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Full text of "Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz ..."

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From die 



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Fine Arts Library 

Fogg Art Museum 
Harvard University 



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Beschreibende Darstellung 

der älteren 

Bau- mid Kuiistdenkmäler 

der 

Provinz Sachsen 

und angrenzender Gebiete. 



Herausgegeben 



von der 



Historisclieii Commission der Provinz Sachsen 



XVIII. Heft. 



Der Mansfelder 6ebirgskreis. 



Mit 113 In den Text gedruckten Abbildung^ , 2 Tafeln und einer 
gesehlehtUcben Karte der beiden Manafelder Kreise. 



Halle a. d. S. 

Druck und Verlag von Otto Hendel. 

1893. 






Beschreibende Darstellung 

der älteren 

Bau- und Kunstdenkmäler 

des 

Mansfelder Gebirgskreises, 



Bearbeitet 
von 

Prof. Dr. Hermann Grössler, 

Gymnasial-Oberlehrer in Eisleben, 
und 

Dr. Adolf Brinkmann, 

Gymnasial -Oberlehrer in Zeitz, 
unter Mitwirkung von Ouatav Sommer, Bauinspektor a. D. in Sprottau. 



Herausgegeben 

von der 

Historischen Coniinission der Provinz Sachsen. 



Halle a. d. S. 

Druck und Verlag von Otto Hendel. 

1893. 



JLUCVJUÜJ riam AKüü LlBRASl 
FOGG tfUSEUM 



FA 770, 17^.15 (/^ 



Vorwort. 



Die beschreibende Darstellung der Kunst- und Baudenkmäler der beiden 
Mansfelder Kreise unterscheidet sich von manchen früheren Veröffentlichungen 
der Historischen Kommission der Provinz Sachsen nicht unwesentlich dadurch, 
dass ich derselben eine ziemlich umfangreiche landeskundliche Einleitung voraus- 
geschickt habe, sowie dadurch, dass auch die geschichtliche Vergangenheit der 
zur Besprechung gelangenden Orte ausführlicher behandelt worden ist, als 
es bisher der Fall zu sein pflegte. Da es sich aber mehr und mehr als 
zweckmässig herausgestellt hat, dass die beschreibende Darstellung der 
Kunst- und Baudenkmäler unserer Provinz nicht nur ein trockenes Verzeichnis 
des bau- und kunstgeschichtlich Merkwürdigen zusammenstelle, sondern 
diesen Überresten einen geschichtlichen Hintergrund gebe, damit dieselben 
in hellere geschichtliche Beleuchtung treten und richtiger gewürdigt werden 
können, was auch solchen Funden gegenüber seine Geltung hat, die etwa 
noch aufgedeckt werden, so glaube ich, dass mir diese Ausführlichkeit seitens 
sachverständiger Beurteiler keinen Tadel zuziehen wird. Vielmehr lässt sich 
hoffen, dass m<incher Leser, der durch meine Darstellung mit der geschicht- 
lichen Vergangenheit seines Wohnortes einigermassen bekannt geworden ist, 
den kunstgeschichtlichen Überresten seiner Heimat nunmehr lebendigere 
Teilnahme schenken und, wenn es nötig ist, ihnen auch seinen Schutz an- 
gedeihen lassen wird. Wenn ich dies erreichte, so würde ich glauben, dass 
die unablässige Arbeit von fast 2 Jahrzehnten, welche in der darstellenden 
Beschreibung des Mansfelder Gebirgskreises ihren Niederschlag gefunden hat 
und, so Gott will, auch in der des Seekreises bald an die Öffentlichkeit treten 
soll, nicht vergeblich gewesen ist. Denn bisher sind viele ausserordentlich 
merkwürdige Denkmäler der Vergangenheit oft nur aus Unkenntnis ihres 
Wertes und ihrer Bedeutung für die Kunstgeschichte vernichtet worden. Es 
ist eine überaus traurige Thatsache, dass dergleichen in unserer Zeit so 
häufig noch geschehen kann. Nicht nur werden noch aus vorchristlicher 
Zeit herrührende Erdwälle, welche eine politisch oder religionsgeschichtlich 



Vorwort 



merkwürdige Statte umschlosseo haben, wie auch früh- oder vorgeschichtliche 
Grabhügel wegen der fetten Danunerde, aus der sie meist bestehen, rück- 
sichtslos abgefahren, um sie zur Düngung zu verwenden; nicht nur werden 
uralte Steinsetzungen, Malstfttten aus grauer Urzeit, wie auch von Sagen 
umwobene und niit Spuren vorgeschichtlicher Menschenhand gezeichnete Steine 
unbedenklich mit Pulver und Dynamit gesprengt, um in bequemer Weise 
Material zu Wegebauten zu erlangen, sondern auch höchst lehrreiche Grab- 
stätten samt Inhalt werden zerstört, ohne dass ein Mann der Wissenschaft 
zu Rate gezogen würde, um der Nacliwelt wenigstens eine Beschreibung 
und wissenschaftliche Würdigung dessen zu hinterlassen, was beseitigt werden 
soll. Nicht minder schonungslos wird mit den Altertümern aus geschicht- 
licher und christlicher Zeit aufgeräumt. Höchst interessante und lehrreiche 
Bildwerke aus der Frühzeit der christlichen Bildhauerkunst und Malerei sind 
bis zur Unkenntlichkeit übertüncht, wertvolle Originalgemälde oft bedeutender 
Künstler von Lackierern und Anstreichern, weil das billiger zu stehen 
kommt, „renoviert" worden. Die Figuren alter Altarschreine werden von 
den Kirchenbesuchern gelegentlich mit nach Hause genonmien, um als 
Brennholz beim Kaffeekochen zu dienen; die ältesten und noch durchaus 
brauchbaren Erzeugnisse der Glockengiesserkunst werden zerschlagen und 
Arbeit suchenden Banausen gegen Anrechnung des Metallwertes hingegeben, 
weil angeblich oder wirklich das Geläute der Kirche keine ganz reine Terz 
oder Quinte hat; ganze Altarschreine aus katholischer Zeit oder doch Teile 
derselben werden beseitigt, weil sie nach der Meinung mancher Geistlichen 
das evangelische Bewusstsein zu schädigen drohen; uralte Kruzifixe lässt 
man dem Verderben verfallen, bloss weil sie infolge ihres hohen Alters 
wunnstichig geworden sind oder von dem heute üblichen Typus abweichen; 
altromanische Taufbrunnen, welche dem geläuterten Geschmack der Gegen- 
wart zu plump erscheinen , werden zu Viehtränken oder im günstigeren Falle 
zu Pflanzenktibeln herabgewürdigt; Jahrhunderte lang erhaltene Grabsteine 
werden zerschlagen, zu Treppenstufen zersägt oder den Figuren die Nasen 
und Hände abgeschlagen, weil sie einer ausgestorbenen Familie angehören, 
auf die man keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen glaubt und vieles 
dgl. m. Namentlich gegen die alten Glocken wird ein förmlicher Vernichtungs- 
krieg geführt. In der mehr als anderthalb Jahrzehnte umfassenden Zeit, 
während der ich diesen Denkmälern der Vergangenheit meine Aufmerksam- 
keit zugewandt habe, sind etwa ein Dutzend der merkwürdigsten Glocken, 
die ich noch mit Augen gesehen, auch solche, die ich erst zu besichtigen 
und zu beschreiben gedachte, in vielen Fällen ohne jeden wirklich triftigen 



Vorwort. 



Urund, in jedem Falle aber, ohne dass man darauf bedacht gewesen wäre, 
eine Spur oder ein Abbild ihrer Eigenart auf die Nachwelt gelangen zu 
lassen, vernichtet worden. Wenn das so fortgeht, werden wir in wenigen 
Jahrzehnten vielleicht keine alte tilocke mehr haben. Der ürund davon 
liegt zunächst darin, dass viele (Jeistliche weder ein Verständnis noch auch 
ein Interesse für die Dinge hsiben, die doch ihrer Obhut und ihrem Schutze 
anvertraut sind. Zwar giebt es unter den Geistlichen, diesen berufenen 
Hütern der kirchlichen Altertümer, manchen kunstverständigen und für das Alter- 
tum begeisterten Mann, der als eine seltene Zierde seines Standes in dieser Hin- 
sichthochzuschätzen ist; aber leider ist ihre Zahl zu klein. Ich habe nicht wenig 
Geistliche kennen gelernt, die keine Ahnung davon hatten, ob das Kirchen- 
gebände, in welchem sie das Gotteswort verkündigten, hundert oder sechs- 
hundert Jahre alt, ob es romanischen, gotischen oder jüngeren Stils sei; 
auch solche, die trotz ihrer fast ein Menschenleben umfassenden Hirten- 
thätigkeit niemals auf den Turm ihrer Kirche gestiegen waren, um die 
Glocken einmal anzusehen, welche allsonntäglich ihre Gemeinde zum Gottes- 
hause rufen; denen trotz fast dreissigjähriger Amtszeit an ihrer Kirche 
etwas nicht als merkwürdig aufgefallen war, was ein vorübergehender Kunst- 
freund beim ersten Blick als beachtenswert und eigenartig erkannte. Aller- 
dings muss zu ihrer Entschuldigung dienen , dass ^e von der Kenntnis dieser 
Dinge während ihrer Universitätszeit auch nicht das geringste sich anzueignen 
verpflichtet sind, dass niemand an sie das Ansinnen stellt, von diesen Dingen 
etwas wissen zu müssen. Eine um so grössere Erqnickung ist es da, wenn 
man auf einen Geistlichen trifft — und gottlob! ist das in den letzten 
Jahren öfter der Fall — der aufs eifrigste bemüht ist, das unter den 
erschwerendsten Umständen sich anzueignen, was die Universität ihin nicht 
mitgegeben hat. 

Infolge der unausgesetzt fortschreitenden Vernichtung der Altertümer 
ist es daher auch unmöglich zu verbürgen, dass die hier gegebene Beschrei- 
bung auch heute noch überall der Wirklichkeit entspricht. Vieles kann in- 
zwischen verschwunden sein und ist verschwunden, was als vorhanden be- 
schrieben ist. Wahrlich, es wird hohe Zeit, dass ein Gesetz wenigstens 
das spurlose Verschwinden von Altertümern unmöglich macht. 

Sehr vorteilhaft würde es sein , wenn das Verfahren der thüringischen 
Behörden, welche angeordnet haben, dass jedes Pfarr- und Schularchiv ein 
Exemplar der beschreibenden Darstellung der Bau - und Kunstdenkmäler des 
Amtsbezirks besitzen muss, zu welchem der Ort gehört, auch in unserer Provinz 
Nachahmung fände. Denn ich habe Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, dass 



Vorwort. 



infolge dieser Verfügung von den Geistlichen und Lehrern mit Eifer die 
ihnen gebotene Möglichkeit ergriffen worden ist, sicli über das, was ihr 
Wohnort an beachtenswerten Baulichkeiten und Kunsterzeugnissen besitzt , zu 
unterrichten. Ohne Zweifel ist so das Interesse lür die einheinii.schen Bau- 
und Kunstdenknialer derraasseu geweckt worden, dass zu hoffen steht, es 
werde auch fernerhin in erfreulicher Weise zunehmen. 

Nach diesen Bemerkungen, die die Sache erforderte, t^ile ich noch 
einiges über die Entstehung dieses Werkes mit. Eine grosse Zahl der dem- 
selben beigegebenen Abbildungen ist von der geschickten Hand des Herrn 
Bauinspektors Gustav Sommer gefertigt worden; auch einige antiquarische 
Notizen rühren. von ihm her. Eine kaum minder grosse Anzahl von Ab- 
bildungen verdankt der Hand meines Amtsgenossen und Freundes Dr. Adolf 
Brinkmann in Zeitz, der auch einen beträchtlichen Teil des beschreibenden 
Textes geliefert hat, ihre Entstehung. Zu den Abbildungen habe ich nur 
einige Glockeninschriften und unbedeutende Skizzen beigetragen. Damit der 
Anteil, den ein jeder der Mitarbeiter an der beschreibenden Darstelhmg gehabt 
hat, für den Leser zweifellos klar hervortrete, habe ich das bisher nicht 
gebräuchliche Verfahren angewandt, dass vor jeden Abschnitt der Anfangs- 
buchstabe des Namens des Urhebers gesetzt worden ist, von dem der Text 
herrührt. Ein eingeklammertes G deutet an, dass alles, was auf dieses 
Zeichen folgt, mich zum Verfasser hat; ein eingeklammertes B zeigt die 
Urheberschaft meines Mitarbeiters Dr. Brinkmann an , ein S deutet an , dass 
der ihm folgende Abschnitt die Aulfassung des Herrn Bauinspektor Sommer 
wiedergiebt. Sind mehrere Zeichen in einer Klammer vereinigt, so ist die 
ihnen folgende Ausführung das Ergebnis einer gemeinsamen Erwägung der 
angedeuteten Verfasser. Allerdings war diese Art der Bearbeitung mit 
manchen Schwierigkeiten verbunden; djifür aber gewährt diese gemeinsame 
Arbeit auch die Bürgschaft, dass schwierige Fragen nicht auf Grund ein- 
seitiger Auffassung beantwortet worden sind, da wir bemüht gewesen sind, 
etwa abweichende Auffiissungen vorher unter uns auszugleichen. Natürlich 
sind wir nicht der Meinung, dass wir nicht auch trotz dieser gemeinsamen 
Erwägung in Irrtum hätten verfallen können, aber wenigstens ist nichts 
unüberlegt von uns behauptet worden. 

Selbstverständlich ist ein Werk, wie das vorliegende, ohne mannigfache 
Unterstützung nicht möglich. 

Mit Dank müssen wir anerkennen , dass uns bei unseren Nachforschungen 
fast nirgends Hindernisse in den Weg gelegt worden sind, dass wir uns 
vielmehr fast durchweg eines freundlichen Entgegenkommens zu erfreuen 



Vorwort. 



gehabt haben. Allen den Herren, die uns bei unserer Arbeit irgend- 
wie förderlich gewesen sind, sei darum an dieser Stelle herzlicher Dank 
gesagt. 

Üa die von mir der geschichtlichen Darstellung zu Grunde gelegten 
Quellen und Hilfsmittel ihres Ortes angeführt sind, so habe ich es für 
überflüssig erachtet, dieselben in einer Übersicht noch besonders zusammen- 
zustellen. Wo ich keine Quellen angegeben habe, liegen frühere Arbeiten 
von mir, welche zumeist in der Zeitschrift des Harz Vereins veröffentlicht 
worden sind, oder das Urkundenbuch der Klöster der Grafschaft Mansfeld 
von M. Krühne (Halle, 0. Hendel, 1888) zu Grunde. Die dem Werke bei- 
ge^ebene Historische Karte der beiden Mansfelder Kreise ist 
eine vielfach ergänzende und berichtigende Neubearbeitung derjenigen, welche 
ich dem erAvahnten Urkundenbuche der Mausfelder Klöster beigegeben hatte. 



Eisleben, am 31. Oktober 1893. 



Hermann Grössler, 



Die beiden Mansfelder Kreise lagen längst vollendet und fast druck- 
fertig vor, als ich von der Historischen Kommission der Provinz Sachsen 
mit der Aufgabe betraut wurde, den kunstgeschichtlichen Teil zu vervoll- 
ständigen. Dies hatte seinen Grund darin, dass in der Zwischenzeit andere 
Grundsätze für die Darstellung der Kunstdenkmäler der Provinz zur Geltung 
gekommen waren. Vorher war mehr ein Inventar der noch vorhandenen älteren 
Denkmäler gefordert worden als eine eingehende Darstellung. Später hat 
die Historische Kommission sich für eine umfassendere und tiefer eindringende 
Behandlung besonders der Baudenkmäler entschieden. Deshalb w^urde eine 
Überarbeitung des kunstgeschichtlichen Teiles nötig. Mein Auftrag beschränkte 
sich jedoch auf die wichtigsten Denkmäler der beiden Mansfelder Kreise. 
Infolge dessen haben nur die wichtigeren Kirchen, Schlösser und Burgen 
Berücksichtigung gefunden. Dies ist der Grund für die hier und da wohl 
auffallende ungleiche Behandlung, die auch in den Zeichnungen hervortritt. 
Einigen von diesen liegen photographische Aufnahmen des Herrn Elbelt in 
Eisleben zu Grunde, der auch die Platten für die unmittelbar reprodu- 
cierten Darstellungen geliefert hat. Leider ist die Wiedergabe nicht immer 
gelungen. 



Vorwort. 



Herrn Professor Grössler, dem bei weitem der grösste Teil der vorliegen- 
den Arbeit seine Entstehung verdankt, bin ich zu lebhaftem Danke verpflichtet 
für seine eifrige und selbstlose Unterstützung; seine umfassende und grOod- 
liehe Kenntnis der alten (jrafschaft Mansfeld ist so auch mir bei meinen 
Beiträgen zu gute gekommen. 

Zeitz, im November 1893. 

Adolf Brinkmann. 



Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 

Vorwort Inhalts -Verzeichnis. Berichtigungen. 
Landeskundliche Einleitung. 

1. Lage, Grenzen und Einwohnerzahl l 

2. Die natürlichen Bodenverhaltnisse II 

3. Die Gewässer VII 

4. Die menschlichen Biedelungen und ihre Namen XI 

5. Die Anlage der Dörfer und Gehöfte, sowie die Bauart der Häuser XX 

6. Die Abstammung der Bevölkerung und ihre Mundarten .... XX 111 

7. Die Gaue und Gaugerichtsstätten. Die aus den Gauen hervor- 

gegangenen Grafschaften und Herrschaften. Überblick über die 

Geschichte der Grafschaft Mansfeid XXVII 

8. Die Pflanzung des Christentums in den beiden Mansf eider Kreisen. 

Die Gründung von Pfarrkirchen und ihre Schutzheiligen . . . XXXV 

9. Überblick über die Geschichte der mansfeldischen Klöster ... LII 



Seite 

Abberode 1 

Ahlsdorf 2 

Alterode 6 

Annarode 7 

Amstedt 8 

Amstein 8 

Biesenrode 18 

Blumerode 19 

Bräunrode 20 

Braunschwende 20 

Das neue Scbloss bei Braun- 
schwende. ....... 21 

Conradsburg 22 

Creisfeld . 32 

Dankerode 36 

Endorf 37 

Ermsleben 38 

Falkenstein 46 

Friesdorf 63 

Gorenzen 64 

Gräfenstuhl 66 

Greifenhagen 67 

Harkerode 67 

Hergisdorf 67 

Hettstedt 72 

Die Sanct Jaoobi-Kirche ... 81 



Seite 

Horla 92 

Königerode 93 

Kupferberg 94 

Leimbaeh 96 

(Gross-) Leinungen .... 98 

Mansfeid 101 

Dorf (oder Kloster-) Mansfeid 102 
Burg oder Schloss Mansfeid . 116 

(Thal-) Mansfeid 147 

Meisdorf 164 

MöUendorf 168 

Molmersch wende 169 

Morungen 170 

Ömer 178 

(Burg-) Ömer 178 

(Gross-) Ömer 180 

Pansfelde 182 

Piskaborn 182 

(Neu-) Platendorf 186 

(Schwaben-) Quenstedt ... 187 

Rammelburg 192 

Botha 198 

Siebigerode 200 

Siersleben 202 

Sinsleben 204 

Stangerode 205 



luhalt. BerichtigungeD. 



Seite 

Sylda 206 

Thondorf 207 

Ulzigerode 208 

Vatterode 209 

Walbeck 212 

Weibsleben 215 

(Ober-) Wiederetedt .... 218 



Seite 

Wieserode 226 

Wippra 228 

Ziegelrode 233 

Nachtrag 235 

Kunstgeschichtliche Übersicht 237 
Glockenschau 243 



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Berichtigungen. 

Seite II Zeile 19 von oben lies: Rumpin statt Ruppin. 

XI ff 10 von oben lies: Quell- statt Quelle. 
XI ,, 5 von unten lies: könnte statt konnte. 
XIV „ 19 von oben lies: Boonstedt statt Bornstedt. 
XXIII Anm. Zeile 4 von unten lies: Umfang statt Umfaug. 
XXVII verwandle Nr. 6 der ÜberschrifD in Nr. 7. 
XXIX Zeile 13 von unten lies: Grade statt Gerade. 
XXXV verwandle Nr. 7 der Überschrift in Nr. 8. 
XXXVIII Zeile 11 von oben lies: Hersfeld statt Herfeld. 
LH verwandle Nr. 8 der Überschrift in Nr. 9. 
LIV Zeile II von oben 8etze statt des Kommas einen Punkt 
Seite 2 „ 1 von oben lies: Erasmas statt Pancratius. 

2 letzte Zeile des Artikels Abberode lies: sind statt hind. 

6 Zeile 19 von unten lie«: „1107 sie selbst und 1216 auch". 

7 „ II von oben setze hinter wahrscheinlich ein Komma. 
14 „ 10 von unten lies: Nr. 4 statt Nr. 3. 
18 „ 2 im Artikel Biesenrode lies: Unter- statt Ober-. 
21 ,. 7 von oben lies: Namens statt Names. 
26 lies hinter Nr. 1 1 : Krypta statt Kry ta. 
29 Zeile 13 von unten lies: dass statt das. 



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12 von unten tilge das Komma hinter Kirche. 

2 von oben lies : Nr. 75 statt Nr. 74. 

8 von oben lies: 1517 statt 1507. 
11 von unten lies: unwürdigen statt unwurgigeu. 

7 von unten lies: bischofs statt Bischofs. 



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Landeskundliche Einleitung. 

1. Lage, Grenzen und Einwohnerzahl. 

Biden Mansfetder Kreise gehöi-en in ihrer ganzen 
Ausdehnung, unbedeutende Tiefebenenstreifen ab- 
gerechnet, dem Gebiete des Harzes an. 

Der Man sf eider Gebirg skreis liegt 
zwischen ll"6' und 11" 33' östlicher Länge (von 
Greenwidi) und öl" iW und 51*^ Ad' nördlicher 
Breite jm FUissgebiet der Saale auf dem üiiter- 
harz. Krhat487qkni Flächeninhalt und zälilte 1867: 
42235: 1871: 43324; 187Ö: 453(3; 1880:52492; 
181H,): GU7Ö8 Einwohner. Westlich grenzt er an 
den Kreis Sangerhausen und das Herzogtum An- 
halt, nördlich an eben dieses .ind den Kreis Asehersleben, östlich an das Herzogtum 
Anhalt und den Mausfelder Seekreis, südlich an den Kreis Sangerhausen. Er hat 
vier Städte (Mansfeld, Hettstedt, Ijeimbach und Ermsleben), 54 Landgemeinden 
lind 32 selbständige Outsbezirke, von welchen Arnstein, Degonershausen, 
Heyda, Hilkenschwende, Meisberg, Neuhaus, Pfei-sdorf, Popperode, Karamelburg, 
Bödigen allein liegen. 

Der Mansfeld er Seekreis liegt zwischen 11" 27' und 11" SS" östl. Lange 
(von Greenwich) und 51" 24' und 51" 45' nördl. Breite zwischen der Saale und dem 
Onterharz im Flussgebiet der Saale, ist 59& qkm gniss und hatte im Jahre 1867; 
62956; 1871: 663(»4; 1875: 68611; 188U: 78122; 1885: 89537; lb9Ü; 92295 Ein- 
wohner. Er grenzt westlich an den Kreis Sangerhausen und den Mansfelder Gebirgs- 
kreis, im Norden an das Herzogtum Anhalt, im Osten an den Saalkreis, im Siiden 
an die Kreise Mersebni^ und Qnerfurt. Er hat gleich dem Gobirgskreise 4 Städte 
(Eisleben, Alsleben, Oerbstedt und Schraplau), 06 Tjandgemeinden und 2U selhst- 
!4tändige Outsbezirke, von denen sieh 13 an Dorfgemeinden des gleichen Namens 
anschlies.sen, während die übrigen allein liegen (Abtischrode, Etxdorf, Holzzello, 
Piesdorf, Weifesholz, Haus Zeitz). 

2. Die natürlichen Boden Verhältnisse. • 

Der Oebirgskreis ist fast völlig von dem Unterharz, d. h. von der 
zwischen den Thäiern der Selke und Wipper sich erhebenden Hochfläche ei-füllt, 
der Seekreis dagegen von dem zwischen Wipper und Saale sich erhebenden 

■ Betreffe der natOrJirheD Bodenrerliältntese des Manefelder Landes sind tu vergleicbeu: 
1. Schrader, der Manafelder Kupferschieferbergbau (io der Zeitschrift für Berg-, Hütten- 
und Saiiaenwesen im Preuss. Staate Bd. XVII, ld69. B. 1 ff. 2. Franz BeyBchlag, 
Geologische Überaichtakarte der Qegeud von Halle a. g. Die HHnafelder Mulde und ihre 
Bänder. 1892. 3. C. Oelbke, Die Volksdicbte des Maosfelder See- und des Saalkreieee. 
Hallische iDaiiguraldiwertation. Halle 1887. 4. \V. Ule, Die Mansfelder Seen. Ralliache 
Mtmafelder Gebirgikreis. ^ 



n Landeskundliche Einleitung. 



mansfeldischen Hügellande, welches man nur als den östlichen Ausläufer 
des ünterharzes ansehen kann. Durch eine breite, tiefe Mulde, welche das ehe- 
mals seeartige Thal der unteren bösen Sieben, der beiden Mansfelder Seen und 
der Salze bildet, wird letzteres in zwei Teile eingeteilt, einen schmalen südlichen 
und einen breiten nördlichen. Der südlich von der Mulde sich hinziehende, 
sattelartige Höhenzug erstreckt sich aus der Gegend des Quellgebiets der bösen 
Sieben bis nach Hornburg unter verschiedenen Namen, z. B. Winterberg, 
Bärenhaut, Heide; heutzutage aber bezeichnet man ihn nach dem auf seinem 
südöstlichen Vorsprunge gelegenen Dorfe Hornburg meist als den Hörn burger 
Sattel. Der breitere Teil nördlich von der Mulde bildet eine ausgedehnte, von 
tief eingeschnittenen Bächen und Gründen durchfurchte, auf der Scheitelfläche 
sanft, dagegen zur Saale hin am Rande ziemlich schroff abfallende, wellige Hoch- 
fläche, die keinen volksmässigen Namen hat, die man aber gemeinhin als die 
mansfeldische Hochfläche zu bezeichnen pflegt. Als ihre Fusspunkte sind 
die Orte Aisleben und Salzmünde an der Saale zu betrachten. Während sich 
nun anderswo die Hochfläche des Harzes scharf aus ihrer Umgebung heraus- 
hebt, ist dies bei dem Unterharze und bei dem mansfeldischen Hügellande nur 
zum Teil der Fall. Nach Norden zu verläuft sich dieses Hügelland allmählich in 
die Tiefebene ; nach Osten zu fällt es zwischen Salzmünde und Ruppin, namentlich 
bei Trebitz und Cioschwitz, steil zur Saalaue ab, wie auch nach Süden zu sein 
Abfall zur Mansfelder Mulde ein verhältnismässig bedeutender und steiler (etwa 
HO m Höhenunterschied) ist. Ein einigcrmassen bequemer Zugang zu dem Hügel- 
lande aus der Mulde findet sich nur am Westende derselben, wo der Thalein- 
schnitt des Volkstedter Baches in allmählicher Steigung auf die Hochfläche führt. 
Der Grad der Neigung dieses Hügellandes in der Richtung von Westen 
nach Osten mag aus folgenden Höhenangaben ersehen werden: 

1. Nördliche Neigungslinie in der Richtung W^-(). vom Weifesholz b. Hett- 

stedt bis Friedeburg an der Saale: 

Weifesholz 217 m 

Höhe nordöstlich von Gerbstedt 176 „ 

Höhe zwischen Pfeifhausen und Friedeburg . 158 „ 

Saalberg bei IMedeburg 155 „ 

Saalthal bei Friedeburg ca. 70 ,, 

2. Südliche Neigungslinie in der Richtung W.-O. von Siebigerode bis Salz- 

münde an der Saale: 
Höhe zwischen Siebigerode und Benndorf . . 303 m 
Höhe zwischen Polleben und Eisleben . . . 245 „ 
Höhe zwischen Wils und Salzmünde .... 141 „ 
Salzmünde an der Saale ca. 80 „ 

3. Thal der bösen Sieben, der Seen und der Salze: 

Die Aue östlich von Eisleben 119 „ 

Inauguraldissertation. Halle 1888. 5. Willi Ule. Die Mansfelder Seen und die Vorgänge 
an denselben im Jahre 1892. Eisleben, £d. Winkler. 1893. (Mit 8 Karten und 5 Ab- 
bildungen.) 6. M. Qörcke, Beiträge zur Siedelungskunde des Mansfelder See- und des 
Saalkreises. Halle 1889. 7. G. Müller, Nordthüringen u. Südharz. (Vortreffliche Karte im 
Verlag von M. Grätenhan, Eisleben 1893). 



LaDdeskundliche Einleitung. ni 



Spiegel des Salzigen Sees 88 bezw. 84 ra 

Salzethal bei Zappendorf 85 „ 

Salzemündung ca. 80 „ 

Der Höhenunterschied zwischen den südlichen Scheiteln der Hochfläche und 
der Seenmulde beträgt demnach etwa HO m, der Höhenunterschied zwischen 
Weifesholz (217 m) und Priedeburg (70) 147 m; der zwischen Siebigerode (303) 
und Salzmünde (80) 222 m, gewiss ein beträchtlicher Abfall, der aber deshalb 
nicht so leicht wahrnehmbar wird, weil der Ostrand, an dessen Fusse die Saale 
hinfliesst, wie schon bemerkt, steil (in einer Höhe von etwa 70 ni) zur Saale 
abfällt. 

Um nun auch den Grad des Abfalls von Südwest nach Nordost einiger- 
massen zu kennzeichnen, mögen noch einige Höhenangaben in dieser Rich- 
tung folgen. 

1. Höhe zwischen Siebigerode und Benndorf . . . 303 m 

Bahnhof Kloster Mansfeld 258 „ 

Höhe zwischen Kloster Mansfeld und Polleben . 245 „ 

Scheitel zwischen Helmsdorf und Bösenburg . . 198 „ 

Höhe westlich von Zabitz 158 „ 

2. Höhe südlich von Volkmaritz 220 „ 

Höhe nördlich von Elbitz 201 „ 

Höhe südlich von Naundorf 184 „ 

Höhe zwischen Zernitz und Trebitz 160 „ 

Saalthal bei Trebitz ca. 73 „ 

Aus den Höhen Verhältnissen ergiebt sich, dass beide Kreise, mit Ausnahme 
des höher sich erhebenden und stark bewaldeten südwestlichen Teiles des Ge- 
birgskreises, der menschlichen Besiedelung leicht zugänglich waren. Betrachten 
wir nun von diesem Gesichtspunkte aus auch die Art des Bodens, das Gefüge 
und die Zusammensetzung der Bodenerhebungen, sowie die Art ihrer Einschlüsse, 
so winl sich zeigen, dass auch diese einer starken Besiedelung in hohem Masse 
günstig waren. 

Die fast ununterbrochene Decke dieses ganzen Gebietes bildet zum aller- 
grössten Teile der Löss, eine gelbliche, mürbe, kalkreiche Ablagerung ohne Ge- 
schiebe, aber mit häufig vorkommenden kalkigen Gebilden (Lösspuppen, Löss- 
kindel), welche, wenn sie nach oben kalkärmer wird, eine braune Farbe an- 
nimmt Im Südwesten und Westen, wo häufig ältere Gesteine zu Tage treten, 
tritt er am meisten zurück; auch fehlt er in der Gegend von Rotenburg und 
Alsleben, wo tiefere Diluvialbildungen, nämlich Schotter, Sand und Geschiebe- 
lehm, die Decke bilden. An anderen Stellen besteht die Oberflächendecke aus 
Schwemmland, besonders in der Niederung des Saalethals und in der zwischen 
Eisleben und dem süssen See eingebetteten Mulde, wie auch der Boden der 
beiden Seebecken zum grossen Teil von alluvialen Bildungen bedeckt ist. Dieser 
allseitigen Verbreitung fruchtbarer Erdreiche, unter denen der sogenannte Auen- 
lehm in der Eisleber Mulde sich durch besondere Fruchtbarkeit auszeichnet, ent- 
spricht eine ausserordentliche Ertragsfähigkeit des Bodens, sodass in beiden 
Kreisen — die bewaldeten südlichen Teile des Gebirgskreises abgerechnet — 

a* 



IV Landeskandlidie Einleitung. 



auch die Hochflächen dem Ackerbau dienstbar gemacht worden sind. Die hier 
bewirkte hohe Blüte der Landwirtschaft mögen folgende Zahlen bezeugen. Bei 
nur 1^ Prozent Wie.<?en, 2,6 Prozent Weiden und lü Prozent Holzungen hat der 
Seekrois 86,9 Prozent Ackerland und Gärten. £inem Reinertrag pro ha für 
Preussen mit 17 Mark steht im Seekreise ein solcher mit 46 Mark pro ha gegen- 
über. Wegen dieser hervorragenden Güte des Bodens wird auch der Zucker- 
rübenbau fast allenthalben stark betrieben, welcher zur Gründung von Zucker- 
fabriken in Salzmünde, Langenbogen, Teutschenthal, Erdeborn, Schwittersdorf, 
Zabitz, Trebitz, Belleben und Alsleben geführt hat Es hatte also seinen guten 
Grund, wenn man schon in alten Zeiten neben dem Fischfange, Vogelfange und 
Glockenklange auch den Flegelklang in der Grafschaft Mansfeld in folgendem 

Sprüchlein rühmte: 

Seebnrg hat den Fischfang, 
Eisleben den Glockenklang, 
Rammelbnrg den Vogelsang, 
Helfta den Flegelklang. 

Ebendaher erklärt es sich auch, wie die Rede entstehen konnte, mit wem Gott es 
gut meine, dem gebe er eine Wohnung in der Grafschaft Mansfeld. 

Fragen wir nun aber weiter nach den sonstigen geologischen Bildungen des 
Mansfelder Landes, so ist zu beachten, dass dasselbe von einer muldenförmig 
gekrümmten Fläche in der Richtung von Leimbach (im Gebirgskreise) über Hübit^ 
und Schochwitz nach Halle zu durchsetzt wird. Diese Mulde ist an drei Seiten, 
nämlich an ihrem W^est-, Nord- und Ostrande, geschlossen, nach Süden und 
Südosten dagegen (Richtung nach Halle zu) offen. Auf dem westlichen Mulden« 
flügel liegt Eisleben, auf dem nördlichen Hettstedt und Gerbstedt, auf dem öst- 
lichen Wettin. Das älteste Glied der in dieser Mulde geschichteten Gesteine ist 
das Rotliegende und in dessen Gefolge das W^eissliegende. Auf diese 
beiden legt sich in übereinstimmender Lagerung die den Kupf ei-schiefer führende 
Zechsteinbildung, in allen ihren Gliedern (Kalksteine, Aschen, Gypse, Rauch- 
wacken und Letten) auf das regelmässigste ausgebildet, und diese wieder über- 
deckt in bedeutender Mächtigkeit fast als einziger Vertreter der Trias der bunte 
Sandstein. Die wellige Oberfläche der älteren Schichten ist, wie schon an- 
gedeutet wurde, zum Teil durch einzelne Tertiärbecken ausgeglichen, in deren 
Innern man zahlreiche Braunkohlenbecken aufgeschlossen hat. Das Ausgehende 
des Rotliegenden bildet eine scharfe Grenze dieses geognostischen Gebiets, 
denn es lässt sich mit Sicherheit über die Oii^schaften Hornburg, Biscliofrode, 
Blankenheim, Siebigerode, Mansfeld, Leimbach, örner, Hettstedt, Gerbstedt und 
Friedeburg bis über Wettin hinaus verfolgen. ^ Namentlich im Südwesten, im 
Hornburger Sattel, tritt das Ausgehende des oberen Rotliegenden, z. B. bei 
Neckendorf, scharf hervor, freilich nur an den Rändern cntblösst, während der 
Rücken durch Löss verdeckt ist. Die am Rande auftretenden Zechstein- 
schichten sind meist sehr steil, ja fast senkrecht gestellt und durch Verwerfungen 
in der Richtung SW—NO abgeschnitten. Gegen Südosten ist die Grenze des* 



^ Ein anderer Zug geht über Morungen, Qorenzen, Biesenrode, Vatterode, Bödchen bei 
Leimbach, Greifenhagen, Bitterode, Walbeck bis über Quenstedt hinaus. 



Landeekondliche Einleitnng. 



Rotliegenden nicht mehr bestimmbar, weil hier der mächtig verbreitete bunte 
Sandstein über das Kupfei-schieferflötz hinansgreift. An den oben beschriebenen 
Rändern der Mulde tritt das Kupferschieferflötz fast überall zu Tage, sodass hier 
seine Auffindung, wie auch sein Abbau leicht war. Seit 1199 soll mit dem 
letzteren begonnen worden sein. Der Kupferschieferbergbau hat sich aber seit- 
dem nur auf den West- und den Nordrand der Mulde erstreckt, und zwar von 
Wolferode über Mansfeld, Hettstedt und Gerbstedt bis in die Nähe von Friede- 
burg. Die Mächtigkeit der nutzbaren Schieferhöhe beträgt nur etwa 10 cm, der 
Kupfergehalt 2—3 Prozent mit V2 Pfimd Silber im Centner Kupfer. Seit An- 
fang der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts hat dieser Bergbau, seitdem die 
Verwaltung sämtiicher Berg- und Hüttenwerke unter die einheitliche Leitung der 
..Mansf eider Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft" gekommen ist, einen ausser- 
ordentlichen Aufschwung genommen, ist aber infolge des Durchbruchs der Ge- 
wässer des Salzigen Sees in die Schächte der meisten Reviere, welcher sich seit 
dem Mai 1892 in immor stärkerem Masse bemerklich gemacht hat, in grosse Be- 
drängnis durch die zuströmenden, ungeheuren Wassermassen geraten, östlich 
von Homburg bildet nicht mehr das Rotliegende, sondern „die Thüringer Grenz- 
platte,'' genauer die Erhebungen der meist mit Löss überdeckten Schraplau- 
Espei-stedt-Kuckenburger Muschelkalkmulde die Grenze des Mansfelder Beckens. 
Der die Zechsteinbildungen überdeckende Buntsandstein tritt in den 
nördlich vom Süssen See bis zu etwa 200 m aufragenden Höhen mächtig hervor 
und ei-streckt sich als mittlerer Buntsandstein in der Richtung NAV — SO von 
Thondorf und Siersleben bis nach Trebitz a. d. Saale (nördlich) und nach Langen- 
bogen a. d. Salzke (südlich), sodass Salzmünde ziemlich genau an der Mitte des 
Ostrandes dieses Zuges aus mittlerem Buntsandstein liegt Letzterer wird von 
einem breiten, zum Teil von jüngeren Bildungen überdeckten Gürtel von unterem 
Buntsandstein umschlossen, welcher an der Wipper bei Mansfeld, Leimbach 
und Burgörner beginnt und östlic^h bei Zaschwitz a. d. Saale bezw. bei Teutschen- 
thal endet. Der nördliche Streifen dieses Gürtels läuft von Burgörner über 
Heiligenthal, Zabenstedt und Öste bis nach Zaschwitz bei Wettin und in südlicher 
Richtung weiter bis nach Brachstedt und Schiepzig. Bei Zaschwitz und Schiepzig 
wird er von dem Bett der Saale durchbrochen. Der südliche Streifen dieses 
Gürtels zieht sicli längs der bösen Sieben und der Seen hin, sodass er dem 
Hornburger Sattel nördlich parallel vorliegt. Sein im grossen Wachhügel zwischen 
beiden Seen bis zu 140 m sich erhebender Rücken bildet dort die Scheidewand 
zwischen den beiden Becken des Süssen und Salzigen Sees, die im Gninde nichts 
anderes sind als wassergefüllte, durch Hohlwerden der darunter befindlichen 
Zechsteinschichten entstandene Einsenkungen des unteren Buntsandsteins. An 
der den Namen Teufelsbr ücko führenden Landzunge ist dieser Buntsandstein - 
rücken von der Wasserverbindung zwischen Salzsee und Bindersee durchbrochen 
bezw. überdeckt, nur dass er infolge des Sinkens des Seespiegels (seit dem Mai 
1892) vermutiich auch an dieser Stelle trockengelegt werden wird. Die beiden 
grossen Wasserbecken des Süssen und Salzigen Sees sind also geradezu in den 
südlichen Streifen des unteren Buntsandsteingürtels eingebettet Der Grund 
dieser Einbettung ist im allgemeinen schon angedeutet Im besonderen ist über 
die Entstehung der Seen noch folgendes zu bemerken. Überall, wo die Lagen 



\i Landeskundliche Einleitung. 



des unteren Buntsandsteins in der Umgebung der Seen zu Tage treten, zeigen sie 
starke Verschiebungen : die Scliichten sind mannigfaltig gebogen und verworfen und 
fallen nach den verschiedensten Richtungen hin ein bis zu 60^ und darüber. Diese 
Verschiebungen und Verwerfungen sind der Unbeständigkeit der danmter 
lagernden Zechsteinschichten zu verdanken, welche sämtlich mehr oder weniger 
durch Sickerwasser angegriffen und ausgelaugt weixlen können und hier sicher- 
lich stark ausgelaugt worden sind. Dabei kommt in Betracht, dass die anlässUch 
der Auslaugung erfolgende Verwandlung des Gypses in Anhydrit nicht ohne 
beträchtliche Ausdehnungen vor sich geht, dass also der Gyps auf seine Decke 
einen bedeutenden Druck ausübt, diese hebt, sprengt und lockert. Diese 
Sprengung und Lockerung der deckenden Buntsandsteinschichten wirkte vor- 
bereitend für die Entstehung der Seen. Dazu gesellte sich nun noch die Ein- 
wirkung der Sickerwässer auf die im Wasser löslichen Teile der Zechsteinbildung, 
durch welche allmählich gi'osse Höhlen (Schlotten) ausgewaschen wurden, 
welche noch jetzt auf weite Strecken den Untergrund des Mansfelder Landes 
durchziehen. Doi-t nun, wo locker gewordene Gesteine über den durch Aus- 
laugung entstandenen Schlotten lagen, sind jene in diese Hohlräume eingestürzt. 
So entstanden nicht nur die zahlreichen Schichtenstörungen, sondern auch die 
Einsenkungen des Bodens an der Erdoberfläche, deren bedeutendste, wenn man 
von den zahlreichen trichterförmigen Erdfällen (z. B. dem „Trichter"' auf der 
Hüneburg bei Wimmelburg, dem ,,Scheffel" und der „Metze'* zAvischen 
Helfta und Erdebom) absieht, die beiden Becken der Mansfelder Seen sind. 
Kleinere, ebenfalls mit salzigem Wasser angefüllte Erdfälle sind die Seelöcher 
bei Lochwitz im Seekreise, von denen man bei der Unkenntnis ihrer Entstehung 
glaubte, dass sie unterirdisch mit dem Meere in Verbindung stünden. 

Im südlichen Teile des Seekreises südlich des Salzigen Sees tritt der Bunt- 
sandstein, obschon vorhanden, doch nicht zu Tage, weil ihn eine fast ununter- 
brochene, von Erdeborn über Oberröblingen , Arasdorf, Wansleben bis nach 
Teutschenthal und Langenbogen sich erstreckende Diluvialschicht bedeckt, 
in welche ein ausserordentlich wertvolles Motz oligozäner Braunkohle von 
12-20 m Mächtigkeit eingebettet ist, dessen Kohlen wegen ihres beträchtlichen 
ölgehaltes zur Theerschwelerei, Paraffin- und Solarölerzeugung verwertet werden. 
Andere Braunkohlenbecken finden sich: 1. zwischen Helbra, Ziegelrode und 
Benndorf; 2. zvrischen Dederstedt und Schwittersdorf; 3. zwischen Schochvvitz 
und Wils; 4 zwischen Heiligenthal, Lochwitz und Zabenstedt; 5. zwischen Pies- 
dorf und Strenz-Naundorf: 6. in besonderer Mächtigkeit zwischen Saale und 
Salza in der Gegend von Bennstedt, Zscherben und Nietleben. 

Es herrscht also im Seekreise und in den südöstlichen Strichen des Ge- 
birgskreises der bunte Sandstein vor, im grösseren Teile des Gebirgskreises 
dagegen Thonschiefer und Grauwacke. 

Erwähnung verdient übrigens noch, dass die Mansfelder Mulde in ihrer 
Hauptrichtung von NW. nach SO. von einem Zuge unteren Muschelkalks 
— zum Teil mit jüngerer Bedeckung — durchstrichen wird. Derselbe beginnt 
nordöstlich von Eisleben zwischen Hübitz und Polleben, streicht in südöstlicher 
Richtung nördlich längs des Bettes der Laweke bis nach Schochwitz, wird dann 
bis zur Salze von (überdecktem) Buntsandstein unterbrochen und tritt östlich 



J 



Landeskundliche Einleitong. vn 



von der Salze hei Zappendorf und Cöllme, wo er überdies von der Salze durch- 
brochen wird, wieder stark hervor und reicht bis an die Saaleaue in der Nähe 
von Halle (östlich von Xietle!)en), in diesem Teile von ausgedehnten Braun- 
kohlenrevieren überdeckt. 

Zu feineren Bau-Ausführungen, zum Teil auch zu Bildhauerarbeit, wird gern 
der Bösenburger (mittlere) Sandstein verwendet; beliebt ist auch das Siebigeröder 
Kotliegende (Porphyr-Konglomerat) und die der Thüringer Muschelkalk-Grenz- 
platte entnommene „ilehlpetze'\ aus der z. B. die Hornburger Kirche gebaut ist. 
Das gröbere Rotliegende des Hornburger Rückens (Xeckendoifer Brüche) findet 
häufige Verwendung, aber nur bei gröberen Bauten. 

3. Die Gewässer. 

Ausser der Gestalt der Erdoberfläche und der Beschaffenheit der tiefer 
liegenden Schichten ist von höchster Wichtigkeit für die Besiedelung die Ver- 
teilung, Stärke und Brauchbarkeit der Gewässer. Denn zu den unentbehrlichsten 
aller Lebens- und Wirtschaftsbedürfnisse gehört das Wasser. 

Die fliessenden und stehenden Gewässer beider Mansfelder Kreise gehören 
mit ganz geringer Ausnahme sämtlich dem Flussgebiete der Saale an, welcher 
sie alle zufliessen, und welche den Seekreis östlich begrenzt ; im besonderen sind 
die beiden Kreise ganz oder teilweise aus dem Flussgebiete der Salze, der 
Schlenze, des Schlackenbachs, der Wipper und der Selke zusammengesetzt. 

Der Hauptfluss des Gebirgskreises ist die von der südöstlichen Abdachung 
des Auerberges (Josephshöhe) herabkommende Wipper, welche zum Unter- 
schiede von der thüringischen oder Unstrut- Wipper die mansfeldische oder 
Harz -Wipper genannt wird. Ihre Quellgegend, der Ostabfall des Auerberges, 
und ebenso ihr Mündungsgebiet liegen ausserhalb des Kreises. Mit dem Haupt- 
quellbache, welcher den Namen alte Wipper führt, vereinigt sich oberhalb des 
Fleckens Wippra die von links kommende schmale (die kleine) Wipper. Der 
Name dieses Flusses hat eine weite Verbreitung, denn abgesehen von der Un- 
strutwipper und der der Gera zufliessenden Wipfer in Thüringen, femer einer 
Wipper im thüringischen Osterlande, welche jetzt wohl die Schwennicke ist, 
heisst bekanntlich ein Zufluss des Rheins Wupper oder Wipper (danach genannt 
Wipperfürth), desgleichen ein Fluss in Hinterpommem. Ja sogar die in die 
Weichsel unterhalb des San auf der rechten Seite mündende Wjeprz dürfte nur 
eine Wipper in slavischem Gewände sein. Kommt sonach dieser Flussname nur 
in solchen Gegenden vor, die entweder immer deutsch gewesen sind oder in 
denen doch Jahrhunderte lang Germanen gesessen haben, so ist eine Ableitung 
des Xamens aus slavischer Sprache unbedingt abzuweisen, da Slaven niemals am 
Rhein gesessen haben, wie auch der keltische Ursprung des Namens dadurch 
unwahrscheinlich wird, dass in Pommern, wo doch auch eine Wipper vorkommt, 
Kelten niemals gesessen haben. Man wird demnach den Namen nur aus der 
deutschen Sprache zu erklären versuchen dürfen. Die Formen desselben lauten 
im VDI. Jahrh. Uuipparaha und Uuipparacha, 947 und 979 Uuippera, 1120 
Wippere, 1145Wipfere, 1376 Wyppere, 1382Wipfera, 1400 Wippera, 1523 Wippra. 
Als eigentliche Form muss Wippara gelten, da das im Vin. Jahrhundert noch 
hinzutretende acha oder aha offenbar von einem Schreiber angehängt ist, der als 



Yin Landeskundliche Einleitung. 



Mönch im Kloster Hersfeld hessischen oder fränkischen Ursprungs war und den 
einfachen uralten Namen nach heimischen Mustern umgestaltete. Der Name be- 
deutet ein in zitternder Bewegung befindliches, eilendes, wippendes Wasser. ^ 
Der stärkste Zufluss der Wipper auf der linken Seite ist die Eine, welche eine 
pommersche und eine westfälische Ihne zu Namensschwestern hat und dem Eine- 
born auf der Hochfläche des ünterharzes entquillt Weiterhin folgen die Wie- 
beck (1179 Wibike, ursprünglich vermutlich Widbike = Holzbach, Waldbach, 
von widu Holz), die Leine (um 1311 Line, vermutlich der mit Leinkiaut be- 
wachsene Bach), die Schwennicke oder Schwende (1297 Suanebeke, 1381 
Swembeke, 1387 Swenbeke und Schwibeke, 1480 Zweibicke, jetzt in Schwennicke, 
Schwenke, Schwende entstellt, also ursprünglich = Schwanenbach), der aus 
Mukarene und Windelsbach (ersterer Name slavisch, letzterer deutsch) zu- 
sammenfliessende Glockenbach oder Glackenbach, endlich der Langebach 
oder Langethalsbach. Auf der rechten Seite f Hessen der Eine zu die Die- 
beck (1257 Dedbeke, 1269 Didbike, 1287 Dipbeke, 1397 Dibbeke, 1486 Diebecke, 
1525 Dübicke, 1528 Dubecke in der Bedeutung: tosender, mit Wasserschnellen 
dahineilender Bach), ferner der Schlossbach (ursprünglich vielleicht die Sule 
genannt) und endlich der Hengstbach. Schon oberhalb der Eine, ebenfalls 
auf der linken Seite fallen in die Wipper im Gebirgskreise der Stockbach, 
der Molmeck (1334 Mulbeke, 1351 Mulenbeke, 1434 Molmecke, 1435 Molmbeg 
und Mulbeke, 1506 Melmecke, 1573 Molenweck, welcher nach Ausweis der 
ältesten Formen Mühlenbach bedeutet), der Hade born (1523 Hadeborn = Kampf- 
oder Streitbach) , die Walbke (959 Walbiki, 985 üualbechi, 992 üualbisei, 999 
üualbiki, 1114 Wallebeche, 1241 Walbike, 1248 Walbeke, vei-mutlich = wellen- 
schlagender Ba^ch) und endlich noch der Röstebach, der jedoch auch als 
Schlippenbach bezeichnet wird. 

Die Zuflüsse der Wipper auf der rechten Seite sind die Rotha (1400 
Rotha, 1495 Roda, 1500 Rothe), der grosse und kleine Saubach, die Horla 
(1400 Horle), der Haselbach (1347 und 1534 Hasel bach) , der Brumbach 
(VHL Jahrh. Brunbach, 1400 Brunbeko, 1580 Brumpach), der Schwembach, 
der Ochsenpfuhlbach, welcher aus dem Schuster- und Renneckenbach 
entsteht und links den Reitzkenbach aufnimmt, weiter abwärts aber noch ver- 
schiedene Namen führt (Pinzkenbach, kalter Thalbach und zuletzt Ochsenpfuhl- 
bach). Weiterhin folgt der Thal bach, welcher in seinem Oberlaufe der 
Hirtenbach heisst, aber nach Aufnahme des Hagenbachs, Hippbachs und 
Trockenbachs den Namen Thalbach empfängt und in der Nähe seiner Mün- 
dung in die Wipper Leimbach heisst (973Lembeki, 1230 Lembecke, 1400 Leym- 
beke, 1578 Leymbick). Weiter abwärts ist dann noch der Regenbeck mit dem 
rechts in denselben mündenden Krieggraben zu verzeichnen. Die Selke 
(Salica) gehört nur auf einer Strecke ihres Mittellaufs dem Gebirgskreise an, wo 
sie (bei Ermsleben) den Liethebach und Mehrbach (ursprünglich Markbach) 
aufnimmt. 

Die übrigen Zuflüsse der Saale, welche hier noch in Betracht kommen, ge- 



1 Näher ist dies begründet in Grössler, Erklärung der Ortsuanieii des Mantsfelder 
Gebirgskreises. (Harzzeitschr. XIX, S. 324. 1886.) 



Landeskundliche Einleitang. ix 



hören ohne Ausnahme dem Mansfelder Seekreise an. Die Salze zunächst, 
welche ebensowohl wie die Saale einen Salzfluss bedeutet und diesen Namen 
umsomehr verdient, als sie das salzhaltige Wasser der beiden Mansfelder Seen 
zur Saale führt, wird schon früh urkundlich erwälint. 979 Salta, 979 Salzigun 
(munda), 1004 Salta, 1121 Saisaha(munda), 1125 Salze(munde), 1156 Salza(munde), 
1210 Salz(munde). Der Name des Flusses schwankt zwischen den Formen 
hd. Salzaha, Salziga, nd. Saltaha; verkürzt: Salza und Salta. Die Salze ent- 
strömt dem kleinen, durch die Landzunge der Teufelsbrücke von dem Haupt- 
becken des Salzigen Sees geschiedenen Becken des Bindersees, dessen Name 
vielleicht davon herrührt, dass er die beiden grösseren Seen miteinander ver- 
bindet, vielleicht aber auch ursprünglich „Binnensee" hiess mit Bezug auf seine 
Lage binnen der beiden Seen, deren Entstehungsart bereits angedeutet ist. Der 
Salzige See, welcher fast die Gestalt eines von W. nach 0. sich erstreckenden 
fiechtecks hat, ist etwa 6 km lang und im Durchschnitt 1,5 km breit: im öst- 
lichen Teile erreicht er eine Breite von 2 km. Die Ausdehnung des 88,9 m 
über der Nordsee gelegenen Wasserspiegels beträgt einschliesslich des Binder- 
f^es 8,797 qkm. Der Süsse See, dessen unterscheidender Name erst in neuerer 
Zeit auftaucht, hat eine Länge von 5 km und ist nicht ganz 1 km breit. Sein 
Wasserspiegel erstreckt sich über 2,619 qkm und liegt 5,3 m höher als der des 
^salzigen Sees, mithin 94,2 m über dem Mooi-esspiogel. Die Tiefe beider Wasser- 
becken ist im Verhältnis zu ihrer Grösse gar nicht sehr bedeutend. Die grösste 
Tiefe des Süssen Sees beträgt nur 7,08 m, die des Salzigen 18 m. Ei-sterer hat 
seine grösste Tiefe an seiner breitesten Stelle, letzterer die tiefste Stelle, „die 
Teufe" (18 m) dicht am Oberröblinger Bade: die nächst giösste, das „Heller 
Loch," ünterröblingen gegenüber in der Mitte des Sees (17,25 m). Im Durch- 
schnitt sind beid(» Seen ausserordentlich flache Wasserbecken, deren Tiefe von 

W. nach 0. allmählich zunimmt. Der Bindersee ist im Verhältnis zu seiner 

» 

Kleinheit tief. Er wird von einem untei-seeischen , nur 3 m unter dem Wasser- 
spiegel liegenden Sandsteinrüeken (der Fortsetzung der Scheide zwischen beiden 
Seen) durchsetzt. (NB. Voi-stehonde Flächen- und Tiefenverhältnisse hatte der Salzige 
See vor dem Mai 1892, in welchem der Durchbnich nach den Schächten begann.) Die 
Gewässer des Salzigen Sees (968 salsum mare) und des Bindersees haben im 
wesentlichen denselben schwachen Salzgehalt und etwas säuerlichen Geschmack. 
Die des Süssen Sees haben einen verhältnismilssig hohen Chlorgehalt, nämlich 
fast dreimal so viel Chloralkali als die des Salzigen Sees. Der gegenwärtige, im 
Verhältnis hohe Salzgehalt des Süssen Sees ist aber nachweisbar ei-st innerhalb 
der letzten Jahrzehnte entstanden , seit die Stollenwasser (Mitte der 70er Jahre) 
aus den Mansfelder Bergwerken dem See zugeführt wurden; dasselbe gilt von 
seinem erheblich grösseren Salpetersäuregehalt. Doch war das Wasser dieses 
Sees wohl niemals süss, trotz seinem Namen, sondern vermutlich von jeher fast 
ebenso salzig, wie das des Salzsees. Ihren Salzgehalt verdanken beide Seen 
zahlreichen salzhaltigen Quellen, welche teils sichtbar am Ufer, teils unsichtbar 
unter dem Seespiegel hervorbrechen und den ausgelaugten Gips- und Salzlagern 
des Zechsteins, der das ganze Seengebiet unterteuft, entstammen, zumal es 
keinem Zweifel unterliegen kann, dass sie ihren regelmässigen Wasserstand nicht 
nur durch ihre Zuflüsse, sondern auch durch unterseeische Speisung behaupten. 



LandeBkundliche Einleitung. 



Der Salzgehalt beider Seen wird aber nur so lange anhalten, bis die unter- 
irdischen Gips- und Salzlager ausgelaugt sind. 

In gewissem Sinne ist der Süsse See, da sich seine TVasser in zwei Ab- 
flüssen, Mühlbach und Bach genannt, in die nordöstliche Ausbuchtung des 
Salzsees, den Bindersee, ergiessen, dessen ZuflUvSS. Von ihm abgesehen ist der 
stärkste Zufluss des Salzigen Sees die von Süden her in ihn einmündende 
Weida (um 1190 Wide bei v. Ludewig, Rell, rascpt.X, 678ff.), deren jetzt fast 
wasserloser, durch „die vier Dörfer'' bei Querfurt sich hinziehender Oberlauf den 
Namen Weidenbach (1120 Widenbecke, 1179 Widenbeke) führt. Der beträcht- 
lichste, aber noch nicht einmal mit seiner Mündung dem Seekreise angehörende 
Zufluss derselben ist die Querne. Innerhalb des Seekreises empfängt sie auf der 
linken Seite den Weitschkebach oder die Rohrpeitsche, deren echter alter 
Name jedoch ohne Zweifel Farn aha (= mit Farnkraut bewachsenes Wasser) lautet 
heutzutage in Pfarrebach verderbt. Nicht weit von seiner Mündung bildete der- 
selbe früher einen jetzt nicht mehr vorhandenen See, den Schafsee (1216 
Scovesse, 1125 Scofse, 1255 Schawseh, 1268 Scouese, 1271 Scovesse, 1400 Schou- 
bessehe, 1523 Schobensehe, 1609 Schau besee), der nicht von Schafen, sondern von 
einer Person Scöf oder Schaub, vielleicht von dem mythischen SceÄf, dem Stamm- 
gotte der einstmals an der Nordsee wohnhaften, ingävonischen Völkerschaften, 
dem Tngwi-Freyr, den Namen hatte. Ein weiter abwärts noch einmündender 
Zufluss, der Sick, hat, wie schon sein — übrigens häufig vorkommender — 
Name beweist, nur zu Zeiten etwa« Wasser (ahd. gasig = Sumpf, feuchte 
Niederung). Aus der Gegend von Hornburg und Holzzelle empfängt der Salzige 
See noch die Zellgrund. 

Der Hauptzufluss des Süssen Sees ist die durch Eisleben fliessende Böse 
Sieben, deren Quellbäche von den südöstlichen Ausläufern des Unterharzes 
herkommen. Ihren Namen hat sie angeblich von sieben sie bildenden Bächen, 
deren vereinigtes Gewässer zu Zeiten so böse sich zeigt, dass es verheerend die 
Umgegend überschwemmt. Als jene sieben (zeitweilig übrigens wasserlosen) 
Bäche werden genannt der Vietsbach, der Dippelsbach, der Kliebich 
(oder Klippbach), die Goldgrund, die Saugrund, der Sehlackenbach, der 
an den Faulen seeer Hütten (1311 Vulensee, 1376 Faulensehe, 1400 Vulense, 1502 
Faulensee) bei Eisleben vorüberfliesst, und der Fressbach, der von Oben-is- 
dorf herabkommt. Jedoch diese Siebenzahl ist willkürlich; sie könnte leicht 
durch die Glume vermehrt werden. Woher der Name eigentlich kommt, lässt 
sich so lange nicht erklären, so lange man sein Alter nicht kennt. In dem von 
1520—1738 reichenden Chronicon Islebionse kommt er noch nicht vor, doch 
werden in einer Grenzbeschreibung vom Jahre 1623 in der Richtung von 
Blankenheim nach Eisleben zu die sieben Gründe erwähnt, ein Name, von 
welchem allmählich der Name (böse) Sieben abgeleitet sein könnte, der Art, 
dass man sie nach Überschwemmungen als die b(*)sen Sieben bezeichnete. Sehr 
alt ist der Name keinesfalls, da sie im Mittelalter nachweislich, und an seiner 
Mündung noch jetzt, Wilderbach hiess (947 Uuildarbah, 968 Uuillerbech und 
Willerbizi, 979 Uuillerbach, 1120 Willerbeche, 1179 Willerbeke, Willerbike). Als 
der eigentliche Oberlauf ist der aus dem Tuchssumpf abfliessende Dippelsbach 
anzusehen, der offenbar nach dem ehemals an diesem Gewässer gelegenen , aber 



Landeskundliche Einleitang. xi 



schon längst eingegangenen Dorfe Tippeisdorf benannt ist, seinen alten natür- 
lichen Namen (Wilderbach) aber zu Gunsten des jüngeren verloren hat. Vielleicht 
aber ist der Name Sieben, aus sla\'ischeni ziwa (die Wilde) enstanden, nur eine 
Übersetzung des deutschen Namens ins Slavische. Ein zweiter Zufluss des Süssen 
Sees ist die Neckendorf er Grund, auchHüttengrund oder Schlackenbach 
genannt wiederum sämtlich jüngere Namen, welche den vorauszusetzenden älteren 
Namen des Baches Helpe (nach diesem scheint das daran gelegene Helpithi, 
Helpede = Helfta genannt zu sein) verdrängt haben. 

Auf der rechten Seite nimmt derselbe noch die Schlangengrund (weiter 
abwärts Kuhschlucht genannt) und den Topfsteinbach auf, dessen Quelle 
gegend besonders reich an vorgeschichtlichen Funden ist. 

Doch auch die Salze selbst empfängt von rechts und links noch je einen 
bedeutenden Zufluss; das ist der rechts einmündende, aus kleineren Bächen ent- 
stehende Würdebach, welcher vermutlich, da an ihm Wordhem (= das Heim 
auf der Insel) lag, einen eine oder mehrere Inseln bildenden Bach bedeutet, und 
die dem Nordufer des Süssen Sees parallel fliessende, links mündende Laweke. 
Eine einigermassen alte Namensform dieses Gewässers ist leider nicht überliefert, 
doch darf man vermuten, dass die heutige Form aus lahbeke (= stehende Ge- 
wässer, Lachen, bildender Bach) entstanden, also deutsches Ursprungs ist, wie 
die grösseren Dörfer an demselben. 

Die unterhalb der Salze in die Saale mündende Brelina und weiterhin 
die Saalgrund sollen hier nur erwähnt werden. Wichtiger ist die bei Friede- 
burg mündende Schlenze, deren früherer Oberlauf, welcher heutzutage den 
Namen Hanfgraben führt, infolge einer Stollenführung vom Weifesholze bis 
Gerbstedt versiegt ist. Sie vereinigt sich mit dem (jetzt Schlenze genannten) von 
Polleben herabkommenden Mühlenbache, dessen alter Name verschollen ist, 
der aber in Polleben selbst ein Bächlein aufnimmt, das den stolzen Namen 
Donau führt (vielleicht der alte Name des Mühlenbachs), während ersieh weiter 
abwärts mit der aus dem Ristebach oder Röste bach luid dem Grift gebil- 
deten Teichgrund vereinigt: weiterhinempfängt die Schlenze den Fl ei seh bach, 
dessen Name vermutlich slavisches Ursprungs ist (von pleso See). Yon der Bedeu- 
tung des Namens Schlenze selbst wird später noch die Rede sein. Endlich ist 
im nördlichen Teile des Seekreises noch der bei AI sieben mündende Schlacken- 
bach zu erwähnen, der offenbar auch seinen alten Namen verloren hat. 

Soviel ergiebt sich aus dieser Namensübersicht mit Sicherheit, dass die bei 
weitem über\^iegende Zahl der Gewässernamen in den Mansfelder Kreisen 
deutsches Ui"sprungs ist, und dass nur eine kleine Zahl im Osten des Seekreises 
einen vermutlich slavischen Namen trägt ^vie z. B. der Fl ei seh bach (von slav. 
pleso See = der Seen bildende Bach") und der Fressbach (von breza, Birke) und 
vielleicht auch die Glume von poln. glom Flüssigkeit, während als keltisch 
höchstens der Name der Donau in Polleben in Betracht kommen konnte. 

4. Die menschlichen Siedelungen und ihre Namen. 

Achten wir nunmehr auf die Yerteilung der Siedelungen und die 
Art ihrer Anlage, so zeigt sich, dass sie fast ohne Ausnahme an fliessenden 
Gewässern liegen, und zwar entweder an der Quelle derselben oder an den 



XU Landeekundliche Einleitang. 



Erweiteningsstellen ihrer Thäler, d. h. meist da, wo infolge der Aufnahme kleinerer 
Seitenbäche grössere Flächen zur Aufnahme von Wohnstätten zur Verfügung 
standen und überdies von dem Seitenbache ein grösserer Vorrat von Wasser ge- 
boten wurde. Ferner zeigt sich, dass auch längs der kleineren Seitenbäche 
Siedelungsreihen stromaufwärts bis zur Quelle gegen die Hochfläche vordringen, 
indem je nach der Länge des Seitenbaches entweder nur ein Dorf an der Quelle 
desselben oder ausser diesem noch ein, zwei oder mehr Dörfer in zweckmässigen 
Abständen von einander sich vorfinden; drittens zeigt sich, dass die an der Quelle 
eines Baches gelegenen Dörfer fast durchweg von besonderer Grösse sind, offen- 
bar, weil sie am weitesten gegen die Hochebene vorgeschoben sind und darum 
sämtliches Ackerland bis zur Grenze der von dem nächsten Thale vorgeschobenen . 
Ansiedelung für sich in Besitz nehmen und bei der grösseren Ausdehnung ihrer 
Flur auch eine grössere Zahl von Bewohnern ernähi-en konnten. 

Wo jedoch die Höhen — so auf dem Muschelkalkplateau am Würdebache — 
wasserarm sind, sodass dort auf die Dauer sich keine Ansiedelung iialten konnte, 
da zeigt sich die Ausnutzung des einzigen die Flur durchrinnenden Wasserlaufes 
aufs äusserste getrieben, und darum sind hier die Siedelungen besonders dicht 
aneinander gedrängt Jeder einigermassen geräumige Schwemmlandfleck in den 
Thälern der Würde und ihrer Quellbäche ist daher zur Anlage von Dörfern aus- 
genutzt worden. 

Bei den an der Saale gelegenen Dörfern macht man die Wahrnehmung^ 
dass einige von ihnen, ^\ie z. B. Zaschwitz und Rumpin, ziemlich weit vom Fluss- 
bette abliegen, was einfach aus dem Umstände seine Erklärung findet, dass das 
Vorland stetig wiederkehrenden Überschwemmungen ausgesetzt ist, von welchen 
die Bewohner auf eine höher gelegene Siedelstätte vertrieben wurden. Die in 
der Nähe des Flusses gelegenen liegen immerhin hoch genug, sodass sie nur von 
ungewöhnlich hohem Stromgange erreicht werden. Sicher aber sind alle die- 
jenigen üferstellen mit Siedelungen besetzt, wo die Saale Neigung zur Insel- 
bildung zeigt, wo also der Fluss infolge geringerer Wassertiefe leichter zu über- 
schreiten ist. Gerade an diesei- Stelle sind — eine Wirkung des stilndigen Vei*- 
kehrs — Städte (Aisleben, Rotenburg, Wettin) entstanden. 

Was sodann die Anlage der Dorfstellen betrifft, so sind <lio an der Quelle 
dei- Haupt- und Nebenbäche erbauten Dörfer, weil sie auf der Hochfläche be- 
liebigen Raum zur Ausbreitung hatten, mit ihren Wohnhäusern der überwiegenden 
Mehrzahl nachgruppen- oder ringförmig um die Quelle her erbaut, während 
die nicht an der Quelle erbauton, sondern in den Thälern gelegenen Ansiedelungen 
sich streifenförmig in denselben hinziehen, der Arf, dass ihre Wohnhäuser auf 
beiden Seiten des Thaies in langer Reihe vorteilt sind , ja in vielen Fällen am 
Gehänge aufsteigen, weil die Mitte des Thaies der öfter stattfindenden Über- 
schwemmungen wegen frei bleiben musste. 

Gewisse Siedelungen unterlagen natürlich hinsichtlich ihres Entstehens 
anderen Bedingungen, als der Fnichtbarkeit des Bodens und dem Vorhanden- 
sein von Trink- und Wirtschaftswasser, falls nämlich die Natur andere schwer- 
wiegende Vorteile bot, wie z. B. eine den Verkehr anziehende oder doch er- 
leichternde Lage und Bodenbeschaffenheit, oder eine zur Verteidiginig gegen 
feindliche Überfälle und Angriffe geeignete Oberflächengestaltung, oder nur hier 



Landeskundliche Binleitnng. xiti 



in ausbeutungSAYÜrdiger Fülle sich bietende Bodenschätze; dort sind, auch wenn 
jene sonst so notvvendigen Siedelungsbeding:ungen nur zum Teil oder gar nicht 
erfüllt waren, dennoch menschliche Ansiedelungen entstanden. 

Überblicken wir nun dieselben hinsichtlich ihrer Benennung, so gelangen 
wir zu der ganz eigentümlichen Wahrnehmung, dass die Zahl derjenigen Orts- 
namen, welche die Bodenbeschaffenheit oder Lage der Ansiedelung andeuten, 
verhältnismässig nicht gross ist. Auf die Lage in einem bestimmten Thale 
deuten Heiligenthal (1295 Hilgendale) und Pfützthal (112öBucedale), sowie 
die Wüstung Miederthal bei Erdebom, sämtlich im Seekreis; auf Wasser- 
haltigkeit des Bodens deutet der Name der Wüstung Harrebrück bei Pans- 
felde (1311 Hardebruche), Passbruch (1329 dat Bastbrock, to deme Bastbroke) 
und Morungen (8. Jahrh. Morunga) in dem Gebirgskreise, sowie Brücke 
(1311 Broch) im Seekreiso; nach ihrer I^age an ehemaligen Seen sind benannt 
die eingegangenen Dörfer Ober-, Mittel -'und Unter-Faulen see bei Eisleben 
(1311 Vulensee) und das ehemalige Kirchdorf, jetzige Vorwerk Schaafsee 
(1216 Scovesse) im Seekreise. Häufiger ist das Vorkommen von Orten, die nach 
ihrer Lage an fliessendon Gewässern benannt sind. Im Seekreise freilich treten 
uns nur Langenbogen (1170 Langebuie), die an der langen Beuge der Salze 
gelegene Ansiedelung, und Salzmünde (979 Salzigunmunda, 1121 Salsahamunda) 
entgegen; doch ist vermutlich auch Helfta (8. Jahrh. Helpide) nach dem das 
Dorf du rchf liessenden Gewässer, welches in der Urzeit wohl Helpe hiess, be- 
nannt. Im Gebirgskreise scheint eine ähnliche Bildung der Ortsname Sylda 
(992 Silithi = das an einer Sule oder einem Siel gelegene Dorf) zu sein. Den 
Namen des Gewässers selbst, an dem sie liegen, lühren Wippra (8. Jahrhundert 
Uuipparacha), Horla (1400 Horle) und Rot ha (1400 Rotha) im Gebirgskreise. 
Hier finden sich auch nicht wenige Ortsnamen mit der Endung hd. bach, nd. 
beck, nämlich Leimbach (973 Lembeke) und Wal b eck (959 Walbiki, 985 Uual- 
bechi) nebst den Wüstungen Brumbach b. Wippra (8. Jahrh. Brunbach), Die- 
becke b. Altenrode (1157 Dedbecke, 1269 Didbicke), Ha sei bach b. Wippra 
(1347 Haselbach), Hammerbich bei Dankerode (992 Hamerbisci), Horbeck 
bei Mol mersch wende, Molmeck bei Hettstedt (1334Mulbeke, 1351 Mulenbecke), 
Schörabach bei Gorenzen (1347 Schonenbeke), Schwennicke bei Pansfeldo 
(1297 Svanebeke), Wiebeck bei TUkerode (1179 Wibike). Verschiedene Be- 
deutung haben die Ortsnamen auf -ingen oder -ungen, denn entw^eder bezeichnen 
sie die örtliche Lage, z. B. Gross-Leinungen im Gobirgskreis (1253 Linunge), 
das an der Leine gelegene Dorf, ferner das wüste Munis-Leinungen (1400 Munis- 
lynungen) bei vorigem, wüst Elfingon bei Abberode (1467 Elfingen = das an 
einer Elf oder Elbe gelegene Dorf), wüst Redlingen hei Abberode (1497 
Redelin = das auf einer kleinen Waldrodung gelegene Dorf), wüst Seh neb - 
lingen bei Braunschwende (992 Snefliggi = das auf einer schnabelförmigen 
Landspitze — zwischen der Eine und einem Seitenbache — gelegene Dorf), oder 
sie bezeichnen mit patronymischer Endung die Familie oder die Angehörigen des 
Ortsgi-ünders , z. B. wüst Pferdingen bei Abberode im Gebirgskreise (1407 
Pferdingen), und Ober- und Nieder -Rohlingen im Seekreise (991 Ravininge, 
1029 Reuiningin), während die Wüstungen Derlingen (1315 Derlingen), Po- 
lingen (1171 Polige, 1206 PoUega) und Melzingen (1523 Maltze, 1609 Meltze), 



XIV LandeBkandliehe Einleitang. 



sämtlich bei Gerbstedt, ungewisser Deutung sind. Von ihrer Lage an einem 
Borne haben ihren Namen Erdeborn im Seekreise (8. Jahrh. Hardabrunno), 
Piscaborn im ßebirgskreise (l420Besekenborn) und die Wüstung Hadeborn 
(1387 Hadeborne) bei Ritterode im Gebirgsk reise. Einzig in seiner Art Lst der 
Ortsname Schraplau (8. Jalirh. Serabanloch) mit der Bedeutung = Habichts- 
wahl. 

Bei weitem überwiegend ist in beiden Kreisen die Zahl derjenigen Oite, 
welche auf menschliche Thätigkeit, auf die Gründung und den Besitz gewisser 
Personen hinweisen. Da fällt zunächst die beträchtliche Menge von Ortsnamen 
mit der Endung -stedt und -leben auf, welche auf Gründung dieser Orte 
durch Angeln und Warnen , zum Teil wohl auch durch Sachsen hinweisen und 
sicher mit zu den ältesten Ansiedelungen beider Kreise gehören. Es sind dies 
im Seekreise: Stedten bei Schraplau (8. Jahrh. Stedi), Alberstedt (8. Jahrh. 
Alberestat), Beesenstedt (11. Jahrh. Bissinstide), Bonn stedt (8. Jahrhundert 
Bannungestat), Dederstedt (1127 Diderstidi), Dornstedt (8. Jahrh. Dornstat), 
Esperstedt (8. Jahrh. Osperestat), Fienstedt (1222 Pinegestad, 1288 Vinstede), 
Gerbstedt (985 Gerbizstidi), Höhn stedt (1121 Hostede), Koch stedt (8. Jahrh. 
Cochstat), Volkstedt (8. Jahrh. Vulchestedin), Zabenstedt (1311 Zauenstede) 
nebst den Wüstungen Alfge stide (1053 Alfarstide), Bornstädt (bei Schraplau?), 
Gatten stedt bei Friedeburg, Edenstedt bei Seeburg (11. Jahrh. Atinestad 
und Azinestedi), Loderstedt bei Gerbstedt (1400 Loderstede), Nienstedt bei 
Gerbstedt (973 Nienstedi), Rinstedt bei Salzmünde (1523 Kinstode) und Warn- 
stedt (auch Bonistedt) bei Alsleben. Im Gebirgskreise begegnen: Arn stedt 
(992 Arnanstedi), Hettstedt (1046 Heiczstete), Quenstedt (992 Quenstedi), 
Ober-Wiederstedt (944 Woderstede) und die Wüstung Wesenstedt (1190 
Visenstede) bei Hettstedt. 

Die Endung -leben haben im Seekreise: Alsleben (961 Alsleuu, 973 Eles- 
leiba, Eleslevo), Aseleben (Il20 Asiove), Belleben (Beineleibe, 1305 Benleve) 
Eisleben (8. Jahrh. Eslebo, 994 Islevo, 1045 Gisleva), Gorsieben (1310 Woi-s- 
leve), Hedersleben (um 1060 Hadekersleibin, 1140 Hathersleve), Polleben 
(1150 Panleue, 1189 Ponleue), Wansleben (8. Jahrh. Wenzesleba), Worms- 
leben (948 Uurmaresleba) und die eingegangenen Orte: Klein-Eisleben bei 
Eisleben, Flader sieben (1121 Yratersleve, 1234 Vladersleve) bei Zappendorf 
und Wegeleben, vermutlich bei Seeburg. Der Gebirgski-eis hat aufzuweisen: 
Ermsleben (1045 Anegrimislebo), Siersleben (992 Sigerslevo), Sinsleben 
(1045 Sinislebo), Weibsleben (964 Welpsieue) und die Wüstungen Kloin- 
Ermsleben (1155 Anegremesleve minor) und Ober-Welbsleben (\4C0 
superior Welpsleve). Ganz eigenartig ist der Name von Gross-Örner und 
Burg-Örner (10. Jahrh. Arnare, 973 Arneri), der nur in Fiiesland westlich vom 
Dollart in der Form Arneron noch vorkommt und vermutlich „zu den Schnittern'' 
bedeutet. Altertümlich ist auch die Endung -wiek (lat. vicus, giiech. outo?), 
welche im Seekreise das Dörfchen Königswiek (1316 Koniges wik) und im Ge- 
birgskreise die Wüstung Wilderschwieg bei Abberode (1046 Wihingeswicb, 
1311 Wendeswic, 1534 Wilderschwieg) trägt. 

Verhältnismässig spärlich vertreten sind die Ortsnamen auf -hausen, denn 
im Seekreise begegnen wir nur Neehausen (1068 Nifhusan) und Pfeif hausen 



r 



LandeskiiDdUche EinleitaDg. xv 



(1308 Viffhusen), im Gebirgskreise nur Xeuhaus bei Passbruch (1596 Niegen- 
hus) und die überdies junge Gründung Degenershausen bei Meisdorf. Noch 
seltener ist die Endung -heim; denn der Seekreis hat nur das Haus Wortheini 
(1219 Wordhem = Heim auf der Insel) jetzt Rittergut Würdonburg in Teutschen- 
thal, der Gebirgskreis ein gleichnamiges Wertheim (1400 Wertheim) bei Meis- 
dorf aufzuweisen. 

Meist recht altes üi-sprunges sind auch die Ortsnamen mit der Endung 
bürg oder berg mit der Bedeutung „eingefriedigter, bergender Orf. Im Seekreise 
finden sich: Bösenb urg (1164 Bisinburg), Friedeburg (1183 Vredeberch), 
Homburg (8. Jalirh. Hornberc), Seeburg (748 Hohseoburg, Hocseburc). 
Wimmelburg (1038 Wimidiburck) und vei^chiedene Altenburgen bei Langen- 
bogen, Polleben, Schraplau, die wüste Clotzenburg oder Hüneburg (1215 
Clotzenburg) bei Cioschwitz, wüst Ertzburg (1400 Detzeborch, 1523 Ertzburg) 
bei Friedeburg, der Hausberg bei Helfta, Sittigenburg bei Thaldorf. Im 
Gebirgskreise sind zu nennen: Konradsburg (1080 Conradesburg) und 
Raramelburg (1259 Rammeneborgh) , auch Kupferberg bei Hettstedt (1223 
mons quicupreus dicitur) und Meis berg (1501 zum Eisberge), nebst den wüsten 
Burgen und Stätten Akkeburg (1216 Ackenborch), Altenburg bei Biesenrode, 
Käckelsburg bei Horla, Karlsberg bei Mansfeld (1468 Kerlenberg), Hoden- 
burg (937 Hudeburgi) bei Conradsburg, Knppenburg bei Bräunrode, Mamburg 
bei Burgörner, Moseburg bei Stangerode (1048 Moseburg), Schalkenburg 
bei Harkerode, Spiegelburg bei Kloster-Mansfeld und Rückscheburg (1137 
Ritthagesburg) bei Gorenzen. 

Auf einen befestigten Platz deutet auch die Endung -stein. Im Seekreise 
kommt dieselbe gar nicht vor, was sich aus der Bodenbeschaffenheit erklärt, im 
Gebirgskreise begegnen uns nur: Arnstein (1135 Arnstein) und Falkenstein 
(1120 Valkenstein). 

Indem einzelne in beiden Kreisen vorkommende Ortsnamen hier übergangen 
werden, wenden wir uns zur Betrachtung einer Gruppe, welche in beiden Kreisen 
ausserordentlich stark vertreten ist, das sind die Ortsnamen mit der Endung 
-dorf, welche, wie die zum Teil sehr frühzeitige urkundliche Erwähnung vieler 
so bezeichneter Siedelungen beweist, der Masse nach auf ein hohes Alter An- 
sprach erheben kann. Hierher gehören im Seekreise die noch bestehenden Orte: 

Adendorf (1190 Adendhorp), Amsdorf (8. Jahrh. Amalungesdorpf), 
Äsend orf (8. Jahrh. Asendoqif, 932 Asundorf), Augsdorf (8. Jahrh. Ostauches- 
dorpf), Benkendorf (979 ranicandorf), Benndorf (1121 Bennendorph), 
Burgsdorf (1021 Porkesdorp), Eisdorf (1121 Hisdoi-ph), Etzdorf (8. Jahrh. 
Erhardesdorpf), Helmsdorf (1150 Helmerikesdorp) , Lüttgendorf (8. Jahrh. 
Luzilendorpf, 1120 Luttekendorp), Müllerdorf (979 Millerendorf), Naundorf 
bei Beesenstedt (1316 Nyendorp), Naundorf bei Strenz (1400 Nyendorp), Pies- 
dorf (1180 Boikistorp), Ober- und Unterrisdorf (8. Jahrh Risdorpf), Rolls- 
dorf (8.Jahrh. Ruodoldesdorpf), Rottelsdorf (1273Rotelendorp), Schwitters- 
dorf (1086 Swy terestorpe , 1120 Suithardesdorp) , Thal dorf (1380 Daldorp), 
Zappendorf (1442 Zabendorf). 

Dazu kommen noch folgende eingegangene Dörfer: Badendorf b. Worms- 
lebea (1337 Badendorf), Dankeisdorf bei Gerbstedt (1523 Dankeisdorf). 



xvt Landeskandliche Einleitung. 



Eickendorf bei Eisleben (1256 Eikendorp), Gottsdorf in Teutschenthal 
(8. Jahrh. Codimesdorpf), Kachsdorf (bei Wanzleben?), Kirchendorf bei 
ilisleben (1121 Scarnazandorf, 1298 Czerczendoi-ff), Kuhsdorf bei Teutschenthal, 
Lipsdorf am Süssen See (6. Jahrh. LeobedagesdoiTpf), Melmsdorf bei Steuden 
(1193 Melmerisdorf), Misseisdorf bei Oerbstedt (1()46 Mecelesdorp), Mummes- 
dorf bei Qerbstedt, Neckend orf bei Eisleben, Rachsdorf bei Lanj^nbogen 
(1120 ßovekestorp), Reindorf bei Gerbstedt (1H8Ü Reindorp), Richardsdorf 
(1301 Richardesdorf bei Eisleben?), Rossdorf bei Eisleben (1121 Rothardesdorf), 
Rübesdorf bei Belleben (1376 Rybstorp), Rullsdorf bei Polleben, Westdorf 
bei Erdeboi-n (1197 Westerendorff), Wissende rf bei Aisleben (1180 Wissendorp). 

Im Gebirgskreise sind zu nennen als noch bestehende Orte : 

Ahlsdorf (14(J0 Allerstorp), Endorf (1215 Ennendorp, 1381 Eynendorp), 
Friesdorf (8. Jahrh. Fridurichesdorpf), Hergisdorf (1252 Herrichsdorf), 
Meisdorf (1219 Meystorp), Möllendorf (1266 Mellendorp), Pferdsdorf 
(1311 Perdestorp), Neu-Platendorf (1339 Platendorp), Thondorf (973 
Duddendorf). 

Zu diesen gesellt sich ebenfalls eine beträchtliche Zahl von Wüstungen: 
Barnsdorf bei Biesenrode, Bunsdorf bei Wimmelrode, Ciosdorf, Estren- 
dorf bei Ermsleben (1296 Esterndoi-p), Garn d orf bei Raramelburg, Haindorf 
bei Biesenrode, Jägersdorf bei Quenstedt, Jossdorf bei Rammelburg, Käns- 
dorf bei Königerode, Kagendorf bei Leimbach, Knochen dorf bei Biesenrode, 
Meissdorf, Neuendorf, Osterdorf bei Harzgerode (1216 Asterendoip), 
Propstdorf bei Wippra, Reinsdorf bei Piseaborn (1304 Regensdorf), Roders- 
dorf bei Braunschwende (992 Redgeresdorf), Schneidelsdorf bei Groifenhagen 
(1387 Sneghelstorp) , Steinsdorf bei Piseaborn, Stoekdorf am Stockbache 
(1121 Stücdorph), Tippeisdorf bei Ahlsdorf (12U) Deippoldestorp). 

Beti-achten wir schliesslich noch diejenigen deutschen Ortsnamen, die auf 
Waldkultur oder Waldrodung hinweisen, so tritt hier der Seekreis als uraltes 
Kultui-land in ganz auffälliger Weise hinter den (iebirgskreis zurück. Nur di-ei 
noch bestehende Orte mit der Endung -rode sind hier zu verzeichnen, nämlich: 
Ab tisch rode bei Eisleben, Bischof rode bei Eisleben (8. Jahrh. Bisgofes- 
dorpf, 12Ö0 mit geänderter Endung Bischoprode, aber noch 1209 Byschopthorp) und 
Wolfe rode (1336 Wolverode). Im Gebirgskreise dagegen ist die Zahl der- 
artiger Namen sehr gross, unter ihnen einzelne recht alt. Ihre Namen sind : 

Abberode (964 Abenrod), Alterode (1107 Rode, 1216 Aldenrode), 
Annarode (1400 Anenrode), Biesenrode (1144 Biseroth, 1168 Bisenrode), 
Blumerode (1239 Blumenrode), Bräunrode (1060 Brunirohtj, Dankerode 
(1327 Dankerode), Friedrichsrode, Harke rode (973 Kerlingorod, 992 Herli- 
carode), Hartwigerode (1060 Hartuuigeroht), Hermerode (1060 Hameren- 
roht), Hilmerode (1060 Hillimeroht), Königerode (962Cuniggarod), Poppo- 
rode, Ritterode (944 Rodigeresrod), Ritzkerode (1046 Rihdagesrot) , 
Rödichen (1387 dat Rodekin), Siebigerode (1040 Sibichenrode), Stangerode 
(1216 Stangerod), Ulzigerode (1381 Olczingerode) , Vatterode (973 Faderes- 
rod), Wernrode (1032 Wyrinthagarod), Wiesenrode (964 Witserod, 1287 
Widizerode), Willerode (1387 Wilrode), Wimmelrode (992 Uuihemannarod), 
Ziegelrode (1311 villa Rodh prope Helbere, ubi lateres decoquuntur). 



Landeskundliclie Einleitung. xvu 



Die Zahl der Wüstungen dieser Gruppe ist noch grösser wie die der noch 
bestehenden Orte. Es sind dies: All rode bei Abberode, Aschenrode oder 
Eschenrode bei Walbeck (1170 Esskenrot), Baderode oder Boderode (1177 
Boderoth, 1272 Buderode), Bauerode bei Pansfelde (1486 Bouerode), Bube- 
rode bei Möllendorf (1394 Bubenrode), Diu tze rode bei Arnstein (992 Thenscia- 
rarod), Dnderode bei Pansfelde, Fleckenrode bei Wippra, Graf enrode bei 
Rotha, Henckeroda bei Lengefeld, Hilw erdinger od e unbekannter Lage, 
Hohen rode bei Biesenrode, Iskerode bei Königerode (992 Isacanrod), Iwe- 
rode bei Arnstein (1387 Ywerode), Kankerode bei Bräunrode (1331 Kankerode), 
Karpenroth bei Rieder (1019 Gardulfesroth), Knechterode nördlich der alten 
Wipper (992 Kreftesrod), Kutz enrode bei Harzgerode (983 Kizanrothe), Mil- 
rode bei Gr.-Wiederstedt (1439 Mühlrode), Ritzkerode beiMansfeld, Schalke- 
rode (1387 Schalkerode), Schnakerode (1387 Snackenrode), Schrappenrode 
bei Steinbrücken, Seirode bei Bräunrode (1387 Seirode, 1486 Sollrode), Sicken- 
rude bei Gorenzen, Stegelrode unbekannter Lage, Teichenrode bei Gross- 
Leinungen (1520 Deukerode), Udersrode bei Annarode (1262 Otisrode), Vrese- 
rode im Harzbann (14(X) Vreserode), Wenkerode bei Gorenzen (1523 
Wenueckenrode), Wiegerode bei Ulzigerode, Wi speirode bei Greifenhagen 
(1170 Bischeperot, 1400 Bischoperode), Wolfe rode bei Königerode. 

Zu den Waldrodungen gehören auch die Ortsnamen mit der Endung -f eld, 
da Feld einen zu Falle gebrachten Waldbezirk bedeutet. Im Seekreise, der 
überaus waldarm ist, kommen dergleichen gar nicht vor; im Gebirgskreise sind 
zu nennen: Creisfeld (1184 Crebezinvelt, 1214 Creuezenvelt), Mansfeld 
(Dorf, Stadt und Schloss, 973 Mannesfelt und Manesfelt), Pansfelde (1276 
Pamezvelde) und die Wüstungen Hatzkerfelde bei Wippra (8. Jahrh. Hatdes- 
feld) und Udenfelde (Muthfeld) bei Ahlsdorf (1347 Udenvelde). 

Auf Rodung durch Feuer, die gewiss nur in frühester geschichtlicher Zeit 
üblich war, deuten im Gebirgskreise die Ortsnamen mit der Endung -schwende 
(von swantjan = schwinden machen). An bestehenden Orten sind zu ver- 
zeichnen: Braunschwende (1381 Bruniswende) , Hilkenschwende (1523 
Hilckenswende), Molmerschwende (1311 Malmerswende) und die Wüstungen 
Atzelnschwende bei Dankerode (V;92 Acelanisuenni), Bodenschwende 
(1370 Badenschwende), Ebernsch wende bei Harzgerode (1179 Everensvende) 
und Gerensch wende bei Königerode (1523 Gerenswende). 

Zahlreicher, aber auch viel reicher an Wüstungen ist die auf den höheren 
Teilen des Vorharzes sich ausbreitende Gruppe von Ortsnamen mit der Endung 
-hagen oder -hain, welche im Seekreise gleich der vorigen völlig unvertieten 
ist. Nur eine Ortschaft dieser Gruppe hat sich bis auf die Gegenwart erhalten, 
das ist Greifenhagen (1184 Grifinhagen). Bei ihr ist, wie bei dem unfern ge- 
legenen Gräfenstuhl (= Grifinstuol) an die Gründung des Ortes durch den 
karolingischen Prinzen Grifo um 747 zu denken. Wüst sind geworden: der alte 
Hain bei Gorenzen, Bettlershagen bei Wippra, Horlehagen bei Horla, 
Lichten hagen bei Wippra (8. Jahrh. Liochodago), Nachte rshagen bei 
Königerode (1565 Echtershagen), Neuenhagen bei Lichtenhagen, Nusshagen 
bei Rotha, Printzhain bei Rammelburg, Rehhagen bei Bodenschwende^ 
Richtershain bei Königerode, Schindershagen bei Walbeck, Schmiedes- 
Manafelder Gebirgskreis. b 



XVin Landeskundliche Einleitung. 



hagen bei Bodeiisch wende, Tautenhain bei Ranimelburg, Yitzenhagen bei 
Königerode (1296 Vizscenhaghen), Wiegenhain bei Moningen (1347 Wigenhain), 
Wolfshagen bei Walbeck (1887 Wulfeshaghen). 

Einzeln vorkommende Ortsnamen werden hier übergangen. 

Endlich ist noch der slavischen Ortsnamen zu gedenken. Am zahlreichsten 
sind dieselben im östlichen Teile des Mansfelder Seekmses. Die am häufigsten 
vorkommende Ortsnamenendung ist -itz, seltener -ist. Hierher geholfen : Elbitz 
(1288 Elewitz), Freist (992 Frezisci), Uödewitz (1288 (i^odewitz), Hübitz 
(992 Hubisci), Ihlewitz (1212 Ilewitz, 14(X) Ullewitz), Kloschwitz (1215 
Clotzenbitze), Lochewitz (1367 Lochwitz), Oeste (992 Osutiscie), Reidewitz 
(992 Riedawizi), ISchochwitz (1133 Scochwize), Strenz (964 Strenz), Trebitz 
(1376 Tiebiz), Volkmaritz (1376 Volgkmariz), Zabitz (992 Siabudisci), Zasch- 
witz (1156 Zcestewice), Zellewitz (992 Cedlisciani ?), Zickeritz (1174Cikeriz), 
Zörnitz (1247 Zcernitz, 1408 Tzorntz) und die Wüstungen: Bandewitz (bei 
Trebitz?), Clausnitz oder Kleissnitz bei Neehausen, Delitzsch, bei CöUme, 
Dresewitz bei Gerbstedt, Dröglitz oder Dörlitz bei Zabitz (992 Drogolisci), 
Ibitz bei Teutschenthal (932 Liubisici), Jerkwitz bei Neehausen, Kribitz 
(bei Salzmünde?), Mäckeritz bei Onölbzig (1376 Mokerit), Plossnitz oder 
Flosse bei Zaschwitz (1400 Flosze), Osnitz bei Teutschenthal (8. Jahrh. Osniza), 
Predenitz, vermutlich bei Alsleben, Reckewitz zwischen Belleben und Als- 
leben, Schlenz bei Gerbstedt, Wedewitz (bei Finedeburg?), Welitz bei Deder- 
stedt (1288 W^elicz), Zedewitz bei Gödewitz (1156 Tsiteuice), Zins oder Zinnitz 
bei Schochwitz. 

Eine andere Gruppe bilden die Ortsnamen auf -in, -ina, -ine, -ini. Hierher ge- 
hören Teutschenthal (8. Jahrh. Dussina, später Deussen), Quiltschina bei 
Salzmünde (1295 Quiltschene) , Rumpin bei Friedeburg (952 Rupina, 1164 
Rumpene), Steuden (8. Jahrhundert Studina) und Strausshof bei Gerbstedt 
(1264 Strosne), dazu die W^üstungen Drosehna bei Alsleben (1376 Drosene), 
Pforten oder Porte bei Alsleben (973 Purtin), Uden bei Salzmünde (8. Jahrh. 
üuodina). 

Einzeln vorkommende slavische Ortsnamen sind von noch bestehenden 
Orten: Cöllme (8. Jahrh. CoUimi), Gnölbzig (1135 Glinibs, 1400 Gnelptzk), 
Kloppan bei Gerbstedt, Krimpe (1609 Krumpen), Nelben (1220 Nelebi), 
Räther (1320 Reder, 1400 Reyter), Siebenhitze bei Eisleben und auch bei 
Kloster-Mansfeld (= Galgenstätte). Dazu die Wüstungen Klein- Gönnern bei 
Gerbstedt (1438Konrik), Kliste bei Gnölbzig (1370Klist), Plötzke bei Alsleben 
( 1370 Plötze) , Rothewelle bei Gerbstedt (973 Rodonuualli, 1140 RodeweUe 
J192 Rodwele), Schlewe bei Strenz (964 Scoleve? 1267 Slavis) u. a. m. 

Im Gebirgskreise ist die Zahl der slavischen Ortschaften natürlich viel ge- 
ringer, da er weiter von der Saale entfernt liegt, doch immerhin grösser, als man 
vermuten sollte. Erhalten hat sich bis auf die Gegenwart allein Gorenzen 
(1565 Jorenxs), an Wüstungen finden sich: Kämmeritz bei Walbeck (1196 
Kemeriz), Löbnitz bei Annarode (1394 Löbnitz), Löbnitz oder Lopz bei 
Arnstedt (1339 Lopz, 1387 Lobenitz), Politz bei Arnstein (964 Padelitz, 12t)4 
Podelitz) und Zobeckau oder Zöbigker bei Arnstedt (1060 Zobikeri, 1262 
Cebekere). 






J 



Landeskundliche Einleitung. xix 



Stellen wir nun die Gruppen der am häufigsten vorkommenden Ortsnamen ^ 
einander vergleichend gegenüber, so ergiebt sich folgendes Verhältnis: 



be mit der 
Endung 


im ßeekreifle 
besetzt: wüst: 


im Oebirgskreise 
besetzt: wflst: 


-leben 


9 


3 


4 


2 


-stedt 


13 


8 


k * 


1 


-dorf 


22 


20 


9 


21 


-rode 


3 




27 


33 


-feld 


— 





4 


2 


-schwende 


— 




3 


4 


-hagen 






1 


16 


-itz, ist 


17 


18 




4 


-in, -ine, -ene 


5 


3 







verschied, slavische 








Endungen 


7 


5 


1 


1 



Es zeigt sich also, dass bei den Orten auf -leben die Zahl der Wüstungen fast 
nur ein Drittel der Zahl der besetzten Orte ist, ein Verhältnis, das noch mehr 
ins (lewicht fällt, wenn man bedenkt, dass mehrere der hierher gehörigen 
Wüstungen nur gleichnamige Tochterdörfer älterer Siedelungen sind, z.B. Klein- 
Eisleben, Klein -Ermsleben, Ober-Welbsleben. (lanz ähnlich steht es mit den 
Orten auf -stedt (17 besetzte Orte gegen 9 eingegangene). Von den Orten mit 
der Endung -dorf hat sich im Seekreise die grössere Hälfte (22 von 42), im Oe- 
birgskreise dagegen kaum ein Drittel (9 von 30) erhalten. Von denen auf -rode 
haben sich im Seekreis alle drei ursprünglich vorhandenen erhalten, im Oe- 
birgskreise von etwa 60 ursprünglich vorhandenen kaum die Hälfte (27). Unter 
den Orten mit der Endung -feld ist die Zahl der noch bestehenden doppelt so 
gross, als die der eingegangenen (4 gegen 2), bei denen auf -schwende ist die 
Zahl beider gleich gross (3 : 3). Dagegen hat sich von den 17 Orten mit der 
Endung -hagen nur ein einziger auf die Jetztzeit gerettet. Bei den slavischen 
Orten mit der Endung -itz, -ist zeigt sich im Seekreise die Zahl der besetzten 
und der wüsten Orte fast gleich (17:18), während im Oebirgskreise alle vier 
Dörfer dieser Gruppe eingegangen sind. Von den übrigen slavischen Orten ist 
die Mehrzahl erhalten geblieben. 

Dieses Verhältnis ist ausserordentlich lehrreich, denn eindringende Forschung 
gelangt auf Grund desselben zu dem wichtigen Siedelungsgesetz, dass diejenigen 
Ortsgruppen , welche die geringste Zahl von Wüstungen aufzuweisen haben, die 
ältesten sind, wogegen diejenigen Orie die verhältnismässig jüngsten Gründungen 
sind, bei denen die Zahl der Wüstungen die verhältnismässig grösste ist. Der 
Orund für diese Erscheinung liegt auf der Hand. Da nämlich die ersten Ansiedler 



^ NähereB über die besprochenen Orte geben folgende Untersuchungen: 

H. Grössler, Erklärung der deutschen Ortsnamen des Mansfelder Seekreises, und 

Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder Gebirgskreises (Zeitschrift des Harzvereins XVI, 

S. 102— 128 und XIX, S. 32ö— 360. 1883 u. 1886.) Femer: H. Grössler, Die Wüstungen 

de« Friesenfeldes und Hassegaues (Zeitechr. des Harzver. Vill, S. 385— 424 und XI, S. 119 

bis 2H1. 1875 und 1878.) H. Grössler u. A.Brückner, Die slavischen Ansiedelungen im 

Hasaengau. (Archiv für slavische Phüologie V, S. 333-369.) 

b* 



XX Landeskundliche £in1eitung. 



sich die die meisten Vorteile gewährenden und stetige Dauer verbürgenden Plätze 
aussuchen konnten, an welchen alle natürlichen Bedingungen des Gedeihens vor- 
handen waren, so erklärt es sich, warum gerade die ältesten Orte im Durch- 
schnitt die festeste Dauer hatten. Denn w^ohi konnten sie infolge grosses Miss- 
geschicks zeitweilig verlassen, aber niemals auf die Dauer aufgegeben werden. 
Eingegangen sind nur solche Orte, dei*en Gewässer — sei es nun in Folge der 
fortschreitenden Entwaldung, sei es infolge des stärker betriebenen Bergbaues — 
versiegten; oder solche, deren Bewohnern das dauernde Verweilen an der bis- 
herigen Wohnstätte durch stetig wiederkehrende Überschwemmungen — so z. B. 
in der Saalaue — unmiiglich gemacht wurde; oder solche, deinen artbar gemachtes 
Ijand sich nachträglich doch zu wenig ertragsi-eich erwies, als dass die Aufrecht- 
erhaltung der Sondersiedelung gelohnt hätte; endlich solche, deren Bewohner 
räuberischen Angriffen zu sehr ausgesetzt waren und sich leicht an Nachbarorten 
ansiedeln konnten, von welchen aus der ui-sprüngliche Zweck der Siedelungs- 
anlage ebensowohl erreicht werden konnte, wie von dem bisherigen Wohnorte 
aus. Es ist demnach ein starker, aber leicht zu widerlegender Irrtum, wenn fast 
allgemein angenommen wnrd, die Entstehung der Wüstungen sei fast ohne Aus- 
nahme auf die verderblichen Wirkungen des dreissigjälirigen Krieges zurück- 
zuführen, denn es dürfte schwer sein, auch nur betreffs einer einzigen diesen 
Nachweis zu führen; vielmehr sind fast alle Wüstungen in beiden Kreisen ohne 
eine einzige Ausnahme schon vor dem dreissigjährigen Kriege entstanden und 
als solche schon vor demselben nachweisbar. 

5. Die Anlage der Dörfer und Gehöfte, sowie die Bauart 

der Häuser.* 

Die Dörfer in beiden Kreisen kennzeichnen sich da, wo sie von Deutschen 
gegründet sind, als deutsche meist schon durch die Unregelmässigkeit ihrer An- 
lage, indem bei ihnen die Anordnung der Höfe durchaus keinem festen Plane 
unterliegt. Je unregelmässiger und winkliger ein Dorf angelegt ist, um so 
sicherer kennzeichnet sich dasselbe als ein in die Urzeit zurückreichendes, alt- 
deutsches „Haufendorf." Wesentlich verschieden von den Haufendörfern sind 
die Strassen- oder Doppelzeilendörfer, deren Höfe zu beiden Seiten einer 
mehr oder weniger langen, regelmässigen Strasse aufgereiht sind, so dass man 
von der Rückseite eines jeden Hofes unmittelbar auf das Feld gelangen kann. 
Eine derartige Anlage gehört ohne Zweifel einer jüngeren Zeit der Besiedelung 
an, zumal dieselbe vielfach sich auch bei manchen ehemals slavischen Dörfern 
findet, sodass sie möglicherweise den Slaven entlehnt ist. Im entschiedenen 
Gegensatze zu dem unregelmässig angelegten oder richtiger entstandenen ur- 
deutschen Haufendorfe stehen die anscheinend nur den Slaven eigenen Rund- 
lingsdörfer, in welchen die Höfe um einen inneren, meist mit einem Dorfteiehe 
oder Brunnen versehenen Ring kreis- oder schloifenförmig in einer einzigen 
fortlaufenden Reihe angeordnet sind, sodass die aus Haus, Hof und Garten zu- 

1 Über Dorfanlagen, Hausbau u. dgl. vergleiche: August Meitzen, das deutsche 
Haus in seinen volkstümlichen Formen. Berlin, Dietrich Reimer, 1882. S^, K. Rhamm, 
Dorf und Bauernhof im altdeutschen Lande, wie sie waren und wie sie sein werden. Leipzig» 
Fr. Wilh. Grunow. 1890. 80. 



w 



Landeskundliche Einleitang. xxi 



sammengesetzten Grundstücke von dem nur durch eine Sackgasse zu erreichenden 
Dorfplatze aus fächerförmig nach dem Felde zu ausstrahlen , von welchem sie 
durch einefi ebenfalls in Kundlingsfoim verlaufenden Zaun mit vorgelegtem 
Graben getrennt sind. Noch jetzt sind manche Dörfer des Mansfelder Seekreises 
auf den ei'sten Blick als Rundlingsdörfer zu erkennen, während andere, durch 
jüngere Anbauten erweiterte , wenigstens in ihrem Kerne bei aufmerksamer Be- 
trachtung des Grundrisses sich als ehemalige Rundlingsdörfer erweisen. 

Doch noch eine andere Eigentümlichkeit ermöglicht es, ziemlich leicht ein 
von Deutschen angelegtes Gehöft von einem durch Slaven angelegten zu unter- 
scheiden, überall nämlich, wo eigentliche Scheunen für das Gehöft nicht vor- 
gesehen sind oder doch nicht innerhalb des Gehöftes stehen, wird man mit Sicher- 
heit auf slavische Anlage des Gehöftes schliessen dürfen, weil der Slave 
eigentliche Scheunen, die auf den deutschen Bauerhöfen gerade die grössten und 
kostspieligsten Gebäude zu sein pflegen, nicht kennt oder, wo er den Gebrauch 
derselben von den Deutschen übernommen hat, sie in der Regel ausserhalb des 
Hofes an der Stelle erbaut hat, an welcher seine Feimen oder Diemen standen, 
mit denen er sich früher zur Aufbewahrung seines Getreides ausschliesslich zu 
behelfen gewohnt war. 

Übrigens ist der deutsche Ursprung eines Dorfes, abgesehen von der Unregel- 
mässigkeit der Anlage, auch noch an der nach dem verschieden abgestuften 
Besitz der Bewohner bemessenen und nur bei den Deutschen wahrzunehmenden 
Mannigfaltigkeit in Ausmessung, Aufbau, Einrichtung und Ausstattung der einzelnen 
Gehöfte und Gebäude zu erkennen, jenachdem Bauern, Hinter- oder Kotsassen 
(Kossäten) oder gar nur Häusler und Tagelöhner die Erbauer waren. 

Da femer die Bevölkerung der beiden Kreise aus verschiedenen Stammes- 
elementen zusammengesetzt ist, so kann es nicht befremden, dass auch die von 
den Gründern für das Wohnhaus ausgesuchte Lage innerhalb des Gehöfts, 
je nach der Stammesart, eine verschiedene ist. Von dem niedersächsischen 
Einbau freilich, der Menschen und Vieh unter demselben Dache schützend vereint, 
ist in den beiden Kreisen wohl kaum noch eine Spur zu finden. Dagegen findet 
sich, noch im Kampfe miteinander begriffen, neben und durch einander thürin- 
gische und fränkische Eigenart. Während es dem Franken vor allem darauf 
ankommt, für die an der Strassenecko seines Giebelhauses befindliche Wohnstube 
die Aussicht sowohl auf die Strasse, wie auf den Hofraum zu wahren, ist es dem 
Thüringer vor allem darum zu thun, dass sein Wohnhaus Sonnenlage habe. Alle 
altbäuerlichen deutschen Häuser in unseren Kreisen haben darum nicht Strassen-, 
sondern Sonnenrichtung, d.h. das Haus ist mit seinen Giebeln stets nach Osten 
und Westen gerichtet, mit der Hauptlangseite aber nach Süden, so dass die 
Fenster der Wohnstube die Mittagssonne erhalten, wobei es also vom Zufall ab- 
hängt, ob und in welcher Weise das Haus mit der Strasse in Berührung kommt. 
Läuft dieselbe zufällig von Nord nach Süd, so kommt das thüringische Bauern- 
haus quer an die Strasse zu stehen, gerade wie das fränkische Haus, wobei es 
dem Erbauer gleichgiltig war, ob die Wohnstube den dem Franken unentbehrlichen 
Ausblick auf die Stra.sse erhielt. Lief jedoch die Strasse von Osten nach Westen, 
so wurde das Haus in die gleiche Richtung längs derselben gelegt, so dass die 
Bewohner von der Nordvseite des Hauses in Hof und Garten blickten. Da dieser 



xxn Landeskundliche Einleitnng. 



Sonnenbau sich sonst nur noch im germanischen Norden, am Niederrhein und 
in einigen Strichen Oberdeutschlands findet, so ist sein Vorhandensein in unsern 
Kreisen, der im geschlossenen Dorfe eine ganz unregelmässige Hofanlage rait 
sich führt, ein starkes Zeugnis für die Abkunft ansehnlicher Teile der ehemaligen 
Besiedler aus Nordgermanien, im besondern von den schon im dritten oder 
vierten Jahrhundert nach Chr. G. hier eingewanderten Angeln und Warnen. Freilich 
ist diese alttliüringische Hofanlage an vielen Orten durch allerhand fremde Einflüsse, 
namentlich durch fränkische, in Verfall geraten, indem man von den Franken 
mehr und mehr die Giebelrichtung des Hauses nach der Strasse zu entlehnte. 

In neuerer Zeit ist nun aber in unseren, wie in den benachbarten Kreisen, 
eine ganz neue Bauart aufgekommen, welche sich weder an den altthüringischen 
Sonnenbau, noch an den fränkischen Giebelbau anschliesst, aber die Ost -West- 
Richtung des ersteren angenommen hat, das ist das moderne Langhaus, eine 
durch nichts gerechtfertigte Übertragung städtischer Bauweise auf das Dorf. 
Dieses Haus wendet im Gegensatze zu den alten Wohnhäusern, welche ihre Stirn 
stets dem Hofe zukehren, die ihrige stets dor Strasse zu, so dass alle Haupt- 
räume, die Wohnstube voran, den Ausblick auf die Strasse haben, während 
Küche und Kammern auf den Hof schauen. Bei dieser Art der Anlage ist nicht 
mehr der Zweck der Wirtschaft und der Überwachung der Hofbewohner mass- 
gebend, sondern die Absicht, durch eine stattliche Aussenseite zu glänzen und 
das Innere des Hofraumes mit seinem Düngerhaufen dem Auge des Vorüber- 
gehenden möglichst zu entziehen. 

Was nun den Bau des Wohnhauses selbst angeht, so ist der uralte, einst 
auch hier gebräuchliche Schrot- oder Blockhausbau, dessen Wände aus über- 
einandergelegten, an den Ecken verzapften Balken bestehen, aus unseren Kreisen 
längst verschwunden; vielleicht dass auf dem Unterharze in den Walddörfern 
noch eine Spur desselben wahrzunehmen ist. An die Stelle desselben ist jedoch 
eine einigermassen verwandte Entwickelung getreten, das ist der Riegel- oder 
Fachwerkbau, der das Gerüst des Hauses aus einem durch Riegel und Streben 
verbundenen Ständerwerke herstellt, dessen Ausfüllung in früherer Zeit durch 
ein um senkrecht eingesetzte Stäbe geschlungenes, mit Strohlehm bekleidetes Ge- 
flecht bewerkstelligt wurde, neuerdings aber fast ausnahmslos durch Mauerwerk 
aus Bruch- oder Backsteinen. Stellenweise wird der Riegelbau für den unteren 
Stock auch durch Wellerwand, d.h. eine reine Erd- oder Lehmwand mit ein- 
geknetetem, gehacktem Stroh, ersetzt Natürlich fehlt es auch nicht an dem reinen 
Bruchstein- oder Backsteinbau. In den Bergbaugegenden ist die Ver- 
wendung der fast schwarz aussehenden, ungefügen und leicht splitternden Form- 
schlacke bei geringeren Bauten wegen des billigeren Preises derselben beliebt 
In den Städten sieht man noch hier und da bei älteren, zweistöckigen Häusern 
das Ständerwerk des Oberstocks etwas über den unteren Stock vorgeschoben 
und die Balkenköpfe, Rahmschwellen und Füllhölzer mehr oder minder künstlerisch 
behandelt. Die alten, moosbewachsenen Strohdächer aber haben nunmehr, auch 
auf dem Lande, fa^t überall dem Ziegeldache Platz machen müssen. 



Landeskundliche Einleitung. xxm 



6. Die Abstammung der Bevölkerung 
und ihre Mundarten. 

Was nun die Abstammung und Zugehörigkeit der Bevölkerung 
in beiden Mansfelder Kreisen betrifft, so waren dieselben um die Zeit von Christi 
Geburt ohne Zweifel von Hermunduren, also Germanen besetzt. Als Nachkommen 
dieser Hermunduren sind die Thüringer (Toringer oder Duringe) zu betrachten, 
Avelche sich jedoch, vielleicht schon im dritten oder vierten Jahrhundert n. Chr. G., 
mit suebischen Völkei-schaften, die von der Küste der Ostsee und der cimbrischen 
Halbinsel in das heutige Thüringen gezogen sind, vermischt haben. Der Name 
der neuen Zuzügler, nämlich der Angeln und Warnen oder Weriner, erhielt 
sich mehrere Jahrhunderte hindurch in den Namen einiger nach ihnen benannter 
Gaue, des an der mittleren Unstrut gelegenen Gaues Engilin oder Englehem 
(=: Angelnheim) und des östlich der Saale gelegenen Gaues Hwerenaveldo 
(= Gefilde der Weriner), ging aber schliesslich in dem der hermundurischen 
Diiringe unter. ^ Diesen anglischen und warnischen Zuzüglern ist die Gründung 
derjenigen Ortschaften zuzuschreiben, deren Name die Endung — stedt oder — 
leben trägt. Schon um den Beginn des fünften Jahrhunderts, wo der Name 
der Thüringer zuerst genannt wird, muss man sich die Verschmelzung der westlich 
der Saale angesiedelten Angeln und Weriner mit den Nachkommen der Hermun- 
duren als vollzogen denken, infolge deren ein Fürst aus anglischem Blute zum 
König des neuen thüringischen Stammes erhoben worden zu sein scheint. Als 
erster uns bekannter König dieses Thüringerreiches erscheint in der zweiten 
Hälfte des fünften Jahrhunderts Basinus oder Bisino, dessen Königssitz höchst 
wahrscheinlich die im Mansfelder Seekreise gelegene Bösenburg (urkundlich Bi- 
siniburg) war, wie auch die Orte Besenstedt (Bisinistede) und Biesenrode (Bisen- 
rot), desgleichen Königswiek unweit Besenstedt diesem Bisino ihren Ursprung 
verdanken dürften. Im Jahre 531 aber wurde durch die mit einer sächsischen 
Abenteurerschar verbündeten Franken dem thüringischen Königreiche ein Ende 
gemacht, und nun erhielten die Sachsen zum Lohn für die von ihnen gewährte 
Waffenhilfe alles Land zwischen Saale, Unstrut, Harz und Bode, also auch alles 
Land, welches heutzutage die beiden Mansfelder Kreise umfassen. Seit dieser 
Zeit wurde der nördliche Teil des ehemaligen thüringischen Königreichs, das die 
Wiege des thüringischen Königsgeschlechtes gewesen, zu Sachsen gerechnet und 
seine Bewohner als Sachsen bezeichnet. Doch schon wenige Jahrzehnte später 
verliessen die sächsischen Eroberer ihre neugewonnene Heimat, um im Verein 
mit den ihnen verwandten oder doch befreundeten Langobarden sich in Italien 
eine noch schönere zu gewinnen. Die fränkischen Könige machten sich diese 
Gelegenheit sofort zu nutze und siedelten alsbald nach dem Abzüge der Sachsen 



> Vgl. hierzu folgende UnterBuchungen von H. Grösaler: Der Name der Gaue 
Suevon, Hassegau und Friesenfeld. (Neue Mitteil. XVH, 8 207—210.) — Wo sassen die 
Weriner der lex Thuringorum? (Neue Mitteil. XVI, S. 409— 419.) — Der gemeinsame 
Umfang der Gaue Friesenfeld u Hassegau (Zeitschr. des Harzvereins VI, S. 267—286 (1873) 
und IX, S. 105—109 (1876.) — Die Besiedelung der Gaue Frieseufeld u. Hassegau (Zeitschr. 
des Harzver. VIII, 8.92—131.) — Die Binnengrenzen der Gaue Friesenfeld u. Hassegau 
(Zeitschr. des Harzver. IX, S. 51— 105.) 



XXIV LaDCJeskundliche Binleitung. 



in dem von diesen verlassenen Lande zwischen Bode, Saale, Unstnit und Harz 
Schwaben und andere Völkerschaften an, die nun auf ihren neuen Besitz 
ihre Namen übertrugen. Obwohl die Berichterstatter dieser Ereignisse nur die 
Schwaben ausdrücklich nennen, so lassen sich doch aus später hervortretenden 
Gau- und Flussnamen die Namen der neuen Einwanderer mit fast unumstösslichpr 
Sicherheit entnehmen. Denn wenn wir sehen, dass in eben dieser Oegend einige 
Jahrhunderte später die Namen Schwabengau, Hosgau und Friesenfeld 
auftauchen, so ist klar, dass diese Namen, von den wahrscheinlich schon mit den 
Sachsen eingewanderten Friesen abgesehen, von den Ansiedlern hergenommen 
oder gegeben sind, welche die von den Sachsen aufgegebenen Gaue in Besitz? 
genommen hatten und auch, als diese etwa um das Jahr 575 zurückkehrten und 
ihre ehemaligen Sitze zurückforderten, gegen sie siegreich behaupteten. Den 
Hauptkern der neuen Ansiedler machten, wie schon bemerkt worden, die 
Schw^aben aus, welche auch als die am weitesten im Norden zurückgebliebene 
Abteilung des grossen schwäbischen Stammes von den mittelalterlichen Bericht- 
erstattern als Nordschwaben (Nordosquavi) bezeichnet werden. Der Gau, 
welcher von ihnen seinen Namen empfing, lag zwischen Saale, Schlenze, oberer 
Wipper, Selke und Bode, umfasste also u. a. ausser dem nördlichen Zipfel des heutigen 
Mansfelder Seekreises fast den ganzen heutigen Mansfelder Gebirgskreis. Ein in 
diesem gelegenes altes Dorf wurde darum auch zum Untei^chiede von einem 
gleichnamigen, in dem benachbarten Harzgaue gelegenen, Schwaben-Quen- 
stedt (Swaf — Quenstide) genannt. Kaum minder zahlreich, als die Schwaben, 
müssen die mit ihnen eingewanderten Hosingen (852 Hohsingi) gewesen sein, 
von welchen das I^and zwischen Schlenze, Saale, Unstrut, Forst, Wüste, Heide, 
oberem Wildenbach und oberer Harzwipper den Namen Hosgau (780 Hohsegowe, 
Hosgewe, 932 Hosgowe, 947 Hossegawe 968 Hosgewe, später Hassega und 
Hassengowe) empfing, ein Gau, der übrigens wegen seiner Grösse in einen 
nördlichen und einen südlichen geschieden wurde. Die Grenze zwischen 
dem nördlichen und südlichen Hosgau bildeten die Salze, der Bindersee, der süsse 
See und noch weiter nach Westen zu der Lauf der bösen Sieben oder, wie sie 
im früheren Mittelalter genannt wurde, des wilden Baches. Daraus ergiebt sich, 
dass der jetzige Mansfelder Seekreis zum allergrössten Teile aus dem nördlichen 
Hosgau hervorgegangen ist. Nur der westliche Streifen dieses Gaues ist zum 
Gebirgskreise geschlagen worden. Wie zum Ersatz für dieses ihm verloren ge- 
gangene Stück des nördlichen Gaues ist dem Seekreise der nördliche Strich des 
südlichen Hosgaues südlich von der bösen Sieben und den beiden Seen zugelegt 
worden. Während nun aber der Name der Schwaben und Hosinge sich als 
Gauname noch Jahrhunderte laug erhielt, hat sich der Name eines anderen 
germanischen Völkchens, das zugleich mit den Schwaben und Hosingen westlich 
der Saale eine Heimstätte gefunden hat, nur in einem Flussnamen erhalten, ver- 
mutlich weil die Zahl dieser Ansiedler nicht gross genug war, um einen eigenen 
Gau bilden zu können; das ist der Name einer aus dem heutigen Schlesien (früher 
Silensi) ausgew^anderten Schar von Silingen, deren Andenken in dem Flussnamen 
Schlenze (an der Grenze zwischen Schwabengau und Hosgau) noch fortlebt. 

Den Gau Friesenfeld endlich begrenzten ein Teil des UuvStrutJaufs, die 
kleine Helme, die grosse Helme, der Sachsgraben (zwischen Sangerhausen und 



Landeskundliche Einleitung. xxv 



Wailhausen) mit dessen nördlicher Fortsetzung, dem Friesengraben, der Oberiauf 
des Leinebaohs, der wilde Weg (979 Uuillianuuech — zwischen Rotha und 
Horla) und der Lauf der oberen Wipper, während die böse Sieben ihn auf einer 
Strecke ihres Laufs von dem nördlichen Hosgau schied. Der nördliche Teil 
dieses Gaues gehört heutzutage zu dem Mansfelder Gebirgskreise, nämlich 
Horla mit dem Bodenschwende, Morungen, ein Teil von Leinungen, Wippra, 
Friesdorf, Piskaborn und Wimmelrode, während Rotha, Passbruch und Neuhaus, 
Hilkenschwende und Dankerode mit zu dem Schwabengau gehört haben. 

Fragt man nun, welche Orte diesen neuen Ansiedlern wohl ihre Entstehung 
verdanken mögen, so bietet sich die zahli^eiche Gruppe derjenigen Ortsnamen, 
welche mit dem Grund worte — Dorf zusammengesetzt sind, ganz ungesucht dar. 
Denn dieselbe kommt im Hosgau ausserordentlich häufig, im thüringischen Kem- 
lande dagegen fast gar nicht vor, kann also nicht schon aus der Zeit des thürin- 
gischen Königreichs stammen, sondern muss einen späteren, wenn auch weit in 
das frühe Mittelalter zurückreichenden Ursprung haben, da diese Ortsnamen schon 
im achten Jahrhundert ma»ssenhaft in unseren Kreisen erscheinen. Die weit über- 
wiegende Zahl der so benannten Ortschaften muss also infolge jener grossen Ein- 
wanderung in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts entstanden sein, 
wenn auch manche von ihnen eines etwas späteren Ursprungs sein mögen. 

Kaum hatten nun aber die von dem fränkischen Könige zugelassenen Ein- 
wanderer Zeit gehabt, sich in der neuen Heimat einzurichten, so erschien im 
Osten an der Saale, also an der Grenze des vielbegehrten Landes, etwa um das 
Jahr 600, ein für sie äussei*st gefährlicher Feind, das slavische Volk der Serben 
oder Sorben. Schon um diese Zeit durfte wohl, wie es später geschieht, die 
Saale als derjenige Muss bezeichnet werden, welcher Thüringer und Sorben 
scheide. Doch blieb er nicht Grenzscheide, denn auch über diesen Fluss drangen 
die Slaven vor und gründeten in dem östlichen Teile des Schwabengaues und 
Hosgaues, wie überhaupt im östlichen Thüringen , eine bedeutende Anzahl von 
Niederlassungen, die meist schon an den ihren Namen eigentümlichen Endungen 
-itz, -in, -ow u. a. erkennbar sind. Wahi*scheinlich fand diese Ansiedelung auf 
der westlichen Seite der Saale schon in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahr- 
hunderts statt, in der Periode schmachvoller Schwäche des merowingischen Herrscher- 
geschlechts. Freilich werden nach dem abermaligen Erstarken der fränkischen 
Reichsgewalt jene gewaltsam eingedrungenen slavisehen Ansiedler nur als fränkische 
Unterthanen, nur durch Anerkennung der fränkischen Könige als ihrer Landes- 
herren, in ihrem durch Eroberung gewonnenen Besitze unbehelligt geblieben sein. 

Damals also müssen die slavisehen Ansiedelungen in den beiden Mansfelder 
Kreisen — im Gebirgskreise der Lage entsprechend sehr gering an Zahl — ent- 
standen sein, wenn auch zuzugeben ist, dass auch noch in den nächsten Jahr- 
hunderten kriegsgefangene Slaven zwangsweise in kleineu Yordörfern in der 
Nähe deutscher Ortschaften angesiedelt worden sein mögen, z. B. in den mehr- 
fach, so in Eisleben, Kloster Mansfeld, Pölsfeld, Allstedt, vorkommenden Sonder- 
siedelungen, welche den Namen Siebenhitze (= Galgenstätte, Platz am Galgen) 
tragen, da man den verachteten Slaven, welche als Kriegsgefangene angesiedelt 
wurden, die von den Deutschen gemiedenen örtlichkeiten zur Niederlassung an- 
zuweisen pflegte. 



XXVI Landeskundliche Einleitung. 



