und so ist es zu erklären, daß in seltener Uebereinstim- 
mung die meisten Produktionsgebiete vollkommen versagten. Aus- 
reichende Mengen und in guter Beschaffenheit waren nur in 
Italien und Südfrankreich erhältlich, wo sich infolgedessen der 
deutsche Markt auch frühzeitig versorgte, ohne daß diese Mengen 
aber für den heimischen Bedarf ausreichend sein dürften. Hierzu 
kommt die Unbeliebtheit dieser für unser Klima wenig geeigneten 
Provenienzen. Der bewährte russische Klee ist fast nur in ge^ 
ringen Qualitäten erhältlich. Die Situation findet ihren Ausdruck 
in einer sehr hohen Preislage. 

"Was Kulturgräser betrifft, so kann bei Timothee, wie den 
sonstigen, vornehmlich aus Amerika bezogenen Sorten, wie Wiesen- 
schwingel, Wiesenrispengras, Fioringras und Platthalmrispengras, 
über eine außerordentlich gute Ernte berichtet werden, verbunden 
mit einem fast ununterbroahenen Preisrückgang seit Saisonbeginn. 
Auch das in Deutschland in großem Maße angebaute Knaulgras 
ist in genügender Menge in allen Produktionsgebieten eingebracht 
worden, während der ausschließlich in Deutschland erzeugte 
Schafschwingel unter den Nachwirkungen der vorjährigen Dürre 



4. Landwirtschaftliche Sämereien. 



43 



ein kleines Ernteresultat zu verzeichiien liat. Von der ursprüng- 
lich guten Raygrasernte ist durch, die ungünstige Emtewitterung 
ein bedeutendes Quantum auf dem Felde vernichtet worden. Die 
eingebrachten Mengen scheinen aber für den Bedarf ausreichend 
zu sein, so daß die Preise mäßig sind, während die Qualitäten 
der englischen sowohl als auch italienisehen Raygräser in den 
Hauptproduktionsgebieten, Großbritannien und Irland, vieles zu 
wünschen übrig lassen. Ein besseres Aussehen hat das italienische 
Eaygras aus Frankreich. 

Für Futterrunkeln, Kohlrüben und Futtermöhren sind die 
Preise bei einem kaum als Normalemte zu bezeichnenden Durch- 
schnittsertrage erheblich niedriger als im Vorjahre, was eine Ver- 
größerung des Bedarfes zur Folge haben dürfte. 

Ganz besonders stark haben Serradella und Lupinen durch! 
das Regenwetter gelitten. Auch die anderen für Futterzwecke an- 
gebauten Hülsenfrüchte, wie Wicken, Erbsen und Peluschken, 
sind in ihrem Ertrage mehr oder weniger beeinträchtigt worden. 
Die überwiegend feucht eingebrachten Partien verhinderten einen 
frühzeitigen Drusch, so daß der Umsatz im Verhältnis zu an- 
deren Jahren weit zurückgeblieben ist, sich auch ein Ueberblick 
über das allgemeine Ergebnis« am Jahresschluß kaum er- 
möglichen läßt. 

Der infolge der Preisentwicklung wenig erfreuliche Ab- 
schluß der Frühjahrssaison 1912 ist bereits im Anfange dieses 
Berichtes erwähnt w^orden. Hinzuzufügen ist noch, daß die häufig 
recht eiligen Versendungen, welche in diesem Geschäftszweige mit 
dem Vorrücken der Saatzeit erforderlich werden, unter dem 
Wagenmangel sehr zu leiden hatten. Wie die Saison 1912/13 
auslaufen wird, dürfte in erster Reihe von der Gestaltung der 
politischen Verhältnisse abhängen. Unter normalen Umständen 



Rübensameiu 



Serradella, 
Hülsenfrüchte 



Tab. IG. Preise der landwirtschaftlichen Sämereien im Jahre 1912. 

(In M für 50 kg). 



Frühjahr 
19i2 



Ende der 
Verbrauchs- 
zeit 1912 



Neue Ernte 
Ende 1912 



Europäischer Rotklee 

Weißklee 

Schwedenklee . . . 

Gelbklee 

Wundklee . . . . 
Franz. Luzerne . . 
Deutscher Timothee . 
Amerikan. „ 

Englisches Raygi'as . 
Italienisches „ 

Serradella 

Gelbe Lupinen . . . 



77—84 
115—145 
70—90 
47—52 
67—77 
65—70 
60—76 
68-75 
19—21 
20—23 
18-21 
12—13 



65—75 
110—135 
70-85 
45-50 
50—70 
62—66 
50-55 
50-55 
17—19 
19—22 
15—17 
ll'/2-12V2 



84- 
105- 
94- 
52 
62- 
73- 
28- 
24- 
17- 
18 
14- 
9V2- 



-110 
-155 
-115 
-65- 

-82 
-79 
-32 
-30 
20 
22 
-16 
10 



44 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Avird trotz hoher Preislage vieler Artikel auf befriedigenden 
Absatz zu rechnen sein, da der zweifelsohne große Frühjahrs- 
bedarf bei der günstigen Lage der Landwirtschaft nach der 
reichlichen diesjährigen Ernte eine Einschränkung nicht erfahren 
dürfte. 

5. K a r 1 f f e 1 n. 

I. Quartal. Dd' Kartoffclgroßhandcl in Berlin war im Jahre 1912 vielen 

Schwankungen unterworfen. Durch die Trockenheit hatte die 
Kartoffelernte im Jahre 1911 stark gelitten, so daß sie doch 
kleiner war, als ursprünglich angenommen worden war. Bereits 
Anfang Januar herrschte eine feste Stimmung bei steigenden 
Preisen. Als Mitte Januar starker Frost einsetzte, und die Zu- 
fuhren nach Berlin abgeschnitten waren, trat zeitweise große 
Knappheit ein, und die Preise stiegen zu einer Höhe, wie sie 
zu dieser Jahreszeit, also Januar/Februar, noch nicht dagewesen 
sind. Rote Dabersche Speisekartoffeln, welche Anfang Januar 
noch 8,50 bis 9 Mk. pro 100 kg im Großverkehr gehandelt .wurden, 
stiegein bis im Monat Februar auf 12 Mk. pro 100 kg. Zeitweise 
trat sogar Mangel an Ware ein. Bei Eintritt von gelindem Wetter 
im Monat März, als die Zufuhren wieder größer wurden, gingen 
die Preise etwas herunter, jedoch blieben sie immer noch ziem- 
lich hoch. Die für Berlin maßgebende Dabersche Kartoffel wurde 
im Großhandel mit 8,50 bis 9 Mk. pro 100 kg ab Berliner Bahn- 
höfen bezahlt. 

II. Quartal. Im zweiten Quartal, April — Juni, ging das Geschäft in 

Berlin ebenfalls flott weiter. Da die Umgegend von Berlin, 
welche eine schlechte Ernte hatte, nicht liefern konnte, so mußte 
fast der ganze Bedarf per Bahn gedeckt werden, und die Zu- 
fuhren auf den Berliner Bahnhöfen waren ziemlich erheblich. 
Die Preise blieben bis Beendigung der Saison, also bis Ende 
Juni, hoch. Lifolge der großen Ernten, welche Bußland, Däne- 
mark und Holland hatten, wurden bedeutende Quantitäten Kar- 
toffeln von dort nach Deutschland eingeführt, wodurch der 
Mangel an Ware gehoben wurde. Die Zufuhren in neuen Malta- 
und italienischen Kartoffeln waren kleiner als in früheren Jahren, 
da die Preise, welche vom Auslande gefordert wurden, sich für 
den Berliner Markt zu hoch stellten. Auch die Zufuhren in 
ungarischen Eosen-Kartoffeln waren durch hohe Preisforderungen 
auä Ungarn kleiner als sonst. 

III. Quartal. Das Geschäft im dritten Quartal, Juli bis September, ent- 

wickelte sich zu Anfang ebenfalls ziemlich lebhaft. Da jedoch 
die neue Ernte einen guten Ertrag versprach, so schwächte sich 
das Geschäft von Anfang August merklich ab, und die Preise 
gingen erheblich zurück. Der größte Bedarf an neuen Kartoffeln 
wurde, wie in früjieren Jahren, von den Besitzern der Berliner 
Umgegend gedeckt, und die Zufuhren per Bahn waren daher 



5. Kartoffeln. 45 

in den Monaten Au^st/September nicht erheblich. Die Preise 
gingen herab, und das Geschäft war für die Händler wenig- 
günstig. 

Die Aussichten für eine gute Kartoffelernte für 1912 waren iv. Quartal, 
in den Sommermonaten recht günstig. Da jedoch durch schlechte 
"Witterungsverhältnisse in den Monaten August und September 
das Abreifen und das Einernten der Kartoffeln sehr verzögert 
wurde, so standen die meisten Kartoffeln noch im Monat Oktober 
auf dem Felde. Als aber zwischen dem 5. und 8. Okt. Nacht- 
fröste eintraten, wurde ein großer Teil der Kartoffeln beschädigt 
oder vernichtet. Da auch das immerwährende Regenwetter nicht 
nachließ, so konnten die Kartoffeln nur in nassem Zustande in 
die Mieten und Kellereien gebracht werden. Infolge des feuchten 
Zustandes der eingelagerten Kartoffeln und des Frostes hatten 
die Kartoffeln wenig Haltbarkeit und ein großer Teil ging in 
Fäulnis über. Das Kartoffelgeschäft litt unter dieser mangel- 
haften und schlechten "Ware sehr erheblich. Es war unmöglich, 
genügende trockene und gesunde Ware heranzuschaffen, und die 
Lagerung von AVinterkartoffeln wurde dadurch sehr erschwert. 
Infolgedessen sind die Wintervorräte in kleineren Mengen als in 
früheren Jahren auf Lager genommen worden, so daß bei Ein- 
tritt von länger anhaltender Kälte sicher Knappheit und Mangel 
an Ware eintreten wird. Das Greschäft selbst war für die Händler 
sehr schwierig, da dauernd von der Kundschaft Eeklamationen 
wegen schlechter Ware eintrafen und von den Händlern Ver- 
gütungen bewilligt werden mußten, so daß der Verdienst der 
Händler sehr geschmälert wurde. Bei Schluß des Jahres machte 
sich schon eine größere Knappheit in gesunder und guter Speise- 
ware bemerkbar, so daß die Preise am Ende des Jahres sich 
sehr fest stellten. Die Hauptzufuhren für Groß-Berlin fanden 
auf dem Kgl. Ost-, Nord-, Hamburg-Lehrter, sowie auch Char- 
lottenburger Güterbahnhof statt. 

Die Kartoffelernte betrug in den letzten 3 Jahren in Tonnen : Emte. 

Ta'>- 17. Kartoffelernte in Tonnep : 

il 1910 I 1911 I 1912 



im Deutschen Reiche '43 468 395 I 34 374 225 50 209 46« 

in Preußen i 32 730 253 ; 25 630 203 , 34 900 .^98 

in der Provinz Brandenburg . .| 5 267 973 ; 3 192 441 j 5 128 386 

Die Preise für gute, gesunde und sortierte Speisekartoffeln Preise, 

stellten sich in Berlin in den letzten 3 Jahren im Monatsdurch- 
schnitt für 1200 kg ab Bahn in Mark: 

'''3^^- 1*^- Monatliche Durchschnittspreise für Kartoffeln in BerJir: 



_ - 


j Jan. 


1 Febr. 


März 


1 Apr. 


Mai 


Juni 


1 Juli 


Aupr. 


Sept. 


Okt. 


Nov. 


Dez. 


1910 
1911 
1912 


54.— 
54.— 
109,2.. 


52.- 

56 — 

108.— 


46.— 

55.— 

102.- 


J43.- 
' 60.- 
108.— 


42.— 
57.— 
96.— 


54.— 
68.— 
100,8.- 


58.— 

120.— 

96.— 


48.— 
96.— 
72.- 


52.— 
80.— 
54.— 


52.- 

82.— 
54.— 


52.— 

84.— 

55,2.— 


53.— 
96.— 

60.- 



46 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



Zufuhren. Nach' der amtlichen Statistik betrug der Empfang auf sämt- 

lichen Berliner Bahnhöfen in den Jahren 1910 — 1912: 

Tab. 19. Empfang von Kartoffeln auf sämtlichen Berliner Bahnhöfen 
während der Jahre 1910—1912 (in Tonnen). 



Anhalt-Dresdener Bahnhof 
Görlitzer Bahnhof .... 
Hamburg- Lehrter Bahnhof 

Nordbahnhof 

Ostbahnhof 

Potsdamer Bahnhof . . . 
Schlesischer Bahnhof . . 
Stettiner Bahnhof .... 
Zentral-MarkthaUe .... 

Zentral- Viehhof 

Fratkfurter Allee .... 

Moabit 

Wedding 

Weißensee ....... 



1910 



3 329 

1 168 

33 806 

86 472 

94 562 

306 

3 269 

229 

5 709 

58 

831 

3 302 

271 



1911 



4 655 

1777 

40 472 

103 178 

120 339 

962 

4 547 

287 

6 760 

72 

706 

2 639 

263 



1912 



6 804 

2 453 

43 217 

108 784 

125 270 

417 

4 391 

575 

4101 

9 

935 

2122 

495 

495 



Zusammen 



233 312 



286 627 



300 068 



Die Hauptzufuhren kamen auf dem Ost-, Nord- und Hamburg- 
Lehrter Bahnhof an und betrugen: 



Tab. 20. 



Zufuhren von Kartoffeln nach den drei Hauptempfangsbahn' 





Jan. 


Febr. 


März 


April 


Mai 


Ostbahnhof 

Nordbahnhof .... 
Hamburg-Lehrter 

Bahnhof 


6.559 
6.457 

1.980 


9.435 

8.228 
3.090 


11.563 

10.172 
3.305 


15.304 
12.853 

4.168 


11.507 
8.640 

2.357 



In welchem Maße infolge der inländischen 1911er Miß- 
ernte in Kartoffeln ausländische Kartoffeln zur Deckung des 
deutschen Konsums herangezogen werden mußten und die Aus- 
fuhr von Kartoffeln aus Deutschland zurückging, zeigt die 
folgende Tabelle: 

Tab. 21. Ein- und Ausfuhr von Kartoffeln in den letzten drei Jahren 

(in Tonnen). 





Einfuhr 




Ausfuhr 




1910 


1911 


1912 




1910 1 1911 


1912 


Insgesamt i'siO 652,0 


794 366,6 


822 310,2 


Insgesamt 


1305 461,1 


290 358,1 


124 582,4 


davon aM?' 






davon nach 






Belgien ii 36 046,2 


97 049,6 


129 745,2 


Frankreich i 39 481,7 


54 160,9 


2 92.5,5 


Nieder! 1126 614,4 


387 499.6 


352 296.3 


Großbrit ' 1853,8 16 490.3 


22 591.6 


Rußland | 86 678,0 


218 513,9 


221096,5 


Oest-Üng. ji 87 478,6 41460 4 25 743,2 










Schweiz 


, 87 544,5 


47 069,2 


43 751,4 



Erstes 
Halbjahr. 



6. Oelsaaten (Raps und Rübsen). 

Die ungünstigen Berichte aus Argentinien, daß die dortige 
Leinsaaternte durch Begenperioden leide, riefen Anfang Januar 
1912 eine rege Kauflust für indischen Raps hervor. Da auch 



6. Oelsaaten (Raps und Rübsen). 47 

für verschiedene Kaps- und Leinkuchenhändler Zwang^deckungen 
in größerem Maße vorgenommen werden mußten, und dies auf 
die Kuchenpreise vorüberg-ehend steigernd einwirkte, so trug 
dies zur Belebung des Rapssaatmarktes ebenfalls bei. In dieser 
Zeit fanden noch verschiedene Posten vorjährigen schlesischen 
und mecklenburgischen Rapses, die bei Provinzhändlern sich vor- 
fanden, verhältnismäßig gut Unterkunft. — Die Verladungen 
aus den indischen Häfen blieben klein; da aber über die frühe 
Ernte und die Aussichten der späteren guten Nachrichten vor- 
lagen, zeigten die Preise große Deports. So wurden im Januar 
für Ferozepore-Rapssaat Januar/Febiniar -Verschiffung 265 Mk., 
für Februar/März -Verschiffung 251 Mk. per Tonne unverzollt 
cif Hamburg zu den Bedingungen des neuen Londoner Kontraktes 
gefordert. 

Gegen Ende Januar trat in Argentinien beständiges Wetter 
ein, und dies sowohl, wie völliges Versagen des Oelkonsums be- 
wirkten ein Nachgeben der Saatpreise im Februar für Ferozepore- 
raps, Februar/März- und März/April -Verschiffung, auf 240,50 ^Mk.- 
per Tonne unverzollt cif Hamburg; neue Bedingungen, während 
man für April/Juni -Verschiff ung 233 Mk. per Tonne unverzollt 

höfen Berlins während des Kalenderjahres 1912 (in Tonnen). 



.Juni 


Juli 


Aug. 


Sept. 


ct. 


Nov. 1 


Dez. 


Jahr 


8.992 
7.137 

1.775 


3.630 

4.248 
2-.023 


7.833 
7.699 
2.953 


11.346 
9.919 
4.142 


17.611 

14.672 

8.434 


13.424 
11.999 1 
6.316 1 


8.066 
6.760 
2.474 


125.270 

108.784 
43.217 



cif Hamburg, aber alte Bedingungen, forderte. Gegenüber diesem 
andauernden Rückgang verhielten sich die Fabrikanten jedoch 
völlig ablehnend, so daß die Preise bis gegen Ende Februar 
noch um weitere 7 — 8 Mk. pro Tonne wichen. — Im Laufe 
der Monate März, April und namentlich Mai belebte sich das 
ßaatgeschäft aber infolge zunehmenden Konsums. Rüböl ging 
bis Ende Mai um fast 10 Mk. per 100 kg in die Höhe, und 
da die ersten Ankünfte neuerntiger Ferozepore-Rapssat sich als 
gut ölhaltig erwiesen, so hatten die Saatpreise bei reger Kauf- 
lust gegen Ende Mai die beachtenswerte Höhe von 280 Mk. für 
schwimmende AVare, 278 Mk. per Tonne für Ferozepore Juni/Juli- 
Abladung, beides unverzollt cif Hamburg, alte Bedingungen, er- 
reicht. Brown Cawnpore-Raps war in Qualität durchweg ge- 
ringer und wurde ungefähr 12 Mk. per Tonne niedriger angeboten. 

Im Juni und Juli verlief das Geschäft in indischen Saaten zweites 
im allgemeinen ruhig; infolge schlechten Oelabsatzes waren zwar Halbjahr, 
die Müller nicht kauflustig, aber die gute Oelausbeute ver- 
hinderte doch einen größeren Rückgang der Forderungen, so daß 
diese trotz der Nähe der inländischen und dem Näherrücken der 



48 I Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

rumänischen Ernte bis Ende Juli nur um 12 Mk. per Tonne 
zurückgegangen waren. Die rumänische Ernte war leidlich durch 
den AVinter gekommen und hatte sich, gutes verheißend, ent- 
wickelt; während der Erntezeit War allerdings unbeständiges 
AVetter eingetreten und hatte die Qualität zum Teil beeinflußt. 
Immerhin war das zum Export zur Verfügung stehende (Quantum 
größer als im Vorjahre. Der italienisch- türkische Krieg ver- 
zögerte zwar anfänglich den Beginn der Verschiffungen, doch 
diese wurden bald um so energischer betrieben, erlitten abei^ 
im Spätherbst durch den Krieg der Balkanvölker gegen die 
Türkei erneute Unterbrechungen und Verzögerungen, da die Käufer 
mit einer Sperrung der Dardanellen rechnen mußten. Auch das, 
wa-s man nun von unserer deutschen Oelsaaternte hörte, lautete 
wenig aussichtsreich und war nicht geeignet, einen Druck auf 
die unrentablen Forderungen der Indier auszuüben; wurden 
letztere doch im Gegenteil durch die für prompte russische 
Steppen-Leinsaat auf zirka 350 Mk. per Tonne unverzollt cif 
Stettin oder Hamburg (die argentinischen Preise waren natür- 
lich entsprechend mitgegangen) gesteigerten Preise noch gestützt. 
— Die deutsche Oelsaaternte hatte eine schlechte Blütezeit ge- 
habt; kalte regnerische Witterung hatte die Blüteperiode und 
einen guten gleichmäßig entwickelten Fruchtansatz gestört. Die 
Schotenmade hatte zum Teil große Verheerungen angerichtet, und 
als nun Ende Juli, Anfang Atugust die ersten Zufuhren ein- 
trafen, wurden die Befürchtungen der Müller durch die schlechte 
Qualität der Ware vollauf bestätigt. Noch schwerer als Papsi 
hatte der Rübsen gelitten, und Pommern, Mecklenburg und 
Holstein waren am schwersten betroffen worden, während schle- 
sischer E-aps meist gute Beschaffenheit zeigte. Man hätte nun er- 
warten sollen, daß sich Händler und Müller beim Kauf stark be- 
schädigten Saaten, deren Oelgehalt erheblich herabgemindert sein 
mußte, Zurückhaltung auferlegen würden. Aber weit gefehlt! 
^Einige Händler bezahlten schlankweg Preise von ca. 320 Mk. per 
Tonne, während der Fabrikant zu einem um 30 Mk. niedrigeren 
Preise kaum seine Rechnung dabei finden konnte. Unter diesen 
Umständen wurden für den rumänischen Rübsen ebenfalls sehr 
hohe Preise gefordert, und w.enn diQSQ auch bezahlt wurden, so 
geschah dies doch zumeist nur von solchen Mühlen, w^elche Raps- 
kuchen, aus europäischer Slaat hergestellt, vorverkauft hatten 
und nun um die Deckung der Saat in Sorge waren. Für rumä- 
nischen Rübsen forderte man ca. 275 Mk., für Raps unge- 
fähr 7 Mk. mehr; in Anbetracht der diesjährigen geringeren 
Qualität waren diese Preise als unrentabel zu bezeichnen. Aehn- 
lich hoch waren die Forderungen für Rübsen und Raps aus Ruß- 
land, woselbst auch eine befriedigende Ernte eingeheimst worden 
war. — Somit blieb für den Fabrikanten im großen und ganzen 
wieder nur die indische Saat zur Versorgung mit Rohmaterial 



7. Fouragehandel (Heu und Stroh). 



49 



übrig, und wean die Forderungen von dorther auch nicht niedrig 
Avaren, so wurden sie doch durch die Nachrichten aus Argentinien, 
wo der Stand der Leinsaaten zu den schönsten Hoffnungen be- 
rechtigte, unter Druck gehalten. Ueberdies wurde schon Ende 
September mit ca. 10 Mk. per Tonne Deport indische E.apssaat 
neuer Ernte auf Verladung Januar/Februar und Februar/März 
1913 angeboten, was auf gute Aussichten auch in diesem Lande 
schließen ließ. AVemi auch im Oktober und November infolge 
einer durch Deckungsnachfrage hervorgerufenen Steigerung der 
Rapskuchenpreise noch manche Posten deutscher, rumänischer und 
indischer Rapssaat bei Fabrikanten verhältnismäßig gnit Unter- 
kommen fanden, so waren letztere doch äußerst zurückhaltend, 
weil Leinsaat immer weiter rapide zurückging. Ueberdies hatten 
sich die Mühlen für den Winter hinreichend versorgt und durften 
bei dei vorgeschrittenen Jahreszeit nicht mehr damit rechnen, 
ihre Neuerwerbungen noch vor Schiffahrtsschluß heranzube- 
kommen. Endlich aber erweckte die Befürchtung, daß dem 
Balkaukriege allgemeine europäische Verwicklungen folgen 
könnten, ein derartiges Mißtrauen und eine so große Geschäfts- 
unlust, daß jeder zurückhielt, nur um nicht Gefahr zu laufen, 
in die außerordentliche Geldknappheit und in die teuren Zins- 
sätze hineingerissen zu werden. Je mehr die Inhaber von Saat 
unter diesen ungünstigen Verhältnissen ihre Ware abzustoßen 
strebten, um so ablehnender verhielten sich die Käufer, so daß 
die Preise stark zurückgingen. Ende Dezember forderte man 
für schwimmenden rumänischen Rübsen 240 Mk., für Ferozepore- 
Raps November/Dezember- Verschiff ung 245 Mk., alte Bedingungen, 
für Ferozepore-Raps, Dezember/Januar-Verschiffung, 240 Mk., alte 
Bedingungen, alles per Tonne unverzollt cif Hamburg. Sehr ver- 
schieden lauteten die Forderungen für deutschen Raps und Rübsen ; 
während ansehnliche Quanten vergeblich mit 260 — 265 Mk. perTonno 
frei Bestimmungstation angeboten wurden, verlangten andere 
275 — 280 — 285 Mk. per Tonne ab Versandstation. Die seiner- 
zeit überstürzten Saateinkäufe hatten den Händlern also schweren 
^^erlust gebracht. So schloß dieses Jahr in Geschäftslosigkeit. 



Die Verladungen nach England und den europäischen Häfen 

des Festlandes betrugen in den letzten Jahren: 

von den indischen Häfen Kalkutta, aus Rumänien, Bulgarien 

Bombay und Karrachee und Rußland 

1909 206 025 t 1909 42 350 t 

1910 246 975 t 1910 29 245 t 

1911 373 570 t 1911 55 850 t 

1912 272 625 t 1912 20 650 t 



Verladungen. 



7. Fouragehandel. 

Der Eauhfutterhandel in Berlin stand in dem Berichtsjahre 
unter dem Einfluß eigenartiger Witterungsverhältnisse. Die Aus- 
sichten waren im Frühjahr, d. h. Ende Mai und Anfang Juni, 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 4 



Allgemeines. 



50 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

sehr gut. da es schien, als ob Heu und Stroh in Hülle und Pülle 
geerntet werden müßten. Leider erfüllten sich diese Hoffnungen 
nur zur Hälfte, denn der zweite Schnitt in Wiesengras fiel fast 
vollkommen schlecht aus und die Strohernte litt ganz außer- 
ordentlich unter der im August eintretenden schlechten Witterung. 
Wenn auch Koggen noch verhältnismäßig gut eingebracht wurde, 
so hatten die Halmfrüchte doch im allgemeinen in der Keimperiode 
im April unter der Trockenheit und den scharfen Ostwinden in 
diesem Monat zu leiden. Im Mai hatte sich jedoch die Witte- 
rung sehr fruchtbar gestaltet, so daß bald alles wieder ausgeglichen 
war, was zuerst verloren schien. Die Ernte konnte daher mit 
guten Aussichten auf reichlichen Ertrag in Heu und Stroh im 
Juli beginnen. Nur der erste Schnitt in Klee hatte durch den 
ungünstigen April jede Bedeutung verloren, während das Heu 
ersten Schnitts in nicht gerade übermäßiger Menge, aber in guter 
Qualität eingebracht wurde. Kaum aber war das Getreide ge- 
schnitten, als ein wochenlang andauerndes B/Cgenwetter das Ein- 
bringen des Getreides verhinderte, wodurch die Qualität des Strohs 
bedeutend litt. Dieses schlechte Erntewetter beeinflußte natur- 
gemäß auch den zweiten Schnitt in AViesengräsern, auf den man 
infolge des großen Mangels an Futter, der noch aus dem Trocken- 
jahr 1911 resultierte, große Hoffnungen gesetzt hatte. Das Heu 
verfilzte durch die Nässe vollkommen, war ganz weich und 
wollig und konnte fast nur als Packheu verwertet werden. Am 
besten ist in diesem Jahr noch Militz geraten, leider aber ist 
diese Futterpflanze im Handel nicht mehr so beliebt wie früher 
und wird nur von größeren Instituten und Molkereien gekauft, 
die den Futterwert zu würdigen wissen. Leider verdarb auch der 
Klee zweiten Schnitts vollkommen, da er auf dem Felde ver- 
faulte. — Man war also in diesem Jahre für den Bezug von 
Klee wieder vollkommen auf das Ausland angewiesen, und zwai" 
kommt nur Seeland und Holland in Betracht, während Kleeheu 
mit Timothee aus Schweden erst gegen Ende des Jahres rentierte, 
lieber die Qualität des Heues kann man daher zusammenfassend 
folgendes sagen: Heu ersten Schnitts ist von guter QuaKtät, 
wird aber von der Landwirtschaft festgehalten, da es zur Auf- 
zucht von Vieh gebraucht wird. Heu zweiten Schnitts ist für 
den Handel nicht zu verwerten, da es verfilzt und wollig ist. 
Stroh ist genügend geemtet worden, jedoch in Farbe und Qualität 
minderwertig. 

Die nachstehend angegebenen Preise verstehen sich durchweg 
pro 100 kg in Waggonladungen frei Berliner Bahnhöfe. 
Heu. Die Preise für Kleeheu und Timotheumheu waren zu Anfang 

des Jahres 9,50 bis 10,50 Mk. und hielten sich auf dieser Höhe, 
da es sich fast nur um ausländische Ware handelt, bis zur neuen 
Ernte. Die Zufuhi- dieses ausländischen Heues war zwar zeit- 
weise über Bedarf groß, jedoch glich sich diese ohne Preisschwan- 



7. Fouragehandel (Heu und Stroh). 51 

klingen wieder aus. Anfang Juli kamen dann Klee und Timothee 
neuer Ernte heran, worauf die Preise auf 6 bis 6,50 Mk. zurück- 
gingen. Klee blieb nach kurzer Zeit ganz aus und Timotheumheu 
stieg dann im August auf 7 bis 7,50 Mk. Mit kleinen Schwan- 
kungen hielt sich dieser Preis bis Oktober, wo das erste hollän- 
dische und dänische Klee- und Timotheumheu nach Berlin kam; 
jedoch mußte für diese bessere Qualitäten 8,30 bis 9 Mk. angelegt 
werden. — Für Wiesenheu wurde Anfang des Jahres 7,40 bis 
8,40 Mk. bezahlt. Die Nachfrage nach guter, gesunder Ware 
hielt bis Mai gleichmäßig an, wodurch auch die Preise unver- 
ändert blieben. Im Mai und Juni stiegen dann die Preise bis 
auf 8,60 ]\lk. Als Anfang Juli neues Heu ersten Schnitts heran- 
kam, gingen die Preise auf 5,20 bis 5,60 Mk. zurück und Anfang 
August wurden Hur noch 4,40 Mk. bezahlt. Dann aber stiegen die 
Preise, da der zweite Schnitt versagte, auf 5 — 6 Mk. und hielten 
sich auf dieser Höhe. 

Da es sich in Berlin fast nur um Boggenstroh handelt, welches strou. 

als Flegeldruschstroh, gebundenes Maschinenstroh oder als Preß- 
stroh in den Handel kommt, so sind hier die Preise immer für 
diese Sorten in derselben Beihenfolge zu verstehen. — Zu Anfang 
des Jahres war die Zufuhr nicht überöiäßigj, und die Preise 
hielten sich bis März auf 5,20 bis 5,60, 4,80 bis 5,30:, 4 bis; 4,20 Mk. 
Erst Mitte März kam Boggenstroh reichlicher heran, so daß die 
höchsten Notierungen nicht mehr glatt bewilligt wurden. Wäh- 
rend der Saatzeit war Preßstroh knapper, und es mußte in dieser 
Zeit dafür bis 4,60 Mk. bezahlt werden. Im Mai waren die Preise 
mit Eücksicht auf den schlechten Saatenstandsbericht bald auf 
5,80 bis 6,30, 5,70 bis 6 und 4,30 bis 4,60 Mk. gestiegen. Preß- 
stroh wurde noch kurz vor der Ernte sehr knapp, so daß die 
Preise auf 4,80 bis 5,20 Mk. stiegen. In der zweiten Hälfte des 
Juli jedoch, wo meistens unmittelbar nach der Ernte gedroschen 
und gepreßt wurde, gingen die Preise wieder auf 4,40 bis 4,80 Mk. 
zurück. Anfang August, als schon die nasse Witterung eintrat, 
waren für Stroh die niedrigsten Preise zu verzeichnen, nämlich 
4,20 bis 4,70 Mk. (Flegelstroh), 3,30 bis 3,60 Mk. (Maschinenstroh 
gebunden), 2,90 bis 3,40 Mk. (Maschinenstroh gepreßt). Es kam 
aber sehr viel nasse und minderwertige Ware heran, so daß viel 
Anla;ß zu Ausstellungen vorhanden war. Bis zum November 
hinein hielten sich die Preise auf 4,40 bis 4,80, 3,60 bis 4, 3,20 bis 
3,80 Mk. Im Dezember wurde Flegel- und Maschinenstroh reich- 
licher angeboten, so daß die Preise am Schluß des Jahres 4,10 bis 
4,50, 3,40 bis 3,80 und 3,20 bis 3,60 Mk. betrugen. 

Für den Häckselhandel kommt in Berlin nur Häcksel aus Häcksel. 

Boggenstroh, kurz geschnitten und staub- und stoppelfrei ge- 
siebt, in Betracht Es wurde zwar von einigen auswärtigen Groß- 
händlern der Versuch gemacht, als Lieferungsnorm für Berliner 
Pferdehäcksel geschnittenes Stroh aus allen Halmpflanzen zu 

4* 



DJ 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A, Landwirtsch. Rohprodukte. 



bezeichnen. Dieser Versuch, wurde aber vom Berliner Fourage- 
handel energisch zurückgewiesen, der sich dabei auf das Gut- 
achten der beeideten Sachverständigen der Berliner Handels- 
kammer stützte, die in einer veröffentlichten Resolution bekannt- 
gaben, daß sowohl Behörden als auch große Institute, sowie die 
Fouragehändler Groß-Berlins bisher unter Pferdehäcksel im Ber- 
liner Handel kurz geschnittenes Roggenstroh, staub- und stoppel- 
frei gesiebt, verstanden haben. Die Preise waren anfangs des 
Jahres bei geringer Zufuhr 4,80 bis 5,20 Mk. und hielten sich 
mit geringen Schwankungen, je nach der Zufuhr, auf dieser 
Höhe bis Ende März. "Während der Saatzeit mußten für Häcksel 
5,40 bis 5,80 Mk. angelegt werden. Besonders beeinflußt wurde 
das Häckselgeschäft durch die schlechten Aussichten für die 
Eoggensaaten, so daß in den Monaten Mai und Juni der Preis 
auf 5,60 bis 6 Mk. stieg. Als die Ernte einsetzte, war Häcksel 
knapp, da die Landwirtschaft Wichtigeres zu tun hatte, als 
Häcksel zu schneiden. Die Roggenemte war aber noch verhältnis- 
mäßig glatt vonstatten gegangen, so daß die Preise für neue 
Ware zeitweilig auf 4,30 bis 4,60 Mk. zurückgedrängt wurden. 
Vom Oktober ab blieben dann diese Preise bis Ende Xovember, 
worauf bei stärkerem Angebot im Dezember die Preise noch 
weiter auf 4,10 bis 4,60 Mk. zurückgingen. 



Hanf. 



Flachs. 

Alte 

Kampagne. 



8. Hanf- und Flachshandel. 

Die Ernte von russischem Hanf war sehr reichlich; 
trotzdem machte sich in den Monaten Februar/März ein 
Mangel von bearbeitetem Hanf bemerkbar, und die Preise 
begannen in schnellem Tempo zu steigen. Für gute Mittellagen, 
welche mit 30 o/o, Paß gehandelt wurden, zahlte man 88 Mk., 
für ^lalestowker 84 Mk., für Karatschewerhänfe 80 Mk. und 
für Streimelhänfe 78 Mk. pro 100 kg, franko Bahnhof Berlin. 
Als im Juni die Sommerware in den Handel kam, gingen die 
Preise um 3 — 4 Mk. für 100 kg zurück, und die Kauflust wui-de 
wieder lebhafter, trotzdem die Faser des Hanfes geringer aus- 
fiel als die des Winterhanfes. Der Absatz war in allen Gegen- 
den gut. 

Infolge der großen Blanko verkaufe, die Ende Dezember 1911 
getätigt wurden, fingen die Flachspreise gleich nach den russischen 
Feiertagen an sukzessive zu steigen. Diese Preissteigerung 
dauerte bis gegen März und erreichte dabei fast die vorjährigen 
Höchstpreise. In diesen wenigen Monaten wurde fast die ganze 
große russische Ernte umgesetzt, so daß zum Frühjahr nur 
geringe Vorräte in festen Händen nachblieben, während die Vor- 
räte der Produzenten vollständig geräumt wurden. Die Nach- 
richten über eine nicht unwesentlliche Vergrößerung der Anbau- 
fläche in Rußland (10 — 20 o/o) und die guten Ernteaussichten 
in den Monaten Mai/Juni/Juli veranlaßiten eine geringe Ab- 



9. Hopfenhandel. 53 

Schwächung der Preise. Infolge der anhaltenden ungewöhnlichen 
Trockenheit und Hitze in Rußland verschlechterten sich die Eimte- 
aussichten im August, und zeitweise sah. es so aus^ als ob die 
späteren Aussaaten fast ganz verloren wären. Gleichzeitig nahm, 
von Amerika ausgehend, die Nachfrage nach Leinwand und dem- 
entsprechend nach Garn einen ganz bedeutenden Aufschwung. 
Da aber ein Teil der Flachsspinnereien für ihren Jahresbedarf 
noch nicht gedeckt war, so machte sich eine lebhafte Nachfrage 
nach Flachs und besonders Heede bemerkbar, infolgederen die 
Restbestände schnell zu höheren Preisen aus dem Markt ge- 
nommen und die Vorräte vollkommen geräumt wurden. Bald 
zu heißes, bald zu kaltes Wetter, abwechselnder Frost und Schnee- 
fall bewirkten aber oft einen "Wechsel in den Emteaussichten. 
Das Urteil geht dahin, daß die Ernte quantitativ der vorjährigen 
nicht nachsteht, daß sie qualitativ zwar sehr verschieden, im 
großen ganzen aber doch nicht schlechter als im vorigen Jahr 
ausgefallen ist. 

Die neue Kampagne begann gleich mit festen Preisen, da Keue 

die Nachfrage, besonders aus den westlichen Konsumländern, rege Kampagne. 
war, während die deutschen Spinnereien mit ihren Einkäufen, 
abgesehen von vereinzelten Abschlüssen auf Probewaggons, zu- 
rückhielten. Infolgedessen konnten sich auch die Preise in Ruß- 
land während der ersten Wochen auf ihrem hohen Niveau be- 
haupten. Die Produzenten beeilten sich, diesen für sie günstigen 
Moment möglichst auszunutzen, und im Laufe der Monate 
November/Dezember waren ungeheure Zufuhren auf den rassi- 
schen Märkten zu verzeichnen. Obgleich die Ware flott auf- 
gekauft wurde, so ließ sich ein langsames, stetiges Fallen der 
Preise nicht verhindern, und Anfang Dezember waren die Preise 
wieder um ca. 10 bis 15 o/o zurückgegangen. Inzwischen hatten 
aber die meisten Spinnereien Deutschlands und der westlichen 
Konsumländer wieder ihren Einkauf in gTößerem Maßstabe auf- 
genommen, so daß bereits im Dezember ca. 50 bis 60 o/o der ganzen 
russischen Ernte gehandelt waren. Diese lebhaftere Nachfrage 
und das Deekungsbedürfnis veranlaßten ein neues Steigen der 
Preise, so daß zu Schluß des Berichtsjahres die hohen Anfangs- 
preise beinahe wieder erreicht waren. 

9. H op f e nh andel. 
Der Pflanzenstand war in den Sommermonaten 1912 in allen 
hop'fenbauenden Gegenden außerordentlich günstig und berechtigte 
quantitativ und qualitativ zu den schönsten Hoffnungen. Das 
andauernde Regenwetter im August hemmte das Ausreifen der 
Dolden, verzögerte die Erntearbeiten und wirkte schädlich auf 
die Pflanze. Die anfangs stark übertriebenen Ernteschätzungen 
wurden nicht erreicht; die Qualität des eingeheimsten Produktes 
mußte vielfach bemängelt werden. Der Lupulingehalt der Ware 



54 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

reichte bei weitem nicht an den des Vorjahres heran; glatt- 
grüne Hopfen zählen zu den Seltenheiten. Der Ertrag der ver- 
schiedenen hopfenproduzierenden Länder genügt aber doch, um 
den starken Bedarf der Brauereien zu befriedigen, und erlaubte 
auch noch ein stärkeres Eindecken auf Vorrat. Die Preise setzten 
verhältnismäßig niedrig ein, erfuhren aber bald, infolge der 
großen Kauflust der Brauereien und der ül>eraus intensiven Tätig- 
keit des Exportes, eine namhafte Steigerung, die mit kurzen 
Unterbrechungen bis Jahresschluß anhielt und sich nicht nur 
ziffernmäßig, sondern auch in einem sehr starken Vorrücken der 
Qualitäten ausdrückt. In erster Hand sind nur noch ganz ver- 
einzelt Hopfenbestände zu finden. Was die Spekulation noch 
in Händen hat, ist schwer zu konstatieren. Ohne Zweifel sind 
es große Mengen. Wenn dieser Spekulationshopfen auch nach 
Lage der Dinge bei dem großen Bedarf der Brauereien nicht 
auf den Preis zu drücken vermag, so werden die jetzt gesperrten 
Quantitäten doch verhindern, daß die Notierungen eine Grenze 
überschreiten, die bei der großen 1912er Ernte von Anfang an 
gezogen schien. Wird diese Grenze überschritten, so wird der 
Ausfuhrhandel seine Tätigkeit einstellen müssen und dadurch den 
Marktverkehr wieder in ruhigere Bahnen lenken. Bemerkenswert 
ist der Umstand, daß bei den Hopfen des heurigen Jahrganges 
mit einem Trooknungsverlust von 15 — 25 o/o zu rechnen ist. 

10. Kunst- und Handelsgärtner ei i). 
Topfpflanzen- Topf pf lanzeukulturcn. 

Kulturen. 

Das Geschäft in Topfpflanzen kann im Berichtsjahre als 
im ganzen gut bezeichnet werden. Die ersten drei Monate ver- 
liefen geschäftlich normal, die Treiberei von Zwiebelgewächsen 
war befriedigend, die der Blüten sträucher und holzartigen Pflanzen 
blieb etwas hinter den gehegten Erwartungen, die der 
warme Sommer hervorgerufen hatte, zurück. Der Absatz 
der Pflanzen hielt sich in mäßigen Grenzen, die Preise 
gingen nicht über die früheren hinaus; wie schon seit 
Jahren waren starke, blühende wie Blattpflanzen schwer 
verkäuflich. Das Frühjahrsgeschäft in Gruppen- und Balkon- 
pflanzen war gut; die vorhandenen VoiTäte wurden geräumt. 
Ein Rückgang machte sich bei dem Friedhofsgeschäft bemerk- 
bar, da die Berliner Stadtsynode die ihr unterstellten Friedhöfe 
•mit Efeu und anderen für Grabhügeldekoration geeigneten 
Pflanzen versieht, welche auf den Zentralfriedhöfen gezogen 
werden. Ein begehrter Artikel sind seit einigen Jaliren getriebene 
Hortensien geworden. In den Monaton Juni und Juli war das 
Geschäft wie gewöhnlich still. Nachher begann es sich wieder 



1) Bericht der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft, Berlin. 



10. Kunst- und Handelsgärtnerei. 5 

et^va5 zu beleben, jedoch, hielt in diesem. Jahre das nasse und 
kühle Wetter die Entwicklung vieler Pflanzen, besonders in der 
ßlütenent Wicklung, zurück; infolgedessen unterblieben manche 
Pflanzungen, die sonst nochmals zum Herbst ausgeführt wurden, 
ganz. ~ Der Sommer 1911 hatte eine tadellose Eeife der 
Blumenzwiebeln bewirkt, so daß sich diese schon zu Weihnachten 
gut treiben ließen und die Preise niedrig waren. Die starke 
und andauernde Kälteperiode brachte dann eine Stockung, sowohl 
in der Produktion wie im Umsatz. Die Folge war, daß der 
außergewöhnliche warme Vorfrühling 1912 eine Blumenzwiebel- 
masse am Markt sah, wie sie selbst hier als ungewöhnlich be- 
zeichnet werden muß. Zu Tausenden mußten die schönsten 
Hyazinthen verschleudert werden. Draußen gedieh alles prächtig, 
nur einige empfindliche Maifröste richteten allerlei Schaden an. 
Freilich wurde in der eigentlichen Pflanzzeit andauernde Trocken- 
heit schwer empfunden, bis dann die erste Junihälfte mit ihrem 
warmen, feuchten Wetter alles gut machte und eine Vegetation 
hervorbrachte, die ungeahnten Segen besonders auf die Schnit1> 
blumenhändler ausschüttete. Leider nur im Material; denn das 
Creschäft war stets ziemlich schleppend, so daß nur ganz 
niedrige Preise erzielt wurden. Im Spätsommer verregnete 
leider vieles, ohne daß das für die Hebung des überall 
gesunkenen Grundwasserstandes so nötige himmlische Naß 
merklich genützt hätte. Es regnete zwar immerfort, aber in 
so relativ geringen Mengen, daß an vielen Stellen nicht einmal 
von einer gründlichen Durchfeuchtung des Bodens gesprochen 
werden konnte, so daß tiefwurzelnde Bäume noch Durst zu leiden 
hatten. Kälte, Sturm und Regen beeinflußten die Kulturen und 
das Geschäft in der ungünstigsten Weise; besonders bemerkt 
wurde hier ein großer Mangel an Eriken, die nirgends zeitig 
zur Blüte kamen, und als sie soweit waren, stellenweise bei 
dem starken Frost vom 5. bis 8. Okt. erfroren. Nicht nur alle 
Schnittblumen gingen damals zugrunde, auch viele w^ertvolle 
Topfpflanzenkulturen hatten unter der außergewöhnlichen Kälte 
von 4—6^ C zu leiden. Es trat zwar eine große Schnittblumen- 
knappheit ein, doch bewirkten die vielen vorhandenen Haus- 
Chrysanthemum und die vielen billigeren Topfpflanzen, daß die 
Preise nicht unerschwinglich hoch stiegen, zumal die Einfuhr 
aus dem Süden bald einsetzte. — Bemerkenswert ist, daß manche 
Insekten, wie die Schmalwanzen, die sonst besonders den Fuchsien- 
und Chrysauthemumkulturen viel Schaden zufügen, gar nicht 
auftraten. — Farne wurden, wie in den letzten Jahren, reich- 
lieh verbraucht. 

Orchideen. 
Die allgemeine Geschäftslage bessert sich von Jahr zu 
Jahr; der Bedarf an Orchideenblumen wird immer größer. Selbst 
in den Sommermonaten werden jetzt viele Blumen zu den ver- 



hul- 



Orchideen 



5^1 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

.-^chiedensten Gelegenheiten verlangt. Trotzdem der diesjährige 
Sommer eine große Anzahl Orchideen b 1 u m e n aufwies, so waren 
doch noch nicht genügend vorhanden, um den Bedarf zu decken. 
Cattleyenblüten sind früher am meisten verlangt worden, doch 
werden jetzt auch die Stiele sehr gern gekauft, wenngleich sie 
bedeutend teurer sind als Cattleyen. Das kommt wohl daher, 
daß das Publikum mehr Verständnis dafür hat. Die Preise 
sind auch gestiegen und werden wohl auch so hoch bleiben, 
denn die Importpflanzen sind bedeutend teurer geworden und 
die Arbeitslöhne erhöht. Orchideen pflanzen werden jetzt aucüi 
immer mehr gekauft, da sie sehr oft als Festgeschenk gewählt 
werden. Die Orchideenliebhaberei nimmt auch ständig zu, wie 
die letzten Ausstellungen der Orchideen-Sektion der Deutschen 
Gartenbau-Gesellschaft zur Genüge gezeigt haben. Leider fehlt 
es an erfahrenen Orchideengärtnern ; die Liebhaberei würde einen 
größeren Aufsch'wung nehmen, wenn tüchtige Kultivateure vor- 
handen wären. 

Abgeschnittene Abgeschnittene Blumen. 

Blumen. 

Das Geschäft in abgeschnittenen Blumen war im Jahre 1912 
befriedigend; Umsatz und Verbrauch nehmen von Jahr zu Jahr 
bedeutend zu. Die Ware war verlockend schön und die 
Kauflust daher sehr rege. Erstklassige "Ware wurde st^ts bevor- 
zugt und in großen Mengen von Süden eingeführt, hauptsächlich 
Nelken in allen Farben, auch E^osensorten, so daß der Markt 
in dem Monat Januar stark besetzt war bei anhaltender, reger 
Kauflust. Die Monate Februar und März waren für den Markt 
der abgeschuittenen Blumen etwas weniger günstig. Der starke 
Frost wirkte auf das Geschäft sehr hemmend. Trotz sorgfältiger 
Verpackung und schneller Verbindung mit den Kurierzügen war 
es doch nicht zu vermeiden, daß die Waren auf dem Transport 
sehr unter dem Frost litten. Die Preise gingen in die Höhje 
und der Umsatz war daher nicht so groß. In den Monaten April 
und Mai war der Markt erfreulicherweise mit schönen deutschen 
Waren stark besetzt, wie Rosen, Flieder, Amaryllis. Orchideen, 
Maiblumen und dergleichen. Erstklassige Ware wurde stets ge- 
kauft. Wenn die deutschen Züchter in dem Monat Juni nicht 
recht mit den Preisen zufrieden waren, namentlich nicht mit 
den Preisen der Rosen aus kalten Käst-en, so lag es daran, dali 
zuviel Ware auf dem Markt war ; um zu träumen, mußten die 
AVaren zu niedrigen Preisen untergebraeht werden. In den Mo- 
naten Juli und August war es — wie es ja auch nicht andea« 
zu erwarten war — selu^ still, der September dagegen war wieder 
sehr lebhaft. Leider setzte unerwartet der Frost ein und ver- 
nichtete alles. Nur das unter Glas Gedeckte konnte gerettet 
werden. Da die deutschen Züchter immer mehr Sorg- 
falt darauf legen, im Herbst recht gute und hauptsächlich 



10. Kunst- und Handelsgärtnerei. 5/ 

lange Ex)sen auf den Markig zu bringen, so war der 
Schaden enorm groß. Chrysanthemum und Nelken waren reich- 
lich vorhanden, nur Rosen fehlten sehr. Auch der Transport 
nach außerhalb, der im Herbst gerade um diese Zeit sehr rege 
ist, mußte aus Mangel an guten Rosen eingestellt werden. 

Baumschulartikel. naumschui- 

artikel. 

Das Baumschulgeschäft im Jahre 1912 begann mit dem Ein- 
tritt von Tauwetter Ende Februar und wurde durch kleine spätere 
Frostperioden nur wenig unterbrochen. Die meist günstige Witte- 
rung im Vorfrühling förderte sehr die Ausführung von größeren 
Anlagen, so daß viel Material verlangt wurde und es zeitweilig- 
schwer möglich war, alle Aufträge umgehend zu erledigen. Die 
Nachfrage in starken, verpflanzten Obstbäumen, starkem Form- 
obst, entwickelte sich noch reger als in der .vorigen Versand- 
periode. Viel verlangt wurden Sträucher aller Art; starke Ware 
wurde besonders gut bezahlt. Durch strengen Frost hatten ein- 
zelne Arten: Kerria jap., Ligustrum ovalifolium, Deutzien, Prunus 
Pissardi, bessere Spiraeen, Cydonien, Labumum, Sambucns sehr 
gelitten und waren in großen Mengen nicht zu beschaffen. Von 
Alleebäumen fielen Platanen, Walnuß, xlcer platan. dem Frost 
zum Opfer und konnten infolgedessen nicht geliefert werden. 
Bei Koniferen fehlte es namentlich an Taxus, Chamaecyparis in 
besseren Sorten, die alle durch Frost sehr beschädigt oder ganz 
verdorben waren. Arten, die sonst vollkommen winterhart sind, 
gingen zugrunde; doch wohl mehr infolge der vorhergegangenen 
Trockenheitsperiode des Sommers 1911, deren nachhaltige Wir- 
kung durch den scharfen AVinter noch verstärkt wurde. ■ Neu- 
anpflanzungen von jungen Banmschulartikeln zeigten im Anfang- 
schwachen Trieb, da der Mai sehr trocken und warm war. Der 
Koniferen- Versand entwickelte sich in diesem Monat sehr rege, 
doch war die regenarme Witterung dem Transport und Hern 
Anwachsen nicht günstig. Namentlich versagten große Einzel- 
pflanzen oft gänzlich. Von Mitte Juni an entwickelten sich alle 
Kulturen dank öfteren Regens sehr erfreulich, und der Ausfall 
des trockenen Vorjahres wurde meistenteils gut nachgeholt. An- 
gebot und Nachfrage in guter Handelsware hielten sich des- 
wegen in der Herbstversandperiode die Wage, und alle Auf- 
träge konnten zu beiderseitiger Zufriedenheit erledigt werden. 
Anfang September begann der Koniferen- Versand, wobei sich' kein 
reges Geschäft entwickelte. Besser wurde der Versand in Allee- 
bäumen, Obstgehölzen anfang-s Oktober. Infolge des feucht- 
kalten Herbstes reiften alle Pflanzen spät aus und sie hielten 
da^ Laub lange. Daher konnten nur wenige Pflanzenarten sofort 
herausgenommen werden, und das Entblättern nahm viel kost- 
bare Zeit in Anspruch. Die durch Regen sehr aufgeweichten Wege 



58 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

und Quartiere erschwerten ein flottes Arbeiten, wodurch der 
Herbstversand sehr in die Länge gezogen wurde. Das Angebot 
guter Hilfskräfte entsprach zeitweilig nicht der großen Nach- 
frage. Namentlich wurden durch die verspäteten Ernten in der 
Landwirtschaft die Arbeitskräfte dem Baumschulbetrieb unver- 
hältnismäßig lange vorenthalten. Hierdurch entstand namentlich 
in der ersten Zeit der Versandperiode eine unangenehme Stockung, 
indem die angehäuften Bestellungen infolge Mangels an Arbeits- 
kräften nicht schnell genug erledigt werden konnten. 

Blumen- Blumenbinderei. 

binderei. 

Das Geschäft im Jahre 1912 verlief im ganzen nicht sehr 
günstig. Die allgemeine Teuerung, welche hauptsächlich in 
Lebensmitteln Platz griff, brachte es mit sich, daß in Ausgaben 
für Luxusgegenstände Einschränkungen vorgenommen wurden. 
In keinem Jahre vorher war eine so große Anzahl Blumen- 
geschäftsinhaber gezwungen, das Geschäft aufzugeben, wie im 
Jahre 1912; waren es doch im Monat November allein ca. 15 Ge- 
schäfte. Vor allem trägt hieran die Ausbreitung des Straßen- 
handels die Schuld. Die flaue Börse, welche infolge des Balkan- 
krieges eintrat, hat zu dem schlechten Geschäftsgang ebenfalls 
einen Teil beigetragen. Einzig und allein das Geschäft in Trauer- 
arrangements und Kränzen blieb vielleicht auf derselben Höhe 
wie im vorhergehenden Jalire. 

Gemüse. GcmÜSC. 

lieber das Geschäft im allgemeinen läßt sich folgendes sagen : 
Im Januar, Februar, März war nichts zu verkaufen, weil nichts 
vorrätig war. Von April bis Mitte Juni wurde außer Salat alles 
abgesetzt. Mitte Juni bis Ende September war das schlechteste 
Geschäft, das der Berliner Markt seit 1896 aufzuweisen hatte. 
Außer Mohrrüben und Bohnen waren von allen Artikeln nur 
allerbeste Qualitäten zu den niedrigsten Preisen abzusetzen. 
Große Bestände wurden deshalb gar nicht geemtet und dem 
Verderben preisgegeben. Von Anfang Oktober ab fehlte es 
infolge der außergewöhnlich kalten Witterung im August und 
September an Nachwuchs ; dadurch erholten sich die Preise. Gegen 
Ende des Berichtsjahres waren die Preise normal. Die Winter- 
vorräte sind in Quantität normal, in Qualität lassen sie zum 
großen Teil zu wünschen übrig, hervorgerufen durch den kühlen 
Herbst. Ueber die einzelnen Artikel ist folgendes zu berichten : 

Spinat hatte bei der strengen Kälte Ausgang Januar und 
Anfang Februar eine leichte Schneedecke gehabt und sich ge- 
halten. Die Vorräte und Preise waren im Frühjahr wie im 
Herbst befriedigend. Winterspinat ist infolge des kühlen Herbstes 
zurückgeblieben. 



10. Kunst- und Handelsgärtnerei. 



59 



Kohlrabi war von Anfang bis Ende billig. 

Radies und Rettig wurden das ganze Jahr hindurch wenig 
^^e^langt. 

Die ersten Wirsingpflanzen hatten sehr durch Frost 
gelitten ; als die vom Frost verschont gebliebenen Pflanzen ver- 
kauf sfertig waren, konnten sie nur zu sehr niedrigen Preisen ab- 
gesetzt werden, ganz im Gegensatz zu anderen Jahren. 

Weißkohl ist noch nie so billig gewesen, wie in diesem 
Jahr. Die Sauerkohlfabriken hatten wochenlang die Abnahme 
iverweigert. 

Rotkohl und Blumenkohl haben in guter Qualität immer zu 
normalen Preisen Absatz gefunden. 

Porree, Petersilicnwurzel, Sellerie (Suppengrün) waren bis 
zum Spätherbst nur in ganz geringen Quantitäten abzusetzen; 
dadurch sind über Winter Bestände weit über normal verblieben. 

Die ersten Salatpflanzungen sind stellenweise bis zu 100 o/o 
unverkäuflich geblieben. Im^ Hochsommer dezimierte die graue 
Erdmade die Pflanzungen in erschreckender Weise; die letzten 
Pflanzungen sind durch die anhaltende kühle Witterung und 
zeitweisen strengen Fröste ruiniert worden, so daß von einem 
befriedigenden Geschäft in Salat im Jahre 1912 nicht gesprochen 
werden kann. 

Mohrrüben haben merkwürdigerweise bis im September hin- 
ein gut im Preise gestanden. 

Die Preise für grüne Bohnen waren bis zum Schluß des 
Geschäftsversands gut; jedoch in Anbetracht der teuren und 
schlecht keimenden Saat sowie des Umstandes, daß die Fröste 
die späten Aussaaten bereits, anfangs September vernichteten, 
kann der Züchter das Ergebnis nur als unternormal bezeichnen. 

Gewürzkräuter (Majoran, Thymian, Salbei) sind glatt ver- 
kauft worden. 

Das Jahr 1912 war für den Berliner Gemüsegärtner so ver- 
lustreich wie selten ein anderes. Dazu kommt die fortschreitende 
Tendenz der Lohnerhöhungen und die Auslandskonkurrenz; dies 
alles läßt den rechnenden Berliner Gemüsegärtner nur verzagt 
in die Zukunft blicken. 



Landschafts- und Dekorationsgärtnerei. 

Der Geschäftsgang in der Landschaftsgärtnerei war im Jalire 
1912 mittelmäßig; es wurden vorwiegend kleine und mittelgroße 
Gartenanlagen ausgeführt. Mehr und mehr macht sich die Un- 
sitte breit, selbst für die Anlage eines kleinen Hausgärtchens 
mindestens ein halbes Dutzend Projekte einzufordern, natürlich 
kostenlos. Sehr häufig erhält dann der Einsender des billigsten 



Landschafts 

und 
Dekoration»- 

Gärtnerei. 



60 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Kostenanschlags die Ausführung der Anlage; es kommt selten 
etwas Gutes dabei heraus. Leider ist es bisher nicht möglich ge- 
wesen, in den beteiligten Kreisen ein energisches Bekämpfen dieser 
Unsitte zu veranlassen. Bei der Neuanlage von Hausgärten wird 
zurzeit mehr Wert auf Anpflanzung einzelner großer Bäume 
gelegt ; daher waren solche sehr gesucht und erzielten gute Preise. 
Der Streik der Landschaftsgärtnergehilfen im Frühjahr 1912 ist 
für die Gehilfen völlig ergebnislos verlaufen. Hauptsächlich ist 
dies den Bemühungen des Arbeitgeberschutzverbandes zu ver- 
danken. Infolge der schlechten Lage des Geldmarktes gehen die 
Zahlungen sehr schwer ein und erreichten die Außenstände in 
diesem Jahre eine Höhe wie selten vorher. 

Das Geschäft in der Dekoration hat in diesem Jahre eine 
wesentliche Besserung gegen 1911 gezeigt. Viele Dekorationen 
größeren Umfanges, die 1911 aus politischen und anderen Gründen 
zurückgestellt wurden, gelangten in diesem Jahre zur Ausführung, 
so daß über Mangel an Aufträgen nicht zu klagen war. Schwierig- 
keiten boten sich im Herbst nur insofern, als .die herrschende 
kühle Witterung dazu zwang, die Sommerdekorationspflanzen 
frühzeitig zu entfernen. Man hatte das Empfinden, daß der 
Winter uns plötzlich überraschen könnte; nur hatte es seine 
Schwierigkeiten, passendes Material heranzuschaffen. Die von 
der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft angeregte Prämiierung der 
schönsten Balkone und Dekorationen der Geschäftshäuserfronten 
hat dem Dekorationsgärtner öfter günstige Gelegenheit geboten, 
sein Pflanzenmaterial vorteilhaft zu verwenden. 

Getrocknete Getrocknete Blumen und Gräser. 

Blumen und 

Gräber. j)gj. Anbau von Ziergräsern und immortellenartigen G^ 

wachsen und Blumen ist im Jahre 1912 noch mehr zurückgegangen, 
da sie zu Bindezwecken jetzt immer weniger verlangt werden. 
Eine Ausnahme machten Statice tartarica und Bromus brizae- 
formis; es ist zweifelhaft, ob die eingebrachten Vorräte bis zum 
nächsten Eruhjahr trotz herabgesetzter Preise verkauft werden. 
Etwas Nachfrage war nach Heranthemum, rotgebeizt, und farbigen 
Helichrisum, langstielig geschnitten. Feinere Gräserarten wurden 
wenig verlangt. Französische Immortellen in naturfarbig" und 
gefärbt wurden zu Mosaikarbeiten und Bindereien verwendet und 
behaupteten ihren Preis. Dagegen blieben trotz niedrigster Preise 
Kapblumen, weiß und gefärbt, unverkäuflich. Es ist bedauerlich, 
daß diese schöne Immortelle ganz außer Kurs gesetzt wurde. 
Schuld an diesem Umstand haben die Importeure, weil sie vor 
einigen Jahren die Preise so hoch schraubten, daß die Kauflust 
abzuflauen begann. Die präparierten Cycas- und Palmenwedel 
werden in großen Quantitäten zu Trauerbindereien verwendet; 
ebenso ist das weißgraue Islandmoos beliebt, wenn es sorgfältig 



10. Kunst- und Handelsgärtnerei. 



61 



geerntet und verpackt hier eintrifft. Präparierte Asparagus- und 
Farnwedel werden zu feineren Bindereien, wenn das frische 
Material mangelt, verwendet. 

Obstbau. 
Durch den trockenen Sommer 1911 war ein reicher Frucht- 
ansatz erzielt; obwohl der Winter infolge höherer Kältegrade 
vielfach erfrorenes Holz brachte und deshalb die anfangs ge- 
hegten Hoffnungen verminderte, hat sich dennoch kein Ausfall 
gezeigt. Vielmehr war bei Aepfeln und Birnen eine überreiche 
Blüte zu konstatieren. Allerdings fiel diese in eine scharfe 
Frostperiode, bis zu 4° C, so daß man hierdurch befürchten mußte, 
wiederum einen Ausfall zu haben. Auch das traf nicht zu; viel- 
mehr trugen in erster Linie Birnen sehr reich, Aepfel nicht 
minder. Durch den massenhaften Ansatz, auch infolge der Dürre 
im Untergrund, blieben die Früchte erheblich kleiner, auch 
wurden sie früher baumreif. Die Haltbarkeit hatte ebenfalls 
sehr gelitten, so daß sie in den meisten Fällen viel früher 
reiften. Durch das große Angebot während der Birnenzeit waren 
nur geringe Preise, wozu auch die geringere Größe mit beitrug, 
zu erzielen. Fusicladium war minimal; der Greschmack war zum 
Teil recht ausgeprägt. Bei manchen Birnensorten zeigte sich ver- 
mehrte Steinbildung am Kernhaus, hervorgerufen durch die 
Dürre. Kirschen trugen wenig, da sie offenbar in der Blüte 
vom Frost gelitten hatten. Aehnlich verhielt es sich auch bei 
den Pflaumen, Pfirsichen und Aprikosen, so daß es hierin nur 
eine spärliche Ernte gab. Die Preise waren daher sehr gut. 
Infolge der anhaltenden Dürre des Sommers gingen bald nach 
der Blüte viele alte Bäume ein. Die Beerensträucher zeigten 
teilweise wenig Holzentwickliing, litten auch in der Blüte durch 
Frost, 90 daß wenig Ansatz vorhanden war. Die Preise waren 
daher zufriedenstellend. Erdbeeren waren viel am Markt, so daß 
die Preise sich nur auf mittelmäßiger Höhe hielten. Die Frei- 
landkulturen des Weinstocks hatten sehr gut angesetzt und 
gaben begründete Hoffnung auf eine reiche Ernte. Durch den 
kühlen Nachsommer blieb die JEntwicklung der Trauben sehr 
zurück, die früh einsetzenden Fröste vernichteten die Blätter, 
so daß eine weitere Entwicklung der Trauben ausgeschlossen war 
und der Wein zumeist unreif blieb. 

Obstverwertung. 
Dank der fortschreitenden Erkenntnis von dem hohen 
hygienischen Wert des Obstgenusses und der Notwendigkeit 
einer rationelleren Ernährung befand sich auch in diesem Jahre 
das Geschäft in Obstverwertungsprodukten in aufsteigender 
Linie. Gute Ware fand stets ihren Abnehmer, so daß Rest- 
bestände bis zur nächsten Ernte kaum in größeren Posten zu 
erwarten sein werden. Ein bemerkbarer Einfluß auf die 



Obstbau. 



Obst- 
verwertuiu 



62 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 

Preisfestsetzung wurde durch folgende Umstände bedingt: Zu- 
nächst kam die Mißernte des Jahres 1911 in Betracht, hervor- 
gerufen durch die außerordentliche Dürre. Posten früherer, Jahre 
wurden daher bei hohen Preisen geräumt. Im Frühjahr 1912 
waren zunächst sehr gute Aussichten für die Ernte; die in 
vielen Gegenden in der Blüte einsetzenden Nachtfröste haben 
diese Aussichten jedoch zuschanden gemacht. Gute Dauerwaren 
aus inländischen Früchten mußten somit im Preise anziehen. 
Nicht ohne Einfluß blieben die Preisfestsetzungen für frische 
Ware durch den deutschen Pomologen- Verein, welche in diesem 
Jahre zun^ erstenmal zur Geltung kamen. Infolgedessen wurde 
ein Mißerntezuschlag für Dauerwaren erhoben, der z. B. auf 
Säfte und Gelees 5 o/o, auf Marmeladen und Dunstfrüchte 
bis 8 o/o Aufschlag gegen 1910 ausmachte, soweit inländisehes 
Obst verarbeitet wurde. Im einzelnen ist noch folgendes zu er- 
wähnen: Erdbeerenkonserven aus holländischer Ware waren gut 
und normal im Preise. Aprikosen und Pfirsiche aus Frank- 
reich sind infolge schlechter Ernte sehr teuer. Spanische Apri- 
kosen in halben Flüchten waren von sehr guter Beschaffenheit 
und billig, amerikanische Konserven und Präserven sind gut und 
die Preis<' zogen nicht merklich an. In serbischen Pflaumen war 
eine totale Mißernte zu verzeichnen. Die Ernte in Mirabellen 
war gut, daher trat keine Preiserhöhung ein. Die hohen Preise 
für diesjährige Sauerkirschen bedingten auch eine Preiserhöhung 
des Saftes, so daß dieser eingekocht teurer steht als Gebirgs- 
himbeersaft. Hiesige Gartenerdbeeren erzielten hohe Preise; 
ebenso verhält es sich mit Johannisbeeren und grünen Stachel- 
beeren. Apfelmus und eingemachte Birnen fanden rege Nach- 
frage zu normalen Preisen. — Spargel wurde im Berichtsjahre 
in nicht besonderer Qualität geerntet, hauptsächlich weil die 
Spargelpflanzen unter der vorjährigen Dürre zu sehr gelitten 
hatten. Ebenfalls schlecht abgeschnitten haben Erbsenkonserven. 
Auch in Pfefferlingen ist eine Mißernte entstanden. Im Gegen- 
satz zum Vorjahre sind reichlich Bohnen vorhanden und in 
tadelloser Beschaffenheit. Junge Spinatkonserven waren gut und 
wurden reichlich gefordert. Tomatenkonserven sind zumeist billig, 
jedoch bisweilen infolge des Regens und der Kühle des Nachsom- 
mers von geringerer Beschaffenheit. Karotten und Kohlrabi waren 
reichlich und zu normalen Preisen vorhanden. Wie durch Um- 
frage bestätigt wurde, scheinen Dörrgemüse in Hausfrauenkreisen 
immer noch nicht genügend begehrt zu sein, während diese Ijebens- 
mittel bei Massenversorgung eine immer steigendere Rolle spielen. 

11. Obsthandel. 
Sommei-obst. Das Geschäft in Sommerobst war auch im Jahre 1912 un 

allgemeinen befriedigend. Allerdings ließ der Ausfall der in- 
ländischen Ernte wieder fast durchweg viel zu wünschen übrig, 



11. Handel mit Obst. 



63 



Anderes 

üeerenobst. 

Sonstiges 

Frühobst. 



denn nachdem die Blüte außerordentlich reich gewesen wax, 
richteten die starken Nachtfröste im April und Anfang Mai in 
den meisten Gegenden großen Schaden an, vor allem am Frühobst. 

Die Frühernte in Kirschen hatte zwar in den für Berlin Kirschen, 

hauptsächlich in Betracht kommenden Produktionsgebiete« 
(AYerder, Schlesien und Thüringen) unter dem Regen zu leiden, 
doch war das Ergebnis noch einigermaßen befriedigend. Die 
Verkaufspreise waren dementsprechend gut, im Durchschnitt 
vielleicht höher als je zuvor. Die Zufuhren aus dem Auslände 
waren auch in diesem Jahre wieder knapp und die dafür er- 
zielten Preise nur zeitweise gewinnbringend. 

Durch die große Dürre des Vorjahres hatten die Erdbeer- Erdbeeren. 
pflanzen stark gelitten und durch die Fröste im Füihjahr wurde 
die inländische Ernte noch weiter verringert, so daß die Zu- 
fuhren von deutschen Erdbeeren sehr knapp und dementsprechend 
auch die Preise ziemlich hoch waren. Ebenso reichten die Zu- 
fuhren aus Holland nicht an die des Vorjahres heran, w^ogegen 
die aus Frankreich stärker waren. Da die Wai'e im allgemeinen 
gesund eintraf, so konnten gute Preise dafür erzielt werden. 

Anderes Beerenobst war außergewölinlich knapp und teuer. 

Die inländische Ernte in sonstigem Frühobst w^ar, wie schon 
oben erwähnt, nicht reichlich; in Aprikosen und Pfirsichen sogar 
sehr knapp. Auch aus dem Auslande kam ziemlich wenig 
Ware; so fehlten zum Beispiel ungarische Aprikosen vollständig. 
Ebenso kamen auch aus Frankreich und Italien noch erheblich 
weniger Aprikosen und Pfirsiche als im Vorjahre; die dafür, wie 
auch für anderes Frühobst erzielten Preise wären sehr hoch. 
Dagegen kamen aus Böhmen große Mengen von Birnen an den 
Markt, w^elche teilweise mit großem Verluste verkauft werden 
mußten. 

Noch mehr als im letzten Jahre wurde das Geschäft in Wein- Weintrauben, 
trauben durch die enorm hohen Einkaufspreise in Italien und 
Frankreich erschwert, welche jeden Gewinn unmöglich machten. 
Die Zufuhren aus Algier entsprachen etwa denen des Vorjahres; 
teilweise kam die Ware schlecht an und mußte sehr billig ver- 
kauft werden. Die Ankünfte aus Frankreich waren noch viel 
geringer als im letzten Jahre und erbrachten große Verluste. 
Auch Italien sandte eher noch weniger Trauben als im Vorjahre, 
und trotzdem die Ware im allgemeinen gesund eintraf, waren 
doch im Durchschnitt erhebliche Verluste zu verzeichnen. Aus 
der Türkei kamen infolge der politischen Wirren nur wenige 
Waggons zu Beginn der Saison. Die Zufuhren von spanischen 
iWintertrauben waren wieder ziemlich bedeutend und die Preise 
verhältnismäßig gut. 

Die Zufuhren an Spätobst, sowohl von Aepfeln als von Birnen, spätobst. 

waren ziemlich bedeutend. Die inländische Ernte fiel im Durch- 



64 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. A. Landwirtsch. Rohprodukte. 



Bananen. 



Tomaten. 



Walnüsse. 



Haselnüsse. 



Ausländisches 
Gemüse. 



schnitt noch befriedigend aus und die geringeren Zufuhren aus 
manchen ausländischen Gebiet-en (Italien, Tirol, Steiermark u. a.) 
wurden durch stärkere Zufuhren aus Galizien, Frankreich, Belgien, 
Holland und namentlich Amerika ausgeglichen. Besonders die 
amerikanischen Aepfel kamen in diesem Jahre in enormen 
Mengen an den Markt, und da sie von hervorragender Qualität 
und dabei nicht besonders teuer waren, so übten sie einen großen 
Einfluß auf den Markt aus. Für geringere Aepfel gestaltete sich 
der Absatz wenig-stens bis Beginn des Winters sehr schwierig. 
Gute Winterbimen waren wieder knapp und teuer. Von Spät- 
pflaumeni lieferte namentlich Böhmen w^ieder große Mengen und 
hätte noch mehr gesandt, wenn der Frost vom 6./8. Oktober 
nicht den Rest der Ernte vernichtet hätte. 

Neu an den Markt kamen Columbia-Bananen, und wenn diese 
auch an Qualität nicht an die kanarischen und Jamaika- Bananen 
heranreichen, so übten sie doch einen großen Einfluß auf die 
Preise aus, zumal auch die Zufuhren zeitweise sehr groß waren. 

Mehr noch als im ^"orjahre wurde der Markt in Tomaten 
von der italienischen und französischen Ware beherrscht, welche 
in enormen Quantitäten ankam, und zeitweise so billig verkauft 
wurde, daß nicht einmal die Frachtkosten herauskamen. Die in- 
ländische Ernte fiel zwar nicht knapp aus, spielte aber, wenigstens 
am Berliner Markt, gar keine Rolle. 

Infolge der Mobilmachung auf dem Balkan fielen die Zu- 
fuhren von Walnüssen aus Serbien, Bulgarien und der Türkei 
vollständig aus, und auch diejenigen aus Rußland und Rumänien 
blieben sehr knapp. Ebenso lieferte auch Frankreich ziemlich 
wenig AVare, so daß die Xußpreise in diesem Jahre, wenigstens 
für gute Ware, außergewöhnlich hoch waren. 

Haselnüsse erreichten so hohe Preise, wie seit zehn Jahren 
nicht mehr; die Restbestände konnten sämtlich mit gutem Nutzen 
geräumt w^erden. 

Im Gegensatz zum Vorjahre war die einheimische Gemüse- 
emte fast allgemein reichlich, so daß namentlich die verschiedenen 
Kohlsorten nur in geringem Umfange aus dem Auslande bezogen 
wurden. Während des Winters 1911/12 war das Geschäft in 
italienischem' Blumenkohl ziemlich bedeutend und die Preise 
namentlich in der ersten Hälfte der Saison sehr gut. Im Winter 
1912/13 dagegen beherrschte der Erfurter Blumenkohl infolge! 
der günstigen Witterung noch bis in den November hinein den 
Markt, so daß die Zufuhren aus Holland und Italien sehr bUlig 
verkauft werden mußten. Für Bohnen dagegen fiel im September 
und Oktober die inländische Ernte infolge der kühlen Witterung 
sehr knapp aus, so daß die italienischen Bohnen sehr gut be- 
zahlt wurden. 



12. Mehl und andere Mühlenfabrikate. 



65 



B. Landwirtschaftliche Fabrikate. 

12. Mehl- und andere Mühlenfabrikate. 
a) Müllerei. 

Der Geschäftsgang der Müllerei war im ersten Halbjahr 
nicht befriedigend. Die vorzügliche Qualität des im Jahre 1911 
geernteten Getreides hatte eine sehr hohe Mehlausbeute im Ge- 
folge gehabt. Da für die große Mehlproduktion keine ent- 
sprechende Nachfrage vorhanden war, so hatten sich schon Ende 
1911 bedeutende Mehlvorräte angesammelt, die auf Absatz 
warteten. Diese Bestände erfuhren im Berichtsjahre zunächst 
noch eine Vermehrung, da die Nachfrage im Vergleich zur Pro- 
duktion gering blieb. Im Gegensatz zur hohen Mehlausbeute 
war die Ausbeute an Kleie gering; die Preise hierfür waren 
daher, namentlich aber infolge der geringen Futtermittelemte 
des Jahres 1911, recht hoch. Angesichts der großen Mehlläger 
und des Mißverhältnisses zwischen dem Umfang der Mehl- 
produktion und der Nachfrage nach -Mehl, sahen sich einzelne 
Mühlen veranlaßt, ihren Betrieb einzuschränken oder ihn gar 
einzustellen. 

Ein Umschwung trat für die Müllerei im zweiten Halbjahr 
ein. Die schlechte Witterung verzögerte die Einbringung der 
Ernte und das Vermählen neuen Getreides. Infolgedessen be- 
gannen die vorhandenen Mehlbestände sich allmählich zu lichtea 
und zu räumen. Die großen Mehlläger verhinderten die sonst 
infolge der Ernteverzögerung unvermeidlich gewesene empfind- 
liche Preissteigerung der Mehle. Die Qualität des neuen Weizens 
und Roggens hatte unter der langen Regenperiode stark gelitten 
und fiel gegenüber derjenigen des Vorjahres sehr ab. Ein großer 
Teil des Getreides war mit Aaswuchs behaftet. Im allgemeinen 
war aber die Backfähigkeit der neuen Mehle besser als man 
anfangs erwartet hatte, und der Weizen zeigte einen guten 
Klebergehalt. Während des ganzen zweiten Halbjahres hielt die 
Nachfrage nach Weizen und Roggenmehl in befriedigendem Maße 
im Inlande an. Auch aus dem Auslande machte sich starke 
Nachfrage nach deutschem Mehl geltend. Die Mühlen hatten 
daher in der zweiten Jahreshälfte einen zufriedenstellenden Ge- 
schäftsgang und vermochten einen ausreichenden Mahllohn zu 
erzielen. 

b) Mehlhandel. 
Weizenmehl. 

Der Schluß des Jahres 1911 hatte Berlin mit einem so enormen 
Mehllager versorgt, daß die Speicher kaum imstande waren die 
Ware aufzunehmen. Der Mehlhandel ging mit der guten Hoffnung 
in das neue Jahr, daß die Ware der vorzüglichen Ernte vom 
Jahre 1911 auf lange Zeit hinaus haltbar wäre. Sonst war 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 5 



MüUerei. 
ErstesHalbjahr. 



Zweites 
Halbjahr. 



Weizenmehl. 

Erstes 
Quartal. 



66 I. Pflanzl. Rohprodukte usw» B. Landwirtsch. Fabrikate. 

das Geschäft im Anfang des Jahres wie immer vollkommen 
lustlos. Die Konsumenten, die vor dem Weihnachtsfest 
mit Ware gewöhnlich voll versorgt sind, versorgten sich erst 
wieder gegen Ende Januar. Die Preise für Weizen und Roggen 
konnten sich im Anfang des Januar gut behaupten und nahmen 
sogar eine steigende Richtung im Laufe des Monats an, und 
zwar infolge des kälter werdenden Wetters, das die Flußschiff - 
fahrt auf der Oder behinderte. Dieser Umstand beeinflußte auch 
das Mehlgeschäft günstig. W^enn auch der Markt in den ersten 
Tagen des Februar noch in fester Tendenz verkehrte, so brachte 
doch der Umschlag der Witterung die Unternehmungslust zum 
Stillstand, und man zehrte noch von den großen Mehllägern. 
Für ausländisches W^eizenmehl begann allgemein das Interesse, 
da der inländische Weizen bei all seiner Trockenheit doch nicht 
entfernt genug Kleber zeigte und nur mit ausländischem Mehl 
zusammengemischt die größere Ergiebigkeit gewährte. Sonst 
verlief das Mehlgeschäft während des gesamten Monats voll- 
kommen ruhig. Es war allerdings nicht an ein Fallen der Preise 
zu denken, da der Futtermangel sich schon sehr bemerkbar machte, 
doch waren gerade die erhöhten Preise für Kleie der Grund 
dafür, daß die Mühlen die Preise für Weizenmehl nicht zu 
erhöhen nötig hatten, weil infolge der hohen Futterpreise reich- 
licher Mahllohn vorhanden war. In ausgeprägt ruhiger Tendenz 
verkehrte der ganze Monat März. Der Konsum versorgte sich 
nur von der Hand in den Mund. Trotz der Schiffahrtseröffnung 
und dem mit dieser befürchteten Andrang in Waren konnten 
sich die Weizenmehlpreise gut behaupten, da für Weizen der 
Export allgemein einsetzte. Obwohl Weizen durch die große 
Zunahme des Exports von Tag zu Tag Steigerungen erfuhr, folgte 
der Artikel Mehl dem Rohprodukt nicht gleichmäßig nach. So 
waren die Preise für Weizen in der ersten Hälfte des April fest 
und steigend, Mehl dagegen zu fast gleichen Preisen käuflich. 
Zweites Die weitere Zunahme des Exports beunruhigte. Um Mitte 

Quartal. April herum wurde der Markt weiter beunruhigt durch den 

plötzlichen Schluß der Dardanellen infolge des Türkisch-Italieni- 
schen Krieges. Erst von dieser Zeit an begannen auch die Mehl- 
preise eine steigende Tendenz einzuschlagen. 

Die Frühjahrs- und Sommermonate stehen gewöhnlich unter 
dem Zeichen der Wetterspekulation. In den ersten Mai tagen 
konnten sich die Preise, weil man über Dürre klagte und Regen 
erwartete, noch behaupten. Später aber kam ergiebiger Regen, 
der Export stockte, und Weizen konnte sich nicht mehr auf der 
bisherigen Höhe halten, und Hand in Hand mit diesen Erschei- 
nungen war das Mehlgeschäft schleppend, aber vom Konsum 
mußten höhere Preise für Locoware gezahlt werden. Die Läger 
in Weizenmehl hatten sich auf die Hälfte verringert, und es war 
ungemein schwer, vom Inlande, das eben seine AVare enorm 



12. Mehl und andere Mühlenfabrikate. 67 

exportiert hatte, Weizenmehl zu beziehen. Im großen ganzen 
blieb das Geschäft während des ganzen Monats, wenn auch zu 
behaupteten Preisen, immerhin belanglos. Das fruchtbare "Wetter 
hielt die Käufer zurück. Auch der Juni wurde durch die große 
Wetterspekulation beeinflußt. Der Export in AYeizen w^ar wieder 
bedeutend größer, und die Inlandsmühlen klagten darüber, daß 
ihnen die Ware vor den Augen fortgenommen und ins Ausland 
getrieben wurde. Trotzdem wurde diese große Zunahme des 
Exports durch das fruchtbare AVetter und den ergiebigen Eegen 
ausgeglichen. Ausländisches Mehl war Schwankungen unter- 
worfen, während Inlandsmehl nach wie vor sehr knapp und 
gefragt blieb. Es wurde schon mit einem Preisabschlag (Deport) 
von 2 Mk. pro Sack Weizenmehl für neue Ernte gegen alte Ernte 
gehandelt. Nach nordischem Mehl bestaJid mehr Nachfrage, aber 
auch bei diesem traten Schwankungen ein, die jedoch mehr nach 
unten hin gerichtet waren. 

Im Juli nahm der Mehlhandel eine abwartende Stellung Drittes 

ein und schränkte seinen Bedarf bis auf ein Minimum ein, so daß Quaitai. 

um Mitte Juli das Mehlgeschäft total stockte, und hierdurch 
nmgekehrt der Weizenmarkt ungünstig beeinflußt wurde. Für 
Herbst entwickelte sich, obwohl man für die Qualitäten in Roggen 
und Weizen zu fürchten begann, doch ein lebhafteres Geschäft 
in Inlandsmehl, das nach wie vor mit 2 Mk. per 100 kg billiger 
offeriert wurde als für vordere Sichten. Bei nordischen Mehlen 
machte man nur einen Unterschied von 50 Pfennigen. Wenn 
schon die Kurse für Weizen, namentlich gegen Ende des Monats 
Juli in die Höhe gingen, so hatte diese Preiserhöhung auf Mehl 
keinen Einflußi. Während im August der Export in Weizen 
dessen Preise weiter günstig beeinflußte, blieben die Preise für 
Mehl unverändert. Größerer Export in Weizenmehl war seltener 
auszuweisen, dagegen wurde Auszugsmehl fast ebenso wie Roggen- 
mehl von den Küstenmühlen stark exportiert. In amerikanischen 
Auszugsmehlen wurde manches gehandelt, und sowohl dieser 
Artikel wie feine Auszugsmehle, ebenso mehr oder weniger 
rheinische Auszugsmehle, verdrängten das ungarische Mehl fast 
vollkommen. Um Mitte des Monats trafen Klagen über Kartoffeln 
ein, Rußland hielt mit Offerten zurück, und die Preise behielten 
eine stabile Richtung. Inlandsmehle blieben nach wie vor für 
prompte Lieferung recht knapp. Auch der September stand unter 
dem Einfluß unbeständiger Wittenmg. Dieser Monat gehört 
für den Mehlhandel gewöhnlich zur alten Ernte, und wie all- 
jährlich mußte der Mehlhandel höhere Preise anlegen, soweit er 
sich nicht mit Ware versorgt hatte, denn die Landwirte haben 
gewöhnlich um diese Zeit so viel zu tun, daß sie gar nicht dazu 
kommen, Ware heranznschaffen. Nordische Mehle stiegen um 
eine halbe Mark, die sie vorher nachgegeben hatten. Schlesien 
stand im Vordergrund des Marktes. Für Herbst und Wasser- 

5* 



68 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Viertes 
Quartal. 



aufgang konnten sich die Preise gut behaupten, weil das Roh- 
produkt von 211 bis auf 218 Mk. im Beriehtsmonat stieg unter 
dem Einfluß der hohen Frachten von Amerika und Rußland. 
Eine größere Steigerung erfolgte nicht. 

Während das Emtejahr 1911 vorzüglich haltbare Ware 
brachte, an der nur das Fehlen genügenden Klebers wegen der 
trocken eingebrachten Weizenernte gerügt werden konnte,, 
fürchtete man für das neue Weizenmehl. Die Mühlen hatten 
nicht entfernt die große Ausbeute wie von der Ernte 1911, er- 
hielten geringere Kleiepreise, aber der reichliche Regen hatte 
für reichlichen Kleber im Weizen gesorgt, so daß der Kon- 
sument mit Inlandsmehl unter ganz geringer Zusamnienmischung 
von nordischem Mehl auskommen konnte. 

Während im Oktober die Mehlpreise sich noch gut behaupten 
konnten, gaben diese im November um etwa 1 Mk. nach. Trotz 
der offenen Wasserstraße blieb Weizenmehl zu diesen niedrigen 
Preisen bis Jahresende behauptet, da das Preisniveau an sich 
im Verhältnis zu Roggenmehl und angesichts des Export-s relativ 
für niedrig gehalten wurde. Wenn wir auch nicht mit ganz 
großen Beständen wie 1911/12 in das neue Jahr hineingingen,, 
so waren gerade die Weizenmehlläger namentlich von schlesisohen 
und nordischen Mehlen noch ganz respektabel. Man ist allgemein 
besorgt, um die Qualitäten des neuen inländischen Weizens wie 
Weizenmehls und besonders um den Aufgang der Schiffahrt 1913,. 
und jeder vorsichtige Mehlgroßhändler muß diesem gefährlichen 
Faktor Rechnung tragen. 

In den Kalenderjahren 1911 und 1912 betrug Deutschlands 
Export an Weizenmehl 

1911 1618 283 dz 

1912 1 705 333 dz 

davon nach 1911 1912 davon nach 1911 1912 

der Schweiz . . 509 445 422 433 Niederlande . . 242 615 297 37S 

Finnland. . - 351525 417 756 Großbritannien. 148 849 171600 

Dänemark . . 283 235 298 427 Norwegen . . 22 266 25 49a 

Nachstehend geben wir eine Tabelle der Weizenmehlpreise 

in den einzelnen Monaten des Jahres. 

Tab. 22. Notierunsren für Weizenmphl im Jahre 1^12 (in M. für 100 kgr m. Sack). 



Januar . 
Februar 
März . . 
April 
Mai . . 
Juni . . 
Juli . . 
August . 
September 
Oktober 
November 
Dezember 



Gewöhnliche 
Weizenmehle 00 



Weizenmehle 00 



24.50- 

24 50- 
24.25- 
24.75- 

25 75 
25 75- 
26.25- 
26.-- 
25 75- 
25 75- 
24 50- 
24.-- 



25.25 
■25.25 
-24.50 
-26.75 
26 75 
-26 25 
-26.50 
-27.— 
-26.75 
-26 75 
-25.50 
-24 50 



28.-- 
28 50- 
28 -- 
28.25- 
28.50- 
28.50- 
28.50- 
28.50- 
29.-- 
28.75- 
28.25- 
28.-- 



-28.50 
-29 — 
-29.— 
-29 50 
-29.50 
-28.75 
-28.75 
-29 75 
-29 75 
-2''.25 
-28.75 
-28.25 



12. Mehl und andere MühLenfabrikate. 69 

Roggenmehl. Roggenmehl. 

Die Bestände in Roggenmehl am Jahresanfang glichen in 
ihrer Höhe nicht ganz denjenigen von Weizenmehl. Die Offerten 
liberwogen indes zu Anfang des Jahres bei weitem die Nach- 
frage. Die Mehlkurse waren bei der allgemeinen Geschäftsunlust 
in den ersten Januartagen so gedrückt, daß die Reaktion kaum 
ausbleiben konnte. Der Eoggenexport stockte in der ersten Monats- 
hälfte, trotzdem waren bei den vorzüglichen Qualitäten die Läger 
knapp, und der Mangel an Futter beeinflußte auch das Fabrikat 
Hoggenmehl günstiger, so daß die Preise bis Ende Januar um 
über eine Mark stiegen. Während des ganzen ersten Quartals bis 
in den Mai hinein blieb das Mehlgeschäft ruhig, die Preise waren 
unter Schwankungen wenig* geändert, denn was der Januar an Preis- 
steigerung in Rog'genmehl brachte, büßte der Februar ein, zumal 
der Export in Eoggen fast aufhörte und der Konsum sich außer- 
ordentlich einschränkte. Im März war das Geschäft ebenfalls 
ruhig, und die Preise erfuhren keine Veränderung. Erst um Mitte 
bzw. Ende April, als der Export in Roggen sehr stark einsetzte, 
exportierten auch die östlichen Mühlen Roggenmehl in großen 
Mengen nach Norwegen und Finnland. Gegen Ende Mai stockte 
der JExport, tind es trat ruhiges Geschäft zu abbröckelnden 
Preisen in Mehl ein. Auch hielt das Regenwetter die Käufer schon 
etwas zurück. Als im Juni das Regenwetter andauerte und da- 
mit eine Befürchtung wegen der verspäteten Ernte sich geltend 
machte, mußten die Preise für Roggenmehl angesichts des knappen 
Berliner Lagers und in Rücksicht auf die niedrigen Kleiepreise 
u.m eine Mark anziehen. Die guten Ernteaussichten machten 
namentlich den Kleiehandel sehr vorsichtig im Einkauf, so daß 
der Mahllohn zu gering war und auch aus diesem Grunde der 
Mehlpreis sich erhöhen mußte. Dazu kam auch der weiter- 
bestehende größere Roggenmehlexport. Im Juli legten sich die 
Käufer größte Zurückhaltung auf. Der Monat endete mit einem 
Preisrückgang von etwa 2 Mk. für Roggenmehl. Der August 
brachte regnerische Witterung. Das Getreide konnte nicht, wie 
allgemein erwartet, trocken eingeerntet werden. Es kamen Klagen 
über Kartoffeln, Rußland blieb trotz der hohen Erntezahlen mit 
Offerten aus. Obwohl die Preise für Roggen um 3 Mk., für 
Roggenmehl im Zeithandel um 45 Pf. gestiegen waren, erlitten 
die Preise für Roggenmehl 0/1 im Effektivhandel eine Einbuße 
von 50 Pf. 

Während der September nur eine minimale Steigerung von 
30 Pf. im effektiven Mehl brachte, wurde im Oktober erst nach 
Vollendulnjg' des ersten Drittels das Exportgeschäft wieder auf- 
genommen. Namentlich iafolge der Kriegsbefürchtungen zwischen 
der Türkei und den Balkanstaaten kam es zu Preissteigerungen 
um Mitte des Monats um etwa 10 Mk. an zwei Tagen. Unter 



70 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Schwankungen gewann effektives Mehl 90 Pf., währe ad Roggen 
unter Schwankungen die durch das vermehrte Angebot von In- 
landsware entstanden, eine Preissteigerung von im ganzen etwa 
11,50 JNik. zu verzeichnen hatte. Im November und Dezember 
entwickelte sich angesichts eines Deports von 25 und 30 Pfennigen 
auf ^iai der Roggenmehlverkauf bis tief in das Jahr 1913 hin- 
ein. Die großen Mühlen waren ständig Käufer für Roggen, da- 
gegen kam auch vermehrtes Inlandsangebot zum Vorschein, und 
bei geringem Export und einigen russischen Offerten mußten die 
Preise für Roggen um 1,50 Mk., für effektives Mehl um 30 Pf. 
und für Roggenmehl auf Zeit um 5 Pf. nachgeben. Die Bestände 
in joggen und Roggenmehl waren gering. Der Dezember bot 
wenig Geschäft in Roggenmehl. Im effektiven Handel mußte 
Dezembermehl 40 Pf. nachgebeil, während Dezemberroggen eine 
Steigerung von 7 Mk. erfuhr. Die Qualitäten des Roggenmehls 
fielen gegen die vorjährige Ernte wesentlich geringer und nament- 
lich auch sehr verschieden aus. Wir gehen in das neue Jahr 1913 
mit dem Bewußtsein, daß man für Frühjahrsabladungen per 
Wasser in Roggenmehl ebenso wie in Weizenmehl außerordentlich 
vorsichtig sein muß, um tiicht zu Schaden zu kommen. 

Nachstehend geben wir die Preise für die billigsten Proviuz- 
mehle wie für die teuersten hiesio^en Mehle: 



Tab. 23. 



Preise für 


billigste 


und teuerste Roggenmehle im Jahre 1912 


(in M. pro dz mit Sack). 




niedrigste Xotierung 


höchste Notierung 


Januar 21.70—23.— 


23.90—24.90 


Februar 








. 22.10-22.90 


24.20—24.90 


März . 








. 21.70—22.30 


23.90—24.20 


April . 








. 22.10-23.- 


24. 25.40 


Mai . . 








. 22.60—23.50 


24.70—25.90 


Juni . . 








. 22.50—23.60 


24.50—25.25 


Juli . . 








. 21.60-23.60 


23.60—25.25 


August 








. 20.70—21.50 


22.70—23.50 


September 






. 20.70—21.40 


22.80—23.20 


Oktober . 






. 21.20—22.80 


23.10—25.30 


November 






. 21.50—22.— 


23.60—24.10 


Dezember 








. 21.10—21.60 


23.30—23.60 



Die niedrigsten und höchsten Preise für Roggenmohl und 1 
auf Lieferung waren in jedem Monat in Mark pix) dz mit Sack: 



Tab. 24. 



Lieferungspreise für Eoggenmehl (in M. pro t). 





Mailieferung 


Juli 


September 


Oktober 


Dezember 


Jan. 


. 23. 23.95 


23.55-24.10 


— 


. — 


,,._ 


Febr. 


. 22.70—23.95 


22.80—23.95 











März 


. 22.30—23.10 


22.60—23.20 


21.50—21.90 


— 


— 


April 


22.80-23.55 


23.10—23.80 


21.80—22.65 





_ 


Mai 


23.50-23.95 


23.05—24.10 


21.80-22.80 


— 


- ^ 


Juni 


— 


22.80—24.— 


21.35-21.80 





_._ 


Juli 


— 


23.60—24.— 


20.70—21.40 


20.60-21.40 


20.75—21.15 


Aug. 


— 


— 


20.90—21.60 


20.85—21.40 


20.85—21.50 


Sept. 


— 


— 


21.25—22.— 


21.20-21.70 


21.15—21.60 


Okt. 


22. --22.95 


— 


— 


21.75—23.30 


21.55—23.20 


Nov. 


21.90—22.40 


— 


— 


— 


22. 22.40 


Dez. 


21.50-22.05 


— 


— 


— 


21.50—22.20 



12. Mehl und andere Mühlenfabrikate. 71 

Der Export war, besonders in der neuen Saison, ungewöhin- 
lich lebhaft, an dem auch die Berliner Mühlen stark beteiligt 
waren. Die Ausfuhr betrug (in dz): 

1910 1911 • 1912 

1 663 918 1 457 098 1 668 630 



c) Kleiehandel. Kieie. 

Die infolge der Dürre des Sommers 1911 eingetretene Futter- 
knappheit übte auch in der ersten Hälfte des abgelaufenen Jahres 
ihre Wirkung aus. Der Konsum in Kleie blieb ganz enorm und 
infolgedessen hielten sich auch die Preise hoch. Die inländischen 
Mühlen waren nicht entfernt in der Lage, die Nachfrage zu 
befriedigen und aus aller Welt mußte Kleie importiert werdenj. 
Die Situation hatte sich für den Handel insofern noch ver- 
schlechtert, als ein großer Teil der Kontrakte, welche mit Euß- 
land getätigt waren, nicht erfüllt wurde, und es mußten von 
den deutschen Importeuren große Opfer gebracht werden, fim 
von anderen Gegenden Ersatz zu beschaffen. Dio Eutternot war 
in allen Provinzen des Deutschen Reiches gleich groß, und es 
ist dem Handel nur mit Hilfe des im August 1911 eingeführten 
und am 22. Sept. auf alle Kleiesendungen ausgedehnten Aus- 
nahmetarifes möglich gewesen, überallhin "Ware zu schaffen. 
Dieser Ausnahmetarif bewirkte auch, daß die Preisunterschiede 
in den verschiedenen Landesteilen nicht bedeutend waren. Die 
Gültigkeit des Tarifs währte bis zum 30. Juni, schon vorher} 
waren infolge der überaus günstigen Futteraussichten die Preise 
für Weizenkleie zurückgegangen, im Juli bröckelten auch die 
Roggenkleie - Preise ab und gingen dann, nachdem die riesige 
Heuernte eingebracht und eine enorme Kartoffel- und Rübep- 
ernte zu erwarten war, bis Ende September so zurück, daß um 
diese Zeit schon ein Nachlaß der Preise von 30 Mk. per TonnjC 
konstatiert werden konnte. Dann zogen die Preise infolge des 
Balkankrieges vorübergehend an, doch das viele minderwertige 
Getreide, die Riesenmassen Kartoffeln, welche zur Fäulnis neigten, 
das Rübenkraut, welches infolge der bis zum Schluß des Jahres 
andauernden milden AVitterung sich lange verfütterungsfähig 
hielt, bewirkten, daß die Landwirte meistens diese Artikel und 
weniger Kleie als Futter verwandten, und daher war der Absatz 
an Kleie so schlecht, daß sie namentlich in den letzten Monaten 
nur zu gedrückten Preisen und auch dann kaum unterzu- 
bringen war. 

Die Notierungen für Kleie an der Berliner iBörse im ab- 
gelaufenen Jahre waren zu Beginn eines jeden Monats: 



72 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Tab. 25. Preise für Weizen- undRoirgenkleie im Jahre 1912 (in Mark für 100 kg). 



Anfang 


Weizenkleie 


Roggenkleie 


Anfang 


1 Weizenkleie 


Roggenkleie 


Januar 


13. 13.75 


13.40—13.75 


August 


1150—12.- 


13.75-14 10 


Februar 


14. 14.J5 


14. 1450 


Sept. 


11.50—12.- 


12. 12.50 


März 


14. 14 25 


14 25—14 /5 


Oktober 


11.25—11.75 


11 25—11.75 


April 


13.90-14.25 


13.90—14 25 


Nov. 


11.50—12.- 


11.50—12.- 


Mai 


14.60—15.- 


14.60-15 - 


Dezemb. 


1150-12 - 


1150-12.- 


Juni 


13. 14.- 


14.50—15 


31. Dez. 


11.10—11.60 


11.25-11.75 


Juli 


13. 14.- 


14.85—15.25 




1 





Die Einfuhr von Kleie während der Kalenderjahre vom 
1. Jan. bis 31. Dez. betrug in Doppelzentnern: 



1910 

11286 931 



1911 
14 182 234 



1912 
16 062 501 



Brotpreise. 



Groß- 
bäckerei. 



Eleiu- 
bäckerei. 



13. Brotfabrikation. 

Das statistische Amt der Stadt Berlin ermittelte durch Um- 
frage in 40 Bäckereien folgende Durchschnittspreise für 1 kg 
Roggenbrot : 



Tab. 26. 



Brotpreise (in Pfennig pro kg). 



)an. I Febr. < März | April | Mai | Juni Juli | Aug. | Sept. [ Okt. Nov. | Dez.] Jahr 



1910 
1911 
1912 



29.42 29.36 28 65 
26 42 26.59 26.49 
29.70 29.50 29.64 



28.34 
26.63 
29.71 



27.7627.46 
27.5527.90 
29.91 29.99 



27.42 27.14 26 74 26.72 
28.05 28 34 28.99 29.13 
30.31 30.15 29.79 29.55 



26 38 26 411 
29.16|29.01| 
29.43129.26 



27.65 
27.86 
29.70 



Die Preise der Brotfabriken sind durchweg 2 Pf. pro kg 
niedriger anzusetzen. 

Aus der Großbäckerei erhalten wir folgenden Bericht: 

Die Roggenmehlpreise waren höher als im Vorjahre, aber im 
ganzen stabil und die Schwankungen nicht erheblich. Die Qualität 
des Mehles und der 1911er Ernte war infolge der vorjährigen 
Trockenheit hervorragend gut. Das Mehl nahm mehr Wasser an 
als sonst und war daher ergiebiger. Auch der Konsum an Roggen- 
brot war im allgemeinen zufriedenstellend. Trotz der ungewöhn- 
lich heftigen Konkurrenz haben die vernünftig geleiteten Be- 
triebe in der Großbäckerei mit normalen Sätzen gearbeitet, haupt- 
sächlich aus dem Grunde, weil die Ausbeute des Mehles erheb- 
lich besser als in anderen Jahren war. — Das Mehl der neuetn 
Ernte ist bei weitem nicht so gut und bedarf aufmerksamer" Be- 
handlung, um ein gutes Gebäck zu liefern. — Die Entwick- 
lung zum Großbetriebe macht im Bäckergewerbe weitere For1> 
schritte. Nach langen Mühen ist eine Vereinigung der Groß- 
bäckereien zustandegekommen, die ein großes Eeld der Be- 
tätigung hat, und von der eine ersprießliche Wirksamkeit für das 
Gewerbe erwartet wird. 

Die Kleinbäckereien, insbesondere die Feinbäckereien, klagen 
auch in diesem Jahre wieder über geringen Verdienst. Gegen- 



13. Brotfabrikati'on. 73 

über den gestiegenen Rokmaterialpreisen (für Mehl, Fettwaxen, 
Zucker) konnte eine Preissteigerung für die Backwaren infolge 
der scharfen Konkurrenz kaum durchgeführt werden. Auch die 
Kreditverhältnisse haben sich weiter verschlechtert. "Wurde in 
früheren Jahren die Konkurrenz der Großbetriebe mit ihrem Filial- 
S3'stem sehr empfunden, so trat diese Klage mehr und mehr zurück 
gegen diejenige über die große Ausdehnung der Konsumvereine. 
Ihre Konkurrenz macht sich in Arbeitea:vierteln zuungunsten der 
Kleinbetriebe sehr stark bemerkbar. Hiergegen scheint selbst das 
Eabattmark engeben wenig Erfolg zu haben. Leider hat auch 
das Mißtrauen des Publikums, das durch die Untreue einiger 
Eabattvereinsrendanten hervorgerufen war, etwas mitgewirkt. 
Der Zweckverband der Bäckermeister Groß-Berlins hat bessernd 
zu wirken versucht, indem er einen Zentral-Rabattverein für 
Berlin und Vororte ins Leben rief und sich mit seinem großen 
Vermögen dahinterstellte. Seine andere große Schöpfung hat 
sich ebenfalls gut entwickelt. Die Zentrale für Bäckerei- und 
Konditorei - Bedarfsartikel steigerte ihren jährlichen Umsatz 
von 51/2 auf 8 Mill. Mk. und konnte eine Dividende von 7 0/0 
verteilen. Das größte Werk des Zweck Verbandes ist aber die 
Gründung eines Erholungs- und Altenheims in Seegefeld bei 
Spandau für ihre alten und kranken Mitglieder, sowie als Sommer- 
auf enthalt für die Kinder. Seine Anlagen sind ein Schmuck- 
stück der ganzen Gegend. — Die größte Innung dieses Zweck- 
verbandes, die Berliner, hatte sich im Jahre 1911 aus zwei 
Innungen als Zwangsinnung neu gebildet. Das vergan^gene Jahr 
galt dem Ausbau und der Festigung. Unter der energischen 
Leitung ihrer Obermeister ist dies gut gelungen. Dem Arbeit- 
geber-Schutzverbande ist sie korporativ beigetreten, doch hat sie 
ihre Geschlossenheit bei einem Streik oder Boykott nicht zu er- 
proben brauchen, da Groß-Berlin in diesem Jahre davon verschont 
geblieben war. Das Verhältnis der Gesellenschaft zu den Meisteirn 
ist gut. Einträchtig arbeiten ihre Vertreter im Innungs-Arbeits- 
nachweis, der sich gut entwickelt hat, wie auch in der Innungs- 
Krankenkasse zusammen. Letztere ist zum Vorbild ähnlicher Ein- 
richtungen geworden. — Die Bemühungen der Innungen nach 
einem Backverbot vom Sonntag zum Montag haben bisher bei 
den Behörden noch keinen Erfolg erzielt. Nur an den drei hohen 
Festtagen ist die gesetzliche Letriebsruhe verordnet. — Am 
schwersten drückt aber auf den Stand der Kleinbäckereien noch 
immer die Ungewißheit darüber, was mit der Bäckerei- Verordnung 
werden soll. AVährend in Sachsen und in Bayern Dispense bis 
zum Umbau des Hauses gegeben sind, laufen sie hier nur kurze 
Zeit. Im nächsten Jahre müßte eine sehr große Anzahl von 
Berliner Bäckereien geschlossen werden, wenn nicht endlich die 
hiesigen Behörden Einsehen nehmen und sich dem Vorgehen 
obiger Kegierungen anschließen. Es ist kaum zu sagen, wie 



74 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



scliädlich diese. Ungewißheit auf die Bäcker und Grundbesitzer- 
kreise schon gewirkt hat. Der Schutz verband gegen die Bäckerei- 
Verordnung, der aus beiden Kreisen gebildet ist und den Kampf 
gegen die Verordnung führt, hat insofern einen Erfolg erzielt, 
als im Eeichstage alle bürgerlichen Parteien sich auf den Stand- 
punkt des Verbandes stellten. Ist diese schwerste Gefahr über- 
wunden, dann wird auch das Bäckerhandwerk Avieder aufatmen. 



Geschäftslage. 



Arbeits- 
verhältnisse. 



Beförderung' 

von Keks usw. 

auf der 

Eisenbahn. 



14. Keks-, Honig- und I^ebkuchenfabrikation. 

Die Umsätze in der Keks-, Biskuit-, Waffel-, Lebkuchen- 
und Honigkuchenindustrie waren im Berichtsjahre im allgemeinen 
größer als im Vorjahre. Mit dem erhöhten Absatz hielten aber 
die Verkaufspreise auch in diesem Jahre nicht Schritt, trotzdem 
die Preise des Kohmaterials eine derartige Abwärtsbewegung 
keineswegs rechtfertigen. Besonders schwer litt die Industrie^ 
unter den hohen Zuckerpreisen. Der Verdienst war daher^ 
namentlich bei den kleineren Fabriken, unbefriedigend, und es 
ist anzunehmen, daß zu den bisherigen Betriebseinstellungen 
kleinerer Fabriken in den nächsten Jahren noch weitere kommen 
werden. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die Keks- 
industrie, die früher scharfe Konventionsbestimmungen besaß, 
jetzt gar nicht mehr dazu kommt, sich über die Ausschaltung 
der ungesunden Schleuderkonkurrenz durch Festsetzung von 
Mindestpreisen zu einigen. 

Auch Arbeitseinstellungen haben in diesem Industriezweig 
stattgefunden. In einer der größten Fabriken dieser Branche 
ist es zum Boykott gekommen, weil der Unternehmer sich nicht 
dazu hergeben wollte, seine Arbeiter in den Bäcker- und Konditor- 
verband hineinzutreiben, indem er es in voller Anerkennung der 
Koalitionsfreiheit seinen Arbeitern selbst überließ, zu entscheiden, 
wo sie organisiert sein wollten. Dieser Angriff scheint da^ Signal 
für weitere Kämpfe zu sein, denn in Magdeburg ist man in 
ähnlicher Weise gegen zwei weitere Firmen der „süßen Industrie" 
vorgegangen, so daß der Verband der Keks-, Waffel- und Leb- 
kuchenfabrikanten sich zu Abwehrmaßregeln entschließen mußte. 

Auf verkehrspolitischem Gebiet wird in der Branche dar- 
über geklagt, daß wegen des leichten Gewichts der hergestellten 
Fabrikate, bei verhältnismäßig hohem Rauminhalt, die Lade- 
fähigkeit eines gewöhnlichen 10 t- Wagens nicht ausgenutzt 
werden könne. Diese Unannehmlichkeit hat zu einem Antrage 
des Verbandes der Keks-, Waffel- und Lebkuchenfabrikanten an 
die Ständige Tarifkommission der deutschen Eisenbahnen geführt, 
wenigstens den Artikeln Keks und Zwieback das Benutzungs- 
recht für großräumige Wagen zuzuerkennen, nachdem für Biskuit, 
Waffeln, Lebkuchen und Honigkuchen ein entsprechender Antrag 
bereits abgelehnt war. 



15. Rüböl. 



75 



Auf handelspolitischem Gebiet wird dahin gestrebt, die Zoll- 
verhältnisse für Keks, Biskuits, .Waffeln, Zwiebäcke, Leb- 
kuchen tiiid Honigkuchen derart zu gestalten, daß Exportmög- 
lichkeiten in größerem Umfange ausgenutzt werden können. 

Die seitens des Verbandes der Keks-, Waffel- und Lebkuchen- 
fabrikanten beschlossene Schreibweise „Keks" statt ,,Kakes" hat 
sich im Laufe des Berichtsjahres sehr gut eingeführt. 



15. Rüböl. 



Das große Berliner Oellager, das vom Vorjahre übernDmmen 
wurde und Anfang Januar annähernd 50 000 Zentner betragen 
haben dürfte, wirkte natürlich nicht belebend auf das Geschäft. — 
Da der Konsum sich bei den Provinzmühlen billiger ein- 
deckte, verkleinerte sich auch das hiesige Lager nicht, und eine 
am Anfang des Monats aufkommende bessere Stimmung — am 
5. Jan. notierte Rüböl per Mai 66,20 Mk. per 100 kg inklusive 
Barrels frei Berlin — war schnell wieder vorüber. Am 15. Febr. 
wurde Rüböl per Mai mit 62,10 Mk. und für Oktober zum ersten 
Male mit 61 Mk. gehandelt. Infolge anhaltender Geschäftsstille 
und günstigerer Witterungsberichte aus Argentinien, woselbst 
das Wetter der Leinsaaternte zuerst schädlich zu werden drohte, 
erreichte am. 20. Febr. Rüböl per Mai mit 59,60 Mk. und am 
27. Febr. per Oktober mit 59,50 Mk. seinen größten Tiefstand 
im Berichtsjahre. 

Die gesunkenen Preise belebten nun wiederum den Konsum, 
führten dem Lager Abnehmer zu und veranlaßten auch die 
Mühlen zu größeren Saaterwerbungen. Diese allgemeine Besse- 
rung der Stimmung führte eine ansehnliche Steigerung* der 
Oelpreise herbei, welche im März einsetzte, im April und auch 
im Mai weitere Fortschritte machte, als der Konsum ansehnliche 
Aufgelder gegen Terminpreise bewilligte und damit die Zufuhr 
frischen Oeles zu Andienungszwecken nach Berlin verhinderte. 
Dem alten Berliner Oellager wurden hingegen mehrere tausend 
Zentner zur Ankündigung entnommen, und da hiervon und außer- 
dem noch einige tausend Zentner teils in den Konsum gingen, 
teils nach außerhalb verladen wurden, so mochte das Lager Ende 
Mai noch ca. 25 000 Zentner betragen haben. Die Bildung eines 
Reports von 1,50 Mk. pro 100 kg von Mai auf Oktober be- 
günstigte auch die Nachfrage für Oel auf spätere Sicht, so daß 
die Mühlen flott zu tun hatten. Am 21. Mai erreichte der Preis 
für rohes [Rüböl für Mai 1912 mit 69 Mk. und für Oktober 
mit 70,20 Mk. pro 100 kg inklusive Barrels frei Berlin seinen 
höchsten Stand. 

Im Juni und Juli wurde das Geschäft wiederum sehr still, 
die Preise gaben nach, und während am 4. Juli rohes Rüböl 



Januar- 
Februar. 



März— Mai. 



Juni — 
Septeml)er. 



76 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Oktober- 
Dezember. 



für Oktober noch. 68,10 Mk. kostete, und Rüböl für Dezember 
zum ersten Male mit 68,50 Mk. zum Handel gelangte, stellten 
sich' die Preise am 17. desselben Monats für Oktober 65,50 Mk., 
für Dezember 65,90 Mk. Nach einer kurzen, aber kräftigen 
Steigerung, durch welche am 25. Juli der Preis für Oktober- 
Oel auf 68,30 Mk. gebessert wurde, Dezember-Oel mit 69 Mk. 
seine Q höchsten Stand erreichte, und die auch das Konsum geschäft 
belebt hatte, trat ein langer Zeitraum großer Greschäftsstille 
ein, die durch den Italienisch-Türkischen Krieg eingeleitet und 
durch den Balkankrieg noch um vieles verschärft wurde. Fabri- 
kanten und Konsumenten hielten sich ängstlich zurück; nur das 
Allernotwendigste wurde gehandelt. Am 4. Sept. kam mit 
einem Deport von 1,20 Mk. auf Oktober und 1,80 Mk. auf 
Dezember die erste Notiz für Hüböl für Mai 1913 mit 66 Mk. 
pro 100 kg inklusive Barrels zustande. Auch der Oktobertermin 
verlief in ruhiger, aber nicht matter Stimmung, da einige zur 
Andien ung herbeigeschaffte 1000 Zentner Oel Aufnahme fanden 
und eingelagert wurden. 

Elqo nennenswerte Unternehmungslust getraute sich aber 
bei den stark gewichenen Leinölpreisen, bei dem außerordentlich 
knappen Geldstande und den hohen Zinssätzen auch für den 
Rest des Jahres nicht mehr hervor; der Bedarf lebte von der 
Hand in den Mund, und selbst als der Hauptbaissier des Dezember- 
termins sein schuldiges Quantum zurückd eckte und sogar aus 
der Andienung noch mehrere tausend Zentner abnahm, ver- 
mochte dies nur gerade den Preis für Dezember-Oel zu halten, 
während Mai-Oel zurückging und dadurch der Deport auf 3 Mk. 
per 100 kg erweitert wurde. Die Stimmung war ausgesprochen 
flau, und der Verkehr schlief völlig ein. Am 10. Dez. kam 
Eüböl für Mai 1913 mit 62,50 Mk. und am 31. Dez. für Dezember 
mit 65,60 Mk. pro 100 kg iaklusive Barrels frei Berlin als 
niedrigster Preis der betreffenden Termine zur Notierung. Ende 
Dezember betrug das Berliner Oellager ca. 13 000 Zentner. 



16. Kartoffelfabrikate. 

Das Berichtsjahr 1912 stand im Zeichen einer ungewöhnlich 
kleinen Kartoffelernte des Vorjahres. Die Fabriken hatten nur 
geringe Zufuhren an Rohmaterial, so daß die Betriebe nur sehr 
schwach beschäftigt waren, vielfach sogar vollständig still stehen 
mußten. Das Angebot in Kartoffelfabrikaten war denn auch 
das ganze Jahr hindurch außerordentlich spärlich, und es fand 
sich für den Handel nur wenig Grelegenheit zu erfolgreicher 
Betätigung. Abnorm hohe Preis-e veranlaßten den Konsum zu 
weitestgehenden Einschränkungen und zur Verwendung von 
Ersatzstoffen verschiedenster Art. Im Gegensatz zur deutschen 



16. Kartoffelfabrikate. 



77 



Mißernte hatten Holland und Rußland im Jahre 1911 sehr reich- 
liche Kartoffelerträge, so daß Deutschland auf dem Weltmarkte 
nicht konkurrenzfähig war und vollständig ausgeschaltet wurde. 
Unser Exportgeschäft reduzierte sich auf ein Minimum, und 
hierbei handelte es sich lediglich um ganz bestimmte Marken, 
die von ausländischen Konsumenten ohne Eücksicht auf den 
Preis in alter Gewohnheit bezogen wurden. 

Der Export während der letzten Jahre stellt sich wie 
folgt: 

Tab. 27. Export von Kartoffelfabrikaten während der Jahre 1910—1912 in dz. 



j Mehl u. Stärke 


Dextrin 


Stärkefsyrup 
und Zucker 


Zusammen 


1910 . . 1 563 006 

1911 . . i 462 405 

1912 . . ' 141399 


89 648 

130 071 

91922 


28 503 
28 642 
12 089 


681 157 
621 118 
246 010 



Export. 



Ueber die Preisentwicklung geben wir folgende Tabelle der 
monatlichen Durchschnittspreise für die hauptsächlichsten 
Kartoffelfabrikate. 



Preise. 



Tab. 28. Monatliche Durchschnittspreise für Kartoffelfabrikate im Jahre 1912. 
(100 kg- franko Berlin in Mark). 





Karluffelstärke 
und -Mehl 


Dextrin 


42er Kap-Sirup 


Rohstärke 




Prima Superior 








Januar 


33.— 34.— 


38.75 


37.50 


17.90 


Februar 










34 50 35.50 


40.75 


39.25 


18.10 


März . . 










33.50 34.50 


39.75 


38.75 


18.10 


April 










33.— 34.— 


39 50 


38.75 


— 


Mai . . 










34.— 35.— 


40.— 


39.75 


_ 


Juni . . 










34.50 35 50 


40.75 


40.- 


— 


Juli . . 

August . 










34.— 35.— 
32.— 3S.— 


40 50 
38.75 


39.— 
37.50 


— 


September 










30.— 31.— 


37.75 


36.50 


12.50 


Oktober . 










22.— 23.— 


28 75 


26.50 


12.— 


November . 










23.50 24.50 


29.50 


27.25 


12.50 


Dezember . 










24.— 25 — 


29.50 


27.50 


12.40 



Es ergibt sich hieraus, daß die im letzten Quartal des Vor- 
jahres durch schlechten Ernteausfall hervorgerufene Hausse 
weitere Fortschritte machte, und abgesehen von vorübergehenden 
Abschwächungen, bis zum Beginn der neuen Kampagne im Monat 
September anhielt. Die erheblichen Preissteigerungen fanden in 
der außerordentlichen Knappheit an Ware ihre Begründung. 
Erst im August, als sich die Aussichten für die neue Ernte 
günstiger gestalteten, kamen billigere Angebote zur Lieferung 
per neue Kampagne an den Markt, und auch für alte Ware 
schwächten sich die Preise etwas ab. Es wurde mit den alten 
Beständen vollständig aufgeräumt, und als Ende September die 
erste neue Ware an den Markt kam, zeigte sich dringender Be- 



78 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. LandwirtSch. Fabrikate. 

darf für alles, was fertiggestellt werden konnte. Bis in den 
November hinein war es den Fabriken möglich, alles was fertig 
wurde, sofort verladen zu können, und erst in den letzten Wochen 
deä Jahres sammelten sich, die Läger an. 

Ziffernmäßig ist die diesjährige deutsche Kartoffelernte 
mit 50 209 466 t eine Rekordernte, und der Prozentsatz 
der erkrankten Knollen wird, nach amtlichen Feststellungen mit 
4,1 o/o angegeben. Unter dem Einfluß dieser sehr günstigen Ernte- 
resultate trat bei Beginn der Ernte Mitte September ein erheb- 
licher Preissturz ein, und Mitte Oktober wurde der niedrigste 
Stand erreicht. Berichte über niedrigen Stärkegehalt der Kar- 
toffeln und dementsprechend geringe Ausbeute, sowie allseitige 
Klage über schlechte Haltbarkeit der Anfang Oktober durcli 
ausgedehnte Frostschäden erkrankten Kartoffeln verursachten 
jetzt einen Umschwung in der Tendenz, so daß sich von der 
zweiten Oktoberhälfte an die Preise allmählich aufwärts be- 
wegten. Die letzten Tage im Dezember brachten eine wesent- 
liche Belebung des Geschäfts und ein scharfes Anziehen der 
Preise. Die gut beschäftigten, verbrauchenden Inlandindustrien 
hatten angesichts der großen Ernte mit Eindeckung des Be- 
darfes gezögert, und es trat jetzt ein allgemeines Deckungs- 
bedürfnig hervor, das nur zu wesentlich höheren Preisen zu be- 
friedigen war. Auch für eine weitere gesunde Preisentwicklung 
scheinen die besten Aussichten zu bestehen. 



Gedarrte 
Zichorien. 



17. Zichorien und andere Kaffeesurrogate. 

Bei Beginn des Jahres 1912 waren die Aussichten für die 
Zichorienfabrikanten die denkbar schlechtesten, da aus der Ernte 
1910 so gut wie gar keine Vorräte an Rohware in die neue .Ernte 
im Herbst 1911 mit hinüber genommen worden waren, und die 
Erträge an Zichorien infolge der Trockenheit des Jahres 1911 
in Deutschland ganz abnorm gering w^aren, so daß sie nicht 
annähernd den Bedarf decken konnten, und schon Ende 1911 alle 
deutschen Angebote aus erster Hand fehlten. Die Fabrikanten, 
die nicht auf Grund früherer Abschlüsse gedarrte Zichorien von 
den Kultivateuren bzw. Darrern zu fordern hatten, waren ge- 
zwungen, namhafte Posten zu hohen Preisen aus Belgien herein- 
zunehmen, und selbst die früher getätigten Abschlüsse konnten 
seitens der Darrer vielfach- nicht erfüllt werden, weil in vielen 
Gegenden weniger als die Hälfte eines normalen Ertrages erzielt 
worden war, so daß viele Darrer genötigt waren, mit ihren 
Kontrahenten in Verhandlung zu treten, um in irgendeiner Form 
sich wegen der fehlenden Abschlußmengen zu einigen. Da die 
Fabrikanten sich selbst in sehr schwieriger Lage befanden, weil 
sie einerseits Rohware haben mußten, um ihre Fabriken zu be- 



17. Zichorien und andere Kaffeesurrogate. 79 

schäftigen, andererseits aber Ersatz nur zu hohen Preisen aus 
Belgien beziehen konnten, so war es nur in vereinzelten Fällen 
möglich, den Darrem dadurch entgegenzukommen, daß man 
ihnen Nachlieferung der fehlenden Mengen im Herbst 1912 aus 
nächster Ernte gestattete; in den meisten Fällen mußten die 
Darrer selbst für Deckung der Fehlmenge aus Belgien sorgen bzw. 
erhebliche Pifferenzen zahlen. Daß dadurch Belgien nur noch 
fester gestimmt wurde und trotz durchaus guter Zichorienernte 
nicht geneigt war, die Preise herunterzusetzen, ist selbstver- 
ständlich, und so fingen die deutschen Fabriken mit großer 
Sorge in das Jahr 1912 hinein. Glücklicherweise stellte sich 
im Laufe der Kampagne immer mehr heraus, daß die außer- 
ordentlich gute Ernte Belgiens in der La^ge sein würde, den Fehl- 
bedarf X)eutschlands zu decken, ujid da die Fabrikanten sich 
von überstürzten Deckungskäufen in Belgien nach Mög"lichkeit 
zurückhielten, so kamen die Preise zum Stillstand und bröckelten 
allmählich ab. Als dann im Juni und Juli durch guten Aufgang 
der neuen Pflanzungen und fortgesetzt günstige Witterung die 
Aussichten für die Zichorienemte 1912 sich als gut erwiesen, 
gingen die Preise sprungweise zurück, sowohl für greifbare wie 
für Lieferungsware aus neuer Ernte. Es kamen jetzt sogar auch 
in deutscher Ware noch manche Posten heraus, die in Erwartung 
weiterer Preissteigerungen zurückgehalten waren und nun er- 
heblich billiger abgestoßen werden mußten, je näher die neue 
Ernte heranrückte. Leider hatte die Kalamität mit Rohzichorien 
während mehr als zweier Jahre dazu gefülirt, daß die Fabri- 
kanten diesmal schon sehr frühzeitig Lieferungskäufe abzu- 
schließen suchten und 18 Mk. pro 100 kg für gedarrte Zichorien 
aus der kommenden. Ernte 1912 bewilligten, um den Kultiva- 
teuren einen Anreiz zum Zichorienanbau zu bieten. Außerdem 
wurden vielfach [nicht wie früher bestimmte Mengen Zichorien 
gekauft, sondern die Gesamterträge einer bestimmten Morgen- 
zahl, so daß das ganze Risiko der Kultivateure auf die Fabri- 
kanten abgewälzt war. Tatsächlich haben dann auch solche 
Kultivateure zum Schaden der kontrahierenden Fabrikanten da- 
bei sehr gut abgeschnitten, da die besonders hohen Erträge der 
diesmaligen Ernte von den Fabrikanten zu dem hohen Preise 
von 18 Mk. schlank übernommen werden mußten, während greif- 
bare Ware seit September 1912 zu 14,25 bis 14 Mk. angeboten 
wurde, ohne daß die Fabrikanten — durch frühere teure Ab- 
schlüsse und mehr iioch durch über Erwarten große Erträge 
aus der zugrunde gelegten Morgenzahl teilweise über ihren Be- 
darf hinaus Versorg't — Von diesem günstigen Angebot ausgiebigen 
Gebrauch machen konnten. Nachstehend bringen wir eine Dar- 
stellung der Preisbewegungen für gedarrte Zichorien. Die 
Preise verstehen sich sämtlich für 100 kg frei ab Magdeburg 
bzw. für Belgien frei ab Versandstation : 



80 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Tab. 29. Preise für gedarrte Zichorien im Jahre 1912 

(in M. bzw. frs. pro 100 kg). 



Gedarrte 
Rüben. 



Zichorien- 
fabrikate. 



Getreide- und 
Malzkaffee. 



Januar 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September/Oktober 
November . . . . 
Dezember . . . . 



ab Magdeburg 
für greifbare | für Ernte 1912 



25.— 
25.— 
25.— 
22.— 

22. 20. 

20.— 

19. 16. 

16. 15. 

14.25—14. 
14.— 
14.— 



18.— 

18.— 

18.— 

18.— 

18.— 
18. — -17.— 

16.— 
15.-— 14.25 

15.—*) 
15.—*) 



ab Belgien 
für greifbare | für Ernte 1912 



26.50-25.50 

24.— 

26.50 
26.- — 25.50 

25.— 

25. 22.50 

19. 18.50 

17.50 

16. 15.— 

14.25—14.— 
14.25—14.— 



19.— 

18.50 

18.— 

18.— 

18.— 

17.— 
16. — -15.— 

14.50 

14.25 

16. 15.50*) 

16. 15.50*) 



Alles, was vorstehend von Zichorien gesagt ist, gab auch 
dem Geschäft mit gedarrten Rüben das Gepräge, nur daß für 
die Versorgung mit Rüben Belgien kaum in Betracht kommt, 
sondern nur Böhmen, das aber wenig Ware für den Export 
übrig hatte. Es ruhte daher das Geschäft in greifbaren ge- 
darrten Rüben fast ganz, imd wurden nur kleine Mengen, viel- 
fach durch zweite Hand, gehandelt. Die Prei&e bewegten sich 
in den ersten vier Monaten zwischen 25 und 24 Mk. für 100 kg, 
während in den folgenden Monaten einzelne Waggons zu 19 Mk. 
für 100 kg gehandelt wurden. Für Lieferungsw'ure aus Ernte 
1912 hielt sich der Preis auf 17 Mk. für 100 kg. Im September, 
bei Beginn der Aufgrabungen, waren Kleinigkeiten von greif- 
barer Ware mit 15 — 14,50 Mk. zu kaufen, während für Winter- 
lieferung 14 Mk., im Oktober, November und Dezember sogar 
nur 13,50 Mk. für 100 kg gefordert wurden. 

Zichorienfabrikate konnten trotz der enorm hohen E<)h- 
ware keiue Preiserhöhung erfahren, weil man befürchtete, da- 
durch den Konsum zu beeiutr ächtigen. Es wurden jedoch Unter- 
bietungen von Außenseitern durch die hohen Rohwarenpreise 
hintangehalten, und das Geschäft verlief ruhig mit geringem 
oder gar keinem Nutzen für die Fabrikanten, je nachdem sie 
günstiger oder weniger günstig mit Rohware sich versorgen 
konnten. Hoffentlich briugt das Jahr 1913 auf Grund der dies- 
maligen reichlichen Ernteerträge endlich wieder eiumal leidlich 
normale Zustände für das Zichoriengeschäft. 

Die Preise für alle Getreidesorten erfuhren im Laufe des 
Jahres 1912 eine ständige Steigerung, wozu neben anderen Um- 
ständen der Italienisch-Türkische Krieg und später die Balkan- 
wirren erheblich beitrugen. Demgegenüber stand ein weiter 
steigender Konsum an Getreidekaffees aller Art, die als Ersatz 
und Verbilligungsmittel für den teuren Bohnenkaffee allgemein 
beliebt sind. Der Nutzen für die Fabrikanten ist infolge der 
hohen Einstandspreise und der gewaltigen Konkurrenz leider 
auch hier recht gering. 



♦) Ernte 1913. 



18. Konservierte Früchte und Gemüse. 



81 



18. Konservierte Früchte xind Gemüse. 

Im Jahre 1912 war die Spargelernte infolge der ungünstigen Spargel. 

.Witterung sehr schlecht. Die Preise sind daher erheblich ge- 
stiegen: für ^/i kg Dose 22/24 Stangenspargel wurden 1,80 bis 
2,10 Mk. verlangt; für Vi kg Dose dünnen Stangenspargel 1,20 bis 
1,30 Mk. ; für Yi kg Dose dünlien Bruchspargel mit Köpfen 
1,15 bis 1,25 Mk.; für ^/i kg Dose dicken Bruchspargel mit 
Köpfen 1,40 bis 1,50 Mk. Die größten Fabrikanten haben ihre 
Produktion zum weit überwiegenden Teile verschlossen, so daß 
nur von. Grossisten und Zwischenhändlern etwas zu haben ist. 

Die Schotenemte ist infolge der kühlen tmd nassen "Witterung Schoten, 

nicht besonders gut ausgefallen; namentlich sind Kaiser- und 
feinste Schoten sehr gesucht und der Preis stellt sich auf 
1,20 bis 1,35 Mk. pro ^/i kg Dose. Dasselbe gilt für Suppen- 
schoten, welche zum Teil ganz fehlen. 

Bohnen setzten in diesem Jahre sehr gut an und es wurde Bohnen, 

eine sehr reichliche Ernte erwartet. Diese Erwartungen 
haben sich zum Teil auch erfüllt. Manche Fabrikanten haben 
ihre [Abschlüsse voll geliefert. In anderen Gegenden war die 
Ernte weniger reichlich und es wurden von dort nur 50—75 o/o 
geliefert. Die Preise stellten sich durchschnittlich auf 32 bis 
35 Pf. pro i/i kg Dose. In Harricots verts und Wachsbohnen 
wurde eine Kürzung der Ablieferungen von 60 — 75 o/o vor- 
genommen, da diese infolge der nassen und kühlen Witterung 
nicht nachreiften. 

In Weißkohl, Wirsingkohl und Karotten waren die Ernten 
in diesem Jahre gut; die Preise sind daher etwas herunter- 
gegangen. Dagegen ist Spinat bei der kalten Witterung er- 
froren, so daß die Preise etwas angezogen haben. 

Morcheln wurden im Berichtsjahre etwas reichlicher geerntet, 
so daß die Preise für' Yi kg Dose sich auf 1,25 bis 1,60 Mk. 
und für getrocknete eich auf 2,60 bis 2,90 Mk. per Pfund 
stellten. Dagegen ist in Pfefferlingen und Steinpilzen eine große 
Mißernte zu verzeichnen, da die Nächte für diese Pilzsorten zu 
kalt waren. Der Preis für Pfefferlinge betrug 1,10 bis 1,25 Mk., 
für Steinpilze 1,20 bis 1,30 Mk. 

In Deutschland war die Preißelbeerenemte sehr gering, Preißeibeeren. 
während Schweden, Norwegen und Finnland eine gute Mittel- 
ernte zu verzeichnen hatten. Für E/ohware wurden 22 — 29 Mk. 
pro Zentner gezahlt ; für eingekochte mit 50 o/o Zucker wurden 
30—34 Mk. gefordert. 

Kirschen, Stachelbeeren, Aprikosen und Pfirsiche waren in- Früchte, 

folge der kalten Witterung in der Blüte erfroren und daher 
sehr knapp. Dagegen ist die Ernte in Pflaumen, Erdbeeren, 
Birnen, Aepfeln und Mirabellen etwas reichlicher ausgefallen 
und die Preise stellten sich etwas niedriger als im vorigen Jahre. 

Bari. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL 6 



Verschiedene 
Genaüse. 



Pilze. 



82 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch, Fabrikate. 

