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Full text of "Biographisches jahrbuch und Deutscher nekrolog"

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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH 



UND 



DEUTSCHER NEKROLOG 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNCi 



VON 



F. V. BEZOLD, ALOIS BRANDT., AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH 

FRIEDJUNG, LUDWIG GEIGER, KARL GLOSSY, SIGMUND GÜNTHER, 

EUGEN GUGLIA, OTTOKAR LORENZ, JACOB MINOR. FRIEDRICH RATZEL, 

PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON E. SCHÖNBACH U. A. 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



ANTON BETTELHEIM. 



in. BAND 

MIT DEN BILDNISSEN VON THEODOR FONTANE UND CONRAD FERDINAND MEYEK 

IN HELIOGRAVÜRE. 



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BERLIN. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER, 



1900. 



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Vorrede. 



Bismarck und Kalnoky finden in diesem Jahrgang unseres Deut- . 
sehen Nekrologes berufene Biographen in Alexander Meyer und Hein* 
rieh Friedjung. Fontane und Conrad Ferdinand Meyer erscheinen 
von Paul Schienther und Adolf Frey gewürdigt. Ferdinand Cohn 
und S. Stricker werden von Professor Mez und Hofrath E. Albert 
charakterisirt. Dem Andenken von Ebers wird Professor Eduard 
Meyer gerecht Das Referat für die Rechtsgelehrten hat in dankens- 
werthester Weise Professor A. Teichmann in Basel übernommen. 
Kaiserin Elisabeth's Lebenslauf zeichnet Professor Eduard Wert- 
heim er. Seinem Vorgänger an der Münchener Universität, Riehl, 
widmet Unterstaatssecretär Professor G. v. Mayr den Nachruf. 

War es dem Verlag und dem Herausgeber, Dank diesem Entgegen- 
kommen neuer und der altbewährten Mitarbeiter, beschieden, den Text 
des dritten Bandes auf der Höhe der vorangehenden Bände zu halten, 
so waren sie nicht weniger bestrebt, die Vcrheissungen des ursprüng- 
lichen Programms in Betreff sorgsam aus erster Hand geschöpfter 
Todtenlisten einzulösen. Unserem treuen Nothhclfer, dem Münchener 
Bibliothekar Herrn Dr. Georg Wolff, blieb es vorbehalten, durch- 
wegs genau geprüfte Angaben , sowohl über die in besonderen 
Artikeln behandelten, als über die bisher in unserem Nekrolog nicht 
erwähnten, in den Jahren 1896— 1898 geschiedenen Deutschen von Be- 
deutung zu sammeln und übersichtlich zu ordnen. Er hat sich nicht 
allein mit der Aufspürung aller irgendwie erreichbaren gedruckten Quellen 



VI Vorrede. 

begnügt: er hat sich in allen Fällen mit besonderen Fragebogen 
— meist erfolgreich — an die Familien und sonst berufene Gewährs- 
männer mit der Bitte um zuverlässige Daten gewendet Das Ergebniss 
dieser langwierigen und, wie wir hoffen, für die deutsche Biographie nicht 
verlorenen Bemühungen liegt heute zunächst in der Todtenliste fiir das 
Jahr 1896 vor. Leider war es trotz allen Zuwartens nicht möglich, dem 
Wunsch der Verlagshandlung gemäss, das Manuscript der Todtenlisten 
von 1897 u^^ 1898 noch fiir diesen Band druckreif vom Bearbeiter zu 
erhalten. Die Todtenlisten für 1897 ^"^ ^^9^ sammt einem Gesammt- 
Register über alle in diesem Triennium genannten Namen wird desshalb 
erst Band IV bringen. Die weit gediehenen Vorarbeiten fiir die Todten- 
liste von 1899 hat mittlerweile Herr Bibliothekar Dr. C. Huffnagl in 
Wien besorgt; auch diese Letztere hoffen wir im kommenden Jahrgang 
veröffentlichen zu dürfen. 

Und damit schicken wir Band III in die Welt mit dem Wunsche, 
er möge gleicher Förderung und gleicher Theilnahme bei allen Sach- 
kundigen begegnen, wie seine Vorgänger. In der »Wolke von Zeugen«, 
die bisher Nutzen und Nothwendigkeit unseres Unternehmens in unver- 
gänglichen Worten bekräftigten, mag nach Herder und Conrad 
Ferdinand Meyer heute Ludwig Uhland die Stimme erheben: 

»Auch das (xemüth fühlt sich in die Zeiten vor uns hingezogen. Während 
wir in der Gegenwart für die Zukunft arbeiten, sinken wir mit jedem Augen- 
blick selbst in die Vergangenheit hinab; und indem wir selbst wünschen, im 
Gedächtniss kommender Geschlechter fortzuleben, vernehmen w4r auch die 
Mahnung der Hingegangenen, ihrer nicht zu vergessen. Jeder Erdentag stellt 
uns in den Gegenschein von Vergangenheit und Zukunft; bald sehen w^ir 
die westlichen Berge von der Morgensonne beleuchtet, bald die östlichen 
von der Abendsonne. Das ältere Geschlecht, das wir zu Grabe tragen, an 
das sich rückwärts unsere frühesten Erinnerungen knüpfen, ist uns doch wieder 
vorangeeilt in die Zukunft und unser liebendes Angedenken kann sich bald 
dem Abschiede, bald dem Wiedersehen zuwenden. Wollen wir einmal nicht 
vereinzelt stehen, fühlen wir uns durch ein heiliges Band der gesammten 
Menschheit verbunden, warum sollte dieses nicht auch die Geschlechter um- 
schlingen, welche vor uns gelebt haben?« 

Wien, 8. Januar 1900. 

Anton Bettelheim. 



Inhalt. 



Seite. 

Vorrede V— VI 

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1898 i — 380 

Krgänzungen und Nachträge zum »Deutschen Nekrolog von 

1896 und 1897« 381 — 414 

I. Alphabetisches Namenverzeichniss zum Deutschen Nekrolog 

vom I. Januar bis 31. December 1898 415 

II. Alphabetisches Namenverzeichniss der Ergänzungen und 

Nachträge zum Deutschen Nekrolog von 1896 und 1897 420 

Todtenliste 1896 i*~i70* 




Variag von Georg BeuiDi .Biriiii 



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DEUTSCHER NEKROLOG 



VOM I. JANUAR BIS 3i. DECEMBER 



i898. 



Homo Über de nuUa re minus, quam 
de morte cogitat et ejus sapientia non 
mortis, sed vitae meditatio est. 

Spinoza. Ethices pars IV. Propos. 
LXVII. 



Biogr. Jahrb. q. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. 



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Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1898, 



Bismarck, Otto Eduard Leopold, Fürst von, * i. April 18 15 auf dem 
Gute Schönhausen, Kreis Jerichow in der Altmark, f 30. Juli 1898 in Friedrichs- 
nih im Sachsenwalde. 

Gründer des Deutschen Reichs, durch ein Menschenalter in der Politik 
Europas dominirender Staatsmann. Seine officiellen Titel waren: Kanzler 
des Deutschen Reiches, Preussischer Ministerpräsident. Seit dem Jahre 1890 
hatte er diesen Titeln ein »ausser Dienst« beizusetzen; seitdem wachsen ihm 
die neuen Titel zu: »Herzog von Lauenburg, Generaloberst der Kavallerie«. 

Sein Geschlecht und dessen Ansässigkeit in der Altmark, einem Theile 
der späteren Kurmark Brandenburg, ist bis zum Jahre 1270 hinauf zu verfolgen. 
Der Name der Familie ist wahrscheinlich von dem Städtchen Bismark abzu- 
leiten, das sich lange in dem Besitz der Familie befunden hat, und diese Stadt 
wiederum leitet ihren Namen von dem Flüsschen Biese ab, die sich in die 
Aland, einen kleinen Nebenfluss der Elbe ergiesst. Das Geschlecht hat in 
mehreren Linien geblüht und dem preussischen, wie andern deutschen Staaten 
tüchtige Beamte und Offiziere geliefert. 

Der Vater des Reichskanzlers hiess Karl Wilhelm Ferdinand, war am 
13. November 1771 geboren, hatte die militärische Laufbahn ergriffen und als 
Rittmeister seinen Abschied genommen, um auf seinen Gütern zu leben. Er 
gehörte einem Typus an, den man in märkischen Adelsfamilien zuweilen findet; 
von grosser Seelengüte schloss er sich doch gegen die Aussenwelt und gegen 
Öffentliche Interessen mit einem gewissen Eigensinn ab, um sich das Leben 
in seinem Hause ganz nach seinen Launen einzurichten. Schalkhaft rühmte 
der Sohn ihm nach, er sei klüger als Kaiser Kari V. gewesen, denn er habe 
es dahin gebracht, dass alle Uhren in seinem Hause zu gleicher Zeit zum 
Schlagen ausholten. 

Er hatte eine bürgerliche Dame geheirathet, Luise Wilhelmine Mencken, 
Tochter eines Kabinetsrathes, der unter Friedrich Wilhelm IIL als ein hervor- 
ragend liberaler Beamter galt und im Jahre 1801 starb. Im Jahre 1806 
heirathete die im Jahre 1790 geborene Tochter den Rittmeister von Bismarck, 
dem sie vier Kinder gebar, von denen der Reichskanzler das jüngste war. 

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A '' Fürst Bismarck. 

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Sie scheint' '^fft-e feine und kluge Frau gewesen zu sein. Ihrem älteren 

Sohne Bernhai"d;- /der dem Vater körperlich und seelisch glich, wünschte sie 

einen Landrafhßposten ; dem jüngeren Otto dagegen eine Laufbahn als Diplomat. 

Sie hat somit das Ingenium ihrer Kinder früh erkannt. Otto von Bismarck 

war der ApsicTit, dass seine Mutter zwar sich über seine Erfolge gefreut haben 

würde, weHn sie sie erlebt hätte, aber mit seiner Politik würde sie bei ihrer 

liberklen Richtung nicht einverstanden gewesen sein. Der Vater starb im 

Jahce V845, die Mutter schon 1839. Beide haben die ersten Schritte ihres 

SöRn^s in die öffentliche Thätigkeit nicht erlebt. 

\ :';-/• "Mit sechs Jahren wurde Otto von Bismarck in die Plamann'sche Erziehungs- 

«. ans'talt zu Berlin gegeben, einen Ausläufer Basedow -Campe' scher Pädagogik. 

, "'.-Vom Jahre 1827 ab durchlief er bis zum Jahre 1832 das Gymnasium, zuerst 

'//das Graue Kloster, dann das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Berlin. Er 

hat also in dem verhältnissmässig frühen Alter von siebzehn Jahren das Zeug- 

niss der Reife erlangt. Was von Urtheilen über seine Schulzeit an die Oeflfent- 

lichkeit gelangt ist, betont aber stärker seine gute Führung als seine Begabung. 

Er selbst hat sich in späteren Jahren mit der Erziehung, die er erhalten, 
unzufrieden gezeigt; sie habe ihn zu Zweifeln an der Monarchie und Religion 
verleitet. Wie sein späteres Leben zeigt, sind diese Zw^eifel nicht sehr tief 
gedrungen. Glaubhaft ist indessen, dass ihm die Einheit Deutschlands schon 
früh als ein zu erringendes Ideal gezeigt worden ist. Dünkel auf seine aristo- 
kratische Abstammung hat ihm früh wde spät fern gelegen; das Selbst- 
ständigkeitsgefühl einer Familie, die seit Jahrhunderten auf ihrem eigenen 
Besitzthum lebt, war dagegen stark in ihm ausgebildet. Einem gewissen Mass 
von Pressfreiheit war er von jeher nicht abgeneigt. Auch wünschte er das 
absolute Regiment des Königs durch ständischen Beirath beschränkt. 

Ostern 1832 bezog er die Universität Göttingen, studirte hier drei 
Semester und drei spätere Semester in Berlin. Anfänglich stand er mit 
burschenschaftlichen Kreisen in Verbindung, fühlte sich aber bald durch sie 
abgestossen; er warf ihnen Formlosigkeit in den gesellschaftlichen Sitten und 
Phrasen thum vor; dagegen trat er als Corpsbursch in die » Hanno vera« ein. 
Hier führte er das übliche Burschenleben, betheiligte sich an Kommersen und 
Paukereien und vermied den Kollegienbesuch sorgfältig. Die Duelle, an denen 
er betheiligt war, liefen ausnahmslos glücklich für ihn ab. Von der Sitte 
anderer Corpsstudenten wich er darin ab, dass er zwar sein Fachstudium, 
die Jurisprudenz, vollständig vernachlässigte, aber doch die häusliche Leetüre 
und darin besonders das Studium der Geschichte pflegte. 

Nach beendigtem Triennium musste ihm zunächst die Thätigkeit eines 
Einpaukers diejenigen Kenntnisse verschaffen, die zur Ablegung des Examens 
erforderlich waren. Im Monat Juni 1835 konnte das erste Examen bestanden 
werden. Nach der damals bestehenden Dienstordnung wurde man durch 
Ablegung dieses Examens Auskultator und musste nun Jahr und Tag bei 
einem Gerichtshofe arbeiten. Bismarck wählte das Berliner Stadtgericht, und 
die w'enigen Erinnerungen, die er an diese Thätigkeit zurückgelassen hat, 
bezeugen, dass ihn zu diesem Dienstzweige kein innerer Trieb hinzog, dass 
er aber fiir alle Schwächen, die sich in seinem Betriebe zeigen, namentlich 
die persönlichen Schwächen seiner Vorgesetzten, ein lebhaftes Auge hatte. 

Im Jahre 1836 bestand er ein zweites Examen und hiess nun Referen- 
darius. Er hatte nun die Wahl, noch länger bei einem Gerichtshofe zu arbei- 
ten, oder zur Versvaltung überzugehen. Er wählte das Letztere, hatte aber 



Fürst Bismarck. c 

den Wunsch, später in die diplomatische Laufbahn überzugehen. Der Minister 
Ancillon, mit dem er darüber sprach, bezeichnete ihm als den gangbarsten 
Weg den, dass er zunächst in den hergebrachten Gleisen bleibe, bis er das 
dritte Examen abgelegt habe, Assessor geworden sei, dann solle er in die 
Zollverwaltung eintreten und durch die Handelspolitik den Weg zur eigent- 
lichen Diplomatie suchen. In der Erwartung, dass bei einem rheinischen 
Kollegium eine Abkürzung seiner Laufbahn gelingen werde, trat er bei der 
Regierung von Aachen ein, Hess sich aber schon im folgenden Jahre nach 
Potsdam versetzen. In seinen dienstlichen, Beziehungen zeigte er sich weder 
als ein Streber noch als ein Lernbegieriger, wohl aber als ein scharfer Kritiker. 
Er zeigte eine Missachtung der Bureaukratie, die er später selbst als über- 
trieben bedauerte, glaubte überall die Forderungen des praktischen Lebens 
durch Zöpfe und Perrücken verkannt zu sehen und erledigte die ihm auf- 
getragenen Arbeiten mit Unmuth. So war ihm im Jahre 183Q die Aufforde- 
rung seines Vaters willkommen, den Staatsdienst zu quittiren und sich der Pflege 
der Familiengüter zu widmen, die deren sehr bedürftig geworden waren. 

Mit Lust hatte er sich dagegen der Ableistung der Militärpflicht gewidmet, 
der er von Ostern 1838 bis eben dahin 1839 zuerst bei den Garde- Jägern in 
Potsdam und dann beim zweiten Jägerbataillon in Greifsw^ald genügte. Am 
12. October 1841 wurde er zum Secondelieutenant ernannt. 

Als er seinen Abschied als Regierungsreferendarius erhalten hatte, war 
menschlicher Erwartung nach die Aussicht für immer abgeschnitten, dass 
er in den öffentlichen Dienst zurückkehren würde. Einen anderen Weg als 
durch die Stufenleiter der Aemter und Berufungen gab es damals zum öffent- 
lichen Leben noch nicht. Er würde ein Landedelmann werden, wie sein 
Vater gewesen war, würde in dieser Stellung seine Befriedigung finden und 
mit einem Gemisch von Gleichgültigkeit und Spott dem Leben der amtlichen 
Welt zuschauen. 

Aus seinem Leben in den nächsten Jahren sind dann folgende Punkte 
hen'orzuheben. Er vertritt gelegentlich seinen Bruder in den Landraths- 
geschäften zu Naugard. In seinen Mussestunden politisirt er gern und findet 
einen gleichgesinnten Genossen in seinem Freund Blankenburg (Zimmerhausen). 
Ihre Gespräche gelten aber nicht der inneren Politik, sondern dem, was sich 
draussen, fem in der Türkei, oder in Spanien zuträgt. Mancherlei Nachrichten 
deuten darauf, dass es ein unerforschtes Jahr in seinem Leben giebt, in dem 
eine unglückliche Liebe ihn den gewöhnlichen Ordnungen des Lebens ent- 
zogen hat, und dass als Niederschlag derselben ihm eine tiefe Melancholie 
zurückblieb. Indessen das, wenn es überhaupt wahr ist, ging vorüber. Nach 
dem am 22. November 1845 erfolgten Tode seines Vaters übernahm er Schön- 
hausen zur selbstständigen Bewirthschaftung , und Hess sich im Herbst des 
folgenden Jahres das Amt eines Deichhauptmannes zu Jerichow für das rechte 
Eibufer übertragen. Es war ein Ehrenamt, aber er legte grossen Werth dar- 
auf, es zu verwalten, weil er fürchtete, dass die Bureaukratie hier viel Scha- 
den stiften könne. Womit Faust sein Leben beschloss, damit fing Bismarck 
seine öffentliche Wirksamkeit an ! Eben so unregelmässig wie die Reihe seiner 
Aemter begann er die lange Reihe seiner Orden, mit der Rettungsmedaille, 
die er erhielt, weil er seinen Diener aus dem Wasser gezogen hatte. Er 
pflegte mit Laune zu erzählen, dass er ihn zuerst habe halb todt würgen müssen, 
um den Widerstand zu besiegen, den er thöricht seiner Rettung entgegen 
setzte. 



6 Fürst Bismarck. 

Am I. April 1847 wurde der erste Vereinigte Landtag Preussens eröffnet. 
Eine Reihe von liberalen Abgeordneten erwarb sich schnellen und ausgedehnten 
Ruhm. Unter den Vertretern der conservativen Anschauungen waren nur 
zwei, die genannt wurden, ein Herr von Thadden-TriglafF, ein Vertreter über- 
trieben patrimonialer Anschauungen im Sinne Hallers, und B. ' Dieser hatte 
dem Landtage nicht von Anfang an angehört, sondern war erst am 11. Mai 
als Vertreter eines erkrankten Herrn von Brauchitsch einberufen worden. 
Eine der ersten Reden, die B. hielt, rief einen gewaltigen Sturm hervor, den 
B. bestand, indem er ein Zeitungsblatt aus der Tasche holte und las, bis 
Ruhe eingetreten war. Er hatte bestritten, dass die Erhebung des Volkes 
im Jahre 18 13 auf den Drang nach poH tischer Freiheit zurück zu führen sei, 
und sah die Veranlassung nur in dem Wunsch, die auswärtige Knechtschaft 
abzuwehren. So anfechtbar diese Ansicht geschichtlich auch sein mag, sie 
legte Zeugniss ab von dem Grundzuge seines Charakters, der sich später tausend- 
mal bewähren sollte, der Neigung, sich durch keine Dogmen und keine Phrasen 
bestechen zu lassen, sondern stets mit eigenen Augen zu prüfen. 

Am 28. Juli 1847 schloss B. das eheliche Bündniss mit Johanna von 
Puttkamer auf Reinfeld in Pommern, deren Eltern lange gezögert hatten, ihre 
Tochter dem wilden Junker anzuvertrauen. Es war ein consortium omnis 
vitae, humani et divini juris communicatio. Das junge Paar machte eine 
Hochzeitsreise und traf in Venedig mit dem König Friedrich Wilhelm IV. zu- 
sammen, dessen Aufmerksamkeit die Thätigkeit B.'s auf dem Landtage auf sich 
gezogen hatte, und der nun Veranlassung nahm, ihm sein Wohlwollen zu bezeugen. 

Die Ereignisse des 18. März 1848 trieben ihn nach Berlin. Er war 
überrascht und erbittert über die Rathlosigkeit und die Unthätigkeit, die sich 
in den herrschenden Kreisen zeigte, und machte Pläne, altmärkische Bauern 
zu bewafihen und nach Berlin zu fahren, um den König zu befreien. Durch 
einen Ergebenheitsbrief, den er in den ersten Tagen an den König richtete, 
gewann er dessen Herz für immer; bei einem späteren persönlichen Zusammen- 
treffen gab er seinem Missmuth über des Königs Unthätigkeit so nachdrücklich 
zu erkennen, dass die Königin Elisabeth erschrocken dazwischen trat. Aut 
dem zweiten Vereinigten Landtag, der am 2. April zusammen trat, gehörte 
B. zu den Wenigen, welche ihre Unzufriedenheit über die durch den 18. März 
geschaffenen politischen Veränderungen zu deutlichem Ausdruck brachten und 
gegen die Dankadresse an den König stimmten. 

Im Jahre 1849 wurde B. zum Mitgliede der zweiten Kammer und nach 
ihrer Auflösung wieder gewählt. Ebenso war er 1850 Mitglied und' Schrift- 
führer des Unionsparlaments in Erfurt. Stets zeigte er sich als einen 
Vorkämpfer der conservativen Partei; er rechtfertigte die Ablehnung 
der Kaiserkrone, er rechtfertigte den Gang nach Olmütz, wenn auch 
hauptsächlich aus dem Grunde, dass Preussen kein schlagfertiges Heer 
Tjur Hand gehabt hatte, und wahrscheinhch empfand er schon damals 
das Verlangen, dass einst der Tag der Vergeltung kommen möge. In dieser 
ganzen Zeit war er mit dem König in vielfacher persönlicher Berührung 
geblieben, und in diesem hatte sich die Ueberzeugung festgesetzt, dass 
er sich in B. einen Gehülfen seiner persönlichen Politik erziehen könne, 
wie er ihn bisher stets vergebens gesucht habe. Er beschloss, ihn in die 
politische Laufbahn hinüber zu ziehen, und B. erklärte sich dazu mit den 
Worten bereit, dass, wenn der König diesen Muth habe, er ihm gewiss nicht 
fehlen werde. 



Fürst Bismarck. y 

B. wurde am 8. Mai 185 1 zum Geheimen Legationsrath beim Bundestage 
in Frankfurt a. M. und am 15. Juli desselben Jahres zum Bundestagsgesandten 
ernannt. Die drei Monate sollten dazu dienen, dass der bisherige Gesandte 
von Rochow seinen Nachfolger in die Geschäfte einfuhren solle. Herr von 
Rochow that indessen nichts, um dieser Erwartung zu genügen, und B. trat 
völlig unvorbereitet in eine ihm fremde Laufbahn ein. 

B. hat in späteren Jahren diese Frankfurter Zeit als seine unentbehrlichen 
Lehrjahre bezeichnet, ohne welche er das schwierige Geschäft der auswärtigen 
Politik niemals erlernt haben würde. Heinrich von Sybel dagegen ist der 
Ansicht, dass B. die auswärtige Politik in Frankfurt eben so wenig gelernt 
habe, wie der Fisch das Schwimmen lernt, und der langjährige Amanuensis 
B.'s, Abeken, hat beklagt, dass gewisse handwerksmässige Fertigkeiten des 
Diplomaten von B. nie erlernt worden seien. Jedenfalls zeigten schon die 
ersten Berichte, die er von dort erstattete, seinem vorgesetzten Minister, dass 
das Amt in die Hände eines Mannes gefallen sei, der durch Genialität voll- 
ständig das ersetzt, was ihm an schulmässiger Vorbildung fehlt. 

Sein leitender Gedanke war, darauf hinzuarbeiten, dass die Machtstellung 
Preussens gestärkt werde, welche durch die Geschicklichkeit der österreichischen 
Politik und die Ungeschicklichkeit seiner eigenen Diplomaten geschwächt 
worden war. Oesterreich sollte nicht ferner die am Bunde vorherrschende 
Macht, sondern Preussen ihm vollständig gleichgestellt sein. Mit grossem 
Nachdruck wusste er es dahin zu bringen, dass seine sociale Stellung hier 
gleich derjenigen des Präsidialgesandten gehalten wurde. Es ereignete sich 
die Anekdote von der »paritätischen Cigarre«, welche Georg von Vincke 
Anlass zu Spöttereien bot, die zu einem unblutigen Duell führten (25. März 1852), 

Was in seinen Kräften stand, um Oesterreich dazu zu vermögen, den 
Anspruch Preussens auf Behandlung als einer gleichberechtigten Macht an- 
zuerkennen, hat er gewiss nicht unterlassen. Aber früh scheint sich bei ihm 
die Ueberzeugung ausgebildet zu haben, dass diese Bemühungen vergeblich 
bleiben würden. In einem Berichte vom 26. April 1856, einem der denk- 
^Tirdigsten Schriftstücke aus seiner Feder, dem unter den Eingeweihten der 
Name des »Prachtberichts« beigelegt wurde, bereitete er darauf vor, dass eine 
kriegerische Auseinandersetzung mit Oesterreich früher oder später nothwendig 
werden würde. 

Während seiner Frankfurter Zeit wurde B. übrigens nicht ausschliesslich 
mit Bundestagsangelegenheiten beschäftigt. Im Jahre 1852 wurde ihm eine 
ausserordentliche Mission in Vertretung des erkrankten Gesandten nach Wien 
übertragen, die sich auf den Abschluss eines Handelsvertrags bezog und zu 
erheblichen Ergebnissen nicht führte. Im April 1857 hatte er in Paris zu 
verhandeln, um aus Anlass der Neufchäteler Angelegenheit einen Durchzug 
preussischer Truppen durch Frankreich nach der Schweiz zu ermöglichen. 
Auch dies blieb vergeblich. 

Mehrfach war an B. die Versuchung herangetreten, ein Portefeuille zu 
übernehmen, gewöhnlich das des Auswärtigen, einmal das der Finanzen, und 
in der diplomatischen Welt hatte man sich allgemein an den Gedanken ge- 
wöhnt, ihn auf dem Ministerstuhl zu sehen. B. entzog sich indessen diesen 
Anforderungen; er wusste, dass er berufen werden würde, die Ideen Friedrich 
Wilhelms IV. durchzuführen, und das war eine Aufgabe, die er bei dem un- 
praktischen Sinne des Königs für undurchführbar hielt. 



8 Fürst Bismarck. 

Vielfach wurde sein Rath in Anspruch genommen; manche diplomatische 
Note, die von Berlin aus versandt wurde, war von ihm entworfen worden. 
In der Zeit vor dem Krimkriege und während desselben gab er sich grosse 
Mühe, Preussen von jeder Betheiligung davon zurück zu halten. Preussen, 
das war sein Gedanke, darf sich für die Interessen Anderer nur dann in das 
Zeug legen, wenn es dafür den entsprechenden Entgelt erhalte, und diesen 
werde es nur erhalten, wenn es sich aufsuchen lasse, nicht aber wenn es 
unaufgefordert sich in fremde Händel einmischt. Er war mit den mehrfachen 
Schwankungen, welche die Regierung gezeigt hatte, nicht einverstanden und 
noch weniger damit, dass, nachdem der Krieg beendigt war, sich Preussen 
ängstlich darum bemühte, zu den Friedensverhandlungen in Paris zugelassen 
zu werden. 

Nach dem Tode Friedrich Wilhelms IV. berief das Ministerium der 
Regentschaft B. von Frankfurt ab und ernannte ihn am 29. Januar 1859 zum 
Gesandten in Petersburg. B. hat diesen Wechsel unlieb empfunden, Theils 
weil er glaubte, auf dem Posten in Frankfurt durch seine Erfahrungen beson- 
ders viel nützen zu können, Theils weil er von Petersburg aus gar keinen Ein- 
fluss üben konnte. 

Während der durch den italienischen Krieg herbeigeführten Krisis kam 
er kaum in die Lage, seine Ansichten äussern und einen Rath geben zu 
können. Auch hier schien ihm die Politik, welche Preussen befolgte, eine 
zu unruhige, zu wenig von dem Bewusstsein getragene, dass Preussen sich 
aufsuchen lassen müsse, ehe es seine Dienste gewähre. 

Am 22. Mai 1862 wurde B., nachdem er bei Gelegenheit der Krönung 
König Wilhelms zur Excellenz ernannt worden war, von Petersburg abberufen 
und zum Gesandten in Paris ernannt. Diese Stellung hat er einige Monate 
bekleidet und während dieses Zeitraumes Theils in Paris, Theils im Bade Biarritz 
mit dem Kaiser Napoleon folgenreiche Gespräche gehabt. 

Inzwischen hatte sich die Lage in Berlin von Grund aus verändert. Das 
altliberale Ministerium Hohenzollern-Auerswald , das der König Wilhelm bei 
Uebemahme der Regentschaft gebildet, war zusammengebrochen. Die Militär- 
vorlage, welche der Regent und spätere König Wilhelm liir unerlässlich hielt, 
war abgelehnt. Ein heftiger Conflikt zwischen Regierung und Abgeordneten- 
haus war ausgebrochen. 

Der Kriegsminister, General von Roon, aus früherer Zeit her ein Freund 
B.'s, war der Träger der Militärvorlage. Ein Mann von conservativen Gesinn- 
ungen, war er in das liberale Ministerium eingetreten und hatte es gesprengt. 
Bei den Nachfolgern der liberalen Minister hatte er keine hinreichende Unter- 
stützung gefunden. Er hatte schon seit längerer Zeit dem Könige angetragen, 
B. zum Minister zu ernennen, und am 22. September 1862 gab der König 
dieser Bitte nach Ueberwindung schwerer Bedenken nach; am 8. October 
folgte die definitive Ernennung zum Ministerpräsidenten und Minister der aus- 
wärtigen Angelegenheiten. 

Was B.Friedrich Wilhelm dem Vierten abgelehnt hatte, dessen Minister zu wer- 
den, sagte er Wilhelm I. zu. Friedrich Wilhelm war ein Mann von grossem Ge- 
dankenreichthum, aber von geringer Beharrlichkeit gewesen ; Wilhelm war für 
neue Gedanken schwer zu gewinnen, aber an dem einmal für recht Erkannten hielt 
er beharrlich fest. B. durfte hoffen, König Wilhelm für seine Pläne zu 
gewinnen, was bei Friedrich Wilhelm, der von der ausschliesslichen Richtigkeit 
seiner eigenen Pläne überzeugt war, unmöglich gewesen wäre. Zunächst fand 



Fürst Bismarck. n 

B. seinen König in einer sehr entmuthigten Stimmung; er trug sich mit 
Rücktrittsgedanken, die Militärvorlage aufzugeben war ihm unmöglich und sie 
durch einen Verfassungsbruch durchsetzen wollte er nicht. Um den König 
von seinen Verzichtgedanken zu heilen, musste B. ein doppeltes versprechen, 
die jVlilitärvorlage ohne Abänderung durchzusetzen, und eine Verletzung der 
Verfassung zu vermeiden. B. gab dieses Versprechen; freilich ging er von 
der Ansicht aus, die zu theilen er den König vermochte, dass ein budgetloses 
Regiment keine Verletzung der Verfassung, sondern nur ein Ding sei^ das in 
der Verfassung nicht geschrieben sei. Auch so konnte B. sein Versprechen 
nur abgeben, wenn er im Stillen darauf rechnete, die inneren Schwierigkeiten 
durch einen ausländischen Krieg zu überwinden; Stoff zu einem solchen lag 
allerdings stets reichlich in der Luft. 

Ein Jahr verging, in welchem B.'s Bestreben, sich zum Herrn der Lage 
aufzuwerfen, fast keinen Erfolg aufzuweisen hatte. Ein Abgeordnetenhaus 
wurde aufgelöst; ein noch oppositioneller gefärbtes trat an seine Stelle. Am 
I. Juni 1863 wurde in Abwesenheit des Landtages eine Verordnung zur 
Knebelung der Presse oktroyirt; nach dem Zusammentritt des Landtages 
musste sie wieder aufgehoben werden. Das Abgeordnetenhaus beharrte auf 
seinem Standpunkte, eine Regierung ohne Budget für verfassungswidrig zu 
erklären, und hatte die öffentliche Meinung hinter sich. 

Zu den vorhandenen Differenzpunkten trat noch ein neuer hinzu. Aus 
Anlass der polnischen Erhebung, die im Jahre 1863 stattfand, wurde mit 
Russland eine Convention, die Alvensleben'sche Convention, abgeschlossen zu 
gemeinsamer Unterdrückung des Aufstandes. Diese Convention erregte den 
heftigsten Unmuth der liberalen Parteien, die stets polenfreundlich und 
russenfeindlich gewesen waren, während B. in dem Abschluss dieser Convention 
ein Mittel sah, nicht allein freundliche Gesinnungen Seitens Russlands zu er- 
werben, sondern noch der Gefahr einer russisch-polnischen Verbrüderung vor- 
zubeugen. Der Erfolg hat ihm Recht gegeben; Russland hat seine Dankbar- 
keit für den Abschluss dieser Convention durch Thaten an den Tag gelegt. 
Auf der anderen Seite fehlte es an freundlichen Berührungspunkten zwischen 
Regierung und Landtag nicht vollständig. Durch den Abschluss des deutsch-franzö- 
sischen Handelsvertrages war eine Krisis über den Zollverein hereingebrochen. 
Die Mittelstaaten, mit Ausnahme Sachsens, weigerten sich, diesen Handels- 
vertrag anzunehmen. B. hatte das von seinen Vorgängern ihm überkommene 
Werk mit voller Ueberzeugung aufgenommen. Ihn leiteten dabei jedoch nicht 
wirthschaftliche Erwägungen, sondern das Bestreben, eine Annäherung zwischen 
Oesterreich und den Mittelstaaten zu verhüten. 

Oesterreich suchte aber nicht allein in Zollfragen nach einem Anschluss 
an Deutschland; es machte auch den Versuch, dem Verlangen der öffent- 
lichen Meinung nach einer Reform der deutschen Bundesverfassung zu ge- 
nügen. Zunächst hatte es den Antrag gestellt, dem Bundesrathe eine Ver- 
sammlung von Delegirten der einzelnen Volksvertretungen beizugesellen; 
Preussen stimmte dagegen, indem es ausführte, dass nur eine nach Massgabe 
der Bevölkerungszahlen aus unmittelbarer Wahl hervorgehende Vertretung den 
Wünschen des Volkes genügen könne. Dann überraschte Kaiser Franz Joseph 
den König Wilhelm dadurch, dass er ihm am 2. August 1863 in Gastein 
persönlich eine Einladung zu einem P'ürstencongress überbrachte, der am 15. 
desselben Monats in Frankfurt abgehalten wurde, und auf welchem ein von 
Oesterreich ausgearbeitetes Reformprojekt zur Vorlage gebracht werden sollte. 



lO Fürst Bismarck. 

B. widerrieth dem Könige, dessen Herz geneigt war, der Einladung zu folgen, 
die Annahme in der entschiedensten Weise. Er setzte auseinander, dass die 
Form der Einladung eine für Preussen verletzende gewesen sei, dass es unzweck- 
mässig sei, in einer Versammlung von Fürsten einen Plan durchzuberathen, 
der nicht in Ministerconferenzen vorberathen sei. Er war tief überzeugt, dass 
der österreichische Antrag ein leerer Schein sei, der zu einem Ergebnisse nicht 
führen würde. Der Fürstentag trat in der That am 15. August zusammen; 
König Johann von Sachsen wurde ersucht, sich persönlich nach Baden-Baden 
zu begeben, wo König Wilhelm weilte, um ihn noch einmal persönlich ein- 
zuladen. B. musste, um König Wilhelm bei seinem ablehnenden Standpunkte 
zu erhalten, mit einem Entlassungsgesuch drohen, und als er endlich des Sieges 
sicher war, war er in einen so hohen Grad von Aufregung verfallen, dass er 
einiges Geschirr zerschlug, um das geistige Gleichgewicht wieder herzustellen. 
Bei diesem Widerstände gegen die österreichischen Hegemoniegelüste hatte 
er den Beistand der liberalen Kammer eben so unbedingt, wie bei dem Be- 
streben auf Erhaltung der Handelsverträge. Für ihn war das Bestreben leitend 
gewesen, jedem Ereignisse vorzubeugen, durch welches das Ansehen Oester- 
reichs und dessen Einfluss auf die übrigen deutschen Staaten gehoben werden 
könne. 

Kurhessen gegenüber that B. Schritte, um den Kurfürsten zur Herstellung 
geordneter Rechtszustände zu veranlassen. In dieser Beziehung hat eine am 
24. November 1862 durch einen Feldjägerlieutenant überbrachte Note eine 
historische Berühmtheit erlangt. 

Und endlich war es die Schleswig-Holstein 'sehe Frage, in welcher das 
Haus und das Volk auf B. Hoffnungen setzte. Am 30. März 1863 hatte 
König Friedrich VII. von Dänemark ein Patent erlassen, welches dem eider- 
dänischen Gedanken entsprach. Schleswig sollte dem dänischen Gesammt- 
staat einverleibt, Holstein von ihm abgesondert werden und eine besondere 
Verfassung haben. Nach Form und Inhalt enthielt dieses Patent ohne 
Zweifel einen schweren Rechtsbruch. Preussen und Oesterreich erhoben da- 
gegen am 17. April Protest. Der Bundestag erliess eine Aufforderung an die 
dänische Regierung, dieses Patent zurückzunehmen. Indessen in Kopenhagen 
war das blinde Selbstvertrauen auf den höchsten Grad gestiegen. Am 13. No- 
vember nahm der dänische Reichstag das Einverleibungsgesetz an und am 
18. November erhielt es die königliche Unterschrift. 

Indessen nicht die Unterschrift desselben Königs, auf dessen Befehl es 
eingebracht worden war. Friedrich VII. war am 15. November gestorben 
und Christian VIII. war ihm gefolgt. Das war ein Ereigniss von der höchsten 
Wichtigkeit für B. Jetzt stand nicht mehr die Verfassung Schleswig-Holsteins 
in Frage, sondern die Thronfolge in diesen Ländern, denn das im Jahre 1852 
durch das beklagenswerthe Londoner Protokoll geschaffene Thronfolgerecht 
sah er durch den dänischen Verfassungsbruch als hinfällig geworden an. 

Für B., der jetzt im neunund vierzigsten Lebensjahre stand, begann nun- 
mehr die Zeit des Handelns, auf die er sich dreizehn Jahre lang im diplo- 
matischen Dienst vorbereitet hatte. Die jetzt folgenden Jahre bis zur Auf- 
richtung des Norddeutschen Bundes, bilden den schwierigsten und ruhmvollsten 
Theil seines Lebens. Von dem Schlachttage von Sadowa ab, hatte er einen 
mächtigen Bundesgenossen in dem Hinweis auf den von ihm errungenen Er- 
folg; bis dahin stand er allein. 



Fürst Bismarck. II 

Das Ziel, welches er im Auge hatte, war, für den preussischen Staat aus 
den bevorstehenden Verwicklungen die möglichst hohen Vortheile zu gewinnen. 
Die Gedankenform, dass Preussen den Beruf habe, für Deutschland thätig zu 
sem, und dass es moralische Eroberungen in Deutschland machen müsse, wies 
er ganz und gar zurück. Nach seiner Anschauung waren alle Misserfolge, die 
Preussen in den letzten Zeiten davon getragen, darauf zurückzuführen, dass 
die preussische Politik für Interessen eingetreten, die nicht die ihrigen gewesen 
seien. Die eigene Macht zu erhalten und zu kräftigen, schien ihm die natür- 
liche Aufgabe jedes Staates, und er hatte nie das Vertrauen verloren, dass 
Preussen dazu im Stande sein würde, sobald es sich auf seine Aufgabe 
besänne. 

Voraussetzung dafür, möglichst weit gesteckte Ziele zu erreichen, schien 
ihm, sich niemals vorzeitig zu seinen letzten Zielen zu bekennen. Er be- 
kannte sich stets nur zu dem Ziele, von dem es ihm unzweifelhaft erschien, 
dass er es werde erreichen können. Fehlerhaft erschien es ihm, sich zu einem 
Bestreben zu bekennen, das mit der Gefahr verknüpft war, zu scheitern; 
ebenso fehlerhaft aber, die Erklärung abzugeben, dass man mit einem ge- 
wissen Erfolge zufrieden sein werde, so lange die Hoffnung bestehe, einen 
noch grösseren Erfolg zu erreichen. Wiederholt kehrt bei ihm die Erklärung 
nieder, dass es ein Vortheil für den Diplomaten sei, die Dinge dilatorisch 
betreiben zu können. 

Unermessliche Schwierigkeiten standen ihm entgegen. Das Ziel, die 
preussische Macht zu stärken, konnte naturgemäss von keinem anderen Staate 
getheilt werden. Man kann mit Sicherheit sagen, dass jeder Staat, der vor- 
ausgesehen hätte, welches der letzte Erfolg der B. 'sehen Politik sein würde, 
den ersten Schritten dieser Politik den entschiedensten Widerstand entgegen- 
gesetzt haben würde. 

Aber auch in seiner nächsten Nähe entbehrte B. jeder Förderung für 
seine einstweilen noch schwierigen Pläne. König Wilhelm stand im Greisen- 
alter und hatte nie von Kriegsruhm und Eroberung geträumt. Am Erhalten 
und nicht am Mehren war ihm gelegen. Der Gedanke an Gebietserwerbungen 
lag ihm fern ; der Gedanke, mit Oesterreich in Zerwürfnisse zu gerathen, wäre 
ihm unerträglich gewesen. König Wilhelm sah in der Nähe sehr scharf, aber 
sein Blick trug nicht in die Ferne. Das galt im bildlichen Sinne noch mehr 
als, im leiblichen. B. war nun stets bemüht, dem Könige den nächsten 
Schritt als den unvermeidlichen, als den durch die Klugheit und womöglich 
auch durch die Ehre gebotenen darzustellen und seine Aufmerksamkeit von 
den Schritten, welche sich an diesen nächsten knüpfen müssten, möglichst 
abzulenken. In dieser Weise hat er sechsundzwanzig Jahre lang den König für 
seine Politik gewonnen. 

In dem Kreise der conservativen Partei konnte B. auf Anhänger für seine 
Politik, wie er sie vorhatte, nicht rechnen. Diese Partei bejubelte in B. den 
Mann, welcher der liberalen Opposition mit rücksichtsloser Schärfe entgegen- 
trat, und die Militärvorlage durchsetzen würde, aber das Programm der Partei 
war auf den legitimistischen Gedanken, der Gebietserweiterungen geradezu 
ausschloss, und auf Erhaltung des Einverständnisses mit Oesterreich gerichtet. 
Der Gegensatz zwischen B. und der Hofpartei war ein sehr starker. Die 
Folge war, dass B. jetzt ein dringendes Interesse daran hatte, sich die Feind- 
schaft der liberalen Partei zu erhalten. Nur die Ueberzeugung, dass B. der 
einzige Mann sei, der die Fähigkeit besässe, der inneren Schwierigkeiten Herr 



12 Fürst Bismarck. 

zu werden, konnte die conservative Partei zu dem Wunsche veranlassen, ihn 
im Amte zu erhalten. 

Die liberale Partei sah in ihm einen offenen Feind; sie erblickte in 
seinem Kampfe für die Militärvorlage eine Vergewaltigung, in seinem budget- 
losen Regiment einen Verfassungsbruch. Wenn auch einzelne zu ihm all- 
mählich das Zutrauen gewannen, dass er Schleswig-Holstein befreien und eine 
Reform der Bundesverfassung versuchen werde, so herrschte doch die Ueber- 
zeugung vor, dass sich diese Ziele auf dem Wege des Rechtes und Friedens 
besser erreichen Hessen, als auf dem Wege von Blut und Eisen, den B. bei 
seinem Eintritt in das Ministerium offen angedeutet hatte. 

Der Streit bewegte sich aber nicht allein um die Ziele, sondern auch um 
die Frage, ob B. die Kraft habe, das Ziel zu erreichen. Für eine grosse An- 
zahl von Personen war B. noch der Junker, dessen ultrareaktionäre Haltung 
in den Jahren 1847 und 1848 Gespött hervorgerufen hatte. Andere, die sehr 
wohl wussten, dass sich im Laufe der Jahre ein Wechsel der Ansichten voll- 
zogen hatte, und die den geistreichen Mann in ihm sehr wohl erkannten, 
zweifelten doch, ob sich zu der Fülle von Geist und Kenntniss auch das 
Mass der Besonnenheit gesellt habe, das erforderlich sei, um grosse Pläne 
durchzuführen. Man erinnerte sich, wie Preussen seit 1848 mehrfach Anläufe 
zu einer Grossmachtspolitik genommen habe und dann stets zurückgewichen 
sei, und man fürchtete einen ähnlichen Verlauf. Es kam hinzu, dass in 
manchen Kreisen das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit der Armee und 
die Tüchtigkeit ihrer Führer fehlte. Der einzige General von bekanntem 
Namen war damals der achtzigjährige Wrangel, der Niemandem imponirte. 

Die liberale Partei war der Ansicht, dass durch den Tod Friedrichs VII. 
der Herzog Friedrich von Schleswig- Holstein -Sonderburg- Augustenburg der 
rechtmässige Souverän der vereinigten Herzogthümer Holstein und Schleswig 
geworden sei, und dass die Anerkennung dieses Rechts durch die deutschen 
Mächte genügen würde, um diese Länder ohne Einspruch einer Grossmacht 
für Deutschland zurückzugewinnen. Die Mittelstaaten Hessen sich von dieser 
Strömung beherrschen. Im preussischen Abgeordnetenhause wurde schon am 
18. December ein Antrag in diesem Sinne gestellt und angenommen. 

Dem gegenüber verabredete B. mit Oesterreich eine andere Politik. Die 
Integrität Dänemarks sollte vor der Hand nicht angetastet, sondern Dänemark 
nur aufgefordert werden, die Novemberverfassung zurückzuziehen. Bei dem 
Bund wurde ein Antrag eingebracht, der den Zweck hatte, den Bund auf die- 
selbe Politik festzunageln, wurde aber von dem Bund abgelehnt. Diese Ab- 
lehnung gab den willkommenen Anlass, zu erklären, dass Preussen und Oester- 
reich fortan die Wahrung der Rechte des deutschen Bundes in die eigene 
Hand nehmen würden. 

B. hatte ein Doppeltes erreicht. Einerseits hielt er eine Einmischung des 
Auslandes fern, indem er seine nächsten Forderungen auf solche Punkte be- 
schränkte, deren Gerechtigkeit von den Grossmächten selbst nicht bestritten 
werden konnte, und indem er die Einigkeit der beiden deutschen Gross- 
mächte vor der Welt darlegte. Andererseits führte er den Beweis, wie ohn- 
mächtig die Politik der deutschen Mittelstaaten selbst in solchen Fällen ist, 
wo sie die öffentliche Meinung flir sich haben. 

Dänemark lehnte die Forderungen der beiden deutschen Grossmächte 
ab; es kam zum Kriege, zu schönen Erfolgen der österreichischen Truppen, 
zum glänzenden Siege der preussischen Waffen bei Düppel und Alsen, zum 



Fürst Bisroarck. 



13 



Präliminarfrieden vom i. August und zum definitiven Frieden vom 30. Oc- 
tober 1864, durch welchen die Herzogthümer Holstein, Schleswig und Lauen- 
burg an Preussen und Oesterreich abgetreten wurden. 

Der Erfolg dieses Krieges hatte nicht die Wirkung, das Verhältniss der 
preussischen Regierung zum Landtage zu verbessern. Am 22. Januar 1864 
war die Forderung einer Kriegsanleihe mit grosser Majorität abgelehnt worden. 
B. hatte indessen ein drohendes Wort wahr machen können, das er früher 
gesprochen: »Wenn wir für nöthig halten, Krieg zu führen, so werden wir 
es thun, mit oder ohne Ihre Erlaubniss«. Die Kriegskosten waren zum 
grossen Theil aus dem Staatsschatz entnommen, und das Abgeordnetenhaus 
verweigerte auch, hierzu die nachträgliche Genehmigung auszusprechen. 

Der budgetlose Zustand blieb aufrecht erhalten; über die Militärorgani- 
sation kam eine Verständigung nicht zu Stande. Dass über das endgültige 
Schicksal der Herzogthümer eine Verständigung nicht erzielt war, wurde von 
der liberalen Partei dem Ministerium geradezu als ein Beweis seiner Unfähig- 
keit vorgehalten. Es kam zu heftigen Scenen, am 3. Juni 1865 Hess B. den 
Abgeordneten Virchow zum Zweikampf fordern, doch wurde die Forderung 
abgelehnt. Das Abgeordnetenhaus erklärte in einer Adresse an den König, 
es habe kein Mittel zur Verständigung mehr mit diesem Ministerium. Und 
das Ministerium selbst hielt sich von den Sitzungen des Abgeordnetenhauses 
zeitweise fern, weil es sich durch das Verhalten des Präsidenten verletzt fühlte. 

Der Ausgang des dänischen Krieges hatte entschieden, dass die Herzog-^ 
thümer von Dänemark losgerissen werden sollten; was endgültig mit ihnen 
werden solle, blieb vor der Hand unentschieden. Preussen und Oesterreich, 
die provisorisch eine gemeinsame Verwaltung führten, mussten sich darüber 
verständigen. Es gehört zu den grössten Erfolgen B.'s, dass er die öster- 
reichische Regierung vermochte, diesen Gesellschaftsvertrag einzugehen, ohne 
sich eine Sicherheit darüber zu verschaffen, wie er einst liquidirt werden solle. 
Die Frage, ob die Ansprüche des Herzogs von Augustenburg anerkannt 
werden sollten, trat nun ernstlich an Preussen heran. Das kronprinzliche 
Paar befürwortete es; der König schien zuzustimmen. B. zeigte sich nicht 
abgeneigt. Doch verlangte er, dass Preussen zur Verstärkung seiner Wehr- 
fähigkeit gewisse Zugeständnisse gemacht w^ürden. Der Prinz wiederum zeigte 
sich zu solchen Zugeständnissen geneigt, aber über ihr Mass wurde man 
nicht einig. 

Fast gleichzeitig mit dem Abschluss des deutsch-dänischen Friedens trug 
sich in Oesterreich ein Minister\\'echsel zu, der für die weitere Entwicklung 
verhängnissvoll wurde. Seit der Zeit des Fürsten Schwarzenberg hatten alle 
österreichischen Minister und Minister des Auswärtigen mehr oder weniger 
das Bestreben gehabt, die Stellung Preussens im Bunde her abzudrücken und 
zu diesem Zwecke sich auf die Mittelstaaten zu stützen. Seit dem Jahre 1859 
war der Graf von Rechberg im Amte, der von dieser traditionellen Politik 
abwich und dem Gedanken entgegenkam, ein paritätisches Verhältniss 
zwischen Preussen und Oesterreich herzustellen. Im vollsten Einverständnisse 
mit ihm hatte B. ein Jahr lang die dänische Politik getrieben. Rechberg 
stellte nun das Verlangen, dass Preussen vertragsmässig die Verpflichtung 
übernehme, wie es das schon zwölf Jahre früher gethan hatte, nach Ablauf 
einer gewissen Zeit mit Oesterreich über eine vollständige Zolleinigung zu 
unterhandeln. B. war dazu bereit, indessen Delbrück, der in der Stellung 
eines Ministerialdirektors die preussische Zollpolitik leitete, widersprach dem 



I^ Fürst Bismarck. 

und verstand es, die verant\^'ortlichen Ressortminister Graf Itzenplitz und 
Bodelschwingh zu gewinnen. Es wurde die Entscheidung des Königs an- 
gerufen und noch war B.'s Einfluss nicht mächtig genug geworden, dass er diese 
Entscheidung in seinem Sinne hätte lenken können. In Folge dessen war 
Rechberg's Stellung in Wien unhaltbar geworden, und er wurde durch den 
Grafen MensdorfF ersetzt, einen Mann, der häufig Klarheit und Festigkeit ver- 
missen Hess und nicht im Stande war, sich gewisser Nebenströmungen zu er- 
wehren, die sich in der österreichischen Regierung geltend machten. Damit 
war in Oesterreich eine preussenfeindliche Richtung zur Herrschaft gelangt, 
und der Ausbruch eines Krieges zwischen beiden Mächten war nur noch eine 
Frage der Zeit. 

In Wien trat man allen Ansprüchen Preussens entgegen und nur um 
ihnen wirksam entgegentreten zu können, nahm man sich der Rechte des 
Augustenburgers an, obwohl diese Rechte der österreichischen Regierung sehr 
gleichgültig waren und nur als Mittel dienten, auf Preussen einen Druck aus- 
zuüben. 

Für B. lag die Nothwendigkeit vor, den Kampf noch Jahr und Tag 
hinauszuschieben. Er war genöthigt, Beweise seiner äussersten Versöhnlichkeit 
und Friedensliebe zu liefern, ehe er den König Wilhelm zum Kriege be- 
stimmen konnte. Er war genöthigt, mancherlei Vorkehrungen zu treffen, da- 
mit keine der übrigen Grossmächte sich verderblich in den Kampf einmischte 
jind insbesondere sich der Neutralität Napoleons zu versichern. 

Die Geschichte der Zeit vom Tode Friedrichs VII. bis zum Ausbruche des 
österreichisch-deutschen Krieges fiillt bei Sybel zwei starke Bände, und sie ist 
nicht kürzer zu erzählen, wenn man die einzelnen Fäden biossiegen will. Das 
Wesentliche ist, dass B. die Fähigkeit hatte, sich jederzeit in die Sinnesweise 
der Männer, die ihm gegenübergestanden hatten, hineinzudenken und genau 
im Voraus zu wissen, was sie auf einen, ihnen gemachten Vorschlag antworten 
würden ; er war im Stande, Vorschläge zu machen, deren Annahme ihm sehr 
unangenehm gewesen wäre, mit dem sicheren Bewusstsein, dass sie abgelehnt 
werden würden. 

Hier kann nur der Vertrag von Gastein vom 14. August 1865 hervor- 
gehoben werden, durch welchen das Condominat Oesterreichs und Preussens 
über Holstein und Schleswig dahin umgestaltet wurde, dass Oesterreich das 
Herzogthum Holstein und Preussen das Herzogthum Schleswig zu verwalten 
hatte. Das kleine Herzogthum Lauenburg wurde der preussischen Krone 
übertragen. Es war der erste Landerwerb, der dem Könige Wilhelm zufiel,, 
und darum von grosser Wichtigkeit, weil er ihn dem Gedanken an andere 
Annexionen zugänglicher machte. 

Der Abschluss dieses Vertrages konnte die schwüle Stimmung zwischen 
den beiden Staaten nicht beseitigen. Der geschaffene Zustand konnte auf die 
Dauer nicht Bestand haben. Es war unwahrscheinlich, dass man ohne Krieg 
zu einem anderen Zustande würde übergehen können. Von beiden Seiten 
wurde gerüstet; wochenlang stand man einander in einem Zustande gegenüber, 
in welchem der Ausbruch des Krieges in jedem Augenblicke zu erwarten war. 
Wechselseitig schob man einander die Schuld zu, die Rüstungen veranlasst 
zu haben. Es wurden Verabredungen zur Abrüstung getroffen. Inzwischen 
bemühte sich aber B. mit Italien, das mit Oesterreich wegen der venetianischen 
Rüstungen noch abzurechnen hatte, zu einem Schutz- und Trutzbündnisse zu 
gelangen, und der Abschluss dieses Bündnisses gelang in einer für Preussen 



Fürst Bismarck. 



15 



sehr günstigen Form. Drei Monate lang blieb Italien an der preussischen 
Politik gefesselt, so dass es von dieser abhing, ob es zum Kriege kommen 
solle. Die italienischen Rüstungen machten es nun Oesterreich unmöglich, 
zu derjenigen Abrüstung zu schreiten, zu welcher es Preussen gegenüber 
bereit gewesen sein würde. 

Ein friedlicher Ausgleich zwischen Oesterreich und Preussen wäre noch 
möglich gewesen, wenn Preussen für die Ueberlassung Schleswig-Holsteins 
sich zu Gebietsabtretungen in Schlesien entschlossen hätte. Davon wollte B. 
Nichts wissen. Er richtete seine Kraft darauf, den Krieg zu einem für die 
Auffassung seines Königs unvermeidlichen zu machen und dabei doch die 
Lage so zu gestalten, dass Oesterreich als der angreifende Theil erschien. 

Dazu war es für B. nöthig, der Schleswig-Holstein*schen Complication 
noch eine solche auf dem Gebiete des Bundesrechts hinzuzufügen. Am 
Bundestag stellte er einen Antrag auf Bundesreform, der ungefähr den Ge- 
danken entsprach, welche er bei Gelegenheit des Frankfurter Fürstentages 
Oesterreich entgegengehalten hatte. Der Antrag wurde an einen Ausschuss 
verwiesen. 

Während B. mit einem Werke beschäftigt war, das eine gewaltige Um- 
gestaltung in Europa zur Folge haben sollte, wurde auf ihn von einem jungen 
Mann, Namens Cohn, dem Sohne eines eifrigen Demokraten, am 7. Mai 1866 
ein Mordanfall mit dem Revolver gemacht. Fünf Schüsse fehlten das Ziel; 
er entwaffnete den Mörder, der sich im Gefängnisse das Leben nahm. 

Noch immer war mit dem Abgeordnetenhause eine Verständigung nicht 
herbeigeführt; am 9. Mai 1866 erfolgte von Neuem seine Auflösung. 

Der lang vorausgesehene Krieg tritt endlich in folgender Reihenfolge von 
Ereignissen ein. Am i. Juni giebt Oesterreich am Bundestage eine Erklärung 
über die Lage der Herzogthümerfrage ab und stellt dabei dem Bunde die 
Entscheidung anheim. Preussen protestirt dagegen, weil durch den Gasteiner 
Vertrag und eine frühere geheime Convention verabredet war, dass die beiden 
Grossmächte allein entscheiden sollten. Preussen hielt den Gasteiner Vertrag 
für gebrochen und sich für berechtigt, zur Ausübung des Condominats in 
Holstein wieder einzurücken. Oesterreich lässt zwar Holstein von seinen 
Truppen unter Protest räumen, erklärt aber nunmehr seinerseits, dass Preussen 
den Gasteiner Vertrag gebrochen habe. Es beantragt die Mobilmachung aller 
Bundesarmeecorps mit Ausnahme des Preussischen. Der Bundestag nimmt 
diesen Antrag mit knapper Mehrheit an und nun erklärt Preussen den Bundes- 
vertrag für erloschen. 

An sämmtliche deutsche Staaten hatte B. dringende Aufforderungen ge- 
richtet, bei dem sich vorbereitenden Kriege zwischen Preussen und Oesterreich 
neutral zu bleiben. Bei den vier Königreichen, beiden Hessen, Baden und 
Nassau blieb diese Aufforderung ohne Erfolg. Der Krieg richtete sich daher 
auch gegen diese. 

Der Krieg war von kurzem Verlauf; vom 26. Juni bis 3. Juli wurde das 
österreichische Heer in mehreren Schlachten, zuletzt nachdrücklich bei König- 
grätz, geschlagen. Die hannoversche Armee wurde zur Capitulation gezwungen. 
T)ie übrigen Truppen der Kleinstaaten wichen überall nach wenig erheblichen 
(jefechten vor den preussischen Tnippen zurück. Am 22. Juli waren die 
Dinge soweit gediehen, dass die Friedensverhandlungen beginnen konnten. 
Während Preussen solche Erfolge erzielte, hatte sein Bundesgenosse schlechte 



i5 Fürst Bismarck. 

Erfahrungen gemacht. Italien war zu Lande und zur See gegen Oesterreich 
unterlegen, das in dieser Weise seine Waffenehre rettete. 

Der Ausgang des Krieges hatte in der ganzen Welt Erstaunen erregt. 
Meist hatte man Oesterreich für stärker gehalten und Niemand hatte geglaubt, 
dass Preussen so stark sei. Am grössten war das Erstaunen in Frankreich 
und am meisten mit unangenehmen Empfindungen durchsetzt. Napoleon hatte 
den Ausbruch des Krieges nicht ungern gesehen und ihn vielleicht gefördert. 
Er hatte mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Preussen aus dem Kriege ge- 
schwächt hervorgehen zu sehen und ihm dann gegen grössere oder geringere 
Landcompensationen sein Wohlwollen zu gewähren. Jetzt war der Kaiser sehr 
eilig damit, seine Friedensvermittelung anzubieten, und eine Grenze zu be- 
zeichnen, über die hinaus Frankreich preussischen Erfolg nicht ertragen würde, 
ohne sich einzumischen. 

Was Oesterreich anbetrifft, so verstand sich eine Forderung von selbst, 
ohne die für Preussen ein Friede nicht denkbar war. Oesterreich musste für 
immer aus dem deutschen Bunde, oder dem, was an seine Stelle treten sollte, 
ausscheiden. Oesterreichs deutsche Rolle war ausgespielt; die Hegemonie ging 
auf Preussen über. Damit aber wollte sich B. begnügen. Mit so grosser 
Entschiedenheit er den Kampf gegen Oesterreich aufgenommen hatte, so ent- 
schieden drängte sich ihm jetzt der Gedanke auf, dass in Zukunft Preussen 
Oesterreichs Freundschaft brauchen werde, und dass man nicht den Keim zu 
ewigen Rachegedanken ausstreuen dürfe. König Wilhelm dagegen wollte er- 
hebliche Theile von Oesterreich annektiren, und da hierfür Oesterreichs Bereit- 
willigkeit nicht vorhanden war, den Krieg fortsetzen. Er nannte den Frieden, 
den ihm sein Minister aufzufangen wollte, einen schmählichen. Nach der auf- 
geregten Zeit der Kriegsvorbereitungen und des Krieges war dieser 24. Juli 
der aufgeregteste Tag in B.'s ganzem Leben, und wenn ich oben den Zeit- 
raum vom Tode des Königs von Dänemark bis zum Frieden mit Oesterreich 
als den ruhmvollsten Theil in B.'s Leben bezeichnet habe, so war dieser 
24. Juli der ruhmvollste Tag. Es gelang ihm, durch Vermittlung des Kron- 
prinzen den König für seine Ansichten zu gewinnen. 

Die Staaten nördlich vom Main sollten zu einem Norddeutschen Bunde 
zusammengefasst werden; diesen Bund auf die südlichen Staaten auszudehnen 
war unmöglich gewesen, ohne zu einem Kriege mit Frankreich zu gelangen, 
den B. vor der Hand vermieden zu sehen wünschte. Die bestehenden 
Dynastieen zu schonen, hatte B. gewünscht. Statt derjenigen norddeutschen 
Fürsten, die an dem Kriege theilgenommen hatten (Hannover, Kurhessen, 
Nassau, Meiningen), sollten ihre Thronfolger eintreten. Theils der Eigensinn 
dieser Fürsten, Theils der Wunsch König Wilhelms, der sich im Laufe der 
Zeit mit dem Wunsch erfüllt hatte, sein Land zu vergrössern, führten denn 
doch zu der Annexion von Hannover, Hessen, Nassau und der Stadt Frank- 
furt. Dass Schleswig-Holstein an Preussen fiel und vom Augustenburger nicht 
mehr die Rede war, w^urde als selbstverständlich betrachtet. 

König Wilhelm hatte den Wunsch gehabt, Ansbach und Bayreuth für 
Preussen zurückzugewinnen, aber B. widersetzte sich aus demselben Grunde, 
aus welchem er einer Gebietsschmälerung Oesterreichs widerrieth. 

Am 4. August kehrte B. nach Berlin zurück. Dort harrte seiner eine 
Ueberraschung. Am 5. übersandte ihm der französische Botschafter Benedetti 
den Entwurf eines Vertrages, dem zu Folge Mainz und einige andere deutsche, 
sowie belgische Gebietstheile an Frankreich abgetreten werden sollten. Am 



Fürst Bismarck. 



17 



6. August lehnte B. diesen Vorschlag mit aller Schärfe ab. Er hätte es eher 
auf einen sofortigen Krieg mit Frankreich ankommen lassen, als den geringsten 
Bruchtheil deutschen Landes abgetreten. Die früh geoffenbarte Begehrlichkeit 
Frankreichs hatte nun aber den guten Erfolg, dass die süddeutschen Staaten, 
die ausserhalb des norddeutschen Bundes bleiben mussten, mit Preussen 
Militärconventionen und Bündnissverträge abschlössen, die einstweilen geheim 
gehalten -^oirden. Der definitive Frieden mit Oesterreich, zu Prag ab- 
geschlossen, datirt vom 23. August; mit den übrigen Staaten kamen die 
Friedensinstrumente bis zum 21. September zu Stande. 

Der kurze Feldzug hatte die Stellung B.*s von Grund aus verändert. 
Die Welt sah in ihm von jetzt ab wenigstens den befähigten, zum grossen 
Theil schon den genialen Staatsmann. Aus der liberalen Partei heraus bildete 
sich eine Partei, deren Programm inhaltlich darauf hinauskam, seine Politik 
zu unterstützen; ebenso sonderte sich ein Theil der conservativen Partei ab, 
der die alten Parteidogmen verwarf und sich zu dem Gedanken an die 
Einigung Deutschlands unter preussischer Führung freudig bekannte. Dem 
Könige, der ihn am 16. September 1865 in den Grafenstand erhoben hatte, 
und der zuweilen zweifelnd seinen Rath befolgt hatte, war das Vertrauen zu 
ihm gewachsen. Die Kabinette der übrigen Grossmächte fanden sich in den 
Gedanken, dass Preussen, dass Deutschland unter diesem Minister eine hervor- 
ragende Stellung im Rathe der Nationen einzunehmen berechtigt sei. 

War in der jetzt abgelaufenen Periode der leitende Gedanke B.*s der 
gewesen, für Preussen eine erhebliche Machtstärkung zu erlangen, durch 
freundliches Abkommen mit Oesterreich, wenn es sein konnte, durch Krieg 
mit ihm, wenn es sein musste, so trat jetzt der Gedanke in den Vordergrund, 
dass man sich rüsten müsse auf den unabwendlichen Vertheidigungskrieg 
gegen Frankreich, denn dass Frankreich die Verletzung, die sein Prestige er- 
litten, als eine mit den Waffen zu rächende Kränkung empfinden würde, war 
ihm unzweifelhaft. Dass in einem solchen Kriege Deutschland keinen Bundes- 
genossen haben werde, war ihm klar, eher erwartete er, dass eine andere 
Macht aus Hass oder Neid sich mit dem Feinde Deutschlands verbinden 
werde. 

Unter diesen Umständen kam ihm Alles darauf an, dem inneren Zwie- 
spalt ein gründhches Ende zu bereiten. Er entschloss sich daher, den Libe- 
ralen weit entgegenzukommen, in der Ueberzeugung, dass er die Machtstellung 
des Königs in jedem Augenblicke wieder würde herstellen können. So wurde 
denn der Verfassungsconflict dadurch beigelegt, dass das Ministerium für das 
budgetlose Regiment der letzten Jahre Indemnität nachsuchte und erhielt. 
Die Genehmigung der Militär reorganisation verstand sich nun von selbst. Am 
5. December bewilligte das Abgeordnetenhaus für B. eine Dotation von 
400 000 Thalern, die zum Ankauf des Gutes Varzin in Pommern verwendet 
wurde. 

Am 24. Februar 1867 trat der constituirende Reichstag des Norddeutschen 
Bundes zusammen. Der Verfassungsentwurf, welchen B. vorgelegt hatte, be- 
ruhte auf dem Gedanken des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, aus 
welchem der Reichstag selbst hervorgegangen war. 

Die Berathung dieses Entwurfs zog sich bis zum 16. April hin. Den 
vielen Abänderungsvorschlägen gegenüber zeigte sich B. sehr nachgiebig. 
Insbesondere wilHgte er darein, dass die Competenz des Reichs erheblich aus- 
gedehnt wurde, während der von ihm vorgelegte Entwurf die Competenz der 

Biogr. Jahrb. n. Deutischer Nekrolog. 3. Bd. 2 



l8 Fürst Bismarck. 

Einzelstaaten möglichst geschont hatte; ebenso gestand er eine Reihe von 
Abänderungen zu, welche der Verfassung einen liberalen Charakter auf- 
drückten. Nur in zwei Punkten blieb er unnachgiebig. Er lehnte ab, dass 
die Reichstagsabgeordneten Diäten erhielten, und er beharrte darauf, dass die 
Friedenspräsenzstärke des Bundes für eine Reihe von Jahren gesichert blieb. 

Noch während der constituirende Reichstag tagte, ereignete sich ein auf- 
regender Zwischenfall auf dem Gebiete der auswärtigen Politik, Kaiser 
Napoleon, der mit seinen Ansprüchen auf Landabtretungen seitens des 
deutschen Reichs gescheitert war, hatte versucht, sich dadurch einen Erfolg 
zu schaffen, dass er mit dem Könige der Niederlande über die Abtretung 
des Grossherzogthums Luxemburg verhandelte. Sobald B. dies erfuhr, gab 
er zu verstehen, dass er einen solchen Handel nicht dulden würde, und als 
in der französischen Deputirtenkammer Drohungen gegen Preussen ausgestossen 
wurden, antwortete er darauf mit der Veröffentlichung der bisher geheim ge- 
haltenen Trutz- und Schutzbündnisse mit den süddeutschen Staaten. 

Die Sache schien sich zum Kriege zuzuspitzen, aber B., obwohl er von 
der Unvermeidlichkeit dieses Krieges überzeugt war, bemühte sich dennoch, 
seinen Ausbruch auf einen späteren Zeitraum zu verschieben. Er erklärte der 
niederländischen Regierung, dass er zwar die Abtretung Luxemburgs an Frank- 
reich als einen Kriegsfall betrachten würde, dass er aber bereit sei, auf einer 
europäischen Conferenz über die Erhaltung des Friedens auf der Grundlage 
zu verhandeln, dass Luxemburg neutralisirt und die Festung geschleift werde. 
Auf dieser Grundlage kam am ii. Mai auf der Londoner Conferenz ein Ab- 
kommen zu Stande. 

Am i6. April war die Verfassung des Norddeutschen Bundes vom Reichs- 
tage angenommen worden. Sie unterlag noch der Bestätigung durch die 
Parlamente der Einzelstaaten, die in Preussen ohne erhebliche Mühe, in allen 
übrigen Staaten als selbstverständlich erreicht wurde, und trat am i. Juli in 
Kraft. Die süddeutschen Staaten blieben dadurch an den Norddeutschen 
Bund gefesselt, dass die Zollvereinsverträge erneuert wurden und der Bund 
wurde dadurch noch fester, dass für die Berathung von Zollangelegenheiten 
der Reichstag sich zu einem Zollparlament erweiterte. 

Als Beamter des deutschen Bundes erhielt B. den Titel »Kanzler des 
Norddeutschen Bundes« und unter dem Titel eines Präsidenten des Reichs- 
kanzleramts machte er Rudolf Delbrück zu seinem vornehmsten Gehülfen. 
Diese Wahl war ein erhebliches Zugeständniss an die liberale Partei. 
Wenigstens in wirthschaftlichen Fragen stand Delbrück ganz entschieden auf 
liberalem Boden und in rein politischen Fragen war er noch niemals hervor- 
getreten. 

Dieses Zugeständniss an die liberale Partei war freilich eine Nothwendig- 
keit, denn es galt, die durch die Reichsverfassung geschaffene Möglichkeit, 
die wirthschaftliche Einheit auf gesetzlichem Wege herbeizuführen, in Thaten 
umzusetzen, und dieser. Aufgabe war sicher kein Conservativer und kaum 
Jemand ausser Delbrück gewachsen. Ohne sichtbares Eingreifen B.'s kamen 
Reichsgesetze über Heimathsrecht und Freizügigkeit, über den Gewerbe- 
betrieb, über gegenseitige Rechtshülfe und andere zu Stande. 

Allen Anregungen, auf eine Vereinigung der süddeutschen Staaten mit 
dem Norddeutschen Bunde hinzuarbeiten, widerstand B. mit Entschiedenheit, 
aber denjenigen Particularisten, welche mit dem Widerstände des Auslandes 



Farst Bismarck. 



19 



gegen eine solche Vereinigung drohten, hielt er entgegen, dass die Furcht 
kein Echo in deutschen Herzen findet. (18. Mai 1868.) 

Im Mai 1868 zogen die feindseligen Agitationen des entthronten Königs 
Georg von Hannover die Aufmerksamkeit B.'s auf sich. Er Hess dessen Ver- 
mögen, soweit es sich in preussischen Händen befand, mit Beschlag belegen, 
nachdem er noch kurz zuvor nicht ohne Mühe sich vom Landtage die Er- 
mächtigung ausbedungen hatte, dieses Vermögen in sehr freigebiger Be- 
messung dem König Georg zurückzugewähren. Die Zinsen dieses Vermögens 
Hess er sich zu völlig discretionärer Benutzung zur Verfügung stellen und 
dieser Weifenfonds oder Reptilienfonds hat später zu unzähligen Reclamationen 
im Abgeordnetenhause Veranlassung gegeben. 

Es nahte nun die Zeit, in welcher der längst vorhergesehene Krieg mit 
Frankreich nicht länger hinausgeschoben werden konnte. Frankreich hatte 
mit Oesterreich und mit Italien Verhandlungen angeknüpft, um ein Bündniss 
herbeizuführen. Der Umstand, dass Prinz Leopold von Hohenzollern als 
Candidat für den spanischen Königsthron aufgestellt war, wurde von Frank- 
reich benutzt, um Vorstellungen bei dem Könige von Preussen zu erheben, 
die höchstens der spanischen Regierung gegenüber am Platze gewesen wären. 
König Wilhelm, der sich zu Ems im Bade aufhielt und des Beirathes seines 
Ministers entbehrte, wurde von dem französischen Botschafter Benedetti, der 
ihm dorthin gefolgt war, mit Vorstellungen belästigt und gab ihm nicht eine 
so entschiedene Antwort, wie B. es für zweckmässig gehalten hätte. 

Am 13. Juli setzte König Wilhelm telegraphisch B. von dem letzten 
Gespräch in Kenntniss, das er an demselben Tage mit Benedetti gepflogen 
hatte, und nach dessen Beendigung er ihm »Nichts mehr zu sagen habe«. 
Auf Grund dieser Depesche Hess B. der Oeffentlichkeit einen Bericht zugehen, 
der an den Mittheilungen des Königs leichte Auslassungen und Veränderungen 
hervorgerufen hatte. Das war die berühmte Emser Depesche. 

Es ist kein Zweifel, dass die Fassung dieser Depesche, welche die öfFent- 
Hche Meinung in Frankreich im hohen Grade erregte, der Anlass zu dem 
unmittelbaren Ausbruch des Krieges war. Es ist kein Zweifel, dass B. diesen 
Erfolg vorhergesehen und gewollt hat. Es ist endlich richtig, dass die De- 
pesche, die an die Oeffentlichkeit gelangte, sich nicht mit den vertraulichen 
Mittheilungen des Königs an B. deckte. Trotzdem ist es eine Thorheit, zu 
behaupten, dass B. durch die »Fälschung« der Emser Depesche den Krieg 
hervorgerufen habe. 

Die Depesche, welche B. durch die Welt versandte, lautet: 

»Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Prinzen von 
Hohenzollern der kaiserlich-französischen Regierung von der spanischen 
amtlich mitgetheilt worden sind, hat der französische Botschafter in 
Ems an Se. Maj. den König noch die Forderung gestellt, dass er 
nach Paris telegraphire, dass Se. Maj. der König sich für alle Zu- 
kunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn 
die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkommen sollten. 
Se. Maj. hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter noch 
einmal zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom 
Dienst sagen lassen, dass Se. Maj. dem Botschafter nichts weiter mit- 
zutheilen habe.« 
Diese Depesche enthält schlechthin kein unwahres Wort. Sie enthält 
auch keine Beleidigung Frankreichs, sondern nur die Mittheilung, dass 

* 



2 



20 Fürst Bismarck. 

Preussen eine beleidigende Zumuthung Frankreichs gebührend zurückgewiesen 
hat. Eine Depesche, die ein Monarch vertraulich seinem Rathgeber zusendet, 
hat dieser nicht die Verpflichtung, öffentlich bekannt zu machen. Dass diese 
Depesche die Kriegsraserei in Frankreich entfesselte, ist nur dadurch zu er- 
klären, dass Frankreich längst kriegslustig war und nur nach einem Anlass 
suchte, den Krieg zu erklären. 

Die Wirkung der Depesche war die, dass Frankreich ausser Stande war, 
vor dem Ausbruch des Krieges seine kriegerischen und seine diplomatischen 
Rüstungen fortzusetzen, sondern sich sofort zum Kampf stellen musste. Und 
die weitere Folge war die, dass Frankreich sofort bei Beginn des Krieges 
entscheidende Schlappen erlitt, die seine Hoffnungen auf Bundesgenossenschaft 
vernichteten. 

Im Reichstage, der alsbald zusammenberufen wurde, konnte B. mittheilen, 
dass die französische Kriegserklärung die erste schriftliche Mittheilung, das 
erste Actenstück gewesen sei, das ihm in dieser Angelegenheit von franzö- 
sischer Seite zugegangen, der einleuchtendste Beweis, dass Frankreich sich 
von den Voraussetzungen entfernt hatte, die nach völkerrechtlichen An- 
schauungen zu einem Kriege Veranlassung geben können. 

Nicht B. hat den Krieg verschuldet, aber er hat die Dinge so gelenkt, 
dass dieser unvermeidliche Krieg in dem Augenblicke zum Ausbruch kam, 
wo es für Deutschland am vortheilhaftesten war. 

Die Thronrede, mit welcher der Reichstag einberufen wurde, der die 
zur Kriegsführung nöthigen Mittel bewilligen sollte, verfasste B. selbst; keine 
andere Feder hatte ihm genugthun können. 

Wiederum begleitete er den König in das Feldlager, zum Missvergnügen 
der militärischen Kreise, mit denen er einst in Böhmen mancherlei Meinungs- 
verschiedenheiten gehabt, die denn auch diesmal nicht ganz ausblieben. 
Nothwendig war indessen seine Anwesenheit, um mit dem König in steter 
Fühlung zu bleiben, um in jedem Augenblicke unverzüglich die geeigneten 
Massregeln ergreifen zu können. Mehrfach hatte er seine diplomatische Kunst 
aufzuwenden, um Einmischungen des Auslandes fernzuhalten. 

Die Schlacht bei Sedan entschied den deutschen Sieg. Nach ihr hatte 
B. in Frenois die Unterhaltung mit dem Kaiser Napoleon, bei der ihm nach 
seiner eigenen Aeusserung zu Muthe war, wie einem Mädchen, das zum 
ersten Balle geht, die aber politisch resultatlos verlief Das Ziel, das nach 
einem so grossen Erfolge gestellt werden musste, war die Wiedererwerbung 
des Elsass. 

Gleichzeitig beginnt aber jetzt die Action, die dazu führt, den Nord- 
deutschen Bund zum Deutschen Reiche zu erweitern, Süddeutschland einzu- 
beziehen, den Kaisertitel wieder herzustellen. Ein Schreiben B.'s an den 
König Ludwig von Bayern veranlasst diesen, die Initiative zu ergreifen, um 
dieses Ziel herbeizuRlhren. Wiederum ist B. darauf bedacht, den beiden süd- 
deutschen Königen weitgehende Zugeständnisse zu machen, um das Hauptziel 
zu erreichen. 

Mit Thiers und Jules Favre waren langwierige, zuweilen abgebrochene 
Verhandlungen über Waffenstillstand und Präliminarfrieden zu fuhren, die B.'s 
Geduld häufig auf eine harte Probe stellten. Die Einnahme Strassburgs, der 
Festung Metz, die Erschöpfung der Pariser Lebensmittel mussten erfolgen, 
ehe der Widerstand der Franzosen gebrochen war. 



Fürst Bismarck. 21 

Schliesslich vollziehen sich zwei grosse Ereignisse fast gleichzeitig; am 
i8. Januar 1871 wird in dem ä toutes les gloires de la France gewidmeten 
Schlosse zu Versailles der deutsche Kaiser proclamirt und am 28. Januar der 
Waffenstillstand unterzeichnet, der, nachdem noch der blutige Kampf bei 
Beifort stattgefunden, am 26. Februar zum Präliminarfrieden und am 
10. Mai zum Frieden von Frankfurt führt. 

Wie einst am Tage von Nikolsburg schmollte auch am Tage von Ver- 
sailles König "Wilhelm mit seinem Kanzler und verweigerte ihm Gruss und 
Handschlag. Er war jetzt unzufrieden, dass er sich nur »deutscher Kaiser«, 
und nicht Kaiser von Deutschland nennen durfte. 

Indessen das Verhältniss stellte sich bald wieder her. Am 21. März 
wurde B. in den erblichen Fürstenstand erhoben und im Juni wurde ihm ein 
grosser Landbesitz im Sachsenwalde, Friedrichsruh, als Dotation übereignet. 

Es war der dritte und letzte Krieg, aus dem B. zurückkehrte. Er selbst 
bekannte, dass er der Urheber dieser Kriege sei, die Verantwortung für sie 
tragen müsse und wolle. Fortan hat er jederzeit redlich für den Frieden 
gearbeitet. Diese stürmische Zeit der Kriege hat selbstverständlich tiefe 
Spuren in seinem Körper und Geist hinterlassen. Als er das Amt des 
Ministerpräsidenten antrat, war er eine schlanke, elegante Figur, der man den 
Diplomaten anzumerken glaubte. Nach Beendigung des französischen Krieges 
war im Wesentlichen die Erscheinung fertig, welche in der Geschichte fort- 
lebt. Wie er immer ausschliesslicher dazu überging, im Amt und in der 
Oeffentiichkeit sich in seiner militärischen Kleidung zu zeigen, so deutete 
auch sein Aeusseres auf den Offizier, und unter allen Auszeichnungen, die ihm 
in reichem Masse zu Theil wurden, waren ihm wohl diejenigen die liebsten, 
die ihn auf der militärischen Stufenleiter erhöhten. 

Während der Zeit, wo er am schwersten zu kämpfen gehabt hatte, hatte 
er Gleichmuth und Humor zur Schau getragen. Er sammelte Spottbilder und 
Spottschriften, die gegen ihn erschienen, mit sichtbarem Behagen. In der 
Discussion brauchte er häufig den Tom der schärfsten Ironie, aber ohne ihn 
durch Heftigkeit zu steigern. Er war sicher, dass Alle, die zur Zeit an seinem 
Beruf zweifelten, von diesem Zweifel zurückkommen würden. Jetzt, wo seine 
Grösse anerkannt war, wurde das anders. Die Gründe dafür sind durchaus 
in seinem Körperzustand zu suchen. Die übermenschlichen Anstrengungen, 
die geistigen Kämpfe, denen er seit acht Jahren ausgesetzt gewesen war, 
hatten auf sein Nervensystem stark eingewirkt. Wie furchtbar die Aufregung 
gewesen, die ihn ergriff, als in Baden-Baden König Wilhelm sich anschickte, 
den Fürstentag in Frankfurt zu besuchen, und als es sich in Nikolsburg um 
die Fortsetzung eines Krieges handelte, die man für unheilvoll hielt, hat man 
erst spät, vollständig erst aus seinen hinterlassenen Erinnerungen ersehen. 
Er hatte das seiner Zeit ertragen müssen. Jetzt aber, nach seinen grossen 
Erfolgen, glaubte er auf Vertrauen, auf unbedingte Heeresfolge Anspruch 
machen zu dürfen. Er wurde empfindlicher gegen Widerspruch; er gewöhnte 
sich, Angriffe in der Presse mit Strafanträgen zu beantworten. 

Die Menschenverachtung, die im Laufe der Zeit immer deutlicher hervor- 
trat, begann schon jetzt, sich zu zeigen. Die Neigung, Jeden zu zermalmen, 
der sich seinen Plänen entgegenstellte, die Unmöglichkeit, sich in die Seele 
eines Gegners hinein zu versetzen, und seinen Gründen Anerkennung und 
Achtung zu bezeigen, nahm immer schärfere Formen an. Dazu gesellte sich 
ein Misstrauen, welches ihn häufig veranlasste, dort, wo lediglich ein auf ab- 



2 2 Fürst Bismarck. 

weichende Ansichten gegründeter Widerstand vorlag, ein gegen ihn gerichtetes 
Complott zu sehen. 

Nach Aufrichtung des deutschen Reiches wurde für B. die wichtigste 
Aufgabe, gegen welche alle übrigen zeitweise zurücktraten, die Ordnung des 
Verhältnisses zur Kurie und zur katholischen Geistlichkeit. Die ultramontane 
Partei hatte naturgemäss das Aufblühen des protestantischen Preussen und 
das Zurückweichen des katholischen Oesterreich mit grossem Bedauern ge- 
sehen. Sie wurde naturgemäss der Hort eines jeden particularis tischen Wider- 
standes gegen B.'s Politik. Insbesondere Hess sie den Polen ihr Wohlwollen 
zu Gute kommen. Es fligte sich, dass derjenige Ultramontane, der durch sein 
Talent berufen war, allmählich zum Führer der Partei aufzusteigen, Windt- 
horst, ein ehemaliger hannoverscher Minister, der Vertrauensmann des Königs 
Georg, mit einem Worte ein Weife war. Weifische und polnische Be- 
strebungen aber hielt B. für besonders gefährlich. 

Dass das vaticanische Concil im Jahre 1870 das Dogma von der Un- 
fehlbarkeit des Papstes annahm, hatte B. für eine innere Angelegenheit der 
katholischen Kirche angesehen und den Anregungen widerstanden, sich pro- 
testirend in die Angelegenheit zu mischen. Als derjenige Tag, an welchem 
der Keim zu dem Ereignisse gelegt wurde, dem man den Namen des Cultur- 
kampfes beigelegt hat, ist wohl der 30. März 1871 anzusehen. Der Reichs- 
tag hatte m einer an den Kaiser beschlossenen Adresse den Satz aufgenommen, 
die Tage der Einmischung in das innere Leben anderer Völker möchten 
unter keinem Vorwande und in keiner Form wiederkehren. Die ultramontane 
Partei, jetzt Centrum genannt, widersprach diesem Satze; sie wollte sich den 
Weg offen halten, vom deutschen Reiche Schritte zur Wiedereinsetzung des 
Papstes in seine weltliche Herrschaft zu verlangen. Der erste Conflict brach 
dadurch aus, dass ein katholischer Gymnasiallehrer, der sich weigerte, das 
Unfehlbarkeitsdogma anzuerkennen, mit dem grossen Bann belegt wurde, und 
dass der Minister ihn nun in seiner staatlichen Stellung als Schulrath schützte, 
als der Clerus dessen Entfernung Verlangte. Die erste Kampfmassregel, 
welche der Staat am 8. Juli 1871 verhängte, war die, dass die aus Katho- 
liken bestehende besondere Abtheilung des Cultusministeriums aufgehoben 
wurde, welche die äusseren Angelegenheiten der katholischen Kirche be- 
arbeitete, und dass in Zukunft die Angelegenheiten beider Kirchen gemein- 
sam in derselben Abtheilung bearbeitet wurden. Diese katholische Abtheilung 
war keine alte preussische Einrichtung, sondern erst im Jahre 1841 durch 
Friedrich Wilhelm IV. geschaffen worden und in ihrer Aufhebung konnte eine 
gegen die katholische Kirche gerichtete Rechtsverletzung nicht erblickt werden. 
Die ultramontane Partei führte indessen über diese Massregel heftige Be- 
schwerde, behauptete, die Katholiken würden in ungerechter Weise benach- 
theiligt, und B. erwiderte darauf, dass er in der Bildung des Centrums unter 
Windthorsts Führung eine Mobilmachung der Katholiken gegen den Staat er- 
blickt habe. 

Die zweite Massregel, welche B. anordnete, war der Erlass eines Schul- 
aufsich tsgesetzes, welches den Grundsatz zur Durchführung brachte, dass 
Jedermann, der in der Schulaufsicht thätig ist, nur im Namen des Staates 
handelt und vom Staate zu berufen ist. Dieses Gesetz wird von B. selbst 
mit Lebhaftigkeit vertheidigt, der darauf hinwies, dass geistliche Schul- 
inspectoren in der Provinz Posen der Ausbreitung der deutschen Sprache 
Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatten. Da indessen die conservative 



Fürst Bismarck. 



23 



Partei diesem Gesetze feindselig gegenüberstand, konnte der politisch und 
kirchlich hochconservative Minister von Mühler, der sich allerdings dazu be- 
quemt hatte, das Gesetz vorzulegen, nicht für den geeigneten Mann erachtet 
werden, es durchzufuhren. Er wurde am 22. Januar 1872 durch den kirch- 
lich Hberalen, politisch gemässigten Falk ersetzt, dem B. von da ab die 
Kirchenpolitik im Wesentlichen zu selbstständiger Bearbeitung überliess. Er 
selbst vertrat in wiederholten Reden in sämmtlichen politischen Körper- 
schaften die Forderung, dass die Kirche sich den Staatsgesetzen unterwerfe, 
und versicherte, dass »wir nicht nach Canossa gehen werden«, betheiligte sich 
aber nicht an der Einzelberathung der von Falk eingebrachten Maigesetze. 

Immerhin galt er als der Träger des zwischen Staat und Kirche aus- 
gebrochenen Kampfes; am 13. Mai 1874 führte ein katholischer Böttcher- 
geselle, namens Kullmann, in Kissingen einen Mordanschlag auf ihn aus und 
verwundete ihn leicht an der Hand. Bei seiner Vernehmung rechtfertigte 
er sein Unternehmen mit dem Hinweis auf seine Angehörigkeit zu dem 
Centrum und auf die feindselige Stimmung, die zwischen diesem und dem 
Fürsten bestehe. Dies veranlasste B. zu dem herben Vorwurf, dass dieser 
Mann an den Rockschössen des Centrums hänge. 

Von den Ministem, welche B. in der Zeit des Conflicts zur Seite ge- 
standen hatten, hatte Graf Friedrich Eulenburg, der Minister des Innern den 
Wunsch, jetzt, nachdem der Conflict beendigt war, durch gesetzgeberische 
Reformen sich einen guten Namen zu schaffen und brachte den Entwurf 
einer Kreisordnung ein, den er denn auch, nachdem im Herrenhause ein 
Pairsschub erfolgt war, zur Annahme brachte. B. war nicht mit dem Herzen 
bei der Sache, Hess ihn indessen gewähren. 

Im Reichstage krönte Delbrück die von ihm begonnene wirthschaftliche 
Gesetzgebung dadurch, dass er das Bank- und das Münzgesetz zur Annahme 
brachte. 

Während so Falk, Eulenburg, Delbrück gesetzgeberisch vorgingen, war 
die Theilnahme B.'s an den inneren Angelegenheiten so schwach geworden, 
dass er am 21. December 1872 von dem Amte des Ministerpräsidenten zurück- 
trat, das seinem Freunde, dem Kriegsminister von Roon übertragen wurde. 
Das Amt eines Ministers der auswärtigen Angelegenheiten behielt er bei, und 
als Roon am 9. December 1873 sich aus dem Dienste ganz zurückzog, 
VüTde B. wieder Ministerpräsident. Die auswärtigen Angelegenheiten nahmen 
indessen fortgesetzt seine angestrengteste Aufmerksamkeit in Anspruch. Es 
war ihm gelungen, zu Oesterreich wieder freundliche Beziehungen herzustellen, 
nachdem Beust aufgehört hatte, Minister zu sein. Im September 1872 fand 
in Berlin die Zusammenkunft der Kaiser von Oesterreich und von Russland 
mit dem deutschen Kaiser statt und das freundschaftliche Verhältniss der drei 
Kaiser hat dann einige Jahre lang die europäische Politik beherrscht. 

Die Vorgänge in Frankreich mussten mit besonderer Aufmerksamkeit be- 
obachtet werden. Seit Thiers gestürzt und durch Mac Mahon ersetzt war, 
musste mit der Möglichkeit eines monarchischen Staatsstreiches in Frankreich 
gerechnet werden. Der deutsche Botschafter in Paris, Graf Harry Arnim, 
der sich für eine dem Fürsten B. ebenbürtige Kraft hielt, war einer solchen 
Wendung der Dinge zugeneigt, während B. von der Ansicht ausging, dass die 
Erhaltung der Republik im deutschen Interesse liege; da Arnim fortdauernd 
Versuche machte, die Politik seines Vorgesetzten zu kreuzen, wurde er von 
seinem Posten abberufen. Als sich herausstellte, dass er einige Actenstücke, 



24 Fürst Bismarck. 

die er für sein persönliches Eigenthum hielt und die B. als Staatseigenthum 
in Anspruch nahm, nicht zur Registratur abgeliefert hatte, wurde gegen ihn 
Anklage wegen Vergehen im Amte erhoben und er zu einer Gefangnissstrafe 
verurtheilt. Arnim vertheidigte sich durch einen Brochurenkrieg, und da er 
hier Staatsgeheimnisse verrathen haben sollte, wurde gegen ihn Anklage wegen 
Landesverraths erhoben, und er, der krank und flüchtig war, in contumaciam, 
d. h. lediglich auf die Anklage hin und ohne Beweisaufnahme, zu längerer 
Zuchthausstrafe verurtheilt. Er ist bald im Auslande gestorben. Heute be- 
steht kein Zweifel mehr darüber, und es ist durch B.'s eigenes Zugeständniss 
belegt, dass zwar Graf Arnim sich verfehlt hat, dass aber die gegen ihn 
Unternommenen Schritte über das rechte Mass hinausgegangen sind. 

Inzwischen hatte sich bei einem Theile der conservativen Partei ein sehr 
erheblicher Groll gegen B. angesammelt. Selbst Roon hatte die Gründe nie 
verstanden, die B. bestimmt hatten, sich mit der nationalliberalen Partei 
freundlich zu stellen, und hegte längst den Wunsch, die conservative Fahne 
offen aufzuziehen. Einige Conservative nahmen Anstoss an dem Schul - 
aufsichtsgesetz, andere an der Kreisordnung des Grafen Eulenburg, andere 
an den wirthschaftlichen Gesetzen Delbrücks, viele an allen drei Punkten zu- 
gleich. Die Freunde und Vettern des Grafen Arnim ärgerten sich über die 
Verfolgung, die gegen diesen stattgefunden hatte. Aus solchen Stimmungen 
ging (ganz abgesehen von unerhörten Verdächtigungen in Winkelblättem) 
eine Reihe von Schmähartikeln hervor, die die Kreuzzeitung veröffent- 
lichte, und die in vorsichtigen Wendungen gegen B. den Vorwurf erhoben, 
dass er im Verein mit dem Finanzminister Camphausen und dem Banquier 
Bleichröder sich an Ereignissen betheiligt hätte, in denen eine starke Cor- 
ruption zu Tage getreten war. B. wurde in heftigen Zorn gegen die Kreuz- 
zeitung und die Deklarantenpartei versetzt, aber diejenigen, welche ihn an- 
gegriffen hatten, ahnten nicht, dass B. in dieser Zeit schon mit dem Ge- 
danken beschäftigt sei, wie er die Bahnen verlassen könne, auf denen er 
bisher gemeinsam mit den Liberalen gewandelt sei. 

Am 25. April 1876 wurde die Welt durch die Nachricht überrascht, der 
Präsident des Reichskanzleramts Delbrück habe seine Entlassung nachgesucht 
und erhalten. Gesundheitsrücksichten wurden als Gründe dieses Schritts an- 
gegeben und Fürst B. versicherte selbst, keine anderen Gründe zu kennen. 
Indessen zeigte der weitere Verlauf den wahren Zusammenhang. B. hatte 
wirthschaftspoli tische Pläne gefasst, die sich mit Delbrücks Ueberzeugungen 
durchaus nicht vertrugen. Dieser wollte weder seine Ueberzeugungen ver- 
leugnen, noch den aussichtslosen Versuch unternehmen, dem Fürsten B. ent- 
gegenzutreten und zog vor, aus der politischen Laufbahn abzutreten. 

B. war längst im Stillen unzufrieden mit allem, was auf dem Gebiete 
der inneren Politik geschehen war; er war nur noch nicht mit sich einig ge- 
worden, was er an dessen Stelle setzen solle. Er war unzufrieden mit der 
Verwaltungsreform des Grafen Eulenburg. Dieser musste im Jahre 1877 vom 
Platze weichen, und als darauf dessen Vetter, Graf Botho Eulenburg, dessen 
Werk mit einigen Modificationen fortsetzte, musste auch dieser das Feld 
räumen, nachdem er in einem sehr dramatischen Auftritt im Herrenhause 
durch einen Rath B.'s desavouirt war. 

Er war unzufrieden mit der Haltung Falks, theils weil dieser mit dem 
Bestreben, den Clerus zur Unterwerfung zu bringen, keinen Erfolg gehabt 



Fürst Bismarck. 



25 



hatte, theils auch, weil es zu Falks System gehört hatte, die Civilehe einzu- 
führen, die für B. nicht angenehm war. 

Vor allen Dingen war er aber gründlich unzufrieden mit Delbrück. Er 
sah in der wirthschaftlichen Freiheit, welche allen Schöpfungen Delbrücks 
zu Grunde lag, eine Schwächung der Staatsgewalt, und er wollte die Staats- 
gewalt kräftig, thätig haben, wollte dass der Staat, das Reich dazu beitrage, 
die Menschen glücklich zu machen, und dass diese nicht auf die eigne Kraft 
angewiesen würden. 

Der erste Gedanke, in welchem sich seine wirthschaftliche Richtung 
äusserte, die hinfort an Stelle der Delbrück 'sehen Wirthschaftspolitik trat, 
war der, sämmtliche Eisenbahnen für das Reich zu erwerben. Die unver- 
meidlichen Misstände, die im Eisenbahnwesen hervorgetreten waren, veran- 
lassten ihn, dem System der Privatbahnen Vorwürfe zu machen und die 
Hoffnung zu nähren, dass das Reich die Eisenbahnen in einer Weise ver- 
walten könne, welche jeden Grund zur Unzufriedenheit beseitigt. Indessen 
stiess er hier auf Widerstand der Mittelstaaten, welche sich ihre Eisenbahnen 
nicht nehmen lassen wollten. Und als er sich darauf beschränkte, Gesetz- 
entwürfe aufzustellen, welche dem Reiche eine en\'eiterte Aufsichtsgewalt 
über die Eisenbahnen verleihen wollten, stellten sich dieselben Schwierig- 
keiten ein. 

Die Jahre 1876 und 1877 flössen ziemlich ereignisslos dahin; die Reichs- 
politik war auf einen todten Strang gerathen. Die parlamentarischen Sessionen 
würden fast ganz ereignisslos vorübergegangen sein, wenn nicht eine längst vor- 
bereitete Reform zur Reife gekommen wäre, bei welcher der politische Gegen- 
satz einigermassen zurücktrat. Es war eine gemeinsame Gerichtsverfassung 
für Deutschland nebst Civilprocessordnung, Strafprocessordnung und Concurs- 
ordnung ausgearbeitet worden, die in der Herbstsession 1876 des Reichstages 
angenommen woirde. Einige Beschlüsse, die auf Andrängen der liberalen Partei 
gefasst waren, mussten auf B.'s entschiedenen Widerspruch wieder zurück- 
genommen werden. 

Im Landtage war ein wichtiger Gesetzen t>\'urf, den Graf Eulenburg zur 
Ergänzung der Verwaltungsreform eingebracht hatte, liegen geblieben. 

B. machte nun den Versuch, die Politik wieder fruchtbarer zu gestalten 
dadurch, dass er den Führer der Mehrheit in der Volksvertretung, Rudolt 
von Bennigsen, den Chef der nationalliberalen Partei, näher an sich fesseln 
und in das Ministerium ziehen wollte. Er hatte ihn Weihnachten 1877 zu 
sich nach Varzin eingeladen und conferirte dort mit ihm. Bennigsen beharrte 
darauf, nicht allein in das Ministerium einzutreten, sondern verlangte, dass 
zwei andere Nationalliberale, Stauffenberg und Forckenbeck, gleichfalls er- 
nannt würden. An dieser Vorfrage scheiterte die Verständigung. Wenn auch 
B. die Verhandlungen mit Bennigsen nicht abbrach, so berichtete er doch dem 
Kaiser, dass sie ergebnisslos geblieben seien. 

Die Frage, ob eine Grundlage für die materielle Verständigung z>\ischen 
B. und den Nationalliberalen gefunden werden könne, scheint in Varzin noch 
gar nicht zur Erörterung gekommen zu sein. Als einige Wochen später 
Fürst B. im Reichstage erklärte, das Tabaksmonopol sei sein Ideal, musste 
Bennigsen erkennen, dass es ihm wohl unmöglich gewesen sein würde, an B.'s 
Seile zu wirken. 

Eine Vorlage auf Erhöhung der Tabaksteuer, welche der Finanzminister 
Camphausen gemacht hatte, um den Ideen B.'s entgegenzukommen, genügte 



2 6 Fürst Bismarck. 

weder dessen Ansprüchen, noch fand sie den Beifall der liberalen Partei und 
führte zum Rücktritte Camphausens, des einzigen Ministers, dessen Gedanken- 
kreis mit dem der liberalen Partei noch Berührungspunkte hatte. So war die 
herrschende Verwirrung noch mehr gesteigert, zumal B. in der nächsten Zeit 
für Camphausen keinen passenden Ersatz finden konnte und sich zweimal in 
der Auswahl eines Finanzministers stark vergriff. 

Jetzt traten nun fast gleichzeitig zwei Ereignisse ein, welche dem 
Fürsten B. erleichterten, einen vollständigen Umschwung in seiner Politik vor- 
zubereiten, der Tod Pius IX und die beiden Mordangriffe gegen Kaiser 
Wilhelm. Pius IX starb am 6. Februar 1878. Er hatte sich stets bemüht, 
dem Kampfe zwischen Staat und Kirche die möglichste Schärfe zu geben. 
Seine Charaktereigen thümlichkeiten hätten jedem Versuche zu einem Aus- 
gleich, zur Versöhnung, im Wege gestanden. Mit seinem Nachfolger konnte 
man wenigstens den Versuch anstellen, durch gegenseitige fortschreitende 
Nachgiebigkeit zu einem Ausgleich zu gelangen, bei welchem der Anschein 
vermieden wurde, als hätte ein Theil sich dem anderen bedingungslos unter- 
worfen. Solche Versuche wurden in vorsichtiger, tastender Weise angestellt, 
ohne schnell zu einem Resultat zu fuhren. 

Am II. Mai 1878 schoss ein verkommener Bursche, namens Hoedel, in 
Berlin auf den Kaiser Wilhelm, ohne ihn zu verletzen. B., der sich in 
Friedrichsruh befand, telegraphirte von dort her, es sollten Massregeln gegen 
die Social demokratie getroffen werden. Ein Zusammenhang zwischen Hoedel 
und der socialdemokratischen Partei war freilich nicht festzustellen. Hoedel 
selbst hatte sich als Anarchist bekannt, hatte aber doch auch mit Conven- 
tikeln, die einen christlich-socialen Charakter zur Schau trugen, in Verbindung 
gestanden. Andererseits war freilich nicht zu verkennen, dass die social- 
demokratische Presse eine masslose Sprache führte, die auf unklare Köpfe 
•eine sehr schädliche Wirkung ausüben musste. 

Schon nach einigen Tagen wurde ein Gesetzentwurf im Reichstage ein- 
gebracht, der der Regierung discretionäre Befugnisse gegen socialdemokratische 
Presse und Vereine gab. Der Reichstag lehnte ihn ab, hauptsächlich aus 
dem Grunde, weil dieser Gesetzentwurf übereilt ausgearbeit war und viele 
Schwächen aufwies. Am 2. Juni 1878 erfolgte ein zweiter Mordangriff auf 
Kaiser Wilhelm, der zu einer schweren Ven\'undung führte, die das Leben 
des Kaisers lange Zeit in Gefahr schweben Hess. Bei dem Urheber dieses 
Angriffes, namens Nobiling, war ein Zusammenhang mit der socialdemokra- 
tischen Partei noch weniger nachzuweisen, als bei Hoedel; er war ein miss- 
rathener Sohn aus guter Familie, dem der Versuch missglückt war, sich eine 
Existenz zu schaffen. 

B. wartete nun nicht ab, ob der Reichstag unter den veränderten Um- 
ständen bereit sein würde, einen neuen Entwurf zu einem Socialistengesetz 
anzunehmen, sondern empfahl auf die erste Nachricht von diesem erneuerten 
Mordanfall hin, den Reichstag aufzulösen und drang mit diesem Vorschlage 
durch. 

Ganz unzweifelhaft war es seine Absicht, eine vollständig veränderte Zu- 
sammensetzung des Reichstages herbeizuführen. Seit zehn Jahren war das 
Verhältniss so gewesen, dass die nationalliberale Partei stets das Zünglein an 
der Wage in der Hand hielt. Sie konnte mit den Conservativen zusammen eine 
Mehrheit gegen die Fortschrittspartei oder mit der Fortschrittspartei eine 
Mehrheit gegen die Conservativen bilden. Das Centrum, welches sich stets 



Fürst Bismarck. 27 

in der Opposition befand, konnte doch dieser die Mehrheit nicht verschaffen. 
Nun hatte freilich die nationalliberale Partei sich in allen wichtigen Punkten 
dem nachdrücklich ausgesprochenen Wunsche des Fürsten stets gelügt, aber 
oft erst nach harten Kämpfen, »zwischen der zweiten und dritten Lesung«. 
Und dieses Verhältniss hatte ihn endlich ungeduldig gemacht; er ersehnte 
sich die Möglichkeit, eine Mehrheit auch ohne die Nationalliberalen zu haben. 
Dazu konnte ihm das Centrum verhelfen, wenn er ihm einerseits in kirchen- 
politischer Beziehung entgegenkam, und andererseits auf nicht kirchlichem 
Gebiete Vorschläge machte, fiir welche er bei den , Mitgliedern des Centrums 
grössere Geneigtheit erhoffen durfte, als bei den Nationalliberalen. 

Die Neuwahlen vom 30. Juli 1878 vernichteten die ausschlaggebende 
Stellung der Nationalliberalen im Reichstage; im folgenden Jahre ging sie 
auch im Abgeordnetenhause zu Grunde, ohne jemals wieder hergestellt zu 
werden. 

Der neugewählte Reichstag nahm das von der Regierung ihm vorgelegte 
Gesetz, betreffend die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie, 
an und wurde alsdann entlassen. 

Inzwischen waren nun die neuen politischen und wirthschaftspolitischen 
Ansichten des Fürsten B., mit denen er sich Jahre lang im Stillen getragen 
hatte, gereift und fanden ihren concentrirtesten Ausdruck in einem Schreiben 
an den Bundesrath vom 15. December 1878, dem sogenannten Weihnachtsbrief. 

Der Gesichtspunkt, der für ihn in der ersten Linie stand, war die Ver- 
mehrung der Mittel des Reiches. Zu einem grossen Theile wurden die Be- 
dürfnisse des Reichs durch Matrikularbeiträge aufgebracht, die von den ein- 
zelnen Staaten eingezogen wurden. Das sollte aufhören; das Reich sollte 
seine Mittel selbst aufbringen. Es sollte sie aber nicht in knappem Masse 
aufbringen, sondern sie sollten ihm so reichlich zufliessen, dass, falls Bedürf- 
nisse geltend gemacht wurden, triumphirend darauf hingewiesen werden 
konnte, das Geld sei da. Die Stärke der Regierung gegenüber dem Parla- 
ment beruht darin, dass die Geldbewilligungsmacht des Parlaments nie fühl- 
bar wird. 

Das nächste Mittel, um dem Reich erhöhte Einnahmen zu verschaffen, 
war die Erhöhung der Zölle, also die Preisgebung des Freihandelssystems, 
die Rückkehr zum Schutzzoll, mit der Massgabe, dass auch die landwirth- 
schaftlichen Erzeugnisse der Zollpflicht unterliegen. 

Ursprünglich hatte B. einen Plan in Reden angedeutet und in Zeitungs- 
artikeln durch Lothar Bucher genauer ausführen lassen, nach welchem ein 
ganz neues System der Zölle in das Leben gerufen werden sollte. Alle 
Waaren ohne Ausnahme sollten zollpflichtig sein; alle sollten einem Werth- 
zoU von der gleichen procentualen Höhe unterliegen. Doch er Hess diesen 
Gedanken sehr bald fallen und Herr von Varnbüler, der frühere württem- 
bergische Minister und Preussenfeind, erhielt den Auftrag, einen neuen Zoll- 
tarif auszuarbeiten, und erfüllte diesen Auftrag zwar zu B.*s Zufriedenheit, 
aber doch nach dem Schema, das in Deutschland von jeher üblich ge- 
wesen war. 

Um die freudige Mitarbeit des Centrums für diesen Zolltarif zu gewinnen, 
war es nothwendig, dass Falk von seinem Amte zurücktrat und einem Minister 
Platz machte, der durch seine Antecedentien nicht verhindert war, die kirchen- 
politischen Gesetze, die in den letzten Jahren erlassen waren, rückgängig zu 
machen. Die Verhandlungen, die inzwischen durch verschiedene Cardinäle 



2 8 Fjirst Bismarck. 

mit der römischen Curie gepflogen waren, Hessen erkennen, dass es möglich 
sein würde, mit dem Papst Leo zu einer Verständigung zu gelangen. 

Falks Stellung dem Kaiser gegenüber war schon seit langer Zeit eine 
so schwierige geworden, dass es sich für ihn von selbst verstand, seinen Ab- 
schied einzureichen, sobald er empfand, dass er damit dem Fürsten B. ge- 
fällig sei. 

So wurde denn im Juli 1879 ^^^ neue Zolltarif berathen und an- 
genommen. Windthorst fungirte als Referent; der zweite Führer des Centrums, 
Freiherr von Franckenstein, brachte einen Antrag ein, der ge\^isse »constitoi- 
tionelle und föderalistische Garantieen« forderte und von der Regierung gern 
genehmigt wurde. Forckenbeck räumte den Präsidentenstuhl des Reichstages, 
der seither nie wieder mit einem Liberalen besetzt wurde. Das Präsidium 
ging in conservative Hände über, um später dem Centrum zuzufallen. So 
gründlich hatten sich alle Verhältnisse geändert. 

Während auf dem Gebiete der inneren Politik sich dieser wichtige L'm- 
schwung vollzog, waren auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik be- 
deutende Dinge vorgegangen. Auf dem Balkan war es zum Kriege zwischen 
Russland und der Türkei gekommen ; nach manchen Wechselfällen war Russ- 
land siegreich geblieben und versuchte nun der Türkei Friedensbedingungen 
zu diktiren, welche in England Anstoss erregten. B. zeigte sich als »ehrlicher 
Makler«, um den Frieden aufrecht zu erhalten, gab Anlass, dass der Berliner 
Congress vom 13. Juni bis 13. Juli 1878 zusammentrat und präsidirte diesem. 
Das Ergebniss dieses Congresses gereichte dem russischen Kanzler Gortschakoft 
zur höchsten Unzufriedenheit und er gab dem Fürsten B. Schuld, dass dieser 
die russischen Forderungen zu Falle gebracht habe. Wenige Jahre vorher 
hatte (jortschakoff bereits der preussischen Politik dadurch geschadet, dass 
er in völlig unbegründeter Weise die Nachricht verbreitete, lediglich sein 
Einschreiten habe es verhütet, dass Deutschland Frankreich mit einem 
kriegerischen Einfall überrascht habe. B. selbst bezeichnet das Verhalten 
Gortschakoffs als ein unehrliches, aus Eitelkeit und Neid entspringendes. 
Immerhin trug dasselbe dazu bei, das Verhältniss zwischen Russland und 
Deutschland, das B. stets zu pflegen versucht hatte, zu trüben. Und als im 
Jahre 1879 Czar Alexander an den Kaiser Wilhelm Schreiben gerichtet hatte, 
aus denen versteckte Kriegsdrohungen für einen gewissen Fall herausgelesen 
werden konnte, suchte B. nahen Anschluss an Oesterreich und fand dabei 
das willigste Entgegenkommen des Grafen Andrassy. Er begab sich selbst 
nach Wien und schloss dort einen Allianzvertrag ab, der in ganz Deutschland 
mit Jubel aufgenommen wurde, zu welchem er aber die Unterschrift des 
Kaisers Wilhelm erst erlangen konnte, nachdem er die Kabinetsfrage ge- 
stellt hatte. 

In den nun folgenden Jahren wurde der Friede zwischen dem Staate 
und der katholischen Kirche allmählich hergestellt. Es ergingen zu diesem 
Zwecke nach einander fünf kirchenpolitische Gesetze. Erst in den Jahren 
1886 und 1887 grifi" B. persönlich in den Kampf ein, um auszuführen, dass 
kein staatliches Hoheitsrecht preisgegeben worden sei. 

An wirthschaftsj^olitischen Debatten betheiligte sich B. fortan häufiger, 
als früher der Fall gewesen war, stets in dem Sinne, dass er die Richtung, 
die unter Delbrück verfolgt worden war, als eine verkehrte bezeichnete. Um 
seinen Bestrebungen grösseren Nachdruck zu geben, übernahm er am 15. Sep- 
tember 1880 das Portefeuille für Handel und Gewerbe zu seinen übrigen 



Fürst Bismarck. 



29 



Aemtem. Die Schutzzölle wurden wiederholt verschärft, mit dem Versuche 
ein umfangreiches Monopol einzuführen, scheiterte B. indessen zweimal. Im 
Jahre 1882 lehnte der Reichstag mit 276 gegen 43 Stimmen das Tabaks- 
monopol und im Jahre 1886 das Spiritusmonopol ab. Die Gewerbefreiheit 
wurde im Einzelnen durch eine grosse Anzahl von Novellen zur Gewerbe- 
ordnung beschränkt; in privaten Aeusserungen zeigte sich B. den Wünschen 
der entschiedensten Zünftler zuweilen günstig, ohne indessen je eine bestimmte 
Verpflichtung zu übernehmen. 

Gleichzeitig mit seinem ersten Eintreten für den Erlass eines Socialisten- 
gesetzes hatte B. auch angekündigt, den berechtigten Forderungen der Ar- 
beiter müsse Abhülfe zu Theil werden. Man konnte gespannt sein, in welcher 
Weise er dieses Wort einlösen werde. Zur Zeit des Verfassungsconflicts hatte 
er Lassalle freundschaftlich empfangen und seine Agitation wohl auch in der 
Hofihung begünstigt, dass sie der Fortschrittspartei Abbruch thun würde. 
Er hatte im Jahre 1864 für unzufriedene Arbeiter in Schlesien gegen ihren 
Arbeitsgeber mit der Begründung Partei genommen, dass die Könige von 
Preussen nicht nur Könige der Reichen, sondern auch Könige der Armen seien. 

Jetzt nun, wo es darauf ankam, ein bestimmtes socialpolitisches Programm 
zu formuliren, nahm er in dasselbe die Errichtung von Hülfskassen für die 
Arbeiter in Fällen der Krankheit, der Verunglückung, Altersschwäche oder 
Arbeitsunfähigkeit in das Auge. Mit so grossem Eifer er dieses Ziel verfolgte, 
so ablehnend verhielt er sich gegen fast alle anderen Vorschläge, die im 
Interesse der Arbeiter vorgebracht wurden. 

Er war kein Freund der Fabrikgesetze; den Fabrikinspektor sah er in 
seinen eigenen Fabriken ungern. Beschränkungen der Frauen-, Kinder-, Nacht-, 
und Sonntagsarbeit standen schon in der Gewerbeordnung. Ausdehnungen 
dieser Beschränkungen waren ihm unerwünscht und in den drei letzten Jahren 
seiner Amtsthätigkeit Hess er einen Gesetzentwurf, der von allen Parteien des 
Hauses gebilligt wurde, dreimal an seinem Veto scheitern. Derartige Be- 
schränkungen erregten, wie er behauptete, nur Unzufriedenheit. Viel näher 
lag ihm der Gedanke, dass man den Arbeitern am besten helfen könne, wenn 
man den Arbeitgebern so wirksam hülfe, dass sie im Stande seien, reichlich 
Arbeitsgelegenheit und Lohn zu gewähren. 

Den Plan aber, Hülfskassen zu gründen, verfolgte er mit grosser Beharr- 
lichkeit. Im Jahre 1881 wurde ein Gesetzentwurf über die Versicherung von 
Arbeitern gegen Unfälle schnell ausgearbeitet und durch den Reichstag ge- 
trieben. Nachdem er vom Reichstage angenommen war, hatte B. selbst Be- 
denken gegen die Zweckmässigkeit in der vorgelegten Form und die Ver- 
kündigung unterblieb. In der Thronrede vom 17. November 1881 wurde 
aber die Aufgabe für die nächsten Jahre dahin formulirt, das gewerbliche 
Krankenwesen gleichmässig zu regeln, die Arbeiter gegen Betriebsunfälle zu 
versichern und denen, welche durch Invalidität und Alter erwerbsunfähig 
werden, höhere Fürsorge zu Theil werden zu lassen. Das Krankenkassen- 
versichenmgsgesetz kam am 15. Juni 1883, das Unfallversicherungsgesetz am 
6. Juli 1884, das Alters- und Invaliditätsgesetz am 22. Juni 1889 zu Stande. 
Der hervorragende Volkswirth Schmoller nennt die Urheberschaft dieser Ge- 
setze die unsterbliche That im Leben B.'s. Eine Einstimmigkeit des Urtheils 
in dieser Beziehung ist bisher noch nicht erzielt. 

Zu einem vollen und schnellen Erfolge brachte es ein anderes wirth- 
schaftliches Unternehmen B.'s. Sein Plan, vom Reiche aus auf eine neue 



30 



Fürst Bismarck. 



Gestaltung des Eisenbahnwesens zu wirken, war gescheitert. Schnell ent- 
schlossen setzte B. ein anderes Project an die Stelle. Er wollte die preussi- 
schen Privatbahnen für den Staat erwerben. Hauptgesichtspunkt war dabei 
der, dass die Festsetzung der Tarife in die Hände des Staats fiele, der dabei 
die Wünsche der einzelnen Klassen von Producenten und Consumenten nach 
seinem Ermessen berücksichtigen könne. Die preussische Bureaukratie setzte, 
in Aufrechterhaltung alter Traditionen, diesem Plane nachher sehr lang einen 
stillen, aber zähen Widerstand entgegen, bis es B. gelang, am 31. März 1878 
in Maybach einen Minister des Eisenbahnwesens zu finden, der den Willen, 
die Fähigkeit und die Energie hatte, auf die Gedanken B.'s einzugehen, und 
der denn auch in erstaunlich kurzer Zeit die Verstaatlichung der Eisenbahnen 
durchführte. 

Im Jahre 1881 betrieb B. plötzlich den Anschluss der Hansestädte 
Hamburg und Bremen, die ein verfassungsmässiges Recht auf eine Freihafen- 
stellung hatten, an den Zollverein. Er bedrohte Hamburg damit, die Elbe 
zu sperren, die nicht zu seinem Gebiete gehöre und zwang es so schnell zur 
Nachgiebigkeit. Dann aber liess er beiden Städten reichlich Mittel von 
Reichswegen bewilligen, die ihnen den Uebergang in die neuen Verhältnisse 
erleichterten. 

Vom Jahre 1884 wurde die Colonialpolitik in die Pläne des Fürsten B. 
aufgenommen. Schon im Jahre 1880 hatte er eine Vorlage gemacht, um 
dem Reiche eine Garantie zu Gunsten einer in Samoa arbeitenden Handels- 
gesellschaft aufzuerlegen. Diese Vorlage hatte noch mit colonialen Plänen 
nicht das Geringste zu thun; es war keine territoriale Erwerbung, keine 
deutsche Schutzherrschaft in das Auge gefasst. Es handelte sich lediglich 
um die Aufrechterhaltung einiger geschichtlicher Unternehmungen, die übrigens 
über Wasser gehalten wurden, obwohl ihnen die Reichsunterstützung versagt 
wurde. Aber es konnte nicht ausbleiben, dass das pro und contra einer 
Colonialpolitik gelegentlich erörtert wurde. Der Reichstag verwarf diese 
Vorlage. 

Inzwischen bereitete sich eine lebhafte litterarische Bewegung für die 
Erwerbung von Colonieen durch Deutschland vor. Einige hanseatische Kauf- 
leute, die an der afrikanischen Westküste in Gegenden, die noch von keinem 
anderen Culturstaate in Besitz genommen worden waren, Niederlassungen be- 
gründet hatten, verlangten den Schutz des deutschen Reiches. 

B. erklärte, dass er für Colonien und Colonialpolitik keineswegs be- 
geistert sei, dass er indessen kein Recht zu haben glaube, seinen Schutz 
deutschen Reichsangehörigen zu versagen. Er entwickelte seine Ansichten 
dahin, dass es in erster Linie die Aufgabe der Kaufleute, der »Königlichen 
Kaüfleute« sei, die Colonien zu ver^'alten, und dass der Staat nur seinen 
Schutz zu spenden habe. Thatsächlich kommen aber die für die Colonien 
getroffenen Einrichtungen darauf hinaus, dass eine Verwaltung nach ziemlich 
bureaukratischem Schema eingerichtet wird. Was Kamerun, Togo und Süd- 
westafrika anbelangt, so ist es richtig, dass der Kaufmann sich dort früher 
ansässig gemacht hatte, als der Beamte. Dagegen wird man in der Annahme 
nicht fehl gehen, dass Deutsch-Ostafrika und Neu-Guinea auf eine directe An- 
regung B.'s hin besiedelt worden sind. 

Im Anschluss an die Colonialpolitik kam eine Einrichtung zu Stande, der 
zufolge Postdampfer nach Afrika, Ostasien und Australien eine Unterstützung 
aus Reichsraitteln erhielten. Auch die Karolineninseln sollten theilweise als 



Fürst Bismarck. 



31 



deutsche Colonien in Besitz genommen werden; das führte indessen zu einem 
entrüsteten Proteste Spaniens, welches ältere Rechte an den Karolinen zu 
besitzen vermeinte. B. hatte nicht die Absicht, es zu einem ernsthaften Kon- 
flikte mit Spanien kommen zu lassen. Er schlug vor, den Papst als Schieds- 
richter in dieser Frage anzunehmen, in der sicheren, durch den Erfolg be- 
stätigten Aussicht, dass dessen Spruch zu Ungunsten Deutschlands fallen würde. 

Die letzte Gruppe von Gesetzen, zu denen Bismarck die Initiative ergriff, 
waren die Polengesetze im Jahre 1886. Seit seinem ersten politischen Auf- 
treten hatte B. stets an der Ueberzeugung festgehalten, dass alle unlauteren 
Ansprüche der Polen mit grosser Strenge unterdrückt werden müssten. Er 
machte den Vorschlag, dass hundert Millionen Mark verwendet werden sollten, 
um polnische Güter anzukaufen und sie mit deutschen Bauern zu besiedeln. 
Er drang auch mit diesem Vorschlage durch; es schlössen sich einige andere 
Gesetze an, betreffend Einrichtung von deutschen Fortbildungsschulen in der 
Provinz Posen und Aehnliches. 

Am I. April 1885 hatte B. seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert und 
imgewöhnliche Ehrungen seitens des Kaisers, der Fürsten und aus der Mitte 
des Volkes erhalten. Aus einer Sammlung, die veranstaltet worden war, wurde 
Schönhausen, das alte Stammgut der B.*schen Familie, das nach dem Tode 
des Vaters hatte veräussert werden müssen, wieder angekauft und dem Fürsten 
übergeben. Eine Summe von 174 Million Mark wurde ihm zur Verwendung 
für gemeinnützige Zwecke überreicht, und er begründete damit eine Stiftung 
zur Unterstützung von Kandidaten des höheren Lehrfachs. Die zweite Hälfte 
des Jahres 1886 brachte über Europa mancherlei Unruhen. Deutschland 
konnte denselben ohne grössere Besorgnisse entgegen sehen. Das Verhältniss 
zu Oesterreich war unverändert ein inniges geblieben; im Jahre 1883 hatte 
sich Italien angeschlossen und so war der Dreibund zu Stande gekommen. 
Der italienische Ministerpräsident Crispi hatte sich als eine besondere Stütze 
dieses Dreibundes gezeigt und seiner Verehrung und Freundschaft flir B. da- 
durch Ausdruck gegeben, dass er ihm wiederholt in Friedrichsruhe Besuche 
abstattete. Trotzdem blieb B. in jeder Weise bemüht, ein gutes Verhältniss 
zu Russland aufrecht zu erhalten. Wie es mit den russenfreundlichen Schritten 
und Gesinnungen B.'s, auf die er selbst wiederholt nachdrücklich hingewiesen 
hat, zu vereinigen ist, dass er der Reichsbank untersagte, russische Papiere 
zu lombardiren, ist bisher nicht aufgeklärt. Jedenfalls zeigte sich seine gute 
Gesinnung für Russland im hellsten Lichte, als am 20. August 1886 der Fürst 
Alexander von Bulgarien vertrieben und zum Rücktritt veranlasst wurde. Die 
officiöse Presse stellte sich nicht allein sachlich auf die Seite der Gegner des 
Bulgarenfiirsten, sondern wollte ihm auch keine menschliche Theilnahme zu- 
billigen. 

Ein anderes Ereigniss, welches in das Jahr 1886 fällt, ist die Uebemahme 
des französischen Kriegsministeriums durch den General Boulanger, der kaum 
ein Geheimniss daraus machte, dass er auf einen Krieg mit Deutschland hinarbeite. 
Dem Reichstage wurde bei seinem Zusammentritt im Spätherbst eine Vorlage 
gemacht, durch welche eine erhebliche Vermehrung der Friedenspräsenzstärke 
für einen siebenjährigen Zeitraum gefordert wurde. Der Reichstag war bereit, 
jeden Mann und jeden Groschen« auf die Zeit von drei Jahren zu bewilligen. 
B. erklärte indessen, an der Forderung für sieben Jahre müsse festgehalten 
werden, damit der Wille des Reichstages nicht über den Willen des Kaisers 
gesetzt werde. Da der Reichstag dabei blieb, das Septennat abzulehnen, wurde 



32 



Fürst Bismarck. 



er aufgelöst. Für die Neuwahlen schlössen Conservative und Nationalliberale 
ein Kartell mit einander ab, welches die Folge hatte, dass sie zusammen eine 
Mehrheit bildeten, gegen welche das Centrum nicht aufkommen konnte. 

Auf den Ausfall der Wahlen hatte die weit verbreitete Besorgniss mit 
eingewirkt, dass es zu einem kriegerischen Zusammenstosse mit Frankreich 
kommen werde. Nach dem Ausfall der Wahlen zerstreuten sich die Besorg- 
nisse sehr schnell. Der Umstand, dass ein französischer Polizeibeamter, der 
sich in landesverräthische Umtriebe gegen Deutschland eingelassen hatte, 
auf deutschem Boden verhaftet wurde, hätte wohl einen Conflict herbei- 
führen können, wenn nicht B. ihm den völkerrechtlichen Satz hätte zu Gute 
kommen lassen, dass ein Beamter unter Umständen auf dem Boden des 
Nachbarstaates die Wohlthat des freien Geleits geniesst. 

Noch blieb als ein beklemmender Umstand die Thatsache zurück, dass 
der wortkarge menschenscheue Czar Alexander ein heftiges Misstrauen gegen 
Deutschland zur Schau trug. Bei einer persönlichen Zusammenkunft in Berlin 
gelang es B. indessen, dieses Misstrauen zu zerstreuen, indem er den Beweis 
führte, dass der Czar durch getälschte Depeschen über die Haltung der deut- 
schen Politik getäuscht sei. 

In der darauf folgenden Session wurde ein Gesetz vorgelegt, welches die 
Wehrpflicht ausdehnte und B. rechtfertigte es am 6. Februar 1888 in einer 
Rede, die vielleicht die bedeutendste ist, die er je gehalten hat. In einem 
historischen Rückblicke auf vierzig Jahre setzte er auseinander, dass Kriegs- 
gefahr eigentlich in jedem Augenblicke vorhanden ist, dass aber diese Gefahr 
in den meisten Fällen überwunden werden kann. Nicht die augenblickliche 
Gefahr, sondern die allgemeine Lage Europas dränge dazu, den Schatz von 
Wehrkraft, der im Volke liegt, nutzbar zu machen. »Wir Deutschen furchten 
Gott und sonst Niemand«. 

Am 9. März starb Kaiser Wilhelm, 91 Jahre alt; ihm folgte Kaiser 
Friedrich, 56 Jahre alt, als schon ein dem Tode verfallener Mann. Er litt 
am Kehlkopfkrebs; ein Luftröhrenschnitt hatte ihm die Möglichkeit gegeben, 
Athem zu holen, aber ihn der tönenden Stimme beraubt. Er weilte an der 
Küste des mittelländischen Meeres, machte sich aber sofort durch tiefen Schnee 
auf die Reise, um seiner Monarchenpflicht zu genügen. 

Kaiser Friedrich hatte sich in jungen Jahren wiederholt in scharfem 
Gegensatz zu B. befunden; er hatte die octroyirten Pressverordnungen von 
1863 hart getadelt; er hatte sich dem Kriege mit Oesterreich widersetzt. 
Andererseits hatte er sich auch B. wiederholt hülfreich erwiesen. Er hatte 
bei Nikolsburg zwischen dem Kaiser und B. vermittelt. Inzwischen hatte er 
sich wohl längst an den Gedanken gewöhnt, nach dem Tode seines Vaters 
B. als Berather beizubehalten. Und seit seiner schweren Erkrankung konnte 
ihm nicht wohl ein anderer Gedanke aufkommen. Auch die Gemahlin des 
Kaisers, ehemals Prinzessin Victoria, hatte wohl einst als Gegnerin B.'s ge- 
golten, aber auch sie hatte längst ihren Frieden mit ihm gemacht. 

Die erste Begegnung zwischen dem neuen Kaiserpaare und dem Kanzler 
hatte sich unter den freundlichsten Aspecten vollzogen. Sehr bald aber wusste 
ein Theil der Presse von Conflicten zu berichten. Kaiserin Friedrich soll die 
Absicht gehabt haben, ihre zweite Tochter mit dem entthronten Fürsten von 
Bulgarien zu vermählen; B. soll Gegenvorstellungen gemacht und durch Ein- 
reichung eines Abschiedsgesuchs unterstützt haben. Dass das Heirathsproject 
bestanden hat, wird richtig sein, wenn es auch nie in amtlicher Weise be- 



Fürst Bismarck. 



33 



stätigt worden ist. Aber höchst wahrscheinlich war dieses Project schon auf- 
gegeben, als die erste Kunde davon in die Oeffentlichkeit gelangte, so dass 
der Anlass zu der heftigen Pressfehde, die sich entwickelte, nicht aufgeklärt 
ist. Am 15. Juni beendete der Tod die Dulderlauf bahn Kaiser Friedrichs, 
und B. hatte fortan dem dritten Kaiser als Minister und Reichskanzler zu 
dienen. 

Hier ist es nun angemessen, den Strom der geschichtiichen Mittheilungen 
durch einen Blick auf B.'s Privatverhältnisse zu unterbrechen. 

Aus B.'s Ehe waren drei Kinder hervorgegangen. Das älteste war eine 
Tochter Marie, die, nachdem ihr ein Bräutigam gestorben, den Grafen Rantzau 
heirathete. Dann folgten zwei Söhne, Herbert, der Erbe des Fürstentitels, 
und "Wilhelm. Beide hätten den französischen Krieg mitgemacht, bei Mars 
la Tour im heftigen Feuer gestanden und Herbert war schon verwundet worden. 
Beide waren dann in den Verwaltungsdienst eingetreten -und waren schnell 
befördert worden. Graf Herbert war mit 37 Jahren zum Staatssecretär des 
auswärtigen Amtes ernannt worden, und Kaiser Friedrich hatte ihm den 
Ministertitel und Sitz im Staatsministerium verliehen. Graf Wilhelm war zur 
Zeit noch Landrath, aber zu baldiger Beförderung vorgemerkt. Er hatte sich 
im Jahre 1885 mit der Schwestertochter seines Vaters, Sibylle von Arnim, 
verheirathet. 

Schon seit dem Jahre 1866 gab der Gesundheitszustands B.'s zu Besorg- 
nissen Veranlassung. Noch als er im Jahre 1862 das Amt als Ministerpräsident 
übernahm, erschien er als ein kerngesundes Menschenkind, dem man nach- 
sagte, dass er jeder Anstrengung, auf der Jagd und bei der Tafel, gewachsen 
sei. Die Anstrengungen der nächsten Jahre rüttelten stark an seinem Nerven- 
system. Er hatte Sorgen und Verantwortlichkeit getragen, wie selten ein 
Mensch und hatte dabei Niemanden, dem er sich ganz anvertrauen konnte. 
Einen Theil seiner Pläne hielt er stets vor Jedem verborgen. Nun kam nach 
dem entscheidendsten Erfolg, den er im Leben je errungen, zu Nikolsburg 
die schon erwähnte Meinungsverschiedenheit mit König Wilhelm, die ihn in 
solche Verzweiflung setzte, dass ihm Selbstmordgedanken nicht fern blieben. 
Auch an körperlichen Anstrengungen fehlte es ihm in den Feldlagern in Böhmen 
und Frankreich nicht. Körperlich äusserte sich sein Leiden hauptsächlich in 
drei Formen, als Gesichtsschmerz, als Ischias und als sehr schmerzhafte Venen- 
entzündung am Bein. Verhältnissmässig früh musste er darum auf das sonst 
leidenschaftlich betriebene Vergnügen der Jagd verzichten. 