Die slavischen Einwanderer waren gleichsam die letzte aufgespülte Schicht, 
die aus der Brandung und Überschwemmung der Völkerwanderung an der 
mittleren Saale zurückblieb, denn neue Einwanderer in bedeutender Zahl hat 
späterhin diese Ijandschaft nicht mehr aufgenommen. Wohl aber trat den Slaven 
gegenüber mit der fortschreitenden Festigung des fränkischen Reiches ein an- 
dauernder und erfolgreicher Rückschlag ein. Eine Reihe fester Burgen wurde 
auf dem linken Ufer des Flusses erbaut, die nachweisbar oder doch vermutlich 
einer sehr frühen Zeit angehören und ohne Zweifel die Bestimmung hatten, ein 
Damm gegen die slavische Sturmflut zu sein, so Alsleben, Friedeburg, Klotzen- 
burg bei Cioschwitz, Salzmünde, I^ettin (urk. Liudineburg) u. a. m. Infolge dieser 
Absperrung konnte sich das slavische Volkstum auf dem linken Ufer der Saale, 
wo es dem Einflüsse der deutschen Kultur und den germanisierenden Be- 
strebungen der christlichen Kirche und der deutschen Grundherren am stärksten 
ausgesetzt war, nicht behaupten, obgleich es seine Eigenart lange genug zähe zu 
behaupten verstanden hat, da noch im Jahre 1201 in Teutschenthal, einem trotz 
seinem deutsch klingenden Namen von Slaven gegründeten und bewohnten Dorfe 
des Mansfelder Seekreises, dessen ältester urkundlicher Name Dussina, später 
Dusne und Densen lautet, Slaven als Bewohner erwähnt werden („decina sclavis 
de Deusen danda''). Jedesfalls aber ist noch während des Mittelalters die 
slavische Sprache westlich der Saale erloschen und nur Dorf- und Flurnamen er- 
innern hier und da noch an die Nationalität der früheren Bewohner. 

Wenn sonach schon seit vielen Jahrhunderten die Sprache sämtlicher Be- 
wohner der Mansfelder Kreise die deutsche ist, so sprechen dieselben dennoch 
nicht alle dieselbe Mundarf.^ Denn nicht nur wird westlich der Linie Piskabom, 
Wimmelrode, Biesenrode, Greifenhagen, Meisberg, Ritterode, Walbeck und Am- 
stedt die unterharzische, in Moningen, Leinungen und Horla die nord- 
thüringische, in Belleben, Piesdorf, Strenz-Naundorf und Aisleben eine mit 
der anhaltischen verwandten Mundart gesprochen, sondern auch die in der 
bei weitem grössten Zahl der mansfeldischen Ortschafton gesprochene mans- 
feldische Mundart lässt sich in drei Untermundarten, die nordmansfeldische, 
westmansfeldische und ostmansfeldische, scheiden. Die nordmansfeldische 
Mundart umfasst die Orfschaften des Wipperthaies von der Stadt Mansfeld an 
bis zum Dorfe Ober-Wiederstedt, also Mansfeld, Leimbach, Gross-Ömer, Burg- 
örner, Molmeck, Hettstedt, Ober-Wlederstedt und ausserdem noch Gerbstedt Die 
westmansfeldische umfasst im wesentlichen das Gebiet der bösen Sieben und 
ihrer Zuflüsse, dringt jedoch südlich von der Stadt Mansfeld bis zur Wipper, ja 
an einer Stelle über dieselbe vor. Die zu ihr gehörigen sogenannten Gnmddörfer 
Wimmelburg, Creisfeld, Hergisdorf, Ahlsdorf und Ziegelrode gelten manchen für 
die Heimstätte der eigentlichen und unverfälschten Mansfeldischen Mundart Die 
Grenzortschaften dieses Gebietes sind: Homburg, Holzzelle, Äbtischrode, Bischof- 
rode, Schmalzerode, Bornstedt, Klosterode, Blankenheim, Annarode, Gorenzen, 
Möllendorf, Vatterode, Gräfenstuhl, Ijeimbach, Thondorf, Siersleben, Augsdorf, 



* Vgl. hierzu: R. Jecht, Grenzen u innere Gliederung der Mansfelder Mundart. 
(Zeitschr. des Harzver. XX, S. 96-115. 1887.) — H. Grössler, Die Mansfelder Mundart, 
ihre Grenzen, innere Gliederung und Abkunft. (Mansfelder Blätter IV, S. 1 — 14. 1890.) 



Landeskundliche Einleitong. xxvii 



Helmsdorf, Heiligenthal, Ijochwitz, Bösenburg, Burgsdorf, Hedersleben, Dederstedt 
Volkmaritz, Neehausen, Höhnstedt, Rollsdorf, Seeburg, Aseleben , Erdoborn. Die 
ostraansfeldisehe umfasst im wesentlichen das Gebiet der unteren Schlenze 
und ihres Zuflusvses, des Fleischbaches, sowie das Gebiet des Salzigen Sees ein- 
schliesslich der Nebenflüsse derselben, nämlich derWeida, des Würdebaches und 
der Laweke; nur die Oberläufe dieser Flüsschen fallen zum Teil ausserhalb dieses 
Gebietes. Die TJnie seiner grössten Ausdehnung liegt zwischen den Ortschaften 
Gnölbzig a. d. Saale im Norden und Dornstedt im Süden, östlich scheint die 
Saale die Grenze zu bilden. 

Vergleicht man nun den Umfang der ehemaligen Gaue mit dem räumlichen 
Umfange der hier in Betracht kommenden Mundarten, so stellt sich das über- 
raschende Ergebnis heraus, dass das Gebiet der anhaltischen Mundart fast völlig 
innerhalb des Schwabengaues fällt, also recht wohl als eine nordschwäbische 
bezeichnet werden kann, ferner, dass die östlich von Halle im ehemaligen 
Werinerfelde gesprochene Mundai-t, die man die Hallische zu nennen pflegt, 
deren Grenzen nach Osten zu aber erst noch zu ermitteln sind, als werinisch 
oder warnisch gelten darf; endlich, dass das Mansfeldlsche als die Sprache der 
Hosingen angesehen werden muss, weil die Mansfelder Mundart nicht nur den 
ganzen nördlichen Hosgau, sondern auch einen beträchtlichen Teil des südlichen 
erfüllt Ja man darf sogar, noch weitergehend, behaupten, dass die nordmans- 
f eidische Mundart, welche längs der Schlenze zwischen Wipper und Saale ge- 
sprochen winl, silingischer Eigenart entsprechen mag, die ostmansfeldische 
ursprünglich hosingisch, bis zu einem gewissen Grade slavischen Einflüssen ihre 
Eigenart verdanken mag, da nur in diesem Striche des Mansfelder Sprachgebiets 
slavische Siedelungen den deutschen massenhaft untermischt sind. Die west- 
mansfeldische, ursprünglich ebenfalls hosingische Mundart endlich scheint ihre 
eigentümliche Färbung dem erst gegen Anfang des 16. Jahrhunderts erfolgten 
massenhaften Zuzüge von Bergleuten bairischen Stammes aus Steiermark, 
Käi-ntben u. s. w. ^u verdanken. Auf jeden Fall wird man wenigstens annehmen 
müssen, dass Verschiedenheit der Abstammung die Verschiedenheit der Mund- 
arten hervorgerufen hat. 

6. Die Gaue und Gaugerichtsstätten. Die aus den Gauen 

hervo rgegangenen Grafschaften und Herrschaften. Überblick 

über die Geschichte der Grafschaft Mansfeld. 

Über die politischen Verhältnisse der beiden Mansfelder Kreise sei 
kurz nur Folgendes bemerkt. Ursprünglich — zur Zeit der fränkischen, sächsischen 
und salischen Kaiser — verwalteten Gaugrafen das Land, aus welchen die beiden 
Mansfelder Kreise entstanden sind. Der Kern des Gebirgskreises (links der 
Wipper) gehörte im früheren Mittelalter zum Schwabengau; das westliche 
Stück südlich der Wipper (die Herrschaften Morungen und Wippra) zum Gaue 
Friesen feld, das östliche Stück südlich der Wipper (die Herrschaft Mansfeld 
bezw. Rückscheburg) zum nördlichen Hosgau.^ Doch auch die zu den 

1 VgL zu dieser und den folgenden Ausfuhrungen die von mir entworfene historische 
Karte der beiden Mansfelder Kreise. Desgl. (Krumhaar), Die Grafen von Mansfeld und 
ihre Besitzungen. Eisleben, 1872. 



xxvin Landeskundliche Einleitung. 



Dörfern Creisfeld und Hergisdorf gehörigen Flui-en zwischen Dippelsbach und 
Goldgrund gehörten ursprünglich zum Friesenfelde. 

Das vom Reiche zu liehen rührende (laugoricht des zum Gebirgskreise ge- 
hörenden Teils des Schwabengaues befand sich zu Quenstedt Im Jahre V62*d 
nennt der römische König Ludwig (der Bayer) unter den Reichslehen, die er 
dem Grafen Burchard überträgt (feuda, quae a nobis et sacro iraperio se tenere 
proposuit) auch das Gericht zu Quenst(»dt (iudicium in Quenstede). 

Der Seekreis besteht erstlich aus dem grössten Teile des nördlichen 
Hosgaues, welcher von der Saale, der Salze, dem Süssen See, der Bösen 
Sieben (Dippelsbach), der Wipper, dem Krieggraben, dem Hanfgraben und der 
Schlenze umschlossen wurde; ferner aus der südöstlichen Ecke des Schwaben- 
gaues (Grafschaft Aisleben und Herrschaft Friedeburg), aus dem nördlichsten 
Streifen des südlichen Hosgaues südlich von der bösen Sieben, den Seen 
und der Salze (Herrschaften Helfta, Seeburg, Schraplau und Reveningen) und 
endlich aus der Nordostecke des Gaues Friese nfeld südlich vom Goldgrunde 
und der bösen Sieben bis zur Wolferöder Grund, welche letztere hier das Friesen- 
feld vom südlichen Hosgaue schied. 

Im Seekreise befinden sich zwei uralte Gaugerichtsstätten, von denen die 
eine der Hauptgerichtsstuhl des nördlichen, der andere der des südlichen Hos- 
gaues war. Die Gaugerichtsstätte des nördlichen Hosgaues ist Bösenburg, 
ursprünglich höchstwahrscheinlich ein Sitz der thüringischen Könige. Schon um 
1180 wird das Landgericht in Bösenburg (placitum in Bisinburg) urkundlich 
erwähnt, und 1265 nennt Graf Burchard v. Mansfeld als versitzender Gaurichter 
diese Gerichtsstätte das Landding (in placito provinciali, quod dicitur lantdinc, 
cui tunc presedimus in Beseneborch). Später (1342 und 1348) wird auch der 
Stuhl zu Bösenburg (stftl tu Beseneborch) ausdrücklich als die Grafschaft im Hos- 
gau (groveschop tu Hosekow und grafscap tfi Hftsegowe), auch (1316) als die 
Grafschaft Friedeburg, die vormals Hosgau geheissen habe („dhe grafschop to 
Husegowe, de man nu von Vredeberch hef ') bezeichnet Nachdem jedoch der Ort 
Bösenburg mehr und mehr an Be<leutung verloren hatt^^, hegte man das Bösen- 
burger Landgericht in dem volkreicheren He d ersiehe n, weshalb in späteren 
Urkunden meist von der Grafschaft und dem Gerichtsstuhl zu Hedersleben die 
Rede ist Doch erhellt die ursprünglich höhere Bedeutung des Bösenburger Ge- 
richt« deutlich aus einer Urkunde des Jahres 1320, in welcher bestimmt wird, 
dass die zum Gericht Hedersleben gehörigen Dörfer und Leute, wenn man sich 
dort über das Urteil nicht einigen könne, es zu Beseneburch holen sollen. Bösen- 
burg war also die oberste Instanz und der Bezirk des Schultlieissenamtes zu 
Hedersleben ursprünglich wohl nur ein Teil des Bösenburger Gerichtssprengeis. 

Aber auch die Hauptgerichtsstätte des südlichen Hosgaues liegt innerhalb 
des Seekreises, das ist der Gerichtstuhl zu Helfta, welcher nach Ausweis ver- 
schiedener kaiserlicher Lehnbriefe zu den feuda a sacro imperio gehörte und auch nach 
verschiedenen erzbischöflich Magdeburgischen Urkunden „vom heiligen römi- 
schen Reich zu Lehen rührte.'' Je nach Bedürfnis scheint man aber in späterer 
Zeit das Gaugericht auch an anderen Orten des südl. Hosgaues gehegt zu haben, z. B. 
zu Unter -Rohlingen am See, wie sich aus urkundl. Nachrichten ergiebt 

Nach dem Verfall der Gauverfassung bildete sich eine Anzahl erblicher Graf- 



Landeskundliche Einleitung. xxix 



Schäften und Orandherrschaften aus, weiche innerhalb eines bestimmt abgegrenzten 
Bezirks eine Anzahl zu ihnen geh(>riger Ortschaften umfassten. So treten denn seit 
dem 11. und 12. Jahrhundert vei^sehiedene (ieschloehter von hohem Adel hervor, die 
als Erbheri-en teils auf fi-oiem Eigen, teils auf Lehen sitzen, so im Gebirgskreise die 
Edlen von Konradsburg, später (irafen von Falkenstein; die Edelherren vonArn- 
stedt, später Orafen von Arnstein und Edelherren von Biesenrode, die Edelherren 
von Wippra und die Grafen von Mansfeld. Im Seekreise sind zu nennen: die 
Gi-afen von Aisleben, die Edelherren von Friedeburg, von Schochwitz, von See- 
burg, von Rebeningen (Böblingen), von Hakeborn u. a. m. Ben Grafen von 
Mansfeld Hoierschen Stammes und einer ihre Erbschaft antretenden Linie der 
Edelherren von Quei-furt war es beschieden, diese verschiedenen Gebiete nach und 
nach in ihrer Hand zu vereinigen, und darum dürfte ein kurzer Überblick über 
die (reschichte dieses Geschlechts sich als notwendig heraustellen. 

Bis zum Jahre 11)09 finden wir in dem nördlichen Hosgau, welcher, wie 
schon bemerkt, im wesentlichen mit dem heutigen Seekreise zusammenfällt, das 
Geschlecht der Grafen von Wettin, deren Nachkommen heutzutage im König- 
reiche Sachsen und in den sächsisch-thüringischen Herzogtümern herrschen, im 
Besitze der Gaugrafenwürde. Erst unter <lem letzten Gaugrafen aus diesem Ge- 
schlecht, unter Dedo H., erscheint zum erstenmale im Jahre 1060 ein Bynast 
namens Hoier von Mansfeld urkundlich als (frundbesitzer in der Umgegend von 
Mansfeld, woraus man wohl folgern darf, dass die Edelherren von Mansfeld 
spätestens um die Mitte des 11. Jahrhunderts in den Besitz der Grundherrschaft 
Mansfeld gelangt sein müssen, und dass der Ursprung des Schlosses Mansfeld, 
als des Sitzes dieses Dynasten, bis ins 11. Jalirhunderf zurückreicht Woher dieses 
Geschlecht aber eigentlich stammt, das ist ungewiss. BieSage sucht es au einen 
der Helden in König Artus Tafelrunde anzuknüpfen, ja sogar an den Ritter S. Georg, 
den Schutzbeiligen dieses Geschlechts; thatsächlich aber umgiebt völliges Dunkel 
seinen Ursprung, und nicht einmal das ist festzustellen, ob es ein alteinheimisches 
oder zugezogenes ist. Doch darf der VoiTcde zum Sachsenspiegel Glauben ge- 
schenkt werden, welche behauptet, dass die Grafen von Mansfeld sächsischen 
Ursprungs seien. Auch das ist nicht sicher, ob die Edelherren von Mansfeld, 
nachdem die Wettiner die Gaugrafschaft im nördlichen Hosgau hatten auf- 
geben müssen, diesen unmittelbar in der Grafenwürde gefolgt sind, doch 
ist es im höchsten Gerade wahrscheinlich, dass Hoier I. im Jahre 1069 
die Gaugrafschaft im Hosgau erlangt hat, da sein voraussetzlicher Sohn 
Hoier H. sie ohne Zweifel besessen hat. Die Lücke zwischen Vater und Sohn 
sucht eine vielleicht mit ächter Überlieferung verquickte Geschichtsfälschung 
auszufüllen, welche behauptet, im Jahre 1083 habe auf dem Schlosse Mansfeld 
ein Graf Ernst von Mansfeld gehaust, der dem im Schlosse zu Eisleben eine Zeit 
lang residiei-endeu und von einem kaiserlichen Heere belagerten Gegenkönige 
Heinrichs IV., Hermann von Salm -Luxemburg, zu Hilfe gekommen sei und in 
der heutigen Preistrasse zu Eisleben einen glänzenden Sieg davon getragen habe. 
Das gekrönte Haupt dieses Gegenkönigs, des sogenannten Knoblauchskönigs, 
welches als Wahrzeichen der Stadt Eisleben gilt, soll später zum Andenken an 
seine Anwesenheit an der Nordostecke des Kathauses angebracht worden sein. 
Erst im Anfange des 13. Jahrhunderts tritt ein Graf von Mansfeld, Hoier U., 



L.^_ 



XXX Landeskundliche Einleitong* 



geschichtlich durchaus gesichert und sofort weithin Aufmerksamkeit erregend, 
in das Licht der Geschichte. Dieser erste namhafte Vertreter des bis dahin kaum 
genannten Geschlechts war ein Mann von so hervori-agenden Eigenschaften, dass 
ihm von seinem Kaiser für den Fall der Niederwerfung des aufständischen 
Sachsen Volkes die Würde eines Herzogs von Sachsen, damals wohl die wichtigste 
im ganzen Reiche, zugedacht war. Jedoch in der auf mansfeldischem Boden am 
11. Febr. 1115 geschlagenen blutigen Schlacht am Weifesholze fand der löwen- 
mutige Hoier den Tod, und der so blendend aufgegangene Glücksstern seines 
Hauses erblasste alsbald wieder. Denn den übrigen sächsischen Fürsten musste 
daran liegen, dieses für die kaiserliche Oberherrlichkeit so tliatkräftig eingetretene 
Geschlecht möglichst nieder zu halten. Daraus dürfte es sich erklären, wie das- 
selbe zunächst wieder in eine gewisse Unbedeutendheit zurücksinken konnte, da 
des grossen Hoier Sohn, Hoier HL, in den Urkunden nicht nur mitunter ohne 
den Grafentitel erscheint, sondern sich auch genötigt sah, die väterliche Herr- 
schaft Mansfeld und mit ihr vermutlich auch die Gaugrafschaft im Hosgau von 
dem Hochstifte Halberstadt, dem die Oberherrlichkeit über Mansfeld als Sieges- 
preis zugefallen war, zu Lehen zu nehmen. Sein Nachfolger Hoier IV. führt 
nicht nur fast ohne Ausnahme, wenn er urkundlich erwähnt wird, den Titel 
Graf, sondern erscheint auch in Ausübung der Grafenbefugnisse; so z.B. hat er 
laut einer Urkunde vom Jahre 1181 auf dem Liandgerichte zu Bösenburg (Bisini- 
burg) als Graf den Vorsitz geführt, freilich wohl nur als ein vom Bischof von 
Halberstadt mit der Ausübung des Grafenamts betrauter Lehngraf. Schon bei 
Lebzeiten dieses Hoier des IV. scheint sich das Geschlecht in zwei Linien geteilt zu 
haben, der Art, dass Hoier IV. den Titel eines Grafen von Mansfeld weiterführte 
und die Stammherrschaft behielt, sein Bruder Ulrich dagegen die Herrschaft 
Polleben erhielt, zu welcher er noch die Herrschaft Friedeburg durch Heirat 
hinzuerworben zu haben scheint. Denn nach dieser letzteren Erwerbung nannten 
sich seitdem seine Nachkommen, die das altmansfeldische Wappen, nämlich sechs in 
zwei Reihen gesetzte Rauten und auch den altmansf eidischen Helmschmuck, einen 
offenen Flug, führten, Edle von Friedeburg. Offenbar hat zwischen den beiden 
Brüdern eine Totteilung stattgefunden, da der Friedeburger Zweig nach dem Aus- 
sterben des mansfeldischen diesen nicht beerbte. Etwa 1(X) Jahre später, in den 
Jaln*en 1264-1269 löste sich das aus Hoiei-schem Blut entsprossene Geschlecht 
der Friedeburger gänzlich von dem Boden der Heitnat los, um ausgedehnten 
Grundbesitz in den Ostmarken zu erwerben, woselbst verschiedene Orte, wie z. B. 
Friedeberg und Bornsted t in der Neumark, entweder einfach die Namen der in 
der alten Heimat besessenen Stammburgen wiedergeben oder, wie Hoyei'swerda 
in der Lausitz, den von Alters her in beiden Linien des Geschlechts gebräucli- 
liehen Mannsnamen Hoier in ihrem Namen dauernd festhielten. 

Graf Burchard von Mansfeld, der erste dieses Namens und zugleich der 
letzte des Hoierschen Stammes, hob das Ansehen seines Geschlechts zuerst wieder 
in merklicher Weise. Denn nicht nur finden wir ihn im Besitz von Gütern auch 
ausserhalb des nördlichen Hosgaues, sondern auch wiederholt als Teilnehmer an 
Reichsversammlungen, während seine auf Hoier H. folgenden Vorgänger offenbar 
in politischer Zurückgezogenheit gelebt hatten, wenigstens ist eine Beteiligung 
derselben an Reichsangelegenheiten nicht bekannt. Wie nun schon Hoier H. den 



Landeskundliche Einleitung. xxxi 



Vorteil seines Hauses im festen Ansohluss an das Reichsoberhaupt gesucht hatte, 
so schloss sich auch Burchard an den Thronbewerber aus dem hohenstaufi sehen 
Hause an, welches dem Reiche schon mehrere ruhmvolle Kaiser gegeben. hatte. 
Wenn nun auch durch ihn das Ansehen seiner Familie ohne Zweifel mächtig 
gehoben worden ist, so musste er doch eines Sohnes und Erben entbehren, der 
sein Geschlecht und seinen Namen hätte fortführen und den bereits stattlichen 
Besitz noch hätte vermehren können. Nur zwei Töchter, namens Gertrud und 
Sophia, hatte ihm seine Gemahlin Elisabeth von Schwarzburg geboren, von denen 
die ältere an den Burggrafen Hermann v. d. Neuenburg (de novo Castro) auf 
der landgräflichen Veste über Freiburg a. d, U., welcher aus dem Hause der 
edlen Burggrafen von Meissen stammte, verheiratet war, während sich die jüngere 
mit dem Burggrafen Burchard von Querfurt, dem Besitzer der Herrschaft Quer- 
furt, vermählte. Nach dem im Jahre 1229 erfolgten Tode ihres Vaters teilten 
sich die Töchter in das Erbe, und so schien denn die Geschichte einer selbständigen 
Grafschaft Mansfeld ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch im Jahre 1264 er- 
kaufte der Sohn der jüngeren Erbtochter Sophia, wie sein Vater und Grossvater 
(mütterlicher Seite) Burchard geheissen, nicht nur den Anteil der älteren Erb- 
tochter Gertrud, welchen <lereu Gemahl Hermann bisher unter dem Titel eines 
Grafen von Mansfeld verwaltet hatte, sondern auch in den Jahren 1264 und 1266 
ausser der Herrschaft Friedeburg den von den Friedeburgern bis dahin besessenen 
Anteil der alten Grafschaft, und so wurden denn die 30 Jahre und mehr von 
einander getrennt gewesenen Hälften der Grafschaft wieder zu einem Ganzen 
vereinigt Wenn nun auch der Verkauf seitens der Söhne des Burggrafen 
Hermann nur auf Wiederkauf stattgefunden zu haben scheint, weil sonst diese, 
wie es der Fall war, <len Titel „Grafen von Mansfeld" schwerlich noch Ane Weile 
hätten weiterführen können, so legte sich doch der Burggraf Burchard 
der Jüngere als thatsächl icher Besitzer der ganzen Grafschaft und Inhaber der 
Grafenrechte in derselben seit 1264 unter Aufgabe des Titels eines Burg- 
grafen von Querfurt den Titel eines Grafen von Mansfeld bei und 
führte ihn, wie auch seine Nachkommen, seitdem ausschliesslich. Zugleich fügte 
er seinem angestammten Querfurter Wappen, welches rote Balkan in silbernem 
Felde zeigte, und dem Querfurter Helme mit 7—8 rotsilbem gestreiften Fähnlein 
die altmansfeldischen Rauten wie auch den altmansfeldischen Helmschmuck des 
offenen Fluges hinzu, welch letzterer freilich nur selten auf den Siegeln seiner 
Nachkommen erscheint. Doch hat er sich in dem jetzigen Siegel der Stadt Eis- 
leben bis auf die neueste Zeit als silberner Flug in blauem Felde erhalten. 
Man darf also nie ausser Acht lassen , dass das seit 12()4 weit über 500 Jahre 
unter sehr wechselnden Geschicken in der Grafschaft Mansfeld blühende Grafen- 
geschlecht des Namens Mansfeld eigentlich Querfurtischen Stammes ist. Doch 
nicht nur die Wiedervereinigung der getrennt gewesenen Teile der alten Graf- 
schaft, auch die Wiedeierhebung der Herrschaft Mansfeld zu freiem Eigen ist 
diesem Grafen Burchard zu verdanken. Denn am 28. August 1267 gelang es ihm 
durch sehr bedeutende Lehnsauftragungen an das Hochstift Halberstadt das Schloss 
Mansfeld innerhalb Wall und Graben von dem Bischof und Domkapitel zu Halber- 
stadt als freies Eigen einzutauschen und damit die seit der Schlacht am Welfesholze 
auf den Besitzern von Mansfeld lastende halberstädtische Lehnshoheit wenigstens 



1 



xxxu Landeskandliche Einleitung. 



für den Stammsitz, die Burg Mansfeld, wieder abzustreifen. Erst mit dieser 
Errungenschaft war die Möglichkeit gegeben, die Reichsstandschaft anzusti*eben. 

Die näelisten Jahrhunderte zeigen nun auch ein mächtiges Emporblühen des 
neuen Mansfelder Grafengeschlechte. Zwar teilten sich Burohards IIl. Söhne 
derart in ihr Erbe, dass Gebhard die Querfurter Stammgüter für sich nahm, 
Burchard IV. dagegen die Grafschaft Mansfeld erhielt, doch zeigten der letztere 
und nicht minder seine Nachkommen bis in den Anfang des 16. Jahrhundei-t^ 
hinein sich sehr wirtlich und auf die Vermehrung ihres teils aus freiem Eigen, 
teils aus Halberstädter und Magdeburger Lehnstücken bestehenden Besitzes sorg- 
sam bedacht; auch nahmen sie an vielen wichtigen Begebenheiten entscheidenden 
Anteil. 1294 erkaufte Burchard IV. zusammen mit seinen Vettern die Herrschaft 
Seeburg, 1301 erwarb Burchard VI. die Hen-schaft Bornstedt, 1320 die Herr- 
schaft Hedersleben, 1323 vorübergehend die Reichsburgen Allstedt und 
Morungen und etwa um die gleiche Zeit auch das Schloss Schkeuditz. 
Nebra a. d. U. besass er in Gemeinschaft mit seinen gleichnamigen Vettern von 
Schraplau. 1335 erkaufte Burchard VII. von seinem gleichnamigen Vetter die 
Herrschaft Schraplau mit Unter-Röblingen, und 1346 von den Edelheri-en 
von Hakeborn die Herrschaft Helfta. Im Jahre 1364 aber wurde Graf Gebhaii; 
von Kaiser Karl IV. nicht nur mit dem Grafenbanne, sondern auch mit der 
Gerechtigkeit des Bergbaues innerhalb der sogenannten Berggrenze, welche ausser 
der uralten Gaugrafschaft des nördlichen Hosgaues auch die Herrschaften Helfta 
und Bornstedt nebst mehreren andern benachbarten Strichen umschloss, belehnt. 
1387 erkauften die Grafen Busse und Güntlier von den Grafen von Regenstein 
die Freiherrschaft Arnstein, deren Wappen, ein weisser Adler in schwarzem 
Felde, seitdem in das mansfeldische Gesamtwappen aufgenommen wurde. Um 
das Jalir 1440 wurden die Herrschaften Wippra und Rammelburg erworben, 
1442 kam dazu das dominium utile von Friedeburg und Salzmünde, 14(>9 
durch Kauf von den Grafen von Hohnstein der Burgbezirk Artern mit Vock- 
stedt, 1479 von eben denselben die Fi'eiherrschaft Heldrungen, deren 
Wappen, den mit einem (rot weiss in zwei Reihen geschachten) Schrägbalken 
belegten, goldenen, gekrönten thüringischen Löwen in blauem Felde zeigend, als 
viertes dem mansfeldischen Gesamtwappen einverleibt wurde. Die letzten, nur 
kürzere Zeit im Besitze der Mansfelder Grafen verbleibenden Erwerbungen waren: 
1525 zum zweiten Mal die Herrschaft Allstedt, 1527 der Burgbezirk Rothen- 
burg an der Saale und 1540 das Klosteramt Sittichenbach. 

Zeigt sich sonach bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine stetige 
und ansehnliche Zunahme des Besitzes und der Gerechtsame des 
Grafengeschlechtes, so erlitt dasselbe doch auch manche schwere Schädigung und 
Minderung seiner Bedeutung teils durch eigene Schuld, teils durch die Ungunst 
der Umstände. 

Bereits 1442 nämlich wurden die Grafen genötigt, die bisher als Freieigen 
von ihnen besessene Freiherrschaft Arnstein Chursachsen als Lehen 
aufzutragen. In der Hoffnung sich gegen die immer deutlicher hervortretenden 
Mediatisierungsgelüste der Wettiner an dem Erzstift Magdeburg einen Rückhalt 
zu verschaffen, trugen sie 1446 die seit 1267, wie oben gezeigt wurde, als AUod 
von ihnen besessene Stammherrscbaft Mansfeld als Lehen dem Erzstift 



Landeskundliche Einleitung. xxxm 



Magdeburg auf. Aber dieses grosse Opfer war vergeblich gebracht, denn infolge 
des Drängens der Herzöge von Sachsen wurde die Oberlehnsherrlichkeit 
über die Bergwerke sowie über die Herrschaft Morungen u. a. m., die die 
Grafen bisher vom Reiche zu Lehen getragen hatten, ihnen entzogen und jenen 
zugesprochen, eine Standesminderung, in die sich die Grafen im Jahre 1484 endlich 
wohl oder übel fügen mussten. 

War nun schon die Umgestaltung ihres freieigenen Besitzes in Lehen ihrem 
Ansehen und ihren Ansprüchen auf reichsständische Stellung in hohem Grade 
nachteilig, so fast noch mehr die Zersplitterung ihrer Hausmacht durch wieder- 
holte Teilungen. Schon im Jahre 1420 kamen die drei damals lebenden gräflichen 
Brüder auf den unglücklichen Gedanken, die Grafschaft unter sich zu teilen, und 
es entstanden demnach drei besondere Linien. Aber die beiden älteren starben 
gegen Ende des 15. Jahrhunderts (1492 und 1499) wieder aus, und Graf Günther 
n. , der Spross der jüngsten Linie, welcher den Stamm fortsetzte, vereinigte 
wieder den ganzen Familienbesitz in seiner Hand. Jedoch diese Gunst des 
Geschickes wurde bald darnach (1501) durch eine neue, noch tiefer einschneidende 
Teilung der (Grafschaft abermals unwirksam gemacht, denn die gesamte Grafschaft 
wurde nunmehr in fünf, hinsichtlich der Regierung von einander völlig 
unabhängige Teile geteilt, von welchen die drei Sölme des vorderortischen 
Grafen Albrecht des III. drei, die zwei Söhne des andernortischen Grafen Ernst I. 
zwei erhielten. Die Residenzen der fünf Grafen befanden sich teils auf Schloss 
Mansfeld selbst, teils auf den Schlössern Arnstein, Heldrungen und Seeburg. 
Das einzige gemeinsame Band der Grafschaftsfünftel war die Bestimmung, dass 
Schloss Mansfeld, die Städte Eisleben und Hettstedt, die Bergwerke, desgleichen 
die Jagd und endlich die Fischerei in den beiden Seeen allen Linien nach wie 
vor gemeinschaftlich bleiben sollten. ^Mit dieser Zerstückelung hatte es aber noch 
nicht einmal sein Bewenden. Denn die vorderortische Linie, welche bis zum 
Jahre 1563 auf ungeteiltem Besitz gesessen hatte, vollzog zu ihrem Unheil in 
diesem Jahre eine weitere Teilung, indem jedem der sechs weltlich gebliebenen 
Söhne des Grafen Ernst H. ein Amt zu eigener Regierung überwiesen und somit 
sechs neue Linien mit den Residenzen Bornstedt, Eisleben, Friede- 
burg, Arnstein, Artern und Heldrungen gegründet wurden. Die fast so- 
fortige Wirkung dieses unbesonnenen Schrittes war die, dass die zahlreichen 
Gläubiger des tiefverschuldeten Voi-derortes, um ihre Befriedigung besorgt, auf 
Zahlung drangen und, weil diese nicht geleistet werden konnte, die Einsetzung 
erst einer kaiserlichen, dann einer oberlehnsherrlichen Kommission zur Regu- 
lierung der Schulden dos Vorderorts durchsetzten, weil der Mittel- und Hinterort, 
da sie selbst stark verschuldet waren, die Gläubiger zu befriedigen und dann 
selbst die Regierung zu übernehmen nicht im stände waren. Die Schuldenlast 
des Grafenhauses war zum guten Teil Folge der ungewöhnlich starken Kinder- 
zahl in allen Linien. Sechs Kinder müssen schon als eine niedrige Ziffer gelten; 
viele brachten es aber auch auf 9, 10, 11, 12, 14, 15, 16; ja ein Graf, Ernst, sogar 
auf 22 Kinder! Ein solcher Kinderreichtum liess sich mit den festgehaltenen, ja 
gestiegenen hochgräflichen Ansprüchen auf standesgeraässen Unterhalt auf die 
Dauer nicht vereinigen, und so kann man sich denn nicht wundern, dass die 
Grafen immer tiefer in Schulden gerieten. Aber doch war die Summe derselben, 
Mansfelder Gebirgskreis. (^ 



XXXIV Landeskundliche Einleitung. 



welche die Regulierungskommission feststellte — fast 2^/4 Millionen Gulden — 
über Erwarten gross. Chursachsen benutzte die günstige Gelegenheit, sieh die 
Regierung des grösseren Teils der Grafschaft zu verschaffen. Am 3./13. September 
1570 wurden die sechs Grafen des Vorderorts sequestriert, die des Mittel- und Hinter- 
orts mediatisiert, damit von den Einkünften ihrer Ämter nach und nach die 
Schulden abgetragen würden. Ferner tauschte Chursachsen, um ein einheitliches 
Geschäft zu haben, gegen Abtretung Hohnsteinschen Gebietes am Südharz durch 
den Permutationsrezess vom 16./26. Oktober 1573 nicht nur die bisher Halber- 
städtischen, sondern auch durch einen zweiten Permutationsrezess vom l./iO. Juni 
1579 auch noch einen Teil der Magdeburgischen Lehnstücke der Grafschaft Mans- 
feld ein, und so wurde denn ein Nachkomme des Hauses Wettin fjehnsherr in 
demselben Gebiete, dessen Regierung seine Vorfahren vor mehr als 500 Jahren 
den Edelherren von Mansfeld hatten überlassen müssen. Chui-sachsen besass 
nach diesen Permutationen drei Fünftel der (irafschaft, währeiid zwei Fünftel 
derselben magdeburgisch blieben, später aber nach dem Anfall dei-selben an 
Brandenburg brandenburgisch-preussisch wurden. Jeder Lehnsherr setzte übrigens 
sofort einen Oberaufseher ein, der im Namen der Grafen, thatsächlich aber im 
Interesse seiner Auftraggeber die Regierung zu führen hatte. 

Wenn es nun auch einzelnen Zweigen des Grafengeschlechts gelang (so 1691 
und 1709), die Reichsfürstenwürde und einflussreiehe Stellungen in auswärtigen 
Diensten zu erlangen, namentlich in spanischen und österreichischen, so blieb 
doch der Versuch, die Aufhebung der Sequestration, die Wiederanerkennung der 
Reichsstandschaft und die Einführung in das Fürstenkollegium des Reichstags 
zu erlangen, ohne Erfolg. Nur die Sequestration des magdeburgischen Anteils 
wurde am 7. September 1716 von dem Inhaber des Erzbistums Magdeburg, dem 
Könige Friedrich Wilhelm I. von Preussen, wieder aufgehoben; die Abhängigkeit 
von den beiden Lehnsherren Preussen und Sachsen dauerte aber fort. Die alle 
andern Linien überdauernde vorderortische, die katholische Bornstedter Linie, 
gelangte in Böhmen zu Macht und Ansehn, verfiel jedoch mit ihren dort ge- 
legenen Gütern ebenfalls der Sequestration und starb am 31. März 1780 männlicher- 
seits aus. Der letzte Spross des Geschlechtes führte die die Entwickelung der 
Familiengeschichte ausserordentlich kennzeichnenden Namen Joseph Wenzel 
Johann Nepomuk. Nunmehr inkorporierten die beiden Lehnsherren der Gi-af- 
schaft die von ihnen zu Lehen rührenden Teile der Grafschaft ihren Ijäudern; 
die böhmischen Güter des Hauses aber kamen durch die Erbtochter Isabella an 
das fürstliche Haus Colloredo , welches nicht nur das mansfeldische Wappen dem 
seinigen hinzufügte, sondern auch den Namen Mansfeld mit dem seinigen der- 
gestalt vereinigte, dass sich der jedesmalige ei-stgeborne Sohn des Fürsten von 
Colloredo bei Lebzeiten seines Vaters ganz allein Fürst von Mansfeld, die 
jüngeren Söhne aber sich Grafen von Colloredo -Mansfeld nennen sollten. 
Nach vorübergehender Einverleibung des grösseren Teils der Grafschaft in das 
Königreich Westfalen (1807—1813) fiel dieselbe 1813 und 1815 in ihrem ge- 
samten Umfange an Preussen und wurde in diesem Königreich ein Bestandteil 
der neugebildeten preussischen Provinz Sachsen. ' 



Landeskundliche Einleitung. xxxv 



7. Die Pflanzung des Christentums 
in den beiden Mansfelder Kreisen. Die Gründung von Pfarrkirchen 

und ihre Schutzheiligen. 

Der Same des Christentums konnte in der Landschaft, welche heutzutage» 
die beiden Mansfelder Ki-eise umschliesst, mit dauerndem Erfolg selbstverständlich 
erst in einer Zeit ausg(»streut wenlen, welche eine ununterbrochene und darum 
nachhaltige Einwirkung auf die heidnischem (Jemüter durch feste staatliche Zu- 
stände ermöglichte. Eine solche Zeit trat erst im 8. Jahrhundert ein, seitdem 
die karolingischen Hausmeier an der Ostgrenze des fränkischen Reichs bestimmt 
abgegrenzte V^erwaltungsbezirke geschaffen und durch die Einsetzung von Gau- 
grafen die Aufsiciits- und Schutzgewalt des Staates in diesen Gauen fest be- 
gi-ilndet hatten. Zwar ist ohne Zweifel schon vorher, im siebenten, ja vermutlich 
schon im sechsten Jahriumdert, der Versuch g(»macht worden, die heidnischen 
Thüringer und Sachsen für das Christentum zu gewinnen, namentlich durch 
Sendboten der iroschottischen Kirche, unter denen der h. Kilian hervorzuheben 
ist. dessen Einwirkung sich sogar bis in das untere Unstnitthal erstreckt zu 
haben scheint, ab(»r alle <liese Vei-suche waren keine Unternehmungen im gi'ossen 
Stil, sondern sozusagen nur Privatunternehmungen, denen der Schutz der staat- 
lichen Gewalt nicht zur Seite stand, und hatten darum nur massigen oder vorüber- 
gehenden Erfolg. Aber schon kurz vor der Zeit, in welcher Kilian den Märtyrer- 
tod erlitt, war der Mann geboren wordtMi, ilem es beschieden sein sollte, nicht 
nur das thüringische Mittelland, sondern auch grosse Teile des an dasselbe nord- 
östlich angrenzenden ehemaligen Nordthüringerlandes, im besondern die Gaue 
Friesenfeld, Hosgau und Schwabengau, dauernd für das Bekenntnis Christi zu 
gewinnen, das war der etwa um das Jahr 675 zu Kirfon in Wessex geborene, 
aus edlem Geschlechte stammende Angelsachse Wynfrith (Winfried), dessen 
bekannterer Name Bonifatius nach n(»ueren Foi-schungen nicht etwa eine an- 
massende Selbstbespiegelung des Mannes bekundet, als hätte er sich schon vor 
vollbrachter Arbeit als den geistlichen AVohlthäter der von ihm zu bekehrenden 
heidnischen Deutsc^hen bezeichnen wollen, sondern nur eine allerdings etwas 
sonderbare Übei*setzung des angelsächsischen Namens ins Lateinische ist = qui 
boni fati est, bono fato fruitur, also einen (lowinner des Friedens, eines glück- 
lichen Loses, d. h. einen Glücklichen bedeuten soll. Es kann hier nicht der 
Lebenslauf dieses merkwürdigen Mannes, soweit es der Forschung gelungen ist, 
ihn festzustellen , erzählt werden. Nur das sei hervorgehoben , dass Bonifatius, 
von den fränkischen Machthabern auf das kräftigste geschützt und unteretützt, 
sein Werk mit dem praktischen Verstände und der stahlharten Entschlossenheit 
eines organisatorischen Genies begann, welches überall das Heidentum an der 
Wurzel zu treffen und dem Christentum eine bleibende Stätte zu bereiten ver- 
stand. Wie weit er persönlich in Thüringen vorgedrungen ist, darüber fehlt jede 
Nachricht Nur die Volkssage, die sich freilich nicht überall mit der Wirklich- 
keit decken wird, bezeichnet als sein Arbeiti^gebiet das ganze mittelthüringische 
Land zwischen Harz und Thüringer Wald, und zwar ostwärts bis zur Saale, nach 
Nordosten hin bis in das Anhaltische hinein. Doch nicht nur eine ganze Reihe 
von Bonifatius-Sagen und von Örtlichkeiten, die mit seinem Namen be- 
nannt sind, beweist, dass sich das christliche Volk der späteren Zeit den Boni- 

c* 



XXXVI Landeskundliche Einleitung. 



fatius als Heidenbekelirer in diosen Landschaften thätig gedacht hat, sondern auch 
eine ganze Reihe von ßonifatiuskirchen, welche dem bald heilig Gesprochenen 
im Thüringerlande geweiht worden sind, bezeugt, dass man in diesen Gauen der 
geistlichen Wohlthaten, die er persönlich oder durch von ihm ausgesandte 
Sendboten den Vorfahren erwiesen, dankbar hat eingedenk sein wollen, wie auch, 
dass man von dem in den Himmel versetzten Heiligen Fürsprache und Schutz 
für die ihm geweihten Kirchen und Gemeinden in aller Folgezeit envartete. 
Übrigens bildet auch für die Bonifatiuskirchen , wie für die Bonifatiussagen , die 
Saale im Osten und die Bode mit iliren Zuflüssen im Norden die Grenze der 
Verbreitung. Natürlich können die Kirchen, die des Bonifatius eigenen Namen 
tragen, in den Mansfelder Kreisen allein nicht weniger als vier, nämlich zu 
Volkmaritz und Friedeburg im Seekreise, zu Vatterode und Schwaben- 
Quenstedt im Gebixgskreise, nicht von ihm selbst gegründet^ sondern erst nach 
seinem Tode ihm gewidmet sein, aber bald nach demselben sind sie, als Zeichen 
der Dankbarkeit und Verehrung, gewiss gegründet worden. 

Doch wir haben auch zeitgenössische geschichtliche Zeugnisse, dass die Be- 
wohner der Gaue Friesenfeld und Hosgau und zum Teil auch des Schwaben- 
gaues schon vor dem Tode des Bonifatius, wenn auch zunächst nur äusserlich, 
zum Christentum bekehrt worden sind. Denn die Metzer und andere fränkische 
Annalen berichten, im Jahre 747 sei Grifo oder Grippe, der Halbbruder des 
fränkischen Hausmeiers Pippin, welcher sich von seinem Bruder benachteiligt 
glaubte, von einer Schar vornehmer Franken begleitet, zu den Sachsen geflohen, 
wo er Aufnahme und Anhänger fand und bis zum Jahre 748 verweilte. Sein 
AVohnsitz während dieser Zeit war ohne Zweifel im Schwabengau , da uns im 
heutigen Mansfelder Gebirgskreise zwei nördlich der Wipper nahe bei einander 
gelegene Ortschaften begegnen, deren Name auf den Aufenthalt Grifos daselbst 
schliessen lässt, nämlich Greifenhagen und Gräfenstuhl, die beide den Per- 
sonennamen Grifo enthalten, von denen der erstere „Hagen des Grifo", der 
letztere „Stuhl,'' d. h. „Wohnsitz oder Residenz des Grifo" bedeutet, was die 
Annahme gestattet, dass die Volkserinneriing in diesen Namen den denkwüi-digen 
Aufenthalt des eine königliche Machtstellung erstrebenden karolingischen Prinzen 
festgehalten hat. In diese Zeit nun, wälirend deren Grifo im sächsischen 
Schwabengaue weilte (747-748), muss der merkwürdige Brief fallen, den Boni- 
fatius an Grifo geschrieben hat. In diesem Briefe bittet der oberste Leiter der 
Heidenmission in Thüringen und Sachsen den einflussreichen Jüngling, er möge 
doch die Knechte Gottes, die Priester, Presbyter, Mönche und 
Mägde Christi, die er nach Thüringen gesandt habe, in seinen Schutz 
nehmen und gegen alle Bosheit der Heiden verteidigen. („Pete, ut adiuvare 
studeas sacerdotes, presbiteros, qui suntin Thuringia, et monachos etancillas 
Christi defendere contra paganorum malitiam.^') ^ Da nun aber Grifo in Sachsen 
und zwar im Schwabengau verweilte, so kann Bonifatius unter seinen Send- 
ungen in Thüringen nur seine im sächsischen Nordthüringen, d.h. im Friesen- 
felde, Hosgau und Schwabengau thätigen Missionare verstanden haben, wo sie 



1 Brief No. 92 in der Sammlung der Rriefe des Bonifatius. Herausgegeben von Würdt- 
wein 1789. 



\ 



Landeskundliche Einleitung. xxxvn 



den Angriffen der heidnischen Sachsen ausgesetzt waren. Dass Priester ver- 
schiedenes Grades, Mönche und Nonnen zugleich, als auf diesem Arbeitsgebiete 
thätig erwähnt werden, zeigt ganz deutlich, dass Bonifatius schon vor 747 die 
Bekehrung der in diesen Gauen wohnenden Heiden in umfassender Weise in 
Angriff genommen hat Im Jahre 748 zog nun aber Pippin mit einem starken 
Heere durch Thüringen nach Sachsen ins Gebiet der Nordschwaben und veran- 
lasste durch die drohende Entfaltung seiner Macht seinen Halbbruder Grifo, 
Sachsen zu verlassen und nach Bayern zu fliehen. Auf diesem Zuge zwang er 
die Nordschwaben zur Unterwerfung und nötigte sie, durch Annahme der Taufe 
Christen zu werden. Nach einer Sage hat diese Taufe bei Hecklingen a. d. Bodo, 
Stassfurt gegenüber, stattgefunden. („Grippe in Saxoniam venit Pippinus vero 
adunato exercitu per Thuringiam in Saxoniam veniens, fines Saxonum, quos 

Nordosquavos vocant, cum valida manu intravit. Saxones vero, qui Nordo- 

squavi vocantur, sub suam ditionem subegit, ex quibus plurimi per manus 
sacerdotum baptizati ad fidem christianam conversi sunt.")i Da 
nach den fränkischen Annalen erst im Nordschwabengau ^ine gewaltsame Be- 
kehrung zum Christentum stattfand, so ergiebt sich daraus, dass das Friesenfeld 
und der Hosgau, also der Gebirgskreis südlich der Wipper und der grösste Teil 
des Seekreises, schon damals nicht nur ein Zubehör des fränkischen Reiches, 
sondern auch schon dem Christentume gewonnen waren. Ja, man darf sogar 
wagen, einen bestimmten Gehilfen des Bonifatius als denjenigen zu bezeichnen, 
dem die Pflanzung des Christentums in diesen Gauen vorzugsweise zu verdanken 
ist, das ist der Angelsachse Wigbert, „der mit Bonifatius die Mühen der 
Mission in Deutschland getragen hat" 

Aus edlem anglischen Geschlecht entsprossen, war Wigbert nach dem Be- 
richte eines unbekannten Biographen des Bonifatius im Jahre 724 mit andern 
Mitarbeitern aus England nach Deutschland berufen worden, wo er 8 Jahre lang, 
bis 732, als einer von denen, die nach Willibalds Berichte „in Thüringen zer- 
streut, weit und breit in den Gauen und Dörfern das Wort Gottes predigten," 2 
für die Ausbreitung des Evangeliums thätig gewesen, und dann 732 oder 733 
zum Abte des zu einer Bildungsstätte für Geistliche bestimmten Klosters Fritzlar 
berufen worden ist, wo er im Jahr 747 starb und vor der Kirche des Klosters be- 
graben wurde. 3 Im Jahre 780 wurde der Leib des bald nach seinem Tode als 



1 Annal. Mettenses ad a. 748. M. G. SS, I, 330. 

> Vita 8. Bonifatii auctore Willibaldo presbytero (M. G. SS. II, 345) : „sicque rumor 
praedicationis eius difiamatus est in tantumque inolevit, ut per mazimam iam Europae partem 
fama eius perstreperet et ex Britaniae partibus servorum dei plurima ad eum tarn lectorum 
quam etiam scriptorum aliarumque artium eruditorum virorum coDgregationis con- 
venerat multitudo. Quorum quippe quam plurimi regulari se eiuB iuBtitutiom Bub- 
diderunt populumque ab erratica gentilitatis prof anatione plurimiB in IocIb 
evocavere et alii quidem in provintia Hessorum, alii etiam in Tyringea dispersi late 
per popnlum, pagos ac vicos verbum Dei praedicabant/' 

3 „S. Wigbertus, ex anglica gente natus, ex miraculis claruB, ecclesiae primuB ma- 
gister et praepoBitus exstitit'* berichtet eine Inschrift an der Kirche zu Fritzlar. Die 
im Jahre 836 geschriebene Vita Wigberti abbatis FriteslariensiB auctore Lupe (M. G. SS. XV, 
p. 39) berichtet: „Ab herum (Saxonum) posteris, postquam se christianae religioni summiserant, 



sxxvni Landeskundliche Einleitung. 



Heiliger hochverehrten Mannes nach dem im Jahre 770 vom Erzbisohof LuHus 
gegründeten Kloster Hersfeld gebracht, wo die Wiinderkraft seiner Gebeine bald 
die der Reliquien der Apostel Simon und Judas, denen das Kloster Hersfeld ur- 
sprünglich geweiht worden war, in dem Masse übertraf, dass das Kloster bald 
geradezu als das des h. Wigbert bezeichnet wurde, wie auch eine ihm zu Ehren 
erbaute und nach ihm benannte Kirche zu Hersteld im Jahre 85(J eingeweiht 
wurde. Von dieser grossen und frühen Verehrung S. Wigberts legt im besonderen 
der Umstand Zeugnis ab, dass die ältestcMi Kirchen d(>s (taues Friesenfeld zu 
Allstedt, Riestedt und Grossosterhause n sämtlich dem h. Wigbert ge- 
weiht und schon im Jahre 777 nebst d(»n zu ihnen g(4ir>rigen Zehnton im 
Friesenfelde und südlichen Hosgau von Karl d. (Jr. dem Kloster Herfeld über- 
wiesen worden sind, woraus sich ergiebt, dass diese Wigbertikirchen in der Zeit 
vom Tode Wigberts bis zu ihrer Vergebung an Hersf(»ld , also in den Jahren 
747 — 777 erbaut sein müssen, was weiter wahrscheinlich macht, dass die übrigen 
Wigbertikirchen zu Blanken he im im (Jaue Friesenfeld (Kr. Sangerhausen), zu 
Creisfeld im nördlichen Hosgau (Mansfolder Gebirgskn^is) und zu Strenz im 
Schwabengau (Mansfelder Seekreis) ebenfalls schon dem S.Jahrhundert oder doch 
einer nicht viel späteren Zeit ihre Entstehung verdanken. Erwägt man ferner, 
dass die ursprünglichen Hauptheiligen des Klosters Hersfeld, die Apostel Simon 
und Judas, schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts durch den h. Wigbert in den 
Hintergrund gedrängt worden sind, so wird wahrscheinlich, dass die den Aposteln 
Simon und Judas geweihten Kirchen zu Hedersleb(Mi und Rottelsdorf, 
welche doch sicher den Hei*sfelder Mönchen ihre Gründung verdanken, schon 
vor der Mitte des zehnten Jahrhunderts gegründet worden sind , da Abt H<igano 
von Hersfeld bereits im Jahre 946 den Besitz und das Zelmtrecht seines Klosters 
im nördlichen Hosgaii und südöstlichen Schwabengau ^egen anderweite Ent- 
schädigung an Kcinig Otto I. abgetreten hat, also nach diesem Jahre gar keine 
M(»glichkeit mehr für die Hersfelder Mönche vorlag, in diesen Gauen Kirchen 
zu gründen. Mit völliger Sicherheit lässt sich aber auch die (iründung noch 
einiger anderen Kirchen auf das 8. Jahrhundert, vielleicht schon auf die Zeit des 
Bonifatius und Wigbert zurückführen, nämlich (lio der Kirchen zu Wormsleben 
und Freist im nördlichen Hosgau (jetzt Mansfelder Seekreis), und zu ünter- 
Wiederstedt im Schwabengau (dicht am Mansfelder Gebirgskrcis) , welche 
sämtlich in die Ehre des heiligen Kreuzes geweiht sind. Die Kirchen zu 
Wormsleben und Wiederstedt sind Jahrhunderte lang die Haupt- und 
Mutterkirchen des nördlichen Hosgaues und südöstlichen Schwabengaues; 
gewesen, wie sich aus einer Urkunde des Kcinigs Otto I. vom 30. März 948 
ergiebt, laut welcher sie die Mutterkirchen zweier Zehntgebicte des Klosters Hers- 
feld waren, („omne predium hactenus ad monasterium beati Uuicberti confessoris 
Christi in loco Herolvesfeld dicto pertincns in villa Vurmaresleva ecclesiam- 



beatufl Wigbertus, claram t.rahens originem natalium, secularcm nobilitatem merito virtutum 
long« transcendit/* Die Weissenburger Annalen aber berichten zum Jahre 747: „Sanctus 
Wibertus migravit a seculo, quem sanctus Bonifacius de Brittannia advoeavit 
flibi in sola ti um praedicationis, et quia eo maior natu fuit, summa vencratione 
iilum habuit.'^ 



Landeskundliche Einleitung. xxxix 



que inibi constructam in pago Hosgouue, aliam quoque in villa Uuider- 
steti nunoupata cum omnibus ad easdem pertinentibus decimis, que 
sunt in septentrionali parte rivuli, qui dicitur Uuilderbach") ^ Ihr Alter aber 
erhellt aus einer andern Urkunde desselben Königs vom 26. Aug. 960, laut 
welcher schon Kaiser Karl d. (ir. dem Kloster Hersfeld die Kapellen zuWorms- 
leben und AViederstedt mit den dazAi gehörigen Zehnten geschenkt hat. („ . . . re- 
verendae niemoriae Carolus quondam strenuissimus imperator, antecessor 
noster, raonasterio Herolfesfeldensi, ubi beati Wigberti confessoris Christi corpus 
humatum est, . . . contulit quasdam capellas, quae sunt in pago Hosagewe, qua- 
rum una est in Gimmehereslibeen (verschrieben oder verlesen statt Uurmheres- 
Hben), alia in Uuihteresteti una cum decimis." * Aus dieser letzteren Mitteilung 
ergiebt sich, dass die Kirchen der beiden genannten Dörfer zur Zeit Karls des 
Grossen, und zwar wenn man die Bezeichnung desselben als Kaiser betont, 
spätestens in den Jahren 800—814 nicht nur schon vorhanden, sondern auch 
schon mit einem zu ihnen gehörigen Zehntgebiete ausgestattet waren, was zu der 
Voraussetzung berechtigt, dass sie schon geraume Zeit vorher gegründet worden. 
Die harten Strafbestimmungen, welche Karl der Grosse in seiner Capitulatio 
de partibus Saxoniae ergehen Hess, um die heidnischen Sachsen zur Annahme der 
Taufe und zur Entrichtung des Zehnten zu nötigen, haben, wie aus ihren bald 
hervortretenden Wirkungen sich ergiebt, sich ohne Zweifel auch auf die Bewohner 
des Hosgaues und Xordschwabengaues, also auf die Gebiete, aus welchen die 
heutigen Mansfelder Kreise hervorgegangen sind, erstreckt. Mit dem Tode soll 
jeder bestraft werden, der sich weigert zur Taufe zu kommen oder sich mit 
Heiden in eine Verschwörung gegen die Christen einlässt oder solche Bestrebungen 
begünstigt (Capitul. Vllf: „Si quis deinceps in gente Saxonum inter eos latens 
non baptizatus se abscondere voluerit et ad baptismum venire contempserit 
paganusque permanere voluerit, morte moriatur.'' — Capitul. X: „Si quis cum 
paganis consilium aduersus christianos inierit vel cum illis in aduersitate chri- 
stianorum perdurare voluerit, morte moriatur. Et quicumque hoc idem fraude 
contra Regem vel gentem christianorum consenserit, morte moriatur.") Ausser- 
ordentlich hohe Strafgelder sollten ferner je nach ihrem Stande und Ver- 
mögen diejenigen entrichten, welche es unterliessen, ihre Kinder innerhalb des 
ersten Lebensjahres zur Taufe zu bringen, es sei denn, dass es mit Genehmigung 
des Priesters unterblieben. Ijcute von edler Geburt sollten 120, Freigeborne 60, 
Liten 30 Schillinge in diesem Falle zahlen. (Capitul. XIX: „Similiter placuit his 
decretis inserere, quod omnes infantes infra annum baptizentur. Ethocstatuimus, 
ut si quis infantem intra circulum anni ad baptismum offerre contempserit sine 
consiUo vel licentia sacerdotis, si de nobili gonere fuerit, CXX solides fisco cora- 
ponat, si ingenuus, LX, si litus, XXX.'^) 

Am drückendsten war aber wohl die Verfügung, dass jeder Sachse ohne 
Ausnahme des Standes den Zehnten von seinem Vermögen und dem Ertrag 
seiner Arbeit den Kirchen und Priestern zu entrichten habe. (Capitul. XVI: 
Similiter secundum mandatum Dei praecipimus, ut omnes decimam partem 



* V. Heinemann Cod. Dipl. Anhalt. I. Nr. 29. p. 16. 
2 V. Heinemann, Cod. Dipl. Anhalt. I. Nr. 30. p. 22. 



xxxxii Landeskundliche Einleitung. 



Nebenpatron des h. Stephan für das Hoehstift Halberstadt war, so kann auch 
die Gründung der S. Sixtuskirrhe zu Er m sieben im Gebirgskreise bereits in 
die Zeit der karolingischen Herrscher fallen, unisomehr, als die Anlage des 
Turmes dieser Kirche eine uralt- romanische ist. 

Hiermit dürfte aber die Zahl der den beiden Kreisen angehörigen und 
schon in der Karolingerzeit gegründeten Kirchen noch nicht ei^schöpft sein. 
Namentlich werden von den dem h. Georg geweihten Kirchen — es giebt 
deren in Gödewitz, Helfta, Horla, Thal-Mansfeld und Siebigerode — wenigstens 
die in Helfta und Siebigerode wohl schon dieser Zeit angehören, da Helfta, 
dOvSsen einzige Kirche jetzt die S. Georgskirche ist, einer der ältesten Orte in der 
ganzen Gegend ist und der Patronat des Klosters Hersfeld über die Kirche zu 
Siebigerode nur aus der Zeit herrühren kann, in welcher Hersfeld hier noch 
Zehnten und Güter besass, also aus der Zeit vor 94S. Auch die Siebigeröder 
Ortssage, dass daselbst vor Zeiten ein Kloster gewesen, deutet auf uralte Be- 
ziehungen zu Hersfeld hin. Allerdings war der verstorbene Pastor Krumhaar 
wohl mit Recht der Meinung, dass Hersfeld in Siebigerode kein Kloster, sondern 
nur einen Klosterhof oder eine Missionsstation besessen habe. Dazu kommt 
noch, dass bei dem vor mehreren Jahrzehnten bewirkten Neubau der Siebige- 
röder Kirche Steinsärge zum Vorschein gekommen isein sollen , deren Form auf 
die älteste christliche Zeit hingewiesen habe. Lcnder aber scheinen weder die 
Särge selbst, noch auch eine genauere Beschreibung oder Zeichnung derselben 
erhalten zu sein ; wenigstens ist mir nie etwas davon zu Gesicht gekommen. 
Auch die S. Benedictikirche in Schochwitz, die Cäcilienkirche in Stadt Als- 
leben, die S. Eustachiuskirche in dem eingegangenen Dorfe Wesenstedt bei 
Hettstodt, die die Mutterkirche der jetzigen Hettstedter Stadtkirche war; ferner 
die Kirche der Heiligen Ludger und Maternus in Unter-Risdorf und die nicht 
mehr vorhandene Doifkirche des h. Vincentius zu Wimmelburg, sämtlich im 
Seekreise, können noch jener Frühzeit angehören, obwohl ich für diese Möglich- 
keit keinen andern Grund geltend machen kann als den, dass die genannten Pa- 
trone nur in der frühchristlichen Zeit in unserer Gegend beliebt waren. Doch fällt 
bei Wimmelburg und Unterrisdorf auch noch die nahe Lage bei Helfta und 
Wormsleben, von denen ersteres der Hauptgerichtsstuhl des südlichen Hosgaues 
und letzteres die Mutterkirche des nördlichen Hosgaues war, ins Gewicht 

Einen besonderen Aufschwung nahm die Pflanzung, Ausbreitung und Ver- 
tiefung des Christentums unter Otto L d. Gr., denn seiner und seiner Zeit- 
genossen Fürsorge verdanken nicht nur Pfarrkirchen, sondern auch die ersten 
Klöster und eine ganze Anzahl neuer Bistümer ihre Entstehung. Was die Pfarr- 
kirchen anbetrifft, so scheinen diejenigen, welche den Heiligen Cyriacus, 
Laurentius, Mauritius, Pankratius, Sebastian, Veit und Wenzel 
geweiht sind, der Mehrzahl nach im zehnten oder elften Jahrhundert entstanden 
zu sein. Denn z.B. die Verehrung des h. Cyriacus hat in unserer Gegend erst 
durch den bekannten Markgrafen Gero (+ 965) Platz gegriffen, welcher um 950 
und 961 die von ihm gegründeten Klöster zu Frose und Gernrode diesem zum 
Schutzheiligen seiner Familie erkorenen Märtyrer weihte und im Jahre 963 von 
seiner Romfahrt einen Arm dieses Heiligen als kostbares Geschenk des Papstes 
mit heimbrachte. Allerdings kann die anfangs auf dem Berge gelegene Kloster- 



Landeskundliche Einleitung. xxxxiii 



kirche zu Winimelburg, welche dem Cyriacus p;eweiht war, frühestens in der 
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts erbaut sein: es müsste denn sein, dass die 
schon in der ersten Hälfte desselben Jahrhunderts in Wimmelburg voraus- 
zusetzende Kirche unbekannt(»s Ursprungs, welche den liOib des Pfalzgrafen 
Siegfried (f 1038) aufnahm, bereits diesem Heiligen geweiht war. Dagegen fällt 
die Ctründungszeit <ler S. (Vriacuskirehe zu Wolferode, weil sie sicher ei*st 
von den Wimmelburger Mönchen gegründet und nach ihrem Klosterheiligen be- 
nannt worden, frühestens ins 12. Jahrhundert. 

Die Verehrung des h. Laurentius, welchem im Seekreise die Kirchen zu 
Ober-Teutschenthal und vielleicht auch zu Trebitz; im Gebirgskreise die 
zu Thondort und Gorenzen geweiht sind, beginnt in unserer (legend ebenfalls 
erst seit dem 10. Jahrhundert, seitdem König Otto I. in der Schlacht auf dem 
liechfelde (95o) diesem Heiligen ein Kloster zu Merseburg zu erbauen gelobt hatte, 
welches, nach seiner Erbauung mit der S. Johanniskirche voreint, sich bald zu 
einem Bistum ausgestaltete. Man wird daher die Gründung der ihm geweihten Pfarr- 
kirchen frühestens ins 10., wahrscheinlicher ins 11. Jahrhundert setzen müssen. 

Fast zur selben Zeit, wie die Verehrung des Laurentius, kam anch die des 
h. Mauritius auf, dem Otto d. Gr. um 93Gein Kloster erbaut hatte, dasererst968 
in ein Erzbistum verwandeln konnte. Diesem Heiligen sind im Gebirgskreise die 
Kirche zu Arnstedt, im Seekreise die zu Steuden und Gnölbzig geweiht. 

Die Verehrung des h. Pankratius scheint, wie die des h. Mauritius, aus 
der Magdeburger Gegend ebenfalls seit der Mitte des 10. Jahrhunderts in unsere 
Kreise übertragen worden zu sein, denn im Jahre 941 stiftete der Graf Lothar 
von Walbeck das Collegiatstift Wtalbeck bei Weferlingen zu Ehren dieses Heiligen, 
dem nach und nach (im 11. und 12. Jahrh.) noch andere klösterliche Stiftungen 
zu Ballenstedt, Hecklingen und Osterwieck geweiht wurden. Die im Seekreise 
nachweisbaren Pankratiuskirchen zu Dornstedt, Polleben und Lochwitz 
dürften demnach etwa im 11. Jahrhundert gegründet worden sein. Für ein hohes 
Alter der erstgenannten spricht im besonderen der Umstand, dass derGrundriss des 
erst vor wenigen Jahren wegen Baufälligkeit abgebrochenen und durch einen Neu- 
bau ersetzten alten Kirchengebäudes die Vorm des lateinischen Kreuzes hatte. 

Dem h. Sebastian ist im Seckreise die Kirche zu Jjüttchendorf und im 
Gebirgskreise vielleicht die zu Wimmelrode gewidmet. Da im Jahre 961 eine 
Sebastianskirche in Frose schon vorhanden war, so ist eine frühe Gründungszeit 
auch für diese Kirchen wahrscheinlich. 

Sehr alt sind durchweg auch die zum Teil auf Einflüsse des Klosters Corvey 
deutenden Kirchen, welche dem h. Veit geweiht sind. Bereits 929 weihte der 
Bischof Tuto von Regensburg diesem Heiligen eine Kirche in Prag und 936 be- 
stand schon die Veitskirche des Klosters Groningen ; 963 erscheint dieser Märtyrer 
als Schutzpatron des Bibraer Stifts. Man wird daher annehmen dürfen, dass die 
schon 1120 urkundlich bezeugte Kirche zu Unter-Teutschenthal oder Osniza, 
sowie die 1180 schon vorhandene Kirche in Schwittersdorf, welche beide dem 
h. Veit geweiht sind, ihre Gründung dem 10. oder 11. Jahrhundert verdanken. 

Dem im Jahre 925) ermordeten und schon 931 als Heiliger verehrten Herzog 
Wenzel von Böhmen ist nur im Seekreisc eine Kirche geweiht, die zu Thal- 
dorf bei Gerbstedt. Wenn auch über die Zeit ihrer Gründung nichts Bestimmtes 



xxxxiv Landeskundliche Einleitung. 



ausgesagt werden kann, so sind doch Spuren vorhanden, dass dem jetzigen spät- 
gotischen Gebäude ein romanisches vorangegangen ist 

Nicht viel später hat der Kult des h. Ulrich in unserer Gegend angehoben, 
der im Jahre 973 gestorben und 993 heilig gesprochen worden ist Als Er- 
bauungszeit der S. Ulrichskirche in Sangerhausen nahm man bisher meist das 
Jahr 1080 an, doch ist sie wohl erst um 1120 erbaut worden; über das Alter der 
alten S. Ulrichskirche in Halle weiss man auch nichts (»ewisses, doch wird 1210 
ein Pfarrer dieser jedesfalls schon lange zuvor bestehenden Kirche erwähnt Die 
einzige, zu Hornburg (im Seekreise) gelegene Kirche, welche diesem Heiligen 
geweiht ist, kann für ihr hohes Alter keine urkundliche Erwähnung, wohl aber 
Eigenheiten des Baustils geltend machen, welche ihren Ursprung zweifellos noch 
in die Zeit des romanischen Stils verweisen. 

Ähnlich steht es mit den Kirchen, welche dem im Jahre 1031 ge- 
storbenen und 1131 heilig gesprochenen Godehard geweiht sind. Zwar 
die Godehardikirche in Eisleben, an deren Stelle jetzt die Nikolaikirche getreten 
ist, wird 1191, ja ohne ausdrückhche Nennung des Namens schon 1179 
urkundlich erwähnt, aber baulich ist von ihr nichts erhalten. Dagegen zeigt 
die noch durchaus romanische S. Godehardikirche in Amsdorf am Salzigen 
See durch ihre bauliche Eigenart, dass sie bald nach der Heiligsprechung 
ihres Schutzheiligen, also in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts erbaut 
worden sein muss. 

Betreffs des h. Aegidius, welchem die Kirchen zu Zickeritz im See- 
kreise und zu Hergisdorf im Gebirgskreise geweiht sind, pflegt man anzu- 
nehmen, dass die älteste ihm geweihte Kirche in Deutschland die 1112 erbaute 
Ägidienkirche zu. Braunschweig sei. Wenn dies nun auch nicht ganz richtig ist, 
da sich Ägidienkapellen schon etwas früher, so z. B. 1110 in Erfurt, nachweisen 
lassen, so wird man doch die Gründung der eben erwähnten Doifkirchen frühestens 
ins 12. Jahrhundert setzen können. 

Von den Kirchen der h. Susanna zu Dederstedt und des h. Valen- 
tinus zu Ober-Risdorf lässt sich ihr Vorhandensein zur Zeit der romanischen 
Bauweise aus verschiedenen Überresten erweisen. Bei der ersteren erscheint 
schon 1212 ein Erzpriester. Beide sind ohne Zweifel ebenfalls alt 

Was schliesslich noch den h. Nikolaus anbetrifft, dessen Beliebtheit in 
unseren Gegenden man zumeist auf die Vorliebe bei uns eingewanderter Nieder- 
länder für diesen Heiligen zurückzuführen pflegt, woraus dann weiter gefolgert 
wird, dass er erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Kirchenpatron 
bei uns in Aufnahme gekommen sei, da frühere Einwanderungen von Nieder- 
ländern im Osten Deutschlands nicht nachweisbar seien, so ist diese Bohauptimg 
hinsichtlich der S. Nikolaikirche in Eisleben, wo S. Nikolaus sich dem 
älteren S. Godehard als Schutzpatron zugesellte, und vielleicht auch betreffs 
anderer Nikolaikirchen zutreffend, z. B. bei den Kirchen in Nelben a. d. Saale, 
Naundorf bei Strenz und Nee hausen im Seekreise, in Burgörner und 
Piscaborn im Gebirgskreise, aber betreffs der Kirchen zu Asendorf, See- 
burg und Unter-Röblingen, sämtlich in der Nälie der Seen gelegen, möchte 
ich doch annehmen, entweder dass die Verehrung dieses Heiligen in diesen ur- 
alten Orten schon früher begonnen hat, oder dass früher beliebte Schutzheilige 



Landeskundliche Einleitung. xxxxt 



durch den in Mode p;ekomnienen neuen verdrängt worden sind, da undenkbar 
ist, dass die letztgenannten Orte bis dahin ohne Kirche gewesen seien. 

Aus den vorstehend von mir gegebenen Nachweisen oder Andeutungen der 
Gründungszeit bestimmter Kirchen dürfte sich sehr wohl das Gesetz entnehmen 
lassen, dass die Kirchen, welche biblischen Pe r so n e n geweiht sind, fast ohne Aus- 
nahme die ältesten sind oder doch mit zu den ältesten gehören, wie auch bei uns alle 
diejenigen Kirchen der frühchristlichen Zeit zuzuweisen sind, deren Schutz-Heilige 
uns nur aus der christlichen Legende bekannt geworden sind. Ver- 
hältnismässig jünger, wenn auch in gewissen Fällen sehr alt, sind die Kirchen, 
welche geschichtlich bekannten Personen gewidmet sind. Im allgemeinen 
kann man sagen, dass je<ler Heilige seine bestimmte Zeit hatte, in welcher er 
sich der Terehrung und des Ansehens erfreute und dass diese Zeit aufrichtiger 
Verehrung, wenn man von den biblischen und einigen legendarischen Pei-sonen 
absieht, sich bei den meisten nicht viel über ein Jahrhundert erstreckt hat, so 
dass man geradezu behaupten kann, es habe auch auf dem Gebiete der Heiligen- 
verehrung eine Art Mode oder doch ein der Mode sehr ähnlicher Wechsel 
geherrscht, welcher deutlich zeigt, dass alle Heiligen — immer wieder die 
biblischen und altlegendarischen ausgenommen — nur während einer massig 
ausgedehnten, gleich auf ihre Heiligsprechung folgenden Zeit sich eines solchen 
Masses von Verehrung erfreut haben, dass man ihnen Kirchen zu weihen sich 
veranlasst fand, und dass sie nach verhältnismässig kurzer Zeit von neuen, für 
wunderkräftiger als die alten gehaltenen Heiligen verdrängt worden sind. Dieses 
Gesetz der Glaubensmode oder doch des Heiligenwechsels deutet 
auch Sebastian Braut an, wenn er, um den zu seiner Zeit eingerissenen Gro- 
bianismus zu tadeln, sagt: 

Ein neuer Hei lg heisst Grobian, 
Den will jetzt fuhren jedermann. 

Folgen sonach gewisse Heilige in gewisser Altersfolge aufeinander, so 
berechtigt eine annähernd zutreffende Begrenzung ihrer Verehrungszeiten auch 
zu einem Wahrscheinlichkeit^schlusse auf das Alter der nach ihnen benannten 
Kirchen. 

Manche zweifellos alte Karrkirchen können an dieser Stelle keine Be- 
rücksichtigung finden, da ihr Schutzpatron bisher nicht bekannt geworden ist, 
doch wird die kunststatistische Übersicht zeigen, dass manche von ihnen mehr 
oder minder die Merkmale der romanischen Zeit an sich haben, soda.ss ihre 
frühe Gründung nicht bezweifelt werden kann. 

Wenn nun auch noch manche andere Kirchen, sei es wegen des urkundlich 
bezeugten hohen Alters des Ortes, in welchem sie stehen, sei es wegen ihrer 
noch Spuren des romanischen Stils zeigenden Bauart für alt gehalten werden 
dürfen, so lässt sich doch nur bei einzelnen mit Sicherheit ein Zeitpunkt angeben, 
wie z.B. bei der Kirche zu Alterode (damals noch Rode genannt) im Gebirgs- 
kreise, deren Schutzheiliger zwar unbekannt ist, die aber urkundlich bereits im 
Jahre 1107 als vorhanden erwähnt wird. Immerhin ist es kennzeichnend für das 
sehr hohe Alter derjenigen Kirchen, welche (^vie z.B. die meisten im Seekreise) 
auf uraltem Kulturboden stehen, wenn man sieht, dass ein auf einer Eodung an- 



xxxxvi Landeskundliche Einleitung. 



gelegtes, also auf erheblich jüngerem Kulturboden gegründetes Dorf, wie Alterode, 
doch schon gegen Anfang des 12. Jahrhundei-ts eine Kirche besass, die überdies 
schon geraume Zeit früher gegründet worden sein kann. 

Seit wann nun aber die Kirchen in beiden Mansfelder Kreisen der Ober- 
aufsicht von Archidiakonen, welche anseheinend ohne Ausnahme Domherren des 
Bistums Halberstiidt waren, unterstellt worden sind, und seit wann einzelne dieser 
Archidiakonate, so z.B. der den südlichen Hosgau umfassende Osterbann 
(bannus orientalis) in erzpriesterliche Bezirke (sedes oder archipresbyteratus) 
eingeteilt worden sind, das lässt sich ebenfalls nicht mit Bestimmtheit sagen, doch 
ist soviel sicher, dass schon um 1120 der Archidiakonat Caldenborn, welchem 
mehrere Orte aus beiden Mansfelder Kreisen zugeteilt waren, als ein schon vor- 
her abgegrenzter geistlicher Bezirk erwähnt wird und dass Archidiakone des 
Osterbannes seit 1181 und solche des Bannes Eisleben seit 1185 in Urkunden 
vorkommen, was natürlich nicht ausschliesst^ dass die Archidiakonat^inteilung um 
Jahrhunderte älter ist. Erzpriester kommen im Banne Eisleben urkundlich seit 
1212 vor. 

Manche von diesen Archidiakonaten hatten den Umfang eines ganzen Gaues; 
so z.B. deckt.e sich der Archidiakonatbezirk Caldenborn mit dem Gaue Friesen- 
feld und der Bann Eisleben (vorher Wormsleben) mit dem nördlichen Hosgau. 
Dagegen war der weit ausgedehntere südliche Hosgau wegen seiner Grösse in 
eine Anzahl von erzpriesterlichen Bezirken eingeteilt und der noch weit grössere 
Schwabengau gar in mehrere Archidiakonatbezirke. So war der nordwestliche 
Teil des Gebirgskreises dem schwabengauischen Archidiakonate Gatersleben, 
der nordöstliche dem Archidiakonate Aschersiebon, der südliche Teil nördlich der 
Wipper dem Harzbanne (bannus nemoris) unterstellt. Die südlich von der 
Wipper gelegenen Teile des Gebirgskreises gehörten im Westen zum Archi- 
diakonate Caldenborn, im Osten zum Archidiakonate Eisleben; ja Rotha und der 
grössere Teil von Gross-Leinungen lagen sogar im Sprengel des Erzbistums 
Mainz. Der zimi Schwabengau gehörige nördliche Teil des Seekreises (nördlich 
von der Linie Weif eshoiz-Schlenzemündung) gehörte in den Archidiakonat (Unter-) 
Wiederstedt, der weiter südlich gelegene Hauptt^il bis zur Bösen Sieben, dem 
süssen See und der Salze zum Archidiakonat Eisleben und der südlich davon 
gelegene Teil mit den Erzpriesterbezirken Helfta, R(')blingen und Holleben (hiervon 
nur ein Teil) in den Osterbann. Doch geh()rte auch ein Stückchen westlich von 
Wimmelburg und Wolferode in den Bann Caldenborn (wüst bei Bahnhof Riestedt.) 

Zur Übersicht folge nunmehr eine der Bequemlichkeit halber alphabetisch 
geordnete Zusammenstellung der Kirchdörfer beider Kreise nach den 
Archidiakonaten, in welche sie gehörten, wie sie eine im Jahre 14(X) abermals 
aufgezeichnete, also ältere Verhältnisse wiederholende Matrikel (registrum re- 
scriptum) des Bistums Halberstadt unter Angabe der zu zahlenden Procurations- 
gebühr aufzählt.^ 



J Veröffentlicht von Hilmar v. Strombeck in der Zeitschrift des historischen Vereins 
fiir Niedersachsen, Jahrg. 1862, S. 1—144, woselbst auch allgemeine Mitteilungen über die 
Archidiakonateinteilung sich finden. — In der Erklärung der Örtlichkeiten greift v. Str. 
mehrfach fehl. 



Landeskundliche Einleitung. XXXXVli 



I. Kirchen des Oebir^skreises. 

A. Im Banne Oaterslebon:! 

1. Eugreniesleve alias Ermslove 7 sol. (Ennsleben.) 

2. Ennendorp. (So ist jedenfalls statt Cunendorp zu lesen = Endorf) 2sol. 

3. Estrendorp 7 sol. (wüst bei Ermsleben.) 

4. Meystorp 2 sol. (Meisdorf.) 

5. Wertheym 1 sol. (Wüst bei oder ein Teil von Meisdorf.) 

B. Im Banne Aschersleben :2 

1. Arnstede 10 sol. (Arnstedt.) 

2. Besenrode 12 sol. halberst. (Biesenrode.) 

3. Hetstede 2 sol. (Hettst(Mlt.) 

4. Hilmerode 2 sol. (Jetzt ein Teil von Friedrichrode.) 

5. Hilwerdingerode 2 sol. a. Hertwigerode. (Jetzt ein Teil von Bräiinrode.) 

6. Perdestorp 1 sol. (l^fersdorf, wüst unweit vom Rittergute Pfersdorf.) 

7. Quenstede 8 sol. (Schwaben-Quenstedt.) 

8. Walbeke 2 sol. (Walbeek.) 

9. Wedei-stede 4 sol. (Ober-Wiederstedt.) 

10. Superior Welpsleve 2 sol. (Welbsleben.) 

11. Inferior Welpsleve 1 sol. (wüst bei Welbsleben.) 

C. Im Banne Unter-Wiederstedt:^ 

1. Borchorner 4 sol., et dantur de monasterio Closter Mansfeld, cui dicitur 

ineorporata. (Burg-Örner.) 

2. Wesenstede. (Wüst nordöstlich von Hettstedt.) 

D. Im Harz banne (bannus nemoris):* 

1. Abberode 18 dcnar. (Abberode.) 

2. Alderode tereium dimidium solid. (Alterode.) 

3. Arnsteyn 18 denar. (Arnstein.) 

4. Bischoperode. (Wüst Wispelrode bei Greifenhagen.) 

5. Herkelrode 1 sol. (Harkerode.) 

0. Konningerode (fälschlich Ronningerode gesehrieben) 18 denar. (Könige- 
rode.) 

7. Malmeswende. (Molmerschwendc.) 

8. Pansfelde 1 sol. (Pansfelde.) 

9. Ritzenrode (fälschlich Kitzenrode geschrieben). (Ritzgerode.) 

10. Rode 18 denar. (Rotha?) 

11. Sylde tertium diraid. solid. (Sylda.) 

12. Tamkerode 1 sol. (Dankerode.) 

13. Wendeswick 1 sol. (Wüst Müllerswiek?) 



1 A.a.O. 8.60-63. 

2 Aa.O. S.40-43. 
» A. a. O. S. 124. 

* A.a.O. S. 82-84. 



xxxxvHi Landeskundliche Einleitung. 



E. Im Banne Caldenborn (Wüst Kaldenboni beim Bahnhofe Riestedt):* 

1. Epkeborne 4 sol. (Soll wohl Piscaborn sein.) 

2. Horle, Horleha^n, quelibet 2 sol. (Horla und das wüste Horlehagen 

nordöstlich davon.) 

3. Luchtenhagen 4 sol. (Wüst Lichtenhagen zwischen Wippra und Oorenzen.) 

4. Moringen 1 sol. (Morungen.) 

5. Munislynungen 8 sol. (Ein Teil des jetzigen (iross-Leinungen; der 

andere Teil lag im Erzbistum Mainz in sede Berga inferior. 2) 

6. Wippera 3 sol. (Wippra.) 

F. Im Banne Eisleben:^ 

1. Allerstorp 8 gi-ossos (antiquos). (Ahlsdorf.) 

2. Anenrode (fälschlich Auenrode geschrieben) 8 gr. (Annarode.) 

3. Creventenfeld 8gr. (Creisfeld.) 

4. Dodendorp 4 gi\ (Thondorf.) 

5. Hergesdorp 4 gr. (Hergisdorf.) 

6. Leymbeke 8 gr. (Stadt Leimbach.) 

7. Claustrum Mansfelt. 1 sexagenam grossorura antiquorum. (Kloster- 

Mansfeld.) 

8. Vallis Mansfelt 1 solidum gi-ossoruru. (Stadt Mansfeld.) 

9. Odesrode 2 gr. (Wüst zwischen Annarode und Siebigerode.) 

10. Orner ad sanctum Andream 30 grossos. (Gross-Örner.) 

11. Orner ad sanctum Steffanum 8 grossos (dasselbe). 

12. Retlingeborch (Retzlingeborch, Ritzeborch) 10 gr. (Das wüste Rücksche- 

burg bei MöUendorf.) 

13. Sei-sleve. (Siersleben.) 

14. Vadderode 30 gr. (Vatterode.) 

IL Kirchen des Seekreises. 

• A. Im Banne (Unter-)Wiederstedt:* 

1. Adendorp 2 sol. (Adendorf.) 

2. Alsleve apud Salam 10 sol. (Alsleben.) 

3. Benleve 6 sol. (Belleben.) ^ 

4. Delingen 2 sol. (Wüst Derlingen nordöstlich von Gerbstedt.) 

5. Detzeborch 2 sol. (Wüst in der Gegend von Gerbstedt oder Friede- 

burg. Bisher noch nicht nachgewiesen.) 

6. Droszew^itz l sol. (Wüst Dresewitz nördlich von Gerbstedt.) 

7. Ffredeberge 4 sol. (Friedeburg.) 

8. Superior Grepstede 6 sol. (Ober- Gerbstedt, auch Klein- oder Neu- 

Gerbstedt genaimt) 



1 A.a.O. S. 47-53. 

2 Wenck, Hessische Landesgeschichte II, Urkundenb. Nr. 458. 
8 V. Strombeck, a. a. O. S. 70—74. 

* A. a. O. S. 106—109. 



Landeskundliche Einleitongf. IL 



9. 


10. 


11. 


12. 


13. 


14. 


15. 


16. 


17. 


18. 


19. 



Grepstede ante claustrum 4 sol. (Markt-Gerbstedt) 
Gnelpsz 1 sol. (Gnölbzig.) 

Groue (unrichtig Grone geschrieben). (Wüst Grube südlich von Strenz- 
Naimdorf.) 

UUewitz 1 sol. (Ihlewitz.) 

Loderstede 4 sol. (Wüst Loderstedt nordwestlich von Gerbstedt.) 
Nyendorp 1 sol. (Naundorf bei Strenz.) 
Nelbe (unrichtig Nebbe geschrieben). (Nelben.) 
Boystorp 1 sol. (Piesdorf.) 

Porte (unrichtig Force geschrieben). (Wüst Pforte -— ehemals Purtin — 
nordwestlich von Belleben.) 

Rodewelle 1 sol. (Wüst Rothewelle nördlich vom Welfesholz.) 
Slentz (unrichtig Lentz geschrieben). Wüst Schlenz, südöstiich dicht 
bei Gerbstedt.) 

20. Warenstede 2 sol. (Wüst Wamstedt nördlich von Aisleben, an der 

Saale.) 

21. Tzykeritz 1 sol. (Zickeritz.) 

B. Im Banne Eisleben: 

1. Ostorp 16 gr. (Augsdorf.) 

2. Bennendorp 8 gr. (Benndorf.) 

3. Besenstede 4 grosses solidorum. (Besenstedt.) 

4. Beseneborch 8 gr. (Bösenburg.) 

5. Pergestorp 8 gr. (Burgisdorf.) 

6. Dederstede 30 gr. (Dederstedt.) 

7. Eykendorp 8,gr.; est incorporata hospitali in Ysleve. (Wüst Eikendorf 

nordwestlich von Eisleben.) 

8. Isleve ad sanctum Andream 30 grosses. (Altstadt Eisleben.) 

9. Isleve ad sanctum Nycolaum 16 grosses. (Eisleben, Priesenstrassen- 

viertel.) 

10. Parva Ysleve 1 sol. grossorum. (Wüst Klein -Eisleben, östlich von 

Eisleben.) 

11. Etzenstede (unrichtig Elzenstede und Etzensto geschrieben.) Wüst 

Esenstedt am süssen See nordwestlich von Seeburg. 

12. Vulense (unrichtig Vnlepse geschrieben) 8 gr. (Wüst Faulensee nörd- 

lich von Eisleben.) 

13. Uinstede (unrichtig XJmstede geschrieben) 8 gr. (Pienstedt.) 

14. Vresitz 8 gr. (Freist.) 

15. Hylgendal 16 gr. (Heiligen thal.) 

16. Helbere 16 gr. (Helbra.) 

17. Honstede ad B. Virginem 18 gr. ] 

18. Honstede ad S. Johannem 18 gr. > (Höhnstedt.) 

19. Honstede ad S. Petrum 4 gr. J 

20. Konnigeswik 8 gr. (Königswiek.) 

21. Langenbuge 30 gr. (Langenbogen.) 



Landeskundliche Einleitung. 



22. Lochwitz 10 gr. (Lochwitz.) 

23. Molrendoi-p. (Müilerdorf.) 

24 Neynstede 30 gr. prepo8itus in Isleve habet (Wüst Nienstedt nord- 
östlich von Augsdorf.) 

25. Butzendal 4 gr. (Pftitzenthal.) 

26. Plosze 8 gi\ (Wüst Plossa südöstlich von Zaschwitz a. d. Saale.) 

27. Plebanus in Ponleve ad sanctum Johannem 30 grosses. 

28. Ponleve ad sanctum Steffanum 16 gr. \ 

29. Ponleve ad sanctum Pancracium 16 gl*. ? (Polleben.) 

30. Ponleve ad sanctum Bartolomeum 16 gi*. J 

31. Reyther 4 gr. (Räther.) 

32. Richhardestorp 16 gr. (Wüst entweder östlich von Eisleben an der 

Mündung des Pressbachs oder nordöstlich von Eisleben am oberen 
Ende des Nonnenthals.) 

33. Ristorp ad S. Cirigacum 16 gr.; et est incorporata monasterio in 

Isleve. (Vermutlich Ünter-Risdorf, obwohl der Heiligenname nicht 
stimmt.) 

34. Ristorp ad S. Valentinum 8 gr. (Ober-Risdorf.) 

35. Rottelendorp 8 gr. (Rottelsdorf.) 

36. Schecwiz 30 gr. (Schochwitz.) 

37. Switkersdorp 8 gr. (Schwittersdorf.) 

38. Wolkmaritz 16 gr. (Volkmaritz.) 

39. Volkstede 16 gr. (Volkstedt) 

C. Im Banne Caldenbornii 

1. Erwinsrode 2 sol. (Wüst Erwinsrode oder Bruder-Erwigsrode westlich 

von Wolferode.) 

2. Geverdesrode 2 sol. (Wüst Gebhardsrode nordwestlich von Wol- 

ferode. 

3. Hogenwarte 2 sol abbas in Wimmelborch habet. (Wüst Hohnwarte 

östlich von Blankenheim.) 

4. Homeborge 6 sol. (Homburg.) ; 

5. Wulverode 2 sol. Abbas in Wimmelborch habet. (Wolferode.) 

D. Im Oster banne (bannus origentalis): 
a., in sede Helpede:^ 

1. Bisschoperode 1 sol. (Bischofrode.) 

2. Isleve ad S. Petrum 2 sol. (Eisleben, Brückenviertel südlich der Bösen 

Sieben.) 



1 A. a. O. S. 47—68. 
8 A,a.O. S.84 u, 85. 



Landeskundliche Einleitung. LI 



^■^^w I I ~ 1 T 



3. Helpede ad B. Virginem 4 solid, et est incorporata 

monasterio in Isleve. WTT iff ^ 

i. Helpede ad S. öeorgium 4 sol. | ' 

ö. Helpede ad 8. Gertrudem 4 sol. / 

6. Lutkendorp (unrichtig Luckendorp geschrieben). (Lüttchendorf.) 



b. in sede Rebenunge:^ 

1. Alverstede maior 2 sol. (Alberstedt.) 

2. Alverstede minor 1 sol. (Wüst Klein -Alberstedt südwestlich von 

Alberstedt.) 

3. Ambgestorp 1 sol. (Amsdorf.) 

4. Asseleben 1 sol. (Aseleben.) 

5. Dranstede quartum dimidiom sol. (Dornstedt.) 

6. Erdeborn tercium dimidium soliduni. (Erdeborn.) 

7. Erdestorp 1 sol. (Etzdorf.) 

8. Esperstede tercium dimidium sol. (Esperstedt.) 

9. Marchrebenunge 4 sol. (Unter-Röblingen.) 

10. capella in Rebenunge 1 sol. (Vermutlich die ehemalige Schlosskapelle 

in Ünter-Röblingen.) 

11. Westerrebenunge 18 denarios. (Ober-Röblingen.) 

12. Schoubessehe (unrichtig Schonbessche geschrieben.) (Schaafsee.) 

13. Schraplaw 8 sol. halberst. (iSchraplau.) 

14. Seborch 5 sol. (Seeburg.) 

15. iStedin 4 sol. (Stedten.) 

16. Wandessleve 2 sol. halbei*st. (Wansleben.) 

c. in sede Hülle ben (unrichtig geschrieben Hulleken = Holleben: 2 

1. Benstede 3 sol. (Bennstedt.) 

2. Tutzental 6 sol. halberst. alias Oszenitz. (Unter-Teutschenthal.) 

d. in sede "Winitz (Wünsch):«^ 

1. Studen4sol. (Steuden.) 

Nach Einführung der Reformation wurde die Grafschaft Mansfeld — von 
den ausserhalb der beiden Kreise gelegenen Orten abgesehen — in die Dekanate 
Rammelbnrg (Friesdorf), Königerode, Leinungen, Leimbach, Friedeburg, Deder- 
stedt, Helbra und Schraplau eingeteilt. 



1 A. a. O. S. 85 n. 86. 

2 A. a. O. ß. 86. 

3 A. a. 0. 8. 87. 



uj Landeskundliche Einleitung. 



8. Überblick 
über die Geschichte der mansfeldischen Klöster.* 

Man darf annehmen, dass wohl erst nachdem die Mehrzahl der grösseren Dörfer 
mit Pfarrkirchen versorgt worden war, Klöster als Pflegestätten einer in besonderen 
P'ormen und Werken der Gottseligkeit sich gefallenden und besondere Ziele er- 
strebenden Frömmigkeit gegründet w^orden sind. Da ein Abriss der Geschichte 
und Zugehörigkeit jedes einzelnen man sf eidischen Klosters an späterer Stelle ge- 
geben werden wird, so soll hier nur eine Zusammenstellung dieser Stiftungen 
nach ihrer Gründungszeit gegeben werden. 

Das älteste aller mansf eidischen Klöster ist vielleicht das Kloster Hom- 
burg oder, wie es später meist genannt zu werden pflegte, Holzzelle oder 
Zelle Hornburg im Gaue Friesenfeld, falls nämlich jenes Kloster Hombui^ 
im Nordthtiringerlande (in pago North. Thuringa) , welches im Jahre 877 dem da- 
mals neu gegründeten Kloster Drübeck übereignet wurde, das mansfeldische 
Homburg ist Thatsächlich kann nui* das mansfeldische Holzzelle oder das 
Städtchen Hornburg im Harzgau als Standort dieses uralten Klosters in Frage 
kommen, aber bis jetzt haben weder für dieses noch für jenes überzeugende 
Gründe beigebracht werden können. Zu Gunsten des mansfeldischen Homburg 
spricht erstlich der Umstand, dass in der Umgebung dieses Hornburg das 
Christentum früher gepflanzt und verbreitet gewesen ist, als am Nordabhange des 
Harzes, und ferner, dass hier wirklich von unbestimmter Zeit her ein Kloster 
bestanden hat, von welchem etwa seit der Mitte des 12. Jahrhunderts wenigstens 
die Namen einiger Pröpste bezeugt und seit 1208 auch einige Urkunden erhalten 
sind. Leider ist der Urkundenschatz dieses Klosters fast völlig verloren gegangen, 
sodass es nicht möglich gewesen ist, das Alter dieses Klosters auch nur annähernd 
festzustellen. Für Homburg im Harzgau, wo übrigens eine klösterliche Stiftung 
bisher nicht nachgewiesen worden ist, spricht die nähere Lage bei Drübeck ; doch 
kann auf diese allein in einer Zeit, wo es fast noch gar keine Klöster in der 
Nähe des Harzes gab, kein grosses Gewicht gelegt werden.*^ 

1 Kurze, durch neuere Forschungen zum Teil überholte Überblicke über die G^eschichte 
der mansfeldischen Klöster geben: Krumhaar, Geschichte der Grafschaft Maosfeld im 
Reformationszeitalter. Eisleben 1 855 , S. 19ff. — v. Mülverstedt, Hierographia Mans- 
feldensis (Zeitschr. des Harzvereins I, 1, S. 23 ff. Einen vielfach berichtigten und erweiterten 
Überblick giebt M. Krühne in seinem Vorworte zu dem von ihm bearbeiteten Urkunden- 
buche der Klöster der Grafschaft Mansfeld. (Geschichtsquellen der Prov. Sachsen, XX. Band, 
S. 5— 19, Halle, O. Hendel 1888.) Doch lässt KrOhne aus für ihn triftigen Gründen die 
Propstei See bürg, das Karmeliterkloster zu Hettstedt und das Augustinerkloster zu 
Eis leben unberücksichtigt, nimmt dagegen das erst in der letzten Zeit seines Bestehens 
unter die Yogtei und zuletzt auch in den Besitz der Grafen von Mansfeld geratene, aber ausser- 
halb der Mansfelder Kreise gelegene Kloster Kode (oder Hildburgerode] unter die mansfeld. 
Klöster auf. Das freilich nicht zur Grafschaft Mansfeld gehörig gewesene, aber doch im 
Mansfelder (rebirgskreise liegende Kloster Conradsburg wird von Krühne nicht einmal 
erwähnt Hier wird kein Kloster übergangen werden dürfen, welches in einem der beiden 
Mansfelder Kreise liegt 

3 Einen Versuch, Homburg im Harzgau als den Ort des im Jahre 877 an Drübeck 
vergabten Klosters zu erweisen, hat Pastor Reinecke in Schauen bei Osterwieck gemacht, 
ohne jedoch mehr als die Möglichkeit seiner Annahme glaubhaft gemacht zu haben. Zeit- 
schrift des Harzvereins XXIV, S. 810—323, 1891. 



Landeskundliche Einleiiang. un 



Das nächste, etwa 100 Jahre später (um 985) gegründete Kloster im Mans- 
feldischen ist das dem h. Johannes dem Täufer geweihte Augustinerinnenkloster 
zu Gerbstedt im Schwabengau, welches dem Markgrafen Ricdag von Meissen 
und dessen Schwester Eilsuith seine Entstehung verdankt Die Wahl dieses 
Klosters als Ort des Erbbegräbnisses für die Familie des Markgrafen erklärt sich 
daraus, dass dieser in dem Sehwabengau und nördlichen Hosgau das Gaugrafen- 
amt verwaltete und ansehnlichen Grundbesitz daselbst gehabt haben muss. Noch 
jetzt erinnern an diesen Markgrafen die seinen Namen tragenden Dörfer Ritzgerode 
bei Ranmielburg und Ritzkerode, wüst bei Mansfeld, ferner die wüste Bücksche- 
burg bei Möllendorf unweit Mansfeld (urkundlich Bitthagesburg) und endlich auch 
das ,,neue Schloss^^ bei Wippra, welches die Sage mit einem „Grafen von 
Riddag (!)^^ in Verbindung bringt Dem jeweiligen ältesten Mitgliede des mark- 
gräflichen Geschlechts sollte die Yogtei des Klosters zustehen, während der 
Bischof Friedrich von Münster und dessen Nachfolger im Bistum die geistliche 
Oberaufsicht über das Kloster führen sollten. Diese sonderbar erscheinende Wahl 
erklärt sich durch die Abkunft jenes Bischofs Friedrich von den Grafen von 
Wettin und die Verwandtschaft des Markgrafen Ricdag mit diesem Hause. Die 
Markgrafen von Meissen aus dem Hause Wettin behielten die Yogtei über das 
Kloster ungefähr bis zum Jahre 1225, und während dieser Zeit erfolgte um 1118 
die Umwandlung des damals sehr stark besetzten Stiftes in ein Benediktinerinnen- 
Kloster. Später (seit 1225) ei*scheinen an Stelle der wettinischen Markgrafen von 
Meissen die Grafen von Mansfeld als Yögte des Klosters und sind in dieser 
Stellung verblieben bis zur Aufhebung desselben gegen Ende des 16. Jahr- 
hunderts. 

Im Jahre 992 Avurde durch die Kaiserin -Witwe Adelheid, zweite Gemahlin 
Ottos des Grossen, und ihre Tochter Mechthild, Äbtissin von Quedlinburg, zu 
Walbeck (Walbiki) im Gebirgskreise ein dem Apostel Andreas gewidmetes 
Benediktinerinnen Kloster gegründet, welches dem Stifte Quedlinburg und zugleich 
mit diesem dem päpstlichen Stuhl unterstellt sein sollte. Die Wahl des Yogtes 
sollte der Walbecker Äbtissin zustehen. Klostervögte waren wohl schon von An- 
fang an die in der Nachbarschaft angesessenen Edeln von Ai*nsteiii, später deren 
Rechtsnachfolger, die Grafen von Regenstein und von Mansfeld. Schon um 1525 
wurde das Kloster, von dessen Geschichte wir, weil die Mehrzahl seiner Urkunden 
verloren gegangen ist, nur wenig wissen, aufgehoben. 

Ein viertes mansf eidisches Kloster ist die Abtei Wimmelburg. Schon 
1038 bestand auf der ehemaligen, hoch über dem jetzigen Dorfe gelegenen Burg 
eine kirchliche Stiftung, vielleicht schon klösterlicher Art, in welcher Siegfried, 
der letzte männliche Spross des ältesten pfalzgräflichen Hauses von Sachsen, 
beigesetzt wurde. Während der Jahre 1059 und 1088 verwandelte eine Gräfin 
Christina ^ die höchstwahrscheinlich eine Schwester oder Tochter des Pfalzgrafen 
Siegfried und vermutlich auch die Gemahlin des Edeln Hoyerl. von Mansfeld 
gewesen ist, die ältere Stiftung in ein dem h. Cyriacus geweihtes Benediktiner- 
Kloster, welches das erste Mannskloster in den Mansfelder Kreisen gewesen ist. 
Im Jahre 1121 wurde das Kloster von der Höhe des Berges (der jetzigen Hüne- 
burg) in das Thal verlegt und erlangte bald reichen Besitz und grosses Ansehen. 
Da die Gründerin, die Gräfin Christina, wie schon bemerkt, mit einem Edlen 



Uy Landeskundlicliß. Emleitnng. 



i.fc M' 



von Maosfeld vermählt gewesen zu sein scheint, so kann es nicht befremdea, dass 
die Grafen von Mansfeld, soweit nachweisbar, immer als Vögte des Klosters 
hervortreten. 

Vermutlich noch älter als das Kloster Wimmelburg und auf dem Boden der 
HeiTSchaft Mansfeld selbst gegi'ündet, ist das Kloster Mansfeld in dem gleich- 
namigen Doi-fe. Wenn auch gemeinhin angenommen wird, dasselbe sei erst 1170 
gegründet worden, so ist doch sehr wahrscheinlich, dass schon im Jahre 1042 in 
deniDorfe Mansfeld ein Benediktiner -Kloster bestanden hat und also noch früher 
gegründet worden ist Um 1170 mag der f^hertritt dieses der Jungfrau Maria 
geweihten Klosters zum Josaphat-Orden und die Verwandlung in ein unter 
Leitung eines Priors stehendes Stift stattgefunden haben, Schirm vögte waren 
wohl von Anfang an, wie sich eigentlich von selbst versteht, die Grafen von 
Mansfeld. 

In die Jahre 1120— 1133 fällt die Gründung der im Gebirgskreise gelegenen, 
dem b. Sixtus geweihten Benediktiner- Abtei Conradsburg durch die Edlen 
von Conradsburg, die seitdem auf dem etwa um dieselbe Zeit von ihnen 
erbauten Schlosse Falkenstein hausten. Schirmvögte waren auch hier die 
Nachkommen des Gründers, die Grafen von Falkenstein, und deren Rechts- 
nachfolger. 

Ein heutzutage nicht zu einem der Mansfelder Kreise gehöriges, und auch 
erst ziemlich spät (etwa seit 1323) in den Besitz des Grafen von Mansfeld ge- 
langtes, hier aber wenigstens zu erwähnendes Kloster ist das im Jahre 1141 von 
dem Edlen Esiko von Bornstedt gegründete Cistercienser-Kloster Sittichenbach, ^ 
das erste dieses Ordens unter der Vogtei der Grafen von Mansfeld, die zum Teil 
sehr hart mit dem Abte und den Mönchen vei-fuhren. 1542 wurde das Kloster 
in ein Amt verwandelt, mit welchem Herzog Moritz von Sachsen den Grafen 
Albrecht v. Mansfeld belehnte. 

Nur ganz kurze Zeit bestand auf mansfeldischera Boden die von dem Erz* 
biscliof Wichraann von Magdeburg auf seinem väterlichen Erbgut gegründete und 
mit ererbten Gütern begabte Propstei See bürg mit zwölf Präbenden, denn schon 
1211 wurde diese Propstei nach Magdeburg verlegt und mit dem KoUegiat- Stifte 
SS. Petri et Pauli in der Neustadt vereinigt. 

Anscheinend aus einem Hospitale entstand um das Jahr 1216 das der Jung- 
frau Maria geweihte Kloster zu Hedersleben, welches regulirten Chorherren 
zum Aufenthtdte diente imd immer die Grafen von Mansfeld zu Schirmvögten 
gehabt zu haben scheint. Dieses Kloster ist wohl nie zu einiger Bedeutung 
gelangt 

Fast das jüngste, aber das zur grössten Bedeutung gelangte unter allen 
mansfeldischen Klöstern ist das der h. Jungfrau Maria geweihte Cistercienserinnen- 
Hoster Helfta, dessen Schicksale sehr wechselvolle waren. Ursprünglich bei der 
Burg Mansfeld im Jahre 1229 von dem Grafen Burchard von Mansfeld und dessen 
Gemahlin Elisabeth von Schwarzbiu-g gegründet und mit Cistercienserinnen aus 
dem S. Burchardikloster in Halberstadt besetzt, wurde es schon 1234 nach 



^ Einen Überblick über die G^eschichte den Klosters Sittichenbach giebt Rosenburg 
in den Mansfelder Blättern VII, S. 58—70. Eisleben 1893. 



Landeskundliche Einleitimg. lt 



Rothardesdorf (dem jetzt wüsten Rossdorf bei Eisleben) veriegt. wo es aber auch 
Jiur. kurze Zeit verblieb, denn schon 1259 wurde es von da nach dem Dorfe 
Helfta bei Eisleben verlegt, welches den Brüdern der damaligen Äbtissin Gertrud, 
den Edlen von Hakebom, gehörte. Das Kloster nahm bald einen grossen Auf- 
schwung, sodass es schon 1262 einen Konvent von zwölf Schwestern in das neu- 
gegründete Kloster Hedersleben an der Selke entsenden konnte. Durch die 
Verzückungen und Offenbarungen dreier Nonnen, nämlich der Mechthiid von 
Magdebui^, der Mechthiid von Hakeborn und der „grossen" (rertrud, drang der 
Ruf des Klosters und der Einfluss der genannten Schwestern in weite Kreise der 
Christenheit Die Zeit, während welcher diese Frauen im Kloster Helfta lebten, 
kann man getrost als die Blütezeit des.selben bezeichnen.^ Nachdem in der 
Halberstädter Bischofsfehde die Gebäude des Klosters zum Teil in Asche gelegt 
worden, wurde der Konvent, um ihm grössere Sicherheit zu gewähren, während 
der Jahre 1342 — 1346 zum dritten Male und zwar unmittelbar vor die Mauern 
der Stadt Eisleben verlegt, wo es unter dem Namen Neu -Helfta oder Eisleben 
bis zum Bauemaufruhr bestanden hat Durch diesen vertrieben, entfloh die Äb- 
tissin mit den Nonnen erst nach Halle, dann nach Mähren, um dort ein Kloster 
einrichten zu helfen. Ein von ihr im Jahre 1529 gemachter Versuch, das Kloster 
in Alt-Helfta wieder aufzurichten, misslang. Schutzherren des Klosters waren 
zuerst die Grafen von Mansfeld aus Querfurter Geschlecht, später die Edlen von 
Hakebom als Inhaber der Herrschaft Helfta und nach dem Verkauf derselben 
(1346) an die Grafen von Mansfeld wiederum diese. 

Das jüngste der man sf eidischen Landklöster ist (Ober-)Wiederstedt Der 
Anfang dieses Klosters war ein auf dem Kupferberge bei Hettstedt von dem 
Edlen Albrecht von Amstein erbautes, der Jungfrau Maria und dem h. Gangolf 
geweihtes Hospital. Schon vor 1248 muss dieses in ein der Jungfrau Maria 
geweihtes Augustinerinnen-Kloster verwandelt worden sein, welches aber unter die 
Aufsicht von Frieren aus dem Prediger- oder Dominikanerorden gestellt wurde. 
Bereits vor 1259 muss die Verlegung dieses Klosters von Hettstedt nach Wieder- 
stedt erfolgt sein. Da seine Gründung den Edlen von Amstein zu verdanken 
war, so haben erst diese und dann ihre Rechtsnachfolger, die Grafen von Falken- 
stein, Regenstein und Mansfeld, die Vogtei über das Kloster ausgeübt 

Von nur kurzer Dauer und schon darum auch räumlich sehr eingeschränkter 
Bedeutung sind gewesen das 1451 gegründete Carmeliter-Kloster in Hettstedt 
und das erst kurz vor dem Beginn der Reformation (1514) gegründete Augustiner- 
Eremitenkloster S. Annen in der Neustadt Eisleben, über deren Geschicke 
an geeigneter Stelle das Nötige mitgeteilt werden wird. 

Die Anzahl der klosterartigen geistlichen Stiftungen in Stadt und Land 
betrug denmach im Gebirgskrsise fünt im Seekreise sieben, in beiden Mansfelder 
Kreisen zusammen zwölf. Nach den Jahrhunderten ihrer Entstehung geordnet, 
folgen die mansf eidischen Klöster so aufeinander: 

im 9. Jahrhundert, Homburg (?) 
„ 10. „ Gerbstedt, Walbeck. 

1 Vgl H. GröBsler, die Blütezeit des Klosters Helfta bei Eisleben. Programm des 
Königl. Gymnasiums zu Erleben 1887. 



LVl Landeskundliche Einleitung. 



im 11. Jahrhundert, Mansfeld, Wimmelburg. 
„ 12, „ Conradsburg, Seeburg. (Auch Sittichenbach 

und Hildburgerode.) 
„ 13. „ Hedersleben, Helfta, Wiederstedt. 

„ 15. „ Hettstedt 

„ 16. „ Neustadt, Eisleben. 



1 

I 

I 



Abberode. 

IGI Harrkirchdort an dem Flüsschen Eine, 16 km westlich von Hettstedt, vor- 
mals im Schwabengau (in der Grafschaft Falkenstein?), in geistlicher Hinsicht im 
Harzbanne (bannus nemoris) gelegen. Das Dorf ist eine sehr alte Rodung 
(urkundlich vielleicht schon 937 Hebenroth, sicher 964 Abenrod, 1400 Aberode = 
Rodung des Abi, Abo oder Abbo). Die Dorf läge samt den Gärten ist preussisch; 
die die Gärten umschliessende Dorfflur dagegen gehört ins Herzogtum Anhalt, 
wodurch den Bauern manche Unannehmlichkeit, namentlich in Handhabung der 
Polizei, erwächst Dieses son^i&rbare Verhältnis soll auf einem seit Jahrhunderten 
schwebenden Processe zwischen der preussischen Herrschaft Rammelburg (jetzige 
Besitzerin Freifrau v. Friesen) und dem Herzog von Anhalt beruhen. 

Das Dorfsiegel mit der Inschrift: „Gemeinde Abberode" zeigt gekreuzte 
Eichenzweige; das Siegel der (vielleicht dem h. Laurentius geweihten) Kirche das 
Bild des Kirchengebäudes nebst westlich vorliegendem , mit einem Satteldach ver- 
sehenen Turme. 

Der aus Feldsteinen roh aufgeführte Turm ist sehr alt, aber ohne jede 
bemerkenswerte Eigenheit. Das Kirchengebäude dagegen ist ein moderner Bau 
aus dem Jahre 1769, wie folgende Inschriften bekunden. 

üeber der Nordthür: 

I. I. 16. Rob . . Anno 1769. 
Auspicio Numinis GIDQQLXIX. 

(C^ue auf unfeTti Slun^ ym, £obe M% 
l^eveit unfere Iberften 3ttv Xnöac^t fein. 

J. L. F. K. V. 

üeber der Südthür: 

Hoc I Acdisicium (sie!) Dei in honorem | cxstructum | ölDQaLXIX. | 

Beöentf fl(lenf(^, wotfin 6etit <Saiig vor \fy> ge^t, 

Drnm fom ^em nac^, loae hoti im pveMger':5tt((e £.4 9.17 fte^t. 

1769. 

In dem Innern der an Decke, Wänden und Emporen in geschmackloser 
Weise mit indigoblauem, gemustertem Anstrich verzierten Kirche befinden sich 
noch zwei Flügel eines Altarschreins, welche auf beiden Seiten bemalt sind. 
[S] Der eine dieser Flügel zeigt auf der Vorderseite den h. Laurentius mit dem Kost, 
auf der Eückseite die h. Kümmernis, von vier Engeln gehalten; der andere 
dagegen die Maria mit dem (bekleideten) Christuskinde in der Strahlen -Mandorla 
auf einer umgekehrten, mit Gesicht profilierten Mondsichel. Die Rückseite enthält 
Manafelder Gebirgskreis. I 



Mansfelder Gebirgskreis. 



zwei Heilige, nämlich Pankratius mit der Darm winde und Sebastian, von Pfeilen 

durchbohrt. 

[G] Auf dem Turme hängen gegenwärtig nur zwei Glocken von 1,08 und 
0,77 m Durchmesser. Die grössere ist im Jahre 1756 von J. Georg Uhlrich in 
Laucha gegossen und trägt den Spruch: 

Gloria in excelsis 

sowie das Mansfeldische Wappen. Die kleinere vom Jahre 1652 hat folgende 

Inschrift: 

>itt0 ^em ^eDiov ffnt »iv afle 6vep ynqliex^ geflofffn. 
"^brit^ Lottes (^tlffe (^at | on» Ibans Ibeinvic^ ISauft^ au« £rffuvt 
ipteöev in Bvannvo^a gegoren. 

Peter Dedewind. Hans Zieche. Tobias Rudoiff. 

Kirchväter. 

Praefecto Dn. Christoph Gebhardo Goldstein,- 

Pastore Dn. Paulo Pfulio, 

Dn. Andrea Miliern scriba, 

Laurentio Apitio aedituo. 

An der Seite steht: 

'hai poi^ tein Jin6e. 

Da hier von drei zugleich gegossenen Glocken die Rede ist, so müssen 1652 
von dem genannten Glockengiesser Rausch 3 Glocken vorhanden gewesen sein; 
fraglich ist nur, ob dieselben ursprünglich für Bräunrode oder für Abberode 
bestimmt gewesen bind. 

Ahlsdorf. 

[G] Pfarrkirchdorf, 12 km südlich von Hettstedt, auf dem nördlichen Ufer des 
Dippelsbaches, des Oberlaufs des urkandUchen Wilderbaches, vormals im nordhchen 
Hosgau, im geistlichen Banne Eisleben gelogen, wohl schwerlich das im H.Jahr- 
hundert im Hersfelder Zehntverzeichnisse erwähnte EUesdorpf, da die späteren 
urkundlichen Formen, die nur aus verhältnismässig später Zeit beizubringen sind 
(1400 AUerstorp, 1420 und 1430 Allirsdorf, 1484 Alderstorfl, 1541 Alszdorf), diese 
Annahme nicht gestatten. Legt man die späteren Formen der Deutung des 
Namens zu Grunde, so birgt derselbe den Personennamen Althar oder Alther; 
vielleicht auch, falls das r erst später eingeschoben ist, den Namen Aldo, (also 
Dorf des Alther oder Aldo). 

Das Dorfsiegel mit der Umschrift: „Gemeine Siegel zu Ahlsdorf" zeigt 
einen Bergmann, welcher mit der Rechten eine Keilhaue schultert und eine 
andere in der Linken hält Auf beiden Seiten verteilt, steht die Jahreszahl 1738. 
Ein anderes vom Jahre 1758 zeigt dasselbe Siegelbild, welches offenbar als den 
Hauptnahrungszweig der Bewohner den Bergbau bezeichnen will; ob es auch 
besagen will, dass das Dorf infolge des Bergbaues begründet worden sei — was 
dann als Zeit der Gründung frühestens das 13. Jahrhundert ergeben würde — muss 
dahingestellt bleiben. Doch ist das Dorf vermutlich älteren; Ursprungs, da die 



Atilsdorf. 



Ortskirche dem Schutzheiligen des Erzbistums Mainz, dem h. Martin, geweiht 
ist, was auf eine frühe Zeit ihrer Gründung schliessen lässt. Das jetzige Kirchen- 
gebäude selbst spricht freilich nicht für ein höheres Alter des Dorfes, denn das- 
selbe ist nach einer Mitteilung des früheren Pfarrers von Ahlsdorf, Herrn Pastor 
Tauer in Domnitz, erst im Jahre 15iO unter Beihilfe der Gutsherrschaft, eines 
Herrn von Draxdorf, vollendet und für den evangelischen Gebrauch eingeweiht 
worden, nachdem die Gemeinde, wie das Kirchenbuch ausweist, bereits 1540 zum 
evangelischen Bekenntnisse übergetreten war und in der Person des Pastors Johann 
Sylvius aus Westfalen ihren ersten evangelischen Seelsorger erhalten hatte. Noch 
im vorigen Jahrhundert soll eine auf die Einweihung bezügliche Inschrift auf der 
Wand oben am Altare deutlich zu lesen gewesen sein. Die ältere und vermutlich 
erheblich kleinere Dorfkirche muss nördlich von dem Dorfe in der Gegend, welche 
noch jetzt der alte Gottesacker heisst, gelegen haben. Schon sie besass ver- 
mutlich das jetzige Neuberholz, welches früher Martinsholz hiess und der 
Ahlsdorfer Kirche gehörte. Die Herzöge von Sachsen beanspruchten 1484 Ahls- 
dorf und die übrigen Grunddörfer als zu ihrem Schlosse Sangerhausen gehörig, 
aber die Grafen von Mansfeld vermochten „aus alten Briefen" den üngrund dieser 
Behauptung zu beweisen und behielten Ahlsdorf. Diese Beweisführung deutet 
also doch auf ein beträchtlich höheres Alter des Dorfes, als die jetzt erhaltenen 
Urkunden ergeben. Im Jahre 1626 brach die Pest im Dorfe aus und wütete so 
arg, dass manchen Tag 11 Personen starben. Auch der Pfarrer Jeremias Caleb 
wurde von ihr hingerafR; Auch unter dessen Nachfolger Wolfgang Kluge dauerte 
das Sterben noch mehrere Jahre fort, sodass die Bevölkerung ausserordentlich 
zusammenschmolz. 164 6 jedoch wurde das ganze Dorf von streifenden Scharen 
so völlig zerstört, dass niemand mehr im Dorfe wohnen konnte und auch der 
Pfarrer Kluge flüchten musste. Nach mündlicher Ueberlieferung waren alle 
Häuser teils zerstört, teils ausgestorben, bis auf eins, welches 
an der äussersten nördlichen Grenze lag, im Jahre 1846 dem Fahrsteiger Thurm 
gehörig. Dies war mit allen seinen Bewohnern von der Wut der Pest und des 
Krieges verschont geblieben. Dem flüchtenden Pfarrer Kluge versprach diese 
einzig übriggebliebene Familie, falls er bleibe und eintretenden Falls für ihre 
christliche Beerdigung Sorge trage, ihr ganzes Besitztum; aber er blieb nicht 
und kehrte erst 1648 nach Ahlsdort" zurück und mit ihm wohl der Rest der 
früheren Bewohner. 

Das jetzige Kirchengebäude, dessen Turm anscheinend älter ist, stammt, 
wie schon bemerkt, aus dem 16. Jahrhundert, ist aber laut einer Inschrift über 
der Thür des Turmes im Jahre 1852 völlig renoviert worden. Bei dieser Gelegen- 
heit wird die Vorhalle beseitigt worden sein, welche nach einem Bericht des 
Predigers Grosche ^) von einem Schäfer aus Dankbarkeit für einen bei dem wüsten 
Dorfe Dippelsdorf gefundenen Schatz erbaut worden war, wie denn an der 
Kirchthür gestanden haben soll : 

Peter Krüger, Huthmann in Alsdorf, 1619. ^) 



1) Rosenkranz, Neue Zeitschr. I, 2, 15. — 2) Die darauf bezügliche Sage „Der 

Schäfer aus Ahlsdorf und die Blume im Tippelsdorfe'' findet sich in Gross 1er, Sagen der 

Grafschaft Mansfeld etc., Nr. 20. 

1* 



Mansfelder Gebirgskreis. 



In der Turm halle befindet sich ein alter, sehr breiter, stark beschädigter 
Schnitzaltar, 



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S. Michael 


S. Anna srlbch 


S. Sebastian 


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Maria 

und 

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Heiliger 


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*.S. Katarina 


2: 

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1 

1 
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S. Margareta 












Christuskopf 






















(Veronikatuch) 













dessen Predella das von zwei Engeln gehaltene Veronikatuch zeigt In dem 
Mittelfelde darüber sitzen Jesus und Maria. Die noch erhaltenen Figuren sind, 
obwohl einzelnen die Embleme fehlen, doch meist durch den an dem Kussgestell 
angeschriebenen Namen in gotischen Minuskeln zu bestimmen. 

Zur Rechten der Mittelgruppe (links vom Beschauer) folgen nacheinander: 
S.Martin, S. Andreas, S. Sebastian mit Pfeilwunden, S.Anna selbdritt (mit Maria 
und Jesus auf dem Arme), S. michgal (Michael) als ein Jüngling mit bartlosem 
Gesicht, den Teufel unter die Füsse ti-etend. Nach der Haltung der Hand zu 
schliessen, hatte die Figur eine Fahne in derselben. 

Zur Linken (rechts vom Beschauer) sind nacheinander zu sehen: ein un- 
bekannter Heiliger, S. Johann der Täufer mit dem Gotteslamm in der Linken, 
S. Katarina, S. Laurentius, S. Margareta, zu deren Füssen ein froschgestaltiger 
Teufel hockt. Endlich erblickt man über dem Altarschrein noch einmal das aus 
Holz geschnitzte Bild des zu Pferde sitzenden h. Martin in kriegerischer Rüstung, 
wie er mit dem Schwerte seinen Mantel zerteilt. Nach Herrn Pastor Tauer's 
Mitteilung geht von diesem „Schimmelreiter'' — so heisst das Bild in der 
Gemeinde — die Sage, dass er nicht von der Stelle gerückt werden dürfe, weil er 
sonst des Nachts lärmend und wütend in der Kirche umherreite und, weun er 
nicht bald auf den alten Platz gestellt werde, die Kirche zerbersten und einstürzen 
müsse. Ein Bergmann war fest überzeugt, ihn während der letzten Kirchen- 
reparatur, als das Bild mutwilh'g von seiner Stelle gerückt worden, nachts in 
der Kirche umhersprengen gehört zu haben. 

Gleichfalls in der Turmhalle steht der Grabstein eines Ritters, welcher 
ein langes Schwert unter dem Unken Arme und einen Dolch an der rechten Seite 
trägt Die Inschrift , aus welcher die Jahreszahl weggebrochen und die auch sonst 
stark beschädigt ist, lässt ausser dem Spruche Joh. am 3.: 

„60tt M uW in M it^ Sinim'' etc. 

noch den Namen Heinrich von Drachsdorf erkennen. Diesem Heinrich von 
Drachsdorf gehörte gegen Ende des 16. Jahrhunderts das Freigut, welches aus 
besonderer Vergünstigung von Seiten der Grafen die Lohns- und G^richtsherrlichkeit 



Ahlsdorf. 



besass. Die späteren Besitzer waren Augustin Seyfert, Wil^enroth, Eller und die 
Familie Thoraasius. Der 1728 gestorbene Christian Thomasius, Erb-, Lehn- und 
Gerichtsherr zu Ahlsdorf, Professor an der Universität Halle, erwarb sich bekannt- 
lich ein grosses Verdienst durch Einführung der deutschen Sprache bei seinen 
akademischen Vorträgen und wirkte auch mit Erfolg für Aufliebung der Hexen- 
processe und der Folter. Die jetzige Kirchenbibel trägt die Inschrift: 

Diese Bibel verehret aus gutem Herzen der Kirche zu Ahlsdorf 
Frau Augusta Christina Thomasien» geborene Heylandin. 

Halle den i6. November 1723. 

Ein Taufstein von barocker Form mit der Jahreszahl lf>82, welche auf 
vier Karyatiden (in deren Nabolgegend) verteilt ist, enthält in vier Reliefs die 
4 Evangelisten in mittelalterlicher Tracht, jeder derselben mit einem Buch und 
dem ihm zukommenden Symbole (Engel, Löwe, Stier und Adler). 

Das messingene Taufbecken zeigt, umgeben von reichem Ornament, die 
häufig vorkommende, hier fünfmal wiederkehrende Legende: 

ICH • BART . GELVK • ALZEIT • 

[=Ich brachte allzeit Glück.) Das Mittelfeld enthält genau dieselbe grosse Rosette, 
wie das Taufbecken von Zabenstedt im Seekreise. 

Auf dem Turme hängen drei Glocken von l,OÜ, 0,79, 0,öOm Durchmesser. 
Die grösste, vom Jahre 1518, trägt folgende Inschrift in schöner gotischer Minuskel : 

Al5 mtH o t]ritiit c:^ Htd| o mft o (ekirt o t|pfrat o nit o fnt^ t^nitxH o 

|r5i0 (so !). 

In dem letzten Worte fehlt das 1 vor dem |. Die nach dem Worte (raUf 
folgenden Wörter stehen unterhalb des Kranzes auf der Wange der Glocke. Die 
einzelnen Wörter sind durch kleine Kreise mit einem Mittelpunkte von einander 
getrennt. Auf der östlichen Wange ist der h. Martin stark erhaben abgebildet. 