Gurken. J)ie Vorräte in sauren Gurken waren bei den Berliner Ein- 

legern zu. Beginn des Berichtsjahres bis auf geringe Quanten 
geräumt. Da aber noch Bedarf vorhanden war, so ergänzten die 
hiesigen Einleger ihre Lager durch Zukaufe aus der Provinz 
Sachsen (Magdeburg, Calbe, auch aus Naumburg), sowie Ham- 
burg, wo noch verschiedenes lag, und sogar aus Holland. Wer 
richtig disponiert lind den Frühjahrsbedarf nicht von vornherein 
überschätzt, also nicht zuviel zugekauft hatte, räumte bis zu 
Beginn der neuen Ernte sein Lager. Leider aber hatten einige 
Berliner Geschäfte bei Beginn der neuen Kampagne von der 
teuer zugekauften Ware Jioch recht beträchtliche Lager in alten 
sauren Gurken. Diese brachten durchweg Verlust, denn die Aus- 
sichten der Jieuen Ernte waren gut. Diese guten Aussichten 
täuschten auch Jiicht; die Ernte verlief quantitativ und quali- 
tativ ^ ganz Deutschland gegen das Vorjahr erheblich besser. 
Die Einkaufspreise für grüne Einlegegurken bewegten sich 
zwischen 80 Pf. und 1,70 Mk. pro Schock franko Berlin. Die- 
jenigen ^Einleger, die von Anfang auj als die Preise niedrig 
waren, Zugriffen und hintereinander einlegten, schnitten wesent- 
lich besser ab als die, welche sich mit dem Eindecken ;ihres 
Bedarfes Zeit ließen. Denn die Preise für grüne Gurken stiegen 
infolge plötzlichen Eintritts kühlerer, den Gurkenpflanzen 
schädlicher Witterung vom 9. Aug. an bald auf 1,20 Mk. bis 
1,70 Mk. In Berlin waren reichlich Gurken eingelegt worden. 
In den Produktionsgebieten, z. B. Liegnitz, soll verhältnismäßig 
wenig eingelegt worden sein, weil die dortigen Geschäfte sich 
von Beginn der Ernte an viel mit dem Versand von grünen 
Gurken beschäftigten und nachher nicht mehr genügend Ware 
für sich zum Einlegen heranbekamen. Außer inländischen wurden 
auch wieder Holländer und böhmische Gurken eingelegt. In 
Holland und Böhmen war die Ernte groß. Die Haltbarkeit der 
inländischen Ware gibt zu besonderen Klagen keinen Anlaß. 
Von der ansländischen ist die Holländer gut, wogegen die 
Böhmische sich nicht besonders hält, eine schon seit Jahren be- 
obachtete Erscheinung. — Die Verkaufspreise für saure Gurken 
in Berlin sind für die Einleger nicht ungünstig', denn es werden 
pro Schock 2,25 bis 3 Mk. erzielt. Sie müssen aber noch steigen, 
wenn diejenigen Einleger, welche erst später bei angezogenen 
Preisen ihren Hauptbedarf deckten, einen Verdienst finden sollen. 
Trotz der großen Zufuhren an Obst im Herbst, namentlich an 
Pflaumen und Birnen, war der Absatz leidUch. 
Sauerkohl. Die im Berichtsjahre günstige Witterung, speziell für Ge- 

müse, brachte schon im Juli und August ganz erhebliche Zufuhren 
an Weißkohl, so daß die Preise für Sauerkraut außerordentlich 
niedrig werden konnten. Es wurden für den Doppelzentner 10 Mk. 
gefordert. Die Monate September, Oktober brachten ganz be- 
sonders viel Angebote, so daß der Preis für Rohware sich auf 



19. Zucker. 83 

1,30 Mk. für 100 kg stellte. Ein Preisrückgang in Sauerkraut 
fand dann auf 8 Mk. für 100 kg statt. Mit Anfang November 
war Weißkohl, einheimische Ware, fast nicht mehr, oder nur in 
sehr schlechter Qualität zu erhalten, so daßi die Fabrikanten auf 
dänischen Weißkohl zurückgreifen mußten, was eine Erhöhung 
■der Weißkohlpreise von 100 o/o zur Folge hatte. Da sich die 
Fabrikanten meist zu den niedrigen Preisen gedeckt haben, ist 
auf höhere Preise in Sauerkraut schwer zu rechnen. Diejenigen 
JPabrikanten, welche in den letzten Monaten noch größere Quanten 
Rohkohl kauften, müssen damit rechnen, ihr Fabrikat unter Selbst- 
kostenpreis abzugeben. Da Deutschland in allen Provinzen 
reichlich in Gemüsen ernten konnte, kann ein Absatz von Sauer- 
kraut nach auswärts als ausgeschlosjsen betrachtet werden. Der 
Konsum in Groß-Berlin ist nur mittelmäßig. Geschäftlich ist 
das Jahr 1912 daher nicht als gut zu bezeichnen. 

19. Zucker. 

Die diesjährige Berichtsperiode war nicht minder bewegt Geschäftsgang 
slä die vorjährige. Zuerst hielten die ungünstigen Nachrichten 
aus Cuba noch den hohen Preisstand. Dann nahmen die Preise 
-eine stärker weichende Richtung an, vornehmlich infolge der 
Enttäuschung, die viele Spekulanten und Produzenten bei den 
Abmachungen der Brüsseler Konvention erfuhren. Man kam, • 
^-edrängt durch England, den russischen Forderungen sehr weit 
entgegen, und gerade die deutsche Zuckerindustrie, der das natür- 
liche Absatzgebiet nach Osteuropa, dessen sich Oesterreich erfreut, 
fehlt, wird von dieser Begünstigung der russischen Ausfuhr nach 
England besonders hart getroffen. Nachdem England diesen 
Liebesdienst an Rußland erwiesen, schied es ganz aus der Kon- 
vention aus, was einstweilen praktisch von geringer Bedeutung ist. 
Später wirkten die höheren Rübenanbauzahlen, die besseren Ernte- 
aussichten, die sich statt einer Fehlemte als eine Rekordernte 
herausstellende Cubaerzeugung weiter preisdrückend, und alle 
Versuche der Terminspekulation, den August und auch den Sep- 
tember angesichts der Locoknappheit zu oornern, endeten für 
sie mit großen Verlusten. — Die den wirklichen Wert weit über- 
steigenden Terminnotierungen lockten Ware von allen Seiten an 
und veranlaßten Fabriken, die zu Hamburg günstig gelegen sind, 
die Kampagne möglichst früh zu beginnen. Bei dem hohen Dejport 
gegen Oktober/Dezember schränkte sich der Bedarf auf das 
Aeußerste ein und machte so mehr Ware, als die Haussiers dachten, 
für Terminandienungen frei. — Der zurückgehaltene Bedarf 
machte sich im Oktober natürlich in einer lebhaften Nachfrage 
nach greifbarer Ware stark geltend. Und da diese Erscheinun,g 
sich im ganzen Gebiete des Welthandels in Zucker zeigte, gingen 
die Preise nicht auf den Tiefstand, welcher namentlich in den 
Handelskreisen angesichts der enormen Rübenzuckerernte 1912/13 

6* 



84 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

vielfach erwartet wurde. Seit Anfang November trat zuerst auf 
Frostnachrichten, die sich wenig bestätigt haben, dann auf den 
Rückgang der Ausbeute infolge des Regenwetters und auf Käufe 
der Vereinigten Staaten hin eine mäßige Preissteigerung ein. — 
Die Vereinigten Staaten mußten bis zum Eintreffen neuer Cuba- 
zufuhren (Ende Dezember) noch manchen Posten Rübenzucker 
beziehen. Argentinien kaufte stark; vor allem aber war England 
regelmäßig und in großen Posten bei uns als Käufer am Markte, 
Die gegen Jahresschluß stetige Tendenz des Rohzuckermarktes 
war auch vielfach eine Folge der Zurückhaltung der Rohzucker- 
fabriken. Diese Fabriken haben viel vorverkauft, vielfach schon 
im Frühjahr und Sommer zu guten Preisen, und zogen sich bei 
fallendem Markte sofort zurück. Die Mehrproduktion machte 
sich namentlich in der längeren Kampagnedauer geltend. Am 
Jahresschluß drückten bei dem starken Bedarf im Inlande und 
der großen Ausfuhr die Läger noch nicht sehr auf den Preis, 
Die Rohzuckernotierungen am Jahresschluß lassen bei den hohen 
Rübenpreisen, die im vergangenen Jahr bewilligt wurden, den 
Fabriken kaum noch einen Nutzen. Ihre Zurückhaltung ist also 
sehr begreiflich. Es ist aber wohl ausgeschlossen, daß die große 
Weltproduktion 1912/13 annähernd verbraucht wird. Wir werden 
also mit großen Beständen in die Kampagne 1913/14 hineingehen, 
die übrigens mit einem bescheidenen Aufschlag schon vereinzelt 
gehandelt wird. Ein Halten der Ware bis dahin lohnt nur, wenn 
dann die Preise mindestens um die Zinsen, die Lagerkosten, den 
Verlust am Gewicht und Rendement höher sind; dann aber ist 
ein ^inderanbau nicht zu erwarten. Allerdings spricht der Einfluß 
der Witterung, der sich soweit vorher gar nicht berechnen läßt,, 
am meisten mit; schwankte doch der Zuckerertrag pro Morgen 
1911/12 und 1912/13 vereinzelt um über 100 o/o. Angesichts dieser 
Tatsache sind auch die schon etwas gestiegenen Preise niedrig 
genug, um, wenn erst die Anregung gegeben ist, die Phantasie 
von Spekulanten zu erhitzen. Die politischen Verhältnisse haben 
kaum einen Einfluß auf die Gestaltung des Zuckermarktes gehabt. 
Der Zuckerhandel stand natürlich mehr unter dem Einfluß der 
Spekulation als des regelmäßigen Geschäftsganges ; viel von dem^ 
was in den letzten Herbstmonaten verdient worden ist, wird wohl 
verloren gegangen sein. Einzelne Spekulanten konnten ihren Ver- 
pflichtungen nicht nachkommen. Raffinerien und Rohzucker- 
fabriken klagen noch mehr als die Händler über den Schaden^ 
der ihnen durch das Abkommen mit Rußland zugefügt sei. 
suitistik. Die Ergebnisse der Kampagne 1910/11 und 1911/12 und die 

Produktionsschätzungen für 1912/13 in Doppelzentnern sind 
f olgende^) : 



1) Die Schätzungen für Europa: Internationale Vereinigung für 
Zuckerstatistik vom 26. Okt. 1912 ; für Rohrzucker und für Rüben- 
zucker aus den Vereinigten Staaten von Amerika: Willet & Grray. 



19. Zucker. 



85 



Tab. 



Zuckerproduktion (in Doppelzentnern). 





1910/11 1 1911/12 1 1912/13 


Deutschland 

Oesterreich-Ungarn . . 

Frankreich 

Belgien 

Holland 

Rußland 

Schweden 

Andere Länder . . . . 


25 741 160 
15 227 850 
7 111720 
2 832 220 
2 168 860 
21 087 600 
1 738 040 
4 196 200 


15 044 590 26 060 000 
11455 720 1 17 963 000 
5 060 460 ! 8 700 000 
2 449 080 ^ 2 870 000 
2 618 720 2 737 000 
20 538 400 19 206 000 
1278 070 1210 600 
4 311750 I 5 494 500 


Enrop. Rübenernten zus. 
Rohrzuckerernten . . . 
Vereinigte Staaten 

Rübenzucker .... 


80 103 650 
83 656 000 

4 552 000 


62 756 790 ! 84 241 100 
89 955 000 i 89 610 000 

5 411000 6 250 000 




168 311650 


158 122 790 1 180 101 100 



F. 0. Licht schätzte am. 18. Okt. die europäische Rüben- 
ernte für 1912/13 auf 89 350000 dz, darunter die deutsche mit 
29 250000 dz. Die Cubaernte brachte 1911/12 18 960 000 dz, und 
wird geschätzt für 1912/13 auf 21000000 dz. 

Die Weltbestände am 1. Sept. betrugen nach F. O. Licht: 



1910 
14 900 000 dz 



1911 
17 865 000 dz 



1912 

18 000 000 dz 



Die sichtbaren Bestände Deutschlands waren nach F. 0. Lioht 
in Rohzuckerwert am. 1. Sept. : 



1910 
1 155 929 dz 



1911 
1 751 200 dz 



1912 
1492 614 dz 



Tab. 31. Deutschlands Zuckerausfuhr 
und Verbrauch (in dz). 



Ausfuhr 



Verbraucli 



1909/10 . 
1910/11 . 
1911/12 . 



7 941457 12 770 985 

11277 330 j 14 227 755 

2 904 210 12 627 335 



Die Notiz für Basis 88 fob Hamburg betrug in Hamburg im 
Jahre 1912 für den Doppelzentner: 



Tab. 32. 



Zuckerpreise (in Mark pro dz). 



2. Jan. [ I.April | 1. Juli | 1. Aug. | 2. Sept. |27. Sep tJ 1. Okt. ' 1. Nov. | 8. Nov. [l4. Nov.| 1. Dez. 
29.70 I 28.80 1 22.10 i 25.25 1 22.85 1 24.30 19.05 1 18.70 1 19.40 I 19.20 1 19.10 



Die Zuckerzufuhren nach Berlin betrugen in den letzten 
drei Jahren: 

Tab. S3. Zuckerzufuhren nach Berlin (in dz). 

1910 1911 1912 

mit der Bahn ... 79 300 149 480 163 570 

zu Wasser 

a) Elbe und Havel 607 947 489 515 488 250 

b) Oder . . . . 211520 226100 263 350 



898 776 



865 095 



915 070 



86 L Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

Infolge der außerordentlichen Marktverhältnisse des vorigen 
Jahres ist auch von entfernten Fabriken und mit Einzelkähnen 
Zucker nach Berlin gekommen, dessen auf alle Fälle nur geringe 
Mengen man nicht genau schätzen kann. Jedenfalls kann es sich 
nicht um irgendwie ins Gewicht fallende Differenzen handeln. 

20. Spiritus. 

Die Spiritus-Zentrale G. m. b. H. berichtet über das Ge- 
schäftsjahr vom 16. Sept. 1911 bis 15. Sept. 1912 folgendes: 
Ergebnis. Im Geschäftsjahr 1911/12 wurden unserem Unternehmen 

280,7 Mill. Liter Spiritus zugeführt. Der Absatz an gereinigtem, 
ungereinigtem und vollständig vergälltem Branntwein belief sich 
auf insgesamt 302,5 Mill. Liter. In den Zahlen für Zufuhr 
und Absatz sind die von den Mitgliedern des Verwertungsiver- 
bandes Deutscher Spiritusfabrikanten zum Haus- und Lokalbedarf 
und zum eigenen Gebrauch nach vollständiger Vergällung ver- 
wendeten Mengen einbegriffen. Der Verwertungspreis ist auf 
52 Mk. 222/100 Pf- festgestellt, so daß dem zuletzt gezahlten 
Abschlagspreise von 50 Mk. eine Nachzahlung von 2 iMk. 222/^00 Pf. 
folgt. Der Unterschied zwischen dem zeitweise auf 44 und 46 Mk. 
bemessenen Abschlagspreis gegen 50 Mk. ist den Verbandsmit- 
gliedern bereits durch eine besondere Auszahlung im November 
dieses Jahres zugeführt worden. 

Das abgelaufene Geschäftsjahr verlief unter Schwierigkeiten, 
wie sie das Brennereigewerbe seit seinem Zusammenschlüsse noch 
nicht durchlebt hat. Die Karte ffelmißemte des Sommers 1911 
hatte die Kartoffel- und Getreidepreise außerordentlich erhöht. 
Die Spirituspreise konnten dieser Steigerung nicht in vollem Um- 
fange folgen, ohne den überdies schwer darniederliegenden Ab- 
satz ernstlich und für die Dauer zu gefährden. Die Gestaltun^g 
der Produktion geriet dadurch ins Ungewisse und mit schwerer, 
wachsender Sorge wurde der Rückgang der Zufuhren in den 
Wintermonaten verfolgt. Die Möglichkeit einer Stockung des 
Verkehrs rückte herauf. Angesichts einer solchen Gefahr ent- 
schlossen sich indessen die Brennereien bei Ausgang des Früh- 
jahrs zu einer überaus kräftigen Verstärkung ihres Betriebes 
und weiterhiQ zu einer ungewohnt zeitigen Eröffnung der neuen 
Kampagne, wodurch der Ausgleich zwischen Erzeugung und Be- 
darf ohne Beeinträchtigung des Verbrauches erzielt wurde. Diese 
Leistung der Brennereien verdient um so mehr Anerkennung, 
als sich darin eine weitgehende Mäßigung in den Ansprüchen 
an den Preiserlös und eine weitblickende Berücksichtigung der 
künftigen Entwicklung bekundet. 

Für die Leitung der Geschäfte erwuchs aus der tiefgehen- 
den Beunruhigung, die der unvermittelten Ankündigung einer 
Aenderung des Branntweinsteuergesetzes in allen Kreisen des Ge- 



20. Spiritus. 87 

werbes folgte, eine weiter© und unter den obwaltenden Schwierig- 
keiten verschärft wirkende Erschwernis. 

Für das deutsche Brennereigewerbe wird das Jahr 1912 auch 
darum denkwürdig bleiben, weil die unter dem 14. Juni 1912 
erfolgte Beseitigung des staatlichen Kontingents einen neuen Ab- 
schnitt in der Entwicklung des Gewerbes eröffnet. 

Die Kartoffelernte des Jahres 1911 und ihre Beschädigung Eizeugun 
durch die Dürre wird am besten durch die amtliche Feststellung 
gekennzeichnet, daß der Durchschnittsertrag im Reiche sich für 
den Hektar auf 10,35 t beschränkt, während das regelmäßige 
Ergebni;5 zwischen 13 und 14 t liegt. Die deutsche Ernte belief sich 
1911 im Gesamtertrage bei 

3 321 000 ha Anbaufläche auf 34.37 Mill. Tonnen, davon 1.3 7o erkrankt 
gegenüber 

1910 3 296 000 ha „ „ 43.4 „ „ „ 8 7o 

1909 3 323 000 ha „ „ 46.7 „ „ „ 5 % 

1908 3 292 000 ha „ „ 46.3 „ „ „ 4 % 

Selbst das Jahr 1904, das unter einem ähnlichen Mangel 
an Niederschlägen litt, brachte noch immer eine Durchschnitts- 
ernte von 11,04 t auf den Hektar und ein Gesamterträgnis von 
36,2 Mill. t. 

Die Reichsregierung suchte der Sachlage dadurch Rechnung 
zu tragen, daiß sie vom Durchschnittsbrand, von dem im Vor- 
jahre 86 o/o zugelassen waren, 94 o/o freigab und damit die Mög- 
lichkeit zu stärkerem Betriebe der Brennereien überall dort er- 
öffnete, wo reichlichere Kartoffel Vorräte vorhanden waren. Land- 
wirtschaftliche Kreise rechneten auch mit vieler Zuversicht dar- 
auf, daß die allgemein verbreitete Futternot eine kräftige An- 
regung auf die Tätigkeit der Brennereien ausüben würde. Im 
Vertrauen auf diese Wirkung und von der Rücksicht auf den Ver- 
brauch geleitet, setzte der Gesamtaussehuß in Uebereinstimmung 
mit dem Hauptvorstande des Verwertungsverbandes Deutscher 
Spiritusfabrikanten den Abschlagspreis auf 44 Mk. fest, wie- 
wohl dieser Preis hinter dem anderweitig erzielbaren Erlöse für 
Kartoffeln merklich zurückstand. Bald trat jedoch zutage, daß 
zahlreiche Brennereien ihre eigene Kartoffelernte durch Ankauf 
von Kartoffeln oder Getreide ergänzen mußten, sollte die Er- 
zeugung dem Bedarfe entsprechen. Schon zu Beginn des Brenn- 
jahres hatte der Bundesrat den landwirtschaftlichen Brennereien 
die Verarbeitung von Getreide ohne Schaden für das Kontingent 
gestattet. Außerdem wurde für den Bezug von Brenngetreide 
ein ermäßigter Eisenbahntarif eingeräumt. Der praktischen Be- 
nutzung dieser Erleichterungen stand bisher aber der im Ver- 
hältnis zu den Getreide- und Maispreisen zu niedrige Spiritus- 
erlös im Wege. Der Abschlagspreis wurde darum gegen Ende 
Januar 1912 auf 46 Mk. erhöht, doch blieb jede Wirkung auf 



88 I. Pflanzl. Rohprodiikte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

die Spiritusproduktion aus. Die Zufuhren zeigten bis Ende Januar 
einen Eückstand von 15 Mill. Liter gegen die vorjährige Er- 
zeugung, die auch schon unzulänglich war und einer Ergänzung 
aus den Vorräten bedurft hatte. In den nächsten Wochen ver- 
schärfte sich das Mißverhältnis zwischen Produktion und Ver- 
brauch. Der Monat März blieb allein um mehr als 8| Mill. Liter 
hinter dem Vorjahre zurück, während der seit Beginn des Ge- 
schäftsjahres überaus rege Absatz nicht nachlassen wollte. Die 
aus dem Jahre 1910/11 übernommenen Vorräte konnten den. Pro- 
duktionsausfall nicht annähernd begleichen. Es wurde jetzt 
offenbar, daß der Einfluß der Futterknappheit auf die Spiritus- 
erzeugung weit überschätzt worden war. Darum mußten andere 
Mittel in Bewegung gesetzt werden, die einen Anreiz auf die 
Produktion vor allem dadurch ausübten, daß sie den Brennern 
im Lande das dringende Bedürfnis nach verstärkten Zufuhren 
vor Augen führten. Eine Preiserhöhung, die einen gesteigerten 
Betrieb der Brennereien gewährleistet hätte, konnte nicht in 
Frage kommen, weil sie den Verbrauch gewaltsam unterdrückt 
und voraussichtlich dauernd geschädigt hätte. Aus diesen Er- 
wägungen wurde der Abschlagspreis im März um weitere 4 Mk., 
sonach auf 50 Mk. erhöht — wie gesagt, nicht um einen vollen 
Ersatz der Produktionskosten zu bieten, sondern hauptsächlich, 
um als Aufforderung zu verstärkter Tätigkeit zu dienen. Hierüber 
wurde das Gewerbe auch eindringlich durch "Wort und Schrift 
aufgeklärt. Eine Verbilligung der Maispreise kam diesen Be- 
mühungen zu Hilfe. Außerdem erweiterte der Bundesrat unter 
dem 2. April 1912 den zugelassenen üurchschnittsbrand 
auf 120 0/0. 

Der Zusammenklang dieser mannigfachen Einflüsse rüttelte 
das Brennereigewerbe von Grund aus auf; die Erkenntnis der 
drohenden Gefahr beseitigte alle Bedenken in die Ertragsfähig- 
keit ,tmd erzeugte in weiten Kreisen den Entschluß, mit An- 
spannung aller Kräfte die Produktion zu fördern. Im Monat 
April kam die Erzeugung der vorjährigen fast gleich, im Mai 
und Juni ging sie bereits beträchtlich darüber hinaus. Die ent- 
schlossene Stimmung der Brenner im Lande übertrug sich un- 
geschwächt in die Herbstmonate. Der Monat September brachte 
eiae Produktion von reichlich 16 Mill. Liter, eine Zahl, deren 
Bedeutung aus der Gegenüberstellung der Septemberproduktion 
vom Jahre 1911 mit 5,7 Mill. Liter, 1910 6,1 Mill. Liter usw. 
erhellt. Im Oktober war eine Zufuhr von rund 20 Mill. Liter 
gegen eine solche von 10 Mill. Liter im Vorjahre zu ver- 
zeichnen. Jetzt erst war die "ungestörte Deckung des Verbrauchs 
sichergestellt. 

In den Monaten Mai bis einschließlich Oktober 1912 siad 
36,5 Mill. Liter mehr als gleichzeitig im Vorjahre erzeugt 
worden; trotzdem waren Ende Oktober 1912 nach dem amtlichen 



20. Spiritus. 89 

Ausweise nur 30 Mill. Liter unversteuerten Branntweins vor- 
handen. Hierin liegt der bündige Beweis, daß die Besorgnisse 
um die Befriedigung des Bedarfes Uoeh im Frühjahr 1912 durch- 
aus begründet und die außerordentlichen Anstrengungen des 
Brennereigewerbes unbedingt notwendig waren. 

Der Absatz von Branntwein zei^t im Gesamtumfange keinen verbrauch, 
nennenswerten Uaterschied gegen das Vorjahr. Ein kleiner Rück- 
gang im Trinkverbrauch wird durch eine Zunahme des gewerb- 
lichen Bedarfes wettgemacht. 

Die Nachfrage für Trinkzwecke gestaltete sich in der ersten 
Hälfte des Geschäftsjahres recht lebhaft. Die unbefriedigende 
Entwicklung der Produktion beunruhigte den Konsum in hohem 
Grade imd veranlaß te namentlich die kapitalstarken üatemehmer 
zu. ansehnlichen Vorratskäufen, um Deckung gegen die mit zu- 
nehmender 'Wahrscheinlichkeit vorauszusehende Preissteigerung 
zu finden. Wiewohl wir alle Angebote auf Termin lieferung ein- 
gestellt tmd alle Maßnahmen getroffen hatten, um uns, soweit 
dies möglich ist, gegen übermäßige Abf orderungen zu schützen, 
wurden unsere Vorräte in bedenklichem Maße angegriffen. Erst 
als sich im Frühjahr die Produktion belebte, ließ die Kauflust 
nach. Für den Rest des Geschäftsjahres legten sich die Ver- 
braucher eine aus der verhältnismäßig guten Versorgung und 
dem hohen Preisstande erklärliche Zurückhaltung auf. Im End- 
ergebnis blieb der Trinkabsatz mit 193 Mill. Liter um rund 
3 Mill. Liter hinter dem Vorjahre zurück. 

Für Zwecke der unvollständigen Vergällung- wurden 35 Mill. 
Liter, also 3 Mill. Liter weniger wie im Vorjahre, für voll- 
ständige Vergällung 126 Mill. Liter oder 6 Mill. Liter mehr, 
beansprucht. Die Abweichungen gegen die Ziffern des Vor- 
jalires deuten auf Verschiebungen in der Befriedigung des groß- 
gewerblichen Bedarfes hin, der sich zum Teil mit vollständig 
statt unvollständig- vergälltem Branntwein versorgte, da der 
erstere nierklich bilKger einstand. Der Verbrauch von Brenn- 
spiritus dm engeren Sinne, der sich vermöge der pflichtweisen 
Form des Vertriebes in verschlossenen Gefäßen jetzt mit Sicher- 
heit beobachten läßt, hat trotz der notwendig gewordenen Preis- 
erhöhung nicht gelitten. 

Die Verkaufspreise, die vom Vorjahre her auf der Grund- Verkaufspreise 
läge von 58,50 Mk. für Primasprit in Berlin übernommen wurden, 
mußten im laufenden Geschäftsjahre der Steigerung des Ab- 
schlagspreises folgen. Das ungestüme Vorgehen des Konsums 
verschärfte die Sachlage, weil es in naturgemäßer Folge die 
Notwendigkeit einer verschärften Produktion erhöhte. Die Ver- 
kaufspreise für Primasprit erfuhren einen Zuschlag im Januar 
1912 von 3 Mk., im März von weiteren 8 Mk. und zuletizt 
im April von 6 Mk., womit sie auf 75,50 Mk. anlangten. Hiörin 
trat bi3 zum Schlüsse des Geschäftsjahres eine Aenderung nicht 



90 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Erweiterung 
des 
Wirkungs- 
kreises. 



Das neue 
Gesetz. 



mehr ein. Die Preiserhöhung konnte nach der Eigeaart der Ab- 
satzverhältnisse nicht igleichmäßig für alle Verbrauchszweig« 
vorgenommen werden, da auf einzelnen gewerblichen Gebieten 
die Verwendung von Spiritus bei bestimmten Preisgrenzen zu- 
gunsten von Ersatzstoffen zurückgedrängt wird. Dies gilt nicht 
nur für Brennspiritus, der ständig einen starken Wettbewerb gegen 
andere Beleuchtungs- und Heizmittel zu bestehen hat, sondern 
erstreckt sich auch auf Essig und eine Reihe chemischer Er- 
zeugnisse. "Wie es sich hiernach gebot, die Erhöhung des Brenn- 
spirituspreises auf etwa 5 Pf. für das Liter zu beschränken, so 
mußten auch der Essigindustrie und anderen technischen Be- 
trieben mehr oder weniger erhebliche Zugeständnisse gemacht 
werden. Die Mindereinnahmen im Absatz für gewerbliche Zwecke 
und der Umstand, daß der größere Teil der übrigen Verkäufe 
sich zu 58,50 Mk. und 69,50 Mk. vollzog, erklären es, daß der 
Durchschnittserlös der gesamten Verwertung stark hinter dem 
zuletzt geltenden Verkaufspreis für unversteuerten Primasprit 
von 75,50 Mk. zurückbleibt. 

Die Bestrebungen des Destillationsgewerbes zu einem engeren 
Zusammenschluß wurden durch die Führer des Gewerbes unter 
unserer bereitwilligen und umfassenden Mitwirkung in diesem 
Jahro fortgesetzt. Je weiter aber die Vorarbeiten gefördert 
wurden, desto schärfer traten auch Meinungsverschiedenheiten 
und Interessengegensätze unter den Destillateuren im Lande her- 
vor, die für den Augenblick keine Aussicht auf eine Verstän- 
digung aufkommen ließen. Aus diesem Grunde wurde die ge- 
meinsame Tätigkeit für die geplante Konvention vorläufig ein- 
gestellt. 

Nach längeren Verhandlungen ist eine Verständigung mit 
der seil dem -1. Okt. 1908 außenstehenden Gruppe süddeutscher 
Spritfabriken zustande gekommen, wonach diese sich mit ihren 
Brennereien unserem Unternehmen angegliedert hat. In Ver- 
bindung damit gab auch eine Reihe norddeutscher Spritfabriken 
mittleren und kleineren Umfanges ihre bisherige Gegnerschaft 
auf und Jiahm Anschluß als Gesellschafter oder trat sonst in 
ein näheres Vertragsverhältnis zu unserer Gemeinschaft; die 
ihnen verpflichteten Brennereien erklärten fast ausnahmslos 
ihren Beitritt zum Verwertungsverband. 

So wenig das Brennereigewerbe bisher in der Behandlung 
durch die neue Gesetzgebung verwöhnt worden ist — auf eine 
Ueberraschung, wie sie die Branntweinsteuemovelle vom Jahre 
1912 gebracht hat, war man nicht vorbereitet. Unvermittelt 
kündete die Beichsregierung die Absicht an, einen Geldbedarf 
von 36 Mill. M. für die neue Wehrvorlage durch Beseitigung 
der staatlichen Kontingente zu decken. Nach den jahrzehnte- 
langen Angriffen auf das Kontingent galt dessen Wert in weiten 



20. Spiritus. 9i 

Kreisen als reiner Ueberschuß der Brennereien und die Eeiohs- 
regierung selbst begründete ihre Vorlag© mit der Meinung, daß 
die Beseitigung des Kontingents ohne Belastung des Konsums 
durchführbar wäre. In Wirklichkeit hatte der Geldwert des 
Kontingents als Zuschuß zu den Produktionskosten gewirkt :and 
einen wesentlichen Einfluß auf den Spirituspreis ausgeübt. Die 
Gegenwart lieferte dafür einen vollgültigen Beweis. Ohiie die 
Hilfe des Kontingents wären die Brennereien im Jahre 1911/12 
überhaupt zumeist nicht betriebsfähig oder die Spirituspreis© 
einer weiteren sehr beträchtlichen Erhöhung bedürftig ge- 
wesen. 

Nötigte aber die Aufhebung des Kontingents zu höheren 
Spirituspreisen, so war der wichtige, mit dem Eückgange des 
Trinkverbrauches in seiner Bedeutung wesentlich gehobene ge- 
werbliche Absatz aufs höchste gefährdet. Aus diesen Erwägungen 
ergaben sich die Richtlinien für das Verhalten des Brennerei- 
gewerbes zu dem Entwürfe der Reichsregierung. Das Gewerbe 
konnte nach Beseitigung des Kontingents nur lebensfähig bleiben, 
wenn aus den erhöhten Einnahmen des Reichs wenigstens ein 
kleiner Teil zum Schutze des gewerblichen Absatzes verwendet 
wurde. Die hierauf gerichteten Forderungen wurden von der 
Reichsregierung und der Mehrheit des Reichstages gewürdigt und 
zur Annahme gebracht, indem ein fester Jahresbeitrag ^^on 
16 Mill Mk. aus Reichsmitteln zur Erhöhung und Erweiterun^g 
der aus der Betriebs aufläge gewährten Vergütungen für voll- 
ständige und unvollständige Vergällung ausgesetzt wurde. 

Mit dem Kontingent fielen folgerichtig auch die bisher 
durch die Rücksicht auf das Kontingent gebotenen Abstufungen 
in der Anwendung der Vergällungspflicht und des Durchschnitts- 
brandes fort. Setzte insbesondere die Vergällungspflicht bisher 
unter Schonung des Kontingents erst nach Erledigung der ver- 
gällungsfreien Menge ein, so wird sie jetzt von Beginn der Er- 
zeugung an bei jeder einzelnen Brennereiabfertigung in der vom 
Bundesrat jeweilig festgesetzten Teilmenge ausgeübt. Anderer- 
seits ist die Verschärfung in der Vergällungspflicht der Luft- 
hefebrennereien beseitigt worden, was zwar eine stärkere Heran- 
ziehung der landwirtschaftlichen Brennereien bedingt, aber zur 
Beseitigung der Gegensätze innerhalb des Brennereigewerbes bei- 
trägt und darum keinen Widerstand erfuhr. Im übrigen wurde 
auch bei diesem Gesetzesakt die Berücksichtigung der kleineren 
Brennereibetriebe in weitgehendem Maße bestätigt. Wie den 
Brennereien in den süddeutschen Reservatstaaten Baden, Bayern 
und Württemberg allgemein als Rest des früheren Kontingents 
eine Ermäßigung von 7,50 Mk. an der Verbrauchsabgabe ein- 
geräumt wurde, so sind ähnliche Vergünstigungen den Betrieben 
im norddeutschen Brennereigebiet© von 30 000 Liter Jahres- 
erzeugung abwärts zugestanden worden. 



92 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

Gegenüber den neuen Erschwernissen und Einbußen, welche 
die Steuernovelle dem Brennereigewerbe bringt, läßt sich aller- 
dings als Gewinn bewerten, daß die Abwehr der gemeinsamen 
Gefahr die einzelnen Glieder des Gewerbes einander näher ge- 
bracht und in allen Kreisen die üeberzeugung gestärkt hat, daß 
ein fester Zusammenschluß des Gewerbes für alle Dauer unent- 
behrlich ist. 
Ausblick auf Der Ucbergang zum Geschäftsjahr 1912/13 vollzog sich ver- 

Geschäftsjahr. möge der kräftigen September- und Oktober-Produktion ohne 
Schwierigkeiten. Sobald gegen Ende Oktober die Zweifel in dieser 
Hinsicht behoben waren, ließen wir eine Ermäßigung der Ver- 
kaufspreise um 6 Mk. eintreten, der im November eine weitere 
Herabsetzung von 4 Mk. folgte. Der Verbrauch, der sich in 
Erwartung dieser Verbilligung zurückgehalten hatte, setzte als- 
bald kräftig ein. 

Die Kartoffelernte, die nach den amtlichen Erhebungen in 
einzelnen Teilen des Eeiches einen ungewöhnlich hohen Ertrag 
brachte, und deren Gesamtumfang infolgedessen auf die höchste 
bisher je gewonnene Menge berechnet wird, blieb im Osten sehr 
erheblich hinter diesem Maße zurück. Wenn weiterhin die amt- 
lichen Feststellungen ergaben, daß — vornehmlich infolge des 
starken Frostes zu Anfang Oktober — im Durchschnitt 4,1 o/o 
der Ernte erkrankt sind, so stellt sich dieses Verhältnis für den 
ganzen Osten weitaus ungünstiger. Aus diesen Gebieten bis weit 
nach Mitteldeutschland hineia wird über eine stark um sicn 
greifende Fäulnis der Kartoffeln geklagt. Die zu günstigen Er- 
gebnisse der amtlichen Statistik dürften auf den Umstand zurück- 
zuführen sein, daß die für sie maßgebenden Erhebungen zu einem 
Zeitpunkte abgeschlossen wurden, an dem die Frostschäden noch 
nicht erkennbar waren. Kommt die Notwendigkeit zur schleunigen 
Verarbeitung der kranken KJaollen vorerst der Spirituserzeugung 
zustatten, so wird doch die Versorgung der Brennereien für den 
späteren Verlauf des Brennjahres dadurch in Frage gestellt; 
ebenso bleiben Zweifel über die Ausnutzung des Durchschnitts- 
brandes bestehen, von dem für das laufende Jalir volle 100 o/o 
in der Absicht zugelassen worden sind, durch einen Ueberschuß 
der Erzeugung die Ergänzung der außergewöhnlich niedrigen 
Bestände zu ermöglichen. Unter diesen Umständen entzieht sich 
der weitere Verlauf des neuen Geschäftsjahres zunächst dem 
Urteil. 

21. Essigfabrikation. 

Im Geschäftsjahr 1912 waren die Nettospirituspreise, nach 
Abzug der von der Spirituszentrale gewährten Rabatte, von 
50 Mk. bis 63V2 Mk. gestiegen. Infolgedessen waren die Sprit- 
essigfabrikanten gezwungen, die Preise der Essigfabrikate zu 
erhöhen. Leider konnte dies aber nicht in dem richtigen Verhältnis 



22. Bierbrauerei. 



93 



der gesteigerten Spirituspreise und der durch die allgemeine 
Teuerung der Lebensmittel nötig gewordenen Erhöhung der Arbeits- 
löhne sowie der erhöhten Handlungsunkosten geschehen, da die 
größte Konkurrentin der Branche, die Holzessigindustrie, 
deren Rohstoffe nur wenig im Preise gestiegen waren, imstande 
blieb, ihre Fabrikate von konz. Essigsäure und künstlich aromati- 
sierter Essigessenz billiger abzugeben, als Gärungsessig fabriziert 
werden konnte. Das Quantum der im Jahre 1912 fabrizierten 
verschiedenen Essigfabrikate blieb wohl das gleiche wie im Jahre 
1911. Der Verbrauch für Salate, Obst- und Gurken-Einmachezwecke 
war etwas geringer, doch war dafür der Verbrauch der Essige 
für Eischkonserven bedeutend stärker, so daß sämtliche Läger 
geräumt wurden und kurze Zeit Maixgel an Gärimgsessig 
eintrat. Infolge der seit Oktober 1912 bewilligten Spiritus- 
rabatte stellte sich seitdem das Rohmaterial für das Gewerbe 
billiger. Eine gründliche Besserung erwartet die Gärungsessig- 
industrio erst von der Vorschrift einer genauen Deklaration des 
Gärungsessigs und der Essigessenz. 



22. Bierbrauerei. 

Das abgelaufene Geschäftsjahr (1. Okt. 1911 bis 30. Sept. 1912) 
war für die Berliner Brauereien wie für das gesamte deutsche 
Braugewerbe vor allem durch die ungünstige Witterung des 
Sommers und die seit 30 Jahren liicht erreichte Höhe der Hopfen- 
preise beeinflußt. Ferner mußten für Futtermittel erheblich 
höhere Aufwendungen als im vorhergehenden Jahre gemacht 
werden. Unter dem Einfluß dieser beträchtlichen Steigerung der 
Ausgaben für Rohstoffe und Futtermittel stellte sich der Her- 
stellungspreis des Bieres im abgelaufenen Geschäftsjahre wesent- 
lich höher als im Vorjahre. Die Wirkung der erhöhten Gestehungs- 
kosten konnte zum Teil wenigstens durch die größere Ergiebigkeit 
des Malzes herabgemindert werden. Ungünstig beeinflußt wurde 
der Geschäftsgang auch durch die darniederliegende Bautätigkeit 
und die allgemeine Verteuerung aller Lebensmittel, die namentlich 
dem Flaschenbierkonsum erheblichen Eintrag tat. Trotz aller 
dieser mißlichen Verhältnisse hielt sich der Bierabsatz im allge- 
meinen auf der Höhe des Vorjahres, doch blieb bei einzelnen 
Betrieben das Gewinnergebnis hinter dem vorjährigen zurück. 
Zustatten kam den Berliner Lagerbierbrauereien die Ausdehnung 
des im Vorjahre verlängerten Flaschenpfandvertrages auf einen 
weiteren beträchtlichen Gebietsteil der Provinz Brandenburg. 

Infolge der wenig günstigen Hopfenernte des Jahres 1911 
waren die Preise für diesen Rohstoff im abgelaufenen Geschäfts- 
jahre bedeutend höher als in dem hopfenreichen Vorjahre. Seit 
etwa 30 Jahren hatten die Brauereien nicht derartig hohe Preise 
dafür zu zahlen. Für Gerste und Malz mußten trotz der quan- 



Allgemeines. 



Rohmaterialien 
und Löhne. 



94 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Rentabilität. 



Aussichten, 



titativ und qualitativ guten Ernte größere Aufwendungen ge- 
macht werden. Die Löhne der Brauereiarbeiter erfuhren keine 
Steigerung, da der im Jahre 1910 geschlossene Tarifvertrag erst 
mit Ende dieses Geschäftsjahres abläuft. 

"Wie schon hervorgehoben, wies der Absatz im allgemeinen 
keinen Rückgang gegen das Vorjahr auf. Infolge der bereits er- 
wähnten Produktionsverteuerung konnten aber mehrere Brauereien 
nicht das gleich günstige Ergebnis wie im Vorjahre erzielen. 
Das finanzielle Erträgnis der Brauereien Groß^Berlins kommt 
zum Teil in den zur Ausschüttung gelangten Dividenden zum 
Ausdruck, die gegen die Vorjahre, wie aus nachstehender Zu- 
sammenstellung ersichtlich ist, keine Erhöhung, sondern bei 
mehreren Gesellschaften einen Rückgang erfahren haben. 



:ab. 34. 



Dividenden der Berliner Brauereien. 



19L0/11 


1911/12 


1911/12 Zu- (-I-) 
oder Ab- 
nahme (— ) 


% 


% 


gegen 1910/11 


24 


24 










— 


6 


6 


— 


5 


5 


— 


5 


2 


— 3 


4 


2 


— 2 


14 


14 


— 


4V2 

12 


4 
12 


- V2 


7 


7 


— 


10 


10 


— 


11 


11 


— 


7 


5 


— 2 


15 


15 


— 


5 


5 


— 


13 


13 


. — 


14 


14 


— 


16 


16 


— 


3 





— 3 


6 


6 


— 








— 


3 





— 3 


5 


2V2 


- 2V2 



Bergschloßbrauerei 

Bierbrauerei vorm. Hilsebein . . . 

Bockbrauerei 

Böhmisches Brauhaus A.-G. . . . 
Deutsche Bierbrauerei A.-G. . . . 

Brauerei Friedrichshain 

Friedrichshöhe vorm. Patzenhofer . 

Brauerei Königstadt 

Löwenbrauerei Hohen-Schönhausen 

Mün ebener Brauhaus 

Brauerei Pfefferberg 

Schloßbrauerei Schöneberg . . . 

Brauerei Schönbeck 

Schultheissbrauerei A.-G 

Spandauerberg-Brauerei .... 

Brauerei Ernst Engelhardt Nachf. 

Berliner Kindlbrauerei konv. . . . 

St.-Pr.. . . 

Unionsbrauerei 

Victoria-Brauerei 

Weißbierbrauerei vorm. Bolle . . . 

Ed. Gebhardt . . 

vorm. C. Landre . 

Eür das neue Geschäftsjahr sind die Aussichten wenig rosig. 
Wenn auch der Ausfall der Gerstenemte quantitativ günstiger 
ist als im Vorjahre, so läßt doch die Qualität an Feinheit und 
Ausbeute viel zu wünschen übrig. Die Preise für Gerste und 
Malz sind weiter gestiegen. Die niedrigeren Hopfenpreise, die 
nach den teueren Jahren wieder auf ein normales Maß zurück- 
gekehrt sind, können für die hohen Gerstenpreise keinen vollen 
Ausgleich bieten. Auch die Futtermittelpreise sind etwas zurück- 
gegangen, dagegen ist mit höheren Ausgaben für Brennmaterialien 
zu rechnen. Von ungünstigem Einfluß ist ferner die noch immer 
darniederliegende Bautätigkeit und die weiter anhaltende Ver- 



22. Bierbrauerei. 



95 



Tab. 35. Betriebs- 



uncl Produktionsverhältnisse in den Bierbrauereien 
Großberlins. 





Jahr 


Zahl der im 

Betriebe 
gewesenen 
Brauereien 


Malzverbrauch 
kg 


Steuerleistung 
Mk. 


Untergäriges Bier 
(Lagerbier) 


1910 
1911 
1912 


26 
23 
23 


75 734 240 

78 551120 

79 584 015 


14 802 987.55 

15 454 708.50 
15 974 535.85 


Unter- u. obergäriges 
Bier 


1910 
1911 
1912 


12 
13 
12 


4 551730 
10 998 645 
10 746 945 


1 819 660.50 

2 275 778.70 
2 320 483.05 


Weißbier 


1910 
1911 
1912 


7 

7 
7 


3 921 530 

4 806 190 
3 792 265 


579 314.00 
715 227.25 
556 644.40 


Weißbier, Braunbier, 
Bitterbier u. Schififs- 
Mumme 


1910 
1911 
1912 

1910 
1 1911 
1 1912 


56 
56 
52 


6 088 709 
6 555 618 
4 898 375 


988 819.25 
1 065 513.75 

847 075.85 


Farbebier und Malz- 
Extrakt 


2 
2 
2 


31890 
54 300 
46 920 


4 471.80 
7 666.05 
7 379.70 



teiierung aller Unterhaltsmittel. Größere Ausgaben erwachsen den 
Berliner Brauereien aus den am 1. Oktober 1912 eingetretenen 
Lohnerhöhungen. Ernste Beunruhigung ist auch durch die vom 
Berliner Magistrat beantragte Einführung einer kommunalen 
Biersteuer an Stelle der seit langem schon zu Unrecht bestehenden 
Abgabe hervorgerufen worden. 

Für die Berliner Weißbierindustrie war das abgelaufene Gre- 
schäftsjahr infolge der seit dem Frühjahr Init einer kurzen Unter- 
brechung andauernd ungünstigen "Witterung äußerst nachteilig. 
Für die Rohmaterialien, Weizen und Hopfen, mußten auch die 
Weißbierbrauereien höhere Preise anlegen. Die seit Jahren an- 
haltende und scheinbar noch nicht abgeschlossene ungünstige Ge- 
schäftslage der kleinen Gastwirte, die die Hauptabnehmer der 
Weißbierbrauereien sind, hat zur Schließung einer großen Anzahl 
kleiner Gastwirtschaften geführt, wobei die Weißbierindustrie 
erhebliche Verluste erlitt. Im neuen Geschäftsjahre sind die Preise 
für Weizen und Malz weiter gestiegen. Vor allem aber machten 
sich die Folgen des ungünstigen Sommers weiterhin bemerkbar, 
denn erfahrungsgemäß pflegt der Absatz auch später zurück- 
zubleiben, wenn das Publikum sich während des Sommers nicht 
dem Genuß von Weißbier in gewohnter Weise hingegeben hat. 



Berliner 
Weißbier. 



). 




Berlins monatliche Ein- und Ausfuhr von Bier 


in kg 


= 1.029 1. 








Januar 


Febr. | März 


Aprü 


Mai 


Juni 


Juli August 


Sept. 1 Okt. 1 Nov. 


Dez. 


Zus. 


r: 

ir: 


3388 296 
3495857 
3 642 lr95 

4988 334 
3502055 
ß 571160 


3880353 
3 210112 

4472 487 

5a58907 

3 557 99-» 

4 755 290 


4 272 514 
4555306 

3 810314 

4 205 019 
1633 821 
4 222 837 


3352 292 
1022 069 
3 718 426 

3 381436 

4 470106 
4954 772 


3 753 581 
3 496 697 
4709 509 

4034520 
5 194 677 
7 374 557 


4 597 833 

4 254 895 

3 621877 

5 361 137 
7 551 674 
5 174 155 


3 477 488 
3 7. "2 69 t 
3 818 694 

ö 243 053 
6 344 244 

6 692 874 


3 613048 

5 048 437 
4771956 

4 912072 
8 708 624 

6 899 822 


4272131 
3 9716';9 
3 6ö0 240 

5 272 867 
5 327 926 
3 995 272 


3 483 606 
3119 056 

4 575306 

4267 510 
4 8715:^ 
4 413 138 


3 786 451 
5 262 9<4 

3 731633 

4 634213 

5 411798 
3536 428 


3 432 886 

4 020913 
3 771250 

3 398464 

4 031649 
3676087 


45310482 
48160 635 

48323 887 

55057 532 
63 606114 
59 266392 



96 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Die "Witterungsverhältnisse des neuen Jahres sind für die weitere 
Gestaltung des "Weißbiergeschäfts von größter Bedeutung. 
Malzbier. Auch auf den Absatz von Malzbier hat die ungünstige 

Witterung im Berichtsjahre einen nachteiligen Einfluß ausgeübt. 
Die reellen Produzenten haben, wie berichtet wird, noch immer 
empfindlich darunter zu leiden, daß verschiedene kleine Unter- 
nehmen zweifelhaften Bufs zur Herstellung des Bieres — ent- 
gegen der gesetzlichen Bestimmung — , um die Verwendung des 
teuren Zuckers, der zum Süßen des Bieres erforderlich ist, und 
die Zahlung der darauf ruhenden Braus teuer abgäbe zu sparen, 
Sacharin verwenden und das Bier alsdann zu Schleuderpreisen 
verkaufen. Es liegt nicht nur im Interesse der Konsumenten, 
sondern auch des Staates — zwecks Vermeidung des Steueraus- 
falls — , daß gegen diese unerlaubte Manipulation energischer 



Tab. 37. Ein- und Ausfuhr von Bier auf Berliner Bahnhöfen in kg = 1,029 ]. 





Einfuhr: 


Ausfuhr: 




1910 1 1911 1 1912 


1910 1 1911 i 1912 


Öchlesischer Bahnhof. . . 


3 288 000 


3 211 500 


1 808 000 


6 961 380 


4 451 990 


3 156 400 


Hamburg-Lehrter Bahnhof 


213 616 


206 659 


69 241 


3 467 169 


4 045 730 


3 277 215 


Görlitzer Bahnhof .... 


845 310 


257 100 


103 870 


5 435 700 


5 454 830 


5 407 790 


Potsdamer Bahnhof . . . 


17 536 495 


21 029 330 


21 674 500 


6 520 806 


6 574 630 


7 528 820 


Anhalter Bahnhof .... 


22 884 129 


22 678 490 


23 287 133 


7 559 437 


10 367 158 


9 187 840 


Stettin er Bahnhof .... 


289 060 


312 860 


225 510 


8 672 180 


9 959 780 


8 554 990 


Osthahnhof 


201 772 


250 886 


263 743 


13 309 520 


20 821 336 


20 636 467 


Nordbahn 


52 100 


213 810 


891 890 


3 131 340 


1 930 660 


1516 870 


Zusammen | 


45 310 482 


48 160 635 


48 323 887 


55 057 532 


63 606 114 


59 266 392 



Tab. 38. 




Rohstoffpreise. 






Gerste 


Brauweizen 


Hopfen 


Schlesische 












bzw. Oder- 


Mährische 




Schlesischer 






brucherund 


und 


Ucker- 


bzw. 


Bayerischer 


Böhnüsche 


Uckermark, 
usw. 


böhmische 
pro 1000 kg- 


märkischer 
pro 1000 kg 


sächsischer 
pro 1000 kg 


pro 50 kg 


pro 50 kg 


pro 1000 kg 












Mk. 


Mk. 


Mk. 


Mk. 


Mk. 


Mk. 



209—240 
190—240 



225—250 



alte Kampagne : 
210—226 i 210—226 | _ | _ 

neue Kampagne : 

205-225 I 204—225 | 125—130 | 138—140 



Tab. 39. 



Malzpreise pro 100 kg. 



, 


Alte Kampagne 


Neue Kampagne 




Mk 


Mk. . 


Für böhmisches und mährisches . . . 


33-36 


341/2-37 


„ schlesisches, derb rucher, Ucker- 






märkisches und Saale .... 


31—35 


32— 361/. 


„ Märker und Posener 


29-31 


30-33 


, Weizenmalz (schlesisches bzw. 






sächsisches und märkisches) . 


29—33 


29—32 



23. Weinhandel. 



97 



Deutsche 
Weine. 



als bisher eingeschritten wird. Die Preise des Malzbieres sind 
noch sehr verschiedenartig. Eine Preis Vereinbarung zwischen den 
Brauereien, wie sie z. B. die Lagerbierbrauereien geschlossen 
haben, existiert nicht. Von den Rohmaterialien war außer Malz 
und Hopfen auch Zucker im Berichtsjahre außergewöhnlich teuer. 

23. .'WeinhandeL 

Der Mangel an kleinen Weinen, insbesondere an solchen A^on Allgemeines, 
der Mosel, machte sich im Berichtsjahre unangenehm bemerkbar. 
Viele Konsumenten, die nur einen gewissen Höchstpreis für kleine 
Weine anlegen, konnten der Preiserhöhung nicht folgen, und Bier 
und Apfelwein traten daher vielfach an Stelle des Weines. 

Die 1911 er Weine von der Mosel und dem Rhein haben sich 
schneller als je zuvor ein Wein im Faß ausgebaut, und das 
Publikum hat den schönen Jahrgang* gern aufgenommen. Die 
Weine entwickeln sich fortgesetzt tadellos. — Eigenartige Ver- 
hältnisse brachte für Mosel- und Saarweine das Jahr 1912. 
Kurz vor der Lese traten Nachtfröste ein. Versuche, den 
Frostgeschmack zu entfernen, werden nach jeder Richtung hin 
gemacht. Ein erfreuliches Produkt an kleinen Weinen ist 
aber kaum zu erwarten; deshalb hat der Handel sich mit 
seinen Abschlüssen nicht übereilt. Billige, frostfreie Weine aus 
der Pfalz, neutral in der Art, wurden dagegen nicht unerheb- 
lich ^gekauft. 

Die 1911 er Bordeaux- Weine bauen sich günstig aus. Frei- 
lich hört man auch entgegengesetzte Urteile. Es ist leider viel- 
fach versäumt worden, den Jahrgang, der viel Leben in sich 
trägt, energisch durch Abstich und Schönimgen zu bearbeiten; 
dies erklärt die verschiedenen Urteile über 1911er Bordeaux- 
w^eine. Auch ist zu befürchten, daß der schlechte 1910 er in 
dem 1911 er Weia verschwinden und so dem Ruf des großen Jahres 
Abbruch tun wird, ebenso wie der Ruf des 1904 er durch den 
Verschnitt mit 1903 gelitten hat. — Für die Ernte des Jahres 
1912 zeigte Berlin nur geringes Interesse. Die Läger sind ge- 
füllt und bei der schwierigen Geschäftslage waltet Vorsicht beim 
Einkauf. Die große Bordeaux-Emte 1912 mit recht unsicherer 
Qualität, die Geldknappheit in allen Staaten, die unsichere poli- 
tische Lage ermuntern wenig zum spekulativen Kauf. Man 
glaubt, daß man im Sommer die AVeiae nicht teurer, vielleicht 
aber jgar billi^r als jetzt einkaufen wird, imd daß dann auch 
eine bessere Beurteilung der Qualitüt möglich sein wird. 

Was die Absatz Verhältnisse anbetrifft, so ist eine allgemeine Absatz. 

Einschränkung des Konsums festzustellen. Das Massengeschäft 
in kleinen Weinen ist infolge der erhebliohea Preiserhöhung der 
letzten Jahre zurückgegangen, da die Konsumenten der Preis- 
steigerung trotz langjähriger Gewohnheit an täglichen Wein- 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 7 



Bordeaux 
Wein«. 



98 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Weiugesetz. 



LeUrliiiirs- iiuil 

Verbands- 

weseii. 



St<ttist.ik 

:i) üeutvsche 

ZolJgehiet. 



^enuß nicht folgen konnten. — Schwierig ist die Lage der 
größeren Abnehmer des Weinhandels, der Restaura teure, ge- 
worden ; das ganze Gewerbe liegt sehr darnieder. Hunderte von 
Geschäften sind eingegangen, andere können kaum gewinn- 
bringend aufrechterhalten werden. So hat der AVeinhandel hier 
außer großen Verlusten auch ein merkliches Schwinden des Um- 
satzes zu verzeichnen. Zu alledem drückt auf das Geschäft die 
Geldknappheit und die politische Unsicherheit. Auch der schlechte 
Sommer hat dem Umsatz Schaden gebracht. Merklich zurück- 
gegangen ist die Qualität des kaufkräftigen fremden Publikums. 
Ausländer, besonders Amerikaner, besuchen Berlin öfter in Massen- 
gesellschaften und in eiliger, flüchtiger Art. Die Fremden kommen 
daher vielfach nicht mehr dazu, wie es früher Avar, in den 
Restaurants deutsche Weine kennen zu lernen und konvenierenden 
Falles Bestellungen zu geben. Es scheint, daß überhaupt ein 
Mangel an besseren Fremden, insbesondei^ im Sommer, festzu- 
stellen ist, wodurch das Weingeschäft sichtlich Schaden leidet. 
Dazu kommt im Sommer die wachsende Reiselust des Berliner 
Publikums. Weiter macht sich für den Berliner Weinhandel die 
Konkurrenz der Provinzfirmen sehr bemerkbar. 

Die günstigen Folgen des AVeingesetzes sind in Berlin viel- 
fach zu beobachten, wenn auch die Kontrolle nur durch einen 
Beamien erfolgt. Allerdings w^rd noch oft gegen das Weingesetz 
verstoßen, aber in Berlin bei w^eitem mehr gegen das Gesetz zur 
Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs. Dem reellen Handel 
wird oft durch Ang'ebote, die vorteilhaft aussehen, aber beim 
Publikum eine Täuschung bervorrufen, eine unlautere Kon- 
kurrenz bereitet. Viel Mißbrauch wird auch mit der Bezeichnung 
„ Weing roßhandlung' ' getrieben . 

Der schon im Vorjahre beklagte Mangel an Lehrlingen mit 
guter Schulbildung füi' das Kontor und an Lehrlingen für die 
Küferei besteht unvermindert fort. Auch hinsichtlich des Ver- 
bandswesens gilt das im vorigen Jahre an dieser Stelle Gesagte. 
Hinzuzufügen ist, daß der Berliner Verein immer mehr an Aus- 
dehnung gewinnt und auch in vielen Fragen selbständig vor- 
geht, da seine Interessen doch andere sind wie diejenigen anderer 
Plätze, z. B. der Hansastädte 

Ueber den Weinverkehr im deutschen Zollgebiet einerseits 
und in Groß-Berlin andererseits geben wir folgende statistische 
Uebersicht : 



Tab. *». Einfuhr von Wein, Most und Maische in Fässern oder Kesselwagen 
(180 a d, 45 c) aus den Hauptimportländern (in dz). 



Jahr 



Frank- 
reich 



191 
191 



557 151 
475 545 



Algier 1 Italien | Spanien ^nearn T'land*" 1 ^^''*"^*H '^^^^^^ Amerika 



21 167 347 011 448 9671 139 673 
23 6791151 000 656 246! 76 225 



1912]!565 326i23 615| 52 635|689 2171 69 193 



127 884 
122 988 
120 074 



146 327 

177 483 

86 540 



57 177 
53 796 
51093 



6 579 
107 



Gesamt- 



1 858 694 
1 743 541 
1 657 800 



23. Weinhandel. 



99 



Tab. 41. 



Einfuhr von Schaumwein (181 a) 



in 


den letzten drei Jahren 


(in Vi FlasehenV 


Jahr 


i Gesamt-Einfuhr j 


Davon aus Frankreich 


1910 
1911 
1912 


1 744 986 

1 047 472 ; 

1060 511 


1 738 462 
1 042 109 
1 055 305 



Tab. 42. 



Ein- und Ausfuhr von Wein, Most, Trauben, Arrak, Rum, Kognak 
in den Jahren 1911 und 1912. 






Artikel 



1911 



1912 



Menge 



Wert in ; 
lOCOMkJ: 



Mengre 



Wert in 
1000 Mk.' 



180 a 
180b 
180c 



180d 

181b 

181a 

45 e 

I78b 

179c 



180 



Einfuhr: 
Roter Verschnittwein u. Most 
Wein zur Kognakbereitung 
Marsala-, Port-, Madeirawein 

mit einem Weingeistgehalte 
I von nicht mehr als 20 Ge- 
i wichtsteilen in 100 . . . . 

Anderer Wein 

'Stiller Flaschenwein . . . 

I Schaumwein 

I Weintrauben, gemostet, ge- 
j goren, Weinmaische . . . 
Arrak, Rum, Kognak, Kirsch- 

u. Zwetschenwasser im Faß 
Weingeistmischungen in Fl. 



41 354 
46 290 



1280 541 
6 448 

20 077 

385 916 

29 008 

1488 



dz 



1 156! 
1401 



57 222 
1054 
2 266 



38 906 
50 032 



33 434 

1174 723 

7 366 

20 545 



dz 



101811 371543 



3 862: 
317' 



17 649 
1432 



1088 
1514 



2 274 

56 387 

1201 

6 342 

9 801 

2 347 
306 



181b 
181a 
178b 

179 c 



Summe der Einfuhr 
Ausfuhr: 

Wein und frischer Most von 
Trauben , auch entkeimt 
(sterilisiert) 

Stiller Flaschenwein . . . 

Schaumwein 

Arrak, Rum, Kognak, Kirsch- 
u. Zwetschenwasser im Faß 

Weingeistmischungen in Fl. 



1 «11 122 dz 



77 45911715 630 dz 1 81 260 



98 926 dz' 9 006 
90 008 „ 11491 



1 307 403 

6 801 
152 787 



3 417 



426 



77 649 dz 

94 437 „ 

1388 111 „ 

3 937 „ 



5 550! 150 256 



7 031 

12 537 

3 810 



365 
6 007 



Summe der Ausfuhrwerte 



29 89q| 



29 750 



Tab. 43. Einfuhr von rotem Veyschnittwein und Wein zur Kognakbereitung aus 

den einzelnen Ländern (in dz). 





Roter Verschnittwein (180 a) 


Wein zur Kognakbereitung (180b) 


Jahr 


Gesamteinfuhr 


Davon aus: 






Spanien | Frankreich u. Aljrier 




1 


1910 
1911 
1912 


79 086 
41354 
30 906 


44 160 6 894 

23 834 2 001 

24 167 6 690 


69 583 
46 290 
50 032 


40^203 i 24 204 

12 655 18 863 
26 911 4 915 



Von dem eingeführten Schaumwein (181a) wurden verzollt 





1910 


1911 


1912 


zum Zollsatz von 120 Mk. . . . 


806 Fl. 


— Fl. 


— 


„ 130 . . . . 


1517 557 . 


96 204 „ 


— 


. 180 „ . . . 


146 313 „ 


885 400 „ 


1 007 370 


gingen zollfrei ein (für deutsche 








Schiffe, Rückwaren) .... 


80 310 „ 


65 868 „ 


53 141 



Fl. 



7* 



100 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Von dem eingeführten Arrak, üum, Kognak usw. in 
Fässern (178b) 



1910 



1911 



1912 



dz 



wurden vei^ollt zum Zollsatz von 160 Mk. 6 dz — dz 

, 225 „ 16 493 „ 13 848 „ 4 „ 

„ „ 275 , 2 877 „ 11674 „ 16 346 „ 

gingen zollfrei ein (für deutsche Schiffe) 462 „ 508 „ 482 , 

kamen auf den Veredlungsverkehr . . 1 760 „ 2 978 „ 817 ^ 



Von dem eingeführten Arrak, Eum, Kognak usw. in 
Flaschen (179c) 



1910 



1911 



191 



vTurden verzollt zum Zollsatze von 300 Mk. . 214 dz 3 dz — dz 

., - y, r, , 350 „ . 173 „ 360 , 415 „ 

wurden zollfrei eingeführt 1216 , 1122 „ 1 014 „ 



Tab. 44. Bestände in den Weinteüungslagern in Groß-Beiiin am Jahres- 
schluß (in kg). 



Jahr 



Anzahl 
der Lager 



Wein im Faß i 



Wein 
in Flaschen 



Schaumwein Gesamtmenge 



1910 
1911 
1912 



21 
20 
23 



4 913 721 
4 876 239 
6 046 585 



162 239 
242 570 
213 083 



4 504 
7 070 
4 980 



!! 5 080 464^ 
1 5 125 879 
I 6 264 648 



bV Grofs Berlin. 



Es wurden in Groß-Berlin verzollt: 



Tab. 45. 



Eiserner AYeinkredit in Groß -Berlin. 



Jahr 



Anzahl 

der 
Firmen 



Kredit - 
menge 



Wein im i desgl. ■, , | Wein 

Faß z. Zolls, z. Zolls. V. I 2^fp- I in Flaschen 



V. 10 Mk. 



25 Mk, 



z. Zolls. V. 



(Kognak) |(Verschnitt)|20, 24,30 Mk.| 43 



z. ZoUs. V. 



Schaum- 
wein 
z. Zolls. V. 
130ul80Mk 



dz 



dz I 



dz 



dz 



dz 



1910 
1911 
1912 



9 1 767 499 

9 1 750.000 

11 1705 000 



1021,46 
926 — 
679,11 



8,09 51 136,61 

— 43 999,48 

200,78 I 51,^27,26 



603,66 ! 7 977,33 
462,20 3 029,28 
696,89 ! 6 365,35 



Zum Zollsatze von 15 Mk. für 100 kg wurden bei dem 
hie.sigen Hauptsteueramt für ausländische Gegenstände 4in Ver- 
schnittweinen verzollt: 



1910: 692 1 



1911: 1 



1912: 2 078 1. 



Unter Zollaufsicht wurden Verschnitte gemacht: 



Jahr 



Mit deutsch. Mit französ. Mit deutsch. 

Weißwein verz. Weißwein Rotwein 

in Liter 



Mit französ. 
verz. Rotwein 



Gesamtmenge 
der Verschnitte 



1910 
1911 
1912 



2 163 



ca. 1000 

37 667 



16 645 



ca. 1 000 



56 475 



24. Tabak und Tabakfabrikate. 



101 



ab. 46. Herstellung von Schaumwein im deutschen Zollgebiet (1912: 266 Betriebe) 
und in der Provinz Brandenburg (1912: 22 Betriebe). 

a) Schaumwein aus Fruchtwein, ohne Zusatz von Traubeuwein. 



Rechnungsjahr 
April bis 31. März 



1909-1910 
1910—1911 
1911—1912 



Deutsches Zollgebiet 
*/i Flaschen 



Berlin und Provinz 

Brandenburg: 
Vi Flaschen 



ohne Flaschengärung^ 
454 384 45 236 

821521 112 060 

1 086 951 209 047 



Deutsches Zollgebiet 
Vi Flaschen 



Berlin und Provinz 

Brandenburg 

^/t Flaschen 



mit Flaschengärung 

18 191 527 

85 084 16 927 

206 581 2 634 



b) Schaumwein aus Traubenwein und schaumweinähnliche Getränke. 



Rechnxings j ahr 
April bis 31. März 



Deutsches Zollgebiet 
Vx Flaschen 



Berlin und Provinz 
Brandenburg 
Vi Flaschen 



Deutsches Zollgebiet 
Vi Flaschen 



Berlin und Provinz 
Brandenburg 
Vx Flaschen 



1909—1910 
1910—1911 
1911—1912 



ohne Flaschengärung 
506 212 163 211 



311212 
279 661 



137 833 
159 691 



mit Flaschengärung 
1,3 181572 i 309 117 

11761693 I 292 128 

13 663 371 ! 242 082 



Der prozentuale Anteil von Berlin und der Provinz Branden- 
burg an der gesamten Herstellung von Schaumweinen im deutschen 
Zollgebiet betrug: 

1910/11 1911/12 

a) bei Schaumwein aus Fruchtwein ohne Flaschengärung 13,64 ^/^ 19,23% 

b) . - „ . mit „ 19,89% 1,27% 

c) „ „ „ Traubenwein ohne „ 44,29% 57,1 % 

d) , . . n mit „ 2.48 0/^ 1,77% 



Tab. 47. Zollerträge aus dem Wein- etc. Verkehr in Deutschland. 

Rubrik A: Verhältnis zum gesamten deutschen Zollertrage 1 T?ar.>ir. no-cov. 
, B: umgerechnet auf den Kopf der Bevölkerung auf stX Weine 

C: Gesamtbetrag des Zolles auf stille Weine ' *°^ ^"^^® weine 

„ D: Gesamteingänge für Steuer und Zoll auf schäumende Weine (April bez.). 
„ E: Gesamteingangszölle für ausländische Branntweine (Okt. bez.). 
„ F: Summe von C D E erbrachten insgesamt. 



%__ 



B 

Ptg- 



C 

Mark 



D 

Mark 



E 
Mark 



F 

Mark 



1907 = 3.1 % 

1908 = 3.6 7o 

1909 = 3.0% 

1910 = 3.7 % 

1911 = 3.4 7o 



37 
39 
35 
45 
45 



22 842 000 
24 570 000 
22 599 000 
29 646 000 
29 486 000 



9 165 600 

8 839 400 

15 742 600 

15 170 500 



6 655 800 

13 310 900 
5 252 400 

7 249 400 



38 663 400 
46 720 300 
43 594 000 
51 905 900 



24. Tabak und Tabakfabrikate, 
a) Zigarrenindustrie. 

Die im Jahresbericht für 1911 geschilderte ungünstige Lage 
des deutschen Tabakgewerbes hat sich im Jahre 1912, besonders 
für die Zigarrenindustrie, noch schwieriger und besorgnis- 
erregender gestaltet. Die Gründe hierfür sind vornehmlich in 
der außerordentlichen Verteuerung des Tabakrohmaterials, sodann 
in den Nachwehen der Finanzreform von 1909, welche immer 
noch nicht überwunden sind, und besonders auch in der durch 
die allgemeine Lebensmittelteuerung und durch die "Wirkungen 



Zigarren- 

industrie. 

Allgemeines. 



102 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

des Balkankrieges bedingten Verbrauchseins^hränkung" zu suchen. 
AVie stark die Belastung des Tabaks ist, ergibt sich aus folgenden 
Vergleichen: Das Genußmittel Tabak liefert nach dem größten 
Massenverbrauchsartikel — Gretreide — die höchsten Zollein- 
nahmen. Diese beliefen sich im Steuerjahre 1906/07 auf 69,9 MilL 
Mark, im Jahre 1910/11 auf über 150 Mill. Mk. netto. Die 
daraus sich ergebende Belastung ist in diesen Jahren von 1,13 Mk. 
auf 2,32 Mk., auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, gestiegen. 
d. h. um 105 o/o. Eine fast selbstverständliche Folge hiervon 
ist, daß der Durchschnitts verbrauch an Tabak, auf den Kopf 
der Bevölkerung berechnet, gesunken ist, nämlich auf 1,39 kg 
im Jahre 1910 gegen 1,65 kg im Jahre 1908 und gegen 1,70 kg- 
in früheren Jahren. Auch die statistischen Ergebnisse über die 
verarbeiteten Täbakmengen bestätigen den Verbrauchsrückgang. 
Die absoluten Zahlen sind: 

190S 1911 

rund 750 000 dz rund 726 000 dz ausländischer Tabak (Einfuhr) 
« 255 000 „ „ 220 000 , Inland. Tabak (nach der Steuerstatistik). 

TÖÖSÖÖO dz "946Ö00 dz 

Hieraus folgt, daß der absolute Rückgang des Täbak- 
verbrauchs sich auf 59 000 dz, d. h. auf rund 6 o/o beläuft. Es 
müssen indes die sich unter Berücksichtigung der Volksvermehrung: 
von 1908 auf 1911 (rund 2V2 Millionen Köpfe) ergebenden relativen 
Vergleichszahlen gewürdigt werden. Danach sind im Jahre 1911 
gegen 1908 etwa 8 — 9 o/o weniger Rohtabak verarbeitet w^orden. 
Im Jahre 1912 dürften der Tabak verbrauch bzw. die verarbeiteten 
^Mengen voraussichtlich diejenigen des Jahres 1908 wieder er- 
reicht haben. Ueber die AVirkungen des AVertzollsystems auf 
das deutsche Tabakgewerbe ist auf der Jahreshauptversammlung- 
des Deutschen Tabak- Vereins am 7. Okt. 1912 zu Berlin ein- 
gehend berichtet w^orden. Selbstredend lassen die wachsenden 
Einnabmen des Staates aus der Wertsteuer keinen Schluß auf 
die Lage des Täbakgewerbes zu. Da, wie spät-er näher aus- 
geführt wird, die Preise fast aller ausländischen Täbaksorten 
seit 1908 stark gestiegen sind, so erbringt die Werts teuer zwangs- 
läufig höhere Erträgnisse, aucli wenn die Einfuhrmengen an Roh- 
material absolut zurückgegangen sind. Die Kosten trägt zu 
einem Teil der Verbraucher, zum größeren jedoch das Tabak- 
gewerbe, besonders die Zigan-en-, Rauch-, Kau- und Schnupftabak- 
industrie, indem der Unternehmergewinn bei der Unmöglichkeit, 
angemessen erhöhte. Preise für die Fertigfabrikate zu erzielen^ 
auf ein Minimum herabgeht. 

Von größtem Einfluß auf den Verbrauch an Täbakfabrikaten 
ist immer noch die durch die Finanzrefonn von 1909 hervor- 
gerufene erhebliche Verteuerung der Genußmittel, wie Kaffee, 
Tee usw., sowie die ständig anhaltenden Preissteigerungen der 



24. Tabak und Tabakfabrikate. 103 

J^ebeiismittel, wie Fleisch usw. Die deiitsdieii Hausväter müssen 
sich, wohl oder übel, erhebliche Einschränkungen im Verbrauch 
der T'abakfabrikate auferlegen. Nicht zu unterschätzen ist auch 
die speziell für den Zigarren- und Tabakverbrauch nachteilige 
Bedeutung der Entwicklung des modernen Spiel-, Sport- und 
W ander Wesens. Die heranwachsende jüngere Generation greift, 
soweit sie nach Spiel und Sport überhaupt noch raucht, zur 
Zigarette; sogar im Heere und in der Marine nimmt das 
Zigarettenrauchen zum Nachteil der Zigarrenindustrie mehr und 
mehr zu. Hierzu kommen noch Trustbeklemmungen, welche heute 
das gesamte Tabakgewerbe beunruhigen. Die British American 
Tobacco Co. oder deren deutsche Vertreter machten erfolgreiche 
Anstrengungen, sich der deutschen Zigarettenindustrie schritt- 
weise zu bemächtigen. Für die Zigarrenfabrikation und den 
Detailhandel Avird ähnliches befürchtet. Sicherlich dürfte es in 
Fachkreisen keinem Widerspruch begegnen, wenn behauptet wird, 
daß das AVertsteuergesetz das Eindringen des Trusts erleichtert 
hat. Unter diesen Umständen ist es verst-ändlich, daß das Für 
und Wider eines deutschen Staatsmonopols für Tabak bereits 
ernsthaft in der Fachpresse erörtert worden ist; man kann 
daraus ersehen, wie groß die Sorge ist, mit welcher die An- 
gehörigen der Tabakbranche in die Zukunft blicken. 

Der Eohtabakmarkt zeigte im Jahre 1912 eine durchweg 
feste Haltung und hat sich teilw^eise gegen 1911 für die Zigarren- 
industrie noch ungünstiger gestaltet. Die schwierige Lage des 
llohtabakhandels illustriert mit aller Deutlichkeit eine kurze 
Notiz der Tages- und Fachpresse, wonach eine in Berlin seit 
50 Jahren bestehende Rohtabakfirma in (außergerichtliche) Liqui- 
dation trat, und zwar „wegen Verschleehterung der Geschäfts- 
lage infolge der neuen Tabaksteuer''. Leider steht zu befürchten, 
daß solche Fälle nicht vereinzelt bleiben werden. 

H a V a n a tabake. Die diesjährige Havanaemte wurde noch 
in diesem Frühjahr als besonders groß und gut eingeschätzt. 
Tatsäehlich ist sie jedoch — und zwar sowohl in Vuelta Abajo, 
als auch in den Remedio- und Partido-Distrikten — hinsichtlich 
Mengen und Qualität nur als eine Mittelernte zu bezeichnen. 
Die Farben der Decktabake waren besonders in der Vuelta Abajo 
durch häufigen Regen sehr beeinträchtigt und zeigten viele grüne 
Flecke, die Qualität an sich war leicht und gut. Die Preise 
für alle Havanatabake zogen, nachdem bekannt geworden war, 
daß die Ernte nicht die erwarteten großen Mengen liefern würde, 
sehr erheblich an. Die an den Markt kommenden Tabake wurden 
vor allem von den Fabrikanten in Havana selbst, von Tampa 
und den Amerikanern schlank abgenommen. Nach Deutschland 
kam nur, was diese Interessenten als für sie wenig brauchbar 
übrig ließen. Die Beschaffung besserer und für feine Zigarren 
wirklich geeigneter Havanatabake hat daher in diesem Jahre 



104 I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 

ganz außerordentliche Schwierigkeiten selbst den Fabrikanten 
bereitet, welche die höchsten Preise zu zahlen gewillt waren. 

Brasiltabake. Die Ernte, über deren Höhe maßgebende 
Zahlen noch nicht vorliegen, war reichlich groß und in Qualität 
im allgemeinen befriedigend, jedoch in sich recht ungleichmäßig. 
Die besten Partien erzielten sehr höhe Preise; ein Sinken ist 
bisher noch nicht eingetreten. Während früher der gesamte 
Handel in Brasiltabaken sich in Bremen und Hamburg vollzog, 
^ehen jetzt von Brasilien unmittelbar aus große Mengen nach 
den Verbrauchsländern, so vor allem nach Argentinien. 

Pur beide vorstehend besprochenen Tabakarten sind den 
deutschen Verbrauchern in den letzten Jahren sehr viele und 
starke Mitbewerber erstanden. Auch ist an sich der Welt- 
verbiauch in ständig-em Steigen begriffen, während die Produk- 
tionsläjider nicht wesentlich mehr als früher erzeugen. Das 
eben Gesagte gilt gleichmäßig auch für Sumatratabake. 

Suma tr a tabake. Die Ernte 1911, welche im Berichts- 
jahre 1912 in Holland zum Verkauf kam, war um rund 46 500 
Ballen größer als die des Vorjahres. Der Durchschnittsver- 
kaufspreic stellte sich auf 142 Cents pro Pfund gegen 131 Cents 
im Jahre 1911. Der Erlös ist um 14,5 Mill. Gulden gestiegen. 
Der Ausfall befriedigte hinsiöhtlich Qualität im allgemeinen, 
war jedoch im einzelnen recht verschieden. Die besseren Partien, 
die b^onders den herrschenden Modefarben — hell und matt — 
genügten, erzielten nie dagewesene Preise. Diese haben sich 
für di3 genannten Sortierungen bis in die letzten Einschreibungen 
erhalten, während die Preise anderer Sortierung-en geringer 
wurden. Die weniger begehrten Partien Avurden sogar sehr 
billig. Amerika war auch in diesem Jahr wieder starker Ab- 
nehmer für gute Sumatradecktabake, welcher Umstand den 
Einkauf der deutschen Händler und Fabrikanten stark beein- 
trächtigte, da Amerika wegen der Gunst seiner Verhältnisse 
höhere Preise anzulegen befähigt ist. Auch Oestcrreich ist in 
den letzten zwei Jahren stark als Abnehmer heller Sumatras 
aufgetreten, wodurch die Preise weiter anzogen. Helle und blasse 
Farben waren verhältnismäßig viel in der Ernte vertreten. 
Darüber wird jedoch bei den Fabrikanten nur geteilte Freude 
vorhanden sein, denn es ist zu befürchten, daß die unberech- 
tigten Ansprüche der Kaucher an die Modefarbe ins Un- 
gelnessene wachsen, was für die Zukunft bei entgegengesetztem 
Farbenausfall der Ernten sicherlich drückend empfunden werden 
twird. Es ist, wie schon öfter berichtet, ein Grundübel für 
den Zigarrenfabrikanten, die einzukaufenden Decktabake zum 
großen Teil nur nach der Farbe beurteilen zu müssen. Die 
Qualität des Fabrikates kann unter solchen Umständen nur 
leiden. Erfreulich war es, daß die 1911er Sumatraernte eine 



24. Tabak und Tabakfabrikate. 



105 



bedeutende Menge gutes Umblatt an den Markt brachte. Die 
Preise waren aber auch für diese Blattgattung hoch. 

Java tabake. Diese Ernte fiel befriedigender aus, als die 
Vorberichte hatten erwarten lassen. Der Umstand, daß Amerika 
auch diesem Tabak hinsichtlich Decksortierungen seine Gunst 
zuwendet, verteuerte ihn für den deutschen Bedarf. Umblatt 
konnte trotz größerer eingebrachter Mengen die gleichen hohen 
Preise behaupten wie im Vorjahre. 

Borncotabak fiel im Berichtsjahre ebenfalls zu einem 
Teil befriedigend hinsichtlich Qualität und Parben aus. Die 
Preise für ausgesprochene Modefarben waren sehr hoch. 

Deutsche Tabake. Die 1911er Ernte lieferte wenig für 
die Zigarrenfabrikation geeigneten Tabak; die diesjährige Ernte, 
welche anfangs sehr gut auf den Feldern stand, hat später 
durch das anhaltende Regenwetter sehr gelitten. Es ist zwar 
ein großes Quantum blattreichen Tabaks geerntet worden, das 
Dekalo wird aber außergewöhnlich hoch sein; auch auf die 
Qualität setzt man keine allzu großen Hoffnungen. Der Ver- 
brauch des deutschen Tabaks ist seit drei Jahren erheblich 
zurückgegangen, da die Preise zu hoch sind und der Verbrauch 
der Zigarren in niederer Preislage, zu denen der deutsche Tabak 
vornehmlich Verwendung findet, bedeutend zurückgegangen ist. 
Oft tritt jetzt an die Stelle von deutschem Tabak billig-er 
Javatabak. 

Kolonial tabake. Auf imsere Kolonien hat die deutsche 
Tabakwelt seit einigen Jahren mit steigendem Interesse ihr 
Augeninerk gerichtet imd ist den Bestrebungen, in geeigneten 
Gegenden unseres Kolonialbesitzes Tabakkultur zu treiben, 
mit Aufmerksamkeit gefolgt. Mehrere Pflanzungsgesellschaften 
wurden gegründet. Nord-Kalnerun hat bisher die besten Erfolge 
zu verzeichnen; die im vorigen Jahre nach Deutschland ein- 
geführten geringen Mengen haben hinsichtlich Decktauglichkeit 
und Geschmack leidlich befriedigt. Auch in Süd-Kamerun sind 
Versuche gemacht worden. Zurzeit halten sich jedoch alle diese 
Versuche noch in engen Grenzen; nach den letzten Nachrichten 
waren in Ost-Afrika 21, in Kamerun 10, in Neu-Guinea 0,5, 
auf den West-Karolinen 50, in Samoa 0,2 Hektar in Kultur. 
Es wird daher noch manches Jahr vergehen, ehe diese Tabak- 
kulturen, wenn überhaupt, eine praktische Bedeutung für die 
deutschen Tabakinteressenten erlangen. 

Die seitherigen hohen Preise für das zu der Zigarrenkisten- 
fabrikation benötigte Zedern- und Erlenholz sind im Berichts- 
jahre durchweg noch höher gestiegen. Andere Materialien sind 
ebenfalls im Preise gestiegen, z. B. der Leim für die Beklebung 
der Kisten, Eisenzeug usw. 

Der Beschäftigungsg-rad hat sich hinsichtlich der Zigarren- 
fabrikation im Jahre 1912 zweifellos etwas gebessert; aber die 



Zedern- und 
Erlenholz. 



Beschäf- 
tigungsgrad. 



106 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Verkaufspreis 



Arl)eiter- 
vorhältnisse. 



Pl;itzj,'eschätt 

und Inlaiuls- 

luiudel. 



Kalkulationsschwierigkeiten haben sich bei den meisten Sorten 
nicht gemindert. Im Gegenteil, weg-en des ungünstigen Rohtabak- 
marktes, sowie wegen der hohen Preise der anderen Eohmaterialien, 
der höheren Löhne usw. sind die Fabrikationsgewinne noch ge- 
ringer geworden. Besonders die wenig-er günstig finanzierten 
Betriebe der Branche haben es schwer, ihr Durchkommen zu 
finden ; manche Fabriken dieser Art sind bereits eingegangen^ 

Die Verkaufspreise der Zigarren ließen sich im Jahre 1912 
noch weniger als vorher mit den veränderten Kalkulationen in 
Einklang bringen. Das gilt besonders für die niederen Preis- 
lagen, deren Verkauf größtenteils Verluste bringt und daher 
nach Möglichkeit eingeschränkt wird. Recht sonderbar mutet e^ 
nach alledem an, daß die Fabrikanten sich trotz der schwierigen 
^'erhältnisse seit 1909 in steigendem Maße mit großen Fassons 
überbieten. Schuld daran ist die Furcht, Kunden zu verlieren. 
Dieser Fehler wird sich rächen, da die Raucher sich vielfach 
an die großen Fassons gewöhnt haben. 

Der etw^as bessere Geschäftsgang in der Zigarren- 
fabrikation hat auf die Arbeiterverhältnisse insofern günstig 
eingewirkt, als dem Arbeitsangebot nicht mehr eine so 
geringe Nachfrage gegenüberstand. Die Arbeiterorganisationen 
sind eifrig bestrebt, mit den Fabrikanten Tarifvereinbarungen 
zustande zu bringen, in manchen Orten, so auch in Berlin, nicht 
ohne Erfolg. Selbstredend machen die Gewerkschaften dabei von 
dem Mittel der Boykottierung nicht willfähriger Fabrikanten 
ausgiebigen Gebrauch. Auch die Lohnstreitigkeiten nehmen kein 
Ende; ist an dem einen Fabrikationsplatze eine Einigung mit 
oder ohne Kampf erzielt, so wird der Zwist nach einem anderen 
Orte weiterverpflanzt. Das w^ar gewiß früher auch so, aber 
augenblicklich ist die Lage, in der sich die Fabrikanten be- 
linden, ungleich schwieriger; alle die hervorgehobenen widrigen 
Verhältnisse beeinflussen die Kalkulation so ungünstig, daß 
selbst geringe Lohnzugeständnisse die Rechnung aus dem Gleich- 
gewichte bringen können. 

Auch der Handel mit Täbakfabrikaten war im Jahre 1912 
nicht günstig gestellt. Der Absatz w^ar schwierig. Der Haupt- 
grund hierfür war, soweit das Inland in Betracht kommt, die 
mangelnde Kaufkraft des großen Publikums und vor allem in 
den letzten Monaten der Balkankrieg mit seinen Wirkungen. 
Auch eine Reihe wichtiger anderer Faktoren sprechen mit, so 
besonders die fortschreitende Beschränkung der Verkaufszeiten, 
am Abend sowohl wie an den Sonntagen. Nur das Gastwirts- 
gewerbe einschließlich der sogenannten ,, Automatischen Restau- 
rants" hat einen Vorteil von dieser Einschränkung der Laden- 
verkaufszeiten. Die Spezialgeschäfte, Kolonialwarenhandlungen 
usw. haben erhebliche Einbußen an Umsatz und demzufolge an 
Verdienst zu verzeichnen. Die Unsitte der Errichtung verkappter 



24. Tabak und Tabakfabrikate. 107 

Zigarren- und Zigaretten Verkaufsstände in stark besuchten Gast- 
wirtschaften, auf Bahnhöfen usw., sowie das Angebot von 
Zigarren usw. durch fliegende Verkäufer muß als eine Um- 
gehung der gesetzlichen Ladenschlußbestimmung'-en bezeichnet 
werden. Diese Unsitte ist trotz aller Bemühungen der inter- 
essierten Kreise mehr im Zunehmen, als im Abnehmen begriffen. 
In Berlin hat das seit dem 1. Jan. 1912 in Kraft getretene 
neue Ortsstatut, welches die allgemeine Verkaufszeit für die 
Sonntage im Sommer auf 8 — ^10 Uhr und im Winter auf 10 bis 
12 Uhr festlegte, für die Zigarrengeschäfte, namentlich im 
Sommer, beträchtliche Einbußen gebracht, weil die Geschäfts- 
leute und auch die große Zahl der Angestellten nach 10 Uhr 
die Stadt verlassen, um im Freien Erholung zu suchen. Hier- 
durch fehlen in der. Zeit von 12—2 Uhr den geöffneten Zigan^en- 
läden vielfach die Käufer. Den Nutzen von dieser Einrichtung 
haben wiederum die in Betracht kommenden Gastwirte. Auch 
das seit November 1912 bestehende Bauchverbot in den Abteilen 
der Berliner Hoch- und Untergrundbahn wird den Verbrau^oh 
nicht unerheblich mindern. Den Zigarrenspezialgeschäften ist 
durch die von den meisten Warenhäusern eröffneten Zigarren- 
abteilungen eine erhebliche und fühlbare Konkurrenz erwachsen. 
Die Firmen, welche in den Vororten Berlins Verkaufsstellen 
innehalten, klagen mit Recht über die starke Belastung durch 
die neuerdings von den Gemeinden eingeführten Sondergewerbe- 
steueni auf Filialbetriebe, wie z. B. in Neukölln, Spandau, 
Potsdam usw. Ferner leidet das Gewerbe unter der übergroßen 
Konkurrenz. Das Ueberhandnehmen der Zigarrengeschäfte ist 
eine Erscheinung, die in ganz Deutschland zu beobachten und 
namentlich in Berlin im höchsten Maße vorhanden ist. Die in 
ihren Absatzmöglichkeiten arg beschnittenen und an Ueberfüllung 
der Läger leidenden Fabrikanten untei^tützen bedauerlicherweise 
vielfach diese Etablierungswut durch ungerechtfertigtes Kredit- 
geben, trotzdem die ständige Zunahme der Konkurse eine Warnung 
sein sollte. Je geringer der Verbrauch, um so schärfer der Wett- 
bewerb der Fabrikanten und der Händler. Deshalb ist nicht 
nur die Tabakindustrie, sondern auch der Handel mit Tabak- 
fabrikaten in eine Lage geraten, welche für die nächsten Jahre 
den Untergang zahlreicher Existenzen mit Bestimmtheit voraus- 
sehen läßt. Namentlich die mittleren Geschäfte sind in einer 
bedenklichen Situation. Die kleinen und kleinsten Geschäfte, die 
vielfach nur einen Nebenerwerb darstellen, dürften sich eher 
halten. 

Das Unwesen der Preisschleuderei im Zigarettenhandel hat in 
Berlin einen geradezu ungeheuerlichen Umfang angenommen und 
greift auch bereits in die Provinz über. Alle bisher versuchten 
Gegenmaßnahmen haben versagt. Für den Jahresschluß sind die 
Verträge, welche zwischen den beteiligten Händlervereinigungen 



sclileuderei. 



108 



I. Pflanzl. Rohprodukte usw. B. Landwirtsch. Fabrikate. 



Umsätze. 



Z ahlungsweise. 



Aussichten. 



einerseits und den beiden zur Bekämpfung der Preisschleuderei 
gebildeten Vereinigungen von Zigarettenfabrikanten andererseits 
geschlossen waren, aufgekündigt worden, weil das Erreichte keine 
der beteiligten Gruppen befriedigte. Den schlimmsten Befürch- 
tungen sieht man für die Zeit nach dem 1. Jan. 1913 entgegen. 
Beschränkten die Schleuderer ihre verderbliche Tätigkeit früher 
ausschließlich auf den Verschleiß bekannter Zigarettenmarken, 
so haben sie sich in neuerer Zeit auch auf die Preisunterbietung 
von beliebten Zigarrenmarken, die sie auf Schleichwegen erstehen, 
geworfen. Nebenbei w^rd von solchen Elementen unlauterer Wett- 
bewerb in der Weise getrieben, daß sie minderwertige Zigariien 
als angeblich in eine höhere Detailpreislage g*ehörig bezeichnen 
und scheinbar besonders preiswürdig anbieten. Hinzu kommt 
ferner, daß gerade die besten weil zahlungssicheren Konsumenten. 
d. h. die Reichs-, Staats- nnd Kommunalbeamten, ebenso wie die 
Großbetriebsangestellten mehr und mehr dazu übergehen, durch 
eigens zu diesem Zweck geschaffene Einkaufsstellen ihren Be- 
darf im großen zu beziehen, und die AVaren in den Bureaus 
zu verteilen, bzw. zu veräußern. Alle Klagen und Vor- 
stellungen der Händlerschaft haben bisher bei den zuständigen 
Behörden wohl grundsätzlich zustimmende Aeußerungen, aber 
keine wirksame Abhilfe herbeig"eführt. Erst dann, wenn jedem 
Beamten zur Dienstpflicht gemacht wird, sich weder direkt, 
noch indirekt an einem derartigen Gewerbebetrieb zu beteiligeu, 
und wenn auch jedes Nebeneinkommen aus gewerblicher Tätig- 
keit als Gewerbe angemeldet und entsprechend versteuert weixlen 
muß, ist eine Besserung dieser un^sunden Verhältnisse zu 
erwarten. 

AI-? natürliche Folge der vorstehend geschilderten Verhält- 
nisse sind die Umsätze, und zwar sow^ohl im Engroshandel, als 
auch im Detailverkehr — abgesehen von den Zigaretten — in 
dem Berichtsjahre gegenüber dem Vorjahre nicht nur nicht ge- 
stiegen, sondern, und zwar vornehmlich in dem letzten halben 
Jahr, recht erheblich gegenüber dem Vorjahre zurückgegangen; 
letzteres unzweifelhaft zum großen Teil infolge des Balkan- 
kriegeö ,und der großen Kriegsbefüxchtung und der damit zu- 
sammenhängenden Geldnot, bzw. Geldknappheit. Es scheint, als 
ob die Rückgänge lq den Umsätzen in Groß-Berlin wesentlich 
erheblicher sind, als in allen größeren Provinzstädtien. Das 
Weihnachtsgeschäft ist selbst hinter den gering gestellten Er- 
wartungen erheblich zurückgeblieben, so daß hierdurch ein 
Ausgleich für den schlechten Geschäftsgang im letzten Semester 
1912 nicht hervorgerufen werden konnte. 

Der Eingang der Außenstände war während des ganzen 
JaJire« schleppend, vielleicht noch mehr als im Vorjahre. 

Die Aussichten für das kommende Jahr sind nicht hoffnungs- 
voll. Wenn die politischen Verhältnisse und die allgemeinen 



24. Tabak und Tabakfabrikate. 



109 



Leben sbeding'iuigeii sich nicht bald erheblich bessern, wird djer 
Geschäftsgang noch schleppender als im abgelaufenen Jahre 
werden. Die Umsätze werden sich keinesfalls steigern imd tiur 
dio Unkosten sich erhöhen, und dadurch die Wirtschaftlichkeit 
der Unternehmungen noch ungünstiger gestalten, als bisher. Vor 
allem werden hierzu die großen neuen Lasten der sogenannten 
„Sozialen Gesetzgebung" sowie polizeiliche und andere Vor- 
schriften und Maßnahmen, wie z. B. das Rauchverbot in der 
Hoch- und Untergrundbahn, beitragen. 

Der deutsche Export ist durch die Monopole bzw. Schutz- 
zölle, oder die industrielle Entwicklung der fremden Staaten 
stark behindert, taid wird bald auch für den noch bestehenden 
kleioen Rest unterbunden sein, so daß für die deutschen Fabri- 
kanten in keiner Weise eine Aussicht besteht, sich Absatzgebiete 
im Auslande zu erschließen, und so ein Gegengewicht gegen die 
Hemmungen, die einer erfolgreichen Arbeit im Inlande entgegen- 
stehen, zu schaffen. 



Export, 
geschäft. 



b) Zigarettenindustrie. 

Im Jahre 1912 gestaltete sich die Lage für die deutsche 
Zigiirettenindustrie sehr schAvierig. Zwei gefährliche Faktoren 
bedrohten Handel und Fabrikation: Preisschleuderei und das An- 
wachsen des amerikanisch-britischen Tabaktrustes. Händlerschaft 
und Fabrikanten haben sich in zwei Verbänden bemüht, der 
Preisschleuderei Herr zu werden; leider ist ihre Arbeit jedoch 
ohne Erfolg gewesen und die Verbände mußten sich wieder auf- 
lösen, da ein erfolgreiches Zusammenarbeiten nicht möglich war. 
Die Ursachen sind nicht zum mindesten in dem Tabaktrust zu 
suchen. Auch für die kommende Zeit sind die Aussichten sehr 
schlecht, da die Preisschleuderei nicht nur im Detailgeschäi't 
besteht, sondern auch auf das Grossogeschäft übergegriffen hat. 
Abhilfe ist in diesem Falle dringend nötig, und man wird bemüht 
sein, im neuen Jahre mit allen möglichen Mitteln des Mißstandes 
Herr zu werden. 

Im Berichtsjahre haben sich unter den größeren Zigaretten- 
fabriken verschiedene Gesellschaften g-ebildet. — Die Konkurrenz, 
des amerikanisch-britischen Tabaktrustes ist schwerer und gefähr- 
licher geworden, da er durch Ankauf von Fabriken eine be- 
deutende VergTößerung erfahren hat. Außerdem sucht der Trust, 
und dies Bestreben ist besonders zu befürchten, durch außer- 
ordentlich große Reklame und durch Einführung hoher Rabatte, 
Gratisgaben usw. die Händlerschaft für sich zu gewinnen. Be- 
sonders kleinere Betriebe haben unter diesem Geschäftsgebaren 
schwer zu leiden. 

Der Tabakmarkt wurde besonders durch den Balkankrieg, 
der im Oktober 1912 ausbrach, beeinflußt. Man hatte angenommen, 
daß der Tabak der Ernte 1911, der Ende des Jahres 1912 in 



Zigaretten- 
industrie. 
Allgemeines. 



Gesellschaft ^ 
bildung. 

Der amerik. 
britische 

Tabaktrust. 



Rohtabak- 
markt. 



110 



I, Pflanzliche Rohprodukte usw. G. Kolonialwaren. 



Arbfitsmarkt. 



Umsatz. 
Import. 
Export 



den Handel kommen sollte, zwar qualitativ etwas geringer, aber 
au6h. im Preise entsprechend niedriger sein w:ürde. Durch den 
Krieg ist es aber unmöglich geworden, den Tabak frühzeitiig 
nach Deutschland zu schaffen, und so kam es, daß Fabriken, 
die sich nicht mit Rohtabak auf längere Zeit versehen hatten, 
ihren Bedarf nur aus den in Deutschland liegenden Tabaken decken 
mußten. Es ist begreiflich, daß dadurch "höhere Preise als zur 
gewöhnlichen Zeit zu zahlen waren. 

Wie sich der Handel mit dem neuen Tabak gestalten wdrd, 
ist schwer zu übersehen. Man weiß vorläufig nur, daß einige 
deutsche Fabriken in der Türkei größere Vorräte aufgekauft 
und sich den Tabak auf längere Zeit gesichert haben. Aber 
auch selbst an den Erzeugungsplätzen des Tabaks hatten 
die freien Fabrikanten schwer unter der Konkurrenz des ameri- 
kanisch-britischen Tabaktrusts zu leiden, der außerordentlich 
große Vorräte von Tabak zu sehr hohen Preisen aufgekauft 
und so die deutschen Fabrikanten gezwoingen hat, auch ihrerseits 
für den Tabak mehr zu bezahlen, als unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen. 

Die Löhne der Zigaretten-Handarbeiter sind die gleichen ge- 
blieben; nur werden jetzt verschiedene Spezialarbeiter wie Mon- 
teure und Maschinenaxbeiter höher bezahlt. Durch Streiks und 
Aussperrungen ist die Industrie im Berichtsjahre nicht gestört 
worden. 

' Der Umsatz der im Inlande fabrizierten und verkauften 
Zigaretten zeigt die normale Steigerung. Der Import fertiger 
Zigaretten ist etwas gestiegen. Leider ist es nur sehr schwer 
möglich, den Export deutscher Zigaretten zu heben. Es wird zwar 
im Avislande anerkannt, daß deutsche Zigaretten fremde Erzeiig- 
zeugnisse nicht nur an Ausstattung, sondern auch ganz be- 
sonders an Qualität überragen; der Grund, weshalb sich der 
Export trotzdem nur langsam hebt, liegt darin, daß die Einführung 
der deutschen Fabrikate einerseits diu^h hohe Zölle, andererseits 
aber durch die Begiegesetze verschiedener Länder sehr erschwert 
resp. unmöglich gemacht wird. 

C. Kolonialwaren. 



25. Kaffee. 

AiiKfiiuMiies. In dem Jahresbericht für 1910 wurde an dieser Stelle her- 

vorgehoben, daß nach Lage der Sache an ruhigere Zeiten im 
Kaffeehandel vorerst nicht zu denken sei. Die Jahre 1911 und 
1912 haben dem Berichterstatter vollkommen Becht gegeben, und 
auch heute kann man noch nicht voraussehen, wie sich die Preis- 
bewegung des Artikels in Zukunft gestalten wird. Zwar ist 
das Berichtsjahr im allgemeinen ruhiger gewesen und hat nicht 
derartige Preisschwankungen aufzuweisen, wie die beiden vor- 



25. Kaffee. 111 

hergehenden. Trotzdem ist es auch nicht als normal zu be- 
zeichnen. Eekordpreise in dem Sinne der früheren Jahre sind 
kaum zu verzeichnen, wenn auch der Preis von 73 Pf. für good 
•averagc Santos, welcher in Hamburg gezahlt w^urde, den höchsten 
-des Jahres 1911 um 1 Pf. iibertrifft. Sowohl der Durchschnitt 
der Terminpreise, als auch der für effektive Ware liegt jedoch 
naturgemäß etwas höher als im Jahre 1911. 

Der sichtbare Weltvorrat betrug am 1. Jan. 1912 13 566 000 WHtvonat. 
Sack, das waren ca. 600 000 Sack weniger als zu dem gleichen 
i^eitpunkt des Vorjahres. Diese rückgängige Tendenz hat auch 
weiterhin angehalten. Sie ist sowohl auf den kleinen Ertrag der 
letzten zwei Ernten, als auch darauf zurückzuführen, daß der 
Konsum nicht in dem Maße abgenommen hat, wie man vielfach 
angenommen hatte. Brasilien, d. h. der Santosmarkt, ist nach 
wie vor tonangebend. Die Bedeutung New Yorks und Hamburgs 
gegen frühere Zeiten ist dadurch wesentlich zurückgegangen. 

Anfang des Jahres interessierte sich der Kaffeehandel vor Verkäufe Ue.s 
allen Dingen für die Verkäufe des Valorisationskomitees, die, ^ komltees.*'' 
w^e auch in den früheren Jahren, in der zweiten Hälfte des 
•Januar bekanntgegeben und wie folgt festgesetzt wurden: Die 
Verkäufe in New York sollen in Zukunft unter der Hand oder 
auf Gebote in Europa gemacht werden. Es wurden gleichzeitig 
400 000 Sack in New York verkauft, und 300 000 Sack in Europa 
•dem Handel zur Verfügung gestellt, hiervon ca. 120 000 Sack 
in Havre und Marseille, 100 000 Sack in Hamburg und Bremen, 
-30000 Sack in Rotterdam, 40000 Sack in Antwerpen und 10 000 
Sack in Triest. Der Preis hierfür war jedoch auf 83 Franken 
Basis good average Santos Havreser Type limitiert. Von dem 
in Europa lagernden Vorrat der Regierungskaffees sind vom 
Antwerpener Lager 200 000 Sack und vom Havreser 100 000 
Sack nach New York zu verschiffen, da der dortige Vorrat ge- 
räumt war. 

Um es gleich vorweg zu sagen, wurden die dem Handel Konsum, 

^ur Verfügung gestellten Kaffees im allgemeinen schlank 
akzeptiert, wenn auch nicht zu den erwartenden hohen Preisen. 
Sie fander vor allen Dingen aus dem Grunde schlanke Auf- 
nahme, weil sie im allgemeinen gute Qualitäten und Rösteigen- 
«chaften zeigten und außerdem im Durchschnitt eine bedeutend 
größere Bohne aufwiesen, als die damals laufende Ernte. Den 
Käufern wurde freies Lager bis zum Mai gewährt. Hiervon 
wurde selbstverständlich ausgiebig Gebrauch gemacht. 

Das Ergebnis der Ernte 1911/12 war auf etwa 8V2 bis Emte v.m 12. 
D Millionen geschätzt worden. Allmählich stellte sich heraus, 
-daß diese Ziffern zu niedrig gegriffen waren, und man erhöhte 
demzufolge die Sehätzung auf 9V2 Millionen. Obwohl von Zeit 
:zu Zeit in Aussicht gestellt wurde, daß die Santoszufuhren dem- 
nächst bestimmt und bedeutend abfallen würden, erwiesen sie 



112 I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 

sich jedoch weiterhin ziemlicli groß, so daß entgegen allen 
Schätzungen und Erwartungen die Santosernte ein Ergebnis von 
9 973 000 Sack ergab. Jedenfalls blieb sie sowohl hinsichtlich 
Quantität als auch Qualität w-eit hinter den Ansprüchen des 
Konsums zurück. Es machte sich ohne Zweifel an den euro- 
päischen Märkten ein starker Mangel an guten, brauchbaren 
Kaffees fühlbar, denn der Handel war einzig und allein auf 
die Vorräte der europäischen Hafenplätze angewiesen. Santos 
verlangte dauernd w^eit höhere Preise, als in Europa bezahlt 
wurden. An den europäischen Märkten war die Disparität 
zwischen effektiver und Terminware in Hamburg am größten. 
Die letzten sechs Erntemonate vom Januar bis Juli brachten 
daher abw^echsend ein reges, zeitweise jedoch ein durchaus 
schleppendes und unbefriedigendes Geschäft. Der Weltvorrat 
ging in dieser Zeit bis auf 10 965 000 Sack, der Europas von 
7 051000 Sack am 1. Juli 1911 auf 6 774 000 Sack am. 1. Jan. 
1912 und 6 294000 Sack am 1. Juli 1912 zurück. Ohne Zweifel 
machte sich gerade auch in diesem Zeitraum eine gewisse Ein- 
schränkung des Konsums bemerkbar, wie aus den statistischen 
Ziffern, sowohl für Europa, als auch für Amerika, welche am 
Ende des Artikels aufgeführt sind, hervorgeht. Der Rückgang 
war allerdings nicht groß genug, um eine nachhaltige Wirkung 
auf die Märkte auszuüben. Dem Baissier war er selbstverständ- 
lich zu klein und dem Haussier andererseits immerhin noch 
reichlich groß. Soweit Kostfrachtofferten von Santos überhaupt 
vorlagen, bewegten sie sich, wie schon oben gesa.gt, in Grenzen, 
die für den europäischen Importeur unerschwinglich waren, weil 
ein gewinnbringendes Geschäft von vornherein ausgeschlDssan 
w-ar. Gehört doch ein sehr starker Optimismus dazu, um von 
vornherein mit einer Steigerung des Marktes von etwa 3 sh 
innerhalb 4 — 6 Wochen rechnen zu wollen. Die Preise für 
Superior Kost und Fracht Hamburg waren ungefähr folgende : 
Januar 69/3, Februar 73/—, März 73/6, April 72/6, Mai 71/— 
und Juni 73/6. 

Der Mangel an brauchbaren Kaffees machte sich immer 
mehr fühlbar, denn bei Beurteilung des zur Verfügung stehenden 
Vorrats muß man berücksichtigen, daß davon immer noch 
4 398 000 Sack dem Valorisationskomitee gehörten, dieses Quantum 
also einen Druck auf den Markt nicht ausübte; sodann absorbiert 
natürlich der Terminmarkt auch ein größeres Quantum, das in 
Hamburg meistens zwischen 2- und 300 000 Sack schwankt. Die 
Terminpreise für good average in Hamburg bew^egten sich 
während dieser Zeit zwischen 65 und 69 Pf. Der Vorrat in 
Santos wuchs infolge jeglichen Fehlens größeren Geschäfts nach 
und nach an. Daß er nicht noch größer geworden ist, verdanken 
die Santos-Exporteure lediglich dem Eingreifen der Vereinigten 
Staaten, wo immer etwas höhere Preise gezahlt werden als in 



25. Kaffee. 



113 



Europa, da dort die Absatzverhältnisse ganz andere sind. Es 
ist dies eine Erscheinung, die sich von Jahr zu Jahr wiederholt 
und auch schon in den früheren Berichten erwähnt worden ist. 

Nach den hereingekommenen Nachrichten sollte die Ernte 
1912/13 noch ein kleineres Ergebnis als die vorangegangene liefern, 
auch wiesen die bedeutend kleineren Zufuhren darauf hin. Di© 
neuen Muster zeigten jedodi eine Qualität, wie man sie seit 
Jahren nicht gehabt hatte, wenn auch die Eösteigenschaft eines 
großen Teils zu wünschen übrig ließ. Da die Disparität zwischen 
dem Santosmarkt und den europäischen Plätzen sich erst all- 
mählich verkleinerte, wurde zu Anfang wenig abgeschlossen, bis 
man in Santos endlich Fühlung suchte; das Geschäft besserte 
sich zwar, aber es beschränkte sich doch nur auf einige wenige 
Tage, an denen allerdings dann große Quanten aikzeptiert wurden. 
Das gekaufte Quantum selbst sollte in Santos so schnell als 
möglich verschifft werden. Die dortigen Dockarbeiter machten 
sich jedoch die Situation zunutze, wie fast in jedem Jahr, um 
größere Forderungen herauszubringen. Hierdurch wurden nicht 
nur die prompten Verschiffungen und die Ankünfte der Kaffees 
in Europa verzögert, sondern auch die Zufuhren vom Santos- 
markt üi Mitleidenschaft gezogen. Das Verladungsgeschäft zog 
sich daher sehr in die Länge und kam erst wieder Ende Sep- 
tember und Anfang Oktober mehr in Fluß. Die hereingekommenen 
Kaffeeä wiesen mit einigen Ausnahmen gute Qualitäten auf, die 
zum Teil bunt rösteten. 

Der August und der September brachten wieder die allgemein 
erwarteten Frostdepeschen und sonstige ungünstige "Witterungs- 
berichte für die Ernte 1913/14, über die der Berichterstatter 
hinweggehen zu können glaubt. Diese meist tendenziösen Be- 
richte bringen durchaus nichts Neues, sie kehren in jedem Jahre 
wieder und sind nur geeignet, defti Kaffeehandel abzustumpfen 
und Interesselosigkeit zu erwecken. Es soll natürlich hiermit 
nicht gesagt sein, daß sie keinen Einfluß auf den Markt aus- 
üben, denn wenn auch der Fachmann ihnen allerdings skeptisch 
gegenübersteht, so rufen sie bei der jetzt herrschenden Speku- 
lation doch immerhin Fluktuationen hervor, die der wirklichen 
Lage des Artikels und des Marktes nicht immer entsprechen. 
Erwähnt sei nur, daß der Schaden teilweise 25 — 50 o/o betragen 
sollte. Die vorliegenden Schätzungen wurden dementsprechend 
von 14 Millionen bis auf teilweise 8V2 Millionen reduziert. Es 
setzte dann auch eine Haussebewegung ein, die in verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit die Terminpreise in Hamburg von 02/63 im 
August bis auf 73 Pf. im Oktober für den Lokomonat brachte. 
Unter diesen Einflüssen wurde natürlich auch effektive "Ware 
teurer, und zwar erreichte sie einen durchschnittlich um einige 
Pfennige höheren Stand, als er im Vorjahre bei ungefähr 
gleich ert Preisen für die Termin wäre war. 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 8 



Ernte 1912/ia 



Emte- 
schätzungen 
für 1913/14. 



114 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Gewaschene 
blaue Kaffees 



Effektive 
Inlands- 
geschäfte. 



Die Ernten in g^ewaschenen blauen Kaffees sind überall be- 
friedigend ausgefallen; entsprechend dem allgemein hohen Preis- 
stand ist der Absatz in diesen Provenienzen jedoch nicht mehr 
so stark, als in früheren Jahren, und die für diese besseren 
Waren zu erzielenden Preise sind im Verhältnis zu den Santos- 
kaffees nicht mehr so gut wie früher. Prima Guatemala notierte 
78 bis 83 Pf. Ganz unbedeutend sind die Preise für die feinsten 
Qualitätskaffees, feinst blauen Costa Rica, gelb bis braunen 
Menados usw., gestiegen, für welche Abnehmer kaum noch ge- 
funden werden. 

Daä effektive Geschäft im Inland, sowohl in Höh- als auch 
in Eöstkaffees, zeigt nach wie vor dieselben Mängel, wie in 
den letzten Berichtsjahren. Ein gewisser Teil der Kolonialwaren- 
firmen, die bisher auch den Artikel Kaffee führten, haben ent- 
weder seinen Vertrieb ganz eingestellt oder aber ihn sehr be- 
schränkt, da die Preise einen genügenden Nutzen nicht lassen 
resp. (das Risiko bei großer Kapitalanlage zu groß ist. Die 
Detailpreise wurden erst vom August ab infolge der vSteigerung 
allmählich um etwa 10 Pf. erhöht. 



Statistik. Tab. 48. Hamburger Kaffeepreise. 

Amtliche Notierungen in good average Santos. 

Die Preise schwankten (V2 kg in Pfg.) : 



im Januar zwischen 






. 67 


60 


63 


651/, 


„ Februar 






. . 651/, 


65 


661/, 


66 


„ März 






. . 66t/, 


67 


681/2 


673/, 


„ April 






. . 671/2 


68 


68% 


681/, 


V Mai 






. 68V2 


67^/, 


681/4 


68V-, 


„ Juni 






. 68 


691/, 


69 


691/0 


. Juli 






. 691/4 


663/, 


66I/2 


651/, 


., August 






. 651/2 


641/2 


631/2 


65 


„ September „ 






. 651/4 


683/, 


67V4 


7OV2 


„ Oktober 






• 7OV4 


723/, 


71 


70 


„ November „ 






. 70 


683/, 


691/2 


691/2 


„ Dezember „ 






. 69 


671/, 


681/0 


68V2 



Tab. 49. 




Zufuhren in Santos 


und Rio 


[in 1000 Sack). 






lyiu 1 


1911 1 


1912 




1 Santos 


Rio 1 


Santos 


Rio 


Santos 


Rio 


Januar . . . 


182 


227 


234 


194 


396 


135 


Februar 






139 


207 


134 


126 


279 


144 


März 






160 


205 


122 


105 


310 


185 


April . 






: 152 


154 


85 


71 


310 


155 


Mai . . 






145 


108 


97 


88 


225 


103 


Juni . . 






303 


103 


218 


136 


290 


146 


Juli . . 






1 1042 


205 


796 


248 


672 


219 


August . 






1474 


307 


1415 


300 


1212 


256 


September 


1 1889 


348 


2 034 


348 


1484 


397 


Oktober . 


1 323 


304 


1981 


324 


1663 


425 


November 


922 


254 


1280 


236 


1 164 


350 


Dezember 


! 570 


300 


697 


167 


955 


258 


Zus. Jan./Dez 




8 301 


2 722 


9 093 


2 443 


1 8 960 


2 773 



26. Tee. 



115 



Tab. 50. 



Sichtbare Weltvorräte (in 1000 Sack zu 60 kg). 



1. Januar . 
1. Februar . 
1. März . . 
1. April . . 
1. Mai . . 
1. Juni . . 
1. Juli . . 
1. August . 
1. September 
1. Oktober . 
1. November 
1. Dezember 



1910 



16 564 
15 798 
1-5 287 
15 000 
14 599 
14 240 

13 731 

14 210 
14 314 
14 680 
14 771 
14 695 



1911 



14 106 
13 655 
13 333 
12910 
12 605 
11912 
11085 
10 877 
11451 

12 383 

13 122 
13 420 



1912 



13 566 
13 167 
12 589 
12 244 
11813 
11390 
10 965 
11035 
11438 
12 151 
12 682 
12 861 



Tab. 51. Ablieferungen in Europa und Nordamerika in den Jahren 1910 
und 1911 in 1000 Sack. 





1 1911 1 


1912 




! in Europa 


in Nordamerika 


in Europa 


in Nordamerika 


Januar 685 


701 


948 


543 


Februar 






694 


461 


903 


598 


März . . 






686 


395 


926 


644 


April . . 






ii 615 


417 


1002 


701 


Mai . . . 






971 


457 


913 


501 


Juni . . . 






1025 


554 


663 


520 


Juli . . . 






870 


488 


744 


437 


August . . 






882 


515 


699 


515 


September 






'' 1 089 


641 


887 


559 


Oktober . 






1178 


648 


1116 


654 


November 






958 


540 


1010 


677 


Dezember . 






733 


416 


664 


473 



Tab. 52. Einfuhr von Rohkaffee nach Deutschland 


(in Doppelzentnern). 




1910 


1911 


1912 


Januar 

Februar 


200 400 
120 000 
118 800 
132 000 
122 400 
117 600 
237 600 
124 800 

124 800 

136 800 

125 400 

137 400 


258 600 
149 400 
96 000 
103 000 
124 200 
130 200 
253 200 
195 000 
127 800 
138 600 
129 000 
117 600 


251 032 
157 456 


März 

April 


113 204 
123 564 


Mai 

Juni 

Juli 

August 

September . . 


126 508 
126 279 
215 970 
96 605 
100 458 


Oktober 


127 884 


November 

Dezember 


129 665 

111 888 







Jahr ! 1 698 000 



1 823 400 



1 680 506 



26. Tee. 

Der Teehandel bewegte sich in der ersten Hälfte des Jahres 
1912 in ruhigen Bahnen ohne nennenswerte Veränderungen, doch 
wurde im allgemeinen mit einer kleineren Ernte und höheren 
Preisen nach den Unrnhen in China und den erhöhten Arbeits- 
löhnen seit Bestehen der Eepiiblik gerechnet. Die im Vorjahr 
verhältnismäßig hohen Preise für untere Teequalitäten veran- 

8* 



Allgemeines. 



116 



I. Pflanzliche Eohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



China-Tee. 



Hankow-Teet 



Foochow-Tees. 
Souchongs. 



laßteii die Verwaltungen der Teeplantagen Indiens, Ceylons und 
Javas, diese Gattung Tee in forciertem Maße zu produzieren. Eine 
Ueberproduktion geringer Sorten war die natürliche Folge hier- 
von, und unter diesem Eiafluß gingen die Preise merklich zurück. 
Auch die Chinaernte wurde in Mitleidenschaft gezogen, imd statt 
der erwarteten höheren Preise trat ein Prei^Tückgang für sämt- 
liche Gattungen Tee ein, der gegeii Ende des Jahres zu größeren 
Verlusten für die Importeure führte, da wenig Kauflust vor- 
handen war und bedeutende Mengen in den Hafenplätzen lagerten. 

Qualitativ war die Ernte in China sowohl für die billigeren 
als auch für die feinen Sorten befriedigend. Wirklich feine Tees 
waren selten und die besten Qualitäten, mit denen des Vorjahres 
verglichen, etwas geringer. Quantitativ ist die Ernte hinter den 
letzten Jahren trotz der zu Beginn der Saison auftauchenden 
widersprechenden Nachrichten nicht zurückgeblieben. Im Gegen- 
teil infolge der günstigen Witterung kamen die ersten Zuführe a 
ziemlich früh und reichKch an den Markt. Bei dem niedrigen 
Stand für untere Indien- und Ceylon-Tees trat ein Preisrückgang 
für billige Chinatees kurze Zeit nach Beginn der Saison ein, 
der für viele Importeure, die zu frühzeitig als Käufer auftraten, 
zu großen Verlusten führte. Während in den Vorjahren die An- 
künfte gleich Absatz fanden und das Angebot hinter der Nach- 
frage zurückblieb, blieben in dieser Saison große Vorräte ohne 
Käufer und lagerten nach Schluß der Saison noch bedeutende 
Vorräte in den Hauptstapelplätzen. 

Bei dem flauen Absatz und den ebenfalls größeren Vorräten 
in den Importhäfen wird die Kauflust bei Eröffnung der nächsten 
Saison nicht allzu lebhaft sein, und daher werden wir auch 
für das nächste Jahr kaum mit höheren Preisen für Chinatees 
zu rechnen haben. 

Von Hankowtees zeichneten sich Kintücks und Keemüns 
durch gutes Blatt und feines Aroma aus und wurden schlank 
untergebracht. Die mittleren Sorten jedoch und besonders Ning- 
chows fanden, da das Blatt zu klein ausfiel und die Tees' viel 
Grus enthielten, wenig Käufer und konnten nur schwer placiert 
werden. Geringe Monings zeigten ein gutes Blatt und waren auch 
in der Qualität besser als im Vorjahr, dennoch zeigte sich bei 
dem niedrigen Stand der unteren Indien- und Ceylon-Tees wenig- 
Kauflust und konnten Umsätze nur mit erheblichem Verlust 
erzielt werden. 

Der Ausfall der Ernte in Souchongs war quantitativ größer 
als im Vorjahr. Die Qualität der feinen Souchongs war gut, 
und daJier konnten die Zufuhren in kurzer Zeit untergebracht 
werden, dagegen ließen mittlere und geringe Souchongs im Blatt 
und Aufguß viel zu wünschen übrig und waren wenig vorteil- 
haft. Besonders geringe Souchongs blieben zeitweise ohne jeg- 
liche Nachfrage. Bauhige Souchongs fehlten fast ganz. Die- 



26. Tee. 



117 



wenigen vorhandenen Partien erzielten, soweit sie rein und ohne 
rötlichen Einwurf waren, verhältnismäßig gute Preise. Leider 
ist auch LQ diesem Jahr wieder darauf hinzuweisen, daß von 
Eoochow viel minderwertige Tees importiert werden, die die 
Bezeichnung ,Tee nicht verdienen und auch ihren Anteil daran 
haben, daß die Souchong-Tees von den Händlern und Konsumenten 
immer mehr vernachlässigt werden. 

Die Qualität der Packlums und Panyongs war gut; sie cougous. 

zeigten durchweg ein gutes Blatt. Trotz einer relativ kleineren 
Ernte als im Vorjahr gingen auch hier aus den vorher er- 
wähnten Gründen die Preise zurück ; wirklich gute "Werte konuten 
billig gehandelt werden. Vorräte sind noch reichlich vorhanden. 

Flowery Peccos waren in genügender Menge auf dem Markt Fiowery Pecc* 
und preiswert käuflich. "Wirklich feine Blütenware blieb gegen 
die Vorjahre nur wenig im Preise zurück, während mittlere 
Sorten bei dem von Jahr zu Jahr zurückgehenden Verbrauch 
sehr preiswert waren. Geringe Peccos fanden wenig Käufer. 

Indische Tees in mittleren und geringeren Qualitäten haben indien-Tees. 
im Berichtsjahr einen wesentlichen Preissturz erfahren, der dar- 
auf zurückzuführen ist, daß in Indien weitere große Länder- 
strecken der Teekultur dienstbar gemacht wurden und auch die 
Verwaltungen der Plantagen, durch die guten Geschäftserträg- 
nisse der letzten Jahre angespornt, die Produktion erhöhten. 
Quantitativ ist dies Ziel auch erreicht worden, jedoch zum Nach- 
teil der Qualität, da eine künstliche Düngung der Teepflanze, 
frühzeitiges Pflücken der Blätter und eine forcierte Teeproduktion 
nachteilige Einflüsse auf die Güte der Ernte ausgeübt haben. 
Das Blatt war im Durchschnitt gut, feine Darjeelijigs und tipp}^ 
Tees der Herbstpflückung zeigten feine Qualitäten und erzielten 
volle J^reise. Geringere Qualitäten waren mehr vernachlässig' t. 

Die Qualität der Ceylon-Tees war während des Berichts- ceyion-Tees. 
Jahres sehr verschieden. Während der ersten zwei Monate war 
sie ziemlich gering, jedoch im März zeigten die Zufuhren bessere 
Werte und die Aprilimporten waren von hervorragender Qualität, 
wie solche seit langen Jahren nicht an den Markt gekommen 
waren. Mit der nun einsetzenden forcierten Produktion ging die 
Qualität zurück und mit den größeren Quantitäten, die auf den 
Markt kamen, auch der Preis, so daß die mittleren und geringeren 
Qualitäten sich mehr zugunsten der Käufer bewegten. 



Tab 53. Einfuhr von Tee nach Deutschland (in dz) 


• 




1910 


1911 


1912 


Im ganzen 

davon aus China . . 
•\us Brit. -Indien .... 

„ Niederl.-Indien . . 

n Ceylon 


31271 

17 437 

4 542 

4 926 

3 149 


38 124 

22 006 

5 167 

5 955 

3 549 


41384 

24 039 

5 522 

5 804 

4 043 



118 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Erster Bericht. 
Allgemeines. 



Rohstoffpreise. 



Einfuhr und 
Ausfuhr von 

Schokolade. 



Preise der 

Fertig- 
fabrikate. 



Arbeiter- 
vei'hältnisse. 



27. Kakao und Kakao waren. Zuckerwaren. 

Erster Bericht. 

Die Entwicklung der BraJiche ist im allgemeinen günstig, 
denn der Konsum nimmt immer mehr zu, dank der aufklärenden 
Propagandaarbeit. Die Einfuhr von Kohkakaobohnen ist gegen 
das Vorjahr wiederum gestiegen. 

Die Preise der für unsere Fabrikation erforderlichen Hoh- 
materialien waren leider nicht immer günstig. Die Eohkakao- 
preise traten zu Anfang des Berichtsjahres in eine kleine Auf- 
wärtfibewegung ein und erlangten bis heute nicht wieder den 
Stand, den sie gegen Ende des Vorjahres hatten, dagegen ließen 
die Notierungen für Zucker langsam nach, und man kann heute 
wieder mit normalen Preisen rechnen. Für Mandeln und Hasel- 
nüsse, wie auch für Kakaobutter werden ebenfalls höhere Preise 
verlangt als im Vorjahre. Erfreulich ist für die Industrie, daß 
die Gefahr einer Kakaovalorisation anscheinend endgültig be- 
seitigt ist. Durch Zusammenschluß der drei größten Kakao- 
produktionsländer sollte nämlich ein derart starker Einfluß auf 
den Markt gewonnen werden, daß Haussebewegungen, wie wir 
sie wiederholt erleben mußten, nicht mehr möglich wären; in 
Wirklichkeit jedoch wären die Ding^e, wie bei der Kaffee- 
valorisation, so gekommen, daß die Vereinigung dazu benutzt 
worden wäre, um die Preise ins Unermeßliche zu treiben. 

Die Einfuhr von Schokolade ist leider auch in den ver- 
gangenen Monaten dieses Jahres eine Kleinigkeit gestiegen, was 
auf die unverständliche Vorliebe des kaufenden. Publikums für 
alles, was vom Ausland kommt, zurückzuführen ist. 

Die Ausfuhr von Fertigfabrikaten hat sich erfreulicherweise 
bedeutend gehoben; so hat sich die Ausfuhrziffer von Kakao- 
pulver fast verdreifacht. Auch Schokolade ist von 4856 dz im 
Vorjahr 1910/11 (Oktober/September) auf 6146 dz im Jahr 
1911/12 gestiegen. An Kakaobutter wurden 42 452 dz gegen 
29 525 dz in der gleichen Zeit des Vorjahres nach dem Aus- 
land verkauft. 

Die Preise der Fertigfabrikate konnten den Bewegungen der 
Einkaufspreise inicht folgen und wurden im Laufe *des Jahres 
nur unwesentlich verändert, so daß der Gewinn trotz des er- 
höhten Umsatzes teilweise doch hinter dem des Vorjahres 
zurückblieb. 

Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und x\rbeitern 
war infolge der Agitation der Gewerkschaft nicht imlner 
das beste. In verschiedenen Städten, wie Stuttgart, Bremen, 
Maigdeburg, kam es zu Streiks, die aber meistens zugunsten der 
Fabrikanten beendigt wurden. In Berlin konnte die Gewerkschaft 
infolge des einsichtigen Verhaltens der Arbeiterschaft bisher sehr 



27. Kakao und Kakaowaren. Zuckerwaren. 



119 



wenig Raum gewinjieii und die hiesige Industrie bleibt wohl 
bis auf einen kleineren Streik vorläufig von Lohnbewegungen 
verschont. 

Zweiter Bericht. 

lieber die Lage der Kakao- und Schokoladeindustrie im 
Jahre 1912 ist nicht viel Günstiges zu berichten; denn es wird 
wohl keine Firma dieser Branche geben, die nicht durch die 
Teuerung fast aller Rohmaterialien, speziell Zucker, Mandeln, 
und Nüsse, größere Verluste erlitten hat. Die Preise der Fertig- 
fabrikate konnten nicht annähernd denen der Rohprodukte ent- 
sprechend erhöht werden; ferner war man gezwungen, infolge 
der hohen Lebensmittelpreise die Gehälter und Löhne der Be- 
amten bzw. Arbeiter nicht unwesentlich aufzubessern, imd so 
ist es erklärlich, daß "besonders die kleineren und mittleren 
Fabriken entweder mit geringem Verdienst oder gar mit Ver- 
lust arbeiteten. 

Der Absatz in Schokolade und Schokolade waren war gut 
und hat eine weitere Steigerung gegen das Vorjahr erfahren. 
Die leichtschmelzenden und fettreichen Schokoladen, insbesondere 
Milch-Schokoladen, werden mit Vorliebe vom Konsum auf- 
genommen und finden immer weitere Verbreitung. Allerdings 
werden dadurch große Quantitäten Kakaobutter verbraucht, und 
so kommt es, daß sich in den Fabriken Unmengen von entöltem 
Kakao aufspeichern, für die nicht der gewünschte Absatz vor- 
handen ist. Es ist eine dringende Aufgabe unserer Industrie, 
hierin "Wandel und einen Ausgleich zu schaffen. 

Vor allem ausschlaggebend für die ungünstige Konjunktur 
waren die hohen Zuckerpreise bis Ende September dieses Jahres. 
Kosteten doch Anfang des Jahres 100 Sack Zucker ca. 1500 Mk. 
mehr als zu normalen Zeiten. Der Magdeburger Durchschnitts- 
preis für raffinierten Zucker betrug z. B. im Februar 1911 
18,47 Mk. per 50 kg, im Februar 1912 26,54 Mk. per 50 kg. 
Da die Zucker rübenernte 1911 doch größer als die Schätzung 
und der Export von Zucker ganz minimal war, mußten sowohl 
in Anbetracht der gefüllten Läger in Hamburg, als auch der 
zu erwartenden großen diesjährigen Ernte die Preise immer mehr 
nachgeben, je näher die neue Kampagne herankam. Ende des 
Jahres schwankten die Preise für raffinierten Zucker zwischen 
18 und 19 Mk. per 50 kg. 

Die Preise für Rohkakao sind im Berichtsjahre (mit Aus- 
nahme von Trinidadkakao) als normal zu bezeichnen, so daß 
Pflanzer und Verbraucher dabei zurecht kamen; nur die billigeren 
Sorten hatten infolge einer sehr kleinen Ernte in Bahia in der 
zweiten Hälfte des Jahres keine unbedeutende Preissteigerung 
erfahren. Zu bemerken ist noch, daß im Jahre 1912 der "Welt- 



ZweiterBericht. 



Allgemeine 
Lage. 



Absatz- 
Verhältnibse. 



Roh- 
materialien. 

Zucker. 



Rohkakao. 



120 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Kakaobutter. 



Ein- und Aus- 
fuhr. 



verbrauch an itohkakao um ca. 17 Mill. kg größer gewesen 
sein dürfte als die Welternte. 

In Deutschland wurden an Rohkakao eingeführt und ver- 
zollt (also verarbeitet): 



1911 

508 551 dz 



1912 
550 846 dz 



Die Durchschnittspreise für Rohkakao waren für 100 kg 
ab Hamburg, unverzollt: 

Tab. 54 Preise von Rohkakao. 



II 1911 



1912 



Akkra . . . . 
Bahia, sup. . . . 
Skt. Thome, fein 
Trinidad . . . 
Sommer-Ariba . 



100,50 
103,42 
110,- 
116,33 
125,33 



105,33 

112,08 
114,17 
132,75 
125.33 



Der Markt in Kakaobutter war recht großen Schwankungen 
ausgesetzt, was seinen Grund in dem immer größer werdenden 
Bedarf hat. Ist doch der Verbrauch von Kakaobutter 1912 um 
ca. 20 o/o , dagegen der von Rohkakao um nur ca. 8 o/o gegen 
das Vorjahr gestiegen. Der Inlandspreis schwankte zwischen 
130 und 150 Mk. per 50 kg. 

An Kakaobutter hat Deutschland 





eingeführt 


ausgeführt 


1911 . . 


. . 665 dz 


36 105 dz 


1912 . . 


. . 617 „ 


35 811 „ 



Der Export von Kakao und Kakao waren hat 1912 zum ersten 
Male eine größere Steigerung erfahren; aber auch der Import 
aus der Schweiz und Holland war wieder viel größer als 1911. 
Die Ein- und Ausfuhr von Schokolade und Schokoladeersatz- 
stoffen betrug in den letzten drei Jahren in Doppelzentnern : 



Tab. 55. Aui3enhandel mit Schokolade und Schokoladeersatzstoffen. 


Jahr 


Einfuhr 
insgesamt | davon aus der Schweiz 


Ausfuhr 


1910 .... 

1911 .... 

1912 .... 


15183 
16 864 
19 291 


14 050 

15 478 
17 500 


4 682 
4 686 
8 387 



Die Einfuhr von Kakaopulver, das fast nur aus .Holland 
kommt, betrug in den letzten drei Jahren: 



Tab. 56. 



Außenhandel mit Kakaopulver (in dz). 



Jahr 


Einfuhr 
insgesamt | davon aus Holland 


Ausfuhr 


1910 .... 

1911 .... 

1912 .... 


6446 
7093 
7533 


6351 
6979 
7410 


3755 

7589 

13199 



27. Kakao und Kakaowaren. Zuckerwaren. 



121 



Technische Neuerungen haben in der Fabrikation große 
Umänderungen gebracht, und es fällt den weniger kapital- 
kräftigeren Betrieben oft sehr schwer, auf diesem Gebiet mit 
den großen Firmen Schritt zu halten. 

Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ist 
hier in Berlin im allgemeinen befriedigend gewesen, obwohl der 
Verband der Bäcker und Konditoren (Sitz Hamburg), auf- 
gemuntert durch einige in Magdeburg erzielte Erfolge, durch 
eine äußerst scharfe Agitation versuchte, in mehreren Betrieben 
Streiks zu inszenieren. Es kam aber nur bei einer mittleren 
Firma zu einem Ausstand, der nach mehrwöchentlicher Dauer 
zuungunsten der Gewerkschaft ausfiel. 

"Wie bekannt, zahlt der Fiskus die Steuerrückvergütungen 
steta erst nach 6 — 7 Monaten aus. Bei der derzeitigen großen 
Geldknappheit wäre es sehr erwünscht, wenn diese Auszahlungen 
zeitiger (vielleicht nach drei Monaten) erfolgten. 



Tecliinsclie 
Neuerunsreii. 