Zu diesen körperlichen Leiden gesellte sich Schlaflosigkeit, die ihn zwang, 
die Nacht in Tag zu verwandeln und seinen Mitarbeitern dasselbe Opfer 
aufzuerlegen. Dass sich unter diesen Umständen eine starke Reizbarkeit bei 
ihm entwickelte, die ihn zu harten Aeusserungen gegen Andersdenkende ver- 
anlasste, ist erklärlich. 

Dass die Behandlung der Leiden, denen er unterworfen war, wesentlich 
eine diätetische sein musste, liegt auch für den Laien auf der Hand. Es ist 
anzunehmen, dass es ihm an zutreffendem Rath nie gefehlt hat. Allein bei 
diätetischen Vorschriften kommt es nicht allein darauf an, dass sie gegeben, 
sondern auch darauf, dass sie befolgt werden. Und daran fehlte es. 

Am 16. Juni 1883 begab sich B. aus Anla.ss eines Magenkatarrhs in die 
Behandlung des Dr. Ernst Schwenninger, der dem Grafen Wilhelm B. schön 
erhebliche Dienste geleistet hatte, und hielt nun bis an sein Lebensende an 
diesem Arzte fest, aller Einwendungen ungeachtet, die gegen dessen Persönlich- 

Biogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. o 



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Fürst Bismarck. 



keit erhoben wurden. Die Kunst des Dr. Schwenninger bestand 'wohl wesentlich 
darin, dass er verstand, sich einen grossen Einfluss auf den Willen dieses 
sonst so eigenwilligen Mannes zu verschaffen, und seine Lebensweise bis in 
das Kleine hinein zu beaufsichtigen und zu regeln. Jedenfalls ist es ihm nicht 
allein gelungen, das Leben seines Patienten schmerzfreier zu gestalten, sondern 
auch wohl es erheblich über dasjenige Mass hinaus zu verlängern, das 
ihm sonst beschieden gewesen wäre. Sehr häufig hat B. das Bad Kissingen 
besucht, auch nachdem dort der Mordanfall gegen ihn verübt war. Er lebte 
dort als Gast des Königs Ludwig und seines Nachfolgers; hier wurde ihm 
auch die erste Bildsäule, wenngleich aus schlechtem Metall, errichtet. 

Kaiser Wilhelm II. war aufgewachsen in Bewunderung des Fürsten B. 
und in Liebe zu ihm. Er hatte schon als Knabe ihn als den Mann kennen 
gelernt, dem Preussen und die Dynastie Hohenzollern so Vieles zu danken 
hatten. Wenn Kaiser Wilhelm I. sich nur mühsam zu den politischen Zielen 
seines Rathgebers hatte belehren lassen und doch auf sein Abschiedsgesuch 
einst das monumentale Wort »Niemals« geschrieben hatte; wenn Kaiser Fried- 
rich als Kronprinz mit dem Einsatz seiner ganzen Stellung mit der Opposition 
gegen die B.'sche Politik gemeinsame Sache gemacht hatte, und sich doch 
später zu dem Entschlüsse bekehrt hatte, sich von diesem Rathgeber nicht 
zu trennen, so war zu erwarten, dass der 29jährige Kaiser den 73jährigen 
Kanzler bis zum Schlüsse seines Lebens gewähren lassen würde. 

Niemand hat gegen diese Schlussfolgerung so früh Zweifel erhoben, als 
B. selbst. Schon von dem jungen Prinzen hatte er vorher gesagt, er würde 
einst sein eigener Kanzler sein; von dem jungen Kaiser äusserte er, es sei 
nicht möglich, dass irgend Jemand, auch er selbst nicht, ihm imponire. 

Anfänglich allerdings ging Alles vortrefflich. Ein Zwischenfall trug dazu 
bei, ihn dem Kaiser noch näher zu rücken. Ein Professor GefFcken, ein klein- 
staatlicher Diplomat aus der grossdeutschen Schule, hatte Gelegenheit gehabt, 
einige Tagebuchblätter des Kaisers Friedrich abschriftlich in seinen Besitz zu 
bringen, und hatte sie unbefugter Weise veröffentlicht. 

Diese Tagebuchblätter spiegelten Stimmungen aus vergangenen Zeiten 
wieder, die für die Gegenwart bedeutungslos waren; ihre Veröffentiichung 
war unbequem; man kann zugeben, dass sie unzeitig war. B. kritisirte in 
einem an den Kaiser gerichteten, für die Oeffentlichkeit bestimmten Bericht 
den Inhalt dieser Tagebücher; er bediente sich, um diese Kritik bitterer ge- 
stalten zu können, des Vorwandes, dass er ihre Echtheit bezweifelte. Er 
liess Geffcken, wie einst den Grafen Arnim, wegen Landesverraths verfolgen, 
konnte aber nur durchsetzen, dass er einige Monate in Untersuchungshaft 
genommen, aber nicht, dass er verurtheilt wurde. 

Sehr bald aber änderte sich der Zustand. Kaiser Wilhelm I. hatte es 
für seine Regentenpflicht gehalten, sich die besten Rathgeber zu wählen, die 
er finden konnte, ihren Rath einzuholen, ihn zu prüfen und zuweilen sehr 
eindringlich zu prüfen. Selten unterliess er es, ihrem Rathe zu folgen; nie- 
mals setzte er gegen ihren Rath seine eigenen Pläne durch. Kaiser Wilhelm II. 
aber wollte eigene Initiative zeigen. Eine erste Verstimmung zeigte sich am 
II. October 1889, als B. dem Kaiser, der mit seiner Zustimmung einen Be- 
such in Petersburg beim Czaren abgestattet hatte, abrieth, diesen Besuch zu 
wiederholen. Am 16. October reiste B. nach Friedrichsruh , und in den 
folgenden Monaten beschäftigten den Kaiser mancherlei Pläne, über die er 
mit seinem Minister zu berathschlagen wünschte. B. versäumte es, nach Berlin 



FQrst Bismarck* ^^ 

zurückzukehren, um eine Verständigung zu versuchen. Als am 24. Januar B. 
nach Berlin zurückkehrte, fand er eine Lage vor, die er nicht mehr zu be- 
herrschen vermochte. 

Aus Anlass eines grossen Strikes der westphälischen Bergarbeiter, der irrt 
Jahre 1889 stattgefunden hatte, hatte der Kaiser Interesse für die sociale 
Frage gefasst. Er wollte eine internationale Conferenz einberufen, um den 
Arbeiterschutz zu erwecken. B. widersetzte sich dem Plane, getreu seinen 
alten Anschauungen, und trat zunächst von dem Amte als Handelsminister 
zurück. Die kaiserlichen Erlasse, welche seine Einladung enthielten, wurden 
ohne seine Gegenzeichnung vollzogen. Den letzten Anstoss zu der unaus- 
bleiblich gewordenen Katastrophe gab es, dass B. am 14. März den Abgeord- 
neten Windthorst auf dessen Wunsch zu einer Unterredung empfing, und der 
Kaiser die Forderung geltend machte, derartige Unterredungen sollten nur 
mit seiner Genehmigung stattfinden. Am 17. März Hess der Kaiser B. zwei- 
mal auffordern, sein Abschiedsgesuch einzureichen, und am 18. März gab B. 
dieser Aufforderung statt. Am 20. März erhielt er die nachgesuchte Ent- 
lassung unter Verleihung eines Titels als Herzog von Lauenburg und Er- 
nennung zum General-Obersten der Cavallerie mit dem Range eines General- 
Feidmarschalls. Diese letztere Auszeichnung nahm Bismarck an. Den Titel 
eines Herzogs von Lauenburg hat er nie gefuhrt; er ist erloschen, da er nicht 
erblich verliehen wurde. Die amtliche Thätigkeit des Fürsten Bismarck hatte 
ihr Ende erreicht. Der Eindruck des Ereignisses war ein anderer in Volks- 
kreisen, als in parlamentarischen Kreisen. Als er am 29. März Berlin verliess, 
begleiteten ihn stürmische Dankeshuldigungen des Volkes. Eine Anzahl von 
Gemeinden ernannte ihn zum Ehrenbürger. Zahlreiche Adressen gingen ihm 
zu; namentlich an seiner Geburtstagsfeier am i. April. Sein Sohn, Graf 
Herbert, nahm mit ihm zugleich den Abschied. Die übrigen Minister blieben 
auf ihrem Posten. Erst nach Verlauf einiger Zeit zogen sich der landwirth- 
schaftliche Minister von Lucius, der Finanzminister von Scholz und der 
Kisenbahnminister von Maybach zurück. 

In parlamentarischen Kreisen nahm man den Rücktritt B.'s als eine un- 
vermeidlich gewordene Nothwendigkeit hin. Selbst die conservative Fraktion 
schloss sich von dieser Empfindung nicht aus. B. hatte sein 75stes Lebens- 
jahr beendet. Es wäre sehr verkehrt, zu sagen, das sich Zeichen von Alters- 
schwäche an ihm gezeigt hätten. Aber eine andere Folge des Alters war 
nicht ausgeblieben ; eine gewisse Verhärtung in vorgefassten Anschauungen, ein 
vermindertes Vermögen, sich in Stimmungen und Anschauungen anderer Men- 
schen hineinzudenken. Schon seit mehreren Jahren hatte man aus den Kreisen 
seiner Gegner mehrfach die Aeusserung fallen hören: »Es gelingt Nichts mehr«. 

Seine Entlassung hat er als ein sehr bitteres Leid empfunden. Er war 
seit Jahrzehnten gewöhnt, nach Aussen hin energisch zu wirken und fortan 
war ihm jede Wirksamkeit unmöglich gemacht. Rath in einzelnen Fragen zu 
ertheilen, den die neue Regierung als willkommen entgegen genommen haben 
würde, lehnte er entschieden ab. Nach seiner Anschauung konnte er die 
Verantwortlichkeit für die Ertheilung eines Rathes nur übernehmen, wenn er 
zugleich die Art und Weise überwachte, wie dieser Rath ausgeführt wurde. 

Mit grosser Bitterkeit und Ungerechtigkeit äusserte er sich über den 
Orafen Caprivi, seinen Nachfolger, den Minister von Boetticher, der Jahre 
lang sein treuster Mitarbeiter gewesen war, und den Freiherrn von Marschall, 
der das Staatssecretariat der auswärtigen Angelegenheiten übernahm ; den letz- 



j6 Fürst Bismarck. 

teren Beiden machte er den unbegründeten Vorwurf, dass sie daran ge- 
arbeitet hätten, ihn aus dem Amte zu verdrängen. 

Sehr schwer empfand er es, dass die Führer der conservativen Partei 
in den nächsten Monaten ihn nicht aufsuchten und ihm Gelegenheit gaben, 
sich gegen ihn auszusprechen. Dafür empfing er willig die Correspondenten 
amerikanischer, russischer, französischer Zeitungen und erging sich gegen sie 
in Angriflfen gegen den neuen Curs und die Leitung der auswärtigen Politik. 
Am 23. Mai richtete Graf Caprivi an die (Gesandtschaften einen Erlass, in 
welchem es hiess, der Kaiser unterscheide zwischen dem Fürsten Bismarck 
früher und jetzt und wollte es vermieden sehen, dass der deutschen Nation 
das Bild ihres grössten Staatsmannes getrübt würde. 

Mit besonderer Bitterkeit äusserte er sich in mancherlei Unterredungen 
über die Politik der Handelsverträge, die vom Grafen Caprivi begonnen wurde. 
Das gab Veranlassung, dass ihn die Agrarier des neunzehnten hannoverschen 
Wahlkreises am 30. April 1891 zum Reichstagsabgeordneten wählten. Er 
hatte sich zur Annahme der Wahl bereit erklärt, soll auch die Absicht gehabt 
haben, im Reichstage zu erscheinen, hat aber von Ausführung dieser Absicht, 
vielleicht auf ärztlichen Rath, Abstand genommen. Auch im Herrenhause 
ist er niemals wieder erschienen, wie er sagte, weil der Aufenthalt in Berliner 
Gasthöfen ihm lästig sei. Dagegen hat er sich öfter an den Verhandlungen 
des lauenburgischen Kreistages in Ratzeburg betheiligt. 

Am 4. Mai 1892 verlobte sich sein ältester Sohn Graf Herbert mit der 
Gräfin Margarethe Hoyos aus einer ungarischen Adelsfamilie. Es war für den 
Fürsten B. eine besondere hohe Freude, da er aus mancherlei Anzeichen die 
Befürchtung eingesogen hatte, sein Sohn würde im ehelosen Stande verbleiben. 
Am 21. Juli fand in Wien die Hochzeit statt, zu welcher sich Fürst B. mit 
seiner Gemahlin eingefunden hatte. Reichskanzler Graf Caprivi richtete an 
den Wiener Botschafter Prinzen Reuss einen Erlass, worin zunächst der An- 
nahme entgegen getreten wurde, als habe eine Annäherung des Fürsten B. 
an den Kaiser stattgefunden; hierzu fehlte die unentbehrliche Voraussetzung, 
dass der frühere Reichskanzler den ersten Schritt thue. Aber selbst w^enn 
eine solche Annäherung stattfinden würde. Niemand das Recht habe, an- 
zunehmen, dass Fürst B. wieder auf die Leitung der Geschäfte irgend welchen 
Einfluss gewonnen hätte. Der Botschafter sowohl wie das Botschaftspersonal 
möchten einer etwaigen Einladung zur Hochzeit ausweichen, bei etwaiger An- 
näherung des Fürsten B. aber sich auf die Conventionellen Formen beschränken. 
Von diesen Weisungen mögen auch dem österreichischen Minister des Aus- 
wärtigen in geeigneter Weise Mittheilung gemacht werden. 

Die Wirkung dieses Erlasses bestand hauptsächlich darin, dass Kaiser 
Franz Joseph es unterliess, den Fürsten zu empfangen. Der Botschafter Prinz 
Reuss Hess sich, als B. bei ihm vorfuhr, als krank entschuldigen; seine Ge- 
mahlin, eine geborene Prinzessin von Weimar, maclite dagegen der Fürstin B. 
einen Besuch. Die officiellen Kreise Wiens unterliessen die gebotenen Höflichkeits- 
bezeugungen nicht. Die Hochzeit vollzog sich ohne jedes Zeichen der Theil- 
nahme von Seiten des Kaisers oder der officiellen Welt. 

Die Wirkung dieser Erlasse war nicht diejenige, welche man erwartet 
hatte. Die Reise des P'ürsten B., welche ihn auf dem Hinwege über Dresden, 
auf dem Rückwege über München, Augsburg, Kissingen, Jena und Berlin 
führte, gestaltete sich zu einem Triumphzuge. Dass alle diejenigen, welche 
die Handelsvertragspolitik der Regierung bekämpften, in B. einen Vorkämpfer 



Fürst Bismarck. 



37 



sahen und sich an den Huldigungen für ihn lebhaft betheiligten, versteht sich 
von selbst. Aber noch viele von denen, welche die augenblickliche politische 
Stellung des Ftlrsten nicht theilten, empfanden diese Kundgebungen, die sie 
als Uriasbrief bezeichneten, schmerzlich, und missbilligten es noch mehr, 
dass der Reichsanzeiger am 7. Juli die Erlasse vom 23. Mai 1890 und 9. Juni 
1892 veröffentlichte. Eine Anzahl von Fackelzügen, Deputationen, öflfentlichen 
Festlichkeiten, Kundgebungen an allen Stationen, durch die B. fuhr, bekundeten 
die grosse Verehrung, die B. genoss. Bei einigen Unterredungen, die er ge- 
währte, und Ansprachen, die er öffentlich hielt, unterliess er nicht, die Mass- 
regeln der Regierung und vermeintiiche Unfähigkeit ihrer Vertreter scharf zu 
tadeln. Das officiöse Berliner Blatt, die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 
brachte heftige Artikel gegen ihn, und die Hamburger Nachrichten, die in- 
zAfcischen das Sprachrohr des Fürsten geworden waren, brachten eben so 
heftige Erwiderungen. 

Als im Laufe des folgenden Jahres B. von Neuem Kissingen besuchte, 
wurde er wiederum durch Huldigungen von Deputationen und von verschiedenen 
Theilen des Reiches beehrt. 

Von nun an unterblieben von Berlin aus alle Arten von Kundgebungen, 
die als persönliche Angriffe hätten gedacht werden können. Man beschränkte 
sich darauf, seine Angriffe unter möglichster Vermeidung der Nennung seines 
Namens sachlich abzuwehren. Als im September der Fürst an einer Lungen- 
entzündung schwer erkrankte, bot ihm der Kaiser eines seiner mitteldeutschen 
Schlösser an, doch wurde dieses Anerbieten höflich abgelehnt. 

Am 22. Januar 1894 sandte der Kaiser seinen Flügeladjutanten zur Be- 
griissung des Fürsten nach Friedrichsruh und Hess ihm eine Flasche Rhein- 
wein überbringen, was beiläufig gesagt, eine alte übliche Form der Bezeugung 
des Wohlwollens Seitens der Hohenzollem war. B. erschien am 26. Januar 
in Berlin, um dem Kaiser zu danken, wurde im Schlosse aufgenommen und 
zum Chef des Kürassirregiments Seydlitz ernannt. Der Kaiser stattete ihm 
am 19. Februar einen Gegenbesuch in Friedrichsruh ab. Ein solcher kaiser- 
licher Besuch wurde noch mehrfach wiederholt. Nachdem Caprivi entlassen 
war und Fürst Hohenlohe das Amt des Reichskanzlers übernommen hatte, 
statteten auch Mitglieder der Regierung ihm Besuche ab. 

Alle diese äusseren Formen änderten an dem Verhältnisse Nichts. B. 
fuhr fort, in Gesprächen, die der Oeffentlichkeit mitgetheilt wurden, und in 
Zeitungsartikeln, die er durch die Hamburger Nachrichten veröffentlichen liess, 
die Politik der Regierung heftig anzugreifen; die Regierung enthielt sich, 
darauf in verletzenden Formen zu erwidern, aber auf den Gang der Politik 
vennochte der Fürst keinen Einfiuss zu gewinnen. 

Am I. April 1895 vollendete Fürst B. sein achtzigstes Lebensjahr, und 
das gab Anlass zu den höchsten Ehrenbezeugungen. Getrübt war der Tag 
dadurch, dass einige Monate vorher B. seine Lebensgefährtin am 27. November 
1894 verloren hatte. Der Kaiser erschien persönlich, überbrachte einen gol- 
denen Pallasch als Ehrengabe und brachte unter dem Salut von Kanonen- 
schüssen einen Toast aus. Zahllos waren die Deputationen, die durch eine 
Reihe von Wochen empfangen wurden. Zwei Körperschaften schlössen sich 
aus der Reihe der Glückwünschenden aus, die Stadtverordneten von Berlin 
und der deutsche Reichstag, der mit 163 gegen 146 Stimmen eine Beglück- 
v^ünschung B.'s ablehnte. I)as Centrum, die freisinnige Volkspartei (von der 
sich zuvor eine freisinnige Vereinigung abgetrennt hatte), und die Social- 



9 3 Fflrst Bismarck. 

democraten bildeten den Stamm der Mehrheit. Dies gab die Veranlassung 
dazu, dass der conservative Reichstagspräsident von Levetzow sein Amt nieder- 
legte; das Reichstagspräsidium, das von 1867 bis 1879 die Nationalliberalen, 
von da ab bis 1895 die Conservativen geführt hatten, ging in die Hände des 
Centrums über. Der Reichstag machte seine Unterlassung einigermassen da- 
durch gut, dass bei der 25jährigen Erinnerungsfeier seiner Entstehung am 
21. März 1896 Fürst Hohenlohe auf den Fürsten B., als den eigentlichen 
Schaffer des Reiches, einen Trinkspruch ausbrachte. Schon vorher hatten die 
Erinnerungsfeiem an den Tag von Sedan, an den Tag der Kaiserproclamation 
in Versailles ihm zahlreiche Ehrenbezeugungen gebracht. Als weitere Erinnerungs- 
feiem folgten das 25jährige Gedächtniss an den Abschluss des Frankfurter 
Friedens, der hundertjährige Geburtstag des Kaisers Wilhelm I. und das sechzig- 
jährige Militärjubiläum des Fürsten B. Der Kaiser versäumte nicht, zu gratuliren 
und Gnadenbeweise zu ertheilen, und Fürst B. dankte. 

Noch einmal kam es zu einem ernsten Conflicte. Am 24. October 1896 
machten die Hamburger Nachrichten Mittheilung von einem geheimen russisch- 
deutschen Neutralitätsvertrage, den B. zur Zeit seiner Amtsführung abgeschlossen 
hatte, der sechs Jahre in Gültigkeit gewesen war, im Jahre 1890 ablief, den 
Russland auf drei Jahre zu verlängern sich bereit erklärt hatte, und den 
Graf Caprivi zu verlängern abgelehnt hatte. Anscheinend waren die Meinungs- 
verschiedenheiten über die Verlängerung dieses Vertrages ein mitwirkender 
Grund zu der Verabschiedung des Fürsten B. gewesen. Offenbar handelte 
es sich hier um ein schwer wiegendes Staatsgeheimniss. Die Existenz dieses 
Vertrages war selbst vor der österreichischen Regierung, mit welcher Deutsch- 
land in den innigsten Beziehungen lebte, geheim gehalten worden, und Fürst 
B. hielt sich jetzt für berechtigt, denselben öffentlich bekannt zu machen. 
Das musste um so mehr befremden, als während seiner Amtsführung Fürst 
B. über die Pflicht der Amtsverschwiegenheit die strengsten Ansichten ge- 
äussert und bethätigt hatte. Der Reichsanzeiger brachte einige Artikel, die 
eine scharfe Missbilligung enthielten. Da indessen sich herausstellte, dass das 
gute Verhältniss zu Oesterreich durch diese Enthüllung nicht getrübt wurde, 
so wurde der Sache weitere Folge nicht gegeben. 

Am 28. Juli 1898 erkrankte Fürst B. und starb am 30. desselben Monats 
an einer Lungenlähmung. Nach einer später vom Dr. Schwenninger gegebenen 
Aufklärung war zu seinen übrigen Leiden der Brand der Alten getreten. 

Ihn überlebten seine drei Kinder und mehrere Enkel und Enkelinnen. 
Am 25. September 1897 war seinem ältesten Sohne Herbert ein Sohn Otto, 
ihm ein Stammhalter geboren. Zuvor waren zwei Töchter diesem Sohne 
geschenkt worden. Graf Wilhelm B. befand sich in der Stellung eines Ober- 
präsidenten von Ostpreussen, der Schwiegersohn Graf Rantzau war aus dem 
Staatsdienste auf seinen Wunsch ausgeschieden und durch den Excellenztitel 
ausgezeichnet worden. 

Der Kaiser beklagte in einem Telegramm an den nunmehrigen Fürsten 
Herbert B. den Verlust von Deutschlands grossem Sohne und reiste alsbald 
mit der Kaiserin selbst nach Friedrichsruh, fand aber den Sarg schon vernietet. 

In einem weiteren öffentlichen Erlass pries der Kaiser den Hingeschie- 
denen als den Meister der Staatskunst, den furchtlosen Kämpfer im Kriege 
wie im Frieden, den hingehendsten Sohn seines Vaterlandes, den treuesten 
seines Kaisers und Königs und legte im Namen der Nation das Gelübde ab, 
das, was er, der grosse Kanzler unter dem Kaiser Wilhelm dem Grossen 



Fürst Bismarck. ^q 

geschaffen hat, zu erhalten und auszubauen, und wenn es Noth thut, mit 
Gut und Blut zu vertheidigen. 

Die zahllosen Ehrenbezeugungen, die dem Todten zu Theil wurden, auf- 
zuführen, ist hier eben so wenig Raum, als es möglich war, der Ehrenbezeu- 
gungen Erwähnung zu thun, die dem Lebenden zu Theil geworden sind. 
Alle Orden, über welche der preussische Staat verfügt, den Orden pour le 
m^rite für Wissenschaft und Kunst nicht ausgeschlossen, Orden deutscher 
Fürsten, Orden auswärtiger Potentaten bis zum Fürsten Menelik von Aethiopien 
hin, Ehrenbürgerbriefe zahlreicher Städte, Ehrendoctordiplome sämmtlicher 
Facultäten, Ehrenmitgliedschaften von Academien und anderen Körperschaften 
sind ihm zu Theil geworden; an' vielen Orten sind ihm Standbilder errichtet 
und werden noch errichtet werden. 

Seinem Wunsche gemäss ist er im Sachsenwalde in einer besonders ge- 
bauten Kapelle beigesetzt; als Inschrift hat er die Worte bestimmt: Fürst 
Bismarck, ein treuer Diener Kaiser Wilhelms I. 

In Schönhausen hat sein Sohn ein Museum begründen lassen, in welchem 
die Erinnerungszeichen an ihn aufbewahrt werden. 

Das Material, welches für seine Lebensgeschichte vorliegt, war schon 
zur Zeit, als er aus dem Amte schied, ein unübersehbares und mehrt sich noch 
täglich in überraschender Weise. Homer, Dante, Shakespeare und Goethe, 
Luther, Friedrich den Grossen und Napoleon ausgenommen, mag es keinen 
Mann geben, über den so viel gedruckt worden ist. Freilich giebt es viel 
Material, das noch verborgen in den Archiven liegt, und von dem die Auf- 
klärung über manche Punkte zu erwarten ist. Eine Lebensgeschichte B.'s zu 
schreiben, würde Bände füllen; sie kann nicht anders gedacht werden, denn 
als eine Geschichte des Zeitalters, in dem er thätig war. Hier konnte Nichts 
als ein knapper Auszug aus dem ungeheuren Material gegeben werden. 

Derjenige Charakterzug, der am meisten in die Augen lallt, war, dass 
er zu jeder Zeit seines Lebens einen einzigen Gesichtspunkt hatte, dem er 
alle anderen unterordnete. Was ihm gestern das Wichtigste gewesen war, 
konnte er heute als unwichtig betrachten, wenn ihm inzwischen etwas Anderes 
als wichtiger erschien. Jahre lang hatte er den Kampf gegen den Liberalismus 
als seine Lebensaufgabe betrachtet, und er schloss seinen Frieden mit dem 
Liberalismus, als es ihm nützlich erschien, um das deutsche Reich fester zu 
begründen. Jahre lang hatte er den Kampf gegen die Hierarchie für noth- 
wendig erachtet, um das deutsche Reich zu beschirmen, und er schloss seinen 
Frieden mit der ultramontanen Partei, als es ihm noth wendig erschien, um 
dem deutschen Reiche eine neue Gestalt zu geben. Irren wir nicht, so ist 
alles dies nur eine weitläufige Umschreibung für den Begriff der Energie. 

Unbeugsam in der Verfolgung seiner Ziele standen ihm stets alle Mittel 
zu Gebote, um seine Ziele zu erreichen. Die yerwickeltsten Verhältnisse lagen 
jeder Zeit und anschaulich vor seinen Augen. Er wusste Kräfte, die sich 
ihm lange feindlich entgegen gestellt hatten, in seinen Dienst zu zwingen. 
Von ihm gilt das Wort: 

Auch manche Geister, die mit ihm gerungen, 
Die sein Verdienst unwillig anerkannt, 
Sie fühlen sich von seiner Kraft durchdrungen, 
In seinem Kreise willig festgebannt. 

Er wusste mit einem Blicke zu übersehen, wie ein Schritt, der für den Augen- 
blick grosse Vortheile zu gewähren schien, für die Zukunft grosse Nachtheile 



40 



Fflrst Bismarck. 



im Gefolge haben musste; er wusste aus einer Lage, die sich anscheinend zu 
seinem Nachtheil gestaltet hatte, Nutzen zu ziehen." Er las in der Seele seiner 
Gegner, wie der seiner Freunde. Er wusste von seinen Plänen so viel zu ent- 
hüllen, als ihm nützlich war, um Anhänger dafür zu gewinnen, und so viel 
zu verbergen, als ihm eine vorzeitige Enthüllung Hindernisse bereitet haben 
würde. 

Er war ein Meister der Rede, nach Luther und Goethe der grösste 
sprachschöpferische Genius, den die deutsche Nation hervorgebracht hatte, 
und dabei verachtete er die Redekunst, soweit sie nicht dazu diente, prak- 
tische Zwecke zu erreichen ; es blieb ihm unbegreiflich, dass Jemand sprechen 
konnte, nur um zu zeigen, dass er Recht hatte, wenn er nicht die Aussicht 
hatte, durch sein Sprechen etwas zu erreichen. Er verachtete die öffentliche 
Meinung, wenn sie sich ihm entgegenstellte, und war doch ein Meister in 
der Kunst, die öffentliche Meinung zu bearbeiten, wenn er sie sich dienstbar 
machen konnte. Er war der grösste Journalist, den die Welt gesehen hat, 
aber er hielt es für zweckmässiger, diese seine Kunst der Welt zu verhehlen, 
als sie von ihr bewundem zu lassen. 

Er war ein Meister in der Kunst, nicht zu wissen und nicht zu hören, 
was ihn in der Verfolgung seiner Pläne störte. 

Er bekannte, dass ihm die Fähigkeit, fremde Verdienste zu ehren, nur 
in bescheidenem Masse verliehen sei. Aber er selbst machte keinen Anspruch 
darauf, seine Verdienste in Worten anerkannt zu sehen; die Anerkennung, 
die er beanspruchte, bestand darin, dass man sich ihm fügte. Er wollte 
wirken, und nicht gelten oder gar scheinen. Er verstand die Menschen für 
seine Zwecke zu benutzen, und sie fallen zu lassen, sobald sie ihm nicht 
mehr dienen konnten. Das Verhältniss zu seiner Frau und zu seinen Kindern 
zeigt, wie tiefer und reiner Empfindungen er fähig war. Die Gabe, Menschen 
zu gewinnen, stand ihm in hohem Grade zu Gebote. Erfahrungen, wie sie 
keinem Menschen von seiner Machtstellung erspart bleiben, führten ihn freilich 
dahin, tiefe Menschenverachtung zu hegen und gelegentlich an den Tag 
zu legen. 

Er wollte thätig sein, die Welt ändern, nicht nach unverrückbaren Ide- 
alen, sondern so, dass er die Folgen seiner Handlungen sah. Er hat kaum 
jemals ein Wort gesprochen, an das er sich für alle Zeiten hätte binden 
mögen. Er hat kaum jemals ein Gesetz vorgeschlagen, bei dem er nicht 
ausgesprochen oder im Stillen den Zusatz machte, dass man es schnell wieder 
ändern könne, wenn die Verhältnisse sich änderten. 

Kirchengesetze, socialpolitische Gesetze, Steuergesetze sollten für den 
Augenblick gelten, in dem er sie schuf. Lieber als alle Gesetze waren ihm 
discretionäre Vollmachten, die ihm gestatteten, in jedem Augenblicke zu 
thun, was er für gut und nützlich hielt. 

Er war ein treuer Diener des Kaisers und der Monarchie; er war es, 
weil er empfand, dass die Monarchie in Deutschland eine lebendige Kraft 
war, auf die man sich verlassen könne. Er war ein deutscher Patriot, weil 
er empfand, dass das Deutsch thum eine Macht sei, die in der menschlichen 
Geschichte noch zu grossen Dingen berufen sei. Er war ein guter Christ, 
weil er, wie er sich einst ausgedrückt hat, in dem Christen thum den Felsen 
sah, an dem das Narrenschiff der Zeit scheitern müsse. Dogmatischen Erörte- 
rungen aber entzog er sich. 



Fürst Bismarck. 



41 



Er ist der Schöpfer des deutschen Reiches. Den Gedanken, ein deutsches 
Reich aufzurichten, haben Andere vor ihm gehabt, verkündet und dafür ge- 
litten. Diesen Gedanken erfunden hat er nicht. A])er er hat die unüber- 
>\indlich erscheinenden Hindemisse beseitigt, die sich der Aufrichtung des 
deutschen Reiches entgegen stellten. Um diese Hindemisse zu überwinden, 
bedurfte es eines Mannes von seiner Art, und in seiner Eigenart ist er mit 
keiner anderen historischen Persönlichkeit zu vergleichen. Dass er einen 
Kaiser Wilhelm fand, der ihn an die richtige Stelle stellte, und einen Moltke, 
der ihn unterstützte, war ein Glück für ihn; noch grösser aber das Glück 
für diese Männer, dass sie einen B. fanden, der ihnen Raum schaffte, sich 
zu entfalten. 

Er hat Gewaltiges geleistet und dem deutschen Volke das Staatswesen 
geschaffen, nach welchem es ein Jahrhundert vergeblich gerungen, und hat 
den Zoll der Verehrung und Bewunderung, der ihm zu Theil geworden, 
ehrlich verdient. Allein er war ein Mensch, und hat auch menschlich 
geirrt. Zu scheiden, was an ihm gross und was fehlerhaft war, ist heute noch 
Niemand berufen. Die Auseinandersetzung darüber wird vielleicht nach Jahr- 
hunderten noch nicht beendigt sein. Aber das lässt sich voraus sehen, dass 
im Laufe der Zeit das edle Metall, das in ihm war, immer heller strahlen 
und die Schlacke immer mehr vergessen werden wird. 

Die Litteratur, die sich an seinen Namen knüpft, aufzuzählen und zu beurtheilen, 
würde einen Raum erfordern, der grösser ist, als hier einer ganzen Biographie zugestanden 
werden kann. Nur das Wichtigste kann Erwähnung finden. 

In der Zeit seiner Müsse hat er zwei Bände »Gedanken und Erinnerungen« 
geschrieben, die alsbald gedruckt worden sind. Ein dritter Band, der sein Verhältniss 
zum jetzigen Kaiser würdigt, wird vielleicht der Oeffentlichkeit noch lange vorenthalten 
werden. Als geschichtliche Quelle bedarf das Werk strenger Kritik ; als Beitrag zur Kennt- 
niss seines Geistes gehört es der Weltlittcratur an. 

Die Reden, die er im Parlament gehalten hat, sind mehrfach gesammelt und ge- 
druckt worden; handlich liegen sie vor in der zwölf Bände umfassenden Reclam'schcn 
Sammlung. 

Im Jahre 1867, als dann sein Ruhm begründet war, erschienen zwei Werke von Wichtig- 
keit: Hesekiels »Buch vom Grafen Bismarck« (in den späteren Auflagen vom Fürsten 
Bismarck) ist von einem kleinen Geiste geschrieben, aber es enthält aus Familien-Mitthei- 
lungen unschätzbares Material über die Jugendjahre. Ludwig Bambergers »Herr 
von Bismarck«, ursprünglich in französischer Sprache geschrieben, dann in deutscher Ueber- 
sctzung in Barobergers gesammelte Schriften aufgenommen, liefert das erste Charakter- 
bild, dessen wunderbare Richtigkeit durch die Geschichte der folgenden Zeit bestSti^rt 
wurde. Poschingers »Preussen im Bundestage« theilt in vier Bänden die Staatsschriften 
mit, die B. in der Zeit von 1851 bis 1859 geschrieben, ein merkwürdiges Beispiel früher 
Oeffnung der Archive. Zur Ergänzung muss aber hinzugezogen werden »B.'s Briefe 
an General Leopold von Gerlach«, in denen die ausseramtlichen Gedanken des Schreibers 
aus derselben Zeit enthalten sind. Was Poschinger später noch an Materialien veröffent- 
licht hat, kann übergangen werden. Ludwig Hahns »Fürst Bismarck, Sein politisches 
Leben und Wirken in Thatsachen und des Fürsten eigene Kundgebungen« enthielt in fünf 
Bänden Reden und Aktenstücke aus der Zeit von B.'s ministerieller Wirksamkeit, mit er- 
gänzenden Anmerkungen. Moritz Busch hat in »Fürst Bismarck und seine Leute«, 
"Unser Reichskanzler«, »Bismarck« some secret pages of his history aus täglichem 
Zusammensein, mit grosser Indiscretion, aber ohne Zweifel in zuverlässiger Weise, Aeusse- 
ningen und Vorgänge mitgetheilt. Von dem englischen Werk existirt ein deutsche Aus- 
gabe, die neben jenem selbstständige Bedeutung hat. Discreter und sehr ansprechend sind 
Christoph von Tiedemanns »persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bismarck«. 
Heinrich von Sybels »Die Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm I.« 
hat B. zum eigentlichen Haupthelden, und entspricht den Anforderungen an hohe Geschichts- 
schreibung, bedarf aber auf Grund ermittelter Thatsachen einer Revision. Zum grossen 
Theil ist sie gegeben in Fried Jungs »Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland«. 



42 Fürst Bismarck. Meyer. 

Ludwig Bacnbergers »Bismarck Posthumusc übt an den Gedanken und Erinnerungen 
eine zutreffende Kritik. Schmoller, Lenz nnd Marcks haben vereinigt glänzende 
Charakteristiken herausgegeben, die jeder von den Dreien zuvor einzeln veröffentlicht hatte, 
unter dem Titel: »Zu Bismarcks Gcdächtniss«, von wanner Begeisterung getragen, aber 
ohne unhistorische Schönfärberei. Horst Kohl »Denkwürdige Tage aus dem Leben des 
Fürsten Bismarck« ist ein fleissiges und übersichtliches Registerwerk, zum Nachschlagen 
unentbehrlich. 

Derselbe Schriftsteller giebt seit dem Jahre 1894 ein »Bismarck- Jahrbuch« heraus, 
in welchem neu veröffentlichtes Material zum Abdruck kommt. 

Alexander Meyer. 

Meyer, Conrad Ferdinand, Dichter, ♦11. October 1825 im sogenannten^ 
Stampfenbach zu Unterstrass-Zürich, f 28. November 1898 in Kilchberg bei 
Zürich. 

Die Familie des Dichters, der keinen Sohn hinterliess, reicht in der Stadt 
Zürich hinauf bis zu dem aus dem Städtchen Eglisau eingewanderten Hans 
Meyer, der sich 161 4 in Zürich niederliess, wo seine Nachkommen bald zu 
einem beträchtlichen bürgerlichen Wohlstand gelangten, eine politische Rolle 
aber erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts zu spielen begannen. Der Oberst 
und Rathsherr Johann Jacob Meyer, der in Folge der politischen Wirren nach 
dem Siege der Franzosen vorübergehend die Heimath hatte meiden müssen, 
vertheidigte die Stadt im Jahre 1802 siegreich gegen die helvetischen Truppen; 
er ist der Grossvater des Dichters, ein aufrechter, hochverdienter Mann, und 
erwarb sich als Oberamtmann von Grüningen später während der schweren 
Nothjahre die Anhänglichkeit des Volkes. Der jüngste der vier Söhne, die 
ihm von neun Kindern geblieben waren, Ferdinand, der Vater des Dichters, 
war von zarter Gesundheit und kurzer Lebensdauer (1799 — 1841). Seine 
strenge Gewissenhaftigkeit, seine angeborenen Fähigkeiten für Verwaltung und 
Organisation, seine juristischen Kenntnisse machten ihn zu einem musterhaften 
und von seinen Mitbürgern hochgeschätzten Staatsbeamten; wenige Jahre 
Staatsschreiber, wurde er 1825 Regierungsrath und sah sich bald mit Aemtern 
und Aufgaben überhäuft; seine privaten Studien und Bestrebungen machten 
ihn zum tüchtigen Historiker, der, seinem bewunderten Vorbilde Ranke mit 
Erfolg nachstrebend, mehrere Partien aus der Zeit der Gegenreformation 
glücklich behandelte; seine Frau, Betsy Ulrich, die begabte und gemüthstiefe 
Tochter des um das Taubstummenwesen verdienten Oberrichters Johann 
Conrad Ulrich, die er 1824 heimführte, erscheint als eine der feinsten imd 
anziehendsten Frauengestalten, die Zürich jemals hervorgebracht hat, von leb- 
haften litterarischen und philanthropischen Interessen, fromm und überaus 
wohlthätig, nicht ohne Anflüge von Melancholie, sodass sie zu sagen pflegte: 
»ich habe einen heiteren Geist, aber ein trauriges Herz«. Betsy Meyer 
schenkte ihrem Gatten zwei Kinder, Conrad und die sechs Jahre jüngere 
Tochter Betsy. Ohne seinen Lehrern besonders aufzufallen, aber immerhin 
ein sehr begabtes, feines, sensibles Kind, durchlief Conrad die Schulen seiner 
Vaterstadt, das untere und das obere Gymnasium bis an die Schwelle der 
obersten Klasse und begab sich dann auf den Wunsch der Mutter nach Lau- 
sanne, wo er an dem Freunde des inzwischen gestorbenen Vaters, dem Histo- 
riker Louis Vulliemin, einen Berather fand, der sich seiner hingebend und 
verständnissvoll annahm. Nach Zürich zurückgekehrt, begann er auf den Rath 
J. K. Bluntschlis juridische Studien ins Auge zu fassen. Bald aber zog er 
sich aus den Hörsälen und allmählich auch von den Menschen zurück. Eine 



Meyer. 43 

lange Jahre dauernde Zeit ziemlich planloser, aber eifrig betriebener und nicht 
unfruchtbar gebliebener historischer Studien, ausgedehnter Leetüre und schwer- 
lastender, unreifer poetischer Pläne begann damit, eine Einsamkeit, ein Ringen, 
das Niemand ahnte. Niemand verstand, ausser der hochbegabten Schwester, 
die ihm bis zur Verheirathung Freundin, Genossin, Beratherin und lange 
Jahre die einzige Wissende seiner Pläne und poetischen Arbeiten war. Das 
langsam und schwer sich entfaltende poetische Talent bedrängte ihn mehr, 
als es ihn beglückte, und vorübergehend tauchte der Plan auf, sich der 
Malerei zuzuwenden.' Diese Unsicherheit, die engen heimischen Verhältnisse, 
die Fragen und Rathschläge derer, »die etwas geworden waren«, wurden ihm 
unerträglich und erzeugten in dem Reizbaren einen nervösen Zustand, der es 
gerathen scheinen Hess, dass er sich für einige Wochen in die Heilanstalt Prefargier 
begab (1852). Als geheilt entlassen, blieb er in der französischen Schweiz, 
um so mehr, als auch die Hoffnungen der geliebten Mutter auf eine beruf- 
liche Ausbildung dahin wiesen: sein Ziel ging zunächst auf eine gründliche 
Kenntniss der französischen Sprache und historische Studien. Vulliemin ver- 
anlasste ihn. Augustin Thierrys »Rdcits des temps mdrovingiens« zu über- 
tragen, und er führte die umfängliche Arbeit (über fünfhundert Druckseiten) 
genau und Üeissig durch. Sie erschien 1855 ohne den Namen des Ueber- 
setzers unter dem Titel: »Erzählungen aus den merovingischen Zeiten«. Die 
Uebersetzung einer kleineren historischen Arbeit Guizots folgte bald. Aber 
irgend eine Aussicht auf eine eigentliche Berufsthätigkeit zeigte sich nicht, 
und auch die poetische Production, nach der die ganze Sehnsucht des bald 
Dreissigjährigen ging, wollte ihm nicht gedeihen, so sehr der Aufenthalt in 
der französischen Schweiz seine geschichtlichen und litterarischen Kenntnisse 
vermehrt, seine Einsicht in das Wesen der Poesie gesteigert hatte. Nach etwa 
anderthalb Jahren (Juni 1852 bis Ende December 1853) kehrte er wieder 
nach Zürich zurück. Auch hier blieb seine Lage die gleiche und kam bei 
allem innem Gewinn über litterarische und praktische Anläufe — er gedachte 
Mommsen's römische Geschichte ins Französische zu übersetzen, er gab, mehr 
der Richtung der mütterlichen Wünsche als dem eigenen Drang folgend, zwei 
unbemittelten Schülern Privatunterricht — nicht hinaus. Karg, w^ie früher, 
blieb auch jetzt sein Verkehr nach Aussen; hie und da ein Besuch, eine Ein- 
ladung, einsame Spaziergänge und noch mehr einsame Kahnfahrten auf dem 
See, der auch dem rüstigen Schwimmer ungezählte Stunden der Erholung 
und Erfrischung gewährte. Dann führten Krankheit und Tod eine Aenderung 
herbei. Zu Beginn des Jahres 1856 erkrankte »der Herr«, der langjährige, 
etwas geistesschwache Pflegling des Meyer' sehen Hauses, Antonin Mallet, der 
Sprössling einer befreundeten Genfer Familie, und lag monatelang angestrengter 
Pflege bedürftig; Frau Betsy Meyer, die sie ihm mit aller Selbstaufopferung 
erwies, kam dabei selbst zu Schaden und erlag ihren physischen und seelischen 
Leiden im September 1856 zu Prefargier. Es war ein furchtbarer Schlag für 
die Geschwister; Conrad suchte Erholung von dem tiefen Leid um die Nie- 
vergessene, die in seinen »Gedichten« fortlebt, durch einen Aufenthalt in 
Paris; er trat ihn abermals mit dem Plane an, ein Brodstudium, das juridische, 
zu ergreifen, nachdem die Hoffnung, einen Lehrstuhl für französische Sprache 
und Litteratur am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich zu erlangen, sich 
als trügerisch erwiesen hatte. Zwei Jahre wollte er sich für Paris und seinen 
speciellen Zweck gönnen ; aber es wurden nur etwa vier Monate daraus, dann 
zwangen ihn die Sommerhitze (1857) und ernstliches Unwohlsein — Paris 



44 Meyer. 

war damals choleragetährlich — zur Rückkehr. Zur Jurisprudenz, die niemals 
seine Neigung gewesen war, hatte er nun freilich kaum einen Anlauf ge- 
nommen; aber er brachte aus der unvergleichlichen Kunststadt die reichsten 
Anregungen nach Hause, und gewaltig regten sich die poetischen Geister. 
Sie wiesen nach Italien, in das Land, das den Dichter in ihm eigentlich ge- 
löst hat, obwohl es ihn nicht endgültig von der Seelenlast zu befreien ver- 
mochte, aus Pflichtgefühl eine gelehrte oder sonstige bürgerliche Berufsarbeit 
versehen zu sollen. Das Jahr 1857 füllte noch ein Erholungsaufenthalt in Engel- 
berg und in den Octobertagen eine Reise nach München. 

Im März 1858 unternahm M. mit der treuen Schwester die erste italie- 
nische Reise über Genf nach Marseille und zu Schiff nach Civitavecchia; sie 
kamen in den Ostertagen in Rom an. Fast jede Seite seiner Gedichte ver- 
räth, was dieser Aufenthalt, was hauptsächlich Rom für den Dichter geworden 
ist. Nachdem sie mit dem alten Freund ihrer Familie, dem durch die poli- 
tischen Kämpfe seines Vaterlandes bekannt gewordenen Baron Bettino Ricasoli 
noch einige interessante toscanische Tage verlebt hatten, kehrten die Ge- 
schwister über Genua, Turin, den Comersee, den Gotthard und Vierw^ald- 
städtersee in die Heimath zurück. Wie im Vorjahr ging M. dann noch ins 
Engelberger Thal. 

In Zürich führte das Geschwisterpaar so ziemlich dasselbe eingezogene, 
einsame Leben, wie früher; näher trat ihnen von den Freunden nach dem 
Tode der Mutter besonders Mathilde Escher, deren Lebensbild M. gezeichnet 
hat. Aufenthalte in den Bergen und im Welschland, angestrengte Studien 
und Uebersetzerarbeit füllten die Tage. Einmal trug sich M. mit dem Ge- 
danken, seinen bleibenden Wohnsitz in Graubünden aufzuschlagen, das ihm 
durch Sommeraufenthalte und Wanderungen lieb wurde, und wohin ihn immer 
wieder die räthselhafte Gestalt des Georg Jenatsch lockte. Aber die Freunde 
redeten ihm dieses Vorhaben aus. 

Jahrelang war dem Dichter kein grösseres poetisches Manuscript gediehen ; 
in den ersten sechziger Jahren aber versuchte er nach langem Zögern vor 
die deutsche Lesewelt zu gelangen, indem er die inzwischen angewachsene 
Sammlung seiner Gedichte unter dem Pseudonym »Ulrich Meister« auf Be- 
treiben der Schwester einem deutschen Verleger anbot; noch wollte er, halb 
aus Scheu, halb um einer Verwechslung mit dem Zürcher Dichter Conrad 
Meyer auszuweichen, mit seinem Namen nicht hervortreten. Die Sammlung 
wurde zurückgewiesen, und erst im Jahre 1864, als M. beinahe das vierzigste 
Lebensjahr erreicht hatte, gelang der erste Schritt in die Oeffentlichkeit; es 
waren die »Zwanzig Balladen von einem Schweizer«, die, noch immer anonym, 
wenigstens im nächsten Kreis einen Erfolg, ja eine förmliche Auferstehung 
fiir den Verfasser bedeuteten und seinen Muth und sein Selbstvertrauen hoben. 

Das kam auch der Arbeit am »Jenatsch« zu gut, den der Dichter in 
seiner Seeeinsamkeit unter die Feder nahm und immer und immer wieder 
umwendete. Schon 1866 folgte er in den Graubündner Bergen wochenlang 
den Fährten seines Jenatsch. Eine schöne Ernte von (iedichten fiel so neben- 
her dabei ab. Ausflüge und Fahrten, die sich bis ins Veltlin erstreckten, 
verlängerten die schöne und an poetischem Gut so ergiebige Sommerfrische 
dieses Jahres; im folgenden Sommer hielten sich die Geschwister hauptsächlich 
in Silva Plana und Thusis längere Zeit auf; von Thusis aus durchstreifte M. 
das Domleschg mit seinen Jenatschstätten Riedberg, Scharans, Katzis und in 
nächster Nähe fand er das Lokal, das er später in der Richterin verwerthete, 



Meyer. ^e 

die Burg Hohenrhätien und die Viamala. Der Aufenthalt dehnte sich diesmal 
in den Herbst hinein aus, da in Zürich die Cholera hauste. 

Bald darauf verliessen die Geschwister die Stadt überhaupt, um sich 
nicht wieder dauernd in ihr anzusiedeln. Sie bezogen den sogenannten »See- 
hofjc in Küsnach, der dem Dichter ein auf die geliebte blaue Seefluth 
schauendes Arbeitszimmer und einen Garten gewährte, welchen die "Wellen 
bespülten; später bewohnte er ein gleichnamiges Heim, den »Seehof« zu 
Meilen. 

Zwei Güter schenkte das stille Seegelände von Küsnach dem Dichter: 
mit dem Zauber der Fluth und ihrer wechselnden Beleuchtungen die Einsam- 
keit und vor Allem aber einen Freund, der ihm bieten konnte, was ihm ausser 
der geliebten treuen Schwester kein Mensch geboten hatte: Rath, Förderung, 
Ermuthigung. Das fand der werdende und oft verzweifelnde Dichter bei 
Frangois Wille und dessen .Gattin Eliza Wille, geb. Sloman. Hier traten 
Conrad und Betsy in einen gesellschaftlichen Kreis, der auf dem schönen 
Gute Mariafeld in Meilen unter dem originellen, hochgebildeten Hausherrn 
und der geistvollen, auch schriftstellerisch begabten Frau Alles umschloss, 
was Zürich damals dauernd oder vorübergehend an hervorragenden Menschen 
barg: hier, bei W411e, erschienen Gottfried Keller, Gottfried Semper, Gottfried 
Kinkel, Ettmüller, Köchly, Benndorf, der Graf Plater und seine Gemahlin, die 
frühere Schauspielerin Caroline Bauer; Franz Liszt durfte der Hausherr seinen 
Duzfreund nennen, und welche grossherzige Gastfreundschaft Richard Wagner 
hier fand, ist bekannt. Vor Frangois und Eliza Wille breitete M. zunächst 
ein neues Bändchen Gedichte aus, das 1869 bei Hermann Hassel in Leipzig 
herauskam, das erste Werk, das seinen um den Vornamen des Vaters be- 
reicherten Namen in die Welt trug: »Romanzen und Bilder von Conrad 
Ferdinand Meyer«. Die kleine Sammlung enthielt schon eine ganze Anzahl 
Stücke in nahezu der Vollendung, in welcher sie später in die »Gedichte« 
aufgenommen wurden; aber so werthvoll sie war, sie ging in dem Getöse des 
deutsch-französischen Krieges völlig unter. 

Ein anderer, stärkerer Klang wurde, als die Waffen eben vertosten, ge- 
hört: der »Hütten«. Er hat den Namen M.'s mit der weltgeschichtlichen 
Wandlung der deutschen Dinge für immer verknüpft; er hat dem Dichter die 
lang und heiss ersehnte Gloriole des Ruhmes aufleuchten lassen. Unter seinen 
Balladen befand sich eine, die den sterbenden Hütten zeigte. Sie gab den 
Anstoss zu dem grösseren Werke, über dessen Entstehen und Werden er selbst 
in der »Deutschen Dichtung« (1891) berichtet hat: wie sich das deutsche 
Element in ihm über das französische erhob, wie sich die Ballade zum histo- 
rischen und heroischen Idyll ausweitete, welchen Antheil die Persönlichkeit 
Willes an dem Werk hatte, das er und seine Gattin Stück für Stück mit 
innigster Theilnahme entstehen sahen und das der Dichter ihnen zueignete. 
Vier Elemente verliehen der Schöpfung die Stärke und Färbung: die an- 
ziehende Gestalt des Ritters; der ausgeprägte deutsche Sinn, den, wie M. 
selbst bekannte, der deutsch-französische Krieg in ihm auflodern Hess, nach- 
dem er lange starken Einflüssen der französischen Litteratur unterworfen ge- 
wesen; der landschaftliche Zauber des von ihm in allen Stimmungen be- 
lauschten Sees und seiner Gelände, und endlich die in den Schicksalen und 
Aeusserungen des Helden mitklingenden persönlichen Erlebnisse und Empfin- 
dungen des Dichters. Dieser kam eben aus den grünen Bündner Bergen 
zurück, als ihn ein erstes Echo des »Hütten« erreichte: es war eine ein- 



46 Meyer. 

gehende Besprechung von Johannes Scherr; ein ganzer Chor anderer Stimmen 
folgte. 

Noch im gleichen Herbst (187 1) brach der Dichter mit der Schwester 
wieder nach Italien auf: die Reise ging über Verona nach Venedig. Dort 
brachten die Beiden den Winter zu, zwischen eifriger Arbeit und begeistertem 
Kunstgenuss und gegen das Frühjahr mit dem Wille'schen Ehepaar vereint, 
lieber Bologna, Turin, Genf, Lausanne, wo sie Vulliemin sahen, kehrten sie 
dann in den Seehof nach Küsnach zurück, den sie unlang nachher mit dem 
zu Meilen vertauschten. 

In den Aufenthalt zu Venedig tällt .die abscliliessende Arbeit an »Engel- 
berg«, das auf den »Hütten« folgte, wie eine idyllische Klage nach der 
heroischen, weniger geschlossen in der Handlung, aber von einem wunder- 
samen Reiz der landschaftlichen Schilderung, sodass der Dichter mit Recht 
von seinem Werklein sagen konnte, es sei die Seele des Gebirgsthales, die 
hier Gestalt genommen habe. Trotz der unausgeglichenen Elemente des 
Legendaristhen und des Realistischen gewinnt es immer wieder durch die 
Kette seiner einzelnen Schönheiten, 

Unter der schwarzschattenden Kastanie im Garten des Meilener Seehofes 
entstand dann die Niederschrift des »Jenatsch«. Aber vor den Abschluss des 
Romans drängte sich ein alter Plan, »das Amulet«, das der Dichter 1872/73 
der Schwester in die Feder diktirte; es gedieh zu einem Cabinetstücke histo- 
rischer Erzählungskunst und bot ausser der Grösse des Stoffes und der Linien 
schon alle Vorzüge seiner grossen späteren Novellen. In den Jahren 1873 
und 1874, während das »Amulet« in die Welt zog, ging die Arbeit am 
»Jenatsch« weiter, endlich im Sommer 1874 schloss er ihn zu Chiamutt am 
Oberalppass ab. Die erste Drucklegung des Werkes ging freilich ohne grosse 
Wirkung vorüber — es war in eine wenig verbreitete Zeitschrift, »Die Litte- 
ratur«, gerathen, wo es nicht recht sichtbar wurde. Und die Buchausgabe 
verzögerte zuletzt ein wichtiges Lebensereigniss, Verlobung und Hochzeit mit 
Luise Ziegler, der Tochter des aus dem Schweizerischen Sonderbundskrieg rühmlich 
bekannten Obersten Ziegler; sie fand im October 1875 statt. Ein an poetischen 
P^indrücken reicher Aufenthalt im Süden, hauptsächlich auf Corsica, hielt die 
Glücklichen beinah ein halbes Jahr von der Heimath fern, bis sie das eigene 
Heim, zuerst im sogenannten Wangensbach bei Küsnach, dann in Kilchberg 
bezogen, wo der Dichter bis zu seinem Lebensende in dem prachtvoll ge- 
legenen, auf die Seefluth herabblickenden Gut hauste, das sich das Paar 1877 
gekauft und ausgebaut hatte. 

Ende 1876 erschien der »Jenatsch« in Buchform und brach sich erst 
zögernd, dann aber mit einem Ruck Bahn; der Zahl der Auflagen nach zu 
schliessen, ist er das beliebteste der M.'schen Werke geblieben, was sich wohl 
daraus erklärt, dass er noch nicht die ganze Strenge und Knappheit des 
späteren Stiles zeigt, sondern mit dem reicheren Beiwerk einen behaglicheren, 
epischen Gang aufweist, wie ihn ein grösserer Leserkreis vorzieht. Jenatsch 
war die erste unter den grossen historischen Gestalten M.'s, welche die 
Schicksalswendung eines ganzen Volkes tragen und damit im Zusammen- 
hange dem psychologischen Eindringen Räthsel und Geheimnisse entgegen- 
stellen. Solche Gestalten — Jenatsch, der Heilige, Pescara — haben die 
Phantasie des Dichters vor allen mächtig angeregt. Den Jenatsch hob er 
durch den glühenden Patriotismus, den er ihm verlieh, über die Sphäre des 
blossen politischen Intriguenspiels weit hinaus und brachte in sein Schicksal 



Meyer. 4y 

und seinen tragischer! Untergang die Elemente der Grösse, denen er die 
stärksten poetischen Wirkungen fortan dankte. 

Denn nun beginnt, während das äussere Leben ziemhch gleichmässig 
verläuft und Reisen, Besuche, Familienereignisse wenig tiefe Abschnitte ein- 
kerben, die Zeit der grossen Ernte für den Dichter, zwölf fruchtbare SchafFens- 
jahre, von der Uebersiedelung nach Kilchberg, wo ihm im Jahre 1879 eine 
Tochter geboren wurde, bis zu seiner Erkrankung (1879 — 1^9^)5 ^s war die 
hohe Zeit seines Lebenswerkes, welche die angestrengteste, alle Kräfte bis 
zur Erschöpfung anspannende Arbeit und eine upgemessene Fülle von Schaffens- 
glück in sich schloss. Schon die Jahreswende 1876/77 traf ihn über der 
Arbeit am »Heiligen«, neben dem andere Pläne und Vorwürfe herliefen, 
darunter der lustige »Schuss von der Kanzel«, der im »Zürcher Taschenbuch« 
zuerst gedruckt wurde und alte halbverschollene Sagen vom Zürchersee ver- 
band, belebte und ausgestaltete, »Plautus im Nonnenkloster«, der wie ein 
Renaissancegegenstück zu der fröhlichen Seeidylle erscheint, als Facetie des 
Paggio gedacht, unübertrefflich durch die Verdeutlichung der verschiedenen 
Haltung, die das germanische und das romanische Gemüth zu den Fragen der 
Reformation und des Gewissens überhaupt einnimmt. Indessen war der 
* Heilige« publicirt, nach dem »Jenatsch« die erste der monumentalen histo- 
rischen Erzählungen. Hier trat er zum ersten Mal in den Ideenkreis des Mittel- 
alters ein, zum ersten Mal bediente er sich der Technik der Rahmenerzählung ; 
gleich be'wundemswürdig erschien die Vertiefung der problematischen Natur des 
Heiligen und die plastische Herausarbeitung der historischen Verhältnisse und 
Figuren. Ein wahrer Sturm der Anerkennung brach los, und unter den 
Ehrungen, die dem Dichter zufielen, befand sich auch der Doctorhut der 
Zürcher Hochschule. 

Zwischen dem »Heiligen« und der nächsten grossen historischen Er- 
zählung liegen vier kleinere Novellen, kleiner dem Stoff, dem Motiv nach 
und kleiner an Umfang, nicht an Kunst: ausser dem »Schuss von der Kanzel« 
und dem »Plautus« die zwei Pendants, die eine muthstrahlende Mädchen- 
stirn und ein unendlich rührendes Knabenantlitz zeigen, »der Page Leubel- 
fing« und »das Leiden eines Knaben«, besonders die letztere ein auserwähltes 
Kleinod der psychologischen Schilderung und des überaus fein behandelten 
historischen Milieus, eine ergreifende Kindergeschichte, der man aus dem 
weiten Gebiet der deutschen Litteratur nur noch etwa Gottfried Kellers Ge- 
schichte vom armen Meretlein zur Seite stellen kann. 

Dann schenkte der Dichter der Welt sein gross tes und vollendetstes 
Werk: »Die Hochzeit des Mönchs«; hier löste er drei künstlerische Probleme 
gleich meisterhaft: er entwarf ein grossartiges Bild Dantes, er entwickelte die 
Technik der Novelle und behandelte das erschütternde Problem des ent- 
kutteten Mönchs, der in den Aufgaben und den Leidenschaften, in die er 
geworfen wird, rettungslos zusammenbricht; vor Allem aber hat er hier zuerst 
der Handlung jene straffe, auf wenige grosse Scenen concentrirte Schürzung 
gegeben, die er nachher nicht mehr verliess: er hat den Stoff, obwohl er ihn 
noch in eine Rahmenerzählung einschloss — zum letztenmal — als Drama 
concipirt. 

In »Plautus im Nonnenkloster« findet sich das episodisch verwendete 
Bild der für den Giftmord des Gatten büssenden, in der Klosterkapelle dar- 
gestellten allemannischen Herzogin: der Keim der »Richterin«, mit der er 
seine Bewunderer 1885 überraschte. Er hatte zuerst die Absicht gehabt, die 



48 Meyer. 

Handlung auf dem modernen Corsica, das ihm seit seiner Hochzeitsreise lieb 
geworden war, oder aber in der Engelsburg zur Zeit der Renaissance spielen 
zu lassen; es zeigt seine durchdringende künstlerische Ueberlegung, dass er 
sich entschloss, sie nach Graubünden und in die Zeit Karls des Grossen zu 
verlegen, um die fast über Menschenmass hinauswachsende Grösse seiner 
Figuren nicht durch bestimmte, scharf umrissene und durch die Geschichte 
hellbeleuchtete Verhältnisse einschränken zu müssen; die Freiheit, die er sich 
dadurch errang, die Grösse und Einfachheit der Linien gerade in dieser 
Schöpfung wirkt mit der Gewalt und dem Phantasiezauber der alten Heldensage. 

Ein geheimer Faden spann sich von der »Richterin« zum nächsten Werke, 
zur »Versuchung des Pescara« : zwei gewaltige Herrscherfiguren, dort ein Weib, 
hier ein Mann, verbergen mit fast übermenschlicher Selbstbeherrschung ein 
schicksalsvolles, ein verderbliches Geheimniss: die Richterin ein Jugendver- 
brechen, das in ihrem Innern nach Sühne verlangt, die sie aus freien Stücken 
mit ihrem Leben auslöst; der Feldherr Karls V. eine tötliche Körperwunde, 
die sein Schicksal und das seines zerrissenen Landes zugleich ist. Die grossen 
Contraste der Personen, der Nationalitäten, die tragische Ironie der Verhält- 
nisse, der dramatische Gang, Alles ist hier in die höchsten Masse getrieben 
und die gewaltigste, erschütterndste Wirkung erreicht, nicht zum wenigsten 
dadurch, dass über dem rasenden Lauf der Verhängnisse der rührende Schimmer 
einer schmerzlichen Resignation schwebt. 

Schon nach der Vollendung des »Pescara« suchte den Dichter ein längeres 
Leiden heim, das unbedingten Stillstand der Arbeit gebot: Zustände quälten 
ihn, die nicht ausser Zusammenhang mit Ermüdung und Ueberarbeitung 
standen. Aber noch einmal siegte seine Energie, und er breitete mit unge- 
schwächten Kräften ein neues wunderbares Renaissancebild aus, in dessen 
Mitte die männerberückende Lucrezia Borgia stand. Es war ein Stoff, der 
bei allen Entsetzlichkeiten hervorragende dichterische Qualitäten an sich trug: 
die Grösse und Macht der italienischen Renaissance, verlockende, räthselhafte 
psychologische Probleme, besonders das merkwürdige der Lucrezia selbst, die 
als das vollendete weibliche Gegenbild des »Heiligen« am Ende seines Schaffens 
steht, wie jener am Anfang. Was der Dichter an wunderbar empfundenen 
Einzelheiten in dieses in mancher Beziehung unerreichte Werk hineingearbeitet 
hat, lässt sich hier kaum andeuten: überraschend ist vor Allem der Uebergang 
von dem ersten in den zweiten Theil und die fast ermattete, stille Lösung 
der Gräuel, die einen tragischen Untergang erwarten Hessen, vne ihn freilich 
auch die Geschichte nicht bot. Ob man recht thut, hier ein Ueberwiegen 
des ethischen und persönlichen Bedürfnisses nach einer ruhigen Auslösung 
über die künstlerischen Erfordernisse zu constatiren, mag hier un untersucht 
bleiben: Thatsache ist, dass das Entsetzen über die Gräuel seiner »Angela 
Borgia« in die beginnende Krankheit des Dichters hinübergespielt hat. Denn 
er brachte das Werk noch gerade unter Dach. 

Antänglich schien es sich nur um eine geistige Ermüdung zu handeln, 
herbeigeführt durch die strenge Arbeit an der »Angela Borgia«. Aber dieser 
Trost des Dichters und seiner Angehörigen hielt nicht lange vor. Schlimmere 
Symptome traten hinzu und Hessen den Aerzten die Ueberführung in eine 
Heilanstalt geboten erscheinen; von Juli 1892 bis zum September 1893 fand 
der Dichter in der grossen kantonalen HeiJ- und Pflegeanstalt Königsfelden 
bei Brugg Zuflucht und sorgfältige ärztliche Behandlung und gelangte zu einem 
solchen Grad der Genesung, dass er von nun an bei den Seinen in Kilchberg 



Meyer. 4^ 

weilen konnte. Unter ihrer zärtlichen Pflege hob sich sein Befinden mit den 
Jahren dermassen, dass er Femerstehenden beinahe als ein Geheilter erscheinen 
mochte. Aber es blieb ihm verwehrt, im Ernste an die Ausführung eines 
seiner grossen Entwürfe zu denken. 

Unter diesen Entwürfen stand obenan der Conflikt zwischen dem Hohen- 
staufen Friedrich II. und seinem Kanzler Petrus de Vinea. Mindestens eben- 
solang beschäftigte ihn die Gestalt des letzten Grafen von Toggenburg, über 
dessen Erbe in der Mitte des 15. Jahrhunderts der blutige schweizerische 
Bürgerkrieg entbrannte. Lange auch bildete er an dem Charakter und den 
Schicksalen des Comthurs Schmid, der in einer Ballade und im »Hütten« 
auftaucht; auch eine lustige Klosteraufhebung erwog er, ebenso eine Dar- 
stellung der Liebesschicksale Petrarcas und der Frau Laura; indessen sah er 
von dem zuletzt genannten Vorhaben ab, da, wie er meinte, ein Dichter doch 
nicht der richtige Held für eine Novelle sei. Ueberraschend scheint, dass 
er auch einen ganz modernen Stoff ins Auge fasste, ein Eheproblem. 

Manche Verehrer und Kenner der Meyerschen Muse stellen seine Lyrik 
noch über seine ErzähJungen; Gottfried Keller gehört zu diesem Trüpplein. 
Eine seltene Gunst des Schicksals wurde ihm zu Theil: ihm blieb die lyrische 
Kraft so lange treu, als die epische, in Jahren, in denen sie sonst abzunehmen 
oder aufzuhören pflegt: zu seinen schönsten lyrischen Gaben gehören die 
zwischen »Pescara« und »Angela Borgia« entstandenen Gedichte, also zu einer 
Zeit, da er den Siebzigen schon sehr nahe rückte. In seinen rein lyrischen 
Schöpfungen, so reich und gross ihr Schatz ist, findet sich beinahe nichts, 
das blosses Spiel der Phantasie, blosse Construction der Erfindung wäre; 
sondern sie tragen in ungewöhnlichem Masse den Stempel des eigenen Er- 
lebnisses und Schicksals und zeichnen sich überdies aus durch eine solche 
Tiefe und Feinheit der Empfindung, durch einen solchen Adel der Gesinnung, 
durch eine solche Plastik und Reinheit der Linie und durch soviel Klang- 
schönheit, dass sie, die Liebesgedichte zumal, ein unvergängliches Besitzthum 
der deutschen Litteratur bleiben werden. 

Es war in seinem siebenundfünfzigsten Lebensjahre (1882), als M. seine 
Gedichte in die letzte, in späteren Auflagen um eine kleinere Anzahl Stücke 
bereicherte Sammlung zusammenlegte. Vieles davon war neu und erst in 
seinen fünfziger Jahren entsprossen; ein beträchtlicher Theil dagegen bestand 
aus Stücken der beiden früheren Sammlungen, der »Balladen« und der 
^•Romanzen und Bilder«; sie waren in einer Weise umgeformt und umge- 
schmolzen worden, wie nur er umzugiessen pflegte. 

Seine- künsderische Entwickelung und sein Schicksal hingen an einem 
erstaunlich späten Sichselbstfinden, einem äusserst langsamen Reifen; das schloss 
ein rastloses Fortschreiten und Vorwärtsdrängen, wie es Goethe an Schiller 
bewunderte, nicht aus. Hand in Hand mit der äussersten technischen Sorg- 
falt ging die hohe, sozusagen ethische Schätzung der Kunst und hielt ihn ab, 
etwas aus der Werkstatt zu geben und vor die Oeffentlichkeit zu bringen, 
dem er nicht das Aeusserste seiner Kräfte und seines Könnens zugewendet 
hatte. Das dichterische Schaffen war für ihn eine priesterliche Handlung; er 
sagte einmal zu mir: »Wenn Macchiavell sich ans Schreiben begab, so legte 
er seine Feiertagskleider an; mir ist es oft, wenn ich mich an meinen Schreib- 
tisch setze, als ob ich die Schwelle eines Tempels überschreite«, und: »Die 
Kunst ist eigentlich das Einzige, was uns über die Trivialitäten dieses Lebens 
hinweghebt«. Damit hing es zusammen, dass ihn eigentlich nur das grosse 

Biogr. Jabrb. a. Denttcher Nekrolog. 3. Bd. ^ 



CO Meyer. 

Tragische beglückte: als ihn ein Freund zu dem heiteren »Schuss von der 
Kanzel« beglückwünschte, lehnte er das Lob halbwegs ab und bekannte, dass 
ihm wesentlich nur bei der ernsten Muse wohl sei. Es beunruhigte ihn, dass 
er im »Thomas a Becket« bezüglich der ethischen Fragen anscheinend nicht 
Partei genommen habe: in der »Versuchung des Pescara« wollte er ihre 
Macht und Bedeutung mit »Tubenstössen« betonen. 

Zur Arbeit bot er alle seine Kräfte auf, und sie wurde ihm nicht leicht. 
Schwer und mühsam rückten gewöhnlich seine Schöpfungen vor, und selbst 
die Entwürfe seiner Meisterjahre veränderten sich in der Regel so gründlich, 
dass kein Stein auf dem andern blieb. Die Beispiele hierfür Hessen sich 
häufen: es geschah, dass er bei Neuauflagen einzelne Nummern des »Hütten <. 
bis zu zehnmalen überging; das ergreifende Gedicht »Ein Pilgrim^, das in 
der vierten Auflage als »Epilog« erscheint, Hess er Jahre vorher in einer 
Fassung drucken, die den Zauber der endgültigen Cxestaltung noch kaum 
ahnen Hess; von der »Richterin« wusste er selbst kaum mehr zu sagen, wie 
viele Wandlungen sie durchgemacht hatte. Ueber die Sprödheit der 
historischen Stoffe klagte er häufig; aber er Hess nicht ab und mühte sich 
immer wieder, sie aus der Trivialität des bloss Historischen heraus und in 
das Reich der Poesie zu rücken, er kämpfe mit seinem Stoff, wie Jacob mit 
dem Engel, sagte er einmal: »Ich ringe mit Dir und lasse Dich nicht, Du 
segnest mich denn!« 

Es hing mit dieser Schwere und Gewissenhaftigkeit zusammen, dass er, 
obwohl er sich Zeit seines Lebens darnach sehnte, nicht zum Drama gelangen 
konnte; der epischen Technik fühlte er sich sicher, der dramatischen nicht, 
und — er hatte, wie er im Hinblick auf seine Jahre wohl sagte, »nicht mehr 
viel weisses Papier zu beschreiben«. Das beunruhigte ihn. Aber es sind 
wohl wenige seiner grösseren Arbeiten, die er nicht zu dramatisiren beabsich- 
tigt hatte: den Jenatsch, noch bevor er mit der Erzählung zu Ende war. 
Besonders beschäftigten ihn die deutschen Kaiser Heinrich IV. und V. als 
Helden einer Tragödie oder eines Tragödiencyclus Jahre lang. Als er die 
»Angela Borgia« abschloss, dachte er sogar einmal daran — er hätte es wohl 
nicht ernstlich unternommen — den nächsten Stoff dramatisch und episch 
nebeneinander zu behandeln. 

Die künstlerische Arbeit, mochte sie ihn auch manchmal bis zur Er- 
schöpfung anspannen, empfand er als das eigentliche Glück seines Lebens; 
ein Kimstleremst eignete ihm, der wohl nicht angehalten hätte, wäre er nicht 
mit der genialen Fruchtbarkeit des geborenen grossen Dichters gepaart 
gewesen, einer Fruchtbarkeit, die ihm erlaubte, nach der grossen Schöpfung 
des »Jenatsch« in einem Jahrzehnt den »Heiligen«, »Die Hochzeit des Mönchs«, 
»Die Richterin«, »Pescara«, daneben vier kleinere Novellen und einen Band 
Gedichte der Welt zu schenken. 

Das Grosse war ihm ein eigentliches Naturbedürfniss : daher zog es ihn 
so sehr nach der Renaissance, daher spielt Michel Angelo in seinen Gedichten 
eine so hervorragende Rolle; daher machte er es sich zur Aufgabe, den Stil 
der grossen Tragödie in die Novelle einzuführen. Alles Kleinliche, Unbedeutende, 
Gewöhnliche an Menschen und Dingen war ihm zuwider, und von seinen 
Jünglingsjahren bis ins Mannesalter hinein empfand er eigentlich die Wirklich- 
keit als etwas Feindliches, als etwas, das seine hohen Ideale verletzte. 

Sein Urtheil in künstlerischen Dingen war ein strenges, denn er legte 
' die höchsten Massstäbe an; Laune oder Stimmung sprachen nicht mit, er hat 



Meyer. Hinschius. g I 

immer Alles aufs Sorgfältigste überdacht, geprüft und wieder geprüft, bis er 
mit sich selbst vollständig im Klaren war. Auch die völlige Klarheit war 
ihm ein unabweisbares Bedürfniss, vielleicht mehr ein errungenes, erworbenes; 
denn durch lange Jugendjahre hindurch litt er daran, dass sie ihm versagt 
blieb. Wie oft hörte ich ihn sagen: »Man muss seinen Stoff klar durch- 
denken!« 

Er, den in jungen Jahren der starke Idealismus der eigenen Natur die 
Menschen scheuen und wohl sehr oft schwer verstehen Hess, er wurde mit 
dem vorrückenden Lebensalter ein seltener Menschenkenner. Und diese 
Menschenkenntniss erwarb er, wie er an seinem väterlichen Freunde Vulliemin 
rühmte, unschuldig. Er war gerecht; da er die Menschen zu verstehen suchte, 
lag ihm richterliches Wesen fern, und er redete bedeutenden Naturen gerne 
das Wort. Seine Feinheit und Liebenswürdigkeit, die angeborene Vornehmheit 
seiner Natur Hessen ihn sozusagen Keinen abweisen; aber er wusste dabei seine 
Reserve inne zu halten. Verleumdungen, Geschwätz und Zuträgereien fanden 
bei ihm keinen Boden; er pflegte zu sagen, er habe manchen bösen Funken, 
der ihm zugeweht worden sei, ausgetreten. Das hing auch mit seinen reli- 
giösen Ueberzeugungen zusammen, denn er war ein aufrichtig frommer Christ 
und ein entschiedener Protestant. Er errang sich »in Harmesnächten« eine 
gewisse Gelassenheit dem Kommenden gegenüber, und obwohl ihn die ver- 
loren gegangenen Jahre schmerzten und die Missstände und Ungerechtigkeit 
der Welt oft wie ein persönliches Leid quälten, so getröstete er sich doch 
im Innersten der Ueberzeugung, dass zuletzt »etwas wie Gerechtigkeit webe 
und wirke«. 

Es war sein Schicksal, dass er in Folge einer aussergewöhnlich späten 
Entwicklung auf reifes Können, auf Ruhm und Erfolg harren musste, lange 
Jahre hindurch. Als ihn aber das Glück der Künstlerschaft endlich »warm 
mit unbekannter Fülle« überströmte, blieb er sich treu in seinem Streben 
nach der höchsten Kunst: er ist als ein Vollendeter geschieden. 

Bibliographie: Anton Reitler, Conrad Ferdinand Meyer, 2. Aufl., 1885: darin 
S. II eine autobiographische Skizze Meyers. Conrad Ferdinand Meyer: »Mein 
Erstling »Huttens letzte Tage« (Deutsche Dichtung, IX. Bd., 1891). Lina Frey, C. F. 
Meyers Gedichte und Novellen (»Deutsche Rundschau« und 1892 sep.). Hans Trog, 
C. F. Meyer, sechs Vorträge, Basel 1897. K. E. Franzos, C. F. Meyer, Berlin 1899. 
Adolf Frey, C. F. Meyer. Ein Lebeosbild (unter der Presse); zahlreiche Aufsätze und 
Recensionen von Andern und mir lasse ich hier unberücksichtigt, da sie kein oder wenig 
biographisches Material bieten. 

Ikonographie: Die bekannte Radirung von Carl Stauffer-Bern ist in den Punkten 
nicht ganz richtig, giebt aber den Ausdruck des Gesichtes gut wieder; von der Hand 
Wilhelm Füesslis existirt eine gute Rothstiftzeichnung aus dem Winter 1891/92; alle 
übrigen Bilder (Holzschnitte und dergl.) haben insofern nur einen beschränkten Werth, als 
Me lediglich nach Photographien hergestellt sind, die übrigens den Dichter fast ausnahmslos 
vorzüglich trafen; die meisten — so auch das Urbild der Heliogravüre unseres Bandes — 
stammen aus dem vortrefflichen Atelier von R. Ganz, Zürich. Ein Oelgemälde von 
W. Füessli blieb unvollendet. 

Adolf Frey. 

Hinschius, Franz Karl Paul, Kirchenrechtslehrer, * 25. Dezember 1835 
zu Berlin, f 13. Dezember 1898 daselbst nach längerem schweren Leiden. 
Nach eigener Aufzeichnung (vgl. F. v. Schulte, die Gesch. d. Quellen u. 
Liter, d. Canon. Rechts, IL u. IIL Theil, Stuttg. 1880, S. 240) studirte er 
auf der Berliner und der Heidelberger Universität 1852 — 55 die Rechts- 



52 



Hinschius. 



Wissenschaft, promovirte in Berlin am lo. Februar 1855 ^^'^ Doktor beider 
Rechte, trat in die Gerichtspraxis ein, wurde 1859 Assessor, in gleichem 
Jahre Privatdozent in Berlin, war 1863 — 65 ausserordentlicher Professor der 
Rechte in Halle, 1865 — 68 in Berlin, 1868 — 72 in Kiel ordentlicher Professor, 
seit 1872 wieder in Berlin. 1872 — 76 arbeitete er im Kultusministerium 
unter Minister Falk mit an der Ausarbeitung der Kirchengesetze dieser Jahre 
und wurde 1884 zum Geh. Justizrath befördert. Von grossem Einfluss auf 
seine wissenschaftliche Richtung war einerseits sein hocherfahrener Vater, der 
Rechtsanwalt und Notar, spätere Geh. Justizrath Dr. Franz H., f4. Dez. 1877, 
der ihn in die Praxis des preussischen Rechts einzuführen geeignet war, an- 
dererseits der Kirchenrechtslehrer Aemilius Ludwig Richter, der sein 
Interesse fiir kirchenrechtliche Studien weckte. Nach Herausgabe einer ersten 
Schrift »Das landesherrliche Patronatrecht gegenüber der katholischen Kirche <* , 
Berl. 1856, bereiste er 1860/61 studienhalber Italien, Spanien, Frankreich, 
Grossbritannien, Holland und Belgien. Als Frucht dieser Reisen veröffent- 
lichte er die erste und bis jetzt einzige kritische Ausgabe der »Decretales 
Pseudo-Isidorianae et capitula Angilramni«, Lips. 1863, die in ihrer treff- 
lichen Einleitung über Ursprung, Zeit und Zweck der Fälschung sich ver- 
breitete. Inzwischen waren »Beiträge zur Lehre von der Eidesdelation mit 
besonderer Rücksicht auf das canonische Recht«, Berl. 1860, erschienen. 
Als scharfer Gegner des Ultramontanismus erwies sich H. in Kommentirung 
der Kirchengesetze: »Die preuss. Kirchengesetze des J. 1873«, Berl. 1873; 
»Die preuss. Kirchengesetze der Jahre 1874 und 1875 J^cl>st dem Reichsge- 
setze vom 4. Mai 1874«, Berl. 1875; »Das preuss. Kirchengesetz vom 
14. Juli 1880 nebst den Gesetzen vom 7. Juni 1876 und 13. Februar 1878«, 
Berl. Lpz. 1881; »Das preuss. Kirchengesetz betr. Abänderungen der kirchen- 
politischen Gesetze vom 21. Mai 1886«, Berl. Lpz. 1886; »Das preuss. 
Kirchengesetz betr. Abänd. d. kirchenpolit. Gesetze vom 29. April 1887«, 
Berl. Lpz. 1887. In der zuletzt genannten Schrift setzte sich der Verfasser 
mit Dr. F. Heiners Gegenschrift »Wo stehen wir jetzt?«, Dessau 1886, ausein- 
ander, nachdem er schon früher in den Schriften »Die Stellung der deutschen 
Staatsregierungen gegenüber den Beschlüssen des vatikanischen Concils«, 
Berl. 187 1, »Die päpstliche Unfehlbarkeit und das vatikanische Concil«, 
Kiel 1871 und >Die Orden und Kongregationen der kath. Kirche in Preussen«, 
Berl. 1874 seine Anschauungen entwickelt hatte. Später that er dies wieder 
in den kirchenrechtlichen Beiträgen zu von Holtzendorffs Rechtsencyclo- 
pädie und zum Handbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart von 
Marquardsen (Freib. 1883 und 1887). Das preussische Kirchenrecht be- 
handelte er in »Die evangelische Landeskirche in Preussen und die Einver- 
leibung der neuen Provinzen«, Berl. 1867; »Das preussische Gesetz über die 
Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschliessung vom 
9. März 1874«, Berl. 1874; »Das Preussische Kirchenrecht im Gebiete des 
Allg. Landrechts« (Abdr. von Theil II Tit. 11 aus der 8. Aufl. des Kommen- 
tars zum Allg. L.-R. von Koch), Berl. 1884, wie er auch Richters Bei- 
träge z. Preuss. Kirchenrecht 1865 herausgegeben hatte. Es schloss sich an 
»Das Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Ehe- 
schliessung vom 6. Februar 1875«, Berl. 1875, 3- ^"fl- 1890. — Sein Lebens- 
werk war die Abfassung eines nach den Grundsätzen der historisch-kritischen 
Methode juristisch gefassten Lehrbuches des Kirchenrechts der Katholiken 
und Protestanten in Deutschland. Er verliess hierin das von seinem Lehrer 



Hinschius. Stricker. 



53 



Richter überlieferte System und beabsichtigte eine Anordnung des Stoffes 
in drei Hauptiibschnitten : i) Hierarchie und Leitung der Kirche durch die- 
selbe, 2) Rechtsverhältnisse der Kirchenglieder, 3) Stellung der katholischen 
Kirche im Staate. Von diesem grossartigen, wenn wohl nicht zweckmässig 
angelegten Werke erschienen B. I Berl. 1869, Bd. II 1878, Bd. III 1883, 
Bd. IV 1888, Bd. V 1895, Bd. VI Abth. I 1897. Man wird zugeben können, 
dass hier für die künstlerische Gestaltung des Stoffes nicht genug gethan ist 
und mag sich vielleicht an vielen zu Monographien ausgewachsenen Materien 
(^Bischofswahlen, Patronatrecht, Synoden, Strafrecht und Strafverfahren) stossen, 
auch bedauern, dass trotz riesiger Arbeit noch nicht einmal der erste Haupt- 
abschnitt des ursprünglichen Planes erledigt ist, indem speziell leider das 
kirchliche Vermögensrecht unbehandelt blieb — dennoch wird man bei Ein- 
gehen in die Einzelheiten die seltene Gelehrsamkeit, die staunenswerthe 
Gründlichkeit, den tiefen kritischen Blick und die meisterliche Beherrschung 
des ungeheueren Materials bewundem müssen. Auch ist der nie ver- 
leugnete Gerechtigkeitssinn, der selbst vor unliebsamen, dem Gegner zugut- 
kommenden Resultaten nicht zurückschreckt, besonders anerkennenswerth. — 
Auch als Lehrer für die Fächer des Kirchenrechts, des Civilprozesses und des 
Preussischen Civilrechts hat H. Treffliches geleistet. Seinen aus den ver- 
schiedensten Ländern zusammenströmenden Schülern bewies er stets opfer- 
williges Interesse. Scharf in seinem Urtheil, war er voll offener Anerkennung 
wirklich guter Leistungen und gern bei den Arbeiten unterstützend. Als 
juristischer Berather war er hochgeschätzt und den gewandtesten Praktikern 
gewachsen. Diesen praktischen Scharfsinn hatte er im Verkehr mit seinem 
Vater ausgebildet, mit dem er 1862 — 66 die Preuss. Anwaltszeitung heraus- 
gab. — Als Parlamentarier war er an gesetzgeberischen Arbeiten, obwohl 
für Politik weniger sich interessirend (vgl. z. B. seinen Aufsatz über die 
Camorra und die Camorristen in den »Grenzboten« Bd. XV) lange betheiligt. 
Er vertrat als nationalliberaler Abgeordneter im Reichstage den Kreis Flens- 
burg-Apenrade 1872 — 78 und 1880/81, seit 1889 die Universität Berlin im 
preuss. Herrenhause. Er war längere Zeit stellvertretender Vorsitzender des 
litter arischen und Mitglied des gewerblichen Sachverstand igen Vereins, widmete 
sich mit grosser Sachkunde den Verwaltungsgeschäften der Universität, war 
auch Mitglied des Universitätsgerichts. Mit der eigenen Ueberzeugung hielt 
er nie zurück, ohne durch Rücksicht auf Gunst oder Ungunst irgend welcher 
Kreise sich beirren zu lassen. In seiner Rektoratsrede (1889) sprach er über 
Svarez, den Schöpfer des preuss. Landrechts und den Entwurf eines bürgerl. 
G.-B. f. d. deutsche Reich, Berl. 1889 (auch in den Preuss. Jahrbb. Bd. 65). 
Von Statur klein, aber lebhaft, mit scharfem, klugen Blick, fesselte er alle, 
die in intimere Beziehungen zu ihm traten. 

Emil Friedberg in der Deutschen Ztsch. f. Kirchenrecht Bd. 9 (1899); Ulrich 
Stutz in der Sonntags -Beilage der Basler Allg. Schweizer Zeitung Nr. 52 vom 25. De- 
zember 1898; lUustrirte Leipziger Zeitung 1898 II 896/7 mit Bild; Beilage zur Allg. Zei- 
tung Nr. 283 vom 14. Dezember 1898 S. 7; Tidsskrift for Retsvidenskab 1899 p. 92—94; 
De Gubernatis, dictionnaire international des ecrivains du jour, Florence 1888 — 91 
p. 1187; Deutsche Juristen-Zeitung 1899 S. 14/15 (E. Seckel); Kukula, Allg. deutscher 
Hochschalen-Almanach, Wien 1888 S. 339. 

A. Teichmann, 

Stricker, Salomoo, Universitäts-Professor der allgemeinen und experi- 
mentellen Pathologie in Wien, ♦ in Waag-Neustadtl am i. Januar 1834, 



54 



Stricker. 



f 2. April 1898 in Wien, studirte die Medicin in Wien, war Secundararzt des 
allgemeinen Krankenhauses daselbst, habilitirte sich fiir Entwickelungsgeschichte, 
wurde dann Assistent an der Lehrkanzel für Physiologie (unter Brücke), hierauf 
Adjunct an der Klinik Oppolzer, wurde am 18. Februar 1868 zum ausser- 
ordentlichen Professor der Experimentalpathologie und am i. März 1873 zum 
Ordinarius der allgemeinen und experimentellen Pathologie ernannt, welche 
Lehrkanzel er bis zu seinem Tode versah. Für diese Lehrkanzel, die an 
deutschen Universitäten nicht besteht, aber an den österreichischen creirt 
wurde, und nun hie und da in nichtdeutschen Landen eingeführt wird, baute 
S. das Fach aus. Wie nicht sobald ein Anderer dazu vorbereitet (Histolog, 
Physiolog, Kliniker nach dem Gange seiner Entwickelung) wollte S. methodisch 
das weiter ausbauen, was Rokitansky mit der Begründung der pathologischen 
Anatomie begonnen: der practischen Medicin als einer ausübenden Kunst 
sollte ein System von Wissenschaften gegenüberstehen, aus denen die Heil- 
kunde das volle Verständniss ihres Objectes und in weiterem Ausgreifen auch 
Regeln ihres Handelns zu gewinnen hätte. Rokitansky hat in der patho- 
logischen Anatomie den fundamentalen morphologischen Bau ausgeführt und 
die pathologische Histologie vertiefte seitdem diese Richtung durch die 
mikroskopische Untersuchungsmethode; die pathologische Chemie machte sich 
an die Lösung der auftauchenden chemischen Probleme; die Experimental- 
pathologie sollte alle jene P>agen lösen, die sich weder aus dem morpho- 
logischen noch aus dem chemischen Studium, noch aus der Beobachtung am 
Krankenbette heraus beantworten lassen, sondern den Versuch am Thiere 
(ev. Menschen) nothwendig machen; eine in gleichem Sinne concipirte Ex- 
perimentaltherapie hätte dann den Kreis der theoretischen Disciplinen ge- 
schlossen, welche im Vereine mit der klinischen Beobachtung (und Statistik, 
Geographie und Geschichte der Krankheiten etc.) Alles umfasst hätte, um 
eine Theorie der Krankheiten und Anhaltspunkte für ihre Behandlung zu 
liefern. Ein besonderes Kapitel der Pathologie wäre dann die »Allgemeine 
Pathologie« gewesen, eine Theorie der Krankheitsformen, eine Kritik der all- 
gemeinen pathologischen Begriffe. Im Einverständnisse mit Rokitansky, der 
in S. einen bahnbrechenden Mann erkannte und ihm sein Vertrauen schenkte, 
wurde dieser Arbeitplan für die. österreichischen Facultäten durchgesprochen. 
In der ersten Hälfte seiner Amtswirksamkeit lebte S. mehr dem Ausbau der 
allgemeinen, in der zweiten mehr der Ausgestaltung der Experimentalpatho- 
logie. Die Grenze zwischen diesen zwei Phasen seiner wissenschaftiichen und 
beschränkten Thätigkeit war nicht durch ein äusseres Moment bedingt, sondern 
durch ein bemerk enswerthes inneres. Die durch Koch begründete und in so 
vielen Richtungen auch noch persönlich ausgebaute Bacteriologie hatte einen 
Umschwung in der Pathologie hervorgebracht, den man wirklich epochal . 
nennen darf. Die pathologische Anatomie Rokitanskys und die Cellular- 
pathologie Virchows konnte S. in ihren theoretischen Resultaten noch voll- 
kommen beherrschen ; ja die Cellularpathologie bereicherte S. noch mit eigenen, 
höchst werth vollen Funden und Methoden. Aber die Bacteriologie kam in 
einem Zeitpunkte auf, in welchem S. nicht mehr in der Lage war, so mitzu- 
wirken, dass er Hervorragendes hätte leisten können; nach einigen Versuchen 
auch auf diesem Gebiete mitzusprechen, gab er die Hoffnung auf, in die neue, 
ausserordentlich fruchtbare und zahllose jüngere Arbeiter lockende Richtung 
irgendwie bestimmend einzugreifen. Die Methoden waren ganz neu und 
so lohnend sich die Aussichten für jeden halbwegs begabten Mitarbeiter 



Stricker. c c 

herausstellten, fiir S. war die Zeit um, sich in die ganz überraschende neu- 
artige Richtung einzuleben. Kr verwendete nun seine ganze Energie und 
seine ganze Zeit dazu, die Experimentalpathologie zu fördern, besser 
gesagt, das physiologische und das pathologische Experiment. Und 
hierin brachte er es zu einer nicht ganz neidlos anerkannten Bedeutung. 
Während früher C. Ludwig an dem einstigen Josefinum eine Experimental- 
schule ersten Ranges geschaffen hatte für die Physiologie, wurde das 
S/sche Laboratorium zu einer gleich hohen Pflegestätte des Experimentes 
für die Pathologie; dass daneben viel Physiologisches erledigt wurde, geht 
aus der Natur der Sache hervor; man könnte demnach von S. als einen be- 
deutenden Vertreter der Experimentalmedicin sprechen, umsomehr als in seiner 
Schule auch experimentelle Toxicologie und Pharmacologie von einzelnen 
jüngeren Arbeitern sehr methodisch betrieben wurde. So war das S.'sche 
Institut dem Programm gemäss eine Stätte, wo auf dem Wege des Versuches 
alle jene Fragen behandelt werden konnten, welche die practische Medicin 
aufwerfen oder ausnutzen konnte; im räumlichen Verbände des allgemeinen 
Krankenhauses stehend, war sie mit der pathologischen Anatomie unter Kundrat 
und der medicinischen Chemie unter E. Ludwig ein wichtiges Glied jenes 
Systems theoretischer Wissenschaften, welches den klinischen Fächern gegen- 
überstand, um von ihnen Fragen zu erhalten und ihnen Antwort zu geben, 
ihnen Fragen zu stellen und ihre Antworten weiter zu bearbeiten. Dass sich 
nun an die Glieder dieses Systems noch die Bacteriologie und Hygiene an- 
schliesst, ist nur eine En\'eiterung des Programmes und zwar eine der an- 
sehnlichsten und — fast möchte man sagen — am wenigsten erwarteten. 
Darum aber blieben die früheren Glieder des Systems in ihrer alten Geltung. 
So wenig als die pathologische Anatomie oder die Chemie überflüssig ge- 
worden sind, so wenig ist die Experimentalmedicin entbehrlich; im Vorder- 
grunde des Interesses steht dermalen die aetiologische, vor Allem also die 
bacteriologische Forschung, aber die alten Geleise können nicht abgeschaffl 
werden, weil auch noch neue gelegt worden sind. Das waren wohl die Er- 
wägungen, welche S. bestimmten, alle ihm noch zu Gebote stehende Kraft 
der Experimentalmedicin zu widmen. Selbst ein Meister des Versuches, ein 
ebenso kritischer, wie auch aufspürender Kopf, suchte er nun noch in zwei 
Richtungen zu wirken. Einmal auf den engeren Kreis der jüngeren Forscher, 
die sich um ihn gruppirten und in dieser Beziehung war er, wie sich v. W^agner 
treffend ausdrückte, ein Lehrer der Lehrer, er erzog eine grosse Zahl von 
selbstständig forschenden Schülern auch auf dem Gebiete des Experimentes, 
er machte Schule in eminentem Maasse. Das andere Mal auf den weiteren 
Kreis der Studenten, die ihn hörten, und da wurde er nicht müde, seine 
Demonstrirkunst, das Schulexperiment in einer W^eise zu entwickeln, dass die 
Experimentalmedicin keinen gleichen Lehrer, keine gleich entwickelten Lehr- 
methoden auf der Welt hatte. (Daran verschlägt nichts der Umstand, dass 
die S.^sche Methode des Schulexperiments von der akademischen Jugend in 
den letzten Jahren nicht nur nicht entsprechend gewürdigt, sondern zu Zeiten 
auch stark verkannt und entwürdigt wurde.) Die von S. in der angedeuteten 
Weise entwickelte Schöpfung ist für die Zukunft nicht voll gesichert. Das 
Verhältniss der allgemeinen Pathologie zur Experimentalmedicin kann erst in 
der Zukunft genauer geklärt werden, und hier wird offenbar die Entwickelung 
der aetiologischen Forschung bestimmend wirken; die Bacteriologie vor Allem 
wird die Richtung der allgemeinen Pathologie und Therapie wesentlich be- 



c 6 Stricker. 

einflussen; die Experimentalmedicin wird aber stets das alte Bedürfniss 
bleiben. 

In seinen ersten Jahren war S. Histolog und auch auf diesem Gebiete 
war er eine ganz hervorragende Kraft. Er blieb einer der ersten Histologen 
sein ganzes Leben lang. Eben diese seine Bedeutung unterstützte sein Wirken 
in der allgemeinen Pathologie und machte ihn zu einer hervorragenden Indi- 
vidualität in jener Zeit, wo er die Experimentirkunst nicht zur Hauptaufgabe 
seiner Thätigkeit machte. Man muss dabei noch hinzufiigen, dass er nicht 
nur ein hervorragender Histologe, sondern auch ein Fachmann auf dem Ge- 
biete der Entwickelungsgeschichte war. Und dann begreift man diese eigen- 
thümliche Individualität, welche Histologie, Entwickelungsgeschichte und Phy- 
siologie nach ihren Methoden beherrschte und diese Vielseitigkeit auf patho- 
logische Probleme anzuwenden verstand. Er wurde Experimentalhistolog, wie 
ihn Spina treffend genannt. »Das war das Instrument, auf dem S. spielte. ^- 
Er fing an, das lebende Gew^ebe, nicht das todte Präparat, mikroskopisch zu 
verfolgen. Und hier thaten sich vor ihm die grundlegenden Probleme der 
Zelle und des Zellkernes, der Proliferation der Zellen, der intercellularen Substan- 
zen, der Capillaren und der Diapedesis auf. In weiterer Folge tauchten die 
Probleme der Entzündung, der Secretion und Resorption auf. Und auf allen 
diesen Gebieten ging S. originelle Wege, überraschte mit neuen Funden und 
neuen Aufdeckungen von Beziehungen, die allen Jenen in die Quere 
kamen, welche eben nur das Eine oder das Andere der herkömmlichen Schul- 
gebiete kannten. Gerade diese Thätigkeit S.'s kann als sein Blühen bezeichnet 
werden. Noch werden viele Jahre vergehen und immer wird man auf S.'s 
Beobachtungen und Bemerkungen zurückkommen ; sein Geist wird noch öfters 
citirt werden. Man sah es ja vor wenigen Jahren in der Frage der Inter- 
cellularsubstanzen. Noch lange wird er in diesen Fragen mitreden, wenn 
viele seiner Gegner verstummt sein werden. 

Eine ungewöhnlich stärkere Natur, machte er sich selbstverständlich Viele 
zu Gegnern. Und da wurde gegen ihn eine ewig banale, aber doch ärger- 
liche Methode angewendet; man suchte ihn dafür todt zu schweigen. In 
dieser Beziehung verfuhr man von vielen Seiten so consequent, dass hier ein 
Beispiel vorliegt, wie die Kastenpsychologie auch noch in unserer Zeit be- 
merkenswerth inferiore Erscheinungen aufweist, deren Nachwirkungen erst 
nach Jahren vollkommen verschwinden werden. 

Gerade die histologischen Arbeiten waren es, welche in S. die Ueber- 
zeugung festigten, dass in den histologischen Wissenschaften manche fundamen- 
tale Anschauung bei eingehender Prüfung sich nicht ganz stichhältig erweise, 
und dass neue Methoden Thatsachen aufdecken, welche eine Verschiebung 
der Fundamente bewirken. Diese Ueberzeugung leitete S. dazu, auf allen 
Gebieten, die er betrat, die grundlegenden Anschauungen auf ihre Festigkeit 
zu prüfen. Da er viele Gebiete betrat, so kam er selten aus den Zweifeln 
heraus, und es war ein eigenthümlicher Zug in ihm, dass er nicht ruhte, bis 
er endlich glaubte, einen unbedingt festen Boden unter sich zu haben. So 
betrat er das Gebiet der Electricitätslehre, der Philosophie, und suchte überall 
bis zu den Wurzeln der Lehre vorzudringen. Ein einzelner Mann kann bei 
diesem Beginnen manche Enttäuschung erfahren, indem er übersieht, dass 
die Geschichte des Faches das bereits erledigt hat, was er zu prüfen unter- 
nimmt, und dass Andere bei dieser Prüfung schon tiefer eingedrungen waren. 
Immerhin hat S. diese Excurse auf entlegene Gebiete mit dem tiefsten Ernste 



Stricker. 



57 



unternommen und hie und da Gedankenreichthum und originelle Auffassung 
bekundet. 

Das Meritorische der S.'schen Leistungen zu erfassen, dazu gehört aller- 
dings eine eingehende fachliche Vorbildung und desshalb möge die Aufzählung 
hier unterbleiben. P2s möge nur ein Spruch ihren Werth andeuten: »Schon 
die Entdeckung der Contractilität der Capillaren, der Diapedesis und der 
Umwandlung von Grundsubstanz in Wanderzellen sind Thaten eines wahrhaften 
Genies in seinen glücklichsten Stunden, sie sichern S. unvergänglichen Ruhm«. 
Der Spruch rührt von A. Spina, Professor der allgemeinen und exj)erimen- 
tellen Pathologie an der czechischen Universität in Prag her, und wenn man von 
dem dankbaren Tone absieht und dagegen erwägt, dass es ein sehr mass- 
gebender Fachmann ist, der da mitspricht, so kann man sich kaum dem Ein- 
druck verschliessen, dass S.'s Leistungen zu den ungewöhnlicheren gehören. 

An dem Tage, wo S. das 25jährige Jubiläum seines Ordinariats feierte, 
überreichten ihm seine Schüler und Freunde eine kleine Festschrift, welche 
S.'s Leistungen nach jeder Richtung bespricht und ein sehr gelungenes Bild- 
niss enthält. Es wird dort angegeben, dass von den engeren Schülern 45 als 
Professoren, 1 7 als Docenten an medicinischen Facultäten des Inlandes, aber 
auch in Deutschland, Frankreich, England, Italien, Russland, Norwegen und 
Amerika wirken. Die Schrift enthält auch ein genaues Verzeichniss aller Ar- 
beiten, die von S. und aus S.'s Institut von seinen Schülern veröffentlicht 
wurden. Es sind 392 Arbeiten. Von S.'s eigenen grösseren Publicationen 
seien angeführt: Handbuch der Lehre von den Geweben der Menschen und 
derThiere. UnterMitwirkung herausgegeben. Leipzig, Engelmann 1871 — 1873. — 
Vorlesungen über allgemeine und experimentelle Pathologie, Wien, Braumüller 
1877 — 1883. — Studien über das Bewusstsein, Wien, Braumüller 1879. — 
Studien über die Sprachvorstellungen, Wien, Braumüller 1880. — Studien 
über die Bewegungsvorstellungen, Wien, Braumüller 1882. — Studien über 
die Association der Vorstellungen, Wien, Braumüller 1883. — Neuroelectrischc 
Studien, Wien, Braumüller 1883. — Physiologie des Rechts, Wien, Töplitz 
und Deuticke 1884. — Allgemeine Pathologie der Infectionskrankheiten, Wien, 
A. Holder 1886. — lieber die wahren Ursachen. Eine Studie. Wien, A. Holder 
1887. — Ueber strömende Electricität. Eine Studie. Leipzig und Wien, 
¥. Deuticke 1892, 1894. — Studien zur Cholerafrage, Leipzig und Wien, 
F. Deuticke 1893. — 

Nebstdem: Studien aus dem Institute für experimentelle Pathologie in 
\Vien aus dem Jahre 1869, Wien, Braumüller 1870. — Mittheilungen aus 
dem Institute für allgemeine und experimentelle Pathologie der Wiener Uni- 
versität, Wien, A. Holder 1886. — Arbeiten aus dem Institute für allgemeine 
und experimentelle Pathologie der Wiener Universität, Wien, A. Holder 1890. — 
Skizzen aus der Lehranstalt für experimentelle Pathologie in Wien, A. Holder 
1892. Fragmente aus dem Gebiete der experimentellen Pathologie, i. Heft, 
Wien und Leipzig, F. Deuticke 1894. — 

Zahlreiche Abhandlungen in den Schriften der k. k. Academie der Wissen- 
schaften in Wien, deren correspondirendes Mitglied, und ebenfalls zahlreiche 
Abhandlungen in den Jahrbüchern der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien, 
deren Redacteur S. durch mehr als ein Decennium war, wie auch in mehreren 
der Wiener medicinischen Wochenschriften. Auch einige Feuilletons in der 
N. Fr. Presse. 

Für S.'s Art des wissenschaftlichen Streites zeugen mehrere Titel von 



S8 



Stricker. Schullerus. 



Streitschriften: Offener Brief an Herrn Professor Axel Key in Stockholm. 
(Wiener med. Jahrb. 1873.) — Das Zuckungsgesetz. Eine Anklageschrift gegen 
Herrn Professor v. Fleischl (Wiener med. Blätter 1882), Nachtrag z. A. gegen 
Prof. V. Fleischl (eb. 1882). — Offener Brief an den Herrn Hofrath Prof. Dr. 
Ernst V. Brücke, Wien, C. Fromme 26. März 1885. — Offener Brief an den 
Herausgeber des Archivs für Physiologie, Prof. Dr. E. du Bois-Reymond in 
Berlin, Wien, C. Fromme 30. April 1885. — Aus den Niederungen der 
Wissenschaft, Wien, Gistel & C. December 1892. — Von Stufe zu Stufe, 
Wiener klin. Wochenschrift 1897. — 

S. hat nie eine Auszeichnung erhalten, und lehnte im Voraus jede ab; 
er nahm auch keine academische Würde an; er hatte sich in den letzten 
Jahren von jedem gesellschaftlichen Verkehr zurückgezogen, während er früher 
mit einigen hervorragenden Künstlern und Gelehrten freundschaftlichen Verkehr 
gepflegt hatte. Kinderlos starb er nach längerer Krankheit (Insufftcienz der 
Aortaklappen) in Wien (Döbling), wo er begraben liegt. Seine von ihm selbst 
verfasste Grabesinschrift besagt, ungern sei er vom Leben geschieden, aber süss 
sei es, von der Arbeit zu träumen. Er war thatsächlich einer der rastlosesten 
Arbeiter. 

Prof. E. Albert. 

Schullerus, Fritz, Maler, * 22. Juni 1866 in Fogarasch in Siebenbürgen, 
f 22. December 1898. Die Kunst hat in früheren Zeiten auch unter den 
Sachsen in Siebenbürgen eine freundliche Pflege gefunden. Noch jetzt kann 
der Wanderer an den prächtigen Goldschmiedearbeiten sich erfreuen, die 
nicht nur im Brukenthalischen Museum in Hermannstadt zu sehen sind, 
sondern auch im Besitz zahlreicher sächsischer Kirchen sich befinden. 
Neben der Goldschmiedekunst blühte zu Zeiten auch die Malerei. Das 
schöne Bild der Kreuzigimg in der Hermannstädter Pfarrkirche aus dem 
Jahr 1445 von Magister Johannes aus Rosenau hat nicht nur einen kunst- 
geschichtlichen Werth, In den schweren Zeiten der Türkenkriege ging die 
Kunst natürlich rückwärts und unserm Jahrhundert ist es vorbehalten ge- 
wesen, nicht nur das Interesse für die Kunst in weiteren Kreisen zu erwecken, 
sondern vor Allem auch inmitten des sächsischen Volkes selbst Künstler zu 
erwecken, die nach dieser Richtung hin bildend auf die Volksgenossen zu 
wirken berufen sind. Es hängt gewiss mit dem Doppelzug der jüngsten Ent- 
wickelung des sächsischen Volkes zusammen, dass in der Gegenwart, auch 
diese Bethätigung des Lebens in ihm erwacht, einmal mit dem Zusammen- 
hang seines Geisteslebens mit der deutschen Cultur überhaupt, dann ins- 
besonders mit der bewussten Arbeit an der Vertiefung und Läuterung 
ebenso des nationalen als des religiösen Lebens. Solche Gedanken ruft das 
leider so kurze Leben und Wirken Seh. 's wach. Beide Elemente haben den 
Knaben umgeben, da er auf dem Pfarrhof in Schönberg aufwuchs, wo sein 
Vater Pfarrer war. Letzterer, ein ungewöhnlich gemüthstiefer geistreicher Mann, 
der selbst zeichnete und malte, Mutter und Geschwister gehoben durch einen 
Zug, der den Staub des Tages durch den Blick zur Höhe überwindet, — das 
war die Luft, in der der Junge aufwuchs, dessen liebster Wunsch schon früh 
war, einmal Maler zu werden. Er besuchte das Hermannstädter Gymna- 
sium 1881 — 1885, wo die Brukenthalische Bildcrgallerie mannigfache An- 
regung bot, ging dann, um das Diplom für die Anstellung als Zeichenlehrer 
zu erwerben, nach Pest 1885 — 1889 und wandte sich von dort nach München, 



Scbullerus. Riecke. cq 

wo er die Malerakademie zwei Jahre besuchte. Nachdem er zwei Jahre 
Zeichenlehrer in Bistritz gewesen war, ging er wieder nach München, um 
ganz der Kunst zu leben. Er hatte nämlich den Auftrag erhalten, für den 
Schässburger Comitatssaal ein grosses Bild zu malen: die Union der ständi- 
schen Nationen auf dem Landtag in Schässburg 1506, ein Gemälde, das er 
in der That ausführte, und das unser erstes heimisches historisches Bild ist, 
an dem künstlerische Auffassung und lebensvolle Charakteristik erkennbar 
sind. Aber der junge Maler lebte mehr in der Gegenwart als in der Ver- 
gangenheit. Das sächsische Leben, wie es ist, in seinen religiösen und 
nationalen Aeusserungen, zog ihn an. Und da wurden die Bilder des sächsi- 
schen Dorfes, die seine Seele aus den Knabenjahren bewahrte, ihm Grundlage 
zum künstlerischen Schaffen. So entstand das »Abendmahl in einer sächsi- 
schen Kirche«, so durchaus eine Verkörperung des eigenartigen Volkslebens, 
dass Niemand es ohne Rührung sehen kann. Der Entwurf für die »Beisetzleiche« 
ist gleichfalls dem Dorfleben entnommen. Das Honterusjubiläum gab ihm 
Veranlassung, das Bild zu schaffen, in dem nun die nationalen und religiösen 
Momente zusammenfliessen : wie die Hundertmannschaft in Kronstadt auf 
des Honterus Reformationsbüchlein den Eid ablegt. Historisch treu, voll 
Leben und Bewegung bezeichnet es einen Höhepunkt aus der sächsischen Ver- 
gangenheit. Auch als Porträtmaler hat Seh. Tüchtiges geleistet. Aber seine 
Hauptkraft lag augenscheinlich in der Darstellung sächsischen evangelischen 
Lebens. So gehört er zu den Männern, die mitgewogen werden müssen, 
wenn Bildungs- und Entwickelungsgang des letzten Menschenalters inmitten 
des sächsischen Volkes beurteilt werden will. Er schien berufen, die Eigenart 
seines Volkes auch in der Malerei festzuhalten und jene selbst dadurch in 
reinere Höhe zu heben. 

Fr. Teutsch. 

Riecke, Karl Victor von, * 27. Mai 1830 in Stuttgart, f 9. März 1898 
ebenda. Mit dem Tode des Königlich württembergischen Staatsministers Dr. 
von Riecke fand ein hochbedeutsames, reiches und gesegnetes Leben seinen 
viel zu frühen Abschluss. — Einer alten, vor 200 Jahren aus Mecklenburg ein- 
gewanderten Familie entstammend, war R. als Sohn des damaligen Rechts- 
consulenten Dr. jur. Riecke geboren, verbrachte, da der Vater inzwischen als 
Universitätsamtmann nach Tübingen versetzt war, dort seine ersten Schuljahre, 
durchlief, nach der Berufung des Vaters zur Königl. Hof domänenkammer, das 
Stuttgarter Gymnasium und machte dann, wie damals bei den Anwärtern fiir 
den höheren, namentlich den Finanzverwaltungsdienst noch sehr gebräuchlich, 
zunächst ein Praktikantenjahr auf dem Cameralamte zu Heilbronn durch. — 
Ein einjähriger Aufenthalt auf der landwirthschaftlichen Akademie Hohenheim 
1,1848/49) ging dem Besuche der heimischen Hochschule (Herbst 1849 bis 
1852) vorauf, wo er die Rechte und Cameralwissenschaften einschl. der 
Gewerbeökonomie, Maschinenlehre und Technologie studierte. Nach glänzender 
Ablegung der beiden höheren Finanzdienstprüfungen im Herbste 1852 bezw. 
1853 trat er als zunächst provisorischer Cameralamtsbuchhalter in Heilbronn in 
den Finanzdienst, dem er dann nahebei 45 Jahre lang in unentwegter, erfolg- 
reicher Thätigkeit angehören sollte. Zuerst nebenamtlich auf dem Hauptzoll- 
amte zu Heübronn mitbeschäftigt, Hess er sich, um sich endgültig dem Zoll- 
dienste zu widmen, später (1857) den Hauptzollämtern Heilbronn und nachher 
Friedrichshafen als Assistent zutheilen. Zur weiteren Vorbereitung für seine 



6o Riecke. 

neue Laufbahn trat er im Herbste 1854 zunächst eine fünfmonatige wissen- 
schaftliche Urlaubsreise durch Sachsen, Norddeutschland, Belgien und Franlc- 
reich an, um Land und Leute kennen zu lernen. Im Jahre 1857 lernen wir ihn 
zuerst schriftstellerisch in einem Aufsatze »lieber die Arbeiterwohnungen in 
Heilbronn« kennen. Im Jahre 1858 wurde R. zum Finanzministerium al)- 
geordnet, wo er schnell vom Secretär (November 1858) zum Assessor (Septem- 
ber 1859) und Finanzrath (August 1861) aufrückte, um im September 1864 
zum wirklichen Finanzrath ernannt zu werden. Zuerst aushilfsweise, 1859 mit 
d^m selbständigen Referate für Zoll- und Handels-, Geld- und Münzwesen be- 
traut, ward er l)ald berufen, bei den wichtigsten Fragen nicht nur der Zoll- 
und Finanz Verwaltung, sondern des deutschen Zollvereins und der deutschen 
Einheit mitzuwirken. Klaren Auges blickte er in jener Zollvereins-Konfliktszeit 
zu Anfang der sechziger Jahre, wo der deutsch -französische Handelsvertraj^ 
die Oemüther erregte, in die Zukunft und war an erster Stelle mitthätig bei 
den Vorbereitungen des dann von ihm mitabgeschlossenen letzten Zollvereins- 
vertrages vom 16. Mai 1865. Aus damaliger Zeit stammt sein von wissenschaft- 
licher Durchdringung des Stoffes zeugender, weitsichtiger Aufsatz »Die Tarif- 
reform im Zollverein« (Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft, Band XIX, 
Seite 319 flf.), dem sich eine von R. bei den württembergischen Industriellen 
persönlich unternommene »Enquete über die Lage der Industrie und den 
Einfluss der Tarifverhältnisse« unmittelbar anschloss. Nach Errichtung des 
Norddeutschen Bundes und dem Abschlüsse der Schutz- und Trutzbündnisse 
mit den süddeutschen Staaten erhielt der Zollverein durch den von R. mit- 
unterzeichneten Vertrag vom 8. Juli 1867 eine neue staatsrechtliche Grund- 
lage. Noch im gleichen Jahre zum Oberfinanzrath befördert, rückte er schon 
nach Jahresfrist zum wirklichen Oberfinanzrath auf und wurde im Januar 1868 
als württembergischer Bevollmächtigter in den Bundeszollrath entsandt. Eine in- 
zwischen erfolgte Einigung mit Baden wegen Beseitigung der lästigen Wasscr- 
zölle auf den bezüglichen Wasserstrassen u. s. w. sowie der Abschluss eines 
Handelsvertrages zwischen dem Zollvereine und der Schweiz waren gleichfalls 
wesentlich sein Werk, nicht minder der so wichtige Eintritt Württembergs in 
den Norddeutschen Bund. Im neubegründeten Deutschen Reiche betheiligte 
sich R. als württembergischer Bevollmächtigter noch iV, Jahre an den 
Arbeiten des Bundesrathes. 

Neben seiner sonstigen Berufsthätigkeit ward R. schon 1863 im Neben- 
amte zum ordentlichen Mitgliede des württembergischen statistisch-topograj)hi- 
schen Bureaus berufen und wohnte als solches der Mehrzahl der Versammlungen 
des internationalen statistischen Kongresses bei, wie er denn auch mit der 
internationalen Statistik durch seine ig86 erfolgte P>nennung zum Ehrenmit- 
gliede des 1885 an Stelle des Kongresses getretenen internationalen statisti- 
schen Instituts dauernd verbunden wurde. Von 1873 ab leitete er das Bureau 
nach wie vor nebenamtlich, behielt nach seiner Ernennung zum Director des- 
selben (1877) aber nur das Ministerialreferat über Statistik bei. Hohe An- 
forderungen an sich selbst stellend, liess er sich vorwiegend die Pflege der 
Verwaltungsstatistik angelegen sein, während sein Amtsvorgänger (G. von Rümelin) 
hauptsächlich die Bevölkerungsstatistik ausbaute. Zahlreiche Arbeiten des 
Verstorbenen geben davon Zeugniss. Wir erwähnen nur seinen Vortrag »Die 
Aufgaben des topogr.-statistischen Bureaus« (Württemberg. Jahrbücher, Jahrg. 
1872), seine »Beiträge zur allgemeinen Statistik«, aus denen später das 
»Statistische Handbuch« erwuchs, die ^^ Statistik der Universität Tübingen«, 



Rieqke. 6 1 

vrelche er mit Hartmann herausgab, und seine, mit Camerer bearbeiteten 
^'directen Steuern vom Ertrag und Einkommen in Württemberg« (Jahrg. 1877, 
III und 1879, ^ ^* ^- ^0 sowie seinen Aufsatz »Verfassung und Landstände« 
(ebenda). Die Zeitschrift des Bureaus und die württembergischen Jahrbücher 
wurden von ihm erweitert und die »Württembergischen Vierteljahrshefte für 
Landgeschichte« neu gegründet, welche von 1878 ab als Beihefte zu den 
Jahrbüchern erschienen, 1892 aber an die »Historische Kommission« über- 
gingen. Auf Grund seiner wissenschaftlichen schriftstellerischen I^eistungen 
ernannte die Tübinger Staats wissenschaftliche Facul tat den Verstorbenen 1876 
zum Ehrendoctor. Auch das Kartenwesen hatte sich seiner thatkräftigen 
und verständnissvollen Förderung zu erfreuen. Endlich führte er die dritte 
-Beschreibung des Königreichs Württemberg« (1882/86) durch, dessen 
von ihm bearbeiteter Theil (II ^, der Staat) 1887 in zweiter vermehrter 
Auflage unter selbständigem Titel erschien. Aus dieser gesammten, seine 
historische und staatsrechtliche Begabung erw^eisenden Thätigkeit wurde 
er im November 1880 durch seine Ernennung zum Director des Steuer- 
kollegiums abberufen. Auch hier bewährte er sich glänzend, seine schrift- 
stellerische Thätigkeit fortsetzend , so dass er schon nach wenig über 
fünf Jahren in den obersten Rath der Krone, den »Geheimen Rath«, im 
März 1886 zunächst als ausserordentliches, noch in demselben Jahre aber, 
bei Ernennung zum Wirklichen Staatsrathe, als ordentliches Mitglied be- 
rufen wurde. 

Neben seinen jeweiligen Hauptämtern lagen R. auch noch umfassende 
parlamentarische Pflichten ob. Unter dem 24. October 1872 wurde er Mit- 
glied der Kammer der Standesherren und gehörte dieser hohen Körperschaft 
fast 19 Jahre lang an; 1874 wurde er landesherrliches Mitglied der Evan- 
gelischen Landessynode zu deren IL, später auch deren III. und IV. Tagung; 
schon 1876 zum Synodal ausschusse berufen, wurde er 1878 zum Präsidenten 
der Synode erwählt, unvergesslich Allen durch die umsichtige, massvolle und 
doch entschiedene Führung der Geschäfte. Im October 1 89 1 übertrug König 
Wilhelm IL dem Dr. von R. an Stelle des Staatsministers Dr. v. Renner die 
I^eitung des Finanzdepartements, die er bis zu seinem Tode behielt, segens- 
reich wirkend in der württembergischen Finanzreform frage, die er nahe dem 
Abschluss brachte, sowie in der Ordnung des Staatshaushalts, die er gleich- 
falls nach Möglichkeit förderte. 

Schon im Jahre 1896 bedenklich an einer Verkalkung der Arterien er- 
krankt, raffte er sich, um sein ernstlich gelährdetes Werk nicht liegen zu 
lassen, immer wieder auf, bis er im Januar des laufenden Jahres einen 
Erholungsurlaub antreten musste, der ihn zum Krankenbette und auf das 
Sterbelager führte. 

Eine nahebei vierzig Jahre währende schriftstellerische Thätigkeit, der 
wir nur z. Th. oben näher getreten sind, beendete R. mit einer als Manuskript 
gedruckten, am 15. November 1896 abgeschlossenen pietätvollen Erinnerungs- 
schrift »Meine Eltern, ihre Geschwister und ihre Freunde«, eine Arbeit, welche 
uns einen Einblick in das innere Wesen des Verfassers bietet, der alles Ein- 
zelne auf das Ganze bezog, für den das Besondere nur als Glied des grossen 
Ganzen Recht und Pflicht des Daseins hatte, und der wiederum im Einzelnen 
Gesetz und Geist des Ganzen fand. Im Jahre 1861 mit Theophanie Haug, 
der Tochter des bekannten Tübinger Geschichtsforschers, verheirathet, führte 
er eine geistig reiche und beglückende, aber kinderlose Ehe. 



62 Riecke. Born. 

Die höchsten Ehrungen wurden ihm zu Theil, und die »Schwäbische 
Kronik« durfte ihm mit Recht in ihrer No. 124 vom i. Juni 1898 nach- 
rufen: Er war ein seltener Mann: »ich durfte nimmer Seinesgleichen sehen^:. 

E. Blenck. 

Born, Stephan, Redacteur und Professor, ♦ 28. Dec. 1824 in Lissa, 
f 4. Mai 1898 in Basel. B. hat selber in einem in seinem Todesjahre (bei 
G. H. Meyer in Leipzig) erschienenen Buche »Erinnerungen eines Achtund- 
vierzigers«, das auch mit seinem Bildniss geschmückt ist, seine vielbewegten 
Jugendjahre erzählt. Der in Lissa (preuss. Provinz Posen) Geborene kam 
schon in jimgen Jahren nach Berlin, um als Schriftsetzer sein Brod zu ver- 
dienen; seinem Wissenstrieb bot die Universität, an der er einige Vorlesungen 
hörte, Nahrung; zugleich behielt er seine Augen oifen für die politischen 
Vorgänge. Er kam mit den hauptsächlichsten Wortführern der Bewegung, 
die dann 1848 acut wurde, in persönliche Berührung und gerieth so in das 
revolutionäre Fahrwasser hinein. Das blieb so, als er von Berlin nach Paris 
und Brüssel kam. Männer wie Friedrich Engels und Karl Marx erhalten 
aus eigener Bekanntschaft heraus in dem genannten Buche B.'s ihre Charak- 
teristik. Nach den Märztagen 1848 kehrte B. nach Berlin zurück, und nun 
widmete er sich mit Eifer der Sache der arbeitenden Klassen, deren Eintritt 
in die politische Welt B. als das eigentliche Merkmal des Jahres 1848 be- 
zeichnet. Er wurde Redacteur einer diese Interessen verfechtenden Zeitung 
und einer Zeitschrift, die er recht eigentlich mit seiner eigenen Feder ali- 
mentirt hat. Als Redner trat er in Versammlungen auf; die Organisation 
eines Buchdruckerausstandes war sein Werk; er wurde dann auch einer der 
Präsidenten des ersten deutschen Arbeiter-Congresses in Berlin und nahm als 
Delegirter Theil an den Verhandlungen der Centralcommission für die deut- 
schen Arbeiter in Leipzig. Die Barrikaden tage in Dresden, Mai 1849, hat 
B. als Kämpfender und als einer der Leiter des Strassenkampfes mitgemacht. 
Die Folgen dieser Theilnahme an der Revolutionsbewegung Hessen denn auch 
für B. nicht auf sich warten: er musste flüchten und wandte sich, wie da- 
mals so viele und so bedeutende Achtundvierziger, nach der Schweiz, um hier 
ein Asyl zu suchen. In Murten Hess er sich nieder, erwarb dort eine Buch- 
druckerei, kam aber auf keinen grünen Zweig, da nach seinem eigenen Ge- 
ständniss der praktische Sinn bei ihm mit dem idealen nicht Schritt hielt. 
B. nahm dann vorübergehend Aufenthalt in Bern und Zürich, an welch letz- 
terem Orte er zwei Jahre am Küsnacher Seminar als Lehrer wirkte. 1857 
trat er in die Redaction des >> National Suisse« in La Chaux-de-Fonds ein, 
kurze Zeit war er hierauf als Lehrer in Schaffhausen thätig, und schliesslich 
erhielt er 1860 eine Professur für deutsche Sprache und Litteratur an der 
Neuenburger Industrieschule; später rückte er auch zum Professor an der 
Neuenburger Academie vor. Bis 1878 blieb er in dieser Stellung, die er 
sodann mit der eines Auslandsredacteurs der »Basler Nachrichten« in Basel 
vertauschte. Damit hatte B.'s Wanderleben sein Ziel erreicht; in der Rhein- 
stadt, die ihm recht eigentlich zu einer zweiten Heimath wurde, ist er ge- 
storben. Ein Herzschlag machte seinem Leben ein Ende. 

Neben seiner Thätigkeit als Redacteur, die er mit vielem Geist und ge- 
wandter, feiner Feder ausübte, widmete sich B. auch der Basler Universität. 
1878 habilitirte er sich, schon im folgenden Jahr wurde ihm der Titel eines 
Extraordinarius verliehen und auch die Ernennung zum Ehrendoctor blieb 



Born. Hertslet. 63 

nicht aus. B. trug an zwei Wochenstunden in öffentlichen Vorlesungen über 
Shakespeare, Goethe, Schiller und die deutschen Romantiker vor. Seinen 
Collegien verlieh er den Hauptreiz durch die Vorlesung von Stellen aus den 
Dichterwerken; er verstand sich trefflich auf diese Kunst; daher vor Allem 
auch der zahlreiche Besuch, dessen sich seine Stunden erfreuten. Wissen- 
schaftliche Originalforschung bot er seinen Hörern kaum; dagegen war alles 
getragen von warmer, schöner Begeisterung für das poetisch Werthvolle. Auch 
seine Vorträge vor gemischtem Hörerkreise trugen diesen Charakter, sie waren, 
wie alles was B. schrieb, sorgfältig und elegant stilisirt und fesselten durch 
den geistvoll pointirten Vortrag. Die meisten dieser Vorträge sind im Druck 
erschienen, wir nennen die über H. Heine, Lord Byron, Nie. Lenau, H. Zschokke, 
Andr^ Chdnier, Beaumarchais; sie finden sich veröffentlicht in der Sammlung 
-^Oeffentlicher Vorträge, gehalten in der Schweiz« (bei Benno Schwabe in 
Basel). Für die Heine-Ausgabe in der Cotta'schen Weltlitteratur schrieb B. die 
Einleitung. Sein langer Aufenthalt im französischen Sprachgebiet der Schweiz 
verschaffte B. eine genaue Kenntniss der französischen Sprache; er machte 
sie nutzbar in einer Anzahl ganz vorzüglicher Uebersetzungen. So verdanken 
wir B. die Uebertragungen von Daudets kleinen Erzählungen, die unter dem 
Titel »Provengalische Geschichten« und »Montagsgeschichten« von B. heraus- 
gegeben wurden; desselben Schriftstellers »Tartarin in den Alpen« und 
^Dreissig Jahre in Paris« fanden durch B. eine gewandte Verdeutschung; von 
weiteren Uebertragungen seien die von Renans »Souvenirs de jeunesse et d'en- 
fance« und des bekannten Buches des P. Didon »Ueber die Deutschen« ge- 
nannt. Die Erinnerungen J. D. H. Temmes fanden 1883 in B. ihren Heraus- 
geber; das Vorwort B. 's ist von 1882 datirt. Von den dichterischen Arbeiten 
des phantasiebegabten Mannes ist nicht sehr vieles an die Oeffentlichkeit ge- 
treten; am Ende seines Lebens ward ihm noch die Freude bescheert, ein 
Opemlibretto »Kudrun« von dem bekannten Componisten Hans Huber in 
Basel in Musik gesetzt zu sehen; die Aufführung des Werkes im Basler Stadt- 
theaters war ein Freudentag seines Alters. 

In der Oeffentlichkeit trat B. wenig hervor; er war auch kein freisinniger 
Parteimann im gewöhnlichen Sinne des Wortes; in der Beurtheilung der 
deutschen Politik stand er freilich stets im antibismarckischen Lager; Bismarck 
stets bekämpft zu haben, hat er selbst einmal ausdrücklich betont. Durch 
sein feines Wesen und seine persönliche Liebenswürdigkeit hatte sich B. in 
Basel viele Sympathieen erworben, die sich auch in seiner Berufung in die 
Kunstcommission, in eine Schulinspektion u. s. w. kundgab; auch das Ehren- 
bürgerrecht wurde ihm verliehen. Die grosse Pflichttreue in seinem Beruf, 
sein chevalereskes, jeder gehässigen Polemik abholdes Wesen machten B. zu 
einem hochangesehenen Gliede der schweizerischen Journalistik; sein 70. Ge- 
burtstag wurde denn auch von den Männern der Presse in ehrenvollster Weise 
begangen; aber auch Regierung und Universität in Basel unterliessen es nicht, 
dem vielverdienten Manne ihre Gratulation darzubringen. 