Die mittlere Glocke vom Jahre 1615 trägt die Inschrift: 

Da Jeremias Caleb Pfarrer, Johannes Töpfer Richter, Paul Schulz, 
Salm Syring 4Circhvater, Gos mich Melchior Möringk zu Erffurt 
im Namen Gottes Anno M D C X V Jahr. 

V. D. M. I /E. 

(Verbum Domini manet in J^ternum.) 

Darunter steht: 

2t(^ (5ot lad mt(^ evevben 

^1^vifi\i6f 3U leben ^ feü^; 3tt fterben. 

Noch weiter unten ein Crucifixus in flacherhabener Ausführung. 

Die kleine Glocke, Schulglocke genannt, ein unsauberer Guss, lässt die 

Inschrift sehen: 

Durch milde Beiträge der Gemeinde Ahlsdorf gegossen von Heinrich Bartoly 

in Halberstadt 18 19. 

BefletMflt enc^ 5ev (Ln^mt, 
VOcnn i6f rufe 5te Jugenb. 



Mansfelder Gebirgskreis. 



Alterode. 

[G] Kirchdorf an der Eine, 9,5 km westnordwestlich von Hettstedt, vormals zur 
Grafschaft Ballenstedt, erst seit dem 14. Jahrhundert zu der Freiherrschaft Amstein 
im Schwabengau gehörig und vermutlich innerhalb des Burgbezirks der bei 
Stangerode belegenen Moseburg, bezw. im Harzbann (bannus nemoris) gelegen, 
ist ohne Zweifel eine alte Ansiedelung. Der Name (urkundlich 1216 Aldenrode, 
1394 und 1400 Alderode, 1583 Oldenrode, im Volksmunde jetzt Olerode, wie auch 
die auf der Höhe nebenbei gelegene Altenburg die Oleburg benannt wird) kann 
Rodung des Aldo bedeuten, aber auch „zu dem alten Rode". Falls letztere 
Bedeutung die richtige ist, wäre für Alterode das verhältnismässig höchste Alter 
unter den es umgebenden Rodungen angedeutet Das Dorfsiegel zeigt als Siegel- 
bild einen Laubbaum (offenbar die Dorflinde), neben welchem ein überdachter 
Ziehbrunnen mit Winde steht 

Das Dorf war Sitz eines gleichnamigen niedern Adelsgeschlechtes, von 
welchem zuerst 1216 der Ministerial Richman von A. genannt wird. Das Dorf 
gehörte bis zum Jalire 1394 als anhaltisches Lehn den Edelherren von Hakebom, 
kam aber 1394 durch Kauf an den Grafen Ulrich von Regenstein, welcher es als 
Aftorlehn dem Sander Morder und dann dem Kloster Wiederstedt überliess. 1404 
schenkten die Fürsten Otto und Bernhard von Anhalt dem genannten Kloster das 
Dorf zu eigen- 1524 verkauften es die Wiederstedter Nonnen an den Grafen Hoier 
von Mansfeld. 

Die bereits erwähnte Alten bürg oder Olenburg lag nach Pansfelde zu auf 
einem Berge, wo noch jetzt Ruinen sichtbar sind. 1284 und 1295 erscheinen als 
anhaltischo Vasallen Dietrich und Conrad von Altenburg. 

Die grosse moderne Kirche ist auf alle Fälle alten Ursprungs, da bereits 
1216 sie selbst und auch der Pfarrer Conrad von Alderode genannt wird. Das 
„Siegel der Parochie Alterode" zeigt ein turmloses, von der Giebelseite auf- 
genommenes Kirchengebäude von Fachwerk mit grosser Wetterfahne. 1394 schenkte 
Graf Ulrich von Regenstein den Patronat über „das Kerklen zu Alderode", den 
vermutlich vor ihm die Edelherren von Hakeborn gehabt, dem Kloster Wieder- 
stedt. [S] Das jetzige Kirchengebäude ist in keiner Hinsicht merkwürdig. Doch 
befindet sichinihm noch der Rest eines Altarschreins, dessen zwölf Figuren zu 
dem jetzigen Altar aus der Renaissancezeit mit verwendet worden sind. Hinter 
dem Altare ist das Mittelstück des Schreins, die Geburt Christi in hübscher 
Gruppierung darstellend, angeheftet. Drei Engel singen in der Nähe, und im 
Hintergrunde in einer Loge sieht man zwei Männer. Auf den Rückseiten der 
ehemaligen Flügel befinden sich ziemlich gut gemalte Oelbilder vom Jahre 1517, 
unter denen „S. Jorgeus'* und „S. Mauricius" hervorzuheben sind. 

Der zopfige Taufst ein stammt etwa aus dem Jahre 1600. 

Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,06, 0,92, 0,69 m Durchmesser. 
Die grosse ist 1790 durch Zeitheim in Naumburg, die mittlere 1701 durch Peter 
Wildt in Naumburg gegossen. Die kleine, doren Schrift aus unleserlichen, vertieft 
in den Mantel geritzten Cursivbuchstaben besteht, scheint wegen ihrer einem 
Bienenkorbe ähnlichen Form sehr alt zu sein. 



Annarode. 



Annarode. 

[G] Kirchdorf, 13 km südsüdwestlich von Hettstedt, ehemals im nördlichen Hosgau 
in der späteren Grafschaft Mansfeld, bezw. im Banne Eisleben gelegen. 

Die urkundliche Erwähnung reicht nicht in das frühere Mittelalter zurück. 
Nach der Ortssage hat das Dorf seinen Namen von einer Gräfin Anna,i) nach 
anderer Annahme von der heiligen Anna , der die Kirche des Dorfes geweiht sein 
soll, wie ihr vergoldetes Bild auch auf der Wetterfahne des Kirchturms stehe. 
Andere freilich erkennen darin mit Beziehung auf die Sage eine Spinnerin mit 
einer Spindel in der Hand. Die Widmung zu Ehren der h. Anna wäre freilich nur 
denkbar, wenn die Kirche eher bestanden hätte als das Dorf, da ein vorher bestehendes 
Dorf doch nicht namenlos gewesen sein kann. Nun aber ist es nicht wahrscheinlich 
dass eine der h. Anna geweihte Kirche schon vor dem Jahre 1400, in welchöm das 
Dorf zuerst in der Form Anenrode (1420 und später Anrode) erwähnt wird, hier 
vorhanden gewesen ist, da die Verehrung dieser Heiligen erst etwa 100 Jahre später 
hier aufkam, denn die frühesten S. Annenkirchen erscheinen in hiesiger Gegend erst 
um den Anfang des 16. Jahrhunderts. Daher enthält der Ortsname entweder den 
Personennamen Anno oder Ana (= zu der Bodung des Anno oder der Ana) oder 
er ist eine Zusammenziehung aus der einfachen Bezeichnung „an dem rode". 

Das Dorfsiegel mit der Umschrift: „Gemeine Siegel Annarode" zeigt eine 
verschleierte Frauengestalt mit einem Rosenkranze in der Hand und, auf beide 
Seiten verteilt, die Jahreszahl 1746 oder 1716. Es liegt also offenbar eine Beziehung 
des Siegelbildes auf die h. Anna oder auf die Gräfin Anna der Sage vor. Im 
dreissigjähiigen Kriege wurde das Dorf ganz verwüstet, so dass in der Kirche, die ein 
Aufenthalt von Bäubern geworden war, fünfzehn Jahre lang nicht gepredigt wurde. 
Das Freigut war Mitte des 18. Jahrhunderts im Besitze der Familie von Sperling. 

Die der h. Anna geweihte Kirche, deren Rechnungen und Lehnbücher bis 
1546, deren Personenregister bis 1662 zurückreichen und angeblich wertvolle 
geschichtliche Aufzeichnungen enthalten, stammt aus dem Jahre 1520, hat halb- 
achteckigen Altarschluss und bietet nichts Anziehendes. Doch muss eine ältere Kirche 
dagewesen sein, da Anenrode in der Halberstädter Matrikel des Jahres 1400 ver- 
zeichnet ist. Der Kirchturm, dessen Wetterfahne bereits besprochen ist, ist im 
Jahre 1714 neu erbaut worden. [S] Auf demselben hängen zwei Glocken von 
1,07 und 0,95m Durchmesser, deren grössere die schöne Majuskelinschrift trägt:; 




Der deutlich erkennbare Buchstabe h zu Anfang der Inschrift .ist rätselhaft 
Ausserdem zeigt die Glocke drei Engel (?) -Figuren mit Heiligenschein. 
Die kleinere Glocke goss 1694 Johann Jacob Hoffmann in Halle. 

1) Vgl. Gros 8 1er, Sagen der Grafschaft Mansfeld, 8.23 Nr. 22. 



8 Mansfelder Gobirgskrcis. 



Arnstedt. 

[G] Kirchdorf, 5 km nördlich von Hettstedt, vonnals im Schwabengaii in der 
Freiherrschaft Arnstein, bezw. im Archidiakonatbezirke oder Banne Wiederstedt 
gelegen. Das Dorf ist sehr alt (urkundlich 993 Arnanstedi, 1118 Arnstede, 1121 
Arnesteten, 1223 Arnestide, 1294 Arnstede); sein Name bedeutet entweder „zur 
Haus- und Herdstätte" oder „zur Wohnstätte des Aars oder Arno" ; ^) die spätere 
Zeit zog die letztere Deutung vor, wie der Umstand beweist, dass die edlen Herren 
von Arnstein, die sich vor Erbauung dieser Burg „von Arnstedt" benannten, den 
Adler oder Aar als redendes Wappentier im Schilde führten. Ausser diesem 
edlen Geschlechte, welches bis zur Erbauung der Burg Arnstein in Arnstedt 
seinen Sitz hatte, gab es später auch ein niederes Adelsgeschlecht „von Arnstedt", 
welches diesen Namen jedestalls deshalb annahm, weil es nach Uebersiedelung 
seiner Herren nach dem Schlosse Arnstein als Hüter ihrer Erbgüter in Arnstedt 
zurückblieb. (1223 erscheint zuerst Heinricus de Arnenstide.) Das Rittergut, von 
dem diese Arnsteinschen Vasallen ihren Namen führen, war später im Besitz der 
Familie von Könitz, noch später eines Herrn von Voigts-König. 

Das Dorfsiegel von Arnstedt zeigt in dem einen Stempel einen Laubbaum oder 
eine ungeschickt gezeichnete, breitgedrückte Tanne oder Fichte; in dem andern 
erscheint ohne Zweifel eine Tanne, von jüngerem Nachwuchs (,auf jeder Seite 
zwei Bäumchen) umgeben. 

Eine Kirche muss schon früh in Arnstedt vorhanden gewesen sein, da schon 
1241 der Pfarrer (plebanus) Albero de Arnenstide erwähnt wird. Sie soll den 
h. Moritz zum Schutzpatron haben. Im 15. und 16. Jahrhundert besassen die 
Hettstedter Carmelitermönche das Patron atsrecht über dieselbe. Das jetzige 
Kirchengebäude, welches im Jahre 1725 zu den Zeiten des Pastors Peter Giebel- 
hausen erweitert und erneuert wurde, ist ohne Eigentümlichkeiten, welche Be- 
achtung verdienten. Der Thurm ist erst im Jahre 1877 neu erbaut worden. 
Auch die drei Glocken von 1,09, 0,89 und 0,74 m Durchmesser, von C. F. Ulrich 
gegossen, gehören erst dieser neuesten Zeit an. Die üeberbleibsel eines spät- 
mittelalterlichen Altarschreines mit Heiligenfiguren von geringem Wert hat man 
zu beiden Seiten der östlich aufgestellten Kanzel angebracht. 

Arnstein- ^) 

[G] Burgiiüne im südwestlichen Schwabengau zwischen Harkerode und Sylda, 
8 Kilometer nordwestlich von Hettstedt, auf einem massig bewaldeten Hügel. 

*) Näheres über diese DeutuDgen in Gross 1er, Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder 
Gebirgskreises. (Zeitschr. d. Harzvereins XIX (1886) S. 333 ff.) — 2) Vgl. Carl Elis, 
die Ruine Arnstein bei Harkerode, ihre Sagen und ihre ehemaligen Herrscher. Halb.rstadt, 
F. A. Helm. 8o. (Mit Abbildung, Grundriss und Siegeltafel.) Strassburger, die Herren 
und Grafen von Arnstein (in der Zeitschrift des Harz Vereins XX, S. 116—147. 1887), der sich 
besonders mit der Genealogie des Geschlechts befanat. Vgl. ferner: F*. Günther, der Ani- 
stein, in „Der Harz in Geschichts- Kultur- und Laudschaftsbildern," Hannover 1888 bei Karl 
Meyer, S. 840—845. Voll grober Fehler ist das Schriftchen von A. Kraetka, die Burgruine 
Anistein bei Aschersleben. Aschersleben 1883. kl. 12*\ 



Arnstein. 9 



Derselbe verdankt seine Bebauung und seinen Namen dem schwäbischen Geschlechte 
der edlen Herren von Arnstedt, deren Stammsitz in dem unweit gelegenen 
«gleichnamigen Dorfe war. Eine Witwe, Judith von Arnstedt, steht mit ihren Söhnen 
Adelbero, Werner, Adelbert, Walther und Arno im Jahre 1107 an der Spitze 
des Geschlechts; der Name ihres Gemahls ist unbekannt; seine Söhne aber wurden 
die Begründer einer ganzen Anzahl hochangesehener Dynastenfamilien. Von 
Adelbero stammen die Edelherren von Biesenrode, die Edelherren von Amersleben 
und die Burggrafen von Giebichenstein ; von Adelbert die Grafen von Wernige- 
rode;^) von Walther die Edlen von Arnstein, die sich später auch Grafen von 
Arnstein nannten, als Abkömmlinge ihrer Linie Grafen zu Mühlingen, zu Barby, 
zu üornburg a. E. sowie zu Lindow und Ruppin in der Mark geworden waren. 
Da seit 1135 die Bezeichnung „Edle von Arnstein^^ erscheint, so darf man an- 
nehmen, dass Walther II. um 1130 das Schloss Arnstein erbaut und entweder 
nach dem Namen des Urahnen seines Geschlechts, als welchen man einen ge- 
wissen Arn oder Arno ansehen darf, oder nach dem Aare, den sein Geschlecht — 
silbern in schwarzem Felde — im Wappen führte, benannt hat (1135 Arnstein, 
1223 Arnensten, 1253 Arnstein, 1400 Arnsteyn.) Im Jahre 1296 trat der Letzte 
dieses Geschlechts, abermals des Namens Walther, welcher zugleich Burggraf zu 
Freckleben war, in den deutschen Orden, und sein Besitz fiel an den Gemahl 
seiner Schwester Luitgard, den Grafen Otto von Falkenstein. Seitdem war die 
Burg und Herrschaft Arnstein ein falkenstein^ches Schloss, welches von Burgvögten 
verwaltet wurde, da die Falkensteiner Grafen ihren bisherigen Wohnsitz bei- 
behielten. Als aber mit dem Grafen Burchard auch das Geschlecht der Falken- 
steiner im Jahre 1334 ausgestorben war, erhob sich um den Besitz der Herrschaft 
Arnstein ein erbitterter Kampf zwischen dem Grafen von Kegenstein und dem 
Bischöfe von Halberstadt, welcher damit endete, dass Graf Albert von Regenstein, 
der Gemahl der Schwester des Erblassers, welche Oda hiess, die Herrschaft Arn- 
stein erhielt, aber Schloss und Stadt Hettstedt, welche der Bischof von Halber- 
stadt erobert und besetzt hatte, 1351 an diesen abtreten musste. Im Jahre 1387 
verkauften die Grafen Burchard und Ulrich von Regenstein, Gevettern, Schloss 
und Herrschaft Arnstein an die Grafen Busse und Günther von Mansfeld. 
Seitdem nahmen die Grafen von Mansfeld das Wappen der Herrschaft Arnstein 
in ihr Gesamtwappen auf. Die um Hettstedt mit Zubehör verminderte Herr- 
schaft umfasste 1387 folgende Orte: das Schloss Arnstein, dat stedeken to Sna- 
kerode mit der hutten undir dem hus Arnstein, dat dorp Harlickerode mit den 
hutten, dat dorp Ennedorp, Ncder-Welpesleve, Quenstede, Perdesdorp, Sobbeker 
(Zöbigker), Politz, Lobenicz, Amstede, dat overdorp Wederstede, Kemeriz, dat 
dorp Walbeke, Hadebome, dat Rodekin, Dentzerode, Rouderode, Vadderode, 
Wulfeshaghen, Ywerode, Wilrode, Kankerode, Herwigherode, Wernrode, GryfFen- 
hagen, Grevenstol, Seirode, Brunrode, Dibbeke, Swenbeke, Oltzingerode, lutteken 



*) Elke von Repgow sagt in der Vorrede zum Sachsenspiegel : „De von Wernigerode 
unde de von Arnßteyn, de von Besenrode, de von Amersleve, de burchgreven vou Qeveken- 
steyn, det sint alle geborne svaven." Ob man freilich die Edlen von Arnstein, wie Strass- 
burger und andere wollen, für ein aus Württemberg eingewandertes schwäbisches Gei 
schlecht (mit dem Ursitze Steusslingen) halten darf, scheint mir noch recht fraglich, 



10 Mansfelder Gebirgslcreis. 



Silde, ^rotin Zilde, unde wat we rechtes hebben an dem dorpe Frekeleve" u. a. m 
In der Mansfeldischen Erbteilung von 1420 kam der Arnstein an den Vorder- 
ort, bei dem er auch in der Folge bis zum Aussterben dieser Linie verblieb. 
1442 wurden die Besitzer von dem Kurfürsten von Sachsen gezwungen, Schioss 
und Herrschaft Arnstein, die sie bisher als freies Eigen besessen hatten, von Kur- 
sachsen zu Lehen zu nehmen. 1501 wurde Graf Günther Besitzer des Schlosses, 
verkaufte es aber bald für 5000 fl. an seinen Bruder Ernst, der es wiederum im 
Jahre 1519 an seinen Bruder, den Grafen Hoier, abtrat. Letzterer richtete sich 
auf dem Arnstein häuslich ein und hat zeitweilig daselbst gewohnt, auch das 
Schioss, welches im Bauernaufruhr (1525) beschädigt worden sein mag, repariert, 
wie sich aus einer aus dem Jahre 1530 stammenden Inschrift am Treppenturme 
ergiebt. Als Hoier, dessen Grabmal sich in der nordöstlichen Kapelle der 
Eisleber S. Andreaskirche befindet, im Jahre 1540 gestorben war, beerbten ihn 
die Söhne seines Bruders Ernst zu Heldrungen, von denen in der Erbteilung 
des Jahres 1563 Graf Johann Albrecht die Herrschaft Arnstein erhielt und die 
Arnsteinsche Linie des Vorderortes begründete, derselbe, der nebst seiner ersten 
Gemahlin, der Gräfin Magdalena von Schwarzburg, in der südöstlichen Kapelle 
der erwähnten S. Andreaskirche begraben ist, wo ihre Bilder in Stein zu sehen 
sind. Johann Albrecht hielt, seitdem er alleiniger Herr des Arnsteins geworden 
war, daselbst dauernd Hof und hat darum, wie Hoppenrod in seinem Stammbaum 
S- 10 berichtet, den Arnstein „herrlich und zierlich" noch weiter ausgebaut, der 
auch eine Schlosskirche enthielt, welche vermutlich schon älteren Ursprunges 
war und an welcher ein besonderer Schlossprediger angestellt war. Erwähnung 
verdient, dass sich am 19. Juni 1585 auf dem Hause Arnstein Abgesandte der 
drei Städte Eisleben, Hettstedt und Mansfeld einfanden , um an einer feierlichen 
Handlung teilzunehmen. Die jungen Grafen Gebhart', Wilhelm , Hans Günther 
und Otto sollten an diesem Tage in Gegenwart ihres Vaters und seiner Bäte, da 
sie schon längst „ihre 16 Jahre" erreicht hatten — der älteste, Gebhart, war bereits 
32 Jahre alt und auch der jüngste hatte das vorschriftsraässige Alter schon be- 
deutend überschritten — nun endlich nach langer Säumnis, wie es alter Brauch 
war, vor den Abgesandten der Städte den Burgfrieden und die Erbverträge be- 
schwören, weil sie endlich einmal alle wieder" bei einander und zur Stelle waren- 
I)er Schwur ward mit der üblichen Feierlichkeit geleistet, worauf die städtischen 
Abgesandten den jungen Grafen die Hände reichten und Glück wünschten i). 
Als Johann Albrecht nicht lange darauf — am 8. Juli 1586 — gestorben war, 
hauste sein ältester Sohn Gebhart bis zu seinem Tode, welcher am 1. Februar 
1601 erfolgte, ebenfalls auf dem Hause Arnstein, und wai;d in der Kirche zu 
Thal Mansfeld begraben 2). Gebharts überlebender jüngerer Bruder Wilhelm war 
in ansbachische Dienste getreten und kam daher selten nach dem väterlichen 
Schlosse. Am 21. October 1615 starb auch er, und mit ihm erlosch die Arnsteinsche 
Linie des Vorderortes. Gleichwohl hatte das Schioss auch fernerhin gräfliche Be- 
wohner. Denn da die Eislebische Linie des Vorderortes infolge des gi'ossen Brandes 
im August des Jahres 1601 ihren Wohnsitz auf dem Eisleber Schlosse eingebüsst 
hatte, so wurde der Arnstein derselben als Wohnsitz eingeräumt. Graf Johann 



1) Chron. Islebiense p. 48 und 49. — *) Chron, Islebiense p. 54 und 55, 



Arn stein. 11 



Georg II. von der Eisleber Linie hauste während des grösseren Teils des dreissig- 
jährigen Krieges auf dem Schlosse. Seine erste Gemahlin Barbara Maria Hess die 
Schlosskirche restaurieren und in dem Schlosse eine Apotheke erbauen. Sie und 
ihr Gemahl nahmen sich der durch den Krieg hart bedrängten Unterthanen auf 
das menschenfreundlichste an, denn zu Zeiten wurden mehr als 6ü0 Personen 
auf dem Arnstein beherbergt, woraus sich ergiebt, dass sehr geräumige Wohn- 
und Wirtschaftsgebäude vorhanden gewesen sein müssen. Am 21. März 1636 
verlor Johann Georg seine erste Gemahlin durch den Tod, nachdem sie kurz zuvor 
(am 23. Februar) „eines jungen Herrleins genesen** war, welches der Unsicherheit 
halber auf dem Arnstein getauft wurde und in der Taufe die Namen Hoyer 
Christoph erhielt i). Nur wenige Wochen später starb auch des Grafen Schwester, 
Fräulein Sibylla, auf dem Arnstein. 5^) Da jedoch das Schloss einer neuen Herrin 
bedurfte, so vermählte sich der Witwer schon am 1. November 1637 zum zweiten 
Male, und zwar mit einer Tochter des Grafen David von Mansfeld-Hinterort*). 
Die Hochzeit ward auf dem Arnstein gefeiert, der demnach in kürzester Frist Ge- 
burt, Tod und Hochzeit nach einander sah; aber diese Vermählung ward für das 
Schloss verhängnisvoll. Da nämlich der Graf durch seine zweite Gemahlin Bar- 
bara Magdalena Besitzer der Herrsc haft Schraplau geworden war, so verlegte er 
seine Hofhaltung von dem Arnstein auf das Schloss Schraplau, und das erstere 
fing seitdem an zu verfallen. Im Jahre 1678 wurde die Herrschaft Arnstein, welche 
infolge der Sequestration mit dem grössten Teile der Grafschaft Mansfeld unter 
kursächsische Verwaltung gekommen war, an den Freiherrn von Knigge ver- 
pfändet; nur die Burg selbst, der am Fusse derselben gelegene Brauhof und das 
Vorwerk zu Harkerode verblieben den Grafen. Nach dem Aussterben derselben 
im Jahre 178U fiel die Herrschaft mit dem meisten übrigen mansfeldischen Ge- 
biete 'als eröffnetes Lehn an Kursachsen. Doch kam zunächst nur die Burg 
mit dem vorerwähnten Brauhofe und dem Harkeröder Vorwerk unter kursäch- 
sische Verwaltung, da die übrigen Teile der Herrschaft im Pfandbesitze der von 
Knigge'schen Familie verblieben. Im Jahre 1812 jedoch erlangte letztere durch 
üebereinkunft mit der damaligen Königlich- Westfälischen Regierung das Eigen- 
tum an den bisher nur als Pfand besessenen Gütern und besitzt dieselben noch 
jetzt. Im Jahre 1815 endlich fiel Arnstein mit anderen ehemals kursächsischen 
Gebietsteilen unter preussische Herrschaft. Seit wann der Arnstein von Be- 
wohnern verlassen gewesen ist, lässt sich mit Sicherheit nicht feststellen. Auf 
alle Fälle aber irrt Strassburger, wenn er annimmt, dass dies erst nach 1780, 
nach dem Aussterben der Grafen von Mansfeld, geschehen sei, da der Herr von 
Rohr, welcher die Burg vor dem Jahre 1736 besuchte, dieselbe bereits als Ruine 
und jedesfalls verlassen vorfand. ,^us dem weitläufigen Umfange des Schloss- 
platzes — schreibt derselbe^) — erkennt man, dass vor diesem viele und ansehn- 
liche Gebäude hier müssen gestanden haben; sie liegen aber grösstentheils in 
ihren Ruinen, und siebet man von vielen nichts mehr als die blossen Mauren. 
Jedoch sind bey einigen Theilen dieses ehemahligen Gräflichen Gebäudes die 



») Chron. Islebiense p. 157. — ») Chron. Isleb. p. 161. — ») Chron. Isleb. p. 182. — 
*) Jul. Beroh. von Rohr, Merkwürdigkeiten des Vor- oder Unterharzes, Frankfurt und 
Leipzig bei Michael Blochberger 1786, S. 499-504. 



12 Mansfelder Gebirgskreis. 



Keller noch in gutem Stande. Auf der einen Seite gegen den Abend zu stehet 
noch ein Stücke, in welchem noch die Treppen biss unter das Dach ziemlich 
sicher zu besteigen, die Gremächer auch, wann die Öfen und Fenster erst in ge- 
hörigen Stand gesetzt worden, noch einigermassen wohnbar wären; sie nähern 
sich aber auch je mehr und mehr ihrem Untergänge. In einigen Zimmern, 
welche vermutlich Gastzimmer gewesen, findet man die Wappen der Fiirstlich- 
und Gräflichen Häuser, mit denen die Grafen zu Mansfeld verwandt, oder sonst 
durch Heyrathen aüirt gewesen, in Stein gehauen und mit Oel- Farben über- 
strichen, als die Wappen derer Marggrafen zu Brandenburg, der Herzoge zu Cleve, 
der Fürsten zu Henneberg, der Grafen zu Gleichen, der Grafen von Reinstein, 
der Grafen von Blanckenburg, der edlen Herren von Querfurt u. s. w. Die Decken 
der Zimmer sind entweder gewölbt oder hölzern, mit Wasser -Farben angestrichen, 
und mit mancherley Phantasieen der Maler marquirt." 

Einige 70 Jahre später (1812) tand ein anderer Besucher des Arnsteins, 
Fr. Gottschalk,!) in den zerfallenen, halbverschütteten, von Thüren, Fenstern und 
Oefen entblössten Bäumen einige arme FamiUen hausend, die sich in dem ver- 
lassenen Schlosse nach Möglichkeit wohnlich eingerichtet hatten. Heutzutage ist 
die Burg von einem Schenkwirt bewohnt, für welchen in dem grösseren Burg- 
hofe ein Häuschen mit den nötigen Wirtschaftsräumen erbaut ist 

Betrachten wir nun die Ruine, wie sie sich heute noch darstellt, so muss 
man sagen, dass sie immer noch zu den grossartigsten und besterhaltenen Ruinen 
am Harze gehört. Die Burg umfasste die ganze Hochfläche des ziemlich langen, 
aber verhältnismäsig schmalen, naph Südwesten zu sich erstreckenden und sanft 
ansteigenden Bergrückens, welcher nach drei Seiten hin steil zu der Ebene ab- 
fällt und nur nach Nordosten hin mit den benachbarten Höhen zusammenhängt 
Nach den Mauerresten zu schliessen, muss die Burg aus drei aufeinanderfolgenden 
Teilen bestanden haben. Vor dem jetzigen Burghofe lag die Schalksburg 
(= Knechteburg), welche als Vorbollwerk gedient haben wird, von welcher aber 
jotzt nichts mehr vorhanden ist, denn die Stelle, wo sie vor Zeiten stand, ist jetzt 
Wald und Weideland. Ihr folgt die geräumige Vor- oder Unterburg, welche 
die Wohnungen der Dienstraannen und des Schlossgesindes, sowie die Rüst- 
kammern, Ställe und Vorratshäuser in sich schloss; auf der höchsten (südlichen) 
Platte der ganzen Hochfläche aber lag die Oberburg oder das eigentliche Schloss. 
Bei der Steilheit des schroff abfallenden Bergrückens hat man die hier und da 
noch ziemlich gut erhaltenen Umfassungsmauern nur zum Teil mit Gräben um- 
geben, dafür aber mehrere Türme aufgeführt, die jedoch nur noch in ganz 
kurzen Stumpfen auf unsere Zeit gekommen sind. 

Sind wir durch das Hauptthor der Unterburg eingetreten, so erblicken wir 
links die neuerbauten Wirtschaftsgebäude, welche sich an die alte Umfassungs- 
mauer anlehnen. Auf der rechten Seite, wo noch manches Gemäuer erhalten ist, 
mögen die Wohnungen der Burgmannen und der Dienerschaft wie auch die 
Stallungen und Rüstkammern gestanden haben. 

[B] Die Befestigungen der Vor bürg nach der leicht zugänglichen Nordostseite 
sind so unbedeutend, dass es den Anschein hat, als ob man hier von vornherein 

^j Fr. Gottöchalk, Die Bitterburgen und Bergschlösser Deutschlands, Halle a.S. 1820. 



Amstein. 13 

auf eine energische Vertetdi^ng verzichtet faätte, und als ob die dort vorhandeoen 
Befestigungen nur den Zweck gehabt hätten, bei einem plötzlichen Ueberf^le Zeit zu 
gewinnen, um sich zu sammeln. Die Mauern des aussen sechseckigen, innen runden 
Turmes von 2 m innerem Durchmesser, der den Zugang deckt, sind nämlich an der 
schmälsten Stelle nur &8cm dick. Auch bemerkt man keine tief eingeschnittenen 
Graben, welche den schmalen Bergrücken völlig isoHrt hätten. Nicht viel bedeutender 



Nr. 2. Orundrias. 

sind die Werke an der Nordseite der Vorburg , die freilich mehr einem von hier 
kommenden Angreifer wehren sollten, aber doch auch als Bollwerk gegen den von 
Osten andringenden Feind gelten müssen, zumal der eine von den hier stehenden 
beiden Türmen mehr nach dem Burghofe zu steht, nicht unmittelbar an der Um- 
fassungsmauer, und Keste einer grösseren Befestigungsanlage hier noch sichtbar sind. 
Man scheint sich also nur auf die Oberburg verlassen zu haben, und in der That 
war das hier liegende Hochschloss (Nr.3: Grundriss, Nr,4: Aufriss) geeignet, 
auch einem starken Gegner die Stirn zu bieten. Das 20 m hohe Hauptgebäude mit 
den im Erdgeschoss 2,10 m, im ersten Obergoschoss 1,61 m starken Mauern 
erscheint wie ein gewaltiger Berglried, der durch den südöstlich vorgelegten 
Buudturm nur noch eine besondere Verstärkung erhalten hat. Dessen Mauern 
haben sogar eine Stärke von 2,69 m und jetzt noch eine Höhe von 24 m. In 



14 MansEetder Gebirgsknis. 



seinem obersten Teile soll er einen festeo gewölbten Raum , das sogetiAunte 
Kräuleinzimmer, gehabt haben, der aber im Winter des Jahres 1&48 zusamiueD- 
gestürzt ist. Er muss also einst noch um ein Beträchtliches höher gewesen sein. 
Der Innenraum ebener Erde hat weder Fenster noch Thiir, sondern war wohl nur 
durch eine in seinem hohen Deckengewülbe vorhandene Oeffnung zugänglich. Er 
wird als Burgverliess gedient haben, ein schreckliebes Gefängnis, in das nie ein 



Nr. 3. GrundrisB. 

Lichtstrahl drang. Er trägt zwar in seinen oberen Geschossen eine Wendeltreppe, 
auf der man durch die OeSnung (s. Längsschnitt auf Nr. 8) bis in das zweite 
Obergeschoss gelangen konnte, die ungeheure Mauerstärke weist aber natürlich 
auf einen kriegerischen Hauptzweck hin. Eine ähnliche Anlage, bei der das oder 
die Hauptwohngebäude zugleich als Hauptfestung dienten, ist auch in späterer 
Zeit nicht unerhört; ähnlich wie hier ist dies z.B. der Fall bei der gut erhaltenen 
Weideisburg westlich von Kassel nahe der waldeckschen Grenze, die nicht einmal 
einen wirklichen Turm daneben hat. Der Hauptzugang zu den Zimmero geschah 
durch den an der Südwest&eite liegenden eigentlichen Treppenturm, dessen 
104 ätufen bis zur Höbe des Dachgesimses , das noch vorhanden ist, emporführen 
und von dessen Plattform man bei klarem Wetter den Brocken gut sehen kann. 



Der Tann ist zu zwei Dritteln viereckig, nur das obere Drittel setzt in das halbe 
Achteck um. Es fehlt also an der ursprünglichen Höhe des ganzen Baues nur das 
Dach, das den imponierenden Eindruck des Ganzen noch erheblich gesteigert 
haben uiiiss. 



Nr. 4. AufriBS. 

fQ] Neben dem Eingange des Treppenturmes erblickt man, in eine ehemalige 
Fensterumrahmung eingelassen, das in Stein gehauene Mansfeldische Wappen mit 
folgender Inschrift: 

ROieR ■ GRÄver ■ vhd hgrrg • zav MÄHSpeuT ■ 

RÖS ÄNHO ■ DB(f ■ 1530 



16 Stansfelder Gebirgskreis . 



Die Schriftzeichengruppe hinter dem Namen MANSFELT besteht anscheinend 
aus den Buchstaben R C T und dürfte in da^ Wort RECONSTRVXIT aufzulösen 
sein. Auf alle Fälle wird man annehmen müssen, dass Graf Hoyer von Mansfeld 
das Schloss nur hat ausbessern und wohnlicher herstellen lassen. 

Das Erdgeschoss des Palas nimmt der geräumige, gewölbte, aber ziemlich 
düstere „Männersaal" ein, welcher 6,35m breit, 15,70m lang und über 5m 
hoch ist. Nach der Ostseite hinaus ragt ein Söller , der einen hübschen Blick nach 
Sylda und Arnstedt zu gewährt. [B] Alle übrigen Zimmerdecken waren aus Holz. 
Die Balken des obersten Geschosses wurden von Steinconsolen getragen, die noch 
vorhanden sind, üeber dem Erdgeschoss befindet sich an der Südostseite eine 
tiefe, einst gewölbte Nische, die man für eine Küche halten dürfte, wenn ein 
Schornstein in der Nähe nachzuweisen wäre. Es giebt aber deren überhaupt 
nicht In den oberen Geschossen könnten möglicherweise Schornsteine in 
der Mitte gewesen sein, sodass die Zimmer um sie herum gelegt gewesen sind; 
im unteren Geschosse dagegen ist eine solche Annahme ausgeschlossen, weil der 
Männersaal den ganzen Raum des Palas ausfüllt und bei völlig erhaltenen Ge- 
wölben keine Spur eines Raiichfanges zeigt Wie man die Heizung bewirkt hat 
ist also nicht zu erkennen, und doch muss eine solche stattgefunden haben, da 
der Saal, nach den wenigen Spuren zu urteilen, reichen Schmuck besass, der zu 
der Annahme berechtigt, dass man ihn wenigstens bei besonderen Gelegenheiten 
Sommer und Winter benutzt haben wird. Das vorletzte Geschoss steht mit dem 
Turm durch eine Spitzbogen Öffnung in Verbindung, die einzige ihrer Art im 
ganzen Schlosse. 

IG] Im ersten Stockwerke befindet sich eine Platte, die in hocherhabener 
Arbeit eine auf dem Boden sitzende weibliche Gestalt darstellt, deren einer 
Arm auf der Weltkugel, deren anderer dagegen auf einem Lamme ruht Es 
ist dies, weil aus Stuck gearbeitet, ein Werk aus verhältnismässig später Zeit 
und vermutlich eine allegorische Darstellung; gleichwohl hat sich an dasselbe 
eine Sage geknüpft, nach welcher die Figur eine Gräfin darstellt, welche hierher 
verbannt ist, um hier einen ewigen Faden zu spinnen i); offenbar eine uralte 
Nomensage, welche an der Burgstelle schon gehaftet haben mag, bevor noch die 
Burg auf derselben erbaut war. Doch auch noch andere Sagen meist blutigen 
und schaurigen Inhalts knüpfen sich an das Schloss, 2) was umsomehr Wunder 
nehmen muss, als dasselbe, wie schon erwähnt worden, soweit geschichüiche 
Nachrichten über dasselbe vorhanden sind, vielmehr den Umwohnern in grosser 
Not oftmals eine Stätte der Zuflucht und Gastfreundschaft geworden ist An den 
Fensternischen des vierten Stockwerks sind auch noch Spuren von Malerei walu-- 
zunehmen. Unter dem ganzen Gebäude aber zieht sich ein geräumiger Keller 
hin. Der Teil, an welchem die oben erwähnte Inschrift angebracht ist, „ein 
feuerfestes und mit starcken eisernen Thüren wohlverwahrtes Gewölbe," hiess zu 
der Zeit, wo von Rohr die Burg besuchte, die Schatzkammer, „und sollen in 
selbigem die Herren Grafen von Mansfeld ihre Gelder und Kleinodien ehemals 
verwahrlich aufbehalten haben ."^ Der Palas des Arnsteins liegt, wie schon oben 



') Grössler, Sagen der Grafschaft Mansfeld, Eisleben, 1880. No. 119: Der ewige 
Faden. Vgl. auch Nr. 118: das verwünschte Paar. — ^jQröggier, a. a. O. Nr. 120: der 
Blutstein; Nr. 121: die Mönchslinde; Nr. 122: der Mönch im Brauhofe zu Harkerode. 



Arnstein. 17 



1 



gesagt, auf der höchsten Erhebung des schmalen Bergrückens, die nach der Vor- 
buig zu nicht unbedeutend abföUt. An die nördliche Ecke schliesst sich eine 
Mauer an, die mit der Kirche in Verbindung stand. Zu von Rohr's Zeit zeigte 
man noch ^den Ort, wo die ehemalige Gräfliche Kirche angelegt gewesen; sie ist 
aber auch ziemlich verfallen, und siehet man nichts darinnen als einen sehr tiefen 
in den Berg gemauerten Brunnen.^ 

Nach dem Wortlaute bei von Bohr muss man fast annehmen, dass ausser 
der Kirche auch noch eine Kapelle auf dem Schlosse vorhanden gewesen. Denn 
er f&hrt in seiner Beschreibung folgendermassen fort: ,3ei dem Schlosse ist auch 
noch die Kapelle bis hierher einigermassen im baulichen Wesen erhalten 
worden. Man findet darinnen mancherley Oemählde von Wasserfarben, die aber 
ziemlich ausgegangen. Die Kirch-Stühle, Cantzel und Chöre sind dunkelbraun 
angestrichen und die Leisten mit Gold überzogen; das ehemalige gräfliche Kirchen- 
stübgen observiret man auch noch; es wird aber in kurzem verfallen,'* 

SoUte wirklich ausser der Kapelle noch eine besondere Schlosskirche da- 
gewesen sein, so dürfte die Sache wohl so liegen, dass die in Verfall geratene 
ursprüngliche Schlosskirche nicht wieder errichtet, dagegen an anderer Stelle eine 
neue Kapelle erbaut worden ist. Nach von Bohr hat die Gräfin Barbara Maria, 
die Gemahlin des Grafen Hans Georg II. von Mansfeld, die Kapelle im Jahre 
1634 „wieder*' aufbauen, auch ihr neu angenommenes Symbolum: 

^0tt nnb Df In 
vom i^ f»tg fein 

über die Kirchthür setzen lassen. 

/BJ Jetzt steht von der Kirche noch der grösste Teil der Nord wand und ein 
geringerer der Südwand aufrecht, sogar bis ziemlich unter das Dachgesims, wenn 
sich nicht etwa über der Kirche Zimmer befunden haben. Die Fenster und Thüren 
sind meist flaohbogig gedeckt, doch findet sich auch ein Rundbogen. Einen 
Rundbogen zeigt auch die grosse vermauerte Nische der Nordwand, deren 
Be<leutung nicht ganz klar ist. Er befindet sich da, wo man unter andern 
Umständen den Querschiffanschluss erwarten könnte, von dem hier natürlich, da 
die Vorderwand der Kirche am jähen Abhänge steht, keine Rede sein kann. Es 
könnte vielleicht eine Empore davor gelegen haben. Der gerade geschlossene 
Altarraum war überwölbt, denn an der Südseite findet sich hier ein viereckiger 
Wandpfeiler mit der Spur eines Gewölbeansatzes. Einzelformen sind nicht mehr 
wahrzunehmen. 

fGJ Auch „eine kostbare Apotheke'' hat nach von Rohr „die gottselige und 
ruhmwürdige Gräfin (Barbara Maria), den Armen zum Besten, auf dem Schlosse 
herrichten lassen.^ Vielleicht lag dieselbe mitten auf dem unteren Burghofe an 
der Stelle, wo noch jetzt eine tiefe Einsenkung von beträchtlicher Grösse sich 
befindet, deren einstiger Zweck nicht recht klar ist, auf deren Grunde aber noch 
heute Mauerwerk wahrzunehmen ist, welches auf einen mit Absicht unterirdisch 
angelegten Raum schliessen lässt. 

Der südlichste Teil der Burgstelle hinter dem Schlosse hat nach älteren 
Nachrichten, wie auch ganz glaublich ist, als Lustgarten gedient und ist von 
zinnengekröntem Mauerwerk umgeben. 

Mansfelder Gebirgskreis. 2 



Mansfelder Gebirgskreis. 



Eine Gesamtansicht des Schlosses von Nordwesten gieht Nr. 



Biesenrode. 

{G} Kirchdorf, 10 km südwesthch von Hettstedt auf dem nördlichen Ufer der 
Wipper im Schwabengan , bezw. im geistlichen Banne Ober-Wiederstedt gel^n. 
Der Name des Ortes [urkundlich 1144 Biseroth, 1168 Bisenrode, 1400 Besenrode) 
bedeutet = Rodung des Bisino. Ob hier an den um das Jahr 500 gestorbenen 
Thüringerkönig Bisino, auf welchen die Namen Bösenburg und Besenstedt hin- 
weisen, als Gründer gedacht werden darf, muss dahingestellt bleiben; undenkbar 
wäre es nicht. Ob das Dorfeiegel eine bildliche Darstellung enthält, habe ich 
nicht ermitteln können. 

Das Dorf, oder richtiger die unweit derselben gelegene Altenburg war eine 
Zeitlang Sitz einer Nebenlinie der Edeln von Arnstedt oder Amstein, der EMei- 
herren von Biesenrode, deren kleine Herrschaft, welche nur die nächste Um^bung 
von Biesenrode nördlich der Wipper umfasste, später zur Herrschaft Rammelburg 
geschlagen wurde, felis nicht ursprünglich die spätere Herrschaft Rammelbui^ 
ehemals ein Teil der Herrschaft Biesenrode war, was das Wahrscheinlichste 
sein dürfte. 

Die dem h. Bartholomäus geweihte Dorfkirche ist ein modemer Bau; 
nur der Turm ist alt An der nördlichen Aussenseite des Turmes ist ein Stein 
eingemauert, welcher in sehr unregelmässigen Minuskeln die Inschrift trägt: 
3itt|ti. (R. 110. Vf% (ti kirtl|«l'«ii >■ I m kli- m" tta xxiiii. > 

■ In Boeeokranz. Neue Zeitachr. f. d. Oeech. der gennao. Völker, Halle 18.32, II, 5 
iHt diese Inschrift imriclitig aufgelöst in: Tnccptuin e«t pÜBsimum opus sancti Bartholomei 
atAtt presens opus. 



I 



Bluinerode. 



19 



Wenn hiernach der Bau des Turmes und vielleicht auch der Kirche im 
Jahre 1424 begonnen wurde, so ist doch letztere nicht mehr in ihrer ehemaligen 
Gestalt vorhanden, denn dieselbe ist nachweislich im Jahre 1793 neu erbaut 
worden. fSj Am Mauerwerk sieht man, dass früher das Schifl westlich stand, 
und ein Chor östlich; jetzt steht der Turm westlich. 

In der Kirche werden 13 aus Holz nicht übel geschnitzte Heiligenbilder aus 
einem ehemaligen Schreine der alten Kirche aufbewahrt. Dieselben sind hinter 
dem modernen Altar aufgestellt, während eine Maria über der Kanzel ihren Platz 
gefunden hat. 

fGJ Auf dem Turme hängt nur eine einzige, aus dem Jahre 1516 stammende, 
1,42m weite Olocke. Ihre Inschrift in Minuskeln lautet: 



o o c c 



litti itum irrtM lirftev nc$ cmgreii clrrtv o 
ittndii^ liiri ftftm fui$ frfti itt$x$ ^ 
f$it Ux i|iit|rtti$ ittiii ft« Uit itttm tn o 

Ausser den verschiedenen mansfeldischen und sächsischen Geprägen zeigt 
dieselbe auf der einen Seite eine Madonna in einer Mandorla, auf der andern 
Seite das Bild des Schutzpatrons der Kirche, des h. Bartholomäus. Femer befindet 
sich an der Seite das Zeichen des Glockengiessei-s, welches |CliriA kttitt in Halle 
führte und die nochmals wiederholte Jahreszahl löK) in Minuskelform. 







r^ -^ 



^ 



Nr. 6. 



Nr. 7. 



Blumerode- 

[G] Kleines Dorf, 10 km südwestlich von Hettstedt und etwa 4 km südwestlich 
von Mansfeld, vormals im nördlichen Hosgau in der Herrschaft Mansfeld (bezw. 
Ritthagesburg) sowie in dem geistlichen Banne Eisleben gelegen. Der Ortsname 
(urkundlich 1239 Bluraenrode, 1468 Plumrode) enthält vielleicht den weiblichen 
Personennamen Pluoma (= Rodung der Pluoma oder Blume). Das ältere Gemeinde- 
siegel mit der Inschrift „Gemeine zu Blumerod*' zeigt ein undeutliches Wappen. 

Seit wann ein kleines Gotteshaus in dem Dörfchen steht, lässt sich nicht 
bestimmt sagen, doch reichen die Kirchenbücher von Blumerode, die sich in 
Annarode befinden, bis 1662 zurück, woraus sich ergiebt, dass spätestens zu dieser 
Zeit schon ein Kirchlein vorhanden gewesen sein muss. Die jetzige sehr baufällige 
und verwahrloste Kapelle mit einem Dachreiter aus Fachwerk Hess im Jahre 1715 
Landrat Friedrich von Kerssenbrock „Gott zu Ehren und der Gemeinde zum 

2* 



20 Mansfelder Gebirgskreis. 



Besten" auf seine Kosten wieder aufbauen. Darauf deutet die über dem Thür- 
sturz angebrachte, wegen ihrer Abkürzungen nicht ganz klare Inschrift: 

M V 6 

ÄHNO ^715 

n B W 

An den Emporen erblickt man gemalte Darstellungen aus der Leidens- 
geschichte Christi (von Gethsemane bis zur Auferstehung). Ausserhalb der Lücke 
des Dachreiters hängt eine kleine Glocke von 0,37 m Durchmesser, die w^en 
ihrer ünzugänglichkeit nur die Wahrnehmung gestattete, dass sie Peter Becker 
in Halle im Jahre 1716 gegossen hat. 

Bräunrode. 

[G] Kirchdorf, 7 km westlich von Hettstedt, vormals im Schwabengau in der 
Freiherrschaft Amstein, bezw. im geistlichen Banne Aschersleben gelegen, mit 
dem Dorfe Hartwigerode, dessen Name jetzt fast verschollen ist, zu einem Dorte 
vereint. Mit Ritterode, Greifenhagen und Walbeck, welche sämmüich nach 
Bräunrode eingepfarrt sind, führt es im Volksmunde die Bezeichnung „auf der 
Heide". Der Ortsname (urkundlich lOiiO Bruniroht, 1289 Brunesrode, 1387 Brun- 
rode, jetzt im Volksmunde Brienrode) bedeutet Rodung des Bruni oder Bruno. 
Das Dorfsiegel enthält kein Siegelbild. 

Die Pfarrkirche, deren Schutzpatron unbekannt ist, ist zwar nicht jungen 
Ursprungs, aber sehr verbaut, im Innern dunkel und in keiner Hinsicht merk- 
würdig. Da das Kirchensiegel die Jahrzahlen 1517 und *1817 zeigt, so ist die 
Kirche vielleicht im Jahre 1517 neu gebaut worden. Auf dem Turme, dessen 
oberer Stock aus Fachwerk gebaut ist, hängen drei Glocken von 0,99, 0,83 0,65 ni 
Durchmesser, deren grösste 1715 von J. Georg Ulrich, deren mittlere 1651 von 
Hans Heinrich Rausch in Erfurt, und und deren kleinste 1864 von den Gebrüdern 
Ulrich in Apolda gegossen worden ist i) 

Braunschwende^ 

[GJ Kirchdorf, 20 km westsüdwestlich von Hettstedt, vormals in dem Schwaben- 
gau in der Herrschaft Rammelburg (an der Hohen- oder Clausstrasse), bezw. im 
Harz-Banne gelegen. Der Name des Ortes (urkundlich 1381 Bruniswende) 
bedeutet Schwendung (= Rodung durch Brand) des Bruno. Das Dorfsiegel zeigt 
einen an einem grünenden Baumstumpfe oder niederem Gebüsche vorüberspringenden 
Hirsch mit stattlichem Geweih, vermutlich, um anzudeuten, dass Waldwirtschaft 
und Jagd ursprünglich die Hauptbeschäftigung der Bewohner gewesen. Geschicht- 
lich ist fast nichts über den Ort bekannt. 1381 wird er als ein zur Herrschaft 
Rammelburg gehöriges magdeburgisches Lehnstück erwähnt Die Kirche, deren 
Schutzpatron unbekannt ist, ist nicht alt Auch ihre beiden, im Jahre 1861 von 



*) lieber drei in Bräunrode im Jahre 1652 gegossene Glocken vergl. das unter Abbe- 
rode Mitgeteilte. 



Braunschwende. 21 



den Gebr. Ulrich in Laucha gegossenen Glocken von 0,92 und 0,76 m Durch- 
messer sind ohne besonderes Interesse. 

Das Neue Schlots bei Braunschwende. 

/Cr/ Beachtung verdient jedoch ein mächtiges Erdwerk, welches nicht weit von 
Braunschwende zwischen Hermerode und Königerode, dicht am Krouzungspunkte 
der Hohen- oder Clausstrasse mit der von Wippra nach Abberode führenden 
^Strasse liegt und das „Neue Schloss^ heisst. Trotz seines Names ist es 
keineswegs sehr jung, denn bereits im Jahre 1565 wird „das neue Schloss bei 
Braunschwende'' in einer mansfeldischen Holzteilung erwähnt; ja es ist ver- 
Diutlich noch erhebhch älter, denn auf der ältesten Karte von Sachsen, etwa aus 
dem Jahre 1520 (in Dresden befindlich), steht es schon mit dem Namen „altes 
Schloss" viereckig gezeichnet; auch sind daselbst an den 4 Ecken Türme au- 
sdeutet, die aber thatsächlich schwerlich vorhanden gewesen sind, da sich niemals 
Spuren von Steinmauern oder Ziegelwerk haben finden lassen. Das Volk nennt 
es auch Schweden schanze, indem es annimmt, dassesimdreissigjährigen Kriege 
von den Schweden erbaut sei zum Schutze des Heerweges Mansfeld-Halberstadt. 
Wenn es nun auch vielleicht einmal von Schweden zu diogom Zwecke besetzt 
sein mag, so beweist doch schon die Erwähnung in den Jahren 1565 und 1520, 
dass es lange vor die Schwedenzeit fällt Wahrscheinlich ist es uralt trotz seinem 
Namen; für einen vorübergehenden Zweck ist es, da die Arbeit auf felsigem 
Boden zu mühsam war, sicher nicht bestimmt gewesen. Es bildet ein Rechteck, 
dessen nördliche und südliche Seite je 140 Schritt , dessen östliche und westliche 
Seite dagegen je 160 Schritt lang sind. Die Anlage ist folgender Art: Hohe Erd- 
wälle, welche im Innern des Platzes von zum Teil noch tiefen, zum Teil aus- 
gefüllten Laufgräben begleitet werden, umschliessen den geräimiigen Platz. Der 
nördliche, jetzt mit etwa 100 Kiefern von beträchtlicher Höhe, deren Wachstum 
w^en der Magerkeit des Bodens in etwa 50 Jahren kaum merklich zugenommen hat, 
bestandene Erdwall erhebt sich von der Sohle des ausserhalb vorliegenden Grabens 
aus etwa 50 Fuss hoch. Auf den übrigen Seiten ist der Wallaufwurf zum Teil 
von geringerer Höhe. Die Nordostecke ist von 2 Vertiefungen umgeben, die den 
Eindruck von Wegen machen, welche in das Innere führen; ähnliche Vertiefungen 
durchschneiden die Mitte des östlichen und westlichen Walles, wie auch die 
nordwestliche, südwestliche und südöstliche Ecke von einer solchen Vertiefung 
durchschnitten sind. Das ganze Erdwerk ist auf allen Seiten — mit Ausnahme 
der Ostseite, wo die Strasse von Wippra nach Abberode dicht an den Wall heran- 
tritt — mit noch ziemlich tiefen Aussengräben umgeben, ja auf der Nordseite 
findet sich vor dem dortigen Aussengraben noch ein gleichlanger Wall von 
geringer Höhe. Man könnte trotz des Namens „Neues Schlösse die ganze Anlage 
für ein römisches Lager halten, wenn irgend welche Funde diese Auffassung 
bestätigten. Doch ist von Funden an dieser Stelle bisher noch nicht das Geringste 
bekannt geworden. Auf alle Fälle ist es wünschenswert, etwas mehr über den 
Ursprung und das Alter dieses gewaltigen Erdwerkes zu ermitteln. 

Nach dem Berichte eines alten neunzigjährigen Mannes vor etwa 50 Jahren 
(also um das Jahr 1840 mitgeteilt) ist das neue Schloss von einem Grafen von 
Riddag, welcher auf dem Brauhofe in Wippra seinen Sitz hatte, gebaut worden. 



22 Mansfelder Gebirgskreis. 



Der letzte HeiT von Riddag nämlich soll die Absicht gehabt haben, ein Schloss 
daselbst zu bauen. Schon sei das Bauholz angefahren gewesen, da sei der 
siebenjährige Krieg ausgeblochen, und darum sei es nicht zum Baue gekommen. 
Dieser Bericht, welcher möglicherweise echte, alte Erinnerungen mit neueren 
Begebenheiten vermischt, scheint daraut hinzudeuten, dass der letzte Graf des 
Schwabengaues, Biddag, der Gründer des Klosters Gerbstedt der gegen Ende des 
zehnten Jahrhundei-ts lebte, der Urheber dieses Erdwerkes gewesen ist, dessen 
Ausbau zu einer Burg aber infolge seines Todes und des ümstandes, dass sein 
tjühn Karl in Ungnade fiel, unterblieben sein wird. *) 



Conradsburg. 

IGI Königliches Domänen vorwerk, 14 km nordwestlich von Hettstedt und 2 km 
südlich von Emisleben, zu dessen Domäne dieses Vorwerk gehört, im ehemaligen 
Schwabengau in der Grafschaft Falkenstein gelegen, deren Hauptort es \k)Y iieiten 
war. Denn die späteren Grafen von Falkenstein wohnten vor Erbauung des 
Falkensteins auf dem Schlosse Conradsburg und nannten sich danach Edle 
von Conradsburg (urkundlich 108U Conradesburg, 1367 Conradesborch, 1400 Cordes- 
borch). Ob der Gründer dieser ehemaligen Burg, Conrad, ein Edelherr „von 
Conradsburg" gewesen, muss dahingestellt bleiben. Jedesfalls stand die so be- 
nannte Burg bereits im elften Jahrhundert. Nachdem jedoch der Edle Egino von 
Conradsburg einen Angehörigen des Ballenstedter Gratengeschlechts erschlagen 
hatte, musste er, wie man nicht ohne Grund annimmt, sich bequemen, zur Sühne 
seiner That seine Stammburg aufzugeben und in den Mauern derselben ein Kloster 
zu erbauen , dessen Krypta höchstwahrscheinlich als Familiengruft für die Edel- 
herren dienen sollte. In den Jahren 1120—1133 fand vermutlich die Verwand- 
lung der Burg in ein Kloster statt, welches dem h. Sixtus geweiht und mit 
Benediktinern besetzt wurde, 2) wälirend sich die Edelherren von Conradsbui^ auf 
das wohl kurz vorher bezw. um dieselbe Zeit erbaute Schloss Falkenstein zurück- 
zogen. Bereits 1133 kommt ein Abt Adalbert von Conradsburg urkundlich vor. 
Nach dem Chronisten Paul Lange, einem Mönche des Klosters Bosau bei Zeitz, 
war Conradsburg ein Benediktinermönchskloster, das aber von den Mönchen 
wegen Verarmung verlassen und dann angeblich am LÄurentiitage 1477 von 
Karthäusermönchen in Besitz genommen wurde. Die Schirmvogtei über das 
Kloster stand den Grafen von Falkenstein als erbliches Recht zu, woraus man 
schliessen darf, dass sie dort auch ihr Erbbegräbnis hatten. Freilich ist kein 
Denkmal mehr vorhanden, welches dies unwiderleglich darthäte, denn das Kloster 
wurde 1525 im Bauernkriege wie die übrigen mansfeldischen Klöster geplündert 
und zum Teil verbrannt, dann aber von dem Kardinal Albrecht, der*auch 
Bischof von Halberstadt war, dem Kloster Neuwerk bei Halle überwiesen, welches 
dasselbe als Erbzinsgut dem Kanzler Türck überliess. Nach des letzteren Tode 



*) Vergl. Grössler, zweiter Nachtrag zu den Sagen der Grafschaft Mansfeld (Maui«- 
felder Blätter IV, S. 144 Nr. 14.) — 2) Vergl. Carl Elis, die Conradsbiirg, Halberstadt, 
Verlag von Helm. 



besassen es die Herren von Hoym, vie eine lns<.-hrifttafel an einein Wirtscbafts- 
gebäiide bekundet, welche folgenden Wortlaut hat: 

AD.Ul AVG^■■STVS VON HOVU 
UNTER DER VORUlNSDCHAhl'I 
HKRRN ALBERTl BOTT^ 
IHL-R. BRAN. HOfF 
KATHS ZL' HALBERSTAU. 
ANNO 1693. 

Als die Kamiliu von H«yni ausstarb, wurde das Kloster preu^sische Domäne. 

IUI Das Hauptgebäude des ehi'malif^n Klosters, die Kirche, ist leider nur als 

Torsi) iuif unsere Zeit gekoninien, denn es giebt wenige Gotteshäuser, die auf 




Nr. 8. Ober-Kirehe. 



engem Räume eine solche Mannigfaltigkeit und einen solchen Reichtum au 
geschmackvollen Kurnien aufzuweisen haben, als die Oonradsburger, trotzdem nur 
ihr Cliurraum mit der Krypta vorhanden ist. Der erstere zeigt die eigenartige 
Unmdrissbildung der Benediktiner-Kirchen, die von dem Kloster Hirsau ausging. 
Der fast quadratiscbe Mittelraum (seine Breite beträgt 7.2 m, seine Länge 7.6 m) 
ist mehr als doppelt so breit wie die SeitenschiCTe (55 m). Diese nun sind mit dem 
Mittalraume durch je zwei Bogen verbunden, die auf Wandvorlageii und auf je 
einem Mittelpfeiler ruhen; die Seitenschiffe bilden so gleichsam Logen, deren 
Fussboden fast um einen halben Meter erhöht ist Ein gemeinsamer Blend- 
bogen Überspannt auf jeder Seite die beiden offenen Bogen ; durch alles dies wird 
jede Längswaod reich und anmutig geghedert Die Mittelpfeiler tragen ein aus 
Platte, Bundstab und Hohlkehle zusammengesetztes Gesims und ihre Ecken sind 
durch eine rundstabu msaumte Hohlkehle abgestumpft; die Rundstäbe vereinigen 
sich unten schlicht, oben zu einem umgebogenen Blatte, das in die Hohlkehle 



Hansfelder Gebii^kreis. 



hineinreicht. Diese Verzierung erinnert sehr wi ähnliche Formen der Holzarchi- 
tektiir,' die im l(i. Jflhrhundert in ihrer Blütezeit die Kegel bilden. Jedes Seiten- 
schiff' ist von zwei gratlosen Kreuzgewölben ohne Gurtbogen überspannt Die 
(iewölbeansHtze ruhen durchweg auf Konsolen, deren Gesimse sich mit denen der 
l'feiler verkröpfen. Die Basen der freistehenden Pfeiler sind einfache viereckige 
Blöcke, die durch einfache Abschriigung sich zum Pfeiler hin veijüngen. Die 
Wandpfeiler wiederholen jedoch als Basis das Kapital in umgekehrter Reihenfolge 
der Glieder. Auch das Mittelschiff war überwölbt, wie die Gewölbeansätxe beweisen. 
Der diagimale Gewülbegrat sitzt auf einer Eckkonsole, einer der /.uv Hanpl- 
absis gehörigen Doppelbogen ruht auf einer rechteckigen Vurhige, deren Ecke 
duich eine schlanke Säule mit schönem Kapital und einer auf huhcin biuekcl 



Nr. 9. Unter-Kirche. 



i'uhenden Basis ersetzt ist. Der andere sitzt auf einer ebenso behandelten Ecke 
auf. Dagegen wird der die Nord- und Südwand umziehende Schildbogen von 
Konsolen getragen. Dieser ganze Raum wirkt durch die Harmonie aller Verhält- 
nisse und die sparsam, aber passend angebrachten Zierformen überaus vornehm 
und wohlthuend. Die Krypta, zu der wir uns nun wenden, kann we^n ihrer 
geringen Höhe (3.4m) nicht so durch Schönheit ihrer Verhältnisse wirken; der 
Architekt hat diesen Mangel deshalb durch um so reichere, ja üppige Einzelformen 
ersetzt. Denn dass ihm seine Absicht gelungen ist, wird jeder bezeugen, der nur 
einmal einen Blick in den prächtigen Baum geworfen hat Die beigegebene 
Abbildung ist eine Kopie der nicht zu übertreffenden durch Puttrich veröffent- 
lichten Zeichnung von Sprosse. Man übersieht sofort die ganze Anordnung, -le 
zwei mit Ecksäulen verzierte viereckige Pfeiler scheiden die Seitenschiffe vom 
Mittelschiffe, das durch zwei weitere Pfeiler auch von der Absis getrennt 



Nr. 10. Klosterkirche iu Gonradsburg. 
(N&cIj Puttrich.) 

wird. Dieser si> rings von Pfeilern umgebene quadratische Raum unischliesst vier 
ääuloD, die zwei östiichcD mit ßiewiindenem Schaft^ deren Kapitale und Deckplatten 
zu dem Schönsten gehören, was die romanische Kunst hervorgebracht hat. Die 



Hsnsfelder Uebirgtikreis. 



beiden schönsten, sowie die ausgezeichneten Deckplatten der beiden Östlichen 
Pfeiler sind hier beigegeben (Nr. 12 — 15 auf S, 27 u. 28-) Der dazugehörige 
Ffeiler, der schönste von allen, ist leider nicht mehr vorhanden, sondern, wie 



Nr. 12. Xt. 13. 



I 1 1 

I 1/ 



MftDSfelder Gebirgskreis. 



Nr. 16. Kirche zu Oonradaburg, 



Conradsburg. 



29 



LLsihnut 



Ahsis 







Nr. 17. 




Nr. 18. 

es scheint, erst in neuerer Zeit durch eine ungemein rohe neue Säule ersetzt, 
(auf dem Grundrisse mit b bezeichnet.) Puttrich sah den Pfeiler noch im 
ganzen unversehrt (Nr. 18). Man ist also hier nicht mit der Sorgfalt zu 
Werke gegangen, die Puttrich bei der viel früheren Wiederherstellung der 
beiden westlichen Mittelsäulen rühmte. Es ist zu beachten, das die Pracht 
der Stützen nach der Hauptabsis hin, wo der Altar stand, immer sich steigert. 
Die Wandpfeiler im Westen sind noch ganz schlicht, das dann östlich folgende 
Säulenpaar hat zwar ebenso reiche Kapitale und Deckplatten wie das östliche, 
aber einfach runde Schäfte, das östliche dagegen schraubenzieherartig gewundene, 
und in den beiden unmittelbar vor dem Altar stehenden Bündelpfeilern erreicht 
der Reichtum der Kunstformen durch die Vereinigung von Säule und Pfeiler seinen 
Höhepunkt. Diese freistehenden Pfeiler oder Säulen, im ganzen zehn, tragen nun 
im Verein mit Wandpfeilem, die zwischen Mittelschiff und Seitenschiffen von 
besonderer Stärke sind, abgesehen von den Absiden, im ganzen 16 gratlose 
Kreuzgewölbe, die durch Gurtbogen von einander geschieden sind. Man hat also, 
wenn man will, eine fünfschiflRge Unterkirche vorsieh. Die Absiden der Neben-» 
schifie sind mit Kuppelgewölben, wie üblich, diejenige des Hauptschiffes dagegen 



30 Mansfelder Gebirgskreis. 



durch Kreuz^wölbe gedeckt, von denen natürlich nur das mittelste vollständig 
ist Eine Vergleichung mit der Anlage der Oberkirche ergiebt, dass der eine 
Mittelpfeiler jedes Seitenschiffes nicht den beiden Pfeilern der Krypta entsprechen 
kann ; jener ist denn auch mitten auf den mittleren Gurtbogen der letzteren gestellt, 
was immerhin ein gewagtes unterfangen war; wenn jetzt einige Pfeiler etwas aus 
dem Lothe gewichen sind, so mag dies die Folge davon sein. 

[S] Ungewöhnlich ist das lisenenwerk an den Abseiten der Oberkirche; 
namentlich sind die Streifen sehr breit und ohne die damals beliebten Bogenfriese. 
Dass die Dachung dieser Abseiten ursprünglich aus Steinplatten bestand, beweist 
die Zeichnung bei Puttrich. Der einzige Schmuck der Ostseite — und zwar nur 
an den Abseiten — besteht in Fuss- und Deckgesimsen, welche durch kräftige 
Lisenen verbunden sind. 

Auch die Fenster sind von einfachster Anordnung und sehr massiger Grösse. 

Der Entwurf des Altarschlusses und die Zeichnung der Säulenschäfte gleicht, 
ausserordentlich denen, die von dem Kloster Hirsau ausgingen, sodass dieser 
Vorort des Mönchstums der Benediktiner auch nach Conradsburg seine Fäden 
gesponnen zu haben scheint Das Ganze trägt das Gepräge innerer Vertiefung 
des Mönchstums bei äusserer Einfachheit 

[G] Die Frage, ob die Vollendung der Kirche jemals geplant war, ist von 
vornherein als selbstverständlich zu bejahen. Warum die Mönche aber nicht 
dazu gekommen sind, den Bau zu vollenden, wenn nicht etwa der jetzt fehlende 
Teil später zerstört ist, das ist schwer zu sagen. Vielleicht sind die Mittel 
plötzlich ausgegangen. Dass das Kloster zeitweilig keinen hervorragenden Rang 
einnahm, geht wohl aus Urkunden von 1135 und 1208 hervor, in denen in der 
Reihenfolge der Aebte, die als Zeugen aufgeführt werden, die von Conradsburg 
zuletzt genannt werden. 

üebrigens sind die Urkunden des Klosters bei seiner Zerstörung vernichtet 
worden, sodass man vor nicht langer Zeit nicht eine einzige beglaubigte Nach- 
richt über dasselbe besass. Nur einige dürftige Trümmer haben nach und nach 
aus andern Archiven zusammengelesen werden können. 

[BJ Dass man den Weiterbau der Kirche beabsichtigt bat, beweisen im 
besondem auch die vorhandenen Teile deutlich. Der Bogen, der sich nach der 
Vierung zu öffnen sollte, ist vorhanden, natürlich vermauert ; ebenso sind deutlich 
die auf Kämpfern ruhenden Bogen zu sehen, die den geplanten Seitenschiffen 
entsprochen hätten, ja es sind sogar die Anfänge des Querschiffes zu beiden 
Seiten vorhanden. Man kann auf Grund aller erwähnten Theile ziemlich genau 
angeben, wie die Kirche geplant war. (S. Grundriss). 

Die vorhandenen Anfänge des Querschiffes springen um 1.55 m über den 
Chorraum vor. Das Querschiff musste demnach bestehen aus dem quadratischen 
Mittelraum und Seitenräumen von je 4.9 m Tiefe. Die Verhältnisse des Lang- 
schifFes ergeben sich aus denen des Altarraumes mit Notwendigkeit. Ja auch auf 
die geplante Länge der Kirche kann man mit leidlicher Wahrscheinlichkeit 
schliessen. Der Chorraum der Conradsburger Oberkirche hat nämlich sogar bib 
in Einzelheiten hinein die grösste Ähnlichkeit mit dem uns noch erhaltenen 
gleichen Teile der Benediktiner- Klosterkirche in Wimmelburg bei Eisleben, die 
das Uirsauer Schema in voller Ausbildung, also im ganzen mit fünf Absiden 



Conradsbur^. 



zeigt, wie wir es in der Sangerhäuser ülrioliskirclie ausgeführt sehen. Diese hat 
eine Oesamtiänge von 37.8 m bei einer Breite des Chorranmes im Lichten von 
13 m. Die Conmdaburger Kirche ist 15.6Ü m breit, die Wimmelburger 15.70- 
Vielleieht ist es nun erlaubt, auf ein gleiches Verhältnis von Lange und Breite 
wie bei Sangerhausen für Conradsburp und Wimmelburg zu schliessen, wenn man 
die Uriisseverhältnisse einiger anderen Kirchen in Betracht zieht, deren Länge und 
Breite bekannt oder wenigstens genau festzustellen ist. Uie Drübecker Kloster- 
kirche z. B. hat Ifi m Breite und 40 m Lange; die Ballenstedter frühere Kloster- 
kirche hatte eine Länge von 40m und eine Breite von jö.8: auch die Oernroder 
Kirche ist 40m lang bei 7m breitem Chorraum' (der noch der ersten Anlage 
angehört), was auch auf eine ursprünglich geplante Gesamtbreite von etwa 16 m 
schliessen lässt Nai'b alledem wird man nicht sehr irren, wenn man sowohl der 
Wimmelbui^r als der Conradsbui^er Kirche eine lichte Gesamtlänge von 
40m zuweist (immer mit Ausschluss der Türme). Diese Annahme dürfte eine 
Nachgrabung bestätigen, die umsomehr Au.ssicht auf Erfolg bieten würde, als 
die Grundmauern, wie es scheint, sieh dem Auge hie und da bemerkbar machen. 
[S] Ijeider hat die Kirchenruine längere Zeit zu den entwürdigendsten Zwecken 
dienen müssen; die Oberkirche als Schuppen, die Unterkirche als Schweinestall, 
Die letztere war durch die Wirkung der ätzenden Jauche trotz der auf Staats- 
kosten bewirkten Restauration und der Ausschliessung landwirtschaftlicher oder 
vielmehr viehwirtechaftlicher Benutzung mit so dunkelgrünem Moder überzogen, 
dass es überaus schwer fiel, die schönen Kapitale zu zeichnen und in ihrer 
Schönheit zu geniessen. Nachdem jedoch eine gründliche Reinigung voi^nommen 
ist, kommen die Formen, die meist gut erhallen sind, wieder voll zur Geltung. 

In einem Aktenstücke des Magistrats von Ermsleben befindet sich ein unvoll- 
ständig bewirkter Siegelabdruck, der angeblich und vermutlich auch wirklich aus 
dem Kloster Conradsburg herrühit. Derselbe zeigt ein klosteräbniiches Gebäude 
in dessen Thor ein Schlüssel aufrecht steht und hat anscheinend die verstümmelte 
Minuskelinschrift : 

StcrrtvM - ■ arit - - ■ »iir 

[B] Die sonst auf der Conradsburg stehenden 
Gebäude bieten nichts Bemerkenswertes. Nur 
das Wohnhaus reicht den Formen nach in dns 
16. Jahrhundert zurück. Es hat sich aber ein 
merkwürdiges Bildwerk erhalten, das aus einer 
Zeit stammt, als die Herren von der Conradsburg 
noch nicht daran dachten, ihren Sitz zu verlassen 
Es stellt in rundbogigem Rahmen ein betendes 
Ehepaar dar. Der Mann mit einer wegen der 
Zacken wohl als Krone zu deutenden, sonst ver- 
witterten Kopfbedeckung bält in der Rechten ein 
Kreuz; die Linke, deren innere Handfläche nach 
aussen gekehrt ist, hebt er betend empor. Die 
Frau hält beide, mit den Innenflächen ebenfalls 
nach aussen gekehrte Hände betend vor sich hin, 
und zwar so, dass die Daumen sich kreuzweise Sr. Vi. 



32 Mansfelder Gebirgskreis. 



schneiden. Ihr Haar, in der Mitte gescheitelt und leicht gewellt, scheint von 
einem Diadem umschlossen zu sein, welches ziemlich weit nach dem Scheitel zu 
aufsitzt. Dass das Relief uralt ist, beweisen u. a. auch die die Kleider beider 
Gestalten schmückenden Borten, die mit Knöpfen und Edelsteinen besetzt sind- 
Wenn die Kopfbedeckungen Krone und Diadem sind, so stellt dieses Bild ein 
deutsches Königspaar dar. 

Creisfeld. 

[G] Pfarrkirchdorf, 13 km südlich von Hettstedt, an der bösen Sieben, vormals 
im nördlichen Hosgau, bezw. im geistlichen Banne Eisleben gelegen. Die böse 
Sieben war hier, wie in Wimmelburg, Hergisdorf und Ahlsdorf geistliche und 
weltliche Grenze. Der Name des Ortes (urkundlich 1184 Crebezinvelt, 1200 Crebiz- 
velt, 1203 Creuezinvelt, 1206 Crebezvelt, 1214 Crevezenyelt, 1262 Crevettenfeld, 
1400 Greven tenfeld) 1417 Kreuethinfelt, 1484 Krebissenfelde, 1554 Kressenfelt, im 
Volksmunde jetzt Kräesfeld und Kreiesfeld) bedeutet Feld oder Waldrodung des 
Krebs. Das „Gemeine Siegel in Creizfelf' zeigt als Siegelbild zwei über Kreuz 
gelegte Berghämmer. Auf die 4 Ecken der Kreuzung sind die ZifiFem der Jahres- 
zahl 1717 verteilt; darüber erblickt man eine Krone. Das Ganze ist von zwei 
sich kreuzenden, einen Kranz bildenden Zweigen umfasst. Dieses Siegelbild will 
offenbar den Bergbau als Hauptbeschäftigung der Bewohner des Dorfes hervor- 
heben. Das Dorf ist freilich ohne Zweifel erheblich älter, als der Beginn des 
Bergbaues, wie aus den kirchlichen Verhältnissen geschlossen werden muss. 

In Creisfeld hatte ein gleichnamiges, zum niedern Adel gehöriges Geschlecht 
seinen Sitz, von welchem seit 1203 ein Mitglied urkundlich erscheint. Ihm 
gehörte jedesfalls eines der vor Zeiten in Creisfeld vorhandenen Freigüter. Eins 
dieser Freigüter war ein Klosterhof, wahrscheinlich zu W^mmelburg gehörig. 
1649 erwarb der Kapitän-Lieutenant Jeremias Ernst eins der Freigüter zu Cress- 
feld. Noch im Jahre 1755 werden 3 Freigüter angeführt, das Thomasiussche, 
Ziegesche und von Wülknitzsche ; aber schon 1780 scheinen die drei Güter in 
eins zusammengeschlagen gewesen zu sein, da die topographische Beschreibung 
des Herzogtums Magdeburg aus diesem Jahre nur noch ein Freigut, das Heiden- 
reichsche, in Creisfeld kennt 

Die dem Bekehrer des benachbarten Gaues Friesenfeld, dem h. Wigbert, 
geweihte Kirche, ist sicher uralt, was schon die Wahl dieses Schutzpatrons 
anzunehmen nötigt und die romanische Bauart der Kirche selbst bestätigt. Ja, 
da es nicht unwahrscheinlich ist, dass Wigbert hier selbst als Heidenbekehrer 
aufgetreten, so ist auch die Annahme zulässig, dass Creisfeld zu seiner Zeit (im 
8. Jahrhundert) schon ein bewohnter Ort gewesen. An der Kirche selbst sind 
die Spuren sehr weit von einander entfernter Bauzeiten wahrzunehmen. Der 
nächste Eindruck ist der einer Kirche gotischen Stils, und zwar erblickt man in 
der Nord- und Südwand des Altarraumes je ein, aus einem einzigen Block des 
in der Nachbarschaft gebrochenen Rotliegenden gearbeitetes Kleeblattfenster, 
während das Schiff spätgotische Spitzbogenfenster hat, die namentlich auf der 
unverbauten Nordseite zahlreich sind. Dagegen gehört der romanischen Bau- 
periode das westliche Stück der südlichen Kirchenmauer (bis zum Beginn des 



Creisfeld. 33 

südlich Torli^enden Turmes an, denn in ihm ist ein von aussen zwar durch die 
nngebftiite Ijeichenhalla verdecktes, aber innen auf der Empore noch siebtbares 
kleines romanisches Rundbogenfenster noch wohl erhalten, wie auch unter demselben 
ein stark übertUncbtes, aber ehemals sehr schönes Tympanon (Nr. 20) aus der 
besten romanischen Zeit über der Einganjitsthilr im ganzen noch gut erhalten ist. 



Nr. 20. fiympanon). 

Auch die Kämpfer-Kapitale der letzteren {Nr. 21) sind von gleicher Schönheit, 
während der auf Befestigung der Angeln nicht berechnete Thürb escblag (Nr. 22.) 
aus spätgotischer Zeit (15. oder 16. Jahrhundert) herrühren wird. (Nr. 21 und 22 
siehe auf Seite 34 !) 

Der auf der Südseite der Eirche an mittlerer Stelle derselben vermutlich 
anlässlich einer Erweiterung des Kirchengebäudes angebaute Turm stammt aus 
dem 15, Jahrhundert, Manche behaupten, vermutlich gestützt auf eine Notiz des 
Cteisfelder Kircheninventais vom Jahre 1757, welches als Jahr der Erbauung 
der Kirche das Jahr 1420 angiebt, das Jahr der Erbauung des Turmes sei 142U, 
jedoch die darauf bezügliche Minuskelinschrift auf der Südseite desselben (an 
dessen westlicher Ecke) lässt zwar noch deutlich die Zeichen 



- Wi *" atf- 



jedoch nicht mehr die nun folgenden Zifferbuchstaben erkennen, sodass also nur 
eine allgemeine Bestimmung der Erbauungszeit zulässig ist 

Das frühere Schieferdach der Kirche ist im Jahre 1712 vermittelst einer in 
der Grafschaft gehaltenen Kollekte durch ein Ziegeldach ersetzt worden. 

Im Innern des Altarranmes steht links hinter dem Altar an üblicher Stelle 
auf einer Säule ein stark Ubertüncbtes gotisches Sakramentshäuschen mit einer 
anscheinend deutschen aber wegen der stark aufgetragenen Tünche nicht erkenn- 
baren Inschrift 

Mamfetder Oebirgekreis. 3 



Mansfelder Gebirgskreis. 




Nr. 21. (Kämpfer). 



Nr. 22. (Thürbeschlag). 

Der einzige Schmuck ist ein Riindstab, der um den rechteckig ausgeschnittenen 
Eand herumläuft. 

Der Taufstein ist sehr alt und überaus roh. 

Beachtenswert ist dagegen der einst gut erhaltene, jetzt abgebrochene und 
in der Leichenhalle untergebrachte Schni tKaltar mit der Kreuzigung Christi in 
der Mitte der oberen Kgurenreihe. 



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Creisfeld. 35 



Zur Rechten (links für den Beschauer) folgen der Beihe nach die Jungfrau Maria, 
S- Jacobus mit Muschelhut und Buch (der Pilgerstab ist verloren gegangen), ein 
bärtiger Heiliger mit Buch (wahrscheinlich S. Petrus), S. Katarina mit dem Rade, 
endlich eine gekrönte weibliche Figur, ein affenpinscherähnliches Ungetüm (den Teufel) 
am Bande führend, vermutlich S. Juliana. Zur Linken (rechts für den Beschauer) 
folgen: Der EvangeHst S. Johannes, S.Georg mit rotbekreuztem Schilde und dunkel- 
farbigem Panzer (die Lanze ist verloi*en gegangen), ein Heiliger mit Stab und Buch 
(Philippus?), S. Barbara mit dem Turme, und eine gekrönte Heilige mit wallendem 
Haar, deren Merkzeichen verloren gegangen ist. 

Als Predella erscheinen der Reihe nach (für den Beschauer von links nach 
rechts): S. Christoph mit Baum und Christkind; ferner ein Jüngling mit einem 
(als Handhabe dienenden?) Ringe; ein männlicher Heiliger in vergoldetem Gewand, 
den Teufel mit Füssen tretend (S. Antonius d. Einsiedler, S. Cassius oderS. Cyriacus?), 
Maria mit dem Jesuskinde; S. Elisabeth mit einem Korbe, bekleidet mit einer Mütze, 
deren Saum rings mit Rosen besetzt ist; Johannes der Evangelist mit dem Kelche; 
S. Stephanus mit Buch und Steinen ; und endlich der h. Antonius von Padua in 
brauner Kutte, begleitet von einem knieenden Eselchen. 

Über dem Altar erblickt man zwei schlechte Gemälde, eine Auferstehung und 
eine Himmelfahrt, von denen nur die letztere und auch diese nur aus dem Orunde 
erwähnenswert ist, weil von dem auffahrenden Christus nur die beiden Füsse 
auf einer Wolke zu sehen sind. 

Vor dem Altar, zum Teil durch den Taufstein verdeckt, liegt im Fussboden 
eine steinerne Grabplatte, deren Schriftzüge stark verwischt sind. Die Inschrift 
bezieht sich offenbar auf einen Geistlichen der Kirche. Soweit dieselbe zu ent- 
ziffern war, lautet sie folgendermassen : 

• • • • (hie rcc) vbant onis, 

Spiritus in Christi vivit ovatque manu, 
Extrema mundi donec ivngantur in hora, 

Qui veniet iudex 

Obiit • • Anno Christi 1623, aetatis 59, ministerii 26. 

Victor non ia 

Morte secunda 

Die Kanzel vom Jahre 1620 trägt die Umschrift: 

Bartholomaeus Knauff, uxor etc Catharina sumthibus orna- 

runt hanc cathedram proprijs 1620 ab. S. Luckas. 

Nach dem Kircheninventar von 1737 war dieser B. Knauff Bergvogt. Eben- 
dasselbe berichtet: „Ohngefehr vor 1622 hat Paul Meisner, V. Siering und 
Ch. Müller das (in der Kirche hängende) Bild B. Lutheri machen lassen." 

Auf dem Altare stehen zwei zinnerne Leuchter, die auf ihrem Fusse folgende 
Inschrift tragen: 

16 A. A. V. B. 88. 

Auch befand sich unter dem Ornat ein weissleinenes Tuch mit den ein- 
gestickten Buchstaben 

A. S. V. T. 

3* 



36 Mansfelder Gebirgsinreis. 



Von den drei Glocken, deren Durchmesser 1,13, 0,86 und 0,42m betragen, 
ist die kleine ohne Schrift, die mittlere von 1881 von G. A. Jauck in Leipzig ge- 
gossen, die grosse dagegen hat folgende Inschrift: 

i6io. 
Da Past. gewesen Herr Joh. Simonis, H. Kaiser der Landrichter» 
H. Möring der Glockengiesser von Erfurt. 

Gottes Wort bleibet ewig. 

Nach dem Eircheninventar hatte die mittlere (damals kleine) Glocke folgende 
Inschrift; 

1657. 
Christian Böhme, Past., Hans Klakke Schultheis. 

Christi Blut ist mein Erbgut. 

Die Personenregister der Kirche reichen bis 1574 zurück; Bjrchrechnuugen 
sind aus den Jahren 1553-1622, 1672— I60I sowie 1682 ff. vorhanden. 

Der Sonderbarkeit halber folge noch eine Mitteilung über die Verpflichtungen 
des Schulmeisters (und Küsters): 

„Der Schulmeister muss in beiden Kirchen (Kresfeld und Wimmelburg) das 
Geläute verrichten, dem Pfarrer den Mantel nachtragen, den Seiger stellen, von 
Michael bis Lichtmess frühe 4 Uhr den Bergleuten mit der kleinen Glocke läuten, 
die Kirche und die Stühle reinigen u. a. m." In Creisfeld bekam er wegen des 
Gregoriifestes 6 Groschen aus dem Kirchenärario und 8 Groschen zu Pfingsten 
statt der Maien aus der Kircheneinnahme, auch jährlich 12 Groschen für Glocken- 
schmiere. 

Dankerode. 

[G] Grösseres Kirchdorf, 27 km westlich von Hettstedt, vormals im Schwabengau 
(in der Grafschaft Ealkenstein) bezw. im Harzbanne (bannus nemoris) gelegen. 
In älterer Zeit dürfte das Dorf Zubehör der Herrschaft Rammelbui^ oder der 
Preiherrschaft Arnstein gewesen sein, in späterer Zeit gehörte es zur Grafschaft 
Palkenstein. Der Ortsname enthält den Personennamen Dancho, eine Koseform 
etwa von Dankrat, Dankwart, Dankmar und ähnlichen Namen, und bedeutet 
Eodung des Dancho. Die älteste urkundliche Erwähnung giebt 1327 die Form 
Dankerode, 1400 lautet sie Tamkerode, 1510 Danckerode, 1525 Dankeroda. Das 
„Eichter- und Schöppeninsiegel d. Gemeinde Danckerode" zeigt als Siegelbild einen 
Laubbaum mit einer an seinem Stamme befestigten Wage. Der Laubbaum stellt 
vermutlich die üortlinde als Sinnbild der Bauerschaft vor, die Wage ist wohl 
Sinnbild der von Richter und Schoppen auszuübenden Gerechtigkeit 

Über die Geschichte des Ortes ist gar nichts bekannt. 

Die nichts Eigenartiges bietende Kirche, welche einen gewölbten Altarraum 
hat, ist der Jungfrau Maria gewidmet. Das „Siegel der Lieben Frauen Kirche zu 
Dankerode" zeigt eine Kirche mit westlich vorliegendem Turm; ein anderes „Siegel 
der Rendantur d. Aerarii der Marien L. Fr, Kirche in Danckerode" zeigt 
ebenfalls ein Kirchengebäude, nur erscheint auf diesem der Turm doppelhaubig. 



Endorf. 37 

Ein drittes „Insiegel des Altars Unserer Lieben Frauen in Dankerode" enthält die 
Bemerkung: ,,Eenov. 1710^^, sodass also als das Jahr des letzten Umbaues des 
jetzigen Kirchengebäudes das Jahr 1710 anzusehen sein dürfte. 

Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,13, 0,95 und 0,73m Durch- 
messer, deren grösste im Jahre 1839 C. H. Stützer in Benneckenstein gegossen 
hat, während die beiden übrigen im Jahre 1726 von Arnhold Geyer in Nord- 
hausen gegossen worden sind. 

Endorf. 

[G] Kirchdorf, 12 km nordwestlich von Hettstedt, unweit der Conradsburg nach 
Osten zu, vormals im Schwabengau und zwar in der Freiherrschafl Arnstein, 
bezw. im geistlichen Banne Gatersleben gelegen. Der Name des Ortes i) (urkund- 
lich wohl schon 934 Emmundorp, 1215 Ennendorp, 1381 Eynendorp, 1387 EndorfiF, 
1400 Emmendorp und Ennendorp, 1534 Endorfl'J bedeutet entweder Dorf des 
Emmo oder des Enno. Ganz undenkbar wäre aber auch nicht, dass Enno hier nur 
eine Zusammenziehung des Namens Egino wäre, der in der Familie der benach- 
barten Dynasten von Conradsburg gebräuchlich war. Das Siegel der „Gemeinde 
zu Endorf' zeigt eine männliche Gestalt, welche in der Rechten eine Blume 
hält, vielleicht eine Andeutung, dass die Dorfflur ertragreichen Boden habe. Über 
dem Manne erblickt man eine funfzinkige Krone. 

[S] Die Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, stammt aus verschiedenen 
Zeiten. Der Altarraum mit seinem halbachteckigen Schluss scheint eine alte 
Kapelle gewesen zu sein, die aber mit dem Schiff einen Umbau erfahren hat, 
bei welchem die ursprünglichen Spitzbogenfenster verschwunden sind. Der Turm 
ist ganz neu am westlichen Giebel des Schiffes angesetzt und enthielt ein ge- 
kuppeltes, etwas rohes Rundbogen-Fenster. Auf dem Altar befindet sich der Rest 
eines Schreines, welcher das heilige Abendmahl flach erhaben darstellt, mit 
ungeschickten hässlichen Figuren; die Seitenflügel sind gemalt und sehr hässlich 
retouchiert 

[B] Ein in die südliche Wand eingelassenes Grabdenkmal enthält in hübschem 
Renaissance-Rahmen, der auf einem volutengezierten Unterteil ruht und von einem 
flaohgieblig gedeckten Architrav gekrönt wird, den Gekreuzigten mit den beiden 
Frauen. Der Architrav trägt die Inschrift: 

BASILIl lACET HIC TENLERI PRIMA PROPAGO 
MASCVLA CVI MORIENS CAVSA DOLORIS ERAT 
IN TERRIS NONDVM VITALES VIDERAT AVRAS 
AT MENS AETERNAE MVNERA LVCIS HABET 

Auf Deutsch: 

Hier ruht der erste männliche Spross Basiiius Tenlers, 
Dem er durch seinen Tod Schmerzen und Kummer gebracht. 
Hier auf Erden sah er noch nicht den Schimmer des Lebens, 
Aber die Seele geniesst ewigen Lichtes Geschenk. 



1) Die von manchen auf diesen Ort bezogenen Namen Emmalesthorpe und EmmelB- 
torp (1046 und 1073) sind sicher nicht auf Endorf zu deuten. 



38 Mansfelder Gebirgskreis. 



Auf dem unterteile stehen die Worte: den letzten novembris anno 1578. 

Es handelt sich also hier um einen bald nach der Geburt gestorbenen Sohn 
Basilius Tenlers. 

unter der Orgelempore, die sonst neuer Zeit angehört, steht noch eine 
Holzstütze von der früheren Empore mit der Jahreszahl 1556, deren Oberteil die 
für jene Zeit charakteristische Walze an der Stirnseite trägt, die sich sonst an 
Balkenköpfen findet 

Auf dem Kirchhofe an der Südseite befinden sich einige bemerkenswerte 
Grabmäler. Das eine ist ein ganz mit Kokokoblattwerk bedeckter Obelisk, der 
auf viereckigem , reichgeschmücktem Postamente ruht. Dieser Obelisk ist 
oben abgestumpft und trägt einen etwas ausladenden Aufsatz in Gestalt einer 
niedrigen Urne, deren unterer bauchiger Teil mit Blättern verziert ist. Den Ab- 
schluss bildet eine daraufstehende Knabenfigur, die sich auf einen Schild stützt 
Dieser zeigt einen nach links (v. B.)schreitenden Löwen, der in den Vorderpranken 
zwei Streifen zweifelhafter Art hält Es ist das Denkmal des Herrn Busso 

Seh rader, „Erb und Eittersassen zu P slitz und Hochfrey herr 1759.'' 

[SJ Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,08, 0,85 und 0,67 m Durch- 
messer. Die beiden grösseren sind im Jahre 1700 von Johann Jacob HofPmann 
in Halle, die kleine ist 1770 von Friedrich Brackenhoff in Halberstadt gegossen. 

Ermsleben. 

[G/ Kleine Stadt, 15 km nordwestlich von Hettstedt auf dem rechten, erhöhten 
Ufer der Selke, vormals im Schwabengau in der Grafschaft Falkenstein, bezw. in 
dem Halberstädter Archidiakonatbezirke Gatersleben gelegen. Der Ortsname, 
dessen ursprüngliche Form später mancherlei auiSFallende Entstellungen erfahren hat, 
lautete 1045 Anegrimislebo, 1118 und 1162 Anegrimesleve, 122^ Amgegmesleve (ly, 
1276 Enegremesleve, 1296 Enegremsleve, 1303 Enegrimsleve, 1322 Engermesleve, 
1330 Enegremersleve(!), 1332 Eneghemersleve(!), 1334 Enegrimersleve, 1366 Ene- 
germesleve, 1367 Engremsleve, 1400 Engremsleve alias Ermsleve, 1426 Ermes- 
leven, 1431 Ermsleve, 1451 Ermslebin und enthält zweifellos den schon im achten 
Jahrhundert nachweisbaren Personennamen Anagrim, bedeutet also Erbgut des 
Anagrim. Ein dicht dabei gelegenes, jetzt wüstes Dörfchen Klei n-Erm sieben 
(Anegremsleve minor) wird schon 1155 genannt Damals sass daselbst ein freies 
Geschlecht, von welchem Mitglieder als Schöffen eines Landtages in Aschersleben 
erwähnt werden, nämlich Volcmarus de minori Anegremesleve et eins filii Con- 
radus, Gero, Otto. Der Zusatz minori ist deshalb wichtig, weil aus ihm erhellt, 
dass diese Herren von Ermsleben nicht etwa in Grossen-Ermsleben sassen, also 
auch nicht Herren der zu dem dortigen Schlosse gehörigen Herrschaft gewesen 
sein können, wie manche behauptet haben. Dagegen spricht auch noch, dass 
schon vor ihrem Aussterben die Grafen von Falkenstein als Herren der Herrschaft 
Ermsleben erscheinen. Als solche Herren von (Klein-) Ermsleben erscheinen 
ferner noch 1162 Gero de Anegrimesleve, 1221 Olricus de Amgegmesleve, sämtlich 
edlen Geschlechts. Dagegen dürften die folgenden : 1321 Henricus de Enggerims- 
leve miles, 1323 strenuus miles Hinricus de Hoyem dictus de Enegremesleve; 
desgleichen: 1319 Sparrebom, Bherent und Albrecht ßant, Knapen, beseten to 



Errosleben. 39 



Engermessleven, 1326 Albertus Bant famulus und Hinricus de Hoyem miles, 
1332 Albertus Bant famulus ebenso zweifellos Ministerialen sein, die nicht in 
Klein-Ermsleben sassen, sondern auf dem Schlosse Ermsleben als Burgmannen 
hausten. Da nach Schaumann i) Graf Hoyer von Falkenstein nach dem Tode 
seines Bruders Burchard lU. (IV.)» welcher 1215 starb, aus dessen Erbschaft das 
Sc bloss und Städtchen Ermsleben vorab erhielt, so muss das Schloss zu 
Ermsleben, welches westlich von der Stadt liegt, von den Grafen von Falken- 
stein — doch bleibt ungewiss von welchem, und wann — erbaut wötden sein, 
und es muss nicht unbedeutend gewesen sein, da mehrere Burgmannenfamilien in 
Ermsleben erwähnt werden. Ausdrücklich wird das Schloss zum erstenmale im Jahre 
1332 urkundlich genannt (castrum in Eneghemersleue) , denn in diesem Jahre schenkte 
der letzte Graf Burchard von Falkenstein dem Hochstift Halberstadt nicht nur 
das Schloss Falkenstein, sondern auch Schloss und Stadt Ermsleben (castrum et 
oppidum Eneghemersleve). Gleich darauf verpfändete der Bischof von Halber- 
stadt beide Herrschaften seinem Domkapitel, löste sie aber schon 1334 durch Ein- 
setzung eines andern Pfandes wieder aus (municiones Yalkenstein et Enegrimers- 
leve). Fortan blieb das Schloss von dem Bistum Halberstadt abhängig, wenn 
auch die Fürsten von Anhalt zeitweise den Besitz desselben beanspruchten und 
behaupteten; in der Folge wurde es bischöflich Halberstädtisches Tsdfelgut Nach 
dem in Abels Alten Chroniken veröffentlichten Chronicon Ermslebiense (S. 690) 
„hat Ao 1Ö30 D. Christoph Türck (eines Schusters Sohn von Leipzig) das Amt 
Ermsleben als ein Desolat von Kardinal Albrechten erbettelt, doch ohne des 
(Halberstädter) Kapitels Consens- Er hat die Stadt mit Gewalt um ihre Gerechtig- 
keit und unter das Amt bringen wollen, obwohl dieselbe diesem nur, was die Gerichte 
anbetrifft, unterworfen gewesen. Da nun die Stadt bei der Landesregierung 
darül>er geklagt, ist es daher und aus anderen Ursachen gekommen, dass ihm 
Erzbischof Albrecht das Haus (Ermsleben) wieder genommen. Im Jahre 1546 
nahm Graf Albrecht von Mansfeld kurz nach Weihnachten Ermsleben und Gon- 
radsburg im Namen des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ein; nachdem 
jedoch Kaiser Karl Y. diesen besiegt hatte, hat D. Türck zu Halle von ihm 
erlanget, dass ihm beides sollte restituiert werden. Da aber D. Türck noch im 
selben Jahre starb, nahm Kurfürst Moritz von Sachsen nebst seinem Bruder 
August Ermsleben wieder in Besitz. Im Jahre 1567 erhielten die Söhne Heinrichs 
von Hoym auf Wegeleben, Christoph und Albert, welche durch ihre Mutter mit 
dem Dr. Türck verwandt waren, Schloss und Stadt Ermsleben pfandweise auf 
60 Jahre vom Domstift Halberstadt, bedrängten aber die Stadt dermassen, dass es 
beinahe zu einer Empörung der Bürger kam, bis schliesslich im Jahre 1591 die 
Irrungen von der bischöflichen Landesregiening beigelegt wurden. Nach der 
Säkularisation des Stifts Halberstadt mussten die Herren von Hoym 1712 ausser 
andern Besitzungen auch Ermsleben und Conradsburg an den König Friedrich I. 
von Preussen herausgeben, der daraus königliche Ämter (Domänen) machte." Noch 
jetzt ist das Schloss mit Zubehör eine Domäne mit grossem Garten. Das Schloss- 
gebäude ist so oft und durchgreifend umgebaut worden, dass nichts Altertümliches 
übrig geblieben ist 



1) Gesch d. Grafen von Yalkenstein Ö. 46. 



40 Mansfelder Gebirgskreis. 



Bei seiner günstigen Lage in fruchtbarer Gegend an einem reichlich fliessenden 
Wasser erwuchs das Dorf Ermsleben^ zumal es auch durch die spätestens gegen 
Anfang des dreizehnten Jahrhunderts erbaute Burg geschützt war, schon früh zu 
einem Flecken, beziehungsweise zu einer Stadt Schon 1298 wird es aus- 
drücklich als Flecken (oppidum Enegremsleve) bezeichnet und so später noch öfter. 
Es wurde frühzeitig mit Mauern umgeben und besass drei Thore: das Aschers- 
leber, das Conradsburger und das Wasser-Thor. l)ie östliche Vorstadt heisst 
Niederdorf, die südliche die Neustadt, die westliche die Weberstrasse. Nur zwei 
Strassen führen besondere Namen, das sind die Südenstrasse und die Bergstrasse- 
Marktplätze sind nur dem Namen nach vorhanden, da sie weiter nichts sind, als 
erweiterte Strassen. Im Anfange des 15. Jahrhunderts sollen durch einen Brand 
alle Nachrichten über die Stadt verloren gegangen sein. 

Beachtung verdient das Stadtsiegel. Alte Petschafte sind zwar nicht 
mehr vorhanden, aber das jetzige Siegel mit der Umschrift: „Der Magistrat zu 
Ermsleben" zeigt eine Stadtmauer und über dem oöenen Thore einen mit Fenstern 
versehenen runden Turm. Diesem zur Seite erblickt man auf der Mauer links 
den Anhaltischen Wappenschild, rechts einen mit Adlerflug geschmückten Helm, 
über dem Turme aber und den genannten Seitenstücken drei fliegende Vögel 

Was die Bedeutung dieses Siegels anbetrifll, so ist Folgendes zu bemerken: 
Schaumann a. a. 0. S. 127 hält die drei auifliegenden Vögel für das eigentliche 
Wappen von Ermsleben und glaubt nicht, dass hier ein älteres persönliches 
Wappen vorliege, vielmehr, dass der Oberherr der Herrschaft sich des dinglichen 
Wappens der letzteren bedient habe. Jedoch diese AuflFassung ist durchaus 
unhaltbar. Denn das eigentliche Siegelbild der Stadt Ermsleben ist die Mauer mit 
Thorturm als Zeichen des der Gemeinde zustehenden Stadtrechts, alles übrige 
aber sind lediglich Beizeichen zur Andeutung der Landesherrschaft, welcher 
Schloss, Stadt und Gebiet zuständig war, das sind in älterer Zeit die Grafen von 
Falkenstein, auf welche erstens der mit dem ofienen Fluge verzierte Falken- 
steinsche Helm auf der Mauer hinweist, wie er auch auf dem Siegel des Grafen 
Otto IV. von Falkenstein vorkommt, und zweitens die drei fliegenden Falken, 
das eigentliche Geschlechtswappen des Falkensteiner Geschlechts, nur dass hier 
die ursprünglich einfache Zahl des Wappentieres verdreifacht ist, was in der Regel 
geschah, wenn man andeuten wollte, dass der Siegelinhaber der jüngere Spross eines 
Geschlechtes sei.^ Auf eine Landesherrschaft iu späterer Zeit dagegen weist das ebenfalls 
auf die Stadtmauer gesetzte Anhaltische Wappen hin, dessen Träger, wie gezeigt wurde, 
eine Zeit lang den Besitz der Herrschaft Ermsleben beansprucht und behauptet haben- 

Im Jahre 1530 erhielt die Stadt vom Kaiser Karl V. zwei Jahrmarkt« 
bewilligt, sah aber ihren Wohlstand wiederholt von Gefahren bedroht. Im Jahre 
1553 zu Anfang der Ernte drang Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach 
mit seinem Volk ins Stift Halberstadt und befahl, Ermsleben, wo er das Nacht- 
lager gehalten, nachdem es seine Reiter geplündert, anzustecken, aber den Bitten 
Emsts von Mandelsloh, der nachher ein Rittergut zu Hedersleben in der Graf- 
schaft Mansfeld besass, gelang es, ihn zum Widerruf seines Befehls zu bestimmen. 



^ Vgl. die AbbilduDg des Wappens des Grafen Iloger de Valkensten bei Bchaumann a, 
a. O. S. 127. 



Ermsleben. . 41 



Im Jahre 1565 raffte eine Pest in Ermsleben 550 Menschen hinweg. Im Jahre 
1717 erlitt die Stadt einen grossen Brandschaden. Ob bei demselben auch das 
Sathaus abgebrannt ist, ist unbekannt; jedesfalls stammt es aus neuerer Zeit. 

Die (einzige) Kirche der Stadt ist dem h. Papst Sixtus IL, dem. Mitpati'on 
des Stiftes Halberstadt, „gewidmet und sicherlich sehr früh gegründet worden, wenn 
auch] dahingestellt bleiben muss, ob die Annahme, Bischof Haimo von Halber- 
stadt (840—853) habe sie gegründet, da er sich oft zu Ermsleben aufgehalten und 
daselbst gepredigt habe, mit der Wirklichkeit übereinstimmt Die Wahl des Mit- 
patrons des Stiftes Halberstadt, des h. Sixtus, zum Schutzheiligen der Kirche, 
welcher in den ähesten Zeiten des Bistums Halberstadt vielleicht höherer Ehre 
genoss, als später, könnte jedoch dafür sprechen. Die früheste schriftliche Spur 
von dem Vorhandensein der S. Sixtikirche ist die Erwähnung des Pfarrers und 
Erzpriesters Hoyer an derselben (Hoyerus plebanus in Enegremsleve ac archi- 
presbiter banni Gatersleve), welcher im Jahre 1296 in Ermsleben eine Synode abhielt 
(me presidente synodo in Enegremsleve) und auch 1298 noch einmal erwähnt wird. 

Auch der Umstand, dass der Pfarrer der Sixtikirche Erzpriester war, deutet 
auf hohes Alter und einige Bedeutung der Kirche. Ein anderer Pfarrer dieser 
Kirche, vielleicht der unmittelbare Nachfolger Hoyers, hiess Florinus. Er wird 
1322, 1326 und 1331 urkundlich erwähnt (dominus Florinus plebanus de Ene- 
gremsleve). Von den späteren Pfarrern mag nur noch als erster evangelischer 
Prediger in Ermsleben Johann Senger erwähnt werden, der im Jahre 1535 sein 
Amt antrat. Patrone und Lehnsherren der Kirche waren in ältester bekannter 
Zeit die Grafen von Falkenstein, wie daraus hervorgeht, dass im Jahre 1322 Graf 
Otto von Falkenstein das Patronatsrecht seiner S. Sixtikirche in Ermsleben (ins 
patronatus ecclesie nostro sancti Sixti in Engermesleve) seinem Sohne Burchard 
übertrug. Dieser aber übertrug dieses Recht laut einer Urkunde des Abtes Johannes 
von Conradsburg vom Jahre 1369 bald nach 1332 dem Kloster Conradsburg, 
welches ja ebenfalls dem h. Sixtus geweiht war. 

[Bj Das jetzige Kirchengebäude macht einen recht trübseligen Eindruck. Es 
ist eine etwas wirre Zusammenstellung verschiedener, in keiner Weise mit ein- 
ander harmonierender Teile (Nr. 23 Grundriss). Ein schmuckloses Langhaus, dem 
ein nicht unbedeutend breiteres Seitenschiff an der Südseite nachträglich angefügt 
ist, schliesst sich an eine uralte romanische Turraanlagc an und wird jenseits 
des Turmes durch einen zweiteilig im Spitzbogen gewölbten, im halben Achteck 
geschlossenen Chorraum fortgesetzt. Die Gewölbe sind unglaublicli roh und unge- 
schickt ausgeführt, sodass man meinen könnte, man hätte hier in Ermsleben zum 
ersten Male im Abendlande einen Gewölbebau versucht. Strebepfeiler felilen mit 
Ausnahme eines an der Südostseite, der nachträglich davorgelegt sein wird. Der 
interessanteste Teil der Kirche ist der dreiteilige Turm, der vielleicht von dem 
ersten in Stein ausgeführten Kirchenbaue übrig geblieben ist. Die Seitenteile sind 
nicht zu derselben Höhe geführt, wie der ungewöhnlich schmale Mittelbau; sie 
sind meist nur als Treppenanlagen zu betrachten, die aber zugleich dazu dienten, 
die drei Schiffe der Kirche, die man hiemach als einst vorhanden anzunehmen be- 
rechtigt ist, abzuschliessen, freilich nicht im Westen, sondern als östlicher zwischen 
Langschifi und Altarraum eingeschobener Querbau, eine in unserer Gegend, über- 
haupt in ganz Norddeutschland sehr seltene Anlage. Zwei grosse Bundbögen 



Hansfelder Gebiigskrois. 



n 



verbinden den Mittelraiim der Turmanlage mit West- und Ostteil; der letztere 
wird, wenn man nach ähnlichen Anlagen auf diese schliessen darf, eine unmittel- 
bar sich vor den ostlichen Rundbogen legende Absis gewesen sein; doch wäre es 
natürlich auch möglich, das» ein Chorquadrat die beiden Teile von einander 
geschieden hätte. Bei der einzigen Kirche der Art in der Nachbarschaft, der jetzt 
verödeten frühromanischon Kirche in Suderode, schliesst die Absi» unmittelbar 
an den Turm an. Ähnlich verhält es sich bei den Kirchen in Gangloffsömmern 



Ermsleben. 43 



und Ottensen im Kreise Weissensee, wie bei der Severikirche in Erfurt (Die der 
Ermsleber in ihrer jetzigen Gestalt sehr ähnliche Stadtkirche in Artem hat östlich 
einen länglich rechteckigen Altarraum.) Das später angebaute südliche Seitenschiö 
ist durch einen lim weiten Rundbogen mit dem Hauptschiffe verbunden. 

Die Kirche hat einige bemerkenswerte Kunstwerke autzuweisen. An der 
Nordseite des Chorraumes, also dem Altar zur Linken, steht ein in guter Spät- 
renaissance ausgeführtes Grabdenkmal. Die dreiteilige Hauptwand ruht auf ein- 
fachem, ziemlich hohen Sockel. Die drei Felder werden von vier gut gearbeiteten 
Säulen getrennt und eingefasst, die ein Architrav tragen. Das linke Seitenfeld 
enthält wie das rechte zwei Reliefs übereinander, links oben das Abendmahl, 
unten die Geisselung Christi, der an eine hohe Säule gebunden ist; rechts oben 
Christus am ölberge und die schlafenden Jünger, unten die Kreuztragung. Das 
Ganze wird durch einen rechteckigen Aufsatz mit der Himmelfahrt Christi ab- 
geschlossen. Die Hauptfiguren des Denkmals sind aber die Gestalten des Ehe- 
paares, zu dessen Gedächtnis das Kunstwerk errichtet ist. Ihre beiden lebensgrossen 
Steinbilder haben ihre Stelle auf einem aus dem Mittelfelde heraustretenden Vor- 
sprunge gefunden, dessen Grundfläche ein gleichseitiges Dreieck ist und auf der 
V^erkröpfung — wenn der Ausdruck bei einem Dreieck gestattet ist — des oben- 
erwähnten Sockels ruht. Die Spitze des Dreiecks trägt eine den übrigen vieren 
gleichende Säule und diese mit den Mittelsäulen gemeinsam die heraustretende 
Portsetzung des Architravs. So entsteht also ein baldachinartiger Vorbau, unter 
dem linker Hand ein Mann in Rüstung, rechts eine Frau knieet. Die beiden 
Gestalten ganz besonders verraten einen tüchtigen Künstler. Wer aber das so 
verewigte Ehepaar ist, lässt sich nicht sagen, da keine Inschrift uns darüber auf- 
klärt Nach der Überlieferung soll der Ritter einen Herrn von Vitzenhagen dar- 
stellen. In einer Hettstedter Urkunde vom 20. Juli 1331 wird ein Heinricus de 
Viscenhagen genannt, dessen Familie dieselbe sein mag, der unser Ritter an- 
gehört, sein Wohnort wird zwar nicht genannt, aber ein Pfarrer Florinus aus 
Ermsleben, von dem schon oben die Rede war, ist unter den Zeugen mit auf- 
geführt, die übrigens alle aus der Umgegend stammen. 

An der Westseite des Seitenschiffes sind in die Wand eingelassen die lebens- 
grossen Hochreliefs zweier Ritter. Der eine in prächtiger stolzer Haltung ist nach 

der nur teilweise lesbaren Inschrift „der etle und gestrenge QWIRW (?)1602; der 

andere, in ruhiger Haltung dastehend, ist LVDOLF VON HM (?) 1561. Die Arbeit 
ist bei beiden gleich tüchtig und steht der des erwähnten Grabdenkmals nicht nach. 

IG] Dass die Familie von Hoym die Ermsleber Kirche zur Beisetzung ihrer 
Mitglieder benutzte, ergiebt sich aus einer Nachricht des Chronicon Ermslebiense, 
laut welcher am 15. November 1590 Hans Heinrich von Hoym, Christoph von 
Hoyms Sohn, von dem Quedlinburgischen Hauptmann Balthasar Wurm auf der 
Jagd tödlich verwundet und nach seinem am 22. November erfolgten Tode in der 
Kirche zu Ermsleben begraben worden ist. 

[8] Der Taufstein trägt die Jahreszahl 1567; Altar und Kanzel zeigen sehr 
nüchterne Barock-Formen. [B] Der Altar hat im Hauptfelde eine Kreuzigungs- 
gruppe; am Kreuze stehen die beiden Frauen. Links (vom Beschauer) von 
diesem Mittelfelde steht die Figur des Johannes, rechts die des Moses, als die 
Vertreter des alten und neuen Bundes Beide sind durch je eine korinthische 



44 Mansfelder GebirgekreiB. 



Säule vom Mittelfelde getrennt. Über dem Ganzen ruht ein Aufeatz Imit der 
Auferstehung Christi, zu beiden Seiten sieht man je einen Engel. 

Laut einer Inschrift ist dieser Altar gebaut von Johann Caspar Khppendorfi, 
Ermsleber Bürger, im Jahre 1755. 

Ihrer Bestimmung erhalten ist noch eine Chor- 
ütuhlwauge, mit reichem gotischen Kankenwerk in er- 
habener Ausführung geschmückt. (Nr. 24.) Die Rücken- 
stücke dieses schönen Stuhles sind meist verloren, nur 
zwei Täfeln davon haben sich, zu Bänken verarbeitet, 
in der Yerbreiterung des Hauptschiffes erhalten. 

[SJ Der im Grundplane oblonge Turm ist mit einer 
schlanken Schieferspitze versehen, zu welcher sich die 
Eckgrate lang emporziehen. Auf demselben hängen drei 
Glocken, aber so unbequem für den Beschauer, dass 
dadurch deren Betrachtung sehr erschwert ist. Sie haben 
1,33, 1,08 und 0,49 m im Durchmesser. Die grössto 
ist 1677 von Jakob Wenzel in Magdeburg, die mittlere 
1791 von Brackonoff in Halborstadt, die kleinste 1559 
gegossen, doch ist der Name des &iessers nicht an- 
gegeben. Merkwürdig ist sie dadurch, dass die Worte 
anno domini trotz der späten Zeit noch in got. 
Minuskeln dargestellt sind, die Jahreszahl aber so: 
15-5-9. 
fJi/ Das ausserhalb des Conradsburger Thores ge- 
legene Hospital S. Crucis hat nichts Altertümliches an sich. 
Erwähnt mag noch vi-erden, dass nach einer Orts- 
üherlieferung die Tempelherren hinter der Kirche zu 
Ermsleben an der Stelle des von Windheiraschen Hofes 
und des Diakonats einen Hof gehabt haben. 

An Profangebäuden hat die Stadt nur eins auf- 
zuweisen von kunstgeschichtlicher Bedeutung. Dies 
ist nicht etwa das sehr einfache und trotz seiner beiden 
spitzgiebeligcn Aufsätze nüchterne Schloss, das nur 
dem das Ganze überwuchernden Epheu sein malerisches 
Aussehen verdankt, sondern ein Bürgerhaus mit reicher 
Holzarchitßktur (Nr. 25). Es trägt alle Merkmale der 
[ff 24 Frühzeit der in die Holzarchitektur eindringenden 

Renaissance und gehört deshalb der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts an. Die Balkenköpfe, deren Stirnseite mit lauter ßundstäben 
umsäumt ist, die oben mit einer Hohlkehle abgeschlossen werden und deren Seiten 
mit Rosetten geschmückt sind , ruhen scheinbar auf dreifach gegliederten Kon- 
solen, die mit ihrem unfern, eine Rosette tragenden Teile in die Wand ver- 
laufen Die Saumschwelle ist zwischen den Balkenköpfen durch von Rundstäben 
eingefesste Hohlkehlen belebt, deren Ecken blattähnlich ausgefüllt sind. 
Das darunterüegende weit zurücktretende Fallholz zwischen den Wangen 



Ermsleben. 45 

der BalkenVöpfe wiederholt dieselbe Bildung. Die Saumschwelle, die das Ober, 
geschoss trägt, ist ausserdem über den Köpfen" mit kleinen Wappenscbildern ver- 
ziert. Das Erdgeseboss ist massiv, es wird aber seine jetzige Oestslt behalten 



haben, denn sonst würden die Konsolen nicht fehlen, von denen sich nur eine 
erhalten bat 

Die wenigen FachwerhbÜuser, die Ermsleben sonst noch enthält, gehören 
der spätesten Zeit der Verflachung des Holzbaustiles an und verdienen keine 
Erwähnung. 



46 Mansfelder Gebirgskreis. 



Falkenstein.^) 

[G] Ein im Schwabengau bezw. im Halberstädtischen Harzbanne auf waldiger 
Höhe, nicht weit von der Burg Anhalt, an der Selke herrlich gelegenes Schloss, 
das zweite dieses Jfaraens. Denn nur wenig aufwäi^ts von dem jetzigen Falken- 
stein liegt, ebenfalls an der Selke, der noch durch Mauertrümmer gekennzeichnete 
„alte Falken stein", die Stätte einer vermutlich von dem Kaiser Heinrich IV. 
zur Überwachung der Sachsen am Harzrande erbauten Burg. Nach einer Angabe 
des Annalista Saxo wurde diese Burg im Jahre 1115 nach der Schlacht am 
Weifesholze, wie auch die Burg zu Wallhausen, von den Sachsen unter Führung 
des Herzogs Lothar zerstört, weil von dort aus der kaiserliche Feldhauptmann, 
der Graf Hermann von Winzenburg, die Gegner des Kaisers wiederholt belästigt 
hatte. (Duxliuderus ad iniuriam Herimanni comitis Valken stein et Walehusen 
propter latrocinia et predas, que inde fiebant, destruxit) Seitdem ist von diesem 
Falkenstein nicht mehr die Rede; die Biirgstätte ist also schwerlich je wieder 
bebaut worden. 

Aber nur wenige Jahre nach Zerstörung des alten Falkensteins wurde bereits 
ein neues Schloss desselben Namens etwas unterhalb des alten gegründet Die 
Erbauer des neuen waren die Edlen von Conradsburg, welche bisher auf dem 
südlich von Ermsleben gelegenen Schlosse gleiches Namens gehaust hatten und, 
wie die Edlen von Hecklingen und Grafen von Plötzke, von Egeno von Heck- 
lingen (Kakelinge) abstammten. Egeno der Ältere von Conradsburg, welcher um 
den Anfang des 11. Jahrhunderts lebte und ein Enkel Egenos von Hecklingen 
war, ist als der Ahnherr der Edlen von Conradsburg zu betrachten. Sein Sohn 
Burchard I. beteiligte sich an dem Aufstande der Sachsen gegen den Kaiser 
Heinrich IV., was die Erbauung des alten Falkensteins gegen die Sachsen ver- 
anlasst haben mag. Diesem Burchard folgte sein Sohn Egeno der Jüngere, welcher 
im Jahre 1070 auf dem B.eichstage zu Goslar gegen den Baiernherzog Otto von 
Nordheim die schwere Anklage erhob, derselbe habe ihn zur Ermordung des 
Königs dingen wollen, und sich erbot, die Wahrheit seiner Anklage durch Zwei- 
kampf vor dem Könige zu erweisen. Im Jahre 1073 soll er von dem über seine 
Räubereien entrüsteten Volke geblendet worden sein; gleichwohl erschlug er 
zwischen 1073 und 1083, vermutlich aber nach 1076, den Grafen Adalbert von 
Ballenstedt Ein Sohn dieses Egeno, Burchard IL, heiratete die Gräfin Bia von 
Hillersleben und hinterliess mehrere Söhne, unter denen Burchard III. hervor- 
zuheben ist. Dieser bis 1129 in Urkunden ei-wähnte Burchard von Conradsburg 
nennt sich bald so, bald auch Burchard Graf von Valkenstein, zum ersten Male 
im Jahre 1120. Man muss daher annehmen, dass schon wenige Jahre nach Zer- 
störung des alten Falkensteins Burchard H. von Conradsburg auf dem jetzigen 



1) Mit der Geschichte der Grafen von Falkenstein befassen sich folgende Schriften : 
1. Wohlbrück, Geschichtliche Nachrichten von den Grafen v. Valkenstein am Harz (in 
v. Ledebur, Allgem. Archiv II , 1—60) 1830. 2. Schaumann, Geschichte der Grafen von 
Valkenstein am Harz, Berlin, A. Duncker, 1847. 3. v. Ledebur, die Grafen v. Valken- 
stein am Harz und ihre Stammgenossen. 1847. 4. v. Heinemann, Noch Einiges zur 
Geschichte der Grafen von Valkenstein (in den Neuen Mittoil. IX, 3, 25—53) 1862. 



Falkenstein. 47 



Falkenstein den Bau eines neuen, von Natur festeren und versteckter, als die 
offener liegende Conradsburg, gelegenen Schlosses begonnen und dasselbe nach 
dem kurz zuvor zerstörten Falkenstein benannt hat, um es zum künftigen Stamm- 
sitze seines Hauses zu erheben. Da sich nun sowohl Burchard II. wie Burchard III. 
wechselnd bald von Conradsburg, bald von Valkenstein nennen und erst seit 1142 
der letztere Name der ausschliesslich gebrauchte wird, so darf weiter angenommen 
werden, dass in der Zeit von 1118—1140 der Bau des Schlosses Falkenstein statt- 
gefunden hat, dass die Edlen von Conradsburg während dieser Zeit teils noch 
auf ihrem alten Stammsitze, teils aber auch schon auf dem neuen wohnten, um- 
somehr, als um dieselbe Zeit (seit 1120) auf Conradsburg ein Kloster erscheint, 
dessen Einrichtung mit dem Neubaue des Schlosses Falkenstein ohne Zweifel 
Hand in Hand gegangen ist Erst mit dem Einzüge des Conradsburgischen 
Geschlechts in die vollendete neue Burg Falkenstein und der Mönche in das 
vollendete Kloster Conradsburg gewann der neue Name des Geschlechts Dauer. 
Dass zur Verlegung des Stammsitzes nach dem Falkenstein die Bücksicht auf die 
grössere Festigkeit und die verstecktere, geschütztere Lage der neuen Burg beigetragen 
hat, ist sehr wahrscheinlich ; der Hauptgrund zur Aufgabe des alten Stammsitzes aber 
und zur Verwandlung desselben in ein Benediktinermönchskloster mag die Absicht 
Burchards II. gewesen sein, den an dem Grafen Adalbert von Ballenstedt von seinem 
Vater Egeno begangenen Mord durch Errichtung einer kirchlichen Stiftung zu sühnen 
und zu gleicher Zeit für seineFamilieeineEibbegräbnisstätte herzurichten, ein Umstand, 
der es auch erklärlich macht, dass die Grafen von Falkenstein Schirm vögte des 
auf ihrer Ahnenburg errichteten Klosters wurden und, so lange ihr Geschlecht 
dauerte, gewesen sind. Seit 1155 nennen sich die Angehörigen des Geschlechts 
(zuerst Burchard III.) Grafen von Falkenstein. Worauf sich die Annahme des 
Grafen titeis seitens derselben eigentlich gründet, ist noch nicht mit Sicherheit 
ermittelt Wahrscheinlich stützt sich dieselbe darauf, dass Burchard IL die Graf- 
schaft Billingshoch bei Magdeburg, zwischen Elbe, Ohre und Sülze, verwaltete. 
Jedesfalls besassen die Edlen, später Grafen von Falkenstein ihre Stammherrschaft 
als vöDig unabhängiges Allodium, i) Zu derselben gehörten an noch bestehenden 
Orten: Ermsleben, Sinsleben, Meisdorf, Molmersch wende, Pansfelde, Wieserode, 
Neu-Platendorf, Hohenberg, Conradsburg und doch wohl auch Endorf; an ein- 
gegangenen: Estemdorf und Klein-Ermsleben bei Ermsleben, Berlingen bei Sins- 
leben, Wertheim bei Meisdorf, Akkenburg, Steilklink, Wiegerode, Duderode, Baue- 
rode, Harrebrück, Horbeck, Leine u. a. In ältester Zeit hatte die Grafschaft ver- 
mutlich noch grössere Ausdehnung nach Südwesten zu in den Harz hinein, da 
nicht nur halb Dankerode auch später noch zu Falkenstein gehörte, sondern es 
den Anschein hat, dass auch das Amt Hain ursprünglich zu Falkenstein gehört 
hat Zur Zeit des von 1211 — 1250 urkundlich erwähnten Grafen Hoyer von 
Falkenstein scheint die Grafschaft geteilt worden zu sein, so dass Hoyer den 
nördlichen Teil derselben erhielt Weil aber hier das alte Stammschloss Conrads- 
burg in mönchischer Hand war, nahm er — wie es scheint — seinen Hauptsitz 
in dem Schlosse zu Ermsleben, welches vielleicht erst er gebaut hat Dieser 



1) Wenn späterhin Stücke derselben als vom Eeiche zu Lehen rührend bezeichnet werden, 
so erklärt sich das daraus, dass dieselben dem Reiche zuvor zu Lehen aufgetragen worden. 



48 Mansfeldet Gebirgskreis. 



Hoyer war eine höchst bedeutende Persönlichkeit seiner Zeit, denn er war es, der 
vor dem Jahre 1211 den ihm befreundeten Anhaltischen Schöifen Eiko von 
Repchow zur Abfassung des Sachsenspiegels oder richtiger zur Übersetzung 
dieses in lateinischer Sprache bereits um 1180 vorhandenen, das sächsische Ge- 
wohnheitsrecht enthaltenden Rechtsbuches veranlasst hat, welches in seiner 
ursprünglichen Gestalt als Sachsenspiegel für ganz Norddeutschland, Preussen, 
Polen und einen Teil der jetzt russischen Ostseeprovinzen , in der nachgeahmten 
Gestalt als Schwabenspiegel aber für das übrige Deutschland Gesetzbuch ge- 
worden ist Für die in Pröhles Reisehandbuch „Der Harz** (S. 123) aufgestellte 
Behauptung, Elke von Repchow (der übrigens dort Eppo genannt wird !) habe den 
Sachsenspiegel auf dem Falkenstein geschrieben, was ja wohl möglich wäre, fehlt 
doch jeder Beweis. [SG] Die älteste, aus dem Jahre 1336 stammende, neuerdings 
in Oldenburg aufgefundene Handschrift dieser wichtigen Gesetzsammlung ist von 
Lübben, Oldenburg 1879, herausgegeben worden. Eine andere Handschrift aus 
dem Jahre 1369 befindet sich in Berlin; diese ist von Homeyer herausgegeben 
worden. Die ältesten Drucke des Sachsenspiegels sind folgende: 

1. eine oberdeutsche Ausgabe aus dem Jahre 1474 von dem Bischof Theo- 

dorich von Bockstorf. 