Verhältnis 

zwischeu 

Arbeitgebern 

und Arbeitern. 



Steuer- 
rückvergütung. 



Dritter Bericht (Zuckerwaren). 

Die im Vorjahre genannten Preise von 25 bis 26 Mk. für 
Melis ab Fabrik erfuhren zu Anfang des Jahres 1912 noch eine 
fernere Steigerung; die Preise erhöhten sich infolge des Ein- 
greifens der Spekulanten und der dadurch bei den Konsumenten 
hervorgerufenen Panik zeitweise bis auf 29 Mk. Nachdem 
die Spekulanten ihre (Ware zu hohen Preisen an den Mann ge- 
bracht und .ausverkauft hatten, hatten diese natürlich kein 
Interesse mehr an den hohen Preisen und steuerten mit aller 
Gewalt darauf hin, die Preise für die zu erwartende neue Kam- 
pagne nach Möglichkeit herunterzudrücken. Die Folge war, 
daß Zucker alter Kampagne langsam aber stetig im Preise hsr- 
imtergiQg, so daß bei Anfang der neuen Kampagne, wofür 
■der Preis mit 18 Mk. einsetzte, eine Differenz zwischen alter 
und neuer Kampagne nicht mehr vorhanden war, ein Umstand, 
der wohl zum großen Teil dadurch hervorgerufen ^vurde, daß 
im Gegensatz zu früheren Jahren, in welchen stets Mangel an 
Zucker gegen Ende der Kampagne herrschte, im Berichtsjahre 
v^on allen Seiten noch reichlich Zucker zu haben und jeder 
Verkäufer bemüht war, den noch vorhandenen Zucker mit mög- 
lichst wenigem Verlust abzustoßen. Hierdurch sind, wie sich 
leicht denken läßt, für die Zuckerwarenfabrikation enonne Ver- 
luste entstanden, die bei den wenigen Aktiengesellschaften, welche 
die Zuckerwarenbranche aufweist, in ihren Dividendenzahlungen 
zum Ausdruck kamen. Auch dürften wohl die meisten Privat- 
betriebe unter diesen Verlusten zu leiden gehabt haben, doch 
läßt sich hierüber, da die Gewinnresultate der Privatbetriebe 
nicht bekannt werden, eine zuverlässige Uebersicht nicht schaffen. 

Nicht allein, daß das Hauptrohmaterial der Branche — 
der Zucker — erhebliche Verluste brachte, stiegen zum Ueber- 



Dritter Bericht. 

Zuckerwareu. 
Zuckerpreise. 



Preise der 
andei-eii Roh- 
stoffe. 



122 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Folgen des 
Balkankrieses 



Aussichten. 



Verluste und 
Zahlungs- 

stockuncreii. 



flusse die sämtlichen XebenrohmateriaKeii, wie Mandeln, iW.all- 
und Haselnußkeme imd Pistazien, femer auch Bonbonsyrup in 
so erheblichem Maße im Preise und beharrten darauf auch am 
Schlüsse des Berichtsjahres, daß das Berichtsjahr für die ge- 
samte Branche sicher nicht erfreulich gewesen ist. 

Das Mandeln und Kerne immer teurer wurden, lag, wie 
bereits üi dem vorjährigen Berichte zum Ausdruck gebracht, 
zuerst an den Italienisch-Türkischen Wirren, später an den Balkan- 
Wirren. Nicht allein, daß durch die kriegerischen Unter- 
nehmungen in den einzelnen Ländern die Grewiunung mid Heran- 
schaffung der Früchte an die Verladungsstellen stark unter- 
bunden und unmöglich gemacht wurde, ist auch durch den Krieg, 
namentlich in der Türkei, durch ungenügende Arbeitskräfte, 
Verwüstung und ungeeignete Lagerung der vorhandenen Ernte, 
ganz abgesehen von. den brutalen Vernichtungen, welche der- 
artige Ereignisse mit sich bringen, ein. Mangel an W^are, ganz 
besonders an guter Ware, entstanden, so daß diejenige Ware, 
welche die Levante-Dampfer durch alle Fährnisse hindurch glück- 
lich nach Hamburg bringen konnten, infolge der ungenügenden 
Bearbeitung vollsändig beschädigt in Hamburg ankam und 
arbitriert werden mußte. Von dieser beschädigten Ware liegea 
noch heute größere Posten in Hamburg, welche jedoch zur Ver- 
arbeitung für Genußmittel nicht geeignet sind. 

Obwohl das Ergebnis des Berichtsjahres, wie bereits oben 
angedeutet, für die Branche nicht gewinnreich gewesen ist, so 
eröffnet sich für die Zukunft insofern ein günstiger Ausblick, 
als das Hauptrohmaterial, der Zucker, auf einen günstigen Preis- 
stand gelangt ist und bereits Abschlüsse für Eaffinade bis zum 
Ende der Kampagne mit 19 Mk. ab Fabrik getätigt worden sind, 
während allerdings Mandeln und Kerne ihre steigende Tendenz 
beibehalten haben und sich am Schlüsse des Berichtsjahres auf 
etwa 206 Mk. für 100 kg fob Bari, bzw. 150 Mk. für 100 kg 
fob Hamburg stellten. Bei dem verlustbringendem Preise des 
gesamten Bohmateriales war es immerhin noch als ein Glück 
zu bezeichnen, daß die auch im Berichtsjahre versuchten ein- 
zelnen Lohnbewegungen im Sande verliefen und den Fabrikanten 
dadurch nicht noch größere Sorgen bereitet wurden. 

Nicht unerwähnt mag bleiben, daß die bei derartigen Preis- 
schwankungen eintretenden Verluste und Zahlungsstockungen 
auch in diesem Berichtsjahre nicht ausblieben. 



28. Reis. 

weitniaiixt. Am Schluß dcs vorjährigen Berichts war im Hinblick auf 

die neue Eeisernte gesagt worden, daß es ganz unmöglich sei, 
sich ein Bild davon zu machen, wie der Reismarkt sich im 
Jahre 1912 voraussichtlich gestalten werde. Nur das eine sei 



28. Reis. 123 

mit Sicherheit zu erwarten: geringe Qualität der durch schwere 
Kegenfälle arg beschädigten Burmah reisernte. Und wenn wir 
jetzt auf das verflossene Geschäftsjahr zurückblicken, so müssen 
wir leider feststellen, daß es wohl allen am Reishandel Be- 
teiligten große Schwierigkeiten und schwere Enttäuschungen ge- 
bracht hat. Der schlechte Ausfall der Burmahernte im Verein 
mit zeitweise ganz ungewöhnlich hoch getriebenen Rohreispreisen 
haben das Reisgeschäft außerordentlich geschädigt; diese beiden 
Faktoren haben im Berichtsjahr die allgemeine Lage des Artikels 
vielfach vollständig verwirrt. Freilich lagen von Anfang an 
viele Momente vor, die einen weit über Durchschnitt hohen 
Preisstand für Reis gerechtfertigt erscheinen ließen, aber da 
sich sowohl in den Produktionsländern wie auch an sämtlichen 
kontinentalen Marktplätzen eine wilde Spekulation des Artikels 
bemächtigt hatte, so konnte auf die Dauer ein scharfer Rück- 
schlag nicht ausbleiben, zumal der Konsum in Europa unter dem 
Druck der hohen Preise ganz gewaltig abnahm. Bekanntlich 
waren die Ernten in Saigon und Siam wesentlich kleiner als 
in den Vorjahren ausgefallen; auch rechnete man bestimmt damit, 
daß die Größe der Burmahernte, infolge der starken Regenfälle 
im Januar, hinter der ursprünglichen Schätzung zurückbleiben 
würde; ferner hatte man einen größeren Bedarf für Japan zu 
erwarten. Aber alle diese Momente waren doch von der Speku- 
lation allzusehr diskontiert worden, und die Folge davon war, 
daß im Juli auf der ganzen Linie ein Zusammenbruch erfolgte. 

Auf verschiedenen kontinentalen Marktplätzen war ver- Europäischer 
gangenes Jahr zu sehr niedrigen Preisen viel geschälter Reis *"*' ^' 

in Blanko verkauft worden. „Dick, Tom and Harry*', wie der 
Engländer sagt, hatten in Reis spekuliert; nicht nur Firmen 
in der Branche, sondern auch Outsiders, Leute, die kaum wissen, 
wo der Reis wächst, Kontoristen, Rentiers, Kohlenhändler, "Wein- 
händler usw. Im Vorjahr hatte das Reisgeschäft vielfach ganz 
hühschen Nutzen gebracht; in diesem Jahre aber mußten große 
Summen dazugelegt werden, man hat sich schließlich mit 
enormen Verlusten eindecken müssen. "Wenn man in den ersten 
Monaten des Berichtsjahres auch vielfach sich mit der Hoffnung 
getragen hatte, daß angesichts der hohen Forderungen für Roh- 
reis in den Produktionsländern auf einen wesentlich verminderten 
Import in Europa zu rechnen sein würde, so müßte man all- 
mählich doch zu der Erkenntnis kommen, daß diese Ansicht 
durchaus irrig war, denn der Import nach dem Kontinent be- 
trug im Jahre 1912 1318 342 t gegen 1312 056' t im Jahre 1911. 

Die Forderung für Rangoon-Rohreis war zu Anfang des Preise. 

Jahres ca. 9 sh bis 9 sh 3 d, sie stieg bereits im Monat Februar 
auf 9 sh 9 d, und allmählich anziehend, erreichte sie im Monat 
Juli ihren Höhepunkt mit 11 sh 9 d. 



124 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Hamburger 
Reiseinfuhr. 



Geschälter Reis 

im Hamburger 

Markt. 



Der Import von Rohreis in Hamburg betrug: 



Geschälter Reis 
im Berliner 
Grofthandel. 



1910 
3 212 803 



1911 

3 100 417 



1912 
3 620 121 Säcke 



Bekanntlich hatten auf Lieferung aus neuer Ernte sehr 
große Abschlüsse in geschälter Ware stattgefunden, die bis zum 
Eintreffen der ersten Schiffsladungen als äußerst günstig für 
die Käufer gelten konnten, denn die Rohreispreise und mit ihnen 
die Preise für geschälte Ware waren ja anhaltend gestiegen. 
Da aber, wie schon gesagt, schwere Regengüsse einen großen 
Teil der Burmahernte stark beschädigt hatten, so riefen die 
Andienungen von geschälter Ware eine allgemeine Enttäuschung 
hervor. Indessen befand sich zu dieser Zeit der Artikel Reis 
in scharf steigender Tendenz, und es hatte vorübergehend aucli 
den Anschein, als ob sich der Weltkonsum allmählich an die 
schlechte Qualität gewöhnen würde. Im weiteren Verlauf des 
Jahreä trafen aber wider Erwarten einige Ladungen ein, welche 
ganz oder zum Teil wenigstens einen besseren Ausfall in bezug 
auf Qualitäi. zeigten, es konnten also, erst vereinzelt, später 
häufiger, bessere, weiße Partien von geschälter Ware an den 
Markt gebracht werden, und da stellte es sich heraus, daß speziell 
das deutsche Inland den gelben Reis ablehnte und es vorzog, 
für weißere Ware ein erhebliches Aufgeld zu bezahlen. Der 
Abzug in geschälter Ware war zu Beginn der Saison recht leb- 
haft, weil die Stocks aus alter Ernte vollständig erschöpft 
waren, und allseitig auf Reis aus neuer Ernte mit Ungeduld 
gewartet wurde. Die Mühlen konnten also anfangs den an sie 
gestellten Anforderungen nur mit Mühe gerecht werden; nach- 
dem aber im Monat Juli die rückgängige Konjunktur einsetzte, 
geriet der Abzug nach und nach ins Stocken, und die Umsätze 
hielten sich zeitweilig in sehr bescheidenen Grenzen. Der Rück- 
gang der Preise betrug für einige Sorten 1,50 bis 2 Mk. und 
darüber für 50 kg. AVenn sich daraufhin auch etwas größeres 
Literesso seitens der Käufer regte, so blieb das Geschäft dennoch 
bis zuDi Schluß des Berichtsjahres matt und schleppend, zumal 
im Hinblick auf die unsichere politische Lage die Käufer sehr 
vorsichtig waren und nur das Aller notwendigste sich einlegten. 

Wie alljährlich hatten sich die Wintervorräte der hiesigen 
Grossisten in den ersten Monaten des Jahres schon sehr gelichtet, 
und maii wartete in den Monaten März, April mit Ungeduld, 
aber auch mit Bangen und Sorgen — denn man hatte ja bereits 
Kenntnis von den schweren Regenschäden — auf die ersten An- 
künfte aus neuer Ernte. Die hiesigen Großhändler hatten wie 
gewöhnlich einen größeren Teil ihres Frühjahrs- und Sommer- 
bedarfs rechtzeitig, und zwar meistens, begünstigt durch die 
scharfe Konjunktur, recht vorteilhaft eingekauft; fast durch- 
weg mit, der bekannten Typeklausel, welche besagt, daß Käufer 
berechtigt ist, vom Kaufe zurückzutreten, falls die ihm an- 



28. Reis. 125 

gediente AYare gelbes Korn enthält, daß er dann aber keinen 
Anspruch auf Ersatzlieferung hat. Die Situation war also sehr 
kritisch: daß der Reis gelbes Korn haben werde, war mit Sicher- 
heit zu erwarten; andererseits aber war er billig eingekauft, 
und Neueindeckungen hätten, wenn sie überhaupt möglich waren, 
nur zu exorbitant hohen Preisen erfolgen können. 

Ende März trafen die ersten Andienungsmuster von E-angoon- Eaugoon- und 
reis aus neuer Ernte hier ein. Hatte man wenig Gutes erhofft 
und Schlimmes erwartet, so wurden doch die trübsten Erwar- 
tungen noch weit übertroffen! Der Reis zeigte nicht vereinzeltes 
gelbey Korn — er war durchweg gelb und vielfach auch mit 
Geruch behaftet. Ein Glück dabei war nur, daß man im Hin- 
blick auf die schlechten Aussichten wenig oder nichts vorver- 
kauft hatte. Es blieb den Großhändlern unter diesen Umständen 
also nichts anderes übrig, als von den Lieferungsverträgen zurück- 
zutreten, sofern sich ihnen nicht die Gelegenheit bot, die an- 
gediente gelbe Ware unter der Gunst der Konjunktur durch 
Hamburger Kommissionäre, resp. durch die Mühlen selbst, zum 
Export nach dem Auslande mit kleiuem Nutzen weiter zubegeben. 
Für den Berliner Konsum war sie vollständig ungeeignet. Nun 
mußte man weiter warten und solange mit den vorhandenen 
geringen Vorräten sparsam wirtschaften — in der Hoffnung, 
daß vielleicht spätere Ankünfte günstiger ausfallen würden. Das 
trat dann auch eia. Zunächst trafen einige Ladungen Bassein- 
reis ein, die, wenn auch nicht von ganz tadelloser, so doch von 
gesunder, leidlich guter Qualität waren. Aber die Einkaufs- 
preise stellten sich zunächst sehr hoch, und es war infolge- 
dessen längere Zeit nicht mehr möglich, einen sogenannten 20- 
Pfennigreis zu beschaffen, d. h. einen vollen Reis, der im Klein- 
handel zu 20 Pfennig das Pfund verkauft werden konnte. Dieser 
Umstand trug wesentlich dazu bei, daß der Konsum der geringeren 
Sorten Reis sich außerordentlich verminderte, was schließlich 
nicht zum wenigsten den vorerwähnten allgemeinen Zusammen- 
bruch der Reishausse mit veranlaßte. Die Beschaffung der für 
den Herbst und Winter nötigen Lagerbestände verursachte den 
Großhändlern zwar weitere Schwierigkeiten insofern, als man 
nicht, wie in anderen Jahren, aus dem Vollen schöpfen konnte, 
sie wurde aber wider Erwarten dadurch erleichtert, daß im Laufe 
der Zeit von manchen Seiten, von Mühlen wie von Händlern, 
kleinere Pöstchen weißer Ware, zum Teil mehr oder weniger 
dringend angeboten wurden, die solange in Erwartung viel liöherer 
Preise zurückgehalten waren. 

Die ersten Ankünfte von echtem Patnareis waren von blen- Patna- und 
dender Schönheit. Aber die Forderungen, die die Mühlen dafür 
stellen mußten, waren sehr hoch — höher als für mittleren 
Javareis. Infolgedessen hielt sich der Umsatz in Patnareis in 
geringen Grenzen. Spätere Ankünfte fielen etwas weniger schön 



Sianipatnareis 



126 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



aus. 



Moulmain- und 
Arracanreis. 



Japanreis. 



Javareis. 



Bruchreis. 



Aussichten für 

die neue Reis- 

emte. 



Di|C Vorräte sind am Schluß des Jahres naheza <^erä,umt. 
Siampatnareis stellte sich anfänglich verhältnismäßig noch teurer 
als echter Patnareis tmd kam für den hiesigen Platz bis zum 
Herbst wenig in Frage. Später ermäßigten sich die Preise etwas, 
so daß der Siampatna als Ersatz für geringeren Patna wieder 
in Betracht gezogen werden konnte. 

Die Qualität von Moulmain- und Arracanreis ist gleich- 
falls so miserabel gewesen, daß er für den Berliner lieishandel 
gar nicht in Frage kommen konnte. 

,lVeil die Preise für japanischen Rohreis gar zu hoch ge- 
halten wurden, hatten die deutschen Schälmühlen in diesem 
Jahre gar keinen Japanreis eingeführt. Kleinere Mengen, die 
von einigen Liebhabern in Berlin, namentlich von den hier 
lebenden Japanern, verlangt wurden, konnten von holländischen 
tMülilen gekauft, mußten aber sehr hoch bezahlt w^erden. 

Die Qualität der neuen Javareise war pach jeder Bichtung* 
hin tadellos. Die Preise, die in der zweiteJi Hälfte 1911 nicht 
unbeträchtlich angezogen hatten, w^aren keinen nennenswerten 
Schwankungen unterworfen. Erst im September/Oktober 1912 
ermäßigten die holländischen Beisschälmühlen, die für den Handel 
mit Javareis ausschlaggebend sind, ihre Forderungen um ca. 
50 Pf. für 100 kg, weil es ihnen möglich gewesen war, ihre 
Abschlüsse aus neuer Ernte etwas günstiger als 1911 zu machen. 
Der Berliner Umsatz in Java- und Karolinareis war im Berichts- 
jahr durchaus befriedigend und zeigte weiter steigende Tendenz. 
Der edle Javareis verdrängt mehr und mehr die anderen, ge- 
ringeren Provenienzen. 

Die Nachfrage für Bruchreis war auch im Jahre 1912 leb- 
haft, der Mangel an weißer Ware war im Frühjahr und Sommer 
ziemlich drückend, und es mußten bis in den Herbst hinein recht 
liohe Preise dafür bezahlt werden. Am Ende des Jahres er- 
mäßigten sich die Preise allmählich um ca. 1,50 Mk. für 50 kg. 

Die Ernteaussichten für das Jahr 1913 sind durchweg gut. 
Dennoch deuten verschiedene Umstände darauf hin, daß wir auch 
im kommenden Jahre mit hohen Preisen zu rechnen haben werden. 
Soviel bekannt, dürfte auf gute Qualität zu rechnen sein. Die 
Emteschätzung für Burmah beträgt 2 579 000 t gegenüber der 
vorjährigen Schätzung von 2 286 000 t und dem schließlichen Er- 
gebnis von 2 443 000 t. Die Ernte in Saigon wird auf 1 000 000 t 
geschätzt, gegenüber 600000 t im letzten Jahre. Siam dürfte 
gleichfalls eine etwas größere Ernte als im Vorjahre haben, sie 
wird für 1913 auf 750000 t geschätzt, gegen 500 000 t im Vor- 
jahre. Die Ernte in Japan war im Monat September auf 
7 679 166 t eingeschätzt worden, diese Schätzung mußte aber im 
weiteren Verlaufe auf 6 944 444 t reduziert werden, weil die 
Ernte Ende September durch einen Taifun schwer gelitten hatte; 



28. Reis. 127 

neuerdings ist man allgemein der Ansicht, daß auch diese 
Schätzung noch zu hoch gegriffen sein dürfte. Die Schätzung 
im: vorigen Jahre betrug 7 171 975 t. In Vorder-Indien — Ben- 
galen und xlssuan — soll die Reisernte nach den letzten ISTach- 
richten einen Minderausfall von ca. 4000 000 t aufweisen, 
16 000 000 t gegen 20 000 000 t in normalen Jahren. Wie aus 
diesen Schätzungen hervorgeht, haben wir im Jahre 1913 
mit verhältnismäßig normalen Reisernten zu rechnen, mit Aus- 
nahme der vorder-indischen Ernte; doch läßt sich heute noch 
nicht beurteilen, ob dieses Land in den späteren Monaten der 
Saison größere Ankäufe von fremdem Reis vornehmen wird, um 
den Fehlbetrag der eigenen Ernte zu decken. Als sicher aber 
kann angenommen werden, daß Japan größere Posten von fremdem 
Reiä brauchen wird. Man schätzt diesen eventuellen Bedarf auf 
ca. 500 000 t. Es haben bereits umfangreiche Abschlüsse in 
Rangoon für Japan stattgefunden, sie belaufen sich bis jetzt 
auf ca. 135 000 t von Burmah und ca. 30 — 40000 t von Saigon. 
Die bezahlten Preise variieren zwischen 8 sh IOV2 d bis 9 sh 
71/2 d. Letzthin ist die Nachfrage etwas ins Stocken geraten, 
imd die Käufer in Japan scheinen die weitere Entwicklung des 
Rohreismarktes in Rangoon abwarten zu wollen. Ein Umstand 
darf femer bei Beurteilung der ganzen Lage nicht unberück- 
sichtigt bleiben: es ist die vollständige Gleichgültigkeit der 
kontinentalen Mühlen gegenüber den Forderungen der Verschiff er. 
Während in normalen Jahren bereits in den Herbstmonaten 
größere Verkäufe in Rohreis per Februar/März getätigt zu 
werden pflegen, ist im Jahre 1912, mit Ausnahme einiger 
weniger Ladungen, gar nichts verkauft worden ; man neigt daher 
zu der Ansicht, daß die lebhaftere Nachfrage, die in den ersten 
Monaten des neuen Jahres gewissermaßen kommen muß, eine 
Befestigung des Reismarktes zur Folge haben w^ird. Die Forde- 
rung der Verschiffer für Bassein- und Rangoon-Rohreis betrug 
Ende 1912 ca. 9 sh 3 d. Angesichts der hohen Frachten, welche 
ca. 32/ — gegen 22/ — bis 23/ — in normalen Jahren betragen, 
und auch angesichts der hohen Preise, welche die ersten An- 
künfte von Paddy-Reis an den Verschiffungsplätzen erzielt 
haben, verhalten sich die Verschiffer äußerst abwartend und 
werden sicherlich erst zu größeren Verkäufen geneigt sein, wenn 
sich ihnen die Möglichkeit bietet, sich in Paddy-Reis günstiger 
einzudecken. Auf Lieferung aus der neuen Ernte haben die 
kontinentalen Reisschälmühlen einige Verkäufe in geschälter 
Ware gemacht, doch sind die Umsätze bisher wesentlich üileiner 
als in normalen Jahren. 

Die gesamte Hamburger Einfuhr, nach Abzug der zur Durch- 
fuhr gelangten Quantitäten, betrug 1912 3 469 738 Sack. Die 
noch unverkauften Vorräte in geschälter Ware dürften in Ham- 
burg bedeutend größer sein als im Vorjahre. 



Südfrüchte. 



128 I. Pflanzliche Eohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 

Tab. 57. Deutsche Einfuhr von Rohreis (in Doppelzentnern). 





Jahr 1 


Insgesamt 


1 Davon aus Britisch-Indien 


1910 
1911 
1912 


1 



3 064 054 
1 531 551 
1 004 504 


2 436 223 
1332 093 

872 578 



Tab. 58. Deutschlands Außenhandel mit poliertem Reis (in Doppelzentnern). 





Jahr ; 


Einfuhr | 


Ausfuhr 


1910 
1911 
1912 





1 425 863 

2 659 093 

3 188 984 


1 695 820 

2 069 120 
1 637 252 



29. Südfrüchte und Dörrobst. 



Apfelsinen. Fast um dieselbe Zeit wie im Vorjahre trafen die ersten 

Sendungen Messina- und Valencia-Apfelsinen hier ein, und es. 
entwickelte sich sogleich ein lebhaftes Geschäft. Besonders stark 
gefragt wurden letztere, von denen einzelne Marken schon gleich 
zu Beginn der Saison recht gut in Farbe und Geschmack aus- 
fielen. Den ganzen Dezember hindurch blieben die Preise für 
alle Größen ziemlich hoch (420er 19 — 21 Mk. für die Kiste und 
714er 22 — 23 Mk. für die Kiste); nur vom Januar ab konnten 
420er und zeitweise auch 714er preiswert gehandelt werden 
(420er 15—18 Mk. für die Kiste, 420er lergo 22—24 Mk. für die 
Kiste, 714er 17—20 Mk. für die Kiste). Von Mitte Februar 
ab zogen die Preise speziell für 714er erheblich an und be- 
haupteten sich auf fast gleichmäßiger Höhe bis zum Schluß der 
Saison (714er 22—24 Mk. für die Kiste). 420er Packung blieb 
dagegen normal im Preise. Recht ^ute Nachfrage bestand nach 
Valencia-Blutorangen, und zwar aus dem Grunde, weil sie nicht 
übermäßig teuer waren und recht gute Partien auf den Markt 
gelangten. Im allgemeinen konnte der Handel mit spanischen 
Apfelsinen als befriedigend gelten, da die Früchte an Haltbar- 
keit nichts zu Avünschen übrig ließen. Wie stets zu beobachten 
ist, und zwar von einem Jahr zum andern in erhöhtem Maße, 
können Messina-Blutorangen nicht früh genug herangeschafft 
werden. Ein besonderes iiugenmerk wird auf gut in der Schale 
markierte Ware gerichtet, für welche hohe Preise gezahlt werden. 
Für feine Blutorangen hielten sich die Preise bis Anfang März 
gleichmäßig hoch (100er und 150er Packung 10 bis 10,50 Mk. für 
die Kiste), nur von dieser Zeit ab mußten sie nachgeben, da 
PaternorBlutorangen reichlicher eintrafen und für diese nie der 
Preis zu erzielen ist wie für markierte Ware. Sanguini-Früchte 
(Halbblut) sind in der Regel nichts weiter als Paterno-Früchte 
und haben nur die Bedeutung einer guten Apfelsine. In Messina- 
Apfelsinen blieben die Umsätze nur verhältnismäßig klein, da. 
die Preise dafür ziemlich hoch waren, und das Interesse für 
Me^ina-Früchte nun einmal nicht mehr in dem 'Maße wie früher 



29. Südfrüchte und Dörrobst. 



129 



besteht. Der Grund dafür liegt darin, daß Valencia-Apfelsinen 
viel preiswerter als erstere sind. Einen besseren Absatz boten 
128er und 160er, die es reichlicher gab und die nicht teuer waren. 
Zitronen konnten von Anfang des Berichtsjahres an bis 
Mitte Juli zu niedrigeren Preisen gehandelt werden, da die Zu- 
fuhren in Hamburg reichlich waren und sich nie Knappheit an 
Ware bemerkbar machte. Selbst als es mit frischen Zitronen 
zu Ende ging und Verdelli auf den Markt gelangten, trat keine 
wesentliche Preissteigerung ein. Es zogen sogar die Preise gerade 
mn die Zeit, als wir Hitze hatten, nicht unerheblich an, da 
die warme Witterung nur während der Ferien bestand und das 
Geschäft dann ruhig ist. Eine Aenderung hierin trat erst Ende 
August und im September ein, als Rußland stark als Käufer 
auftrat. Es machte sich um diese Zeit ein Mangel an großen 
Früchten bemerkbar, da bekanntlich die Verdelli-Zitronen, je 
später geschnitten, immer kleiner werden. Leider wurde viel 
geringe Ware in Verdelli gehandelt, grau und fleckig, da dieser 
Artikel nichts mehr kosten soll. 



Die Preise dafür waren folgende: 



300 er 
Januar— Juni . . ^^/g— I2V2 M. 
Juli u. Anf. Aug. . 9—16 
Ende Aug.— Sept. . 14V.— 19 



360er 
8— IIV2 M. für die Kiste 



9—16 

I4-I8V2 



!je nach 
Qualität 



Ende September kamen die ersten Malaga-Zitronen auf den 
Markt, die im Berichtsjahre stärker als sonst begehrt wurden, 
schon aus dem Grunde, weil Verdelli klein und im Verhältnis 
zu ersteren zu teuer waren. Auch fielen sie besser als sonst 
in der Schale aus und waren saftreicher als gewöhnlich. Es 
kosteten: 300/325er, 350/375er und 375/400er 20—18 Mk. für die 
Kiste. Die ersten Siracusa-Zitronen gelangten hier am Platze 
zwischen dem 20. und 25. Okt. zum Verkauf. Man hat viel- 
fach die Ware beanstanden müssen, da diese von verschiedenen 
Exporteuren in Triest als Primissima verkauft wurde, und die 
Qualität keinen Anspruch auf diese Bezeichnung machen konnte. 
Sehr frühzeitig, und zwar schon Anfang November, gelangten 
die ersten Messina-Herbstzitronen zum Verkauf. Die außer- 
gewöhnlich großen Zufuhren hierin und das stille Geschäft waren 
die Gründe, weshalb die Preise ständig zurückgingen. Während 
die ersten Sendungen von 300er noch mit 13 — 14 Mk. für die 
Kiste und von 360er noch mit I2V2 — 13V2 Mk. für die Kiste 
verkauft werden mußten, konnten schon Ende November 300er 
lind 360er mit 8V2 — IOV2 Mk. gehandelt werden. 

Einem zweiten Bericht über Apfelsinen und Zitronen ent- 
nehmen wir folgendes : 

Das Geschäft in Apfelsinen und Zitronen in 1912 hatte 
keine sonderlichen Merkmale. Der Markt wurde, wie immer, 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 9 



itronen. 



ZweiterBericLt. 



liiO 



I. Pflanzliche Eohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Mandeln. 



Sultaninen und 
Rosinen. 



beherrscht von den spanischen Apfelsinen, obwohl diese gegen- 
über 1911 nennenswert weniger zugeführt waren. Auch italienische 
Apfelsinen kamen in etwas kleinerem Qantum an. Die Qualität 
der letzteren ließ im Gegensatz zu dem sonstigen Produkt zu 
wünschen übrig. Aber auch für besonders gute Partien war kein 
zusagend höherer Preis zu erzielen, weil das Publikum die 
billigeren spanischen Prüchte bevorzugt. Ungünstig beeinflußt 
war das Geschäft sowohl in Apfelsinen wie in Zitronen durch 
die Kälteperiode im Januar und Februar. Konsum und Preise 
litten darunter. In Zitronen ist hauptsächlich noch hervorzuheben, 
daß im Jahre 1912 die Verdelli-Frucht qualitativ gering war, 
so daß die Messina - Ablader den Verkauf davon einstellen 
mußten und der ganze Bedarf in den Hamburger Auktionen 
gedeckt werden mußte. Hamburg behen^scht immer weiter 
dieses Geschäft, da den sonstigen Importeuren durch Fehlen einer 
passenden Wasserverbindung jeder Anreiz zum direkten Import 
genommen ist. 

Da die Vorräte in Mandeln am Ende des Vorjahres in allen 
Konsumländern nur unbedeutend waren, behaupteten sich die seit 
Monaten herrschenden hohen Preise. 

Die Durchschnittsmarke, gewählte süße Bari-Mandeln, in 
Ballen, Brutto für Netto, kostete in Berlin verzollt für 50 kg: 



Ernte 1911 



auf Lieferung Sept.|Oktbr. 
Ernte 1912 



Januar . 
Februar 
März 
April 
Mai . 
Juni . 
Juli . 
August 
September 
Oktober . 
November 
Dezember 



108 

109 

110 

108 

112 

112,50 

114 

113 

103 

101 

104 

105 



M. 



M. 



109 
104 

98 

97 

98,50 
100 
102 



Die Qualität der Ernte 1912 war in den geringeren Mandel- 
sorten besser als im Vorjahre, dagegen waren erste Sorten knapp 
imd teuer. Das Geschäft in dem Artikel war das ganze Jahr 
hindurch regelmäßig, da bei den hohen Preisen nicht viel auf 
Vorrat gekauft wird. 

Die Saison in Sultaninen und Rosinen unterschied sich 
von der vorigen hauptsächlich dadurch, daß die damals 
sehr zum Schaden der natürlichen Preisgestaltung vor- 
herischendc Spekulation diesmal fast gänzlich ausschied. 
Die Preise der meisten Sorten waren den tatsächlichen 
Ernteergebnissen angepaßt, und dem Handel wurden die 
der vorjährigen Ueberspekulation folgenden Enttäuschungen er- 
spart. Die kriegerischen Verwicklungen der Türkei beunruhigten 
den Handel durch vorübergehende Störungen der Schiffahrt, Unter- 



29. Südfrüchte und Dörrobst. 



131 



brechungen des telegraphischen Verkehrs und Kriegsversicherungs- 
prämien. Trotzdem wickelte sich schließlich alles glatt ab; die 
Ernte war eine gute Mittelernte, deren Ausfall zufriedenstellte. 
Die Preise der neuen Sultaninen stellten sich durchschnittlich 
S — 10 Mk. für 50 kg niedriger als im Vorjahre. Der Konsum 
in Eosinen geht immer weiter zugunsten der Sultaninen zurück. 
Die Preise stellten sich für die Durchschnittsqualitäten in 10 kg- 
Kisten, entstielt und gereinigt, verzollt für 50 kg in Berlin 
wie folgt: 

Kiup Karaburnu Eleme-Rosinen: 

Erntr 1911 , . .^'^^^^ ^^^^Af^^K 

Lieferung- im Oktober 

Januar 46, — M. — M 

Februar 45, — „ — „ 

März 46. — „ — 

April 46,50 „ — „ 

Mai 46,— , 41,— „ 

Juni 46,— „ 42.— ^ 

Juli 47,— „ 43,— , 

August 45, — „ 44, — „ 

September 44, — „ 45, — „ 

Oktober — „ 46,— „ 

November — „ 46, — „ 

Dezember — „ 46, — „ 







Km 


P 


Vourla Sultaninen: 




Ernte 1911 


Ernte 1912, auf 
Lieferung- im Oktober 


Januar 67, — M. 


— M. 


Februar . 










. 66 — „ 


— 


März . . 










. 67- , 


" 


April . . 










. 66,— „ 




Mai . . 










. 64 — , 


— 


Juni . . 










63,- , 


— 


Juli . . 










62,— . 


55 - „ 


August . 










61.— „ 


56,- . 


September 










• 55,- . 


55, — „ 


Oktober . 










yy V 


56,- „ 


November 












54,- „ 


Dezember 










— 


52,— „ 



Anfang des Jahres fanden trotz hoher Preise noch belang- 
reiche Geschäfte in Dörrobst statt, die dazu anregten, größere 
Posten Ware anzuschaffen; im Frühsommer stockte der Absatz 
aber ganz plötzlich. Gewaltige Mengen von Prüchten häuften sich 
an allen Plätzen Deutschlands an und konnten nur mit Mühe und 
unter großen Verlusten nach und nach abgestoßen werden. Vieles 
wurde in die neue Saison unverkauft hinübergenommen, nament- 
lich amerikanische Ringäpfel und kalifornisches Dörrobst aller Art. 

Infolge des Balkankrieges kam das Wenige, was Serbien 
an Pflaumen geerntet hatte, nicht zur Lieferung. Als Ersatz 
diente neue böhmische Ware und zunächst vorjährige kalifornische, 
die aus oMgem Grunde unerwartet gute Verwendung fand. Die 
Preise für neue kalifornische Pflaumen setzten hoch ein, fielen 
gegen November und stiegen von da an aufs neue. Frankreichs 
geringe Ernte kam hier nicht in Betracht. 



Dörrobst. 
Allgemeines. 



Pflaumen. 



132 



I. Pflanzliche Rohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Ringäpfel. Neue amerikanisclie Eingäpfel wurden schon im Mai auf 

Lieferung im Oktober/November gehandelt zu etwa 40 Mk. für 
50 kg cost und Fracht Hamburg. Der Preis fiel unter Schwan- 
kungen bis Mitte November auf etwa 30 Mk. für 50 kg transito 
Hamburg. Aepfel blieben um diese Zeit dringend angeboten. 

Aprikosen. Die Aprikoscnemte in Kalifornien ist gut ausgefallen. Die 

Preise sind gegen das Vorjahr um etwa 20 Mk. für 50 kg 
niedriger. Gehandelt wurde zu etwa 50 Mk. für 50 kg transito 
cif Hamburg, Durchschnittsware. Bei Verladungen über Mexiko 
werden 2 Mk. für 50 kg an Fracht gespart, doch ist das Risiko 
der Qualitätsverschlechterung auf diesem Wege sehr groß. 

Kalifornische Birnen und Pfirsiche sind gut geraten und 
billig, so daß sich nach Eintreffen der ersten neuen Ware, die 
im Oktober herankam, ein lebhaftes Geschäft entwickelte. 

Getrocknete Kirschen sind für den Konsum und Handel 
weniger wichtig. Man bezog Sauerkirschen sonst aus Dalmatien, 
wo aber in diesem Jahr Mißernte war. Ersatz lieferte Italien 
und Rußland zu annehmbaren Preisen, d. h. zu etwa 50 Mk. 
für 50 kg transito ab Hamburg. 

Prüiieiieii. Ncuo Prünellcn sind teuer, etwa 70 Mk. für 50 kg verzollt 

frei Berlin. Die Qualität der ersten LaduQgen ließ zu wünschen 
übrig, der Absatz war trotzdem ziemlich flott. 



Birnen und 
Pfirsiche. 



Kirschen. 



Olivenöl. 



Andere 

bp eise öle. 
Allgemeines. 



30. Speiseöl. 

Nach mehreren kleinen Ernten brachte der Herbst des 
Jahres 1911 eine reichliche Olivenemte in allen Mittelmeer- 
ländem. Die zur Gewinnung des Olivenspeiseöls erforderlichen 
Oliven waren gut ausgereift und ergaben ein vorzügliches Oel. 
Im Anfang des Jahres 1912 konnte man gute Olivenöle ver- 
hältnismäßig billig kaufen, dann aber zogen die Preise langsam 
an, zumal da der Konsum mit Käufen lebhaft eingriff. Im 
Herbst 1912 stiegen die Notierungen weiter, besonders als sich 
herausstellte, daß die neue Olivenernte nur klein ausfallen 
würde. E.s erzielten allerfeinste Olivenspeiseöle, sogenanate 
Jungfemöle, zu Anfang des Jahres 1912 73 Mk. für 50 kg, 
um bis zum Herbst auf 79 Mk für 50 kg ab italienischer Bahn- 
station zu steigen. Mittlere Qualität, superfein strohgelbes 
Olivenspeiseöl, notierte 62 — 69 Mk. für 50 kg ab Station. Die 
Qualität sämtlicher Olivenspeiseöle ließ nichts zu wünschen 
übrig, besonders auch was Haltbarkeit anbetrifft, und es sind 
größere Posten zu Spekulationszwecken eingelagert worden. In 
der Hauptsache kamen Importe für Berlin von der Riviera, in 
geringeren Mengen auch von Bari in Betracht. 

Die Preise für andere Speiseöle haben sich nicht nur auf 
der vorjährigen Höhe behauptet, sondern sogar mehrfach an 
Festigkeit gewonnen. Stärkerer Verbrauch, im Verein mit 
steigenden Saatmärkten, gab dazu die Veranlassung. Die außer- 



31. Gewürzhandel. 



133 



ordentlich hohen Saatpreise bedeuteten jedoch gleichzeitig eine 
Erschwerung für die Oelindustrie, da trotz des damit notwendig 
verbundenen größeren Kapitalbedarfs nicht entsprechend höhere 
Erträgnisse zu erzielen waren. Entgegen dem Vorjahre waren 
die Wasserverhältnisse verhältnismäßig günstig, so daß die Be- 
züge der Rohwaren sowie der Versand sich ohne Schwierigkeiten 
vollzogen. 

Erdnußöl erfreute sich einer steigenden Wertschätzung, da es 
bei verhältnismäßig niedrigen Preisen ein für die vielseitigsten 
Zwecke benutzbares Oel darstellt, welches namentlich für Tafel- 
zwecfke ausgedehnte Ver^wendung findet. 

Sesamöl behauptete wieder einen verhältnismäßig hohen 
Preisstand, was seine Verwendung als Tafelöl namentlich gegen- 
über billigen und schlechten Ersatzölen an manchen Stellen 
herabsetzte. 

Ivevantiner Mohnöl und ostindisches Mohnöl konnten bei 
durchweg außerordentlich hohen Saatforderimgen keinen normalen 
Preisstand wieder erreichen, der einen lebhafteren Verbrauch er- 
möglichi. hätte. Dieser ist im Gregenteil zurückgegangen, was 
sich nach den Aussichten am Jahresschluß auch in der bevor- 
stehenden Verbrauchszeit bemerklich machen wird. 

Nachschlagöle waren nur zu sehr gedrückten Preisen ab- 
zusetzen; der gesunkene Leinölpreis machte sich in dieöer Be- 
ziehung sehr bemerklich. 



Erdnuftöl. 



Sesamöl. 



Mohnöl. 



Nachschlasröle. 



31. G-ewürzhandel. 

Pfeffer hatte im Jahre 1912 nicht sehr erhebliche Preis- 
schwankungen durchzumachen. In der ersten Hälfte des Jahres 
fand eine Aufwärtsbewegung von etwa 3 Mk. für 50 kg statt, 
dann fielen die Preise bis zu Ende des Jahres wiederum um 
2 Mk. für 50 kg, obwohl die statistisc'he Lage des Artikels 
nicht ungünstig erschien. In der Hauptsache waren es wohl der 
hohe Geldstand und Kriegsbefürchtungen, die eine bessere Stim- 
mung nicht aufkommen ließen. — Nach englischen Angaben 
haben die Weltvorräte von Pfeffer in allen Sorten betragen in 
Tonnen zu 1000 kg: 

1908 40 300 

1909 38200 

1910 41600 

1911 38 200 

1912 42 700 

Die Tabelle ergibt, daß die Vorräte im Laufe der Jahre ziem- 
lich stabil geblieben sind, und daß die Pfefferemten mit dem Kon- 
sum gleichen Schritt hielten. — Für Importe nach Berlin kamen 
namentlich in Präge schwarzer Singapore-Pfeffer, dessen Qualität 
nicht immer einwandfrei war, weißer Singapore-Pfeffer, dessen 



Pfeffer. 



134 



I. Pflanzliche Kohprodukte usw. C. Kolonialwaren. 



Qualität auch zu wünschen übrig ließ, und weißer Java-(Muntok-) 
Pfeffer, der im allgemeinen zufriedenstellend geliefert worden 
ist und infolgedessen sich auch zunehmender Beliebtheit erfreute. — 
Die Preise von schwarzem Singapore-Pfeffer schwankten zwischen 
47 und 50 Mk. für 50 kg cif Hamburg. Weißer Singapore-Pfeffer 
notierte 75 bis 79 Mk. für 50 kg cif Hamburg. Weißer Javä- 
(Muntok-)Pfeffer wurde mit 83 bis 86 Mk. für 50 kg cif Ham- 
burg gehandelt. 

Piment. Piment blieb während des ganzen Jahres ohne größere Preis- 

bewegungen, obwohl die Lagerbestände beträchtlich abgenommen 
haben. Die Preise schwankten zwischen 22 und 19 Mk. für 
50 kg cif Hamburg. Die Qualität der von Jamaika hauptsäch- 
lich abgeladenen Partien fiel befriedigend aus. 

Xeiken. In Sansibar-Nclkeu war das Geschäft bis in das Frühjalir 

1912 hinein ruhig, die Preise blieben infolge ziemlich bedeutender 
Vorräte gedrückt. Vom Mai ab zogen indessen die Preise auf 
Nachrichten über eine zu erwartende kleine Ernte auf Sansibar 
erheblich an. Als sich dann im Herbst herausstellte, daß die 
Sansibarernte nur etwa 40 000 Gonjes gegen eine Normalernte 
von 80 000 bis 100 000 Gonjes ergeben würde, stiegen die Preise 
sprungweise. Sansibar-Nelken notierten im Januar bis Mai 51. 
im Oktober 78, im November 98 Mk. für 50 kg cif Hamburg. 
Die Qualität der abgeladenen Nelken war gut. 

ingber. Die Preise für Ingber sind im Laufe des Jahres 1912 be- 

trächtlich zurückgegangen infolge einer großen Ernte in Indien. 
Der Konsum ist bei den jetzt bestehenden mäßigen Preisen recht 
befriedigend geworden. Es' notierte Cochin-Ingber 66 bis 55 Mk. 
für 50 kg cif Hamburg. 

Cassia lignea blieb ohne größere Preisvoränderungen; die 
Qualität der Importe von China fiel befriedigend aus. 

Canehl ist während des ganzen Jahres 1912 in lebhafter 
Preissteigerung gewesen. Die Kulturen auf der Insel Ceylon 
sind vielfach eingeschränkt worden zugunsten von anderen, besser 
lohnenden Pflanzungen. So ist nach und nach Knappheit an 
Canehl entstanden, und die geringen Vorräte mußten hoch be- 
zahlt werden. Ceylon Canehl II, die hauptsächlich hier gehandelte 
Qualität, notierte Anfang des Jahres 1912 120 Mk. für 50 kg, 
um bis Ende Dezember auf 132 Mk. für 50 kg cif Hamburg 
zu steigen. Zweifellos werden die jetzt bestehenden hohen Preise 
wiederum, einen belebenden Einfluß auf den Anbau von Canehl- 
pflanzungen ausüben, so daß man in absehbarer Zeit wohl wieder 
mit niedrigeren Notierungen zu rechnen haben wird. 
Macisnüsse. Macisuüsse uiid Macisblütc hatten kaum Preisveränderungen, 

obwohl die Ernten nur klein ausgefallen sind. Der Konsum ist 
zurückgegangen, und es scheint so, als ob der Verbrauch dieser 
Gewürze von Jahr zu Jahr abnimmt. 



Cassia lignea. 



Canehl. 



32. Vieh. 



135 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

32. Vieh. 

Der Viehhandel des Jahres 1912 stand, wie das bei dem Einwirkung der 

Zollsystem des Deutschen Reiches nicht anders möglich war, Futterhandeis^ 

unter den Nachwirkungen der Ernteverhältnisse des Jahres 1911. '^'^^haitung.^^^^' 
Die Ernte hatte gebracht: 

Tab. 59. Ernteerträge an Futtermitteln (in Tonnen). 



Jahr 



Sommergerste 



Kartoffeln 



Wiesenheu 



1909 
1910 
1911 



3 495 618 

2 902 938 

3 159 915 



46 706 252 
43 468 395 
34 374 225 



22 140 927 
28 250115 
19 975 324 



Danach folgte der, abgesehen vom Heu, guten Ernte an 
Futtermitteln im Jahre 1909 im Jahre 1910 eine mäßige und 
im Jahre 1911 eine geringe Ernte an Sommergerste und eine 
Mißernte an Kartoffeln und AViesenheu. Für eine Verbesserung 
und Vermehrung der Viehhaltung im Deutschen Reiche fehlten 
in dem der Ernte folgenden Jahre somit alle günstigen Vor- 
bedingungen, im Gegenteil mußte auf einen weiteren Rückgang 
des Viehbestandes gerechnet werden. Für die Haltung der 
AViederkäuer, der Rinder, Kälber, Schafe und Ziegen, waren die 
Aussichten um so schlechter, als es den Züchtern bis zum Be- 
ginn der Berichtszeit noch nicht gelungen war, ihre nach der 
schlechten Heuernte des Jahres 1909 verminderten Viehstapel 
wieder voll zu ergänzen. 

Der verringerten Haltung an wiederkäuenden Haustieren 
stand zu Beginn der Berichtszeit eine ganz auffallende Ver- 
mehrung der Schweinehaltung gegenüber, was, wie im vorjährigen 
Bericht auseinandergesetzt wurde ^), keineswegs durch die ein- 
heimische Futtermittelernte des Jahres 1910, sondern nur durch 
die in den letzten Jahren ungemein gestiegene Einfuhr von 
Futtergerste zu erklären war. Abgesehen von der Malzgerste 
betrug nämlich die Gersteneinfuhr, die hauptsächlich aus dem 
europäischen Rußland kommt und der keine beachtenswerte Aus- 
fuhr gegenüberstand, 1909 2 392 425 t, 1910 2 826 320 t und 
1911 3 477 980 t. 

Durch diese Zahlen findet die im Vorjahre ausgespi-ochene 
Ansicht ihre Bestätigung, daß die heutige Schweinezucht des 
Deutschen Reichs mehr auf der Einfuhr von Futtergerste aus 
Rußland, als auf der heimischen Gerstenernte beruht. Wenn dies 
nun auch als eine nicht mehr zu bestreitende Tatsache anzusehen 
ist, so war doch vorauszusehen, daß die Schweinehaltung unter 
der äußerst ungünstigen Kartoffelernte des Jahres 1911 nicht 
auf der erreichten Höhe zu halten war; denn die Kartoffeln 



1) Ver^l. Berl. Julivb. 1911, II, S. 138. 



136 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Viehstatistik. 



Viehseuchen. 



Zufuhr zum 

Berlinev 

Schlachtvieh- 

markt. 



sind zur Fütterung der Schweine fast ebenso notwendig wie 
die Gerste. Im allgemeinen wurde denn auch schon zum Früh- 
jahr 1912 ein starkes Nachlassen, der Schweinehaltung erwartet, 
das auch eingetreten ist. 

Zum allgemeinen Bedauern waren die Ergebnisse der im 
preußischen Staate am 1. Dez. 1911 vorgenommenen Vieh- 
zählungen am Schluß des Berichtsjahres noch nicht amtlich ver- 
öffentlicht, so daß sich die "Wirkung der schlechten Ernte Verhält- 
nisse des Jahres 1911 nicht zahlenmäßig darstellen ließ. Es ist nur 
bekannt geworden, daß sich die Zahl der Rinder um 76 696 und 
die der Schweine um 731 118 Stück vermehrt habe. Das wül 
hinsichtlich der Einder aber nicht viel bedeuten, da ihre Zahl 
von 1908 bis 1909 um 325 911 und 1909 bis 1910 um weitere 
181 107, zusammen um 507 018 zurückgegangen war. Dazu kommt 
noch, daß die höhere Minderzahl der Zählung von 1911 hauplr 
sächlich auf der gestiegenen Zahl von Kälbern und Jungvieh 
beruhen dürfte, die nur einen geringen Nutzungswert besitzen. 
Ferner ist zu beachten, daß die Viehzählung zu kurze Zeit nach 
der Ernte vorgenommen wird, als daß die Wirkung der letzteren 
auf die Bestandszahlen schon hervortreten könnte. 

Für den Viehhandel und die Fleisch Versorgung war auch 
die im Deutschen Eeiche herrschende Maul- und Klauenseuche 
nachteilig, die jedoch im Laufe des Berichtsjahres endlich auf 
eine erträgliche Ausdehnung zurückging. Auf dem Berliner 
Markte war die Ausfuhr lebender Tiere wegen des Ausbruchs 
von Maul und Klauenseuche nur einmal, vom 25. Mai bis zum 
1. Juni, veterinärpolizeilich verboten. Außerdem war der Vieh- 
hof bis zum 20. April Beobachtungsbezirk. Durch VerffCgung 
des Landwirtschaftsministers vom 19. April wurde die über den 
Zentralviehhof verhängte Beobachtung aufgehoben. Das aus 
Beobachtungsgebieten hier eintreffende Schlachtvieh durfte fortan 
nicht mehr zum freien Marktverkehr zugelassen werden. Ueber 
die Behandlung desselben, wie Ausladung, Aufstellung, Wartung 
und Pflege, sowie über Verkauf und Abtrieb, wurden von der 
Veterinärpolizei besondere Anordnungen getroffen und bekannt- 
gegeben. 

Die Zufuhren zum hiesigen Schlachtviehmarkte waren im 
Berichtsjahre um 21368 Rinder und 13 299 Kälber geringer, da- 
gegen um 14 578 Schweine und 19 097 Schafe größer als im 
Vorjahre. 

Unter den Rindern waren 65 202 Bullen, 78 201 Ochsen, 
58 221 Kühe und Färsen. Aus dem Auslande sind an Rindern 
und Schafen nach Berlin eingebracht worden : aus Schweden : 
238 Bullen, 502 Ochsen, 87 Kühe, aus Dänemark: 15 Bullen, 
insgesamt 842 Rinder; aus Oesterreich 1862 Schafe. Geschlachtet 
gingen ein aus Rußland: 4527 Rinder, 9875 Schweine, aus 
Dänemark : 17 Rinder. 



32. Vieh. 



137 



Die Ausfuhr lebender Tiere naxih anderen Märkten betrug 
im Berichtsjahre 2854 Rinder, 30409 Schweine, 347 Kälber und 
2S 220 Schafe mehr als im Vorjahre. 

Die seit dem Jahre 1900 mehr oder weniger gestiegenen 
Viehpreise erreichten im Berichtsjahre eine so außerordentliche 
Höhe wie nie zuvor. Die Preiserhöhungen betrugen für 50 kg 
Schlachtgewicht : 



Ausfuhr nach 
anderen 
Märkten. 



Viehpreise. 



ür Rinder bester Qualität 






. 6,89 Mk 


geringer 
„ Schweine bester 

geringer „ 
„ Kälber bester „ 






. 8,84 „ 

. 17,06 „ 

. . 15,43 ,. 

• 5,82 „ 


geringer „ 
„ Lämmer bester 
„ Schafe 






. 11,62 „ 
. 8,95 „ 
. 7.22 „ 


geringer 






. 5,17 , 



Diese Preiserhöhungen bedeuten eine ganz enorme Vieh- 
teuerung, der eine ebenso große Fleischteuerung und schließlich 
ein großer Fleischmangel folgten. Die Königliche Staatsregierung 
sah sich deswegen veranlaßt, am 28. Sept. Maßnahmen zur 
Milderung der als eine schwere Belastung weiterer Volkskreise 
empfundenen Fleischteuerung bekannt zu geben, durch die unter 
gewissen Einschränkungen die Einfuhr frischen Rind- und 
Schweinefleisches aus Eußland, Serbien, Rumänien, Bulgarien, 
den Niederlanden und Belgien gestattet und die Erhöhung des 
Kontingents lebender russischer Schweine zur Einfuhr in das 
oberschlesische Industriegebiet in Aussicht gestellt wurde. Femer 
wurde, ebenfalls unter Beschränkungen, auf den zurzeit gültigen 
Frachttarif für Fleisch ein Nachlaß von 20 o/o und für lebendes 
Vieh ein solcher von 30 o/o und eine Ermäßigung des Zollsatzes 
auf 18 Mk. für 100 kg Fleisch zugestanden. Ob diese Maß- 
nahmen eine genügende Wirkung haben werden, st^ht dahin. 
Berlin hat vom 21. Okt. bis zum Jahresschluß auf Grund der 
gewährten Erleichterungen 1235 t Rind- und 982 t Schweine- 
fleisch aus Rußland eingeführt. 

Ueber den Auftrieb von Schlachtvieh auf dem Berliner Markt, 
die Schlachtungen im hiesigen Schlachthof, die Ausfuhr lebenden 
Viehes und die Preisbewegungen geben die folgenden Tabellen 
näheren Aufschluß. 



Notstands- 
maßnahmen 



Berliner 
Viehstatistik. 



Auftrieb von Schlachtvieh am Berliner Markt. 



1907 



1908 



1909 



1910 



1911 



1912 
II. I III. I IV. 
Viertel jahr " 



Ziis. 



ider . 
tiweine 
Iber . 
tiafe . 



241081; 241412 



1 402 535 
204 380 
571 969 



1 357 300 
202 092 
571 434 



262 516 

1 285 054 

211610 

632 758 



240 071 
333 910 
197 828 
628 951 



222 992 

1 485 906 
196 428 
551 413 



59 641 

405 195 

48 073 

140 974 



55 233 43 367 
388 5521352 386 

55 935 1 41 624 
136 3131168 325 



43 383 
354 351 

37 497 
124 898 



201 624 

1 500 484 
183 291 
570 510 



138 



IL Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



rab. 61. 



Schlachtungen im Berliner Schlachthof. 



















i 


! 

i 1907 


1908 


1 
1909 1 1910 1911 


1912 

I. II. \ III. 1 IV. 

Vierteljahr 


Zus. 


Rinder . 
Schweine 
Kälber 
Schafe 


157 087 

1 145 789 

176 797 

471 131 


150 209 158 184! 148 463 

1 134 460 1088 954 1 150 720 

169 047 173 026 163 121 

459 720 516 867 525 076 


138 286 33 926 

1302 6831355 472 

159 3981 39 101 

508 4461128 889 


28 250 26 250 
333 794 298 823 

41 884 33 480 
120 939:140 218 


25 638 
298 763 

31287 
109 277 


1140 

1286 8 

145 7 

499 3 



Tab. 62. 



Ausfuhr lebenden Schlachtviehs vom Berliner Markt. 








1 


\ 




1912 








1907 


1908 


1909 1910 


1911 1 


in die 

Umgegend 

Berlins 


in die übrige! 

Provinz 
Brandenbg.; 


darüber 
hinaus 


Zus 


Rinder . . . 


83 994 91 203 


104 332 


91608 


84 706 


54 120 


4 654 


28 786 


87 5 


Schweine . . 


256 746 222 840 


196 100 


183 190 


183 223! 


88 778 


104 001 


20 853 


2136 


Kälber . . . 


27 583 33 045 


38 584 


34 707 


37 0301 


18 532 


7 668 


11 177 


37 3 


Schafe . . . 


100 838 


111 714 


115 891 


103 875 


42 967 


14 696 


27 060 


29 431 


71 1 



Tab. 63. Preisbewegung am Berliner Viehmarkt. 

(Preise in Mark für 100 Pfund Schlachtgewicht, bei Schweinen für 100 Pfund Lebendgewicht mit 200/o Tara.) 





Rinder Schweine Kälber Hammel j Lärame 
j 1911 1 1912 i 1911 i 19'^ 1 1911 1 1912 i 1911 | 1912 !| 1911 19 




1 Durchschnittspreis , 




höchst 


1 

KD 


i 


CO 

J3 


Xi 

:§ 

Xi 


u 


höchst, 
höchst, 
niedr. 


höchst, 
höchst. 


niedr. 


1 

"2 


1 


Januar 


. . 79.50 


87.50 


59.75 


l61.- 


61.22 


51.- 


106.63 


112.-56.44 


: 73.88 


72.80 


56.— 82.75 80 


Februar 


, . ^ 80.50 


86.— 


58.- 


58.88 


63.- 


53.- 


104.38 


104.- '57.50 


; 74.13 


71.— 56.331 83.6382 


März . 


. . 82.25 88.40i59.60 


57.11 


69.44 


58.11 


105.78 


109.7865.— 


i 76.67 


74.— i59.67 ! 84.50 83 


April . 


. . 83.80 88.75 60.75 


56.33i73.50 


63.25 


111.11 


115.75 69.13 


75.33 


78.17|67.33; 83.56 88 


Mai . 


. . ! 83.— 89.75 63.- 


;55.8972.11 


63.— 


110.89|113.56 69.22 


78.— 


83.-65.17! 82 40 92 


Juni . 


. . ;85.— 92.— 63.— 


!55.— 71.78 


61.78 


101.13 105.- 63.11 


80.— j88.— 169.86 i 86.29 98 


Juli . 


. . 1 86.-94. - ;63.— i 57.44 75.56 


67.44 ii 96.-103.33 


63.89 


77.50i85.50 61.50 1 87.- '99 


August 


. .1 84.25 95.— ,65.40 i60.11 83.89 


73.22i; 98.22 111.33 


77.— 


72.-184.86 63.71 80.25;97 


Septemb 


er. . 84.20 93.75 69.— ! 62.1285.88 


72.88^102.-112.75 


83.38 


67.7l!87.-:68.17i 78.2998 


Oktober 


. . 86.— 91.25 69.— ji62.— 85.22 


72.56:106.38 113.56 


78.56 


69.67i80.67^55.83| 80.33192 


Novemb€ 


jr . . 88.-93.80 71.40161.1185 89 


74.89 111.44 116 33 


70.22 


69.14 86.— 60.43; 81.43:96 


Dezembe 


r . li 87.60 92.50|67.— 1:59 88 84.1 3 


74.63 1112.63 119.13,68 38 


74.— 83.67 61.33 83 71193 


Jahres- 








1 




1 


■ 






; 




dur chs 


chnitt 84.17 


91.06 


64.08 


58.91 75.97 


65.48 


105.5511137 


68.49 


74.- 


81.22 


62.11 


182.85 


91 


1910 


. . . . 82.78 






68.04 






107.19i 




77.31 






83.10 




1909 


. . . .76.78 






69.84 






94.74| 




72.05 






76.36 




1908 


. . . .178.69 






60.10 






95.24 






76.51 






79 44 





Erster Bericht. 

Hasen 
und Hochwild. 



33. Wild und Geflügel. 
Erster Bericht. 

Die Zufuhren an Wild haben im Berichtsjahre im all- 
gemeinen die vorjährige Höhe erreicht, nur die Zufuhr von 
Hasen blieb bis zum Jahresschluß stark hinter der vorjährigen 
zurück, wa.j teils auf die für die Abhaltung von größeren Jagden 
ungünstige AVitterung, teils aber auch auf eine Verminderung 
des Hasenbestandes zurückzuführen ist, die durch die un- 



33. Wild und Geflügel. 139 

günstige Sommerwitterung herbeigeführt worden ist. Während 
durch den nassen und kalten Sommer der Nachwuchs der Hasen 
ziemlich stark litt, hat das Wetter auf das Hochwild nur ge- 
ringen Einfluß gehabt. 

Die Preise waren gut; das Wild fand leicht Absatz. Der 
Mangel an Hasen bewirkte eine sehr starke Preissteigerung (um 
1,09 Mk. für das Stück), die sich auch auf die Felle erstreckte, 
welche in großen Quantitäten mit 1,30 bis 1,35 Mk. für ein 
Fell bezahlt wurden. Die Preise für Hochwild waren um durch- 
schnittlich 11 Pf. für ein Pfund höher als im Vorjahr. Dies 
dürfte auf die allgemeine Fleischteuerung zurückzuführen sein, 
denn selbst zur Rickenzeit, wo sonst infolge der stärkeren Zu- 
fuhreii ein Sinken der Preise in Rehwild eintritt, hielten sich 
im Berichtsjahre die Preise ziemlich unverändert. 

Die Zufuhren in wilden Kaninchen waren sehr reichlich. Kaninchen. 
Es wurden um 20 Pf. günstigere Preise für Kaninchen erzielt. 
Infolge des Mangels an Hasen führt sich das wilde Kaninchen 
immer mehr ein, so daß man es bald wird als Berliner Spezial- 
gericht bezeichnen können. Die Felle der wilden Kaninchen 
wurden im allgemeinen nur mit 15 Pf. bewertet. — Zahme 
Kaninchen erwiesen sich trotz aller Bestrebungen für Berlin 
als kein geeigneter Handelsartikel; sie waren in größeren Quanti- 
täten überhaupt nicht unterzubringen. Das verhältnismäßig ge- 
ringe Quantum an zahmen Kaninchen, welches in Berlin ver- 
braucht wird, findet hauptsächlich für Frikassee Verwendung. 
Zur Nationalspeise, wie z. B. in Belgien und Frankreich, wird 
es sich bei uns in Deutschland kaum jemals entwickeln, da 
der deutsche Geschmack das herzhafter schmeckende wilde Ka- 
ninchen bevorzugt. Auch die Felle der zahmen Kaninchen 
wurden nur mit. 30 Pf. bewertet. 

In Wild geflügel haben die Fasanenhähne sowohl wie die Geflügel, 

-hennen eine wesentliche Preissteigerung erfahren, erstere um 
64 Pf., letztere um 38 Pf. für ein Stück, was außer durch die 
allgemeine Teuerung wohl auch durch geringere Zufuhren be- 
dingt war. Die Verminderung der Zufuhren hatte die gleichen 
Ursachen wie bei den Hasen. — Für zahmes Geflügel, ins- 
besondere Hühner, war nur eine Preissteigerung von 28 Pf. für 
das Stück zu verzeichnen, so daß ein Durchschnittspreis für 
Fasanenhähne und -hennen von 2,36 Mk. einem Durchschnitts- 
preis für geschlachtete Hühner von 2,29 Mk. gegenübersteht. 
Die Preise für lebende Enten sind um 8 Pf. für ein Stück 
. herabgegangen. Der Grund hierfür war eine durch die Fleisch- 
teuerung bedingte größere Zufuhr von galizischem, also minder- 
wertigem Geflügel^). 

Nachstehend geben wir die Durchschnittspreise, die in den 
einzelnen Monaten und im Jahre 1912 erreicht wurden: 

~i)~Vergl. Berl. Jahrb. 1911, II, S. 141. 



140 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



TaD. 64. 








Monatliche Durchschnittspreise von 


Wild 




Reh- 
wild 


Rot- 
wild 


Dam- 
wild 


Wild- 
schwei- 
ne 


Frisch- 
linge 


Hasen 


Ka- 

ninchen 


Alte 
Reb- 
hühner 


Junge~ 
Reb- 
hühner 




Pfd. 


Pfd. 


Pfd. 


Pfd. 


Pfd. 


Stück 


Stück 


Stück 


Stück 


Januar . . 


1 "75 


49 


54 


50 


66 


370 


95 





_ 


Februar 




' 79 


53 


54 


48 


70 


397 


90 


— 


— 


März . 




79 


73 


60 


54 


64 


— 


88 


— 




April . 




— 


66 


83 


63 


65 


— 


98 


— 


— 


Mai. . 




87 


65 


69 


54 


62 


— 


88 


— 


— 


Juni 




82 


62 


57 


46 


45 


— 


75 


— 




Juli . . 




92 


68 


68 


49 


49 


— 


61 


— 




August 




80 


62 


60 


49 


55 


— 


84 


98 


143 


September . 


, 100 


62 


67 


66 


72 


— 


108 


91 


124 


Oktober . . 


99 


55 


60 


53 


67 


434 


103 


97 


139 


November . 


74 


54 


54 ' 


53 


64 


441 


100 


97 


121 


Dezember . 


80 


55 


57 


54 


74 


472 


110 


95 


— 


J ahresmittel 




















1912 . . . 


84 


60 


62 


53 


63 


423 


91 


96 


132 


gegen 1< 


>ii 1 


+ 11 


+ 12 


+ 11 


+ 14 


+ 7 


+ 109 


+ 20 


+ 10 


+ 19 



Zweiter 

Bericht. 

Geschäftsgang. 



Ertjebnisse. 



Zweiter Bericht. 

Im Gegensatz zum Jahre 1911 waren die Zufuhren von 
Wild und Wildgeflügel im Jahre 1912 knapp und die Preise 
hoöh. Schuld daran hatte erstens der überaus kalte Winter, in 
welchem viel Wild einging, und der darauffolgende nasse 
Sommer, der für den Nachwuchs von Hasen und Wildgeflügel 
äußerst schädlich war. In den Monaten Januar bis April 
wurden die im Jahre 1911 in Kühlhäusern eingelagerten Be- 
stände zu hohen Preisen bald geräumt. Bei Aufgang der Jagd 
auf Rehwild im Mai waren die Zufuhren gering und die Preise 
hoch (Durchschnittspreis 0,70 Mk. für 1/2 kg)- In den Monaten 
Juli, August, September erreichten die Eotwildpreise eine bisher 
nie dagewesene Höhe, wozu auch die Fleisch teuerung beigetragen 
haben dürfte. Je nach Größe der Stücke war der Durchschnitts- 
preis für Botwild 0,45 bis 0,60 Mk. für 1/2 kg. Im August 
und September waren die Zufuhren in Rebhühnern knapp. 
Junge Hühner wurden im Durchschnitt im Großhandel mit 
1,20, alte mit 0,90 Mk. gehandelt. Auch Fasanen kamen in 
den Monaten Oktober und November wenig auf den Markt, so 
daß die Durchschnittspreise etwa um 0,50 Mk. höher waren 
als im Jahre 1911. Junge Hähne kosteten im Großhandel 
2 Mk. bis 2,25 Mk., alte 1,50 bis 2,—, Hennen 1,25 bis 1,75 Mk. 
Die Preise für Hasen erreichten im Monat November eine noch 
nie dagewesene Höhe (Durchschnittspreis 4,50 Mk. für ein Stück 
im Großhandel). Die Zufuhren in Hasen waren außerordentlich 
knapp und deckten niemals den Bedarf. Hinzu kam, daß 
im Berichtsjahre die Preise für Hasenfelle eine enorme Höhe 
erreichten und auch deshalb der Preis für Hasen in die Höhe 
ging. Für Hasenfelle wurden im Monat November 1,25 Mk. 
für ein Stück bezahlt, genau das Doppelte des vorjährigen 
Preises. — Trotz der geringen Zufuhren konnte der Wildh'andel 











34. Müchhandnel. 






141 


im Jahre 1912 (in Pf. für ein Pfund oder Stück) 








Fa- 


Fa- 


GeschL 


GeschL 


G es Chi. 


Geschl. 


Leb. 


Leb. 


Leb. 


Rasse- 


sanen- 
hähne 


sanen- 
hennen 


Hühner 


Enten 


Gänse 


Puten 


alte 
Hühner 


junge 
Hühner 


Enten 


geflügel 
dt. Zucht 


Stück 


Stück 


Stück 


Stück 


1 Stück 


Stück 


Stück 


Stück 


Stück 


Stück 


280 


171 


229 


306 


64 


75 


227 


_ 


245 


453 


291 


190 


205 


335 


— 


87 


240 


147 


202 


469 


309 




261 


335 


— 


89 


264 


162 


295 


478 


340 




244 


330 


99 


77 


280 


143 


250 


483 


— 


— 


221 


329 


108 


75 


226 


90 


268 


446 


— 


— 


224 


270 


75 




214 


88 


180 


— 


— 


— 


184 


256 


65 


— 


182 


91 


144 


— 


— 


— 


272 


321 


72 


— 


227 


110 


217 


475 


348 


214 


235 


316 


69 


— 


246 


110 


183 


261 


241 


167 


215 


319 


64 


— 


180 


90 


191 


— 


238 


147 


240 


293 


67 


— 


177 


88 


158 




299 


191 


215 


335 


70 


72 


193 


102 


144 




293 


180 


229 


312 


75 


79 


221 


111 


206 


438 


-f-64 


+ 38 


+ 28 


+ 47 


-fl 


+ 2 


+ 28 


+ 1 


— 8 


+ 20 



mit dem Jahre 1912 zufrieden sein, da infolge der allgemeinen 
Fleischteuerung Wild und Wildgeflügel sehr gefragt war und 
die Ware immer leicht zu guten Preisen geräumt werden konnte. 



Dritter Bericht. 

Die allgemeine Steigerung der Fleischpreise bewirkte auch 
eine Preiserhöhung im Handel mit Gänsen. Gleich zu Anfang der 
Saison setzten die Preise sehr hoch ein. Gegen Mitte November 
machte sich bereits in den Schlachtungen ein Zurückhalten be- 
merkbar, da die Zufuhr um etwa ein Fünftel geringer als im 
Vorjahre war. Da indessen die Verarbeiter große Verkaufs- 
abschlüsse gemacht hatten imd jeder befürchtete, das abge- 
schlossene Quantum nicht zu erhalten, stiegen die Preise binnen 
acht Tagen von 0,82 auf 0,96 Mk. für 1/2 kg. 

Die Preise für gepökelte und geräucherte Gänseartikel be- 
trugen ab Pommern je nach Qualität: für Gänsebrüste ohne 
Knochen 1,80 bis 2,10 Mk., für Gänsebrüste mit Knochen 
1,70 bis 2,— Mk., für Gänsefett 0,95 bis 1,15 Mk. und für 
Gänsepökelfleisch 0,73 bis 0,76 Mk. für 1/2 kg. Trotz des 
milden Winters und der hohen Preise waren besonders Gänse- 
brüste ein bevorzugter Artikel, der stark gekauft wurde, so 
daß am Jahresende weder bei Fabrikanten noch Wieder Ver- 
käufern Ueberstände vorhanden waren. 



Dritte Bericht. 
Gänseartikel. 



34. Milchhandel. 

Das Jahr 1912 muß für den Berliner Milchhandel als un- 
günstig bezeichnet werden. Die große Hitze des Sommers 1911 
und die dadurch hervorgerufene Dürre sowie die herrschende 
Maul- und Klauenseuche beeiaflußten die ersten Monate des 



Produktioub- 
rückgang. 



142 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Konsum- 
rückgaug 



Preise. 



Vollmilch und 
„Marktmilch". 



Berichtsjahres sehr stark. Einmal fehlte es an Futter, zum anderen 
konnte vielfach wegen der Seuche Milchvieh nicht eingestellt 
werden, so daß bis Ende April die Milchproduktion gegen die 
des Vorjahrs bedeutend zurückblieb. Erst im Mai, nach Beginn 
des Weideganges, überstieg die Produktionsmenge die des Vor- 
jahres um ein geringes. Hierbei muß aber berücksichtigt werden, 
daß der Milchertrag des Jahres 1911 infolge der Dürre und der 
Maul- und Klauenseuche nur sehr klein war. Diese Umstände 
haben dazu geführt, daß die Einkaufspreise für Milch weiterhin 
beträchtlich stiegen und der schon sehr bescheidene Verdienst des 
Milchhandels noch weiter beschnitten wurde. 

Trotz der knappen Eingänge an Milch konnte der Bedarf 
jederzeit gedeckt werden. Dies war nur dadurch möglich, daß 
der Konsum infolge der allgemeinen Lebensmittel teuerung ganz 
bedeutend zurückging. Die Konsumenten mußten sich selbst im 
Eiakanf der notwendigsten Nahrungsmittel, so auch der Milch, 
einschränken. Der Rückgang im Konsum hat es auch gestattet, 
den langjährigen Bezug von dänischer und schwedischer Milch 
aufzugeben. 

Die Verkaufspreise waren nicht einheitlich. Obwohl im Jahre 
1911 vom Berliuer Milchhandel ein Verkaufspreis von 24 Pf. 
ab jWagen oder Laden und von 2ß Pf. frei Haus als Mindest- 
preis für eine unverfälschte, hygienisch einwandfreie Milch fest- 
gesetzt wurde, verkauften viele Milchhändler sehr bald wieder 
unter diesem Preis. 

In vielen Fällen war dies nur dadurch möglich, daß die Milch- 
händler die durch die Polizeiverordnung von 1902 gestattete so- 
genannte ,, Marktmilch" unter der Bezeichnung ,, Vollmilch" ver- 
kauften. Marktmilch braucht nach der Polizeiverordnung nur 
einen Fettgehalt von 2,7 o/o zu besitzen, während eine Milch, wie 
sie von der Kuh kommt, meist 3 o/o und mehr Fett aufweist. Um 
nun billiger verkaufen zu können, drückte man einfach durch 
Zusatz von Magermilch oder durch Entrahmung den Fettgehalt 
bis auf die mindestzulässige Grenze von 2,7 o/o herab. Der reelle 
Milchhandel Berlins billigt dieses Verfahren durchaus nicht und 
hat sich ganz entschieden dagegen verwahrt, daß in der dem- 
nächst neu festzulegenden Polizeiverordnnng der Verkauf voll 
Marktmilch weiterhin gestattet wird. Da die Einkaufsbedingungen 
für eine hygienisch einwandfreie Milch sowie die Unkosten für 
jeder. Milchhändler nahezu gleich sind, ist für die Konsumenten 
Vorsicht geboten, wenn Milch zu einem billigeren als den im 
Berliner Milchhandel allgemein üblichen Preisen angeboten wird. 
Denn nicht alles, was unter der Bezeichnung ,, Milch" verkauft 
wird, ist von gleicher Qualität, sondern es wird vielfach AVare 
in den Handel gebracht, welche als vollwertige Milch nicht mehr 
bezeichnet werden kann. Die Konsumenten sollten beim Einkauf 
in jedem. Falle betonen, daß Voll milch verlangt wird. 



üebersicht. 



35. Butter. 143 

35. Butter, 
Die gToße Dürre des Jahres 1911, imd die Maul- und Klauen- AUgemeiae 
Seuche haben im Berichtsjahre die Butterproduktion vermindert, 
die Preise in die Höhe getrieben und dadurch den Butterhandel 
außerordentlich erschwert. Auf allen deutschen Buttermärkten war 
die Preisgestaltung unnormal. Am Berliner Buttermarkte wurden 
besonders in deji ersten Monaten Preise von einer Höhe notiert, wie 
sie bisher in dieser Jahreszeit nicht vorgekommen waren. Das Jajir 
1911 schloß mit einer Höchstnotierung von 135 Mk. für 50 kg. Noch 
niemals ist es dagewesen, daß bereits am ersten Notierungstage 
im neuen Jahr eine Steigerung um 5 Mk. für 50 kg einti'at. 
Mit 140 Mk. war der Preis um 22 Mk. für 50 kg höhler als 
am 4. Jan. 1911. Trotz dieser äußerst hohen Preise war das 
Geschäft verhältnismäßig gut. Da der Handel infolge der hohen 
Auslandspreise nur auf die kleine inländische Produktion an- 
gewiesen war, erfuhr die Kotierung am 10. Jan. eine weitere 
Erhöhung um 3 Mk. auf 143 Mk. Auf dieser Höhe hielten sich 
di'^ Preise während des ganzen Februars und während der ersten 
Wochen des März, um dann weiter um 3 Mk. anzuziehen; am 
20. März wurde die Höchstnotierung mit 146 Mk. erreicht, 
w^elchc die höchsten Preise der früheren Jahre übertraf. Erst 
mit Beginn des April nahmen die Preise eine weichende B>ichtung 
an; am ersten Notierungstage ging die Notierung auf 142 Mk. 
und danr nach und nach bis auf 122 Mk. zurück. Der Gesamt- 
rückgang betrug also 23 Mk. Auf dieser Höhe hielt sich die 
Notierung bis zum 20. Mai, an welchem Tage sie wieder um 
2 Mk. erhöht wurde. Ende Mai trat ein Rückgang um 4 Mk. 
und im Juni ein weiterer Rückgang um 2 Mk. ein. Nunmehr 
blieben die Preise bis Anfang Juli unverändert. Im Juli nahmen 
sie |Wieder eine steigende Richtung an und gingen um 9 Mk. 
hinaaif. Im August trat zuerst eine abermalige Steigerung, als- 
dann ein Rückgang auf 132 Mk. ein. Diese Notierung blieb bis 
Ende September unverändert. Es erfolgte dann eine Steigerung 
um 2 Mk. Bis etwa Mitte November lautete die Notierung 
132 Mk. Ende November stieg sie auf 136 Mk., nach Weih- 
nachten Avurde sie um 4 Mk. auf 132 Mk. ermäßigt. Im Aus- 
land ,waren ebenfalls während des ganzen Jahres die Preise 
hoch. Der Import, namentlich der von Holland, war deshalb 
nicht so bedeutend wie sonst; auch die Bezüge von Dänemark, 
Schwedeii und Finnland waren kleiner. Von Australien kamen 
einige Probesendungen an, die trotz der weiten Reise gut waren; 
da aber australische Butter der Haltbarkeit wegen mit Bor ver- 
arbeitet wird und in Deutschland jeder Zusatz von Bor verboten 
ist, mußten die Bezüge bald wieder aufhören. Von Sibirien waren 
die Ankünfte größer als früher. Die Butter findet ihrer Halt- 
barkeit wegen immer größeren Anklang und wird der zweiten, 
dritten und abfallendeli inländischen Molkereibutter vorgezogen. 



144 II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

Im folg-enden geben wir über den Greschäftsgang in den ein- 
zelnen Monaten eingehendere Mitteilungen: 

Januar. In früheren Jahren war im Januar stets der Absatz 

schlecht und das Geschäft ruhig. Im Berichtsjahr setzte aber 
sofort nach Beginn des neuen Jahres ein lebhaftes Geschäft 
ein; während des ganzen Monats bestand nach allen Quali- 
täten eine rege Nachfrage. Billige Sorten, welche nicht viel 
vorhanden, waren lebhaft begehrt. Die feste Stimmung wurde 
durch die Befestigung des englischen Marktes und durch die 
stark gestiegenen Preise des Auslandes noch mehr unterstützt, 
die Preise vom Auslande waren so hoch, daß Bezüge vollständig 
ausgeschlossen waren. Das alte Jahr hatte mit einer Notie- 
rung von 135 Mk. geendet, aber die lebhafte Nachfrage und 
die Knappheit an Butter machten eine Steigerung der No- 
tierung bereits am ersten Notierungstage um 5 Mk. auf 140 Mk. 
nötig. Während sonst Leipzig, Dresden, Magdeburg usw. im 
Januar dringende Offerten mit billigen Preisen nach Berlin 
machten, kamen im Berichtsjahr von diesen Plätzen und aus 
der Provinz größere Aufträge. Die Zufuhren ließen sich leicht 
räumen, und trotz der Preiserhöhung hielt die lebhafte Nach- 
frage an. Der Januar schloß mit einer Notierung von 143 Mk. 
Sibirische Butter war ebenfalls lebhaft begehrt, doch waren 
die Zufuhren nur klein. Große Knappheit zeigte sich bei 
billigeren Sorten. Die Preise für feinste sibirische Butter er- 
reichten den ungewöhnlichen Stand von 140 Mk. Landbutter 
war ebenfalls gut gefragt ; die Preise zeigten eine steigende Tendenz 
und erreichten die seit Jahren nicht erzielte Höhe von 135 Mk. 

Februar. Im Fcbruar nahm das Geschäft einen ruhigen Verlauf. 

Der Absatz wurde infolge der hohen Preise schwächer, da die 
Konsumenten sich bereits seit Monaten an Ersatzmittel, an 
Margarine und Pflanzenfette, gewöhnt hatten. Die Notierung 
blieb den ganzen Monat hindurch 143 Mk. ; die Tendenz wurde 
immer mit ruhig bezeichnet. Die Zufuhren waren nicht groß, 
doch reichten die Einlieferungen von feinsten Qualitäten aus. 
Von der Provinz trafen nur wenig Aufträge ein, da überall der 
Butterkonsum eingeschränkt wurde. Wenn trotz des schwachen 
Absatzes die Preise keine Aenderung erfuhren, so lag dies 
daran, daß die Preise im Ausland noch viel höher waren. 
Holländische Butter kostete ca. 153 Mk., dänische und schwe- 
dische ca. 150 Mk. frei Berlin verzollt. Sibirische Butter 
war gut begehrt. Die Ankünfte konnten leicht geräumt werden. 
Die Zufuhren waren nur klein, feinste Qualitäten erzielten 
140 bis 142 Mk. Billige Sorten fehlten; es trat hierin eine 
große Knappheit ein, da Lagerbutter vollständig geräumt war. 
Die Nachfrage nach Landbutter war recht stark, die Ein- 
lieferungen waren aber nur klein. Die Preise betrugen 130 bis 
133 Mk. 



35. Butter. 145 

Mit Beginn des März machte sich ein Umschwung be- März, 

merkbar. Nach allen Qualitäten trat eine gute Nachfrage ein; 
aucli die Provinz gab Aufträge. Die Bericht-e vom Ausland '' 

wirkten günstig auf das Geschäft ein. In England waren trotz 
des Streiks der Kohlenarbeiter die Preise hoch — die Polgen 
dieses Streiks haben sich erst spä,ter gezeigt. Die deutsche Pro- 
duktion konnte den Bedarf nicht decken, es mußten vom Ausi 
lande größere Posten bezogen werden. Diese Butter war aber 
so teuer, daß sie den Importeuren große Verluste auferlegte. Die 
Berliner Notierung wurde am 20. März von 143 auf 146 Mk. 
erhöht. Gleich darauf wechselte die Stimmung des Berliner 
Marktes. Auch im Ausland flaute das Geschäft stark ab. Die 
Folgen des Streiks in England machten sich nunmehr be- 
merkbar. In England wurde das Geschäft mit jedem Tage 
matter, und Dänemark, Schweden und Holland ermäßigten die 
Preise stark. Die Berliner Notierung blieb bis zum Schluß des 
Monats unverändert, aber die Marktstimmung wurde auch hier 
recht matt. Sibirische Butter war gut gefragt, wurde aber 
im allgemeinen nur wenig zugeführt; billigere Qualitäten 
fehlten vollständig. Die Ankünfte konnten stets geräumt 
werden. Feinste sibirische Butter kostete bis 142 Mk. ; gegen 
Schluß des Monats fielen die Preise um einige Mark. L a n d - 
b u 1 1 er war rege begehrt. 

Im April nahm das Geschäft eine unerwartete Entwick- Aprü. 

lung. Die schwache Haltung des englischen Marktes übertrug 
sich auf alle au^- und inländischen Märkte. Die Preise gingen 
schnell zurück. Die Produktion zeigte gleichzeitig eine Zu- 
nahme. Schon zu Beginn des Monats setzte eine ruhige Stimmung 
ein. Obwohl Ostern vor der Tür stand, blieb die Kauflust 
schwach. Erst in den letzten Tagen vor dem Pest gestaltete 
sich der Absatz lebhafter, so daß die Läger geräumt werden 
konnten. Nach dem Fest wurde das Geschäft wieder ruhiger. 
Die Notierung wurde am ersten Notierungstag des April um 
4 Mk. auf 142 Mk. ermäßigt. Gleich nach Ostern, am 10. April, 
trat ein weiterer Preisrückgang von 3 Mk. ein. Unter dem 
Einfluß der dringenden und fast täglich billigeren Angebote 
vom Auslande wurde die Notierung weiter am 17. um 4 Mk., 
am 20. um 7 Mk. und am 24. um 5 Mk. auf 123 Mk. er^ 
mäßigt ; der Preisrückgang betrug also 23 Mk. In sibirische r 
Butter war das Geschäft in den ersten Tagen ruhig. Zu Ostern 
trat eine bessere Nachfrage ein, die auch' nach dem Fest an- 
hielt, doch mußte zu Preisen verkauft werden, die den Im- 
porteuren große Verluste brachten. Am Schluß des Monats 
wurde der Absatz recht schlecht, und das Angebot war zu stark 
erniäßigten Preisen dringend. Die Verkaufspreise waren am 
Schluß des Monats ca. 20 Mk. billiger als Ende März. Land- 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL 10 



146 IL Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

b u 1 1 e r war zuerst gut gefragt, nach Ostern wurde der Absatz 
schwächer und die Preise gingen stark zurück. 

Mai. Im Mai verlief das Geschäft normal; ist doch der Mai einer 

der besten Konsummonate. Nachdem im April die Preise stark 
ermäßigt waren, wurde die Kauflust wieder reger; auch von 
auswärts trafen wieder größere Aufträge ein. Die Qualität war 
aber sehr schlecht. Ein großer Teil der Zufuhren bestand aus 
abschmeckender, unhaltbarer Ware, was wohl auf die schlechte 
vorjährige Futterernte zurückzuführen war ; gegen Ende des 
Monats wurde bereits Uebergangs-, also Blendlingsbutter, ge 
liefert. Am 8. Mai wurde die Notierung um 2 Mk. auf 125 Mk. 
erhöht. Bis zu Pfingsten war das Geschäft recht lebhaft; in 
der letzten Woche vor dem Fest war es so rege, daß die Zu- 
fuhren nicht nur leicht geräumt wurden, sondern auch große 
Posten von Dänemark, Schweden und Holland bezogen werden 
mußten. Nach dem Fest wurde das Geschäft stiller ; die Notierung 
wurde am 29. Mai um 4 Mk. auf 121 Mk. ermäßigt. Der Ab- 
satz in sibirischer Butter war zuerst ruhiger, dann besser 
und zum Fest recht lebhaft. Die Ankünfte konnten leicht ge- 
räumt werden. Feste Ware, für Ziehbutter geeignet, war leb- 
haft begehrt. 

Juni. Im Juni ist regelmäßig die Butterproduktion am größten. 

Aber Sommerpreise, wie sie früher vorkamen, waren schon seit 
langen Jahren nicht mehr zu verzeichnen. Die Notierung wurde 
am 5. Juni um 2 Mk. auf 119 Mk. ermäßigt und blieb den 
ganzen Monat hindurch unverändert. Die Qualität der Butter 
war recht schlecht. Infolge der nassen Witterung wurde viel 
abschmeckende und unhaltbare Ware geliefert. Feinste, rein- 
schmeckende Butter kam sehr wenig an, und um den Bedarf 
in diesen Qualitäten zu decken, mußten sogar größere Posten 
vom Ausland bezogen werden. Aus diesem Grunde konnte die 
Notierung nicht ermäßigt werden, so daß den ganzen Monat 
hindurcli die hohe Notierung von 119 Mk. in Geltung blieb. 
Sibirische Butter war wieder gut gefragt, namentlich war 
feste, weiße Stallbutter für Ziehbutt^rzwecke gesucht. Ueber- 
gangsbutter. die vielfach ankam, war weniger begehrt und zu 
unregelmäßigen Preisen dringend angeboten. In Landbutter 
war das Geschäft den ganzen Monat hindurch schlecht. Der 
Absatz stockte vollständig, da abfallende Molkereibutter und 
geringe sibirische Butter vorgezogen wurde. 

Juli. Der Juli brachte in bezug auf die Preisgestaltung wiederum 

große U eher raschungen. Während in früheren Jahren die 
Notierung im Juli weiter sank, stieg sie diesmal um 12 Mk. 
Diese Steigerung ist aber nicht etwa durch ein flottes Geschäft, 
sondern durch andere Umstände veranlaßt worden. Fast den 
[ranzen Juli hindurch herrschte große Hitze, unter der die 



35. Butter. 



147 



"Qualität der Butter sehr litt. Feinste reinschmeckende Ware 
wurde deshalb wenig geliefert, der größt-e Teil der Zufuhren 
bestand aus abschmeckender, unhaltbarer Butter. Obwohl das 
Platzgeschäft ruhig war, trafen aus der Provinz und von den 
Badeplätzen belangreiche Aufträge ein, so daß der Handel ge- 
zwungen war, vom Ausland zu kaufen. Die Notierung wurde 
am 10. Juli um 3 Mk. auf 122 jMk., am 17. um weitere 3 Mk. 
auf 125 Mk., am 24. um 4 Mk. auf 129 Mk. und endlich am 
31. nochmals um 2 Mk. auf 131 Mk. erhöht. Das Geschäft in 
■sibirischer Butter war zuerst ruhig, dann besserte sich der 
Absatz. In Landbutter war dagegen das Greschäft wenig 
lebhaft. 

Im August war der Berliner Butterkonsum infolge des hohen August. 

Preisstandes schw^ach, auch aus der Provinz kamen nnr wenig 
Aufträge. Nachdem die Ferien und damit die Hauptreisezeit 
vomber waren, besserte sich aber das Geschäft, nnd es trat eine 
gute Nachfrage namentlich nach feinster reinschmeckender Ware 
ein, aber auch feine und zweite Qualitäten wai'en begehrt. Die 
Notierung wurde am 14. Aug. um 3 Mk. auf 134 Mk. erhöht. 
Nach dieser Steigerung trat eine Abschwächung des Geschäfts 
ein; der Konsum ging zuiiick und es zeigte sich, daß die Preise 
zu hoch waren. Die Notierung wurde daher am 31. um 2 Mk. 
auf 132 Mk. ermäßigt. Infolge der nassen Witterung waren 
die Qualitäten wiederum sehr schlecht; es wurde viel molkige, 
saure und käsige Butter geliefert. In sibirischer Butter 
war das Geschäft recht lebhaft, namentlich waren feinste Sorten 
begehrt; geringe und abfallende blieben dagegen angeboten. In 
I. a n d b u 1 1 e r war das Geschäft sehr ruhig. 

Während in früheren Jahren im September das Geschäft September, 
lebhaft, die Butter knapp war und die Preise stiegen, war 
das Geschäft im September des Berichtsjahres ruhig. Die No- 
tierung blieb bis zum 25. Sept. unverändert. Die Produktion 
blieb gleichmäßig, aber die Qualitäten ließen nach wie vor zu 
wünschen übrig. Feinste reinschmeckende Ware konnte ge- 
räumt werden, dagegen blieb abschmeckende Butter angeboten. 
Die Preise im Ausland befestigten sich weiter, und da die Zu- 
fuhren von feinsten Qualitäten aus dem Inland kaum aus- 
reichten und größere Posten vom Ausland gekauft werden 
mußten, wui'de die Notierung am 25. um 2 Mk. auf 134 Mk. 
erhöht. Sibirische Butter war in feinster Ware gut ge- 
fragt, geringere und abfallende Sorten blieben dagegen an- 
geboten. In Landbutter war das Geschäft recht schwach. 

Ebenso wie im September herrschte in früheren Jahren Oktober. 

im Oktober ein lebhaftes Geschäft. Diesmal aber war das Ge- 
schäft schw^ach. Es zeigt sich immer wieder, daß nur billige 
Äommerpreise ein gutes Herbstgeschäft bringen, daß dagegen 

10* 



148 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Tab. 66. 












Butternotierimgen 


für la Qualii 


Januar | 


Februar 1 


' März J 




April 




Mai 


Juni 


1 


Notiz 


1 


Notiz 


A 


Notiz 


1 


Notiz 




Notiz 




Notiz 


3. 


137-138-140 


3. 


141—143 


2. 


141—143 


3. 


140—142 


1. 


121—123 


l.| 119—121 


6. 


137-138-140 


7. 


141—143 


6. 


141—143 


6. 


140-142 


4. 


121—123 


5. 


116-117-1: 


10. 


141 — 143 


10. 


141_143 


9. 


141—143 


10. 


137—139 


8. 


121-123-125 


8. 


117—119 


13. 


141—143 


14. 


141—143 


13. 


141—143 


13. 


137—139 


11. 


123—125 


12. 


- 117—119 


17. 


141—143 


17. 


141—143 


16. 


141—143 


17. 


132-133-135 


15. 


123—125 


15. 


117—119 


20. 


141—143 


121. 


141—143 


20. 


144—146 


20. 


126—128 


18. 


123—125 


19. 


117—119 


24. 


141—143 


!24. 


141—143 


23. 


144—146 


24. 


120-121-123 


22. 


123—125 


22. 


117—119 


27. 


141—143 


i28. 


141—143 


27. 


144-146 


27. 


121—123 


25. 


123—125 


126. 


117-119 


31. 


141—143 


' 




30. 


142-144-146 


|29. 




29. 


119—121 


29. 


■ 117—119 



hohe Sommerpreise ungünstig auf das Herbstgeschäft einwirken. 
Die große Obsternte machte dem Artikel Butter ebenfalls 
empfindliche Konkurrenz, hierzu kamen die allgemeine Teuerung 
und besonders die hohen Fleischpreise. Das Geschäft war daher 
den ganzen Monat hindurch schleppend, und nur allerfeinste 
Qualitäten waren beachtet, während abschmeckende Sorten an- 
geboten blieben. Sibirische Butter war in feinster Ware 
wieder gefragt, während geringere und abschmeckende weniger 
beächtet blieben. Die Preise in Sibirien stiegen so sehr, daß sie 
den Importeuren große Verluste brachten. 

Berliner Monatsdurchschnittspreise der höchsten la Qualität 
Tab. 66. im Jahre 1912 (Mark für 50 kg). 



Jan. 


Febr. März 


April Mai 


Juni 


JuU 


Aug. 


Sept. i Okt. i Nov. 


Dez. 


120.25 
142.33 


125.50 126.33 
143.00 144.33 


122.77 
133.87 


116.77 
124.11 


110.62 
119.22 


118.— 
124.55 


134.44 
132.77 


141.33 
132 50 


150.— 143.66 
134 — 134.66 


142.77 
135.11 



VoTember. Im November war das Geschäft recht ruhig. Gleich mit Be- 

ginn des Monats wurde die Tendenz mit „ruhig" bezeichnet. Die 
Zufuhren von feinster Ware waren sehr klein. Der größte Teil 
der Zufuhren bestand fortgesetzt aus abschmeckenden Quali- 
täten, wodurch das Geschäft noch mehr erschwert wurde. 
Feinste Ware wurde im Laufe des Monats immer knapper, 
so daß die Notierung am 23. um 2 Mk. auf 136 Mk'. erhöht 
werden mußte. In sibirischer Butter war das Geschäft 
gut, nicht nur feinste, sondern auch' feine Sorten waren be- 
achtet. 



Tab. 67. 



Jahresdurchschnittspreise der höchsten la Qualität. 
(Berlin und Hamburg in Mark und Kopenhagen in Kronen für 50 kg). 



Städte 1906 


1907 1 1908 


1909 


1910 


1911 


1912 


Berlin .... 
Hamburg . . . 
Kopenhagen . . 


120.40 

122.88 
98.32 


118.80 124.25 

119.58 124.28 

96.80 ! 101.85 


122.47 

121.52 

99.21 


124.80 
130.25 
100.— 


129.48 
136.07 
104.50 


133.29 
136.79 
108.— 



36. Handel mit Schmalz. 



149 



Jahre 1912 (Mark für 50 kg). 



Jidi 


August 


September 


Oktober 


November 


Dezember 


Notiz 


1 


Notiz 


1 


Notiz 


1 


Notiz 


1 


Notiz 


1 


Notiz 


117—119 


3. 


129-131 


4. 


130—132 


2. 


132—134 


2. 


132—134 


■ 
4. 


134—136 


117—119 


7. 


129-131 


7. 


130-132 


5. 


132—134 


6. 


132-134 


7. 


134—136 


120-122 


10. 


129—131 


10. 


136-132 


9. 


132-134 


9. 


132—134 


11. 


134—136 


120-122 


14. 


132-134 


14. 


130—132 


12. 


132—134 


13. 


132—134 


14. 


134—136 


123—125 


17. 


132—134 


18. 


130—132 


16. 


132—134 


16. 


132—134 


18. 


134—136 


123—125 


21. 


132—134 


21. 


130—132 


19. 


132—134 


19. 


132—134 


21. 


134—136 


127—129 


24. 


132—134 


25. 


130—132 


23. 


132—134 


23. 


134—136 


24. 


134—136 


127—129 


28. 


132—134 


28. 


132—134 


!26. 


132—134 


27. 


134—136 


28. 


130—132 


129-131 


31. 


130-132 




132-134 


;30. 


132—134 


30. 


134—136 


31. 

1 


130—132 



Fast noch ruhiger als im November war das Geschäft im 
Deziember. Erst kurz vor Weihnachten setzte ein lebhaftes 
Geschäft ein. Wenn trotzdem die Notierung nicht ermäßigt 
wurde, so kam dies daher, daß feinste Qualitäten wenig auf 
den Markt kamen. Der Festbedarf trat in den letzten Tagen 
vor dem Fest außerordentlich lebhaft auf, so daß Läger und 
Zufuhren geräumt werden konnten. Nach dem Fest wurde das 
Geschäft recht ruhig, und die Notierung wurde um 4 Mk. 
ermäßigt, so daß das Jahr mit einer Höchfetnotierimg von 
132 Mk. schließt, d. h. 8 Mk. niedriger als es begann. Si- 
birische Butter war im Dezember lebhaft begehrt. Nach 
allen Qualitäten bestand gute Nachfrage, so daß die Ankünfte 
leicht geräumt werden konnten. Landbutter war in diesem 
Monat ebenfalls gut gefragt. 



Dezember. 



Tab. 68. 


Deutschlands Butterimport 


(in Doppelzentnern). 








Insgesamt 


Aus 


1 Aus Oesterr.- 


Aus den 


Aus 






Dänemark 


üngarn 


Niederlanden 


Rußland 


1908 . 




338 488 


40 482 


1 28 984 


148 945 


113 995 


1909 . 




440 457 


58 671 


! 13 685 • 168 707 


178 248 


1910 . 


. . . 


4M 271 


53 171 


9 928 ' 161666 


168 196 


1911 . 


. 


560 734 


76 556 


15 088 ' 134 601 


298 276 


1912 . 


. . . 


1 555 530 


54 979 


14 198 


182 313 


257 631 



36. Handel mit Schmalz. 

Erster Bericht. 

Der Schmalzbedarf Deutschlands war im Jahre 1912 im 
Gegensatz zum Jahre 1911 vollständig vom Auslande, ins- 
besondere von Amerika, abhängig. Die im Vorjahre groß an- 
^.ngelegte Schweinezucht Deutschlands hat die in sie gesetzten 
Hoffnungen infolge der Futterknappheit nicht erfüllt. Auch 
mußten die Bestände wegen der immer wieder auftretenden 
Maul- und Klauenseuche zum Teil vorzeitig und unreif zur 
Schlachtung gebracht werden. Die inländische Fettproduktion 
war deshalb sehr gering, so daß der Bedarf auf den Import 



Erster Beiielit. 

Amerik. 
Rohschmalz. 



150 II, Tierische Rohpro<lukte und P^abrikate. 

ausländischen Schmalzes angewiesen war. Der Schmalzkonsumt 
in den ersten sechs Monaten befriedigte. Die im Spätherbst. 
1911 auf Frühjahrslieferung getätigten Käufe brachten einen 
guteji Nutzen, während der ungedeckte Bedarf nur für die- 
allernächste Zeit Ankäufe vornahm. Obwohl die ständig 
steigenden Preise für Schweine auf dem Berliner Markt einen 
größerer Konsum in ausländisc'hem Schmalz erwarten ließen^ 
war der Berliner Schmalzhandel angesichts der großen und 
stark zunehmenden Weltvorräte an amerikanischem Schweine- 
söhmalz sehr zurückhaltend. Auch war das Interesse für mehr- 
monatliche Lieferungsabschlüsse durch das seitens der Ameri- 
kaner geforderte Aufgeld (zeitweilig bis % Mk'. für 50 kg)' 
sehr gering. Als im Juli und August die Fleischpreise, ins- 
besondere die Preise für Schweine, eine in Deutschland bisher 
nicht gekannte Höhe erreichten, erfuhr die Nachfrage in Schmalz; 
einen in den letzten Jahren nicht mehr gekannten Umfang. 
Aber auch in dieser Zeit wurden nur Abschlüsse bis spätestens. 
Ende Oktober getätigt, da auf der einen Seite die großen Welt- 
vorräie in Schmalz (im August 1912 452 000 Tieroes, welche^ 
gegenüber den früher gebräuchlichen Holzband-Tierces einen 
Mehrinhalt von etwa 10 o/o aufweisen, so daß der Weltvorrat 
in Wirklichkeit etwa 500 000 Tierces betrug), andererseits die 
in Deutschland und auch Amerika günstigen Ernteaussichten 
zur Vorsicht mahnten. Der große Schmalzkonsum des Berichte- 
jahres war lediglich auf die hohen Fleischpreise zurückzuführen. 
Größere Volksschichten mußten ihren Fleischverbrauch aufs: 
äußerste einschränken, und da der menschliche Körper instinktiv 
tierisches Fett für seine Ernährung fordert, waren sie zum 
Gebrauch von Schweineschmalz, dem verhältnismäßig billigsten 
tierischen Fett, gezwungen. Es ist bedauerlich, daß das große 
Publikum sich im allgemeinen von der Verwendung eines der 
gesu-üdheitlich besten tierischen Fette, Avie des Schweineschmalzes, 
zugunsten der Pflanzenfette abwendet. Die geschickte Reklame 
der Pflanzenfettfabrikation, welche auch die Vegetarianervereine 
fördern, hat den Konsum von Schweineschmalz im allgemeinea 
sehr stark beeinträchtigt. Solange das Publikum nicht über 
den Nährwert von Sch'weineschmalz und Pflanzenfett belehrt, 
wird, bleibt der Verbrauch von SchWeineschmalz von der je- 
weiligen Preisgestaltung abhängig. Wie groß der Bedarf aa 
Schweineschmalz war, ergibt die Abnahme der Weltvorräte von 
Schweineschmalz um etwa 91 000 Tierces im Monat September 
und etwa 80 000 Tierces im Monat Oktober. Im Einklang hiermit 
erreichten Mitte Oktober die Schmalz- und Schweinepreise ihren- 
höchsten Preisstand, und zwar notierten an der Chicagoer Börse 
Steam Lard 11,90 $, d, h. 60 Mk. für 50 kg erste Kosten,, 
cif Hamburg, und Schweine 9,35 $. Trotz des anhaltenden guten 
Bedarfs nahmen die Preise, welche seit Anfang* des Jahres. 



36. Handel mit Schmalz. 



151 



(für Steam Lard 45i/2 Mk. für 50 kg erste Kosten, cif Ham- 
burg) eine langsam aufwärtssteigende Richtung zeigten, von 
Mitte Oktober eine rückläufige Bewegiuig an. Am Jahresschluß 
war zu erwarten, daß die große Maisernte frühzeitig den AVert- 
stand von Schmalz ermäßigen werde. 

Blieb auch der Handel von großen Konjimkturverlusten 
verschont, so war trotz des im allgemeinen günstigen Bedarfs 
und stetige! Preisverhältnisse der Nutzen infolge einer scharfen 
Konkurrenz sehr gering und stand zum Aufwand von Kapital 
und zu den steigenden Betriebskosten sowie zum Konjunktur- 
risiko in keinem angemessenen Verhältnis. Die am deutschen 
Markt interessierten amerikanischen Packer haben während 
des ganzen Jahres für eine reichliche Beschickung der Plätze 
Hamburg und Berlin gesorgt. Da die Forderungen für Locoware 
den Preisen der auf Abladung angebotenen Partien gleich waren, 
wurden sie bevorzugt. Der selbständige Import durch den Ber- 
liner Handel wird durch diese Praxis immer geringer. Da- 
durch werden die Bestrebungen der nur scheinbar getrennt vor- 
gehenden großen Packer, welche die imabhängigen kleinen ameri- 
kanischen Packer von dem Export nach Deutschland auszu- 
schalten und hüben und drüben ihre Machtstellung zu er- 
weitern suchen, bedauerlicherweise unterstützt. 

Die Einfuhr von dänischem imd anderem skandinavischen 
Schmalz ist infolge der Ungleichmäßigkeit seiner Qualität be- 
schränkt, zeigte aber im Herbst des Berichtsjahres einen 
größeren Anteil als im Vorjahre. 

Das Geschäft in amerikanischem Tafelschmalz wird durch 
die Vertriebsorganisationen der amerikanischen Packer oder 
deren deutsche A'ertreter bereits zum großen Teil beherrscht. Der 
hiesige Handel ist auf den Kleinhandel zu äußerst gedrückten 
Preisen beschränkt. 

Wie Roh- und Tafelschmalz wurde auch Bratenschmalz 
wiihrend des ganzen Berichtsjahres lebhaft begehrt. Die hohen 
Preise für frisches Rückenfett und Liesen sowie die hohen 
Butterpreise zeitigten besonders im Herbst ein ungewöhnlich 
üToßes Geschäft. Aber auch in diesem Artikel ist der Eabri- 
kationsnutzen auf das äußerste beschränkt und steht zu den 
erhöhten Fabrikationskosten in einem starken Mißverhältnis. 

Lebende Schweine kosteten in Chicago Anfang Januar 1912 
5,80 bis 6,25 S, erreichten im Februar ihren niedrigsten Preis 
mit 5,55 bis (kIO $ imd erfuhren Mitte Oktober die höchste 
Notierung von 8,70 bis 9,35 $. Der Durchschnittswert der 
Schweine war etwa um 15 o/o höher als im Jahre 1911. Schmalz 
wurde an der Ohicagoer Börse Anfang Januar mit 9,12V2 $, 
d. h. mit 451/2 Mk. für 50 kg erste Kosten, cif Hamburg, 
notiert. Ende Februar erreichten die Schmalzpreise ihren dies- 
jährigen Tiefstand mit 9 $, d. h. 431,4 Mk. cif Hambui-g, 



Skaudi- 
DHvisches 
Schni.-ilz. 



Tafelschmalz. 



Bratenschmalz. 



Preise tur 

Schweine und 

Schmalz. 



152 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



malz- Tab. 
rate. 



Weltvorräte an amerikanischem Schmalz. 



Jahr 



Jan. 



Febr. 



März 



April 



1910 
1911 



110 9661114 641 136 243| 137 236 
124 934111 6531144 5461192 236 



Mai 



Juni 



Juli 



112 377|145 7501176 717 
214 3701271 2621361064 



Sept. 



Okt. 



{ N ov. { Dez^ 



176 3251 147 684|119 916 124 778 
393 6331328 076' 282 446 207 573 



1912 ,! 226 0001294 500|331 000{351 000|323 300J338 700J41 1 900 452 231:362 500|276 500|l96 000 

um dann langsam ansteigend Mitte Oktober den höchsten Stand 
mit 11,90 $, d. h. 60 Mk. für 50 kg cif Hamburg, zu er- 
reichen. Seit diesem Termin sanken sowohl die Preise für 
Schweine als auch die für Schmalz. Sie notierten am Jahres- 
schluß an der Chicagoer Börse für Schmalz, 9,65 § gleich 49 Mk. 
für i50 kg erste Kosten cif Hamburg und für Schweine ,7,2() 
bis 7,50 i 

Der Auftrieb von Schweinen in Amerika betrug an den 
westlichen Hauptplätzen während der Saison (November/Ok- 
tober) in den Jahren 



106 19' 
207 36( 

140 35( 



Aluerik. 
Schweine- 
Auftrieb. 



ZweiterBericLt. 
Gcsobäftbgang. 



1908/09 
21.362 



1^09|10 
16,616 



1910/11 
22,043 



1911/12 

26,575 (in 1000 Stück) 



Zweiter Bericht. 
Infolge der für Landwirtschaft und Viehzucht außerordent- 
lich ungünstigen Verhältnisse des Vorjahres erwartete der 
Schmalzhandel für das Berichtsjahr einen sehr lebhaften Ab- 
satz. Diese Erwartungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Ein- 
mal waren im Inlande reichlichere Vorräte aus deu forcierten 
Schlachtungen des Vorjahres vorhanden, als man angenommen 
hatte. Als diese dann geräumt waren, drückte die Glattstelliing 
der im Vorjahr getätigten MeiuUngskäufe vielfach auf den Markt. 
Als nämlich die Lieferungstermine für die im Sommer und Herbst 
des Vorjahres in großer Menge eiagegangenen Engagements heran- 
gekommen waren, hatten die Empfänger vielfach keine Ver- 
wcDdung für die .AVare und waren vielfach genötigt, dieselbe 
unter dem Tageswert auf den Markt zu werfen. Der Absatz im 
ersten Halbjahr übertraf unter diesen Umständen den des Voi- 
jahrs nicht erheblich. Die Preise gingen bis Ende Februar um 
etwa 3 Mk. für 50 kg zurück, um dann in den nächsten beiden 
Monaten um etwa 10 Mk. zu steigen. Diese Preisbewegung Avurdo 
allerdings weniger durch Aligebot und Nachfrage bestimmt, als 
durch die großen amerikanischen Packinghäuser, die sich die 
Kontrolle über den Markt verschafft hatten und nun keinen 
Preisrückgang zulassen koniiten, ohne selbst empfindliche Yin- 
luste an ihren teuer einstehenden großen Vorräten zu erleiden. 
Ihre Bemühungen sind auch im weiteren Verlaufe des Jahres 
erfolgreich gewesen. Während der Monate Mai bis Juli kamen 
Preisisenkungen bis zu 1,50 Mk. vor, die aber bis Mitte Oktober 
einer Auiwärtsbewegung der Preise um 8,50 Mk. Platz machen 
mußten. Im zweiten Halbjahre vei^tärkte sich der Bedarf erheb- 
licli, w(?nn auob <li(' i^-iite inländische^ ()l)sternte. nicht i>";inz ohito 



38. Margarine. 



153 



Jiimfluß blieb. Der Umsatz des ganzen Jahres überstieg den der 
früheren Jahre nicht unwesentlich. Die erzielten Preise ent- 
sprachen allerdings vielfach nicht den Umsätzen. Die Konkurrenz 
im Schmalzhandel hat vielfach Formen angenommen, die die Ren- 
tabilität des gesamten Schmalzhandels gefährden. Das Vordring-en 
der Amerikaner mit p.hren Offerten in die Provinz trug eben- 
falls znr Schmälerung des Handelsnutzens bei. Die außerordent- 
lich guten Futterernten des Berichtsjahres, besonders die große 
amerikanische Maisernte, ließen jbis zum Jahresschluß ein 
Interesse zum Kauf für Lieferung im Jahi'e 1913 noch nicht 
aufkommen, so daß Lieferungskontrakte nur in geringem Umfange 
ins neue Jahr hinü,bergenommen wurden. 

Die Einfuhr von Schweineschmalz vom Auslande betrug in 
den letzten Jahren: 

1910 583 879 dz 

1911 953 626 „ 

1912 1 061216 „ 

sie überstieg also im Berichtsjahre die des Vorjahres um reich- 
lich llo'o. 

37. Kunstspeisefett. 
Das Berichtsjahr mit seinen verhältnismäßig hohen Schmalz- 
preisen war für den Handel mit Kunstspeisefett im allgemeinen 
günstig. Der Bedarf war stark, wendete sich aber vorwiegend 
den billigen Sorten zu, für welche die Grestehungskosten wegen 
des andauernd hohen Preisstandes einiger Avichtiger Rohmaterialien 
ziemlich imgünstig lag. Die Konkurrenz in diesen Sorten hat sich 
von Jahr zu Jahr mehr verschärft und dazu beigetragen, den 
Verdienst immer weiter herunterzudrücken. Feinere Qualitäten 
haben anscheinend infolge der guten Beschäftigung der Industrie 
an Interesse verloren, da der Abstand in den Preisen dieser Sorten 
gegenüber denen von Naturschmalz natürlich erheblich kleiner 
ist als bei billigeren Sorten. Eiae weitere Erklärung für den 
Rückgang des Interesses für bessere Qualitäten liegt auch in 
der zunehmenden Konkurrenz voii Kokosnußbutter, Palmbutter 
und vielleicht auch Margarine. Das Kunstspeisefettgieschäft hat 
sieh außerdem insofern für den Fabrikanten schwieriger gestali^et, 
als die vermehrte Konkurrenz von Fabrikanten und Händlern 
zu allzu langfristigen Verkäufen geführt hat. Fabrikanten und 
Händler tragen hierdurch bei geringem Nutzen auch noch ein 
gefährliches Konjunkturrisiko. 

38. Margarine. 
Erster Bericht. 
Nach der wenig befriedigenden Entwicklung des Margarine- 
konsums im Vorjahre wurden für das Jahr 1912 allgemein 
günstigere Absatzverhältnisse erhofft. Daß diese Ei^vartung be- 



Einfuhr. 



Erster Bericlit^ 



Absatz. 



154 



II. Tierische Rohpr(xlukte und Fabrikate. 



h&Itnisse. 



rechtigt war, bewies der Verlauf des Geschäftes. Es wurden 
höhere Umsätze erzielt, wenn auch der Verbrauch nicht mehr 
so schnell zunahm, wie in einigen der vor auf gegangenen Jahre. 
Das Interesse der Margarinekonsumenten wandte sich von Monat 
zu Monat mehr den allerfeinsten Sorten zu, zum Teil allerdings 
auf Kosten der sogenannten Spezialmarken für 75 und 80 Pf.- 
V erkauf, teils auf Kosten der billigeren Qualitäten, welche mehr 
und mehr an Bedeutung für den Konsum verlieren. Weiter trug 
zu dieser Entwicklung die außerordentliche Vervollkommnung 
der feinsten Extraqualitäten bei, die anseheinend auch künt'tig 
den Markt beherrschen werden, sofern Naturbutter ihre hohen 
Preise behauptet. Die Butterpreise gingen trotz des im Berichts- 
jahre verhältnismäßig ruhigen Greschäftsganges von 145 Mk. 
Berliner Notiz zu Ende 1911 nur auf 136 Mk. zu Ende November 
1912 zurück, während zur gleichen Zeit des Jahres 1910 eine 
Notiz von 123 Mk. schon als recht hoch betrachtet wurde. Die 
hohen Schmalzpreise begünstigten den Margarinekonsum ebenfalls, 
andererseits wurde indes das Herbstgeschäft durch eine sehr 
reichliche Obsternte beeinträchtigt. 

Der Konkurrenzkampf in der Margarineindustrie hat immer 
schärfere Formen angenommen, die auch in der oft nicht melir 
einwandfreien Reklame mancher Werke zum Ausdruck kommen 
und geeignet sind, das Ansehen der Industrie herabzusetzen. 
Der heimliche AVarenhandel an Privatabnehmer blüht nach wie 
vor, sehr zum Schaden derjenigen Werke, w^elche allein das 
legitime Geschäft mit den Zwischenhändlern sowie der Bäcker- 
kundschaft pflegen. Wenn auch nicht offen, so doch unter 
anderer Flagge, und zwar durch hierfür begründete Gesell- 
schaften m. b. H., haben sich weitere Fabrikanten bewegen 
lassen, ihre Fabrikate an die Konsumenten direkt ab- 
zusetzen. Die Bemühungen, mit denen einsichtige Fabrikanten 
und in erster Linie die Vertreter des Detailhandels, die nam- 
haften Detaillistenverbände, Rabattsparvereine usw., dem Zugal)e- 
wesen entgegenwirken, sind im Interesse der Gesundung des 
Margarinegeschäfts sehr zu begrüßen. 

Im Versand von Margarine, die in ihren feinsten Qualitäten 
naturgemäß nicht frisch genug in den Verkehr' gebracht werden 
kann, haben sich im Herbst 1912 viele Unzuträglichkeiten lier- 
ausgestellt. Die Beförderungsdauer der Stückgüter war vielfach 
außerordentlich lang. Es wäre im allgemeinen Interesse wünschens- 
wert, wenn die Produkte der Margarineindustrie auch im Winter- 
halbjahr, -ebenso wie die Naturbutter, als Eilgut zum Stückgut- 
satze befördert würden. 

Die vom Reichsgesundheitsamt herausgegebenen Entwürfe 
zu Festsetzungen über Lebensmittel haben Beunruhigung in die 
Kreise der Nahrungsmittelindustrie getragen. Das in Aussicht 
genommene Verbot der Konservierung der Margarine mit Benzie- 



38, Maroarine. 



155 



säure würde einen schweren, kaum zu überwindenden Schlag 
für den Geschäftszweig bedeuten. Aber auch andere Bestimmungen 
sind bedenklich, teilweise unklar in der Fassung und so dehn- 
bar, daß sie geeignet sind, den Fortschritt gerade der ]\targarinc- 
industrie, die so häufig mit neuen Gesichtspunkten zu rechnen 
hat, zu hindern. Hoffentlich tragen die von den berufenen Ver- 
tretungen der Industrie und des Handels unternommenen Schritte 
dazu bei, daß die Festsetzungen einer gründlichen Umarbeitung 
im Sinne der Erfordernisse der Margarineindustrie unterzogen 
werden. Erforderlich ist es, daß den Festsetzungen keine Ge- 
setzeskraft zugesprochen wird, daß sie vielmehr, wie es in 
Oesterreieh-Ungarn der Fall ist, nur als technischer Behelf für 
den Richter gelten und für diesen ein verantwortlicher Sach- 
verständigen-Beirat geschaffen wird, zusammengesetzt hauptsäch- 
lich aus Vertretern der Nahrungsmittelindustrie. 

Die Rentabilität der Fabrikation war im Berichtsjahre 
anfangt genügend, doch setzte im Sommer in verschiedenen 
Rohstoffen eine Preissteigerung ein, die während einiger Monate 
kaum noeh einen Fabrikationsnutzen zuließ, zumal die ^'ertriebs- 
kosten auch im Berichtsjahre weiter stiegen. Anfang November 
nahmen führende Fabriken eine kleine Preiserhöhung vor. Alles 
in allem genommen, verlief das Jahr 1912 für die Margarine- 
industrie aber doch zufriedenstellend. 



Produktions- 
ko-ston, Preise. 



Zweiter Bericht. 

Her Absatz der Margarineindustrie war im Berichtsjahr 
sehr günstig. x411e Fabriken waren flott beschäftigt. Be- 
sonders die Trockenheit des Vorjahres und die Herstellung 
immer feinerer Qualitäten, besonders reine Pflanzenmargarine, 
beförderten den Absatz. Die Verkaufspreise waren gleichmäßig. 
Einzelne Fabriken haben die Preise bereits früher erhöhen 
müssen, während die maßgebenden größeren Fabriken erst im 
November dazu übergingen. Die Preise der Rohmaterialien sind 
starlv gestiegen. Amerikanische Fette waren besonders teuer, 
und wenn nicht die Pflanzenfette, die von der heimischen In- 
dustrie hergestellt wurden, in großer Menge vorhanden ge- 
wesen wären, würden die Margarinefabrikanten in eine schwie- 
rige Lage geraten sein. Der vergrößerte Umsatz, insbesondere 
der große Absatz von Pflanzenmargarine, haben die gefährdete 
Rentabilität des Geschäftszweigs gehoben. Trotzdem m(")gen 
einzelne Fabriken nicht so günstig abgeschnitten haben, als 
bei den großen Umsätzen zu erwarten wäre. Die Einfuhr von 
amerikanischem Schmalz hat gegenüber dem Vorjahre eine kleine 
Zunahme erfahren, doch blieben die Preise für Schmalz ziemlich 
stabil. Von der Margarineindustrie wurde die Konkurrenz des 
amerikanischen Schmalzes im Berichtsjahre nicht in der Schärfe, 
wie erf wohl früher der Fall war, empfunden. 



ZweiterBericht. 



156 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Dritter Bericht. 



Pflanzenfett- 
industrie. 



Dritter Bericht. 

Pflanzenfette hatten im Jahre 1912 einen günstigeren Markt 
wie im Vorjahre. Andauernd hohe Natur butterpreise und sehr 
hohe Notierungen für Schmalz riefen einen starken Verbrauch 
hervor. Zeitweise nahm das Geschäft in Pflanzenfetten einen 
ziemlich bedeutenden Umfang an, so namentlich im Herbst. 
Kokosnußbutter in geschmeidiger AVare fand als Schmalzersatz 
bei den hohen Schmalzpreisen wieder vielfach Interesse, hier 
und da auch gewürzte AVare, doch scheint es, daß die letztere 
auch bei sehr hohen Schmalzpreisen keine Aussicht mehr auf 
einen so flotten Absatz wie früher hat. Auch Pflanzenbutter-i 
Margarine behauptete ihren Platz am Markte, und wenn auch 
zugegeben w^erden muß, daß der Konsum heute die allerfeinsten 
Marken aus tierischen Fetten bevorzugt, so hat doch Pflanzen- 
margarine im Berichtsjahr an Beliebtheit nicht verloren. Der 
Ertrag der Pflanzenfettindustrie war im Berichtsjahr wieder 
etwas günstiger, wozu wohl auch die etwas gleichmäßigere Ent- 
wicklung des Eohmaterialmarktes beitrug. AVenn auch bei der 
Pflanzenfettfabrikation der Nutzen nach wie vor nur sehr gering 
war und es voraussichtlich auch bleiben wird, so war doch 
^venigstens wieder ein bescheidener Gewinn zu erzielen. Bei 
abgepfundeter Riegelware w^ar der Verdienst als befriedigend 
zu bezeichnen. Die Fabrikation von Palmbutter machte weitere 
Fortschritte, namentlich in feinsten, weiß ausfallenden Quali- 
täten. 

Die Preisbewegung <der Kokosöl- und der Paimkernöl- 
notierimgen im Berichtsjahre veranschaulicht die nachfolgende 
Tabelle: 



Tab. 70. Preise für Kokosöl und Palmkernöl (in Mark für 100 kg 

ausschl. Faß). 



1 


31.1. 


29. 2. !3l. 3. 1 3a 4. 1 31. 5. JSO. 6. {31. 7. !31. 8. 


30. 9. |31. 10. 


30. 11. 


31. 12. 


Kokosöl 
Palmkernöl 


1911 
1912 
1911 
1912 


76 

78 

7IV2 
70 


70 69 173 

77 80 I83V2 
b7V2!62V2:67V2 
70 72Vo;74V, 


76 

8IV2 
671/2 

711/0 


781/2 

8OV2 

73 

711/0 


781/2 861/2 
771/2I8OI/2 
731/28O 
71I2I74I0 


91 

82 
791/2 

76i/o 


90 
83 

791/2 
75 


81 
83 


79 
70 



Ausländischer 
Honisr. 



39. Honig. 

Das Geschäft in ausländischem Honig war im Jahre 1912 
sehr gut, mit Ausnahme der letzten zwei bis drei Monate, in 
denen infolge der politischen A^erhältnisse der Absatz, ebenso 
wie für alle anderen AVaren, etwas litt. In den Monaten Juli, 
Au^'ust und September war der Absatz besonders gut für Back- 
honig. Die Preise stellten sich zu Anfang des Jahres sehr iioch. 
um dann allmählich auf den normalen Stand zurückzugehen. Im 
August und September zogen die Preise abermals sehr rasch 
wieder an und erreichten dann, mindestens für die weitaus 



40. Käse. 



157 



meisten Sorten, einen höheren- Stand als zuvor. Gegen Ende 
Dezember gaben die Preise unter dem Druck der Angebote der 
neuen Ernte und der schwachen Nachfrage allmählich nach, so 
daß zu Beginn des Jahres 1913 auf weitere Rückgänge nicht 
mehr gerechnet wurde. 

In deutschem Heidehonig war im Berichtsjahre eine normale 
Ernte zu verzeichnen, "Wegen seiner besonderen Güte fand ler 
bei den Honigkuchenbäckereien und bei den Kunsthonigfabriken 
flotten Absatz. 

lAVie immer war zu Anfang des Jahres das Angebot von 
deutschem Schleuderhonig gering, zu Ende des Jahres aber ^^oirde 
von den Imkern dem Großhandel genügend Ware zu normalen 
Preisen angeboten, nachdem die Imker ihre Privatkundschaft ver- 
sorgt hatten. Es hat sich bei vielen Imkern die Unsitte ein- 
gebürgert, ihre .Ware zuerst der Privatkundschaft anzubieten 
und dann, wenn sie dieselbe nicht mehr loswerden können, dem 
Großhandel. Von letzterem fordern sie dann noch höhere Preise 
als von der Privat kundschaft. Auch kaufen größere Imker 
große Posten billigsten ausländischen Honigs und bieten dann 
diesen Honig als eigenes Produkt aus ihrer Imkerei an. Auf 
diese Weise können sie den ausländischen Honig bedeutend leichter 
als der Handel verkaufen, obschon letzterer 20 bis 30 Mk. für 
den Zentner billiger anbieten muß. Vielfach sind diese Imker 
Beamte, Lehrer, Geistliche usw., welche durch ihren Beruf Ver- 
bindungen mit Konsumvereinen, Beamtenvereinen usw. haben und 
durch diesen Handel Summen verdienen, die oft ihr Gehalt weit 
übersteigen. Dieser Nebenverdienst wird vielfach nicht ver- 
steuert. Die Regierung unterstützt solche Imker noch durch 
Lieferung von steuerfreiem Zucker zu Fütterungszwecken. Durch 
die Zuckerfütterung wird auch den Fälschern Tür und Tor ge- 
öffnet. Der Großhändler ist deshalb gezwungen, jede Honig- 
lieferung untersuchen zu lassen, um sich vor Bestrafungen zu 
schützen Durch die großen Kosten für Analysen usw. entgeht 
dem Großhandel ein großer Teil des Verdienstes, so daß der 
ganze Honiggroßhandel wenig rentabel ist. 



Deutscher 
Heidehonig. 



Deutscher 
Schleuder- 
honig. 



40. Käse. 

Erster Bericht. 

Die Viehseuchen und die außergewöhnliche Dürre des Vor- 
jahres haben den Viehbestand Deutschlands sehr reduziert und 
damit auch eine erhebliche Verminderung in der Produktion von 
Milch herbeigeführt. Hierunter hat auch die Käsefabrikation 
gelitten. Ganz besonders empfindlich wurden Schlesien und 
die süddeutschen Staaten betroffen. Zeitweise hörten im Be- 
richtsjahre die Zufuhren von den schlesischen Molkereien bei- 
nahe ganz auf. Der Käsehandel gestaltete sich im allgemeinen 



Erster Bericht. 
Allgemeines. 



158 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Westpr. 

,Schweizer- 

kase". 



Tilsitei. 



befriedigend, bis mit dem Eintritt des rednerischen und kühlen 
Sommers ein Rückgang des Konsums hauptsächlich in Schweizei- 
käsc fühlbar wurde. 
Emmenthaier. Im besonderen ist zu berichten, daß der Absatz in echtem 

Emmentaler gegenüber dem der Vorjahre erheblich zurück- 
geblieben ist. Der Grund liegt in den hohen Preisen und der 
ungünstigen Witterung*. Die neuen Abschlüsse mit der Schweiz 
stellten sich um 3 bis 5 Mk. für 100 kg niedriger; je nacli, 
Qualität wurden 190 bis 195 Mk. bezahlt. Bayerischer Emmen- 
taler pachte dem echten weiter Konku.rre,nz. Die Preise, die 
gegen 1911 wieder um etwa 5 o^ gestiegen waren, konnten sich 
nacli dem matten Sommergeschäft nicht behaupten. Am Schluß 
des Jahres betrug der Rückgang 8 bis 10 o/o ; die Forderungen 
lauteten 88 bis 90 Mk. für 50 kg franko Berlin gegen 95 bis 
100 Mk. im Jahre 1911. 

In westpreußischem Scliweizerkäse war die Preislage für 
den Detailverkauf günstig und das Geschäft befriedigend. Leider 
gab es wieder viel unzuverlässige Ware. Die Fabrikanten sollten 
sich ernsthaft um eine Besserung und Vervollkommnung ihrer 
Fabrikation bemühen. 

Vollfetter Tilsiterkäse fand das ganze Jahr hindurch guten 
Absatz. Zeitweise mangelte es an feiner abgelagerter Ware. 
Iiii Laufe des Jahres sind die Preise beständig gcstieg-en. Am 
Jahresschluß betrug die Preisdifferenz gegen Januar 3 bis 5 Mk.. 
je nach Alter und Qualität. Die letzte Notierung betrug 6H bis 
69 Mk. für 50 kg ab Käserei. In dreiviertel- und halbfetter Ware 
konnte der Konsum nicht befriedigt werden, weil die Nachfrage 
liierin trotz der hohen Preise größer als sonst war. 

Limburger und Romadour wurden besonders stark gehandelt, 
weil diese Sorten ein verhältnismäßig billiges Nahrungsmittel 
darstellen. Auch war die kühle und nasse Witterung dem Ab- 
satz günstig. Die Preise, die sich zu Anfang des Jahres für 
eine gute Durchschnittsware auf 40 Mk. stellten, stiegen bis 
zum Herbst auf 50 Mk., büßten aber bis Ende Dezember fast 
die ganze Erhöhung wieder ein. 
Bierkäse. Die. Konjunktur in diesen beiden Sorten, ebenso wie in 

AVeißlaker (sogen. Bierkäse), war hauptsächlich auf die hohen 
Fleischpreise zuinickzuführen. Außerdem blieben auch die hohen 
Forderungen für Milch, Verpackung und Löhne nicht ohne Ein- 
fluß auf die Preise. 
<3uadratkäse. Dio Zufulircu in Quadratkäsc genügten während des ganzen 

■ Jahre;ä nicht dem Bedarf. AVie schon angedeutet, hatte Schlesien, 
das diese Sorte vornehmlich liefert, eine auffallend geringe Milch- 
produktion. Dabei machte sich infolge des teuren Fleisches eine 
vermehrte Nachfrage für Quadratkäse als Volksnahrungsmittel 
geltend, wodurch die Preise eine außergewöhnliche Höhe er- 
reichten. Je nach Qualität wurden 30—38 Mk. für 50 kg frei 



Limbur^ei- 
Romadour. 



40. Käse. 



159 



Berlin bezaliit, was gegenüber dem Vorjahre eine Preiserhöhung 
von etwa 20 o/o bedeutet. Erst in der zweiten Hälfte des 
Dezember ließ der Absatz naoh, die Preise gingen schnell um 
etwa 15 ^/o zurück, und infolge einer VeiTingerung des Konsums 
und einer Vergrößerung der Produktion darf mit weiteren er- 
heblichen Preisnachlässen gerechnet werden. 

In Harzerkäse, der heute zum größten Teil in Schlesien 
und weniger im Harz selbst hergestellt wird, ferner in dem 
aus demselben Material hergestellten Spitz- und Faustkäse usw. 
hat der Konsum einen außergewöhnlichen Umfang angenommen. 
Der Grund hierfür liegt darin, daß diese Käsesorten sehr nahr- 
haft und wohlfeil sind. Trotz der großen Knappheit und des 
hohen Preises des Rohmaterials war der Preis des fertigen 
Produkts nur kleinen Schwankungen unterworfen. Das Geschäft 
war während des ganzen Jahres lebhaft, und auch für die 
nächsten Monate ist das Gleiche zu erwarten. 

Für Holländer oder echten Goudakäse war im Berichtsjahre 
mehr Interesse vorhanden als im Jahre 1911, und die Einfuhr 
dürfte weit größer gewesen sein. Die anlialtende Ivnappheit in 
Tilsiterkäse, der dem Holländer mit jedem Jalir größere Kon- 
kurrenz macht und der ihn teilweise ganz verdrängt hat, mag 
dafür der Grund sein. Das diesjährige Produkt entsprach allen 
Anforderungen; die Preise haben sich gegen das Vorjahr nur 
unwesentlich geändert. 

Erwähnt sei, daß bei dem Publikum infolge besserer Ijcbens- 
bedingungen auch eine allgemeine Verfeinerung des Geschmacks 
bemerkbar ist. Dem Rechnung tragend, nahm im Berichtsjahre 
wieder eine ganze Anzahl von Molkereien die Fabrikation von 
Weichkäsen nach französischer Art auf. Die Leistungen waren 
zum großen Teil als vorzüglich zu bezeichnen. Da aber Frank- 
reich, das bekanntlich nur feinere Sorten nach Deutschland 
liefert, mit drei Vierteln an der gesamten deutschen Einfulir 
von Weichkäse beteiligt ist, bleibt es der Fabrikation und dem 
Handel vorbehalten, weiter auf Verbesserung und Vervollkomm- 
nung des heimischen Produktes bedacht zu sein. 



Harzer. 



Holländer. 



Weichkäse 
nach franz. Art. 



Zweiter Bericht. 

Dei' Käsehandel litt im Berichtsjahre unter den Folgen der 
Dürre des Jahres 1911. Die Produktion war klein, und es mußten 
durchweg erhöhte Preise gezahlt werden. Die Preise des Jahres 
1912 waren die höchsten, die der Käsehandel seit Jahrzehnten 
gehabt hat. 

Die Umsätze in echtem Emmentaler Käse waren sehr klein; 
da die erhöhten Preise einen Detailausschnitt zu 1,20 Mk. für 
das Pfund unmöglich machten und das Berliner Publikum 



ZweiteiBericht. 