H. Trog. 

Hertslet, W. L., Schriftsteller, * 21. November 1839 in Memel, f 2. Mai 
1898 zu Friedenau bei Berlin. Ueber seine Jugend, seinen Bildungsgang und 
Lebenslauf wussten selbst die wenigen, in den Blättern nach seinem Tode 
erschienenen Nekrologe nichts zu sagen. Es wird eben das stille, ereignisslose 
und beschauliche Leben und Schaffen eines deutschen Schriftstellers gewesen 



64 Hertslet. 

sein, der zeitlebens auf Iceinen grünen Zweig gekommen ist, obwohl das, was er 
uns hinterlassen, seinen Namen — aber auch nur diesen ohne jeden aben- 
teuerlichen Lebensaufputz — auf die Nachwelt bringen wird. Er muss ein 
universales Wissen, einen ungeheuren Fleiss und eine ganz ungewöhnliche 
Belesenheit besessen haben, und es ist ganz begreiflich, dass Name und Per- 
sönlichkeit des Verfassers der drei Bücher, die wir von ihm haben, ganz und 
gar hinter diesen zurückgetreten sind, denn sie sind alle drei von der Art, 
dass sie — wie es bei brauchbaren Nachschlagewerken meist geht — mehr be- 
nützt, auch ausgenützt und gelesen, als nach Verdienst gerühmt werden. — Sie 
haben — es ist beschämend für unser deutsches Schriftthum — dem Autor 
zeitlebens zwar die reiche Anerkennung der dankbaren Kenner, aber keine 
Reichthümer eingetragen. — Das erste seiner Bücher, der jetzt in vierter, neu 
bearbeiteter Auflage (1895) vorliegende »Treppenwitz der Weltgeschichte . 
erschien zum ersten Mal 1882 in dem bekannten Büchmann -Verlage von 
Haude & Spener (F. Weidling) und machte H.'s Namen bekannt. Damals 
etwa 150 Seiten stark, ist es inzwischen auf 469 Seiten angeschwollen — 
ein merkwürdiges Buch. Etwas ungeordnet, enthält es eine überraschende 
Fülle des interessantesten historischen und anekdotischen Materials und reiche 
psychologische Hinweise auf den Geist der Oeflfentlichkeit und das Volks- 
bewusstsein. H. hat das bis dahin nur im Französischen vorhandene Wort 
^>espHt d^escaliei'« trefflich ins Deutsche umgeprägt und bei uns eingebürgert, 
ganz ähnlich wie Büchmänn das Homerische Wort für seine »Geflügelten 
Worte« in Anspruch genommen hat. Dabei verbreitet sich H. aber in seinem, 
in einem höchst persönlichen Stil verfassten Buche über sämmtliche alte und 
neue Litteraturen aller Culturvölker. Die »Nationalzeitung« hat sein Buch 
passend characterisirt in den Worten: »H. geht von der durch Büchmann 
gemachten Beobachtung aus, dass es ein untrügliches Kennzeichen eines all- 
gemein gewordenen Citates sei, wenn eine Veränderung seiner ursprünglichen 
Form eintritt. In derselben Weise sind die meisten der bekannten historischen 
grossen Paradewörter — Stichwörter sagt H. unrichtiger Weise — unwahr, 
unhistorisch, fable convenue. »Der Geschichte fällt« — so erklärt er den 
esprit d'escalier sehr hübsch — »geradeso wie dem von der Audienz die 
Treppe herunterkommenden Bittsteller, ein pikantes, gerade passendes W^ort 
fast immer erst hinterdrein ein. Nur wird es ihr leichter als dem Bittsteller, 
das Versäumte nachträglich in das Protokoll eintragen zu lassen, was sie 
denn auch thut.« Nach der etwas gewagten Prämisse »die Geschichte ist 
unpoetisch« führt H. in seinem Buch eine Reihe von geschichtlichen Per- 
sönlichkeiten vor, um die gähnende Kluft zwischen der Wahrheit der Ge- 
schichte und dem idealisirenden Nebel der Dichtung zu kennzeichnen. Fein- 
fühlig kommt er dann auf einen zweiten leitenden Grundsatz, dass nämlich 
die Geschichte auch nicht malerisch sei. Auch die volksetymologischen Be- 
zeichnungen von Orten, Strassen, Bildwerken, Symbolen, Sitten, Sprüchen 
u. s. w. zieht der Verfasser geschickt in das Gebiet seiner Betrachtungen und 
erklärenden Richtigstellungen, wie z. B. den heiligen Christophorus (der den 
Christus trägt, ursprünglich bildlich genommen), bei dem die bekannte Sage 
erst aus der Erklärung des Namens entstanden ist, dann Bezeichnungen wie 
»Mäusethurm« (eigen dich Mauththurm), Pilatus-Berg (richtiger mons pileatus, 
der Berg mit einem Hut, einer Nebel- oder Wolkenkappe), zu dem dann eine 
phantastische Sage von Pontius Pilatus erfunden wurde. Des ersten Napo- 
leon bekannte romantische Darstellungen im Bilde, seine eigenen Bulletins, 



Hertslet. 65 

seine grossen »mots« u. A. m. werden von H. mit kritischer Schärfe ge- 
mustert und auf Grund guter geschichtlicher Detail-Kenntnisse zu ihrem 
wahren Mass zurückgeführt,« — Mit seinem »Treppenwitz« wird H.'s Name 
viel sicherer verbunden bleiben als mit seinem zweiten Buche, das sich an 
ein weit kleineres, an das Publikum der Schopenhauer -Forscher und Ver- 
ehrer wendet: es ist das 1890 im Verlage von F. A. Brockhaus erschienene 
• Schopenhauer-Register, ein Hülfsbuch zur schnellen Auffindung aller 
Stellen, betreffend Gegenstände, Personen, Begriffe, sowie der Citate, Ver- 
gleiche und Unterscheidungen, welche in Arthur Schopenhauer's Werken, 
femer in seinem Nachlasse und in seinen Briefen enthalten sind«. Ein 
Werk ungeheuren Sammelfleisses, wie wir es leider kaum für einen aridem 
Philosophen, Gelehrten oder Dichter besitzen. Wessen er nur habhaft 
werden konnte, hat er für dieses sein Lieblingsbuch benützt. Die neue 
Grisebach'sche Schopenhauer-Ausgabe war damals noch nicht erschienen, noch 
auch die neuesten Brief-Publicationen, aber bei den gewissenhaften Angaben 
der Seitenzahlen in den alten Frauenstädt' sehen Ausgaben ist das Register 
auch für jene brauchbar. Für ziemlich viele Citate, die Schopenhauer bringt, 
gelang es H. Anfangs nicht, ihre Herkunft nachzuweisen. Er hat später 
— im Feuilleton der »Frankfurter Zeitung« vom 24. December 1892 — 
eine Nachlese gehalten und die Sorge der letzten Wochen galt noch den 
Vorarbeiten für eine später in Aussicht genommene zweite Auflage. Er sollte 
sie nicht mehr erleben. Als der Schreiber dieser Zeilen in seinem Hand- 
exemplar dieses ihm unentbehrlich gewordenen Buches etliche von H. über- 
sehene Stellen in Schopenhauer'schen Briefen eingetragen und H. davon er- 
fahren hatte, ruhte dieser nicht, bis er ihm das Exemplar zur Ergänzung über- 
liess, wofür er sich dann ebenso liebenswürdig als aufopfernd durch die 
handschriftliche Eintragung aller der von ihm gefundenen Ergänzungen re- 
vanchirte, so dass ich nun gewissermaassen im Besitze dieser zweiten Auf- 
lage bin, die vielleicht nie erscheinen wird, und die noch herauszubringen, 
wie H. mir wenige Monate vor seinem Tode schrieb, sein »lebhaftester Wunsch« 
gewesen, da sie »unendlich besser sein wird«. — Ganz vereinzelt, scheint es, 
ist ein Flugblatt geblieben, das bei Trowitzsch & Sohn in Berlin gedruckt, 
mir im Januar 1898 von ihm zugesandt worden und — ein Beweis für H.'s 
Vielseitigkeit — ein rein mathematisches Problem mit Ausblicken auf Kants 
•^Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft«, auf Schopenhauers 
^ Tafel der Praedicabilia der Zeit, des Raumes und der Materie«, sowie auf 
Zöllners »Natur der Kometen« behandelt: die »Spiegelungen zwischen Arith- 
metik und Geometrie«. Aber noch nicht genug: das dritte der Bücher H.'s 
bewegt sich wieder auf einem anderen Arbeitsfelde, und es ist charakteristisch, 
dass sich auch die Fachleute dieses Gebietes mit höchster Anerkennung über 
H. und seine nimmermüde, scheinbar ganz wieder nur in dieser einen Arbeit 
aufgehende Thätigkeit äussern. Es ist dies: »Salings Börsen -Papiere 
(Salings Börsen -Jahrbuch). Ein Handbuch fiir Bankiers und Kapitalisten. 
Bearbeitet von W. L. Hertslet (Berlin, Haude u. Spener'sche Buchhandlung)«. 
In dem Vorwort zu dem Jahrgang 1897/98 spricht H. den einen Wunsch 
aus — ^nicht meinetwegen, denn für mich käme dessen Erfüllung doch zu 
spät (er hatte leider damit Recht), sondern des allgemeinen Besten wegen 
— nämlich, dass dem Gesetz gegen den unlautern Wettbewerb noch ein 
Paragraph hinzugefügt werde zum Schutze nur zusammengetragener Schriften, 
vie der »Saling« eine ist und nothwendiger Weise sein muss«. Bitter klagt 

Biogr. Jahrb. n. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. c 



66 Hertslet. von Proskowetz. 

H. ȟber das Ausstrecken gieriger Krallen solcher, die selbst nichts schaffen 
können, nach den Früchten meines jahrelangen Fleisses« und über die Ver- 
leumdungen des von ihm im 25. Jahrgang herausgegebenen »Saling« durch 
schmutzige Wettbewerber. Dieser Jubelband sollte sein letzter sein. Den 
Jahrgang 1898/99, den H. noch vorbereitet hatte, musste ein Anderer 
vollenden. Die Verlagshandlung aber stellte dem alten Mitarbeiter in ihrem 
Vorwort ein ebenso schönes wie gerechtes Zeugniss aus, wenn sie schreibt: 
»Mit nie rastender Sorgfalt und Treue, mit hingebendem Fleisse und eiserner 
Ausdauer hat H. seines freiwillig übernommenen Amtes in selbstlosester Weise 
im Interesse der deutschen Bank- und Börsenwelt und des deutschen Capita- 
listenpublikums gewaltet; ihm hat er seine Zeit 'und seine beste Lebenskraft 
geopfert. Von lauterstem Charakter, unbestechlich und unbeeinflussbar, war 
er unzugänglich für alle Versuchungen, wie sie an den Herausgeber eines 
solchen Unternehmens nur zu häufig herantreten; nie hat er seinen scharfen 
Blick für das Schlechte und Unredliche sich trüben, nie seine scharfe Feder 
von andern Erwägungen, als denen der Treue und Ehrlichkeit führen lassen. 
Blank, wie er den Schild des Buches von Saling vor fünfundzwanzig Jahren 
übernahm, hat er ihn bei seinem Tode zurückgelassen und manch gefahr- 
licher Feind ist im Laufe der Jahre seinen Streichen erlegen. Oft hob H. 
hervor, dass es die allererste Pflicht eines derartigen Nachschlagewerkes wäre, 
gegen notorischen Schwindel derbe vorzugehen. Mit Stolz konnte er noch 
in der Vorrede zum vorigen Jahrgang sagen, dass durch seine Thätigkeit viel 
Unheil verhütet und manche grossen und kleineren Capitalien vor der Ueber- 
leitung in unreine Taschen bewahrt worden seien.« Mitten nun in den Vor- 
bereitungen zum neuen »Saling« und daneben emsig für sein »Schopenhauer- 
Register« sammelnd ist H. im Alter von 58 Jahren plötzlich einem Gehirn- 
schlag erlegen. Andere werden nach ihm kommen und seine Unternehmen, 
hoffentlich in seinem Geiste, fortsetzen, denn kein Mensch ist unersetzlich, 
aber die ausserordentliche Universalität dieses stillen Geistesarbeiters wird 
doch in seinen wenigen, aber gediegenen Büchern fortzeugend nur Gutes ge- 
bären, und desshalb sei ihm auch in diesen Blättern ein bescheidener Platz 
gewidmet. 

Alfred Freiherr v. Mensi. 

Proskowetz, Max Ritter von, Dr. jur., k. u. k. österr.-ungar. Consul in 
Chicago, * 4. Novb. 1851 zu Kwassitz, Mähren, f 19. Septemb. 1898 zu 
Fort Wayne, Indiana, Ver.-St., — der zweite Sohn des Grossindustriellen und 
Nestors des österr. Abgeordnetenhauses, Emanuel R. v. Proskowetz. — Als 
Knabe verletzte er sich durch einen Sturz die linke Kniescheibe; um das 
kranke Bein gesund zu machen, bedurfte es vieljähriger Curen und der ganzen 
Aufopferung seiner in jeder Hinsicht um ihn verdienten Mutter. Erst im 
Alter von 1 8 Jahren hatte er den freien Gebrauch des Beines wieder erlangt, 
ohne welchen es ihm nicht möglich gewesen wäre, sich den zum Theile 
grossen Anstrengungen, die seine vielen Reisen erforderten, auszusetzen. — 
Die durch sein Leiden erzwungene Ruhe legte wohl den Grund zu einer 
schon in jüngeren Jahren erworbenen ernsten Anschauung der Welt und des 
Menschenlebens, sowie zu umfassenden und gründlichen Sprachkenntnissen — 
er beherrschte neben seiner Muttersprache das Französische und Englische 
vollkommen, sprach und schrieb auch italienisch, böhmisch, russisch und 
spanisch — und zu seltener Belesenheit in den Litteraturen aller Culturvölker. 



von Proskowetz. 67 

Er verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtniss, brachte es zu nicht un- 
bedeutender Fertigkeit im Zeichnen und Malen und war durch einen liebens- 
würdigen Charakter ausgezeichnet. Im J. 1869 absolvirte er das Wiener 
Schottengymnasium, besuchte die Wiener Universität, um die Rechte zu 
Studiren, betrieb aber daneben fleissig Culturgeschichte, Litteratur und Malerei. 
1874 zum Doctor der Rechte promovirt, arbeitete er im folgenden Jahre in 
der Canzlei des Wiener Advocaten Dr. Doilenz. Einen W^inter über lernte 
er als Volontär auf der Muster-Domäne des Grafen Bellegarde in Gross- 
Herrlitz in österr. Schlesien die Praxis der Landwirthschaft und landwirth- 
schaftlichen Brennerei kennen, besuchte dann (1875/6) die landwirthschaftliche 
Hochschule in Wien und vollendete, nachdem er den Gedanken, sich dem Staats- 
dienste in der diplomatischen Laufbahn zu widmen, der ihn schon damals 
lebhaft beschäftigte, wieder aufgegeben hatte, seine theoretischen landwirth- 
schaftlichen Studien auf der Hochschule zu Halle a. S. Der Altmeister der 
Landwirthschaft, Prof. Dr. Julius Kühn, der P. stets ein wahrer Freund blieb, 
hat mit seinem milden Wesen und seinem umfassenden Wissen bestimmenden 
Einfluss auf P.'s Character genommen. Der Verkehr mit vielen bedeutenden 
Männern, u. a. den Proff. Volkmann, Gräfe, Dümler, v. Nathusius, der Besuch 
intensiv und verschiedenartig geführter Land wirth Schafts- und Industriebetriebe, 
der Aufschwung des jungen deutschen Reiches, all das wirkte erhebend und 
aneifemd auf ihn ein, so dass der 2jährige Aufenthalt in Halle als die glück- 
lichste Epoche seines Lebens anzusehen ist. 

Es begann nun eine neue Epoche grosser und seinen Anschauungskreis 
in fruchtbarster Weise erweiternder Reisen: 1878 bereiste er mit seinem 
Bruder, dem bekannten Landwirth und Industriellen Emanuel v. P,, Belgien, 
die Niederlande, Grossbritannien, die pyrenäische Halbinsel, Frankreich, 
Algier und Italien; eine Frucht dieser Reise sind die von beiden Brüdern 
veröffentlichten »Landwirthschaftlichen Reisebriefe«. Eine zweite Reise, 
die ihn nach Aegypten (bis Wadi Haifa), Palästina, Syrien, Kleinasien und 
Griechenland führte, veranlasste ihn zur Herausgabe eines die Land- und 
Volkswirthschaft, wie die Statistik dieser Länder behandelnden Buches: 
^Streifzüge eines Landwirths (1881)« und der »Landwirtschaftlichen 
Reisebriefe aus dem Orient (1881)«. Der Gedanke zu dieser anmuthigen Be- 
handlung des Stoffes rührt von de Gourcy her. — Nachdem er England zum 
zweiten Male besucht hatte, trat er 1888 seine grosse Reise durch Russland, den 
Kaukasus, Transkaspien bis Merw, Samarkand und Meschhed an, auf welcher 
er, der erste Oesterreicher, die neuerbaute transkaspische Militärbahn benützte. 
Dieser Reise verdankt sein grösseres Werk »Vom Newastrand nach 
Samarkand« seine Entstehung (Wien 1889). Es zeichnet sich durch scharfe 
Beobachtung und sicheres Urtheil über wirthschaftliche , Industrie- und 
Handelsverhältnisse aus und ist mit zahlreichen eigenhändigen Zeichnungen, 
Naturaufnahmen des Verfassers, geschmückt. — Wir finden darin den mäch- 
tigen wirthschaftlichen Aufschwung Russlands und das zielbewusste Vorgehen 
seiner Staatsverwaltung in den neugewonnenen asiatischen Ländern in einer 
damals noch überraschenden Weise gewürdigt. Zu diesem Werk schrieb der 
Orientreisende Vamb^ry das würdige Vorwort. Als I890 in Wien der inter- 
nationale land- und forstwirthschaftliche Congress tagte, konnte 
nicht leicht ein besserer als P. als Sekretär des Congresses thätig sein; ihm 
widmete er den deutsch und französisch erschienenen »Führer durch die 
Land- und Forstwirthschaft Oesterreichs«; auch erschienen damals 

5* 



68 von Proskowetz. 

die Monographien über Wischau und Schpllschitz, zwei von den Congressmit- 
gliedern besuchte Musterwirtschaften. 

Im Jahre 1894 trat P. mit seinem jüngeren Bruder Felix eine Weltreise 
an, die durch Canada, die Vereinigten Staaten, Neu-Süd-Wales, Queensland, 
dann Java, Birma und Vorder-Indien führte. — Hiermit schloss die Reihe 
seiner Studienreisen ab. — Er folgte 1896 einem an ihn ergangenen Rufe 
und trat in das Ministerium des Aeusseren ein, um im österreichischen 
Consularwesen Verwendung zu finden; trotz der kurzen Zeit, die ihm hier 
bis zu seinem frühen Tode gegönnt war, sollte er sich hier, wie ein ihm in 
der amtlichen Wiener Zeitung gewidmeter Nachruf hervorhebt, durch seine 
rastlose Schaffensfreudigkeit und reiche Productivität in diesem Dienste als 
eine Kraft ersten Ranges, welcher eine glänzende Laufbahn vorbehalten 
schien, erweisen. — Zunächst wurde er, um den formalen Geschäftsgang 
kennen zu lernen, dem k. u. k. Generalconsulate in Smyrna zugetheilt, schon 
am 26. März 1897 in Folge seiner aussergewöhnlichen Eignung zum k. u. k. 
Consul ernannt und zur Dienstleistung in New-York dirigirt, wo er vom 
7. August bis 9. September das Technische des amerikanischen Dienstes 
kennen lernte, und noch im September 1897 mit der Führung des 
Consulates in Chicago, welches bald darauf zum General consulat er- 
hoben wurde, betraut. — Nach einjähriger, an Mühen und Anerkennung 
reicher Arbeit trat er eine Urlaubsreise nach Euroj^a an, auf welcher er 
seinen Tod finden sollte. Auf der Fahrt von Chicago nach New-York stürzte 
er in Fort Wayne von der Plattform seines Waggons uud erlag kurz darauf 
den schweren Verletzungen im Hospital. Welche Beliebtheit er sich in 
Chicago in der kurzen Zeit seiner Amtsführung erworben hatte, zeigte die 
rege Betheiligung an der ergreifenden Leichenfeier; der Leichnam wurde 
von seinem Bruder Felix v. P. nach Europa gebracht und in dem mährischen 
Heimathsorte P. 's bestattet. P. war seit 1891 corresp. Mitglied der Geograph. 
Gesellsch. in Wien, femer war er Mitglied der Royal Geographica! Society in 
London, der Royal Agricultural Society ebendort, und vieler anderer Gesell- 
schaften und Vereine. Ein Gedanke, welchen er durch lange Jahre verfocht, 
und welcher in jüngster Zeit in Deutschland Verwirklichung fand, ist die 
Einführung landwirthschaftlicher Attaches der diplomatischen Vertretungen. 

Ein dauerndes Verdienst hat sich P. auch durch die Gründung des 
österreichischen Vereins gegen Trunksucht erworben. Angeregt durch seinen 
Vater, welcher die Schädigung des mährischen Landvolkes durch den zu- 
nehmenden Branntweinverbrauch zu beobachten reichlich Gelegenheit hatte, 
lind durch die im Jahre 1883 erfolgte Gründung des deutschen Vereins gegen, 
den Missbrauch geistiger Getränke, unternahm es P. in den Jahren 1883 und 
1884, in den weiten Kreisen, mit welchen er in gesellschaftlichem und ge- 
schäftlichem Verkehr stand, Mitglieder für einen in Oesterreich zu bildenden 
Verein zu werben, welchem die Bekämpfung der Trunksucht zum Zwecke 
gesetzt werden sollte. — In überraschend kurzer Zeit gelang es ihm, nicht 
nur Geldbeträge zu sammeln, welche die Gründung des Vereins und die Her- 
ausgabe von Druckschriften möglich machten, sondern auch durch Zeitungs- 
artikel für diese in Oesterreich noch gar nicht beachtete socialpolitische An- 
gelegenheit weitere Kreise zu interessiren. Im April 1884 wurde der Verein, 
dessen Satzungen er im Vereine mit dem späteren Geschäftsführer des Vereins, 
Dr. Daum, verfasst hatte, constituirt. — Für die Mittheilungen, die derselbe 
zuerst in unregelmässigen Zeitabschnitten, seit 1890 aber monatlich (in Ver- 



von Proskowetz. von Erb. 69 

bindung mit den sächsischen Bezirksvereinen gegen den Missbrauch geistiger 
Getränke) erscheinen lässt, schrieb er eine grosse Zahl von Aufsätzen; theils 
statistische Mittheiiungen, insbesondere über die mährischen Verhältnisse und 
über Russland und Amerika, theils auf eigene Beobachtung gegründete 
Schilderungen socialer Verhältnisse; unter diesen ist besonders »Alkoholismus 
im Salon« (in Nr. 8 vom Jahre 1892) bemerkenswerth. P. war Präsident 
dieses Vereines, welcher sich allmählich eine geachtete Stellung und Ansehen 
bei den Behörden und autonomen Körperschaften erwarb, und dessen An- 
regungen und Gutachten über verschiedene, mit der Bekämpfung der Trunk- 
sucht zusammenhängenden Fragen von bleibendem Werthe sind, und bemühte 
sich, soweit es seine Anwesenheit im Vaterlande gestattete, mit grossem Eifer 
im Interesse dieser so wichtigen Alkoholfrage. Er vertrat den Verein auf dem 
internationalen Congresse in Zürich 1887 und wurde als Vertreter Oester- 
reichs in das internationale Comitd gegen die Demoralisation der Naturvölker 
durch den Branntweinhandel gewählt; für den internationalen Congress gegen 
den Alkoholismus in Basel (1896), und für den Congress in Chicago lieferte 
er Arbeiten über den Stand der Alkoholfrage in Oesterreich und über die 
Aufgaben des Staates gegenüber dem Alkoholismus. 

»Ein Ritt ins heilige Land« (x88i); Von Usunada nach Samarkand (1889); Tristan 
da Cincha (1891); Neues über das militärische Russland (1891); Ein Ausflug zum Kudial 
Batum (1896). — Alt-Krakau (1896); Die Trockenlegung des Kopaisees (1881); In Meschhed 
(1889); Neue Nachrichten über die Colonie Süd -Australiens (1890); Die Urbarmachung 
der Dünen in Süd-Holland; Vom australischen Horizont (1895); Das Landschaftliche im 
Bilde Karlsbads etc. etc. 

Quellen: Nachruf in der Wiener Ztg. vom 21. Sept. 1898. — Familien- und Freundes- 
Mittheilungen. 

— a — 

Erb Ferdinand, Freiherr von Rudtorffer, k. und k. wirkl. Geh. Rath 
und k. k. Sections-Chef in Pension. Grosskreuz des Franz Josephs-Ordens, 
Eiserne Krone II. Kl., Ritter des Leopold-Ordens, Ritter des preussischen 
Kronen-Ordens I. Kl., Commandeur des italienischen Kronen-Ordens, Gross- 
kreuz des serbischen Takowo-Ordens, Grosskreuz des rumänischen Kronen- 
ordens, Ehrenbürger von Wien, etc., * Wien am 23. November 1833, f da- 
selbst am 19. März 1898. 

E. war der Sohn des Hofrathes von E., des Kanzleidirectors des Erz- 
herzogs Franz Karl und späteren Directors des Hof- und Staatsarchivs. Noch 
nicht zwanzig Jahre alt trat er in den Staatsdienst. Eine kaiserliche Ent- 
schliessung vom 9. Juli 1853 gestattete, dass er als Rechtshörer schon nach 
dem vollendeten sechsten Semester als absolvirt betrachtet werden dürfe. 
Zunächst (27. October 1853) trat E. als Conceptspractikant bei der nieder- 
österreichischen Statthalterei ein, wurde dann nach kaum 2 '/a nionatlicher 
Thätigkeit der Bezirkshauptmannschaft in Klostemeuburg zugewiesen, im 
September 1854 zur Dienstleistung bei der k. k. Statthalterei nach Ofen ver- 
setzt, bald darauf zum provisorischen Statthai terei-Concipisten ernannt, und 
wenige Tage später der Civilsection des Militär- und Civil-Gouvemements in 
Ofen zugetheilt. Dieser rasche Wechsel in seiner Amtswirksamkeit hielt auch 
weiterhin an. Mitte October 1855 wurde er provisorischer Comitatscommissär 
III. Kl. fiir das Kaschauer Verwaltungsgebiet, am Ende desselben Monates 
der k, k. Saröser Comitatsbehörde in Eperies zugetheilt und im September 
des folgenden Jahres definitiv in die Klasse der Comitatscommissäre ein- 



70 



von Erb. 



getheilt. Das Jahr 1857 brachte für E.'s Leben und Wirken die entschei- 
dende Wendung. Am 10. August wurde er zur Dienstleistung im Ministerium 
des Innern (unter Schmerling) einberufen, woselbst er bis zum Jahre 1870 
verblieb. Während dieser Zeit war er fast durchgehends im Präsidialbureau 
des jeweiligen Ministers thätig. Hier wurde er im Juli 1859 zum Ministerial- 
concipisten und im Juni 1864 zum Minis terialsecretär ernannt. In der Folge- 
zeit war er zweimal — März 1868 bis Mai 1869 und December 1869 bis 
März 1870 — bei Belassung in der sonstigen Verwendung Schriftführer im 
Herrenhause des österreichischen Reichsrathes. Ende Februar 1870 verliess er 
das Ministerium des Innern, nachdem er schon vorher (im Januar 1869) zum 
Sectionsrathe ernannt worden war, und übernahm als Ministerialrath die Press- 
leitung im Ministerrathspräsidium. Er wurde jedoch schon im Beginne des 
April desselben Jahres in das Ministerium des Innern zurück versetzt und 
verblieb in dieser Stellung unter dem Ministerium Hohenwart bis zum Ende 
des Jahres 1871. Im December wurde er abermals zum Pressleiter und mit 
kaiserlicher Entschliessung im Mai 1872 zum Vorstande des Departements 
für Pressangelegenheiten im Ministerrathspräsidium ernannt. In dieser Stellung 
blieb E. während der ganzen Regierungsdauer des Ministeriums Auersperg 
und war des Ministerpräsidenten rechte Hand. Nach dem Rücktritte Auers- 
pergs nahm er einen längeren Urlaub, den einzigen, den er während seiner 
ganzen Dienstzeit genoss. Seit Juli 1879 gehörte er wieder dem Ministerium 
des Innern an. Als Graf Taaffe die Regierung übernahm, schien es, als ob 
er den bewährten Rathgeber seiner Vorgänger bei Seite setzen wollte. Allein 
bald überzeugte sich der Minister, dass E. thatsächlich ein unentbehrlicher 
Mitarbeiter geworden war. Er schenkte ihm denn auch sein vollstes Ver- 
trauen und stand auch in intimerem persönlichen Verkehr mit ihm. Von 
diesem Zeitpunkte an war E. nahezu ausschliesslich mit Agenden administra- 
tiver Natur beschäftigt. Zunächst blieb er auf seinem Posten als Ministerial- 
rath, dann (Juli 1882) wurde ihm Titel und Charakter eines Sectionschefs 
verliehen; im August 1885 erfolgte seine Ernennung zum wirklichen Sectionschef. 

Schon im Jahre 1887 wurde E. in den erblichen Freihermstand erhoben; 
nachträglich wurde ihm noch das Prädicat» von Rudtorffer« verliehen, der Familien- 
name seiner Gattin Alexandrine, der Tochter des k. k. Hauptmannes Eduard 
Ritter von Rudtorffer, mit welcher er sich im Jahre 1863 vermählt hatte. 
In seinem Gesuche um die Prädicatsverleihung stellte E. die »ergebenste und 
dringendste Bitte«, dass seinen Nachkommen, welche um die Bewilligung zur 
Ablegung des Familiennamens «Erb« einschreiten sollten, diese Bitte 
unter keinerlei Umständen gewährt werden möge. Er war auf diesen Namen 
nicht minder stolz wie auf seinen Wappenspruch : »Integritate et adsiduitate«. 
— Die Geheimraths würde wurde ihm im Januar 1893 verliehen. 

Auch unter den folgenden österreichischen Ministern war E.'s Stellung 
eine starke und gesicherte. Den grössten Einfluss hatte er unter Bacquehem. 
Seit Taaffe war er der eigentliche Leiter des Ministeriums des Innern in allen 
administrativen Angelegenheiten. Von den politischen Fragen hielt er sich 
jedoch stets und grundsätzlich fern. 

Mit dem Ministerium Badeni kam die Entlassung E.'s. Die Geschichte 
derselben reicht in das Jahr 1894 zurück und nahm einen, man könnte fast 
sagen, romantischen Verlauf. Ueber die Gründe derselben schreibt die 
»Montags-Revue« in Nummer 12 vom 21. März 1898: »Im Jahre 1893 brach 
in Russland die Cholera aus und drang über die Grenze nach Galizien. Sie 



VOD Erb. 



71 



erlosch im Winter, um jedoch im Jahre 1894 daselbst wieder mit verstärkter 
Gewalt aufzulodern, namentlich im östlichen Theiie des Landes. Die dort 
gamisonirenden Regimenter litten sehr und mussten dislocirt werden, die vor- 
bereiteten grossen Kavallerie-Manöver wurden sistirt. In demselben Jahre fand 
aber in Lemberg die Landesausstellung in Verbindung mit der Kosciuszko- 
Feier statt, die nach Wunsch des Statthalters möglichst glanzvoll verlaufen 
sollte, zumal für den Spätsommer der Besuch des Kaisers in Aussicht stand. 
Die anfänglich genauen und detaillirten amtlichen Bulletins über die Cholera 
wurden immer unklarer, dann hörten sie im Lande selbst ganz auf und nur 
die »Wiener Abendpost« brachte kärgliche Mittheilungen. Das Militärärar, 
so lebhaft interessirt, wurde unruhig, der Referent im Sanitätsdepartement, 
Hofrath Dr. von Kusy, begab sich persönlich nach Galizien, um ein genaues 
Bild der Situation zu gewinnen, wobei es ihm passirte, dass der ihn geleitende 
Landes-Sanitätsreferent auf dem Bahnhofe in Lemberg wieder umkehren musste, 
weil in der Hauptstadt selbst die Cholera ausgebrochen war. Die oberste 
Sanitätsbehörde im Ministerium des Innern mit ihrem Chef, dem Sectionschef 
Freiherm von E. war in steter Unruhe über das vom Statthalter anbefohlene 
Vertuschungssystem, denn ihm oblag die Wahrung der Ge.sundheit der Monar- 
chie und seines eigenen, europäischen Ansehens, vor Allem aber musste man 
eben wegen der geplanten Kaiserreise alle mögliche Vorsicht üben. Vielleicht 
erinnern sich unsere Leser noch, wie wir damals publicistisch eingriffen und 
geradezu unverschämte Insulten der officiösen »Presse«, die nichts als von 
Lemberg an das Ministerium eingeschickte Lügen und Ableugnungen waren, 
abzuwehren hatten. Dem Ministerium des Innern wurde die Sorge endlich 
allzugross und Freiherr von E. sandte ein geharnischtes Telegramm an den 
Statthalter Dr. Grafen Casimir Badeni, mit dem Auftrage, der vorgesetzten 
Behörde die volle Wahrheit zu sagen. Der allmächtige Graf, in seinem Lande 
der Pascha, gerieth ausser sich und schickte eine von Eigenliebe schäumende 
Antwort. Als der Kaiser in Begleitung des damaligen Ministers des Innern, 
Marquis Bacquehem, nach Lemberg kam, forderte der Statthalter seine Ent- 
lassung in Form eines Aut-aut. Er oder Baron E. Als der Minister nach 
Wien zurückkehrte, kam die Angelegenheit zwischen ihm und seinem Sections- 
chef zur Sprache, Baron E. reichte sein Pensionirungsgesuch ein. Aber Mar- 
quis Bacquehem war nicht der Mann, der seine beste Arbeitskraft so leicht ent- 
behren konnte, insbesondere auch, weil der geplante Ersatz nicht eintraf. Graf 
Badeni, dem indessen seine Macht doch besser gefallen und sogar die Aussicht 
auf sein Ministerpräsidium eröffnet worden sein mochte, blieb Statthalter und 
das Pensionsgesuch des Baron E. in der Lade des Ministers des Innern liegen, 
während der Restzeit der Coalition, unter dem kurzathmigen Ministerium 
Kielmansegg und auch unter dem Grafen Badeni. Baron E. wollte es aus leicht 
erklärlichen Gründen nicht zurückziehen, er klebte nicht an seinem Amte. 
Die Beziehungen zwischen dem Grafen Badeni und seinem ersten Sections- 
chef gestalteten sich anscheinend auffallend freundlich, so freundlich, dass 
Baron E. schon an die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens glaubte 
und sich mit verstärktem Eifer seiner aufreibenden Arbeit hingab. Plötzlich 
fuhr der Blitz nieder. Eines Tages trat Graf Badeni bei seinem Sectionschef 
ein, hielt ihm das ein Jahr alte Pensionsgesuch unter die Augen und theilte 
ihm mit, dass es angenommen sei ... . So fiel Baron E. So nahm Graf 
Badeni seine Revanche.« 

Aus seiner gewohnten regelmässigen und anstrengenden Arbeit heraus- 



tj2 von Erb. 

gerissen, fand E. keinen gleichwerthigen Ersatz für dieselbe. Die aufreibende 
Arbeit war ihm Bedürfniss geworden. Er stürzte sich in das politische Leben 
und wurde von der socialpolitischen Partei als Candidat für das Reichsraths- 
mandat im zweiten Wiener Gemeindebezirke Leopoldstadt aufgestellt. In Folge 
der Aussichtslosigkeit seiner Wahl, vielleicht auch aus anderen Gründen, zog 
er jedoch seine Bewerbung zurück. Nicht lange genoss Baron E. seinen Ruhe- 
stand. Seit seiner Pensionirung nahm seine körperliche und geistige Kraft 
ab. »Nicht dass er pensionirt wurde, brach ihn; er war ja schon sechzig 
Jahre alt, hatte seine Kinder versorgt und lebte in sehr guten Vermögens- 
verhältnissen, sondern die Art, wie er fiel, zerwühlte ihn, den Mann von einem 
Riesengeiste, vom klarsten Verstände, von stählernem Leib und unzerstörbarer 
Gesundheit.« — »Eine Genugthuung hatte er doch«, schrieb die »Montags- 
Revue«-, »er sah den Grafen Badeni so fallen, wie wir Alle es gesehen.« Eine 
Genugthuung für kleinliche Menschen! 

Anfangs März 1898 erkrankte E. an heftiger Bronchitis; eine acute Lungen- 
entzündung trat hinzu, und in den Morgenstunden des 19. März schied er 
aus dem Leben. E. war ein echt österreichischer Bureaukrat im besten Sinne 
des Wortes. Seine besondere Vertrautheit mit den so verschiedenartigen öster- 
reichischen Landesverhältnissen, seine umfassende Gesetzes- und Personal- 
kenntniss befähigten ihn in hervorragender Weise für seine Stellung, nicht 
minder auch seine Sprachenkenntnisse. Er beherrschte mehr oder weniger 
alle in der Monarchie gebräuchlichen Idiome, neben der deutschen, franzö- 
sischen und russischen auch die ungarische, italienische, czechische, polnische, 
ruthenische, slovakische, croatische, serbische und rumänische Sprache. 

Unter und seit dem Ministerium Taaffe leitete E. die österreichischen Volks- 
zählungen. Seine Hauptthätigkeit jedoch entfaltete er auf dem Gebiete des 
Sanitäts- und Veterinärwesens, welches er vom Grund auf reorganisirte. Grosses 
Verdienst erwarb er sich um das Zustandekommen der Sanitätsconventionen 
von Venedig und Dresden. Unterstützt von dem Fachreferenten, Ministerial- 
rath Sperk, traf er einschneidende Massnahmen zur rationellen Bekämpfung 
der Lungenseuche, unbekümmert um alle Zweifel und Einwendungen; der 
Erfolg rechtfertigte ihn in glänzender Weise. Er nahm auch die Fragen des 
Marktwesens und der Approvisionirung auf, um deren gedeihliche Entwickelung 
anzubahnen. 

Auch schriftstellerisch war E. thätig. Seine Brochüre über das Volks- 
zählungswesen enthält bemerk enswerthe Rathschläge. Seine beiden letzten 
Arbeiten erschienen in der »Montags-Revue«: »Kaiserjubiläum und Wahl- 
reform. Vom vorletzten Oesterreicher«. 

Als Mensch war E. von nicht besonders wohlwollender Natur; seine 
Weltanschauung und tiefe Menschenkenntniss haben ihm wohl einen etwas 
pessimistischen Zug verliehen. Er verband damit jedoch ein starres Festhalten 
an seinen bewährten Grundsätzen, nahm aber auch die Erfahrungen Anderer 
bei der Durchführung seiner Pläne auf. Die unbedingte Gerechtigkeit gegen 
Jedermann leitete ihn. 

Persönliche Mittheilungen. — Montags-Revue 21. März 1898. — Wiener Abend- 
post 19. März 1898. — Wiener Abendblatt 19. März 1898. — Approvisionieningszeitung 
21. März 1898. — Viehverkehrszeitung 21. März 1898. — Thierärztliches Centralblatt 
20. März 1898 u. A. m. — Porträt im Besitze der Familie. — Curriculum vitae und 
Adelsbriefe sammt Wappen im Adels-Archive des k. k. Ministeriums des Innern in Wien. 

Dr. Carl Huffnagl. 



Hendel. Prinzessin Katherine. »j^ 

Hendel, Otto, Buchhändler, * 14. September 1820 in Halle a. S., f da- 
selbst 13. December 1898. H. entstammte einer alten, seit Anfang des 
18. Jahrhunderts als Buchdrucker und Verlagsbuchhändler in Halle ansässigen 
Familie. — Das nach dem Tode seines Vaters mit 17 Jahren übernommene 
und wenig prosperirende Geschäft wusste er durch unermüdliche Thätigkeit 
und vorwiegend autodidaktisches Wissen allmählich zu heben, hauptsächlich 
durch Verbindung mit der Universität, für die er fast alles druckte. Den 
kleinen Verlag erweiterte er, Neuauflagen bearbeitete er selbst, schrieb auch 
ein Handbuch der Oelmalerei, die er selbst betrieb. Nachdem er zwei Jahre 
eine conservative Zeitung gedruckt hatte, gründete er 1867 den »Boten für 
für das Saalthal«, aus dem dann später die »Saale-Zeitung« hervorging. Noch 
1894 schuf er ausserdem den weitverbreiten »Halleschen Centralanzeiger«. 
Sein Hauptunternehmen aber war die bereits gegen 1300 Nummern um- 
fassende »Bibliothek der Gesammtlitteratur des In- und Auslandes«. Im pri- 
vaten und geschäftlichen Leben zeichneten H. spartanische Einfachheit, ener- 
gisches, arbeitsfreudiges, dabei in jeder Hinsicht humanes Wesen aus. Wenige 
Monate, nachdem er seine Schöpfungen anderen Händen käuflich überlassen 
hatte, wurde er vom Tode hinweggerafil. 

Börsenblatt f. d. dt. Buclihdl. 1898 Nr. 294 (mit Nachruf aus d. Saalezeitung), Hand- 
schriftliche Notizen v. Dr. Justus Hendel. H. £ Hissen. 

Prinzessin Katherine Friederike Charlotte von Württemberg, * Stutt- 
gart 24. August 1821, f Stuttgart 6. December 1898. Das älteste Kind 
König Wilhelms I. von Württemberg aus dessen dritter Ehe mit der Herzogin 
Pauline von Württemberg, genoss sie unter der treuen Obhut ihrer Mutter 
eine sorgsame Erziehung und vermählte sich am 20. November 1845 mit 
ihrem Vetter, dem Prinzen Friedrich von W^ürttemberg. Im sogenannten 
Prinzenbau am Schillerplatz in Stuttgart verbrachte die Prinzessin fortan ihr 
Dasein, nahe der Königlichen Residenz, näher noch dem Wittwenpalast ihrer 
Mutter, mit der sie stets die innigste Herzens- und Lebensgemeinschaft hielt, 
deren Sommeraufenthalte sie theilte, deren Reisebegleiterin sie war. Am 
25. Februar 1848 gab sie einem Sohne das Leben, der auf den Namen 
seines königlichen Grossvaters getauft ward: dem jetzt regierenden König 
Wilhelm IL von Württemberg. Der Gemahl der Prinzessin, Prinz Friedrich, 
war ein tüchtiger Officier, der 1865 zum General der Cavallerie emporstieg 
und bei der Neuorganisation der württembergischen Armee zum Korps- 
commandeur ernannt wurde. Bald nach dieser Beförderung stürzte auf einer 
Jagdfahrt sein Wagen um, ein Glassplitter des Fensters verursachte eine 
leichte Verletzung im Gesicht, die, anfangs wenig beachtet, den Grund zu 
den langwierigen Leiden gelegt haben soll, denen seine kräftige Natur am 
9. Mai 1870 erlag. Die Gattin hatte ihm die liebevollste Pflege gewidmet. 
Am 10. März 1873 wurde ihr auch die theuere Mutter durch den Tod ent- 
rissen. Immer stiller gestaltete sich nun ihr Leben, das fast ganz in der Sorge 
für den einzigen Sohn und dessen Familie aufging. Im Sommer pflegte sie 
für einige Monate die Residenz zu verlassen, um an den Ufern des Boden- 
sees in dem von ihrer Mutter ererbten Landhaus Seefeld bei Rorschach Hof 
zu halten. Das letzte frohe Ereigniss ihres Lebens war die Vermählung ihres 
einzigen Enkelkindes, der Prinzessin Pauline von Württemberg, mit dem Erb- 
prinzen zu Wied. Ende November 1898 erkrankte Prinzessin Katherine in 
Folge Erkältung an Bronchitis, die bald eine bedrohliche Wendung nahm. 



74 



Prinzessin Katherine. 



Im Laufe des 5. December stellten sich Herzschwächen ein, und in der fol- 
genden Nacht entschlummerte die hohe Kranke um 2*/, Uhr sanft. Ihre 
Schwiegertochter, die Königin Charlotte von Württemberg, hatte ihr bis zum 
letzten Athemzuge die sorgsamste Pflege angedeihen lassen. Drei Tage vor- 
her war ihre allein noch übrig gebliebene Sch>vester, die Prinzessin Auguste 
von Sachsen-Weimar in Stuttgart, heimgegangen, und sie hatte deren Ab- 
scheiden noch mit tiefem Schmerz erfahren. Die Leiche der Prinzessin Ka- 
therine wurde am 9. December von Stuttgart nach Ludwigsburg übergeführt 
und in der dortigen Familiengruft an der Seite des Prinzen Friedrich und der 
Königin Pauline beigesetzt. 

Prinzessin Katherine erfreute sich nicht nur als Mutter des Königs, 
sondern auch als eine Frau von edlen Charaktereigenschaften und Wohlthäterin 
der Armen allgemeiner Hochachtung im ganzen Lande, obgleich sie bei mehr 
zurückhaltendem Wesen die Gabe, sich in den Vordergrund zu stellen und 
auf diese Weise oberflächliche Popularität zu erhaschen, nicht besass. Um 
so innigere Gefühle der Verehrung und Liebe weckte sie bei Allen, die ihr 
näher treten durften. Sie hat ihr Glück zeitlebens im trauten Familienleben 
gesucht und gefunden, hat mit den Ihrigen irdisches Leid und Freud redlich 
getheill. Hierin hatte sie ganz dieselben Neigungen wie ihre Mutter, ihr 
Engel, wie sie zu sagen pflegte. Ueberhaupt schwebte ihr diese edle Frau, 
an deren Andenken sie mit rührender Pietät hing, in allen Stücken als Vor- 
bild vor Augen. Nach dem Beispiel der Königin Pauline war sie eine 
fromme Christin, eine strenggläubige Protestantin von Jugend auf. Als Be- 
schützerin zahlreicher Wohlthätigkeits-Anstalten und Vereine trat sie in die 
Fusstapfen jener. Doch entsprach es mehr noch ihrem Geschmack, im Stillen 
Gutes zu wirken und die Thränen der Armen zu trocknen. Sie umfasste das 
ganze Württemberger Land und Volk mit warmer Liebe. Ein stark aus- 
geprägtes dynastisches Gefühl eignete ihr. Sie hielt etwas auf ihre fürstliche 
Würde und wahrte die alten Traditionen ihres Standes auch in Handhabung 
der Etiquette, die für sie nicht bloss äussere, sondern auch innere Bedeutung 
besass. Nicht minder hoch stand ihr die weibliche Würde. Sie strebte nie- 
mals über die Sphäre der Frau hinaus und vermied, auch nachdem ihr Sohn 
den Thron bestiegen hatte, mit feinem Takt Alles, was als Beeinflussung ge- 
deutet werden konnte. Es gab wohl Leute, die ihren Geist darum unter- 
schätzten, weil ihr die Lust am Intriguenspiel völlig fern lag. Ehrlichkeit 
und Wahrhaftigkeit stellte sie über jede andere Rücksicht. Bei aller Herzens- 
güte hatte sie viel Charakter. Entschieden in ihren Sympathien und Anti- 
pathien, hielt sie an den Ansichten, die sich bei ihr gebildet hatten, mit 
Zähigkeit fest. Sie brachte es nicht über sich, ihre Gesinnungen zu verbergen, 
und zog sich durch ihre Offenheit in Hof kreisen manche Feindschaft zu. 
Sie wusste eben Nichts von Menschenfurcht. Und wem sie einmal ihre Liebe 
geschenkt, ihre Huld zugewandt hatte, der konnte sich versichert halten, dass 
dies für alle Zeiten gelte, konnte auch auf die thatsächlichen Beweise ihres 
Wohlwollens, ihrer Anhänglichkeit zählen. So darf man ohne Uebertreibung 
sagen, dass in ihrem schlichten und vornehmen Wesen der alte Wahlspruch 
ihres Hauses »Furchtlos und treu!<: seine Verkörperung gefunden hat. 

Schwäbische Kronik vom 6. — 10. December 1898, Staats -Anzeiger für Württemberg 
vom 6. December 1898, (Stuttgarter) Neues Tagblatt vom selben Tag (Unterhaltungs- 
beilage, mit Bild), Blätter für das Armenwesen 1898 No. 52, Schwabenland 1898 No. 24 
(mit Bild), Daheim 1899 No. 14 (Beilage). Rudolf Krauss. 



Curti. 75 

Curti, FranZy Componist, * i6. November 1854 in Cassel, f 6. Februar 
1898 in Dresden. Seine Jugendzeit verlebte C. in seiner schweizerischen 
Heiraath, der schön gelegenen St. Gallischen »Rosenstadt«, Rapperswyl am 
Ufer des Zürchersees, wo sein Vater, der spätere Hofopernsänger Anton C. 
den Knaben bei dessen Onkel, dem musikbegeisterten Sanitätsrath Alexander C. 
unterbrachte. Den festen Grund zu seiner musikalischen Ausbildung legten 
die Musikdirectoren Karl Attenhofer, der allbekannte Männerchor- 
Componist, und G. Surläuly, die den von Kindheit an mit Leib und Seele der 
Kunst der Töne Ergebenen im Klavier- und Geigenspiel unterrichteten, aber 
auch seine schöne Stimme entdeckten und so erfolgreich cultivirten, dass 
Franz C. Vorsänger in Schule und Kirche wurde und sogar vielfache Ver- 
wendung als Solist in Concerten fand. Zu Freiburg, im Uechtland, machte 
C. das Gymnasium durch und nahm daneben Orgelstunden bei dem treff- 
lichen Virtuosen auf diesem Instrument Prof. Voigt. Nach dem 1871 er- 
folgten Tod des Rapperswyler Onkels bezogen Franzens Eltern das Heim 
des Verstorbenen, während er selbst nach St. Gallen übersiedelte, um hier 
seine Gymnasialstudien zu vollenden. Antänglich gedachte er Augenarzt zu 
werden, gewann indess als Hospitant im Operationszimmer des berühmten 
Zahnarztes Dr. Locher grössere Neigung für diesen Zweig medicinischer 
Thätigkeit und lernte durch den Genannten, der eifriges Mitglied des Comit^s 
für das St. Gallen -Stadttheater war, auch die Bühne näher kennen. Nach- 
dem ihm ein längerer Aufenhalt in San Remo Genesung von einem Lungen- 
leiden gebracht, bezog C. die Universität Berlin und studirte daselbst haupt- 
sächlich Anatomie. Die Absicht, sich nach Amerika zu begeben und dort 
in der zahnärztlichen Kunst zu vervollkommnen, vereitelte ein neuer Krank- 
heitsanfall, der ihn zwang, in Hivre das Schiff zu verlassen. Von hier kam 
er nach Paris und an die Universität nach Genf, wo er seine Berufsstudien 
abschloss. Nach wohlbestandenem Staatsexamen Hess sich der junge Zahn- 
arzt in Dresden nieder, wohin inzwischen die Eltern ihren Wohnsitz verlegt 
hatten. Hier trat C.'s Vorliebe für die Musik immer mehr hervor, so dass 
sein ferneres Leben den eigenartigsten Dualismus zeigt. Ein Vokal-Quartett 
>Wenn ich war der Mondenschein«, das während seiner ersten Dresdener 
Zeit als Op. 2 erschien, gefiel so sehr, dass der Autor sich an Edmund 
Kretschmer, den Componisten der »Folkunger« wandte, um sein Theorie- 
schüler zu werden. Mit Feuereifer studirte er unter dem Genannten Har- 
monielehre und Kontrapunkt, und schrieb zugleich eine !^eihe von Quartetten 
und Liedern, welch' letztere sein Freund, der berühmte Tenor Emil Götze, 
überall mit glänzendem Erfolg sang. Bald schlössen sich kleinere und 
grössere Männerchöre an, wie Op. 8 »Zwiefacher Frühling«, dessen Vortrag 
der Bochumer »Eintracht« beim Gesangswettstreit zu Essen 1885 als I. Preis 
die goldene Kaisermedaille eintrug. Anfangs der 80 er Jahre hatte C. seinen 
eigenen Hausstand gegründet, indem er sich mit Frl. Eugenie von Bötticher 
vermählte und in der trefflichen Gattin das höchste Glück seines Lebens fand. 
Eine Freundin derselben, Frl. Marg. Wittich, schrieb ihm nach einer 
Schweizersage den Text zu dem Tonwerk »die Gletscherjungfrau« und 
lieferte dem Componisten auch das Libretto zu seiner ersten Oper »Hertha«, 
die am 9. Jan. 1887 zu Coburg ihre Premiere erlebte und einen so grossen 
Beifall errang, dass der kunstsinnige Herzog Ernst, dem das Werk gewidmet 
ist, den Tondichter durch Verleihung der goldenen Verdienstmedaille für 
Kunst und Wissenschaft auszeichnete. Inzwischen hatte C. seme Kenntnisse 



n6 Curti. Lempertz. 

in der Compositionstechnik bei dem Dresdener Theoretiker Schulz-Beuthen 
vervollkommnet, und verschiedene neue Schöpfungen waren die Frucht dieser 
Studien, so eine noch nicht publicirte Symphonie und die reizvolle Musik zu 
Schillers »Semele.« Die Oper »Reinhardt von Ufenau«, die 1889 über die 
Bühne des Zürcher Stadttheaters ging, scheiterte an dem mangelhaften Text, 
während ihre Melodik und Instrumentation volle Anerkennung fanden. 1890 
schrieb C. eine stimmungsvolle Musik zu Wolfgang Kirchbachs Bühnen- 
märchen »Die letzten Menschen«, und zu Holger Drachmanns »Schwan- 
fried«, deren Hauptstücke der Autor später zu einer beliebten Orchestersuite 
vereinigte. Die folgenden Jahre zeigten eine Anzahl Männerchor-Composi- 
tionen, so den Chor »Im Sturm«, die beiden Schweizerlieder »St. Jakob« und 
»S' ist net lang«, die zwei »Männerchöre im Volkston« Op. 37, und vor 
Allem das dramatische Tonwerk »Die Schlacht« für Männerstimmen und 
Orchester, worin die poetischen Bilder, die das Schiller'sche Gedicht ent- 
rollt, eine höchst charakteristische Darstellung gefunden haben. Dies gilt 
übrigens auch von den in C.'s letztem Lebensjahr entstandenen Preischören 
»Hoch empor« und »Den Todten vom Iltis«, deren Aufführung durch den 
Dresdener Lehrer-Gesangverein Anfangs 1898 das Publikum begeisterte. 
Eine sehr gute Aufnahme fand Curti's dramatischer Einakter »Erlöst«, der 
Frühjahr 1895 im Mannheimer Hoftheater aus der Taufe gehoben wurde, 
und einen noch glücklicheren Wurf that der Autor mit dem anmuthigen 
Capriccio »Lilitsee« (Text von Wolfg. Kirchbach), das 1896 in Mannheim, 
Frankfurt, Dresden etc. aufgeführt wurde und sich seitdem auch die Opern- 
Bühnen der Neuen Welt erobert hat. Wie C. seiner geliebten Heimath 
schon in der 1892 entstandenen Orchestersuite »die Schweiz« eine sinnige 
künstlerische Huldigung dargebracht hatte, so sollte sein letztes und be- 
deutendstes Bühnenwerk dem Vaterlande geweiht sein, wir meinen das »Rösli 
vom Säntis«, das der Componist ausdrücklich als »Schweizer -Oper« be- 
zeichnet hat und zu dem er sich selbst in edler Sprache den Text schrieb. 
Obwohl es sich um Empfindungen subjectiver Natur, um das Schicksal der 
Hirtentochter Rösli und ihres Verlobten, des armen Bauernburschen Franz 
handelt, geht ein hochdramatischer und ausgeprägt idealistischer Zug durch 
die ganze Oper. Die Erstaufführung des Werkes im Zürcher Stadttheater 
vom II. Februar 1898 gestaltete sich zu einer wehmüthigen aber zugleich 
auch erhebenden Erinnerungsfeier für den Componisten, den eine Rippenfell- 
entzündung 5 Tage vorher dahingerafft hatte. »Als Künstler und Mensch, 
schrieb des Heimgegangenen Freund, der Musikkritiker Friedrich Brandes im 
»Dresdener Anzeiger«, — war F. C. Aristokrat. Seiner vornehmen Gesinnung 
widerstrebte es, sich irgendwie vorzudrängen. Wer ihm aber näher treten 
durfte, der hing mit inniger Liebe an diesem Manne mit dem sonnigen 
Gemüth, aus dem das Genie die Bescheidenheit nie hat verdrängen können. c. 

A. Niggli. 

Lempertz, Heinrich Kaspar Joseph, Buchhändler und Antiquar (Buch- 
und Kunsthandlung J. M. Heberle), Bibliograph und Sammler, * am 2. October 
181 6 in Köln a. Rh., f daselbst am 7. Februar 1898. Vierzehnjährig trat 
L., nachdem er einige Gymnasialklassen besucht hatte, im Herbst des Jahres 
1830 in die von J. M. Heberle 1802 in Köln gegründete Druckerei ein, mit 
welcher Antiquariat und Auctions-Anstalt verbunden war. Sein Lehrherr wurde 
sein väterlicher Freund und von ihm übernahm L. nach dem Tode desselben 



Lempertz. y *j 

(gestorben 8. März 1840), zunächst gemeinsam mit dessen Schwiegersohn 
Wilhelm Osterwald, die Firma. Am 19. März 1842 verheirathete sich L. mit 
Emilie Friederike Heussner und wurde bald darauf alleiniger Leiter des 
(Geschäfts. 1845 gründete er das heute noch bestehende Lempertz'sche Anti- 
quariat in Bonn als Filiale, welches er 1854 seinem Bruder Mathias überliess. 
Auch in Brüssel errichtete er 184g ein Zweiggeschäft, welches aber nicht 
lange bestanden hat. Grosse Bücher-Auctionen und vortrefflich ausgearbeitete 
Cataloge verschafften L. bald einen geachteten Namen unter den Antiquaren. 
Auf dem Kunstmarkte hat er durch seine bedeutenden Kunst-Auctionen 
geradezu bahnbrechend gewirkt und den Weltruf der Firma Heberle begründet^ 
den dieselbe sich bis heute zu erhalten gewusst hat. Der Leiter des grossen 
Kunst- und Bücher-Antiquariats wurde ein Kenner, zugleich auch ein Sammler 
ersten Ranges. Die Sammlungen, welche L. in seinem langen, arbeitsamen 
Leben zusammengebracht hat, umfassen fast alle Gebiete der Künste und 
Wissenschaften, und werden in ihrer Eigenart von einem Privatmanne wohl 
kaum jemals wieder erreicht werden. Laut testamentarischer Bestimmung 
kommen dieselben unter den Hammer, ausführliche Cataloge über die einzelnen 
Gruppen ermöglichen aber der Nachwelt, sich wenigstens einen Ueberblick 
über die hervorragende Sammelthätigkeit L.'s zu verschaffen. — Der viel be- 
schäftigte Antiquar hat auch noch Zeit und Müsse zu litterarischer Thätigkeit 
gefunden. Schon in jungen Jahren veröffentlichte L. in den drei ersten Bei- 
blättern der Kölnischen Zeitung vom Jahre 1836 eine Abhandlung »Ueber 
die erste, zu Köln gedruckte deutsche Bibel«. Practische Versuche, die er 
in der Xylographie machte, führten zwei Jahre später bei Gelegenheit der 
Kunstausstellung des Gewerbevereins zur Herausgabe der »Bibliographischen 
und xyl ©graphischen Versuche«, Heft i, welches auf dem Umschlage auch 
den Titel fuhrt: »Sechs Blätter Insignien berühmter Druckereien des ersten 
typographischen Jahrhunderts ... in Holz nachgebildet und nebst anderen 
Beiträgen zur Geschichte der Typographie und Xylographie, herausgegeben 
von Heinrich Lempertz«. Im folgenden Jahre erschien eine neue, durch die 
schon erwähnte Abhandlung über die Kölner Bilderbibel vermehrte Auflage 
unter dem Titel : »Beiträge zur älteren Geschichte der Buchdruck- und 
Holzschneidekunst«. Das angekündigte zweite Heft ist nicht erschienen. L.'s 
bedeutendstes Werk sind »Bilderhefte zur Geschichte des Buchhandels und 
der mit demselben verwandten Künste und Gewerbe« (1853 — 1865). Sie 
bilden eine illustrirte Geschichte des Buchdrucks und Buchhandels und um- 
fassen 65 Tafeln mit 280 Abbildungen in Kupferstich, Lithographie, Farben- 
druck und Holzschnitt. Der kurze beigegebene Text ist mit grosser Sorgfalt 
und Genauigkeit bearbeitet. Im Jahre 1891 erschien unter dem Titel: 
»Beiträge zur Geschichte des Leinenpapiers« eine Mappe mit Wasserzeichen- 
proben. Dieser Festgabe für den historischen Verein für den Niederrhein Hess 
L. bei Gelegenheit der Jahresversammlung des Hansischen Geschichtsvereins 
in Köln 1894 eine andere ähnliche folgen: »Geschichte, Papierstudien, Wasser- 
zeichen«. — Auch der L.'sche Verlag war bedeutend. Er enthält die zahl- 
reichen Arbeiten von Anton Fahne, die zum Theil in theuren Prachtausgaben 
erschienen sind, femer die Werke von E. F. von Mering, Bianco, Merlo, und 
zahlreichen anderen, vornehmlich rheinischen und kölnischen Gelehrten. Im 
Jahre 1872 hat sich L. vom Geschäfte zurückgezogen. Er war Ehrenmitglied 
des historischen Vereins für den Niederrhein, des Centralvereins für das ge- 
sammte deutsche Buchgewerbe und des Ex -libris -Vereins. Von Friedrich 



^8 Lempertz. Bühler Georg. 

Wilhelm IV. erhielt er im Jahre 1850 mit einem »seine Bestrebungen, durch 
Schriften ernsteren Inhalts dem so verderblichen Missbrauch der Presse ent- 
gegenzuwirken« anerkennenden Schreiben die grosse goldene Medaille für 
Kunst und Wissenschaft, und vom Fürsten Anton von Hohenzollem wurde 
ihm die goldene Verdienstmedaille (bene merenti) verliehen. 

Chrysostoxnus, Super psalmo quinquagesimo über prinius. Nachbildang der ersten 
Kölner Ausgabe des Ulrich Zell vom Jahre MCCCCLXVI. Herausgegeben von der Stadt- 
bibliothek in Köln. Köln 1896. (H. Lempertz gewidmet.) — Kölnische Zeitung vom 
II. Februar 1898. — Heinrich Lempertz. Ein Lebensbild von G. Hölscher. Sonder-Abdr. 
aus dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1898 Nr. 57/58. — Die Lcmpertz'schen 
Sammlungen: Kölner Tageblatt vom 26. November 1898. 

Otto Zaretzky. 



Bühler, Johann Georg, Universitäts-Professor der altindischen Philologie 
und Alterthumskunde in Wien, ♦19. Juli 1837 zu Borstel bei Nienburg a. d. W. 
in Hannover, f 8. April 1898, bei einer von Lindau aus unternommenen 
Kahnfahrt im Bodensee verunglückt. — B. war (wie Professor Kaegi mit 
Recht bemerkt hat) nicht nur »ein hervorragender Sanskritist«, »er war viel- 
mehr seit Jahren der unbestrittene Leiter der indischen Philologie, derjenige 
Gelehrte, der zur Zeit als Mittelpunkt aller ihr gewidmeten Forschungen 
dastand.« »Wenn irgend einer, so kann B. zu den Unersetzlichen gerechnet 
werden«, schrieb Albrecht Weber, der Nestor der deutschen Indologen. — 
B. besuchte das Gymnasium zu Hannover, wo er durch die Philologen 
H. L. Ahrens und Raphael Kühner vielfach angeregt wurde. Ostern 1855 
bezog er die Universität Göttingen, um klassische Philologie und orientalische 
Alterthumswissenschaft zu studiren. Zu seinen Lehrern zählten Hermann Sauppe, 
Ernst Curtius, Heinrich Ewald und insbesondere Theodor Benfey. Die ersten 
Arbeiten B.'s bewegten sich noch auf dem Gebiete dieses Lehrers und Meisters, 
der Sprachvergleichung und der vedischen Mythologie. Sie erschienen in der 
von Benfey herausgegebenen Zeitschrift »Orient und Occident« (1862 und 
1864), so ein Aufsatz über den Gott Parjanya, ein Artikel über 6s6c u. A. 
Doch bald regte sich in ihm die Begeisterung für die Sanskritforschung als 
eine unabhängige Wissenschaft. Um Anknüpfungspunkte für Indien zu finden, 
ging er, nachdem er 1858 zu Gottingen promovirt hatte, im Jahre 1859 nach 
England. Drei Jahre verbrachte er in England mit Studien an den Bibliotheken 
zu Oxford und London, trat zum ersten Male in Beziehungen zu Professor 
Max Müller, mit welchem er bis an sein Lebensende eng befreundet blieb, 
und verkehrte auch viel mit dem genialen, allzu früh verstorbenen Sanskritisten 
Theodor Goldstücker. Eine Zeit lang bekleidete er die Stelle eines Bibliothekars 
an der königlichen Bibliothek zu Windsor. Er kehrte dann zu kurzem Aufenthalt 
nach Göttingen zurück, wo er eine Zeit lang an der Bibliothek angestellt 
war, bis sich ihm die langersehnte Aussicht auf einen Posten in Indien zu 
bieten schien. Er ging sofort ab, um — in Bombay angelangt, zu finden, 
dass die angebliche Stelle gar nicht frei war. Glücklicherweise brauchte man 
damals fortwährend Europäer für das Unterrichtswesen. Sir Alexander Grant, 
der Vorsteher des Elphinstone College in Bombay, setzte es bald durch, dass 
B. als Professor der orientalischen Sprachen an dem College angestellt 
wurde. Im Februar 1863 begann seine ausserordentlich fruchtbare Thätigkeit 
an dieser Anstalt. Unermüdlich arbeitete er nun daran, die Eingeborenen 
mit europäischen Methoden und europäischer Wissenschaft vertraut zu machen. 



Buhler Georg. yo 

verkannte aber nie den hohen Werth, welchen das von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert vererbte traditionelle Wissen der eingeborenen Gelehrten für den 
Fortschritt des Sanskritstudiums sowohl in Europa als in Indien haben könne. 
Sein Streben war es, das Gute der klassischen europäischen Erziehung mit 
dem Guten der traditionellen indischen Lehrmethode zu vereinigen. Im 
Verein mit Kielhom gab B. seit 1866 die »Bombay Sanskrit Serie s<c 
heraus — eine Serie von ausgezeichneten Textausgaben, welche, obwohl 
zunächst für indische Hochschulen bestimmt, für das Studium des Sankrit in 
Europa von der grössten Wichtigkeit geworden ist. B. selbst betheiligte sich 
an der Herausgabe von Texten in dieser Serie durch vorzügliche Ausgaben 
des Pantschatantra und anderer >\ichtiger Texte. 

Auch in seiner Eigenschaft als Inspektor für das Erziehungswesen 
i' Exiucational Inspector«) in der nördlichen Abtheilung der Bombay Presidency 
hat sich B. (seit 1869) um das Erziehungswesen in Indien ausserordentlich 
verdient gemacht. Er hatte in dieser Eigenschaft Hunderte von Schulen zu 
verwalten, zu examiniren und Berichte über das Schulwesen, über Prüfungs- 
resultate u. s. w. an die Regierung zu senden. Viele dieser Berichte sind 
in den »Reports of the Department of Public Instruction in the Bombay 
Presidency« abgedruckt, und sie legen davon Zeugniss ab, mit welchem Feuer- 
eifer sich B. die Hebung des Schulwesens in dem ihm anvertrauten Gebiet 
(von ca. 55 000 engl. Quadratmeilen) angelegen sein liess. 

Im Jahre 1866 begannen die grossen und wichtigen Reisen B.'s zur 
Durchforschung der indischen Bibliotheken, und Jahre lang war nun B. in 
dieser Richtung mit ausserordentlichem Erfolg thätig. So hatte man vor B. 
nur die nothdürftigste Kenntniss von der hochwichtigen Litteratur der 
Dschainas. Die Durchforschung der »Schatzhäuser der Göttin der Rede« 
(wie die Dschainas ihre Bibliotheken nennen) ist von B. erst angebahnt und 
energisch fortgeführt worden. Die im Jahre 1874 von B. durchforschte 
Bibliothek von Dschesalmir war die erste Dschaina- Bibliothek, die einem 
Europäer zur Durchsuchung geöffnet wurde. Diesem Umstände ist es zu 
danken, dass wir jetzt über die Geschichte und das religiöse System dieser 
Secte, über die man bis dahin nur die spärlichsten Nachrichten besass, 
ziemlich eingehend unterrichtet sind. 

Die Resultate dieser unermüdlichen Thätigkeit B.'s sind in zahlreichen 
officiellen Berichten an die Regierung und Katalogen von Handschriften 
niedergelegt, so namentlich in dem 1871 — 73 erschienenen »Catalogue of 
Sanskrit MSS. contained in the private libraries of Gujarät, Käthiäväd, 
Kachchh, Sind and Khändes«. Ihren Höhepunkt aber erreichten alle diese 
Forschungen in dem berühmten Bericht B.'s über seine Reisen in Kaschmir, 
Radschputana und Zentralindien. (»Detailed Report of a Tour in Search of 
Sanskrit Manuscripts in Kasmir, Rajputäna and Central India«, Bombay 1877.) 
Dieser Reisebericht enthält die Ankündigung von einer Unmasse neuge- 
fundener Schriften aus allen Litteraturkreisen, von denen man bisher nur die 
Namen gekannt, und viele, von denen man nicht einmal die Namen wusste. 
B. war indessen nicht nur ein glücklicher Finder und eifriger Sammler von 
Handschriften, sondern auch der Eifrigsten einer in der Verwerthung seiner 
Funde. Nie verlor er das eine grosse Ziel aus den Augen, das Dunkel der 
altindischen Geschichte zu erhellen und das Chaos der altindischen Litteratur- 
geschichte zu entwirren. 

Mit der sogenannten »inneren Chronologie«, die auf Vergleichung des 



8{) Bühler Georg. 

Inhalts der verschiedenen Litteratur werke gegründet ist und auf diese Weise 
eine Art chronologische Folge der Werke festzustellen sucht, wobei doch 
allzuviel auf subjectives Ermessen ankommt, konnte sich Bühler nie zufrieden 
gehen. Ks lag in seiner durchaus praktisch angelegten Natur, dass er ein 
gesichertes Datum einem Band voll Spekulationen vorzog. Woher waren 
aber diese Daten zu gewinnen? Wenn nicht aus Werken der Litteratur, so 
(loch aus Monumenten von Stein und Metall. Dies hatte B. bald erkannt 
und mit dem ihm eigenen Enthusiasmus warf er sich auf die Erforschung, 
Entzifferung, Erklärung und historisch-geographische Verwerthung von In- 
.Schriften, Diesen Forschungen, deren Resultate in zahlreichen Abhandlungen 
des »Indian Antiquary«, der »Epigraphia Indica« und anderer orientalischer 
Zeitschriften niedergelegt sind, verdanken wir wichtige Zeitbestimmungen über 
hervorragende indische Schriftsteller und Litteraturwerke, und sie gestatten 
uns auch einen Einblick in die Geschichte von ganzen Litteraturgattungen 
und Keligionssystemen. In seiner epochemachenden Abhandlung über »die 
indischen Inschriften und das Alter der indischen Kunstpoesie« (^Sitzungs- 
berichte der Wiener Akademie, 1890) hat B. an einem Beispiele gezeigt, 
welche reichen Aufschlüsse sich über die Geschichte der klassischen Sanskrit- 
litteratur aus den Inschriften gewinnen lassen. 

Aber nicht nur auf dem Gebiete der classischen Sanskriüitteratur haben 
die epigraphischen Untersuchungen B.'s zu neuen und wichtigen Resultaten 
geführt, sondern auch auf dem der indischen Religionsgeschichte. Ihm gelang 
es, durch unwiderlegliche inschriftliche Zeugnisse den Nachweis zu liefern, 
dass die Secte der Dschainas eine vom Buddhismus unabhängige, mit dem- 
selben gleichzeitige Secte war, und dass beide Secten in derselben Gegend 
von Indien entstanden sind. Die Ergebnisse von B.'s Untersuchungen, welche 
in einer Reihe von Artikeln »On the authenticity of the Jaina tradition« (in 
der »Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes«, 1887 — 90) nieder- 
gelegt sind, wurden durch weitere Untersuchungen Jacobis und Leumanns voll- 
auf bestätigt. In seiner bedeutenden Abhandlung »Ueber das Leben des Jaina- 
Mönchs Hemachandra« (Denkschriften der Wiener Akademie, 1889) hat uns 
B. das Leben eines berühmten Dschaina-Mönchs geschildert, der in den welt- 
lichen Wissenschaften, besonders als Grammatiker und Lexicograph, eine ausser- 
ordentliche Thätigkeit entfaltete. Schon vorher hatte er in seinem in der 
feierlichen Sitzung der k. Akademie der Wissenschaften zu Wien (am 
26. Mai 1887) gehaltenen Vortrag »Ueber die indische Secte der Jaina« eine 
lichtvolle und populäre Darstellung der Dschaina-Religion und der historischen 
Bedeutung der Dschaina-Secte gegeben. 

Aber diese grundlegenden und bahnbrechenden Untersuchungen, zu 
welchen B. die Erforschung der Inschriften führte, fielen doch nur sozusagen 
nebenbei ab. Sein Hauptaugenmerk war immer auf die politische Geschichte 
gerichtet. Zahlreiche epigraphische und historische Untersuchungen (im 
»Indian Antiquary«, in der »Epigraphia Indica«, in der »Wiener Zeitschrift 
für die Kunde des Morgenlandes«, in der »Zeitschrift der deutschen morgen- 
ländischen Gesellschaft«, in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie und 
in einzelnen Bänden des »Archaeological Survey of India«) legen davon Zeug- 
niss ab. Namentlich hat er sich um die Erforschung und Erklärung der 
berühmten Inschriften des Königs Asoka die grössten Verdienste er- 
worben. 

Nicht minder wichtig als die Inschriften waren ihm die spärlichen, aber 



Bühlcr Georg. 8l ' 

um so werthvoUeren historischen Werke der Inder, sowie die Berichte der 
chinesischen und arabischen Reisenden über Indien. Ihm verdanken wir die 
Entdeckung und Herausgabe der von dem Dschaina Bilhana verfassten Chronik 
Vikramänkadevatscharita, sowie wichtige Untersuchungen über die Chronik 
der Könige von Kaschmir (Räjatarangini) und über Albenlnis Indica. 

Seine genaue Bekanntschaft und langjährige Beschäftigung mit Hand- 
schriften und Inschriften machten B. zu einer Autorität ersten Ranges fiir alle 
Fragen der Paläographie, und wir verdanken ihm gerade in letzterer Zeit 
wichtige Beiträge zur Geschichte der indischen Schrift. Vor drei Jahren er- 
schien seine Abhandlung »On the Origin of the Indian Brahma Alphabet« 
(Indian Studies Nr. III, Sitzungsberichte der Wiener Akademie 1895), ^^^ 
welcher unmittelbar nach seinem Tode eine zweite, noch von ihm selbst um- 
gearbeitete Auflage erschienen ist, und vor zwei Jahren erschien das grund- 
legende Werk »Indische Paläographie«. 

So giebt es kaum ein Gebiet der indischen Philologie und Alterthums- 
forschung, auf dem B. nicht neue Wege gewiesen, auf das er nicht neues 
und unerwartetes Licht geworfen — und viele Gebiete sind überhaupt von 
ihm zum ersten Mal fiir die Wissenschaft erschlossen worden. Wenngleich er 
sich mehr mit der classischen Litteratur als mit dem Veda beschäftigte, so 
interessirte er 'sich doch lebhaft für alle vedischen Fragen. Für den Athar- 
vaveda und den Yadschurveda verdanken wir B. wichtige handschriftliche 
Funde. Vor Allem aber interessirte ihn — und hierin zeigt er sich wieder 
als Historiker — die Geschichte der vedischen Schulen, und er gab nie die 
Hoflhung auf, dass sich mit Hülfe der Inschriften auch über die Entstehung und 
das Alter des Veda Licht gewinnen lassen werde. Diese Fragen erörterte B. öfters 
im Zusammenhang mit seinen bahnbrechenden Forschungen über die indische 
Rechtslitteratur. Schonim Jahre 1867 schrieb er die bedeutende Einleitung »Sources 
of the Hindu Law«, welche einen Ueberblick über die gesammte indische Rechts- 
litteratur enthält, zu dem von Sir Raymond West herausgegebenen »Digest 
of the Hindu Law of Inheritance, Partition and Adoption« (im Jahre 1884 
in dritter Auflage erschienen). Bald darauf (1868 und 1871) erschien die 
Ausgabe eines der ältesten indischen Gesetzbücher, ^ie »Aphorisms on the 
Sacred Laws of the Hindus, by Apastamba« (1892 bis 1894 in zweiter Auf- 
lage), das erste Werk der Art, welches kritisch herausgegeben wurde. Für 
die von Max Müller herausgegebenen »Sacred Books of the East» Übersetzte 
er die ältesten und wichtigsten Gesetzbücher, zunächst in den 1879 ^"^ 1882 
erschienenen Bänden »The Sacred Laws of the Aryas« (Band II und XIV 
der Serie; von Band II erschien 1897 die zweite Auflage). Die Ueber- 
setzungen sind zumeist nach von B. selbst entdeckten Handschriften gemacht, 
die Texte wurden erst später herausgegeben. Die Einleitungen zu diesen 
beiden Bänden enthalten wichtige Untersuchungen über das Alter der über- 
setzten Werke und ihr Verhältniss zu einander. Im Jahre 1886 lieferte B. 
für dieselbe Serie eine Uebersetzung von Manus Gesetzbuch, dem populärsten 
aller indischen Gesetzbücher. Diesem Band, der sich nicht mit der Uebersetzung 
des Werkes begnügt, sondern auch reichliche Auszüge aus den zahlreichen 
Commentaren enthält, nebst Appendices, welche das Verhältniss Manus zu 
der ganzen übrigen Rechtslitteratur beleuchten, geht eine 138 Seiten starke 
Einleitung voraus, welche auch viele andere Gebiete der indischen Litteratur 
einbezieht, u. A. die epische Litteratur der Inder, das chronologische und 
litterarische Räthsel des Mahäbhärata. Auch hier wollte er von der »inneren 

Bioq'r. Jahrb. u. Deatscher Nftkrolog. 3. Bd. 6 



• 82 Bühler Georg. 

Kritik« Nichts wissen, sondern suchte emsig nach inschriftlichen und littera- 
rischen Zeugnissen, aus welchen sich irgendwelche sichere Daten für die 
Geschichte des Epos gewinnen Hessen. In den »Contributions to the Histor}' 
of the Mahäbärata«, die er zusammen mit Kirste (in den Sitzungsberichten 
der Wiener Akademie 1892) veröffentlichte, hat er in einer bahnbrechenden 
Untersuchung gezeigt, dass auch in dieses Dunkelste aller Probleme der 
indischen Litteratur durch Vergleichung der Inschriften und durch Unter- 
suchungen von verwandten und einigermassen datirten Litteraturgebieten Licht 
gebracht werden könne. 

B.'s Finder- und Forscherglück war nicht blosser Zufall. Edle Begeiste- 
rung für seine Wissenschaft war die Triebfeder, die ihn nach immer neuen 
Schätzen suchen Hess. Femer hatte er sich eine gründliche Kenntniss der 
Sprachen angeeignet, in denen er sich mit den eingeborenen Gelehrten 
zwanglos unterhalten konnte. Ueberdies verstand er es wie Wenige durch 
tactvoUe Rücksicht auf die religiösen Vorurtheile der Eingeborenen deren 
Liebe und Freundschaft zu gewinnen. So zählte er unter den gelehrten 
Brahmanen sowohl wie unter den Dschaina- Mönchen Freunde, die ihm 
herzlich zugethan waren. Nie wurde er müde, die ihm von den Pandits er- 
wiesenen Dienste rühmend anzuerkennen. Persönlicher Contact und reger 
Gedankenaustausch mit den eingeborenen Pandits schienen ihm überhaupt 
für das Gedeihen der Wissenschaft unerlässlich. Im Hinblick auf seine in- 
dischen Freunde schrieb er auch noch in Europa die meisten seiner Arbeiten 
in englischer Sprache. 

Im Jahre 1880 musste B. aus Gesundheitsrücksichten Indien verlassen, 
und bald darauf (188 1) wurde er als Professor der indischen Philologie 
und Alterthumskunde nach Wien berufen. Und von da an datirt seine 
ausserordentlich erfolgreiche Lehrthätigkeit in Europa. Es gelang ihm, durch 
eine neue praktische Methode (welche in seinem 1883 erschienenen »Leit- 
faden für den Elementarkursus des Sanskrit« allgemein bekannt ge- 
worden ist) das Studium des Sanskrit verhältnissmässig leicht zu machen. 

Als Professor an der Universität war er auch eifrig bemüht, Wien zu 
einem Centrum für orientalische Studien zu machen. In diesem Sinne be- 
theiligte er sich im Verein mit seinen Collegen an der Herausgabe einer 
»litterarisch-kritischen Beilage« zu der vom orientalischen Museum in Wien 
herausgegebenen »Monatsschrift für den Orient« (1884 — 86), in welcher er 
manche wichtige Recensionen erscheinen Hess. Ebenso regen Antheil nahm 
er an der Begründung der »Wiener Zeitschrift ftir die Kunde des Morgen- 
landes«, in deren Bänden (seit 1887) zahlreiche Abhandlungen B.'s erschienen. 
Als wirkliches Mitglied der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien hat 
B. nicht nur die Sitzungsberichte und Denkschriften der Akademie um zahl- 
reiche wichtige Beiträge zur Indologie bereichert, sondern auch die Akademie 
zur Förderung und Unterstützung der Sanskritstudien bei mehr als einer Ge- 
legenheit bewogen, so erst in den letzten Jahren zur Herausgabe der wich- 
tigen »Quellenwerke der altindischen Lexikographie«. 

Als Vertreter der Wiener Universität fehlte er auf keinem Orientalisten- 
congress, und nicht zum Wenigsten seinem Einfluss ist es zu danken, dass 
die verschiedenen an die indische Regierung gerichteten Resolutionen, welche 
von der »Indischen Sektion« der Orientalistencongresse ausgingen und so 
viel zur Förderung der archäologischen und epigraphischen Forschungen in 
Indien beigetragen haben, auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Seinem Ein- 



Bühler Georg. * 83 

fluss und seinem energischen Auftreten ist es zuzuschreiben, dass Regierungen, 
Akademien und gelehrte Gesellschaften die Mittel dazu hergaben, Aus- 
grabungen zu veranstalten, die zu wichtigen archäologischen und epigraphi- 
schen Entdeckungen führten, dass die Veröffentlichung mancher kostspieliger 
Drucke ermöglicht wurde, ja dass mehr als eine neue Lehrkanzel ftlr Indo- 
logie an deutschen und österreichischen Universitäten gegründet wurde. 
Dabei war er aber auch immer und jederzeit bereit, zu rathen und zu helfen. 
Nicht nur seinen ihm näherstehenden Freunden und Schülern war er ein 
uneigennütziger Berather und Helfer — kein Sanskritist wandte sich vergebens 
an ihn, und ich kenne Viele, die sich B.'s Schüler nennen, die nie ein 
Collegium bei ihm gehört. Wer einen Text herausgeben wollte, wandte sich 
an B., um Handschriften zu bekommen. Wer über irgendeinen Punkt Auf- 
schluss haben wollte, wandte sich — es schien dies das Natürlichste — an B. 

Diese Ftihrerrolle sollte ganz besonders in dem Werke zur Geltung 
kommen, welches ihn in den letzten Jahren beschäftigte, in dem von ihm 
herausgegebenen »Gnmdriss der indo-arischen Philologie und Alterthumskunde«. 
Gegen 30 Gelehrte aus Deutschland, Oesterreich, England, Holland, Indien 
und Amerika hatten sich um ihn geschaart, um nach dem von ihm ent 
worfenen Plan die verschiedenen Zweige der Indologie in systematischen 
Darstellungen zu behandeln und so zum ersten Mal einen Gesammtüberblick 
über unser Wissen von Indien zu geben. Die schwierigsten Gegenstände 
hatte B. sich selbst zur Bearbeitung vorbehalten. Nur einen aber der von 
ihm versprochenen Beiträge zu diesem grossen Werk sollte ihm vergönnt sein, 
vollendet zu sehen, die schon erwähnte »Indische Paläographie«. Er wollte 
auch zusammen mit J. Jolly und Sir R. West die Staats- und Privatalter- 
thümer behandeln und hätte gewiss hier seine umfassende Kenntniss des 
modern -indischen Lebens zur Geltung gebracht. Zusammen mit Dr. Stein 
wollte er die Geographie Indiens darstellen, mit der er durch seine sich über 
fast alle Theile Indiens erstreckenden Reisen so vertraut war. Vor Allem 
aber sollte hier endlich der Plan, der Jahre lang in seinem Kopfe gereift 
war, die Geschichte Indiens zu schreiben, zur Erfüllung kommen. Er wollte 
den Abschnitt über die Geschichtsquellen, die litterarischen und die inschrift- 
iichen, und die »politische Geschichte bis zur mohammedanischen Eroberung« 
schreiben. Unermesslich und unersetzlich ist der Verlust, den die W^issen- 
schaft dadurch erlitten hat, dass diese Arbeiten unvollendet geblieben. 

Glücklicher Weise ist die Fortsetzung des »Grundrisses« wenigstens ge- 
sichert, nachdem Professor Kielhorn (in Göttingen) die Leitung desselben 
übernommen hat. 

Was B. in so hervorragender Weise befähigte, ein Unternehmen wie 
den Grundriss zu Ipiten, war der Umstand, dass er einer der wenigen »uni- 
versellen Indologen« (um einen Ausdruck von B. selbst zu gebrauchen) war, 
die wir noch besitzen. So sehr B. die Specialisirung als nothwendig erkannte, 
so übersah er doch nie die Gefahr, die in allzugrosser Specialisirung liegt, 
und er warnte seine Schüler oft vor allzu grosser Beschränkung auf ein 
Specialgebiet. Er vergass nie und liebte es, darauf hinzuweisen, wie die 
einzelnen Zweige der Indologie und die einzelnen Perioden der indischen 
Kulturentwicklung aufs Innigste zusammenhängen. Aber auch den Zusammen- 
hang zwischen den verschiedenen Völkern des Orients und den verschiedenen 
Zweigen der orientalischen Wissenschaften verlor B. nie aus den Augen. Und 
wenn er sich auch in seinen Schriften möglichst auf das Gebiet beschränkte, 

6* 



84 Bühler Georg, von Liezen-Mayer. 

in dem er wie kein Anderer zu Hause war, so reichte sein Blick doch weit 
über die Grenzen Indiens hinaus, und die Geschichte von Indiens Kultur 
und Litteratur war ihm immer nur ein Act in dem grossen Drama der 
Menschheitsgeschichte. — 

An äusserer Anerkennung fehlte es B. nicht. Um der Verdienste willen, 
die er sich im anglo- indischen Regierungsdienste erworben, wurde ihm der 
Titel eines »Companion of the order of the Indian Empire« (C. I. E.) ver- 
liehen ; er war femer Comthur des Franz- Josef-Ordens, Ritter des preussischen 
Kronenordens III. Kl.; wirkliches Mitglied der kaiserlichen Akademie der 
Wissenschaften in Wien, Ehren -Jur. Dr. (D. C. L.) der Universität Edin- 
burgh etc. etc. 

Quellen. Dem Vorstehenden liegt ein unmittelbar nach B.'s Tode geschriebener 
längerer Artikel, der in der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung« Nr. 113 und 114 vom 
21. und 23. Mai 1898 erschienen ist, zu Grunde, dessen Benützung die Redaktion freund- 
lichst gestattet hat. Nekrologe erschienen ferner von Prof. A. Kaegi in der »Neuen 
Zürcher Zeitung« (April 1898), Prof. C. Bendall im »Athenaeum«, 23. April 1898, 
Bibliothekar C. H, Tawney in »Luzac's Oriental List«, April 1898, pp. 96— 98, und von 
Prof. F. Max Müller im »Journal of the Royal Asiatic Society« (Jolyt 1898, pp. 695 — 707). 
Eine demnächst erscheinende Nummer (»Bühler Memorial number«) der in Bombay er- 
scheinenden Zeitschrift »Indian Antiquary« ist ganz dem Andenken B.'s gewidmet und 
enthält Beiträge von verschiedenen Gelehrten. Eine ausführliche Biographie B.'s von 
Prof. J. Jolly soll im »Grundriss der indo-arischen Philologie und Alterthumskunde« er- 
scheinen. 

M. Winternitz. 

Liezen-Mayer, Alexander von, Historienmaler, ♦ 24. Januar 1839 ^" 
Raab in Ungarn, f i9- Februar 1898 zu München; bethätigte frühe eine 
Neigung für Waffen, Soldaten und Pferde, ohne jedoch bis zu seinem elften 
Jahre eine Vorliebe für das Zeichnen zu äussern. Dann aber begann gleich 
die Kundgabe seines Talents, welches vorerst ein Zimmer- und Decorations- 
maler cultivirte, bis ein Oheim des Knaben rechtzeitig eingriff und denselben 
1855 nach Wien auf die Academie brachte, wo C. Meier, der vielseitige 
Carl von Blaas (1815 — 94) und der gewandte Joh. Nep. Peter Geiger (1805 
bis 80) als die ersten Lehrer den Sinn zum historischen Gebiete weckten 
und nährten. Aber schon nach anderthalbjähriger Schulung wagte sich L.-M. 
nach München, wo der Unterricht systematisch begann: er zeichnete bei 
J. G. Hiltensperger (1806 — 1890) nach der Antike, erhielt die erste Anregung 
zur Farbe in der Malschule des Prof. Herm. Anschütz (1802 — 1880), um dann 
1862 durch Pilotys (1826 — 86) coloristischer Begabung in das rechte Fahr- 
wasser zu treiben. L.-M. machte sich durch sein erstes grosses Historienbild 
(Königin Maria von Ungarn mit ihrer Mutter Elisabeth am Grabe Ludwig des 
Grossen 1385) sowohl in München, wie insbesondere in seiner Heimath sehr 
vortheilhaft bekannt. Die virtuose Beiähigung Pilotys, jedes Thema als 
Farben-Experiment zu denken und zum möglichst dramatisch- wirksamen Aus- 
druck zu bringen, machte sich L.-M. alsbald zu eigen und damit die ganze 
Licht- und Schattenseite dieser zu theatralischen Effecten neigenden Schule. 
Dazu wählte er seine Stoffe mit Vorliebe aus der Geschichte seines Vater- 
landes, wobei edle und schöne Frauengestalten eine besondere Rolle spielen. 
Dazwischen malte L.-M. viele Portraits, darunter das Bildniss seiner Mutter, 
seines gleichstrebenden treuen Freundes und Landsmannes, des damals schon 
hohe Achtung geniessenden Malers Alexander von Wagner (geb. 16. April 
1838, seit 1866 Academie-Professor in München), des damaligen Bischofs Simon 



von Lietzen-Mayer. 85 

von Raab, nachmals Cardinal und Fürstprimas von Ungarn, welcher immerdar 
unsem Künstler als Mäcen förderte, auch ein als »Demaskirt« vielgerühmtes 
Damenportrait. Im Jahre 1865 errang L.-M. gelegentlich einer academischen 
Skizzen-Concurrenz den ersten Preis mit einer »Heiligsprechung der Land- 
gräfin Elisabeth von Thüringen«, ein Oelbild in sorgfältiger Durchbildung 
(im Besitz des Mr. W. H. Maxwels Blews in Birmingham). Kurz vorher hatte 
er mit Alex. Wagner ein grosses, mehr decorativ behandeltes, die »Heimkehr 
von der Jagd« darstellendes Tableau für den Speisesaal eines russischen 
Fürsten vollendet. Darauf folgte mit klug berechneter Technik in origineller 
Composition ein Vorhang zum Volkstheater am Gärtner-Platz. Den grössten 
Beifall erhielt 1867 das insbesondere durch die virtuose Durchführung der 
Stoffe ausgezeichnete Bild, wie »Maria Theresia im Garten zu Schönbrunn« 
das Kind einer armen kranken Frau an ihre Brust legt und stillt — eine 
Scene, welche durch Hanfstängls Photographie und A. Schul theiss' effect- 
vollen Stich die weiteste Verbreitung fand. Erst jetzt (1867) verliess der 
Künstler die Schule Pilotys, welchem er in unverbrüchlicher Hochachtung 
und Freundschaft zugethan blieb; er hatte sich als Maler glänzend bethätigt 
und konnte nun daran denken, sich als Illustrator der bedeutendsten 
Lieblingsdichter zu bethätigen. So entstanden, in Sepia sorgsam zur photo- 
graphischen Reproduction ausgetönt, die ersten Scenen zu Goethes »Faust«, 
welche das Interesse des damals noch in Amerika ansässigen Verlegers Th. 
W. Stroefer erregten, welcher nun eigens nach Deutschland übersiedelte, um 
die Ausführung des grossen Unternehmens zu leiten. Der erste Theil des 
-Faust« wurde durch einen Cyclus von 50 Bildern illustrirt, die zuerst durch 
Photographie, dann in effectvollen Stichen (von J. Bankel, J. F. Deininger, 
Goldberg, Ludy, Forberg) und durch Rudolf Seitz mit Initialen und Orna- 
menten in Holzschnitt geschmückt, ein Prachtwerk bildeten, welches allmäh- 
lich in dreierlei, auch verschiedenartigen Ausgaben erschien und den Namen 
des Künstlers in die weitesten Kreise trug. (Die Illustration des zweiten 
Theiles übernahm nicht zum Besten des einheitlichen Ganzen Maximilian 
Klinger). Daran reihten sich in gleicher Ausstattung das »Lied von der 
Glocke« und weitere Scenen zu Schillers »Maria Stuart« — aus dem Jahre 
1873 stammt auch das grosse Oelbild mit der das Todesurtheil unterzeichnen- 
den Königin Elisabeth — zu Shakespeares »Cymbeline«, zu den Romanen von 
G. Frey tag und Scheffels »Ekkehard«. Bei dem Letzteren gelang ihm weniger 
den specifischen Charakter des frühen Mittelalters zu erreichen — auch das 
-Barmherzigkeit« betitelte Oelbild (wie die heilige Elisabeth mit ihrem Her- 
melinmantel eine arme Frau bekleidet) kommt über ein, der ganzen Schule 
eigenes theatralisches Costüm-Pathos nicht hinaus, woran auch die Compositon 
mit dem Fussfall der »Philippine Welser« vor Kaiser Ferdinand leidet. Im 
Jahre 1870 ward L.-M. nach Wien berufen, das Portrait des Kaiser F'ranz 
Joseph zu malen (auch 1897 erfolgte eine gleiche Einladung, doch machte 
die Krankheit des Künstlers die Annahme unmöglich); daran schlössen sich 
viele weitere Bestellungen auf Bildnisse, die den Maler fast zwei Jahre in 
Oesterreich-Ungam festhielten. Zu seinen späteren Zeichnungen auf diesem 
Gebiete zählen auch das Portrait des als geistreichen Zeichners und Dichters 
so wohlbekannten Grafen Franz von Pocci. Im Jahre 1872 ehelichte L.-M. 
eine schöne Amerikanerin; von Glück und Anerkennung getragen, nahm sein 
Schaffen neuen Aufschwung. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen fanden 
sich ein; er wurde der verehrte und umschwärmte Mittelpunkt einer origi- 



86 von Litzen-Mayer. Ebers. 

nellen und gewählten Maleracademie, deren nicht selten den höchsten Lebens- 
stellungen angehörige Mitglieder mit der grössten Begeisterung an ihrem 
Lehrer hingen und im edelsten Wetteifer Alles daran setzten, ihm 
Ehre zu bereiten. Seine eigenen Arbeiten litten nicht unter seiner Lehrer- 
thätigkeit, seine Productionskraft schien zu wachsen. L.-M. malte vier 
»Märchen«, viele anziehende Genrebilder, wie die auch durch Stiche ver- 
breiteten »Erste Liebe« (Mädchen mit einem Kätzchen), »Treue Freundschaft« 
(Knabe mit seinem Hunde), die sich »Vor dem »Spiegel« putzende Dorf- 
schöne, ein »Plauderstündchen«, »Die goldene Zeit der ersten Liebe«, ausser- 
dem auch etliche religiöse Bilder, darunter eine »Flucht nach Aegyptenc. 
(1887). Natürlich erfolgten verschiedene Ehrentitel und Auszeichnungen, 1880 
eine Berufung als Director nach der neu organisirten Kunstakademie in Stutt- 
gart, woselbst L.-M. jedoch nur drei Jahre verweilte, um nach München 
zurückzukehren, wo seiner eine Bestallung als Professor und erfreuliche Wirk- 
samkeit an der Königlichen Akademie wartete, so dass er verschiedene andere 
Anträge z. B. die Berufung vom ungarischen Ministerium als Nachfolger 
Pulszkis in Budapest (1896) ablehnen konnte. Dafür entschädigten ihn grosse 
Aufträge für historische Darstellungen z. B. die »Erhebung des Martin Cor- 
vinus zum König« eine Arbeit, welche auf der Exposition zu Pest mit em- 
phatischer Anerkennung begrüsst wurde, für Kaiser Wilhelm II. die Pracht- 
lieferung eines Vorhanges für das Theater zu Hannover 1897), wofür der 
hohe Maecen den Künstler durch eine besondere Auszeichnung beehrte, 
welche ihn jedoch erst kurze Zeit vor dem Tode überraschte. Seine zahl- 
reichen Freunde hielten ihn hoch und werth. Krauskopf radirte sein inter- 
essantes Portrait, Fülop Laszlo malte dasselbe in Oel. — L.-M. war ein 
edler, liebenswürdiger Character und ein begeisterter Pfleger der Kunst. 

Vgl. Würz b ach Biogr. Lexicon 1866. XV, 299. Schorers Familienblatt 1881 
Nr. 16. Berggruen: Die Graphischen Künste 1886 IX, 37 ff. Pecht, Gesch. der Mün- 
chener Kunst 1888 S. 253. Nekrolog in 51 Allg. Ztg. 21. Febr. 1898. Kunst f. Alle, 
I. April 1898. Kunst unserer Zeit, IX. Jahrg. 4. Heft. S. 95 ff. u. ebendas. X. Jahrg. 
3. Heft. S. 33 — 56 (von G. H. Horst) mit Portrait u. 15 Reproductionen. 

Hyac. Holland. 

Ebers, Georg, Professor der Aegyptologie an der Universität Leipzig, 
♦ I. März 1837 zu Berlin, f 7. August 1898 zu Tutzing bei München. 
Georg Ebers' Vorfahren gehörten zu den zahlreichen jüdischen Familien 
Berlins, welche schon am Ausgang des vorigen Jahrhunderts zu Ansehen und 
bedeutendem Wohlstand gelangt waren. Innerlich und äusserlich war die 
Familie früh über die Enge der ererbten Traditionen hinausgewachsen. 
Wie sie das Christenthum angenommen und sich mit preussischen und 
sächsischen Adelsgeschlechtem verschwägert hatte, so stand ihr Haus, vde 
das der Mendelssohn's, der Hitzig's, der Beer's uud so mancher anderer, in- 
mitten des regen litterarischen und künstlerischen Lebens, das sich seit der 
Erhebung Preussens aus der Katastrophe der napoleonischen Zeit in Berlin 
entwickelte. Mit Hegel, Schleiermacher, A. v. Humboldt, Rauch führte der 
gesellige Verkehr und zumal die Whistpartie die Eltern vielfach zusammen. 
Den Vater, Leiter eines Bankgeschäftes und einer Porzellanfabrik, hat 
Georg nie gesehen; vierzehn Tage vor der Geburt des Knaben war er ge- 
storben. Er hatte schon in sehr jungen Jahren eine schöne Holländerin, die 
Perle von Rotterdam, wie sie beim Abschied von der Heimath der Bürger- 



Ebers. 87 

meister nannte, heimgeführt, die auch in Berlin bald alle Herzen gewann, 
Ihr fiel jetzt die Erziehung der fünf Kinder zu. Oft genug hat der Sohn 
mit warmen Worten ausgesprochen, wieviel er ihr verdankt: eine Jugend voll 
Leben und Anregung im Innern wie von Aussen, eine gesunde und wahre 
geistige und sittliche Erziehung, und einen festen Halt auch in den schwersten 
Lebenslagen. Er selbst hat uns im Jahre 1892 eine lebendige und fesselnde 
Schilderung gegeben (»die Geschichte meines Lebens vom Kind bis zum 
Mann«) von der frohen Kinderzeit in der Lenn^strasse, wo die Mutter mit 
Jakob und Wilhelm Grimm unter demselben Dach wohnte, von den Schul- 
jahren in Keilhau, der von Fröbel in den Bergen Thüringens (unweit 
Rudolstadt) gegründeten Erziehungsanstalt, der Ebers 1848 kurz nach den 
Märztagen überwiesen wurde, von der Gymnasialzeit in Cottbus — denn die 
Schule in Keilhau reichte nur bis zur Secunda. Manches Abenteuer und 
manchen wilden Streich weiss er zu berichten; denn mit seinem regen, jedem 
Eindruck sich willig hingebenden Geist und seinem kräftig entwickelten und in 
aDen gymnastischen Künsten geschulten Körper war er wie geschaffen, mit 
vollen Zügen zu geniessen, was immer das Leben bieten mochte. Aber wo 
es sein musste, bewährte er sich als eine ganze, ebenso wahre wie muthige 
Natur, bei Händeln mit den Kameraden nicht minder wie bei ernsteren 
Conflicten in der Schule; und als es galt, bei einer Feuersbrunst ein paar 
erstickende Mädchen zu retten, war er der erste, der sich durch Qualm und 
stürzende Balken den Weg zu ihnen bahnte. Dabei fehlte es nicht an ernster 
Arbeit. Der Grund zu einer tüchtigen klassischen Bildung war in Keilhau 
gelegt, vor Allem durch Langethal, den E. den geliebtesten und einfiussreichsten 
seiner Lehrer nennt, der, obwohl erblindet, die Knaben wie kein Anderer zu 
fesseln und zu begeistern verstand. Später hat die strenge Zucht des zur 
Reform des Gymnasiums nach Cottbus gesandten Direktors Tzschirner gegen 
die mancherlei geselligen Versuchungen ein heilsames Gegengewicht gebildet. 
Auch der poetische Trieb begann sich zu regen und fand seine Befriedigung 
in dramatischen Versuchen und in Gedichten für die Schulfeste — dadurch 
gewann er die Bekanntschaft des Fürsten Pückler, der seine dichterische 
Begabung wohl erkannte und seine zukünftigen Erfolge voraussagte — ; noch 
eifriger aber sass er Jahre lang an einem grossen »Weltgedicht«, das das 
Entstehen des kosmischen und menschlichen Lebens darstellen und alle 
Welträthsel lösen sollte. 

Im Herbste 1856 bestand E. das Maturitätsexamen zu Quedlinburg, 
wo er das letzte Primanerhalbjahr verbracht hatte, weil er in Folge eines an 
sich harmlosen aber falsch gedeuteten Ausflugs mit einer jungen Schau- 
spielerin Cottbus hatte verlassen müssen. Wie so \iele, hatte auch er sich 
ohne innere Neigung, ja ohne ernsthafte Prüfung der Frage, welchen Lebens- 
beruf er ergreifen solle, für das Studium der Jurisprudenz entschieden. So war 
es natürlich, dass das erste Semester in Göttingen ganz dem flotten Leben im 
Corps gewidmet war und die Fachcollegia kaum besucht wurden; dagegen 
zogen ihn die Vorlesungen Lotzes und des Kunsthistorikers Unger lebhaft 
an. Mit philosophischen Fragen hat E. sich damals im Verkehr und im Selbst- 
studium eifrig beschäftigt. Unger aber verdankt er eine Anregung, die für 
sein ganzes Leben entscheidend wurde : die Besprechung der ägyptischen Kunst 
und der Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Champollion fesselte ihn 
so, dass er sich sofort die wichtigsten Bücher besorgte und in seinen 
Mussestunden ein Studium begann, das ihn nicht wieder freigeben sollte. 



88 Ebers. 

Doch die Hauptzeit des Wintersemesters war durchaus den vielseitigen 
Vergnügungen gewidmet, welche das Corpsleben und daneben ein reger 
Familienverkehr bot, der dem gut empfohlenen, alle Herzen gewinnenden 
jungen Studenten nirgends fehlte. Auch Ausflüge waren nicht selten, und 
daneben wurde eifrig getanzt. Sein starker Körper schien allen körperlichen 
und geistigen Anstrengungen gewachsen. Da geschah es, dass ihm bei einem 
studentischen Feste, bei dem eifrig getrunken und getanzt wurde, der Ueberrock 
vertauscht ward und er dadurch um seinen Hausschlüssel kam. Erhitzt 
kehrte er heim, aber er musste in leichter Ballkleidung in der kalten Winter- 
nacht lange warten, bis ihm die Hausthür geöffnet wurde. Die Folge war 
nicht nur ein heftiger Blutsturz, sondern der Ausbruch eines schweren Rücken- 
markleidens, das an Intensität fortwährend zunahm und sich mit einer 
qualvollen Ischias verband. Er musste zur Mutter zurückkehren. Das so 
fröhlich begonnene Studentenleben war jäh und für immer abgebrochen, ja 
bald nahm das Leiden eine so bedrohliche Gestalt an, dass lange Zeit das 
Schlimmste zu befiirchten schien. Jede Bewegung im Bette wurde aufs Strengste 
untersagt, und dabei quälten ihn ununterbrochen die heftigsten Schmerzen 
namentlich in dem gelähmten linken Bein, und waren die angewandten 
energischen Heilmittel kaum weniger schmerzhaft als das Leiden selbst. Endlich 
gelang es der liebevollen Behandlung des grossen Nervenpathologen H. M. Rom- 
berg, die durch die unverwüstliche Natur des Kranken und seine ausserordentliche 
Selbstbeherrschung, sowie durch die sorgende Pflege der Mutter unterstützt 
wurde, eine Wendung zum Bessern herbeizuführen. Bis er, dank der Heilkraft des 
in jedem Sommer aufgesuchten Wildbades, den vollen Gebrauch seiner Glieder 
wiedergewann, vergingen freilich noch Jahre ; aber der Kranke war doch dem ihm 
unentbehrlichen Verkehr mit Menschen wiedergegeben, und, was noch wichtiger 
war, er konnte beginnen wieder zu arbeiten. Seit ihn der Ernst des Lebens 
so furchtbar gepackt hatte, stand sein Entschluss fest. Seine alten Manuskripte 
wanderten ins Feuer, er war entschlossen, sich ganz der Wissenschaft zu widmen, 
die es schon im Trubel des Göttinger Semesters ihm angethan hatte. Er 
war so gestellt, dass es fiir ihn kein Hindemiss bildete, dass die Aegyptologie, 
nach Champollions Ausspruch, »ein schönes Mädchen ohne Mitgift« ist. 
Jakob Grimm führte ihm den Lehrer zu, der vor Allen anderen Champollions 
Werk fortgesetzt und mächtig gefördert hatte und damals noch fast allein 
in Deutschland die Aegyptologie wissenschaftlich vertrat, Richard Lepsius; 
und der grosse Gelehrte hat es nicht verschmäht, allwöchentlich den lern- 
eifrigen Schüler an seinem Krankenlager aufzusuchen und zu unterrichten. 
Zugleich wirkte er mit Nachdruck und gutem Erfolg darauf hin, dass der 
angehende Aegyptologe die Gefahren des Specialis tenthums mied, durch 
eifrige philologische und archäologische Studien eine breite Grundlage gewann, 
und sich auch in die Elemente des Sanskrit und der semitischen Sprachen 
hineinarbeitete. 

Im Winter 1 860/61, nach drei schweren Krankheitsjahren, war die Ge- 
nesung soweit fortgeschritten, dass er in Berlin die Vorlesungen, die Bibliothek, 
und vor Allem das unvergleichliche, von Lepsius geschaffene äg}'ptische 
Museum besuchen konnte. So konnte er neben Lepsius auch H. Brugsch 
hören, der damals noch Privatdocent war, aber bereits eins seiner hervor- 
ragendsten Werke, die für die Geschichte der Aegyptologie Epoche machenden 
»geographischen Inschriften«, geschaffen hatte. Die beiden Forscher standen 
damals auf sehr gespanntem Fusse, wie denn ihr Naturell und gerade die Vorzüge 



Ebers. 



89 



-der Begabung eines Jeden ein innerliches Zusammengehen völlig unmöglich 
machten. Lepsius war ein klarer Kopf, ein streng methodischer, ruhig tiber- 
legender Gelehrter, der Schritt für Schritt vom Sicheren zum Unbekannten 
vorzudringen suchte, dessen Bedeutung vor Allem darin bestand, dass er 
Zucht und Ordnung in die nach ChampoUions frühem Tode (1832) vielfach 
verwilderte Aegyptologie gebracht und dem Dilettantismus die Wege gewiesen 
hatte. Brugsch dagegen war eine geniale Persönlichkeit, welche intuitiv 
gerade das Dunkelste und Schwierigste zu erfassen suchte und oft genug 
mit geradezu . wunderbarer Divination erfasst hat, durchaus impulsiv und 
sprunghaft in Allem, was er angriff, und daher trotz seiner erstaunlichen Arbeits- 
kraft und der ungeheuren Sammlungen, welche er anlegte, zu streng 
methodischer Arbeit wenig geeignet. Dabei haftete, wie es bei solchen 
Naturen unvermeidlich ist, an seinem wissenschaftlichen wie an seinem Privat- 
leben mancherlei Bedenkliches. Das war dem correcten Lepsius ebenso zu- 
wider, wie ihm seine kühnen Combinationen und die überraschenden Resultate, 
die er gewann, unheimlich waren. Er hatte sich fast nur mit den in- 
schiiftlichen Texten beschäftigt, und mit begreiflicher Scheu von dem schwer 
zu lesenden handschriftlichen Nachlass der Aegypter, den zahlreichen, in 
hieratischer Cursive geschriebenen Papyrusrollen, ferngehalten, während Brugsch 
vwie in Frankreich de Rougd und Chabas, in England Goodwin u. A.) auch 
diese zu durchforschen begonnen hatte und in Folge dessen weit tiefer in das 
Verständniss der ägyptischen Sprache eingedrungen war, als der ältere 
Meister. So war es für E. von unschätzbarem Gewinn, dass er von Beiden 
lernen konnte. 

Von anderen Docenten hat vor Allem Böckh auf E. gewirkt. Im 
Jahre 1862 war er soweit gekommen, dass er mit einer IMssertation über 
Meninon und die Memnonssage promoviren konnte. In den nächsten Jahren 
konnte er zur Vollendung seiner Ausbildung wissenschaftliche Reisen unter- 
nehmen, die ihn in alle Culturländer Europas führten und mit den in ihren 
Museen aufgespeicherten Schätzen des ägyptischen Alterthums vertraut machten 
sowie die Bekanntschaft der meisten Fachgenossen verschafften. 

Inzwischen war, wie die Genesung fortschritt, auch der poetische Trieb 
von Neuem erwacht. E. musste, was er trieb, nicht nur mit dem Verstände, 
sondern auch mit der Phantasie erfassen; was ihn innerlich beschäftigte, 
gestaltete sich ihm zu plastischen und lebensvollen Bildern. So erstanden 
ihm auch die alten Aegypter aus ihren Särgen und aus den steifen Statuen 
und Reliefs der Tempel und Gräber zu lebendigen Menschen von Fleisch 
und Blut und warmer Empfindung. So ernsthaft er entschlossen war, sich 
ganz der Wissenschaft zu widmen, so wenig vermochte er der Versuchung zu 
widerstehen, in den Pausen, die die Arbeit ihm Hess, die Gestalten festzu- 
halten und aufs Papier zu bannen. Die Geschichte des Unterganges des 
Pharaonenreichs, das in jäher Katastrophe dem Angriff des jugendfrischen 
Perservolkes erliegt, die sagenhafte Erzählung Herodots von der ägyptischen 
Königstochter Nitetis, die König Amasis dem persischen Freier Kambyses als 
seine eigene Tochter zum Weibe gab, während sie doch das Kind seines von 
ihm gestürzten Vorgängers Hophra war, bot den äusseren Rahmen; der Stoff 
war um so reizvoller, weil er die Möglichkeit gewährte, alle die verschiedenen 
Nationen und Culturen der damaligen Welt, Aegypter und Babylonier, Juden 
und Kleinasiaten, Perser und Griechen, lebendig vorzuführen im Ringen um 
eine welthistorische Entscheidung. So ist in den Jahren 1861 bis 63 E.'s 



90 



Ebers. 



erster Roman entstanden. Der ernste Lehrer freilich machte ein sehr bedenk- 
liches Gesicht, als der Schüler ihm sein Unterfangen beichtete; aber als er 
das Manuscript gelesen hatte, da hat Lepsius ihm seine unumwundene An- 
erkennung ausgesprochen. Ihn fesselte ebenso sehr die reiche, in der Durch- 
arbeitung hervortretende und in den Anmerkungen niedergelegte Gelehrsam- 
keit, wie die hervorragende poetische Gestaltung. Er gab den mit Recht 
befolgten Rath, bei einer nochmaligen Ueberarbeitung das griechische Element 
noch stärker hervortreten zu lassen, als bisher geschehen war, da ein zu 
starkes Dominiren des spröden und monotonen Aegypterthums ermüdend 
wirken würde. Im Jahre 1864 ist dann die »ägyptische Königstochter« er- 
schienen im Verlage Hallbergers, mit dem E. bereits in Wildbad eine Freund- 
schaft fürs Leben geschlossen hatte. 

E. konnte sich jetzt als völlig gesund betrachten; seine Lemzeit w^ar 
beendet, er durfte daran denken, selbst als Lehrer aufzutreten. Im Sommer 
1865 hat er sich in Jena mit einer Dissertation über die sechsundzwanzigste 
Dynastie, das Königshaus, dem die Pharaonen seines Romans entstammten, 
habilitirt. Unmittelbar vorher hatte er die Lebensgefährtin gewonnen, die 
ihm fortan in allen Wechselfällen und Prüfungen als die vertraute Genossin 
zur Seite stehen sollte, der jede Faser seines Innern sich in voller Hingabe 
erschloss, Antonie Lösevitz, die Tochter des Bürgermeisters Beck aus Riga. 
Sie brachte ihm aus erster Ehe zwei kleine Töchter ins Haus ; sechs Kinder, von 
denen drei Söhne und zwei Töchter am Leben blieben, sind der Ehe entsprungen. 

In Jena hat E. mit steigendem Erfolge über ägyptische Sprache und 
Litteratur, Denkmäler und Geschichte gelesen; im Jahre 1869 wurde er zum 
ausserordentlichen Professor ernannt. Im Jahre vorher war das erste seiner 
grösseren wissenschaftlichen Werke erschienen, der erste (und einzige) Band 
von »Aegypten und die Bücher Mose's«. Der Verfasser hatte sich die 
dankenswerthe Aufgabe gestellt, die zahlreichen Angaben über Aegypten, 
welche das alte Testament und zunächst die Genesis enthält, aus den ägyjv 
tischen Denkmälern eingehend zu erläutern. Das Werk hat rasch allgemeine 
Anerkennung gefunden, denn es bot mehr, als der Titel besagt: eine auf 
gründlicher Forschung beruhende Einführung in die verschiedensten Seiten 
des ägyptischen Alterthums überhaupt , welche zahlreiche Ergebnisse der 
jungen, damals noch mehr angestaunten, oft auch in ihrer Zuverlässigkeit 
bezweifelten, als wirklich bekannten Wissenschaft zum ersten Male dem grösseren 
wissenschaftlichen Publicum zugänglich machte. 

Im Winter 1869/70 konnte er das Land seiner Studien, von dem er in 
seiner Königstochter bereits eine so lebendige Schilderung gegeben hatte, 
zum ersten Male betreten. Besonderes Interesse wandte er den Landschaften 
zu, welche der biblische Bericht als Schauplatz des Aufenthaltes und des 
Auszuges der Israeliten nennt: er hat das östliche Delta und die Strasse zum 
Sinai durchwandert. Daraus ist sein Werk »Durch Gosen zum Sinai« (1872, 
2. Aufl. 1881) hervorgegangen, welches an der Hand des Reiseberichtes die 
geschichtlichen und namentlich die topographischen Fragen eingehend erörtert. 
Besonders lebhaft trat er für die Ansicht von Lepsius ein, der biblische Sinai 
sei nicht der Mosesberg, den die Mönche jetzt dafür ausgeben, sondern der 
majestätische Serbai. Diese Untersuchungen führten den Verfasser zugleich zu 
einem eingehenden Studium der frühchristlichen Litteratur und einer Versenkung 
in das Treiben der Anachoreten des Sinai — daraus ist später sein Roman 
Homo sum erwachsen. 



Ebers. 



91 



Inzwischen hatte E. einen Ruf als ausserordentlicher Professor nach 
Leipzig erhalten. Im Herbst 1870 konnte er sein neues Amt antreten, das ihm 
einen bedeutend erweiterten Wirkungskreis bot: Leipzig war damals der 
Mittelpunkt der orientalischen Studien in Deutschland und genoss weit über 
dessen Grenzen hinaus auf diesem Gebiete das höchste Ansehen. Zu E. aber 
zog nicht nur der Ruf des Forschers, sondern auch der Name, den er als 
Dichter gewonnen hatte, und wer seine Vorlesungen einmal besucht hatte, 
den fesselte dauernd die lebendige Art seines Vortrages, der rege und be- 
geisternde Forschungseifer, der in jedem Worte hervortrat, und nicht minder 
die liebenswürdige und aufopfernde Art, mit der er sich eines Jeden annahm, 
der ihm näher trat. Zu den allgemeinen, meist zweistündigen Vorlesungen 
über Geschichte, Denkmäler, Sitten und Gebräuche der Aegypter fanden sich 
in der Regel über hundert Hörer aus allen Facultäten; daneben aber fehlte 
es nie an solchen, welche sich unter seiner Leitung eine eindringendere Kennt- 
niss der ägyptischen Sprache und Litteratur erwerben wollten, sei es, dass sie 
sich ganz diesem Fache zu widmen gedachten, sei es, dass sie wenigstens 
ein selbständiges Urtheil gewinnen und in den Stand gesetzt werden wollten, 
den Fortschritten der Wissenschaft theilnehmend und prüfend als Philologen, 
Historiker, Theologen zu folgen. Seinem Beruf lebte er mit ganzerHingebung, 
und er war zum akademischen Lehrer geschaffen, wie wenige. Gerade dass 
er nicht sowohl etwas Fertiges und Abgeschlossenes gab, sondern den Schüler 
in das lebendige Fortschreiten der jungen, allmählich erst zu fester Gestaltung 
sich auswachsenden Wissenschaft einführte, dass er selbst ununterbrochen 
lernte, während und indem er lehrte, gab seinem Unterricht einen ungemeinen 
Reiz und erleichterte dem Anfänger das Einleben in die zahlreichen Probleme, 
die hier noch der Lösung harrten. E. ist der erste Aegyptologe gewesen, 
der die Aufopferungsfähigkeit und vor Allem den Muth — denn der gehörte 
damals noch dazu — besass, nicht nur die Anfangsgründe der Aegyptologie 
zu lehren, sondern mit seinen Schülern die schwierigsten Texte durchzuarbeiten, 
bei denen nur zu oft bekannt werden musste, dass ein vollständiges, allseitig 
gesichertes Verständniss noch nicht erreicht sei. Damit waren der unter 
seiner Leitung heranwachsenden Generation zugleich die wichtigsten Aufgaben 
gestellt, an denen sie ihre Kräfte versuchen mochte. So ist E. — da 
Lepsius sich auf diese Dinge nie eingelassen hatte und Brugsch in seinem 
unstäten Leben nie dauernd an einer Universität wirkte — der erste und 
lange Zeit der einzige Lehrer der Aegyptologie in Deutschland gewesen, bis 
die bedeutendsten seiner Schüler, vor Allem Adolf Erman in Berlin, ihm 
gleichberechtigt zur Seite traten. Und dabei war E. von einer wahrhaft be- 
wunderungswürdigen Freiheit und Uneigennützigkeit des wissenschaftlichen 
Geistes auf einem Gebiete, wo bei anderen nur zu oft Eifersüchteleien und 
persönliche Interessen sich geltend gemacht hatten. Immer war er bereit, 
die Leistungen eines Fachgenossen unumwunden anzuerkennen — in zahl- 
reichen Recensionen, namentlich im Litterarischen Centralblatt, hat er dem 
Ausdruck gegeben — , neidlos acceptirte er jeden Fortschritt der Wissenschaft 
auch da, wo er über ihm lieb gewordene Anschauungen hinwegging und ihn 
zwang, umzulernen, ja gerade in solchen Fällen war er der erste, der den 
Ruhm der neuen Entdeckung verkündete. Wieder und wieder hat er seine 
grammatische Vorlesung von Grund aus umgearbeitet. Diese Elasticität des 
Geistes, dieses freudige Fortleben mit der Wissenschaft hat er sich bis ans 
Ende bewahrt, auch als schweres Leiden ihm die thätige Mitwirkung vielfach 



92 



Ebers. 



beschränkte. Ein solcher Mann musste das Vertrauen aller Fachgenossen und 
im höchsten Grade das seiner Schüler gewinnen. Und dabei gab er ihnen 
Allen nicht nur von seinem reichen Wissen, sondern öffnete ihnen auch einen 
Platz in seinem Herzen. Einem Jeden, der sich an ihn wandte, war er ein 
treuer Freund und Berather in allen Nöthen, nicht nur der Wissenschaft, 
sondern auch des Lebens; wie viele, denen er in den schwersten 
Tagen mit Rath und That beigestanden hat , die ihm allein es ver- 
danken, dass die Wogen sich geebnet haben, die sie schon zu verschlingen 
drohten! — Den Dank, den sie ihm in so reichem Masse schuldeten, haben 
seine Schüler und Enkelschüler ihm in einer Festschrift zu seinem sechzigsten 
Geburtstag (Aegyptiaca 1897) auch vor der Oeffentlichkeit abzustatten gestrebt. 

Die Lehrthätigkeit in Leipzig wurde gleich im Winter 1872/3 durch eine 
zweite Reise nach Aegypten unterbrochen, die der Vorbereitung eines Bädeker- 
sehen Reisehandbuches für Aegypten dienen sollte. Als Begleiter nahm er 
den jungen Aegyptologen Ludwig Stern mit, der sich seitdem durch hervor- 
ragende Arbeiten einen hochgeachteten Namen unter den Fachgenossen ge- 
wonnen hat. Diese Reise führte zu zwei Funden von höchster Bedeutung. 
In Theben entdeckte E. das Grab des Feldhauptmanns Amenemheb, das 
einen der wichtigsten Texte aus der Zeit Thutmosis' III. (um 1500 v. Chr.) 
enthält, den E. sofort herausgab und später eingehend und vortrefflich com- 
mentirte. Noch wichtiger war, dass es ihm gelang, eine der grössten und 
wichtigsten Papyrushandschriften, die auf uns gekommen sind, das im J. 1554 
V. Chr. geschriebene medicinische Handbuch, das jetzt E.'s Namen trägt, für 
die Leipziger Universitätsbibliothek zu erwerben. So gab es nach der Rück- 
kehr vollauf zu thun. Den Papyrus Ebers hat er im J. 1875 in einer grossen 
lithographirten Ausgabe im Verlag von W. Engelmann mustergültig publicirt, mit 
ausführlicher Einleitung und Inhaltsübersicht. Uebersetzung und Commentar 
sollten folgen, weitere wissenschaftliche Pläne schlössen sich daran an. Auch 
die äussere Anerkennung fehlte nicht: am 29. Mai 1875 wurde er zum 
ordentlichen Professor ernannt, schon vorher war er Mitglied der sächsischen 
Gesellschaft der Wissenschaften geworden. 

Inzwischen hatte die »ägyptische Königstochter« ihren Weg durch die Welt 
gemacht, zuerst mit langsamem, (}ann aber mit um so grösserem und dauer- 
hafterem Erfolge. Nach vier Jahren, 1868, war die zweite Auflage erschienen, 
bald folgten weitere und daneben Uebersetzungen in fremde Sprachen. Ein 
solcher Erfolg hätte wohl locken können, und oft genug waren E., nament- 
lich in Aegypten und in der Wüste, neue poetische Conceptionen vor die 
Seele getreten und hatten sich zu lebendigen Gestalten und Scenen verdichtet. 
Aber er wies die Versuchung von sich; er wollte fortan nur Gelehrter sein 
und seinen grossen Aufgaben seine ganze Fähigkeit und Kraft uneingeschränkt 
widmen. 

Da meldete sich Anfang März 1876 das alte, seit mehr als einem Jahr- 
zehnt scheinbar überwundene Leiden aufs Neue; und diesmal hat es den 
Mann, der so kerngesund und kräftig schien, nicht wieder losgelassen. Bald 
konnte er sich selbst der Erkenntniss nicht mehr verschliessen, dass er die 
volle Gesundheit nicht wieder erlangen würde. Aber E. war nicht der Mann, 
den auch das schwerste und hartnäckigste Leiden je hätte besiegen können. 
W^aren zahlreiche alte Pläne zu Grabe getragen, so fand er dafür um so 
reicheren Ersatz. Wenn er lange Wochen ans Bett gefesselt war, wenn ihm 
auch in bessern Stunden die Lähmung des einen Beines, die Schwäche des 



Ebers. 93 

Rückenmarks und die langen Badereisen im Frühjahr und Sommer eine an- 
gestrengte und andauernde wissenschaftliche Arbeit unmöglich machten, so 
war sein Geist frisch und seine Phantasie rege wie immer, und die Wissens- 
schätze, die er gewonnen hatte, standen ihm jederzeit zur freien Verfügung. 
So kehrte er zur Dichtung zurück. Gleich in dem ersten schweren Leidens- 
jahre schrieb er den dreibändigen Roman »Uarda«, und diesmal auch äusser- 
lich mit sofortigem durchschlagendem Erfolge, wie er bis dahin in Deutsch- 
land kaum seinesgleichen gehabt hatte. Schon im ersten Jahre wurden fünf 
starke Auflagen vergriffen, und Jahr für Jahr folgten neue. Von da an war 
die zukünftige Gestaltung seines Lebens entschieden. Fast jedes Jahr hat 
fortan einen neuen Roman aus seiner Feder gebracht — im Ganzen nach der 
Uarda noch fünfzehn, dazu im Anschluss an ein Gemälde seines Freundes 
Alma Tadema das Idyll »eine Frage«, femer den in Stanzen gedichteten 
»Wüstentraum« Elifön, die »drei Märchen für Jung und Alt«, das Märchen 
^die Unersetzlichen«, die schon erwähnte »Geschichte meines Lebens«, und 
zum Abschluss aus seinem Nachlasse die dramatische Erzählung »das 
Wanderbuch«. 

Von E.'s Romanen spielen die ersten fünf in Aegypten und auf der be- 
nachbarten Sinai-Halbinsel. Uarda führt uns den Höhepunkt der ägyptischen 
Geschichte unter Ramses IL lebendig vor Augen, die Königstochter schildert den 
Untergang des alten Pharaonenreichs, »die Schwestern« (1879) die Ptolemaeer- 
zeit, »der Kaiser« (1880) die römische Herrschaft auf ihrer Höhe unter Hadrian, 
als schon das junge Christenthum einen bedeutenden Einfluss auf Empfinden 
und Leben des Volkes zu gewinnen begann; »Homo sum« (1877) endhch zeigt das 
innere Leben des Christenthums in der Zeit, als es eben unter Constantin 
zur herrschenden Religion geworden ist, in dem Treiben der Einsiedler am 
Sinai. Damit schien die Reihe geschlossen; »der Kaiser«, so meinte er in 
der Vorrede, würde der letzte seiner Romane sein, dem er das alte 
Aegypten zum Schauplatz anweise. Und in der That wandte er sich zunächst 
anderen Stoffen zu. Aber bald zog es ihn aufs Neue unwiderstehlich zu dem 
Lande seiner Liebe. Den Gedanken freilich, bis in die Pyramidenzeit, zu den 
Anfängen der ägyptischen Geschichte, hinaufzusteigen, wies er ab, so lebendig 
dieselbe in zahlreichen Monumenten uns entgegentritt; dazu, so meinte er, seien 
diese Gestalten uns doch zu fernstehend, zu gespenstisch. Auch fehlte hier 
jede Berührung mit einer anderen, lebensfrischeren Cultur, die ein Gegen- 
bild hätte Hefem können. Aber um so mächtiger reizte ihn der Ausgang 
der ägyptischen Geschichte, die ptolemäische und römische Zeit, die in 
Arachne (1897, unter dem zweiten Ptolemäus), Kleopatra (1893, der Ge- 
liebten des Antonius), ElifSn (1887, unter Hadrian), Per aspera (1891, mit 
der düsteren Gestalt Caracallas als Mittelpunkt) behandelt sind. Daran 
schliesst sich in Serapis (i 884) der letzte Schlag, den das siegreiche Christen- 
thum gegen das Heidenthum führt, die Zerstörung des grossen Serapisheilig- 
thums von Alexandria 392 n. Chr., und in der Nilbraut (1886) der Sieg des 
Islams über das christliche Aegypten. In frühere Zeiten greift nur der Roman 
»Josua« (1889) zurück. — Die übrigen Romane behandeln sämmtlich Episoden 
aus der Uebergangsepoche vom Mittelalter zur Neuzeit, und versetzen uns 
theils in die Niederlande, die Heimath der Mutter, zur Zeit des Be- 
freiungskampfes, so »Die Frau Bürgemeisterin« (1881; behandelt die Be- 
lagerung von Antwerpen 1574), Barbara Blomberg (die Mutter Don Juan 
d'Austria's, 1896), und theilweise wenigstens der unter Philipp IL spielende 



V 



Ebers. 

v>j : theils auf deutschen Boden, vor Allem nach 

\ ..oviefeuer« (1894, unter Rudolf von Habsburg), »Die 

^ uucn Jahrhundert), »Im blauen Hecht« (1895, Anfang 

. ^v.uderts) und der Eingang von »Ein Wort«. Neben 

^>. i;cn Zeiten und Culturen und die Fragen, die sie bewegt 

.1 gestalten, sind es vor Allem zwei Probleme, die in 

.lucr aufs Neue angeschlagen werden, nicht selten innig 

üungen: einmal das religiöse Problem, das Werden und 

v<.iii;K>n, der Kampf der neuen Religion mit der alten, das 

, Kciigion zu dem einzelnen Menschen und seinen Idealen, so- 

»X l*ioblem des Künstlerlebens. Von Jugend auf, seit er als 

.vvÄ NYerkstatt verkehrte, hatte er ein nahes Verhältniss zur bil- 

\ X,. gewonnen, und immer aufs Neue hat er, in Aegypten wie in 

„jKCzeit, das Werden und Wachsen des Künstlers, seine Befreiung 

In einer die freie Bewegung erstickenden Tradition zu zeichnen 



NV 



W« 



N>V 



\ V * 



, viiCNe Dichtungen sind im Bade und auf den Reisen im Sommer und 
^ ^cMhrieben worden. Die übrige Zeit dagegen blieb nach wie vor 
\\ Nxv nschaft und der Lehrthätigkeit gewidmet. Denn wenn er auch 
um Poeten geworden war, ein Gelehrter und ein Lehrer wollte er 
^ * MvMben. Freilich bereitete ihm gerade hier die Krankheit die schwersten 
, V nässe. Auch ^enn die Schmerzen nachliessen und zeitweilig ganz auf- 
v.^ ,on. wenn er sich auf den Stock gestützt im Zimmer bewegen konnte, so war 
' u \lvH'h eine Benutzung der Museen, und was noch weit schlimmer war, 
Honutzung eines grossen Theils der ägyptologischen Werke versagt, trotz 
^ioi ausgezeichneten Bibliothek, die er sich erworben hatte, und in der aus 
vioi Fai'hlitteratur wohl kein einziges Buch fehlte. Denn zahlreiche dieser 
Werke, und gerade die wichtigsten von Allen, waren Folianten grössten 
Kormats, und mit ihnen zu hantiren, ja sie auch nur nachzuschlagen, war 
(Ur ihn zur Unmöglichkeit geworden. So hat er zwar die wissenschaftliche 
Arbeit seines Fachs nach wie vor mit regstem Eifer verfolgt und sich zu 
eigen gemacht, sie auch besprochen, und bis an sein Ende nicht selten mit 
einzelnen Aufsätzen, namentlich in der »Zeitschrift für ägyptische Sprache und 
Alterthumskunde« und in Referaten für ein grösseres Publikum in sie ein- 
gegriffen ; aber eine führende Mitarbeit war ihm nur in beschränktem Umfange 
möglich. Auch sein »Aegypten und die Bücher Moses« hat er nicht fort- 
gesetzt, es auch abgelehnt, eine neue Auflage zu bearbeiten, wenngleich ihn 
<ler Stoff immer aufs Neue reizte und sich schliesslich 1889 zu dem Roman 
»Josua« verdichtete. Aber E. empfand, dass es bei den gewaltigen Fort- 
schritten der alttestamentlichen Wissenschaft nicht mehr möglich war, den 
verwickelten Fragen der höheren Kritik in der Weise aus dem Wege zu 
gehen, wie er es in der ersten Auflage gethan hatte und thun durfte. Apo- 
logetische Tendenzen hatten ihm immer ganz fern gelegen — er stand in 
seinen wissenschaftlichen Ueberzeugungen und in seiner Betrachtung der Re- 
ligionsgeschichte allerdings auf dem Boden des Christenthums, aber durchaus 
nicht auf dem einer buchstabengläubigen Orthodoxie. So war es ihm, 
wie er mir 1886 schrieb, »klar geworden, dass ich nicht mehr der naive 
Commentator des vorliegenden Textes sein dürfe, sondern gehalten sei, ganz 
andere kritische Massstäbe als früher anzulegen«, und dafür seine »spärliche 
Arbeitszeit« auf lange hinaus festzulegen, fehlte ihm die Neigung. Aber 



Ebers. 



95 



wenigstens Commentar und Uebersetzung seines Papyrus hoffte E. fertig 
stellen zu können, und mehrere Vorarbeiten dazu hat er auch veröffent- 
licht; das Werk zum Abschluss zu bringen, ist ihm nicht mehr vergönnt ge- 
wesen. 