2. eine holländische, erschienen 1472 zu Gouda in Holland. 

3. eine hochdeutsche von 1496, erschienen zu Augspurg bei Hans Schönsperger. 

4. eine niederdeutsche von Wolf Loss, erschienen 1545 zu Leipzig. 

[O] Da das älteste erhaltene Siegel eines Grafen v. Falkenstein dasjenige des Grafen 
Hoyer ist (abgebildet bei Schaumanna. a.O.S. 127.), so sei gleich hier das Wappen 
des edlen Geschlechts besprochen, welches im Jahre 1215 sich in zwei Linien mit 
den Sitzen Falkenstein und Ermsleben teilte. Das Wappen Hoyers besteht in 
einem ungeteilten dreieckigen Schilde, das drei auffliegende Vögel zeigt 
Schaumann 1) ist zweifelhaft, ob es Falken oder Adler seien, ja er ist sogar der 
Meinung, die drei auffliegenden Vögel seien gar nicht das gräfliche Wappen, 
sondern das Wappen von Ermsleben, dessen Hoyer als Oberherr des Gebietes 
für welches dieses Wappen galt, sich bedient habe; dasselbe sei also nur ein 
dingliches. Das wahre Falkensteinsche Familien wappen ergebe sich aus 
einem Siegel des Grafen Friedrich- von Falkenstein (1256 — 1277), welches einen 
von oben herab der Länge nach geteilten, dreieckigen Schild zeigt, dessen rechte 
Hälfte einen halben Adler (Falken?), dessen linke je 2 Balken in Silber und 
Schwarz enthält. Jedoch dißse Auffassung ist entschieden eine irrige. Vor allem 
ist es wohl über jeden Zweifel erhaben, dass Grafen von Falken stein nicht einen 
Adler im Wappen haben können, dass also die Vögel im Wappen des Geschlechts, 
mögen sie nun einfach oder dreifach erscheinen, sämtlich Falken sind. Ferner 
ist die dreifache Verwendung des Wappentiers, wie sich aus ähnlichen Fällen zur 
Genüge ergiebt, nur eine spätere, zum Zweck der Unterscheidung jüngerer Linien 
gemachte Erweiterung des ursprünglich einfachen Wappenbildes, als welches man 
sich notwendigerweise bloss einen Vogel und zwar einen Falken denken muss. 
Dass das Wappen ursprünglich nur einen Falken enthielt, zeigt ja das oben be- 
sprochene geteilte Wappen selbst, in welchem der halbe Falke heraldisch rechts, 

») A. a. 0. S. 127. 



Falkenstein. 49 



mithin an bevorzugter Stelle steht, woraus erhellt, dass ei n Falke als das eigentliche 
ursprüngliche Wappenbild bezeichnet werde« sollte, während die heraldisch 
links stehenden beiden Doppelbalken in Silber und Schwarz dem Falkensteinschen 
Wappen ursprünglich gar nicht angehören, sondern dem Wappen der Edlen von 
Hesnem entlehnt sind, seitdem Graf Friedrich v. F. die Erbtochter Clementa von 
Hesnem geheiratet hatte. Wenn sich dieser gespaltene Schild später beständig 
als Kern des Falkensteinschen Wappens wiederholt, so folgt aus dieser Wieder- 
holung noch keineswegs, dass das Geschlecht von jeher einen gespaltenen Schild 
geführt habe. Ebensowenig aber ist das Wappen Hoyers um deswillen, weil der 
Falke in dreifacher Zahl später auch im Wappen von Ermsleben erscheint — 
Schaumann sagt wiederum irrig, die drei Vögel seien das Wappen dieser Stadt — 
als ein dingliches anzusehen, sondern zweifellos als ein Familienwappen. Denn wie 
anders hätte die Stadt Ermsleben wohl zu dem Wappentiere der Grafen von 
Falkenstein kommen sollen, wenn nicht so, dass sie das kennzeichnende Wappen- 
tier des damaligen Landesherren als Beizeichen ihrem Stadtzeichen hinzufügte ? 
(Vgl. unter Ermsleben.) 

Graf Otto IV. v. Falkenstein erwarb durch seine Heirat mit der Erbtochter 
Lutgardis von Arnstein um das Jahr 1300 nach dem Tode des Edlen Walther von 
Arnstein die Herrschaft Arnstein und nahm daher auch den Arnsteiner Schild 
mit dem Are in sein Wappen auf.i) Als jedoch der letzte weltlich gebliebene 
Sohn des Grafen Otto IV., namens Friedrich, im Jahre 1310 gestorben war, gelang 
es ersterem, den jüngeren seiner beiden geistlich gewordenen Söhne, Burchard IV., 
welcher Domherr in Halberstadt geworden war, zu bewegen, aus dem geistlichen 
Stande, natürlich unter Genehmigung der kirchlichen Behörden, wieder auszu- 
treten und zu heiraten, um das drohende Aussterben des Geschlechts zu verhüten. 
Da jedoch Burchards Gemahlin Hedwig bald nach der Vermählung starb und 
ersterer sich zu einer zweiten Ehe nicht entschliessen konnte, so schenkte dieser 
letzte ISpross des gräflichen Geschlechts im Jahre 1332 das Eigentum des 
Solilosses Falkenstein sowie des Schlosses Ermsleben mit allem Zubehör (castrum 
in Valkensten et castrum jji Eneghemersleve cum opido et omnibus proprietatibus 
eisdem castris adiacentibus tarn in villis quam in nemoribus), also die ganze 
allodiale Stammgrafschaft, dem Bochstifte Halberstadt, dem er zuvor als Domherr 
angehört hatte, zog nach Halberstadt in einen Domherrenhof und starb daselbst 
schon im Jahre 1334. Der Bischof von Halberstadt verpfändete die eben erst 
erlangten Schlösser an sein Domkapitel, machte ober schon 1334 die Grafschaft 
Falkenstein aus dieser Ptandschaft durch Einsetzung eines anderen Pfandes Avieder 
frei. Zwar erhob Graf Albert von Regenstein, welcher mit Oda von Falkenstein, 
einer Schwester Burchards IV. v. F. vermählt war, Anspruch auf den ganzen 
Kachlass, gelangte auch zunächst mit Gewalt in den Besitz des Schlosses Falken- 
stein, aber schliesslich trug doch das Hochstift Halberstadt den Sieg davon. Die 
Burg wurde nunmehr von dem Bischof Halberstädtischen Burgmannen zur Be- 
wachung übergeben; später besassen sie die Grafen von Mansfeld pfandweise 12 
Jahre lang 1425—1437, dann verkaufte im Jahre 1437 das Hochstift Halberstadt 



^) Vgl. die bei Schaumann S. 130 abgebildeten Siegel der Grafen Otto IV. und 
Burchard IV. 

Mansfdder Gebirgskreis. 4 



5u Mansfelder Gebirgshreis. 



Öchloss und Hen-BChaft Falkenatein an das aus dem Braunschweigischen stammende 
Geschlecht der Edlen von de» Asseburg, welches später auch die Grafenwürde 
erlangte und im Besitze dieser Erwerbung seit mehr als 4Ö0 Jahren geblieben ist 
bis auf den heutigen Tag. 

Übrigens muss nach dem Tode Burchards IV. von Falkenstein der südwest- 
liche Teil der Herrschaft durch eine zweite Schwester des Erblassers, namens 
Meohtild, welche mit dem Grafen Heinrich von Stolberg verheiratet war, an die 
Grafen von Stoiberg gekommen sein. Dieser Teil umfasste die Ortschaften Hain, 
Strassberg, Ämmerbach, Ewigkerode und halb Dankerode. 

Wenden wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit dem Schlosse selbst zu. 
[GS] Der innere Hof des Schlosses, dessen (Jrundriss (Nr. 2(») nachstehend folgt, 



bildet ein unregelmässiges Viereck, dessen Gestalt durch die zur V^erfügung 
stehende Scheitelfläche des Berges bedingt war, welche für eine andere Anlage 
und grössere Ausdehnung keinen Raum gewährte. Doch muss das Schloss 
gleich anfangs eine Burgkapelle erhalten haben, da bereits 1316 in einer 
auf demselben ausgestellten Urkunde ein Kapellan auf der Burg (Olrictis 
sacerdos et cspellanus in Valkenstcn) erwähnt wird. Auf dem Hofe be- 
findet sich auch ein 63 m tiefer Brunnen. Das Schloss selbst ist nur von der 
Hoch Bächen Seite her auf weitem Umwege bequem zugänglich, dort aber durch 
einen tiefen Einschnitt und eine Vorburg geschützt. Während des Mittelalters 
führte erst das siebente Thor in den inneren Schlosshof, jetzt sind indessen nur 
noch sechs aufzuweisen; auch hat man einen kürzeren Weg für FussgSnger 



l'alkensteJD 51 

dadurch geschaffen, dass eine Treppe in vielfachen Windungen empor nach einer 
südlichen- Pforte angelegt wurde. Der Fahrweg führt um das Schloss hemm nach 
der Westseite, wo das durch Wagen erreichbare Thor sich befindet. 

Sowohl die natürliche Festigkeit wie auch die versteckte und darum ge- 
schützte Lage des Schlosses war die Ursache, dass dasselbe ton den Kriegs- 
stürraen der folgenden Jahrhunderte nur wenig betroffen worden ist und sich 
darum seit dem Mittelalter nur wenig verändeit hat, von zahlreichen Änderungen 
im einzelnen, wie sie das jedesmahge Bedürfnis der Bewohner erheischte, 
abgesehen. 

Infolge dieses mittelalterlichen Oesamteindnickes bringt das Schloss. wenn 
auch die einzelnen Bauteile planlos und ziemlich bunt miteinander verbunden 
sind, doch eine malerieche Wirkung hervor. (Nr, 27. Fernansicht des Schlosses 
Falkeustein.) 



Namentlich von der Bei^seite her würde der Anblick des Schlosses am 
lohnendsten sein, wenn der Wald es nicht zu sehr verdeckte. 

[B] Die Anlage der Burg erhellt aus dem Gnindrisse (Nr, 26) und den Gesamt- 
ansichten (Nr. 27 u. 28); der Hauptzugang wird an derselben Seite gewesen sein, 
wo er noch heute ist, in Osten. Die Spur eines Thorbanes ist zwar nicht mehr 
vorhanden, doch macht der halbrunde Unterbau des neuen Hühnerhauses südlich 
dicht am Wege den Eindruck, als ob hier ein Vorbollwerk gestanden hätte zum 
Schutze des Haupteinganges. Die Nordseite liegt jetzt auch offen und es ist 
nicht mehr zu erkennen, wo die fehlende Mauer einst geendet bat; aber hier 



Manafelder üebirgskreis. 



Falkonstein. 53 



kann wegen des schroff abfallenden Berges der Zugang nicht gewesen sein. Wenn 
man durch die jetzt den Zugang gestattende Mauerlücke kommt, hat man halb links 
vor sich die eigentliche Angriffsfront der Burg. Links und rechts starren dem 
Eintretenden hohe Mauern entgegen, die erst in beträchtlicher Höhe fensterbelebte 
und wohnlich aussehende Obergeschosse tragen. Der vordere östliche, in leicht 
gebrochener Linie vortretende Unterbau (a des Grundrisses) trägt ein auf konsolen- 
gestützten Rundbogen ruhendes, vorkragendes Obergeschoss, an das sich nach 
Westen ein noch weiter vorspringendes Fachwerkgeschoss anschliesst (b). Es 
ruht auf einer reichgegliederten Saumschwelle. Diese ist in ihrem unteren Teile 
zwischen den übrigens nur aus einfacher Walze bestehenden Balkenköpfen recht- 
winklig ausgeschnitten, dieser Ausschnitt aber durch einen gewundenen Rundstab 
ausgefüllt (Nr. 29). Ähnlich ist das darunterliegende Füllholz behandelt, nur dass 
der Rundstab durch einen Ring in der Mitte zusammengefasst erscheint. Der 
Übergang zu dem auf dieser Saumschwelle ruhenden Bau wird, ungewöhnlich 
^enug, durch ein teilweise erhaltenes kamiesartiges Gesims gebildet, das aus 
Bai'ksteinen zusammengesetzt ist. Ein volutengeschmückter, zweiteiliger Holzgiebel 



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31 



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Nr. 29. 

knmt den westlichen Teil dieses Hauses. Links öffnet sich ein zweites Thor, 
durch welches man in einen langen schmalen Hof gelangt, der nach Süden zu 
von der zinnengekrönten und mit Schiessschaiten versehenen Umfassungsmauer 
und im Norden von dem südlichen grossen Schlossgebäude (c und d) begrenzt 
wird. Dies besteht aus zwei auf gemeinsamer hoher Grundmauer ruhenden Fach- 
werkbauten, deren Saumschwellen und Füllholz tiefe Auskehlungen zeigen zwischen 
walzenartigen Balkenköpfen. Der westliche Bau (d) ist sogar bis fast zur Dach- 
liöhe des eben genannten massiv und in seinem obern Teile von zwei Fenster- 
paaren durchbrochen. Erst dann kommt der Fachwerkbau in Gestalt von zwei 
gleichen giebelgekrönten Autsätzen mit je vier Fachwerken, von denen die beiden 
mittleren durch Fenster ausgefüllt sind. Die Giebel sind nach dem Vorbilde der 
Steinbauten mit zweiteilig aufstrebenden Voluten aus Holz eingefasst. Fast sämt- 
liche Brüstungsfelder dieser beiden Fachwerkbauten sind mit gekreuzten Balken 
ausgefüllt. Was die Zeit der Entstehung dieser Holzbauteile anbetrifft, so gehört 
der zuletzt beschriebene Bau cund d dem Ende des 16. Jahrhunderts an, b dagegen 
frühestens der Mitte des siebenzehnten. 

Wir setzen nun unsern Rundgang fort und kommen zum dritten Thore, 
das ein neues festes Thorgebäude über sich hat; es ist aber nicht unwahrscheinlich, 
dass auch in alter Zeit an dieser wegen seiner Enge besonders geeigneten Stelle 
schon ein solches festes Thorhaus gestanden hat. Dies Thor eröffnet den Zugang 



54 Mansfclder Gebirgskreis. 



zu dem grössten der vorhandenen sechs Burghöfe. Er wird früher als sogenannter 
Zwinger den Schlossbewohnern Gelegenheit zu körperlicher Bewegung aller Art, 
zu Kampfspielen, Festen und dergl. geboten haben. Nach Nordwesten spitzt er 
sich zu und endet in einem etwas erhöhten basteiartigen Vorsprunge, von dem 
aus man einen prächtigen Blick in das zu Füssen liegende Thal und auf die 
gegenüberliegenden Höhen hat. Das vierte Thor, vom Zwinger aus in den vierten 
Hof führend, ist durch einen rundturmartigen , mit Schiessscharten versehenen 
Mauervorsprung gedeckt. Der vierte Hof hatte einst an seiner Nordseite ein Ge- 
bäude, dessen starke, von 4 Fenstern durchbrochene nördliche Mauer, die zugleich 
einen Teil der Umfassungsmauer bildet, noch aufrecht steht. Die daranstossende 
zum Teil in Trümmern liegende Südostwand lässt eine Schiessscharte erkennen. 
Es wäre nicht unmöglich, dass sich hier trotz des kleinen Raumes noch ein Thor 
befunden hätte; wie oben erwähnt, führte im Mittelalter erst das siebente Thor in 
den Schlosshof. Das fünfte der jetzt vorhandenen liegt dem Eingange in den 
inneren Burghof schräg gegenüber; dieser Eingang ist, wie alle bisher erwäbnten 
Thoröffnungen, eng und niedrig, rundbogig gedeckt. Tritt man nun in den Burg- 
hof ein, so hat man einen eigenartigen und überraschenden Anblick. Während 
uns auf dem bisherigen Weg überall düstere trotzige Mauern entgegenblickten oder 
uns umschlossen, stehen wir jetzt vor einer Anzahl von Gebäuden, die nichts weniger 
als ein kriegerisches Aussehen haben, mit Ausnahme freilich des die ganze Um- 
gebung weit überragenden gewaltigen Bergfrieds, der zuerst uns entgegentritt. Er 
rührt ohne Zweifel aus der ersten Anlage der Burg her und ist daher der älteste 
Teil der ganzen Anlage. Er ist ein nach Südosten zu abgekanteter Rundturm von 
fast 10 m Durchmesser und mit Mauern von 2,24 m Stärke. In ältester Zeit war 
er um 12 Ellen niedriger, wie die an seiner Westseite eingelassene Inschrifltafel 
bekundet Es heisst da: 

ANNO 1552 hat Augustus von der Asseburg diesen 
thurm renoviren und XII eilen hoher mevren lassen. 
Ach bleib bei uns her ihesus Christ weil es nvn abend 
worden ist | dein gotlich wort dein ewiges licht las 

io bei vns verleschen nicht. 

Der unterbau ist denn auch meist aus Bruchsteinen aufgeführt, während zum 
Oberbau Backsteine verwendet sind. Die Oberfläche, die durch ein vorkragendes 
konsolengetragenes Arkadengesims etwas erweitert ist, trägt einen Steinaufsatz, der 
einen bequemen Umgang freilässt und von einer zopfigen Haube gekrönt ist 
Seine abgekantete Seite wendet er dem Haupteingange zu, den er also im 
Verein mit dem obenerwähnten halbrundem Bollwerk in der Umfassungsmauer 
beherrscht. 

Dieser Turm ist, wie gesagt, der einzige kriegerisch anmutende Bau des 
innern Schlosshofes; rechts von ihm steht die Nordwand des unter c und d des 
Grundrisses oben genannten Gebäudes, diese Wand ist aber ein vollständiger 
Fachwerkbau, dessen Architektur (Nr. 30) ein ganz anderes Gepräge hat als die 
der Südseite. Die ganz schmucklosen Saumschwellen ruhen auf ebenso rohen 
Balkenköpfen, die von sehr urwüchsigen Konsolen gestützt werden. Eine andere Ver- 
mittelung zwischen den übereinander vorkragenden Geschossen ist nicht versucht. 



Die BrüNtungsfeldcr des oberen uDd mittleren Geschosses haben gekreuzte 
Balken, die sich ebenso über den Fenstern des oberen Geschosses finden. Diese 
Formen weisen auf ein hohe^ Alter; die älmliclie, aber immer schon etwas 



entwickeltere Formen zeigenden Häuser mit Jahreszahl in deutschen Städten 
gehören den letzten Jahrzehnten des lö- Jahrhunderts an; man dxif diesen Bau 
demnach nicht später ansetzen. Demnach könnte der Inscluiftstein, der sich 
links an dem Gebäude findet, an seiner ursprünglichen Stelle i-itzen. Dieser zeipt 
nämlich einen geschweiften Schild mit einem springendem Wolfe und darüber in 
gotischen Minuskeln die aus Nr. 31 ersichtliche Inschrift (siehe S. 50). Später 
als 1491 kann der Formen wegen das Haus nicht gebaut sein, wohl aber einige 



56 



Mansfelder Gebirgskreis. 



Jahre früher. Rechts von demselben steht ein steinerner, den Teil eines Achtecks 
bildender Treppenturm, der die südwestliche Ecke ausfüllt. Er ist durch ein 
hübsches Sandstein -Portal ausgezeichnet mit der Inschrift: 

ANNO DOMINI 1601 
VIVERE . DA . REGTE DA • BENE CHRISTE MORl 

Darunter in kleineren Majuskeln: 

GERTRVD . V . VPXTHM • VGVSTVS V . D - ASSEBVRG AMEN. 

Darüber drei Wappen. Die Wappen sind leider schon ziemlich verwittert. 








Nr. 31. 



An dieses Treppenhaus schliesst sich westlich der Hauptbau des Schlosses an. 
Der massive Unterbau ist zweigeschossig. Er enthält rechts neben dem Ausgange 
die Schlosskapelle, die durch ein langes Kundbogenfenster erhellt wird, ein kiemer 
quadratischer Raum, mit einem gratlosen Kreuzgewölbe überspannt. Die Ausstattung 
besteht aus Chorstühlen und Emporen, die mit der Kanzel und dem Stuhle des Geistlichen 
den Raum in beängstigender Weise füllen. Die westliche und nördliche Empore 
ist unmittelbar von den oberen Zimmern des Schlosses zugänglich. Die Emporen- 
brüstung ist mit reichen, aber ausgearteten Barockschnitzereien versehen. Schöner 
sind die unter der nordwestlichen Empore befindlichen Chorstühle; ihre Rückwand 
zeigt zwischen kanneliierten Pilastern Rundbogenfelder mit Arabesken von besserer 
Arbeit An der Nordostwand hängt ein Crucifix mit lateinischer belangloser Bei- 
schrift und der Jahreszahl 1595. Kunstwert hat es nicht 

Der schönste Teil dieses Gebäudes und des ganzen Schlosses ist der auf 
dem massiven Grunde ruhende westliche Fachwerkbau (Nr. 32, siehe S. 57), bestehend 
aus einem Stockwerke und zwei darüber hinausragenden Giebelaufsätzen. Saum- 
schwelle und Füllholz dieses letzteren haben die schon an anderer Stelle nach- 
gewiesenen mit Rundstab umzogenen Ht)hlkehlen; die Balkenköpfe sind besonders 
>:chön profiliert, die obern zeigen eine Hohlkehle mit Platte über einer ganzen, mit 
Windungen versehenen Walze, deren Seiten Rosetten haben; die untern falschen 



Balkeiiköpfe bestehen aus einer Hohlkehle zwischen zwei Bundstäbeii mit Platten. 
Der untere Abschluss ist eine die Breite des Stiles aiisfüHende-Rosette. Auf dieser 



8aumschwe!le ruhen die Stile. Die Biüstiing ist besonders reich bedacht; ilire 
Felder sind durch dreieckifje Holzeinsätze zur Hälfte ausgefüllt, deren je zwei sich 
mit dem Stile verbinden und so volle gleichseitige Dreiecke bilden, die mit grossen, 
fächerartig sich ausbreitenden Kosetten, sog. Sonnen verziert sind; ihren Mittelpunkt 



5Ö Manal'older Oebirgä kreis. 



bildet wieder eine kleine Rosette. Die Brüstung wird durch eine kräftig vor- 
tretende Leiste abgeschlossen. Die Giebel setzen auf ähnlich gegliederten Balken 
auf, nur dass die Balkenköpfe einlacher sind. Das spitze Giebelteid wird durch 
sechs gekreuzte Balken in sechs ganze und vier halbe rhonibenförmige Felder 
geteilt. Das Hauptgeschoss hat im ganzen ebendieselben Furmen, nur sind die 
Balltenköpfe hier am reichsten; die falschen wiederholen die prunkvolle Bildung 
der echten: zudem ist die Hohlkehle der Saumschwelle von einem doppelten 
Kundstabe umzogen, der eine weitere kleine Hohlkehle in sich sehliesst; endlich 
ist auch die Stelle über den Balkenköpfen mit Rosetten verziert So zeigt die 



ganze Front in reizvollem Wechsel der einzelnen Glieder eine Ijebpn iitniende 
Fülle. Im Verein mit den im I^aufe der Jahrhunderte gedämpften und veredelten 
Farbentönen des Steins und Holzes, das in wirkungsvollem Gegensatz zu dem 
leuchtenden Grün der in der Nähe stehenden Bäume steht, ist das Ganze von 
ungemein malerischer Wirkung. Der Nordostflügel ist ohne Interesse; ebenso 
der vor ihm stehende hölzerne Treppenturm, der den Zugang zum Bergfried ver- 
mittelt Nur mag hier noch bemerkt werden, dass sämtliche Aussenwände der 
Wohngebäude massiv sind, wenigstens in den meist sehr hohen unteren Geschossen, 
dass dagegen fast alle Innenwände nach dem Schiosshofe zu ganz aus Fachwerk 
besteben, nur der eben beschriebene Teil hat ein massives Dntergeschoss auch nach 
dem Hofe zu. Die Aussenwände dienten aber zugleich der Verteidigung. 

Das Innere des Schlosses enthält manche schätzenswerte Einzelheiten. Um 
sie kennen zu lernen, müssen wir einen Rundgang durch die zahlreichen Zimiuer 
machen. Von dem steinernen Treppenturme aus gelangen wir in den sog. Rittor- 
saal, der früher als Speisesaal benutzt wurde; er enthält mehrere gute Gemälde: 
1. Das der Kaiserin Katharina von Russland, die hier einmal gewohnt hat '2. Das 
des Grafen Hans von der Asseburg, der Luther auf die Wartbuig geleitet hat; es 
scheint zu seinen Lebzeiten gemalt zu sein. 6. u, 4. zwei vorzügliche Forträts 
der Grosseltem des jetzigen Besitzei's. 5- Ein wertvolles kleineres Gemälde, ein 
italienisches Bauern vergnügen darstellend. 

An den Wänden hängen Waffen aller Art, ein Morgenstern, ein reichverziertes 
Heil, zwei einfache Eisenkappen, zwei runde Schilde mit eingeätzten (?) Arabesken 
und Figuren reich verziert (Fig.34au.b geben Proben davon, siehe S.öy.t, zwei 
andere Rundschilde mit getriebener Arbeit, Kampfscenen darstellend, in der Mitte 



Uansf eider Gebirgskreis. 

mit hohem spitzem Buckel, und zwei mit 
mondsichelartigem Kamm, der fa^t bis zu 
den beiden hurzen ■ horizontaleu Kränzen 
herunterreicht. Besonders schön ist auch ein 
reichverzierter Köcher aus Giisseisen mit 
erhabenen Figuren: ein Ritter in voller 
Rüstung stützt sich auf einen helmgekrönteii 
Wappenschild, der einen Fisch in dem einen, 
drei Lilien im anderen Felde xeigt (Nr. ;;.')). 
Eine Treppe höher kummt man in den jetzt 
gebrauchten Speisesaal, der eine neue Ein- 
richtung hat. Kr liegt in dem auf dem 
Gnindriss mite bezeichnetem Gebäude. Altes 
Meissener Porzellan mit rohen blauen Ver- 
zierungen zeigt meist das Assebuigischu 
Wappen, den springenden Wolf. Ein präcli- 
tiger Glashunipen mit aufgemaltem doppel- 
köpfigem Reichsadler tragt an der Rückseite 
die Wurte: Dass heylige Römische Reich 
Mit sampt seinen Gliedern. Die Wappen- 
schildei' und Namen der bedeutenderen 
Beichsfürsten sind auf den Federn des Adlers 
angebracht. An den Schmalseiten den 
Zimmers sieht man Stuck Verzierungen mit 
der Jahreszahl I55< (1557): Medaillons und 
Masken innerhalb wagerechter und senk- 
i-echter, reich ornamentierter Bandstreifeu. 
An der einen Wand treten z. T. weibliche 
F'iguren an die Stelle der länglichen Orna- 
mente. Durcl) einen schmalen Korridor 
an der AVestseite des Westflügels, den sog. 
Fräuleinsgang, in dessen kleinen Fenster- 
nischen Steinsitze angebrocht sind, kommt 
mau in das nördliche Eckzimmer (f). Es 
hat als besonderen Sehmuck seine alte 
herrlich profilierte Holzdecke behalten, deren 
Formen denen dei' Hoffront des Westbaues 
entsprechen i,Nr. 36, siehe S- 61) Das sich 
anschliesseude Zimmer ist mit einem 
Tonnengewölbe gedeckt(g); es enthält 
in einem Glasschranke allerlei Wertsachen : 
1. eine Geissei ung Christi in Bronzeguss (in 
klein Oktav), 2. einen angeblichen Ring 
eines Bischofs von Naumburg, 3. eine Büchse 
in schöner getriebener Arbeit, Meergottheiten 
darstellend, die auf Delphinen und Pferden 



reiten; 4. ein prächtiges kleine» Kästchen aus Silberfiljgran. An der Wand hängt 
ein kostbares Bild von Cranach , t Friedrich den Weisen als Kind darstellend, und 
seine Mutter; diese trägt ein reiches Goldgewand, er einen Hermelinpelz. Das 
nächste Zimmer ist ebenfalls ß;ewölbt (li). Es enthält zwei Fenster mit Glas- 
malereien von IftKfi, die aus der Schlosskapelle im Jahre 182iJ hierher versetzt 
sind. Es sind heilige Figuren mit Nameubändern. Die Zeichnung ist schön, 
nicht aber immer die Fiirbe: besonders das Blau ist schmutzig; die rote Karbe 
ist jedoch prächtig. Ein Ofenschirm trägt auf Kupfer gemalt eine sehr schöne 
Kopie der heiligen Familie von Raphael. Auf dem Tische stehen einige Elfen- 
beinfiguren: 1. ein Kruzifix vim wundenoller Ausführung, das dem Benvenuto 
Cellini zugeschrieben wird. Um das Kreuz herum schlingt sich ein Kranz von 
Engelküpfen und Masken 2. Eine weibliche, betende Figur. 3. Die Himmels- 
königin unter einer von Engeln geti'agenen Krone, auch eine überaus kostbare 
Arbeit Daneben steht eine Figur mit AJlo nge perrücke , einen Schild vor sich 
haltend, auf dem die Worte stehen: sub tuum Praesidium. Den nächsten 
kleinen Kaum (i) ohne Inhalt durchschreitend, gelangen wir in ein schönes grosses 



Nr. 36. 

/.immer mit flacher Decke (k), jetzt das Arbeitszimmer des Schlossherrn. Ein 
Schreibtisch zeigt einfache, eingelegte Arbeit, ein Otenschirm eine Schmelzperlen- 
stickerei, beides Werke der neueren Zeit. Ein Jagdhorn aus vergoldetem Silber(?) 
mit roten und grünen Edelsteinen (oder Glasflüssen) geschmückt, trägt aut einer 
Seite als Relieffiguren zwei Hirsche im Kampfe miteinander, auf der anderen zwei 
Männer im Panzer, einen Bären abfangend. Der Kunstwert ist massig, dasselbe 
ist der Fall bei der kleinen Bronzetigur des fallenden Gustav Adolf. Den Schluss 
dieser Zimmerreibe bildet ein ganz kleiner Raum mit einem aus der Wand lieraus- 
springenden Holzerker. 

Eine Treppe tiefer befinden sich die sog. Königszimmer, drei an der Zahl, 
zwei mit gewölbter Decke. Hier wohnten 1843 die Könige Friedrich Wilhelm IV". 
von Preussen, Ernst August von Hannover, Friedrich August von Sachsen und 
Kaiser Wilhelm als Prinz von Preussen, ausserdem Prinz Carl. Die neuen Möbel 
sind mit geschmackvollen Intarsien verziert. 

{GJ Endlich verdient noch der der Sage nach ') von einem Zwerge einer Asse- 
biirgerin für den einer kreisenden Zwergin geleisteten Beistand geschenkte Krystall- 
becher Erwähnung, welcher als einer der drei Glücksbecher der Fiimilio den 



') Vgl. Gröasler, Sagen iler Grafschaft Mausfeld ptt. Eislebfn 1 



62 Mansfelder Gebirgskreis. 



Besuchern des Schlosses gezeigt wird. Als ich vor mehreren Jahren den Falken- 
stein besuchte, wurde mir ein in einem Glasschranke stehender Glasbecher von 
plumper Form mit stark wulstigem Fuss als der berühmte Glücksbecher gezeigt. 
Ich vermute jedoch, dass sich der Kastellan mit den Fremden einen Spass macht, 
wenn er diesen Becher als ein Werk der Zwerge vorweist, da auf demselben in 
Glasfluss Jagdscenen dargestellt sind, in welchen Reiter mit Dreimaster, Perrücke, 
Zopf und in Kanonenstiefeln auf die Saujagd gehen, wie denn ein Jäger in solcher 
Ti^acht einen Eber auf die Saufeder laufen lässt Ob man wirklich dies die Zeit 
seines Ursprunges, die Zopfzeit, aufs deutlichste an sich tragende Gefass für den 
Glücksbecher hält, oder das vermeintliche echte Stück den Augen der Besucher 
im Archive verborgen hält bleibe dahingestellt 

fB] Vergleicht man das Schloss Falkenstein mit andern Bergschlössern der 
Gegend oder auch desselben Kreises, so unterscheidet es sich von allen durch seine 
geringe Ausdehnung, aber auch durch die massige Stärke der Befestigungen. Die 
ungemein günstige natürliche Lage machte stärkere Mauern entbehrlich. Nur von 
einer Seite, der Ostseite, konnten die Mauern mit Erfolg berannt werden, aber 
auch da schwer, da Kriegsmaschinen auf diese steile Höhe schwer hinaufzuschafFen 
waren; aut alle Fälle war aber diese Seite mit stärkeren Befestigungen versehen, 
als alle andern. Gegen einen Überfall durch Angreifer, die nicht über Geschütz 
verfügten, genügten die andern Mauern vollkommen. Ferner unterscheidet sich 
der Falkenstein von anderen Burgen der Umgebung durch das Vorherrschen des 
Holzbaues. Wo es ohne Gefährdung der Sicherheit möglich war, hat man diesen 
angewandt, also nach dem Burghofe zu. Die Aussenmauern der Schlossgebäude 
sind dagegen, wie wir sahen, im wesentlichen massiv und bilden einen einzigen 
Mauerring, an den die Gebäude mehr gelegentlich als organisch angebaut sind, 
daher das grundverschiedene Aussehn der Aussen- und Innenwände. 

In dem hölzernen Treppenturm hängt eine kleine, Glocke. Sie ist schwer 
zugänglich aufgehängt, und nicht in genügender Nähe zu besichtigen; sie scheint 
keine Inschrift zu tragen, wegen ihrer schlanken Gestalt wird man nicht fehlgehen, 
wenn man ihr ein sehr hohes Alter zuweist, wofür auch die Dicke des Schlag- 
ringes spricht. Eine andere Glocke hängt in dem steinernen Treppenturm. Ihr 
Durchmesser ist 42,5 cm, ihre Achsenhöhe 31 cm, am Halse aber trägt sie in 
gotischen Minuskeln in zwei übereinander stehenden Teilen die von kantigen 
Streifen eingefasste Inschrift: 

uu i^0iitiai ^ m o q • li f|erli0rt i^e • tiüxitxmltä mt füll 

Die Jahreszahl lässt Klarheit vermissen. Wenn der vorletzte Buchstabe ein 1 
sein soll, so würde nach dem v (=5) ein c fehlen, das gewöhnlich über die Linie 
gestellt wurde. Dann wäre die Jahreszahl 1551, welche kaum mit der Form der 
Zeichen zu vereinigen wäre; denn wenn auch Minuskeln zuweilen noch so spät 
vorkommen, so pflegt die Jahreszahl doch zu dieser Zeit in arabischen Ziffern gegeben 
zu werden. Am besten würde sich Form und Text entsprechen, wenn man das 
vorletzte Zeichen als c läse und zu v zöge, so dass die Jahreszahl 1501 heraus- 
käme. Der Name des Glockengiessei-s kommt leider sonst nicht vor. 

An dem Wege zum Falkenstein, der vom Gasthofe zum Falken hinaufführt, 
steht eine spätgotische Betsäule, deren Oberteil die Bildnische trägt, die mit gut 



Friesdorr. fiS 

profiliertem Einschlag überdacht ist und von einem Eselsrücken mit von Krabben 
ßieschmücktem nnd in i'iner Kreuzblume endigendem Rahmen eingefasst wird. Die 
Flächen zu beiden Reiten der Kreuzblume sind durch einfaches Vierpasamasswerk 
g^litMiert. Neben der Nische knieen zwei arp verwilterte Engelafiguren. (Nr. iJT.i 



Friesdorf. 

[G] Kleines Kii-chdorf auf dem rechten Ufer der Wipper, Mi km westsüdwestlich 
von Hettstedt, Im ehemaligen Gaue Friesenfeld (Herrschaft Wippra), sowie im 
Banne des Archidiakonats Caldenbom gelegen. Der Name des Ortes (urk. im 
8. Jahrhundert Fridurichesdorpf, 140U und 1430 Friessdorf) bedeutet das Dorf 
Friedrichs. An eine friesische Ausiedehing ist nicht zu denken, wie die älteste 



64 Mansfelder Gebirgskreis. 



Naraensforra iinwiderl^lich zeigt. Das „Siegel der Gemeinde Friesdorf' hat zum 
Siegelbilde einen palmenartigen Baum, hinter welchem ein Bauerstein zu sehen ist, 
oder auch — da das Bild undeutlich ist — eine Umzäunung. Es versinnbildlicht 
offenbar die Dorfgemeinde durch Darstellung ihres Versammlungsplatzes. Das 
Dorf war ein Zubehör der Herrschaft Wippra bezw., nach der Vereinigung beider 
Herrschaften, der Herrschaft Rammelburg. Sonst ist über seine Geschichte fast 
nichts bekannt. 

Die Kirche, deren Schutzheiliger S. Martin sein soll, stammt in ihrem jetzigen 
Gebäude aus dem Anfange dieses Jahrhunderts. Auch die beiden Glocken von 
0,98 und ö,77 m Durchmesser sind von geringem Alter; die grössere ist 1862 von 
den Gebrüdern Ulrich, die kleinere 1845 von C. H. Gottweit in HalberstiJdt 
gegossen. 

Gorenzen. 

[Ol Kirchdorf, 14 km südwestlich vonHettstedt, hoch auf einem Bergeim nördlichen 
Hosgau (im Burgbezirk Ritthagesburg?) an dessen Grenze gegen das Friesenfeld 
bezw. im Banne Eisleben in der Grafschaft Mansfeld 'gelegen. Ein Teil von Go- 
renzen heisst Schönbeck (1347 Schonenbeke) und ist vermutlich das ältere Dorf, 
dessen Name allmählich von dem anscheinend später gegründeten Gorenzen ver- 
drängt worden ist. Da der Name Gorenzen (1554 Jorentz, 1565 Jorenxs, 1641 
Jurentzen) zweifellos slavischen Ursprungs ist (von dem slav. gora Berg, in andern 
Mundarten hora) und eine auf dem Berge gelegene Ansiedlung bedeutet, so muss 
auch Gorenzen ursprünglich mit slavischen Bewohnern besetzt gewesen sein, 
sicherlich eine der am weitesten nach Westen vorgeschobenen slavischen Ansiede- 
lungen. Sind aber Slaven die Urheber des Dorfes Gorenzen, so muss dasselbe 
erheblich älter sein, als die bisher bekannten urkundlichen Erwähnungen es er- 
scheinen lassen. Das Gemeindesiegel, welches oben die Buchstaben G. R. Z, unten 
die Buchstaben G. S. führt, zeigt als Siegelbild den h. Laurentius mit dem 
Feuerrost in der Rechten, zu seiner linken eine Pflanze mit drei Blumen. Das 
Ganze ist von zwei kranzförmig sich kreuzenden Zweigen umfasst. Ausser dem 
Heiügen also, welchem die Kirche von Gorenzen (oder vielleicht ursprünglich von 
Schönbach) gewidmet ist, scheint ein Sinnbild ertragsfähigen Bodens darin enthalt(Mi 
zu sein, wenn nicht eine ganz bestimmte Pflanze mit bestimmter Beziehung zur 
Darstellung gebracht werden sollte, die freilich unbekannt ist 

In Gorenzen giebt es ein Freigut, welches zu Anfang des 17. Jahrhunderts 
der Familie von Könitz gehörte. Ein Fräulein von Könitz aus Gorenzen wurde 
die Gemahlin des Grafen Jobst von Mansfeld, der in seinem dritten Jahre erblindet 
war. Später war daa Gut im Besitz der Herrn von Benckendorf und dann derer 
von Kaikreuth. Die „Ausführliche topogr. Beschreib, des Herzogt. Magdeb. und 
der Grafsch. Mansfeld, Beriin, Decker 1785, S. 449 nennt dasselbe „ein zum ad- 
lichen von Schenkschen Amte Leimbach gehöriges Dorf mit schriftsässigem Ritter- 
gute, dessen Eigentümer der Herr von Kaikreuth ist.'^ Das Rittergut hat nur 
Gerichtsbarkeit über 15 Häuser, deren Bewohner demselben dienstpflichtig sind; 
das Dorf steht unter der Gerichtsbarkeit des Ajntes Leimbach. Das Dorf' selbst 
wurde in der Erbteilung von 1420 dem Vorderorte zu Mansfeld zugeteilt. 



Gorcnzen. 65 



Der Schutzheilige der Kirche ist. wie schon bemerkt, der h. Laurentius, 
welcher nicht nur im Gemeindesiegel, sondern auch in der Wetterfahne des Kirch- 
turms, einen Rost in der einen, ein Kreuz in der andern Hand haltend (mit der 
Unterschrift Gorenzen), zu sehen ist. Es ist diesen Beweisen gegenüber die An- 
sicht nicht haltbar, S. Nicolaus sei der Schutzherr der Gorenzer Kirche; diese 
irrige Annahme ist offenbar nur aus der Vermutung geflossen, der auf einer alten 
Glocke zu Gorenzen erscheinende Name dieses Heiligen sei zugleich der Name des 
Schutzheiligen der dortigen Kirche, während die betreffende Glocke vielleicht ur- 
sprünglich der Kirche des Dorfes Schömbach oder der des benachbarten eingegangenen 
Lichthagen gehörte, von welchem noch die Rede sein wird. 

Der Turm der Kirche stammt wegen des Kreisbogens, der die Verbindung 
mit dem Schifte herstellt und Kämpfergesimse mit steiler Schräge besitzt, zumal 
er auch keinen westlichen Eingang hat, jedesfalls noch aus romanischer Zeit, auf 
welche auch die Wahl des h. Laurentius als Schutzpatron hinweist. Östlich ist 
ein neues Schiff, dessen Fenster viereckig sind, mit halbachteckigem, etwas ein- 
gerücktem Chorschluss angebaut. Dies geschah nach einer angeblich im Turm- 
knopf liegenden Urkunde im Anfange des 18. Jahrhunderts, nach genauerer An- 
gabe im Jahre 1728, in welchem angeblich auch der Turm erbaut ist. Mindestens 
für das Erdgeschoss desselben trifft diese Behauptung nicht zu. An der Südseite 
des Turmes ist unter dem Schallloche (!), also in sehr bedeutender Höhe, eine In- 
schrift angebracht, die sich vermutlich auf die Reparatur des Turmes und den 
Neubau der Kirche bezieht, aber wegen der grossen Entfernung nicht lesbar ist; 
nur die Jahreszahl 1729 ist erkennbar. 

Die gewundenen Säulen der Emporen gehören der Spätrenaissance an. 
Letztere selbst sind mit Gemälden aus der Leidensgeschichte Jesu geschmückt 

Eine jedesfalls dem altern Kirchengebäude angehcrige, sehr einfach gehaltene 
Sakramentsnische liegt jetzt ausserhalb der Kirche. 

Die Kirche besitzt einen Kelch, welcher, gotische Formen nachahmend, 
die Jahreszahl 1626 und auf einem der sechs Blätter des Fusses das volle Mans- 
felder Wappen (Mansfeld — Querfurt — Arnstein — Heldrungen) mit der 
Umschrift: 

Johann Georg, Graf U. H. Z. Mansf. £. H. Z. H. 

trägt. Am Schafte steht der Name JHESVS. Ohne Zweifel ist dieser Kelch der 
Kirche von dem (nach handschriftlicher Nachricht) am 10. Mai 1593 in Gorenzen 
geborenen Grafen Johann Georg H. von Mansfeld geschenkt worden. 

Beachtenswert ist auch ein sehr grosses, schönes Taufbecken aus Messing, 
im Jahre 1641 der Kirche von einem gewissen Peter Numburg geschenkt Das- 
selbe zeigt inmitten die von einem Strahlenrahmen umgebene mater immaculata 
auf Halbmond, deren Krone von zwei fliegenden Engeln schwebend über ihr 
gehalten wird. Dieses Bild umkränzen Ähren und (?) Mohnköpfe. Auf dem 
äus.sem Rande ist folgende Inschrift eingekratzt: 

BETRVS NVMBVRG VON IVRENTZEN 

Anno domini 1641. 

Das Becken selbst ist demnach jedesfalls erheblich älter. 

Mansfelder Gebirgskreis. 5 



66 Mansfelder Gebirgskreis. 



Die drei Glocken von 1 ,03, 0,83 und 0,68 m Durchmesser sind von den Gebr 
Ulrich in Laucha gegossen, die beiden grösseren 1832 und 1861, die kleine 1872. 

Eine der nunmehr umgegossenen Glocken, die frühere Mittelglocke, hatte 
nach einer schriftlichen Aufzeichnung unter dem oberen Rande in gotischen 
Majuskeln folgende Inschrift i^) 

+ ÄVÖ • mÄRIÄ • 6RÄCIÄ • PLÖEÄ ■ 
DOMIHVS - TECV - SCfl - HICOLÄfl 

Erwähnenswert ist, dass auf der wüsten Stätte Ldchthagen (auch Lichtenhagen, 
Lichtenhayn genannt) westlich von Gorenzen, welche jetzt eine grosse von 0. nach 
W. sich erstreckende Waldwiese ist, in der Nordwestcke derselben ein Stein- 
haufen liegt, die letzten Überbleibsel der Lichtenhagener Kirche, die vom 
Volke gewöhnlich als „die wüste Kirche" bezeichnet wird. Aus den umher- 
liegenden Steinen haben sich die Förster einen Wild -Anstand erbaut und als Sitz 
darin den pilz- oder tischformigen ehemaligen Bauerstein des Dorfes aufgestellt 
So ändern sich die Zeiten! Die Fundamente der halbrunden romanischen Chor- 
nische der frühem Kirche sind noch im Gebüsch zu erkennen. 

Nach Pranckes Historie der Grafschaft Mansfeld S. 3 giebt es bei Gorenzen 
einen Berg aus lauter Tierknochen, dem bei Schochwitz auf dem Luppberge ehe- 
mals vorhandenen Knochenberge ähnlich. Vermutlich ist damit der sogenannte 
Knochenberg am Knochenbache gemeint, welcher südöstlich von Gorenzen liegt. 

Gräfenstuhl. 

[G] Kleines Dörfchen ohne Kirche, 9,0 km südwestlich von Hettstedt, in der 
Freiherrschaft Arnstein im ehemaligen Schwabengau, bezw. im Banne des Archi- 
diakonats Aschersleben gelegen. Der Ortsname (1387 GrefFenstuhl) könnte 
wohl eine Gerichtsstätte, den Ort, wo ein Graf zu Gericht sitzt, bedeuten. Da 
jedoch das in derselben Urkunde miterwähnte Grelfenhagen daselbst auch GreflFen- 
hagen geschrieben ist, viel früher aber Grifinhagen heisst, so ist die Vermutung 
berechtigt, dass der Ortsname den Personennamen Grifo enthalte und Stuhl oder 
Hochsitz des Grifo bedeute. 2) In diesem Falle würde an den Halbbruder des 
Frankenkönigs Pipin zu denken sein, welcher bekanntlich, von einer Schar vor- 
nehmer Franken begleitet und königliche Machtstellung erstrebend, im Jahre 747 
bei den sächsischen Nordschwaben Aufnahme fand und an unserem Orte eine 
Zeitlang seinen Sitz gehabt haben könnte. Das „Gemein Siegel zu Gräfenstuhl^^ 
zeigt einen auf einem Stuhle zitzenden Knaben, ein Hufeisen oder ein Buch in 
der Hand haltend, und anscheinend vor einem Tische sitzend. Über ihm steht 
das Wort: Quiete. Die Deutung des Siegelbildes muss unterbleiben, doch ist so 
viel klar, dass es ein „redendes^ ist. 

In einer späteren Mansfelder Erbteilung wurde Gräfenstuhl vom Amte Arn- 
stein getrennt und dem Vorderamte Mansfeld zugewiesen. Das Gräfenstuhler 
Freigut war im Besitze der Familien Eiste, Meyer, von Phulstein. 



1) Vgl. auch Neue Mitteil, des Thür. Sachs. A. Verems VII, 1, 200. 2) Diese Ansicht 
ist schon von Cyr. Spangenberg in seiner Quer^rter Chronik. S. 57 geäussert worden. 



r 



Hergisdorf. 6? 



Greif enbagen. 

[G] Dorf, 7,r> km westsüdwestlich von Hettstedt entfernt, nebst dem mit ihm 
vereinten Dorfe Wernrode (1032 Wyrinthagarod) an dem znr Wipper fliessenden 
Stockbache, in der Freiherrschaft Arnstein im ehemaligen Schwabengau, bezw. im 
Banne des Archidiakonats Aschersleben gelegen. Der Ortsname (urk. 1184 
Orifinhagen, 1188 Grifenhagen, 1387 Greflenhagen und Qryfifenhagen ) bedeutet 
Hagen des Grifo. (Hagen =? eingehegter Platz.) Dass an Grifo, den Halbbruder 
des Frankenkönigs Pipin, als Gründer der Ansiedelung gedacht werden kann, ist 
schon unter Gräfenstuhl angedeutet worden. Das jetzige höchst ärmliche Ortssiegel 
enthält kein Siegelbild. 

Harkerode. 

[G] Kleines Kirchdorf, 10 km nordwestlich von Hettstedt, vormals in der Freit 
berrschaft Arnstein im Schwabengau ^ bzw. im Harzbanne (bannus memoris) ge- 
legen. Der Ortsname (urk. 973 Kerlingorod — vermutlich Herlingorod zu lesen — , 
993 Herlicarode, 1387 Harligkerode, 1400 Herkelrode, 1486 Herkirode, 1534 Her- 
lingkerode, 1583 Härkerode) bedeutet Rodung des Hariling oder Heriling, und 
letzteres könnte recht wohl einen Angehörigen des herulischen Stammes (ags. 
Herelinge) bedeuten. Das Ortssiegel mit der Umschrift „Gemeinde Harkerode 1817" 
ist ein redendes, freilich auf völligem Missverständnis des Namens — wie dies 
bei derartigen Siegeln fast ohne Ausnahme der Fall ist — beruhendes, denn es 
zeigt eine Harke über einem mit Bergfried und Zinnentürmchen versehenen 
Schlossgebäude. Derselbe Turm kehrt anscheinend im Kirchensiegel wieder, denn 
dasselbe zeigt einen auf einer Mauer stehenden, von Blumen umgebenen Turm mit 
spitzem, kegelförmigem Dache. Was dieses einem städtischen Mauerzeichen 
ähnelnde Siegelbild bedeuten soll, ist dunkel. Vielleicht ist es aus irrtümlicher 
Deutung des in einer Urkunde vorkommenden Ausdrucks „das Stetichen H.'^ 
entstanden. 

Die 1831 neuerbaute Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, hat in dem- 
selben Jahre drei neue Glocken von 0,95, 0,79 und 0,62 m Durchmesser erhalten, 
welche H. Engelcke in Halberstadt gegossen hat. 

Hergisdort 

[G] Grosses Pfarrkirchdorf an der bösen Sieben, 12 km südlich von Hettstedt, 
vormals in der Grafschaft Mansfeld im nördlichen Hosgau, bzw. im Banne Eisleben 
des Bistums Halberstadt gelegen. Sehr früh ist der Ortsname nicht bezeugt (urk. 
1252 Herrichsdorf, 1347 Hergesdorff, 1400 Hergestorp, 1484 Hergestorflf). In Rück- 
sicht auf die älteste urkundliche Form ist der Name als „Dorf des Haririh, Henrich, 
Herrich" zu deuten. Das gegenwärtige in Gebrauch befindliche Dorfsiegel hat 
keine bildliche Darstellung. Doch erblickt man an der inneren Wand einer der 
Südseite des Kirchenschiffes vorgebauten Vorhalle in Stein gehauen das flach 
erhabene Bildnis Luthers, welcher eine Bibel in der Hand hält, aul welcher 

5* 



l 



68 Mansfelder Oebirgskreis. 



die Buchstaben Dr. WL. stehen, in den oberen Ecken desselben die Jahreszahl 
1571, und darunter die Inschrift: 

S DER GEMEINE ZV 
HERG88T0RF. 

Aus derselben ergiebt sich die gewiss nirgends oder doch nicht häufig anderswo 
wiederkehrende Thatsache, dass eine Gemeinde Dr. Martin Luther in ihr Siegel 
genommen, da der Buchstabe S im Beginn der Inschrift ohne Zweifel eine Ab- 
kürzung für das Wort Siegel ist. Warum die Gemeinde den Gottesmann in ihrem 
Siegel, welches übrigens links Luthers Wappen, rechts das Mansfeld- Querfurtische 
neben sich hat, abgebildet hat, lässt sich ebensowenig sagen, wie sich erklären 
lässt, wai'um sie das Siegel vom Jahre 1571 wieder aufgegeben hat. 

Diejenige Hälfte des Ortes, die südlich bezw. westlich der bösen Sieben liegt, 
oder wie eine Urkunde vom Jahre 1484 sich ausdrückt: „Hergesdorff eine Halp 
des Wassers" gehörte ohne Zweifel ursprünglich nicht zur Grafschaft Mansfeld, 
sondern, wie es auch mit den auf derselben Seite der bösen Sieben gelegenen 
Teilen der übrigen „Grunddörfer" Wimmelburg, Creisfeld und Ahlsdorf der Fall 
ist, zur Herrschaft Sangerhausen, wurde aber durch Vergleich in dem genannten 
Jahre den Grafen von Mansfeld belassen. 

Im Anfange des 16. Jahrhunderts muss Hergisdorf infolge des schwunghaft 
betriebenen Bergbaues, von dem die vielen Schacht- und Schiackenhalden noch 
jetzt Zeugnis ablegen, bereits ein ansehnliches Dorf gewesen sein, so dass es zu 
dem grossen Schützenhofe, welcher im Jahre 1536 zu Eisleben stattfand, sechs 
Schützen entsandte, während aus derft Städtchen Leimbach deren nur vier an der 
Festlichkeit teilnahmen, i) und als in dem Lutherschen Vertrage vom Jahre 1546 
bestimmt wurde, dass eine Meile Wegs um Eisleben kein fremdes Bier und kein 
fremder Wein geschenkt werden sollte, machte Hergisdorf allein eine Ausnahme. 
„In Hergestorf soll die Schenke bleiben und fremd Wein und Bier geschenkt 
werden. Dergleichen sollen die von Hergestorf bei ihrem Brauen auch bleiben, 
aber nicht bei Fassen oder Tonnen aufs Land verkaufen." Zu Hergisdorf starb 
am 7. April 1609 der gelehrte Graf Ernst von Mansfeld, Domherr zu Strassburg 
und Cöln, welcher das Amt Erdeborn und anscheinend auch ein Freigut in 
Hergisdorf besass, auf welchem ihn der Tod ereilte. Es gab in dem Dorfe zwei 
Freigüter, auf deren einem als ältester bekannter Besitzer ein Albrecht von Höhn- 
stedt gesessen zu haben scheint. 2) Zu Anfang des 18. Jahrhunderts besass das 
eine Freigut ein HeiT von Trebra, das andre eine Frau Rath. um die Mitte des 
18. Jahrhunderts wurden beide zusammengeschlagen und waren der Reihe nach 
im Besitz der Familien v. Lüder, v. Hagen, Heidenreich, Hagemann. 

Turm und Schiff der dem h. Aegidius geweihten Kirche stammen aus dem 
späten Mittelalter, wenngleich die Wahl des Aegidius zum Schutzpatron auf eine 
viel frühere Gründung der Kirche selbst hindeutet, die aber kaum über das 
12. Jahrhundert zurückreichen dürfte, da (nach Ottes Kunst- Archäologie Deutschlands 
S.924) die 1112 in Braunschweig gegründete S. Aegidienkirche die älteste ihres 



^) GrÖBsler und Sommer, Chronicon Islebiense S. 13. ^ Vgl. Dreyhaupt, Saal- 
kreis II. Anhang S. 63. 



J 



Hergisdorf. 



69 



Namens in Deutschlands ist, was freilich nicht ganz zutrifft. Über den Bau des 
Turmes giebt genauere Auskunft eine an der Südseite desselben angebrachte Stein- 
iuschrift in gotischen Minuskeln: 

üM I In I « I ((ccliiif ii((c|Ptra). 

Wenn hiernach der Turmbau im Jahre 1472 begonnen worden ist, fällt der Bau 
des Kirchengebäudes oder der Beginn desselben in das Jahr 1512, wie eine 
Minuskelinschrift über dem vorderen Rundbogen der der Südseite des Schiffes 
vorgebauten kleinen Vorhalle beweist, welche lautet: 

iiii :p lii :p 

Die Kanzel, ohne besonderen Schmuck, ist aus dem Jahre 1515, wie diese 
am Fusse derselben angebrachte Jahreszahl bekundet 

Etwa aus derselben Zeit stammen nach G. Sommer die geschnitzten Chor- 
stühle im Altarraum mit naturalistischem Rankenwerk und Bandinschriften. Freilich 
ist in der zweiten Füllung (vom Altare aus gerechnet) auf der nördlichen oder 
Evangelienseite deutlich die Zahl ^3^8 zu lesen. i) Die Feststellung des wirklichen 
Alters derselben kann erst nach genauerer Untersuchung erfolgen. Die Band- 
inschriften würden zu ihrer Entzifferung, sofern sie nicht bloss aus Abkürzungen 
bestehen, längerer und ausdauernder Bemühungen bedürfen. An einer Stelle der 
Südseite las ich die Worte ÄHHÄ MÄTGR, Sommer, von dem die Zeichnungen 
Nr. 38 und 39 herrühren , glaubte jedoch auch noch das Wort AV£ dazu wahr- 
zunehmen. Es folgen nachstehend zwei Muster, Nr. 38 und 39 (siehe S. 70). 

Über dem Altar ist ein gemaltes Relief, die Verehrung des Christkindes dar- 
stellend : Joseph, Maria und Engel. Links vom Beschauer steht S. Stephan, rechts 
ein Heiliger in Bischofstracht, mit dem Krummstabe in der Rechten und einem 
Kirchenmodell in der Linken. Über der Predella sind in dem Altarschrein 



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folgende Figuren zu sehen. In der Mitte die gekrönte Mutter Gottes mit dem 
Jesuskinde; ihr zur Rechten (vom Beschauer links) folgen S. Katharina mit Rad 



^) Schon der Frediger Grosche im Hergisdorf behauptete daher, dass diese Chorstühle 
aus dem Jahre 1318 stammten. (Rosenkranz, Neue Zeitschr. I, 2, 15.) 



70 



Uansfelder Gebirg^reis. 



and Schwert, 8. Sebastian mit vielen Pfeilwunden, S. Georg in BitterrüstuDg, den 
Drachen erstechend. Zur Linken Marias (rechts vom Beschauer) stehen S. Barbara 
mit einem Hostienkelche, ferner ein Heiliger in brauner Kutte, ein Barett (Mitra?) 
auf dem Haupte, einen geknoteten Gürtel (Tauftueh?) vom Arme herabhängend, 
in der Rechten anscheinend ein Marterwerkzeug tragend. Tor ihm kniet ein 
bärtiger Mann, welcher flehend die Hände zu ihm erhebt; endlich noch 8, Gangolf 
oder S, Gereon, vielleicht auch S. Michael in Gestalt eines jugendlichen Ritters 
mit einem Schilde in der Linken. Das Kennzeichen der Hechten ist leider ver- 
loren gegangen. 




Der zierliche sechseckige Taufstein mit konischem Fuss und eigenartig 
gewundenem Mittelstück, welcher Holzkonstruktion zu sein sich den Anschein 
giebt, zeigt unterhalb der grossen Hohlkehle 6 kleine links gelegte WappenschUdchen 
mit Buchstaben, wie die auf den Chorstühlen getbrmt, welche zusammengesetzt 
den Namen IHGSVS ergeben. (Nr.40, sieheS.71.) 

An der Evangelienseite des Altars steht auf kurzem, gewuudenem Schaft 
ein spätgotisches Tabernakel, anscheinend oline Inschrift. 

Zur linken Seite der öffiiung des Turmordgeschosses ist ein flacherhabener 
Christaskopf mit Domenkrone und doppelspitzigem Kinnbart (eine Nachahmung 



Hergisdorf. 71 

des Bildes auf dem Schweisstuche der h. Veronika) eingemauert Die Arbeit 
ist roh. 

Ein silbern -vergoldeter Kelch ohne Signaciilum aus spätgotischer Zeit hat 
am Knaufe ti Gesichtsmasken. Die Weinkanne trägt auf demRande der unteren 
Fläche die Inschrift mit dem Namen der Geberin : 

TXUma 3ol(. Bcprfen S- 5. <£am. onö Celtn Sict. ju Stlten&urg 
€ijea>t\h, qeb. Spiessin 3Io, (607. 



Die drei Glocken sind ganz jungen Ursprungs. Die grosse ist 1871 , die 
mittlere 1860, die kleine 1847 von don Gebrüdern Ulrich in Laucha gegossen. 

Vor dem Umguss hatten die drei Glocken nach dem Kircheninventarium 
vom J. 1738, welches geschichtliche Nactiricbten von den Pfarrern Esbach und 
Brunner enthält, folgende Inschriften: 

Die grosse Glocke vom Jahre 1487: 

Mifli «rii. IUI tiHiil 

«tCCClZZilll 

Die Mittel- oder Seigerglocke vom Jahre 1426 oder 1526, wohl holländischen 
Ursprungs: 

MCCCCCXXVI 
Michiel es meen Name 
Minen laut do gode beqvame. 
Jan Franz mackte mir de Druele (?) 
op de hoe strate to Woent in 
MCCCC en XXVI. 



72 Mansfelder Gebirgskreis. 




In der Abschrift weichen die Jahreszahlen am Anfange und am Ende der 
Inschrift um ein Jahrhundert von einander ab. Wo der Irrtum steckt, bleibt 
noch zu ermitteln. 

Die kleinere Glocke hatte keine Inschrift. 

Hermerode. 

[G] Kleines Dorf, 17 km westsiid westlich von Hettstedt, auf der Hochfläche 
zwischen Wipper und Eine, vormals in der Herrschaft Rammelburg (Biesenrode) 
im Schwabengau, bezw. im Harzbanne (bannus nemoris) gelegen. Das Gemeindesiegel 
ist ohne bildlichen Inhalt. Der Name des Ortes (urk. 1060 Hamerenroht?, 1297 
Hermerode, 1301 Hermenrode, 1309 Herman rode, 1315 Hermenrode, 1381 Hermans- 

rode) enthält entweder den Personennamen 

Hermen (= Irmino) oder Hermann = Rodung 

des Irmino oder Hermann. 

[S] Beim umbau der stark modernisierten 

Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, sind 

wie es scheint die älteren Umfassungsmauern, 

welche eine eigentümliche Grundform zeigen, be- 

nutzt worden, siehe Nr. 41 (Grundriss), d. h. die 

Spitze des halbachteckigen Chorschlusses steht in 

der Achse. 

Die beiden Glocken haben 0,61 und 0,42 m Durchmesser. Die grössere ist 

im Jahre 1792 von Joh. Georg Getwerth in Halberstadt gegossen worden; die 

kleinere vom Jahre 1652 hat keinen Giessemaraen, trägt aber den Spruch: 

Glück und Heil 
Zu allem Stande. 

Hettstedt 

[G] Die bedeutendste Stadt des Mansfelder Gebirgskreises, auf dem linken 
Ufer der oft reissenden Wipper in engem Thale gelegen, daher lang in demselben 
hingestreckt und neuerdings auch auf das rechte Ufer des Flusses nach dem 
ziemlich entfernt und hochgelegenen Bahnhofe hin ausgedehnt. Zugleich mit dem 
Bergbau hat sich die Einwohnerzahl zu verhältnismässig bedeutender Höhe erhoben, 
im Jahre 1796: 2677; 1817 gegen 3000; 1871: 5493; 1880: 7653; 1890: 8641 Ein- 
wohner. 

Während des früheren Mittelalters gehörte Hettstedt in den Nordsohwabengau 
und war später lange Zeit Zubehör der Freiherrschaft Arnstein. In kirchlicher 
Beziehung lag es in dem Halberstädtischen Banne oder Archidiakoiiate Aschersleben. 
Die früheste urkundliche Erwähnung des Ortes fallt in das Jahr 1046. Damals 
schenkte Kaiser Heinrich III. Güter in Heiczstete, vielleicht auch den ganzen 
Ort, dem Bistum Meissen. Schon hieraus ergiebt sich, wie unzutreffend eine später 
mehrfach auftauchende Behauptung ist, Hettstedt sei (als Bergstadt) im Jahre 
1380 gegründet worden. Vielmehr ist der Ort ohne Zweifel schon lange vor dem 



Hettstedt. 73 



11. Jahrhundert entstanden, da die Ortsnamengruppe mit der Endung stede fast 
ohne Ausnahme uralte Orte umfasst. Die urkundlichen Namensformen zeigen in 
älterer Zeit überwiegend einen Gaumenlaut; erst später tritt ein Zungenlaut auf, 
doch häufig noch im Wechsel mit jenem, falls nicht beide unterdrückt werden. 
(1046 Heiczstete, 1121 Heiksteten, 1223 Hecstide, 1224 Hezstede, 1241 Hetstide, 
1248 Hecstede, 1256 Hekstede alias Hetstede, 1357 Hestede u. a. m.) Demnach 
ist wahrscheinlich, dass der Ortsname als Bestimmwort den Personennamen Hecco 
oder Heccho (Sprossform von Hago), oder auch den (aus Agico entstandenen) 
Personennamen Eico von zweifelhafter Bedeutung enthält Also = zur Wohn- 
stätte des Hecco oder Eico. 

Das Wappen der Stadt zeigt den späteren Schutzheiligen der Stadtpfarr- 
kirche, den h. Jacobus den Altern mit dem Muschelhute, welcher in seiner Bechten 
das Querfurter, in seiner Linken das Mansfelder Wappen hält. Dieses Wappen 
kann die Stadt erst im fünfzehnten Jahrhundert erhalten haben, da erst damals 
die Grafen von Mansfeld die Herren der Stadt wurden, wie auch S. Jacobus erst 
im 15. Jahrhundert als Hauptpatron der Kirche hervortritt Thatsache ist, dass 
einer Urkunde von 1451 das „Stadt -Secret von Hetzstedt" und einer andern von 
1493 ,, unser Stadt Hetzstedt Ingesigill^ angehängt ist. 

Über die Geschichte Hettstedts sei folgendes bemerkt: Ursprünglich die An- 
siedelung eines einzelnen Mannes, wie der Name des Ortes klar bekundet, erwuchs 
Hettstedt bald zu einem Dorfe, das freilich erst 1046 urkundlich erwähnt wird, 
und, nachdem der Bergbau auf Kupferschiefer begonnen hatte, der gerade dicht 
bei Hettstedt auf dem sogenannten Kupferberge seinen Anfang genommen haben 
soll, auch ziemlich bald zu einem Flecken oder einer Stadt Im Jahre 1199 sollen 
zwei etwas fabelhafte Männer namens Neucke und Nappian, deren alliterierende 
Namen wie die von erzschtirfenden Zwergen klingen, das erzführende Flöz entdeckt 
und mit dem Abbau des Kupferschiefers begonnen haben. Ihre Steinbildnisse, 
welche sie als köboldartige Figuren mit Zwergkappen auf dem Kopfe und Keil- 
hauen in den Händen darstellen, deren ursprünglicher Standort aber nicht sicher ist, 
werden in dem Sitzungszimmer des Bergamtes zu Eisleben aufbewahrt (Vgl. das 
über sie Bemerkte in dem Abschnitte Eisleben, Mansfelder Seekreis). Dass die 
Sage über die Anfangszeit des Hettstedter Bergbaues einen geschichtlichen Kern 
hat, geht daraus hervor, dass bereits im Jahre 1223 in einer Wiederstedter Urkunde 
der Kupferberg (mons qui cupreus dicitur) nebst einem auf demselben erbauten, 
vermutlich für die zugewanderten Bergknappen bestimmten Hospitale S. Gangolfi 
und einer Kapelle, deren Bau begonnen war, erwähnt wird. Der Zuzug fremder 
Bergleute und der Aufschwung des Bergbaues muss schnell ein bedeutender ge- 
worden sein, da offenbar bald nach Aufnahme desselben von den Orundherren, 
den Grafen von Arnstein, eine Burg (slot) dicht vor dem Orte am oberen Ende 
desselben, dem Kupferberge gerade gegenüber, erbaut worden ist, welche offenbar 
die Bestimmung hatte, die Werke und Erzeugnisse des Kupferbergbaues gegen 
räuberische Übei-fUlle zu schützen. Nach verschiedenen Chroniken soll jedoch das 
Schloss Hettstedt im Jahre 1200 von dem Grafen Hoyer von Falkenstein gebaut 
worden sein. i) Doch wäre auch möglich, dass das Schloss Hettstedt in noch 



^) Schaumann, Geech. der Grafen von Falkenstein S. 102. 



74 Hanafelder Oebirgskreis. 



höheres Alter zurückreicht, falls Dämlich der im Jahre 1121 ale Zeuge in der 
Wimmelburger Terl^ungsurkunde erwähnte Conrad de Heiksteten, welcher un- 
mittelbar hinter dem Edlen Anno von Arnstedt genannt ist, nicht ein edler Herr 
von Eichstedt, sondern ein edler Herr von Heckstedt, d. h. ein Mi^Iied des Aro- 
stedter oder späteren Arnsteiner Djnastengeschlechta wäre, welcher Uettstedt zu 
seinem Sitz erkoren, die Burg daselbst gebaut und nach dem Orte sich genannt 
haben könnte. Die civitas Hezstede wird zuerst 1283, dagegen hus und stad to 
Hetzstede zuerst 1334 urkundlich envähnt. ') Doch fehlt es nicht an sicheren 
Anzeichen, dass beide in ibrer Eigenschaft als Stadt und Burg noch älter sind. 
Gleich hier sei bemerkt, dass von dem Schlosse nur noch ein starker Rundturm 
von etwa 20 m Höhe nebst einigen Ringmauern erhalten ist, innerhalb deren jetzt 
eine Brauerei angelegt ist. (Nr. 42 und 43, Grundriss und Ansicht.) 



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1) Mansf. Urkb. 8. 347 und 543. 



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Nr. 42. 



Nr. 43. 

[B] In dem Hettstedter Scbloss hat sich ein bedeutender gotischer Bau im 
weeentlichen noch leidlich erbalten, so dass wenigstens der Omndriss und aus- 
reichende Ansicht (Nr. 42 und 43) sich so' ^eben lassen, dass man sich den Palast 
ungefähr im Geiste wieder aufbauen kann. Seine Erhaltung hat das Bauwerk 
wohl nur dem Umstände zu danken, dass eine Brauerei darin eingerichtet ist. 

Jetzt sind zu ebener Erde sechs Räume zu unterscheiden. Die auf der Ost- 
seite liegenden sind noch am besten erhalten, und besonders die beiden nördlichen 
von ihnen, welchenochvonÖ,20m hoben Tonnengewölben tiberspannt sind. Sie liegen 
jetzt etwa Im unter dem Erdboden des vorüberführenden Weges. Der südliche Teil 
scheint kein Gewölbe gehabt zu haben. Von weit bedeutenderem umfange sind drei 
Teile der Westseite. Von ihnen ist nur der südliche mit einem Tonnengewölbe 
bedeckt, das aber im Einsturz b^riflVn ist. Der mittlere Kaum, jetzt ganz für 
die Brauerei ausgenutzt, trägt ein weit herabreichendes Pultdach, das oben auf 
der noch 9 m hoben Mauer aufsetzt. Eine nur 76 cm dicke Wand trennt diesen 
Raum von dem nördlichen, der ganz offen ist, aber früher auch ein Dach getragen 
haben muss, denn ein noch ganz erhaltenes gotisches Fenster im zweiten Stock 
lässt diesen Raum als einstigen Wohnraum erkennen. Ebener Erde sind an der 
Nord- und Ostseite mehrere spitzbogige Tbürwölbungen vorhanden, von denen 
einige auch jetzt noch als Eingänge dienen. Das Obergeseboss dea Ostbaues zeigt 
noch einige ganz erhaltene Fensteröffnungen , von denen aber nur noch eine den 
spitzbogigen Kenstereinsatz hat. Die Mauerstärke ist mit Ausnahme der schon 
en\-ähntea Wand von 76 cm eine ganz bedeutende, nämlich 1,85 m und erreicht 



76 Mansfelder Gebirgskreis. 



ihr grösstes Mass im Bergfried, der, noch in ganzer Höhe und ohne Tadel erhalten, 
die Nordwestecke des Schlosses einnimmt Das Schloss liegt in der Ebene an der 
Wipper und war also eine Wasserburg. Von Gräben ist aber jetzt nichts mehr 
zu sehen; die Wipper fliesst an der Südseite vorüber, jedoch nicht unmittelbar am 
Schloss, sondern von diesem durch einen ummauerten Garten getrennt, der ur- 
sprünglich wohl mit befestigt war und als Schlosshof anzusehen sein wird. 

Die Erbauung des erhaltenen Schlossgebändes muss in spätgotischer Zeit 
erfolgt sein, jedoch darf man nicht zu weit damit heruntergehen ; ich würde den 
Anfang des 15. Jahrhunderts als den spätesten Termin setzen; jedoch ist bei dem 
Mangel von Einzelformen eine ganz zuverlässige Schätzung der Zeit schwer. Der 
Bergfried dürfte wohl älter sein. 

[G] Nach dem Aussterben des Arnstoiner Grafengeschlechtes gegen Ende des 
13. Jahrhunderts fiel Hettstedt als Zubehör der Freiherrschaft Arnstein mit der- 
selben an die Grafen von Falkenstein. Etwa zu derselben Zeit muss es in Hett- 
stedt auch schon eine landesherrliche Münze gegeben haben , da im Jahre 1323 
bereits ein damals schon verstorbener Münzrneister Johannes zu Hettstedt (Jo- 
hannes monetariiis quondam in Hezstedt residens bone memorie) urkundlich er- 
wähnt wird. Nach dem Aussterben des Falkensteinischen Grafenhauses im Jahre 
1334 wurde Hettstedt in dem um die Hinterlassenschaft desselben entbrannten 
Streite von Kriegsleuten des Bischofs von Halberstadt, welchen der Bergwerks- 
gewinn reizen mochte, im Jahre 1341 erobert, besetzt und auch behauptet Denn 
in dem im Jahre 1351 zwischen den Kriegführenden abgeschlossenen Vertrage 
traten die Grafen von Regenstein an den Bischof Albrecht von Halberstadt, einen 
gebornen Herzog von Braunschweig, Stadt und Schloss Hettstedt mit Zubehör 
(Molmeck und Kupferberg) ab. Seitdem nannten die Bischöfe von Halberstadt 
Hettstedt ihre Stadt und den „Rad vnde bürgere" daselbst ihre „leven getruwen.** 
Doch verkaufte Bischof Ernst von Halber^tadt Schloss und Stadt Hettstedt im 
Jahre 1394 für 441KD fl. wiederkäuflich an die Grafen von Mansfeld, welche Burg- 
vögte oder Schlosshauptleute auf das Schloss setzten , deren erster — so viel wir 
wissen — Rudolf von Freckleben war, und darum nunmehr (so z. B. 14*J4) den 
Rat und die Stadt Hestede ihre „lybin getruwin" nannten. Die eigentlichen 
Landesherren blieben somit aber nach wie vor die Bischöfe von Halberstadt, 
während die Grafen von Mansfeld als Nutzniesser nur den Pfandbesitz 
hatten. 

Während bisher die Stadt selbst vermutlich nur durch Gräben und Pfahlwerk 
geschützt gewesen war, wurde dieselbe im Jahre 1430 zuerst mit eigent- 
lichen steinernen Mauern umgeben, wenn wir einer Nachricht hierüber 
auf einer ehemals vorhandenen grossen Glocke Glauben schenken dürfen. (Die 
Inschrift derselben folgt später.) Natürlich kam die Mauer nicht in einem oder 
einigen Jahren zustande, wie es denn feststeht, dass z.B. das Molmeckthor und 
der Molmeckturra im Jahre 1434 erbaut worden sind, wie aus einer später mit- 
zuteilenden Inschrift sich ergiebt. Diese ümmauerung scheint den Bischof 
Burchard von Halberstadt auf den Gedanken gebracht zu haben, dass es zweck- 
mässig sei, Hettstedt wieder unmittelbar an das Stift zurückzubringen, und es 
begann nun ein Ränkespiel, in welchem jeder Beteiligte den andern zu übervorteilen 
suchte. Zunächst borgte im Jahre 1436 Bischof Burchard bei dem Rat und den 



Hettstedt 77 



Bürgern von Hettstedt, welche hoffen mochten, unter unmittelbarem bischöflichen 
Regimente zu grösseren Freiheiten gelangen zu können, als unter nur mittelbarem, 
ausser einem Kapitale von 300 Schock meissnischer Groschen auch noch die ganze 
l*fandsumme, die die Grafen von Mansfeld zu fordern hatten, im Betrage von 
4411 fl. und verpfändete zu diesem Behuf der Stadt dasSchloss („unses Godeshuses 
Slos''), welches die Bürger sofort besetzten, sowie die Gerichte in und ausser der 
Stadt mit den Mühlen, dem Dorfe und dem Zehnten zu Wesenstedt samt Lehen 
und Zöllen. Mit diesem Verfahren, welches offenbar nur den Zweck hatte, die 
Grafen von Mansfeld aus dem Besitze von Hettstedt zu verdrängen und die Bürger 
dieser Stadt an ihrer Stelle zu Gläubigern des Bistums zu machen, waren aber 
die Grafen von Mansfeld durchaus nicht einverstanden, denn sie machten geltend, 
dass sie nicht nur die Kaufsumme zurückerhalten, sondern auch für die Unkosten 
entschädigt werden müssten, welche sie auf die Reparatur und den Ausbau des 
Schlosses verwendet hätten, beiläufig bemerkt, ein untrügliches Zeugnis für das 
weit vor das Jahr 1437 zurückreichende Alter des Schlosses. Da sich aber weder 
der Bischof noch die Stadt um diese Einwendungen kümmerten, so beschwerten 
sich die Grafen bei Kaiser und Reich, und nun wurde dem Erzbischof Günther 
von Magdeburg die Schlichtung der Sache übertragen. Derselbe fand, dass das 
Schloss den Grafen von Mansfeld zurückzugeben sei, wie ihnen auch voller Ersatz 
der von ihnen auf den Ausbau der Burg verwanden Kosten zugesprochen wurde. 
Die Hettstedter jedoch, welche sich mit- dem Bischof von Halberstadt im Ein- 
verständnis befanden, dachten nicht daran, die Grafen wieder aufzunehmen und 
setzten Schloss und Stadt in Verteidigungszustand. Die Grafen dagegen beschritten 
weiter den Weg Rechtens; sie wandten sich beschwerdeführend an ihren Lehns- 
herrn, den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich den Sanftmütigen, der ihnen seinen 
Schutz in Aussicht stellte, wie auch der Schiedsrichter, Erzbischof Günther von 
Magdeburg, ihnen die Hilfe seines Bruders, des Grafen Heinrich von Schwarzburg, 
versprach. Zwar hatte inzwischen der Bischof von Halberstadt einige Mannschaft 
nach Hettstedt geschickt; dieselbe war aber der drohenden Gefahr gegenüber 
durchaus unzulänglich, denn nicht weniger als 8000 Mann führten am 21. Juli 
1439 die sächsischen Fürsten, die Grafen von Mansfeld und der Graf von Schwarz- 
burg gegen das widerspenstige Hettstedt heran. Gutes Mutes und voll Vertrauen 
auf ihre neuen Mauern sowie auf einiges Geschütz wiesen die Hettstedter in un- 
begreiflicher Verblendung über ihre Widerstandskraft die Aufforderung zur Über- 
gabe zurück. Wenn sie sich nun auch mutvoll verteidigten, so konnten sie doch 
nicht verhindern, dass die Stadt schon um die Vesperzeit des folgenden Tages — Mitt- 
woch den 22. Juli 1439 — mit Sturm genommen wurde. Viele Bürger fielen im 
Kampfe, andere wurden gefangen davongef ührt ; die Stadt selbst wurde geplündert. 
Ein uns erhaltenes Lied besingt im Volkston die Vorgänge bei der Belagerung 
und dem Sturm. Alsbald nach der Erstürmung rückte das chursächsische Heer 
wieder ab, um das mit Hettstedt verbündete und von dem Bischof gleichfalls 
unterstützte Aschersleben zu belagern. Im Feldlager vor dieser Stadt belehnte der 
Kurfürst Friedrich am Sonnabend vor S. Jacob 1439 den Grafen Volrad 
von Mansfeld und dessen Vetter kraft des Rechtes der Eroberung als neuer 
Lehnsherr mit Schloss und Stadt Hettstedt gegen Zahlung von 5000 fl. Der neue 
Besitzer üess sich sogleich von der Bürgerschaft huldigen und trieb von der 



78 Mansfelder Gebirgskreis. 



tief gedemütigten Bürgerschaft eine beträchtliche Schätzung ein. Einige Jahre 
später (1442) wurde ein neues Abkommen dahin getroffen, dass die Grafen von 
Mansfeld ihre Hen-schaft Arnstein von Kursachsen, Hettstedt mit Zubehör aber 
wie früher, von dem Bistum Halberstadt zu Lehn tragen sollten. Es ward also 
bezüglich Hettstedts im Grunde das alte Oberherrlichkeitsverhältnis wiederhergestellt. 
Unter sich aber setzten die Grafen Volrad, Gebhart und Günther das Jahr danach 
(1443) fest dass Hettstedt mit Zubehör in Zukunft gemeinsamer Besitz 
des Mansfelder Grafenhauses sein und bleiben sollte. Seitdem blieben die 
Grafen von Mansfeld im ruhigen Besitz der Stadt bis zu der sogenannten Permu- 
tation 1573, durch welche Hettstedt wieder unter kursächsische Hoheit kam. 

In den ersten Jahren der mansfeldischen Herrschaft (1439 — 1453) war das 
Verhältnis der Grafen von Mansfeld zu ihren Unterthanen in Hettstedt ein sehr 
übles, denn letztere mussten sich viele Plackereien und Demütigungen gefallen 
lassen; seit dem Jahre 1453 aber erwiesen sich die Grafen der Stadt gnädig, be- 
gabten sie mit mancherlei Freiheiten und trugen nach Kräften zu einem erfolg- 
reichen Aufschwünge der stark heruntergekommenen Stadt bei. Im Jahre 1451 
gründeten die Grafen Günther und Gebhart von Mansfeld zwischen der Stadt und 
der Vorstadt Freimarkt als Filial des Querfurter Carmeliter- Klosters ein Kloster 
der Brüder des Ordens Unserer lieben Frau von dem Berge Carmel, welches am 
Klosterplatze lag, da, wo jetzt das Postgebäude steht. Am 18. Nov. 1517 entstand 
auf dem Kupferberge ein grosser Brand, der sich dem benachbarten Freimarkte 
mitteilte und diesen sowie das Carmeliterkloster in einen Aschenhaufen ver- 
wandelte. 

Alsbald jedoch machten sich die Mönche wieder an den Aufbau und er- 
richteten ihr Kloster nunmehr von Stein, während es vorher nur aus Holz gebaut 
gewesen war. Aber schon 8 Jahre später wurde es von den aufrührerischen 
Bauern zerstört. Der damalige Prior Johannes Glockmann berichtet darüber in 
einer Urkunde selbst: „Nachdem vnd als sich eine mergkliche entporunge vnd 
aufruhr kegen den geistlichen Standt, insonderhey t wider die Mönnch vnd Nonnerey 
yn diesem iünff vnd zweintzigisten Jhare der wenigem Zale also gestreng vnd 
heftigk begeben hat, das wir, wie die andern angenohmene ordensperson vnsers 
leibs vnd lebens nicht sicher, sundern alle stunden des in fahre haben stehen 
müssen, in welchem sich dann zugetragen, das etliche hundert Personen, so sich 
nicht allein kegen dem geistlichen Monnch und Nonnenstandt, sondern auch kegen 
der weltlichen Herrschaft und Obrigkeit auf^eworffen, die vmbliegenden Closter 
in der Grafschaft Mansfeld vberfhallen, geplündert, die Ordenspersonen eraus ver- 
jaget auch zum teil ausgebrandt,'' so hätten er und die Mönche, da sie nicht 
imstande gewesen, das Kloster wiederum aufzurichten, auch eingesehen, dass das 
Klosterleben in der heiligen Schrift nicht gegründet sei, ihr Kloster mit allen 
Gütern und Einkünften gegen ein ihnen bewilligtes Jahrgeld den Grafen Gebhart 
und Albrecht v. Mansfeld übergeben. Diese aber übereigneten das Kloster nebst 
Zubehör dem fiate und der Gemeine zu Hettstedt behufs Unterhaltung eines 
christlichen Predigers und zum Zwecke der Armenpflege. Das Kloster hatte somit 
nur etwa 73 Jahre bestanden. 

Nach dem Chronicon Islebiense möge nun noch einiges über die Geschicke 
der Stadt Hettstedt und ihrer Baulichkeiten mitgeteilt werden: 



Hettstedt. 79 



„Anno 1571, den 17. Julii ist ein eilendes greulich weiter kommen... Zu 
Hettstedt hat es die Kirchspitze niedergeworfen und das halbe Rathaus ver- 
derbet" (S. 40.) 

Von welcher Not Hettstedt im dreissigjährigen Kriege heimgesucht worden 
ist, beweist folgende Nachricht: 

Anno 1639: Jn diesem abgewichenen 638. Jahre ist eine solche Teuerung 
entstanden, dass viel Leute Hungers sterben müssen vndt haben sich zu Hettstedt 
vndt anderer orthen schreckliche Exempel zugetragen, dass ein Mensch den andern 
gefressen etc." (S. 184). unter Anspielung auf dieses Vorkommnis heisst es an 
einer andern Stelle „(die Hungersnot hat so) überhandt genommen, dass die armen 
Leute auf dem Lande vor Hunger sich an den durchreisenden Leuten vergriifen, 
dieselben töten, einsalzen, kochen und sich damit des Hungers retten müssen.*' Bei 
dieser Gelegenheit bemerkt einer der Berichterstatter, dass damals die Stadt 
Hettstedt „ganz ofien" gestanden, so dass man sich nicht getraut habe, die ge- 
fangenen Verbrecher dort behalten zu können. (S. 185.) 

„Den 25. Martii 1651 ist zuHedstedt eine gefehrliche Feuersbrunst entstanden, 
dadurch 37 Häuser, das Kloster vndt das Seiger-Thor eingeäschert worden." 
(S. 217.) 

,J)en 23. Maji 1655 nachmittage vmb 2 ühr ist zu Hedtstedt eine Feuersbrunst 
entstanden, so also balden bey dem ereigneten grossen Winde vber Handt ge- 
nommen vndt 65 Wohnheuser ohne Scheunen vndt Stelle, Schul- vndt Pfarheuser 
ausser der Kirchen eingeäschert" 

„ Den 16. Septbr. 1665 ist zu Hedtstedt frue morgens mit angehenden tage bei 
einen Becker auch ein Feuer auskommen, welches ebener Massen mit dem herzu- 
stossenden Winde vber Handt genommen, dass in wenig Stunden 43 Wohnheuser 
mit 17 Scheunen voller Getreidich eingeäschert worden." (S.232.) 

Ein noch umfangreicherer Brand fand am 10. Mai 1697 statt, über welchen 
die Mansfelder Annalen des Jahres 1807, Nr. 33 u. 34, näheres berichten. Diese 
Feuersbrunst zerstörte fast die ganze Stadt, von welcher nur 27 Häuser stehen 
blieben. Von der S. Jakobikirche blieben nur die Mauern stehen ; auf dem Turme 
schmolzen, da er innerlich ausbrannte, alle Glocken. Es ist demnach nicht zu 
verwundern, dass Hettstedt im ganzen kein altertümliches Aussehen hat. 

Von 1573 bis zum Jahre 1808 verblieb Hettstedt unter chursächsischer 
Oberhoheit. Am 12. März 1808 musste jedoch der König von Sachsen zu Eisleben 
die Grafschaft Mansfeld chursächsischen Anteils und somit auch Hettstedt an das 
von Napoleon neugebildete Königreich Westfalen abtreten; nur das Amt Born- 
stedt nebst Artem, Katharinenriet, Vockstedt, Ritteburg, Gehoven und Schönfeld 
blieben bei Sachsen. Auf dieser Zusammenkunft zu Eisleben, zu welcher alle 
abgetretenen Ortschaften Vertreter zu senden hatten, wurde für Hettstedt ein 
Canton-Maire nebst einem Adjunkten, ein Friedensrichter und ein Notar bestellt, 
welche sämtlich dem Präfekten von Halle unterstellt waren. Im April wurde der 
Hettstedter Stadtrat aufgelöst und Amtmann Kersten als erster Maire eingeführt. 
(Weil derselbe jedoch schon am 14. Aug. 1811 starb, folgte ihm Honigmann als 
Maire nach.) Am 21. Aug. 1808 wurde in Hettstedt selbst dem neuen Könige 
Hieronymus Napoleon unter Musik, Glockengeläut und Kanonendonner gehuldigt, 
die Reichskonstitution wurde vom Rathaus - Balkon verlesen und die ganze 



80 Uansfelder 6«birgskreis. 



Festlichkeit durch ein Festessen und einen Ball besclilosseo, an welchem die Einwohner 
scheinbar ohne ii^ndwelche patriotische Beklemmung teilnahmen. Nach der Schlacht 
bei Leipzig jedoch hatte die westialiache Herrlichkeit bald ein Ende. Schon am 7. Nov. 
wurden in Kettstedt wie in der ganzen ehemals sächsischen Grafschaft Uansfeld 
die preussi sehen Wappen aufgestellt und der Anschluss an das Königreich 
Preussen wie zuvor durch Festessen, Illumination und Schiessen aus Kanonen 
und Flinten gefeiert. Noch in demselben Monat folgte die Einführung der 
preussischen Landwehrverfassung nach, und durch den Wiener Frieden wurde 
Hettstedt für alle folgende Zeit ein Zubehör des Königreichs Preussen. Unter 
preussischer Regierung hat namentlich infolge des schwunghafter betriebenen 
Beigbaues die Einwohnerzahl beträchtlich zugenommen. 

YondenThoren der Stadt wird am frühesten (1434) urkundlich erwähnt das nahe 
der Wipper stehende Molmecksche Thor, so genannt, weil es nach dem vor Hett- 
stedt gelegenen Dörfchen Molmeck (= Mutenbeke, Mühlenbach) führte. In dem 
genannten Jahre nämlich wurde nicht nur das Uolmeckthor, sondern auch der 
bei diesem Thore befindliche viereckige Molmieckturm zu bauen angefangen. 
wie sich aus einer ehemals an diesem Turm befindlichen Inschrift ergiebt, welche 
(unvollständig erhalten) lautete: 

„Anno milleno C quart tricesimo quarto 
Jacobi Molmiss manibus hoc opus honoris 
Millia post decem ' - 

oder zu deutsch: 

Ein tausend und vierhundert Jahr, 
Auch vier und dreissig nehmet wahr. 
Hat Jacob Molmiss lobesa» 
Dies herrlich Werk gefangen an 
Mit seiner Hand, wohl umb die Zeit 
Zehntausend Merterer ist bereit. 

Hiernach hat der Turm und das Thor weniger von dem Dorfe Molmeck als 
vielmehr von seinem Erbauer den Namen. 
Auch die Sage ist beflissen gewesen, das 
Andenken diesem Erbauers künftigen Ge- 
schlechtem zu überliefern. An einer alten 
Mauer, welche früher zu einem mit dem 
Molmeckthore in A'erbindung stehenden Ge- 
fängnis gehörte, also unweit desMolmeckscben 
Thores, erblickt man ein kleines in Stein 
gehauenes Mannsbild (Nr.44), welches 
das Volk für die bildliche Darstellung des 
Inschrift genannten Molmeck 



oder Molmiss hält, und an weiches sich eine 
in verschiedener Fassung überlieferte Sage 
knüpft ^) Thatsächlich ist dies«e Steinbüd nur ein verzierter Kragstein, auf welchem 



1) Vgl. OrüBsler, Sagen der QrkfBctuft Mauafeld, Nr. 1 



Hettstedt 81 



ein zur Ableitung des Regenwassers bestimmter Wasserspeier ruht. Biese Manns- 
figur bildet mit dem letzteren ein Stück und ist in horizontaler Lage so dargestellt, 
als ob sie den Wasserspeier auf dem Rücken trüge. 

1592 wurde das grüne Thor an der Jakobikirche erbaut, aber 1802 wieder 
weggerissen. An seiner Stelle wurden zwei Pfeiler errichtet 

Vor dem Wasserthore, bei welchem gewiss schon in ältester Zeit eine 

Brücke über die Wipper gewesen war, liess der Rat im Jahre 171(> eine steinerne 

Brücke erbauen, wie die an derselben angebrachte Inschrift besagt, welche 

lautet: 

S. P. Q. Hettstadiensis 

Pontem hunc saxeuni cum devoto perennitatis voto exstruxit 

sub consulatu Augusti Schlegelii et Philipp! Reussii 

Anno MDCCXVI. 

Das nicht mehr vorhandene Johannisthor ist älter als sein gegenwärtiger 
Name. An diesem Thore stand ein fürstlich anhaltisches Zollhaus, dessen Be- 
rechtigung von mansfeldischer Seite so lange bestlitten wurde, bis endlich 1506 
der Zoll in Hettstedt aufgehoben und nach Welbsleben verlegt wurde. Hierauf 
riss man das Zollhaus nebst dem steinernen Thore ein und der Hettstedter Bürger 
Werner Günther erbaute in demselben Jahre löOö an der Stelle jener auf seine 
Kosten die S. Johanniskirche zu Ehren des Täufers, welche zu dem dicht an 
derselben gelegenen Hospitale gehört. Seit dem Beginne der Reformation bereits 
stand sie wüst, und es währte lange, bevor sie wieder zum Bethause für die 
Hospitanten eingerichtet wurde. 

1732 endlich wird des Meisbergschen Thores gedacht, welches seinen 
Namen davon hat, dass durch dasselbe die Strasse nach Meisberg führt. — 

IB] Nr. 45 stellt einen an der östlichen Stadtseite noch erhaltenen Mauer-Turm 
dar, während Nr. 46 den Thorturm zeigt, durch den man die nördliche nach 
Wiederstedt führende Strasse erreicht Er trägt den unter Nr. 47 abgebildeten 
Wappenstein (,Nr. 45, 46 u. 47 siehe S.8:^) mit dem mansfeldschen Wappen und der 
zweimal am obern und untern Rande angebrachten Jahreszahl 153V nebst der In- 
schrift verbvro domini manet in eternvm. 

Die Sanct Jakobi- Kirche. 

[G] Da bereits im Jahre 1223 ein parrochianus ville Hecstide, namens Hen- 
ricus de Drondorp, und femer 1283 Hermannus plebanus de Hezstede erwähnt 
wird, so muss auch spätestens zu Anfang des 13. Jahrhunderts schon eine Pfarr- 
kirche in dem damaligen Dorfe Hettstedt bestanden haben, was allein schon die 
falsche Nachricht auf der späteren Hauptglocke. Hettstedt sei im Jahre 1380 ge- 
gründet worden („hac urbe metaUica MCCCLXXX fundata") widerlegt. Ein Korn 
von Wahrheit birgt diese Nachricht vielleicht insofern in sich, als in dem be- 
zeichneten Jahre das bisherige Dorf Stadtrecht erhalten haben mag, denn im 
Jahre 1385 war es eine Stadt, da in einer Urkunde aus diesem Jahre „der Rat" 
zu Hettstedt erwähnt wird; und das fasste man später irrigerweise so auf, als 
sei Hettstedt in diesem Jahre erst gegründet worden. Doch ist nicht zu über- 
sehen, dass von der civitas Hezstede schon 1238, und vom „hus und stad to 

Manafelder Gebirgskreis. 6 



Mansfelder Gebirgskre 



Hetzsteile" schon 1334 in den Urkunden die Rede ist, was mindestens Fleckenrecht 
für Hettstedt voiausziisetKeri nötigt. Das Patronatsreeht über die S. Jakobikirche. 
welche ursprünglich Tocliterkirche der Pfarrkirche S. Eustachii in dem jetzt ein- 
gegangenen, unweit Hettstedt gelegenen Uoife Wesenstedt war, besass — seit wann, 
ist unbekannt, aber, wie es den Anschein hat, seit Bestehen der Kirche — das 
S. Sen'atiiisstift zu Quedlinburg. Denn im Jahre I3r»7 erklärt die damalige Äb- 
tissin dieses Klosters, dass das Patronatsreeht on der Hettstedter Kirche ihr zustehe. 





t\l-ibi \Si7 VW 



Nr. 47. 



(^Ecelesia in Hestede parrochialis, cnius ins patronatus ad nos pertinet") und 
präsentiert den Thidoriciis de Uslere zu der Piarrstelle, wie auch im Jahre 1494 
die Äbtissin zu Quedlinburg als „die Lehnfrau der Pfarrkirche 8. Jakobi zu Hett- 
stedt" bezeichnet wird. Ob die Kirche von Anfang an S. Jakobus dem Älteren 
geweiht war, kann fraglich erscheinen, da im Jahre 1374 Conrad von Bemburg 
als Oberpfarrer der S. Georgenkirche zu Hettstedt bezeichnet wird. Vermut- 
lich liegt die Sache so, dass S Georg ursprünghch der Hauptherr war und erst 
allmählich durch den als Nebenherrn gefeierten Jakobus den Älteren verdrängt 



H^ttstedt Öa 



worden ist. 1448 nennen „ Borgerniester Radman und gantze Gemeyne der 
Stad to Hestede" „sinte Jacob den groten unsen leven Hovethern." Da 
Conrad von Bernburg als Oberpfarrer bezeichnet wird, so muss neben 
ihm, als dem rector ecclesiae, noch ein zweiter Geistlicher an der Kirche 
gewirkt haben, ein Umstand, der für die Zunahme der Bevölkerung klares Zeugnis 
ablegt. Dass die Pfarrstelle nicht unbedeutend sein konnte, erhellt auch daraus, 
dass ein gewisser Johann Pretest ebenfalls Ansprüche auf dieselbe erhob. Nachdem 
nun schon im Jahre 1HH5 von dem Rate zu Hettstedt ein neuer Altar zu Ehren 
der h. Jungfrau Maria in der Pfarrkirche daselbst erbaut worden war, wurde 
1424 abermals ein neuer Altar in dieselbe gestiftet und der ehrwürdige Kerstan von 
Ornre (örner) mit demselben belehnt. Spricht schon dies für den wachsenden 
Wohlstand der Bürgerschaft und die Zunahme der Seelenzahl, so erfuhr die Kirche 
und Gemeinde nicht lange danach noch eine wesentliche Förderung dadurch, 
dass im Jahre 1434 unter dem Pfarrer Konrad von Rosla von dem Rate der Stadt 
die verwüstete und fast verlassene Pfarrkirche S. Eustachii zu Wesenstedt, die 
bisherige mater, ihrer filia in Hettstedt einverleibt wurde, wie vermutlich schon 
zuvor die Bauern dieses Dorfes sich, um bessern Schutz zu finden, vor der Stadt 
angesiedelt haben mochten. Man konnte das Pfarr- und Kirchengut von Wesen- 
stedt in Hettstedt umsomehr gebrauchen, als sich ein vollständiger Neubau der 
für die stark angewachsene Gemeinde nicht mehr ausreichenden Hettstedter Pfarr- 
kirche als notwendig herausgestellt hatte, mit welchem man schon im Jahre 1418 
begonnen hatte, wie eine über dem südlichen Portal der Kirche befindliche in 
Stein gehauene Inschrift bekundet, welche lautet: 

ittflum r • pxt^u 
ÜÜ0 ünt II'' 



cac° fjiii°. 



Zwischen den Ziffern CCCC und XVIII erblickt man in einem schräg stehenden 
Schildchen eine Wolfsangel abgebildet. >\ Es bleibe dahingestellt, ob dieselbe 
das Zeichen des Steinmetzen ist, der ^^ die Inschrift angefertigt hat, oder 
das Wappenzeichen des Bistums Halberstadt, da ja gerade damals der Bischof 
von Halberstadt der Landeslierr der Hettstedter war. Wie überall in gleichem 
Falle, hatte man auch hier zuerst den Chor zu bauen begonnen. Im Jahre 1429 
muss derselbe vollendet bezw. eingeweiht worden sein, da ein Pfeiler an der nord- 
östlichen Ecke des Chors die zwar nicht mehr vollständige, aber doch genügend 
aufklärende Inschrift trägt: 

lnn(i im mcucuiii 
ut iiittrii(icl|rii 1 »c 

(Es folgen noch 2 Zeilen mit undeutlicher Schrift.) 

welche ofienbar besagen soll, dass zu der angegebenen Zeit der Chor, an dem sie 
sich findet, eingeweiht worden sei. 

Das Schiff der Kirche, welches natürlich erst nach Vollendung des Chors 
an die Reihe kommen konnte, wurde nachweislich erst im Jahre 1445 angefangen, 
da eine Inschrift Jan einem Pfeiler desselben auf der Südseite berichtet: 

6* 



84 Mansfelder GeWrgskreis. 



fccpta r trr rcdr^ia. 

Unter ecclesia ist hier ofTenbar das eigentliche Kirehengebäiide, das Schiff, zu 
verstehen, da ja nacli den vorher angeführten Inschriften ein anderer Teil des 
Gesamtgebäudes, der Chor, schon früher begonnen und vollendet worden war. 
Wenn es nun befremdlich erscheinen kann , dass man nach Fertigstellung des 
Chors 16 Jahre, also eine ziemlich lange Zeit, verstreichen Hess, ehe man mit dem 
Baue des Schiffes begann, so erklärt sich diese Verzögerung doch leicht aus 
mehreren Umständen. Erstlich hatte man unmittelbar nach Fertigstellung des 
Chors, ja noch vor dessen Einweihung, im Jahre 1428 mit dem kostspieligen Bau 
des Glockenturmes, der wohl das nächste dringende Bedürfnis war, den Anfang 
gemacht, wie eine noch erhaltene, in Stein gehauene Inschrift links von dem nach 
Westen zu gelegenen Portale des Turmes bezeugt. Dieselbe lautet: 

Anno milleno | quadringentesimo pleno 
Viginti octo (cunctis?) | secunda feria iunctis 
Corporis post festum | Christi hoc opus inceptum. 

Oder nach der Verdeutschung in M. Rankes Brandpredigt: 

Zu bauen wurd gefangen an 
Wohl dieses Werk, da Jedermann 
Zählt tausend und vierhundert Jahr 
Auch acht und zwanzig, das ist wahr, 
Des andern Tags, als war gewest 
Frohnleichcnam, des Papstes Fest. 

Sodann aber hatten die Wirren, welche der Eroberung der Stadt vorhergingen, 
die Eroberung selbst, und der wirtschaftliche Niedergang der Bürgerschaft, welcher 
diesen Ereignissen folgte, ohne Zweifel die Wirkung gehabt, dass man aus Mangel 
an Mitteln länger mit dem Beginne des Baues warten musste, als man ursprünglich 
wohl beabsichtigt hatte. Ja, es muss schon als ein Zeichen der Wiederkehr 
günstigerer Verhältnisse und beginnender landesväterlicher Fürsorge seitens der 
(irafen von Mansfeld, der neuen Stadthon-en, angesehen werden, dass schon sechs 
Jahre nach dem Tage, der Hettstedts Wohlfahrt einen so argen Schlag verset;5t 
hatte, mit dem Bau des Schiftes begonnen werden konnte. Immerhin scheint 
derselbe infolge der eingetretenen Verarmung nur langsam von statten gegangen 
zu sein. Denn wenn auch keine Inschrift sichere Auskunft darüber giebt, wann 
das Schifl der Kirche vollendet worden ist, so hat der Bau doch sicherlich, zumal 
da der Turmbau nebenher ging, mehrere Jahrzehnte gedauert Während nach 
einer für verbürgt zu haltenden Nachricht die Aufführung der Turmspitze am Tage 
vor Pantaleon (27. Juli) 1475 gefeiert werden konnte, sollen die Gewölbe des Schiffes 
gar erst im Jahre 1517 vollendet worden sein. Dass die erstere Nachricht auf 
Wahrheit beruht, beweist schon der Umstand , dass man im Jahre 1482 auf dem 
Turme eine in diesem Jahre gegossene, aber nicht lange erhalten gebliebene Glocke 
aufhing, welche folgende Inschrift trug: 

Consolor viva, fleo mortua, pello nociva. 



Hettstodt 85 



Sie zersprang im Jahre 1514 durch Verwahrlosung seitens der sie läutenden 
Schuhmachergesel len . 

[S] Der grosse Brand des Jahres 1697, durch welchen die Stadt fast völlig 
eingeäschert wurde, — nur 27 Häuser blieben stehen — zerstörte auch alle 
öffentlichen Gebäude. Von der S. Jakobikirche blieben nur die Mauern stehen ; 
auf dem Turme schmolzen, da er innerlich ausbrannte, auch die Glocken; gleich- 
wohl hat die Architektur der Kirche von diesem Brande nur wenig gelitten. 

Die Wiederherstellung der Kirche erfolgte bis zum Jahre 1706, erstreckte 
sich aber, vermutlich weil die Mittel fehlten, nicht auf die Gewölbe desSchifiTs und 
den massiven Giebel desselben. Beides wurde vereinfacht; eine Holzdecke für 
das Schifl und eine Fachwand für den östlichen Giebel mussten genügen. Das 
zierliche Gewölbe des Altarraumes war von dem Feuer nicht zerstört worden. 
Der Turm erhielt nun eine Haube und nur auf der üstseite zwei kleine gedrückte 
Ecktürrachen. Das Mauerwerk des Turmes ist übrigens an den Ecken mit einer 
Rundstablisene versehen. 

Die Kirche zeigt hier und da hübsche Verhältnisse, die um so vorteilhafter 
wirken, als die Frontmauern ebenfalls ansprechend wirken. 

[B] Der Grundriss der Anlage ist insofern nicht streng regelmässig, als die 
Ostseite (19,90) eine geringere Weite hat, als die Westseite (21,30 m). Der Kirchen- 
raum ist also nach Osten zu um 1,40 m enger als an der Westseite, eine Erscheinung, 
die sich gar nicht selten findet. Hier scheint sie absichtlich herbeigeführt zu sein, 
um das LangschifF durch diese perspektivische Fälschung länger erscheinen zu 
lassen, als es wirklich ist. 

Nr. 48 zeigt die Ansicht der S. Jakobikirche, Nr. 49 den Grundriss. (s.S. 86.) 
[S] Die Pfeiler des Altarraums, welche sich dem verkehrreichen Markte zu- 
wenden (Nr. 50, siehe S. 87), sind so gebaut, dass sie mit einer Spitze nach aussen 
treten, also 4 durch Lisenen eingefasste Flächen zeigen. Bevor die beiden drei- 
eckig vortretenden Aussenflächen die ganze Höhe erreicht haben, ziehen sie sich 
zu einer schlanken Spitze zusammen und lehnen sich gegen die breite Flachseite 
des hinteren Pfeilerstückes, aus dem sich eine achteckige Spitze entwickelt Auf 
halber Höhe scheinen Heilige auf Konsolen gestanden zu haben, worüber jedoch 
nichts bekannt geworden ist. 

An demselben Teile der Kirche sieht man in einem südlichen Winkel ein 
zierlich ausgestattetes Portal mit reich gegliedertem , stilvollem Gewände (Nr. 51 
Ansicht und Nr. 52 Profil, siehe S. 87), über welchem ein starkes Hohlkehlen- 
sims nach oben verkröpft ist, um Raum zu bieten für eine zierlich umrahmte 
Inschrifttafel aus dem Jahre 1418 1), welche schon oben besprochen ist (Nr. 55 In- 
schrift.) Zum Zierrat dienen Rosetten, welche in ungleicher Anordnung und doch 
ebenmässig in die Hohlkehle verteilt sind. (Nr. 54 Rosette.) 

Das westliche Portal ist etwas einfacher und weniger glücklich entworfen. 
(Nr. 55 westl. Portal.) Die auf den Quadern des Mauerwerks aufgefundenen Stein- 
metzzeichen ersieht man aus Nr. 56. (Nr. 53, 54, 55 und 56 siehe gleichfalls, wie 
Nr. 50 -52, auf S. 87.) 



') Durch Versehen ist auf der Zeichnung statt des richtigen Jahres XVIII die Zahl 
XLIII gegeben worden. 



Mansfelder Gebirgslireis. 




T\ }thi^^:i>^ 



88 Mansfolder Gebirgskreis. 



Das Innere der Kirche hat 1837 eine Herstelhing erfahren, über welche 
jedoch nichts von Belang zu berichten ist. 

[G] Die Abendmahlskelche 1), welche die Kirche besitzt, sind nicht sehr 
alt. Ihrem Alter nach folgen sie so aufeinander: 

1. Ein silberner Kelch aus katholiscljer Zeit, der auf den Buckeln die In- 
schrift MARIA und ausserdem folgende Nachricht trägt: 

Hie calix Anno 1636 Martij 25 e templo Hetstedensi 
a milite sacrilego direptus, elapso quinquennio sump- 
tibus Dn. Nicolai Poberlij Hetsted. inauratus denuo 
circa Pentecostes festum eidem fuit restitutus. 

2. Ein silberner Kelch vom Jahre 1651 , auf dessen Fusse geschrieben steht: 

Michael Hesse hat diesen Kelch zu St. Jakob zu Hetstedt 

verehret Anno 1651. 

3. Ein silberner Kelch vom Jahre 1665, welcher ausser dem Namen JHESV8 
auf den Buckeln des nodus die Inschrift hat: 

Had vorehrd Balthasar Hiebnfer in die Kirche 

za Hetsted Anao 1665« 

4. Ein silberner Kelch aus dem Jahre 1681 mit der Inschrift: 

^üB bttii ISIitrmfitfftiniQ #friin DOrgiii. Indreae Pfeiffers 
f\nt öi( llirtfft {ti ^ttt^ttt öUffn %t\^ 168]. 

6. Der Krankenkelch aus dem Jahre 1702 mit der Umschrift: 

2lu5 bem Permäd]tni§ 5r. Barbarae Danrothens, gebobrencn 
3dgerin liai bic Kird]c 5U fjettftcbt bicfen Keld], bic KrancFen 
bamtt 3U communicircn ^702. 

Die der Kirche gehörige Oblatenschachtel trägt auf ihrem Boden die 
Inschrift: 

Sierra l|at srrrfjrrt \% üir Sirdir }ur %t\\U^X 

A. B. Hiebner Anno 1684. 

Um der darin enthaltenen Nachrichten willen seien auch die Inschriften 
mehrerer zinnerner Blumenkelche mitgeteilt: 

1) Ein Blumenkelch vom Jahre 1626: 

Joachim Schöpfer Senator hie Hcttstadii obiit anno 
Christi 1626 aetatis suae 39 ann. 



^) Die Inschriften der nachfolgenden Kirchengerate sowie der Glocken verdanke ich der 
gütigen Mitteilung des lutherischen Pfarrere Heinrich Rembe aus Eisleben, d. Z. zu Montreal 
in Canada. 



Hettstedt. 89 



2) Ein Blumenkelch vom Jahre 1652: 

JlniCrras Sdiopfet, fiCius eias, ctnis et mrrcaioc £aC6ecstai(: 

in memoriam srnipitemam almat pacis ional pairiae snae 

hu quab die 7. ftptilis anno 1652. 

3) Zwei Blumenkelche vom Jahre 1779 : 

5ttm Xn^enfen bt^ Stiebena btn 6. Junü 1779 ^emiömet 
6er liv(^e 3» 'betifiäbt von Stdonie <$rie5erife l&elmin. 

4) Ein Blumenkelch aus demselben Jahr: 

5um 2lnbenfcn bcs 5n«^^tt5 ^cn 6. 3uni ^779 ^^r 
Ktrd)c 5UC f^cttfldbt gctribmct Don Anna Magdalena 

Sophia, Perm. KüE^nin. 

Auf der Altardecke aus dem Jahre 1695 steht: 

Jffntin f^otif! lü Cfitrint bin %\tit^$ {utt Sicnöf» 
txtvtffvtB CffrifViopff l^inmatittii l^el. ttfiltot» 

über die Erbauung der Orgel im Jahre 1749 giebt folgende Inschrift an 
derselben Auskunft: 

Dei gloriae | Ecclesiae Devotion! | Templi 
splendori | sub felici Regimine | Domini 
Friderici Augusti|Potentissimi RegisPolon: 
et I Electoris Saxon: | cura | Senatus Het- 
stadiensis Eccles: ac Schol: Patroni | Hoc 
organon pneumaticum | exstructum est | 

MDCCXLIX 

Da der Brand im Jahre 1697 sämtliche vorhandenen Glocken vernichtet 
hatte, so sind die jetzt vorhandenen Glocken sämtlich erst nach diesem Jahre 
gegossen. Gleichwohl verdienen sie wegen der auf ihnen mitgeteilten, wenn auch 
zum Teil irrigen Nachrichten Beachtung. 

1. Die Hauptglocke von 1,91m Durchmesser aus dem Jahre 1698 hat 
folgende Inschriften, die namentlich für die Geschichte Hettstedts von Wichtigkeit 
sind: Auf der einen Seite: 

Convoco, si templum, si poscit cuiia, cives; 
Pulsor et ad pacem vespere, mane, die. 
Moereo cum moestis, cum laetis laetor ubique, 
Consono, seu bona sunt tempora, sive mala. 
Da Deus, ut resonem sexcentos salva per annos, 
Cumque suis serva civibus Hetstedium. 

4£d waven a^i^iq 3ai^v unb ein^ no(^ nt(^t vevfioffen, 
Da i^ 3um brüten üla^l in i,vfnvitf mav gegoflfen^ 



90 Mansfelder Gebirgskreis. 



5tt vttfen b\e (5emeiii, al« mt^ 5a6 Stuer fva^ 

illtt Hir^e, (C^ttvm unb $tabt nun, Iberr, mi(( lange las« 

M. Andr/Rancke Past. Prim. 
Jobst Wilhelm Hornemann von Zeiz goss mich in Hetstedt. 

Auf der andern Seite: 

S. S. Trinitati 

Regnante Serenissimo ac Potentissimo 

Principe ac Domino 

Dn. Friderico Augusto 

Rege Poloniae et Electore Saxoniae 

Gioriosissimo 

Domino nostro clementissimo 

(1880) Hac urbe metallica MCCCLXXX fundatai) 

(1430) MCCCCXXX moenibus cincta 

lilustrissimis Dominis Dn. comitibus 

Mansfeldensibus 

Dominis nostris (Tratiosissimis 

(1463) MCCCCLIII egregiis privilegiis dotata 

(1673) MDLXXlll cum metalli fodinis Hetstadiensibus ab episcopatu 

Halberstadensi ad Electoratum Saxonicum 
£x permutatione translata 

(1697) Die X. Mai MDCXCVll eheu! exusta 

me 

(1698) Eodem fato destructam MDCXCVUl denuo 

redintegrätam 

restituit et reddit 

Senatus populi Hetstadiensis. 

2. Die Sonn tag sglocke ebenfalls aus dem Jahre 1698, von 1,65 ra Durch- 
messer hat folgende Umschrift: 

Senatus Hettstad« h. t. 

I. Ordin: Coss. Augustinus Schlegel. Johann Meyer. 

Assess: Christoph Heinrich Macht. Philipp 
Reisse. Christian Gottschalk Jeremias Rost 

II. Ord.: Coss. Hieronymus Böttcher. Zach. Sichting. 

Assess: Balthasar Jaeger. Christoph Ulrich. 
Joh. Balthasar Hübner. 



*) Dasö diese in den Inschriften häufig wiederkehrende Annahme durchaus irrig ist, ist 
oben nachgewiesen. 



Hetttjtedt. 91 



Auf der einen Seite steht: 

Jesu Christo | Fiüo Dei unigenito | Salvatori et Servatori. | 
Rabbiosa (sie!) flamma die ! X. Meyi anno MDCXCVII | Deperditam refici 
curat I dat dicat dedicat | Anno salutis christianae ] MDCXCVIII | Patronus 

Ecclesiae | Senatus Hesta- 1 diensis. 

Auf der andern Seite: 

Me vorat ignis edax, reficit me provida patrum 
Cura; Deus faxit secula longa canam ! 
Atque meo cantu veniat pia turba frequenter, 
Aethereo regi corda animosque ferens. 

Wolfg. Christoph Grosschupff 
Actuar. iurai F. 

Jobst Wilhelm Hornemann von Zeiz goss mich in Hettstedt. 

3. Die Vesperglocke von 1,08m Durchmesser aus dem Jahre 1702 ver- 
meldet Folgendes: 



Deo nostro. | Hac urbe metallica ob metalli | fodinas MCCCLXXX 
fundata | sub consulatu | Augustini Schlegelii | et | Johannis Meyeri | 
MDCCII denuo refectam | dicat dedicat | Senatus Populusque Hot- 
stad. I M. Andr. Rancke Fast. Prim. 1 M. Gottfried Berver Diac. 



4. Die Betstundenglocke von 0,93 m Durchmesser, ebenfalls aus dem 
Jahre 1702, hat diese Inschrift: 

$fi| uns gnädig, Ken; 9M, 
Sri| Qn5 gn&i[ig in alev AotH. 
ISierjn üat nermadief finrdiaciC üithtt, Sarfcodi alhitt XL Süalec 

JRidi go«s 3(ü. 3aco6 Kofmann in £al[e 
ftnno MDCCn. 

6. Die beiden ührglocken vom Jahre 1698 haben ein und dieselbe Inschrift; 
beiden ist das Hettstedter Wappen eingeprägt; der grösseren (0,53 m Durchmesser) 
ausserdem der gekreuzigte Christus mit der Überschrift: (gelitten unter Pontio 
PilatO gecreusiget. 

Die Inschrift aber lautet: 

Urbe metallica MCCCLXXX | fundata, die X. Mai 

MDCIIIC I eheu exusta me fieri iussit | ut horas rite 

indicerem | Senatus Hetstadiensis | Anno MDCIIC | 

Ab Justo Gvilielmo Hornemanno Cizae. 

6. Die zwei ührglocken auf dem Seigerturme, beide mit dem Hettstedter 
Wappen, haben beide folgende Inschrift: 

Anno 1723 go88 mich Martin Heintze aus Leipzig. 



92 Mansfelder Gebirgskreis. 



Erwähnung verdient nun noch ein zwar nicht mehr vorhandenes, aber 
immerhin beachtenswertes Bauwerk, die Kapelle des heiligen Kreuzes, die 
in oder bei dem ehemaligen Dorfe Molmeck stand, welches der Rat von Hettstedt 
im Jahre 1435 von den Herren von Walter wiederkäuflich erworben hatte. Zwei 
Hettstedter Bürger, namens Claus Bothe und Heinrich Besenstedt, hatten nämlich 
eine Pilgerfahrt ins heilige Land und zum heiligen Grabe gemacht Nach ihrer 
glücklichen Heimkunft aus dem Morgenlande erbauten sie im Jahre 1504 in Mol- 
meck die Kapelle des heiligen Kreuzes, deren Ijage insofern merkwürdig war, als 
ihre Entfernung von dem alten Hettstedter Rathause, welches mitten auf dem 
Markte stand, genau dieselbe war, wie die der Schädelstätte bei Jerusalem von 
dem Richthause des Pilatus. Claus Bothe selbst soll die Entfernung durch Schritte 
ausgemessen haben. Die Erbauer nannten die von ihnen gegründete Kapelle 
capella S. Crucis ad montem Calvariae und Hessen an derselben folgende 
Inschrift anbringen: 

Anno milleno quingentesimo quarto inceptü est presens 
sacellum S. Crucis ad montem Calvariae Dominica 

Johannis Babtiste. 

Am 11. November 1506 weihte der Halberstädter Vikar, der Bischof Matthias 
von Gades, dieselbe feierlich ein. Aber sie hatte nicht lange Bestand infolge der 
von der Reformation herbeigeführten Veränderungen. Im Jahre 1589 Hess der 
Rat sie abbrechen und die Steine anderweitig verwenden, vermutlich weil in 
demselben Jahre, wie es scheint, auch das Dorf Molmeck von seinen Bewohnern 
verlassen wurde, welche sich vor dem Molmeckschen Thore in der nach ihnen 
benannten Molmeckschen Gasse ansiedelten. Infolge dieser Übersiedlung musste 
die Molmecker Kapelle überflüssig erscheinen, zumal kein religiöses Bedenken ihre 
Erhaltung forderte. 

Horla. 

[GJ Kirchdorf, 27 km südwestlich von Hettstedt, an der Horla, einem rechts- 
seitigen Zufluss der Wipper, ehemals in der Herrschaft Morungen im Gaue 
Friesenfeld, bezw. im Banne des Archidiakonats Kaldenborn gelegen, mitlHSO: 316; 
1890: 283 Einwohnern. Der Name des Ortes (urkundl. nur 1400 Horle) ist ent- 
weder aus ahd. horo Kot, Schlamm, Schmutz, Sumpf und ahd. lacha = stehendes 
Wasser, Pfütze gebildet oder enthält als zweiten Teil der Zusammensetzung den 
dat. sing, von ahd. hleo = clivus Hügel. Im ersteren Falle bedeutet er „Schlamm- 
bach, kotiger Sumpf,^' im letzteren, wenn horlcwe oder horle als Urform voraus- 
gesetzt werden darf, ,,zu dem aus Sumpf sich erhebenden Hügeln Das „Siegel 
der Gemeinde Horla" zeigt als Siegelbild einen Laubbaum, also wohl die Dorflinde, 
den Versammlungsplatz und damit das Sinnbild der Bauernschaft. 

Die sehr kleine, angeblich dem h, Georg geweihte Kirche, deren Turm aus 
einem auf dem Ostgiebel aufgesetzten Dachreiter von Fachwerk besteht, wie auch 
das Kirchensiegel die Kirche mit einem doppelhaubigen Dachreiter darstellt, trägt 
an der Südseite eine Tafel mit der Inschrift: 

Gott allein die Ehre. 1834. 



Königerode. 



93 



Auf einer zinnernen Kanne steht: 

Sirdifttkattiir }n %$xl 1687. 

Die beiden Glocken haben 0,80 und 0,67 m Durchmesser. Die kleinere ifet 
1870 von Ulrich in Apolda gegossen, die grössere ist dagegen alt und trägt eine 
schöne Majuskelinschrift aus der Blütezeit der Gotik, welche schon einmal, aber 
unrichtig und ungenau in Rosenkranz (Neue Zeitschr. f. d. Gesch. der german. 
Völker I, 2, 49.) veröffentlicht worden ist. Diese Inschrift, deren Formen mit 
denGlockeninschriften zu Strenz und Alsleben im Seeki-eise Verwandtschaft zeigen, 





^ 



Nr. 57. 



lautet nach Autlösung der Abkürzungen: 

^ Campana • Sancte Nicolai, sonitum nostrum, pater, audi. 

Nimmt man das erste Wort für sich, so kann das Folgende für einen Hexa- 
meter genommen werden. Übrigens ist das Wort audi, weil es im Kranze keinen 
Raum mehr fand, was zur Folge hat, dass seine Formen sich nicht gleich den 
übrigen Buchstaben der Inschrift bandartig aus dem Kranzboden erheben, offenbar 
durch Einritzung in den Mantel der Form hervorgebracht worden, da die Züge 
desselben nur aus fadenförmigen Linien bestehen. Diese Glocke soll übrigens bei 
der „wüsten Kirche'* unweit der Käckelsburg (ein Dorfbewohner nannte letztere 
— vermutlich richtiger — Kadolzburg) gefunden worden sein. Es ist das ver- 
mutlich die Stätte des in das Erzbistum Mainz gehörigen frühzeitig eingegangenen 
Dorfes Horlehayn, welches nach Ausweis der Glocke eine Kirche S. Nikolai 
gehabt haben^ also wohl von Niederländern gegründet sein dürfte. 



Königerode. 

[OJ Kirchdorf, 22 km westlich von Hettstedt, in der Herrschaft Rammelburg 
im vormaligen Schwabengau, bzw. im Harzbanne (bannus nemoris) gelegen, mit 
1880: 1028; 1890: 994 Einwohnern. Der Name des Ortes (urk. 962 Cuningarod, 
1400 Konningerode und so auch später) kann „Rodung des Königs '\ aber auch 
„Rodung der Nachkommen oder Angehörigen des Chuno (Kuno)'' — vermutlich 
eines Edlen von Wippra — bedeuten. Das ältere „Gemeine Siegel z. Königerode" 
hat zum Siegelbilde einen Laubbaum, offenbar die Dorflinde, als Sinnbild der dort 
sich versammelnden Dorfgemeinde. 



94 Mansfelder Gebirgskreis. 



Die gegenwärtige Dorfkirche mit schlanker Turmspitze stammt aus dem 
18. Jahrhundert (1748 und 1749) und ist überdies neuerdings restauriert worden^ 
Doch muss schon weit früher, d. h. schon im Mittelalter eine Kirche dagewesen 
sein, wie nicht nur die bald zu erwähnende Glocke, sondern auch das Kirchen- 
siegel beweist, aus denen beiden sich zugleich ergiebt^ dass die Königeröder Kirche 
dem Apostel Andreas geweiht war, eine Wahl des Schutzheiligen, die an und für 
sich auf ein hohes Alter deutet. Das verhältnismässig sehr alte Kirchensiegel 
enthält folgende Inschrift in gotischer Minuskel: 

Hh §. faacti ^ flsürtf ^ ia Hh k$u'iitx$it ^ 

und führt den Apostel Andreas mit Heiligenschein und dem ihm eigentümlichen 
Kreuze als Siegelbild. Die Kirchenrechnungen, die vielleicht manchen geschicht- 
lichen Fingerzeig enthalten, reichen bis zum Jahre 1602 zurück, die Kirchenbücher 

bis 1608. 