Allgemeines. 



Schweizer kSse. 



160 



IL Tierische Roliprodiikte und Fabrikate. 



Bayrischer 
Schweizer käse. 



Westpr. 
SchweizerkJlst 



Tilsiter. 



Holländer. 
Limburger. 



Romadour. 



Quadratkäse. 



nicht mehr bezahlen will. Die neuen Offerten für die Saison 
1912/13, welche im Herbste an den Markt kamen, waren um 
etwa 5 Mk. für 100 kg" billiger, doch konnte sich das Geschäft 
bei diesem kleinen Preisrückgang nicht beleben. 

Bayerischer Schweizerkäse wui'de zum 1, 20- Ausschnitt g^ern 
gekauft, und es waren zufriedenstellende Umsätze zu erzielen. 
In den Herbstmonaten ließ das Geschäft erheblich nach, so daß 
am Schlüsse des Jahres Preisrückgänge eintreten mußten. Diese 
genügten noch nicht, um , das Geschäft lebhafter zu gestalten^ 
da die Preise immer noch um ca. 10 o/o höher als im Jahre; 
1911 waren. 

Westpreußischer Schweizerkäse konnte bequem zum 1 Mk.r 
Detailausschnitt verkauft werden. Die Nachfrage war sehr rege, 
die Sommerproduktion von 1911 war bald verbraucht, und es 
wurde das neue Produkt von 1912 zu erhöhten Preisen willig 
gekauft. Die 1912er Produktion konnte bequem mit einer kleinen 
Preiserhöhung placiert werden. 

Tilsiterkäse war knapp und teuer. Im Anfang des Sommers 
trat ein kleiner Preisabschlag ein, doch wurden im Herbst die 
Preise wieder erheblich fester. Trotzdem war das Geschäft zu- 
friedenstellend, so daß am Schlüsse des Jahres keine g-roßen^ 
Läger vorhanden und die Aussichten für das neue Jahr günstig 
waren. Besonders zweite Sorten Tilsiter wurden lebhaft gefragt^ 
da die ersten Sorten zum 80 Pf.-Detailausschnitt nicht mehr 
zu verwenden waren. 

In Holländer Käse war der Umsatz infolge des Hohen 
Preises nur gering. Die Preise waren wenig verändert. 

Der Handel in Limburgerkäse gestaltete sich zufrieden- 
stellend. Die Nachfrage war stets rege, die Produktion war 
gering, so daß den Produzenten in der zweiten Hälfte des Jahres 
Preise bewilligt werden mußten, die um etwa 18 Mk. für 100 kg 
erhöht Rvaren. Die letzten Monate zeigten eine kleine Ab- 
schwäch ung. Der Preisgewinn ging wieder verloren, so daß sich 
der Preis am Schlüsse des Jahres mit dem Januarpreise ziem- 
lich deckte. 

Romadourkäse hatte im ganzen Jahre einen ziemlich gleich- 
mäßigen Preis. Nur in den Monaten Juli bis Oktober erhöhte 
sich derselbe um i^'.twa 10 Mk. für 100 kg. Für diese beliebte 
Sorte Käse war stets rege Nachfrage vorhanden, so daß die Pro- 
duzenten im Verhältnis zu den anderen Sorten Käse gerade für 
Romadour sehr günstige Preise erzielen konnten und die Pro- 
duktion aus diesem Grunde sehr lohnend gewesen sein muß. 

In Quadratkäse herrschte im ersten halben Jahr ein normales 
Geschäft, so daß sich nicht wie in früheren Jahren gi'oße Läger 
ansammeln konnten. Im Juli setzte eine erhebliche Hausse ein, 
die Preise stiegen sprungweise und zeigten in den Herbst- 



41. Eier. 



161 



mouaten gegenüber den Frühjahrsmonaten eine Erhöhung bis 
zu 100 O/b. Trotz dieser außerordentlich hohen Preise herrsdite 
mehrere Monate hindurch großer Warenmangel. Im Dezember 
kam das Geschäft wieder in gleichmäßige Bahnen, so daß die 
hohen Preise erheblich nachgaben. Die hohen Preise haben dem 
Artikel mehr geschadet als genützt; denn eia so schlechtes 
Dezembergeschäft mit stark zurückgehenden Preisen hatte der 
Handel seit Jahren nicht zu verzeichnen, ^vie im Dezember 1912. 

Quarkkäse, also die sogenanuten Harzer-, Faust-, Spitz- und 
Stangenkäse fanden mit Ausnahme der Sommermonate sehr guten 
Absatz. Die Fabrikanten konnten hohe Preise für das Roh- 
material, den Quark, anlegen. Besonders in den Herbstmonatcu 
war der Absatz sehr günstig, auch veränderte sich bis nach Weih- 
nachten die Situation nicht, so daß am Schlüsse des Jahres noch 
eine gute Nachfrage herrschte und Preisrückgänge deswegen noch 
nicht stattzufinden brauchten, wie sie in früheren Jahren ge- 
wöhnlich eingetreten waren. 

Weichkäse, nach französischer Art, in Deutschland her- 
gestellt, finden immer mehr und mehr Aufnahme. Man muß den 
Fabrikanten das Zeugnis ausstellen, daß sie -wirklich den franzö- 
sischen Weichkäse fast überflüssig gemacht haben und daß das 
deutsche Produkt dem französischen fast gleichwertig ist. Der 
Käse ist erheblich billiger als der französische Käse und dadurch 
für das mittlere Publikum schon ein Konsumartikel geworden, 
so daß mit Ausnahme der Sommermonate der Umsatz in diesem 
Artikel sehr flott war und zeitweise nicht alle Aufträge prompt 
ausgeführt werden konnten. 



Quarkkäse. 



Weichkäse 
nach franz. Art. 



41. Eier., 

Im Eierhandel waren die Ankünfte des Jahres 1912 fast 
genau so groß wie die des Vorjahres. Die Preise aller Gattungen 
lagen aber von Anfang bis zu Ende mit einziger Ausnahme der 
von vollfrischen ausländischen Eiern, die im Juni und Sep- 
tember niedriger notierten als 1911, in allen Monaten so er- 
heblich über dem Niveau des Vorjahres, daß sich der Jahres- 
durchschnittspreis aller Qualitäten auf 4,445 Mk., d. h. um 
54,5 Pf. für das Schock gegen 1911 erhöht imd damit eine 
noch nie dagewesene Höhe erreicht hat. 

Wie im Vorjahre gelangten vollfrische inländische Eier, 
weil die Mengen, welche an den Großhandelsmarkt k'amen, viel 
zu gering waren, überhaupt nicht zur Notiz. Dasselbe gilt 
aber auch von zweiten und abweichenden Sorten, die nur in 
gering-er Menge zugeführt wurden. Dieser Umstand deutet 
übrigens darauf hin, daß die Qualität der Ware im großen und 
ganzen gut und gesünder war als sonst. 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL .11 



Allsemeines. 



Inländische 
Eier. 



162 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Vollfiische aus 
iSxidisclie. 



Vollfrische ausländische Ware notierte 



Normale 
lusläutlische. 



Aussortierte 
kleine Eier. 



Konservierte 
Eier. 



Jan, 
5,40 



Juni 

3.81 



Juli 
3,861 



Aug. 

4,291 



Sept. 
4.475 



Okt. 
5,253 



im. 

Nov. 

5.712 



Der. 
5,806 M. 



bzw. gegen die korrespondierenden Monate des Vorjahres: 

(mit + ist eine Erhöhung-, mit — i'ine Vermiuderung ang'ezeig-t) 

— 98,6 +18,1 -f-17.2 —4,3 +7,6 +28,5 + 7,8 Pfg. 

Der Durchschnitts Jahrespreis hat sich demnach auf 4,835 gegen 
4,787 Mk. bzw. um 4,8 Pf. teurer gestellt als im Jahre 1911, 
wobei es bemerkenswert ist, daß die vollfrischen Eier in diesem 
Jahre im Mittel nur 42,3 Pf. teurer waren als diejenige Ware, 
welche als normale bezeichnet wird, während dieser Unterschied 
im Vorjahre mehr als das Doppelte, und zwar 85,7 Pf., betrug. 
Es ist dies zweifellos darauf zurückzuführen, daß die Preise 
der letztangeführten, die Grundlage des Handels darstellenden 
Qualität schon an und für sich ganz außergewöhnlich hoch 
waren. 

Die Durchschnittsnotierungen für südrussische, bessere und 
•geringere galizische, ungarische und ähnliche Qualitäten waren 
die folgenden: 

Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. 
5,289 6,039 3,95 3,725 3,471 3,494 3,633 4,042 4,234 4,694 5,18 5,188 M. 

bzw. gegen die korrespondierenden Monate des Vorjahres 
höher (+) oder geringer ( — ): 

Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. 
+74,3 +123,1 +24,8 +42,3 +17,7 +20 +26,5 +0,7 +17.2 +45 +75,4 Pfg. 

Diese fortlaufende Kette von Preiserhöhungen hat den Jahres- 
durchschnittspreis um 47,1 Pf gegen den des Vorjahres ge- 
steigert und auf 4,412 Mk. für das Schock gebracht, was als ein 
ganz außergewöhnlich hoher Preis bezeichnet werden muß. Der 
Bewegung der Preise für Eier von normaler Größe entsprechen 
auch diejenigen für aussortierte kleine und dergleichen Sorten. 
Diese stellten sich im 

Jan. Febr. März April Mai Juni Juli Aug-. Sept. Okt. Nov. Dez. 

3,839 4,946 3,453 3,239 3,157 3,022 3,144 3,664 3,799 4,008 4,109 4,141 M. 

bzw. im Vergleich zu den entsprechenden Monaten des Vor- 
jahres höher (+) oder niedriger ( — ): 

JaTi. Feljr, März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez. 

+74,5 -f84,6 —0,2 +28,5 -M4,5 +19,1 -M5,3 +33,4 +30,6 +48,6 +71,2 +78,4 Pfg. 

Der Jahresdurchschnittspreis dieser Qualität betrug 3,71 Mk. 
bzw. 41,6 Pf. mehr als im Vorjahr. 

Die konservierten Vorräte, welche aus dem Vorjahr über- 
nommen wurden, waren gering. Die Kühlhausbestände wurden 
bereits im Januar mit 4,905 Mk., d. h. 71,8 Pf. mehr als im 
Vorjahre, geräumt, ebenso die Kalkeiervorräte im Januar und 
Februar, im Januar mit 3,994 Mk., d. h'. 16 Pf. mehr als 
1911, und im Februar, in welchem im Vorjahre gar keine 



41. Eier. 



163 



Xalkbestände mehr vorhanden waren, zu dem sehr hohen Preise 
Ton 4,825 Mk. 

Infolge dieser außergewöhnlich günstigen Eesultate wurden 
im Berichtsjahre wieder sehr ansehnliche Mengen von Kühlhaus- 
und Kalkeiern gelagert. Erstere wurden im November mit 
durchschnittlich 4,791 Mk. und im Dezember mit 4,837 Mb., 
d. h. 69,1 bzw. 66,6 Pf. höher als in den entsprechenden Mo- 
naten des Vorjahres, verkauft. Kalkeier erbrachten im Oktober 
4,312, im November 4,446 und im Dezember 4,537 Mk., d. h. 
58,2 bzw. 81,3 und 107^7 Pf. mehr als im Jahre 1911. Diese 
hohen Preise konnten jedoch eine ganze Anzahl von Besitzern 
konservierter Vorräte noch immer nicht zur Hergabe ihres ge- 
samten Bestandes bewegen, so daß nennenswerte Mengen von 
Kühlhaus- und Kalkeiern für das neue Jahr übrig geblieben 
sind, deren Unterbringung auf ziemliche Schwierigkeiten stieß, 
weil die Produktion neuer Ware ziemlich frühzeitig in aus- 
reichender Menge einsetzte. Wie in früheren Jahren gelangte 
übrigens auch im Berichtsjahre nur ein geringer Teil der Kühl- 
liauseier verkaufe zur amtlichen Notierung, während das Gros 
-der AVaren zu Pauschalquantumspreisen für die Kiste ab Kühl- 
Jiauslager gehandelt wurden. Diese Pauschalpreise bewegten sich 
jedoch annähernd auf dem Stande der amtlich notierten. 

Die Verdienste, welche der Handel erzielte, standen im Be- 
richtsjahre in keinem Verhältnis zur Höhe des Umsatzes, bzw. 
.zum Werte der Ware. Der letztere war zum Teil eine Folge 
■des Krieges auf dem Balkan. Zwar sind die direkten Bezüge 
Berlins von dei Balkanländem schon seit Jahren nicht mehr 
sehr bedeutend, aber die Gregenden, die regelmäßig aus den 
Balkanstaaten zu beziehen pflegen, wie insbesondere Süddeutsch- 
land und die Schweiz, sahen sich genötigt, sich denjenigen 
Produktionsländem als Bezugsquellen zuzuwenden, von welchen 
Berlii) in erster Eeihe zu beziehen pflegt, und verursachten da- 
durch in Südrußland, Galizien und Ungarn eine starke Preis- 
treiberei. So waren die Einkaufspreise außerordentlich hoch und 
boten ein großes Kisiko. Diesem suchten nun die Importeure 
dadurch zu begegnen, daß sie die AVare mit bescheidenem Nutzen 
schnell wieder losschlugen, und die Zwischenhändler gaben 
wiederum vielfach bei ihrer Kundschaft die Ware zu den oder 
gar noch unter den Einkaufspreisen ab, um sich den Absatz 
zu erhalten. Auf diese Weise ist von der letzteren Händler- 
kategorie sogar leider manche Existenz zugrunde gegangen. Im 
großen und ganzen kann das Jahr 1912 deshalb als kein erfreu- 
liches für den Eierhandel bezeichnet werden. 

Auf den in Berlin mündenden Bahnen wurden im Jahre 
1912 42 836 981 kg gleich 11418 589 Schock, d. h. 104 Schock 
mehr als 1911 eingeführt. Der Wert der Einfuhr stellt sich, 
zum Gesamtdurchschnittspreise aller amtlich notierten Sorten be- 
ll* 



Lage des Eier- 
handels. 
Wirkungen des 
Balkankriegs. 



Bahnzufuhr 
und Ausfuhr. 



164 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Berlins 
Konsum. 



rechnet, welcher, wie bereits erwähnt, 4,445 Mk. gegen 3,90 Mk. 
im Vorjahre war, auf 50 755 628 Mk., d. h. auf 6 223 537 Mk. 
mehr als 1911. Mit dieser Summe wurde eine noch nie erreichte 
Rekordziffer erzielt. Ausgeführt wurden durch die Eisenbahnen 
3 285 647 kg gleich 876173 Schock, bzw. 101250 weniger als 
1911. Der Ausgang richtete sich fast ausschließlich wieder nach 
Provinzialplätzen. 

Der Verbrauch Groß-BerliQS selbst betrug 39 531 324 kg 
gleich 10 542 416 Schock, bzw. 101 354 Schock mehr als im Vor- 
jahre, und stellte zum Jahresdurchschjiittspreise von 4,445 Mk. 
einen (Wert von 46 861039 Mk. gegen 40 720141 Mk. im Vor- 
jahr dar, stieg also um 6 140 898 Mk. 

Die wichtigsten Ziffern der Statistik des Berliner Eisr- 
handels enthalten die folgenden Tabellen über Preise, Zufuhr, 
Ausfuhr und Konsum Berlins. 



Tab. 71. 



Durchschnittspreise für frische, d. h. nicht konservierte Eier von normaler G-röße 
im. Berliner Großhandel (in Pfennig für ein Schock). 



Jfthr 


Januar 


Febr. 


März 


April Mai 


Juni 


Juli August 


Sept. 1 Oktob. 


Nov. 


Dez. 


Jahi 
Durdi 


1908 


464.4 


381.6 


329.4 


331.6 316.3 


308.1 


344.7 


347.5 


360.9 


423.9 


471.4 512.8 1 


382 


1909 


531.7 


518.8 


414.8 


372.9 317.6 


337.0 


337.4 


339.4 


372.2 


401.0 


468.5 462.2 i 


393 


1910 


357.3 


367.0 


337.9 


307.1 304.3 


315.6 


323.8 


330.5 


399.0 


454.6 


472.3 456.6 1 


368 


1911 


454.6 


480.8 


370.2 330.2 j 329.4 


329.4 


336.8 


379.2 


406.2 


424.4 


432.3 i 455.8 | 


394 


1912 


528.9 


603.9 


395.0 


372.5 1 347.1 


349.4 


363.3 


404.2 


423.4 


469,4 


518.0 


518.8 i 


441 



Tab. 72 


Berlins Einfuhr, Ausfuhr und Konsum von Eiern in 
Jahren 1908—1912. 


den 


Jahr 


Einfuhr 
Schock 


Ausfuhr 
Schock 


Konsum 
Schock 


Durch- 
schnitts- 
preis 
Mark 


Wert der 
Einfuhr. 

Mark 


Wert des 
Konsums 

Mark 


1908 
1909 
1910 
1911 
1912 


10 558 911 

11 146 152 

11 143 117 
11418 485 
11418 589 


715 608 
643 130 
779 835 
977 423 

826 173 


9 843 303 
10 503 022 
10 463 282 
10 441 062 
10 542 416 


3,827 
3,938 
3,682 
3,900 
4,445 


40 408 952 

43 893 546 
41397 157 i 

44 532 091 ! 
50 755 628 ; 


37 670 339 
41 360 900 

38 525 805 
40 720 141 
46 861 039 



Erster Bericht. 

Schweine- 
preise. 



42. Speck. 
Erster Bericht. 

Im Gegensatz zum Jahre 1911, in welchem am Berliner Vieh- 
hof zum großen Teil sehr gut gemästete Schweine aufgetriebeil 
wurden, stand das Jahr 1912 vollständig unter dem Einfluß 
geringer Puttervorräte. Zwar waren die Auftriebe am Berliner 
Viehhof der Stückzahl nach bedeutend^), doch bestand der größere 
Teil aus unreifen Schweinen, so daß das Fleisch- und Fett- 
angebot nicht dem Bedarf genügte. Das Geschäft in frischem 
Fleisch und Fett, sowohl das für den Berliner Markt als auch 
das für den erheblichen Versand über ganz Deutschland, war 



1) Vgl. oben Tabelle S. 187. 



42. Speck. 



165 



wäJirend des ganzen Jahres sehr lebhaft, und selbst R^kord- 
Schweineauf triebe von etwa 24000 Stück (22. Mai 1912) fanden 
leicht Absatz. Lebende Schweine kosteten am Berliner Vieh- 
hof zTi Anfang des Jahres je nach Qualität 60 — 63 Mk. für 100 
Pfund Schlachtgewicht. Die Preise stiegen fortgesetzt bis Mitte 
September, wo gewöhnliche Schweine 85 — 89 Mk. notierten, 
während für Speckschweine bis zu 93 Mk. für 100 Pfund Schlacht- 
gewicht bezahlt wurden. Von Mitte September bis Mitte November 
schwankten die Schweinep reise zwischen 82 und 86 Mk., während 
Speckschweine immer mit 2 — 3 Mk. über der Höchstnotiz 
bezahlt wurden. 

Die rege Nachfrage nach frischem Fleisch und Pett 
zwang die Speckfabrikation zur Bewilligung hoher Preise 
für frisches Bückenfett und Bäuche, so daß die Selbstkosten für 
gesalzene Bücken und Bäuche weit höher waren als die der- 
zeitigen Verkaufspreise für fertigen Speck. Das Jahr 1911 hinter- 
ließ große Bestände in Bauch- und Bückenspeck, und da die Nach- 
frage in den ersten Monaten sehr gering blieb, wurden die Vor^ 
rate zu sehr gedrückten Preisen abgestoßen. Auch in neuer 
Salzung war die Nachfrage ungewöhnlich klein, und da die Ein- 
standspreise für Rohware hoch waren (die Offerten für gesalzene 
10/15er Bäuche betrugen etwa 57 Mk., die für gesalzene 18/24er 
Bücken etwa 60 Mk.), wurden nur vereinzelte Abschlüsse für 
Lieferung im Frühjahr getätigt. Aber obwohl auch nicht an-: 
nähernd die gleiche bedeutemde Menge wie im Vorjahr gesalzen 
wurde, so blieben die Läger infolge der geringen Nachfrage bis 
in den Juli hinein sehr bedeutend. Deshalb blieben auch die 
Offerten für gesalzene Bäuche mit etwa 57 — 60 Mk. gegenüber 
dem Anschaffungspreis sehr niedrig. Zu diesen Preisen wurden 
größere Quantitäten in Bauchspeck für die Monate Juli/August 
begeben. Anfang März offerierte Amerika gesalzenen Bücken- 
speck (Short fat backs), zum Preise von 45 Mk., d. h. 67 Mk. 
verzollt franko Hamburg. Zu diesen Preisen wurden Käufe ge- 
tätigt, wodurch deutsche Bücken, welche in Stärke und Schnitt 
mit der amerikanischen Ware nicht konkurrieren können, ver- 
nachlässigt wurden. 

Von Ende Juli ab veränderte sich aber die Lage des Speck- 
handels vollkommen. Die Vorräte in deutschem Bauch- und 
Bückenspeck waren infolge des starken Bedarfs in frischem' 
Fleisch überall unbedeutend, und da amerikanischer Bückenspeck 
(Short fat backs) auch' nur wenig importiert worden war, konnten 
die deutschen Bestände der dringenden Nachfrage nicht ge- 
nügen. Die Preise für beide Sorten schnellten in die Höhe; 
gesalzener Speck wurde mit 90 bis 92 Mk: für den Zentner 
bezahlt. Als die Vorräte Mitte Oktober vollständig geräumt 
waren imd die Nachfrage unvermindert anhielt, wurde trotz 
der hohen Preise für frische Bäuche und Bücken (84 bis 85 Mk'. 



Speckmarkt 

Erstes 
Halbjahr. 



Zweites 
Halbjahr. 



166 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



für Bäuche, 85 bis 90 Mk. für Rücken) flott gesalzen. Die 
Nachfrage nach sämtlichen Sorten Speck hielt in den letzten 
Monaten des Berichtsjahres trotz der hohen Preise unverändert an. 
Ergebnisse. Mit Ausnahme der geringen freien Vorräte, deren Verkauf 

einen geringen Nutzen ergab, ist die selten dagewesene Kon- 
junktui- den Salzern nicht zustatten gekommen. Einesteils 
wurden im Januar auf März/Juni getätigte Vorverkäufe teuer 
eingedeckt, die vorhandenen Vorräte aber für Juli/September- 
Lieferung mit geringem Gewinn abgestoßen. Und selbst im 
Oktober wurden Verkäufe für die nächstliegende Zeit in der 
Hoffnung eines plötzlichen UmschAVunges der hohen Preise unter 
Kostenpreis mit Verlust abgeschlossen. Die seitens der Regierung 
getroffenen Maßnahmen zur Ermäßigung der Vieh-, insbesondere 
Schweinepreise blieben fast ohne Erfolg. Einen Erfolg ver- 
spricht nur die Aufhebung des § 12 des Fleischbeschaugesetzes 
und die Ermäßigung der Zölle für frisches und gesalzenes* 
Fleisch. Daß der Konsum die hohen Fleisch- und Speckpreise 
bezahlen konnte, ist lediglich auf die glänzende industrielle 
Konjunktiu" zurückzuführen, an welcher der Industriearbeiter 
teilgenommen hat, während die kleinen Beamten und der Mittel- 
stand den Fleischkonsum über das zur Ernährung nötige Maß 
beschränken mußten. 

JweiterBericht. Zweiter Bericht. 

Die starken Einschiachtungen des Vorjahres, die wegen der 
Futtermittelknappheit und aus Furcht vor der Maul- und 
Klauenseuche erfolgten, hatten zur Ansammlung reichlicher 
Speckvorräte geführt. Unter dem Drucke dieser Vorräte war der 
Absatz im ersten Halbjahr unbefriedigend, um nach Erschöpfung 
dieser Bestände im zweiten Halbjahr einem lebhaften Bedarf e 
Platz zu machen, dem die Versorgung bei weitem nicht ge- 
wachsen war. In Uebereinstimmung mit den auf eine vorher 
nicht gekannte Höhe gestiegenen Schweinepreisen mußten für 
Speck Preise bezahlt werden, die den Wiederverkauf ern viel- 
fach das Interesse an dem Artikel nahmen. Die von der Regie- 
rung infolge der drückend hohen Fettpreise zugestandenen Ein- 
fuhrerleichterungen und Zollermäßigungen für frisches Fleisch 
blieben auf die Speckpreise fast ohne Einfluß. 

Seit langen Jahren zum erstenmal rentierte sich auch wieder 
der Bezug amerikanischen Specks trotz der außerordentlich hohen 
Belastung mit Zoll und Untersuchungskosten, die etwa 40 Mk. 
für 100 kg beträgt. 

43. Därme. 

Allgeraeines. Im Gegensatz zum Vorjahre war die Geschäftslage im 

Handel mit Därmen nicht ganz befriedigend. Durch die Dürre 

des Jahres 1911 und den dadurch verursachten Futtermangel 

wurden die Viehbestände auf das äußerste Maß zurückgeführt. 



43. Därme. 



167 



so daß eine große Knappheit an Schlachtvieh eintrat und die 
Fleischpreise eine bisher unerreichte Höhe aufwiesen. Der Darm- 
handel ist von der Wurstfabrikation abhängig. Die Wurst- 
fabrikation ist jedoch nur dann lohnend, wenn die Preise für 
das Rohmaterial sich in mäßiger Höhe bewegen; denn die Fabri- 
kanten können nicht mit dem jedesmaligen Anziehen oder Nach- 
lassen der Fleischpreise die Verkaufspreise für Wurst erhöhen 
oder ermäßigen, da diese im allgemeinen feststehend sind. Als 
zum Herbst endlich die Wurstfabrikanten unter dem zwingenden 
Druck der Verhältnisse die Verkaufspreise ihrer Erzeugnisse 
erhöhten, war der Schaden nicht mehr einzuholen. Viele Wurst- 
fabriken und Ladenschlächter hatten ihre Zahlungen einstellen 
müssen. Unter ihren Gläubigern war der Darmhandel stark ver- 
treten. Ueberdies schränkten die AVurstfabrikanten ihre Betriebe 
sehr ein, so daß der Absatz an Därmen im Inlande keineswegs 
so lebhaft wie im Vorjahre war. Dies gilt insbesondere für die 
zur Dauerwurst benötigten Därme, denn die Herstellung solcher 
Wurst erweist sich für die Fabrikanten immer mehr als un- 
lohnend. Wenn sich trotzdem die Preise für fast alle Darm- 
sorten behaupten konnten, so lag es daran, daß Amerika die 
Preise bis zum Jahresschluß hochhielt; indessen machten sich 
zu dieser Zeit Anzeichen geltend, welche auf ein Nachgeben der 
amerikanischen Notierungen schließen ließen. Bevorzugt wurden 
bei fast allen Arten die engen Sorten, weil sie für den Fleisch- 
händler beim Kleinverkauf von AVurst vorteilhafter sind. 

In gesalzenen Mitteldärmen nordamerikanischer Herkunft 
machte die Hausse des Vorjahres während des Frühjahres und 
Sommers weitere Fortschritte, indessen wurde der Verbrauch 
infolge der sehr hohen Preise eingeschränkt, und der Absatz 
war schleppend, was seit Jahren in diesem Artikel nicht der 
Fall war. Die Preise für südamerikanische Mitteldärme und 
andere Provenienzen waren unverändert, weswegen sie der nord- 
amerikanischen Ware vorgezogen wurden. Der Handel mit Kranz- 
därmen aller Art war befriedigend; nach enger und schwach- 
mittelweiter Spartierung herrschte rege Nachfrage. Einderbutten 
aller Sortierungen waren recht begehrt, weil Amerika und Ruß- 
land diesen Artikel wegen des eigenen Konsums nur in kleinen 
Mengen exportierten. Die Preise zogen daher weiter an. Wälirend 
man in früheren Jahren weite Butten bevorzugte, waren in 
diesem Jahre enge und mittelweite Sorten gleichfalls sehr ge- 
fragt. Goldschlägerhäutchen fanden in frischer, großer Ware stets 
Absatz ; die Preise zogen auch hier wesentlich an, weil die 
Verwendung dieses Artikels sehr vielseitig geworden ist. 

In gekratzten Schweinedärmen haben sich zwar die hohen 
Preise des Vorjahres im allgemeinen behauptet. Die Nachfrage 
war indessen nicht mehr so groß. In chinesischer Ware, die 
sonst bevorzugt wird, häuften sich zum Jahresschluß die An- 



Gesalzene 
Rinderdärme. 



Schweine- 
därme. 



168 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Schafdävme. 



Trockene 
Kinderdärme. 



Schlünde und 
Blasen. 



Kälbermagen. 



Pause 
und Schwarten. 



Lebern. 



Ein- 
und Ausfuhi 



geböte, so daß die Preise dafür etwas nachgeben mußten. Für 
amerikanische Pfundschweinsdärme blieben die Preise unverändert. 
Schweinedärme mit Fett konnten sich im Preise behaupten, da- 
gegen mußten Schweinedärme mit Bändel gleichfalls zum Jahres- 
schluß im Preise nachgeben. Auch in Fettenden und Krause- 
därmen war das Geschäft schleppend. 

Von sortierten Saitlingen herrschte im Gegensatz zu früheren 
Jahren rege Nachfrage nach enger und schwachmittelweiter Ware, 
während die gewöhnliche weite Ware nicht im gleichen Maße 
gefordert wurde. Da die Metzger die Preise für die warmen 
Würstchen wegen der örtlichen Einheitspreise nicht erhöhen 
können, so sahen sie sich durch die hohen Fleisehpreise genötigt, 
die Würstchen in engere Därme zu füllen. Demzufolge fanden 
engere Original-Saitlinge im Großhandel guten Absatz, die Preise 
blieben indessen im allgemeinen unverändert, da das Angebot 
genügend groß war. Hammelkappen sowie Hammelbutten waren 
auch im Berichtsjahre gesucht, namentlich in weiter Ware, da 
sie als Ersatz für kleine Rinderbutten gern verwendet wurden. 

Die Preissteigerung für trockene Kranzdärme hielt auch im 
Berichtsjahre an. Während sonst weite Sortierungen reichlich 
am Markte waren, herrschte im Berichtsjahre in allen Weiten 
große Knappheit, so daß alle Preise weiter anziehen konnten. 
Diese Knappheit wurde auch dadurch hervorgerufen, daß die 
Zufuhren aus den Balkanländern, welche allerdings zum größten 
Teil von ungarischen Darmhändlern bezogen werden, am Welt- 
markte fehlten. Auch trockene Rinderbutten wiesen noch weitere 
Preissteigerungen auf, und die Nachfrage war sehr rege. Das 
Geschäft in trockenen Mitteldärmen, welche nur in einzelnen 
Gegenden Deutschlands gefordert werden, lag unverändert, ledig- 
lich weite Ware wurde gewünscht, engere Sorten waren fast un- 
verkäuflich. 

Schlünde von blankem Aussehen waren gesucht, ebenso Rinds- 
blasen, welche leider immer weniger auf den deutschen Markt 
kommen. In Kalbs- und Schweineblasen war die Geschäftslage 
unverändert. 

In Kälbermagen blieben die Preise behauptet, eine Ver- 
änderung der Marktlage ist nicht eingetreten. 

Pansen und Schwarten waren im Herbst äußerst knapp ; die 
gezahlten Preise standen in keinem Verhältnis zum Werte der 
Ware. 

Die Knappheit in Lebern war im Herbst wiederum 
sehr groß. 

Die Gesamteinfuhr hat sich gegen das Vorjahr zwar um 
etwa 2 o/o gehoben, wobei der Hauptanteil auf Argentinien ent- 
fällt, indessen ist die Einfuhr aus Großbritannien, Rußland und 
Nordamerika zurückgegangen. Die Ausfuhr ist um 20 o/o ge- 
stiegen, eine sehr erfreuliche Tatsache, welche beweist, wie be- 



44. Fische und Schaltiere. 



169 



deutend der deutsche Markt für den Welthandel in Därmen 
geworden ist. 

Die Wirkungen des Balkankrieges machten sich auf dem 
deutschen Markt nur wenig fühlbar, weil die Ware aus den 
kriegführenden Ländern zumeist nach Oesterreich ging. Erfreu- 
lich ist es, daß die Aeltesten der Kaufmannschaft die Staats- 
regierung um Zulassung der Einfuhr von Schweinemagen und 
um eine Abänderung der Vorschriften des Viehseuchengesetze« 
über Beibringung von Gesundheitsattesten beim Auslandsversand 
von Därmen ersucht haben. Es ist zu erwarten, daß den be- 
rechtigten Wünschen des Darmhandels Rechnung getragen wird. 
Dagegen hat die im Reichstage angenommene Resolution der 
Abgeordneten Ablaß und Gren., nach der auch selbständige, leiöht 
zu untersuchende Organe, wie Lebern und Zungen, gleich Schinken, 
Speck und Därmen, von den Bestimmungen des § 12, 2 des 
Fleischbeschaugesetzes ausgenommen werden sollen, noch keine 
praktischen Folgen gehabt. 



Verschiedenes. 



44. Fis ch e un d S ch al tier e. 
a) Frische Fische. 

Das Berichtsjahr zeigte für den Fischhandel im allgemeinen 
ein von dem Vorjahr wenig abweichendes Bild. Die Witterung 
war weder für die Flußfischerei noch für die Fischzucht günstig 
und wirkte auch auf den Fischhandel durch teilweise außer- 
ordentlich hohe, teilweise vorzeitig niedrige Preise ungünstig ein. 
Die beiden ersten Kalendermonate zeichneten sich durch große 
Kälte aus, welche die Fischerei lahmlegte und für den Handel 
bei ungenügender Zufuhr hohe Einkaufspreise zeitigte. Die Früh- 
jaJirsmonate brachten infolge des häufig wechselnden uud viel- 
fach stürmischen Wetters nur vorübergehend stärkere Zufuhren, 
so daß im i^ai, als eine regere Nachfrage einsetzte, für alle 
Fischsorten außerordentlich hohe Preise gezahlt werden mußten. 
Der Sommer entsprach ebenfalls nicht den Erwartungen, da nach 
wenigen warmen Wochen eine recht kühle E/egenperiode eintrat. 
Der Rückschlag auf die Fischerei war unausbleiblich und machte 
sich ganz besonders in einem vorzeitigen andauernden Preis- 
abschläge für Aale geltend. Die auf einen warmen September und 
Oktober gesetzte Hoffnung der Fischzüchter wurde stark ent- 
täuscht. Die Teichfische verschmähten audh in diesen Monaten 
die Futterannahme, und der erhoffte Zuwachs blieb demzufolge 
aus. Furcht vor einem frühzeitigen, außerordentlich kalten Wintert, 
die sich später als unbegründet erwies, hatte leider zu frühe 
Abfischungen und den Bedarf zeitweise bei weitem übersteigend© 
Zufuhren zur Folge. 

Diese Witterungsverhältnisse und ihre Einflüsse auf Fang 
imd Produktion spiegeln sich in der allgemeinen Preislage wieder. 



Frische Fische. 



Witterungs- 
einflüsse. 



Allgemeine 
Ergebnisse, 



170 



II. Tierische Rollprodukte und Fabrikate. 



Der Handel arbeitete speziell bei Süßwasserfischen mit hohen 
Einkaufspreisen und einem unverhältnismäßig kleinen Nutzen. 
Auch der Seefischmarkt verzeichnete fast während des ganzen 
JaJires hohe Einkaufspreise und einen mäßigen Verdienst beim 
Wiederverkauf, was sich allerdings infolge eines größeren und 
flotteren Umsatzes weniger fülilbar machte. Die bereits in dem 
Vorberichte erwähnten sogenannten städtischen Seefischmärkte| 
bestanden mit gleichem Erfolge auch 1912 in Berlin und seinen 
Vororten fort, wurden sogar teilweise Weiter ausgedehnt. — Ueber 
die Markt- und Preislage einzelner Fischarten ist im besondere^ 
folgendes zu sagen: 
Aale. Die Aalpreise waren bei Beginn der Saison infolge der kühlen 

Witterung im allgemeinen gedrückt, während in den Voiinonaten 
starke Aale, wie meist zu dieser Zeit, hoch bezahlt wurden. 
Weiterhin behielten Aale eine gute Mittelpreislage, besonders waren 
im Mai Mittelaale stark begehrt. Das Anfang August einsetzende 
kühle Eegenwetter brachte, wie bereits kurz bemerkt, einen früh- 
zeitigen Preisabschlag im Aalgeschäft. In den Herbst- und Winter- 
monaten kamen kleinere und mittlere Aale verhältnismäßig reich- 
lich an den Markt, wurden aber bei flottem Geschäft zu guten 
Mittelpreisen gehandelt. 
Hechte. Hechte, für welche wiederum auch in der Laichperiode in- 

folge des kühlen Wetters kein nennenswerter Preissturz zu ver- 
zeichnen war, hielten durchweg gute Preise und wurden in der 
ersten Hälfte des September sowohl lebend als auch tot außer- 
ordentlich hoch bewertet. 

Zander einheimischen Ursprungs hielten sich bei mäßigei^ 
Zufulir im allgemeinen in guter Mittelpreislage. Im Herbst kamen 
kleine Haffzander sehr reichlich an den Markt und mußten zu 
außerordentlich wohlfeilen Preisen abgegeben werden. 

Die Zufuhr in Plötzen, Barsen und den verwandten AVeiß- 
fischarten blieb in dem Berichtsjahre gegen früher auffallend 
zurück, ohne daß indessen mit Ausnahme von Bleien ein merk- 
licher Preissturz eintrat. Bleie haben sich den hiesigen Markt 
weiter erobert; es wurden, zumal für größere Fische, recht an- 
nehmbare Preise bewilligt. Verhältnismäßig knapp zeigten sich 
Quappen, welche unter Umgehung des Berliner Marktes jetzt 
mehr direkt von den Fangstellen nach anderen meist östlicher 
gelegenen Konsumplätzen gebracht w^erden. 
Teichfische. Mehr noch als bei den allgemeinen Flußfischarten machte 

sich die Witterungslage in der Teichwirtschaft geltend. Sowohl 
das kalte Frühjahr, wie auch ganz besonders der überwiegend 
naßkalte Sommer und Herbst hinderten fast ohne Ausnahme den 
Abwuchs, indem die Fische, wie schon bemerkt, das Futter ver- 
schmähten. Forellen wurden zahlreich vom Auslande eingeführt, 
ohne daß dadurch eine wesentliche Beeinflussung der allgemeiti 
normalen Preislage hervorgerufen wurde. Während Schleie zu 



Zander. 



Weißfische. 



44. Fische und Schaltiere. 171 

Beginn des Bericlitsjahres zeitweise reichlich zugeführt und zu, 
billigen Preisen gehandelt wurden, zeigte sich für dieselben so- 
wohl im Spätfmhjahr, als auch im Herbst, bei durchsohnittlidh 
mäßiger Zufuhr, eine Preisaufbesserung. Das Ausland trat gegen 
früher mit der Schleieinfuhr nicht sonderlich hervor. 

Karpfen wurden im ersten Viertel des Jahres in überaus iusbes.Kai-pfen. 
reichlichen Quanten, welche aus den vorhergehenden Herbst- 
fischungen herrührten, zugeführt und gingen infolge des starken 
Angebotes und der billigen Offerten seitens des Syndikates und 
des Großhandels im Preise sehr zurück. Erst kurz vor dem 
Osterfeste machte sich bei dem auktionsweisten Verkauf eine kleine 
Preisaufbesserung für Kai'pfen bemerkbar. Im Juli brachten ver- 
einzelt aus Wildgewässern zum Verkauf stehende Karpfen recht 
annelimbare Preise. Die bereits Ende Juli einsetzenden Früh- 
abfischungen fanden gute Verwertung. Schon Ende August äji- 
derte sich dann das Bild, indem ohne sichtbaren Grund bereits 
so frühzeitig seitens des hier domizilierenden sogenannten Karpfen- 
Syndikates, billige Angebote und anschließend niedrige Offerten 
der AVarenhäuser erfolgten. Die dadurch plötzlich erniedrigten 
Karpfenpreise besserten sich bis zur Hochsaison nicht mehr auf. 
Der Absatz war dennoch durchaus mäßig und zeigte sich der 
im Oktober einsetzenden starken Anfuhr nicht gewachsen. Zahl- 
reiche Teichwirte fürchteten einen vorzeitigen strengen Winter 
und beeilten sich demzufolge, ihre Produktionen an den 
Markt zu briagen. So kam es, daß Ende Oktober und im 
November überaus starke Zufuhren in kleineren Fischen auf den 
Markt geworfen wurden. Allgemein herrschte in Interessenten- 
kreisen die Meinung vor, daß in der Hochsaison kleinere Fische 
überaus reichlich angeboten, daß dagegen in mittleren und großen 
Fischen der Bedarf nicht gedeckt werden würde. Daß diese An- 
nahme nicht zutraf, zeigte deutlich der Verlauf des Weihnachts- 
und vor allen Diagen des Silvestergeschäftes. Von Mitte De- 
zember ab wurden Karpfen in größeren Mengen zugeführt. Das 
Weihnachtsgeschäft verlief im Großverkehr bei durchschnittlidh 
recht guten Mittelpreisen ziemlich günstig, während im Klein- 
handel der Vertrieb vielfach zu wünschen ließ. Ein wesentKch 
günstigeres Resultat ergab der Silvesterverkauf für den gesamten 
Handel. Die Preise erreichten im Engrosverkehr besonders an 
den beiden letzten Verkaufstagen eine nicht erwartete Höhe, 
wodurch der Nutzen für den Kleinhandel bei den gegen früher 
infolge der Warenhauskonkurrenz herabgeminderten Preisen we- 
sentlich beeinträchtigt wurde. Nichtsdestoweniger war auch der 
Kleinhandel im allgemeinen mit dem Geschäft zufrieden. Die 
starke Nachfrage naoji lebenden Karpfen trotz der hohen Preis- 
lage erklärt sich aus dem überaus großen Mangel an toten Fischen. 
Die sonst üblichen größeren Zufuhren toter Karpfen aus Rußland 
und Rumänien fehlten beinahe o^ärizlich. In der Silvesterwoche 



172 II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

trat besonders für lebende Karpfen mittlerer Größe eine starke 
Nachfrage zutage, während der anfänglich vermutete Mangiel 
an großen und der befürchtete Ueberfluß an kleinen Fischen 
sich durchaus nicht zeigte. Vier- bis seohspfündige einheimisdhe 
Karpfen wurden reichlich angeboten, so daß für den Silvestertag 
sogar teilweise ein wesentliches Abflauen der Preiee für diese 
Größe befürchtet wurde. Die Auktion iu der städtischen Zentral- 
markthalle erfreute sich wiederum reichlicher Zufuhren in allen 
Größen und Spielarten ; der diesjährige Karpfenumsat^ steht kaum 
hiater dem vorjährigen zurück. Bas in der städtischen Kschauktion 
zu Berlin in der Saison vom August bis einschließlich Dezember 
1912 umgesetzte Quantum Karpfen belief sieb auf 3267 Zentner. 
Die Preise für die marktgängigsten Sortierungen waren in dei: 
Weümachts- bzw. Neujahrswoche in Mark für 50 kg folgende: 

Lebende Spiegelkarpfen, 20— 30er 86—96 

„ „ 30— 40er 84—92 

40— 50er 84—89 

Lebende Schuppenkarpfen. 20— 30er 84—92 

30— 40er 78—88 

40-50er 76—85 

Lebende Spiegel- und Schuppenkarpfen gemischt, 20 — 30er . . 91 — 94 

„ 30— 40er . . 83—94 

40— 50er . . 78—84 

Die monatlichen Umsätze lebender Karpfen stellten sich' 
wie folgt: 

im August und September auf . 341 Zentner 

„ Oktober auf 310 ,, 

„ November auf 424 

„ Dezember auf « 2192 

Zusammen 3267 Zentner 

Auf Auslandsware entfallen von diesen Mengen insgesamt 
250 Zentner. 

Im Seefischhandel ist im allgemeinen von einer fort- 
schreitenden Hebung des Absatzes und einer damit zusammen- 
hängenden, fast dauernd gesteigerten Preislage zu berichten. 
Einer besonderen Beliebtheit als volkstümliche Konsumfische 
erfieuten sich Schellfische, kleine Schollen (Flundern), Kabliau 
und Rotzungen. Erwähnens'wert ist es, daß, im Gegensatz zu 
früheren Jahren, wesentlich bessere Qualitäten an Islandware 
auf den Markt gebracht und dementsprechend günstig bewertet 
wurden. Der Vorteil hieraus kbmlnt nicht nur den Konsu- 
inenten, sondern auch der Hochseefischerei zugute, welch letzterer 
nach den schlechten Abschlüssen früherer Jahre eine Aufbesse- 
rung in pekuniärer Hinsicht nicht nur im eigenen, sondern 
auch im nationalen Interesse zu wünschen ist. Die wertvolleren 
Seefischarten behaupteten ihre hohen Preise nach wie vor. Hin- 
sichtlich der Größen der gewöhnlicheren Seefischarten ist es 
leider beim alten geblieben, indem die kleineren und kleinen 
Fische, besonders in Schellfischen und Schollen, zum großen 
Teil aucb in Rotzungen, vorherrschten. 



44. Fische und Schaltiere. 



173 



Eine erhöhte Zufuhr in russischen Zandern liegt auch im 
Berichtsjahre nicht vor, es zeigten dementsprechend die Preise 
keine wesentliche Abweichung. In sehr guten Qualitäten kamen 
neben russischen auch gefrorene persische Zander an den Markt 
und erfreuten sich lebhaften Zuspruchs. 

Gefrorener Lachs verschiedenen Ursprungs und verschiedener 
Spielart war ständig am Platze bei im allgemeinen festen, 
teilweise anziehenden Preisen. Besonders beliebt ist der unter 
dem Namen Steelhead überwiegend in guter Größe in den 
Handel kommende Lachs, während der sogenannte Silverside an 
Volkstümlichkeit verloren hat. Einheimische frische Lachse, wie 
auch solche aus Norwegen und Sch'weden wurden zeitweise reich- 
licher als sonst zugeführt bei recht angemessenen, teilweise 
hohen Preisen. 

Das Krebsgeschäft war, den Witterungsverhältnissen an- 
gepaßt, teilweise schwierig und wenig einträglich. Vorzugsweise 
wurden große Krebse begehrt und hoch bezahlt. Die Zufuhr 
war sowohl in Edel- als auch galizischen Krebsen (Sumpf- 
krebsen) ergiebig, wenn auch nicht imlner der Bedarf voll ge- 
deckt wurde. 

Der Jahresumsatz in lebenden und toten Fischen durch 
die Fischaüktion in der städtischen Zentralmarkthalle belief 
sich auf ca. 41 870 Zentner. Von diesem Umsatz kommen auf 
lebende Flußfische ca. 18 005 Zentner, auf tote Fluß- und See- 
fische ca. 23 865 Zentner. Zu bemerken ist, daß mindere 
Qualitäten sowie korb- bzw. kistenweise verkaufte Fische in 
vorstehenden UmJsatzziffern nicht enthalten sind. 

Die monatlichen Durchschnittspreise ergibt die nachstehende 
Tabelle: 



Ausländische 
Zander. 



Lachse. 



Krebse. 



Umsätze. 



Preistabelle. 



Tab. 73. Monatliche Durchschnittspreise für Fische im Jahres 1912 (in Mark für 50 kg). 



Jan. Febr. I März April , Mai Juni | Juli Aug. Sept. | Okt. j Nov. Dez. 



Hechte .... 

„ groß . . 

Schleie. . . . 

Karpfen, groß . 

„ mittel 

„ klein . 

„ unsortiert 

Ä.ale, groß . . 

„ mittel . . 

„ klein . . 

„ unsortiert 
Zander. . . . 
Plötzen . . . 
Barse .... 
Bleie .... 
Bunte Fische . 
Roddow . . . 
Aland .... 
Quappen . . . 
Karauschen . . 



90,0 
67,1 
95,8 
77,2 
72,9 
65,9 
61,0 

95,1 

93,3 
114,9 
38,6 
68,8 
42,8 
36,1 
43,8 
46,2 
51,6 
91,0 



a) 

' 92,8 
65,2 
il01,7 
1 70,9 
! 70,8 
1 67,7 
I 70,3 
101,3 
I 97,0 
i 82,4 

116,2 
i 40,5 
! 64,5 
I 45,0 
j 32,0 
45,9 
54,5 
1 40,0 
^ 72,5 



Lebende Flußfische. 



86,3 

58,6 

104,2 

71,0 

70,3 

68,3 

64,9 

137,6 

113,2 

79,4 

115,7 

143,3 

37,3 

77,3 

49,6 

43,8 

41,5 

55,8 

55,5 

88,2 



104,2 

62,5 

110,9 

66,5 

66,0 

64,3 

120,2 

111,2 

84,9 

102,0 

142,9 

37,8 

68,1 

56,9 

45.1 

46,1 

51,5 



84,8 



109,3 '119,8 

68,9 I 85,5 

117,31102,0 



79,0 

85,0 

113,1 

113,6 

76,4 

101,3 

141,8 

40,5 

71,2 

53,5 

47,9 

58,9 

61,2 



84,5 

84,0 

81,5 

126,4 

115,6 

77,2 

98,5 

146,5 

75,9 
64,5 
62,1 
65,6 
69,2 



91,0^ 82,5 



113,0 
75,1 
90,5 

93,0 

92,4 

89,0 

123,8 

116,5 

72,2 

95,3 

142,3 

70,9 
59,9 
56,0 
70,0 
74,6 



1118,8 

I 95,3 

1123,8 

! 87,0 

' 95,8 

1 87,7 

! 89,0 

118,0 

107,0 

66,9 

89,4 

134,9 

47,6 

81,5 

68,0 

60,7 

72,5 

77,3 



79,5 



90,6 



113,7 
94,4 

129,9 
97,5 
79,9 
75,7 
77,5 

101,8 
91,3 
72,5 
82,9 

126,0 
64,0 
77,8 
65,0 
56,3 
71,3 
71,2 



90,3 



1 97,9 


89,4 


78,1 


67,5 


113,8 


106,1 


80,0 


81,0 


76,7 


73,9 


— 


•68,2 


73,4 


73,0 


109,0 


116,0 


95,3 


110,5 


69,8 


71,3 


85,8 


90,9 


123,8 


112,4 


47,6 


45,9 


82,4 


79,9 


54,8 


51,4 


46,3 


44,1 


57^0 


48,3 


66,9 


58,3 


— 


51,1 


92,8 


86,0 



90,7 
66,8 

104,4 
89,8 
77,8 
72,0 
79,0 

125,3 

112,8 
91,3 
98,4 

125,8 
45,9 
84,4 
50,1 
40,0 
46,8 
58,5 
57,6 
84,0 



174 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Jau. Febr. März April Mai j Juni : Juli 



Sept. I Okt. i Nov, 



De-E. 



Hechte 
Zander 
Schleie 
Aland . . 
Barse . , 
Bleie . . 
Bunte Fische 
Aale . . 
Karpfen . 
Maränen . 

groß 
Karauschen 
Quappen . 
Kaulbars . 
Plötzen . 



Lachs 

„ gefroren IIa 
Lachsforellen 
Seezungen 
Steinbutten 
Schollen . 
Schellfische 
Kabliau . 
Dorsch . . 
Heilbutten 
Flundern . 
Lemanten 
Rotzungen 
Kleist . . 
Zander, russischer 
Stör . . . 



59,0 
91,6 
54,6 
15,5 
40,9 
28,5 
14,5 
77,9 
42,0 



66,0 
33,4 
16,9 
16,6 



196.0 
60,0 
151,3 
143,7 
91,0 
28,3 
33,2 
22,6 
15,4 

20,7 

49,0 
54,0 
73.2 



61,5 
96,0 
52,0 
31,5 
41,1 
26.2 
21,3 
81,4 
50,8 

48,0 
45.3 
35,5 
17,6 
22,5 



175,8 

75,3 

167,5 

145,5 

106,0 

25,4 

23,9 

16,8 

12.0 

65.8 

20,1 

39,3 
40,0 



b) To 


t e F 1 u ß f j 


sehe 


. 








' 63,8 


66,5 


64,2 


71,0 


71,3 


75,8 


76,8 


68,4 


113,4 


114,0 


109,0 


110,5 


104,5 


102,5 


98,7 


101,7 


52,9 


64,5 


64,1 


64,9 


47,4 


70,5 


84,2 


72,0 


35,0 


26,3 


26,0 




32,0 


57,0 


■ — 


36,5 


41,2 


39,8 


36,4 


36,3 


37,6 


46,0 


46,8 


46,2 


27,7 


26,3 


22,3 


30,0 


26,5 


40,1 


40,4 


34,3 


24.2 


26,4 


21,5 


19.6 


23,6 


27,9 


32,3 


25,1 


93,9 


97,2 


80,8 


71,2 


71,6 


72,9 


74,4. 


82,0 


47,7 


41,3 


36,0 


48,8 


35,0 


63,6 


60,6 


62.2 


22,0 


27,3 


30,0 


28,6 


— 


26,3 


28,6 


25,1 


53,5 


50,0 


51,2 


41,3 


39,2 


52,4 


74,0 


— 


35.8 


40,7 


35,0 


— ■ 


— 


— 


38,7 


39,6 


24,8 


20,0 


— 


17,0 


17,0 


27,0 


23.3 


— 


24,8 


20,0 


22,8 


19,2 


20,4 


27,2 


30,5 


26,0 



227,5 

66,4 

128,5 

136,0 

122.3 

23;3 

26,0 

18,3 

13,6 

61,7 

15,1 

45.7 



c) Se 

154,5 

75,7 

109,0 

112,3 

123,0 

29,0 

27,2 

19,2 

10,0 

73,5 

15,4 

76,0 

36,0 

55,5 

66,0 



efische. 
144,01131,8 
74.0 
112,0 
168,0 
77,0 
30,0 
22,5 
15,8 



137,0 

110,5 

79.0 

23,3 

25,2 
12,4 

50,9 
13,4 



165,2 1193,8 
71,0 i 70,0 

— 191,0 

— 163,0 



26,7 
16,1 



42,8 
14,4 

28,0 



24,5 

44,8 

63,0 — 

100,0 — 



26,9 
22,4 

17,8 



45,1 
23.6 
25',3 



48,2 

14,8 

16,5 

16,8 l 37,0 

— ' 20,0 

65,5 — 



202,8 

142,6 
169,5 

30,9 
25.4 
22,1 

40,6 
20,2 
43,0 
38,0 

53,0 



204,8 

70,0 

1133,5 

i 86.0 
29^0 
22.5 
21,6 
17.0 
61,6 
16,7 
36,0 
, 28,7 
, 41,5 



58,7 

91,5 

71.0 

26,0 

43,0 

27,0 

20,3 

80,6 

59,2 i 

23,7 

44,1 

49,4 

35,3 

23,8 ! 

23,6 I 



179.5 

68,0 

121,8 

154,0 

105,7 

35,0 

29,0 

20.0 

13,5 

56,6 

23,4 

37,3 

48,0 

111,0 



Heringe. ][>) Heringe. 

Bestände. Die Bestände an Heringen betrugen Ultimo Dezemoer m 

Tonnen (Fässern): 

1909 

60 429 

8 808 



in Stettin . 
in Hamburof 



zusammen 69 237 



1910 

73 971 
5 836 
79 807 



1911 

72 340.5 

5 668 

78 008.5 



bei einer Gresamteinfuhr während des betreffenden Jahres in 
Tonnen : 



in Stettin 
„ Hamburg" 



von 



1909 
672 383 
361 722 



zusammen 1 034 105 



1910 

715 138 
380 560 



1 095 698 



1911 

746 595 
282 361 



1 028 956 



Alte Heringe. 



Der wesentliche Ausfall der Einfuhr über Hamburg erklärt 
sich daraus, daß sich der Import von schottischen Heringen nach 
Stettin verschob, wohingegen holländer und deutsche durch 
größere Abschlüsse direkt von dort bezogen wurden. Es hatte 
sich überhaupt das ganze Interesse dem deutschen und holländer 



44. Fische und Schaltiere. 175 

Hering zugewandt, da in schottisclien Heringen zu Anfang des 
Berichtsjahres nur noch gestempelte Sachen in guter Qualität 
zu kaufen waren. Was an Beständen in ungestempelter Ware 
vorhanden war, konnte nur zu billigeren Preisen untergebracht 
werden, da diese sich meist aus unkuranten Partien zusammen- 
setzten. Es machte sich jetzt schon ein Mangel an Crown large 
fulls bemerkbar, so daß die Preise hochgehalten wurden. In 
Berlin richtete sieh das Interesse, wie man immer mehr und 
mehr beobachten kann, auf deutschen Hering, und wer zur 
rechten Zeit für Deckung seines Bedarfs hierin gesorgt hatte, 
konnte mit gutem Nutzen verkaufen. Während sonst der Haupt- 
konsum in Primaware liegt, konnte viel Superior und sortierte 
Ware placiert werden, da diese von den Detailhändlern viel preis- 
werter als andere gehandelt werden konnten. Am Schluß der 
Saison waren alle Läger gut g^eräumt. 

Dif; Preise für deutsche und holländische Heringe waren 
folgende : 

Jan./Febr. März/April Mai/Juni 

Superior . M. 46—47 p. To. 45—46 p. To. 47—48 p. To. 

Sortiert . . „ 44—45 „ 44—45 , 47—48 

Prima. . . „ 43—44 „ 44—45 „ 47—48 „ 

Kleine . . „ 42—43 ,, 42—43 , 44—45 „ 

Schottische Heringe wurden zu folgenden Preisen in Mark 
für die Tonne gehandelt: 

Jan./Febr. Mäj-ziApril Mai/Juni 

Crown larg-e fulls . . 49—50 50—51 50—52 

fulls .... 46—48 49—50 ' 50 

brandmatties . 40 — 41 40 — 41 — 

In konserviertem Matjeshering konnte im Gegensatz zum Konservierte 
Vorjahre wieder Downingsba^^ in feiner Qualität gehandelt ^^®^" 

werden. Man fand dafür zu guten Preisen Käufer, da diese 
Sorte stets von den einschlägigen Geschäften bevorzugt wird* 
Castlebays wurden weniger gut gefragt, da diese sich in feiner 
Qualität im Vergleich zu Shetlands zu teuer stellten. In letzterer 
Sorte wurden wieder gute Umsätze erzielt, und der Handel damit 
war recht dankbar. Wer zur Zeit der Einlagerung aufmerksam 
war, konnte sich mit wirklich feiner und zum Teil auch groß- 
stückiger Ware versorgen und hatte somit ein leichtes Geschäft. 
Noch einige Jahre zuvor getraute sich niemand recht, diesen 
unter dem wirklichen Namen zu verkaufen, da man Mißtrauen 
begegnet wäre. Es ist jetzt aber erkannt worden, daß feine 
Partien Shetlands-Matjes oft den Castlebays und Lochboisdale 
in Qualität nicht nachstehen. Ein Zeichen dafür, wie groß die 
Nachfrage in konservierten Matjes gewesen ist, ergibt die Tat- 
sache, daß die Hamburger Kühlhäuser schon im Monat März 
s-eräumt waren. 



176 I^- Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

Es wurden die einzelnen Sorten zu folgenden Preisen ver- 
kauft : 

Downingsbay large M. 120 — 130 für -/2 To. 

Castlebay large , 110—120 

Shetlands large „ 84—100 

medium ,, 72— 84 

Außergewöhnlich früh, und zwar schon am 23. April^ trafen 
die ersten Zufuhren, von sogenanntem Matjes in Hamburg ein, 
doch ist ein derartiger Fisch selbstverständlich für den hiesigen 
Platz nicht zu gebrauchen. Der erste Downingsbay wurde in 
Hamburg am 11. Mai zugeführt. Es wurden dafür Preise gezahlt, 
wie sie sonst erst am Schluß der Saison bewilligt wurden. Die 
Qualität war natürlich noch ä'Ußerst dürftig und stand in gar 
keinem Verhältnis ^u dem dafür bezahlten Preise. Da aber die 
hiesigen Läger in konserviertem Matjes frühzeitig geräumt 
waren, und an den dafür in Betracht kommenden Plätzen Ham- 
burg und StettiQ nichts mehr zu kaufen war, wurde Neuer Matjes 
hier früher wie sonst gehandelt. In der Folge nahmen die Preise 
von einer Zufuhr zur andern, und zwar in allen Sorten, eine 
steiigende Richtung ein. Es war dies lediglich auf die starke 
Nachfrage zurückzuführen. Exorbitant hohe Preise wurden für 
Downüigsbay und Castlebay bezahlt, die durch nichts gerecht- 
fertigt erschienen. "Was die QuaKtät der einzelnen Sorten im 
allgemeinen anlangt, so ist der Matjes nicht so fett und fein 
wie sonst gewesen, im besonderen war der Downingsbay nicht zu- 
friedenstellend. In Castlebay und Shetland waren in der zweiten 
Hälfte Juni vereinzelt gute Partien zu kaufen, die natürlich 
einen hohen Preis bedangen. Der Grund für die schlechte Ent- 
wicklung des Matjes lag wohl in der durchweg kühlen Witterung 
während der Fangzeit. 

Die Preise stellten sich zu Anfang der Saison w^ie folgt: 

Downingsbay large M. 100 — 110 für 2/2 To. 

„ medium . . . . „ 96—100 

Castlebay large ,, 90—96 

Shetlands large „ 80—90 

medium ^ 72 — 82 

Arn Schluß der Saison wurde zu nachstehenden Preisen 
verkauft: 

Downingsbay large M. 130—140 für 2/2 To. 

Castlebay large 120—130 

Shetlands large „ 80—90 

medium „ 72—80 „ 

Schotten. Ebeuso früh wie die Zufuhren in Matjes, gelangten auch 

die ersten Shetlands-Heringe nach Hamburg und Stettin. Es waren 



44. Fische und Schaltiere. 177 

aber die Qualitäten derartig gering und die Preise so überspannt 
hoch, daß der hiesige Platz später als sonst sich an dem Handel 
beteiligte. Infolge der stetig eintreffenden Nachrichten über 
schlechten Fang haben sich die hohen Preise nicht nur behaupten 
können, sondern sie zeigten zeitweise eine Höhe wie selten zuvor. 
Es hielt diese Situation bis Mitte Juli an. In der zweiten Hälfte 
dieses Monats gaben die Preise infolge größerer Zufuhren und 
besserer Fangresultate etwas nach. Auch übte die Hitze einen 
wesentlichen Einfluß auf die Kauflust aus. Die Größe der iarge 
fulls ließ viel zu wünschen übrig, doch konnten über die Quali- 
täten sämtlicher Größen in Shetlands- und Orlaiey-Hering keine 
Klagen geführt werden. Geringer in Qualität ist natürlich immer 
Ostküsten- und südliche AVare, worauf jeder Interessent beim 
Kauf sein Augenmerk richten muß. Von Mitte August ab zogen 
die Preise infolge andauernd schlechter Fangberichte wieder er- 
heblich an; sie waren zum Teil höher als in der ersten Hälfte 
des Monats Juli. Während Crowoi large fulls für September/Ok- 
tO|ber-Lieferung noch Anfang August mit 39 Mk. transito in 
Stettin und Crown fulls für denselben Lieferungstermin mit 35V2 bis 
36 Mk. transito angeboten waren, wurden schon Ende August 
für Crown large fulls 48 M. transito und für Crown fulls 44,Mk. 
transito bezahlt. Die Bestände wurden bei der lebhaften Nach- 
frage in guten schottischen Heringen recht klein, so daß es 
Endo September außer Ostküsten- und südlicher Ware nichts 
Gute,s mehr in ungestempelten Sachen zu kaufen gab. Aber schon 
Ende Oktober waren auch diese vergriffen, und so blieb man für 
später nur auf igestempelte Ware angewiesen. Mitte November 
wurden selbst CrowTi large fulls und Crown fulls knapp, wa>s 
zur Folge hatte, daß man hohe Preise dafür bewilligen mußte. 
Für erstere wurden in Stettin 49 Mk. transito, für letztere 47 Mk. 
transito bezahlt. 

Am 25. Sept. wurde der erste Yarmouth-Hering in Stettin 
besichtigt. Die Berichte über den Fang lauteten recht günstig, 
so daß die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis des Fanges bestand. 
Leider gestaltete sich dieser für die Folge sehr wechselseitig. 
Es wurde z. B. noch in der ersten Hälfte des Oktober bedeutender 
Fang gemeldet und schon Ende des Monats ließ er viel zu 
wünschen übrig. Immerhia betrug das Plus bis zum 20. Okt. 
200 000 t gegenüber dem gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Es 
kam aber dieses Plus wenig in Betracht, da große Käufe in 
Yarmouth-Hering von dem Osten vorgenommen wurden und sich 
der Fang im November wieder verschlechterte. Bis zum 6. Nov. 
wurden 850 000 t gesalzen. Für den hiesigen Platz kommt, wie 
schon früher betojit wurde, der Y^armouth-Hering seiner geringen 
Qualität wegen nicht in Betracht, nur übt ein großer Faii^ 
darin fast immer einen Einfluß auf die Preise aller anderen 
Sorten aus. 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 12 



178 II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

Die Preise für die einzelneji Größen betrug-en (in Mark 
für die Tonne): 

Auf. Juli Ende Juli Aug-, Sept. Okt. Nov./Dez 

Schott, large fiills . . . 57—60 48—50 58—60 55—58 55—58 

fulls 48—50 44—46 50—52 48—52 48—52 

medium fuIIs . . 42—44 42—44 45—46 46—47 

crown large fulls 58—60 58—60 59—60 59—60 

„ „ fulls . . 52—54 55—56 56—58 58—59 

crbrd. mattfulls . 47—50 52—53 50—52 52—53 

maities . 43 -45 45—46 46—47 47—48 

„ . „ Spants . 43—45 43—44 43—44 

Deutsche Die deutschen Gesellschaften traten mit ihren Offerten um 

Herin**'e. 

die Mitte des Monats Juli hervor, doch waren die Preise für 
Vollheringe noch derai'tig hoch, daß von einem Kauf hierin ab- 
gesehen werden mußte. Zum größten Teil bestehen aber auch die 
Ladungen der zuerst eintreffenden Logger aus Matjes, der um 
ca. 10 Mk. pro Tonne billiger wie Prima angeboten wurde und 
zu diesem Preis willig Käufer fand. Anfang August ließen die 
Preise für sämtliche Größen erheblich nach, so daß der Handel 
von nun ab sein ganzes Interesse dem deutschen Hering zu- 
wandte. Die lebhafte Nachfrage und der Umstand, daß der Fang 
der ei-sten Reise nicht den gehegten Erwartungen entsprach, 
ließen die Preise sehr bald eine steigende Richtung einnehmen^ 
Schon Ende August hatten fast alle Fischerei-Gesellschaften das 
Quantum der ersten Reise ausverkauft und noch viel Kontrakte 
zu erfüllen, die aus den Ankünften der zweiten Reise gedeckt 
werden mußten. Große Erwartungen knüpften sich deshalb an 
die von der zweiten Reise zurückkehrenden Logger. Hatte man 
nun geglaubt, daß diese mit besseren Resultaten heimkehren 
würden, so erlebte man eine Enttäuschung. Außerdem blieben 
sie viel länger als gewöhnlich aus, dadurch wurde es zur, .Gewiß- 
heit, daß die vierte Reise wohl ganz ausfallen müßte. Es blieb 
nun verständlich, daß das Quantum der zweiten Reise ebenso 
schnell und zu wesentlich höheren Preisen untergebracht wurde. 
Auch die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis der dritten Reise 
ging nicht in Erfüllung. Zwar wurde in Anbetracht der hohen 
Preise Zurückhaltung im Einkauf geübt, schon aus dem Grunde, 
weil sich der Handel recht schwierig gestaltete, da das Interesse 
für den Artikel bei den Detailhändlern erlalimte. Hieraus nahmen 
einzelne Fischereigesellschaften Veranlassung, mit ihren Forde- 
rungen etwas nachzulassen. Daraufhin gestaltete sich das Ge- 
schäft wieder lebhafter. Für die Folge trat wiederholt Knappheit 
in Ware ein, und da nun jeder Händler Vorsorge traf, sich mit 
seinem Winterbedarf einzudecken, zogen die Preise wieder er- 
heblich an, so daß der Handel am Schluß der Fischerei Preise 
bezahlen mußte, wie sie selten vorgekommen sind. Der Grund 
dafür lag natürlich in erster Linie in dem wesentlichen Aus- 
fall des Fanges, der bis zum 23. Okt. 229 840 Kantjes gegen 
348 674 Kantjes in 1911 und 405 388 Kantjes in 1910 betrug 



44. Fische und Sclialtieye. 



179 



<;i Kantjes = ca. ^/e Tonne). Der Fang wurde im Berichtsjahre 
von 14 deutschen Gesellschaften mit 283 Fahrzeugen ausgeübt. 
Am Schluß der Saison schied eine Gesellschaft aus, und zwar 
die Fischerei-Aktiengesellschaft „"Weser" in Elsfleth, welche in 
Liquidation trat. 

Für den Fang der Holländer Gesellschaften wurden bis in 
den Monat Oktober hinein Preise gefordert, die überspannt hoch 
_zu nennen waren und wohl niemand zum Kauf reizen konnten. 
Der Grund dafür lag auch hier in der Hauptsache, wie bei den 
deutschen, in dem wesentlichen Ausfall des Fanges. Nur etwa 
zehn Tage lang im Oktober waren die einzelnen Größen billiger 
angeboten, da einige Logger mit guten Resultaten hereingebracht 
wurden, und man dort wohl auf eine Besserung des Fanges hoffte. 
Die Annahme erwies sich, wie überall, als trügerisch, und diei 
stärkere Nachfrage ließ sofort wieder die Preise in die Höhe 
gehen. Bis zum 23. Okt. betrug der Fang 379 304 t g^geri 
^31 031 t in 1911 und 593 986 t in 1910. 

Die Preise für Deutsche und Holländer waren folgende in 
Mark pro Tonne: 

Superior . . 

Sortierte . . 

Prima . . . 

Kleine . . . 



Augrust 


Sept./Okt. 


Nov./Dez. 


52—53 


58—56 


55—57 


48—50 


54—53 


50-52 


46—48 


52—50 


46—48 


45-48 


48—46 


44—45 



Holländer. 



Der Norweger Fang kommt für den hiesigen Platz fast gar 
nicht mehr in Betracht. AVird von den einzelnen Detailhändlern 
:zeitweise ein Anlauf dazu genommen, den norw^egischen Hering 
einzuführen, so hat er doch noch nie zu Erfolgen geführt Die 
großen Fische dieser Art werden fast ausschließlich zum Räuchern 
verwendet. Das Fangergebnis betrug bis Ende Oktober 533 143 
^Tonnen. 

c) Sardinen. 

Der Sardinenfang war an der spanisch-portugiesischen Küste 
durchweg überaus knapp und unregelmäßig, und zwar in einem 
"Maße, wie es seit langen Jahren nicht der Fall gewesen ist. 
Das Jahr fing insofern schon ungewöhnlich an, als der Fang 
viel später als sonst einsetzte. Erst im Mai zeigten sich Sar- 
dinen in Mengen, die genügend groß waren, um mit der Fabri- 
kation beginnen zu können, aber die Fische waren noch so mager 
und grob, daß nur geringe Qualitäten hergestellt werden konnten. 
Man hoffte allgemein, daß bald Sardinen besserer Qualität er- 
:scheinen würden, aber statt dessen setzte eine fast ganz fischfang- 
lose Zeit ein, die sechs, an einigen Küstenstrichen sogar acht 
Wochen anhielt. Als dann endlich der Fischfang wieder einsetzte, 
ergab er entweder ganz große oder ganz kleine Fische, während 
.gerade die am meisten begehrte Mittelgröße ganz ausblieb. Dies 
liatte zur Folge, daß einige Dosengrößen überhaupt nicht und 

12* 



Xorweser. 



Sardinen. 



Spanien 
Portugal. 



180 II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 

andere nur mit ungangbaren Fisehzahlen gepackt wurden. Quali- 
tativ waren die Sardinen an einigen Punkten recht gut, in 
anderen Gegenden blieben sie aber erheblich hinter dem Durch- 
.schnitt früherer Jahre zurück. Das Ausbleiben größerer Zu- 
fuhren hatte eine große Knappheit und infolgedessen eine ent- 
sprechende Preissteigerung zur Folge. Diese setzte erst zögernd 
bei einigen Dosengrößen ein, machte sich dann aber bald bei 
allen Größen bemerkbar, besonders bei den größeren Dosen, die 
der ungeeigneten Fischgröße wegen gar nicht oder nur in kleinen 
Mengen hergestellt werden konnten. Trotz der verhältnismäßig 
hohen Verkaufspreise wird das Jahr für die meisten Fabrikanten 
ein sehr wenig befriedigendes gewesen !sein; denn die Preise, 
die für die frischen Fische bezahlt werden mußten, waren so 
hoch wie nie zuvor. Dies ist leicht zu erklären, da nach der 
langen fischfanglosen Zeit jeder Fabrikant das Bestreben hatte, 
das Versäumte nach Möglichkeit nachzuholen. Die frischen Sar- 
dinen, die immer meistbietend verkauft werden, wurden infolge- 
dessen zu unerhört hohen Preisen bezahlt. Wenn auch der Schluß, 
der Saison wenigstens in einigen Gegenden noch einen leidlichen 
Fischfang gebracht hat, so bedeutet »dies nur sehr wenig gegen- 
über dem enormen Ausfall, der dadurch entstanden ist, daß gerade 
während der Hauptmonate gar nichts gefangen wurde. Nach dem 
vorigen Jahr, welches recht normal verlaufen wiar ujid schon recht 
früh gute Fische brachte, war man allgemein der Ansicht, daß 
das jetzige Jahr sich ähnlich anlassen würde, obgleich natürlich 
das Ergebnis eines Jahres keinerlei Schlüsse auf dasjenige des 
nächsten Jahres zuläßt, weil eben die Ursachen des Fischreioh- 
tums und der Fischknappheit noch durchaus unbekannt sind. 
Da der Fang vor Mai'Juni des neuen Jahres nicht wieder einsetzt, 
war am Jahresschluß mit Sicherheit eine weitere Befestigung 
der Marktlage zu erwarten, und selbst wenn das nächste Jahr 
einen reichen Fischfang ergibt, kann ein Zurückgehen der Preise 
auf die vorjährige Basis, die für einige Formate sehr niedrig 
und zum Teil sogar für die Fabrikanten verlustbringend waren, 
als ausgeschlossen gelten. 

Frankreich. In Frankreich begann der Fang 'zur normalen Zeit, doch 

wurden die Fischer schon im Anfang durch ungünstiges Wetter 
in ihren Operationen gestört. Die Fangresultate waren während 
der ganzen Saison die denkbar ischlechtesten, da das ungünstige 
Wetter anhielt und zeitweise den Fang vollkommen unmöglich 
machte. Der Fisch, der gefangen wurde, war teils zu groß, teils 
zu klein, und passende Fischgrößen wurden enorm hoch bezahlt. 
Die Fabrikanten sahen sich gezwungen, ihre Preise zu erhöhen, 
und zwar um 

M. 17,— 8,— 5,— 2,50 



per lOO/l 100/2 100/4 100 8 Dosen 



44. Fische und Schaltiere. 



181 



gegen die Anfangspreise, die die gleichen wie die Schlußpreise 
des Vorjahres waren. Bei Beendigung der Fangperiode erfuhren 



die Preise eine weitere Steigerung von 



M. 8,— 



5,- 



3,- 



per 100/2 100/4 100/8 Dosen. 

Vorräte sind in Frankreich fast gar nicht mehr vorhanden, und 
einige Fabrikanten haben schon während der Saison die Kontrakte 
nur teilweise erfüllen können. 



d) Kaviar. 

Der Verbrauch an Hausen-Kaviar dürfte im Berichtsjahr 
ungefähr der gleiche wie im Vorjahr geblieben sein, trotz der 
wesentlich höheren Preise, welche durch die geringen Frühjahrs- 
und Herbstfänge bedingt wurden. Die Qualität war nicht immer 
auf der Höhe. Für Kaiser-Malossol wurden von Januar bis April 
noch 43 bis 44 Mk. für das Kilo bezahlt. Bei Beginn des Herbst- 
geschäfts setzten die Preise in gleicher Höhe ein, um für 
Dezember auf 46 bis 48 Mk. zu steigen, nachdem die Vorräte 
in den Fischfajiggebieten immer knapper geworden waren und 
die Zufuhren zeitweise ganz aufgehört hatten. Die Sommerware, 
welche aus den Frühjahrsfängen stammte, kostete 39 bis 42 Mk. 
für das Kilo. 

Auch in diesem Jahr ist der Verbrauch an kleinkörnigem 
Stör-Parnaja wieder gestiegen. Die Qualität war stets gleich- 
mäßig gut, namentlich wälirend der Wintermonate wurde dieser 
Kaviar in ganz hervorragend schöner, körniger und wohl- 
schmeckender Beschaffenheit geliefert. AVährend der Sommer- 
monate fiel dieselbe allerdings maJichmal etwas ungleich aus, und 
zwar wohl deshalb, weil diese zarte und empfindliche "Ware nicht 
immer genügend widerstandsfähig gegen Temperatureinflüsse zu- 
bereitet war. Die Preise für beste Qualität waren im Januar 
und Februar 44 Mk., im März 40 Mk., im April 34 bis 42 Mk., 
in den Monaten Mai bis September schwanke ad zwischen 28 und 
34 Mk. Im Oktober setzten die Preise für Ware vom Herbst- 
fang mit 44 Mk. ein, um allmählich bis auf 48 Mk. für das Kilo 
zu steigen, waren also ganz wesentlich höher als im gleichen 
Zeitabschnitt des Vorjahres. Dies ist einerseits auf die schlechten 
Herbstfänge zurückzuführen, andererseits auf die in den Herbst- 
monaten herrschende, für diese Jahreszeit ungewöhnliche warme 
AVitterung, während welcher sich die russischen Fischer nur schwer 
herbeiließen, die in den Wolga-Bassins eingesetzten Störe zu 
schlachten. 

Preßkaviar wird nur in kleinen Mengen nach Deutschland 
eingeführt. Die Qualität ist immer gleich gut, doch sind im 
Herbst infolge des allgemeinen Kaviarmangels auch die Preise 
hierfür um 2 Mk. für das Kilo gestiegen. 



Astrachaner 

Malossol. 

Hauseii-Kaviav 



Kleinkörniger 

Stoer-Kaviar 

(Parnaja.) 



Prel.i-Kaviar. 



182 



II. Tierische Rohprodukte und Fabrikate. 



Krebse. 



Krebs- 
konserven. 



e) Krebse. 

Der Verlauf des Krebsgeschäftes war im Berichtsjahr im 
ganzen recht "ungünstig. Der Januar setzte mit größeren Vor- 
räten und reichlichen Zufuhren sowohl in Edelware als auch 
in Galiziem ein. Der Absatz war bei der lauen Witterung nur 
schwach, die Verkaufspreise waren gedrückt. Durch die große 
Kälte, die Ende Januar eintrat und fast den ganzen Eebruar 
hindurch anhielt, sowie durch die starken Schneefälle wurde der 
Fang sehr behindert. Die Verlust« während des Transportes 
waren außerordentlich groß, so daß der Versand teilweise gänz- 
lich eingestellt werden mußte. In Rußland sind einige Tausend 
Schock Winterkrebse in den Hälterkästen im Eis erstickt. Nur 
mit größter Anstrengung war es dem Handel möglich, den drin- 
gendsten Bedarf zu decken. Die Verluste konnten aber durch die 
erzielten guten Preise bei weitem iiicht aufgewogen werden. Nach 
Fastnacht war das Geschäft still, die Ware war infolge der Kälte 
und Stürme bis Mitte April wieder sehr knapp. Ausgang April 
trat warmes Wetter ein, so daß die Fänge reichlich wiu-den. Da 
jedoch die eigentliche Saison noch nicht begonnen hatte, so- 
sammelten sich Anfang Mai größere Vorräte an. Durch die an- 
haltend kühle Witteruaig, die fast den ganzen Mai und Juni 
hindurch herrschte, waren die Fänge trotz gleicher Unkosten 
und Aufwendungen um ein Drittel kleiner als in den Vorjahren- 
Insbesondere machte sich ein dauernder Mangel an besserer und 
Luxusware stark bemerkbar. Das ganze Saisongeschäft hat unter 
dem Einfluß des diesjährigen unnormalen Sommers stark gelitten. 
Die sehr hohen Einkaufspreise konnten häufig im Verkauf nicht 
wieder erreicht werden. In dem einzigen Monat, der wärmeres 
»Wotter Und dadurch reichlichere Zufuliren brachte, im Juli, waren 
die Nachfrage infolge der Reisezeit schwach und die Preise niedrig. 
Da der Herbstfang gleichfalls infolge der kühlen Witterung 
wenig ergiebig war und die Fischer infolgedessen nur kleinere 
Mengen aufsetzen konnten, waren für den Winter wesentlich 
kleinere Vorräte als in den Vorjahren vorhanden. 

Die Nachfrage nach Krebskonserven ist stetig gestiegen. 
Durch den geringen Krebsfang während des Sommers konnte je- 
doch nur ein verhältnismäßig kleines Quantum eingemacht werden^ 
so daß die Vorräte auch hierin gering waren. 



f) Hummern. 

Hummern. Hummcm warcu im Jahre 1912 genügend vorhanden, doch 

fehlte vielfach die gangbarste Größe, einpfündige Stücke, ein 
Uebelstand, der sich für den hiesigen Markt manchmal sehr emp- 
findlich bemerkbar machte. Die Zufuhren von den Hauptfang- 
plätzen Norwegens und Dänemarks brachten entweder kleinere 
Hummern oder aber sianz orroße Tiere. Ferner ließen die Hummern 



44. Fische und Schaltiere. 



183 



qualitativ viel zu wünschen übrig. Sie waren größtenteils mager 
und das Fleisch wenig gehaltvoll, eine Erscheinung, welch© die 
Fischer auf den Mangel an geeigneter Nahrung zurückführen. 
Die Nachfrage hat im Berichtsjahre wiederum zugenommen. Die 
Preise stellten sich für das Pfund, auschließlich Fracht und Zoll, 
folgendermaßen : 



Januai- 

M. 2,60—2,65 


Febrviai' 
2,65—2,85 


März 

2,85—3,05 


April 

3,05—2,00 


Juli 
M. 2,05—2,30 


August 
2,35—2,45 


September 
2,45—1,95 


Oktober 
1,95—2,40 



Ma Juni 

1,90—2,15 2,10—2,05 

Kovember Dezember 

2,45—2,50 2,50—2,65 



g) Austern. 

Die erwartete günstige Einwirkung der langanhaltendeln 
Hitze des Sommers 1911 auf den Nachwuchs der Austern, von 
der schon im vorigen Bericht die Eede w^ar, ist eingetreten.^ . Alle 
für den hiesigen Bedarf in Frage kommenden Sorten, englische, 
holländische, Holsteiner und Helgoländer Austern, waren in aus- 
gezeichneter Qualität und ausreichenden Mengen vorhanden. 

Wie für den Herbst 1911 war auch für die Monate Januaa*, 
Februar, März und April in englischen Austern ausg^ezeichnete 
Ware in genügender Menge vorhanden. Die Preise hielten sich 
bis zum Schluß der Saison auf gleicher Höhe wie im Voi^- 
jahr, mit 50 Mk. die Vs Tonne = 300 Stück, für erste Wajfe. 
Das Herbstgeschäft begann schon ziemlich früh. Dank des warmen 
Frühsommers konnten die Austern in den Monaten Mai und Juni 
laichen, so daß zur Erholung und zum AVachstum reichlich Zeit 
übrig blieb. Gleich zu Anfang der Saigon konnte eine ganzi vor- 
zügliche Qualität sowohl in Pyefleets wie in Oolchester und Bum- 
ham Natives zu billigeren Preisen als im Vorjahr geliefert 
werden. Diese hielten sich je nach Sorte, Qualität und Gewicht 
zwischen 39 und 48 Mk. für Vs Tonne = 300 Stück. Eine niqh/fc 
unerhebliche Steigerung des Umsatzes gegenüber dem des vorigen 
Jahres konnte festgestellt werden. 

Auch für die sehr beliebte Holländer Auster war eine Er- 
höhung des Umsatzes zu verzeichnen. Im allgemeinen war die 
Qualität sehr schön, die Auster fett und weiß im Fleisch, und 
kostete je nach Sorte und Gewicht 65 bis 85 Mk. das Tausend 
ohne Fracht und Zoll. 

Die Nachfrage nach Holsteiner Austern, welche in Qualität 
immer vollkommener geliefert wurden und schon zu Beginn der 
Herbstsaison sehr schön waren, hat auch in dem Berichtsjalhlr 
wieder eine Zunahme erfahren. Leider erleidet der Verkehr 
zwischen den nordfriesischen Inseln und dem Pestland durch die 
Ungunst der Witterung während der Wintermonate häufig »Un- 
liebsame Unterbrechungen, wodurch Unregelmäßigkeiten in den 
Zufuhren unvermeidlich sind. Die Preise sind dieselben geblieben 



Austetn- 
i;ewinnung. 



Englische 
Austeni. 



Holländer 
Austern. 



Holsteiiier 
Austern. 



184 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Nordsee- 
Austern, sogen 
Helgoländer. 



Mk. für ein Hundert 



große 



Ware, ab 



wie im Vorjahr, 11 
Fischerei. 

Die für Back- und Kochzwecke sehr beliebte wilde Nordsee- 
Auster ist nach wie vor reichlich vorhanden und von guter 
Qualität. Dieselbe kommt meist „ausgestochen" in den Handel. 
Die Preise sind im Berichtsjahre wieder etwas höher geworden 
und schwankten je nach Größe und Sorte zwischen 8 und 12 Mk. 
für da.s Hundert. 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Erster Beviclit. 



Baumarkt. 



Hinter- 
mauerungs- 
steine. 



Ziegeleien. 



Händlei 



45. Baumaterialien. 
a) Ziegelsteine. 
Erster Bericht. 

Was man angesichts der in Berlin und Umgegend jahrelang 
erfolgten Ueberproduktion an baureifen Terrains, angesichts der 
vorzeitigen Bebauung derselben mit AVohngebäuden und angesichts 
der dadurch ins Ungemessene gesteigerten Belastung des Hypo- 
thekenmarktes voraussehen mußte, trotz unverkennbarer An-, 
zeichen sich, aber nicht zugestehen wollte, ist leider im Berichts- 
jahre eingetreten, nämlich eine vollständige Deroute auf dem 
Grundstücks- und Baumarkt. 

Im Zusammenhang hiermit trat auch ein Rückgang in der 
Fabrikation und im Handel mit Baumaterialien aller Arten ein. 
Am meisten wurde hiervon die infolge des großen Bedarfs der 
Vorjahre ins Uebermäßige gesteigerte Produktion sowie der 
Handel in Hintermauerungssteinen betroffen. Bei der geringen 
Anzahl von Mietshausbauten, zu denen Ziegelsteine und Kalk- 
sandsteine verwendet werden (während für Fabrikbauten, Ge^ 
schäftshaus-, Theater- und Hotelbauten Eisenbetonausführun^n 
mehr und mehr Platz greifen), war der Bedarf an Ziegelsteinen 
weitaus geringer, als man erwartet hatte. 

Der Absatz der aus der vorigen Kamj)agne zu Beginn des 
Jahres vorhandenen Ziegelsteine verzögerte sich bis zum Herbst; 
erst im Oktober konnte mit dem Verkauf der diesjährigen Pro- 
duktion begonnen werden. Durch den im Frühjahr vollzogenen Zu- 
sammenschluß der Märkischen Ziegelfabrikanten war es möglich, 
eine Fabrikationseinschränkung und Regelung der Anlieferungen 
durchzuführen. Hierdurch konnte in Berlin ein Ueberang^ebot 
an Steinen und ein sonst unvermeidlicher Preissturz verhindert 
werden. . 

Weit härter als die Fabrikation wurde von der Absatzminde- 
rung der Handel hiit Hintermauerungssteinen betroffen. Die 
Fabrikanten fanden durch eine wenn auch unbedeutende Preis- 



45. Baumaterialien. 



185 



erhöhung immerhin einen gewissen Ausgleich für die Fabrika- 
tionseinschränkung. Dagegen mußten die Händler, ehe die 
Konventionspreise allgemeine Haltung gefunden hatten, bei 
Verkäufen an Konsumenten nicht nur die Konkurrenz der 
Fabrikanten bekämpfen, die sehr oft, um ihre alten Vorräte 
loszuwerden, zu jedem Preise verkauften, sondern auch die Kon- 
kurrenz derjenigen Händler, welche infolge großer Vorkäufe Ab- 
nahmeverpflichtungen hatten oder, am Zustandekommen der Kon- 
vention zw^eifelnd, unter den in Aussicht stehenden Konventions- 
preisen verkauften. Die Händler mußten daher teils ohne, teils 
mit nur geringem Nutzen handeln. Durch unverhältnismäßig 
lange Kreditgewährung und durch Verluste, die infolge von 
Zahlungseinstellungen vieler Bauunternehmer entstanden, wurde 
der Nutzen, der dem Handel in den voraufgegangenen 'besseren 
Geschäftsjahren zugeflossen w^ar, arg geschmälert; manche 
Existenz wurde bedroht. 

Das schon erwähnte Zustandekommen einer Fabrikanten- 
konvention brachte insofern eine gewisse Stabilität in das 'Ge- 
schäft, als die Einkaufspreise für Händler die gleichen wurden. 
Unterbietungen können nunmehr nur noch in geringerem Um- 
fange, und zwar nur durch außenstehende Fabrikanten oder durch 
solche Händler erfolgen, die noch mit Außenseitern in Verbin- 
dung stehen, dafür aber auch nur auf deren , Fabrikate ange- 
wiesen sind. Im Interesse der Fabrikanten sowie des größten 
Teils der Händlerschaft ist also ein Fortbestehen der Kon- 
ventionen zu wünschen. 

Die Preise für Hintermauerungssteine (Ziegelsteine) betrugen 
vor dem Inkrafttreten der Konvention 19 bis 19,50 Mk. für 
1000 Stück frei Kahn oder 20 bis 20,50 für 1000 Stück frei 
Bahnhof. Nach Inkrafttreten der Konvention stiegen sie auf 
21 bis 21,50 Mk. für 1000 Stück frei Kahn bzw. 22 bis 22,50 Mk. 
frei Bahn, je nach Qualität. Die Umsätze blieben, da die Bau- 
tätigkeit für Mietshäuser fast ganz ruhte, auf die Um- und 
Ausbauten in der inneren Stadt, auf staatliche und kommunale 
Bauten, auf Geschäfts- und Bureauhausbauten, auf Theater und 
Hotelbauten beschränkt. 

Die Aussichten am Jahresende waren gleichfalls nicht günstig, 
da zu den älteren Ursachen des Rückganges der Spekulations- 
bautätigkeit die durch den Balkankrieg hervorgerufene politische 
Unsicherheit hinzukam. Obw^ohl die meisten Ziegeleien bereits 
Mitte des Jahres die Produktion eingestellt hatten, waren doch 
am Jahresende bedeutende unverkaufte Bestände, selbst noch 
solche aus dem Jahre 1911, auf den Ziegeleien vorhanden. Viele 
AA'erke haben 1912 kaum 50 o/o ihrer Produktionsfähig'keit her- 
gestellt, und mancher Ziegeleibesitzer erwog, ob er im Jahre 
1913 überhaupt arbeiten lassen solle, da die großen Vorräte die 



Kouventionei» 



Preise 
imd Umsätze 



Aussichten. 



186 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Ergebnisse. 



Aussichteii. 



Streichplätze und Schupfpen besetzen und Aussicht auf einen 
besseren Absatz nicht vorhanden ist. Nur einige den beiden 
bestehenden Konventionen nicht angeschlossene Werke haben ihre 
Produktion zu etwas geringeren Preisen, als sie das Syndikat 
fordert, völlig geräumt und werden auch in diesem Jahre voll 
produzieren. 

Zweiter Bericht. 

Die im Vorjahre ausgesprochene Hoffnung auf eine Besserung 
des Ziegeleigeschäftes hat sich leider nicht verwirklicht. Grelang 
es auch bei Beginn des Berichtsjahres, den angestrebten Zusammen- 
schluß der märkischen Ziegeleibesitzer herbeizuführen und damit 
den Verkauf der Fabrikate in eine Hand z^i bringen, so stellten 
sich doch dem Absatz! der Steine in den Verhältnissen des Bau- 
marktes kaum überwindbare Schwierigkeiten entgegen. Die schon 
im Jahre 1911 vorhandene Zurückhaltung der Hypothekenbanken 
in der Hergabe der Baugelddarlehen und Hypotheken verstärkte 
sich fast durchweg zu einer gänzlichen Einstellung des Beleihung-s- 
geschäftes. Dies zwang die Bauunternehmer zur Beanspruchung 
noch größerer Baukredite, die ihnen seitens der Lieferanton nicht 
mehr gewährt werden konnten. Diese Umstände führten natur- 
gemäß zu einer wesentlichen Verringerung des Absatzes, so daß 
es der Konvention kaum gelang, die aus dem Jahre 1911 über- 
nommenen Vorräte während der diesjährigen Bauperiode unter- 
zubringen. Trotz des auf 70 o/o herabgesetzten Kontingents, der 
Stillegung einer größeren Anzahl von Ziegeleien und der frei- 
willigen früheren Einstellung der Streicharbeiten standen am 
Ende des Jahres die Ziegeleien so voller Steine, daß in vielen 
Fällen die Aufnahme der Fabrikation für 1913 ausgeschlossen war. 

Obwohl es gelungen ist, den Preis der Steine im ganzien 
Jahr einheitlich zu gestalten, war es den Ziegeleibesitzem in- 
folge der geschilderten Umstände doch nicht möglich, einen Gre- 
winn zu erzielen. Geringer Absatz, ungünstiges Fabrikations- 
wetter, der erhebliche Zinsverlust durch das Stapeln der Vorräte 
usw haben überall zu größeren Einbußen geführt. Auch für 
den Steinhandel war das Geschäft wenig einträglich. Der 
durch die geringere Bautätigkeit verminderte Umsatz wurde den 
altangesessenen Händlern durch die sogenannten Selbsthändler 
noch weiter geschmälert, ünterbietungen, langfristige Kredite, 
häufige große Ausfälle haben die Erträgnisse geschmälert. 

So darf man wohl das Jahr 1912 für das Ziegeleigewerbe 
als ein schwarzes bezeichnen. Leider waren auch am Jahressdiluß 
noch keine Aussichten auf eine Besserung vorhanden. Die noch 
immer ungeklärte politische Lage, die damit zusammenhängende 
Geldsteifheit, der noch nicht entlastete Wohnungsmarkt usw. 
boten keinen Anlaß, der Zukunft mit größerer Hoffnungsfreudig- 
keit entgegenzusehen. 



45. Baumaterialien. 



18'J^ 



Dritter Bericlit. 

Der Gesamtumsatz in Ziegelsteinen wird im Jakre 1912 auf 
ca. 700 Mill. Steine geschätzt, während die Produktionsmöglichkeit 
der für den Berliner Markt in Betracht kommenden Ziegeleien, 
ca. 2 Milliarden beträgt. Die gedrückten Preise verursachten 
eine Ringbildung; immerhin dürfte der gegen w^ärtige Rinjgpreis 
von ca. 20 Mk. kaum mehr als die Selbstkosten der Ziegeleien 
decken, zumal, da ihnen durch Aufstapelung der Produktion große 
Unkosten entstehen. Obgleich viele Ziegeleien sehr schwach ge- 
arbeitet haben, waren ^um Schluß des Jahres sehr erhebliche 
Bestände vorhanden. 

In Verblendsteinen konnte der Bedarf in Rathenower Material 
nur ungenügend gedeckt werden. Die Ziegeleien der Rathenower 
Gegend, die diese Artikel herstellen, hatten ihre Produktion stark 
eingeschränkt. Es kam dazu ein bedeutender Bedarf für den 
Hamburger und hannoverschen Markt, so daß der Berliner Markt 
nur ungenügend versorgt werden konnte. Dementsprechend wurden 
hohe Preise erzielt. Bei allen andern Verblendstein-Mateiialien), 
insbesondere bei w^eißen Glasuren, gelbten Maschinensteinen aus; 
der Sommerfelder und Bitterfelder Gegend, schlesischen Ver- 
blendem usw. war das Angebot stets reichlich und die Nach- 
frage schwach. 

Hartbrandsteine von der Oder waren wenig gefragt. Dieses 
Material hatte besonders stark mit deri Konkurrenz der Eisen- 
betonbauausfülirungen zu kämpfen lind war nur zu Preisen 
abzusetzen, die den Ziegeleien kaum einen Nutzen ließen. — 

Das Verblendziegelgeschäft hat sich im letzten Jahre weiter 
verschlechtert. Es werden nur noch V* Verblendziegel verlangt, so- 
weit überhaupt diese Art Ziegel in Anwendung kommt. Der Be- 
darf in 1/4 und 1/2 Lochverblendem ist weiter zurückgegangen. 
1/4 und 1/2 Lochsteine kommen nur noch in geringer Zahl {als 
glasierte Verblender und dort zur Verwendung, w^o es sich um 
die Erweiterung von Bauten handelt, bei denen bereits früher 
solche verwendet worden sind. 

Die Arbeiterverhältnisse waren gut. Mangel an Arbeits- 
kräften lag nicht vor. Große Klage ist über den alljäkrlich)|ein- 
tretenden Wagenmangel zu führen, der im Berichtsjahre ganz 
besonders hervortrat. 



Dritter Bericht. 
Ziegelsteine. 



Verblendsteine. 



Hartbrand- 
steine. 



ZweiterBericht. 
Verblend- 
steine. 
Absatz. 



Produktions- 
verhältnisse. 



b) Kalksandsteine. 

AVar schon das Geschäftsjahr 1911 für die Kalksandstein- 
industric als sehr ungünstig zu bezeichnen, so ist das Jahr 1912 
noch viel schlechter gewesen. Es ist auch zurzeit noch nicht 
abzusehen, ob und wann sich die Konjunktur auf dem Baumarkt, 
von der der Geschäftsgang der Kalksandsteinindustrie abhängt, 
ändern wird. Die großen Schw^ierigkeiten, mit denen der städtische 



Kalksandsteine. 



Lage des Bau- 
markts. 



188 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Lage der 
Kalksandstein- 
Industrie. 



Grundbesitz zu kämpfen hat, einerseits verursacht durch die 
große Steuerbelastung, andererseits durch das geltende Hypo- 
thekenrecht, welches den Gläubiger der zweiten Hypotheken zu 
wenig schützt, machten es im Berichtsjahr kaum möglioh, Hypo- 
theken zur zw^eiten Stelle zu annehmbaren Bedingungen zu er- 
halten. Auch der Hypothekenmarkt für erste Stellen war trotz 
der geringen Bautätigkeit äußerst ungünstig. Sehr erheblich 
wurde auch der Baumarkt durch die unsichere politische Lage 
beeinflußt, die auch am Jahresschlüsse noch nicht so geklärt 
war, daß man hoffen konnte, das Geschäft werde in absehbarer 
Zeit günstiger liegen. Für öffentliche Bauten wurden einige 
größere Lieferungen in Kalksandsteinen ausgeführt. 

Der Umsatz der Kalksandsteinindustrie blieb im Berichts- 
jahr aus diesem Grunde gegen das Jahr 1911 um ca. 25 o/o zurück. 
Die Fabrikation wurde während des ganzen Berichtsjahres nur 
mit 50 o/o der Leistungsfähigkeit betrieben. Die Preise für die 
Rohstoffe hielten sich im allgemeinen auf der bisherigen Höhe, 
nur Kohlen bedangen höhere Preise. Das Verhältnis zu den 
Arbeitern war gut, obwohl infolge der überaus schlechten Ge- 
schäftslage keine Lohnerhöhungen vorgenommen werden konnten. 

Der Wettbewerb zwischen Ziegeln und Kalksandsteinen 
bewegte sich dank der Bemühungen der Interessenvereine in 
friedlicheren Bahnen. Die Preise für Kalksandsteine bewegten 
sich ebenso wie die Ziegelpreise auf einer mäßigen Höhe, die 
auf dieser auch nur durch die Konventionsbestrebungen, welche 
während des ganzen Jahres im Gange waren, gehalten werden 
konnten, da die Ueberproduktion, besonders die von Ziegelsteinen 
im Bezugsgebiete von Groß-Berlin, noch sehr groß ist. Die 



Tab. 74. 



Stein preise (in Mark 



I. Quartal 
1911 1912 



Hintermauerungsziegel I. Klasse 

desgleichen per Bahn bezoofen 

(Hintermauerungsziegel IL Kl. sind 1 M. billiger) 

Hintermauerungsklinker I. Klasse 

Brettziegel von der Oder 

Hartbrandziegel vom Freienwalder Kanal und 

von der Oder 

Klinker 

Birkenwerder Klinker 

Rathenower Handstrichziegel 

„ zu Rohbauten 

n- Maschinenziegel la Verblender . 

n 

„ Dacliziegel 

Poröse Vollziegel 

„ Lochziegel 

Chamotteziegel 

Lausitzer gelbe Verblender 

Berliner Kalksandsteine 



20—23 
21—25 

24-30 

27—31 

28—36 
44—60 
36—38 
38—42 
46—52 
39—45 
26—33 
28—30 
25—27 
80—110 
50—55 
19—22 



21,25—23 
22—25 

23,75-30 

25—30 

20—35 
46—65 
35—40 
38—43 
44—52 
35—45 
30—42 

26,50—30 
24—30 
80—110 
50—60 

19—22,50 



45. Baumaterialien. 



189 



Zahlungs Verhältnisse haben sich noch mehr verschlechtert, die 
Zahl der Konkurse hat beträchtlich zugenommen. Auch das Aus- 
kunftswesen läßt noch viel zu wünschen übrig. 

Die Konventionsbestrebungen in der Ziegelindustrie haben 
auch zu einem Kartellvertrag der Ziegelindustrie mit der in 
Berlin vertretenen Kalksandsteinindustrie geführt. Es wird er- 
hofft, das Baugeschäft, namentlich die Kreditverhältnisse, durch 
diesen Zusammenschluß allmählich in gesundere Bahnen lenken 
zu können. 

c) Zementfabrikation und -Handel. 

Der Absatz von Portlandzement in Berlin und seinen Vor- 
orten hat sich im Berichtsjahre gegen das Vorjahr um ca. eine 
halbe Million Faß zu 180 kg brutto verringert. Die Gründe für 
diesen Minderabsatz liegen darin, daß der Hochbau, d. i. der 
eigentliche AVohnhausbau, in Berlin infolge eines großen Ueber- 
schusses an AVohnungen sowie infolge der bekannten Vorgänge 
auf dem Hypothekenmarkte fast vollkommen ins Stocken geraten 
ist. Auch der Bau von Warenhäusern und Fabriken ist im Be- 
richtsjahre wesentlich geringer gewesen als in den Vorjahren. 
Die kommunale und fiskalische Bautätigkeit war dagegen ziem- 
lich rege, so daß immerhin noch ca. 2 000 000 Faß Portlandzement 
in Berlin und seiner Umgebung abgesetzt werden konnten. Dafür, 
daß der Versand im Berichtsjahre erheblich geringer gewesen ist 
als im Vorjahre war neben den oben angeführten Gründen zweifel- 
los auch der Umstand maßgebend, daß viele Händler und Unter- 
nehmer zum Schlüsse des Vorjahres noch große Quantitäten 
Zement auf Lager genommen hatten, die erst im Berichtsjahre 
verbraucht worden sind. 



Aussichten. 



Zem 

Absatz. 



für 1000 Stück). 



II. Quartal 


III. Quartal 


IV. ( 


Quartal 


1911 1 


1912 


1911 


1912 


1911 


1 1912 


18,50—22 


20,25—23,50 


18,50—21 


20,25—22,50 


19—21 


' 20,25—23,50 


20—23 


21—24 


19,50—22 


21,25—23,50 


20-22,50 


: 21,25—24 


24—30 


23,75—29 


24—29 


23,50—29 


23—28 


22—28 


26—29 


26—30 


25-30 


24,50—30 


24—28.50 


1 

! 23—32 

1 


26—36 


23,75—45 


26-35 


23,75—36 


26-35 


23—38 


36—60 


36—60 


35—60 


36- 65 


40—65 


* 36—65 


34—38 


35 43 


35—38 


36—43 


30—40 


1 36—45 


37—42 


38-48 


37—42 


38-60 


38—42 


i 38,50—50 


42—50 


38—52 


42—50 


40—50 


44—50 


42—55 


37—45 


36—45 


38—45 


38—45 


34—45 


1 38—50 


27—33 


27,50-42 


28—35 


27,50—40 


30-38 


; 27—40 


28—30 


27—30 


26-30 


25,50—30 


26—30 


27—33 


25—27 


24—30 


25-32 


24—30 


25-30 


22,25—30 


80—110 


80-150 


80—110 


80—150 


80—160 


80—110 


50—55 


45—60 


50-60 


45—60 


50—60 


i 43—60 


18—20 


19-22 


18—20 


17,50—22 


18-22 


18—23 



190 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Verkaufs- 
Vereinigung. 



Entstellung 

neuer 
KonkuiTenz. 



Export. 



Schon im vorjährigen Bericht wurde erwähnt, daß es im 
Herbst vorigen Jahres gelungen ist, nach schweren Kämpfen 
die an dem Berliner Markt beteiligten * Zementfabriken zu einer 
Verkaufsvereinigung zusammenzuschließen. Diese Verkaufsver- 
einigung, die den gesamten Berliner Zementbedarf einheitlich 
regelt, hat im Berichtsjahre ausgezeichnet gearbeitet und wieder 
die lange ersehnte Ordnung in den Berliner Zementhandel hin- 
eingebracht. Durch den geringen Versand sind besonders die 
beiden B/üdersdorfer Fabriken zu erheblichen Einschränkungen 
ihrer Produktion gezwungen worden, obwohl beide Fabriken 
eifrig bemüht waren, den Ausfall in ihrem Versand nach Berlin 
durch Export ins Ausland, selbst zu verlustbringenden Preisen, 
auszugleichen. So hat die „Adler" Deutsche Portland-Cement- 
Fabrik A.-G. ihr Werk in Zossen zu Beginn des Jahres voll- 
kommen stillgelegt, und auch das Portland-Cementwerk von 
C. 0. AVegener hat zu wesentlichen Betriebseinschränkungen 
schreiten müssen. 

Unter diesen Umständen begegnete die Absicht der Kgl. 
Berginspektion in Büdersdorf, eine neue große Zementfabrik in 
Büdersdorf, welche ein rheinischer Großindustrieller auf dem 
Bittergut Büdersdorf zu errichten beabsichtigte, durch Lieferung 
der erforderlichen Kalksteine zu unterstützen, dem lebhaften 
Widerspruch der altangesessenen Büdersdorfer Fabriken, die seit 
langen Jahren durch ihre bedeutenden Abnahmen an Kalksteinen 
das eigentliche Fundament für den Betrieb der Kgl. Berginspektion 
in Büdersdorf gewesen sind. Zwar sind die zuerst durch die 
Kgl. Berginspektion für das geplante Unternehmen gemachten 
tüberaus günstigen Offerten, die den sicheren Buin der beiden 
bestehenden Fabriken im Gefolge gehabt haben würden, durch 
das Eingreifen des Ministers für Handel und Gewerbe wesentlich 
geändert worden, so daß auch die alten Fabriken dieselben Ver- 
günstigungen erhalten werden, die der neue Wettbewerber ur- 
sprünglich allein erhalten sollte. Immerhin aber bleibt die Er- 
richtung der neuen Fabrik eine schwere Gefahr nicht nur für 
den Berliner Zementmarkt, sondern für die gesamte deutsche 
Zementindustrie, weil durch diese neue Konkurrenz die Syndikate 
gefährdet werden, die mit schweren Mühen aufgebaut worden 
sind. Das Vorgehen der Kgl. Berginspektion wurde von den 
Interessenten um so schärfer verurteilt, als es nach deren An- 
sicht im Gegensatz zu der Stellung steht, die sonst der Minister 
für Handel und Gewerbe den Syndikaten der deutschen Industrie 
gegenüber einzunehmen pflegt. 

Das Exportgeschäft war im Berichtsjahre lebhafter als 
sonst. Bußland hatte einen überaus großen Bedarf an Portland- 
zement, an dessen Befriedigung auch die Berliner Fabriken sich 
mit namhaften Mengen beteiligten. Auch das überseeische Ex- 
portgeschäft wurde in wesentlich größerem Umfange als sonst 



45. Baumaterialien. 



191 



betrieben, ohne jedoch wesentlichen Nutzen abzuwerfen, da immer 
noch im Auslande die Zollschranken sehr hoch sind, während 
ausländischer Zement zollfrei bei uns eingeführt wird. aSTeuer- 
dings macht sich auch in Brasilien für die deutschen Fabriken 
eine ganz erhebliche Konkurrenz amerikanischer Zement fabriken^ 
bemerkbar, weil der amerikanische Import Vorzugszölle genießt. 

Die Arbeiterfrage ist in der Zementindustrie eine dauernde 
3orge. Im Sommer herrscht schon seit Jahren eine derartige 
Knappheit an Arbeitsikräften, daß vielfach Teile des Betriebes 
stillgelegt werden müssen, weil die Arbeitsstätten nicht genügend 
mit Arbeitskräften besetzt werden können. Streiks sind in den 
Fabrikbetrieben nicht vorgekommen, doch haben die Lagerver- 
V-altungen der Berliner Fabriken für die Berliner Fabriklager 
mit den Transportarbeitern gezwungen Tarifverträge abschließen 
müssen, die sehr viele Unbequemlichkeiten im Gefolge haben. 

Die für die Fabrikate erzielten Preise sind als gut zu be- 
zeichnen, so daß trotz des verringerten Absatzes das Berichts- 
jahr als ein ertragreiches zu betrachten ist. 



Arbeiter- 
Verhältnisse. 



Preise : 
Geschäfts- 
ergebnLs. 



d) Mörtelfabrikation. 

Nachdem schon im Jahre 1911 der Geschäftsgang in der 
Mörtelfabrikation gegen das Vorjahr eine wesentliche Verschlechte- 
rung gezeigt hatte, war im Berichtsjahre ein weiterer Bück- 
gajig in der Beschäftigung zu verzeichnen. Ja, das Geschäftsjahr 
1912 ist wohl das schlechteste seit Bestehen der Berliner Mörtel- 
Industrie gewesen. Hieran trug in der Hauptsache die geringe 
Bautätigkeit schuld. Dazu kommen die hohe steuerliche Belastung 
des Baugewerbes und die allgemein bekannten Schwierigkeiten 
bei der Beschaffung von ersten und namentlich von zweiten 
Hypotheken. Selbst in der Hergabe von Baugeldern ist in der 
letzten Zeit eine sehr merkliche Zurücklialtung beobachtet worden. 
Alle diese Momente haben imgünstig auf die Bautätigkeit ein- 
gewirkt, und es schien am Jahresschluß, als ob in absehbarer 
Zeit eine Besserung nicht eintreten werde. 

"Wenn nun die Erträgnisse der Mörtel-Industrie schon durch 
die geringe Beschäftigung wesentlich zurückgegangen sind, so 
sind sie weiter durch die infolge der Dürre des Jahres 1911 
eingetretenen hohen Futterpreise ungünstig beeinflußt. Femer 
ist in den Arbeiterverhältnissen dadurch eine wesentliche Aende- 
rung eingetreten, daß mit den Kutschern, welche im Sommer 
bei einigen Mörtelwerken in den Ausstand getreten waren, ein 
Tarifvertrag geschlossen ist. Die Wirkungen desselben lassen 
sich heute noch nicht übersehen, jedoch steht schon soviel fest, 
daß die Arbeitsleistung der Kutscher und dadurch die Ausnutz- 
barkeit der Gespanne eine Einschränkung erfahren hat. 

Nach alledem sind die Aussichten für das Jahr 1913 un- 
günstig. Doch wird in vielen Kreisen für das Jahr 1914 eine 



Mörtel. 

Rückganjj: 
des Absatzes. 



SteigeruiiK 
der Unkosten. 



Aussichten. 



192 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Gips. 
Absatz. 



Fabrikation. 



Handel. 



Belebung des Geschäftes dadurch erhofft, daß infolge des Zu- 
zuges und Zuwachses der Bevölkerung allmählich in Berlin ein 
Wohnungsmangel eintreten muß, durch den die Bautätigkeit 
Avieder gehoben wird. 

e) Gipsindustrie. 

Der Absatz von Gips hat im Laufe des Jahres 1912 einen 
weiteren Rückgang erfahren. Die Hauptursache hiervon war der 
immer stärkere Eückgang der Bautätigkeit in Groß-Berlin. Auch 
die Aussichten für das Frühjahr 1913 waren am Jahresschluß 
ungünstig, da nur sehr wenig Neubauten begonnen waren und 
die früher angefangenen Bauten ihrer Vollendung entgegensahen, 
so daß ein Absatz von Gips für diese nicht mehr in Frage 
kam. Der durchschnittliche Jahresabsatz an Gips und Gipsdielen 
für Groß-Berlin dürfte sich zurzeit auf etwa 9000 AYaggons be- 
laufen, von denen etwa 6000 Waggons durch die Sperenberger 
Gipswerke und der Best durch die Harzer Gipswerke geliefert 
werden. 

Die außerordentliche Steigerung der Preise für Kohlen be- 
deutete für die Gipsfabrikanten eine erhebliche Verteuerung ihrer 
Produktionskosten, so daß nur wenige Fabriken mit Nutzen ge- 
arbeitet haben können, es sei denn, daß dieser durch Erzeugung 
von Spezialartikeln erzielt worden ist. Bei dem sehr geringen 
Absatz und der großen Ueberproduktion dürfte auch in Zukunft 
auf eine Abwälzung der höheren Gestehungskosten auf die 
Konsumenten nicht zu rechnen sein. 

Die Preise für Gips blieben ungefähr unverändert niedrig. 
In Anbetracht der außerordentlich gestiegenen Preise für Jute 
als Verpackungsmaterial für Gips wäre es notw^endig gewesen, 
eine kleine Piwserhöhung eintreten zu lassen. Mit Bücksicht 
auf die schlechte Lage des Baumarktes haben die Händler aber 
davon Abstand genommen und die Mehrlasten von ihrem ge- 
ringen Verdienst bestreiten müssen. In Anbetracht der vielen 
Subhastationen und Zusammenbiniche von Maurermeistern, Bau- 
firmen und Bauunternehmern dürfte wohl jede Firma mehr oder 
weniger große Verluste erlitten haben. — Der Handel mit Gips 
in Säcken mit ^linderge wicht hat auch im Jahre 1912 nicht 
nachgelassen. Es sind wohl einige Firmen, die sich mit der 
Lieferung von Mindergewicht befaßten, aus dem Markte ver- 
schwunden, aber an ihre Stelle sind wieder andere getreten. Es 
kann nur immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die Ab- 
nehmer bei Einforderung von Gipsofferten darauf dringen müssen, 
daß nur Angebote in Packungen von 50 bzw. 75 kg für den 
Sack Gips gemacht werden. Nur durch solche Mitwirkung aller 
Interessenten ist es möglich, diesem unlauteren Wettbewerb ein 
Ziel zu setzen. 



45. Baumaterialien. 



193 



f) Straßenbaumaterialien. 

Von einer Straßenbaufirma erhalten wir folgenden Bericht: 

Der Handel mit Pflastersteinen in Berlin und Umgegend 
hat auch im Berichtsjahre wiederum eine Steigerung erfahren, 
wenn auch die Umsätze aus der Zeit von vor 8 — 9 Jahren und 
aus früherer Zeit noch lange nicht erreicht wurden. Die 
Bruchbetriebe waren das ganze Jahr über gut beschäftigt 
und erzielten durchgehend höhere Preise als im Vorjahre. 
Die Nachfrage, besonders nach besser bearbeiteten Pflaster- 
steinen, war größer als das Angebot. Es hätten größere Umsätze 
erzielt werden können, wenn mehr Material an den Markt ge- 
kommen wäre. Doch hatten die inländischen Brüche schon im 
Sommer ausverkauft, so daß gegen Ende des Jahres weder aus 
Schlesien noch aus Sachsen besser bearbeitete Keihensteine 
selbst bei erhöhtem Preisangebot zu erhalten waren. Es ist 
hierdurch wieder einmal erwiesen, daß der hiesige Markt bei 
dem Bezug der von den Behörden vorgeschriebenen besseren 
Steine wesentlich auf die Einfuhr von Schweden angewiesen ist 
und ein Zoll auf die schwedischen Steine eine lediglich die 
Gemeinden treffende Last wäre. 

Die schwedischen und norwegischen Steinbrüche, die nach 
Südamerika, England und Rußland einen immer größeren Ab- 
satz finden, gingen, wie die deutschen Brüche, in der zweiten 
Hälfte des Berichtsjahres mit dem Preise bedeutend in die Höhe. 
Allem Anschein nach wird der Umsatz im nächsten Jahre noch 
eine weitere Steigerung erfahren. 

Trotz des Anziehens der Preise sowohl für deutsches wie 
ausländisches Material blieben die Preise für fertige Pflasterungen 
gedrückt, so daß der Steinsetzbetrieb sich mit einem sehr ge- 
ringen Nutzen begnügen mußte, und auch die Pflastersteinhändler 
nur einen geringen Verdienst erzielten. 

Erwünscht wäre es, wenn die Behörden sich zu ihren Be- 
stellungen möglichst schon im Herbst entschließen und Pflaste- 
rungen mehr als bisher im Prühjahr anstatt gegen Ende des 
Sommers beginnen lassen würden. Dann ließe sich die Ver^ 
frachtung der Steine noch zu dem niedrigeren Prühjahrspreisei 
ermöglichen, und die Brüche könnten sich besser auf den Be- 
darf einrichten. 

Aus den Kreisen der inländischen Pflastersteinfabrikation 
geht uns folgender Bericht zu: 

Die Besserung -der Lage der inländischen Pflasterstein- 
produktion im Absatzgebiet der sächsischen und der preußischen 
Oberlausitz hielt auch im Berichtsjahr 1912 weiter an. Im 
Gegensatz zum ^Vorjahre erstreckte sich die Besserung im Ab- 
satz und in den Preisen nicht nur auf die geringeren Sorten. 
Auch die Preise der Reihensteine konnten sich erholen. Die 
Nachfrage war während des ganzen Jahres sehr lebhaft. Den 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL 13 



Pflaster- 
steine. 

Erster Bericht 

Produktion 
und Absatz von 
Pflastersteinen. 



Steinsetz- 
betrieb. 



Behörden- 
Aufträge. 



Zweiter 
Bericht. 

Geschäftsgang. 



194 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Eiseubahntarif- 
und Zollpolitik. 



Behörden 

und heimische 

Industrie. 



Preissteigerungen standen jedoch infolge der allgemeinen Teuerung 
wie in vielen anderen Branchen auch in der Pflastersteinindustrie 
wesentlich höhere Selbstkosten gegenüber, die nicht allein durch 
eine nicht unerhebliche Lohnsteigerung, sondern auch durch eine 
Erhöhung der anderen zu den Selbstkosten beitragenden Faktoren 
verursacht war. 

Die im vorigen Jahresbericht erwähnten Verhandluugen 
mit den deutschen Eisenbahnverwaltungen über billigere Eisen- 
bahnfrachten sind nach schwierigen und lang andauernden Ver- 
handlungen zum Abschluß gelangt. Das Pesultat ist eine geringe 
Frachtermäßigung für Pflastersteine und eine Ermäßigung für 
gewisse Abfallprodukte, die zwar nur einer bestimmten Anzahl 
von Werken unmittelbaren N"utzen bringen kann, aber hoffentlich 
doch der Steinindustrie im allgemeinen zum Vorteil gereichen wird. 
So dankenswert diese Frachtermäßigungen sind, die in der Haupt- 
sache doch wieder den Verbrauchern, d. h. den staatlichen und 
kommunalen Behörden, zugute kommen, so ersetzen sie doch bei 
weitem nicht den von der Steinindustrie jahrelang angestrebten 
Zoll auf ausländische Pflastersteine. iW-enn auch einige Pro- 
duktionszentren der Pflastersteinindustrie sich im Berichtsjahre 
infolge des allgemeinen lebhaften Greschäftsganges einer verhält- 
nismäßigen Blüte erfreuten, so klagten andere Bezirke doch sehr 
über die ausländische Konkurrenz. Es bleibt abzuwarten, wie 
sich die Lage des Geschäftsganges bei sinkender Konjunktur 
und nach Eröffnung des Großschiffahrtsweges Berlin-Stettin ge- 
stalten wird und ob dann die zugebilligten Tarifermäßigungen 
ausreichen werden, um die jahrzehntelang notleidend gewesene! 
Industrie vor schweren Erschütterungen zu bewahren. Die fort- 
idauernd wachsenden iVnsprüche an die Beschaffenheit der be- 
festigten Straßen lassen es erhoffen, daß die Nachfrage sich im 
wesentlichen auf der Höhe des Durchschnitts der letzten Jahre 
halten wird, wenn nicht infolge des Niederganges auf dem Terrain- 
und Hypothekenmarkte die Erschließung neuer Gelände in letzter 
Zeit stark eingeschränkt worden wäre. Solange aber durch die 
Gesetzgebung das Kapital in der Betätigung auf dem Grund- 
stücksmarkte behindert wird, kann eine Aenderung nicht er- 
wartet werden, und die vom Baumarkt stark abhängige Pflaster- 
steinindustrie wird von einem KonjunktuiTückgaug schwer be- 
troffen werden. 

Nach einer jahrelangen ungerechtfertigten Bevorzugung aus- 
ländischen Materials, bestreben sich jetzt die Behörden, deutsches 
Material zu verwerten, soweit dessen Verwendung keine Mehr- 
ausgabe bedeutet. Vpn (dem , Sitandpunkt ausländischer Be- 
hörden, die ihre Landesjirodukte selbst bei höheren Preisen be- 
vorzugen, sind die deutschen Behörden jedoch noch weit ent- 
fernt. Gewiß kann kein Zweig der deutschen Industrie ver- 
langen, daß seine Produkte unter allen Umständen dem aus- 



45. Baumaterialien. 



195 



ländischeii Material vorgezogen werden, indessen muß doch darauf 
hingewiesen werden, daß ausländische Behörden in der Regel 
die Bevorzugung inländischen Materials zur Pflicht machen, sofern 
der Mehrpreis einen gewissen Prozientsatz nicht üherschreitetw 

Die Verwendung von Asphalt und Teer zu Straßen in ver- 
schiedenen Ausführungsarten hat weiter angehalten, jodoch fand 
bisher die Steinindustrie Ersatz für verlorenes Absatzgebiet in 
den entfernter liegenden Vororten und in den Provinzialstädten. 
Aber auch hier hat die Belastung des Grund und Bodens durch 
die Gesetzgebung der letzten Jahre außerordentlich hemmend! 
gewirkt. | i 

In Berlin und seiner Umgebung, d. h. Charlottenburg, Wil- 
mersdorf, Schöneberg, Neukölln, Lichtenberg, Steglitz, Pankow, 
Reinickendorf, Weißensee, Schmargendorf, Niedei^ Schönhausen, 
Priedenau, Britz, Tempelhof, Mariendorf, Ober- Schöne weide, 
Spandau, Friedrichsfelde, Wittenau, Köpenick, Grunewald, Tegel, 
Wannsee, Lichterfelde, Eichwalde, Potsdam, Lankwitz, Trep- 
tow, Johannisthai, Dahlem, Boxhageü-E-ummelsburg, Grünau, 
Teltow, Heinersdorf, Rosenthal, Zehlendorf, Stralau, Adlershof, 
Nikolassee, Nieder- Schöneweide, Marienfelde, Lichtenrade,, Buckow, 
Budow, Hohen-Schönhausen und Franz. Buchholz sind im laufen- 
den Jahre rund 356 000 qm Fahrdämme mit Stampf asphalt gegen 
298 000 qm im Jahre 1911 und rund 83 000 qm Fahrdämme mit 
Gußasphalt gegen 66 000^) qm im Vorjahre befestigt worden. Das 
Mehr an Stampfasphaltarbeiten entfällt in der Hauptsache |auf 
Berlin, Lichtenberg und Wilmersdorf, dasjenige an Gußasphalt- 
arbeiten auf Weißensee, Tempelhof, Zehlendorf und Potsdam. 

Es hat sich auch in diesem Jahre gezeigt, daß in kleineren, 
und in solchen Orten, in denen nur ein schwacher Verkehr herrsctht, 
für Neupflasterungen der Gußasphalt immer mehr in Anwendung 
kommt, der billiger als der Stampfasphalt ist, zwar nicht die 
Dauerhaftigkeit des Stampfasphaltes besitzt, aber für den be- 
absichtigten Zweck als ausreichend erachtet wird. Zu den ange- 
führten Stampf asphaltarbeiten sind ca. 39 000 t Asphalt, davon 
4000 t aus deutschen und 35 000 t aus ausländischen Gruben' in 
Italien, Frankreich und der Schweiz, zu den Gußasphaltarbeiten 
5000 t verwandt worden. 



ca 



Die Arbeiten wurden von zehn einheimischen und zwei eng- 
lischen Firmen ausgeführt. 

Die bereits im Vorjahre sehr gedrückten Preise, besondetrs 
für Stampf asphalt, sind im Berichtsjahr immer noch weiter her- 
untergegangen und erreichten einen derartigen Tiefstand, daß 
nach Ansicht von Sachverständigen ein Verdienst ausgeschlossen 
war und die Preise nur so erklärt werden konnten, daß einige 



KonkuiTeuz 

durch Asphnl^ 

und Teer. 



Asphalt. 
Erster Bericht. 
Geschäfts gaug. 



Preise. 



1) Berichtigung der im Jalire 1911 angegebenen Zahl. 



13* 



196 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Zweit«!" 
Bericht. 
1. Stampf- 
asphalt. 



2. Gußasphalt. 



Unternehmer auf jeden Verdienst verzichteten, wenn sie nur ihre 
Arbeiter beschäftigen und Material in Geld umset^^en konnten. 

Ueber den Verlauf des Asphaltierungsgeschäfts im Jahre 
1912 ist nicht so günstiges zu berichten wie im Vorjahre. Die 
Neuherstellung von Stampfasphaltstraßen ist in Groß-Berlin und 
in den Provinzstädten seitens der stä4tischen Bauämter nicht 
in dem Maße ausgeführt worden wie in den früheren Jahren. 
Die Ausgaben der Kommunen mehren sich von Jahr zu Jahr, 
und um den jährlichen Zuschlag zu den Gemeindesteuern nicht 
zu hoch zu steigern zu brauchen, machen die Gemeindeverwal- 
tungen namentlich von den für Pflasterungszwecke ausgeworfenen 
Summen starke Abstriche. Aber nicht allein die Kommunen, 
sondern auch die Terraingesellschaften, denen vor allem daran 
liegen müßte, ihre Terrains durch Schaffung von geräuschlosem 
Pflaster möglichst schnell der Erbauung zu erschließen, haben 
nur verhältnismäßig wenige Straßen mit Stampfasphalt aus- 
führen lassen, da infolge der schlechten Lage des Baumarktes 
der Verkauf von Bauparzellen sehr schwierig war. Infolgedessen 
Iwar eine Besserung der Preise für Stampfasphaltstraßen un- 
möglich, im Gegenteil mußten die Firmen teilweise erhebliche 
Konzessionen machen, um Arbeiten zu erlangen, da der Wett- 
bewerb außerordentlich groß war. 

Die Verwendung von Gußa^phalt zur Befestigung von 
Straßen mit untergeordnetem Verkehr hat auch im Berichtsjahre 
weitere Fortschritte gemacht, da sich die Gußasphalt- Straßen 
erheblich billiger als die Stampfas^phalt-Straßen stellen. Auch 
der Absatz von Gußasphalt wurde durch die ungemein mißliche 
Lage des Baumarktes ungünstig beeinflußt, da die Anzahl der 
genehmigten Bauten, für welche hauptsächlich Gußasphalt zur 
Befestigung von Höfen, Durchfahrten, Isolierungen usw. in Frage 
kommt, um ca. 25 o/o gegenüber der des Vorjahrs gesunken ist. 
Teilweise trat sogar ein Stillstand in den Hochbauten ein, und 
es ist festgestellt worden, daß in einer der besten Gegenden von 
Berlin und im östlichen Teil von Charlottenburg einige Wochen 
kein einziger Neubau im Gange war. Es dürfte bei der ungünstigen 
Lage des Hypothekenmarktes auch für das Gußasphaltgeschäft 
vorerst keine Besserung zu erwarten sein. Der Handel in Guß- 
asphalt bzw. mit sogenanntem Asphaltmastix nebst dazugehörigen 
Materialien wie Goudron, Trinidadasphalt usw. hat sich alles 
in allem anscheinend auf derselben Höhe wie im vorigen Jahre 
gehalten. Wenn auch in den Städten die Bautätigkeit, wie schon 
vorher gesagt, zu wünschen übrig ließ, so sind doch seitens der 
Industrie erhebliche Erweiterungsbauten vorgenommen worden, 
welche teilweise die Verrwendung von Gußasphalt erforderten. 
Man war der Ansicht, daß durch die gute Ernte sich noch im 
Herbst eine größere Bautätigkeit bemerkbar machen würde. 
Diese Erwartung ist nicht eingetroffen, da die politischen Wirren 



45. Baumaterialien. 



197 



und der Rückschlag der mißlichen Verhältnisse des Hypothek'en- 
marktes sich auch hier fühlbar machten. — Der Export in 
Asphaltmastix war ziemlich lebhaft. 



g) Dachpappenfabrikation. 

Die Dachpappen-, Holzzement- und Teerindustrie hatte im Geschäftsgang 
Jahre 1912 unter verschiedenen Unbilden zu leiden. Der Verbrauch 
an Da^ihpappe war normal, wurde jedoch durch die Bestrebungen 
des Bundes Heimatschutz, der sich gegen die Anwendung flacher 
Dächer ausspricht, stark beeinträchtigt. Namentlich gilt dies für 
das Holzzementdach, das bekanntlich nur bei ganz flachen Dächern 
zu verwenden ist. Der Bezug des Teeres erfolgte zu erheblich 
höheren Preisen als im Vorjahre. Die kartellierte Rohpappen- 
industrie sah sich veranlaßt, eine beträchtliche Prei^teigerungf 
für Rohpappe eintreten zu lassen. ' Die Gestehungskosten füi: 
Dachpappe erfuhren also eine erhebliche Steigerung. Diese Steige- 
rung war nicht durch eine Erhöhung der Preise für das Fertig- 
fabrikat auszugleichen, weil eine Einigung in. der Dachpappen- 
industrie nicht möglich war. Das Erträgnis des Jahres 1912 
steht deshalb gegenüber demjenigen des Jahres 1911 ganz er- 
heblich zurück. 

Die Zollverhältnisse sind für die Dachpappenindustrie un- 
günstig. Sie fördern die Einfuhr ausländischer, namentlich 
amerikanischer Dachpappe, begünstigen aber nicht die Ausfuhr 
deutscher Dachpappe. Die Dachpapjpenindustrie muß daher bei 
der künftigen Gestaltung der Handelsverträge für eine Ver- 
bes.serung dieser Zoll Verhältnisse Sorge tragen. Gleichfalls eine 
Erleichterung des Exports bezweckt ein Antrag an die Ständige 
Tarifkommission der deutschen Eisenbahnen, Dachpappe, die für 
den Export bestimmt ist, nach Spezialtarif III zu befördern, 
da die Frachtkosten für den Versand auf weitere Entfernungen 
in gar keinem Verhältnis zu dem "Wert der Dachpappe stehen. 
Die Tarif kommission hat diesen Antrag abgelehnt. Es muß indes 
immer von neuem darauf hingewirkt 'werden, den Antrag durch- 
zubringen. 

Von Streiks und Lolmerhöhungen ist die Dachpappenindustrie Streiks, 

im Berichtsjahr gleichfalls ia Mitleidenschaft gezogen worden. 



ZoU- imd 
Eisenbahntarif- 
fragen. 



h) Kies. 

Das Kiesgeschäft war im Berichtsjahre im allgemeinen wenig 
befriedigend. Der Abruf von Kies ist gegen das Vorjahr zum Teil 
erheblich zurückgegangen. Die Flußkiese von der Oder, Neiße 
und Elbe her haben allerdings weniger unter der allgemein 
schlechten Lage des Baumaterialienhandels gelitten, weil einige 
bedeutende Bauten mit besonders großer Verwendung von Beton 
aus Flußkies ausgeführt worden sind. Vor allen Dingen ist bei 



198 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Verwendungs- 
zwecke 
des Betons. 



Materialpreisp 
lind Arbeits- 
verhältnisse. 



den üntergrundbahnbauten eine große Menge Plußkies vorbraucht 
worden. Die Preise waren gedrückt und lagen teilweise noch 
unter denjenigen des Vorjahres. Sie sind nunmehr an einer 
Grenze angekommen, welche den meisten Kiesgruben eine nennens- 
werte Eentabilität nicht mehr ermöglicht und einen Zusammen- 
schluß wünschenswert erscheinen läßt, durch welchen den fort- 
währenden Unterbietungen ein Ende gemacht und eine allmähliche 
Wiederaufbesserung der Preise erreicht werden soll. Die Wasser- 
verhältnisse waren für die Flußbaggerungen durchweg günstige, 
was allerdings zur Folge hatte, daß die Schiffahrt durch vielen 
Aufenthalt an den Schleusen, wenigstens auf dem Spree-Odei"- 
Kanal, schwere Störungen zu erleiden hatte. 

i) Beton und Eisenbeton. 

Weil Beton und Eisenbeton beim Wohnhausbau fast 
gar nicht verwendet zu werden pflegen, haben die außerordentlich 
ungünstigen Verhältnisse am Hypothekenmarkte den Geschäfts- 
gang im Betonbaugewerbe wenig beeinträchtigt. Dagegen hat die 
Erhöhung des Zementpreises in manchen Fällen im Deckenbau 
den Wettbewerb des reinen Eisenbetons ausgeschaltet. Decken 
mit Balken und Stützen in Eisenbeton konnten öfter nicht billiger 
angeboten werden, als Steindecken zwischen I-Trägerlagen. Und 
da die Meinung, daß die Bauten unter Benutzung eiserner Träger 
schneller zu fördern sind, in Berlin noch vielfach besteht, so 
wurde stellenweise den Trägern der Vorzug gegeben. Ziegels tein- 
decken mit bestimmten hohlen Formsteinen sind in Groß-Berlin 
überhaupt beliebt und kommen nicht nur zwischen eisernen 
Trägern, sondern auch zwischen Eisenbetonbalken zur Ausfüh- 
rung; da es sieh meistenteils um große Spannweiten handelt, so 
ist allerdings der Eisenbeton das tragende Element, und die Form- 
steine dienen als Füllmaterial zwischen den Bippen, derart, daß 
ifli! der Unteransicht nur die Steinflädhe vorhanden ist. Die Er- 
höhung der Zementpreise wird auch die anderweitige Ausführung 
mancher Fundierung, für die sonst Beton zur Anwendung ge- 
kommen wäre, begünstigt haben. Immerhin war das Geschäft 
belebt, zumal da der Verbrauch an Zement und Kiessand auch 
durch die Untergrundbahhbauten in Berlin, Wilmersdorf und 
Charlottenburg gefördert wurde. Die Berliner Nord-Süd-Untel^- 
grundbahn, mit deren Ausführung gegen Ende des Jahres be- 
gonnen ist, wird den Materiallieferanten auch weiterhin Be- 
schäftigung geben. 