Aber auch hier wusste E. sich Ersatz zu schaffen. Wenn er in seinen 
Romanen das Land seiner Studien in poetischer Verklärung schilderte, so 
sollte es daneben dem Leser in seiner gegenwärtigen Gestalt lebendig vor 
Augen geführt werden — nicht nur die Fülle der Monumente des Alterthums, 
sondern nicht minder die grossen Schöpfungen der islamischen Zeit und vor 
Allem das Leben und Treiben des heutigen Volkes in all seinen Schichten, 
wie es sich dem Auge des Forschers wie des Künstlers darstellt. Die Auf- 
gabe war um so lohnender, weil nur zu rasch auch in Aegypten die nivelli- 
rende Cultur des Abendlandes hereinbricht und unerbitterlich Altes und 
Neues verschlingt, neben vielem Morschem und Verfallenem auch Vieles, was 
dauernd weiter zu bestehen verdiente und noch mehr, was alle Zeit das 
Interesse nicht nur der Gelehrten, sondern der ganzen gebildeten Welt in 
Anspruch nehmen wird. So verband sich E. mit einer grossen Schaar von 
Künstiem zur Schöpfung eines grossen Prachtwerkes. Sein Name, seine 
Verbindungen und noch mehr sein tiefdringendes Kunstverständniss und der 
fesselnde Zauber seiner Persönlichkeit gewannen zahlreiche der hervorragendsten 
Künstler für das Unternehmen; unter den Mitarbeitern erscheinen Namen 
wie Gustav Richter, Hans Makart, Wilhelm Gentz, Ferdinand Keller, Carl 
Werner, Leopold Carl Müller, Rudolf Huber und zahlreiche Andere ; die künst-^ 
lerische Leitung übernahm Adolf Gnauth. »Aegypten in Bild und Wort«, er- 
schienen 1878 — 1880, ist das Vorbild zahlreicher Prachtwerke geworden, von 
denen keines ihm gleichkommen dürfte. Eines derselben hat E. selbst bald darauf 
in Verbindung mit Hermann Guthe gehefert, »Palästina in Bild und Wort« 
1882 — 84), die freie Bearbeitung einer englischen Vorlage, zu der E. vor 
Allem die Beschreibung der Sinaihalbinsel beisteuerte. — Den Text seines 
Prachtwerkes hat E. später als »Cicerone durch das alte und neue Aegypten« 
.1884) weiteren Kreisen bequem zugänglich gemacht. Dagegen ist sein Reise- 
handbuch für Aegypten in Folge mancher äusserer Störungen nicht zum Ab- 
schluss gelangt. Doch liegt den älteren, seit 1877 erschienenen Auflagen des 
Bädekerschen Handbuchs in weitem Umfange ein E.'sches Manuskript zu 
Gninde, bis die fortschreitende Umgestaltung des Landes und die zahlreichen 
neuen Entdeckungen eine vollständige Umarbeitung nöthig machten, die 1897 
G. Steindorff vorzüglich ausgeführt hat. 

Von anderen wissenschaftlichen Arbeiten ist ausser Abhandlungen über 
die Grafschen Mumienporträts und über die koptische Kunst vor Allem noch 
das eingehende und warm geschriebene Denkmal zu nennen, das er nach 
Lepsius' Tode seinem Lehrer setzte (Richard Lepsius, ein Lebensbild, 1885), 
zugleich eine fesselnde Biographie und ein werthvoller Beitrag zur Geschichte 
der Wissenschaft. Gewissermassen eine Ergänzung bildet der Nekrolog auf 
Gustav Seyffarth (1796 — 1885), den erbitterten Gegner Champollions, der eine 
bessere Methode der Lesung der Hieroglyphen gefunden zu haben glaubte, 
an der er neben anderen seltsamen Schrullen mit zäher Hartnäckigkeit fest- 
hielt. Die Abhandlung (in der Zeitschrift der deutschen morgenl. Gesellschaft, 
Bd. 41, 1887) ist um so anziehender, da E. dem Gegner, der ihn selbst auf 
das Schärfste angegriffen hatte, in unparteiischer Weise gerecht zu werden 
und ihm womöglich inmitten all seiner abenteuerlichen und verschrobenen 



g6 Ebers. 

Ideen doch noch einige für die Entwicklung der Wissenschaft förderliche Ge- 
danken zu retten sucht. 

Neben dieser umfassenden Thätigkeit hat E., so lange sein Befinden es 
irgend zuliess, seine Lehrthätigkeit fortgesetzt. Freilich grössere Vorlesungen 
in der Universität hat er nie wieder halten können ; aber in seiner Studirstube, 
um seinen Krankenstuhl, ja nicht selten um sein Bett, versammelte er noch 
ein Jahrzehnt lang den engeren Kreis der Studenten, welche in die Aeg3rpto- 
logie tiefer eindringen wollten. Freilich brachten heftigere Krankheitsanfalle 
und die unentbehrlichen Erholungs- und Badereisen vielfache Unterbrechungen^ 
und bald zeigte es sich, dass das schlechte Klima von Leipzig seiner Gesund- 
heit so unzuträglich war, wie möglich. So hatte er schon den Winter 1879/80 
in Nizza zugebracht und im Sommer mehrfach Urlaub genommen. Schliess- 
lich Hess er sich 1887 den Urlaub auf zwei Jahre verlängern, und allmählich 
rang sich ihm die schwere Erkenntniss durch, dass er nach Leipzig nicht 
wieder zurück dürfe. Im Herbst 1889 kam er um seinen Abschied ein. Es 
war für ihn vielleicht der schwerste Schlag, dass er der Lehrthätigkeit, 
der er so viele Freude verdankte und in der er so Hervorragendes ge- 
leistet hatte, für alle Zeit entsagen musste. Fortan hat er die Winter in 
München, die Sommer in Tutzing verlebt, wo er schon im Jahre 1882 eine 
freundliche Villa in herrlichster Lage am Starnberger See erworben hatte - 
In München hat ihn im Jahre 1895 die Akademie der Wissenschaften in 
ihren Kreis aufgenommen. 

Zweiundzwanzig Jahre lang ist E. ein schwerkranker Mann gewesen. 
Die Geschichte seiner Krankheit im Einzelnen zu erzählen, ist nicht dieses 
Ortes, so interessant sie den Medicinem sein mag, deren düstere Voraussagen 
sie glücklicherweise zwei Jahrzehnte lang immer auf's Neue widerlegt hat. 
Mit dem Hauptleiden, einer langsam fortschreitenden Erkrankung der Rücken- 
markshäute, war eine hochgradige Ischias verbunden, die periodisch zu den 
heftigsten Schmerzantällen führte. Schliesslich wurden die Aniälle so häufig und 
die Qualen so arg. dass ein operativer Eingriff nothwendig wurde. Durch die vom 
Obermedicinalrath Burckhardt in Stuttgart i886 ausgeführte blutige Nervendeh- 
nung, eine Zerrung des blossgelegten Nervenstranges, wurde die Kraft der Ischias 
gebrochen; seitdem nahm sie allmählich mehr und mehr an Heftigkeit ab. 
Für das Hauptleiden allerdings gab es nur Linderung, aber keine Heilung. 

Wenn der Verlauf der Krankheit zeigt, welch gewaltige Widerstandskraft^ 
welche Fülle von gesundem Leben trotz alledem in E.'s Körper wohnte, so 
gilt das in noch höherem Maasse von seinen geistigen Eigenschaften. Er 
war eine durch und durch gesunde Natur, von geradezu unverwüstlicher 
Lebensfrische und Lebenskraft. Das Leiden, das über ihn verhängt war, be- 
trachtete er als eine Schickung, in die er sich fügen musste; aber nie hat 
es ihn auch nur für einen Moment missmuthig oder unzufrieden gemacht, 
oder gar ihm die tiefe und reine Heiterkeit der Seele getrübt. Wohl sprach 
er mit Bedauern von dem, was ihm fortan versagt war; aber nur um so fester 
hielt er, was ihm geblieben. Und wie verstand er, das Leben zu geniessen, 
den Moment voll auszukosten! Nichts lag ihm femer und war seinem ganzen 
Wesen fremder, ja unfasslicher, als die blasirte Art des Genussmenschen, der 
sich gegen fremdes Leiden abstumpft und nur die eigenen Bedürfnisse kennt; 
mit innigster Theilnahme durchlebte er mit Jedem, der ihm näher stand, 
P'reude wie Schmerz. Aber wie er das eigene Leiden, auch wenn ihn der 
qualvollste Anfall packte, im nächsten Moment abzustreifen, ja fast zu ver- 



Ebers. 



97 



gessen vermochte, so hat er überall das Böse und Widrige getragen, das Gute 
und Schöne ergriflFen und ausgestaltet. In seiner Lebenshaltung blieb er 
einfach und anspruchslos, trotz des durch den Ertrag seiner Werke sich fort- 
dauernd mehrenden Wohlstandes; aber jeden geistigen Genuss, jede Bereiche- 
rung seines Wissens und seiner Anschauung ergriflF er und hielt er fest. Bis 
in sein letztes Jahr ist er gern und viel gereist, trotz aller Beschwerden, ja 
in einzelnen besonders günstigen Momenten hat er noch in Leipzig 
oder Wiesbaden das Theater oder in Berlin das durch Erman umgestaltete 
und bedeutend erweiterte ägyptische Museum besuchen können. Vor Allem 
aber war es der Verkehr mit den Menschen, der ihm zum tiefsten Lebens- 
bedürfhiss geworden war; und magnetisch wusste er sie anzuziehen und fest- 
zuhalten: die Vormittage hielt er sich frei, aber Nachmittags wurde sein 
Zimmer nicht leer von Besuchern, bis die sorgende Gattin einschreiten und 
zum Aufbruch mahnen musste. Jeder erschloss sich ihm, weil er sich ihm 
hingab, weil er mit Keinem, der ihm irgend etwas bot, in Berührung treten 
konnte, ohne ihn in warmen und herzlichen Beziehungen an sich zu knüpfen. 
So stand er, wo er auch weilte, ununterbrochen in einem weiten Freundes- 
kreis, in den kaum je eine Trübung gefallen ist. Er war ein Meister lebendiger 
und anregender Conversation, niemals gesucht, aber immer den Besuchern 
viel gebend, weil er immer sich selbst ganz und ungeschminkt gab; jede 
Unterhaltung mit ihm war ein hoher geistiger Genuss. Mit den abwesenden 
Freunden unterhielt er die regste Correspondenz, und seine Briefe waren 
fesselnd und inhaltreich wie seine Gespräche, weil er schrieb, wie er im nie 
stockenden Gespräch die Unterhaltung führte. Den Mittelpunkt seiner Welt 
aber bildete der Kreis der Familie, der sich, wie die Kinder heranwuchsen, 
durch die hinzutretenden Schwiegersöhne und Schwiegertöchter rasch 
und glücklich erweiterte. Schwere Schicksalschläge sind ihm auch hier 
nicht ganz erspart geblieben; aber ein glücklicheres und harmonischeres 
Familienleben könnte Niemand ersinnen als das des E. 'sehen Hauses. So hat 
er das Leben geniessen können wie wenig andere Menschen. Aber wenn ihm 
das Schicksal viel gewährt hat und sein Loos trotz aller Leiden beneidens- 
werth erscheinen könnte, so ist das Hauptverdienst sein eigenes: er selbst hat 
sich das Leben so reich und so freudenvoll gestaltet. Ungetrübt und uner- 
schüttert erhielt er sich bis zum letzten Athemzug den Glauben an die 
Ideale, die sein Innerstes bewegten, den Glauben an das Gute, das in 
jedem Menschen lebt und trotz reicher Fülle und arger Auswüchse, die 
es zu ersticken drohen, zum Durchbruch kommen kann und muss, und vor 
Allem den Glauben an die Allmacht der Liebe. 

Das ist der Gesichtspunkt, unter dem auch seine Dichtwerke betrachtet 
werden müssen. Seine Romane wollen zugleich Cultur- und Zeitbilder sein 
und Schilderungen des unter den verschiedensten Erscheinungsformen und zu den 
verschiedensten Zeiten in seinem Kern, in den Empfindungen und Leidenschaften, 
die es bewegen, gleichartigen Menschenlebens. Unter dem ersten Gesichtspunkt 
haben sie allgemeine Anerkennung nicht nur in Deutschland gefunden; unter 
dem zweiten sind sie, trotz des gewaltigen äusseren Erfolgs, nicht selten auch 
auf entschiedenen Widerspruch gestossen. Namentlich hat man ihm zum 
Vorwurf gemacht, er trage, zumal in seinen Liebesscenen, in das Alterthum 
moderne Empfindungen hinein über die Grenzen hinaus, die dem Dichter ge- 
stattet sind; seine Gestalten seien moderne Menschen in antikem Gewände. 
Nicht ohne Geschick hat sich E. dagegen namentlich in der Vorrede zur 

Biogr. Jfthrb. n. DeoticlMr Nekrolog. 3. Bd. y 



^8 Ebers. 

zweiten Auflage der Königstochter vertheidigt; mit vollem Recht konnte er 
darauf verweisen, dass die Grundtriebe und die beherrschenden Empfindungen 
im menschlichen Leben immer dieselben geblieben sind trotz der verschie- 
denen Gewandung, dass auch im Alterthum uns viele Zeugnisse nicht nur 
von glühender Liebesleidenschaft, sondern auch von inniger Gattenliebe be- 
richten. Wenn ich mich nicht täusche, trifft Einwand und Vertheidigung 
nicht ganz den Kern der Frage. E. hatte den Ernst des Lebens kennen 
gelernt, er hatte erfahren, dass Leben Leiden ist, und er ist allezeit bestrebt 
gewesen, dem wie in seiner eigenen Lebensführung so in seinen Dichtungen 
Rechnung zu tragen. Aber so weit er von einem naiven Optimismus, von 
der Meinung, dass Alles gut sei, entfernt ist, noch ferner lag ihm als Mensch 
wie als Dichter der Pessimismus und die Weltflucht. Vielmehr ist der 
Grundzug seines Wesens überall ein sehr energischer Wille zum Leben, eine 
freudige Bejahung der Welt. Am Ergreifendsten und Packendsten tritt das 
wohl in Homo sum hervor, wo er sich bemüht, die Entsagung des Mönchs, 
die Ertödtung des Fleisches zu erfassen und für seine Helden als Ideal fest- 
zuhalten. Aber nur um so energischer lässt er hier immer aufs neue den 
natürlichen Trieb zum Leben und zum Genuss hervorbrechen und die Helden 
straucheln und fallen, gerade wenn sie glauben ihr Ziel erreicht zu haben. 
Ihr Ideal ist nicht das Seine; er bekennt, dass wir Menschen sind und sein 
müssen und sollen, dass wir das Leben nicht fliehen, sondern uns ihm hin- 
geben, aber es sittiich und geistig durchdringen und erheben sollen: 
in der praktischen Thätigkeit des seine Aufgaben erfüllenden Menschen, des 
Mannes und des Weibes, und in der Alles durchdringenden Liebe liegt sein 
Ideal. Was er hier lehrt, was in ganz anderer Ausführung das Lebensbild 
»ein Wort« verkündet, das aus den Wirren eines wilden Lebens den Helden 
vom »Glück« zur »Kunst«, von dieser zum »Ruhm« und weiter zur »Macht« 
führt, bis er in der »Liebe« die Erlösung findet — das giebt die Grund- 
stimmung auch in den anderen Romanen. Darauf beruht der idealistische 
Zug, der durch alle seine Werke hindurch geht: er umfasste die Menschen 
mit liebendem Herzen und musste sie demgemäss schildern. Aber im 
Bereich der Dichtung hat auch die Phantasie ein Recht zu walten; sie darf 
die menschlichen Verhältnisse idealisiren und, trotz aller Anerkennung der 
realen unä der finsteren Mächte, hinausheben in eine höhere Region. So 
kommt ein starkes romantisches Element in all seine Schöpfungen. Ihm ge- 
hören die Scenen an, gegen die der Widerspruch in erster Linie sich ge- 
richtet hat. Nicht um antik oder modern handelt es sich: dass ein Pentaur 
und gar ein Nebsecht Gedanken äussern, die auf ägyptischem Boden niemals 
erwachsen sind, dass ein in den Banden der Priesterschaft von Philae aufge- 
wachsener junger Bildhauer, wie Hör in »Elifen«, unmöglich ein Kunstwerk 
schaffen konnte, das den höchsten Leistungen griechischer Künstler eben- 
bürtig an die Seite tritt, dass in Caracallas Zeit thatsächlich die Kunst schon 
in vollster Decadence stand, und zahlreiche ähnliche Abweichungen von der 
historischen Wahrheit ertragen wir willig, weil in ihnen eine höhere Lebens- 
wahrheit zum Ausdruck kommt. Aber die Liebe des persischen Prinzen 
Bartja zu dem griechischen Mädchen Sappho, der ägyptischen Prinzessin Bent- 
anat zu dem rebellischen Priester Pentaur, des vornehmen Römers Scipio 
zu der Tempeldienerin Klea und die Ehe, welche sie schliessen, gehören so 
wenig wie etwa die Umwandlung des schwäbischen Schmiedesohns Ulrich 
(in »ein Wort«) zugleich in einen erfolgreichen Heerführer und einen vor- 



£bers. v. Raltenbom-Stachau. 06 

trefflichen Maler der irdischen Welt an, sondern der Wunderwelt der Phan- 
tasie, die, um ein höchstes Ideal in die Farben der Wirklichkeit zu kleiden, 
sich über die engen Schranken hinwegsetzt, an die das menschliche Leben 
gebunden ist. Man mag streiten, wie weit das in einem historischen Roman 
zulässig ist; dass der Dichter Tausende von Lesern dadurch gewonnen hat, 
ist zweifellos. Nicht der am Wenigsten glänzende Beweis dieses Erfolgs war, 
dass sich elf hervorragende Künstler zusammenfanden, um die Glanzscenen 
seiner ersten acht Dichtungen durch die prächtigen Bilder der »Ebers-Gallerie« 
zu iUustriren. — 

Symptome des Fortschreitens der Krankheit hatten sich wiederholt ge- 
zeigt, namentlich in Lähmungserscheinungen der linken Seite. Aber der Geist 
war frisch und schaffensfreudig wie immer, die Körperkraft noch ungebrochen. 
Eifrig war er für das grosse Unternehmen einer Sammlung des gesammten 
Wortschatzes der ägyptischen Denkmäler und Schriftwerke thätig, welches 
unter Leitung der deutschen Akademien in Angriff genommen ist; auch 
kleinere wissenschafdiche Aufsätze hat er noch im Frühjahr 1898 geschrieben. 
Da trat im Juni die Krisis ein: die Krankheit hatte das Herz ergriffen. Es 
folgten Tage schwersten Leidens, die nur dadurch gemildert wurden, dass er 
vielfach in traumhafte Zustände versank. Dann hob sich das Bewusstsein 
noch einmal, die Schwäche nahm ab, die Seinen konnten leise Hoffnung 
schöpfen. Es war das letzte Aufflackern seiner Lebenskraft. Seinem Wunsche 
gemäss wurde am 3. August die Trauung der jüngsten Tochter still vollzogen. 
Dann nahm er von allen den Seinen ergreifenden Abschied. Am 4. August 
versank er in einen ruhigen Schlaf, aus dem er nur noch für kurze Momente 
erwachte, am Nachmittag des 7. August 1898 ist er sanft entschlafen. 

Familien-Mi ttheilungen und eigene Erinnerungen. Das Buch von R. Gosche (1884) 
behandelt nur die bis dahin erschienenen Romane E.'s; biographisch ist es ohne Belang. — 
Gemalt ist Ebers von Lepsius und in späteren Jahren von Franz von Lenbach; eine 
Marmorbaste bat Joseph Kopf geschaffen. Alle drei Werke befinden sich im Besitz der 
Familie. Ein Bronceabguss der Kopfschen Büste ist am Grabdenkmal auf dem nördlichen 
Friedhof in Milnchen angebracht. Das Lenbach'sch Bildniss ist in »Ueber Land und 
Meer«, Jahrgang 39 No. 22, reproducirt. 

Eduard Meyer. 

V. Kaltenbom-Stachau, Hans Karl Georg, Kgl. Preussischer General 
der Infanterie z. D., ä la suite des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regi- 
ments No. I, * am 23. März 1836 in Merseburg, f am 15. Februar 1898 in 
Braunschweig in Folge von Blinddarmentzündung und Herzschlag. — K. erhielt 
seine erste Bildung auf dem Magdeburger Domgymnasium. Dann folgte der 
Besuch der Kadettenhäuser Bensberg und Berlin. 18 Jahr alt — am 
29. April 1854 — trat er bereits als Seconde-Lieutenant in das Magde- 
burgische Inf. Rgt. No. 27 ein. Immer bemüht, sich weiter zu bilden, 
machte er das Examen zur Allgemeinen Kriegsschule (jetzt Kriegsakademie), 
welche er von 1857 — 1860 mit gutem Erfolge besuchte. 1861 zum Premier- 
lieutenant befördert, wird er in das 4. Magdeburgische Inf. Regt. No. 67 
versetzt und bis 1863 zur topographischen Abtheilung des Grossen General- 
stabs commandirt. Während des Krieges 1864 fungirte er von Mai bis De- 
cember als militärisches Mitglied der Eisenbahnlinien-Commission in Altona 
und nahm Theil an der Eroberung der Insel Alsen. Dann wurde er als 
Generalstabsofficier zum Generalcommando des VI. Armeecorps commandirt 
und im April 1865 als Hauptmann definitiv in den Generalstab des 

7* 



lOO v* Kaltenboni-Stachau. 

VI. Armeecorps versetzt. Als solcher machte er den Krieg gegen Oesterreich 
mit, in dem er sich den Kronenorden IV. Klasse mit Schwertern erwarb. 
Vom September 1866 bis November i868 gehörte er dem Generalstabe der 
II. Infanterie-Division an, wurde dann dem 5. Thüringischen Inf. Rgt. No. 94 
(Grossherzog von Weimar) zugetheilt und 1869 in den Grossen Generalstab 
versetzt und dem Generalstab des VII. Armeecorps zugetheilt. Am 
10. Mai 1870 wurde er, noch nicht 34 Jahre alt, zum Major befördert. Im 
Kriege gegen Frankreich 1870/71 nahm er an folgenden Schlachten und Be- 
lagerungen Theil: Spichern, Colombey-Nouilly, Bois de Vaux, Gravelotte, 
Belagerung von Metz und Diedenhofen, Schlachten bei Mamay und Pon- 
tarlier. Für seine ausgezeichneten Dienste und seine Tapferkeit erhielt er 
das Eiserne Kreuz I. Klasse. 1874 erfolgte seine Versetzung in das Grenadier- 
Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (i. pommersches) No. 2, 1875 seine 
Ernennung zum Oberstlieutenant, am 18. April 1878 zum Oberst; im Mai 1878 
wurde er dann Commandeur des 5. Westphälischen Inf. Rgts. No. 53. Am 
20. September 1881 wurde er zum Commandeur des Kaiser Alexander Garde- 
Grenadier-Regiments No. I ernannt. Als solcher wohnte er im April 1883 
den Krönungsfeierlichkeiten des russischen Kaisers in Moskau bei und nahm 
später an einer Uebungsreise des Grossen Generalstabes Theil. 1884 zum 
Generalmajor befördert, wurde er Chef des Generalstabes des Gardecorps, 
Mitglied der Ober - Militär -Studiencommission der Kriegsakademie. Am 
24. November 1885 wurde er Commandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade, 
im Januar 1888 mit der Führung der 3. Infanterie-Division beauftragt, erhielt 
er am 7. Juni i888 die Führung der 2. Garde-Infanterie-Division und wurde 
am 4. August 1888 Generallieutenant und Commandeur der 2. Garde-Infanterie- 
Division. Bis zum Jahre 1890 nur militärischen Kreisen als tüchtiger, kennt- 
nissreicher Officier bekannt, sollte er in diesem Jahre auch weiteren, nament- 
lich politischen Kreisen näher treten. Im Herbst 1890 demissionirte der 
General von Verdy du Vernois als Kriegsminister, da er den Reichstag für 
seine weitgreifenden Armee-Reorganisations-Pläne nicht zu gewinnen verstand 
und sich auch mit seinen Ideen in Gegensatz zu den leitenden militärischen 
Kreisen setzte. Sein Nachfolger wurde am 4. October 1890 Generallieutenant 
von K., dem die Aufgabe zufiel, die Ideen des Reichskanzlers von Caprivi 
betreffs Einführung der zweijährigen Dienstzeit bei den Fusstruppen praktisch 
auszuarbeiten. Zugleich wurde er auch Vorsitzender des Ausschusses für das 
Landheer und die Festungen und Chef der Direction des grossen Militär- 
Waisenhauses in Potsdam. Noch im Jahre 1890 legte er als Kriegsminister 
dem Reichstage das Militärgesetz betreffe der Erhöhung der Präsenzstärke 
unter Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die Fusstruppen vor, welches 
im Reichstag heftige und erregte Debatten hervorrief. Namentlich vermochten 
sich weite Kreise mit der Einrichtung der 4. Halbbataillone bei den Regi- 
mentern nicht zu befreunden, welche als Bedingung für die Einführung der 
zweijährigen Dienstzeit gefordert wurden. In den erregten Debatten zeigte 
sich der Kriegsminister als ein streng sachlicher Redner, dem es allerdings 
an der glänzenden und bestechenden Redegabe seines Vorgängers mangelte, 
sodass die Hauptvertretung des Gesetzes im Reichstage dem Reichskanzler 
V. Caprivi zufiel. Dennoch wurde das Gesetz abgelehnt und der Reichstag 
aufgelöst. In dem neuen Reichstage wurde dann das Gesetz mit einem 
Compromissantrage des Abgeordneten Freiherm v. Huene (Centrum) am 
13. JuU 1891 angenommen. Am 2. September 1892 wurde v. K. zum 



V, Kaltenborn-Stacbau. Dabo. \'V-- lOi 

neral der Infanterie ernannt und am 17. October 1892 auf .$örn Ansuchen 
' Verleihung des Grosskreuzes des Rothen Adler-Ordens nwlT.lCichenlaub 
r\rone zur Disposition gestellt. 1897 erhielt er noch die Krjllg^ten zum 
'.u/. Seine letzten Lebensjahre verlebte er in Braunschweig^.-' 

O. Elstecr" 

Ludwig, kgl. Hofschauspieler zu München, * am 12. März t?^''4i'r 
' rr 1898. Er war ein Sohn des berühmten Künstlerpaa^e:^.' 
' ' n und Constanze, geb. Legaye und hatte als solcher schon eine 
Ai.\\ uts(haft auf Theaterblut. In der That erregte schon der acht- 
i liiii:«; Jüngling die Aufmerksamkeit Dingelstedts, der ihn nach Weimar 
« i.te und sich auch persönlich seiner annahm. Er soll dort zum Liebling 
N Publirums geworden sein. Am i. Januar 1861 wurde D. für das zweite 
I.iebhaberfach an die Münchener Hofbtihne engagirt, und 1865 zog ihn 
Herr von Hülsen an das Berliner kgl. Schauspielhaus. Er trat dort u. a. als 
Schiller in Laube's »Karlsschülern«, als Bugslaff in Paul Heyse's »Hans Lange«, 
als Mortimer und Gringoire auf. Von Dingelstedt, Laube, Putlitz wurde der 
Brakenburg im Egmont als seine beste Rolle bezeichnet. Leider und nicht 
zu seinem Heile verliess D. Berlin nach mehrjährigem Aufenthalt und folgte 
einem Rufe an das kaiserl. Deutsche Hof-Theater in St. Petersburg. Dort, 
mitten in der Vollkraft seines künstlerischen Schaffens, befiel ihn eine tückische 
Halskrankheit, deren Folgen er zeitlebens nicht überwunden hat. Die hervor- 
ragende Stellung, die er als erster Held und Liebhaber einnahm, war für 
immer verloren, Kraft und Mark der Stimme dahin, das Organ blieb spröde 
und gehorchte selbst der schönsten Intention nicht mehr. So kam D. nach 
München zurück, so nahm ihn am 15. Februar 1878 die heimatliche Bühne 
ab »gesetzten Liebhaber« auf, nur so hat ihn die gegenwärtige Generation 
gekannt, als eine halbe Utilitd, eine repräsentative Aushilfsperson, denn D. 
hatte eine gute Figur und ein classisches Profil. Es gehörte gewiss viel Selbst- 
überwindung fiir den einst gefeierten Künstler dazu, neidlos die Erfolge Anderer 
zu sehen und sich mit unbedeutenden Aufgaben zufrieden zu geben; D. scheint 
sie besessen zu haben, denn er wurde als guter Kamerad geschätzt. Er hat 
den Brakenburg nie mehr spielen dürfen und ist doch im anderen Sinne der 
Brakenburg der Münchener Hofbühne geblieben. Ein langes, schmerzvolles 
Leiden nahm ihn von den Brettern weg, und es war nicht einmal nöthig, sich 
nach einem Ersatz für ihn umzusehen. * Er hinterliess eine Wittwe und einen 
Sohn, dem er den Taufnamen seines Bruders, des Dichters Felix D., gegeben 
hatte, und der sich in jungen Jahren der Oper zugewendet hat. — »Ich 
wünsche, dass mein lieber Ludwig einmal bei mir im Grabe liegen soll!« — 
waren die letzten Worte der berühmten Constanze Dahn. Als Ludwig D. vor- 
zeitig an ihre Seite gebettet wurde, sprach sein Freund und Vorgesetzter, 
Intendant v. Possart, am offenen Grabe u. A. die kennzeichnenden Worte: 
^Es ist der Träger eines stolzen Namens, dem wir die Gruft seiner grossen 
Mutter öffnen, es ist der Sprössling eines Künstlergeschlechts, welches in 
ruhmvollem Wirken dem königlichen Schauspiel ein halbes Jahrhundert hin- 
durch weittragenden Glanz und erhöhte Bedeutung lieh. Zwar die zwingende 
Genialität der geistsprühenden Mutter war dem Dahingeschiedenen nicht ge- 
geben, auch nicht die herrlichen äusseren Mittel seines vielbewunderten Vaters, 
dessen markige Kraft und souveräne Noblesse uns alten Münchenem noch 
beute unvergesslich sind; allein ein Erbe seiner Eltern hat er voll und ganz 



• • • 

• » • 

• • • 



V*. 






I02 •/•.'•.' Dahn. von Fitting. Baron. 

• • • 

angetreten :: 'die hohe Begeisterung für seine Kunst und eine wandellose Pflicht- 
erfullung.;'*.l)tltchdrungen von der Heiligkeit seines Berufes trat der Dahin- 
geschiedfeije, auch für die kleinste Aufgabe mit Ernst und Eifer ein, und selbst 
da, wo*' er' in zweiter Linie stehen musste, bewies er durch neidlose Unter- 
ordriVmg und unversiegbaren Fleiss, dass echtes Künstlerblut in seinen Adern 
rgilte./ D. hinterlässt kein grosses Andenken, aber ein liebenswürdiges, das 
wicni^hem grossen Namen fehlt. 



•.'• 



Alfred Freiherr v. Mensi. 



Fitting, Jakob, Ritter von, Oberlandesgerichtspräsident zu Zweibrücken, 
* 21. Januar 1831 zu Tiefenthal im pfälzischen Bezirksamt Frankenthal als 
Sohn eines Gutsbesitzers, f 5. Mai 1898 zu Zweibrücken. Er widmete sich 
seit 1848 der juristischen Laufbahn auf den Universitäten Heidelberg, München 
und Würzburg, bestand das Staatsexamen mit sehr gutem Erfolge und wurde 
1855 in Kaiserslautem funktionirender Staatsprokurator-Substitut, i86o Bezirks- 
gerichtsassessor in Franken thal, i862Staatsprocurator-Substitut in Kaiserslautem, 
1866 Bezirksrichter, 1871 erster Staatsanwalt daselbst, 1875 Rath am Appel- 
lationsgericht in Zweibrücken, 1878 Rath am Handelsappellationsgericht allda, 
1879 Oberstaatsanwalt am königl. Oberlandesgericht, 1890 Senatspräsident, 
endlich 30. April 1896 an die Spitze der pfälzischen Justizverwaltung be- 
fördert und 10. Oktober 1897 zum lebenslänglichen Reichsrath ernannt. 
Eine Berufung ins Ministerium lehnte er ab. Durch Liebenswürdigkeit und 
Bescheidenheit des Wesens, wie durch Milde des Urtheils ausgezeichnet, ver- 
einte er juristischen Scharfblick mit Gründlichkeit und Bedachtsamkeit, sodass 
er in hohem Masse zur Mitwirkung bei gesetzgeberischen und organisatorischen 
Arbeiten befähigt war. Er bewies dies durch eine in den weitesten Kreisen 
hochgeschätzte Thätigkeit bei Neuordnung der Verhältnisse nach Einführung 
der Reichsjustizgesetze, namentlich auf dem Gebiete des Hypotheken- und 
Gefängnisswesens. Als in kurzer Frist Ueberleitungs- und Ausführungsbe- 
stimmungen aus Anlass der bevorstehenden Einführung des bürgerlichen Ge- 
setzbuches speciell für die Pfalz zu treffen waren, war er unermüdlich hiefür 
thätig, wobei er sich als trefflichen Kenner des geltenden wie des kommenden 
Rechts erwies. In den Gesetzgebungsausschuss der Kammer der Reichsräthe 
berufen, betheiligte er sich bis zum letzten Augenblick an diesen weitschich- 
tigen Arbeiten. Schriftstellerisch hatte er sich durch Herausgabe eines werth- 
vollen Kommentars über das Personenstandsgesetz vom 6. Februar 1875 
(1876, Zweibrücken, Verlag von Aug. Kranzbühler, 2. Aufl. 1878) hervorge- 
than. Mitten in der Arbeit noch zu später Stunde begriffen, wurde er durch 
den Tod dahingerafft. 

Nach gef. Mitth. der »Zeitbilder, zugleich Illustr. Ztsch. f. d. Fremden- und Touristen- 
verkehr in der Pfalz, 7. Jahrg. Nr. 24 vom 12. Juni 1898 mit Bild« durch Herrn Ober- 
sekretär Merck in ZweibrUcken. — Vgl. Krit. Vierteljahresschrift Bd. 21 S. 443/4 und 
H. V. Sicherer, Reicbs-Gesetz über d. Beurk. d. Personenstandes und die Eheschliessung 
V. 6. Febr. 1875, Erl. 1878 p. XV. 

A. Teichmann. 

Baron, Julius, Universitätsprofessor der Rechte, • i. Januar 1834 zu 
Festenberg in Schlesien, f 7. Juni 1898 zu Bonn. Er besuchte 1845 — 5^ 
die Gymnasien in Oels und St. Maria Magdalena zu Breslau, studirte die 
Rechtswissenschaft in Breslau und Berlin, promovijte 14. Juni 1855 zu Berlin 



Haron. 



103 



zum Doctor beider Rechte, wurde 1859 Assessor und habilitirte sich 4. April 
1860 in der juristischen Facultät der Universität Berlin. Theoretisch und 
practisch in seinem Fache thätig, wurde er theils beim Stadtgericht daselbst, 
theils im Justizministerium beschäftigt, hier namentlich bei Arbeiten für die 
Civilprocessordnung, bis er 1866 seine Entlassung nahm, um sich ganz der 
academischen Laufbalin zu widmen. Er wurde 1869 ausserordentlicher Pro- 
fessor und ging Ostern 1880 als ordentlicher Professor der Rechte nach 
Greifswald. Seine schriftstellerische Thätigkeit war dem preussischen und 
römischen Rechte zugewandt. Er schrieb »Abhandlungen aus dem preussi- 
schen Recht«, Berl. 1860; »Die Gesammtrechts Verhältnisse im römischen Recht«, 
Marb. 1864; »Das Heirathen in alten und neuen Gesetzen«, Berl. 1874; 
^Abhandlungen aus dem römischen Civil process«, Berl. 1881 — 87, 3 Bände; 
'^Geschichte des römischen Rechts I. Institutionen und Civilprocess« , Berl. 
1884 und namentlich sein fiir akademische Kreise bestimmtes, sehr beifällig 
aufgenommenes Werk über »Pandecten«, i. Aufl. Leipz. 1872, 9. Aufl. 1896. 
Der Richtung der Kathedersocialisten zugethan, veröffentlichte er in diesem 
Sinne »Angriffe auf das Erbrecht« (Deutsche Zeit- und Streitfragen, Heft 85) 
Berl. 1877; »Zur Fortbildung des Haftpflichtgesetzes« (Schriften d. Vereins 
f Socialpolitik, Heft 19); »Ueber Erbschaftssteuern« (Hildebrand's Jahrbb. f. 
Nat.-Oekon. Bd. 26), Jena 1888. Er folgte 1883 einem Rufe an die Uni- 
versität Bern, 1888 einem weiteren an die Friedrich -Wilhelms -Universität in 
Bonn, der er bis zu seinem Tode als trefflicher Heranbilder junger Juristen 
angehört hat. In den letzten Jahren wandte er seine Thätigkeit dem deutschen 
bürgerlichen Gesetzbuche zu, dessen Kenntniss er auch in Vorträgen für weitere 
Kreise zu verbreiten bestrebt war. Er behandelte das »Erbrecht des Ent- 
wurfs« im Arch. f. d. civil. Praxis Bd. 75, »das römische Vermögensrecht 
und die sociale Aufgabe« in den Jahrbb. f. Nat.-Oekon. u. Statistik, N. F. 
Bd. 19, »Die Börsenenquete« im Archiv f. bürgerl. Recht Bd. 9. Bei der 
Universitätsfeier in Bologna überreichte er seine interessante Arbeit »Franz 
Hotmans Antitribonian« als Berner Festschrift, Bern 1888. Noch seien er- 
wähnt »Gutachten in Streitsachen der Tunnelbauunternehmung Favre«, Bern 
1885; »Gutachten betr. die Ansprüche aus dem Mönchensteiner P^isenbahn- 
unglück vom 14. Juni 1891«, Bern 1892; ein Beitrag zur Festschrift der 
Berliner Jurist. Facultät für Heffter, Berl. 1873; >>Peregrinenrecht und jus 
gentium« Lpz. 1892 (zu Jherings Jubiläum); viele Aufsätze in juristischen 
und andern Zeitschriften, zuletzt in der Deutschen Juristen-Zeitung 1898, 
S. 49 — 51 (Diebstahl von Electricität?). — B. war den mannigfachsten Inter- 
essen zugänglich; namentlich liebte er Musik und die Freuden der Gesellig- 
keit, suchte aber sonst seine Wege abseits der Allgemeinheit. Wo immer er 
konnte, linderte er in grösster Wohlthätigkeit fremde Noth und bekundete, 
seine streng beobachteten Anschauungen als Vegetarianer durch testamen- 
tarische Einsetzung der Stadtgemeinde Berlin (oder Breslau oder Festenberg) 
zur Universalerbin seines bedeutenden Vermögens behufs Gründung eines 
seinen Namen tragenden vegetarianischen Kinderhauses, welche Vergabung 
von der Berliner Stadtverordnetenversammlung abgelehnt, dagegen von der- 
jenigen der Stadt Breslau angenommen wurde (vgl. Deutsche Juristen-Zeitung 
1899 S. 105/6, 215; Grenzboten 1899 II 55). Seine juristische Bibliothek 
vermachte er der Universität Bern. 

Vgl. Leipziger Illustrirte Zeitung 1898 II 25 (mit Bild); Beilage der Allgemeinen 
Zeitung Nr. 129 vom 11. Juni 1898 S. 8; Zeitschrift der Savigny-Stiftung, Roman. Abth. VI 



I04 Baron, v. Teichmann-Logischen. Huber. 

1885 S. 278/9 (SchoUmeycr); Archivio giuridico VIII 604—606; Kukala, Allg. deutscher 
Hochschulen -Almanach, Wien 1888 S. 21; Tidsskrift for Retsvidenskab 1898 p. 518. — 
Drucksachen (Referate) zu den Sitzungen der Breslauer Stadtverordneten -Versammlung, 
Nr. 168 vom J. 1899 S. 64 — loi. 

A. Teichmann. 

V. Teichmann-Logischen, Kgl. Preussischer Generallieutnant z. D., * am 
12. April 1829 zu Kreisau, Kreis Militsch, f am 18. Januar 1898 in 
Berlin. Ein wissenschaftlich und technisch hochgebildeter Officier, hat sich 
V. T. sehr um die Entwickelung des Artillerie-Wesens verdient gemacht. 
Seine Ausbildung erhielt er in dem Kadettencorps, das er am 22. April 1847 
verliess, um als aggregirter Seconde-Lieutenant der damaligen 8. Artillerie- 
Brigade zugetheilt zu werden. 1847 — ^^49 folgte der Besuch der vereinigten 
Artillerie- und Ingenieur-Schule, nach deren Absolvirung er im October 1849 
mit Patent vom 15. September 1847 zum etatsmässigen Artillerie-OffTcier 
ernannt wurde. 1851 bis 1852 war er Lehrer und Erzieher der Prinzen 
Hermann und Alexander zur Lippe. 

Im Jahre 1853 ward T. Mitglied der Artillerie-Revision-Commission in 
Deutz, 1854 zur Geschützgiesserei ebenda commandirt, dann Erzieher am 
Kadettenhaus in Berlin, von 1855 bis 57 Directionsofficier und Lehrer an 
der Vereinigten Art.- und Ingenieurschule und vier Jahr lang Lehrer des 
Prinzen von Schwarzburg-Sondershausen. Im Mai 1858 Premierlieutenant, 
am I. Oct. 1860 Hauptmann, ward er im August 1861 Chef der i. See- 
Artillerie-Compagnie und im April 1865 Compagniechef im Festungs-Artillerie- 
Rgt. No. 6. In den Jahren 1866 bis 1868 war er Mitglied der Artillerie- 
Priifungscommission, indem er ä la suite des Feldartillerie-Rgts. No. 9 gestellt 
wurde. Im April 1868 ward er auf 47, Monate nach England zur Bei- 
wohnung von Schiessversuchen commandirt, wo er seine artilleristischen 
Kenntnisse sehr erweiterte. Im November 1868 ward T. Batteriechef im 
Feldartillerie-Rgt. No. 8 und führte während des deutsch - französischen 
Krieges 1870/71 die Colonnen-Abtheilung des Regiments. Am 24. Juni 187 1 
zum Major befördert, wurde er im October desselben Jahres Commandeur 
des Fuss-Art.-Rgts. No. 4, 22. März 1877 Oberstlieutenant, 16. Sept. 1881 
Oberst und 1884 Commandeur der i. Fuss- Art .-Brigade. Im November 1887 
ward er zum Mitglied der Studien-Commission für Kriegsschulen und der 
Prüfungscommission für Hauptleute und Premierlieutenants der Artillerie 
ernannt unter Beförderung zum Generalmajor (15. i. 1887). Er ward Inspecteur 
der I. Fuss -Art. -Inspection, Mitglied der 2. Abtheilung des General-Art.- 
Comittfs und der Ober-Mil.-Studiencommission. Am 17. Juni 1889 zum 
Generallieutenant befördert, ward er am 15. Juli 1890 auf sein Ansuchen zur 
Disposition gestellt. 

Am 22. April 1897 feierte v. T. sein fünfzigjähriges Militärdienst- Jubi- 
läum. Unter anderen Ehrenzeichen besass er den Stern zum Rothen Adler- 
Orden 2. Kl. mit Eichenlaub und das Eiserne Kreuz 2. Kl. v. T. war Ehren- 
ritter des Johanniterordens. O. Elster. 

Huber, Alfons, Professor der allgemeinen und österreichischen Geschichte 
an der Universität in Wien, * am 14. Oct. 1834 in Fügen, f 23. Nov. 1898 
in Wien. — H. war der Sohn eines kleinen Bauern auf dem Schlitterer Berg 
im Zillerthal. Im bäuerlichen Leben wuchs er heran, hütete als junger Bube 



Hübet. 



105 



die Ziegen und besuchte die weitentlegene Dorfschule. Beim Pfarrer, wo er 
über Mittag bleiben durfte, entdeckte er die alte gute Weltgeschichte von 
Annegam, und sie hat in ihm die erste Liebe zur Geschichte erweckt. 
Der talentirte Knabe kam mit 13 Jahren an das Gymnasium in Hall. Als 
armer Student, der sich von den ersten Klassen an schon mit Stundengeben 
sein Brod verdiente, hat er mit bestem Erfolg das Gymnasium in den Jahren 
1847 bis 185s (die letzten zwei Klassen in Innsbruck) durchgemacht, gerade 
in der Zeit, als die österreichischen Mittelschulen ihre gründliche Neu- 
organ isirung erfuhren. Und als er die Universität in Innsbruck bezog, konnte 
er bereits auch die ersten Früchte der Universitätsreformen geniessen. Neben 
gar manchem Halbfertigen, das begreiflicherweise beim schnellen Umschwung 
der ünterrichtsverhältnisse seit 1849 ^^ spüren war, hatte doch im Ganzen 
für unsere Universitäten eine Zeit neuen, frisch erblühenden Lebens begonnen. 
Es darf das nicht vergessen werden gegenüber dem dumpfen Drucke, der die 
politische Athmosphäre der fünfziger Jahre in Oesterreich mehr und mehr 
erfüllte. Der centralisirende Absolutismus jener Zeit hatte doch das Gute, 
dass ihn ein bedeutender und energischer Mann wie Graf Leo Thun zu einer 
mächtigen Entfaltung geistiger Kräfte des Reiches benutzen konnte. Die 
politischen Eindrücke der fünfziger Jahre und ihres Polizeiregimes hat übrigens 
H. niemals vergessen. Nicht selten erzählte er später charakteristische Epi- 
soden aus jener Zeit, um vor den voreiligen Wünschen nach Rückkehr zum 
Absolutismus zu warnen, die bei den tristen Erfolgen unseres neueren 
Parlamentarismus nicht selten laut werden. Jene Eindrücke machten H. 
zum politisch liberalen Mann, der, zwar festhaltend an seiner positiven reli- 
giösen Ueberzeugung, sich doch den Tendenzen der politischen Parteien der 
Clericalen oder Conservativen gegenüber immer ablehnend verhielt. Als seine 
Berufung nach Wien im Zuge war, erschien eines Tags in einer Wiener 
Zeitung dieser letztgenannten Richtung ein Artikel, der H.'s Geschichte 
üesterreichs als einseitig und parteiisch hinstellte und besonders auch darauf 
hinwies, dass sie in Gotha, im Gotha der Kleindeutschen, erscheine! Nichts 
war ehrenvoller für H.'s gerechte Sache, als dass gegen diesen Angriff ein 
Franziskaner sich erhob und im »Tiroler Boten« das Werk seines Lehrers 
vertheidigte. 

Für den jungen Historiker war es von günstigster Fügung, dass er an 
der Universität in Julius Ficker einen menschlich wie wissenschaftlich geradezu 
idealen Lehrer fand. Um den jungen, bald berühmten Professor scharten 
sich seit Mitte der fünfziger Jahre eine Reihe tüchtiger Schüler. Sie lernten 
bei Ficker kritische Exactheit, sie lernten mit Urkunden umgehen, während 
man sonst dazumal allenthalben fast ausschliesslich sich mit den »Scriptores« 
beschäftigte; sie lernten reine Sachlichkeit, strenge Unbefangenheit der 
Forschung. Ficker lenkte seine Schüler gern auf das Feld der Territorial- 
geschichte, das damals wie heute noch dankbare Stoffe darbot. Auch H. 
empfing die ersten Anregungen nach dieser Richtung, doch waren es Pro- 
bleme, deren Bedeutung weit über engere Grenzen hinausreichte, und die 
bereits die mannigfachsten Erörterungen erfahren hatten. Es waren die 
Arbeiten: »Ueber die Entstehungszeit der österreichischen Freiheitsbriefe« 
■Sitzungsb. d. Wiener Ak ad. 1860) und »Die Waldstädte Uri, Schwyz, Unter- 
valden bis zur festen Begründung ihrer Eidgenossenschaft« (Innsbruck 1861). 
t>ie erstere bezeichnet den Abschluss der Frage, die zweite war eine 
willkommene Präcisirung der bisherigen Forschung, beide Schriften zeigen 



lo6 Huber. 

schon die Vorzüge von H.'s Leistungen: Scharfsinn, Unbefangenheit, 
Klarheit. 

Inzwischen hatte sich H. 1859 an der Universität Innsbruck für Ge- 
schichte habilitirt. Im Jahre 1863 war er bereits für eine Professur in 
Lemberg in Aussicht genommen, als durch den Uebertritt Fickers an die 
juristische Facultät ihm ein Platz im Heimathland geschalffen wurde und er 
die Lehrkanzel für allgemeine Geschichte in Innsbruck als ordentlicher Pro- 
fessor erhielt. Dieses selbe Jahr ward auch für seine wissenschaftliche 
Thätigkeit von langhin wirkender Bedeutung. Damals feierte man in Tirol 
das Fest der 500jährigen Vereinigung des Landes mit Oesterreich. H. spendete 
als werth volle Festgabe eine gediegene »Geschichte der Vereinigung Tirols 
mit Oesterreich« (Innsbruck 1864), welche diese wechselreiche, tief in die 
deutsche Geschichte eingreifende Reihe von Ereignissen in geradezu ab- 
schliessender Weise geschildert hat. In engstem Zusammenhang damit schrieb 
er dann die »Geschichte Herzog Rudolfs IV. von Oesterreich« (Innsbruck 
1865), welche die feste Grundlage für alle weiteren Forschungen über diesen 
merkwürdigen Fürsten ward und bleiben wird. In den Jahren 1864 bis 
1868 war H. mit Durig, Ladurner, Schönherr und J. V. Zingerle Heraus- 
geber des »Archivs für Geschichte und Alterthumskunde Tirols« und hat 
im I. und 3. Bande desselben Verzeichnisse der über Geschichte Tirols von 
1858 bis 1868 erschienenen Schriften geliefert. Um dieselbe Zeit bearbeitete 
er auch flir die »Oesterreichische Geschichte fiir das Volk« das Bändchen 
über die ersten Habsburger (1866). 

Auf die Geschichte des 14. Jahrhunderts, welche H. so in seinen ersten 
Werken erfolgreich gepflegt hatte, wurde er noch intensiver hingeführt 
durch die Aufgaben, die ihm aus dem wissenschaftlichen Nachlass Joh. Fr. 
Böhmers erwuchsen. Böhmer, der Schöpfer der deutschen Kaiserregesten, 
war 1863 gestorben; Ficker übernahm die Hauptsorge für den Nachlass. 
Böhmer hatte selber noch in grossmüthiger Weise H. die Mittel zu Reisen nach 
München und Wien verschafft, welche die Herausgabe der »Geschichte der 
Vereinigung Tirols« ermöglichten. Nunmehr nahm H. die Vollendung des 
schon von Böhmer vorbereiteten 4. Bandes der »Fontes rerum Germanicarum^ 
auf sich. Er erschien 1868 und enthält eine Reihe der wichtigsten Quellen 
des 14. Jahrhunderts. Eine weit grössere Aufgabe aber war die Bearbeitung 
der Regesten Kaiser Karls IV. (1346 — 1378), welche H. die folgenden Jahre 
hindurch beschäftigte. Mit seiner rastlosen Arbeitskraft vollendete er das 
gewaltige Werk binnen verhältnissmässig kurzer Zeit; die Regesten Karls IV. 
erschienen von 1874 bis 1877. Die eingehende Einleitung bot einen wich- 
tigen Beitrag zur Kaiserdiplomatik des späteren Mittelalters, die Regesten 
sind die sorgfältig gearbeitete kritische Grundlage für diese ganze Periode 
deutscher Geschichte. H. hat späterhin aus neu gefundenem Material noch 
ein Ergänzungsheft zu den Regesten Karls IV. herausgegeben (1889). Zu 
diesen bedeutenden Leistungen gesellten sich noch wertvolle kleinere 
Arbeiten über österreichische Münzgeschichte des 13. und 14. Jahrhunderts 
(Archiv f. Oest. Gesch. 187 1), über Rudolf von Habsburg vor seiner Thron- 
besteigung (Almanach der Akad. 1873), über die Politik Kaiser Josefs II. 
(Rectoratsrede, Innsbruck 1877), Aufsätze in der Wiener Abendpost über 
Wallenstein-Litteratur und über die französischen Revolutionskriege. Dazu 
zahlreiche Recensionen, die meist im Litterar. Centralblatt erschienen. H. war 
unbestritten schon einer der tüchtigsten Historiker speciell auf dem Gebiete 



Huber. 107 

der österreichischen Geschichte geworden. Die Akademie der Wissenschaften 
in Wien hatte ihn 1867 zum correspondirenden, 1872 zum wirklichen, die 
bayrische Akademie 1878 zum auswärtigen Mitglied gewählt, die gelehrten 
Gesellschaften in Prag und Brunn zum Ehrenmitglied. 

H. hatte inzwischen seit dem Abgang des alten, vormärzlichen Glax (1870) 
die Professur für österreichische Geschichte in Innsbruck übernommen, was 
ja seiner Studienrichtung aufs beste entsprach. Und nun trat auch die grosse 
Aufgabe an ihn heran, welche erst ganz und gar das ihm eigenthümUche 
Können herausforderte. Eben war er mit Trientiner Bischofsurkunden be- 
schäftigt, die ihm Durig zur Publication tiberlassen hatte, als er Ende der 
siebziger Jahre die Aufforderung Giesebrechts erhielt, für die Sammlung der 
europäischen Staatengeschichten die Geschichte Oesterreichs zu übernehmen. 
Büdingers ausgezeichnete österreichische Geschichte ist nur bis ins 11. Jahr- 
hundert geführt. Dann waren gerade in den siebziger Jahren zwei Werke 
erschienen: das von F. M. Mayer, verdienstlich durch die besondere Berück- 
sichtigung der Culturentwicklung, und die Geschichte Oesterreichs von 
F. V. Krones, lebhaft geschrieben, die einzige ausführliche und zu Ende 
geführte Darstellung. Aber keines dieser beiden Werke wollte eine aus den 
Quellen herausgearbeitete und doch zusammenfassende Darstellung sein. Das 
hat H. sich als Ziel gesteckt und das hat er in den fünf Bänden seiner 
»Geschichte Oesterreichs«, die von 1885 bis 1896 erschienen und bis 1648 
führen, in meisterhafter Weise erreicht. In einer langen Reihe von Ab- 
handlungen hat er seinem grossen Werke stets aufs Neue werthvolle kritische 
Detailuntersuchungen vorausgeschickt, (in den Mittheilungen d. Instituts f. 
Ost. Geschichtsforschung Bd. i, 2, 4, 6 und Ergänzungsbd. 4 und im Archiv 
f. öst. Geschichte Bd. 63, 65, 66, 68, 72, 75, 82, 85), welche an zahlreichen 
Punkten der österreichischen Geschichte von der ältesten Zeit bis ins 
17. Jahrhundert Klarheit schafflen. Sie zeigen, wie überaus gründlich und 
selbständig H. allüberall in dem weiten Gebiete gearbeitet hat. Die Abhand- 
lungen über die Entstehung der weltlichen Territorien von Brixen und Trient, 
über die älteste Verfassung Krains, über die österreichische Reimchronik, 
über die financiellen Verhältnisse Oesterreichs unter Ferdinand I. und nament- 
lich die Studien über ungarische Geschichte vom 11. bis zum 16. Jahrhundert 
werden dauernden Werth behalten. Wie aber nun H. den ganzen Ungeheuern 
Stoff an Quellen und Litteratur beherrscht, zusammen gefasst und zu seiner 
Geschichte Oesterreichs verarbeitet hat, ist bewundernswerth. Hier zeigt sich 
mehr als Scharfsinn und Kritik. Das ist das Werk einer starken Geisteskraft. 
Wenn H.'s Geschichte wegen der einfachen Schlichtheit ihrer Darstellung ab 
und zu etwas von oben herab angesehen wurde, so mögen geistreiche Leute 
bedenken, dass die energische Durchdringung, klare Erfassung des Wesent- 
lichen und die durchsichtige Darstellung eines so gewaltigen und verwickelten 
Stoffes doch wohl auch des Geistes bedarf. H. ist, um anderwärts gebrauchte 
Worte zu wiederholen, kein feuriger Darsteller, wie er auch kein lebhafter Vor- 
tragetider war, er schreibt nicht glänzend, nicht hinreissend, nicht Pathos 
und Raisonnement darf man bei ihm suchen, wohl aber unübertreflfliche 
Klarheit in der Disposition des schwierigen Stoffes, scharfe, sicher treffende 
Kritik, einfach schlichte, durchsichtige Erzählung. Nirgends nebensächliches, 
hemmendes Beiwerk, überall das Wesentliche und Entscheidende, überall ein 
reifes Urtheil und unwandelbare Gerechtigkeit. Hat H. den inneren Verhält- 
nissen der Staaten und Völker, dem Zustand der Cultur eine im Verlauf des 



I o8 Huber. 

Werkes eigentlich immer geringer werdende Beachtung geschenkt, so müssen 
wir es doch als ein wahres Glück bezeichnen, dass er mit seiner Meisterhand 
vor Allem einmal den sicheren Grund, den vertrauenswürdigen Führer in der 
äusseren Geschichte Oesterreichs und seiner Dynastie jgeschaflfen hat. Die 
Darstellung der Geschichte Oesterreichs ist an sich schon schwierig durch 
die ganz eigenartige Entstehung der Monarchie; sie wird noch schwieriger 
durch die Vielsprachigkeit der Länder, ihrer historischen Quellen und neueren 
Litteratur. H. hat eigens ungarisch gelernt, und Ungarn mag ihm dankbar sein 
für diese Mühe. Denn er hat erst für viele Partien der ungarischen Geschichte 
des Mittelalters die wahrhaft kritische Grundlegung, für das i6. und 17. Jahr- 
hundert geradezu die erste zusammenfassende, unparteiische und zugängliche 
Geschichte Ungarns geschaffen. Die äussere Anerkennung dafiir ward H. 
durch die Wahl zum auswärtigen Mitglied der ungarischen Akademie 
und durch die seltene Ehre, dass sein Werk in das Magyarische über- 
setzt wird. 

Wir haben etwas vorgegriffen. Die beiden ersten Bände der Geschichte 
Oesterreichs erschienen 1885, der dritte 1888. Dazwischen lag die Berufung 
H.'s an die Universität Wien im Jahre 1887 als Nachfolger von Ottokar 
Lorenz. Nicht ganz leichten Herzens verliess er die engere Heimath, die 
Stätte langjährigen Wirkens, den Kreis alter Freunde, den er allabendlich 
in der rauchigen Ecke beim »Breinössl«, im »Noricum«, treffen konnte. Er 
hatte in Innsbruck ein überaus glückliches Familienleben gegründet und sich 
im Professorenviertel in Wilten ein freundliches Haus gebaut. Sehr ungern 
sah man ihn in Innsbruck scheiden. Ein grosser Abschiedscommers im Juli 
1887, den die Universität ihm gab, brachte die Gefühle allgemeinster Ver- 
ehrung zu beredtem Ausdruck. Eine Säule der Universität nannte ihn ein 
Redner jenes Abends. Und das war H. nicht bloss in wissenschaftlicher 
Beziehung. Er besass scharfes Urtheil auch in praktischen Dingen; bei ver- 
wickelten Berathungen und Debatten wusste er mit wenigen klaren Worten 
den Ausschlag zu geben. Zwei Mal war er Rector der Innsbruck er Uni- 
versität, das Museum Ferdinandeum wählte ihn 1881 zum Vorstand, und er 
hat in einer schwierigen Uebergangszeit, als der Neubau des Hauses und die 
Neuordnung der Sammlungen durchgeführt wurde, das Institut mit Umsicht 
geleitet. Aber dies Ansehen und Vertrauen ist ihm auch in seinem grösseren 
Wirkungskreis in Wien sehr bald zu Theil geworden. Die neuen Collegen 
an der Universität und in der Akademie wussten H. in kurzer Zeit zu schätzen. 
Sie ehrten ihn durch die ausser der Reihe erfolgte Wahl zum Decan (1896), 
durch die Wahl zum Secretär der historisch -philosophischen Klasse (1891), 
dann zum Generalsecretär der Akademie (1893). Freunde und Schüler 
feierten im November 1893 sein 3ojähriges Professorenjubiläum. Ende 1895 
wurde er ordentliches Mitglied des neu errichteten Archivrathes, 1897 nach 
dem Tode Ameths Vorsitzender der neuen Commission für Herausgabe von 
Quellen zur neueren Geschichte Oesterreichs. Sein Ansehen wuchs weit über 
Oesterreichs Grenzen hinaus und manifestirte sich in vielfachen wissenschaft- 
lichen Ehrungen; in besonderer Weise, als ihm 1893 der erste deutsche 
Historikertag in München den Vorsitz übertrug. Es ist beschämend, sagen 
zu müssen, dass dieser Mann, der wahrhaftig für sein Vaterland genug ge- 
leistet, keine andere äussere Auszeichnung in seinem Leben erhalten hat, als 
einen verspäteten Hofrathstitel (1897). 

Trotz der mannigfachen Ansprüche, welche die neue Stellung, alle diese 



Haber. 



109 



Ehren und Würden mit sich brachten, verfolgte H. auch in Wien seine 
wissenschafdichen Arbeiten mit rasUoser Kraft. Ja, man darf sagen, dass er 
gerade in diesen Jahren seine ganze bewundernswerthe Leistungsfähigkeit ent- 
faltet hat. Von 1888 bis 1896 erschienen der 3., 4. und 5. Band der Ge- 
schichte Oesterreichs und die zahlreichen aus den Vorarbeiten herausge- 
wachsenen Abhandlungen. Daneben veröjßfentlichte H. zur Feier des 50 jäh- 
rigen Bestandes der k. Akademie der Wissenschaften im Jahre 1897 deren 
Geschichte, welche einen interessanten Ausschnitt aus Oesterreichs geistigem 
Leben im letzten halben Jahrhundert darstellt. Im Jahre 1898 war H. noch 
thätig als Obmann des Redactionscomit(§s für die zum 50jährigen Regierungs- 
jubiläum des Kaisers von der Universität Wien dargebrachte Geschichte der- 
.selben von 1848 bis 1898. 

Und neben all dem hat nun H. gerade in diesen letzten Jahren noch 
Zeit gefunden, um ein bestimmtes Gebiet österreichischer Geschichte be- 
sonders zu pflegen, die österreichische Verfassungs- und Verwaltungsge- 
schichte. Schon in einer akademischen Rede vom Jahre 1883 hatte er die 
Umrisse der österreichischen Verwaltungsorganisation bis zum Ende des 
18. Jahrhunderts gezogen. Auch in der Geschichte Oesterreichs hatte er 
dieser Seite eine rege Aufmerksamkeit zugewendet. Die Einführung der 
österreichischen Reichsgeschichte als eigenes Fach in den juristischen Studien- 
gang im Jahre 1893 gab ihm nun den Anlass, sich speciell diesem Gebiete 
zuzuwenden. Denn es gab nun wohl auf einmal ein officielles Fach der 
österreichischen Reichsgeschichte, aber keine zusammenhängende, übersicht- 
liche Bearbeitung derselben. H. hat nun als der erste den ganzen, bisher 
nur da und dort angerührten Stoff in der »Oesterreichischen Reichsgeschichte« 
vVVien 1895) zusammengefasst. Niemand kann von einem ersten Wurf Voll- 
kommenheit verlangen. Aber durch die Fülle des verlässlich zurechtgelegten 
Stoffes, durch die eingehende Behandlung auch Böhmens und Ungarns ist H.'s 
Werk ein unentbehrliches Buch geworden. Schon stellte sich eine zweite 
Auflage als nothwendig heraus, und*H. war mit derselben beschäftigt, als ihn 
der Tod ereilte. Zugleich vollendete er noch ein anderes in dieser Richtung 
bedeutsames Werk. Er hatte durch Vermäch tniss den Nachlass des im Jahre 
1865 verstorbenen Appellationsgerichtsrathes Ignaz Beidtel zur Publicirung 
überkommen. Aus diesen weitläufigen Schriften schälte er nun eine »Ge- 
schichte der österreichischen Staatsverwaltung 1740 — 1848« (Innsbruck, 2 Bände 
1896 u. 1898) heraus, welcher er eine auf den Memoiren Beidtels beruhende 
Biographie desselben voranstellte. Ignaz Beidtel war fast 50 Jahre im Staats- 
dienst gewesen und hatte sich, von Hause aus ein selbstständiger Kopf, ein 
oft eigenartiges, immer beachtenswerthes Urtheil über Oesterreichs innere 
Verhältnisse gebildet. All das ist in dem Werke niedergelegt, welches man 
darum, wie H. sagt, eine Geschichte des Geistes der österreichischen Staats- 
verwaltung nennen könnte. 

So ist es denn eine erstaunliche Fülle von Arbeit und Leistung, die 
dieses Forscherleben umschliesst. Von seiner ersten Abhandlung bis zum 
allerletzten Aufsatz zeigen alle Arbeiten H.'s dieselbe Gediegenheit. Keine 
von ihnen enthält blendende Resultate, aber eine jede bedeutet einen sicheren 
Schritt vorwärts. Wie im Leben, wie in seinen Vorlesungen und Uebungen 
war H. auch in seinen Schriften ein abgesagter Feind der Phrase. Aber 
was er darum vielleicht an augenblicklicher Anziehungskraft vermissen Hess, 
das ersetzte mit nachhaltiger Wirkung seine erprobte Zuverlässigkeit und 



HO Huber. Knies. 

Klarheit. Kein Anderer hat wie H. die Erkenntniss österreichischer Geschichte 
so vielseitig und so gründlich im Einzelnen gefördert und kein Andrer hat ein 
so vortrefflich zusammenfassendes Bild der Staatsgeschichte gegeben wie er. 
Darin besteht H.'s Bedeutung. 

Nur eine harmonische und durch und durch gesunde Natur vermochte 
diese Fülle von Arbeit zu leisten. H.'s kräftige, mehr untersetzte Gestalt, 
sein sicherer Gang, sein klares braunes, ruhig und doch scharf blickendes 
Auge, Alles vereinigte sich, um schon äusserlich den Eindruck des in sich 
Gefesteten hervorzurufen. Er hatte nie eine ernstliche Krankheit durchzu- 
machen. Es war daher erschreckend, als er im Jänner 1897 von einem 
schweren Ohnmachts- und Schwächeanfall betroffen wurde. Allein er erholte 
sich anscheinend so vollkommen, dass Familie und Freunde sich beruhigten. 
Gerade im letzten Jahre fühlte er sich wieder so recht frisch und wohl. 
Mit voller Kraft wollte er an die Fortsetzung seiner österreichischen Ge- 
schichte gehen, von der er durch alle die andern Arbeiten und Pflichten 
vielfach abgehalten worden war. Da riss jäh und viel zu früh das Geschick 
den unermüdlichen Mann mitten aus der reichsten Wirksamkeit. Am 23. No- 
vember, Mittags um i Uhr, wurde er auf dem Wege von der Universität 
nach Hause von einem Gehirnschlag getroffen. Nach wenigen Secunden war 
er verschieden. 

Ein österreichischer Historiker. Wiener Zeitung vom 29. Nov. 1893 Nr. 273. — 
Nekrologe in N. Tiroler Stimmen vom 29. Nov. 1898 Nr. 272 von H(im), in der Wiener 
Zeitung vom 24. Dec. 1898 von Dr. G. L., in der (MUnchener) Allgem. Zeitung vom 
4. Jan. 1899 Beilage Nr. 3 von Osw. Redlich, in den Mittheilungen d. Instituts f. Ost. 
Geschichtsforschung (1899) 20, 189 — 191 von E. M(tthlbacher), in der Histor. Vierteljahrs- 
schrift (1899) 2, 294 — 296 von A. Dopsch. — Eigene Erinnerungen. 

Oswald Redlich. 

Knies, Karl Gustav Adolf, * 29. März 1821 zu Marburg, f am 3. August 1898 
zu Heidelberg im 77. Lebensjahre, der bekannte, schon im November 1896 
todtgesagte Professor der Staatswissenschaften und ehemalige Director des 
badischen Oberschulraths, ein Mann, der schon früh als akademischer Lehrer auch 
dei Theorie der Statistik näher trat. K. besuchte die Gymnasien in Marburg 
und zu Fulda, lag von 1841 bis 1845 ^^ ^^^ Universität Marburg dem Studium 
der Staats- und Rechtswissenschaften ob, promovirte und habilitirte sich 
1846 als Privatdocent für Geschichte und Staatswissenschaften. Im Jahre 
1849 ward er an die polytechnische Schule zu Kassel berufen und übernahm, 
nachdem er unter dem Ministerium Hassenpflug seines Amtes verlustig ge- 
gangen, 1852 eine Lehrerstelle an der Kantonschule zu Schaffhausen, von 
wo er auf Grund seiner hervorragenden staatswissenschaftlichen und stati- 
stischen Arbeiten 1855 als ordentlicher Professor der Kameral^issenschaften 
nach Freiburg i. B. berufen wurde. Hier verfasste er, kurz vor Abschluss 
des badischen Konkordates, das »Promemoria der protestantischen Professoren 
an der badischen Landesuniversität P^eiburg«, bekleidete von 1862 bis 1865 
die Direktorstelle des neuen badischen Oberschulrathes für Mittel- und Volks- 
schulen, bearbeitete das Specialgesetz über die nicht confessionellen Aufsichts- 
behörden für die badischen Volksschulen vom 29. Juli 1864 und vertrat 
dasselbe auch als ausserordentliches Mitglied des Ministeriums des Innern 
vor den badischen Landständen, denen er seit 186 1 als Mitglied der vierten 
Kammer angehörte. Meinungsverschiedenheiten mit der Regierung über die 
Ausfuhrung des Gesetzes veranlassten seinen Rücktritt, worauf er 1865 die 



Knies. 1 1 1 

ihm angetragene Professur der Staatswissenschaften an der Ruprecht-Karls- 
Universität übernahm. Später war er wiederholt Mitglied und 1882 auch 
Vicepräsident der I. Kammer. Die juristische Fakultät zu Tübingen ernannte 
ihn 1877 beim einhundertjährigen Universitätsjubiläum zum Ehrendoktor. 
Am I. April 1896 trat er in den wohlverdienten Ruhestand. 

K. war ein Hauptvertreter der historischen Schule, dessen tiefe geschichts- 
philosophische Auffassung der Volkswirthschaft Ad. Wagner (S. »Staats- 
wissenschaftl. Wörterbuch von Bluntschli und Brater«, Band X, S. 455. — ) 
rühmt und dessen Critik S. Cohn der Herrmann 'sehen Logik (S. S. Cohn, 
»Grundriss der Nationalöconomie« (Stuttgart 1855), S. 2090".) weit voran- 
stellt. Auf dem Gebiete der Statistik trat er 1850 mit seiner, in Kassel er- 
schienenen, epochemachenden Arbeit »Die Statistik als selbstständige Wissen- 
schaft« u. s. w. (das Werk ist nach dem vollen Titel bestimmt »Zur Lösung 
des Wirrsals in der Theorie und Praxis dieser Wissenschaft. Zugleich ein 
Beitrag zu einer kritischen Geschichte der Statistik seit Achenwall«) hervor, 
in welcher er, auf dem Boden der politischen Arithmetik, als Grundlage für 
die statistischen Operationen bei Ausschluss der Wortsprache nur die zahlen- 
mässig genau feststehende Thatsache zulässt. Die Statistik hat sich nach K. 
nicht auf die Gegenwart zu beschränken ; keine Rücksicht auf Staatliches oder 
Politisches soll ihren Stoff bestimmen, sondern nur die unerlässliche Bedingung 
der genauen Zahlenangabe. Der für die alte historische Schule wesentliche 
Begriff des Dauernden und Zuständlichen ist K. daher für die Statistik be- 
deutungslos, welche ihm eine zahlenmässig verbürgte Detailkenntniss ver- 
mitteln und ihn als neue greifbare Vertreterin der vollen Wahrheit der Dinge, 
auf deren Grundlage allein ein sicheres Heil für die Leiden und Besserung 
der Erscheinungen des öffentlichen Lebens zu erwarten steht, zu einer Phy- 
siologie der Gesellschaft führen soll. Die nur auf diesem Wege und mit 
diesen Mitteln mögliche Erkenntniss des gesetzlichen Organismus jener Er- 
scheinungen ist die letzte Aufgabe der Statistik als einer ganz selbstständigen 
und eigenthümlichen Wissenschaft, welche auch über eine besondere Methode 
verfugt. 

K. fordert in seinem Buche mit Entschiedenheit eine Trennung der ver- 
schiedenartigen Dinge, welche unter dem Namen »Statistik« zusammengefasst 
werden. Nach ihm haben sich unter diesem Namen zwei Gruppen oder 
Richtungen nebeneinander ausgebildet, die Nichts mit einander gemein haben 
als eben den Namen; diese Gruppen müssten in zwei Disciplinen geschieden 
werden. K. sprach damit die Leichenrede der Achenwall-Schlözer'schen 
Schule; den theoretischen Statistikern die Augen geöffnet zu haben, war sein 
grosses Verdienst, 

Von den zahlreichen selbstständigen staatswissenschaftlichen Schriften des 
Verstorbenen heben wir hier noch hervor: »Die politische Oeconomie vom 
Standpunkte der geschichtlichen Methode«, Braunschweig 1853, in zweiter 
Auflage ebenda 1883 u. d. T. »Die politische Oeconomie vom geschicht- 
lichen Standpunkte« u. s. w. erschienen. — »Die Eisenbahnen und ihre 
Wirkungen«, Braunschweig 1853. — »Der Telegraph als Verkehrsmittel. Mit 
Erörterungen über den Nachrichtenverkehr überhaupt«, Tübingen 1857. — 
»Die Dienstleistung der Soldaten und die Mängel der Conscriptionspraxis. 
Eine volkswirthschaftlich-financielle Erörterung«, Freiburg i. Br. 1860. — »Zur 
Lehre vom volkswirthschaftiichen Güterverkehr«, Freiburg i. B. 1862. — »Finanz- 
politische Erörterungen», Heidelberg 187 1. — »Weltgeld und Weltmünzen«, 



112 Knies. Hartmann Hans. 

Berlin 1874. — Sein Hauptwerk ist: »Geld und Credit«, Abtheilung I und 11 in 
zwei Bänden, Berlin 1873 — 1879; die zweite Auflage der I. Abtheilung »Das 
Geld« erschien ebenda 1885. — Im Auftrage der badischen historischen 
Commission gab K. ferner das zweibändige Werk »Carl Friedrich's von 
Baden brieflicher Verkehr mit Mirabeau und Dupont«, Heidelberg 1892, 
heraus. 

Ausserdem veröflfentlichte er eine grosse Menge von staatswissenschaftlichen 
Arbeiten in Sammelwerken und Zeitschriften, so in den Jahrgängen 1848 bis 
1855 von Brockhaus' Gegenwart (über »den deutschen Bund bis 1830 bezw. 
bis zur Auflösung des Bundestages«, über »die Statistik auf ihrer jetzigen 
Entwickelungsstufe« (Band VII (1855), S. 651 — 88, eine sehr eingehende Be- 
leuchtung, bei welcher er seinen früheren Standpunkt unverändert festhält), 
über »das Eisenbahnwesen« und das heutige »Bank- und Creditwesen«, in 
der Germania (Heidelberg), in der allgemeinen Monatsschrift für Wissenschaft 
und Litteratur (Braunschweig), in den Preussischen Jahrbüchern (Berlin), in 
der Protestantischen Monatsschrift (Gotha), in Unserer Zeit, in der Tübinger 
Zeitschrift für Staatsw. und in der Züricher wissenschaftlichen Monatsschrift. 

K. lebte in langer glücklicher Ehe; er hinterliess ausser seiner Gattin 
einen Sohn, der Augenarzt und a. o. Professor in Freiburg i. B. ist. Wir 
haben in dem Verstorbenen einen Mann verloren, der mit hohem Idealismus 
bei gewaltiger Arbeitskraft ein umfassendes Wissen verband und als Lehrer 
der Nationalöconomie und Statistik Bedeutendes leistete. 

E. Blenck. 

Hartmann, Hans, Maler, * 24. Februar 1845 ^" Berlin, f 8. Juni 1898 
im Bade Nauheim. Sein Vater, Dr. Wilhelm Hartmann, Professor am Ber- 
linischen Gymnasium zum Grauen Kloster, der selbst ein geschickter Zeichner 
und Kunstfreund war, hatte in seinem ältesten Sohne schon früh die Liebe 
zur Malerei angeregt, wie er auch trotz beschränkter Mittel eine kleine 
Sammlung guter Bilder zusammengebracht hatte. Trotzdem der Sohn als 
Secundaner an Gelenkrheumatismus und Herzbeutelentzündung schwer er- 
krankte, gelang es ihm dennoch Ostern 1864 das Zeugniss der Reife am Grauen 
Kloster zu erhalten. Er hörte als Student einige Vorlesungen über Kunstge- 
schichte und Aesthetik, trat aber zugleich in das Atelier des Landschafts- 
und Marinemalers Eschke ein. Behufs Erlangung sicherer Einnahmen schloss 
er sich bald als Decorationsmaler den Königlichen Theatern an, wo er 
mehrere Jahre hindurch unter Lechner arbeitete. Gleichzeitig wurde er 
des Abends von dem ihm befreundeten Christian Willberg in anregendster 
Weise unterrichtet. Früher schon hatte er auch drei Monate bei Heinrich 
Stövesandt in seinem architektonischen Zeichenunterricht gründliche perspec- 
tivische Studien gemacht. — Im Jahre 1869 trat er als artistischer Hilfs- 
arbeiter in das photographische Atelier der Firma Löscher und Petsch ein, 
deren Mitinhaber er nach dem baldigen Ausscheiden Petschs wurde. Hier 
suchte er im Verein mit Löscher bei klarer Erkenntniss der Schranken der 
Photographie sie auf ihrem eigenen Gebiete zu möglichst künstlerischer Voll- 
kommenheit zu bringen, und jede freie Stunde verwandte er auf das Studium 
der Alten, auf das Zeichnen nach Köpfen, anatomischen Präparaten und 
anderen für seine Zwecke nützlichen Gegenständen. Die Firma gelangte bald 
zu hohem Ansehen, und die Inhaber hatten die Genugthuung, ihre Arbeiten 
mehrfach prämiirt, und was ihnen besonders werthvoll war, von vielen Kunst- 



Hartroann Hans. Hartmann Helene. 



113 



lern anerkannt zu sehen. Aber im Stillen sehnte sich H. nach rein künst- 
lerischer Thätigkeit zurück, und so schied er 1888 aus der Firma Löscher 
und Petsch aus, um sich wieder ganz der Kunst, und im Besonderen der 
Architekturmalerei zu widmen. Mit grösstem Ernste ging er zu Werke und 
besuchte jetzt noch fünf Jahre die akademische Hochschule, um sich unter 
Brach ts Leitung in der Landschafts- und Architekturmalerei zu vervollkommnen. 
Nach Beendigung dieser abermaligen Ausbildungszeit kehrte er zur Deco- 
rationsmalerei zurück und gründete mit Heinrich Härder in Steglitz ein 
grosses Atelier, aus dem in den letzten Jahren seines Wirkens viele bedeutende 
Decorationen für die Königlichen Theater und die Urania hervorgingen. In 
den weitesten Kreisen fand unter ihren Decorationsmalereien das grosse Bild 
vom alten Berliner Schloss und Dom auf der Berliner Gewerbeausstellung 
von 1896 (in der Abtheilung Alt- Berlin) besondere Anerkennung. Von 
seinen zahlreichen Oelbildern befinden sich einige auch in öffentlichen Samm- 
lungen, so zwei im Museum in Altenburg. Das grosse Prachtwerk: Zur 
Jubelfeier der Königl. Akad. Hochschule für bildende Künste 1696 — 1896, 
zeigt auf S. 256 die Abbildung seines Oelbildes der Moritzburg in Halle 
a. S. — H. war in den Kreisen seiner Freunde und Kunstgenossen be- 
liebt und angesehen wegen seines ernsten Strebens, seiner Biederkeit und 
Treue und seines sprudelnden, harmlos behaglichen Witzes, der nie ver- 
letzte. Bei vielen künstlerisch belebten Festen hat er durch Bild und 
Wort die Fröhlichkeit der Feststimmung erst auf ihren Gipfel gebracht, 
trotzdem er schon seit Jahren herzkrank war und oft genug sich erst in der 
Hingabe an die Freunde die Macht des Gemütes über den widerstrebenden 
Körper erkämpfen musste. Im Jahre 1876 hatte er sich mit der ältesten 
Tochter des Professors am Grauen Kloster Rudolf Franz verheirathet, die 
jetzt mit drei Kindern seinen zu frühen Tod betrauert. Seine mehr als halb- 
jährige qualvolle Todeskrankheit hat er mit bewundernswürdiger Geduld er- 
tragen und auch sonst sind ihm schwere Prüfungen in der Familie nicht er- 
spart geblieben. Aber doch lebt im Andenken seiner Freunde sein Bild als 
das eines immer strebenden, lebensfrohen und frischer Lust sich gern hin- 
gebenden Mannes fort. 

Fritz Jonas. 

Hartmann, Helene, Hofschauspielerin am Burgtheater, * Mannheim 14. Sep- 
tember 1844, f Wien 12. März 1898. Als Sechzehnjährige betrat Helene 
Schneeberger zum ersten Male die Bühne ihrer Vaterstadt, an der sie vier 
Jahre blieb; Maurice berief sie 1864 an das Hamburger Thaliatheater; 1865 
lud sie Laube zu einem Gastspiel an das Burgtheater; sie kam und siegte 
als Lorle in »Dorf und Stadt«, »Aline« in »Fesseln«, Jeanne in »Lady Tartuffe<. ; 
sofort engagirt, begann sie Juli 1867 ihre Thätigkeit am Burgtheater; 1868 
vermählte sie sich mit dem ausgezeichneten Mitglied des Burgtheaters Ernst 
Hartmann. In Mädchen-, Frauen-, Mutter-Rollen, von Anfang bis zu Ende 
ihrer Laufbahn, war sie (wie der Nachruf in der Münchener Allgemeinen 
Zeitung sagte) »das Wunderwesen, dessen Name täglich und stündlich in allen 
Schauspielhäusern aller Länder eitel genannt wird: eine Naive oder richtiger 
die Naive, die Naturwüchsige«. Immer wieder wurde sie mit Bernhard Bau- 
meister in Eine Reihe gestellt: deutsche Art, deutsches Gemüth verkörperten 
die Beiden mit unübertroffener Kraft und Wahrhaftigkeit. Ihr Lorle ist nach 
Speidels Zeugniss typisch geworden. Ihre Margarethe in Ifflands »Hagestolzen« 

Blogr. Jabrb. u. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. 3 



114 



Hartmann Helene. 



erschien Minor im Vergleich mit der Leistung der Raabe in derselben Rolle 
wie ein deutsches Dorfkind in echtem niederländischen Stil neben einer aus 
der französischen Schule stammenden Bauernmaskerade. Ihre Franziska in 
»Minna von Barnhelm« war Baumeisters Wachtmeister ebenbürtig: sie gehört 
»zu den unsterblichen Leistungen, auf denen der Ruhm des alten Burg- 
theaters beruht, und mit Recht ist sie in dieser Rolle in die Bildergalerie 
des Burgtheaters aufgenommen worden (Minor).« »Entzückend im ersten 
Jahrzehnt ihrer Burgtheater-Laufbahn als Puck, Franziska, Dörte in »Hans 
Lange«, in Doczi'schen romantischen Komödien und als Margarethe in Ifflands 
»Hagestolzen« hat sie die Erinnerung an diese Frühzeit niemals getrübt. 
Vorzeitig gab sie ihre besten jugendlichen Rollen, ja das ganze Rollenfach 
der Backfische ab. Aus der besten munteren Liebhaberin wurde die erste 
Charakterspielerin des Deutschen Theaters, eine komische Alte, die der 
Haizinger ebenbürtig war und zugleich eine bürgerliche Heldenmutter, die 
über Töne gebot und in Regionen reichte, die der Haizinger unbekannt und 
unerreichbar geblieben waren« : als Bärbel, als Frau Piepenbrinck so köstlich, 
wie zuvor als Lorle und Adelheid von Runeck ; im neueren deutschen Drama 
als Mutter Vockerat in Hauptmanns »Einsame Menschen«, als Diakonissin in 
»Hannele«, als Frau Hergentheim in Sudermanns »Schmetterlingsschlacht« so 
überzeugend, wie im französischen Conversationsstück, z. B. der Komödie 
»Nur Mutter« von Najac. Mit am Grössten in den kleinsten Episoden: so 
zumal als Frau Dr. Stockmann in Ibsens »Volksfeind«. Reichste Zukunft, 
schönste Entwicklung lag vor der Einzigen, als sie — unmittelbar vor der 
ersten Aufführung eines Wiener Schauspiels »Neigung« von David, dessen 
Hauptcharakter sie tragen sollte — von Herzkrämpfen heimgesucht und weg- 
gerafft wurde. Schwere Schicksale hatten die aufopfernde Mutter getroffen: 
ihr bildschöner, grundguter Sohn wurde von langjährigem, qualvollem Siecb- 
thum erfasst, das ihre hingehendste Pflege nur zu lindem, nicht zu bannen 
vermochte. Diesen Verlust hat sie niemals verschmerzt, obwohl ihre beiden 
Töchter, Baronin von Ferstel und Frau Max v. Gutmann, in Beweisen der 
Liebe für die verehrungswürdige und allverehrte Frau wetteiferten. Als 
Mädchen, Gattin, Mutter und Grossmutter genoss sie bei aller Welt besonderes 
Ansehen. Ihr alter und ihr neuer Landesherr, der Grossherzog von Baden 
und Kaiser Franz Joseph, begnügten sich nicht damit, sie mit Orden auszu- 
zeichnen; sie bezeugten dem lauteren Wesen, der ungewöhnlichen Frau, 
ungewöhnlichen persönlichen Antheil. Der Kaiser von Oesterreich Hess ihr 
nach dem Tode ihres Sohnes sein Beileid aussprechen und überraschte sie 
eines Tages durch die Uebersendung seines Bildes im Silberrahmen mit der 
eigenhändigen Widmung: »Der trefflichen Künstlerin Frau Hartmann — Franz 
Joseph. <' In Kunst und Leben wirkte sie wohlthuend durch echte Weiblich- 
keit, gleich emplänglich für Lebensernst und Lebensfreude, voll Mutterwitz 
und Laune, tiefer, reiner Empfindung so fähig und mächtig, wie saftigen 
Humors; dauernden Andenkens werth und sicher in der alten und neuen 
Heimath, in ihrer Häuslichkeit und in der Geschichte der deutschen Schau- 
spielerkunst. 

Laube : Das Burgtheater. — Decamerone vom Burgtheater. — Wilbrandt : Neue 
Gedichte. Aus dem Burgtheater. — J. Minor: Sonntagsbeilage zur Vossischen Zeitung 
Nr. 167, 10. April 189S; ihr Repertoire soll nach Minors Angaben 180 Rollen umfasst 
haben. — Ludwig Speidel: Neue freie Presse 13. März 1898. — Max Kalbeck: Neues 
Wiener Tagblatt vom 13. März 1898. — Ludwig Hevesi: Fremdenblatt vom 13. März 
1898 und »Wiener Todtentanz« (Stuttgart, Bonz, 1899). — Alexander v. Weilen: Montags- 



Hartmann Helene. Egler. U c 

Revue vom 14. März 1898. — Anton Bettelheim: Münchener AUg. Ztg. (wiederholt: 
Actadiurna, Wien, Hartleben, 1899). — Leichenfeier (mit den Reden von Paul Schlenther 
und Sonnenthal) in den Wiener Zeitungen vom 15. März 1898. — Bilder in der Gallerie 
des Burgtheaters und im Familienbesitz: das letzte Porträt von Leopold Horovitz. 

Anton Bettelheim. 

Egler, Ludwig, Seifensieder, Redacteur, Dichter und Schriftsteller, 
* 24. August 1828 zu Hechingen, f 2. August 1898 zu Hechingen. E. war 
der Sohn des Seifensieders Karl E., dessen Grossvater Gottfried im 18. Jahr- 
hundert aus der deutschen Schweiz nach Hechingen einwanderte. Ludwig 
K. musste das Gewerbe des Vaters ergreifen, wiewohl er mit viel grösserer 
Freude sich den Studien gewidmet hätte. Das Jahr 1850 führte ihn. als 
(iesellen auf die Wanderschaft durch Württemberg, den Rhein hinab bis 
nach Westfalen, dann nach Hannover, Braunschweig, Berlin. Ueber Sachsen 
und Thüringen kehrte er in seine schwäbische Heimath zurück. Seine Reise 
war aber keinesweges die gewöhnliche Walze wandernder Handwerksburschen. 
Der Seifensiedergeselle, der da mit dem Felleisen auf dem Rücken durch 
deutsche Lande zog, reiste, um den starken Drang nach geistiger Nahrung, 
das unbewusste Sehnen nach dem Schönen in Natur und Kunst, die heiss- 
erstrebte Bereicherung seines Wissens zu befriedigen. Seine Aufzeichnungen 
aus jener Zeit legen Zeugniss hierfür ab. Mit dem Jahre 1854 musste er 
das Geschäft seines Vaters übernehmen. Für die geistigen Bedürfnisse des 
eifrig an seiner Bildung arbeitenden jungen Seifensiedermeisters genügte ihm 
sein prosaisches Handwerk nicht. Wo er nur Etwas erhaschen konnte, das 
ihn zu belehren vermochte über sein geliebtes Heimathland, da ruhte er 
nicht, bis es in seinem Besitze war und er es gelesen hatte, gleichviel welches 
(iebiet des Wissens es behandelte. E. war von ernster, grübelnder, aber 
nicht kopfhängerischer Art. Vor Allem fühlte er in sich den Drang, seine 
Empfindungen, seine Beobachtungen, seine Studien in dichterische Formen 
zu bringen. Hören wir ihn selbst; 

Wia om d' Versle kommet. 

Miar sitzt's so warm im Heaza drinn 
S'thuat wunderbarlich treiba; 
Gedanke kummt miar in Sinn 
Ka' saga kaum und schreiba. 
Au wechslet's oft — bald ischt es trtlab 
Bald hell, wia Suromermorga, 
'S ischt, wie wenn oas a schtille Liab 
• Im Heaza hält verborga. 

Im Jahre 1855 erschien sein erstes Gedicht, und hatte es vorher in 
seinem Innern geknospt, getrieben, so begann es nun auch zu blühen, 
(ieistige Beschäftigung ward ihm zur Nothwendigkeit, und war er der Arbeit 
seines Handwerkes ledig, dann sass er über den Büchern oder sammelte 
geistige Schätze im Volke. Als erste grössere Frucht seines still emsigen 
^trebens erschien 1861: »Aus der Vorzeit Hohenzollerns«, eine Sammlung 
von Sagen und Legenden in dichterischer Form und kulturgeschichtliche 
Erzählungen. Diese Arbeit erwarb ihm viele Freunde in Gelehrtenkreisen: 
Anton Birlinger, Michael Bück (der meines Erachtens vieles Aehnliche mit 
Ludwig E. hatte), Graf Stillfried u. a. m. Der Briefwechsel mit solchen 
^tännem, der Besuch von Gelehrten, die Zuwendung ihrer Bücher, das bildete 

8* 



1 1 6 Egler. 

sein Glück, seinen Stolz. Schon vorher, 1857, war sein eigentliches Erstlings- 
werk erschienen: »Sonnettenkranz zur Erinnerung an die Fürstin Eugenie von 
Hohenzollem-Hechingen«, worin er der Dankbarkeit und Verehrung für diese 
durch ihre Herzenseigenschaften hervorragende Frau Ausdruck gab. Ausser 
vielen dichterischen Versuchen und kleineren Gelegenheitsgedichten schrieb 
er: »Führer durch Hechingen und die Burg«, 1862; »Kurort Imnau und Stadt 
Haigerloch, 1864; »Schwefelbad Sebastiansweiler und Umgebung«, 1886. 
Höher als diese Sachen steht als ein Product emsigen Fleisses, guter Anord- 
nung und verständiger Sichtung seine »Chronik der Stadt Hechingen«, 1887; 
eine Arbeit von bleibendem Werthe, wenn ihr auch die kritische Sonde des 
geschulten Historikers mangelt. Für E.'s gewissenhaftes Ringen nach Ver- 
vollkommnung seines Könnens und Wissens spricht die Wiederauflage und 
Umarbeitung seines: »Aus der Vorzeit Hohenzollerns«, die 1895 als »Mytho- 
logie, Sage und Geschichte der Hohenzollern'schen Lande« erschien, nachdem 
er 1881 schon: »Aus *m Zollerländle« , Gedichte in schwäbischer Mundart 
herausgegeben hatte. Auch auf einem anderen Gebiete war er schriftstelle- 
risch thätig, als Redacteur der »Hohenzollern'schen Blätter«. Er musste 
hierbei erfahren, dass »ein politisch Lied, ein hässlich Lied« sei, und es 
wurde für ihn, den Mann mit dem empfindlichen, sensitiven Gemüthe, das 
viel mehr zum sinnigen Versenken in die Wunder der Natur und zum 
Studium der Volksseele veranlagt war, als zum Rufer im Streite der politi- 
schen Kämpfe, besser gewesen sein, wenn er von dieser ihn sicher nicht be- 
friedigenden Thätigkeit fern geblieben wäre. 

Es war Anfang der 80er Jahre, als ich E. persönlich kennen lernte. 
Die Art dieses Mannes war keine gewöhnliche. Er fesselte mich sofort, und 
recht charakteristisch war, dass er mich zunächst in seine sehr dunkle Schatz- 
kammer führte und mir alle seine litterarischen Schätze zeigte und dann 
mich mit seiner gesammten Familie in und ausser dem Hause bekannt 
machte, an der er mit warmer Liebe hing. Seine Erscheinung war selbst- 
bewusst, aber durchaus nicht hochmüthig. Von ernstem, gemessenem Be- 
nehmen, schien er kaum lächeln zu können. Er besass ein merkwürdiges, 
fesselndes Auge, voll Tiefe und versteckter, innerer Wärme. Wie leuchtete 
es auf, wenn er seine vorgenannten Schätze zeigte: Briefe und Werke be- 
deutender Männer, die ihm nahe getreten in Folge seiner dichterischen 
Arbeiten. Und wenn wir dann durch die Umgegend von Hechingen streiften 
auf den Spuren vor- und frühgeschichtlicher Erinnerungen oder wir den im 
Laufe der Jahrhunderte entstandenen Kunst- und Baudenkmälern nachgingen, 
er als Führer, dann strahlte sein Auge, und mit fast beschämender Bescheiden- 
heit forschte er nach Belehrung, wiewohl ihm das selbstbewusste Gefühl des 
Autodidakten nicht fehlte. Aeussere Anerkennungen von filrstlichen Gönnern 
und Vertrauensstellen im Dienste der Stadt und des I^andes haben E. nicht 
gefehlt. Aber ich glaube, dass er das höchste (ilück empfand, wenn ihm 
wieder eine geistige Arbeit gelungen, wenn sich aus seinem Innern her\'^or- 
gerungcn, was da geglüht und nach Werden gerufen, wie er es in dem oben 
angezogenen Gedichte, dessen zwei letzten Strophen noch Raum finden 
mögen, andeutet: 

Ma möcht's nau saga jederma 

Sei Glück, sei Innras, zeiga; 

Doch will ma's thoa und kuninit's druf a, 

So thuat ma lieber schweiga. 



Egier. Gsell-Fels. 117 

Nur hie oder do, am reachtan Oat 
Und au zua gwissa Schtunda, 
Do kama\s saga, findt ma d'Woat 
Zu dem/ was 's Heaz empfunda. 

Do ischt es grad, als ob ses Gemtiat 

Uflaisa wöt in Reima, 

Es ischt, wie wenn's im Frlialing bliiat 

Und schprossa thuat und keima. 

Schön reiht ses anander a, 

Was aus'm Heaza klunga; 

So geit's halt no a Liadle na 

Wia des, wo grad i gsunga. 

Schwäbischer Merkur, 2. August 1898. Tübinger Chronik, 2. August 1898. Frank- 
furter Zeitung. Hohenzollern'sche Volkszeitung 4. August. Hohenzollern'sche Blätter 
3. August Schwarzwälder Bote 2. Aug. Blätter des Schwäbischen Albvereins. A. Holder 
im Schwabenland, No. 17, 1898 mit dem Bilde Egler's. Derselbe in Alemannia, 1898, 
Heft II. 

Karl Theodor Zingeler. 

Gsell-Fels, Johann Theodor, Dr. med., philos. und theol., Kunst- 
und Reiseschriftsteller, * 14. März 181 8 zu St. Gallen, f 12. October 1898 
zu München. Derselbe stammte aus der seit vielen Jahrhunderten im Canton 
St. Gallen angesessenen Familie Gsell, welche schon 15 16 das Schweizer 
Bürgerrecht erlangt hat. Seine Eltern waren der Kunstmaler Jacob 
Laurenz Gsell und dessen Ehegattin Susanna Martha von Schobinger. Dieser 
Ehe waren drei Söhne entsprossen : Joh. Gaspard, später Kunstmaler zu Paris, 
Jacob Laurenz und unser Johann Theodor. Die drei Brüder erhielten ihren 
ersten Unterricht im Tobler' sehen Institute zu St. Gallen; die dortselbst von 
Stähelin mit feuriger Beredsamkeit gehaltenen Religions-Vorträge ergriffen 
auch ihre jugendlichen Herzen so gewaltig, dass sie den Entschluss fassten, 
dermaleinst Geistliche zu werden. Sodann kam Johannes Theodor an das 
Gymnasium von St. Gallen, nach weiteren drei Jahren an das von Laquai 
und Scheittin geleitete Collegium humanitatis, das später zu einem höheren 
Gymnasium umgebildet wurde. Nachdem seine Eltern in die Erfüllung seines 
Wunsches, den geistlichen Beruf zu erwählen, eingewiUigt, bezog er die Uni- 
versität Basel, oblag hier, während 5 Semester, den philologischen und theo- 
logischen Studien, gewann bei Lösung einer philosophischen Preisaufgabe den 
obersten Preis, und setzte dann auf der Universität Berlin, insbesondere im 
Seminar Strauss, in jenem von Theremin, dann bei Schelling seine akade- 
mischen Studien fort. Schon hatte er seine erste Predigt gehalten, da bewog 
ihn ein Kehlkopfleiden zur Aufgabe des theologischen Berufes; er widmete 
sich nunmehr dem Studium der Kunstgeschichte, unternahm dann eine Fuss- 
reise durch ganz Italien und oblag von 1845 — 1848 zu Paris auch natur- 
wissenschaftlichen Studien. 1848 in seine Vaterstadt zurückgekehrt, erhielt 
er dortselbst das Amt eines Staatsarchivars, welches er bis 1852 bekleidete. 
1850 verehelichte er sich mit der Tochter des Regierungspräsidenten von 
St. Gallen, Luise von Fels, deren Familie aus Val d'Aosta in Piemont stammte 
und 1595 der damaligen adeligen Genossenschaft des Notveststeins einverleibt 
worden war. Nach seiner Verehelichung nahm er den Doppelnamen »Gsell- 
Fels« an und erhielt durch Regierungsbeschluss die Genehmigung, dass diesen, 
durch seine Werke berühmten Doppelnamen in erblicher Weise auch seine 



Il8 Gsell-Fels. 

Nachkommen fuhren dürfen. 1852 zog er nach Würzburg, dann nach Wien 
und Berlin, um sich dem Studium der Medizin zu widmen, erlangte, vde in 
der Philosophie und Theologie, so auch in der Medicin den Doctorhut und 
oblag dann zu Nizza, Rom, Pisa und Zürich als ein besonders in der grossen 
Welt vielgesuchter Arzt der ärztlichen Praxis und las in Pisa und Zürich als 
Privatdocent. 1870 Hess er sich in Basel nieder, ward zum Grossrath ge- 
wählt und las an der dortigen Universität über Kunstgeschichte. 1880 siedelte 
er ganz nach München über, übernahm die Präsidentenstelle beim Aufsich ts- 
rathe der Jod-Quellen Toelz-Krankenheil, lebte aber fortan nur mehr der 
Schriftstellerei, während er den ärztlichen Beruf nur vorübergehend in den 
Sommern 1887 — 1895 als Badearzt 4n der Schweiz ausübte. In München 
verlor er (i. J. 1887) seine Gattin durch den Tod. Ihrem Ehebunde waren 
drei Kinder entsprossen, zwei Söhne: Wilhelm Jacob und Dr. Victor Theodor, 
welche beide seit 20 und 10 Jahren in Buenos Ayres in Südamerika ansässig 
und verheirathet sind, und eine Tochter, Ida, welche dem Verstorbenen eine 
treue , liebevolle Stütze geworden, bis der Tod ihn aus seinem Schaffens- und 
erfolgreichen Leben abberufen. Sein Hingang hat nicht bloss in seinem 
Heimathlande Schweiz und in seiner neuen Heimath München, wo er sich 
grosser Beliebtheit erfreute, sondern allüberall, selbst über dem Ocean schmerz- 
liches Bedauern hervorgerufen, und das mit Recht; denn was G.-F. während 
des 30 jährigen Zeitraums von 1868 — 1898 als Schriftsteller geleistet, das sichert 
ihm einen dauernden Namen. Belangreich war schon sein erstes grosses 
Werk über Italien, zu dem er durch gründliche Kenntniss des Landes, seiner 
Geschichte und Kunstschätze in ausserge wohnlich er Weise berufen und be- 
fähigt war. Meyer' s Bibliographisches Institut zu Leipzig war es, welches 
seine Werke: Oberitalien, — Mittelitalien, — Rom und die Campagna, — 
Unteritalien und Sicilien, — die Riviera mit Nordafrika und Südfrankreich 
herausgegeben hatte, während die illustrirten Prachtwerke »Venedig« und 
die »Schweiz« bei Bruckmann (Vater) erschienen "waren. Caesar Schmidt 
in Zürich edirte »die klimatischen Curorte der Schweiz und jener von 
Deutschland« , sowie ein kleines Prachtwerk über die Schweiz. Im Ver- 
lag von Bruckmann jun. zu München Hess er seine »100 Ausflüge von 
München«, — ^das Bayerische Hochland«, — der »Bodensee«, — »Dresdener, 
»München«, — »Graz«, — »Nordtyrol«, — »Steiermark« — und noch 
kurz vor seinem Ableben sein letztes Werk »Tyrol, Vorarlberg und Allgäu« 
erscheinen. Für die ausserordentliche Verbreitung und Beliebtheit seiner 
Werke spricht die Thatsache, dass eine grosse Zahl derselben ein halb- 
dutzend Auflagen erlebt hat. Bis an sein Lebensende hatte er sich 
seine geradezu ausserordentliche Arbeitskraft und Schaffensfreudigkeit be- 
wahrt; hatte doch erst im Jahre 1896 der damals Sechsundsiebenzig- 
jährige noch eine beschwerliche Bereisung von Tunis und Algier u. s. w. 
ausgeführt. 

Quellen: Familiennach richten aus dem St. Galler Btirgerbuch, Familienpapieren u. 
Privatmittheilungen. Nekrologe brachten u. a. »Die Schweiz« illustr. Zeitschrift in Zürich, 
»Die Gartenlaube«, die »Deutsche Rundschau f. Geographie u. Statistik«, die »Münchner 
Neuesten Nachrichten«, »Die Post« (Berlin), der »Figaro« (Paris), »la Tribüne de Geneve«, 
»rindependance beige« (Bruxelles), »Stambul« (Constantinopel), »Adeverul« (Bukarest), 
»British Mcdicjil Journal« (London), »Deutsche La-Plata-Zeitung« (Buenos-Ayres) u. a. m. 
Sein sehr gelungenes Bildniss befindet sich in der Volksausgabe des Prachtwerkes über 
die Schweiz. 

München. Ernst von Destouches. 



Benz. 



119 



Benz 9 Severin, Historien- und Landschaftmaler, * 14. März 1834 zu 
Marbach (St. Gallen), f 2. November 1898 in München. Nach dem Vorgang 
eines älteren Bruders ergriff B. die Kunstschlosserei, besuchte zur weiteren 
Ausbildung 1853 die Polytechnische Schule in München, wo seine längst ge- 
fühlte Begabung zur Malerei neue Nahrung fand. Kurze Zeit weilte B. in der 
Malschule von Prof. Anschütz, 1857 trat er zu Piloty über; hier erreichte sein 
Farbensinn die erwünschte Förderung. Schon 1860 brachte er ein grosses 
Oelbild »Christus als Gärtner« in den Kunstverein; dem überaus günstig auf- 
genommenen Erstiingswerke folgten bald weitere, religiöse Darstellungen: eine 
^»Madonna«, ein »hl. Joseph« (für Kochel) und eine »Auferstehung Christi« 
(1861, nachmals 1863 in grossem Format wiederholt), welche von H. Merz 
durch Stahlstich vervielfältigt wurde (vgl. Na gl er Monogrammisten 1861 IV, 
1108 Nro. 3962). Weitere Bilder (»Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig 
und beladen« 1866, eine »Kreuzabnahme« 1867 ^^^^^ ein Altarblatt mit den 
»Heiligen drei Königen«) begründeten seinen guten Namen als gewiegter 
Techniker und Componist. Schon früher hatte Benz mit einigen Genrestücken 
seine coloristische Begabung bewiesen, darunter ein »Mutterglück« und zwei 
im tiefen Röhricht auf ihre Beute lauernden »Banditen« (1862). Als tüchtiger 
Frescomaler bewährte er sich 1865 im National-Museum (»Max Emanuel be- 
lagert 1691 Carmagnola in Piemont«), auch assistirte er seinem Lehrer Piloty 
bei den leider schon zerstörten Fresken auf der Westseite des sog. Athenaeums. 
Mit der ihm eigenen Vielseitigkeit versuchte sich B. mit gleich günstigem 
Erfolge im Gebiete der Landschaft und des Porträts. In seiner Heimath 
malte B. eine stattliche Reihe von Bildnissen, aber auch ganze Serien von 
anziehenden landschaftlichen Studien, Erinnerungen an seine Sommerfrischen 
in der Schweiz, am Inn und an der Salzach. Ein sonniger »Tag an der Elm« 
erschien als grosses Oelbild 1884 im Kunstverein. Eine treffliche Landschaft 
leuchtete aus dem anziehenden Bild mit der »Flucht nach Aegypten« (1879 
und 1883). Zwischendurch erfolgte wieder eine »Kreuzigung« für Waller- 
stadt, eine »Kreuzabnahme« mit wohlberechneten Farbeneffecten (gestochen 
von J. Burger), eine »Samariterin am Brunnen« u. dgl. Im fortwährenden 
Wechsel seiner Stoffe hielt sich der Maler frisch, obwohl eine zeitweise auf- 
tretende Kränklichkeit den Fleiss des Künstlers lähmte, welcher in einer 
liebevollen, behaglichen Häuslichkeit vollen Ersatz und Pflege fand für die 
seine unverwüstlich scheinende Constitution allmählich doch untergrabenden 
Anfälle von Asthma, wozu sich auch ein beängstigendes Augenleiden gesellte. 
Die Gegenwart und Nachwelt wird seinem über die engere Heimath hinaus- 
reichenden Namen eine freundliche Erinnerung bewahren. B. war eine echte, 
anspruchslose Künstlernatur, welche an sich die strengsten Anforderungen 
stellte und die Leistungen aller ehrlich mitstrebenden Kollegen in gerechter 
Würdigung gerne anerkannte. Am 12. März 1899 erschienen 60 Bilder 
architektonischer Skizzen, Landschaften und Interieurs aus seinem Nachlass im 
Münchener Kunstverein, darunter auch das ernste Selbstporträt des Künstlers, 
mehrere sehr ausgeführte Studienköpfe und ein früher nicht bekannt ge- 
wordenes, eine »Obstverkäuferin« in ländlicher Umgebung behandelndes, 1884 
gemaltes in Form und Farbe etwas hart gehaltenes Genrebild. 

Vgl. Julius Meyer, AUgem. Künstier-Lexikon 1885, IIL 565. Pecht, Gesch. der 
Mttncbener Kunst im XIX. Jahrh. 1888. S. 260. No. 306 »Allgemeine Zeitung« 4. No- 
vember 1898. Kunstvereinsbericht 1898. S. 71. 

Hyac. Holland. 



1 20 Unsenmanii. 

Linsenmann, Franz Xaver 'von,, Dr. theol., Bischof von RoUenburg, 
* 28. Xovember 1835 zu Rott^veil, f 21. September 1898 zu Lauterbach 
bei Schramberg. Er erhielt im Gymnasium seiner Vaterstadt seine Vorbildur.*: 
und im Tübinger Wilhelmsstifte seine theologische Ausbildung, ifciirde des 
Fakultätspreises für würdig erachtet, den er jedoch im I.oose nait seinem 
Kursgenossen und intimen Freunde Reiser verlor, empfing am 10. August 1850 
die Priesterweihe und versah einige Zeit die Stelle eines Vicars zu Obem- 
dorf am Neckar. Am 29. October 1861 erhielt er die Ernennung zum 
Repetenten am Wilhelmsstifte. Während der 6 folgenden Tübinger Jahre 
warf er sich namentlich auf die Dogmatik. Am 11. April 1867 wurde er 
zum ausserordentlichen Professor der Moraltheologie, am 18. Mai desselben 
Jahres zum Licentiaten der Theologie befördert. Ehe er sein akademisches 
Lehramt antrat, unternahm er mit Reiser eine längere wissenschafdiche Reise, 
um die bedeutenderen theologischen Lehranstalten Deutschlands und Oester- 
reichs kennen zu lernen. Verhandlungen wegen einer Berufung an die 
Bonner Universität im Jahre 1871 zerschlugen sich. Am 11. Juni 1872 
rückte er in Tübingen zum ordentlichen Professor für Moral- und Pastoral- 
theologie vor, nachdem er am 25. Februar zum Dr. theol. promovirt worden 
war. 1887/8 bekleidete er das Rectorat der Universität. Er bewährte sich 
nicht bloss als einen Gelehrten von gediegenem Wissen, sondern auch als 
einen Lehrer von grosser pädagogischer Geschicklichkeit. Als solcher trat er 
zu seinen Schülern auch in persönliche Beziehungen und übte so auf die 
Ausbildung des württembergischen Clerus starken Einfluss aus. Am 29. Sep- 
tember 1889 wurde er zum Domcapitular von Rottenburg gewählt. Seit 1895 
Vertreter des Domkapitels in der Abgeordnetenkammer, schloss er sich der 
C'entrumspartei, die sich im württembergischen Landtage später, als anderswo, 
organisirt hatte, an. Auf kirchenpolitischem Gebiete die Anschauungen der 
gegenwärtigen katholischen Hierarchie fest vertretend, zeigte er sich dabei 
als einen Mann von ernstem, loyalem Charakter, der jede verletzende Polemik 
und Verschärfung der confession eilen CJegensätze vorsichtig vermied. So 
wurde seine Wahl zum Nachfolger Reisers auf den Rottenburger Bischofsstuhl 
am 20. Juli 1898 auch von den Evangelischen Württembergs günstig auf- 
genommen. Doch starb er noch vor der Konsecration, kurz nachdem die 
])äpstliche Bestätigung eingetroffen war. Eine Krankheit, die schon im April 
1898 aufgetreten, aber glücklich vorübergegangen war, stellte sich in Folge 
der Aufregungen und Anstrengungen der Bischofswahl von Neuem ein. Es 
war eine latente Brustfellentzündung, die das Herz ergriff. Er begab sich 
zur Erholung in den Schwarzwald -Luftkurort Lauterbach. Durch eine Ope- 
ration wurde das Wasser abgezapft, das sich um das Herz angesammelt hatte. 
Scheinbar auf dem Wege der Besserung, ordnete der Bischof auf den 
22. September die Uebersiedelung nach Rottenburg an. Doch am Vormittag 
des 21. stellte sich Athemnoth von Neuem ein, und um 12 Uhr Mittags ver- 
schied er. Er wurde am 26. in der Gruft der Rottenburger Sülchenkirche 
neben seinen Vorgängern beigesetzt, obgleich er noch nicht feierlich von 
der Diöcese Besitz ergriffen hatte. — Als Gelehrter zählte L. zu der 
jüngeren Generation der sogenannten Tübinger Schule, die das Recht freier 
wissenschaftlicher Forschung mit der Pflicht strenger Orthodoxie möglichst zu 
vereinigen bestrebt ist. Er veröffentlichte folgende selbstständige Schriften: 
I. Michael Bajus und die Grundlegung des Jansenismus. Eine dogmen- 
geschichtliche Monographie (Tübingen, 1867). 2. Der ethische Character der 



Linsenmann. v. Sandberger. Bruckmann. I2i 

Lehre Meister Eckhards (Tübinger Programm, 1873). 3. Worte der Erinne- 
rung an Moritz von Aberle, Doctor und Professor der Theologie (Tübingen, 
1875). 4. Conrad Summenhart. Ein Culturbild aus den Anlangen der 
Universität Tübingen. Festschrift bei der 4. Säcularfeier der Gründung dieser 
Universität (Tübingen, 1877). 5. Lehrbuch der Moraltheologie (Freiburg, 1878). 

6. Die sittlichen Grundlagen der akademischen Freiheit. Rectoratsrede zur 
Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Königs (Tübingen, 1888). 

7. Denkschrift über die Frage der Männerorden (Stuttgart, 1892). Ausserdem 
schrieb er seit 1865 viele Recensionen und Aufsätze für die von den katho- 
lischen Tübinger Professoren herausgegebene Theologische Quartalschrift, 
arbeitete am Bonner Litteraturblatt und anderen Zeitschriften, an Kirchen- 
lexika, an der Allgemeinen Deutschen Biographie mit. An der Vollendung 
einer begonnenen Biographie Bischofs Hefele von Rottenburg hinderte ihn 
der Tod. 

St J. Neher, Person al-Catalog der seit 181 3 ordinirten und in der Seelsorge ver- 
wendeten Geistlichen des Bisthums Rottenburg, 3. Auflage (Schw. Gmünd, 1894) S. 149 f.i 
Deutsches Volksblatt vom 22. — 27. September 1898, Nr. 214 — 218, Schwäbische Kronik 
vom 21. September 1898 (Abendblatt) No. 220, Staats-Anzeiger für Württemberg vom 
22. September 1898 No. 220, A. Koch in Theologische Quartalschrift 81. Jahrg. (1899) 

s- 375—396. 

R. Krauss. 



V. Sandberger, Carl Ludwig Fridolin, Geheimrath, ord. Professor der 
Mineralogie und Geologie an der Universität Wiirzburg, * 22. November 1826 
zu Dillenburg in Nassau, f 11. April 1898 zu Würzburg. S. absolvirte das 
Gymnasium in Weilburg, wo sein Vater seit 1826 Gymnasiallehrer war; 
studirte dann in Bonn, Heidelberg, Giessen und Marburg und promovirte 
1846 unter Liebig in Giessen. Von 1849 ^^^ 1855 war er Director des 
naturhistorischen Museums zu Wiesbaden, 1855 bis 1863 Professor der Mine- 
ralogie und Geologie in Karlsruhe, 1863 bis 1896 in Würzburg. Seine Haupt- 
werke beziehen sich auf die Erforschung des rheinischen Schiefergebirges, von 
welchem er einige mit seinem Bruder Guido S. zusammen veröffentlichte. 
Namentlich mögen erwähnt werden: 

»Uebersicht der geologischen Verhältnisse des Herzogthums Nassau. 1847. — Die Ver- 
steinerungen des rheinischen Schichtensystems in Nassau (gemeinschaftlich mit Guido S. 
verfasst), 18 50 — 1856. — Untersuchungen tlber das Mainzer Tertiärbecken und dessen 
Stellung im geologischen Systeme 1853. — Die Conchylien des Mainzer Tertiärbeckens 
1863. — Die Land- und Süsswasser-Conchylien der Vorwelt« 1870— 1875. — ^Unter- 
suchungen tlber Erzgänge« 1882 — 1885. — Eine austührliche Lebensbeschreibung Sand- 
bergers, mit dem Bildniss desselben, ist von T. Beckencamp in den Sitzungsberichten der 
Phys.-med. Gesellschaft zu WUrzburg (Jahrg. 1898, S. 80—120) veröffentlicht worden. 
Dieselbe ist auch separat von der Stahel'schen Verlags-Anstalt zu Wtirzburg zu beziehen. 
Sie giebt als Anhang ein chronologisches Verzeichniss der Publicationen S.'s; es werden 
darin aufgezählt 7 selbstständige, grössere Werke und 327 in verschiedenen Zeitschriften 
erschienene Arbeiten. 

J. Beckencamp. 

Bruckmann, Friedrich, Buch- und Kunsthändler, * 4. Juni 1814 zu Deutz 
bei Köln, f 17. März 1898 zu Arco in Südtirol. B. wandte als Sohn wohl- 
habender Eltern sein Interesse schon frühzeitig der Kunst zu und hatte Ge- 
legenheit, grössere Reisen zu unternehmen. Zu S^vres bei Paris erlernte er 



12 2 Bruckmann. 

die Bemalung und Glasur des Porzellans und betrieb diese dann in einer 
mit seinem älteren Bruder an seinem Heimathsort errichteten eigenen Werk- 
stätte. Deren Zerstörung durch Feuer veranlasste ihn, sich in Frankfurt a. M. 
der Herstellung künstlerischer Broncen zu widmen. Leider hatte dieser Be- 
trieb keinen erspriesslichen Erfolg, und B. versuchte, nach weiterem mehr- 
jährigen Wanderleben, dem er u. A. die einflussreiche Bekanntschaft mit 
hervorragenden Männern, wie Gottfried Semper, zu danken hatte, sein Glück 
mit dem Buch- und Kunstverlag. Seine 1858 in Frankfurt gegründete Ver- 
lagshandlung führte die Firma: »Verlag für Kunst und Wissenschaft«. Die 
damaligen Verhältnisse nöthigten B., sich als Mittelsperson des gelernten Buch- 
händlers E. Suchsland zu bedienen. Zu seinen ersten Verlagswerken gehörten u. a. 
Daniels Handbuch der Geographie, Werke von O. Roquette und G. Sempers 
»Stil«. Später wandte er sich fast ausschliesslich dem Kunstverlag zu, und 
wurde so der erste und bedeutendste Vertreter eines in seiner Art neuen 
Industriezweiges in Deutschland. Seine 1859 in München angeknüpfte nach- 
haltige Freundschaft mit Wilhelm von Kaulbach gab die Anregung zur 
Schaffung der 21 grossen Cartons zu Goethes Frauengestalten, die Bruck- 
mann 1860 mit Hülfe Josef Alberts in photographischen Nachbildungen in 
der damals unerhörten Grösse von 68 : 46 cm herstellen Hess und verlegte. 
Diese Goethe-Gallerie fand im Auslande kaum geringere Bewunderung, als in 
Deutschland. Die einzelnen Kunstblätter sind in verschiedenen Formaten und 
Ausgaben in mehr als einer Million Exemplaren verbreitet. Von Mandel, 
Raab, Stang, Fr. Weber wurden sie in Kupfer gestochen. 1861 siedelte B. 
nach Stuttgart, wo er u. a. Verleger der »Süddeutschen Zeitung« wurde, 
1863 nach München über, nachdem er schon vorher auch Blätter von Peter 
V. Cornelius und Moritz von Schwind verlegt hatte. Durch Lindenschmitt 
liess er unter dem Titel »Ruhmeshallen« weitverbreitete Porträttableaux 
zeichnen. Später folgte »B.'s Porträt-Collection« und das »AUg. histor. 
Porträtwerk«. Der Goethe-Gallerie schloss sich eine Schiller-Gallerie und 
viele Bilder-Cyclen zu Werken unserer Classiker an. Hauptzierden des Ver- 
lages wurden femer die herrlichen Farbendruck -Ausgaben der Preller' sehen 
Odyssee-Landschaften und der Rottmann'schen Italienischen Landschaften, 
das »Werk Adolf Menzels«, das »Böcklin-Werk « und manches andere 
Prachtwerk, wie die von Heinrich von Brunn herausgegebenen »Denk- 
mäler griechischer und römischer Sculptur« und ähnliche von Wilhelm 
Bode u. a. herausgegebene Werke, die B.'s besondere Verdienste um die 
archäologisch - kunsthistorische Wissenschaft bekunden. In den siebenziger 
Jahren war B.'s auch durch glückliches Familienleben gesegnetes gastfreies 
Haus der Sammelplatz der künstlerischen und wissenschaftlichen Haupt- 
grössen Münchens. — Schon 1864 hatte B. ein eigenes photographisches 
Atelier errichtet, 1875 ^^^i dem Engländer W. Woodbury das Verfahren des 
Woodbury-Drucks erworben, später wandte er sich dem practischeren Licht- 
druck zu, für dessen Verfahren er eins der ersten Institute der Welt schuf; 
Im Jahre 1883 wurde die Bruckmann'sche Verlagshandlung zwar in eine 
Privat -Actiengesellschaft umgewandelt, doch blieb B. als Vorsitzender des 
Aufsich tsrathes bis an sein Ende eine der einflussreichsten und mass- 
gebendsten Persönlichkeiten seiner Schöpfung. 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt. Buchhandel 1898, No. 65. Dasselbe No. 68 (A. Van- 
selow). Beilage zur Allg. Zeitung No. 64 v. 21. März (Dr. P. Arndt). 

H. Ellissen. 



Koeppen. Hebler. 123 

Koeppen, Karl Friedrich Albert, Universitätsprofessor der Rechte, 
* 17. December 1822 zu Goldberg in Mecklenburg-Schwerin, f 12. Mai 1898 
in Lichtenthai bei Baden-Baden. Er erhielt seine erste Schulbildung auf dem 
Gymnasium in Lübeck, dann in Wismar und Schwerin, studirte seit 1842 in 
Berlin die Rechtswissenscliaft und trat 1847 i" ^^^ preussischen Justizdienst, 
widmete sich aber bald, aus ihm ausgetreten, seit 1849 der akademischen 
Laufbahn. Am 11. Mai 1850 promovirte er in Berlin zum Doctor beider 
Rechte und habilitirte sich 1853 mit der Schrift »De vi quam retro exerceat 
aditio hereditatis« in Jena als Privatdocent, wurde Michaeli 1856 ausser- 
ordentlicher Professor daselbst, folgte im Herbst 1857 einem Rufe als ordent- 
licher Professor des römischen Rechts nach Marburg, ging 1865 nach Würz- 
burg und 1872 an die neu errichtete Universität Strassburg, der er bis Ostern 
1895 angehörte. Gesundheitshalber zog er sich nach Lichtenthai bei Baden- 
Baden zurück, wo ihn der Tod ereilte. — Seine Studien galten namentlich 
dem römischen Erbrecht. Neben seiner Inaugural-Dissertation »De natura 
hereditatis nondum aditae«, Berlin 1850, veröffentlichte er »Die Erbschaft. 
Eine civilistische Abhandlung«, Berlin 1856; »System des heutigen römischen 
Erbrechts«, Jena 1864; »Der obligatorische Vertrag unter Abwesenden«, 
Jena 1871; »Der Fruchterwerb des bonae fidei possessor«, Jena 1872 (Fest- 
schrift für K. G. von Wächter), sowie namentlich »Lehrbuch des heutigen 
römischen Erbrechts«, Würzb. 1886 — 95. 

Vgl. Dr. Job. Günther, Lebensskizzen der Professoren der Universität Jena seit 1558, 
Jena 1858 S. iio; Beilage zur Allg. Ztg. No. 109 vom 16. Mai 1898 S. 8; Kritische 
V'ierteljahresschrift Bd. 39 S. 103—129 (Baron); Das Stiftungsfest der kaiserl. Wilhelms- 
Universität Strassburg am i. Mai 1895, Strassb. 1895 S. 8; Kukula, allg. deutscher 
Hochschulen- Almanach, Wien 1888 S. 448. 

A. Teichmann. 

Hebler, Rudolf Albrecht Carl, Universitätsprofessor der Philosophie 
in Bern, * 18. December 182 1 in Bern, f 4. September 1898 in Bern. 
H. stammte aus einer seit 1578 in Bern eingebürgerten Familie. Sein 
Vater, Charles H., war von Beruf Notar, aber in wirthschaftlichen Dingen 
nicht eben geschickt, träumerisch, beschäftigte sich gerne mit Astronomie, 
redete von Büchern, die andern gleichgültig waren, machte auch Gedichte. 
Während er dann in Paris eine neue Wirksamkeit suchte, stand der 
Knabe in Bern unter der Obhut zweier Tanten, deren eine eigenthüm- 
lich begabt war und griechisch lernte. Und als die beiden Damen nach 
Komthal (Württemberg) übersiedelten, wurde der Knabe mitgenommen und 
trat hier sechsjährig in die berühmte Erziehungsanstalt. Nachdem er aber 
einmal hieher in's Ausland gelangt war, schien es besser, ihn auch hier 
das Gymnasium besuchen zu lassen; er genoss den Unterricht vortreff- 
lichei Lehrer am Gymnasium zu Stuttgart. Daher rührt nun gewiss sein 
Verständniss für alles deutsche Wesen, für deutsche Gemüthsart, deutsche 
Bildung, fiir die geschichtliche Entwicklung Deutschlands. Den Schweizer 
und den Berner Bürger vergass er nicht, und wenn er auch im späteren 
Leben lieber hochdeutsch sprach, so beherrschte er doch, soviel wir 
merkten, das gute Berndeutsch mit wünschenswerthester Vollkommenheit. 
Aber er sprach auch in Bern lieber hochdeutsch, und bis an sein Ende war 
der schwäbische Merkur sein lieber täglicher Berichterstatter. Nur gab er 
nicht zu, dass in den grossen Jahren Bismarcks nur aus dieser zutälligen An- 
wesenheit in Deutschland und nicht aus vernünftigen Gründen seine Theil- 



124 



Hehler. 



nähme hervorgegangen sei. Aber die Erziehung in Kornthal suchte auch 
den religiösen Sinn zu befestigen. Er dachte, nach dem Wunsch seiner 
Verwandten, das Studium der Theologie daran zu schliessen. Für ein Semester 
nach Bern zurückgekehrt, stand er vor der Frage, Lehrer oder Theologe zu 
werden. Er entschied sich für das Letztere. »Wenn Herr Pfarrer sagt — 
so begründet er diesen Entschluss — ich werde mich gewiss in spätem 
Jahren nach einer Pfarrstelle sehnen, so ist es i. ungewiss, ob ich spätere 
Jahre erlebe, 2. ungewiss, ob diese Sehnsucht wirklich kommt, 3. wäre, wenn 
sie kommt, dieselbe vielleicht ohne allzu grosse Mühe zu befriedigen.« Aber 
in Bern könnte er nur theologische Vorlesungen hören; »ich werde also vom 
nächsten Herbste an wieder eine deutsche Universität besuchen, wahrschein- 
lich eine norddeutsche.« Er ging nach Berlin, um nun die weiten Gebiete 
der Philosophie in voller Freiheit zu durchwandern und zu erforschen. Aber 
er kehrte nach Bern zurück und verliess die Universität, ohne seine Studien 
förmlich abgeschlossen zu haben, ohne sich einer Prüfung unterzogen und 
sich den Grad eines Doctors verschafft zu haben. Man mag das für eine 
Aeusserlichkeit ansehen; aber doch zeigt sich auch darin die angeborene 
Schüchternheit. Sein Ziel war zwar eine Professur der Philosophie; aber da 
er nun genöthigt war, »ausser seinen Studien auch für seinen Unterhalt zu 
sorgen, entschloss er sich zum »Schreiberleben« und wurde am 20. März 1844 
»vom Berner Regierungsrath auf den Antrag des Erziehungsdepartements 
(d. h. von Schultheiss Neuhaus) zum zweiten Secretär des Letzteren ernannt.« 
Er begann bereits am 21. sein neues »Geschäft«, muthig und gewissenhaft 
»mit Leetüre der betreffenden Gesetze!« Die geschichtlichen Tagesereignisse 
beschäftigten ihn lebhaft bis in sein Alter; aber er schwamm nicht mit im 
reissenden grossen Strome. »Feind (so schrieb er) des bemischen Brutal- 
Radicalismus von 1846, aber voll Sympathie mit den meisten europäischen 
Freiheitsbewegungen — . Dies ist in kürzesten Worten die beste Bezeichnung 
meiner politischen Denkart.« Die Hauptsache aber waren ihm seine Studien. 
»Mein eigentliches geistiges Interesse nun«, so schreibt er seiner Pflegemutter, 
»machen Gegenstände aus, welche nach meiner Ansicht ebenso wohl religiöse 
als philosophische zu nennen sind, Gott, Welt, Mensch, Erziehung des Menschen 
durch Gott d. h. Geschichte u. s. w. Nach meiner (und vieler Andern) 
Ansicht ist die wahre Weltweisheit zugleich Gottesweisheit, die Philosophie 
zugleich Theologie.« Man wird nun erstaunt sein, in seinen Schriften im 
Allgemeinen diese religiöse Richtung nicht zu finden; aber auch nichts ihr 
Entgegengesetztes, und das Gespräch (um 1861 entstanden) »Lessing und 
Neumann« in den »philosophischen Aufsätzen« 1869 S« 9^ enthält eigenthüm- 
liche antireformcrische Gedanken; seine nächsten Bekannten bezeugen auch 
(laut der Parentation), er habe »nie geduldet, dass in seiner Gegenwart 
anders als ernst über religiöse Fragen gesprochen werde.« 

Im Jahre 1850 erschien sein erstes Werkchen: »Spinozas Lehre vom 
Verhältniss der Substanz zu ihren Bestimmtheiten dargestellt von C. H — r.<^ 
Nur mit einer Andeutung seines Namens wagte er also vor die Oeffentlichkeit 
zu treten. Aber Kuno Fischer sah in der Abhandlung die Arbeit »eines mit 
Spinozismus vertrauten und diese Lehre kritisch penetrirenden Kopfes«, 
entwickelte ausführlich seine abweichenden Ansichten, erklärte sich aber »in 
den Hauptpunkten einverstanden.« »Leibnitz (so lautet in zierlichem Witz, 
der ihm immer zu Gebote stand, der letzte Satz der Schrift) Leibnitz ist der 
rückwärts gelesene Spinoza.« Aber neben den Aufgaben der Philosophie 



Hebler. 1 2 tl 

zog ihn die Poesie forschung an, vor Allem die Erforschung und Deutung 
Shakespeares. Seine Shakespeare-Studien, so schrieb Dr. J. V. Widmann 
in einem Nekrolog des »Bemer Bund«, »gehören zum Feinsten und Besten, 
was seit Göthe bis auf Georg Brandes jemals zur psychologischen Erkenntniss 
und zur ästhetischen Würdigung der Dramen des grossen Briten geschrieben 
wurde.« Die erste Probe derselben war 1854 das Büchlein »Shakespeares 
Kaufmann von Venedig. Ein Versuch über die sogenannte Idee dieser 
Komödie. Von R. A. C. Hebler.« Die Idee besteht für ihn in der Lehre, 
dass Schein und Wesen, wie in allen Dingen, so auch in Bezug auf den 
persönlichen Werth einander entgegengesetzt sind. Ein tüchtiger Mensch 
ist, wer sich nicht besser darzustellen sucht und braucht, als er ist.« Aber 
er giebt zu, dass damit nur die abstracte Idee ausgesprochen sei; die wirk- 
liche Idee sei diese allgemeine Idee zusammen mit ihrer Individualisirung 
u. s. w. Und in der vorausgehenden Deutung der Auftretenden freut uns be- 
sonders diejenige Shylocks als einer »komischen Person« , im Gegensatz zu 
der unserer Schauspieler, welche aus ihm eine tragische Partie machen. 
»Von der Grossartigkeit eines tragischen Bösewichts keine Spur. Man er- 
leichtert sich überhaupt das Verständniss Shylocks, wenn man sich ihn als eine 
Art Bestie vorstellt, die in blinder Wuth anrennt und mit Schaden abfährt.« 
Sehr richtig; aber welcher Schauspieler wagt es, ihn so als Gegenstand des 
Hohns darzustellen? H. sah gerade 1854 in Bern den Neger Ira Aldridge 
als Othello und als Shylock, und er musste in einer längeren Aufzeichnung 
auch von diesem berühmten Darsteller sagen: »Die Grund aufFassung schien 
mir aber verfehlt; er hob viel zu sehr die Parialage und die edeln Elemente 
in Shylock hervor.« Die Schrift H.'s wurde von einheimischen Kennern 
mit Beifall besprochen. Auch im Ausland erwarb sich der Verfasser neue 
Freunde; Karl Rosenkranz in Königsberg und Friedrich Vischer bezeugten 
freudige Zustimmung. Nur Einer in Frankfurt a/M. schien nicht ganz be- 
friedigt und erbaut zu sein. »Mit dem Wunsch (heisst es in seinem Briefe), 
dass Ihre ästhetischen Bestrebungen allmälig noch höheren Aufschwung nehmen 
und Sie selbst einen höheren Standpunkt gewinnen mögen, bin ich hoch- 
achtungsvoll Ihr ergebener Diener Arthur Schopenhauer.« Diese Kund- 
gebungen eines ernsten wissenschaftlichen Strebens bewirkten, dass ihn 
die philosophische Fakultät der Erziehungsdirection für die Erlaubniss, an 
der Universität Vorlesungen zu halten, empfahl, ohne eine vorherige Doctor- 
prüfung zu verlangen. »Ich würde mich zu einer solchen auch kaum haben 
entschliessen können, da ich schon damals nicht mehr in dem Alter stand, 
wo man den zu einer solchen Unternehmung gehörenden Muth hat.« »Am 
21. November 1854 Abends 67a — vVs inein erstes Colleg. Ich kam mir 
ungefähr vor, wie Einer, der eine sehr ernsthafte Rede hält an Leute, von 
denen er nicht weiss, ob sie seine Sprache verstehen. — Ueberdiess war ich 
befangen, hielt mich fast ganz an mein Heft, von dem ich mich nur selten, 
in einzelnen Bemerkungen, entfernte (wie bei einer ängstlichen Küstenfahrt).« 
Aber erst Winter 1856/57 findet sich sein Name im Lectionskatalog — man 
wollte zuerst noch eine Probe sehen — mit »Geschichte der griechischen 
Philosophie«. Und diesem Gegenstand folgen dann bis Sommer 1891: Die 
Philosophie Kants, seit Kant, Lotzes Allgemeine Geschichte der Philo- 
sophie, Logik, Erkenntnisslehre, Psychologie, Religionsphilosophie, Ethik, 
Willensfreiheit, in philosophischen Uebungen Plato, Aristoteles, Cartesius, 
Kant — und in seiner andern Richtung: über Shakespeare, ästhetische Er- 



120 Hebler. 

klärung Shakespearescher Dramen, Lessing als Philosoph und Dramatiker, 
Goethes Faust, Aesthetik. 