Die drei Glocken haben 1,38, 0,95 und 0,75 m Durchmesser. Die grosse 
vom Jahre 1494 hat folgende Umschrift in gotischen Minuskeln: 

o 3 o gU$ o S o >«r o § o « o ;] o CCCC § imillll [] 

l|il( o |gt 3 «ari( 3 o Ux$t 3 ^ 

Die Mittelglocke ist von H. Engelcke in Halberstadt im Jahre 1816 gegossen; 
die kleine, genannt „das kleine Steinglöckchen," hat keine Inschrift, soll aber früher 
eine gehabt haben, also lautend: 

3>ec ütxt tddtft VLni gicfit das CeBim. Cr fuHret 
in die Aide und mitiii betaas. G. B. 



Kupferberg. 

IGJ Vorstadt oder Dorf, unmittelbar vor Hettstedt, nur durch die Wipper von 
der Stadt getrennt, vormals in der Freiherrschaft Arnstein im Schwabengau, bezw. 
im Archidiakonat Aschersleben gelegen. Seinen Namen verdankt der Ort dem 
hier ehemals anstehenden Kupferschiefer, den die (sagenhaften) Bergleute Neucke 
und Nappian im Jahre 1199 entdeckt und hier zuerst abgebaut haben sollen. 
Beide vermutlich mythische Persönlichkeiten, deren Name eigentlich der von Erz 
schürfenden Zwergen sein dürfte, worauf auch die Alliteration hinweist, sind als 
Bildwerke in Stein ausgeführt und werden letztere im Sitzungszimmer des Berg- 
amts in Eisleben aufbewahrt, (Siehe Mansfelder Seekreis unter Eisleben.) 

Schon 1223 wird der Ort urkundlich erwähnt als mens qui cupreus dicitur. 
Damals stand auf demselben bereits eine Kapelle, welche bis dahin der Hett- 
stedter Pfarre unterstellt gewesen war, aber in jenem Jahre aus dem Hettstedter 
Pfarrverbande gelöst wurde, weil der Edle Albert von Arnstein die Absicht hatte, 
mit dieser Kapelle ein Hospital zu verbinden. Wenige Jahre später (1223—1229) 
wird dieses Hospital bereits als vorhanden erwähnt. Da es 1241 als hospitale beate 



Eapferbergr 95 



Marie et beati Gingolphi martiris in Hetstide bezeichnet wird, so war die ur- 
sprünglich allein vorhandene Kapelle jedesfalls der Jungfrau Maria geweiht, während 
das Hospital den h, Gangolf zum Schutzherrn erhielt, der auch sonst als Snhutz- 
herr von Hospitälern vorkommt Etwa um 1250 wurde mit dem Hospital auch 
noch ein Kloster verbunden, gegründet von Mechtild, der Witwe des oben 
erwähnten Edlen Albert von Arnstein, welche selbst in das neugegründete Kloster 
als Nonne eintrat. Aber schon bald nach 1256 wurde das noch unfertige 
Kloster nach Oberwiederstedt verlegt. (Genaueres hierüber siehe unter 
Ober-Wiederstedt.) In dem sogenannten „Engelgarten*' auf dem Kupferberge, 
welcher zu dem Rittergute in Walbeck gehörte, waren 1828 die Kudera dieses 
Klosters noch vorhanden; später soll es in den Besitz der Querfurter Mönche ge- 
kommen sein und hiess daher auch der Mönchhof, doch lässt sich dieser Name, 
obschon derselbe nicht recht zu passen scheint, auch dadurch erklären, dass das 
Nonnenkloster unter der Aufsicht von Predigermönchen stand, die auch später 
öfter dort absteigen mochten. 

fSJ Das jetzige Kirchengebäude S. Mariae et Gingolphi stammt nach seinen 
spitzbogigen Fenstern aus dem späteren Mittelalter. Dasselbe bildet ein Rechteck 
von 22 ^l^ra Länge, 8^1^ m Breite (s. Nr. 58), besitzt also keinen polygonalen Ab- 




8,V 



Nr. 58. 

schluss, und hat nur einen kleinen Dachreiter als Turm. Südlich ist eine Sakristei 
und westlich eine Vorhalle angebaut. Infolge der Verwendung eines nicht wetter- 
festen roten Sandsteins sieht das Bauwerk ausserordentlich baufällig aus. Das 
Innere ist, weil in Gebrauch, etwas besser imstande. 

Auf dem Altar befinden sich einzelne Teile eines Altarschreins, der zu 
Gunsten einer inmitten desselben angebrachten Kanzel auseinandergenommen ist. 
Das Mittelstück enthielt Marias Besuch mit dem Kinde bei Elisabeth, mit vielen 
Personen rechts und links. Links vom Altar stehen Matthaeus und Lucas, rechts 
Johannes und Marcus übereinander, sämtlich ziemlich schlecht geschnitzte Figuren 
in gemalten Nischen. 

Auf den Flügeln erblickt man die Verkündigung, die Geburt Christi, die 
Anbetung der drei Könige, die Kreuzigung. Auf der Predella sind Petrus und 
Paulus gemalt. 

[G] Nach dem Berichte des Predigers Siebold (1828) stand in der Sakristei ein 
beschädigtes Bild des h. Gangolf, welches vom auf der Brust einige Löcher zur 
Verwahrung der Reliquien hatte. In dem Altare aber „befand sich hinter einer 



96 Mansfelder Gebirgskreis. 



Doppelthür, die geöffnet werden kann, ein Bildnis, auf einem Kissen liegend, in 
der rechten Hand, wie es scheint einen Dolch, der in die Brust gestochen ist, 
wahrscheinlich ebenfalls den Schutzheiligen vorstellend''. In der That seheint 
diese Darstellung zur Legende des h. Gangolf zu stimmen, dessen Verehrung 
übrigens erst seit dem XII. Jahrhundert durch niederländische Kolonisten nach 
dem Sachsenlande verpflanzt worden zu sein scheint. (Otte, Kunstarchäol. 
V. Aufl. I, S. 572.) 

Der Taufstein ist stark zopfig. 

Die beiden Glocken von 0,69 und 0,59 m Durchmesser sind von Friedrich 
See in Kreuzburg im Jahre 1826 gegossen worden. 



Leimbach. 

[G] Kleine Stadt, 6 km südwestlich von Hettstedt, an der Wipper und dem 
Leimbache, vormals in der Grafschaft Mansfeld im nördlichen Hosgau, bezw. im 
Banne Eisleben gelegen, mit 1871: 1412; 1H80: 2325; 1890: 3353 Einwohnern. 
Der Ortsname (urk. 973 Lembeke, 1230Lembecke, 1305 Lymbecke, 1400 Leymbecke, 
1578 (im Stadtsiegel) Leimbick, 1609 Leinebig, später Leirabach) bedeutet Lehmbach, 
bezw. einen an einem Lehmbache gelegenen Ort. Das Ortssiegel mit der 
Umschrift: 

8 • des - Rats • zv • Leimbick 1578. 

zeigt als Siegelbild S. Paulus mit dem Schwerte und S. Petrus mit dem Schlüssel, 
beide mit Heiligenschein, ohne Füsse, wie Wappenhalter neben dem grätlich 
mansfeldischen Gesamtwappen (Raute, Balken, Adler, Löwe) stehend. I^etzteres 
bekundet die alte Zugehörigkeit des Ortes zur Grafschaft Mansfeld, erstere sind 
die beiden Schutzheiligen, denen die Leimbacher Kirche geweiht ist. Nach 
andern soll Leimbach einen Fisch im Siegel führen. Doch hat mir ein solcher 
Stempel mit diesem Inhalt nicht vorgelegen. Unwahrscheinlich ist aber die An- 
gabe nicht, welche das an der Wipper gelegene Leimbach als einen fischreichen 
Ort bezeugen würde, während das jetzige Stadt- Siegel im wesentlichen eine 
Wiedergabe des Leimbacher Kirchensiegels zu sein scheint. 974 vertauschte der 
Abt Werner von Fulda den Besitz seines Klosters in liCmbeki an das Erzstift 
Magdeburg. 1305 erscheint Friedrich Kaga urkundlich als Dienstmann des Grafen 
Jiurchard (IV.) von Mansfeld und Voigt von Leimbach, ein Amt, was bereits auf 
das Vorhandensein des Schlosses hindeutet, welches vormals in Leimbach 
bestand und nach der Sage „Trutz-Mansfeld" hiess, weil es von einem Grafen von 
Mansfeld zum Trotze gegen seinen Bruder erbaut worden i), von welchem aber 
jetzt gar kein beträchtliches Überbleibsel mehr vorhanden ist. Es stand nicht fern 
dem Hüttenplatze, einzelne Mauerüberreste sowie umfangreiche Keller und Gewölbe 
bekunden noch jetzt seinen Ort Da 1565 noch ein „Hofprediger von Leimbach*' 
(in der Mansfelder Konfession) erwähnt wird, so muss das Leimbacher Schloss um 
diese Zeit noch bestanden haben, aber bald darauf verfallen sein. Da kein Prediger 



1) GröBsler, Sagen der Grafschaft Mansfeld etc. Eisleben 1880, Nr. 147. 



Leimbach. 97 



vrieder seitdem den Titel Hofprediger führt, liegt dieser Schluss nahe. Aus dem 
wüsten Schlosse wurden Colonistenwohnungen gemacht. (Vgl. öser, Topogr. S. 302.) 
Übrigens ist zu beachten, dass das vorgenannte Geschlecht der Eaga offenbar 
Veranlassung zur Entstehung des Dörfchens Kagendorf gegeben hat, welches un- 
weit von Leimbach weiter abwärts an der Wipper liegt 

Bei der Erbteilung von 1420 wurde das Dorf Leimbach dem Grafen Gebhard 
vom Mittelort zugesprochen. Nach dem Aussterben des älteren Mittelorts im 
Jahre 1492 wurde Leimbach bis 1499 von den Grafen gemeinsam besessen, kam 
aber in der neuen Teilung des Jahres 1501 an den Vorderort, bei dem es in der 
Folge verblieb. Als dann auf dem Schlosse Mansfeld an Stelle der Wirtschafts- 
gebäude ein neues stattliches Schloss, der Hinterort, erbaut wurde, verlegte man 
erstere nach dem nahen Leimbach zu und nannte die neue Anlage „das neue 
Vorwerk*' (urk. 1565), welches als „Leirabacher Amtshof" zwischen Leimbach 
und Schloss Mansfeld noch jetzt fortbesteht. Zu dem neuen Amte wurden die 
Dörfer Leimbach, Vatterode, Piskaborn, Gräfenstuhl, Annarode^ Thondorf, Benndo?f, 
Volkstedt, Blumerode und Gorenzen geschlagen, die seitdem bis in unser Jahr- 
hundert zu dem Amte Leimbach gehört haben. 

Infolge der Verstärkung des Berg- und Hüttenbetriebs zu Anfange des 
16. Jahrhunderts scheint auch die Bevölkerung Leimbachs beträchtlich sich ver- 
mehrt zu haben, was die damals noch lebenden Grafen des Vorderorts, Hoier und 
Ernst, veranlasste, sich an Kaiser Karl V. mit der Bitte zu wenden, er möge 
Leimbach zur Stadt erheben. Sie machten geltend, dass ihrer „Unterthanen Ein- 
kommen und Geniess am meisten aus dem Bergwerk wäre, wie denn auch viele 
fremde Personen ihre Nahrung und Unterhalt darin suchten und hätten," und 
dass wegen der Menge des Volkes die Erhebung mehrerer Mansfelder Dörfer zu 
Städten wünschenswert sei. Darauf begnadigte denn auch der Kaiser Karl V. 
den Flecken Leimbach — seit wann das Dorf als Flecken galt, lässt sich nicht 
sagen — mit Stadtrecht, mit Handwerken, mit einem Jahrmarkt und einem Wochen- 
raarkt im Jahre 1530, was später die Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II. 
bestätigten. 

Beim Eintritt der Sequestration mehrerer Fünftel der Grafschaft fand man 
das Amt Leimbach so überschuldet, dass es im Jahre 1571 den Gläubigern von 
Dalwig, von Bodenhausen, von Dieskau, von Krosigk, von der Schulenburg, von 
Drachsdorf überlassen werden musste. Die Rechte dieser Gläubigerschar brachte 
Ernst Hans von der Asseburg an sich, dessen Familie dann das Amt im Jahre 
1601 an Jakob von Schenk auf Flechtingen für 25,000 Thaler verkaufte. Eine 
Urkunde des Grafen Franz Maximilian von Mansfeld bezeichnet im Jahre 1668 
„Christian Volrad, Albrecht Antonius, Christian Werner, Rudolf Busso und 
Jakob, alle von Schenk'' als Besitzer. Bei der Familie von Schenk ver- 
blieb das Amt bis zum Jahre 1859, in welchem es der Freiherr von der Reck 
durch Kauf erwarb. 

Da das Städtchen Leimbach öfter durch Brände gelitten hat, so hat es kein 

altertümliches Gepräge. Dasselbe gilt von der jetzigen Petri -Pauli -Kirche, 

welche aus dem Jahre 1776 herrührt, da die ältere in demselben Jahre durch 

Feuer zerstört worden war. 

/SJ In der Kirche findet sich ein altes Messing-Taufbecken mit der bekannten, 

Mansfelder Gebirgskreis. 7 



d8 Mansfelder Gebirgskreis. 



rätselhaften, noch nicht entzifferten Inschrift und einem getriebenen Ornamente 
im Mittelfelde. 

In einem alten Kirchenbuche befindet sich ein Diarium der Pastoren Gerlich, 
Brauer und Planert aus den Jahren 1704 — 1732. Auf dem Turme hängen drei 
Glocken, welche 1,17, 0,93 und Op3 m Durchmesser haben. Die beiden grcisseren 
sind von Friedrich August Becker in Halle im Jahre 1782 gegossen worden; die 
kleine besitzt gar keine Inschrift, scheint aber nach ihrer Form sehr alt zu sein. 

(Gross-) Leinungen. 

[GJ Kirchdorf, 27 km südwestlich von Hettstedt, zwischen Mooskammer und 
Ankenberg am Zusammenflusse der beiden Quellbäche der Leine, und zwar mit 
dem älteren Teile des Dorfes ehemals im thüringischen Helmegau, bezw. im Erz- 
priesterbezirk Ünter-Berga des mainzischen Archidiakonats Jechaburg gelegen. In 
späterer Zeit gehörte Gross- Lein ungoii zur Herrschaft Morungen, in älterer Zeit 
jedesfalls nicht, da die Grenze zwischen dem thüringischen Helmegau und dem 
sächsischen Friesenfeld, bezw. zwischen den Diöcesen Mainz und Halberstadt so 
durch das Dorf lief, dass das ältere (Gross-) Leinungen auf thüringisch-mainzischem 
Boden lag und nur das verschollene Munis-Leinungen auf sächsich-halberstädtischem. 
Der Ortsname (urk. 1253 Linunge, 1273 Liuüngen, 1347 Liningen, 1495 maior 
Linungen, 1506 maior Lynungen — 1400 Munis lynungen in banno Coldenborn) 
bedeutet entweder einen an einem mit Leinkraut bewachsenen Gewässer gelegenen 
Ort, oder einen an einem Bergwasser gelegenen.^) 

Der Flecken Gross-Leinungen besass auch einen Bat und ein Bathaus. Das- 
selbe wurde im Jahre 1565 erbaut und der Amtsinhaber, Asche von Holle, gab 
aus den Morunger Forsten das Bauholz dazu. Seine Gemahlin Hille von Maren- 
holz und deren Schwester Margarete gaben unter anderem ihre Wappen in die 
Fenster.'^) Das Gemeindesiegel ist verhältnismässig alt. Dasselbe ti'ägt die 
Umschrift: 

^ D. Gemeine zv Grosenleinvng. 

und zeigt auf einem Wappenschikle das Gotteslamra mit der Kreuzesfahne, darüber 
die Jahreszahl 1588. Vielleicht deutet dieses Siegel auf das ehemalige Vorhanden- 
sein einer Kirche S. Johannis des Täufers in Leinungen hin. — Ein späteres vom 
Jahre 1805 (die letzten beiden Ziffern sind undeutlich) zeigt dagegen ein Wappen- 
schild mit schraffiertem Unterteil, jedoch sonst ohne erkennbaren Inhalt» 

Im Dorfe befindet sich ein altes, dem Baron von Eller -Eberstein gehöriges 
Rittergut, bei welchem ein altersgrauer viereckiger Turm von rohem Mauerwerk, 
der einzige Überrest des ehemaligen Schlosses Leinungen, wahrzunehmen ist, 
dessen Geschichte sehr im Dunkel lag, aber durch einen Sprossen des freiherrlichen 
Geschlechts, Freiherrn Louis Ferdin. v. Eberstein in Berlin, genügend aufgehellt 
worden ist. 3) Nach den Darlegungen desselben empfing im Jahre 1529 Herdan 



^) Vgl. Grössler, Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder Grebirgskreises (Zeitschr. 
des Harzver. XIX, S. 330 (1886.) 2) j^. p. v. p:berstein, Histor. Nachrichten über Gehofeu, 
Leinungen und Morungen 1889 S. 130. ») Ebenda ö. 122—124 u. 180. 



(Gross -) Leinnngen. 9d 



Hacke von dem Grafen Gebhart VII. v. Mansfeld „vor dem Keck Leinungen die 
Hüttenstätte zu einem freien Äittersitz" nebst 6 Hufen Landes zu Deikenroda 
lind I^engefeld u a. Auf diesem Grundstücke erbaute Hacke den sogenannten 
Junkernhof, dessen Herrenhaus anf dem Hecke stand, wo jetzt das sogenannte 
„Schloss*' nebst Brauhaus sich befindet 1537 verkaufte Herdan Hacke „sein frei 
Rittergut zu Leinungen*' tür 5000 Gulden an den Grafen Philipp II. von Mans- 
feld, der alsbald das Amt (den locus iudicii) von Morungen nach Leinungen auf 
das dortige, in besserem Stande befindliche Rittergut verlegte. 1563 liess der 
damalige Inhaber des Amtes, Asche v. Holle, durch den Baumeister Christoph 
von Sulzbach den Turm des Amtshauses bauen. Noch zu Anfang dieses Jahr- 
hunderts hatte das „Schloss^ zu Leiuungen ein stattliches Aussehen, aber während 
der Befreiungskriege wurde ein Teil nach dem andern baufällig.^) 

Das Gebäude der dem Erzengel Michael geweihten Kirche ist ganz modern. 
S. Michael scheint auch in dem Kirchensiegel von Gross -Lein ungen und Morungen 
seinen Platz gefunden zu haben, da dasselbe einen Engel zeigt, der in der Rechten 
einen Palmenzweig trägt. Der östlich vom Schilf stehende Turm hat eine schlanke 
Schieferspitze und vier Eckspitzchen ohne Corpus darunter, eine Weise, die sich 
in hiesiger Gegend, z. B. an der Marienkirche zu Sangerhausen, öfter findet. Über 
die Geschichte der Kirche ist nur bekannt, dass im Jahre 1442 die Herren Frie- 
drich, Hans und Eckebrecht, Gebrüder von Morungen, als Lehnherren ihrer Pfarr- 
kirche zu Grossleinungen in derselben einen Altar und eine Vikarei gestiftet 
und mit zwei freien Höfen daselbst u. a. dotiert haben. Ausserdem setzten sie 
21 Gulden jährlichen Zins aus für „den, der Vikarius ist," welcher 3 Messen für 
sie, ihre VorCrfiren und Erben lesen sollte. 1576 wurde auf Kosten der damaligen 
Amtsinhaber, der Gebrüder Gebhart, Philipp und Klaus von Bortfeld, die Kanzel 
vorgerückt und die Emporkirche , sowie auch einige Kirchenstühle gebaut 2) Das 
Innere der Kirche bietet gar nichts Eigentümliches. In der Sakristei ist ein un- 
bedeutendes Gemälde, die Auferweckung der Toten darstellend. An der äusseren 
südlichen Langmauer der Kirche erblickt man den noch ziemlich gut erhaltenen 
Grabstein eines Grafen von Mansfeld, dessen Vorhandensein an dieser Stelle 
sich dadurch erklärt, dass die Grafen von Mansfeld mit der Herrschaft Morungen 
auch das zu derselben gehörige Gross -Leinungen besessen haben. 

Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,18, 1,04 und 0,87 m Durch- 
messer. 

Die grosse vom Jahre 1491 hat ausser mehreren undeutlichen Münzabdrücken 
und der ebenfalls undeutlichen Nachbildung eines Altarschreins auch einige 
Medaillons, unter denen auf der Westseite die Pietas (Maria, Christi Leichnam auf 
dem Schosse haltend, darüber 2 Engel mit Christi ungenähtem Rock) ,3) hervor- 
zuheben ist, während auf der Ostseite, wo übrigens das vorige Medaillon nochmals 
erscheint, ein Crucifixus und das Brustbild eines Bischofs mit Krummstab an- 
gebracht sind. Die Umschrift in gotischen Minuskeln lautet: 



1) L. F. v Eberstein, Histor. Nachrichten, S. 122-124 u 130. ») Ebenda S. 117 und 131. 
* Dasselbe Medaillon .kehrt auch in Opperahausen (Kreis Langensalza) und in Bodenrode 
(Kreis Worbis) wieder. (Bemerkung von G. Sommer.) 

7* 



100 Mansfolder Gebirgskreis. 



Xw9 + Ni + «° cccc° iimi + 
xtn + jiiorif + ifi + 9tai + tum + |iirr + 

iia(ia + utütnx. 

Vor dem Worte Anno steht noch ein Blatt und ein Schildchen mit dem 
Meisterzeichen (siehe Nr. 59) , demselben Zeichen , welches an der grossen Glocke 
des Dorfes Gatterstedt (im Kreise Querfurt) aus dem Jahre 1478 wiederkehrt, auf 
welcher aber der Giesser ebenfalls nicht genannt ist. 






Nr. 59. Nr. 60. 

Die Mittelglocke aus dem Jahre 1516, von schlechtem und namentlich 
in den Schriftzügen mehrfach misslungenem Guss, trägt ausser zwei Reliefs, 
nämlich auf der Westseite dem Bilde des Evangelisten Johannes mit dem Kelche, 
auf der Ostseite dem der h. Anna selbdritt (mit Maria und Jesu auf dem 
Arme), sowie dem Bilde der Maria und eines Bischofs, folgende spätgotische 
Minuskelinschrift: 

lano + i0mini «ccccciui + l|iif + |0t + 
0000 + ffll + irlttc + il|frP0 + ii0ri0 + tn 
j|i0rie + ipe + prni + m« + |i0rf /X< + 

10110000 :p 00C0t0r ^. 

Darunter folgen zunächst die Namen der vier Evangelisten, dann die der 
heiligen drei Könige, und zuletzt, wie es scheint, der des Giessers, mit seinem 
hier wiederholten Giesserzeichen, sowie einigen andern unklaren Zeichen. 

+ iPC00 + «0rc00 + i0l|00C0 + «0t|rP0 
+ C0f|ifr + ttirld|i0r + l0it|0f0r + + I + l| 
. . . . ( l|000 000 tüftl itx ipogrr mnit j^^ 

An der punktierten Stelle stehen die Zeichen, welche aus obenstehender 
Nr. 60 ersichtlich sind. 

Die kleine, ziemlich lang gestreckte Glocke (ohne die Krone 0,80 m hoch) hat 
gar keine Inschrift und zeigt nur auf der Haube den Abdruck einer Münze, an- 
scheinend eines Bracteaten. Ihrer Form nach ist sie wohl sehr alt. 

Der erste evangelische Pfarrer zu Leinungen war Johann Kolbenach, der 
Donnerstag nach Epiph. 1527 von Gehofen kam. Vikar war Johann Malzan, der 
auf der dicht neben der Pfarre gelegenen Vikarei wohnte und bis zu seinem 
1530 erfolgten Tode die Pfarre zu Morungen besorgte. Von da ab musste auf 
Anordnung des Grafen Gebhart von Mansfeld Kolbenach auch die Pfarre zu 



Mansfold. 101 



Morungen mit versehen. Er starb am 30. Okt. 1559 zu Sangerhausen auf einer 
Hochzeit. Sein Nachfolger war M. Georg Bieber, der Sohn eines Seifensieders 
ans Eisleben. 

Nach dem dreissigjährigen Kriege gab es im Jahre 1655 in Leinungen 29 
wüste Stätten; bei einer im Jahre UKJo von Amts wegen abgehaltenen Besichtigung 
stellten sich in Leinungen 50 bewaffnete Unterthanen. i) 

Mansfeld. 

[G] Drei Orte tragen gemeinsam den Namen Mansfeld. Man hat 1. Dorf und 
Kloster, 2. Burg oder Schloss und 3. Stadt oder Thal-Mansfeld zu unterscheiden. 
Alle drei Orte lagen vormals im nördlichen Hosgau, bezw. im halberstädtischen 
Archidiakonatbezirke (Banne) Eisleben. Die Frage ist, welcher von den drei Orten 
der älteste ist. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der Name ursprünglich 
nur dem Dorfe, welches jetzt Kloster - Mansfeld heisst, zukam, da die Bedeutung 
desselben (= Feld, d. h, Waldrodung des Mano) viel besser zu dem auf der Mitte 
der Hochfläche gelegenen Dorfe als zu einem der beiden andern Orte passt Auch die 
weit ausgedehnte, zu dem Dorfe Kloster -Mansfeld gehörige Feldflur spricht dafür, 
dass dieses ursprünglich der alleinige Ort dieses Namens gewesen, in dessen 
Gemarkung dann das Schloss, aber auch schon im frühen Mittelalter, und endlich 
am Fusse des Schlosses eine ziemlich früh zum Flecken bezw. zur Stadt erhobene 
Ansiedlung erbaut worden ist. Von dem Schlosse ging dann der Name auf das 
zu demselben gehörige Gebiet über, welches teils als Herrschaft, teils als Grafschaft 
bezeichnet wird, je nachdem die Besitzer dieses Gebietes ein Grafenamt zu ver- 
walten hatten oder nicht. 

Einige urkundliche Erwähnungen der drei Orte sind folgende: 973 Mannesfelt, 
1133 Mandesvelde, 1142 Mannesveit, 1147 Mansvelt, 1229 castrum Mansfelth (ei*ste 
ausdrückliche Erwähnung des ohne Zweifel viel älteren Schlosses), 1240 Mansvelt, 
1365 Mansfelt, 1400 vallis Mansfelt (erste ausdrückliche Erwähnung der Stadt 
Thal- Mansfeld). 

Auch die Sage hat sich mit der Entstehung und Erklärung des Namens 
Mansfeld befasst. Sie leitet denselben bekanntlich, freilich in nicht zu billigender 
Weise, von dem W^orte „Mann" ab und deutet ihn als „des Mannes Feld" unter 
Bezugnahme auf die ganze Grafschaft, 2) während das Bestimmwort offenbar einen 
Personennamen enthält Nur ist natürlich nicht, wie früher manche Gelehrte an- 
nahmen, an Mannus, den bereits von Tacitus erwähnten Ahnherrn der Germanen, 
und ebensowenig an einen Sohn des biblischen Aschkeuas zu denken. 3) Viel- 
mehr ist Mano ein nicht allzuselten vorkommender Personenname, welcher 
dasselbe Wort ist, wie das nhd. Mond, und z. B. auch in dem Namen 
Mondsee (urk. Mananseo), vielleicht auch in Mannstedt bei Buttstedt (urk. 
Mannestat) u. a. erscheint Auch die Mamburg, eine wüste Burgstätte bei 



1) L. F. V. Eberstein , Histor. Nachrichten über Gehofen , Leiniingen und Morungen, 
S. 168 und 170. '^ Gröasler, Sagen der Grafschaft Mansfeld etc. Nr. 137. »j So Abel 
in seinen deutschen und sächsischen Altertümern S. 6. 



102 Mansfelder Gebirgskreis. 



Burgörner, scheint demselben Mano ihre Entstehung zu verdanken, der Manesvelt 
gegründet hat. 

Wir werden die Orte nun in der durch ihr voraussetzliches Alter bestimmten 
Keihenfolge betrachten, welche übrigens zugleich die alphabetische ist. 

Dorf (oder Kloster -)Mansfeld. 

[G] Grösseres Kirchdorf, 7 km südlich von Hettstedt, hatte 1784: 593; 1880: 
1243; 1890: 3955 Einwohner. (Vgl. das vorher über Mansfeld Gesagte.) 

Das Dorf Mansfeld, welches erst nach längerem Bestehen des Klostere da- 
selbst den unterscheidenden Namen Kloster- Mansfeld bekommen konnte, also 
frühestens nach dem Jahre 1042, kommt verhältnismässig selten in Urkunden 
vor, ist aber ohne Zweifel der älteste unter den drei Orten dieses Namens 973 
trat Abt Werinher von Fulda dem Erzbischof Adalbert von Magdeburg seinen 
Besitz in dem Dorfe Mannesfelt ab; 1229 erhielt das bei der Burg Mansfeld neu 
gegründete Kloster (später in Helfta) von seinem Stifter auch Grundbesitz im 
Dorfe Mansfeld. 1328 übergab nach Spangenberg Graf Burchart von Mansfeld 
dem im Doife Mansfeld selbst befindlichen Kloster „alles ius und eigenthumb 
am Dorf Mansfelt, darein sein Sohn grave Gebhart gewiliiget." 

Das „Kloster Mansfcldsch. Gemeine. Sig.^' zeigt als Siegelbild unter einer 
fünfzinkigen Krone ein Kleeblatt bezw. einen Dreipass, umgeben von zweigartigen 
Arabesken und eingefasst von der Jahreszahl 1738. Vermutlich hat die Dorf- 
gemeinde, wie das auch anderswo hier und da geschehen ist, das "Wappen einer 
Gutsherrschaft als Bild in ihr Siegel aufgenommen. Woher das Kleeblatt genommen 
ist, bleibt freilich noch zu ermitteln. In dem Dorfe befinden sich (ausser dem 
ehemaligen Klosteramte) zwei Rittergüter, mit welchen ursprünglich jedesfalls 
zwei Mansfelder Burgmannen belehnt waren, wenn nicht eins von beiden der 
ürsitz der gi*äflich mansfeldischen Familie (vor Erbauung des Schlosses) war. In 
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren beide Rittergüter im Besitze der 
Familie von Boden; eines derselben besass später ein Herr von Stutterheim. Von 
dem Wappen einer dieser Familien könnte vielleicht das Gemeindesiegel ent- 
lehnt sein. 

Vor allem aber zieht das in dem Dorfe ehemals vorhandene Kloster, von dem 
das Dorf schliesslich sein auszeichnendes Bestimmwort empfing, die Aufmerk- 
samkeit auf sich, zumal dasselbe eines der ältesten Klöster im Lande war. Nach 
der gewöhnlichen Annahme ist dasselbe im Jahre 1170^ gegründet worden, jedoch 
spätere Nachrichten 2 machen es höchst wahrscheinlich, dass das Kloster im Jahre 
1042 bereits bestand, also in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts gegründet 
worden ist. Nach einem von Cyr. Spangenberg aufbewahrten ürkundenauszuge, 
gegen dessen Echtheit sich kein erheblicher Verdacht geltend machen lässt, hat 
Kaiser Heinrich III. im Jahre 1042 dem Kloster Mansfeld für „ein schön güldenes 
creutz, mit edelgesteinen gezieret, und ein wunderbar künstliches krüglein, so 

1 So auch Puttrich 11, 2, Eisleben S. II. Und so schon Cyr. Spangenberg in der noch 
zu nennenden Schrift, obwohl er sich dabei in einen Selbstwiderspruch verwickelt. ^ Cyr. 
Spangenberg, Historia von Ankunft, Stiflftung und anderen Sachen des Klosters Mansfeld. 
Eisleben, Andreas Petri 1574. Dieses Schrift«hen ist sehr selten geworden. 



Dorf (oder Kloster-) Mansfeld. 103 



auch wol etwas wert gewesen, die er an sHi genommen" dem Abte Adelrad zu. 
Kloster Mansfeld Ländereien im Dorfo Faulensee gegeben. ^ Wenn es nun auch, 
worauf schon Spangenberg selbst aufmerksam gemacht hat, Bedenken erregen 
könnte, dass hier ein Abt als Vorstand des Klosters erwähnt wird, während später 
immer Frieren demselben vorstanden, so ist doch dieser Umstand nicht ausreichend, 
die Echtheit jenes ürkundenauszugs und damit das so frühe Vorhandensein des 
Klosters zweifelhaft zu machen, da dasselbe ursprünglich recht wohl als Bene- 
diktinerkloster gegründet sein kann und erst geraume Zeit später infolge seines 
Anschlusses an den Josaphatorden eine andere Einrichtung erhalten haben mag. 
(1357 wird dasselbe als ecclesia sancte Marie virginis in Mansfelt ordinis sancti 
Benedicti de valle Josaphat, 1516 aber als claustrum assumpcionis beate Marie 
virginis de valle Josaphat in pago Mansfelt Halberstadensis diocesis ordinis sancti 
Benedicti bezeichnet) 

Der Anschluss des Klosters an den im heiligen Lande bestehenden Josaphat- 
orden wurde nach Spangenberg durch den Markgrafen Albrecht den Bären herbei- 
geführt, welcher „auch etliche mönche, unter welchen sonderlich einer, Gottschalck 
gcnand, gewesen, aus demselben Kloster (im Thale Josaphat) mit sich über meer 
in Deutschland gefüret, die er zu iren Ordensverwandten in Closter mansfelt ge- 
bracht, und sie von seinen erbgüttern begäbet und wohl versehen und sonderlich 
die zwo kirchen zu Osterkötene und Kuyno (Chogine) mit irem einkomen ein- 
geleibet und neben andern jerlichen Zinsen übergeben , darzu bischof Ulrich zu 
Halberstadt, so mit dem Markgrafen im gelobten Lande gewesen, gerathen und 
Ertzbischoff Wichmann zu Magdeburg solches bestedigt Und iimb solche Zeit 
achte ich, sei auch die pfarre zu Purote (?) bey Koten ans closter komen. Was 
sich nu also zugeti-agen, hat im Amabicus, dazumal (1157—1180) Patriarch von 
Jerusalem, gefallen lassen und darüber seine brieffe gegeben, welche dan forder 
Babst Alexander der dritte zu Rom auch confirmirt hat. und so oft ein Prior 
zu Clostermansfelt abgestorben, hat der successor die confirmation bey dem 
Patriarchen zu Jerusalem holen müssen. Da aber solchs hernach der weiten reise 
halben beschwerlich und auch gefehrlich war, ist die volmaeht, einen prior zu 
confirmiren, durch den Bapst und Patriarchen dem Ertzbischoff zu Mentz (etliche 
melden dem zu Magdeburg) gegeben worden.^'*'^ Da Markgraf Albrecht im Jahre 
1158 im Morgenlande war, so wird man auf dieses Jahr oder bald nachher die 
Umgestaltung des Klosters und seine Unterwerfung unter den Orden vom Thale 
Josaphat ansetzen müssen. 

Einen zweiten Gönner fand das Kloster nach Spangenbergs Bericht ^ in dem 
Grafen Hoier (IV)* von Mansfeld, welcher gleichfalls eine Pilgerfahrt in das 



') vgl. Mansfelder Urkundenbuch S. 821. Nr. 1. -) Spangenberg a. a. O. 3) A. a. O. und 
auch in der Mansfelder Chronik, Fol. 281 ''. *) K r um h aar , Die Grafen von Mansfeld, S. 13, sieht 
in diesem Hoier den dritten dieses Namens , aber mit Unrecht , da Hoier III. im Jahre 1157 zum 
letztenmal urkundlich erwähnt wird, und da dessen Gemahlin nicht Bia, sondern Cunigunde hit-ss. 
Vielleicht aberliegt die Sache so, dass Hoier III. eine Pilgerfahrt ins gelobte Land mit Albrecht ku- 
sammen gemacht hat und auf derselben gestorben ist, woraus sich am einfachsten erklären würde, 
warum derselbe nach 1157 nicht mehr urkundlich vorkommt. Sein Tod kann zugleich für 
seinen Sohn Hoier IV. Veranlassung gewesen sein, den Neubau der Klosterkirche im Verein 
mit dem an der Wallfahrt beteiligt gewesenen Markgrafen Albrecht zu imternehmen, der in 



104 Mansfelder Gebirgskreis. 



^lobte Land (im Jahro 1173) gemacht hatte und nach seiner Rückkehr von dort 
für das Kloster Sorge getragen und „mit bewilligung seiner gemahel Pia und 
seiner Söne G. Burckharts und Q. Hermanns, auch seiner Brüder 6. Ulrichs 
un N. (so!) dem closter Mansfelt zehn huffen landes und etliche stattliche Gelt- 
zinse eigenthümlich übergeben. Des sind Zeuge gewesen Ertzbischoflf Wichmann 
zu Magdeburg, Bischoff Ulrich zu Halberstadt, und Marggraf Dietrich zu Meissen 
beneben seinem Bruder.'' Diese Darstellung stimmt mit der Klosterüberlieferung, 
dass Markgraf Albrecht von Brandenburg und Graf Hoier (IV.) von Mansfeld das 
Kloster im Jahre 1170 gegründet hätten, obwohl dieselbe den Thatsachen nicht 
völlig entspricht, im wesentlichen überein. Dieselbe hat sogar in einem alten, 
in der Kirche von Kloster Mansfeld noch vorhandenen Gemälde (Nr. 61) Ausdruck 
gefunden. Da dieses Gemälde für die Geschichte des Klosters von bedeutendem 
Werte ist, so möge schon an dieser Stelle eine Beschreibung desselben stehen. 
Es stellt die Klosterkirche dar, wie sie im Mittelalter aussah, auf den Händen ge- 
tragen von den beiden oben genannten angeblichen Stiftern. Markgraf Albreclit, 
als alter Mann mit langem Barte, stattlichem Pelzrock und kugelartiger Mütze 
welche durch ein Band und eine Stirnschleife festgehalten zu werden scheint, hält 
den östlichen Teil der Kirche. Graf Hoyer, bartlos und bedeutend jünger dar- 
gestellt, in einen kittelartigen Überwurf mit gepufften Ärmeln gekleidet, mit Hals- 
band, aber ohne Kopfbedeckung, hält den westlichen Teil der Kirche. Beide 
knieen; vor ihnen stehen in gothischen Minuskeln ihre Namen: 

aiaibert? Mardiii 
lagert cmt^. 

Zur Rechten des Markgrafen kniet sein ältester Sohn Otto, sein Nachfolger, ein 
junger Mann, ohne Kopfbedeckung; hinter Albrecht seine Gemahlin Sophia (eine 
Tochter Heinrichs des Löwen), wie die beigeschriebenen Namen erläutern. Ein 
grünender Baum deutet auf das Fortblühen des Geschlechts. Hinter dem Grafen 
Hoyer kniet dessen Gemahlin Bya, wie der beigeschriebene Name (l|a) besagt 
(Dieselbe war angeblich eine geborene Gräfin von Arnsberg.) Auch hier spriesst 
ein Baum empor und zwar noch höher, als der auf der rechten Seite. Zu den 
Füssen eines jeden Grafen liegt, schräg an die Kirchenmauer gelehnt, ein Schild. 
Der zur Linken (vor dem Grafen Hoyer) zeigt die Brustbilder eines Mannes und 
einer Frau in einer Tracht, welche der der übrigen Personen gleicht, also jedes- 
falls von edler Geburt. Vermutlich sind es Darstellungen Ulrichs, eines Bruders 
des Grafen Hoyer (IV.) (den Spangenberg als Mitstifter nennt) und dessen Ge- 
mahlin. Der andere Schild ist nur mit Beschlägen geziert. Hinter der Kirche 
erscheint in einer Strahlen-Mandorla die Mutter Gottes als Himmelskönigin, die 
Krone auf dem Haupte und das Jesuskind auf dem Schosse. Über das Ganze 
verbreitet sich ein flatterndes Spruchband mit folgender Inschrift in gotischen 
Minuskeln: 

iMcipt + 9ir(0 + piü + tili + imui + Nnaoit + Maria. 



verwandtschaftlicher Beziehung zu Hoier III. gestanden haben kann oder auch vielleicht 
Ursache hatte, aus Dankbarkeit sich an dem Neubau der Klosterkirche zu beteiligen, der das 
Seelenheil seines Fahrtgenossen sichern sollte. 



Dorf (oder Kloster-) MaosfeW, 105 

Dieser Spruch ist offenbar bei der im Jahro 187U f^tuttgcbabtes , (laut einer Auf- 
schrift am UDteren Kande des Bildes von C. Nover) Übel ausgeführten Übermaliing 
des Bildes, welches dadurch fiist ganz verdorben ist, entstellt worden. Das Wort 
damus könnte ursprunglich auch domus gelautet haben: aasserdem glaube ich 
auch noch das Wort hoc gelesen zu haben, welches auf der Sommerschen Zeichnung 
nicht erscheint. Oleichwuhl ist die Absicht der inzwischen wieder starli ab- 
geblätterten Inschrift völlig klar; die beiden Erbauer der Kirche übergeben die- 
selbe als Geschenk der h. Jungfrau Maria. 




Als Unterschrift dient eine ebenfalls in Minuskeln geschriebene Nachricht 
über die Zeit der Gründung. Dieselbe lautet: 

Am liitf l irimi(T« 1 « l r l (« l fiUtii \%9\ trtWi Utl« l ( l 

Aufgelöst : 

Anno dominicb incarnacionis 1170 fundacio huius cenobii facta est. 



106 Mansfelder Gebirgskreis. 



(Die Sommersche Zeichnung bringt irrtüralich die Abkürzgung v9 statt h% dmn 
statt dmice, frta statt fcta, hogerus statt hageius). 

Da übrigens die Schrift aus Minuskeln besteht, so kann es keinem Zweifel 
unterii^en, dass das Bild, zu dem sie gehört, nicht aus der Zeit der angeblichen 
Gründung, dem Jahre 1170, stammt, wie in Kruse's Archiv (III, Heft V und VI, 
1828) ohne weiteres angenommen wird, sondern fiühestens aus dem Anfange des 
15. .Jahrhunderts. Liegt aber ein Zeitraum von mindestens 200 Jahren zwischen 
der Anfertigung des Bildes und der auf ihm dargestellten Begebenheit, so kann 
recht wohl eine Verdunkelung oder Entstellung der geschichtlichen Überlieferung 
eingetreten sein. Es wird also trotz dem Bilde daran festgehalten werdön müssen, 
dass die Gründung des Klosters schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts 
erfolgt ist, aber gleichwohl ist auch die Behauptung der Inschrift in gewissem 
Sinne als richtig anzuerkennen. Da nämlich Markgraf Albrecht 1159 von seiner 
Wallfahrt nach Jerusalem zurückgekehrt, seine Gemahlin Sophia aber schon 1160 
gestorben und dennoch auf dem Bilde mit abgebildet ist, so liegt der Schluss nahe, 
dass die Gründung der Kirche jedesfalls vor IIÜO erfolgt sein müsse und nur die 
VS^eihung im Jahre 1170 stattgefunden habe. Übrigens lassen sich die ans dem 
mehrfach besprochenen Urkunden auszuge und die aus der bildlichen Darstellung 
gewonnenen Ergebnisse ganz gut so mit einander vereinigen, dass man annimmt, 
die eigentliche Gründung des Klosters habe in der ersten Hälfte des 11. Jahr- 
hunderts stattgefunden, ein Neubau der Klosterkirche dagegen, welcher 
späteren Jahrhunderten als „Gründung" erschien, in der zweiten Hälfte des 
12. Jahrhunderts, wofür auch die architektonischen Formen des Gebäudes 
sprechen, denn diese deuten auf die gleiche Bauzeit wie die der Drübecker und 
anderer Klosterkirchen, welche man ins 12. Jahrhundert setzen muss. 

Auch später erwiesen sich die Grafen von Mansfeld, welche das Kloster im 
Dorfe Mansfeld als Familienkloster zu betrachten Ursache hatten und sich desselben als 
Erbbegräbnisses bedienten, wie z. B. der in der Schlacht am Weifesholze im Jahre 
1115 gefallene Graf Hoier im Kloster Mansfeld begraben sein soll, wo man noch 
lange Zeit nachher seinen steinernen Sarg zeigte, den Insassen des Klosters als 
Wühlwollende Gönner. So schenkte Graf Hermann v. Mansfeld, der Schwiegersohn 
des letzten Grafen aus Hoierschem Stamm, dem Kloster im Jahre 1231i einen 
Wald bei Blumerode und mehrere Hufen in den Dörfern Helbra, Hedersleben und 
Polleben. 1328 aber überwies Graf Burchart den Mönchen, wie schon bemerkt, 
„alles ins und eigenthunib am Dorf Mansfelt," was für das Kloster sicher eine 
höchst willkommene Schenkung war. Auch eine nicht unbeträchtliche Zahl von 
Kirchen war dem Kloster unterstellt. Ausser den schon früher genannten Kirchen 
in dem (um 1350 bereits wüsten) Dorfe Osterköthen, in Kühnau und in 
Thurau, für deren Zugehörigkeit zum Kloster sich später freilich keine Spur 
mehr findet, besass das Kloster nach Spangenberg noch das Pati'onatsrecht 
über die Kirchen zu Rottelsdorf, Todendorf (Thondorf), Siebigerode, Klein - 
oder Burg-Örner und die S. Stephanskapelle zu Grossen- Oerner.i Zu Pfarrern 
dieser Kirchen bestimmte man die bürgerlichen Conventualen des Klosters, 
ein Verfahren, duich welches die adeligen Conventualen nach Spangenberg 



1) Nicht Biirg-Orner, wie Krühoe, Mansf. Urkb. S. 826, unrichtig angiebt. 



Dorf (oder Kloster-) MaDsfeld. 107 



y,GS endlich dahin gebracht, dass man niemand, denn nur Adlige, dahin ein- 
nehmen sollte." Nach Urkunden des XV. Jahrhunderts waren die Grafen von 
Mansfeld die Vögte des Klosters, sind es aber höchstwahrscheinlich schon seit 
der Gründung desselben gewesen. Über das Kloster Haselendorf, welches später 
ebenfalls dem Orden vom Thale Josaphat angehörte, scheinen die Mansfelder 
Prioren schon früh ein Aufsichtsrecht ausgeübt zu haben. 

In der mansfeldischen Erbteilung von 1420 fiel das Vogteirecht über das 
Kloster zu Mansfeld und über verschiedene Klosterhöfe an die Grafen Oebhard 
und Busso. Während des „Bauernlerms'' im Jahre 1525 wurde mit anderen mans- 
feldischen Klöstern auch das Kloster Mansfeld zerstört, die Mönche aber wurden 
von dem Grafen Gerhart von Mansfeld -Mittelort, der damals vermutlich die Vogtei 
über das Kloster besass, „in Gnaden dimittirt.'' Der letzte Prior, Pancratius 
Kunszdörfer aus Franken, „hat das closter den Grafen zu Mansfelt resigniret in 
ihre Hende und im eine gewisse summe geldes vorschreiben lassen, ist also mit 
den wenig brüdern, so er noch bey sich gehabt, willigklicli vom closter abgetretten, 
sich in ehestand begeben und eine Zeit lang zu Wiesenrode, darnach zu Rotha 
und Horla, und letztlich zu Vatterode Pfarher gewesen, da er denn auch anno 1564 
gestorben." Als lutherischer Pfarrherr in Kl. Mansfeld wird im Jahre 1554 zuerst 
Andreas Fickelbrenner genannt. Graf Gebhart zog die Klosterbesitzungen ein 
und verwandelte sie in ein gräfliches Amt, worüber der Pirnaer Mönch^ die bittere 
Bemerkung macht: „Des Klosters Provent nahm 1526 die Herrschaft dem neuen 
Evangelio nach zu ihren Händen." Zu diesem Amte gehörten die Dörfer: 
Siersleben, Siebigerode, Wimmelrode, Ziegelrode, Ahlsdorf, letzteres jedoch so, dass 
der Besitzer des dasigen Freigutes die Patrimonialgerichtsbarkeit in dem Dorfe 
ausübte. Nach dem Tode des Grafen Gebhart war das Amt so verschuldet, dass 
Erzbischof Siegmund von Magdeburg im Jahre 1565 die Gläubiger Gurt von Kagen 
und Johann von Barby gerichtlich in dasselbe einweisen Hess; doch scheinen die 
Gebäude des früheren Klosters dem Sohne Gebharts, dem Grafen Christoph, ver- 
blieben zu sein, welcher bis 1573 hier gewohnt zu haben scheint. Wenigstens ist 
sicher, dass in der Kloster-Mansfelder Kirche zwei seiner Kinder begraben liegen: 
Margareta, 1566 an der Pest gestorben, und Ernst, im 15. Lebensjahre gestorben. 
Auch Christophs Schwester Margareta, welche mit dem Grafen Reinhard von 
Isenburg vermählt war, starb hier im Jahre 1573 und liegt in der Kirche be- 
graben. Fast fünfzig Jahre blieb die Familie von Kagen in unterpfändlichera 
Besitze des Amtes. 1602 schloss Graf Ernst von Mansfeld für sich, seinen 
Bruder Friedrich Christoph und den Grafen David mit Curt Kagens seligen Erben 
einen gerichtlichen Vergleich in Höhe von 15,000 Gulden ab, aber erst 1610 
konnte Graf Friedrich Christoph, nachdem er von den Nürnbergern Wilhelm und 
und Andreas Imhof, Martin und George Pfintzing und andern Mitverwandten des 
Gräfenthalschen Seigerhandels 15,000 Gulden leihweise aufgenommen, den Inhaber 
des Amtes, Erdmann von Kagen, abfinden. Als im Jahre 1606 der Hinterort mit 
dem Grafen Christian Friedrich ausgestorben war, wurden die sequestrierten 
Grafen des Vorderortes die Besitzer des Amtes. Die Fürston und Grafen der Born- 
stedter Linie haben die Einkünfte desselben bis zu ihrem Aussterben bezogen. 



i) Mencken, Script II, p. 1626. 



lOS Hansrelder GebirgekreJs. 



Die der Jungfrau Maria gewidmete Klosterkiiche (Nr. 62) ist noch vor- 
handen, aber freilich nicht vollständig, da die 3 Abseiten, die Seitenschiffe und wahr* 
scheinlich auch die beiden Westtürnie feiilen. Der Stiftungszeit entsprechend war die 
Kirche eine Basilica von nur geringer ürösse. (Vgl, den Grundrisa Nr.US aul'S. 10!t.) 
Das Mittelschiff, nur 2 Quadrate lang, war mit Holzdeciie versehen. Auch 
steht nocli das Querschifi*. Von den beiden Abseiten des Querscliiffes sieht man noc)i 
Spuren ihres Ansatzes, von der Haiipt-Absis ist jedoch nichts mehr zu sehen, weil 
der ganze östliche (Jliebel in spaterer Zeit abgebrochen und mit einem dreiteiligen 
Spitzbogenfenster versehen worden ist. Die Seitenarkuden zeigen die Anordnung 



Nr. 62, Jetzige Ansicht. 



niederdeutscher Basiliken, indem Pfeiler und ßundsäulen miteinander wechseln. 
(Nr. 64, Längsschnitt, siebe S. 110). Die Pfeiler haben Kämpfergesimse, (Nr. 66, 
siehe S. 111), die Säulen dagegen Würfelkapitäle, welche im Verhältnis xum 
Schafte ungewöhnlich stark ausgebildet sind. (Nr. töa und b, sielie S. III). Drei 
der Kapitale sind nur von einfacher Zeichnung, mit den üblichen Kugelabschnitten, 
jedoch mit merkwürdigem Abakus, der in einer Häufung verschieden breiter, oben 
eingezogener Leisten besteht Das vierte Kapital, von gefälligerem Verhältnis, 
nicht 80 gedrückt, wie die drei schon erwähnten, zeigt eine verwandte Auffassung, 
wie ein zu Drübeck befindliches, indem es an den vier Ecken durch bäitige Ge- 
sichter rohester Form und zwischen deren Konturen mit grossen Palraetten 



Dorf (oder Kloster-) Maoafeld. 



Hansfelder Oebigeki-eis. 




Dorf (oder Kloster-) Mansfeld. 



in 



Terziert ist* Ebenso sind von entsprechender Eipenttimlichkeit die hier mitge- 
teilten fünf Kämpfergesimse, welche mehr nis anderes auf ein liolies Alter dciilen. 
(Vgl. Fig. 66.) Der Abakus dieses Kapitals besteht uns der iinigekeluteii iiltischon 
Base. Der Fuss der Pfeiler und Säulen steckt in einer Bodenaufiiolmug. Die 



-f- 




. AjAlA 



Nr 06. 
Erhellung des Schiffes erfolgt durch die kleinen Rundbogenfenster über den früheren 
Arkaden, auf jeder Seite vier. Die drei östlichen jeder Seite sind in unschöner 

1) Die Puttriehsphe Form und die im III. Bande des Krusesehen ArchivB (1828), Heft V, VI, 
Tat. I gebrachte Form ist ganz unricbtig; die iiier beigegebene Zeichnuog int freilich auch 
etwas KU lang geraten. 



112 Mansfelder Gebirgskreis. 



Weise nach unten zu verlängert. Unter der^ äusseren Dachsims zieht sich ein Bogeo- 
firies iiü Wellenform entlang, ohne Deckleiste, wie aus Nr. 67 auf S.lll ersichtlich 
ist Ein ähnlicher ßogenfries findet sich auch in Lohra. Da derselbe die Form des 
Bogens verlassen hat und in die der Schlangenlinie übergegangen ist, so wird 
man ihn der Übergangszeit vom romanischen zum gotischen Stile, also etwa dem 
Anfange des 13. Jahrhunderts zuweisen müssen. 

[B] Die Kirche hat manches widrige Geschick über sich ergehen lassen müssen ; 
das stattliche Aussehen schwand aber erst mit dem Abbruche der Seitenschiffe 
und der Abseiten. Doch auch schon in frühester Zeit muss der Bau eine Unter- 
brechung erlitten haben, die ihrer äusseren Erscheinung nicht günstig war; die 
Türme sind nämlich, wie es scheint, nie vollendet worden. Dass sie in üblicher 
Form beabsichtigt waren, ergiebtsich aus der bedeutenden Stärke der vorhandenen 
Turmreste, die auch auf einen ziemlich hoch eniporzuführenden Turmbau schliessen 
lassen. Jetzt steht nur noch der Zwischenbau, der in späterer Zeit mit einem 
Steinaufsatze und zopfiger Haube versehen worden ist. Dieser zeigt nach Norden 
und Süden je einen vermauerten grossen Rundbogen, durch welche also die den 
Seitenschiflen vorgfiegt gewesenen Turm teile mit jenem unten zu einer grossen 
Vorhalle vereinigt gewesen sind. Bis zur Höhe des Kirchendaches war ohne 
Zweifel der ganze Bau gediehen, und erst als die Seitenschiffe niedergelegt wurden, 
können der nördliche und südliche Turm verschwunden sein. Von jenem, dem 
Nordturnie, sind noch Spuren der westlichen Mauer sichtbar. Wäre der Turmbau 
vollendet worden, so würde er wahrscheinlich dem der Kirche in Frose sehr 
ähnlich gewesen sein. 

Das obenbeschriebene Gemälde spricht aber gegen die Vollendung, ja gegen 
eine Turmanlage überhaupt Da die vorhandenen Reste aus romanischer Zeit 
stammen, so muss der Maier den Turm absichtlich weggelassen haben; dabei ist 
nur zu verwundern, dass er an dem Westgiebel des Mittelschiffes ein gekuppeltes 
Fenster angebracht hat, das durchaus romanisch gedacht ist, was für die späte Zeit 
der Entstehung des Gemäldes (15. Jahrh.) sehr auffällig ist. Man könnte dabei 
auf den Gedanken kommen, dass dem Maler eine ältere Zeichnung vorgelegen 
habe aus einer Zeit, wo überhaupt noch keine Turmvorlage geplant und ausgeführt 
war. Dass diese nicht zugleich mit dem Kirchenbau, sondern etwas später ent- 
standen ist, ergiebt sich aus der Verschiedenheit der Kämpfergesimse und auch 
aus dem aussen sichtbaren, nicht bündigen Mauerwerk. — 

Der Zwischenbau, welcher jetzt die Haube trägt, ist mit der Kirche durch 
Süen Rundbogen verbunden, der nicht höher ist als die Arkaden des Kirchen- 
schiffes. Die Kämpfer, auf denen der Bogen ruht, bestehen aus Platte und plumpem 
Wulst (Nr. 66). Über diesem Bogen steht ein zweiter höherer, der einst die Em- 
pore des Mittelbaues mit der Kirche verband. 

Das Querschiff der Kirche ist in ganzer Höhe nur in der Flucht des Lang- 
schiffes erhalten; die Mauern der Seitenteile sind vom Dachgesimse des Langschiffes 
ab in der Richtung der Schräge des Hauptdaches abgeschrägt. Vom Langschiff 
sind ihre Räume jetzt durch je eine Fachwerkwand geschieden. 

Am Altarraum ist auffällig die Verstärkung des östlichen Teiles der südlichen 
Mauer (s. Grundriss), ohne dass der Bogenfries dadurch unterbrochen wird. Dieser 
etztere zeigt nicht eine Schlangenlinie, wie der am Hauptschiff, sondern scharf 



Dorf (oder Kloster-) Mansfeld. 113 



absetzende Bogen. Wenn sie nicht etwa einer späteren umfassenden Ausbessemng 
der Kirche ihr Dasein verdanken — was nicht wahrscheinlich ist — , so beweisen 
sie eben, dass der Chorbau einer etwas älteren Zeit angehört, als das Hauptschiff, 
v/HS nichts Auffalliges hat 

[G B] Im Innern der Kirche befindet sich ein Tauf stein vom Jahre 1582. 
Derselbe trägt am Fusse ganz deutlich die Jahreszahl }5$z. Die Wangen des 
Taufbrunnens zieren Darstellungen der Evangelisten und Wappen. Über einem 
Wappen, welches einen Anker zeigt, steht der Name des vermutlichen Stifters 
des Taufsteins: 

PALTZER V . ROTTORF. 

Die ganze Inschrift, die am unteren Rande des Beckens aussen steht, heisst: 

PALTZER . V . ROTTORF - 
S • MARCVS- V V- V. . M V. W . 8- MAT/EV8 • B • R- 
S- lOHANNES . E- VV. S -LVCAS 

Am obern Rande steht ein frommer Spruch, der nur noch zumteil lesbar ist. 
Oben um den Rand läuft die Inschrift: 

ANNO 82 IST DIESER TAVFSTEIN GEMACHT 
VND IST ERSTLICH DARIN GETAVFT ANDREAS BECKR 

PATEN MATS KONNIGK 
MELCHER RIEMER A R ROT 

Der Steinmetz, der das Ganze gearbeitet, hat folgendes Zeichen beigegeben: 



^^ 



Ausserdem steht im nördlichen Kreuzvorsprunge ein Altarschrein, der im 
Mittelfelde die Krönung der Maria darstellt, welcher, wie schon erwähnt, die Kirche 
geweiht war; in dem linken Flügel erblickt man Petrus und Paulus, in dem 
rechten Stephanus und Philippus. Alle sechs kaum 1 m hohen Figuren zeigen 
lebenswahre Gesichter, schönen, geschmackvollen Faltenwurf und haben eine 
natürlich -anmutige, nicht geknickte Haltung. Sie gehören mit zu den schönsten 
plastischen Kunstwerken des Kreises und dürften dem Ausgange des 15. Jahr- 
hunderts angehören. — 

Von weit geringerem Kunstwerte sind drei Figuren, die ihre Zuflucht auf 
der Oberkante dieses Schreines gefunden haben. Von ihnen ist nur Maria mi^ 
dem Kinde sicher zu bestimmen, in halb geknickter Haltung. Die beiden anderen 
Figuren sind bärtige Männer; dem einen fehlt die rechte Hand; die linke hält ein 
Buch, der andere hält ein Werkzeug in beiden Händen, das Ähnlichkeit hat mit 
dem HandgrifT einer Wage. Diese drei Figuren sind um die Hälfte grösser, als 
die eben beschriebenen sechs. Neben ihnen steht jedoch eine kleinere, welche zu 
jenen sechs passt: wie die über dem linken Arme hängende Menschenhaut an- 
deutet, der heilige Bartholomäus. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit. Der bärtige 
Kopf ist nach der rechten Schulter geneigt, die Augen sind halb geschlossen. 
Mansfelder Gebirgskreis. 8 



114 



Mansfelder Gebirgskreis. 



[G] An der gegenüberliegenden Wand stehen zwei Flügel eines andern Altar- 
schreines, die in 2 Reihen je 6 Heilige zeigen. 



ÖS 


• 


■i 

S5 




i 


1 


Heiliger, 


■ 

1 


1 


S. Jacobus 
d. Ä. 


9 




•-* 



In der oberen ßeihe des linken Flügels stehen a) eine weibliche Heilige, barhaupt; 
b) ein Bischot; c) ein barhäuptiger und bartloser Heiliger, mit der Rechten in eine 
Sacktasche fassend; in der unteren Reihe: d) der Apostel S. Andreas mit dem 
Schrägkreuze; e) ein Mönch mit Kutte, Buch und Kappe, viell. S. Gumbert; 
f) S. Jakobus der Ältere mit Pilgertasche und Muschelhut In der oberen Reihe 
des anderen Flügels erblickt man; g) einen barhäuptigen und bartlosen Heiligen 
mit Buch; h) einen Bischof oder Abt mit einem Kelche in der Linken und einer 
kleinen menschlichen Figur zu seinen Füssen, vielleicht S. Wigbert; i) einen 
barhäuptigen Heiligen mit Buch; in der unteren Reihe: k) S. Christophorus 
mit dem Christkinde auf der Schulter; 1) einen barhäuptigen und bartlosen 
Heiligen mit Steinen im Gewände, also Stephanus; m) einen älteren Mann 'mit 
lockigem Haar in weltlicher Tracht, eine barettartige Mütze tragend, in mantel- 
artigem Obergewand. Da die Beizeichen der meisten Figuren verloren gegangen 
sind, so kann bei den meisten nicht mehr bestimmt werden, welchen Heiligen 
sie darstellen sollen. Einer von ihnen, welchei ein aufgeschlagenes Buch trägt, ist 
vermutlich der h. Ludger. [B] Die schönste von allen zwölf Figuren ist die zuletzt 
erwähnte, der schöne Mann in weltlicher Tracht mit Lockenhaar und Schnurrbart. 
Die andern elf sind auch geschickt gearbeitet, zeigen aber nicht dieselbe Lebens- 
wahrheit und edle Haltung. Es scheint, als ob diese zwölf Figuren etwas älter 
seien, als die erstgenannten sechs. Die Grösse der zwölf Figuren ist übrigens etwas 
geringer, als der sechs. Das Ganze ist leider sehr beschädigt und aus diesem 
Grunde wahrscheinlich aus dem Mittelschiff entfernt worden. 

[O] Die mächtige steinerne Altarplatte mit der alti omanischen Schmiege zeigt in den 
vier Ecken noch vier (ganz kleine) Weihekreuze; sie gehört vielleicht dem ältesten 
Bau an. In dem Turmerdgeschoss erblickt man neben den in dieselbe hinab- 
führenden Stufen in dem Steinbelag des Bodens einen grossen Stein in Halbkreis- 
form, der ganz danach aussah, als ob er das bisher noch nicht entdeckte, auf dem Gesicht 
liegende Tympanon des Kircbenportals wäre. Nachdem derselbe jedoch gehoben worden, 
stellte sich heraus, dass kein Bildwerk auf ihm befindlich war. Derselbe dürfte der Rest 
der Plattenunterlage des alten Taufbrunnens gewesen sein, auf welcher die Tauf- 
paten um den Taufstein herum sich aufstellten. Solche kreisförmige Platten als 



Dorf (oder Kloster-) Mansfeld. 



115 



Standsteine der Taufpaten finden sich noch mehrfach, so z. B. unter dem 
Taufsteine der Mansfelder Sohlosskirche. Auch in der längst eingegangenen Kirche 
S. Gumberti zu Helfta fand ich dem Südportal gegenüber eine kreisförmige 
Plattenpflasterung im SchifT der kleinen Kirche. 

Auch einige Grabsteine und Grabdenkmäler aus der Zopfzeit befinden 
sich in der Kirche. Eines derselben verdient seiner Sonderbarkeit wegen genauere 
Erwähnung. Es steht im südlichen QuerschiflT. Umgeben von einem Kranze von 
Kanonen, Mörsern, Pauken, Trommeln, Fahnen u. a. Kriegsgeräten erblickt man im 
Prunkpanzer einen Herrn, welcher eine Allongeperücke trägt, neben ihm eine Dame 
in Salonkostüm mit hochaufgebauter Frisur. In grellem Gegensatz zu diesem 
Eahmen und den Figuren steht die Überschrift: 



wie auch die Unterschrift: 



Vir r«|ri i« Um 9i««rll 



über die dargestellten Personen selbst erteilt uns folgende Inschrift Auskunft: 



Die Wepianb 
'hoä^Me nnb tuqtnbU^ahte Svau Unna 
fllavgafd^a qebo^v: levnin, b(9 Bei: 'hv. 
VHalenv OTovift Jdtnv\<^ geioefme (E^ettebße. 
Sie i^ qtbo^ven ben $. Jul^^ 2(o 164^, ^eelig 
uvfiovctn btn 4. ^lu^u^ ünno 1700. ttc. etc. 



Der ]Dr9laii6 
l&o(^e61e unb TOtfte Citt l&evv OTovib 1&ennvi(^^ 
^o(^fitvßl: 15vaunfiim€\^H(^tv untev Bv. C^^ell. 
(EU. 'Servil (Seneval Cieutenant (Keovgene 
(5vaffen0 nnb eMett Ibewn» ^nv £ippe Hegitnent 

3« Sne% bereit ^meienev fXiaienv 

(Der Best ist abgebröckelt.) 



fBJ Der Kunstwert ist wenig bedeutend, doch ist die männliche Figur von 
guter Arbeit. 

Noch weniger bedeutend ist ein Grabdenkmal, wie es scheint, aus Stuck 
in dem nördlichen QuerschifT vom Jahre 1 68U, das zwei lebensgrosse Figuren trägt. 

Schliesslich mag noch ein Steinrelief erwähnt werden, das an der Westseite 
des nördl. Triumphbogenpfeilers steht Er stellt in lebensgrossen Figuren dar einen 
Mann in Eisenrüstung, mit Halskrause. In der Rechten hält er einen Stab. Neben 
dem Kopfe befindet sich ein Schild mit einem Anker als Wappen. Die dazu ge- 
hörige Inschrift lautet, soweit sie lesbar ist: 

ANNO 15//// IST DER EDLE GESTRENGE VNDT EHRENFESTE 
HILMAR VON (R)OTTORFF IN CHRISTO ilillllHiillliUllllllil • • • • SEINS 

ALTERS 35 JAR • DEM G + G. 

Dann folgt ein Bibelspruch. Neben dem Manne ist die Frau dargestellt, die Arme 
verschränkt, das Gesicht von Stirn bis Mund frei, sonst ganz von der Kopf- 
bedeckung und dem Mundlatz eingerahmt. Die Inschrift lautet: 

ANNO 1564 IST DIE EDLE VND //A^I(ELT)VGNTSAME FRAW 

FELITZ VON GRELE HILMAR VON ROTTORF EELICHE HAVS FRAW 

IN GOTT VERS(CHIE)DEN IRES ALTERS 45 lAR.DE(R) GOTT GEN. 



Auch hier folgt ein Bibelspruch. 



8 



Il6 Mansfelder GebirgskreiB. 



[G] Auf dem romanisch ausgeführten, niedrigen Westturme befinden sich 
3 Glocken von 1,01, 0,74 und 0,54 m Durchmesser, deren grösste die Jahres- 
zahl 1Ö57 und den Spruch: 

VeRBVW A DOMIHI A MÄMCT A IH eXCRNVI I A 

zeigt, aber keinen Giesser nennt. Die Wörter sind durch dreieckige Punkte von 
einander getrennt, eine Art der Zeichensetzung, die vielleicht zur Enthüllung des 
Giessers führen kann. 

Die mittlere Glocke aus dem Jahre 1858 trägt folgende Inschrift: 

Gott segne und beschütze Kloster Mansfeld. 
In dei honorem ecctesiaeque (!) decorem olim donata | 
Casparo Reiche, equite, et scissa postea Instaurata | et aucta 
est vicus (!) ecctesiaeque (!) sumtibus anno MDCCCLVIII. | 
quum eccjesiae (I) pastor M. Lessing j et pagi antistes esset 

G. Grohse. 
Gegossen von Gebrüder Ulrich zu Apolda und Laucha 1858. 

Der hier genannte ältere Stifter der Glocke war vermutlich Besitzer eines 
der Rittergüter im Dorfe oder Pächter des Amtes; die groben Fehler in der 
Inschrift des Neugusses fallen offenbar den Glockengiessern allein zur liast. 

[B] Die kloine Glocke trägt keine Inschrift, dürfte aber ein hohes Alter haben 
und vielleicht in das 12. Jahrhundert gehören. Sie hat alle Merkmale der älteren 
Glocken. Bei 0^4 m Durchmesser hat sie 0,46 m äussere Höhe. Der Schlagring 
ist wenig abgeschrägt und die Haube trägt schlaffe Bügel. 



Burg oder Schloss Mansfeld. 

[G] Was das Alter der Burg^) betrifft, so wird dieselbe zwar urkundlich erst 
im Jahre 1229 zum ersten male erwähnt gelegentlich der Stiftung eines Klosters 
neben der Burg (iuxta castrum Mansfelth), gleichwohl ist sie ohne Zweifel erheblich 
älter, da bereits um die Mitte des 11. Jahrhunderts ein Dynast Hoyer von Mans- 
feld urkundlich vorkommt, woraus sich schliessen lässt, dass auch die Burg Mans- 
feld damals schon erbaut gewesen, da die Grundherren jener Zeit die Gewohnheit 
hatten, sich nach ihren Burgen zu nennen. Auch bedeutenden Umfang muss die 
Burg schon früh gehabt haben, da auf derselben 1229 ausser einem Schultheissen 
(schulthetus) und einem Burgvoigte (advocatus) auch ein Kapellan und zwei Ärzte, 
die den Magistertitel führten, sich aufhielten (raagister Olricus et magister Heyn-, 
licus phisici, Thiemarus capellanus de Castro Mansfelth). Der zu dem Schlosse 
Mansfeld gehörige Bezirk, die Herrschaft Mansfeld, dürfte derselbe sein, wie der, 
welcher zu der vermutlich von dem Markgrafen Kicdag von Meissen im 10. Jahr- 
hundert erbauten Ritthagesburg (jetzt die wüste Rückscheburg bei MöUendorf) 
gehörte, da letztere nach dem Aussterben des Ricdagischen Hauses verfallen zu 



1) Vgl. Km in haar, Versuch einer Geschichte von Schloss und Stadt Mansfeld. Mans- 
feld, Fr. Hohenstein, 1869. 8». 



Burg oder Schloss Mansfeld. 117 



sein scheint. An ihre Stelle trat, wohl schon im 11. Jahrhundert, als neuer Mittel- 
punkt der Herrschaft das Schloss Mansfeld. Als altes Zubehör der Ricdagesburg 
bezw. des Schlosses Mansfeld dürften anzusehen sein die Orte: Siersleben, Thon- 
dorf, Augsdorf, Hübitz, Helmsdort, die drei Mansfeld, Leimbach, Vattorode, Baume- 
rode, Gorenzen, Möllendorf, Blumerode, Annarode, Siebigerode, Ahlsdorf, Hergisdorf, 
Benndorf, Helbra und Creisfeld nebst verschiedenen eingegangenen Dörfern; doch 
können einzelne Teile zu Zeiten auch noch eine besondere Herrschaft gebildet haben. 
Bis zum Tode des Grafen Burchard I. von Mansfeld, des letzten Sprossen aus dem 
Hoyerschen Geschlecht (1229), war die Burg ohne Zweifel Residenz der Grafen, 
und auch die Witwe Burchards L behielt daselbst zunächst ihren Sitz. Ob auch 
Graf Burchard IL aus Querfurter Stamm , der Gemahl der mansfeldischen Erb- 
tochter Sophia, dahin übergesiedelt, ist nicht nachweisbar, sicher aber ist, dass seine 
Nachkommen, wie sie sich Grafen von Mansfeld nannten, so auch auf der Burg 
Mansfeld gewohnt und das altmansfeldisc*he Geschlechtswappen dem ihrigen hinzu- 
gefügt haben. 1264 (den 21). Nov.) nennt sich Burchard ,,Burgrauius de Querenuorde 
et comes in Mansfeld,'* 1267 stellt derselbe mehrere Urkunden in Castro Mansfelth 
aus. Bis dahin scheint das Schloss und die Herrschaft Mansfeld Halberstädter 
Lehn gewesen zu sein, Burchard IL aber erwarb es von dem Bistum Halberstadt 
zu Eigen, denn am 28. August 1267 vertauschen Bischof Volrad von Halberstadt, 
der alte Bischof Ludolf, der Propst Hermann, der Dechant Witker und das Dom- 
kapitel zu Halberstadt das Schloss Mansfeld (Mannesueld) innerhalb Wall und 
Graben gegen Schloss und Stadt Nebra, Schloss Hedersleben, Schloss Bennstedt 
und andere Güter an den edlen Herrn, Grafen Burchard von Mansfeld, i) und 
einige Tage später (am 31. August) stellt dieser einen Revers über diesen Tausch 
aus.*) („Noveritis, quod nos et nostri legitimi heredes pro commutacione pro- 
prietatis castri Mansvelt damus proprietatem castri et opidi in Nebere, curiam 
in Bennenstede cum quinque marcis castrensis feudi, curiam in Hedersleve cum 
hiis bonis etc. . .**) Dass die Burg Mansfeld nach mittelalterlichen Begrifien sehr 
fest war, zeigt der Umstand, dass sie (1342 und 1362) mehrere Belagerungen erst 
durch den Halberstädter Bischof, Albrecht von Braunschweig, dann durch die 
Markgrafen von Meissen, die Brüder des Halberstädter Bischofs Ludwig, aushielt. 
1382 am Mittwoch S. Sixti verbanden sich die Grafen Busse und Günther von 
Mansfeld gegenseitig, nach dem Ableben ihres Vaters das Schloss und die 
Herrschaft Mansfeld nicht zu teilen. Als 1420 die erste Erbteilung stattfand, 
blieb trotz der Zerlegung der Grafschaft in drei Teile ausser der Jagd, der Fischerei 
und dem Bergwerk auch das Schloss Mansfeld ungeteilt Der in Spangenbergs 
Mansfelder Chronik im Auszug gegebene Teilungsvertrag ist für die Baugeschichte 
des Schlosses von Wichtigkeit Darin heisst es: 

„Vnd ist Gräften Gebharden der ortt auf dem Hauss Mansfeld worden, 
so jetzt der Mittelort genandt wirdt, sampt dem Furwerge 
ausser dem Schlosse, dos orts, da jetzt der Hinterort gebawet, 
gelegen u. s. w." 



*) N. Mülverstedt, Regg. Arch. Magd. II, Nr. 1708. ^) v. Heinemann, Cod. dipl. Anh. II, 
Nr. 334. 



118 Mansfelder Gebirgskreis. 



Daraus ergiebt sich, dass im' Jahre 1420 der spätere Hinterort noch nicht in den 
Mauerring einbezogen war. Der Vertrag vom Jahre 1382 wurde Sonnabend nach 
Yalentini 1443 insofern erneuert, als die Grafen von Mansfeld abermals festsetzten, 
dass die Burg Mansfeld, die Stadt Eisleben und das ganze Bergwerk zu 
ewigen Zeiten bei der Grafschaft verbleiben, auch nie an einen 
fremden Fürsten verkauft, versetzt oder verpfändet werden sollten. 
Nur im Notfall sollte es erlaubt sein, dass ein Graf den ihm zukommenden dritten 
Teil für 12000 Gulden einem andern Grafen aus Queriurt- Mansfelder Stamm 
versetze. Diese Festsetzungen schlössen nicht aus, dass Mansfeld unter 
fremder Lehnshoheit stand. Wann das Mansfeldische Eigen Magdeburgisches 
Lehen geworden, ist nicht nachzuweisen; doch werden zuerst in dem Lehnbuche 
des Erzbischofs Albrecht IV. von Magdeburg am 14. Aug. 1392 Graf Albert von 
Mansfeld nebst seinem Bruder Günther, und am 28. April 139'J Graf Busso von 
Mansfeld als Magdeburger Lehnsleute genannt, ohne dass bemerkt wäre, was ihnen 
geliehen ist*) Dagegen werden in einer Urkunde des Erzbischofs Johannes von 
Magdeburg, gegeben Donnerstag in der Pfingstwoche 1468, die Grafen Gebhart, 
Günther und Volrad von Mansfeld ausdrücklich mit dem Schlosse Mansfeld 
seitens des Erzstifts Magdeburg belehnt. 

Einigen Aufschluss über das Alter gewisser Teile des Schlosses Mansfeld 
geben uns zwei Verschreibungen der Grafen Günther und Volrad von Mausfeld 
vom*Sonntage nach assumpcionis Marie 1450, die fast wörtlich übereinstimmen.^) 
Hiernach bekennt Graf Günther (IL) zu Mansfeld nach Rat seiner Prälaten, 
Mannen, Heimlichen und Getreuen „uss deme gebuw undo stellen in der 
mittelstin unssir borg Mansfelt gelegen^' mit seinem Vetter Grafen Volrad 
sich „gutlichin entsatzt unde geteilt'' zu haben, wie folgt: 

Zum ersten sal unde wel unssir vettir grave Volrod vorgenant zu syme 
teile an der genanten mittelstin bürg haben unde behalden den teil, als der 
nuwe marstall stehit, den unssir vettir grave Volrod unde wir grave 
Günther insampt gebuwet unde bissher mit enander innegehat haben. Ouch 
so beheldit her pussin der muren dess undirscheidis den waynschaphen, itzunt 
an der Houpte borglehn gebuwet, den her ouch zu sulchim syneni teile haben 
sal. Darkegen behalden wir grave Günther in der genanten mittelsten bürg den 
teil dy staillunge unde rum von Kappilndo(r)fs burglehn alss biss an das 
stucke muren, das glich obir in derselbien mittelsten bürg nach der ecken an 
grave Gebeharts huss mit dem steynen gebil gehit. Daz selbie stugke 
muren sollen und wollen wir grave Günther unde grave Volrad vorgenant beyde 
insampt volfuren unde ufirucken lasin, domit wir snlche unsir beyde teile scheiden ; 
doch also das wir an sulcher muren unde underscheide vorberurt eyn gemeyncn 
thor(„)unde eynen frien farewegk eyme als deme andern, es sy tag adder 
nacht, ungehindirt zu haben, blibin unde dorch gehen lasin sullin. Darkegen hat 
unsser vettir . . . Kappilndorfs burglehn, das unssir vettir grave Volrod in vor- 
geziten synem vattir gotiseliger zu der zit, do her unss in formundeschaft hatte, 



1) Hertel, die ältesten Lehnbücher der Magdeb. Erzbischöfe, S. 303 u. 304. ^} Die Mit- 
teilung des wesentlichen Inhalts dieser Verschreibungen, deren Originale im Staatsarchive zu 
Magdeburg sind, verdanke ich der Güte des Staatsarchivars Herrn Dr. Theuner in Magdeburg. 



Barg oder Schloss Mansfeld. 119 



von syner unde iinsir we^n zu synem teile in sulchir mittelsten bürg zu haben 
mit abgewisit hat, das nu uff unsirn vettern grave Gebeharten itzunt lebet erstorben 
unde geerbit ist ... . Sunderlichen haben wir mit unssirm vettern graven Vol- 
rade gereth so vil, das her unsserro vettirn graven Gebeharde ergenant zu syner 
kuchen den rum, als(s)in vatir gottseliger euch mit synem willen vorgehabt hat 
und begriffen ist, folgen und blibin lassin wollin, wywol her des nicht phlichtigk 
were. Ouch hat unsir vettir grave Volrad eynen rura, ab her dorselbst eyne thoir 
unde ingang in sulch bachuss, als her willen hat zu machen lasin, zu haben be- 
halden, als her ouch doselbst vor gehabt unde behalden hat Ouch ist beteidingt^ 
das unsir vettir grave Gebehard vilgenant an syme husse hard an der mure eyne 
rynne legen sal, dorynne man wassir yn syne kuchen gegyessen magk/ 

Wenn nun auch von diesen Bestimmungen vieles dunkel bleibt, so ergiebt 
sich aus ihnen doch erstens, dass man bereits im Jahre 1450 auf dem Schlosse 
Mansfeld eine mittelste Burg, also einen Mittelort, unterschied, woraus freilich noch 
nicht folgt, dass diese „mittelste Burg^^ mit dem späteren „Mittelort^ zusammenfiel 
und ebensowenig, dass der spätere Uinteroit damals schon mit einem Schlosse 
besetzt gewesen. Zweitens ergiebt sich aus der Urkunde, dass ,,der neue 
Marstall"^ oder der demselben zunächstliegende Schlossteil — der Wortlaut ge- 
stattet beide Deutungen — von den beiden Grafen Volrad (IL, f 1450 oder III., f 1499) 
und Günther IL (f 1477) erbaut worden ist und zwar vor dem Jahre 1450; jedes- 
fallswar „der neue Marstall'' vor diesem Jahre schon vorhanden. Drittens erfahren 
wir, dass die Anteile der beiden Grafen an der mittelsten Burg durch eine Scheide- 
mauer getrennt werden sollten, an welcher aber ein beiden Graten zur Verfügung 
stehender Thor- und Fahrweg durchgehen sollte. 

In demjenigen Teile der mittelsten Burg, den Graf Volrad (vom damaligen Vorder- 
ort) erhalten sollte und der nach dem neuen Marstalle zu lag, darf man wohl 
einen unmittelbar an den Vorderort stossenden Burgteil erkennen, vermutlich das 
spätere „Neue Haus neben dem Borne.'' Ein Teil des Vorderorts hiess der 
Sommersaal oder das Mushaus, denn am 19. Okt 1495 ward ein Testament 
aufgesetzt „zu Mansfeld uf dem slosse in der stuben graf Volradts über dem 
summersal adder mohishuse.^) (MohishuS; eigentl. muoshus = Speisesaal.) 

Wie stattlich und geräumig die Burg in der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts gewesen ist, ergiebt sich schon aus dem Umstände, dass nach Cyr. Spangen- 
bergs Bericht im Jahre 1474 König Christian I. von Dänemark auf der Heimreise 
von Rom am 28. Juli, anderthalbhundert Pferde stark, nach Schloss Mansfeld kam 
und drei Tage daselbst als Gast wellte, „da ihm und seinen Mitgefährten der Graf 
allen guten Willen nach Vermögen erzeigt hat." Genaueren Aufschluss über die 
innere BeschaSenheit der Burg in jener Zeit giebt eine Urkunde vom 15. August 1 495, 
laut welcher die 6 Erben des Grafen Gebhart VI. dessen Hinterlassenschaft teilten. 
Darin ist bestimmt: 

„Zum Ersten von der Behausunge zu vnd vor der Burg Mansfeld, das vns 
das hoche Hawss nehist der kirchen vnd was darunder vnd aussen daran 
begrifien ist, vnd der keller dorvnder, mit dem fordersten newen Hausseim 
Slosse, stoben vnd kamern vber der fordersten tröppen bis an die Hofestoben, 



1) Manflf. Urkundenb S. 235. 



120 Mansfelder (xebirgskreis. 



vnd der In gang von der fordersten treppen in beyde Hewsser, darzu 
der newe marstall mit dem Bawm darvor, vnd zwischen dem newen vnd 
alden marstallen bis an den pfarrehof mit dem angebawetten stellen hinder 
dem pfarrehofe, darzu im Vorwerge der Bawm vnd stelle kegen der grossen 
thorstoben, vnd bis an die schewne, die schewne halb vnd die schefferey bei 
der stecheban gantz. Item die Ritterboden, der furderste Thurm vnd die 
grosse thorstoben mit iren ingengen, so weyt die begriffenn, mit sampt dem 
thore sollen geraeyn vnd vngeteilt bleiben. 

Dar entkegen sollen unser jungen Vettern das aide grosse Hawss mit dem 
sale vnd die grosse Hofstobe daran vnd dem newen Hawsse neben dem 
borne sampt der kuehen vnd allem Ingebawe, was darvnder begriflFen, Grafen 
Gebhardts seligen gewest, bis an vnser, Grafen Volrads, Backhawss, darzu auch 
eynen freygen Ingang an die furderste Treppen, vnd einen freygen Ingang vber das 
Gewölbe neben dem hochen Hawsse in die kirche, doch das darniitte dem hochen 
Hawsse seine fenster vnd Hecht nicht benomen wei-den, darzu den alden marstul 
vnd im vorwergke die schewne halb, das newe Brawe- vnd Backehaws mit 
dem Bawme und stellen darhinter bs an die grosse thorstuben, auch darzu das 
Hawss hinder vnd vber der thorstuben, alleyn das dietorstube, darinnen der 
thorgrefe sampt dem thorwartten wonet, zw der rechten Hand des Aussganges ge- 
legen, sampt dem thore, den Ritterbuden — Thurme sollen ingemeyne bleiben." 

Aus dieser nicht überall klaren Aufzählung ergiebt sich, dass gegen Ende 
des 15. Jahrhunderts zwei Hauptschlösser innerhalb der Burgmauer vorhanden 
waren, nämlich: „das alte Haus'' (der spätere Mittelort, der inGemässheit dieser 
Bezeichnung das älteste der drei Schlösser zu sein scheint) und „das hohe Haus 
neben der Kirche" (der spätere Vorderort); femer zwei andere Wohnhäuser; 
eines, das vorderste neue Haus über der vordersten Treppe; das andere 
das neue Haus neben dem Brunnen, von welchem noch jetzt prächtige Ge- 
wölbe vorhanden sind, ausserdem, auf zwei Hofhaltungen berechnet, zwei Marstälie, 
zwei Backhäuser, zwei Brauhäuser, eine Stechbahn und viele andere Baulichkeiten. 

Gleichfalls in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts muss die, wie das Vor- 
kommen eines capellanus im Jahre 1229 bezeugt, spätestens Ende des 12. Jahr- 
hunderts erbaute Schlosskapelle in eine eigentliche Kirche umgebaut worden sein, 
wie schon der Baustil bekundet. Da mehrere Geistliche an derselben angestellt 
waren, deren erster den Titel Dechant (Decanus) führte, so nannte man sie seitdem 
die Stiftskirche. Dieser Dechant war „ab omni superioritate , iurisdictione, 
potestate et dominio" des Bischofs zu Halberstadt sowie der Halberstädter Vicarien 
und Ofßcialen eximiert, „also dass er vor dem Bischof und seinen Officialen zu er- 
scheinen nicht schuldig." Die Grafen von Mansfeld aber erlangten 1513 vom 
Papst Leo X. die Genehmigung, dass sie den „Decanum zu Mansfeld ohne 
Jemandes Einrede zu wählen und zu confirmiren Macht haben sollten. Der erste 
Geistliche wohnte im Dechantenhaus. 

Nachdem im Jahre 1498 Graf Volrad v. Mansfeld gestorben war, wurde 1501 
so geteilt, dass die Grafen Günther, Ernst und Hoier „das hohe Haus nächst 
der Kirche," ihre Vettern dagegen, die Brüder Gebhart und Albrecht, „das alte 
Haus" nach dem Thore zu erhielten. Da aber dem Grafen Albrecht die 
Räume zu eng erschienen, so stellte er den Antrag, dass ihm erlaubt würde, ein 



Barg oder Schloss Mansfeld. 121 



drittes Hauptscbloss aufzuführen, und in der Tliat wurde unter Yermittelung des 
Grafen Botho von Stolberg bestimmt: 

^Das Dechanthaus soll abgebrochen und ausserhalb der Burg erbauet 
werden. Die Grafen Ernst und Hoier sollen ihren Raum der Scheune an den 
Grafen Albrecht abtreten, dass er sich eine neue Behausung erbauen möge/^i) 
Nunmehr erbaute Albrecht ein neues Schloss, das die beiden andern Schlösser an 
Pracht übertrofFen haben soll, denn auf dem Hinterorte waren die Zimmer, wie 
berichtet wird, mit kostbaren wohlriechenden Holzarten ausgetäfelt, die durch das 
ganze Schloss ihren Wohlgeruch verbreiteten. Dieses neuerbaute Schloss ward 
der Hinterort genannt, während das Schlossgebäude nächst der Kirche oder 
hohe Haus den Namen Vorderort, das „alte Haus dagegen nach dem Thore 
zu'" den Namen Mittelort empfing. Auch durch die Farbe unterschieden sich 
die drei Schlösser, indem der Vorderort rot, der Mittelort gelb und der Hinterort 
blau angestrichen war. 

Die Erweiterung des Schlosses machte auch eine Veränderung und Ver- 
stärkung der Befestigungen nötig. Über diese Arbeiten berichtet Cyr. Spangenberg 
zum Jahre 1517: „Montag nach Keminiscere haben die Grafen zu Mansfeld ihren 
Ausschuss die Anstellung gemeines Baues an dem Hause Mansfeld berat- 
schlagen lassen, als nemlich Grafen Gebharten, Apel von Ebeleben, Friedrich von 
Thune, Georgen von Holbach, Doctor Johann Bühel, Otto Schlegel und Jan 
Portzigk. und sind zu Baurethen geordnet Hans von Trota und Easpar von 
WatzdorfiF, und damit der Bau dermassen, dass man damit bestehen und ver- 
wahret sein könnte, fürgenommen zierlich, feste und zur Wehre und 
Aufenthalt nützlich angefangen und volbracht werden möchte, hat man für 
gut angesehen, etliche frembde, bau vorständige, erfahrene Leute mit zu rathe zu 
ziehen, und sind derhalben darzu erbetten und erfordert worden Meister Matern, 
der berühmte Büchsenmeister von Nornberg, Herr George von 
Schaumburg, Ritter, Herr Philips von Feilitsch und Herr Görge von 
Ebeleben. Und hat ein jeglicher Herr sich bewilligt, bei seinem Kaufmann 
jährlich 200 Gülden an Golde oder guter Münze auf Mitfasten zu solchem für- 
genommenen Bau zu entrichten aufzubringen.^^ Nachdem der Bau einige Jahre 
gewähret, beschlossen die Grafen von Mansfeld auf einem Tage zu Heldrungen 
im Jahre 1522, „man solle zu Besichtigung des Mansfeldischen Baues auch Sieg- 
mund von Brandenstein bescheiden, als der solcher Dinge Verstand und 
Erfahrung hätte und, wie der Bau weiter anzustellen, zurathen könnte." Dass der 
Bau kostspielig war, geht schon daraus hervor, dass am 20. December 1520 die Grafen 
beschlossen, ein jeder Graf solle zu den schon früher bewilligten 200 Gulden noch 
jedes Jahr 2 Schock Scheffel Roggen, 3 Schock Scheffel Hafer und 2 Centner 
Salpeter aut 10 Jahre geben. In jener Zeit (1518) ist auch von dem Grafen Hoyer 
das jetzt noch stehende Treppenhaus des Vorderorts erbaut worden. 

Beachtung verdient auch die in dem sogen. Vertrage Dr. Luthers vom 
17. Febr. 1546 erwähnte Absicht der Grafen, auf dem Schlosse Mansfeld ein ge- 
meinschaftliches Haus- Archiv zu erbauen. Die in mehr als einer Hinsicht 
interessante Stelle des Vertrags lautet: 



^) Lünig, Beichsarchiv, Spicüeg. sec. S. 538. 



122 Mansfelder Gebirgskreis. 



„(In Betreff) der Verwarungirerliebden vnd gnaden gemeinen lehnbriet 
und Privilegia haben wir sie (sc. die streitenden Grafen) vorglichen, das sie 
Irem Bawineister, Meister Hanssen, dasselbige vber das jtzige Innerthor 
zwischen Graf Philippen und Graf Hanss Jorgenn Stellen erbawen wollen vnd 
dasselbige dermassen vorwaren, dass auch, so vill menschlich Zuvorkhomen, ob- 
gleich ein Branth ausskheme, doch kein schade zum selbigen gewelbe vnd den 
darein gelegten briffen geschehen möge. Der ende vnd sofordlich solche (V^er- 
warung) gefertigt, wollen Ir liebden vnnd gnaden alle Privil^ien vnd Lehn- vnd 
alle andern gemeiner herschafift briefe sarabt den LehnbriefiFen vber Alstädt vnnd 
Lawenstein, auch die brifle, so jder Herr auss dem jetzigen gewelb genommen, 
widervrab legen vnd zum besten insgesambt, Also, das einer ohne den andern 
dar zw nicht khoraen magk, verwaren lassen. So offt aber einem oder mehr 
graven die Origenalia(!) oder Copey davon zu nehmen von neten, sollen im die- 
selben vngeweigert wiederpharen. Doch das die Origenalia one Verzugk vnd der- 
massen, wie empfangen, wiedervmb in das geordnet gewelbe geantwort werden, 
ünnd sollen die briffe zwischen hir vnnd Quasimodogeniti nach den alten Re- 
gistern besichtiget, vnd so ein graf von Manssfelt was von den briffen in seiner 
verwarungk hette, So sollen dieselben briffe wiederumb binnen erwenter Zeit zw 
den andern briffen gebracht vnd mitler Zeit, bis das die gemelte Verwarung 
fertigk wirdt, in dass gewelbe bei der kirchen vffen Schloss Mansfeldt 
geleget werden.'^ 

Auch noch eine andere Stelle dieses Vertrags betrifft bauliche Änderungen 
auf dem Schlosse Mansfeld. Sie lautet: 

„So vill das Büchssenhauss vnnd den Tannenbergk, so zw Mansfeldt 
im Schlosse vf die gemeine Blätz vnd Zwinggermauer gebawet, belangendt 
ist, haben graf Philipps vnnd graf Hanssgorge gewilliget vnnd zugesagt, das sie 
dieselben gebäu innerhalben dreier Jaren nach Dato dieses Vertrags zw grundt 
abbrechen vnd abschaffen wollen, Vnd sollen sich Vorthin alle grauen vff gemeine 
Platz, dem Burkfrieden zu entgegen, zu bauen gentzlich enthalten.^ 

Als bald nach Luthers Tode der schmalkaldische Krieg ausgebrochen war, 
nahm Graf Albrecht vom Hinterort zu Weihnacht 1546 die ganze Grafschaft und 
auch die Burg Mansfeld ein. Aber er konnte den schnell gewonnenen Besitz nicht 
lange behaupten. Am 21. Juni 1547 wurde das Schloss, welches bereits seit dem 
31. Mai von einer kaiserlichen Heeresabteilung unter Kurt von Boymelberg 
(Boyneburg) eingeschlossen und seit dem 8. Juni belagert worden war, von den 
Befehlshabern Albrechts auf der Burg, nämlich Wolf von Wernsdorf, Albrecht von 
Leipzig, Franz Kautter, Wolf von Waldenfels, Georg von Todtleben, Andreas 
Saurer von Memmelsdorf und Georg Lauterbeck, auf Accord dem Kaiser übergeben. 
Auf Befehl der von letzterem wieder in den Besitz des Schlosses gesetzten Grafen 
vom Vorder- und Mittelort wurden im Sommer des Jahres 1549 die Festungs- 
werke des Schlosses unter Leitung des Baumeisters Christoph Stieler aus 
Magdeburg gewaltig verstärkt, um es gegen jeden Angriff halten zu können, und 
ist, wie ausdrücklich berichtet wird, „wöchentlich ein Grosses auf die Arbeiter 
aufgangen." Doch gelangte Graf Albrecht infolge des Passauer Vertrages 1552 
wieder in den Besitz des Hinterortes, musste aber 1554 abermals vor den Truppen 
des Herzogs Heinrich von Braunschweig, der an dem Grafen einen alten Groll 



Burg oder Schloss Manefeld. 123 



auszulassen gedachte und den Hinterort ausbrennen wollte, flüchten. Nach ge- 
schehener Aussöhnung mit dem Herzog kehrte er jedoch am 26. Juli 1555 wieder 
auf das Schloss Mansfeld zurück, trat aber 1557 den Hinterort an seinen Sohn 
Volrad ab. Abgesehen von einer vorübergehenden Besetzung des Schlosses durch 
eine Schar von Landsknechten im Dienste des Lehnsherrn der Grafen, des 
Administrators von Magdeburg, Joachim Friedrich, im Jahre 157 > sah die Burg 
keine Feinde bis zum Beginn des dreissigjährigen Krieges, der das Schicksal des 
Schlosses ausserordentlich wechselvoll gestaltete, denn während desselben ging es 
aus einer Hand in die andere. Zwar wurde es niemals mit Sturm erobert, aber 
sechsmal durch Vertrag übergeben. Am 7. Sept. KiHO eroberten es die erzbischöf- 
lich Magdeburgischen Truppen, die sogenannten „Administratorischen," 
unter dem Obersten Bock durch List, indem von Kloster Mansfeld aus unter 
Säcken versteckte Soldaten auf Wagen ins Schloss gelangten. Aber schon am 
12. Oktober erschienen kaiserliche Reiter von Querfurt her vor dem Schlosse, 
„bliesen es an'' und verleiteten die erzbischöfliche Besatzung zur Meuterei und 
demnächst zur Übergabe des Schlosses* Am 24. November 16^51 raussten die 
Kaiserlichen dasselbe den Schweden bezw. deren Bundesgenossen, dem 
Kurfürsten von Sachsen, überlassen, nachdem ein schon am 2. Oktober an- 
gestellter Versuch, das Schloss zu überrumpeln , misslungen war. Über diese 
«^ Einnehmung des Hauses Mansieldt von den Schwedischen^ berichtet das Chronicon 
Islebiense^) Folgendes: 

„Den 19. Novembris 631 frue morgens hatt der Schwedische Obriste Leutnant 
Hans George von Stick (später auch Stuck oder Stück genannt) das Haus Mans- 
feldt mit ICKX) Mann, darzu auch Rittmeister Pausse mit 70 Hartzschützen kommen, 
belagert, vndt ob sich wohl die Belagerten, deren etwa 70 gewesen, dapfer gewehret 
vndt heraus geschossen, dass sie ihn nicht beykommen können, endüichen aber, 
weil sie keine entsatzung gehabt vndt gedachter Obriste Leutnant eine Schantze 
an den Thürgartten aufwerffen vndt das schloss miniren vndt den Wall 
sprengen lassen wollen, hatt sich der Hochwohlgeborne H. Graf Slrnst Ludtwig, 
Churf. Sachs. Rittmeister, welcher auch bey der belagerung gewesen, darzwischen 
geschlagen vndt mit den belagerten accordiret. Darauf sie endtlichen den 
24. Novembr. das Haus mit Accord auftgeben." 

Nachdem Kursachsen im Prager Frieden 1635 sich von den Schweden ge- 
trennt hatte, suchten letztere wiederholt das Schloss einzunehmen, um einen Stütz- 
punkt für ihre Unternehmungen zu gewinnen. Im Herbst 163b blokierte das 
Mortagnische Dragonerregiment vier Wochen lang das Schloss ohne Ei folg, 
aber am 29. März 1639 erzwangen die Schweden, nachdem sie unter dem 
Obersten Erich Hansen ülfsbar, dem General W ran gel und dem Obersten 
Gesewitschky das Schloss seit dem 15. Febr. 1636 belagert und den 26. März ver- 
geblich gestürmt hatten, dann aber am 28. März durch den General Torstenson mit 
einigen Regimentern zu Fuss verstärkt worden waren, die Übergabe. Der chur- 
fürstliche Kommandant Gabriel Schaller zog auf Ac<Jord ab, und es wurde nun 
Capitän Andreas Buchmann mit einer Compagnie auf der Festung als Besatzung 
hinterlassen, dem später Oberst Belling als Kommandant folgte, während die übrigen 

1) S. 129. 



124 Mansfelder Gebirgskreis. 



schwedischen Heerhaufen ebenfalls abzogen. (Chron. Isleb.) Über zweiundeinhalb 
Jahr waren nun dieiSchweden im Besitz gewesen, da rückte am 9. December 1641 der 
kaiserliche Oberst Moncado vor das Schloss, belagerte dasselbe und fing an Minen 
zu legen, aber weder er noch der im Januar 1642 an seine Stelle getretene Oberst 
Koch vermochten die Festung, deren Besatzung sich tapfer wehrte und wiederholt 
glückliche Ausfälle machte, zu nehmen. Am 21. Febr. 1612 kam der schwedische 
Generalmajor Hans Christoph von Königsmarck mit 2500 Reitern und Dragonern 
vor Mansfeld an, griff die drei kaiserlichen und churfürstlichen Regimenter bei 
Kloster Mansfeld an, verfolgte die auseinandergesprengten bis nach Eisleben und 
machte so der Belagerung ein Ende. In schwedischer Hand blieb sodann das 
Haus Mansfeld bis zum Friedensschluss und wurde sodann am 12. August 1650 
dem Grafen Christian Friedrich v. Mansfeld wieder eingeräumt, indem ihm 
der Oberst Ottowalsky die Schlüssel dazu überantwortete.^) Wie bunt es auf dem 
Schlosse während des Krieges zugegangen, bekundet eine Mitteilung vom 19. Sept. 
1644, welche besagt: „NB. Das Haus Mansfeld ist nunmehr... 80 mal abgelöset 
und 5 mal belagert gewesen." Aber auch die Bewohner der Grafschaft hatten 
das Dasein der Festung als etwas sehr Unangenehmes empfunden, „demnach viel 
Jahr hero von denen Ständen und Städten der Grafschaft Mansfeld, sowohl Sachs, 
als Magdeburgischer Hoheit grosse Klagen wegen des vielen Gebens auf das Haus 
Mansfeld zu Verpflegung der Guarnison . . . eingelaufen." Lange hatte man ver- 
geblich um Abschaffung der Garnison gebeten; endlich aber fand man Gehör. 
Durch Kreisschluss auf dem Kreistage zu Leipzig wurde (im Jahre 1672) beschlossen : 
„damit nicht das Land durch diesen Ort vollends über den Haufen (geworfen) und 
ruiniret werden möchte, das Haus zu demoliren," um das fernere Queru- 
lieren aufzuheben und Ruhe und Sicherheit zu schaffen. „Als ist endlich durch 
wehemütiges unterthänigstes Suppliciren von denen Herrn Ständen von Ihrer 
Churfürstl. Durchlaucht zu Sachsen, als Fürstl. Durchlaucht zu Halla dem Herrn 
Obristen Branden die Inspection aufgetragen worden, dieses Werk in einen leid- 
lichen Anschlag zu bringen und die Festung Mansfeld von Grund aus 
rasiren zu lassen. Darauf auch von denen Städten und Ständen der Graf- 
schaft Mansfeld Sächsischer als Magdeburgischer Hoheit ein Anschlag auf ÖOJO 
Thaler gemacht worden, das Werk zur Perfection zu bringen, und darauf den 
1. Junii 1 674 der Anfang mit der Demolition des Hauses gemacht, woran täglich 
4(j0 Mann nebst 30 Bergleuten von Freiberg gearbeitet, wozu die Stadt Eisleben 
zu ihrem Anteil täglich 50 Mann halten und 750 Thaler zu denen Demolition- 
kosten geben müssen, dem Herrn Obristen Brandt aber vor Discretion und Ali- 
menta, weil er stets dabei sein müssen, von beiden Hoheiten 12(X) Thaler gereichet 
worden. Nachdem aber obige 6(XX) Thaler nicht zulangen wollen, seind noch zu 
unterschiedenen Malen mehr als in die 6000 Thaler ausgeschrieben und der Stadt 
Eisleben alleine weit über 1500 Thaler ohne die arbeitsamen Leute gekostet. Weil 
aber die Vestung in währender Arbeit so zugerichtet worden, dass es der- 
selben nicht mehr ähnlich gesehen, als seind darauf den 2. Augusti die 
übrigen 10 Stück Geschütz, so noch dagestanden, auf Befehl Ihrer Churfürstl. 
Durchlaucht zu Sachsen nach Leipzig geführt worden.^' 2) Nach wiederholter 



i) Chron. Isleb. S. 200, 201 ;u. 214. ^) Chron. Isleb. S. 244 und 245. 



1 



Bnrg oder Schloss Mansfeld. 125 



Unterbrechung der Arbeiten wurden die Arbeiter am 24. Nov. 1674 entlassen und 
seitdem bam die Demolition gänzlich ins Stocken, „dasses weiter nicht hat können 
forlgesetzet werden, und also darbei geblieben." Wie das noch wohlerhaltene 
Schloss mit seinen Befestigungen ausgesehen, davon giebt die beifolgende Meriansche 
Abbildung vom Jahre löfiO eine Vorstellung. {Siehe Nr. 68.) 

In der Folgezeit verfiel das Seblosa mehr und mehr, da es nur selten noch 
den Uitgliedern dos Orafenhauses als fiesidenz diente. Der letzte Graf von 
der Eislebischen oder Lutherischen Linie Johann Üeorg III., der I7l0 auf dem 
Vorderorte starb, hatte absichtlich die übrigen Schlösser verfallen lassen, 
und nur der Vorderort wurde nach seinem Tode noch imstande gehalten, dessen 
Bäume spater der Fürst!. Mansfeldische Oberforstnieister Otto Christoph von 
Trebra bezog. Nach dem Tode des letzten Grafen Johann Wenzel Nepomuck 
im Jahie 1780 kam die Burg in den Besitz det) Königs Friedrich II. von Preussen, 
der sie dem Oberforstmeister von Trebra bis auf weiteres als Wohnsitz beliess. 
1790 jedoch verkaufte die Magdeburger Regierung das Schloss an den preussiscbeu 
Beitrat Bückling. Dieser ruinierte die Burg planmässig und erbaute 1795 auf 
den Trümmern des Vorderorts ein modernes Wohnhaus im Zopfstil, das nach 
Pastor Krumhaars Vergleich zu der Umgebung passte, wie ein Eselskopf auf den 
Rumpf eines edlen Bosses. Die Amtsräthin übel, in deren Besitz später das 
Schloss durch Kauf überging, that manches namentlich zur Erhaltung der Kirche. 
Ifach ihr sorgte Baron von Schenck für Ausbesserung der sehr schadhaft gewordenen 
Umfassungsmauern, Freiherr Adolf v. 6. Beck aber, in dessen Besitz Schloss 
Mansfeld nebst dem Amte Leimbach im Jahre 1859 gelangte, Hess dos von 
Bückling aufgeführte Wohnhaus wieder abbrechen und an dessen Stelle ein zu der 
Umgebung passendes Schloss aufbauen. 

Jetzt ist von der alten Herrlichkeit des Schlosses nicht mehr viel zu sehen. 
Es ist ein buntes Qemisch von Ruinen und modernen Schlosswohnungen, das 
Alte zumteil formlos. (Siehe die jetzige Ansicht Nr. G9.) 



Kr. 69. (Jetzige Anaicht.) 



126 Mansfelder Gebirgskreis. 



[B] Betritt man heute, durch die Einfahrt im Norden kommend, den Schlosshof, 
so hat man einen würdigen Anblick, aber noch keineswegs einen grossartigen. 
Diesen bekommt man erst, wenn man sich die Mühe nicht verdriessen lässt und 
einen Rundgang um die Feste unternimmt. Die ungeheuren Festungswerke er- 
füllen da den Wanderer mit Bewunderung, ja mit Entsetzen, das durch -die Zer- 
störung, der man auf Schritt und Tritt begegnet, gesteigert, aber nicht erst hervor- 
gerufen wird. Man hat das Gefühl, als ob man hier sich gegen Himmel und 
Hölle hätte verschanzen wollen; ein Bollwerk reiht sich an das andere und die 
tiefen Gräben, die man um die Burg gezogen, scheinen kein Ende nehmen zu 
wollen. Und doch haben alle diese gewaltigen Werke nicht verhindern können 
dass die Festung allein im dreissigjährigem Kriege sechsmal in Feindeshand geriet^ 
wenn sie auch niemals mit Sturm genommen werden konnte. Aus dem Vor- 
stehenden ergiebt sich, dass die Burg Mansfeld schon im 11. Jahrhundert wahr- 
scheinlich bestanden hat. Damals wird sie nur klein gewesen sein, vielleicht nur 
aus einem Bergfried und dem Palas nebst wenigen Wirtschaftsgebäuden bestanden 
haben. An welcher Stelle, ist natürlich nicht mehr festzustellen, doch kann man 
wohl annehmen, dass die ersten jeder Burg notwendigen Bauten nahe am Rande des 
Berges gelegen haben, also da, wo jetzt die mächtige Bastei, die den Namen Mine 
führt, und das neue Wohnhaus des jetzigen Schlossherrn sich befindet (Siehe 
den Grundriss Nr. 70, der nur annähernde Richtigkeit beansprucht.) 

Im Jahre 1229 hat die Burg wahrscheinlich schon den Umfang gehabt, 
den der erste Graben begrenzt; denn die beiden Ärzte, welche untei den In- 
sassen aufgezählt werden, lassen auf eine starke Bewohnerzahl schliessen. Bis 
zum Jahre löOl mögen dann fortwährend neue Gebäude hinzugekommen sein und 
den Raum so gefüllt haben, dass Graf Albrecht zur Errichtung eines neuen 
Schlosses über die ümwallung hinausgreifen musste und den sog. Hinterort jenseit 
des Grabens anlegte. Sehen wir uns nun die Schlossanlage näher an, so wie sie 
im letzten Stadium ihrer Vollendung beschaffen war und, wenn auch in Trümmern, 
erhalten ist. Der Eintritt in den Schlosshof ist nur von Norden her möglich. Man 
gelangt zuerst durch das Thorhaus auf die Brücke, die den tief in den Felsen 
eingeschnittenen Burggraben überspannt. Links und rechts sieht man die gähnende 
Tiefe und die sie umsäumenden Mauern, die hier ganz besonders stark sind. Zur 
linken Hand ist sogar der Laufgang für die Verteidiger (a) duiteh ein starkes 
Tonnengewölbe überdeckt, das leider neuerdings zumteil eingestürzt ist. Jenseit des 
Grabens (6) läuft diesem parallel um die ganze Ost- und Nordostseite herum ein 
bequem breiter Weg (c), der, früher jedenfalls durch eine Brüstung geschützt, von 
einer weiteren Mauer überhöht ward, so dass der Zutritt zum Schlosshofe, auch 
wenn das Thor genommen war, immer noch durch diese doppelte Mauer wirksam 
verteidigt werden konnte. Hieran schloss sich ein langes dreistöckiges Gebäude (d), 
von dem nur noch die Umfassungsmauern stehen. Dies wird nach Osten zu durch 
einen Turm (e) zusammen mit einem engen, von riesig starkem Mauern um- 
gebenen kasemattenartigen Gewölbe (/*) begrenzt. Turm und Gewölbe stehen an 
einer abgerundeten Ecke des Mauerzuges, der nunmehr nach Süden sich fortsetzt 
Ein schmaler, zwingerartiger Raum schloss sich früher an Turm und Gewölbe an ; 
jetzt ist nur ein kleiner Mauerrest ((/) übrig, der eine Stärke von mehr als 2 m hat. 
Der Turm, nach dem Graben zu rund, nach dem Schlosshofe zu als Teil eines 



Burg oder Schloss Hansfeld. 127 



Ächleclis ersoheinend, ti%t über dem Eingänge den obenerwähnten Grabstein 
des Grafen Albrecht VII (a.Nr.74). 

/GBl Graf Albrechts Grabstein ist kein gewöhnliches Maclnverk. Das 
trotz der abgeschlagenen Nase ausdrucrksvolie und energische, docli gut- 
mütige Gesicht mit den nicht ganz geschlossenen Aiigen, vom Grün der 
Baume umschattet, mutet den Beschauer eigen an und steigert die poetische 
Stimmung, die die Besichtigung des Schlosses von vornhoi'ein hervorruft. Dieser 
Albrecht VII., der am 15. März 1560 verstorbene Gründer des Hinterortes und der 
Neustadt Eisleben, ist der Sieger von Osterhausen und Drakenburg und Ver- 
teidiger von Magdeburg. Durch den Bergrat Biickhng wurde dieser Grabstein 
am Ende des vorigen Jahrhunderts aus der Thal-Mansfeldor Kirche, in welcher 
nach Spangenberg Albrecht beigesetzt norden ist, auf das Schloss gebracht (Krum- 
haar, Schloss und Stadt Mansfeld S. 49). 

fUj Zur rechten Seite der Einfahrt bat man, an den Schlosshof stossend, ein 
auf einem freistehenden Mittelpfeiler und auf 4 Wandpfeilem ruhendes vierteiliges 
Gewölbe, das auch einen kasemattenartigen Eindruck macht. An dieses Gewölbe 
schliesst sich die lange Flucht von einheitlich gebauten Wirtschaftsiäumen und des 



Marstalles an, die wie die bisher genannten BefestigungeD dem ersten Teile des 
16. Jahrhunderts angehören. Es sind überwölbte Räume, die durch fünf Thüreo 



Borg oder Schloss Maimfeld. 129 



rünglichen Bau nicht an, sondern sind Erweiterungen, die wohl erst bei dem 

oau des jetzt stehenden Schlosses ausgeführt sind. In alter Zeit, als das 

oss noch unversehrt stand, hatte man diesem zweigeschossigen Treppenhause 

jh eine zwiebelformige Haube ein stattlicheres Aussehen gegeben (vgl. die 

iansche Ansicht Nr. 68), wogegen im Anfange dieses Jahrhunderts nur eine 

Jrige Bedachung vorhanden war, so dass der Treppenturm mit seiner Dach- 

:ze noch nicht die Höhe d^ Dachgesimsee der Kirche erreichte. Das beweist 

e der genannten Zeit angehörige Lithographie von Bertram, die im Preussischen 

)fe zu Mansfeld auf einem Flure hängt. Hier erblickt man auch das damals 

ihende unscheinbare und niedrige Wohnhaus, das 1795 vom Bergrat Bückling 

)baut wurde, später aber dem jetzt stehenden Wohnhause weichen musste. 

Zwischen diesem und der Kirche ist ein kleinerer viereckiger Turm ein- 
eklemmt: ursprünglich ebenfalls bedeutend niedriger, ist er bei dem Neubau des 
tattlichen Wohnhauses um ein hohes Geschoss erhöht, dem sich ein etwas vor- 
rragender Teil anschliesst, der das spitze Dach trägt. Auf der Bertramschen 
iliithographie reicht das Dachgesims auch dieses Turmes noch nicht bis ans Dach- 
gesims der Kirche hinan, und die Bedachung besteht aus einem zopfigem Aufsatze, der 
mit einer durchbrochenen Laterne abschliesst. Sonst ist von dem einstigen Haupt- 
schlosse Vorderort nichts mehr übrig. Die in der oben angeführten Teilungs- 
lirkunde erwähnten Gebäude lassen sich auch nicht mit Sicherheit unterbringen; 
so weit es wenigstens vermutungsweise möglich ist, ist es auf dem Grundplane 
versucht Das hohe Haus sowohl wie das vorderste neue Haus, nicht aber das neue 
Haus „neben dem Borne, ^^ müssen demnach so gelegen haben, dass ihre obern 
Geschosse alle durch die „vorderste Treppe," d. i. den eben beschriebenen 
Treppenturm erreicht werden konnten. Auf dem Grundplane sind die so ver- 
muteten Gebäude durch punktierte Linien bezeichnet. 

Die Kirche, die sich nun anschliesst, gehört zu den stattlichsten Schlosskirchen 
Deutschlands und bedarf einer besonderen Würdigung. Nur wenige Schritte vom 
Chorraum der Kirche entfernt beginnt eine mächtige, aber in Trümmern liegende 
Schlossanlage, der sog. Mittelort. Nach den erhaltenen Mauern des Erdgeschosses 
za urteilen, zerfiel das Schloss in drei Teile; der nordwestliche ist der grösste; 
dieser mächtige B^um etwa 25 ra lang und 12 m breit, heisst noch heute der 
goldene Saal, der ganz besonders kostbar ausgestattet gewesen sein soll. 

[OJ Jetzt stehen nur noch die Umfassungsmauern des einst sehr stattlichen 
Gebäudes, hohe Fichten wurzeln in den verödeten Räumen und breiten ihre Äste 
über die bemoosten Steine, zwischen denen eine grosse botanische Seltenheit, Urtica 
pillulifera, wuchs, angeblich durch einen im gelobten Lande gewesenen Grafen in 
seine Heimat übertragen. (Jetzt scheint diese Pflanze ausgerottet zu sein.) 

[B] östlich, durch eine Mauer getrennt, schliesst sich ein kleiner Raum an, 
dessen östliche bis an den Graben reichende Wand die ausserordentliche Stärke 
von 4 V2 '^ hat. Südlich stösst an den goldenen Saal ein grösserer Raum, auf 
dessen hohen Grundmauern ein dreigeschossiges, mit drei Rundgiebeln gekröntes 
Gebäude ruhte, unter ihm geht eine geräumige in der Tonne überwölbte Durch- 
fahrt vom Schlosshofe aus nach Osten zu. Hart an dem nordöstlichen Strebe- 
pfeiler der Kirche vorbeifahrend bog man in diese Durchfahrt ein, die nach der 
Kirche zu eine Kurve bildet Diese Durchfahrt muss unmittelbar nach dem in 

Mansfelder Gebirgski'eis. 9 



Hansfelder Gebirgskreis. 



der obenerwähnten Teilun^urkunde von 1490 erwähnten, nach Osten zu aozn- 
nehmenden Thore geführt haben. An der Nordseite des goldenen Saales sind die 
Trümmer eines mächtigen Treppenturmes sichtbar, dessen innerer Durchniei>ser 
etwa 5 m beträgt. Dieser Treppenturm war der höchste und vielleicht auch 
schönste des ganzen Schlosses. Er überragt auf dem Merianschen Bilde mit 
seiner schöngeschwungenen Haube und dem obersten Geschosse um ein beträcht- 
liches Stück den Dachfirst des eben beschriebene^ „alten grossen Hauses" dos 
Miftelorts. Auch an der Ostseite des Gebäudes findet sich eine Spur einer kleinen 
Wendeltreppe. Aus den oben angeführten Urkunden geht zwar nicht hervor, dass 






,>J= 



der Mittelort damals, als Graf Albrecht den Hinterort baute, umgebaut worden 
wäre. Die Formen des Schlosses nötigen aber, dieses anzunehmen. Ein besonders 
anziehendes Stück ist glücklicherweise erhidten worden, es ist ein kanzelartiger 
Altan, der die nordwestliche Ecke des goldenen Saales schmückt -(siehe 
Nr. 73). Mit ihrem Mittelteile ruht die Brüstung scheinbar auf einer vom 
Erdboden aus auf hohem rundem Fuss schlank aufschiessenden Säule, welche die 
Ecke des Gebäudes ersetzt und von einem Konsolenkapitäl gekrönt wird ; je zwei 
Eonsolen an jeder Seite bieten weitere Stützpunkte für die in vier gerundete 
FelderJ zerfallende Brüstung, die mit Figuren verziert sind. Der Altan war wahr- 



Barg oder Scbloss Mansfeld. 131 



scheinlich mit einem gewölbten Baldachin üherdeckt. Am Schlussstein des Thür- 
bogens befindet sich die Inschrift: 

GEBÄRD GRAF • V- MANSFELD - HER • V • SEBVROK 

1532 

Hiemach hat Graf Gebhard VII. von Mansfeld-Mittelort diesen Saal im Jahre 
1532 erbaut, derselbe, der im Jahre 1517 die Befestigungsarbeiten des Schlosses 
geleitet hatte. 

Hiermit sind wir an der Grenze der alten Burg angekommen. Ein tiefer 
Graben, derselbe, den wir schon beim Eintritt in die nördliche Einfahrt kennen 
gelernt haben (6), scheidet den nun folgenden Hinterort (erbaut 1511) von dem 
alten Schlosse. Die Ausdehnung, dieses Teiles ist bedeutender, als diejenige der 
beiden alten Schlösser, die Zerstörung ist aber hier ebenso gross, als beim Mittelort. 

Den Kein der Anlage bildet die sehr geräumige Reitbahn, jetzt ein schöner 
Galten. Drei mächtige Gebäude und ein kleineres im Westen gruppierten sich 
einst um sie, von denen zumteil nur die Grundmauern noch stehen, ja auch diese 
sind nicht immer sichtbar. Der westliche Teil fällt steil in den Burggraben ab 
und besteht aus einst durchaus gewölbten Räumen, deren Gewölbe zumteil noch 
vorhanden sind; es sind drei Teile (A, i,k des Grundrisses), die mir als Brauerei 
bezeichnet wurden. 

Der kleine Raum i ist mit einem Tonnengewölbe bedeckt und steht mit h 
durch eine Thür in Verbindung; h trägt noch unversehrt sein altes Kreuz- 
gewölbe; k war von einem vierteiligen Kreuzgewölbe bedeckt, das aber zerstört 
ist. Mit der Reitbahn stand der Raum h durch einen grossen Rundbogen in 
Verbindung, der jetzt vermauert ist. Die die Reitbahn umgebenden Mauern der 
umliegenden Schlossgebäude sind noch in einiger Höhe erhalten, so dass auch 
noch eine Anzahl Fensteröffnungen sichtbar sind; vom südlichen Gebäude ist dies 
auch bei der gegenüberliegenden Wand der Fall; der östliche Teil liegt aber ganz 
in Trümmern. Die Formen der Fensterumrahmungen entsprechen der Zeit der 
Erbauung: Rundstäbe, zumteil sich überschneidend, wechseln mit Hohlkehlen. 
Sonst sind keine Einzelheiten mehr wahrzunehmen. — Nach der Merianschen 
Darstellung erscheinen die Gebäude des Hinterortes weniger hoch, als die des 
Mittelortes; nur das östlich gelegene am meisten nach Süden vorspringende Haus 
hat eine annähernd gleiche Höhe. Der reichlich zur Verfügung stehende Platz 
mag wohl von Gebäuden mit mehr als zwei Geschossen gern haben Abstand 
nehmen lassen. 

Die beiden hinter. den Gebäuden sichtbaren niedrigen Türme sind jetzt nicht 
mehr nachzuweisen; der eine könnte allenfalls mit dem oben angeführten Turme 6 
identisch sein. 

Dieser bedeutende Schlossbau vor der ümwallung der Burg verlangte nun 
ganz bedeutende eigene Befestigungen, zumal seine Lage einem Angriff von vorn- 
herein grösseren Erfolg versprach, als die alten Teile. Denn diese liegen auf einer 
nach zwei Seiten steil abfallenden Höhe, während der Hinterort nur eine solche 
Seite hat, noch dazu eine von massigerer Erhebung, was um so bedenklicher war, 
als der nahe gegenüberliegende Berg mindestens dieselbe Höhe hat, von ihm aus 
also die Burg leicht zu beschiessen war. 

9* 



132 Mansfelder Gebirgskreis. 



Die Befestigung der alten Burg bedurfte der künstlichen Werke im Westen 
und Süden nur in massiger Ausdehnung, es sind eigentlich nur die Ecken, die 
stark bewehrt sind; im Südwesten springt die mächtige Bastei, die Mine genannt, 
weit vor und bewehrt so Süd- und Westseite zugleich. Ihr innerer Durchmesser 
beträgt etwa 25 m. Ein gleichfalls gewaltiges Werk ist der sog. Fuchs, ein 
Rundturm, dessen Mauern 3,7 m stark sind und dessen innerer Durchmesser über 
10 m beträgt. Fünf Schiessscharten öffnen sich trotzig nach den bedrohten Seiten 
hin. Mine und Fuchs sind durch eine einfache Mauer miteinander verbunden, 
wie auch von der Mine ostwärts, die Südfront schirmend, nur eine einfache Mauer 
bis zum Hinterort sich hinzieht. Die Nord- und Ostseite des Schlosses hat dagegen 
keinen natürlichen Schutz; die Höhe des Berges bleibt eine geraume Strecke nach 
Norden und Osten zu dieselbe und fallt dann nur allmählich nach Leimbach 
und Kloster. Mansfeld zu ab. Hier hatte die Befestigungskunst eine würdige 
Aufgabe. Mit Vermeidung einer Ecke führte man als Schutz für die beiden alten 
Schlösser die oben beim Eintritt in das Schloss beschriebenen Gräben und Wälle 
auf, die sich in der angegebenen Weise nach Südosten in einer Kurve herum- 
ziehen. Der äusserste Wall, dem noch ein breiter Graben, also der dritte, vor- 
gelegt war, wurde nun als Bauplatz für den Hinterort ausersehen; was ihm an 
natürlicher Festigkeit fehlte, musste durch Kunst ersetzt werden, und so entstand 
das ungeheure Werk an der Ostseite, das nach dem Merianschen Bilde fast alle 
Gebäude des Schlosses überragt. Es scheint im Wesentlichen ein Erdwerk ge- 
wesen zu sein, denn jetzt erkennt man nur schwer noch seine Spuren; nur die 
die ganze Umgebung unterminierenden bombensichern Gewölbe sind .deutlich 
sichtbare Merkmale von dem kriegerischen Aufwände, den mau hier einst gemacht 
hat. Nach Süden zu ist dem genannten Biesenwerke noch ein anderes vorgelagert, 
die sogenannte Katze. Dies ist ganz aus Bruchsteinen aufgeführt und hat 20 m 
im Durchmesser. Etwas zurücktretend schloss sich westlich ein kastellartiges 
Gebäude an, das auf dem Merianschen Bilde nicht recht sichtbar ist, wohl aber 
auf einer ebenfalls hier wiedergegebenen Darstellung des Schlosses, die sich aut 
einem Kupferstichblatte aus dem 17. Jahrhundert findet neben der des Schlosses 
Seeburg, entworfen von David Hartmann, gestochen von Aeg. Sadeler „S. Caes. 
M«- sculptor," gedruckt von Paul Fürst (Nr. 74 siehe auf S. 133). Das Blatt, eine 
Yerherrllchung des Mansfeldischen Hauses mit dessen Stammbaum enthaltend, ist 
auch insofern sehr wertvoll, als es zu einem Vergleiche mit dem Merianschen 
Stiche und somit zur Prüfung beider Gelegenheit giebt. Beide geben das Schloss 
von derselben Seite und im Wesentlichen übereinstimmend, Beweis, dass beide 
Zeichner gewissenhaft das, was sie sahen, und zwar unabhängig von einander, 
wiedergegeben haben. 