Der Preis für Portlandzement, der im Berichtsjahi' 5i70 Mk. 
einschließlich der Säcke frei Bau in Berlin betragen hat, dürfte 
für das nächste Jahr keine wesentliche Veränderung erfahren. 
Der Rundeisenpreis hat nach und nach angezogen und betrug 
am Schluß des Jahres frei Waggon Berlin etwa 140 Mk. für 
die Tonne. Unbequem waren für das Eisenbetongewerbe die wieder 



47. Schamottewaren. 



199 



recht langen Lieferfristen der Walzwerke. Es wurden öfteirs 
Fristen von 10 bis 14 Wochen verlangt, und da mit dem Bau- 
beginn meistens so lange nicht gewartet werden konnte, mußte 
der Eisenbedarf von den Lagervorräten der Händler bezog'en 
werden, wodurch sich der Preis natürlich höher stellte. Auf 
das neue Jahr werfen die am 1. April 1913 ablaufenden Tarif- 
verträge mit den Arbeitnehmern des Baugewerbes einen Schatten 
voraus. Ob eine neue Verständigung rechtzeitig zustande kommen 
wird, war am Jahresende nicht zu beurteilen. 



46. Ofenfabrikation. 

Infolge der geringen Bautätigkeit war der Absatz der Ofen- 
fabrikation gering, und die Läger füllten sich bis zum Schlüsse 
des Jahres ohne Aussicht auf Absatz, so daß die meisten Fabriken 
den Betrieb erheblich einschränken mußten und einzelne Firmen 
in Konkurs gegangen sind. Der Export ruhte ganz, da die un- 
sicheren politischen Verhältnisse auch auf diesen Grewerbezweig 
einwirkten. 

Trotz der ungünstigen Konjunktur ließen sich die Arbeit- 
nehmer verleiten, in eine Lohnbewegung einzutreten mit dem 
vorauszusehenden Erfolge, daß sie die Arbeit später unter un- 
günstigeren Bedingungen wieder aufnehmen mußten. 

Die Vereinigung sämtlicher Ofenfabriken in Veiten zu einem 
Verkaufssyndikat hat den erhofften Erfolg nicht gebracht und 
wurde am Schlüsse des Berichtsjahres wieder aufgelöst. Der Grund 
der Auflösung lag insbesondere in der Höhe der Unkosten des 
Verbandes und einer dadurch erzeugten Unzufriedenheit der Mit- 
glieder, die in stürmischen Versammlungen zum Ausdruck kam. 
[Wurden doch zuletzt 14 o/o vom Umsatz für Verwaltungskosten 
erfordert, ein Satz, den der Gewerbezweig in Rücksicht auf die 
hohen Rohmaterialienpreise nicht bezahlen konnte. 

Die letzteren hielten sich fast in der gleichen Höhe wie im: 
vorigen Berichtsjahre, nur daß das Zinn noch etwa 10 ^/o teurer 
gew^orden ist. 

Zieht man die allgemeine Unsicherheit auf dem Baumarkt 
in Betracht, so eröffnen sich auch für das kommende Jahr nur 
trübe Aussichten. 



Absatz. 



Arbeits- 
verhältnisse. 



Syndikat. 



Rohmaterial' 
preise. 



Aussichten. 



47. Schamottewaren. 

Der Bedarf an Schamottematerial für den Berliner Baumarkt 
zeigte schon im Vorjahre einen starken Rückgang. Im Berichts- 
jahre hat er einen Tiefstand erreicht, wie er bis jetzt nicht 
erlebt wurde. Die Ursachen liegen in dem am Baumarkt ein- 
getretenen Niedergang. Das solide Bauunternehmertum, welches 
übrigens durch überaus zahlreiche Zahlungsemstellungen von zum 
Teil großen, angesehenen Firmen stark zusammengeschrumpft ist, 



Bedarf des 
Baugewerbes. 



200 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Industrie- 
bedarf. 



Gesamt- 
ergebnis. 



verhielt sich abwartend. Es ist daher ganz erheblich weniger 
gebaut worden, als in den letzten Jahren. Bei den Bauhand- 
werkern und sonstigen Geschäften, welche den Artikel „Schamotte" 
gebrauchen, sind größere Verluste als je eingetreten. Da sich 
die Industrie immer noch in der Hochkonjunktur befindet und 
von Industriewerken vielfach große Kapitalserhöhungen vor- 
genommen sind, ist das Privatkapital meist der Industrie zu- 
geflossen und dem Berliner Baumarkt entzogen worden. Da noch 
keinerlei Anzeichen dafür vorhanden sind, daß ausreichendes 
Kapital für den Hypothekenmarkt frei wird, so sind am Bau- 
markt auch die Aussichten für die Zukunft wenig günstig. Das 
Bauschutzgesetz hat zwar reinigend gewirkt, es hat aber zur 
Verflauung der Bautätigkeit beigetragen. Die unsichere poli- 
tische Lage als Folge des Balkankrieges leistete der Zurück- 
haltung des Baukapitals ebenfalls Vorschub. 

Die Hauptabnehmerin für den xlrtikel „Schamotte" ist, wie 
schon in früheren Berichten bemerkt, die Industrie, namentlich 
die metallurgiöche, welche meist Qualitätsware kauft. Von der 
industriellen Hochkonjunktur haben indessen nur die auswärtigen 
größeren Schamottewerke Nutzen gezogen, weil die Haupt- 
abnehmer in den Industriebezirken Oberschlesiens, Sachsens, Rhein- 
land- Westfalens usw. wohnen und nicht auf dem Umwege über 
Berlin kaufen. Immerhin ist aber in Groß-Berlin das Geschäft 
mit den verschiedensten Industriewerken lohnend gewesen und 
hat einigermaßen den Minderbedarf des Baumarktes ausgeglichen. 
Der flotte Absatz der auswärtigen Werke, welche für ihre Liefe- 
rungen meistens lange Lieferfristen verlangen mußten, hat aber 
nicht vermocht, einen nennenswerten Einfluß auf die Preise aus- 
zuüben. Die in Berlin erzielten Preise ließen trotzdem einen 
auskömmlichen, wenn auch bescheidenen Nutzen. 

Das Gesamtresultat des Berliner Handels (wie in den früheren 
Berichten mitgeteilt, wird in Berlin nicht fabriziert) ist nicht 
erfreulich. Der Ausfall eines genügenden Absatzes auf dem 
Baumarkt hat den Gesamtumsatz gegenüber dem der Vorjahre 
nicht unbeträchtlich verringert. Die beteiligten Firmen dürften 
zufrieden sein, wenn sie ihre Unkosten verdient haben. Wie im 
Vorjahre, so hat auch im Berichtsjahre eine kleine Handelsfirma 
ihre Zahlungen eingestellt. 



Porzellan. 

Erster Bericlit 
Gebrauchs- • 
Porzellan. 



48. Porzellan und Steingut. 

Die Besserung des Geschäftsganges im Porzellanhandel, über 
die im Vorjahre berichtet werden konnte, machte in den ersten 
drei .Vierteln des Berichtsjahres bemerkenswerte Fortschritte. 
Dann aber trat eine sehr erhebliche Abschwächung ein, für die 
die starke Lebensmittelteuerung, die große Geldknappheit infolge 
der politischen Unsicherheit und die in manchen Gegenden wenig 



48. Porzellan und Steingut. 



201 



befriedigende Ernte die wichtigsten Gründe gewesen sein dürften. 
Auch das Weihnachtsgeschäft erfuhr durch daß sohleohte Wetter 
in der ersten Hälfte des Dezembers einen empfindlichen Ab- 
bruch, so daß das Gesamtergebnis des Jahres 1912 für die meisten 
Geschäfte kaum das des Jahres 1911 erreicht haben dürfte. Die 
Nachfrage in keramischen Erzeugnissen war nicht minder leb- 
haft als im Vorjahre, aber es war doch überall das Bestreben, 
zu sparen, deutlich erkennbar, und deshalb ^vurden von dem 
Rückgang des Umsatzes besonders die Erzeugnisse in höheren 
Preislagen betroffen. Diejenigen G^eschäfte, die durch große Auf- 
wendimgen und durch besonders rührige Tätigkeit den Umsatz 
des 'Vorjahres erreichten, oder ihn gar überschritten, dürften^ 
auf keinen Fall einen größeren Reingewinn erzielt haben. Da 
das Geschäft aber, wie erwähnt, in der ersten Hälfte des Jahres 
recht flott war, so waren die meisten Porzellanfabriken dauernd 
gut beschäftigt. Einige konnten sogar auf die sonst übliche 
izweite Reisetour fast völlig verzichten. Zu dieser guten Be- 
schäftigung trug auch die Aussperrung bei, die im Frühjahr 
von der (Vereinigung deutscher Porzellanfabriken vorgenommen 
wurde; während dieser Zeit haben die Läger der meisten deut- 
schen Fabriken von Gebrauchsporzellan eine merkliche Reduktion 
erfahren. Auch das Exportgc^schäft war für die hieran inter- 
essierten Porzellanfabriken ganz befriedigend, besonders soll das 
Geschäft nach Süd- und Mittelamerika wieder recht gut gewesen 
sein, aber auch der Export nach den Vereinigten Staaten von 
Nordamerika zeigte zum mindesten keinen Rückgang, zumal, 
nachdem die Präsidentenwahl entschieden war. 

Während die Fabriken von Gebrauchsporzellan weiter gut 
prosperierten, hatten die meisten Fabriken von Luxusporzellan 
keine sonderliche Besserung ihrer Lage zu verzeichnen. Einige 
Fabriken, die besonders gute und zugkräftige Neuheiten auf den 
Markt brachten, waren leidlich beschäftigt, einige andere konnten 
ihre ganze Produktion im Auslande absetzen. Die übrigen waren 
nur mäßig beschäftigt und dürften keinen erheblichen Gewinn 
erzielt haben. Die Herstellung sogenannter Kunstporzellane 
wurde weiter gepflegt ; diese Ware erfreut sich auch eines 
steigenden Absatzes. Auch die Erzeugnisse der staatlichen 
Manufakturen wurden im Betriebsjahre gut verkauft, so daß 
die Manufakturen mit ihren Lieferungen stark im Rückstande 
blieben. Auch die Kopenhagener Porzellanfabriken machten in 
Deutschland ein gutes Geschäft. 

Die Geschmacksrichtung in Gebrauchsgeschirren erfuhr keine 
besonders bemerkenswerte Veränderung. Einfache, glatte Formen 
und Kanten bzw. Randdekore spielten in den Sortimenten wieder 
die Hauptrolle. Ovale und festonierte Formen waren recht be- 
liebt, und von keiner Seite wurden reich reliefierte Formen mit 
Erfolg herausgebracht. Neben den Rand- und Banddekoren hatten 



Luxus- 
porzelian. 



Ges<^imacks- 
riehtung. 



202 



III. Industrie der Steine und Erden. 



Konventionen. 



Lohn'kämpfe 
und Zahlungs- 
verhältnisse. 



Zweiter 
Bericht. 



auch einige neue Künstlerdekore in kräftigen Farben, die fast 
zwei Drittel der Tellerfahne bedeckten, sowie über die ganzen 
Porzellankörper verteilte Einzelornamente guten Erfolg. 

Im Herbst fanden Verliandlüngen statt, die eine Verlänge- 
rung der ,, Vereinigung deutscher Porzellanfabriken zur Hebung 
der Porzellan-Industrie" zum Ziel© hatten. Die Verträge . dieser 
Vereinigung liefen noch bis zum 31. Dez. 1914. Da aber die 
auf Verlängerung abzielenden Verhandlungen* keinen Erfolg 
hatten, so löste sich die Vereinigung auf, und es wurde ein 
neuer ,,VerbaDd deutscher Porzellanfabriken zur Wahrung 
keramischer Interessen" gegründet, dem sich aber nur ein Teil 
der Mitglieder der alten Vereinigung anschloß. Eine nicht un- 
erhebliche Anzahl früherer Mitglieder blieb, gestützt auf Liefe- 
rungsverträge mit den Warenhäusern, außerhalb des neuen 
Verbandes, der im Einverständnis mit den deutschen Spezial- 
geschäften gegründet wurde. Nicht unwesentlich scheint zu 
dieser neuen Konstellation der Umstand beigetragen zu haben, 
daß der im Vorjahr berichtete Versuch^), den Porzellan bruch 
vom deutschen Markt fern zu halten, sich als nicht durchführbar 
erwiesen hat. Der neue Verband hat ein Verkaufssyndikat für 
die Verwertung des von seinen Mitgliedern erzeugten Porzellan- 
bruches gegründet. Außerdem hat der neue Verband seinen Mit- 
gliedern eine Anzahl von Stapelartikeln freigegeben, um den 
außenstehenden Fabriken mit Kampfpreisen entgegentreten zu 
können. Diese Maßnahme hat bereits insoweit die erhoffte 
Wirkung gehabt, als Mitte Januar 1913 keine einzige Qualitäts- 
fabrik mehr außerhalb des Verbandes stand. 

Die Aussperrung der Porzellanarbeiter im Frühjahre, auf 
die oben bereits kurz hingewiesen wurde, dürfte für die Porzellan- 
fabriken keine , erheblichen Schädigungen herbeigeführt haben. 
Die Aussperrung erfolgte, weil die Arbeitergewerkschaft einen 
Lokalstreik von Isolator enarbeitem auf die Geschirr brauche aus- 
zudehnen versuchte. Diese Kraftprobe wurde durch die seitens 
der Porzellanfabriken sehr energisch durchgeführte Aussperrung 
zuungunsten der Arbeiter entschieden. Die schleppende Zahlungs- 
Aveise, über die wir im vorigen Jahre berichtet haben, hat sich 
während des laufenden Jahres infolge der herrschenden Geld- 
knappheit nicht gebessert. Jedoch waren auch im Berichtsjahre 
keine erheblichen Konkurse und Zahlungseinstellungen zu ver- 
zeichnen. 

Die allgemein günstige Lage der Porzellanindustrie und die 
wachsende Vorliebe des Publikums für Ziergegenstände aus Por- 
zellan haben auch bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur im 
^Berichts jähre eine 'Steigerung des Absatzes herbeigeführt, die 
nur durch eine Vermehrung der Arbeitskräfte zu ermöglichen 



1) Vgl. Berliner Jahrbtich 1911, II, S. 211. 



48. Porzellan und Steingut. 203 

war. In erster Linie mußte die Erzeugung der direkten Hilfs- 
mittel der Industrie, der jDh^^sikalischen Geräte und des Labora- 
toriumsporzellans, gesteigert werden. Daneben zeigte sich aber 
auch ein erhöhter Bedarf an guten Tafelgeschirren und an Luxus- 
porzellan, und von diesem letzteren wieder wurden hauptsächlich 
Figuren nach Modellen namhafter Künstler lebhaft begehrt. Die 
Absatzsteigerung der Königliehen Porzellan-Manufaktur hat vor- 
nehmlich auch darin ihren Grund, daß der Verkehr der Manu- 
faktur mit dem Zwischenhandel immer weitere Ausdehnung an- 
genommen hat, so daß jetzt in allen größeren Plätzen Deutsch- 
lands und auch mehr und mehr im Auslande die Manufaktur- 
erzeugnisse zur Schau gestellt werden. Die so gesteigerte Nach- 
frage hat die Manufaktur in den Stand gesetzt, auch den ge- 
steigerten Herstellungs- und Vertriebskosten entsprechend die 
Preise ihrer Luxuserzeugnisse zu erhöhen. 

Auch das Jahr 1912 war nur für einen Teil der Steingut- 
warenfabriken befriedigend. Eine ganze Zahl von ihnen hatte 
Schwierigkeiten, ihre Produktion abzusetzen, und sah sich ge- 
zwungen, durch Preisunterbietungen den Absatz zu heben. Hier- 
gegen blieb die Konvention der Steingutfabriken trotz ihrer 
Reorganisation ohne bemerkbaren Einfluß. Die von dieser Kon- 
vention eingeleiteten Verhandlungen, die auf die Vernichtung 
des Steingutbruches hinzielten, blieben infolge des Einspruchs der 
Warenhäuser ohne greifbaren Erfolg. Sehr gut beschäftigt waren 
wieder die Fabriken von Eeinsteingut, die wieder viele zugkräftige 
Neuheiten herausbrachten. Der Absatz in Anschlußwasch tischen 
hat sich trotz mancher von Theoretikern gegen sie vorgebrachten 
Einwendungen auch im Berichtsjahre merklich gehoben und dem- 
entsprechend dem Verkauf feinster Waschgamituren Abbruch 
getan. Dagegen war der Umsatz in mittleren und billigen Wasch- 
garnituren befriedigend. Die Fabriken von Hartsteingut-Spül- 
waren (Wasserleitungs-Gegenständen), die ebenfalls zu einer Kon- 
vention vereinigt sind, waren durchweg so gut beschäftigt, daß 
die Produktion im Berichtsjahre durch Vergrößerung bestehender 
Anlagen und durch Neubauten eine sehr erhebliche Steigerung 
erfahren hat, die aber nicht ausreichte, die prompte Deckung des 
Bedarfs in manchen Artikeln zu sichern. — In Majoliken hatten 
nur einige künstlerisch ausgeführte und dem deutschen Ge- 
schmack besonders zusagende Spezialitäten einen guten Erfolg. 
Auch die rheinischen Terrakotten ^^alrden dank ihrer dem modernen 
Geschmack weit mehr als früher angepaßten Muster gut gekauft, 
das gleiche gilt von den übrigen für Gärten und Veranden teils 
nach alten Vorbildern, teils nach modernen Künstlerentwürfen 
hergestellten unbemalten Terrakotten. — In Steinzeug war der 
Absatz der fast ausschließlich im Bezirk von Höhr fabrizierten 
Waren befriedigend. Dieser Industriezweig wurde auch durch 
einige neu eingeführte technische Artikel stark in Anspruch 



204 III. Industrie der Steine und Erden. 

genonunen. — Weder in der Steinzeugindustrie, noch in den ver- 
wandten Industrien gab es größere Streiks und Aussperrungen. 
Die Lohnverhältnisse waren im. großen und ganzen unverändert, 
da bei den hohen Lebensmittelpreisen auch weniger gut re- 
üssierende Fabriken nicht an eine Herabsetzung der Löhne denken 
konnten. 
».Tafelglas und 49. Glas Und Glaswaren. 

usw^ ' Im Jahre 1912 hat sich das Geschäft in Spiegelglas gegen- 

i. Spiegelglas. über dem Vorjahre wenig geändert. Der Verein deutscher 
Spiegelglasfabriken, \G. m. b. H. in Cöln, welchem sämtliche 
sieben deutsche Fabriken angehören, hat seine Verkaufsbedin- 
gungen und Preise dahin geändert, daß einige kleine, für Schleife- 
reien bestimmte Sorten eine Preisermäßigung erhielten, während 
die Preise für schmalere und besonders lange Spiegelscheiben um 
etwa 50 o/o erhöht wurden. Außerdem hat er seine Zahlungs- 
bedingungen durch Schaffung von zwei Zahltagen im Monat er- 
heblich verschärft. Durch das internationale Spiegelglassyndikat 
herrscht der Verein bedingungslos über den ganzen Spiegelglas- 
handel. Der Absatz findet nur durch eine kleine Zahl vom Groß- 
händlern, sogenannten Lagerhaltern, statt. Alle Kleinhändler 
und Verbraucher sind gezwungen, sich dieser wenigen Großhändler 
zu bedienen, und haben die vom Verein festgesetzten Preise zu 
zahlen. Der hohe Eingangszoll sichert den Bestand des Vereine 
und verhindert, daß der Verbrauch von Spiegelglas wesentlich 
größer wird. Es ist zweifellos, daß die hohen Preise dieses 
Materials den Verbrauch einschränken müssen, 

3/t weißes Spiegelglas, welches ausschließlich in Bayern her- 
gestellt wird, geblasenes Spiegelglas, hat im Laufe der Sommer- 
monate wesentliche Preisermäßigungen erfahren. Die Fabrikanten 
mußten von Monat zu Monat im Preise nachgeben. Trotzdem 
standen sie am Ende des Jahres infolge eines imtner mehr nach- 
lassenden Bedarfs und steigender Produktion vor großen Lägern. 
Der Versuch, mit einem Exportrabatt nach Nordamerika große 
Mengen abzusetzen, ist vorläufig gescheitert. Die als Folge des 
Präsidentenwechsels erhofften Zollermäßigungen würden vielleicht 
zu einem größeren Export nach den Vereinigten Staaten führen. 
Hierdurch würde auch der Druck auf das Inlandsgeschäft nach- 
lassen und eine Befestigung der Preise eintreten. 

Schockglas, belegtes Fensterglas, hat nur für die Galanterie- 
und Metallwarenindustrie größere Bedeutung; Erzeugung und 
Handel waren normal ; die Preise sind nicht gewichen. 

Ziergläser, Ornament-, Boh- und Drahtglas befinden sich 
zum größten Teil ebenfalls in Händen des Vereins deutscher 
Spiegelglasfabriken; wesentliche Preisveränderungen waren nicht 
zu verzeichnen. Mitte Januar 1913 kam die Glashütte Köln- 
Ehren feld, welche nicht dem Syndikat angehört, mit billigen 
Preisen für Ornamentglas auf den Markt. Sofort setzte der 



49. Glas und Glaswareii. 



205 



Verein die Preise um etwa 30 o/o herab, um sich diese Hütte ge- 
fügig zu machen. Diese Kampfpreise sind bei Abschluß dieses 
Berichtes noch in Gültigkeit. Der Verbrauch von Ziergläsern 
aller Art nahm auch im Berichtsjahre, jedoch unter Vermeidung 
farbiger Gläser, zu. 

Am 31. Juli wurde der Verein deutscher Tafelglashütt^n 2. Tafelglas, 
aufgelöst. Jedoch bildete sich ein Verein Rheinischer Tafelglas- 
hütten, der seine Preise um] 5 Pf. für 1 qmi heraufsetzte. Ebenso 
erhielten die sächsischen Fabriken ihre Preis© aufrecht, während 
die schlesischen und Lausitzer Fabriken zu ganz wesentlichen 
Preisherabsetzungen gezwungen waren. Auch hier bildete sich 
ein kleinerer Verein aus vier Fabriken, der jedoch ohne Einfluß 
auf die rückgehende Preisbewegung blieb. Gegen Ende des Jahres 
drückte beim rheinischen Fabrikat die sogenannte vierte, ^ 
ringero Sorte auf die Preise und führte zu einei- Abstoßung 
größerer Mengen bei sinkenden Preisen. Der Berliner Handel hat 
von dem Rückgang in den Preisen wenig Nachteile gehabt, da 
gerade in den letzten fünf Monaten des Jahres ein lebhafter 
Bedarf auf dem Baumarkt einsetzte, so daß die Hütten nur mit 
langen Lieferfristen die Bestellungen erledigen konnten. Die 
Aussichten für den Tafelglashandel sind jedoch für die Zukunft 
nicht günstig, da die Bautätigkeit stark nachgelassen hat. 

In Spezialfabrikationen für Photographiegläser und Flach- 
gläser für technische Zwecke waren die Preise und der Absatz 
als stetig zu bezeichnen. 

Trotz der für das Flaschengeschäft sehr ungünstigen Witte- 
rung des Berichtsjahres war der Absatz in Flaschen befriedigend. 
Besonders im Exportgeschäft gestaltete sich die Nachfrage sehr 
lebhaft. Im Frühjahre ist eine weitere Erhöhung der Löhne ein- 
getreten. Sowohl die Preise für Kohlen als auch diejenigen für 
Rohmaterialien sind gestiegen. 

Das Geschäft in billigen Glaswaren sowie in Beleuchtungs- 
glas war lebhaft, so daß die meisten Glasfabriken mit den 
Ergebnissen des Jahres 1912 recht zufrieden sein konnten. 
Weniger befriedigend war der Handel in diesen Artikeln, da 
von den Warenhäusern gerade Preßglasartikel vielfach zu Aus- 
nahmeinseraten benutzt werden und deshalb viele Spezial- 
geschäfte sich mehr oder weniger von diesem Artikel zurück- 
gezogen haben. 

In Kelchglas war das Geschäft nicht so gut, als daß eine 
Erhöhung der Preise für die eigentlichen Stapelartikel möglich' 
gewesen wäre, so daß besonders die rheinischen Kelch'glashütten 
ohne besondere Erträge geblieben sein dürften. Nur für bessere 
Artikel und gute Neuheiten waren Preise durchzusetzen, die 
einen angemessenen Nutzen ließen. 

Das Geschäft in Tisch- und Trinkgläsern erwies sich auch zweiteiBericht. 
im BericÄits jähre als lohnend. Neue Muster und Schliffe, die 



3. Technisches 
Spezialglas. 



b. Flaschen 
fabrikation. 



c. Andere 
Glaswaren. 
1. Pießglas 
und Beleuch- 
tungsglas. 



2. Kelchglas. 
Erster Bericht. 



206 



IV. Montanindustrie. 



die Kutten einführten, fanden Beifall, so daß ein guter Absatz 
im Inland und Ausland erzielt werden konnte. Störungen im. 
Betriebe und in der Lieferung kamen nicht vor, auch traten 
niu' unwesentliche Preissteigerungen ein. 

Sch'wer geschliffenes Kristallglas war nach wie vor ein 
sehr beliebter Artikel. Neben den großen Kristallerien, die 
seit jeher diese Spezialität erzeugt haben, machten auch die 
gi'ößeren und kleineren deutschen Hütten, die heut^ eine gleich- 
wertige Qualität erzeugen können, ein recht befriedigendes Ge- 
schäft. Jedoch beschränkte sich der Umsatz fast ganz auf das 
weiße Kristallglas, während farbig überfangene Gläser nur 
wenig verkauft wurden. Das Geschäft in farbigen Gläsern be- 
schränkte sich fast ausschließlich auf farbige Sammelrömer. 
In teuersten Kunstgläsern, insbesondere in solchen französischen 
Ursprimges, waren die Umsätze befriedigend, aber auch in 
böhmischen Luxusgläsern zeigte das Geschäft hier und da eine 
leichte Besserung. Die Lieferung von bestem Kristallglas ließ 
infolge der großen Nachfrage wieder sehr viel zu wünschen 
übrig. 



IV. Montanindustrie. 



Schiffahrt. 



Wagen- 
gestellun 



50. K o h 1 e. 

Infolge der allgemein günstigen Beschäftig-ung in den haupt- 
sächlich in Betracht kommenden Industriezweigen ist im Berichts- 
jahre der Geschäftsgang im Kohlenhandel sehr lebhaft geblieben. 
Hierdurch hat sich aber der Nutzen des Handels wenig oder 
gar nicht gesteigert, die Besserung kam vielmehr allein den 
Gruben zugute. 

Die Schiffahrtsverhältnisse waren recht befriedigend, da der 
Wasserstand durchschnittlich eine normale Beladung der Fahr- 
zeuge zuließ. Die Frachtenraten hielten sich aber trotzdem hoch, 
da der Andrang der zu verladenden Massengüter sehr reichlich 
war. Für Kohlen wurden durchschnittlich ab Cosel 5,70 Mk. 
für die Tonne, ab Breslau 3,10 Mk. für die Tonne nach Berlin 
Oterspreo gezahlt. Erst im letzten Verlademonat, im November, 
machte sich infolge Mangels an zu verfrachtender Kohle eine 
Abschwächung bemerkbar, so daß die Frachtenraten bis auf 
5,00 Mk. für die Tonne ab Oosel, bzw. 2,40 Mk. für die Tonne 
ab Breslau herabgingen. 

Gegen Schluß des Monats September machte sich ein Mangel 
an Eisenbahnwagen bemerkbar, der sich bis Mitte Oktober in 
erträglichen Grenzen hielt, um dann aber den in jedem Jahre 
wiederkehrenden bedenklichen Umfang anzunehmen. Infolge der 
sehr reichlichen Eübenernte, welche eine lange Kampagne der 



50. Kohle. 



207 



Zuckerfabriken zur Folge hatte, erfuhr er erst im Dezember 
eine Verminderung. 

In den letzten vier Jahren betrug die Kohleneinfuhr nach 
Berlin in Tonnen: 



Einfuhr 
nach Berlin. 



Tab. 75. 



Kohlenzufuhr nach Berlin (in Tonnen). 



1909 



1910 



1911 



191- 



Englische Steinkohlen .... 
Westfälische „ .... 

Sächsische „ .... 

Oberschlesische „ .... 

Niederschlesische Steinkohlen . 
Böhmische Braunkohlen . . . 
Braunkohlen-Briketts .... 
Inländische Braunkohlen . . 

Zusammen 



1 489 008 

514 607 

17128 

1 918 732 

234 137 

27 810 

1 940 799 

8 643 



1 416 680 

467 662 

10 735 

1 835 675 

258 385 

22 157 

1 720 706 

6 985 



1411944 

414 585 

39 002 

1 628 555 

275 598 

26 234 

1 904 866 

18 393 



1 426 404 
478 758 

69 309 

2 516 248 
335 376 

25 580 

2 141 945 

17 185 



6 150 864 5 738 985; 5 719 177 7 010 805 



Die Zunahme gegen das Vorjahr belief sich im Jahre 1909 
auf 319 911 t oder 5,50 o/o ; das Jahr 1910 zeigte einen Eück- 
gang von 411879 t oder 6,G7 o/o, das Jahr 1911 einen solchen 
von 19 808 t oder Vs ^/o, während das Jahr 1912 wieder mit einer 
Zunahme von 1 291 628 t oder ca. 22,14 o/o abschloß. 

Diu Einfuhr englischer Steinkohlen nach Berlin und seinen 
Vororten betrug in Tonnen: 

Tab. 76. Berlins Zufuhr an englischer Steinkohle (in Tonnen). 





1911 


1912 


gegen 1911 




I. Quartal 

II. « 

III. . 

IV. . 


153 416 
489 632 
366 952 

1 401 944 


74 255 
372 063 
637 991 
342 095 


— 79 161 

— 117 569 

+ 271 039 

— 59 849 



Englische 
* Steinkohlen. 
Erster Bericht. 



Zusammen 



1411944 



1 426 404 



+ 14 460 



Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 14460 t oder ca. 
1 o/o vermehrt. Bei Beginn des Berichtsjahren hatten die Preise 
im allgemeinen bereits einen so hohen Stand erreicht, wie seit 
Jahren nicht. Die Nachfrage gestaltete sich infolgedessen in 
den ersten beiden Monaten des Jahres, also unmittelbar vor Ein- 
tritt des Streiks, sehr lebhaft, und je näher man dem Beginn 
des Streiks k:am, desto dringender wurden die Anfragen und 
desto zurückhaltender die Anbieter. Bis zum letzten Augenblick 
erwartete man allerdings eine Beilegung der Differenzen mit 
den Arbeitern. Diese Hoffnung erfüllte sich aber nicht, viel- 
mehr nahm der Streik am 1. März einen solchen Umfang an, 
daß man von einer vollständigen Einstellung der Förderung in 
ganz England und Schottland sprechen konnte. Die allgemeine 
Annahme, daß dieser Kiesenstreik nur von ganz kurzer Dauer 
sein könne, erwies sich als falsch. Erst in der zw^eiten Hälfte 



208 IV. Montanindustrie. 

des April, nach mehr als sechswöchentlicher Dauer, wurde die 
Arbeit in einem großen Teil der Gruben wieder aufgenommen. 
Da die notwendigen Arbeiten zur Wiederinstandsetzung der 
Gruben eine geraume Zeit erforderten, konnte aber die Ver- 
schiffung von Kohlen erst gegen Ende April aufgenommen 
werden. Auch in der Folgezeit blieb die Förderung hinter der 
des Vorjahres erhebliöh zurück, weil da und dort noch Differenzen 
mit den Arbeitern zu erledigen waren und weil die Produktion 
außerdem durch die Einführung des achtstündigen Arbeitstages 
verringert wurde. Der Produktionsausfall, den der Streik und 
seine Folgen verursachten, wird auf 30 Mill. t geschätzt. Er 
konnte natürlich nicht ohne dauernde Folgen für den eng- 
lischen Kohlenmarkt bleiben. Zwar trat während der Sommer- 
monate vorübergehend eine erhebliche Ermäßigung der stark 
gestiegenen Preise ein. Als aber die Konsumenten, die bis dahin 
mit ihren Käufen zurückgehalten hatten, zur Deckung ihres Be- 
darfs für den Rest des Jahres schritten, zeigten sich die Folgen 
des Streiks in einer erheblichen Preiserhöhung für Kohlen, in 
einer Ueberlastung der Lösch- und Ladegelegenheiten und in 
einer starken Steigerung der Frachtsätze. Diese Erscheinungen 
verschärften sich in der Folgezeit weiter, so daß die Preise für 
einzelne Sorten am Jahresschluß höher waren, als sie selbst zu 
Beginn des Streiks gewesen, und die Seefrachten teurer waren, 
als seit Jahren. Die Verteuerung der Frachten dürfte allerdings 
zum Teil eine Folge des Krieges auf der Balkanhalbinsel sein. 
Solange die politischen Schwierigkeiten nicht vollständig be- 
seitigt sind, dürfte auch kaum auf einen Rückgang der abnorm 
hohen Seefrachten zu rechnen sein. Anderseits ist anzunehmen, 
daß dii"i politischen Schwierigkeiten den Aufschwung der Industrie 
hemmen und damit den englischen Kohlenmarkt ungünstig be- 
einflussen werden. Zur Kennzeichnung der Lage sei bemerkt, 
daß die Preise für Durham Gaskohlen von sh 9/ — im Vorjahr 
auf über 14/ — und für Steam Smalls von 5/ — bis 6/ — im 
Vorjahr auf 9/ — bis 10/ — gestiegen sind. Naturgemäß war 
der Streik auf den englischen Kohlengruben von großem Ein- 
fluß auf den Berliner Markt in englischen Kohlen. Die Liefe- 
rungen englischer Kohle konnten infolge des Streiks erst gegen 
Ende April und Anfang Mai aufgenommen werden, und da die 
Flußschiffahrt bereits Ende Februar wieder im Gang war, so 
gingen mindestens die Bedarfsmengen dieser zwei Monate dem 
englischen Bergbau verloren. Dies wurde sowohl von den Liefe- 
ranten als von den Abnehmern um so härter empfunden, als 
infolge der ungünstigen Schiffahrtsverhältnisse des Vorjahres er- 
hebliche Rückstände nachzuliefern waren, was durch den Streik 
unmöglich gemacht wurde. Die Lieferanten hatten unter diesen 
Schwierigkeiten und später noch dazu unter den hohen See- 
frachten erheblich zu leiden. 



50. Kohle. 209 

Dio Ausfälle, die die englische Kohlenförderung durch den zweiter 

Kohlenarbeiterstreik erlitten hat, sind auf ca. 27 000 000 t zu 
schätzen. Der deutsche Kohlenhandel wurde hierdurch ganz er- 
heblich beeinflußt, um so mehr, als auch in Westfalen ein Streik 
drohte, der jedoch vermieden werden konnte. AVährend des eng- 
lischen Streiks arbeiteten alle deutschen Produktionsgebiete an- 
gespannt. Sowohl "Westfalen wie auch besonders Oberschlesien 
haben es verstanden, die Gelegenheit zu benutzen, um ihre Förde- 
rungen zu erhöhen, verlorenes Absatzgebiet wiederzugewinnen 
und neue Absatzgebiete zu erobern. Außerdem war es ihnen mög- 
lich, die Preise zu erhöhen, da die Industrie einen fortgesetzt 
steigenden Bedarf an Kohlen zeigte. Auch nach Erledigung des 
englischen Streiks dauert-e es noch eine geraume Zeit, bis die 
Gruben wieder instand gesetzt waren und normal arbeiten konnten. 
Die Anforderungen, die nun infolge der ausgefallenen Mengen 
an sie gestellt wurden, waren naturgemäß sehr groß, und es 
ist deshalb nicht zu verwundern, daß das ganze Jahr hindurch 
steigende Preise auf dem englischen Markte zu verzeichnen 
waren. Es notieren ab Grube am Ende des Jahres best steam- 
Kohlen reichlich sh 3/ — , Durham main Gaskohlen mehr als 
sh 3/6 höher als zu Anfang des Jahres. Zu dieser Verteuerung 
für den deutschen Markt traten noch die erhöhten Forderungen 
für die Seefrachten hinzu, so daß insgesamt in Deutschland am 
Schlüsse des Jahres mit einer Preissteigerung von rund 5 Mk. 
für die Tonne englischer Kohle zu rechnen war. Der Hamburger 
Import englischer Kohlen, der im Jahre 1911 infolge der monate- 
langen Schiffahrtsbehinderung erheblich, und zwar auf 4178 000 
Tonnen, zurückgegangen war, stieg im Berichtsjahr, da der 
Transportverkehr unbehindert blieb, auf 4 638 000 t. Hierbei ist 
aber zu berücksichtigen, daß in dieser erhöhten Ziffer beträcht- 
liche Mengen enthalten sind, die Nachlieferungen der im Jahre 
1911 nicht zur Ablieferung gelangten Mengen darstellen. Trotz- 
dem blieb die Importziffer von 1912, und zwar infolge des Streiks 
und der hohen Preisforderungen, gegen diejenige von 1910 noch 
um 253 000 t zurü<yk. 

Für Berlin und seine Vororte betrug die Zufuhr englischer 
Kohlen abzüglich des Versandes im Jahre 1910 1 416 680 t, im 
Jahre 1911 1411944 t und im Jahre 1912 1426 434 t. Scheinbar 
hat sich hiemach der Konsum am Berliner Markt auf dem Stande 
des Jahres 1910 gehalten. Dies ist aber ein Trugschluß, weil im Jahre 

1911 infolge der monatelangen Transportbehinderung auf der Elbe 
ganz erhebliche Mengen nicht zur Anlieferung kommen konnten und 

1912 nachgeliefert werden mußten. "Wie sehr der oberschlesische 
Markt in Berlin und Vororten gegenüber dem englischen 
Import gewonnen hat, ergibt sich aus der Gegenüberstellung der 
Ziffern der oberschlesischen Kohlenzufuhr abzüglich des Ver- 
sandes. Diese beitrugen im Jahre 1910 1 835 675 t, im Jahre 

Eerl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 14 



2 10 IV. Montanindustrie. 

1911 1 628 555 t und im Jahre 1912 2 516 248 t. Zeigt auch hier 
das Jahr 1911 die Folgen der Stillegung der Schiffahrt, so kenn- 
zeichnet doch die Ziffer von 1912 einen ganz gewaltigen Erfolg. 
Der Markt in englischem Anthracit lag ähnlich wie derjenige 
in anderen englischen Kohlen. Die Preise für Rohware standen 
schon zu Beginn des Berichtsjahres hoch und haben sich eben- 
falls fortgesetzt gesteigert. Gute, in Deutschland gebrochene und 
aufbereitete AVales-AVare wurde zu Preisen gehandelt, die )xm 
etwa 4 Mk. höher w^aren als im Vorjahr. 
Westfälische Die Einfuhr westfälischer Steinkohlen nach Berlin und seinen 

Steinkohlen. ~^j . , , • m 

Vororten betrug m Tonnen: 1 



Tab. 77. Berlins Zufuhr an westfälischer Steinkohle (in Tonnen). 




1 1911 1 1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

II. n 

III. 

IV. „ 


108 298 ! 135 816 
1 102 985 133 508 
; 90 228 : 97 395 

j 113 074 1 112 039 


-f 27 518 
-f 30 623 
-h 7 167 
— 1035 



Zusammen ll 414 585 i 478 758 | +64 167 

Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 64167 t oder ca. 
16 o/o vermehrt. Durch den in England im Eebruar 1912 ausbrechen- 
den langandauernden Streik der Bergarbeiter wurde die Lage des 
Berliner Kohlenmarktes zugunsten der deutschen Produktion stark 
beeinflußt. Die Verkäufer englischer Ware konnten ihren Ver- 
pflichtungen nicht nachkommen; deutsches Material mußte zur 
Aushilfe gekauft werden. Der Umstand, daß im ersten Viertel 
des Jahres stets die Hauptabschlüsse getätigt werden, ferner die 
günstige Verfassung der heimischen Eisenindustrie, bewirkten im 
Verein mit dem durch den englischen Streik hervorgerufenen 
Produktionsausfall ein starkes Anziehen der Preise. Für west- 
fälische Kohlen konnte ohne Schmälerung des bisherigen Ab- 
nehmerkreises ein Aufschlag von durchschnittlich 3 Mk. für die 
Tonne erzielt werden, obwohl Schlesien noch bis in den Sommer 
hinein mit billigeren Offerten am Markt blieb und energisch 
bemüht war, sich neue Abnehmer zuzuführen. Die günstige 
Marktlage hielt weiterhin nicht nur an, sondern verstärkte sich 
noch zum Herbst. In sämtlichen Kohlensorten wurden an die 
westfälischen Zechen starke Anforderungen gestellt, denen aber, 
trotz des wirkungslosen partiellen Streiks der Bergarbeiter im 
ersten Vierteljahr, stets entsprochen werden konnte. Die Wasser- 
frachten blieben während des ganzen Sommers günstig, so daß 
die Konsumenten erst spät gezwungen waren, den Bahnweg zu 
benutzen. Leider trat im Oktober wieder der alljährlich wieder- 
kehrende "Wagenmangel ein, und zwar in einem bisher ungeahnten 
Maße. Vielfach mußten Zechen Eeierschichten einlegen, da ihnen 
seitens der Eisenbahn sehr oft nicht einmal ein Drittel der an- 



50. Kohle. 



211 



geforderten "Wagen gestellt wurde. Sowohl die Zechen und ihre 
Arbeiterschaft, wie auch die Kohlenkonsumenten hatten infolge 
des Wagenmangels erhebliche Verluste zu beklagen. 

In westfälischem Schmelz k o k s übertrafen infolge der an- 
dauernd starken Beschäftigung der Eisen- und Metallgießereien 
die Anforderungen diejenigen des Jahres 1911 erheblich. Zentral- 
heizungskoks wurde bei fast stets sehr günstigen Wasserfrachtem 
vom Platzhandel in größeren Posten als in den Vorjahren auf 
Lager genommen, so daß die Versandziffern auch hierin ein-e 
Erhöhung erfahren haben. Als Mitte Oktober der starke Wagen- 
mangel einsetzte und die stets nur kleinen Läger der Gießereien 
geräumt waren, entstanden insbesondere in der Versorgung 
der Industrie Schwierigkeiten, die jedoch überwunden werden 
konnten, da stets, wenn auch oft erst im letzten Augenblick, 
Material herangeschafft werden konnte. In den Verkaufspreisen 
für Koks trat am 1. April eine allgemeine Erhöhung umi 1 Mk. 
bis 1,75 Mk. für die Tonne ein. Trotzdem ist ein Gesamtmehrabsatz 
von ungefähr 20 o/o gegen 1911 zu verzeichnen. 

Die Einfuhr sächsischer Steinkohlen nach Berlin und seinen 
Vororten betrug in Tonnen : 



Tab. 78. Berlins Zufuhr an sächsischer S 


teinkohle (m To 


nnen). 




1911 


1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

Tl. „ 

III 

IV. „ 


3 873 

3 980 

6 131 

1 25018 


23 216 
13 431 
22 250 
10 412 


4-19 343 

+ 9 451 
+ 16 119 
— 14 606 


Zusammen 


39 002 


69 309 


-f- 30 307 



Die Einfuhr hat sich aJso erneut erheblich vergrößert und 
betrug gegen 1911 30 307 t oder ca. 77,5 o/o mehr. Diese Steigerung 
ist als eine Folge des englischen Bergarbeiterausstandes und des- 
halb als eine vorübergehende Erscheinung zu betrachten. 

Die Einfuhr oberschlesischer Steinkohlen nacsh Berlin und 
seinen Vororten betrug in Tonnen: 

Tab. 70. Berlins Zufuhr an oberschlesischer Steinkohle (in Tonnen). 





1911 


1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

II. „ 

III. „ ..... 

IV. . 


350 519 
559 319 
282 645 
436 072 


596 005 
716 525 
619 322 
584 396 


-f- 245 486 
4- 157 206 
4- 336 677 
-\- 148 324 


Zusammen 


1 628 555 


2 516 248 


+ 887 693 



Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um das erhebliche Quan- 
tum von 887 693 t oder ca. 54 o/o vermehrt. Das Berichtsjahr hat 
sich für die Einfuhr oberschlesischer Steinkohlen sehr günstig: 
gestaltet. Hierzu trugen verschiedene Umstände bei: Der Streik 
der englischen Grubenarbeiter; das Entgegenkommen der ober- 
schlesischen Grubenverwaltungen bezüglich der Preisstellung 

14* 



Sächsische 
Steinkohlen. 



Ober- 
schlesische 
Steinkohlen. 



212 



IV. Montanindustrie. 



Nieder- 

schlesische 

Steinkohlen. 

Ki-ster Bericht. 



Zweiter 
Bericht. 



nach' dem durch die englische Konkurrenz bestrittenen Absatz- 
gebiet; der fast ununterbrochen günstige "Wasserstand der in 
Betracht kommenden "Wasserstraßen. Der Streik in England hatte 
eine wesentliche Preissteigerung für englische Kohle zur Folge, 
wobei auch die hohen Seefrachten eine nicht zu unterschätzende 
Rolle spielten. "Wenn trotzdem der Import englischer* Kohle im 
Berichtsjahr vom dritten Quartal ab bedeutend zugenommen hat, 
so ist dies auf die Abwicklung der im Vorjahr zur Lieferujig' 
im Berichtsjahr zu festen Preisen getätigten Abschlüsse zurück- 
zuführen. Die oberschlesische Kohle hat aber bei der überaus 
regen Beschäftigung der Industrie einen großen Teil derselben 
für sich zurückgewonnen und dürfte auch, soweit es sich über- 
sehen läßt, nicht so leicht wieder zu verdrängen sein. 

Die Einfuhr niederschlesischer Steinkohlen nach Berlin und 
seinen Vororten betrug in Tonnen: 



Tab. 80. Berlins Zufuhr an 


niederschlesischer Steinkohle (in 


Tonnen). 




1911 1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

IL „ .... 

III. „ 

IV. „ 


76 124 
57 299 
56 725 
85 450 


108 630 
71083 
79 370 
76 293 


4- 32 506 
4-13 784 
-f 22 645 
— 9 157 


Zusammen 


275 598 


335 376 


-f 59 778 



Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 59 778 t oder 
ca. 22 o/o vermehrt. Das niederschlesische Kohlenrevier war 
gleich den übrigen Bezirken während der Berichtszeit in der 
angenehmen Lage, seine Produkte zu angemessenen Preisen ab- 
setzen zu können. Was den Berliner Markt anlangt, so hielten 
sich die Versandziffern etwa auf der Höhe des Vorjahres. In 
Flammkohlen konnten die laufenden Schlüsse wohl ausnahmslos 
erneuert werden. Schmiedekohlen 'fanden ihrer vorzüglichen Ver- 
wendbarkeit wegen weiter gute Aufnahme ; es wurden auch 
hierfür die geforderten Preise sowohl seitens der Händler als 
auch seitens der Konsumenten bezahlt. Steinkohlenbriketts er- 
freuten sich einer steigenden Nachfrage. Schmelzkoks war fast 
während der ganzen Berichtszeit knapp. Der im Herbst ganz 
besonders stark auftretende IVagenmangel störte die Expedition 
niederschlesischer Steinkohlen in sehr empfindlicher Weise, so 
daß seitens der Werke längere Lieferfristen verlangt werden 
mußten. Die Schiffahrtsverhältnisse waren normal; es wurden 
beträchtliche Mengen auf dem Wasserwege verfrachtet. 

Der niederschlesische Steinkohlenmarkt hat sich, wie im Vor- 
jahre, fortlaufend in ruhiger Weise entwickelt. Die Streiks in 
England und Westfalen beförderten den Absatz. Insbesondere 
war die englische Konkurrenz nicht so groß., wie in anderen 
Jahren. Während des Streiks und noch nachher mußten von 
verschiedenen Verbrauchern, welche sonst fast ausschließlich eng- 



50. Kohle. 



213 



Hsche Kohle verwenden, wieder einheimische Kohle herangezogen 
werden. Was die Marktlage in den einzelnen Produkten anbe- 
trifft, so war die Nachfrage nach Gaskohlen lebhaft; gegenüber 
•dem Vorjahre konnten die Preise etwas aufgebessert werden. 
Schmiedekohlen wurden stark gefragt; es trat zeitweise eine 
Knappheit in diesem Material ein. Auch für Schmiedekohlen 
konnten bessere Preise erzielt werden. Steinkohlenbriketts wurden 
wegen ihrer unübertroffenen Qualität ebenfalls leicht abgesetzt 
und 'waren immer recht lebhaft gefragt. Das Schmelzkoksgeschäft 
hat sich in der Berichtszeit noch mehr ausgedehnt. Der nieder- 
schl^ische Schmelzkoks findet für Hütten- und speziell für 
Zentralheizungszwecke mehr und mehr Verwendung. — Im 
Sommer des Berichtsjahres sind keine sehr erheblichen Mengen 
Koks über die Wasserstraßen nach Berlin verfrachtet worden, 
was teilweise den sehr schwankenden Schiffahrts Verhältnissen und 
der außerordentlichen Höhe der Kahnfrachten zuzusohreiben ist. 
Namentlich durch den letzten Umstand bot sich bei Wasserver- 
ladungen keine Ersparnis mehr gegenüber Bahnbezug. Die 
Schiffahrt auf der Oder konnte während der Sommermonate ohne 
Unterbrechung fortgesetzt werden, jedoch wurden zeitweise auch 
hier sehr hohe Frachten gezahlt, da Kahnraum infolge des großen 
Bedarfs knapp war. Der Bahnversand aus dem niederschlesischen 
Revier war bis Ende September regelmäßig. Anfang Oktober 
trat jedoch ein bedeutender Waggonmangel ein, der sich 
im Laufe des Monats weiterhin steigerte und bis zum Jahres- 
schluß, wenn auch in geringerem Maße, anhielt. 

Die Einfuhr böhmischer Braunkohlen nach Berlin und seineix 
Vororten betruo: in Tonnen: 



Böhmische 
Braunkohlen. 



Tab. 81. Berlins Zufuhr an böhmischer Brauokohle (in Tonnen). 





•II 


1911 


1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

IIL. „ 
IV. 


II 

j' 

il 


6108 
7 568 
6 039 
6 519 


6 772 
5 588 
5 842 

7 378 


-f 664 

— 1980 

- 197 
-j- 859 




Zusammen 


26 234 


25 580 


— 654 



Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 654 t oder 
ca. 2,5 o/o verringert. 

Die Einfuhr von Braunkohlenbriketts nach Berlin und seinen 
Vororten betrug in Tonnen: 

Tab. 82. Berlins Zufuhr an Braunkohlenbriketts (in Tonnen). 







1911 


1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

u. 

III. 
IV. 





457 425 
415 646 
539 937 
491 858 


549 652 
430 565 
56+923 
596 805 


+ 92 227 
-H 14919 
+ 24 986 
-f- 104 947 




Zusammen 


' 1 904 866 


) 2 141 945 


4- 237 079 



Braunkohlen- 
Briketts. 
Erster Bericht. 



214 



IV. Montanindustrie. 



Zweiter 
Bericht. 



Inländische 
Braunkohlen. 



Dio Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 237 079 t oder 
ca. 11,5 o/o vergrößert. 

Der schon im Vorjahr in Erscheinung getretene Auf- 
schwung in der Einfuhr hat im Berichtsjahre unvermindert 
angehalten. Aber auch im Berichtsjahre ist ausschließlich auf 
den vermehrten Bedarf in Industriebriketts zurückzuführen, 
während der Bedarf in Salonbriketts! namentlich in den Sommer- 
monaten eher zurückgegangen ist. Gegen Ende April wurde noch 
einmal seitens der "Werke infolge mangelnder Aufträge für Salon- 
briketta zweiter Qualität zu dem Hilfsmittel der unbestellten.. 
Sendungen gegriffen. Durch intensive weitere Bearbeitung 
der Industrie scheint jedoch ein Ausgleich zwischen Produktion 
und Bedarf herbeigeführt zu sein, da sich unbestellte Sendungen 
nicht wiederholt haben; im Gegenteil machte sich seit September 
eine große Knappheit an Salonware bemerkbar. 

Das Braunkohlengeschäft entwickelte sich unter dem Schutze 
der Berliner Brikettkonvention, welche ihre Stütze im Braun- 
kohlenbrikettsyndikat findet, günstig. In den Sommermonaten 
stockte vorübergehend der Absatz, namentlich für zweite Sorten. 
Die mittleren und kleineren Händler waren nicht aufnahmefähig, 
so daßi der Großhandel zu diesen Zeiten mit Schwierigkeiten, 
zu kämpfen hatte. Diese Schwierigkeiten traten aber seit August 
vollständig zurück. In der Industrie fand das Brikett infolge 
zielbewußter Agitation und Propaganda mehr und mehr Inter- 
essenten. Eine Beunruhigung des Marktes brachte die am 30. !Nov. 
erfolgte Auflösung des mitteldeutschen Brikettsyndikats. Eür 
das Jahr 1913 wurde ein Eindringen der mitteldeutschen Marken 
auch auf dem Berliner Markte erwartet. Ob und inwieweit diese 
mitteldeutschen Marken in Groß-Berlin ein Absatzgebiet finden 
werden, wird wesentlich von der Unterstützung abhängen, welche 
das Braunkohlenbrikettsyndikat dem angestammten hiesigen 
Handel angedeihen lassen wird. 

Die Einfuhr inländischer Braunkohlen nach Berlin und seinen 
Vororten betrug in Tonnen: 



Tab. 83. Berlins Zufuhr an inländischer Braunkohle (in Tonnen). 





1911 


1912 


gegen 1911 


I. Quartal 

II. „ 

ni. „ 

IV. „ 


3 131 
2 839 
5 023 

7 400 


4 837 
3 776 
3 189 

5 383 


-f 1706 
-f 937 

— 1834 

— 2 017 



zusammen 



18 393 



17 185 



— 1208 



Die Einfuhr hat sich also gegen 1911 um 1208 t oder 
ca., 6,5 o/o vermindert. Nach wie vor ist die Einfuhr inländischer 
Braunkohle so klein, daß sie für den Berliner Platz nicht mehr 
von Bedeutung ist. 



50. Kohle. 



215 



Mit Beginn des Berichtsjahres belebte sich der Gaskoks- 
markt infolge des Einsetzens kalter Witterung; die großen Vor- 
räte waren bald aufgebraucht. Pur das am 1. April beginnende 
neue Abschlußjahr waren die Aussichten insofern gut, als die 
früher vorhandenen bedeutenden Vorräte der Gasanstalten zum 
Teil geräumt waren. Infolge der höheren Preise für Gaskohlen 
wurden auch die Notierungen für Gaskoks seitens der Gas- 
anstalten erhöht. Der Handel hat aber trotzdem die anfallenden 
Quantitäten abgenommen. Auch in den Sommermonaten war der 
Umsatz rege; Vorräte waren auf den Gasanstalten am Jahres- 
schluß nicht vorhanden. 

Das Geschäft in Gaskoks und Schmelzkoks zeigte einen ge- 
sunden Verlauf. Da durch das Darniederliegen der Schiffahrt im 
Jahre 1911 erhebliche Mengen Kohlen ausblieben und aucli infolge 
des englischen Streiks Ausfälle in der Kohlenversorgung Berlins 
zu verzeichnen waren, waren die Gasanstalten genötigt, erheb- 
liche Mengen des von ihnen erzeugten Gaskoks zur AVassergas- 
erzeugung selbst zu verwenden. Dadurch wurden nicht nur dem 
Handel die zu dieser Pabrikation verwandten Koksmengen ent- 
zogen, sondern es unterblieb auch die Produktion von neuem 
Koks, die bei der Gaserzeugung aus Kohlen gewonnen worden 
wäre. Es ist deshalb erklärlich, daß seit dem starken Prost- 
wetter zu Beginn des Berichtsjahres Koks fortgesetzt sehr gefragt 
war. Die Vorräte bei den Gasanstalten waren äußerst niedrig. 
Um den Berliner Bedarf zu befriedigen, war es notwendig, viel 
auswärtigen Gaskoks heranzuziehen. Teilweise aber haben sich 
auch die Hausbesitzer für die Versorgung ihrer Zentralheizungen 
infolge der erhöhten Gaskokspreise wieder dem Schmelzkoks zu- 
gewendet. Aber auch dieser war gegen Ende des Berichtsjahres 
sehr knapp, und es kann als ein Glück bezeichnet werden, daß 
bis zum Jahresende Prostwetter und eine damit verbundene er- 
höhte Anforderung an die Versorgung ausblieb. Die rücksichts- 
lose Konkurrenz im Gaskokshandel führte dazu, daß zu Beginn 
des Berichtsjahres namhafte Pirmen sich mit direkter oder 
indirekter Unterstützung der Produktion zu einer Kokskonven- 
tion zusammenfanden. Diese verfolgte den Zweck, einheitliche 
Verkaufspreise, die nicht mehr als einen bürgerlichen Nutzen 
einschließen sollen, sowie Verkaufsbedingungen festzusetzen und 
eine Kontrolle für die gesamte Koksversorgung einzurichten. 
Diese letztere Einrichtung ist, wie die Berichterstatterin aus- 
führt, vom Publikum vielfach als sehr angenehm empfunden 
worden. 

Der Monat Januar brachte zwei starke Prostperioden, so daß 
sich das Brennmaterialiendetailgeschäft außerordentlich lebhaft 
gestaltete. Ganz besonders galt dies vom Handel mit Koks und 
einigen von der Kundschaft bevorzugten Brikettmarken. Die 
Nachfrage nach Gaskoks war derart rege, daß, wie oben erwähnt, 



Gaskoks. 
Erster ßerickt. 



ZweiterBericbt. 



DetailhaiKleJ. 



216 IV. Montanindustrie. 

die Bestände der Gasanstalten schnell geräumt waren und nur 
die Tagesproduktion zur Verfügung gestellt werden konnte. Diese 
genügte aber dem Bedarf bei weitem nicht; und wenn es auch 
nicht zu einem völligen Mangel an Gaskokö kam, so war dies 
nur dem bereits im Februar wieder eintretenden Witterungs- 
umschlag zu verdanken, der innerhalb vierzehn Tagen zu Tem- 
peraturschwankungen von ca. — 13^ auf ca. -j- 20^ führte. Immer- 
hin fanden die Gasanstalten und Brikettfabrikanten auch 
weiterhin leicht Absatz für ihre Produktion, da die Händler 
ihre stark gelichteten Lager wieder auffüllten. Dem lebhaften 
Geschäftsgang entsprach jedoch keineswegs der dem Handel ver- 
bliebene Nutzen. Die Art der Abschlüsse, besonders mit den 
Koksverbrauchern, legt bei einem durch starke Kälte hervor- 
gerufenen außergewöhnlich hohen Verbrauch dem Lieferanten er- 
hebliche Lasten auf. Während der Verkäufer sich auf einen 
festen Preis verpflichten muß, verpflichtet sich der Konsument 
nicht zur Abnahme eines bestimmten Quantums, sondern nur zur 
Abnahme seines, oft großen Schwankungen ausgesetzten Bedarfs. 
Der Verkäufer kann sich daher schwer eindecken und ist bei 
steigendem ^larkt meist gezwungen, für den Mehrbedarf höhere 
Preise anzulegen, als er seiner Offerte zugrunde gelegt hatte. 
Durch gesteigerte Fuhrlöhne für Hilfsgespanne, deren Kosten 
sich, falls Schneefälle den Transport erschweren, noch erhöhen, 
vergrößern sich außerdem bei starker Belebung der Nachfrage 
die Unkosten. Auch dadurch, daß die Trockenheit des Vorjahres 
dem Handel die Beschaffung größerer Vorräte auf dem AVasser- 
wege unmöglich machte, verteuerte sich die Ware, die durch 
-die Bahn bezogen werden mußte. Da obendrein die Preise infolge 
der milden Witterung des Vorjahres gedrückt waren, verblieb 
dem Handel nicht nur kein Nutzen, sondern es wurde sogar 
vielfach mit Verlust gearbeitet. Um eine Besserung der mit der 
Zeit sich als unhaltbar erweisenden Zustände auf dem Koksmarkt 
herbeizuführen, kam ein Zusammenschluß der Händler zustande, 
durch den die Konsumenten zum Abschluß bestimmter Mengen 
gezwungen wurden. Auch gelang es, bessere Preise zu erzielen. 
Um ferner der unlauteren Konkurrenz die Wege zu verschließen, 
wurde gleichzeitig die Anstellung von Kontrollbeamten für die 
Konventionsmitglieder beschlossen, denen die Berechtigung zum 
Prüfen des Inhalts von Kokszufuhren im Interesse der Empfänger 
zusteht. Diese Einrichtung hat sich nach den bisher gemachten 
Erfahrungen bewährt. Neben dieser neuen Konvention der Koks- 
händler blieben auch die Konventionen für oberschlesische Stein- 
kohlen und für Briketts, die auf ein Jahr verlängert wurden, 
wiederum bestehen. In den Monaten März bis Juli lag das 
Geschäft recht still. Der Bezug englischer Kohlen konnte infolge 
des Bergarbeiterstreiks erst Ende April wieder aufgenommen 
werden. Die Preise stellten sich infolge hoher See- wie Fluß* 



50. Kohle. 



217 



f räch teil ziemlich hoch. Die Wasserverhältnisse auf der Elbe und 
Oder waren um Mitte Mai wenig günstig, besserten sich aber 
gegen Ende des Monats und blieben auch den Juni über gut. Die 
Frachten waren aber wegen Mangels an Kahnraum hoch und 
blieben es auch selbst dann noch, als der Eingang leerer Fahr- 
zeuge lebhafter wurde. Auch in den späteren Monaten hielten 
sich die Frachten, mit kurzen Unterbrechungen, trotz des guten 
AVasserstandes ziemlich hoch, zumal da bei den für englische 
Kohlen geforderten höheren Preisen und den hohen Seefrachten 
obersch lesische Steinkohlen stark begehrt und dementsprechend 
auch ein erhöhter Bedarf an Kahnraum vorhanden war. Recht 
gut gestaltete sich das Geschäft im August, besonders war Koks 
für Zentralheizungen zur Eindeckung des AVinterbedarfes zum 
billigeren Sommerpreise lebhaft begehrt. Nicht so gut ging das 
Brikettgeschäft; die von der Konvention festgelegten Mindest- 
preise wurden vielfach unterboten. Durch die nasse und kühle 
Witterung veranlaßt, setzte im Herbst die Heizperiode zeitig 
ein, deshalb blieb auch im September das Geschäft lebhaft, zumal 
da Mitte September für die Privatkundschaft der höhere "Winter- 
preis in Kraft trat. 

Die "Preise stellen sich im Detailgeschäft für einen Zentner 
frei Keller je nach Quantum: 
Tab. 84. Berliner Kohlen preise im Detailhandel (in Mark p. Ztr. frei Keller). 



Sommer 1912 



Winter 1912 



Oberschlesische Steinkohlen, 
Stück. Würfel, Nuß I 
Nuß 11 

Böhmische Braunkohlen 

Englischer Anthracit . 

Salonbriketts .... 

Industriebriketts . . . 



1,65 
1.55 
1,55 
2,60 
1,15 
1,05 



1.70 
1,60 
1,65 
2,65 
1,20 
1,10 



Detailhandels- 
preise. 



Die gesamte deutsche Produktion an Stein- und Braunkohlen, 
Koks, Briketts und Naßpreßsteinen betrug in den letzten Jahren: 

Kohlenproduktion im Deutschen Reiche (in 1000 t). 



Tab. 85. 



1910 



1911 



Steinkohlen , 

Braunkohlen 

Koks 

Briketts und Naßpreßsteine 



152 882 
69 105 
23 600 
19 566 



160 742 
73 517 
25 405 

21828 



1912 



177 095 
82 340 
29 141 
24 392 



Die Gesamteinfuhr an Steinkohlen und Braunkohlen nach 
Deutschland weist für die gleichen Jahre folgende Ziffern auf: 
Tab. 86. Deutschlands Kohleneinfuhr (in 1000 t). 





ii 1910 1 


1911 


1912 


Steinkohlen 

Braunkohlen 


. . . ir 11196 

. . . !| 7 398 


10 914 
7 069 


10 380 
7 266 



Deutsche 
Gesamt- 
produktion. 



Ausfuhr. 



218 



IV. Montanindustrie. 



Eigen- 
verbrauch. 



Die deutsche Gesamtausfuhr an Stein- und Braunkohlen be- 
lief sich auf: 



Tab. 87. 


Deutschlands Kohlenausfuhr (in 1000 t). 




i 1910 


1911 


1912 


Steinkohlen 


:i 24 258 


27 412 

58 


31 143 


Braunkohlen 


ll 62 


57 



Hiernach ergibt sich für Deutschland ein Eigenverbrauch (d. h. 
Produktion -f Einfuhr — Ausfuhr) an Steinkohlen und Braun- 
kohlen (in 1000 t): 



Tab. 88. 



Kohlen verbrauch im Deutschen Reiche (in 1000 t). 





!l 


1910 


1911 j 


Steinkohlen 

Braunkohlen . . . . 


^ _ j! 


139 820 
76 441 


144 247 

80 528 



1912 



156 332 

89 545 



Roheisen- 
Statistik. 



51. Roheisen und Fertigeisen. 
1. Roheisen. 

Nach den Ausweisen des Vereins deutscher Eisen- und Stahl- 
industrieller hatte die deutsche Roheisenproduktion in den ein- 
zelnen Monaten der letzten drei Jahre folgenden Umfang: 



Tab. 89. Monatsziffern der deutschen Roheisenproduktion 


in Tonnen. 


1 


1910 


1911 


1912 


Januar 


1 177 574 


1320 712 


1 385 493 


Februar 


1 091 351 


1 173 137 


1 337 134 


März ' 


1 250 184 


1 322 142 


1 446 143 


April 1 


1202 117 


1 285 396 


1 451 404 


Mai ! 


1 261 735 


1312 255 


1 492 157 


Juni 


1219 071 


1 262 997 


1 452 657 


Juli 1 


1228 316 


1 290 106 


1 505 360 


August 


1 262 804 


1 284 302 


1 526 831 


September 


1 232 477 


1 250 702 


1518 623 


Oktober 


1 291 379 


1334 941 


1 633 539 


November 


1 272 333 


1 313 896 


1 537 205 


Dezember 


1 307 084 


1 377 637 


1 566 025 



Die Durchschnittspreise von M. N. Warrant f. a. B. Glasgow 
betrugen in den fünf letzten Jahren: 



Tab. 90. 






Durchschnittspreise von M. N. Warrants 




Januar 


Februar 


März 


Aprü 


Mai 


Juni 


1908 . . 

1909 . . 

1910 . . 

1911 . . 

1912 . . 


57.1 

54.6 

57.11 

55.8 

55.6 


56.4 
53.8 
57.4 

55.OV2 
55 1 


57.- 

52.6 

57.8 

54.— 

56.8 


56.9 
53.7 
56.11 

52.7i'2 
59.3 


56.2 
54.3 
55 10 
52.2 
59.11 


56.1 

54.5 

55.2V2 

52.4 

61.4 



51. Roheisen und Fertigeisen. 



219 



Die Statistik des Vereins ergibt für die genannten drei Jahre 
eine Jahresproduktion von: 



1910 
14 793 325 



1911 
in Tonnen 
15 534 223 



1912 
17 852 571 



Dem Jahresbericht der Firma S. Elkan & Co. in Ham- 
burg, der auch die Preistabellen bringt, entnehmen wir weiter 
folgendes : 

Die Erwartungen, mit denen die Eisenindustrie das Jalir 
1912 begrüßte, sind durch die tatsächliche Entwicklung weit über- 
troffen worden. In allen Ländern zeigten Produktion und Absatz 
einen bedeutenden Fortschritt; nur in Großbritannien wurde Jm 
Frühjahr die Entwicklung durch schwere wirtschaftliche Kämpfe 
beeinträchtigt. 

Der deutsche Roheisenmarkt lag dank der Wirksamkeit 
des Roheisen- Verbandes, dem sich nach mehrmonatlichen Verhand- 
lungen die SiegerläJider und die Luxemburg-Lothringischen Hütten- 
werke angliederten, im Zeichen einer günstigen Entwicklung. 
Die Produktion steigerte sich von 14 793 325 t im Jahre 1910 
und 15 535 112 t im Jahre 1911 ^uf 17 852 571! t in 1912. Der Ver- 
brauch an Roheisen ist in Deutschland von 25,2 kg auf den Kopf 
der Bevölkerung im Jahre 1861 auf 136,87 kg im Jahre 1911 
gestiegen. 

In 'Amerika schätzt man die Produktion des Berichtsjalires 
auf 29 600 000 t gegen 23 649 344 t im Jahre 1911. Trotz der 
durch die Trustgegner verursachten steten Beunruhigung des 
Marktes bewirkte die glänzende Beschäftigung der eisenver- 
brauchenden Industrien eine Preissteigerung von etwa 17 Mk. 
für 1000 kg, indem der Durchschnittspreis für Roheisen von 
13,40 $ im Januar 1912 auf 17,48 ^ Anfang 1913 stieg. 

Der englische Markt zeigte infolge der durch die Arbeiter- 
kämpfe entstandenen Produktionsausfälle starke Preissteigerungen 
bei lebhafter Xachfrage. Es betrug: 



Erster Bericl 



1908 der niedrigste Preisstand 47/5, 

1909 „ „ „ 46 

1910 „ „ „ 48/71,2 

1911 „ „ „ 45/8 

1912 ., „ „ 48/8 

f. a. B. Glasgow. (Pfd. Sterl. für 1 t) 



der höchste 56/3 

52/8 

,. 52/4 

50/9 

68/4 







1 








Durch- 


Juli 


August 


Septemb. 

1 


Oktober 


Novemb. 


Dezemb. 


schnitts- 
preis 


55.9 


56 3 


56 4 


54 11 


55.3 


55.— 


56.1 


54.6 


56 7 


57 6 


58.— 


57.— 


56.9 , 


55.3 


54.11 


55.8 


55.3 


55.81/2 


55 6 


55.4 1 


56.— 


52.91/2 


53 11/2 


52.7 


52.41/, 


53.21/4 


55.4 ^ 


53.5 


63 3 


67.51/2 


72.6 


72 6 


73.6 


73.3 1 


64.2 



220 



IV. Montanindustrie. 



Tab. 91. 



Deutsche Roheisenpreise im Jahre 1912. 



Zweiter 
Bericht. 



West- und 
Süddeutschland 
Hematite ] 
Gießerei 1 ^ ab Werk 
Gießerei 3 J 

Luxemburger 3 

ab Luxemburg 

Nord-, Mittel- und 
Ostdeutschland 
Hematite | Frachtfrei 
Gießerei 1 [ Ver- 
Gießerei 3 J 1^1-auchsort 

Luxemburger 3 

ab Luxemburer' 



Januar Februar März 



April 



741., 

701/; 

671', 
521/2-531/2 



76i/,-79i^o 
73i/;.76i/2 
70\V73i/2 

491/0-51.- 



771/2 
731/2 
70.- 

56-58.- 



791/0-82 V'o 
75-781/0 
72-75.- 



501/2-531/2 



771/2 
731/0 
70.- 



731/, 
70.- 



56-58. — 56-58. — 



791/2-821/2! 79 Vo-821/o 
75-78V2' 75-781/; 
72-75.-: 72-75.- 

I 

501/0-531/2 1521/0.551/2 



Mai 



771/2 
73I/. 
70.- 



56-58.— 



797,-821/2 
75-781/2 
72-75.- 



521/2-551/2 



Die Vorräte in Middlesbro, die einzige greifbare B/eserve 
der AVeit, begannen sich bereits in den letzten Monaten des Jahres 
1911 zu verringern. Sie beliefen sich Ende 1911 nur noch auf 
536 634 t und sind bis Ende 1912 um über 50 0/0, nämlich jauf 
241 845 t, zusammengeschrumpft. Die Eisen Verbraucher scheinen 
auch weiterhin diese Läger heranziehen zu müssen, da wider 
Erwarten die Nachwirkungen der durch den großen Kohlen- 
arbeiterstreik entstandenen Betriebsstörungen noch nicht ganz 
überwunden sind. Diese Umstände, sowie die beispiellos hohen 
Seefrachten, durch welche die englische Roheisenfabrikation 
stärker als die deutsche betroffen wurde, sind dem Ausland's- 
absatz des deutschen Roheisens sehr förderlich gewesen. Es 
scheint ungewiß, ob bei starkem Inlandsbedarf Deutschlands in 
nächster Zeit genügend deutsches und Luxemburger Roheisen zur 
Pflege des Exports verfügbar sein wird. Trotz der glänzendem 
statistischen Lage des Eisenmarktes und des starken Schiffbau- 
Bedarfs begann jedoch am Jahresende in der Eisenindustrie die 
Untemeh'mungslust infolge der politischen Unsicherheit nach- 
zulassen. 

Eine Berliner Eirma berichtet uns über das Geschäft in 
Gießereiroheisen : 

Unter der Kontrolle des Roheisenverbandes, dessen Tätig- 
keit durch keinen Outsider gestört wurde, da sämtliche Roheisen- 
produzenten Deutschlands dem Verband angehören, hat sich im 
Berichtsjahre das Geschäft in Gießereiroheisen in ruhiger, stetiger 
Weise abgewickelt. Die Eisengießereien waren während des ganzen 
Jahres sehr ^t beschäftigt, Störungen durch Streiks und dergl. 
traten fast nirgends ein, und da die Preispolitik des Roheisem- 
verbandes vorsichtig war und übertriebene Preissteigerungen ver- 
mieden wurden, so konnten die vom Verband zum Verkauf ge- 
stellten Mengen jeweils in kürzester Frist abgesetzt werden. Den 
Wünschen der Verbraucher wegen Zuteilung bestimmter Marken 



51. Roheisen und Fertigeisen. 
(Verbandspreise in Mark für 1000 kg). 



221 



Juni 


JuU 


August 


Septemb. 


Oktober 


Novemb. 


Dezemb. 


771/2 
731/2 
70- 


771/2 
731/2 
70.- 


771/2 
731/0 
70.- 


771/0 

731;2 

70.- 


801 /0-8 11/0 
76i/;-77i/ö 
731/0-741/; 


8IV2 
771/2 
741/2 


8IV2 
771/2 
741 2 


56-58.— 


56-58. — 


56-62.— 


60-62.— 


60-62.— 


63-65.— 


63-65.— 


791/0-821/2 
75-781/0 
72-75.- 


791/2-821/0 
75-781 /o 
72-75.- 


791/0-82 Vo 

75-781/2 
72-75.- 


791/0-821 '2 
75-78i/o 
72-75.- 


86io-87Vo 
82i/;-83i/; 
791/2-8OV2 


861/2-871/0 
821/2-831/2 
791/2-8O1/2 


86i;'o-87i/o 

82i/:.83i'^; 

791 Ö-801 2 


521/2-551/2 


521/2-551/2 


571/2-59.- 


571/2-59.- 


6O1/2-62. 


6O1/2-62.- 


601/0-62.- 



suchte der Verband, soweit es die Fraditverhältniss© zuließen, 
nach Möglichkeit gerecht zu werden, dagegen konnten die vielfach 
besonders im vierten Quartal hervortretenden gesteigerten An- 
sprüche der Gießereien zum Teil nicht voll befriedigt w^erden, 
da die Hochofenwerke his zur Grenze ihrer Leistungsfahigke.it 
besetzt waren. Die Verkaufspreise der wichtigsten Eoheisensorten 
stellten sich für 1000 kg franko "Waggon bzw. frei Ufer Berlin 
wie folgt: 1 



Tab. 92. Berliner Roheisen preise (in 


Mark für 


1000 


kg) 








vom 


1. 1. bis 19. 


10. 1 


19. 


10. bis 31. 


12.^^" 


Hematite- Roheisen 

Gießerei-Roheisen Nr. I . . . . 
Gießerei-Roheisen Nr. III ... 




Mk. 
81.50 

77.— 
74.— 






Mk. 

86.50 
82.50 
79.50 





Ij u X e m b u r g e r Eoheisen Nr. III kostete vom 1. Jan. bis 
15. April 65 Mk., vom 15. April bis 6. Aug. 67,50 Mk., vom 
6. Aug. bis 29. Okt. 72,50 Mk. und vom 30. Okt. bis 31. Dez. 
75 Mk. Der Import englischen Eoheisens hielt sich trotz der 
Roheisenknappheit in Deutschland in mäßigen Grenzen, da jdas 
scharfe Steigen der Preise in England und ungewöhnlich hohe 
Seefrachten das Geschäft fast während des ganzen Jahres er- 
schwerten. Englisches Eoheisen No. III kostete frei Ufer Berlin 
zu Anfang des Jahres 7.3 Mk. und stieg bis auf 91 Mk. für 
1000 kg. 

2. Walzeisen. 
Die im Vorjahr begonnene Besserung von Beschäftigung 
und Preislage auf allen Gebieten der deutschen Eisen- und Stahl- 
erzeugung hat sich im Berichtsjahre fortgesetzt, so daß auch 
die weniger günstig situierten Werke nach einer längeren Periode 
des Darniederliegens wieder zu günstigeren Ertragsverhältnissen 



Allgemeine 

Entwicklung 

des Waiaeise] 

markte s. 



222 IV. Montanindustrie. 

kamen. Diese auf einen sehr umfangreichen inländischen Eisen- 
bedarf und eine stetig steigende Ausfuhrmöglichkeit gestützte 
Bewegung dauerte unverändert bis zum Ende des dritten Quar- 
tals an, also bis zu dem Augenblick, in welchem die Gefahr 
eines europäischen Krieges als unmittelbarer Folge der Kriegs- 
wirren auf dem Balkan die Marktentwicklung hemmte. Während 
des vierten Quartals erfuhr die Aufw^ärtsbewegung des Marktes 
einen Stillstand, und schließlich hatte der Markt zum Schlüsse 
des Berichtsjahres unter einer, w'enn auch zunächst nur weniger 
fühlbaren Abschwächung zu leiden. 
Stab ei seil. Besonders intensiv machten sich die "Wirkungen der besseren 

tiüandsmarkt. wirtschaftlichen Gesamtlage im Inlands- und Auslandsmarl^te für 
diejenigen Artikel des deutschen Eisen- und Stahlgewerbes be- 
merkbar, die durch keinerlei Syndikate, Konventionen oder Preis- 
vereinbarungen gebunden sind. Hierzu gehören die Artikel Grob- 
bleche, Feinbleche, Röhren usw., in erster Reihe aber das 
Stabeisen. Während in den durch den deutschen Stahlwerks- 
verband gebundenen Artikeln, den sogenannten A-Produkten 
(Halbzeug, Eisenbahnoberbaumaterial und Formeisen), das Ge- 
schäft und die Preise nur geringen Schwankungen unterworfen 
waren, haben sich für die freien Artikel und vor allen 
Dingen für Stabeisen die Preise nicht unw^esentlich gehoben. 
Xoch günstiger aber haben sich die Beschäftigungsverhältnisse 
gestaltet. Während die deutschen Stabeisen produzierenden Werke 
in das Jahr 1912 mit einer Besetzung traten, die für neu ein- 
gehende, spezifizierte Aufträge Lieferterminforderungen von 
4 — 5 Wochen notwendig machten, hob sich durch den unaus- 
gesetzt sehr starken Zufluß an Spezifikationen der Beschäfti- 
gungsgrad bis zur Mitte des Berichtsjahres derartig, daß nun- 
mehr die Lieferterminforderungen zwischen 12 und 20 Wochen 
schwankten, d. h. also, daß den Werken die Ausführung neuer 
Aufträge zumeist erst in 4 — 5 Monaten möglich war. Dieser 
Beschäftigungsgrad, der die Ausnutzung aller verfügbaren Be- 
triebsmittel erforderlich machte und die deutsche Stabeisen- 
fabrikation für das Jahr 1912 w-esentlich über das Maß des 
Vorjahres hinaus steigerte, erhielt sich bis zum Eintritte der 
kriegerischen AVirren auf dem Balkan. Dementsprechend ent- 
wickelten sich die Preise. Es forderten maßgebende deutsche 
AVerke für neue Abschlüsse in Flußstabeisen die folgenden 
Grundpreise: , ■ 



Tab. 93. Durchschnittliche Verkaufspreise der Werke für 
Grundpreise ab Werk Basis Oberhausen in M. für 


Flußstabeisen. 
1000 kff. 




1910 


1911 


1912 


I. Quartal 

11. „ 

III. „ 

IV. „ ..... 


108.00 

1 10.00 

! 106.00 

i 103.00 


100.00—102.50 
96.00— 98.00 
92.50— 95.00 

100.00-109.— 


110—115 
115—120 
118-123 

118-125 



51. Roheisen und Fertigeisen. 



223 



Die Preiserhöhung für Stabeisen betrug also im Berichts- 
jahre rund 15 Mk. für die Tonne, ist also als mäßig zu be- 
zeichnen. Daß die Entwicklung der Bedarfslage in Deutschland 
und im Auslände keine stärkere Preissteigerung im Gefolge 
hatte, ist in erster Eeihe darauf zui^ückzuführen, daß besonders 
dia großen neueingerichteten AYerke im Westen und an d-er Saar 
mit so gutem Nutzen arbeiteten, daß sie an einer weiteren Preis- 
steigerung, in der sie eine Gefahr für die gesunde Entwicklung 
deä Marktes sahen, kein Interesse hatten. 

Die Entwicklung des Auslandsmarktes während des Berichts- 
jahres ergibt sich aus folgender Uebersicht: Es notierte deutsches 
Flußstabeisen zur überseeischen Ausfuhr fob Antwerpen Ende 
Dezember 1911 ca. 105 Mk., im ersten Quartal 1912 ca. 108 bis 
110 Mk., im zweiten Quartal 1912 ca. 115 — 118 Mk., im dritten 
Quartal 1912 ca. 118—123 Mk. und im vierten Quartal 1912 
ca. 120—125 Mk.i). 

Zu dieser günstigen Entwicklung des Ueberseemarktes im 
Berichtsjahre hat in der Hauptsache der Umstand beigetragen, 
daß ebenso wie in Deutschland auch in den außerdeutschen und 
außereuropäischen Eisenindustrieländern eine wesentliche Besse- 
rung der wirtschaftlichen Gesamtlage zu verzeichnen war, so 
daß sie den weitaus größten Teil ihrer Produktion im eigenen 
Lande placieren konnten und nicht auf den Export zu billigen 
Preisen angewiesen w^aren. AVeltmarktpreis und deutscher Inlands- 
preiä lagen fast durchweg auf demselben Niveau, ja, der erstere 
lag in vielen Fällen sogar höher. Die günstige Entwicklung 
deä amerikanischen Montanmarktes, der große englische Eisen- 
bedarf und die umfangreiche belgische Nachfrage zur Ausfuhr 
nach Uebersee bewirkten in erster Eeihe die günstige Entwicklung 
der Ausfuhr. Die dadurch hervorgerufene Entlastung des In- 
landes von übermäßigem Angebot wirkte wieder auf eine bessere 
Gestaltung des inländischen Preisniveaus hin. 

Der Umfang der deutschen Stabeisenerzeugung, der sich im 
Jahre 1911 auf über 3V2 Mill. t stellte, stieg bis auf über 
4 Mill. t Fertiggewicht im "Werte von 500 Mill. Mk. Die deutsche 
Ausfuhr an Stabeisen stellt sich für das Berichtsjahr auf über 
700000 t; sie übertraf die der Vorjahre um 30 000—40 000 t. 

DaA der Berliner Markt in erster Eeihe mit dazu berufen 
war, die Mehrproduktion aufzunehmen, ist schon angesichts des 
großen Bedarfs, den Groß-Berlin mit seiner umfangreichen 
Industrie und seiner umfangreichen Bautätigkeit selbst besitzt, 
erklärlich. Es sind deshalb auch die Produzenten im Berichts- 
jahre bemüht gewesen, einen möglichst großen Teil ihrer Er- 
zeugung in Berlin abzusetzen. Auch das direkte Werksabladungs- 



Auslands- 
maxkt. 



Produktions- 
und Export- 
statistik. 



lieiiiner Markt. 



1) Vgl. für die Exportpreise von Flußstabeisen in den Yorjalireii 
Berl. Jahrb. 1911, II, S. 232. 



224 IV. Montanindustrie. 

geschäft des Berliner Handels nach den aufnahmefähigen deutschen 
Absatzgebieten außerhalb Groß - Berlins war umfangreich und 
übertraf das des Vorjahres. Hierzu tritt ein von Berliner Eisen- 
großhandlungen betriebenes, sehr umfangreiches Ausfuhrgeschäft 
nach dem europäischen Auslande und nach Uebersee. Der Ge- 
samtverbrauch Groß-Berlins selbst an Stabeisen stellte sich im 
Berichtsjahre nach ungefähren Schätzungen auf 30 Mill. Mk. 
Der deutsche Absatz des Berliner Handels außerhalb Berlins 
ist ebenso hoch zu schätzen. Eine einigermaßen zutreffende 
Ziffer der Ausfuhr des Berliner Großhandels ist nicht fest- 
zustellen; auch diese Ziffer dürfte recht beträchtlich sein. Wie 
die Verkaufspreise der Stabeisenwerke zeigten auch die Verkaufs- 
preise des Berliner Handels für den Ortsbedarf und für den 
Provinzbedarf im Verlaufe des Berichtsjahres Steigerungen. Doch 
traten diese Preiserhöhungen wesentlich später und nur in ge- 
ringerem Umfange ein. Deswegen hat auch der Handelsnutzen 
nicht eine solche Zunahme erfahren, wie sie der Steigerung des 
Umsatzes entsprochen hätte. Der Berliner Großhandel notierte 
für 1000 kg Flußstabeisen: 



Tab. u. Berliner Großhandelspreise für Fluß-Stabeisen 

(M. für 1000 kg). 




im Lagergeschäft 
franko Lager 


im Provinzgescbäft 
ab Oberhausen 


im I. Quartal 

„II. „ 

n III. . 

.IV. „ 


140—150 
145—155 
150-160 
150—165 


112,50—117,50 
115.00-120,00 
117,50—122,50 
120,00—124,00 



Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die Spesen der Lager- 
haltung in Berlin infolge der wachsenden Grundstückspreise und 
der stetig aufsteigenden Löhne von Jahr zu Jahr höher werden 
und bereits den größten Teil der Preisdifferenz zwischen Ein- 
kaufs- und Verkaufspreis betragen. Die langen Lieferzeiten, 
welche die Werke während der ganzen Dauer des Berichtsjahres 
für neue Bestellungen forderten, haben den Handel noch dazu 
genötigt, mehr als bisher auf dem direkten Bahnweg zu be- 
ziehen, während, besonders beim Bezug des Eisens aus dem 
Saarrevier, bei normalen Verhältnissen fast ausschließlich der 
billigere AVasserweg benutzt wird. Auch hierdurch hat der 
Nutzen im Handelsgeschäft eine Beeinträchtigung erfahren. Wenn 
trotzdem der Berliner Handel mit seinen E/Csultaten im großen 
und ganzen zufrieden war, so ist dies zum nicht unwesentlichen 
Teile dem Umstände zuzuschreiben, daß es gelungen ist, die 
Vereinigung Berliner Stabeisenhändler aufrechtzuerhalten. Durch 
diese Vereinigung ist es möglich gewesen, die notwendige Kon- 
trolle in bezug auf die Kreditgewährung auszuüben. Hierdurch 
ist der Berliner Handel im Berichtsjahre vor größeren Ver- 



51. Roheisen und Fertigeisen. 



225 



lusten, die insonderheit auch aus der ungünstigen Lage des Bau- 
marktes während des Jahres 1912 di^ohten, behütet worden. Die 
Vereinigung der Berliner Stabeisenhändler ist, wie die berichtende 
Firma betont, nicht zum Zwecke der Erzielung höherer als 
normaler Preise gegründet worden; sie bezwecke vielmehr in 
erster Eeihe die Herstellung und Erhaltung geordneter Verhält- 
nisse auf dem Berliner Eisenmarkte und im Zusammenhange 
damit eine gemeinschaftliche Notierung von Preisen, die nicht 
nur dem Handel den ihm zukommenden Nutzen lassen, sondern 
auch die Interessen des Konsums berücksichtigen. Trotz dieser 
Ziele der Vereinigung hat es außerordentliche Schwierigkeiten 
verursacht, eine Fortsetzung derselben über das Ende des Be- 
richtsjahres hinaus zu erreichen. Wenn dies schließlich in letzter 
Stunde gelungen ist, so war dies nur unter Opfern seitens des 
alteingesessenen Berliner Großhandels an die neu hinzugetretenen 
Firmen, in der Hauptsache an den Werkshandel, möglich. 

Die großen kapitalkräftigen Stabeisenwalzwerke sind in 
Verkennung der Bedeutung der Aufgaben des Eisenhandels und 
seiner segensreichen Tätigkeit für die Industrie immer mehr dazu 
übergegangen, sogenannte Werksfirmen zu gründen, die den 
Eisenvertrieb für den betreffenden Produzenten besorgen. Es 
mag dahingestellt bleiben, ob die Werke in derartigen, nicht in 
ihrem eigentlichen Geschäftskreise liegenden Unternehmungen 
gesunden Marktentwicklung überhaupt stören, indem diese Unter- 
nehmungen die Kreise des Handels vielfach nicht nur zum 
Schaden des Handels selbst, sondern auch zum Schaden einer 
gesundeii Marktentwioklung überhaupt stören, indem diese Unter- 
nehmungen erklärlicherweise häufig nicht dasjenige Interesse an 
der Erzielung angemessener Preise zeigen, das der Eisenhandel 
hat und haben muß. Es ist zu hoffen, daß eine reeht nahe 
Zukunft die Produzenten zu der Ueberzeugung führen wird, daß 
der Vertrieb ihrer Produkte in den Händen des Großhandels 
ebensogut aufgehoben ist, wie bei ihren eigenen Handelsunter- 
nehmungen, daß der Verkehr mit dem kapitalkräftigen Groß- 
handel vorteilhafter ist als das Eingehen eines umfangreichen 
Risikos, wie es beim direkten Verkehr mit den Konsumenten 
immer vorhanden ist und vielfach schon zu großen Verlusten 
geführt hat. 

Wie schon erwähnt, ist seit dem Beginn des letzten Viertels 
des Berichtsjahres das Geschäft infolge der politischen Ereignisse 
am Balkan und der drohenden Kriegsgefahr wesentlich ruhiger 
geworden. Das Verkaufsgeschäft des Handels stockte fast voll- 
ständig, und hierdurch wurde auch die Einkaufstätigkeit des 
Handel«^ für fernere Fristen empfindlich beeinträchtigt. Es lag 
auf der Hand, daß in den Kreisen des Handels wenig Neigung 
zur Eindeckung für das erste Semester des Jahres 1913 bei 
wesentlich erhöhten Preisen vorlag, da sich der Ausgang der 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL .15 



Werksfirmen. 



Rückgang des 
Geschäfts ajn 
Jahresschluß. 



226 



IV. Montanindustrie. 



Bleche. 



Formeiseii. 



Röhren. 
Erster Bericlit. 



Zweiter 
Bericht. 



politischen Verwicklungen nicht übersehen ließ. Die durch die 
Kriegsgefahr in erster Reihe verursachte Versteifung des Geld- 
marktes und die Krediteinschränkungen, die die Großhanken bei 
ihren Kunden und besonders in den Kreisen der Kleinindustrie 
vorzunehmen gezwungen waren, haben das Geschäft weiter emp- 
findlich beeinflußt. 

In Handelsblechen verlief das Geschäft fast durchweg zu- 
friedenstellend ; die Nachfrage war äußerst lebhaft, und infolge 
der allgemeinen starken Besetzung der Werke mußte auch für 
diese Artikel mit recht langen Lieferfristen gerechnet werden. 
Die Preise bewegten sich in aufsteigender Richtung und stellten 
sich für Grobbleche ungefähr auf 145 — 160 Mk. und für Fein- 
bleche auf 155—170 Mk. für die Tonne frei Berlin. 

Einen wesentlich anderen Verlauf nahm dagegen das Ge- 
schäft in Formeisen. Hier brachte das ungeklärte Schicksal des 
Düsseldorfer Stahlwerksverbandes, der im zweiten Quartal seine 
Endschaft erreichte, wenn bis zum 30. April keine neue Ver- 
ständigung erzielt wurde, eine gewisse Zurückhaltung, die erst 
wieder behoben wurde, als in letzter Stunde ein neuer Verbands- 
vertrag geschlossen wurde. Das Geschäft belebte sich Anfang 
Mai nicht unmerklich. Eine Ausnahme hiervon machte einzig 
und allein das Berliner Geschäft, das unter sehr ungesunden 
(Zuständen in der Baubranche zu leiden hatte. Krisen bei größeren 
Baufirmen ließen den Absatz von Bauträgern wesentlich zurück- 
gehen. In den letzten Monaten des Berichtsjahres setzte eine 
Versteifung des Geldmarktes ein, die den Baumarkt weiter be- 
einträchtigte. Auch der Eisenhandel hatte infolge der Baukrisen 
verschiedene erhebliche Verluste zu erleiden. Der Absatz in 
Trägern in Groß-ISerlin ist um fast 20 o/o gegen die früheren 
Jahre zurückgegangen. Die Preise waren stabil und konnten 
durch den Verband im Laufe des Jahres zweimal aufgebessert 
werden. 

Einen zufriedenstellenden Verlauf nahm dagegen wiederum 
das Böhrengeschäft. Bedarf und Absatz waren gut. In schmiede- 
eisernen Röhren konnte gegenüber dem Jahre 1911, welches infolge 
der Auflösung des Röhrensyndikats verlustbringend war, durch 
eine lose Konvention der Werke eine der Marktlage entsprechende 
Preisaufbesserung durchgesetzt werden, so daß auch der Handel 
mit Röhren Gewinn brachte. In den Artikeln gußeiserne Röhren 
und Sanitätsutensilien lag eine ausreichende Beschäftigung vor, 
die nicht ohne Einfluß auf die Preise blieb, zumal diese Artikel 
durch Syndikat und Konvention geschützt sind. Der Handel, 
der seine Kundschaft für diese Artikel in Baukreisen suchen 
muß, hatte durch die Krise im Baugewerbe sehr zu leiden und 
blieb nicht von Verlusten verschont. 

Die lebhafte Beschäftigung des Vorjahres hat in den 
Röhren werken auch im Berichtsjahr angehalten. Die großen 



51. Roheisen und Fertigeisen. 227 

IiüLrenweike haben sich im April in einer losen Vereinigung 
zwecks Stabilisierung der Preise im Inlande sowohl für Gas- 
röhren wie für Siederöhren zusammengeschlossen. Hierdurch ist 
eine Festigkeit in den Röhrenmarkt gekommen, infolge deren die 
Preise in mäßigen Grenzen erhöht werden konnten. Der Durch- 
schnittsrabatt für Gasröhren stellte sich auf etwa 79t 2 0/0 auf 
die deutschen Grundpreise, während für Siederöhren in den 
üblichen Sorten die Rabatte sich zwischen 72 und 74V2 ^'0 auf 
•die Grundpreise bewegten. Diese Preise, die sich auf der Fracht- 
basis Düsseldorf — Grafenberg verstehen, sind zwar noch als sehr 
niedrig zu bezeichnen, dürften indes den gut eingerichteten 
Werken einen mäßigen Grewinn gelassen haben. Infolge des Aus- 
bruchs! des Kriegs in den Balkanstaaten machte sich ein leichtes 
Nachlassen der Nachfrage nach Röhren bemerkbar, doch waren 
•die Röhrenwerke am Jahresschluß noch auf Monate hinaus gut 
beschäftigt. 

Die im vorjährigen Berichte ausgesprochenen Erwartungen 
für das Jahr 1913 haben sich im Berichtsjahr nur zum kleinen 
Teil erfüllt. Zwar herrschte im ersten Semester ein ziemlich 
gleichmäßiges Geschäft, das bis in den Sommer hinein an- 
^geh alter, hat und nicht durch erhebliche Preisschwankungen auf 
dem Rohmaterialienmarkt gestört wurde. Aber die Preise der 
fertigen Produkte kamen nicht in ein richtiges Verhältnis zu 
den Gestehungskosten, so daß in der Hauptsache die Verhältnisse 
ähnlich liegen wie im Vorjahre. Der Export hielt sich auf 
gleicher Höhe. Auch nach der Jahreswende, wo die politischen 
Ereignisse bereits ihren Einfluß auf die Geschäftslage ausgeübt 
hatten, war das Ausland, mit iiusnahme der Balkanländer, noch 
aufnahmefähig. Trotzdem waren die Aussichten für die nächste 
Zukunft nicht günstig. Die Entwicklung des Geschäfts wird 
durch die weitere Entwicklung der politischen Lage bedingt sein. 

Das Jahr 1912 \var für den englischen Weiß- und Schwarz- 
blechmarkt wieder ein sehr bewegtes. Es begann mit einem 
Standardpreis von sh 13/9 für die Kiste JC20/xl4 112 Tafeln 
108 Ibs. Dieser Standardpreis stieg bis Anfang Oktober, d. h. 
bis zum Ausbruch der Balkan wirren, bis auf sh 15/9 und betrug 
am Ende des Berichtsjahres sh 15/3. Die "VVeißblechpreise sind 
demnach seit Oktober 1911 — der Preis war in diesem Monat 
sh 13/3 — bis Oktober 1912 um annäliernd 5,50 Mk. für die Doppel- 
kiste zu 112 Tafeln deutsches Format gestiegen. Von dieser 
außergewöhnlichen Preissteigerung wurden bis zum Jahresschluß 
etwa 0,50 Mk. für die einfache Kiste eingebüßt. Die Preis- 
steigerung von Oktober 1911 bis Oktober 1912 betrug an- 
nähernd 15 0/0. Derartige Schwankungen waren seit dem Jahre 
1907 nicht zu beobachten. Die Ursachen der starken Preis- 
erhöhung lagen in der Teuerung der für die Bleche gebrauchten 
JElohmaterialien, hauptsächlich der Stahlk'nüppel und des Zinns. 

15* 



Vevzi iik erei 



Wej 



228 IV. Montanindustrie. 

Der Gesamtexport von Wales betrug in den Monaten Januar bis 
:N'ovember 1912 444 990 tons = ca. 8 900 000 Kisten gegen 
450 554 tons = ca. 9 000 000 Kisten im gleichen Zeitraum 1911. 
Diese Ziffern weisen einen Minderexport von ca. 1 o/o auf. Die 
Ursache dieses Eückgangs war der große englische Kohlenstreik 
im März. Dazu kam, daß die Vereinigten Staaten von Amerika 
in den ersten elf Monaten des Jahres 1912 nur 1828 tons gegen 

13 633 tons im gleichen Zeitraum 1911 aus Wales bezogen haben. 
Deutschlands Einfuhr an englischen Blechen betrug im Berichts- 
jahre 482116 dz, also etwa 48 000 tons im Werte von 14 463 000 
Mark gegen 476 587 dz oder etwa 47 000 tons im Werte von 

14 298 000 Mk. im Vorjahre. — Die folgende Tabelle gibt eine 
Uebersicht über die Produktion von Nordamerika, England und 
Deutschland in den Jahren 1906 bis 1911. 



Tab. 95. Weißblechproduktion der Vereinigten Staaten, 

Englands und Deutschlands. 



Amerika 
Produktion 



England | Deutschland 

Export ! Produkten 



374 862 t 


45 100 t 


405 328 t 


44 500 t 


403 007 t 


48 500 t 


439 804 t 


55 400 t 


483 020 t 


57 200 t 


484 355 t 


61 300 t 



1906 577 562 t 

1907 514 775 t 

1908 537 087 t 

1909 612 951t 

1910 722 770 t 

1911 783 960 t 



Dazu kommt für England der Eigenkonsum von jährlich zirka 
120 000 tons. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Werke hat 
sich im Berichtsjahr erheblich gesteigert, so daß anzunehmen 
ist, daß die deutschen Weißblechwerkfe in den nächsten zwei 
Jahren in der Lage sein werden, den deutschen Konsum zu 
decken. Die deutschen Weißblech werke sowie auch die eng- 
lischen dürften auf ein befriedigendes Jahr zurückblicken. Die 
Konsumenten von Weißblechen waren durch die enge Verbindung* 
mit dem Großhandel in der Lage, sich rechtzeitig auf viele 
Monate vorteilhaft zu decken. Der in den Händen alter, an- 
gesehener Eisen- und Metallfirmen liegende Weißblechhandel 
hat nach wie vor außergewöhnlich stark unter der Konkurrenz 
unsachverständiger neuer Firmen zu leiden, welche sich meistens 
bei der schwierigen Lage des Weißblechmarktes niu- kurze Zeit 
halten können. Neben den großen Kapitalien, welche für den 
Weißblechhandel in Frage kommen, gehört eine genaue Kenntnis 
der Materialien und des einschlägigen Gebrauchs dazu, um in 
diesem Artikel auch nur mit dem geringsten Erfolg zu arbeiten. 
Da die Konjunktur Verhältnisse im Jahre 1912 günstig waren,, 
so dürften auch die Großhändler einigermaßen vorteilhaft ab- 
geschnitten haben. 



52, Kupfer, Blei, Zink, Zinn. 



229 



ö2. Kiij^f er, Blei, Zink, Zinn. 
Erster Bericht. 

Die endgültigen Zahlen für die Produktion und den Ver- 
hrauch von Kupfer im Jahre 1912 liegen bei Erscheinen dieses 
Berichts noch nicht vor. Der Firma Aron Hirsch & Sohn in 
Halberstadt imd Berlin verdanken wir jedoch provisorische 
Ziffern, welche ein ungefähres Bild von den Verhältnissen des 
Kupfermarktes zu geben geeignet sind. 



Erster Bericht. 



Tab. 96. Weltproduktion von Kupfer (in engl, tons 
zu 2240 Ibs). 



1910 



1911 



1912 



Deutschland . . . . i 28 800 

Rußland 22 300 

Schweden-Norwegen . 7 000 

Spanien und Portugal i 53 000 

Vereinigte Staaten. . ji 481700 

Mexiko ' 58 800 

Kanada li 22 500 

Chile i; 35 800 

Peru ll 26 000 

Australien jl 43 400 

Japan || 50 000 

Andere Länder , . . \\ 27 350 

Weltproduktion . - 856 650 



30 500 

25 500 
9 500 

55 000 
487 300 

54 050 
24 000 
29 600 

26 000 
44 600 

55 000 
28 370 



36 000 
32 500 
9 500 
55 000 
558 000 
72 000 
31000 
34 000 
27 400 
45 400 
65 000 
40 000 



869 370 



1 000 800 



AVelt- 

Produktion und 

Weltverbrauch 

all Kupfer. 



Die Weltproduktion von Kupfer hat hiernach im Jahre 1912 
erstmalig die Menge von einer Million Tonnen überschritten. 
Den Hauptanteil an der großen Produktionszunahme haben die 
Vereinigten Staaten von Amerika, ferner Mexiko, Kanada und 
Japan. Die deutsche Produlition hat sich prozentual nicht un- 
erheblicb vermehrt, was jedoch auf die Weltproduktion ohne 
nennenswerten Einfluß blieb. 



Tab. 97. Weltverbrauch von Kupfer (in eDgl. tons 
zu 2240 Ibs). 



1310 



1911 



1912 



Europa . . . 

Deutschland 

Frankreich 

England . 

Oesterreich 

Italien 
Nordamerika 

Welt verbrauch 



Uno-arn 



606 500 

208 826 
92 838 

148 187 
37 150 
31014 

334 565 



640 000 
235 000 
106 000 
159 000 
41000 
41000 
317 000 



665 000 
268 000 
105 000 
150 000 
46 000 
420 000 
366 000 



932 000 



V85 000 



1 045 000 



Der Weltverbrauch an Kupfer hat mit der Steigerung der 
Produktion nicht nur Schritt gehalten, sondern ist ihr wiederum 
etwas vorangeeilt. Auch der Weltverbrauch hat die Million 
Tonnen zum erstenmal überschritten. Der Hauptanteil an der 
Konsnmsteifferung entfällt auf Nordamerika, wo er fast 50 000 t 



230 



IV. Montanindustrie. 



betrug, und auf Deutschland, wo ihn die Firma Aron Hirsch &; 
Sohn auf 33 000 t schätzt. Der Kupferverbrauch Frankreichs 
und Englands zeigten einen kleinen Eückgang ; der letztere wohl 
in erster Linie infolge der durch den Kohlenarbeiterstreik be- 
dingten Unterbrechung der gesamten wirtschaftlichen Tätigkeit 
im März und April des Berichtsjahres. 



Tab. as. Weltverbraucli und Weltproduktion von Kupfer (in tons engl, zu 2240 Ibs). 



■■ 


11 1905 1 1903 


1907 1 1908 j 1909 | 1910 


1911 , 1912 


Weltverbrauch . . . 
Weltproduktion . . . 


. !| 742 141 1 787 564 
. j' 693 700i 741 654 


698 0261 748 330 833 739 932 000 
702 044j 746 585 834 940 856 600 


985 000 1 045 OC 

869 370 1 000 8C 


Mehrverbrauch (— ) u. 
Mehrproduktion (-f) 


\ \ \ 

—48 4411—45 910|+ 4 018 — 1 755;-f 1 201 


—75 400 


— 115 630 


— 44 2C 



Eiiizelstatistik 
f. Deutschlajul, 
Amerika, Eng- 
land und 
Fraiikreicli. 



Die vorstehende Tabelle veranschaulicht für eine längere 
Eeihe von Jahren das Verhältnis zwischen Weltverbrauch und 
Weltproduktion. Hierbei fällt auf, daß in einer großen Eeihe 
von Jahren der Verbrauch größer war als die Produktion. Dies 
statistische Ergebnis ist dadurch zu erklären, daß einmal außer 
Neukupfer in größerem Umfange Altkupfer verbraucht wird, daß 
also der Kupferverbrauch größer sein kann, als die Eohkupfer- 
produktion. Sodann ist die auffällige Erscheinung aber auch 
dadurch zu erklären, daß die Statistik einzelner Länder die 
Einfuhr von Kupfer und Kupferfabrikaten nicht getrennt an- 
gibt, während die betreffenden Exportländer die Kupferfabrikate 
in der Ausfuhr gesondert aufführen, so daß das in Fabrikaten 
steckende Kupfer in einem Lande berücksichtigt, im anderen nicht 
mit berücksichtigt ist. 

Ausführlichere statistische Angaben besitzen wir über Pro- 
duktion und Konsum in Amerika und Deutschland und über 
die sichtbaren Vorräte Frankreichs und Englands. 



itsche 

pfev- 

;istik. 



Tab. 99. 




Deutscher 


Kupferverbrau«^ 


h (in metrisch. To.' 


. 












i 


1908 


1909 


1910 


1911 


1912 


Einfuhr 

Au.sfuhr 


184 020t 
17 712t 


•187 826t 
16 436t 


211522 t 
18 614 t 


224 621t 
19 114 t 


242462 t 
20839 t 


Einfuhrüberschii l.'t 








166 308 t 
22 719t 


171390t 
23 509 t 


192 908 t 
28 860 t 


204 845 t 
31 000 t 


221623 t 


Produktion 










36000 t(g^gchä 












Verfügbares 
Vorräte in 


Kupfer 
Hamburg: 






! 


189 027 t 
1 900 t 


194 899 t 
450t 


221768 t 
9 500 t 


235 845 t 
2 9001 


257623 t 


bei 


Jahresschluf3 i 


10518t 


Deutscher Verbrauch 




. . . 


. . 


187127 t 


194 449t 


212 268 t 
= 208 8261 


238 245 t 
= 234 985 t 


268141 t 
= 263957ten 



Nach der obigen Aufstellung der Firma Aron Hirsch & Sohn 
betrug die deutsche Kupfereinfuhr 242 000 t, die Ausfuhr 
21000 t, so daß der Einfuhrüberschuß 222 000 t betrug. Hierzu 
kam die auf 36 000 t geschätzte Produktion, so daß 258 000 t, 



52. Kupfer, Blei, Zink, Zinn. 



231 



unter Berücksichtigung der Kupfervorräte in Hamburg 268 000 



Tonnen verfügbar waren. 



ab. 100. 



Amerikanische Kupferstatistik in metr. Tonnen. 
(Nach den Ausweisen der Copper Pioducer's Association.) 



Jan Febr. [ März April 



Mai 



Juni I Ji.li I Aug. | Sept. | Okt. 



Nov. 



Dez. 



Jahr 



Produktion. 



nOil 

m 52 480 

?12 1153 276 



52 866 51 126 
49 818 

51802 



54 463 
59 209 
56114 



53 287 
53 563 
56 011 



55 933 
57 590 

56 579 



57 707 
56 498 
54 602 



53 693 
50 874 
61232 



57 972154 214 
56 9241 52 431 
65 012 62 540 



Inländischer Konsum. 



)10 

m 

n2 



no 
ni 
n2 



35 453130 218 
19 087122 916 
27 832i 25 102 



28 506130 8381 26 901 

29 974 23 772 29 277 27 967 

30 128 31 033 32 456 29 529 



24 206125 723 
25 847 
31738 



Export. 



37 055 
24 135 
35 789 



16 951 

20 462 
28191 



18 410 
26 799 
26 241 



14 212 
28182 
23 773 



20 637 
28113 
31021 



29 890 
32 415 
27 433 



26 947 
33 966 
26 840 



30 723 
27 187 
35144 



28 047 
31686 
31467 



29 258 
25 996 
28 330 



34 068 
23 054 
26 904 



57 367 
53 640 
64 913 



30 761 
29 061 
37 546 



54 139 
50 747 
60132 



27 580 
30 863 
30 969 



55 947! 
55 746j 
63 997i 



19 774 
29 932 
26 112 



658 684 
649 525 
706 210 



339 941 
321 879 
365 319 













Vorräte am 


1. des Monats. 






m 
ni 
m 


\ 64 305 
1 55 353 
1 39 935 


44 663 
64 611 

29 589 


48 620 
71051 
28 098 


56167 
73 487 
27 843 


64 404 
75 096 
29 048 


72 769 
75 296 
22150 


76 380 
71412 
19 793 


77 403 76 605 
62 478 60 529 
22 447120 848 


67 493 
63 910 
28154 


63119 
61235 
34 261 



30 930 30 584! 39 96411 327 695 
27 254 30 4131 35 943!| 342 422 
21 2601 24 9581 29 336l| 333 213 



59 144!i 

50 706||3l.Öez.: 

38 466 47 015 



Die amerikanische Kupferstatistik zeigt, daß die 
amerikanische Produktion im ersten Halbjahr ungefähr auf der 
vorjährigen Höhe blieb, daß im zweiten Halbjahr aber die Pro- 
duktionsziffern diejenigen der entsprechenden Monate des Vor- 
jahres um etwa 10000 t übertrafen. Die Ziffern des in- 
ländischen Konsums lagen in sämtlichen Monaten, mit Ausnahme 
des Monat Dezember, über denen des vorangegangenen Jahres. 
Der Export zeigte Ziffern von sehr verschiedener Höhe, die 
Jahresgesamtziffer blieb hinter der des Vorjahres etwas zurück. 
Die amerikanischen Vorräte, die in der Mitte des Jahres 1911 
über 75 000 t betragen hatten, bezifferten sich am 1. Jan. auf 
nicht ganz 40000 t, sanken im Juli auf unter 20 000 t, be- 
trugen aber am Jahresschluß wieder 47 000 t. 



ab. 101. Vorräte in Engfland und Frankreich einschließlich der von Chile und 

.ustralien als schwimmend gemeldeten Verschiffungen am Monatsende (in ton s zu 2240 Ibs.). 



Jan. 



Febr. 



März 



April I Mai 



J.mi I J«.li 



Aug. 



Sept. Oktv 



Nov. 



Dez. 



910 1110 808 

911 ! 83 193 

912 '' 55 570 



113 455 

82 387 
51507 



111432 

82 267 
50 175 



110 207 106 815 
78 068 72 613 
49 771 44 588 



103 957 
70 172 
41593 



99 239 
68 025 
44 996 



97 506 
66 914 
45 636 



93 961 
67 34< 



88 4^2 
61836 



44 2081 43 3001 



86 250 
58 682 
40 716 



83 797 
57 283 

40 359 



Etwas anders und wesentlich gleichmäßiger lauteten die 
Ziffern der Vorräte in England und Frankreich. Mit ver- 
schiedenen Schwankungen im einzelnen sind sie von 55 570 t jm 
Januar auf 40 359 t zu Ende Dezember herabgegangen. ; 



232 



IV. Montanindustrie. 



Preisstatistik. 



Dio. Preise für Kupfer sind bis in die Mitte des Jahres 
unter dem Einfluß der Konsumzunahme und des geringen Zu- 
wachses der Pradulition stark in die Höhe gegangen. Von Juni 
bis Anfang Oktober behielten sie diesen hohen Stand. In den 
letzten Monaten gaben die Preise infolge gröiäerer Zurückhaltung 
des Konsums, die ihrerseits durch die Besorgnis vor politischen 
Komplikationen veranlaßt wurden, wiederum etwas nach. Wir 
verweisen auf eine Kurventabelle über die Preisentwicklung des 
Standardkupfer, die wir im ersten Bande dieses Jahrbuchs auf 
Seite 299 gebracht haben, und geben im folgenden die Durch- 
schnittsnotierungen für Standard- und Best - Selected - Kupfer 
wieder: ' 



Tab. 102. Durchschnittsnotierungen für Standard- und Best-Selected-Kupfer (nach dem 
Londoner Public Ledger, in •& per ton zu 2240 Ibs.) 



1 


Jan. 1 Febr. ! März 


April 


Mai 


Juni 


Juli 


August 


Sept. 1 Okt. I Nov. j De 


Standard 


1910 


61.911 


59.107 


59.72 


57.5 


56.611 


55 811 


54.56 


55.174 


55.65 56.162 


57.153I 56.1 




1911 


55.142 


55.17 


54.164 


54.32 


54.87 


56.99 


56.156 


56.76 


55.71 55.52 


57.83 


61..^ 




1912 


62.88 


63.02 


66.02 


70.40 


72.52 


78.34 


76.69 


78.85 


78.87 { 76.53 


77.— 


75.e 


Best-Selected 1910 


63.131 


63.63 


62.195 


61.107 


60.29 


60.110 


58.145 


59.172 


59.95 60.144 


61.15 


60.1 




1911 


59.34 


58.176 


58.79 


57.131 


58 22- 


59.189 


60.44 60 310! 58.172, 58 176160.194 


65.f 




1912 


67.28 


67.— 


69.88 


74.66 


77.05 


83.16 


81.55 


83.44 


83 56 ! 82.03 


82.33 


Sl.c 



Im folgenden bringen wir einen Spezialbericht der Firma 
Aron Hirsch & Sohn über die Metalle: Kupfer, Zinn, Blei, 
Zink, Antimon und Aluminium: 
Kwpfer. Die Notierung für Standardkupfer in London betrug am 

1. Jan. £ 63/5/— per Kassa, £ 63/10/— per 3 Monate und 
erreichte am 29. Jan. den niedrigsten Stand der Berichtsperiode 
mit £ 60/12/6 per Kassa und £ 61/2/6 per 3 Monate. Dei- 
Kupfermarkt zeigte dann mit geringen Unterbrechungen eine 
steigende Tendenz. Die Notierungen erreichten den höchsten 
Stand der Berichtsperiode am 27. Aug. mit £ 79/15/ — per 
Kassa und £ 80/ — / — per 3 Monate. Sie hielten sich während 
des Monats September ungefähr auf der gleichen Höhe, gaben 
aber seit Oktober infolge der unsicheren politischen Verhältnisse 
nach. Am Jahresschluß war der Standardkupferpreis £ 75/2/6 
per Kassa, £ 75/7/6 per 3 Monate. Der Jahresdurchschnitt war 
£ 73/6/ — per Kassa. 

Die Kupferproduktion in Amerika, dem Hauptherstellungs- 
land für Kupfer, erfuhr in der Berichtszeit eine Steigerung 
von ca. 53 276 tons im Januar auf 65 012 tons im August und 
64 913 tons im Oktober, doch stand dieser Produktionssteigerung 
ein starker Konsum gegenüber, so daß die Vorräte, die am 
1. Jan. in Amerika etwa 39 935 tons betragen hatten, bis zum 
1. Sept. bis auf 20 848 tons sanken und bis Ende Dezember nur 
auf etwa 47 015 tons stiegen. Aus diesen Zahlen erhellt, daß 



52. Kupfer, Blei, Zink, Zinn. 233 

die kupf er verbrauch enden Industrien im Berichtsjahre aus- 
gezeichnet beschäftigt waren. Auch am Jahresschluß noch war 
die Beschäftigung der europäischen, insbesondere der deutschen 
Industrie durchaus gut, wenngleich in manchen Zweigen die 
Preise immer noch zu wünschen übrig ließen. Der Italienisch- 
Türkische Krieg hat auf die Lage der kupferverarbeitenden 
Industrio nicht sehr stark eingewirkt. Durch die Kriegswirren 
auf der Balkanhalbinsel wurden zwar einzelne Werke, die sich 
mit der Herstellung von Munitionsmaterial befassen, besser be- 
schäftigt: dafür machte sich aber ein Ausfall in dem Export 
anderer Artikel der kupferverbrauchenden Industrien, wenn auch 
nicht in nennenswertem Umfange, bemerkbar. 

Die Schwankungen des Zinnmarktes waren auch im Be- zh.n 

richtsjahre sehr lebhaft. Die Aufwärtsbewegung des Zinn- 
preises war zwar ursprünglich durch eine Interessentengruppe 
an der Londoner Börse veranlaßt. Daß dieser Versuch gelang 
und die Preise dauernd hochgehalten werden konnten, kam daher, 
daß die Produktion an Zinn nicht in dem Maße zunahm wie 
der Konsum. Denn w^enn auch infolge der außerordentlich hohen 
Preise der Konsum etwas zurückging, weil an Stelle von Zinn 
Ersatz in anderen Metallen gesucht und teiKveise auch gefunden 
wurde, so war doch der Verbrauch an Zinn sehr stark. Die sta- 
tistische Lage des Metalls rechtfertigte hohe Preise; es waren 
noch niemals so geringe Vorräte in der Welt vorhanden wie 
gegen Ende des Berichtsjahres. Das Hauptkonsumland, die Ver- 
einigten Staaten v^on Amerika, zeigte fortgesetzt, und zwar 
zu ganz erheblich höheren Preisen als der europäische Konsum, 
einen lebhaften Bedarf. Vorübergehend wurden auch für nahe 
Lieferung in London Prämien bezahlt. Der Preis für Straits- 
zinn Wurde am 1. Jan. mit £ 201/5/ — per Kassa und £ 187/2/6 
per 3 Monate notiert. Er fiel am 12. Febr. auf den niedrigsten 
Stand in der Berichtsperiode mit £ 184/2/6 per Kassa, £ 181/17/6 
per 3 Monate. Der höchste Stand wurde am 26. Sept. mit 
£ 231/17/6 per Kassa und £ 230/2/6 per 3 Monate erreicht. 
Im Oktober waren die Preisschwankungen gering, sie bewegten 
sich zwischen 229, 228 und 230 £. Der November brachte 
einen Preisfall auf 226 £ für die Tonne. Auf ähnlichem 
Niveau hielten sich die Preise im Dezember; sie schwankten 
in diesem Monate zwischen 228 und 225,5 £ für die Tonne. — 
Der Jahresdurchschnittspreis betrug 209,39 £. 

Die Durchschnittspreise für Straitszinn betrugen nach den 
Notierungen des Londoner Mining Journal: 

Durchschnittspreise für Zinn (£ per ton engl.). 



Jan. I Febr. März | April Mai | Juni | Juli \ Aug. | Sept. j Okt. | Nov. | Dez. 



148.204ll49.78l' 147 247 149.926il50.115!l48.681 149.105! 155.5791 160.164il64.196ll66.826ll74.07 
!l87.94l|l89.5 182.502 i93.152 197.766 207.855 19.3.139 190.420|180.928 187.36 195.264 203.335 
1190.03 197— 19416 '^02 38 209 22 207 42 202.2^ 208 09 '223.89 228,53 1227.83 226.89 



234 



IV. Montanindustrie. 



Einfuhr mid Bezugsgebiete Deutschlands zeigt die folgende 
Tabelle: 



Tab. 104. Deutscher Außenhandel 


in 


Zinn (in Tonnen zu 1000 kgr) 






_ 


1910 


1911 


1912 


Einfuhr 




14 297 
8 135 


14 500 
8 209 


15 550 


Davon aus Niederländ -Indien 


7 254 


Australien . . . 




1066 


1 111 ! 


1519 


Brit.-Malakka . . 




471 


249 j 


494 


Großbritannien 




1303 


1524 1 


1644 


Niederlande . . . 




607 


787 1 


1033 


Ausfuhr 




7 521 


7 606 1 


6 366 



Blei. 



Der Bleipreis betrug am 1. Jan. in London £ 15/10/ — bis 
£ 15/12/6 für soft foreign lead. Am 9. Sept. wurde der Höchst- 
preis mit £ 21/10/ — bis £ 22/15/ — und damit ein selten 
hohes Preisniveau erreicht. Die Gründe für diese ungeheure^ 
Preissteigerung lagen in der Hauptsache darin, daß bei einem 
außerordentlich starken Verbrauch die Produktion nicht in dem- 
selben Maße zugenommen, sondern eher abgenommen haben 
dürfte. Der Verdienst der Hütten bei der Verhüttung von Blei- 
erzen war auch im Berichtsjahre so ungünstig, daß diejenigen 
Hütten, die die Bleierze zur Herstellung" ihres Bleies kaufen 
müssen, nur mit einem sehr geringen, wenn überhaupt mit 
einem Nutzen arbeiten konnten und daher ihre Produktion nicht 
steigerten. Andererseits ist der Rückgang in der Produktion' 
darauf zurückzuführen, daß außergewöhnliche Ereignisse in den 
Hauptproduktionszentren den Fortgang der Produktion lähmten^ 
Streiks und politische Unruhen in Spanien und Mexiko, Ueber- 
sch^wemmungen in Spanien usf. Im Laufe des Monats Oktober 
trat wieder eine Erleichterung des Marktes ein, die teilweise 
auf größere Ankünfte von Blei, in der Hauptsache aber auf die 
durch die ungünstigen politischen Verhältnisse bedingte Zu- 
rückhaltung der Konsumenten zurückzuführen war. Die Tendenz 
des Marktes blieb aber fest. Der Londoner Bleipreis betrug am 
Jahresende imlner noch £ 18/15/ — . 

Die folgende Tabelle zeigt die Londoner Monats-Durch- 
schnittspreise für Blei: 



Tab. 105. 



Durchschnittspreise für Blei (£' per ton engl.). 



Jap, i Febr. | März | April | Mai [ Juni j Juli j August | Sept. Okt | Nov. | Dez 



1910 
1911 
1912 



13.694 
10.032 
15.56 



13.360 13.136 12.698 
13.096! 13.1441 12.921 
15.69 ' 15.98 16 33 



12 5841 12.688 
12.9571 13.269 
16.51 17.58 



12.583; 12.539 
13.546| 14.066 



12.625 
14.756 



13.101 13.224 
15.305| 15.772 



18.43 19.28 I 21.45 20.40 1 18.23 



Die folgende Tabelle gibt einen Ueberblick über den 
deutschen Außenhandel mit Blei: 



52. Kupfer, Blei, Zink, Zinn. 



235 



Tab. 106. Deutscher Außenhandel 


in Blei (in 


metrisch. Tonnen). 




1910 


1911 


1912 


Einfuhr . . . 


81541 
20 331 

29 063 
8 791 

30 996 
12 024 

8 286 


100 540 
35 843 
33 798 

6 697 
32 067 
13 063 

6 767 


93 585 


Davon aus Verein. Staaten . . 

Belgien 

Australien .... 
Ausfuhr 


22 928 

33 165 

4 103 

38 114 


Davon nach Oesterreich-Ungarn 
Rußland 


18 150 
6 468 



Das Geschäft in Zink hat sich außerordentlich' lebhaft ge- 
staltet. Schon im Herbst war nicht nur fast die ganze Pro- 
duktion, soweit sie für das' Berichtsjahr verfügbar war, ver- 
kauft, sondern es waren schon darüber hinaus große Posten für 
das nächste Jahr abgesetzt worden. Dabei hat die Zinkproduktion 
auch im Berichtsjahre wieder eine Steigerung erfahren, die, 
soweit die deutschen Hütten in Frage kommen, auf etwa 
30000 tons geschätzt wird. Die rege Bautätigkeit, die auch auf 
den Bleimarkt von Einfluß war, hat besonders auch auf den 
Zinkmarkt günstig gewirkt. Außerdem kam dem Markt sehr zu- 
statten, daß in Amerika infolge eines Bückgangs der Zink- 
produktion vorübergehend eine sehr große Knappheit an Zink 
eintrat, und daß Amerika, das sonst als Abgeber von Zink an 
Europa dem europäischen Markt Konkurrenz machte, umgekehrt 
von Europa Zink kaufen mußte. Es dürften etwa 10 000 bis 
12 000 tons europäischen Zinks nach Amerika zur Verschiffung 
gekommen sein. Die Preise, die dort erzielt wurden, lagen 
erheblich über europäischer Parität. Gegen Jahresschluß ging 
das Geschäft, das alljährlich im Winter ruhiger wird, infolge 
der politischen Lage etwas zurück. 

Der Zinkpreis notierte am 1. Jan. £ 26/11/9, erreichte 
am 1. April den niedrigsten Stand der Berichtsperiode mit 
£ 25/7/6 und Ende September mit £ 27/7/6 den höchsten Stand. 
In den letzten Monaten gaben die Preise unter Einwirkung 
politischer Besorgnisse nach. Der Schlußkurs betrug £ 265 bis 
267/6/—. 



Ziii 



Tab. 107. 



Durchschnittspreise für Zink {£ per ton engl.). 



Jan. 



Febr. 



März April 



Mai 



Juni 



Juli 



Aug. I Sept. I Okt. 



Nov. 



Dez. 



1910 
1911 
1912 



23.412 23.154 
23.836] 23.191 
26.49 126.32 



23.029 22.494 
22.959 23.684 
25.99 25.44 



22.056 
24.504 
25.56 



22.1591 22.273 



24.478| 
25.59 i 



24 693 
25.65 



22.700 23.130 23.827 
26.556 27.6281 27.241 
26.06 26.80 j 27.29 



24.089 
26.656 
26.71 



23 881 
26.677 
26.02 



Den deutschen Außenhandel an Eohzink kennzeichnet 
folgende Tabelle : 



236 



IV. Montanindustrie. 



Aiitimon. 



Alm 



Tab. 108. Deutscher Außenhandel in Zink 


(in Tonnen). 






1910 


1911 


1912 


Einfuhr 


39 328 
26 697 
82 700 
37 265 
19 743 
11592 


48 410 
30 688 
79 621 

24 488 

25 364 
13 687 


54 838 


Davon aus Belgien 

Ausfuhr 


31032 
100 193 


Davon nach Großbritannien . . 
Oesterreich -Ungarn 
Rußland 


38 362 
28 878 
13 681 



Die Preise für Antimoin regulus, die während der Be- 
richtsperiode ziemlich stagnierten, haben sich gegen Schluß 
wieder erheblich befestigt; es wurden bis 74 Mk: für 100 kg 
bezahlt. Am Jahresende gingen die Preise wieder bis auf 64 ^k. 
zurück. ' 

Die Preise für Aluminium, das zu Anfang des Berichts- 
jahres für etwa 100 — 105 Mk. für 100 kg reichlich angeboten 
War, haben sich infolge des Zusammenschlusses der maßgebenden 
Aluminiumproduzenten ganz erheblich befestigt. Ende Oktober 
Wurde sowohl für prompte Lieferung als auch' für Lieferung 
im Jahre 1913 ein Preis von 171 Mk. für 100 kg bezahlt. Am 
Jahresschluß lagen die Preise zwischen 171 und 175 Mk. 



ZweiterBericht. 



Alliremeine; 



Kupfer. 



Zweiter Bericht. 

Ueber die Verhältnisse auf dem Metallmarkt wird uns ferner 
von einem hiesigen Hüttenwerk folgendes berichtet: 

Zu Beginn des Jahres 1912 erwartete man höhere Preise 
für sämtliche Metalle. Diese Erwartung erwies sich als be- 
rechtigt, da in allen Zweigen die Industrie sehr gut beschäftigt 
wiar und die Produktion der Konsumsteigerung nicht folgen 
konnte. 

Für Kupfer begann das Jahr mit einem Preise von £ 62/3/4 
Dieser Preis stieg bis zum 26. Sept. auf £ 79/— bis £ 80/— 
Mit dem Einsetzen der politischen Unruhen, die zu dem Balkan 
kriege führten, trat auch eine Beunruhigung der Industrie ein 
Die Werke hielten im Kauf nach Möglichkeit zurück, weil nicht 
vorauszusehen war, welche Wendung der Krieg nehmen könnte 
Trotzdem bröckelten die Preise nur wenig ab, obgleich die Speku- 
lation in weitestem Maße auf allen Kupfermärkten ihre Ge- 
winne realisierte. Die Großproduzenten von Elektrolytkupfer 
in Amerika hielten an ihren Preisen von ca. 164 Mk'. cif Ham- 
burg fest und fanden in Amerika auch leicht Absatz. 

Wie vorauszusehen war, ist nicht eine solche Kupferproduk- 
tionssteigerung eingetreten, wie sie von einzelnen Stellen er- 
wartet wurde. Insbesondere haben die Amerikaner nicht erheblich 
mehr liefern können. Was das Produktions^ebiet von Katanga 
anbetrifft, so sind die dortigen Gesellschaften mit regelmäßigen 
Lieferungen an den Markt gekommen, doch betrugen diese nur 



52. Kupfer, Blei, Zink, Zinn. 237 

monatlicli 200 tons, haben also gar keinen Einfluß ausgeübt. 
Allerdings sind im Berichtsjahre für Katanga hoffnungver- 
sprechende Versuche mit der Produktion von Kupfer auf elek- 
trischem Wege direkt aus den Erzen gemacht worden. Die 
Gesellschaft glaubt, im Jahre 1914 eine Produktion von 
30 000 tons erzielen zu können. Da ihre Ansicht aber nur 
durch diese Versuche begründet zu sein scheint, wird bezweifelt, 
ob diese Voraussage eintreffen wird. 

Die Zinkpreise werden nach wie vor von dem europäischen zink. 

Syndikat kontrolliert und schwankten daher in sehr geringem 
Maße. Es ist zu erwarten, daß auch im nächsten Jahr die 
Zinkpreise keine großen Veränderungen zeigen werden. 

Blei trat in das Jahr mit einem Preise von £ 15/5/8 ein Biei. 

und stieg langsam bis zum 15. Sept. auf £ 22/3/4. Der Grund 
für die ausnahms\veise starke Steigerung der Bleipreise war 
wohl in erster Linie die Eevolution in Mexiko, die den Export 
von Bleierzen zeitweilig fast vollständig verhinderte und eine 
derartige Knappheit an Blei hervorrief, daß für 100 kg 
promptes Blei bis zu 4 Mk. Aufgeld gezahlt wurde. In 
dem Moment, wo die Eevolution in Mexiko beendet schien, 
fielen die Preise schnell bis auf £ 18/ — . 

Das Jahr begann mit einem Zinnpreise von £ 205/ — . ziim. 

Der Preis stieg langsam bis Ende September auf £ 233/ — . 
In dieser Kurssteigerung ist nur die natürliche Entwicklung 
des Zinnmarktes in die Erscheinung getreten. Die Weltvorräte 
nahmen ständig ab; alle Eingeweihten erwarteten einen Preis 
von £ 250/ — . Wahrscheinlich wäre dieser Preis auch erreicht 
worden, wenn nicht im Herbst die politischen Unruhen ein- 
getreten wären. Das frühere Syndikat für Zinn ist im Be- 
richtsjahr kaum noch tätig gewesen. Die hohen Preise wurden 
ausschließlich dadurch verursacht, daß eine erhebliche Pro- 
duktionssteigerung in Zinn nicht möglich war. Es wurde auch 
befürchtet, daß die neu entdeckten Zinnerzvorkommen in Süd- 
afrika keinen erheblichen Einfluß auf die Zinnproduktion aus- 
üben werden. Infolge der hohen Preise sind naturgemäß Ver- 
suche gemacht worden und teilweise auch gelungen, das Zinn 
durch andere Metalle, wie Aluminium, zu ersetzen. 

Der Antimonpreis betrug zu Anfang des Berichtsjahres Autimon. 

etwa 50 Mk. für 100 kg. Die vor zwei Jahren gescheiterten 
Bestrebungen, ein Syndikat zustande zu bringen, wurden 
wieder aufgenommen. Es scheint, als wenn diese Bestrebungen 
auf gesünderer Basis aufgebaut sind und daher einen Erfolg 
versprechen. Jedenfalls ist es den Interessenten gelungen, höhere 
Preise durchzusetzen, es wurden im November für nahe Ter- 
mine 74 Mk. gefordert. Andererseits wurde berichtet, daß 
die American Smelting & Refining Company eine Antimon- 
hütte errichtet, die Antimonerze aus Alaska verhütten soll. 



238 



IV. Montanindustrie. 



Lage der 
inetall- 
venirbeiteiule] 
Industrien. 



Arbeitsinarkt: 

Verkehrrs- 
verhaltnisse. 



um den amerikanisclien Antimonbedarf, der bei einer Welt- 
produktion von ca. 20 000 tons auf 7000 — 8000 tons gescjiätzt 
wird, im Lande selbst herzustellen. Sollte dies ermöglicht werden, 
so würde natürlich das europäisch-chinesisch- japanische Syndikat 
einen schweren Stand haben, da Amerika mehr als ein Drittel 
des Gesamtkonsums aufnimmt. ISTach Informationen des Be- 
richterstatters soll die Hütte im Jahre 1913 in Betrieb kommen. 

Die deutsche ^letallindustrie war, wie schon gesagt, glänzend 
beschäftigt. In der Elektrizitätsindustrie, die einen großen 
Faktor für den Metallbedarf darstellt, wurden sehr lange Liefe- 
rungsfristen verlangt. Im Herbst wurde der Aufschwung der 
Industrie durch die politischen Wirren gehemmt. Auf allen 
Seiten herrschte eine gewisse Furcht vor dem Eingehen neuer 
Engagements und langsichtiger Käufe. Vermehrt wurde diese 
Zurückhaltung durch die Banken, die keine neuen Kredite 
gewähren mochten. Am Jahresschluß war es zweifellos, daß 
die Kleinindustrie schon erheblich schlechter beschäftigt war 
als vorher; auch bei der Großindustrie wurde ein Nachlassen 
der Konjunktur wahrgenommen. 