1858 — \ielleicht im Zusammenhang mit einem neuen Sieg der Radi- 
• calen, 2. Mai 1858, und mit der Wahl eines neuen Regierungsraths — trat 
er von der Stelle eines Secretarius zurück, um sich jetzt bloss als Privat- 
docent und schriftstellerisch zu bethätigen. Er gab 1861 »Lessingstudien«: 
heraus, in deren letztem Stück: »Lessings Gedanken über Nationalität und 
Staat«, wo bestritten wird, dass Lessing Republikaner gewesen sei, auch 
wieder seine Heiterkeit und sein Witz aufs Anmuthigste zu Worte kommen, 
und die einem Fachgenossen im Ausland als Ganzes »schon desshalb aus- 
nehmend zusagten, weil sie keine Zeile enthielten, die überflüssig sei«. Und 
19. Mai 1862 zum hundertsten Geburtstag Fichtes hielt er einen öffent- 
lichen Vortrag und besprach dessen »Grundsätze über Wesen und Bestim- 
mung des Gelehrten«. 1863 wurde er a. o. Professor; zugleich wurde 
ihm der Doctortitel honoris causa ertheilt mit Wyss, Franck, Mendel und 
dem grossen Berner Mathematiker Ludwig Schläfli. Er war damals College 
von M. Lazarus, der mit Ris die ordentliche Professur inne hatte, und 
eng befreundet mit Hermann Usener und Ludwig Tobler. Die Ferien 
führten ihn (Herbst 1874) nach Italien bis Rom, nach München, Tirol, natür- 
lich aber je und je in die Schweizerberge; es ziemt sich wohl, dass der 
Schweizer seine Berge kennt, und er kannte ihre Namen gut und Weg und 
Steg, wanderte gern, bestieg mit Usener den Titlis und umkreiste in fröh- 
licher Wanderung mit Ludwig Tobler die Blümlisalp; in Prosa und Poesie 
wurde die Erinnerung an diese schönen Tage von beiden Freunden festge- 
halten. W. Fetscherin, Lehrer an der Kantonsschule, Prof. Ludwig Hirzel, 
Prof. med. Langhans, Prof. Alfred Stern, Hermann Löhnert, in der Feme Pfr. 
Rector Herold in Chur und Pfr. Dr. Kitt in Bergamo, wenige Andere hatten 
das Glück aus seinem wohlgeordneten, sehr zuverlässigen Wissen Nutzen zu 
ziehen und sein freundliches Wesen und seinen köstlichen feinen Witz zu ge- 
niessen. Und die Familie von Dr. Leo Weber-Perty, Bundesrichter, war 
für ihn ein zweites Heim. 

1864, vermehrt 1874, erschienen nun als Fortsetzung und Vollendung 
des 1854 Begonnenen, seine »Aufsätze über Shakespeare«. Es belustigte 
H., dass sein Name auch im grossen griechisch -deutschen Wörterbuch von 
Passow vorkommt, und er schrieb sich die Stelle heraus. »Passow s. v. 
jxo)rXsü'n]c (»der mit dem Hebel Hebende und Bewegende«) übersetzt die 
aristophanischen Worte xaivwv iTTÄv xivtjTT); xal jiojrXsunjc: neuer Wörter 
Beweger und Hebler.« Wir meinen zwar, dass Hamlet nicht zu tadeln ist, 
wenn er vor der Ermordung eines Betenden zurückschrickt, und glauben 
mehr an wirklichen als an bloss vorgegebenen Wahnsinn; wir haben aber 
schon erwähnt, mit welcher Ehrerbietung die Kritik diese Aufsätze behandelt; 
also möchte der Verf. gerade in diesem Werke ein ^>Hebler« gewesen sein, 
nicht von Wörtern, sondern von neuen Ansichten über Shakespeare, vor 
Allem über dessen seltsam geheimnissvollen Hamlet. Jedenfalls trägt aber 
zur Freude des Lesers auch der nie schwülstige, sondern je und je scherzende, 
immer natürliche Ton bei, der Rosenkranz und Vischer schon in dem Ver- 
such über den Kaufmann von Venedig anzog. In einem Aufsatz der Zeit- 
schrift »Im neuen Reich« 1875 führte er seine Ansichten im Gegensatz zu 
Werder noch weiter aus. 

Die nächsten Schriften gehörten wieder dem philosophischen Gebiet an: 



Hebler. 



127 



1868 (in zweiter Auflage 1874) »Die Philosophie gegenüber dem Leben und 
den Einzelwissenschaften« und 1869 die »philosophischen Aufsätze«; nur 
deren anziehender letzter »Jeanne d'Arc bei Shakespeare, Voltaire und Schiller« 
behandelte eine ästhetische Frage. Zwei eingehende Briefe F. Ueberwegs 
in Königsberg bekundeten die aufmerksame Theilnahme, welche Nr. V 
>Kantiana« in Fachkreisen erregte. 

• Aber wir würden gar zu unvollständig über den verehrten Mann be- 
richten, wenn wir nicht erwähnten, mit welcher P'reude er nun 1870 die 
Siege Deutschlands und in den folgenden Jahren die in dem Sinne der »Ele- 
mente einer philosophischen Freiheitslehre« S. 122 wahrhaft republikanische 
Staatskunst des grossen Reichskanzlers verfolgte. Die politisirenden Gespräche 
auf gemächlichen Wanderungen Abends oder Nachmittags vor der Stadt ge- 
hören zu des Ref. liebsten Erinnerungen. 

Erst 1872, 50jährig, »auf Anlass ihm von Seiten auswärtiger Universitäten 
gemachter und von ihm abgelehnter Anerbietungen«, wurde er ordentlicher Pro- 
fessor. 1877 verfasste er die »Lessingiana« als Beilage des Glückwunsches, 
den die Bemer Universität Tübingen zum 400jährigen Feste darbrachte. Er 
war in Würtemberg als Kind, als Knabe nnd als Jüngling Schüler und 
Tübinger Student gewesen; er liebte das gemüthvolle und tüchtige Schwaben- 
land, die Heimath D. F. Strauss*, Ed. Zellers, Fr. Vischers, und er Hess 
sich nichts entgehen von Erinnerungen und Beiträgen, welche das Lebens- 
bild der Dichter Uhland, Kemer, Mörike vervollständigten; immer wieder 
verweilte er im Gespräch bei ihnen; seine Schrift war also eine Art Threp- 
teria, ein persönlicher Dank, und gerne übernahm er es, auch als Abge- 
ordneter dem Feste beizuwohnen, und freute sich, mit Vischer, Rümelin, 
Sigwart wissenschaftliche und freundschaftliche Worte zu tauschen. 

Erst 1878 finden wir im Lectionscatalog von ihm »Lehre der Willens- 
freiheit« angekündigt. Wie die Süsswasserquellen im Meer drang jetzt eine 
Frage, die schon den Knaben geängstigt hatte, durch die Gedanken aller 
der Jahre hindurch und verlangte eine Lösung. Anfang 1887 waren die 
^Elemente« fertig, und Sigwart und Usener wünschten freudig zur Vollen- 
dung Glück; Usener vermittelte einen Verleger, und noch in demselben 
Jahre erschienen sie bei Reimer in Berlin: »Elemente einer philosophischen 
Freiheitslehre«. Deterministische Freiheit ist sein Bekenn tniss, nicht Deter- 
minismus, nicht Indeterminismus, aber deterministische Freiheit; nur dass er 
sich lieber Determinist nennt, als Indeterminist. Und Fr. Jodl sah in H.'s 
Schrift den erfreulichen Beweis, dass endlich die allein natürliche und wissen- 
schaftlich brauchbare Ansicht, nämlich ein (richtig verstandener) Determi- 
nismus wieder zum Durchbruch zu kommen beginne. 

Mit diesem Buche schloss H.'s Schriftstellerei ab, und er hatte nun wohl 
gesagt, was er auf Erden sagen sollte. Auch seine Thätigkeit an einer Uni- 
versität klang allmälig aus, und 1891, 70 jährig geworden, Hess er sich in den 
Ruhestand versetzen. Aber noch etliche Jahre edler Müsse bei leidlicher 
Gesundheit waren ihm beschieden. Taines, Sybels, Treitschkes Werke be- 
schäftigten und erfreuten ihn. Dann starb 1896 sein Freund Ludwig Tobler 
in Zürich, und die Familie, mit der allein er später verkehrte, zog weg. Er 
war sehr einsam; aber er ertrug die Einsamkeit mit wunderbarer Selbstge- 
nügsamkeit und Heiterkeit, und man verliess ihn nie, ohne einen reizenden 
Scherz und einen treffenden Gedanken mitzunehmen. 

Aber auch sein äusserliches Leben rundete sich seltsam ab. Umgeben 



128 Hebler. Müller. 

und liebevoll gepflegt von Familie Dr. Weber, starb er in dem Hause, wo 
er seine ersten Jahre zugebracht hatte, den 4. September 1898, 7 6 jährig. 
Er ruht auf dem Bremgarten Friedhof bei Bern. Aber er lebt in unserem 
Andenken als ein Lehrer echter deutscher Geistesbildung. 

Werke: Spinozas Lehre vom Verhältniss der Substanz zu ihren Bestimmtheiten 
dargestellt von C. H — r. Bern, Verlag von Jenni Vater 1850. — Shakespeares Kaufmann 
von Venedig. Ein Versuch über die sogenannte Idee dieser Komödie. Von R. A. -C. 
Hebler. Bern, Verlag von Huber 1854. — Lessing-Studien. Von C. Hebler, Privatdocent 
der Philosophie an der Hochschule Bern. Bern, Verlag von Huber (Körber) 1862. — 
Zum hundertsten Geburtstag Fichtcs. Seine Grundsätze über Wesen und Bestimmung 
des Gelehrten. Von Privatdocent Hebler. Abdruck aus dem »Schweizerischen Museum«. 
Bern, Haller'sche Buchdruckerei 1862. — Aufsätze über Shakespeare von C. Hebler, Pro- 
fessor an der Universität Bern 1864. Zweite, beträchtlich vermehrte Ausgabe 1874. 
Verlag der J. Dalp'schen Buchhandlung. — Die Philosophie gegenüber dem Leben und 
den Einzelwissenschaften, in den Vorträgen von Virchow und Holtzendorff, Berlin 1868, 
2. Auflage 1874. — Philosophische Aufsätze von C. Hebler. Leipzig, Fues' Verlag 1869. 
— Lessingiana, Berner Universitätsschrift 1877. — Elemente einer philosophischen Frei- 
heitslehre. Berlin, Reimer 1887. — Kleine Aufzeichnungen. Beilage der Allg. Schweizer 
Zeitung 1899, Nr. 22 fF. — Ein Besuch bei Arthur Schopenhauer. Deutsche Rundschau 
August 1899. 

Nekrologe: Neue Züricher Zeitung 6. Sept. 1898. Bund 7. Sept. 1898. 

Bern. Karl Frey. 

Müller, Carl Otto, Universitätsprofessor der Rechte, * 12. Mai 18 19 zu 
Wittenberg als Sohn eines Architekten, f 13. Dezember 1898 zu Leipzig. Er 
studirte auf den Universitäten Leipzig und Halle die Rechtswissenschaft, ha- 
bilitirte sich 1843 mit der Schrift »De plagio« in Halle, siedelte 1850 nach 
Greifswald über, kehrte aber schon 1851 nach Leipzig zurück und wurde 1859 
Ordinarius des römischen Rechts, 1869 Ordinarius des sächsischen Rechts daselbst. 
Er besass in hohem Masse die Fähigkeit, seinen Zuhörern, denen sein Herz ge- 
hörte, selbst trockene juristische Fragen anschaulich und interessant zu 
machen. Während fast 47 Jahren hat er mit reichem Erfolge seinem Lieb- 
lingsberufe, der akademischen Lehrthätigkeit, obgelegen. Von konservativer 
Richtung und Neigung, erstrebte er Entwicklung auf der Basis des Vor- 
handenen und war gleich tüchtig als Praktiker, als Gelehrter und als Lehrer. 
Ein treffliches Werk ist sein leider nicht weiter bearbeitetes, sehr bald ver- 
griffenes »Lehrbuch der Institutionen des römischen Rechts«, Leipzig 1854 bis 
1858, dem sich später »Das sächsische Privatrecht, in seinen Grundzügen 
systematisch dargestellt«, Abth. I Leipzig 1892, Abth. II 1895 anreihte. Von 
früheren Arbeiten seien genannt »De auctorum et ministrorum criminis diffe- 
rentia«, Halle 1842; »Ueber die Verbrechen gegen die materielle Integrität 
der Eisenbahnen«, Leipzig 1846; »Die Lehre des römischen Rechts von der 
evictio«, Halle 1851; »De falsa demonstratione heredis institutioni vel legato 
adjecta comment. I et II, Lips. i86i und 1865. — Ein besonders enges 
Verhältnis knüpfte ihn an die akademischen Gesangvereine; er war 37 Jahre 
lang Ehrenvorsteher des »Arion« und andererseits Ehrenmitglied des »Paulus*, 
gehörte auch fast 50 Jahre der Loge »Minerva« an, deren Saal mit seinem 
Bild geschmückt werden soll, sowie endlich seit 1859 zuerst als ausserordent- 
licher Beisitzer, seit 1863 als Rath dem Appellationsgericht an. Im Jahre 
1892 feierte er sein 50 jähriges Doktorjubiläum, wobei ihm von der juristischen 
Fakultät eine Festschrift mit Arbeiten von Windscheid und Kuntze über- 
reicht wurde. Geehrt wurde er durch Verleihung des Geheimrathtitels und 



Muller. Bennecke. Fürst. 



129 



die Auszeichnung als Comthur 2. Kl. des Verdienstordens, sowie andere 
Orden. Bis zuletzt erfreute er sich einer wunderbaren geistigen Frische und 
Spannkraft. 

Vgl. erste Beilage zur Leipziger Zeitung Nr. 289 vom 14. Dezember 1898 S. 4888, 
erste Beilage Nr. 291 vom 16. Dezember 1898 S. 4935. — Beilage zum Leipziger Tage- 
blatt und Anzeiger Nr. 637 vom 16. Dezember 1898 S. 9519. — Dr. theol. Wilhelm Haan, 
Sächsisches Schriftsteller-Lexicon, Leipzig 1875 ^* 2^4/5* — Deutsche Juristen-Zeitung III 
(1899) S. 15/16. — Kukula, Allgemeiner deutscher Hochschulen-Almanach, Wien 1888 
S. S97- 

A. Teichmann. 

Bennecke. Hans, Universitätsprofessor des Strafrechts in Breslau, 
* 24. April 1859 als Sohn eines Domänenpächters in Kloster Mansfeld (Prov. 
Sachsen), f 4. April 1898 in Nervi. Er studirte in Leipzig, Kiel und Halle 
die Rechte, bestand 1881 in Naumburg 'die Referendariatsprüfung, promovirte 
29. März 1882 zum Doctor juris, arbeitete am Amtsgericht in Braunfels bei 
Wetzlar, dann am Landgericht in Neuwied, habilitirte sich in Marburg mit 
der Schrift »Die strafrechtliche Lehre vom Ehebruch in ihrer historisch-dog- 
matischen Entwicklung I. Abth.«, Marburg 1884 als Privatdocent, wurde 1887 
Ordinarius in Giessen und 1890 nach Breslau berufen. Ein Vorkämpfer der 
V. Lisztschen Richtung auf dem Katheder wie im geschriebenen Wort, war 
er ein thätiges Mitglied der Internationalen kriminalistischen Vereinigung und 
Mitherausgeber der Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft von 
V. Liszt, sehr anregend als Universitätslehrer. Sein Hauptwerk ist das für 
akademische Kreise bestimmte »Lehrbuch des deutschen Reichs-Strafprozess- 
rechts«, Breslau 1888 — 95. Weitere werthvolle Arbeiten sind die Schriften: 
■ Zur Geschichte des deutschen Strafprozesses«, Marburg 1886 und »Be- 
merkung zur Kriminalstatistik des Grossherzogthums Hessen«, eine Giessener 
Festschrift (auch in Bd. X der Zeitschrift von v. Liszt) 1889, sowie die »Fälle 
aus dem Strafprozessrecht zum akademischen Gebrauch« (mit E. Beling), 
Jena 1895. Unter dem Pseudonym Dr. Johannes Neckeben veröffentlichte 
er einen gefängnisswissenschaftlichen Zukunftstraum »Ein Vorblick auf das 
Jahr 2000 oder ein Tag in einer Strafanstalt des 21. Jahrhunderts«, Breslau 
i8qi. Mit mehreren Kollegen begründete er eine »Sammlung strafrechtlicher 
Abhandlungen«, Breslau, seit 1893 ff. 

Vgl. Nekrolog von E. Beling in Bd. XVIII der Zeitschrift von v. Liszt; Tidsskrift 
for Retsvidenskab 1898 p. Si9> Kukula, Allgemeiner deutscher Hochschulen-Almanach, 
Wien 1888, S. 44. 

A. Teichmann. 

Fürst, Alexander, Axzt, der zuerst in Ostpreussen die Lepra entdeckte 
und zu den Ersten gehörte, die daselbst die granulöse Augenentzündung be- 
kämpften, ♦ am 15. April 1844 in Braunsberg, f am 25 Mai 1898 in Berlin. 
Er stammte aus einer in Ostpreussen verbreiteten jüdischen Familie. Nach- 
dem er auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt die Schulbildung erlangt hatte, 
studirte er in Königsberg Medizin, bestand dann als 2 3 jähriger in Berlin die 
Doktor- und Staatsprüfung, wirkte als Assistent an der maison de sant(5 
in Schöneberg bei Berlin, in derselben Eigenschaft an der Augenheilanstalt 
des Dr. Schneller in Danzig. 1869 wurde er Arzt in Memel, das Jahr darauf 
machte er den Feldzug in Frankreich als Arzt mit. Nach Beendigung des 
Krieges blieb er in Memel, wo er durch sein reiches Wissen, sowie durch 

Biogr. Jahrb. o. Dentscber Nekrolog. 3. Bd. n 



I^O Fürst. Meves. 

seltene Menschenfreundlichkeit allgemeiner Achtung genoss. Er gehörte 
auch zu den Begründern eines kleinen Krankenhauses in Memel. Sein Ruf 
als Augenarzt drang weit über die Grenzen der Stadt: selbst aus dem Innern 
Russlands kamen Hilfesuchende zu ihm. Dabei fand er noch zu wissenschaft- 
lichen Arbeiten Zeit, unter denen besonders die über die oben genannten 
Krankheiten hervorzuheben sind. Wenn heute die preussische Regierung 
ihrer Ausbreitung geeignete Massregeln entgegenstellt, so ist das im Wesent- 
lichen sein Verdienst. Die sich in neuester Zeit mit jenen Krankheiten 
beschäftigten, erhielten die Auszeichnungen, nach denen Dr. Fürst nie begierig 
war. 1884 siedelte er nach Berlin über; als Gewerksarzt hat er tausenden 
von Arbeitern und Arbeiterinnen im Norden Berlins mit unermüdlicher, 
selbstloser Hingebung seine ganze Kraft geweiht. Materiell sicher gestellt, 
war er nicht auf Vermehrung seines Vermögens bedacht, sondern auf Befrie- 
digung seines tiefen Bedürfnisses, mit seiner Kunst zu helfen ohne Ansehen 
der Person, des Standes, des Glaubens. Seine wissenschaftliche Thätigkeit 
ruhte auch nicht in Berlin: werthvoUe Aufsätze lieferte er u. A. auch für die 
Zeitschrift des Augenarztes Prof. Hirschberg. 

F. war ein ausgezeichneter Arzt, ein Mann von umfassender Bildung, 
ein liebenswerther Mensch. So scharf und kritisch sein Geist war, im persön- 
lichen Verkehr war er gegen Jeden ohne Schärfe und Herbigkeit. Besonders 
den Armen, vom Glück Ausgestossenen war er, und nicht bloss als Arzt, ein 
helfender Tröster zu jeder Zeit. Er verstand sie, er kannte ihre Bedürfnisse 
und verkehrte mit ihnen wie mit seinesgleichen ohne jede Spu/ von Ueber- 
legenheit und Ansprüchen, daher achteten und liebten sie ihn aufrichtig. Die 
Heiterkeit und Frische seines Wesens beruhten auf einem selbstlosen, gütigen 
Herzen und der arbeitsfrohen Pflichttreue. Auch die schwersten Prüfungen 
des Lebens konnten seine innere Harmonie nicht dauernd stören. Er über- 
wand die Uebel des Lebens durch wahrhaft philosophischen Humor, Klagen 
hat daher wohl keiner von ihm gehört, am wenigsten über eigene Leiden. 
So sehr war er gewohnt an Andere zu denken, dass er selbst in der letzten 
schweren Krankheit, die sich schon auf seiner Reise zum Aerztekongress in 
Moskau Herbst 1897 drohend anmeldete — er litt an Carcinom im Unter- 
leib — von sich wie von einer fremden Person reden konnte, dass er noch 
am Todestage über das bevorstehende Ende Bemerkungen diktirte. Er war 
ein Volksarzt im besten Sinne des Wortes. So nannte ihn mit Recht die 
»Medizinische Reform«. »F.«, heisst es dort, »war unser Gegner« — er 
trat gegen die freie Arztwahl auf — »aber einen wackereren Kollegen, einen 
gewissenhafteren Arzt als ihn haben wir nicht gekannt. Ehre seinem An- 
denken!« 

Medizinische Reform Nr. 23. 1898. — Deutsche med. Wochenschrift. Vcreins- 
Beilage Nr. 17. 1898. 

Daniel Jacoby. 

Meves, Oskar, Reichsgerich tsrath, * 8. Februar 1828 zu Sorau in der 
Niederlausitz als Sohn des dortigen Land- und Stadtgerichtsdirector Gustav M., 
f 3- October 1898 zu Berlin. Er bezog nach Besuch der Schule zu Pforta 1848 
die Universität Berlin und widmete sich unter ungünstigen Verhältnissen mit 
eisernem Fleisse dem juristischen Studium, trat im Appellationsgerichts-Bezirk 
Frankfurt a. O. in den Justizdienst, erhielt 1857 in Heilsberg eine Richter- 
stelle, 1860 die des Staatsanwalts, dann in Löbau und später in Naugard 



Meves. v. Cuny. 131 

und Anklam. 1873 ging er nach Tilsit, im Früjahr 1874 als Appellations- 
gerichtsrath nach Insterburg. Bei der Justizorganisation kam er i. Oktober 
1879 an das Oberlandesgericht in Posen, i. Januar 1883 an den IV. Strafsenat 
des Reichsgerichts in Leipzig. Dieser neue Wirkungskreis sagte ihm ganz 
besonders zu. Bei sehr grosser Arbeitslast lebte er mit grösstem Pflichteifer 
seinem Amte und war hocherfreut, als bei der Einweihung des neuen Reichs- 
gerichtsgebäudes die juristische Fakultät der Universität Leipzig ihn 1895 zum 
Ehrendoktor ernannte. Ein schmerzliches Magenleiden zwang ihn zu Ende 
1896 um Versetzung in den Ruhestand einzukommen, die ihm auch unter 
Verleihung des Roten Adlerordens II. Klasse gewährt wurde, worauf er am 
1. April 1897 nach Berlin sich zurückzog. Dort erlag er unsäglichen, mit 
Geduld ertragenen Leiden. Neben seiner amtlichen Wirksamkeit entfaltete er 
eine ausgedehnte litterarische Thätigkeit. Er gab treffliche Ausgaben von 
Reichsgesetzen heraus in der von Ernst Bezold besorgten »Sammlung der 
Gesetzgebung des deutschen Reiches mit Erläuterungen« (Theil in Bd. I 
Heft 2 [Markenschutz], Heft 3 [Wechselstempelsteuer], Heft 4 [Postwesen], 
Heft 5 [Kauffarteischiffe] ; Bd. 11 Heft i — 4 [Strafgesetznovelle vom 26. Febr. 
1876], Heft 6 [Gewerbeordnung], auch »Das Gewerbe im Umherziehen nach 
der Bundes-und preuss. Landes-Gesetzgebung« , Berl. 1872, sowie »das Straf- 
verfahren nach der deutschen Strafprozess-Ordnung vom i. Febr. 1877«, 
Berl. 1879 i" 3 Auflagen; »Schutz der Waarenbezeichnungen nach dem Gesetz 
vom 12. Mai 1894« Berl. 1894 und eine Ausgabe der Concurs- Ordnung 
;in Schmidts Lehrlj. d. preuss. Rechts), Breslau 1881. In v. Holtzen- 
dorffs Handbuch d. deutschen Strafprocessrechts bearbeitete er in Bd. II 
(1879) ^*^ besonderen Arten des Verfahrens und die Strafvollstreckung. Im 
J. 1887 übernahm er die Leitung des Golt dämm ersehen Archivs fUr Straf- 
recht, wobei er die von ihm ausgewählten Reichsgerichts-Entscheidungen öfters 
mit eingehenden Anmerkungen versah. Dem deutschen bürgerlichen Gesetz- 
buche widmete er in Bd. 46 (1898) zwei Erörterungen. Von Aufsätzen in 
Zeitschriften seien genannt »Gerichtssaal« XXTV (thätige Reue), XXVI (Eisen- 
bahnwesen), XXVn (Religion), XXIX (Amtsdelicte) und »Archiv für Strafrecht« 
Bd. XXXVn (Anstifter), XXXVIII (§ 264 StPO), XXXIX (Pressgesetz und 
Vertheidigung). 

Nach dem Nekrolog in Bd. 46 (1898) des »Archivs für Strafrecht«. — Vgl. »Gerichts- 
saal« Bd. 28, S. 397, 559; »Ztsch. von v. LisEt« VIII 403, XI 287. 

A. Teichmann. 

Cuny, Ludwig von, Jurist und Parlamentarier, aus einer von einge- 
wanderten Hugenotten stammenden Familie, * 14. Juni 1833 zu Düsseldorf als 
Sohn des Regierungspräsidenten C. in Aachen, f 20. Juli 1898 zu Berlin. Er 
studierte 1850 — 53 in Bonn und Berlin die Rechte, trat 1853 in den Staats- 
dienst, war 1858 — 70 Assessor in Cleve, Cöln und Bonn, wurde nach der 
üebergabe von Strassburg vom Dezember 1870 bis Oktober Vorsitzender des 
Kriegsgerichts flir Elsass-Lothringen daselbst, dann Rath am Appellationsgericht 
in Colmar, schied 1873 aus, um sich der akademischen Laufbahn zu widmen, 
wurde 19. Januar 1875 ausserordentlicher Professor an der juristischen Fakultät 
in Berlin, 1883 Mitglied der preussischen Justizprüfungskommission, 1889 
ordentlicher Honorarprofessor. Sehr ausgedehnt war seine parlamentarische 
Thätigkeit. Er vertrat seit 1873 den Kreis Solingen-Lennep-Remscheid im 
Abgeordnetenhause, 1873 — 81 im Reichstage den Kreis Dessau-Zerbst, seit 



1^2 V. Cuny. BraunmüUer. 

1884 Kreuznach-Simmern. Er war eines der hervorragendsten und befähigsten 
Mitglieder der nationalliberalen Partei, ein Mann von sehr ausgedehntem 
und höchst exaktem Wissen, in seiner financiell unabhängigen Stellung einer 
der fleissigsten und unermüdlichsten Arbeiter, eines der geschäftsgewandtesten 
Mitglieder parlamentarischer Commissionen, zugleich während der Zeit des 
Culturkampfes einer der heftigsten Gegner der Katholiken und des Centrums, 
doch bei vornehmer Gesinnung ehrlich bemüht, den Gegnern entgegen- 
zukommen. So unterstützte er namentlich die Bestrebungen einiger Ab- 
geordneten behufs Erlangung der Erlaubniss konfessioneller Kirchhöfe für die 
Rheinprovinz und einige andere preussische Landestheile. Weitere treffliche 
Dienste leistete er als Mitglied der preuss. Hauptstaatsschulden- Verwaltung und 
machte sich um das Zustandekommen des deutschen bürgerlichen Gesetz- 
buches in der mit der zweiten Lesung betrauten Commission verdient. Für 
gemeinnützige Werke hatte er stets offene Hand, besonders auch auf dem 
Gebiete des Colonialwesens. — Für den XXI. deutsch. Juristentag begutachtete 
er die Stellung des Entwurfs betr. der Testamentsvollstrecker (Bd. I 43 — 54). 
Ein Legat von 300000 Mark für die Universität wurde landesherrlich be- 
stätigt. 

Vgl. »Ulustrirte Leipziger Zeitung« 1898 II. mit Bild; »Centralblatt für Rechtswissen- 
schaft« Bd. X S. 97 (Heinsheimer) ; >Kölnische Volkszeitang« N. 646 vom 28. Juli 1S9S; 
Schulthess, Europ. Geschichtskalender für 1898, München 1899, S. 5, 140; Deutsche 
Juristen-Zeitung 1899, S. 169/170 (letzte Arbeit über reichsgesetzliche Regelung des Prü- 
fungswesen), u. 324 (nekrol. Notiz). 

A, Teichmann. 



Braunmüller, Benedict, Dr., Historiker, * 12. März 1825 zu Rotz (Ober- 
pfalz), f 12. Juni 1898 zu München, absolvirte mit Auszeichnung das Gymnasium zu 
Regensburgi845, machte seine philosophischen Studien amLyceum zu Regensburg 
und an der Universität München, wo besonders die Vorträge von Döllinger, 
Constantin Höfler, Ernst von Lasaulx u. A. seine spätere historische Richtung 
anbahnten; widmete sich 1848 der Theologie, wurde 1850 zu Regensburg 
Priester, trat in die Seelsorge zu Böhmischbruck und 1852 in das Benedictiner- 
stift zu Metten, wo er als Studienlehrer an der Lateinschule, Präfect am 
bischöflichen Knabenseminar (1855) und Lector der Theologie, dann auch im 
Kloster Lambach in Oesterreich und bei S. Bonifaz in München, verwendet 
wurde. Nachdem B. abermals als Professor an der Oberklasse des Gym- 
nasiums, als Pfarr- Vikar zu Neuhausen und Director des bischöflichen 
Knabenseminars sich bewährt hatte, wurde er nach dem Ableben des Abtes 
Utto 1884 einstimmig als Abt des Benedictinerstiftes Metten erwählt. Sein 
vielseitiges, ganz autodidaktisch gebildetes Wissen legte er in zahlreichen, hier 
nur theil weise genannten Abhandlungen und Schriften nieder. 1855: Beiträge 
zur Geschichte der Bildung in den drei ersten christlichen Jahrhunderten. 
1856: Bildungszustand der Klöster des IV. und V. Jahrhunderts. 1870: Ueber 
liturgischen Gesang im Verhältniss zum Volkslied. 1871 : Kleine Chorallehre mit 
Beispielen. 1872 — 75: Beiträge zur Geschichte des östlichen Donaugaues. 
I) Der Natternberg; Beschreibung und älteste Geschichte. 11. Die Domvögte 
von Regensburg. III) Die lobsamen Grafen von Bozen. IV) Die bescholtenen 
Grafen von Natternberg. 1873: Ueber Römerstrassen in Rhätien und die 
Castra Petrensia. 1876: Abt Hermann von Niederaltach. 1877: Sossau, 
seine Kirche und Wallfahrt. 1879: Geschichtliche Nachrichten über die hl. 



Braunmttller. Le Feubure. Rossbach Adolf. 13-2 

Hostien in der Grabkirche zu Deggendorf. 1880 und 1881: Namhafte Bayern 
im Kleide des hl. Benedikt. 1882: Beiträge zur Geschichte von Prüfening. 
1883: Reihenfolge der Aebte von S. Emmeran zu Regensburg. Wichrammi 
monachi S. Galli, Opusculum de computo. 1 884 : Monumenta Windbergensia 
(Tradition es) und in vielen kleineren Aufsätzen. 

Hyac. Holland. 

Le FeuburCy Ferdinand, Porzellanmaler, ♦21. September 1 81 5 zu München, 
"T 19. December 1898. Als der Sohn eines königlichen Rechnungs-Kommissärs, 
war derselbe erst zum Studium bestimmt, erhielt aber von seinem Bruder 
Carl Friedrich die Anregung zur Kunst und den ersten Unterricht, bezog 
1832 die Akademie, um sich unter Heinrich von Hess zum Historienmaler 
zu bilden, trat dann aber nach dem Vorgange seines, als Porzellanmaler 
damals schon geschätzten Bruders, zu dieser ihm sehr zusagenden Technik 
über und erhielt in der neuorganisirten königlichen Porzellan-Manufactur als 
Künstler bleibende Stellung. Seine Arbeiten zeichneten sich aus durch grosse 
Delicatesse bei markiger und kräftiger Durchbildung. Für König Ludwig I. 
schuf er ein Tafel-Service mit Copien nach den Glyptothek-Fresken des Cor- 
nelius (nun in der kgl. Silberkammer); für den Kronprinz Maximilian malte 
L. ein Service mit Bildern nach Schnorrs Nibelungen. Für die in der neuen 
Pinakothek befindliche Sammlung von Porzellan-Gemälden (in Plattenform) 
copirte unser Künstler drei Pferdebilder nach Philipp Wouwerman, einige 
Thierstücke nach Snyders und eine Landschaft (mit der Staffage von Hagars 
Verstossung) nach Claude Lorrain, welche Carl Friedrich Heinzmann (1795, 
-f- 1846) begonnen hatte. Auch als Glasmaler leistete L. gute Dienste. Für 
König Ludwig IL fertigte -er gleichfalls ein Service mit Ansichten von fran- 
zösischen Gärten, Fontainen und Schlössern. Im Januar 1899 erschien im 
Münchener Kunstverein eine aus 50 Aquarellen bestehende Collection land- 
schaftlicher Darstellungen, meist mit Motiven aus dem bayerischen Gebirge 
oder der Umgegend von München, alle aus der früheren Zeit des Malers, 
sehr sorgfältig und subtil, ganz im Style der früheren feierlichen Porzellan- 
malerei ausgeführt. Eine andere Sammlung von Handzeichnungen, Skizzen 
und altbayerischen Trachtenbildem zeigte bald darauf der Kunstverein zu 
Augsburg. 

Vgl. Seubert, Lexikon 1878. II, 426. — Nr. 354 »Allgem. Ztg.« vom 22. Decbr. 
1898. Beriebt des »MUnchener Kunstverein« für 1898. S. 74. 

Hyac. Holland. 

Rossbach, Christian Adolf, Buchhändler, * 26. December 1822 zu 
Mühltroff im Voigtland, f 6. Januar 1898 in Leipzig. R. trat nach dem 
Besuch der Leipziger Handelsschule, als Schwiegersohn von B. G. Teubner, 
bereits 1845 ^^ Mitarbeiter in dessen berühmtes, 181 1 gegründetes, Buch- 
druckerei und Verlagsbuchhandlung umfassendes Geschäft ein, insbesondere 
wurde er geschäftsführender Theilhaber des 1832 in Dresden gegründeten 
Zweiggeschäftes, das neben vielen anderen Arbeiten auch den Druck des 
officiellen »Dresdner Journals« besorgte. Am i. October 1853 wurde er 
fbis 1854 neben seinem Schwager Eduard Koch) Theilhaber sämmtlicher 
Geschäfte in Leipzig, während Albin Ackermann, ein anderer Schwiegersohn 
Teubners, die Leitung des Dresdener Geschäfts übernahm. Nach Teubners 
1856 erfolgtem Tode gingen die Geschäfte in Leipzig und Dresden an diese 



X34 Rossbach Adolf. Liebeskind. Alvary. 

beiden Schwiegersöhne über. Weitere Theilhaber wurden 1875 Arthur Ross- 
bach (f 1882), 1882 Alfred Ackermann und 1893 ein Enkel Adolf R.'s, 
Dr. Alfred Gieseke; ausserdem war 1872 — 93 Theilhaber der Ehrendoctor 
August Schmitt. Adolf R. war nicht nur für das Wachsen und Gedeihen der 
eignen Geschäfte thätig, sondern auch in weiteren Kreisen eine vielseitig 
wirkende und angesehene Persönlichkeit. — So war er Vorsitzender im Auf- 
sichtsrathe der Leipziger Bank und Schatzmeister des von ihm mitbegründeten 
Leipziger Rennklubs. Seine vielfachen Verdienste wurden u. A. durch die 
Verleihung hoher sächsischer und russischer Orden geehrt. 

Vgl. »Deutscher Buch- und Steindrucker« 1898. S.399 (m. Portr.), »Börsenblatt f. d. 
dtsch. Buchhandel« 1898. Nr. 6 und 7. Zahlreiche Nachrufe in politischen u. a. Zeitungen^ 

H. Ellissen. 

Liebeskind, Felix, Buchhändler, * 14. Januar 1837 in Leipzig, f 17. März 
1898 daselbst, wurde zuerst von Privatlehrern unterrichtet, besuchte dann die 
Teichmannsche Schule in Leipzig und erlernte 1851 — 54 bei Himmer 
(Riegersche Buchhandlung) in Augsburg, mit dessen Familie er lebenslänglich 
in freundschaftlicher Verbindung blieb, den Buchhandel. Er war femer u. A. 
als Gehülfe thätig bei Masson & Co. in Paris (1855 — 56) und bei L. W. Seidel 
in Wien (1857 — 59). 1863 trat er dauernd in die schon 1794 von seinem 
Grossvater gegründete angesehene Commissions- und Verlagsbuchhandlung 
A. G. Liebeskind in Leipzig ein, deren Theilhaber er 1865 wurjde, und die 
er nach dem Tode seines Vaters am 15. October 1870 allein übernahm. 
Zunächst sein Aufenthalt in Bayern hatte L. zu einem eifrigen Alpinisten und 
dadurch zum Verleger gediegener alpiner Werke gemacht. Dies wieder führte 
seine Befreundung mit dem Dichter Rudolf Baumbach herbei. Wie sehr er, 
bei allem eigenen Werthe der Dichtungen, durch reizende Ausstattung zur 
Verbreitung von dessen, auch J. Lohmeyers, Heinrich Seidels, Maximilian 
Schmidts, Trojans u. a. Schriften beigetragen hat, ist dem Buchhändler besser 
bekannt als dem Laien. Auch über das eigene Geschäft hinaus machte sich 
L. in beruflichen, künstlerischen und humanen Interessen vielfach verdient. 
1884 gab er die Initiative zu dem prachtvollen Jubiläumskatalog der Oster- 
mess- Ausstellung des damals 50 Jahre bestehenden Börsen Vereins der Deutschen 
Buchhändler. Als Alpinist lieferte er werthvolle Beiträge zu in- und aus- 
ländischen Reiseschriften. An mancherlei Anerkennungen für seine Verdienste 
fehlte es ihm nicht. Die Verlagsbuchhandlung ging nach seinem Tode an die 
J. G. Cotta'sche Buchhandlung in Stuttgart, das Commissionsgeschäft an 
Carl Cnobloch in Leipzig über. 

Vgl. »Börsenblatt f. d. dt. Buchhandel« 1898. Nr. 63. Pfau, Biogr. Lex. d. D. 
Buchhdlr. 1890. Persönliche Mittheilungen von F. L. Liebeskind-Platzmann. 

H. Ellissen. 

Alvary (Achenbach) Max, Kammersänger, * 1857 zu Düsseldorf, f 7. No- 
vember 1898 in Grosstabarz (Thüringen). A. war der Sohn des bekannten 
Malers Andreas Achenbach. Das elterliche Haus war eine Heimstätte der 
Kunst, und so prägte sich künstlerisches Empfinden früh in die Seele des fiir 
alles Schöne sehr empfänglichen Knaben und blieb darin haften, obschon er 
sehr jung der Jesuitenschule zu Paris als Zögling übergeben wurde. Der 
kleine Maximilian zeichnete sich schon damals durch eine so wunderbare 
Stimme aus, dass er in den grossen Messen mitsang. Später besuchte er ein 



AI Vary. 13^ 

als vorzüglich bekanntes CoUeg in der Nähe Londons, und aus diesem Um- 
stand erklärt sich, dass ihm die französische wie die englische Sprache ge- 
läufig wurden wie die Muttersprache. A. drängte es, ein Künstler wie sein 
Vater zu werden, oder doch wenigstens ein künstlerisches Studium, wie 
das der Architektur, zu treiben, obwohl er sich am liebsten dem Gesang ge- 
widmet hätte. Sein Vater hatte aber andere Pläne mit ihm: ein Vetter von 
ihm, der in Moskau eine Weltfirma besass, sollte den Sohn in die Geheim- 
nisse des Kaufmannsstandes einweihen — doch dies war ganz gegen die Nei- 
gungen des jungen A. und mit Widerstreben fügte er sich darein, bis er mit 
seiner schon damals stark entwickelten Energie es durchsetzte, sich einem ihm 
zusagenden Beruf widmen zu können. Bald sehen wir ihn in Aachen, wo er 
sich architectonischen Studien hingiebt, und wo seine Leistungen zu so schönen 
Hofl&iungen berechtigen, dass sein Vater eine höhere Ausbildung in Mailand 
bei Mengoni, dem berühmten Erbauer der Galleria Vittorio Emanuele, für 
ihn wünscht. Nichts konnte A. erwünschter sein. Lebte doch Lamperti, 
der grosse Meister des Gesangs, in Mailand, und bei ihm hoffte er seine 
Stimme ausbilden lassen zu können. Lamperti fand das Material des jungen 
Mannes vorzüglich und rieth ihm, sich als Concertsänger auszubilden, was 
er auch that, indem er nach und nach seine Baustudien einstellte und sich 
w^ährend seines zweijährigen Aufenthaltes ganz der Ausbildung seiner Stimme 
hingab. Von Mailand aus begab sich A. nach Frankfurt a. M. zu Meister 
Julius Stockhausen, bei dem er den Oratoriengesang, das Studium der alten 
Meister pflegte und sich nur mit Bach, Händel, Mozart, Haydn u. s. w. be- 
schäftigte. Inzwischen hatte der Kunstjünger bei einem Aufenthalt im elter- 
lichen Hause ein ganz junges, kaum 15 jähriges Mädchen aus dem Riesenge- 
birge kennen gelernt, das seine Eltern früh verloren hatte und mit dem 
Grossvater nach Düsseldorf gekommen war. Die Herzen der jungen Leute 
flogen sich zu, sie verlobten sich, aber ihrer Verbindung standen von beiden 
Familien die grössten Hindemisse im Wege. Zwei Jahre warteten die Lie- 
benden, schliesslich heiratheten sie sich gegen den Willen der Venn'andten. 
Nun galt es, für den eigenen Herd zu sorgen. Ohne Jemands Wissen studirte 
A. binnen acht Tagen für sich allein den Stradella, fuhr nach Weimar, stellte 
sich dem Intendanten, Frhm. v. Loen, unter dem Namen Anders vor und 
bat um ein Gastspiel. Es ward gewährt — aber schon nach dem ersten 
Probesingen vor der Aufführung erhielt er ein mehrjähriges Engagement für 
das Hoftheater. Nun begann eine herrliche Zeit für A., Jahre des naiven, 
ungetrübten Glücks, denn hier ward der Grundstein ftir seine Laufbahn ge- 
legt und an den Vorbildern, die mit ihm wirkten: Milde, Scheidemantel, 
Fichtner -Spohr, entfaltete sich auch sein Können. Besonders werth aber 
machte ihm jene Zeit die Gunst des Grossherzogs von Sachsen -Weimar, 
der ihm persönliches Interesse, Auszeichnung und fürstliche Gunst bewies. 
Schweren Herzens nur trennte er sich von der lieben Stätte, aber seine Natur 
drängte ihn zu grösserem Wirkungskreis und er folgte einem Engagement des 
alten Damrosch an das Metropolitan-Theater unter Leitung von Anton Seidl 
nach New- York, wo er in ein Ensemble eintrat, das aus den ersten Kunst- 
grössen gebildet war: Albert Niemann, Marianne Brandt, Lilly Lehmann und 
dem Dresdner Bassisten Emil Fischer. In den ersten zwei Jahren theilte sich 
A. in das Rollenfach mit Niemann, dem er die heroischen Parthien überlassen 
musste, während er die lyrischen sang. Erst später trat er als Wagner- 
Sänger auf. Aber mit den Erfolgen wuchs auch A.'s Selbstkritik. Er erwog, 



136 AI Vary. 

dass er nur in Deutschland, wo Wagners Geist einzig und voll lebendig ist, 
ernsthafte Proben seiner Künstlerschaft ablegen könne, und so entschloss er 
sich denn Amerika zu verlassen und in die alte deutsche Heimath zu- 
rückzukehren. Der Abschied drüben gestaltete sich zu einem wahren 
Triumph für ihn und doch stand er einige Wochen danach zagend und 
herzklopfend auf der Bühne des Münchener Hoftheaters; wie einem An- 
fänger war ihm zu Muthe, als er zum ersten Male als Wagner -Sänger 
vor das Münchener Publikum treten sollte. Nun trat er sehr erfolgreich 
fast in allen Wagner-Opern auf, und die Münchener Tage prägten sich ihm 
als eine der schönsten Lebenserinnerungen fiir alle Zeit ins Gedächtniss. 
Freilich den masslosen Enthusiasmus, den die Amerikaner und besonders die 
Amerikanerinnen mit A. trieben, konnte er im kälteren Deutschland nicht er- 
warten und nicht finden. Englisch-amerikanische Blätter brachten das Kunst- 
stück zustande, spaltenlange Artikel über den Kuss zu bringen, mit dem A. 
als Siegfried Brünnhilde aus dem Zauberschlafe erweckt, und Amerikanerinnen 
der besten Familien bildeten nach den New- Yorker Vorstellungen vor dem 
Theater Spalier, um einen Blick oder Händedruck des Sängers zu erhaschen 
— des Sängers, von dem alle Welt wusste, dass er mit seiner Frau Thekla 
eine äusserst glückliche Ehe führe, und dass ihm zu Hause ein Dutzend 
Kinder — eine Schaar wahrer Liebesgötter — erblühe. Auch Andreas 
Achenbach, dem zu Liebe der Sohn einen Theatemamen angenommen hatte, 
söhnte sich mit ihm später aus, als er sich nach einer Aufführung von Glucks 
Iphigenie, in der der Sohn den Pylades gesungen hatte, von dessen ernst- 
hafter Künstlerschaft überzeugt hatte. Pollini, dem es niemals auf das Geld 
ankam, wenn es sich darum handelte, einen »Star« für sein Hamburger 
Theater zu ergattern, bot ihm fabelhafte Gagen, nützte ihn aber auch nach 
Kräften aus. A. führte in seinem Heim in Hamburg und auf seiner glänzenden 
Besitzung zu Grosstabarz in Thüringen einen wahrhaft fürstlichen Haushalt. 
Auf einem der zahllosen Gastspiele im Dienste Pollini' s, am Stadttheater zu 
Mannheim, traf ihn das Unglück, in einer Probe zu »Siegfried«, da er nicht 
verständigt worden, dass Fafners Höhle dort nur imitirt wird, durch den 
cachirten Boden derselben zu stürzen. Durch diesen Fall mag er sich das 
schwere Darmleiden, an dem er nach manchen nutzlosen Operationen starb, 
entweder zugezogen oder es mindestens beschleunigt haben. Ein desshalb 
gegen die Mannheimer Intendanz von ihm geführter Entschädigungsprocess 
schloss nach seinem Tode mit einem für seine Hinterbliebenen, für die er 
übrigens fast ahnungsvoll reichlich gesorgt hatte, günstigen Vergleich. — So 
endete vor der Zeit eine Künstlerlaufbahn, die glänzend und kurz war wie 
selten eine. Gleich einem Meteor kam und verschwand A., der reich begabte 
Künstler, ein edler, liebenswürdiger Mensch, dem es heüiger Ernst war mit 
seiner Kunst und dem alles Komödiantenhafte meilenfern lag. Nur eine be- 
deutende künstlerische Erscheinung wie die Alvary's konnte solche Be- 
geisterung und solchen — Widerspruch wecken; denn sein Ruhm ist ihm 
nicht unbestritten geblieben. Aber selbst wer die eigenthümliche Gesangs- 
weise A.'s nicht goutierte, Hess sich willig von der genialen Darstellung seiner 
Wagnerschen Heldengestalten, eines Siegfried, eines Tannhäuser gefangen 
nehmen. Der Wagn ersehe Siegfried war seine Lieblingsgestalt. Wenn er 
mit dem Bären in der ersten Scene des »Siegfried« jugendfroh auf die Bühne 
stürmte, glaubte man den jugendlichen Recken, wie ihn Wagner geträumt, 
wirklich vor sich zu sehen. Minder gut lagen ihm nichtwagnersche Rollen, 



Alvaiy. Streccius. Lang. 1^7 

die er in späterer Zeit auch weniger pflegte; doch erinnern wir uns dankbar 
seines meisterhaften »Josephs in Aegypten«. Am 27. September 1894 
haben wir ihn, als Siegfried, zum letztenmal gesehen. A.'s Stern erblich so 
schnell wie er seinen höchsten Glanz erreicht hatte. In den letzten Jahren 
hörte man nur mehr von seiner Krankheit und dem Prozess. Der kurze 
Ktinstlertraum war ausgeträumt; vielleicht wäre er minder glanzvoll gewesen, 
wenn er hätte länger dauern können. In der Geschichte der Oper, ins- 
besondere aber in der des Wagnerschen Musik-Dramas, darf A.'s Name nicht 
ungenannt bleiben, wenn auch sein rasch vorübergehendes Debüt in Neu- 
Bayreuth in Folge von Differenzen, die auch Andern heute dort beschieden 
sind, für die Lebens- und Entwicklungsgeschichte des Künstlers selbst ohne 
Bedeutung geblieben ist. 

In unserer Skizzirung derselben sind wir unserem (im Feuilleton der »Allgemeinen 
Zeitung« vom 8. Nov. 1898, Abendblatt) erschienenen Nachruf und einer früher in dem- 
selben Blatte (No. 247 vom 6. Sept. 1893) enthaltenen liebevollen Schilderung der ersten 
KUnstlerjahre und der thüringschen Besitzung Alvarys durch Olga Arendt, als den aus- 
führlichsten und authentischesten Darstellungen, die bis jetzt über A. vorliegen, in der 
Hauptsache gefolgt. 

Alfred Freiherr v. Mensi. 

Streccius, Johannes, Kgl. Preussischer Generallieutenant z. D., ♦ 5. März 
1831 in Stendal, f 26. Januar 1898 in Cassel, Militärschriftsteller, übersetzte 
namentlich militärische und historische Schriften aus dem Russischen. Seine 
Ausbildung erhielt er in dem Cadettencorps , das er am 28. April 1849 
verliess, um als Seconde- Lieutenant in das Inf.-Regt. No. 17 einzutreten. 
1855 wurde er Erzieher im Cadettenhause zu Berlin, 1857 Premier-Lieutenant, 
1859 Hauptmann 3. Klasse, December 1860 Compagnie-Chef. Im März 1861 
ä la suite des Regts. gestellt, ward er zum grossen Militär- Waisenhause in 
Potsdam commandirt. Am i6. März 1869 zum Major befördert, ward er 
Commandeur des Cadettenhauses zu Braunsberg, im Mai desselben Jahres je- 
doch bereits Director der Kriegsschule in Cassel, unter Stellung ä la suite 
des Generalstabes der Armee. Als bei Ausbruch des deutsch-französischen 
Kriegs die Kriegsschule aufgelöst wurde, ward St. während der Dauer des 
Krieges Generalstabsofficier bei dem Generalgouvernement im Bereiche des 
7., 8. und II. Armeecorps und übernahm im August 187 1 wieder das 
Directorium der Kriegsschule in Cassel. 1874 zum Oberstlieutenant befördert, 
erhielt er im Januar I875 ein Bataillon im 4. Thüringischen Infanterie Regt. 
No. 72 und ward am 12. Dec. 1876 Commandeur des 2. Hessischen Inf.- 
Reg. No. 76. Am 22. März 1877 Oberst und am 15. Mai 1883 General- 
major erhielt er das Commando der 59. Infanterie-Brigade und ward am 
16. April 1887 Commandant von Karlsruhe. Noch in demselben Jahre 
erhielt er den Charakter als Generallieutenant, am 19. Sept. 1888 das 
Patent seiner Charge unter Versetzung als Commandant nach Rastatt. 
Am 18. April 1891 ward er zur Disposition gestellt. St., der den Rothen 
Adler Orden 2. Kl. und den Kronen Orden 2. Kl. mit Schwertern am Ringe 
besass, war ein wissenschaftlich ausserordentlich gebildeter Officier und bei 
allen seinen Untergebenen geschätzer und beliebter Vorgesetzer. 

O. Elster. 

Lang, Paul, Dichter, ♦ 9. September 1846 zu Wildenstein (im württem- 
bergischen Oberamt Crailsheim), f 19. März 1898 zu Urach. Sein äusseres 



138 Lang. 

Leben ist in keinem Stück aus dem gewöhnlichen Geleise des wtirttem- 
bergischen Theologen gewichen. Ein Pfarrerssohn, kam er mit fünf Jahren 
nach Asch (Oberamt Blaubeuren), wohin sein Vater versetzt worden war, und 
verbrachte die Knabenzeit in dieser reizvollen, an poetisch-romantischen An- 
regungen reichen Gegend. Seit dem 1 1 . Jahre besuchte er die Lateinschulen 
in Münsingen und Lauffen am Neckar. Nach erstandenem Landexamen be- 
zog er 1860 das Seminar Schönthal und 1864 behufs Studiums der Theo- 
logie das Tübinger Stift. Nach Beendigung der Universitätsjahre war er drei 
Jahre lang Vicar in Eningen bei Reutiingen und Ulm, seit 1871 Stiftsrepetent 
in Tübingen, während welcher Zeit er zugleich an der Universität Vor- 
lesungen über Platonische Philosophie hielt. 1872/73 unternahm er eine 
wissenschaftliche Reise nach Südrussland, wo sein älterer Bruder Hermann 
damals Pfarrer war, Herbst 1873 erhielt er seine erste definitive Anstellung 
als Diaconus in Leonberg. Er vermählte sich jetzt mit Selma Macken. 1878 
wurde er zum Pfarrer in Maulbronn, 1883 2^™ zweiten Stadtpfarrer in Lud- 
wigsburg, 1889 zum Decan in Urach befördert. Hier wurde er im besten 
Mannesalter seiner zahlreichen Familie durch einen raschen Tod entrissen. 

Nicht als Theologe hat sich L. ein Anrecht auf Nachruhm erworben, 
obwohl er auch hier seinen Mann gestellt und seine Pflichten redlich erfüllt 
hat, vielmehr als Dichter, insbesondere als Erzähler. Er veröffentlichte in 
Buchform nachstehende Novellen oder Novellensammlungen : i) Gärung und 
Klärung. Ein Stück aus Schillers Leben. (Neue Volks-Bibliothek.) Stuttgart, 
bei Levy & Müller, o. J. (1878). 2) Auf schwäbischem Boden. Vier Er- 
zählungen. Stuttgart, bei Adolf Bonz & Comp., 1881. (Inhalt: a. Heimo. 
Eine Geschichte aus dem Zehntlande. 282. b. Regiswindis. Eine Heiligen- 
geschichte aus der Karolingerzeit. 837. c. An der Wiege eines Philosophen. 
1775. d. Der Vicar von Enzweihingen. 1798. Eine zweite durchgesehene 
Auflage erschien 1898. Einzeln wurde daraus 1886 Regiswindis gedruckt, 
von Theodor Schmidt illustrirt. 3) Kirschenblüthe. Erzählung. Stuttgart, bei 
Bonz, 1882. 4) Die Kastellanin und ihre Tochter. Erzählung. Stuttgart, bei 
Bonz, 1882. 5) Rusenschloss. Eine Geschichte aus dem 15. Jahrhundert. 
Stuttgart, bei Bonz, 1882. 6) Im Nonnenämtlein. Eine Geschichte aus dem 
15. Jahrhundert. Stuttgart, bei Bonz, 1883. 7) Der Bildhauer von Kos. Eine 
Geschichte aus dem Alterthum. Stuttgart, bei Bonz, 1884. 8) Mechthildis 
von Hohenburg. Eine Geschichte aus der Hohenstaufenzeit. Stuttgart, bei 
Bonz, 1884. 9) Bündner und Schwaben. Eine Geschichte aus Schillers 
Jugendzeit. Stuttgart, bei Bonz, 1886. 10) Aus schwäbischen Gauen. Zwei 
Erzählungen aus Schwabens Vergangenheit von Dr. R. Weitbrecht und Paul 
Lang. Stuttgart, bei Emil Hänselmann (Süddeutsches Verlagsinstitut), o. J. 
(1887). Darin von L. (auf S. in — 316): Durch Sturm und Wetter. Lebens- 
schicksale eines Zeitgenossen Friedrich von Schillers. 11) Maulbronner Ge- 
schichtenbuch. Stuttgart, bei Bonz, 1887. (Inhalt: a. Angelus pacis. 1433. 
b. Gerhard von Enzberg. 151 8. c. Der Türkenknabe. 1688. d. Der KJoster- 
schlüssel. 1800.) 12) Neue Erzählungen. Stuttgart, bei Bonz, 1892. (Inhalt: 
a. Vier Säcke. 1492. b. Das Grab Mose's. 1640. c. In zwölfter Stunde. 1733. 
d. Wieder gut. 1758. e. Künstlers Ostern. 1771.) 13) Wilder Uilaub. Eine 
Erzählung aus alter Zeit. Heilbronn, bei Max Kielmann, 1897 (zuerst in 
Velhagen & Klasing's Monatsheften 1894/95. Heft 8, S. 122 ff.). 

Wenn man von dem Bildhauer von Kos absieht, so hat L. alle seine 
Stoffe der Geschichte seiner schwäbischen Heimath entnommen. Und zwar 



Lang. 13^ 

durchinisst er sie in allen ihren Theilen von den Tagen der römisch-germa- 
nischen Grenzkämpfe, der Heimo und Wilder Urlaub zugehören, bis zur Ge- 
genwart, die durch eine artige, an die Muse der Wildermuth gemahnende 
Dorfgeschichte »Kirschenbltithe« vertreten ist. Dazwischen verweilt er bei den 
Epochen der Karolinger, der Staufer, der Erfindungen und Entdeckungen, 
des Humanismus und der Reformation, des dreissigjährigen Krieges. Besondere 
Vorliebe zeigt er für das Zeitalter Schillers. In den verschiedensten Er- 
zählungen lässt er den grossen schwäbischen Dichter auf den verschiedensten 
Altersstufen theils als Helden, theils als Nebenfigur auftreten. Seine Ge- 
schichten aus älterer Zeit spielen sich häufig hinter Klostermauern ab. Ueber- 
haupt bevorzugt er das kulturhistorische Element vor dem rein historischen. 
Man kann femer in L.'s gesammter Novellistik die Spuren seines eigenen 
Daseins verfolgen. Die Erinnerungen an die Blaubeurener Gegend, die er 
als Knabe durchstreift hatte, bescheerten ihm das Rusenschloss. Als Lauffeuer 
Lateinschüler tummelte er sich häufig um die hoch über dem Neckar ge- 
legene Regiswindiskapelle, und die davon empfangenen Eindrücke haben ihn 
später zu der Heiligengeschichte Regiswindis, einer seiner besten Gaben, an- 
geregt. Schellings Philosophenwiege, der er eine kleine Erzählung gewidmet 
hat, stand unter dem Dache des Leonberger Pfarrhauses, das er selbst fünf 
Jahre lang bewohnte. Das poetische Ergebniss seiner Maulbronner Amtszeit 
war das Maulbronner Geschichtenbuch. Auf seinen Wanderungen in Urachs 
prächtiger Umgebung stieg in ihm der Gedanke zu seinem Wilden Urlaub 
auf. Ueberall war es ihm eine Lust, den Erinnerungen vergangener Ge- 
schlechter nachzugehen. Auf diese Weise fusst seine ganze Erzählungskunst 
auf dem festen Boden der Wirklichkeit, obwohl er in durchaus idealistischer 
Weise stilisirt und sich vom Naturalismus völlig fem gehalten hat. Seine 
kulturhistorischen Bilder sind mit sicherer Hand und sauberem Griffel ent- 
worfen, verrathen stets den gebildeten Mann, der mit den Geschichtsepochen, 
die er gerade schildert, wohl vertraut ist. Am meisten gefällt er da, wo er 
kleinere episodische Ausschnitte aus der Geschichte giebt. Grosse zeitbe- 
wegende Conflicte hat er nicht sonderlich tief zu fassen vermocht; so ist im 
Bildhauer von Kos der Kampf zwischen Heidenthum und Christenthum nur 
ganz oberflächlich berührt. Gern spinnt L. seine Fäden von Schwaben aus 
nach fernen Ländern und Zonen hinüber und bringt dadurch Bewegung und 
Abwechslung in seine Handlungen. Ueber üppige Phantasie gebietet er nicht. 
Doch reicht seine Erfindungsgabe immerhin für die Zwecke aus, die er an- 
strebt. Denn nicht um starke Wirkungen, um Spannung und Aufregung, um 
Entwicklung mächtiger Leidenschaften oder auch nur um Entfaltung psycho- 
logischer Künste ist es ihm zu thun. Er bescheidet sich damit, anspruchslose 
Leser in anspruchsloser Weise anzuregen, zu erfrischen, zu erheitern. Be- 
dächtig entwirft er seine Erzählungen, planmässig führt er sie aus, ohne Hast 
und Ueberstürzung, mit offenbarem Behagen und liebevollem Eindringen in 
die Details. Er ist in der Technik des Romans bewandert, doch erscheint nicht 
alles bei ihm gleichmässig durchgebildet, manches von vornherein zu skizzen- 
haft angelegt. Seinen interessantesten Stoff hat er nicht völlig bewältigt: die 
Geschichte des Vicars von Enzweihingen, eines Tübinger Stiftlers, der 1798 in 
die französisch-republikanische Propaganda hineingezogen wird und so um 
sein Amt und um seine Braut kommt. L.'s Darstellungsmittel sind eben nicht 
glänzend, aber durchaus solid; er schreibt einen volksthümlich kräftigen, sorg- 
sam ausgefeilten Stil. Manches hat einen moralisirenden Beigeschmack. Doch 



140 Lang. Feldhüter. 

hält seinen belehrenden Tendenzen ein harmlos freundlicher Humor das Gegen- 
gewicht. L.'s Erzählungen spiegeln in ihrer Gesammtheit das Bild eines 
gemüthvoll veranlagten und durchaus wohlwollenden Menschen wider. Seine 
ganze Poesie trägt den Stempel des Gesunden, Tüchtigen, Gediegenen; das 
Herz zu bezwingen, hinzureissen, zu begeistern vermag sie freilich nicht. 
Einiges bleibt sogar an geistigem Gehalt unter dem Durchschnitt, macht 
einen dürftigen, ja ärmlichen Eindruck. Trotzdem sind L.'s sittlich reine 
Novellen für die reifere Jugend, für das deutsche Haus willkommene Gaben, 
die weiterer Verbreitung wohl werth wären. 

L. hat auch von der Knabenzeit an Verse gemacht und eine Anzahl 
seiner Erzeugnisse in Zeitungen, Zeitschriften, Sammelwerken niedergelegt. 
Doch hat er niemals eine Buchausgabe seiner Gedichte veranstaltet, so dass 
auf ein zusammenfassendes Urtheil über den Lyriker verzichtet werden muss. 
Er neigte mehr zur Beschauung und Betrachtung, als zum unmittelbaren Ge- 
fühlsausdruck. Das Lyrisch-Epische war sein Element. Dann wieder verfasste 
er launige Stimmungsbildchen, theilweise im Dialect. Auch in Zeitfragen 
erhob er manchmal die Stimme, seinem patriotischen Empfinden, insbesondere 
seiner Bismarck- Verehrung beredte Worte leihend. Aus seinem Nachlasse 
wurden poetische »Sonntagssprüche« veröffentlicht. Auch zu Lebzeiten ist er 
wiederholt als christlicher Erbauungs-Schriftsteller hervorgetreten, so mit »Merk- 
versen zu Luthers Werden und Wirken«, mit der Schrift »Mein Glaube. Eine 
Gabe zur Erinnerung an die Konfirmation« u. s. w. Endlich ist L. als Kritiker, 
namentlich von Büchern aus dem Bereiche der schönen Litteratur, fiir ver- 
schiedene Journale, den Schwäbischen Merkur, die Blätter ftir litterarische 
Unterhaltung u. s. w. thätig gewesen. 

»Schwäbische Kronik« vom 23. März 1898 (Mittagsblatt), »Schwabenland« 1898. Nr. 9 
(mit Bild), Richard Weitbrecht in »Kirchlicher Anzeiger fUr Württemberg« 1898, Nr. 14, 
S. 116 f., Rudolf Assmus (»Paul Lang als Erzähler«) in »Die Grenzboten« 1898, Nr. 46, 
S. 352— 357i Franz Brummer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des neun- 
zehnten Jahrhunderts (4. Ausgabe), IL S. 374. 

R. Krauss. 



Feldhüter, Ferdinand, Landschaftmaler, * 7. April 1842 zu München, 
f 9. December 1898 ebendaselbst. Zum Decorationsmaler bestimmt, bahnte 
er sich mit der den Autodidakten eigenen Energie den Weg zur Kunst; er 
wählte nach dem Vorgange des gewandten Julius Lange (18 17, f 1878) die 
idyllische Landschaft und sammelte seine Stoffe aus der Gebirgswelt Altbayems, 
Tyrols, der Schweiz und Oberitaliens. F. liebte die Wiedergabe eines heiteren 
Morgens, eines sonnigen Nachmittags; entsprechend seinem fröhlichen Sinne 
erschien ihm die Natur immer in heiterer, verklärter Stimmung; Abendbilder, 
Nachtscenen oder Regentage und Stürme wurden sorgsam vermieden. Seine 
Schöpfungen trugen den Stempel seines jovialen Temperaments, womit er in 
jeder Gesellschaft als Sänger, Dichter, Erzähler und Humorist excellirte. 
Unter seinen zahlreichen, von den Kunstvereinen gern erworbenen Bildern 
erinnern wir nur an einen »Walchen-« (1877) und »Vierwaldstätter-See« 
(1881); eine »Gebirgsschlucht« (1884) und eine Parthie »Bei Inzell« und 
»Mauthhäusel« ; den »Hohen Göll bei lierchtesgaden« brachte ein Holzschnitt 
in >Vom Fels zum Meer« XL Jahrg. 26. Heft und »Die Kuhflucht in Ober- 
bayern« No. 49 »Ueber Land und Meer« 74. B. 1895. Einen »Hallstätter- 
See« erwarb 1898 der Münchener Kunstverein; daselbst erschien auch im 



Feldhüter, v. Hagn. i^l 

Januar 1899 ein trefflicher Blick auf den Lago Maggiore«. F. erlag einem 
Herzleiden. Eine reiche Ausstellung von sehr anziehenden fertigen Bildern, 
von Skizzen und Studien, erfolgte aus des Künstlers Nachlass im Kunstverein 
Anfangs Mai 1899. 

Vgl. Kunst Vereinsbericht f. 1898. S. 72. 

Hyac. Holland. 

Hagn, Ludwig von, Genremaler, * 23. November 1819 zu München, 
f 15. Januar 1898 daselbst. Ein jüngerer Bruder der ihrer Zeit so berühmten 
Heroine Charlotte von Hagn (1809 — 91), erhielt, erst zum Militärdienst be- 
stimmt, seine Erziehung im Cadettencorps zu München, kam nach Berlin und 
daselbst durch die Bekanntschaft mit dem Marinemaler Wilhelm Krause 
(1803, f 1864) zur Kunst; besuchte die Münchener Akademie und zählte 
alsbald zu den jungen Malern, die unter Albert Zimmermann (1809, f 1888) 
und dessen Brüdern zu Eberfing und Fölling landschaftliche Studien nach 
der Natur betrieben. Zur weiteren, insbesondere koloristischen, Ausbildung 
wendete sich H. nach Antwerpen, schulte sich hier unter Gustav Baron von 
Wappers und Eugenius Frans de Block, ging dann über Brüssel nach Berlin 
(1851), wo ihn Menzels Vorbild und die Interieurstudien in den Schlössern 
Potsdam und Sanssouci zum Rococogenre leiteten. Nach längerem 
Aufenthalt zu Paris (1853 — 1855) kehrte H. nach München zurück, wo 
er »unter den Sittenbildmalem der erste, eigentliche Colorist der Schule wurde 
und besonders die Rococozeit in die Mode brachte« (Pecht). Dazu gehören 
ein «Antiquar« (1861) und ein »Alchymist«, das »letzte Kleinod der Wittwe«, 
ein »Conversationsstück« (vergl. Eggers: Deutsches Kunstblatt 1856. VII, 391). 
Freilich entstanden nebenbei auch andere Bilder mit den landläufigen Scenen, 
wie »Eindringliche Ermahnungen« (gegen Vogelnest-Raub; vgl. Julius Grosse 
in Nr. 27 »Neue Münchener Ztg.« 1857), »Inneres einer Bauernhütte« (vgl. 
Julius Grosse in Nr. 128 »Neue Münchener Ztg.«, 29. Mai 1858). Weitere 
Förderung erhielt seine Kunst durch mehrfache Reisen nach Oberitalien und 
durch einen längeren Aufenthalt zu Rom und Florenz (1863 — 1865). Nun 
folgten seine bedeutendsten Leistungen: »Eine im Park versammelte Gesell- 
schaft unterhält sich mit Musik« (Neue Pinakothek), der »Vorlesende Dichter«, 
die meisterhafte, mehrfach wiederholte »Römische Bibliothek« (radirt von 
W. Unger, in Lützow's Zeitschrift 1870, V. 122), die »Feier des Gründonnerstag 
in einer italienischen Basilika« (als Holzschnitt in Nr. 29 »UeberLand und Meer« 
1886, 56. Bd. S. 633), das »Cavalier-Duell«, die »Fahrenden Musikanten«, viele 
Interieur- und Gartenscenen im Styl des vorigen Saeculums, darunter auch 
ein »Münchener Sommervergnügen im XVIII. Jahrh.« mit kegelnden Herren, 
die »Contraste« (Bettelleute vor einem Schlosse), die Darstellung der »Fron- 
leichnams-Procession in München 1760« (im Besitz des Stadt-Magistrats. Vgl. 
Lützow's Zeitschrift 1884. XIX, 352 und »Gartenlaube« 1885 S. 356. 57) 
und »Kirchen-Interieur« (ein Geistlicher' zeigt zwei fremden Eminenzen ein 
kunstvolles Sakramentenhäuschen, 1883). H's. Bilder können als wahre 
culturhistorische Novellen gelten, welche in anziehender, leichtverständlicher 
Weise durch ihre liebevolle Ausführung, in feiner Farbe und Form den 
Beschauer gewinnen und fesseln. Dazu gehören auch die »Partie aus 
dem Garten Colonna in Rom« und eine »Italienische Parkscene« (Galerie 
Schack), die »Audienz im Vatican« (1881) und »Tintorett in der Scuola di 
S. Rocco«. Der Künstler erfreute sich nach einer harten Jugend bald 



142 V. Hagn. Andorf. 

einer glücklichen Unabhängigkeit, die ihm auch ein stilles, .nur Wenigen 
bekanntes Mäcenatenthum ermöglichte. Sein Portrait malte Franz von 
Lenbach 1867. 

Vgl. »MUnchener Propyläen« 1869. N. 27 S. 625— 28 (Regnet). Graf Schack »Meine 
Gemäldesammlung« 1881 S. 173. Berggruen »Die Graphischen Kttnste« 1883. V. Jahrg. 
Pecht »Gesch. der Münchener Künste« 1888 S. 248. Nekrolog im Morgenblatt 18 »All- 
gemeine Zeitung« 19. Januar 1898 (abgedruckt im Rechenschafts-Bericht des Münch. 
Kunstvereins 1898 S. 68 und Kunst für Alle« 15. Febr. 1898 S. 160). 

Hyac. Holland. 

Audorf, Jakob, socialistischer Schriftsteller und Dichter, * i. August 1835 
zu Hamburg, f 20. Juni 1898 ebenda. Er war der Sohn eines Haartuchwebers 
— ein ausgestorbenes Kleingewerbe — des »alten« Jakob A., der in den 
Anfängen der deutschen Socialdemokratie, ja schon in der radikal-demokra- 
tischen Bewegung von 1848/49, bereits stark kommunistisch angehaucht, eine 
hervorragende Rolle gespielt hat. Der Vater, Sendling der deutschen revo- 
lutionären Demokratie bei deren Emigranten in London und in der »freien 
Hansestadt« Märtyrer seiner Ueberzeugung, hatte die letztere dem Sohne ein- 
geimpft, als dieser, schon eifriges Mitglied des heimathsstäd tischen Arbeiter- 
Bildungsvereins gewesen, nach fünfjähriger Lehre in einer Schlosser- und 
Mechaniker-Werkstätte im Herbste 1857 als Junggeselle mit drei Thalem in der 
Tasche auf die Wanderschaft ging. Sie führte ihn in die, den deutschen Hand- 
werksburschen laut Legitimation verbotene Schweiz, wo er in den blühenden 
deutschen Arbeitervereinen, den Pädagogien der entstehenden Socialdemo- 
kratie, bald zu leitender Stellung kam und 1858 Präsident desjenigen zu 
Winterthur wurde. Als solcher besuchte er 1859 Zürich zu Schillers Jahr- 
hundertfeier, wo er den grossen Freiheitssänger in zündender Rede erhob 
und Georg Herwegh, sowie den nachherigen Bismarck Schwärmer Hans Blum, 
Roberts Sohn, als Gesinnungsfreunde kennen lernte und letzteren unter- 
stützte. A., in Mussestunden Autodidakt in der französischen Sprache, 
wanderte 1861 über Mülhausen i. E. nach Paris (wo er ebenfalls dem 
»deutschen Arbeitervereine« angehörte), dann nach London. 1863 kehrte 
er in die Heimath zurück, wo eben sein Vater als einer der ersten Lassalle 
Bahn brach. Der junge A. wurde nach Leipzig zur Konstituirung des 
»Allgemeinen deutschen Arbeitervereins« delegirt und sogleich mit in dessen 
Vorstand berufen, auch zu seinem Bevollmächtigten in Hamburg. Bis zu- 
letzt hat A. den Lassalleschen Standpunkt mit dessen nationaler, d. h. ge- 
meindeutscher Farbe vertreten, beiderseits sowohl gegenüber der exaltirten 
Internationale als nach 1866 dem sächsischen und süddeutschen Partikularis- 
mus. Die Agitation Lassalles weckte in ihm die Poetenader. »Unter dem 
gewaltigen Eindruck dieser Bewegung schuf er sein gewaltiges Lied, die 
deutsche Arbeiter -Marseillaise. Unter den Klängen dieses Liedes hat das 
deutsche Proletariat die Kämpfe aufgenommen mit allen den Mächten, die 
ihm entgegenstanden«, rief ihm sein Parteigenosse Frohme ins Grab nach. 
Diese Strophen, einfach, aber packend, erwuchsen ihm anlässlich der Todten- 
feier Lassalles 1864. A. besass seiner Natur nach überhaupt mehr eine 
sensible Poetenader als politisch-diplomatische Talente. Letztere nutzte er 
rasch ab. Während der Kinderkrankheit der Partei 1864/65 hielt er treu an 
der Lassalleschen Organisation und dem Präsidenten Bemh. Becker: dies 
bekundet seine lange Erklärung im »Socialdemokrat« vom 7. Juli 1865 und 



Audorf. Bielz. l ^^ 

das Auftreten bei der Centralfeier am 22. Mai zu Frankfurt a. M., wo er den 
Delegirten vorsass. Die inneren Streitereien der nächsten Jahre vergällten 
ihm mit seinem Idealismus die energische Theilnahme, und so wandte er 
sich 1868 nach Russland. Erst nach der 1875 ^^^ ^^™ Gothaer Kongress 
stattgehabten Union der zwiespältigen Parteigenossen kehrte A., auf eine, von 
August Geib angeregte Einladung hin, nach Hamburg zurück, wo er in die 
Redaktion des eben gegründeten »Hamburg- Altonaer Volksblatts« eintrat. 
Aber nachdem er bei der Reichstagsstichwahl 1877 in Lennep-Mettmann mit 
5527 Stimmen gegen den Nationalliberalen, den Historiker H. Sybel unterlag, 
begab er sich wieder nach Russland. 188 1 wurde er, in Hamburg kaum ange- 
langt, auf Grund des »kleinen Belagerungszustandes« ausgewiesen, ging nach 
Moskau, fand aber jetzt bei der dortigen deutschen Colonie eine kühle Aufnahme. 
Für eine deutsche Fabrik (wohl in Lodz) bereiste er das Riesenreich bis nach 
Sibirien. 1887 gestattete der Senat Hamburgs, durch den Moskauer deutschen 
Konsul veranlasst, A. 's Heimkehr, und im April 1888 trat er in die Redaktion 
des dritten der einander ablösenden Partei-Organe, des »Hamburger Echo«, 
ein. Ungeachtet längeren Siechens, während dessen seine ihm erst in reiferen 
Jahren angetraute Gattin Anastasia Djakow, die stets Südrussin und so seiner 
Gedankenwelt ziemlich fem blieb, liebevollste Pflegerin und Trösterin war, 
hat er dies Amt mit Eifer und Hingabe geführt und ist durch seine regel- 
mässigen Wochenplaudereien allein schon als wirkungsvoller Journalist be- 
kannt geworden. Publicist im höheren Sinne muss er aber wegen seiner 
socialdemokratischen Lieder und Gedichte heissen. Die politischen Dich- 
tungen seiner jüngeren Jahre, auf das Heidelberger Schloss (»Unsere 
Schmach, die klebt an den Ruinen«), vor Römer und Paulskirche in Frank- 
furt u. s. w., sind noch strenger national; später äussert er sich theils 
satirisch-ironisch (»Die Petroleure«, ein vielgesungenes Pamphlet), theils ge- 
legenheitiich , und da verkündet er schon 1864: »Das freie Wahlrecht ist 
das Zeichen, in dem wir siegen.« In vielen Wander- und Liebesliedern 
trifft er mit glücklicher Empfindsamkeit volksmässige Klänge und steht 
da ästhetisch über den einschneidenden socialistischen Streit- und Fest- 
gesängen. 

Eine Auswahl Gedichte 1893 in »Deutsche Arbeiter-Dichtung« (Stuttgart), die meisten 
vorher einzeln in Zeitungen u. s. w. , auch von Mund zu Mund verbreitet. Bei vorstehen- 
dem Nekrolog lagen ausser den Nummern des »Hamburger Echo« vom 21. bis 23. Juni 
1898, die ich nebst Notizen grossentheils dessen Redakteur G. Stengele (plant eine Samm- 
lung der Gedichte Ä. s.) verdanke, die pietätvolle Lebens- und Charakterskizze aus der 
Feder des Reichstagsabgeordneten Ignaz Auer für den »Neuer- Welt -Kalender« 1899 im 
Bürstenabzug vor. Ueber die Dichtungen gut orientirende Notiz in der Berliner »Vossi- 
schen Zeitung« 1898 No. 289, 3. Beilage. Vgl. E. Kreowskis Artikel »Deutsche Arbeiter- 
dichtung«, i. d. »Gegenwart« XLVII Nr. 15 (angeschlossen an obige Anthologie), beson- 
ders S. 231; Schweichel i. d. »Neuen Zeit« IX 2, 624; F. Mehring, Gesch. d. dtsch. Sozial- 
demokratie II 543. 

Ludwig Fränkel. 

Bielz, Albert Eduard, * 4. Februar 1827 in Hermannstadt, f ebenda 
26. Mai 1898, siebenbtirgisch- sächsischer Naturforscher. Das Haus stammt 
aus Birthälm, einem Marktflecken im Siebenbürger Sachsenland, der drei- 
hundert Jahre lang der Sitz der evangelischen Bischöfe war. Der Vater 
Mich. B. war zuerst Prediger dort, dann Pfarrer in Neudorf, doch legte er 
182 1 die Stelle nieder und übersiedelte nach Hermannstadt, der Erziehung 



144 ^^^^^• 

der Kinder wegen und errichtete dort eine lithographische Anstalt. Im 
Suchen nach geeigneten Steinen erwachte das wissenschaftliche Interesse, das 
sich vor allem im Sammeln und im Briefwechsel mit auswärtigen und 
heimischen Gelehrten kundgab, und so wurde er mit dem Kreis, der sich 
um ihn gebildet hatte, 1849 einer der Hauptbegründer des siebenbürgischen 
Vereins für Naturwissenschaften in Hermannstadt. Der Geist des väterlichen 
Hauses übte nachweisbaren Einfluss auf den Sohn, der frühe schon gleiches 
Interesse am Sammeln heimischer Naturprodukte fand. Kaum 15 Jahre alt, 
durchstreifte er mit den Freunden des Vaters halb Siebenbürgen, und es 
wuchs die Neigung für die naturgeschichtlichen Studien in ihm auf. Nachdem 
er 1846 das Hermannstädter Gymnasium absolvirt und die juristische Facultät 
ebenda besucht hatte, trat er 1848 bei der Communal -Forstverwaltung in 
Hermannstadt ein, dann bei Eintritt der Revolution in die kaiserliche Armee. 
Der nach Steinen und Pflanzen, Schnecken und Käfern suchende Lieutenant 
war eine auffallende Erscheinung im Kreis der Kriegskameraden. Nach 
Wiederherstellung des Friedens trat B. wieder zum Civildienst über, wurde 
Finanzsecretär, 1869 Mitglied des statistischen Landesbureaus in Pest, wo er 
hervorragenden Antheil an der Volkszählung 1870 nahm. Vom Amt des 
I. Ministerial-Secretärs, das er 1871 erhalten hatte, wurde er Schulinspector 
für das Sachsenland, dann des Hermannstädter Comitats; eine Erblindung, 
die zuletzt beide Augen ergriff, zwang ihn, in Ruhestand zu treten (1878). 
Gerade diese Zeit aber hat er in einer geradezu wunderbaren Weise zu 
wissenschaftlichen Arbeiten ausgenützt. Es ist ein Zeichen für sein aufmerk- 
sames Beobachten und Sehen, für die sichere Herrschaft in seinem Wissens- 
gebiet, dass er im Stande war, weiter zu arbeiten. Er kannte sich nicht 
nur in seiner Bibliothek wie ein Sehender aus, selbst Holz spalten konnte er 
und sich Feuer anmachen. 

Seine wissenschaftliche Arbeit umfasst sein ganzes Leben und das ganze 
Gebiet der heimischen Naturwissenschaft. Er war vor allem ein bedeutender 
Sammler nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. In ausgebreitetem Brief- 
und Tauschverkehr mit zahllosen Gelehrten des In- und Auslandes gelang 
es ihm, nicht nur die eigenen Sammlungen auszudehnen, sondern auch im 
Ausland Interesse für die heimische Naturwissenschaft zu erwecken. Die 
Conchyliologie stand im Vordergrund seiner Sammelthätigkeit. Grosse Samm- 
lungen verkaufte er an öffentliche Institute, eine Käfersammlung sammt der 
dazu gehörigen Bibliothek an den naturwissenschaftlichen Verein in Hermann- 
stadt, vollständige Sammlungen der Land- und Süsswasser-Mollusken an das 
Nationalmuseum in Pest, an die geologische Reichsanstalt u. s. f. Ebenso 
interessirten ihn die Wirbelthiere, die Klasse der Fische hat er mit einzelnen 
neuen Species bereichert. Auf dem Gebiet der Fauna war er nicht bloss 
Sammler, sondern auch Forscher: Zeuge dessen die Arbeiten über all die 
genannten Gebiete. Dazu eine staunenswerthe Kenntniss aller anderen Ge- 
biete: Pflanzen und Thiere kannte er gründlich und war immer in der 
Lage, immer bereit, Freunden und Genossen beizustehen. Im Jahre 1854 
veröffientlichte er die erste geognostische Karte Siebenbürgens. Als die 
geologische Reichsanstalt in Wien 1859 und 1860 die Uebersichts- Aufnahme 
Siebenbürgens unternahm, da war neben Hauer, Stäche, Richthofen und Schur 
vor Allem B. dabei thätig, und seine Verdienste wurden von allen Betheiligten 
offen anerkannt. Die Hauer-Stache'sche Geologie Siebenbürgens verdankt seiner 
Mitwirkung viel. Die umfassende Kenntniss des I^andes — durch fortwährende 



Bielz. Schultze. 



M5 



Bereisungen vermehrt, darunter ihm selbst besonders werthvoll die amtliche 
Begehung der Grenzgeb'irge — betähigte ihn vor Allem für zusammenfassende 
Darstellungen des Landes. So erschien 1856 eine kurzgefasste Erd- 
beschreibung von Siebenbürgen für den Schulgebrauch, 1857 sein Handbuch 
der Landeskunde Siebenbürgens, ein Buch, das seine Stellung in der sieben- 
bürgischen Wissenschaft für immer hat, ebenso das 188 1 erschienene (2. Aufl. 1885) 
Reisehandbuch für Siebenbürgen. Neben diesen grossen Arbeiten laufen eine 
Menge Einzelarbeiten, die sich über das ganze naturwissenschaftliche Gebiet 
erstrecken: Mineralogie und Geologie, Botanik und Zoologie, — die Wissen- 
schaft zählt etliche 70 auf, das Zeichen rastlosen Fleisses und ungebrochenen 
Forschertriebs. Die Arbeiten des naturwissenschaftlichen Vereins in Hermann- 
stadt sind im letzten Menschenalter um ihn gruppirt gewesen, es gab keine, 
an der er nicht mehr oder weniger Antheil gehabt hätte : in den Sammlungen, 
den Publikationen, dem Museumsbau des Vereins begegnet man seinen 
Spuren. Er bildete den Mittelpunkt der heimischen naturwissenschaftlichen 
Forschung, seit 1874 war er Vorstand des naturwissenschaftlichen Vereins, 
seit der Gründung des Karpathenvereins (1880) Vorstand-Stellvertreter, seit 
1854 Ausschussmitglied des Vereins f. sieb. Landeskunde u. s. f. Aber auch 
für die ausländische Wissenschaft war er ein Mittelpunkt alles dessen, was die 
naturkundliche Erforschung Siebenbürgens betraf: Die Herausgabe der Käfer- 
fauna Siebenbürgens durch Seidlitz (1891) geht wesentlich auf seine An- 
regung zurück und ist unter seiner Mitwirkung zu Stande gekommen. So 
repräsentirt er ein wesentliches Stück sächsischer Culturarbeit der Gegen- 
wart. Dass deutsche Forschung in Siebenbürgen auf dem Gebiete der Natur- 
geschichte in der ersten Reihe steht, ist mit auch sein Verdienst. B. war 
in glücklichster Ehe mit Josephine Bergleiter vermählt. Schwere Schicksals- 
schläge der letzten Jahre, Krankheit und Tod im engeren Familienkreis, 
trug er wie das eigene Leiden heldenmüthig. 

Quellen: Trausch: Schriftstellerlexicon II. S. 133. Vor Allem Dr. Josef Capesius: 
E. A. Bielz in den Verhandlungen und Mittheilungen des siebenb. Vereins f. Naturwissen- 
schaften. Hermannstadt, 1S99. Als Anhang ein Verzeichniss der von E. A. B. veröffent- 
lichten litterarischen Arbeiten. t-^ •t'^.,*.^^u 

Jb r. leutscn. 

Schultze, Theodor, Oberpräsidialrath a. D., * 22. Juni 1824 zu Oldenburg 
in Holstein, f 6. April 1898 zu Potsdam. Als Knabe frühreif, las er schon 
zu 12 Jahren fliessend Homer und Horaz. Purch einen Hauslehrer — frei- 
sinniger Theologe -^ von Hörn vorgebildet, bezog er später das Gymnasium 
zu Lübeck, welches er im Frühjahr 1842 verliess. Schultze hatte besondere 
Begabung für Mathematik, studirte jedoch auf dringenden Wunsch seines 
Vaters Jura in Kiel, wo er Burschenschafter war, und in Berlin. In Kiel be- 
stand er sein Examen und zwar so glänzend, dass die Universität an seinen 
Vater einen reitenden Boten zur Beglückwünschung sandte. 1848 trat er als 
Auscultant am Schleswigschen Landesgerichte ein; 1856 wurde er Chef des 
dritten Departements, 1857 Etatsrath und 1863 Rath der holsteinischen Re- 
gierung. Nach der Besetzung der Herzogtümer durch Preussen blieb er pro- 
visorisch in der Verwaltung beschäftigt, wurde aber aus preussischen Diensten 
entlassen, weil er am i. Juli 1864 zum König Christian IX. von Dänemark 
gegangen war, um sich seines Eides persönlich von diesem entbinden zu 
lassen. Darauf ging S. nach Oldenburg, wo er Geheimer Hofrath wurde; 
dort verfasste er in Gemeinschaft mit Professor Pemice (der allein als Ver- 

Biogr. Jahrb. n. Deutseber Nekrolog. 3. Bd. 10 



1^6 Schultze« 

fasser genannt ist) das Buch: »Kritische Erörterungen zur Schleswig-Hol- 
steinischen Successionsfrage, mit besonderer Rücksicht auf die Schriften des 
Herrn von Wamstedt.« Cassel 1866. Verlag von Theodor Fischer. Auf 
Grund dieser Schrift bezahlte Preussen dem oldenburgischen Hause eine 
Million Thaler zur Abfindung. Bald darauf verliess S. Oldenburg, trat aufs 
Neue in die preussische Verwaltung ein und wurde 1866 Regierungsrath in 
Kiel. i868 wurde er nach Potsdam versetzt. 1874 bemühte sich Bismarck, 
ihn für sein Ministerium zu gewinnen, jedoch lehnte S. ab. 1881 wurde er 
Oberpräsidialrath und liess sich 1888 wegen andauernder Kränklichkeit pen- 
sioniren. In den letzten 10 Jahren lebte er ganz seiner litterarischen Thätigkeit. 

S. war in Bezug auf Charaktereigenschaften, durchdringenden Intellect 
und bedeutendes Wissen gleich hervorragend. Sein Arbeitsgebiet umfasste 
— von seiner Berufs-Thätigkeit abgesehen — vor Allem Philosophie, Alter- 
thumswissenschaft, besonders Indologie, Mathematik und Physik. Im letzten 
Jahrzehnt seines Lebens wandte er sich mehr und mehr der indischen Welt- 
anschauung zu; er ist als einer der Ersten von denen zu betrachten, welche, 
an Schopenhauer anknüpfend, die Weltanschauung des Abendlandes durch 
Verbreitung der Philosophie- und Religionssysteme Indiens zu regeneriren 
versuchen. Persönlich hat er auf dem Standpunkt eines geläuterten Buddhis- 
mus gestanden; vom Christenthum hat er sich schon früh abgewandt. S. hat 
zeitlebens sehr zurückgezogen gelebt und ausser seiner Familie sind es nur 
ganz Wenige gewesen, die ihm nahe standen. 

Seine Publikationen umfassen folgenden Werke: 

1. Eine Uebersetzung des buddhistischen Werkes Dhammapada, unter 
dem Titel: Das Dhammapada. Eine Verssammlung, welche zu den kano- 
nischen Büchern der Buddhisten gehört. Aus der englischen Uebersetzung 
von Professor F. Max Müller in Oxford, Sacred books of the East Vol. X, 
metrisch ins Deutsche übertragen. Mit Erläuterungen. Leipzig, Otto Schulze, 
II Querstrasse, 1885. (S. hat sich nur unter dem Vorwort als Verfasser ge- 
nannt). Jetzt im Verlag von Wilh. Friedrich in Leipzig. 

2. Berichtigungen zu Dr. Franz Mischeis deutscher Uebersetzung von 
Anquetil Duperron's Oupnek'hat. Aus einem hinterlassenen Manuscript des 
Verfassers. Dresden, Commissions-Verlag und Druck von E. Heinrich, 1887. 

3. Vedanta und Buddhismus als Fermente für eine künftige Regeneration 
des religiösen Bewusstseins innerhalb des europäischen Culturkreises von 
Th. Schultze. Oberpräsidialrath a. D. Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich. 
(Dieses Buch war zuerst in 2 Bändchen unter den Titeln: »Das Christenthum 
Christi und die Religion der Liebe; ein Votum in Sachen der Zukunfts- 
religion« und »Das Roilende Rad des Lebens und der feste Ruhestand« im 
Jahre 1891 erschienen). 

4. Buddhas Leben und Wirken. Nach der chinesischen Bearbeitung 
von Agvagoshas Buddha-Carita und deren Uebersetzung in das Englische 
durch Samuel Beal in deutsche Verse übertragen von Th. Schultze, Ober- 
präsidialrath a. D. Leipzig. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. 

5. Ueber den menschlichen Verstand. Eine Abhandlung von John Locke. 
Aus dem Englischen übersetzt von Th. Schultze, Oberpräsidialrath a. D. 
2 Bde. Leipzig. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. 1898. 

Eine Biographie Theodor Schultze's aus der Feder des Unterzeichneten erschien in 
Fr. Frommanns Verlag (E. Haufi) in Stuttgart unter dem Titel: »Ein deutscher Buddhistc. 

Dr. Arthur Pfungst. 



Herzog. Fein. 1 47 

Herzog, Heinrich, Lehrer und Jugendschriftsteller, ♦23. Januar 1822 in 
Reckingen (Bezirk Zurzach, Canton Aargau), f den 7. Januar 1898 in Aarau. 
Als Sohn eines wohlhabenden Bauern, dem er nach Beendigung seiner Schul- 
zeit in der heimathlichen Gemeindeschule bei der Bestellung der Landwirth- 
schaft behülflich war, brachte es H. durch fleissiges Selbststudium dahin, 
dass erj 1841 in das unter der Leitung Augustin Kellers stehende Lehrer- 
seminar in Lenzburg eintreten konnte, dem er bis zum Jahre 1844 an- 
gehörte. Am 6. Januar 1845 übernahm er die Führung der Gemeinde- 
schule in Gebensdorf (Bezirk Baden), von wo er 1851 an die Aarauer 
Gemeindeschule gewählt wurde. Unablässig bemüht, sein im Seminar 
erworbenes Wissen zu erweitern und zu vertiefen, legte er auch die Prüfung 
eines Lehrers der Bezirksschule ab, als welcher er von 1860 bis 1866 an der 
Bezirksschule in Aarau amtete. Nach der im letztgenannten Jahre erfolgten 
Reorganisation dieser Schule trat er wieder in seine frühere Stellung an der 
Gemeindeschule zurück, in der er (später als Oberlehrer) bis zum Herbste 
1895 mit trefflichem Erfolge wirkte. Fast 45 Jahre hindurch ist er den 
Schulen Aaraus treu geblieben, und in welchem Geiste er als Lehrer und als 
Erzieher, Strenge mit Milde paarend, hier seines Amtes gewaltet hatte, zeigte 
sich deutlich an der erhebenden Feier seines Lehrerjubiläums am 6. Januar 
1895. ^^^ ^^^ S^'^^ kurzes Otium cum dignitate war dem unermüdlichen 
Jugendbildner vergönnt, der Zeit seines Lebens bestrebt war, die reichen Er- 
fahrungen, die er in seiner Schule und in unverdrossenem Selbststudium ge- 
sammelt, auch einem weitern Kreise zugänglich zu machen. Seine reiche 
und fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit, deren Erstlingsfrüchte sein Lehrer 
Augustin Keller mit einem Vorworte begleitet hatte, galt in erster Linie der 
schweizerischen Jugend, die ihm gleichzeitig für die ein volles Vierteljahrhundert 
hindurch im Vereine mit Otto Sutermeister geleitete Redaction der mit vielen 
Beiträgen aus seiner Feder bereicherten »Schweizerischen Jugendblätter« zu 
fortdauerndem Danke verpflichtet ist. Lange Zeit (und die zehn letzten Jahre 
als Präsident) gehörte er der Jugendschriftenkommission des schweizerischen 
Lehrervereins an, welche von Zeit zu Zeit ein zuverlässiges Verzeichniss wirk- 
lich empfehlenswerther Schriften für die Jugend herausgiebt, das für Eltern 
und Erzieher ein gleich willkommener Führer durch die massenhafte Litteratur 
geworden ist. Aber nicht nur der schweizerischen Jugend, sondern auch dem 
schweizerischen Volke, dem er gesunde und nahrhafte geistige Speise vor- 
setzte, wird der Schriftsteller Herzog in bestem Andenken bleiben. 

Quellen: R(eniigius) S(auerländer) in: Illustr. Jugendblätter, Jahrgg. 25, Seite 266 
bis 268 (8. Aarau, 1897). — (Rudolf Hunziker in) Aargauer Schulblatt, Neue Folge, Jahrgg. 
17, pag. 14 — 15 (4, Aarau, 1898). — (Hans Kaeslin in der) Schweiz. Lehrerzeitung, Jahrgg. 
45» pag. 303 — 304 (4. Zürich 1898). — Eidgenössischer National -Kalender auf d. Jahr 
1899, pag. 54—56 (4. Aarau, 1898). 

Hans Herzog. 

Fein, Emil Wilhelm, Elektrotechniker, * Ludwigsburg (in Württemberg), 
16. Januar 1842, f Stuttgart, 6. October 1898. Von seinem Vater, einem 
frühe pensionirten Präceptor, gründlich unterrichtet, bildete er sich in einer 
feinmechanischen Werkstätte und in einer Maschinenfabrik zu seinem Berufe 
practisch heran. Da die Vermögenslage der Familie den Besuch einer tech- 
nischen Hochschule nicht gestattete, war er in verschiedenen mathematisch- 
mechanischen und elektrotechnischen Instituten thätig, zu Berlin, Karlsruhe, 
Göttingen, abermals Berlin, London. 1867 errichtete er in Karlsruhe eine 

10* 



1 48 Fein. Schulin. 

Werkstätte zur Herstellung von physikalischen, namentlich elektrotechnischen 
Apparaten. Im Juli 1869 vermählte er sich mit Anna Regina Stückle aus 
Leutkirch, die ihm im Laufe der Jahre vier Söhne schenkte. 1870 verlegte 
er sein Geschäft nach Stuttgart und begründete die noch bestehende Firma 
»C. & E. Fein«, die sich die Herstellung von physikalischen Instrumenten^ 
elektromedicinischen Apparaten, elektrischen Uhren, Telephonapparaten, Feuer- 
meldeeinrichtungen u. s. w. zur Aufgabe setzte. Besondere Verdienste erv'arb 
sich F. um die Einfuhrung des Telephons. Schon Ende 1877 ^^^ ^^ ^^ 
einem eigenen Apparat in handlicher Form hervor, dessen Anordnung später 
allgemein angenommen wurde. In den folgenden Jahren Hess er hauptsäch- 
lich Dynamomaschinen und Elektromotoren für die verschiedensten industriellen 
Zwecke anfertigen. Auch an der Einführung des elektrischen Lichts in Stutt- 
gart war er in hervorragender Weise betheiligt. Seine Constructionen, die er 
1888 in dem illustrirten Buche »Elektrische Apparate, Maschinen und Kin- 
richtungen« (Stuttgart, bei Julius Hoffmann) veröffentlichte, bewährten sich in 
der Praxis vorzüglich, wie auch alle Apparate und Maschinen, die aus seiner 
Werkstätte hervorgingen, gediegen ausgeführt waren. F. nahm an vielen 
deutschen und ausserdeutschen Ausstellungen Antheil. Die Frankfurter Aus- 
stellung des Jahres 1891 trug ihm als Anerkennung seiner Wirksamkeit von 
Seiten seines Landesherrn die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft 
ein. Auch wurde durch F. ein grosser Nachwuchs für den elektrotechnischen 
Beruf tüchtig herangebildet. 

Schwäbische Kronik vom 10. Octobcr 1898 (Mittagsblatt), Nr. 236. 

R. Krauss. 

Schulin, Johann, Friedrich, Paul, Universitätsprofessor des Römischen 
Rechts, ♦ 4. August 1843 ^^s ältester Sohn des Senators Dr. jur. et phil. 
Philipp Schulin und dessen Ehefrau Caroline geb. Erb zu Frankfurt am 
Main, -f 31. März 1898 in Domach bei Basel. Er erhielt seine erste Bildung 
durch Privatunterricht und durch seinen der Erziehung die treueste Sorgfalt 
w^idmenden Vater, dann auf dem Gymnasium, wo er sich durch besondere 
Begabung und grossen Fleiss vor seinen Mitschülern auszeichnete. Schon 
mit 17 Jahren zum Abgang auf die Universität reif, verblieb er doch auf 
Wunsch des Vaters noch ein Jahr auf dem (Gymnasium , besuchte darauf die 
Universitäten Heidelberg, Tübingen, Berlin und Marburg, an welchen letzten 
Ort sich die Eltern wegen angegriffener Gesundheit des Vaters (f 10. Juni i874> 
zurückzogen. Nach glänzend bestandenem Doctorexamen (29. Mai 1869) 
habilitirte er sich mit der Schrift »De rebus sub resolutiva in diem addictionis 
vel commissoria lege venditis«, Marb. 1869 in Marburg als Docent des 
römischen Rechts, wurde 12. Mai 1874 ausserordentlicher Professor und 
folgte Michaeli 1874 einem Rufe als ordentlicher Professor des römischen 
Rechts nach Basel, wo er sich mit seiner Familie bald einlebte. Schon 1876 
trat er daneben als Richter in das Appellationsgericht, dem er bis 1891, 
dann wieder 1893 —95 angehörte und bekleidete 1878 das Rectorat der 
Universität. An ihn ergehende Berufungen nach Rostock, Greifswald und 
Kiel lehnte er ab und wurde von der Acad^mie de l^gislation de Toulouse 
1881 zum Mitgliede ernannt. 1888 nahm er als einer der Abgesandten der 
Universität am Universitätsjubiläum zu Bologna theil. 1892 erhielt er den 
Ehrenbürgerbrief der Stadt Basel, 6. Nov. 1896 den Ehrendoctortitel der 
philosophischen Fakultät der Universität Basel. Seine Studien waren haupt* 



Scbujin. Pressel. 14^ 

sachlich dem römischen und später besonders dem griechischen Rechte, wie 
noch älteren Perioden gewidmet. Sein höchstes Streben ging dahin, immer 
mehr und mehr dem von den grossen römischen Juristen aufgestellten Muster- 
bilde eines echten und wahren »jurisconsultus« zu entsprechen. Leider 
wurde in den letzten Jahren seine emsige Thätigkeit öfters durch Kränklich- 
keit gestört. Da ein schleichendes Herzleiden sich stetig verschlimmerte, sah 
er sich genöthigt, 1895 ^^^ ^^^ Appellationsgerichte und Ostern 1896 aus 
seiner akademischen Stellung auszuscheiden und ruhigen Landaufenthalt in 
Domach bei Basel aufzusuchen. Hier erlag er langen, schweren, mit mann- 
hafter Geduld ertragenen Leiden. Seiner ihn treu pflegenden Familie war er 
ein steter, ihr verbleibender Segen geworden, seinen Freunden eine kräftige 
Stütze, dem Gemeinwesen ein nützlicher Bürger. — Von seinen Schriften 
seien zuerst genannt: »lieber einige Anwendungsfälle der Publiciana in rem 
actio <, Marb. 1873 (seinem Vater als treuem Lehrer seiner Jugend gewidmet) ; 
^Ueber Resolutivbedingungen und Endtermine«, Marb. 1875; »Ad Pandectarum 
titulum de origine juris commentatio«, Basil. 1876 (für K. Witte); »Zur Lehre 
vom Erfüllungsort und vom Gerichtsstand der Obligationen nach römischem 
Recht«, Basel 1879 (Festschrift für den Schweiz. Juristenverein); »Drei 
akademische Vorträge rechts wissenschaftlichen Inhalts« Basel 1881; »Das 
griechische Testament verglichen mit dem römischen« Basel 1882 (Rectorats- 
programm); »lieber den Irrthum nach schweizerischem Obligationsrecht« 
(Zeitschrift f. Schweiz. Recht Bd. 31, N. F. Bd. 9). Sein Hauptwerk bildet 
das durch viele sprachwissenschaftliche Ausfuhrungen und interessante Ver- 
gleiche mit dem griechischen Recht hervorragende »Lehrbuch der Geschichte 
des Römischen Rechts« Stuttg. 1889 (Andreas Heusler gewidmet zum 2 5 jähr. 
Professorjubiläum 1888, in das Russische übersetzt von Schtschukin, Moskau 
1893). Die Ausarbeitung eines grösseren Werkes über griechisches Recht 
wurde durch Krankheit gehindert. 

Vgl. »Allgemeine Schweixer Zeitung« No. 78 vom 2. April 1898; »Basler Nachrichten« 
Xo. 90 vom 2. April 1898, No. 91 vom 3. April 1898; Zur Erinnerung an Prof. Dr. Fried- 
rich Schulin, Burhdruckerei Wackcmagel, Basel 1898; Beilage zur Allgem. Ztg. No. 77 
vom 6. April 1898 S. 8; Nouv. Revue histor. XV. (1891) 126—128; Tidsskrift for Rets- 
videnskab 1891 p. 361; 1898 p. 518; Revue de droit international et de Icgislation com> 
paree vol. XXX 1898 p. 520; Kritische Vierteljahresschrift XVI 251 (Brinz), 466; XVII 
622; XVIII 175—198 (Holder); 526 ff.; 618; XIX 625; N. F. Bd. XV (1892) 161 — 171 
(Kipp); Grünhuts Zeitschrift XI 233 — 244 (Tewes) XVIII 452/3; Zeitschrift von v. Liszt 
X 461; Der Gerichtssaal Bd. 42 S. 319; Zeitschrift der Savigny-Stiftung, Rom. Abth. III 
(1882) S. 238 — 240 (Pernice); De Gubernatis, dictionnaire international des ecrivains du 
jour, Flor. 1888—91 p. 1755; Kukula, bibliogr. Jahrbuch der deutschen Hochschulen, 
Innsbr. 1892 S. 840. — Ueber seinen Vater vgl. R. Jung in der Allg. Dtsch. Biographie 
Bd. 34 S. 743. 

A. Teichmann. 

Pressel, Paul, Theologe, Politiker und Dichter, * 16. Juni 1824 in Tü- 
bingen, f 4. April 1898 daselbst. Sein Vater war der Tübinger Dekan 
Johann Gottfried P. Als mittlerer unter 5 Brüdern, die alle durch die Pforte 
des sogenannten Landexamens in das Paradies der Seminarerziehung und des 
Theologiestudiums eingezogen sind, besuchte unser P. von 1838 bis 1842 das 
niedere Seminar Urach und von 1842 bis 1846 das Tübinger Stift. Als 
Student gehörte er mit Leib und Seele der Königsgesellschaft an, einer Stifts- 
verbindung, die burschenschaftlichen Ideen huldigte, und schwärmte für 
deutsche Einheit und Freiheit. Obgleich er seine theologischen Studien nicht 



ISO 



Pressel. 



sehr gründlich genommen hatte, verhalf ihm seine glückliche Begabung doch 
noch zu einem erfolgreichen Examen. Er trieb dann noch ein Jahr lang in 
Tübingen Germanistik und hielt sich ein halbes Jahr in Paris auf. Während 
der Bewegung des Jahres 1848, die P. unberührt Hess, war er Pfarrvicar in 
Alfdorf (württ. Oberamt Welzheim). Nachdem er kurze Zeit die Stelle eines 
Hofmeisters in einem adeligen Hause versehen hatte, wurde er Stadtvicar in 
Reutlingen und Vorstand der dortigen höheren Töchterschule. Bald siedelte 
er als Stadtvicar nach Stuttgart über. Hier dichtete er, der schon früher 
der Muse mannigfach gehuldigt hatte, das 1860 (Leipzig, Verlag von 
Wilhelm Engelmann) im Druck erschienene erzählende Gedicht aus dem Re- 
formationszeitalter »Franz von Sickingen«. Nur langsam kommt das Epos in 
Fluss, hat aber dadurch den Vorzug der Steigerung und erreicht gegen Schluss 
mit der Belagerung und Eroberung der Burg Landstuhl und dem Tode 
Sickingens eine ansehnliche Höhe. Dieser wird zum tragischen Helden : alles, 
was er erstrebt hat, bricht zusammen, selbst von den Reformatoren, deren 
Absichten sein keckes Dreinschlagen durchkreuzt, wird er aufgegeben. Die 
Erfindungsgabe des Dichters ist nicht üppig, seine Gestaltungskraft nicht 
hervorragend, aber er schlägt einen schlichten, treuherzigen Ton an, und 
warme Liebe zum deutschen Vaterlande, zur evangelischen Sache spricht aus 
seinen Versen. Nach dem Muster der Uhlandschen Eberhardrhapsodien ist 
die Nibelungenstrophe verwendet. Uhland ist überhaupt das unverkennbare 
Vorbild Presseis. »Franz von Sickingen« ist seine einzige selbständige 
poetische Schöpfung geblieben. Dagegen trat er wiederholt als Volksschrift- 
steller hervor. Schon in jungen Jahren hatte er sich an einem Familienblatte 
»Die Spinnstube« betheiligt und einen »Kalender für Alle in Stadt und Land« 
(1852 f.) herausgegeben. Als 5. Band von Klaibers Evangelischer Volksbiblio- 
thek behandelte er femer die geistliche Dichtung von Luther bis Klopstock 
(Stuttgart, 1863), eine geschickte Compilation, und verfasste Jubelschriften aut 
Calvin (Elberfeld, 1864) und »Christoph, Herzog zu Württemberg« (in der 
Steinkopfschen Deutschen Jugend- und Volksbibliothek Nr. 19, Stuttgart, 1868). 
— 1860 wurde P. zum Helfer in Brackenheim ernannt und vermählte sich 
nunmehr mit Elisabeth Wellin aus Bremen. Die Politik verfolgte er mit dem 
grössten Interesse. Er zeigte sich dabei durchaus als Realpolitiker. Ganz 
von den Ideen Paul Pfizers eingenommen, gehörte er zu den wenigen 
Württembergern, die es damals schon entschieden mit Preussen und Bismarck 
hielten. Nachdem er 1866 als Helfer nach Geislingen versetzt worden war, 
half er diesen Bezirk zu einer Hochburg des nationalen Gedankens um- 
gestalten, ohne sich um die Ungnade des grossdeutsch gesinnten Cultus- 
ministers zu kümmern. In Geislingen war P. zugleich Schulinspektor und er- 
warb sich als solcher die Sympathien des Lehrerstandes. 1869 wurde er zur 
ersten Landessynode gewählt. 1870/71 bemühte er sich eifrig um die 
Krankenpflege, was ihm den Olgaorden eintrug. 187 1 rückte er zum Dekan in 
Neuenstadt am Kocher (an der Linde) vor, 1872 wurde ihm zugleich das dortige 
Schulinspectorat übertragen. Seine politische Thätigkeit setzte er fort, Hess 
sich aber nie bestimmen, sich um ein Abgeordnetenmandat zu bewerben. 
1874 kam er in die zweite Landessynode und wurde Mitglied des Synodal- 
ausschusses. Er erw^arb sich in dieser Stellung bedeutenden Einfluss und be- 
währte sich hauptsächlich als Meister in der Kunst, klug zu vermitteln und 
praktischen Gesichtspunkten zum Siege zu verhelfen. In Neuenstadt wirkte 
er an der Organisation des auf seine Anregung von dem wohlthätigen Ehe- 



Pressel. Cabisius. 



151 



paare Mörike begründeten bekannten Frauenstiftes mit. 1876 kam er als 
erster Münsterpfarrer und Decan nach Ulm. Hier machte er sich um die 
Restauration des Münsters, hauptsächlich um den Ausbau des Hauptthurmes 
verdient. 1879 vertrat er Ulm in der 3. Landessynode und wurde wiederum 
in den Ausschuss berufen. 1884 erhielt er zugleich das Ulmer Schulinspectorat. 
Ein Schlaganfall setzte im Jahre 1887 seiner Thätigkeit ein Ziel. 1888 Hess 
er sich pensioniren und erhielt bei dieser Gelegenheit den württembergischen 
Kronorden.. Er lebte nun im Hause seines Schwiegersohnes, Landgerichts- 
rathes Schumann, des Gatten seines einzigen Kindes Frieda, in Ellwangen; 
seine Frau hatte er schon in Neuenstadt verloren. Nach Schumanns Tod 
zog er mit der Tochter und deren Kindern nach Esslingen, dann nach Tü- 
bingen, wo er im eigenen freundlichen Hause mit Garten am Oesterberg 
seine Tage beschloss. Ein gebrochener Mann, vom Gedächtnis verlassen, 
führte er eine stille, zurückgezogene Existenz. Anfangs war er noch einiger- 
massen litterarisch beschäftigt, aber bald reichten ihm die Kräfte auch hie- 
fiir nicht mehr aus. P. hat deutliche Spuren seines Wirkens in der evange- 
lischen Kirche Württembergs zurückgelassen. 

»KirchlicheiAnzeiger für Württemberg« 1898, Nr. 16 S. 132 — 134, »Schwäbische Kronik« 
vom 14. April 1898 (Mittagsblatt) Nr. 85 und sonstige Zeitungsnotizen, Franz Brummer, 
Lrexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des neunzehnten Jahrhunderts. 4. Ausgabe 
III, S. 249. 

R. Krauss. 

Cabisius^ Julius^ Cellist, * Halle a. S., 15. October 1841, f Stuttgart, 
3. April 1898. Er verbrachte seine Jugend in Bremen und wurde von seinem 
Vater, der gleichfalls ein trelBflicher Cellist war, in die Anfangsgründe seines 
Instruments eingeweiht. Seine weitere musikalische Ausbildung erhielt er am 
Prager Conservatorium, wo er zu den hoffnungsvollsten Schülern Julius 
Goltermanns gehörte. Nach Vollendung seiner Studien wurde er alsbald 
durch Kapellmeister Max Seifriz als erster Cellist in die Kapelle des kunst- 
liebenden Fürsten von Hohenzollem-Hechingen zu Löwenberg in Schlesien 
berufen. Hier hatte er reiche Gelegenheit zum Solospiel und componirte 
auch verschiedene Solostücke für sein Instrument. Als die Kapelle 1864 auf- 
gelöst wurde, siedelte C. zunächst nach Meiningen als Mitglied der dortigen 
Hofkapelle über und trat am i. September 1865 als Hofmusikus in den Ver- 
band des Hoftheater-Orchesters in Stuttgart. Hier fand er seine bleibende 
Heimath. 1876 nach Krumbholz* Tode rückte er zum ersten Violoncellisten 
vor, wurde noch im selben Jahre Kammermusiker und später Kammervirtuos. 
Er entfaltete eine ausgedehnte "Wirksamkeit. Ausser seiner Thätigkeit im 
Theaterorchester und in den Abonnementskonzerten betheiligte er sich an 
den Kammersoireen des Singerschen Quartetts, des Prucknerschen Trios, 
ausserdem an einem Quartettvereine, der sich hauptsächlich ausserhalb Stutt- 
gart hören Hess. In früheren Jahren besuchte er auch als willkommener 
Concertgast viele andere Musikstädte. Seitdem er als Lehrer des Violoncell- 
spiels am Stuttgarter Conservatorium für Musik wirkte, schränkte er seine 
Gastreisen sehr ein. Seine Berufung dorthin war 1877 erfolgt; 1889 wurden 
seine Verdienste durch Verleihung des Professorstitels gewürdigt. C. besass 
grosses Lehrgeschick und durfte sich der Achtung und Anhänglichkeit seiner 
zahlreichen Schüler in hohem Grade erfreuen. Durch natürliche Anlagen und 
rastlosen Fleiss hatte er sich zu einem der tüchtigsten Vertreter seines Faches 



152 



Cabisius. Kober-Gobat. 



emporgeschwungen. Er verfugte, wie ein Kenner urtheilt, über ein »gediege- 
nes, technisch ebenso vollendetes wie fein musikalisches Spiel, das sich 
gleichmässig durch Weichheit, Seele und hinreissenden Gesang auszeichnete.« 
Dabei unterstützte ihn ein vortreflfliches Gedächtniss, so dass er die grössten 
Concerte und Solostücke ohne Noten wiederzugeben vermochte. Auch als 
Mensch war der mit kräftigem Humor ausgestattete Künstler allgemein beliebt. 
Das traurige Schicksal, das ihn in verhältnissmässig jungen Jahren ereilte, 
begegnete desshalb in weiten Kreisen herzlicher Theilnahme. Ein fortschrei- 
tendes Augenleiden hatte ihm nämlich schon lange die Ausübung seines Be- 
rufes erschwert. Am i. September 1890 hatte er das fünfundzwanzig jährige 
Jubiläum seiner Thätigkeit in der Stuttgarter Hofkapelle gefeiert. Nach 
Jahresfrist trat er in den Ruhestand. Am 17. März 1893 nahm er in einem 
Concerte vom Stuttgarter Publikum Abschied und verzog nach Bremen, wo 
noch Verwandte von ihm lebten. Doch schon im Frühjahr 1894 verlegte er 
seinen Wohnsitz nach Tübingen, um sich in Behandlung des ihm befreundeten 
Augenarztes Professor Nagel zu begeben. Jetzt stellte sich aber auch ein 
Leiden am Knie ein, und Professor Bruns musste das linke Bein amputiren. 
Mit Geduld und Gemüthsruhe trug er sein schweres Missgeschick, von Gattin 
und Töchtern treu verpflegt und im Umgang mit den Seinigen Trost findend. 
Herbst 1895 siedelte er wieder ganz nach Stuttgart über. Er schien herge- 
stellt zu sein und unternahm mit einem künstlichen Beine glückliche Gehver- 
suche. Aber im November 1897 warf ihn die tückische Krankheit von 
neuem aufs Schmerzenslager, von dem er sich diesmal nicht wieder er- 
heben sollte. 

»Neue Musikzeitung«, XIX. Jahrgang (1898), Nr. 9, S. 108 f., »Schwäbische Kronik«, 
vom 4. April 1898 (Abendblatt), Nr. 78, (Stuttgarter) Neues Xagblatt vom 4. April 1898. 

R. Krauss. 

Kober-Gobat, Paul, Buchhändler, * 30. Juli 1842 als Sohn des Pfarrers 
K. in Oethhngen, Württemberg, f 22. October 1898 auf dem Meere vor 
Alexandria, besuchte vom zehnten Jahre ab die Lateinschule in Kirchheim, 
dann in Esslingen und in Herrenberg, bestand von 1856 bis 1860 eine kauf- 
männische Lehre in dem Manufacturwaarengeschäft Winter in Gingen a. d. 
Brenz und trat, nachdem er 1861 in der Anstalt Glay bei Montbdliard mit 
der französischen Sprache sich vertraut gemacht, als Gehilfe in die angesehene, 
18 16 gegründete Buchhandlung seines Grossonkels C. F. Spittler in Basel 
ein. 1863 — 67 war ihm ein Posten in dem Zweiggeschäfte C. F. Spittler & Co. 
in Jerusalem anvertraut. Nach einem Aufenthalt in England nach Basel 
zurückgekehrt, übernahm er 1869, nach Spittlers Tod, mit Fräulein S. Spittler 
und J. L. Jaeger die Buchhandlung C. F. Spittler und vermählte sich mit 
einer Tochter des Bischofs Gobat in Jerusalem. Wesentlich unter K.'s 
geschäftstüchtiger und thatkräftiger Leitung gelangte die damals unter dem 
Namen ^>Zum Fälkli« bekannte Buchhandlung zu hoher Blüte. Im Verlag 
pflegte er besonders populäre Theologie, Volks- und Jugendschriften, sowie 
biblische Bilder und Wandsprüche in Farbendruck. Seine Thätigkeit auf 
letzterem Gebiete wird als bahnbrechend bezeichnet und fand bei Glaubens- 
genossen vielen Beifall. Weit über das eigene Geschäft hinaus, bethätigte er 
sein frommes Gemüth in regem Mitwirken an christlichen Anstalten aller 
Art. So leitete er, um nur eins von vielem zu erwähnen, mit besonderem 
Eifer die Industrie (Buchdruckerei und Buchbinderei) der Pilgermission 



Kobcr-Gobat. Meissner. Haeberlin. 



153 



St. Chrischona bei Basel. Mit Gesinnungsgenossen gründete er 1886 den 
Verein von Verlegern christlicher Litteratur. Auch sonst aber war ihm die 
Verbreitung guter Litteratur mehr Herzens- als Geschäftssache. Nach dem 
Tode seines alten Genossen Jaeger, 1897, wurde K. Alleininhaber des Ge- 
schäfts. — Einer Aufforderung in Jerusalem, das ihm s. Z. zur zweiten 
Heimat geworden war, an der Einweihung der Erlöserkirche theilzunehmen, 
hatte er nicht widerstehen können. Jäh aber ereilte ihn an Bord der 
-Midnightsun« kurz vor der Landung in Alexandria ein von seinen vielen 
Freunden tief beklagtes Ende. 

Zur Erinnerung an Paul Kober-Gobat. Gedächtnissfeier in Basel am i. Nov. 189S. 
(>Iit Portr. u. Nachrufen in Prosa und Versen). — )> Börsenblatt f. d. dt. Buchhdl.« 1898. 
Nr. 24S, 251. — Handschriftliche Biographie von Kresting. 

H. Ellissen. 

Meissner, Carl, Buchhändler, * 12. April 1836 in Marien werder, als 
Sohn des Offiziers M., f 20. März 1898 in Elbing, bestand in den fünfziger 
Jahren seine Lehrzeit in der Plahnschen Buchhandlung in Berlin, war einige 
Jahre als Gehülfe der Schulbuchhandlung in Braunschweig beschäftigt und 
wurde 1859 Geschäftsführer der Neumann-Hartmannschen Buchhandlung in 
Elbing. Nachdem er kurze Zeit mit Edwin Schloemp zusammen Inhaber 
dieses Geschäftes gewesen, gründete er 1863 eine eigene Buchhandlung. Von 
1867 — 71 gab er das nationalliberale »Elbinger Volksblatt« heraus. Als Mit- 
arbeiter standen ihm u. A. Max v. Forckenbeck und Fr. Kreyssig zur Seite. 
Seit 1874 gehörte er als hervorragendes Mitglied der Stadtverordneten- Ver- 
sammlung an, deren stellvertretender Vorsitzender er später wurde, und als 
deren sachkundigster und bester Redner er bezeichnet wird. Grosse Ver- 
dienste erwarb sich M. als Vorstandsmitglied des Gewerbevereines. — M. 
war auch langjähriger Vorsitzender des Kreisvereines ost- und westpreussischer 
Buchhändler und gehörte (1890 — 96) als einÜussreiches Mitglied verschie- 
denen Ausschüssen des Börsen Vereins der deutschen Buchhändler an. Seine 
auf den Zusammenschluss des gesammten Sortiments zu einem organisirten 
Bunde gerichteten Bestrebungen scheiterten leider an zu grosser Theilnahm 
losigkeit. 

Vgl. »Börsenblatt f. den dt. Buchhdl.« 1898 Nr. 66 und 75 (mit Nachrufen der »Alt- 
preussischen« und der »Elbinger Zeitung« v. 21. März 1898). 

H. Ellissen. 

Haeberlin, Carl Franz Wolff Jcrömc, Universitätsprofessor der Rechte, 
* 4. September 18 13 als Sohn des Forstmeisters Franz Ludwig H. auf Jagd- 
schloss Bracht bei Marburg im Kgr. Westfalen, f 28. Februar 1898 zu 
Greifswald. Er studirte die Rechtswissenschaft 1832 — 36 in Bonn und 
Berlin, wurde 12. September 1837 i" Berlin Dr. jur., habilitirte sich dort 
15. Juni 1839 ^^^ öffentliches Recht und deutsche Rechtsgeschichte, ging 
Ostern 1852 als ausserordendicher Professor nach Greifswald, wo er 
21. Mai 1862 zum ordentlichen Professor befördert wurde. 1857 — 1876 
lehrte er zugleich Landwirthschaftsrecht an der Akademie Eldena, wurde 
1886 zum Geh. Justizrath ernannt und feierte 1887 sein fünfzigjähriges, 1897 
sein sechzigjähriges Doktorjubiläum. Seine Lehrthätigkeit umfasste die Fächer 
des Strafrechts, des Staats- und Verwaltungsrechts und der deutschen Rechts- 
geschichte. Sein Hauptinteresse war dem Strafrecht zugewandt. So be- 



154 



Haeberlin. Tomaschek. 



handelte er in seiner Promotionsschrift »Juris criminalis ex speculis Saxonico 
et Suevico adumbratio«, Hai. 1837 (auch Lips. 1838) einen wichtigen Ab- 
schnitt der mittelalterlichen Strafrechtsgeschichte und lieferte in dem 
umfassenden Werke »Grundsätze des Criminalrechtes nach den deutschen 
Strafgesetzbüchern«, Bd. I — IV, Lpz. 1845 — 49 eine werthvolle Vorarbeit zur 
einheitlichen deutschen Strafgesetzgebung, ebenso in einer »Sammlung der 
neuen deutschen Strafprocessordnungen«, Greifsw. 1852 — 53. Vorher hatte 
er eine »Systematische Bearbeitung der in Meichelbecks Historia Frisingensis 
enthaltenen Urkundensammlung I. Theil: Rechtsgeschichte«, Berl. 1842 heraus- 
gegeben, während er später ein »Lehrbuch des Landwirthschaftsrechtes nebst 
einer encyklopädischen Einleitung in dasselbe« Lpz. 1859 veröffentlichte. 
Werthvolle Aufsätze sind die »Ueber dolus generalis« (Goltdammers Archiv 
Bd. 11) und »Ueber Rechtswahn und Wahnverbrechen« (ebenda Bd. 13), 
sowie »Ueber den Versuch« (Gerichtssaal Bd. 16 und 24) und »Ueber den 
Irrthum im Strafrecht« (ebenda Beilage zu Bd. 17) und Bemerkungen zu dem 
österr. Entwurf eines Strafgesetzes« (^ebenda Bd. 24). Mannigfache Berück- 
sichtigung fanden seine »Kritische Bemerkungen zu dem Entwurf eines Straf- 
gesetzbuches für den norddeutschen Bund«, Erl. 1869. Bis in sein höchstes 
Alter war er von unermüdlicher Lehrfreudigkeit; und äusserster Pflicht- 
treue. Zum Jubiläum im Jahre 1897 wurde er durch Verleihung des 
Kronenordens 2. Kl. ausgezeichnet. Wiederholte Schlaganlälle zogen den Tod 
nach sich. 

Nach der »Chronik der Königl. Universität Greifswald ftir das Jahr 1897/98. Heraus- 
gegeben vom zeitigen Prorector Prof. Dr. Jakob Weismann«, Greifswald. Druck von 
F. W. Kunike 1898 S. 4 — 6; vgl. Marquardsen in der »Krit. Ztschr. f. d. ges. Rccbts- 
wissensch.c I 102; v. Schwarze im »Gerichtssaalc Bd. 22 S. 179 ff.; De Gubernatis, 
dictionnaire international des ecrivains du jour, Flor. 1888 — 91 p. 2001 ; »Die Kgl. Friedrich- 
Wilhelms-Universität Berlin in ihrem Personalbestande seit ihrer Einrichtung Michaelis 18 10 
bis Michaelis 1885, Berlin 1885 S. 13, 19; Kukula, bibliogr. Jahrbuch der deutschen 
Hochschulen, Innsbruck 1892 S. 302. 

A. Teichmann, 

Tomaschek^ Johann Adolf Edler von Strato wa, Universitätsprofessor 
der Rechte, * 16. Mai 1822 zu Iglau, als ältester von fünf, sämmtlich wissen- 
schaftlich hervorragenden, Söhnen des Gymnasiallehrers Johannes T. f 1849 
im Ruhestand in Iglau), f 9. Januar 1898 zu Wien. Die Familie T. fuhrt 
ihren Ursprung zurück auf einen sagenhaften »Kleinen Thomas« (tschechisch 
T.), einen der zwölf Apostel oder Heerführer, welche die Schaaren von 
Prokopius dem Jüngeren in den hussitischen Kriegen befehligten, und nach 
der Pacificierung des Landes geköpft wurden; dieser soll bereits den Namen 
«de Stratowa» geführt haben. Aufzeichnungen in deutscher Sprache bezeugen, 
dass die Familie seit Karl VI. und Maria Theresia viele Glieder des deutschen 
Beamtenstandes in der Umgebung von Iglau, Meseritsch, Budwitz, Neustadt 
und Saar aufwies. Nach Vollendung der juridischen Studien erhielt er eine 
Stelle als Beamter beim Magistrat der Stadt Olmütz, widmete sich bei seiner 
Liebe zu den Wissenschaften, die ihn wie seine Brüder erfüllte, dem Lehr- 
fache und wurde 1847 zum Gymnasial-Professor in seiner Vaterstadt ernannt. 
1848 ging er als Abgeordneter der deutschen Stadt Iglau in das Parlament 
zu Frankfurt, wo er die Richtung Schmerlings auf Seiten des Reichsver- 
wesers Erzherzogs Johann vertrat. Zeit seines Lebens war er gemässigt 
freisinnig, soweit es seine Stellung zuliess, in religiösen Fragen ziemlich 



Tomaschek. I ^ ^ 

konservativ, da er auch der Kirche Actionsfreiheit zusprach. Er schwärmte für 
einen organischen Ausbau der Zünfte und Gilden, doch mit modernen 
Neuerungen im Geiste der Zeit. Offenbar ftihrte ihn das Studium mittel- 
alterlicher Rechtsquellen zu dieser Vorliebe für den gewerblichen Mittelstand 
und das Bürgertum. Noch als Lehrer der klassischen Philologie und der Ma- 
thematik am Iglauer Gymnasium beschäftigte er sich mit rechtshistorischen 
Forschungen im dortigen Staatsarchiv und wurde 1857 in das geheime Haus-, 
Hof- und Staatsarchiv in Wien berufen. 1 860 habilitirte er sich als Privat- 
docent für deutsches Recht an der Universität daselbst, wo er 1861 zum 
ausserordentlichen, 187 1 zum ordentlichen Professor der österr. Rechts- 
geschichte und Rechtsalterthümer mit Lehrverpflichtung für juristische Ency- 
klopädie und Methodologie ernannt wurde. 1880 wurde ihm auch eine 
Lehrkanzel für deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte und deutsches Privat- 
recht übertragen. Den bestehenden Gesetzen nach trat er 1893 in den Ruhe- 
stand, bei welcher Gelegenheit er in den Adelsstand mit dem Prädikate 
»von Stratowa« erhoben wurde. Die Untersuchungen Rösslers über die 
Form und Verbreitung des deutschen Rechts in den böhmischen Ländern 
weiterführend, behandelte er in seinem ersten Werk »Deutsches Recht in 
Oesterreich im 13. Jahrhundert. Auf Grundlage des Stadtrechts von Iglau« 
Wien 1859. Es folgten »Ueber zwei ältere Rechtsgutachten der Wiener 
Universität«, Wien 1860; »Ueber die ältere Rechtsentwickelung der Stadt 
und des Bisthums Trient«, Wien 1860; »Recht und Verfassung der Mark- 
grafschaft Mähren und seine Schöffensprüche aus dem XIII. bis XVI. Jähr- 
hundert« Innsbr. 1868; »Das Heimfallsrecht« , Wien 1882 (mit Unterstützung 
der kaiserlichen Akademie); »Das alte Bergrecht von Iglau und seine berg- 
rechtlichen Schöffensprüche«, Innsbr. 1897. Im J. 1876 erschien im 83. Bande 
der »Sitzungsberichte« seine Abhandlung über »die beiden Handfesten König 
Rudolfs I. für die Stadt Wien vom 24. Juni 1278 und ihre Bedeutung für 
die Geschichte des österreichischen Städtewesens«, worin er die von 
O. Lorenz angefochtene Echtheit nachwies. Einer Aufforderung der Stadt 
Wien folgend, gab er »die Rechte und Freiheiten der Stadt Wien« in 2 Bänden 
1877 — 79 heraus, einen Bestand theil der im Auftrage des Gemeinderats ver- 
öffentlichten Geschichts-Quellen der Stadt Wien, denen er eine sehr werth- 
volle Einleitung über die Entwicklung des Stadtrechts und der Stadtverfassung 
vorausschickte. Noch andere Arbeiten sind in den Schriften der Akademie, 
die ihn 1867 zu ihrem correspondierenden Mitgliede wählte, enthalten, so 
»die ältesten Statuten der Stadt und des Bisthums Trient in deutscher Sprache« 
(Archiv, 26. Band); »Ueber eine in Oesterreich in der ersten Hälfte des 
14. Jahrh. geschriebene Summa legum incerti auctoris und ihr Quellen- 
verhältniss zu dem Stadtrechte von Wiener-Neustadt und dem Werböczyschen 
Tripartitum« (Sitzungsberichte, 105. Band). Die deutsche Rechtsgeschichte 
behandelt die Schrift »Die höchste Gerichtsbarkeit des deutschen Königs und 
Reiches im 15. Jahrhundert« (Sitzungsberichte, 49. Band). — Zu seinen 
Freunden gehörten namendich Wattenbach, O. Lorenz, Chlumetzky, 
Schmerling, zuletzt Maassen. Völlig zurückgezogen lebte er, gegen Aus- 
zeichnungen kühl, einzig seiner Forschung und seiner Familie. 