Wir sind so in der glücklichen Lage, ein leidlich vollständiges Bild 
einer nur in Trümmern noch vorhandenen grossartigen Burg zu haben, deren 
Grundplan sich zudem ziemlich genau feststellen und mit dem alten Bilde 
vergleichen lässt. 

Ehe wir die Kirche im Einzelnen betrachten, ist noch des Bildwerkes an 
den Profangebäuden zu gedenken, das der Zerstörung entgangen ist. Es ist 
herzlich wenig, aber nicht wertlos. Der Grabplatte des Grafen Albrecht (Nr. 75, 
siehe auf S, 134), die in den Turm an der Nordseite eingesetzt ist, ist schon 



Burg oder Schloss Haosfeld, 133 



oben gedacht, ebenso des Fortales zu dem Turme, der dem Brunnen gegenüber 
steht Das Wertvollste aber sind zwei Reliefs in den BogenfuUungeu der beiden 
Thiireu, welche in die ausgedehnten Felsenkelier des Schlosses führen. Auf dem 
einen, Nr. 76 {siehe auf S. 135), sieht man den Gott Bacchus auf einem Weinfasse 
sitzen, wie er sich mit einem Gesichte, dessen Ausdruck unverwüstlichen Hang zur 
Schlemmerei mit gemütlicher Behäbigkeit in köstlicher Barstellung vereinigt, 
in eine mit der linken Hand gehaltene Schale Wein eingiessen lässt l)ie ihm den 
lübetruok spenden, sind kleine Putten mit allerhebsten Gesichtern; der eine hält 
mit Anstrengung den Weinschlauch , dessen ÖSnung ein anderer mit wichtiger 



Nr. 74. 

Miene in die Schale leitet; ein dritter pflückt von einem Weinstocke Ti-auben. 
Die Rechte des Gottes greift ebenfalls nach einer Traube, während zwei von den 
drei kleinen Gesellen, die auch dem Gotte zur Rechten dienen, zwei Weintrauben 
halten, der dritte aber zu dem Gotte, auf dessen Ann er seine Händchen legt, 
aufsiebt, wie nm ihn auf etwas aufmerksam zu machen. Die Mitte des biatt- 
geschmückten Rundstabes, der die Scene umschliesst, wird von einem entsprechend 
breiten Blattstreifen ausgefüllt mit der Inschrift: BACHVS ■ DEVS ■ VINI ■ Die 
reizvolle Wirkung des Ganzen wird noch erhöht durch das üppige Epheu, das 
die schönen Formen des architektonischen Rahmens umspinnt. Etwas derber ist 
die Scene über der andern Thür, Nr. 77 (siehe auf S. 136). Es sind Landsknechte, 
die uns hier vorgeführt werden, vier an der Zahl, von denen aber nur noch zwei 
trunkfest sind. Der eine, in besonders üppiger Tracht mit federgeschmücktem 
Hute, setzt eben die Holzkanne an den Mund, mit der Linken den einlacher ge- 



134 Uaosfelder Qebirgskreis. 



kleideten Kameraden abwehrend, der mit bitterbösem Gesichte, die Unterlippe tief 
heruntergezogen, mit einer leeren Kanne auf den andern eiuhaut und mit dem 
linken Fnss gar ihm einen Tritt versetzt, was alles jenen aber nicht in seinem 
Behagen zu stören scheint Die leeren Trinkgefässe, die der Angreifer in den 
Händen hat, scheinen den Grund seines Zornes anzudeuten. Die beiden andern 



Nr. 75. 
Kumpane sind nicht mehr aktionsfähig', der eine schläft seinen Rausch aus, der 
andere erleichtert sich zur Freude seines, wie es scheint, auch durstigen Hundes. 
Dem gröberen StoBo entsprechend ist die Scene auch derber, als die mit dem 
Weingotte. Auch hier fehlt die Inschrift nicht, die nicht leicht zu deuten ist. 
Sie lautet: QVIT- EST RAPSI i) Es mag heissen sollen: Was ist das? Ich 

') Man Im bisher immer BAPSI und Boh darin ein barbarischex Perfectum von bibo 
Dan iet aber unzuläxHig, Hchon wegen der Deutlichkeit des B. Zudem hat ja der Trinker 
noch gar nicht getrunken, sondern will erat trinken. Rapsi ist ein ahe» Perfekt von rapio 
(cf. Cic. Legg. 3, 9, 22.), das in der Reformali un «zeit nicht etwa wieder audgcgraben zu sein 
braucht, wndero nur nach Analogie der Perfekte auf ni scherzhall oder auch aus Unkenntnis 
gebildet «ein kann. 



Burg oder SchlosB Hansfeld. 



Hansfelder Gebir^rais. 



Burg oder Schloss Hanefeld. 



hab's erwischt! Es macht den EiDdruck, als ob hier ein geflügeltes Wort der 
Zeit Gegenstand einer besonders launigen Darstellung geworden wäre. An künst- 
lerischer Durchbildung steht dieses Relief dem erst beschriebenen nicht nach. 

Was sonst an bildnerischem Schmucke auf dem Schlosse vorhanden ist, ent- 
hält Die Kirche {Nr. 78 und 79). 



Nr. 78. 

Sie ist ein stolzer, stattlicher Bau gotischen Stiles, der noch &ei ist von 
Ausartungen. Ihre Erbauung muss deshalb noch in das 15. Jahrhundert gesetzt 
werden, wo sie an die Stelle der schon 1229 bezeugten romanischen Schlosskapelle 
trat Sie ist ein einschiffiger, turmloser Bau, der von drei Jochen gerippter 
Kreuzgewölbe überspannt und dessen Chorschluss aus dem halben Achteck kon- 
struiert ist. Die Gewölberippen setzen auf kapitälgeschmückten Dreiviertelsäulen 
auf, nur in den beiden Ecken der Westseite kommen sie aus der Wand heraus. 
Bei einer lichten Breite von 8,59 ra im Westen (8,86 im Osten) und einer Scheitel- 
höhe von 22 m hat die Kirche, zumal da sie einschiffig ist, sehr schlanke Ver- 
hältnisse; von der Südseite gesehen erscheint sie sogar übermässig schlank, da 
der Berg dahin abfällt und deshalb die Grundmauern eine bedeutende Höhe haben. 
Die Fenster, auf der Südseite zwei, im Chorschluss drei, auf der Nordseite nur 
eins, haben edles Masswerk, meist Vierpässe, die zwischen die zwei oder drei 
Spitzbogen eingespannt sind, welche das Stabwerk der zwei- oder dreiteiligen 
Fenster abschliessen. Die Nordseite gewährt von aussen einen etwas ungewöhn- 
lichen Anblick, nicht nur weil die Wand nur durch ein Fenster belebt wird, das 



Mansfelder Gebirgskreis. 



den Östlichen von den drei zwischen den Strebepfeilern liegenden Teilen durch- 
bricht, sondern auch wegen der Bogen, welche zwischen die Strebepfeiler eingespannt 
sind. Diese erheben sich mit ihrer Bekrönung fast bis an die erste Abschrägung 
des Pfeilers über dem Sockel; und bilden also überwölbte Nischen von der Tiefe 



Nr. 79. 

der Strebepfeiler.^ Eine ähnliche Erscheinung findet sich bei der St Annenkirche 
in Eisleben. 

Das Innere ist nach und nach mit Stein - Emporen versehen worden, 
die aber den Gesumteindruck des Ganzen nicht etwa beeinträchtigen, sondern 
heben, indem sie, geschickt angebracht, die Einfachheit des einschiffigen Baues 
beleben. 



Burg oder Schloss Mansfeld. 139 



Die Formen der Einzelheiten beweisen, dass die Emporen weder gleichzeitig 
mit der Kirche, noch miteinander gebaut sind. Die Empore der Südseite erscheint 
als die ältere; — wie natürlich, da man die Sonnenseite stets vorzog, zumal hier, wo 
die Nordseite fensterlos ist -- wenn auch nicht als die schönere. Hässliche gewundene 
Säulen tragen ohne Kapital in ungeschicktem Übergange die Bogen ; der Fussboden 
der Empore wird von Kreuzgewölben getragen, deren der Wand zugekehrtes Viertel 
als Teil eines Sterngewölbes erscheint. [G] Diese Empore, welche den Namen 
^der Cavalierstand^ führte, wird bis zur Westwand gereicht haben und muss durch 
eine Thür vom Schlosse aus zugänglich gewesen sein, die aber nicht mehr nach- 
zuweisen ist. Ein Beweis, dass sie vorhanden war, ist das in die Südwand ein- 
gemauerte steinerne Sakramentshäuschen mit der Inschrift: HOIER QRAF VND 
HER CZM MANSFELT, dessen Fuss durch eine bis zur Brüstung der Empore 
reichende, mit drei Weihekreuzen versehene Altarplatte mit jener verbunden ist. 
Die ungewöhnliche Wahl dieses Ortes für Sakramentshäuschen und Altar erklärt 
sich nach der Yolksüberlieferung durch die Absicht, dem Kaplan, der in der 
daranstossenden, durch eine Thür mit der Empore verbundenen Kaplanei 
wohnte, den Zutritt zur Kirche und die Ausübung seines Amtes zu erleichtern. 
Laut einer älteren „Historischen Nachricht vom Schlosse Mansfeld^ im Be- 
sitze des Ver. f. Oesch. u. Altert d. Orafsch. Mansfeld (Plümickesche Abteil, der 
Bibl. II, 20) stand in diesem Sakramentshäuschen ehemals ein hölzernes Marienbild, 
das einen vergoldeten Zettel mit der Aufschrift: „Ave gratia plena^^ in der Hand 
hielt, während über demselben aussen stand: 

Graf • V ■ H • Z ■ M • 1519. 

Auf dem Altar befand sich nach demselben Berichte (in einem Schi*eine) das 
aus dem besten polierten Alabaster gearbeitete Bild Christi mit der Dornenkrone, 
welches Maria mit thränenden Augen in ihren Armen hielt; darunter war zu lesen: 

Non borritate nostra, sed misericordia 
tua, Domine, salvasti nos. 

Dieser kleine Schrein hatte Seitenflügel, die mit Figuren geziert waren. Graf 
Franz Maximilian von Mansfeld soll an dem Kunstwerke, als er sich einige Zeit 
auf dem Schlosse aufgehalten, besonderes Gefallen gefunden und es darum mit 
nach Wien genommen haben. 

[B] Die Brüstung zeigt spätgotische Profile und entsprechende Füllungen von 
geometrisch r^j^lrechter Bildung. Die Abstände der Säulen sind genau gleich. 

Als der Baum nicht mehr ausreichte, entschloss man sich zu einer Er- 
weiterung der Emporen und zwar errichtete man zu gleicher Zeit und in gleichen 
Formen die im Westen und im Norden. Sie ruhen auf achteckigen schlanken 
Pfeilern von gefalliger Bildung, fünfen an der Nordseite und einem an der West- 
seite, wo zwei Rundbogen nach beiden Seiten hinüber schwingen. Die Verbindung 
dieser breiten Westempore mit der alten, südlich ist durch einen schmächtigen 
Spitzbogen notgedrungen hergestellt Auf der Nordseite hat man diese un- 
symmetrische Anordnung nach Möglichkeit vermieden. Die Decke bilden hier 
reine Bjreuzgewölbe. Die Brüstung, die 14 cm höher ist als die alte, zeigt eine 



140 Mansfelder G«birg8hreis. 



reichere Profilierung, die Füllungen bestehea aus höchst manieriertem Maeswert; 
nur eine, welche die Verbindung mit dem alten Teil herstellt, ist nicht durch- 
brochen, sondern liat im Relief ein aus gebogenen Wurzeln zusammengesetztes 
Ornament und trägt die Zahl 1521. (Siehe Nr. 80.) Der Zugang zu den nun 
miteinander in Verbindung stehenden Emporen war von drei Seiten möglich, durch 
eine in der Südwestecke angebrachte reiche spätgotische sehr bequeme Wendel- 
treppe, ferner durch eine engere, die zur nördl. Empore führt; beide sind noch 
völlig im Stande. Der dritte Zugang geschah vom Schlosshofe aus, also wobl 
unmittelbar von dem jetzt nicht mehr vorhandenen hohen Hause her vermittelst 



Nr. 80. 

eines wahi-scheinlieh verdeckten Ganges. Erfühlte in gleicher Höbe mit der Empore 
zu dieser durch eine Thür, die sich über dem jetzt allein den Zutritt zur Kirche 
erschliessenden Portal an der Nordseite befindet (siehe Nr. 78), jetzt aber keinen 
Zweck mehr hat, ja geradezu gefährlich ist, da man aus der Thür unerwartet auf 
eine brüstungslose Plattform tritt. Welcher Zugang in dem Teilungsvertrage von 
1495 gemeint ist mit den Worten : „eynen freygen Ingang vber das gewolbe neben 
dem hochen Hawsse in die kirche," steht dahin, da die folgenden Worte: doch das 
darmitte dem hohen Hawsse seine fenster vnd liecht nicht benomen werden" hierüber 
keinen Aufschluss geben. Früher war auch von Süden her eine Thür zugänglich, 
die Jetzt aber von aussen vermauert ist. (S. Grundriss.) [GB] Ad dieser Seite schliesst 
sich an die Kirehe ein geräumiger, gewölbter ßaum an, der die Sakristei oder das 
in Dr. Luthers Vertrag erwähnte, als Archiv des gräflichen Gesamlhauses 
dienende „gewelbe bei der kirchen vfien Schloss Mansfeldt" gewesen sein wird. 
Es sind jedoch zwei Bäume zu unterscheiden; denn aus diesem eben beschriebenen 
Gewölbe führt ein mit gotischem Hasswerk versehenes, jetzt an seiner Aussenöffnung 
vermauertes Fenster zu einem östlichen Nebenraum, der keinen Zugang hat. Hiernach 
muss an die „Sakristei" erst später dieser Kaum angebaut sein, da sonst das Fenster, 
zumal in seiner deutlich erkennbaren Gestalt, keinen Zweck hätte. Die Wand ist 
1,50m stark, ohne das Masswerk; die ganze Wand also wohl l,ö5m, gleich der 
gegenüberliegenden. Jetzt dient der Raum einer stummen Schar zum Aufenthalt, 
nämlich einer grossen Zahl grosser Holzfiguren, von denen weiter unten die 
fiede sein wird. 



Barg oder Schloas Hansfeld. 141 

[B] Die Kirche ist an bildnerischem Schmucke nicht arm. Den Altar schmückt 
ein Schrein, dessen aufgeklappte Thüren mit dem Hauptfelde und der Predella 
Tier Gemälde tragen, die Ton Wert sind. Das Hauptfeld (Nr. 81) zeigt die Kreuzigung 
Christi und der beiden Schächei-, von 
denen der eine nackt ist, während 
der andere, wohl nicht ohne Absicht, 
einen völlig angekleideten Mann in 
der Tracht eines zeitgenössischen 
Edelmanns darstellt, vielleicht ist es 
ein Gral von Mansfeld. Die Figur 
Christi ist nicht besonders glücklich 
in der Zeichnung, wohl aber die 
meisten andern. Am Fasse des 
Kreuzes stehen, sitzen oder knien 
fünf trauernde und wehklagende 
Frauen , alles schön bewegte edle 
Gestalten, vor allem die das Kreu^. 
umfassende, die wohl Maria sein soll; 
doch würde man auf ihrem Gesichte 
mehr Schmers und Teilnahme er- 
warten. Ks mag hier dem Maler 
daran gelegen haben, ein ihm be- 
sonders liebes Gesicht in ungetrübter 
Schönheit an hervorragender Stelle 
zu verewigen; denn alle andern 
Gestalten zeigen tiefere Empfindung. 
Störend ist jedoch das Vorherrschen 
von Rot und Hellbraun in den Ge- 
siebtem, wie des rot-blonden Haars, 
80 dass der Gesamteindruck der 
Farbengebungnicbt befriedigt. Rechts 

steheneinigeKriegerimHintergrunde Nr. 81. 

und, schmerzvoll aufwärts schauend, 

Johannes; ein Knabe, einen Hund (oder ein Lamm?) umlassend, voll kindlicher 
Anmut hinter ihm. Sehr anziehend sind auch die das Kreuz umschwebenden 
klagenden Kngelchen. Die Behandlung des Fleisches bei allen diesen Figuren ist 
geschickt \ind zart, Es ist in dieser Hinsicht eines Kranach nicht unwürdig, dem 
man das Gemälde nach alter Überlieferung zuschreibt. >) Diesem Bilde ebenbürtig 

') / 0] 8. Zeitschr. dee Harzvereins II, 3, S. 102 nod 103 und handschriftl. Aufzeichnungen 
in der Bibl. des Ver. für Geechichte und Altert, der QrafBch. Manefeld II, 20. Diese Über- 
lieferung findet aber auch Bestätigung durch das Qemälde selbst. Denn in der oberen linken 
Eclce des linken Flfigel« (vom Beschauer aus gesehen) sind zwei Drachen mit Fledennaue- 
flflgeln, bekanntlich das Wappenbild der Kranache, zu sehen, deren einer grösser ist als der 
andere. (Vgl. Nr. 82 rechts.) Aus diesem Umstände und aus dem doppelten Vorkommen des 
Kranachschen Kfinstlerzeichens darf man vielleicht den Scbluaa ziehen, dass I^ucaa Kranach 
Vat«r und 8ohn an dem Gemälde gearbeitet haben. Wäre übrigens wirklich die schöne 



142 Mansfelder Gebiigskreis. 



ist die die Predella schmückende Grablegung. Besonders bedeutend ist das Gesicht 
Josephs. Die weibliche Figur mit Goldschmuck (rechts liinter Maria), die auch 
auf dem Hauptbilde sich findet (links hinter Maria), soll ein Porträt der Gräfin 
Agnes von Mansfeld, der „schönen Mansfelderin" sein, bekannt aus der Ehe- 
geschichte des Truchsess von Waldburg, Erzbischofs von Köln. 

Der aufgeklappte linke Flügel zeigt die Höllenfahrt Christi, der rechte die 
Auferstehung, die beide nicht so bedeutend sind wie das Mittelbild. 

Da während des 30 jährigen Krieges die oft beschädigte Kirche, in welcher 
nur selten Gottesdienst gehalten wurde, lange ohne Fenster gestanden haben solL 
so kann es nicht befremden, dass Wind und Regen das Gemälde erheblich be- 
schädigt haben. 

Den grössten Schmuck der Kirche bildet jedoch ein holzgeschnitztes 
Sakramentshäuschen aus der Blütezeit der Benaissance (sieheNr. 82aufS. 14l>), 
das an der Nordostwand des Altarraumes aufgestellt ist. Auf einem steinenien 
Unterbau erhebt sich das Ganze, beginnend mit drei einfach eingerahmten Feldern, 
die wahrscheinlich meist alle mit Reliefs ausgefüllt waren. Jetzt trägt ein solches 
nur das linke Feld, die Geisselung Christi darstellend, der eine Säule urofasst 
Nun steigt reich und zieriich, aber ohne Überladung der Hauptteil empor, den 
drei unteren Feldern entsprechend. Vier schlanke kostbar verzierte ganze Säulen, 
von denen zwei die drei Felder voneinander trennen, tragen, auf Konsolen ruhend, 
zwischen denen die Flächen auch mit Ornamenten bedeckt sind, auf korinthischen 
Kapitalen ein verkröpftes Gebälk. Von den sechs Feldern, in welche die Holz- 
wand geteilt ist, sind die drei oberen nur halb so hoch als die drei unteren, die 
auch allein weiteren Schmuck tragen. Das mittlere Feld ist die Sakramentsnische, 
geschlossen durch eine reichumrahmte Thür mit der Kreuzigung Christi. Die 
halbrunden mit Muscheln gedeckten Seitennischen sind leer, waren aber wohl 
bestimmt, Rundfiguren aufzunehmen. Es folgt nun ein halb so hoher, auch mit 
vortretenden Säulen geschmückter Aufsatz, dessen Mittelfeld das Querfurt- Mans- 
felder Wappen enthält. Das dazu gehörige abschliessende Hauptgesims ruht auf 
Konsolen. Die folgenden Teile sind in architektonischer Hinsicht keine organische 
Fortsetzung des Hauptwerkes, zeigen auch sehr minderwertige Arbeit, vervoll- 
ständigen aber mit ihren vier ReUefs den Kreis der Darstellungen. Die unteren 
beiden stellen die Auferstehung Christi und die Rettung aus dem HöUenschlunde 
dar. Über beiden steht ein grösseres Relief mit der Himmelfahrt und nach diesen, 
das Ganze abschliessend, die Ausgiessung des heiligen Geistes. 

[O] Die auf dem Schlosse und in der Umgegend verbreitete Überlieferung, 
die kunstvolle Schnitzerei sei das Werk eines zum Tode verurteilten Schäfers, 
der sich durch dasselbe das Leben erwirkt habe, ist unglaubwürdig, denn so. viel 
Kunstverständnis und feiner Geschmack, wie hier zu Tage treten, sind keinem 
naturwüchsigen Künstler zuzutrauen. 

[GB] Das Gegenstück auf der Südostseite ist ein ebenso wertvolles Steinbild werk, 
das Grabdenkmal des Grafen Günther vonJllan8feld-Vorderort(Nr.83s.S.144); 



Mansfelderia'^ in einer der am Kreuze stehenden weiblichen Figuren dargestellt, so könnte 
das Bild, da sie erst nach Lucas- Kranachs des Alteren Tode (f 1553) geboren ist, nur von 
Lucas Kranach dem Jüngeren (f 1586) herrühren. 



Barg oder Scliloss Hansfcld. 



Hansfelder Gebirgskreia. 



alle sechs grossen Figuren sind von vortrefflicher Duiclibildung; der rechts 
Toro Kreuze, Maria gegCDüber kuiende Ritter, dessen Wappenschild neben ihm 
angebracht ist, ist jedesfalls die Porträtfigur des Grafen Günther, auf den die 
Inschrift hinweist. Sie lautet: 



Nr. 88. 

NACH ■ CHRISTI ■ VNSERS • HERN ■ GEBVRT - M ■ D- XXVI ■ 
DONERSTAGS -NACH ■ DEM -TAGE -DER ■ HEIMS VCHVNG • 
MARIE. IST - DER ■ EDLE . VND - WOLGEBORN -HERRE- 
GVNTHER -GRAFF ■ VND • HERRE ■ ZCV. MANSFELüT • 
IN ■ GOTT . VORSCHIEDEN • DEM ■ GOT - GNAD • 



Burg iHler Schloss Maosreld. 



Der Tsufstein ist ein schönes, spätgotisches Werk (stehe Nr.SJ). Er trügt 
die Jahreszahl \b22. 



Nr. 84. 

/ÖJ An der Nordseite der Kirche erblickt man ein kleines Steinbildwerk aus 
mürbem, grauem Sandstein, eine barhäuptige, bartlose Mannstigur mit gelocktem 
Haar, gefnlteten Händen und langem, faltigem Gewände darstelleqd. Von der 
Umschrift in gotischen Minuskeln lassen äich die Worte 

|rt mttUt lirnl't 
noch erkennen, doch ist gerade der letzte Name wegen der TJndeutlichkeit der 
Züge unsicher. Darüber befindet sich eine Sakramentsnische, an deren linkem 
Gewände eine weibliche Figur mit wallendem Haar (im Netz?) kniete. Unter 
derselben ist in gotischer Minuskel noch der Beginn der Jahresangabe 
■■■I % i...., 

nicht aber die Jahreszahl selbst mehr genau zu erkennen. Noch weiter darUbef 
erblickt man auf einer Konsole unter einem Baldachin aus rotem Sandstein den 
h. Laurentius, bartlos, in langem, faltigem Uewande, in der linken ein Buch, in 
der Rechten den herabhängenden Rost haltend. Unter einem andern Baldachin 
ist ein Abendmahl in Stein dargestellt, bei welchem Jesus dem Judas den fiissen 
in den Mund steckt 

[BJ Schliesslich sind noch die sonderbaren Chorschranken zu erwähnen, die 
durch ein lohes, schmiedeeisernes Üitter von schräg gekreuzten Stäben gebildet 
werden. Nur seine Bekrönung zeigt Schmuckwerk in Gestalt von durchbrochenen, 
aus Eisenblech geschnittenen Wappen und Arabesken , die mit jenen abwechseln. 
Auch die Kanzel ist aus solchen Eisenstangen zusammengesetzt und mit den 
Schranken wie ein Lettner unmittelbar verbunden. Luther soll hier öfter gepredigt 
haben. 

Muufeldec Gebii^skrds. ID 



146 



Mansfelder Oebirgskreis. 



Im Altarraum sieht man noch vier steinerne Säulen aus der Barockzeit, die 
mit der Kirche nichts zu thun haben. Die Sage, dass irgend ein Graf y. Mansfeld 
sie aus dem heiligen Lande mitgebracht habe, entbehrt sicher jedes geschichtlichen 
Hintergrundes. 

In dem schon oben erwähnten südwestlichen Nebenraume ist eine Menge 
überlebensgrosser hölzerner Heiligenbilder in wirrem Durcheinander aufgestellt 
Die Figuren stammen aus verschiedener Zeit und von verschiedenen Werken. 
Bemerkenswert sind einige in kolossaler Grösse ausgeführte weibliche Figuren. 




Nr. 85. 



Sie sind schlank und edel 
lichem Aussehen; Gesichter 
dieser Hinsicht noch nichts 
ist übrigens aus grober, mit 
gehören wahrscheinlich dem 
Zweifel einem mächtigen 
keinen Anspruch machen. 



und zeigen aristokratische Gesichter von wenig kirch- 
und Haltung zeigen eine zierliche Eleganz, die in 
allzu Gesuchtes hat. Die Kleidung dieser Jungfrauen 
Gips überzogener Leinwand hergestellt. Diese Figuren 
Ende des 17. Jahrhunderts an. Sie haben wohl ohne 
Altarwerke angehört, können aber auf Kunstwert 
Eine Ausnahme bildet nur der Crucifixus, Nr. 85, 



(Thal-)Mansfeld. 147 



weit über Lebensgrösse. (Vom Nacken bis zu den Fussspitzen raisst die 
Figur 2,10 m.) Diese Gestalt des Gekreuzigten ist von fjrosser Wirkung; das 
Haupt ist tief gesenkt, so dass das schmerzverzogene Gesicht von unten auf un- 
verkürzt zu sehen ist, die Brust eingesunken, die Finger krümmen sich krampf- 
haft, ebenso die Zehen der Füsse; die Adern der Beine sind dick geschwollen. 
Wenn auch die Ausführung eine derbe ist, so verfehlt der B/ealismus der Dar- 
stellung nicht, einen bedeutenden Eindruck zu hinterlassen. Das an der Westseite 
der Kirche aufgestellte schön geschnitzte Gestühl ist ein tüchtiges neues Werk von 
dem Kunsttischler Schalck in Thal-Mansfeld. 

[G] Erwähnung verdient auch noch eine in der linken Wand des Portalgewändes 
eingemauerte Gusseisen platte, welche die Geschichte des reichen Mannes und 
des armen Lazarus darstellt. Der reiche Mann sitzt, ein federgeschmücktes Barett 
auf dem Haupte tragend, mit mehreren Gästen an reich besetzter Tafel. Am 
Fusse der Treppe, die zu dem Balkon hinaufführt, auf welchem die Tafel her- 
gerichtet ist, sitzt Lazarus, dem zwei Hunde die Schwären an seinen Beinen lecken, 
während der Haushofmeister den seinen Hut oder eine Schüssel ihm entgegen- 
streckenden Lazarus mit erhobenem Stocke zu vertreiben sich anschickt. In der Ecke 
links fassen zwei Engel den gestorbenen Lazarus an, um ihn in Abrahams Schoss 
zu tragen; in der Ecke rechts sitzt der Reiche in der Qual züngelnder Flammen. 
In einer darunter sich hinziehenden Arabeskenleiste erblickt man die Jahreszahl 

i fyi (1557). 

(Thal-)Mansfeld.^) 

IGJ Eine kleine Stadt, wie das Schloss etwa 7 km von Hettstedt gelegen, am 
Fusse desselben auf einem ihm gegenüberliegenden, aber erheblich niedrigeren 
Abhänge erbaut, mit 1784: ia33; 1871: 1655; 1880: 2111; 1890: 2745 Einwohnern, 
ist klein, eng und hat ansteigende Strassen. Wie es jedesfalls der jüngste (1400 
zum ersten Mal ausdrücklich als vallis Mansfelt bezeichnete, aber sicher viel früher 
schon vorhandene) Ort des Namens Mansfeld ist, was sich schon daraus ergiebt, 
dass es gar keine eigene Flur hat, indem fast sämtliche Äcker und Wiesen unter 
die Gerichte der benachbarten Ämter gehörten, so hat es niemals, obwohl es ziem- 
lich früh Stadtrecht erhalten haben mag, eine einigermassen bedeutende Rolle 
gespielt, auch —wenn man von dem Aufenthalte Luthers und seiner Eltern hier- 
selbst absieht — niemals eine geschichtliche Bedeutung erlangt. 

Da die stattliche Ortskirche spätestens im 13. Jahrh. gegründet worden ist, so 
erhellt schon hieraus, dass der Ort selbst erheblich älter sein muss. Das älteste Siegel 
des Fleckens geht mindestens bis zum Jahre 1538 zurück, da ein Abdruck desselben 
einer Urkunde aus diesem Jahre, welche im Archiv zu Wernigerode aufbewahrt 
wird, angehängt ist, kann aber noch viel älter sein. Es enthält neben dem Bilde 
des h. Georg, des Drachen töters, die Minuskelinschrift: 

^ nttu • iu im ttitl • }» - «an^felt, 

ist also, wie sich schon aus der Schriftart ergiebt, ohne Zweifel erheblich älter, 



1) Vgl. hierzu da« Büchlein von Krumhaar, Versuch einer Geschichte von Schloss 
und Stadt Mansfeld. Mansfeld, F. Hohensteiu, 1869. 

10* 



148 Mansfdder Gebiigskreis. 



sAh ein andere«, welches in Lapidar -Majuskeln die Inschrift: 

SVNTCN'IN DEMTAL-ZV MANSFELT. 

samt der Jahreszahl 1539 tragt 

Der heilige Geoi^ ist nicht nur der Schatzpatron der Grafen von Mansfeld 
und ihrer Grafschaft, was nicht befremden kann, da eine Ortssage sogar behauptet, 
derselbe sei ein geborener Graf von Mansleld gewesen, sondern auch der Schutzherr 
von Mansfeld im Thal und derHauptp&rrkirche daselbst Darum findet er sich nicht nur 
in dem Si^el der Stadt, sondern auch auf vielen Münzen der Grafen. Luther hielt die 
Darstellung des heiligen Drachentöters ihres tiefen Sinnes wegenin hohen Ehren. 

Wann der Flecken im Thal Stadtrecht erlangt hat, ist nicht festgestellt Im 
Anfang des 15. Jahrhunderts war er aber bereits eine Stadt, da 1408 bereits Stadt- 
mauern, bezw. ein Turm erwähnt werden. Doch betrug die Zahl der Türme 
nach einem Berichte vom Jahre 1724 vier, die aber schon damals nicht mehr 
vorhanden oder verfallen waren. Auf dem Merianschen Bilde sieht man deren 
zwei, auf dem Hartmannschen (Nr. 74) noch vier, zwei links von der Kirche und zwei 
rechts. Die Stadt war in vier Viertel eingeteilt, nämlich: das Stadtviertel, 
das Unterthalviertel, das Teich viertel und das Neumarkts vierteL Schon 
diese Namen deuten auf allmähliches Wachstum der Stadt , im besonderen aber 
darauf hin, dass die Stadt ursprünglich nur aus dem Stadtviertel bestanden haben 
kann. Dieses, als die eigenüiche Stadt, hatte darum auch vier Thore mit vier 
Türmen und eine Pforte. Die Thore hiessen: das Oberthor, das Neu- oder 
Hundegassenthor, das Babenthor und das Unterthor. Die nach dem 
Wasserberge zu gelegene Pforte hiess die Wasserpforte. 

Die städtischen Angelegenheiten leitete ein Batskollegium, bestehend aus 
drei Scbultheissen und neun Bats- oder Thalherren samt einem Stadt- 
schreiber. Je ein Schultheiss und drei Batsherren bildeten ein Bats mittel. Jähr- 
lich wechselte die Begierung unter den drei Mitteln. Dasjenige Mittel, welches am 
Begiment war, hiess das regierende Mittel oder der sitzende Bat Die 
Batsmänner oder Thalherren wurden jedoch auch Kellerherren genannt, weil sie 
auf dem Batskeller ihre Sitzungen abhielten. Dem Batskollegium oder Bäte gegen- 
über nahmen „Vier von der Gemeinde^ (anderswo Vierherren oder Viertels- 
nieister genannt) die Bechte der Bürgerschaft wahr. Als ein Mitglied dieser letzteren 
Körperschaft, die etwa dem Kollegium unserer heutigen Stadtverordneten entspricht, 
erscheint im Jahre 1491 Hans Luther, Martin Luthers Vater, in einer Urkunde. 

Abgesehen vom Bergbau bildete das Bierbrauen eine Hauptnahrungs- 
quelle der Stadt, an welche durch den „Bierzwang" folgende zwölf Dörfer gewiesen 
waren: Kloster- Mansfeld, Annarode, Wimmelrode, Gorenzen, Piscabom, Gräfen- 
stuhl, Vatterode, Biesenrode, Blumerode, Ziegelrode und MöUendorf. Am 18. Juli 
1586 wurde die Stadt von den Grafen von Mansfeld mit zwei offenen Jahr- 
märkten und einem Yiehmarkte begabt. Die im Jahrhundert der Beformation 
infolge des zunehmenden Bergbaues zu beträchtlicher Blüte gelangte Stadt litt im 
(Iroissigjährigen Kriege ausserordentlich, denn während desselben sollen in ihr 
2üU Häuser völlig zerstört worden sein. Diese Schicksale und öftere Brände sind der 
Grund, warum nur wenig ältere, merkwürdige Baudenkmäler in der kleinen Stadt 
zu finden sind, denn auch das Bat haus ist unansehnlich und aus neuerer Zeit. 



(Thal-)Man8feld. 149 



So verdienen denn eigentlich nur diejenigen Gebäude eine ernstliche Be- 
achtung, die durch ihre Beziehung zu Luther geweiht 'sind, das sind : das Haus, in 
dem er seine Kindheit verlebte, also Luthers Vaterhaus; fenier die Schule, in der 
er bis zu seinem 14. Lebensjahre unterrichtet worden ist, und endlich die Kirche, 
in der er zuerst dem Gottesdienste beigewohnt hat 

In der Hauptstrasse der Stadt, nicht fern von der Kirche, steht ein zu einem 
Wohnhause (jetziger Besitzer Kaufmann Winter) ehemals gehöriges Nebengebäude, 
dessen Pforte ein Bundbogen von rotem Sandstein überdeckt Darauf erblickt man 
die zuletzt kaum noch zu erkennende, nunmehr aber durch eine Neubearbeitung 
wieder deutlicher gemachte Inschrift: 

3. f. 

1530. 

mit dem Wappen der Lutherfamilie (Rosen und Armbrustflügel). Hier stand Hans 
Luthers (des Vaters des Reformators) Haus, also Martin Luthers Vaterhaus. 
Nach Hansens Tode (f 1530) übernahm es Jakob Luther, worauf obige Inschrift 
hindeutet, und Jakobs Nachkommen haben es dann anscheinend nur bis in den 
B^nn des 17. Jahrhunderts besessen. Es war ein ansehnliches ^ zweistöckiges 
Gebäude mit einem kleinem Anbau. Ein späterer Besitzer aber, Stadtrichter 
Honigmann, brach nach 1806 die grössere Hälfte des Hauses ab, baute das neue 
Wohnhaus da auf, wo früher die Scheune gestanden, und liess nur den Anbau 
mit dem vorerwähnten Rundbogen stehen. Dass hier wirklich Hans Luthers Haus 
gewesen ist, ergiebt sich daraus, dass ein Erbenzins, den Jakob Luther, des 
Reformators Bruder, an die Pfarre zu Vatterode zu zahlen hatte, bestehend aus 
vier Hühnern und vier alten Pfennigen, „von zweien Häusern, so er in Eins 
gebracht,^ bis auf unsere Zeit nebst einem Fixlehen von zwei Goldgulden (l Rthlr. 
8 Grsch.) von dem jedesmaligen Besitzer entrichtet und erst 1881 abgelöst worden 
ist Im Jahre 1880 erwarb eine Anzahl Lutherfreunde den historisch merkwürdigen 
Anbau, Hess mit möglichster Schonung des Alten ihn wiederherstellen und über- 
eignete denselben im Jahre 1889 der Kirchgemeinde Mansfeld. Das Lutherhaus 
dient seit 1883 als Diakonissenstation und enthält in einem seiner Zimmer auch 
eine kleine Altertümersammlung. 

Eine zweite Lutherstätte in Thal -Mansfeld ist die nach ihrem berühmtesten 
Schüler genannte Luther-Schule. Der untere Stock derselben ist aus Luthers 
Zeiten bis auf den heutigen Tag erhalten. Über dem altertümlichen Eingange 
derselben steht das Bild des heiligen Georg, des Schutzpatrons der Stadt und der 
Grafschaft, mit der Inschrift: 

Ceu Troianus equus pugnaces ventre cohortes 

EdIDIT, EDOCTOS SIC SCHOLA DOCTA VIROS. 

Tu PLURES NOBis, Mannorum eques, ede Lutheros, 
Et SURGENT Christo plura trophaea duci. 



zu deutsch: 



Wie das trojanische Ross gebar kampflustige Scharen, 
So die Schule des Orts manche Gelehrte von Ruf. 
Du gieb uns der Luther noch mehr, o Ritter von Mansfeld; 
Mehr dann der Siege erringt Christi begeisterte Schar. 



ir/j Mansfelder Gebirjrskreis. 



An dem innern Gewand des Thürbo^ens steht in mannigfach verkehrter 
röm. Majuskel der Name Jäcobus Richter .I.D. 1.0, in folgender Gestalt: 

rffCOBAS aiCHXE^ IDIO. 

Die Bedeutung der letzten vier Buchstaben ist dunkel. 

In dieser Schule hat nach des Matthesius Zeugnis Luther den Giaaben, die 
zelin Gebote und die Anfangsgründe des Lateinischen erlernt, auch im Gesänge von 
Psalmen sich tleissig geübt. Im Jahre 1839 ist dem bis dahin wenig beachteten 
Hanse auf Anregung des Bisehofs Dräsecke vom König Friedrich Wilhelm III. 
(l<'r Name Lutherschule beigelegt und in neuerer Zeit (1880) auf einem früher 
zur Oberpfarre gehörigen Gartengrundstücke eine geräumigere Schule daneben 
erbaut worden, über deren Eingangsthür die Inschrift steht: 

Lutherschule 1886. 

und darunter das Lutherwort: 

„Ich befehle euch das junge Volk, dass ihr's nicht ärgert, 
sondern wohl ziehet, denn es ist Gott viel an ihnen gelegen. 

Oberhalb der Lutherschule liegt an der Siebigeröder Strasse das Siechen- 
haus S. Johannis, im IG. Jahrhundert erbaut, wie das auf (durch Bogen ver- 
bundenen) Konsolen ruhende Obergeschoss bekundet. Es soll ein Siechenhaus des 
Johanniter -Ordens gewesen sein, wofür spricht, dass die Vorderseite mit dem 
Johanniterkreuz geschmückt ist in folgender Form: 

vjL<r Gleich daran stösst weiter aufwärts das S. Georgenhospital, 

^TT"^ dessen Vorderseite folgende Inschrift trägt: 

S GEORGEN 

HOS 

PITAL 

IST ERBAVET 

ANNO 

1540. 

Seitwärts steht: 

Anno 1540 

ist dieser (!j Hospttal erbauet 

und mit armen Leuten besetzet, 

Anno 1746 
renoviret worden. 

Eine zweite Renovierung bekundet die Inschrift: 

Renovirt 

Anno 

1791. 

Fast in der Mitte der Stadt, nicht sehr fern von Luthers Vaterhaus, liegt 
die dem h. Georg gewidmete Mansfelder Stadtkirche, in der der 



(Thal-) Mansfeld. 151 



Reformator zuerst gesungen und gebetet und das Wort Gottes gehört hat.*) Ihr 
Alter reicht sicher in das 13. Jahrhundert hinauf, wenn auch ein bedeutender 
Umbau im Jahre 1497 vorgenommen worden ist, den eine Inschrift zur Seite des 
zwischen zwei Aussenpfeilem der Nordseite gelegenen grossen Portals mit über- 
kreuzenden Stäben, welches durch ein reich geripptes Kreuzgewölbe und Pult- 
dach überdeckt ist, bekundet Die Thürbogenfüllung zeigt den h. Georg, wie er 
den Drachen bekämpft. Die Speerspitze ist aber nicht gegen diesen gerichtet, 
hat vielmehr wagerechte Haltung. In der oberen Ecke links sitzt die bedrohte 
Jungfrau, in der £cke rechts erblickt man ein Schloss, auf dessem Altane drei 
Personen, deren mittlere die Mutter der Jungfrau zu sein scheint, dem Vorgange 
zusehen. Die schon ziemlich stark verwitterte Inschrift in gotischer Minuskel 
lautet: 

Xn$ y^ tat s m^ttt 

ilHIill S^ taVTct tf 

(tr) lii rr S- icii. 

Die folgenden Worte sind nicht mehr zu erkennen. 

Der bezeichnete Tag ist der Sonntag vor dem Laurentiustage, d. h. der 
10. August des Jahres 1497. Letztere Zahl dürfte die richtige sein, da die beiden 
Glocken ebendieselbe tragen, obwohl die Inschrift nur drei CCC zeigt 

Eine am westlichen Eingange befindliche Inschrift, welche lautet: 

Templum hoc renovatum est anno i6i6. 

besagt, dass die Kirche im Jahre 1616 erneuert worden. Der Grundriss derselben, 
welchen Nr. 86 auf S. 152 zeigt, ist etwas unregelmässig. 

[BJ Die Gestalt der jetzt stehenden Kirche ist beeiuflusst durch den bei ihrem 
Neubau beibehaltenen, aus romanischer Zeit stammenden Turm (siehe Nr.8G). 
Dieser ist ein massig längliches Rechteck; sein unteres Geschoss trägt ein vier- 
teiliges Gewölbe, das sich auf im Innern eingebaute Eckpfeiler stützt Dass der 
Turm aus romanischer Zeit stammt, geht hervor aus einigen vermauerten Rund- 
bügeufeu Stern, von denen eins auf der Aussenansicht der Kirche (Nr. 87, siehe auf 
S. 152), von derem Dache nur zum Teil verdeckt, sichtbar ist; ein anderes ist ein 
Geschoss tiefer von der Orgelempore aus wahrzunehmen. Ferner findet sich an 
seiner Nordseite, da wo die Wand der Wendeltreppe ihn berührt, die Spur eines 
romanischen Kämpfers. Der Eingang im Westen ist in spätgotischer Zeit, also 
wohl bei einem Neubau der Kirche, eingebrochen, ebenso die SchallöfiFnungen des 



i) Vgl. über dieselbe auch v. Arnstedt in der Zeitschrift des Harzvereins II, 3, S. 103 ff. 
Nach diesem sei über den Heiligen Folgendes bemerkt: Georg, mit dem Beinamen von 
Kappadocien, aus niederem Stande, geb. zu Epiphania in Cilicien, zuletzt Bischof von 
Alexandria, wurde am 24. Dcc. 361 bei dem Begierungsantritte des Kaisers Julian durch die 
Wut des Volkes in Alexandria ermordet, deshalb später als Märtyrer angesehen und trotz 
seinem durchaus nicht rühmlichen Lebenswandel als Heiliger verehrt. Als Drachentöter 
lässt ihn zuerst Jacobus de Voragine (zuletzt Erzbischof von Genua) gest. 1298, in seiner 
Legenda aurea auftreten Di j mythische abendländische Auffassung als Krieger, geharnischt 
und zu Bosse, scheint sich aus den Kreuzzügen herzuschreiben und verwandelte ihn in den 
Patron der Waffenübungen und des englischen Ordens vom blauen Kniebande. 



MatiBfcMer Gobirgski-eis. 




(Thal -) ManRfeld. 153 



obera Geschosses, der Gesamterscheinung des Turmes sieht man seinen roma- 
nischen Ursprung deshalb jetzt nicht mehr an. An ihn schliesst sich nun die 
zweischiffig geplante, auf Gewölbe berechnete gotische Kirche so an, dass der Turm 
die Breite des Mittelschiffes beilingt, während das eine die Nordseite einnehmende 
Seitenschiff um seine ganze Breite über den Turm hinausragt. Die Gewölbe des 
Langhauses sollten in vier Jochen sich bis zum Chorraum fortsetzen, doch sind 
die Gewölbe und so auch die dieselben mit tragenden Pfeiler nicht zur Ausführung 
gekommen, auch nicht im Chorraum. Ein Querschifi ist im strengen Sinne nicht 
vorhanden, denn das — von aussen gesehen — an der nördlichen Seite vortretende 
unterscheidet sich von einem regelrechten dadurch, dass es durch eine von Norden 
nach Süden gehende Mauer in zwei Teile getrennt wird, deren östlicher nun deutlich 
als Nebenraum des Chores erscheint, während der übrigbleibende westliche nur 
schmale Teil als nichts weiter zu betrachten ist, als eine Ausbuchtung des nörd- 
lichen Seitenschiffes. Jenem grösseren Teile entspricht im Süden ein ebenso 
tiefer, aber etwas breiterer Anbau, sodass die ganze Kirche, äusserlich betrachtet, 
sogar als Kreuzkirche gelten kann, ohne doch ein wirkliches Querschiff zu haben, 
denn der südliche Baum wie der entsprechende nördliche sind nur Anbauten, die 
bestimmt sind, über einem den unteren Baum deckenden Gewölbe Bogen zu 
tragen. Das südliche Gewölbe ist das Erbbegräbnis zweier Grafen und einer 
Gräfin von Mansfeld. 

Der Baum ist aber erweitert durch eine in den Chorraum vorspringende 
hohe Steinwand, die mit verschiedenfarbigen Steinen reich aufgeführt das weiter 
unten beschriebene Bildwerk trägt. Langschifi und Chorraum sind durch einen 
hohen Spitzbogen, der als Triumphbogen gelten kann, geschieden. Die Südwand 
der Kirche, die nur um ihre eigene Stärke über den Turm heraustritt, enthält 
westlich vom Eingange zu ebener Erde zwei flachbogig geschlossene Nischen, deren 
Zweck nicht mehr zu erkennen ist 

Der Chorraura ist im halben Achteck geschlossen und durch fünf Fenster 
erhellt, deren Masswerk gänzlich ausgeartet ist, während das der Langhausfenster 
reinere Formen aufweist. Da auch die Strebepfeiler am Chorraume spätere Formen, 
nämlich eine geschwungene Bedachung tragen, so könnte man vermuten, dass der 
Chorraum zuletzt von allen Teilen aufgeführt sei. 

[O] Im mittleren Altarfenster befanden sich früher Beste von drei Glas- 
bildern. In der Mitte S. Georg, links und rechts das Mansfeldische Wappen mit 
den Unterschriften: 

links: Hoyer vo Masfeldt. 
rechts: Günther vö Masfeldt. 

Jetzt sind dieselben auf der Nordseite unweit der Orgel angebracht. Die 
Schrift ist übrigens nicht mehr deutlich zu erkennen. 

[S] Auf dem Altar steht ein geschnitzter Schrein mit zwei Seitenklappen. 
In der Mitte erblickt man einen grossen Crucifixus am T Kreuz mit .dem INBI- 
Zettel, dessen Kopf über dem Kreuzpunkt sich befindet und dessen Füsse über- 
einandergeschlagen auf einem Totenkopfe ruhen. Maria und Johannes stehen weh- 
klagend zur Seite; Maria Magdalena umklammert den Fuss des Kreuzes, ihre 
Salbenbüchse halb geöffnet unter den Füssen Christi haltend. Die Formen sind 



Mansrplder Gebirgskreis. 



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edel, die Oroameiitsti'eifen st;hön. Auf dem rechtea Seitenflügel erblickt man 
oben Margaret» und Barbara, unten Anna selbdritt (mit stehender Maria nebst 
Eind) und Johannes den Täufer mit dem Lamm. Auf dem linken SeifenHugel 
stehen oben die )i. Katharina und die h. Elisabeth, unten die Apostel Audreas und 
Jakobus (letzterer mit geschultertem Beil), Die Rückseite zeigt sehr verblasste, 
mittelmässige Märtyn 



Nr.HS. 

[GB] Links vom Hauptaltar steht ein zweiter Schnitzaltar (Nr.88). Die 
Mitte füllt die Dai-stellung der Geburt Christi aus. Maria und Josef beten, das 
Christkind liegt nackt am Boden; bei ihm knieen zwei Engel, über ihm auf 
Wolken singen drei andere Engel von einem Notenblatt einen Lobgesang ab. Auf 



(Thal-)HaDareld. 



dem linken Flügel erscheint S. Anna selbdritt mit lieblichem Oesicbt, die in einer 
Bergmannsstailt an solcher Stelle nicht wohl fehlen darf, und S. Ottilia, welche 
dnrch die auf das Buch gelegten Augen gekennzeichnet ist, auf hohlgeschnitzten 
Ornament-Konsolen. Auf dem rechten Flügel erblickt man zwei heilige Frauen. 
Die eine hat einen Stab mit knorrigem Warzelende in der Rechten, die andere 
führt in der Rechten ein Schwert. Auch dieser Schrein ist mit grosser Soigfalt 
und auch mit Geschmack gearbeitet. Reiches vielverschlungenes spätgotisches 
Rankenwerk umrahmt doppelt die dargestellten Fignrenpaaro, besonders üppig ist 
das Rankenwerk, das sich am Fusse des Schreines in statthcher Breite hinzieht 
Die Figuren zeigen durchweg edle und anmutige Gesichter, und die Gewänder 
umwallen die Gestalten in würdigen, geschickt angeordneten Falten. Die Erhaltung 
der Schreine ist eine voizügHche, übrigens sind die Farben in neuer Zeit nicht 
ungeschickt aufgefrischt. 



/2?/ Fast noch reicher ist der Klappaltar zur rechten Seite des Hauptaltars 
(Nr. S9). Der Schrein selbst enthalt die Krönung Maria durch Vater und Sohn, 
die als zwei gekrönte bärtigt^ Männer in langen, in reichen schönen Falten lierab- 
wnllenden Obergewändern sitzend dargestellt sind, die knieeude Miiria in der 
Mitte. Die Gesichter dieser drei Hauptfiguren sind nicht besonders glücklich 
gelungen und werden an Schönheit und Ausdruck von den meisten der zwölf 
Nebenfiguren übertroffen. Von diesen zwölf in der halben Grösse der Haupt- 
figuren ausgeführten Gestalten stehen je zwei übereinander zur rechten und linken 
Seite der Hauptgruppe noch im Schrein selber, von dieser nur durch zierlich 
gewundene Säulchen getrennt und von baldachinartigem Schnitzwerk überdacht. 



Maasfelder Oebirgskreis. 



Es sind 1. Jakobus d. J. (?) und unter ihm 3. Simon zur Linken; 3. Bartholomäus 
und unter ihm 4. Jakubus d. Ä. zur Bechteo. Die beiden Flüß;ol des Altars 
zeigen je zwei Figuren nebeneinander mit reichem Rankenwerk, das in einem 
auf gewundenen Säulchen ruhenden Rahmen hängt, überdacht und zwar je zwei- 
mal, ein Paar über dem andern. Der linke Flügel enthält 5. eine bärtige Figur 
mit einet Rrenzfaline in der Rechten; es bleibt für sie nur die Rolle des PfaUippus 
übrig, obgleich dieser sonst anders dargestellt wird. Neben ihm steht 6. Petrus; 
unter beiden 7, Matthäus (?) ohne Attribut; an seiner Seite 8. Paulus. Auf dem 
rechten Flügel stehen oben 9. Thomas und 10. Matthias (mit Beil ; oder Hellebarde? 
diese würde auf Matthäus weisen); unten 11. Andreas und 12. Johannes. Besonders 
anziehende Gestalten sind 4, 8, 11 und 12. Das Ornament, daa diese Figuren 
umrahmt, zeigt grössere Klarheit als das des Schreines zur Linken des Haupt- 
altars.. 

In der FredelU erblickt man zwei gemalte Heilige, S. Barbara mit Kelch, 
Hostie und Turm, S. Katarina mit Schwert und Rad. Links iimgiebt dieselben 
in geschweifter Form ein Genius mit kleinen Flügeln; dabei ist ein Schild mit 
Sonogramm, und zur Seite das Künstlerzeicheu Granadis. Rechts wiederholt 
sich dies symmetrisch. 

Noch eine andere als Fredella dienende plastische Arbeit, welche zu dem 
Hauptaltar gehören dürfte, ist zu erwähnen. In einer wenig vertieften Nische, 
die von einem mit spätgotischem Rankenwerk verzierten Flachbogen überdacht 
ist, ist die Peinigung Christi iu merkwürdiger Weise dargestellt. Vier Gestalten 
mit ausdrucksvollen Gesichtern kreuzen zwei schlanke Baumstämme über dem 
Haupte Christi und drücken die Dornenkrone, die er trägt, mit Gewalt nieder. 



(Thal-)Mansfeld. 157 



Eine möglichst widerwärtig dargestellte Frau kniet vor dem Herrn und speit 
ihn an (Nr. 90). 

Ais Stütze der Kanzel dient ein in Holz geschnitzter Ritter S. Georg von 
sehr lebendiger Haltung, aber ungeschickter Ausführung, den Lindwurm erlegend. 
Die Bilder Qer Kanzel und der Loge stellen Vorgänge aus der biblischen Oe- 
schichte dar, sind aber ohne künstlerischen Wert 

[G] Im Schiff der Kirche zwischen Altar und Taufstein liegt, im Boden ein- 
gemauert, eine erzene Platte mit dem vollständigen Mansfelder Wappen, 
Manteldecke und der Jahreszahl 1569, umrahmt von einer Guirlande in über Eck 
gestelltem Viereck, mit der Inschrift in Lapidarbuchstaben: 

Der Herr tödtet und giebt das Leben, 
führet in die hölle und wieder heraus, 
DER Herr macht arm und macht reich, 

ERNIEDRIGET UND ERHÖHE-r. 
SAMUEL AM II. (GORGI BeINROTH.) 

Die Umschrift lautet: 

Anno Domini MDLXIX den XXVll. Monats • tagk ma | ii - 
ist • der - wolgeborne - vnd adele - her • her • Reinhard - Gräfe - 
vnd • her • zv • Man | s - feld • edler her • zv • Heldervngen ■ in • 
got ■ I vorschieden • vmb - XII ■ vr • in • der • Nacht • seines • 

Alters iin • dem • siebenden • jhar. 

Ein Giesserzeichen ist an der Platte nicht zu finden, doch ist der auf der- 
selben genannte Gorgi Beinroth offenbar derselbe Giesser, der, in Eisleben wohn- 
haft, die S. Annenglocke daselbst im Jahre 1580, eine andere zu Trebitz im See- 
kreise 1Ö83, und eine dritte zu Dornstedt im Jahre 158Ö gegossen hat und dessen 
Giesserzeichen nach Ausweis dieser Glocken ein Farnkrautblatt war. 

Im hohen Chor steht ein Denkmal des zu Heldrungen residierenden und im 
Jahre 1572 auf Schloss Mansfeld gestorbenen Gründers und Beenders der Held- 
rungischen Nebenlinie, des Grafen Hans Ernst von Mansfeld, des Vaters des vor- 
erwähnten jungen Grafen, welches mit einer bildlichen Darstellung der Grablegung 
und der Auferstehung wie auch des geharnischten, aufrecht stehenden Grafen 
versehen ist und die Inschrift trägt: 

Anno MDLXXn, den V. Septembris gegen Morgen ist der wolgeborne 
vnd edle Her, Her Hans Ernst, Graffe vnd Her zu Hansfeld, Edler Her zu 
Heldrungen, in Christo seliglich entschlafen, seines Alters im 42. Jahr. 
P. Roman am VI. cap. Gleichwie Christus auferwecket ist durch die Herr- 
lichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln etc. 

Am Fusse der linken Holzsäule erblic^kt man das Brustbild des Malers mit 
der Inschrift: 

Hanntz Krause Maller hat dies Werk vollendet anno 1572. 

Am Fusse der rechts befindlichen Holzsäule ist das Brustbild des Tischlers 
angebracht nebst der Inschrift: 

Hanns Dienstman der jünger, discber, hat die tafel gemacht anno 1572. 



158 Mansfelder Gebirgskreis. 



Die am 30. September 1555 mit dem Grafen Hans Ernst vermählte Gräfin 
Sara, die Tochter des Grafen AlbrechrtV.( VII.), hat ebendort neben einem andern 
Denkmal ihres Gemals ihr Grabmal erhalten. Beide Gatten sind knieend dargestellt; 
er als der Stifter und noch lebend mit der Inschrift: 



.Wann Gott wil? 



sie mit der Anzeige ihres Todestages: den 7. September 1565. Es stimmt also 
nicht nur die Einrichtung des Denkmals, sondern auch der Todestag der Gräfin 
Sara völlig mit dem Denkmal und Todestag der am 7. September 1565 im 35. 
Lebensjahre gestorbenen Gräfin Magdalena, der Gemahlin des Grafen Haus 
Albrecht überein ^). Es bleibt noch aufzuklären, ob die Übereinstimmung des 
Todestages blosser Zufall ist 

Die im gräflichen Kirchenstuhle aufgestellte Gedächtnistafel des im Jahre 
1601 gestorbenen Grafen Gebhart von Mansfeld-Vorderort lautet: 

Anno Christi M-D-C-I- am I. Februar früh zwischen 
3 und 4 Uhren ist aufm Hause Arnstein der wohlge- 
borne und edele Herr, Herr Gebhard, Graf zu Mansfeld 
und edler Herr zu Heldrungen, in Gott selig entschlaffen, 
seines Alters XL VII Jahre VII Monate. Der Seelen 

Gott gnade. 

Die ebendort befindliche Gedächtnistafel des in seinem dritten Lebensjahre 
erblindeten Grafen Jobst von Mansfeld-Vorderort (Eisleber Linie), der im Jahre 
1619 starb, lautet: 

Anno Domini 1558 am 14. Aprilis ist der wolgeborne und 
edle Herr, Herr Jobst, Graf und Herr zu Mansfeld, 
edler Herr zu Heldrungen, geboren und Anno 1619 am 

30. December seliglich seines alters 61 jhar 8 

Monat 17 Tage. 

An der Südseite des hohen Chors nimmt ein marmornes Denkmal die ganze 
Höhe der Wand ein. Ganz oben über dem gräflichen Kirchenstuhl erblickt man 
einen Grafen in der Mitte von zwei Frauen. Unter den weiter abwärts folgenden 
drei Fenstern erblickt man in lateinischen üncialen folgende Inschrift: 

SUB TRIADIS ADORANDAE CLYPEO MEMORIA HIC SPLEN- 
DET IN AEVUM GLORIOSA TRIADIS HEROICAE PRISCO 
HEROUM SANGUINE CORUSCANTIS CELSISSIMI NIMIRUM 
COIVUTIS AC DOMINI JOANNIS GEORG II, ATTAVO 
MANSFELDIAE COMITUM GENERE D. XII. JUL. A. MDCXL 
EDITI, PATRIAE PATRIS OPTIMI, BIGAEQUE CONIUGUM 
EIUS SUAVISSIMARUM, ILLUSTRISSIMAE SOPHIA E 
ELEONORAE E STEMMATE ILLUSTRISS, COMIT. 
SCHOENBURG ET RUTHEN., D. XVI. DEC. A. MDCXLIX 
PROGNAT. AC XVII. OCT. A. MDCCIIl DEN AT., SOCIAE 



i)Vergl. Grössler. InBcriptioues Islebienses Nr. i4, S. 14—16. 



(Thal-)Mansfeld. 159 



XXXVI FERE ANNOR. ENIXE ADAMATAE, UT ET LUDO- 
VICAE CHRISTINAE. EXCELSA STOLBERG. COMIT. 
AC HASSIAE PRINCIPUM STIRPE ORIUNDAE, SECÜNDIS 
VOTIS AEQUE SP:CUNDIS D. XIII. DEC. A. MDCCIV SIBI 
lUNCTAE, CUM ILLE NON MINUS UTRIUSQUE HUIUS CON 
NUBII DP:LIC1AS POSTERORUM ADMIRATIONI TRADITURUS 
AC PRIORIS MARITAE OSSIBUS MAIORUM CINERIBUS RE- 
LIGIÖSE HIC ADSOCIATIS, POST FATA SUB LAPIDE HOC 
OLIM ADCUBARF: DESIDERANS, VIVUS MONUxMENTUM 
HOC AMORIS, HONORIS AC MEMORIAE P. C. A. O. R. 

M DCC UX. 

Links von dieser laugen Inschrift steht die folgende kürzere: 

TANDEM VOTI SUI COMPOS FACTUS MONUMEN TI HUIUS 
CONDITOR JOHANNES GEORGIUS III COM. MANSF. SEN. 
DENATUS MANSFELD. D. I. JAN. A. MDCCX ANN. AETATIS 
LXX MIN. DIMID. , OSSIBUS PRIORIS MARITAE DIE III. JUN. 
EJ. ANN. SPLENDIDE HIC lUNGEBATUR A MOESTISS. 

VIDUA RELICTA. 

Das Grabmal ist überaus prunkvoll, hat aber wenig künstlerischen Wert. 

In einer Seitenkapelle auf der Südseite stehen drei zinnerne Särge: erstlich 
der des eben erwähnten Grafen Johann Georg III., mit welchem die Eislebische 
oder Lutherische Linie am L Januar 1710 erlosch und dessen Andenken ausser- 
dem noch ein wunderliches Buch erhält, betitelt: 

^anaj^tlbtfifit 9f}r.tnptüvt$ übtn ttm 3nt:^t tta ^vulftn 

iofiann ^lotrg oon Wnnaftibt gfitorbin bin |. San. 

|7|0. W^t^ ^ gnoQfu %upftm foi. ^laUbttt mo. 

2. Der Sarg von Johann Georgs III. erster Gemahlin, geb. Sophie Eleonore von 
Schönburg und 3. der einer unverheirateten Schwester derselben.*) 

An der vorspringenden Mauer zur Linken der Kanzel befindet sich 
folgende Inschrift: 

Der iDdlanb mo^lebU geßvenge unö fefie (Cuvt von (Crebva^ qväfl, 
flianef. auf bev ^eftung tUamfäh in bu 50 Ja^re gewefenev Burg* 
graf, roavb im J. }6^7 fl^b. u. ßarb am 6. Juli }627a 70 J. alt, lebendfatt. 

Beachtung verdienen auch die an der Nordseite des Chors aufgestellten, im 
Jahre 1883 aufgedeckten Chorstühle, von denen drei in ihren Rücklehnen 
farbige, vor einigen Jahren erst nach den noch wahrnehmbaren alten Farben 



1) Näheres über diese und einige Gedächtnistafeln mehrerer von 1601—1647 ver- 
storbener Grafen von Mansfeld siehe bei Krumhaar, Versuch einer Gesch. von Schloss und 
Stadt Mansfeld S.52, Nr. 9 u. 10, sowie 8.50 Nr. 5, 51 Nr. 6, 52 Nr. 8. 



160 Mansfelder Gebirgskreis. 



wieder aufgefrischte ßandin Schriften enthalten. Dieselben lauten, in gotischen 
Majuskeln eingeschnitten, wie folgt: 

I. O HER ERP ARM DICH VBER MICH ARM. SVND. 

2. O DV GETRVER NOTHEFER (!) HEILIGER SANT GORGI. 

3. O MARIA SET (statt STE) VNS WEI (statt BEI) AN VNSER 

LESTSN (statt LETZTEN) ENDE. 

Sowohl die mit Bandinschriften versehenen wie auch die nur mit Arabesken 
ausgefüllten Tafeln sind von beachtenswerter Schönheit. Im Innern der einen 
Tafel ist ein Wappen angebracht, welches einen fliegenden Armbrustbolzen zeigt 
(Vielleicht das der Familie v. Hagen?) 

Ganz unbeachtet scheint auch bisher ein an dem nördlichen Stück der Ost- 
wand des Schiffes aufgehängtes vortreffliches, aber stark beschädigtes Bildnis 
Luthers aus dem Jahre 1540 geblieben zu sein, welches die Inschrift trägt: 

Anno aetatis suae LVIL 1540. 

Es ist zweifellos von Wert und wird deshalb hier in Lichtdruck wiedergegeben 
Nr. 91. Da jedoch das auf Holz gemalte Bild sehr verblasst ist, so ist von demselben 
eine Kohlenzeichnung genommen worden, die der Nachbildung zu Giunde gelegt 
ist. Das Gesicht des Reformators zeigt hier keineswegs die gewöhnlich ver- 
breitete runde Bildung, sondern ist eher hager zu nennen. Der sinnende Aus- 
druck der Augen mutet mehr an, als der auf dem berühmten Cranach^schen 
Gemälde von 1542 in der Dresdner Galerie. Der Mund ist weniger zusammen- 
gepresst, wie bei Cranach, die Lippen voller. Es scheint schon frühzeitig ge- 
stochen worden zu sein, denn in einem Pariser Katalog fand ich verzeichnet: 
Martinus Lutherus, Anno aetatis 57-4° Gestochen von Ren6 Boyvin 157Ul 

Endlich ist noch zweier alter Abendmahlskelche zu gedenken, welche 
die S. Georgenkirche besitzt. Der eine in gotischem Stil mit sechsblättrigem Fuss 
zeigt am Schaft oben die Legende: 

60. hlLF 
unter dem Nodus aber: 

I^ÄRIÄ- 
Auf dem Fusse steht: 

Miserere mei de^ 

Salva me post . . . (der Best ist unleserlich). 

Der zweite, ebenfalls von alter Arbeit, soll von der Witwe des im Jahr© 
1531 gestorbenen Grafen Ernst 11. , der Gräfin Dorothea (geb. Gr. v. Solms) , ur- 
sprünglich der Schlosskirche zu Heldrungen verehrt worden , von dort aber in die 
Mansfelder Schlosskirche und schliesslich in die Mansfelder Stadtkirche gekommen 
sein. Es ist derselbe Graf Ernst, der von Thomas Münzer in seinem bekannten 
Absagebriefe als ein grausamer Tyrann und heidnischer Bösewicht bedroht worden 
ist Auf dem Fusse dieses Kelches befinden sich einige eingegrabene Inschriften 
in römischen Majuskeln imd einige aufgelötete Gegenstände. Es sind folgende: 

1. Der aufgelötete Siegelring des Grafen Ernst mit seinem in Stein 
geschnittenen Wappen. Daneben stehen die Worte : i) 

1) Die Inschriften gebe ich , abweichend von der Harzzeitschrift , nach Lesung des Herrn 
Kantor Flister in Mansfeld, da mir die Zeit nicht blieb, sie selbst abzuschreiben. Gr. 



ANNO AETATIS SVAE MI 



Nr. 91. 

Dis Bicser (Pitschicr) ist gewest des eilen vnd 

wolgcborn Hern Ernsten GraEFc zcv Mansfeltt 

Edler Her zv Hcldrvngen. 

2. Das emaillierte Mansfelder Wappen, neben dem die Worte stehen: 
welcker ist Stifter des loblichen Gottesdinst vf dem 
schlos Hcldrvngen, ist in got verstorben. 
Mansfelder Gebirgekrei». 11 



162 Mansfelder Gebirgskreis. 



3. Neben einem zweiten Wappen die Inschrift: 

vff den Metwochen nach Cantate, dem Gott genedich sey, 

im Jare XV^XXXI. (=1531.) 

4. Ein aufgelöteter Ring mit Edelsteinen, die in der Form eines S zusammen 
gesetzt sind, offenbar den Familiennamen der Gräfin Witwe (Solms) an- 
deutend, neben welchem die Inschrift: 

dis ist der Eherinh seiner Havsfravwen 
welche er hinter im verlassen. 

5. Ein aufgelötetes Crucifix mit der Beiscbrift: 

iifi bin tiif flo|^(np(ffion9 onb bna IS^ibtu. 

W$v an ttttifi 9Uo6ft, bitt mlrt lf6fn, 

ii6 fr glfiifi fronet, io. XI. 

Der zu l. genannte Siegelring des Grafen Ernst IL selbst vereinigt übrigens 
in 3 Schildern, deren 2 über dem dritten stehen, die Wappen von Mansfeld mit 
Querfurt verbunden, Heldrungen und Arnstein; darüber sieht man die Namens- 
zeichen des Besitzers E. G. Z. M. und darunter die Jahreszahl 1519. Dieser Graf 
hat eine gewisse Berühmtheit dadurch erlangt, dass er mit seinen 2 Gemahlinnen 
22 Kinder zeugte, die 8 Nebenlinien begründeten.^) 

Auf dem Turme hängen drei grosse Glocken von 1,72, 1,47 und l,l5m Durch- 
messer. Die grosse ist verhältnismässig jung, denn sie ist 1751 von Friedr. Aug. Becker 
in Halle gegossen. Die mittlere und kleinere rühren beide aus dem Jahre 1497 
her und sind vermutlich im Anschluss an den grossen Erneuerungsbau der Kirche, 
der vielleicht in diesem Jahre stattfand, beschafft worden. Die mittlere, welche 
iO Centner wiegen soll, trägt die Minuskelinschrift: 

tiiii0 int «F cccc InuMW l|ilf g ot Mrit 

ficr^t cliM nr crfr^ cialtt o^cc« tM« 

(icot Ufia il|0 ^$ ümi. 

Auf der einen Seite erblickt man flacherhaben die kleine Kreuzigung, auf der 
andern den Ritter S. Georg zu Pferde, den Lindwurm tötend. 

Die kleine, angeblich 20 Centner schwer, hat ebenfalls eine Minuskelinschrift, 
welche lautet: 

l%%ü in • miü cccc (m^fiiit dilf grt marit 
firr^t ififfQ^ nafirrii^^ (sie !) xtx Mwm • (3 Lilien.) 

Auch auf dieser Glocke sieht man auf einer Seite den Kitter S. Georg zu 
Pferde, wie er den Lindwurm tötet. 

Sehr ausführlich ist die Inschrift der grossen Glocke in römischen Majuskeln. 
Im Kranze steht: 

Ich ruffe zum Gebet, zum Tempel und Altar, 

Auch dann, wenn jemand liegt auf seiner Todten-Bahr. 



^) Über die Gräfin Dorothea, die als geHchickte Stickerin gerühmt wird, vgl. Harz- 
zeitschr. II, 3, 106, wo auch noch eine reiche Altarbekleidung aus dem Jahre 1733 be- 
schrieben ist. 



(Thal-) Mansfeld. 163 



Auf der Westseite steht: 

Aspirante 

Deo Triuno, 

Induitu 

Oratiosissimo ac gratioso 

Friderici Magni, 

Regis ßonissorum, 

Henrici Francisci, 

princip. et comit. Mansfeld. 

eiusdemq: consistor. rever. 

procuratione 

verbi divini et regentium in Republ. Mansfeld: 

ministrorum: consulum: 

M. Job. Nicol. Rosenbayn, Job. Christoph Hoppe, 

Decan. General. Frider. Aug. Mayer, 

Tob. Ludovic. Richter, Senatorum : 

Arcliidiac. [oh. Frider. Scheffler, Martin. Hirsch, 

Job. Frider. Rerendes, Job. Peter. Hesmann, Job. Georg. Baum, 

Diac. Job. Adam Agricola, Chr. Ernest Mehsezabl. 

Aedilis sacri 

Job. Wilhelm Stauch, 

Campana baec maxima 

Postquam CC XLIIl annos sonuerat et dein XJl abbinc annos 

Rupta ac fissa fuerat, 

partim ex ecclesiae reditibus, partim ex procerum aliorumve 

parochialium liberaiitate de novo fusa fuit, 

Halae Aö MDCCLl 

A 
Frid. Aug. Becker. 

Die Nordseite zeigt die Gestalten zweier Bergleute, über ihnen die Worte: 
Glück auf! Glück auf!^ unter ihnen steht der Vers: 

Wir wollen uns gesamt dem höchsten Gatt vertrauen 
Und auch zu seiner Ehr hierbey mit helffen bauen. 

Auf der Ostseite erblickt man oben einen Orucifixus, unter demselben ein 
Porträt-Medaillon Luthers mit der Seitenschrift: 

D. Martinus | Lvthervs. 

unter demselben S. Georg, den Drachen tötend, ein gut ausgeführtes Bildwerk, 
und noch weiter unten den leonischen Hexameter: 

En ego eanipana nunquam denuncio vana. 

Die Südseite endlich zeigt das Mansfeldische Gosamtwappen und in 6 Ab- 
drücken die Yorder- und Rückseiten dreier preup.sischer Münzen (Thaler) mit der 
Umschrift: Fridericvs Borvssorvm Rex und der Jahreszahl 1750. 

Aus den in der Inschrift enthaltenen Zeitangaben ergiebt sich, dass die Glocke 
ursprünglich im Jahre 14y6 bezw. 1497 gegossen worden war. 

11* 



n 



164 Uansrelder QebirgBkreis. 



[Bj Die Stadt Mansfeld hat ausser den schon genannten Gebäuden keine von 
.geschichtlicher Bedeutung aufzuweisen. Auch sind die meist niedrigen massiven 
Wohnhäuser nicht geeignet, ein anderes Interesse zu erregen, denn sie sind durchaus 
schmucklos und bieten nur kahle, von einfachen Fenstern durchbrochene Wände. 
Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass dem »uch früher so war; es spricht im 
Gegenteil vieles dafür, dass der Holzbau einst viel mehr angewandt wurde als jetzt; 
vielleicht bildete der Steinbau sogar damals die Ausnahme. Das Meriansrbe Bild 
' scheint wenigstens mehr Holzbauten anzudeuten als Steinbauten. Mag dem aber 
sein, wie ihm wolle, aus einigen noch erhaltenen Resten geht hervor, dass die 
seh muckreicbe Anwendung des Fachwerkbaues auch in Mansfeld geübt wurde. Uer 
Gasthof „zum goldenen Ringe", Luthers Vaterhause gegenüber gelegen, bietet den 
Beweis dafür. Seine Formen gehen sogar mindestens in den Anfang des Iti. Jahr- 
hunderts zurück. (Nr. 92) Die Saumschwelle ruht auf ganz schlichten Balken- 



Nr. 92. 

köpfen, welche von dreigliedrigen Konsolen scheinbar gestützt werden; über den 
Balkenköpfen ist die Saunischwelle mit Rosetten geschmückt und zwischen ihnen 
belebt durch rechteckige, stufenförmig sich vertiefende Ausschnitte. Die Brüstung 
ist zwischen den Stilen durch sich kreuzende Balken zugleich verziert und ge- 
festigt, während unter den Fenstern hin eine kräftig ausladende Leiste die ganza 
Brüstung abschiiesst Es ist das einzige Privat-Haua, dessen Bild der Form wegen 
der Nachwelt erhalten zu werden verdient. 

Meisdorf. 

[G] Grosses Dorf im Selkcthale, 17 km westnordwestlich von Hettstedt, unweit 
der Burg Falkenstein an der Stelle gelegen , wo das Oebirgsflüsschen ins flache 
Land hinaustritt, mit 1880: 1400; 1890: 1435 Einwohnern. 

„Über die Entstehung und Geschichte Meisdorfs herrscht tiefes Dunkel," sagen 



Meisdorf. 165 



Richter und Kunze, die Verfasser einer Heimatskunde des Mansfelder See- und 
Gebirgskreises. DiesQ Behauptung ist im allgemeinen zwar zutreflFend, doch lässt 
sich immerhin manches feststellen. Während des Mittelalters lag Meisdoif im 
Schwabengau bezw. in demjenigen Teile desselben, welcher die Grafschaft Falken- 
stein ausmachte. In kirchlicher Hinsicht war es dem Archidiakonus des Halber- 
städtischen Bannes Gatersloben unterstellt Die urkundlichen Formen des Orts- 
namens (1219 Meystorp, 1241 Meistorp, 1250 Meysdorff, 1299 Megisdorp, später 
immer Meistorp und Meystorp), namentlich aber die vom Jahre 1299 lassen die 
Annahme zu, dass derselbe mit dem Personennamen Mayo (Maio) oder Meyo (Meio), 
vielleicht auch mit dem Personennamen Megizo oder Meyzo, welche sämtlich ur- 
kundlich bezeugt sind, zusammengesetzt ist Also = Dorf des Mayo oder 
Megizo. 

Ausserdem darf als feststehend gelten, dass Meisdorf mindestens seit dem 
12. Jahrhundert der Sitz eines Oeschlechtes von niederem Adel war, als 
dessen Ahnherr Friedrich von Meisdorf, bezw. sein Sohn Otto, welcher in den 
Jahren 1184 — 1207 in Urkunden vorkommt, gelten darf. 1219 sind Hermannus 
et Wemerus de Meystorp Zeugen des Grafen Heinrich von Regenstein auf 
Ysemeskeborch.i) 1250 bezeugt Ekehardus de Meysdorff eine Urkunde des Bischofs 
Meiuhard v. Halberstadt zu Halberstadt. ^) 1293 verkauft die Äbtissin Bertradis 
zu Quedlinburg an die verwittwete Grete, genannt von Meisdorf, (Grete dicte de 
Meystorp) Einkünfte aus ihren Gütern zu Bicklingen (Bichlinge)^) und 1299 sind 
die Knappen (famuli) Johannes de Megisdorp und Jordanus de Megisdorp (ver- 
mutlich Söhne der vorerwähnten Grete) Zeugen des Ritters Conrad von Ballen- 
stedt.*) Der Letzte des Geschlechts, Kurt v. M., lebte nach Angabe des Herrn 
V. Mülverstedt*'^) noch bis nach 1500. Das Wappen des Geschlechts zeigt im Schilde 
einen Federwedel oder Federfächer, während sich auf dem Helme drei solche 
Figuren wiederholen. Vielleicht ist dieses Wappen in M. selbst noch irgendwo an 
Gebäuden oder auf Grabsteinen nachzuweisen. Das „Meisdorfische Gemeindesiegel'' 
mit der Jahresangabe Anno 1700 zeigt zwar auch ein Wappen, aber nicht das 
Meisdorfische, vielmehr enthält es links (heraldisch rechts) eine Sonne und rechts 
einen halben nach links (herald, rechts) blockenden Mond.^) Vermutlich ist das- 
selbe das Wappen eines späteren Grundherren, was sich vielleicht noch fest- 
stellen lässt 

Höchst aufiallig ist nun aber, dass nach Mitteilungen des Predigers MünchhofT 
aus dem Jahre 1828 7) Meisdorf erst im Jahre 1686 eine Kirche erhalten hat, 
während doch viel kleinere Dörfer lange zuvor mit einer Kirche ausgestattet waren. 
Münchhoff weist darauf hin, dass sich diese Jahreszahl über dem Haupteingange 
zur Kirche in einem Querbalken eingehauen finde, nimmt aber doch an, dass im 
Jahre 1686 die Meisdorfer Kirche nur vergrössert und repariert worden sei, weiss 
aber über das frühere Vorhandensein derselben keinen Beweis beizubringen. Die 
heutige Gestalt der modern umgebauten Kirche, welche gar nichts Altertümliches 



1) Zeitechr. des Haizver. IIa, 141. 2) Mansfelder Urkuod. ö. 115. ») Cod. Dipl. 

AdH. II, 531. *) CJod. Dipl. Anh. II, 609. ö) Harzzeitechr. III, 625. ö) gönne und 

Mond finden sich als Beigabe auch in dem Neu-Platendorfer Gemeindesiegel. *^) In Rosen- 
kranz, Neue Zeitschrift f. d. Gesch. d. gerraan. Völker, I, 2, S. 69—80. 



166 Mansfelder Gebirgskreis. 



aufweist, giebt auch keinen Aiifschluss, und auch das Kirchen Siegel, welches die 
Kirche selbst mit rechts (vom Beschauer) stehendem, doppelh^ubigem Turme zeigt, 
bestätigt nur das geringe Alter der Kirche, oder zum mindesten des Turmes, welcher 
übrigens nach dem Ausweis von Rechnungen erst in den Jahren 1728—1750 (er- 
baut worden ist. Da jedoch nach Münchhoffs eigener Angabe die ältesten Nach- 
richten der Kirchenbücher über Meisdorf bis zum Jahre ll>41 hinaufreichen, so 
ergiebt sich schon aus diesem Umstände, dass die Kirche nicht erst 1686 zum 
ersten male erbaut worden sein kann. Sonderbarer Weise findet sich aber vorher 
nirgends weder eine Kirche noch auch ein Pfarrer von Meisdorf erwähnt Das 
Rätsel dürfte sich so lösen, dass Meisdorf offenbar aus zwei dicht aneinander- 
liegenden Döifern erwachsen ist, von denen das eine Meisdorf, das andere aber, 
welches in Urkunden ziemlieh häufig vorkommt, Wertheim hiess. Solcher 
Doppeldörfer giebt's noch mehr im Gebirgskreise, z. B. Wemrode- Greifenhagen, 
Hartwigerode-Bräunrode u. a. Allmählich trat der eine Name in den Hintei^rund 
und der andere blieb allein im Gebrauch. Während des Mittelalters war Wert- 
heim anscheinend der wichtigere Ort; in Wertheim stand eine Kirche und war ein 
Pfarrer thätig; schon 1296 wird C. plebanus in Weitlieymi) erwähnt. 1311 er- 
scheinen beide Dörfer neben einander, denn in dem genannten Jahre wird Graf 
Burchard v. Falkenstein mit dem Zehnten von Meistorp und Wertheym von dem 
Bischöfe von Halberstadt beliehen. 1400 nennt die Halberstädter Archidiakonats- 
matrikel Wertheym in banno Gatersleve, wie auch i486 Werthoym abermals in 
demselben Banne erwähnt wird. Herr v. Strombeck vermutet, dass Wertheim 
nördlich oder nordwestlich von Ermsleben gelegen habe, was aber ein Irrtum ist. 
Zunächst ist zu beachten, dass die Bedeutung des Namens eine ganz bestimmte 
Tjage verlangt Als Grundwort dient das Wort heim im Sinne von Haus und 
Heimat, wogegen das Bestimmungswort Wert das ahd. warid, werid, mlid. wert, 
werd ist, welches ein dem Wasser verwehrtes, in einem Flusse oder zwischen 
Sümpfen gelegenes Stück Land, also eine Insel bedeutet (vgl. Kaiserswerth, Nonnen- 
werth, Donauwörth). Da hiernach der Ortsname „Heimstätte auf einer Insel" be- 
deutet, so muss Wertheim au der Selke gelegen haben. Nach einer mir gewordenen 
Mitteilung ist es die Stelle, welche jetzt das Schloss Meisdorf einnimmt, was, an 
sich durchaus wahrscheinlich, vermutlich auch durch urkundliche Nachweise ge- 
sichert werden kann. Aber auf das Schloss allein wird sich die Ausdehnung von 
Wertheim schwerlich beschränkt haben; ein Teil des heutigen Meisdorf und ver- 
muflich derjenige Teil, in welchem die Kirche liegt, wird eigentlich ein Zubehör 
von Wertheim sein, dann ist es erklärlich, warum im Mittelalter zwar ein Pfarrer 
von Wertheim, nicht aber ein Pfarrer von Meisdorf erscheint Nachdem jedoch 
Meisdorf an Bedeutung gewonnen und der Name Wertheim ausser Gebrauch ge- 
kommen, wurde auch der bisherige Pfarrer von Wertheim nunmehr Pfarrer von 
Meisdorf' genannt. Doch ist noch eine andere Möglichkeit vorhanden. Unmittelbar 
neben dem Klusberge am linken Ufer der Selke liegt der Holzort „Kirchberg.'* 
Der Name desselben könnte entweder daher rühren, dass er Eigentum der Wert- 
heimer Kirche war, oder gar daher, dass dieselbe ursprünglich an diesem Orte 
stand und erst später nach Meisdorf verlegt worden ist. Auf dem Klusberge 



1) Zeitschr. d. Harzvereins III, 1026. 



Meisdorf. 167 



selbst soll nach der Ortsüberlieferung, etwa 150' hoch, ein Tempel herrenkloster 
gestanden haben. Schriftliche Nachrichten darüber finden sich nicht; es muss 
daher dahingestellt bleiben, ob ein wirkliches Kloster auf dem Klusberge gestanden; 
vermutlich war es nur die Klause eines Einsiedlers. Aber auch ganz in der Nähe 
der jetzigen Meisdorfer Kirche, an der südwestlichen Seite derselben, soll ein 
ehemaliges Barfüsserkloster gestanden haben, für dessen Vorhandensein sich 
aber gleichfalls kein urkundlicher Beweis beibringen lässt 

Beachtung verdienen nun aber noch einige Überreste des Altertums in den 
Gebäuden dreier dicht neben der Kirche gelegenen Höfe, welche weniger für das 
ehemalige Vorhandensein eines Klosters, als vielmehr einer stark befestigten 
Wasserburg sprechen. Auf dem Wendenburgschen Hole steht noch ein uralter 
viereckiger Turm, nach Angabe des jetzigen Besitzers 100', nach Angabe des 
Predigers Münchhoff dagegen vielleicht nur noch 50' hoch, dessen Mauern nach 
Angabe des letzteren unten über 6' dick und nach oben zu 4' stark sind. Der 
untere, gewölbte Saum ist durch eine öflFnung in der Mitte der Decke mit dem 
darüber gelegenen zweiten Baume verbunden. Er soll früher gar keine Öffnung 
nach aussen gehabt und zur Aufbewahrung von Lebensmitteln für die Turm- 
bewohuer gedient haben. Der zweite Baum, zu welchem eine aufzieh bare Treppe 
hinaufführte, ist anstatt der Fenster auf 5 Seiten mit 4 Zoll breiten und 2 Fuss 
langen Öffnungen versehen, die für Schiessscharten gelten dürfen, da sie nach 
aussen hin enger, nach innen zu weiter gemauert sind. Der dritte Raum 
weiter hinaufscheint als eigentliches Wohnzimmer gedient zu haben; wenigstens 
deuteten dies die noch erkennbaren, wenngleich schwachen Spuren von roter Farbe 
an, mit welcher die Wände bestrichen gewesen waren; auch finden sich hier 
grössere, viereckige Fensteröffnungen und ein Abort. Über diesem dritten Räume 
ist noch ein vierter und erst dann folgt das an den vier Seiten spitz zulaufende 
Dach. Ein zweiter Turm von ganz gleicher Beschaffenheit befand sich in 
den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts auf dem dritten der drei erwähnten 
Gehöfte, ist aber damals von dem Besitzer, der die Steine anderweit gebrauchen 
wollte, abgebrochen worden. Die Bauart dieser beiden Türme spricht nicht dafür, 
dass ehemals ein Kloster auf der Stätte gewesen, wo sie gestanden. Münchhoff 
meint, dieselben hätten wohl den Klosterbewohnern in unsichern und kriegerischen 
Zeiten zum Zufluchtsorte gedient. Da Jedoch ein Kloster mit mehreren Bergfrieden 
eine höchst sonderbare Anlage sein würde und da das Bestehen eines Klosters in 
Meisdorf bisher überhaupt nicht erwiesen ist, so muss angenommen werden, dass 
beide Türme einer ehemaligen, später aber sehr stark veränderten Wasserburg 
angehört haben, mag dieselbe nun als die Burg von Meisdorf oder von Wertheim an- 
gesehen werden. Vermutlich haben an dieser Stelle die mehrerwähnten Herren 
von Meisdorf ihren Sitz gehabt. Nachdem dieselben aber ausgestorben, scheint die 
Burg von mehreren Besitzern eingenommen oder geteilt worden zu sein. Da über 
der Hausthür des zweiten (Wendenburgischen) Hofes nach Münchhoff die Jahres- 
zahl 1683 zu lesen ist, so muss man seiner Vermutung beipflichten, dass erst um 
diese Zeit die Gebäude der drei Ackerhöfe „auf dem zum ehemaligen Kloster 
(richtiger: zur ehemaligen Burg) gehörigen Territorio erbaut" worden sind. 

Wem die Meisdorfer, bezw. Wertheimer Kirche geweiht gewesen, ist un- 
bekannt. Merkwürdigkeiten besitzt dieselbe nicht. Selbst die drei Glocken, welche 



168 Mansfelder Gebirgskreis. 



1,08, 0,85, 0,68 m Durchmesser haben, sind sehr jungen Ursprungs, denn die 
grosse ist im Jahre 1871, die beiden kleineren sind 1868 von Ulrich in Apolda 
gegossen. 

Auf dem linken Ufer der Selke, dem Falkenstein gegenüber, etwa 1 Stunde 
von Meisdorf entfert, liegt die Akkeburg, welche, wie aus Urkunden mit Sicher- 
heit sich ergiebt, im 13. Jahrh. Sitz eines gleichnamigen Geschlechtes von niederem 
Adel war, dessen bekannt gewordene Glieder den Namen Burchard (de Acken- 
borch) führten und Lehnsmannen der Grafen von Falkenstein waren. Erst um die 
Mitte des 18. Jahrhunderts soll die Akkeburg aus dem Besitz der Familie v. Bugge- 
rode in den der FreiherrJich v. d. Asseburgischen Familie übergegangen sein. 
Auch ein Dörfchen des gleichen Namens muss bei der Burg gelegen haben, da 
der Name im Jahre 1400 auch im Halberstädter Archidiakonatsregister erscheint. 
Münchhoff hatte gehört, dass sich auf dem Berge eine Art kleiner Burg oder ein 
Turm befunden habe; aber schon zu seiner Zeit bestanden die Spuren der ehe- 
maligen Akkeburg nur noch aus einem wallartigen Erdaufwurfe. Am Fusse der 
Akkeburg soll in einer dort befindlichen Vertiefung des Berges ein Eremit seine 
Wohnung gehabt haben. 

IV2 Stunde von Meisdorf nach SW zu liegt, ebenfalls am linken Ufer der 
Selke, der Tidiansberg mit der Tidians-Höhle, bekannt durch die Sage von 
dem dort gefundenen Golde. i) Näher nach Meisdorf zu, etwa 1/2 Stunde davon, 
am linken Selkeufer dem alten Falkenstein gegenüber, erhebt sich etwa 200' hoch 
ein kanzelartiger Felsenvorsprung, der Klopstocks Lieblingsplatz gewesen sein soll, 
als er bei dem damaligen Besitzer des Falkensteins sich aufgehalten. Nach Münch- 
hoff soll El. einen der ersten Gesänge seiner Messiade, nach anderen Angaben den 
VIIL Gesang derselben auf dieser Klippe gedichtet haben, die jetzt nach ihm 
die Klopstocksklippe heisst (Vgl. Mansf. Blätter VI, S. 184-187.) 

MöUendorf. 

[G] Kleines Dörfchen mit 1880: 186; 1890: 237 Einwohnern, 10 km südwest- 
lich von Hettstedt, vormals im nördlichen Hosgau, Burgbezirk Mansfeld (ßitthages- 
burg), und in geistlicher Hinsicht im Halborstädtischen Banne Eisleben gelten. 

Dasselbe ist wohl kaum das Dorf Mulendorp, in welchem im Jahre 961 der 
Markgraf Gero und sein Sohn dem Kloster Frose die parrochia schenken; doch 
ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen. Der Ortsname (urk. 1266 Mellendorp, 
1420 Mollendorf, 1565 Muldorf) enthält, nach der ältesten Form zu schliessen, wohl 
nicht das ahd. muH (Mülile), sondern eher den Personennamen Milo oder Mello. 
Das sehr undeutliche Gemeindesiegel von Möllendorf zeigt eine Tanne und darauf 
anscheinend die Jahreszahl 1762 (vielleicht auch 1769 oder 1714), deutet also wohl 
auf Waldwirtschaft der Bewohner hin. 

In der Mansfeldischen Erbteilung von 142C fiel Möllendorf au den Vorderort, 
1430 wurde es dem Grafen Volrad zugesprochen 1501 wurde Graf Hoier v. M. 
Besitzer; nach dessen Tode kam es an die Eislebische Linie des Vorderorts. Graf 
Johann Georg I. verkaufte es aber schon 1568 an Arnold Brünen für 4700 Gulden. 



1) Grössler, Sagen der Grafscb. Mansfeld etc. Nr. 113. 



Molmerschwende. 169 



Nachdem dieser es 1574 an Heinrich von Erosigk auf Alsleben verkauft, erwarb 
es von diesem um 1596 Ernst von der Asseburg. Dieser erbaute über Möllendorf 
nach Mansfeld zu einSchloss, welches er nach seinem Familiennamen Neu-Asse- 
burg nannte. Ihm folgten im Besitze des Schlosses und Dorfes die Herren von 
Treskow, v. Meiendorf, {'ranz v. Trotha (1610), Volrad Ludolf v. Krosigk auf Beesen, 
Vitztum von Eckstedt (1633), Gerlach und Friedrich von Kerssenbrock und 
V. d.Bussche. Von letzterem erkaufte es 1737 König Friedrich Wilhelm I, von Preussen, 
der Dorf und Schloss zu einem Amte „Neu-Asseburg^ erhob. 

Die ältere, angeblich der 8. Maria Cap.(ernaitica) geweihte und nach Annarode 
eingepfante Kirche von Möllendorf ist abgebrochen und an ihrer Stelle im Jahre 
1827 eine neue erbaut worden, welche demzufolge gar nichts Altertümliches dar- 
bietet In der alten Kirche lag Gerlach von Kerstenbrock, Burggraf auf Mansfeld, 
Erb- und Gerichtsherr auf Mönchshof und Neu-Asseburg, begraben. Die Kirchen- 
bücher sollen bis 1662, alte Kirchrechnungen bis 1680 zurückreichen. 

Die der Kirche gehörigen beiden Glocken haben 0,86 und 0,67 m Durch- 
messer. Die grössere ist im Jahre 1791 von Gottlieb Brackenhoff in Halberstadt 
grossen. Die kleinere trägt gar keine Schrift, ist aber wegen ihrer sehr lang- 
gestreckten Form ohne Zweifel von hohem Alter. 

Molmerschwende. 

[G] Kleines Dorf mit 1880: 477; 1890: 441 Einwohnern, 18 km westlich von 
Hettstedt, ehemals im Schwabengau (Grafschaft Falkenstein), in geistlicher Hinsicht 
aber im Harzbanne (bannus nemoris) gelegen. 

Der Name des Ortes (um 1311 und 1330 Malmerswende, 1400 Malmeswende) 
enthält als Grundwort das im Gebirgskreise nicht seltene Wort „Schwende," welches 
eine Rodung durch Feuer bedeutet, und als Bestimmwort den Personennamen 
Mahalmari oder Mathalmari, bedeutet also: die Feuerrodung des Mahalmari. Das 
Dorfsiegel mit der Inschrift „Gemeinde Molmerschwende" zeigt zwei Laubbäume, 
also doch wohl Dorflinden als Sinnbild der Bauerschaft. Die Zweizahl erklärt 
sich vielleicht so, dass zwei Dörfchen in der heutigen Gemeinde vereinigt sind. 

Die geschichtliche Vergangenheit des Dörfchens ist dunkel; eine gewisse 
Berühmtheit hat es aber dadurch erlangt, dass hier am 1. Januar 1748 der Dichter 
Gottfried August Bürger geboren worden ist. Auch noch eine andere berühmte, 
aber sagenhafte Persönlichkeit wird zu dem Dörfchen von der Sage in Beziehung 
gesetzt, indem letzter© behauptet, der wilde Jäger Hackelberg liege in Mol- 
merschwende begraben, 1) eine Ehre, die freilich nach andern Abberode (im M. 
Gebirgskreise), nach wieder andern anderen Orten zukommt 

Die kleine, aus Fach werk erbaute Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt 
ist, scheint einen etwas älteren Turm zu haben, enthält aber gar nichts Alter- 
tümliches. 

Die beiden Glocken von 0,75 und 0,48 m Durchmesser sind im Jahre 1612 
von Heinrich Borstelmann in Magdeburg gegossen. 



>) Kuhn u. Schwarz, Norddeutsche Sagen S. 182. 



170 Mansfelder Gebirgsldeis. 



Morungen.i) 

[G] Kirchdorf mit 1880: 330; 1890: 279 Einwohnern, 24 km südwestlich von 
Hettstedt, unweit des nachGross-Leinungen zu fliessenden Erbachs am südöstlichen 
Fusse des Gibichcnbergs gelegen. Es war im Mittelalter einer der westlichsten 
Orte des Gaues Friesenfeld und gehörte in geistlicher Hinsicht iu den Halber- 
städtischen Archidiakonatbezirk Kaldenborn. Die Endung — ungen deutet häufig 
die örtliche Lage an. Wie demnach das benachbarte Leinungen von der Leine 
(= Ansiedelung an der Leine), Bedungen von der Bode (= Ansiedelung an der 
Bodo), Tyrungen von der Tyra, Heldrungen von der Heldra seinen Namen hat, 
Breitungen von seiner Lage auf grosser Thalbreite, Wasungen von den es um- 
gebenden Rasen- und Wiesenflächen, so auch Morungen (8. Jahrh. Morunga, 1112 
Morunge, 1400 Moringen) von seiner Lage iu einer ehemals und zum Teil 
auch jetzt noch moorigen Gegend, auf welche nicht nur die nahegelegenen 
Südstriche der Horlaer Flur, die „Mörl'' und die „Moorscheere," sondern auch 
der Name des südlich der Leine sich hinziehenden bewaldeten Bergrückens Moos- 
kammer hindeutet, welcher nur eine Nebenform für die Bezeichnung Moor- 
kammor ist, da in Süddeutschland fast jeder Sumpf oder Moor Moos heisst. östlich 
vom Dorfe liegt der heilige Born, mehr nördlich der Sachsen köpf, ein umwallter 
Vorsprung zwischen dem grossen u. kleinen Kuhberg. Das Dorf ist jetzt Filial 
v)n Grosslein ungen, soll aber bis 1522 einen eigenen Pfarrer gehabt haben. Denn 
um diese Zeit soll der damalige Inhaber der Morunger Pfarre in einer eigenen 
Predigt das 200jährige Jubiläum der Morunger Kirche gefeiert haben, die also 
1322 gegründet sein müsste. Im Jahre 1400 ist sie im Halberstädter Archi- 
diakonatsverzeichnis erwähnt. Die jetzige Kirche ist klein und modern, ohne 
alles Interesse. Ein alter, roher Taufstein lagert auf dem die Kirche umgebenden 
Friedhof, in dessen Mauer die uralte Dorflinde von riesigem Umfang (unten 7,5, 
weiter oben 8 m) steht, welche nur in Höhe von 10 — 15 Fuss noch erhalten und 
inwendig ganz hohl ist, so dass sie eigentlich nur noch eine Hülse bildet. Aber aus 
derselben sind jüngere Aste von solcher Höhe emporgewachsen, dass der Baum 
dennoch wieder eine stattliche Krone erhalten hat. Auf dem kleinen Dachreiter- 
türmchen der Kirche hängen 3 sehr kleine Glocken von 0,58, 0,45, 0,38 m Durch- 
messer, deren grösste 1796 von Ulrich in Laucha gegossen ist^ während die beiden 
kleineren keine Schrift, aber anscheinend ein hohes Alter haben. 

Fragt man, ob Burg oder Dorf Morungen älter sei, so lässt die oben ge- 
gebene Deutung des Ortsnamens, welche M. als einen auf Moorboden gelegenen 
Ort kennzeichnet, keinen Zweifel darüber, dass die Auflassung v. Mülverstedts,*^) 
das Dorf sei wohl als eine dem Schlosse desselben Namens seine Gründung ver- 
dankende Ansiedelung anzusehen, unhaltbar ist, da jene Deutung sich nur mit 
der Lage des Dorfes deckt, nicht aber mit der des Schlosses. Gleichwohl be- 
stand auch ein Schloss Morungen schon sehr früh, denn bereits in der ersten 
Hälfte des 11 Jahrhunderts wird als Besitzer der Herrschaft Morungen mit Zubehör 



ij Vgl. L. F. Freiherr v. Eber stein, Histor. Nachrichten über Gehofen und die Amter 
Leinuugen und Morungen. Berlin, W. Baensch, 1891. (Nicht alle Aufstellungen dieses sorg- 
fältigen Werkes betreffs Morungcns sind haltbar.) ^) Harzzeitschrift XIII, 463. 



Morangen. 171 



Graf Goswin der Ältere von Leige (schwerlich das benachbarte Gross -Leinungen) 
erwähnt, welcher seiner mit dem Markgrafen Wigbert (Wiprecht) von Groitsch 
vermählten Tochter Sigena niciit nur Gatersleben, sondern auch Morungen mit 
dem dazu gehörigen Gebiete und Freieigen zur Mitgift gab. (,,Qua industria 
(Wicpertus) familiaritatem domni Goswini, comitis senioris de Leige, eraeruit. Qui 
filiam suam Wicperto, Sigenam nomine . . . tradidit; in cuius dotem Morunge et 
Gaterslebe cum suis territoriis et allodiis ac ceteris appendiciis constituit."*) Aus 
der Art dieser Erwähnung lässt sich schliessen, dass spätestens schon um das Jahr 
1080 ein Schloss Morungen vorhanden gewesen ist. Da nämlich der aus der Ehe 
Wigberts I. und der Sigena gebome Wigbert IL von Groitsch im Jahre 1(09 als 
puerulus bezeichnet wird/^) so muss Morungen etwa um das Jahr 1030 als Mitgift 
der Sigena au die Markgrafen von Groitsch gekommen sein. 

Dieses älteste Schloss Morungen ist nun aber keineswegs die bisher fast allein 
bekannte und besuchte, nordnordöstlich vom Dorfe, östlich vom Molkenbachthale 
gelegene Buine Morungen , sondern lag westlich von diesem Thale auf einem süd- 
lichen Vorsprunge des Bornbergs. Man erreicht die Ruine Alt-Morungen — 
diesen Namen führt der ursprüngliche Herrschaftssitz bei den Umwohnern — vom 
Dorfe aus bequem in 20 Minuten in folgender Richtung: Man überschreitet ober- 
halb des Dorfes nach Westen zu den Molkenbach und ersteigt dicht am Bornbergs- 
borne, einem nur wenige Schritte vom Bette des Molkenbachs entfenit hervor- 
quellenden Gewässer vorüber, in westlicher Richtung den Bornberg. Die Ruine 
Alt-Morungen ist übrigens höchst merkwürdig wegen ihrer massigen Aus- 
dehnung und einfachen Anlage, die, auch abgesehen von den in diesem Falle 
vorhandenen geschichtlichen Nachrichten, von vornherein auf ein hohes Alter 
schliessen lassen würden. (Siehe Nr. 93 auf S. 172.) Die Nordwestseite der eigent- 
lichen Burg misst 16,15 m, die Nordostseite 15 m, die Südostseite 23,50 m, die 
Südseite 17 m, die Westseite gegen 30 m, der längste Durchschnitt 36,50 m. Ein 
tiefer Graben, von dessen Sohle aus die Mauer stellenweise eine Höhe von etwa 
12 Metern erreicht, umzieht das Ganze in einer Sohlenbreite von 4 Metern. Von 
der Umgebung wird der Burggraben ferner durch einen 4 — 5 Meter hohen Wall 
getrennt, dem sich früher, wenigstens da, wo die Burgstelie mit dem Bornberge 
zusammenhängt, vielleicht noch ein zweiter Graben vorgelegt hat, von dem freilich 
keine Spur mehr zu bemerken ist. An der Nordseite der Burgmauer sind die 
Grundmauern eines runden Eckturmes erhalten; auch macht die Südwestecke den 
Eindruck, als ob hier ebenfalls eine basteiartige Erweitenmg der Ecke vorhanden 
gewesen wäre. Au der Südseite befindet sich in den Grundmauern ein höhlen- 
artiger Zugang, wohl zu ehemaligen Kellern führend. Die Umfassungsmauern 
werden wohl ebenso, wie die des Schlosses Kalkenstein, Obergeschosse in Fachwerk 
gehabt haben; ebenso werden die Innenseiten der BurggebäuJe aus Fach werk be- 
standen haben. Da der von der Umfassungsmauer eingeschlossene Raum nicht 
viel grösser ist, als der von den Schlossgebäuden umgebene Burghof des Falken- 
steins am Harz, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen von der Enge 
des Morunger Burghofes. Das ganze Schloss liegt übrigens, von Dorngestrüpp 



1) Annal. Pegaviens., Monum. German. öS. XVI, 2:'.5. 2) Aonal. Pegaviens., 1. 1, 

p. 236. 



172 Mansfelder Qebirgsbreis. 

überwuchert, gleich dem Schlosse Dornröschens, so versteckt im Walde, dass es 
nicht leicht antzufinden ist. Von der Südostecke aus hat man einen herrlichen 
Blick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Rücken der Mooskammer, der freilich 
von aufstrebenden Bäumen der Umgebung bald versperrt sein wird. 

Anziehend und lehrreich zugleich ist namentlich betreffs der Grösse und 
Ausdehnung eine Vergleichung der Grundrisse der vierBergschlüsser Ait-Morungen, 
Falkenstein, Amstein und Mansfeld, da eine solche nicht bloss die Bedeutung der 
sie besitzenden Familien wiederspiegelt, sondern auch einen Blick in die £nt- 
wickehing des Bui^nbaues Überhaupt thun lässt. 



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Nr. 93. 

Steigt man nun von Alt-Morungen noch einige hundert Schritt weiter 
nordwärts den Bombei^ hinan, so cireicbt man auf dem Gipfel desselben einen 
fiist kreisförmigen, von einem (Jraben und Wall umgebenen Hügel ohne Namen 
von mir 45 Schritt Umfang. Diese Schanze scheint einen Bergfried oder Wart- 
turni umschlossen zu haben, der als Aussenwerk zur Sicherung der Burg nach 
Norden zu oder als Ausguck gedient haben wird. 

Bis zum Jahre 1110 scheinen die Wipertiner die Herrschaft Morungen 
ungestört besessen zu haben. Nachdem aber Wigbert der Jüngere als Feind des 
Kaisoi-s Heinrich V. aufgetreten und auf dem Schlosse Hammerstein gefangen ge- 
setzt worden war, übergab Wigbert der Ältere, um seinen Sohn aus der (Jefangen- 
schaft zu lösen, ausser anderem Besitz auch die Burg Morungen dem Kaiser, der 
sofort damit den ihm aufs treueste ergebenen Grafen Hoier von Mansfeld be- 



Momngen. 



173 



lehnte. („Wicpertus senior, compertis bis, quae acciderant, . . . nullo alio pacto 
iilium redimeie potuit, donec^ urbeni Liznich et pagos Nisen et Biitdessin una cum 
urbe Morunge regi tradidit, quae omnia statim Hoyero comiti de Manesfelt sibi 
familiarissimo in beneficium rex concessit." ^) Jedoch nicht lange behielt Moningen 
seinen neuen Herrn. Denn nachdem Hoier am 11. Febr. 1115 in der berühmten 
Schlacht am Weifesholze durch die Hand des gegen ihn als den Räuber seines 
Erbes erbitterten jüngeren Wiprecht von Uroitsch gefallen war, kam Morungen 
wieder in Wiprechts Besitz, vermutlich durch Gewalt, wie ja auch die übrigen 
Burgen am Harz und im nördlichen Thüringen, deren Besitzer auf Seiten des 
Kaisers standen, von den Sachsen mit stürmender Hand genommen wurden, so 
der (alte) Falkenstein am Harz, die Beyer-Naumburg, die Burg Wallhausen, die 
Burg Kyfihausen. Vielleicht rührt aus dieser Zeit die Sachsen schanze her, 






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Nr. 94. 









welche bei den Umwohnern jetzt gewöhnlich der Sachsen köpf genannt wird, falls 
sie nicht bereits eine vorgeschichtliche Befestigung ist Da jedoch eine längere 
Belagerung der Burg Morungen behufs deren Wiedergewinnung erforderlich ge- 
wesen sein wird, so ist es recht wohl denkbar, dass die Sachsen, um sich g^g'^n 
Ausfälle der Belagerten zu decken, ein stark befestigtes Lager anlegen mussten. 
Die Sachsenschanze, welche in Schumann und Schiffners Lexikon von Sachsen 
fälschlich für die Burg Alt-Morungen ausgegeben wird, liegt östlich etwa 1/4 Stunde 
von der Buine (Neu-) Morungen und eine gute halbe Stunde von der Buine Alt- 



J) Mon. German. SS. XVI Annal. Pegaviens. p. 251. 



174 Mansfelder (lebirgskrels. 



Morungen entfernt, am südöstlichen Abhänge der zum Morunger Thale sich 
hinabsenkenden Hochfläche des Kuhberges. Östlich wird dieselbe vom Thale des 
Heiligenborns, westlich vom Thale des Nickelrheins begrenzt, dessen Ge- 
wässer sich in dem unmittelbar am westlichen Fusse der Sachsenschanze durch 
Abdämmung hergestellten, jetzt zugeschlämmten Sachsenteiche sammelt, welcher 
ohne Zweifel zur Versorgung der Sachsenschanze mit Wasser hat dienen sollen. 
Die letztere erstreckt sich in ihrer Liängenrichtung von Norden nach Süden und bildet 
ein nördlich mehr als nach Süden zu abgestumpftes Rechteck, dessen innere Länge 
gegen 60 Schritt und dessen Breite etwa 38 Schritt beträgt. Dieser hochliegende 
Mittelraura ist von doppeltem Wall und doppeltem Graben umgeben. Die Sohle 
dieser Gräben ist 3—4 Meter breit und ebenso breit ist die Wallkrone. Die Wälle 
scheinen aus Steinen bestanden zu haben oder mit Steinmauern gekrönt gewesen 
zu sein, da rings um die Schanze guter Waldboden sich befindet, der mit gut- 
gewachsenen Buchen bestanden ist, während auf dem Boden der Schanze selbst, 
wie auch der Wälle, nur völlig verkrüppelte Buchen und dürftige Flechten wachsen, 
ein Zeichen, dass der Boden hier durchaus steinig ist, da er der Pflanzenwelt nur 
dürftigste Nahrung gewährt. 

Von dem Markgrafen Wiprecht kam die Burg (Alten-) Morungen durch Erb- 
gang zunächst an seinen Sohn, den Markgrafen Heinrich v. Groitsch u. der Lausitz 
(t f § 1 135), dann an seine Tochter Hertha, die Gemahlin des Grafen Dedo v. Wettin, 
welche wegen dieses Besitzes im Jahre 1143 geradezu Bertha v. Morungen 
genannt wird.') Dann muss M. an die Tochter Dedos, die vermutlich nur Berthas 
Stieitochter war, namens Mathilde, gefallen sein, welche es ihrem Gemahl, dem 
Grafen Babodo von Abensberg, zubrachte, der jedoch ausser andern Gütern 
im Jahre 1157 auch Morungen an den Kaiser Friedrich I. verkaufte, der das 
Schloss nebst Herrschaft zu einem Reichsgute erhob, um das Reich für ander- 
weite Verluste zu entschädigen.*^) Seit dem Jahre 1157 sind die Schicksale der 
Burg mehr als anderthalb Jahrhunderte lang in völliges Dunkel gehüllt. Es ist 
aber kaum zu bezweifeln, dass während dieser geschichtlich dunklen Zeit (nach 
1157) die Burg Alt-Morungen, vermutlich weil sie nicht gross genug war, verlassen 
worden und allmählich verfallen ist, sowie, dasss etwa im 13. Jahrhundert eine 
neue, grössere und festere Burg, gleichfalls des Namens Morungen , d. i. die jetzt 
vielbesuchte Ruine Neu-Morungen, östlich vom Molkenbachthale erbaut 
worden ist, auf welche sich alle späteren Nachrichten von dem Schlosse Morungen 
beziehen. Ein im Jahre 1290 erwähnter Burchardus de Morungen 3) war vermutlich 
nur Burgvogt oder Burggraf auf dem neuen Schlosse Morungen, nicht Besitzer 
desselben. Die Anlage dieser Burg, welche durch den nordwestlich unweit von 
derselben gelegenen, zum Molkenbache abfliessenden Hausborn (=SchIossbom) 
mit Wasser versorgt wurde, ist im wesentlichen dieselbe, wie die von Alt-Morungen ; 
nur sind die Verhältnisse grösser und auch mehr Mauerreste sind erhalten; gleich- 
wohl sind dieselben im ganzen spärlich: ein geborstenes, den Einsturz drohendes 
Thor, Spuren eines grösseren Gebäudes und eines Turmes, Ringmauerreste, 



1) AudeI. Pegav. p. 258. „Berchta de Morunheii." 2) Schöttgen, Graf Wiprecht, S. 110. 
— v. Sehaltes, Direct. Dipl. von Obersachsen II, 130. (Vgl. auch S. 146.) ^j Mencken, 
Script. Rer. Genn. III, 1856. 



Morungen. 175 



Burggräben, die io den Thonschiefer eingehauen sind, das istalles.i) Erst im Jahre 
1320 wird dieses Schloss (Neu-) Morungen zum ersten male als Besitz des fjaud- 
grafen Friedrich des Freudigen von Thüringen urkundlich erwähnt und erscheint 
bereits 1326 als Besitz seines Sohnes, des Landgrafen Friedrichs des Strengen. 
Besonders klar liegt übrigens dieses Besitzverhältnis keineswegs. Denn nicht nur 
belehnte im Jahre 1323 König Ludwig der Bayer den Grafen Burchai-d YI. von 
Mansfeld mit der Burg Morungen,*'^) sondern es erwarb auch 1326 oder 1330 Graf 
Heinrich von Honstein, der Herr von Kelbra, einen Teil der Burg nebst Zubehör. 3) 
Es scheinen also die Honsteiner und Mansfelder Grafen geraeinsam mit 
Morungen um 1323 oder 1326 belehnt worden zu sein. Bald nach 1373 erhielt 
der jüngere Bruder Dietrichs, Graf Ulrich v. Honstein, die Burg und Herrschaft 
Morungen (den 4ten Teil?) in weiterer Ergänzung der Erbteilung von 1313, welche 
der jüngeren Linie alle Besitzungen östlich der Zorge und Helme zuwies.^) Graf 
Heinrich II. von Honstein verpfändete 1401 seinen Anteil an Morungen an die 
Grafen von Schwarzburg und verkaufte ihnen denselben 1408 erblich, während in 
demselben Jahre (29. Sept.) Graf Hans von Honstein seinen Anteil an die Grafen 
Günther, Albrecht und Bruno von Mansfeld für 3487 (fulden verkaufte. 0) Wenn 
nun auch nach einer andern Nachricht^') die Grafen Busse, (fünther, Albreciit und 
Volrad von Mansfeld ganz Morungen seit 1401 pfandweise, Graf Volrad dagegen 
seit 1408 erblich durc^h Kauf erwarb, so ergiebt sich aus diesen nicht ganz über- 
einstimmenden Nachrichten doch mit ziemlicher Sicherheit die Thatsache, dass u ra 
das Jahr 1408 die Grafen v. Mansfeld die alleinigen Besitzer der 
Herrschaft M. geworden sind. Im Jahre 1407 wurden die Grafen Volrad, Geb- 
hart und Busse von Mansfeld vom Kaiser Sigismund mit dem Schlosse Morungen 
nebst Zubehör belehnt und 1424 ei-scheint Graf Volrad mit seinen Neffen Günther 
und Hoier als Besitzer der Burg. Bei der im Jahre 1430 vollzogenen Teilung 
erhielt Graf Volrad die eine, Graf Günther die andere Hälfte von Morungen; zu 
ersterer gehörten Leinungen, Horla, Rotha und Horlahain. Bereits 1439 wurde 
Graf Bodo zu Stolberg (vermutlich infolge der Vermählung seines Vaters Heinrich 
mit Mechtild, der Tochter des Grafen Volrad IL von Mansfeld) Pfandinhaber einer 
Hälfte des Schlosses, in welcher Eigenschaft er mit seinen Mitbesitzern, den Grafen 
von Mansfeld, einen Burgfrieden vereinbarte, der die Grenzen der „Schloss- 
freiheit" folgendermassen bestimmte: „von der borg den stig neddir vff den 
husborn^) vnd vme den Husbom eyn agker breid vnde neddir von dem Hus- 
borne vfl' den syg, der von dem borne gehit, vnde von dem syge an, als die 



1) Eine günstige ÄDsicht dieser Burg, welche das Volk, wie schon bemerkt, (im Gegensatz 
zu Alt -Morungen) Neu-Morungen nennt, ist von keiner Seite hör zu gewinnen, da der 
Wald sie völlig verdeckt. Dagegen ist der Ausblick auf die grünen Blätterwogen der Wald- 
thäler ein sehr angenehmer, wie auch der Blick auf das am Fusse des Burgbergs liegende 
neueste Schloss Morungen mit seinem schönen Garten durch Lieblichkeit überrascht. 2) Heiden- 
reich, Die Pfalzgrafen zu Sachsen S. 220. 3) Heidenreich, (ieschichte der Grafen v. Honstein 
S. 11. — Leuber bei Menken SS. rer. Germ. III, 1856. *) K. Meyer, Festschrift, Nord- 

hausen 1887, 8. 59. *) Urkundenregest der v. Hornsclien Urkundensammlung in Eisleben. S. 191 . 
*) Cyr. Spangenberg, Mansfeld. Chronik S. 510. ') Der Hausborn ist ein jetzt fast ver- 
schütteter Quell nordwestlich von der Burg, dessen Abfluss nacli kurzem Laufe den Molken- 
bach erreicht. 



176 Mansfelder Gebirgskreis. 



langen boyme an dem borgberge vndir dem gnygke stehen, wann vfF den 
rietestieg vnde von dem rietestiege weddir vflf die borg.** Die mansfeldisch ge- 
bliebene Hälfte des Schlosses war bis zum Jahre 1443 im gemeinsamen Besitze 
der Grafen Volrad, Oebhart und Günther von Mansfeld; in diesem Jahre aber 
verkaufte Günther am 2. Februar seinen Anteil an seine beiden Vettern Volrad 
und Gebhart (am Sonnabend purificacionis Marie, i) Freitag nach Quasimodo 
geniti 1445 ging der Drittelanteil der beiden Grafen gegen Überlassung eines 
Dritteiis von Wippra durch Tausch an den Mitbesitzer Grafen Bodo v. Stolberg 
über, jedoch nur pfandweise, wie im selben Jahre (1445, am Sonntage des Evan- 
gelisten Matthäus) Graf Busso von Mansfeld seinen halben Teil der Burg Morungen 
an den Grafen Heinrich zu Stolberg, anscheinend auf Wiederkauf, verkaufte, da 
er am Sonntage Oculi 1458 diesen halben Teil abermals wiederkäuflich an den 
Grafen Gebhart v. Mansfeld abtrat. Eigentümer einer Hälfte der Burg müssen 
aber die Grafen von Mansfeld geblieben sein, da die Grafen Volrad und Gebhart 
1448 (^) (am Montage nach Michaelis) ausser andern Burgen auch die halbe 
Burg Morungen unter sich teilten.*^) Im Jahre 1452 am 21. /6. erscheint Graf Bodo 
V. Stolberg neben Graf Günther v. Mansfeld als Besitzer der einen Hälfte der 
Burg. 3) 1467 wies Kaiser Friedrich HL den Grafen Heinrich zu Stolberg und Günther, 
Grafen zu Mansfeld, wegen des Lohns des Schlosses Moringen an Sachsen.^) 
Die Stoiberger Grafen hatten ihre Hälfte pfandweise bis 1496, einen 
Teil der Morungischen Gehölze sogar bis gegen Ende des XVL Jahrhunderts 
inne, wo dieselben von den Mansfelder Grafen zurückerworben wurden. Im Jahre 
1484 sahen sich die letzteren genötigt, dem fortwährenden Drängen der Herzoge 
von Sachsen nachzugeben und fortan das bisher als Reichslehn von ihnen be- 
sessene halbe Teil des Schlosses Moruugen mit dem Bergwerke daselbst von 
Sachsen zu Lehn zu nehmen, was Kaiser Friedrich III. 1486 bestätigte. Bei 
der grossen mansfeldischen Erbteilung von 1492 erhielt Graf Albrecht v. Mansfeld, 
der Begründer der hinterortischen Linie, die vormals Stolbergische Hälfte von 
Morungen ; die bereits früher mansfeldische erhielt Graf Hoier vom Vorderort. Die 
Gehölze, die Bergwerke und die Fischerei verblieben gemeinsamer Besitz. 1496 
am Mittwoch nach Judica verkauften die Grafen Heinrich der Ältere, Heinrich 
der Jüngere und Bodo v. Stolberg an die Grafen Günther, Ernst, Hoyer, Gebhart 
und Albrecht von Mansfeld ihren halben Teil an Morungen, welchen ihr Gross- 
vater wiederkäuflich von den Mansfeldern erworben hatte, für 400ü Gulden. 
Bereits 1495 war dieser Kauf verabredet worden und die Mansfelder hatten 
400 Gulden darauf angezahlt, wobei sich die beiden erstgenannten Stoibergor 
Grafen (Freitag nach divisionis apostolorum) verpflichtet hatten, die 400 Gulden 
zurückzuzahlen, falls der Verkauf wegen der Grenzen nicht zustande kommen 
sollte. 1505 bezw. 1506 kam ganz Morungen durch Kauf an den Grafen Gebhart 
V. Mansfeld -Mittelort, der es 1535 an die Grafen Hoier, Philipp und deren un- 
mündige Brüder verpfändete, wobei Hoier seinen Anteil Philipps Gemahlin Amalia 
als Leibzucht verschrieb, ö) Später (1562) verkauften die Grafen die Herrschaft 



1) Mansf. Urkb. S. 593. 3) Mansf. Urkb. S. 595. 3) Mansf. Urkb. S. 596. *) v. Eber= 
stein a. a. 0. S. 119. ^) Auszüge aus der v. Hornschen UrkundensammluDg zu Eisleben. 
v. Eberstein, Urkundl. Nachträge S. 8 u. 9. 



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Monmgen. 177 

wiederkäuflich an die mit einander verschwägerten Asche von Holle (v.d. Helle?) 
und Ludolf v. Bortfeld für 13,000 Thaler und 13,000 Goldgulden; 1563 wurde 
Asche V. Holle der alleinige Besitzer. Bald aber fand wieder ein häufiger Be- 
sitzwechsel statt 1671 erwarb Andreas Kahle die Herrschaft; 1575 kam dieselbe 
an Gebhart, PhiUpp und Klaus von Bortfeld, 1580 an Heinrich v. Biela und 
Georg Hutter, 15fö an Christoph v. Hoym, 1621 an den braunschweigischen 
Obristlieutenant Johann Statz von Raschau, 1623 an dessen Stiefsohn Wulbrand 
George Bock von Wülfingen auf Elze und Grünau und 1656 an den (Jeneral- 
lieutenant und späteren Feldmarschall Ernst Albrecht von Eberstein, det die 
Herrschaft für 24,000 meissnische Gulden erkaufte und dessen Nachkommen sie 
noch heute besitzen.^) 

Jetzt liegt die zweite alte BurgMorungen, von der man nicht weiss, wann und von 
wem dieselbe zerstört worden ist, — vermutlich haben sie die aufrührerischen 
Bauern im Jahre 1525 zerstört^) — in Trümmern. 1533 war das Schloss Morungen 
bereits eingefallen, sodass auf dem Vorwerke Haus gehalten werden musste, 
was zur Verlegung des Amtes nach Leinungen Anlass gab. Im Jahre 1655 gab der 
damalige Besitzer des Amtes, Feldmarschall E. A. v. Eberstein, den Amtsunterthanen, 
welche nur nach Morungen, nicht aber nach Leinungen Baufuhren leisten wollten, zu 
bedenken, dass „das alte Schloss zu Morungen auf dem Berge schon vor 
IVshundert Jahren und mehr wüst gestanden^^ und von den Grafen v. Mans- 
feld selbst das Amtshaus von Morungen nach Leinungen transferiret worden. Ein 
neues Schloss Morungen, dem Freiherm von Eller-Eberstein gehörig, also das 
dritte dieses Namens, ist im Thale unterhalb des älteren (zweiten) Schlosses erstanden. 
Das Zubehör der ehemaligen Reichsburg bestand aus den im Friesenfelde 
gelegenen Dörfern Morungen, Leinungen (aber vermutlich ursprünglich nur 
der ehemals Munislynungen genannte Teil dieses Ortes) und Horla, wozu später 
auch noch das bereits dem Schwabengau angehörende Dorf Botha sowie die 
westlich von Botha gel^nen Schlösser Passbruch und Neu haus kamen; femer 
wohl auch die wüstgewordenen Dörfer Horlhayn b. Horla und Hannikerode 
(Hankerode) zwischen Lengefeld und Morungen. 