Im Berichtsjahre Waren genügend Arbeitskräfte vorhanden, 
so daß ir^-endwelche Schwierigkeiten nach dieser Richtung hin 
nicht zutage getreten sind. Hinsichtlich der Verkeh'rsverhältnisse 
ist wenig zu bemerken. Es konnten fast das ganze Jahr hindurch 
die Wasserwege ohne Schwierigkeit benutzt werden, doch waren 
durch den Streik in England die englischen Kohlen derart knapp 
und teuer, daß auf den Bezug derselben, soweit nicht alte Ab- 
schlüsse liefen, verzichtet werden mußte. 



Dritter IJt rjt-lit. 



Walzzii.k. 



Dritter Bericht. 

Ueber das Geschäft in Walzzink entnehmen wir einem dritten 
Berichte : 

Dio Preisbewegung für Zinkblech vollzog sich im Berichts- 
jahre ohne große Schwankungen. Im März sah sich der Ver- 
band Deutscher Zinkwalzwerke durch die Abnahme des Bedarfs 
und ein Sinken der Kohzinkpreise veranlaßt, den Zinkblechpreis 
um 1,50 Mk. für 100 kg zu ermäßigen. Eine Besserung der 
Marktlage trat erst in den Monaten August bis September ein. 
Der Preis wurde infolgedessen um 3 Mk. für 100 kg erhöht. 
Er konnte sich auf dieser Höhe halten, da die Beschäftigung 
der Zinkwalzw^erke gut war. Auf dem Berliner Markte ließ 
allerdings der Bedarf an Zinkblech zu wünschen übrig, da hier 
daä Baugewerbe, der Hauptabnehmer von Zinkblech, sehr dar- 
nieder lag. Dagegen war auch in Berlin der Verbrauch für 
graphische und elektrotechnische Zwecke befriedigend. Eine vor- 
übergehende Störung des Marktes trat ein, als im Sommer die 



53. Altmetalle und Metallabfälle. 



239 



<3sterreichischen Zinkwalzwerke Eepressalien für Lieferungen 
deutscher Zinkwalzwerke nach Oesterreich ergriffen und mehrere 
Waggons Zinkblech zu billigen Preisen nach Schlesien und Berlin 
warfen. Es gelang jedoch nach kurzer Zeit, zwischen den beiden 
Gruppen wieder eine Einigung herbeizuführen, so daß die er- 
wähnten Maßregeln keinen Preissturz zur Folge hatten. 



53, Altmetalle und Metallabfälle. 

Das Altmetallgeschäft stand während des Jahres 1912 
unter dem Einfluß der Hochkonjunktur auf dem Kupfermarkt, 
welche unter fortdauernder Steigerung der Preise im August 
und September ihren Höhepunkt erreichte. 

Schwerkupfer, Eohr- und Apparatekupfer wurde im Januar 
mit ca. 8 Mk. für 100 kg unter dem Standardkupferpreise 
bezahlt; diese Differenz ermäßigte sich im März ^och auf 
6 Mk., betrug im Mai wiederum 8 Mk. und stieg im Sommer, 
als der Preis für Kupfer sehr rasch in die Höhe ging, vorüber- 
gehend auf 11 bis 13 Mk., um dann nach Beruhigimg der 
Marktlage wieder etwas zurückzugehen. Es trat hier die be- 
kannte Tatsache in Erscheinung, daß Altmetalle eine Hausse 
des Neumetallmarktes nicht vollkommen mitmachen, daß aber 
umgekehrt bei einer raschen Abwärtsbewegung der Neumetall- 
Notierungen die Altmetalle auch nicht entsprechend stark im 
Preise zurückgehen. Der Bedarf an Schwerkupfer war während 
des ganzen Jahres sehr rege, da die Verbraucher den lohnenden 
Ankauf von Altkupfer bevorzugten, sofern sie es als Ersatz 
für Neukupfer verwenden konnten. Der Anreiz hierzu war 
um so größer, als die Amerikaner, offenbar auf Grund einer 
Verständigung, einheitlich die Preise für raffiniertes und elektro- 
lytisches Kupfer, unbekümmert um die Schwankungen des 
Marktes, bis zum Jahresschluß sehr hoch hielten. Die Nach- 
frage nach Feuerbuchskupfer war besonders stark, so daß dieses 
dem. Neukupfer fast gleichwertige Material häufig recht knapp 
war und zeitweise beinahe ebenso hoch bezahlt wurde wie neues 
Gußkupfer. 

MessingabfäJle wui'den in den ersten Monaten des Jahres 
mit 89 bis 98 Mk. bezahlt, also mit einer Differenz von 
ca. 37 bis 38 Mk. gegenüber der Standardkupfernotiz. Dieser 
Unterschied erhöhte sich im Mai auf ca. 40 Mk. und bis Sep- 
tember auf ea. 48 Mk. Der Unterschied in den Preisen für 
Messingspäne und Standardkupfer betrug von Januar bis April 
51 bis 54 Mk., im Mai 62 und von Juli bis Oktober 71 bis 
72 Mk'. Es zeigte sich also bei Messingabfällen imd -Spänen 
dasselbe Bild wie bei Altkupfer. Messingspäne kamen sehr 
reichlich an den Markt, da die Schraubenfabriken voll be- 



Allge meines 



Altkupfer. 



Messingabfälle 

und 
Messiiigspäne. 



240 IV. Montanindustrie. 

sciiäftigt waren, insbesondere für die Elektrizitätsindustrie. Der 
starke Bedarf bewirkte aber, daß sich trotzdem keine Vorräte 
ansammelten. 
Kt>tgui;;. Die Preise für alten Kotguß litten unter den von früher 

her noch vorhandenen Beständen und dem großen Angebot, 
während gerade in diesem Material die Nachfrage weniger stark 
war. Für Maschinenrotguß wurden in den ersten drei Monaten 
des Jahres 108 bis 110 Mk:, in der Haussezeit Juni bis Sep- 
tember 124 bis 126 Mk. bezahlt, während die Preise gegen 
Jahresende wieder um einige Mark zurückgingen. Es wurden 
also für Eotguß im Jahresdurchschnitt etwa 80 o/o der Standard- 
kupferpreise angelegt, so daß etwa gerade nur das in dieser 
Legierung enthaltene Kupfer bezahlt wurde, während der wert- 
volle Zinngehalt keine Berücksichtigung fand. Da Zinn eine 
starka Preiserhöhung erfahren hatte (im Laufe des Jahres stiegen 
die Notierungen von 380 auf 460 Mk.), so ist Rotguß von der 
Hochkonjunktur des Jahres nicht in entsprechendem Maße be- 
rührt worden. Die Ursache hierfür lag jedenfalls in mangelnder 
Nachfrage für den Export, die in früheren Jahren, speziell 
für Amerika, recht erheblich war und im Jahre 1912 fast aus- 
blieb. Besser gefragt und bezahlt waren hochhaltige Bronze- 
legierungen und auch Blockrotguß mit garantierter Legierung 
Hierin fand ein lebhaftes Geschäft zu lohnenden Preisen statt, 
welches der hauptsächlich in Berlin ansässigen rührigen In- 
dustrie dieses aus Eotgußspänen und Rückständen hergestellten 
Artikels zustatten kam. 

Aussichten. Die Verfassung des Altmetallmarktes wurde am Jahres- 

schluß günstig beurteilt. Unter dem Druck der unsicheren 
politischen Verhältnisse haben Händler und Konsumenten keine 
Ware auf Meinung gekauft, sondern die an den Markt kom- 
menden Posten wurden nur zur Deckung des jeweiligen Bedarfs 
gekauft. Trotzdem haben sich bei den Fabrikanten, dank der 
guten Beschäftigung der Industrie, keine Läger von Bedeutung 
angesamlnelt. Der Altmetallmarkt hat sich deshalb auch zu 
Beginn des neuen Jahres sehr fest gestaltet, und der Preis- 
stand hat sich, im Gegensatz zu der scharfen Aufwärtsbewegung 
der Neukupferp reise, gut behauptet. Immerhin ist zu befürchten, 
daß die geschäftsstörenden und konsumvermindernden Einflüsse 
des Balkankrieges den Absatz benachteiligen und mit der Zeit 
auf die Preise schärfer einwirken werden. Nach Herstellung 
des Friedens wird aber erwartet, daß die im allgemeinen ge- 
sunden wirtschaftlichen Verhältnisse in den meisten Ländern 
der AVeit auch dem Altmetallgeschäft neues Leben zuführen 
werden. 

PrtMstaiieiic. Nachstehend geben wir eine vergleichende Uebersicht über 

die Notierungen für Neukupfer und die der verschiedenen Alt- 
metalle. 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



241 



Tab.iui). Preise für Neukupfer und Altmetall 1912 (in Mark für 100 kg). 





Jan. März Mai Juli Sept. 


Nov. 


Ende 
Dez. 


Standardkupfer 














an der Berliner Börse 


130/132 


131/133 


144/146 157/159 


158.160 


153/155 


152/154 


Schweres Altkupfer, loco Berlin 


11 8; 120 


123/125 


133/135 140/142 


145/147 


141/143 


142/144 


MessiDgabfälle 


98/91 


91/93 


101/103 107/109 


110/111 


107/109 


107/109 


Messin gschraubenspäne „ 


75/77 


i5jn 


79/81 


84/86 


86/88 


82/84 


83/85 


Alter Alaschinenrotguß 


108/110 


108/110 


114/116 


124/126 


124/126 


122/124 


123/125 



V. Metallverarbeitung. 

»54. Eisengießerei, Baukonstruktionen, 
Maschinen- und Lokomotivenbau. 

1. Eisengießerei. 

Erster Bericht. 

Das Jahr 1912 zeigte in seiner ersten Hälfte gegenüber 
dem. Vorjahre kein wesentlich verändertes Bild. Der Geschäfts- 
gang der Röhrenindustrie war wenig erfreulich. Die ungünstigen 
Verhältnisse auf dem Guß röhrenmarkt führten auch in der 
ersten Hälfte 1912 zu großen Einschränkungen der Uöhren- 
produktion. Röhren größerer Dimensionen wurden beinahe gar 
nicht verlangt; die berichtende Firma war daher fast nur auf 
die Herstellung von Röhren kleinerer Dimensionen angewiesen. 
Die Betriebseinrichtungen der Röhrengießerei konnten demnach 
nicht voll ausgenutzt werden. G^gen Mitte des Jahres trat 
dann ein so starker Bedarf in Muffenröhren kleinerer Dimensionen 
ein, daß er nicht immer befriedigt werden konnte. Infolgedessen 
waren auch bessere Preise zu erzielen, wovon die Firma aller- 
dings nur für neue Aufträge einen Nutzen ziehen konnte, da 
die mit den Behörden laufenden Jahresabschlüsse noch zu 
niedrigeren Preisen getätigt waren. — Die allgemeine Gießerei 
arbeitete im Kalenderjahre 1912 befriedigend, doch machten sieh 
im Anfang noch die Nachwirkungen des Formerstreiks (Herbst 
1911) bemerkbar. — Der Roheisenmarkt war das ganze Jahr über 
fest. Es wurden mehrfach nicht unerhebliche Preiserhöhungen 
vorgenommen, und da demnächst weitere Preiserhöhungen in 
Aussicht stehen, fragt es sich, ob diese in den Gußpreisen 
sich werden wieder einbringen lassen. — ■ Die Maschinenfabrik 
hatte mehr Aufträge als im Vorjahre aufzuweisen und war aus- 
reichend beschäftigt. Im allgemeinen Maschinenbau herrschte 
nach wie vor ein starker "Wettbewerb, so daß die für größere 
Objekte erzielten Preise, wenn auch etwas besser, doch immer 
noch unzulänglich waren. Dagegen brachten der berichtenden 
Firma einige Aufträge in ihren alten Spezialitäten lohnenderen 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL 16 



Eisengießerei. 
Erster Bericht. 

Geschäftsiahr 

1911/12. 

Röhren - 

ijießerei. 



Allgemeine 
Gießerei. 



Roheisen- 
markt. 



Maschinen 
fabrik. 



242 



V. Metallverarbeitung. 



Gewinn. Die vor einigen Jahren neu eingerichtete "Abteilung 
für maschinelle Ausrüstungen von Schleusenbauten, beweglichen 
Brücken usw. hatte größere Aufträge in Ausführung. 



Zweiter 

Bericht. 

Geschäftsgjuij 



ArbeitertVaicen. 



Kinfluti der 

l>')Iitischeii 

Verhältnisse. 



Zweiter Bericht. 

Der Bedarf an Graugniß war während des ganzen Jahres 
so stark, daß die Aufträge kaum zu bewältigen waren ; es 
konnten infolgedessen gute Preise erzielt werden. Das Gewinn- 
ergebnis wurde allerdings beeinträchtigt durch die höheren Preise 
für Kohlen und Schmelzkoks, sow4e bei denjenigen Gießereien, 
welche genötigt waren, im Laufe des Jahres neue Abschlüsse 
auf Roheisen zu machen, duröh die wesentlich erhöhten Preise 
für dieses Eohmaterial. Gegen Ende des Jahres w^urden die 
Lieferfristen für Roheisen und Schmelzkoks immer länger. 

Dio Arbeiterschaft verhielt sich während des ganzen Jahres 
ruhig, da viele Former und andere Gießereiarbeiter genug damit 
zu tun hatten, die Schulden abzutragen, die sie während des 
neunwöchigen Streiks des Jahres 1911 zu machen genötigt waren, 
xkndererseits wurde ihnen dies dadurch erleichtert, daß die 
reichliche Beschäftigung und die stetig steigenden Löhne ihnen 
guten Verdienst verschafften. — Die Tendenz der Arbeitgeber, 
sich von den gelernten Formern unabhängig zu machen, führt 
in steigendem Maße zur Einführung von Formmaschinen, die 
von ungelernten Arbeitern bedient werden können. 

Die politischen Sorgen, welche sich an den Balkankrieg 
knüpften, ließen einen ungünstigen Einfluß auf den Geschäfts- 
gang kaum, bemerken. 



Bau- 

koiistruktionen 

lind 

Verwandtes. 

Erster Bericht. 

Allele mein es. 



Inlandireschaft. 



Uehersee- 
geschäft. 



2. Baukonstruktionen und Verwandtes. 

Erster Bericht. 

Der Bedarf an Eisenkonstruktionen hat sich im ganzen 
Deutschen Reiche gehoben, und auch für Berlin war ein stärkerer 
Verbrauch zu verzeichnen. Höhere Preise konnten aber trotz- 
dem nur in bescheidenem Maße erzielt werden, und auch sonst 
hat die Branche durch kurze Liefertermine, und die Schwierig- 
keit, von den mit großen Exportaufträgen beschäftigten Walz- 
werken rechtzeitig Material zu erhalten, gelitten. 

Dag< Geschäft in Bauträgern ist gegen das Vorjahr infolge 
der ungünstigen Lage im Baugewerbe, die durch schwierige 
Hypothekenbeschaffung herbeigeführt war, zurückgegangen. Auch 
der Gewinn ist stark beeinträchtigt worden durch starke ünter- 
bietimgen in den Preisen von Konstruktionen, die in Verbindung 
mit Trägern zu liefern waren. 

Bei. dem Geschäft für Uebersee nahm die schon im Vor- 
jahre beobachtete Lebhaftigkeit wesentlich zu, namentlich in 
bezug auf Südamerika und Afrika; doch war der Nutzen wegen 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen vsw. 



243 



der starken Konkurrenz auch nur mäßig. Der Absatz nach den 
Balkanländern war nicht bedeutend und wurde im letzten Viertel- 
jahr durch den Krieg vollständig unterbunden. Dieser Ausfall 
war für die Eisenkonstruktionsbranche jedoch von geringem Be- 
lang, pekuniäre Verluste dürften den Beteiligten kaum dadurch 
entstanden sein. 

Die Ende 1911 einsetzende Steigerung der Preise für Stab- 
eisen, Bleche und sonstige Walzeisenfabrikate hielt auch im 
Jahre 1912 an. Es notieren: 



Preise. 



Stabeisen . . . 142,00 M. p. t frei Berlin gegen 120,00 M. im Vorjahr 

Universaleisen . 145,00 „ „ „ „ „ ,. 130,00 „ ,. „ 

Grobbleche . . 150,00 „ „ „ „ „ „ 140,00 „ , 

Formeisen . . 142,50 „ „ „ „ „ „ 135,CO „ „ 



Zweiter Bericht. 

Die Besserung der Beschäftigung der Eisenkonstruktions- 
werkstätten hat im allgemeinen auch im Jahre 1912 angehalten. 
Auch die Verkaufspreise haben, entsprechend den weiter erhöhten 
Preisen von Stab- und Formeisen und den höher gewordenen 
Arbeitslöhnen, angezogen, wenn auch der lebhafte Wettbewerb 
der Firmen, deren durchweg modernisierte Einrichtungen ein 
großes Arbeitsquantum bedingen, wirklich gewinnbringende Preise 
nicht aufkommen ließ. Namentlich gilt dies von denjenigen 
Konstruktionen, welche für Groß-Berliner Bauwerke bestimmt 
sind, da diese Aufträge zum Teil infolge der geringen Bau- 
tätigkeit stark umstritten waren. Di© außerordentlich starke 
Beschäftigung der Hüttenwerke bedang außer den ständig er- 
höhten Preisen auch besonders lange Lieferfristen für das Walz- 
eisen, so daß die von der Baukundschaft gestellten kurzen 
Termine für die fertigen Konstruktionen teilweise nur schwer 
einzuhalten waren. Neuerdings macht sich, wohl infolge der gegen- 
wärtigen politischen Lage, größere Zurückhaltung in der Er- 
teilung neuer Aufträge bemerkbar, so daß vielfach wieder zu 
sehr niedrigen Preisen angeboten wird. 

Von einer nennenswerten Beeinflussung des Absatzes an 
Konstruktionen durch den Eisenbeton kann nicht gesprochen 
werden; es hat den Anschein, als ob die Vorzüge der Eisen- 
konstruktionen, welche hauptsächlich in bedeutend geringerem 
Eigengewicht und größerer Unabhängigkeit von der Witterung 
sowie einfacherer Ausführungsweise bei der Aufstellung be- 
stehen, diesen jetzt wieder fast durchweg den Vorzug sichern. 



Zweiti r 
Bericht. 

Ge«chäft*K'»"^ 



Wettbew«» 
des Eiseiibo 



Dritter Bericht. 



Dritter Bericht. 



Die Beschäftigung während des Berichtsjahres war schwach Geschäftsgam 
und erfuhr auch während der Sommermonate keine erhebliche 
Besserung, wie dies in den Vorjahren sonst stets beobachtet 

16* 



244 



V. Metallverarbeitung. 



Arbeiter- 
Verhältnisse. 



Einfluß der 

politischen 

Wirren. 



wurde. Von ungünstigem Einfluß war besonders die Lage des 
Berliner Baumarktes, aber auch, die Hoffnung, daß die andauernd 
gute Beschäftigung der westdeutschen Werke allmählich den 
Eingang größerer Aufträge bei den Berliner Eisenkonstruktions- 
werkstätten zur Folge haben würde, erfüllte sich nicht. Die 
PreisTerhältnisse gestalteten sich hingegen etwas günstiger als 
in den Vorjahren. Wenn auch nutzbringende Verkaufspreise für 
Eisenkonstruktionen nur in seltenen Fällen zu erzielen waren^ 
so war es doch vielfach möglich, der fortschreitenden Preis- 
steigerung der llohmaterialien (Träger und Stabeisen) bÄ der 
Festsetzung der Verkaufspreise entsprechend Eechnung zu tragen^ 
Viele Schwierigkeiten entstanden den Werkstätten jedoch bei der 
Erfüllung ihrer Verpflichtungen ihren Abnehmern gegenüber 
dadurch, daß die Walzwerke infolge ihrer außerordentlich guten 
Beschäftigung für ihre Fabrikate sekr lange Lieferzeiten be- 
anspruchten, die mit den Lieferterminen, welche die Konstruktions- 
werkstätten infolge der vorhandenen scharfen Konkurrenz ihren 
Abnehmern zugestehen mußten, oft nicht in Einklang zu bringen 
waren. 

Die im Vorjahre von den Arbeitern aufgenommene und 
nur mit geringem Erfolge durchgeführte Lohnbewegung erfuhr 
unter der Führung des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes im 
Frühjahre 1912 eine Wiederholung, die jedoch nicht die 
scharfen Kampfesformen des vergangenen Jahres annahm. Der 
vorerwähnte geringe Beschäftigungsgrad der Eisenkonstruktions- 
werkstätten ließ den Zeitpunkt für die Erneuerung einer der- 
artigen Bewegung vom Standpunkte der Arbeiter aus nicht als 
glücklich gewählt erscheinen, doch zogen die Konstruktions- 
werkstätten aus ihrer vorteilhaften Lage im Literesse des Ein- 
vernehmens mit ihrer Arbeiterschaft keine Vorteile, sondern 
bewiesen ihr Entgegenkommen unter anderem auch durch das 
Zugeständnis einer auf 54 Stunden wöchentlich festgesetzten 
verminderten Arbeitszeit unter entsprechender Erhöhung der 
Stundenlöhne. 

Die politischen Wirren auf dem Balkan zeitigten bis zur 
Abfassung des vorliegenden Berichtes irgendeinen Einfluß auf 
die geschäftliche Lage der Eisenkonstruktionsanstalt^n nicht. 



Vierter Bericht. Vierter Bericht. 

Geschäftsgang. IDie Beschäftigung in den Groß-Berliner Eisenkonstruktions- 

werkstätten war während des größten Teiles des Berichtsjahres 
im allgemeinen besser als im Jahre zuvor, und die Statistik über 
die eingegangenen Anfragen und Aufträge läßt eine lebhafte Auf- 
wärtsbewegung erkennen. Zunächst haben die öffentlichen Aus- 
schreibungen der Staats- und Kommunal-Behörden eine Zunahme 
erfahren, ferner waren die engeren Verdingungen der Behörden 
größer als im Vorjahre, der bessere Beschäftigungsgrad dürfte je- 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



245 



doch in der Hauptsache durch vermehrte Aufträge aus der Privat- 
industrie, und zwar infolge der allgemeinen günstigen Konjunktur, 
verursacht sein. Im Gegensatz hierzu war die Aufnahmefähigkeit 
des Berliner Marktes infolge des LDiarniederliegens des Berliner 
Baugeschäftes verhältnismäßig gering; der Mehrabsatz erstreckt 
sich wohl in der Hauptsache auf das übrige Deutschland. In 
der letzten Zeit ließ der Eingang von neuen Aufträgen zu 
wünschen übrig, wie ja im allgemeinen ein Abflauen der Kon- 
junktur zu konstatieren war. Die berichtende Firma führt diesen 
Rückgang im besonderen auf die politischen Verhältnisse und 
die Geldknappheit zurück, hegt jedoch die Erwartung, daß nach 
dem Eintritt normaler Verhältnisse die Verbraucher aus ihrer 
Keserve wieder hervortreten werden. 

Wenn auch weiter das abgelaufene Wirtschaftsjahr jdcht 
wie im Jahre 1911 durch Streiks nachteilig beeinflußt wurde, 
so wird man das Ergebnis doch nicht als befriedigend, geschweige 
denn als günstig bezeichnen können. Wir haben an dieser Stelle 
in früheren Berichten wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß 
die erzielten Preise für die Fertigfabrikate in keinem Ver- 
hältnis stehen zu den erhöhten Preisen für die Rohmaterialien. 
Dieses Mißverhältnis trat im laufenden Jahre besonders auf- 
fällig in Erscheinung. Gewiß hat sich auch der Durchschnitts- 
preis für Eisenkonstruktionen im Vergleich zum Vorjahre etwas 
gehoben, dagegen sind die Preise für Träger, insbesondere jedoch 
für Stabeisen und Bleche, infolge der außerordentlich starken 
Beschäftigung der Walzwerke so erheblich gestiegen, daß diese 
Erhöhung den Konstruktionswerkstätten in nennenswertem Maße 
nicht zugute gekommen ist. 

[Dier Krieg auf dem Balkan vermochte bisher einen nach- 
teiligen Einfluß, soweit das Deutsche Reich in Betracht kommt 
nicht auszuüben, dagegen liegt das Exportgeschäft nach den 
beteiligten Ländern vollkommen darnieder. 



Verhältnis der 
Preise für Roh- 
stoffe und 
Fertigfabrikate. 



Export. 



Fünfter Bericht. 

Das Absatzgebiet der Eisenbauanstalten in Groß-Berlin ist 
nur sehr beschränkt; nur Berlin und die Provinz Brandenburg 
sowde Teile der nördlichen und östKchen Provinzen kommen in 
Betracht, da die Konkurrenzfirmen in den Industriegebieten 
durch die günstigen Frachten beim Bezüge des Rohmaterials 
den übrigen Markt beherrschen. Düe Groß-Berliner Firmen haben 
aber auch in ihrem eigenen Gebiet mit der auswärtigen Kon- 
kurrenz schwer zu kämpfen, da jene mit geringeren Arbeits- 
löhnen rechnen können und bei staatlichen Eisenbahn- 
lieferungen einen erheblicheli Vorteil besitzen durch die von 
den Eisenbahnbehörden geübte Praxis bei Feststellung des 
Mindestgebotes. Die Behörde rechnet nämlich bei den „ab Fabrik- 
station" abzugebenden xAngeboten für die Kalkulation nur eine 



Fünfter 

Bericht. 

Absatzgebiet 

der Berliner 

Firmen. 



246 



V. Metallverarbeitung. 



Umsatz und 
Preise. 



Sechster 
Hericht. 
Kartelle. 



Fracht von ca. 70 o/o der tarifmäßigen, während die Groß- 
Berliner Firmen beim Bezüge der Rohmaterialien auch für die 
staatlichen Lieferungen die volle Fracht zu zahlen haben. Ein- 
gaben um Anordnung auf Abgabe von Franko-Offerten wurden 
leider abgelehnt. 

[Der Umsatz im Berichtsjahr ist bedeutend zurückgegangen, 
besonders hervorgerufen durch die schwierigen Verhältnisse am 
Baumarkt. Durch den bei fast allen Firmen vorhandenen 
Arbeitsmangel kam es ^u einem äußerst schweren Kampf unter- 
einander. Die Preisangebote für die Eisenkonstruktionen sanken 
auf das denkbar niedrigste Niveau, und weit unter dem Selbst- 
kostenpreis wurden Offerten abgegeben. 

Sechster Bericht. 
Die wichtigsten Erscheinungen im Berichtsjahre waren die 
Verlängerung des Stahlwerksverbandes, die Verlängerung des 
Träger- Verkaufs-Kontors Berlin und der Stabeisen-Konvention. In- 
folge der Verlängerung des Stahl Werksverbandes wurde eine 
Stabilität und Erhöhung der Eisenpreise erzielt. Die Verläogerung 
des .Träger- Verkaufs-Kontors Berlin, die am 13. Dez. 1912 er- 
reicht wurde, warf ihre Schatten weit voraus, und das ganze 
Jahr 1912 läßt sich als ein Jahr betrachten, in dem bei jeder 
Firma das Bestreben vorherrschte, bei der Neuregelung des Ab- 
satzes der Träger und Eisenkonstruktionen auf dem Berliner 
Baumarkt ein kräftiges AVort mitzusprechen, und eine möglichst 
hohe Quote in 4eni neuen Verkaufs-Kontor zu erzielen. Eine 
Lücke in den Statuten des bisherigen Träger- Verkaufs-Kontors 
bestand darin, daß bei den Bauten, bei denen Träger und Eisen- 
konstruktionen zusammen zu liefern waren, das Trägermaterial 
syndiziert, also im Preise fest, die Eisenkonstruktionen dagegen 
einer freien Konkurrenz unterworfen waren. Die Folge war, daß 
die Eisenkonstruktionspreise geworfen wurden. Da nun das Be- 
streben bestand, diesem Uebelstand abzuhelfen, und ein festes 
Syndikat zu gründen, in welchem derartige Eisenkonstruktionen 
einbegriffen waren, und da andererseits vorauszusehen war, daß 
die Höhe der Quote sich bei dem neuen Syndikat nach dem vor- 
her erfolgten Lieferungsquantum berechnen würde, so trat hier- 
durch auf dem Berliner Baumarkt ein Unterbieten in Eisen- 
konstruktionen ein, wie wir es wohl seit sehr langer Zeit noch 
niemals erlebt haben. Die fertigen Eisenkonstruktionen wurden 
fertig montiert zu einem Preise angeboten, der weit unter den 
Preisen lag, zu denen das Eisenmaterial, das zur Herstellung 
der Eisenkonstruktionen benötigt wird, von den Hütten geliefert 
werden kann. Aber jeder wollte Eisenkonstruktionen liefern, um 
bei dem neu zu gründenden Syndikat eine hohe Quote zu erzielen. 
(Während des ganzen Jahres gingen die Eisenpreise (die Träger- 
preise sowie Stabeisenpreise) langsam aber stetig in die Höhe, 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



247 



die Preise für Eisenkonstruktionen fielen aber rapid. Auch im 
ganzen lag der Baumarkt sehr ungünstig, und die vielen und 
großen Zahlungseinstellungen zeigten, wie ungesund die 13au- 
verhältnisse in Berlin sind. Diesen Verhältnissen will das neue 
Träger- Verkaufs-Kontor, welches den Namen „Baueisen- Verkaufs- 
Kontor Berlin G. m. b. H." trägt, einigermaßen Rechnung tragen, 
indem es sich als Syndikat gegründet hat, und das Delkredere 
übernimmt, so daß die Zahlungsbedingungen nicht mehr von den 
einzelnen .Firmen angegeben werden, und ein Ueberbieten in 
schlechten Zahlungsbedingungen künftig in Fortfall kommen wird. 

"Während Formeisen (Träger und U-eisen) im Berichtsjahre 
von den Werken schnell geliefert werden konnten, wurden für 
Stabeisen Lieferzeiten von vier, fünf und sechs Monaten ver- 
langt. Die Lieferzeiten wurden teilweise unnötigerweise duixh 
den in den Industriebezirken herrschenden AVagenmangel weiter 
liin ausgeschoben. Zur Abhilfe des AVagenmangels scheint es nicht 
nur erforderlich, daß neues rollendes Material eingeführt, sondern 
daß auch das Beamtenpersonal vermehrt wird und die sehr primi- 
tiven Eiarichtungen auf den Güterbahnhöfen in den Industrie- 
gebieteii modernen, großzügigen Verkehrseinrichtungen weichen. 

iWeiterhin wurde der Absatz durch die unruhigen politischen 
Verhältnisse beeinflußt. Der Italienisch-Türkische Krieg, der 
Balkankrieg und die drohende Gefahr eines europäischen Krieges, 
in den Deutschland eventuell verwickelt würde, hemmte für 
unsere Branche die Kauflust. 

Dasselbe gilt auch für den Absatz an Wellblechen und Well- 
blechbauten. Dem Absatz an AVellblech und Wellblechbauten 
treten hemmend die Heimatschutzbestrebungen entgegen. Ende 
des Jahres 1912 ist die berichtende Firma daher „der Kommission 
zur Beseitigung der Auswüchse der Heimatschutzbestrebungen'' 
beigetreten. 

Die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern 
waren im Berichtsjahre ^t. Die berichtende Firma hält ein 
Verbot des Streikpostenstehens für notwendig, um die nationalen 
Arbeiter gegen den sozialdemokratischen Terrorismus zu schützen. 



Wanenmanj^el. 



Politisclie 
Vel•hältni^:;se 



WeUblech iiiid 

Wellblecli- 

bauten. 



Siebenter Bericht. 

Ueber den Gasanstaltsbaii wird uns berichtet: 
Die von uns im vorigen Jahresbericht ausgesprochene An- 
sicht, daß der Tiefstand in der Weiterentwicklung des Gas- 
anstaltsbaues erreicht sei, hat sich bestätigt. Dias Jahr 1912 
brachte, eine ständige Zunahme der Aufträge. D'er ini wesent- 
lichen durch die Einführung des hängenden Gasglühlichtes 
bedingte Stillstand des Gasverbrauches ist überwunden, und die 
Zunalime für Koch- und Beleuchtung^zwecke wieder überall im 
Steigen begriffen. Für motorische Zwecke vermochte das Gas 



SiebeJiter 
lierieht. 



Gasanstalt.» 
bau. 



248 



V. Metallverarbeitung. 



Zollpolitik. 



IJolistoffpreis«' 



Arbeitei- 
verhältnissc. 



auch im laufenden Jahre keine bedeutenden Fortschritte zu 
machen. Dier Elektromotor wii'd im allgemeinen dem Gasmotor 
immer noch vorgezogen. Auf dem Gebiete der Gasheizung sind 
weitgehende Fortschritte gemacht worden, jedoch vermochte das 
Gas sich hierfür kein weites Verwendungsgebiet zu schaffen. Dies 
dürfte auch erst zu erwarten sein, wenn eine geänderte Kommnnal- 
politik das Gas zu niedrigeren Preisen abgeben würde, als es 
heute allgemein der Fall ist. IDie immer weiter um sich greifend© 
Erkenntnis der Vorzüge der Gasbeleuchtung förderte die Be- 
strebungen, auch die kleinsten Gemeinden mit Gas zu versorgen. 
Viele kleine Gemeinden erbauten eigene Gaswerke, andere er- 
halten durch Gasfemversorgungsanlagen ihr Gas. Auch in 
Gemeinden, in denen Elektrizität bereits vorhanden ist, vermochte 
sich davS Gas Einführung zu verschaffen. 

Was die Einwirkung der Zollpolitik des Auslandes auf die 
Geschäftslage im Gasanstaltsbau anbelangt, so gilt hier das- 
jenige, w^as wir im vergangenen Jahre bereits über die Zoll- 
verhältnisse für Triebwerke ausgeführt haben. 

IDie Preise der Rohstoffe sind im Jahre wesentlich ge- 
stiegen, während hingegen die Preise für die Fertigfabrikate 
nicht im gleichen Verhältnis zu folgen vermochten. 

Die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern 
dürften zu Unzufriedenheiten keine Veranlassung gegeben haben. 



Tiiobweiksbau. 3. Triebwcrkc. 

Im Triebwerksbau lagen im Jahre 1912 dieselben Verhält- 
nisse vor, wie Ende des Jahres 1911. iDües gilt sowohl für das 
ofanze deutsche Geschäft, wie für das Geschäft nach dem Auslande. 



Hebe- 
Werkzeuge. 

Erster Bericht. 



Personen- und 
Lastenaufzüs:^. 



4. Hebewerkzeuge. 
Erster Bericht. 
Aus der Fabrikation von Personen- und Lastenaufzügen 
kann auch im vergangenen Geschäftsjahre eine VergTößerung 
des Umsatzes gegen das Vorjahr gemeldet werden. Jedoch machte 
der Platz Berlin eine bemerkenswerte Ausnahme insofern, als 
hier wegen des Ueberflusses an Wohnungen und sonstigen ver- 
mietbaren Räumen die Bestellungen fühlbar nachließen. Immer- 
hin liat die berichtende Firma auch in Groß-Berlin gute Ab- 
schlüsse machen können, da sie sicli auf die bessere und solidere 
Kundschaft stützt, die weniger von den Zeitläuften abhängig ist. 
Bei dem vorliegenden großen Bedarf ist es nur verwunderlich 
und bedauerlich, daß trotzdem die Preise wegen der Haltung der 
Konkurrenz immer noch nicht auf eine rationelle Basis gebracht 
werden konnten, denn die vorgenommene Erhöhung deckte kaum 
das Mehr, welches die Fabrikanten für erhöhte Materialpreise, 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 249 

Löhne und staatliche Belastungen aufbringen müssen. Nament- 
lich einige ausländische Firmen sind es, die mit ihren Preisen 
in dieser Beziehung verderblich wirken und dabei in der 
Solidität der Ausführung manches zu wünschen übrig lassen. 

Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß die im Aus- 
lande billig und ohne jede staatliche Belastung fabrizierenden 
Konkurrenten hier in [Deutschland den Markt beunruhigen und 
ausbeuten können. Wenn der deutsche Staat seiner eigenen 
Lidustrie durch allerhand Belastungen zugunsten des Personals 
usw. den Kampf in der Welt immer mehr erschwert, so sollte 
er nach Ansicht des Berichterstatters andererseits dafür sorgen, 
daß in Deutschland die ausländischen Konkurrenten dui^ch 
irgendwelche Maßnahmen so gestellt werden, daß sich der 
Nachteil ausgleicht, den die deutsche Industrie gegenüber der 
ausländischen durch die staatlichen Belastungen zu tragen hat. 

Dlie starke Beschäftigung hat von selbst schon zu Lohn- 
erhöhungen gefülirt; trotzdem muß mit der Möglichkeit ge- 
rechnet werden, daß der Frühling 1913 einen Lohnkampf mit 
sich bringen wird. 

Auch in der Fabrikation von Kranen ist eine Erhöhung Krane, 

des Umsatzes gegen das Vorjahr zu verzeichnen. Im übrigen 
gilt auch hier bezüglich Preisniveau, Konkurrenzschwierigkeiten 
usw. das oben Gesagte und erschwerend kommeu noch die in 
dieser Branche leider üblichen hohen Konventionalstrafen in 
Frage. Leider sind hier die staatlichen Verdingungsvorschriften 
vorbildlich gewesen. Während bei den Behörden aber, wenigstens 
im allgemeinen die Verzugsstrafe mit Rücksichtnahme und Glimpf- 
lichkeit behandelt wird, ist dies bei der Privatkundschaft viel- 
facli nicht der Fall und führt zu Verlusten, die sich in vielen 
Fällen vom Lieferanten gar nicht vermeiden lassen, denn bei 
Kranausführungen, namentlich neuer Art, ist Lieferungsverzug 
durch allerhand unvorhergesehene Vorkommnisse abzuwenden 
vielfach ganz unmöglich. 

Zweiter Bericht. zweiter 

Dter Geschäftsgang im Jahre 1911 übertraf alle früheren 
Jahre erheblich. Nach der Fülle der Anfragen zu urteilen, 
sind auch weiter reichlich Aufträge zu erwarten, wenn der 
Frieden unter den Großmächten erhaltein bleibt. Die Balkan- 
wirren waren bisher für uns von kaum wahrzunehmendem Ein- 
fluß. Eine Aufbesserung der Verkaufspreise war im allgemeinen 
bisher leider nicht möglich, trotz gestiegener Unkosten und 
Verteuerung der Materialien. Dieser Zustand ist nur dadurch 
zu erklären, daß alle namhaften Werke der Branche fortwälirend 
die Fabrikationsmethode verbessern. Um ihren Rang in der 
Fabrikation von Kettenhebezeugen zu behaupten, sah sich die 
berichtende Firma mit Rücksicht auf die Konkurrenz zu fort- 



250 



V. Metallverarbeitung, 



währenden, namhaften Investionen oenötigt. Da in der gesamten 
deutschen Metallindustrie die Verhältnisse ähnlich liegen, bringt 
der allgemeine Wettlauf immerhin das Gute mit sich, der deutschen 
Industrie in ihrer Leistungsfähigkeit einen Vorsprung gegenüber 
fast allen anderen Ländern zu verschaffen. Ueber Störungen 
durch iDifferenzen mit den Arbeitern war nicht zu klagen. 



Dritter Bericht. 



Gesamttendeiiz 
des Jahres 1912. 



Preis- 
verhältnisst' 



Produktion 
und Umsatz. 



Verkehr mit 
dem Auslsmd« 



Arbeitsmarkt. 



Dritter Bericht. 

Im Aufzugsbau erreichten die während des Jahres 1912 ein- 
gehenden Aufträge nicht ganz die vorjährige Höhe, weil Auf- 
träge, welche keine glatte Abwicklung in pekuniärer Beziehung 
voraussehen ließen, abgelehnt wurden. Doch war bei Begian des 
Jahres ein ziemlich großer Auftragsbestand vorhanden, so daß 
die Beschäftigung intensiv war. Der Rückgang der neuen Auf- 
träge wurde in der Hauptsache durch die Berliner Baukrise ver- 
ursacht. Diese Krise wird nicht allein durch ungesunde Unter- 
nehmungen vieler unbemittelter Bauunternehmer veranlaßt, 
sondern auch durch Mangel an Hypothekengeldern, die Wert- 
zuwachssteuer und allgemeinen IVohnungsüberschuß. Der Auf- 
tragsausfall aus dem hiesigen Bezirk wurde durch Hereinnahme 
von Aufträgen aus dem Reiche teilweise kompensiert. 

Die Preise der Rohmaterialien sind gegen das Vorjahr ge- 
stiegen, dagegen hat eine Steigerung der Verkaufspreise nicht 
stattgefunden. 

Eine Ueberproduktion hat nicht stattgefunden, jedoch ist 
ein starkes Anwachsen der Konkurrenz im Aufzugsbau zu be- 
obachten. Die Konkurrenz ist äußerst scharf, insbesondere er- 
schweren auch die ausländischen Konkurrenzwerke, wie die 
amerikanische Otis - Gesellschaft, die Firma Stiegler Aktien- 
gesellschaft in Mailand, die Firma Schindler & Co. in Luzern, 
ganz erheblich den Konkurrenzkampf, da diese Firmen hier am 
Platze Filialen resp. Vertretungen unterhalten. 

Der Verkehr mit dem Auslande wird im Aufzugsbau durch 
die hohen Ausfuhrzölle ganz erheblich erschwert. Besonders gilt 
dieä für Frankreich und Oesterreich, welche die eigenen Spezial- 
werke durch hohe Einfuhrzölle gegen das Ausland schützen. 
Die ausländische Konkurrenz, namentlich die Stiegler Aktien- 
gesellschaft in Mailand, kann ihre Aufzugsmaschinen billiger 
als die hiesigen Spezialwcrke anbieten, infolge der äußerst 
niedrigen Arbeitslöhne in Italien bei einem niederen Einfuhrzoll 
nach Deutschland. Der Einfluß Amerikas ist durch das hiesige 
Filialwerk der Otis-Gesellschaft in Reinickendorf nicht ohne 
Bedeutung. 

Auf dem Arbeitsmarkt machten sich ein Gießereiarbeiter- 
streik und in Verbindung hiermit die Aussperrung der Metall- 
arbeitei- am Ende des Jahres 1911 und noch im Anfang des 
Berichtsjahres recht fühlbar. Hinzu kam noch der Streik der 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



251 



Kernmacher, der vom 15. bis 26. Jan. 1912 währte, so daß 
Rohgußteile nicht mit der wünschenswerten Pünktlichkeit zu 
erhalten waren und so die Lieferfristen ungünstig beeinflußten. 
Eine Besserung der Zahlungsverhältnisse im Baugewerbe 
ist gegen das Vorjahr nicht eingetreten. Die Zahlungs Verhält- 
nisse haben sich verschlechtert. Die Banken haben den Kredit 
für Bauten ziemlich beschränkt, und dadurch Bauunternehmern 
die Möglichkeit genommen, ihre angefangenen Bauten zu Ende 
zu führen, und so die nicht ganz fertigen Bauten zur Subhastation 
gebracht; hierdurch sind ganz erhebliche Beträge sowohl der 
Bauhandwerker wie Aufzugslieferanten 'ausgefallen. Die Ein- 
führung des zweiten Teiles des Bauhandwerkerschutzgesetzes 
dürfte hier eine Besserung bringen, wenngleich' sie bei der 
heutigen. Gesamtlage des Baumarktes nicht ohne Bedenken hin- 
genommen werden könnte. 



Kredit- 

verhäiTiiisse. 



Vierter Bericht. 

Als ziemlich sicherer Anhaltspunkt für die Beurteilung der 
industriellen Lage in einzelnen Zeitperioden, besonders auf dem 
Gebiete des Baues von Hebezeugen und Verladeanlagen, können 
die wechselnden Materialpreise dienen. "Während das Jahr 1909 
recht erhebliche Schwankungen zeigte, setzte im Jahre 1910 eine 
allmähliche Steigerung ein, die mit Ablauf des Jahres 1912 an- 
scheinend ihren Höhepunkt erreicht hat. Nadhstehende Tabelle 
mao; dies erläutern : 









Es kosteten im Jahre 












Anfang Ende 


Anfang 


Ende 1912 




1909 


1910 


1911 1911 


1912 


u.Anf.l913 


100 kg Flußeisen . . 


14- 


14,50 


14,50 15,— 


15,50 


17,50 


„ Schweißeisen . 


16- 


16,50 


16,50 17,- 


17,50 


19,50 


„ Grobbleche . . 


15- 


15,50 


15,50 16,50 


17- 


18,50 


„ Feinbleche . . 


16,50 


17- 


17- 18,- 


18,50 


20,- 


„ Maschinenguß 












(durchschnittl.) 


— 


23,- 


23,— 23,— 


24,50 


24,50 



Vierter 

Bericht. 

Konjunktur. 

Preise. 



Die Preissteigerung der Hüttenprodukte, hervorgerufen durch 
den erhöhten Bedarf, zeigt das Maß des Aufschwunges in der 
Maschinenindustrie. Die Beständigkeit dieses Aufschwunges war 
deshalb zweifelhaft, weil er sich nicht gleichmäßig auf den 
meisten Gebieten äußerte, sondern seinen Ausgangspunkt haupt- 
sächlich auf den Gebieten derjenigen Industrien nahm, die durch 
die Weltlage zu besonders reger Tatig-keit veranlaßt wurden und 
damit auch anderen Zweigen der Industrie Arbeit bieten konnten. 
Die Gesamtindustrie übte in Neuanschaffungen. Zurückhaltung; 
die Anschaffungen der Behörden bewegten, sich in den gegebenen 
Grenzen. 

Von allgemeinen Streikbewegungen, ist die Maschinenindustrie 
im Jahre 1912 nicht betroffen worden, wenn auch die Folgen 
derjenigen von 1911 noch im Jahre 1912 ungünstig nachwirkten 



Arbeiter- 
bewegung. 



252 



V. Metallverarbeitung. 



Gewinn. 



Ausfuhr. 



und insbesondere die Herbeiscliaffung von Arbeitßmaterial er-, 
schwerten. Die Löhne sind weiter in die Höhe gegangen, die 
Arbeitszeiten haben sich wiederum etwas verringert. Die Arbeiter- 
zahl im AVerk der berichtenden Firma ist weiter gestiegen. Die 
Durchschnittslöhne haben sich für die Arbeiterschaft abermals 
günstiger gestaltet. Die Erhaltung des Beamtenapparates er- 
forderte ebenfalls erhöhte Aufwendungen an Gehalt, welche durch 
das neue Reichsgesetz betr. Versicherung der Angestellten künftig 
noch beträchtlich vermehrt werden. 

Es ist anzunehmen, daß der vergrößerte Umsatz einen 
entsprechend vergrößerten Gewinn nicht ergeben wird, da die 
Löhne und die Abgaben und Unkosten gewachsen sind und auch 
eine rege Konkurrent günstigere Preise nicht aufkommen läßt. 

Die Ausfuhr hat sich nicht gehoben, ist vielmehr, besonders 
in der zweiten Hälfte des Jahres, infolge der Balkanwirren, 
im einzelnen zurückgegangen. Rußland zeigte sich weiter als 
reger Verbraucher. 

Das AVerk der berichtenden Firma ist bei Abschluß des 
Berichtes und auch für die nächste Zeit gut beschäftigt; zu 
wünschen ist aber, daß sich die Lage auf dem Baumarkt baldigst 
bessern möge, damit von dieser Seite Nachschübe an Aufträgen 
erwartet werden können. 



Allgemeiner 
Maschinenbau. 

Gesamttendenz 
des Jahres 1912. 



Preis- 
verhältnisse. 



Produktion 
und Umsatz. 



Verkehr mit 
dem Auslande. 



5. Allgemeiner Maschinenbau. 

Der Gesamtumsatz des Jahres 1912 hat im. allgemeinen 
Maschinenbau den des Jahres 1911 überschritten. Der höhere 
monatliche Umsatz setzte gleich bei Beginn des Jahres ein und 
hat bis zum Oktober ständig angehalten; im November und 
Dezember setzte eia merklicher Rückschlag ein. Nach der 
jetzigen Geschäftslage zu urteilen, scheint die Hochkonjunktur 
abzuflauen, jedoch sind noch reichliche Bestellungen aus 1912 
ina neue Geschäftsjahr übernommen worden. 

Die Preise der Rohstoffe haben eine bedeutende Steigerung 
erfahren. Auch die Verkaufspreise sind gestiegen. 

Der Umsatz ist gegen das Vorjahr gewachsen. Die Kon- 
kurrenz ist gleich geblieben und auf allen Gebieten des all- 
gemeinen Maschinenbaues empfindlich. 

Der Umsatz mit dem Auslande ist gleichfalls gestiegen. 
Infolge der erhöhten Zölle ist mit Frankreich das Geschäft 
zurückgegangen ; auch' mit Oesterreich-Ungarn ist der Verkehr 
infolge der hohen Zollsätze minimal. In den Ueberseeländern 
nimmt dagegen der Absatz stetig zu. Im Inland ist mit dem 
Einfluß Amerikas nicht zu rechnen. Dagegen ist im übersee- 
ischen Ausland der Einfluß Amerikas bisweilen stark fühlbar, 
namentlich in Japan und Südamerika. 



54. Eisengießeroi, Baukonstruktionen usw. 



253 



Dia Zahlungsbedingungen sind nicht ungünstig, jedoch werden 
sonderlich in Bergwerksmaschinen, namentlich in der Kali- 
industrie, lange Zahlungsfristen verlangt. 



Kredit- 
Verhältnisse. 



;e im 



6. Landwirtschaftliche Maschinen. 

Erster Bericht. 

iD'as Geschäft in landwirtschaftlichen Mascliinen zeigtt 
laufenden Jahre einen erfreulichen Aufschwung und die Nach- 
frage nach Maschinen sowohl als auch nach Ackergeräten war 
wesentlich lebhafter als im Vorjahre. Diie Ursache dürfte in 
der günstigen Entwicklung der deutschen Landwirtschaft zu 
fiaden sein, die auch dem kleineren und mittleren Besitzer ge- 
stattet, sich die modernen, technisch vollkommeneren Hilfsmittel 
zur Bearbeitung des Bodens und Ausnutzujig der gewonnenen 
Produkte immer mehr nutzbar zu machen. 

Leider waren jedoch die Verkaufspreise auch im Jahre 1912 
noch so niedrig, daß sie dem Fabrikanten nur einen geringen 
Gewinn abwarfen. Dazu komtat noch, daß die schon so niedrigen 
Preise sich durch das Rabattwesen noch ungünstiger gestalten, 
und so der an und für sich kleine Verdienst des Eabrikanten 
noch weiter geschmälert wird. Dde Landleute beanspruchen selbst 
bei kleineren Bezügen wesentliche E^battbewilliguagen. Anderer- 
seits läßt auch das Kreditwesen noch viel zu wünschen übrig, 
und die verlangten langen Zahlungsfristen fügen dem Fabrikanten 
durch die beträchtlichen Zinsverluste nicht unbedeutende Ein- 
bußen zu. Die Verhältnisse am Rohmaterialmarkte beeinflußten 
das Geschäft in ungünstigster Weise. Unter der enormen Preis- 
steigerung für Eisen, Kohle usw. hat der Fabrikant sehr zu 
leiden, da es ihm nicht möglich ist, in der Erhöhung der Preise 
der Fertigfabrikate mit der Verteuerung der Rohmaterialien 
gleichen Schritt zu halten. Dies trifft speziell in der in Frage 
stehenden Branche zu, da bei der Kundschaft schwer höhere 
Preise als die einmal festgesetzten zu erzielen sind. 

Das Exportgeschäft hat sich auch im laufenden Jahre wieder 
etwas günstiger gestaltet als im Vorjahre, was besonders vom 
Ueberseeexport gesagt werden kann. Die Ausfuhr nach Ruß- 
land bewegte sich auf der gleichen Höhe wie im Jahre 1911. 
Die Einfuhr deutscher Erzeugnisse der landwirtschaftlichen 
Ma^chinenbranche p.ach diesem Lande wird stark beeinträchtigt 
durch die sich sehr gut entwickelnde russische landwirtschaft- 
liche Maschiaenindustrie. Wenn auch vielfach dem deutschen 
Fabrikat der Vorzug gegeben wird und die Nachfrage nach 
diesem immer noch stetig ist, so wird doch dem deutschen 
Fabrikanten der Kampf sehr schwer gemacht, wobei noch der 
hohe Zoll das übrige tut, ganz abgesehen davon, daß der russische 
Fabrikant durch Prämien seitens der russischen Regierung unter- 



Lau d- 

wirtschaftliche 

Maschinen. 
Erster' Berieht. 

Umsatz 



Preise und 
Zahlungs- 
bedingungen 



Export. 



254 



V. Metallverarbeitung. 



AvlK'iter- 
verhältiiisse. 



Fahvzeug- 
abtt'.lung. 



stützt werden soll. Dieser Prämiierung wird ja deutscherseits 
nicht entgegengewirkt werden können, doch ist es vielleicht 
möglich, eine Ermäßigung- der Zölle auf landwirtschaftliche 
^laschinen und Geräte zu erreichen, um so die deutsche land- 
wirtschaftliche Maschiaenindustrie konkurrenzfähiger zu machen 
und ihr auch weiterhin den russischen Markt zu sichern, den sie 
nicht entbehren kanji. 

Das Verhältnis zu den Arbeitern war normal, Arbeits- 
eLastellungen waren nicht zu verzeichnen. 

(Die Fahrzeugabteilung der berichtenden Firma war in be- 
friedigendei- .Weise mit Aufträgen versehen. 



Zweiter 
Bericht. 



Geschäftsgang. 



Exp>rt. 



Preise. 



Zweiter Bericht. 

/Dtas Jahr 1912 hat sich für die deutsche und au,ch für 
die übrige europäische Landwirtschaft außerordentlich wechsel- 
voll gestaltet. Es begann mit schlechten Aussichten für die 
Saaten, nahm aber darauf durchweg einen ungewöhnlich günstigen 
Verlauf, bis es endlich durch eine lange und schwere Eegen- 
periodc sowie durch frühzeitigen Frost die Aussichten wieder 
verdarb und zu eiQer stark geschwächten Ernte führte. Infolge- 
dessen ist das Jahr nicht imstande gewesen, die Schäden von 
1911 wieder gutzumachen. Dier Geschäftsgang in landwirtschaft- 
lichen Maschinen und Geräten ist dementsprechend vielen Krisen 
ausgesetzt gewesen, war aber im ganzen besser als der des Vor- 
jahres, wenn auch von einem ."Wiederausgleich der Einbußen aus 
demselben nicht gesprochen werden kann. 

Der Export hat sich im allgemeinen in • derselben Weise 
bewegt. Er leidet nach wie vor unter der Ueberspannung der 
Konkurrenz imd durch Schutzmaßregeln wichtiger Ausfuhr- 
länder, die kostspielige und riskante Gegenmaßnahmen (Ein- 
richtung von Filialen usw.) notwendig machen. Speziell in Ruß- 
land sind hohe Prämien für die einheimische Fabrikation wichtiger 
Artikel eingeführt worden. Das Geschäft mit den Balkanl ändern 
(Türkei, Bulgarien, Serbien) ist durch den Krieg zurzeit völlig 
ausgeschaltet; unterwegs befindliche Lieferungen sind auf- 
gehalten, Bestellungen annulliert und die Zahlungen suspendiert. 
Auch das rumänische Geschäft ist in ähnlicher Weise betroffen 
worden. 

Vom größten Schaden besonders für den Export sind die 
andauernd steigenden, zum Teil syndizierten Preise für Fabrika- 
tions- Xind Betriebsmaterialien, von denen erstere eine Erhöhung 
von 15 — 40 o/o, letztere von 20 — 85 o/o erreicht haben. Diese 
Preissteigerungen fallen allein zu Lasten unserer Verfeinerungs- 
industrie, da die Verkaufspreise auf den Weltmärkten nicht zu 
ändern sind. 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



255 



Die Arbeiterverhältnisse sind auf demselben Niveau ge- 
blieben; die Löhne konnten nicht mehr nennenswert steigen, wenn 
auch die Verdienste durch Akkordarbeit höher g-^eworden sind. 
Streiks größeren Umfanges sind nicht vorgekommen, kleinere 
resultatlos verlaufen, das Arbeiterangebot ist zurzeit reichlich. 



Albeiter- 
ve iliältnisso, 



7. Werkzeugmaschinen- und Werkzeugbau. 

Der Bedarf an Werkzeugmaschinen und Werkzeugen war 
das ganze Jahr hindurch lebhaft. Die Verkaufspreise konnten 
infolgedessen befriedigend gestaltet werden. Wenn die Preise 
sich nicht noch höher bemessen ließen, so war hieran die Kon- 
kurrenz der Händler, welche amerikanische Werkzeugmaschinen 
vertreiben, schuld, da der Geschäftsgang in den Vereinigten 
Staaten offenbar nicht so gut war, daß er nicht erlaubt hätte, 
erhebliche Quantitäten dort vorrätiger Werkzeugmaschinen auf 
den deutschen Alarkt zu bringen. Die Einfuhr aus Amerika ist 
in den ersten neun Monaten des Jahres gegen die gleiche Zeit 
des Vorjahres um 29 o/o gestiegen. Andererseits hat sich die 
Ausfuhr Deutschlands in den ersten neun Monaten des 
Jahreä gegen die entsprechende Zeit in 1911 um 24 o,'o gehoben. 
Die Hauptausfuhrländer sind : Oesterreich - Ungarn, Rußland, 
Frankreich und Italien. Sow^eit Lagerbestände aus dem Vorjahre 
vorhanden waren, waren sie ohne Schwierigkeiten abzusetzen. 
Die Lieferfristen wurden von Vierteljahr zu Vierteljahr länger, 
da die Pabrikation mit den Aufträgen nicht Schritt halten 
konnte. Die Preise für Kohlen und Roheisen sind nicht un- 
erheblich gestiegen, auch diejenigen für Stahl zogen im Laufe 
des Jahres an. Im dritten Vierteljahr machte sich vorüber- 
gehend ein leichtes Abflauen bemerkbar, welches jedoch bald 
wieder sehr starker Beschäftigung Platz machte. 

Von großen Streikbewegungen ist die Berliner Metallindustrie 
im Jahre 1912 verschont geblieben. Der Hauptgrund ist wohl 
der, daß durch die Aussperrung Ende des Jahres 1911 die Streik- 
kasse etwas erschöpft war, ein anderer Grund aber wohl der, 
daß die Leute bei der reichlich vorliegenden Beschäftigung gute 
Verdienste erzielten. Partielle Streikbewegungen sind durch 
Reibungen entstanden, die zwischen den Mitgliedern der Werk- 
vereine und denen der freien Gewerkschaften vorkamen. Diese 
Streiks sind durchweg zuungunsten der Gewerkschaften aus- 
gefallen. Die berichtende Firma ist der Ansicht, daß 
ein großer Teil der Arbeiterschaft sich nur darum den Gewerk- 
schaften angeschlossen hatte, weil ein Sammelpunkt gefehlt hatte, 
der ihnen als Schutz gegen den Terrorismus der Mitglieder des 
Metallarbeiter- Verbandes dienen konnte. In den Fabriken, in 
denen dieser Sammelpunkt durch Bildung von Werkvereinen 
geschaffen ist, hat der Metallarbeiter- Verband an Herrschaft 
verloren. 



Weikzeug- 
niaschinen und 
Werkzeugbau, 
(jieschäftsguug 



Arbeiter- 

l)ewegiuig. 



256 



V. Metallverarbeitung. 



Einfluß der 

politischen 

Verhältnisse. 



Die politischen Sorgen, welche sich an den Balkankrieg 
knüpften, ließen einen ungünstigen Einfluß auf den Geschäfts- 
gang bisher kaum bemerken. 



I.okomotivbau. 



Allgemeines. 



Export nach 

dem 

europäischen 

Ausland. 



8. Lokomotiv- und Bahnbau. 
Die Firma A. Borsig, Tegel bei Berlin, berichtet: 
"Während das Jahr 1911 insbesondere für die Hütten- und 
auch für die Elektrizitätsindustrie, nicht aber für den allgemeinen 
Maschinenbau, einen Aufschwung brachte, setzte im Geschäfts- 
jahre 1912 eine allgemeine Besserung der Konjunktur ein, die 
hauptsächlich durch einen verstärkten Bedarf zum Ausdruck 
kam, während die Preise erst im Laufe des Jahres anzogen. 
Der Balkankrieg und die unklare politische Lage hat in Europa 
zurzeit eine gewisse Beunruhigung der beteiligten Kreise und 
einen Stillstand der Konjunktur hervorgerufen, was sich nament- 
lich durch Verminderung der Anfragen und Aufträge aus dem 
östlichen Europa bemerkbar gemacht hat. Es ist indessen zu 
erwarten, daß, wenn sich die Wolken am politischen Himmel 
wieder zerstreuen werden, ein erneuter Aufschwung eintritt, um 
so mehr, als nach Beendigung des Balkankrieges mit einem 
größeren Bedarf an den verschiedensten Materialien besonders 
in diesen Ländern gerechnet werden kann. Der allgemeine Auf- 
schwung im Jahre 1912 ist u. a. zurückzuführen auf die Ver- 
mehrung der Kriegs- und Handelsflotte, welch letztere mit der 
bevorstehenden Eröffnung des Panamakanals und der Ein- 
richtung neuer Schiffahrtswege, der allgemein günstigen Fracht- 
lage u. a. m. in Zusammenhang steht. Sodann auf die Zu- 
nahme des Eisenbahnverkehrs und den dadurch bedingten er- 
höhten Bedarf an Eisenbahnmaterial. Des weiteren auch auf 
die starke Zunahme des Bedarfs in vielen Artikeln der heimischen 
Produkte, die durch den Bevölkerungszuwachs hervorgerufen ist. 
Ferner ist aber noch die außerordentliche Entwicklung des 
Minettereviers in Lothringen, wo bedeutende Hüttenanlagen mit 
den modernsten Einrichtungen errichtet w^orden sind, hervor- 
zuheben, die der Maschinenindustrie erhebliche Aufträge zu- 
geführt hat. Außerdem kommt noch die w^eitere Durchführung 
des Baues von Ueberlandzentralen in Betracht und die dadurch 
hervorgerufene größere Ausdehnung in der Anwendung von 
Elektrizität in der Industrie und der Landwirtschaft. 

Im europäischen Ausland zeigte hauptsächlich Rußland 
infolge des gesteigerten Exports von Landesprodukten einen 
erhöhten Bedarf von maschinellen Einrichtungen. Hinsichtliok 
Frankreichs und Belgiens ist auf die bedeutende Entwicklung 
der Hüttenindustrie und den Bau neuer Fabriken hinzuweisen, 
die erhebliche Bestellungen in Deutschland zur Folge gehabt 
haben. Xaeh den Balkanstaaten ist der Export an Maschinen, 



o-L Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



;o/ 



besonders in Eisenbahn- und Kriegsmaterialien, infolge der Kriegs- 
rüstungen der Balkanstaaten in erheblichem Maße gestiegen. 

Unter dem überseeischen Ausland weist namentlich Süd- 
afrika einen großen Bedarf auf, aus dem aber die Engländer 
und Amerikaner mehr Nutzen ziehen, da die englischen und 
amerikanischen Kapitalien beweglicher sind, während sich 
Deutschland nur ungern dazu entschließt, Kapitalien im Aus- 
lande anzulegen, zumal der heimische Markt immer noch ge- 
nügend Gelegenheit zu fruchtbringender Betätigung bietet. Süd- 
amerika gilt nach wie vor als stark aufnahmefähig und in 
Anbetracht der guten Ernte und der Gründung von großen 
Syndikaten zwecks Ausbeutung von Bodenschätzen, Schaffung 
neuer VerkehrsAvege und besserer Verbindungen ist nach langem 
Stagnieren der Verhältnisse ein Aufschwung zu erwarten. AVie 
in Südafrika zeigt sich aber auch in Südamerika eine starke 
Zurückhaltung des deutschen Kapitals, namentlich vor dem 
amerikanischen, das dominierend ist. AVährend China infolge 
Geldmangel in seiner Bedeutung als Besteller zurückgegangen 
ist, hat Japan in dieser Eigenschaft zugenommen und zeigt einen 
dauernden größeren Bedarf an Maschinen. 

Die Preise, welche im Jahre 1912 erzielt worden sind, 
weisen im Vergleich zum Vorjahre eine steigende Tendenz 
auf. Diese liegt darin begründet, daß die Industrie infolge 
ihrer ' starken Beschäftigung ihre Preispolitik erfolgreich ändern 
konnte, da sie durch das gesunde Verhältnis zwischen An- 
gebot und Nachfrage in die La^e versetzt wurde, auch bessere 
Preise zu erzielen. Dies gelang namentlich in den Fällen, wo 
kurze Liefertermine verlangt wurden. — Auch sind die Liefe- 
rungs- und Zahlungsbedingungen erheblich günstiger geworden, 
da die Lieferanten infolge des guten Geschäftsganges an den 
normalen Bedingungen festhalten konnten. 

Infolge des stark gestiegenen Verkehrs ist der Staat mit 
größeren Bestellungen als sonst auf den Markt getreten, was 
gegenüber der bisher von ihm verfolgten Zurückhaltung in den 
Bestellungen zu einer erfreulichen Mehrbeschäftigung beigetragoi 
hat. Die nachhaltigen Folgen dieser Sparsamkeitspolitik zeigen 
sich besonders in dem Mangel an Beförderungsmitteln, der gerade 
jetzt in den Zeiten der Hochkonjunktur von der Industrie als 
schwere Schädigung ihrer Interessen empfunden wird, und der, 
wie bekannt, im rheinisch-westfälischen Bezirk zu einer großen 
Verkehrskalamität geführt hat. 

"Wenn auch der Aufschwung der Konjunktur dadurch nicht 
beeinträchtigt werden konnte, so muß an dieser Stelle doch da=. 
Fehlen der Aufträge aus dem Baugewerbe erwähnt werdei:^ 
Infolge der übertriebenen Bautätigkeit, die in keinem Verhältni=5 
zu dem Bevölkerungszuwachs und der Nachfrage für neut 
AVohnungen stand, ferner infolge der durch die allgemeine An- 

Eerl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 17 



Export nach 

dem 

überseeischen 

Aushmd. 



Preise. 



Absatz- 
verhältnisse. 



258 



V. Metallverarbeitung. 



Technische 

Neuerungen. 



Einfluß der 
Kartelle. 



Material- 
beschaffung. 



Spannung des Geldmarktes hervorgerufenen Schwierigkeit der 
Beschaffung zweiter Hypotheken, liegt das Baugewerbe so dar- 
nieder, daß es längere Zeit zu seiner Gesundung und Erstarkung 
bedürfen wird. Eine weitere Erschwerung der Bautätigkeit liegt 
auch in der Wertzuwachssteuer und den hohen Umsatzsteuern, 
die eine Betätigung der an sich schon beschränkten Baumittel 
noch mehr erschweren. 

In hezug auf technische Neuerimgen hat die von der Kegie- 
rung geplante Elektrisierung der Berliner Stadt- und Vorortbahn 
das Interesse der beteiligten Kreise lebhaft in Anspruch ge- 
nommen und beschäftigt. Sollte die Elektrisierung jedoch Tat- 
sache werden, so muß es erst die Zukunft lehren, ob durch 
sie eine befriedigende Lösung der Verkehrsfrage auf der Stadt- 
und Kingbahn gefunden wird und eine Rentabilität des für den 
Umbau erforderlichen bedeutenden Kapitals zu erzielen sein 
wird. Jedenfalls aber ist es eine große Frage, ob die an sich 
schon stark belastete Stadtbahn durch die Erhöhung der Zug- 
folge ein ideales Beförderungsmittel abgeben und für die be- 
stehenden Verkehrskalamitäten eine wirkliche und dauernde Ab- 
hilfe schaffen wird, die wohl eher durch Errichtung neuer Ver- 
kehrswege und Entlastung der bestehenden erreicht worden wäre. 

Zu Ende des vorigen und im Laufe dieses Jahres ist eine 
neue Industrie entstanden, die nicht nur chemisch, sondern auch 
wirtschaftlich von allergrößter Bedeutung ist, und zwar handelt 
esi sich um das Verfahren, aus minderwertigen Fetten hoch- 
wertig gesättigte Speisefette herzustellen. Für die Ausbeutung 
dieses Verfahrens sind große maschinelle Einrichtungen erforder- 
lich, die ein neues Absatzgebiet für die Maschinenindustrie dar- 
stellen werden. 

An technischen Neuerungen sind sonst noch eine Reihe Er- 
findungen und Verbesserungen im Verkehrswesen, im Automobil- 
und Motorenbau, wie auch auf dem Gebiete der Luftschiffahrt 
und der Aviatik zu verzeichnen. 

Eine Festigung der gesamten Marktlage wurde für die 
Hütten- und Schwerindustrie durch die Verlängerung des Stahl- 
werksverbandes erreicht. Während der Verhandlungen ergab sich 
eine höhere Beschäftigung dieser Industrie gegen die Vorjahre, 
die sich auch in der Folge in den höheren Preisen zeigte, die 
nicht allein beim Stahlwerksverband, sondern auch beim Kohlen- 
syndikat festgesetzt wurden. 

Im übrigen ist auf dem gesamten Gebiete der Material- 
beschaff tmg eine Verteuerung eingetreten, hervorgerafen durch 
höhere Unkosten, durch schwierige Beschaffung von Erzen, 
Kohlen lind Koks und besonders durch höhere Löhne. Die all- 
gemeine Schwierigkeit in der Materialbeschaffung, die durch die 
Hochkonjunktur hervorgerufen ist, zeigt sich in erster Linie 



54. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



259 



in den erhöhten Preisforderungen der Lieferanten und in langen 
Lieferfristen. 

Die Lohnfrage selbst, die im Jahre 1911 zu einem Streik 
geführt hat, der am 7. Okt. begonnen und am 19. Nov. beendet 
wurde, ist wie bisher stets schwierig gewesen. Esi ist eine 
weitere Steigerung der Löhne festzustellen, die bei den "Werken 
wiederum das Bestreben verursacht hat, einen Ausgleich durch 
höhere Leistungen zu erzielen. 

Zu offenen Konflikten, zu Streiks usw. ist es nicht gekommen, 
da es stets gelang, das sich immer mehr einbürgernde Verfahren 
anzuwenden, durch gegenseitige Aussprache unter Hinzuziehung 
einer Anzahl unbeteiligter Persönlichkeiten, wie es z. B. von 
einigen Verbänden der Metallindustrie gehandliabt wird, die 
bestehenden [Diifferenzien zu beseitigen. Die Steigerung der Löhne 
ist u\ erster Linie auf den großen Beschäftigungsgrad der 
Industrien, insbesondere der elektrischen Industrien zurück- 
zuführen, die einen ganz enormen Bedarf an Arbeitskräften hat, 
ohne daß für Heranbildung geeigneten Nachwuchses ihrerseits 
gesorgt wird. 

Nachdem der Fortbestand der bestehenden Handelsverträge 
für längere Zeit gesichert ist, sind Zolländerungen für die Zeit 
ihrer jDlauer nicht zu erwarten. Zollschwierigkeiten machen sich 
erneut an der russischen tind französischen Grenze durch schärfere 
Kontrolle und durch erschwerende, überdies noch rigoros gehand- 
habte Bestimmungen bemerkbar, die den Export, der ohnehin 
durch die hohen Zölle schon beeinträchtigt wird, noch erschweren. 

iDie hohen sozialen Lasten, welche der Industrie bereits 
aufgebürdet sind, werden vermehrt durch die neue ileichsver- 
sicherungsordnung, die eine erhebliche Erhöhung der Beiträge 
für Arbeiterversicherung, Krankenkasse usw. vorsieht, und ferner 
durcli die staatliche Angestelltenversicherung, die ebenfalls eine 
neue Belastung darstellt. Diese Mehrbelastxmgen tragen dazu 
bei, die Arbeitsbedingungen für die Industrie, welche im all- 
gemeinen keineswegs günstig sind, noch zu verschlechtern und 
treffen sie um so mehr, als die industriellen Firmen hohe soziale 
Ausgaben im Interesse ihrer Beamten und Arbeiterschaft schon 
freiwillig übernommen haben. Eine Erschwerung der Arbeits- 
bediQgungen liegt auch in den erhöhten Schwierigkeiten bei Er- 
langung von Konzessionen für Betriebsneuerungen, für Baulich- 
keiten und in der Abführung von industriellen Abwässern, für 
die das neue Wassergesetz schärfere Bestimmungen vorsieht. 

Bezüglich des Verkehrs mit den Vororten von Berlin muß 
wiederholt hervorgehoben werden, daß die Verbindungen noch 
sehr verbesserungsbedürftig sind und einen weiteren Ausbau er- 
fordern, wie dies auch für den Telephon- und Telegraphen- 
verkehr zutrifft, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen noch 
immer sehr überlastet ist. 

17* 



Lohnfrage. 



Arbeiter- 
rerhaltnisse. 



ZöUe. 
Zollschwierig- 
keiten. 



Neue Gesetze. 
Soziale Lasten. 



Verkehrsver- 
besseningen. 



260 



V. Metallverarbeitung. 



Aussichten "Wie sich für das Jahr 1913 die Aussichten für die 

'Maschineu Industrie stellen werden, Jiängt im wesentlichen von 
der Beendigoing des Balkankrieges und von der Klärung der all- 
gemeinen politischen Verhältnisse ab. Es ist zu erwarten, daß, 
wenn eine Beruhigung der politischen Lage eintritt, der in dem 
Jahre 1912 eingetretene Aufschwung auch ferner anhalten 
wird, um so mehr als, wie bereits zum Ausdruck gebracht wurde, 
eine Beendigung des Krieges einen größeren Bedarf in den ver- 
schiedenartigsten Materialien zur Folge haben dürfte. 

Die Berliner Maschinenbau- Aktien- Gesellschaft vormals 
L. Schwartzkopff berichtet über das Geschäftsjahr 1911/12: 

Unsere Hauptbranche, der Lokomotivbau, hatte noch immer 
darunter zu leiden, daß die preußische Staatsbahnverwaltung 
ihn, wenn auch etwas mehr, so doch noch nicht seiner Leistung-s- 
fähigkeit entsprechend beschäftigte, und daß das Auslands- 
geschäft — teilweise auch infolge politischer Verhältnisse — nach 
wie vor darniederlag. Immerhin haben wir am letzteren, wenn 
auch unter großem Wechsel der Absatzgebiete, unseren Anteil 
erhalten, teilweise leider zu noch nicht genügenden Preisen. — - 
Die Maffei-Schwartzkopf'f-Werke sind im abgelaufenen Geschäfts- 
jahre mit ihren verschiedenen Erzeugnissen weiter gut ins Ge- 
schäft gekommen, insbesondere auch mit ihrer Abteilung für dio 
Fabrikation von elektrischen Lokomotiven. Außer den im letzten 
Geschäftsbericht bereits erwähnten Vollbahn-Lokomotiven hat die 
preußische Staatsbahn-Verwaltung bei den M.S.W. 10 Stück elek- 
trische Schnellzug-Lokomotiven für die K. E. D. Halle bestellt. 
Auch für die bayerische Staatsbahn-Verwaltung haben die M. S. AV. 
die elektrische Ausrüstung für 5 Vollbahn-Lokomotiven in Auf- 
trag erhalten. Infolge des stark erhöhten Auf tragbestandes müssen 
die Werkstätten vergrößert werden; die Bauten sind in Angi'iff 
genommen und sollen noch im Jahre 1912 unter Dach kommen. 
Wir glauben, nunmehr mit einer guten Entwicklung unserer 
Tochtergesellschaft rechnen zu dürfen. 

Ueber Feld-, Industrie- und Kleinbahnen wird uns berichtet: 
Aiigemeims. Dio Bcsscrung, die bereits im Jahre 1911 in Deutschland 

bemerkbar war, hat auch im Berichtsjahr angehalten. Nament- 
lich wurde Industriebahnmaterial infolge der günstigen Kon- 
junktur gut abgesetzt. Gegen Ende des Jahres war die übliche 
leichte Abschwächung zu verspüren, die diesmal durch die un- 
sichere politische Lage noch etwas mehr zum Ausdruck kam. 
Die Preise waren wieder, wie schon seit Jahren, durch scharfe 
Konkurrenzkämpfe gedrückt. Das Bestreben kleinerer und 
mittlerer Firmen der Branche, ihre Geschäfte ohne Rücksicht 
auf die zur Verfügung stehenden Mittel Immer weiter aus- 
zudehnen, verleitet viele Kaufleute, selbst bei gedrückten Preisen 
lange Kredite zu gewähren. Diese ungesunden Geschäftsmethoden 
haben zu den unausbleiblichen Folgen geführt: ein Unternehmen 



i4. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



261 



hat den Verlust der Hälfte des Aktienkapitals zu verzeichrien, 
ein anderes mußte gegen Ende des Jahres den Konkurs an- 
melden. 

Das Exportgeschäft war im allgemeinen günstig. In 
A e g y p t e n fangen die Verhältnisse endlich an, sich den normalen 
zu nähern. Wohl waren infolge der Zahlungsschwierigkeiten 
einiger Großbanken die Geldverhältnisse ziemlich schwierig, 
andererseits haben aber die Eekordernte und die guten Baum- 
wollpreise das Geschäft nicht unwesentlich gehoben. In China 
ist infolge der politischen Verhältnisse das Geschäft noch immer 
gänzlich unterbunden, und auch in Mexiko haben die inneren 
Wirren das Geschäft, besonders im Norden der Kepublik, ganz 
lahmgelegt. Zieht man noch den Balkankrieg in Betracht, der 
den auch früher allerdings nur ziemlich geringen Bedarf der 
Balkanstaaten ausfallen ließ, so ergibt sich die Tatsache, 
daß es im allgemeinen politische Verhältnisse waren, die un- 
günstig auf das Exportgeschäft einwirkten. In Südafrika hat 
sich der Absatz von Material für die Landwirtschaft gehoben, 
das Geschäft mit den Minen dagegen verschlechtert, da neue 
Gruben nicht in Betrieb genommen und die für Erweiterungs- 
bauten vorgesehenen Kapitalien ziemlich aufgebraucht waren. 
Das südamerikanische Geschäft lag ziemlich befriedigend. 



Expoii;. 



9. Fabrikation von Spezialmas'chinen. 

Der Gesamtumsatz in Textil-Veredlungsmaschinen für Baum- 
wolle und Leinen ist im Geschäftsjahr 1912 nicht gestiegen. 
Die Erklärung hierfür liegt in der Steigerung der Rohmaterial- 
preise, sowie der allgemeinen Teuerung der Lebensverhältnis sie, 
wodurch die Nachfrage nach Textilwaren und natürlich auch der 
Bedarf an Maschinen vermindert wird. Der Verlauf des Ge- 
schäftsjahres war ungleichmäßig. Nach der augenblicklichen Ge- 
schäftslage zu urteilen, sind die Aussichten für die Zukunft trotz 
der guten Konjunktur auf anderen Gebieten des Maschinenbaues 
keineswegs als günstig zu bezeichnen. 

Die meisten Rohstoffe haben wesentliche Preissteigerungen 
erfahren und sind noch im Steigen begriffen. So sind Gießerei- 
roheisen je nach der Qualität um 12 — 17 o/o, Messingguß 3,5 o/o, 
Rotguß 9 o/o, Schmiedeeisen und schmiedeeiserne Bleche 7 — 9 o/o, 
Messingbleche 7 o/o, Kupferbleche 29 o/o, Blei 32 o/o, Zinn 23,5 ^k 
gestiegen. Nur die technischen Gummiwaren und Walzenbezüge 
haben keine Preissteigerung erfahren. 

Der Umsatz ist im Verhältnis zum Vorjahre der gleiche 
geblieben. Die Konkurrenz ist auf dem Spezialgebiet äußerst 
scharf und führt ständigen Preiskampf, so daß Preis- und 
Teuerungszuschläge im allgemeinen nicht durchführbar sind und 
die Preise s^edrückt bleiben. 



Fabrikation 
von Spezial- 
maschiiien. 

Textil- 

Verediungs- 

inaschinen" für 

HaumwoUe 

und Leinen. 

nesamttendenz 

(le.s Jahi'es 1912. 



Preis- 
verhältnisse. 



Produktion 
luid Umsatz. 



262 



V. Metallverarbeitung. 



Verkehr mit 
dem Auslandt 



Arbeitsmarkt. 



Kredit- 
Verhältnisse. 



Textil- 
veredlungs- 
maschinen für 
Halbwolle und 
Wolle. 



Stick- 
maschinen 



Der Verkehr mit dem Auslande ist annähernd der gleiche 
geblieben, derselbe beträgt ca. 70 o/o des gesamten Umsatzes. 
Durch die letzte Erhöhung der Zollsätze nach Frankreich ist 
die Lieferung der Maschinen nach diesem Lande wesentlich er- 
schwert worden. Sehr fühlbar machen sich an der französischen 
Grenze Zollschikanen; so wurden Drähte beanstandet, welche 
0,02 in der Stärke variierten gegenüber der Deklaration. Der 
Export von Textilmaschinen nach Amerika, sowie die Liefe- 
rungen nach Oesterreich haben sich durch die hohen Zollsätze 
verringert. Der Absatz nach Italien hat durch den Italienisch- 
Türkischen Krieg nahezu völlig aufgehört. Dagegen hatte anfäng- 
lich der Umsatz nach den Balkanstaaten zugenommen, der gegen- 
wärtig wieder lahm liegt. Auch der bedeutende Absatz nach 
Mexiko hat durch die politische Lage gelitten, während in 
Brasilien eine Steigerung zu verzeichnen ist. 

Die Kernmacher der Gießerei haben vom 15. bis 2G. Jan. 
1912 gestreikt. Die Folgen der Streiks 1911 und der Gesamt- 
aussperrung der Metallarbeiter haben in Verbindung mit der 
einsetzenden Hochkonjunktur üble Folgen gezeitigt. Es sind 
namhafte Ueberschreitungen der Lieferzeiten vorgekommen, die 
namentlich auf Mangel an Materialien zurückzuführen waren. 

In den Zahlungsverhältnissen ist im letzten Geschäftsjahr 
keine Besserung, eher eine Yerschlechterung zu konstatieren. 
Die Kundschaft hat in vielen Fällen sehr lange, oft auf Jahres- 
frist sich ausdehnende Ziele beansprucht. Der inländische Geld- 
markt hat sich versteift, und die Banken üben größere Zurück- 
haltung infolge der politischen Verhältnisse, und einen Druck 
aus, um einer Ueberproduktion vorzubeugen. 

Das Geschäftsjahr 1912 gestaltete sich wie das Vorjahr, und 
der Umsatz erhöhte sich unwesentlich. Der Verlauf des Geschäfts- 
jahres war im ganzen gleichmäßig. Die Aussichten für die 
nächste Zukunft sind ungünstig. Es ist seit Oktober 1911 ein 
wesentliches Nachlassen der Konjunktur festzustellen. Nooh 
mehr als im Jahre 1911 machte sich eine Verschärfung der 
Konkurrenz bemerkbar, ganz besonders der sächsischen, die 
unter wesentlich günstigeren Arbeitsbedingungen fabriziert als 
Berlin. Preisdrückereien und weit hinausgeschobene Zahlungen 
waren an der Tagesordnung im gesamten Textilmaschinengeschäft. 
Das Geschäft leidet sehr unter den politischen Wirren und 
den gespannten allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen. In 
den letzten Monaten waren in den Balkanländern, wie auch in 
Rußland und Oesterreich, überhaupt keine Geschäfte mehr zu 
machen. 

Im verflossenen Jahre war das Geschäft mit Kurbelstick- 
maschinen verhältnismäßig recht ungünstig. Obwohl am Ende 
des Jahres 1911 feste Orders noch für etwa fünf Motiate zu 
erledigen waren, so wurde doch ein großer Teil dieser Be- 



54, Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



263 



Stellungen, die aus Kleinasien und Syrien stammten, infolge des 
Vorgehens Italiens nach der Südküste Syriens, annulliert. Außer- 
dem wirkte auch die Mode, welche wenig Stickereien verlangte, 
recht hemmend auf das Stickmaschinengeschäft. Der Umsatz 
blieb gegen 1911 um etwa ein Drittel des Betrages zurück. Die 
Hauptabsatzgebiete waren Deutschland, Oesterreich, Rußland und 
einige Staaten Südamerikas. 

In der Nähmaschinenbranche waren im Jahre 1912 nennens- 
werte neue Momente hinsichtlich des Geschäftsganges kaum 
zu verzeichnen. Alle deutschen Fabriken sind auf die Ausfuhr 
eines großen Teils ihrer Produktion angewiesen und müssen sieh 
im Inlande der amerikanischen Konkurrenz erwehren. 

In Sohreibmaschinen war die berichtende Firma in der 
zweiten Hälfte des Jahres 1912 mit einer neuen von ihr selbst 
konstruierten und fabrizierten Schreibmaschine mittlerer Preis- 
lage herausgekommen, für welche, wie uns die ersten Ein- 
führungsversuche er'kennen lassen, tatsächlich ein Bedürfnis vor- 
handen ist. In normalpreisigen Maschinen ist weiterhin der Ab- 
satz durch übergroßes Angebot, mit dem der Konsum nicht 
Schritt halten kann, erschwert. Die Folge hiervon sind Preis- 
unterbietungen und sonstige Verschärfungen im Wettbewerb. 
Auch die imlner zahlreicher werdenden Althändler in Schreib- 
maschinen tragen dazu bei, dem Händler in neuen Maschinen 
das Geschäft zu erschweren. 

Die Ausfuhr von Brauereimaschinen hat wiederum in er- 
freulicher Weise zugenommen, die Einfuhr abgenommen. Im 
Jahre 1912 wurden 84453 dz im Werte von 10197 000 Mk. 
(gegen 59 604 dz im Werte von 7 520000 Mk. im Jahr 1911) 
ausgeführt, 726 dz im Werte von 62 000 Mk. (gegen 994 dz 
im Werte von 84000 Mk. im Jahre 1911) eingeführt; auch sind 
in diesen geringen Einfuhrzahlen außer den Brauerei- und 
Mälzereimaschinen noch diejenigen für die Brennerei- und Zucker- 
industrio enthalten. Diese Zahlen berücksichtigen aber nicht die 
Kellereimaschinen, die in der allgemeinen Position 906 v (früher 
906 t): ,, Andere nicht besonders genannte Maschinen" mit vielen 
Gattungen vereinigt und darum nicht zu beurteilen sind. Trotz 
der genannten Ji^rfol^e im Außenhandel ist die Geschäftslage 
alsl ungünstig zu bezeichnen, aus denselben Gründen, welche für 
den Maschinenbau überhaupt zutreffen, dessen finanzielle Ergeb- 
nisse im verflossenen Jahre trotz der Hochkonjunktur durch- 
schnittlich unbefriedigend sind. Durch die fortgesetzte Erhöhung 
der Arbeitslöhne, der Preise des Rohmaterials und der Halb- 
fabrikate, wie der sozialen Lasten, haben die Selbstkosten der 
Maschinenfabriken eine Steigerung erfahren, der die Maschinen- 
p reise gar nicht oder nur unzureichend folgen konnten. Wenn 
die Industrie auch eifrig bemüht ist, mit allen Mitteln der Technik 
die Produktionskosten zu vermindern, so konnten die Maschinen- 



Schreib- 
maschinen. 



Brauerei- 
m aschinen. 



?64 



V. Metallverarbeitung. 



Bierdriick- 
apparate 



Maschinen füi 
die Zündholz- 
Fabrikation. 



Sägegatter und 

Holz- 
bearbeitungs- 
maschinen, 
Maschinen zur 
Furnier- 
fabrikatiou. 



j^reisc durchschnittlich doch nicht in das richtlg-e Verhältnis zu 
den Selbstkosten g-ebracht werden. Zum Teil mag- die nicht an- 
gemessene Preisstellung bei Angeboten in nicht einwandfreier 
Kalkulation liegen, mehr aber an dem scharfen Wettbewerb, der 
von den Abnehmern zu rücksichtslosem Druck auf die Preise 
und Lieferbedingungen ausgenutzt wird. Eine im Frühjahr 
1912 angeregte Vereinbarung einer prozentualen Preiserhöhung 
war nicht ausführbar, da im Brauereimaschinenbau Preislisten 
so gut wie gar nicht geführt werden. Die Kalkulation der 
Herstellungspreise hat aber doch bei sorgfältiger Durchführung 
das Eesultat erbracht, die Verkaufspreise möglichst den Zeit- 
verhältnissen entsprechend zu erhöhen. In so manchen Fällen 
freilich glaubte man höhere Preise nicht erreichen zu können 
und arbeitete so ziemlich ohne jeden Nutzen. Das ist selbst- 
redend recht bedauerlich für den einzelnen und auch nachteilig 
für die Allgemeinheit. Demgegenüber kann nicht genug hervor- 
gehoben werden, daß wenigstens die Durchführung der verein- 
barten A. L. B. um so energischer verfolgt werden muß. 

(AVährend in den ersten neun Monaten des Berichtsjahres 
die Umsätze in Armaturen für Bierdruckapparate ansehnlich 
gestiegen sind, flaute das Geschäft gegen Ende des Jahres g-anz 
erheblich ab. 

Ueher den Greschäftsgang im Jahre 1912 ist nichts Be- 
sonderes zu sagen. Wesentliche Aenderungen sind weder im 
Gesamtumsatz noch in den Preisen eingetreten. Das Geschäft 
in Deutschland hat sich gebessert, das russische Geschäft 
ist geringer gewesen, dagegen war die Nachfrage im über- 
seeischen Export das ganze Jahr hindurch recht rege. Die 
Einführung automatischer Maschinen zur Herstellung der Zünd- 
hölzer hat das Geschäft etwas belebt; es sind in solchen Auto- 
maten gute Abschlüsse zu erzielen gewesen. Die Aussichten für 
das nächste Geschäftsjahr sind derartig, daß man, wenn kriege- 
rische Ereignisse nicht störend dazwischentreten, auf eine 
weitere gleichmäßige Entwicklung rechnen darf. 

Die Beschäftigung in der Fabrikation von Holzbearbei- 
tungsmaschinen war befriedigend. Infolge des Streiks in 
den Gießereien gegen Ende 1911 konnte eine größere An- 
zahl von Aufträgen erst im Jahre 1912 erledigt werden, 
da die Gußbeschaffung stockte, so daß im Anfang des 
Jahres mit Hochdruck gearbeitet werden mußte, um den ohne- 
hin überschrittenen Lieferzeiten noch einigermaßen gerecht zu 
werden. Dtie Nachfrage hielt gleichmäßig das ganze Jahr über 
an. Abschlüsse A\nirden infolgedessen leicht und schnell ge- 
tätigt. Normalpreise waren jedoch nicht zu erzielen, was um 
so bedauerlicher ist, als infolge der die ganze Zeit anhaltenden 
Hochkonjunktur die Preise der Rohmaterialien und Halbfabrikate 
weiter gestiegen sind, es aber nicht möglich ist, durch Erhöhung 



o4. Eisengießerei, Baukonstruktionen usw. 



265 



der Verkaufspreise einen Ausgleich zu schaffen. Das Geben lang- 
fristigen Kredits hat nicht nachgelassen und wird, da dieses auch 
die größten Firmen handhaben, immer mehr von den Kunden 
verlangt; eine unangenehme Beigabe zu den ohnehin gedrückt'Cn 
Preisen. Der Exporthandel, speziell nach Rußland, hat sich 
weiter gut entwickelt. Das Verhältnis mit den Arbeitern 
war auch im Berichtsjahre das beste; Differenzen sind nicht 
vorgekommen. 

In der Industrie der Bäckereimaschinen blieb das Jahr 1912 
in jeder Beziehung hinter den Erfolgen vorangegangener Jahre 
zurück. Infolge der alles beeinflussenden schlechten Konjunktur 
des Baumarktes fanden sich nur wenige gute und zahlungs- 
fähige Abnehmer für moderne Bäckereimaschinen usw., v/eil in 
Berlin und im Inlande verhältnismäßig sehr wenig neue Bäckerei- 
anlagen gebaut wurden und die alte Stammkundschaft kauf- 
unluetig war. Es wurden fast nur füi^ das Ausland Neukonstruk- 
tionen von Teigknetmaschinen fabriziert, da in verschiedenen 
Staaten wie Humänien, Bulgarien, Brasilien usw., in den neu- 
erbauten Bäckereibetrieben laut Gesetz der Teig nur noch durch 
Maschinen verarbeitet werden darf. Es sind also darin noch 
gnte Geschäfte zu erwarten, sobald ruhigere Zeiten kommen. 
Die Eohmaterialienpreise sowie die Arbeitslöhne stiegen zu An- 
fang' 1912 um etwa 7 o/o, es war aber nicht möglich, diesen Aus- 
fall des Gewinnstes von den Käufern zu erhalten, da zurzeit 
viel von der Konkurrenz geschleudert wird. Konflikte mit den 
Arbeitern kamen nicht vor. 

Dier Absatz von Dezimal- und Laufgewichts-Brückenwagen 
geringerer Traglo-aft war außerordentlich xege; auch die Neu- 
aufstellung yon Euhrwerkswagen für Berlin und Vororte war 
im Jahre 1912 größer als 1911. Die Preise für diese 
Fabrikate befriedigten etwas, wenn auch die gesteigerten 
Löhne den Gewinn beeinflußt haben. Di^r Absatz in "Waggon- 
wagen hatte außerordentlich unter starker, auswärtiger Kon- 
kurrenz zu leiden, die erzielten Preise waren sehr gering. Sie 
deckten teilweise kaum die Gestehungskosten. Erschwerend für 
den Absatz von Waggonwagen trat der Umstand hinzu, daß 
einzelne hiesige städtische Behörden bei Ausschreibungen von 
AVaggon wagen die Berliner Industrie gar nicht mit aufforderten, 
ob.wohl die Waggonwagen der hiesigen Fabriken überall als 
mtistergiiltig gelten. Der Bedarf von Brücken- und Spezial- Vieh- 
wagen für die Landwirtschaft, ist etwas geringer als im Vor- 
jahre gewesen, während der Absatz in automatischen Wagen, 
besonders durch die Errichtung vieler Kartoffel trocknungs- 
Anlagen sich steigerte. Zurzeit - sind noch genügend Aufträge 
in kleinen und mittleren Wagen vorhanden, besonders in besseren 
Sorten für die Industrie. Doch werden Neubestellungen seitens 
der Industrie seltener. 



Bäckerei 
maschinell. 



Wagren. 



266 



V. Metallverarbeitung. 



Kriegs- 
materialien. 



Setzmaschinen. 



Druckluft- 
Grubenbahnen 



Flaschen- 
maschinen. 



Die Berliner Maschinenbau - Aktiengesellschaft vormals 
L. Sohwartzkopff berichtet über das Geschäftsjahr 1911/12: 

Unsere Eo-iegsmaterial-Abteilung war für das In- wie Aus- 
land noch besser als im Vorjahre mit Arbeit versehen. 

Für die Mergenthaler Setzmaschinenfabrik G. m. b. H. 
sind wir dauernd stark beschäftigt gewesen, und zwar nament- 
lich, weil sich die patentierten Doppel- und Dreimagazin- 
Maschinen, von welchen letztere erst kürzlich durch die Mergen- 
thaler Setzmaschinenfabrik an den Markt gebracht worden 
waren, ausgezeichnet bewähren. 

Bezüglich Druckluft-Grubenbahnen hielten die Bergverwal- 
tungen im Anfange des Berichtsjahres mit Bestellungen zurück, 
da allgemein das Ergebnis der im letztjährigen Geschäfts- 
berichte erwähnten, vom Verein für die bergbaulichen Interessen 
im Oberbergamtsbezirk Dortmund angestellten Versuche mit 
Druckluftlokomotiven verschiedener Herkunft abgewartet wurde. 
Nachdem hierbei die von uns gebaute Druckluftlokomotive am 
besten abgeschnitten hatte, flössen dieser Abteilung sehr be- 
trächtliche Aufträge zu. 

Unsere Abteilung für die Herstellung von Owens-Flaschen- 
maschinen hat uns ebenfalls zunehmende Beschäftigung, und 
zwar sowohl für das In- als auch für das Ausland, gebracht. 

Infolge der erhöhten Ansprüche, welche an die Leistungs- 
fähigkeit unserer Spezialbranchen gestellt wurden, sahen wir 
uns genötigt, einige Werkstätten zu vergrößern und ent- 
sprechend auszurüsten. 



55. Elektrizitätsindustrie. 
Erster Bericht. Erster Bericht. 

ADgcmeines. Dem Bericht der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft für 

das Geschäftsjahr vom 1. Juli 1911 bis 30. Juni 1912 entnehmen 
wir folgende Ausführungen. Wie uns von der Firma mitgeteilt 
wird, ist seit Veröffentlichung des Berichtes eine wesentliche 
Aenderung der Geschäftslage nicht eingetreten. 

[Der Absatz unserer Erzeu^isse und die vorliegenden Auf- 
träge haben die gehegten Erwartungen weitaus überstiegen. Die 
Ausdehnung unserer Organisation auf fast alle Teile der be- 
wohnten Erde läßt es begreiflich erscheinen, daß ein Jahr all- 
gemeinen industriellen Aufschwnxnges im In- und Auslande uns 
vermehrte Arbeitsmöglichkeiten brachte. Dazu kommt, daß die 
Stromversorgung weiter Gebiete aus großen Zentralen schnell 
fortschreitet imd an die Leistungsfähigkeit der AVerkstätten 
außerordentliche Anforderungen stellt. Um ihnen zu entsprechen, 
waren bedeutende Erweiterungen der Fabrikeji notwendig, die 
teils ausgeführt, teils geplant sind. Die Erwerbung und Be- 
bauung von Grundstücken, die Ausdehnung und VervoUkomm- 



55. Elektrizitätsindustrie. 267 

nung von Fabrikeinrichtungen, die den wirtschaftlichen Auf- 
gaben entsprechende finanzielle Beteiligung an Unternehmungen 
und unser Anteil an der KapitalserhöhuHg der Bank für elek- 
trische Unternehmungen erfordern bedeutende Mittel, an deren 
befriedigender Verzinsung zu zweifeln wir keinen Anlaß haben. 

Um die für unser Arbeitsprogramm wünschenswerte Li- 
quidität aufrechtzuerhalten, müssen wir die finanzielle Basis 
unseres (Unternehmens verbreitern. Wir haben gemäß der An- 
kündigung im vorigen Geschäftsbericht 30 Mill. Mk. 41/2 0/0 ige 
Schuldverschreibungen begeben, deren Unkosten im Betrage von 
1 072 459,40 Mk. im laufenden Jahre abgeschrieben sind, und 
beantragen die Erhöhung unseres Grundkapitals durch Ausgabe 
fv^on nom. 25 Mill. Mk. junger Aktien, die vom 1. JuK er. vollen 
Anteil am Reiagewinn nehmen sollen. Unser Bankenkonsortium 
hat sich verpflichtet, die jungen Aktien zu zeichnen, den Haupt- 
betrag den Aktionären im Verhältnis von 1 : 7 zum Üebernahme- 
kurse anzubieten und den Eest in der Weise zu verwenden, daß 
der Ueberpreis nach Abzug einer vereinbarten Gewinnbeteiligung 
dem ordentlichen Reservefonds zufließt. 

Au^ dem Geschäftsgewinn beantragen wir, wiederum eine 
I>ividende von 14 0/0 auszuschütten, an der die im Jahre 1910 
emittierten ßO Mill. Mk. diesmal voll teilnehmen und durch 
Rückstellung von 3000000 Mk. die Reserven auf den Betrag 
des halben Aktienkapitals zu erhöhen. Zur gänzlichen Ab- 
scLreibimg neubeschaffter Fabrikeinrichtxingen konnten in ge- 
wohnter Weise Finanzgewinne verwendet werden; ein nennens- 
werter Teilbetrag wird erst im laufenden Jahr verrechnet werden. 

Alle Abteilungen der Fabriken Brunnenstraße waren über- Maschinei> 
aus stark beschäftigt. Dbr Umfang der Lieferungen konnte trotz 
der Neubauten der Kleinmotorenfabrik und der Fabrik für Bahn- 
material nicht mit den Bestellungen gleichen Schritt halten, so 
daß für die weiteren Neubauten, die in den nächsten Monaten 
ihrer Vollendung entgegengehen, schon auf Grund der gegen- 
wärtig vorliegenden Aufträge auf längere Zeit reichliche Arbeit 
vorhanden ist. 

Die Steigerung der Lieferungen von Maschinen und Trans- 
foi'matoren aus unserer Berliner Fabrik geht aus nachstehender 
Tabelle hervor: 

1909/10 1910/11 1911/12 

Maschinen und Transformatoren 72 460 92 186 118 205 

Leistung in PS 1 476 623 2 385 869 2 529 000 

Zur Ablieferung gebracht wtirden große Drehstrom-Genera- 
toren für AVasserkraftanlagen in Leistungen bis zu 15 000 PS, 
Generatoren zur Kupplung mit Gas- und Dieselmotoren bis zn 
6000 PS und zahlreiche "Walzwerks - Antriebe speziell für 
Eeversierstraßen; Eegulieran triebe für ökonomische Touren-Regu- 



268 V. Metallverarbeitung. 

lierung in den Hüttenwerken fanden mehr und melir Einganir. 
Aufträge auf Einanker-Umformer für 25 und 50 Perioden mit 
Zusatz-Maschinen und auch mit Potential-Regulatoren gingen in 
steigender Zahl ein. Neuentwickelt wurde die elektrische Aus- 
rüstung von Untersee-Booten mit Spezialmotoren und Schalt- 
apparaten. In der Fabrik für Bahnmaterial wurden eine Reihe 
von Einphasen-Wechselstrommotoren für Vollbahn-Lokomotiven 
und die hierzu benötigten Schalt- und Steuerapparate zur Aus- 
führung gebracht. Oa sich die Schützen-Steuerungen mehr und 
mehr einführen, wurden für die schweren Lokomotiven Schützen 
für Stromstärken bis zu 1600 Amp. durchgebildet. 'Die Trans- 
formatorenfabrik lieferte Transformatoren in Leistungen bis zu 
15 000 KW und Spannungen bis zu 110000 Volt. Mit der zu- 
nehmenden Größe der Zentralen mußte die Hochspannungsfabrik 
auf eine entsprechende Entwicklung der Oelschalter für größte 
Leistimgen bedacht sein. In der Kleinmotorenfabrik wurde eine 
neue Reihe von Gleichstrommotoren durchgearbeitet, von deren 
Lieferung wir uns für das kommende Geschäftsjahr Erfolg ver- 
sprechen. [Die Fabrik für Eisenbahnsignale, die Schweiß- 
maschinenfabrik, sowie die Schraubenfabrik sind im Berichtsjahr 
nach iFrankfurt a. M. verlegt worden, so ;daß die Fabriken Brunnen- 
siraße sich zurzeit ausschließlich mit der Herstellung von Gene- 
ratoren und Motoren, von Transformatoren und deren Hilis- 
apparaten beschäftigen können. 
Turbinen- IDie erzielten Preise weisen eine leichte Besserung gegen- 

über dem Vorjahre auf. Es wurden geliefert: 

Dampfturbinen . . 
Leistung ia PS . . 

Es gelang, unter voller Wahrung hoher Sicherheitsgrade, 
die Leistungsgrenze SOOOtouriger D'rehstrom-Aggregate weiter zu 
steigern Es wurden 50 solcher Maschinen mit Leistungen von 
3750 KVA und darüber hergetsellt, darunter 24 Stück von je 
5620 KVA. Zu den bisherigen Fabrikationsgebieten, bei denen 
ohne Ausnahme eine Steigerung der Umsätze und der durch- 
schnittlichen Maschinenleistungen zu verzeichnen ist, kamen als 
neue Spezialität Kesselspeisepumpen mit Turbinenantrieb, von 
denen bereits eine größere Anzahl in Betrieb sind. Von Be- 
stellungen auf große Maschinen erwähnen wir diejenig'cn der 
städtischen Elektrizitätswerke in Dresden, Düsseldorf, Duisburg, 
des rheinischen Elektrizitätswerkes im Braunkohlenrevier, der 
Brjansker Werke in Ekaterinoslaw. Die größten auszuführenden 
Maschineneinheiten waren eine Turbine von 20000 KVA, zwei 
von 18 000 KVA und eine von 12 500 KVA. 
Apparate- Dio Beschäftigung der Bogenlampen- und Uhrenfabrik war 

fabnk. gegenüber dem Vorjahre ziemlich unverändert. Während der 



1909/10 


1910/11 


1911/12 


174 


284 


312 


363 188 


441 467 


735 648 



55. Elektrizitätsindustrie. 269 

Absatz an gewissen Lampengattungen (besonders für Eeinkohlen) 
zurückgeht, kommen die sogenannten Flammecolampen (getränkte 
Kohlen mit großer Brenndauer unter Luftabschluß) mehr und 
mehr in Aufnahme. Die neuesten Fortschritte der Kohlenstift- 
fabriken ergaben eine Steigerung der Lichtausbeute und geringere 
Anätzung der Glocken. Die neue Lampe scheint berufen, sich 
steigenden Absatz zu erwerben, unbeschadet des "VYettbewer]>es, 
den vielkerzige Metalldrahtlampen der Bogenlampe bereiten. Als 
Lichtquelle von sehr großen Dimensionen hat auch die Quarz- 
glas-Quecksilberlampe, die unter unserer Mitwirkung in Hanau 
hergestellt wird, an Bedeutung gewonnen. Die Hauptuhren sind 
hinsichtlich des Kontaktdruckes und der Gangreserve bedeutend 
verbessert worden. Die Fabrikation von Arbeiterkontrolluhren 
ist aufgenommen. Eine neue, entsprechend den Verbandsvor- 
schriften konstruierte Serie von Steckvorrichtungen ermöglicht 
bequeme Montage und bietet sicheren Schutz gegen die Berührung 
spannungführender Teile. Auf Grund eingehender Versuche 
konnte die Explosionssicherheit der Stöpselsicherungen bedeutend 
erhöht werden; neuere Typen für höhere Spannung und Strom- 
stärke wurden geschaffen. Neue Installationsmaterialien zur 
Montage unter Putz mit dekorativer Abdeckplatte begegnen 
steigendem Zuspruch. Die Fabrikation von Schaltern und 
schwerem gekapselten Installationsmaterial hat eine wesentliche 
Steigerung erfahren, die eine Erweiterung der Fabrikationsräume 
und des Maschinenparkes nötig machte. Der Ausbau des Systems 
der gußeisernen Sammelschienenkästen ermöglichte die Aus- 
führung von gußeisernen Verteilungsanlagen größeren Umfangs. 
Die Abteilung Elektrizitätszähler entwickelte sich trot:^ sinkender 
Preise weiter günstig. Verbesserungen sind u. a. am rotierenden 
Gleichstrom- AVattstundenzähler und rotierenden Amperestunden- 
zähler gemacht worden. Die letztgenannte Zählersorte verspricht 
weiterhin großen Absatz. Kleinste Motoren, Ventilatoren und 
besonders elektromagnetische Instrumente fanden stark steigenden 
Bedarf, ebenso die neu eingeführte billige Type der AL-Strom- 
transformatoren. In Vorbereitung sind: Flachtypen-Instrumente 
zum versenkten Einbau in Schalttafeln, ferro-dynamische Schalt- 
tafel-Instrumente, ferro-dynamische registrierende Instrumente 
(große Form), wasserdichte Vorschaltwiderstände, Deprez 
registrierende Instrumente (große Form), Profil-Instrumente mit 
beleuchteter Skala, Präzisions-elektromagnetische Instrumente, 
Stromtransformatoren. Die Bestellungen auf Geschwindigkeits- 
messer für Kraftwagen versprechen weitere Steigerung. Die 
Fabrikation und der Absatz von Schreibmaschinen zeigen stetige 
erfreuliche Zunahme. Die „Mignon"-Schreibmaschine hat eine 
I^eihe von Verbesserungen erfahren. Die Tageslieferung beträgt 
zurzeit nahezu 100 Maschinen. Der Vertrieb erfolgt durch unsere 
l nion Schreibmaschinen-Gesellschaft m. b. H. 



270 



V. Metallverarbeitung. 



Fabrik 
Hennigsdorf. 



Fabrik 
Frankfurt a. M. 



Kabelwerk 
Oberspree. 



Der Fabrikation von Heiz- und Kochapparaten für Haus- 
halt und "Werkstatt wenden wir unser besonderes Interesse zu. 
In weiten Kreisen erwacht das Verständnis, daß auch auf tliesem 
Gebiet der elektrische Strom nützliche, oft unentbehrliche Dienste 
leistet, wenn er zu angemessenen Tarifen geliefert wird. Wir 
haben unseren Absatz um mehr als 75 o/o gesteigert. In unserem 
Ausstellungsraum Königgrätzer Straße 4 sind alle Neu- 
konstruktionen dieses Grebietes vereinigt. Im übrigen dienen die 
Hennigsdorf er Werkstätten der Herstellung von Isolatoren, 
Mikanitteilen, Isolierlacken und Oeltuch, die wir zumeist in 
unseren anderen Fabriken weiter verarbeiten. In der "Porzellan- 
fabrik gelang die Herstellung von Isolatoren bis zu 100000 Volt 
Spannung. 

Die von uns den AEG-Lahmeyerwerken abgemieteten Käume 
waren zunächst zur Ergänzung der Berliner Maschinenfabrik 
bestimmt. Es werden dort komplette Maschinen hergestellt, 
ferner aber auch, um die vorhandenen "Werkzeugmaschinen besser 
auszunutzen, Teilarbeiten, wie Drehen von großen Wellen, Hobeln 
von Grundplatten usw. ausgeführt. Die vorhandene Werkzeug- 
macherei soll vergrößert und in den Stand gesetzt werden, auch 
Aufträge in Fabrikationsvorrichtungen, Schnitten, Stanzen und 
anderen Werkzeugen für die Berliner Fabriken zu übernehmen. 
Im Laufe des Geschäftsjahres sind in die Frankfurter Fabrik- 
räume übergesiedelt: Der Eisenbahnsignalbau, die Schrauben- 
fabrik, die Schweißmaschinen- und Härteöfen-Fabrik und der 
Scheinwerferbau. In der Ozon-Abteilung wurde eine große Anzahl 
von Versuchen zur Einführung der Ozon-Technik in die ver- 
schiedenen Gebiete der Industrie durchgeführt. Außerdem werden 
Fahrkartendruckapparate in der Fabrik Frankfurt faVriziert. In 
Konstruktion befindet sich ein elektrisch betätigter, völlig auto- 
matisch arbeitender Apparat dieser Art, sowie ein von Hand 
zu betätigender Kartengeber. 

Sämtliche Betriebe waren wiederum so stark beschäftigt, 
daß nur durch Einrichtung doppelter und dreifacher Schichten 
der vermehrte Auftragsbestand erledigt werden konnte. In der 
Bleikabelfabrik machte sich die steigende Verwendung der Hoch- 
spannungskabel bemerkbar. Das ausgedehnte Vorortnetz der 
Berliner Elektricitäts- Werke, bei dem Drehstromkabel für 
30000 Volt zur Verwendung gelangten, wurde vollständig aus- 
gebaut und dem Betriebe übergeben. Die Preise für Installations- 
leitungen sind nach wie vor gedrückt, wenn auch gegen das 
Vorjahr eine kleine Besserung zu verzeichnen ist. Der Emaille- 
draht findet als Ersatz für Baumwoll- und Seidendraht fort- 
gesetzt steigende Verwendung, so daß wiederum Vergrößerungen 
dieser Abteilung notwendig wurden. Hitzebeständigkeit und 
Isolationsvermögen unseres Spezial - Isoliermaterials Tenacit 
wurden weiter erhöht, so daß sich dieser Isolierstoff ständig 



55. Elektrizitätsindustrie. 



271 



neue Gebiete der Installationstechnik und des Apparatebaues er- 
obert. Die Pneumatikfabrikation wurde vorläufig eingestellt, 
weil die Herstellung von Gummimischungen für elektrische 
Zwecke und die Fabrikation von Hartgummiartikeln alle ver- 
fügbaren Eäume erforderte. Die gesamte Gummifabrik ist in 
ein neu errichtetes, sechsstöckiges Gebäude verlegt worden, in 
dessen oberstem Stockwerk der erheblich vergrößerte Betrieb 
der Aluminiumgießerei untergebracht wurde. Die frei gewordenen 
Eäume der alten Gummifabrik dienen zu Erweiterungen der 
Kabelfabrik, der Drahtfabrik: und der Tenacitfabrik. Das Rohr- 
walzwerk entwickelte sich befriedigend und mußte — ebenso 
wie die Metallpresserei ■ — wiederum vergrößert werden. Die 
weiter wachsende Anwendung gepreßter Metallteile an Stelle von 
Guß gab unserem Preß- und Stanzwerk fortgesetzt steigende 
Beschäftigung. 

Im Gegensatz zum Vorjahr zeigte der Kupfermarkt fast 
dauernd steigende Tendenz. Der Kupferbedarf stieg von 27 034 t 
auf 31 326 t. Auch in sämtlichen anderen, für unsere Fabrikation 
wichtigen Metallen, insbesondere in Blei, traten starke Aufwärts- 
bewegungen ein. während der Preis! von Baumwolle zurückging. 
Der Kautschukmarkt verlief nach den stürmischen Perioden der 
vorigen Jahre ruhig und gleichmäßig. 

Von großer Bedeutung für die gesamte Starkstromtechnik 
ist die Anwendung des gezogenen Fadens an Stelle des gespritzten 
in der Wolframlampe. Neben einer großen Verbesserung der 
Bruchfestigkeit wurde eine erhebliche Verminderung der Selbst- 
kosten erzielt. Das Verfahren ist uns in Gemeinschaft mit 
einigen anderen Firmen durch Patente geschützt. Die Nachfrage 
nach AEG-Metalldrahtlampen spricht sich in den um 80 ^fo ge- 
stiegenen Versandziffem aus, und wir müssen unsere Produktion 
dauernd erhöhen, um den Bedarf zu decken. Auch Lampen von 
kleiaen Kerzenstärken können jetzt mit Wolframdraht aus- 
gestattet werden. Daß der Absatz in Kohlefaden-Glühlampen 
unter den obwaltenden Verhältnissen zurückging, war zu er- 
warten. 

Die Arbeiterzahl in den Werkstätten der Neuen Automobil- 
Gesellschaft m. b. H. erhöhte sich auf mehr als 2000 und der 
fakturierte Umsatz um über 50 o/o. Die Fabrikation erstreckte 
sich auf Luxusfahrzeuge, Elektromobile, Lieferungswagen, Last- 
wagen und Omnibusse, Motorboote und Motoren für Schiffe und 
Luftfahrzeuge. Für den Droschkenverkehr in Berlin und anderen 
Städten wurden erhebliche Aufträge erteilt. Die Organisation 
in Deutschland und im Ausland ist weiter ausgebaut worden. 
Die NAG, die gute Erträge erbringt, soll mit Eücksicht auf 
den entsprechend steigenden Kapitalbedarf in eine Aktiengesell- 
schaft mit einem Kapital von 7 Mill. Mk. umgewandelt werden. 
Auch die Automobil-Betriebs-Aktien-Gesellschaft, von deren 



r-ampenfabrik. 



Automobil- 
fabrik. 



>79 



11 



V. Metallverarbeitung. 



Licht- und 
Kraftanlajrtii 



Elektrizitäts- 
werke. 



Kapital wir die Hälfte besitzen, hat befriedigend gearbeitet und 
für 1911 8 o/o Dividende erbracht. In Berlin sind 365 Fahrzeuge 
im Betriebe, in Köln verläufig 25 Elektromobildroschken. 

Umfassende Neubauten der Eisen- und Stahlindustrie be- 
schäftigten unsere Großmaschinen-Fabrikation in reichem Maße. 
Die Nachfrage nach großen Dynamomaschinen und MotDren 
dauert zurzeit fort. Unter dem Einfluß der Elektrifizierung 
hat sich der Ausbau neuerer Eisen- und Stahlwerke wesentlich 
geändert. Die zentrale Energieerzeugung gestattet, dem Fabri- 
kationsgang folgend, in natürlichster AVeise die Arbeitsstätten 
zu verwenden und die Transporte zu bewerkstelligen. Als Kraft- 
träger für die elektrischen Generatoren dominieren weiter die 
Großgasmaschinen, die neuerdings in Einheiten bis 6000 Pferde- 
stärken gebaut werden ; parallel mit ihnen werden Dampfturbinen 
weit größerer Leistungen verwendet, die für die wechselnde 
Energieabgabe willkommene Dämpfer darstellen. Die Walzw^erke 
erfordern Elektromotoren stets wachsender Leistungen. Ab- 
geliefert und im Bau sind 385 "Walzantriebe mit einer Gesamt- 
leistung von 680 000 Pferdestärken. Die Anwendung des Elektro- 
motors auf diesem Gebiete wird für die Zukunft noch weiter 
unterstützt durch unsere patentierten Beguliermethoden, welche 
die Einstellung jeder gewünschten "Walzgeschw^ndigkeit ohne 
Energieverlusto gestatten. Im Bergwesen fanden unsere Erzeug- 
nisse gesteigerten Absatz. Neu hinzu kam das ganze Gebiet 
der rotierenden Preßluftmaschinen, die teils zentral in Form von 
Dampfturbokompressoren, teils dezentralisiert durch schnell- 
laufende Elektromotoren betrieben, eine große Entwicklung in 
Aussicht stellen. Der Umsatz in elektrischen Ausrüstungen für 
Hebezeugo weist eine Rekordzahl auf. Charakteristisch sind die 
stetig wachsenden Hubleistungen; Krane und Verladevorrich- 
tungen mit 300 pferdigen Hubmotoren finden in erwähnenswertem 
Umfang Verwendung. Die Textil- und Papierindustrie benutzt 
die Feinheiten des elektrischen Antriebes mit besonderem Erfolge ; 
die von uns entwickelten Spezialitäten sichern uns auch auf 
diesem Gebiete weitere lohnende Besehäftigung. 

Wir erwähnen unter den in Betrieb genommenen Zentral- 
stationen je eine Kraftstation des Rheinischen Elektricitätswerkes 
im Braunkohlenrevier und der Hamburger Hochbahn, mit je 
12 000 PS Leistung und mit Dampfturbinen ausgestattet, sowie 
den elektrischen Teil der Wasser-Kraftstation Lienfos (Norwegen) 
mit einer Leistung von annähernd 23 000 PS. Die elektrischen 
Einrichtungen des neuen Wasserkraftwerkes AVhylen wurden zum 
größten Teil vollendet, so daß die Inbetriebsetzung mit einer 
Leistungsfähigkeit von 30000 PS bevorsteht. Auch das für das 
Gemeinschaftswerk Hattingen erbaute Kraftwerk von 13 000 PS 
geht der Vollendung entgegen. Von den Anlagen für die Victoria 
Falls and Transvaal Power Company ist der Bau des Werkes 



55. Elektrizitätsindustrie. 273 

„Vereeniging" soweit vorgeschritten, daß demnächst zwei Turbo- 
dynamos von je ca. 10000 KW in Betrieb genommen werden 
können. Die Inbetriebnahme zweier weiterer Maschinensätze von 
je 12 000 KW Leistung ist Ende 1912 in Aussicht genommen, 
so daß zu diesem Zeitpunkt allein in dieser Zentrale rund 
70000 PS zur Stromerzeugung aufgestellt sein werden. Die Ge- 
samterz eugungsfähigkeit aller von uns errichteten Zentralen 
dieser Gesellschaft wird dann den Betrag von 230 000 PS er- 
reicht haben. Für Deutsch-Krone, Bergheim, Anhalt, Cöthen, 
Bernburg, Gardelegen, "Weferlingen, Saalkreis Bitterfeld, 
Beihingen - Pleidelsheim, die Mainkraftwerke haben wir Ueber- 
landzentralen fertiggestellt. Der Zweckverband Neumark be- 
auftragte uns mit der Ausführung einer Ueberlandzentrale für 
die Kreise Ost- und Weststernberg, Friedeberg, Soldin, Lebus, 
Guben, Crossen a. 0. und Landsberg a. W. ; das ca. 800 km 
lange Hochspannungsnetz wird etwa 500 Ortschaften und Guts- 
anlagen Strom zuführen. Die Stromlieferung für dieses Gebiet 
wird zum Teil durch die Märkisches Elektricitätswerk Aktien- 
gesellschaft erfolgen, deren Werk in Heegermühle wir zurzeit 
um 9000 PS erweitern. Für die neu ins Leben gerufene Aktien- 
gesellschaft Thüringer Elektricitäts-Liefemngs-Gesellschaft bauen 
wir eine Ueberlandzentrale für die Herzogtümer Gotha und 
Meiningen sowie für die Kreise Schmalkalden und Schleusingen 
mit einer Kraftstation bei Altenbreitungen a. d. Werra von 
zunächst 14000 PS. Auf Grund des mit der Stadt Königsberg 
getätigten Vertrages nahmen wir den Ausbau der dortigen Werke 
in Angriff. Die neue im Bau begriffene Station wird mit 
ca. 18 000 PS ausgerüstet. Wir schlössen ferner einen Vertrag 
mit der Stadtgemeinde Altona, nach welchem der unter Beteili- 
gung der Stadtgemeinde gegründeten Aktiengesellschaft „Elek- 
tricitätswerk Unterelbe** die in Altona bestehenden Werke auf 
die Dauer von 50 Jahren überlassen werden — hier werden 
zurzeit Neuanlagen von 13 000 PS aufgestellt — und einen Ver- 
trag mit der Stadtgemeinde Brandenburg-Havel, die uns ihre 
Werke für den Zeitraum von 40 Jahren überläßt. Auch für 
dieses Unternehmen ist eine besondere Aktiengesellschaft ge- 
gründet worden. Unter Beteiligung der Stadt Saarbrücken und 
anderer Interessenten gründeten wir die Aktiengesellschaft ,,Elek- 
tricitäts- und Gas -Vertriebsgesellschaft Saarbrücken" zwecks Ver- 
sorgung des Saarreviers mit elektrischer Energie aus den Zentralen 
der Königlichen Bergwerksdirektion. Die ,, Elektricitätswerk Fulda 
Aktiengesellschaft" übertrug uns die Einrichtung eines Elek- 
trizitätswerkes für die Versorgung der Stadt Fulda und der 
umliegenden Gebiete. Von den sonst vorliegenden Aufträgen auf 
Einrichtungen und Erweiterungen elektrischer Zentralstationen 
führen wir unter anderen auf: die elektrische Einrichtung des 
AVasserkraftwerkes Kobbiate der Societa Edison in Mailand mit 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 18 



Bahnen. 



274 V. Metallverarbeitung. 

ca. 40 000 PS, der Kraftstation der Niedersächsischen Kraftwerke 
Akt.-Ges. in Ibbenbüren mit 14000 PS, der Werke in AVilmers- 
dorf für das Elektricitätswerk Südwest mit 12 000 PS, in 
Barcelona 15 000 PS, des Braunkohlenwerks Fortuna zweiter 
Ausbau 12 000 PS, Genua-Sampierdarena 15 000 PS, Hirschfelde 
11 000 PS, sowie die Erweiterung der für die Allgemeene Neder- 
landsch-Indische Electriciteits-Maatschappij, Amst-erdam, auf Java 
errichteten und in Betrieb genommenen Anlagen mit ca. 6000 PS. 
Elektrische Das Geschäft in Straßenbahnen hat an Umfang weiter 

zugenommen. Außer den ständig anwachsenden Lieferungen für 
die bestehenden Betriebe liegen zahlreiche Aufträge auf Er- 
weiterungsbauten vor; auch werden dauernd neue elektrische 
Bahnen eingerichtet, und zwar in der Mehrzahl von Kreisen 
und Gemeinden. Für die Vorortstrecken der großen Netze 
bürgert sich immer mehr der hochgespannte Gleichstrom ein. 
Bei der Vergebung von Arbeiten für die Einrichtung des elek- 
trischen Betriebes auf den Strecken Magdeburg — Leipzig— Halle 
und Lauban — Königszelt der preußischen Staatsbahnen ist uns 
ein großer Teil der Lieferungen, darunter 20 Lokomotiven, zu- 
gefallen. Die Arbeit an dem Kraftwerk für die Stromerzeugung 
der Strecke Lauban — Königszelt in Mittelsteine, an dessen Ein- 
richtung und Betrieb wir beteiligt sind, schreiten gut voran. 
Wir erhielten auch wieder Aufträge auf die Ausrüstung von 
Akkumulatorwagen für den preußischen Staat sowie Nach- 
bestellungen für Blankenese — Ohlsdorf, Berlin — Groß Lichter- 
felde Ost und London — Brighton. Die Hamburger Hochbahn 
ist im Anfang dieses Jahres dem Betrieb übergeben worden. 
Ihr Verkehr entspricht den Erwartungen. Die Verhandlungen 
mit der Stadt Berlin über die Schnellbahn Gesundbrunnen — 
Neukölln haben zum Abschluß eines Vertrages geführt, der 
zurzeit den staatlichen Behörden zur Genehmigung vorliegt. 
Die unter unserer Mitwirkung betriebenen Straßenbahnen hatten 
auch im letzten Geschäftsjahre befriedigende Ergebnisse. Die 
Stadtbahn Halle wurde mit weiteren neuen Motor'wagen aus- 
gerüstet und erzielte eine größere Dividende. Ebenso wurde 
bei der Fernbahn Halle — Merseburg mit der Modernisierung 
des Wagenparks begonnen, die Steigerung ihres Betriebserträg- 
nisses wurde zu vermehrten Bückstellung^n verwendet. Der 
Nettoüberschuß der elektrischen Kleinbahn Emden — Außenhafen 
hat sich auch nach verstärkter Kapitalstilgung verbessert. Die 
Meißener Straßenbahn verteilte zum ersten Male eine Divi- 
dende. Die Bahn in Jassy erbrachte nach Durchführung ver- 
schiedener Betriebs Verbesserungen einen erhöhten Reingewinn; 
die Straßenbahn Bergen verteilte die gleiche Dividende wie 
im Vorjahre und zeigt eine erfreuliche Steigerung des Ver- 
kehrs auf dem erweiterten Betriebsnetz; auch die Straßenbahn 
Barcelona hatte höhere Betriebserträgnisse, ebenso erfuhren die 



55. Elektrizitätsindustrie. 



275 



Einnahnien der Straßenbahnen in Oesterreich, bei denen wir 
beteiligt sind, eine Steigerung. Die Schlesische Kleinbahn 
Akt. -Ges. konnte ihre Rücklagen sowie gleich'zeitig die Divi- 
dende etwas verbessern. 

Die Gesamtzahl der von den in- und ausländischen Fabriken 
abgelieferten Maschinen einschl. Turbodynamos und Trans- 
formatoren belief sich auf 133 499 mit einer Leistung von 
3 610 010 PS. Die Zahl der Angestellten beträgt 70162; von 
diesen entfallen 6551 auf die Fabriken Wien, Riga und Mai- 
land. Die Anzahl der Konten ist auf 196 400 gestiegen. 



statistisches. 



Zweiter Bericht. 

Von den Firmen Siemens & Halske A.-G. und Biemens- 
Schuckert-Werke G. m. b. H. gehen ims folgende Mitteilungen zu : 

Die Bestellungen sind auf fast allen von uns bearbeiteten, 
weitverzweigten Gebieten der Elektrotechnik wieder in erheblich 
größerem Umfange als im Vorjahre eingegangen. Es mußten 
daher erhebliche Erweiterungen der bestehenden Werke und die 
Errichtung neuer vorgenommen werden. Da der Eingang der 
Bestellungen der Inbetriebnahme der neuen Werke jedoch weit 
vorausgeeilt ist, erforderte die Erfüllung der Lieferungsver- 
pflichtungen die Aufwendung außerordentlicher Bemühungen. 
Erschwerend wirkte dabei der Umstand, daß es vielfach' nicht 
gelungen ist, die erforderlichen Rohmaterialien rechtzeitig zu 
beschaffen. Für Rohmaterialien mußten im übrigen fast durch- 
weg höhere Preise als im Vorjahr angelegt werden, und ebenso 
erfuhren die Löhne eine weitere Steigerung. Dagegen gelang 
es nicht, die Preise für unsere Fabrikate in einer diesen Ver- 
hältnissen entsprechenden Weise aufzubessern. Nur teilweise 
konnte dieses Mißverhältnis dadurch ausgeglichen werden, daß 
unausgesetzt daran gearbeitet wurde, die Herstellungskosten 
durch Verbesserung der Fabrikationseinrichtungen und -methoden 
zu verringern. Die Zunahme des Bedarfs beschränkte sich nicht 
allein auf das Inland imd das kontinentale Ausland, sondern 
erstreckte sich auch auf die überseeischen Gebiete, von denen 
allerdings Mexico und China — und indirekt auch Japan — 
durch die politischen Wirren in der Entwicklung aufgehalten 
wurden. Unsere deutschen und außer deutschen Werke brachten 
für das Geschäftsjahr 1911/12 eine Stückzahl von 134 539 Ma- 
schinen, Motoren und Transformatoren mit einer Leistung von 
insgesamt 3 737 674 PS zur Ablieferung. 

Die technische Entwicklung ist im Beritdhts jähre auf einer 
breiten Basis vo» sich gegangen. In unserer Industrie kommt 
nämlich die ganze Vielgestaltigkeit der gewerblichen und land- 
wirtschaftlichen Produktion zum Ausdruck', da es kaum eine 
Stelle mehr gibt, an welcher die elektrische Industrie nicht 



ZvveiterBericht. 



Umsatz und 
Preise. 



Technik. 



276 



V. Metallverarbeitung. 



Groß- 
maschinen- und 

Trans- 
formatorenbau. 



Ueberlantl- 
zentralen. 



Neue 
Absatzgebiete. 



Bahnbau. 



Telegraphie. 



irgendwie zur Dienstleistung herangezogen würde. Um diesen 
Dienst in zweckmäßiger AVeise durchzuführen, müssen aber 
immer neue Formen und Einrichtungen geschaffen werden, so 
daß keine andere Industrie über eine so eingehende und de- 
taillierte Vertrautheit mit den Bedürfnissen und Entwicklungs- 
möglichkeiten aller Zweige volkswirtschaftlicher Tätigkeit ver- 
fügen muß wie die Elektrotechnik'. 

Wir können an dieser Stelle nur auf wenige Einzelheiten 
eingehen: Im Großmaschinen- und Transformatorenbau haben 
die Einheiten, auf Leistung und Tourenzahl bezogen, weitere 
Steigerungen erfahren. Drehstrommaschinen mit 3000 Um- 
drehungen in der Minute, für die Kupplung mit Dampf- 
turbinen bestimmt und für Einzelleis tungen bis 6000 KVA, und 
Maschinen für Kupplungen mit Wasserturbinen bis 12 500 KVA 
wurden ausgeführt. 

Die Beschäftigung, welche uns die Entwicklung der Ueber- 
landzentralen in Deutschland brachte, war infolge der Energischen 
Bearbeitung, die alle Interessenten diesem Gebiete widmeten, 
sehr bedeutend. Die uns befreundeten Unternehmergesellschaften 
haben lebhaft an dieser Entwicklung mitgearbeitet und sich 
einen großen Anteil an dieser der deutschen Volkswirtschaft 
dienenden Energieverteilung gesichert. 

Aus der weiteren Erstarkung, die fast alle Zweige der 
deutschen Industrie umfaßt, erwuchs uns auf dem alten, schon 
durch elektrische Einrichtungen beherrschten Gebiete eine 
wiederum erhöhte Beschäftigung. Aber auch auf neuen Ge- 
bieten, die aus verschiedenen Gründen noch nicht oder nur in 
geringem Maße zur elektrischen Kraftverteilung übergegangen 
sind, dehnt sich das Feld für unsere Betätigung aus. 

Mit Lieferungen und Leistungen für bestehende Straßen-, 
Klein-, Gruben- und Werksbahnen, für die Hoch- und Unter- 
grundbahnen in Berlin und Hamburg und für die verschiedenen 
für die Elektrisierung bestimmten Staatsbahnlinien waren wir 
gut beschäftigt. 

Unter den Bestellungen auf automatische und halbauto- 
matische Fernsprechzentralen, die mehr und mehr beliebt werden, 
sind diejenigen für Dresden, Leipzig und Rom sowie eine Er- 
weiterung für München besonders erwähaienswert. Von der Reichs- 
tclegraphenverwaltung erhielten wir den Auftrag auf ein 50- 
paariges Telephonkabel nach dem Pupin-System zwischen Berlin 
und Magdeburg, dessen spätere Verlängerung durch das Industris- 
gebiet nach dem Rhein in Aussicht genommen ist. Dies ist der 
erste Schritt zum Ersatz von oberirdischen Fernsprechleitungen 
für große Entfernungen durch Untergrundkabel, welcher durch 
die erfolgreiche Entwicklung des Pupin-Systems ermöglicht ist. 
Unsere langjährigen Bemühungen zur Schaffung eines neuen 
Schnei ltelegraphens3^stems haben nujunehr dahia geführt, daß 



55. Elektrizitätsindustrie. 



277 



zwei Kabellinien der Eeichs-Telegraphenv er waltung mit diesem 
System ausgerüstet worden sind und weitere Einführung zu er- 
warten ist. 

Das Glühlampenwerk war während des Berichtsjahres stets 
reichlich mit Aufträgen versehen. Unsere neue Wotanlampe mit 
Leuchtkörper aus gezogenem "VVolframdraht hat eine sehr günstige 
Beurteilung auf dem Markt gefunden; daneben behält die Tantal- 
lampe, welche die Aera der Glühlampen mit gezogenem Metall- 
draht eröffnete, ihren besonderen Wert. 

Die Abteilung für Eisenbahnsicherungswesen hat auch im 
Berichtsjahre einen erhöhten Umsatz in Eisenbahnsignalanlagen 
und den dazugehörigen Apparaten ermöglicht. Wiederum wurde 
eine größere Anzahl bedeutender Bahnhöfe mit unserem System 
elektrischer Weichenstellung ausgerüstet und ebenso das Strecken- 
blocksystem auf weitere Bahnlinien ausgedehnt. Auch im Aus- 
lande finden beide Systeme zunehmende Verbreitung; so wurden 
u. a. unserem Petersburger Haus durch die russische Regierung 
ansehnliche Aufträge für die sibirischen Bahnen überschrieben. 

Die Beziehungen zu unseren Arbeitern erfuhren im Berichts- 
jahre keine Störungen. Allerdings hat es der Metallarbeiter- 
verband an verschiedenen Stellen wieder versucht, die Installa- 
tionsfirmen zum Abschluß von Tarifverträgen für die Elektro- 
monteure zu bewegen. Die Streikbewegungen, welche damit teil- 
weise verknüpft waren, sind jedoch so gut wie einflußlos auf 
unser Geschäft geblieben. 