Nach gütigen Mittheilungen des Bruders, Herrn Prof. Wilhelm Tomaschek in 
Wien. — Almanach der kaiserl. Akademie für 1898 S. 293 — 95; Geschichte d. Wiener 
Universität von 1848 bis 1898, Wien 1898 S. 142, 151; v. Wurzbachs Biogr. Lexikon 
d. Kaiserthums Oesterreich Bd. 46 S. 45—47; Beilage zur »Allgem. Zeitung« No. 7 vom 
II. Januar 1898 S. 8; W. E. Wahlberg, Ges. klein. Schriften Bd. II Wien 1877 S. 62; 



\r 



156 Tomaschek. Grasbcrger. 

Zarnckes Liter. Centralblatt 1869$. 546; 1879 S. 1254; Kukula, bibliogr. Jahrbuch der 
deutschen Hochschulen, Innsbruck 1892 S. 932. — Ein hübsches Motto von ihm im (auto- 
graphischen) »Parlaments-Album« Frankfurt a. M. 1849, S. 73. 

A. Teichmann. 

Grasberger, Hans, Schriftsteller, * 2. Mai 1836 zu Obdach in Steiermark, 
f II. December 1898 zu Wien. Sohn eines Weissgärbers, kam er 1849 mit 
seinem engsten Landsmanne Rudolf Falb an das Benedictinerstift Lambrecht ; 
nach vierjährigem Aufenthalt im Kloster, fand er in Klagenfurt Aufnahme in 
der siebenten Lateinschule ; nach der mit Auszeichnung bestandenen Maturitäts- 
prüfung kam er 1855 nach Wien. An der Universität trieb er bei Arndts, 
Phillips, Unger, Glaser etc. Jura; tüchtig, doch ohne Herzensdrang; Ostern 
(1859) betheiligte er sich an der österreichischen Pilgerfahrt nach Jerusalem. 
In demselben Jahre erschienen auch seine ersten Gedichte in dem von Wiener 
Studenten herausgegebenen »Album zur Schillerfeier«. Als Publicist war er 
bis zum Jahre 1864 beim »Volksfreund« thätig; 1867 trat er mit dem Dichter 
Carl Beck eine Fahrt nach Italien an. Bald nachher ging er als Correspondent 
mehrerer deutscher Blätter nach Rom; 1870 that er sich als Concils-Bericht- 
erstatter der »Presse« hervor, in deren Verband er 1873 als Kunst-Referent 
und Feuilleton-Redacteur nach Wien berufen wurde. 1883 verliess er das ge- 
nannte regierungsfreundliche Blatt, »da ihm die nationale Bedrängniss nicht gleich- 
giltig bleiben konnte«, und war fortan als Mitarbeiter der »Deutschen Zeitung< 
und Kunst-Referent der »Wiener Zeitung« thätig. — Als Poet war G. t86q 
mit der Sammlung »Singen und Sagen«, 1873 mit den »Sonetten aus dem 
Orient« und dem » Garne val der Liebe« hervorgetreten ; als Uebersetzer ver- 
deutschte er die Rime di Michelangelo (1872). — Zu seiner eigenen 
Ueberraschung entdeckte er bei einem Ferien-Ausflug in die heimathlichen 
Berge, verhältnissmässig spät, einen Dialektdichter in sich: die drei 
Bände »Zan Mitnehm« 1880, »Nix für unguet« 1884, »Plodersam, Geistli'n- 
g'schicht'n« 1885 bleiben voraussichtlich sein dauerhaftestes litterarisches 
Denkmal. — Eine Reihe hochdeutscher Novellen »Aus der ewigen Stadt^c 
(1887), Allegorien »Allerlei Deutsames« (1888), »Neues Novellenbuch (1894)^, 
»Maria Buch, eine Wallfahrtsgeschichte« 1895, »Maler und Modell« 1895, 
sowie seine letzten Gedichte »Licht und Liebe«, »Triptychon« etc. werden 
mit den mundartlichen und einer Auswahl von hochdeutschen Versen in vier 
von Georg Heinrich Meyer verlegten, von Rosegger bevorworteten Bänden 
seiner gesammelten Werke erscheinen. — Eine Frucht seiner kunstgeschicht- 
lichen Studien ist die Schrift: »Die Gemäldesammlung im kunsthistorischen 
Hofmuseum«. — Für das Kronprinzenwerk »Oesterreich in Wort und Bild« 
hat G. eine meisterhafte Abhandlung beigesteuert über die Dialekte und 
Dialektdichter der Steiermark. — Eine seiner letzten und gehaltvollsten Gaben 
war sein Nekrolog Heinrich No^'s im IL Bd. unseres Jahrbuches. — So reich 
sein Wissen, so reich sein Wirken war: reicher noch war sein Wesen. »W^er 
im Bereiche seiner Persönlichkeit stand«, so heisst es in einem Nachruf 
Roseggers, »der konnte nicht abirren, der wurde so recht kunstfroh und 
schaffensfreudig. Aber nicht bloss, so weit die Kunst reicht, war er dem 
Heimathlande treu, er liebte es bedingungslos. Wenn er die Rednerbülme 
bestieg, um Werke und Erfolge des (von ihm mitbegründeten) Steirervereins 
in Wien zu verkünden, um bei Betheiligungen armer Steirerkinder zu diesen 
zu sprechen; da musste man sein vor Begeisterung glühendes Auge sehen, 



Grasberger. Vogel. icy 

dieses liebe Auge, das gleichsam ein Fluidum von Freude ausstrahlte«. Ehr- 
liche, ehrlich verdiente Auszeichnungen zu seinem 60. Geburtstage (die Stadt 
Wien beglückwünschte G.; Rosegger charakterisirte den Mann und sein Schaffen 
in der »Gartenlaube«) nahm er tiefbewegt und tief bescheiden auf: »Du hast 
Weltruhm«, so schrieb er Rosegger in seinem Dankbrief, »ich bin ein dürf- 
tiges Spanlicht. Du könntest die Poesie neu erfunden haben — ich schreibe 
mehr aus der allgemeinen Bildung heraus.« Liebe und Treue, die er den 
Freunden und Landleuten zeitlebens bewährt, ist ihm über das Grab hinaus 
redlich vergolten worden. Die ersten Dichter, Künstler und Kenner Deutsch- 
österreichs haben dafür gesorgt, dass auf dem Mödlinger Friedhof ein würdiges 
Denkmal des viel zu früh Geschiedenen sich erheben wird. 

Mein Lebensgang. Von Hans Grasberger. (Roseggers »Heimgarten« XV. Jahrg. 
Heft 8). — Ein deutschösterreichischer Dichter. \'on Peter Rosegger. Wie ich meine 
Mundart entdeckte von Hans Grasberger. (»Die Gartenlaube« 1896. No. 34). — Briefe 
von Hans Grasberger an Rosegger (Heimgarten, März 1899). — Ferdinand Kürnberger: 
Litterarische Herzenssachen 1877; ^- '^^ ^* Le Rime di Michelangelo Buonarotti. Nach- 
dichtungen von Hans Grasberger. — Nekrologe: Beilage zur »MUnchener Allgemeinen 
Zeitung« 13. Dec. 1898 (von Anton Bettelheim). — »Neue Freie Presse« No. 12339, 1898 
(von Karl v. Thaler). — »Neues Wiener Tagblatt«, Decerober 1898 (von Z. K. Lecher). — 
»Grazer Tagespost« vom 13. April 1899: Hans Grasberger und die Steirer von Rosegger. — 
Verzeichniss seiner Schriften in Kürschners Litteratur-Kalender 1898. — Gesammelte 
Werke (4 Bände) in Vorbereitung bei Georg Heinrich Meyer. — Vorzügliche Bildnisse des 
edlen Charakterkopfes danken wir Blaas und dem Plastiker Schwartz; gute Lichtdrucke 
in den Ausgaben seiner Schriften (bei Liebeskind und Meyer). 

Anton Bettelheim. 

Vogel, Wilhelm Hermann, ordentlicher Professor an der Technischen 
Hochschule zu Charlottenburg, * 1834, t ^7- December 1898 zu Berlin, war 
seit 1860 Assistent bei G. Rose am mineralogischen Museum zu Berlin; auf 
die Photographie wurde er durch die Aufgabe geführt, Meteordünnschliffe 
authentisch abzubilden. Seine photographischen Forschungen auf dem Ge- 
biet des Pigmentdruckes, vor allen Dingen aber seine Entdeckung der 
optischen Sensibilisatoren, ferner seine Thätigkeit auf dem Gebiet der photo- 
graphischen Aesthetik sichern ihm einen ersten Platz unter den photographischen 
Forschem. V. gab seit 1864 das seinerzeit bedeutendste deutsche photo- 
graphische Journal »Die photographischen Mittheilungen« heraus, welches 
noch heute existirt. Seine Veröffentlichungen über Kohledruck, sein Lehr- 
buch der Photographie sind sehr verbreitet und mehrfach aufgelegt. Ein I^ehr- 
stuhl für Photographie wurde ihm an der damaligen Gewerbeacademie zu 
Berlin errichtet, später siedelte er als Professor an die technische Hochschule 
zu Charlottenburg über, seit 1876 hatte er auch den Lehrstuhl für Spectral- 
analyse daselbst inne und dehnte später seine Thätigkeit seit 1887 auch auf 
die Vorlesungen über Farbenlehre, Beleuchtungswesen etc. aus. V. war Ehren- 
mitglied vieler wissenschaftlicher Vereine, u. A. der Königl. Photographischen 
Gesellschaft zu Grossbritanien. Er ist Gründer des Photographischen Vereins 
zu Berlin (1863), femer war er auf vielen Ausstellungen und Weltausstellungen 
als Juror auch im Auftrag des Staates thätig. Zweimal besuchte er aus 
diesem Anlass Amerika, 1871 und 1883. Durch eine grosse Anzahl von 
einzelnen Abhandlungen auf dem Gebiet der Photographie, Spectralana- 
lyse und Farbenlehre hat er sich fernerhin weit bekannt gemacht und auch 
eine rührige Thätigkeit im Interesse der Berufsphotographie entwickelt. Er 
war ein Mann von grossen Geisteskräften, besonderer Originalität und von 



1^8 Vogel. V. Alvensleben. Ubbelohde. 

lebhaftem impulvisen Temperament. Sein Hauptwerk, die Entdeckung der 
optischen Sensibilisatoren, bedeutet einen der wichtigsten Fortschritte in der 
Photographie. In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte er sich 
wesentHch mit dem Problem der Photographie in natürlichen Farben, dem 
er eine wichtige Lösungsform in Gestalt des auf wissenschaftlicher Basis ver- 
vollkommneten Dreifarbendruckes gab. 

A. Miethe. 

V. Alvensleben, Alkmar, Kgl. preussischer Generallieutenant, Commandant 
von Breslau, * am i6. November 1841, f 10. November 1898 in Naumburg, 
entstammend dem alten altmärkischen Adelsgeschlecht, welches noch jetzt in 
der Altmark und in der Provinz Sachsen blüht und grösseren Grundbesitz 
inne hat. Frühzeitig trat er in das Cadettencorps, das er am 17. Mai 1859 
verliess, um als charakterisirter Portep^efähnrich in das Garde- Jäger-Bataillon 
zu Potsdam einzutreten. Am i. Juli 1860 wurde er zum Seconde-Lieutenant 
befördert, machte den Krieg von 1866 in Böhmen mit und bekleidete vom 
November 1866 bis October 1870 die Stelle des Bataillonsadjutanten. In- 
zwischen zum Premierlieutenant befördert, führte er im deutsch-französischen 
Kriege eine Compagnie und wurde am i. April 187 1 zum Hauptmann und 
Compagniechef ernannt. 1881 wurde er unter Beförderung zum überzähligen 
Major in das 4. Garde-Regiment z.F. versetzt, um im October 1884 Commandeur 
des Magdeburgischen Jägerbataillons No. 4 zu werden. 1888 avancirte 
er zum Oberstlieutenant; am 20. November 1890 ward er zum Commandeur 
des Grenadier-Regiments Prinz Carl von Preussen (2. Brandenburgisches) 
No. 12 und zum Oberst ernannt. Generalmajor vom 14. Mai 1894, ward er 
Commandeur der 2. Garde-Inf.-Brigade und 1896 Commandant von Breslau. 
Als solcher erhielt er am 27. Januar 1898 den Character als Generallieutenant. 
Ein schweres Leiden befiel ihn, das ihn im Alter von 58 Jahren hinweg- 
rafite. v. A. besass ausser anderen Ehrenzeichen den Rothen Adlerorden 
IL Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe und das Eiserne 
Kreuz IL Klasse. O. Elster. 

Ubbelohde, August, Universitätsprofessor des Römischen Rechts, * 18. No- 
vember 1833 zu Hannover als vierter Sohn des am 5. December 1849 v®^' 
storbenen Ober-Finanzrathes U. daselbst, f 30. September 1898 zu Marburg. 
Er empfing in seinem allen geistigen Interessen offenen elterlichen Hause und 
auf dem Lyceum seiner Vaterstadt eine treffliche Ausbildung. Schon früh 
wurde er von einem Knieleiden befallen, das eine Operation nöthig machte 
und erfuhr später bei einem Eisenbahnunfall das weitere Unglück, dass das 
steif gebliebene Knie eine Quetschung erlitt, was eine dauernde Schädigung 
nach sich zog. In jenen ernsten Tagen widmete er sich mit angestrengtestem 
Fleisse bildender Leetüre und erhielt hiebei durch seinen auch philosophisch 
hochgebildeten Vater die beste Förderung. Die Erfahrungen der Leidenszeit 
dürften den Grund zu seiner Gründlichkeit und Zähigkeit in der Arbeit, wie 
auch zur Hinneigung zu scharfer Kritik und einiger Empfindlichkeit gelegt 
haben. Nach einer allseitig ausgenutzten Studienzeit und einer kurzen 
Thätigkeit als Auditor in Lüneburg habilitirte er sich 1857 in Göttingen 
für römisches Recht, wurde 1862 daselbst ausserordentlicher Professor, 1865 
ordentlicher Professor in Marburg, welcher Universität er bis an sein Lebens- 
ende treu blieb, in den letzten Jahren als Senior der akademischen Lehrer- 



Ubbelohde. Merseburger. l c o 

Schaft. Er erlebte die Einverleibung des Kurfürsten thums Hessen in Preussen 
und konnte bei der Neuordnung der Universitätsverhältnisse gute Dienste 
leisten, ebenso wie er im Nebenamte für das aufblühende Communalwesen 
der Stadt Marburg Jahre lang mit Hingebung und Erfolg thätig war. Mehr 
als ein Jahrzehnt hat er die Universität im Herrenhaus vertreten und dabei 
mit den Vertretern der Städte zusammengehalten» auch speciell der Land- 
wirthschaft grosses Interesse dargebracht. Politisch war er ein eifriges Mitglied 
der nationalliberalen Partei, in kirchlicher Beziehung regsamem Mitglied des 
Presbyteriums der reformirten Gemeinde. Seiner Ehe mit der Tochter des 
Göttinger Rechsgelehrten und späteren Kunsthistorikers Fr. W. Unger (f 22. 
Dec. 1876, vgl. Allg. deutsche Biographie Bd. 39, 289—291) entspross ein 
Sohn, der als Maler durch Schaffensfreudigkeit und Erfolg die letzten Lebens- 
jahre des Vaters verschönte. Er wurde 1886 zum Geh. Justizrath ernannt 
und erhielt 1891 den Rothen Adlerorden 3. Klasse. Für Schönheit und 
Geist, Phantasie und Witz emptänglich, war er doch wesentlich eine ruhige, 
nüchtern abwägende Natur, gütig und hilfreich, begeistert von seinem Lehr- 
fach und von ernster 'Arbeit, gewissenhaft im Kleinen und Grossen, voll 
Vaterlandsliebe und unerschütterlichem Gottvertrauen. Seine wissenschaftliche 
Thätigkeit war sehr ausgedehnt. Es seien genannt die Schriften »Ueber den 
Satz: ipso jure compensatur«. Gott. 1858; »Die Lehre von den untheilbaren 
Obligationen«, Hannover 1862; »Ueber das im Kgr. Hannover geltende 
Recht der Entwässerung und Bewässerung«, Hannover 1862; Ueber die 
rechtlichen Grundsätze des Viehhandels« (Abdr. a. d. Journ. f. Landwirthsch.), 
Gott. 1865; »Erbrechtliche Competenzfragen«, I. Abth., Marb. 1868; »Zur 
Geschichte der benannten Realcontracte auf Rückgabe derselben Species«, 
Marb. 1870: »Ueber Recht und Billigkeit« (Heft 16 d. Samml. gemeinverst. 
wiss. Vorträge v. R. Virchow und Fr. v. Holtzendorff, N. F., zweite Serie), 
Hamb. 1887). Besonders werthvoll ist seine Fortsetzung des Pandekten- 
commentars von Glück für die Bücher 43/44: »Die Interdicte«, 5 Theile, 
Erlangen 1889 — 96, sowie die Herausgabe von Hartmanns »Ordo judiciorum«, 
Gott. 1886, endlich die Schriften »Ueber das Verhältniss der bonorum ven- 
ditio zum ordo judiciorum«, Marb. 1890 (fiir Wetzeil) und »Ueber die Be- 
rechnung des tempus utile der honorarischen Temporalklagen«, Marb. 1891. 

Nach gef. Notizen des Herrn Prof. Dr. theol. W. Bornemann in Basel. — Vgl. De 
Gubernatis, dictionnaire international des ecrivains du jour, Flor. 1888 — 91 p. 1857; 
Kukula, allg. deutscher Hochschulen- Almanach, Wien 1888, S. 874; Krit. Vierteljahres- 
schrift, Bd. 35, S. 358—395 (Hellmann): Zeitschrift der Savigny-Stiftung, Rom. Abth. XIII 
384 — 387 (Biermann); Deutsche Juristen-Zeitung 1898 S. 431; Tidsskrifi for Retsvidenskab 
1898 p. 518. — Ueber den Vater vgl. »Zum Andenken an den Oberfinanzrath Ubbe- 
lohde«, Hannover 1850 und F. Frensdorff in der Allg. Dtsch. Biographie Bd. 39, S. 116/7. 

A. Teichmann. 

Merseburger, Otto, Maler und Buchhändler, * 18. December 1822 in 
Leipzig, t ^4- November daselbst, widmete sich ursprünglich dem Ktinstler- 
beruf und besuchte die Akademien zu Düsseldorf und Dresden. Durch zahl- 
reiche und sehr geschätzte Portraits — er fertigte deren als selbstständiger 
Maler und später in Mussestunden mehrere Tausende an — hat M. sich einen 
Namen gemacht. Sein Eintritt in die 1835 ^^^ K. Fr. Meusel in Weissen- 
fels gegründete und von seinem Bruder, Carl Merseburger in Leipzig, er- 
worbene Verlagshandlung, deren Chef O. M. in den letzten Jahren war, 
geschah in Folge privater Verhältnisse. Der Verlag umfasst vorwiegend sehr 



l6o Merseburger. Bühler Christian. 

verbreitete Schulbücher und Musikalien. — Als eifriger Sammler brachte M. 
u. A. eine zuletzt ii ooo Stücke umfassende sehr werthvoUe Sammlung 
sächsischer Münzen zusammen, die er 1894 durch Zschiesche & Köder in 
Leipzig verkaufen Hess. 

(Näheres über den ausführlichen Katalog der Münzensammlung s. »Nachrichten a. d. 
dt. Buchhdl.« 1894 Nr. 18). Vgl. »Börsenblatt f. d. dt. Buchhdl.« 1898 Nr. 266 und Ver- 
lagskatalog von Carl Merseburger 1849 — 89 (m. Portr. v. O. M.). 

H. Ellissen. 

Bühler, Christian, * 29. December 1825 in Bern, f in Bern am 3. Fe- 
bruar 1898. »Ein grosser heraldischer Künstler, einer der allerhervorragendsten 
Jünger der edeln Heroldskunst, ein wahrer Künstler« ist B. in den heraldischen 
Zeitschriften genannt worden. Zwar eine kunstakademische Anleitung und 
Erziehung erhielt er nicht; er musste 1846 von München nach einem kurzen 
Aufenthalt wegen Krankheit wieder heimkehren ; aber schon als Kind schaute 
er mit Bewunderung auf die Equipagen aus aller Herren Ländern, die in dem 
benachbarten ersten Gasthof Berns anhielten. Sodann war sein erster Meister 
der Flachmaler Rohr, der dort eine Sammlung von »altenOmamentstücken, Kunst- 
blättern, Copien von guten Glasgemälden« besass. Bedeutende Sammler und 
Besteller zwangen dann den Künstler in späteren Jahren zu immer grösserer 
Vollendung. Besonders aber wirkte der Sinn für Wappen maierei, der seit 
alten Zeiten in Bern die Strassen mit den Wappen der Familien, mit den 
Wappen und Abzeichen der Zünfte und überall mit dem Wappenthier der 
Stadt so fröhlich schmückte, in B. nach. 

Die beste Schule Hess ihm seit 1850 der tüchtige Glasmaler und Heraldiker 
Dr. Ludwig Stantz angedeihen. Mit ihm malte B. 1853 die Costtime zu dem 
historischen Festzug, und Stantz gab B. auch Gelegenheit, in der Ausführung 
der von ihm entworfenen kalligraphischen und heraldischen zwölf Wandtafeln 
im Speisesaal des Schlosses des Grafen Friedrich von Pourtal^s zu Oberhofen 
sein eigentliches Meisterstück zu liefern; man denkt unwillkürlich an die 
Kronen und alle die Einzelheiten auf den Bildern Jan van Eycks. 

Im Jahre 1854 erhielt B. eine sehr bescheidene öffentliche Anstellung als 
Conservator des Kunstmuseums. 

Die Arbeit in Oberhofen führte ihm neue Bestellungen zu, zunächst von 
Seiten der Familie Pourtal^s. Dann fingen die Zünfte an, ihm Aufträge zu 
Titelblättern der Zunftbücher, zu Wappen, Fahnen, Bechern zu geben. Ihnen 
folgten viele andere Berner Bürger, patricische und gutbürgerliche. Er 
sah in seinem Beruf eine von Gott ihm zugetheilte Aufgabe. Seine Freunde 
mussten den Menschen in ihm noch mehr achten, als den Künstler; auf den 
Vorwurf, dass er zu peinlich in jeder Arbeit sei, erwiderte er in vollem Ernst: 
»Wenn er einmal Gott mit seinen Werken müsse Rechenschaft ablegen, und die- 
selben wären nicht recht?« So arbeitete der Mann in seiner Klause, die nach hinten 
auf ein allzu häusliches Höfchen schaute, zwei Treppen hoch am Komhaus- 
platz, vom Morgen bis zum Abend, in grösster Zurückgezogenheit und Ein- 
fachheit, ohne sich jemals grössere Geselligkeit zu gönnen, mit einer Andacht, 
fast wie ein Fiesole. 

1864 beginnt diese festlich geschmückte Reihe; aber auch die Zeichnung 
zu einer Banknote wurde in diesem Jahr von ihm verlangt, später Zeichnungen, 
zu Gold- und Silbermünzen; er habe sich nicht zu gut erachtet, Zeichnungen 
zu den Abzeichen der Käppi zu liefern. 



Bübler Christian. i6i 

In das Ende der sechziger Jahre fällt dann die Entstehung der Sammlung 
(berühmten und traurigen Andenkens) des Stadtraths F. Bürki, »eines Schatzes 
von Glasgemälden aus dem 14. bis 18. Jahrhundert und von Handrissen alter 
Meister zu Glasgemälden, ausschliesslich schweizerischen Ursprungs, einzig in 
der Schweiz«. (A. Grenser). Der Sammler nahm den Künstler auf mehreren 
Reisen ins Ausland mit. 

Im Jahre 1870 Hess sich Hauptmann Klose von Karlsruhe in Thun nieder; 
er sah die Wandtafeln in Oberhofen; einen ähnlichen Schmuck wünschte er 
für seinen Saal, und so begann ein sehr fruchtbarer und thätiger Verkehr mit 
diesem Kunstfreund. 1875 erschien nun als Gast Kloses dessen Jugendfreund, 
J. V. Scheffel. B. wurde nach Thun gebeten, und so knüpfte sich eine Ver- 
bindung des Heraldikers mit dem Dichter, von der mehrere herzliche Briefe, 
Geschenke zu Weihnachten (die Bergpsalmen, die Landschaftsstudien von 1852, 
kunstgeschichtliche Prachtwerke) und wohl acht grosse und kleine Arbeiten B.*s 
Zeugniss ablegen. Am 28. März 1876 dankt ihm der Dichter für die »schöne 
heraldische Composition«, die B. ihm zum 50. Geburtstag zu widmen die 
Güte gehabt habe. »Die Correctheit der Formen und die harmonische Farben- 
gebung hat allgemeine Anerkennung gefunden. « Scheffel bittet ihn zugleich, da er 
in den erblichen Adelstand erhoben worden sei, ein gleiches Blatt — aber mit der 
endgiltigen Aufnahme des neuen Wappens (Taube im Schild und Pegasus als 
Helmzier), sowie des inzwischen erhaltenen Ehrenbürgerrechts von Radolfzell 
— als Familiendocument für alle Zukunft zu entwerfen. 1878 und 1879 ent- 
standen die Entwürfe zu zwei Glasgemälden: das Trauwappen v. Scheflfel- 
V. Malsen und »unten im Kneipzimmer der Mettnau der sei. Radolf mit dem 
Wappen von Radolfzell. 1884 noch die grosse friesartige im Styl des 15. Jahr- 
hunderts omamentirte Schrifttafel des heil. Wolfgang in dem Saal des ersten 
Stockes.« (Aufzeichnung Gh. B.) Besonders das letzte Werk freute wieder 
den Sänger des Mittelalters: »Die Sorgfalt der Detailausführung und die 
monumentale Haltung des Ganzen wirken zusammen; das weisse Benedictiner- 
habit hat etwas Lichtes, Verklärendes. Empfangen Sie, verehrter Meister, 
meinen herzlichen Dank für das schöne Werk, mit welchem Sie sich, wie dem 
heil. Wolfgang einen bleibendes Andenken auf der Mettnau gesichert haben.« 
Dazwischen gab es 1881 ein schönes Geschenk für das fürstliche Brautpaar, 
den Kronprinzen v. Schweden und Victoria von Baden, herzustellen, ein 
Doppelwappen der Verlobten; v. Seh. schrieb darüber 2. Mai 1881: »Das 
prächtige Allianzwappen habe ich in einfacher, aber sehr eleganter Mappe 
letzten Sonnabend 30. April überreicht, und sowohl die Braut Prinzessin Vic- 
toria als der Grossherzog, sprachen ihre Freude und Anerkennung aus.« 
Schon im Januar 1881 hatte er zum zweiten Mal aufgefordert: »Ich wünsche, 
dass Sie im nächsten Sommer sich auf Mettnau überzeugen, wie die Berner 
Glasgemälde zu den Stuben, Vertäfelungen und zur Abendsonne stimmen.« 
Der Einladung folgend, brachte B. im September 1881 acht Tage am Unter- 
see zu; aber er konnte auch hier dem hoch verehrten Wirthe wieder einen 
Dienst leisten, indem er schnell in ein Album ein Gastgeschenk für Gross- 
herzogin und Tochter, die am Tage der Abreise B.'s zum Besuch auf der 
Mettnau erwartet wurden, das grossherzogliche Wappen malte. »Alles vortreff- 
lich gegangen (schrieb v. Seh. am Tage nachher), vom besten Wetter be- 
günstigt. Album hat grosse Ueberraschung bereitet . . ich danke nochmals 
herzlich für Ihre Mühe.« 

1878 entschloss sich B., »dem Drängen eines Freundes nachgebend«, 

Biogr. Jahrb. n. Deatscher Nekrolog. 3. Bd. 1 1 



i62 Buhler Christian. 

eines seiner Wappen auf die Heraldische Ausstellung nach Wien zu 
senden. Im Fachbericht schien nirgends seiner gedacht zu sein, bis am 
Ende zu lesen stand: »Das Beste haben wir uns für zuletzt aufgehoben. 
Wir meinen das durch meisterhaft schöne Composition und tadellose Aus- 
führung von jedermann — Laien wie Fachleuten — bewunderte WattenwyPsche 
Wappen von dem Schweizer Maler Herrn Christian Bühl er.« Scheffel schrieb: 
»Nehmen Sie auch von mir einen freundlichen Glückwunsch entgegen fiir das 
Ehrendiplom von Wien, das mich übrigens nicht überraschte, denn an feinem 
heraldischen Stylgefiihl und Wissen, verbunden mit vollkommen sicherer tech- 
nischer Ausführung werden sie wenig Wettbewerber in Alteuropa finden, c 
Das war nun einmal ein grosser Erfolg, in seinem 52. Jahre. Leider ver- 
hinderte derselbe nicht, dass B. 1880 seine Stelle als Inspector des Kunst- 
museums in Bern verlor. Auch sonst gab es Rosen und Passionsblumen, w'ie 
er sich einmal malend ausdrückte, in seinem Leben. 1881 wurde er von der 
heraldischen Akademie zu Pisa zum correspondirenden Mitglied ernannt, und 
1882 auf der heraldischen Ausstellung in Berlin mit dem ersten Preis aus- 
gezeichnet. 

Unterdessen ging die Arbeit für Bemer Behörden, Gesellschaften, Bürger 
unermüdlich fort. Der Bundesrath bat ihn um die Anfertigung von kostbaren 
Glückwunsch- und Anerkennungsschreiben für Schiess, Kern, B. Studer, 
G. Keller 1889; letzteres lag in einer Mappe, die von B. mit einer prächtigen 
Aufschrift geschmückt war. Aber der Empfanger habe es etwas gleichgültig 
und brummig bei Seite gelegt. Hoch im Norden bestellte der Senat von 
Lübeck die Zeichnung eines Glasgemäldes mit dem Doppeladler, für die 
Kriegsstube des Rathhauses. 

Das Bundesfest und die Berner Gründungsfeier 1891 machten auch an 
B. ihre Ansprüche, und jetzt wurde ihm auch in der Heimath eine öffentliche 
Anerkennung zu Theil: er wurde mit Prof. Blösch, Dr. Karl Munzinger, Pfr. 
Weber Ehrenbürger Berns und Zunftgenosse der Zunft zu Obergerwem. 

Den Sommer 1897 brachte er mit lieben Freunden einige Wochen an 
der Lenk zu; dann kehrte er nach Bern zurück, wo er mit zwei Schwestern, 
von denen Fräulein Kathrine sich durch die Herstellung des Niederländer 
Teppichs, eine Arbeit von zwanzig Jahren, als Stickerin wohlverdient gemacht 
hat, in brüderlicher Liebe gemeinsam wohnte und jede Pflege fand, soweit 
grosse Anspruchslosigkeit sie gestattete. Und er arbeitete wieder fleissig 
weiter. Dennoch war er auf den Tod vorbereitet. Kurz vor seinem Ende 
schrieb er: »Wartet einer auf das Oeffnen der Thore der Ewigkeit — so 
achtet er sich nicht mehr der irdischen Zeit.« Grosse Schwäche nöthigte ihn 
endlich, sich zu Bett zu legen, nicht eine schwere Krankheit. Die guten 
Schwestern dachten gar nicht, dass ihnen das Schlimmste bevorstehe, als er 
sagte: »Lasst mich jetzt schlafen« und für immer sanft entschlief, am 
3. Februar 1898. 

Er hatte sich einmal bei Graveur Franz Homberg, der, wie alle seine 
Freunde, seine Kunst ebenso hoch verehrte, wie die Bescheidenheit und Rein- 
heit seines Herzens, ein Stahlsiegel machen lassen, keinen ritterlichen Schmuck, 
nur ein B mit der Umschrift: nüt über die edel kunst. Man hat das 
Siegel mit diesen schönen und wahren Worten in Erz an seinen Grabstein 
geheftet. 

»Adler«, Jahrgang V 1878, S. 24 fif. von Alfred Grenser. — Graveur-Zeitung 1884. 
Nr. I von F. Warnecke. — Adressbuch für Freunde der Wappenkunde, 1884, von A. Grenser, 



Bühler Christian. Baedeker. Schutze. 163 

I, 20. — V. Kberstein. Handbuch für den deutschen Adel, 1891, Abtheil. I, S. 172. — 
Oberländer Volksblatt, 5. Febr. 1898. — Bund, 6. Febr. 1898 von F. Homberg. — Neue 
Züricher Zeitung, 6. Febr. 1898 von Dr. Walthard. — Sonett von E. Lauterburg, Bund, 
12. Febr. 1898. 

W. F. V. Mülinen in den Archives heraldiques 1898. 

Alex. Frhr. v. Dachenhausen in den »Herald. Mittheilungen« des Vereins »Zum Klee- 
blatt« in Hannover, Jahrgang 1898, Nr. 4, 5 und 6. Der Verf. giebt ein sehr dankens- 
wcrthes Verzeichniss der Arbeiten B.'s. Wir fügen noch folgende bei: 

1877 Titelblatt für Graveur Homberg — 1878 Wappen Haaf — 1879 Titel der Fest- 
schrift zur Eröffnung des Kunstmuseums in Bern — 1879 ff« Einbanddecken zu Sänger aus 
Helvetiens Gauen, der letzte Zähringer, Cäsarentraum von Ernst Heller — x88i Teller für 
B. Haller, »Basilisk u. Bemer Mutz Sind vereint zu Schutz und Trutz« — 1888 Wappen 
Hofer-Neukomm — 1890 Wappen Baumann, Ott-Schön, Hirzel auf Holz für die Gesell- 
schaft der Böcke in Zürich — 1891 Berner Gründungsfeier-Medaille — 1895 Haussegen 
für M. V. M. — Titel eines Albums in Pension Schönberg bei Thun. — 

Eine Arbeit über seine Technik von seinem Schüler Rudolf MUnger soll noch in den 
Archives heraldiques und eine Biographie von Robert v. Diesbach in den Berner Biographien 
erscheinen. 

Porträt Bühlers in Oel, von Albert Anker-Ins, nach dem Tode nach einer Photographie 
und aus der Erinnerung geroalt, im Berner Kunstmuseum. Von Graveur Homberg ist eine 
Buhler-Medaille beabsichtigt. 

Bern. Karl Frey. 

Baedeker, JuHus, Buchhändler, * 21. August 1821, f 22. November 1898 
in Essen. J. B. war der jüngste von sechs Söhnen des Begründers der Firma 
G. D. Baedeker in Essen. Seine Lehrzeit bestand er bei seinem Bruder 
Karl B. in Coblenz. Bereits 1844 übernahm er mit seinem Bruder Eduard 
das elterliche Geschäft, das Buchhandlung, Buchverlag und Buchdruckerei um- 
fasste und später durch technisch verwandte Geschäftszweige erweitert wurde. 
Seine Hauptthätigkeit widmete er u. A. der Pflege eines vorwiegend päda- 
gogischen Verlags, dem Autoren wie Krummacher, Diesterweg, Kellner, Koppe, 
Spiess, Erk und Greef angehören, in dem auch zuerst (1854) W^ilhelms Com- 
position der »Wacht am Rhein« erschien. Auf J. B.'s. Anregung erschienen 
die »Gesammten Naturwissenschaften«, der »Berg- und Hütten-Kalender«, der 
»Ingenieur-Kalender« u. s. w. Nicht minder eifrig widmete er sich der Re- 
daction der bereits 1738 gegründeten »Essener Zeitung«, zu welchem Titel 
das Blatt 1860 zurückkehrte, nachdem es lange Jahre hindurch unter dem 
Titel »Allgemeine politische Nachrichten« erschienen war. Nach Verschmelzung 
mit der »Westfälischen Zeitung« in Dortmund, nahm die »Essener Zeitung« 
1883 ^cri Titel »Rheinisch- Westfälische Zeitung« an. B. führte die Redaction 
in liberalem Sinne bis 1884, den zu hohem Ansehen gelangten Buchverlag, 
nachdem schon 1879 sein Bruder Eduard gestorben war, bis 1894 fort. Erst 
dann schied er aus der Firma ganz aus, sein arbeits- und segensreiches Leben 
im glücklichen Familienleben beschliessend. 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt. Buchh. 1898, Nr. 276 (mit etwas verkürztem Nachruf aus 
der 9Rheinisch-Westfälischen Zeitung«). 

H. Ellissen. 

Schütze, Wilhelm, Genremaler, * 1840 zu Kaufbeuren, f 31. Mai 1898 
zu München. Anfangs Lithograph, kam Seh. nach München, auf die Akademie 
zu Alexander von Wagner und machte sich alsbald einen geachteten Namen. 
Mit Vorliebe wählte Seh. Darstellungen aus der Kinderwelt, wobei er Genre, 
Tliierstücke und Landschaft in gleicher Wechselwirkung vereinte. In seinen 

II* 



164 Schütze. Ruprecht. Märold. 

Kinderscenen fühlt man das Vorbild von Ludwig Richter und Oscar Fletsch. 
Damit verband er aber auch eine sehr scharf beobachtende, durchweg von 
heiterem Humor angehauchte Darstellung der Thierwelt, insbesondere der 
Katzen, wobei er unwillkürlich an Henriette Ronner gemahnt. Die meisten 
seiner immer gesuchten kleinen Oelbilder wurden durch Photographie und 
Holzschnitt vervieltältigt und durch zahlreiche Clich^s verbreitet. Der treff- 
liche Künstler schied nach langem, mit Erblindung verbundenem Leiden. 

Vgl. Pecht Gesch der Münchener Kunst 1888, S. 350. Abendblatt 150 »AUgem. 
Ztg.« 2. Juni 1898. 

Hyac. Holland. 

Ruprecht, Carl Joh. Fr. Wilh., Buchhändler, ♦ 13. Sept. 182 1 in Göttingen, 
f 8. Januar 1898 in Berlin, trat nach gründlicher wissenschafdicher und fach- 
männischer Vorbildung, 1848 als Theilhaber in das berühmte väterliche Ge- 
schäft, die 1735 gegründete Buchhandlung von Vandenhoeck & Ruprecht in 
Göttingen ein, deren Alleinbesitzer er nach dem Tode seines Vaters, 1861, 
wurde. Das schon vorher unter der selbstständigen Firma Akademische 
Buchhandlung von V. & R. betriebene Sortiment ging 1874 käuflich in 
andere Hände über. R. widmete sich nach wie vor mit regstem Eifer dem 
durch viele berühmte Autoren und gediegene Werke, besonders aus den Ge- 
bieten der Theologie, Philologie, Pharmacie, Bibliographie u. s. w. aus- 
gezeichneten Verlage. Ein besonderes Verdienst erwarb sich R. u. A. durch 
die Schaffung und theilweise eigene Bearbeitung fachwissenschaftlicher perio- 
discher Weltkataloge in systematischer Anordnung (1847 ff-)* ^^ ^^^ Jahren 
1853 — 61 redigirte er das »Unterhaltungs- und Anzeigeblatt für Göttingen«. 
Vielseitig war sein Mitwirken bei communalen und buchhändlerischen An- 
gelegenheiten, wie er besonders auch zeitweilig an der Leitung des Börsen- 
vereins betheiligt war. Das Geschäft ging in den Besitz seiner schon 1888 
eingetretenen Söhne, Dr. Wilhelm und Gustav Ruprecht, über. 

Vgl. »Börsenblatt f. d. dt. Buchhdl.« 1885 Nr. 38 u. 248 (H. Ellissen), 1898 Nr. 7 
u. 15 u. Pfau, Biogr. Lex. d. dt. Buchhdls, 1890. 

H. Ellissen. 

Mirold Ludek M., Maler und Zeichner, ♦ 7. August 1863 zu Prag, 
f 30. November 1898 daselbst, lieferte frühzeitig Illustrationen zum »Svetozor«, 
besuchte 1881 die dortige Academie, 1882 die Schule von Gysis und Löfftz 
in München, wo er die ersten Aufträge (Holzschnittzeichnungen zu Hack- 
länders kleineren humoristischen Erzählungen) erhielt und damit das seiner 
Natur am meisten zusagende Gebiet betrat. Alsbald folgten weitere Be- 
stellungen für Buchhändler und Zeitungsverleger. So finden \\ir seinen Namen 
unter einer Scene »Vor der alten Residenz in München während der Auf- 
bahrung König Ludwig II.« Damals scheint M. schon in Beziehungen zu 
der berühmten Firma »Braun & Schneider« getreten zu sein. In Prag bildete 
er sich weiter 1887 — 88 bei Max Pirner und machte durch seine Oelbilder 
viel Aufsehen, insbesondere durch den »Eiermarkt in Prag« (angekauft für 
die Gallerie des Rudolfinums 1888) — ein Werk, womit der Künstler seine 
Eigenart schon völlig bekundete. »Das Concept (denn Composition kann man 
nicht gut sagen, es ist ja ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit) sehr pikant,, 
die Zeichnung virtuos, die Figuren, Prager Typen, scharf charakterisirt und 
lebendig gezeichnet, Luft und Farbengebung wahr und kühl, kurz die ganze 



Marold. Reitzel, 165 

Stimmung treffend, frisch und köstlich wiedergegeben.« Das Bild mag als ein 
wahres Programm für die Vorzüge des Künstlers gelten, der mit einem 
Stipendium nach Paris gesendet wurde, um sich in Gallands Atelier als 
Lehrer für die Kunstgewerbeschule auszubilden. M., welcher längst schon 
in Jean Beraud sein Ideal gefunden hatte, ging in Paris seine eigenen 
Wege, er erhielt neue Anregung von allen Seiten, machte sich in kurzer 
Zeit als Illustrator bekannt, gewann einen guten Namen, wurde von 
Verlegern gesucht. Er lieferte regelmässige artistische Beiträge zu Zeit- 
schriften, wie »Illustration«, zu »Figaro« u. dgl., auch eine französische 
Edition von Goethes »Werther« erhielt durch M. künstlerischen Schmuck. 
Seine eigentliche Domaine aber wurde das sog. »Salongenre«. In ununter- 
brochener, immer neuer Folge schuf er Scenen aus den aristokratischen 
Salons der modernen Haute- Vol^e, mit ihren unentbehrlichen, wechselbunten 
Moden, mit ihrem Trick und Sport; er schilderte das zu allen Zeiten immer 
gleiche blasirte Treiben der stets neu nachwachsenden goldenen Jüngelchen; 
die Allüren des geldbehäbigen Bankerthums; den fascinirenden Chic der 
Demi-monde mit dem ganzen ohrbetäubenden Hautgout des leichtbeweglichen 
Pariser Treibens: dieses echte Herzblut der bestrickenden, ewig jungen Seine- 
stadt rollte durch M.'s Schöpfungen, und zwar dargestellt in einer ihm wie 
angeboren geläufigen, einzig adäquaten, virtuosen und doch so grundsoliden ^ 

Technik von Guasch, Aquarell und Stift. Mit öfter wechselndem Aufenthalt 
zwischen Paris, München und Prag entstanden diese farbigen Zeichnungen, 
welche dem Künstler volle Sympathie und Bewunderung erwarben, welche 
durch das Panorama »Die Schlacht bei Lipany« noch gesteigert wurde. M. 
erhielt die goldene Medaille auf der Berliner Ausstellung; in München wurden 
drei seiner Aquarelle auf Staatskosten für das kgl. Kupferstich- Cabinet an- 
gekauft. Einen Schatz von fünfzig köstlichen Blättern erwarb die Verlags- 
buchhandlung Braun & Schneider, welche (Januar 1 899) im Münchener Kunst- 
verein zur Ausstellung kamen; einige davon wurden in den »Fliegenden Blättern« 
und die ganze Collection als »Marold -Album« 1899 bei Braun & Schneider 
in Holzschnitt reproducirt; ein eminentes Blatt »Krankenbesuch« (ein alter 
Arzt am Krankenlager einer jugendlichen Sängerin) findet sich als Helio- 
gravüre in Hanfstängl »Die Kunst unserer Zeit« (München 1899, ^- Heft). 
M.'s Kunst »ging nicht in die Tiefe, aber sie bewegt sich an der Oberfläche 
mit soviel Sicherheit und Grazie, in so weiser Selbstbeschränkung, dass Nie- 
mand ihm den Vorwurf der Oberflächlichkeit machen wird.« 

Vgl. Fr. V. Bötticher, Malerwerke, 1895, I. 940. MüUer-Singcr's Kttnstler-Lexikon 
1897, III. 114. »Kunst fUrAUe« 8. Hft. XIV. B. vom 15. Januar 1899. S. 122 (mit Portr.). 
F. Popp »Bayer. Kurier« 21. Januar 1899. 

Hyac. Holland. 

Reitzely Robert. Redacteur in Detroit im Staate Michigan, Vereinigte 
Staaten von Nordamerika, ♦ 27. Januar 1849 ^^ Schopfheim in Baden, 
f 31. März 1898 in Detroit. Seinen ersten Unterricht erhielt er von seinem 
Vater, der Schullehrer in seinem Geburtsort war. Dann war er der Reihe 
nach auf den G)rmnasien zu Karlsruhe, Mannheim und Konstanz; endlich 
auf der Universität Heidelberg, um protestantische Theologie zu studiren. Er gab 
jedoch das theologische Studium bald auf und widmete sich der Litteratur 
und Philosophie. Ohne formellen Abschluss seiner Universitätszeit durch ein 
Examen wanderte er im Jahre 187 1 nach Amerika aus. Er kostete die Leiden 



i66 . Reitzel. 

eines mittellosen Einwanderers ohne Beruf wacker aus und führte zumeist in 
New- York und Baltimore ein ruheloses, ungeregeltes Leben. In Baltimore 
arbeitete er eine Zeit lang in einer Tabakfabrik. In Washington gelang es 
ihm, sich eine angemessenere Stellung zu erwerben. Er legte vor der dortigen 
deutsch-reformirten Synode das vorgeschriebene theologische Amtsexamen ab 
und wurde zum Prediger ordinirt. Er erhielt ein Predigtamt in der Bundes- 
hauptstadt, dem er eine Zeit lang vorstand, bis seine freieren Anschauungen 
einen Bruch mit der orthodoxen Kirchenbehörde herbeiführten. Seine liebens- 
würdige, beredte und magnetische Persönlichkeit vermochte es jedoch, dass 
fast seine ganze Gemeinde sich auf seine Seite stellte und mit ihm eine freie 
Gemeinde gründete, was durch die fast autonome Stellung der einzelnen kirch- 
lichen Gemeinden Amerikas wesentlich erleichtert wurde. Als freireligiöser 
Wanderredner besuchte er seit 1874 alle grösseren Städte des Landes, und 
überhaupt alle Orte, wo sich eine in den Traditionen des 48 er Liberalismus 
lebende, eingewanderte deutsche Bevölkerung befand. Hier unter den durch 
die politischen Wirren der deutschen Revolution nach Amerika verschlagenen 
Deutschen fand er einen günstigen Boden ftir die Verbreitung Feuerbachischer 
und radical-politischer Ideen. Allerorten fand er die freundlichste Aufnahme 
bei den politisch oder religiös radicalen Elementen desDeutsch-Amerikanerthums. 
Zum nicht geringen Theile wurde der Umschwung in seinen Anschauungen 
durch seine Bekanntschaft mit Karl Heinzen beschleunigt. 1876 kam er zum 
ersten Male nach Detroit und hielt im Hause des Sozialen Turnvereins daselbst 
Sonntagsvorträge, und Ende der 70 er Jahre siedelte er ganz dahin über. Von 
hier aus bereiste er die mittleren und westlichen Staaten, überall in den 
deutschen Freidenker- und Turnvereinen Vorträge über religionsphilosophische 
und späterhin immer mehr auch über litterarische Fragen haltend. 1884 
gründete er mit Hülfe seiner Freunde eine litterarische Wochenschrift, der er 
den Namen »Der arme Teufel« gab. Der Erfolg dieser ganz eigenartigen 
Zeitschrift ermöglichte es ihm, sich ganz und gar seinem Blatte zu widmen, 
dessen Inhalt er im Wesentlichen allein verfasste. »Der arme Teufel« wurde 
das geistige Bindemittel vieler Hunderte überallhin verstreuter freigeistiger 
deutscher Männer und Frauen. Dies Blatt redigirte er ununterbrochen bis 
an sein Lebensende. Ein reicher Detroiter Brauer, Robert Lieber, aus Süd- 
deutschland stammend, gab ihm die Mittel, um 1889 eine längere Reise nach 
seiner Heimath und nach der Schweiz zu machen, wo er mit einer Reihe 
jüngstdeutscher Dichter radicaler Tendenz (Henckell, Mackay, M. v. Stern, 
Oskar Panizza u. A.) intimere Bekanntschaft machte. 1893 wurde er von 
einem Rückenmarksleiden befallen, das sich 1894 so sehr verschlimmerte, 
dass ihm die Beine lahm wurden und er bis zu seinem Tode ans Bett ge- 
fesselt blieb. Der Tod erfolgte unter grossen Qualen, die von R. mit helden- 
hafter Standhaftigkeit ertragen wurden, an Rückenmarksschwindsucht, kurz 
vor Mitternacht des 31. März. Die Leiche wurde am 2. April darauf zu 
Detroit verbrannt. Es überlebte ihn seine Wittwe, Anna geb. Martin, aus 
Washington, mit der er seit 1872 verheirath^t war, und von seinen 8 Kindern, 
2 Töchter und ein Sohn. 

Mit ihm ist eine in mancher Hinsicht typische und doch auch nieder 
ganz eigenthümliche Gestalt deutschamerikanischen Lebens dahingegangen. 
Durch Tradition (seine heiss geliebte, früh verstorbene Mutter sympatliisirte 
stark mit den badischen Revolutionären von 1848) und persönliche Anlage 
für die Freiheit Nordamerikas gleichsam prädestinirt, hat er Zeit seines Lebens 



Reitzel. VValdow. 167 

durch Wort und That die Freiheit des Individuums nach allen Richtungen 
zu fördern gesucht. Auf religiösem Gebiete hat er dogmatischen Zwang und 
Intoleranz bekämpft, doch nie die wahrhaft religiösen Gefühle beleidigt oder 
verletzt. Keiner politischen und socialen Partei angehörig, ist er mit freudigem 
Eifer für die Befreiung der modernen Lohnarbeiter aus unwürdiger, macht- 
und rechtloser Stellung eingetreten. Für das Recht der Frau auf Individualität 
und grössere Selbstständigkeit brach er manche Lanze, wie er überhaupt für 
natürlichere, weniger heuchlerisch-moralische Beziehungen zwischen den beiden 
Geschlechtem plädirte. Als Mittel zur Propaganda seiner Bestrebungen diente 
ihm das gesprochene Wort und seit Gründung des »Armen Teufels« noch 
mehr seine journalistische Thätigkeit. 

R. ist auch öfter mit Gedichten hervorgetreten. Aber seine eigentliche 
Kraft lag auf dem Gebiete einer blendenden, gehaltvollen Prosa. Mit Recht 
konnte er von sich sagen, dass er der deutschen Sprache in Amerika einen 
kleinen Tempel errichtet, dass er unter Handelsbotokuden, Zeitungsk affern und 
>mir und mich« Biedermännern die Sprache Lessings, Goethes und Schillers 
geredet habe. In feinsinnigen Essays vermittelte er den Deutschamerikanern 
die intime Kenntniss seiner litterarischen Lieblinge: die Klassiker, G. Keller, 
Heine, Scheffel, Anzengruber, Storm, von Nichtdeutschen namentlich die Ameri- 
kaner Emerson, Thoreau, Wm. Curtis, Walt Whitman, den Franzosen Claude 
Tillier, und von der jungen Dichtergeneration die radicalen Tendenzpoeten 
sowie Friedrich Nietzsche. Ein hoch entwickeltes Naturgefühl und eine leiden- 
schaftliche Liebe zu seiner alemannischen Heimath, seinem Volke, war ihm 
eigen. Dies äusserte sich auch in seiner Vorliebe für die Dialectpoesie, Reuter, 
Rosegger u. A. 

Eine ausgewählte Sammlung von R.'s Essays, Gedichten, Skizzen und Aufsätzen be- 
reitet der jetzige Redacteur des »Armen Teufels«, Dr. Martin Drescher in Detroit, vor. 
Sie wird R. R. auch in Deutschland bekannt machen. 

»Der arme Teufel« 1884 — 1898; die »Gesellschaft«, Jahrgang 1898, Aufsatz von Wil- 
helm Spohr; »Der Sozialist« (Berlin). VIII. Jahrg., Nr. 19 (»Robert Reitzel-Nuromer«, hat 
auch ein Bildniss); »Libert)'« (Herausgeber Benjamin Tucker) New-York, 15. April 1898. 
Ein Bild findet sich in Nr. 697 des »Armen Teufels«. 

Karl Detlev Jessen. 

Waldow, Alexander, Buchdrucker und Verlagsbuchhändler, * 5. Februar 
1834 zu Stolp in Pommern, f 8. October 1898, Sohn wohlhabender Eltern, 
beendete seine Schulzeit in Dresden und widmete sich der Buchdruckerei, 
die er bei Meinhold & Söhne und Liepsch & Reichhardt in Dresden er- 
lernte. Später war er, besonders als Accidenzsetzer, in bedeutenden Druckereien 
in Dessau, wieder in Dresden und in Leipzig beschäftigt. 1857 übernahm 
er die Leitung der J. D. Sauerländer' sehen Buchdruckerei in Frankfurt a. M. 
Nach Leipzig zurückgekehrt, gründete er am i. Juli 1860 eine eigene Buch- 
und Kunstdruckerei, mit der er bald eine Verlagsbuchhandlung für typographische 
Litteratur und eine Buchdruck-Utensilienhandlung verband. Mit einer »Taschen- 
Agenda für Buchdrucker« (1862) eröffnete er seine verdienstliche fachschrift- 
stellerische Thätigkeit und führte sie unablässig fo^t in dem 1864 gegründeten 
''Archiv für Buchdruckerkunst«. Andere, zumeist aus seiner Feder hervor- 
gegangene Werke sind die »Lehre vom Accidenzsatz«, die »Anleitung zum 
Farbendruck auf der Buchdruckpresse«, das »Grosse Lehrbuch der Buch- 
druckerkunst«, das »Lehrbuch für Schriftsetzer«, »Die Buchdruckerkunst in 



i68 Waldaw. Dodge. Volkening. 

ihrem technischen Betriebe« und die umfassende illustrirte »Encyclopädie 
der graphischen Künste«. 

Vgl. »Zeitschrift f. Deutschlands Buchdrucker« 1898, Nr. 41 (Nekrolog v. H. Schwarz, 
m. Portr.), »Archiv f. Buchdruckerkimst« 1898, H. 11 (m. Portr.), »Börsenblatt f. d. dtsch. 
Buchhdl.« 1898, Nr. 236 und Pfau, K. F., Biogr. Lex. d. dtsch. Buchhdls. Lpzg. 1890 
(m. Portr.). 

H. Ellissen. 

Dodge, Emest, Landschaftsmaler und Radirer, * 26. August 1863 zu 
Boston, f 21. August 1898 zu Mitterndorf bei Dachau; kam 1892 nach 
München, besuchte nur kurze Zeit die Akademie, bildete sich dann aber, wie 
sein jüngerer Kunst- und Gesinnungsgenosse und Landsmann Sion Longly 
Wenban (vgl. unser Jahrbuch 1898 S. 216 ff.) in eigensinniger, autodidaktischer 
Zurückgezogenheit und entbehrungsvoller Entsagung. »Er war ein Träumer 
und Sinner, dem die Stimmungen und Farben des Dachauer Moores, die 
stillen Wasserspiegel im Abendlichte, zitterndes Birkenlaub am Wiesenrain, 
graues Rohr im Herbstwinde zu lyrischen Stücken wurden.« Aber seine un- 
gelenke Hand blieb hart und rauh und vermochte, auf beirathende Hülfe 
verzichtend, die in ihm lebende Poesie nicht zum Ausdruck zu bringen. Ln 
Ringen um die Formgebung erkalteten seine Gedanken und Gefühle. Es blieb 
ihm etwas Unbeholfenes; Schönheit war ihm versagt: so erging sich sein 
Geist in absurden Experimenten und Reproductionen. Die schlichten Blumen 
der Haide und des Waldes gestaltete er zu willkürlichen, dürftigen Orna- 
menten, die er in der Münchener »Jugend« spärlich zu Markte trug. Da 
ihm nichts genügte, brachte er wenig zur Reife. Auf der Ausstellung der 
Münchener Secession erschien 1898 (Nr. 237) ein unschöner »Mädchenkopf« 
als Aquarell. Das Ungewohnte und Seltsame liess das Publikum begreiflich 
kalt. Er tastete so lange an seinen Productionen, als hätte er selbst keine 
Freude daran. So kostete er der »Sorgen und Mühen« genug und fand doch 
noch Zeit, draussen im Moor den Leidenden in allerlei Gebrest Rath und 
Hilfe zu bringen. Er liebte die »bayerische Haide«, er fuhr sein selbst- 
gebautes Malerzelt an sonnigen wie an rauhen Tagen hinaus über schmale 
Wege und braunen Moorgrund und manche Nacht lag er träumend unter 
freiem Himmel.« Der anfangs November 1898 im Kunstverein ausgestellte 
Nachlass des Künstlers, welcher zeitlebens dem Publikum so sorgsam aus 
dem Wege ging, fand kaum die verdiente Theilnahme. D. war ein herzens- 
guter, liebenswürdiger Mensch; um seinen "A^erlust trauern Weib und Kind 
und viele Freunde, 

Vgl. Nr. 395 »Neueste Nachrichten« vom 28. August u. Nr. 507 ebendas. vom 3. No- 
vember 1898. Fr. Popp in Nr. 311 »Bayer. Kurier« 11. November 1S98. 

Hyac. Holland. 

Volkening, August Heinrich, Buchhändler, * 16. Juli 1834 als der 
vierte Sohn des Goldschmieds und Landwirths V. zu Minden in Westfalen, 
f 13. Juni 1898 in Leipzig, besuchte die Bürgerschule und das Gymnasium 
in Minden, kam dann ii\ eine kaufmännische Lehre und hatte Gehilfen- 
stellungen in Rinteln, Bremen und Herford inne. An letzterem Ort war mit 
dem Geschäft eine Buchhandlung verbunden, was bestimmend für V.'s 
späteren Lebensberuf wurde. Zu seiner weiteren Ausbildung arbeitete er in 
einem Leipziger Commissionsgeschäfte , dann in einer Buchhandlung in 



Volkening. Fränkel. Märtens. 169 

Aschersleben, wo er zugleich mit dem Buchdruckwesen sich gründlich ver- 
traut machte, sodass er das damals geforderte Examen in Magdeburg be- 
stehen konnte. Im October 1861 gründete er eine Buchhandlung in Minden. 
Durch seine Verbindung mit bedeutenden Schulmännern, wie Jütting, 
L. W. Seyffarth und W. Fricke, wurde er bald auch zu Verlagsunternehmungen 
angeregt. Durch Erweiterung des Verlags wurde V. 1871 zur Abtretung des 
Sortiments und Uebersiedelung nach Leipzig, dann auch zur Gründung eines 
Commissionsgeschäftes und einer Buchdruckerei veranlasst. Ein gleichzeitig 
eintretender Theilhaber, Berthold Siegismund, schied bereits 1873 wieder aus. 
Viele und grosse Verlagsuntemehmungen danken den siebenziger und späteren 
Jahren ihre Entstehung, so eine Biographische, eine Pädagogische Bibliothek 
(die Klassiker der Pädagogik in gediegenen Ausgaben) ausserordentlich ver- 
breitetete Schüler- und Lehrerkalender (seit einigen Jahren Verlag von 
Ed. Volkening, Lpz.), Anthologien, speciell für den Buchhandel wichtige 
Bibliographien, pädagogische Zeitschriften u. s. w. Wie V. vorwiegend der 
Schöpfer dieser Unternehmungen war, so legte er auch bei der Ausarbeitung 
vielfach selbst Hand mit an. Gewöhnt bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
ist er solcher Ueberanstrengung leider allzufrüh erlegen. 

Vgl. »Schuler-Kalender f. i899«(m.Portr.) u. »Börsenblatt f. d. dt. Buchh. 1898« Nr. 135. 

H. Ellissen. 

Fränkel, Ferdinand, Schriftsteller, * 16. November 181 5 zu München, 
715. Mai 1898, erst Buchbinder, dann Schauspieler und dramatischer Dichter, 
machte sich durch seine vielversprechenden, nach dem Vorbilde von Raimund 
und Nestroy verfassten Volksschauspiele einen Namen; dazu gehören »Der 
Goldsee« (Originalzauberposse), »Der Schwärzer und sein Dirndl« (Charakter- 
bild aus dem bayer. Hochland), »Adelheid, die Soldatenbraut« (auch »Die 
Beterin an der Mariensäule«, Schauspiel), »Fürst und Volk« (Lebensbild), 
München 1852 in 4 Bändchen. Dann warf sich F. auf die kleine Journalistik, 
schrieb für Tagesblätter, begründete selbst ähnliche Unternehmungen, wie die 
nach Wiener Mustern gehaltene und illustrirte »Stadtfraubase« (1862 flf.) und 
die spätere «Hofbräuhaus-Zeitung«, etablirte eine Buchdruckerei, bethätigte 
sich an allerlei Unternehmungen und Projekten, verfasste viele Flugblätter, 
Brochuren, auch weitere Dramen, Possen und eine Menge »Gelegenheits- 
Gedichte«. 

Hyac. Holland. 

Märtens, Hermann, Eduard, Kgl. Baurat, * 16. August 1823 zu Halber- 
stadt, f 3. November 1898 zu Bonn, Sohn des Halberstädter Superintendenten 
Märtens, studirte an der Berliner Akademie Baufach, war in den verschieden- 
sten Städten Preussens amtlich thätig, eine Zeit lang in den 50 er Jahren Docent 
an der landwirthschaftiichen Akademie in Poppeisdorf bei Bonn, später in 
Cöln Gamisonbaumeister (er baute dort den Glaspalast des Floragartens) 
und zuletzt amtlich in Aachen angestellt. 1870 zog er sich ins Privatleben 
nach Bonn zurück, wo er noch die Synagoge erbaute, im übrigen lebte er 
vorherrschend seiner litterarischen Thätigkeit. An der Entwicklung der auf- 
blühenden Stadt Bonn nahm er stets regen, thätigen Antheil, politisch und 
religiös war er ein entschiedener Verfechter des liberalen protestantischen 
Gedankens. Sein litterarisches Bestreben war darauf gerichtet, die Ergebnisse 
der Helmholtzschen Untersuchungen über physiologische Optik für die bildende 



lyo 



Märtens. Bonde. 



Kunst nutzbar zu machen. Er folgerte aus der Arbeit dieses grossen Phy- 
sikers, dass, wie das Auge in seiner Thätigkeit an streng mathematisch 
formulirbare Gesetze gebunden sei, so auch der Künstler, dessen Werke 
durch das Auge dem Menschen zum Bewusstsein gebracht werden, ganz be- 
stimmte Gesetze seiner Thätigkeit zu Grunde legen müsse. Ohne im mindesten 
zu leugnen, dass das wahre Genie in vielen Fällen unbewusst solchen Ge- 
setzen folge, betonte er doch entschieden, dass damit diese Gesetze nicht 
entbehrlich würden und bemühte sich in seinem »Optischen Maassstab« oder 
»Die Theorie und Praxis des ästhetischen Sehens in den bildenden Künsten« 
(I. Auflage, Bonn, Fr. Cohen, 1877; II. gänzl. umgearbeitete, Berlin, Wasmuth 
1884), die Gesetze des Näheren zu entwickeln und auf die Praxis anzuwenden. 
Vor Allem wendete er seine Aufmerksamkeit den Grössenverhältnissen antiker, 
mittelalterlicher und moderner Sculpturen und Bauwerke zu, die er in Be- 
ziehung zu ihrer landschaftlichen und sonstigen Umgebung kritisch studirte. 
Um auch dem Laien und dem Kunsthandwerker seine Theorien verständlich 
zu machen, verfasste M. im J. 1881 zwei kleinere Brochuren, gewissermaassen 
Auszüge seines grösseren Werkes und Anwendungen auf einzelne Fälle des 
praktischen Lebens: i) Zwei Elementarpunkte der Kunstbetrachtung und 
Kunstübung, Bonn, Fr. Cohen, 1881. 2) Ueber Deutlichkeit und Harmonie 
der Druckschriften mit ihren pflanzlichen und figürlichen Ornamenten, Bonn, 
Fr. Cohen, 1881. Im Jahre 1885 folgte dann die »Skizze zu einer prakt. 
Aesthetik der Baukunst und der ihr dienenden Schwester-Künste in einem 
neuen System zusammengestellt«, Berlin, Wasmuth, 1885, ein Werk, das im 
J. 1887 in II. Auflage als »Praktische Aesthetik der Baukunst und der ge- 
werblichen Künste« als Compendium bearbeitet bei Fr. Cohen, Bonn, her- 
auskam. In einer kleineren Arbeit »Ueber die Grössenmaasse und über den 
Stil des in Berlin am Lustgarten zu erbauenden Domes« (als Manuskr. gedr.), 
nahm M. zu dieser Frage Stellung, um im Jahre 1890 sein »Optisches Maass 
für den Städtebau« (Bonn, Fr. Cohen) folgen zu lassen. Den Abschluss seiner 
Thätigkeit bildete das illustrirte Prachtwerk: »Die deutschen Bildsäulendenk- 
male des XIX. Jahrhunderts. (Stuttgart. Jul. Hofimann 1892.) 

Nekrologe veröffentlicht in der »Bonner Zeitung« VII, Jahrg. Nr. 265 vom S. Nov. 
1898 und der »Vossischen Zeitung« 1898 Nr. 533 (13. November). 

— r — 

Bonde, Oskar, Buchhändler etc., * 17. Nov. 1825 als Sohn des Oberförsters 
B. in Zschemichen bei Altenburg, f 15. Juli 1898 in Altenburg, erlernte den 
Buchhandel bei K. F. Koehler in Leipzig, in dessen Geschäft er dann noch bis 
1845 ^^s Gehilfe thätig war. Weitere Gehilfenstellungen hatte B. in Prag, 
Ztirich, Pest und wieder bei K. F. Koehler inne. Von Ende 1852 bis 1856 
war er Geschäftsführer bei Friedrich Brandstetter in Leipzig. In diesem Jahre 
erwarb er die 1850 gegründete J. H. Jacob'sche Buchhandlung in Altenburg, 

1860 auch den Verlag der 1847 gegründeten »Altenburger Zeitung«. Seit 

1861 wurde das Geschäft unter der Firma »Oskar Bonde« fortgeführt, all- 
mählich auch durch den Verlag gediegener und weitverbreiteter Lehrbücher 
und anderer Werke, von denen nur H. Kluges in vielen Auflagen erschienene 
und in mehrere Sprachen übersetzte »Geschichte der deutschen Litteratur« 
erwähnt sei, erweitert. Eine 1872 gegründete eigene Buchdruckerei übernahm 
bald auch Druckaufträge vieler auswärtiger Verlagsfirmen und gewann 1886 
den ersten Preis der Altenburger Landesausstellung. Das Personal der Druckerei 



Bonde. Halbreiter. 



171 



besteht aus 70, das Gesammtpersonal der Firma aus 90 Personen. Von 
äusseren Anerkennungen, die B. zu Theil wurden, möge nur erwähnt sein, 
dass er 1862 zum Sachsen -Altenburgischen Hofbuchhändler, 1890 zum 
Commissionsrath ernannt wurde. Auch sein . humanitäres und gemeinnützig 
buchhändlerisches Wirken wurde entsprechend gewürdigt. Jahrelang war er 
u. A. Vorstandsmitglied des Buchhändler-Verbandes für Sachsen und Sachsen- 
Altenburg. Als Gelegenheitsschriftsteller trat B. u. A. auf mit »Erinnerungen 
eines Lehrlings aus der K. F. Koehler'schen Schule«, sowie mit einer Reihe 
bes. in der »Altenburger Zeitung«, veröffentlichter Gedichte, Reisefahrten, Um- 
schauen und humoristischen Wochenplaudereien. 

Vgl. Börsenblatt f. d. dt. Buchh. 1898, Nr. 180 (Nekrolog v. Franz Volger). 

H. Ellissen. 

Halbreiter, Adolf, Bildhauer und Ciseleur, * 13. Mai 1839 ^" Rosen- 
heim, f 28. Juni 1898 zu München. Sein Vater war der als Arzt damals zu 
Rosenheim practicirende Dr. Michael H., welcher in Folge seines unruhigen 
Wandertriebes ein gut Stück Welt gesehen und für seine im Sanitätsfach bei 
der Belagerung von Sebastopol den Russen geleisteten Dienste die silberne 
Kriegsmedaille und den Stanislausorden erhalten hatte. H. lernte zuerst bei 
seinem Oheim, dem durch seine Fresken in der kgl. Residenz zu Athen und 
durch seine Reisen nach Constantinopel, Kleinasien, Palästina, Aegypten und 
Italien wohlbekannten Historienmaler Ulrich H., welcher als Inhaber der da- 
mals frisch aufblühenden Firma Sanctjohanser seinen Neffen bei dessen so 
frühzeitig hervorbrechender Begabung zum Silber- und Goldschmied ausbildete. 
Hier machte sich der äusserst strebsame junge Mann mit dem ganzen Umfang 
der Technik bekannt und bewies damals schon seine feinfühlige Vorliebe für 
Emaille in Verbindung von Perlen- und Edelstein fassung, dann besuchte er die 
unter der Direction des geistvollen Hermann Dyck (*i8i2 fi874) florirende 
Kunstgewerbeschule und arbeitete ausserdem als Bildhauer an der Akademie 
im Wetteifer mit Fritz von Miller, Anton Hess, Lorenz Gedon u. A. Nach 
solcher Vorbereitung ging H. nach Paris und arbeitete vier Jahre lang in den 
besten Ateliers als Ciseleur. Zurückgekehrt gründete er in München eine 
eigene Werkstätte für kunstgewerbliche Metallarbeiten, aus welcher bald die 
trefflichsten Erzeugnisse, Brochen, Nädelchen, Tafelzier, Poeale aller Art, 
Lüsterweibchen, Schatzkästchen, darunter auch ein vielbewunderter Braut- 
schmuck (1875) hervorgingen. Infolge dieser Leistungen erhielt H. 1878 einen 
Ruf als Professor und Leiter der Modellir- und Ciseleurabtheilung an die 
Kunstgewerbeschule in Dresden; König Ludwig IL wünschte, dass eine so 
befähigte Kraft für Bayern erhalten bleibe, ertheilte ihm Titel und Rang eines 
kgl. Professors und fesselte den Künstler durch eigene Aufträge. Dazu ge- 
hörte beispielsweise der herrliche Tafelaufsatz, welchen König Ludwig II. der 
Universität Würzburg zur dritten Saecularfeier stiftete. (Abbildung in der 
Zeitschrift des Kunstgewerbe-Vereins zu München 1886, Tafel i und 2 und 
in Pechts Geschichte der Münchener Kunst 1888, S. 473). Obwohl H. 
sonst mehr auf den ornamentalen als den figürlichen Theil Gewicht legte, so 
waren hier die in Silber gegossenen Figuren der Alma-Julia mit den vier 
Facultäten vortrefflich gearbeitet. Für Riedinger in Augsburg fertigte H. nach 
Hauberrissers Zeichnung in stilvoller, reichster Gothik einen gewaltigen Kron- 
leuchter mit 24 Armen und 120 Flammen (1880). Andere Arbeiten waren 
ein Halsgehänge (Abbildung in der Zeitschrift des Kunstgewerbevereins 1880, 



1^2 Halbrciter. Werner. 

Taf. i6), ein schmiedeeiserner Lüster (nach Rudolf Seitz, ebendas. 1881 
Taf. 37), ein Lüster für Gas für Herrn J. C. Schön in Worms (nach G. Seidl, 
das Figürliche von Gramer, ebendas. 1882, Taf. 5), ein Becher aus einer 
Cocosnuss, ein anderer aus einer Muschel, ein Pocal im Stile der Früh- 
renaissance als Ehrengabe des Prinzen Ludwig von Baiern zum deutschen 
Bundesschiessen (1881). Femer zwei Poeale als Ehrengeschenk einer Kegel- 
gesellschaft in Form eines Kegels (nach Rud. Seitz, ebendas. 1882, Taf. 13) 
und in Gestalt einer Kugel (nach Barth und Gedon, ebendas. Taf. 14), ein 
Lüsterweibchen mit Hirschgeweih und einer Syringen-spielenden Meerfei (nach 
L. Herterich, ebendas. Taf. 24), im Auftrage des Kaisers von Oesterreich der 
Schmuck- und Ordensschrein für Prinz Leopold von Baiem (1882), für den 
Prinzregenten Luitpold die Prachtgruppe mit dem im Jagdhabit neben seinem 
aufgezäumten Ross vor deni Hirsche knieenden St. Hubertus (Abb. ebendas. 
1883, Taf. 25), alles mit bewunderungswürdiger Sicherheit in weichen Formen, 
die den Meissel und das Material ganz vergessen lassen. Ebendaselbst finden 
sich die Abbildungen von silbernen Leuchtern (1883, Taf. 30 für Prinz Leo- 
pold), die Diplomdecke zur Adresse für den hochverdienten Erzgiesser Fer- 
dinand von Miller (1884, Taf. 12), ein getriebener Lüsterarm mit Verzierungen 
von ausgeschliffenem Crystall (1885, Taf. 25), ein Kronleuchter für electrische 
Glühlichter (1889, Taf. 4), ein Tafelaufsatz aus oxydirtem Süber mit Lapisla- 
zuli und Crystallglas (1889, ^^^' ^S) ^- s. w., ganz originelle Schöpfungen, 
welche das Können des erfindungsreichen Künstlers im ehrendsten Sinne in 
die Welt trugen. Die weitere Ausführung seiner Pläne und Projecte lähmte 
ein bösartiger Gelenkrheumatismus, welcher nach langem Leiden den Künstler 
seinem glücklichen Familienleben und seinen zahlreichen Freunden durch einen 
allzufrühen Tod entriss. Stets neidlos, offenherzig, edel und wahr, hatte er 
keinen Feind. 

Vgl. Das Geistige Deutschland (1898), S. 264. No. 185 Allgcm. Ztg. 7. VII, 1898. 
Kunstvereinsbericht f. 1898, S. 70. 

^ Hyac. Holland. 

Werner, Karl, Landesschulinspector, *5. Mai 1828 in Wien, f 26. März 
1898 in Meran. Er war ein Sohn des ehemaligen Schullehrers und späteren 
Wiener Magistratsbeamten Johann W. und seiner Frau Josepha, geb. Conrad, 
besuchte die Schulen seiner Vaterstadt, 1884 ^^^ sogenannte »Philosophie* 
und bezog 1846 die juridische Fakultät in Wien. Im Jahre 1848 nahm er 
wegen seiner körperlichen Kleinheit an der akademischen Legion nur als 
Mitglied der Adjutantur Theil und begab sich im Herbste dieses Jahres zur 
Fortsetzung seiner Studien nach Graz, kehrte aber schon im Winter 1849 
wieder nach Wien zurück und legte im Jahre 1850 in Olmütz das erste 
juridische Rigorosum ab. Eine tiefe Neigung zu Rosine Heller in Iglau, 
wohin er mit seinem Studiengenossen und Freunde Vincenz Heller zum 
Ferienbesuch gekommen war, weckte den .sehnsüchtige Wunsch, bald ein 
eigenes Heim zu gründen. Das bestärkte ihn in seinem Entschlüsse, das ohne 
Vorliebe gewählte juridische Studium aufzugeben und sich dem Gymnasial- 
lehramte zu widmen, das gerade damals der Reform unterzogen wurde. Sein 
Interesse für die Litteratur war früh rege geworden und hatte ihn zu eigener 
Bethätigung angeregt. Er verfasste Novellen und Gedichte, kritische und 
journalistische Aufsätze und lebte im Kreise mehrerer angehender Schriftsteller, 
die sich zur sogenannten »Glaserei« vereinigten; im Hause des späteren 



Wcmcr. 



173 



Justizministers Julius Glaser versammelten sich ausser Werner die beiden 
Brüder Angelo und Emil Kuh, der Componist Carl Debrois van Bruyk und 
einige andere zu litterarischen Abenden. Die meisten waren Verehrer Friedrich 
Hebbels und traten begeistert für seine Werke durch ihre Schriften ein. 
W. wurde mit Hebbel genauer bekannt, da er ihm als Feuilletonredakteur 
der Wiener Reichszeitung einen Aufsatz über Erzherzog Johann einschickte, 
der auch erschien. Hebbel schätzte die Darstellungsgabe des jungen Wieners 
sehr hoch und beurtheilte sie desshalb besonders günstig, weil er sie frei von 
den ihm unleidlichen Unarten der Wiener Schreibweise fand. Für Hebbels 
»Rubin« suchte W. in einer Reihe von Aufsätzen der Wiener Zeitung 
Stimmung zu machen. Ein Beitrag zu Kolatscheks Monatsschrift hatte zur 
Folge, dass Kolatschek einen Contrakt mit ihm schloss, der ihn gegen ein 
glänzendes Honorar zu regelmässigen Berichten aus Wien verpflichtete. 
So war Aussicht vorhanden, dass sich W. eine Schriftstellerexistenz be- 
gründe, doch sein Wunsch, die Braut bald heimzufuhren, veranlasste ihn, 
sich um die gesicherte Stellung eines Mittelschullehrers zu bewerben. So kam 
er als supplirender Lehrer ans Obergymnasium in Olmütz und lehrte dort 
Deutsch, Geographie und Geschichte. Die Situation war keinesfalls leicht, 
denn die Umwandlung der ehemaligen »Philosophie« in die zwei letzten 
G3rmnasialk]assen erregte die betroffenen jungen Leute, die nun statt der 
»Herren« Studenten weiter Schüler bleiben mussten. W. hatte doppelte 
Schwierigkeiten, da ihm von der Natur eine imponirende Gestalt versagt 
worden war, und er noch sehr jung aussah. Einer seiner damaligen Schüler, 
der jetzige Oberlandesgerichtspräsident Eduard Senft in Brunn, erzählte mir, 
dass die Klasse geglaubt hatte, mit W. rasch fertig zu werden, dass er 
ihr aber durch seine Ruhe, sein Wissen und seinen Tact imponirte und bald 
ihr Liebling wurde. Natürlich machte das neue Amt viel zu schaffen und 
gestattete litterarisches Arbeiten nur wenig. W. kehrte noch einmal nach 
Wien zurück, um bei A. Jäger im historischen Seminar zu arbeiten und seine 
Lehramtsprüfung (1853) abzulegen. Hierauf wurde er zum Gymnasiallehrer 
in Iglau ernannt, heirathete im November 1853 und begründete dadurch eine 
Ehe, die nahezu 40 Jahre glücklich währte. 

In Iglau entfaltete nun W. eine sehr rege Thätigkeit. Als Lehrer 
gehörte er zu den beliebtesten Professoren und förderte, wie es in einem 
Programme des G3m[inasiums heisst, durch seine pädagogische Umsicht, wissen- 
schaftliche Gründlichkeit und erfolgreiche Entschiedenheit Ansehen und Ruf 
des Iglauer Gymnasiums. An dem geselligen Leben der Stadt nahm er leb- 
haften Antheil und suchte durch öffentliche Vorträge, durch Veranstaltung 
von »Academien«, durch Förderung des Vereinslebens eine tiefere Geselligkeit 
anzubahnen. Er zählte zu den Gründern des Iglauer Männerturnvereins und 
trug dazu bei, dass auch die Schüler des Gymnasiums Turnunterricht genossen. 
Er war auch Lehrer des Französischen am Gymnasium und trat oft mit Ein- 
setzung seiner Stellung für Fortschritt und Liberalismus ein, so dass ihm 
seine Mitbürger sogar das Abgeordnetenmandat antrugen; er nahm es jedoch 
nicht an, sondern verhalf Dr. Eduard Sturm zur Wahl, was dieser immer 
dankbar hervorhob. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht trug er zum Ruhm 
seiner neuen Heimath bei: über den Meistergesang in Iglau, über die Ge- 
werbsverhältnisse im 15. Jahrhundert, über die Verbreitung des Humanismus 
in Mähren schrieb er Zeitschriften- und Programmaufsätze, indem er durchaus 
auf die Quellen und Archivalien zurückging. 1856 ernannte ihn desshalb der 



174 



Werner. 



mährische Landesausschuss zum Landesarchivs-Correspondenten. Für seine 
»Urkundliche Geschichte der Iglauer Tuchmacherzunft (Leipzig 1861) erhielt 
er den Preis der ftirstl. Jablonowskischen Gesellschaft in Leipzig und wurde 
er zum correspondirenden Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften in Görlitz ernannt. Dieses preisgekrönte Werk schilderte mit 
Ausbeutung der von W. gesammelten Urkunden die Schicksale der in 
Iglau massgebenden Tuchmacherzunft von ihren Anfängen bis zu ihrem Auf- 
hören, verwerthete durchgehend die politischen Verhältnisse und die ähnlichen 
Erscheinungen in anderen Industrieorten zur Erklärung der Thatsachen und 
gelangte dadurch zu einer Darstellung der inneren Veränderungen, nicht bloss 
der äusseren Ereignisse. Ein Stück Wirthschaftsgeschichte, damit aber zu- 
gleich das hauptsächlichste Geschick der Iglauer Stadtgeschichte wurde 
entfaltet, und es wurde nur bedauert, dass W. nicht, wie er es so leicht 
hätte thun können, ein Urkundenbuch der Iglauer Tuchmacherzunft anschloss. 
Im Jahre 1861 begann W. eine Geschichte des Iglauer Gymnasiums zu 
schreiben, zu der er mit der Unterstützung des Unterrichtsministeriums eine 
wissenschaftliche Reise nach Sachsen unternahm; das Werk fand sich im 
Nachlasse des Verfassers handschriftlich vor, nur ein Theil wurde in den Mit- 
theilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte ver- 
öffentlicht. Im Jahre 1863 publicirte er in der populären Sammlung 
»Oesterreichische Geschichte für das Volk« die Geschichte des Kaisers Franz II. 
bis 1803. 

Nach nahezu fünfzehnjähriger Wirksamkeit schied er 1868 von Iglau, 
weil er ans deutsche Obergymnasium nach Brunn als Professor versetzt 
worden war. Auch hier erwarb er sich rasch allgemeine Beliebtheit und 
habilitirte sich an der technischen Hochschule durch eine Probevorlesung 
für allgemeine Welt- und österreichische Geschichte, zudem war er in der 
Redaktion des »Mährischen Correspondenten« thätig, den er gelegentlich 
während der Ferien schon selbständig geleitet hatte. Schon nach fünf 
Monaten wurde W. zum Director des Obergymnasiums in Znaim ernannt. 
In dieser Stadt legte er bald nach seinem Eintreffen dem Gemeinderathe den 
Plan zu einer Mädchenfortbildungsschule vor und hatte die Freude, seine 
Vorschläge angenommen und die Anstalt unter seiner Leitung entstehen und 
gedeihen zu sehen. Durch einen zum Besten des Wiener Schiller-Denkmals 
gehaltenen Vortrag über »Charles Sealsfield und den politischen Roman«, der 
auch im Druck erschien, lenkte er die Aufmerksamkeit auf diesen Sohn der 
Znaimer Gegend und weckte das Interesse, das anhielt, auch in weiteren 
Kreisen. Bei der Einführung der neuen Volksschulgesetze wurde W. vom 
Znaimer Gemeinderath einstimmig zum provisorischen Bezirk sschulinspector 
gewählt, und als solcher vom Ministerium bestätigt. Im Jahre 1 869 ernannte 
ihn der Kaiser zum Landesschulinspector für die deutschen Volksschulen 
Böhmens, wo unter heissen nationalen und religiösen Kämpfen die Volks- 
schulreform durchgeftihrt werden musste. Aufreibende drei Jahre blieb W. 
in dieser Stellung, bald auf den Inspectionsreisen und bei den Maturitäts- 
prüfungen der Lehrerbildungsanstalten durchs ganze Kronland geführt, bald 
mit erdrückender Bureauarbeit und endlosen Landesschulratsitzungen in Prag 
überbürdet. Seine grösseren wissenschaftlichen Arbeiten blieben liegen, er 
verfasste nur eine kleine Heimathskunde von Böhmen für Volksschulen und 
redigirte die »Litterarische Beilage« zu den »Mittheilungen des Vereins für 
Geschichte der Deutschen in Böhmen«, dessen -Mitglied er von der Gründung 



Werner, v. Riess. 



175 



gewesen war. Auf die Dauer hätte W.s Gesundheit den Mühen und Kämpfen, 
Intriguen und Anfeindungen in Prag nicht Stand halten können, deshalb bat er 
um seine Versetzung und kam 1872 nach Salzburg als Landesschulinspector und 
administrativer Referent des Landesschulraths. Hier wirkte er bis zum Abschlüsse 
seiner Dienstzeit zum Segen des Volksschulwesens, nahm sich fördernd der 
gewerblichen Schulen an, war Director der Prüfungskommission für Volks- 
und Bürgerschulen und Vorsitzender der Commission, die der Grossherzog 
Ferdinand IV. von Toscana für die Prüfungen der Prinzen des grossherzoglichen 
Hauses eingesetzt hatte. Allmählich begann er auch wieder litterarisch zu 
produciren und veröffentlichte in einer Reihe von Zeitschriften und Zeitungen 
kritische Aufsätze in grosser Zahl. Im Jahre 1889 wurde er auf seinen Wunsch 
in den bleibenden Ruhestand versetzt und zog 1893 nach dem Tode seiner 
Gattin nach Wien, w^o er bis zu seinem Ende geistig ganz frisch und fast 
jugendlich lebhaft als Schriftsteller wirkte und mit unverholenem Grimm dem 
Umschwünge der politischen Verhältnisse in Oesterreich folgte. Am wichtigsten 
sind seine zahlreichen Beiträge zur Erkenntniss und Kritik Hebbels. Bei einer 
Erholungsreise nach Meran erlag W. einem Schlaganfall und wurde am 
29. März unter allgemeiner Theilnahme der Lehrerschaft in Salzburg zur Erde 
bestattet. »Er war ein Kämpfer für die gute Sache«, diese Worte aus einem 
erst nach seinem Tode erschienenen Aufsatz über die Gymnasialreform, kann 
man auch auf Karl Werner anwenden. 

Vgl. Wurzbach Biogr. Lexicon. — Emil Kuh, Hebbelbiographie. — F. Bamberg, 
Hebbels Briefe mit Freunden und Zeitgenossen II. Bd. — Handschriftliche Quellen. 

Lemberg. Richard Maria Werner. 

Riess, Richard (von), Dr. phil,, Domcapitular, geographischer, Schriftsteller, 
* Schw. Gmünd 19. März 1823, f Rottenburg 6. October 1898. In Tübingen 
zum katholischen Theologen herangebildet, 1845 für Lösung der Preisaufgabe 
der Speyerschen Stiftung öffentlich belobt, 1846 ordinirt, versah er seit 1849 
das Amt eines Repetenten in Ehingen a. d. D,, war von 1850 bis 1856 
Lehrer der Mathematik und Geographie am Lichtensteinschen Erziehungs- 
institute Neutrauchburg (im württ. Oberamt Wangen) und trat dann in den 
württembergischen Kirchendienst ein, zunächst als Kaplaneiverweser in Ratzen- 
riedt (Oberamt Wangen), als Pfarrverweser in Merazhofen (Oberamt Leutkirch) 
und Ochsenhausen (Oberamt Biberach). Am i. October 1858 erhielt er seine 
Ernennung zum Pfarrer von Unterboihingen (Oberamt Nürtingen). Gleich- 
zeitig wurde ihm das Schulinspectorat für den Stuttgarter Bezirk übertragen, 
das er bis zu seinem Eintritt in das Domcapitel beibehielt. Am 2. August 
1864 rückte er zum Stadtpfarrer von Ludwigsburg und zugleich zum ausser- 
ordentlichen Mitgliede des katholischen Kirchenrathes in Schulsachen mit dem 
Titel eines Oberschulraths vor. Am 27. October 1879 wurde er an Stelle des 
verstorbenen Domcapitulars von Scharpff in das Rottenburger Domcapitel ge- 
wählt und am 30. November desselben Jahres installirt. Von 1886 bis 1895 
sass er als Vertreter des Domcapitels in der württembergischen Abgeordneten- 
kammer, wo er wiederholt die Rechte seiner Kirche, namentlich in Bezug 
auf die Schule, nachdrücklich zu betonen Gelegenheit hatte. In seiner letzten 
Lebenszeit war- er von Leiden des Alters heimgesucht, die schliesslich in 
Wassersucht tibergingen. — Als wissenschaftliches Specialfach pflegte er die 
biblische Geographie und Cartographie, worin er eine anerkannte Autorität 



iy6 V. Riess. Beaulieu-Marconnay. 

war. Er verfasste: i) Karte von Palästina nach den zuverlässigsten Quellen 
mit besonderer Berücksichtigung des Lebens Christi, von K. A. Emmerich 
entworfen (Regensburg, 1861). 2) Die Länder der Heiligen Schrift. Histo- 
risch-geographischer Bilder-Atlas. Nach den neuesten und besten Quellen 
dargestellt in 7 Karten (Freiburg, 1864). 3) Biblische Geographie. Voll- 
ständiges biblisch-geographisches Verzeichniss als Wegweiser zum erläuternden 
Verständniss der Heiligen Schrift (als Beigabe zu Nr. 2). 4) Wandkarte von 
Palästina (1889, 2. Ausgabe 1892). Ausserdem lieferte er Beiträge zur 
(Tübinger) Theologischen Quartalschrift und anderen katholischen Fachzeit- 
schriften. Auch der württembergischen Geschichte und Alterthumskunde 
widmete R. rege Theilnahme. Er war langjähriger Vorstand des Sülchgauer 
Alterthumsvereins und Mitglied der 1891 ins Leben gerufenen Württem- 
bergischen Kommission für Landesgeschichte. Von Seiten des Königs wurde 
seine vielfache verdienstliche Wirksamkeit durch Verleihung hoher Orden, 
namentlich das mit dem Personaladel verbundenen Ehrenkreuzes des Kron- 
ordens und des Comthurkreuzes 2. Klasse des Friedrichsordens, belohnt. 

St. J. Neher, Personal-Katalog der seit 181 3 ordinirten und in der Seelsorge ver- 
wendeten Geistlichen des Bisthums Rottenbarg, 3. Auflage (Schw. Gmünd 1894) S. 105 f., 
Deutsches Volksblatt vom 7. und 11. October 1898 Nr. 226 und 229 (wiederholt im Staats- 
Anzeiger für Württemberg vom 8. October 1898 Nr. 233), Schwäbische Kronik vom 
7. October 1898 (Miltagsblatt). 

R. Krauss. 

Beaulieu-Marconnay, Eugen, Carl, Theodor, Levin, Freiherr von^ 

* i6. Februar 181 5 zu Nizza, f 23. August 1898 zu Oldenburg, war der Sohn 
des Grossherzoglichen Ministers und Obermundschenks von Beaulieu-Marconnay, 
wurde wegen Kränklichkeit in den Kinderjahren von Hauslehrern unterrichtet, 
und besuchte dann die Gymnasien in Oldenburg und Rinteln und dieUniverrsitäten 
Göttingen und Berlin. 1837 ward er als Amtsauditor in Eutin angestellt, war 
1842 bis 1844 Landgerichtsassessor in Ovelgönne, dann in Jever und kam 
1845 in gleicher Eigenschaft nach Oldenburg. Nachdem er 1853 Obergerichts- 
assessor, 1858 Oberappellationsgerichtsrath und 1874 Oberappellationsgerichts- 
Vicepräsident geworden war, ward er 1877 Präsident dieses Gerichtes und 
war seit 1879 Präsident des Oberlandesgerichts. Seit 1878 war er auch 
Präsident des Oberschulkollegiums und von 1878 bis 1896 Vorstand der 
Commission für die Angelegenheiten der Grossherzoglichen öffentlichen 
Bibliothek. Er verfasste: »Das bäuerliche Grunderbrecht. Oldenburg 1870«, 
Das »Grundbuchrecht des Herzogthums Oldenburg. 1876«, und das »Parti- 
kularrecht des Herzogthums Oldenburg (einschl. des Fürsten thums Birken- 
feld) in V. HoltzendorfFs Rechtsencyklopädie. 1884 erhielt er das 
Prädicat »Excellenz« und trat 1892 in den Ruhestand. S. K. H. der 
Grossherzog hatte seine hohen Verdienste auch durch die Verleihung des 
Grosskreuzes des Haus- und Verdienstordens mit der goldenen Krone an- 
erkannt. Seit 1845 war von B. mit Isidore geb. von Schletter aus 
Leipzig vermählt und erfreute sich mit ihr des Heranwachsens eines Sohnes 
und zweier Töchter. 1884 traf ihn der schwere Schlag, diesen trefflichen 
Sohn, der zuletzt Amtsrichter in Norden und Reichstagsabgeordneter war, zu 
verlieren. Der tiefe Schmerz konnte aber seine elastische Natur nicht brechen. 
Er kämpfte ihn durch und blieb bis an sein Ende, das ihn von mancherlei 
körperlichen Leiden erlöste, voll geistiger Frische und Theilnahme. Wie er 
schon in seinen Jugendjahren sich an den Werken der Classiker begeistert 



Beaulieu-Marconnay. Angerer. i y y 

hatte, so wusste er sich die Begeisterung für alles Schöne in der Litteratur 
und Kunst zu bewahren und seine freudige Anerkennung neuer Schöpfungen 
sprach er immer offen und unbefangen aus. Eine sonnige Heiterkeit und Frische 
lag über seinem ganzen Wesen, durch die er auch seine Umgebung zu er- 
* heitern und zu erfrischen wusste. So gehörte er zu dem kleinen Kreise von Freunden, 
die sich seit 1852 jeden Donnerstag bei dem kranken Dichter Julius Mosen 
versammelten und ihn durch Gespräch und Vorlesen unterhielten. Besonders 
lebhaftes Interesse brachte er an der Musik und dem Theater entgegen, doch 
empfand er die innigste Freude w^ohl immer wieder an den Werken Cioethes, 
Schillers und Shakespeares und gedachte bis in das hohe Alter hinein noch 
gern der persönlichen Erinnerungen an Goethe, die ihm seine Tante, Julie 
von Beaulieu geb. von Egloffstein, Goethes Liebling, übermittelt hatte, 

Dr. R. Mosen. 

Angerer, Eduard, Erzbischof, Weihbischof und Generalvicar der Erz- 
cliöcese Wien, * 6. December i8i6 in der Vorstadt I.eopoldstadt zu W'ien, 
T 22. August 1898 ebenda. A. war der Sohn einer armen, aber geachteten 
Kürgerfamilie. Sein Vater, ein Schuhmacher, hatte sieben Kinder zu ernähren. 
Nachdem Eduard, von kleiner, schwächlicher Constitution, aber voll regen 
(ieistes, seine Gymnasialstudien und den theologischen Cursus an der W^iener 
Universität mit Auszeichnung zurückgelegt hatte, wurde er am 24. Juli 1841 
zum Priester geweiht (seine geliebte Mutter war sechs Wochen vor seiner 
Priesterweihe gestorben) und war zunächst zwei Jahre als Cooperator an der 
Pfarre Brunn am Gebirge bei Wien thätig. Elf Monate nach seiner Primiz 
starb auch sein Vater und dem jungen Priester oblag bei seinem geringen 
Einkommen die schwere Aufgabe, für seine jüngeren Geschwister zu sorgen. 
Fürsterzbischof Milde, welcher die Talente dieses jungen Priesters kennen 
lernte, ernannte ihn im Jahre 1843 zu seinem Ccremoniär und später zum 
Secretär und Consistorialrath. In dieser Stellung blieb er auch unter Mildes 
Nachfolger, Fürsterzbischof Othmar Ritter von Rauscher, den er anlässlich der 
Concordatsverhandlungen zweimal nach Rom begleitete, wo er bei denselben 
das Amt eines Schriftführers versah. Nach dem Abschlüsse des Concordats 
wurde er vom Kaiser mit dem Orden der Eisernen Krone III. Kl. ausge- 
zeichnet und vom Papste unter die geheimen päpstlichen Kämmerer einge- 
reiht. Als in Folge des Concordates das geistliche Ehegericht wiederhergestellt 
wurde, ernannte Cardinal Rauscher seinen Secretär zugleich zum Ehegerichts- 
rathe und im Jahre 1857 zum Ehrendomherrn zu St. Stephan. Papst Pins IX. 
ernannte A. im Jahre 1859 zum Hausprälaten. Im Jahre 1862 zum Dom- 
herrn ernannt, rückte er im Capitel im Jahre 1867 zur Domcantorci und 
1871 zur Domdechantei vor. 

Erzbischof Kutschker, der Nachfolger des Cardinais Rauscher, ernannte 
den Domdechant A. im Jahre 1876 zum Generalvicar und Weihbischof der 
Wiener Erzdiöcese, welches wichtige und schwierige Amt er durch 22 Jahre 
unter drei Erzbischöfen bis zu seinem Tode verwaltete. Im Consistorium 
vom 26. Juni 1876 zum Titular-Bischof von Alalia präconisirt, erhielt er im 
folgenden Jahre von der Wiener Universität das Ehrendii)lom eines Doctors der 
Theologie und wurde im Jahre 1878 zum ])äpstlichen Thronassistenten und römi- 
schen Grafen ernannt. Nachdem unter seiner Intervention das fürsterzbischöf- 
liche Knabenseminar von Wien nach Oberhollabrunn verlegt worden war, ehrte 
ihn die dortige Gemeinde im Jahre 1882 durch die Verleihung des Ehren- 

Biojpr. Jahrb. a. Deotacher Nekrolog. 3. Bd. 12 



iy8 Angerer. 

bürgerrech tes. Nach dem Tode des Cardinais Fürsterzbischofes Dr. Kutschker 
wählte das Metropolitan-Capitel A. einstimmig zum Capitularvicar. Für die 
während der Sedisvacanz geleisteten grossen Verdienste erhielt er im Jahre 
1881 das Commandeurkreuz des österr. Leopoldordens und im Jahre 1884 
die Würde eines wirklichen Geheimen Rathes. Nach dem Ableben des 
Cardinal Ganglbauer wurde A. neuerdings zum Capitularvicar gewählt, nach 
der Besetzung des erzbischöflichen Stuhles zum Dompropsten ernannt, von 
Sr. Majestät mit dem Cirosskreuze des Kaiser-Franz-Josefs-Ordens ausgezeichnet 
und vom Papste Leo XIIL zum Titularbischofe von Selimbria erhoben, eine 
Auszeichnung, die sonst selten einem Weihbischofe zu Theil wird. 

Ueberdies versah A. auch noch andere Aemter. Als Dompropst war er 
Kanzler der theologischen Facultät der Wiener Universität und Dechant von 
Kiemberg (Diöcese St. Polten), femer Präses des f. e. Consistoriums und des 
Diöcesangerichtes, Centraldirector der Leopoldinenstiftung, und seit 1881 Curator 
des f. e. Knabenseminars. Schon am Ende der achtziger Jahre trat bei ihm 
eine ernstliche Schwächung der Augen ein, welche auch durch zwei Staar- 
operationen in den Jahren 1890 und 1891 nicht ganz behoben wurde. Nichts- 
destoweniger waltete er unverdrossen und mit seltener Pflichttreue seines 
Amtes, so dass er bis spät in die Nacht hinein die Acten erledigte. Am 
24. Juli 1891 feierte er im Stefansdome seine goldene Jubelmesse, bei deren 
Anlass er durch ein von Ischl am 23. Juli datirtes Handschreiben des Kaisers 
ausgezeichnet wurde. Am 7. August 1898 wohnte er noch Vormittags einer 
von seinem Ceremoniär in der Hauskapelle celebrirten Messe bei, musste 
aber Nachmittags wegen zunehmender Schwäche zu Bette gebracht werden. 
Nachdem er noch mit den Sterbesacramenten versehen worden war, den 
apostolischen Segen des heiligen Vaters mit innigstem Danke entgegenge- 
nommen sowie einen Besuch des Cardinais Gruscha erhalten hatte, entschlief 
er Abends '/.^lo Uhr, umgeben von dem Ordinariatssecretär Dr. Pfluger und 
seinem Secretär Msgr. Friedrich. Am 25. August fand das feierliche Leichen- 
begängniss statt, an welchem ausser dem Metropol itancapitel an 200 Geist- 
liche aus dem Weltclerus und dem Ordensstande nebst einer grossen Menge 
Volkes sich betheiligten. Cardinal Fürsterzbischof Dr. Gruscha hielt das 
feierliche Requiem. Der Leichnam wurde hierauf auf dem Heiligenstädter 
Friedhof in einer Gruft beigesetzt, vom Prälat Domcustos Dr. Horny unter 
Assistenz von drei Domcapitularen und der f. e. Curgeistlichkeit nochmals 
eingesegnet. Seine Verwandten Hessen über der Gruft desselben ein schönes 
Grabmonument errichten. 

Mit Erzbischof A. hat ein an Erfahrungen und unermüdlicher Arbeit 
reiches Leben seinen Abschluss gefunden. Selbst während seiner kurzen Krank- 
heit, durch welche der Körper zwar gebrochen wurde, indessen der Geist eine 
staunenswerthe Lebhaftigkeit bewahrt hatte, erledigte er noch die Acten bis 
kurz vor seinem Tode. Ausser den zahllosen Geschäften eines Generalvicars 
der so grossen Wiener Erzdiöcese, unterzog er sich ebenso mit freudiger Be- 
reitwilligkeit den mannigfachen bischöflichen Functionen im Stephansdome 
und ausser demselben. Hunderten von Clerikern spendete er die heiligen 
Weihen, und Hunderttausenden die heilige Firmung; denn während der 
Pfingstoctave allein firmte er alljährlich 12 bis 15000 Kinder und Erwachsene. 
Bei allen feierlichen Anlässen in und ausser dem Stephansdome vollzog er 
die kirchlichen Handlungen mit grosser Würde und erfreute sich, selbst 
musikalisch veranlagt, eines klangvollen Organs. Seitdem er mit der bischöf- 



Angerer. Schxnid. lyo 

liehen Würde bekleidet war, nahm er in den meisten Frauenklöstern Wiens 
die Einkleidung und Professablegung der (Kandidatinnen vor, wobei er stets 
nach Form und Inhalt vollendete, ergreifende Ansprachen hielt. Als General- 
^icar suchte er mit den Staatsbehörden, ohne dem kirchlichen Prinzipe etwas 
zu vergeben, in Frieden und Harmonie zu leben, wie er überhaupt im Ver- 
kehr mit Jedermann von gewinnender Freundlichkeit war, und jeder Liebes- 
dienst, den er erweisen konnte, ihm eine Herzensfreude bereitete. Gegen 
Arme, die sich oft, besonders an Freitagen, an seiner Thüre einfanden, hatte 
er stets eine offene Hand, so wie auch die vielen Vereine und Wohlthätig- 
keitsanstalten an ihm einen Förderer und Gönner verloren. — Das Wiener 
Diözesanblatt (1898, Nr. 16) hebt in einem kurzen Nachrufe die Pflichttreue 
und die gewissenhatte unermüdliche Arbeit des Generalvicars A. hervor. — Von 
seinem bescheidenen Vermögen bestimmte er testamentarisch 100 fl. zur Ver- 
theilung an die Armen der Pfarre St. Stephan, 1000 fl. zu einer Messenstiftung, 
30000 fl. zu der Milde-Stiftung für arme Seelsorger und Schullehrer der Wiener 
Krzdiöcese, Legate für seine Bediensteten, und einen Brillantenring, welchen 
Erzbischof Milde vom Kaiser Franz I. erhalten und bei seinem Tode seinem 
Secretär übergeben hatte, zu einer Monstranz. 

Sein Leben war eine Kette von Arbeiten und Mühen zum Besten der 
Krzdiöcese, wesshalb auch diese ihrem langjährigen Generalvicar ein dankbares 
Andenken bewahren wird. 

Wien. Dr. Zschokke. 

Schmid, Ludwig Carl, Dr., Historiker * Vaihingen a. d. Enz in Württem- 
berg 17. Januar 181 1, f Tübingen 2. April 1898. Er widmete sich realistischen 
Studien, wurde Hofmeister im Hause des Kriegsministers von Hügel zu Stutt- 
gart und gehörte dann nahezu 4 Jahrzehnte lang als Reallehrer, zuletzt titu- 
lirter Professor der Tübinger Realanstalt an. Er hatte als Lehrer, wie einer 
seiner Collegen an seinem Grabe bezeugte, etwas- Bestimmtes, Abgegrenztes, 
fast Militärisches. Er zeigte auch für turnerische Angelegenheiten lebhaftes 
Interesse und war Gründer und langjähriger Commandant der Tübinger 
Jugend wehr. Ueberhaupt nahm er am öffentlichen Leben Antheil. 1874 Hess 
er sich in den Ruhestand versetzen und zog sich nun mehr und mehr in die 
Stille seiner Studirstube zurück. Am 15. April 1893 konnte er das Fest seiner 
fünfzigjährigen Doctorwürde begehen. Sich geistiger Rüstigkeit erfreuend, 
blieb der Greis an der Arbeit, bis ihm ein sanfter, schmerzloser Tod die 
Feder aus der Hand nahm. Länger als ein halbes Jahrhundert vertiefte er 
sich in Forschungen über die Geschichte und Kulturgeschichte des schwäbischen 
Mittelalters. 1843 doctorirte er mit einer kritisch-historischen Untersuchung 
über die älteste Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen. 1853 folgte über 
diesen Gegenstand ein ausführliches, von Uhland freundlich anerkanntes Werk: 
'Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen, nach meist ungedruckten Quellen, 
nel)st Urkundenbuch«. Sowohl dieses Buch als die 1862 erschienene »(ie- 
schichte der Grafen von ZoUern-Hohenberg und ihrer Grafschaft nach meist 
ungedruckten Quellen« mit einem dazu gehörigen »Monumenta Hohenbergica« 
betitelten Urkundenbuche sind noch heute unentbehrliche Hilfsmittel für alle, 
die sich mit der Geschichte dieser Häuser und dieser Gegenden beflissen. 
Schmids wissenschaftliche Hauptleistung war »Die älteste Geschichte des er- 
lauchten Gesamthauses der Königlichen und Fürstlichen Hohenzollern bis 
zur Erwerbung der Burggrafschaft Nürnberg« (3 Theile, 1884/88). Im dritten 

12* 



1 8o Schmid. Schmitz. 

Bande wurde der Beweis erbracht, dass die Könige von Preussen wirkliche 
Hohenzollern seien und nicht von den fränkischen Grafen von Abenberg ab- 
stammen, wie andere Gelehrte behauptet hatten. Schmids Ansicht blieb 
nicht unangefochten, aber er wusste sie in mehreren weiteren Schriften gegen 
seine Widersacher glücklich zu vertheidigen. Ausserdem lieferte er nament- 
lich noch folgende Beiträge zur zollernschen Geschichte: »Belagerung, Zer- 
störung und Wiederaufbau der Burg Hohenzollern im fünfzehnten Jahr- 
hundert« (1867), »Der heilige Meinrad in der Ahnenreihe des erlauchten 
Hauses Hohenzollern« (1874), »Das Schloss Alt-Rotenburg oder die Weiler- 
burg von Einst und Jetzt. Kultur- historische Zeit- und Landschafts- 
bilder aus Schwaben« (1877), *Die Heimat der Hohenzollern. Land und 
Leute derselben in den ältesten Zeiten« (1889), »Die Grafen von Hohenberg 
zollerischen Stammes und das Minnesängei^Denkmal auf der Weilerburg« 
(1891). Andere Arbeiten Seh. 's bezogen sich auf andere Abschnitte der 
mittelalterlichen Geschichte, so »Der Kampf um das Reich zwischen dem 
römischen König Adolf von Nassau und Herzog Albrecht von Oestreich* 
(1858), »Die Geschichte der Herzoge von Teck, der Grafen von Achalm 
und Urach, von Calw, Vaihingen und Löwenstein in gedrängten Abrissen 
dargestellt« (1865), »Die Wahl des Grafen Adolf von Nassau zum römischen 
König 1292« (1870). Als Cuiturhistoriker beschäftigte er sich insbesondere 
mit den Minnesängern. So stellte er 1874 eine kritisch-historische Unter- 
suchung über »Des Minnesängers Hartmann von Aue Stand, Heimath und 
Geschlecht« an. 1879 veröffentlichte er einen stark ins Romanhafte schillernden 
Cykius von culturhistorischen Bildern aus dem 13. Jahrhundert »Graf Albert 
von Hohenberg, Rotenburg und Haigerloch vom Hohenzollern-Stamme. Der 
Sänger und Held«. 1877 Hess er sogar eine kulturhistorische Novelle als 
Manuscript drucken: »Des Pfalzgrafen Götz von Tübingen nächtlicher Besuch 
im Kloster Bebenhausen 1280«. Ohne zu den grossen Meistern historischer 
Auffassungs- und Darstellungskunst zu zählen oder auch nur überall geläuterten 
Geschmack zu bewähren, hat sich Schmid. doch als Specialforscher unleug- 
bare Verdienste erw^orben, die ihm ein bleibendes Plätzchen in der deutschen 
Geschichtswissenschaft sichern. Das Haus Hohenzollern hat sich ihm gegen- 
über nicht undankbar bewiesen. Kaiser Wilhelm L und hauptsächlich die 
Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen zeichneten ihn mannigfach aus. Er 
versäumte niemals, seine sieben Orden und sonstigen Ehren den ohnehin allzu 
weitschweifigen Titeln seiner Werke anzuhängen. 

Zerstreute Zeitungsnotizen, namentlich in der »Tübinger Chronik« vom 5. und 7. April 
1898 und in der »Schwäbischen Kronik« vom 4. und 6. April 1898 (je Abendblatt). 

R. Krauss. 

Schmitz, Wilhelm, Philologe, * 2. August 1828 im Dorf lein Kalkum, das 
im Landkreise Düsseldorf liegt, f zu Köln, 17. Juni 1898, Sohn eines Elementar- 
lehrers, erhielt seine Vorbildung auf dem katholischen Gymnasium an Mar- 
zellen zu Köln, das er im Herbste 1849 verliess, um sich in Bonn vornehm- 
lich philologischen und geschichtlichen Studien zu widmen. Dort schloss er 
sich bald an Friedrich Ritschi an. Mit der Dissertation »Quaestiones orthoe- 
picae Latinae« 1853 erwarb er den philosophischen Doctorgrad und unterrichtete 
darauf zu seiner praktischen Ausbildung theils am Gymnasium zu Bonn, theils 
an der gleichartigen Anstalt zu Düsseldorf. Im Herbste 1855 wurde er dem 
Gymnasium zu Coblenz und zu Ostern 1856 dem Gymnasium zu Düren 



Schmitz. iSi 

behufs commissarischer Beschäftigung zugewiesen. Der letztgenannten An- 
stalt gehörte er dann auch nach seiner im Herbste 1856 erfolgten definitiven 
Anstellung bis zum Herbste 1860 als ordentlicher, darauf als Oberlehrer 
an. In gleicher Eigenschaft seit Herbst 1865 an das katholische Gymnasium 
an Marzellen in Köln versetzt, wurde ihm vom i. October 1868 
ab das Rectorat des damals ebendaselbst neu eröffneten katholischen Pro- 
gymnasiums und bei der im Herbste 1871 stattfindenden Erweiterung dieser 
Anstalt zum vollberechtigten Gymnasium die Direction des nunmehrigen 
Kaiser Wilhelm- Gymnasiums übertragen. Die ersten Studien von Seh. waren 
orihoepischer und orthographischer Art. 1863 wurde seine erste tachy- 
graphische Untersuchung bekannt. Ritschi hatte Seh. schon während seiner 
Studienzeit auf das über Gebühr vernachlässigte Studium der Tironischen 
Xoten und ihrer Litteratur aufmerksam gemacht. Am 15. Juli 1862 schrieb 
ihm sein Lehrer: »Sehen Sie sich doch einmal im Gruter, nach den In- 
dices und Corrigenda, die »Notae Tironis ac Senecae« an, nicht auf die 
Xotae, sondern auf ihre Erklärungen.« Damit kam der Stein ins Rollen. 
Der erste Aufsatz von Seh. über die altrömische Stenographie hatte den 
in zwiefacher Beziehung interessanten Titel: „Zu den sog. »Notae Tironis 
ac Senecae«*'. Umfangreicher ist schon der zweite Aufsatz »Tironiana« in 
den »Symbola philologorum Bonnensium in honorem Ritschelii coUecta 
(Leipzig 1864)«. Hier bespricht Seh. den Codex Cassellanus. Für den »Pan- 
stenographikon« lieferte Seh. im Jahre 1869 einen Beitrag, »De Romanorum 
tachygraphia« betitelt. Bald darauf erschien von ihm eine eingehende 
Würdigung von Oscar Lehmanns »Quaestiones de Notis Tironis et Senecae« 
i^Leipzig 1869). Die Jahre 1870 und 187 1 brachten Untersuchungen über 
^die Strassburger Handschrift der Tironischen Noten«. Durch den Brand 
der Strassburger Bibliothek (1870), war auch den Flammen der platzenden 
(iranaten ein Notencodex zum Opfer gefallen. Jetzt machte Seh. der Gelehrten- 
welt die Mittheilung, dass er den Text des genannten Codex in Folge einer 
in den Tagen vom 4. bis 8. September 1869 vorgenommenen Collation nach 
dem Gruterschen Druck gerettet hätte. Untersuchungen über »die Lei- 
dener Handschriften der Tironischen Noten« und über »die Pariser Hand 
Schriften der Tironischen Noten schlössen sich in den folgenden Jahren der 
Publication über den Strassburger Notencodex an. Ausser diesen Aufsätzen 
befindet sich dann im »Rheinischen Museum« noch eine grössere Anzahl 
kleinerer Untersuchungen zur Erklärung und Emendation der tironischen 
Noten. In den Jahren 1863 — 1877 erschienen 30 solcher Artikel. Alle die 
bis jetzt besprochenen Abhandlungen waren in verschiedenen Zeitschriften 
zerstreut. Wiederum war es Friedrich Ritschi, der Seh. schrieb: »Mir ist 
dieser Tage der Gedanke gekommen, dass Sie doch sehr gut thäten, wenn 
Sie ihre bisher gedruckten Beiträge zur lateinischen Sprach- und Litteratur- 
kunde sammelten. Sie thäten damit, wie ich glaube, unseren Studien einen 
recht namhaften Gefallen . . .« Wenige Jahre später war Ritschis Wunsch 
erfüllt in dem Bande »Beiträge zur lateinischen Sprach- und Litteraturkunde 
(Leipzig, 1877)«. Die nächsten Erzeugnisse seiner Feder waren »Studien zur 
lateinischen Stenographie,« deren erster Theil Madrider, deren zweiter Berner 
Noten behandelte. Weiteren Kreisen wurden seine Untersuchungen besonders 
durch zwei populäre Vorträge »Ueber tironische Noten« bekannt. Von nun 
ab mehren sich seine Aufsätze in überaus schneller Weise. Den »Studien zur 
lateinischen Tachygraphie« folgten die als selbstständiges Werk erscheinenden 



i82 Schmitz. Montennezzo. 

>^Monumenta tachygraphica codicis Parisiensis latini 2718«. Dann durchmusterte 
er die Handschriften der Kölner Dombibliothek. Er fand hier 13 Handschriften 
mit tironischen Noten. Auf die Existenz derselben hatte bereits Wilhelm Watten- 
bach hingewiesen. Zum Andenken an Gabelsberger, »den Kenner tironischer 
Noten«, veranstaltete Seh. zu dessen Säcularfeier eine Ausgabe der regula cano- 
nicorum Chrodegangs von Metz (742 bis 766) nach einer Leidener Hand- 
schrift. 1893 erschien das Hauptwerk von Seh., die »Commentarii notarum 
Tironianarum«. Das Buch ist die Frucht eines ganzen Menschenlebens. 
Palaeographen und Philologen, Geschichtsforscher und Litteraturhistoriker, 
Stenographen und Grammatiker spendeten dem Werke uneingeschränktes 
Lob. Neben seinen Leistungen auf dem (rebiete der lateinischen Tachygraphie 
hat Seh. noch manche andere wissenschaftliche Arbeit von Werth geliefert. In 
den Programmen des Kaiser Wilhelm-Gymnasiums von 1878, 1879, 1882 und 
1883 hat er »Mittheihmgen aus den Akten der Universität Cöln« veröffentlicht, 
denen eine Untersuchung über den »Bauernkrieg und die mit demselben zusam- 
menhängenden stadtkölnischen Unruhen« auf Grund eines Berichtes des Decans 
an der Kölner Universität, Wilhelm von Zons, aus dem Jahre 1525 folgte. 
Als Schlussergebniss dieser für die Genealogie wichtigen Vorarbeiten erschien 
im Jahre 1892 die in Gemeinschaft mit Dr. Keussen herausgegebene Matrikel 
der Universität Coeln (1389 — 1559). 

Als Lehrer hat Seh. der Anstalt, der er siebenundzwanzig Jahre vorstand, 
das Gepräge seiner eigenen, energischen, eigenartigen Persönlichkeit auf- 
gedrückt. Als Grundsatz seines pädagogischen Bekenntnisses hat er in einer 
Abschiedsrede die Forderung aufgestellt: ohne 'Schablone, aber nicht ohne 
l^rincip die Jugend zu erziehen, als Princip habe aber zu gelten Gottesfurcht, 
Königstreue und Vaterlandsliebe, Sittlichkeit und ernstes wissenschaftliches 
Streben. 

Nach dem Gedenkblatt von Curt Dewischcit (S.-A. aus dem »Archiv für Steno- 
graphie«, 1898), Berlin, H. Schumann, 1898. Ebenda ein Bild von Seh. 

Montemezzo, Antonio, Thier- und Landschaftsmaler, * 11. December 1841 
zu S. Paolo di Piane bei Treviso, f 11. September 1898 zu München, war 
der Sohn eines Apothekers, besuchte zuerst die Volksschule in seiner Heimath, 
dann in Venedig die Academie, wo er drei Diplome und ein Stipendium zu 
einer Studienreise errang. Im Jahre 1870 ging M. nach Wien imd Hess sich 
1871 bleibend zu München nieder, wo sein künstlerisches Talent in Beob- 
achtung des Thun und Treiliens unserer Hausthiere zur vollen Blüthe gelangte. 
Insbesondere liebte er, Hühner und Cxänse in lebendiger Weise und in glänzen- 
der Farbengcbung darzustellen. Aber auch die sonnige T^andschaft gelang es 
ihm wiederzugeben oder die regenfeuchten W^olken über dew frühlingsfrohen 
Isaraucn. Eine »Dorfparthie mit Staffage« erschien 1875 zuerst im Kunst- 
verein, welcher in der Folge beinahe alljährlich seine meist in kleinem Format 
gehaltenen, sehr ansprechenden Thierstücke erwarb, darunter eine »Junge 
Pflegerin .< (Henne mit ausgebrüteten Entlein\ die in verschiedenen Dar- 
stellungen wiederholte ^^(iänsehirtin« (1876), imd >^Dachauerin« (i885\ 
eine Ciänseheerde« (i886\ ein 4^ferdemarkt« (1889), »Grasende 
Kühc'c (1896), reizende, geschäftige >^ Hühner« (1897) und ein »Hahnen- 
kampf . Während er im Juli 1898 an seinem letzten Bildchen > Heu- 
ernte\ arbeitete, fiel ihm plötzlich vor der Staffelei der Pinsel aus der Hand 
— das erste Zeichen einer rasch weitergreifenden, auch das Sprachvermögen 



Montemezzo. v. Sager. ig^ 

raubenden Lähmung; so erschien der Tod als eine Erlösung. Seine durch 
heiteren Humor, packende Individualisirung und blühendes Colorit immer an- 
sprechenden Bilder bekundeten ihre Vorzüge in Photographie und Holzschnitt, 
in letzterer Reproduction erschienen z. B. eine »Entenjagd« (No. 2674 »Illustr. 
Ztg.«, Lpz., 29. September 1894), »Wildenten« (Reclam's »Universum« 1898. 
XIV. Jahrg. i. Heft), »Glückliche Reise!« (winkt ein Gänsehirt einem vorbei- 
sausenden Eisenbahnzug, in No. i, »Illustr. \Velt<^ 1897). Sein Name wird 
lange noch in guter Erinnerung bleiben. Nachträglich erschien (März 1899) 
ein hübscher »Geschirrmarkt« im Kunstverein. 

Vgl. Bericht des Münchener Kunstverein für 1898. S. 71. 

Hyac. Holland. 

Sager, Michael von, bayerischer Oberbaurath, Ingenieur, ein Pionier der 
deutschen Technik, * 13. September 1825 zu Holzhäusel bei Gaindorf 
i Bezirksamt Vilsbiburg in Niederbayern), f 6. Januar 1898 zu München. Die 
Lebensgeschichte dieses merkwürdigen Mannes ist ein neuer Beleg für die 
anerkannte Thatsache, dass nicht allein Albions Millionäre und die amerika- 
nischen Dollar-Nabobs, sondern auch die grössten Erfinder und industriellen 
Arbeitgeber sich von unten herauf emporgearbeitet, mit nichts angefangen und 
nur durch Fleiss und Genie es vorwärts gebracht haben. S. war der Sohn 
eines Schmiedegesellen in einem weltentlegenen Flecken; zwei Kreuzer, welche 
er als Ministrant beim Messedienst einmal geschenkt erhielt, bildeten seine 
erste Baarschaft. Er besuchte die Volksschule in Frontenhausen und trat 
dann zu Landshut bei einem Tuchscheerer in die Lehre mit der bescheidenen 
Hoffnung, einmal ein kleiner Handwerksmeister zu werden. In der kurzen 
Freizeit befasste er sich mit der lateinischen Grammatik unter der Beihülfe 
eines CJymnasiasten und zwar mit solcher Lernbegierde, dass S. in einem 
Jahre an der Lateinschule die nöthigen Zeugnisse errang, um in die Gewerbe- 
schule einzutreten. Von da führte der Weg an die Polytechnische Schule 
nach München (1850). Es gab aber genug zu kämpfen mit den widerstrebend- 
sten Verhältnissen. Beim Tode des Vaters war ihm ein kleines Anwesen zu- 
gefallen, welches S. zu Geld machte; um die Mittel zu verlängern, befliss er 
sich der härtesten Entbehrungen und behalf sich durch Ertheilung von Privat- 
unterricht. Der Kampf ums Dasein war hart und schwer. Aber die Kraft 
der Jugend und das brennende Verlangen nach Bildung stählte seine Energie; 
so wurde S. im strengsten Sinne des Wortes der »seif made man«. Bald 
gewann er durch seine Fassungsgabe und die grossen, überraschenden An- 
lagen und den leuchtenden Fleiss die Aufmerksamkeit des damaligen Rectors 
H. Alexander und seiner Lehrer, darunter auch E. von Bauernfeind. Nach- 
dem S. die theoretischen Vorbedingungen zum Eintritt in den Staatsdienst er- 
füllt hatte, begann er seine Thätigkeit als Practicant beim Strassen- und Fluss- 
bauamt Weilheim, machte nach zwei Jahren mit Auszeichnung das Staatsexamen 
zu München (1858), bethätigte sich aber nicht im Staatsdienst, sondern als 
Hülfs-Ingenieur der Privatgesellschaft zum Bau der Bayerischen Ostbahn. Hier 
erregte sein praktischer Blick und unermüdlicher Fleiss, insbesondere aber 
seine trotz der solidesten Ausführung auffällige Oekonomie, alsbald die Auf- 
merksamkeit der massgebenden Persönlichkeiten; in Folge davon wurden ihm 
als Sections-Ingenieur rasch grössere Arbeiten anvertraut und seine Leistungen 
in Wemberg und Eger durch entsj)rechende Remunerationen belohnt. Da in 
Eger das damalige Bauprogramm der Ostbahn endete, sah sich S. vor die 



184 ^- Sager. 

Wahl gestellt, entweder in den Betriebsdienst der Ostbahn überzutreten oder 
sich zum Eintritt bei der k. b. obersten Baubehörde zu melden. Obwohl 
er kurz vorher einen eigenen Hausstand begründet hatte, wollte er sich zu 
keinem Dienstverhältniss entschliessen, verzichtete also auf seine wohlerworbenen 
Rechte zu einer Anstellung im Staatsdienste und begann als freier Mann auf 
eigene Faust seine Bahn zu verfolgen. Mit seinen Ersparnissen kaufte er in 
günstiger Lage einige Bauplätze in München, errichtete ethche höchst 
praktisch eingcrichte, grosse Privathäuser und wartete ruhig auf weitere 
Gelegenheit, seine bisherigen P^fahrungen selbstständig auszunützen und zu ver- 
werthen. Bei seiner (Gewissenhaftigkeit als Bauführer hatte er die Leistungen 
seiner Arbeiter und Accordanten mit dem ihm eigenen Scharfblick beobachtet 
und dadurch eine ausserordentlich praktische Technik gewonnen, so dass er 
bei höchster Solidität viele Arbeiten in Regie und Kleinaccord zu wesentlich 
niederen Preisen im Interesse der Ostbahn durchzuführen verstand, als die 
darauf reflectirenden Accordanten veranschlagten. Während er seiner Gesell- 
schaft sehr erhebliche Ersparnisse machte, hatte er sich zum eigenen, selb- 
ständigen Unternehmer ausgebildet. Der Bau der Staatsbahnstrecke München- 
Ingolstadt-Treuchtlingen bot die erste günstige Gelegenheit als Mindest- 
nehmer in der Nähe von Ingolstadt ein Bauloos zu erstehen, womit auch die 
Ausführung eines Vorwerkes verbunden war, welches in der Umgebung dieser 
Festung durch die Kriegsereignisse des Jahres 1866 möglichst rasch hergestellt 
werden sollte, deren Vollendung jedoch in Folge des kurzen Verlaufes 
dieses Krieges bald wieder sistirt wurde. • So konnte S. mit voller Kraft 
zu seinen Bahnbau-Arbeiten zurückkehren. Inzwischen war der (irossindustrielle 
und Reichsrath Dr. Theodor von Cramer-Klett auf S. aufmerksam geworden und 
bot ihm Credit an, wodurch er in Stand gesetzt wurde, die Ausführung der Bau- 
loose in der Nähe von Eichstätt zu erstehen, welche die Anschaffung von sehr um- 
fangreichen und kostspieligen Werkzeugen benöthigten. Nach I^ösung dieser 
Verpflichtungen hatte S. soviel erreicht, dass sein gewaltiges Inventar verdient 
war und sein nächstes Augenmerk desshalb darauf gerichtet sein musste, zur 
weiteren Ausnützung desselben neue, entsprechende Arbeit zu bekommen. 
Da nun damals in Oesterreich eine lebhafte Thätigkeit im Eisenbahnbau be- 
gann und dort die Vergebung von ganzen Linien im Pauschalaccord allgemein 
üblii h war, mussten diese Verhältnisse unseren S. lebhaft interessiren, um so 
mehr, als dort sich (ielegenheit bot, um auch als Ingenieur bei den Unter- 
suchungen in den Detailprojectirungen und Ausführungen zur Geltung zu ge- 
langen. ^>Es glückte ihm (1868) durch die Uebernahme der Linie Neumarkt- 
Ried-Braunau (^61 Kilometer), den nächsten Schritt über die (irenze zu thun 
und seine 'l'hätigkeit in Oesterreich mit einem grösseren Bahnbau zu be- 
ginnen. ^ ])och schon im folgenden Jahre (1869) »betheiligte sich die in 
Oesterreich noch kaum bekannte Firma (S. hatte sich inzwischen mit zwei 
ehemaligen Collegen von der bayer. O.stbahn associirt) an der Concurrenz der 
Pustcrthal-Bahn ^ Lienz-Franzensfestec, einer sehr schwierigen Gebirgsstrecke 
von 107 Kilometern, deren Vorans(li4ag ohne (rrundeinlösung, Schienen und 
Hochhau von Seite der Priv. Oesterr. Südbahn mit mehr als 11 Millionen 
Gulden erhoben worden war. Die Offerten der ausser S. mitconcurrirenden 
(Jcncralbau-Unternehmungen waren siimmtlich höher als der Voranschlag der 
Südbahn, dagegen unterbot das Offert S. dieselben um fast 2 Millionen 
(iulden, so dass sich zu Gunsten der Südbahn gegenüber dem Aufgebot der 
Mitconcurrcnten Sagers Offerte um nahezu 3 Millionen billiger stellte. Dieses 



y. Sager. 185 

auifallende Ergebniss musste, da S. noch unbekannt war, bei der Südbahn 
begründetes Bedenken erregen und zur äussersten Vorsicht in der Entscheidung 
mahnen, denn dieselbe hatte ja schon viele schwierige Ciebirgss trecken gebaut 
und waisste, was diese sie gekostet hatten; es war also das Misstrauen diesen 
unsolid niedrig erscheinenden Offerten gegenüber nicht unbegründet; doch 
lauteten die financiellen Erkundigungen über die Firma so günstig und S. be- 
harrte so entschieden auf seinem Offert, dass man, wenn auch mit unverhohlener 
Besorgniss, sich entschloss, ihm diesen bedeutenden Bau zur Ausführung zu 
übertragen.« »Als S. dann (wie ein Augenzeuge berichtet) mit seinen Vor- 
bereitungen zum Bau begann und die Aufsichtsorgane der Südbahn staunend 
die ungeheuren Massen von bestem Werkzeug, Htilfsschicnen, Rollwagen, 
Maschinen u. dgl. ins herrliche Pustcrthal kommen sahen, da ahnten sie wohl, 
(lass S. sich seiner gewaltigen Aufgabe voll bewusst sein müsse, allein ob sich 
trotzdem seine rastlose Mühe und unbeugsame Energie auch für ihn lohnen 
könne, darüber erlaubten sie sich noch einstweilen ihre eigenen Zweifel. 
Doch als sich das Pusterthal mit dichten Arl)eiterschaaren belebt hatte und 
überall ein emsig Schaffen begann, da gewahrten die Ingenieure der Südbahn 
viel Praktisches und Neues, ihre Besorgniss wich einem gerechten Erstaunen, 
die Leistungen eilten gewaltig den Erwartungen voraus und als dann gar noch 
die Objecte besser ausgeführt wurden, als sie nach den Bedingnissen verlangt 
werden konnten, musste man sich zum Bekenntniss herbeilassen, dass diese 
l utemehmung in Leistung und Solidität alles Erwarten und Verlangen weit 
überboten habe.« Fünf Tunnels von 946 m Länge und 371 Brücken und 
Durchlässe mit 1330 m Lichtweite, fast 4 Mill. cbm Erdbewegung und gross- 
ariige Schutzbauten gegen Wasserangriffe und Rutschungen waren nothwendig, 
und dennoch gelang es, die Bahnstrecke 14 Monate vor dem Termine dem 
Betrieb zu übergeben und dadurch um so viel früher fiir Oesterreich eine 
ilirecte, eminent strategisch wichtige Bahnverbindung mit Tyrol zu vollenden. 
Die Südbahn hatte aber noch dazu durch eine Verlegung der Trace im Drau- 
tlial bei Mittenwald, welche durch S. bei der Detailtracirung gewählt und von 
der Südbahn acceptirt worden war, eine weitere Million an Baukosten erspart, 
wodurch sich die Offertsumme S. um diese reducirte und sich auf 8 Millionen 
bei der Abrechnung stellte, während die anderen (yeneralbauunternehmer 
12 Millionen verlangt hatten. Diese i)hänomenale Leitung S's. war jedenfalls 
die beste Empfehlung. Nun folgte alsbald eine stattliche Reihe von anderen 
Aufträgen. Der Bau einer 31 km betragenden Linie bei Wien und einer 
108 km langen Linie in Nordböhmen gegen Breslau füllte die Jahre 1873 
i)is 1875 aus, worauf die verkehrs])olirische wichtige und technisch bedeutende 
1Q4 km lange Linie Temesvar-Orsova in Angriff genommen und bis Frühjahr 
1878 vollendet wurde. Wieder waren es grosse Schutzbauten, viele Brücken 
und vier Tunnels, die in verhältnissmässig kurzer Zeit bewältigt werden mussten, 
vor Allem aber bereitete grosse Schwierigkeiten der 898 m lange Ratkonya- 
Tunnel, der wegen seines Wasserreichthums und des blähenden Tegels in der 
Tunnelbaukunde Berühmtheit erlangte. Forderte schon bei der Linie Temesvar- 
Orsova die Unterbringung und Verpflegung der von epidemischer Krankheit 
heimgesuchten Arbeiter, welche S. mit humaner Sorgfalt behandelte, grosse 
Opfer, so wurde in dieser Beziehung und in Hinsicht auf Beischaffung von 
C.eräthen und Materialien Alles übertroffen beim Bau der Schmalspurbahn 
Forod-Serajewo, die 1878 die Durchführung der Occupation von Bosnien 
unterstützen sollte. Ein unkultivirtes, im Aufstand befindliches Land, die 



i86 V. Sager. 

militärischen Operationen und eine gewaltige, das Savethal auf 15 km Breite 
bedeckende Ueberschwemmung erschwerten den Fortschritt der Arbeit ausser- 
ordentlich. Und dennoch wurde die Bahn vom September 1878 bis 9. Juni 
1879 von Brod bis Zenica auf 190 km betriebsfähig hergestellt. Dieser ausser- 
ordentlichen technischen Leistung folgten nach einer kurzen Pause in der 
Bauthätigkeit, die aber durch Projectirungsarbeiten in Bosnien und der Herze- 
gowina ausgefüllt wurde, von 1882 bis 1888 der Bau verschiedener, zu- 
sammen 365 km langer Eisenbahnlinien in Mähren und längs der mährisch- 
ungarischen Grenze, die, obwohl von einem mehr normalen Charakter, doch 
au( h sehr bedeutende Objecte, insbesondere Viaducte umfassten. Die Ge- 
sammtheit der von S. in Oesterreich-Ungam ausgeführten Bahnlinien ergiebt 
eine Länge von 1050 km mit 151 Stationen, 140 Brücken und 11 Tunnels von 
3123m Länge, l^ie Erd- und Kiesbewegung betrug 19.5 Mill. cbm und die 
(lesammt-Abrechnungssumme 55 Millionen Gulden. 