Schliesslich ist noch des Geschlechtes der Herren von Morungen zu ge- 
denken, welchem der bekannte, gegen Ende des XE. und Anfang des XHI. Jahrhunderts 
lebende Minnesänger Heinrich von Morungen angehörte und welches im späteren Mittel- 
> alter namentlich in der Stadt Sangerhausen, wo der Morungshof am alten Markte 
noch sein Andenken bewahrt und in der Umgegend von Sangerhausen — so in 
Biestedt, Beyemaumburg, Obersdorf und Grillenberg — angesessen war. 1344 
erscheint ein Herr von Morungen auch als Inhaber der Burg Heinrichsberg auf 
dem Harze. ^) Das Wappen des Sängers ist ein gelber halber, abnehmender oder 
auch ein mit den Hörnern aufwärts gekehrter Mond mit davorstehendem, bezw. 
darüberstehendem, sechsstrahligem Sterne, während den Helm ein wachsendes 
Frauenbild schmückt, das in jeder halberhobenen Hand ein niedriges, kelchartiges 
Gef&ss hält, das oben mit Pfauenfedern besteckt ist, also eine Art PfauenwedeL^) 

1) V. Eberstein, Urkundl. Nachtrage S. 34. ») v. EbereteiD, Histor. Nachrichten S. 124. 
A. a. O. S. 168. 3) Karl Meyer, Festschrift, Nordhausen, 1887, S. 57. *) v. Mülverstedt in der 
Harzzeitschrift XIII, S. 471 u. 472, wo auch nähere Mitteilungen über das Leben des Dichters 
gegeben sind. 

Mansfelder G^ebirgskreis, 12 



178 Mansfelder Oebirgskreis. 



Diese Morunger tra^n ihren Namen ohne Zweifel von unserem Schlosse (Alten-) 
Morungen, das sie jedoch nicht selbst besassen, sondern auf welchem ältere Olieder 
des Geschlechts die Stelle von Beichsburgmannen oder gräflichen bezw. mark- 
gräflichen Burgmannen bekleidet haben. Zwar haben mehrere angenommen, dass 
der Minnesänger Heinrich v. M. wegen der niederdeutschen Färbung seiner Sprache 
von der bei Göttingen gelegenen Burg desselben Namens stamme, aber andere 
bezeichnen ihn ganz entschieden als einen Thüringer, was v. Mülverstedt neuer- 
dings eingehend nachgewiesen hat^) 

BetrefiTs des Dorfes Morungen sei übrigens noch bemerkt^ dass es im Jahre 1655. 
als der neue Besitzer E. A. v. Eberstein ein Inventarium aufnehmen Hess, ganz wüst 
war, die Gärten und Wiesen mit Büschen verwachsen, infolge der Verheerungen 
des furchtbaren dreissigjährigen Krieges. Doch erschienen 1686 bei einer von Amts- 
wegen gehaltenen Besichtigung bereits wieder 14 Morunger ünterthanen.^) 

Ömer. 

[G] Diesen Namen tragen zwei nicht weit von einander an der Wipper, aber 
an verschiedenen Ufern derselben liegende Dörfer, die aber durch besondere Be- 
stimmwörter von einander unterschieden werden. Urkundlich lautet derselbe im 
10. Jahrhundert Amare (Dronke, Tradit. Fuld. c. 41,70), 973 Arneri, 1159 Omare, 
1166 Omere, 1262 Ornaria, 1293 Ornere, 1298 Hornaria, 1343 Omor, 1376 Oerner, 
1394 Ornre, 1400 Orner etc. Ein Ort, welcher anscheinend genau denselben Orts- 
namen trägt, kommt auch in Friesland (jetzt Eenrum bei Appingedam westlich 
vom Dollart) im 10. und 11. Jahrhundert in der Form Arnarion, Arneron, Arnem 
vor. Dieser seltene und eigentümliche Ortsname fällt geradezu zusammen mit 
dem ahd. amari, arneri der Schnitter, Erntearbeiter (von amen, arnön = ernten), 
bedeutet also „zu den Schnittern,'* ein Zeichen, dass das ältere Dorf dieses Namens 
aus einer Schnitteransiedelung entstanden ist, was auf sehr frühe Benutzung der 
umgebenden Flur zu Ackerland hindeutet 3) Auch GraflF in seinem Sprachschatz 
(I, 427) bringt die Übersetzung von amari durch quaestuarii, was wohl Lohn- 
arbeiter bezeichnen soll. 

(Burg-) Ömer. 

[O] Das auf dem rechten Ufer der Wipper nördlich vom Krieggraben und 2 km 
südlich von Hettstedt gelegene Kirchdorf Bui^-Ömer mit 1784: 212; 1880: 200G; 
1890: 3229 Einwohnern, eine Zahl, die fast der von Gross -Örner gleichkommt, 
ist zwar von nicht unbeträchtlichem urkundlichen Alter, aber auf alle Fälle be- 
deutend jünger, als das auf dem linken Ufer der Wipper weiter aufwärts gelegene 
Gross-Omer, welches darum auch Alten- Orner heisst, ein Name, der allein schon 
das höhere Alter dieses Ortes bekundet. Burgömer erscheint zum ^ersten Male 
urkundlich im Jahre 1342. (1342 Borchomere und Borgomere, 1343 Borchomer, 
1372 Burchomere, 1400 Borchomer.) Da jedoch bereits 1337 antiquum Omere 

1) A. a. O. Harzzeitechr. XIII, 8. 440—476. «) v. Eberstem, Hbtor. Nachrichten über 
Gehofen, Leinungen und Morungen S. 168 u. 170. ^) Über ähnliche Ortsnamen mit gleicher 
Endung, welche einer Berufsthatigkeit ihrer Bewohner ihre Entstehung verdanken, vgl. 
Grössler, Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder GeblrgBkreises in derZeitschr. des Harz- 
vereins 1886, XIX, S. 334. 



(Burg.) Örner. 179 



unterschieden wird, so muss das ihm entgegenzusetzende Neu-Omer, welches eben 
Burgömer ist und auch Klein -Omer heisst, mindestens schon einige Zeit vor 
dem Jahre 1337 bestanden haben, freilich kaum schon als ansehnliches Dorf. 

Buigömer mit seiner Flur liegt nördlich von dem in den B^enbeek mündenden 
Eri^graben. Dieser bildet zum Teil die Grenze zwischen Schwaben- und Hosgau; 
folglich niuss Burgörner im Mittelalter zum Schwabengau bezw. zur Freiherrschaft 
Arnstein, die nur hier ein Stück rechts der Wipper umfasste, gehört haben, wofür 
auch spricht, dass es in geistlicher Hinsicht zu dem schwabengauischen Banne 
(Unter-) Wiederstedt gehörte, welcher nur Orte aus dem Schwabengaue umfasste. 

Als frühest genannte Grundbesitzer in der Flur von Burgömer erscheinen 
die Grafen von Mansfeld in den Jahren 1342 und 1346. Da nun erst 1362 neben 
dem Dorfe (villa) von einem Hofe Borchomer die Bede ist, so ist es höchst 
wahrscheinlich, dass die Grafen von Mansfeld nicht nur die alleinigen Besitzer des 
Ortes und seiner Flur waren, sondern dass sie auch den Hof und die dabei auf 
dem östlich sich erstreckenden Höhenzuge auf einem aus demselben hervortretenden 
und mit Wald bestandenen Bergkopfe gelegene, nicht grosse Burg erbaut haben, 
von welcher einige Reste auf dem Burgberge noch sichtbar sind. Yon dem zu 
der Burg gehörigen Turme sind die Mauern in einer Höhe von etwa 12 Metern 
noch erhalten. Diese Burg wird die Bestimmung gehabt haben, die Nordgrenze 
der Grafschaft Mansfeld gegen feindliche Einfalle zu decken. Nachdem jedoch um 
die Mitte des 15. Jahrhunderts Hettstedt mansfeldisch geworden war, wurde die 
Burg bei Elein-Orner entbehrlich und darum mag dieselbe schon in der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts in Verfall geraten sein. In der ersten mansfeldischen 
Erbteilung von 1420 fiel Burg-Örner mit Gross-Ömer den Grafen vom Vorderort 
zu. Schulden halber sahen sich 14l) Jahre später (1560) die Grafen Johann Georg, 
Peter Ernst, Hans Albrecht, Hans Hoyer und Hans Ernst von Mansfeld genötigt, 
Burgömer nebst dem Amte Polleben und dem Vorwerke Siersleben mit der lehns- 
herrlichen Zustimmung des Erzbischofs Sigismund von Magdeburg unter Ein- 
willigung aller Mitbelehnten wiederkäuflich an Caspar und Hans von der Schulen- 
burg füi- 16,C00 Thaler auf 15 Jahre zu verkaufen. Nach manchem Besitzwechsel 
und mannigfachen Teilungen innerhalb der von Schulenburgschen Familie wurde 
Burgörner samt dem Voiwerke Siersleben im Jahre 1652 von der geborenen und 
verwitweten Gräfin Barbara Magdalena von Mansfeld ausgeklagt und mit Wieder- 
kaufsrecht an den kurfürstlich Sächsischen Oberaufseheramts- Verwalter D. Adam 
Timaeus für 20,000 Thaler auf 15 Jahre codiert, aber von dessen hinterlassenen 
Erben am 24. Nov. 16()8 dem Grafen Johann Georg v. Mansfeld, dem letzten 
evangelischen Gliede des Grafengeschlechts, gegen Übernahme der Schulden des 
Erblassers und Gewährung eines Deputates an Geld und Naturalien, auch einer 
Begräbnisstätte in der Kirche zu Thal -Mansfeld per donationem inter vivos 
remuneratoriam eingeräumt. Graf Johann Georg wendete das Amt Burgömer 
gleicherweise seiner Gemahlin Louise Christine, einer gebomen Gräfin von Stolberg 
und nachmaligen Herzogin zu Sachsen -Weissenfeis, zu. Als nun dieselbe 
nach des Grafen Tode sich im Jahre 1712 mit dem Herzoge Christian von Sachsen- 
Weissenf eis vermählt hatte, verkaufte sie Burgömer samt dem 1706 dazu er- 
worbenen Vorwerke Rödichen am 29. Nov. 1713 an den Quedlinburgischen Stifts- 
hauptmann Freiherra Posadawsky von Postelwitz, welcher kurz vorher auch „das 

12* 



^ 



180 Mansfelder Gebirgskreis. 



freie Vorwerk Sierdeben" von dem Grafen Christian von Solms käuflich erworben hatte. 
1714, am 26. Februar, vollzog König Friedrich Wilhelm I. von Preussen als Ober- 
lehnsherr die Belehnung des Käufers mit Burgömer, Rödichen und Siersleben, 
welcher nun in Bui^örner sehr umfangreiche Herrschaftsgebäude errichten liess. 

Von der verwitweten Freifrau Helena Ludomilla Posadowska von Postelwitz, 
geb. von Sauerma, erkaufte 1740 der Königl. Preussische B^erungs-Präsident zu 
Magdebui^ und Kammerherr Karl Friedrich von Dacheröden die beiden ^adelig 
freien Bittergüter Klein- oderBurgöhrner und Siersleben,** mit denen er im selben 
Jahre von dem Fürsten und Grafen Heinrich Franz H. von Mansfeld belehnt 
wurde. Eine Nachkommin des neuen Eigentümers, Caroline von Dachröden, 
wurde die Gemahlin des preussischen Ministers und geistvollen Sprachforschers 
Wilhelm von Humboldt, welcher durch sie schliesslich der Besitzer des Amtes 
wurde. Hierdurch wird erklärlich, warum in dem Briefwechsel Wilhelms von Humboldt 
mit Schiller Burgömer häufig als des ersteren Wohnsitz erwähnt wird. Da auch 
Wilhelms Bruder, Alexander, häufig als Gast in Burgömer verweilte, so hat man 
im Jahre 1869 anlässlich der Humbofdü^hen Säkularfeier in dem nach Alexander 
von Humboldt benannten Humboldtshaine zu Burgömer an einer Eiche eine 
Tafel mit folgender Inschrift befestigt: 

„Hier weilte Alexander von Humboldt oft und gern/' 

Auch dessen mag gedacht sein, dass der berühmte Hallische Philologe Fr. A. Wolf 
oftmals Wilhelms von Humboldt Gast in Burgömer gewesen ist. 

Das „Siegel der Gemeinde Burgömer^ führt als Siegelbild auf einem Wappen- 
schilde einen Bischof mit Bischofsmütze und Krummstab, zu dessen Seiten je eine 
Rosette zu sehen ist, sowie die Jahreszahl 1591. Vermutlich soll dieses Bischofs- 
bild den h. Nikolaus darstellen, welchem die Kirche von Burgömer geweiht ist 

Die einstmals auf dem Berge gelegene St. Nicolaikirche wurde im Jahre 
1800 niedergerissen und 1809 im Dorfe wieder aufgebaut Dieselbe ist also ein 
modemes Gebäude, weshalb von ihr nichts zu berichten ist Der Taufstein, von 
unschöner Renaissanceform, ist vom Jahre 1617. Das Taufbecken von Messing 
ist wertlos. Die im Dachreiter der Kirche hängende Glocke von 0,64 Meter Durch- 
messer ist 1862 von den Gebrüdem Ulrich in Laucha gegossen. 

Gross -Örner. 

[O] Grosses Pfarrkirchdorf, auf der linken Seite der Wipper, 3 km südsüd- 
westlich von Hettstedt, vormals in der Freiherrschaft Amstein im Schwabengau, 
im Banne des Archidiakonats Aschersleben gelegen, hatte 1784: 694; 1875: 1830; 
1880: 2592; 1890: 4335 Einwohner. Dass Grossörner bei weitem alter ist als 
Burgömer, ist schon bei diesem Orte bemerkt worden. Bereits im Jahre 973 
überliess die Abtei Fulda dem Erzstift Magdeburg seine Besitzungen in Arneri. 
Auf diesen Ländereien hatte das Erzstift später Dienstmannen sitzen, welche sich 
nach dem Orte nannten. Schon 1 166 wird ein Albertus de Ornere urkundlich genannt, 
spätere Mitglieder des Geschlechts führen die Namen Berthold, Jordan, Conrad, 
Heinrich und Christian. Diese Familie besass wahrscheinlich das grössere Gut, das 
jetzige Amt, in Grossörner und war mit den Herren von Hoym stammverwandt^) 

1) Dies ergiebt sich aus zwei Urkunden bei v. Erath, Cod. Dipl. Quedlinb. S. 349 u. 414. 



Gross-Örner. 



181 



Ein zweites, kleineres Gut besassen die von Bause, weshalb noch heute eine 
Stätte in Grossörner der Bausenhof genannt wird. Das grössere Gut war 
später im Besitze der Herren von Bülow und dann der Herren von Pfuhl. 
Von letzteren kaufte es der König Friedrich Wilhelm I. von Preussen, verband 
damit den Bauseschen Hof und das Einderllngsche Freigut und machte den so 
vereinigten Besitz zu einem prinzlichen Amte. (Der Brauhof gehörte mit bestinunten 
Gerechtigkeiten zu Helmsdorf.) 

Im Jahre 1337 wird das jetzige Grossörner als Alten- örner (antiquum 
Omere) bezeichnet, eine Bezeichnung, die sich auf die Dauer nicht erhielt und von 
der noch jetzt gebräuchlichen verdrängt wurde. 

1420 fiel Grossörner mit Burgörner an die Grafen von Man sfeld- Vorderort; 
bei der zweiten Teilung (im Jahre 1501) ebenfalls an die vorderortischen Grafen. 

Bei dieser frühen Zugehörigkeit zu der Grafschaft Mansfeld kann es nicht 
befremden, dass das Gemeindesiegel das längsgeteilte Mansfeld -Querfurtische 
Wappen enthält, aber anscheinend von einem Menschenhaupte bekrönt und auf 
zwei in Form eines Andreaskreuzes gelegten Keilhauen (oder Doppelstreitäxten?) 
ruhend. Die Bedeutung der Beigaben ist erst noch festzustellen. Soll die letzt- 
genannte wirklich Keilhauen darstellen, so ist die Beziehung derselben auf die 
Beschäftigung der Bevölkerung mit dem Bergbau unverkennbar. Sowohl dieser 
Stempel, wie auch (und in noch höherem Grade) ein anderer stellen Wappen und 
Beigaben sehr undeutlich dar. 

Dass Grossörner schon früh ein ansehnliches Dorf war, ergiebt sich schon 
daraus, dass es zwei Kirchen besass, von denen die eine dem Apostel Andreas, 
die andere dem h. Stephanus geweiht war. Die jetzige Kirche ist eigentlich die 
S. Andreaskirche; die andere, welche im Jahre 14(X) noch bestand, wird von 
Cyr. Spangenberg in seiner Historia des Klosters Mansfeld als „Set. Stephans Ca- 
pelle zu Grossen Oemer, in der Bausen Hofe gelegen," bezeichnet, ist aber jetzt 
eingegangen. Über diese Stephanskapelle hatte nach Spangenberg das Kloster Mans- 
feld das Patronatsrecht Im Jahre 1343 wird ein Priester Bartold als Pfarrer 
(plebanus) in Örner genannt, doch sind beide Kirchen ohne Zweifel lange vorher 
dagewesen. Die Kirche ist zwar aus spätgotischer Zeit, der Turm aber romanisch ; 
auch hat sich der Rest eines romanischen Taufsteins erhalten, sowie zwei alte 
Läute-Glocken. Die Durchmesser derselben betragen 1,11 und 0,86 Meter. Die 
grössere schmückt eine schöne Majuskelschrift: 




0*1 





ro*fl*p 





Nr. 95. 

Die kleinere ist von Eckhardt Kucher in Erfurt 1588 gegossen. 
Die Schlagglocken haben nichts Merkwürdiges. 



182 Mansfelder Grebirgslcreis. 



Pansfelde. 

[G] Ziemlich grosses Dorf am Schwendebache (ursprünglich Suanebeke), 16 km 
westlich von Hettstedt, vormals im Schwabengau (Grafschaft Falkenstein) bezw. 
in dem Halberstädtischen Harzbanne (bannus nemoris) gelegen, mit 1880: 986; 
1890: 894 Einwohnern. Wie die älteste urkundliche Form des Ortsnamens zeigt 
(1276 Pamezvelde, 1311 und 1330 Pansvelde, 1339 Panzvelde, 1400 Pansfelde), be- 
deutet derselbe: Feld d. h. Waldrodung des Pamo oder Pammo. Das nicht mehr 
in Gebrauch befindliche ältere, aber doch erst aus dem Jahre 1834 — wie die 
darin enthaltene Jahreszahl beweist — stammende Siegel zeigt eine Tanne aut 
Heideboden; vermutlich zugleich eine Hindeutung auf Waldwirtschaft der Be- 
wohner und Andeutung des Versammlungsortes der Gemeinde. 

Über die Vergangenheit des Dorfes ist fast nichts bekannt; nur sei bemerkt, 
dass Graf Burchard v. Falkenstein im Jahre 1311 mit Pansfelde von dem Bischof 
V. Halberstadt belehnt wurde. Über eingegangene Dörfer in der Flur berichtet im 
Jahre 1828 der Predigej Pflug daselbst. *) Auch hier giebt es nach dessen Angabe 
etwa 2000 Schritt östlich vom Dorfe einen Klusberg, an dessen Fusse nach NW. 
zu eine Wiese liegt, die der Kirchhof heisst und die Begräbnisstätte für ein 
ehemals auf dem Klusberge gestandenes Kloster sein soll. Die Geschichte weiss 
von einem Kloster daselbst nichts. 

Die ganz moderne, einen Turm mit Fachwerksaufsatz tragende Kirche besitzt 
keine Merkwürdigkeiten, wie man auch nicht weiss, wann sie gestiftet und wem 
sie gewidmet gewesen ist. Nur der drei Glocken ist Erwähnung zu thun. [S] Die- 
selben haben 0,92, 0,67 und 0,56 m Durchmesser. Die grosse ist laut Inschrift 
1748 von Friedr. Aug. Becker in Halle gegossen und zeigt das v. d. Asseburgische 
Wappen. Die mittlere goss Hj02 Heinrich Borstelmann in Magdeburg; die kleine 
1877 C. F. Ukich in Laucha. 

[Q] Übrigens bleibe nicht unbemerkt, dass in Bürgers Gedicht: „Des Pfarrers 
Tochter zu Taubenhain ^' unter Taubenhain Pansfelde zu verstehen ist. 

Piskaborn. 

[G] Kleines Kirchdorf, 12 km südwestlich von Hettstedt und westlich von 
Mansfeld auf einer Hochebene, vormals in der Herrschaft Wippra im Gaue Friesen- 
feld, bezw. im Banne des Archidiakonats Kaldenborn gelegen, mit 1784: 226: 
1880: 240; 1890: 214 Einwohnern. Der Name des Ortes (urk. 1420 Besekenbom, 
1537 Besikeborn) scheint einen Personennamen Besiko zu^enthalten; da aber die 
erhaltenen urkundlichen Formen aus verhältnismässig später Zeit stammen, so ist 
derselbe vermutlich entstellt. Falls demselben das ahd. pison, bison, afries. pissja, 
nfries. pissjen (=eine Flüssigkeit strahlend ausspritzen) zu Grunde liegt, würde 
derselbe bedeuten „lebhaft hervorspringender Born." Der nie versiegende Haupt- 
quell des Dorfes, der immer gutes Wasser giebt, heisst jetzt „Glasborn.'' Das 
„Gemeindesiegel zu Piskaborn" ist ein redendes, denn es zeigt einen Mann, welcher 
einen Eimer aus einem Ziehbrunnen hebt. Über dem Bilde steht die Jahreszahl 1797. 



1) Rosenkranz, Zeitschrift I, 2, S. 21 ff. 



Piskabom. 183 



In der mansfeldischen Erbteilung des Jahres 1420 kam Besekebom an den 
Yorderort, bei dem es auch 1501 verblieb. Im Jahre 1537 liess Graf Albrecht, 
dem die Herrschaft Bammelbui^ gehörte, zwei Bauern in Besikebom durch den 
Landrichter des Amtes Rammelbuig gerichtlich belangen; diese aber behaupteten, 
als Unterthanen des Orafen Hoier vom Yorderort seien sie dem Gerichtszwange 
des Amtes Rammelburg nicht unterworfen. Als das Yorwerk Leimbach bei Maus- 
feld zu einem Amte erhoben wurde, wurde auch Piskabom der Gerichtsbarkeit 
desselben unterstellt Das Freigut in Piskabom kaufte 1736 Otto Friedrich I. 
von der Schulenburg von der Frau des Ganonicus und Eammersekretärs Schartow, 
die es von ihrem Vater Jakob Johann Graff ererbt hatte, für 8750 Thaler. Otto 
Friedrichs Sohn, August Christoph Ludolf Gottlieb, verarmte aber und verpfändete 
das schon durch seinen Yater verschlechterte Gut an seinen Vetter Otto Friedrich 11. 
auf Grüssau, dem er es 1775 erblich abtreten musste. Letzterer verkaufte es 1787 
wieder an den Prediger Göpel in Piskabom. Das Piskabomer Freigut hatte die 
Gerichtsbarkeit über 3 Häuser im Dorfe, die ihm dienstpflichtig waren, ein Ver- 
hältnis, welches bei mansfeldischen Freigütern öfter vorkommt 

Die dem h. Nikolaus geweihte, also vielleicht einer Gemeinde von Nieder- 
ländem oder Friesen dienende Kirche von Piskabom besitzt keinen Turm und 
besteht aus zwei durch eine Mauerfuge deutlich erkennbar getrennten Teilen 
nämlich einem nach Osten gelegenen, halbachteckig geschlossenen, mit Aussen- 
pfeilern versehenen Chore aus frühgotischer Zeit, und einem westlichen recht- 
eckigen Schiff aus dem späteren Mittelalter. Da in der Wetterfahne die Jahreszahl 
1519 steht, so wird diese, wofür auch die Stileigentümlichkeit des Haupteinganges 
spricht, das Jahr der Vollendung des spätgotischen Teils bezeichnen. Der Süd- 
seite des westlichen Teils ist eine Vorhalle vorgelegt, aus welcher in die Kirche 
eine Thür mit Rundbogen führt, während die von aussen in die Vorhalle führende 
Thür spitzbogig ist und manches Eigentümliche aufzuweisen hat, wie es für ein so ab- 
gel^nes Dorf ohne Beispiel sein dürfte. (Siehe Nr. 96 S. 184.) Die Stäbe der Ge- 
wölbeschenkel sind nämlich auf sehr zierliche Weise an ihren Füssen mit Blatt- 
werk geschmückt Über dem Portal erblickt man ein blosses Kreuz (ohne den 
Heiland), welchem Maria und Johannes zur Seite stehen. Anscheinend hat an 
dem Kreuze niemals der Körper Christi sich befunden. Über dem Kreuze steht: 
„Renov. 1863", unter demselben: Matth. 13,16. 

Die Kirche besitzt einen gotischen Kelch mit sechsblättrigem, stark ein- 
gebogenem Fusse aus dem Jahre 1497, an dessen unterem Bande folgende sehr 
schwer zu enträtselnde und nur zumteil sicher zu lesende Inschrift steht: 

ift zil97 differ kelich gemachtt 

vonn(?) nebomukk beilich(?) 

Auf dem sechskantigen Schafte steht unten : 

oben: Wtrit 

Auf den Schildern der Zapfen in gotischen Majuskeln : Mr Xtrit. 

Auf den Blättern des Fusses folgen sich der Reihe nach: 1. als Signaculum 
die kleine Kreuzigung, also ein Crucifixus mit Johannes und Maria zur Seite, in 



Mansfelder GebirgskreiB. 



erhabener Arbeit. 2. Die h. Anns mit Maria und Jesa, jedes Kind auf einem 
andern Arme haltend. 3. Ein Bischof, welcher ansdieinend eine Wunde in seiner 
Brust eotblösst. (S. Bonifatins?) 4. S- Katarina mit Schwurt und Bad. 5. Die 
Uutter Gottes Maria mit; dem Jesuskinde. 6. S.Barbara unter Krone, einen Turm 
zur Seite. 

Beachtenswert sind auch die beiden bronzenen ALtarleuchter, welche jeder 




Thtr^vTMuU d JÜrcka i-ßleAtUionv 



Nr. 96. 
auf einem Scbildchen folgende Inschrift tragen : 

Darunter sind, kreuzweise gelegt, eine Hacke oder Haue und ein Kohlenrechen 
abgebildet, offenbar den Beruf des Gebers bezeichnend. Nach der Ortsüberlieferung, 
welche die abgebildeten Gegenstände für eine Eöhlerhftue und einen Köhlerrechen 
ansieht, sind die Leuchter von einem Köhler geschenkt, doch dürfte als Geber 
derselben Luthers Schwager, Nicolaus Oemler, zu betrachten sein, welcher in der 
Nähe Erbfener besessen haben mag. Der Name der Familie Oemler hat später die 



Piskabom. 185 



Form Eimler angenommen, wie sich aus dem Kirchenbuche von Gorenzen 
ergab. 

Die drei im Anbau hängenden Glocken haben 1,29, 1,01 und 0,53 Meter 
Durchmesser. Die jetzige grosse Glocke ist 1863 von den Gebr. Ulrich in Laucha 
umgegossen worden und auch schon vorher ein oder mehrere Male, jedesmal 
unter bedeutender Verminderung ihres Gewichts, indem sich die Glockengiesser, 
wie die Einwohner berichteten, für den Guss aus zurückbehaltenem Glockengute 
bezahlt machten. Ihre letzte Vorgängerin enthielt nach einer handschriftlichen 
Aufzeichnung folgende Inschrift in lateinischen Majuskeln: 

Der Kirchbn-Patron Herr General-Major Wu^helm Friedrich von Schenck 
HAT DIESE Glocke umgiessen lassen im Jahre (1797). 

Mich goss 

Herr Friedrich Gottlieb Brackenhoff 

IN Halberstadt 1797. 

Auf der Kehrseite stand : 

Zur Pracht und Heiligthum ruft Christus 
Die (}emeinde durch mich kaltes Erz. 
Dir, Gott, der uns segnet und erfreut, 
Sei diese Glocke hier zum Dienst geweiht. 
(Jern wollen wir, wenn sie ruft, 
Hier vor Dich treten, 
Dich anzubeten. 

Die Mittelglocke scheint nach den Formen ihrer von Schnüren eingefassten 
Majiiskelumschrift von hohem Alter zu sein. Dieselbe besteht aus folgenden 
Buchstaben: 

+ B + a + Ä-i-Tißi 

welche links von einem Zierat, rechts von einem grossen Münzabdruck (mit 
Bandschrift) eingefasst werden, ünterjder Schrift erblickt man das roh ausgeführte 
einfache Querfurter Wappen. 

Ausserdem zeigt die Glocke auch noch vier durch 4 lotrechte, geschlängelte 
(12 ümbrechungen) Abteilungszeichen, wie dieselben auch in Wippra, Bollsdorf 
und anderswo vorkommen, getrennte Medaillons, die nicht ganz deutlich sind. 
Auf der Nordseite sind 2 Figuren zur Darstellung gebracht, eine sitzend, die 
andere stehend (Maria Verkündigung?); auf der Westseite eine weibliche Mgur, 
das Jesuskind mit Ereuznimbus auf dem Arme; an dieselbe schmiegt sich an- 
scheinend ein Engel oder eine weibliche Gestalt an. (Also entweder die Mutter 
Gottes oder 8. Anna selbdritt?) Das südliche Medaillon enthält S.Georg zu Pferde; 
das östliche, sehr wenig gelungene, stellt Simson dar, wie er dem Löwen den 
Bachen aufreisst« 

Die Frage ist nun, wie die eigentliche Inschrift zu deuten sei. G. Sommer, 
welcher den vorletzten Buchstaben für ein A ansieht, möchte unter Beziehung auf 
zwei der vorbeschriebenen Medaillons lesen: Beati A(nna) J(eorg). Ich dagegen 
erblicke in dem vorletzten Zeichen ein N und sehe das Wort Beati für den Ge- 
nitivus Sing, an und die Silbe Ni für Abkürzung des Namens Nicolai, welcher 



186 Mansfelder Gebiigskreis. 



nur zum kleinsteu Teile in dem Baume des Kranzes Platz finden konnte, und 
übersetze demgemäss: 

„(Glocke) des seligen Nikolaus." 

Diese Deutung wird durch den Umstand unterstützt, dass die Piskaborner Kirche, 
wie oben bemerkt ist, dem h. Nikolaus geweiht war, sodass also diese Glocke 
vielleicht bis zur ersten Gründung der Piskaborner Kirche (12. oder 13. Jahr- 
hundert) zurückreicht. 

Erheblich jünger, aber auch alt ist die kleine Glocke vom Jahre 1507, welche 
in die Zeit des spätgotischen Umbaues der Kirche zurückreicht. 

Auf derselben steht in Minuskelschritt der leonische Hexameter: 

€tta o fnm o facta o Sat|crtttai|ic o umint o tieft ^ 1517. 

Zu deutsch: 

Aus Erz bin ich gemacht und heisse Katharina. 

Diesem Verse folgt eine Reihe von Münzabdrücken, darunter ist ein mans- 
feldisches Gepräge mit den Mansfelder Wecken und den Querfurter Balken: auch 
ein Stolberg- Wernigerodisches Gepräge, welches Hirsch und Forellen zeigt, leicht 
erkennbar. Sehr eigenartig sind die Formen der Jahreszahl 1517, deren 5 die 
Sommersche Zeichnung nicht genau wiedergiebt. Die richtige Form ist diese: 



)f}A 



Im Pfarrarchive zu Vatterode finden sich auf Piskaborn bezügliche Kirchen- 
rechnungen vom Jahre 1582 bis zum Jahre 1677 mit mancherlei geschichtlichen 
Aufzeichnungen, namentlich über die Drangsale des dreissigjährigen Krieges. Das 
älteste Kirchenbuch umfasst die Jahre 1617—1651, berichtet also auch über den 
dreissigjährigen Krieg. Es giebt u. a. Auskunft über die Familien Stossnack und 
V. Kö tschau. Die späteren Kirchenbücher beginnen erst wieder mit dem Jahre 1700 
und geben Nachrichten über die Familie von der Schulenburg, welche, wie oben 
bemerkt worden, das Freigut in Piskaborn besass. 



Neu - Platendorf . 

[G] Obwohl dieses 12,5 km nordwestlich von Hettstedt gelegene Dörfchen mit 
1880: 411; 1890: 365 Einwohnern eine von Friedrich dem Grossen von Preussen 
angelegte Kolonie ist, so beweisst doch der Zusatz Neu- und das urkundliche 
Vorkommen des Namens schon während des Mittelalters (1339 Platendorp), dass 
das jetzige Dorf nur die erneuerte Auflage einer älteren Gründung ist. In dem 
Ortsnamen steckt der aus zusammengesetzten Namen zu entnehmende Personen- 
name Blato oder Plato. Das Gomeindesiegel zu Neu-Platendorf aus dem Jahre 1817 
zeigt das Sinnbild der Bauerngemeinde, die Dorflinde, bescliienen von Sonne und 
Mond. Vermutlich ist diese Beigabe in derselben Weise zu deuten, wie die 
nämlichen Zeichen in dem Meisdorfer Gemeindesiegel. Ein jüngeres Siegel enthält 
diese Beigabe nicht mehr. 

fSJ Die Kirche des Dorfes ist erst im Jahre 1781 aus Fachwerk erbaut und 
zeigt daher nichts Altertümliches. Aus dem Siegel der Kirche ist keine Belehrung 



(Schwaben-) Quenstedi 187 



über die Vergangenheit zu schöpfen. Die einzige der Kirche gehörige Glocke von 
nur 059 m Durchmesser ist 1785 von Johann Wilhelm Felbinger in Halberstadt 
gegossen worden. 

(Schwaben-) Quenstedt. 

[G] Grösseres, 8 km nordwestlich von Hettstedt, vormals im Schwabengau 
(Freiherrschaft Amstein) bezw. im Halberstädtischen Banne Aschersleben gelegenes 
Dorf mit 1880: 11 14; 1890: 1019 Einwohnern. Der Ort ist sehr alt und auch urkund- 
lich früh bezeugt (992 Quenstedi, um 1060 Quenstidi, 1046 und 1060 Queinstete, 
1219 Quenstide, 1284 Swaf-Quenstide, 1295 Quenstede, 1586 — im Gemeinde- 
siegel — Swawen-Quenstet) Dieser merkwürdige Ortsname ist wohl der einzige mit 
dem got quino, alid. quönä, ags. cven, welches O^bärerin, Gattin, auch Königin 
bedeutet, zusammengesetzte Ortsname. Da sich aber noch ein gleichnamiger Ort 
im benachbarten Harzgau findet, so wurde der unsrige, um ihn von jenem zu 
unterscheiden, weil er im Schwabengau lag, während des Mittelalters bis in die 
neuereZeit herein Seh waben-Quenstedt genannt. Der Ort hatte dadurch besondere 
Bedeutung, dass er Gaugerichtsstätte war, deren Gericht vom Deutschen Reiche 
zu Lehen rührte. Noch 1579 belehnte Kaiser Rudolf IL die Grafen von Mansfeld 
ausser mit dem Gericht zu Helfta und dem Schultheissenamte zu Hedersleben 
auch mit dem Gerichte und Dorfe Quenstedt 

992 übereignete König Otto IIL dem Stifte Quedlinburg ausser anderen 
Dörfern auch die villa Quenstedi in comitatu Karoli comitis sitam. Im übrigen 
teilte der Ort die Geschicke der Freiherrschaft Arnstein, zu der er laut einer 
Urkunde vom Jahre 1387 gehörte, wie sich auch daraus ergiebt, dass die Glieder 
des in Quenstedt angesessenen gleichnamigen Geschlechtes von niederem Adel, 
welche mit dem Vornamen Johannes und Jakob von 1229 — 1324 in Urkunden 
erscheinen, als Zeugen der Edlen von Arnstein auftreten. 

Nach Angaben des Pfarrers Rimrod in Quenstedt aus dem Jahre 1829^) hatte 
der Ort in alten Zeiten die Gestalt und Vorrechte einer kleinen Stadt Seine 
Eingänge sollen aus gewölbten Thoren bestanden haben, von deren einem, das 
Hallische Thor genannt, 1829 noch die Überreste der Pfeiler zu sehen waren. Da die 
Gartenwände den Ort, wenn der neue Anbau abgerechnet wird, in ovaler Rundung 
regelmässig einschlössen, so mag an deren Stelle früherhin vor Zerstörung des 
Ortes in der That eine Stadtmauer gestanden haben. Zudem hatte Quenstedt 
ein Rathaus, welches, nachdem es verkauft worden, bis auf die westfälische Zeit 
ein völliges Freihaus geblieben ist ; und ferner — ein Zeichen der hier ausgeübten 
Gewalt über Leben und Tod — einen Galgen auf dem vordersten Hügel der 
kleinen Höhe bis in unser Jahrhundert herein. Auch Jahrmarkt wurde in Quen- 
stedt gehalten; aber diese Gerechtsame ist laut der Ortsüberlieferung nachWippra 
verkauft worden. Von all seinen Vorzügen behielt Quenstedt zuletzt nur den, 
dass die Einwohner noch lange Zeit hindurch vor (Bericht nicht Bauern, sondern 
Männer genannt wurden. Doch auch dieser Vorzug ist nun erloschen. 

Früher gab es in dem Orte drei Rittergüter, die in dem Besitze der Familien 



1) Rosenkranz, Zeitschrift I, 2, 27 ff. 



188 Mansfelder Gebirgskreis. 



V. Böselager, Wille, v. Hardenberg und v. d. Bussche gewesen sind. Das v. Böse- 
lagersche Gut, welches auf der Stelle lag, wo nachher „die Diensthäuser der so- 
genannten sieben Teufel'^ erbaut wurden, wurde später mit dem gegenüberliegenden 
V. d. Busscheschen Bittergute vereinigt, während das dritte, früher Herrn Heinrich 
Y. Eönitz gehörige, in unserem Jahrhundert in den Besitz der Familie Koch kam. 

Die Yogtei über die in der Quenstedter Flur belegenen Besitzungen des 
Stiftes Quedlinburg übten bald die Grafen v. Falkenstein, bald die Edlen von Am- 
stein aus. 

Im dreissigjährigen Kriege schlug König Gustav Adolf und nach ihm ]die 
schwedischen Generäle Königsmark und Ban6r in der Flur Quenstedt ein Lager 
auf, weshalb noch eine Stelle derselben den Namen Schwedenschanze führt. 
1636 brannte der Ort ganz ab, als der schwedische General Ban6r mit seinen 
Truppen hier in Quartier lag, und blieb dann 14 Jahre hindurch gänzlich wüst 
liegen. Schon bei diesem Brande sollen Kirche, Pfarre und Schule niedergebrannt 
sein, dasselbe Geschick soll sie aber, nachdem man sie vor kurzem erst wieder 
angebaut, im Jahre 1661 abermals betrofien haben. Daraus folgt, dass das jetzige 
Kirchengebäude im grossen und ganzen ziemlich junges Ursprungs sein muss. 

Dass dagegen die Quenstedter Kirche in sehr früher Zeit gegründet worden 
ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Denn nicht nur wird im Jahre 1236 die 
Kirche von Quenstedt ausdrücklich als Besitzerin von 7 Hufen in Quenstedter 
Flur erwähnt, sondern auch der Heilige, dem die Kirche gewidmet ist, der 
h. Bonifatius^ zeugt für deren frühzeitige Gründung, da alle Bonifatiuskirchen auf 
thüringischem und ostsächsischem Boden zu den ältesten Kirchen des Landes 
gehören. 

Als Zeichen ihrer frühen Gründung besitzt die Quenstedter Kirche auch ein 
verhältnismässig sehr altes Kirchensiegel. Doch auch das Gemeindesiegel ist 
sehr alt und hat Bezug auf den Kirchenheiligen. Desselben sei hier zuerst ge- 
dacht Auf einem Wappenschilde, dessen Gestalt der eines abgezogenen, ausge- 
breiteten Felles gleicht, steht der h. Bonifatius in ganzer Figur, in der Linken 
den Krummstab, in der Rechten anscheinend einen gansartigen Vogel tragend. 
Über ihm steht die Jahreszahl 1586 und ausserdem trägt das Siegel die Umschrift: 

. ' . S - Bonifacivs • Swawen • Quenstet • Sigil. 

Besondere Schwierigkeiten bereitet das Kirchensiegel dem Erklärer. Deuthch 
zwar tritt als Siegelbild ein Kelch hervor, desto undeutlicher aber ist die Umschrift 
in gotischer Minuskel. Dieselbe sieht etwa folgendermassen aus: 

Eg3 ji - <s> reo ^ <^ CII1I0 '^ ittio '^ ^ 

Die Annahme, dass dieselbe zu lesen sei: 

S(igillum) ven(erabilis) cvrd becker 

ist gewiss unrichtig, einmal weil statt venerabiUs eher rev(erendi) passen würde, 
sodann aber, weil die folgenden Zeichen zu dieser Lesung nicht passen, und 3., 
weil es kaum glaublich ist, dass das Privatsiegel des vorausgesetzten Curt Becker, 
der um 1470 Geistlicher in Quenstedt gewesen sein soll, später zum Kirchensiegel 
erhoben worden. (Das jüngere Kirchensiegel hat auch neben dem Kelche als Siegel- 
bild die Umschrift: Siegel der Kirche zu Quenstedt.) Aber ebenso unrichtig ist 
die Lesung dieses in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bei Aufräumung 



(Schwaben-) Qaenstedt. 1 89 



einer Baustelle gefundenen und nach Ansicht des Pfarrers Rimrod vielleicht 
aus dem Anfange des 12. Jahrhunderts stammenden (!) Siegels seitens eben- 
desselben, da er behauptet: ^Die Umschrift dieses Siegels in Mönchsschrift und 
platter Mundart (!) heisst: Kirchsiegel von Cunostedt,^ ja sogar annimmt, 
dass hier der Name des Ortes aus früherer Zeit und richtiger überliefert worden 
sei, als in den Urkunden, und dass hiemach ein Cuno der Erbauer de» Ortes 
gewesen. 

Dass man das Siegel in der That als Kirchensiegel ansehen muss, ergiebt 
sich aus der Übereinstimmung des Siegelbildes (Kelch); im übrigen ist der Sinn 
der undeutlichen Umschrift erst noch zu enträtseln. 

Das jetzige Kirchengebäude ist, wie auch der Turm, gegen Ende des Mittel- 
alters neu erbaut worden. Wenn Rimrod sagt, nach einer am Turme befindlichen 
Möncbsschrift sei im Anfange des 12. Jahrhunderts (im Jahre 1104) der Grund 
des Turmes gelegt worden, so befindet er sich in einem starken Irrtum, denn diese 
Inschrift verlegt den Beginn des Tuimes ausdrücklich in das Jahr 1448. Dieselbe 
lautet (in Minuskeln geschrieben): 

1110 Htm'' tat'' 
xlottt fcrii i|tirto 
|0(f mfüxit s|t 
tff iccifi. 

Der halbachteckig geschlossene Altarraum dagegen scheint im Jahre 1481 ausge- 
führt worden zu sein. Da aber Turm und Kirche wiederholt von Bränden be- 
troffen worden sind, so wird der grösste Teil des Mauerwerks doch wohl jüngeren 
Ursprungs sein. 

Einer grossen Merkwürdigkeit an der Quenstedter Kirche gedenkt der Pfarrer 
Rimrod sonderbarerweise nicht; das sind zwei an der äusseren Ostseite des 
Altarraumes der Kirche eingemauerte, sehr roh ausgeführte, einst (gleich denen 
zu Müllerdorf im Seekreise) stark übertünchte Bildwerke, welche rätselhafte 
Tier- und Menschenfiguren darstellen. (Siehe Nr. 97 auf S. 190 und Nr. 98 
auf S. 191.) Früher waren sie stark mit Putz überzogen, darum wohl hat auch 
Pfarrer R. von ihnen keine Kenntnis gehabt; erst 1857 wurden sie entdeckt. Das 
eine stellt einen nackten Mann dar, welcher ein Beil — nach der Form zu schliessen, ist 
es ein Steinbeil — in beiden erhobenen Händen hält Freilich kann man eigent- 
lich nicht sagen „hält,^ denn die Waffe ist von dem noch äusserst ungeschickten 
Urheber des Bildwerkes weniger in die Hände der Figur hinein, als vielmehr nur 
auf dieselben drauf gezeichnet worden. Vor dem Manne oder ihm zur Seite ist 
die obere Hälfte einer menschlichen Figur zu erblicken, weiche den einen (allein 
sichtbaren) Arm nach oben gekrümmt hat, sodass die Hand den Kopf in der 
(hegend des Ohres berührt. Das Gesicht scheint einen klagenden oder furcht- 
samen Ausdruck zu haben. Bei allen Figuren sind Augen, Mund und Nase durch 
Linien angedeutet, die Ohren und Haare aber nicht. Das zweite Bildwerk zeigt 
abermals eine menschliche Figur, welche gleichfalls in beiden Händen ein Stein- 
beil zu halten und zu wuchtigem Hiebe auszuholen scheint. Der rechte Fuss 
dieser Figur steht auf der unteren Kinnlade eines auf dem Rücken liegenden Un- 
getüms mit stumpfer Schnauze, grossem Auge und vier emporgestreckten Beinen, 



Mansfelder Gebirgskreis. 



deren jedes in handförmige Tatzen oder Flossen mit je 3 Fingern oder Erallen 
ausläuft Das Ungetüm scheint, zu Falle gebraclit. sich vor dem vernichtenden 
Hiebe, durch Vorhalten der Beine, gleichsam um Schonung bittend, sichern zu 
wollen. Im Jahre TASS hat Herr Major Klugmiinn, in Berlin wohnhaft, die beiden 



Bildwerke aufgenommen, und aut seine getreue Aufnahme, die hier wiedergegeben 
ist, stiitüt sich die vorstehende Beschreibung; aber schon im Jahre 1870 hat Herr 
Direktor Wiggert in Magdeburg, der erfahrene Kenner vieler Altertümer unserer 
Provinz, die Quenstedter Bildwerke im Anschluss an eine von Herrn Pastor 
Wedler in Quenstedt bewirkte Nachbildung im Verein für Gesch. u. A. des 



(Schwaben-) QQonstedt 191 



Herzogtums Magdeburg besprochen. Der Bericlit darüber i) enthält freilich nur 
folgendes Urteil: „Dieselben stellen nackte menschliche Figuren dar und gehören 
nicht nur dem Kindheitsalter der Zeichenkunst, sondern ohneZweifel 
auch dem Heidentume an." Diesnni Urteile Wiggerts ist zwar unbedenklich 



Nr. 98. 

beizastimmen , aber eine Deutung der Bildwerke scheint er nicht versucht zu 
haben. Die Bedeutung derselben ist also noch klar zu legen. Manche Betrachter 
sollen die hier dargestellten Figuren mit den Mythen der Edda in Verbindung 
gebracht oder genauer für Darstellungen des Thor, der Sif, des Loki etc. erklärt haben, 

1) Magdeburg. Geschiditöblätter, V, 4, 6. 612. 1870. 



192 Mansfelder Oebirgskreis. 



ein Versuch, der nur dann Beachtung yerdiente, wenn eine Beziehung der Bilder auf 
einen bestimmten Mythus der Edda nachgewiesen würde, wobei immer noch der Vor- 
behalt zu machen wäre, dass die Namen der eddischen Götter nicht ohne weiteres auf 
innerdeutsche mythische Darstellungen übertragen werden können. Allerdings 
könnte ja das eine Bild als Darstellung der Göttin Sif, der Gemahlin des Gottes 
Thor, aufgefasst werden, die sich bei ihrem si^esfroh heimkehrenden, den Stein- 
hammer schwingenden Gemahl über die ihr zugefügte Schmach, die Abscheerung 
ihrer Haare, auf deren Fehlen sie hinweist, beklagt. Das andere Bild dagegen 
könnte den seine Gattin rächenden Donnergott darstellen, der den in ein Un- 
geheuer verwandelten, auf dem Rücken li^enden Loki mit seiner Waffe bedroht 
Beachtung verdient hier vor allem das eine Bildwerk am Thürgewände der Kirche zu 
Heiligenthal im Seekreise, welches — wenn man von dem Vorhandensein der 
Kleidung absieht — aufTallende Übereinstimmung mit dem zweiten Quenstedter 
Bildwerke zeigt Durch Vergleichung aller aus dem Heidentum herrührenden oder 
doch auf dasselbe sich beziehenden Bildwerke, deren es innerhalb der beiden 
Mansfelder Kreise auch noch in MüUerdorf und Siersleben giebt, lässt sich vielleicht 
betrefEs ihrer Deutung einen Schritt weiter kommen. Dass Quenstedt in der heid- 
nischen Zeit eine Stätte der Gottesverehrung gewesen, lässt sich nicht nur aus 
dem Umstände schliessen, dass hier eine Hauptgerichtsstätte sich befunden hat, 
sondern auch aus dem aussergewöhnlich zahlreichen Vorkommen von Altertümern 
aus heidnischer Zeit in der Nähe des Dorfes, worüber Rimrods eingehender Bericht 
nachzulesen ist Sogar silberne und goldene römische Münzen, von Marc Aurel, 
Antoninus und Severus, sind in der Nähe gefunden worden. 

Endlich ist noch der drei auf dem Turme hängenden Glocken von 1,13,0,97 
und 0,72 m Durchmesser zu gedenken. [SJ Die grosse ist 1666 von Joachim Janken 
in Gross -Salze, die beiden anderen sind 1817 von H. Engelcke in Halberstadt ge- 
gossen worden. 

Rammelburg.^) 

[G] Ein einsam inmitten bewaldeter Berge gelegenes Schloss — der Schwarzbui^ 
a. d. Schwarza seiner Lage nach einigermassen zu vergleichen — mit Oberforsterei 
und Gasthof, auf dem linken Ufer der Wipper, 14 km westsüdwestlich von Hett- 
stedt, auf einem von der Wippei in langer Windung umströmten Ausläufer 
des nördlich davon befindlichen Höhenzuges gelegen. An den steileren Seiten 
desselben nach Süden und Westen zu befindet sich Hochwald, an der flachen nach 
Nordosten zu ein Park, nördlich von diesem stehen die Wirtschaftsgebäude mit der 
Wohnung des Forstbeamten. Die Einwohnerzahl beü-ug 1880: 113; 1890:98. /S/ Der 
Schlosshof bildet ein unregelmässiges Viereck, dessen westliche Seite das hohe Schloss- 
gebäude ausmacht, während die übrigen Seiten aus niedrigen Nebengebäuden bestehen. 
Seinem Baustil nach gehört das Schloss in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, 
denn es zeigt in seiner Westfassade drei mächtige und darum einigen Eindruck 
machende Giebelerker von zopfiger Form, die sich auch nach dem Hofe fortsetzen. 



^) Vgl. ClemenB Menzel: Die Rammelburg, Vortrag, gehalten im Jahre 1885. 4® 
S. 1-8. 



Bammelbarg. 193 

Ehemals befand sich an der südlichen Ecke ein runder Bergfried, desf^leichen ein 
zweiter runder Turm in der östlichen Flucht. Von beiden ist nur der untere 
Teil noch erhalten. Der letztere trägt jetzt einen Holzaufsatz und dient als ühr- 
turm. Von einem Wallgraben ist jetzt nichts zu sehen; es scheinen die ur- 
sprünglichen Bodenformen künstlich wiederhergestellt zu sein. Nr. 99 zeigt den 
Gmadriss, Nr. luO die nördliche Ansicht des Schlosses. 



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Das Schloss und der grösste Teil der dazu gehörigen Herrschaft lag im 
Scbwabengau, welcher durch die Wipper an dieser Stelle von dem Gaue Friesen- 
feld geschieden wurde. Zu der Herrschaft Rammelburg gehörten nach 
dem Lehabriefe von 1523: Friesdorf, Biesenrode, Abberode, Ritzgerode, Herraerode, 
Steinbrücken, Königerode, Braunschwende und die jetzt wüst gewordenen Dörfer 
Ißkerode, Rodersdorf, Allrode, Hohnrode (Hunrode), Haindorf, die Altenbui^g bei 
Muulelder Gebiigskreis. 13 



194 Mansf eider Gebirgskreis. 



Biesenrode, Wilderschwieg, Schneblingen, Bunsdorf u. a. ro.^) Wenn nun im 
Jahre 1381 in dem Lehnbiiche der Erzbischöfe Ludwig und Friedrich IL von Magde- 
burg von Busso comes de Rensteyn gesagt wird: ,,Itetn (habet) castrum RameU 
burg cum istis villis, scilicet Hermansrode, Bruniswende, Olczingerode, Swembeke 
et Eynendorp, et alia bona ad predictum castrum pertinentia/^ so kann es gar 
keinem Zweifel unterliegen, dass nur die beiden erstgenannten Orte wirklich im 
Bammelburger Burgbezirk lagen, da die drei letztgenannten ohne allen Zweifel der 
Freiherrschaft Amstein angehörten. 

Ursprünglich scheint Rammelburg ein Zubehör der Freiherrschaft Biesen- 
rode oder, wenn man noch weiter zurückgeht, der Freiherrschaft Amstein gewesen 
zu sein. Denn die Edelherren von Biesenrode waren eine Nebenlinie der Edel- 
herren von Arnstein und hatten ihren Sitz auf einem Berge über dem Dorte 
Biesenrode, den man jetzt „die Altenburg" nennt. Nach dem Aussterben der 
Edelherren von Biesenrode mit Walther von Biesenrode (etwa im Jahre 1190) fiel 
ihr Besitz an die Arnsteiner zurück, welche auch zuerst im Besitze des »Schlosses 
Rammelburg erscheinen, sodass die Vermutung nahe liegt, dasselbe verdanke 
seine Entstehung den Edelherren von Arnstein, wie auch die andere, dass seitdem 
die Burg Biesenrode nicht mehr benutzt wurde und allmählich verfiel. 

Die urkundlichen Formen des Namens (1259Rammeneborgh, 13l9Rammene- 
berch, 1334 Rammeneborch, 1335 Rammeneborgh, 1338 Rammyngeborch, 1381 
Ramelburg, später Rammelburg) enthalten als Bestimmwort wohl das md. Wort 
ramme, welches einen Balken zum Einstossen von Pfählen in die Erde (vgl. 
ranimo = Widder, Stnrmbock, von ahd. hramjan = rammen, ein Gestell machen, 
befestigen), hier aber wohl einen emgestossenen Pfahl, eine Pallisade bedeutet; 
oder das Bestimmwort ist ein von diesem Substantivum gebildetes Adjektivum, in 
welcliem Falle es dem Sinne nach ganz mit dem häufig vorkommenden Namen 
Boumineburg (= arx lignea, Baumburg, Pfahlburg, faubourg) zusammenfallen 
würde. Höchstwahrscheinlich nämlich diente Rammelburg seinem Erbauer zu- 
nächst nur als Jagdschloss, welches nach uraltem Brauche anfangs nur mit 
Pallisaden und durch Gräben befestigt gewesen sein wird und erst später Be- 
festigungen aus Stein empfangen hat. 

Das erste Amtssiegel von Rammelburg vom Jahre 1737 zeigt das durch Zu- 
ziehung des Wappens einer thüringischen Familie v. Fr. vermehrte Wappen der 
Familie von Kriesen mit der Umschrift: 

C. Ä. F. V. F. AI IBTS RÄNH€LBVR6S IHHÄB€R IHSieGCL. 

Dasselbe hat in der Mitte eines quadrierten Schildes als Stammwappen einen roten 
Halbmond an einem Sterne in silbernem Felde, im 1. und 4. Quadrat einen 
schwarzen gekrönten Adler, im 2. und 3. drei rote Rosen an einem Stil mit Blättern. 
Das Siegel der Polizei -Verwaltung Rammelburg enthält das v. Friesensche Wappen 
in anderer Form. Denn herzförmig und längsgeteilt, zeigt dasselbe links einen 
halben Stern und rechts einen halben (abnehmenden) Mond, beide von einander 
getrennt. (Die Ortsaugabe ist in heraldischem Sinne zu verstehen.) über dem 

^) Näheres über diese Orte und namentlich die Wüstungen ist zu finden in: Grössler, 
Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder Gebirgskreises. (Zeitschr. des Harzver. XIX, 1886.) 
— Vgl. auch Krumhaar, die Besitzungen der Grafen v. Mansf. S. 106—108. 



Bammelburg. 195 



Schilde erblickt man eine fünfzinkige Krone; auf dieser kehrt die nach oben ge- 
öffnete Mondsichel, auf deren Hörnern ein halber Stern ruht, wieder, beide von 
zwei Pfauenfedern eingefasst. 

Die erste Erwähnung findet Bammelburg in einer Urkunde des Erzbischofs 
Rudolf V. Magdeburg vom Jahre 1259, in welcher derselbe erklärt, sein Torgänger 
Albert habe einen Teil der Burg (castrum) von dem Edlen A. (Albert) von Arn- 
stein erkauft. Da nun Erzbischof Adalbert ü. von Magdeburg von 1206 — 1235 
regierte, so muss das Schloss spätestens während dessen Regierung in den Besitz 
des Erzstifts Magdeburg gekommen, aber noch früher erbaut worden sein, vielleicht 
schon vor dem Jahre 1205. Der wider den erwähnten Teilkauf erhobene Ein- 
spruch des Edlen Walther von Arnstein (Alberts Sohn), welcher geltend machte, 
die Abtretung des Burgteils sei nicht dem Landesbrauche gemäss vor dem Grafen 
von Anhalt erfolgt, der also die Würde eines Gaugrafen auch für das Rammel- 
burger Gebiet bekleidet haben muss, wurde dadurch beseitigt, dass das Erzstift 
dem Widersprechenden zwei Höfe (curias) in Rammelburg als Burglehn überwies, 
wogegen dieser seine Ansprüche an die Burg an das Erzstift abtrat. 

Mit der Herrschaft Arnstein, mit welcher sie seit etwa 1190 wieder vereinigt 
worden war, kam die Rammelburg 1296 durch Erbgang an die Grafen von Falken- 
stein nnd 1334, vielleicht auch schon vorher, als Mitgift der Erbtochter Oda 
V. Falkenstein von diesen an die Grafen v. Reinstein. Letztere hatten auf der 
Burg ein Ministerialgeschlecht sitzen, welches sich nach der Burg nannte. So 
wird 1334 (^*) Heinricus de Rammeneborch miles una cum filiis et heredibus 
suis erwähnt, welcher einen mansus in Gross-Orden b. Quedlinburg an das Hoch- 
stift daselbst verkauft (ab Erath, C. D. Quedl. p. 595 Nr. 198) und 1338 derselbe 
Heinrich von Rammyngeborch als Reinsteiner Vasall aufgeführt. Darauf scheint 
die Lehnshoheit über Burg und Herrschaft ganz auf das Erzstift Magdeburg 
übergegangen zu sein, denn 1440 empfangen die Graten Volrad, Günther und G«b- 
hart von Mansfeld ausser Schraplau und Seeburg auch Rammelburg von dem 
Erzbischof Günther von Magdeburg zu Lehn, eine Belehnung, die Erzbischof 
Friedrich 1446 wiederholt. 1441 am Sonntage nach Egidii erklärt Graf Günther 
von Mansfeld, dass, wenn er die seinem Vetter Graf Volrad geliehenen 16,000 fl. 
nicht erhalte, er mit dem ihm zugesicherten Teil an Burg und Stadt Eisleben sowie 
Burg Rammelburg zufrieden sein wolle.i) In der Erbteilung des Jahres 1501 er- 
hielt Graf Albrecht IV. von Mansfeld, der Begründer der hinterortischen Linie, 
den Burgbezirk Rammelburg und fügte zu demselben bald darauf die von dem 
Vorderort eingetauschte Freiherrschaft Wippra. Als die Münzerischen Bauern- 
unruhen anhüben, regte es sich auch in der Umgebung von Rammelburg bedenk- 
lich, aber Graf Albrecht „ritt — wie Cyriacus Spangenberg erzählt — selbst auf 
den Harz, gebrauchte auch sonderliche Listigkeit mit Versteckung etlicher weniger 
Pferde, damit er den Harzbauern erstlich eine Furcht einjagte, darnach sie mit 
guten und bösen Worten dahin brachte, dass er sie stille behielt^' Nach Rammelburg 
zog sich Albrecht wiederholt zurück, wenn er Sicherheit oder Erholung bedurfte.'^) 

') V. Homsche Urkundensamml. vorm. in Eisleben Nr. 2ä5. 2) Grössleru. Sommer, 
ChroDicon Islebiense, 8.21 zum Jahre 1552. — Krumhaar, Die Grafschaft Mansfeld Inder 
Beformationszeit S. 150 u. 151. — Grössler, Graf Albrecht IV. v. Mansfeld, ein Lebens- 
bUd aus der Beformationszeit. (Harzzeitschr. Bd. XVIII, 1885.) 

X3* 



196 Mansfelder Grebirgskreis. 



Im Jahre 1554 drohte auch Rammelburg einmal das Schicksal, belagert und 
erstürmt zu werden. Herzog Heinrich von Brauuschweig hatte nämlich in diesem 
Jahre, um sich für allerlei erlittenen Schaden an Albrecht zu rächen, einen 
Einfall in dessen Land gemacht, und so brach denn am 13. Juli 1554 eine 
braun scbweigische Heerschar von Bothenburg a. d. Saale auf, um Bammelburg 
heimzusuchen. Nachdem sie die umliegenden Dörfer geplündert, schickten sich 
die Feinde an, das Schloss selbst einzunehmen. Zwar war dies keine eigentliche 
Festung, aber die Befehlshaber Albrechts, Georg von Zemen und Thomas Burk- 
hart, rüsteten sich zum Widerstände, verrammelten den Eingang und erschossen 
mehrere der Belagerer. Diese nahmen das Vorwerk ein, füllten die Meierei mit 
Dünger aus und wollten von bier aus das Schloss beschiessen. Auf Zureden des 
vorderortischen Grafen Hans Georg übergaben dann Albrechts Leute das Schloss, 
ehe es zum äussersten kam. Doch muss es bald wieder in Albrechts Hände ge- 
kommen sein, da er sich im folgenden Jahre mit dem Herzoge und seinen 
vorderortischen Vettern wieder aussöhnte. ^) 

Durch die Lehnsperm utation von 1579 ging die Lehnsherrlichkeit über 
Bammelburg und Wippra von Magdeburg auf Chur-Sachsen über. Im Jahre 
1602 verkaufte Graf David v. Mansfeld Schloss, Haus und Amt Bammelburg mit 
den dazu gehörigen Flecken und Dörfern, als Wippra, Braunschwende, Königerode, 
Steinbrücken, Abeniode, Bitzenrode, Biesenrode, Hermanrode und Friesdorf samt 
den Vorwerken zu Bammelburg, Poppenrode und Hillikensch wende an Kaspar 
von Berlepsch auf Buhla und Gross -Bedungen. (Kaufverträge von 1602 und 
1659 abschriftlich im Pfarrarchiv zu Biesenrode.) 1637 ging die Herrschaft in den 
Besitz der Familie von Stammer über, die ohnehin schon in der Umgegend begütert 
war. 1730 besass dieselbe Adrian v. Stammer, Hauptmann zu Quedlinburg 
und nicht lange darauf (1737) erwarb sie Christian August Freiherr von Friesen 
auf Bötha in Sachsen, dessen Nachkommen dieselbe noch besitzen, gegenwärtig 
die Beichsfreiherrin, verwittwete Frau v. Friesen, geb. von und zu Gilsa. Eine 
Zeit lang war das Amt Bammelburg auch Zubehör des Königreichs Westfalen, 
wurde aber 1815 mit dem nördlichen Teile des Königreichs Sachsen zu Preussen 
geschlagen, in dessen Staats verband es als AUodialgut eintrat. 

Erwähnung dürfte noch verdienen, dass die Herrschaft zu Bammelburg von 
Harzgerode und Stangerode den sogenannten „Fahrpfenuig^' erhielt, welcher 
jedes Jahr am 25. November um 1 Uhr nachts durch das Scblossthor gesteckt 
werden musste, gleich den Martins- und Butschepfennigen. Wenn derselbe zu 
spät gebracht wurde, musste zwei- oder dreimal mehr entrichtet werden. 

Beachtung verdient die kleine, aber geschmackvolle Schlosskapelle, welche 
den unteren Baum des Bergfried einnimmt und im Jahre 1575 von einem Grafen 
von Mansfeld eingerichtet worden sein soll, dann aber im Jahre 1829 von dem 
Freiherrn Ernst von Friesen erneuert worden ist. Die Decke und die oberen 
Seiten wände sind nach Westen, Süden und Osten mit einer grossen Anzahl von bild- 
lichen Darstellungen aus der biblischen und Profangeschichte in hocherhabenem Bild- 
werk bedeckt Während die ganze bauliche Einrichtnng etwa auf die Mitte des 
1 7. Jahrhunderts zurückweist, ist das schöne Altarbild, Jesus betend in Gethsemane und 



1) Glossier, Graf Albrecht IV. v, Mansfeld, a. a. O. 



Rammelbarg. 197 



die Fttssdecke, welche zwei am Quell ihren Diirst löschende Hirsche zeigt, wohl neueren 
Ursprungs. Die Kanzel mit den Wappen der vier Familien v. Mansfeld, v. Berlepsch, 
V. Stammer und v. Friesen entstammt der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ausser- 
dem befindet sich in der Kapelle seit 1868 ein in Berlin gemaltes Glasfenster, welches 
auf einer Seite die Trauung eines zum Christentum übergetretenen Mohren namens 
Aug. Friedr. Wilh. Sebastian, auf der andern die Taufe eines achtzehnjährigen 
Türken darstellt, zwei Ereignisse, die beide in dieser Kapelle stattgefunden haben. 
Das Friesdorfer Kirchenbuch berichtet über beide Fälle folgendes: 
,,ao 1684 wurde in Kammelburg ein Mohr mit Jungfer Dorothea Neukomms 
aus Wippra kopulieret, welcher August Friedrich Wilhelm Sebastian hiess.'' 

„ao 1694 am 17. Februar wurde ein Türke von 18 Jahren auf dem Hause 
Rammelbui^ getauft Sein Name Christian Adam Neugebohren. Taufzeugen 
Ihre Durchlaucht die Herzogin von Holstein, Magdalena Sophie, Pröpstin in 
Quedlinburg, Frau Oberste . . von Stammer, Herr Stiftshauptmann zu Quedlinburg 
Adrian Adam v. Stammer, wie auch dessen Frau Gemahlin, Frau v. Hockkam(?), 
Herr Hofmeister Hartenfels, Herr Oberho^rediger in Quedlinburg Just Lüder, 
Herr August Hermann Francke, Professor und Prediger zu Halle und Glaucha." 
Hierzu sei gleich noch eine weitere Angabe desselben Kirchenbuchs gefügt: 
„ao 1705 ohngefahr ist der sehr berühmte Professor Francke aus Halle mit 
einer vom Adel (ein Fräulein von Stammer*) aus Poppenroda) getraut worden," 

Überhaupt war die Rammelburg zu der Zeit, in welcher Adam Adrian 
V. Stammer sie besass, wiederholt der Aufenthaltsort merkwürdiger Personen, die 
wegen ihrer religiösen Ansichten Aufsehen erregten und Verfolgungen zu erleiden 
hatten. Gottfried Arnold war gegen Ende des 17. Jahrhunderts Hofmeister bei 
der V. Stammerschen Familie und schrieb auf der Rammelburg seine berühmte 
„ ünpartheiische Kirchen- und Ketzerhistorie", welche 1698 erschien, aber von den 
zeitgenössischen Theologen für ein „Schandbuch" erklärt wurde. Dem damaligen 
Pastor M. Martin Rost wurde schuld gegeben, er habe das meiste daran gethan. 
Ein späterer Pastor von Friesdorf und Rammelburg, M. Johann Götze (1741 bis 
1763) schrieb in Bezug auf Arnold in seiner gereimten Lebensbeschreibung: 

yyDort im Rammelburger Schloss, 
Wo ein Arnold sonst gewohnt, 
Der in seiner Kirchgeschichte 
Auch die Unschuld selbst nicht schont, 
Wo er solches Lästerbuch 
Eigentlich zusamm' gelesen, 
Als er bei der Herrschaft da 
Kinder -Gouverneur gewesen." 

— Im Jahre 1705 fanden sich als Gäste auf der Ramraelburg auch der aus Lüne- 
burg vertriebene Superintendent Joh. Wilhelm Petersen und dessen Gattin ein, 
die sich rühmten, ihnen sei der Sinn der Offenbarung S. Johannis aufgeschlossen 
worden, und nicht minder ein Fräulein Rosamunde Juliane v. d. Asseburg, die 
gleichfalls göttliche Offenbarungen empfangen haben wollte. 



1) Abweichend von Cl. Menzel behauptet der Pfarralmanach von 1870, Franckes Gattin 
sei ein Fräulein v. Wurmb aus Poppenrode gewesen. 



198 Mansfelder Gebii^g^skreis. 



Rotha. 

[G] Kirchdorf mit 188(J: 584; 1890: 545 Einwohnern, 28 km westsüdwestlich 
von Hettstedt an dem zur Wipper fliessenden Rothabache, vormals im thüringischen 
Helmgau bezw. in dem Erzpriesterbezirke unter- Berga (Berga inferior) des 
mainzischen Archidiakonats Jechaburg gelegen. Der Name des Ortes (1400 Rotha, 
1495 Roda, 1506 Rothe) bedeutet wahrscheinlich „rotes Wasser^ oder ein an dem 
roten Wasser liegendes Dort. Falls jedoch als ältere Namensform Radaha voraus- 
gesetzt werden dürfte, würde der Name ein stark fliessendes Wasser bedeuten.^) 
Das „Siegel der Gemeinde zu Rotha ^^ zeigt als Siegelbild einen scbreitenden Haha, 
dessen Bedeutung noch aufzuhellen ist. 

Die Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, besitzt ein höheres Alter als 
das gegenwärtige Kirchengebäude. Dafür spricht schon ein an der. Westseite des 
nördlich dem Turme vorliegenden Anbaues eingemauerter, aber auf dem Kopfe 
stehender Inschriftstein (roter Sandstein), welcher in gotischen Minuskeln, wie folgt, 

lautet: 

tl|6 (= Jesus) 

A tt tttttnn' 

Da er aus einem älteren Kircheugebäude herrühren dürfte, so hat wahrscheinlich 
um das Jahr 1520 ein Umbau einer auch früher vorhandenen Kirche in spät- 
gotischem Stile stattgefunden. Dass aber schon vor diesem Jahre bereits eine 
Kirche in Rotha vorhanden gewesen sein muss, beweist nicht nur der Umstand, 
dass Rotha in dem halberstädtischen Archidiakonatsregister des Jahres 1400 mit 
aufgeführt ist, sondern auch das Vorhandensein einer alten gotischen Monstranz 
aus nicht ganz sicherem Jahr und eines gotischen Kelches ohne Jahreszahl. Die 
in der Pfarre aufbewahrte stark beschädigte Monstranz hat einen sechsblättrigen Fuss, 
auf dessen Rande die folgende schwer zu entziffernde Minuskelinschrift steht: 

+ 0111 ^ Nttiiii ^ tt^ ttttt'' ^ xttt^ 

^ f <^ ktitmi ^i ^ fiinert ^ 

l|eittriil| ^ä* |riit|e ko. 

Der erste Strich hinter dem x der Jahreszahl ist so lang, dass er recht wohl für 
ein 1 gehalten werden kann; in diesem Falle würde die Jahreszahl nicht 1513, 
sondern 1542 sein. Da jedoch zu bezweifeln ist, dass man im Jahre 1542 in 
Rotha noch eine katholische Monsti'anz hat anfertigen lassen — es müsste denn 
der Nachweis beigebracht werden können, dass Rotha im Jahre 1542 noch katholisch 
war — so ist als Jahr der Entstehung der Monstranz doch wohl 1513 anzusetzen. 
Die die Inschrift abschliessende Abkürzung wird wohl als „Kirchvaeter" zu 
lesen sein. Die übrigen Abkürzungen bezeichnen Vornamen der beiden Erst- 
genannten. 

Beim Kirchenrendanten wird ein gotischer Kelch mit sechsblättrigem Fuss 
und weit vorstehenden Zapfen am Nodus autbewahrt, dessen Schaft auflfalliger- 
weise völlig rund ist. AuftäUig ist auch, dass die Cuppa auf einem kleinen Perlstabe 



^) Vgl. Grössler, Erklärung der Oitsnaiuen des Mansfelder GebirgskreLses in der Zeit- 
schrift des Harzver. XIX, S. 325. (1886.) 



Botha. 199 

ruht, wie ein solcher auch den Nodus oben und unten begrenzt und ein 
vierter den Schaft vom Fusse trennt. Am oberen Teile des Schaftes steht: glt 
%tlfy am unteren: tttrit n: Auf den Schildern der Zapfen ist der Name i|r0Df 
mit schwarzem Schmelz eingelegt Auf einem der sechs Blätter des Fusses befindet 
sich ein Crucifixus, doch ist das Kreuz selbst verloren gegangen. Die zugehörige 
Patene hat das übliche signaculum. 

Im Jahre 1752 ist die Rothaer Kirche mit dem grösseren (östlichen) Teile 
des Dorfes — 36 Wohnhäuser — abgebrannt und bald darauf neu gebaut worden. 
In der Wetterfahne des der Kirche östlich vorliegenden Turmes steht die Jahres- 
zahl 1759, welche die Zeit der Vollendung des Neubaues andeuten dürfte. Auch 
die Kanzel wird in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts angefertigt 
worden sein. Über derselben erblickt man ein mehrfach geteiltes Wappen, das 
V. Ebersteinsche; dasselbe zeigt im Mittelfelde einen Triangel, dessen Scheitel in 
Lilien auslaufen; links oben und rechts unten schwarze Eber mit goldenem Hals- 
band; links unten und rechts oben drei rote Rosen; unter dem Mittelfelde einen 
Löwen, darüber einen Adler. Als Schildhalter dient ein Mohr mit einer Rose 
einer- und ein Eber mit goldenem Halsband andererseits. Als Helmschmuck 
dienen zwei Büffelhörner und sechs bekreuzte Fahnen. Das grösste Bauerngut im 
Dorfe, welches früher vielleicht ein Frei- oder Rittergut war, ist im Besitze der 
Familie v. Eberstein. 

Über dem Altar ein Gemälde, das Abendmahl in kreisrunder Anordnung. 
In der linken Ecke des Gemäldes steht: 

E. 6. Orth pinxit 1761. 

Endlich gehören auch die beiden Glocken von 0,84 und 0,65 Meter Durchmesser, 
da sie in dem Jahre 1755 gegossen sind, in die Zeit des Kirchenneubaues, da die 
älteren vermutlich im Brande geschmolzen waren. 
Die grosse trägt folgende Inschrift: 

Gloria in excelsis Deo. 

Johann Friedrich Jungling Pastor 

Johann Michael Einicke . „. . 

Kirchvaeter. 



! 



Christian Philipp Grempler 

Darunter folgt das volle Mansfelder Wappen mit der Umschrift: 

Heinr. princ. com. de Mansf. N(obilis). 
D(ominus) de Held(rungen). Seeburg et 

Schraplau etc. 

Auf der entgegengesetzten Seite ist ein Crucifixus angebracht Unten steht: 

Goss mich Johann George Uhlrich 
in Laucha 1755. 

Die kleine Glocke hat die Inschrift: 

Soli Deo gloria. 
Goss • mich • Johann George Uhlrich in Laucha 

Ao 1755. 

Betreffs des Namens des einen Kirchenvaters ist zu bemerken, dass es im Dorfe 
(im Jahre 1877) 41 Familien des Namens Einicke gab. 



200 Mansfelder Gebirgskreis. 



Siebigerode. 

IG] Dorf mit 1784: 295; 1880: 656; 1890: 863 Einwohneni, 11 km südsüdwesüich 
von Hettstedt, in der Grafschaft Mansfeld, vormals im nördlichen fio^au (Bui]ß^bezirk 
Ritthagesbni^?) bezw. im Banne £isleben gelegen. Der Name des Ortes (urk. 1010 
Sibichinroth, llOTSibichenroth, 1229 Seveckenrode, 1 273 Sibekerode, 1382 Sebekerode) 
bedeutet fiodung des Sibicho oder Sibich. Das „Sigil der Gemeine in Sibiherode^ (so !) 
zeigt einen Wappenschild mit einer Lilie darin, vermutlich angenommen von einer 
ehemals über das Dorf gebietenden Herrschaft, welche jedoch erst zu ermitteln wäre. 
Um das Jahr 1040 gab der üraf Goswin der Ältere von Leige (ein Ort, dessen Lage 
übrigens noch nicht hat festgestellt werden können) einer seiner Töchter Sibichin- 
roth als Heiratsgut mit. (^Keliqua vero patrimonia, Leige scilicet. et Sibichin- 
roth et Trachenstede, duabus reliquis filiabus assignavif^^) Im Jahre 1229 
schenkte Graf Burchard L von Mansfeld dem bei dem Schlosse Mansfeld neuge- 
gründeten Kloster (dem späteren Kloster Rothardesdorf bezw. Helfta) die Kirche 
in Seveckenrode mit allen ihren Besitzungen und ausserdem 100 Ackern Holz bei 
diesem Dorfe, welche letzteren jedoch schon 1230 gegen den Wald Herswynkel 
(Hirschwinkel) bei Helbra vertauscht wurden. 1273 erklären die Grafen Gebhart L 
und Burchard IV., dass ihr verstorbener Vater, Burchard lU., von der Abtei 
Hersfeld den Patronat über die Kirche zu Sibekerode eingetauscht habe (gegen 
den Patronat über die Kirche zu Botelendorp) , bemerken aber dabei, das Dorf 
Sibekerode sei so heruntergekommen, dass kein einziger Einwohner daselbst ge- 
funden werde. 2) In den mansfeldischen Erbteilungen von 1420 und 1501 ist es 
aufißUligerweise gar nicht erwähnt, ein Umstand, der noch der Aufklärung bedarf. 
Als Kloster Mansfeld zu einem besonderen Amte des Mittelorts erhoben wurde, 
schlug man auch Siebigerode zu demselben. Im dreissigjährigen Kriege hatte das 
Dorf ausserordentlich viel zu leiden 3) und wurde abermals, wie 1273, völlig wüst 
Im Jahre 1646 hatte es keinen einzigen Einwohner mehr. In dem ältesten, 
mit dem Jahre 1651 beginnenden Kirchenbuche steht voran die Nachricht 
des damaligen Fastors Seiler, der auch Pfarrer von Kloster Mansfeld war, 
folgendes Inhalts: ^1651 haben sich etliche Leute gefunden, die das ganz 
verwüstete Dorf Sibigkerode haben angefangen wieder zu erbauen und zu be- 
wohnen. Wie gering die Zahl der damaligen Bewohner mag gewesen sein, erhellet 
daraus, dass 1651 nur zwei Kinder und 1652 deren drei getauft sind, 1653 aber 
keins.'^*) 

Das Siebigeröder Freigut, welches 1784 nur 98 Morgen Land besass, wurde 
in neuerer Zeit besessen von den Familien von Skölen, Koch, Brauns. Früher 
muss es auch eine Familie von niederem Adel, die den Namen des Ortes trug, 
gegeben haben, denn im Jahre 1382 erscheint als Conventual im Kloster Mansfeld 
Johannes de Sebekerode. * 

Die jetzige nach der Ortsüberlieferung dem h. Georg geweihte und von 
Bonifatius gegründete Kirche wird von den Umwohnern für die älteste Kirche 



>) Annal. P^aviens. (M. G. SS. XVI p. 235.) «) Wenck. Hessische Landes- 

geschichte III, 143. 3) Vgl. Grössler und Sommer, Ohronicon Islebiense, Eisleben 1882, 
S. 114 u. a. '*) Eosenkranz, a. a. 0. 2, 17. 



Siebigerode. 201 



der Umgegend gehalten. Die noch heute fortlebende Sage, dass in Siebigerode 
ein Kloster gestanden habe, wird vielleicht darauf zurückzuführen sein, dass 
Schüler des Boniiatius oder Wigbert hier ein Missionshaus gegründet haben 
mögen. Wenigstens dürfte aus diesem Umstände am einfachsten sich erklären, 
wie das weit entfernte Kloster Hersfeld in Hessen in den Besitz des Patronats- 
rechts über die Siebigeröder Kirche hat kommen können. Für ein sehr hohes 
Alter ihrer Gründung spricht auch, dass bei dem vor wenigen Jahrzehnten statt- 
gehabten Neubaue der Kirche Steinsärge von einer Form gefunden worden sind, 
welche auf das früheste christliche Zeitalter zurückreichten. Ob sich einer der- 
selben noch erhalten hat^ hat bisher nicht ermittelt werden können. 

Das jetzige, 1851 neu erbaute Kirchengebäude, halber Quadernbau aus dem 
trefflichen Siebigeröder Sandstein, der in der Umgebung sehr geschätzt wird, hat 
wegen seiner Neuheit nichts archäologisch Merkwürdiges. Nur die beiden Glocken 
von 0,82 und 0,54 Meter Durchmesser verdienen wegen ihres nicht unerheblichen 
Alters Beachtung. 

Die grosse Glocke, im Jahre 1588 von Ekhart Kucher in Erfurt gegossen, 
hat folgende Inschrift: 

V. D. M. I. >C. 

Ich bin gegossen zu rvflTen 

Die Chrlsden (so!) zu havffe 

Das sie lerren 

Den Weg des Herren. 
Elchart Kucher in Erfurt gos mich MDLXXXVIII. 

Als Interpunktion dient ein Paar im Dreieck gestellter Vierecke: 

Die kleine Glocke aus dem Jahre 1662 trägt folgende Inschrift mit dem 

Giesserzeichen des Giessers: 

O 

ooo 

o o o 

Jungling OOOOOOO vnd - Juncfrawcn. 

o o c 
ooo 

alten • mit • O den - iungen • 
sollen - loben • den • Namen • des • Herren. 
Ps. CXLVIII. 

Darunter steht eine Darstellung des Gotteslammes mit der Kreuzesfahne, von 
einem Kranze umschlossen. 
Weiter unten steht: 

Gott • allein • die • Ehre. 

Simon Wild in Hall. Christian Kvhne. 

P. W. V. D. M. I. JE,. MDCLXII. 

Mitten im Dorfe steht zwischen vier Linden ein aufgemauerter Steintisch, der 
ehemalige Bauerstein, an dem die Männer von Siebigerode ihre Sprache 
hielten. 



202 Mansfelder Gebirgskreis. 



Siersleben. 

[G] Grosses Pfarrkirchdorf mit 1784: 300; 1880: 838; 1890: 1961 Einwohnern, 
5 km. südsildöstlich von Hettstedt, vormals im nördlichen Hosgau in der Graf- 
schatt Mansfeld, bezw. im Banne des Archidiakonats Eisleben gelegen. Der Name des 
Ortes (urk. 992 Sigerslevo, 1400 Sersleve) bedeutet Hinterlassenschaft oder Erbgut 
des Sigiher. Das „* Gerichtssiegel zu Siersleben 1738" enthält als Siegelbild das 
Gotteslamm mit der Kreuzesfahne. Zu beiden Seiten desselben wächst aus einer 
Wiese eine Blume hervor. Was dasselbe besagen will, bleibt noch aufzuhellen. 

Im Jahre 992 wies Kaiser Otto III. das Dorf Sigerslevo nebst anderen Dörfern 
der Beichsabtei Quedlinburg mit der Bestimmung zu, dass es zur Ausstattung 
eines in Walbeck zu errichtenden Klosters diene. Seitens des Klosters Walbeck 
wurde dann in Siersleben ein Klosterhof zur Bewirtschaftung des dortigen Besitzes 
angelegt,, welcher in der mansfeldischen Erbteilung des Jahres 1420 an den Mittelort 
fiel. Später wurde das Siersleber Vorwerk zum Vorderort geschlagen. löGO sahen 
sich die Grafen vom Vorderort (die Namen siehe unter Burg-Örner) genötigt, 
das Vorwerk Siersleben nebst anderen Besitzungen mit der lehnsherrlichen Zu- 
stimmung des Erzbischofs Sigismund von Magdeburg wiederkäuflich an Caspar 
und Hans von der Schulenburg für 16,000 Thaler auf 15 Jahre zu verkaufen. Nach 
einem Einkommenverzeichnisse des Vorderorts vom Jahre 1563 hatte dies Vor- 
werk 14 Hufen 14 Acker Land, den Acker zu 8 Gulden Wert gerechnet. Der 
Garbenzehnt betrug jährlich 87 Schock, der Fleischzehnt 2 Kälber und 2 Lämmer. 
Nach mannigfachem Besitzwechsel innerhalb der v. d. Schulenburgischen Familie 
wurde das „freie Vorwerk Siersleben'' mit Burgörner im Jahre 1652 von der ge- 
borenen und verwitweten Gräfin Barbara Magdalena von Mansfeld ausgeklagt 
und mit Wiederkaufsrecht an den Churfürstlich- Sächsischen Oberaufseheramts- 
Verwalter D. Adam Timaeus für 20,000 Thaler auf 15 Jahre codiert, kam von 
dessen Erben wieder an den Grafen Johann Georg von Mansfeld, dann an dessen 
Witwe Louise Christine, geb. Gräfin von Stolberg, von dieser an den Grafen 
Christian von Solms und von diesem 1712 an den Freiherrn Posadowsky von Postel- 
witz, von der Witwe des letzteren an den Präsidenten von Dacheröden, und von 
einer Nachkommin desselben an Wilhelm von Humboldt, nunmehr als „adelig 
freies Rittergut'' bezeichnet. (Näheres siehe unter Burg-Örner.) 

Im dreissigjährigen Kriege war das Dorf eine Zeitlang ganz verödet. 

Die Kirche ist nach Ausweis eines alten Einnahmeregisters von 1662 dem 
Apostel Andreas geweiht, was sich bei den Beziehungen des Ortes zu dem 
Kloster Walbeck, welches gleichfalls den Apostel Andreas zum Schutzpatron hatte, 
leicht erklärt. Sie stammt teils aus romanischer, teils aus gotischer Zeit und ist 
ein höchst merkwürdiges Gebäude. 

[8] Am ältesten erscheint der westliche Teil der Kirche, über welchem sieh 
der Turm erhebt, wenn nicht die nördliche Eingangsthür des Schiffes noch älter 
als der Turm ist. (Siehe Nr. 101, 102 u. 102 a auf S. 203.) 

Diese Thür hat nämlich die reinsten romanischen Formen und die Capitäle 
mit Blattornamenten gehören zweifellos in die Zeit um das Jahr IICX), während 
die Turmpartie mehr dem Übergangsstile zuneigt. Auch hier, wie in so vielen 
alten romanischen Kirchen, fehlt ein westlicher Eingang und der Eintritt der 



SierslebetL 



GUabigen erfolgte dnrcb eine der Lanffseiteu der Kirche, unter dem Turme, 
dessen Westwaiid 2 halb zugemauerte, altromanisohe Rundbogenfenstereben auf- 
zuweisen hat, befindet eich ein Kreuz^wölbe in flachem Spitzbogen, in den 
Ecken und ausserdem zu beiden Seiten des gewaltigen Mittel pfeilers durch zierliche 
freistehende S&ulchen und deren Kapitale unterstützt. Nr. 1U3 u. 1U4 (Griindrisa). 

Der Aufgang nach dem Turme erfolgte mittels Wendeltreppe inmitten der an 
dieser Stelle bedeutend verstärkten Querwand, welcher weiter aufwärts eine 




walzenförmige Umhüllung als Schale dient. Zur Seite des Mittelpteilers bezw. der 
östlichen Querwand führen zwei Bogen nach dem gewölbten Turmerdgeschoss, 
welches 6 und 4Vä Meter im Lichten hat. 

Der Turm hat oben frühgotische gekuppelte Spitzbogenfenster; s Nr. 105. 
IG] Innerhalb des Altarraumes am Ende der nördlichen Längs wand ist ein schönes 
gotisches Tabernakel (Nr. 1()6) angebracht aus dem Jahre 1484, wie folgende In- 
schrift in gotischer Minuskel, mit einigen Minuskeln untermischt (Nr. 107), bekundet: 

tat " lxxxiiii° 



204 Mansfelder Gebirgskreis. 



An der Nordseite der der Kirche nördlich voi^bauten Vorhalle ist zur 
rechten Seite der in dieselbe führenden Thür ein ziemlich rohes steinernes Bild- 
werk eingemauert, welches G. Sommer als den Grabstein eines Kindes ansieht, 
ich dag^en als die Darstellung einer heidnischen weiblichen Gottheit, worauf 
schon die Haltung der Hände der offenbar nackt dai^stellten Gestalt hindeutet, 
welche übrigens mit einer der an der Müllerdorfer Kirche im Saalkreise dai^- 
stellten und ebenfalls für heidnisches Bildwerk geltenden Gestalten eine auffallende 
Ähnlichkeit hat (Nr. 108.) 




Nr. 108. 

Der Taufstein stammt aus dem Jahre 1718. Über dem Altar befindet 
sich ein kleines in öl gemaltes Abendmahl. 

In der Glockenstube hängen 2 Glocken von 1,07 und 0,87 Meter Durch- 
messer, über deren grössere ich mich in der Zeitschrift des Harzvereins XI, 
35 bereits ausführlich geäussert habe,i) und welche in Majuskeln aus gotischer 
Zeit den leonischen Hexameter 

+ . SIT . TapesTÄxaca • pör • m« - 

welcher im Mansfcldischen öfter auf Glocken vorkommt, trägt, und welchem ausser 
dem bekreuzten apokalyptischen Omega und Alpha noch die kleine Kreuzigung 
(Christus am Kreuz, mit Maria und Johannes zur Seite) folgt 

Die kleinere Glocke vom Jahre 1587 trägt die nachstehende Inschrift: 

Aus dem Feuer bin ich entsprossen, 
Eckhart Kucher hat mich in Erfiurt gössen 
Anno MDLXXXVII. 



Sinsleben. 

[O] Kirchdorf mit 1880: 548; 1890: 486 Einwohnern, 16 km nordwestlich von 
Hettstedt, unweit der Stadt Ermsleben, vormals im Schwabengau in der Grafschaft 
Falkenstein gelegen und in den Halberstädtischen Archidiakonatsbezirk Gatersleben 
gehörig. Der Ortsname (urk. 964 Sinsleve, 1045 Sinislebo, 1207 und 1227 Sins- 
leve, 1221 Sinesleve, 1296 Zinsleve und Sinsleve, 1583 Seinenszleben !) enthält den 
namentlich in Niederdeutschland nachweisbaren Personennamen Sini oder Sino, 
dessen Grundbedeutung vermutlich „Kraft, Dauer'' ist (vgl. Sinflut = grosse, starke 
Flut, Singrün = dauerndes Grün) und bedeutet: Erbgut des Sini. 
Das Dorfsiegel mit der Umschrift 

Gemeinde • Siegel • z • Sinsleben 1817 ^ 

zeigt als Siegelbild eine Kirche mit vorliegendem Turm, auf dessen Haube (im 
^) Vgl. auch daselbst die Abbildung der Inschrift auf Tafel 1, Nr. 11. 



stangerode. 205 



Nest?) ein Storch steht undn heriederschaut Der Storch soll wohl andeuten, dass 
sich diese Vogelart früher in der Flur von Sinsleben häufig aufgehalten hat. 

Im Jahre 964 hatte das Kloster Gernrode a. Harz hier Grundbesitz. Im 
Jahre 1045 schenkte König Heinrich HI. sein Gut zu Sinislebo der Iteichsabtei 
Quedlinburg. Im Jahre 1221 vertauschte die Äbtissin Sophia von Quedlinburg 
ein Gut mit Leibeigenen nebst dem Vogteirechte in Sinesleve an den Grafen 
Hoyer von Falkenstein. 1296 besass hier das Kloster Frose zinspflichtige Leute 
(censuales homines in villa Sinsleve). 

Die Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, ist im Jahre 1820 neu ge- 
baut und hat daher gar nichts Altertümliches an sich. In derselben befindet sich 
ein Taufstein von unschönen Formen aus dem Jahre 1580. 

[8/ Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,22, 1,09 und 0,63 m Durch- 
messer. Die grösste von ihnen ist erst in den letzten Jahren von den Gebrüdern 
Ulrich in Apolda gegossen; die mittlere mit Buchstaben, welche die gotische Minuskel 
nachahmen, trägt folgende, aus zwei Zeilen bestehende, nicht völlig klare Inschrift: 

I. 011111 »iwini 1574 ?iIo(?) mtxUm. 
yforlcr. tüM Q^n Mi« ^^ 'll^^n (?) 
II. ... iilirM mgeiier iwytwait 0i>re6 Mcfe 
gliike gif iiUritf BiR UMütiMUn. 

Die kleine Glocke hat Joh. Jacob HofFman in Halle 1670 gegossen. 



Stangerode. 

[GJ Dorf mit 1880: 617; 1890: 609 Einwohnern, 16km westlich von Hettstedt, 
vormals im Schwabengau im Burgbezirk Moseburg (wüst dicht bei Stangerode), 
bezw. in der Grafschaft Falkenstein, vielleicht aber auch in der Grafschaft Ballen- 
stedt gelegen. Für die Zugehörigkeit zu Falkenstein spricht der Umstand, dass 
die Einwohner von Stangerode im Jahre 1430 auf Burg Falkenstein Frohndienste thun 
mussten. Auch die Sage von dem an das Kloster Konradsburg erst nach Konrads- 
burg, dann nach Endorf zu entrichtenden Thomaspfennige oder Kuttenzinse^) 
scheint auf diese Zugehörigkeit zur Grafschaft Falkenstein hinzudeuten. In geistlicher 
Hinsicht gehörte das Dorf in den Halbersädtischen Harzbann (bannus nemoris). 
In späterer Zeit scheinen die Fürsten von Anhalt Stangerode besessen zu haben. 

Der Ortsname (urk. 1216Stangerod, 1543 Stangerode) enthält den aus anderen 
Zusammensetzungen (Stangolf, Stangart) sich ergebenden Personennamen Stango 
und bedeutet: Bodung des Stango. Das Dorfsiegel mit der Umschrift: „Gemeine 
zu Stangerode" zeigt als Siegelbild einen Stein, wohl den Bauerstein, zwischen zwei 
Laubbäumen (Linden?), vermutlich als Sinnbilder zweier mit einander vereinigten 
Gemeinden. Die zweite war vielleicht Moseburg oder das eingegangene Volk- 
mannrode (urk. Fulkmeresroth). 

Bis zum Jahre 1216 hatten die edlen Herren v. Hakeborn hier Grundbesitz. 
Sonst ist von der Geschichte des Dorfes so gut wie nichts bekannt 

1) Ausführliches darüber in Grössler, Sagen der Gra&ch. Mansfeld etc. Eisleben 1880, 
bei 0. Mähnert; Nr. 124. 



206 Malisfelder Oebirg^skreis. 



Aach über das aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammende Eirchengebände 
ist nichts zu sagen; weder die Gründungszeit noch der Schutzpatron der Kirche 
ist bekannt. 

Nicht einmal die beiden Glocken von 0,90 und 0,68 m Durchmesser sind 
irgendwie merkwürdig, denn die grosse ist 1776 von den Gebrüdern Ulrich in 
Laucha, die kleine 1821 von Engelke in Halberstadt gegossen. 

Sylda. 

[G] Hochgelegenes Kirchdorf mit 1880: 689; 1890: 744 Einwohnern, südöstlich 
von der Ruine Arnstein, vormals im Schwabengau in der Freiherrschaft Arnstein 
gelegen und zu dem Halberstädtischen Archidiakonate des Harzbannes (bannus 
nemoris) gehörig. Die urkundlichen Formen des Ortsnamens (992 Silithi, 1219 bis 
1248 Silede, 1289 SUide, 1295 Silde, 1311 Seulede, 1347 Sylde, 1387 grossen Süda 
(grotin Silde), 1400 Sylde, 1583 grossen Silde, jetzt Sylda) zeigen sofort, dass die 
jetzige Endung — a verhältnismässig späten Ursprungs ist und also eine Zu- 
sammensetzung mit —aha nicht vorliegt. Wir haben vielmehr in diesem Namen 
den einzigen Vertreter der in Sachsen und Thüringen nicht sehr häufig er- 
scheinenden^ aber doch allgemein verbreiteten Namengruppe mit der Endung — ithi 
oder ~ede, welche eine örtlichkeit bezeichnen zu sollen scheint, wo sich irgend 
etwas in besonderer Häufigkeit findet, oder welche die Lage an einer durch den 
übrigen Teil des Wortes bezeichneten Stelle andeuten soll (vgl. Help - ede = Wohn- 
stätte an der Helpe). Als Bestimmwort könnte man bei unserem Ortsnamen an 
Sil Kanal, Wasserlauf, jedoch auch an ahd. sol, sul Eothlache denken; freilich 
könnte auch der beim Dorfe gelegene Solberg den Anlass zu der Benennung ge- 
geben haben. Der Name würde also eine an einem Siel oder an einer Koth- 
lache oder an dem Soolberge gelegene Ansiedelung bedeuten. 

Die Bezeichnung Grossen-Sylde erhielt das Dorf zum unterschiede von dem 
jetzt wüst unweit davon gelegenen Klein-Sylde (1383 iutteken Silde, 1486 Lutken 
Sylda). 

Das Dorf Siegel mit der Umschrift: 

Das o Gemeinde o Siegel o zu o Silda o iSoio.-. 

zeigt als Siegelbild auf einem Wappenschilde ein vasenförmiges Gefäss, gekrönt 
von einem offenen Pflug, und über demselben einen aus 5 Pfauenfedern be- 
stehenden Wedel. Mindestens die Beizeichen dieses Siegels dürften dem Wappen 
eines einstmals zu Sylda gesessenen adeligen Geschlechts entlehnt sein. 

992 war das Dorf ein Zubehör des kaiserlichen Hofes zu Walbeck. Im Jahre 
1287 wurden dem Kloster Wiederstedt Zinsen aus Silde für die Feier der Jahres- 
zeit des Grafen Heinrich v. Regenstein zugewiesen. Auch in Lutteken -Silde be- 
sass das Kloster Wiederstedt Zinsen. 

In dem Dorfe sass ein Geschlecht von niederem Adel, dessen Miiglieder aut 
dem Schlosse Arnstein Burgmannen waren. Folgende erscheinen in Urkunden: 
1241 Alwardus de Silede unter den milites deArnenstein Zeuge des Grafen Walther 
V. Arnstein, 1248 Alwardus de Silede, castrensis noster (nämlich der Edlen 
Walther und Albert von Arnstein), 1274 dominus Alardus miles de Siledhe, 
Zeuge Alberts von Arnstein. 



Thondorf. 207 



1264 Heino marscalcus de Silede, Zeuge der beiden Edlen Hoyer des Älteren und 
Hoyer des Jüngeren von Friedeburg zu Eisleben, 1294 Heino de Silede miles, Zeuge 
des Grafen Otto von Falkenstein. 

Das Rittergnt, welches im 16. Jahrhundert das Geschlecht derer v. d. Danne 
besass, ist jetzt im Besitze der Familie von Mahrenholz. 

Die Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, ist jedesfalls schon im 
früheren Mittelalter gegründet worden, da bereits 1287 und 1289 der dominus 
Johannes plebanus (Pfarrer) de Silde erwähnt wird. Die ganz neu gebaute jetzige 
Kirche verrät von diesem hohen Alter der Gründung nichts und enthält auch sonst 
keine Merkwürdigkeit. 

Auf dem Turme hängen 2 Glocken von 1,07 und 0,85 m Durchmesser, 
welche beide von Friedr. August Becker in Halle 1741 gegossen sind. 



Thondorf. 

[6] Pfarrkirchdorf mit 1784: 193; 1880: 347; 1890: 588 Einwohnern, 5 km 
südlich von Hettstedt, vormals in der Altgrafschaft Mansfeld im nördlichen Hosgau, 
bezw. im Banne des Archidiakonats Eisleben gelegen. Der Name des Ortes hat 
keineswegs, wie die Volkssage will, eine Beziehung auf die in der Schlacht am 
Welfesholze Gefallenen,^) sondern enthält, wie die urkundlichen Formen beweisen, 
(973 Duddendorf, 992 Dudendorf, 1288 und 1296 Dodendorp, 1333 Dodendorif, 
1376 Totendorf, 1400 Dodendorp) den Personennamen Duodo, Dodo, bedeutet also 
„Dorf des Duodo oder Dodo." Das Gemeindesiegel mit der Umschrift: „G. M. S. Z. 
Dhondorf" zeigt einen Laubbaum (mit pyramidaler Krone), also das Sinnbild der 
Dorfgemeinde. Im Jahre 973 wurden Güter in Duddendorf von der Abtei Fulda 
an das Erzstift Magdeburg vertauscht. Im Jahre 992 schenkte Kaiser Otto III. 
das zur Mitgift seiner Grossmutter Adelheid gehörige Dorf Dudendoif. In der 
mansfeldischen Erbteilung des Jahres 1420 kam Dodendorff an den Mittelort, 1501 
aber an den Vorderort, der es später zu dem neu gegründeten Amte Leimbach 
schlug. Eine Zeitlang war das Dorf Sitz eines gleichnamigen Geschlechts von 
niederem Adel. (1217 ist Heidenricus de Dodendorp Zeuge des Erzbischofs 
Albert von Magdeburg, 1288 ist Günther von Dodendorp Zeuge des Edlen Bnrchard 
von Schraplau, 1333 wird Thydericus de Dodendorff miles erwähnt) Nun wissen 
zwar die neueren Topographien nichts von einem Ritter- oder Freigute in dem 
Orte, aber die Überlieferung in der Gemeinde weiss von einem Sattelhofe, dessen 
Standort das jetzige Schneidewindsche Out gewesen (dicht neben der Kirche). 
Die zu diesem Sattelhofe gehörigen Äcker waren zehntfrei, und noch in chur- 
sächsischer Zeit war dieser Hof frei von allen Abgaben, die chursächsischen 
Steuern ausgenommen. Dieses Haus führte den Namen „zum Ritter Georg*/' ja 
die Volksüberlieferung behauptet, in ihm habe der Ritter S. Georg gewohnt und 
der Kirche die grösste Glocke geschenkt, die darum auch seinen Namen trage. 
Jedoch, ganz abgesehen davon, dass keine Thon dorfer Glocke S. Georgs Namen 
trägt oder vor ihrem Neuguss nachweisbar getragen hat, ist diese Volksüberlieferung 



^) Vgl. Grösaler, Sagen der Grafsch. Mansfeld etc. S. 90. 



208 Mansfelder Gebirgskreis. 



in allen ihren Teilen unhaltbar; nur das ist wahrscheinlich, dass eine Abbildung 
des mansfeldischen Lieblings- und Geschlechtsheiligen, welcher eben S. Georg war, 
an dem Hofe sich befunden hat, weshalb er Ritter S. Görge genannt wurde, ein 
Name, der überdies auch noch an einem Teile der Thondorfer Flur haftet, vermut- 
lich weil derselbe zu dem Sattelhofe Ö. Görge gehörte. 

Manche nehmen, vermutlich durch das besprochene Hervortreten des h. Georg 
bewogen, an, die Kirche des Dorfes sei diesem geweiht gewesen. Das ist jedoch 
nicht der Fall, denn nach Ausweis eines Kirchenbuches und der Agende war sie 
dem h. Laurentius geweiht, dessen Wahl jedoch ebenfalls auf ein verhältnis- 
mässig hohes Alter der ersten Gründung zurückweist 

Das SchlfT der Kirche ist modern und bietet in baulicher Hinsicht nichts 
Beachtenswertes. Der westlich vorliegende Turm ist aus dem späten Mittelalter. 
Die Glocken haben 0,75 und 0,65 Meter Durchmesser. Auf dem Glockenstuhle 
steht eingeschnitten: 

Den 17. Marti 1711 erbavet von M. Gorge Herman • 
cv der Zeit . Gemein und Bauher Bartol Gernitz. 

Die grössere Glocke aus dem Jahre 1723 trägt folgende Inschrift: 

Hans Wagener, Landschep, Emanuel Tetzner, 

Christian Fuhrmann. 
Gos mich Martin Heitze (Heintze?) aus Leipzig 

Anno 1723. 

Die kleinere Glocke, diejenige, mit welcher die oben angeführte Sage sich 
beschäftigt, ist im Jahre 1874 von den Gebrüdern Ulrich in Laucha umgegossen 
worden. 

Angeblich reichen die Kirchenbücher nur bis 1787 zurück. . 

Ulzigerode. 

[G] Kirchdorf mit 1880: 318; 1890: 286 Einwohnern, 11 km westnordwestlich 
von Hettstedt, ehemals zur Freiherrschaft Arnstein im Schwabengau, bezw. zum 
Archidiakonate des Harzbannes (banuus nemoris) gehörig. Der Name des Ortes, 
der erst verhältnismässig spät mit Sicherheit urkundlich bezeugt ist, denn das im 
Jahre 1019 erscheinende Ochciseroth (andere Lesart Ochtiresroth) dürfte doch wohl 
auf einen anderen Ort zielen, bedeutet nach den urkundlichen Formen (1381 01- 
czingerode, 1387 Oltzingherode, 1420 Olzingerode, 1486 Olzenrode, 1501 ültschinge- 
rode) „zu der Rodung der Nachkommen oder Angehörigen des Olzo." (Diese 
Koseform für Odalrich kommt auch noch im 15. Jahrh. als Vorname vor. So gab 
es damals in Eisleben einen Bürger namens Oltcze Langehans.) Das Siegel der 
Gemeinde Ulzigerode zeigt einen breitästigen Laubbaum, vor welchem der Bauer- 
stein steht; beide Gegenstände sind bekanntlich das Sinnbild der bäuerlichen Gemein- 
schaft. Ein anderer Abdruck zeigt den Bauerstein nicht, begnügt sich vielmehr 
mit der Darstellung der Dorflinde. 

Die gegenwärtige Kirche, deren Schutzheiliger unbekannt ist, ist modern, 
besitzt also nichts, was den Altertums&eund anziehen könnte, mit Ausnahme der 
hinter dem Altar befindlichen Überreste eines zerstörten Altarschreins, welche 



Vatterode. 209 



das Dasein einer Kirche an dem Orte schon in katholischer Zeit bekunden. [8] Die 
Hauptbilder waren geschnitzt, die Rückseiten gemalt, letztere von einer geschickten 
Hand des 15. Jahrhunderts. 

Auf dem Turme hängen 2 Glocken von 0,82 und 0,60 Meter Durchmesser. 
Die grössere ist 1701 von Peter Wildt in Halle, die kleinere 1651 von Hiins Hein- 
rich Bausch in Erfurt gegossen. 



Vatterode. 

[G] Pfarrkirchdorf mit 1784: 302; 1880: 450; 1890: 688 Einwohnern, 7,5 km 
südwe|tlich von Hettstedt an der Wippei, vormals in der Altgrafechaft Mansfeld 
im nördlichen Hosgau, bezw. im Banne des Archidiakonats Eisleben gelegen. Der 
Name des Ortes (urk. 973 Faderesrod, 1033 Vaddaroht, 1022 Vadderoth, 1023 Vadda- 
roht, 1051 Vadderoth, 1 102 Wadderoth, 1298 Vadderode, 1337 Vaderode, 1415 Vatte- 
rode) bedeutet „Rodung des Fader.'' Das Siegel der Gemeinde Vatterode zeigt 
zwischen zwei gekreuzten Eichenzweigen das Wort Pace, ist also vermutlich 
jüngeren Ursprungs, wenngleich die Absicht des Bildes dunkel ist; dagegen zeigt 
das ^Lehnssiegel der Pfarre zu Vatteroda" einen (herald.) nach links schreitenden 
Strauss(?), welcher in seiner linken Klaue ein Ei hält, mit der Überschrift: Vigi- 
lando. Warum Bild und Inschrift gewählt worden, bleibt noch aufzuheUen. 

Im Jahre 973 ertauschte das Erzstift Magdeburg von der Abtei Fulda ausser 
anderen Besitzungen derselben im Mansfeldischen auch Ländereien in Faderesrod. 
Dieselben müssen nicht unbeträchtlich gewesen sein, denn die Erzbischöfe von 
Magdeburg haben sich wiederholt hier der Jagd und des Weidwerks wegen auf- 
gehalten, wozu die Lage des Ortes dicht an dem wildreichen Harze Veranlassung 
gegeben haben mag. Im Jahre 1033 starb der Erzbischof Gtero von Magdeburg 
zu Vaddaroht in der Halberstädter Diöcese. Da nun auch noch zwei Nachfolger 
Geros, die Erzbischöfe Hunfried (f im Jahre 1051) und Hartwig (f 1102) auf 
dem erzbischöflichen Gute in Vatterode verschieden sind, so ist klar, dass Vatte- 
rode neben der gewöhnlichen Besidenz derselben, Giebichenstein bei Halle, als 
Sommeraufenthalt der Erzbischöfe gedient hat. Der Erzbischof Hartwig, ein sehr 
ungeistlicher Geistlicher, der von dem Gegenkönige Budolf eingesetzt worden war 
und sich noch in der Nacht vor seinem Tode mit verschiedenen weltlichen Fürsten 
lustig gemacht hatte, starb ohne Sakrament Einem Magdeburger Domherrn soll 
damals geträumt haben, er habe gesehen, wie der h. Mauritius den unwüigigen 
Erzbischof vor dem Hochaltar der Magdeburger Domkirche habe enthaupten lassen. 
Das Domkapitel schickte daher diesen Domherrn nach Vatterode, um den Kirchen- 
fürsten zu warnen , aber schon auf halbem Wege kam ihm die Leiche des Erz- 
Bischofs entgegen. 

Der ehemalige erzbischöflich -Magdeburgische Hof (das jetzige Giesslersche 
Gut), von dem weiter unten noch einmal die Bede sein wird^ heisst im Volks- 
munde „der Ritterhof". Irgendwelche Überreste dieses ursprünglich sicherlich 
in romanischem Stil erbauten Hofes scheinen nicht bis auf unsere Zeit gekommen 
zu sein, was zu beklagen ist, da die wiederholt besuchte Sommerresidenz Magde- 
burg ischerErzbischöfe gewiss nicht ohne allen architektonischen Schmuck war. 
Mansfelder GebirgskreiB. 14 



210 Mansfelder Oebirgskreis. 



Von der Familie v. Zeutsch, die um 1610 den Bitterhof besass, kaufte den- 
selben die Familie von Einsiedel, die ihn bis Ende des Jahrhunderts besessen hat. 
Das wichtigste Glied dieser Familie ist der im Jahre 1690 hier geborene Gottfried 
Emanuel v. Einsiedel, nachmals General -Lieutenant unter Friedrich d. Gr., der 
1744 Prag erobern half und zu Potsdam gestorben ist. 

1298 empfing Graf Burchard UL von Mansfeld 2V2 ^^^ den Gtebrüdern 
von Berg erkaufte und dem Erzstift Magdeburg in V. aufgetragene Hufen von diesem 
als Lehen zurück, 1337 schenkte einer seiner Nachkommen, Graf Burchard YL, 
einen Hof und eine halbe Hufe in Yaderode dem Kloster Wimmelburg. 1415 er- 
hielten die Grafen von Mansfeld das Eirchenlehn in Yatterode von dem Erzbistum 
Magdeburg. (Über das Lehnssiegel der Pfarre s. 0.) In der roansfeldischen Erb- 
teilung des Jahres 1420 kam Yatterode an den Yorderort, bei dem es auch in der 
Teilung von 1501 verblieb. Im Jahre 1433 verkaufte Heinz von Saugerhausen 
Güter in Y. an den Grafen Yolrad IL von Mansfeld. 

Die Kirche ist angeblich den beiden Heiligen Bonifatius und Nikolaus 
geweiht Sicher ist, dass sie dem ersteren geweiht war, denn das Siegel der 
Yatteröder Kirche zeigt das Brustbild des Bonifatius mit Bischofismütze und 
Krummstab und über demselben im Halbkreise die Überschrift: S. Bonifacius. 
Seine Wahl aber zum Schutzheiligen der Kirche gestattet die Annahme, dass der 
erste Bau schon in der Zeit stattgefunden habe, als das Kloster Fulda, dessen 
Schutzheiliger S. Bonifatius bekanntlich war , noch Besitz in Yatterode hatte, also 
vor 973. Ist S. Nikolaus wirklieh Nebenpatron, so kann er erst später hinzugefügt 
worden sein. 

Das jetzige Kirchengebäude stammt aus drei verschiedenen Zeiten: Das 
SchifT ist junges Ursprungs, der obere Teil des Turmes ist spätmittelalterlich, der 
untere Teil des Turmes, der Durchgangsbogen und die Kämpfer desselben, teils 
aus Schmiege, teils aus aus Hohlkehle bestehend, sind, wie auch die Absis, früh- 
romanisch. 

Über den in der Kirche befindlichen Altar giebt folgende Inschrift^) Auskunft : 

Auxiliante Deo! 
M. Johannis Bartholomai Pietschii, huius loci pastoris cura, 
auditorum aliorumque amicorum sumptibus, hoc altare ligneum 
simul cum baptisterio exstruxit anno Christi MDCCXXXYI 
hermoglyphus Querfurtensis Joannes Andreas Baguhn, picturae 
vero elegantias utriusque simul ac lagei sacri duxit peniculus 
Joannis Michaelis Schaff hirts, pictoris Stolbergensis , anno 
MDCCLXI, ambabus manibus ad altare expensas largitus est 
amicus quidam peregrinus, ad lageum vero pia quaedam 
matrona, M. L. P. n. R., omnia in honorem Dei, qui bene- 
iicium hocce evergetis nostris large velit remunerare. 

Sonst sind nur die Glocken beachtenswert, deren die Kirche drei mit 0,79, 



1) Dieae iDSchrift verdanke ich der Güte des Herrn Realgymoasialoberlehrers Moyn in 
Eisleben. 



J 



Vatterode. 



211 



0,74 und 0^ Meter Durchmesser besitzt Die grosse trägt zwischen platten 
Doppelstäben folgende nachstehend abgebildete, sehr alte Majuskelinschrift: 




a^fiM^. 




Hol 




%B>Ä "2^|^]H B)^ ^XK 



Nr. 108. 

welche früher von Yaiges gelesen wurde: ^Jehova dominus Jesus Nazarenus rex 
Judaeorum, Amen,^ und von Otte: Jhesus Nazarenus, S. Petr. Jl^'jf'n^. Joha. 
DNC. tgl. — Aber beide Lesane^n sind unrichtig, wie eingehende Betrachtung 
lehrt Denn bei dieser eigiebt sich folgende Lesung: 

tga Jhe(svs) Nazarenvs Rex. Jt'jj'rt^. Johanns 

nur dass Sommer, der im übrigen mit mir übereinstimmt, der Meinung ist, die 

Reihenfolge müsse mit dem bekreuzten Alpha und Omega b^;innen, dann müsse 

der Name Johanns folgen und zuletzt die Worte Jesvs(?) Nazarenvs Rex, während 

ich, wie es bei derartigen Inschriften üblich ist, nach dem einen Kreuze b^nne, 

sodass die Inschrift erst den Titulus triumphalis, allerdings mit Auslassung des 

Wortes Judeorum, sodann das apokalyptische Alpha und Omega (= Christus) und 

zuletzt den Namen des Heiligen, dem die Olocke geweiht war, oder den Namen 

der Olocke selbst (der freilich selten ein männlicher war), oder auch den Namen 

des Oiessers, Johanns, enthält 

Die Mittelglocke, im Jahre 1686 von Peter Wildt in Halle gegossen, hat 

folgende Umschrift: 

Deo O. M. auxiliante patrono ecclesia- 

o 

mm nostrarum supremo ^ 
sub comite illustriüo nunc in vivis 
ah utinam usque ad nestoreos dno %° 
dnö Johanne Georgio comite ac dno in 

o 

Mansfeld - nobili dynastra (sie !) in c>oo 
Heldrung - S. et S. patrono huius eccles : 
ordin: eiusdemque synend. 



darunter : 



Praeside Johan: Rösnero comitat^ 
Mansf. superint generali, hui^ it: 
ECCLEISiE(sicI) past ord. Ad. Frid. Vm- 
lavf. campana haec a Petro Wildten 



HAL. SAX. 



o 

ooo 

o 

ooo 

ooooooo 

ooo 

o 

ooo 



fusa est MDCLXXXVI. 



mense Aügustus (sie!) 
V. D. M. I. JE. 



C. W. 



Die kleine Glocke, von genau derselben Form, wie die aus Galdenborn 
stammende Beyer-Naumburger Glocke, hat keine Inschrift 



212 Malisfelder Gebirgskreis. 



Die Eirchenbücher reichen zurück bis zum Jahre 1601. Das älteste von 
1601 — 1617 enthält wichtige Nachrichten über die Familien, die in dem ehemals 
erzbischöflich Magdeburgischen ^Ritterhofe^ (dem jetzigen Oiesslerschen Gute) 
gewohnt haben, unter anderen über die Geburten, Kopulationen und Todesfalle der 
Familie von Zoetsch (Zeutsch), deren ürsitz seit dem Ende des 13. bis Anfang 
des 17. Jahrhunderts in dem Dorfe Zeutsch zwischen Eahla und Rudolstadt war,^) 
aus welcher die Grossmutter der Kaiserin Katharina von Kussland stammt. 2) 
Pastor Böttcher in Yatterode teilt hierüber folgendes mit:^) Schon zu Anfang des 
17. Jahrhunderts finden wir die Familie von Zoitsch oder Zeutsch im Besitze 
jenes Gutes (ßitterhof); namentlich wird ein Junker Nikolaus von Zeutsch öfters 
erwähnt, der im 30jährigen Kriege, etwa um 1630, gestorben ist. Seine erste Frau, 
wahrscheinlich Ursula v. Clottra, starb in Vatterode nebst zwei Söhnen im Jahre 
1611. Junker Nikolaus vermählte sich schon 16 L2 wieder mit Martha Amalie 
von Baust oder Bausse aus Gross -Orner. Im weitesten Sinne ist derselbe der 
Stammvater der Grossmutter der Kaiserin Katharina II. von Kussland. £ine Ur- 
enkelin von ihm, Eleonore v. Zeutsch auf Hedersleben, vermählte sich 1687 als 
Hoffräulein mit dem Prinzen Joh. Ludwig von Anhalt-Zerbst, dessen zweiter Sohn 
Christian August, Gemahl der Prinzessin Elisabeth v. Holstein, preuss. General- 
feldmarschall und Gouverneur von Stettin war. Ihm wurde dort am 2. März 172^ 
eine Prinzessin Sophie Auguste Friederike geboren, welche sich mit Peter III. 
von Kussland vermählte und 1762 als Katharina II. den russischen Kaiserthron 
bestieg. 

Walbeck, 

[O] Ein kleines Dorf mit 1880: 540; 1890: 652 Einwohnern, an der Walbke 
oder dem Wallbach, von welchem es den Namen hat, 4 km nordwestlich von 
Hettstedt (mit Kittergut und Schloss), vormals im Schwabengau in der Freiherr- 
schaft Arnstein gelegen und in den geistlichen Bann des Halberstädtischen 'iichi- 
diakonats Aschersleben gehörig. Der Ortsname (urk. 959 Walbiki, 985 Uualbechi 
in pago Suevon, 992 Uualbisci curtis regia in comitatu Garoli comitis sita, 999 
Uualbiki in pago Suevon, 1115 Wallebeche, später meist Walbeke, 1436 Walbeck) 
wird auf Grund der urkundlichen Formen als Ort an einem Wellen schlagenden 
Bache zu deuten sein. 4) Dass der Ort im Mittelalter ein Pfarrkirchdorf war, be- 
weist eine Urkunde des Bischofs Volrad v. Halberstadt vom 30. 9. 1259 aufs be- 
stimmteste , da in derselben gesagt ist, dass der jeweilige Propst zu Walbeck den 
Pfarrer zu Walbeck bestellen solle (parochie ville Walbeke prepositus loci qui 
pro tempore fuerit, sacerdotem preficiet, qui ab archidiacono loci curam recipiet 
animarum), nur wird die Klosterkirche zugleich als Pfarrkirche gedient haben. 

Von dem im Jahre 992 hier begründeten Kloster ist infolge des Missge- 
schickes, welches über dem Urkundenschatze desselben gewaltet hat, nur sehr 



1) Vgl Vikt. Lommer, Volkstümliches aus dem Saalthal, S. 120. 3) über diese 
Beziehungen giebt es eine Untersuchung des Herrn Pastor Stenzel inLausigk bei QueUendorf 
in Anhalt. «) Allgemeiner Anzeiger f. d. Grafsch. Mansfeld, 1867, Nr. 7. *) Die nähere 
Begründung inQrössler, Erklärung der Ortsnamen des Mansfelder Gebirgskreises in der Zeit- 
schrift des Harzvereins XIX, 1886, S. 826. 



Walbeck. 213 



wenig bekannt. Was sich über dasselbe ermitteln Hess, ist folgendes. Im Jahre 
992 überliess die verwitwete Kaiserin Adelheid, die ehemalige Gemahlin Otto's I. 
des Grossen, ihrer Tochter Mechtild, der Äbtissin der Abtei Quedlinburg, den von 
ihrem Gemahl als Leibgedinge ihr überwiesenen königlichen Hot (curtis regia) 
Walbeck (Uualbisci) mit vielen dazu gehörenden Dörfern im nördlichen Hosgau 
und im Schwabengau zum Zwecke der Errichtung eines dem Apostel S. Andreas 
zu weihenden Benediktinerinnenklosters, und Kaiser Otto HI., welcher diese Ver- 
fügung später genehmigte, bestimmte dabei, dass dieses Kloster zum immer- 
währenden Gedächtnis seines Grossvaters Ottos I., seines Vaters Ottos U., seiner 
Grossmutter Adelheid, seiner Mutter Theophano und seiner Tante Mathilde dienen 
sollte. 5 Jahre später war der Bau fertig und am 7. Mai 997, dem wieder- 
kehrenden Todestage des Kaisers Otto I., wurde das Kloster durch den Bischof 
Arnulf von Halberstadt eingeweiht. Es sollte dem Beichsstift Quedlinburg und 
zugleich mit diesem laut einer Bulle des Papstes Silvester H. dem päpstlichen 
Stuhl allein, d. h. unmittelbar untergeben sein. Uie Wahl der Äbtissin sollte mit 
Beirat der Äbtissin von Quedlinburg erfolgen, den Vogt sollte die Äbtissin des 
Klosters bestimmen, welches seinerseits Immunitätsrecht erhielt Die Vogtei hat, 
wie man aus späteren Urkunden, aber auch schon aus dem Umstände, dass das 
Kloster inmitten der Freiherrschaft Arnstein lag, schliessen darf, den Edlen von Am- 
stein zugestanden. Länger als ein Jahrhundert nach der Einweihung wird dann 
weder Dort noch Kloster Walbeck wieder erwähnt. Erst im Jahre 1114 fand es 
bei den Zeitgenossen eine unliebsame Beachtung. Denn in diesem Jahre wurde 
das Kloster von den gegen den Kaiser Heinrich V. aufständischen Sachsen zu 
einer Festung umgeschafien, von welcher aus sie ihren gefährlichsten Feind, den 
Grafen Hoier H. von Mansfeld, bekämpften.^) („Principes Saxoniae ... castrum 
quod Wallebeche dicitur, ad iniuriam regis aedificaverunt^ ex quo Ho^rum comitem 
Omnibus modis infestabant^^) 

In der wegen des Erbes der Grafen von Falkenstein, denen nach dem Aus- 
sterben der Edlen von Arnstein auch die Freiherrschaft Arnstein zugefallen war, 
zwischen den Grafen von Begenstein (den rechtmässigen Erben) und dem Bischöfe 
von Halberstadt ausgebrochenen Fehde wurde das Kloster von den Begensteinem 
verwüstet und der Klosterpropst gefangen genommen. Infolge dieser Drangsale 
scheint das Kloster verarmt zu sein, da sich um 1350 die damalige Äbtissin ge- 
nötigt sah, um der Armut des Klosters willen ein sehr wertgehaltenes Besitztum, 
den Schrein des h. Stephanus, für 7 brandenburgische Mark Silbers zu ver- 
setzen. 

1387 verkauften die Grafen Burchard und Ulrich von Begenstein mit der 
Freiherrschaft Arnstein auch das Schirmvogteirecht über Walbeck an die Grafen 
Busse und Günther von Mansfeld, welche, wie auch ihre Nachkommen, des 
Klosters Vögte blieben bis zu dessen Säkularisation. Übrigens scheint die Kirche 
8. Kustachii in dem jetzt wüsten Wesenstedt (nordöstlich von Hettstedt) im 
Besitze der Abtei Walbeck gewesen zu sein. Denn nach einer Urkunde vom 
15. 6. 1434 hatten der Pfarrer Konrad von ßossla in Hettstedt und der Rat daselbst 



1) Annalee Pegavienses in Mon. Germ. Scriptores XVI, 251. 252. 