In bezTig auf die Zollverhältnisse haben wir zu berichten, 
daß der niederländischen Kammer ein neuer Zolltarif entwurf, 
dessen Annahme unseren Export nach den Niederlanden erschweren 
^vürde, zur Beschlußfassung vorliegt. In Australien ist eine 
Diiferenzierung des Imports deutscher Erzeugnisse zugunsten 
englischer Fabrikate eingeführt. In Italien bietet die Zoll- 
abfertigung immer neue Schwierigkeiten, so daß unausgesetzt 
Eeklamationen wegen der Tarifierung unserer Fabrikate durch- 
gefochten werden müssen. 

Auf den kontinentalen Eisenbahnen sind im Laufe des Be- 
richtsjahres wesentliche Frachterhöhungen speziell für unsere Er- 
zeugnisse eingetreten. Die Einsprüche, welche wir dagegen er- 
hoben haben, sind erfolgreich gewesen, soweit schon Entschei- 
dungen darüber herbeigeführt sind. Auch die noch schwebenden 
Verhandlungen dürften einen günstigen Ausgang nehmen. 



Glühlampen- 
fabrik. 



Eisenbahn- 
Sicherungen. 



Arbeiter- 
verhältnisse. 



Verhältnisse. 



Fracht- 

evliöhungen 

auf den 

EiRenl)ahnen. 



Dritter Bericht. 
Die Schwachstrom-Industrie war im Jahre 1912 außerordent- 
lich ßtark beschäftigt. Die Preise jedoch, die erzielt werden 
konnten, waren sehr gedrückt und stehen auch heute noch in 
keinem Verhältnis zu den Produktionskosten. Wesentliche 



Di'itter Bericht. 



Schwachstrom- 
industrie. 



278 



V. Metallverarbeitung. 



Neuerungen auf dem technischen Gebiete sind nicht gemacht 
worden. Die technischen Arbeiten beschränken sich lediglich auf 
Verbesserungen und den Ausbau der vorhandenen Einrichtungen. 
Von Streiks ist die Branche verschont geblieben. 



Vierter Bericht. 



Akku- 
mulatoren. 



Vierter Bericht. 

Der Geschäftsgang in der Akkumulatorenbranche war auch 
im Jahre 1912 recht gut, da die Aufträge reichlich eingingen. 
Das wichtigste Rohmaterial, Blei, erreichte zeitweise einen Preis- 
stand, welcher seit vielen Jahrzehnten liicht dagewesen war und 
dem die Fabrikanten mit ihren Verkaufspreisen nicht in gleichem 
Maße zu folgen vermochten. Im Exportgeschäft sind nennens- 
werte Veränderungen nicht eingetreten. 



FünfterBericht. 

Kabel- 
fabrikation. 

Umsatz. 



Preise. 



üeberland- 
zentralen. 



Fünfter Bericht. 

Die Beschäftigung in der Kabelbranche war w^ährend des 
Jahres 1912 überaus lebhaft und hat die der vorhergehenden 
Jahre übertroffen, Wenigstens soweit das Inland in Frao>e kommt. 
Die Ausbreitung der Ueberlan dz en traten im Verein mit der 
fortgesetzt zunehmenden Verwendung des elektrischen Stromes 
in der Berg-, Hütten- und sonstigen Industrie sowie für Trak- 
tionszwecke hat einen bis jetzt noch nicht dagewesenen Be- 
schäftigungsgrad hervorgerufen. 

Die Verkaufspreise haben zum Teil eine Aufbesserung 
erfahren, aber nicht in dem Maße, wie es die Preissteigerung* 
dei' Rohmaterialien erfordert hätte. Die letzteren haben zum 
Teil ganz beträchtliche Steigerimgen erfahren; so stieg das 
Hauptrohmaterial der Kabelbranche, Kupfer, von 63 £ An- 
fang des Jahres bis auf über 79 £, Blei von 16 £ auf 21 £ ; 
beide Metalle gingen jedoch später wieder zurück, Jute stieg 
bis zum November von 20 £ auf 27 £, Baumwolle von ca. 5 d 
auf ,über 7 d. Auch die übrigen benötigten Materialien, wie 
Eisenband und Draht, Zinn, Papier, Chenükalien usw., erfuhren 
zum Teil ganz beträchtliche Preissteigerungen. Daneben mußten 
auch die Löhne, entsprechend der gestiegenen Lebenshaltung, er- 
höht werden. 

So sehr die Ausbreitung der Ueberlandzentralen sowie die 
Herstellung von Wasserkraftanlagen im Interesse der deutschen 
Volkswirtschaft zu begrüßen ist, da dadurch Millionen dem 
Lande verbleiben, die jetzt für Petroleum nach dem Auslande 
wandern, so werden die Spezialfabriken doch nicht in dem 
Maße bei Vergebung der Arbeiten berücksichtigt, das ihnen auf 
Grund ihrer zahlreichen Angestellten und leistungsfähigen 
Werke zukommt. Direkt ausgeschlossen von Lieferungen sind 
die Spezialfabriken bei den Werken, die mit Hilfe der großen 



55. Elektrizitätsindustrie. 279 

Elektrizitätskonzerne gebaut werden. Da diese Art Werke die 
größte Zahl bilden, so wird den Spezialfabriken natürlich ein 
großes Arbeitsgebiet entzogen. Es bilden sich hier Privatmono- 
pole aus, die volkswirtschaftlich schädli<ih wirken, und es wäre 
daher dringend zu wünschen, daß bei Festsetzung der Ver- 
träge auch auf die Spezialfabriken Rücksicht genommen würde, 
um so mehr, da dies auch im Interesse der bei den Ueberland- 
zentralen beteiligten Kommunalverwaltungen liegt. 

Da^ Exportgeschäft war, wie schon seit Jahren, wenig Export 

gewinnbringend. Die Zahl der Länder, nach w^ eichen Deutsch- 
land mit Vorteil Kabel liefern kann, wird immer geringer; 
so wurde in Schw^eden im letzten Jahre eine Kabelfabrik er- 
richtet, imd gleichzeitig wurden die Zölle entsprechend erhöht. 
Auch in Belgien wurde eine Kabelfabrik in Betrieb genommen, 
wodurch der Konkurrenzkampf in diesem Lande verschärft wurde. 

Sechster Bericht. Sechster 

Bericht. 

Dem Jahresbericht der Berliner Elektrizitätswerke über das 
Geschäftsjahr vom 1. Juli 1911 bis 30. Juni 1912 entnehmen 
wir folgendes: 

Im Berichtsjahre wurde der Anschluß der Kreise Teltow 
und Niederbarnim unter Anwendung von 30 000 Volt Spannung 
beendet. Unser Versorgungsgebiet umfaßt nunmehr einen Flächen- 
raum von rund 3000 qkm. Die Lieferung hochgespannten 
Stromes an industrielle Unternehmungen, die auf Selbsterzeu- 
gung verzichten, hat große Fortschritte gemacht; auch Block- 
stationen sind vielfach zugunsten der vorteilhafteren Strom- 
entnahme aus unseren Werken stillgelegt worden. Dem Ausfall 
der Stromabgabe an die Stadt Neukölln, mit der der Vertrag 
am 15. . Okt. 1911 abgelaufen war, steht ein erheblicher Zu- 
wachs an Konsumstellen gegenüber, so daß die Zahl der Ab- 
nehmer im Berichtsjahre auf 36 909 (i. V. 33 165) gestiegen 
ist. Der Gleichwert der Anschlüsse hat sich um 20 214 KAV 
= 9,8 o/o auf 226 940 KW vermehrt, von denen 86 252 KW auf 
Beleuchtung, 119 279 KW auf Kraftversorgung entfallen, 
während 21 409 KW mit Hochspannungsenergie versorgt werden. 
Unter Berücksichtigimg des Abganges sind im Weichbild von 
Berlin und in den Vororten neu hinzugekommen : 171 655 Glüh- 
lampen, 2552 Motoren und 653 Apparate, was 20 214 KW Zu- 
wachs ergibt. Am 30. Juni 1912 waren angeschlossen: 1561437 
Glühlampen, 44 796 Bogenlampen, 35 319 Motoren und 6768 
Apparate, was zusammen 226 940 KW ergibt. Die Zahl der Ab- 
nehmer betrug 36 909, die der Hausanschlüsse 18 613. Be- 
merkenswert ist der Bückgang der Bogenlampen um 611 Stück, 
einerseits veranlaßt durch die Einstellung der Stromabgabe für 
Neukölln, dann aber durch den Umstand, daß in vielen Fällen 



280 



V. Metallverarbeitung. 



Vervveuduüj 
zwecke. 



als Ersatz für diese Art der Beleuchtung große Metalldraht- 
lampen traten. In der vorstehenden^ Aufstellung sind enthalten 
für öffentliche Beleuchtung 2723 Glühlampen und 1019 Bogen- 
lampen. Die Vermehrung der öffentlichen Beleuchtung er- 
streckt sich hauptsächlich auf die Vororte; in Berlin, wo vor- 
zugsweise Bogenlampen in Betrieh sind, haben wir Versuche 
eingeleitet, durch Verwendung von Kohlenstiften, die bei längerer 
Brenndauer eine größere Lichtausbeute liefern, eine namh'afte 
Vervollkommnung der Straßenbeleuchtung herbeizuführen. 
Nutzbar abgegeben wurden einschließlich des Selbstverbrauches 
54 263 771 Kwstd. für Licht, 75 651778 Kwstd. für Kraft, 
69 816 104 Kwstd. für Bahnen und 23 609 959 Kwstd. als Hoch- 
spannungsstrom, zusammen 223 371 612 Kwstd. Die höchste 
gleichzeitige Beanspruchung betrug 94 570 Kw (i. V. 87 685 KW). 

Ueber die Verwendungszwecke der abgegebenen Elek- 
trizität gibi die folgende Tabelle der Elektromotjren im Weich- 
bilde von Berlin Auskunft: 



Tab. 110. Statistik der Elektromotoren im Weichbilde von Berlin. 

PS 

P'ür Metallbearbeitunsr 5 235 19 471,2 

26 292,7 
11 240,5 
1 410,4 
8 452,7 
5 962,4 
882,8 
1 842,5 
3 378,0 
1 834,9 

1 678,1 
313,7 
995,9 
612,2 

2 646,2 
269,4 
123.9 
140.2 

15 514.4 



Anzahl 

Metallbearbeitung 5 235 

Aufzüge 4 028 

Holzbearbeitung 3 316 

Ventilatoren 3 231 

Pressen 3 166 

Fleischereibetrieb 1 773 

Nähmaschinen 997 

Spül- und Waschmaschinen . . . 775 

Pumpen 642 

Papierbearbeitung 630 

Schleif- und Poliermaschinen . . . 508 

Tuchschneidemaschinen 463 

Lederbearbeitung 274 

Spulmaschinen 255 

Antrieb von Dynamos 219 

Kaffeemühlen und Röstmaschinen . 142 

Galvanoplastik 52 

Hutbiigelmaschinen 44 

Verschiedene Zwecke 3 775 

Zusammen ... 29 525 



103 0ö2,I 



stromab-abe. Isolierte Akkumulatorenanlagen waren am Ende des Ge- 

schäftsjahres 45 im Betrieb. Die Einrichtung von Ladestellen 
für Elektromobilfahrzeuge hat gute Fortschritte gemacht. Sie 
werden verschiedentlich für Behörden und Private hergestellt, 
so für die städtische Straßenreinigung und Feuerwehr; auch 
die Postbehörde h'at in größerem Umfange Elektromobilfahr- 
zeuge eingestellt und dehnt ihre Versuche jetzt auf kleinere 
Elektromobile aus, die auch in der Geschäft soweit immer mehr 
Anwendung finden. 

Die in den letzten zehn Jahren nutzbar abgegebene Energie! 
in Kilowatt ist aus der folgenden Zusammenstellung ersichtlich. 



55. Elektrizitätsindustrie. 



281 



111. 



Stromabg-abe der Berliner Elektrizitätswerke 1902—1911 in Kwstd. 



^tromabg&be für 1902/03 | 1903/04 1904/05 | 1905/06 1906/07 1907/08 1908/09 1909/10 



vatbeleuchtung . 
fentl. Beleucht. 
ikl. Bahnhöfe) . 
yerbL Anlagen . 
iumulatoren- 
lagen ..... 
.'hsp annungstarif 
aßenbahnen . . 
elbst- f Licht, 
brauch { Kraft . 



14514303 

1 817 876 
24728 948 

2 361 021 

41425300 
596 470 
324 761 



16 727 266! 20139 869 



2 016 797! 
30326 974 



2318525 
36 687 516 



3 245 8781 3 798 969 



45 166 449 
658 288 
359 752 



47 287 808 
809123 
530 972 



24 817 983 

2 808339 
43 049 036 

4 522 829 

50 952 760 

893322 

1 059 579 



28 5247901 316551851 31881236 34 385164 



3 376 513! 3 902 525 
48 902 2471 [53 687 519 j 

5 088 784! 5 468 928 1 

53196 2181 559016071 

956 7111 830 562! 

2 876 5531 3 (.68 8091 



4 089 642 
54 834 657 



4 704 175 
62124 384 



6 212 757 6 262 502 
2 059 540 
69 220993 

1 043 178 



55 323564 
1 107 634 
4438135 



768 6791 98 501 404|lll 572 782|l28 103 848|l42 921 816il55 115 135J 157 887 625 174 430937|l98 031 743|223 371 612 



1910/11 1911/12 



39 405 627 

5170197 
67 777 208 

5544582 

9817720 

64 406442 

999 553 



4 6310011 4 911519: 



42 526 365 

5 516 496 
69779 436 

5 021 621 

23 609 95c, 

69 846 IO4 

1 199 289 

5 872 34;) 



Insgesamt 85 



Der in Berlin erzielte Verkaufspreis für Elektrizität stellt 
sich — nach Abzug der Abgabe an die Gemeinde — für die 
Kilowattstunde auf durchschnittlich 14,75 Pf. gegen 15,36 Pf. 
im (Vorjahr. Die Ermäßigung des Preises ergibt sich aus der 
Vermehrung der Lieferungen an Hochspannungs- und Bahnstrom, 
indem zugleich diese Lieferungssteigerungen vermindernd auf die 
Erzeugungskosten eiawirkten. 

Die in Berlin und Vororten verlegten Kabel umfassen jetzt 
7969 km; von diesen entfallen auf Licht- und Kraftnetze 4833 km, 
auf Bahnnetze 502 km, auf Telephon- und Prüfdrahtnetze 902 km, 
auf Hochspannungsnetze 1732 km. Die Länge der mit Ver- 
teilungsleitungen belegten Häuserfronten beträgt in Berlin nach 
Zugang von 18 km jetzt 584 km. 

Dem Elektrizitätswerk Südwest waren angeschlossen am 
30. Sept. 1911 462 076 Glühlampen, 4898 Bogenlampen und Motoren 
mit zusammen 14 247 PS, am 30. Sept. 1912 576 878 Glühlampen, 
5142 Bogenlampen und Motoren mit zusammen 15 512 PS. Es 
wurden nutzbar abgegeben vom 1. Jan. bis 30. Sept. 1911 18 743 772 
Kilowattstunden, vom 1. Jan. bis 30. Sept. 1912 20 585 616 Kilo- 
wattstunden. 

In der folgenden Tabelle geben wir eine monatliche Ueber- 
.sicht über den Groß-Bcrliner Stromverbrauch der letzten zwei 
Jahre. 



Preise. 



Kabeliietz. 



Elektrizität 
werk Südwe 



Stromabgal] 
in Grol.?-Berl 



^ ^^-- Stromabofabe der Elektrizitätswerke Groß-Berlins (einschl. Selbslverbrauch in Kwstd ). 



Jan. I Febr. 



März 



April 



Mai 



Juni 



Juli August 



Sept. 



Okt. 



Nov. 



Dez. 



Jahr 



117151655;16 299117 
il9837 60'2;18068 4ü6 

122914 251^20 465 326 



Berliner Elektrizitäts -Werke. 



14 877 047114 281 102113 388 587 
17 123901115 5413^415 270 828 
20 135 773|18 109 405' 16 738 694 



13 141 865 

14 015 487 

16 820 776 



12 598 088|13 619 325 
I4 257 616!l5 320 334 

16 674 975:17 909 426 



15 149 414 
16589 705 



17 263 555 



19 518 62522 743 858 



19 120 798 



20 422 937 '187 313 508 



19 426 51020 949 33221 643 890; 20S 044 995 



li 1617400 

1 ;' 1938138 
2;: 2158024 



1 521 5001 

1 705 346! 

2 0.32 6:311 



Charlottenburger Elektrizitäts -Werke. 



18918001 1223 10(1 1126300| 10414001 1048900 

1685 5721 1408 773 1200 934! 1211990^ 1211991 
18513S6I 15818771 1441548j 1277 018| 1277 019 



1043 700! 1405 4001 1526900! 

1241624! 1556045! 1795 857! 
1 632 235i 1 752 280| 2 108 96?| 



23 871930 

1899300 
2 175 495 

2 373 782 



24 924 833:240 827 872 

20354001 16881100 

2164 771 19196535 
2 51911& 21905 883 



2313222i 2007 958 
272538Ö 2334 03(»i 
3022 619' 2 696 365! 

479210 4035351 
621915; 512 8411 
648147; 599 643! 



Elektrizitätswerk Rüdwest Akt.-Ges. in Berlin -Wilmersdorf. 



1 883 759 1 738 597' 1 700 590 1 625 206 

2 242 377 2 069 800, 1960 770j 1828070 
2 459 9341 2 291282! 2 221981; 2 013 073 



1540 946 1 648797 
1865 5a-| 1945397 
1926 4121 2 133 982 



1932 237 

2 214 89? 
2 ö90 559 



2 126 849 
2 467 724 

2 697 674 



484 371 
629 636 



Berliner Vororts-Elektrizitäts -Werke, Zentrale Steglitz*). 



3651041 

447 32r- 
541381! 



332 2321 
408 761 

505 883 



333 448! 

346 970 
558 942 



481 779 
329 457 
573 131 



450 631 
380215 
604 899 



5061901 584 881 
416 754 457 040 
621 689 883 337 



23819781 2721014 

2 727 071 2939158 

3 041 866! 3 332 003 

6025661 621428 

513 816 547 796 
925 498! 1058 833 



1 23621159 

27 320 210 

1 30 217 750 

1 5 551462 
5 467 269 

I 8 151 019 



•) Die Zentrale Friedenau derselben irma gab im Jahre 1912 ab: 1597 714 Kwstd. 
„ am TeltoAvkanal „ , „ „ 2 605 4.56 



282 



V. Metallverarbeitung. 



Hoots- 
uiid Schiffbau. 



56. Boots- und Schiffbau. 

Das Geschäft hat sich im Jahre 1912 normal entwickelt. 
Der BeschäftignngsgTad der AYerften war im allgemeinen zu- 
friedenstellend. Außer Motorbooten für Erw^erbsz wecke, vor- 
nehmlicli für Passagierbeförderung, hat sich auch der Absatz 
;Von ^lotor Jachten, also Fahrzeugen, die lediglich für Privat- 
zwecke dienen, vergrößert. Gleichfalls hat sich auch der Absatz 
von Motordienstbooten für Behörden, speziell für Wasserbauämter, 
erhöht. 

Die Aussichten für das kommende Geschäftsjahr sind weniger 
günstig, vornehmlich für den Absatz von Erwerbsfahrzeugen. 
Die Hauj)tursache hierfür ist einerseits in dem schlechten, regne- 
rischen Sommer und andererseits in dem außerordentlich hohen 
Benzinpreise zu suchen. Letzterer führt dazu, daß man sich 
LQtejisiver mit dem Bau von Eohölmotoren befaßt, und es ist zu 
erwarten, daß hierdurch ein vollwertiger Ersatz für Benzin- 
motoren jgeschaffen ward. 



Automobil- 

industrie. 

Absatz. 



Ausländische 
Konkurrenz. 



Arbeiter- 
verhältujsse. 



57. Automobil- und Fahrradindustrie. 
1. Automobilindustrie. 

Die Automobilindustrie war während des ganzen Jahres 
außerordentlich gut beschäftigt. Um der lebhaften Xachfrage 
gerecht zu w^erden, wurden überall Vergrößerungen vorgenommen, 
die eine sehr erhebliche Erhöhung der Produktion ermöglichten. 
Besonders ist eine erhebliche Vergrößerung des Absatzes an Auto- 
mobil-Lastwagen und -Omnibussen zu konstatieren, die in immer 
größerem Maßstabe den Pferdebetxieb verdrängen. 

Bedauerlich ist es nach Ansicht des Berichterstatters, daß 
ein besserer Schutz der inländischen Produktion durch AenOe- 
rung der Zollverhältnisse noch immer nicht eingetreten ist; viel- 
mehr w^ird durch den außerordentlich niedrigen Einfuhrzoll der 
gesamten ausländischen Automobilindustrie die Einfuhr ihrer 
Fabrikate nach Deutschland erleichtert. 

Die Arbeiterverhältnisse w^ährend des Berichtsjahres waren 
ruhig. Selbstverständlich wurde die günstige Konjunktur viel- 
fach ^u Lohnverbesserungen benutzt, ebenso wie ein nicht un- 
beträchtliches Steigen der Eohmaterialpreise zu verzeichnen war. 



Motorl)au. 
Konjunktui 



Löhi 



2. Motorbau. 

Der Geschäftsgang im Jahre 1912 w^ar günstig. Die Kon- 
junktur des vorausgegangenen Jahres hat sich auf gleicher Höhe 
erhalten und der berichtenden Firma in allen Abteilungen volle 
Beschäftigung, zum Teil unter Heranziehung von Doppelschiehten. 
gebracht. 

Die Tendenz der steigenden Arbeitslöhne hat sich jedoch 
weiter verschärft und, wenn sich auch Konflikte vermeiden ließen, 



57. Automobil- und Fahrradindustrie. 



283 



doch zii einer solchen Anspannung geführt, daß bei Eintritt eines 
Kücl^^chlags in der Konjunktur voraussichtlich scharfe Kämpfe 
nicht zu vermeiden sein werden. 

Der steigenden Tendenz der Arbeitslöhne folgte die Erhöhung 
der i Preise von fast sämtlichen Eohmaterialien. Die beiden 
Momente zusammen fanden keiaen Ausgleich in den Verkaufs- 
preisen, welche eher eine rückläufige als aufsteigende Richtung 
einschlugen. Der Ausgleich mußte lediglich durch Verbesserung 
und .Vervollkommnung der Eabrikationseinrichtimgen erzielt 
werden. 

Die andauernden Beunruhigung^en durch gesetzgeberische 
Maßnahmen machen sich sehr unliebsam geltend. Nicht nur durch 
neue Bestimmungen über den zulässigen Maximal-Hinterachsdruck, 
sonderii auch über Heranziehung von Lastwagenbesitzern zu 
AVegebaukosten werden unserer Industrie Fesseln angelegt, deren 
Wirkungen sich noch gar nicht übersehen lassen. 

Zu diesen gesetzgeberischen Maßnahmen treten die Verhält- 
nisse auf dem Markt der Betriebsstoffe Benzin und Benzol, welche 
ebenfalL eine ernste Grefährdung der Lebensfähigkeit des Last- 
wagenbetriebs in sich schließen. Die Preise von Benzin sind 
um mehr als 100 o/o in die Höhe gegangen, und der als Ersatz 
dienende und im Inland erzeugte Betriebsstoff Benzol ist durch 
die Politik des Benzolsyndikats zum größten Teil ins Ausland 
verkauft und damit dem deutschen Markt entzogen. Eine Aktion, 
welche der Kalamität auf dem Benzin- und Benzolmarkt steuert, 
ist im Interesse der Automobilindustrie und der Automobillesitzer 
unumgänglich nötig. 

Das Exportgeschäft hat sich im Berichtsjahre weiter leb- 
haft entwickelt und uns auch erhebliche Abschlüsse für das 
nächste Jahr gebracht. 

In ihren Abteilungen für stationäre Motoren und Schiffs- 
motoren war die berichtende Firma sehr gut beschäftigt. Im 
großen und ganzen treffen die vorerwähnten Momente auch auf 
diese Geschäftszw^eiore zu. 



Rohstoff- und 
Verkaufspreise. 



Gesetznel>ui 



Benzin- und 
Benzolniarkt. 



Export. 



3. Fahrradindustrie. 

Der Absatz von Fahrrädern im Berichtsjahr ist trotz der 
wenig günstigen allgemeinen Geschäftslage zufriedenstellend ge- 
wesen. Ungünstig beeinflußt wurde die Fahrradindustrie durch 
die vorjährige mäßige Ernte, sowie durch die anhaltend schlechte 
AVitterung. Der allgemeine Geldmangel dürfte dazu beigetragen 
haben, daß seitens der Abnehmer das Verlangen nach einem 
billigen Fahrrad laut wurde. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß 
sich die Konsumenten heute vornehmlich aus Gewerbetreibenden, 
sowie aus dem Arbeiterstande der Industrie und Landwirtschaft 
zusammensetzen. Den Anforderungen der Käufer haben die 



Fahrrad- 
industrie. 
Absatz. 



284 



V. Metallverarbeitung. 



Fahrradfabriken dadurch Kechnung getragen, daß sie ein in der 
Anschaffung preiswertes spezielles Grebrauchsfahrrad auf den 
Markt brachten. Auf diese AVeise ist die Fahrradindustrie in 
der Lage gewesen, ihre Produktion auf gleichmäßiger Höhe zu 
erhalten, wenngleich der Absatz an Stückzahl im Verhältnis zu 
demjenigen früherer Jahre scheinbar eine geringe Abnahme er- 
fahren hat. 
Eiibotendieiist. Die Aussichtcn für das Jahr 1913 sind günstig. Dies 

zeigt sich aus dem Umfang der bereits jetzt für die nächste 
Saison getätigten Abschlüsse, die teilweise auf die gute 
Ernto zurückzuführen sind. Zur Belebung der Fahrradindustrie 
dürfte auch der Umstand beigetragen haben, daß sich 
in letzter Zeit weitere Kreise, namentlich diejenigen der Ge- 
schäftsleute und des Transportwesens, des Fahrrades bedienen. 
In größeren Städten, besonders aber in Berlin, haben sich als 
besonderer Gesehäftszweig Institute mit Erfolg etabliert, die 
sich mit dem Eilbotendienst befassen. Hierdurch hat die Nach- 
frage nach Transport- und Geschäftsrädern eine bemerkbare Auf- 
frischung erfahren. Die günstigen Resultate, die der Radfahrer- 
dienst derartiger Verkehrsanstalten gezeitigt hat, haben die Ge- 
schäftswelt auf die Zweckmäßigkeit der Bestellungen von Waren 
geringeren Umfanges mit Hilfe des Geschäftsrades aufmerksam 
gemacht, so daß auch seitens dieser Kreise eine größere Kauf- 
lust festzustellen ist. 
Motorräder. Diö Motorradindustric, die in den letzten Jahren fast voll- 

ständig darniederlag, hat ebenfalls eine lebhafte Nachfrage sowohl 
im Inland, als auch besonders im Ausland erhalten. Nicht un- 
wesentlich beigetragen haben hierzu die aufklärenden Arbeiten 
der Motor radfahr er- Verbände und der einschlägigen Fachpresse. 



58. Geldschränke und Tresoranlagen. 

Erster Bericht. Erster Bericht. 

Inlandsabsatz. Die Ausdehnung, welche die Großbanken in den letzten Jahren 

durch Errichtung zahlreicher Depositenkassen angestrebt haben, 
hat sich im Berichtsjahre nicht im gleichen Maße fortgesetzt. 
Hierdurch ergab sich für die Geldschrankindustrie eine Ver- 
minderung der Produktionstätigkeit in Tresor- und Safesanlagen, 
soweit sie für die Großbanken in Frage kamen. Einzelne größere 
Institute haben im Berichtsjahre größere Bankneubauten er- 
richtet, jedoch ließen die Preise, welche für die Lieferungen zu 
erzielen waren, im Hinblick auf die geringere Nachfrage und 
femer infolge des Mißlingens eines vernunftmäßigen Zusammen- 
schlusses der Geldschrankfabrikanten viel zu wünschen übrig. 
Export. Auch im Export fand die Geldschrankindustrie nicht den 

gewünschten Ausgleich. Italien, welches ein großer Abnehmer 
der deutschen Geldschrankindustrie geworden war, litt unter 



59. Feilenfabrikation. 



28"! 



dem. Kriege mit der Türkei und legte sich im Berichtsjahre Be- 
schränkung in der Beschaffung von Bankanlagen auf. Das Gre- 
schäft nach dem Orient, welches sich im Frühjahr günstig- 
entwickelt hatte, stockte im Laufe des Jahres infolge der kriege- 
rischen Verwicklungen fast vollständig. Hinsichtlich der Ab- 
wicklung bestehender Engagements im Orient sind für die 
Berliner Geldschrankindustrie größere Schwierigkeiten nicht zu 
befürchten, da sie hauptsächlich mit den besseren Bankinstituten 
arbeitet und diese Kundschaft trotz des Krieges ihre Solvenz 
bewahren dürfte. Das Greschäft nach Belgien und Holland ge- 
staltet sich infolge der Entwicklung der daselbst heimischen 
Geldschrankindustrie recht schwierig. Der Export von TVesor- 
anlagen nach Rußland ist nach wie vor sehr stark. Von Skandi- 
navien kommt in neuerer Zeit nur noch Dänemark in Betracht, 
während der Export nach Schweden infolge der hohen Zölle 
fast ganz unterbunden ist. Von dem großen Aufschwung, welchen 
der Geschäftsverkehr mit Oesterxeich-Ungam in den letzten 
Jahren genommen hat, haben nur diejenigen Geldschrankfabriken 
einen Nutzen, welche innerhalb dieser Monarchie selbst fabri- 
zieren, da ein Export infolge der hohen Zölle so gut wie aus- 
geschlossen ist. 

Eä ist anzunehmen, daß nach Beendigung des Orientkrieges 
in den Balkanstaaten wieder ein großer Bedarf in Sicherheits- 
anlagen aller Art eintreten wird, und es ist wahrscheinlich, daß 
die Berliner Gelds ehr ankindustrie im Jahre 1913 hieraus erheb- 
lichen Nutzen ziehen kann. 



Aussichten. 



Zweiter Bericht. 

In der ersten Hälfte des Jahres war der Geschäftsgang iiin- 
sichtlich des Umsatzes sehr zufriedenstellend; in der zw^eiten 
Hälfte hat sich dagegen ein Eückgang der Aufträge bemerkbar 
gemacht, welcher den kriegerischen Verwicklungen zwischen 
Italien und der Türkei sowie dem Ausbruch des Balkankrieges 
zuzuschreiben ist. Im allgemeinen leidet die ganze Branche unter 
sehr gedrückten Preisen. Erfreulich ist es, feststellen zu können, 
daß das deutsche Fabrikat in den überseeischen Ländern anderen 
Erzeugnissen gegenüber anscheinend allgemein den Vorrang zu 
erringen beginnt. 

59. Feilenfabrikation. 

Der Geschäftsgang war im Jahre 1912 bis auf die letzten 
iMonate sehr gut, während Ende des Jahres ein Nachlassen be- 
merkbar wurde, welches auf die unsicheren politischen Verhält- 
nisse zurückzuführen sein dürfte. Diese beeinflußten natürlich 
auch das Exportgeschäft, besonders nach Oesterreich-Ungam, den 
Balkanländern und Rußland. In den genannten Ländern, die ohne- 



ZweitevBericht. 



Feileu- 
fabrikation. 
Allgemeines. 



286 V. Metallverarbeitung. 

hin durch hohe Eingangszölle die Einfuhr erschweren, sind durch 

neuerrichtete bzw. vergrößerte Feilenfabriken noch größere 

Schwierigkeiten für den Export dahin entstanden. Die Preise 

blieben trotz teuerer Eohmaterialien durch starkes Angebot der 

Konkurrenz sehr gedrückt. 

st.vik. Ein siebenw^öchiger Streik wurde zuungunsten der Arbeiter 

entschieden, indem ungelernte Leute zu dem. heut-e fast nur in 

Betracht kommenden maschinellen Betrieb herangezogen wurden. 

Lieferung au Sehr crwüuscht würdc es sein, w^enn die hiesigen Fabriken 

^"öffenüichr'^ iii i^och größerem Maße zu den Lieferungen für städtische und 

Betriebe. staatliche Behörden und Betriebe herangezogen würden. 

60. ,W a g e n b a u und H u f b e s c h 1 a g. ^ 

Das Geschäft in .Wagenbau- und Hufbeschlagartikeln war 
im großen und [ganzen nicht unbefriedigend. Die Vereinigung 
der Händler konnte das ganze Jahr über die vereinbarten Notie- 
rujigen aufrecht erhalten, und der Umsatz war in den beiden 
ersten Vierteljahren sogar größer als in den entsprechenden des 
Vorjahres. Im dritt-en Vierteljahr trat eine größere lluhe ein, 
weil das Darniederliegen des Baügeschäfts sich mehr als bisher 
fühlbar machte, und auch die politische Lage das Geschäft be- 
einträchtigte. Infolgedessen flössen Aufträg-e auf Neuw^agenbau 
nur sehr spärlich, ein Zustand, der sich im viert-en Vierteljahr 
noch steigerte. Da auch der "Winter ausblieb, so wurde der Um- 
satz gegen Ende des Jahres recht stark eingeschränkt. Huf- 
beschlagartikel, namentlich Schraubstollen, wurden sehr viel 
weniger gebraucht, als in den schnee- und frostreichen Jahren. 
Dazu kam die allgemeine Geldkalamität. Obw^ohl die Schmiede 
sich verpflichtet hatten, angesichts der immer höher gehenden 
Waren- und Lohnsätze, höhere Preise zu nehmen, so wurde doch 
diese Abmachung durch viele Außenseiter, aus Furcht vor Mangel 
an Beschäftigung, durchbrochen. Das Eisengeschäft im ganzen 
liegt durchaus gesund, die Werke sind gut beschäftigt, was aus 
den langsamen Lieferungen zu ersehen ist, und wenn erst wieder 
die Kriegsfurcht gebannt sein wird, dann ist auch in den Kreisen 
des Mittelstandes auf Neuanschaffungen und Verschleiß von 
Wagen usw. und dadurch erhöhte Beschäftigung für die Wagen- 
bauer und Hufbeschlagschmiede zu rechnen. 

, 61. Kunstschmiedearbeiten und Fabrikation 
eiserner Gitter. 

Der Beschäftigungsgrad w^ar im abgelaufenen Jahre un- 
günstig, von dem damiederliegenden Baumarkt beeinflußt. Trotz- 
dem ist die Zahl der beschäftigten Arbeiter sowie der Gesamt- 
umsatz im allgemeinen nicht zurückgegangen, nur haben die 
kleineren Betriebe, speziell die kleineren Bauschlossereien, ver- 



62. Fabrikation von Blechemballagen. 287 

schiedentlich sehr geklagt. Die maßgebenden Firmen der Branche 
haben den Ausfall im Berliner Platzgeschäft durch Aufträge 
aus anderen Großstädten und durch bedeutende Aufträge aus 
dem Auslande ausgeglichen. Die Arbeitslöhne sind durch Ver- 
einbarung eines neuen Lohntarifes am 1. April 1912 neu geregelt, 
und zwar auf der Grundlage, daß die bisherigen Löhne durch- 
weg etwa um 5 — 10 o/o aufgebessert wurden. Die Verkaufspreise 
befriedigten nicht sehr :and können als normal nicht angesehen 
werden. Die Rohmaterialpreise sind, wie allgemein bekannt, 
gegenüber dem Vorjahr erheblich gestiegen und dürften selbst 
bei Klärung der politischen Verhältnisse kaum eine weitere 
Steigerung erwarten lassen. Der Bau von Hoch- und Unter- 
grundbahnen, wobei bedeutende Eisenlieferungen in Frage kommen, 
brachte der Branche im abgelaufenen Jahre bedeutende Auf- 
träge und interessante Arbeiten. Die Aussichten für das neue 
Jahr sind bis jetzt günstig. 

62. Fabrikation von Blechemballagen. 

Die Betriebsresultate in der Blechemballagenfabrikation Englischer 
stehen in sehr wesentlichem Umfang'e unter dem Einfluß der markt. 

Preisbewegung des AVeißblechmaterials, also desjenigen Halb- 
fabrikates, welches in erster Linie zur Verarbeitung gelangt lieben 
der Verwendung von Schwarzblechen, Aluminium-, Zink-, 
^Messingblechen, Nickelblechen und dergleichen Metallen, die 
der Fabrikation in geringerem Umfange dienen. Bei der Kontrolle 
der Weißblechpreise verdient der englische Markt, ohne desseji 
Zuführung die deutschen ,AVeißblech verarbeitenden Industrien 
geradezu Not leiden würden, immer noch die Hauptaufmerksam- 
keit der Konsumenten. Das Berichtsjahr begann für die englische 
Standard-Marke IC 20 x 28 inches mit einem Verkaufspreis von 
27 sh trotz des Umstandes, daß Zinn, welches gegen Ende 1911 
206 £ notiert wurde, auf 192 £ gefallen war, und diese Notierungen 
verzinnter Bleche blieben ziemlich stabil bis Mitte März, zu 
welcher Zeit eine kleine Aufwärtsbewegung auf 27/6 bis 27/9 er- 
folgte. Ende März wnirde dann bei ziemlich unregelmäßigen 
Preisen bis 28/6 gefordert. Die fortschreitende Zinnhausse, Ende 
August 217 £, erhöhte die Notierungen für Weißbleche auf 
29/6, in der zweiten Hälfte stieg das Weißblechmaterial auf 
30/6, speziell in Hücksicht auf den Umstand, daß die Zinnpreise 
bis auf 226V2 £ erhöht w^aren. Um diese Zeit wurde der englische 
!Markt für Weißbleche durch größere Exporte nach Japan und 
größere Bestellungen von Kanada beeinflußt. 

Eine lebhafte Beunruhio^une: rief der Ende Februar einsetzende Eni^iischer 
Kohlenstreik in England hervor, welcher fast alle Weißblech- 
fabriken während eines Zeitraumes von ein bis zwei Monaten 
zum Stillstand zwang, und dessen Nachwehen sich bis in den 
Augusi hinein fühlbar machten. 



Kohlen streik. 



288 



V. Metallverarbeitung. 



Weißblech- 
Syndikat. 



Surrogate für 
Weißblech. 



Der Weißblech- 
markt gegen 
Ende des 
Jahres. 



iNach Beendigung des Kohlenstreiks setzte naturgemäß ein 
lebhafterer Bedarf in lAYeißblechen ein, mid da für die englischen 
Weißblechfabriken zu dieser Zeit keine Möglichkeit vorlag, sich 
rechtzeitig in Stahl zu decken, so wurde die Situation für den 
Bezug englischer Bleche für den deutschen Markt doppelt 
schwierig. Im Oktober war Zinn weiterhin bis auf 230 £ ge- 
stiegen, der Stahlpreis erhöhte sich, und angesichts dieser Situa- 
tion des englischen Marktes gelang es den deutschen Weißblech- 
werken, in scharfe Konkurrenz mit den englischen Weißblech- 
werken zu treten und für umfangreiche Deckung des deutschen 
Konsums nicht nur für das laufende Jahr, sondern auch zum 
Teil in Abschlüssen für das nächste Jahr sorgen zu. können. 

Neben den deutschen, unter der Firma C. H. Stein, Köln, 
syndizierten Weißblechwerken traten um diese Zeit die Ver- 
einigten Stahlwerke van der Zypen tind Wissener Eisenhütten 
Aktiengesellschaft in Köln-Deutz in den Wettbewerb zur Deckung 
des deutschen Konsums von Weißblechen energisch ein. Der Um- 
stand, daß die Weißblechqualitäten dieses Werkes nach jeder Rich- 
tung hin befriedigten, schaffte dem deutschen Markte Er- 
leichterung im Bezüge des Weißbleches und Emanzipation von 
den syndizierten Werken. Die finanziell außerordentlich günstige 
Situation des Wissener Werkes (zurzeit arbeiten darin 17 Mill. Mk.) 
berechtigt zu der Annahme, daß die 200 000 Doppelkisten, das 
sind vier Doppelwaggons täglich, mit welchen äußerem Ver- 
nehmen nach die Produktion der Wissener Werke im neuen 
Jahre in die Erscheinung treten soll, erfolgreich in der Lage 
sein werden, den unter C. H. Stein, Köln, syndizierten deutschen 
Werken ein Paroli zu bieten. 

Die feste Gesamttendenz des Weißblechmarktes, die merklich 
verzögerten Lieferungen englischer Weißblechwerke, veranlaßten 
die Branche andererseits vielfach, Surrogate von Weißblechen 
zu verwenden, u. a. die sogenannten Aluminolbleche (Schwarz- 
bleche mit einem bestimmten Ueberzug), weiterhin Schwarzbleche 
in verschiedenartiger Bearbeitung und Lackierüng*, obschon die 
Verwendung solcher Surrogate nicht gerade der Hebung der Er- 
zeugnisse unserer Industrie nach der Eichtung der Qualität dient. 

Politische Beunruhigungen, welche im Oktober einsetzten, 
riefen sonderbarerweise eine weitere Steigerung der Preise des 
Eohmaterials, Zinn, Stahl und dergleichen, hervor, der Weiß- 
blechmarkt wurde noch fester, und auch die flaueren Börsen- 
tendenzen hatten keinen lähmenden Einfluß auf die Zinnpreise 
und Stahlpreise, so daß der Weißblechmarkt Anfang November 
durchaus fest erschien. Alle deutschen Werke waren bei Beginn 
des vierten Vierteljahrs gut beschäftigt; die englische Produktion 
leidet in erster Linie durch Knappheit des Stahlmaterials, und es 
ist Tatsache, daß nur diejenigen Weißblechwerke, welche, wie das 
Wissener Werk, eigene Stahlproduktion haben, eine Garantie für 



62. Fabrikation von Blechemballagen. 



2.89 



i 



promptere Lief erungen bieten, als es denjenigen Weißblech weirken 
möglich ist, welche, die Stahlplatten sich ei:st anderweitig be- 
schaffen müssen. Ende Dezember machten sich Zeichen eines 
Wandels der Konjunktur bemerkbar. 

Der Import englischer Weißbleche nach Deutschland weist 
aber trotzdem nach den statistischen Feststellungen einen Ab- 
satz yon 482116 dz nach gegenüber einem Versand im Vorjahre 
von 476 587 dz ; davon im Veredlungsverkehr in 1912 71876 dz 
gegenüber 85.419 dz im Jahre 1911. Es ist also der Import von 
England nach Deutschland wiederum, wenn auch unbedeutend, 
gestiegen, ein Beweis dafür, in welchem Umfange die Material- 
Aufnahmefähigkeit unserer Industrie infolge ihrer steti^n Foi^t- 
entwicklung von Jahr zu Jahr steigt. 

Es mag an dieser Stelle noch hervorgehoben werden, daß 
auch die ausländischen Weißblechwerke, so namentlich die 
italienischen, auf die Vergrößerung ihrer Produktion hohen Wert 
legen, und so war beispielsweise Anfang des Jahres 1912 fest- 
zustellen, daß die Mogana Steel- & Tinplates- Werke in Porto 
Vecchio in ihren drei Fabriken während eines Zeitraumes von 
14 Tagen einen Bekord in der Fabrikation von 7002 Kisten 
erreichten, d. i. durchschnittlich 1167 Kisten für die Woche 
und für die Fabrik. 

Was den Verkehr und Absatz der Weißblechfabrikate an- 
belangt, so sei erwähnt, daß die französischen AbänderungSr 
bestimmungen betr. die Taraberechnung den Markt vielfach 
beunruhigten, zumal die einschlägigen Verordnungen über die 
Handhabung dieser neuen Bestimmungen anfänglich wenig 
präzise gewesen sind und fortdauernder Ergänzung durch neue 
Verordnungen unterliegen, Vorkömmnisse, welche natürlich auch 
den Verkehr lähmen und die Kalkulation merklich erschweren. 
Wenn man deutsche Fabrikate in Frankreich auch nicht geradezu 
boykottiert, so sucht man doch immerhin das kaufende Publikum 
zu bestimmen, von dem Kauf von Fabrikaten deutscher Provenienz 
aus patriotischen itücksichten Abstand zu nehmen. Der Export 
nach England hat sich wohl überall auf der Basis der vor- 
jährigen Bezüge gehalten, wenigstens bis zu dem Zeitraum, wo 
die durch die Steigerung der Weißblechpreise notwendig ge- 
wordenen Erhöhungen der Notierungen den Absatz beeinflußten. 
Der Verkehr nach Belgien hat auch im Jahre 1912 wiederum 
merklich nachgelassen, die heimische Fabrikation versorgt den 
Konsum, und das ist in noch vermehrtem Umfange im Absätze^ 
nach Holland der Fall. Der russische Markt ist uns durch 
die einschlägigen Prohibitivzölle verschlossen, ebenso Nordamerika, 
während die Aufträge von Südamerika zahlreicher als sonst ein* 
gingen. Das Geschäft nach den B a 1 k a n s t a a t e n , welches sich 
Anfang des Jahres günstig entwickelt hatte, nötigte später an- 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 19 



Import en^- 
iscner Weiß- 



bleche. 



Italienische 

Weißbleeh- 

werke. 



Absatz II 
dem Ausli 



uuie. 



290 



V. Metallverarbeitung. 



Deutsches 

Geschäft. 



gesichts der politischen Wirren zu großer Vorsicht in der Aus- 
führung der uns zugewiesenen Orders und verringerte den Export 
dorthin. Das Geschäft nach der Türkei litt anfänglich außer- 
ordentlich stark unter den Einwirkungen der kriegerischen 
italienischen Wirren und versagte bei Ausbruch der Baikau- 
krise ganz. 

Das deutsche Geschäft brachte größeren Umsatz als im Vor- 
jahre, allerdings unter abbröckelnden Preisen. 

Dio^ von einer rheinischen Firma unternommenen Versuche, 
die Verwertung der Weißblechabfälle im AVege der Lohn-Ent- 
zinnung unter Beteiligung der Lieferanten solcher Abfälle in 
Szene zu setzen, haben vollständig Fiasko erlitten. 



GosehäftsKJui". 



Inventur- 
ausverkilutV. 



Ft'Ueruufrs- 
rocjuisiteii. 



Pelroleumöfen. 



Wirtschafts- 
einrichtunsen. 



63. Fabrikation und Vertrieb von H a u s h a 1 1 u n g s - 

gegenständen. 

Der Beginn des Jahres 1912 wies eine Besserung auf, luid 
es wurden namentlich die für diese Zeit wichtigen Ausstattungen 
im Spczialhandel mit Wirtschaftsgerät^n zahlreich abgesetzt. 
Desgleichen war das Früh Jahrsgeschäft nicht luigünstig und das 
aufwärtige Versandgeschäft beträchtlicher; dieses letztere blieb 
bis in den Herbst hinein lebhaft, während die Umsätze im Stadt- 
verkauf zum Hochsommer nachließen. Das Umzugs- und Herbst- 
geschäft begann ziemlich rege, gab jedoch dann plötzlich nach, 
und die Umsätze blieben, wie auch in anderen Geschäftszweigen, 
bis zum Jahresschluß hinter den Erwartungen zurück. Das 
W^eihnachtsgeschäft litt dementsprechend ebenfalls unter der all- 
gemeinen Lage. 

Die Inventurausverkäufe fanden in gleicher AVeise statt wie 
im Vorjahre und konnten sich, noch ohne die inzwischen be- 
schlossene polizeiliche Beschränkung, beliebig entfalten; sie 
woirden daher teilweise auch im Monat Oktober wiederholt, was 
in Zukunft nicht mehr möglich ist. 

In bezug auf den Absatz einzelner Warengattungen sei be- 
merkt, daß das frühere Geschäft in Feuerung"srequisiten infolge 
der veränderten Heizungsverhältnisse nur noch wenig besteht. 
Hingegen werden neuerdings elegante, schwere Geräte für den 
Kamin wieder mehr verlangt, müssen jedoch meist aus England 
bezogen werden, da deutsche Fabriken sie nur in unbedeutendem 
Maße herstellen, wahrscheinlich weil zunächst der hiesige Ivonsum 
noch nicht genügt. 

Der Absatz in Petroleumöfen war befriedigend; die Aus- 
führungsweise dieses Artikels hat weiter erfreuliche Fortschritte 
gemacht. 

Wirtschaftseinrichtungen wurden in der ersten Saison, wie 
bereits oben bemerkt, zahlreich abgesetzt, während ihr Verkauf 



63. Fabrikation u. Vertrieb van Haushaltungsgegenständen. 



291 



im Herbste weniger befriedigte; im ganzen wurde hier aber viel 
Wert auf Qualität gelegt. 

Nicht gleichen Schritt liiermit hielten Küchenmöbel, da 
die^e in neuerer Zeit wieder sehr viel in Möbelgeschäften gekauft 
werden. Die Gewohnheiten des Publikums bledben in dieser 
Hinsicht stetem [Wechsel unterworfen. Die Leistungen unserer 
meist auswärts gelegenen Fabriken in der Herstellung von Ktichen- 
möbelii sind hervorragend und steigern sich fortgesetzt, doch 
liefern sie selbstverständlich an Häuser der verschiedensten Ge- 
schäftszweige. 

Der Absatz in Eisschränken war wiederum recht zufrieden- 
stellend, und es sind Abweichungen gegen das Vorjahr nicht 
zu verzeichnen. Ebenso wurden Konservierungsgeräte wieder 
stark verkauft, und es ist hier durch fortgesetzte große Reklame 
auch ein Bedarf in Bevölkerungsschichten geschaffen w^orden, 
welche ehedem an das Konservieren von Lebensmitteln im Haus- 
halte nicht dachten. 

Im Absatz von Kochgeschirren macht sich zweifellos ein 
Rückgang des Aluminiums bemerkbar. Durch starke Verwendung 
in der Automobil- und Flugzeugindustrie ist das Metall teurer 
geworden, und zudem gelangte die Hausfrau wohl auch zu der 
Ansicht, daß Aluminium ausschlaggebende Vorzüge vor den 
früheren Geschirren nicht besitzt, hingegen auch mit einigen 
Nachteilen behaftet ist; in gewissem Umfange wird das leichte 
Metali aber auch fernerhin für Kochzwecke verwandt werden. 

Emaillegeschirr wurde gut verkauft, und es kamen hiervon 
verschiedene neue Ausfüliiningen auf den Markt. Man ist teil- 
weise zu der ersten, dunkelblauen Farbe zurückgekelirt, doch 
wird in steigendem Maße starke Qualitätsware gefertigt. Diese 
schweren Emaillegeschirre stellen verschiedene Fabriken jetzt 
bereits z\i recht mäßigen Preisen her, was dazu beiträgt, den 
Alisatz guter Ware auszubreiten, und man kann fraglos von 
einem weiteren Fortschritt der Emaillegeschirrindustrie sprechen. 
Das früher so beliebte nickelplattierte Kochgeschirr wird nm- 
noch wenig verlangt-, und man nimmt lieber solches aus reinem 
Nickel, wenn infolge des höheren Preises der Umsatz auch mit 
dem früheren in plattierter Ware nicht Schritt halten kann. 

An technischen Neuheiten war das Jahr nicht gerade arm, 
doch betrafen sie meist Spezialgebiete tmd weniger die allgemeinen 
Bedürfnisse des Haushaltes. So war beispielsweise an neuen Staub- 
saugern kein Mangel. In elektrischen Geräten wurden einige 
recht praktische Neuheiten, wie Reisekocher und Plätteisen her- 
gestellt, die auch zu mäßigen Preisen angeboten wurden. Von 
hauswirtschaftlichen Artikeln allgemeiner Art seien ein neuer 
Apparat zum Auskochen des Fruchtsaftes mittels Dampfes (an- 
statt des bisherigen Auspressens), verschiedene neue Gartengeräte 
und eine Metallreinigungsplatte für neues Verfahren erwähnt. 

19* 



Kückeninöhel. 



Eiäsehränke. 



Koch!?e*»chirvt*. 



Emaille- 
t:eschirr. 



Techuist'he 
Neuerungen. 



292 



V. Metallverarbeitung. 



Luxusartikel. 



Preise. 



Syndikate, 



Die Fabrikation von Gasapparaten machte weitere Fortsöliritte, 
desgleichen diejenige von eleganten "Waschtischen aus Metall für 
^aßserleitnngsanschluß und von zahlreichen Badeartikeln; es ist 
dies em verhältnismäßig neuer Zweig, welcher sich schnell Gebiet 
erobert hat. . . . :, 

Im Verkauf von hauswirtschaftlichen Luxusartikeln hat sich 
für imseren Geschäftszweig nichts geändert. Die Muster sind 
recht zahlreich und wechseln sehr schnell; es wird viel geboten, 
aber die Konkurrenz ist sehr groß. 

Die Einstandspreise wurden im Jahre 1912 wiederum fort- 
gesetzt erhöht, und es sind diese dauernden Veränderungen für 
den Eiazelhändler mit beträchtlichen UrLaimehmlichkeiten ver- 
knüpft. So erfubren Aufschläge von 5 o/o die Preise von Stein- 
gni- imd Glaswaren, fast sämtlicher Gegenstände aus ge- 
schmiedetem Eisen, Schwarzblech, Stahl, der verzinnten und 
lackierten Blechwaren, der Drahtwaren, der Werkzeuge, kleiner 
hauswirtschaftlicher Maschinen, der Emaillewaren, aller Nickel- 
wareii tmd nickelplattierten Sachen, der versilberten und Britannia- 
met allwaren sowie der eisernen Kochherde und des sämischeji 
Leders. Um 5 bis 8 o/o wurden Eisschränke im Preise erhöht, 
sonstige Küchenmöbel nur um 3 o/o. Die Notierungen der schweren 
Messiagwaren wurden um 8 o/o heraufgesetzt und einem Auf- 
schlage von 10 o/o unterlagen englisches Porzellan, messingene, 
kupferne imd vernickelte Luxuswaren, verzinnte "Waren und 
Alumiaiumfabrikate. Um 5 bis 15 o/o höher stellten sich die 
Preise der verschiedenen Neusilberbostecke, um 15 o/o diejenigen 
der Kupfergeschirre und Ziunformen, während gußeiserne Ge- 
schirre .tun 21/2 o/o, Rohrwaren um 3 0/0, Gasapparate um 7V2 ^/o 
teurer wurden. 

Die für den Geschäftszweig in Frage kommenden Syndikate, 
der Porzellanriag und die Steingutkoüvention, ließen ihre Bedin- 
gungen unverändert; der neue Aufschlag auf Steingut war bereits 
zum Schlüsse des Vorjahres bekanntgegeben worden. 



64. E m a i 1 1 e w a r e n. 

Geschäft«ganK. DcT Geschäftsgang war während des ganzen Jahres stabil 

und befriedigend. Anhaltende Preissteigerungen für Roh- 
materialien hatten seitens ',der Werke Preiserhöhungen der 
fertigen Fabrikate zur Folge. Diese Preiserhöhungen konnten 
ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden, nachdem die Ver- 
einigung der Fabrikanten im Laufe des Jahres festere Formen 
angenommen hatte. Leider war es dem Großhandel nicht mög- 
lich, die Verkaufspreise entsprechend zu erhöhen, und deshalb 
dürfte der Reingewinn gegenüber dem Vorjahre zurückgeblieben 
sein. Die "Werke waren das ganze Jahr über gut beschäftigt, 
und die deutschen Erzeugnisse beherrschen nach wie vor den 



65. Bisenmöbelindustrie. 



2^3 



Weltmarkt. Deutschland li'at beikanntlich nicht bloß die größte 
Produktion in emaillierten Blechwaren, es stellt auch' die besten 
Qualitäten her. Den Berliner Emaillier werken brachte das Gre- 
sdhäftsjahr rege Beschäftigung. Sowohl in der Lohnemaillie- 
rung, in der Lampenbranche als auch in der Herstellung von 
Haushaltungsgeschirren und in der Fabrikation von Schildern 
wurde unter Anspannung aller Kräfte das ganze Jahr hindurch 
gearbeitet. Leider brachte die Menge von Arbeit neben einigen 
Neuetablierungen noch weiter gedrückte Preise, so daß diese 
nunmehr auf einem Punkt angelangt sind, der ein weiteres 
Zurückgehen unmöglich macht. Seitens der Beteiligten müßte 
angestrebt werden, erträgliche und auskömlnliche Verkaufspreise 
zu erzielen, um so mehr, als die Rohmaterialienpreise wie auch 
die Löhne fortlaufend gestiegen sind. 

Die Arbeiterschaft machte siöh den flotten Geschäftsgang 
im Jahre 1912 zunutze. Die Berliner Arbeiter der Emaille- 
branche, die bisher nur lose organisiert waren, haben sich dem 
Deutschen Metallarbeiter - Verband angeschlossen und unter 
dessen Mitwirkung erhebliche Lohnerhöhungen und Arbeitszeit- 
verkürzungen durchgesetzt, teilweise unter Anwendung des 
Streiks. Unter der angedrohten Arbeitsniederlegung sahen sich 
verschiedene hiesige Werke gezwungen, die Ansprüche der 
Arbeiterschaft zu bewilligen. Es wurde zum ersten Male in 
Berlin ein Tarif mit staffeiförmigen Löhnen festgesetzt und 
für alle Berliner Emaillierwerke eine Arbeitszeit von neun 
Stunden, Sonnabends von acht Stunden, durchgedrückt. Diese 
Zugeständnisse, die notgedrungen gemacht werden mußten, 
drückten weiterhin auf den Gewinn, der trotz des guten Ge- 
schäftsganges und trotz des wohl überall erhöhten Umsatzes 
recht bescheiden war. 



Arbeitel- 
Verhältnisse. 



65. Eisenmöbelindustrie. 

Auf dem Eisenmöbelmarkte, insbesondere in der Bettstellen- 
fabrikation, war der Geschäftsgang im großen und ganzen be- 
friedigend, wenngleich' der Nutzen nur minimal war. Während 
sich die Roh^aterialienpreise durchweg steigerten, waren für 
die Fertigware keine höheren Preise zu erzielen, weil es immer 
noch Fabrikanten gibt, welche trotz der ungünstigen Zeiten 
die Geschäfte durch' Unterbietung der Preise an sich zu reißen 
suchen. 

Lieferungen an Behörden lagen im verflossenen Jahre 
wenig vor. So recht erfreulich sind derartige Gresehäfte nie, 
da die Preise infolge der schärfen Konkurrenlz sehr gedrückt 
sind. Leider sehen die maßgebenden Kreise weniger auf den 
Ruf und die langjährige Erfahrung einer Firma, als auf recht 
niedrige Preise, wodurdh' nur ungesunde Verhältnisse geschaffea 
werden. 



Allgemeines. 



imge 
iöra€ 



Behörden 



294 



V. Metallverarbeitung. 



Gart^enmöbel. 



Xrbeiter- 
Verhältnisse 



Englische 
Konkurrenz. 



Das Geschäft mit eisernen Gartenmöbeln ließ sich' wider 
Erwarten recht gut an, obgleich das Sommerwetter, welches 
doch nicht ohne Einfluß auf (diesen Fabrikationszweig ist, 
recht zu wünschen übrig ließ. 

Die Arbeitslöhne blieben neben den gewiß reichlichen Aus- 
gaben für Invalidität und Krankenversicherung anhaltend hoch. 
Streiks kamen im Laufe des Jahres 1912 in der Brandie 
nicht vor. 

Nach Ansicht des Berichterstatters würde der heimischen 
Eisenmöbelindustrie ein großer Dienst erwiesen, wenn die Ein- 
fuhr der englischen Eisenmöbelfabrikate durch einen höheren 
Eingangszoll erschwert würde, da England uns nicht nur das 
Exportgeschäft unterbindet, sondern auch unserer heimischen 
Industrie die schärfste Konkurrenz macht, weil es vermöge 
seiner günstigeren Lage in den Stand gesetzt ist, seine Pro- 
dukte weit vorteilhafter auf den Markt zu werfen. 



66. Kupfer- und M e s s i n^* i n d u s t r i e. 
Erster Bericht. Erster Bericht. 

Allgemeines. Li der Bericlitszcit ist das Geschäft in Messingfabrikat^i'n, 

d. h. in Blechen, Bändern, Drähten, Stangen und Profilen, durch- 
weg ziemlich gleichmäßig gewesen, abgesehen von zwei bis drei 
Sommermonaten, wo die absolut Ungewisse Kupfermarktlage so- 
wohl den Messingwerken als auch ihren Abnehmern (Großhändlern 
und Messing verarbeitenden Industrien) zu großer Zurückhaltung 
Anlaß bot. 

Rohstoffmarkt. Eine Eigentümlichkeit war die Tatsache, daß monatelang 

Kupfer aus zweiter und dritter Hand billiger erhältlich war, 
als aus erster Hand, nämlich von den Großproduzenten, die 
lange Zeit teils gar nicht im Markte waren, teils Preise forderten, 
die mit den Kupfermarktnotierungen nicht im Einklang standen. 
Die Preise der Londoner Kupferbörse schwankten in den ersten 
zwei Monaten nur unwesentlich, stiegen dajin von 62 bis 63 G 
im Laufe des März auf 69 bis 70 C, bliel>en auf dieser Höhe bis 
Mittle Mai und stiegen dauji bald auf 78 bis 79 C, um 
hierauf unter mehrfachen heftigen Schwankungen unter Be- 
rührung von 72 bis 73 £ einerseits und 79 bis 80 £ anderer- 
seits mit 76iVi6 £ die Berichtszeit verlassen. Die Ursachen 
für diese Veränderlichkeit lagen in Produktionsverhältnissen 
und Streiks, in der Beurteilung der Kupferstatistik bezüg- 
lich Vorrat und Verbrauch, in der Ungewißheit der geschäft- 
lichen Lage mit Bücksicht auf den Ausfall der Präsidentschaf ts- 
wahi in den Vereinigten Staaten und schließlich in den aus- 
brechenden Balkanwirren. Im allgemeinen war die Einkaufs- 
möglichkeit nicht ungünsti^g, wenn aucli in den Rohstoffen, die 
hauptsächlich für die Messinglegierung in Frage kommen, d. h. 



66. Kupfer- und Messingindustrie. 



295 



in Kupfer und Zink, mit durchweg steigenden Preisen gerechnet 
werden mußte. 

Vielfach konnten freiiicli die Verkaufspreise keine ent- 
sprechende Erhöhung erfahren. Das Hinder^iis dafür lag aber 
nicht bei den Käufern, obwohl diese selbst die Preise für ihre 
Fertigfabrikate nur schwer aufbessern konnten, sondern bei den 
frei miteinander konkurrierenden MessingWerken. Angebote 
wurden gemacht, die unmöglich auf normaler Kalkulation 
basierten, und zwar teils von einzelnen Berb'ner Werken, teils 
von Seiten mitteldeutscher Firmen, die a tout prix nach Berlin 
liefern w^oUen, obwohl sie noch die Fracht tragen müssen. Um 
dieser Preisschleuderei ein Ende zu machen, wurden in der Be- 
richtszeit ernstliche Bestrebungen aufgenommen, um in irgend- 
einer Form eine Einigung zu erzielen, wenn auch schließlich 
nur unter den Berliner Werken. Aber alle Schritte blieben aus- 
sichtslos. Der Kampf aller gegen alle bleibt bestehen. Die einen 
nehmen unlukrative Aufträge, nur um ihre Arbeiter zu be- 
schäftigen; andere suchen sich durch Aufnahme neuer Artikel 
und neuer Geschäftszw^eige ein Plus zu erringen; manche er- 
streben durch Einführung' immer rationellerer Arbeitsmethoden 
eine Verbilligung der Produkte bei gleichbleibender Qualität, 
al»er höherer Leistungsfähigkeit. 

Zweiter Bericht. 

Die Betriebe der berichtenden Firma waren im Jahre 1912 
ohne Unterbrechimg so rege beschäftigt, daß die eingehenden 
Aufträge, nur unter Inanspruchnahme langer Lieferfristen be- 
wältig! werden konnten. Die Preise waren gegenüber denjenigen 
des Vorjahres etwas gebessert, obwohl zuweilen auch Offerten 
vorlagen, die einen Verdienst ausschlössen. Der günstigeren 
Preisgestaltung kam die steigende Tendenz des Rohkupfermarktes, 
die während des erst;en Semesters fast ununterbrocJien angedauert 
hjitte, und im weiteren Verlauf des Jahres die nur hin und wieder 
durch unerhebliche Schwankungen nach unten und oben unter- 
brochene Stabilität des Marktes zu statten. Des weitem wirkte 
aber aucli der Umstand auf die Preisgestaltung günstig ein, daß 
die (Beschäftigung aller ;Werke nichts zu wünschen übrig ließ. 
Die berichtende Firma konnte ihre Produktion auf eine Höhe 
bringen, wie nie zuvor. Auch bei Abschluß des Berichtes dauerte 
der rege Auftragseingang noch unvermindert an. 

Als gegen Ende des Jahres 1911 die steigende Tendenz des 
Rohkupfermarktes einsetzte, sind seitens der Konsumenten zu 
niedrigen Preisen bedeutende Abschlüsse für spätere Lieferung 
getätigt W'orden, die erst im Jahre 1912 realisiert werden konnten. 
Die Auftragseingänge während des Jahres '1912 haben laut Aus- 
weis des Kupf er draht- Verbandes quantitativ deshalb nicht ganz 
die Höhe der vorjährigen erreicht, dagtegen sind die Ablieferungen 



Syndikats- 
)>e.strobungen. 



Z weiter Befich t- 
Allgeineines. 



Kupteidijlhte. 



296 



V. Metallverarbeitung. 



Stehbolzen- 
kupfer. 



Kupferblech. 



Rohkupier und 
Zink. 



Arbeiter- 
verhältnisse. 



Export. 



Eiiiflug der 

politischen Vei 

haitnisse. 



vom 1. *JaJi. bis 30. Sept. gegenüber der gleichen Pc'riod'ö 
des Vorjahres gestiegen. Die Preise waren im großen und ganzen 
zufriedenstellend, obwohl sich der Wettbewerb außenstehender 
Werke bemerkbar machte. 

Für Stehbolzenkupfer zu Lokomotiven herrschte regere Nach- 
frage als im Vorjahre. Die überaus ungünstigen Verhältnisse, 
unter denen- der Handel mit diesem Fabrikat im Vorjahre zu 
leiden ha^te, haben sich gebesisert. Die günstigere Konjunktur 
ist also auch hier zum Ausdruck gekommen. 

Das Kupferblech-Syndikat wies für die Zeit vom 1. Jan. 
biä zum 30. Sept. etwa das gleiche Verkaufsquantum nach, wie 
im Vorjahre. Die Ablieferungen überstiegen die vorjährigen 
jedoch, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, daß im Jahre 
1912 neue Mitglieder aufgenommen worden sind. Die Preise 
waren zufriedenstellend. 

Wie bereits hervorgehoben, verfolgte der Rohkupfermarkt 
während der ersten Hälfte des . Jahres eine rapid steigende 
Tendenz, während er sich in der zweiten Hälfte im wesentlichen 
stabil zeigte und gegen Ende des Jahres die Preise zurück- 
gingen. Die Balkanmrren haben die Festigkeit des Marktes" 
nicht beeinträchtigt, da die Produzenten an ihren Höehstforde- 
rungen unnachgiebig festhielten und sich den Zwischenhändlern, 
deren sich infolge der Wühlarbeit von Baissiers eine gewisse 
Nervosität bemächtigt hatte, keine Gelegenheit bot, sich gegen 
Verkäufe zu den niedrigeren Börsennotierungen bei den Minen 
einzudecken. Der niedrigste Kurs für Standardkupfer betrug am 
6. Febr. 61 £, während der höchste mit £ 79/9/16 am 27. und 
28. Aug. zu verzeichnen war. Zink verkehrte in ruhiger Haltung. 
Wesentliche Preisschwankungen sind nicht zu verzeichnen ge- 
wesen. Die Börsennotierungen bewegten sich zwischen 26 und 28 £. 

Unter Arbeitermangel hatten die Betriebe nicht zu leiden. 
Lohnbewegungen der eigenen Arbeiterschaft haben nicht statt- 
gefunden, trotzdem sind die Löhne im Einklang mit der günstigeren 
Konjunktur erhöht worden. 

Mit Rücksicht auf die günstigen Absatzverhältnisse im 
Inland hat die berichtende Firma den Export gegenüber dem 
Vorjahre etwas eingeschränkt. Soweit sie im Auslande, nament- 
lich Dänemark, Norwegen und Schweden, mit in Wettbewerb 
getreten ist, hat sie die Erfahrung gemacht, daß die Preise sehr 
gedrückt waren. Mit ihren Forderung-'en konnte sie nur bei alten 
Abnehmern durchdringen, die Wert auf Qualitätsware legen. 

Die politischen Wirren, Tripolis- und Balkankrieg, haben 
einen hemmenden Einfluß auf die Entwicklung der Industrit^ 
nicht ausgeübt, weil die Länder, in denen die Kriegsaperationen 
sich vollzogen (Italien ausgenommen), als Verbraucher von 
Halbfabrikaten der Branche kaum in Betracht kommen. Das 
Berichtsjahr war im Gegenteil sowohl im Hinblick auf Ab- 
satz, wie auch Preisgestaltung, günstiger als die Vorjahre. 



66. Kupfer- und Messingindustrie. 



297 



Dritter Bericht. 

In der Kupferschmiederei, Apparate- und Armaturenfabri- 
kation bestehen außer dem Betrieb der berichtenden Firma, welcher 
als größerer Betrieb bezeichnet werden darf, nur noch einige 
ähnliche kleinere Betriebe, was seinen Grund darin haben mag, 
daß infolge der sehr scharfen auswärtigen Konkurrenz nur noch 
solche Betriebe sich behaupten können, welche entweder Spezial- 
erzeugnisse herstellen oder eine größere, feste Kundschaft in 
den hiesigen chemischen Großbetrieben, Brauereien, Färbereien, 
Sprit- und Likörfabriken und ähnlichen Betrieben besitzen, welche 
dauernden Bedarf an ihren Fabrikaten haben, und teilweise 
darauf angewiesen sind, ihre Aufträge hier ausführen zu lassen. 

Infolge des allgemeinen guten Geschäftsganges hatte die 
Branche auch fast das ganze Jahr hindurch recht befriedigend zu 
tun, und selbst der enorm erhöhte Kupferpreis hat nicht ver- 
mocht, einen nachteiligen Einfluß hierauf auszuüben. Nur in 
den beiden letzten Monaten übten die politischen Verhältnisse 
einen recht nachteiligen Einfluß auf den Absatz aus. Der Ein- 
gang von Aufträgen ließ sehr nach. Auch die Kupferpreise 
gingen Ende des Jahres stark zurück. 

Als Absatzgebiete kommen in erster Linie Groß-Berlin, zum 
Teil das Deutsche Heich und in geringerem Maße das Ausland 
in Betracht. 

An Kartellen bzw. Syndikaten kommen für die Branche 
in Betracht: Das Kupferblechsyndikat, die Verkaufsvereinigung 
Deutscher Kupferrohrwerke, der Deutsche Flanschen verband und 
die Vereinigung Berliner Stabeisenhändler. Man kann nach An- 
sicht des Berichterstatters nicht sagen, daß diese Syndikate 
einen ungünstigen Einfluß auf das Geschäft ausgeübt haben, 
im Gegenteil hat die Gleichmäßigkeit der Preise manches Gute. 

Infolge der ständig steigenden Löhne, der erheblich ge- 
stiegenen Materialpreise sowie der immer größer werdenden Un- 
kosten sind die Gestehungskosten naturgemäß auch größer ge- 
worden, wogegen der Nutzen immer bescheidener bemessen werden 
muß. Die Preise der hauptsächlich in Frage kommenden Roh- 
und Halbfabrikate waren folgende: 



Dritter Bericht. 



Die Berliner 
Betriebe. 



Geschäftsgang. 



Absatzgebiet 



Kartelle. 



Preise. 



Kupferblech: Grundpreis am 1. 

am 1. 
Kupferrohr: Grundpreis am 1. 

am 1. 
Australzinn: Grundpreis am 1. 

am 1. 
Hüttenzink: Grundpreis am ]. 

am 1. 
Hüttenweichblei : Grundpreis am 1. 

am 1. 
Walzeisen: Grundpreis am 1. 

am 1. 



Januar 1912 für 


100 


kg 


159,— 


M 


Oktober 1912 


j> 


100 


77 


195,— 


77 


Januar 1912 


?) 


100 


77 


160,— 


77 


Oktober 1912 


)j 


100 


77 


220,— 




Januar 1912 


rj 


100 


J7 


395;- 


77 


Oktober 1912 




100 


75 


480 — 


77 


Januar 1912 


„ 


100 


7? 


59,- 




Oktober 1912 


n 


100 


77 


61,- 


» 


Januar 1912 


)j 


100 


77 


34,- 




Oktober 1912 


r 


100 


77 


45- 


7? 


Januar 1912 


77 


100 




15,- 


n 


Oktober 1912 


77 


100 


77 


17;50 


75 



298 



V. Metallverarbeitung. 



Arbeiter- 
Verhältnisse 



Ausfuhr. 



Aus dieser Gegenüberstellung ist zu ersehen, daß sämtliche 
in Betracht kommenden Metalle eine zum Teil sehr erhebliche 
Preissteigerung erfahren haben. 

Arbeitseinstellungen und Aussperrungen haben in dem Zeit- 
rairm vom 1. Jan. bis 1. Okt. nicht stattgefunden. 

In früheren Jahren hat die berichtende Firma schon oft 
darauf hingewiesen, daß für die deutschen Erzeugnisse die 
Länder Bußland, Oesterreich und Amerika, nach denen früher 
ein starker Export an Destillierapparaten für die Spiritusindustrie 
stattfand, des hohen Einfuhrzolles wegen als Absatzgebiet für 
uns leider ganz verloren gegangen sind. 



Vierter Berichf. Vierter Bericht. 

Konjunktur. Nachdem in den letzten Monaten des Jahres 1911 sich be- 

reits eine unw-esentliche Hebung des Bedarfs gezeigt hatte, wurde 
es zu Anfang des Berichtsjahres zur Gewißheit, daß eine 
steigende Konjunktur sich im Anmarsch befindet, und in der 
Tat setzte im Februar und März ein ganz außergewöhnlicher 
Bedarf in den von uns hergestellten Fabrikaten ein. Nach den 
langen Monaten des AVartens auf Aufträge konnten die Messing- 
und Kupferwerke dem plötzlich gesteigerten Bedarfe nicht sofort 
gerecht werden, zumal man für eine Hochkonjunktur nicht das 
genügend eingearbeitete Personal zur A^erfügung hatte und erst 
nach und nach gute Arbeiter heranziehen konnte. Der gesteigerte 
Bedarf hielt w^ährend des Berichtsjahres bis November an, und 
Hand in Hand damit ging ein fortwährendes Steigen der Preise 
für die hauptsächlichsten Eohstoffe für die Herstellung von 
Kupfer- und Messingröhren, Blechen und Drähten aus diesen 
Metallen und Legierungen. Die Veränderungen der Preise sind 
aus Tabelle 113 ersichtlich, während die ungefähren Grundpreise, 
die sich nach diesen Notierungen für die Eohstoffe naturgemäß 
richten, durch die Tabelle 114 gezeigt werden. Das Metall Zink 
blieb während des Berichtsjahres in seinen Preisen ziemlich 
stabil, zumal es durch die Zinkkonvention kontrolliert wird, 
doch mußte dieses Syndikat im November seinen Preis um 
mehrere Mark für 100 kg herabsetzen, da die angesammelten 
Vorräte zu den damals hohen Preisen von etwa 57 Mk. für 
100 kg ab Hütte nicht so schnell abgestoßen werden konnten. 

KarteUe. Von Syndikaten waren im Berichtsjahre der Kupferblech- 

Verband und die Vereinigung der Kupfen-ohr werke für die 
Stabilität der Preise tätig, und verhinderten, daß die Fabrikate, 
Kupferbleche und Kupferröhren, zu verlustbringenden Preisen 
abgesetzt werden konnten. Für Messing in allen seinen Her- 
stellungsmöglichkeiten gab es im Berichtsjahre keine Vereinigung, 
und die Bestrebungen danach sind bis heute noch gescheitert, 
so daß ein freies Ausbieten von Messingröhren, Messingblechen, 



66. Kupfer- und Messingindustrie. 



299 



Messingstangen und Drähten stattfand, wodurch den herstellenden 
Werken nur ein minimaler Nutzen verbleiben konnte. 

Die Hauptabnehmer, die Werften und Maschinen fabrikea, 
die Metallwarenfabriken und Lampenfabriken, -waren im Be- 
richtsjahre sämtlich vorzüglich beschäftigt, zumal da für Kriegs- 
bedarf bei der unsicheren politischen Situation auch vom Aus- 
lände große Bestellungen, sowohl in Schiffen wie in Munitions- 
material, gemacht wurden. 

Der Balkankrieg wirkte lähmend auf das Auslandsgeschäft, 
da infolge dieser Verwicklungen Kredite nach dem Ausland nicht 
bewilligt werden konnten. Die politische Unsicherheit, welche 
sich durch diesen langwierigen Krieg auch den anderen euro- 
päischen Staaten mitteilte, ist wohl zum großen Teil mit schuld 
an dem plötzlichen Abflauen der großartigen Beschäftigung 
während der ersten Monate 1912. 

Außer einigen kleinen Streiks, die speziell in der mit uns 
verwandten Eisenindustrie Anfang des Jahres ausbrachen, 
herrschte vollkommene Kühe und gutes Einvernehmen zwischen 
Arbeitgebeni und -nehmern, doch waren viele Werke infolge 
der Lebensmittelteuerung gezwungen, erhebliche Zulagen zu be- 
willigen, was verbunden mit den steigenden Preisen für fast 
sämtliche Materialien (Oele, Säuren, Kohlen, Koks) den ohne- 
dies geringen Nutzen noch weiter schmälerte. 



Abnehmer. 



Politische 
Verhältnisse. 



Arbeiter- 
verhältnisse. 



Tab. ll;i. 



Rohstoffpreise in der Messingindustrie. 



B. S. 



Standard 



Januar 
Februar . 
März . . 
April . . 
Mai . . 
Juni . . 
Juh . . 
August . 
September 
Oktober . 
November 
Dezember 



68,— 

67,10 

72 - 

7540 

79,- 

84,- 

83,— 

83,10 

84,- 

83,— 

83,— 

82,— 



63,— 
62,10 

68,— 
70,10 
74,- 
79,10 
77,- 
78,10 
79,10 
78,- 
77,10 
76,- 



Zink Spezial 

27,15 

27,15 

27,12.6 

26,15 

26,15 

26,15 

26,15 

27,50 

28,— 

28,10 

27,10 

27,50 



Tab. 114 



Fabrikatpreise in der Messingindustrie. 



Januar . 
Februar 
März . . 
April 
Mai . . 
Juni . , 
Juli . . 
August . 
September 
Oktober 
November 
Dezember 



11 Messing- 
blech 



Messing- 
stangen 



Messing- 
rohr 



126,— 
130,— 
135,— 
148,— 
153,- 
154,- 
155,— 
155,— 
155,— 
153,— 
154,— 
153,— 



114,- 

118,— 

124,— 

131,— 

134,- 

140, 

142, 

142, 

144, 

141,— 

142,- 

135,- 



142,— 

145,— 

150,— 

156,— 

160,— 

163,— 

165,— 

168,- 

173,— 

171,- 

174,- 

170,-- 



Kupfer- 
röhr 



165,- 
163,- 
165, 
180, 
185,- 
195,- 
197,- 
208,- 
208,- 
215,- 
208,- 
205, 



Kupfer- 
stangen 

16Ö,— 

158,— 

160,- 

174,- 

180,— 

191,- 

192,— 

199,— 

201,— 

I 206,— 

i 200,— 

i 197,- 



300 



V. Metallverarbeitung. 



Bleiröhren. 
'Geschäftslage. 



ICaterialpreis«. 



67. Bleirohr- und Z innrolir f ab rikatio n. 

Am Schlüsse des vorjährigen Berichtes über die Geschäfts- 
lage in der Bleiröhrenfabrikation war in Zweifel zu ziehen, ob 
die in 1911 noch relativ rege Bautätigkeit unter den Ende 1911 
gegebenen Verhältnissen von Bestand sein würde. Die Ent- 
wicklung des Berliner Baumarktes in 1912 hat den in unserem 
vorjährigen Bericht zum Ausdruck gebrachten Skeptizismus ge- 
rechtfertigt. Das Gesamtbild hat sidh für Groß-Berlin im Be- 
richtsjahre ungünstig verändert. Geht man den Ursachen dieser 
Verschlechterung nach, so ist an erster Stelle zu nennen die 
schwierige Lage des Grundstücks- und Hypothekenmarktes, 
welche ihre Rückwirkung in besonders nachdrücklichem Maße 
auf das mit dem Immobili enges chäft zusammenhängende Bau- 
gewerbe ausübt. Die Gründe zu dieser Erscheinung liegen in 
der derzeitigen Situation des gesamten Immobilien wesens, in 
der schwierigen Hypothekenbeschaffung und der damit in Ver- 
bindung stehenden erschwerten Baugeldbesorgung. Die Bau- 
tätigkeit in der Berliner Innenstadt ändert an dem Gesamtbild 
nichts. Die in den letzten Jahren nicht immer völlig gesunden 
Verhältnisse auf dem Berliner Baumarkt, eine gewisse Eorcierung 
des Geschäfts, begünstigten die üeberproduktion an Wohnungen. 
Auf diese verschiedenen Momente sind bis zu einem gewissen 
Teil die krisenhaften Zustände des Berichtsjahres zurück- 
zuführen. Als weitere Ursache der Stockimg des Geschäftes auf 
dem Immobilienmarkt ist anzusehen die Belastung des Grund- 
stücksverkehrs, die in den letzten Jahren ständig und stark 
gestiegen ist. Die Folgewirkung davon ist, daß das Kapital 
von Grundstücksankäufen zu Anlage^wecken abgedrängt wird. 
Mitten in der gewerblichen Hochkonjunktur waren eine An- 
zahl von Zusammenbrüchen auf dem Berliner Baumarkt 
zu verzeichnen. Für die nächste Zeit ist auf eine merkbare 
Besserung der Verhältnisse auf dem Baumarkt nicht zu hoffen, 
da zurzeit die politischen Ereignisse eine gewisse Besorgnis 
hinsichtlich des künftigen Geldangebotes nicht ungerechtfertigt 
erscheinen lassen. 

Das Berichtsjahr 1912 stellt in bezug auf Bleipreise einen 
Hochstand dar, wie er in der Zeit von 1900 ab bisher nicht zu 
verzeichnen war. Im Jahre 1907 stieg die Londoner Notierung 
für Blei auf 22 £, fiel hierauf erst langsamer, dann gegen 
Ende 1907 schneller bis auf 14 £. Die krassen Preisunteri 
schiede kommen zum Ausdruck bei einem Vergleich folgender 
Perioden: Ende 1902 und 1903 wurde Blei in London wenig 
über 11 £ mit einem Auf- imd Abstieg von 2 — 3 £ notiert. 
In 1907 war der Preis heraufgegangen biß auf 22 £, noch 
im gleichen Jahre herunter bis auf 14 £. Im Jahre 1912 
wurde Blei Anfang des Jahres mit etwa 15 1/2 £ notiert, stieg 
im September 1912 bis auf meht als 23 £ und wurde An- 



68. Metallschrauben- und Muttemfabrikation. 



301 



fang November mit 18 1/2 £ bezahlt. Im einzelnen stellten sich 
die Bleipreise in 1912 wie folgt nach Londoner Notierung: 



Januar . . 


durchschnittlich etwa 


i 15V2— löV* =^ 


Februar . . 


„ 


r> 


löVg-löVs ^ 


März . . . 


r 


n 


153A-16V4 ^ 


April . . 


r 


» 


161/4 - 165/8 £' 


Mai . . . 


VI- ■ 


V 


161/2-16% ^ 


Juni . . . 




n 


163/4—18 ^ 


Juli . . . 


r 


7J 


18V2— 18V4 ^' 


August . . 


» 


?? 


isVs— 20^/4 ^ 


September 


»» 


j» 


20^8-231/4— 22V 


Oktober. . 


„ 




211/2-191/4 -^ 


November . 


■,, 


i" 


18V4-17V8 -^ 


Dezember . . 


»» 


V 


181/4-18 .^ 



Der Ende 1911 bestehende Verkaufspreis wurde aufrecht- Verkaufspreise. 
erhalten bis April, alsdann nicht ganz entsprechend den in- 
zwischen erhöhten Bleipreisen Anfang Juni hinaufgesetzt, 
worauf die Preise dann annähernd den weiteren Bleinotierungen 
in steigender Linie bis September hinein folgten. Ermäßigungen 
erfolgten Anfang Oktober, Mitte Oktober, Ende Oktober und 
Anfang November. 

Die Geschäftslage in Zinnroh!r zeigt in dem Berichtsjahre ziunrohr. 

keine Veränderung gegen das Vorjahr. Die Preisbewegungen 
auf dem Zinnmarkt zeigen in 1912 eine weitere Verteuerung des 
Materials gegen 1911. 

Bankazinn notierte für prompte [Ware 1912: 



Januar nied 

Februar ....... 

März 

April 

Mai . 

Juni 

Juli 

August ........ 

September 

Oktober 

November 

Dezember 



igst 184—195 £" 
193-198 :6- 
190—196 ^' 
197—211 ^ 
204—213 je 
200—209 ^ 
198—208 
204—218 
216-231 
225—231 
228—230 
225—229 



£ 
£ 
£ 
£ 
£ 



Dagegen waren in 1912 die Spannungen zwischen der No- 
tierung für prompte Ware und Lieferung 3 Monate nicht 90 
weitgehend wie im Vorjahre. Bei dem jetzigen hohen Stande 
bestehen darin nur geringe Unterschiede, zurzeit nahezu Parität. 



68. Metallschrauben -und Mut tern fahr ikation. 
sowie Fassondreherei. 

Erster Bericht. 

Das Jahr 1912 zeichnete sich von Anbeginn durch außer- 
ordentlich flotte Beschäftigung aus. Aufträge gingen ohne 
Unterbrechung so reichlich ein, daß alle Kräfte aufgeboten 



Erster Bericht 



Beschäf- 
tigungsgrad 



302 



V, Metallverarbeitung. 



Verhältnis 
zwischen Her- 
stellungskosten 
und Verkauf s- 
1 »reisen. 



werden mußten, um die Ansprüche der Kundschaft hinsichtlioh 
Lieferung zu erfüllen. Es ergab sich hieraus die Notwendig- 
keit, wiederum zur Neuanschaffung von automatischen Maschinen 
zu schreiten, deren Inbetriebnahme insofern mit Schwierigkeiten 
verknüpft war, als zur Bedienung dieser Maschinen brauchbare 
Arbeiter, sogenannte Automateneinrichter, nur schwer zu finden 
sind. In den letzten Wochen ist allerdings ein auffallender Mangel 
an Ordereingängen zu konstatieren; doch ist dies zweifelsohno 
auf die augenblicklichen politischen Verhältnisse zurückzuführen. 
Besonders bemerkbar ist der Rückgang der Bestellungen auf 
Messingteile ; vermutlich halten die Konsumenten hiermit zurück, 
W'cil sie befürchten, daß Messing, das aus 60 o/o Kupfer und 
40 o/o Zink zusammengesetzt ist, infolge der kritischen Börsen- 
verhältnisse wesentlich im Preise sinken wird. 

Obgleich eine kleine Aufbesserung der Verkaufspreise ein- 
getreten ist, reichte dieses geringe Plus doch nicht aus, um das 
bisherige Mißverhältnis auszugleichen. Es ergaben sich im 
Berichtsjahr wiederum erhebliche Mehrkosten für die Beschaffung 
der Materialien, und es waren bedeutende Aufwendungen für 
erhöhte Arbeitslöhne und die ebenfalls wieder vermehrten all- 
gemeinen Unkosten erforderlich. Die Preiserhöhungen für die in 
der Berichtsbranche hauptsächlich zur Verwendung gelangenden 
Materialien : Messing, Eisen und Stahl, gestalteten sich wie folgt : 



Messing kostete zu Beginn 1912 . . . 


113,50 M 


Preis im November . . . 


135,- „ 


Schweißeisen kostete zu Beginn 1912 . 


21 - „ 


Preis im November . . . 


22,— „ 


S.M.-Stahl kostete zu Beginn 1912 . . 


16,- „ 


Preis im November . . . 


17 - „ 



Löhne und 
Geh alter. 



SubinisHtoiis- 
wesen. 



per 100 kg Grundpreis, wahrend außerdem die Ueberpreise für 
Stahl eine Erhöhung von etwa 50 o/o laut Beschluß der Berliner 
Handelsvereinigung erfahren haben. 

Mit Rücksicht auf die teuren Lebensmittel mußten die Löhne, 
obwohl sie bereits eine stattliche Höhe erreicht haben, aber- 
mals aufgebessert werden. Tüchtige Automateneinrichter und 
Werkzeugmacher verdienen jetzt 80 — 85 Pf. für die Stunde. Auf 
.Wunsch erfolgt die Lohnzahlung an die Arbeiter neuerdings am 
Freitag, damit die Erauen der Leute Gelegenheit haben, ihre 
Einkäufe mit Ruhe und Sorgfalt zu erledigen. Die allgemeinen 
Unkosten wurden höher durch aufgebesserte Gehälter an die 
kaufmännischen und technischen Beamten sowie durch die 
'Verteuerung fast aller Hilfsmittel. So .sind die Preise für 
Benzin, Petroleum, Oel und Schwefelsäure ganz beträchtlich 
gestiegen, und auch Kohlen sind neuerdings um etwa 25 o/o teurer 
geworden. 

Die über das Submissionswesen früher vorgebrachten 
Klagen sind aufrecht zu erhalten. So wurde vor einigen Tagen 



68. Metallschrauben- und Mutternfabrikation. 



303 



aji eine Behörde ein Angebot von ziemlich großem Objekt 
abgegeben, an das der Submittent 45 Tage gebunden ist. Ganz 
abgesehen von dem Risiko, das der Submittent durch diese 
Bindungsfrist eingeht, hat die Erfahrung gelehrt, daß die Ent- 
seheidung seitens der Behörde meist erst am 45. Tage erfolgt, 
und zwar hinsichtlich der verhältnismäßig kurz bemessenen 
Lieferzeit unter so rigoix)sen Bedingungen, daß es bei der jetzigen 
starken Beschäftigung der Werke kaum möglich ist, innerhalb 
der gestellten Frist das Material zu beschaffen. Dagegen läßt 
sich die Behörde zur Erledigung etwaiger technischer Rückfragen 
u.sw. sehr viel Zeit. Nach wie vor gelangen auch Objekte von 
so geringem AVerte im Submissionswege zur Ausschreibung, daß 
die baren Auslagen des Submittenten an Porto usw. oft den 
,Wert der angefragten Gegenstände überschreiten. 

Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern war 
im Berichtsjahr kaum getrübt. In einigen wenigen Betrieben 
trat vorübergehend Arbeitseinstellung ein, doch konnten die 
Differenzen alsbald beigelegt werden. Es liegt auch für die 
Arbeiter kein »Grund )Z.ur Unzufriedenheit vor, da alle ihre Wünsche 
erfüllt werden. Uebrigens könnte ihr Einkommen noch größer 
sein, wenn sie (dies gilt hauptsächlich von den Automaten- 
einrichtern) in Akkord arbeiten würden, was sie jedoch strikte 
verweigern. Zu verurteilen ist nur das Verhalten einiger Arbeit- 
geber selbst^ die sich nicht scheuen, Leute aus den Konkurrenz- 
betrieben durch Zusage höherer Löhne in ihren Betrieb zu locken. 
So ist der berichtenden Firma kürzlich der Fall widerfahren, 
daß ihj" ein junger Automateneinrichter, der soeben bei ihr seine 
Ijehrzeit beendet hatte und mit einem Stundenlohn von 55 Pf., 
der seine Leistungen reichlich deckte, weiterbesehäftigt wurde, 
von einer Konkurrenzfirma mit 70 Pf. Stundenlohn weg- 
engagiert wurde. 



Arbeiter- 
verhaltnisse. 



Zweiter Bericht. 

Der Geschäftsgang in der Metallschraubenbranche war im 
Jahre 1912 im allgemeinen etwas besser als im Vorjahr und als 
gut izu bezeichnen, da der Betrieb während des ganzen Jahres 
im vollen Umfange aufrechterhalten werden koimte. 

Infolge des gesteig*erten Bedarfes ließen sich auch etwas 
bessere Verkaufspreise erzielen als in den letzten Jahren, wozu 
allerdings auch das Steigen der Rohmaterialpreise besonders für 
Kupfer und Messing und die allgemein erforderlich gewordenen 
Aufbesserungen der Arbeitslöhne nicht unerheblich beigetragen 
haben. 

Das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und -nehmern war gut. 

Hauptabsatzgebiet für uns ist Deutschland, der Verkehr mit 
dem Auslande ist nur sehr gering, und daher wurde der Geschäfts- 
gang durch die Balkanwirren wenig oder gar nicht beeinflußt. 



Zweiterliericht. 



(Jeschäftsganj;. 



Preise. 



Arbeiter- 
verhältniss«. 
Absatzgebiete. 



304 



V. Metallverarbeitung. 



Umsätze um 
Preise. 



Zahlungs- 
bedingungen . 



69. K uns tindus tr ie , besonders B r o n z e - K u ns t- 

industrie. 

Im Jahre 1912 war die Nachfrage nach Fabrikaten der 
Bronze-Kunstindustrie ziemlich rege, so daß die Umsätze ini all- 
gemeinen besser waren als in den Vorjahren. Leider wurden die 
erzielten Gewinne durch mancherlei Faktoren stark beein- 
trächtigt. Die gesteigerten Lebensmittelpreise machten weityere 
Erhöhungen von Löhnen und Gehältern notwendig, zudem 
s:chmälerte die Teuerung fast aller Rohmaterialien, in erster 
Linie der hohe Preis der hauptsächlich zur Verwendung 
kommenden Metalle wie Kupfer und Zinn, den üblichen Nutzen 
nicht unwesentlich. Zwar konnten zum Teil Preisaufschläge be-' 
rechnet werden, die hierauf hinzielenden Verständigungen Inner- 
halb einzelner Fabrikantengruppen kamen indessen zu spät zu- 
stande, um einen vollen Ausgleich zu bewirken. Einzelne Fabri- 
kanten konnten sich zu Preisaufschlägen überhaupt nicht ent- 
schließen, so daß die Konkurrenz bei größeren Einzelaufträgen, 
wie z. B. Bauarbeiten, die im Submissionswege zu vergeben waren, 
besonders scharf war. Hierzu kommt der Uebelstand, daß zu-" 
weilen geradezu unerklärliche Angebote gemacht werden und in 
der überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Mindestfordernde den 
Zuschlag erhält, worunter naturgemäß die Qualität der Arbeit 
leiden muß und die Existenzfähigkeit der ernsten Qualitäts- 
fabrikanten unterbunden wird. Im Berichtsjahre war ein Fall 
zu verzeichnen, in dem bei einer Submission der Mindestfordemde 
ein Angebot von 4200 Mk. abgab, während der Höchstfordemde 
fast 15 000 Mk. ansetzte und sich die Preise einer ganzen Anzahl 
maßgebender Firmen zwischen 8000 und 10 000 Mk. bewegten. 
Es fwäre an der Zeit, nach Mitteln zu suchen, um solchen Un- 
geheuerlichkeiten zu steuern, damit der Industrie ein an- 
gemessener, wenn alich mäßiger Nutzen verbleibt. 

Sehr erschwert wird das Geschäft auch dadurch, daß sowohl 
im Handel mit Fabrikaten der Bronze-Kunstindustrie wie auf dem 
Baumarkte Valutierungen und so lange Ziele in Anspruch ge- 
nommen werden, wie sie in früheren Jahren nicht üblich waren. 
Auch hier müßte eine kräftige Agitation einsetzen, um 
schwächeren, aber sonst leistungsfähigen Fabrikanten den Weg 
zur Entwicklung nicht zu versperren. Muß der Kunsthändler 
mit festen Zahlungsbedingungen und angemessenen Zahlungs- 
fristen rechnen, so wird er bald selbst dazu übergehen, seinen 
Abnehmern nicht unbegrenzt lange Kredite zu gewähren, und 
dadurch wesentlich zur Besserung der Wirtschaftslage innerhalb 
seines Gewerbes beitragen. 

Die politischen Verhältnisse haben in der zweiten Hälfte 
des Berichtsjahres den Geschäftsgang ungünstig beeinflußt. Sie 



70. Beleuchtungsindustrie und Verwandtes. 



305 



hatten Annullierungen und Zurückhaltung von Aufträgen aus 
dem nahen Osten zur Folge und lähmten die Anbahnung neuer 
in Aussicht genommener Unternehmungen. Verschärft sich die 
politische Lage weiter, so ist wohl mit Sicherheit eine starke 
Beeinträchtigaing des für unsere Industrie überaus wichtigen 



Weihnachtsgeschäftes zu erwarten. 



70. Beleuchtuns-sindustrie und Verwandtes. 



1. Gasglühlichtindustrie. 

Im Jahre 1912 w^ar eine Steigerung des Umsatzes gegen- 
über den letzten zwei Vorjahren zu verzeichnen. Diese Tatsache 
ist darauf zurückzuführen, daß die im Jahre 1909 infolge der 
Einführung der Glühkörpersteuer aufgestapelten Vorräte in- 
zwischen aufgebraucht waren und der Bedarf, wie er vor dem 
Steuer jähre vorhanden -war, wieder voll eintrat. Allerdings 
brachü' dieser höhere Umsatz keinen größeren Gewinn, denn 
einei-seits sind die Eohmaterialien teurer geworden und gerade 
die Hauptbestandteile des Glühkörpers, wie Garn, Thorium usw., 
haben Preiserhöhungen erfalu^en, andererseits war eine Steige- 
rung der Verkaufspreise nicht zu erreichen in Anbetracht der 
scharfen Konkurrenz, die im abgelaufenen Jahi^e sich in er- 
höhtem Maße geltend gemacht hat. Ebenso wie die Eusionierung 
einer Anzahl von Firmen einen ungünstigen Einfluß auf die 
allgemeine Marktlage ausübte, haben auch verschiedene neu- 
gegTündete Fabriken, die sich auf Kosten der Preise ein Absatz- 
gebiet erringen wollten, den Konkurrenzkampf verschärft. Die 
Pixxiuktion wurde wohl gehoben, dagegen aber sind die Ver- 
kaufspreise her abgedrückt worden, so daß das allgemeine Er- 
gebnis dahin zusammenzufassen ist, daß speziell bei dem In- 
landsgeschäft der Umsatz zwar größer war, nicht aber der Ge- 
winn. Die Rohmaterialien sind noch weiter im Steigen begriffen; 
so haben z. B. die Garnpreise erst unlängst wieder eine Er- 
höhung erfahren, und auf dem Thoriummarkte ist große Un- 
sicherheit zu verzeichnen, dena große Mengen Monazitsand, die 
sich in festen Händen befinden, lassen vorerst keine stabilen 
Preisverhältnisse aufkommen. 

Der Umsatz in den stehenden Glühkörpern ist zum Teil 
zurückgegangen, dagegen haben die Lieferungen in Glühkörpem 
für hängendes Licht einen größeren Umfang angenommen, nament- 
lich werden für die immer mehr zur Straßenbeleuclitung in Ver- 
wendung kommenden Starklichtlampen Glühkörper gTößerer 
Dimensionen gebraucht. 

Die Konkurrenz des elektrischen Lichtes, das durch die Ein- 
richtung zahlreicher Ueberlandzentralen und durch die Ver- 
besserung und ^^erbilligung der Metalldrahtlampen immer ijiehr 



Gasglülilicht- 
inaustrie. 

Allgemeinefl. 



Stehendes tvnd 

hängendes 

Licht. 



Konkurrenz des 

elektrischen 

Lichtes. 



Berl. .Jahrb. f. Handel u. lud. 1912. II. 



20 



306 



V. Metallverarbeitung. 



an Absatz gewinnt, wird für die Gasgiühlichtbeleuehtung immer 
fühlbarer. 
Inlandsabsatz. Für das Inland bietet die Glükkörpersteuer immer noch 

gewisse Schwierigkeiten imd erhöhte Unkosten. Das Kapital der 
Fabrikanten muß heute mehr als doppelt so groß wie früher sein, 
und auf der anderen Seite stehen bei Retouren, Verlusten, Kon- 
kursen usw. die doppelten Beträge den früheren gegenüber. 
Ausfuhr. Die Absatzverhältnisse im Auslande sind in dem Berichts- 

jahre schlechter geworden; die Errichtung weiterer neuer Fabriken 
im Atislande, die Erschwerungen bei der Einfuhr, verschärfte 
Zollbestimmungen haben es dahin gebracht, daß die Ausfulir 
zurückging, zudem sind die BalkanwTirren nicht ohne schädigenden 
Einfluß geblieben. Der Export nach den Vereinigten Staaten 
von Amerika ist durch die neuerdings eingeführte Praxis der 
dortigen Zollbehörden für die deutsche Industrie vollständig aus- 
geschaltet worden. Seit Anfang dieses Jahres erhebt die dortige 
Behörde den bisherigen .Wertzoll von 45 o/o auch von der Glüh- 
körpersteuer, so daß also eine Erhöhung des Zolles um die 
Hälfte- der Glühkörpersteuer stattfindet. Das Ilauptabsatzgebiet 
im Auslande liegt aber noch immer in England. Leider ist dieser 
Export meist auf ganz billige AVare angewiesen, und während 
sich die Engländer die besser bezahlte Ware im Lande selbst 
herstellen, beziehen sie deutsche Fabiikate zu den gedrücktesten 
Preisen, woran unsere Industrie den größten Teil der Schuld 
trägt, da sich die deutschen Fabrikanten gegenseitig derart im 
Preise unterbieten, daß kaum noch ein Ge^vinn an diesem Export- 
geschäft zu erzielen ist. 



Lampen- 
fabrikation und 

•Handel. 
Erster Bericht. 



2. Lampenfabrikation und -Handel. 

Erster Bericht. 
Der Geschäftsgang war zufriedenstellend. Sowohl in dem 
Spezialartikel der berichtenden Firma, Graetzin-Licht, als auch 
bei ihren übrigen Fabrikaten haben die Einführung von Neu- 
heiten, bei den elektrischen Glühlampen die Aufnahme einer neuen 
Fabrikationsmethode, deren Produkt die Graetzdraht-Lampe ist, 
sowie der auch im Berichtsjahre planmäßig weitergeführte 
Ausbau der Anwendungsmöglichkeiten und Verwendungsarten 
ihrer Erzeugnisse, das Inlands- und Auslandsgeschäft günstig 
beeinflußt. Die Petroleum- und Spiritus-Heizöfen, -Lampen und 
-Laternen der Berichterstatterin begegneten steigender Nachfrage. 
Das Exportgeschäft war gut. 



zweiterBericht. Zweiter Bericht. 

-AUgemeines. Die erste Hälfte des Berichtsjahres zeigte eine erfreuliche 

"' . Lebhaftigkeit des Geschäfts und ließ ein ähnlich zufrieden- 

stellendes Resultat wie im Vorjahre erwarten. Leider brachte 



rO. Beleuchtungsindustrie und Verwandtes. 



307 



die; zweite Jal^reshälfte eine steigende Enttäuschung; die Gründe 
■dafür ' liegen freilieh auf der Hai^d: die- allgemeine Teuerung, 
•die uasichere politische Lage, und .der; starke Rückgang der 
Kiuiswerte waren nicht geeignet, die -Kauflust, anzuregen. 

Von den Beleuchtungsarten stand das elektrische Licht itn 
Vordergrund des Infeesses. Die Statistik der TEtaftwerke zeigt 
eine beständige Verbrauchssteigerung der Energie zu Beleuch- 
tungszw ecken. In der Großstadt wird selbst für kleinere Woh- 
nungen vielfach elektrische Beleuchtung gewünscht, und au dh 
in kleinere Städte und aufs Land führen die Ueberlandzentralen 
■das elektrische Licht in immer weiterem Umfange. Daher er- 
wächst nicht nur der Gasbeleuchtung in den Städten, sondern 
auch der Petroleum- und Spiritusbeleuchtung auf dem Lande 
durch das elektrische Licht eine scharfe Konkurrenz, was bei 
Beurteilung des Petroleum-Monopols zu berücksichtigen ist. Selbst 
in dem Petroleumlande Rußland hat die elektrische Beleuchtung 
]ber ei ts einen solchen Umfang angenommen, daß in größeren 
Städten auch die zähesten Anhiänger der Petroleumbeleuchtung 
unter den einschlägigen Lampengeschäften sich mehr und mehr 
gezwungen sahen, elektrische Beleuchtungskörper im Verkauf 
-einzuführen. 

Der Export hatte noch immer die größte Bedeutung für 
uns und ergab ein befriedigendes Resultat, soweit die un- 
günstigen Zollverhältnisse dies überhaupt noch erlauben. Selbst 
die Kriege der Türkei mit Italien und den Balkanstaaten waren 
nur von geringem Einfluß auf den Absatz, da die türkischen 
Abnehmer bis zuletzt ihre Ruhe bewahrten und die Balkan- 
länder in ihrem Bedarf meist von Oesterreich versorgt werden, 
daher für uns von keiner Bedeutung sind. 

Das Inlandgeschäft war wieder äußerst schwierig. Eine 
enorme Konkurrenz hier und in der Provinz sucht oft ihre 
Fabrikate unter allen Bedingungen an den Mann zu bringen 
und verwöhnt die Kundschaft durch Zugeständnisse, wie Kom- 
missionsware und Preisnachlässe, die bei den großen Unkosten 
und richtiger Kalkulation im geordneten Geschäft unmöglich 
.sind. Dazu kommt, daß unser EingangszoU für Lampen niedriger 
ist als der entsprechende Tarifsatz vieler Länder, die selbst 
fabrizieren imd die uns daher leichter Konkurrenz machen können 
als wir ihnen. 

' : Ein besonderer Stil wurde nicht bevorzugt. Zeitweise 
lenkte der glatte holländische Stil, der von einzelnen Fabri- 
kanten und von Holland selbst gebracht wurde, die Aufmei^k- 
samkeit auf sich. Auch' der Biedermeierstil trat wiederholt 
in den Vordergrund, wobei für intimere Beleuchtung die Vor- 
liebe für möglichst bunte Seiden- und Kretonstoffe auffallend 
war. Im Gegensatz dazu wurde auch eine indirekte Beleucb- 
tungsart recht beliebt, bei der das Lidht durch matte Schalen 

20* 



Wettbewerb 

zwischen 

elektrischen! 

Licht, Gas uud 

Petroleum. 



Export. 



Iiilandgesohäft. 



Stil. 



308 



V. Metallverarbeitung. 



Metallpreise. 



gedämpft wird; wenn hierbei statt lichtdurclilässiger Glas- 
schalen selbst dicke Marmorsdh'alen Verwendung fanden, die 
das Licht geradezu auflh'eben, so ist das wohl ein Auswuchs^ 
dessen Originalität die unpraktische Seite nur vorübergehend 
übersehen lassen dürfte. 

Die Metallpreise waren dauernd hoch und nötigten zu 
einem, prozentualen Preisaufschlag, der das ganze Jahr über 
aufrechterhalten werden mußte. 



Laternen- 
fabrikation. 

Lieferungen an 
Behr»raen. 



HandelsaiükeL 



Arbeiter- 
verhältnisse. 
Politische Lage. 



Aussichten. 



Gasbrenner- 
fabrikation. 
Allgemeines. 



Ab.satz nach 
England. 



Brenner für 

hängendes Gas- 

glühlicht. 



3. Laternenfabrikation. 

Li der Laternenfabrikation war die Beschäftigung für Be- 
hörden im allgemeinen gut. Anhaltend befindet sich die Branclie 
in aufsteigender Bewegung, wenn auch die erzielten Preise nicht 
in dem Maße aufgebessert werden konnten, wie die Steigerung 
in den Rohmaterialien dies erfordert hätte. 

Das Geschäft in Handelsartikeln, namentlich für den Export, 
liegt darnieder; es scheint, als wenn di^ Aufschläge, die hier 
infolge der erhöhten Rohmaterialpreise notwendig geworden 
sind, das Geschäft erschweren. Wenn auch der Absatz in Laternen 
für Petroleum- und Spiritusbeleuchtung durch die Elektrisierung 
der Städte und durch den Bau großer Ueberlandzentralen leidet, 
hat der Umsatz zugenommen, weil man allgemein bemüht war, 
bei diesen Beleuchtungsarten Verbesserungen anzubringen. 

Schwierigkeiten mit den Arbeitern lagen im Jahre 1912 
nicht vor. Die Beunruhigungen wegen der Kriegsgefahren und 
der Balkankrieg haben indes natürlich das Exportgeschäft nach 
jenen Gegenden hin unterbunden. Verluste dürften für ver- 
trauensselige Lieferanten nach dort unausbleiblich sein. 

Allem Anschein nach wird der augenblicklich bestehend© 
hohe Beschäftigungsgrad auch bis ins Jahr 1913 hinein an- 
halten, nach Beseitigung der Kriegsgefahr eher noch steigen 
als fallen. 

4. Gasbrenner fabrikation. 

Das Geschäft in Gas- und Gasglühlichtbrennern ist im 
allgemeinen sehr still verlaufen und brachte um so weniger 
Nutzen, als die Avesentliche Erhöhung der Metallpreise nicht 
durch Preissteigerung der Fabrikate in genügender Höhe aus- 
geglichen werden konnte. 

Das Geschäft nach England und den englischen Kolonien 
hat dadurch gelitten, daß England die Fabrikation von Gas- 
brennern, welche früher nur unbedeutend betrieben wurde, jetzt 
in größerer Ausdehnung aufgenommen hat. 

Die Fabrikation von Brenneni und Lampen für hängendes 
Gasglühlicht konnte sich noch nicht genügend entwickeln, da 
infolge schwebender Patentprozesse der Hauptbedarf durch die 
hiervon unberührt gebliebenen Firmen gedeckt wurde. Vor wenigen 



71. Heizungs-, Lüftungs- usw. Anlagen. 



309 



Tagen sind diese Prozesse durch eine Yerständigung der maß- 
gebenden Fabrikanten dieses Artikels in Deutschland beigelegt 
■worden, und es ist nun zu hoffen, daß eine Gesundung und 
Belebung des Geschäfts eintreten wird. 

Der Krieg auf dem Balkan berührt die Branche nicht sehr, 
■da in den betreffenden Ländern das Gas noch wenig Eingang 
gefunden hat; nur der Absatz nach Oesterreich leidet darunter. 



Politische Lasre. 



5. Gasmesser Industrie. 

Wenn im Jahre 1911 der Geschäftsgang wesentlich besser 
war als 1910, so war im Berichtsjahre für die Gasmesserindustrie 
k.em besonderer Aufschwung zu verzeichnen. Der Hauptgrund 
liegt wohl in der geringen Bautätigkeit, die in Berlin und den 
Vororten geherrscht hat. Sehr starke l^achfrage war im ganzen 
Jahre nui- nach Gasautomaten, die sich immer mehr bei allen 
Oasanstalten einführen. Die Zentrale für Gasverwertung hat ^uch 
für die gesamten Interessen weitergearbeitet, und es haben wohl 
fast alle Gasanstalten, mit Ausnahme der Berliner, wo jetzt vder 
Kampf mit der Elektrizität sehr scharf wird, eine Zunahme 
^on 8 — 10 o/o zu verzeichnen. 

Die Preise der Bohmaterialien, namentlich von Zinn und 
Kupfer, sind wieder aufgeschnellt, und dementsprechend ist auch 
■das AVeißblech teurer geworden. Da auch in der Zwischenzeit 
die Löhne höher geworden sind, wäre eine Erhöhung der Preise 
nur zu gerechtfertigt gewesen, dies ist aber durch die Kon- 
kurrenz, namentlich aus Süddeutschland, die noch billigere Arbeits- 
löhne hat, unmöglich gewesen. 

Um auch dem Unfug, auf das Fabrikat eine Garantie von 
zehn Jahren zu gewähren, zu steuern, sind die Gasmesser- 
fabrikanten im September zusammengetreten und haben sich zu 
«iner Vereinigung zusammengeschlossen, welche die bisherige 
Garantie von zehn Jahren auf das vernünftige Maß von fünf 
Jahren zurückzuführen hofft. 

Die Arbeiterverhältnisse waren, da das Angebot reichlich 
war, sehr günstig, es wurden wesentliche Forderungen nicht 
gestellt. Auch in der Gasmesserindustrie macht die sogenannte 
^, gelbe" Bewegung Fortschritte. 



Gasmesser- 
industrie. 
Absatz. 



Pi'eise. 



Kartell- 
bestrebunaren. 



Arbeiter- 
Verhältnisse. 



71. Heizungs-, Lüftungs- usw. Anlagen. 
Erster Bericht. 
Für den Verkauf von Zentralheizungsanlagen war das Jahr 
1912 nicht günstig; der Baumarkt war so unsicher wie nie 
zuvor, imd wohl keine Firma blieb von Verlusten frei. Die 
natürliche Folge war, daß sich auf die unbedingt sicheren Objekte 
alles stürzte und die gedrückte Preislage bestehen blieb. Da 
auf Einführung des zweiten Abschnittes des Bauhandwerker- 



Erster Bericht. 
Geschäftsgang. 



310 



V. Metallverarbeitung. 



Arbeiter- 
Terhältnisse. 



Export. 



Schutzgesetzes nicht zu rechnen ist, haben gegen Ende des 
Jahres der Schutzverein der Berliner Bauinteressenten E. V., ge- 
gründet 1878, und der Verband zum Schutze des Deutschen 
Grundbesitzes und Realkredites E. V. eine Schutzgemeinschaft 
zur Bekämpfung der Mißstände im Berliner Baugewerbe ge- 
schlossen und eine mit besonderen ßechten ausgestattete Bau- 
auskunftsstelle für Groß-Berlin gegründet. Die Interessenten 
hoffen, daß hierdurch der Bauschwindel beseitigt wird. — Die 
Preise für Kessel und Rohre zogen an, was bei den Preisen für 
die Anlagen aber kaum in die Erscheinung trat. 

Der Tarifvertrag läuft noch bis zum April 1913. Die 
Arteiter haben" schon angekündigt, daß sie bei Ablauf des Ver- 
trages, trotz der schlechten Lage des Baumarktes, erhöhte Lohn- 
forderungen stellen würden, welche sie eventuell durch einen 
Streik durchzusetzen beabsichtigen. 

Auch im Auslände wurden durch die Vergrößerung der 
Konkurrenz nur noch schlechte Preise erzielt. 



ZweiterBericht. 
Geldmarkt. 



Politische Lage. 



Schutz der Baii- 
handwerker. 



Zweiter Bericht. 

Für die berichtende Firma war das Geschäftsjahr 1912 
günstiger als 1911. Die Beichsbank und die Großbanken haben 
der Industrie insofern einen Riegel gegen weitere Unternehmungen 
vorgeschoben, als sie der Industrie die Kredite verringerten, um 
sich in Fällen nationaler Gefahr liquider zu halten. Infolge- 
dessen müssen die industriellen Unternehmungen versuchen, direkt 
aus dem Publikum Kapitalien zu erlangen, was, wie jeder 
wissen wird, mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft ist. 

Außerdem sind die Wirren auf dem Balkan ebenfalls nicht, 
ohne Einfluß auf das deutsche Auslandsgeschäft gewesen. Ganz 
abgesehen davon, daß der deutsche Einfluß bei der Türkei 
insofern Einbuße erlitten hat, als der beliebte deutsche Botschafter 
Freiheri von Marschall versetzt wurde und unser enges Verhältnis- 
mit Italien uns im Türkisch-Italienischen Kriege an einer türken- 
freundlichen Haltung hinderte. Durch die Balkanwirren sind 
außerdem fast sämtliche Bauten in Bulgarien und in Serbien 
stillgelegt worden und infolge des Erlasses von Moratorien ist 
von den Kunden kein Geld zu erhalten. Nur in Rumänien ist 
noch eine lebhafte Bautätigkeit zu verzeichnen, jedoch sind auch 
hier die Inkassos mit großen Schwierigkeiten verbunden, da. 
Gelder vom Auslande nicht hereinkommen, weil die Landes- 
produkte wegen des Krieges der anliegenden Völker nicht be- 
fördert werden können. Es steht jedoch zu hoffen, daß in den 
nächsten Monaten die Krisis einer friedlichen Entwicklung weicht 
und die bereits lange gestundeten Gelder langsam nach Deutsch- 
land fließen. 

Was die Bauhandwerker in Deutschland bzw. hauptsächlich 
in Berlia anbelangt, so ist der Ruf nach einer größeren Sieher- 



-. Ballklempnerei und Metallornamentenfabrikation. 



311 



heit der Bauforderungen immer noch rege, und es wird infolge- 
dessen im Schöße der Regierung zurzeit darüber beraten, ob der 
zweite Teil des Gesetzes über die Sicherung der Bauforderungen 
nunmehr eingeführt werden soll. Die berichtende Firma könnte 
jedenfalls die Einführung nur begrüßen. AVenn auch anfangs 
auf kurze Zeit eine gewisse Stagnation eintreten würde, so ist 
doch' zu erwarten, daß bald wieder, dem Bedürfnis entsprechend, 
weiter gebaut werden würde, und zwar auf solider Basis. 

Bei den im Jahre 1912 erzielten Preisen konnte ein ge- 
ringes Aufwärtsgdhen festgestellt werden, so daß wenigstens 
ein bescheidener Ge-winn aus den Anlagen des laufenden 
Geschäftsjahres her ausgewir tschaftet wiirde. Mehrere nicht 
unbedeutende Heizungsfirmen, welche bisher außerordentlich mit 
den Preisen schleuderten, mußten den Konkurs anmelden oder 
sidh von den Lieferanten Moratorien bewilligen lassen. 

Nachdem bereits im Jahre 1910 die Röhrenwerke bzw^. die 
Röhrengroßhändler zusammengetreten waren, um einem wilden 
Unterbieten in den Preisen Einhalt zu tun, ist diese Vereinigung 
auch im laufenden Geschäftsjahr stark geblieben und hat sogar 
die Preise noch etwas weiter erhöht, was aber nicht einen 
erhöhten Gewinn für die betreffenden Firmen darstellt, sondern 
was dem Anziehen der Preise im Roheisen-Syndikat zuzuschreiben 
ist. Aus letzterem Grunde wurde auch ein weiterer, wichtiger 
Bestandteil der Heizungsanlagen, die Radiatoren, im Preise er- 
höht, so daß mit diesem erhöhten Preise für das folgende Ge- 
schäftsjahr stark zu rechnen ist. 

Der Verband Deutscher Zentralheiz.1ings-Industrieller ist 
Aveiterhin bemüht gewesen, die Firmen zusammenzuhalten und 
deren Lebensbedingungen durch wichtige Reformen zu stärken, 
w^as ihm auch bei dem größten Teil der Firmen gelungen ist, 
während einige nach wie vor beiseite stehen und in einem 
besonderen Vorgehen ihr Heil suchen. 

Die Aussichten für das Geschäftsjahr 1913 sind trotz der 
Balkanwirren und trotz des im übrigen nicht ganz reinen poli- 
tischen Horizontes nicht ungünstig. 



Verkaufspreise. 



Rohstoffp reise. 



bestrebung( 11. 



Aussichten. 



72. Bauklempnerei und Metallornamenten- 
fabrikation. 

Die geringe Bautätigkeit in Groß-Berlin machte sich selbst- 
verständlich auch in den Betrieben der Bauklempnereien und 
Bauornamentenfabrikation sehr bemerkbar, wenn auch einige 
größere Firmen, die Behörden und größere Architekten zu 
ihrer Kundschaft zählen, ausnahmsweise gut beschäftigt waren. 
Daß die geringe Bautätigkeit auch auf die Preise wirkte, ist 
natürlich; es wurden zum Teil Aufträge zum Selbstkosten- 
preise übernommen, lediglich, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. 



Bau- 
klempnerei 
und Metall- 
ornamenten- 
fabrikation. 



312 



V. Metallverarbeitung. 



Dabei ließ die Zahlimgsweise sehr zu wünschen übrig: oft 
betrug das Ziel ein Jahr. Neuerdings behalten einige größere 
Baufirmen Kautionen in Höhe bis zu 10 o/o des Auftrages auf 
längere Zeit ohne Zinsvergütung ein. Gut fundierte Bauherren 
nutzten diese schlechte Gesichäftslage aus, indem sie bei Bar- 
zahlung Kassaskonto bis zu 5 o/o abzogen, was im Baugewerbe 
sonst nicht üblich ist. Während das Zinkblech nur unbedeu- 
tenden Steigerungen unterworfen war, stiegen Kupfer und Zinn 
im Berichtsjahre ganz erheblich, ersteres sogar um ca. 50 o/o. 



Geschäftsgang. 



Politische 
Verhältnisse. 



73. Stahlfederfabrikation. 

Der Geschäftsgang des Jahres 1912 glich im wesentlichen 
demjenigen der letzten Jahre. Die Nachfrage nach Qualitäts- 
ware blieb steigend. Auch zu guten Mittelpreisen war der 
Absatz lebhaft, so daß eine vermehrte Anspannung der Fabri- 
kationsmittel mit rationellerer Ausnützung möglich wurde. Dem 
vergiößerten xlbsatz stehen jedoch im Verhältnis nicht un- 
erheblich vermehrte Betriebsspesen gegenüber, unter denen 
höhere Löhne, verteuerte Rohstoffe und größere Aufwendungen 
für Wohlfahrtszwecke an erster Stelle zu nennen sind. Für 
die verteuerte Produktion konnte ein Ausgleich durch' bessere 
Preise nicht immer geschaffen werden. 

Ein Bückschlag der politischen Verhältnisse auf das Ex- 
portgeschäft war in den letzten Monaten unverkennbar. Doch 
beschränkte sich die Bückwirkung bisher in der Hauptsache 
auf vorsichtige Zurückhaltung und abwartende Reserve bei der 
Behandlung des Auslandgeschäftes. Im Durchschnitt konnte man 
mit den Geschäfts ergebnissen des verflossenen Jahres zu- 
frieden sein. 



74. Gold-, S i 1 b e r w a r e n und Juwelen. 
Erster Bericht. Erster Bericht. 

Allgemeines. Der gute Geschäftsgang, dessen sich die Edelmetall- 

Industrie im Jahre 1911 erfreute, übertrug sich auch auf 1912. 
Die ersten neun Monate ließen hoffen, daß das Jahr 1912 mindestens 
die gleichen Eesultate wie das Vorjahr zeitigen würde. Mit 
Beginn der Balkanwirren trat aber ein merklicher Umschwung 
ein. Wenn auch das Geschäft ziemlich lebhaft blieb, stockte 
doch der Absatz von größeren Objekten, wodurch naturgemäß 
der Umsat^i erheblich beeinflußt wurde. Die Unsicherheit der 
politischen Verhältnisse, die allgemeine Geldknappheit und die 
Verluste, die jeder Besitzende an seinen Beständen erlitten hat, 
lähmten naturgemäß die Kauflust. So ist es nicht zu ver- 
wundern, wenn das Weihnachtsgeschäft im allgemeinen nicht 
befriedigte. Wenn es auch nicht als schlecht zu bezeidinen 
ist, so blieb doch der Umsatz hinter dem der Vorjahre erheblich 



74. Gold-, Silberwaren und Juwelen. 



313 



zurück, und auch das Gewinnresultat des Jahres 1912 wird, 
hierdurch beeinflußt, nicht dem vorjährigen gleichkommen. 

Der Tarifvertrag zwischen den Arbeitgebern und dem 
Deutschen Metallarbeiter- Verbau de ging im Berichtsjahre zu 
Ende. Er wurde in friedlicher Weise erneuert, nachdem die 
Arbeitgeber einige Zugeständnisse gemacht hatten. Im übrigen 
war das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern 
durchaus gut. Für gute Arbeitskräfte blieb weiter Nachfrage. 
Im Großhandel mit Goldwaren war der Geschäftsgang im 
ersten Halbjahre zufriedenstellend. Nach kurzer sommerlicher 
Stille wurde er schon Mitte August wieder lebhafter und blieb 
gut, bi.4 der Balkankrieg ausbrach, der das Geschäft in Deutsch- 
land und Oesterreich-Ungarn ungünstig beeinflußte. Dagegen 
hat das Geschäft mit England durch den Krieg bisher nicht 
gelitten. Der Absatz dorthin blieb recht gut. Der Export nach 
Südamerika und nach Rußland hat sich gehoben, dagegen 
konnten nach Italien und nach Frankreich keine nennenswerten 
Resultate erzielt werden. 

Der Detailhandel in Goldwaren war bis Ende September 
recht lebhaft und lohnend. Das Fremdengeschäft litt im 
Sommer durch schwächeren Besuch von Amerikanern, wie stets 
in den Jahren der dortigen Präsidentenwahl. Durch erheblich 
stärkeren Besuch von russischen Käufern wurde aber der Ausfall 
reichlich ausgeglichen. Die Werkstätten für feine Goldarbeit 
und für Juwelenfassungen hatten reichlich zu tun. Im Sommer 
war es ruhiger, seit September aber mußte häufig mit Ueber- 
stunden gearbeitet werden. Piatina wird noch immer für feine 
Juwelenfassungen fast ausschließlich verwendet. Der Preis 
hierfür war ziemlich stabil, etwa 6100 Mk. für ein Kilogramm. 
Das Geschäft in Silberwaren war im Jahre 1912 voll- 
kommen normal. Die Silberwarenfabriken waren ausreichend 
beschäftigt; in einzelnen mußten im Sommer Ueberstunden zu 
Hilfe genommen werden, um vorliegende größere Aufträge aus- 
zuführen. Die Geschmacksrichtung hat sich nicht geändert, mög- 
lichst einfach gehaltene, gediegene Waren bleiben bevorzugt. 
Ebenso blieben die Klagen, besonders von Fabrikanten von Mittel- 
ware, über die drückende süddeutsche Konkurrenz bestehen. Das 
Absatzgebiet bei NichtJuwelieren (Warenhäusern, Galanterie- 
warengeschäften) blieb stationär. 

Der Export nach Spanien und Südamerika war normal. Der 
Absatz nach Italien litt mehr durch die Nachwirkung der vor- 
jährigen Krise als durch den Türkisch-Italienischen Krieg. Die 
Verkäufe nach Oesterreich waren gering, auch das Geschäft nach 
Rußland und Skandinavien war nur mäßig. Ueberall macht sich 
. das Bestreben geltend, die nationale, durch hohe Zölle geschützte 
Industrio zu heben und vom Auslande unabhängig zu machen. 
Speziell der Berliner Export von Silberwaren geht deshalb immer 



Albeiter- 
ve rhältnisse 



Goldwareu- 
Grofihandel, 



Detailhaadel. 



Silbevwareu. 



3 1 4 V. Metallverarbeitung. 

mehr zurück. Wenn es nicht gelingtj beim xlbschluß neuer 
Handelsverträge Erleichterungen für unseren Export durch- 
zusetzen, so ist auf Besserung nicht zu hoffen. 

Dio » Einfuhr von Silber waren aus Frankreich, die früher 
recht bedeutend war, hat fast ganz aufgehört. Dagegen haben 
die Bezüge aus England wieder nicht unerheblich zugenommen. 
Der Import aus Holland hielt sich in gewohnten Grenzen. 

Der Silberpreis stieg von Ende Dezember 1911 bis 1. Nov. 
von 74,25 Mk. auf 86,25 Mk. Die Schwankungen im Jahre 
1912 ergibt nachstehende Tabelle, welche den Mittelkurs an der 
Hamburger Börse für Feinsilber in Mark pro Kilogramm angibt: 



Tab. 11 


5. 




Silberprei.s (in Mark pro kg). 






1, Jan. 1 1. Febr,| 1. März | I.April | 1. Mai j 1. Juni 1. Juli 


1. Aug. j 1. Sept. 1 1 Okt. 1 1. Nov. | 1. Dez. 


31. Dej 


1909 

1910 
1911 
1912 


68.50 
71.50 
74.00 
74.25 


70.75 69.25 
71.— 69.25 
72.25 71.75 
79.50 80.25 


68.75 1 72.25 ' 72.— 
71.50 73.75 i 73.- 
72 00 72.75' 72.75 
78.75 84 - 83.— 


70.25 
73.- 
72.00 
83.50 


69.50 
73.— 
71.25 
82.— 


71.— 70.25 ! 68.75 69.75 
72 — 1 73.75! 76.50! 75 25 
71.50' 72.25 1 74,50! 76.00 
85.50 87.75 e6.25 |87.— i) 


71.50 

74.— 
74.25 
85.7S 



») 1912: 2. Dezembei 



Brillanten. 



In Eohdiamanten war während des ganzen Jahres das Ge- 
schäft lebhaft. Durch stete Nachfrage und verminderte Aus- 
beute veranlaßt, erhöhten die De Beers Co. und die Premier 
Diamond Co. im September die Preise um 5 — 10 o/o. Beide Ge- 
sellschaften schlössen im Oktober eine allgemeine Konvention 
behufs Kontrolle der gesamten Diamantenproduktion, Kredit- 
gewährung usw., w^odurch besonders in den jetzigen unruhigen 
Zeiten eine Krise im internationalen Diamantenhandel vermieden 
Averden soll. Die Deutsche Diamanten-Regie erneuerte ihren Ende 
Juni 1912 abgelaufenen Vertrag mit dem Antwerpener Kon- 
sortium bei erhöhten Preisen. Eine Hanauer und eine Londoner 
Gruppe bemühte sich vergeblich, mit Antwerpen in Konkurrenz 
zu treten. Das Antwerpener Konsortium konstituierte sich später 
als Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 121/2 Mill. Franken. 
Geschliffene Ware lag im Januar matt. Das Geschäft belebte 
sich aber bald und brachte, dank dem stärkeren amerilsanischeii 
Bedarf, höhere Preise für die meisten Sorten. Amerika impor- 
tierte in den ersten acht Monaten 1912 27 639 000 Doli, gegen 
24 749 000 Doli, im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 

Die Preise wurden im Laufe des Jahres für großes Melee 
(über i/g Karat) sowie für Grosseui'S (bis 5 grain) etwa 10 o/o 
höher, während Brillanten von 5 grain aufwärts um 15 — 20 o/o 
stiegen. Seit Mitte Oktober liegt der Markt für geschliffene 
Ware sehr still, doch ist nicht zu erwarten, daß die Preise 
niedriger werden. Bei eintretender politischer Beunruhigung er- 
wartet man sogar eine Preiserhöhung. Zeitungsnachrichten zu- 
folge sollen Bestrebungen im Gange sein, die Premier- und 



Perlen. 



74. Gold-, Silberwaxen und Juwelen. 315 

Jagers-Fontein-Mine mit der De Beers- Comprny ganz zu v^r- 
schmelzen und dadurch den Handel in Kohdiamnri'f.'u zu mo . 7» vi- 
sieren, Das Antwerpener Konsortium für 'i' "Ltstlie Diainmirn 
kommt nur für Meine Steine in Betracht. Genaue Nachricliic i 
über das Resultat dieser Verhandlungen fehlten bei Abschlu'i 
deä Berichtes noch. 

Bei anhaltend reger Nachfrage und größeren Umsätzen 
steigen die Preise für Perlen andauernd. Es stellte sich erhöhter 
Bedarf für Perlen unter 1 gi^ain heraus, für die eine Zeitlang 
die Nachfrage gering war. Die Preissteigerung für Perlen be- 
trug für Mittelware und bessere Sorten 10 — 20 0/0. Große, feine 
Bundperlen (von 10 grain aufwärts) kommen fast gar nicht an 
den Markt. Boutons und Pendeloques blieben in besseren Quali- 
täten bei steigenden Preisen gesucht. 

Farbsteine lagen still. Smaragd blieb unverändert hoch im 
Preise. Saphire wurden viel verlangt. Feine Ceylon und Kashmir, 
sowie hellere Birma- Steine sind ganz enorm gestiegen. Be- 
sonders größere Steine waren mehr als 50 0/0 teurer als vor 
Jahresfrist. 

Halbedelsteine blieben im Preise stabil bei normalem Absatz. Halbedelsteine. 



Favbsteine 



Zweiter Bericht. 

Im Beginn des Jahres 1912 lag das Geschäft im ganzen 
etwas ruhig, ebenso w^ie das Jahr 1911 geschlossen hatte. Lang- 
sam steigend besserte sich die Tendenz im Februar und blieb 
aufwärtsstrebend bis gegen Ende Mai. Dann erfolgte, wie »stets 
zti den Sommermonaten [hin, ein allmähliches Abflauen, welches 
gewöhnlich bis Anfang September anzuhalten pflegt. Anstatt, 
wie sonst, sich lebhafter zti gestalten, blieb im Berichtsjahre das 
Gevschäft auch im September und Oktober schleppend und trat 
in das Zeichen gänzlicher UnltLSt, als der Balkankrieg begann 
und die Deroute an der Börse eintrat. So hat im ganzen ge- 
nommen der Sommer und Herbst keia voll befriedigendes Resultat 
ergeben. Auch das Weihnachtsgesch^äft brachte kein befriedigendesi 
Ergebnis, und der Dezember-Umsatz vermochte nicht einmal die 
Höhe desjenigen von 1911 zu erreichen. Im ganzen ist hiemach 
das Jahr 1912 nur zu den mittelmäßigen zu rechnen. Be- 
sondere Anregungen lagen im Berichtsjahr nicht vor. Der 
Fremdenverkehr vollzog sich in den bisherigen Grenzen; Ruß- 
land war nicht besonders kauflustig, Nord-Amerika ist, wie 
schon im Vorjahre berichtet, infolge der prohibitiven Einfuhr- 
zölle für uns nahezu vollständig verloren und der Verkehr mit 
Oesterreich war, wie auch schon im Vorjahre, sehr schwach. 

Die Silberwarenfabrikation bewegte sich im Laufe des Be- 
richtsjahres unverändert in denselben Bahnen, wie in den letzten 
Jahren, ohne daß irgendwelche erwähnenswerten Aenderungen 



ZweiterBericht. 



Allgemeines 



Silberwaren- 
labrikation. 