Ein Anderer hätte sich wohl nach solchen unermesslichen Aufregimgen, 
Anstrengungen, Mühen und Erfolgen zur Ruhe gesetzt. Auch ihm war das Glück 
rieht frei von Sorgen und Leiden genaht. Der Tod seiner Frau — auf ihren 
Namen taufte er später sein Schiff »Charlotte« im Kaiser-Wilhelm-Canal — fiel 
schwer in die Wagschaale seines Lebens. Seinen zu einer wahren Muster- 
schule eingerichteten Landsitz zu Wessobrunn verlassend, trat S., trotz seiner 
vorgeschrittenen Jahre, an das seine volle Thatkraft herausfordernde Problem 
beim Bau des Kaiser-Wilhelm-Canals — ein Project, welches schon 1629 
kein geringerer als Albrecht von Waldstein und mit ihm der Kriegsbaumeister 
Alexander Marchese de Borri geplant und damals auf die Summe von acht 
Millionen Mark (500,000 Reichsthaler) angeschlagen hatte. Das ihm voll- 
kommen neue (iebiet reizte unseren S. durch seine nationale Bedeutung 
zum Wettbewerb. Um Zeugniss abzulegen, was deutsche Einigkeit vermag, 
blieb er als Baver nicht zurück. Als sich der einfache Mann zu Berlin 
um die Ausführung des VL Looses am Nord- Ostsee -Canal bei Grünen- 
thal bewarb — es war gerade die schwierigste Stelle, wo es galt, ganze 
Anhöhen abzugraben und eine riesige Brücke über die Wasserbreite zu 
schlagen — da gab man ihm zu bedenken: es gelte nicht bloss wohlfeile 
mündliche Versicherungen zu ertheilen, sondern auch Caution zu leisten. Da 
griff der unscheinbare Unbekannte in die Brusttasche und präsentirte einen 
gerade verfügbaren, auf eine Million lautenden Check mit der Frage: ob das 
vorläufig genüge? Dadurch wohl etwas betreten, nahmen die Herren von 
der Commission mit der Hälfte vorlieb. Und nun ging S. mit dem Eifer 
eines Jünglings daran, eine ungeheuere, auf kurze Strecken zusammengedrängte 
Erdarbeit zu verwirklichen. Er begann mit der Errichtung einer Post- und 
Telegra])henstation, mit Wohnstätten und Herbergen für die Tausende von 
Arbeitern aus allen deutschen Gauen, namentlich aus Ostpreussen, aber auch 
aus Polen, Russland, Italien; es entstand ein ganzes Dorf mit mehreren Gast- 
höfen, aber auch mit einem Capellenbau und einem Pfarrer. Zuerst erfolgte 
die Fundamentirung der 4 Thürme, welche die Widerlager bilden zu der 
einhundert und sechszig Meter überspannenden Riesenbrücke; das dazu nöthige 
Eisenwerk mit einmalhundertdreissigtausend Centnern lieferte die Fabrik Cramer- 
Klctt von Nürnl)erg, die Baucpiadern das Fichtelgebirge. I^aneben galt es 
die ganz aussergewöhnlichen Canalarbeiten zu bewältigen. Es waren hier 
auf 12 km Länge eine der Insel Helgoland entsprechende MaSvSe von 14 MilL 
cbm Erde auszuheben und grösstentheils in Ablagerungen, zum Theil in zwei 



V. Sager. 187 

t)is zu 25 m hohe Eisenbahndämme zu erl »ringen. Daran arbeiteten gleich- 
zeitig 8 Trockenbagger, 3 Nassbagger, 16 Lokomotiven, 600 Transportwagen 
von 3 cbm Inhalt auf 30 km Eisenbahn geleis und 3 grosse runii)enanlagen 
— ein Material und Werkzeug, welches auf drei Millionen Mark Werth sich 
t)ezifFerte. Es gab bei der fast unübersehbaren Fülle von Arbeit genug Auf- 
regungen und schlaflose Nächte, kein Wunder, dass über S. ein schlagähnlicher 
Zustand hereinbrach, der durch Billroths Kunst zwar wieder gehoben wurde, 
aber doch die Folge hatte, dass S.'s grosse Erfahrung den Arbeitsdispositionen 
eine Zeit lang entzogen war und dass, da später noch durch Naturereignisse 
einige unvorhergesehene Schwierigkeiten hereinbrachen, der Lohn der Arbeit 
schliesslich nicht so ganz ihren Mühen und Sorgen entsprach. Das Riesen- 
werk selbst hatte darunter freilich nicht gelitten, S. brachte es rechtzeitig 
nach sechsjähriger Arbeit vollständig und richtig zur Vollendung. Damit 
verband S. eine feinfühlige Huldigung für den Kanzler, welcher die Gründung 
des Deutschen Reiches vollbrachte, indem der Bauherr zur Feier des vollendeten 
achtzigsten Geburtstages Bismarcks den Durchstich des letzten Erddammes 
vornahm und so die Vermählung der Nordsee mit der Ostsee einleitete, ein 
Kreignis, welches sofort telegraphisch dem Manne zuflog, welcher den Glanz 
der alten Kaiserkrone wieder erhoben und das Reich geeint hatte. Bei der 
Kröffnungsfahrt machte S. mit allerhöchster Erlaubniss den Schluss, auf seinem 
eigens erbauten Dampfer »Charlotte«, mit seinem Generalstab von Technikern 
und Ingenieuren ebenso begrttsst und bejubelt von den Uferanwohnern wie 
die Weltpotentaten mit ihren stolzen Orlogs. — Auch jetzt noch gönnte er 
^ich keine Ruhe, sondern war schon wieder bei der Lösung eines neuen 
Projccts in der österreichischen Kaiserstadt in voller Thätigkeit. Die schwierige 
Aufgabe der Regulirung und Einwölbung des Wienflusses war dem 
Siebenzigjährigen wieder auf dessen Mindestgebot zugefallen, der sein Pensum 
ebenso ehrenvoll löste und kein anderes Vergnügen kannte, als Mühe und 
Arbeit. Zuletzt trug er sich noch mit Plänen, dem Ludwigs-Donau-Main- 
Canal durch Nivellirung mehr Wasser zuzuführen. — Was S. als Techniker aus- 
zeichnete, war sein eminenter Blick für Arbeitseintheilung. Stets fand er, was 
nicht Jeder sieht, das Naheliegende und Einfache; die rechtzeitige Beschaffung 
aller Materialien und Geräthe, die Inangriffnahme der einzelnen Theile in 
solcher Reihenfolge, dass niemals der Nachfolgende durch den Vorhergehenden 
aufgehalten wurde, die Auswahl und Vertheilung der Hülfskräfte auf die für 
sie geeigneten Stellen, das war bei allen Bauten sein eigenes Werk und stützte 
Mch auf eine, keine Stunde des Tages und der Nacht scheuende Beobachtung 
des Arbeits-Fortganges. Als Geschäftsmann verfügte S. über eine mit der 
Wahrnehmung der eigenen Interessen wohl vereinbare, unerschütterliche Red- 
lichkeit. Die Güte, ja selbst die Schönheit seiner Bauten stand ihm höher 
als der eigene Gewinn; nie Hess er das Ziel aus den Augen, die rechtzeitige 
Vollendung des begonnenen W'erkcs herbeizuführen. <^ >v\ls Mensch war S. 
von der grössten Anspruchslosigkeit für sich selbst und von einer unerschö])f- 
lichen Güte gegen Andere, die Nothwendigkeit und Gewohnheit zu befehlen, 
hatte seinGemüth nicht verhärtet. In seinen Ingenieuren, Aufsehern und Arbeitern 
erblickte er nie blosse Maschinen, er betrachtete sie, wenn auch auf ver- 
schiedenen Stufen, als Mitarbeiter. Als er den Lohn seiner Thätigkeit in 
reichlichem Maasse gefunden hatte, suchte er stets nach neuer Arbeit, weniger 
um des eigenen Gewinnes oder der eigenen Arbeitsgewohnheit willen, als um 
jenen minder Bevorzugten ferneren Verdienst bieten zu können und in dem 



l88 V. Sager. Keiter. Fussenecker. 

tief innerlichen Gefühle, dass seine Thätigkeit nicht eine flüchtige und vorüber- 
rauschende sei, sondern der fortschreitenden Entwickelüng der ganzen Mensch- 
heit zugute komme.« Ausser vielen schönen Zinshäusern hatte S. auch das 
frühere Klostergut Wessobrunn erworben, wo er eine Musterökonomie etablirte 
und sich Ruhe gönnen wollte. In Erinnerung an seine schwere Jugendzeit 
bewährte der biedere Mann immer eine offene Hand. In Wessobrunn ver- 
sorgte er seinen Stiefvater, verpfründete seine Altersgenossen, schenkte der 
Gemeinde ein prächtiges Krankenhaus und errichtete, um die Dorfbewohner 
von fremdem Kapital unabhängig zu machen, eine Sparkasse. Für Titel, 
Würden und Auszeichungen besass S. kein Verständniss ; er war kein Streber 
und Glücksjäger. Der Kaiser von Oesterreich hatte ihn geadelt; er machte 
keinen Gebrauch davon. In seinem Drange nach wahrer Bildung verkehrte 
er mit Gelehrten, Fachgenossen und Künstlern. Hingerissen von der grandiosen 
Schönheit Bosniens berief er die Landschaftsmaler Emil Kirchner und Karl Ebert, 
um diese gewaltige Natur durch ihre Bilder zur weiteren Kenntniss zu bringen. 
An C^ispar von Zumbusch ertheilte er den Auftrag, seiner verstorbenen Gattin 
ein Denkmal auf dem südlichen Campo Santo zu München zu setzen. Zum- 
busch modellirte gelegentlich auch die Büste S's.; weitere Bildnisse desselben 
sind uns nicht bekannt geworden. Ein Sohn, Heinrich S., trat als Ingenieur 
in die Fusstapfen des Vaters. 

Vgl. Prof. Dr. Sepp im Morgenblatt 204 »Allgemeine Ztg.« 25. Juli 1895, No. 94 
des Augsburger »Sammler« 6, August 1895 ^^^ No. 8 »Augsburger Postzeitung« 12. Januar 
1S98 (Ein bayrischer Lesseps). No. 59 »Unterhaltungs-Blatt« zur »Agsbr. Postztg.« 23. Juli 
1895 (mit Portr.). Oberingenieur Heinrich Müller in No. 254 »Allgem. Ztg.« 13. Sept. 
1895 ""^1 Richard Revcrdy's Nachruf im »MUnchener Architekten- u. Ingenieur-Verein«, 
abgedruckt im Morgenblatt 26 »Allgem. Ztg.« 27. Januar 1898. 

Hyac. Holland. 

Keiter, Heinrich, Literarhistoriker und Publicist, * 17. Juni 1853 zu 
Paderborn, f 30. August 1898 zu Regensburg, wurde mit guter elementarer 
Vorbikhmg bei einem Buchhändler zu Paderborn in die Lehre gegeben, bildete 
sich mit eisernem Fleisse und ungewöhnlichem Talente zum Schriftsteller, 
lieferte Beiträge für R. v. Gottschall's »Blätter flir litterar. Unterhaltung« und 
dessen Revue »Unsere Zeit<., und wagte sich, als Buchhandlungsgehülfe bei 
Ferd. Schöningh, zuerst mit einer »Theorie des Romans« (1876) in die 
Oeffentlichkeit. Als Geschäftsführer und Mitredactcur am »Westfälischen 
Merkur« 1884 nach Münster berufen, übernahm er 1889 die Redaction des 
V Deutschen Hausschatz« (Regensburg bei Pustet). Ausser vielen kleineren 
Volkscrzählungen veröffentlichte K. biographische Studien, Brochuren etc. 
K. begründete auch den in fünf Jahrgängen laufenden »Katholischen Literatur- 
kalender« (1891 — 97). 

Vgl. Kürschner, deutscher Lit.-Kalender 1898. Nekrologe von HUlskamp in 
Nr. 439. »Westfälischer Merkur«, 4. September 1S98 und in Nr. 693 des ^T.itera^. 
Handweiser« 1898, S. 384 ff. — »Deutscher Hausschatz« 1898, 18. Hft. — Nr. 278 
»Augsburger Postzeitung« vom 10. December 1898. 

Hyac. Holland. 

Fussenecker, Job. Georg, Dr., Schriftsteller, * 17. November 181 4 zu 
Nürnberg, f 29. Mai 1898 in Augsburg. F. redigirte das »Regensburgcr 
Volksblatt«, dann zu Augsburg 1858 — 1874 die im Katholischen Clerus da- 
mals viclverbreitete Fachzeitung »Sion«, wobei ihm seine theologisch wie 



Fussenecker. Dahn-Fries. Waagen. l3o 

juridisch durchgebildeten historischen Kenntnisse gut zu Statten kamen. Er 
veröflfentHchte eine grosse Reihe von Artikeln und Arbeiten kirchen- und 
Socialpol i tischen, volkswirthschaftlichen, moralphilosophischen und pädagogi- 
schen Inhalts. Daneben erschienen eigene Abhandlungen, z. B. »Zur Wieder- 
geburt des volkswirthschaftlichen Lebens für Freunde wie Gegner der Ge- 
werbefreiheit« (i86t). Auch entstanden »Gedichte« (1841), ein grösseres 
Epos »Das entschleierte Leben« (1874) und die Dramen »Lottospieler« 
(1850), »Mädchen von Esslingen« (1852) und »Der Rentmeister« (1874.) 

Vgl. s. Biographie in Nr. 265 »Augsburger Postzeitung« vom 16. November 1894 
u. s. Portr. in Nr. 96 »Unterhaltungsblatt zur Augsb. Postztg.« vom 27. November 1894. 

Hyac. Holland. 

Dahn-Fries, Sophie, Malerin, * 13. April 1835 zu München, f daselbst 
23. Januar i8g8, Gattin des Dichters, Geheimen Justizraths und Universitäts- 
professors Dr. Felix Dahn. Ausgestattet mit einem hervorragenden Talent 
für Gesang, Musik und Malerei, widmete sie sich nach vollendeter Erziehung 
ihres einzigen Sohnes ganz der Kunst und cultivirte mit schönem Erfolg das 
Gebiet der Landschafts- und Blumenmalerei. Im Jahre 1887 ^^^' sie mit 
zwei, »Erntezeit« und »Wald inneres« benannten, Bildern in die Oeffentlichkeit, 
auch mit kleinen, wohl arrangirten Stillleben und Blumenstücken. Insbe- 
sondere wendete sie ihre Obsorge auf die seit 1868 durch Frau Staatsrath 
von Weber in München entstandene »Kunstschule für Mädchen* und förderte 
diese rasch aufblühende Anstalt, welche jetzt ein schönes Haus, ein wahres 
Künstlerinnen-Heim« mit prächtigen Ateliers besitzt. Sie veranstaltete nicht 
nur die fröhlichen Vereinsabende, sondern auch die Ausstellungen von Arbeiten 
der Schülerinnen, insbesondere bei den zweckmässigen und gedeihlichen 
^'Weihnachtsmärkten«, sie förderte jederzeit die gemeinsamen Interessen (Vor- 
schussfond, Krankenversicherung) und widmete den Interessen dieser Anstalt 
ihre ganze Arbeitskraft. Als 1886 eine financielle Krisis drohte, trat sie mit 
opferwilliger Zuversicht mit ihrem Credit in die Bresche und rettete das junge 
Unternehmen. Mit feinem Takte wusste sie jene falsche Emancipation, welche 
nur zu häufig eine gefährliche Klippe der Frauenfrage bildet, ferne zu halten. 

Vgl. Nr. 57 »Neueste Nachrichten« 5. Februar 1898. 

Hyac. Holland. 

Waagen, Adalbert, Landschaftsmaler, * 30. März 1834 zu München, 
f 15. April 1898 zu Berchtesgaden. Die Familie Waagen stammt aus 
Hamburg und hatte sich schon früher mit der Kunst befasst. Der Gross- 
vater Fr. Ludwig Heinrich war ein Maler (vgl. Wolfgang Menzel, Denk- 
würdigkeiten, 1877, S. 38), ebenso der Vater Carl (* 1800); dieser erwarb 
in allen Gebieten der neueren Fresko- und Oeltechnik, auch als Lithograph 
schöne Kenntnisse, malte vielerlei Bilder und bethätigte sich im Wetteifer 
und Verkehr mit Ludwig Tieck, M. Rellstab, H. Steffen als Dichter und 
Schriftsteller; nach mannigfachen Studienreisen in Breslau, Wien und Italien 
heirathete er zu München die berühmte Sängerin Nanette Schechner (* 1806, 
f 1860, vgl. W. Chezy, Erinnerungen 1863, III, 5 ff.; Grandauer, Chronik 
des Hof- und Nat.-Theaters, 1878), und schied am 26. November 1873 als 
kgl. preuss. Geheimer Hofrath aus dem Leben (vgl. Raczynsky, Geschichte 
der neueren Kunst, 1840, II, 446; Nagler, Künstler-Lexikon, XXI, 28; Ham- 
burger Künstler-Lexikon, 1854, S. 279). Sein Bruder, Dr. Gustav Friedrich 



1 9© Waagen. 

(* 1794 zu Hamburg), errang als Gelehrter, Kritiker und Kunstschriftsteller 
einen ausgezeichneten Namen; er starb 13. Juli 1868 auf einer Kunstreise zu 
Kopenhagen. Adalbert W. erhielt zu München eine vorzügliche Erziehung 
und Bildung, besuchte das Gymnasium, wendete sich aber mit eminenter 
Begabung, erst unter der Anleitung des Aquarellisten Fritz Zeiss, dann 1850 
bei Albert Zimmermann, zur Landschaft und folgte seinem hochverehrten 
Meister 1858 nach Mailand. Als die Kriegsereignisse des folgenden Jahres 
diese junge Akademie vernichteten, schmückte W. für den damaligen Erb- 
prinzen Georg von Sachsen-Meiningen einen Saal der am Comersee erbauten 
Villa Carlo tta mit idealen Landschaften. Nach seiner Rückkehr etablirte 
W. (1860) zu München im Hause seines Freundes Karl Miliner (1825 — 1895) 
ein Atelier für Landschaftsmaler und unternahm mit seinen zahlreichen 
Schülern nicht allein regelmässige Ausflüge nach den Bergen Altbayerns und 
lyrols, sondern auch eine längere, über Cöln, nach Antwerpen und Brüssel 
ausgedehnte Studienreise. Hierbei machte sich der Künstler auch mit der 
breiteren realistischen Richtung nach Möglichkeit vertraut; es kostete ihm 
viele Mühe, aus dem Rahmen der bisherigen Bestrebungen herauszutreten, 
um mit objectiver Freiheit die Natur anzuschauen und die Schönheit der- 
selben in Farbe, Stimmung und Wahrheit wiederzugeben. Doch verliess ihn 
nie seine echt dichterische Empfindung, welche mit feinfühligem Takt seine 
Schöpfungen vor Ausschreitung und Verirrung bewahrte. Die Gunst des 
Publicums lohnte, sein Name gewann guten Klang und die Bestellungen 
häuften sich. Damals trat W. auch in den Mittelpunkt der fröhlichen 
Künstlergesellschaft »Jung -München«, welche durch sinnreiche Maienspiele 
und Faschingsfeste dem früheren, altgewordenen Regiment den Vorrang ab- 
lief. Nächst dem unermüdlichen Otto Stöger, dem stets opferwilligen Theodor 
Pixis und dem begabten Komponisten Georg Kremplsetzer (1826 — 1871) 
stellte W. mit August Spiess, Fritz Lossow, Chiistian Jank und vielen 
Anderen seine geselligen Fähigkeiten als Sänger und Acteur zur Verfügung. 
Im Jahre 1868 heirathete VV. und übersiedelte dann im folgenden Jahre nach 
Berchtesgaden, wo jeder Blick' und Schritt von seiner unmittelbar vor dem 
Watzmann liegenden Villa neue Ueberraschung und köstliche Ausbeute ge- 
währte. Hier, im glücklichen Schaffen, wozu zahlreiche Aufträge aus England, 
Amerika und Russland eintrafen, schilderte W. nicht nur die Schönheit seiner 
neuen Heimath, sondern verarbeitete auch die Ausbeute, welche der Künstler, 
um sich zu jungen und frisch zu erhalten, auf oftmaligen Fahrten durch ganz 
Italien, aus den Donauländern und dem Schwarzwald zusammentrug. Sein 
unermüdlicher Wandertrieb sammelte ein köstliches Material, welches reichlich 
für eine doppelte Lebenszeit ausgereicht hätte. — Bisweilen gestaltete er 
dann mit diesen sorgfältig zu selbstständigen Bildern ausgeführten Skizzen 
eine eigene Ausstellung, so z. B. im August 1879 mit einer wahren Gallerie 
von anderthalbhundert »Erinnerungen aus dem Berchtesgadener Land«.. 
Längere Zeit beschäftigte ihn auch das Project König Ludwigs IL, nach dem 
Vorgang von Preller's Odyssee -Bildern einen Cyclus von »Nibelungen-Land- 
schaften« zu entwerfen, wozu Reisen nach dem hohen Norden, an den Rhein, 
die Donau und nach Ungarn in Aussicht standen. Auch hegte der König 
die herrliche Idee, im unteren Schlossgang zu Schwan stein die noch von 
keinem Maler behandelte grossartige epische Dichtung Gudrun in einem 
33 m langen Fries durch Th. Pixis ausmalen zu lassen. W. entwarf einige 
Kohlcn-Cartons, aber die Krankheit und der Tod des hohen Mäcen vereitelte 



Waagen. Weber, l n i 

dieses schöne Beginnen. Arges Missgeschick bedrohte zeitweise seine Thätig- 
keit: ein bösartiger Vipernbiss, dessen Folgen sich jahrelang bemerklich 
machten; in Mailand wurde W. 1859 von dem Dolchstoss eines deutsch- 
wüthigen Italianissimo nur durch die Geistesgegenwart und Riesenkraft des 
Tyroler Bildhauers Gottfried Flora gerettet; ein herziges Mädchen cntriss 
1877 der Tod den trostlosen Eltern; zu Genua kam W. in unliebsamen 
polizeilichen Gewahrsam wegen Ausgabe eines falschen Papiergeldes, welches 
ein Veroneser Bankier bei Flüssigmachung eines Wechsels dem ahnungs- 
losen Künstler escamotirte; glücklicherweise wusste sich W. genau aus- 
zuweisen über den Tag und die Stunde der Zahlung, über die Firma und 
Person des Kassirers, dessen Conterfey er mit photographischer Treue aus 
dem Gedächtniss zeichnete, wodurch der Betrüger in die Hände der Nemesis 
fiel und der inzwischen in schwerer Haft eingekerkerte Maler die Freiheit 
erhielt. Hierbei und bei seiner späteren Erkrankung kam ihm zu Statten, 
dass er die italienische Sprache meisterlich zu handhaben verstand. Auf der 
Rückkehr aus Sicilien lauerte in einem calabresischen Neste die Cholera auf 
den ganz vereinsamten und hülflosen Maler und brachte ihn nahezu an den 
Rand des Grabes. Bald darauf streifte zu München unseren Vielgeprüften 
ein nicht unbedenklicher Schlaganfall. Der Winter 1881 schuf neue, schwere, 
fast arbeitsunfähig machende Nerven- und Augenleiden ; die letzteren im Laufe 
der nächsten Jahre wiederkehrend, drohten mit Erblindung. Der Ausspruch 
des griechischen Tragöden »nur flüchtige Zeit wandeln wir frei vom Leide« 
bewährte sich an dem vielgeprüften Dulder, der nur durch seine wunderbare 
Energie und Liebe zur Kunst sich immer wieder siegreich emporrang, bis 
seine im Kampf um das Leben gestählte Natur endlich einem krebsartigen 
Uebel unterlag. Vielfache Anerkennung und Auszeichnungen (Titel eines 
kgl. Professors u. s. w.) waren ihm zu Theil geworden; Berchtesgaden hatte 
ihm in Anbetracht seiner, auch als Feuerwehr-Commandant, um die Gemeinde 
erworbenen Verdienste das Ehrenbürgerrecht zuerkannt. — Eine aus 
180 Nummern bestehende Ausstellung von W.'s Landschaften (im November 
1898 im Münchener Kunstverein) fand überraschenden Anklang und in kurzer 
Zeit bereitwillige Käufer; ein grosses, historisch componirtes Oelbild wurde 
auf Staatskosten für die Neue Pinakothek erworben. — Brüder des Malers 
sind der k. b. Generalleut. Gustav Ritter v. W. und der k. k. Oberbergrath 
Dr. Wilhelm W., Professor der Paläontologie an der Universität zu Wien. 
Eine Schwester starb als Freifrau von Tautphöus 1882 zu München. 

Vgl. Abendblatt 108 »Allgem. Zeitg.«, 20. April 1898. »Kunstvereins- Bericht <f für 
1898, S. 68. 

Hyac. Holland. 

Weber, Heinrich, Dr., Historiker, * 21. Juni 1834 zu Euerdorf an der 
fränkischen Saale (Unterfranken), f 18. Januar 1898 zu Bamberg; studirte zu 
Bamberg und Würzburg, erhielt 1857 die Priesterweihe, pastorirte in Euer- 
dorf, Ansbach und Würzburg, wurde daselbst 1866 Religionslehrer und (ie- 
schichtsprofessor am k. Gymnasium, 187 1 Professor der (beschichte am 
Lyceum zu Bamberg. Durch zahlreiche, meist die Geschichte der Stadt 
Bamberg oder des Frankenlandes behandelnde Publicationen erwarb W. als 
Gelehrter einen geachteten Namen. Die Universität Würzburg ehrte ihn 
durch Verleihung des Doctortitels honoris causa. Von ihm crscliienen 1872: 
'Die sog. Gebetbücher des Kaisers Heinrich II. und seiner Gemahlin Kune- 



IQ2 Weber. Hagen. 

gundis« ; 1878: Geschichte des Collegiatstiftes zum hl. Stephan in Bamberg; 
1880 und 1882 die umfangreiche, hochverdienstliche Geschichte der gelehrten 
Schulen im Hochstift Bamberg von 1007 — 1803, in zwei Bänden. 1880: 
Das Freiherrl. von Aufsesssche Studien -Seminar in Bamberg. 1883: Die 
St. Georgenbrüder am alten Domstift Bamberg. Geschichte des Christen- 
lehr-Unterrichts und des Katechismus im Bisthum Bamberg zur Zeit des 
alten Hochstifts. 1884: Bamberger Beichtbticher aus dem XV. Jahrhundert. 
Bamberger Weinbuch. Vierzehnheiligen in Frankenthal. Das alte Franzis- 
canerkloster zu Bamberg. Die ehem. Benedictiner - Propstei St. Getreu in 
Bamberg. 1885: P. Marquard von Rotenhan. Alt-Bamberg, ein Reise- und 
Sittenbild aus dem Anfang den XVII. Jahrhunderts. 1886: Die Verehrung 
der hl. 14 Nothhelfer. Bamberg im dreissigj ährigen Kriege. 1887: Ein Ost- 
fränkisches Namenbuch. Die Altenburg bei Bamberg. Die »Sünden'wage<v 
zu Wilsnack. 1889: Johann Gottfried von Aschhausen, Fürstbischof von 
Bamberg und Würzburg. 1891: Die Trappistenmission in Südamerika. Die 
Martinskirche zu Bamberg. Der Name »Bamberg« eine historisch etymolo- 
gische Studie. 1892: Die Kaiseridee des Mittelalters. 1893: Der Kirchen- 
gesang im Fürstbisthum Bamberg. 1894: Bunte Bilder aus dem alten Zunft- 
leben. 1895: Die Klostersuppe, ein Beitrag zur socialen Frage. Die Diöcese 
Bamberg in der Geschichte ihrer administrativen Organisation und ihrer 
Patronats Verhältnisse . 

Vgl. Hülskamp, Lit. Handweiser No. 271 (1880), 320 (1882), 357 (1884), 463 (1888), 
540 (1891). »Histor. Pol. Blätter« 86, 479fr. H. Keiter: Litteratur - Kalender 1897. 
Kürschner 1898. 

Hyac. Holland. 

Hagen, Hermann, Philologe, * 31. Mai 1844 in Heidelberg, f 20. Sei)t. 
1898 in Bern. Der Tod hat in der letzten Zeit unter den Vertretern der 
klassischen Philologie auf deutschen Kathedern reiche P>nte gehalten. Ferd. 
Dümmler, Erw. Rohde, Otto Ribbeck, Aug. Rossbach und H. sind in nicht 
voll zwei Jahren einer fruchtreichen akademischen Wirksamkeit und einer 
rastlosen Forschungsarbeit entrissen worden. In ihrer die Kunde vom klassi- 
schen Alterthum nach den verschiedensten Richtungen hin fördernden Viel- 
seitigkeit ist die Thätigkeit dieser Männer recht ein Bild des deutschen Be- 
triebes der klassischen Philologie. Der wissenschaftlichen Biographie aber 
stellt sie ein besonders reizvolles Problem, insofern diese die Fäden aufzu- 
decken hat, welche die eigenartigen Leistungen eines jeden mit seinen be- 
sonderen Lebcnsschicksalen und den auf ihn einwirkenden individuellen Im- 
pulsen verknüpfen. Bei H. ist diese Aufgabe verhältnissmässig leicht. Einer 
einfachen Lebcnsgestaltung entspricht hier eine bei allem Reichthum doch 
durchaus einheitlich gerichtete wissenschaftliche Production, die ihrem wesent- 
lichen Inhalte nach in H.'s dauerndem Aufenthalte in Bern und seiner Be- 
schäftigung mit der Berner Handschriftensammlung begründet ist. — 

H. war nicht Berner von Geburt. Als Sohn des Geschichtsprofessors 
Karl H. verlebte er seine Kinderjahre und erste Schulzeit in seiner Heimath- 
stadt Heidelberg. Infolge seiner politischen Stellungnahme wurde der Vater 
seines Amtes entsetzt und nahm 1855 ^""'^ Berufung nach Bern an. Hier 
spielte sich, von einigen in Heidelberg und Bonn verbrachten akademischen 
Studiensemestern abgesehen, das ganze weitere Leben auch des Sohnes ah. 
1865 habilitirte er sich als Privatdocent an der Berner Universität, 1866 



Hagen. 1^3 

nahm er neben dieser Stellung noch die eines Lehrers der alten Sprachen 
am dortigen Gymnasium an. Das Jahr 1873 brachte ihm eine ausserordent- 
liche, 1878 eine ordentliche Professur für klassische Philologie. Damit war 
H. in der Lage, seine Stellung am Gymnasium aufzugeben und seine Lehr- 
thätigkeit fortan ausschliesslich der Universität zu widmen. Verhandlungen, 
die ihn nach Erlangen und Petersburg führen sollten, zerschlugen sich, und 
so blieb H. bis zu seinem Tode der Berner Hochschule erhalten. 

Wohl noch in die Berner Studienzeit zurück gehen die ersten Anregungen 
zu H.*s fruchtbringender Beschäftigung mit den handschriftlichen Schätzen der 
Berner Stadtbibliothek. H. sass damals zu Füssen Usener's, der selbst den 
Bemer Handschriften die Gegenstände mehrerer Publikationen entnahm. Ihm 
ist denn auch die erste grössere Arbeit H.'s auf diesem Gebiete gewidmet, 
die auf directe Anregung Fleckeisen's unternommene Ausgabe der Bemer 
Scholien zu Vergils Bucolica und Georgica (Leipzig 1867), nach einer isolirt 
stehenden P2rstlingsarbeit über den xenophontischen (nach H. pseudoxenophon- 
tischen) Agesilaos (Bern 1865) die erste grössere Veröffentiichung H.*s über- 
haupt. Vom Beginn seiner akademischen Wirksamkeit an verwandte H. 
zehn Jahre hindurch einen grossen Theil seiner Mussezeit auf die genaue 
Durchmusterung der Bemer Codices zum Zwecke der Abfassung eines neuen 
Handschriftenkatalogs, der zu Bern 1875 erschien. Sein Hauptinteresse galt 
dabei den gerade in dieser Sammlung zahlreich und in wichtigen Exemplaren 
vertretenen Arbeiten zur lateinischen Grammatik. In dieser Richtung bewegte 
sich auch der grösste Theil der im Zusammenhange mit seiner Thätigkeit für 
den Katalog stehenden sonstigen Publicationen H.'s. Mit der erwähnten 
Scholienausgabe verknüpft sich seine Betheiligung an der Thilos und seinen 
Namen tragenden grossen Serviusausgabe (Leipzig 1881 ff.), für welche H. 
ursprünglich die Recension der Serviusscholien zu Vergils Bucolica und 
Georgica tibernahm. Später wurde bei einer aus äusseren Gründen erfolgten 
Aenderung des Planes sein Antheil anders abgegrenzt. Das Erscheinen des- 
selben sollte H. nicht mehr erleben. Das Jahr 1870 brachte als 
Supplement der Keil'schen Grammatici latini die umfangreichen Anecdota 
Helvetica, zu welchen neben den Bemer Handschriften auch die zu Zürich 
und Einsiedeln das Material lieferten, ein Werk, welches zunächst für die 
Geschichte der grammatischen Studien des früheren Mittelalters, dann aber 
auch für die Erforschung der antiken lateinischen Grammatik von Bedeutung 
ist, insofern in den mittelalterlichen Tractaten für uns verlorene grammatische 
Schriften des Alterthums verwerthet sind. Das weitschichtige einschlägige 
Material der drei Bibliotheken ist in der Einleitung aufs gewissenhafteste 
gesichtet, das Werthvolle aus der grossen Masse des Werthlosen ausgesondert 
und durch fortlaufende Inhaltsangaben und Auszüge eine Uebersicht über 
diese ganze Litteratur geschaffen, die es dem Benutzer ermöglicht, sich rasch 
zurechtzufinden. Wichtigere Inedita in kritischer Bearbeitung bilden den Kern 
des Werkes. Die Durchsicht der Handschriften in Einsiedeln führte zu der 
hübschen Entdeckung zweier bis dahin unbekannter bukolischer Gedichte der 
Neronischen Zeit (Philol. 28 [1869] S. 338 ff.). Weit reicher war die Aus- 
beute an mittelalterlichen Gedichten, welche die Bibliotheken zu Bern, Genf 
und Einsiedeln lieferten. Interessantere Stücke daraus bietet die Sammlung 
Carmina medii aevi maximam partem inedita ... edid. Herm. Hagenus, Bernae 
1877. Zur Mittheilung weiterer Früchte dieser Bibliothekstudien boten neben 
den philologischen Zeitschriften Programme der Berner Universität Gelegen- 

BiogT. Jfthrb. u. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. I3 



194 Hagen. 

heit. Aus der Zahl dieser Arbeiten mögen hier Erwähnung finden die Ab- 
handlungen über eine Bemer lateinische Oribasiostibersetzung, die durch 
zahlreiche vulgärlateinische Formen ein besonderes Interesse bietet (1875), 
über die Placidusglossen einer Berner Handschrift (1879) und über die Tironi- 
schen Noten des cod. Bern. 109 (1880), letztere Arbeit ein schätzenswerther 
Beitrag zur Kenntniss der römischen Stenographie. Die Reihe dieser Publi- 
cationen über Berner Handschriften reicht bis in das Jahr vor Hagens Tode 
herab : zu der damals unter Leitung von de Vries veranstalteten photographi- 
schen Reproduction des cod. Bern. 363, der ältesten erhaltenen Horazhand- 
schrift (saec. VIII), schrieb H. die Einleitung. Anzuschliessen ist hier endlich 
ein zunächst den Zwecken des akademischen Unterrichts dienendes, Gradus 
ad criticen betiteltes Werk (Leipzig 1879), insofern hier für Uebungen in der 
sogenannten niederen Kritik Musterbeispiele aus Glossensammlungen, an 
welchen gerade die Bemer Handschriftenbibliothek besonders reich ist, zu- 
sammengestellt sind. 

Bewegten sich die bisher genannten Arbeiten ihrem Gegenstande nach 
in Alterthum und Mittelalter, so wurde H. durch die gleichen handschrift- 
lichen Studien auch ins 16. und 17. Jahrhundert geführt. Die Anfertigung 
des neuen Kataloges lenkte die Aufmerksamkeit seines Verfassers auch auf 
die Schicksale der Sammlung und die Person ihrer Begründer, Peter Daniel 
und Jacob Bongars. Auch hier bot die Bibliothek in Gestalt ausgedehnten 
Briefwechsels noch werthvolles unbenutztes Material. Die sorglältig gearbeiteten 
Biographien beider Männer erschienen zuerst in Berner Programmen (die 
Daniels in der Festschrift der Universität 1873, ^^^ von Bongars im Pro- 
gramme der Kantonsschule 1874) und wurden später mit anderen Arbeiten 
des Verfassers zu einem besonderen Bande vereinigt (Zur Gesch. d. Philol. u. 
z. röm. Litter., Berlin 1879). Wohl schon durch die Vorarbeiten für diese 
Biographien wurde H. auf anderweitige, zu Bern im Original bewahrte Briefe 
aus annähernd gleicher Zeit aufmerksam und so in den Stand gesetzt, der 
Heidelberger Universität mit der zur P'eier ihres fünfhundertjährigen Bestehens 
im Auftrage der Berner Hochschule überreichten Festschrift »Briefe von Heidel- 
berger Professoren und Studenten verfasst vor dreihundert Jahren« eine für 
die Geschichte der Ruperto-Carola und für die Geistesgeschichte der damaligen 
Zeit überhaupt wichtige Gabe darzubieten. 

Die mehrjährige Beschäftigung mit schwierigen lateinischen Sprachdoku- 
menten mochte H. reizen, seine dadurch erworbene kritische Schulung auch 
in den Dienst der Epigraphik zu stellen. Sein Wohnort Bern führte ihn 
dabei auf die leichter erreichbaren Inschriften der Schweiz. Zunächst be- 
theiligte er sich im »Anz. f. schweizer. Alterth.« u. a. a. O. an den Verhand- 
lungen über die vielbesprochenen Amsoldinger Inschriften. Aber sein Plan 
ging weiter. Seit Mommsens Sammlung hatte sich das Inschriften material 
der Schw^eiz durch Neufunde beträchtlich vermehrt, manche Steine hatten 
ihren Aufstellungsort geändert, und so fasste H. eine neue Sylloge inscriptionum 
Latinarum Helveticarum ins Auge, als deren Vorläuferin eine Sammlung der 
Inschriften von Aventicum und Umgegend im Universitätsprogramm 1878 
erschienen ist. — Neben H.'s eigenen Arbeiten verdienen auch seine Be- 
sprechungen fremder Leistungen auf seinem Specialgebiete und den Nachbar- 
gebieten eine Erwähnung. In den Bursian'schen Jahresberichten behandelte 
er für einen Zeitraum die Litteratur zu Gellius (Bd. 2 S. 1408 fF.) und zu 
den lateinischen Grammatikern (ebenda S. 141 7 ff., Bd. 3 S. 709 ff., Bd. 6 



Hagen. l^g 

S. 336 ff.). Vor Allem aber gehören hierher seine zahlreichen Recensionen im 
»Litterarischen Centralbl.« (unter H. H.), dem er etwa ein Jahr vor seinem 
Tode den siebzigsten Beitrag zugehen Hess. 

Bei diesen für Fachkreise bestimmten litterarischen Arbeiten blieb H. 
nicht stehen. Er suchte geeignete Gegenstände seines engeren und weiteren 
Feldes in gemeinverständlicher Darstellung auch einem grösseren Publikum 
nahe zu bringen. Die meisten der hier in Frage kommenden Aufsätze sind 
aus Vorträgen hervorgegangen, welche in Bern in einem weiteren Kreise ge- 
halten wurden, so die Arbeiten über Aventicum (in den »Alpenrosen« 1876), 
über den Roman vom König Apollonius von Tyrus in seinen verschiedenen 
Bearbeitungen (Berlin 1878), über litterarische Fälschungen (Hamburg 1889), 
über Wesen und Bedeutung der Homerfrage (Hamburg 1889), ^^^^^ antike 
Gesundheitspflege (Hamburg 1892), über die Lebensweisheit des Euripides 
(Bern 1897). Daran schliessen sich die weiteren populären Aufsätze »Klassi- 
sches« (über falsche Schreibung antiker Wörter [Alpenrosen 1883]), »Aus 
Handschriften« (ebenda 1885) u. A. An grössere Kreise der Gebildeten 
wenden sich femer auch die im Druck erschienene Rectoratsrede über »die 
Richtungen der klassischen Philologie seit Fr. A. Wolf« (Bemer Intelligenzbl. 
1895), die beiden die Geschichte der bernischen Universität und die bernische 
Gelehrtengeschichte berührenden Arbeiten: Flores semiseculares Bernenses, 
eine Erinnerungsschrift an das Universitätsjubiläum (1884) und die Biographie 
des Historikers Karl Hagen (Samml. bern. Biogr. 3. Bd. S. 275 ff.) u. A. 

Zur richtigen Würdigung dieser für ein früh abgeschlossenes Gelehrten- 
leben reichen Production ist zu bedenken, dass dieselbe nicht nur auf einer 
längeren Strecke neben der doppelten practischen Wirksamkeit des Universi- 
täts- und des Gymnasiallehrers einherging, sondern dass sie auch je länger 
desto mehr einem durch dauernde Krankheit geschwächten Organismus abge- 
rungen werden musste. Der eiserne Fleiss, mit dem H. schon in frühen 
Jahren ohne Rücksicht auf seine Gesundheit nach wissenschaftlichen Erfolgen 
strebte, hatte ein schweres Nervenleiden, wenn auch nicht hervorgerufen, so 
doch jedenfalls verschlimmert. Es lag eine bittere Tragik darin, wie im 
Kampfe mit diesem Leiden H.'s unter so glänzenden Auspicien der Wissen- 
schaft geweihte Schaffenskraft mehr und mehr aufgezehrt wurde. Aber auch 
in diesen Leidensjahren hielt ihn der Idealismus aufrecht, der den Grundzug 
seines Wesens bildete. H. war eine von den Gelehrtennaturen, die in der 
Beschäftigung mit dem Gegenstande ihrer Forschung völlig aufgehen und in 
der idealen Welt ihrer geistigen Bethätigung einen Ersatz dafür finden, dass 
sie in dem realen Leben stets nur Fremdlinge bleiben. 

Diese Eigenart prägte sich auch in H.'s Lel^rthätigkeit aus. Auch hier 
wirkte er vor Allem durch die völlige Hingabe an seinen Gegenstand. Was 
er leistete, leistete er auch hier mehr als Gelehrter, denn als Lehrer im 
engeren Sinne des Wortes. Auch reifere Gymnasialschüler pflegen für ein 
solches Wirken empfanglich zu sein, und so erzählt denn mancher, der im 
bemischen Gymnasium H. zum Lehrer hatte, wie seine Begeisterung für die 
Alten die Schüler mitriss und sie selbst an der von ihm stark betonten 
Grammatik Geschmack gewinnen Hess. Viel mehr noch passte diese Art auf 
die Universität. Hier hat H., solange er im Zenith seiner Schaffenskraft und 
Schaffensfreudigkeit stand, höchst anregend gewirkt. Später verlor er unter 
der Einwirkung seiner Krankheit mehr und mehr an Fühlung mit seinem 
Auditorium. Aber immer ging von ihm jene ethische Wirkung aus, wie sie 

13* 



iq6 Hagen, v. Reiser. 

eine in strenger Selbstzucht gereifte, mit aller Hingabe die Wahrheit suchende 
Persönlichkeit ausüben muss. So wird sein Andenken in den Kreisen 
derer fortleben, die als Schüler zu ihm in persönliche Beziehung getreten 
sind. Noch weniger aber wird er im Bereiche seiner Wissenschaft vergessen 
werden. Wer immer mit der Geschichte der lateinischen Grammatik sich 
befasst, kann an seinen Arbeiten nicht vorübergehen, und die Gelehrten von 
Nah und Fem, die sich an der Hand seines Katalogs in dem Schatze der 
bernischen Handschriftensammlung zurechtgefunden haben, werden H. als 
hocherfahrenen Wegweiser dankbar und mit Ehren nennen. 

Weitere Nekrologe sind an folgenden Orten erschienen: Intelligenzbl. (der Stadt 
Stadt Bern) 1898 Nr. 224 (anonym), Schweiz, pädag. Zcitschr. 9 (1899) S. 112 — 114 
(K. Praechter). 

Bern. Karl Praechter. 

Reiser, Wilhelm (von), Dr. phil. et theol., 4. Bischof von Rottenburg, 
♦ 13. Mai 1835 2U Egesheim (im württ. Oberamt Spaichingen), f u. Mai 1898 
zu Ell Wangen. Sein Vater war Schul theiss in Egesheim. Er besuchte das 
Rottweiler Gymnasium und Convict und studirte seit 1854 im Tübinger 
Wilhelmsstifte Theologie. 1857 hatte er mit seinem Studiengenossen und 
künftigen Nachfolger auf dem Bischofssitz, Linsenmann, um den wissenschaft- 
lichen Preis der katholisch-theologischen Fakultät zu losen, wobei er gewann. 
Herbst 1858 trat er in das Rottenburger^ Priesterseminar ein und empfing am 
10. August 1859 die Priesterweihe durch Bischof Lipp. Hierauf wurde er 
Vicar in Spaichingen, seit October 1861 Repetent am Tübinger Wilhelms- 
stifte, welche Stellung er bis Mai 1867 inne hatte. Dann nahm er einen 
längeren Urlaub, den er zu einer wissenschaftlichen Reise in (Gemeinschaft 
mit Linsenmann benutzte. Am 17. August desselben Jahres machte ihn die 
Tübinger Fakultät zum Licentiaten der Theologie. Acht Tage vorher war 
er zum Präfecten des neu gegründeten Martinihauses in Rottenburg ernannt 
worden, eines Knabenseminars für Untergymnasiasten, dessen Entwicklung 
Reiser in glückliche Bahnen lenkte. Am 30. April 1869 wurde er provi- 
sorischer, am 4. Januar 1870 definitiver Director des Wilhelmsstiftes in Tü- 
bingen, daneben Stadtpfarrer, seit December 1875 Garnisonspfarrer daselbst. 
In schwieriger Zeit füllte er den Posten eines Convictsvorstandes trefflich aus 
und erwarb sich bei den ihm untergebenen Studenten viele Sympathieen. 
Er war nicht nur ein geschickter Pädagoge, sondern auch ein tüchtiger 
Gelehrter. Sein Wissen umspannte das gesammte Gebiet der Theologie, mit 
Vorliebe pflegte er das Fach der Kirchengeschichte und der kirchlichen 
Kunst. Doch beschränkte sich seine litterarische Thätigkeit auf eine im Jahr- 
gang 1866 der (Tübinger) Theologischen Quartalschrift erschienene Studie 
»Praxeas und Kallistus«, kleinere Beiträge und Recensionen für dieselbe, das 
Bonner Litteraturblatt und andere Zeitschriften. Trotzdem genoss er in ganz 
Deutschland w^issenschaftliches Ansehen. Herbst 1876 erhielt er einen Ru! 
an die Akademie Münster in Westfalen, den er ablehnte. Beim Tübinger 
Universitätsjubiläum des Jahres 1877 creirte ihn die katholisch-theologische 
Fakultät zum Ehrendoctor. Auch sonst hat er im Verlaufe seines Lebens 
hohe Orden und andere Ehrenzeichen nicht entbehren müssen. — Am 
29. März 1879 wurde er in das Rottenburger Domcapitel berufen und am 
25. Mai als Domcapitular installirt. Bis November 1879 versah er zugleich 
das Amt eines Stadtdecans, Dom- und Stadtpfarrers in Rottenburg, Juli i88i 



V, Reiser. Hepke. iny 

fiel ihm die Vorstandschaft des Curatoriums des Martinihauses zu. Von 1880 
bis 1886 vertrat er das Domcapitel in der Abgeordnetenkammer, eine nicht 
allzu schwierige Aufgabe, da in Württemberg kirchenpolitischer Friede 
herrschte. Im Domcapitel selbst hatte er hauptsächlich das Referat über die 
Bildungs- und Erziehungsanstalten des Clerus, wofür ihn seine Vergangenheit 
besonders befähigte. Am 31. August 1886 wurde R. durch apostolisches 
Breve unter königlicher Zustimmung Coadjutor Bischofs Hefele cum jure 
succedendi und Titularbischof von Enos (in Thrakien), am 4. October 1886 
Generalvicar; am 14. November desselben Jahres wurde er zum Weihbischof 
consecrirt und am 17. März 1887 als solcher präconisirt. Somit war er nach 
Hefeies Tod am 5. Juni 1893 ohne Weiteres Bischof von Rottenburg, über- 
nahm sofort die Leitung der Diöcese und liess sich am 11. Juli inthronisiren. 
Fast noch mehr als sein Vorgänger handelte er in seiner Amtsführung nach 
versöhnlichen Grundsätzen. Er bemühte sich, jede Verschärfung der con- 
fessionellen Gegensätze zu hindern und die guten Beziehungen zwischen Staat 
und katholischer Kirche aufrecht zu erhalten. Dabei wusste er aber doch 
die Interessen seiner Diöcese nach allen Seiten hin energisch zu wahren. 
Er genoss allgemeine Achtung im ganzen Lande. — Auf einer Firmungsreise 
im Mai 1898 wurde R. zu Wasseralfingen von einem Unwohlsein befallen. 
Er setzte dennoch seine Reise nach Ellwangen fort. Hier stellten sich Magen- 
blutungen ein, und er hauchte am 11. Mai 8 7^ Uhr Abends im dortigen 
Stadtpfarrhaus seine Seele aus. Die Leiche wurde nach Rottenburg überführt 
und hier am 16. Mai mit dem üblichen Pompe beigesetzt. 

St. J. Neher, Personal-Katalog der seit 181 3 ordinirten und in der Seelsorge ver- 
wendeten Geistlichen des Bisthams Rottenburg, 3. Auflage (Schw. Gmünd, 1894) S. 150, 
»Deutsches Volksblatt« vom 12. — 21. Mai 1898 Nr. 106 — 113, Nekrologe in der ^)SchwHbischen 
Kronik« vom 12. Mai 1898 (Mittagsblatt), im »Staats-Anzeiger für Württemberg« und »Neuen 
Tagblatt« vom selben Tag. 

R. Krauss. 

Hepke, Robert, Geheimer Legationsrath z. D., * 9. Januar 1820 
Posen, f 21. December 1898 Berlin. Nachdem er 1839 — 4^ sich in Berlin 
philologischen Studien und namentlich auch der vergleichenden Sprach- 
forschung gewidmet hatte, kehrte er nach Posen zurück, wo er zunächst als 
Hülfslehrer, dann als Oberlehrer am Mariengymnasium angestellt wurde. In 
die national-polnische Bewegung, welche die Verhältnisse des Grossherzog- 
thums Posen erschütterte und die Verbindung mit dem neuen Deutschen 
Reiche in Frage stellte, trat der junge Oberlehrer in preussisch-conservativem 
Sinne energisch ein, und wurde in Folge dessen als Deputirter der Stadt 
Posen zum Deutschen Parlament nach Frankfurt entsandt, wo er für die Er- 
haltung Posens beim Reiche wirkte. Hier wurde Joseph von Radowitz auf 
ihn aufmerksam, er nahm ihn in das auswärtige Ministerium, wo H. bereits 
1852 zum Legationsrath, dann später zum Wirklichen und zum Geheimen 
Legationsrath ernannt wurde. Hier bearbeitete H. in erster Linie die öster- 
reichischen Angelegenheiten; nach 25 Jahren angestrengter Berufsthätigkeit 
wurde er im Sommer 1874 zur Disposition gestellt. Seine Kenntniss der 
Verhältnisse der Oesterreichischen Monarchie fand einen willkommenen Bundes- 
genossen in dem Deutschen Schulverein, zu dessen Gründung er bereits am 
28. Juni 1881 seinen Glückwunsch sandte, und von dem er den grössten Er- 
folg erhoffte, wenn — was thatsächlich eintrat — »dem ersten nationalen 
Handeln auf diesem Gebiete die Nachfolge der wissenschaftlichen Welt zu 



igg Hepke. v. Leibbrand. 

Theil werde«. — Am 23. October 1882 in die Hauptleitung gewählt, über- 
nahm er bereits in der nächstfolgenden Sitzung zusammen mit Wattenbach 
die Ausarbeitung einer wichtigen Denkschrift. Bei allen Massnahmen, welche 
in den folgenden Jahren zum Schutze des Deutschen Schulwesens in Ungarn 
und Siebenbürgen vom Schulverein unternommen wurden, wirkte H. mit. 
»Das Deutschthum im Auslande,« Januar 1899. 

Leibbrand, Carl (von), Brückenbaumeister, ♦ Ludwigsburg (in Württem- 
berg) II. November 1839, f Stuttgart 14. März 1898. Sein Vater war In- 
haber eines bekannten Officier-Ausstattungsgeschäfts in Ludwigsburg. Auf der 
dortigen Realschule vorgebildet, bereitete er sich von 1855 — 60 auf dem 
Stuttgarter Polytechnicum zum Ingenieur und Architecten aus. 1860 erstand 
er die erste, 1865 die zweite Staatsprüfung im Baufache mit ausgezeichnetem 
Erfolg. In der Zwischenzeit war er beim Eisenbahnbau in Heilbronn und 
Hall beschäftigt und versah die Stelle eines Assistenten für Strassen-, Brücken-, 
Eisenbahn- und Wasserbau am Polytechnicum in Stuttgart. Im Herbst 1864 
führte ihn eine wissenschaftliche Reise nach Belgien und Holland, 1867 be- 
suchte er Paris und London, wie er auch später nicht selten fremde Städte 
und Länder im Interesse des einheimischen Bauwesens bereiste. 1866 trat 
er vom Eisenbahnbau zur Strassen- und Wasser bau Verwaltung über und er- 
hielt am 19. April 1866 das Amt eines Strassenbauinspectors zu Obemdorf. 
Jahrs darauf gründete er sich einen eigenen Hausstand mit Amalie Brandacker, 
der Tochter des Herausgebers des »Schwarz Wälder Boten« in Obemdorf. 
April 1875 wurde L. Strassen- und Wasserbauinspector in Stuttgart, De- 
cember 1875 Baurath bei der Ministerialabtheilung für den Strassen- und 
Wasserbau, 1882 titulirter, December 1888 wirklicher Oberbaurath, Juni 189 1 
Vorstand der genannten Ministerialabtheilung. Im September 1893 verlieh 
ihm der König bei Gelegenheit der Vollendung der König-Carl-Brücke bei 
Cannstatt den Titel und Rang eines Präsidenten. L. hat für das einheimische 
Bauwesen in vielfacher Hinsicht Erspri esslich es geleistet. Namentlich hat er 
die Unterhaltung der Staatsstrassen durch Einführung des Dampfwalzenbetriebs 
verbessert. Sein eigenthümliches Verdienst liegt jedoch auf dem Gebiete des 
Brückenbaus. Durch ein besonderes, in den Culturstaaten allgemein an- 
erkanntes und weit verbreitetes Verfahren gelang es ihm, Steinbrücken mit 
demselben Kostenaufwand wie eiserne zu bauen, deren Unterhaltung weit 
grössere Sorgfalt und Mühe erfordert. Ferner benutzte er zuerst Beton für 
Brücken von beträchtlicher Spannweite. Als Muster für dieses System galt 
die 1893 vollendete Donaubrücke bei Munderkingen mit 50 m Spannweite. 
Ingenieure aus aller Herren Ländern stellten sich ein, um das Werk zu be- 
sichtigen und zu Studiren, und dem Erfinder des neuen Verfahrens wurde 
im December 1895 der Telford-Preis der Institution of Civü Engineers zu 
Theil. FAne Anzahl weiterer Brückenbauten in den verschiedensten Gegenden 
des württembergischen Landes zeugen von seiner Kunst, deren Wesen in 
einer glücklichen Verbindung von kühner Eigenart und besonnener Gründ- 
lichkeit bestand. Er wirkte auch bei vielen Concurrenzen für Brückenbauten 
als Preisrichter mit. Auch als Schriftsteller trat er mit grösseren Abhand- 
lungen in Fachzeitschriften auf den Plan. Seine praktische Thätigkeit in der 
sonstigen Architectur beschränkte sich auf einige Gebäude im Schwarzwald- 
städtchen Schramberg. Am Vereins wesen nahm L. regen Anteil. Er war 
langjähriges Ausschussmitglied des württembergischen Vereins für Baukunde. 



V. Leibbrand. AmmermUller. log 

Von 1876 — 1894 vertrat er das Oberamt Oberndorf in der württembergischen 
Abgeordnetenkammer, wo er sich der sogenannten Landespartei (Regierungs- 
partei) anschloss und durch Redegewandtheit wie verbindliches Wesen Ein- 
fluss gewann. Er hatte viele Jahre das Referat für die Eisenbahnen und 
das staatliche Bauwesen überhaupt. An äusseren Ehren fehlte es ihm nicht. 
Hohe Orden, danmter das mit dem Personaladel verbundene Ehrenkreuz des 
württembergischen Kronordens, fielen ihm zu, viele Gemeinden des Landes, 
um die er sich in seiner amtlichen Eigenschaft Verdienste erworben hatte, 
ernannten ihn zu ihrem Ehrenbürger. — Im Mai 1897 erkrankte L., eine 
Badecur im Wildbad brachte nicht die erhoffte Besserung. Seit August 1897 
war er fast 7 Monate an das Schmerzenslager gefesselt. Der ärztliche Be- 
fund lautete auf leukämieähnliche Erkrankung mit Verhärtung des Knochen- 
marks. Dem Entschlummerten wurden die seinem Ansehen entsprechenden 
Begräbnissehren zu Theil. Er hinterliess eine Wittwe mit 6 Kindern. 

»Schwäbische Kronik« vom 14., 16. und 22. März 189S (je Mittagsblatt), (Stutt- 
garter) »Neues Tagblatt« vom 15. März 1898, ^) Staats-Anzeiger für Württemberg« vom 
14. März 1898, »Ueber Land und Meer« 80. Bd. (1898) Nr. 27 (mit Bild). »Wiener Abend- 
post« 1898, Nr. 62. 

R. Krauss. 

Ammermüller, Friedrich, Dr., Nationalökonom und Politiker, * 6. No- 
vember 1 809 im damals württembergischen, jetzt badischen Städtchen Stockach, 
f Stuttgart, 2. August 1898. Er verbrachte seine Jugend in Tübingen, wohin 
sein Vater als Uni versitätscameral Verwalter versetzt wurde, und studirte dort 
Naturwissenschaften und Medicin. Nachdem er 1832 Dr. med. geworden 
war, ging er ganz zu den Naturwissenschaften über, da er sich von diesen, 
zumal der Chemie, stark angezogen fühlte. 1835 erhielt er die Stelle eines 
Lehrers an der Gewerbeschule in Schaffhausen und verheirathete sich mit 
Marie Reuchlin. 1838 — 52 wirkte er als Oberreallehrer in Reutlingen. Hier 
gehörte er zu den Leitern der liberalen Bewegung, wurde unter der Reaction 
gemassregelt und zur Strafe 1852 nach Isny versetzt. Er nahm sofort seine 
Entlassung aus dem Schuldienste, wandte sich nach Stuttgart und war hier 
10 Jahre lang in der grossen Siegleschen Farbwaarenfabrik thätig. Von 1855 
bis 1897 sass er im Verwaltungsrath der Allgemeinen Rentenanstalt. A., der 
schon in Reutlingen Vorstand des dortigen Gewerbe Vereins gewesen war, 
spielte bald im gewerblichen Leben der Residenz eine hervorragende Rolle. 
Er war lange Zeit einer der Vormänner, zeitweise Ausschussmitglied und 
Vorstand des Stuttgarter Gewerbevereins, viele Jahre Präsident der Wander- 
versammlung der württembergischen Gewerbevereine, einer der 24 Beiräthe 
der 1848 begründeten Centralstelle für Gewerbe und Handel. Mit tüchtigen 
Kenntnissen auf diesem Gebiet ausgerüstet, förderte er mannigfach die ein- 
heimische Industrie, trat für Befreiung der Gewerbe von Zunftwesen und ähn- 
lichem Zopf ein, hing jedoch, gleich seinem Freunde und Gesinnungsgenossen 
Moritz Mohl, den schutzzöllnerischen Ideen Friedrich Lists an. Auch als 
Tagesschriftsteller in nationalökonomischen und gewerblichen Fragen trat A. 
auf. 1855 — 57 und 1860 — 62 sass er im Bürgerausschuss, 1865 — 71 im 
Gemeinderath der Hauptstadt. In der zweiten sogenannten verfassungsbe- 
rathenden Landesversammlung des Jahres 1850 vertrat er das Oberamt Urach. 
1862 — 70 gehörte er der Kammer als Abgeordneter von Heidenheim an und 
nützte durch Fleiss und Kenntnisse ihr, namendich ihrer volkswirthschafdichen 



200 Ammennüller. Taschenberg. 

Kommission. Auch in Eisenbahnbaufragen sprach er gerne mit. Obgleich 
er sich eine Zeit lang an den Einheitsbestrebungen betheihgt hatte, schloss 
er sich doch bei der Trennung der württembergischen Liberalen den Gross- 
deutschen und folglich den Demokraten an. 1868 — 70 war er Mitglied des 
Zollparlaments in Berlin für den 15. württembergischen Wahlkreis (Reutlingen- 
Tübingen), und gesellte sich der süddeutschen Fraction zu. 1877 wurde er 
nochmals von Oehringen in die Abgeordnetenkammer entsandt; seine Wahl 
wurde jedoch für ungiltig erklärt, und bei der Nachwahl fiel er durch. A. 
erfreute sich bis in das höchste Alter einer seltenen geistigen und körper- 
lichen Frische; erst in den letzten Monaten seines Lebens zerfielen seine 
Kräfte rasch. Der freundliche und human gesinnte Mann genoss in Stuttgart 
viele Sympathien. Er hinterliess keine Nachkommenschaft. 

ZeituDgsnekrologe in der »Schwabischen Kronik« vom 3. Augus 11898 (Mittags- und 
Abendblatt), »Frankfurter Zeitung« 1898 Nr. 213 (Abendblatt) u. s. w. 

R. Krauss. 

Taschenberg, Ernst Ludwig, Universitätsprofessor für P^ntomologie in 
Halle a/S., * 10. Januar 1818 in Naumburg a/S., f 19. Januar 1898 in Halle a/S. 
Als der Sohn eines Privatlehrers, der in Naumburg eine Schule für die Töchter 
besserer Stände unterhielt, erwarb er sich die Gymnasialbildung in der Landes- 
schule Pforte und studirte Mathematik und Naturwissenschaften in Berlin und 
Leipzig. Als Hilfslehrer an den P'rancke' sehen Stiftungen in Halle fand er 
Gelegenheit, 1845 ^^^ ^^^ zoologischen Museum der Universität, dessen 
entomologische Abtheilung durch Burmeisters Thätigkeit einen hohen Auf- 
schwung genommen hatte, in Beziehung zu treten. Nach zwei Jahren ver- 
liess er Halle und war erst in Seesen an der Jakobson'schen Schule als 
erster Lehrer und dann in Zahna als Rector thätig. 1855 kehrte er indess 
zurück und wurde endgiltig als Inspector am Museum angestellt. In die 
Lehrerzeit fallen einige botanische Veröffentlichungen. Die eigentliche, 
äusserst fruchtbringende Lebensaufgabe beginnt mit seiner Custodenstellung, 
die er mit grösster Gewissenhaftigkeit bis zu seinem Tode ausgefüllt hat. 
Die Pflichtstunden des Vormittags waren ausnahmslos dem Dienste der Samm- 
lung gewidmet. Der Nachmittag wurde, so oft es ging, namentlich, solange 
ihn sein Sohn Otto zu begleiten Zeit hatte, zu Excursionen verwendet, zu 
biologischen Beobachtungen und eifrigem Sammeln, wobei die grösste Sonnen- 
hitze nicht störte. Erst in späteren Jahren wurden sie eingestellt und durch 
kürzere Spaziergänge mit der Frau oder durch den Aufenthalt in den Räumen 
der Loge ersetzt. Das Leben floss regelmässig dahin in bescheidenen Bahnen, 
soweit es das Aeussere anlangt. Nur zweimal führten Reisen in die 
Ferne nach der Schweiz und Tyrol, sonst wurden die Ferien mit der Familie 
im Harz oder Thüringer Walde verbracht. Eine gleichmässig ausgezeichnete 
Gesundheit, welche ihn bis zuletzt im Vollbesitz seiner körperlichen 
Kräfte erhielt, so dass er noch wenige Wochen vor seinem Tode die 
schwierigsten Bestimmungen mit der Lupe ausführen konnte, sowie über- 
haupt Ebenmass und Ruhe in seinem Wesen bildeten die Grundlage für seine 
ununterbrochene officielle Arbeit und für eine sehr bedeutsame litterarische 
Thätigkeit. Sie erstreckte sich auf die verschiedensten Zweige der Ento- 
mologie, vorwiegend auf die Insecten der Heimath; sie war theils populär, 
theils rein wissenschaftlich, theils practisch. Von der ersteren sind »die 
Bilder aus dem Insectenleben<' und »die Insecten« in Brehms Thierleben die 



Taschenberg. 20I 

bekanntesten Früchte; die zweite pflegte fast alle Kerbthierordnungen, mit 
Vorliebe aber die Hymenopteren ; die dritte knüpfte an eine Preisarbeit über 
die schädlichen Insecten an, welche vom preussischen Ministerium aus- 
geschrieben war (1856). Sie steigerte sich allmählich zu einer sehr umfang- 
reichen und nachhaltigen Wirksamkeit, die ebensowohl in massenhaften, 
grösseren und kleineren Publicationen, als in einer regen Correspondenz mit 
land- und forstwirthschaftlichen, pomo- und oenologischen Kreisen ihren 
Ausdruck fand und von dieser Seite auch manche verdiente Anerkennung 
einbrachte; denn T.'s freundliches Wohlwollen war stets zu eingehendem 
Rathe bereit. Hierher gehört auch seine Thätigkeit als Reblaus-Commissar 
für die Provinz Sachsen. Dazu kommt noch seine Lehrthätigkeit seit 1871, 
wo er zum ausserordentlichen Professor ernannt wurde. Er konnte sie bis 
zur 25 jährigen Jubelfeier fortführen. Seine Vorlesungen erstreckten sich bald 
auf die allgemeine Entomologie, bald auf die Biologie, meist mit Rücksicht 
auf die landwirthschaftliche Praxis, bald auf einzelne Ordnungen, bald wurden 
Bestinimungsübungen und Excursionen dazu genommen. 

So war das Leben T.*s nach aussen arm an sensationellen Ereignissen, 
aber in seiner Thätigkeit gesund, folgerecht und harmonisch abgerundet. 

Von den Schriften, die sich durchweg durch Zuverlässigkeit auszeichnen, 
kann aus Raummangel nur eine Anzahl angeführt werden: 

EDtomologie f. Gärtner u. Gartenfreunde, od. Naturgeschichte d. dem Gartenbau 
schädlichen Insecten, Würmer u. s. w., sowie ihrer natürlichen Feinde, nebst Angabc d. 
gegen erstere anzuwendenden Schutzmittel. M. 123 Holzschn. Leipzig, 1871, gr. 8 (VI 
586 S.). 

Dasselbe ins Russische übersetzt. 

Forstwirthschaftliche Insectenkunde od. Naturgeschichte d. d. deutschen Forsten 
schädl. Insecten, Angabc der Gegenmittel nebst Hinweis auf die wichtigsten Waldbeschützer 
nnt. d. Thieren. M. vielen (eingedr.) Holzschn. Leipzig, Kummer, 1875. gr. 8 (VI, 548 S.). 

Practische Insectenkunde od. Naturgeschichte aller derjenigen Insecten, m. welch, 
wir in Deutschland nach d. bisherigen Erfahrungen in nähere Berührung kommen können. 
Nebst Angabe d. Bekämpfungsmittel gegen die schädlichen unter ihnen, i — 5. Thl. Bremen, 
Heinsius, 1879—80. gr. 8. 

Was da kriecht und fliegt! Bilder aus d. Insectenleben m. besonderer Berück- 
sichtigung ihrer Verwandlungsgeschichte. Berlin, 186 1, 8. (VII, 632 S. m.- Holzschn.) — 
2. neu bearb. Auflage m. 85 Holzschn. (10 Lfgn.) Berlin, Wiegandt, Hempel u. Parcy, 
1878. gr. 8 (VIII, 656 S.). 

Die d. Hopfen schädl. Insecten, in: Festschr. gewidmet d. Besuchern d. internal. 
Ausstellung v. Hopfen etc. z. Nürnberg. 1877. p. 99— 113. 

Ueber Insectenschwärme od. Insectenzüge, in: Zeitschr. f. d. ges. Naturw. 53. Bd. 
(3. F. 6. Bd.) 1880. p. 903 — 905. 

Das Ungeziefer d. landwirthschaftl. Culturgewächse. M. 36 Abbildgn. (in eingedr. 
Holzschn.) Berlin und Leipzig, H. Voigt, 1874. 8. (VII, 230 S.). 

Die d. Wein- u. Obstbau schädl. Insecten. Wirthschaftl. Ergänzungsblätter in: 
Verhandl. d. naturhistor. Ver. d. preuss. Rheinl. u. Westf. 29. Jhg. (3 F. 9. Jhg.) 1872. 
p. 147-234. 

Taschenberg u. Ed. Lucas, Schutz d. Obstbäume u. deren Früchte gegen feindliche 
Thiere u. gegen Krankheiten. 2 Bde. Stuttgart, Ulmer, 1879. gr. 8. 

Insecten in Brehm*s Thierleben. 

Schlüssel zur Bestimmung der bisher in Deutschland aufgefundenen Gattungen und 
Arten der Mordwespen (Sphex L.). (Mit i Taf.) in: Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss. Halle. 
Bd. 12. 1858. p. 57— 122. 

Schlüsse] zur Bestimmung unserer heimischen Blatt- und Holzwespen-Gattungen und 
VcTzeichniss der bisher in der Umgegend v. Halle aufgefundenen Arten. X. Bd. 1857. 
p. 113— 118. 

Heimische Gallen und ihre Erzeuger, in: Jahresber. d. Gartenbau-Ver. zu Halle a/S. 
niustr. Garten-Ztg. (Lebl.) 1877, p. 234 — 236; 252—255. 



202 Taschenberg. v. Zimmennann. 

Ueber Spinner und Weber unter, d. Gliederthieren in: Zcitschr. f. d. ges. Naturw. 
40. Bd. 1872. p. 500. 

Chilenische Insecten, besonders Käfer, ebd. 38. Bd. 1871. p. 38—42. 

Orthopterologische Studien aus d. hinterlassenen Papieren d. Oberlehrers Carl Wanckel 
zu Dresden in ebd. 38. Bd. 1871. p. i — 28. 

Das sog. Befallen der Obststämme. (Blattläuse) in: Zeitschr. d. landw. Centralver. 
d. Prov. Sachsen. 27. Bd. 1870. p. 84 — 87. — Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss. 35. Bd. 
(N. F. I. Bd.) 1870. p. 95— 96. 

Neue Beobachtungen üb. d. Reblaus. (M. Abbild, im Text) in: Natur (Müller.) 
(N. F. 3. Bd. 1877. p. 269—279). 

Wandtafeln zur Darstellung d. Reblaus u. d. Blutlaus f. Schule u. Haus. Chromlith. 
gr. Fol. M. erklär. Texte. Stuttgart, 1878. gr. 8. (29 S.). 

Ueber die sog. Giftfliegen in: Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss. 53. Bd. 1880 p. 197 
bis 199. 

Die Spargelbohrfliege, Platyporea (Musca) poeciloptera Schrank, Low, Schiner. in: 
Schles. landw. Ztg. 7. Jhg. 1866. p. 153. 

Zwitter v. Acherontia Atropos in: Zeitschr. f. d. ges. Naturwiss. 22. Bd. 1863. p. 
520—521. 

Erfahrungen bei d. Aufzucht d. Bombyx Cynthia-Raupen. ebd. 24. Bd. 1864. p. 372. 

Der »Traubenwurm« (Cocbylis ambiguella), seine Naturgesch. u. Bekämpfung in: 
Anm. d. Oenologie. i. Bd. Hft. 2/3. 1870. p. 198—203. 

Tödtet d. Sauerwurm! in: Weinbau IV. Jahrg. 1878. p. 355. — Fränkischer Wein- 
bau. 1879. p. 93— 96. — Rheingauer Weinbl. 3. Jhg. 1879. Beil. zu Nr. 11. 

Traubenwickler (Cochylis ambiguella) u. Springwurmwickler in: Rheingauer Weinbl. 
3. Jhg. 1879. p. 129— 131. — Weinlaube, ii. Jhg. 1879. p. 330— 332. 

Zur Vertilgung d. Sauerwurms durch Abreiben d. Reben in: W^einbau V. Jhg. 1879. 
p. 141 — 142. 

Zur Vertilgung d. Sauerwurms an d. Mosel u. in Rheinbayern ebd. V Jhg. 1879. P* 
10— II. 

Die Vögel als Sauerwurmvertilger in: Oester. ung. Wein- und Agricult.-Ztg. 10 Jhg. 
1879. p. 85. — Weinbau V Jahrg. 1879. p. 30. 

Biologische Notizen über einige zum Theil neue Hymenopteren aus Port Natal in: 
Ztschr. f. d. ges. Naturwiss. 39. Bd. 1872. p. i — 20. 

Einige neue sUdeuropäische Hymenopteren. ebd. 38. Bd. 1871. p. 30. 5 — 311. 

Die Hymenopteren Deutschlands nach ihren Gattungen und theilweise nach ihren 
Arten als Wegweiser f. angehende Hymenopterologen u. gleichzeitig als Verzeichniss d. 
Hallischen Hymenopterenfauna analytisch zusammengestellt. Leipzig, Kummer, 1866. gr. 
8. (VI, 277 S.). 

Hymenopterologischer Sammelbericht in: Berlin. Ent. Zeitschr. 5 Bd. 1861. p. 194 
bis 197. 

Einige neue tropische, namentlich südamerikanische Cryptidcn in: Ztschr. f. d. ges. 
Naturwiss. 48. Bd. 1876. p. 61 — 104. 

Die Schlupfwespen familie Cryptides mit besonderer Berücksichtigung der deutschen 
Arten, ebd. 25. Bd. 1865. p. 1 — 142. 

Die Schlupfwespenfamilie Pimplariae der deutschen Fauna, . mit besonderer Rücksicht 
auf die Umgegend von Halle in: ebd. 21. Bd. 1863. p. 245 — 305. 

Ueber den Nestbau einiger Wespen in: ebd. Bd. 1873. Correspb. p. 565. 

Neue Käfer aus Columbien u. Ecuador in: ebd. 35. Bd. 1870. p. 177 — 199. 

Ueber den Linsenkäfer, Bruchus lentis in: ebd. 47. Bd. 1876. p. 294—295. 

Die grünen Rüsselkäfer Ratzeburgs in: Deutsch. Forst- und Jagdkalender III. 2. 
1875. p. 32—42. 

Coloradobillcn. Kjöbenhavn. 1878. 

Ein gutes Bildniss T.'s Leipziger Illustrirte Zeitung No. 2849. S. 132. 

H. Simroth. 

Zimmennann, Robert von, ordentlicher Universitätsprofessor der Philosophie 
in Wien, ♦ am 2. November 1824 zu Prag, f am 31. August 1898 daselbst. 
Z. entstammte einer Familie, die, früher zu Ruhla in Thüringen heimisch, mit 
dem Grossvater des Philosophen nach Oesterreich einwanderte und zuerst in 



y, Zirnmermann. 203 

kleineren böhmischen Orten, dann in Prag ihren Wohnsitz nahm. Ein 
Oheim Roberts, ein zweiter Sohn des erstem in Oesterreich naturalisirten und 
zum Katholicismus übergetretenen Z., Karl, that sich als Maler hervor, während 
der Vater des Philosophen, Johann August, 1793 zu Bilin geboren, als Schul- 
mann und als Dichter, besonders als Schöpfer geistiicher Lieder, ausgezeichnet, 
durch seinen Freund und Lehrer Bolzano, den berühmten Logiker und 
Mathematiker in Prag, auch zu philosophischen Studien angeregt wurde. 

Dieses ganze Geistesleben der früheren Generation, die Familien tradition, 
wenn man so sagen darf, muss man in Rücksicht ziehen, um die geistige 
Individualität Robert Z.'s voll zu begreifen. Den Mittelschulunterricht in 
Prag empfing er unter der Leitung seines Vaters, der zu den angesehen- 
sten Schulmännern Oesterreichs zählte, im Auftrage des Ministers Grafen 
Kolowrat einen Plan zur Reform der österreichischen Gymnasien ausarbeitete, 
wiederholt mit Exner, Bonitz u. A. an den diesbezüglichen Wiener Conferenzen 
der sog. »Studien-Hofcommission« Theil nahm und später sich hauptsächlich 
nur desshalb von der Schulmanns-Thätigkeit zurückzog, weil ihm die völlige 
Ersetzung des Gassen- durch das Fachlehrersystem pädagogisch bedenklich 
schien. Wahrscheinlich ist der junge Robert schon durch diesen mit Bolzano 
so befreundeten und überdies philosophisch schriftstellernden Vater auf die 
Philosophie hingeführt worden; indessen hätte es der väterlichen Lenkung 
kaum bedurft: waren doch in Prag Bolzano selbst und Exner, dem der 
Herbartianismus die Jahrzehnte lang währende Präponderanz in Oesterreich 
dankte, seine Lehrer, und hieraus im Vereine mit den Familienanregungen 
ergiebt sich wohl unmittelbar jene Doppelneigung, welche auch für die äussere 
Gestaltung seines künftigen Lebens bestimmend werden, sich namentlich in 
dem Wechsel der Berufswahl bedeutsam ausprägen sollte. Denn dass ein 
Schüler Bolzano's sich zunächst der Mathematik und strengen mathematischen 
Naturwissenschaft zuwandte, dass es ihn trieb, seine in Prag begonnenen 
Universitätsstudien in Wien unter dem Chemiker Schrötter, dem Physiker 
Ettingshausen und dem Astronomen Littrow fortzusetzen, und dass er, nach- 
dem er in Wien am 26. Mai 1846 zum Doctor der Philosophie promovirt 
worden war, im März des folgenden Jahres eine Stelle als Assistent an der 
Wiener Sternwarte annahm, ist gewiss nicht verwunderlich; noch selbstver- 
ständlicher aber erscheint es, dass in einem von der Natur mit ingenium 
philosophicum ausgestatteten Jünglinge, dessen Geist so früh schon die Ein- 
wirkung von Philosophen und Liebhabern der Philosophie erfahren hatte, das 
Interesse an den höchsten und allgemeinsten Fragen lebendig blieb. So war 
denn Z. fast um dieselbe Zeit, da seine Thätigkeit an der Sternwarte begann, 
schon mit einer Uebersetzung von Leibnitz' »Monadologie«, an die er eine 
Abhandlung ȟber Leibnitz* und Herbarts Theorien des wirklichen Ge- 
schehens« schloss, hervorgetreten; im selben Jahre, 1847, nahm er an der 
Philosophen- Versammlung theil, welche zu Gotha unter dem Protectorate des 
Herzogs von Sachsen-Coburg abgehalten wurde, und der letzte Tag des 
nächsten Jahres brachte ihm für seine »Comparatio monadologiae 
Leibnitzii et Herbartii« den Preis der königlich-dänischen Academie der 
Wissenschaften in Kopenhagen ein, so dass nach Veröffentiichung einer 
deutschen Uebersetzung dieser preisgekrönten Schrift seiner Habilitation im 
März 1849 *^s Privatdocent für Philosophie an der Wiener Universität nichts 
im Wege stehen konnte. Nun ging es in seiner academischen Carri^re mit 
raschen Schritten vorwärts. Er wurde Professor, nachdem er kaum erst die 



204 



V. Zimmermaniu 



venia legendi erlangt hatte. Noch in das Jahr 1849 nämlich tällt seine 
Ernennung zum Extraordinarius fiir Philosophie in Olmütz und drei Jahre 
darauf (1852) vertauschte er diese ausserordentliche Olmützer Lehrkanzel mit 
der ordentlichen in Prag, die er 9 Jahre inne hatte, um endlich 1870 an die 
Wiener Universität berufen zu werden. Hier wirkte er fortan mehr als 3*/, 
Decennien; hier beschloss er auch seine academische Thätigkeit: als er sein 
70. Jahr erreicht hatte und daher nach den Bestimmungen des österreichischen 
Gesetzes in den Ruhestand treten sollte, wurde ihm noch ein auf 3 Semester 
verlängertes Ehrenjahr bewilligt, infolgedessen er erst zum Schlüsse des 
Sommersemesters 1896 von seinem Lehrstuhle Abschied nahm. Inzwischen 
aber war ihm eine Fülle äusserer Ehrungen zu Theil geworden. 1866 er- 
folgte seine Berufung als Mitglied des damals creirten Unterrichtsrathes. 
1870 verlieh ihm der Kaiser den Regierungsraths-, 1874 den Hofrathstitel ; 
1889 wurde er durch das Ritterkreuz des Leopold-Ordens und am 7. Mai 1896 
anlässlich seiner bevorstehenden Pensionirung durch Erhebung in den Adel- 
stand ausgezeichnet. Die königlich-böhmische Gesellschaft der Wissenschaften 
zu Prag wählte ihn 1854, die kaiserliche Academie der Wissenschaften in 
Wien 1869 zu ihrem Mitgliede. 

Dieser officiellen Anerkennung scheint das Maass der allgemeinen 
Sympathien, deren er sich erfreute, entsprochen zu haben. Die Liebens- 
würdigkeit seines Wesens musste ihm die Herzen Aller gewinnen, die mit 
ihm in persönliche Berührung kamen. Ueber seinen Collegen, den seither 
längst verstorbenen Herbartianer Nahlowsky in Graz, wurde einmal geäussert, 
er sei selber die Verkörperung jener »Idee des Wohlwollens« gewesen, welche 
er in seinen Vorlesungen über »practische Philosophie« zu entwickeln pflegte. 
Der Ausspruch passt auch auf Z. In einem der Nekrologe heisst es: es habe 
»niemals einen angenehmeren Prüfer gegeben als ihn, nicht etwa, dass er gar so 
wenig gefordert hätte. Aber er wusste dem Candidaten das Gefühl der Sicher- 
heit und des Wissens einzuflössen. War Einer gar zu verzagt, an dessen Kennt- 
nisse er dennoch zu glauben Grund hatte, so lautete die erste Frage etwa: 
,Also, Herr Doctor, was können Sie mir sagen . , .?' da musste wohl jede 
natürliche Befangenheit weichen«. »Umgang mit der Jugend«, heisst es an 
einer anderen Stelle dieses Nachrufes, »war ihm Bedürfniss. Er konnte bei 
weitverzweigten Verbindungen helfen, half gerne und Vielen. Ein Wort der 
Ermuthigung mindestens fand jedes Streben bei ihm«. Unter diesen Um- 
ständen erscheint es fast seltsam, dass er nicht eigentlich Schule gemacht hat, 
dass er ausser Stande war, den Herbar tianismus fortzupflanzen und ihm 
weiterhin die lange behauptete Herrschaft auf den österreichischen Universitäten 
zu sichern, die schon viele Jahre vor Z.'s Tode Franz Brentano an sich riss. 
Vielleicht trug ausser tieferen psychologischen Gründen, welche in der 
formalen Eigenart gerade der Brentanoschen Richtung liegen, an der merk- 
würdigen Thatsache ein wenig Z.'s Vortrag Schuld, der nach dem Zeug- 
nisse ehemaliger Hörer wohl rhetorisch schön und formvollendet war, dem 
aber jener frische, ursprüngliche, gleichsam naive Zug gefehlt zu haben 
scheint, welcher die Studenten mehr gefangen nimmt und hinreisst als 
sorgtältig gewählte Bilder oder kunstvoll abgezirkelte Perioden. Auch die Art, 
jede Vorlesung mit einer Recapitulation des in der letzten Stunde Aus- 
einandergesestzten zu beginnen, mochte vielleicht dem ungeduldig vorwärts- 
drängenden Sinne der Jugend nicht zusagen. Und überhaupt war in Z.'s 
ganzer Persönlichkeit etwas Bedächtiges, Gemessenes, vorsichtig zurückhaltendes, 



V. Zimmermann. 



205 



das einer tiefergreifenden Wirkung auf die studentischen Kreise möglicher 
Weise entgegen stand. 

Hat aber auch Z. keinen philosophischen Nachwuchs herangezogen, so 
war sein Einfluss auf das allgemeine geistige Leben Wiens und Oesterreichs 
um so grösser. Er stand vielfach im Mittelpunkte dieses Lebens. Z. als 
Theoretiker der Aesthetik hat vornehmlich litterarisch und unpersönlich, auf 
weitere Entfernung gewirkt; dem practischen Aesthetiker aber erschloss sich 
an Ort und Stelle reiche Gelegenheit für nutzbringende Arbeit. Als Kunst- 
und Litterarkritiker erfreute er sich des höchsten Ansehens. Grillparzer 
fand sich durch den Aufsatz »Von AyrenhofF bis Grillparzer«, welcher später 
in die Sammlung »Studien und Kritiken« aufgenommen worden, »sehr 
befriedigt« und zwar nach den Worten des grossen Dichters nicht bloss 
deshalb, weil es »immer angenehm« sei, »von gescheiten Leuten« »ge- 
lobt« zu werden, sondern auch, weil er mit dem Philosophen »beinahe in 
Allem« einer Meinung war; Hebbel gestand, wie Laurenz Müllners schöne 
Gedenkrede in der (Jrillparzer-Gesellschaft mittheilt, dem ästhetischen Kritiker 
ein tiefes Verständniss seiner, d. h. der Hebbel'schen Dichternatur zu und 
Hamerling erklärte nach derselben Quelle die von Z. herrührende Kritik des 
»König von Sion« »für die wissenschaftlich tiefste und historisch eingehendste, 
die dem Werke geworden«. Und so hat Z. noch viele andere, zumal öster- 
reichische Werke voll der feinsten Empfänglichkeit für die Eigenart und die 
Vorzüge eines Jeden analysirt. Mit nicht minder offenem Auge und warm- 
fühlendem Sinn trat er den Malern gegenüber. »Dass«, sagt Müllner in 
seinem ausgezeichneten Vortrage, »die antikisirende Linienführung eines 
Carstens und Rahl stark auf Z. gewirkt, lässt sich bei seinem ästhetischen 
Standpunkt leicht einsehen, aber die volle Unbefangenheit seines Urtheils 
tritt in seinen nicht minder warmen Aeusserungen über Overbeck und Führich 
zu Tage. In gleicher Weise«, tährt Müllner fort, »verrathen gelegentiiche 
parenthetische Bemerkungen über die Musik Richard Wagners, dass er über 
die von Herbart hergeleitete und namendich von der Gleichsetzung des 
musikalisch Schönen mit den musikalischen Formen auch zu therisch be- 
strittenen Reizen der Musik einen Weg zu finden vermochte«. 

Wen könnte es nach alledem in Erstaunen setzen, dass Z. nicht nur 
seit 1878 in der Ministerial-Commission für Verleihung von Künstler- 
stipendien sass, sondern 1884 auch Curator der Schwestern-Fröhlich-Stiftung 
und Mitglied des Grillparzer-Preisgerichtes wurde ? Gerade in der letzteren 
Eigenschaft erwarb er sich die grössten Verdienste um Würdigung junger, 
neuerungslustiger und aus den gewohnten Bahnen herausstrebender Talente. 
Dass er für Gerhart Hauptmann's »Hannele« den Grillparzer-Preis durch- 
setzte, kennzeichnet wohl am besten seine Vorurtheilslosigkeit und die bis 
ins Greisenalter ihm treubleibende Jugendfrische des Geistes und Gemüths. 
Aber fast ebenso sehr als durch seine Entscheidungen als Preisrichter ist durch 
das, was er, ein meisterhafter Uebersetzer und zahlreicher Sprachen kundig, 
von zeitgenössischer Poesie anderer Völker der Uebertragung ins Deutsche 
für werth hielt, sein modernes Fühlen bezeugt worden: er hat uns Gedichte 
von Ada Negri, die »Sclavenlieder« von Svatopluk Czech vermittelt und hie- 
mit allein schon jenes thöricht-einseitige Urtheil, welches in ihm nur den 
»Hofrath« sehen wollte, Lügen gestraft. Seine Gerechtigkeit gegen die 
^Moderne« hinderte indess glücklichen\'eise nicht seinen klaren Blick und sein 
tiefes Gefühl dafür, wie sehr uns die Pflege des Classischen in Kunst und 



2o6 v* Zimmermann. 

Litteratur noth thun. Die Schöpfung der »Grillparzer-Gesellschaft« war sein 
Werk; im Jahre 1890, rief er sie, von dem jüngeren Fachgenossen Dr. Emil 
Reich unterstützt, ins Leben; er war ihr erster Vorstand, und er wurde 
immer wieder an die Spitze dieser Gesellschaft berufen, mit deren Gründung er 
zugleich seiner Begeisterung für die Dichtkunst und seinem warmen patriotischen 
Empfinden ein schönes Denkmal setzte. War es doch seine ausgesprochene 
Intention, in ihr »eine Heimstätte imd einen Mittelpunkt für alle Bestrebungen 
zur Förderung, Verbreitung und Würdigung der poetischen Hervorbringungen 
Deutsch-Oesterreichs zu schaffen U 

Das beste Bild von Z.'s Vielseitigkeit erhält man durch eine Umschau 
in der Menge seiner Publicationen. Der Belletrist tritt da gegenüber dem 
Gelehrten in den Hintergrund; aber doch wären auch Z.'s poetische Schöpfungen 
allein zahlreich und werthvoll genug, um zu verhindern, dass sein Name 
gänzlich der Vergessenheit anheim fiele. Der Siebzehnjährige bereits hatte 
in Zeitschriften wie »Ost und West« Gedichte drucken lassen, welchen dann 
die Novelle: »Eine alte Wiener Geschichte« und andere Erzählungen folgten, 
und die heisse, politisch-bewegte Atmosphäre der 40er Jahre war der Ent- 
faltung der dichterischen Anlagen des jungen Mannes so günstig, dass er 
schon im Alter von 21 Jahren (1845) ^^^^ Sammlung politischer Gedichte 
herausgeben konnte. Man muss bedauern, dass Z., hier überstreng gegen 
sich selbst, seine poetischen Frühproducte aus dem Buchhandel zurückzog. 
Denn ein prächtiges Gedicht aus dem Jahre 1848, das fünfzig Jahre später 
eine österreichische Zeitung wieder veröffentlichte, zeigt, wie begabt Z., 
welcher auch der Wiener academischen Legion angehörte, auf dem Felde der 
politischen Lyrik war. Ob sein Epos »König Wenzel und Susanna« (1849) 
auf gleicher Höhe mit seinen Zeitgedichten stand, ist nicht einmal zu er- 
rathen, da auch dieses Werk von dem rigorosen Selbstkritiker dem Buchhandel 
entzogen wurde. 

Von Z.'s gelehrten Arbeiten betrifft eine grosse Anzahl die Geschichte 
der Philosophie. Zunächst ist es die Leibnitz-Forschung, die durch viele 
vortreffliche Schriften Z.'s, selbstständige Werke sowohl als Abhandlungen, 
gefordert erscheint. Hierher gehört ausser seiner ersten grösseren, von 
Feuchtersieben mit warmem Lobe begrüssten philosophischen Schrift »Leib- 
nitz' Monadologie. Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbarts 
Theorien des wirklichen Geschehens« (Wien 1847), noch die Uebersetzung 
der von der Kopenhagener Akademie veranlassten Preisschrift »Leibnitz und 
Herbart. Eine Vergleichung ihrer Monadologien« (Wien 1849), ferner »Das 
Rechtsprincip bei Leibnitz« (Wien 1852), »Leibnitz' Verhältniss zur Be- 
gründung einer kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien« (Sitz.-Ber. 
d. k. böhm. Ges. d. W. 20. Nov. 1854), die in den Schriften der Wiener 
kaiserl. Akademie der Wissenschaften publicirten Abhandlungen: »Der Cardinal 
Nicolaus Cusanus als Vorläufer Leibnitz'« (1852), »Ueber Leibnitz' Conceptua- 
lismus« (1854) und »Leibnitz und Lessing« (1855); die Ergänzung zu dieser 
letzteren Arbeit »Ueber seine« (Z.'s) »Abhandlung: Leibnitz und Lessing« 
(S.-B. d. k. böhm. Ges. d. W. 31. Dec. 1855); der Essay »Leibnitz und die 
Gründung der Akademie der Wissenschaften« (S.-B. d. Ak. d. W.) und endlich 
die Akademieschrift »Leibnitz bei Spinoza« (1890). Spinoza allein sind ge- 
widmet die Abhandlungen »Ueber einige logische Fehler der spinozistischen 
Ethik. I, IL« (Schriften der W. kais. Ak. d. W. 1850-51) und der Aufsatz 
»Spinozas Sterbehaus«. Mit Lessing beschäftigten sich überdies noch die 



V. Zimmermann. 



207 



Studien »Lessing und die neuesten Ausleger der Aristotelischen Katharsis« 
(S.-B. d. k. b. G. d. W. 3. Dec. 1860 u. 4. März 1861), »Lessings Lemnius« 
(Beil. z. Wien. Ztg.) und »Gottsched und Lessing« (S.-B. d. k. Ak. d. W.). 
Von vornherein lässt sich erwarten, dass eine besonders grosse Zahl von 
Schriften Herbart gewidmet ist, so: »Zwei Briefe Herbarts« (1872), «Uebe den 
Einfluss der Tonlehre auf Herbarts Philosophie« (1873), «lieber Trendelen- 
burgs Einwürfe gegen Herbarts praktische Ideen« (1873) und »Perioden in 
Herbarts philosophischem Geistesgang« (1876), der Artikel der Wiener 
^Deutschen Zeitung« »Zu Herbarts hundertjährigem Geburtstag« (1876) und 
die selbstständige Veröffentlichung »Ungedruckte Briefe von und an Herbart. 
Aus dessen Nachlass herausgegeben« (Wien 1876). An der Kant- und Hume- 
Litteratur betheiligt sich Z. durch die Akademie-Abhandlungen »Ueber Kants 
mathematisches Vorurtheil und dessen Folgen« (1871), »Ueber Kants Wider- 
legung des Idealismus von Berkeley« (1871), »Kant und die positive Philo- 
sophie« (1874), »Lambert, der Vorgänger Kants. Ein Beitrag zur Vor- 
geschichte der Kritik der reinen Vernunft« (1878), »Kant und der Spiritismus« 
(1879), »Ueber Humes Stellung zu Berkeley und Kant« (1883), »Ueber 
Humes empirische Begründung der Moral« (1884), »Kant und Comte in ihrem 
Verhältniss zur Metaphysik« (1885); durch die Essays »Ein neuer Anti-Kant« 
(Litter. Beilage zur »Wiener Zeitung«), »der Jude Kants (Salomon Maimon)« 
(<c Deutsche Revue« 1878), »Kant in England« (Ebenda 1882), »Eine neue 
Wendung des Neokantianismus« (Ebenda 1884) und schliesslich durch das 
Vorwort zur Neuauflage der »Kritik der reinen Vernunft« in Meyers Volks- 
büchern (1890). Aber auch den speculativen Philosophen, seinen Wider- 
sachern auf dem Gebiete der Aesthetik, schenkt er seine Aufmerksamkeit, vor 
Allem Schelling und Schleiermacher, welche ihm durch ihre Vorliebe für 
ästhetische Studien und ihre ganze sozusagen ästhetische Geisteshaltung näher 
gebracht sind. Vgl. die »Darstellung und Kritik der Schleiermacherschen 
Aesthetik« (S.-B. d. k. böhm. G. d. W. 2. März 1857) und die 1875 ^^ ^^^ 
Akademieschriften erschienene, als »Ein Nachtrag zu seiner« (Z.'s) »Geschichte 
der Aesthetik« bezeichnete Abhandlung, »Ueber Schellings Kunstphilosophie« 
nebst der Recension »Ueber Dilthey's Leben Schleiermachers« (»W. Fr. Pr.«) 
und den Aufsätzen »Ueber Schellings Weltalter« (S.-B. d. Ak. d, W.) und 
»Schelling und seine Frau« (»Oesterr. Wochenschr. f. Kunst u. Litteratur«). 
Dass er an Schopenhauer nicht gleichgültig vorüberging, wie seine Vorrede 
zu der Singerschen deutschen Uebersetzung von Foucher de Careils »Hegel 
et Schopenhauer« und ein allgemeinerer, neben Schopenhauer insbesondere' 
auch Hartmann behandelnder Aufsatz »Die philosophische Litteratur der 
Gegenwart! (»Oest. Wochenschr. f K. u. L.«) beweisen, ist ebenso verständ- 
lich, als dass der österreichische Philosoph Denkern seines Vaterlandes be- 
sondere Theilnahme entgegenbrachte, dass er nicht nur dem Gedächtnisse 
seines Lehrers Bolzano die Akademieabhandlung »Ueber den wissenschaftlichen 
Charakter und die philosophische Bedeutung Bernhard Bolzanos« (1849) 
widmete, so wie er (1852) für die Würzburger »Allgemeine akademische 
Monatsschrift« einen Nekrolog seines anderen Lehrers Franz Exner verfasste, 
sondern auch in der Beilage zur »Wiener Zeitung« »Ueber Schenachs Meta- 
physik« berichtete und sowohl in diesem nämlichen Organ, als in der »Presse« 
Gesammtbilder von Leben und Lehre des Wiener Philosophen Anton Günther 
entwarf. Die Entwicklung des philosophischen Geistes in Oesterreich verfolgte 
er überhaupt mit besonderem Eifer. Er schrieb schon vor 1 848 über »Philo- 



2o8 ^« ZimmermaniT. 

Sophie in Oesterreich« (Schmidls »Oest. Blätter«), dann »lieber die Stellung 
der Philosophie in der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften« (»Frankls 
Sonntagsblätter«), führte in der »Oest.-ung. Revue« »Philosophie und Philo- 
sophen in Oesterreich« vor, erstattete »Ueber ein bisher unbekanntes rechts- 
philosophisches Manuscript eines österreichischen Verfassers« Bericht in den 
Schriften der k. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften (1854) beleuchtete 
»Die Antänge der mathematischen Psychologie in Wien« (Oest. Wochenschr. 
f. K. u. L.), hielt 1886 seine Rectoratsrede »Ueber den Antheil Wiens an 
der deutschen Philosophie« und schilderte noch kurz vor seinem Tode, 
1898, die Schicksale der akademischen Vertretung der Philosophie in Wien 
während des letzten halben Jahrhunderts. Auch den jeweiligen Stand ganzer 
philosophischer Disciplinen und die mannigfachen Tendenzen, welche in den- 
selben nach Geltung ringen, zu kennzeichnen, war ihm ein gem geübtes 
Geschäft, dem er theils in der Beilage zur »Wiener Zeitung«, theils in den 
Ergänzungsheften zu »Meyers Conversationslexikon«, für dessen 3. u. 4. Auf- 
lage er sämmtliche philosophischen und ästhetischen Artikel neubearbeitete, 
theils in Ltitzows »Zeitschrift für bildende Kunst« nachging, in dem ersteren 
Blatte »Die ethischen Richtungen der Gegenwart« und »Die psychologischen 
Richtungen der Gegenwart«, in den Ergänzungsheften, welche 1884 seinen 
Aufsatz »Philosophische Schulen der Gegenwart« brachten, ausserdem »Die 
ästhetischen Richtungen der Gegenwart« (i 880) und »Die logischen Richtungen 
der Gegenwart« (1882), in der Lützowschen Zeitschrift gleichfalls »Die 
Aesthetik der Gegenwart« darstellend. Daneben aber liefen philosophie- 
geschichtliche Arbeiten isolirten Charakters einher. So schrieb er »Ueber 
die Lehre des Pherekydes von Syros« (Zeitschrift für Philosophie und philo- 
sophische Kritik, 1854), so stellte er sich mit einem Festartikel »Zum Fichte- 
Jubiläum« ein, wurde »Schiller als Denker« (Vortrag, veröffentlicht in den 
Schriften d. k. böhm. G. d. W. 1859), »BemouUi als Logiker« (Schriften d. 
Ak. d. W. 1885) und »Diderot als Pädagog« (Deutsche Revue, 1880) von 
ihm gewürdigt. 

Einen verhältnissmässig schmalen Raum nehmen die allgemein philo- 
sophischen, weder ästhetischen noch philosophiegeschichtlichen Schriften ein. 
Die »Philosophische Propädeutik. Prolegomena. Logik. Empirische Psycho- 
logie. Zur Einleitung in die Philosophie« (Wien 1852, 2. Aufl. 1860, 3. Aufl. 
1867) erlebte zwar mehrere Auflagen und wurde ins Czechische, Polnische, 
Ungarische, Holländische und Italienische übersetzt; allein sie hat doch nicht 
einmal als Schulbuch in Oesterreich neben den viel lieber benutzten Büchern 
von Lindner und Drbal sich zu behaupten vermocht, geschweige denn als 
Facharbeit, als wissenschaftliche Darstellung der Logik und Psychologie vom 
Herbartschen Standpunkte, den berühmten Werken der Herbartianer Drobisch 
und Volkmann den Rang abgelaufen. Auch die Antrittsvorlesungen in Prag 
und Wien »Was erwarten wir von der Philosophie« (1852) und »Philosophie 
und Erfahrung« (1861), deren zweite wegen der Verurtheilung des speculativen 
Unwesens und der Vertheidigung der Empirie sogar bei Louis Büchner Bei- 
fall fand, sind trotz dieser theilweisen Begegnung mit populären Zeitströmungen 
wissenschaftlich einflusslos geblieben und selbst dem letzten, systematisch-zu- 
sammenfassenden Werke Z.'s, der »Anthroposophie. Entwurf eines Systems 
idealer Weltanschauung auf realistischer Grundlage« (Wien 1882) kann man 
einen grösseren oder gar durchschlagenden Erfolg nicht nachrühmen. Unleugbar 
ist es ein interessantes, geistreiches Buch, das nach verschiedenen Richtungen 



V. Zimmermann. 209 

die Neugierde reizt und zu lehrreichen Vergleichungen anregt. Wenn der 
Titel im Zusammenhange mit dem Fehlen jedes eigentlich supernaturalistischen 
Hintergrundes im Weltbilde {ast unvermeidlich den Gedanken an die »Anthro- 
pologie« d. h. an den Positivismus Feuerbachs weckt, so erscheinen gewisse 
Ideen, wie der kühne Versuch einer Auflösung aller psychischen Qualitäten 
in Quantitätsunterschiede, recht eigentlich aus dem (»eiste Herbarts heraus- 
geboren. Jedoch eben die Herbart-Treue ist ungeachtet der Wendung nach 
dem Positivismus hin viel zu gross geblieben, die ethischen »Ideen« sind viel 
zu unverändert angenommen und die ästhetischen, welche Z., ohne sich um 
den inzwischen durch Fechner gemachten Fortschritt zu kümmern, gerade so, 
wie sie in seinem Hauptwerke entwickelt worden waren, hinzufügte, viel zu 
ängstlich nach dem Muster der ersteren gebildet, als dass der gleichsam 
fossile Eindruck des Ganzen durch jene Zugeständnisse an den modernen 
philosophischen Geist hätte verwischt werden können. Kurz, diese Schriften- 
gruppe scheint nach Umfang und Bedeutung am wenigsten hervorragend und 
nur nebenher verdient es Erwähnung, dass Z., der zur Geschichte der Rechts- 
philosophie ausser der schon angeführten Publication die Abhandlung »Ueber 
ein rechtsphilosophisches Manuscript: Com. de Hoditz libellus de hominis 
convenientia« (S.-B. d. k. böhm. G. d. W. 12. Febr. 1855) beisteuerte, auch 
»Ueber die Bedeutung der Rechtsphilosophie für das Rechtsstudium« (S.-B. 
d. k. böhm. G. d. W. 30. März 1857) seine Meinung zum Ausdrucke gebracht 
hat. Das lebhafte Interesse freilich verschluss er keiner der philosophischen 
Zeit- und Streitfragen; er besprach in einer Artikelserie der »Wiener Zeitung« 
die. »naturwissenschaftliche Methode in der Philosophie« und er bot in Hallers 
»Prager Vierteljahrsschrift für praktische Heilkunde« »Ueber medicinische 
Psychologie von Lotze und medicinische Logik von Oesterlen« ein kritisches 
Referat; er durfte so mit Recht von sich sagen, dass ihn, wenn sich gleich 
seine Veröffentlichungen vorzugsweise auf bestimmten Gebieten bewegten, 
darum doch auch alle übrigen Partieen des grossen Gesammtfaches, welches 
er als akademischer I^ehrer vertrat, allezeit gefesselt und beschäftigt haben. 
Weitaus die wichtigsten Arbeiten Z.'s sind die in die Aesthetik ein- 
schlagenden. Schon in den 50 er Jahren erschienen das Buch »Ueber das 
Tragische und die Tragödie« (Wien 1856) und die Essays »Die speculative 
Aesthetik und die Kritik« (»Wiener Zeitung« 1854), »Ueber die von 
A. Zeising aufgestellte neue Proportionslehre des menschlichen Körpers« 
(S..B. d. k. böhm. G. d. W. 28. Januar 1856) und »Eine neue Eintheilung 
der Künste vom Standpunkte reiner Form« (S.-B. d. k. böhm. G. d. W. 
31. Mai 1858). Ebenfalls noch in den 50 er Jahren machte er sich daran, 
eine grosse, aus einem historisch-kritischen und einem systematischen Theil 
bestehende Gesammtdarstellung der Aesthetik in Herbartschem Geiste zu 
liefein, wobei er sich allerdings auf eine bedeutende Vorarbeit stützen konnte. 
Zwei Herbartianer hatten schon vor ihm allgemeinere ästhetische Werke ver- 
fasst: Bobrik und Griepenkerl. Nun finden sich gewisse inhaltiiche Grund- 
gedanken, welche dann von Z. weiter ausgebildet wurden, unstreitig auch bei 
Bobrik. Aber das, was Z. Bobrik allenfalls hätte entlehnen können, erscheint 
geringfügig und unwesentlich gegenüber dem, was er Griepenkerl ohne Frage 
wirklich entnommen hat. Denn nicht nur das ganze methodische Princip, die 
(iesetze des Schönen in Form von sog. »Ideen« darzulegen, welche die Be- 
dingungen der Wohlgefalligkeit eines Verhältnisses ebenso aus dem eigentlich 
ästhetischen Gebiete vorstellen, wie durch Herbarts ethische Ideen diese 

Blo^r. Jahrb. a. Deatteher Nekrolog. 3, Bd. I ^ 



2IO ▼• Zimmermann. 

selben Bedingungen in der specifisch moralischen Sphäre ausgedrückt werden, 
stammt von Griepenkerl; der Letztere, dessen »Lehrbuch der Aesthetik« 1827, 
7 Jahre vor Bobrik's »freien Vorträgen über Aesthetik« erschien, hat viel- 
mehr auch schon fast alle die einzelnen Ideen, welche bei Z. vorkommen, 
aufgestellt, nur in etwas anderer Ordnung und theilweise mit anderen Be- 
zeichnungen. Indess eine der ästhetischen Ideen d. h. der unmittelbar wohl- 
gefälligen und somit schönheitbegründenden Relationen verkannte er und zwar 
gerade die für die Kunstästhetik wichtige, bedeutungsvollste; von »Nach- 
bildung« hielt er wenig, »die charakteristische Darstellung« schien ihm »nur 
eine Bedingung der Aeusserungen des Geschmacksurtheils, aber kein Be- 
stimmungsgrund für dasselbe, folglich auch kein ästhetisches Element« und 
hier unterlag er, wiewohl er durch Aufstellung der »Idee der Wahrheit« 
mit sich selbst in einen nur mühsam zu verhüllenden Widerspruch gerieth, 
offenbar dem verhängnissvollen Einflüsse des Meisters Herbart, welcher es 
nicht glauben mochte, dass eine Nachahmung jemals höheren Reiz sollte ent- 
halten können, als ihrem Urbilde eigen ist. Wenn nun Z. durch Begründung 
der »Idee des Charakteristischen« seine Vorgänger so weit überholte und 
deren Irrthum mit so glänzendem Scharfsinn richtig stellte, so dankte er dies 
grossentheils vielleicht auch dem Umstände, dass er seine eigene systematische 
Arbeit erst begann, nachdem alle die geschichtlich hervorgetretenen Versuche 
zur Bewältigung des Problems des Schönen von ihm dem sorgfaltigsten 
Studium und der eindringendsten Kritik unterzogen worden waren. 1858 gab 
er die Summe dieser historischen Vorstudien in gerundeter, stylistisch 
vollendeter Darstellung als ersten Band seiner Aesthetik heraus: »Aesthetik. 
Erster, historisch-kritischer Theil : Geschichte der Aesthetik als philosophischer 
Wissenschaft«. (Wien, 1858). Dieses Buch, mehr als 800 Seiten stark, ist 
nicht nur an und für sich ein Meisterwerk, unentbehrlich für Jeden, welcher 
die Geschichte der Aesthetik kennen lernen oder gar auf diesem Gebiete ar- 
beiten will; es stellt sich in dem angegebenen Sinne auch als die Voraus- 
setzung der selbstständigen Unternehmung Z.'s dar, welche 7 Jahre später 
unter dem Titel: »Aesthetik. Zweiter, systematischer Theil: allgemeine 
Aesthetik als Formwissenschaft« (Wien, 1865) vollendet wurde. Wer nämlich 
die Unterscheidung der relativen von der absoluten Schönheit und die Begriffs- 
bestimmung der ersteren bei Hutcheson so meisterhaft in historischer Dar- 
stellung hervorgehoben hatte, wie Z., dem konnte das Ungenügende der 
Herbart- Grünenthal' sehen Auffassungsart natürlich nicht entgehen. Aber die 
Bedeutung der Aesthetik Z.'s gegenüber derjenigen Griepenkerls liegt nicht 
bloss in der Verkündung des Princips des Charakteristischen, me gross auch 
die Wichtigkeit dieses Fortschritts gewesen sein möge, sondern vor allem 
darin, dass sie zum richtigen Zeitpunkt kam. Der erste Versuch einen syste- 
matisch durchgeführten Formästhetik musste, obschon er sich in den grund- 
legenden Conceptionen nur sehr wenig von dem späteren, erfolgreichen unter- 
schied, unbeachtet bleiben und in der von Jahr zu Jahr höher anschwellenden 
Flut philosophischer Hervorbringungen bis eben zur Wiederaufnahme durch Z. 
spurlos versinken, weil damals die Alleinherrschaft des Fichte-Schelling-Hegel- 
schen Idealismus keine andere Denkweise aufkommen Hess; seine Erneuerung 
von Seiten Z.'s erwies sich dagegen als nützliches Ferment der philosophisch- 
ästhetischen Bewegung, da nun jene Alleinherrschaft in allen übrigen Bereichen 
schon gestürzt und somit für eine neue Theorie der Boden bereitet war. Es 
ist ein ähnliches Verhälthiss wie dasjenige zwischen I^amarck und Darwin, 



▼. Zünmerroann. 211 

wenn man nur auf das diesen Beiden gemeinsame Descendenzprincip Rück- 
sicht nimmt und den Gegensatz der Selectionslehre zur Lehre von der Ge- 
brauchs- und Nichtgebrauchswirkung ignorirt, der freilich weit grösser erscheint 
als der Unterschied der Z. 'sehen und der Griepenkerlschen Aesthetik. Im 
Uebrigen aber muss Z.'s Philosophie des Schönen wirklich vor Allem als ein 
brauchbares Ferment gelten, dem auch heute die anregende und zu weiteren 
Untersuchungen spornende Kraft nicht abhanden gekommen. Ihr Haupt- 
verdienst machte die seinerzeit so nöthig gewesene Opposition gegen jene 
si>eculative Aesthetik aus, die Dank Vischer, Schasler etc. noch immer blühte, 
als der Verfall der »speculativen« Geistes in allen anderen Sphären längst 
offenkundig geworden war; sie wirkte insofern epochemachend durch Fort- 
schaffung des die gesunde Entwicklung Hindernden, während sie in positiver 
Richtung von Lotze, Fechner und einigen modernen Engländern übertroffen 
wurde und selbst ihre grösste positive Leistung, die Formulirung der »Idee« 
d. h. des Princips des Charakteristischen, keineswegs als abschliessend zu be- 
trachten, sondern noch mit einzelnen sehr in die Augen springenden Fehlem 
behaftet ist. 

Als höchst werthvolle Ausführungen zum besseren Verständnisse der 
wahren philosophisch - ästhetischen Grundabsichten der Herbartschen Schule 
überhaupt und Z.'s insbesondere sind die theils kurz vor, theils bald nach 
dem zweiten Bande der Aesthetik veröffentlichten Abhandlungen »zur Reform 
der Aesthetik als exacter Wissenschaft« (Zeitschrift für exacte Philosophie, 
1863) »Zur Abwehr« (Ebenda, 1868) und »Ueber Lotzes Kritik der forma- 
listischen Aesthetik« (Zeitschrft. f. d. österr. Gymnasien, i868) anzusehen, 
die in den »Studien und Kritiken« wieder abgedruckt wurden. Gewisse letzte 
Motive der ästhetischen Conceptionen des Formalismus treten hier klarer und 
schärfer als selbst in dem Hauptwerke hervor; auch Missverständnissen des von 
Z. vertretenen Standpunkts wird hier bestimmter als anderswo begegnet, so 
namentlich der durch die häufigen objectivistischen Wendungen der Schule 
so nahegelegten Ansicht, als wolle diese das Gefühl als unerlässliche Grund- 
lage jedes ästhetischen Werthur theils in Abrede stellen. Aber auch in anderen 
der vielen ästhetischen Aufsätze Z.'s und seiner oft überaus gründlichen und 
ausführlichen Recensionen ästhetischer Werke wird auf die Principienfragen 
eingegangen, und führt schon der Gegenstand von diesen Fragen allzu weit 
ab, so bietet der Philosoph dafür doch eine Fülle sonstiger Belehrung. Von 
solchen Essais und Kritiken seien noch genannt die Academieschrift: »Glaube 
und Geschichte im Lichte des Dramas. Ein Beitrag zur Phüosophie des 
Dramas« (1877), die Aufsätze in der Beilage zur Wiener Zeitung: »Ueber 
ästhetische Proportionslehre«, »Ueber Hanslicks Schrift vom Musikalisch- 
Schönen«, »Ueber Ambros', Grenzen der Musik und Poesie«, »Hamlet und 
Vischer«, die Artikel »Aesthetik« und »das Musikalisch -Schöne« in den Er- 
gänzungsblättern zu 12. Aufl. des Meyerschen Conv.-Lexikons und die in den 
»Philosophischen Monatsheften« (1873) publicirte Studie: »Ueber R. Vischers 
optisches Formgefühl«. Auch diese Aufsätze sind theilweise in den »Studien 
und Kritiken« enthalten. 

Ungemein mannigfaltig und ausgedehnt ist jener Zweig der litterarischen 
Thätigkeit Z.'s, welcher die angewandte Aesthetik im Sinne der Kunst- und 
Litteraturkritik und die kritischen Anzeigen belletristischer Bücher umfasst. In 
einer Reihe österreichischer und reichsdeutscher Zeitschriften recensirte Z. von 
den 40 er Jahren dieses Jahrhunderts an neue litterarische Erscheinungen und seit 

14* 



212 V. Zimmermann. Erzherzog Leopold. 

1 840 lieferte er die Jahresberichte über die deutsche Litteratur fiir das Londoner 
»Athenaeum«. Nicht weniger emsig verfolgte er die Entwicklung der bildenden 
Künste. Als Kunstausstellungsreferent für zwei Tagesblätter: »Bohemia« (1854 
bis 1860) und »Presse« (1863, 1864) und an anderen Orten besprach er viele 
Schöpfungen moderner Maler und überdies bezeugen das Werk : »Die Tempel 
von Pästum« (Prag, 1858) und die Abhandlung »Beschreibung und Auslegung 
der Statue Laokoons« (S. B. d. königl. böhm. G. d. W. 10. Nov. 1856) die 
Vielseitigkeit seiner Kunstinteressen. Aber neben der Kunstkritik findet sich 
unter Z's. Arbeiten auch die Kritik dieser Kritik, neben der Betrachtung von 
Kunstwerken auch die von Werken der Kunstwissenschaft vertreten. Die 
Lützowsche Zeitschrift brachte ausser vielen derartigen Recensionen die Ab- 
handlungen »Winckelmann« und »Ueber Lützows Geschichte der Academie 
der bildenden Künste«, während in der »Deutschen Rundschau« Z. sich 
»Ueber Werders Hamlet-Vorlesungen«, »Ueber Bernays' jungen Goethe« (1876) 
und »Ueber Grimms Goethevorlesungen« (1877) verbreitete. 

Zahlreiche Schriften endlich haben es mit Fragen der Didaktik oder mit 
der Universitätsgeschichte zu thun, so die Ol mützer Antrittsvorlesung: »Ueber 
die Stellung der philosophischen Facultät« (1850), die Aufsätze: »Ueber geist- 
liche Gymnasien», »Ueber den Auszug der Deutschen von der Prager Uni- 
versität«, »zur Säcularfeier der Wiener Universität« (sämmtlich in d. »N. fr. 
Presse«), »Ueber philosophische Propädeutik«, »Zeitschr. f. österr. Gymnasien« 
(1851), »Ueber die Instruction zum Unterricht in der philosophischen Propä- 
deutik« (Ebenda 1854) und jene anlässlich des Kaiserjubiläums verfasste 
Uebersicht über die Jahre 1848 — 1898 an der Wiener Universität, deren schon 
oben gedacht wurde. Eine andere Jubiläums-Arbeit ist die Skizze: »Wissen- 
schaft und Litteratur 1848 — 1888«, die Z. zur Festschrift des Wiener Gemeinde- 
rathes beitrug. 

Quellen: Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 60. Theil. 
1891, und die im Texte angeführten Nekrologe: Laurenz MUllner, »Zu Robert Zimmer- 
manns Gedächtniss«, Neue freie Presse, 10. November 1898 und Notker Labeo, »Robert 
Zimmermann«, Neue Revue: die Wage, No. 37, 10. Sept. 1898, ferner der anonym er- 
schienene Nachruf »Robert v. Zimmermann«, Beilage zur allgemeinen Zeitung, Jahrgang 
1898, Heft 40, No. 224, 4. Octob. 1898. Von schroff gegnerischem Standpunkte hat sich 
Vischer im 6. Heft der »Kritischen Gänge«, 1873 (Neue Folge, 2. Band) über Z.'s 
Aesthetik ausgelassen; eine objective Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen Z.'s, Kenn- 
zeichnung seiner Stellung zu gewissen Grundfragen der Aesthetik und Beleuchtung der 
Fortschritte, welche ihm die Philosophie des Schönen dankt, hat der Verf. dieser Biographie 
versucht: »Robert Zimmermann«, Wiener Zeitungi 28. und 29. Mai 1896 und »Kritische 
Studien zur Aesthetik der Gegenwart« (Leipzig und Wien, 1897). Porträts brachten die 
»Neue illustrirte Zeitung« (No. 15, 6. Januar 1884), Wiener »Extrablatt« und »Morgenpost« 
(14. Octob. 1886). 

Hugo Spitzer. 

Leopold, Erzherzog von Oesterreich, * 6. Juni 1823 zu Mailand, 
f 24. Mai 1898 auf Schloss Hömstein, der älteste Sohn des Erzherzogs 
Rainer und der Prinzessin Maria Elisabeth, Tochter des Herzogs Carl 
Emanuel Ferdinand von Savoyen-Carignan, erhielt eine vortreffliche, Geist 
und Herz bildende Erziehung. Schon in der Kindheit ernst und sinnend, 
kannte er keine grösseren Vergnügungen, als militärische Uebungen, zu denen 
später ernste Studien traten, die sich mit Vorliebe den technischen Wissen- 
schaften zuwendeten. Im Jahre 1835 ^^^ Oberstinhaber des Infanterie-Regi- 
ments Nr. 53 ernannt, wurde er zehn Jahre später dem Husaren-Regimente 



Erzherzog Leopold. 213 

Nr. 5 zugetheilt, um unter der Leitung des damaligen Oberstlieutenants 
Meszäros, des nachmaligen ersten ungarischen Kriegsministers, in den Reiter- 
dienst eingeführt zu werden. Am 14. September 1846 wurde Erzherzog L. 
zum Generalmajor ernannt und auf seinem besonderen Wunsch dem Genie- 
haupt-Amte zugetheilt. Bei Santa Lucia empfing der Erzherzog unter den 
Augen Radetzkys die Feuertaufe, besondere Verdienste aber erwarb er sich 
im Jahre 1849, als es galt, das Fort Malghera, den wichtigsten Offensivpunkt 
des Feindes zu bezwingen. Die technischen Schwierigkeiten bei der Be- 
lagerung des Platzes waren ungeheuer, ein vierzehntägiger Regen verhinderte 
die Eröffnung von Tranch^en, zudem hatte der Feind mit Hilfe von Schleusen 
den Wasserspiegel der Canäle gehoben und das vorliegende Terrain künstlich 
überschwemmt. Vom Thurme von Mestre aus leitete der Erzherzog die Be- 
wegungen der Genietruppen, Hess Durchstiche machen und Dämme bauen, 
am 24. Mai konnten endlich alle Batterien in Wirksamkeit treten und drei 
Tage später war das Fort von den O esterreichern erobert. Nach dem Feld- 
zuge zum Feldmarschall-Lieutenant ernannt, wirkte Erzherzog L. im Jahre 1850 
bei der Pacification Schleswig-Holsteins mit und fungirte 1854 als Di visionär 
bei dem damals in Galizien aufgestellten Armee-Corps. Das Jahr 1855 führte 
den Erzherzog wieder zu seiner Lieblingswaffe zurück, indem er am 24. No- 
vember zum General-Genie-Director ernannt wurde und die Leitung der ge- 
sammten Geniewaffe übernahm. Die Friedensjahre vor und nach dem Feld- 
zuge benutzte der Erzherzog zur Erprobung und Nutzbarmachung militär- 
technischer Erfindungen. Die ersten Versuche im Minen- Seeminen- und 
Torpedowesen sind auf seine Anregung zurückzuführen. Ein von einem 
österreichischen Genieofficier eingerichteter electrischer Feldzündapparat 
wurde unter des Erzherzogs unmittelbarer Einflussnahme bei der Genietruppe 
eingeführt; ihm dankt auch die neu eingeführte wichtige Feldtelegraphie ihre 
auf der Höhe der Zeit stehende Organisation und durch eine lange Reihe 
von practischen Versuchen wurden der Einfuhrung des Dynamits die Wege 
geebnet und dessen practische Anwendung in Oesterreich dadurch ermöglicht. 
Theoretisch sorgte der Erzherzog für eine erweiterte wissenschaftliche Aus- 
bildung der Genieofficiere, für Erhöhung der Lerndauer an der Geniefach- 
schule, Einführung von Instructionsreisen von Frequentanten etc. Der Stadt 
Wien leistete der Erzherzog wesentliche Dienste durch Ausarbeitung der 
Stollen der neuen Wasserleitung durch die Genietruppe. In Anerkennung 
dieser hervorragenden Verdienste verlieh der Kaiser dem Erzherzoge, der 
gelegentlich der Reorganisation der Geniewaffe (1860) zum General-Genie- 
Inspector ernannt worden war, im Jahre 1862 das Grosskreuz des St. Stephans- 
Ordens und übertrug ihm 1865 auch die Geschäfte eines Marine-Truppen- 
und Flotten-Inspectors. In dieser Stellung legte der Erzherzog besonderes 
Gewicht auf die kriegstüchtige Ausbildung des Marinepersonals und bekundete 
dabei klaren Blick für die Aufgaben der Flotte, so dass er wesentlich zur 
Schaffung der Bedingungen beitrug, welche der k. u. k. Marine während des 
Seekrieges von 1866 eine von glänzendem Siege gekrönte Offensive ermög- 
lichten. Die Thätigkeit des Erzherzogs als Commandant des 8. Armee-Corps 
der Nord- Armee, wird in der einschlägigen Litteratur nicht günstig beurtheilt; 
doch wird wohl ein abschliessendes Urtheil hierüber, sowie über die Be- 
ziehungen des Erzherzogs zu seinen Unterführern einerseits und zu Benedek 
andererseits, der Zukunft vorbehalten bleiben müssen. 

Am 16. Januar 1867 wurde Erzherzog L. zum General der Cavallerie 



214 Erzherzog Leopold, v. Schönfeld. 

ernannt, doch war es ihm nicht lange mehr beschieden, im activen Dienste 
zu bleiben. Nach einem Schlaganfalle im Jahre 1868 erbat und erhielt er 
seine Entlassung und zog sich in das Privatleben zurück. So lange es sein 
Gesundheitszustand gestattete, oblag er noch mit Vorliebe dem edlen Waid- 
werke, die letzten Lebensjahre aber verbrachte er, durch wiederholte Schlag- 
anfälle fast gelähmt, an den Lehnstuhl gefesselt auf seinem Schlosse Hörn- 
stein, das er zu einem wahren Wunderwerke gestaltet hatte. Immer mehr 
langsamer, aber stetig fortschreitender Paralyse verfallen, starb unvermählt, 
einsam und fast vergessen von der Mitwelt dieser einst so thatkräftige Prinz, 
dessen Name mit der österreichischen Militärtechnik immerdar ehrenvoll ver- 
knüpft bleiben wird. 

Haus Habsburg-Lothringen. Herausgeg. ▼. G. GrUnhut. »Die Reichswehr«, Abend- 
blatt, Nr. 1541 vom 24. Mai 1898. »Armeeblatt« Nr. 21 vom 25. Mai 1898. »Wiener 
Abendpost«, Nr. 117 vom 24. Mai 1898. 

Oscar Criste. 

Schönfeld, Anton Freiherr von, k. und k. Feldzeugmeister, • in Prag am 
3. Juli 1827, f in Wien am 7. Januar 1898, entstammte einer in Böhmen und 
Niederösterreich ansässigen, im Jahre 1594 von Kaiser Rudolph IL in den 
Reichsritterstand erhobenen Familie und erhielt seine erste militärische Aus- 
bildung während der Jahre 1838 — 1846 in der Theresianischen Militär-Akademie, 
die er mit Vorzug absolvirte. Als Lieutenant in das Inf. Regiment No. 42 
eingetheilt, kam Seh. im Feldzuge des Jahres 1848, nachdem er vorher an 
den Gefechten am Stilfser Joche theilgenommen und auch bei dessen pro- 
visorischer Befestigung thätig gewesen in die Operationskanzlei unter FZM. 
Freih. v. Hess. Noch in demselben Jahr zum Oberlieutenant befördert, war 
Seh. bei Beginn des Feldzuges 1849 ^^ Italien Generalstabsofficier der Avant- 
garde-Brigade des 2. Corps und zeichnete sich besonders bei Mortara und 
Novara hervorragend aus, wurde aber auch durch eine Bersaglierekugel , die 
ihm Kinnlade und Zahnkiefer zerschmetterte, schwer verwundet. Nach seiner 
Genesung wurde Seh. wieder in den Generalquartiermeisterstab des 5. Armee- 
Corps, Mailand, eingetheilt und bildete bald dessen vorzüglichste Arbeitskraft. 
Im November 1850 zum Hauptmann befördert, im Frühjahr 1856 als Mappeur 
in die Walachei entsendet, kehrte er nach Jahresfrist wieder in das alte 
Dienstverhältniss zurück und wurde am 21. April 1859 aussertourlich Major 
im Inf. Regimente No. 33, bei welchem er den Feldzug in Italien mitmachte, 
ohne jedoch in ein Gefecht zu kommen. Nachdem Seh. wieder 2 Jahre dem 
Generalstabe zugetheilt gewesen, am 7. März 1862 zum Oberstlieutenant be- 
fördert worden war und als Generalstabschef beim 7 . Corps in Italien fungirt 
hatte, erfolgte seine Berufung in die Centralkanzlei des Kriegs-Ministeriums, 
wo er das Referat über die deutschen Bundesangelegenheiten und später, 
1863, auch sieben Monate die Leitung der Centralkanzlei übernahm. Im 
December jenes Jahres dem Erzherzog Wilhelm bei Inspicirung des 7. bayerischen 
Bundescorps zugetheilt, ward ihm in den ersten Tagen des Jahres 1864 ^'c 
wichtige Aufgabe, den Aufmarsch der österreichischen Truppen an der Eider 
vorzubereiten. Nachdem er hiezu drei Wochen angestrengter Thätigkeit in 
Berlin zugebracht, erhielt er die Bestimmung als k. k. Militärbevollmächtigter 
beim preussischen Obercommando der alliirten Truppen, wohnte in dieser 
Eigenschaft dem Treffen bei Oeversee, sowie allen grösseren Actionen des 
preussischen Corps bei und wurde im Sommer des nämlichen Jahres nach 



V. Schönfeld. 2 1 «C 

Wien berufen, um den beginnenden Friedensverhandlungen mit Dänemark bei- 
zuwohnen. 