214 Mansfelder Gebirgskreis. 



ihr „Almosen vnde gelt darvmbe gegeben,^ dass die wüste Kirche S. Eustachii zu 
Wesenstede mit ihrer Zubehörung der Hettstedter 8. Jakobskirche „vereygent 
und incorporirt^ werden durfte, obwohl vorher die Hettstedter Jakobikirche die 
ülia der Kirche zu Wesenstedt gewesen war. Da nun aber in einer zweiten 
Urkunde vom 28. 9. 1436 die Äbtissin Kunigunde (von Zimmern) und der Kon ve nt 
in Walbeck ihre Einwilligung dazu gaben, dass die durch den Tod des 
Johannes Steckeschiit erledigte Pfarre zu Wesenstede mit der Kirche S. Jakobi 
in Hestede vereinigt werde, so wird man annehmen dürfen, dass der Patronat 
über die Wesenstedter Kirche der Abtei Walbeck bis dahin zugestanden hatte. 
In dem Bauernaufstände 1525 wurde das Kloster nach ausdrücklichem Bericht 
mit anderen mansfeldischen Klöstern „gepucht und geplündert^. ^) Da nach dem 
Tode des Grafen Günther die Herrschaft Amstein und mit ihr die Yogtei über 
Walbeck an seinen streng katholischen Bruder, den Grafen Hoyer von Mansfeld, 
fiel, so mag Walbeck, gleich Wiederstedt, abermals mit Nonnen besetzt worden 
sein, wenigstens bestellte Graf Hoyer am 28.9.1525 den Nicolaus Wueltrogk zum 
Vorsteher des Klosters auf 6 Jahre, mit der Verpflichtung, das Einkommen und 
die Güter des Klosters im Stande zu erhalten und Jahresrechnung zu legen; aber 
nach Hoyers Tode, welcher im Jahre 1540 erfolgte, wurde das Kloster säkularisiert 
und der gemeinschaftlichen Regierung der sechs gräflichen Brüder vom Vorderort 
unterstellt Im Jahre 1561 kaufl» Graf Haus Albrecht, der einstweilen das Amt 
Arnstein innegehabt hatte, das säkularisierte Klostergut (Walbeck mit dem Vorwerk 
Meisberg (= Eisberg, zu dem Eisberge) für. 16,000 fl. Als ihm aber in der Erb- 
teilung des Vorderorts vom 21. 6. 1563 das ganze Amt Arnstein zugefallen war, 
versetzte er Walbeck nebst Ritterode und Meisberg, die seitdem zusammen ein 
besonderes kleines Amt bildeten, an Ludolf v. Bortfeld und dessen Ehefrau, Mar- 
gareta v, Mahrenholz für 14,000 fl. auf 9 Jahre. Weil aber weder Hans Albrecht 
noch seine Kinder zur gegebenen Zeit Zahlung leisten konnten, blieb das Amt 
bis 1603 im Besitze der Familie v. Bortfeld. Von diesem Jahre an wurde das 
Amt anderweitig verpachtet, indem die v. Bortfeldschen Erben ihre Ansprüche für 
17,000 Thaler an den Grafen Johann Albrecht von RonofT abtraten. Dieser schloss 
am 24. 1. 1663 mit dem Grafen Johann Georg HI. einen Vergleich ab, nach 
welchem er für 39^17 Thaler 6 gl. 10 Pfg. Walbeck auf Wiederkauf übernahm. 
Doch schon 1677 (f|) sah er sich durch seine vielen Schulden genötigt, mit Zu- 
stimmung des wahren Eigentümers das Amt an Frau Barbara Margarete von Elz 
geborene v. Pfuhl, zu überlassen. Nach deren Tode flel es an ihre beiden Söhne, 
Hans Christoph und Philipp Adam von Elz. Da beide kinderlos starben, so setzte 
der letztere zwar seinen Schwestersohn, Philipp Adam v. Hardenberg zum Universal- 
erben ein, vermachte jedoch Walbeck den beiden Söhnen seiner andern Schwester 
Eleonore, nämlich den Gebrüdem Philipp Wilhelm und Johann Clamer August 
von dem Busssche. Im Besitze dieser Familie ist Walbeck bis in die neueste Zeit 
verblieben. 1742 wurde der Wiederkauf in einen eigentlichen Erbkauf verwandelt, 
und 1745 genehmigte Chursachsen, dass WaJbeck zu einem altkanzleisässigen 
Rittergute erhoben wurde. Im Anfange des 19. Jahrhunderts legte der Schloss- 
hauptmann von dem Busssche einen geschmackvollen Park um das Schloss ao. 



1) GnwBler u. Sommer, Chron. Isleb. p. 4. 



Welbeleben. 215 



In neuerer Zeit ging Walbeck in den Besitz des früheren Landrates des Mansfelder 
Oebiigskreises Bartels über, in dessen Besitze es noch jetzt ist. 

Die alte Klosterkirche, welche ein stattliches Gebäude in romanischem 
Stil gewesen sein soll, ist &st spurlos verschwunden; von altertümlichen Gfegen- 
ständen oder Bauteilen ist nichts zu finden, was sich daraus erklärt, dass das 
Kloster auf der Stelle gestanden hat, welche jetzt das Schloss einnimmt, in welchem 
nur die alten, aus dem ehemaligen Kloster beibehaltenen Kreuzgänge sichtbare 
Kunde davon geben, dass hier vor Jahrhunderten ein Kloster gestanden hat. Ver- 
mutlich sind also manche wertvolle Bauteile aus dem romanischen Kloster in das 
moderne Schloss verbaut worden. 

Die jetzfge kleine Kirche ist erst in neuerer Zeit erbaut und hat gar 
keine Altertümer aufzuweisen« Ihre sehr kleine Glocke dient zugleich zu all- 
gemeinem Gebrauche des Gutes. 

[B] In den mächtigen Umfassungsmauern, die terrassenförmig nach Nordosten 
sich erheben, hat sich, in einem Bogen vermauert, ein alter Grabstein (s. Nr. 109 
auf S. 216) gefunden, der bei dem sonstigen Mangel aller Überreste aus dem Kloster 
und auch an und für sich von Bedeutung ist Er trägt nämlich in eingeritzten 
Konturen die Gestalt eines Bitters, das Haupt bedeckt mit der oben spitz zu- 
laufenden Eisenhaube mit g^liedertem Nackenschutz, beide Hände auf das Schwert 
gestützt Die Art der Rüstung ist nicht deutlich mehr zu erkennen, doch kann 
es wohl nur ein Schuppenpanzer sein sollen. Um den Band des Grabsteins läuft 
ringsherum eine schöne Majuskeiinschrift, die aber nur noch teilweise zu entziffern 
ist Den oberen und den rechten Band wird die Jahreszahl und das Datum aus- 
gefüllt haben. Von dem letzteren könnten die Zeichen herrühren YI • CA • also 
wohl (a. d.) YL Gal. Das folgende ist wieder kaum zu lesen; der Monatsname 
müsste es sein, wenn das davorstehende richtig gedeutet ist; am nächsten läge 
wohl NOVEMB. Dann folgt deutlich: obiit • Thidieric (worin nur das B wie P 
aussieht) de Hiliendorp. Von den in der Bildfläche stehenden drei Zeilen ist nur 
das erste Wort Gui deutlich zu lesen. Man würde erwarten Gui(u8) mens re- 
quiescat in pace, oder requiem obtineat Die Spuren des Wortes mens scheinen 
vorhanden zu sein, das übrige ist auch nicht mehr annähernd zu ermitteln. Der 
Name Hiliendorp findet sich einmal in einer Urkunde von 1284 in der Form 
Heiligendorp ; ein Kanonikus U. L. F. zu Halberstadt, Gonradus de Heiligendorp, 
bezeugt mit anderen den Verkauf des Zehnten zu Wiederstedt seitens des Grafen 
Bernhard von Anhalt an das Kloster Wiederstedt Die Formen des Grabsteines ge- 
hören derselben Zeit um 1300 an, so dass dieser Ritter ein naher Angehöriger 
jenes Kanonikus gewesen sein kann. 

Auf dem Platze vor der neuen hässlichen Kirche steht ein taufsteinartiges 
Becken von muschelartiger Form; über sein Alter lässt sich nichts bestimmen. 



Weibsleben. 

[G] Kirchdorf im Einethal mit 1880: 905; 1890: 908 Einwohnern, 10 km nord- 
westlich von Hettstedt, ehemals im Schwabengau in der Freiherrschaft Amstein 
gelegen und zum Halberstädtischen Banne Aschersleben gehörig.. Das jetzige 



216 



Mansfelder Gebirgskreis. 



Dorf hiess im Mittelalter Nieder -Welbsleben, im Gegensatz zu dem nordöstlich 
nicht weit davon gelegenen, jetzt wüsten Ober-Welbsleben (1400 superior Welps- 
leve). Der Ortsname (urk, 964 Welpsleue, 1073 Welpesleue, 1178 Welpesleue, 
1241 Welpesleve, 1342 Welpesleben, 1382 Welpsleyben, 1387 Neder-Welpesleve, 
1389Neder-Volpesleben, 1400 inferior Welpsleve in banno Aschariensi, 1486 Nieder- 



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Nr. 109. (Grabstein in Walbeck.) 



Weibsleben) enthält den Personennamen Hwelp, ahd. Hwelf (= junger Hund), be- 
deutet also Erbgut des Welpo oder Welfo. 

Das ovale Gemeindesiegel mit der Inschrift: 

Welbslcbcn V. S. B. 

und desgleichen ein zweites mit der Inschrift: 

Schulzen Amt zu Welbsleben. V. S. B. 



W6ll>slebe]i. 217 



zeigt als Siegelbild einen Laubbaum, sicherlich die Dorflinde als Sinnbild der 
Bauerschaft 

Über die bei Weibsleben in Menge gefundenen vorgeschichtlichen Altertümer 
giebt gute Auskunft die kleine Schrift: Beiträge zur Untersuchung der Alter- 
thümer aus einigen bei Welbsleben vorgefundenen heidnischen Überbleibseln von 
M. Conrad Dietr. Franz Lehmann, Halle bei Joh. Christian Hendel 1789 (mit wert- 
vollen Abbildungen). 8^. 

Ob die Sage, dass dieses Dorf im dreissigjährigen Kriege zerstört und dann 
an einer anderen Stelle wieder aufgebaut worden sei, mit der Wirklichkeit über- 
einstimmt, ist zu bezweifeln. Vermutlich ist diese Überlieferung nur eine miss- 
verständliche Auffassung der Übersiedelung der Bewohner des jetzt wüsten Ober- 
Welbsleben nach Nieder-Welbsleben. Wenigstens legt die Bauart der Kirche 
läeugniss davon ab, dass diese, deren Oründungszeit gewiss weit zurück- 
reicht, ihren alten Platz beibehalten hat, und also wohl auch das sie umgebende 
Dorf. 

Die Klöster Gemrode und Ballenstedt hatten eine Zeitlang hier Grund- 
besitz. 

In dem Dorfe sass ein Geschlecht von niederem Adel, von welchem im 13. 
und 14. Jahrhundert zahlreiche Mitglieder urkundlich erscheinen, z.B. 1216Thirricus 
de Welpesleve et Eilbertus jfrater suus; 1262, 1267 Dietrich de Welbsleben miles, 
1267 TUo de W., 1268 Bartholdus de W., 1307 Tilemannus aduocatus de W., 1308 
Thileke de W., 1309 Conradus de W., 1312 Tilemann miles de W., 1332 Tileke 
de W. famulus, 1339 TUo de W., 1342, 1343 und 1372 Heyse de W., 1382 Tyle 
von Welpesleyben. 

Welchem Schutzheiligen die Kirche von Welbsleben geweiht war, ist bis 
jetzt noch nicht ermittelt worden. Die früheste urkundliche Spur ihres Vorhanden- 
seins ist die Erwähnung des Pfarrers derselben, Heinrich (Heinricus plebanus 
de Welpsleue) in den Jahren 1228 und 1241. [SJ Sie hat einen gewölbten, halb- 
achteckig geschlossenen Altarraum, welcher in die Mitte des 14. Jahrhunderts zu 
setzen ist Unter ihm befindet sich eine Krypta mit rippenlosen Kreuzgewölben 
um eine achteckige Mittelsäule, ziemlich roh ausgeführt, also wohl älter als der 
Altarraum. Welchen Zweck dieses unterirdische Gewölbe hatte, ist unbekannt 
Das Schiff scheint um 1500 — an den Emporensäulen steht die Jahreszahl 1553 — 
und der Turm um 1560 ausgeführt zu sein. Ein besonderer. Dachreiter sitzt über 
dem Altan^ume. 

Auf dem Altar steht ein geschnitzter Schrein, welcher inmitten den 
schlafenden Jakob, vier stehende Rgiiren und dreizehn andere zur Hälfte sicht- 
bare enthält Auf dem linken Flügel sind zwei Scenen dargestellt: Verkündigung 
Maria und Besuch der Elisabeth; auf dem rechten: Krönung Marias und Geburt 
Christi. Die Gruppen sind zwar schön gearbeitet, aber leider mit weisser Ölfarbe 
überstrichen. Darunter erblickt man einen Crucifixus, zur Linken desselben 
eine mit dem Teufel kämpfende Heilige (S. Juliana?), zur Bechten einen Bischof. 
Die Ölbilder auf den Bückseiten sind weniger gut und bis zur Unkenntlichkeit 
verblichen. 

Der in der Kirche befindliche Taufstein stammt aus dem Jahre 1754; an 
der Kanzel steht die Jahreszahl 1763; in einem der Felder der Brüstung erblickt 



218 Mansfelder Oebirgskreis. 



man einen vor einem Gnicifix knieenden Bitter nebst einer knieenden Frau. Dabei 
steht die Inschrift in einem Distichon: 

Hoc templum pietas et sedula cura Johannis 
Brantini cathedram iussit habere novam. 

Die drei Glocken haben 1,33, 1,13 und 0,83 m Durchmesser, von denen die 
grösste im Jahre 1720 durch Peter Becker in Halle gegossen worden ist Sie 
trägt den Namen und das Wappen des Eirchenpatrons (Freiherm v. Enigge). Die 
beiden andern Glocken stammen noch aus katholischer Zeit Die mittlere aus dem 
Jahre 1523 trägt die Minuskelumschrift: 

JIII0 tomiii »ik|m0 %ninttnUfim$ 

9\tttm$ fertig. fiitti Siliiit Uct 
100 liitolim wiMtm. 

Auf der einen Seite erblickt man das Bild der Heiligen mit Geissei, teuflischem 
Tier und Körbchen. Vermutlich ist es die S. Juliana Falconiera, welche, wie 
S. Antonius de Padua, von Teufels- Anfechtungen viel zu leiden hatte. [GJ Doch 
kann ebensowohl an die Märtyrerin Juliana virgo aus Nikomedien (f ^ 304), 
welche mit dem an der Kette liegenden Teufel dargestellt zu werden pflegt, ge- 
dacht werden. 
[OJ Die dritte Glocke aus dem Jahre 1472 trägt folgende Minuskelinschrift: 

iii0 Nmiii mtttcliii\ 
1 fiicti Xiiliirii f0ii ti0 iirrte 

i I0li0 Iiib0l00. 

Zwar wird Magdalena gewöhnlich mit einer Salbenbüchse dargestellt, doch finden 
sich auch Darstellungen, in welchen sie von Teufelchen umflogen oder umgeben 
ist (Otte, Kunstarchäologie V. Aufl. I, S. 584.) Vielleicht wai- die Weibsleber Kirche 
der h. Juliana, oder der h. Magdalena, oder beiden geweiht 



(Ober-) Wiederstedt. 

fGJ Kirchdorf mit 1880: 1010; 1890: 1271 Einwohnern, 2 km nördlich von 
Hettstedt, auf dem ^linken Ufer der Wipper im ehemaligen Schwabengau in 
der Freiherrschaft Arnstein gelegen, in kirchlicher Hinsicht aber dem Archi- 
diakonus des Halberstädtischen Bannes Aschersleben, nicht aber dem des nahe ge- 
legenen Unter- Wiederstedt untergeordnet Der Name des Dorfes (urk. 944 Wederstede, 
947 üuidersteti, 960 üuihterstedi, 1046 Widerstat, 1221 Widherstede, magnum 
(raaior) Wederstede, 1256 Widerstede, 1270 alta Widerstede, 1284 maior Wedder- 
stede, 1387 dat oberdorp Wederstede, 1486 das Oberdorf Wiederstedt) ent- 
hält als Bestimmwort den Personennamen Withar, Witheri oder Widar, bedeutet 
also „zur Wohnstätte des Widar.''*) Die Bezeichnung Ober-, Hohen- oder Grossen- 
Wiederstedt soll das Dorf von dem weiter abwärts gelegenen, nur durch eine 



^) Vgl. Grössler, Erklärung der Ortenamen des Mansfelder Gebirgskreiees (Harz- 
zeitechr. XIX. S. 833, 1886), wo der Name eliigehender beeprochen ist 



J 



(Ober-) Wiedentedt. 219 



Maoer von ihm geschiedenen, zu Anhalt gehörigen Schwesterdorfe Unter-, Ost- oder 
Kipper -Wiederstedt unterscheiden, während Elein-Wiederstedt nach einer hand- 
schriftlichen Angabe von Aug. Ahrens (1840) ein besonderes Dörfchen war, welches 
da gelegen hat, wo heutzutage die Schenkwirtschaft „der Stall", früher ein Zechen- 
haus, sich befindet Einige Äcker daselbst führen noch den Namen „Kirchhot^^ 
weil dort die Kirche dieses Dörfchens gestanden hat 

Das Dorfeiegel von Ober-Wiederstedt mit fast völlig erloschener Umschrift 
zeigt als undeutliches Siegelbild zwischen zwei Laubbäumen zwei männliche Ge- 
stalten, welche in den Händen Stäbe oder Keilhauen halten und sich gegenseitig 
anschauen. Die beiden Bäume sollen wohl zwei vereinigte Bauerschaften an- 
deuten, während die beiden Männer, falls sie Keilhauen tragen, auf den in der 
Flur betriebenen Beiigbau hindeuten und also wohl Bei^leute darstellen mögen, 
vielleicht gar die sagenhaften Erfinder desselben, Neucke und Nappian. Das 
Kirchensi^gel dient nämlich nicht nur für Ober-Wiederstedt, sondern auch für die 
bei Hettstedt gelegene Vorstadt Kupferberg (1123 mens qui cupreus dicitur) mit, 
ein Verhältnis, welches aus der Geschichte seine Erklärung erhalten wird. 

Die bereits 948 erwähnte, der h. Jungfrau Maria geweihte Kirche des Unterdorfes 
ist zweifellos die älteste der an der Wipper in der Freiherrschaft Amstein erbauten 
Kirchen und Jahrhunderte hindurch die Hauptkirche des Halberstädtischen Archi- 
diakonats Wiederstedt gewesen. Ihre Gründung ist mindestens auf die Zeit 
Karls des Grossen zurückzuführen, welcher nach einem Zeugnis des Königs 
Otto I. vom 26. Aug. 960 dem Kloster Hersfeld die Kapelle in Wiederstedt 
(Uuihteresteti) samt den dazu gehörigen Zehnten übereignet hat^) Sie muss 
also eine der Missionskirchen des Bonifatius oder seiner Schüler gewesen sein. 
Schon 948 wurde sie zugleich mit der Wormsleber Kirche von dem Könige Otto I. 
von der Abtei Hersfeld eingetauscht und dem S. Moritzkloster zu Magdeburg 
überwiesen. Dass auch das Dorf selbst eine uralte Ansiedelung ist, beweist die 
grosse Menge von Aschenurnen und voi*geschichtlichen Waffen, die man nament- 
lich im Jahre l76ö aus dem zwischen dem Dorfe und der Kirche Uegenden Küp- 
hügel u. a. a. Stellen ausgegraben hat Fastor Meinecke (um 1790) hat dort 
wenigstens 30 besondere Arten an zerbrochenen Stücken gesammelt Eine Urne 
muss nach seiner Annahme so gross gewesen sein, dass man sie wohl kaum mit 
einem halben Scheffel Korn hätte füllen können. 

Die Gründung des Wiederstedter Klosters soll angeblich schon 1210, nach 
andern 1211, 1213, 1215 oder 1216 stattgefunden haben, doch ergiebt sich aus den 
uns erhaltenen Urkunden, dass dasselbe aus einer im Jahre 1123 bereits vor- 
handenen Kapelle auf dem Kupferberge bei Hettstedt, welche jedenfalls der Jung- 
frau Maria geweiht war, hervoigegangen ist als eine Schöpfung des Greschlechtes 
der Edlen von Amstein. 1123 nämlich löste der Edle Albrecht von Arnstein den 
Kupferberg aus dem Hettstedter Pfarrverbande, um auf demselben ein Hospital 
zu errichten, welches offenbar den h. Gangolf zu seinem Schutzpatron erhielt, der 
auch anderswo als Patron von Hospitälern erscheint. Bald nachher fasste man 
beide Schutzheilige zusammen und bezeichnete (1241) das Hospital als das hospitale 
beate Marie et beati Gingolfi martiris in Hetstede; doch nannte man es (1248) 



1) V. Heinemaim, Cod. dipl. Anh. I, Nr. 30, p. 22. 



220 Mansfelder Oebirg^kreis. 



auch bloss nach der Hauptpatronin das hospitale sancte Marie virginis in Hez- 
stede. Etwa um das Jahr 1250 muss mit dem Hospital ein Kloster 
verbunden worden sein, denn bereits 1256 wird die Hospitalstiftung als das 
Kloster in Hettstedt {cenobium in Hezstede) bezeichnet Fragt man, wer die 
Erweiterung des Hospitals zu einem Kloster bewirkt habe, so kann es keinem 
Zweifel unterliegen, dass die edle Frau Mechthild von Arnstein, die hinterbliebene 
Gemahlin des vorerwähnten, um 1241 gestorbenen Edlen Albert von Arnstein, als 
die Gründerin des Klosters zu betrachten ist, die somit wohl nur ein von ihrem 
Gemahl begonnenes Werk weiter führte. Denn schon 1256 wird dieselbe in Ge- 
meinschaft mit der ihr nahe verwandten edlen Frau Luchardis von Wernigerode 
als die Vertreterin und 1262 allein als procuratrix des Klosters bezeichnet, ja sie 
wird 1267 geradezu die Gründerin desselben (fundator nostri monasterii) genannt, 
war auch mit der erwähnten Luchardis als Nonne in dasselbe eingetreten, wie 
sich aus dem der Urkunde von 1267 angehängten kleinen, parabolischen Ge- 
meinschaftssiegel beider ergiebt, welches unter reich geziertem Spitzbogen die 
Mutter Gottes auf einem Throne und unter einem Dreibogen 2 knieende Beterinnen 
zeigt, nämlich die Stiftorin Mechthild und ihre nahe Verwandte Luchardis. Die 
Umschrift lautet nämlich: 

8.' mechtild.' d. arn8t.' et. lvchard.' 
d; werngerod; äcillar. xpi. 

Gleich hier sei bemerkt, dass das spätere mittelgrosse parabolische Kloster- 
siegel in der Mitte B. Virgo Maria mit dem Christkinde stehend zeigte, mit der 
Umschrift: 

+ s; priorisse. et. cüvent?. r. wedderstede. 

(Vgl. die Abbildungen bei v.Erath, C.D.Quedl. Tab.XXXIXNr.l4u.Mansf.Ukb.Tab.5.) 
Doch nicht lange verblieb das neugegründete Kloster auf dem Kupferberge. 
Vermutlich noch vor seiner Vollendung wurde es, da die Lage für einen dauernden 
Aufenthalt einer grösseren Gemeinschaft nicht geeignet erscheinen mochte, verlegt, 
wie ja fast um dieselbe Zeit auch das Kloster von Rothardesdorf nach Helfta ver- 
legt worden ist Die Verlegung vom Kupferberge nach Ober-Wieder- 
stedt muss gleich nach dem Jahre 1256 stattgefunden haben, weil nach 1256 
ein Kloster in Hettstedt nicht mehr erwähnt wird, wohl aber schon 1259 ein 
Kloster in Wiederstedt mit der schon erwähnten Mechthild von Arnstein an der 
Spitze, das auch im Besitze der dem Hettstedter (oder Kupferberger) Kloster über- 
tragenen Güter erscheint. Strassburger (in der Zeitschrift des Harzvereins XX, 
136) irrt demnach wohl, wenn er die Verlegung des Klosters erst in das Jahr 
1261 oder 1262 setzt. 

Die Schirmvogtei über das Kloster hatten zunächst die Edlen von Arnstein, 
nach ihnen ihre Rechtsnachfolger in der Herrschaft, die Grafen von Falkenstein, 
von Regenstein und von Mansfeld. Eigener Art war die Ordenszugehörigkeit des 
Klosters. Zweifellos waren die Nonnen Augustinerinnen, wurden aber von 
Brüdern des Dominikaner- oder Prediger- Ordens geistlich beaufsichtigt und ver- 
sorgt, sodass bald beide Bezeichnungen zusammen (1262 und 1286 monasterium 
sororum de regula beati Augustini et secundum instituta et sub cura fratrum 



1 



(0ber-)Wieder8tedt 221 



ordinis praedicatorum in Wederstede), bald auch nur eine von beiden allein (1259 
ordinis sancti Augustini; 1262 sorores ordinis predicatoruni in Wederstede) sich 
findet Die Bezeichnung als Schwestern vom Predigerorden wurde bald die über- 
wiegende und volkstümliche, fast ausschliesslich gebrauchte, während die in dieser 
Hinsicht genauer verfahrenden päpstlichen Bullen die ältere Bezeichnung fest- 
hielten. Ganz unzutreffend ist die viel verbreitete Behauptung,^ dass dasWieder- 
stedter Kloster aus der am Weifesholze erbauten Marienkapelle hervorgegangen 
sei, welche man nach Wiederstedt verlegt und zu einem Kloster erweitert habe, 
um den Greuel der Verehrung des Jodute vollends auszurotten; die Urkunden 
zeigen ja aufs klarste, dass die Sache sich anders verhält. Die Familien vieler 
benachbarten Grafen und Edlen begabten das Kloster, dem viele ihrer Töchter an- 
gehörten, sehr reichlich; gleichwohl geriet dasselbe schliesslich, wie alle Klöster, 
in Verfall. Wie gross derselbe gewesen, ergiebt sich aus der päpstlichen Bulle 
vom Jahre 1398. Darin wird berichtet, dass sämtliche Klostergebäude, selbst die 
Kirche und die Umfassungsmauern, so baufällig wären, dass bei Tag und Nacht 
wilden und zahmen Tieren der Eingang offen stünde, und dass Nesboln und 
vieles andere Unkraut in den inneren Räumen wüchse. Verschiedene edle 
Familien beabsichtigten sogar, ihre Töchter und Anverwandtinnen aus dem Kloster 
zu sich zu nehmen, damit diese femer nicht mehr dem Hunger und Durst aus- 
gesetzt wären. Wenn nun auch infolge der langjährigen Bemühungen des von 
Braunschweig herbeigerufenen, zum Administrator des Klosters bestimmten Propstes 
Sander gegen Ende des 14; Jahrhunderts vorübergehend eine Besserung eintrat, 
so konnte das Kloster doch nicht wieder zu dem früheren Ansehen gelangen. Im 
Jahre 1525 wurde es, wie die übrigen mansfeldischen Klöster auch, ein Gegen- 
stand der Volkswut, sodass man sich genötigt sah, die zahlreichen Kleinodien des 
Klosters auf das Schloss Mansfeld zu retten, wo dieselben verschollen sind. Schon 
1524 hatte eine Anzahl Nonnen das Kloster verlassen; nach dem Bauernlärme 
fand sich zwar der Rest des Convents nochmals in Wiederstedt zusammen, musste 
aber einen von den Grafen von Mansfeld dem Kloster vorgesetzten Aufseher 
dulden. Um die Mitte des 16. Jahihunderts wurde das Kloster säkularisiert und 
die Klostergüter wurden von den Grafen von Mansfeld eingezogen, welche seit 
Erwerbung der Freiherrschaft; Arnstein die Schutzvogtei über das Kloster aus- 
geübt hatten. 

Obwohl nun Ober -Wiederstedt von jeher ein Zubehör der Preiherrschaft 
Arnstein gewesen war und dieselbe auch nach der Sequestration chursächsisches 
Lehn blieb, so sahen sich doch die Grafen von Mansfeld genötigt, das etwa um 
1550 sequestrierte Kloster -Amt schon im Jahre 1561 drückender Schulden halber 
an den chursächsischen Bittmeister Jakob v. Blankenburg, Erbherrn auf Hilde- 
brandshagen, gegen 14,000 rheinische Goldgulden zu verpfänden, welcher bis zu 
seinem am 18. Febr. 1595 erfolgten Tode im Pfandbesitze blieb und am 4. März 
desselben Jahres in der Wiederstedter Dorfkirche, denn die Klosterkirche war 
schon längst eingegangen, begraben wurde. ^) Als Erbinnen hinterliess er zwei 



1) 8o in der Saxonia von Kranz u. a. a. O. ^ Diese und mehrere der nachfolgenden 
MitteUungen stützen sich auf eine handschriftliche „Historische Beschreibung des Klosters 
Ober- Wiederstedt von Aug. Ahrens 1840/' der seinerseits wieder auf einer gleichen Geschichte 



222 Hansfelder Oebirgskreis. 



Töchter, von denen die eine, liboria Ursula, an Ernst Ludwig v. Buigsdoif; die 
andere Gatharina, die Witwe Ulrichs v. Weverling, seit 1609 an den Herzogl. Braun- 
schwelg -Lüneburgischen Obersten Hans Christoph Yon Hardenberg vermählt 
war. Wegen einer Schuldforderung an den Herrn v. Bui^orf erhielt im Jahre 
1634 Hans Christoph v. Hardenberg, obwohl seine Gemahlin Catharina bereits 
1612 gestorben war, das Amt Wiederstedt nebst dem Eupferberge zugesprochen, 
welches der Erblasser eigentlich der verehelichten v. Buigsdorf zugedacht hatte, 
und seitdem ist bis jetzt die freiherrliche Familie von Hardenberg, welcher der 
Dichter Novalis entspross, im Besitze des Amtes geblieben^) und hat mit dem- 
selben das (1742) von dem Landrichter Bodenbuig erkaufte Freigut, wie auch 
(1747) das Patronatsrecht über die Ortspfarre vereinigt. Der letzte Graf von Mans- 
feld, Fürst von Fondi (f 1780), verzichtete auf die Wiedereinlösung des Amtes 
Wiederstedt, welches nun in das Eigentum der v. Hardenbei^schen Familie 
übeiging. 

Nach Meinecke, Ahrens und Siebold sind die übrig gebliebenen Elostei^ge- 
bände und die Klosterkirche, an deren Mauern kein altertümliches Bildwerk 
und kein Denkstein zu erblicken ist, zu Scheunen und Eornhäusem umgewandelt 
worden. Doch sollen sich in der ehemaligen später als Scheune gebrauchten 
Klosterkirche mehrere schöne Grabdenkmäler befunden haben, unter denen 
besonders diejenigen einiger Fürsten von Anhalt durch Pracht und Kunst aus- 
gezeichnet gewesen sein sollen. Sie waren ganz von Messing und mit künstlichem 
Bildwerk und Figuren reich geschmückt Aber leider ist von diesen Denkmälern 
laicht die geringste Spur mehr vorhanden. Doch sind uns in älteren Werken 
einige Grabinschriften aus der Klosterkirche aufbewahrt worden. Zunächst ist zu 
erwähnen die Grabinschrift der Fürstin Helena von Anhalt, welche eine Tochter 
Wetzlavs HL, Fürsten von Bügen, und Gemahlin des Fürsten Bernhard U. 
von Anhalt gewesen, am 9. Aug. 1315 gestorben ist und unter dem Taufsteine 
begraben sein soll. Die Inschrift lautete: 2) 

Anno MCCCXV obiit Helena D(ucissa). Ruye. 
(== Rugie), uxor illustnssimi principis Bemhardi 
in vigilia Laurentii, cuius anima requiescat in pace. 

Amen. 

Das Grabmal des Fürsten Bernhard VI. von Anhalt, welcher am 2. Februar 1468 
starb, trug folgende Inschrift: 

in Nonis Februi, quartus fuit Hie, recessit 
Dum!?) come8 ingenuus Bernhardus, qui hie requiescit 

Amen.^) 

Die Grabinschrift der einzigen Tochter Bernhards VI. und seiner Gemahlin 



des Ober-WiedeiBtedter PfarrerB Meinecke (1751—1791) und einigen Hettstedter Amialen 
fnsst, und endlich auf den Bericht des Predigers Slebold (1828) in Bosenkranz, Neue Zeitschr. 
f. d. Gesch. der german. Völker I, 1, ß^ ff. Halle 1832. i) Vgl Geschichte des Geschlechts 
von Hardenberg von Joh. Wolf, Kanonikus zu Nörten, Göttingen 1823. ^) Lentz, Beck- 
mannus enucleatus p. 513. S) Beckmann, Historie von Anhalt Y, 81. Lucae, Fürstensaal 
S. 907. 



(Ober-) Wiederatedi 223 



Hedwig, einer geborenen Herzogin von Sagan, welche Mechthild hiess und mit 
ihrem Vetter, dem Fürsten Sigmund IL vod Zerbst^ vermählt war, lautete r^) 

Bernd comitis nata iacet hie Meehthildis humata, 
Que sibi ait grata, genuit quem Virgo beata. 

Auch Otto nL von Anhalt und seine Gemahlin Helena waren nach Ausweis 
einer Urkunde vom Jahre 1404 in der Klosterkirche an dem Altar begraben, 
welcher allen Engeln und S. Pancratius geweiht war, desgleichen der 1420 ge- 
storbene Fürst Bernhard V. von Anhalt, aber ihre Grabinschriften sind uns nicht 
erhalten. 

Doch gedenkt der Pastor Meinecke in seiner hinterlassenen Schrift noch 
eines anderen Leicbensteines mit folgenden Worten: „Bei Nachsuchen in der 
alten Kirche (Klosterkirche) fand man eine Elle tief unter der Erde noch einen 
alten Leichenstein ohne Bild, bloss mit der Umschrift: 

Anno MCCCCXXV vigilia ascensionis 
divini (domini?) o(biit) providus Hans 

(hier ist der Name weggebrochen) 

— ter cuius aia requiescat in pace.' 



« 



Ahrens aber bemerkt dazu: „Welcher Person dieser Leichenstein angehört hat, lässt 
sich nicht mehr ausmitteln. Doch wäre möglich, dass derselbe sich auf den Jo- 
hannes Waley, ordinis fratrum predicatorum professor, bezieht, welcher im Jahre 
1401 von dem Papste Bonifatius IX. zum coadiutor des Propstes Sander ac 
director et administrator des Klosters Wiederstedt auf Lebenszeit ernannt wurde^) 
aber schon vor seinem Tode dem 1417 urkundenden Propste Johannes Wunsch 
Platz gemacht haben kann/' 

Besondere Beachtung verdient das „Inventarium der cleinot der monstran- 
cien und der bilde und anders, so von Widdersted t aussmcloster im aufrur (1525) 
anher gen Mansfelt kohmen und deni techent zu getrawen banden in die kirchen 
uberantwort," welches von mir in der Zeitschrift des Harz Vereins VII, 418 flE. ver- 
öffentlicht worden und auch im M. 0. S. 601—605 zu finden ist, da es einen 
genauen Einblick in den in der Folge völlig verschollenen Kleinodienschat2 ge- 
währt. 

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit der nach Siebold neben der vor- 
maligen Klosterkirche stehenden Dorfkirche zu, welche, wie die Klosterkirche, 
ebenfalls der Jungfrau Maria gewidmet war, aber die letztere an Alter ganz 
bedeutend überragte, da sie bereits im achten Jahrhundert vorhanden und die 
flauptkirche des Bannes Wiederstedt war. Das Recht des Archidiakonats verblieb 
der „unteren Kirche^ auch, nachdem das Kloster vom Kupferberge nach Wieder- 
stedt verl^ worden war, doch wurde „die Kirche der Schwestern^' im Oberdorfe 
schon 1262 von der Gerichtsbarkeit des Archidiakons befreit 

Die jetzige Dorfkirche mit gerade geschlossenem Altarraum stammt natürlich 
nicht aus der Zeit der ersten Gründung. Nach der Meinung von Ahrens ist die 
ältere Kirche abgebrochen und die gegenwärtige ungefähr kurz vor dem 

1) Beckmann, a. a. O. V, S. 86. — Lentz, Beckmanuus enacleatus S. 583. ^) Mansf. 
Urkundenb. S. 587 u. 588. 



224 Mansfelder Gebiii^^skreis. 



16. Jahrhundert an ihrer Stelle erbaut worden, da die Bauart und das 
Mauerwerk kein hohes Alter anzeigten, eine Ansicht, welcher durchaus beizu- 
pflichten ist. 

[S] Der ehemalige Schnitzaltar ist zu Gunsten einer darauf angebrachten 
Kanzel nach links und rechts auseinander gerissen. Das Mittelbild, die Mutter Gottes, 
ist nicht mehr vorhanden. Bechts steht die h. Barbara, links die h. Katharina. 
Auf dem linken Flügel sieht man oben die Verkündigung, unten die Geburt 
Christi; auf dem rechten Flügel oben den Besuch bei Elisabeth, unten die An- 
betung der h. drei Könige. Die Schnitzerei im Geschmack des ausgehenden 
15. Jahrhunderts ist leidlich erhalten und von ausdrucksvoller Wirkung. Auf den 
Rückseiten sind die zwölf Apostel gemalt, darunter einer in der Tracht der an- 
gegebenen Zeit. 

[G] An der Nordseite befindet sich das Grabdenkmal des am 18. Febr. 1595 
verstorbenen Jakob v. Blankenburg. Der Ritter und seine Gemahlin knien zu 
beiden Seiten eines Crucifixes. Ausser verschiedenen Bibelsprüchen und den 
rechts stehenden Wappen derer v. Blankenburg, v. Falkenberg, v. Bohren, v. Ruhlen 
und den links stehenden derer v. Arnim, v. Quitzow, v. Schlabemdorf und 
V. Finken erblickt man unterhalb folgende Inschrift: 

5u £(^ren ittiö %tbäj^in\% 5ee (Beßrengnt 

€5Un uti^ ^^renfeflen ^aX^h o. iBIantfenDuvg toepUmö 
(£^ttvfftr^U(^ M^%^€Xi U^aXXtn 2iitmeiflev0, (Crbfaji auf 
I&il6bvan50^agen , Jn^aber 5t<fes Itloßeve, rod^a %nno 
]5$5 btxi }$. c^ebvuar, feinem llltere 70 Ja(^v in <C(^riflo 
feelig entschlafen: i^aUn hU nachgelaufenen ;Brtt6ere Joachim 
nn6 (Dtto 0. 1&, un5 IDUbe ;5avbara^ gebo^v. 0. HtnXvBi 
biefee £pitap^inm oorfertigen fa^en. 6ott »oUe i^m eine 
frö^lic^e }(ufevfle^ung gnäbigüc^ oovlei^en. 

Ein anderer, aufrecht stehender r^eichenstein , welcher sich vermutlich auf 
eine Schwägerin des Jakob v. Blankenburg bezieht, trägt folgende zum grossen 
Teil verdeckte Inschrift: 

JltQ0 1573 I. 15. Ictdbrr i|l in ti\tt aqI eljrci- 

M« 3ii|frii Citljiriii 

ifi An im, \%tH XWtxii 18 3il|r, ii 60tt Ijicr }i 

»kferMt 

Nach der von Siebold mitgeteilten Ortsüberlieferung ist dieses Fräulein von Arnim 
vom Blitze erschlagen worden. 

Auf dem Turme hängen drei Glocken von 1,01, 0,91 und 0,65 m Durch- 
messer. Die grosse und die kleine sind im Jahie 1826 in Wiederstedt in der 
Nähe des Kirchhofs gegossen worden. Auf der einen Seite der grossen steht: 

latdiflH Itaii fnsnniincift liii^ti irbif(f|sn Isßtna üidi an; 
%htxi xxtv^wmmtn üstiiinlV hta ^%tt\tnB mnUtnös l^cfjiagt, 
^lay ic9 nn<^ tmt^tnXx miti din Oötn der '%t^ttt txtxi l^vti]. 

Auf der andern Seite steht: 



2 



(Ober-) Wiederatedt. 225 



Sun Sfil 

bta ^nf$ot{B f. C. flt. l^iffioli^, 
ikffi Si4ul|in i. Wü. 1^. diffna 

auf Ijloitin i^fr t^irndnikf umgcgon^ftt 

üon 
f niiHridi l^ff aua Cniuf^urg. 

Vor dem Umguss trug die grosse Glocke nach einer Aufzeichnung des Pastors 
Meinecke folgende Inschrift Auf der einen Seite: 

In Dei O. M. gloriam, 
illustris ac generosissimi Domini Anton Gottlieb Christoph 
ab Hardenberg, in Hardenberg, Geismar, Lindau, Mockritz, 
Greissnitz et Döschutz Hereditarii ut et possessoris in Ober- 
wiederstedt, qui maxime pii dispensatoris partes ad amussim 
supremi mortalium moderatoris exequi voluit, splendorem et 
memoriam posteritatis, incolarum denique reminiscentiam inter 
alia benignitatis documenta haud intermoritura ad campanam 
hanc ducentos thaleros extrema legavit voluntate dn^ Balthasar 
Schaff 1er Oeconomus Hardenber: mense Septembris Anno 

MDCCXL. 

Auf der andern Seite: 

Quae campana tempore Johann Erhard Lippen Dni Pastoris, 
Tobiae Reinhardts Ludimagistri, Anthonii Grossens et Georgii 
Kühnens, templi curatorum, Halae formata, sonoro pulsu sonat, 

resonet in Dei O. M. gloriam. 
Fridrich Aug. Becker goss mich in Halle 1740. 

Die kleine oder Feierabendsglocke hat auf der einen Seite dieselbe Inschrift, 
wie die grosse Glocke, auf der andern aber steht: 

Httf^e ffin^en freutiMic^ meine llänge^ 
IDenn btv Hbcnb mWb (ernie^ev Pnft; 
Hn^ ergebt ble ISinba^i (feflgefd'nge, 
o^eievUc^ mein Tinba^t^wif evtlxnqt 

Vor, dem ümguss hatte sie auf der einen Seite folgende Inschrift: 

Soli Deo gloria. 
Georg Anton v. Hardenberg, Inhaber des 
gräfl. Mansfeld. Amts Ober wiederatedt. 

Auf der andern stand: 

M. Joh. Georg Hoffmann T. H. Pastor 1709. 
Wenn diese Glocke wird zu deinem Dienst erklingen, 
So las, o grosser Gott, die Andacht uns gelingen. 
Frid. Aug. Becker goss mich um in Halle an. 1741. 

Die alte Mittelglocke dagegen tragt folgende Umschrift: 
Mansfelder Gebirgskreis. 15 



226 MaDsfelder Gebirgskreis. 



Michael Emestus Kranich Pastor. Laurentius Frank, 
# Andreas Baumburgk, Kirchväter. 
Durch Gottes Hilff goss mich Hans Melchior 
König von Erfurth in Brinrode 

1657. 
In einer Rundung stand: 

Frid. Askano v. Hardenb. des Klosters Ober. VV. Inhaber. 

Femer folgende Verse: 

Crux Christum tulit ista, crucem Christus tulit istam. 
Pro nobis illum crux tulit, ille crucem. 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass im dreissi^ährigen Krie.i^e auch Wieder- 
stedt grosse Drangsale hat erleiden müssen. In den Jahren 1634—1648 ist der 
Ort fast völlig wüste und unbebaut gewesen, denn im Jahi-e 1639 hat man nicht 
mehr als 3 Morgen Acker bestellt. Der damalige Pastor Hoffmann meldet in 
seiner gedruckten Wetterpredigt, im Kirchturmknopfe habe man sehr betrübte 
Nachrichten davon gefunden, dass damals kaum fünf bis sechs Paar Leute in 
Wiederstedt und auf dem Kupterberge gewesen ; die Kirche sei von den Soldaten 
zu e*»nem Pferdestall, der Kirchturm zu einem Wachtturm gemacht, alle Stühle 
und Bänke seien verbrannt, das Pfarrhaus gänzlich abgebrochen, alle übrigen 
Häuser demoliert worden, und alles sei wild mit Sträuchern und Unkraut 
bewachsen gewesen. Erst nach erfolgtem Frieden hätten sich Obrigkeit und 
Unterthanen wieder eingefunden. 



Wieserode. 

[G] Kirchdorf mit 1880: 199; 1890: 210 Einwohnern, 13,5km westnordwestlich 
von Hettstedt, im Mittelalter im Schwabengau in der Grafschaft Falkensteiu ge- 
legen und zu dem Halberstädtischen Harzbanne (bannus nemoris) in geistlicher 
Hinsicht gehörend. Der Name des Ortes (urk. 964 Witserod, 1227 Wiesederode, 
1287 Widizerode -(auch Witzerode), 1292 und 1295 Widzerode, 1339 Wizerode, 
1343 Wizzerode, 1367 Wydzerode, 1400 Vieserode) enthält den sehr altertümlichen 
Personennamen Witiza, bedeutet also = Rodung des Witiza. An eine Zusampaen- 
setzung mit dem Worte Wiese, die ohnehin keinen Sinn gäbe, ist nach Ausweis 
der urkundlichen Formen also nicht zu denken. Das Oemeindesiegel mit der 
Inschrift: „Gemeinde - Siegel • zv • Wieserode" zeigt als Siegelbild zwischen 
der Jahreszahl 1817 einen Laubbaum, also sicher die Dorfliude als Sinnbild der 
Dortgemeinde. 

In Wieserode sass ein Geschlecht vom niedern Adel, als dessen Mitglieder 
1295 Borchardus de Widzeiode und 1339 bis 1343 der discretus vir Busso Wizze- 
rode marscalcus bezeugt sind. 

IS] Die alte, einem nicht bekannt gewordenen Heiligen geweihte Dortkirche, 
über deren Gründungszeit kein Zeugnis vorliegt, welche aber über dem (süd- 
lichen) Eingange die Jahreszahl 1617 zeigt, ist im östlichen Teile erneuert, dangen 



hat der tm Westen stehende Turm (Nt. 110) die alte, malerische Form be- 
halten. 

Über dem Altai befindet sich ein ziemlich gut erhaltener, geschnitzter 
Schrei n mit der Anbetung der drei Könige inmitten, deren einer bei abgenommener 
Krone vor dem Ohriütkinde kniet; die beiden andern stehen. Darunter be- 
findet sich mit der Jahreszahl 1615 die anscheinend aus einem altkirchlichen 
Hymnus entnommene Inschrift: 

Reges de Saba veniunt, 

Aurum Thus Hyrrham oFTerunt. 

Ijnks nnd rechts erblickt man je vier Heilige in zwei Etagen. Auf dem linken 



Nr. 110. 

Flügel stehen 2x4 Heilige, unter ihnen S. Laurentius und einer mit seinem Kopf 
in der Hand. (S. Alban oder S. Dionysius?) Auf der Rückseite befindet sieb 
eine gemalte Verkündigung Maria. Auf dem rechten Flügel sind die Heiligen 
ebenfalls kanm bestimmbar. 

Die zwei Glocken auf dem Turme haben 0,59 und 0,39 m Durchmesser. 
Die grössere ist 1858 von Engeicke in Halberstadt, die kleinere von Hans 
Heinrich Rausch in Erfurt 1653 gt^ssen. 



228 Mansfelder Gebirgskreis. 



Wippra- 

[G] Ein Marktflecken von geringer Grösse und durch das enge ungleichraässig 
geformte Thal des gleichnamigen Flusses mannigfach zerrissen, mit 1880: 110(5; 
1890: 1066 Einwohnern, liegt 19 km südwestlich von Hettstedt, unweit der Ver- 
einigung der „alten'' und der „schmalen" Wipper. Ursprünglich war es der 
Hauptort einer zum grösseren Teil im Friesenfelde, zum kleineren im Schwaben- 
gau gelegenen Freiherrschaft bezw. Grafschaft, welche den gleichnamigen, schon 
um 1045 urkundlich erwähnten Edelberren von Wippra gehörte und nach einem 
Lehnbriefe des Erzbischofs Albrecht v. Magdeburg vom Jahre 1523 ausser dem 
Flecken Wippra die Dörfer Popperode, Hilkenschwende und die wüst ge- 
wordenen Dörfchen Haselbach, Luttenheim (1718 Lüttgenhain), Nuendorf, 
Gerenschwende, Atzenschwende, Bodeuschwende und die Gretenmühle 
umfasste. 

Später werden zu Wippra gezählt: Braunschwende, Königerode, 
Biesenrode, Abberode, Hermerode, Ritzkerode, Steinbrückeu und 
Friesdorf. Dies geschah nach der Vereinigung mit der Herrschaft Rammelburg. 

Der bisher noch nicht erklärte Name des Flusses und Fleckens, welcher 
letztere ohne Zweifel nach dem ersteren benannt ist, und der auch noch in andern 
jetzt oder doch ehemals deutschen Landschaften (so die Wipper oder Wupper, ein 
Zufluss des Rheins; die Wipper, ein Zufluss der Unstrut; die Wipper in Pommern, 
die Wipper im thüringischen Osterlande, und vermutlich auch die Wjeprz, ein 
von rechts kommender Zufluss der Weichsel, der wohl schon in der Urzeit 
von germanischen Anwohnern seinen später slavisch umgestalteten Namen er- 
halten hat,) vorkommt und im 8. Jahrhundert üuipparacha, 964 Wippere, 1135 
Wippera, 1154 Wippere, 1376 Wyppere, 1382 Wippera, Wipfera, 1523 Wippra 
geschrieben wird, bedeutet ein in zitternder Bewegung befindliches, 
eilendes, wippendes Wasser. (Vgl. unser weifen und wippen, Wipfel und 
Wimpel.^) 

Die Edelherren von Wippra, welche zeitweilig auch als Grafen von Wippra 
bezeichnet werden, und deren Wappen leider nicht bekannt geworden ist, hausten 
auf dem nördlich dicht liber dem Flecken gelegenen Schlosse (siehe Nr. 1 1 1 auf 
Seite 229), einem der ältesten am Harze, von welchem nur spärliche Überbleibsel 
noch erhalten sind, welches aber einen bedeutenden Umfang gehabt haben muss, 
wie nicht nur die Ausdehnung des Schlosshofes, sondern auch aer Umstand be- 
weist, dass in einer Urkunde vom Jahre 1321 vier Burgmänner (castellani) des 
Schlosses Wippra aufgezählt werden. Den Kern des Schlosses bildet ein in der 
Richtung von W. nach 0. längs der Wipper sich erstreckender und hoch über 
dieselbe sich erhebender Rücken aus Thonschiefer, dessen Scheitelrand von einer 
aus sehr alten Backsteinen grossen Formats erbauten Mauer eingefasst war, welche 
der Ausdehnung des Rückens sich anschloss. Die Länge des Burghofs innerhalb 
der Mauer beträgt 90 — 95 Schritt, die Breite an der breitesten Stelle des Rückens 
50—55 Schritt, während die beiden etwas kurz ausfallenden Schmalseiten nur 



*) Gross 1er, die Ortsnamen des Mansfelder Gebirgskreises. (Zeitschrift des Harzver. 
XIX, S. 323. 1886.) 



Wipp». 229 

je 16—20 Schritt Länge haben. Die Mauer und zumteil auch der Bui^hof ist 
mit Gesträuch stark bewachsen, sodass die Verhältnisse nicht bequem erkeuubar . 
sind. Nach der Südseite, welche steil zur Wipper abfällt, desgleichen nach Osten 
hiD, wo ein tiefer anscheinend natürlicher Einschnitt den befestigten Rücken von 
eiaem andern weiter nordöstlich gelegenen scheidet, bemerkt man keine weitere 
Befestigung, da hier die Steilheit des Absturzes genügenden Schutz bot Nach 
Norden dagegen li^ der Umfassungsmauer ein breiter Graben vor, der vermutlich 
einen äusseren Burghof bildete, dessen Umfassung nach aussen eine noch deutlich 
bervortretende wallartige Erhöhung bildet. Von dieser aus lallt der Berg such 
nach Norden steil ab, dessen Fuss ein allmählich höher steigender, im Westen 
beginnender, an der Nordseite eraporführender und von Osten her in den Burghof 
tretender Fahrweg umschlingt, dessen Aussenseite ebenfalls durch einen wallartigen 
Aufwurf geschützt war. 

Westlich vom Schlosse liegen noch die sogenannte Kanzel und die Alten- 

K. 



Nr. tu. 

bürg, Tennutlicb kleine Vorburgen des Hauptschlosses oder — wenigstens die 
letztere — die älteste, hoch bescheidene Wohnstätte des edlen Geschlechtes, welches 
seit dem Anfange des XL Jahrhunderts in den Urkunden erscheint Poppo 
V. Wippra, welcher um 1045 starb, eröffnete ihre Reihe, soweit dieselbe bekannt 
ist, und war vermutlich der Grunder des seinen Namen tragenden Döifchens 
Popperode. Am angesehensten war Graf Ludwig IL von Wippra, der Stiefvater 
des Erzbischofs Wich mann von Magdeburg und Gemahl der Urätin Mathilde 
von Wettin, welcher mit der letzteren das Nonnenkloster Rossleben a. ü. gründete 
und im Jahre 1151 starb. Nach dem Erlöschen seines Geschlechts, welches etwa 
um das Jahr 1175 mit Cuno IIL ausstarb, kam die Herrschaft Wippra durch die 
Erbtochter Kunigunde, eine Tochter Ludwigs IL und Gemahlin des Edelherren 
Friedrich von Hakeborn, an dieses aus dem Nordschwabengau stammende edle 
Geschlecht, welches gleichzeitig die Herrschaft Helfta durch diese Heirat erlangt 



230 Mansfelder Gebirgskreis. 



hatte und dessen Wappen einen meist achtstrahligen Stern enthielt. In der Folge 
wurde über die Herrschaft Wippra von den Edelherren von Hakebom durchw^ 
so verfügt, dass der älteste Sohn die Herrschaft Helfta, der zweite dagegen die 
Herrschaft Wippra bekam. Nachdem der jüngere Bruder Ludwig I. von Hake- 
born seine Herrschaft Wippra bereits im Jahre 1269 dem Erzstift Magdeburg 
übergeben, d.h. wohl nur zuljehen aufgetragen hatte, i) da er auch später noch im 
Besitze von Wippra erscheint, wurde dieselbe (vermutlich von seinem Sohne 
Albert V. von Hakeborn) im Jahie 1328 völlig an das Erzstift Magdeburg ver- 
kauft und erscheint daher seitdem nicht mehr im Besitz der Edlen von Hakebom.^) 
Der Verkäufer, der, wie schon sein Vater, in engen Beziehungen zu östlichen 
Fürsten stand, scheint das Kaufgeld dazu angewandt zu haben, sich im Osten neue 
Besitzungen zu kaufen und so der Gründer der märkischen bezw. schlesischen 
Linie der Hakeborne geworden zu sein. Etwa um das Jahr 1370 belehnte Erz- 
bischof Albrecht von Magdeburg die Grafen Dietrich, Ulrich und Heinrich v. Hohn- 
stein mit dem Schlosse Wyppere nebst Zubehör.^) Aber schon bald nach der 
dritten Hohnsteinschen Erbteilung vom Jahre 1373 erhielt der jüngere Spross 
der jüngeren Linie, Graf Ulrich v. Hohnstein, unter anderra auch die Hälfte der 
Burg Wippra nebst Zubehör.*) 1382 verkaufte Graf Ulrich seine „Hälfte des 
Huses und Slosses Wippera'^ für 450 Mark wieder an den Erzbischof Albrecht, 
und nun belehnte dieser 1384 mit derselben seinen Bruder Bruno von Querfurt 
und den Grafen Busse von Mansfeld. Die andere Hälfte scheint aus dem Besitz 
des Grafen Heinrich von Hohnstein vorübergehend — vermutlich pfandweise — 
in den Besitz der Brüder Hans und Bethmann von Tilkerode gekommen zusein, 
da diese Mittwoch vor Palmarum 1385 bekennen, von den Grafen Busse und 
Günther von Mansfeld 275 Mark Silber für die von ihnen verkaufte Burg Wippra 
erhalten zu haben.ö) 1418 nennt Protze v. Querfurt in einem Tauschvertrage mit 
dem Hallischen S. Moritz-Kloster das Schloss Wippra das seinige,^) doch kann nach 
wie vor nur die Hälfte des Schlosses querfurtischer Besitz gewesen sein, da 1440 
Erzbischof Günther von Magdeburg die von dem Grafen Bruno von Mansfeld 
imd dessen bereits verstorbenem Bruder Gebhard bewirkte Verpfändung des 
Schlosses Wippra an die Edlen von Morungen für 2700 rheinische Gulden ge- 
nehmigte, 7) ein Zeichen, dass die Mansfelder seit 1384 den Mitbesitz behauptet 
hatten. Am 18. Juni 1440 verkaufte Bruno IX. v. Querfurt die Herrschaft Wippra 
(bezw. seinen Anteil an derselben) für 6000 Gulden an die Grafen Volrad, Gebhart 



1) V. Mülverstedt, Reg. Magd. II, Nr .1793. 2) Vgl. H. Grössler, Die Geschlechts- 
kunde der Edelherren v. Wippra (Mansfelder Blätter, 1890. IV. Jahrg. S. 15—29) und die 
Geschlechtskunde der Edelherren v. Hakeborn (Ebenda IV. S. 30—84), wo die urkund- 
lichen Belege über die Abstammung und die Besitzungen beider edlen Familien zu finden 
sind. 3j Demgemäss steht auch in dem Lehnbuche des Erzbischofs Albrecht von Magde- 
burg: „Theodericus, Vlricus et Henricus comites de Ilonsteyn habent castrum Wyppere 

cum Omnibus pertinentiis et Badens wen de." Im Lehnbuche Erzbischofs Albrecht IV. 
(1383—1403) aber steht: „Bosse vomme Hartze habet j allodium in Castro Wipper, 
jjjj mansos in campis ibidem et j curiam liberam. (Hertel, die ältesten Lehnbücher der 
Magdeburgischen Erzbischöfe. Bd. XVI der Geschicht«quellen der Provinz Sachsen p. 115 
u. 29:5.) ^) Karl Meyer, Festschrift, Nordhausen 1877, S. 59. *) Urkundenabschrift in der 
Plümickeschen Samml., Mappe I, Nr. 4, p. 185. ^) v. Dreyhaupt, Saalkreis I, 755 ') Harz- 
zeitschr. 1874, S. 167. 



J 



Wippra. 231 

nnd Günther von Mansfeld, sowie an den Urafen Bodo von Stolberg, ent- 
band die Vorsteher der Gemeinheiten des Gerichts zu Wippra ihrer 
Unterthanenpflicht und verwies sie an ihre neuen Herren, die Grafen von Stol- 
berg und Mansfeld,i) und am 2G. Oktober desselben Jahres belehnte £rzbisehof 
Günther v. Magdeburg die genannten vier Grafen mit Burg Wippra nebst Zu- 
behörung. 1441 errichteten die Grafen von Mansfeld mit ihrem Mitbesitzer, dem 
Grafen Bodo v. Stolberg, einen Burgfrieden über Wippra, um Streitigkeiten für 
die Zukunft zu verhüten.^) Etwas vereinfacht wurden diese verwickelten Besitz- 
verhältnisse dadurch, dass (am Sonnabend vor purificacionis Mariae) 1443 Graf 
Günther von Mansfeld nicht nur seine Hälfte am Schlosse Morungen, sondern 
auch seinen Drittelanteil am Schlosse Wippra an seine Vettern Volrad und Geb- 
hart von Mansfeld für 5850 fl. verkaufte, 3) wie auch Graf Bodo von Stolberg am 
Freitag nach Quasimodo geniti 1445 das ihm gehörige Drittel des Schlosses und 
der Herrschaft Wippra an den Grafen Volrad von Mansfeld gegen Überlassung 
von Gebharts Drittelanteil an Morungen abtrat. Da sich nun im Jahre 1448 
(Montag nach Michaelis) die (jrafen Volrad und Gebhart von Mansfeld in ver- 
schiedene Burgen, welche ihnen gemeinschaftlich gehörten, derart teilten, dass 
Graf Volrad in den Besitz aller Anteile an dem Schlosse Wippra kam, so hatte 
seit 1448 Wippra in der Person des Graten Volrad v. Mansfeld nach langer 
Vielherrschaft wenigstens wieder einen einzigen Herrn erlangt. Bei der 
mansfeldischen Erbteilung im Jahre 1501 kam Wippra zunächst an den Vorderort, 
doch tauschte bald nachher Graf Albrecht vom Hinterort Wippra von .dem 
Vorderort ein und verband es mit seiner unmittelbar angrenzenden 
Herrschaft Rammelburg.*) Infolge dieser Verbindung verschwand nunmehr 
der Name „Schloss und Herrschaft Wippra^\ weil die letztere seitdem unter 
Bammelburg mitbegriffen war. Durch die Lehnspermutation des Jahres 1579 ging 
die Lehnshoheit über beide Ämter von Magdeburg auf Chursachsen über. 

Wann die Burg zerstört worden oder verfallen ist, ist nicht bekannt; doch 
wird das in der Zeit geschehen sein, wo Graf Albrecht von Mansfeld Rammelburg 
als Sommeraufenthalt und Jagdschloss bevorzugte, während die Häupter der 
übrigen Linien bereits ihi*e besonderen Residenzen hatten und überdies Graf 
Albrecht es vorzog, sich den Hinterort auf Schloss Mansfeld neu zu erbauen, 
übrigens scheint das Schloss Wippra mehrmals belagert, zerstört und neu erbaut 
worden zu sein, da in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts der freiherrliche 
Gutspächter, Amtsverwalter Sturm, bei Abräumen des Schuttes vom Schlossplatze 
die Wahrnehmung machte, dass die auf den Felsen gesetzten ursprünglichen 
Grundmauern von einer Schicht Schutt und Asche überdeckt waren, auf welcher 
dann wieder eine neue Grundmauer, gleichfalls Spuren gewaltsamer Zerstörung 
tragend, errichtet war.^) 

Älter als die Burg ist jedesfalls das Dorf, der spätere Flecken Wippra, 
welcher bereits im achten Jahrhundert und dann wieder 964 urkundlich erwähnt 



i)v.Dreyhaupt, Saalkreisl, 128. 2) y. Mülverstedt, Regg. Stolberg. p.404. 3)XJr- 
kundenabschrift in der Piümickescben Sammlung zu Eisleben, Maiisf. 4, Mappe I, S. 174 
Nr. 122. *) Krumhaar, die Besitzungen der Urafen v. Mansfeld S. 107. ^) Rosenkranz, 
Neue Zeitschr. f. d. Gesch. d. german. Völker I, 2, S. 59. 



232 Mansfelder Gebirgskreis. 



wird, in letzterem Jahre als einer der Orte, in welchen Markgraf Gero seinem 
neugegründeten Stifte Gemrode Besitz zuwies. 1523 wird der Ort in einem 
Lehnbriefe des Erzbischofs Cardinal Albrecht zuerst als Flecken bezeichnet, 
doch nennt schon eine Urkunde des Grafen Ulrich von Hohnstein vom Jahre 1382 
neben dem Schlosse das Stadt lein Wippra, ein Ausdruck, aus welchem jedoch 
noch keineswegs die Eigenschaft als kleine Stadt zu schliessen ist, da auch solche 
Orte, die niemals Städte geworden sind, ja ganz kleine Dörfer, im 14. Jahrhundert 
als „stetichen'' bezeichnet werden. Ein vor dem Jahre 1738 bereits in Gebrauch 
gewesenes Siegel des Städtchens führt die Umschrift: 

Sigillum oppidi Wippera. 

und zeigt im Schilde ein schloss- oder kirchenartiges Gebäude, vermutlich eine 
misslungene Darstellung des bekannten Stadtzeichens, hier einer mit drei Türmen 
besetzten Mauer. Einer der Türme ist ohne Haube oder Spitze. Darunter befindet 
sich das längsgeteilte Mansfeld-Querfurter Wappen (Rauten und Balken). Es 
wird demnach dieses Siegel vielleicht der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
seinen Ursprung verdanken. Ein anderer, sehr undeutlicher Stempel hat die 
fehlerhafte Umschrift: 

Sigilum opedi Wipprae. 

[S] Die der h. Jungfr. Maria geweihte Kirche, in deren Siegel das Kirchen- 
gebäude mit links vom Beschauer stehendem Turme abgebildet ist, ist zumteil sehr 
alt, neuerdings aber durchgreifend restauriert, wobei sie geschmacklose Neuerungen 
sich hat gefallen lassen müssen. Namentlich ist die stark zopfige Umrahmung 
des schönen, an einigen Stellen ebenfalls ausgebesserten Altar sehr eins zu tadeln. 
Inmitten desselben steht die Schutzpatronin der Kirche, eine 2 m hohe Maria mit 
dem Kinde, links in zwei Fächern über einander je zwei Heilige ; rechts des. 
gleichen. Alle Figuren sind etwa 4' hoch, sauber geschnitzt und zumteil ver- 
goldet; unter ihnen skid zu erkennen S. Veit, S. Margareta, S. Barbara, S. Anna 
selbdritt, S. Elisabeth. Als Predella dient eine Grablegung. Das Sakraments- 
häuschen ist neu vergoldet 

Auf dem mit Fachwerkaufsatz versehenen Turme hängen zwei sehr alte 
Glocken, jede von 1,05 m Durchmesser. Die eine hat in gotischen Majuskeln 
folgenden leonischen Hexameter als Aufschrift: 







Nr. 112. 



Die andere, wohl erheblich ältere, trägt ebenfalls in gotischen Majuskeln nebst 
Medaillons und Heiligenbildern zwischen geschlängelten lotrechten Abteilungs- 
zeichen, wie solche sich auch auf der älteren Glocke in Piscaborn und andern 
Glocken finden, die Aufschrift: 



Ziegelrode. 233 






Nr. 113. 

[G] Die Inschrift der ersterwähnten Glocke (Nr. 112) lautet also: 

Hec ubi campana resonet, sint omnia sana 
Zu deutsch : 

Allen ergehe es wohl, die den Schall der Glocke vernehmen! 

Die Inschrift der zweiten aber (Nr. 113), deren Buchstaben zum grossen Teil verkehrt 
gestellt sind, ist zu lesen: 

Ave rex eterne glorie. 

Hierzu ist zu bemerken, dass in dem Wort Eteme die auf einander folgenden 
Buchstaben R und N in der Zeichnung nicht genau wiedergegeben zu sein 
scheinen. Zu deutsch: 

Sei gegrusst, ewiger König der Eliren. 

Ein Graf von Wippra soll der Kirche des Ortes den alten Kelch geschenkt 
haben, der noch jetzt in ihrem Besitze ist, in Erfüllung eines Gelübdes, das er 
auf einem Zuge nach Jerusalem abgelegt habe. Gleichwohl kann diese Über- 
lieferung nur einen Grafen von Mansfeld meinen, da die Form des Kelches und 
die Aufschrift: „hilf Jesvs Maria^^ auf das 15. oder 16. Jahrhundert als die Zeit der 
Anfertigung deuten.^) 



Ziegelrode. 

[GJ Kirchdorf mit 1784: 200; 1880: 800; 1885: 1165; 1890: 1014 Einwohnern, 
11 km südlich von Hettstedt, vormals im nördlichen Hosgau in der Grafschaft 
Mansfeld gelegen und während des Mittelalters in den Halberstädtischen Bann 
Eisleben gehörig, Filial von Ahlsdorf. 

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes (1311 villa Bodh prope Helbere 
ubi lateres decoquuntur, 1480 Czigelrode, 1526 Ziegelrode) zeigt ganz deutlich, dass 
der Name eine Rodung bezeichnet, auf welcher Ziegel gebrannt wurden, ja welche 
vielleicht nur einer Ziegelei halber angelegt worden ist Das Dorf dürfte daher 
verhältnismässig junges Ursprungs sein, obwohl es bereits unter den Halberstädter 
Lehnstücken der Grafschaft Mansfeld genannt wird. 

Das ältere Gemeindesiegel mit der Umschrift: Gemeine Ziegelrode 1756 (?) 
zeigt als Siegelbild einen strauchartigen Busch, über welchem die Sonne strahlt, 
(will also vielleicht auf das gerodete Gesträuch anspielen, wenn nicht etwa ein 
misslungenes Bild der Dorflinde vorliegt) und ausserdem die Buchstaben IAH, 
darunter I G K. 



1) Die Überlieferung selbst berichtet Hobohm in: Kosenkranz a. a. O. II, S. 59. 
Mansf eider Geblrgskreis. 16 



234 Mansfelder Gebirgskreis. 



Die angeblich namenlose, hoch über dem Dorfe liegende Kirche rührt jedes- 
falls noch aus dem Mittelalter her, wie deren halbachteckiger Altarschluss beweist, 
welcher in der nordöstlichen Wand ein schlankes, nach innen stark abgeschmiegtes 
Spitzbogenfenster entliält, und auch der Turm, dessen Erdgeschoss früher — wie 
in der Mutterkirche zu Ahlsdoif — mit einem mächtigen Rundbogen nach dem 
KirchenschiflTe zu geöfihet war. Möglicherweise ist die Kirche im Jahre 1726 um- 
gebaut worden, da am linken Gewände des Eingangs die Inschrift steht: 

S7^ m 

Sicher aber ist die Kirche laut Nachricht der Pfarrakten im Jahre 1837 erneuert 
worden, weil man dieselbe damals nur noch mit Lebensgefahr betreten konnte. 
Am 11. April 1838 wurde sie eingeweiht und „Bergkirche" benannt, „da sie 
vorher keinen Namen führte." Letzteres dürfte jedoch zu bezweifeln sein, da 
ilire Gründung sicher in die katholische Zeit zurückreicht; der Name des Heiligen 
ist eben, wie an so vielen andern Orten, schliesslich in Vergessenheit geraten. 

Die einzige Merkwürdigkeit des Innern ist ein KirchengestühJ, an welchem 
6 Wappen mit folgenden Sinnsprüchen befindlich sind: 

1. Amare ast amore. 

2. sanguine parfo(!) 

3. Victoriac testes. 

4. forti obediunt. 

5. florent inter arma. 

6. decus in iusto. 

Im Turmgewölbe sollen wurmstichige Figuren von einem früheren Altar- 
schreine liegen, ein Umstand, der ebenfalls für das vorretormatorische Alter der 
Kirche Zeugnis ablegt. 

Auf dem Turme hängt nur eine einzige Glocke von 0,88 m Durchmesser 
aus dem Jahre 1475, welche folgende Minuskelinschrift trägt: 

anno Uri m° ctcf liio°. 
Confolor nioa • feo • mortna • pello nocioa. 

Das letzte Wort dieser Inschrift steht unter dem Schriftkranze. Unter demselben 
ist auch die Majuskel T angebracht, wahrscheinlich der Anfangsbuchstabe des 
Glockengiessernamens. Man könnte an Hans Tyme denken, welcher um diese 
Zeit wirkte. Neben diesem T erblickt man eine Maria mit dem Kinde in erhabener 
Arbeit, neben welcher auf dem Mantel der Glocke steht: 

aof maria grana fltu. 

Bemerkt mag noch werden, dass v. Dreyhaupt zum Jahre 1738 2 Freigüter 
in Ziegelrode anführt, das Langische und das Thomasiussche; eine andre Quelle 
nennt nur eins, welches die Familie Türpe besass. 






Nachtrag. 

[G] Zu dem Artikel Mansfeld ist teils berichtigend, teils ergänzend , Folgendes 
Dachzutragen : 

Zu S. 150: Das Siechen haus S. Johannis an der Siebigeröder Strasse ist erst 
seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts ein Siechenhaus des Johanniter- 
Ordens. Das Alter des Hospitals wird durch diesen Umstand nicht beeinträchtigt. 

Zu S. 153: Das Gewölbe im südlichen Anbau der S. Georgenkirche zu Thal- 
Mansfeld birgt 12 Särge von Grafen und Gräfinnen von Mansfeld. Drei davon 
stehen zu ebener Erde, die übrigen in dem unterirdischen Gewölbe. 

Auch in einem Gewölbe des nördlich gegenüber gelegenen Ausbaues befinden 
sich viele zerfallene Särge, deren Zugehörigkeit aber unbekannt ist. 

Zu S. 153-156: Da die Beschreibung der drei Altäre in der Mansfelder 
Stadtkirche aus dreierlei Quellen geflossen war, so ist eine Verwirrung in der 
Beschreibung derselben die fast unvermeidliche Folge gewesen. Nach einer er- 
neuten Besichtigung in Gemeinschaft mit Herrn Landrat Freih. v. d. Beck, dem 
mancher wertvolle Hinweis verdankt wird, ist Folgendes festgestellt worden: 

1. Auf dem Altar steht ein geschnitzter Schrein mit zwei Seitenklappen. 
In der Mitte erblickt man einen grossen Crucifixus am T-Kreuz mit dem INRI- 
Zettel, dessen Kopf über dem Kreuzpunkt sich befindet und dessen Füsse über- 
einander geschlagen sind. Früher sollen dieselben auf dem Totenkopfe geruht 
haben, der jetzt am Fusse des Kreuzes liegt. Maria und Johannes stehen weh- 
klagend zur Seite; Maria Magdalena umklammert den Fuss des Kreuzes, ihre 
Salbenbüchse halb geöffnet unter den Füssen Christi haltend. Die Formen sind 
edel, die Ornamentstreifen schön. Auf dem rechten Seitenflügel erblickt man oben 
die h. Margareta und h. Barbara, unten Anna selbdritt und Johannes den Täufer 
mit dem Lamm. Auf der linken Seite stehen oben die h. Katharina und h. Elisa- 
beth, unten die Apostel Andreas und Jacobus. Die Rückseite zeigt die Legende 
des h. Georg in 4 gemalten Scenen, welche schon stark verblasst sind. 

Die Predella zeigt in einer wenig vertieften Nische, welche von einem mit 
spätgotischen Ranken werk verzierten Flachbogen überdacht ißt, die barbarische 
Peinigung Christi. Vier Gestalten mit ausdrucksvollen, zumeist rohen Ge- 
sichtern kreuzen zwei schlanke Baumstämme über dem Haupte Christi und drücken 
die Dornenkrone, die er trägt, mit Gewalt nieder. Ein möglichst widerwärtig dar- 
gestellter Mann, dessen rechte Hand ein Rohr gehalten zu haben scheint, kniet vor 
dem Herrn und verhöhnt ihn. (Fig. Nr. 90.) 

Auf den Aussenflächen der Predella- Flügel erblickt man gemalt S. Barbara 
mit Kelch, Hostie und Turm, S. Katharina mit Schwert und zerbrochenem Rad. 
Auf die inneren Flächen der Predella -Flügel sind die Heiligen Georg 
(links) und Moritz (rechts) gemalt. Zu beiden Seiten der Predella ist 
je ein Engel oder geflügelter Genius gemalt. Jeder von ihnen hält in 
der Hand ein Wappen mit derselben Marke, aus gekreuztem Schlüssel 
(oder Zainhaken?) und Gabel bestehend, welche vermutlich den Stifter des Altars 
andeuten soll, oder auch die Körperschaft, die ihn gestiftet 

2. Der links vom Hauptaltar stehende Schnitzaltar (Nr. 88) enthält in 
seinem Mittelfelde die Darstellung der Geburt Christi. Maria und Josef beten; 
das Christkind liegt auf dem Mantelsaum der Maria nackt am Boden; neben ihm 

lö* 




236 



Nachtrag. 



knieen zwei Engel; über ihm singen drei andere, welche auf Wolken schweben, 
von einem Notenblatt einen Lobgesang ab. Auf dem linken Flügel erscheint S. Anna 
selbdritt mit lieblichem Gesicht, die in einer Bergmannsstadt an solcher Stelle nicht 
wohl fehlen darf, und S. Ottilia, welche durch die auf das Buch gelegten Augen 
gekennzeichnet ist, auf hohlgeschnitzten Ornanientkonsolen. Auf dem rechten 
Flügel erblickt man zwei heilige Frauen; die eine hält in der rechten Hand einen 
kleinen glatten Stab, völlig einem Taktstock gleichend, in der linken ein grosses 
dünnes Buch, welches einem Notenhefte ähnelt; offenbar die h. Cäcilia. Die andere 
führt in der Rechten ein Schwert und hat das Bruckstück eines Rades zu ihren 
Füssen, ist also die h. Katharina. Auch dieser Schrein ist mit grosser Sorgfalt 
und auch mit Geschmack gearbeitet. Reiches vielverschlungenes spätgotisches 
Ranken werk umrahmt doppelt die dargestellten Figurenpaare; besonders üppig ist 
das Rankenwerk, welches sich am Fusse des Schreines in stattlicher Breite hin- 
zieht. Die Figuren zeigen durchweg edle und anmutige Gesichter, und die Ge- 
wänder umwallen die Gestalten in würdigen, geschickt angeordneten Falten. Die 
Erhaltung dieses und der übrigen Schreine ist im ganzen eine vorzügliche ; übrigens 
sind die Farben in neuer Zeit nicht ungeschickt aufgefrischt. 

Betreffs des zur rechten Seite des Hauptaltars stehenden Klappaltars (Nr. 89 
auf S. 155) ist hier nur zu bemerken, dass die Apostel in etwas anderer Ordnung 
als geschehen, zu verteilen sind, wie sich unwiderleglich daraus ergiebt, dass man 
bei der letzten Reparatur die Namen auf der Rückseite der Figuren angeschrieben 
gefunden hat. Die Verteilung gestaltet sich hiemach wie folgt: 



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Krönung 
Maria. 



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Philippus trägt hier den üblichen Kreuzstab, Simon die Säge, Bartholomäus das 
Messer, Matthäus den Geldbeutel, Jakobus der Ältere hat Pilgerstab und Muschel- 
hut, Matthias das Beil, Andreas das Schrägkreuz, Johannes den Kelch, Jakobns 
der Jüngere eine Kreuzfahne, Petrus den Schlüssel, Thomas nur ein Buch, und 
Paulus das Schwert 

Zu S. 160 : unweit der Kanzel — unter dem v. Trebraschen Denkmal — 
hängt eine Auferstehung von Krau ach aus dem Jahre 1545. Die Jahres- 
zahl und das Künstlerzeichen Kranachs ist in der untern Ecke ganz deutlich zu 
sehen. Gleich daneben folgt dann nach Norden zu das treffliche Luther-Porträt 
aus dem Jahre 1540, und noch weiter nordwärts das Porträt des im Jahre 1673 
zu Mansfeld verstorbenen Pastors Martin Rösner. 



Kunstgeschichtliche Übersicht 



[JB] I \er Mansfelder Gebirgskreis hat zahlreiche und bedeutende Baudenk- 
I ß mäler aufzuweisen in Stein und Holz, aus der romanischen Zeit und der 
gotischen, einige auch aus der der Renaissance und des Barockstils. £ine alte, nie 
unterbrochene Kultur hat hier ihre Spuren in den mannigfaltigsten Formen zurück- 
gelassen. Stattliche Kirchen, zahlreiche Burgen und Schlösser von den kleinsten 
aas ältester Zeit an bis zu den Biesen werken , die man am Ausgang des Mittel- 
alters gegen die niemals unterschätzte Zerstörungskraft der Feuergeschütze auf- 
türmte. Li^ auch vieles, ja das meiste davon, in Trümmern, so ist doch das 
Erhaltene noch so bedeutend, dass der Mansfelder Gebirgskreis mit zu den denk- 
mälerreichsten der Provinz gehört, eine wahre Fundgrube für den Archäologen. 
Yon den Denkmälern aus der romanischen Zeit sind aufzuführen: 
1. Die Kirche von Kloster-Mansfeld. Sie hat den Charakter der altsäch- 
sischen Kirchen an der Nordseite des Harzes. Das Langhaus des Mittel- 
schifTes bat aber nur zwei ziemlich streng angeordnete Quadrate, die zwar dem 
Vierungsquadrate leidlich entsprechen, nicht aber dem Altarquadrate, woraus 
vielleicht auf eine Änderung der ursprünglichen, wahrscheinlich noch ins 11. Jahr- 
hundert zu setzenden Anlage geschlossen werden kann. 

Die beiden Quadrate werden von einem freistehenden und zwei Wand- 
Pfeilern begrenzt; zwischen je zwei Pfeilern steht eine Säule; die so entstehenden 
vier Scheidbogen jeder Seite sind nicht von Blendbogen überspannt Sonst aber 
findet man manche Ähnlichkeit mit der Drübecker Klosterkirche. Die Abaken 
der Pfeiler bestehen z. T. aus mehreren nach oben verjüngten Platten von 
ungleicher Stärke, ähnlich wie in Drübeck. Auch ein Kapital mit Gesichtsmaske 
erinnert an Drübeck. Der Turm war dreiteilig. 

2. Die Klosterkirche auf der Conradsburg, ein Muster des romanischen 
Stiles in seiner höchsten Blüte nach dem Schema der Benediktinermönche 
in Hirsau; Blendbogen über den Arkaden des Altarraums, der von Seitenschiffen 
flankiert wird (ganz wie in Paulinzelle, Sangerhausen, Breitenau, Wimmel- 
burg u. a.). 

Die Krypta dreischifßg; die drei Scheidbogen auf Pfeilern mit Ecksäulchen 
ruhend; zwischen Mittelschiff und Absis reiche Bündelpfeiler, im Mittelschiff selbst 
Kapitale und Abaken von nie übertroffener Schönheit Die Aussenwände, durch 
breite Lisenen gegliedert, haben keinen Bogenfries. 

3. Die Dorfkirche S. Andreae in Siersleben, deren westlicher Teil romanisch 
ist; Kapitale von edlen, nicht überladenen Formen; die Basen ohne Eckblätter. 

4. Die Dorfkirche St. Wigberti in Creisfeld. Ein Teil des Schiffes ist 
romanisch; Tympanon und Kämpfer von grosser Schönheit. 



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I 



238 Kunstgeschichtliche üebersicht. 



Romanische Türme sind ausserdem noch erhalten in: Ermsleben (zwischen 
Chor und LangschifF, dreiteilig), Thal-Mansfeld (einteilig; erhalten ist ein aus 
Platte und Schmiege bestehender Kämpfer); Gorenzen, Grossörner, Vatterode, 
(Unterbau), vielleicht auch in Abberode. 

Sonstige romanische Reste sind erhalten in: Vatterode (frühromanische Absis, 
Bogen und Kämpfer); in Lichtenhagen, wo die halbrunde Chornische der „wüsten 
Kirche^' noch sichtbar ist. . 

Vielleicht gehört hierher die merkwürdige „Krypta" in Weibsleben (rippen- 
lose Kreuzgewölbe um eine achteckige Mittelsäule). 

Romanische Burganlagen sind: 

1. Altraorungen (nur Grundmauern erhalten, geringe Ausdehnung), 

2. der alte Falkenstein (nur in wenigen Trümmern erhalten), 

3. Schloss Falkenstein um 1118 erbaut (Bergfried aus romanischer 

Zeit, vielleicht auch die Mauern), 

4. vielleicht der alte viereckige Turm in Meisdorf als Überrest einer alten 

Wasserburg, 4 Räume über einander, der obere ist Wohnung), 

5. vielleicht Trutz -M an sfeld in Leimbach (Keller und Gewölbe noch 

erhalten), 

6. Schloss Wippra (nur Ringmauer erhalten; grosse Ausdehnung), 
Die Akkeburg an der Selke (nur noch ein wallartiger Erdhaufen erhalten), 
die Altenburg bei Alterode (noch Ruinen erhalten), 

das sog. Neue Schloss bei Braunschwende (ein uraltes Erdwerk), 

die Sachsenschanze bei Alt-Morungen 
lassen sich nicht näher bestimmen; sie gehen wohl zumteil in die vorgeschichtliche 
Zeit zurück. 

Ein ganz erhaltenes romanisches Schloss hat also der Kreis nicht auf- 
zuweisen. 

In die Zeit der Frühgotik gehört 

1. Das obere Turmgeschoss mit gekuppelten Spitzbogenfenstern in Siers- 

leben, 

2. der Altarraum der Kirche in Cr ei sfeld, 

3. der Chor der Kirche in Piskaborn (merkwürdiger Übergang in die 

spitzbogige Thürrundung durch Bänder und Akanthusblätter). 

Der Zeit der Hochgotik gehört nur der halbachteckig geschlossene Altar- 
raum der Weibsleber Kirche an. 

Um so häufiger sind spätgotische Bauten. 

Der Hochgotik nahe steht die Jakobskirche in Hettstedt in ihren älteren 
Teilen. Dahin gehört der Altarraum mit seinen zierlichen, eigenartig geformten 
Strebepfeilern. Im Masswerk der Feuster überwiegt jedoch durchaus das Fisch- 
blasenmuster. Ein QuerschifF hat die Kirche nicht; ein solches findet sich, abge- 
sehen von den romanischen Kirchen, überhaupt nicht im Kreise; (in Thal-Mansfeld 
scheint es nur so). Ausser der Hettstedter sind spätgotische Kirchen oder Teile davon 
in folgenden Orten vorhanden : In Ahlsdorf, Annarode (1520, halbachteck. Schluss), 
wahrscheinlich gehört die Arnsteiner Schlosskapelle noch hierher; ferner die 
Kirchen in Bräunrode (1517), Creisfeld (Turm und Schiff), Dankerode (Altar- 
raum gewölbt), Endorf (halbachteckig geschlossen, Turm neu), Hergisdorf (1472 



i 



Eunst'zescliicfatliche üebersicht 239 



begonnen), Kupferberg (gerader Chorschluss) Schloss Mansfeld (bedeutende 
Höhe, ganz gewölbt, halbacbteckiger Altarraum), Grossömer, Thal Mansfeld, 
(zweischifBg geplant; Querschifiahnliche Anbauten) und Wiederstedt (um 1500, 
mit geradem Chorschluss). Von Kirchtürmen gehören hierher die in Biesenrode 
(1424), Quenstedt (1448), Thondorf und Vatterode. 

Von Burgen und Schlössern gehören in die gotische Zeit die Ruinen 
Neu-Morungen, Burgörner, Leinungen — von allen dreien fast nur noch je ein 
Turm übrig — , ferner einige Teile des Falken steins; wenn nicht sämtliche 
Umfassungsmauern, die vielleicht noch in die romanische Zeit hineinreichen, so 
doch sicher der Holzbau an der Nord Westseite, der in das letzte Viertel des 
15. Jahrhunderts fallt. Das Schloss Arn st ein ist zwar schon in romanischer 
Zeit vorhanden gewesen , die jetzt noch stehenden bedeutenden Überreste gehören 
aber in die gotische Zeit ; ein bedeutender gotischer Bau ist auch Schloss Hett- 
stedt; die Stadtmauern stammen ebenfalls samt den Mauertürmen aus gotischer 
Zeit Vom einstigen Schlosse Leimbach sind noch Keller und Gewölbe vorhanden. 

In die Renaissancezeit gehören nur wenige Kirchen ; nämlich dieSchloss- 
kapelle des Falkensteins, wo freilich von baulichen Formen nur wenig zu 
sehen ist, und die Schlosskapelle in Rammelburg (1575). 

Die Schlossgebäude von Rammelburg gehören alle dieser Zeit an; desgl. das 
Schloss bei Möllendorf, Neu -Asseburg genannt, und das Schloss in Ermsleben. 
Auf Schloss Falken stein gehört der nordwestliche Flügel in die Renaissancezeit, 
und zwar in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts; die Formen dieses Fachwerk- 
baues haben jedoch mit der Renaissance nichts gemein , sondern sind rein deutsch 
und ursprünglich. Die Oberbauten des westlichen Schlossflügels, ebenfalls aus 
Fachwerk, sind etwas später. 

Von bürgerlichen Profangebäuden sind nur zwei zu nennen, ein 
Fachwerkbau in Thal-Mansfeld aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts und 
einer in Ermsleben etwa aus derselben Zeit, die Formen beider haben noch 
Anklänge an die gotische Stilperiode. Hierher gehört schliesslich eine Emporen- 
stütze in der Eudorfer Kirche von 1556, deren Balkenkopf eine Walze bildet. 

Eine grosse Anzahl Kirchen verdanken den letzten beiden Jahrhunderten 
ihre Erbauung; sie haben zwar keinerlei Kunstformen aufzuweisen, mögen aber 
doch hier aufgezählt werden: 

Stangerode (17. u. 18. Jahrb.), Bluraerode (1715), Arnstedt (1725, jetzt neu) 
Meisdorf, Turm (1728—30), Königerode (1748—49), Rotha (1759), Leimbachi 
Petri-Pauü- Kirche (1776), Neuplatendorf (1781, Fachwerkbau), Sinsleben (1820), 
Siebigerode (1851). 

Moderne Bauten sind auch die Kirchen in Thondorf, Ulzigerode, Vatterode, 
Leinungen, Meisdorf, Morungen, Pansfelde (Turm mit Fachwerkaufsatz), Molmer- 
schwende( Fachwerkbau, Turm vielleicht älter). Braunschwende. Ganz neu ist auch 
die schöne Kirche in Quenstedt (Turm alt.) Demnach ist der aus der Zeit vor 
dem Neubau herrührende Text (Seite 189) zu berichtigen. Wie die Baukunst, so 
sind auch Plastik und Malerei reich vertreten. 

Einige plastische Arbeiten reichen sogar in die heidnische Zeit zurück, 
sind also älter, als alle Werke der Baukunst, Hierher gehören die merkwürdigen 
Flachbildwerke von Quenstedt, vielleicht auch die uralte Gestalt in Siersleben. 



240 Kunstgeschichtliche Vebersicht 



Aus frühromanischer Zeit stammt das Königspaar in Conradsburg, ebenfalls 
ein Flachbildwerk. Auch das Gesichtskapitäl in Kloster Mansfeld mag hier 
genannt werden. In der Hergisdorfer Kirche ist ein Bild Luthers von 1571 und 
ein roh gearbeiteter Christuskopf, beide in Flach-Relief, erhalten geblieben. 

Sonst sind plastische Figuren in Stein meist auf Grabdenkmälern und 
Grabsteinen erhalten. Aus romanischer Zeit ist aber nichts mehr vorhanden. 
Aus frühgotischer Zeit stammen die Figuren des Johannes und der Maria über 
dem Kii'chen portal in Piskaborn; sonst mag aus gotischer Zeit der Grabstein 
in Walbeck erwähnt werden, obgleich die Zeichnung nur in den Stein ein- 
geritzt ist. 

Nur die Renaissance- und Barock-Zeit ist ziemlich reich vertreten. 
Aus dem 16. Jahrhundert stammen: die wertvolle Hochrelieffigur des Grafen 
Albrecht VII. von Mansfeld (f 1560) auf Schlbss Mansfeld und die figuren- 
reiche Kreuzigungsgruppe in Flachrelief in der Schlosskirche Mansfeld 
zum Gedächtnis des Grafen Günther v. Mansfeld (f 1526.) Sehr gute Arbeiten 
sind die beiden lebensgrossen Figuren in Hochrelief in der Kirche von 
Ermsleben von 1561 und 1602. Von gewöhnlicher Arbeit ist das Grabdenkmal 
des Rottdorfschen Ehepaares in der Mansfelder Klosterkirche (nach 1564). Ein 
kleineres Grabdenkmal von 1578 findet sich in der Kirche zu Endorf. Dem 
16. Jahrhundert gehören ferner an der Drachsdoifsche Grabstein in Ahlsdorf und 
der Grabstein eines Grafen von Mansfeld in Gross- Lein ungen. 

Hervorragend ist — wahrscheinlich aus dem Ende des 16. Jahrhunderts — 
das schöne Grabdenkmal in der Ermsleber Kirche, auf dem in lebens- 
grossen Figuren ein knieendes Ehepaar dargestellt ist; Flachreliefs zieren den 
architektonischen Aufbau. Eine gute Arbeit aus der Rokokozeit (1759) ist der 
Obelisk in Endorf. 

Weniger wertvoll sind die Marra erarbeiten: das Grabdenkmal des Henn- 
richschen Ehepaares in der Klosterkirche zu Mansfeld (nach 1700) — wo nur die 
männliche Figur (Hochrelief) eine ziemlich gute Arbeit ist, — und das prunkvolle 
Marmordenkmal in der Kirche von Thal-Mansfeld vom Jahre 1708. Eine Grab- 
platte aus Bronze von 1569 hat die Kirche ebenfalls aufzuweisen; es ist die 
einzige grössere Bronzearbeit im Kreise. Eine Grabplatte von 1623 ist in Creisfcld. 

Von Stuck arbeiten findet sich auf Schloss Arnstein in einer Fensternische 
eine weibliche Figur in Hochrelief, wohl dem 17. Jahrh. angehörig; in der Mans- 
felder Klosterkirche steht ein wenig Kunstwert besitzendes Grabdenkmal von 1680; 
flache Stuckornamente haben sich in; Schloss Falkenstein vom Jahre 1557 
erhalten. Reiche Stuck Verzierungen hat auch die Schlosskapelle in Rammelburg. 

Reichen ornamentalen Schmuck haben mehrere Portale. Aus romanischer 
Zeit stammt das schöne Tympanon der Kirche in Creisfeld. Gotisch ist das 
Spitzbogen-Portal der Mansfelder Stadtkirche mit dem Relief bild des Ritters Georg, 
sowie das mit Masswerk ausgefüllte rundbogige Tympanon des Nordportals der 
Mansfelder Schlosskirche. Die beiden Portale der Hettstedter Stadtkirche haben 
keine Tympana, sind aber der Erwähnung wert. 

Wertvoll sind die Portale aus der Renaissance- und Barockzeit. In erster 
Reihe sind hier zu nennen die Rundbogenfelder der Weinkellerthüren auf 
Schloss Mansfeld, die besten plastischen Werke des ganzen Kreises. Eigen- 



Kanstgeschichtliche üebersicht 241 



artig phantastisch ist ebendaselbst ein Tnrmportal, über dem das mansfelder 
Wappen prangt. Die Thür zur Lutherschule inThal-Mansfeld ist durch das Relief- 
bild des heiligen Georg ausgezeichnet Ein ansprechendes Portal hat ferner der 
Treppenturm im Schlosshofe des Falkensteins vom Jahre 1601. 

Von rein ornamentalen Stein-Sculpturen sind aus romanischer Zeit 
vor allen bemerkenswert die kostbaren Kapitale der Gruftkirche in Conrads- 
burg, die nie übertroffen sind, sodann die sehr geschmackvollen Kämpferkapitäle 
der Creisfelder Kirche, desgleichen die schönen Kapitale der Siersleber 
Kirche. Aus gotischer Zeit gehören hierher die eigenartigen Strebepfeiler des 
Chores der Hettstedter Pfarrkirche von 1429. 

Spätgotische Emporenbrüstungen mit ausgearbeitetem Mass werk enthält 
die Mansfelder Schlosskirche. Aus der Renaissancezeit stammt der anmutige Altan 
am goldenen Saale auf Schloss Mansfeld-Mittelort, dessen Brüstungsfelder 
Relieffiguren tragen. 

Von Taufsteinen sind zu erwähnen: ein altromanischer von roher 
Arbeit in Creisfeld, der Rest eines romanischen in Gross-Örner. Spätgotische 
sind vorhanden: auf Schloss Mansfeld vom Jahre 1522, an dessen Schale im 
Blendmasswerk noch Vierpässe und Dreipässe vertreten sind. Femer in Thal 
Mansfeld (ganz gleich dem in der Nikolaikirche in Eisleben) und in Hergis- 
dprf Die meisten übrigen sind barock: so in Ermsleben (von 1567), Sinsleben 
(von 1580, unschön), Kloster Mansfeld (von 1582, mit Evangelisten und Wappen), 
Ahlsdorf (von 1582, mit 4 Figuren), .Kupferberg (stark zopfig), Alterode (16(X)), 
Burg-Oerner (1617, unschön), Siersleben (1718), Welbsleben (1754). Der inuschel- 
formige in Walbeck dürfte dem 16. Jahrhundert angehören. 

Merkwürdige Taufbecken sind vorhanden in Ahlsdorf (mit reicher Ver- 
zierung und Inschrift), in Leimbach (mit getriebenem Mittelfeld und der bekannten 
rätselhaften Inschrift), in Gorenzen. Sakramentshäuschen finden sich in Creis- 
feld und Hergisdorf aus gotischer Zeit, in prachtvoller Renaissance in Holz ge- 
schnitzt in der Kirche auf Schloss Mansfeld. Sakramentsnischen hat die- 
selbe Kirche sogar zwei, eine gotische vom Jahre 1484 mit reichem Figuren- 
schmuck und eine in barocken Formen. Eine sehr schöne gotische Sakraments- 
nische von 1484 hat auch die Siersleber Kirche aufzuweisen. Ein steinernes 
Bildhäuschen, das einzige seiner Art, findet sich am Wege vom Gasthof zum 
Falken zum Schlosse Falkenstein. 

Von Steinaltären ist nur der sehr alte in der Mansfelder Kloster- 
kirche zu erwähnen mit altromanischer Schmiege und mit Weihekreuzen. Sehr 
zahlreich sind dagegen die erhaltenen Schnitzaltäre. Auch hier wiederholt sich die 
Erscheinung, dass sie, soweit sie der katholischen Zeit angehören, sämtlich kurz 
vor Ausbnich der Reformation gefertigt sind, also in spätgotischen Formen. Es 
giebt solche in Ahlsdorf, Alterode (1517), Arnstedt, Biesenrode, Creisfeld, 
Endorf, (hässliche, flach erhabene Figuren), Hergisdorf (auch mit gemaltem Relief- 
bilde), Kupferberg, Kloster Mansfeld (Reste von drei z.T. künstlerisch be- 
deutenden Schreinen), Thal-Mansfeld (zwei prächtige Schreine), Welbsleben 
(schöne Arbeit). Die zahlreichen z. T. nicht wertlosen mächtigen Figuren in der 
Sakristei der Mansfelder Schlosskirche werden wohl einem in seiner Gesamt- 
wirkung sicher sehr bedeutenden Altarwerke angehört haben, doch sind die Figuren 



242 Kunstgeschichtliche üebersicht 



von verschiedener Arbeit. Einen Crucifixus von 1595 ohne Kiinstwert birgt die 
Kapelle auf Schloss Falkenstein. 

Aus evangelischer Zeit, stammt der Altar in Vatterode (lTd6\ von Andreas 
Baguhn (ßaguhn?) aus Querfurt gefertigt, während die Malerei erst 1761 
durch Johann Michael Schaffhirt aus Stolborg hinzugekommen ist Ein 
nüchternes Werk von 1755 ist der Altar in Ermsleben. 

Andere Holzsculpturen sind die Reste der Chorstühle in der Erms- 
leber Kirche in schönen spätgotischen Formen und die mit Iianken>¥erk und 
Bandinschriften geschmückten Chorstühle in Hergisdorf (vielleicht 1518) und 
Thal-Mansfeld. Von schöner Arbeit sind die Kirchenstühle auf Schloss 
Falken stein, Renaissance, vielleicht 1595. Kanzeln treten wenige hervor; von 
künstlerischem "Werte ist keine. Erwähnt mögen nur werden die ganz einfache in 
Hergisdorf von 1515; die in Thal-Mansfeld besonders wegen der sie tragenden 
Figur des heil. Georg, die besser ist als die Kanzel selbst; ferner die in Ermsleben, 
nüchtern barock; in Creisfeld von etwas besserer Arbeit (1620); und die wappen- 
gezierte in Weibsleben von 1763. Holz-Emporen finden sich viel, aber die 
meisten sind völlig kunstlos. Erwähnenswert ist nur die in der Schlosskapelle 
des Falkensteiiis, in reichem, aber ausgeartetem Barockstil. 

Gemälde, meist in Temperafarben ausgeführt, finden sich viele, nur wenige 
jedoch von Wert. Meist sind sie auf den Aussenseiten der Altarschreine angebracht, 
so in Abberode, Alterode (1517), Endorf, Thal-Mansfeld, Weibsleben. Die Pre- 
della ist mit Gemälden geschmückt in Kupferberg und Schloss Maust eld, wo 
auch die Innenflächen des Schreines mit grossen Gemälden bedeckt sind, die das 
Künstlerzeichen Cranachs tragen. 

Sonstige Gemälde giebt es in Kloster Mansfeld, Blumerode, Creisfeld, 
Gross Leiuungen, Thal-Mansfeld (von Hans Krause 1572), Rotha (von E.G. Orth 
1761 gemalt), Sierslebeu und (wohl neu) in der Rammelburger Schlosskapelle. 
Die zumteil sehr wertvollen Gemälde auf Schloss Falkenstein sind für sich 
zu betrachten und vorn im Texte nachzusehen. Nur das prächtige Porträt 
Friedrichs des Weisen und seiner Mutter von Cranach mag hier besonders 
erwähnt werden. Wohl das wertvollste aber ist das lebensgrosse Oelgemälde 
Luthers in der Mansfelder Stadtkirche (1540). 

Glasgemälde fehlen auch nicht, wenn auch nur in Resten vorhanden. 
Auf dem Falkenstein sind solche erhalten mit der Jahreszahl 1585; die Kirche in 
Thal-Mansfeld hat Reste von drei Glasgemälden; die Gix)ss-Leinunger Kirche hat 
Wappen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Das gemalte Fenster in derSchloss- 
kapeUe von Rammelburg stammt erst aus dem Jahre 1868. 

Von Werken der Kleinkunst und des Kunstgewerbes kommen zunächst die 
Kirchengeräte in Betracht. Spätgotische Kelche, zumteil aus Silber giebt es 
in Hergisdorf (mit 6 Gesichtsmasken verziert), Hettstedt, Thal-Mansfeld, 
Piskaborn (14i)7), Rotha. Neuer sind vier Kelche in Thal-Mansfeld (1531) und 
Hettstedt (1651, 1665, 1681, 1702). Eine Weinkanne von 16()7 ist in Hergis- 
dorf, eineOblatenschachtel von 1684 in Hettstedt; eine gotische Monstranz 
von 1518 in Rotha, Altarleuchter in Horla (1687) und zwei in Creisfeld (1688); 
Blumenkelche (von 1626, 1652, zwei von 1779), in der Hettstedter Kirche. 

Von Eisen arbeiten ist der spätgotische Thürbeschlag in Creisfeld zu 



Kunstgeschichtliche üebersicht. 



243 



erwähnen. In der Mansfelder Schlosskirche ist eine figurenreiche Guss eisenplatte 
erhalten; auch die eisernen Chorschranken sind hier erwähnenswert. Manches 
wertvolle Stück befindet sich auf Schloss Falkenstein; Eisen- und Bronce- 
guss, Silberfiligran und getriebene Arbeit sind hier beachtenswert, ganz 
besonders aber Elfenbeinschnitzereien, die zumteil Benvenuto Cellini zu- 
geschrieben werden und seiner würdig sind. Auch einige schön geschliffene 
und bemalte Gläser befinden sich auf dem Schlosse. Alle diese Einzelheiten 
wolle man unter Artikel Falkenstein nachsehen. Dieeingelegten Holzarbeiten 
sind aus neuer Zeit. 



Glockenschau. 

[G] Der Mansfelder Gebirgskreis hat — ausschliesslich der umgegossenen — 
im ganzen 130 Glocken. 8 Glocken hat die Stadt Hettstedt, 3 Glocken haben 
Ahlsdorf, Alterode, Arnstedt, Bräunrode, Creisfeld, Dankerode, Endorf, Ermsleben 
Gorenzen, Harkerode, Hergisdorf, Königerode, Leimbach, Gross-Leinungen, Kloster- 
Mansfeld, Thal-Mansield, Meisdorf, Morungen, Pansfelde, Piscaborn, Quenstedt, 
Sinsleben, Vatterode, Welbsleben, Ober-Wiederstedt. 

Nur eine Glocke haben: Biesenrode, Blumerode, Burg- örner,Neu-Platendorf, 
Walbeck, Ziegelrode. Alle übrigen Kirchen haben je 2 Glocken. 

Nach dem Durchmesser ihrer Öffnung geordnet, folgen die Glocken 
des Gebirgskreises so aufeinander: 



m 



m 



1,91 Hettstedt I 
1,72 Thal Mansfeld I 
1,65 Hettstedt H 
1,47 Thal-Mansfeld II 
1,42 Biesenrode (1) 
1,38 Königerode I 
1,33 Ermsleben I 
1,33 Welbsleben I 
1,29 Piscaborn I 
1,22 Sinsleben I 
1,18 Gross-Leinungen I 
1,17 Leirabach I 
1,15 Thal-Mansfeld III 
1,13 Creisfeld I 
1,13 Dankerode I 
1,13 Quenstedt I 
1,13 Welbsleben I 
1,11 Gross-Ömer I 
1,09 Ahlsdorf I 
1,09 Arnstedt I 
1,09 Sinsleben II 
1,08 Abberode I 



1,08 Endorf I 

1,08 Ermsleben II 

1,08 Hettstedt III 

1,08 Meisdorf I 

1,07 Annarode I 

1,07 Siersleben I 

1,07 Sylda I 

1,06 Alterode I 

1,05 Wippra I 

1,05 Wippra II 

1,04 Gross-Leinungen II 

1,03 Gorenzen 1 

1,01 Kloster-Mansfeld I 

1,01 Piscaborn II 

1,01 Ober-Wiederstedt I 

0,99 Bräunrode I 

0,98 Friesdorf I 

0,97 Quenstedt II 

U,95 Annarode II 

0,<.)5 Dankerode II 

0,95 Harkerode I 

0,95 Königerode II 



\ 



] 



244 



Glockenschau. 



3— US 



m m 

0,93 Hettstedt IV 0,69 Kupferberg I 

0,93 Leimbach II 0,68 Gorenzen HI 

0,92 Alterode II 0,68 Meisdorf III 

0,92 Braimschwende I 0,68 Stangerode II 

0,92 Pansfelde I 0,67 Endorf IH 

0,91 Ober-Wiederstedt II 0,67 Horla II 

C,90 Stangerode I 0,67 MöUendorf II 

0,89 Arnstedt II 0,67 Pansfelde II 

0,88 Ziegelrode (1) 0,65 Bräunrode III 

0,87 Gross-Lein ungen III 0,65 Rotha II 

0,87 Siersleben II 0,65 Tbondorf II 

0,86 Creisfeld II 0,65 Ober-Wiederstedt lU 

0,86 MöUendorf I 0,64 Burgörner (1) 

0,86 Gross-Örner H 0,63 Sinsleben III 

0,85 Endorf II 0,62 Haikerode III 

0,85 Meisdorf II 0,61 Hermerode I 

0,85 Sylda II 0,60 Ahlsdorf HI 

0,84 Rotha I 0,60 ülzigerode II 

0,83 Bräunrode II 0,59 Kupferberg II 

0,83 Gorenzen II 0,59 Neu-Platendorf (1) 

0,83 Welbsleben III 0,59 Vatterode III 

0,82 Siebigerode I 0,59 Wieserode I 

0,82 ülzigerode I 0^8 Morungen I 

0,80 Horla I 0,56 Pansfelde HI 

0,79 Ahlsdorf II 0,54 Kloster-Mansfeld lU 

0,79 Harkerode II 0,54 Siebigerode II 

0,79 Vatterode I 0,53 Hettstedt V 

0J7 Abberode H 0,53 Leimbach III 

0,77 Friesdorf II 0,53 Piscaborn III 

0,76 Braunschwende II 0,49 Ermsleben III 

0,75 Köuigerode III 0,48 Molmerschwende II 

0,75 Molmerschwende I 0,45 Morungen II 

0,75 Thondorf I 0,42 Creisfeld HI 

0,74 Arnstedt III 0,42 Falkenstein (1) 

0,74 Kloster-Mansfeld II 0,42 Hermerode H 

0,74 Vatterode II 0,39 Wieserode II 

0,73 Dankerode III 0,38 Morungen HI 

0,72 Quenstedt III 0,37 Blumerode (1) 
0,69 Alterode III 

Keine Schrift tragen folgende zumeist sehr alte Glocken: 

Seite 

Creisfeld III 36 

Falken stein (hölzerner Treppenturm) ... 62 

Königerode HI 94 

Leimbach IE 98 



Glockenschaa. 245 



Seite 

Oross-Leinungen III • . . 100 

Kloster-Mansfeld in 116 

MöUendorf U 169 

Morungen II und III 170 

Vatterode III 211 

Gotische Majuskelinschriften, sämtlich ohne Angabe des Jahres, 
in welchem sie gegossen sind, haben folgende Glocken: 

Seite 

Annarode 1 7 

Gorenzen (umgegossen) 66 

Horla I . . 93 

Gross-Örner I 181 

Piscabom II 185 

Siersleben I 204 

Vatterode I 211 

Wippra I 232 

Wippra U 233 

Die bienenkorbähnliche Glocke Alterode HI, welche vertieft in den Mantel 
geritzte Cursivbuchstaben getragen haben soll (S. 6.) , ist inzwischen leider um- 
gegossen, ohne dass die Inschrift entziffert oder abgebildet worden wäre. 

Gotische Minuskelinschriften tragen oder trugen folgende 14 Glocken, 
auf welchen sämtlich auch das Jahr des Gusses angegeben worden ist: 

Seite 

1426 Hergisdorf II (umgegossen) .... 71 

1472 Welbsleben UI 218 

1475 Ziegelrode (1) 234 

1487 Hergisdorf I (umgegossen) .... 71 

1491 Gross-Leinungen I 100 

1494 Königerode I 94 

1497 Thal-Mansfeld II 162 

1497 Thal-Mansfeld III 162 

1501 (?) Schloss Falkenstein 62 

1516 Biesenrode (1) 19 

1516 Gross-Leinungen II 100 

1517 Piscabom III 186 

1518 Ahlsdorf I 5 

1523 Welbsleben II 218 

Inschriften in neurömischer Majuskel, zugleich mit der Angabe des 
Jahres des Gusses, tragen folgende 96 Glocken: 

Seite Seite 

1567 Kloster-Mansfeld I 116 1588 Gross-Örner II .... 181 

1559 Ermsleben III ( zumteil 1602 Pansfelde II 182 

noch gotische Minuskel!) 44 1610 Creisfeld I 36 

1574 Sinsleben II ..... 205 1612 Molmerschwende I 



iil • -169 



1587 Siersleben II 204 1612 Molmerschwende 

1588 Siebigerode I .• ... 201 1615 Ahlsdorf H 5 



246 



Glockenschau. 



Seite 

1651 Ulzigerode II .... 209 

1651 Bräunrode II ..... 20 

1652 Abberode II 2 

1652 Hermerode II .... 72 

1653 Wieserode II 227 

1657 Ober-Wiederstedt II . . 226 
16621Siebigerode II .... 201 

1666 Quenstedt I 192 

1670 Sinsleben IH 205 

1677 Ermsleben I 44 

1686 Vatterode II 211 

1694 Annarode U 7 

1698 Hettstedt I ] 

'^^ " " 90 91 

1698 „ V • • • • ^ ^^ 

1698 „ VI 

na) Endorf I\ ^o 

1700 „ IIJ 

1701 Alterode II 6 

1701 Ulzigerode I 209 

1702 Hettstedt IUI g^ 
1702 „ IVj 

1715 Bräimrode I. 20 

1716 Blumerode (1) 20 

1720 Welbsleben I 218 

1723 Thondorf I 208 

1723 Hettstedt (Seiger- \ g^ 

1723 „ türm) j * ' * 

1726 Dankerode 111 .... 37 

1726 ,, inj ' ' ' 

1740"' Ober-Wiederstedt I (um- 
gegossen) .... 225 

17417^0ber-Wiederstedt II (um- 
gegossen) .... 225 

1741 SyldaL 207 

1741 „ n] 

1748 Pansfelde I 182 

1751 Thal-Mansfeld I .... 162 
1755 ßotha Ii jgg 

1755 „ nj 

1756 Abberode 1 5 

1770 Endorf IE 38 

1776'Stangeiode I 206 

1782 Leimbach II gg 

1782 „ U i 



Seite 

1785 Neu-Platendorf (1) . . .187 

1790 Alterode I 6 

1791 Ermsleben II 44 

1791 Möllendorf I 169 

1792 Hermerode I 72 

1796 Morungen I 170 

1797 Piscabom (umgegossen) . 185 

1816 Königerode II 94 

1817 Quenstedt Hi 

1817 „ Ulf ^^"^ 

1819 Ahlsdorf III 5 

1821 Stangerode II 201 

1826^ Kupferberg Ii ^ 

826 ^ „ 11/ 

11826 Ober-Wiederstedt I. . .224 
1826 „ III ... 225 
1831 Harkerode I ] 
1831 „ U 67 

1831 „ lU J 

1832 Gorenzen I 66 

1839 Dankerode I 37 

1845rPriesdorf II 64 

1847 Hergisdorf III .... 71 
1858 Kloster-Mansfeld II . . 116 
1858 W^ieserode I 227 

1860 Hergisdorf II 71 

1861 Braunschwende I \ „^ 
1861 „ 111' ' ^^ 

1861 Gorenzen II 66 

1862 Friesdorf I 64 

1862 Burg-Örner (1) .... 180 

1863 Piscabom I . . . . , 185 

1864 Bräunrode II 20 

1868 Meisdorf I ) 

1868 „ II J ^^^ 

1870 Horla II 93 

1871 Meisdorf I 168 

? Sinsleben I 205 

1871 Hergisdorf I 71 

1872 Gorenzen lU 66 

1874 Thondorf II 208 

1877 Pansfelde II 181 

1881 Creisfeld U 36 



j 



f 



Glockenscbau. 247 



Von vorerwähnten 96 Glocken mit Inschriften in neurömischer Majuskel 

gehören also au: 

ü dem 16. Jahrhundert 



Z6 „ 17. ,) 

32 „ 18. „ 



V ' *" 11 



35 „ 19. 

Selten erscheinen besondere Glockennamen. Nur folgende treten be- 
stimmt hervor: 

Seite 

Hergisdorf I (umgegossen): Sancta Maria .... 71 

^ II ( „ ): Michiel 71 

Horla I: Campana 93 

Gross-Lei nungen I: ... Maria 100 

„ II: . . . Johanna lüO 

Piscabom III: Katherina 186 

Vatterode I: Johanns 201 

Nur durch sein Gi esserzeichen hat sich bemerklich gemacht der Urheber 
der Glocke (Jross-Ijeinungen Nr. 1 im Jahre 1491, S 100. 

Mit Namen werden auf den Glocken des Gebirgskreises folgende G locke n - 
giesser genannt 

1426 Jan Franz op de hoe strate to Woent. Hergisdorf 11, um- 
gegossen, S. 71. 
1501 (?) Herbort von Harderwieck. Schloss Falkenstein, S. 62. 
1516 Henrick Becker. Biesenrode, S. 19. 
1516 Hans von Cassel, der junger, Mench. Gross-Leinungen II, 

S. 100. 
1574 Noterott von Northausen. Sinsleben II, S. 205. 
1588 Eckhardt Kucher in Erfurt. Gross-Orner II, S. 181. 
1588 Ekhart Kucher in Erfurt. Siebigerode I, S. 201. 
1602 Heinrich Borstelmann in Magdeburg. Pansfeldo II, 

S. 182. 
1612 Heinrich Borstelmann in Magdeburg. Molmerschwende I, 

S. 169. 
1612 Heinrich Borstelmann in Magdeburg Molmerschwende II, 

S. 169. 
1610 H Möring zu Erfurt. Creisfeld I. S. 36. 
1615 Melchior Möringk zu Erfurt. Ahlsdorf II, S. 5. 
1651 Hans Heinrich Rausch in Erfurt. Bräunrode II, S.20. 

„ „ ülzigerode II, S. 209. 
„ „ Abberode II, S. 2. 
„ „ Hermerode II, S. 72. 
„ „ Wieserode II, S. 227. 
Siebigerode H, S. 201. 
1666 Joachim Janken in Gross-Salze. Quenstedt I, S. 192. 
1670 Johann Jakob HofFmann in Halle. Sinsleben IH, S. 205. 
1694 „ „ » 11 ,^ Annarode II, S. 7. 



1651 „ 


11 11 


1652 „ 


11 1» 


1652 „ 


11 n 


1&53 „ 


n i> 


1662 Simon 


Wild in Halle. 



248 GlocJrenschau. 



1700 Johann Jakob Hoffmann in Halle. Endorf I, S. 38. 

1700 „ „ „ ,. „ Endorf II, S. 38. 
1677 Jakob Wenzel in Magdeburg. Ermsleben I, S. 44. 
1686 Peter Wildt in Halle. Vatterode II, S 211. 

1701 „ „ „ Naumbuig (Halle?) — Alterode 11,8.6. 

1701 ,, „ „ Halle, ülzigerode I, S. 209. 

1698 Jobst Wilhelm Horneman von Zeiz. Hettstedt I, S. 90. 

1698 „ „ „ „ „ „ II, S. 90 

1698 ^ ,, „ „ „ „ V, S. 91. 

1698 „ „ „ „ „ „ VI,S.9l. 

1702 „ „ „ „ „ „ III, S.91. 
1702 „ „ „ „ „ „ IV, 8. 91. 

1715 J. Georg Ulrich in lÄUcha. Bräunrode I, S. 20. 

1755 Joh. George Ukich in Laucha. Rotha I, S. 199. 
1 (DO „ „ „ „ „ ,1 11, o. lyy. 

1756 J. Georg Ulrich in Laucha. Abberode I, S. 5. 

1716 Peter Becker in Halle. Blumerode (1), S. 20. 
1720 „ „ „ „ Weibsleben I, S. 218. 
1723 Martin Heintze aus Leipzig. Thondorf I, S. 208. 

?!;; « « « « ^«*^'^MührglockenS.91. 

1 1 ZO „ „ „ ^ Vi J 

1726 Arnhold Geyer in Nordhausen. Dankerode II, S. 37. 
1726 „ „ „ „ „ ni, S. 37. 

1740 Friedrich August Becker in Halle. Ober-Wiederstedt, 

umgegossen, S. 225. 

1741 Friedrich August Becker in Halle. Ober-Wiederstedt, um- 

gegossen, S. 225. 
1741 Friedrich August Becker in Halle. Sylda I, S. 207. 
1741 „ „ „ „ „ Sylda II, S. 207. 

1748 „ „ „ „ „ Pansfelde I, S. 182. 

1751 „ „ „ „ „ Thal-Mansfeld I, S. 162. 

1782 „ „ „ „ „ Leimbach I, S. 98. 

1782 „ „ „ „ „ Leimbach H, S. 98. 

1770 Friedrich Brack enhoff in Halberstadt Endorf III, S.38. 
1791 Brackenoff in Halberstadt. Ermsleben H, S. 44. 

1791 Gottlieb Brackenh off in Halberstadt. Möllendorf I, S. 169. 
1797 Friedrich Gottlieb Brackenhoff in Halberstadt. Pisca- 

bom, umgegossen, S. 185. 
1785 Joh.Wilh. Felbinger in Halberstadt. Neu-Platendorf (1), 

S. 187. 
1790 Zeitheim in Naumburg. Alterode I, S. 6. 

1792 Joh. Georg Getwerth in Halberstadt. Hermerodel, S. 72. 
1776 Gebr. Ulrich in Laucha. Stangerode I, S.206. 

1796 Ulrich in Laucha. Morungen I, S. 170. 

1816 H. Engelcke in Halberstadt. Königerode II, S. 94. 

1817 w 1, w Quenstedt U, S. 192. 



II 



Glockenschan. 249 



1817 H.Engelcke in Halberstadt. QuenstedtlU, S. 192. 
1821 w ^ « Stangerode II, S. 201. 

1831 « « w Harkerode I, 8. 67. 

1831 „ „ „ „ II, S. 67. 

1831 „ „ „ „ ni, S. 67. 
1819 Heinrich Bartoly in Halberstadt Ahlsdorf HI, S.5. 
1826 Friedrich See in Kreuzburg. Kupferberg I, S. 96. 
1826 „ „ „ „ Kupferberg n, 8. 96. 

1826 „ „ „ „ Ober-Wiederstedt I, S. 224. 

1826 „ „ „ „ Ober- Wiederstedt III, S. 225. 

1839 C.H. Stützer in Benneckenstein. Dankerode I, S. 37. 
1845 C.H.Gettwert in Halberstadt. Friesdorf II, S.&1. 

1832 Gebr. Ulrich in Liaucha. Gorenzen I, S, 66. 
1847 „ „ „ ,, Hergisdorf IE, S. 71. 

1858 „ „ „ Apolda und Laucha. KI.-Mansfeld II, S. 1 16. 

18ÖJ Gebr. Ulrich in Laucha. Hergisdorf II, S.71. 
1861 „ ,, n yy Braunschwende I, S.20. 

1861 „ „ „ „ Braunschwende II, S.20. 

1861 „ « ?? 11 Gorenzen II, S.66. 

1862 „ „ „ „ Friesdorf I, S. 64. 

1862 „ „ „ „ Burg-Örner (1), S. 180. 

1863 „ „ „ „ Piscaborn I, S-185. 

1864 „ „ „ Apolda. Bräunrode II, S. 20. 
1868 „ „ „ „ Meisdorf I, S. 168. • 
1868 „ „ „ „ Meisdorf II, S. UÄ 

1870 „ „ „ „ Horla U, S. 93. - 

1871 „ „ „ „ Meisdorf I, S. 168. 
1871 (?)„ „ « „ Sinsleben I, S. 205. 

1871 „ ,, ,1 Laucha. Hergisdorf I, S.71. 

1872 „ „ „ „ Gorenzen III, S.6& 
1874 „ „ „ „ Thondorf II, S. 208. 
1877 C. F. Ulrich in Laucha. Pansfelde II, S. 181. 
1881 G. A. Jauck in Leipzig. Creisfeld II, S.36. 

Die Legenden der Glocken mit gotischer Majuskelschrift sind 
folgende : 

1) REX XPC 6L0RI6 VeHI OaM PÄOe + Ii (Annarode I, S. 7. 

3 Engelfiguren mit Heiligenschein). 

2) SVE . MÄRIÄ . GRÄQIfi . PLEHÄ . DOHINVS . TEOV . SÜE . 

HiaOLÄE © (Gorenzen, S. 66, umgegossen). 



3) + OÄMPANÄ . STE . HiaOLÄI . SOHIT V . HOST . PATER . ÄVDI 

(Horla I, S. 93) 

4) + . REX . GLORIE . XPE . 2IEHI .CT . PÄQE . Gross-Oernerl, S. 181. 
Mansf eider Gebirgskreis. 17 



250 GlockeDSchan. 



5) + B + e + Ä + TIHI (Piscaborn U, S. 185. Die Glocke hat ausser 

4 lotrechten SchlaDgenlinien das Querfurter Wappen und Terschiedene 
bildliche Darstellungen.) 

6) SIT . TEPESTÄTVIl . PER . ME . (5EHVS . OMIIE . PV6ÄT2IM. 

(Siersleben I, S. 204. Die Glocke zeigt ausserdem das bekreuzte A und JE» 
und eine bildliche Darstellung.) 

7) + IHE(SVS) NÄZÄREI?VS REX . A + J, . ICHÄHPS . (Vatteroue I, 

S.2!l. Die Schrift ist Spiegelschrift.) 

8) HEG . VBI . QÄIIPÄHÄ . RCSOIieT . SIT . OIÄ . SANA (Wippra I, 

S. 232). 

9) ÄVe + REX . eTERHe . GLORIE . (Wippra II, S. 233. Die Glocke 

trägt lotrechte, geschlängelte Linien, Medaillons und Heiligenbilder.) 

Die Legenden der Glocken mit gotischer Minuskelschrift sind diese: 
1426 (?) (Hergisdorf II, umgegossen, S. 71): 

MWtl t^ man itnr 
niirn Itit U t$U kr^ntwr 

381 Irti; maätt wir it Srirlr (?) 
$f it |0r llraU t0 mtnt ii 
matt rn 1101. 

1472 (Welbsleben III, S.218): 

8110 >0ni8i mtt(tl%%i\ 
(aicta MütMtu (000 100 80rrtr 

80M0 >{0ll0l00. 

1475 (Ziegelrode (1), S.234): 

anno önrm''rccc''t|;ip5° 
conHoIor . üiüa . fito . movtiin . p$Uo nonüa 

av€ mafia qvacia plena. 

1487 (Hergisdorf umgegossen, S. 71): 

hntin murin « nnntx Hmini 
mmxhmu 

1491 (Gross-Leinungen I, S. 100) : 

2(nno + bni + tn"^ cccc Ij:^):i + 
rej: + glorie + jqpe + vcni + cum + pace + 

matia Hh Docatutf. 



J 



Glockenschau. 251 



1494 (Koenigerode I, S. 94) : 



ooo anno ° <> (>ni --<> m -oo (ccc - ij:j:j:jAitt : 

^«f ^ got : mam : ° berot : 
fancto0 anbrev0 

1497 (Thal-MaDsfeld II, S. 162): 

8110 iwi mtttt Ixixxiii |il( g0t »arit 

Irrit (l8M nr crfr^ rxtltt 00crn tit« 

icit tilit i|0 ip0 tnrr 

1497 (Thal-Mansfeld III, S. 1»52): 

}(nno bnf. miö . cccc . Ijrj^XDÜ . t>ilf got mavia 
bevot \\ft\w nafafenoö (sie!) fer iD^eevüm. 

1501 (Schloss Falkenstein, S.62): 

anno ^ bomini o tn d . li tftvbott 6e . t^avbevmietf me fecit. 

1516 (Biesenrode (1), S. 19): 

o o o n o inU itnm jfnnm pfrlini 00C0 C0i(rr(0 drri» o 

>r(iiirt00 pl0r0 ftfitm fi(0 feilt >rc0r0 <> 

1P0|I Ur Miv(tMt00 8I1100 fra Wa ittm fri o 

1516 (Gross-Leinungen II, S. 100) 

2inno + Domint m<ccccji)l + \füi + got + 
anna + felb + brüte + fbeft)« + mam + vej: 

glotrfe + jtpe + oent + cum + face j^ + 

iobanna S» vocatm S» 

+ Ivcaa Hh mavcw Hh lo^ane» Hh matbeDd 
+ caipcv + melcbiov + baltbafatf + a + b + b 
. . . g b^n« i>on caf^el bei? iungev mencb j^^ 

1517 (Piscaborn EI, S. 186): 

Cr$a o fum ^ facta ^ %ntftmnnqm nomine ^ öirta o J5J7, 

1518 (Ahlsdorf I, S. 5): 

2(te © man © tsaltbe © na<b © crifl © gebort © i\fr>U^t © 

ünbt © fünf © btnbevbt (9 onbt © aöfc^en © iar © 

bllf © belüge © ftfaoe © fand © 2inn2i © fulf © 

b«bt © ^^eeuö (so!) 



252 



Glockenschaa. 



1523 (Weibsleben II, S.218): 

A110 >0»iiii nilr(iW0 ininitnU^mß 

0iain0 terti0 . faictt Snlitit Utt 
100 >iali0lin 0iicerr. 

Die Reihe der Glocken mit neurömischen Majuskel legenden eröffoet 

1557 (Kloster Mansfeld I, S. 116) die den Umschwung der religiösen An- 
schauungen kennzeichnende Legende: 

VERBVM A DOMIHI A MÄHET A IM ETERHVM A 

Die in der Zeit zunächst folgende von 1559 zu Ermsleben (III, S. 44) ist da- 
durch merkwürdig, dass in ihr die Worte 8II0 t0Mili trotz der späten Zeit 
noch in gotischer Minuskel dargestellt sind. Auch die Buchstaben der nächst- 
folgenden Glocke von 1574 (Sinsleben II, S. 205) ahmen noch die Form gotischer 
Minuskeln nach. Alle folgenden aber zeigen entschieden die neurömische Majuskel. 
Auf ihre Zusammenstellung dem Wortlaute nach wird hier verzichtet; es wird ge- 
nügen, auf das oben gegebene Verzeichnis derselben (S. 245 u. 246) zu verweisen. 



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