316 V. Metallverarbeitung. 

zu verzeichnen sind. Damach bleiben die historischen Stilen 
Empire, Louis XVI., sowie einfache schlichte Formen mit 
nordischen und romanischen Anklängen bevorzugt. Der Silber- 
kurs hat sich ziemlich bedeutend gehoben, doch war eine Ein- 
wirkung dieser Steigerung auf das Geschäft nicht festzustellen, 
juweienhandei. Im Juwelcnfache war der Absatz durch eine bedeutende 

Höherbewertung fast sämtlicher Größen in Edelsteinen und Perlen 
außerordentlich erschwert. Feinste größere Brillanten von einem 
Karat aufwärts sind, mit der Größe steigend, um 10 bis 20 o/o 
höher im Preise, und vielfach übersteigt die Nachfrage das An- 
gebot. Die kleineren Größen unserer deutsch-südwestafrikanischen 
Produktion haben nur ein Weniges im Preise anziehen können, 
große Mengen auch feiner Ware sind hierin am Markte. Smaragde, 
welche von allen Farbsteinen am beliebtesten sind, halten nach 
wie vor in den feinen Qualitäten ihre hohen Phantasiepreise 
aufrecht, und auch große Rubine sind, wenn auch sehr wenig 
verlangt, so doch keineswegs im Preise gewichen. Bedeutend ge- 
stiegen bis zu 25 und 30 o o sind die feinen Saphire, und ganz 
besonders die schwier erhältlichen dunkelblauen Ceylonsaphire, 
denen in früheren Jahren ein geringerer Wert zugemessen wurde, 
als den noch dunkleren Birmasaphiren, oder Kaschmirsaphiren. Am 
empfindlichsten auf den Absatz hat die Preissteigerung feiner 
Rundperlen eingewirkt. Schnurperlen von 4 gTains und darüber 
sind in tadellosen Exemplaren nicht mehr unter dem 20- bis 
25fachen Werte in der Gewichtsmultiplikation zu haben, in 
Paris und London sollen sogar über 100 mal für das Gewicht be- 
willigt worden sein, wenn es sich um ganz besonders hervorragende 
Stücke handelte. Es liegt diese Wertsteigerung nicht nur in 
der erhöhten Nachfrage nach einreihigen größeren Perlenschnüren, 
sonderi» auch zum großen Teil an den, von Jahr zu Jahr sich 
wesentlich verschlechternden Fundergebnissen. Trotz dieser 
Steigerung der g-enannten Edelsteine finden die wohlfeileren so- 
genannten Fancy-Saphire, unter denen im Handel edle Topase, 
Zirkone, Turmeline usw. verstanden werden, doch nicht den An- 
klang im kaufenden Publikum, der diesen Steinen nach ihrem 
Härtegrade, ihrem feinen Schliff und ihrer teilweise hervor- 
ragenden Farbenpracht und Schönheit eigentlich zukommen sollte. 
Aus der geschilderten allgemeinen Preissteigeirung ergibt sich, 
daß das Publikum, welches nur kleine und mittlere Preise an- 
zulegen in der Lage ist, mehr und mehr von der Anschaffung 
von Edelsteinen Abstand nehmen muß und daß auf diese Weise 
das Geschäft im Mittelgenre entschieden nachgelassen hat. Ein 
Ausgleich gegen diesen Ausfall im Umsatz liegt in dem steigenden 
Luxusbedürfnis der wirklich wohlhabenden Kreise und in dem 
zunehmenden Fremdenverkehr. Die Mode in Juwelenstücken 
drängt immer mehr nach einfachen, ruhigen Formen mit einzelnen 
großen Steinen; die zarten Zeichnungen mit feinen, in Brillanten 



74. Gold-, Silberwaren und Juwelen. 



317 



ausgefaßten Linien der französischen Mode, werden wohl immer 
sehr schön befunden und bewundert, aber weniger gekauft. 

An Arbeitskräften war im Berichtsjahre nur ein sehr 
geringes Angebot, da, wie schon im Vorjahre eingiehend. aus- 
geführt, der Mangel an Nachwuchs sichtlich in die Erscheinung 
tritt. Lohnbewe^ngen haben nicht stattgefunden, vielmehr haben 
sich die stattgehabten Aufbesserungen der Löhne ruh^g und still- 
schweigend vollzogen. 

Dritter Bericht. 

In versilberten Tafel- und Luxusgeräten war der Greschäfts- 
gang des Jahres 1912 im allgemeinen ziemlich ruhig. Das Inland- 
geschäft ließ manchmal zu wünschen übrig; es sind hierbei wohl 
nicht ohne Einfluß die unsicheren politischen Verhältnisse des 
Jahreä gewe&en. Namentlich gegen Ende des Jahres machte sich 
im Geschäftsverkehr mit Hußland und Oesterreich dieses Moment 
stark fühlbar; österreichische Orders wurden zum großen Teil 
der Kriegsgefahr wegen zurückgezogen. Der Export nach Süd- 
amerika und Australien entwickelte sich weiter günstig, wenn 
auch nur langsam ; hingegen ist der Verkehr mit Nordamerika 
und Kanada äußerst gering. Ein weiteres ständiges Steigen der 
Preise aller Kohmaterialien und ebenso notwendige Lohn- 
erhöhungen brachten es endlich dtaliin, daß ein Preisaufschlag* 
zwischen den führenden Firmen vereinbart wurde. Durch das 
geschlossene Vorgehen aller führenden Fabriken war es mög- 
lich, die Preisaufschläge von 5 und zum Teil 10 o/o ohne 
Schwierigkeiten durchzubringen. Der Markt wurde beunruhigt 
durch Lohnbewegungen der Arbeiter, die auch in Berlin einen 
teilweisen Ausstand zur Folge hatten. Die bereits in früheren 
Berichten ausgesprochene Befürchtung, daß das Auslandsgeschäft 
sehr erschwert werden wird durch die von der ausländischen 
Industrio geforderten höheren Schutzzölle, hat sich leider ver- 
wirklicht. Besonders auffällig ist dies hervorgetreten im Ver- 
kehr mit Schweden, wo die einheimische Industrie ohnedies gute 
Fortschritte gemacht hat. Den zurzeit in Frankreich herrschenden 
Bestrebungen, deutsche Waren mehr und mehr auszuschalten, 
kann die berichtende Firma nach ihren Erfahrungen vorläufig 
eine Bedeutung nicht beimessen. 

Vierter Bericht. 

Das Jahr 1912 hat auch der Juwelenbranche durch die 
politischen Wirren eine große Enttäuschung gebracht, wie sie 
seit Jahren nicht beobachtet wurde. Ist doch diese Branche zum 
allergrößten Teil von der Börse und deren Konjunkturen ab- 
hängig. War zu Beginn des Jahres infolge der endlichen Ent- 
spannung der Marokkoaffäre die Kauflust des Publikums wieder 
in erfreulichem Steigen begriffen, so wurde das alles durch den 



Terhaitnisse. 



Dritter Berieht. 



Vierter Bericht. 



318 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

Balkankrieg zunichte gemacht. Sind doch Oktober und Xoveniber 
die besten Monate, in denen der Detaillist sein Lager für die 
Weih nach tskampagne aufzufüllen pflegt. Für Luxusausgaben ist 
jetzt dife Zeit zu unsicher und jeder hält mit seinen Ausgaben 
mehr denn sonst zurück. Wie im Jahre 1911, so könnte auch 
in 1912 konstatiert werden, daß die Käufer keine bestimmte 
Geschmacksrichtung bevorzugten. Der Export hielt sich aus vor- 
stehend angeführten Gründen auch in den allerbescheidensten 
Grenzen, eine Belebung ist vorderhand nicht zu erwarten. Der 
vom Arbeiterverband gekündigte Tarif wurde erneuert, da die 
Fabrikanten kleine Zugeständnisse machten. Es kam nicht wie 
sonst zu scharfen Gegensätzen, da die schlechte Konjunktur^ weise 
Mäßigunc: auferleo^te. •. . : 



VI. Rohstoffe und Fabrikate der pharmazeutischen, chemischen 
und verwandten Industrien. Fettwaren, Oeie und Farbstoffe. 

Gasfabrikation. 

7ö. Anorganische che m i s c h e I n d u s t r i e. 

AUgememes. Das Jahr 1912 Schloß für die chemische Großindustrie, die 

Industrie der Säuren und Alkalien, mit einem günstigeren Er- 
gebnis als das Vorjahr, in welchem wälirend der Sommermonate 
infolge der unsicheren politischen Verhältnisse starke Schwan- 
kungen im Absätze zu verzeichnen waren. Die Beschäftigung 
der Fabriken, welche im ersten Vierteljahr zu wünschen übrig 
ließ, bewegte sich mit dem Fortschreiten des Berichtsjahres in 
steigender Richtung. Erst im November machte sich ein Etick- 
gang der Nachfrage und der Abforderungen bemerkbar. Der 
Grund hierfür lag in der politischen Unruhe, die sich infolge 
der Spannung zwischen Oesterreich und Serbien und der dadurch 
nahegerückten Gefahr weiterer kriegerischer Verwicklungeh über 
ganz Europa ausbröitete. — Die Ausfuhr nach den anderen 
europäischen Ländern, sowie nach den übrigen Weltteilen war 
befriedigend und wurde auch durch den Türkisch-Italienischen 
Krieg, wegen dessen Beschränkung auf Nordafrika und die 
Aegäischen Inseln, nicht beeinträchtigt. Dagegen war nach Aus- 
bruch des Balkankrieges für den Export nach den Balkanländern 
und der Türkei in Anbetracht der in diesen Ländern herrschenden 
Geldknappheit größte Zurückhaltung geboten, was jedoch ohne 
Einfluß auf den Beschäftigungsgrad der Industrie blieb, da die 
hier frei werdenden Mengen in Deutschland sowohl als auch 
in den übrigen Ländern gut abgesetzt werden konnten. Die 
allgemein günstige Lage des Weltmarktes hatte naturgemäß auch- 
ein Steigen der Pi^ise für zahlreiche Rohstoffe zur Folge, in 
besonderem Maße z. B. für Chilesalpeter, Sehwefelkiese und 



75. Anorganische chemische Industrie. 319 

Ammoniakwasser (Gaswasser). Die Verkaufspreise der ent- 
sprechenden Fertigfabrikate konnten nicht immer gleichen Schritt 
mit der Erhöhung der Rohstoffe halten. — Die xlrbeiterverhält- 
nisse waren nicht ungünstig. Ein Mangel an Arbeitskräften war 
niemals festzustellen, vielmehr war das Angebot zeitweilig größer 
als im Jahre 1911. Im Erühjahr fanden Lohnerhöhungen statt 
bei gleichzeitiger Verkürzung der Arbeitszeit. - — Im Herbst trat 
wiederum ein starker Wagenmangel ein, der den des Vorjahres 
teilweise noch übertraf, sich jedoch nicht so fühlbar machte 
wie dieser, da alle Flüsse im Gegensatz zum Jahre 1911 dauernd 
reichlich "Wasser führten. 

Ueter die einzelnen Artikel ist im ]>esonderen folgendes zu Einzelne 

berichten. Für Schwefelsäure steigerte sich die Nachfrage während Artikel, 

des Berichtsjahres dauernd, so daß im letzten Vierteljahr die 
eingehenden Aufträge nicht immer rechtzeitig erledigt werden 
konnten. Auch die Preise erfuhren infolge der steigenden 
Notierungen für Schwefelkiese geringe Aufbesserungen. 

Salzsäure fand befriedigenden Absatz. Die Preise hielten 
sich auf der gleichen Höhe wie im Vorjahre. 

"Wenn auch die Verkaufspreise für Salpetersäure etwas herauf- 
gesetzt wurden, so konnte dies doch längst nicht im gleichen 
Verhältnis wie die sprungweise steigenden Notierungen von 
Chilesalpeter erfolgen. Die Verkaufspreise waren daher wenig 
günstig. Der Absatz befriedigte. 

Für kalziniertes Glaubersalz war starke Nachfrage vor- 
handen, hauptsächlich von der Glasindustrie, so daß die Pro- 
duktion des Jahres glatt untergebracht werden konnte. Die 
Preise erfuhren eine geringe Erhöhung, 

Bei flüssigem, wasserfreiem Ammoniak wurden die Preise 
im Verhältnis zu den gestiegenen Eohstoffnotierungen erhöht. 
Der Bedarf war jedoch infolge des ungleichmäßig warmen 
Sommers- nicht so hoch wie im Vorjahre. 

Salmiakgeist war sehr begehrt, doch konnten die Preise 
nicht überall mit dem verteuerten Gaswasser gleichen Schritt 
halten. 

Kohlensaures Ammoniak hatte befriedigenden Absatz bei 
einer durch die teuren Eohmaterialien bedingten Preiserhöhung. 

Die Preise für schwefelsaures Ammoniak erfuhren trotz der 
höheren Gaswasserpreise nur geringe Erhöhungen. Die Produktion 
fand guten Absatz. 

Der Absatz von gelbem Blutlaugensalz war infolge der 
stärkeren Beschäftigung der Blaufabriken etwas größer als im 
Vorjahre, jedoch war es durch die Konkurrenz in Deutschland 
trotz der stark gestiegenen Rohmaterialien nicht möglich, die 
Preis-d nennenswert aufzubessern, so daß der Verdienst in keiner 
Weise befriedigen konnte. 



320 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industri-en. 

Eotea Blutlaugensalz war wenig begehrt, die Preise hielten 
sich auf der ungefähren Höhe des Vorjahres. 

Rhodansalze wurden nur in beschränkten Mengen umgesetzt. 
Nennenswerte Preisänderungen fanden nicht statt. 

Wie im vorigen Jahre litt der Absatz von Thoriumnitrat 
unter einer starken Ueberproduktion. Die Preise konnten sich 
auf der vorjährigen Höhe halten. 

Die Camera Agrumaria in Messina erhöhte die Preise für 
zitronensauren Kalk. Es war auch möglich, die Verkaufspreise 
für Zitronensäure etwas aufzubessern. Der Umsatz war infolge 
deä kalten Sommers nicht beträchtlich. 

76. Organische chemische Industrie. 
Glyzerin. Es wurdc schou im letzten Bericht auf die Schwierigkeiten 

hingewiesen, mit denen die deutschen Glyzerin-Eaffineure zu 
kämpfen haben, um ihre kostspieligen Destillations- usw. An- 
lagen wenigstens einigermaßen nutzbringend zu betreiben. Be- 
sonders machen die ungünstigen Zollverhältnisse es dem B>affi- 
neur so außerordentlich schwer, sein Produkt selbst auf dem 
einheimischen Markte mit einem angemessenen Nutzen zu ver- 
kaufen. Der ausländische Raffineur, der infolge größerer und 
geographisch besser gelegener Produktionsquellen des Rohmaterials 
billiger arbeitet als der inländisclie, kann den deutschen Raffi- 
neuren auf dem eigenen Markte die schärfste Konkurrenz machen, 
da auf Reinglyzerin bei der Einfuhr nach Deutschland kein 
Zoll erhoben wird. Auf der anderen Seite ist es dem deutschen 
Raffineur jedoch unmöglich, seine Ware auf vielen außerdeutschen 
Märkten zu verkaufen, da die meisten Staaten der einheimischen 
Industrie durch hohe Schutzzölle nahezu ein Monopol verschafft 
haben. So exportiert z. B. Oesten-eich-Ungarn große Mengen 
Reinglyzerin nach Deutschland, wogegen deutsche Raffineure 
nach Oesterreich-Ungarn infolge des hohen Zollsatzes von 6 Kr. 
per IOC) kg nahezu nichts exportieren können. Hierin müßte bei 
Abschluß neuer Handelsverträge Wandel geschaffen weinien, da 
sonst die Folgen für die gesamte Reingl3^zerin-Industrie un- 
absehbar sind. — Im übrigen stand die erste Hälfte des Be- 
richtsjahres unter dem Zeichen einer starken Zurückhaltung der 
amerikanischen Käufer von Rohglyzerin. Dies hat wohl seinen 
hauptsächlichen Grund darin, daß gelegentlich der letztjährigen 
äußerst scharfen Aufwärtsbewegung des Marktes sehr große 
Mengen auf Lieferung gekauft Avorden sind. Die Amerikaner 
hatten daher erst diese alten Kontrakte abzuwickeln, ehe sie neuer- 
dings auf dem europäischen Markte als Käufer erschienen. Am 
besten beweist dies die Tatsache, daß Amerika im Jahre 1910 
ca. 20 000 t, im Jahre 1911 ca. 18 000 t, hingegen bis Mitte des 
Berichtsjahres nur ca. 4000 t Rohglyzerin aus dem euix)päischen 
Markte genommen hat. Hand in Hand mit dieser amerikanischen 



76. Organische chemische Industrie. 321 

Zurückhaltung ging ein Fallen der Preise für Rohglyzerin auf 
dem europäischen Markte, so daß im Februar des Berichts^ 
jahreä erstklassiges Rohglyzerin zu dem relativ niedrigen Preis 
von 110 Franken per 100 kg, Pariser Bedingungen, zu haben 
war. Natürlich litten unter dieser fallenden Konjunktur auch 
die Preise für das gereinigte Glyzerin, so daß die Lage für 
die Raffineure, speziell für die finanziell schwachen, recht trost- 
los war. Es trat der ungesunde Fall ein, daß schwächere Hände ihr 
Fertigprodukt zu jedem Preis verkauften bzw. verkaufen mußten, 
nur um die Maschinenanlagen zu beschäftigen und um die kon- 
traktlich angedienten Mengen Eohglyzerin abnehmen und be- 
zahlen zu können. Eine kleine Wendung zum Besseren trat dann 
ein, als verschiedene starke Hände, hauptsächlich in England, die 
große Posten unverkaufter Rohware hinter sich hatten, den Markt 
durch Käufe usw. stützten, um eine allzu große Entwertung 
ihrer Bestände zu verhüten. Da allgemein seitens der Käufer 
der begreifliche "Wunsch vorhanden war, den Preisstand des 
Glyzerins zu verbessern, um den durch frühere, teure Käufe 
von Rohware entstandenen Schaden wenigstens einigermaßen aus- 
zugleichen, so stiegen die Preise nach und nach wieder bis auf 
150 Franken, Pariser Bedingungen. Im Mai trat dann wieder 
eine kleine Abschwächung ein, da erstens ein großer Teil des 
Bedarfs gedeckt war und zweitens in der Sommersaison das 
Glyzeringeschäft sehr still ist. Die Preise hielten sich während 
der Monate Juni bis August auf dieser Höhe, da kein größerer 
Interessent bei der recht unübersichtlichen Marktlage Lust hatte, 
etwas zu unternehmen. Anfang September schienen die Ameri- 
kaner jedoch mit ihren Vorräten geräumt zu haben, denn ge- 
legentliche, wenn auch sehr vorsichtig getätigte Käufe auf dem 
europäischen Markte ließen es ziemlich gewiß erscheinen, daß 
Amerika wieder Rohware brauche. Natürlich zeigten sich jetzt 
die Verkäufer recht wenig geneigt, irgendwelche Konzessionen 
im Preise zu machen. Da im übrigen recht viele Käufer ihren 
Bedarf für nur wenige Monate gedeckt hatten und fürchteten, 
daß eine durch einen größeren Kauf hervorgerufene Hausse sie 
in eine unangenehme Zwangslage bringen könnte, so wurden alle 
angebotenen Posten zu den geforderten Preisen aus dem Markte 
genommen. Diese Erscheinung veranlaßte naturgemäß die Ver- 
käufer, ihre Forderungen immer weiter zu erhöhen, so daß in 
kurzer Zeit der Kurs für Saponifikations - Rohglyzerin auf 
155 Pranken per 100 kg, Pariser Bedingungen, heraufschnellte.; 
In diese Zeit fielen nun auch die Alarmnachrichten vom Balkan 
her, und da verschiedene Nachbarstaaten für militärische 
Rüstungszwecke ganz außerordentliche Kredite bewilligten und 
auch seitens der betreffenden Kriegsministerien große Ankäufe 
von Glyzerin für die Herstellung von Dynamit getätigt wurden, 
so stiegen die Glyzerinpreise in wenigen Tagen auf 167,50 Franken 

Bwl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. II. 21 



322 VI. Rohstoffe u, Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



Lanolin. 



per 100 kg, Pariser Bedingungen. Da durch diese Dynamit- 
Olyzerinkäufe viel Eohware als Eückdeckung aus dem Markte 
genommen wurde, und da auch die Glyzerinproduktion in den süd- 
europäischen Läjidern, wo die Seifenfabrikanten für ihre naturellen 
Oele bessere Preise erzielen als für Seife, zurückgeg'angen ist, 
so dürfte ein erheibliches Fallen der Glyzerinpreise kaum wahr- 
scheinlich sein. Es wird natürlich in der nächsten Zeit auch 
hivieder einmal etwas mehr Euhe in den aufgeregten Markt 
kommen, und die Preise^ können möglicherweise dadurch etwas 
fallen. Es hat jedoch nicht den Anschein, als ob die größeren 
und hauptsächlichsten Verbraucher schon die ganze Rohware 
haben, die sie brauchen. Es werden auch zu den jetzigen hohen 
Preisen noeh größere Käufe von starken Händen getätigt, und 
es verlautet, daß von dieser Seite noch weitere Posten herein- 
genommen würden, wenn genügend Angebot da wäre. — Aber 
selbst durch diese steigende Konjunktur haben sich die Verhält- 
nisse für die Eaffineure kaum gebessert, da bei den großen 
Summen, die bei Eohglyzerinabsehlüssen in Erage kommen, nur 
diejenigen die Konjunkturschwankungen durch Spekulation aus- 
nützen können, die den nötigen finanziellen Eückhalt haben. 
Deren Zahl ist jedoch reeht gering, und daher kommt es wohl 
auch, daß die Glyzerinraffination recht wenig gewinnbringend 
ist, wenn man nur auf den reinen Fabrikationsgewinn angewiesen 
ist. Und eine Industrie, die unter den gegenwärtigen Zoll- usw. 
Verhältnissen nur auf Spekulationsgewinne angewiesen ist, kann 
nur dann nicht direkt mit Verlust arbeiten, wenn die Konjunktur- 
sehwankungen in ganz besonders geschickter Weise ausgenutzt 
werden und wenn das arbeitende Kapital recht erheblich ist. 
, Das Lanolingeschäft hat sich während des Berichtsjahres 
in ungefähr der gleichen "Weise wie im Vorjahr entwickelt. Frei- 
lich ist auch hier in den Sorten, die für technische Zwecke 
und als Salbengrundlage Verwendung finden, eine sehr starke 
Konkurrenz vorhanden, so daß der erzielte Gewinn nicht im 
Verhältnis zu den Produktionskosten steht. Man sah sich aus 
diesem Grunde auch genötigt, trotz dieser scharfen Konkurrenz 
die Notierungen heraufzusetzen. Die Spezialprodukte, die aus 
dem Lanolin hergestellt werden, erfreuen sich nach wie vor einer 
großen Beliebtheit unter dem Publikum, und der Verbrauch steigt 
in jedem Jahr in angemessener Weise. Irgendwelche Vorfälle 
besonderer Art traten im Laufe des Berichtsjahres nicht 



ein. 



77. Chemisch-pharmazeutische Produkte und 
Spezialitäten. 

Geschäftsgang. Der geschäftliche Verkehr hat im Berichtsjahre im großen 

und ganzen nur leidlich befriedigt; nach dem Aufschwung, 
den er im Jahre vorher zu verzeichnen hatte, trat bei der wenifr^r 



77. Chemiach-pharmazeutische Produkte und Spezialitäten. 



323 



lebhaften Bewegung im Handel, besonders in der zweiten Hälfte 
'des Jahres, eine Geschäftsstille hervor, die als störend empfunden 
werden mußte. Man vermißte die Leichtiglceit im Kauf und 
Verkauf. Die Gründe hierfür sind zu einem guten Teil in der 
allmählich erreichten hohen Preislage der meisten Artikel zu 
suchen, was auch dazu geführt hat, daß sich der Zwischenhandel 
gegen Käufe auf spätere Lieferung vielfach ablehnend verhielt. 
Es herrschten somit nur Geschäfte verhältnismäßig kleineren 
Umfanges vor. Bei denjenigen Droge q, die infolge des ungün- 
stigen Erntejahres 1911 teurer waren, war die Abneigung, sich 
mit ihnen mehr als notwendig zu befassen, schon in den ersten 
Monaten des Berichtsjahres vorhanden, denn ein gleich ungünstiges 
Erntejahr konnte nicht erwartet werden, ein Rückgang der Werte 
war somit unbedingt vorauszusehen. Der w^eitere Verlauf hat 
dies auch bestätigt. Eine große Anzahl einheimischer Produkte 
ist jin der zw-eiten Hälfte, besonders aber im letzten Vierteljahr 
1912, teihveise bedeutend billiger geworden. 

Preisschwankungen sind, im Vergleich zu anderen Jahren, in 
ungefähr demselben Umfang- vorhanden gewesen. Hervorgetreten 
:sind solche besonders u. a. in Blei und dessen Präparaten. Die 
Preissteigerung bei Bleimennige und Bleiglätte zeigt nachstehende 
Tabelle : 

1912 
22. März . . 

9. Juni . . 
19. „ . . 

7. Juli . . 

5. August . 

6. September 
12. 
29. 

22. Oktober 
27. 

4. November 
15. 
27. 
19. Dezember 



Mennige 


Glätte 


39,50 M. 


40,50 M 


42,50 „ 


43,50 „ 


43.50 „ 


44.50 „ 


44,50 „ 


45,50 „ 


45 - „ 


46,— „ 


48,- „ 


49,— ,. 


49,50 „ 


50,50 „ 


50.50 „ 


51,50 „ 


49,50 „ 


50,50 „ 


47,- „ 


48,- „ 


45,50 „ 


46,50 „ 


44.- „ 


45,- „ 


43,- „ 


44,- „ 


43,50 „ 


44,50 „ 



Preise- 



I 



Von Bedeutung für den Chemikalienmarkt war eine am 
18. Juni eingetretene Erhöhung des Preises für Rohjod, ein Artikel, 
der für den Weltmarkt von einem Syndikat beherrscht wird. — 
Infolge eines guten Ertrages des an den Küsten Norwegens all- 
gemein in den Monaten Eebraar bis Juni stattfindenden Dorsch- 
fischfanges wurde im Berichtsjahre ein größeres Quantum Dorsch- 
Medizinal-Dampftran gewonnen; es ist dies ein Artikel, der für 
den Drogenhandel von großer Bedeutung ist, der aber vielen 
Zufälligkeiten in bezug auf die Anzahl der gefangenen Fische, 
den Fettgehalt der Lebern und die Tranproduktion überhaupt 
unterworfen ist. Die nachstehende Tabelle gibt eine ungefähre 
Uebersicht über die Produktion der letzten vier Jahre. 

21* 



324 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



1909 
1910 
1911 
1912 



Qviantum Dorsch 

. 56,5 Mill. 

. 55,7 „ 

. 64,4 „ 

. 99,2 „ 



davon zu Kund- 


Quantum Dampf- 


Quantum Leber zu 


fiscb gehängt 


medizintran 


anderen Transorten 


28,1 Mill. 


50 460 hl 


27 663 hl 


20,9 „ 


41024 „ 


17 805 „ 


25,2 „ 


43 318 „ 


12 729 „ 


36,4 „ 


76 211 „ 


34 000 „ 



Absatz. 



Einfluß der 
KarteUe. 



Großindustrie 
und Apotheker. 



Arbeiter- 
verhältnisse. 



Äachlverkehr, 



Preissteigerungen waren in einer Anzahl Artikel zu ver- 
zeichnen, die vom Ausland bezogen werden müssen, z. B. Rhabarber- 
wurzel aus China, Chinarinde auK Java, Opium aus der Türkei 
usw. Eür letzteres erwartete man nach der Mißernte des Jahres 
1911 eine günstigere Produktion, die aber nur zum Teil eintrat 
und nur wenig mäßigere Preise zur Folge hatte. 

Den Absatz in Drogen und Chemikalien haben die allgemein 
teureren Lebensverhältnisse behindert. Die Notwendigkeit, die 
den Geschäftsbetrieben erwachsenen höheren Unkosten zu decken, 
bedingte einen [Wertstand für die Produkte, -welcher bemerkens- 
werte Schwankungen in den Absatzverhältnissen herbeiführte. 
Da, wo der Handel mit der bisherigen Unkostenverrechnung aus- 
zukommen glaubte, hat er Enttäuschungen erfahren müssen, welche 
die finanzielle Position einer großen Anzalü Firmen schwächte. — • 
Auch der Verkauf nach dem Ausland hat unter dem Druck 
der notwendig gewordenen höheren Preisstellung zu leiden gehabt. 

Ein großer Anteil an dem eingeschränkten Absatz durch 
Verteuerung der Produkte ist auch den Kartellen zuzuschreiben. 
Die bekannten Vorgänge auf dem Spiritusmarkte haben den Ver- 
trieb der \delen Spiritus-Präparate, die der pharmazeutische Handel 
aufweist, behindert. Von sonstigen Konventionen, die nach wie 
vor im Handel bestehen, ist im allgemeinen nur ein guter Einfluß 
ausgeübt worden. Sie sichern einen geregelten Absatz, verhindern 
Ueberproduktion und halten sich in ihren Verkaufspreisen 
größtenteils maßvoll. 

Die pharmazeutische Großproduktion ist im allgemeinen auf 
dem seit Jahren eingeschlagenen .Weg fortgeschritten. Die Menge 
der neuen Arzneimittel dürfte im Berichtsjahre doch wesentlich 
eingeschränkt worden sein, obwohl die Großindustrie fortgesetzt 
sehr rege auf wissenschaftlichem Gebiete tätig ist. In dieser fort- 
schreitenden Bewegung hat sich die pharmazeutische Großindustrie 
zum Teil in ."Widerspruch mit den Tendenzen der Apothekerschaft 
gesetzt; im Austausch der Ansichten hierüber dürfte für beide 
Teile ein bis auf weiteres zufriedenstellendes Verhältnis ge- 
schaffen worden sein. 

Den allgemeinen Lebensverhältnissen entsprechend, haben die 
Arbeitgeber Teuerungszulagen bewilligt. Streiks und sonstige 
Lohnbewegungen sind durch diese größtenteils freiwilligen Zu- 
schüsse wohl vielfach verhindert worden. 

Für den Frachtenverkehr im Inland war die offene oder nur 
durch kurze Zeit tmd durch [Wassermangel behinderte Schiffahrt 
im Laufe des Jahres sehr günstig. Die Leistungsfähigkeit der 



1 



Artikel. 



77. Chemisch-pharmazeutische Produkt« und Spezialitäten. 325 

Betriebe hängt eng mit der Möglichkeit zusammen, Höh- und 
Hilfsstoffe zu günstigen Frachtsätzen zu bekommen. Ein Ausbau 
der .Wasserstraßen wird daher stets den Handel fördern, und es 
ist erwünscht, daß die Kunstwasserstraßen ihre zu erhebenden 
Abgaben möglichst niedrig halten. 

lieber einzelne Artikel ist noch folgendes zu berichten: Einzelne 

In Borpräparaten fand zweimal, und zwar im Januar und 
Juni, eine kleine Preissteigerung statt. Die Nachfrage war 
außerordentlich stark und konnte kaum befriedigt werden. 

In Bismutsalzen, Camphor und Hydrochinon bewegte sich 
daä Geschäft in den Bahnen des Vorjahres bei allgemein be- 
friedigendem Absatz, aber gedrückten Preisen, soweit die letzt- 
genannten beiden Artikel in Frage kommen. 

Brompräparate erfuhren im Monat Mai eine weitere Preis- 
steigerung auf Grund Verteuerung des Rohmaterials, und zwar 
um etwa 162^ o/o, so daß Ende des Jahres ein Preisniveau auf 
Basis von 342 Mk. per 100 kg Bromkalium erreicht war. Die 
im Laufe des Jahres aufgetauchte Beunruhigung infolge Auf- 
nahme der Bromproduktion seitens dreier neuer Werke ist als 
überwunden zu betrachten, nachdem am 7. Nov. die Brom- 
konvention unter Einschluß der neuen Produzenten auf drei 
Jahre verlängert worden ist. 

Der Absatz in Chloralhydrat war quantitativ befriedigend, 
hinsichtlich des Preises höchst unbefriedigend, denn der Artikel 
wird heute zu Werten gehandelt, die dem Einstandspreise sehr 
nahe kommen. 

Die Preisstellung für Kokain bewegte sich bis zum Herbst 
in absteigender Linie, und zwar von 280 Mk. herunter bis auf 
200 Mk. Seit diesem Zeitpunkt hat ein allmähliches Anziehen 
der Notierungen stattgefunden, anscheinend in Verbindung mit 
dem Balkankrieg, so daß zurzeit wieder ein Preis von 260 Mk. 
per Kilogramm gezeichnet wird. 

Die Preisstellimg für Kollodium und Schwefeläther, deren 
Absatz im allgemeinen als befriedigend bezeichnet werden kann, 
war, wie stets, abhängig von dem Preise für Sprit, der im Laufe 
des Jahres mehrfach weitere Steigerungen erfuhr, so daß zuletzt 
biä zum 26. Okt. mit einem Preise von 75,50 Mk. für 100 Liter 
96er Primasprit gerechnet werden mußte. An diesem Tage wurde 
der Preis für 96er Primasprit um 6 Mk., nämlich auf 69,50 Mk. 
für 100 Liter, herabgesetzt und. am 16. Nov. um weitere 4 Mk., 
auf 65,50 Mk., ermäßigt. Die hohen Spritpreise waren für die 
Fabrikanten von Kollodium und Schwefeläther wenig erfreulich, 
da die Konsumenten gewohnt sind, für beide Artikel Abschlüsse 
zu machen, während die Spirituszentrale im Berichtsjahre Ab- 
schlüsse zu festen Preisen überhaupt nicht tätigte. 

Für Glyzerin löste sich am 30. Juni 1912 die Konvention 
für raffinierte und destillierte Ware auf, nachdem diese Ver- 



326 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

cinigimg hinsichtlich der Bewertung des Artikels Infolge der 
zahlreicher. Außenseiter bereits längst mehr oder weniger ein- 
flußlos geworden war. Infolgedessen hat die Auflösung der 
Konvention die Preisstellung für gereinigte Wai^e auch nicht 
im mindesten berührt. Die Preisstellung war vielmehr aus- 
schließlich abhängig von der Lage des Marktes für Roh^l^'^zerin^ 
welches im Laufe des Jahres mehrfachen Schw^ankungen unter- 
lag. Nachdem zu Anfang des Jahres die Notierungen für dopp» 
dest. iPh. G.-Ware bis zu ca. 120 Mk. per 100 kg gewichen, 
waren, hat sich der Preis allmählich wieder bis auf oa. 155 Mk. 
per 100 kg gehoben. 

Jod erfuhr im Monat Juni eine Preissteigerung von 6 auf 
71/2 d pro oz. engl., so daß auch die Notierungen für Jodpräparate^ 
im gleichen Verhältnis erhöht werden mußten. 

Auch Salizylpräparate erfuhren zu Anfang des Jahres eine 
kleine Preisaufbesserung. 

WäJirend im Jahre 1911 der Preis für Pyrogallussäure einen 
verlustbringenden Tiefstand erreicht hatte, hat er sich im Laufe 
deö Jalires 1912 auf eine einigermaßen befriedigende Höhe ge- 
hoben. Es lag hierfür auch eine dringende Notw^endigkeit vor, 
angesichts der erheblichen Verteuerung des Rohmaterials. Die 
Preissteigerung für Gallen wurde verursacht durch die chinesischen 
"Wirren des Jahres 1911, in deren Folge die Zufuhren erheblich 
geringer als in früheren Jahren ausgefallen sind. Info^gedesseiL 
hatten auch andere Gallenprodukte, wie Tannin und Gallussäure,, 
eine nicht unwessentliehe Preissteigerung zu verzeichnen. 

In den Spezialpräparaten Medinal, Valisan, Arthigon, Hor- 
monal und Atophan war der Absatz befriedigend und stieg zum 
Teil sogar erheblich. 

78. Drogenhandel. 

Gesehftftsgang. Im Berichtsjahre erlitten die Geschäfte, die sidi bis gegen^ 

den Herbst hin recht gut gestaltet hatten, eine empfindliche 
Störung durch den Ausbruch des Balkankrieg^s und die damit 
zusammenhängende Verminderung der Unternehmungslust, die 
noch obendrein durch sehr hohen Geldstand beschränkt wurde. 
Trotzdem wird man mit dem geschäftlichen Ergebnis dieses 
Jahreö nicht ganz unzufrieden sein können. — Ein- und Aus- 
fuhr der in Betracht kommenden Waren sind gegen das Vorjahr 
wesentlich gestiegen. Die Erzeugnisse der deutschen diemisclien 
Industrie erfreuen sich in der ganzen Welt zunehmender Nach- 
frage und die guten, zuverlässigen Lieferungen des deutsche» 
Drogen-Großhandels verschaffen auch ihm einen ständig wachsen- 
den Kundenkreis. Die Preisbewegung war im allgemeinen nach 
oben gerichtet und erst seit dem Herbst zeigten die Preise Neigung 
zum Fallen. Der Arzneibedarf nimmt durch Anlehnung des 



79. Apothekergew-erbe. 



327 



Krankenkassen Wesens und infolge wachsenden Wohlstandes stetig 
zu, und wenn auch größere Epidemien in diesiem Jahre aus- 
blieben, so war doch die Nachfrage nach Medikamenten lebhaft. 
Die meist gut beschäftigte Industrie war ein großer Abnehmer 
für technische Drogen und Chemikalien. Die Wirren in China 
verursachten eine Steigerung der chinesischen Rohprodukte, die 
lange Zeit hin nicht zur Küste gelangen konnten. Das schlechte 
Wetter des Sommers beeinflußte die Ernte der meisten medi- 
zinischen Yegetabilien und der Gewürzpflanzen sehr ungünstig. 
Während der Anbau und die Einsammlung dieser Produkte in 
Deutschland sehr zurückgeht, treten Rußland, Ungarn, Nord- 
amerika und Japan immer mehr als Lieferanten auf. Durch 
den Balkankrieg sind die Gneschäfte nach dem europäischen Osten 
in empfindlicher Weise unterbrochen worden, indessen ist zu 
hoffen, daß eine stark© Nachfrage nach Drogen und Chemikalien 
nach' Beendigung des Krieges auftreten wird, um die gelichteten 
Lager wieder zu füllen. 

Die Steigerung der sozialpolitischen Lasten, die durch 
Teuerung hervorgerufene Erhöhimg der Löhne und Gehälter, 
höhere Seefrachten und der hohe Zinsfuß werden die Geschäftä- 
erträge wesentlich herabsetzen. \ 

Die ZaMungsverhältni^e waren im allgemeinen gut. Der 
Postöcheck-Vericehr erweist sich für schnelleren Eingang d^ 
Forderungen sehr nützlich. 



ünkoster». 



ZalüaugS' 
Itms8€ 



yerliält 



79. Apothekergewerbe. 

Für das Apothekergewerbe hat das Jahr 1912 besonders be- 
merkenswerte Ereignisse nicht gebracht. Es muß sich nuQ mit 
der Reichsversicheningsordnim^g und ihren Wirkungen abfinden. 
Mit Beginn des Jahres wurde auch das pharmazeutisch gebildete 
Personal der Apotheken der Invaliden- und Hinterbliebenen- 
Versicherung unterworfen; mit Beginn des Jahres 1913 tritt die 
Angestellten- Versicherung und die Unfall Versicherungspflicht für 
alle Apotheken imd den gesamten Apotliekenbetrieb in Kraft. 
Damit übernehmen die Besitzer nicht unbeträchtliche Lasten, 
die sie nicht, wie andere Gewerbetreibende, auf die Konsumenten 
abwälzen können, weil sie durch die amtliche Arzneitaxe 
gebunden sind. Die seit vielen Jahren verlangte Erhöhung der 
Taxe entsprechend der stetigen Steigerung der Preise aller noir 
wendigen Lebensbedürfnisse, der Erhöhung der Steuern und Ab- 
gaben, namentlich auch der Branntweinsteuer usw. wird von den 
Regierungen abgelehnt. So sind denn die Kla^n im Gewerbe 
ganz allgemein. Weitere Lasten wird das Jahr 1914 bringen, in 
welchem die Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung 
über die Krankenversicherung in Kraft treten werden. Auch in 



328 VI. Eohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

diese Versicherung tritt das pharmazeutische Personal neu ein. 
Ganz besondere Bedeutung werden aber die Entscheidungen der 
Behörden über die den Krankenkassen auf die Arzneitaxe zu ge- 
währenden Rabatte und die Preise der „Handverkauf sartikel" für 
das Apothekergewerbe haben. Der Stand blickt deshalb mit einiger 
Sorge in die Zukunft und trifit Vorsorge, um den üebergaag in 
die neuen Verhältnisse möglichst ohne schwere Erschütterungen 
auszuführen. In der Unfallversicherung gehörten die Apotheken 
bisher teils zur Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie, 
teils zur Lagereiberufsgenossenschaft. Sie sind nunmehr insgesamt 
der ersteren überwiesen worden; den Antrag auf Errichtung einer 
eigenen Apotheken-Berufsgenossenschaft hat der Bundesrat be- 
dauerlicherweise abgelehnt. 

Auch die sonstigen berechtigten Klagen des Apothekerstandes 
haben im Berichtsjahre kein Gehör gefunden. Ein Reichsapotheken- 
gesetz scheint wirklich für absehbare Zeit zu den Unmöglich- 
keiten zu gehören und die Buntheit der Landesgesetzgebung 
42 iJahre nach der Errichtung des Reiches eine neue Festleg^ung 
erfahren zu sollen. Gegen das Spezialitäten- und Geheimmittel- 
wesen, das namentlich infolge der verkehrten "Warenzeichen- 
Gesetzgebung immer schlimmere Wirkungen zeitigt, geschieht 
nichts. Die Polizei ist gegen den ungesetzlichen Vertrieb von 
Arzneimitteln außerhalb der Apotheken machtlos, wie von dro- 
gistischer Seite in einer Eingabe an die Regierungen und Volks- 
vertretungen offen zugestanden worden ist; die Kaiserliche Ver- 
ordnung über den Verkehr mit Arzneimitteln steht nur auf dem 
Papier. 

Zufrieden können die Apotheker dagegen mit den Einrich- 
tungen sein, die sie sich selbst aus eigener Initiative geschaffen 
haben. Die Handelsgesellschaft Deutscher Apotheker m. b. . H. 
in iBerlin, welche Filialen in München, Köln a. Rh., Hamburg, 
Dresden, Breslau und Frankfurt a. M. unterhält, gewinnt be- 
ständig an Bedeutung. Sie hatte im Jahre 1911 bereits einen 
Umsatz von 18 Mill. Mk., der im Jahre 1912 auf mehr als 
21 Mill. Mk. gestiegen sein dürfte. 

Zum Zwecke der Vermittlung von Hypotheken haben sich 
Garantiegenossenschaften von Apothekern gebildet, welche unter 
bestimmten Bedingungen Bürgschaften oder Ausbietungsver- 
pflichtungen übernehmen. In Berlin besteht eine solche unter 
dem Namen „HypotJiekenvermittlungs - Genossenschaft Berliner 
Apotheker „Garda" m. b. H ", Levetzowstr. 16 B. 

Die wirtschaftlichen Interessen des Apothekergewerbes ver- 
tritt der in seinen Anfängen auf das Jahr 1820 zurückgehende 
Deutsche Apotheker- Verein mit über 5000 Mitgliedern, der in 
Berlin seinen Sitz hat. Von ihm ist auch die Gründung der 
genannten Unternehmungen ausgegangen. 



80. Terpentinöl und Harze (Kolophonium). 



329 



80. Terpentinöl und Harze (Kolophoniu m). 

Im Gegensatz zu dem Jahre 1911, in dem heftige Preis- 
erschüttenmgen für Terpentinöl zu verzeichnen waren, verlief 
der Markt im Berichtsjahre ruhig und blieb von sprunghaften 
Preisveränderungen frei. Dennoch vollzog sich ein stetiger, wenn 
auch langsamer Preisrückgang. Amerika forderte zu Beginn des 
Berichtsjahres ca. 75 Mk. für 100 kg frei Hamburg. Bis April 
fiel der Preis allmählich auf etwa 72 Mk., bis Juli auf etwa 
68 Mk., bis Oktober auf ca. 60 Mk. und verblieb bis zum Schlüsse 
des Jahres in dieser Höhe. Die Preise für französisches und 
griechisches Terpentinöl folgten den Preisen für amerikanische 
Oele und hielten sich dauernd auf ungefähr gleicher Höhe. Der 
Verbrauch von Terpentinölersatzmitteln hat abermals eine Zu- 
nahme erfahren, und es ist nicht zweifelhaft, daß der stetige 
Rückgang der Preise für Terpentinöl auf die steigende Verwen- 
dung von Ersatzmitteln zurückzuführen ist, die technisch immer 
vollendeter, insbesondere von deutschen Fabriken, auf den Markt 
gebracht werden. Die Ersatzmittel eroberten sich einen Markt 
nach dem anderen. Nachdem die Lack- und Farbenindustrie 
diese Produkte ständig verwendet, sind nunmehr auch die Be- 
hörden (Eisenbahndirektionen und AVerften), wenn auch nicht 
ausschließlich, dazu übergegangen, Ersatzmittel zu verwenden. — 
Der Markt für Russisches Terpentinöl (Kienöl) war während 
des ganzen Jahres gleichfalls ruhig. Die Preise, die Anfan;g 
Januar franko Berlin bei Ladungsbezügen noch 46 Mk. für 100 kg 
betrugen, wichen langsam bis auf 41,50 Mk. 

Die Notierungen für dunkias Harz gingen während des Be- 
richtsjahres von ca. 31 Mk. für 100 kg für Marke B/C auf 
ca. 26 Mk. zurück. Auch der Markt für Harze war frei von 
Spekulation. 

Die neue Saison eröffnete .'im November 1911 mit 65 sh 
pro Cwt. engl, für die Standardmarke TN. Infolge der größeren 
Anfuhren ging der Preis gegen März auf 61 sh als niedrigsten 
Punkt zurück. Wie gewöhnlich wurden zu dieser Zeit Be- 
richte über kleine Stocklackernten in die Welt gesetzt, und 
mit Ausnahme eines erneuten Rückganges im Juni/Juli stiegen 
die Preise stetig, so daß Ende Oktober 70 sh für TN gezahlt 
wurden. Aus Indien wurde auch weiterhin von einem Ausfall 
der Stocklackernte berichtet. Obgleich der Verbrauch des 
Artikels allenthalben im Wachsen begriffen, war die letzte 
Produktion für alle Bedürfnisse vollkomlnen ausreichend. Die 
Spekulation in TN auf Lieferungsgeschäfte war im Laufe des 
Jahres lebhaft, auch der Kontinent schenkte dem Artikel großes 
Interesse. Die Totalproduktion vom 1. Nov. 1911 bis 31. Okt. 
1912 war um 39 260 Kisten größer als in der Saison vorher. 
Sie betrug 261709 Kisten gegen 222 449 in der Zeit 1910/11; 



Terpentinöl. 



Harz. 



Schellack. 



330 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien, 

charakteristisch ist, daß trotz dear Zunaiiiae der Produktic«! 
der Preis um 5 sh per Zentner stieg. 

Die Verschiffungen verteilen sidi' wie folgt: 

1909/10 1910/11 1911/12 

Orange 279 226 Kisten 195 218 Kisten 224 369 Kisten 

Granat 19 219 „ 16 193 „ 18 640 „ 

Knopfiack . .... 20645 „ 11038 „ 18 700 „ 

319 090 Kisten 222 449 Kisten 261 709 Kisten 

Der Vorbrauch der letzteai Ernte (1911/12) verteilte sioH 
wie folgt: 

insgesamt Orange Granat Knopfiack 

England ... 49 669 Kisten 34 558 Kisten 4 286 Kisten 10 825 Kisten 

Kontinent . . 93 816 „ 76 522 „ 10 547 ., 6 746 

Amerika. . . 111311 „ 106 652 „ 3 807 \, 852 

Diverse . . . 6 913 „ 6 636 „ — „ 277 

Total 261 709 Kisten 224 369 Kisten 18 640 Kisten 18 700 Kisten 



Am 1. Jan. waren die Preise für: 



1908 
1909 
1910 
1911 
1912 
1913 



flne Orange 


TN 
(in sh per Cwt. engl.) 


AC 


165—175 


125—127/6 


170 


105—115 


82—83 


80-85 


75—85 


68—69 


65—70 


90—100 


77—78 


72-75 


75—85 


63—64 


62—65 


80—85 


70—71 


65-66 



Die Vorräte m London betrugen am. 1. Jan. (in Kisten): 





Orange 


Granat 


Knopflack 


Zusamm^ü 


1908 . . 


. 18 644 


1529 


4 744 


24 912 


1909 . . 


. 41212 


2 483 


4 426 


48 121 


1910 . . 


. 49 303 


2 377 


4 567 


56 247 


1911 . . 


. 88 905 


2 425 


5 007 


96 331 


1912 . . 


. 93 491 


2909 


4 088 


100 486 


1913 . . 


. 90 498 


3 047 


4 875 


96 420 



Der "Wert für TN loco London betrug am 1. Jan. per 



Cwt. engl, in sh: 



1907 213 

1908 122/6 

1909 80 

1910 68 



1911 ..... 76 

1912 63 

1913 71 



Von Kalkutta wurden abgela<ien vom 1. Jan. biß 31. Dez. 1911: 



Nach Hamburg . 
« Bremen 
, Rotterdam 
r, Triest . . 
n London 
„ New York 
Dünkircben 



Orange 
34 124 Kisten 

7 437 „ 

4 859 

6 070 
32 462 
84 630 
12 425 



Granat 

2 125 Kisten 
1000 

600 „ 
2 022 
4 626 

3400 „ 
2 125 



fCnopflack 

1 947 Kisten 

2 131 
410 
625 

8 762 „ 
510 
929 



81. Petroleum und andere Mineralöle. 331 

Merkwürdig ist die große Zunalmie in der Produktion von 
Knopflack (18 700 Kisten gegen 11 038 im Vorjali're). In Stock- 
lack war die Nachfrage nur schVadi, 'besonders für gute 
Qualität, wie Siam, dagegen wurden alle geringen und billigen 
Sorten von ea. 25 bis 33 sh. gerärumt; der Vorrat aller Quali- 
täten beläuft sich auf 2000 Kisten. Körnerlack' war das ganze 
Jahr im Vergleich mit Sdhellack' billig. Die Umsätze waren 
ziemlich bedeutend (ca. 5000 Säcke); es notierte gute Qualität 
60 bis 65 sh, mittel 55 bis 57 sh, gering 50 bis 53 sh. 

81. Petroleum und andere Mineralöle. 

Das Geschäft in Petroleumprodukten war außerordentlich' Petroieu™ 
angeregt. Verschiedene Umstände führten bei einigen Pro- 
dukten, besonders Benzin, zu einer immer mehr zunehmenden 
Nachfrage, der eine wesentliche Vermehrung der Produktion 
nicht gegenüberstand. Anderei-seits genügte der verfügbare 
Tankraum für Seetransporte bei weitem nicht dem stark an- 
gewachsenen Transportbedürfnis, und die dadurch hervor- 
gerufene Frachtenhausse wurde noch durch einige besondere Vor- 
kommnisse während des Jahres (Verlust mehrerer Tankschiffe, 
zeitweilige Dardanellensperre) verschärft. Die große Nachfrage 
und die auf ein Mehrfaehes gegenüber dem Normalsatz ge- 
stiegenen Frachten hatten allgemein, mit geringer Ausnahme, 
ein starke Anziehen der Preise für Peti'^leum'produkte zur 
Folge. In Deutschland wurde die Preisen twi<^klung noch be- 
sonders durch den erhöhten Eigenverbrauch und den Bückgang 
der Produktion d^ benachbarten Oesterreich'-Ungarn beeinflußt. 
Die Preise für Benzin, Gas- und Treiböl in Deutschland haben 
unter diesen UnLständen ein höheres Preisniveau erreicht als 
je 'zuvor. Dagegen wurde der Verkaufspreis von Leuchtöl von 
der durch die eingetretenen Verhältnisse notwendigerweise be- 
dingten allgemeinen Preiserhöhung nur wenig betroffen, weil 
der Hauptimporteur, die Deutsch-Amerikanische Petroleum-Ge- 
sellschaft, das ihr drohende Petroleummonopol u. a. durch künst- 
liehes Niedrighalten der Preise abzuwenden bemiüit war. 

Die Rohölerzeugung der Hauptproduktionsländer stellte Rohöi. 

ßich, soweit verläßliche Ziffern vorlieg'en, im Beriehtsjähr, im 
Vergleich zum Vorjahre, wie folgt: 

1911 1912 1912 gegenüber 1911 

t t Zunahmo in t Ahn ahm o in t' 

VGreinigte Staaten 28 879 000 29 664 000 785 000== 2,7% — 

RiUßland 9 152 000 9 264 000 112 000= l,20/o 

Rumänien 1545 000 1807 000 262 000=1 6,90/0 

Galizien 1455 000 1181000 — 274 000=18,8% 

lieber die Produktion von Mexiko liegen zuverlässige Zahle q 
n,icht vor; nach einer Schätzut^g soll im Jahre 1912 die Rohöl- 
erzeugiing* etwas über 2 000 000 t ibetragen haben. Die Produktion 



erzeugUDj; 



332 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



lOhölpreise. 



von Niöderländisch-IndieQ wird auf 1500000 t gesch;atzt gegen- 
über 1600000 t im Jahre 1911. — Zu der Vermehrung der Pro- 
duktion der Vereinigten Staaten hat insbesondere Kalifornien 
beigetragen. In Rußland hat die vermehrte Gewinnung im 
Bakuer Gebiete die eingetretene Verminderung der Atisbeute von 
Grosnj^ mehr als ausgeglichen. Der großen Zunahme der rumä- 
nischen Eohölgewinnung steht gegenüber der llückgang der gali- 
zischen Erzeugung, der im Jahre 1910 infolge des Wassereinbruchs 
im Tustanowicer Gebiet seinen Aufang nahm und sich im Be- 
richtsjahr weiter fortsetzte. — Die gesamte Kohölproduktion der 
iWelt im Jahre 1912 wird auf 47100000 t angegeben und weist 
damit eiae Zunahme von ungefähr 2 o/o gegen das Vorjahr auf. 
Die Rohölpreise erfuhren infolge der geschilderten Verhält- 
nisse durchgängig eine wesentliche Erhöhimg, und zwar stellten 
sich die Notierungen für die verschiedenen Provenienzen ab 
Grube wie folgt: 



Mitte Januar 
April 
. JuH 

Oktober 



Pennsylvanisch es 
Rohöl 
$ per M. per 
barrel t 

1,40 = 44,85 
1,55 = 49,70 
1.60 = 51,25 
1,65 = 52,90 



Oklahoma , 
Rohöl 
$ per M. per 
barrel t 

0,53 = 16,95 
0,62= 19,85 
0,68 = 21,75 
0,70 = 22,25 



Russisches 
Rohöl 
Kop. per M. per 
Pud t 

28,50 = 37,50 
32,70 = 43,10 
37,— = 48,80 
37,75 = 49,80 



Dezember 2,00 = 64,10 0,80 = 25,60 39,50 = 52,10 



Qalizisches 
Rohöl 

Kr. M. per 
% kg t 

4,35 = 37,— 
4,35 = 37,— 
4,40 = 37,45 
5,50 = 46,70 
6,70 := 56,95 



Leuchtölpreise. 



Auch der Preis für rumänisches Rohöl bewegt-e sich, in Ueber- 
einstimmung mit den anderen Eohölen, während des ganzen 
Jahres in aufsteigender Richtung. Preisnotierungen für Rohöl 
gibt es übrigens in Rumänien so wenig wie für andere Produkte, 
da mehr als zwei Drittel der ganzen Produktion in den Händen 
der verschiedenen Petroleum-Großmächte ist, die ihre Rohöl- 
produkte selbst verarbeiten tind die gewonnenen Produkte auch 
selbst im Inland und Ausländ verkaufen. — Die Preise für 
amerikanisches und galizisches Rohöl haben weiter erheblich an- 
gezogen. Mitte Februar notierte pennsylvanisches Rohöl 2,50 $ 
per Barrel gleich 80,10 Mk. per Tonne, und Oklahoma Rohöl 
0,88 $ gleich 28,20 Mk. per Tonne. G-alizisches Rohöl ist auf 
über 10 Kr. (86 Mk.) per Tonne gestiegen. Die Meinungen über 
die Gründe für die Erhöhung der amerikanischen Notizen sind 
geteilt. In Oesterreich verursachte der Mangel an Ware in Ver- 
bindung mit Spekulationen die bedeutende Steigerung. 

Die Preise- für Leuchtöl in den Produktionsländern waren 
während des Berichtsjahres mehr Seh wankuiigeQ unterworfen als 
diejenigen von Rohöl. Sie bewegten sich aber gleichfalls durch- 
weg zu Ende des Jahres auf einem wesentlich höheren Niveau 
als zu Beginn. Die Notizen für amerikanisches und russisches 
Leuchtöl (für die anderen Provenienzen gibt es keine offiziellen 
Notierungen) stellten sich wie folgt: 



81. Petroleum und andere Mineralöle. 333 





Standard white*) 


Russisches Petroleum 




iu bulk f. 


0. b. 


, New York 


f. 0. b. Batum 




Cents p. 




Mark per 


Kop. p. Mark p. 




gaUon 




Tonne 


Pud Tonne 


Mitte Januar 


4,10 


= 


58,30 


48,— = 63,30 


. April 


4,85 


= 


69,— 


58,— = 76,50 


. Jnli 


5 — 


= 


71,20 


591/2 = 78,50 


„ Oktober 


4,75 


= 


67,60 


55,— = 72,60 


„ Dezember 


4,80 
ir Water whit€ 


= 68,30 

> war durchweg um 


641/2 = 85,10 


•) Die Notiz fi 


1 Cent per gallon = 14,20 U. pro 



Tonne höher. 

In den X*euchtölnotierungen sind im GrCigensatz zu den Kohöl- 
preisen seit Beginn des Jahres 1913 biß Mitte Februar wesentlichfi 
Veränderungen nicht eingetreten. 

Im deutschen Leuchtölgeschäft haben sich im Berichtsjahr Deutsches 
erhebliche "Wandlungen vollzogen. Die Kontrolle über die „Olex", geschalt 

die Absatzorganisation der galizischen Raffinerien, die sich mit 
den Tochtergesellschaften der Standard Oil Co. Jahre hindurch 
in der heftigsten iWeise bekämpft hat, ging im Frühjahr auf 
die Deutsche Erdöl-Aktiengesellschaft über. Diese Gresellschaft 
traf alsbald mit der DeutschAmerikanischen Petroleum-Gnesell-: 
Schaft eine Verständigung, welcher im September ein vertragliches 
Bündnis folgte. Auf der andern Seite löste die Deutsche Petroleum- 
Verkaufs-Gesellschaft, |die Absatz-Organisation der rumänischen 
und russischen Produzenten, ihr Vertragsverhältnis zur Deutsch- 
Amerikanischen Petroleum- Gresellschaft auf und betreibt seitdem 
den Absatz von Leuchtöl wieder selbständig. Von der aller- 
größten Wichtigkeit für den deutschen Petroleumhandel war das 
auf die Einführung eines Reichs-Petroleummonopols abzielende 
Vorgehen der Regierung zu Ende des Berichtsjahres. Die Reichs- 
regierung legte dem Bundesrat den Entwurf eines Gesetzes über 
den Verkehr mit Leuchtöl vor; der Entwurf wurde von den Ver- 
bündeten Regierungen angenommen, im Reichstage eingebracht 
und von diesem an eine besondere Kommission verwiesen. Die 
Aktion wurde in allen Teilen Deutschlands außerordentlich leb- 
haft erörtert. Dabei wurde zwar anerkannt, daß die Preispolitik 
der Standard Oil Co. in Deutschland, wenn die Preise auch in 
den einzelnen Gebieten vielfach zu gleicher Zeit außerordentlich 
verschieden waren, bisher im ganzen maßvoll war, und daß die 
Verkaufspreise für Leuchtöl in Deutschland seit Jahren niedriger 
gewesen sind als in den meisten anderen europäischen Ländern; 
dies trifft, wie bereits erwähnt, besonders auf das Berichtsjahr 
zu, während dessen ganzer Dauer die deutschen Leuchtölpreise 
zum Teil erheblich unter den Verkaufspreisen im übrigen Europa 
standen. Ebenso einmütig ist aber auch die Ansicht, daß die 
Standard Oil Co. durch die rücksichtsloseste Bekämpfung ihrer 
iWettbewerber, die in jahrelangen selten unterbrochenen Preia- 
kämpfen nnd Preisschleudereien Ausdruck fand, gerade auf dem 
deutschen Markt Zustände geschaffen hat, die auch den deutsdfeen 



334 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

Konsumenten stark bedrohen können. Die Standard Oil Co. hat 
im LatLfe der Jahre die meisten unabhängig|en Petrol'emügi[X)ß- 
händler und Petroleumgesellschaften entweder aas dem Geschäitö 
hinausgedrängt oder in ein solches Abhängigkeit« verhiältnis von 
ihr jgebracht, daß sie über den deutschen Leuchtölmarkt €ine 
besonders weitgehende Herrschaft ausübt. Die Berliner Handels- 
kammer hat die Auffassung vertreten, daß eia gesetzliches Ein- 
greifen in den Verkehr mit Leuchtöl zurzeit nicht notwendig 
sei. Auch der deutsche Handelstag hatte zunächst im Dezember 
1912 denselben Standpunkt eiagenommen. Bei seiner Tagung im 
Februai- 1913 war jedoch eine erhebliche Majorität (320 gegen 
79 Stimmen) grundsätzlich für die Einführung eines Monopols, 
sofern es möglich sein werde, die für den deutscliea Bedarf er- 
forderliche Menge zu angemessenen Preisen zu beschaffen. Jeden- 
falls ist durch die Regierungsvorlage weitesten Kreisen der 
Ernst der Lage vor Augen geführt, und man darf hoffen, daß, 
wenn die gesetzgebenden Körperschaften die Einführung eines 
Reichs-Petroleummonopols etwa 2airzeit nicht beschließen sollten 
{inzwischer. hat im Februar 1913 die Reichstagskommission den 
•Grundgedanken des von der Regierung eingebrachten Gesetz- 
entwurfes in zweiter Lesung mit großer Mehrheit angenommen), 
die Standard Oil Co. sich aus den letzten Vorgängen eine Lehre 
ziehen und ihre von den allermeisten ihrer Konkurrenten als un- 
erträglich empfundenen, auf eine Monopolstellung abzielenden 
Machenschaften für die Zukunft weniger brutal gestalten wird, 
-als in der Vergangenheit. 

Die amtliche Statistik weist die Großhandelspreise für 
Leuchtöl in Berlin, und zwar für Faßöl (einsehließlieh Faß), 
per 100 kg wie folgt nach: 

Amerikanisches Petroleum i-> „ d +.,„1«.,^ r-oi;, ü«,*..«!«,,,« 
Water white Standard white R^ss. Petroleum Gahz. Petroleum 



JaDTiar . . 


. . 26,60 M. 24,10 M. 


(nicht 


24,10 M. 


April ., . 


. . 27,90 „ 25,40 „ 


nachgewiesen) 


24.10 „ 


Juli . . . 


• • (ab Juni 19r2 nicht 


27,40 M. 


25,50 „ 


Oktober . 


. . mehr 


26,80 „ 


24,90 „ 


Dezember . 


nachgewiesen) 


26,80 „ 


25,— „ 



Diese Großhandelspreise haben aber keinerlei praktische Be- 
deutung mehr, da der Handel von Leuchtöl in Fässern nur noch 
verhältnismäßig selten vorkommt. 

Der von der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesells<>haft 
in Groß-Berlin geforderte Preis für gewöhnliches Leuchtöl bei 
Abnahme aus Straßentankwagen betrug per Liter in den ersten 
Monaten des Berichtsjahres 17 Pf. ; im Mai wurde der Preis 
nach dem Friedensschluß mit den Galiziern auf 18 Pf. erhöht; 
im September wurde er angesichts der bevorstehenden Petroleum- 
monopol-D ebaiten auf 171/2 Pf. ermäßigt. 



1912 


1912 gegenüber 1911 


t 


Zunahme t 


Abnahme t 


616 000 =-78 o/o 


24 000 


— 


125 000=160/o 


11000 


— 


28 000= 37o 


14 000 


- — 


22 000= 30/0 


^ 


13 000 



81. Petroleum und andere Mineralöle. 335 

Bie Einfulir van Leuchtöl betrug im Berichtsjahr 791000 t ^'ieuchtöf" 
gegenüber 755 000 t im Jahre 1911, stieg also um 36 000 t. Es 
lieferten die einzelnen Bezugsländer : 

1911 

t 
Vereinigte Staaten 592 000 = 78 7« 
Oesterreich-Ungarn 114 000 = 15 7« 
Rußland 14 000= 2^ 

Rumänien 35 000= 57^, 

75:.000=l007o 791000=1007o 36 000 — 

Wesentliche Veränderungen in der Einfuhr aus den Produktions- 
ländern sind demnach auch im Berichtsjahre nicht eingetreten. 
Die relativ groß erecheinende Differenz der Einfuhr aus Ruß- 
land und Jl.umänien in den beiden vergangenen Jahren dürft© 
izum Teil zufälliger Natur sein, insofern, als sich bei den in 
Betracht kommenden, verhältnismäßig geringen Ziffern schon 
durch ein oder zwei Schiffsladungen, die in einem Jahr mehr 
oder weniger ein^hen, das Bild wesentlich verscliiebt. Daß der 
Import aus Rumänien und Rußland nicht viel höher ist, hat 
seinen Grund darin, daß die Verkaufsgemeinschaft der rumä- 
nischen lind russischen Produzenten ihren eigenen Export wegen 
des scharfen Auftretens der Deutsch-Amerikanischen Petroleum- 
Gesellschaft nach anderen Ländern geleitet und für Deutsch- 
land Gel von unabhängigen amerikanischen Gesellschaften be- 
zogen hat, was in dem erhöhten Import aus den Vereinigten 
Staaten zum Ausdruck kommt. — Nach den Einfuhrzahlen, unter 
Einrechnung der inländischen Leuchtölerzeugung, betrug der 
Leuchtölverbrauch pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 1911 
etwas weniger als 12 kg, während er sich im Berichtsjahr etwas 
über diese Menge erhob. 

Das deutsche Benzingeschäft entwickelte sich während des Benzia. 

Berichtsjahres sehr gut, sowohl bezüglich der verlangten Mengen 
als auch der erzielten Erlöse. Die große Zunahme der Automobile 
und die w^eitere Entwicklung der Luftfahrzeuge haben einen 
Benzinbedarf zur Folge, dem die Produktion bei weitem nicht 
gewachsen ist. Das als Ersatzmittel für Benzin vielfach ge- 
nannte Benzol ist als solches wegen seiner qualitativen Mängel 
(starker Geruch der Abgase und geringe Kältebeständigkeit) nur 
in beschränktem Maße verwendbar und steht zudem auch nur in 
verliältnismäßig geringen Mengen zur Verfügung. Man war also 
im wesentlichen auf Benzin angewiesen, und die geschilderte 
Situation führte dazu, daß die Preise im Verlauf des Berichts- 
jahres um nahezu 50 o/o stiegen. Besonders in den leichteren 
Sorten war das Angebot sehr knapp, weshalb die Verbraucher 
mehr und mehr auf die schweren Qualitäten übergingen. Der 
Verbrauch von Benzin im Berliner Bezirk wird für das Be- 
richtsjahr auf 35 000 t geschätzt. Die Verkaufspreise begannen 



336 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

zu Anfang des Jahres zu steigen, setzten Mitte des Jahres zu 
sfprunghaftem Vorgehen an und bewegten sich dann in stark 
aufsteigender Richtung weiter. Die Gesamteinfuhr von Benzin 
in das Zollgebiet betrag in runden Zahlen im Jahre 1912 
246 500 t gegenüber 198 200 t im Jahre 1911, also 48 300 t 
gleich 24 o/o mehr. Die einzelnen Bezugßländer sind an der Ein- 
fuhr wie folgt beteiligt: 



1911 

Ver. Staaten 75 400 t = 38,04% 

Kumänien 36 100 „ = 18,21 7« 

NiederL-Indien 47 500 „ = 23,96% 

Rußland 20 700 „ = 10,44% 

Oesterr.-Ungarii 18 500 , = 9,35 Vq 



1912 1912 gegenüber 1911 
80 000 t = 32,45 7^ -f 4 600 t 
71 100 „ = 28,85 7o +35 000 „ 
31 500 „ = 12,787o —16 000 „ 
40 100 „ = 16,26 7o +19 400 „ 
23 800 ,, = 9,66 7o -|- 5 300 „ 



198 200 t 



246 500 t 



48 300 t 



Treib- oder 
Gaaöl. 



Mineral- 
B^mleröle. 



Für das mehr und mehr an Bedeutung gewinnende Treib- 
oder Gasöl war die Nachfrage in Deutschland im Berichtsjahr 
gleichfalls außerordentlich lebhaft. Hauptverbraucher dieses 
Stoffes ist der Verbrennungsmotor (System Diesel); ein kleinerer 
Prozentsatz wird zur Herstellung von karburiertem Wassergas 
verwendet. Die Einfuhr betrug rund 54 000 t gegeuüber rund 
37 000 t lim Vorjahr. Die Preise erfuhren eine bedeutende Steige- 
rung, die einerseits durch die verstärkte Nachfrage infolge der 
fortschreitenden Verwendung der Verbrennungsmotoren, anderer- 
seits für österreichisches Oel durch den Eückgang der Produktion 
dieses Landes und für überseeisches Gasöl durch teure Frachten 
bedingt war. Die vielfachen Bemühungen der Interessenten um 
eine Ermäßigung des früheren hohen Zolles auf Gasöl hatten gegen 
Schluß^ des Jahres einen erfreulichen Erfolg. Mitte November 
wurde der Zoll für Gasöl zum Motorenbetrieb um 50 o/o, nämlich 
von 3,60 Mk. auf 1,80 Mk. per 100 kg netto, ermäßigt. Ferner 
erfuhr der Zolltarif eine Aenderung dahin, daß die obere Ge- 
wichts grenze gestrichen wurde, so daß also in Zukunft alle 
Mineralöle im spezifischen Gewicht von über 0,830 als Treiböl, 
unter dem Schutz des ermäßigten Zollsatzes, Verwendung finden 
können. 

Das Jahr 1912 war in der Branche der Mineralschmieröle 
wohl das unruhigste seit dem Jahre 1905. Der Türkisch- 
Italienische Krieg und der Balkankrieg haben u. a. einen ge- 
waltigen, hemmenden Einfluß ausgeübt. Die im September 1911 
einsetzende Hausse hat standgehalten, sprungweise sind die 
Preise gestiegen, und auch zu Ende des Berichtsjahres rechnete 
man allgemein mit weiteren Preissteigerungen. Nachdem der 
Oelmarkt Jahre hindurch nur langsam weichende Preise gekannt 
hatte, hat die Hausse sowohl Oelhandel als auch die Industrie 
gründlich aufgerüttelt, und man fängt allgemein an, sich den 
neuen Verhältnissen anzupassen. In der Industrie zeigt sich. 
teilweise noch immer ein Verlangen nach den alten Preisen, 



81. Petroleum und andere Mineralöle. 337 

was jedoch keinesfalls berechtigt ist, denn die kuranten russi- 
schen Maschinenöle sind seit Jahresfrist um ca. 8 Mk., Zylinder- 
üle, größtenteils amerikanischer Provenienz, teilweise bis zu 
12 Mk. im Preise gestiegen. Die vielfach benötigten dünn- 
flüssigen Gele haben sich um nahezu 100 oo auf den unver- 
zollten Zisternenpreis, Frachtparität Berlin gerechnet, im Preise 
erholt und damit eine nie gekannte Höhe erreicht. — Die 
russischen Oelimporteure in Hamburg machen infolge der großen 
Preissteigerungen von ihren Kontraktrechten den Üelhändlern 
gegenüber Gebrauch und annullieren das Restquantum, das bis 
zum Abnahmetermin, der jeweils vorgeschrieben ist, nicht ab- 
gerufen w^ar, so daß bei manchen Händlern sich unerwünschte 
J^ager angesammelt haben dürften. Zu den sehr hohen 

Preisen kamen noch Schwierigkeiten in der Lieferung. Die 
Standard Oil Company, die Deutschland auch in Schinierölen 
zu einem sehr großen Prozentsatz versorgt, war durch' die 
Antitrust-Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten schwerer ge- 
troffen, als allgemein angegeben war. Der Trust hatte große 
Schwierigkeiten, seinen Lieferungs Verpflichtungen gerecht zu 
werden, wozu auch noch der steigende Absatz in den Ver- 
einigten Staaten kam. Die russischen Zufuhren litten begreif- 
licherweise durch die Dardanellensperre und die durch die 
kriegerischen Ereignisse in der Türkei hervorgerufenen häufigen 
Störungen der Schiffahrt. Die deutsche Mineralölproduktion, 
die in den letzten Jahren unverkennbar große Portschritte ge- 
macht hat, ist bei w eitem nicht in der Lage, den 1-iedarf Deutsch- 
lands an Schtniermaterialien zu befriedigen. — Während bis 
jetzt der Hauptstützpunkt des Oelhandels in Hamburg lag, ist 
Berlin dtirch die Gründung des Konzerns ,, Deutsche Erdöl- 
Werke", dem im Laufe der Zeit andere deutsche, galizische 
und rumänische llaffinerien angegliedert wurden, durch eine 
wichtige Oelgruppe mit in den Vordergrund gebracht w^orden. 
Das Unternehmen ist zwar noch jung, doch darf es nicht tmter- 
schätzt werden. Es ist nur zti hoffen, daß diese Gesellschaft 
innerhalb ihrer sicli gesteckten Grenzen bleibt und nicht, w'ie 
die Standard Oil Company es getan hat, an die Verbraucher 
direkt herantritt, um dadurch die Händler auszuschalten. — ■ Die 
Ursachen für die hohen PreissteigerungM^n sind ti. a. auch in den 
Preiserhöhungen des Bohöls zu suchen. Letzteres kann in Euß- 
land vielfach mit sehr gutem Nutzen ohne besondere Verarbei- 
tung zti Heizzwecken verkauft werden, wodurch natürlich die 
Preise für das den Raffinerien zti überweisende Rohmaterial 
erheblich gestiegen sind. An zweiter Stelle kommen die sehr 
erheblichen Frachtsteigerungen in Betracht, und an dritter 
Stelle steht der gesteigerte Verbrauch, mit dem die Produktion 
nicht Schritt zu halten vermag. 

r,rrl. Jalirb. f. Ifandel u. lud. 1912. II. 22 



338 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



Verein 
Deutscher 
Mineralöl- 
höndler. 



Reichs- 

petroleuiu- 

moiiopol. 



Die Hauptbohrfelder in Baku, gehen in ihrer Ergiebigkeit 
von Jahr zu Jahr zurück. Die Hoffnungen, die man auf andere 
russische Terrains gesetzt hatte, sind teilweise sehr gründlidli 
enttäuscht worden. Die Produktion in den Vereinigten Staaten 
hat zwar nicht nachgelassen, der Bedarf der amerikanischen In- 
dustrie an Schmiermaterialien ist jedoch derartig groß, dsUS 
Amerika in den letzten Jahren große Posten russischen Oels 
importiert hat. Neuerdings sind angeblich sehr ergiebige Oel- 
terrains in Mexiko erschlossen worden; ob und inwieweit diese 
Felder für die Versorgung Deutschlands mit Schmierölen in I3e- 
tracht kommen, bleibt abzuwarten. 

Der vSchmierölhandel liegt an und für sich nicht günstig, 
da eine außerordentlich scharfe Konkurrenz vorhanden ist, di(i 
namentlich durch die sehr zahlreichen ,,Auchölhändler", die den 
Artikel im Nebengeschäft führen, auf die Spitze getrieben wird. 

Der im vorigen Jahre gegründete ,, Verein Deutscher Mi- 
neralölhändler e. V." mit dem Sitze in Hamburg hat sich in- 
zwischen weiter ausgedehnt. Besondere K^sultate der Vereins- 
tätigkeit sind bislang noch nicht vorhanden, doch darf man 
in dieser Beziehung günstige Erwartungen für die Zukunft 
hegen. Auf alle Fälle ist die Gründung des Vereins aber in- 
sofern freudig zu begrüßen, als sie fraglos dazu beitragen wird, 
den unvermeidlichen Konkurrenzkampf durch eine mehr kolle- 
giale Auffassung der Geschäfte zu mildern. 

Das E/eichspetroleumtnonopol, welches in letzter Zeit die 
Gemüter aufregte, bewegt den Oelhandel ziemlich wenig. Viel- 
fach zieht man in Handelskreisen ein Privatmonopol, das durch 
Intelligenz und Kapital schließlich' doch zu bekämpfen ist, 
einem durch den Schutz der Gesetze unantastbaren Staats- 
monopol vor. Etwas anderes wäre es freilich, wenn das Keichs- 
monopol dem Zwischenhandel das wiedergeben wollte, was er 
vor langen Jahren an die Standard Oil Company verloren hat. 
Bekanntlich haben in früheren Jahren viele Oelhändler auch 
den Artikel Petroleum im Großhandel geführt und durch Auf- 
gabe desselben schmerzliche Verluste erlitten. Diese Würden 
es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn das Reichsmonopol ihnen 
Gelegenheit geben würde, den Petroleumgroßhandel wieder auf- 
zunehmen. Das ist aber keineswegs beabsichtigt. Vom ßeichs- 
monopol wird höchstens der Kleinhandel, und noch nicht einmal 
dieser, Nutzen haben; deshalb bringt der Oelgroßhandel dem 
Monopol wenig Interesse entgegen. — Hin und wieder wurde 
auch wohl ein Monopol für Schmieröle erwähnt, das ist aber 
eine Utopie, denn ein so diffiziler, mannigfaltiger Vertrauens- 
artikel wie Schmieröl läßt sich nicht monopolisieren. Be- 
strebungen, den Zwischenhandel auszuschalten, werden aus dem 
gleichen Grunde geringe Aussicht haben. 



82. Lack- u. Firnisfabrikation, Mineral- u. Oelfarben, Farblacke. 339 

82. Lack- und Firnisfabrikation, Mineral- und 
Oelfarben, Farblacke. 

Der Absatz in Mineral-, Pigment- und Lackfarben war im Absatz. 

Berichtsjahre sowohl im Inland als auch hinsichtlich des Ex- 
portä einheitlich gleichmäßig und sehr rege, so daß die Höhe 
des Umsatzes diejenige des Vorjahi^^es teilweise nicht unwesent- 
lich übertraf. Diese E;esiiltate sind um so erfreulicher, als der 
strenge Winter, der im Februar 1912 einsetzte, eine lange Unter- 
brechung der Schiffahrt, also auch des Exports, herbeiführte, 
welcher Umstand freilich im Gegensatz zum Jahre 1911 durch 
wesentlich besseren "Wasserstand unserer Flußläufe während der 
Schiffahrtsperiode wettgemacht wurde. Störungen in der Ver- 
schiffung kamen nur vereinzelt auf der Oder vor, welche ja 
ständig ein Schmerzenskind in dieser Beziehung bildet und zum 
großen Schaden des Handels stets als eine unsichere AYasser- 
verbindung zwischen Berlin und dem industriereichen Schlesien 
betrachtet werden muß. Ferner war im Berichtsjahre das Dar- 
niederliegen des Baugewerbes ein ungünstiger Faktor, der dem 
Verbrauch an Malerfarben einen wesentlichen Abbruch tat. 

Die Rohmaterialpreise bew^egten sich in stark steigender Preise 

Tendenz, die namentlich bei den Metallen zum Ausdruck kam, 
unter denen Blei und Zinn Steigerungen von ca. 100 o/o 
erlitten. Da sich hierdurch in Verbindung mit den höheren 
Arbeitslöhnen die Gestehungspreise vieler Produkte der Farben- 
branche stark erhöhten, gestaltete sich das Verhältnis zum Ver- 
kaufspreis noch ungünstiger als in den Vorjahren. Bei der großen 
Konkurrenz, die auf dem Farbenmarkt herrscht, konnte auch 
nicht eine nur einigermaßen der Erhöhung des Einstandspreises 
entsprechende Erhöhung der fertigen Produkte durchgesetzt 
werden. 

Leinöl notierte im November 1911 ca. 76 Mk., fiel dann Rohstoffe, 
um einige Mark und stieg im Januar 1912 wieder auf einige 
80 Mk. Im Februar/März trat eine Abschwächung ein und die 
Preise iSanken wieder! um einige Mark. Dieses Spiel wiederholte sich 
im Laufe des Jahres mehrere Male. Im Mai stieg der Preis 
wieder auf fast 90 Mk. Nach und nach schwächte sich dar 
Markt jedoch wieder ab. Im Laufe der Monate Juli, A'ugiist, 
September und Oktober fielen die Preise allmählich bis in die 
pMitte der 60er Mark und gegen den 10. Nov. war Leinöl auf 
Lieferung für 1913 zu fast 60 Mk. zu haben, ein Preis, der 
selten ist. Holzöl, das w^ährend der Wirren in China eine 
Zeitlang nicht regelmäßi^g abgeladen wurde, wurde wieder billiger. 
Da es aber im Berichtsjahre meist doch noch teurer war als ^ 
Leinöl, so dürfte sein Verbrauch etwas nachgelassen haben, be- 
sonders für diejenigen Zwecke, wo die besonderen Eigenschaften 



Artikel. 



340 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

uixl Vorzüge des Holzöls geg'enüber dem Leinöl nicht in Be- 
tracht kommen. 

Die Preise von Terpentinöl, haben sich seit dem November 
1911 bis gegen, die Mitte des Jahres 1912 meist in den 70er Mark 
bewegt. Im Juli trat eine Abschwächung ein, und in der zweiten 
Hälfte des' Jahres bewegten sich die Preise meist auf einer Höhe 
Anfang der 60er Mark. Diese niedrigen Preise kamen den Lack- 
fabrikanten sehr zugute. 

Die Preise von Harz haben sich im Laufe des Berichts- 
jahres »ziemlich auf der gleichen Höhe erhalten; es ist auch, 
angesichts des ständig wachsenden Verbrauchs dieses Artikels, 
für andere technische Zwecke und der stetigen Verteuerung fast 
aller Kopale an ein Fallen der Preise kaum zu denken. 

Kopale, diese wichtigen Ilohstoffe, die für die Herstellung 
vieler Lacke trotz aller Fortschritte in der Verarbeitung- von 
Kolophonium doch w^ohl niemals werden entbehrt werden können, 
steigen immer mehr im Preise. Besonders verteuern sich immer 
mehr die sogenannten Manila-Kopale. 

Die als Lösungsmittel wichtigen Mineralöle ^Benzine), di^* 
infolge verbesserter Fabrikationsmethoden das Terpentinöl in der 
Lack- und Farbenindustrie immer mehr verdrängt haben, sind 
im Berichtsjahre ganz erheblich im Preise gestiegen. Einerseits 
hat der bedeutende Mehrverbrauch darauf eingewirkt, andereir- 
seits sollen Schwierigkeiten in der Heranschaffimg der Rohöle 
(Naphtha) mitgesprochen haben. Besonders die inländischen 
Raffinerien haben ihre Preise erheblich erhöht (zum T^'eil um 
10 Mk. per 100 kg und mehr). Dieser Umstand fällt für die 
Lackindustrie schwer ins Gewicht. Die österreichischen liaffi- 
nerien sind bisher den Erhöhungen nicht in gleichem Maße gefolgt. 

Bei den gefallenen Leinöl-Preisen hat die Verwendung von 
reinem Leinölfirjiis wieder zugenommen. Trotzdem haben aber 
immer noch Ersatzmittel, die erheblich billiger verkauft werden 
als reiner Leinölfirnis, in ganz bedeutendem Umfange Anwendung 
gefunden, speziell für Innenanstriche, und es ist als ganz sicher 
anzunehmen, daß diese Firnisersatzmittel sich einen dauernden 
Platz im Handel erw^orben haben. 

In bezug auf die einzelnen Verwendungszwecke war das 
Geschäft in Farben für die Buntpapierfabrikation, für Dekorations- 
malerei, Blechdruck usw., sowie in Künstler- als auch in 
graphischen Farben befriedigend. Es ist jedoch nicht zu leugnen, 
daß letztere Farben, ebenso wie die Farben für die Tapeten- 
iiidustrie, einen starken Abbruch dadurch erleiden, daß infolge 
Vereinfachung der Fabrikationsweise, indem viele Farbstoffe 
beinahe gebrauchsfertig seitens der Anilinfabriken geliefert 
werden, die betreffenden Pigmentfarben resp. Farblacke von den 
Konsumenten selbst hero'estellt werden. 



<S2, Lack- u. Firnisfabrikation, Mineral- u. Oelfarben. Farblacke. .S41 

In Permanentweiß (Blanc fixe) hielt sich der Umsatz auf 
der Höhe der Vorjahre, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß 
die aus anderen Rohmaterialien hergestellten Produkte dem aus 
AVitherit dargestellten Abbruch tun. 

Der Pariserblau-Markt hat sich insofern noch weiter ver- 
schleclitert, als das zur Herstellung des Blaus dienende Eoh- 
matcrial, das blausaure Kali, erheblich im Preise gestiegen und 
sehr knapp ist, ohne daß es infolge starker Konkurrenz möglich 
wäre, die Preise dementsprechend zu erhöhen. 

Die Spirituslackindustrie hat im großen und ganzen günstig 
arbeiten können. Die Spirituspreise wurden allerdings eine Zeit- 
lang durch den Spiritusring sehr erhöht, jedoch trat gegen Ende 
Oktober wieder eine Abschwächung der Preise ein. Bezeichnend 
für die Taktik der Spirituszentrale ist, daß zeitweise die Groß- 
verbraucher für Brennspiritus höhere Preise zahlen mußten als 
das Publikum, das den Artikel flaschenweise zu kaufen pflegt. 

Der Export stieg nach Belgien, Niederlanden, den Vereinigten Kxpon 

Staaten von Nordamerika, während er nach Ländern wie Spanien, 
Oesterreich - Ungarn, Italien, Portugal. England, Schweiz und 
Frankreich sich in den vorjährigen Grenzen bewegte. Der Export 
nach den osta^^iatischen Ländern ging infolge der in China 
herrschenden AVirren zurück. Nach Rußland blieb der Export 
inlolge der prohibitiv wirkenden Zölle und ihrer willkürlichen 
Auslegung nach wie vor gering. 

Di*^ inländische Steuerpolitik, sowie Kartelle und Syndikaie sttni-n.oiitik 
übten einen nachteiligen Einfluß auf die in Frage stehende ' Karu-iie. 
Industrie nicht aus. 



Leider hat die im Jahre 1910 begonnene Besserung der 
Zahlungsverhältnisse im Inlande nicht angehalten, sondern es ist 
eine Verschlechterung eingetreten, die wohl außer der zeitweisen 
Versteifung des Geldmarktes auch dem Darniederliegen der Bau- 
tätigkeit zuzuschreiben ist. 

Für das Jahr 1913 läßt sich eine Voraussäge nicht stellen. 
Bei der Ungewißheit der politischen Lage und der mit ihr in 
A'erbindung stehenden Geldknappheit ist es indes wahrscheinlich, 
daß die Stockung in der Bautätigkeit anhalten und der Export 
nachlassen wird. Als besonders wichtig ist zu erwähnen, daß 
die Regierung neuerdings wieder die Einführung von Einschrän- 
kungen im Verkehr mit Bleiweiß anstrebt, indem sie von einer 
übertriebenen Furcht hinsichtlich der Giftigkeit des Bleiweiß 
ausgeht. Die betroffenen Industrien haben durch ihre Fach- 
yerbände gegen diese Absichten der Regierung Stellung ge- 
nommen. Es ist zu wünschen, daß es ihren Bemühungen gelingt, 
zu scharfe Maßnahmen abzuw^enden. 



Z;ililiiiii,'.s- 
«'iliältnis.se. 



Ausl.liok 



342 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



AlJgenieines. 



Einzelne 

Provenienzen. 

Mexiko. 



Haiti. 



Laguna. 
Yucatan. 
Jamaica. 



83. Färb holze r. 

Die Ende des Jahres 1911 erwähnte Aussicht, daß die 
Hauptproduktionsländer Haiti und Jamaica wohl nur mit ge- 
ringerem Angebot an den Markt treten würden, hat sich in der 
Entwicklung des Berichtsjahres bis zum Sommer bestätigt. Die 
Branche hatte fast andauernd mit bedeutenden Verladungs- 
schwierigkeiten und bei steigender Tendenz der Frachten sowohl 
bei Seglern als auch bei Dampfern zu kämpfen, so daß die 
At lader vielfach aus Mangel anK.aum die eingegangenen Kontrakte 
nicht rechtzeitig erfüllen konnten. Es ist klar, daß angesichts 
dieser Verhältnisse die Preise bei häufig fühlbarer Knappheit 
der Vorräte nach und nach fester wurden. Erst im Hochsommer 
und im Herbst hatten die Verschiffer für Dampf er abladung 
mehr Tonnage zur Verfügung, und benutzten diese Gelegenheit, 
um die angesammelten Holzvorräte, sei es auf feste Order, sei 
es konsignationsweise, nach Europa zu bringen, was vorüber- 
gehend eine Abschwächung im europäischen Markte hervorrief. 
Gegen Ende des Jahres zeigte sich jedoch wieder eine größere 
Aufnahmefähigkeit und sogar Kaufbedürfnis für die späteren 
Monate. Die Ablader wurden wieder sehr zurückhaltend, um 
so mehr, als die andauernde Hausse in den Frachten auch für 
das Jahr 1913 für die Ablader nui^ eine Kentabilität gewähr- 
leistet, sofern ein erneuter Preisaufschlag seitens der Käufer 
bewilligt wird. 

Die Lieferungen waren qualitativ gut. Mexiko hat 
weniger geliefert, was einesteils darauf zurückzuführen war, 
daß für Mahagoni und Zedern in Europa sehr gute Preise be- 
zahlt wurden und der Export dieser Nutzhölzer für die Ver- 
schiffer lohnender war als die Ausfuhr von mexikanischen 
Blauhölzern, auch' war die Blauholzproduktion kleiner. 

Die Abladungen aus Haiti waren größer als im Jahre 1911. 
Die Abschlüsse mußten meistens per Dampferverschiffung ge- 
tätigt werden, da passender Seglerraum mangelte oder dafür 
allzu hohe Frachten verlangt wurden. Der Export von Holz 
blieb gegenüber dem Jahre 1910 und früheren Jahren be- 
schränkt; außer den regelmäßigen, qualitativ guten Importen 
von Port de Paix, Aquin und Aux Cayes kamen auch Ab- 
ladungen von Gonaives, Miragoane, Jacmel, Jeremie, Port au 
Prince, Puerto Plata usw. heran, meistens Stammhölzer von 
guter Qualität, doch auch einige Partien Wurzeln, die bei leb- 
hafter Nachfrage recht ansehnliehe Preise zu erzielen ver- 
mochten. — Monte Christi lieferte in guter, gehaltvoller Qua- 
lität gleichmäßig gute Partien Stamm- und Wurzelholz. 

Die Qualitäten, welche von der Provenienz Laguna kamen, 
enttäuschten im Berichtsjahre vielfach, während der Ausfall 
der Blauh'ölzer von der Yucatan- und von der Campecheküste 



5. Farbhöizer. 



343 



I 



recht zu loben war. Das Angebot für die neue Saison sowohl 
von Laguna- als auch von Yueatan- und Campeche-Blauholz ist 
sehr klein. Eine Aussicht auf Ermäßigung der Preise ist nicht 
vorhanden — Jamaica lieferte schönes Stammholz und einige 
Partien guter Wurzeln. 

Die Hoffnung, daß da,s Berichtsjahr für Gelbholz einen Geibhoiz. 

normalen Markt bringen würde, täuschte. Der Grund dafür lag 
in den andauernden, revolutionären Störungen, die sich nicht 
allein in Mexiko, sondern auch in Nicaragua während des 
ganzen Berichtsjahres mehr und mehr stark geltend machten. 
Es war sehr schwer, von diesen Hauptproduktionsländern für 
die feinen, zur Extraktion geeigneten Gelbhölzer überhaupt Ab- 
ladungen zu erwirken; teilweise konnten die Verschiffer früher 
gemachte Kontrakte nicht innehalten, und die Käufer waren 
gezwungen, aus Jamaica und Domingo Gelbhölzer, die sich auch 
für Extraktionszwecke eignen, ersatzweise zu beziehen. Daß 
die Preisbasis sich durch die geschilderten anormalen Verhält- 
nisse erhöhte, ist natürlich. Die Aussichten für das Jahr 1913 
haben sich noch nicht gebessert. Auch für diesen Artikel 
machen sich die höheren Frachten sehr empfindlich fühlbar 
und spielten bei der Billigkeit des Produktes eine nicht un- 
wichtige Rolle. Venezuela lieferte erst zum Herbst größere 
Abladungen, die gute Aufnahme fanden. 

Die sehr reichlichen Vorräte an Rotholz, die sich in der R<>th4)iz. 

zweiten Hälfte des Jahres 1912 in Europa angesammelt hatten, 
sind langsam gelichtet worden, da der Verbrauch ziemlich un- 
verändert geblieben ist und Abladungen, namentlich' von den 
feinen Lima-Provenienzen, fast ganz ausgeblieben sind, denn die 
Schläger konnten wegen der Revolution in Mexiko nicht un- 
gestört in den Waldungen arbeiten; zum Teil haben sogar die 
Ablader aus politischen Gründen ihre Wohnstätte verlassen. — 
Die Aussichten für das Jahr 1913 sind für die Verbraucher 
also keineswegs günstig; man hat daher bei weiterer Dauer des 
Mangels an Angebot für die feinen Sorten höhere Preise zu er- 
warten. 

Sapanhölzer wurden in der Saison des Berichtsjahres ziem- sapanhöiz^r. 
lieh vernachlässigt. Die Abladungen beschränkten sich auf die 
Nachfrage. Vorräte haben sich an den Stapelplätzen nicht an- 
sammeln können. Gegen Ende des Jahres machte sich mehr 
Nachfrage geltend. Da die Ablader auch für diesen Artikel 
mit höheren Frachten zu rechnen haben, so schloß das Jahr 
mit höheren Notierungen als das Vorjahr. — Der weitere 
Verlauf des Marktes für Sapanhölzer dürfte sich wohl ähnlich 
demjenigen für die feinen Limahölzer entwickeln. 

Sandelholz kam etwas reichlicher heran. Die Nachfrage Sandelholz 
war stets recht lebhaft und die Preise konnten für diesen sonst 
billigen Artikel eine ansehnliche Höhe erreiehen. 



344 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



Tab. 116. Einfuhr von 


Farbhölzern 


in Hamburg 


in den 


Jahren 1903— 


1912. 






|;.1903 ! 


1904 ! 


1905 ': 


lf)06 ] 


1907 


1908 


1909 


1910 ! 


1911 i 


1912 




1 tons i 


tons i 


tons i 


tons 1 


tons 


tons 


tons 


tons 1 


tons 1 


tons 


Blauholz 


r . 
















1 




Laguna . . . 


5 900 


5 600; 


3 600 


5 460 


5 130 


7 380 


1560 


3 050 


3 130 


2 500 


Yucatan . . . 


5 500 


4 600 


1250 


1800| 


950 


1615 


905 


445 


650 


570 


Haiti usw. . . 


3 100 


2 200^ 


2 060: 


5 100 


4 990 


960 


1420 


3 2001 


1820 


2 450 


Jamaika- 








1 








.1 






Stammholz . 


4 700 


3 900 


1670 


3 5001 


4 660 


250 


350 


looo; 


1 230 


820 


do. Wurzeln . 


4 200 


2 450 


1400 


1550! 


2 410 


360 


300 


3001 


340 


300 


Honduras . . 


1400 


650 


900 


770 


420 


225 


600 


7oo; 


400 


200 


Santa Lucia . 


i- — i 


' — 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Cuba .... 


550^ 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— i 


— 


— 




1 25 3501 


19 400; 


10 880 


18 180! 


18 560 


10 790 


5 635 


8 695; 


7 5l0 


6 840 


Gelbholz 


1 


i 


















Corinto ... 


1 600 


300| 


1255 


135 


390 


110 


274 


460 


500 


300 


SaA^anilla 


\ — 


— i 


— 


— 1 


— 


— 


— 




— 


— 


Maracaibo . . 


1 225 


150i 


155 


27o; 


1360 


111 


150 


400 


500 


100 


Tampico . . 


1075 


675 


350 


1 loo: 


830 


575 


210 


020 


420 


665 


Jamaica . . . 


500 


450i 


150 


125^ 


150 


125 


126 


220 


300 


290 


Diverse . . . 


60, 


90 


100 


175 


320 


175 


155 


130 


250 


210 




3 460! 


1665! 


2 010: 


1805 


3 050 


1096 


1615 


1830 


1970 


1565 


Rotholz 


i 1700! 


1440! 


775! 


921 j 


1608 


875 


1415 


900| 


1315! 


680 


Quebrachoholz 


' 99 000 121 000'l06 000 99 000|l09 OOOJ 89 500' 97 000 128 600 1 


55000 


63 900 




84. G 


e r b s 


t f f 


e u n d Ct e r 


b e X 1 


r a k t 


e. 






Aiii.'ciiioiiu-s. Das 


Bericht 


siahr 


war für die 


Lederindusi 


rie im allgemeinen 





BhK'kliolz IUI 

!iVf,'enTiiiisclu'i 

QnHuiirlioIiol: 

KNTn.kt. 



.sehr ungünstig, denn die nach und nach bedeutend gesteigerten 
Preise für Rohhäute und Felle zwangen die Lederfabrikanten 
und Gerber zur Einschränkung der Produktion, um dadurch das 
Mißverhältnis zw-ischen dem Einstand des Rohartikels und des 
fertigen Fabrikats möglichst zu mildern. Es ist sehr zu beklagen, 
daß trotzdem eine Rentabilität für die mittleren und kleineren 
Betriebe, wie nicht allein geklagt und berichtet wurde, .sondern 
auch aus den vielen Konkursen und Zahlungseinstellung*en in der 
Lederindustrie klar hervorging, nicht erreicht wurde. Eine radi- 
kale Abhilfe wird wohl kaum bald möglich sein. Unter der 
Ungunst dieser A'erhältnisse in der Lederindustrie hat auch das 
Geschäft in Gerbstoffen und Gerbextrakten g*elitien, wenn auch 
noch andere Momente mitgew-irkt haben, um auf die einzelnen 
Artikel besonders einzuwirken. 

Die große Einfuhr, die im Jahre lull an yuebracho-Jllock- 
holz und argentinischem Quebrachoholzextrakt nach Europa kam 
und sehr belangreiche Lager zu Ende des genannten Jahres 
an den Stapelplätzen anhäufte, hat wiederum etwas (Jiitos 
für die Besitzer dieser Lager gehabt. Es stellte sich nämlich 
Produktion in Argentinien im Beriditsjahrc 
Ueberschwemmungen l)eeint rächtigl wür(h'. 
die große Zerealienernte in Argentinien eiiK 
bedeutende Fracht enhausse herbeiführte, auf die die Ablade i 
nicht gerechnet hatten, so daß sich nur bei erheblich höhereu 



heraus, daß die 
einesteils durch 
andernteils auch 



84. Gerbstoffe und Gerbextrakte. 345 

Preisen in Europa eine Kentabilität für die ^'erschiffer er- 
geben konnte. Es hat sieh der Markt daher erst angemessen 
lang^san^ in den Konsumländern entwickeln müssen, ehe 
nennenswerte Abladungen erfolgen konnten. IJer Import war 
im Berichtsjahre quantitativ erheblich kleiner als im Jahre 
1911. Die Aussichten für das Jahr 1913 vsprechen für eine 
höhere Preisbasis. 

Argentinischer Quebrachoholzextrakt hatte keine einheit- 
liche Entwicklung des Marktganges zu verzeichnen. Die niedrigen 
Preise, welche im Jahre 1911 dafür zu verzeichnen Avaren, 
führten zunächst zur Einstellung einer Reihe von Betrieben in 
Ai'genlinien und Paraguay; nebenher wirkten auch die Ueber- 
schwenimungen für die Extraktfabriken betriebsstörend und 
schränkten die Produktion ein. Daß trotz dieser mehr oder 
minder großen Produktionseinschränkung im Gran Chaco-Distrikt 
für Europa keine größere PreissteigMsrung im Berichtsjahre zu 
bemrrkeii war, lag an der gleichzeitigen Betriebseinschränkung 
in den Lederfabriken. Dieser Minderabsatz war ausgleichend für 
das Preisniveau. Die in Nordamerika erfolgte Präsidentenwahl 
wurde für die Entwicklung der Geschäfte im allgemeinen günstig 
l)eurteilt. Wenn sich diese Annahme bewahrheitet und auch die 
kriegerischen Unruhen, die im Osten Europas sich entwickelt 
liaben, keinen dauernden ungünstigen Einfluß auf Handel nnd 
Gewerbe ausüben werden, so durfte das Jahr 19 lo ein umfang- 
reicheres und lohnenderes Geschäft in argentinischen Qucbracho- 
exirakten bringen, was bei dem Umfange dieser Industrie gewiß 
um so mehr Avünschenswert ist, als viel deutsches Kapital darin 
in Argentinien investiert ist. 

Ulmoextrakt wdrd in Europa fast nicht mehr gekauft. In uimo-Extruivt, 
^ alonea hat eine kleine Ernte und die Unsicherheit, die der vaionea. 

Krieg zwischen Italien und der Türkei in Kleinasien brachte, 
den Handel sehr beeinträchtigt. Die Preisbasis erhöhte sich, 
wenn auch erfreulicherweise für die neue Saison wieder niedrigere 
l^reise in Aussicht stehen. Den Konsum des Artikels beein- 
irächtigte gleichfalls der verkleinerte Betrieb der Lederfabriken. 

Die Ringbildting in Myrabolanen, auf welche im ^'orjahre Myraboi neu. 
hingewiesen wurde, hat einschneidender gewirkt, als voraus- 
ge><e1zt wurde. Das Syndikat ist scheinbar sehr mächtig, so 
daß die Preise für alle Sorten, die Indien von diesem Artikel 
ausführt, nach und nach erhöht werden konnten. Der europäische 
Konsum hat sich dazu bequemen müssen, die höheren Preise 
zu zahlen, so schwer und so unangenehm dies für die Leder- 
fabrikanten auch gewesen sein mag. Die Ernte war im Berichts- 
jahre nicht reich. Wenn die Berichte, die aus Indien für die 
neue Ernte vorliegen, den Tatsachen entsprechen, so wird auch 
das Jahr 1918 ein quantitativ und qualitativ ungünstiges Er- 



346 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



Algarobillti. 



Dividivi 



Mnletto -Rind( 



Miriiosa-Rind< 



Maiigrove- 
Rinde. 



gebnis liefern. Daraufhin sind bereits den Verschiffem für 
nächstjährige Ankunft und Lieferung höhere Preise bezahlt 
worden. Daß auf die Dauer die höhere Preisbasis ungünstig 
auf den Konsum einwirken muß, ist wahrscheinlich. 

Die Einfulir von Algarobilla ist derartig zurückgegangen, 
daß es fast von der Liste der regelmäßig gebrauchten Gerbstoffe 
gestriclien ist. Seine hohen Preise haben mehr oder minder zum 
Ersatz durch andere Artikel geführt. 

Die Tendenz für Dividivi war während des giößten Teiles 
des Bericht-s Jahres weichend, da das Angebot groß blieb und 
die für Kechnung des Abladers an dem Hauptstapelplatz Hamburg 
angesammelten bei aligr eichen Vorräte aus der vorigen Saison 
ständig preisdrückend wirkten. Als im Hochsommer die Ansicht 
Platz griff, daß in der Tat die ungünstigen Ernteberichte der 
Wahrheit entsprachen und wirklich die große Dürre in der Gua- 
hira, dem Hauptproduktionsdistrikt für Dividivi Venezuelas und 
Colombiens, sehr beeinträchtigend auf die Dividiviemte dieser 
Saison eingewirkt habe, entwickelte sich eine bessere Stimmung, 
und bei lai^gsam gebesserten Preisen realisierten sich auch teil- 
weise die alten Lagerbestände. Abschlüsse für spätere Lieferung 
wurden gefördert. Der Artikel war auch Ende des Jahres noch 
als billig zu bezeichnen. Bei dem lebhafteren Gange der Leder- 
fa.brikation im allgemeinen bietet der Gerbstoff Dividivi die 
besten Aussichten. Der Gesamtimport betrug ca. 10 000 t gegen 
18 500 im Jahre 1911, darunter 3200 t Maracaibo, 2300 Coro und 
400 1 Eio Hache. Qualitativ war der Ausfall der meisten Ladungen 
gut; Savanilla lieferte wenig, dagegen Monte Christi reichlich 
und von guter Qualität. 

In Malettorinde war ein iTÜiiges Bedarfsgeschäft vorhanden. 
Allerdings leidet dieser Gerbstoff unter der Spekulation einiger 
weniger und besitzt daher nicht so allseitiges Interesse, wie 
z. B. Mimosarinde. 

Die Natalproduktion an Mimosarinde w^ar, da es sich be- 
kanntlich bei dieser Binde um ein Plantagenprodukt handelt, 
im Berichtsjahre sehr belangreich; hierauf gestützt, ist leider 
in diesem, guten und beliebten Grerbstoff in dieser Saison mehr 
denn je spekuliert worden, so daß sich recht erhebliche Schwan- 
kungen in den Werten ergaben. Zu Ende des Jahres waren die 
Preise verhältnismäßig niedrig. Für die kommende Saison ist 
mit einer stabileren oder langsam steigenden Preisbasis zu rechnen. 
Der Konsum dieser Binde kat weitei'e Fortschritte gemacht. 

Ein sehr belangreiches Geschäft hat sich auch im Berichts- 
jahre in Mangroverinde abgewickelt, und wemi lücht zeitweilig 
der nordamerikanische Konsum eine starke Einschränkung er- 
litten hätte, so würde sich wohl eine günstige Konjunktur er- 
geben haben. Jedoch folgte der Besserung' der Preise bald wieder 
ein Rückschlag, so daß das Berichtsjahr für die Ablader kaum 



Würfol- 



85. Zelluloid und Zelluloidwaren. 347 

gewinnbringend gewesen sein wird. Der Raubbau, der in den 
meisten Produktionsländem in Mangroverinde bisher leider ge- 
trieben Avurde, dürfte eiae zeitweilige Einsckränkung der Ab- 
ladungen von dieser oder jener Gegend herbeiführen, und da 
namentlich Madagaskar in den letzten Jahren sehr stark ex- 
portiert hat und sich dessen Rinde vielfach besonderer Belieb t- 
heit erfreut, so dürfte gerade von dieser französischen Kolonie 
eine Abnahme in der Ausfuhr eintreten, was auf die Preise nicht 
ohne Folgen bleiben ^vürde. Im allgemeinen rechnet man für 
das Jahr 1913 für diesen im Konsum zunehmenden Artikel 
auf eine steigende Konjunktur. 

Das Geschäft in Blockgambier war kleiner als im Vorjahre. luock-aiui.ier. 
Die Preise wurden im Laufe des Jahres immer niedriger. Die 
Belebung in der Nachfrage, die bei dem niedrigeren Preisniveau 
sonst wohl in Erscheinung zu treten pflegt, konnte jedoch noeh 
nicht festgestellt werden, wenn auch die Wahrscheinlichkeit für 
einen nicht zu fernen: Umschlag in der Tendenz vorhanden Avar. 

In Würfelgambier war ein regelmäßiges Bedarfsgeschäft zu 
verzeichnen. Daß die Preise im Herbst fielen, lag wohl in erster 
Linie an einer durch die Wahlen ungünstig beeinflußten, nach- 
lassenden Unternehmungslust in Nordamerika, was sich bald 
wieder ausgleichen wird. 

Die bessere Tendenz, die sich im Herbst 1911 für Terra ivira Cateeku, 
Catechu entwickelte, hat angedauert, wenn sich auch der Ver- 
brauch in mäßigen Grenzen hielt. Fast während des ganzen 
Berichtsjahres war der Markt ziemlich stabil. Daß die Ablader 
für nächstjährige Ankunft höhere Preise verlangen und auch 
bereits durchsetzten, liegt wohl in erster Linie in der eingetretenen 
Frachterhöhung, die in dem Preise für das Produkt zum Aus- 
druck gelangt. 

85. Zelluloid und Zelluloidwaren. 

Die Verhältnisse in der Zelluloidbranche haben sich im V^er- Aiii^enieines. 
gleich zu dem Jahre 1911 erlieblich gebessert. Der Verbrauch 
ist außerordentlich gestiegen, .so daß Rohware für einzelne Artikel 
nicht in genügenden Mengen zu haben war. Alle Rohstoff - 
fabriken waren immer auf viele Monate hinaus durch Aufträge 
voll besetzt, und die beschränkte Zahl der Rohstoffabriken im 
Inland und Ausland mußte viele Orders ablehnen. Weiter 
steigende Dividenden dürften das Ergebnis des Berichtsjahres 
sein. Wenn trotzdem eine kleine Rohstoffabrik am Rhein die 
Fabrikation einstellen und den Konkurs anmelden mußte, so ist 
das nach deren eigener Angabe auf ungenügende Betriebsmittel, 
tatsächlich aber auf die schlechte Leitung und die schlechten 
Produkte zurückzuführen, welche diese Fabrik nun schon zuni 
dritten Mal zwingt, ihre Pforten zu schließen. Auch der Export 



348 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

der Rohware, hat. sich gesteigert, und die Befürchtungen, die 
im Jahre 1911 für den japanischen Markt geäußert wurden, sind 
noch nicht merkbar in die Erscheinung getreten. Die Ausfuhr 
dorthin ist nur wenig zurückgegangen. Die größte Ausfulir ging 
nach Oesterreich-Üngarn. Auch in diesem Land ist jetzt mit 
Unterstützung der Regierung eine Rohstoff abrik in Betrieb ge- 
setzt worden, welche immerhin die Ausfuhr nach dort etwas 
einschränken wird. Nachgelassen hat der Export nach Rußland, 
weil dort eine wirtschaftliche Krisis eingetreten ist, die. aus dem 
tiefen Rußland kommend, den Industriebezirk in Polen in starke 
Mitleidenschaft gezogen hat. Die Verhältnisse sind dort recht 
ungesund, die Kredite sind immer länger geworden und haben zu 
großen Zahlungseinstellungen geführt. 
h'cimi.itdiai. Die Preise des Rohstoffes haben sich seit einigen Jahren 

ungefähr auf gleicher Höhe gehalten. 
r.ii.iikiiti-. In Zelluloidw^aren ist für Groß-Berlin naeh wie vor in erster 

Reihe die Haarschmuckbranche von Bedeutung. Obgleich trotz 
aller Voraussagen die Mode für große Kämme immer noch niclit 
günstig ist, ist der Verbrauch in kleineren Artikeln bedeutend 
gestiegen, so daß alle Fabriken das ganze Jahr hindurch, wenn 
auch nicht stets zu lohnenden Preisen, voll beschäftigt Avaren. — 
In der Schirmgriff- und Stockbranche ist eine erfreuliche Besse- 
lung eingetreten, der Zelluloidgriff ist dank der hübschen Imi- 
tationen von. Hornarten, Schildpatt, Elfenbein und Steinarten 
wieder in Mode. Die schönen Neuheiten, die man in guten 
(Qualitäten auf den Markt brachte, haben zu großen Erfolgen 
geführt, so daß hier alle Fabriken lohnende und gute (3rders 
. liatten. — Im Berichtsjahre hat man in Berlin begonnen, große 
Mäntclknöpfe in Hornimitationen herzustellen. Der Artikel war 
stark begehrt, und die wenigen Spezialfabriken waren das ganze 
Jahr hindurch nicht imstande, alle vorhandenen Aufträge aus- 
zuführen. — Die Bijouteriebranche ist hauptsächlich auf den 
Export angewiesen und leidet schon seit Jahren unter den un- 
günstigen Handelsverträgen und Zollverhältnissen. Ganze I^änder 
sind dadurch vollständig verschlossen, die früher zu den größten 
Abnehmern gezählt w^erden konnten. — Die vielen kleinen Artikel, 
die in Groß-Berlin hergestellt werden, lassen sich nicht einzeln 
aufzählen, wenn sie auch für den Verbrauch des Rohstoffes von 
Bedeutung sind. Eigenartigerweise w^erden viele lohnende Artikel 
aus Zelluloid, wie Spielwaren, Toiletteartikel, Bünstenrücken und 
ähnliches in Berlin überhaupt nicht hergestellt, während in der 
Provinz und in Süddeutschland in diesen Artikeln Tausende von 
Arbeitern beschäftigt sind. 

Die Arbeiterverhältnisse in Gi'oß-Berlin waren auch im B '- 
richtsjahr wieder ruhig und geregelt. Das Bestreben der Arbeiter, 
jugendliche Arbeiter aus den Betrieben zu verdrängen, ist un- 
berechtigt und niclit durchführbar. 



A|lK-it»'l 

verhältiii? 



scitVii. 
Al.snt/. 



86. Seifen- und Parfümeriefabrikation. 349 

Da auch am Jahresschluß ein Abflauen der Aufträge nicht Aii>i.ii(k. 

bemerkbar war, so glaubt man auch für das Jahr 1913 auf 
gut^? und lohnende Beschäftigung in der Zelluloid- und Zelluloid- 
warenbranche rechnen zu können. 

86. S e i f e n - u n d P a r f ü m e r i e f a b r i k a t i o n. 

1. Hausstandseifen. i. iiau.sst:iu(U 

Die Lage der Hausstandseifen-Industrie hat auch im Jalire 
1!)12 eine Verbesserung nicht erfahren; es kann im Gegenteil 
( lier von einer Verschlechterung gesprochen werden. Die Absatz- 
verhältnisse gestalten sich immer schwieriger, weil der Yerbrauch 
in Seife unzweifelhaft zurückgeht. Dieser Rückgang hat ver- 
schiedene Ursachen. Die allgemeinen wirtschaftlichen Verhält- 
nisse waren nicht ohne Einfluß. AVenn die Hausfrau erhöhte 
Ausgaben für Lebensmittel hat, so muß sie an anderer Seite 
sparen, dabei bleibt auch die Seife nicht verschont. Auch zu 
Surrogaten wird in Teuerungszeiten gern gegriffen. Statt der 
teueren Seife wird dem scheinbar billigeren Seifenpulver der 
Vorzug gegeben. Ein nicht unerheblicher Minderverbrauch an 
Seife wird durch die Zunahme der Waschanstalten verursacht. 
Et^ ist selbstverständlich, daß in dem rationellen Betriebe einer 
CJ roß Waschanstalt der Seifenverbrauch im Verhältnis geringer 
sein muß als beim Waschen im Haushalt. Im Haushalt werden 
jetzt sehr viele Seifenpulver verwendet, die mit Sauerstoff- 
präparaten gemischt sind. Es kann nicht bestritten werden, daß 
sich diese sogenannten ,, modernen AVaschmittel" gegenwärtig 
einer großen Gunst bei den Hausfrauen erfreuen, ob dieses lange 
andauern wird, ist eine Frage, die vorläufig nicht zu be- 
antworten ist. Hemmend auf den Verbrauch von Seife wirken 
auch die seit Jahren dauernd hohen Fettpreise, die naturgemäß 
eine Erhöhung der Seifenpreise zur Folge haben mußten. Es 
ist eine alte Erfahrung, daß hohe Preise den Verbrauch stets 
einschränken. Dabei befinden sich die Seifenpreise heute im 
Verhältnis zu den Fettpreisen auf einem so niedrigen Niveau, 
daß der Verdienst gleich Null ist. Arbeitslöhne, Kohlen, Hypo- 
thekenzinsen, überhaupt alle Unkosten steigen dauernd. Zurzeit 
kommen wieder die Beiträge für die Beamtenversieherung hinzu. 
Nur die Seifenpreise sind nicht zu erhöhen. 

Die geschilderten Verhältnisse treffen für die gesamte Seifen- ^ neriinei 
industrie in Deutschland zu, speziell in Berlin sind sie nocli 
schlechter. Viele Seifenfabriken in der Provinz, welche eigent- 
lich infolge der hohen Frachten gar nicht in der Lage sind, 
in hiesiger Gegend mit Berliner Fabriken zu konkurrieren, über- 
schwemmen Berlin mit ihren Fabrikaten zu unglaublich niedrigen 
Preisen, um ihre Ueberproduktion abzustoßen und in der gänz- 
lich falschen Hoffnung, durch erhöhten Umsatz ihre Unkosten 



Verliältiiisse 



350 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

zu ermäßigen. Die betreffenden Fabriken kommen allerdings 
bald dahinter, daß der erhöhte Umsatz, wenn er nur auf verlust- 
bringenden Preisen basiert, keine Vorteile bringt; aber wenn der 
ein(3 Fabrikant, durch Schaden klug geworden, sich zurückzieht, 
so tritt sofort ein anderer an seine Stelle. Den dauernden 
Schaden durch solche Geschäftshandhabung haben die Berliner 
Fabrikanten. 
Preist^ für Die folgcudc Aufstellung gibt die Preise der wichtigsten 

ijonnaterui. ]^\.tte dei' Seifenfabrikation an. 

Tab. 117. Preise der Rohstoffe für die Seifenfabrikation. 





Palm- 
kernöl 


Leinöl 


LÄgos- 
Palmöl 


Deutsches 
Bohnenöl 


Erdnußöl 


EngL 
Seifentalg- 


Kottonöl 
Amerik. 


Glyzerin 
280 B 


Januar 


72.50 


82.50 


61 


66 


63 


67—63 


58 


140 


Februar 


72 


79.50 


60 


66 


63 


66—63 


57 


127.50 


März 


72.50 


76.50 


58 


62 


63 


67—64 


57 


120 


April 


75 50 


80 


60 


64 


64 


68-64 


60 


135 


Mai 


75.50 


84.50 


59 


64 


65 


69—65 


62 


147.50 


Juni 


71 


87.50 


58 


63 


65 


68—64 


60 


140 


Juli 


71 


80.50 


58 


63 


62 


67—63 


60 


142.50 


August 


73 


72.50 


60 


63 


63 


69—66 


61 


140 


September 


76 


71 


64 


63 


65 


72—69 


63 


145 


Oktober 


77.50 


69 


68 


63 


65 


70-68 ' 


63 


155 


November 


77 50 


63 


62 


63 


65 


69-67 


62 


155 


Dezember 


77.50 


57 


62 


57 


65 


69—67 


62 


152.50 



Die Preise verstehen sich iu Mark pro 100 kg inkl. Paß, für Palm- 
kernöl, Leinöl, Bohnenöl und Erdnußöl frei ab Harburg, für Palmöl, Talg 
und Kottonöl unverzollt cif Hamburg. 

Bereits im Bericht über das Jahr 1910 wurde erwähnt, daß 
Palmkemöl, eines der wichtigsten Fette der Hausseifenindustrie, 
in großem Umfange zur Herstellung von Pflanzenbutter ver- 
wendet wird und daher außerordentlich . im Preise gestiegen ist. 
Ein Ausgleich durch erhöhte Einfuhr von Palmkemen hat sich 
bisher nicht erzielen lassen, es wird daher wohl weiter mit den 
hohen Preisen gerechnet werden müssen. Im Berichtsjahre war 
der niedrigste Preis im Juni/ Juli 71 Mk. ; von diesem Zeitpunkt 
ab machte sich eine dauernde Steigerung bemerkbar. Mitte 
November kostete Kemöl 77V2 Mk. ; weitere Steigerungen sind 
zu erwarten. Ehe Palmkernöl in der Speisefettfabrikation Ver- 
wendung fand, bewegte es sich normal in der Preislage von 
45 — 55 Mk. ; es hat also in den letzten Jahren eine Preissteige- 
rung von ca. 50 o/o stattgefunden. 

Leinöl ging im Verhältnis zum Vorjahr im Preise zurück, 
konnte jedoch in der Seifenfabrikation keine Verwendung finden, 
da es Bohnenöl gegenüber zu teuer war. Erst gegen Ende des 
Jahres fand ein völliger Preisausgleich statt, so daß Leinöl 
wieder rentabel wird, vorausgesetzt, daß Bohnenöl nicht etwa 
billiger angeboten wird. 

Alle übrigen Fette hielten sich durchgängig auf ziemlich 
gleichmäßigem Niveau. 



86. Seifen- und Parfümeriefabrikation. 



351 



Größere Schwankungen hatte Glyzerin zu erleiden. Der 
Preis wird wohl hoch bleiben, da die Produktion eine größere 
Einschränkung erfahren wird. Infolge der hohen Preise von 
Palmkemöl ist die Seifenfabrikation gezwungen, aus der Speise- 
fettfabrikation stammende abfallende Kokos- und Palmkemöle 
zu verarbeiten. Da diese ca. 60 o/o freie Fettsäuren enthalten, 
so ergeben sie nur einen geringen Ertrag- an Glyzerin. 

Auf dem Gebiete der Fettindustrie ist eine Neuerung zu 
verzeichnen, die vielleicht für die Seifenindustrie von weit- 
tragender Bedeutung werden kann. Es ist der Wissenschaft ge- 
lungen, durch Hydrierung flüssige Fette in feste umzuwandeln. 
Als Ausgangsprodukt kann Tran verwendet werden, welcher 
durch Hydrierung aus Glyzeriden ungesättigter Fettsäuren in 
solche gesättigter Fettsäuren umgewandelt wird, hierbei verliert 
der Tran seinen üblen Geruch, der seine Verwendbarkeit zur 
Seifenfabrikation sehr einschränkte. Man erhält also bei diesem 
Verfahren aus dem flüssigen Tran nicht nur ein festes, sondern 
auch gutriechendes Produkt. Es würde somit der Seifenfabri- 
kation ein billiges Material zugeführt werden können. In Deutsch- 
land wird die Hydrierung der Fette durch eine Fabrik bereits 
in größerem Maßstabe vorgenommen. Die mit dem neuen Produkt 
vorgenommenen Versuche haben bisher sehr gute Resultate er- 
geben, sie sind aber wegen der Kürze der Zeit noch nicht zu 
einem endgültigen Abschluß gekommen. 

Die Seifenpreise haben sich dem Vorjahre gegenüber nicht 
verändert: Oberschale 56 — 62 Mk., Oranienburger 62 — 58 Mk., 
Transparente 58 — 54 Mk., Eschweger 52 Mk., Elainseife 32 bis 
48 Mk., Terpentinseife 32—48 Mk., grüne Seife 30—46 Mk. 



Hydrierung 

flüssiger Fette 



Seifeiiprei.se. 



2. Toiletteseifen und Parfümerien. 
Der bereits im Jahre 1911 bestehende, sich gut anlassende 
Geschäftsgang der Parfümerie- und Toiletteseifen-Industrie hat 
sich im Berichtsjahre in derselben Weise weiter entwickelt. Der 
Absatz im In- und Auslande war sehr befriedigend. Allerdings 
wirkten die politischen Verhältnisse etwas beunruhigend, und der 
Absatz feiner Parfümerien und Luxuswaren erlitt dadurch eine 
gewisse Beeinträchtigung. Der bereits Ende Oktober einsetzende 
Rückgang im ganzen europäischen Geschäft hat sich in den 
beiden letzten Monaten noch bedeutend gesteigert, so daß 
die zunächst bestehenden, teilweise recht beträchtlichen Fort- 
schritte gegen das Vorjahr eine Schmälerung erfahren haben. 
Doch ist es der leistungsfähigen deutschen Parfümerie- 
industrie auch im Berichtsjahre in verstärktem Maße ge- 
lungen, in den feineren Luxusartikeln gegenüber dem franzö- 
sischen Import Erfolge zu erringen, und auch im Auslands- 
geschäft beginnt man diese Erscheinung zu bemerken. Man 
konnte die bereits im Jahre 1911 gemachte Beobachtung, daß der 



•2. Toiletteseifer) 

'und 

Parfümerien. 

Allgemeines. 



352 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 



Preise 



Aiiflieljung der 
Liebesgabe. 



Verbrauch iu Artikeln besserer Qualität allenthalben selir im 
.Wachsen ist, wiederum feststellen, was allerdings heute zu einer 
Lebensfrage der gesamten Branche zu werden droht, denn die 
Fabrikation sogenannter billiger Bedarfsartikel für den täg- 
lichen Gebrauch, wie z. B. gute und billige Toiletteseifen, die 
nicht mehr als 25 Pfennig im Detailverkauf kosten sollen, Eau 
de Cologne und andere alkoholhaltige Wässer, ist im Berichts- 
jahre außerordentlich belastet gewesen. 

Der Fetthandel hat Preis.steigerungen gezeigt, die sich ab 
Mitto des Jahres 1911 ungefähr auf 50 — 60 «o beliefen. Premier 
Jus wurde im Frühjahr 1911 mit 89 Mk. pro 100 kg gehandelt, 
und im Oktober 1912 verlangte man gar bis zu 140 Mk. Hand 
in Hand hiermit stiegen alle übrigen, der Seifenfabrikation dienen- 
den Fette, wie Kokosöl, Cottonöl. Palm- und Palmkernöl usw. 
Dazu treten die starken Preiserhöhungen einiger ätherischer Gele, 
die wohl jeden Fabrikanten der Branche dazu führten, den Bo 
darf an natürlichen Erzeugnissen einzuschränken und Kunst- 
(produkte zu verwenden. Bergamotteöl z. B. kostete noch im 
Jahre 1911 schwankend zwischen 25 und 30 Mk. und war im 
Jahre 1912 nicht unter 60—62 Mk. zu erhalten. Für neue Ernte, 
die im November Dezember zum Abschluß gelangte, forderte 
man 42 — 47 Mk. Den Klagen aller übrigen Spiritus verarbeitenden 
Industrien über die geradezu unhaltbaren \'erhältnisse in dem 
Handel mit diesem Artikel schließt sich die Industrie der Par- 
fümeriefabrikation an. 

Nach mancherlei Kämpfen und Unannehmlichkeiten, die den 
Fabrikanten aus den durch die Steuererhöhung vom Jahre 1909 
notwendig gewordenen Preiserhöhungen erwuchsen, hatte sich die 
Industrie gerade hindurchgearbeitet, als zu den Mißernten des 
Jahres 1911 noch ein neues Uebel in Gestalt der Aufhebung der 
Liebesgabe kam, die so lange von der Regierung an die land- 
wirtschaftlichen Brennereien gewährt wurde und nun abgeschafft 
werden sollte, um etwas den Minderertrag zu mäßigen, den das 
neue Branntweinsteuergesetz durch den starken Verbrauchsrück- 
gang zu verzeichnen hatte. Da der gesamte Handel des Artikels 
Spiritus heute gewissermaßen ein privates Monopol bildet, so 
gab diese im Spätherbst des Jahres 1911 auftauchend^^ 
Vorlage der Regierung der Spirituszentrale Gelegenheit, sich 
bzw. ihre Mitglieder auch unter Berücksichtigung einer 
mageren Kartoffelernte gegen etwaige aus dem Projekt drohende 
\'erluste schadlos zu halten. AVenn der Fabrikant von Spiritus 
verarbeitenden Industrien hier und da die Möglichkeit hat, im 
Inlandgeschäft, gedeckt durch den hohen Schutzzoll, seinen 
Schaden auf den Verbraucher abzuwälzen, so ist ihm diese 
Möglichkeit im Auslajidsgeschäft verschlossen. Die für die 
Parlümerieindustrie im Exporthandel wichtigste Konkurrenz, 
mit ihrem Sitz in Frankreich, hat den Spiritus nach 



88. Mineralwässer u. andere alkoholfreie Getränke. 



353 



dem Preise des Jahres 1912 etwa 40 o/o billiger gehabt 
als die deutsche. Diese Zahlen sprechen deutlicher als 
langatmige Abhandlungen über diese Frage, und es bleiben 
für den Parfümeriefabrikanten, der seine Marke mit Erfolg 
im Ausland vertreiben will, nur ganz wenige Wege offen, 
auf denen er diesem Absatz sein weiteres Interesse schenken 
kann. Es sind von den betreffenden Verbänden Schritte unter- 
nommen worden, um von seilen der Regierung* Abhilfe zu er- 
langen. Schlagen diese fehl, so wird sich manches Unternehmen 
vor der Notwendigkeit sehen, sich für das Auslandsgeschäft Pro- 
duktionsmöglichkeiten im Auslande zu schaffen. Es kann daher 
auch an dieser Stelle nicht scharf genug auf derartige Mißstände 
hingewiesen werden, unter denen ganze Industrien schwer zu 
leiden haben und die geeignet sind, manchem die Existenzmöglich- 
keit zu entziehen. 

Die unübersichtliche politische Lage, die auf den Handel 
lähmend wirkt, gibt nicht die Möglichkeit, einen Schluß ruf 
die kommende Zeit zu ziehen. 



Ausblick. 



87. K h 1 e n s ä u r e f a b r i k a t i n. 

Die Witterung während des Sommers des Berichtsjahres war 
für den Absatz flüssiger Kohlensäure höchst ungünstig. Infolge- 
dessen zeigt sich ein Rückgang in der Absatzmenge um ca. 8 o/o 
gegen das Vorjahr. Die Konkurrenz der AVestdeutschen Kohlen- 
säurewerke war im ersten halben Jahre recht fühlbar und ver- 
anlaß te einen nicht unwesentlichen Preisrückgang. Erst in der 
Glitte des Jahres vollzog sich eine A'erständigung, die langsam 
den vorher erlittenen Preisrückgang wieder verschw^inden ließ. 
Der Export flüssiger Kohlensäure ab Berlin ist nach wie vor 
nicht angängig, da günstiger gelegene Fabriken ihn an sich 
ziehen. 



Kohlensäure- 
fabrik.ition. 



SS. Mineralwässer und andere alkoholfreie 
Getränke. 

a) Natürliche Mineralwässer. 

In scharfem Gegensatz zum Jahre 1911 hat das Berichts- 
jahr ungewöhnlich schlechten Absatz für Mineralwasser gebracht. 
Die Witterungslage im Frühjahr und erst recht im Sommer 
schädigte den Verbrauch von Kur- und Tafelwässern gleich- 
mäßig in recht erheblichem Umfange. Es dürften vielfach nicht 
einmal die Umsatzziffem vom Jahre 1910 erreicht sein. Das 
kalte, unbeständige Frühjahrwetter veranlaß te das Heraus- 
schieben von Kuren auf spätere Zeit und als auch diese beständige 
und trockene Witterung nicht brachte, unterblieben sie ganz. 
Das Herbstgeschäft war erheblich besser. Die Einkaufspreise er- 

Berl. Jahrb. f. Handel u. Ind. 1912. IL 23 



a) Natürliche 
Mineralwässer. 



354 VI. Rohstoffe u. Fabrikate d. pharm., ehem. usw. Industrien. 

litten keine Veränderung, trotzdem die immer teuerer werdenden 
Flaschen, Korken usw. eine Heraufsetzung wohl rechtfertigten. 
Die Verkaufspreise wurden, wie bei schlechten Absatzverhält- 
nissen stets, durch Unterbietmigen scharf gedrückt. Auch das 
Wintergeschäft war schleppend, so daß der Umsatz gegen das 
Vorjahr zurückblieb. 

b) Künstliche b) KünstUche Mineralwässer. 

Geschäftsgang' ^^ Geschäft in künstlichen ^lineralwässern war im Be- 

richtsjahre ungewöhnlich schlecht, woran in erster Linie die 
sehr ungünstigen iWitterungsverhältnisse des Sommers schuld 
waren. Nicht ohne Einfluß auf das Ergebnis war aber sicher- 
lich auch die allgemeine Verteuerung der Lebensmittel, die 
naturgemäß eine Einschränkung des Verbrauchs aller derjenigen 
Artikel nach sich gezogen hat, auf die zur Not im Haushalte 
mehr oder weniger verzichtet werden kann. Hat der Umsatz 
in künstlichen Wässern aus den erwähnten Gründen allgemein 
einen starken Rückgang erfahren, so ist er gerade bei guten 
Fabrikanten um so größer gewesen, als viele Gastwirte, die 
bisher noch einen besseren Preis für diese Ware anzulegen 
pflegten, unter dem Drucke der sonstigen hohen Unkosten zum 
Bezüge billigen Wassers übergegangen sind. Je weiter sich aber 
das Absatzgebiet der ^geringwertigen Qualität ausdehnt, um so 
stärker kommen die Produkte unserer Industrie in den besseren 
Kreisen überhaupt in Mißkredit, und es werden tatsächlich 
selbst die besten Fabrikate mehr und mehr von der Tafel der 
wohlhabenderen Familien verdrängt und durch natürliche oder 
halbnatürliche Wässer ersetzt. 

Wie auch von amtlicher Stelle dazu beigetragen wird, 
im Publikum ganz falsche Vorstellungen über die Be- 
reitung und die Zusammensetzung künstlicher Mineral- 
wässer zu erzeugen, das lehrt eine Aeußerung über diese 
in dem Kaiserlichen Gesundheitsamte bearbeiteten und 
bereits in 15. Auflage erschienenen Gesundheitsbüchlein (Ver- 
lag von Jul. Springer, 1912). Daselbst heißt es im § 48 
unter „Mineralwasser" wörtlich: Manche Mineralwässer, welche 
als erfrischende Getränke vielen gesunden und kranken Menschen 
zuträglich und allgemein beliebt sind, werden (wie das zu den 
kohlensäurereichen Säuerlingen gehörende Selterswasser) in 
großem Umfange künstlich nachgeahmt, indem man Kohlensäure 
in gewöhnliches Wasser einpreßt". Nach dieser primitivsten 
Methode wdrd allerdings in ganz untergeordneten Betrieben ge- 
arbeitet, wo man sich eben damit begnügt, ein einfaches kohlen- 
saures Trinkwasser zu bereiten. Nachbildungen aber natürlicher 
Wässer stellt man nur aus destilliertem Wasser unter genauer 
Bemcksichtigung der durch die chemische Analyse der be- 
treffenden Quellen ermittelten Bestandteile her. Die vom Kaiser- 



l. Mineralwässer u. andere alkoholfreie Getränke. 



355 



liehen Gesimdheitsamte gewählte Verallgemeinerung entspricht 
daher nicht den Tatsachen, ist aber geeignet, beim Publikum 
die künstlichen Mineralwässer ohne Ausnahme als minderwertig 
zu verdächtigen. 

Der seit Jahren in Aussicht stehende Normalentwurf zur 
Herstellung kohlensaurer Getränke ist neuerdings veröffentlicht 
worden und soll am 1. Mai 1913 in Kraft treten. Wenn auch 
die berechtigten Wünsche unserer Industrie darin nur wenig 
berücksichtigt sind (siehe den Artikel über alkoholfreie Ge- 
tränke), so kann er doch die Grundlage bilden zu einem Aus- 
gleich der Verschiedenheiten, die sich bisher in den in den ein- 
zelnen Reichsgebieten geltend'cn Bestimmungen finden. — Die Be- 
strebungen, eine Konzessionspflicht zu schaffen, sind an dem 
Widerstände der zunächst zuständigen Behörde gescheitert. 

Die Preise für Rohmaterialien sind ziemlich unverändert 
geblieben, nur die von wenigen Firmen noch zur Selbst darstell ung 
von Kohlensäure gebrauchten Produkte, Magnesit und Schwefel- 
säure, sind um rund 20 bzw. 10 o/o teurer geworden. Die Preise 
für Flaschen sind um 0,50 Mk. für 100 Stück erhöht, dagegen 
die f