Im Januar 1865 wurde Seh. aussertourlich zum Obersten befördert und 
wirkte ein Jahr lang als Commandant des Inf. Regiments No. 63, dann kam 
er als Militärbevollmächtigter zum 8. deutschen Bundescorps, um nach dem 
Feldzuge das Infanterie-Regiment No. 47, bei Ausbruch des Aufstandes in 
Süddalmatien 1869 aber eine Gebirgsbrigade zu commandiren. Als er im 
Frühjahr 1870 Budua verliess, um das Commando der i. Inf. Brigade der 
31. Truppen-Division zu übernehmen, ernannte ihn jene Stadt zum Ehren- 
bürger »für entwickelte heldenmüthige Tapferkeit und menschenfreundliche 
Gefühle«. Am 29. October 1870 zum General-Major befördert und in dem- 
selben Jahr in den Freiherrstand erhoben, wurde Seh. am i. November 1875 
Feldmarschalllieutenant, nachdem er 1874 an dem in BrüsseJ tagenden 
Congresse über das Völkerrecht im Kriege theilgenommen und seit Juni 1875 
schon das Commando der 5. Inf. Truppen-Division in Olmütz . geführt. 
Nach dem unerwarteten Tod des Feldzeugmeisters John wurde Seh. an seiner Stelle 
zum Chef des Generalstabs ernannt (4. Juni 1876) und ihm die Würde eines 
Wirklichen Geheimen Rathes verliehen. Die Lösung der bosnischen Frage 
rückte zu dieser Zeit heran, der russisch-türkische Krieg erheischte gespannte 
Aufmerksamkeit und eine Fülle anderer interner Arbeiten erwartete ihn hier; 
aber er wusste sie während seiner fünfjährigen Thätigkeit in dieser Stellung 
mit emsiger Hand, mit Beharrlichkeit und klarer Einsicht zu bewältigen. Die 
Folgeübel einer überstandenen schweren Krankheit, die drückende Sorge um 
den kaum in das Heer eingetretenen, unheilbarem Siechtum verfallenen Sohn, 
aber auch andere Umstände, veranlassten Seh., um Enthebung von seiner 
Stellung zu bitten. Nachdem er im September 1881 als Chef einer 
österreichisch-ungarischen Mission an den Manövern des 10. und 11. Corps 
der französischen Armee theilgenommen hatte, wurde Seh. Ende November 
jenes Jahres Commandant der 7. Inf. Truppen-Division und Militärcommandant 
in Triest, ein Jahr später Militär-Commandant in Hermannstadt, Inhaber des 
neuerrichteten Inf. Regiments No. 82 und am i. Januar 1883 Commandant 
des XII. Corps (Siebenbürgen). Nach Enthebung des Feldzeugmeisters Freih. 
V.Kuhn von seiner Stellung als Commandant des 3. Corps, commandirenderGeneral 
und Landwehr-Commandant in Graz, wurde Seh. im Jahre 1888 sein Nach- 
folger, um wenige Monate später, am 13. September 1889 das Commando 
des 2. Corps in Wien zu übernehmen. Fünf Jahre bekleidete er diesen 
Posten, dann wurde er, am 14. September 1894, zur Disposition des General- 
Inspectors des Heeres, Erzherzog Albrecht, gestellt und am 19. März 1895 zum 
(ieneral-Truppen-Inspector ernannt, in welcfier Stellung ihn der Tod nach 
kaum achttägigem Krankenlager ereilte. 

Seh. war eine bedeutende und hervorragende Individualität, welche überall 
Spuren ihres Wirkens oder fruchtbare Anregungen zu förderlicher Thätigkeit 
zurückgelassen hat, und die glänzende Carri^re, welche sich dem jungen, 
elegantenOfficiere schon während desKrieges gegen Sardinien eröffnete, entsprach 
in ihrer fortschreitenden Entwickelung durchaus den Leistungen, nicht dem 
Glück allein. Schon in dem jugendlichen Alter von 21 Jahren in Radetzkys 
Hauptquartier mit Arbeiten betraut, die weit über die enge Sphäre eines 
Subalternofficiers hinausreichten, trug er dazu bei, den Generalquartirmeister- 
stab unter der genialen Leitung des Fzm. Hess zu jener Elitetruppe zu 
machen, in welcher Radetzkys Geist und Ueberlieferungen das Gemeingut 



2i6 V. Schönfeld. Ebner Adalbert. 

Aller waren. Durch und durch Soldat, in der eisernen Schule der alten 
»kaiserlichen Armee« erzogen und aufgewachsen, mit ihr um so inniger ver- 
bunden, je mehr häusliches Leid zeitweilig schwer auf ihn drückte, verschluss 
er sich den Ideen und Forderungen der neuen Zeit nie und gerade er war 
einer derjenigen, welche aus der alten Armee die neue schufen und diese 
neue Armee mit dem belebenden Hauche selbstständiger Ideen zu erfüllen, den 
Glauben und die Hoffnung auf eine grosse Zukunft zu stärken vermochte. 
»Die Kriegswissenschaft war ihm in Fleisch und Blut übergegangen« so 
schrieb ein militärisches Blatt treffend über ihn »er war ein Weiser, ein 
Gelehrter, ohne damit zu prunken, ohne an seinem Wissen mühevoll zu 
tragen und im entscheidenden Augenblick die Bürde zu verlieren. .Er spendete 
mit Eleganz aus dem reichen Borne seiner Wissenschaft, er war ja ein Crösus 
an Talent, eine grosse That hätte vielleicht bewiesen, dass dieses Talent 
Genie bedeutete. Auf dem Manöverfelde ahnte man es, da sprühte sein 
glänzender, schöpferischer Geist Funken, da zauberte er das Bild meister- 
hafter Operationen mit genialer Sicherheit auf den Plan«. Seine besondere 
Sorgfalt widmete er stets, mit in die Zukunft gerichtetem Blick, der Jugend 
des Heeres, und jederzeit hatte er, der von eiserner Strenge zu sein wusste, 
ein gutes, ermunterndes Wort für den, den er als strebsam erkannt, und selbst 
als er die höchste im Frieden zu erreichende Stufe der militärischen Hierarchie 
erklommen, scheute er die Mühe nicht, in freundlichen Zuschriften von 
eigener Hand niederen, jungen Officieren, auch wenn sie seinem eigenen 
dienstlichen Commando nicht unterstanden, Worte der Anerkennung und 
Aufmunterung zu spenden. Von bezwingender Liebenswürdigkeit im per- 
sönlichen Verkehr, als geistvoller Causeur, der über eine universelle Bildung 
verfügte, geradezu bestrickend, beherrschte er meisterhaft das Wort, wenn er 
erheben, entflammen wollte. 

Als Mensch gut, vornehm denkend, für alles Schöne und Edle 
empfänglich; als Soldat hervorragend tapfer und ritterlich, das viel verzweigte 
Gebiet der Kriegswissenschaften mit überlegenem Geist umfassend: so schwebt 
sein Bild Allen vor Augen, die ihn gekannt! 

Oskar Criste. 

Ebner, Adalbert, Professor der Patristik und Liturgik am bischöflichen 
Lyceum und Domvicar in Eichstätt, * i6. Dezember 1861 zu Straubing, 
f 25. Februar 1898 zu Eichstätt. Nach Absolvirung des Gymnasiums seiner 
Vaterstadt wendete sich E. dem Studium der Theologie am kgl. Lyceum in 
Regensburg zu. Zum Priester geweiht, widmete er sich kurze Zeit der Seel- 
sorge und wurde dann als Chorvikar an das Kanonicatsstift der »alten 
Kapelle« zu Regensburg berufen (1887). Ein längerer Urlaub ermöglichte 
ihm den Besuch der Universität München, an welcher er sich 1889 den 
theologischen Doktorgrad erwarb. Unterstützt durch ein bayerisches Staats- 
stipendium unternahm er zwei litterarische Reisen nach Italien. An seinem 
Stifte machte er sich verdient durch die Catalogisirung der Stiftischen Biblio- 
thek, unter deren handschriftlichen Beständen er »eine zweite Handschrift des 
Registrum auctorum von Hugo von Trimberg« (Hist. Jahrb. d. Görres-Gesell- 
schaft XI, 283 — 290) entdeckte. Zugleich ordnete er das Stiftsarchiv mit 
seinen zahlreichen (ungefähr 2500) Urkunden. 1892 siedelte er nach Eich- 
stätt über und trat in jene Stellungen ein, die er bis zu seinem Tode inne- 
hatte. Trotz einer von Jugend auf schwankenden Gesundheit entfaltete E. 



Ebner Adalbcrt. Graf v. d. Schulenburg. 217 

auf dem Gebiete der archäologischen und kirchengeschichrtichen Forschung 
eine sehr erfolgreiche Thätigkeit. (Seine sämmtl. Aufsätze und Schriften bis 
7Aim Jahre 1894 siehe in »Personalstatistik und Biographie des bischöflichen 
I.yceums Eichstätt« von F. S. Romstöck, Ingolstadt 1894, S. 118 — 120.) 
: I)ie ältesten Denkmale des Christenthums in Regensburg« (Archäol. Ehren- 
gabe zu De Rossis 70. Geburtstag, Rom 1892), »Propst J. G. Seidenbusch, 
und die Einführung der Kongregation d. hl. Phil. Neri in Bayern u. Oester- 
reich« Cöln 1891, die werth vollen Parerga seiner Studien auf den italieni- 
schen Reisen, so: »Der über vitae und die Nekrologien von Remiemont in 
der Bibliotheca Angelica zu Rom« (Neues Archiv XIX, 47 ff.), »Historisches 
aus liturgischen Handschriften Italiens« (Hist. Jahrb. d. Görres-Ges. XIII, 
748 (F.), »Handschriftliche Studien über das Praeconium paschale« (Kirchen- 
musikal. Jahrb. v. Haberl 1893, 73 ff.), seine Beiträge zu Mehlers hist. Fest- 
schrift zum Wolfgangs-Jubiläum, Regensburg 1894, 116 ff., 163 ff., 182 ff., 
liefern einen Beweis seiner vielseitigen und gründlichen Arbeit. E.'s eigent- 
liche Domaine war die Geschichte der Liturgie. Bereits seine Dissertation: 
»Die klösterl. Gebetsverbrüderungen bis zum Ausgange des karoling. Zeit- 
alters« (Regensburg 1890) lenkte in dieses Gebiet ein. Später gab er den 
ersten Halbband von Thalhofers »Handbuch der Liturgik« in zweiter Auflage 
heraus (1894). Im Jahre 1896 erschien sein Hauptwerk: »Quellen und 
Forschungen zur Geschichte und Kunstgeschichte des Missale Romanum im 
Mittelalter. Iter Italicum. Mit einem Titelbilde und 30 Abbildungen im 
Texte« (Freiburg, Herder), eine Beschreibung und Würdigung der bedeutend- 
sten Sacramentar- und Missalhandschriften Italiens. Der letzte Aufsatz, welchen 
er schrieb, nämlich: »Ueber die gegenwärtigen Aufgaben und Ziele der 
liturgisch-historischen Forschung« (Compte rendu du 4. congr^s scientif 
intemat. des catholiques, Fribourg 1898) gewährt uns einen Einblick in die 
grcssen Pläne, welche ihn noch in seinen letzten Lebenstagen beseelten, die 
Inangriffnahme eines Codex liturgicus ecclesiae cath. latinae. Bis zum Ende 
unermüdlich thätig, erlag der bescheidene, durch eine seltene Liebenswürdigkeit 
ausgezeichnete Gelehrte einem Lungenleiden, das seit Jahren an seiner Lebens- 
kraft gezehrt hatte. 

Vgl. Ad. Ebner, Biograph. Skizze zum ersten Jahrestage seines Todes von einem 
Freunde i. d. Beil. z. »Augsb. Postzeitung« 1899, Nr. 14 u. 15. 

Dr. J. A. Endres. 

Schulenburg, Hans Daniel Graf v. d., k. u. k. Feldzeugmeister, * am 
24. Juni 1834 in Hohenliebenthal in Pr. Schlesien, f als Commandant des 
II. Corps und commandirender (ieneral in Lemberg am 2. Mai 1898. Seh. 
diente vom Jahre 1853 bis 1858 in der k. preuss. Armee, trat dann als 
Cadett in das kais. Heer und machte als Lieutenant das Treffen bei Monte- 
bello und die Schlacht bei Solferino mit. Als Hauptmann im (leneralstabe 
erfocht sich Seh. bei Custoza das Militär-Verdienstkreuz und wurde nach viel- 
seitigen erfolgreichen Verwendungen im Truppendienste und beim General- 
stabe, Generalstabschef beim 4. Armee-Corps, in welcher Eigenschaft er an 
den Gefechten bei Samac, Brcka und auf der Maljevica-Planina Theil nahm 
und für seine hervorragenden Leistungen das Ritterkreuz des Leopoldsordens 
erhielt. Im October 1879 ^^"^ Obersten und Reserve-Commandanten, 1882 
zum Regiments-Commandanten ernannt, erwarb sich Seh. für seine umsichts- 
volle Führung während der Streifungen und Expeditionen in der Herzegowina 



2i8 Graf Y. d. Schulenburg. Sprinzl. v. Montluisant. 

die Allerhöchste Anerkennung. Im Jahre 1884 übernahm Seh. das Commando 
einer Brigade, fiinf Jahre später die Führung der 33. Inf.-Trui)j)en-Division ; 
im October 1890 wurde er zum Feldmarschalllieutenant ernannt, im Jahre i8g3 
durch Verleihung des Ordens der eisernen Krone zweiter Klasse ausgezeich- 
net. Im Februar 1895 erfolgte seine Ernennung zum Kommandanten des 
1 1 . Corps und commandirenden General in Lemberg, in welcher Stellung der 
verdiente General einem Gehirnschlag erlag. 

Die »Vedettc«, Nr. 108, vom 8. Mai 1898. Criste. 

Sprinzl, Josef, Professor Dr., Kanonikus, * Linz 9. März 1839, f Prag 
8. November 1898, promovirte in Wien, war dann Professor der Theologie 
in Linz, hierauf in Salzburg und wurde 1882 an die theologische Facultät 
der deutschen Universität nach Prag berufen. Im Jahre 1891 erhielt er 
eine Domherrenstelle im Prager Collegiatkapitel Allerheiligen, im Jahre 
1897 den Titel eines Regierungsrathes. S. hat sich vielfach litterarisch be- 
thätigt. Es erschienen von ihm eine Fundamentaltheologie, ein Compen- 
dium der Dogmatik, ein Werk über die Lehre der Apostolischen Väter, 
welches auch ins Ungarische übersetzt wurde, u. A. m. Das Vertrauen seiner 
Collegen genoss er in vollem Masse; er wurde wiederholt zu akademischen 
Würden berufen und stand im Jahre 1890 als Rector an der Spitze der 
deutschen Universität in Prag. Ein biederer und fester Character, fühlte er 
sich unter allen Verhältnissen als deutscher Mann und stand allezeit treu zu 
seinem Volke. 

Rechenschaftsbericht der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst 
und Litteratur in Böhmen. 

Montluisant, Bruno, Freiherr von, k. u. k. Generalmajor des Ruhe- 
standes ♦ 1815 in Enzersdorf am Gebirge, f 1898 in Graz. M. war der 
Sohn eines Officiers und wurde bereits in jungen Jahren für den militärischen 
Beruf bestimmt. Seine erste Erziehung erhielt er im Regiments-Knaben- 
erziehungshause des 49. Infanterie-Regiments, das er am 16. December 1832 
als Regimentscadet mit der Eintheilung im 12. Infanterie-Regimen te verliess. 
Bis zum Jahre 1848 diente er als Unterlieutenant, später als Oberlieutenant 
im Tyroler-Kaiser-Jäger-Regimente und machte mit diesem den Feldzug 
48/49 gegen Piemont mit; er kämpfte während der genannten Jahre in allen 
grösseren Gefechten, so bei Pastrengo am 28., 29. und 30. April, bei Curta- 
tone am 29. Mai, bei Vicenza am 10. Juni, ferner in den Schlachten bei Sona, 
Somacampagna und Custoza am 23. — 25. JuH. Bald nach dem kurzen Feld- 
zuge des Jahres 49 wurde M. zum Hauptmann und sechs Jahre später zum 
Major befördert. Auch das Jahr 1859 verbrachte er im Verbände der 
Kaiser-Jäger auf dem Kriegsschauplatze ; bei Magenta und Solferino kämpfte 
er mit schönen Erfolgen. Als der Feldzug im Jahre 1866 ausbrach, war M. 
Oberst. In der Natur der Dinge lag es, dass die Tyroler Kaiser- Jäger, in 
deren Verband sich M. auch jetzt noch befand, und dem er bis zu seinem 
Rücktritt vom activen Dienste angehörte, bei jener Armee-Gruppe verwendet 
wurden, die unter Commando des damaligen G. M. Freiherrn von Kuhn zur 
Vertheidigung Tyrols gegen die aus dem Mailändischen und Venetianischen 
eindringenden italienischen Freischaaren und Reguläre bestimmt waren. Im 
Verbände dieser Armee-Gruppe commandirte M. während der Vertheidigung 
Tyrols eine Brigade, deren Stärke 2600 Mann und 12 (xeschütze betrug. 
An der Spitze dieser Truppen fiel dem Oberst M. in der zweiten Julihälfte 



V. MonÜuisant. 



219 



die Aufgabe zu, im Verein mit anderen Truppen des Generals Kuhn die im 
Ledrothale vordringenden Schaaren Garibaldis zurückzuwerfen. Der strate- 
gische Grundgedanke dieser an der Westgrenze Tyrols einzuleitenden Kämpfe 
gipfelte in der Absicht Kuhns, zuerst die Freischaaren Garibaldis aus dem 
Felde zu schlagen, um sich dann, ohne eine fortwährende Störung aller 
weiteren militärischen Massnahmen befürchten zu müssen, gegen die reguläre 
Division Medici, die durch das Val Sugana gegen Trient vorrückte, mit ver- 
einten Kräften wenden zu können. In der Durchführung der zur Erreichung 
der genannten Absicht nothwendigen Operationen gegen Garibaldi erwies 
sich M. als besonders geschickt und tüchtig. Der ihm ertheilte Befehl 
lautete: Am 20. Juli hat die Colonne Oberst M. aus Judicarien aufzu- 
brechen, am Abend dieses Tages am Passo Vichea zu lagern und am 21. 
in Verbindung mit den Truppen der Nachbarcolonne Major Graf Grünne 
gegen das Ledrothai und zwar mit der Hauptkraft gegen das Fort Ampola 
vorzugehen. Die siegreiche Durchfiihrung dieses Auftrages hätte schon an 
sich Zeugniss von der militärischen Befähigung M.'s gegeben; noch mehr war 
dies aber der Fall, als es sich am 20. Abends herausstellte, dass das Fort 
Ampola bereits in Händen des Feindes sei, somit die Verhältnisse, unter 
denen Kuhn am Tage vorher den Befehl erlassen hatte, sich wesendich ge- 
ändert hatten. Dazu kam noch die unangenehme Ueberraschung, dass 
der Feind viel stärker war, als man Anfangs vermuthete, und dass mit Rück- 
sicht auf die schwierigen Verhältnisse bei den Nachbarcolonnen die von Riva 
aus in das Ledrothai vorzugehen hatte, auf eine Unterstützung, deren Möglich- 
keit Kuhn noch am 19. Juli angenommen, nicht gerechnet werden konnte. 
Trotz dieser zu seinen Ungunsten veränderten Verhältnisse zauderte jedoch 
M. keinen Augenblick in der Durchführung des erhaltenen Auftrages. Ein 
voller Erfolg krönte das muthige, mit vieler Umsicht, Geschick und zäher 
Tapferkeit geleitete Unternehmen. Im Laufe des 21. wurde nach einem um 
4 Uhr früh angetretenen, sehr anstrengenden Marsche von den aus den 
Truppen M.'s gebildeten zwei Colonnen unter Major Grünne und v. Krynicki 
zuerst der vom Feinde besetzte Ort Locca und bald darauf das von der 
feindlichen Uebermacht zäh vertheidigte Bececa erobert, iioo Gefangene, 
sowie ein heilsamer, noch lange nachwirkender Schrecken bei den Freischaaren 
war der Erfolg des unter schwierigen Verhältnissen, wie sie nur das Gebirge 
bietet, aus eigener Initiative des Obersten M. geführten Kampfes. Leider 
musste von einer totalen Ausnutzung des Sieges bei Bececa in Anbetracht 
der bei Tirano und Ampola concentrirten feindlichen Uebermacht von 12 
bis 15 000 Mann abgesehen werden. Oberst M. trat noch am 21. den Rück- 
zug nach dem Monte Vichea an. Grösser noch, als der locale Erfolg dieser 
WafFenthat war der strategische. Was Kuhn sich von einem kurzen energischen 
Schlage gegen die Freischaaren versprochen hatte, traf ein: er konnte un- 
belästigt von ihnen seine Streitkräfte bei Trient versammeln und der Division 
Medici, die aus dem Val Sugana debouchirte, entgegentreten. Die musterhafte 
Haltung M.'s wurde durch Verleihung des höchsten militärischen Ordens, des 
Maria-Theresien-Kreuzes, anerkannt. Bald darauf, im Jahre 1870 zog sich M. 
nach 40 jähriger Dienstzeit vom activen Dienste zurück. Bei dieser Gelegen- 
heit wurde dem damals noch in der Oberstencharge stehenden der General- 
majors-Charakter zuerkannt. 

Quellen: Lukes, Militär. Maria-Theresien-Orden. 

WoUanka. 



2 20 V. Stransky. v. Lindner. v. Gustas. v. Oestcrreich. v. Maywald. v. Pokomy. 

Stransky, Carl v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * am 3. September 
1837 zu Neustadt! in Krain, f am 29. August 1898 in Wien, erwarb sich 
durch seine erfolgreichen Leistungen im Truppendienste sowohl, als auch in 
seiner Verwendung als I^ehrer das Ritterkreuz des Leopoldordens, des Ordens 
der eisernen Krone dritter Klasse und das Mihtärverdienstkreuz. 

Swoboda, die Theresianische Akademie zu Wiener Neustadt und ihre Zöglinge. 
Die »Vedette«', Nr. 125, vom 4. September 1898. 

Criste. 

Lindner, Carl Ritter v., k. u. k. Contre-Admiral , * im Jahre 1830 in 
Brunn, f am 28. September 1898 in Graz, trat 1849 ^^ ^^® Kriegs-Marine, 
erwarb sich bereits wenige Monate später die silberne Tapferkeits-Medaille 
I. Kl., focht hervorragend tapfer in dem Feldzuge gegen Dänemark und 
nahm 1866 als Stabs-Adjutant an TegettbofTs Seite auf der Commandobrücke 
des »Ferdinand Max« an der Schlacht bei Lissa Theil. Nach mannigfacher 
Verwendung zu Wasser und zu Land trat L. am i. Juli 1883 in den 
Ruhestand. 

Die »Vedette«, Nr. 131, vom 16. October 1898. Criste. 

Gustas, Leopold Edler v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * am 14. Juni 

1840, f am 26. Juli 1898 in Aussee, war in verschiedenen Verwendungen beim 

Generalstabe thätig, wurde im October 1886 Brigadier, im November 1891 

Feldmarschall-Lieutenant und Divisionär. 

Swoboda, die Theresianische Akademie zu Wiener-Neustadt und ihre Zöglinge. 
Die »Vedette<% Nr. 120, vom 31. Juli 1898. 

Criste. 

Oesterreich, Franz Ritter v., k. u. k. Generalmajor, * am 24. December 
1830 zu Braunschweig, f am 2. Januar 1898 zu Perchtoldsdorf in N.-Oest., 
trat nach Absolvirung der Ingenieur-Akademie 1851 als Lieutenant in die 
Armee und war bis zu seinem im Mai 1885 erfolgten Uebertritt in den 
Ruhestand besonders als Lehrer und Bildner hervorragend thätig. 

Die »Vedctte«, Nr. 92, vom i6. Januar 1898. ^ . 

\^T IS te. 

Maywald, Carl Ritter v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * am 12. De- 
cember 181 4 zu Neu-Becse im Banat, f am 19. Februar 1898 im Schlosse 
Heltyhof bei Krems. Im Mineurcorps am i. September 1840 zum Lieute- 
nant befördert, zeichnete sich M. als Major in der Schlacht bei Magenta, 
1866 als Geniedirector in Josephstadt besonders aus, war dann durch drei 
Jahre Sectionschcf im Kriegs-Ministerium und trat 1880 als Truppen-Divisionär 
in den Ruhestand. 

Die »Vedctte«, Nr. 98, vom 27. Februar 1898. Criste. 

Pokorny, Alois Ritter v., k. u. k. Viceadmiral, * 1826 zu Neuhaus in 
Böhmen, f am 24. Februar 1898 in Wien. Hervorragend thätig als Professor 
am Marine-Collegium, später auch Commandant der Marine-Akademie, nahm 
P. besonderen Antheil an den organisatorischen Schöpfungen der k. u. k. 
Kriegs-Marine. 

Die »Vedette«, Nr. 99, vom 6. März 1898. Criste. 



▼. Friedel. v. Nenwirth. v. Handel-Mazzetti. Haas. v. Baumgarten. 221 

^ Friede!, Johann Ritter v., k. u. k. Generalmajor, * am 6. Januar 181 6 
zu Sanok in Galizien, f am 18. September 1898 in Wien, erwarb sich in 
den Feldzügen in Ungarn 1848 — 49 das Militärverdienstkreuz und kam im 
Xovember 1849 in die Militärkanzlei des Kaisers, woselbst er, hauptsächlich 
seines geradezu phänomenalen Gedächtnisses und seines gewandten Stiles 
wegen durch achtzehn Jahre überaus schätzenswerthe Dienste leistete, welche 
der Kaiser durch Verleihung des Ordens der eisernen Krone 3. Kl. und des 
Ritterkreuzes des Leopoldordens lohnte. 

Die »Vedctte«, No. 128, vom 25. September 1898. 

Criste. 

Nenwirth, Theodor Edler v. Neufels, k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, 
* am 8. April 1830 in Chrudim, f am 13. October 1898 in Pössnitz bei 
Marburg, kämpfte mit Auszeichnung in Italien 1849 und 1866 in Böhmen 
und erwarb sich grosse Verdienste anlässlich der Reorganisation der k. k. 
Landwehr. 

Die »Vedette«, Nr. 134, vom 6. November 1898. 

Criste. 

Handel-Mazzetti, Eduard Freiherr v., k. u. k. Feldzeugmeister, * am 
26. Januar 1838, f am 25. Juli 1898 in Völs (Bezirk Bozen). Im Jahre 1854 
als Lieutenant in das Heer eingetreten, machte H. die Feldzüge der Jahre 
1859, 1864 und 1866 mit Auszeichnung mit, wurde dann im Generalstabs- 
dienste vielfach verwendet, übernahm als Oberst die Leitung des Directions- 
bureaus des Generalstabes, wurde 1884 Generalmajor und Brigadier, 1889 Feld- 
marschalllieutenant und Divisionär und 1892 unter Verleihung des Ritterkreuzes 
des Leopoldordens Stadt-Commandant von Wien. H. starb als Präsident des 
obersten Militärgerichtshofes. 

Die »Reichswehr« vom 26. September 1898. 

Criste. 

Haas, Stephan, k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * im Jahre 181 9 in 
Vinkovce, f am 27. Januar 1898 in Agram, trat am 5. Mai 1835 ^^^ Cadett 
in das Heer, nahm mit Auszeichnung Theil an den Feldzügen 1848/49, dann 
1866 in Italien und wurde am i. November 1876 Oberst und Regiments- 
Commandant. Anlässlich seines 50jährigen Dienstjubiläums erhielt H. am 
30. April 1881 den Orden der eisernen Krone, wurde im September des- 
selben Jahres Brigadier und am i. Mai 1882 zum Generalmajor befördert. 
Für seine hervorragenden Leistungen in Dalmatien, Bosnien und der Herze- 
gowina erhielt er das Ritterkreuz des Leopoldordens mit der Kriegsdecoration 
und anlässlich seines Uebertrittes in den Ruhestand, am i. August 1886, den 
Feldmarschalllieutenant-Charakter. 

Die »Vedette«. Nr. 96, vom 13. Februar 1898. 

Criste. 

Baumgarten, Maximilian v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * 26. Febr. 
1820 in Mähr.-Neustadt, f 26. März 1898 in Wien. Nach Absolvirung der 
Theresianischen Akademie trat B. am 2. September 1839 in das Heer, nahm 
1846 an den Operationen zur Bewältigung des polnischen Aufstandes, 1848/49 
an den Feldzügen in Italien und Ungarn Antheil, erwarb sich bei 



22 2 ▼• Bwimgarten. Vautier. 

Solferino als Major das Militär verdienstkreuz und focht 1864 als Oberstlieute- 
nant gegen Dänemark. Für seine hervorragenden Leistungen in der Schlacht 
bei Königgrätz mit dem Orden der eisernen Krone ausgezeichnet, wurde B. 187 1 
Brigadier, 1873 Generalmajor, 1878 Divisionär und Feldmarschalilieutenant. Im 
August 1879 ^^^^ ^r wegen Schwächung des Sehvermögens in den Ruhestand. 

Swoboda, die Theresianische Militär- Akademie zu Wiener-Neustadt und ihre Zöglinge. 
Die »Vedette«, Nr. 103, vom 3. April 1898. Criste. 

Vautier, Benjamin, Maler, * 24. April 1829 in Morges am Genfer 
See, als Sohn eines Pfarramtscandidaten , f 25. April 1898 zu Düssel- 
dorf. Die phantasievolle Mutter scheint in dem Sohn die Frohnatur und 
Lust zum Fabuliren geweckt zu haben. Er verlebt die Jugendzeit in No- 
ville (Rhonethal) und besucht dann das Gymnasium in Lausanne. Der 
Vater wünscht, dass er Pfarrer wird, willigt dann aber, widerstrebend, 
darein, dass der Sohn 1847 nach Genf geht, wo er bei Hdbert zeichnen 
lernt, dann aber sich zwei Jahre lang als Emailmaler durchschlagen muss. 
Dann erneutes Studium bei dem Historienmaler Lugardon und bei Alfred 
van Muyden; ersterer ein Schüler von Gros und Ingres; 1850 Uebersied- 
lung nach Düsseldorf, wo der 2 1 jährige in Rudolf Jordan seinen eigent- 
lichen Lehrer findet. 1853 Reise in die Schweiz, Bekanntschaft mit dem 
Landschaftsmaler Carl Girardet, auf dessen Anregung hin V. einen Sommer 
lang Studien nach der Natur macht. Tiefere Bedeutung gewinnt Ludwig Knaus 
für V., mit dem er 1856 nach Paris, allerdings nur auf sechs Monate, geht* 
Das hier entstandene Bild »In der Kirche« erzielt 1858 auf der Münchener 
Ausstellung den ersten durchschlagenden Erfolg, nachdem er schon 1857 im 
Haag mit der silbernen Medaille ausgezeichnet worden war. Ein Ausflug 
nach Herrischried im Hauensteiner Land wird insofern entscheidend, als V. 
seitdem Land und Leute des Schwarzwaldes fast ausschliesslich für seine 
Motive verwendet; seine Abstammung erklärt das Verständniss und die Vor- 
liebe für Menschen und Sitten des Oberrheins und der Schweiz. Die in den 
sechziger Jahren entstandenen Illustrationen zu Immermanns Oberhof dagegen 
werden aus den Eindrücken bestritten, die er unter dem westphälischen 
Bauern Volk macht. Wilhelm Lübke schreibt darüber: »Seit Jahren wurde 
V. uns von Zeit zu Zeit durch Genrebilder bemerkenswert!!, welche ihren 
Stoff meistens den einfachen Kreisen des ländlichen Lebens und der Kinder- 
welt entlehnen, aber mit so tief eindringendem Blick und mit so feiner 
Seelenkunde solche Charaktere behandeln, wie wir nur ausnahmsweise es 
sonst antreffen«. Andere Illustrationen im Flemmingschen »Boten« 1866, 
zu Auerbachs »Baarfussele« und zu »Hermann und Dorothea«, beide 1869; 
im Anschluss an die letzte Arbeit entsteht sein »Toast auf die Braut« 1870 
(Hamburg, Kunsthalle). Schon 1868 war »Die erste Tanzstunde« (Berlin, 
Nationalgallerie) und das sensationelle Bild »Eine Verhaftung« gemalt worden. 
Die Mehrzahl der bis 1870 entstandenen Bilder schildert das Bauernleben, 
aber nicht in seinen alltäglichen Zuständen, nicht bei der Arbeit im Feld 
oder Ernteglück, sondern in den besonderen Gelegenheiten froher und trauriger 
Feste. Als Humorist und wohlwollender Menschenfreund, mit der herzlichen 
Freude am frischen Leben dieser gesunden Menschen in glücklichen Thälern, 
nimmt er an diesen Festen theil, die sich meist um den Pfarrer des Dorfes 
gruppiren, dessen Thätigkeit dem Pfarrersohn ja besonders bekannt sein 
musste. Ein ganzer Cyklus dörflicher Sittengeschichte, der in den siebziger 



Vautier. Kronast. 223 

Jahren entstand, schildert dann Lust und Leid des alamannischen Bauern 
von der Wiege bis zum Grabe, Er bevorzugt auch hier die lichten Stunden 
im Leben dieser Menschen, wenn er auch das tragische Verhängniss, das 
über den Einzelnen über Nacht hereinbrechen kann, in Bildern wie dem 
»Schuldenbauer« und der »Verhaftung« ergreifend geschildert hat. Die acht- 
ziger Jahre bevorzugen dann die komischen Stoffe, deren Held der Künstler 
nicht selten selber war, wenn er uns vom »entflohenen« und »willigen 
Modell« erzählt; hierher gehören auch »der galante Professor«, »der Taschen- 
spieler« u. A. Liebesscenen hat V. so gut wie gar nicht gemalt; das Empfind- 
same, wie das Leidenschaftliche entsprechen seiner Natur nur wenig. Gerne 
l>orträtirt er dagegen hie und da eine einzelne Dorfschöne, die er in blanker 
Sonntagstoilette oder als einfache Genrefigur darstellt. Im Allgemeinen aber 
interessirt sich V. weniger für die einzelne Gestalt, als für ihr Verhältniss 
zur Umgebung und Situation. Der poetische Gedanke seiner Bilder ergreift 
in der Regel mehr als die Kraft der künstlerischen Darstellung. Die Liebens- 
würdigkeit seiner Natur schreckte vor der unmittelbaren "Wiedergabe der 
Wirklichkeit, leider auch im formalen Sinne, zurück. An der grossen Licht- 
bewegung, die von Paris ausgehend, die deutsche Kunst seit fast 30 Jahren 
beschäftigt, hat V. ebensowenig theilgenommen, wie an dem Bestreben, durch 
die plastische Betonung der Einzelform, die künstlerische Sprache bedeutender 
zu gestalten. »Der zarte Schönheitssinn eines vornehmen, feinfühligen und 
liebenswürdigen Naturells äusserte sich in seiner ganzen Frische indessen erst 
in den zahlreichen Kreidestudien, die, selbst der Familie des Künstlers un- 
bekannt, nach dem Tode zum Vorschein kamen. Sie übertreffen alles, was 
man von diesem gefeierten Meister bisher gekannt hat.« 

V.'s Bilder waren bis vor Kurzem sehr begehrt. Fast jede grössere 
Gallerie moderner Bilder besitzt ein Stück von ihm (Berlin, Breslau, Düssel- 
dorf, Hamburg, Karlsruhe, Königsberg). Ein Selbstbildniss vom Jahre 1888 
besitzt Herr Regierungs-Rath von Wätjen. 

Litteratur: Der obenerwähnte Aufsatz von W. Lübke in d. »Zeitschr. f. bUd. Kunst«; 
Pecht in verschiedenen Schriften, Adolf Rosenberg (»KUnstlermonographien«, herausgeg. 
von H. Knackfuss XXIII) ; endlich der Catalog zu der Ausstellung, die die Nationalgallerie 
in Berlin December 1898 veranstaltet hat, die einen Uebcrblick Ubes das gesammte 
Schaffen des Meisters durch 19 Oelbilder, z8 Oelskizzen, 19 Oelstudien und 163 Zeich- 
nungen gab. 

Paul Schubring. 

Kronast, Joseph, päpstlicher Hausprälat, infulirter Dompropst des Metro- 
politankapitels München, * den i. November 1827 zu Sölhuben (Oberbayern), 
t den 2. December 1898 zu München. Aus einfachen Verhältnissen erwach- 
sen, zeigte K. während seiner Studienjahre an der Universität München (1846 
bis 49) regen wissenschaftlichen Eifer. Durch seine schwächliche Constitution 
nicht selten behindert, nahm er im Lehramt und in der Seelsorge verschie- 
dene Stellungen ein, bis er im Jahre 1866 Mitglied des Metropolitankapitels 
in München wurde. Mit voller Hingebung widmete er sich den Obliegen- 
heiten seines Amtes, die rauhe Aussenseite, die er gewöhnlich zeigte, um- 
schloss, wie viele seiner Handlungen beweisen, ein warmfiihlendes Herz. Im 
Jahre 1890 erhielt K. die erste Stelle im Münchener Domkapitel, die Dignität 
des Dompropstes; gleichzeitig ward er vom Papste zum Doctor der Theologie 
promovirt; in dem nämlichen Jahre ward er vom Erzbischof Antonius von 
Thoma zum Generalvicar der Erzdiöcese München-Freising ernannt, ein Amt, 



224 



Kronast. Gundlach. Reiser, v. Machek. v. Hermann. MoUik. Furtner. 



das er bis zum Tode des Erzbischofs (1897) behielt. In den letzten Jahren 
seines Lebens hatte K., der im Jahre 1897 durch die Verleihung des Ritter- 
kreuzes des Verdienstordens der bayerischen Krone in -den persönlichen Adels- 
stand erhoben wurde, schwer mit Krankheit zu kämpfen; mit grosser Stand- 
haftigkeit trug er sein überaus schmerzhaftes Leiden. 

S. Amtsblatt für die Erzdiöcese München und Freising. Jahrg. 1899. Beilage Nr. 3. 

Dr. H. M. Gietl. 

Gundlach, Georg, Dr. theol., Domcapitular in Passau, * 12. Mai 1848 
zu München, f den 28. October 1898 zu Passau, von 1884 — 1892 Director 
des Clericalseminars in Freising. S. Schematismus der Geistlichkeit des Bis- 
thums Passau für das Jahr 1899 S. 179 — 183. Dr. H. M. Gietl. 

Reiser, Job. B-, Domcapitular zu Passau, * 27. Juni 1828 zu Ingolstadt, 
f 10. December 1898 zu Passau, verdienter Canisius-Forscher. S. Schematismus 
der Geistlichkeit des Bisthums Passau für das Jahr 1899 S. 187 — 190. 

Dr. H. M. Gietl. 

Machek, Ernst Ritter v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * im Jahre 
1829 in Venedig, f 29. October 1898 in Graz, erwarb sich bei Magen ta und 
Solferino die Allerhöchste Anerkennung, bei Custoza das Militärverdienst- 
kreuz, war als Generalmajor Sectionschef im Reichs-Kriegsministerium und wurde 
am I. November 1882 unter Verleihung des Leopoldordens Feldmarschall- 
Lieutenant und Divisionär. 

Die »Vedette«, Nr. 134, vom 6. November 1898. Criste. 

Hermann, Joseph Edler v., k. u. k. Feldmarschall-Lieutcnant, * im Jahre 
1836 zu Graz, f am 15. Juni 1898 in Stein bei Laibach. H. erhielt seine 
erste militärische Ausbildung in der Artillerie-Akademie, machte als Lieute- 
nant den Feldzug 1859 in Italien mit und erfocht sich 1866 in Böhmen das 
Militärverdienstkreuz. Nach diesem Feldzuge erfolgte seine Zutheilung zur 
7. Abtheilung des Reichs-Kriegsministeriums, deren Vorstand er als Oberst- 
lieutenant im Jahre 1884 wurde. Im October 1890 zum Sectionschef im 
Reichs-Kriegsministerium ernannt, wirkte er als solcher, im November 1894 
zum Feldmarschall ernannt, bis zu seiner Uebersetzung in den Ruhestand, 
am I. November 1895. 

Die »Vedette«, Nr. 115, vom 26. Juni 1898, Criste. 

Mollik, Heinrich, k. u. k. Feldmarschall-Lieutenant, * am 4. Juli 1838 zu 
Mähr. -Weisskirchen, f als Artillerie-Director beim 14. Corps-Commando am 
26. Juli 1898 zu Hochfilzen in Tyrol. M. war sowohl im Truppendienste, 
als auch in seiner Verwendung im technischen und administrativen Militär- 
Comitd, dann als Lehrer am höheren Artillerie-Curse und im Stabsoflizier- 
Curse hervorragend thätig. 

Die »Vedette«, Nr. 121, vom 7. August 1898. Criste. 

Furtner, Ernest, Dr. theol., päpstlicher Hausprälat und Domkapitular in 
München, * den 27. Januar 1832 zu Teisenham bei Endorf (Oberbayern), 
f den 3. November 1898 zu München. Nachdem F. die Gymnasialstudien 
zu Freising vollendet hatte, bezog er die Universität München, an der er drei 
Jahre lang 1851/52 — 1853/54 Vorlesungen aus der Philosophie und der 
Theologie hörte. An dem gelehrten General vicar der Erzdiöcese München, 



Furtner. Batsch. 



125 



Dr. Windischmann, fand F, einen erfahrenen Förderer seiner Studien. Nach- 
dem F. noch zwei Jahre im Clericalseminar zu Freising zugebracht hatte, 
empfing er am 15. Juni 1856 die Priesterweihe ; kurz darauf wurde er, um den 
Studien fernerhin zu obliegen, an das Seminar berufen, dessen Schüler er 
bisher gewesen war. Im Jahre 1860 erlangte F. die theologische Doctor- 
würde, im darauffolgenden Jahre ward er zum Professor des Kirchenrechts 
und der Kirchengeschichte am k. Lyceum in Freising ernannt. Nur drei Jahre 
lang nahm F. diese Stelle ein. Nach dem Willen des damaligen Erzbischofs 
von München Gregor von Scherr übernahm F. im Herbste des Jahres 1864 
die Leitung des Clericalseminars in Freising. Achtzehn Jahre lang versah 
F. das Amt eines Directors des Seminars; die Verpflichtungen der Stelle 
waren mannigfacher Art; F. musste Vorlesungen über Pastoral theologie und 
Pädagogik halten, die sittliche Ausbildung der Zöglinge des Seminars über- 
wachen, in der Seelsorge vielfach thätig sein. Zu all diesen Lasten kam 
noch die mühselige Vermögensverwaltung eines grossen Hauses. Ein Amt, 
das nach so verschiedenen, ja entgegengesetzten Seiten in Anspruch nimmt, 
lässt wenig Befriedigung im eigenen Herzen aufkommen; nichtsdestoweniger 
suchte F. mit voller Hingebung den Obliegenheiten seiner Stellung gerecht 
zu werden; in der Liebe, die ihm die Zöglinge des Seminars entgegen- 
brachten, fand er Trost für das Harte, das seine Stellung hatte. Eine 
ruhigere Thätigkeit war ihm beschieden, als er im Jahre 1882 vom Dom- 
kapitel zu München zum Mitgliede gewählt wurde; allerdings nahmen ihn 
auch jetzt die Amtsgeschäfte so in Anspruch, das wenig freie Zeit übrig 
blieb. Nach dem Tode des Erzbischofs Antonius von Thoma (1897) ward 
F. zum Capitularvicar gewählt; unter dem Nachfolger des Erzbischofs wurde 
er Generalvicar der Erzdiöcese München-Freising. Von kräftiger Constitution 
hatte F. jahrelang ohne Nachtheil die Mühen seiner amtlichen Thätigkeit 
ertragen ; seit einigen Jahren fühlte er sich geschwächt, eine kleine Verletzung 
am Fusse, die eine Entzündung hervorrief, nahm bald eine gefährliche Wen- 
dung; der Kranke blieb geistig frisch, doch die körperliche Schwäche steigerte 
sich in deutlicher Weise; am 3. November 1898 entschlief er ruhig. Wohl 
hatte F. in seiner Doctordissertation: Das Verhältniss der Bischofsweihe zum 
hl. Sacramente des Ordo (München 1861) mit Umsicht und Geschick ein 
dogmengeschichtliches Thema behandelt; die Stellungen aber, die er später 
bekleidete, nahmen ihn sehr in Anspruch, so fand er keine Müsse zu grösseren 
schriftstellerischen Arbeiten; er musste sich begnügen, sein Wissen im Dienste 
seines Amtes zu verwenden. In der Bescheidenheit, die ihm eigen war und 
die ihn auch den Rath anderer gerne suchen Hess, ertrug F. dies leicht; er 
war umsomehr bestrebt, den sittlichen Menschen in sich auszubilden und zu 
vollenden. 

S. Amtsblatt für die Erzdiöcese München und Freising. Jahrg. 1899. Beilage Nr. i. 

Dr. H. M. Gietl. 

Batsch, Carl Ferdinand, Kaiserlich deutscher Viceadmiral, * 10. Januar 
1831 zu Eisenach, f am 22, November 1898 zu Weimar. In der Geschichte 
der Entstehung und Entwickelung der preussisch-deutschen Flotte nimmt B. eine 
hervorragende Stelle ein: er hat ihr in den ersten 35 Jahren ihres Bestehens 
als activer Seeofficier angehört und nach seinem Ausscheiden sowohl durch 
bedeutende fachmännische, wie historische Schriften in ihrem Interesse eine 
hervorragende Thätigkeit entfaltet. B. stammte aus einer binnenländischen 

Blogr. Jahrb. a. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. X 5 



226 Batsch. 

Gelehrten-Familie. Sein Grossvater war Professor der Medicin und Botanik 
an der Universität Jena und gehörte zu dem engeren Kreise Goethes, der in 
seinen botanischen Studien vielfach zu dem bescheidenen, tüchtigen Gelehrten 
in Beziehung gestanden hat. B.'s Name kehrt häufig in seinen Aufzeichnungen 
und Briefen aus den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts wie- 
der. Er starb 1802 im 43. Lebensjahre. Der Vater des Admirals, anfanglich 
Officier in Grossherzoglich Weimarischen Diensten, wandte sich der Technik 
zu. Sein Werk: »Hydrotechnische Wanderungen in Bayern, Baden, Frank- 
reich und Holland in dem Jahre 1821« (Weimar 1822) war Veranlassung, 
dass er später als Director der Kommission für Chaussee- und W^asserbau in 
Weimarischen Staatsdienst trat. Bei Erbauung der Thüringischen Eisenbahn 
ward er Bevollmächtigter dieser Regierung in der Direction zu Erfurt. Sein 
Sohn Carl Ferdinand besuchte die Gymnasien in Eisenach und Erfurt, 
verliess die letztere Anstalt aber bereits als Secundaner im Alter von fünf- 
zehn Jahren, um sich der seemännischen Laufbahn in der Hamburger Han- 
delsmarine zu widmen. Seine erste Reise — nach Ostindien — stellte seine 
Befähigung nach der moralischen und physischen Seite gleich auf eine schwere 
Probe ; das Schiff litt Havarie und konnte drei Monate lang nur durch Pumpen 
über Wasser gehalten werden. Nach der Rückkehr im Jahre 1848 trat er am 
I . October desselben Jahres in die preussische Marine, zu der damals in sehr 
bescheidenen Verhältnissen der Grund gelegt ward, als Matrose IL Kl. ein. Der 
Siebzehnjährige ward zunächst auf einige Zeit zu weiterer Ausbildung auf ein 
amerikanisches Kriegsschiflf entsendet, nach elf Monaten jedoch bereits zurück- 
berufen (20. Nov. 1849), 2^"^ Seecadetten i. Kl. ernannt und bald mit dem 
Commando eines Kanonenbootes betraut. Bei einer Besichtigung desselben 
durch den Prinzen Adalbert von Preussen erregte sein entschlossenes und 
mannhaftes Verhalten die Aufmerksamkeit des Prinzen 4. September 1852 
Leutnant zur See IL Kl. Als Wachofficier an Bord der Corvette Danzig, 
mit welcher der Prinz am 7. August 1856 die recht blutig verlaufene Expe- 
dition von Tres Forcas gegen die Beni Zulefa-Kabylen an der marokka- 
nischen Küste, unternahm, nahm er an dieser Theil und bewährte auch hier 
seine kaltblütige Besonnenheit. Der Prinz berief den tüchtigen Officier in 
seinen Stab. Von jenem Zeitpunkte an datiren die nahen, niemals getrübten 
Beziehungen B.'s zu dem Schöpfer der preussisch-deutschen Marine: er hat 
diesem in seinem Werke: »Admiral Prinz Adalbert von Preussen — ein 
Lebensbild« (Berlin 1890) ein würdiges Denkmal gesetzt. Dieses auf Grund 
der Akten und aus eigener Mitwirkung am Organisationswerk gewonnenen 
intimen Kenntniss der Personen und Vorgänge geschriebene Buch ist ein 
werthvoller Beitrag zur Entstehung der Geschichte der preussischen Flotte 
überhaupt, in der der Verfasser sich nicht nur als ein kenntnissreicher und 
tüchtiger Seemann erweist, sondern auch als trefflicher Character durch die 
Unbefangenheit seines Urtheils und die selbstlose Bescheidenheit, mit der er 
die eigene Person durchaus in den Hintergrund stellt. Als Lieutenant zur 
See I. Kl, (27. Nov. 1856) zur englischen Marine commandirt, in der er 
fast zwei Jahre Dienst that, ward er 1864 (25. April) Corvettenkapitän 
und nahm an Bord der »Grille«, auf der sich der Oberbefehlshaber, Prinz 
Adalbert, befand, an den Kämpfen gegen die dänischen Kriegsschiffe Theil, 
die, wenn sie auch eine grössere Bedeutung wegen der Schwäche der 
preussischen Streitkräfte zur See nicht haben konnten, doch die Tüchtig- 
keit der Mannschaften und Officiere bezeugten. Nach einer längeren 



Batscb. 227 

überseeischen Fahrt als Commandant des CadettenschifFes »Niobe« ward 
er 1867 zum Chef des Stabes beim Obercommando der Marine, (1870 
(25. Jan.) zum Kapitän zur See ernannt'. Die Berufung in diese Stelle war 
ein besonderer Beweis des Vertrauens, das der Prinz in ihn setzte: er ward 
der Theilnehmer an der rastlosen, mühe- und sorgenvollen Arbeit des Prinzen, 
der, wie B. schreibt, oftmals schwer geprüft ward im Kampf gegen alle Arten 
von Ungunst der Verhältnisse und Widerwärtigkeiten. Denn war es nur mühsam. 
Schritt für Schritt, seit 1848 gelungen, dem Verständniss für die Bedeutung 
und Nothwendigkeit einer starken Machtstellung Preussens auch zur See in 
den ma.ssgebenden Kreisen Raum zu schaffen, so fehlte es auch nach 1864 und 
1866 nicht an solchen, die die militärische Aufgabe Preussens trotz der Neuge- 
staltung der politischen Verhältnisse nur in der Kräftigung der Landarmee sahen. 
Dazu kamen in Folge von Mängeln in der Organisation mancherlei Hemm- 
nisse und Weitläufigkeiten, so dass »Reibungen« nicht ausblieben. In späteren 
historischen und fachmännischen Aufsätzen, die in seinem Werke: »Nautische 
Rückblicke« (Berlin 1892) gesammelt vorliegen, hat B. Manches über diese 
Verhältnisse unbefangen berichtet. In dieser Stellung als Chef des Stabes 
beim Oberkommando der Marine verblieb er auch während des Krieges gegen 
Frankreich und trat erst im nächsten Jahre in den Flottendienst wieder ein. 
Eine 22monatige Fahrt in den westindischen Gewässern gab ihm u. A. Ge- 
legenheit, energisch und erfolgreich deutschen Reichsangehörigen gegen Haiti 
zu ihrem Rechte zu verhelfen. Im Jahre 1873 übernahm er abermals die Ge- 
schäfte des Stabschefs, die jetzt mit der Admiralität, nicht mehr mit dem Ober- 
commando in organischem Zusammenhang standen, doch trat er zwei Jahre 
später wieder in den unmittelbaren Flottendienst, befehligte, zum Contre- 
Admiral ernannt (18. Jan. 1875), in den Jahren 1876 — 78 das Panzer-Uebungs- 
geschwader und leitete die Expedition nach Saloniki im Jahre 1876, wo er 
Genugthuung von der türkischen Regierung für die Ermordung des deutschen 
Consuls mit grosser Energie durchsetzte. Im Frühjahr 1878 ward er zum 
Stationschef in Wilhelmshaven ernannt. Als das Uebungsgeschwader wieder 
unter seinem Befehl die Fahrt antrat, ereignete sich der Zusammenstoss 
zwischen dem Panzer »Grosser Kurfürst« und dem Panzer »König Wilhelm«, 
der den Untergang des Ersteren herbeiführte. B. ward in Folge dessen vor 
ein Kriegsgericht gestellt. Sein Verhalten nach der Katastrophe war in 
höchstem Maasse anerkennenswerth gewesen: sein Flaggschiff »König Wilhelm« 
war nicht minder schwer verletzt als der »Grosse Kurfürst«, aber das be- 
stimmte und umsichtige Eingreifen B.'s ermöglichte nicht nur eine Be- 
theiligung seines Schiffes bei der Rettung von Mannschaften des »Grossen 
Kurfürsten«, sondern auch die glückliche Ueberführung des »Wilhelm« in den 
Hafen von Portsmouth. Aber hatte er auch als Geschwaderchef das Richtige 
gethan? Es wurde gegen ihn die Anklage erhoben, dass nicht auf die er- 
forderliche Distancirung der auf der P'ahrt befindlichen Schiffe geachtet wor- 
den sei. f)as Kriegsgericht sprach den Admiral frei. Kaiser Wilhelm I. 
glaubte indessen das Urtheil nicht sanctioniren zu können, sondern überwies 
die Sache einem zweiten Kriegsgericht, das im Juli 1879 zusammentrat. B. 
ward zu einer sechsmonatlichen Festungshaft verurtheilt, die er in Magdeburg 
antrat. Nach 14 Tagen jedoch erfolgte bereits seine Begnadigung durch 
den Kaiser, der ihn am 3. Febr. 1880 unter Beförderung zum Viceadmiral 
zum Director der Admiralität ernannte. Im Jahre 1881 erfolgte seine Be- 
rufung zum Chef der Ostseestation in Kiel. Als nach dem Rücktritte des 

15* 



2 28 Batscb. 

Generals von Stosch von dem Posten des Marineministers General von Capnvi 
zu dessen Nachfolger ernannt ward, erbat B. seine Entlassung, die ihm unter 
Stellung ä la suite des Seeofficierkorps am 21. Juli 1883 gewährt ward. Es 
sind sicher nicht persönliche Gründe gewesen, die den verdienten Mann ver- 
anlassten, aus dem activen Dienst zu scheiden, sondern die sachlich wohl 
begründete Ueberzeugung, dass die volle Selbstständigkeit der Marine, für die 
B. stets eingetreten war, auch dadurch bezeugt werden müsse, dass ein aus 
ihrer Mitte hervorgegangener, mit ihren Bedürfnissen wohl vertrauter Mann 
an ihrer Spitze stehen müsse. 

Die Bedeutung des Admirals B. für die Entwickelung der deutschen See- 
kraft wird sich erst später im Einzelnen feststellen lassen, wenn das akten- 
mässige Material vorliegt. In seinen eigenen zahlreichen Schriften findet sich 
nicht viel darüber. Mit der nämlichen Bescheidenheit, die oben in Bezug 
auf die Biographie des Prinzen Adalbert gerühmt werden durfte, ist er auch 
sonst bestrebt, seinen Antheil an dieser Entwickelung hinter der allgemeinen 
sachlichen Darstellung zurücktreten zu lassen. Für die Beurtheilung der Ver- 
hältnisse und Vorgänge im Allgemeinen bringt seine bereits erwähnte Samm- 
lung von Aufsätzen »Nautische Rückblicke« werthvolle Beiträge. B. bewährt 
sich in diesen Ausführungen als ein ebenso einsichtsvoller und kenntnissreicher 
Fachmann wie als ernster und unbefangener Kritiker, der mit unerschütterlicher 
Wahrheitsliebe seiner Anschauung Ausdruck giebt, stets nur erfüllt von der 
Sache, der er dienen will, und frei von allen persönlichen Sympathien und 
Antipathien. In seinem Buch »Deutsch-Seegras« (Berlin 1892) zeigt er im 
ersten Abschnitt: Seemacht und Flottenfrage, die Bedeutung und die Noth- 
wendigkeit einer starken Seemacht für eine kraftvolle nationale Politik; der 
zweite Abschnitt giebt dann den Beweis dafür gewissermassen im Negativ 
durch die Geschichte der »ersten deutschen Flotte«, jener Schöpfung der 
48er Vorgänge, die ihr unrühmliches Ende in der Auction fand, eine Tragödie, 
die in innigster Beziehung stand zu den kläglichen politischen Verhältnissen 
des damaligen Deutschlands. »Was für die Einheit des Reiches die pohtische 
Zerrissenheit war, das ist für eine Seegeltung (d. h. für Macht und Einfluss 
zur. See) die mangelnde Einheit und noch mehr die Ungewohnheit an über- 
seeische Macht und überseeische Politik« sagt B. einmal (»Deutsch-Seegras« 
Seite 25). Er hat mit dieser Ungewohnheit anfänglich in der preussischen 
Generalität viel zu thun gehabt, aber auch in den politischen Kreisen des 
Volks hat sich diese in starkem Maasse gezeigt und zeigt sich noch heute 
vielfach, auch bedingt durch mangelndes Verständniss für diese Dinge. 
»Kommt im Reichstag die Flotte auf die Tagesordnung, dann kann ein er- 
heblicher Theil der Volksboten sich eines Gefühls der Beängstigung nicht 
erwehren« heisst es sehr treffend ebendort. Scheint es jetzt in diesen Be- 
ziehungen besser zu werden, so hat jedenfalls B. sich durch seine Schriften 
ein grosses Verdienst daran erworben. Unermüdlich ist er bestrej)t gewesen, 
für das Verständniss des inhaltvollen und treflfenden Wortes des Prinzen 
Adalbert, das er seiner Biographie vorgesetzt hat, zu arbeiten: »Für ein 
wachsendes Volk kein Wohlstand ohne Ausbreitung, keine Ausbreitung ohne 
überseeische Politik und keine überseeische Politik ohne Flotte.« Auch zwei 
andere grosse Arbeiten von ihm dienen mittelbar demselben Gedanken: für 
das Werk »Heer und Marine der Grossmächte (Berlin 1898) gab er die Dar- 
stellung der russischen und der französischen Flotte und das bedeutende Werk 
des amerikanischen Kapitäns Mahan »Einfluss der Seemacht auf die Ge- 



Batsch. 2 2 Q 

schichte« fand wenigstens zum grössten Theil in ihm den berufensten Ueber- 
setzer (Berlin 1898). Noch auf seinem schweren Schmerzenslager war er 
unablässig mit dieser Arbeit beschäftigt. Erst der Tod nahm ihm die Feder 
aus der Hand und hinderte ihn auch an der Vollendung einer »Geschichte der 
deutschen Kriegsmarine,« die nur bis zum Jahre 1856 geführt ist. Für seine 
schriftstellerischen Arbeiten auf dem Gebiete des Flotten wesens und der Ge- 
schichte derselben ward ihm am 5. Mai 1898 der Kronenorden i. Kl. ver- 
liehen. Der Blick des Seemanns schärft sich auf den überseeischen Fahrten 
und im Verkehr mit den fremden Völkern ganz ungemein für das, was dem 
eigenen Volke Noth thut, für die grossen Fragen der Wirthschafts- und Ver- 
kehrspolitik. B., ein ebenso warmherziger Patriot, wie scharfer, kühler und 
unbefangener Beobachter, verfolgte mit dem lebhaftesten Interesse diese Pro- 
bleme. Verschiedene Abhandlungen über Seeverkehr und Schifffahrtsfragen, 
ebenfalls in den »Nautischen Rückblicken« gesammelt, bezeugen seine Ein- 
sicht auch in diesen Dingen. Ganz besonders fesselte seine Aufmerksamkeit 
die Erbauung der Transsibirischen Bahn und die Maassnahmen, die Deutsch- 
land namentlich durch Entwickelung der Wasserwege zwischen Berlin und 
Stettin ergreifen müsse, um von der grossen Verschiebung der Verkehrsver- 
hältnisse zwischen der westlichen und östlichen Hemisphäre, die durch jene 
Bahn bedingt werde, Vortheil zu ziehen. Unter dem Titel »Nordelbisch- 
Dänisches« hat die »Marine-Rundschau« noch im Jahre 1898 eine Folge von 
Artikeln aus seiner Feder gebracht. 

Ein kurzer Nachruf in jenem Blatt characterisirt knapp und treffend den 
ganzen Mann: »Wer ihn gesehen, wie er auf der Commandobrücke stand, 
von Kopf zu Fuss ein Gentleman und Seemann, wer ihn gehört in seiner 
knappen Ausdrucksweise; wer ihn gekannt, der wird sich seiner erinnern als 
eines Mannes von kaltem Blut, von Kühnheit, Energie, Unerschrockenheit, 
Erfahrung und Belesenheit, von gewaltiger Arbeitskraft, strenger Selbst- 
beherrschung und Originalität, als eines Mannes ohne Furcht und Tadel.« 

Schlicht und bescheiden in seinem Wesen, aber von echter Vornehmheit 
der Gesinnung, und jener ernsten Zurückhaltung, die so oft am Seemann sich 
zeigt, erschloss er denen, die zu ihm in nähere Beziehungen traten, eine un- 
gewöhnliche Fülle des Wissens und eine seltene geistige Kraft, die den Ver- 
kehr mit ihm äusserst anregend gestalteten, anregend in erster Linie für das 
Seeofficiercorps selbst. Denn eine Persönlichkeit, wie die seinige, musste auf 
die Officiere der Marine, die zur grossen Mehrzahl nicht nur unter seinem 
Commando gestanden, sondern vielfach ihre seemännische Ausbildung von 
ihm empfangen haben, einen grossen Einfluss ausüben und jene »fördernde 
Kraft« bethätigen, die nach dem Zeugniss Kaiser Wilhelms II. in seinem 
Beileidstelegramm an die Wittwe, »von seinen Schülern in der Marine fort- 
getragen werden wird.« Zu diesen Schülern durfte er auch den Prinzen 
Heinrich von Preussen rechnen, der 1881 bereits zu B. in dienstliche Be- 
ziehungen trat und in dauernder Verbindung mit ihm geblieben ist. Ein 
letzter Sonnenblick war B., der damals bereits seit Jahr und Tag an einem 
schweren und äusserst schmerzhaften Leiden erkrankt war, der Abschieds- 
besuch, den ihm der Prinz im December 1897 vor der Ausfahrt nach 
Kiautschou abstattete. 

Seit 1873 mit Fräulein Faltin, einer Deutsch-Russin, vermählt, fand der 
unermüdlich thätige Mann in seinem Familienleben, dessen Glück freilich 
durch den Tod einer eben erwachsenen Tochter getrübt ward, Erholung und 



230 



Batscb. Benz. Berberich. Lorenz. Schmieder. Walli. 



Kräftigung für seine Arbeiten. Von zwei Söhnen hat der Aelteste die Lauf- 

des Vaters gewählt und ist in die Marine eingetreten. 

Dr. A. Mirus: Zur Erinnerung an den Kaiserlichen Viceadmiral C. F. Batscb. 
Weimar 1899. Als Manuscript gedruckt. Marine-Rundschau. IX. Jahrg. Die Jahres- 
zahlen seiner Beförderungen nach gütiger Mittheilung des Kais. Reichs-Marine-Amts. 

P. von Bojanowski. 

Benz, Joseph, Katholischer Stadtpfarrer in Karlsruhe (Baden)* 16. März 1825 
in Konstanz, f 30. November 1898 in Karlsruhe. Am 10. August 1848 zum 
Priester geweiht, war B. Pfarrer an verschiedenen kleineren Orten des badischen 
Oberlandes, bis er i. J. 1872 die Stadtpfarrei zu Karlsruhe erhielt. Er gehörte, 
als einer der wenigen der jüngeren (jeneration des badischen Klerus, noch der 
Wessenb ergischen Richtung an und hielt sich von jeder Betheiligung am 
politischen Leben fern. Als Wohlthäter der Armen war B. besonders hoch- 
geschätzt. Im Jahre 1898 konnte er sein 5ojähriges Priesterjubiläum feiern. 

Berberich, Lorenz, Katholischer Pfarrer, * zu Hainstadt in Baden 
II. August 1814, f 3. April 1898 in Rothenberg. 1840 ordinirt, war B. an 
verschiedenen kleinen Orten des badischen Unterlandes als Vicar und Pfarr- 
verweser, kurze Zeit auch als Lehrer am Paedagogium in Tauberbischofsheim 
thätig. Von 1848 an war B. 22 Jahre lang Pfarrer in Waldstetten, von 1870 
bis zu seinem Ableben Pfarrer in Rothenberg. Ein würdiger, frommer, be- 
scheidener Priester, seinen Pfarrkindern ein Berather und Helfer in allen 
Lagen des Lebens, in seinen Mussestunden ein eifriger Musiker und stets 
bestrebt, seinen Schülern zur Erwerbung einiger musikalischen Kenntnisse be- 
hilflich zu sein. 

Lorenz, Johann Georg, Kathol. Pfarrer, * zu Bruchsal i. Januar 1832, 
f 19. November 1898 in Neusatz. 1850 zum Priester geweiht, erhielt L. 
nach mehrjähriger Wirksamkeit an verschiedenen Orten Badens im Jahre 1867 
die Pfarrei Neusatz, wo er, trotz schwacher Gesundheit, eine sehr ausgedehnte 
Thätigkeit als Seelsorger bis zu seinem Ableben entwickelte. Grosse Ver- 
breitung in 9 Auflagen von zusammen 220000 Exemplaren fand sein »kleines 
Gebet- und Gesangbuch«. 

Schmieder, Conrad, Historienmaler, * am 12. November 1859 zu Uebel- 
bach bei Wolfach im badischen Kinzigthale, f 5. Juli 1898 zu Mannheim. Er 
zeigte schon in der Volksschule Lust und Anlage zum Zeichnen, die er zuerst 
in der Kunstgewerbeschule, dann in der Kunstakademie zu Karlsruhe aus- 
bildete. Er wandte sich der kirchlichen Kunst zu und leistete bald sehr 
Anerkennenswerthes auf diesem Gebiete, insbesondere auch durch Entwürfe 
von Cartons zu Glasgemälden. Eben waren ihm von kirchHcher Seite die 
Ausführung des Bilderschmuckes der neu erweiterten Barockkirche zu Maisch 
bei Wiesloch und von der Regierung die Ergänzung der grossen Treppenhaus- 
bilder des Mannheimer Schlosses übertragen worden, als ihn ein Unglücksfall- 
(Sturz vom Gerüste in Mannheim) am 5. Juli 1898 plötzlich der Kunst entriss, 
die von ihm unzweifelhaft noch bedeutende Leistungen en^^arten durfte. 

Walli, Anton, Grossh. Badischer Geheimer Rath, * am 8. November 181 6 zu 
Rastatt, f 8. Januar 1898 in Karlsruhe, studierte auf den Hochschulen Heidelberg 



Walli. Lindau. 2 1 1 

lind P>eiburg die Rechtswissenschaft und trat, nachdem er die Staatsprüfung mit 
der Note »vorzüglich befähigt« bestanden hatte, Ende 1838 in den Staats- 
dienst, zunächst bei den Aemtern Rastatt und Rheinbischofsheim auf dem 
damals noch ungetrennten Gebiete von Justiz und Verwaltung thätig. Von 
1842 bis 1849 hatte W. als Rechtsanwalt in Boxberg und Gerlachsheim ge- 
wirkt, dann trat er wieder in den Staatsdienst und wurde 1849 Assessor, 
1851 Amtmann beim Bezirksamte Buchen. 1852 wurde W. als Assessor an 
das Hofgericht Bruchsal berufen, 1854 zum Ministerialassessor, 1855 ^^^ 
Ministerialrath beim Finanzministerium ernannt. 1866 wurde er in gleicher 
Eigenschaft zum Justizministerium versetzt und 1874 durch Verleihung des 
Titels und Ranges eines Geheimen Rathes ausgezeichnet, 1881 trat er in den 
Ruhestand. In seinem langjährigen amtlichen Wirken zeichnete W. sich durch 
einen in den Pflichten seines Berufes völlig aufgehenden Fleiss, durch nie 
erlahmende Arbeitskraft, durch ein gründliches Wissen und dessen gewissen- 
hafte Anwendung rühmlich aus. Der reichen Erfahrung, die er sich in der 
Ausübung seiner amtlichen Thätigkeit erwarb, stand eine strenge Rechtlichkeit 
zur Seite. Das Vertrauen des 41. Wahlkreises (Wertheim) entsandte W. im 
Jahre 1859 in die zweite Kammer, welcher er bis 1860 angehörte. Bei den 
Verhandlungen über das Concordat gesellte W. sich aus rechtlichen und 
politischen Erwägungen, zu dessen Gegnern. Diese Stellungnahme hatte 
indess keinen Einfluss auf sein persönliches Verhältniss zu der katholischen 
Kirche, welcher er als überzeugter Gläubiger bis an sein Lebensende 
angehörte. 

Vgl. »Karlsruher Zeitung« 1898, No. 13. 

F. V. Weech. 

Lindau, Jakob, Kaufmann und Abgeordneter der badischen Zweiten 
Kammer, * 10. Mai 1833 in Heidelberg, f daselbst am 15. August 1898. 
Der Einfluss frommer katholischer Eltern war für seine streng kirchliche 
Richtung massgebend, welche sich zuerst im Jahre 1 864 in der OefFentlichkeit 
äusserte, als er gegen die Schulgesetzgebung der badischen Regierung eine 
lebhafte Agitation zu organisiren unternahm. Ein von ihm verfasstes Flug- 
blatt hatte zur Folge, dass bei den Wahlen zum Ortsschulrath, der auf Grund 
des neuen Gesetzes einzusetzenden Localschulbehörde, in Heidelberg nur 
264 Katholiken an der Wahlurne erschienen. Sein nächstes politisches 
Unternehmen war die Gründung des sogenannten »wandernden Casinos«, 
Volksversammlungen, die an verschiedenen Orten des Grossherzogthums zu- 
sammentraten, um durch Resolutionen, durch Adressen und Abordnungen an 
den Grossherzog die Missstimmung zum Ausdruck zu bringen, welche in den 
streng katholischen Kreisen gegen die liberale Schulgesetzgebung herrschte. 
Diese Versammlungen riefen begreiflicher Weise den Widerspruch der Anhänger 
der Schulgesetzgebung und der gesammten liberalen Richtung in der badischen 
Gesetzgebung und Verwaltung hervor, und den »wandernden Casinos« traten 
da und dort, am heftigsten wohl in Mannheim am 23. Februar 1865, sehr 
energische und von Gewaltthätigkeiten der Volksmassen begleitete Proteste 
entgegen. Die Ruhestörungen, zu denen es an mehreren Orten kam, ver- 
anlassten die badische Regierung, die Casinos zu verbieten. Durch dieses 
Auftreten war L. in weiteren Kreisen bekannt geworden und wurde 1867 als 
erster und einzigerAbgeordneterder als »katholische Volkspartei« in die politischen 
Bewegungen eingreifenden streng kirchlichen Katholiken Badens in die zweite 



232 



Lindau. Bechert. 



Kammer gewählt, wo ihm 1869 Baumstark, Bissing, Lender und Rosshirt als 
Parteigenossen zur Seite traten und mit ihm vereint die Hberale Regierung 
und Kammermehrheit bekämpften. 187 1 entsagte L. vorübergehend der 
Wirksamkeit in der badischen Kammer, um 1875 rioch einmal ein Mandat 
anzunehmen. 1868 hatte er dem Zollparlament angehört als Vertreter des Wahl- 
bezirks Achern, der ihn 1 891 auch in den deutschen Reichstag wählte. In Heidel- 
berg war er einer der Gründer des »Pfälzer Boten«, eines der streitbarsten 
Centrumsblätter. Ein Conflict mit den Heidelberger Altkatholiken, wobei I.. 
aus der diesen von der Regierung eingeräumten Heiliggeistkirche die der 
Marianischen Sodalität gehörende Orgel entfernen Hess und an eine benach- 
barte römisch-katholische Kirche verkaufte, ftihrte ihn im Frühling 1875 ^^^ 
die Schranken der Mannheimer Strafkammer, die ihn zu einer (Gefängnisstrafe 
von 2 Monaten verurtheilte. Seine eifrige Thätigkeit für die Sache des 
Centrums beeinträchtigte nicht seine Wirksamkeit in der Leitung des von 
seinem Vater ererbten kaufmännischen Geschäftes, in die er sich mit seinem 
Bruder theilte, bis 1890 zunehmende Kränklichkeit ihn zwang, sich aus dem 
Geschäftsleben zurückzuziehen. 

Vgl. »Sterne und Blumen«, Jahrgang 1893, No. 38. 

F. V. Weech. 

Bechert, Emil, Grossh. badischer Landescommissär, * zu Mosbach am 
9. Juh 1843, f zu Karlsruhe am 6. August 1898. Ein sehr begabter und 
fleissiger Schüler, absolvirte B. schon mit 16 Jahren das Lyceum, studirte 
die Rechtswissenschaften auf den Universitäten Heidelberg, Berlin und Frei- 
burg und bestand mit 20 Jahren die erste, mit 22 Jahren die zweite Staats- 
prüfung. Alsbald widmete er sich dem Dienste der inneren Verwaltung, 
zu dem Befähigung und Neigung ihn besonders hinzogen. Nach mehrjähriger 
Thätigkeit als Polizeibeamter in Pforzheim, wurde er 1869 nach Karlsruhe 
versetzt, wo die Verwaltung des Landbezirkes des dortigen grossen Bezirks- 
amtes ihm Gelegenheit gab, sich mit den wirthschaftlichen Fragen eingehend 
bekannt zu machen und auf dem Gebiete des Landeskulturwesens, wue des 
damals nur erst allmählich sich Bahn brechenden genossenschaftlichen Wirkens 
eine anregende und fördernde amtliche und (in den landwirthschaftlichen 
Versammlungen und Besprechungen) ausseramtliche Thätigkeit zu entfalten. 
Das Vertrauen, das er sich in dem Bezirke erwarb, fand seinen Ausdruck in 
der Wahl zum Abgeordneten der zweiten Kammer, welcher er von 1875 '^'^ 
1878 angehörte. Während er diese amtliche Stellung einnahm, wurde B. im 
September 1870 durch den Generalgouverneur des Elsasses zur Verwaltung 
der Kreisdirectionen Erstein und später Schlettstadt berufen, wo er sich 
durch Cierechtigkeit, Wohlwollen und Tact das Vertrauen der Eingesessenen 
und die Anerkennung der Regierung erwarb , welche durch Verleihung des 
Eisernen Kreuzes ihren Ausdruck fand. — Im April 1874, erst 31 Jahre alt, 
wurde B. als Rath in das Ministerium des Innern berufen, dem er von da 
an 24 Jahre lang angehörte. Die Wirksamkeit, die er in dieser Stellung auf 
den verschiedenen Gebieten der Polizei in sachlicher und personeller Be- 
ziehung entfaltete, sowie seine Fürsorge für die öffentliche Gesundheitspflege in 
ihren mannigfachen Erscheinungen sichern ihm in der Geschichte der 
badischen Verwaltung ein bleibendes ehrenvolles Andenk ep. Noch ansehnhch 
erweitert wurde sein Wirkungskreis durch die Ernennung zum Landes- 
commissär fiir die Kreise Karlsruhe und Baden. Für den nicht immer ganz 



Bechert. Grübl. 



233 



leichten Verkehr mit den verschiedenen Organen der Selbstverwaltung war 
seine Individualität in ganz besonderer Weise geeignet, und auf diesem Boden 
zeigte sich am deutlichsten der Erfolg seiner Begabung, in der sich lebhafte 
Initiative, eine stark ausgeprägte Betonung der beamtlichen Autorität, mit 
grosser Leutseligkeit und gefälligem Entgegenkommen gegenüber berechtigten 
Ans])rüchen sowie der feine Takt, der ihn zum Vermittler scheinbar wider- 
strebender Meinungen und Interessen besonders geeignet machte, zu einer ebenso 
angesehenen als beliebten Persönlichkeit verbanden. Den tibergrossen Anforde- 
rungen seiner amtlichen Thätigkeit konnte er nicht die genügende körper. 
liehe Widerstandskraft entgegensetzen und dem Leben des erst 55 Jahre alten 
ausgezeichneten Beamten und trefflichen Menschen machte ein Schlaganfall zu 
früh ein von den näher Befreundeten und von der grossen Zahl mit B. in 
dienstlichen Beziehungen Stehenden schmerzlich beklagtes Ende. 

Vgl. »Karlsruher Zeitung« 1898, No. 339. E. V. Weech. 

Grübl, Raimund, Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, 
* Wien 12. August 1847, t daselbst 12. Mai 1898. Der Sohn eines fürstlich 
Linchtensteinschen Beamten, erwarb nach Vollendung der juridischen Studien 
an der Wiener Universität den Doctorgrad und widmete sich hierauf der 
Advocatie. Im Jahre 1880 wurde er zum ersten Male vom 2. Wahlkörper 
des III. Gemeindebezirkes in den Gemeinderath entsendet, dem er als treuer 
Anhänger der liberalen Partei bis zu den, wenige Wochen vor seinem Tode 
stattgehabten Neuwahlen angehörte. Am 13. October 1892 zum Vicebürger- 
meister gewählt und am 14. März 1894 zum Amte des Bürgermeisters von 
Wien berufen, fungirte er in dieser Eigenschaft bis zum 14. Mai 1895, an 
welchem Tage er in Folge des für die liberale Partei ungünstigen Ausganges 
der Wahlen in dem 2. Wahlkörper seine Würde freiwillig zurücklegte, worauf 
schon nach wenigen Wochen die Auflösung des Gemeinderathes erfolgte. In 
den Jahren 1884— 1890 war G. auch Vertreter des IIL Wiener Gemeinde- 
bezirkes im Niederösterreichischen Landtage und von 1895 bis zu seinem 
Tode Mitglied des Reichsgerichtes. 

Vom Beginne seines Wirkens als Gemeinderath an stellte es sich G. zur 
Aufgabe, eine gedeihliche Lösung der flir die Stadt so wichtigen Verzehrungs- 
steuerfrage herbeizuführen. Mit unermüdlichem Eifer widmete er als Referent 
dieser Frage die vollste Aufmerksamkeit und eingehende Studien. Aber erst 
nach jahrelangem Bemühen, als die Vorarbeiten zur Vereinigung der Vororte 
mit Wien in Angriff genommen wurden, gewannen seine Ideen und Vor- 
schläge hervorragenden Einfluss auf die Feststellung der Principien für das 
neue Verzehrungssteuergesetz. 

Die mannigfaltigsten und schwierigsten wirthschaftlichen wie administra- 
tiven Fragen, welche gelegentlich der Vereinigung der Vororte Wiens mit der 
Hauptstadt sich ergaben, fanden bei ihm als einem der thätigsten Mitglieder 
der Commission verständnissvolle Auffassung und ein überlegenes, stets zu- 
treffendes Urtheil. Als Referent über die neue Stadterweiterung im Gemeinde- 
rath bekundete G. bei Lösung dieser schwierigen Aufgabe neuerlich seine 
eingehenden Kenntnisse der Verwaltung, wofür ihn der Kaiser durch Ver- 
leihung des Franz- Josef-Ordens auszeichnete. 

Besonders erspriesslich war G.'s W^irken auf dem Gebiete des Unterrichts- 
wesens. Stets bestrebt, die Bürgerschule als höhere Volkslehranstalt zu 
fordern, war sein Augenmerk auf die Erhaltung eines arbeitstüchtigen und 



234 GrUbl. 

arbeitsfreudigen Lehrpersonales gerichtet und als Vertreter des niederöster- 
reichischen Landtages im Landesschulrathe hatte er wiederholt Gelegenheit, 
seine eminent schul- und lehrerfreundliche Gesinnung zu bethätigen. 

Als Bürgermeister vertiefte er sich in alle die zahlreichen Aufgaben des 
grossen Gemeindewesen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit. 
Unter seiner wirksamen Förderung machte die durch die Einverleibung der 
Vororte um so dringender gewordene Erweiterung der Kaiser Franz Josefs- 
Hochquellenleitung wesentliche Fortschritte. Die unter seinem Amtsvorgänger 
Dr. Prix eingeleitete grosse Action der Wiener Verkehrsanlagen und die 
damit im Zusammenhange stehenden öffentlichen Bauten, insbesondere die 
Wienfluss-Einwölbung und die Herstellung der Sammelkanäle längs des Wien- 
flusses und des Donaukanales nahmen unter seinem Regime energischen Fort- 
gang, die Errichtung electrischer Bahnen in Wien wurde durch Anregung 
eines den Bedürfnissen der Grossstadt angepassten neuen Gesetzes über Klein- 
und Localbahnen vorbereitet, der Schaffung eines Generalregulirungsplanes 
für Wien durch Errichtung eines eigenen Bureaus für diesen Zweck die W^ege 
geebnet. Für die mit Rücksicht auf den Ablauf des Vertrages mit der eng- 
lischen Gasgesellschaft noth wendige Entscheidung des Gemeinderathes über 
die künftige Lösung der Gasfrage wurde durch die in geschickter und glück- 
licher Weise unternommene Schätzung der Gaswerke die Grundlage geschaffen. 
Auf dem Gebiete des Approvisionirungswesens, der Strassensäuberung und 
der Armenpflege wurden unter seiner Initiative Reformen angebahnt. 

Im Februar 1895 fand in Wien der von G. als Bürgernjeister einberufene 
Oesterreichische Städtetag statt, an dessen Berathungen Vertreter sämmtlicher 
österreichischer Landeshauptstädte mit Ausnahme von Prag theilnahmen, um 
über die Frage der Reform des Heimathsgesetzes, der Vergütung der Kosten 
des übertragenen Wirkungskreises und der Wirkung der im Gesetzentwurfe 
vorliegenden Steuerreform auf die städtischen Finanzen Berathung zu pflegen 
und sich über ein gemeinsames Vorgehen im Interesse der Landeshauptstädte 
zu einigen. Der städtische Beamtenstand erfuhr durch Schaffung eines neuen 
Pensionsnormales eine erfreuliche Förderung. Die Beilegung eines in der da- 
maligen regen Bau-Epoche für die Stadt sehr gefährlichen Strikes, des Strikes 
der Ziegelarbeiter, ist anerkanntermassen wesentlich auf das persönliche Ein- 
greifen G.'s zurückzuführen. Ueberhaupt machten ihn sein angeborenes 
mildes Wesen, sein Character, sein gesellschaftlicher Tact und sein conciliantes 
und vornehmes Gehaben, besonders geeignet, als Vermittler aufzutreten, wo 
schroffe Parteigegensätze zu einem leidenschaftlichen und erbitterten Kampfe 
führten, ohne dass er selbst je seinen Grundsätzen und Anschauungen untreu 
geworden oder vor dem impetuösen Angriff der Gegner wankend geworden 
wäre. Als Vorsitzender des Gemeinderathes wusste er den Ton der Ver- 
handlungen zu einem der Würde der Stadt angemessenen zu gestalten und 
durch strenge Objectivität auch die Achtung der Oppositionspartei zu ge- 
winnen. Trotz der schweren Berufspflichten, die seine Kräfte bis zur Ueber- 
spannung in Angriff nahmen, unterhielt G. einen lebhaften Verkehr mit allen 
Kreisen der Wiener Bevölkerung. Ungemein mildthätig gegen Arme und für 
Jedermann mit wohlwollendem Rath bereit, war sein Heim im Rathhause 
zum Mittelpunkt wienerischer Geselligkeit geworden, wo Staatsmänner, Ge- 
lehrte, Künstler und hervorragende Bürger sich gerne einfanden und da so 
manche Stunde angenehmen Zeitvertreibes genossen. 

Unerschütterlich treu der fortschrittlichen Partei seiner Vaterstadt dienend, 



Grünbaum. 



235 



hielt er es für seine Pflicht, auch nach seiner Resignation als Bürgermeister 

im Gemeinderathe als treuer Mitkämpfer für Recht und Freiheit auszuharren. 

Leider nur für kurze Zeit, denn zum tiefen Schmerz seiner Freunde raffte ihn 

gar bald eine tückische Krankheit dahin. 

G., dessen Gattin (geb. Beyfuss) ihm schon 1890 nach kurzer glücklicher 

Ehe entrissen worden war, hinterliess zwei unmündige Kinder, 

Ein Bild G.'s geroalt von dessen Schwager Beyfuss, in Familienbesitz. Maler Alberti 
hat nach G.'s Tod nach einer Photographie ein Porträt vollendet, das G. als Bürgermeister 
mit der Kette darstellt. Dr. Ludwig Vogler. 

Grünbaum, Max (eigentlich Maier), Orientalist, * 12. August 181 7 zu 
Seligenstadt, f 11. Dec. 1898 in München. Er studirte unter misslichen Ver- 
hältnissen Philologie und Philosophie in Giessen (bei M. Carri^re) und Bonn. 
Seit Ende der dreissiger Jahre fristete er sein Dasein als Hauslehrer bei wohl- 
habenden Glaubensgenossen, in Ungarn, Amsterdam, London, 1857 in Wien, 
bis er endlich 1858 Superintendent eines jüdischen Waisenhauses in New- York 
wurde. Dass er dadurch äusserer Sorge ledig und in den Stand gesetzt 
ward, sein aufgespeichertes ausgedehntes und gründliches Wissen litterarisch 
zu verarbeiten, sah der bescheidene Mann als gnädigste Fügung des Schicksals 
an. Mit seiner dort gewonnenen Gattin und einer für den Anspruchlosen 
genügenden Pension übersiedelte er 1870 nach München, wo er in Müsse 
seine Studien mit Hilfe der eigenen Büchersammlung und der einschlägigen 
Schätze der dortigen Staatsbibliothek weiter- und zu Ende führen wollte. 
Letztere besuchte er bis anfangs der Neunzigerjahre fast täglich und publicirte 
aus ihren Handschriften werthvolle Belege seines Specialgebietes. Seit 1892 
ans Zimmer gefesselt, pflegte er lebendig mit Kopf und Feder wie im Ver- 
kehre mit verehrenden Freunden seine gelehrten Pläne und frische Geisteskraft, 
bis zum Tode durch Altersschwäche. Seine in jahrelanger Sorgfalt ge- 
sammelte interessante Bibliothek, die sein ganzes Wissensgebiet umspannte 
und besonders durch alte hebräische Drucke werthvoll war, hat er dem 
Münchener Verein für jüdische Litteratur und Geschichte vermacht. G.'s er- 
staunliche, weit ausgebreitete Gelehrsamkeit erstreckte sich zwar haupt- 
sächlich auf orientalische Sprach- und Sagenkunde, jedoch beherrschte er 
auch die modernen Hauptidiome in Wort und Schrift. Er forschte nach 
zwei Seiten hin: in neuhebräischer und arabischer Sagenkunde, anderntheils 
in der jüdisch -europäischen Mischlitteratur (vgl. seinen Vortrag »Misch- 
sprachen und Sprachmischungen«, 1885 in der Virchow-Holtzendorff 'sehen 
Vorträge -Sammlung Nr. 473). Auf ersterem Felde ward er eine Autorität; 
fast alle seine vielen bezüglichen Abhandlungen erschienen seit 1862 in der 
*Ztschr. d. Dtschn. morgenländisch. Gesellschaft«, als erste grössere in deren 
Bd. 31 die »Beiträge zur vergleichenden Mythologie aus der Haggada« 
(1877) woran sich in Bd. 39 — 44 und in anderen Fachorganen eine Reihe 
verwandter schloss, sowie die selbständig zusammenfassenden »Neuen Bei- 
träge zur semitischen Sagenkunde« (1893); reichhaltige Fundgruben für die 
nachbiblisch-talmudische, auch die biblisch-mohamedanische Legende, der 
vergleichenden Religionswissenschaft trefflich dienstbar, zum Theil stoffüber- 
laden und darum etwas schwerfällig, durchgängig sicher stilisirt theilweise in an- 
muthiger Feuilletonschreibart; »sie erinnert oft an die Ludwig Bamberger's, mit 
dem G. bis an sein Lebensende eine enge Freundschaft verband« (Perles). Ein 
specieller Fachgenosse, Hommel, urtheilt: »ausser dem weiten talmudischen 
Gebiete war er besonders auch im Samaritanischen, Syrischen und Arabischen 



236 Grünbaum. Krebs. 

ZU Hause, obwohl ihm auch andere Zweige der Alterthumskunde nicht ferne 
lagen«. G.'s zweites Arbeitsgebiet, später von ihm betreten, führte zu einer 
»Jüdisch-deutschen Chrestomathie. Zugleich als Beitrag zur Kunde der hebrä- 
ischen Litteratur« (1882), woneben fernere Auszüge mit Hinweisen für weitere 
Kreise in der kürzeren Anthologie »Die jüdisch-deutsche Litteratur in Deutsch- 
land, Polen und Amerika« (1894) traten, und zu einer »Jüdisch-spanischen 
Chrestomathie.« Mit Unterstützung der Zunz - Stiftung in Berlin (18961, 
beide nach hebräisch geschriebenen Texten. Letztgenanntes Werk bot auch 
der Romanistik Materialien dar, deren sie sich erst ganz neuerdings be- 
mächtigt (vgl. z. B. Jos. Oestreicher's Programm, Beiträge z. Gesch. d. 
jüd.-französ. Sprache u. Lit. im Mittelalter, Czernowitz 1896). Hingegen 
verdient, abgesehen von ihren werthvollen Textabdrücken, die dickleibige 
»Jüdisch -deutsche Chrestomathie« (nebst genanntem, S. IV f verheissencn 
Ergänzungsbändchen von 1894, das aber nur ein Sonderabdruck aus: Winter 
und Wünsche, Die jüdische Litteratur seit Abschluss des Canons, III S. 531 ff., 
ist) nicht voll das ihr meist ausgesprochene Lob. G. hat erstlich nur 
jüdisch-deutsche Uebersetzungen hebräischer Schriften oder directe Be- 
arbeitungen solcher und wesentlich bloss aus Manuscripten der Münchener 
Kgl. Hof- u. St.-B. dargeboten, sodann aber weiss er in der Geschichte des 
jüdisch-deutschen Schriftthums, noch mehr aber in dessen Jargon selbst ungleich 
Bescheid: die beiden Specialisten F. Rosenberg (lieber eine Sammig. dtschr. 
Volks- u. Gesellschaftslieder in hebr. Lettern, Berliner Diss. 1888, S. 7, Ztschr. 
f d. Gesch. d. Juden i. Dtschl. 11 234) und viel stärker Leo Wiener (The 
history of yiddish literature in the 19. Century, 1899, S. IX, 9 u. 13) 
stellen das fest; R. Köhler's Referat Anzgr. f. dtschs. Alterthum IX 402 bis 
407 (= R. Köhler, Kleinere Schrft. I 576 — 583) betrifft nur die Stoffe. 
Ferner veröffenüichte G. mancherlei mehr feuilletonistische Artikel aus seinem 
Fache, z. B. »Geographische und ethnographische Spitznamen und Spott- 
geschichten« im »Ausland« 1883 Nr. 31, S. 601. Ohne sie ganz zu vollenden, 
unternahm G. die Neucatalogisirung der hebräischen Bestände der Münchener 
Kgl. Staatsbibliothek, welch' letztere 1 7 längere und kürzere Journal-Abhand- 
lungen von ihm als »Schriften über jüdische Litteratur« sub Jud. 23 1 als 
sein allmähliches Geschenk besitzt. 

Nekrologe auf G. von Rabbiner Dr. Felix Perles in Königsberg (der wohl G.'s 
Schriften edirt) in Nr. 285 d. »Beilg. z. Allg. Ztg « (die auch Aufsätze G.'s aus dem spanisch- 
jUd. Gebiete enthalten hatte) 1898, S. 5 f. (sehr panegyrisch) und Prof. Fr. Hommel, »MUnch. 
Nst. Nchrcht.« 1898 Nr. 591, S. 4. Ludwig Fränkel. 

Krebs, Georg, Ludwig, Lehrer und Gelegenheitsdichter, * 7. Nov. 1826 zu 
Aisheim bei Gronau (Mutterstadt) i.Pf., f 1 5. Aug. 1898 zu Oppau i. Pf., in welchem 
Rheinörtchen er seit 1 850, seit 1 860 als wirklicher Lehrer, pädagogisch thätig war, 
1857 — 84 auch als Gemeindeschreiber. Aus einer Lehrersfamilie und selbst 
Lehrerssohn, besuchte er 1844 — 4^ das Seminar für Volksschullehrer zu Kaisers- 
lautern und wurde danach Schulgehilfe zu Iggelheim. Wegen angeblichen Waffen- 
tragens »zum Zwecke der provisorischen Regierung« 1849, deren republikani- 
schen Tendenzen er gründlich abgeneigt war, wurde er sofort nach deren Unter- 
drückung entlassen und erst nach vieler Mühe von der Behörde später (in 
Oppau) neu bestätigt. Nach dem 70. Geburtstage in den Ruhestand tretend, 
erhielt er die goldene Ehrenmünze des Ludwigsordens für 50 jährigen Schul- 
dienst. Bis zuletzt frischen Humors, wie seine beliebten Dialectdichtungen 
bekunden, erfuhr er als Poet ernster wie heiterer Richtung provincielle 



Krebs. Hesse. 



237 



und der Kollegen Anerkennung, zumal alljährlich in den I-.ehrerversammlungen. 
Gedruckt traten vor die weitere Oeffentlichkeit nur das Gedicht »Andenken 
an König Max II. von Bayern« (1864), die Sammlung »Krieg, Sieg und 
Frieden« (187 1) und »Zwei Dutzend Imkerlieder« (1894); die meisten stecken 
in Tagesblättem oder sind nur als fliegende Blätter oder gar nur hand- 
schriftlich verbreitet. Seit 1878 schrieb er allwöchentlich unter der Aufschrift 
»Hannes und Michel« mundartliche Gedichte und Erzählungen für das Unter- 
haltungsblatt des »Frankenthaler Tageblatts«. 

Mittheilung verschiedener Einblattdrucke und handschriftlicher Poeme, sammt Zeitungs- 
nachnifen durch Lehrer Hnr. Krebs namens der Familie an mich. Vgl. 9Pfälzische Lehrerztg.« 
1898 Nr. 39, Nr. 40, Nr. 44 u. 45: »G. L. K. Ein Lebensbild von A. Fuchs«; »Zeitbilder«, 
Sonntgsblg. z. »Pfalz. Presse« VII Nr. 35 (mit Bild.); »Frankenthaler Tagebl.« v. 16. 8. 1898. 
Brtimmer Lex. dtsch. Dchtr. d. 19. Jhrh. II 342 f. 

Ludwig Fränkel. 

Hesse, Bernhard, Dr. th., Grossh. Sachs. General-Superintendent und 
Wirkl. Geheimer Rath, * 15. März 1818 zu Reinswalde bei Sorau in der 
Niederlausitz, f i. Oct. 1898 zu Weimar. 

H. entstammt der kindergesegneten Familie des Cantors uud Land- 
Schullehrers H.; er war der dritte von sechs Söhnen, neben denen noch 
eine Tochter im Elternhause waltete. Der Vater, ein umsichtiger und tüchtiger 
Lehrer, der seine Schülerzahl von fast 250 Köpfen mit Hilfe seiner Söhne 
und einiger befähigter Schüler vorzüglich zu leiten wusste, bereitete, obwohl 
ihm selbst keine Gymnasialbildung zu Theil geworden und er daher durch 
eigenen Unterricht sich die nöthigen Kenntnisse erst erwerben musste, vier 
seiner Söhne, darunter auch Bernhard, so weit vor, dass sie beim Eintritt in 
das Gymnasium die Reife für die Tertia mitbrachten. Bernhard bezog 1832 
das Gymnasium in Sorau ; um seinem Vater die Sorge zu seinem Unterhalt zu 
erleichtern, ertheilte er jüngeren Mitschülern Unterricht oft drei Stunden am 
Tage. Gleichwohl konnte er bereits nach fünfjährigem Besuch die An- 
stalt Ostern 1837 ^^^ ^^^ Reifezeugniss ersten Grades verlassen. Er be- 
stimmte sich dem Studium der Theologie; wie er selbst sagt, war dabei die 
Ueberzeugung, dass dieses wohl den geringsten Kostenaufwand erfordern 
würde, von grösserem Einfluss als eine Kenntniss der verschiedenen Berufs- 
arten und dadurch erzeugte Vorliebe für die eine oder andere. Aber seine 
intensive Beschäftigung mit dieser Wissenschaft, die in verschiedenen Arbeiten 
in dem theologischen Seminar und durch Lösung von Preisaufgaben zum 
Ausdruck kam, erhöhte in ihm bald die Lust und Liebe zu diesem Studium. 
Nach einem halbjährigen Aufenthalte in Halle, wo er bei Tholuck, Gesenius, 
Rödiger und Erdmann hörte und namentlich von dem Erstgenannten mannig- 
fache Förderung erfuhr, bezog er die Universität Breslau und absolvirte da- 
selbst das akademische Triennium. Hier war es namentlich David Schulz, 
der seinen Ueberzeugungen, ja seinem ganzen Leben die Richtung gab: 
Schulz* Auffassung vom Christenthum, die frei von aller Buchstabengläubig- 
keit in den Geist des Evangeliums und der Bekenntnissschriften einzudringen 
suchte, befreite ihn bald von allen Schwankungen, welcher theologischen 
Partei H. sich anschliessen sollte; er ist ein fester Anhänger der freien 
Richtung geblieben. Nach Beendigung des Studiums weilte H. mehr als 
sechs Jahre hindurch als Hauslehrer im Hause des Barons v. Zedlitz-Leipa ; 
1841 beziehungsweise 1842 legte er die Prüfungen pro venia concionandi 



238 Hesse. 

und pro ministerio ab. Im Jahre 1844 erfolgte seine Wahl in die dritte 
Predigerstelle zu Hirschberg. Aber das damals für die evangelische Landes- 
kirche Preussens gültige Ordinationsformular heischte die Verpflichtung auf 
die symbolischen Bücher. Diese war der junge Geistliche, weil mit seinen 
Ueberzeugungen unvereinbar, entschlossen, nicht auf sich zu nehmen, obgleich 
die Weigerung gleichbedeutend gewesen sein würde mit dem Verzicht auf das 
Amt. Die schwere Prüfung blieb ihm indessen erspart: die Ordination er- 
folgte 1846 in ungewöhnlicher Form durch die Beschränkung der Verpflich- 
tung auf die reine Lehre Jesu. Er konnte daher die Stelle in Hirschberg 
antreten, in der er 12 Jahre, bis 1858, verblieb, nicht ohne Kämpfe, denn 
wiederholt kam er wegen seiner freien Richtung in Collisionen mit den geist- 
lichen Vorgesetzten; er bestand sie, ohne seiner Ueberzeugung etwas zu ver- 
geben. Auch bei seiner 1858 erfolgten Wahl zum Diaconus der Haupt- und 
Stadt-Pfarrkirche zu St. Bernhardin in Breslau gab seine Gastpredigt der 
kirchlichen Behörde Anstoss; das Consistorium versagte die Bestätigung und 
auf den seitens des Magistrats eingelegten Rekurs bei dem Oberkirchenrath 
wurde H. von diesem zu einer schriftlichen Auslassung über die anstössigen 
Punkte seiner Predigt aufgefordert, namentlich über das, was er unter dem 
heiligen Geiste verstehe, was er von dem natürlichen Zustande des Menschen, 
der Sünde und ihrem Verderben halte, über die Lehre von der Rechtfertigung 
und über seine Ansicht über die Person des Teufels. H. vertrat eingehend 
und fest seinen Standpunkt, und der Oberkirchenrath entschied, dass, obwohl 
in seinen Auslassungen manche Abweichungen von der Kirchenlehre zu er- 
kennen seien, das positive Christenthum soweit zu seinem Rechte gelange, 
dass von einer Verweigerung der Bestätigung Abstand zu nehmen sei. H.'s 
Amtsthätigkeit in Breslau, zunächst als Diacon, seit 1867 als Probst zum 
heiligen Geist und Pastor von St. Bernhardin, Mitglied des städtischen Con- 
sistoriums und städtischer Schulinspector umfasste die Jahre von 1858 bis 
1872. Neben einer eifrigen Bethätigung auf dem Gebiete der Seelsorge, die 
zumal während der Cholera-Epidemie des Jahres 1866 besondere Anforderungen 
an ihn stellte, ward H. auch durch die politischen Vorgänge der Zeit in An- 
spruch genommen, namentlich durch die von der constitutionellen Partei ein- 
geleitete Bewegung gegen die preussischen Schulregulative von 1854 und zu 
Gunsten eines Unterrichtsgesetzes. Aus seiner Feder stammte die von den 
Anhängern dieser Partei in Breslau 1860 an das Abgeordnetenhaus gerichtete 
Position. Auch das Verhältniss zur katholischen Kirche nahm seine besondere 
Aufmerksamkeit in Anspruch; namentlich galt es auf dem Gebiete der ge- 
mischten Ehe manche Kämpfe zu bestehen. Einen schönen und ftir beide 
Theile ehrenvollen Erfolg hatte H. in seiner Bemühung, dass in den katho- 
lischen Krankenpflegeanstalten, die im räumlichen Bereich seiner Gemeinde 
lagen und die Kranke beider Confessionen aufnahmen, den Evangelischen die 
von ihm beschaffnen evangelischen Andachts- und Erbauungsbücher aus- 
gehändigt wurden, sodass er sie bei seinen Besuchen in den rechten Gebrauch 
genommen fand. 

Eine Anregung, sich um die Dompredigerstelle in Bremen zu bewerben, 
hatte H. 1866 abgelehnt, da die in Breslau Seitens des Magistrats und seiner 
Gemeinde bei ihm gethanen Schritte ihm zeigten, dass man ihn nur ungern 
ziehen lassen werde. Aber als Ostern 1872 die Aufforderung kam, das Amt 
des ersten I^andesgeistlichen im Cirosshcrzogthum Sachsen, als Oberhofprediger, 
Oberpfarrer, erstes geistliches Mitglied des Kirchenraths und Director der 



Hesse. Reinwald. 



239 



Waisenanstalt zu übernehmen, an der Stelle zu wirken, an der einst Herder 
und später Röhr gewirkt hatten, glaubte er einem solchen Rufe folgen zu 
sollen. Das weimarische Kirchenregiment stand durchaus auf dem Boden 
der freien Richtung; Conflicte waren daher ausgeschlossen. Vor Allem aber 
öffnete sich dort Aussicht auf eingreifende Theilnahme an die Gestaltung und 
Ent Wickelung der Landeskirche. Denn in Weimar, wo er nach der Trennung 
von Breslau, die unter ehrendsten Zeichen der Theilnahme erfolgte, am 14. Juli 
1872 eintraf, war die Einführung einer Synodal-Ordnung in Aussicht ge- 
nommen. Nachdem H. mit den Aufgaben seiner ausgedehnten Thätigkeit, 
zu denen auch die Leitung der theologischen Prüfungen gehörte, vertraut ge- 
worden, erfolgte die Ausgestaltung der Kirchen Verfassung durch die Synodal- 
Ordnung von 1874; an den Arbeiten der Synoden selbst und der Aus- 
flihrung der von ihr gegebenen Gesetze auf allen Gebieten des kirchlichen 
Lebens hat H. einen seiner Stellung und Persönlichkeit entsprechenden 
bedeutenden Antheil genommen. Auch auf dem Gebiete des Gemeindelebens 
und der inneren Mission entwickelte er vielfach eine theils das Vorhandene 
fördernde, theils Neues schaffende Thätigkeit. lieber die Grenzen des 
weimarischen Landes hinaus erschloss sich ihm eine grössere Thätigkeit ein- 
mal durch die Zugehörigkeit der evangelischen Kirche in Luxemburg zum 
weimarischen Kirchenregiment, die erst 1890 nach Loslösung Luxemburgs 
von den Niederlanden gelöst ward, vor Allem durch die 1884 in Weimar 
unter H.'s Leitung erfolgte Gründung und Weiterführung des evangelisch- 
])rotestan tischen Missionsvereins vornehmlich für Japan, China und Indien, 
über den der Grossherzog von Sachsen das Protectorat übernahm, wie denn 
auch die in Tokio geschlossene evangelische Gemeinde dem weimarischen 
Kirchenregimente unterstellt ward. Durch die damit verbundenen Arbeiten 
erfuhr der Geschäftskreis H.'s selbstverständlich eine nicht unwesentliche Er- 
weiterung. Ebenso nahm er lebhaften Antheil an dem Gustav-Adolf Verein 
und dem evangelischen Bunde in Thüringen. 

Nach mehr als 23 jähriger Thätigkeit in Weimar und fast 50 jährigem 
Wirken im geistlichen Amt überhaupt, trat er December 1895 in den Ruhe- 
stand, in mannigfachster Weise geehrt durch Kundgebungen der Kirchen- 
behörden und seiner Amtsbrüder; vom Grossherzog ward er am 50. Jahres- 
tage seines Eintritts in den Kirchendienst — 14. August 1896 — zum Wirkl. 
Geh.-Rath ernannt. Er starb im 81. Lebensjahre. 

Als wissenschaftlicher Schriftsteller hat H. sich nicht bethätigt. Veröffentlicht sind 
von ihm »Fest- und Zeit-Predigten« (1875), die der Breslauer Zeit angehören und »Predigten 
und Festreden bei besonderen Veranlassungen in den Jahren 1883— 1888 in Weimar ge- 
halten« (1889), ein »Leitfaden zum Confirmationsunterricht« (1882), sowie sein in der 
constituirenden Versammlung des Allg. Ev. Protest. Missions-Vereins gehaltener Vortrag 
(»8 Missionsvortrfige« 1884). Im Jahre 1S97 gab er heraus: »Erinnerungen aus dem amt- 
lichen Wirken des Wirkl. Geh.-Raths B. Hesse, Dr. th.«. Diese Schrift hat fUr unseren 
Artikel wesentlich als Quelle gedient. 

P. V. Bojanowski. 

Reinwaldy Job. Mich. Gustav, Pfarrer und Lokalhistoriker, * 16. März 1837 
als Müllerssohn zur Heckenmühle bei Diesbach unweit Rothenburg o. d. Tauber, 
f3o. September 1898 zu Lindau. Erst nach der Confirmation ins Gymnasium ge- 
treten, studirte er 1859 — 63 in Erlangen und Halle protestantische Theologie, 
daneben mit Vorliebe die philologisch-historischen Fächer. Vom Pfarrverweser 
in Pfuhl und bayrischen Militärseelsorger im benachbarten Ulm wurde er 1864 



240 



Reinwald. Floerke. 



Pfarrvicar in Lindau, 1866 Pfarradjunct und Subrector der Lateinschule da- 
selbst, war 1870/71 als (Ober-)Diacon im französischen Kriege mit, 1880 
wurde er zweiter protestantischer Stadtpfarrer, auch Religionslehrer der beiden 
höheren Lehranstalten, dann noch Capitelssenior. R. hat als Bibliothekar 
und aufopfernder Archivar, sowie als sorgsamer Stadtchronist von Lindau, 
dazu als Vorstand des von ihm gegründeten städtischen Museumsvereins da- 
selbst, sich um das geistige Leben dieser seiner zweiten Heimath, deren Schul- 
und Kirchendienst er sich eifrig widmete, ungewöhnliche Verdienste erworben. 
Die Stadt verlieh ihm 1891 beim 25jährigen Amtsjubiläum das Ehrenbürger- 
recht und betrauerte den freundlichen, rastlosen, stets hilfbereiten Mann wie 
hunderte einzelne den Seelsorger, den Lehrer, den Forscher. Als Mitbegründer, 
langjähriger erster Secretär, Vicepräsident und seit 1869 Redacteur der 
Schriften des »Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung-: 
leistete er als Sammler und Verarbeiter versteckten oder versprengten Materials, 
als Anreger und Organisator gar viel und schuf den betreffenden Lokal- und 
Territorialstudien feste Grundlagen. Als ständiger Inhaber obgenannter Aemter 
musste R. alljährlich Einleitung und Vorbericht (auch noch im 1899 er Heft 
nach seinem Tode) zu den Vereinsschriften abfassen; ferner enthalten ausser 
dem 3., 5., 8. — 11., 15., 18., 19. alle 26 von ihm red igirten Jahreshefte der 
»Schriften« Artikel, dazu Aufsätze anderer ergänzende oder bessernde An- 
merkungen von ihm. Hervorzuheben ist im 12. Hefte R.'s Vortrag (1881) 
»Vom Reichstage in Lindau 1496 — 97«, wozu eine fesselnde, geschichtliche 
Umschau durch die Stadt Lindau beigegeben ist, gleichzeitig Abhandlung der 
von ihm damals geleiteten Lateinschule. Unter der letzteren Programmen 
gab er noch 1876 — 80 einen Rückblick über die Anstalt von Anfang bis 1806 
und »Aus der Stadtbibliothek in Lindau; Beiträge zur Geschichte der CJe- 
schlechter und des Bürgerthums«. Joh. Meyer und Chrn. Kittler übernehmen 
die Herausgabe von des Verblichenen hinterlassenen Arbeiten. 

»Lindauer Tagbl.« v. i. u. 4. Oct. 1898; »Lindauer Volks-Ztg.« v. 9. und 11. Oct. 
(A. B. V. S., »Die Verdienste des f Stadtpfarrers G. R. um die Geschichte Lindaus«); ein- 
gehend »Das Bayerland« 1899 Nr. 4, S. 47 (mit Bild); kurz: »Münchu. NsL Nachr.« 5. Ocib. 
Vorabcndblatt S. 4, x\ugsbg. Abdztg. Nr. 269; »Schwab. Merkur« Nr. 229. Etliche dieser 
Nekrologe bot die Familie durch R.*s Sohn, Gymnasialassistent Th. Reinwald, mir dar. 
Als Beispiel seiner steten bibliothekarischen Hilfsbereitschaft s. A. Englert i. d. »Ztschr. 
des Vereins f. Volkskunde« VI, 1896, S. 299. Ausfuhrliche Biographie im »Korrespondenz- 
blatt des Gesammtvereins der dtsch- Geschichts- und Alterthumsvereine« 47 (1899), S. 12 — 15 

von E. Graf Zeppelin. ▼ j • 1-. . 1 1 

**^ Ludwig Frank el. 

Floerke, Gustav, Kunsthistoriker und Schriftsteller, * 4. August 1846 zu 
Rostock, f ebendaselbst 15. November 1898. Sohn eines Senators, studirte 
er in Rostock, Jena, Berlin, München anfangs Jurisprudenz, dann aber bei 
seinem engsten Landsmann Friedrich Eggers in Berlin, Kunstgeschichte. Nach 
der Promotion in seiner Vaterstadt trat er in München als Mitglied des 
Dichterclubs »Crocodil« mit J. Grosse, Lingg, Heyse, W. Hertz in Verkehr. 
Als Vicefeldwebel im 30. norddeutschen Infanterieregiment in Frankreich, 
schickte er interessante Brief berichte — gesammelt als »Von unsem Truppen 
im Felde« (1871) — heim. Seitdem lebte er in Rom kunstgeschichtlichen 
Studien und als Feuilletonist für die »Neue Freie Presse«, »Gegenwart ^^ 
u. A. 1873 — 79 war er Professor der Kunstwissenschaften und Secretär 
der Grossherzogl. Kunstschule zu Weimar, lebte darauf, mit Arnold Böcklin 
befreundet, mehrere Jahre in Florenz und Zürich und 1886 — 94 als freier 



Floerke. Leo. 



241 



Litterat wieder in München, seitdem in der Geburtsstadt. — Ausser fesselnden 
Kunstaufsätzen hat F. anziehende Bücher über Italien geliefert. »Das Märchen 
von den sieben Raben« (1874) hat Moritz v. Schwind illustrirt, Fs.' Erzählung 
in Versen »Schwarze Bilder aus Rom und der Campagna« von demselben 
Jahre Fritz Schulze. 1878 dichtete er für Weimar das Gelegenheits-Festspiel 
»Lustiges Mirakelstück von der Malerei.« Die beiden Bücher »Die Insel der 
Sirenen. Capresische Dorfgeschichten« (187g) »Italisches Leben. Geschichten 
und Abenteuer aus alten Skizzenbüchern« (1890) und »Sommerläden. Hunds- 
tage in Italien« (1896), sind ein Mittelding zwischen volkspsychologischer 
Skizze und Novelle, ganz letzteres »Die Volskerin« (1886). In den letzten 
Jahren ruhte seine gewandte Feder fast ganz, so wie er sich von wei- 
tern, auch früheren Beziehungen zurückgezogen hatte (so meinte ihn die 
Todtenliste in den »Berichten des Freien deutschen Hochstiftes zu Frank- 
furt a. M.« N. F. XV 175, im Jahre 1898 noch in München wohnhaft ge- 
wesen). 

Brummer, »Lex. d. dtsch. Dichter u. Pros. d. 19. Jhrh.« 4 I 367; Kürschners Litteratur- 
kalender; 238. Beilage zur Allgem. Ztg. 1898, S. 8. Nekrologische Notizen in Zeitungen. 

Ludwig Fränkel. 

Leo, Friedrich August, Dichter, Shakespeareforscher und Uebersetzer, 
♦ 6. December 1820 in Warschau, f 30. Juni 1898 auf der Sommerreise zu 
Glion am Genfersee. Von jüdischen Eltern, die bald nach seiner Geburt nach 
Deutschland übersiedelten, verleugnete er, nach des mittellosen Vaters Tode 
(in L.'s 4. Jahre) mit der Mutter evangelisch getauft, die Abkunft nie, leitete 
vielmehr mancherlei Gefühle und Gedanken später davon her. So hat er 
dann nach siebenjähriger Kampf- und Wartezeit Elisabeth Friedländer, eine 
Tochter von Heinrich Heines Base und Jugendliebe Amalie, ebenfalls von 
doppelt jüdischem Ursprünge und im Protestantismus aufgewachsen, ge- 
heirathet und mit ihr, trotz allen äusseren Glanzes aristokratischer Geselligkeit 
und Gastfreundschaft, eine ungemein glückliche Ehe fast alttestamentlichen Stils 
geführt. So brach er auf Anlass von Richard Wagners Schrift »Das Juden thum 
in der Musik« in mehreren Artikeln der »Vossischen Zeitung<v eine I^anze für das 
Judenthum, dem er sich innerlich bis zuletzt zuzurechnen liebte. L. fand Erziehung 
im Hause seines Vormunds, des Präsidenten der Seehandlung Bloch, Schwagers 
der Mutter, zu Berlin, welcher Stadt er dann fast das ganze Leben angehört 
hat. Hier bildeten sich seine regen geselligen Gaben, auch die Neigung für 
Gelegenheitsdichtung, für theatralisches Schaffen und Insceniren kräftig aus, 
und daneben kamen in Realschule und Studium seine hervorragenden Talente 
zu kurz. Noch nach wohlgelungenen Leistungen schalten ihn lange nachher 
Stubengelehrte einen Dilettanten, und noch den Greis bekümmerte es, sein 
Können und Wissen verzettelt zu haben. Er erlernte den Buchhandel bei 
Besser 0etzt Wilh. Hertz) in Berlin, trat dann in ein Leipziger Geschäft, das 
ihm seine Filiale in Teplitz anvertraute, endlich in die Höst'sche Buchhand- 
lung zu Kopenhagen. Hier tauschte der des materiellen Berufs Ueberdrüssige, 
schon in Leipzig litterarischen Kreisen genähert und journalistischer Debütant, 
wohl unter dem Eindrucke des Verkehrs mit H. Chr. Andersen und Henrik 
Hertz die Schriftstellerei ein. Zurückgekehrt, machte er mit 26 Jahren das 
Abiturientenexamen und studirte wider des Onkels Willen, somit auf Feder und 
Unterricht angewiesen, in Leipzig, wo er auch Dr. phil. wurde. Seit 1846 
schriftstellerte er als Uebersetzer, Publicist und selbstständiger Dichter eifrig 

Blogr. Jahrb. n. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. 1 6 



2X2 



IjC^j. 



3,.-Jir^ci^, an Ti-tr J-L^rrer."*^ ^cTirct, ii^ ir^m. Cie einriß* e, ti^er i_trs tise-ire 
Tochter ur.i cjtz iir-ich cie ^c_;;r". te Ginin ^estirt«;:! zr.i >:-i: dtrr bei-z^.e, 

idciJer. Veffjz-j-.rm L:r.i:ib. I'is Tcsiam^r.: setzte r_tn Kj..T:er:«eTi -iie 
Stadt ber\ir.^ der er Isr.^e als. tre'^ der ^eisir.nijien ^ache errt^l-ener, St-i ^.t- 
vercrdr.eter. y "^ --' in S»:h.-Ll- uni \V:r_I:ihr:sj..ix5chu5.>eTU ij^ih in drtn Asv]- 
Verein fiz T» •iicrJ:->e und in detn fir VclAslader, zeiient Litte, rzr h_tii.i -Al- 
täre Z-aecke ein, L-=^:rders z:ir Au-'rreirjnz und Aj^i:esLiirj-z von V.:»-k<- 
tihliotheken mit etreai Jederinann Li^lirh zu gänzlichen Lesesaal -^^1. seine 
F.Ji3^.hrift ^ Vclist ::!::' theken in Er.-;landx iSo6 . Ferner Y-e-iachte er 
die 'Deutsche f^haie?' eare-GeseHv haft . derer» emsiiies Mr-^Iiei, an«-h im 
Vor^Lanie, er seit der Cinniun^ i ^64 gewesen, mit einer hietrachtlichen 
Stifrinz. s-^^de seiner un:rani:'i'.hen Shaie>t,eare-BucbereL Seit fahren tru;: 
er den, tozr Weimarer G^jS^hrrz«: g verliehenen, Professor-Ti:el. 

Als frci>*-h«j^tcrL>.her Belletrist war L. insbesondere I}Tisch thatiii. Seine 
»Ge^iichtCv, wohl bis vor 1S43 hir-infreichend, 1S70 gesammelt, 1S72 und 
1SS6 vermehn auüelezt — eine 4. erweiterte Ausgabe verhinderte der 
l'xi — zeigen Gewandtheit und Fülle, Maass in Form, Gedanke Sinn- 
spri^.he urA Stimmung Halbballaden . AI^ Virtuosen der Gelegenheits- 
poe^ie bekundeten ihn z. B. die iSoo, 1803, 1806 vertraulich dargebotene 
-Reimchror.ik der Fraktion der Linken ^ der Berliner Siadtverordneten- 
versammluns: und die vielen Lieder des -Meisters vom Snihi zu Freimaurer- 
fe'>ten. L. s Freunde erstaunte 1803 das reizende kinderkundige Büchlein 
>Von vielen kleinen Siebensachen, die Euren Eltern Sorge machen;, mit 
Zeichnungen von Wold. Friedrich 2. Aufl. 1805 . ^^75 erschien ein kleines 
und frivhcs Lustspiel in 2 Acten >Ein Hochverräther i , unter dem meta- 
theti^chen Pseudonym Au:r. Olfer, ab Buhnenmanuscripi. ^ie 1S76 der ein- 
farhe, knapi^ einacti:^e Schwank, frei nach dem r italienischen Originale 
>Ein Genie . Seit dem Aufenthalte in Kopenhagen hatte sich L. nach- 
drücklich mit den skandinavis; hen Sprachen und Litteraturen beschäftigt und. 
vornehmlich aus dem Danischen, fleissig und gut verdeutscht. U. a. Henrik 
Hertz Kong Renes Datter mit andauerndem Erfolge seit 1846 über ein 
Dutzend Aufla:^en , demselben Svend Dyrings Hus «1848^, ausser diesen 
Dramen mancherlei von Hertz' Vorbild Joh. Lud. Heiberg, z. B. dessen 
apokalyptische Comodie Eine Seele nach dem Tode i86i>, mit charakteri- 
sirenrlcr Vorrede- 1856 a^'itirte er dafür, die berühmte Handschrift von L'lfilas 
gothischer Bibel in Upsala j>hotoIithographisch zu vervielfältigen. Die Durch- 
fuhrung zerschlug sich trotz L.'s Opferwilligkeit an den durch Subscribenten 
nicht gedeckten Kosten und seine 63 ergebnissreichen ,vgl. L.*s Artikel 
'Eine Lesart im Codex Argenteus , Ztschr. f. vergleichende Sprachforschung VI, 
193 — 20I) (Glasplatten warten in der Kgl. Bibliothek zu Berlin noch heute 
(IcT Auferstehung. N'ordgermanische Union und eine Deutschlands befür- 
wortet das Heft Deutsche Einflüsse in Dänemark <i (18621, ein Vortrag wie 
//Das Weib in der Gesellschaft'.: (i88i^ wo seine milde Art mit geschichtlichen 
und psychologischen Gründen vermittelt. 

L.'s Theil nähme und Arbeit gehörte aber seit 1853 in erster Linie Shake- 



Leo. Unkart. 



«43 



speare. Indem er den britischen Dichterfürsten menschlich und ästhetisch 
verehrte und verschiedene Probleme der Shakespeare-Forschung auch philo- 
logisch in Angriff" nahm, hat er durch eine Reihe eigener Untersuchungen 
und textkritische Glossen, durch Drucklegung wichtiger Documente, durch 
feinfühlige Uebersetzungen, durch Anzeigen und Anregungen anderer, nament- 
lich auch durch die seit 1879 *^"^ Auftrage« besorgte Redaction des »Jahr- 
buchs der deutschen Shakespeare-Gesellschaft (XV — XXXIV) unser Wissen und 
Verständniss des gewaltigen Genius vielseitig gefördert. Das Wichtigste davon: 

»Beiträge und Verbesserungen zu Shakespeares Dramen nach handschriftlichen 
Aenderungen in einem von Collier aufgefundenen Exemplare der Folio- Ausgabe von 1632 
für den deutschen Text bearbeitet« (1853); »Die Dcliussche Kritik der von Collier auf- 
gefundenen allen bandschriftlichen Emendationen zum Shakespeare gewürdigt« (1853); 
^/Shakespeares Coriolanus. Die Deliussche Ausgabe dieser Tragcidie kritisch beleuchtet« 
(1S61); »Die neue englische Textkritik des Shakespeaire« (Jhrbch. I, 1864); »W. Shakc- 
spcare's Coriolanus. Edited . . .« (1864); »Shakespeares F>auen-Ideale« (1869); »Shakc- 
spcares Antonius und Cleopatra. Auf Grundlage der Tieckschen Uebersetzung neu be- 
arbeitet und für die Buhne neu eingerichtet« (1S70; vgl. K. Frenzel, Berliner Dramaturgie, 
I 256 — 264); »Shakespeares Macbeth, neu übersetzt« (mit bedeutsamer Einleitung, 1S71; 
in der Neubearbeitung des Schlegel-Tieckschen Uebersetzungswerks der Dtsch. Sh.-Gsllsch. 
XII, 163 ff.); »Four chapter's of Norths Plutarch . . . as sources to Shakcspeare's tragedies 
Coriolanus, Julius Caesar, Antony and Cleopatra and partly to Hamlet and Timon of 
Athens« (1878); »Shakespeare, das Volk und die Narren« (Jhrbch. XV, 1880); »Be- 
merkungen über neue Textausgaben (ebd.); »Shakespeares Ovid etc.« (Jhrbch. XVI, i88i}; 
»Eine Concordanz der Shakespeare-Noten« (Jhrbch. XX, 1885); »Verzeichniss noch zu er- 
klärender oder noch zu emendirendcr Text-Lesarten« (ebd.); »Shakespeare-Notes« (1885); 
»Hilfsmittel bei Untersuchungen über Shakespeares Sonette« (Jhrbch. XXIII, 1888); 
»Parallel-Zählung der Globe Edition und ersten Folio« (ebd.); »Shakespeare und Goethe« 
(Jhrbch. XXIV, 1889); »Rückblick auf das 25 jährige Bestehen der Deutschen Shakespeare- 
Gesellschaft« (ebd.); »Roscnkrantz und Guldenstern« (Jhrbch. XXV, 1890); »Geflügelte 
Worte und volksthümlich gewordene Aussprüche aus Shakespeares dramatischen Werken 
zusammengestellt« (Jhrbch. XXVII, 1892); »Kuno Fischers Hamlet« (Jhrbch. XXVIII, 1897). 
L.s vielen kleinere Notizen, Miscellen, Referate, Nekrologe verzeichnen die Register des 
»Jahrbuchs«, dessen periodisch erneuertes General-Register, auch der Catalog der Bibliothek 
der »Dtsch. Sh.-Ges.« Shakespeares Sonette iS, 40, 71, 76 sind verdeutscht in Leos 
»Gedichten«, 2. Aufl. S. 226 — 229, ^^ ^^^ 3« noch weitere. 

Persönliche Eindrücke. Mittheilungen, besonders Leoscher Schriften, seitens Frl. He- 
lene Bril, die treu und verständnissvoll dem Wittwcr zur Seite stand und das Hauswesen 
leitete. Sorgfältiger Nekrolog von seinem langjährigen Freunde Albert Cohn, Shakespeare- 
Jhrbch. XXXV (davor Bildniss) 281—294. Notizen der Berliner Zeitungsblätter nach dem 

'^^^^' Ludwig Fränkel. 

Unkart^ Gustav^ kaufmännischer Organisator, * 25. Juli 1842 zu Leob- 
schütz, f 22. Februar 1898 zu Hamburg. Sohn eines Pfarrers, wuchs er zu 
Neuhaus bei Sonneberg i. Th. auf, ist aber durch die vielen Arbeitsjahre, 
die er in der grossen Handelsmetropole an der Elbemündung zugebracht hat, 
und die umfängliche einschneidende Wirksamkeit zu Gunsten der dortigen 
Geschäftswelt ganz Hamburger geworden. 1870 wurde U. in die »Verwaltung« 
(d. i. Vorstand) des »Vereins für Handlungscommis von 1858 in Hamburg« 
dem er sieben Jahre als Mitglied angehört hatte, gewählt. Der Verein zählte 
damals 3000 Mitglieder, eine für jene Zeit bemerkliche Ziffer. Bis zu U.'s Tode 
War diese auf 55 000 gestiegen; ausser dem allgemeinen merkantilen Auf- 
schw^unge und den günstigen Zeitverhältnissen hauptsächlich durch U.'s un- 
ablässige energische Thätigkeit. Denn in den 22 Jahren, während deren er 
den Vorsitz geführt hat, entwickelte sich der Hamburger Verein zum grössten 
kaufmännischen Institut der Erde, an den unter Zurechnung seiner Zweig- 

i6* 



244 



Unkart. Heerklotz. 



gründungen nur wenige menschliche Genossenschaften an Mitgliederzahl und 
Ausdehnung des Wirkungskreises heranreichen. Er betrieb zuerst die Stellen- 
vermittlung in weitesten Linien und zeigte damit einen glatten Weg, der prak- 
tischen Socialpolitik des Staates mit positiver Hilfe unter die Arme zu greifen. Alle 
verwandten Gegenseitigkeits-Unternehmungen des deutschen Kaufmannsstandes 
lehnen sich daran an. Die Pensionskasse des Hamburger Vereins, dessgl eichen 
den andern Muster, besass bei U.'s Ableben an 7000 Mitglieder und 4V, Mill. 
Mark Vermögen. In dieser vorbildlichen Organisation, die ihre Grösse und 
Vollkommenheit zum besten Theile ihm verdankt, concentrirte sich sein 
Denken und Streben, ruhte und nährte sich seine Kraft. Aber U.'s Umblick 
zog auch die Tausende von Handelsangestellten ins Bereich seiner Sorge, 
die nicht dem Hamburger Verein angegliedert oder ähnlich zusammengefasst 
waren. Sein Werk wird fortdauern, in seinem Sinne wachsend, und eine 
»Unkart-Stiftung« fiir bedürftige Handelsbeflissene seinen Namen verewigen. 

Nachruf (mit Bildniss nach einer Hamburger Photographie) von A. M. i. d. »Garten- 
laube« 1898, Nr. 17, Beilage. Nekrologe in den Hamburger Tageszeitungen. 

Ludwig Fränkel. 

Heerklotz, Adolf, Politiker und Erzähler, * 13. Juni 1823 in Bömchen 
bei Oederan im Vogtld. (der Vater Carl Gottlob war Steiger auf der nahen 
Grube Johannes), f 31. (oder 30?) Januar 1898 zu Dresden. Nach Absol- 
virung des Gymnasiums zu Freiberg, wohin der Vater als Obersteiger ver- 
setzt worden, besuchte er, vom Studium der Bergwissenschaften auf der 
Freiberger Akademie schnell abgekommen, 1844 — 47 als Philolog und 
Theolog (dies gab er später auf) die Universität Leipzig. 25 Jahre alt 
wurde H. nach dem Staatsexamen an der Realschule zu Annaberg ange- 
stellt. Wie fast die ganze gebildete Jugend zog ihn die damalige Frei- 
heitsströmung in ihren Bann, und als feuriger, alle begeisternder Redner, 
zumal als Obmann des demokratischen »Vaterlandsvereins« für Buchholz 
und Annaberg, spielte er eine eindrucks-, ihm verhängnissvolle Rolle. 
1849 rückte er beim Ausbruche des Aufstandes an der Spitze von Frei- 
schärlern nach Dresden, wurde nach Niederwerfung der Revolution im 
Mai 1849 in Annaberg verhaftet und mit Hitzschold, Haustein, Götz und 
Stützner auf Schloss Wolkenstein internirt. Wie diese entging er lang- 
jähriger Zuchthausstrafe nach einem halben Jahre durch die Flucht. Er 
schlug sich nach Brüssel durch und wirkte da mehrere Jahre als Lehrer der 
französischen und englischen Sprache, als Privatdocent an der Universität, so- 
wie als Schriftsteller. Nach dreijähriger, ihn nicht befriedigender Thätigkeit 
als Professor an der Akademie zu Lausanne (1854 — 57) lebte er wieder in 
Brüssel und kehrte 1864 nach der General amnestie ins Heimathland zurück. 
Er fand in Dresden, am damals weitberühmten Dr. Krauseschen Institut eine 
Lehrerstelle, nach dessen Auflösung aber fristete er durch neusprachlichen 
Unterricht und etwas Schriftstellerei nothdürftig sein Dasein. 1895 erst 
wandelten sich die materiellen Sorgen des bescheidenen, längst schwer augen- 
leidenden Mannes in traute liebe Pflege durch Aufnahme in das »Günzstift« 
der Stadt Dresden, wo er arm, aber hochgeachtet starb. — Ausser in Mit- 
arbeit an wissenschaftlichen Blättern — seine Betrachtungen über die Odyssee 
z. B. errangen viel Anerkennung — bekundete sich sein hochstrebender Geist 
mannigfach belletristisch. Insbesondere sind zu erwähnen: das romantische 
Epos »Janthe. Episode aus dem Tscherkessen-Kriege« (Meissen 1858), eine 



Heerklotz. Pirazzi. 



245 



mit Zugrundelegung geschichtlicher Angaben in Bodenstedts »Die Völker des 

Kaukasus« in Ottave Rime geschriebene Liebes- und Heldenhistorie von 1841; 

yKin Frühling. Novelle« (Brüssel und Ostende 1861, H.'s Vater gewidmet), 

ein etwas sentimental -sensationell behandeltes modernes Abenteuer vom 

Genfersee; »Wallonisch und vlämisch. Novelle« (ebd. 1862), wie die vorige 

aus selbstgeschautem Milieu erwachsen, Scenen aus dem Belgien des vorigen 

Menschenalters, leicht zur Dorfgeschichte ansetzend, etwas weichlich wie 

»Ein Frühling«, aber auch glatt und höchst gewählt stilisirt, wie alles, was 

wir von H. kennen. Selbstständige Bücher Hess er sonst nicht drucken. 

Originalmittbeilungen des Gatten der Schwester H., die 1857-58 das Exil mit ihm 

theilte, Oberpostsecretär C. C. Meyer in Dresden. Noti« i. d. Todtenschau der »Illustrirten 

Ztg.« Nr. 2850 V. 10. Febr. 1898, S. 162; kurzer Artikel, sichtlich authentisch i. »Leipzg. 

Tagebl.« Nr. 61 v. 4. Febr. 1898, 4. Big., S. 888. Ein Nekrolog i. d. »Deutschen Wacht« 

(Dresden) blieb mir unzugänglich. ja' f • l- 1 

1 ' xjL Ci AV lg x^ rariiwci. 

Pirazzi, Emil, politisch-religiöser Publicist und Dramatiker, * 3. August 
1832 zu Offenbach, f ebd. 8. Januar 1898. Enkel eines Piemontesen, 
Gründers der noch bestehenden Firma G. Pirazzi und Söhne zu Offenbach, 
und Sohn von Joseph P. (1799 — 1868), der sich in den Dreissigem und 
Vierzigern durch lyrische Veröffentlichungen in Tagesblättern, besonders aber 
1845 <^urch Begründung der ersten deutschkatholischen Gemeinde Stidwest- 
deutschlands in Offenbach (Schrift P.'s darüber 1895) bekannt machte. Früh 
ins Geschäft der Familie, dessen Theil- und Inhaber er später ward, ein- 
getreten, reiste er 185 1 zur Londoner Weltausstellung, 1856-57 nach Griechen- 
land und Aegypten mit dem berühmten Ethnologen Ad. Bastian, zurück über 
Süd-Italien und -Frankreich, 1861-62 nach Florenz und Rom. Die ersten 
Gedichte, Platensche Sonette, schrieb P. während einer Cur, Herbst 1851. 
In die Oeffentlichkeit trat er zuerst mit einem Vorspiel zum 50. Todestage 
Schillers, 9. Mai 1855, das im Berliner Opernhause von Auguste Crelinger 
und anderwärts vorgetragen wurde, dann bei der Offenbacher Feier von Schillers 
100. Geburtstage 1859, (wo auch ein Hymnus seines Vaters, gedruckt »Schiller- 
Denkmal«, 1860, II 273 f., gesungen wurde) mit der Festrede. Seitdem war P. 
im öffentlichen Leben unermüdlich thätig. Seine nachdrückliche Theilnahme 
an Entstehung und Ausbreitung des »Nationalvereins« 1859-60 zog ihm eine 
kurze Gelängnissstrafe zu. 1855 hatte er in seiner Vaterstadt einen Zweig- 
verein der Schillerstiftung begründet, 1858 rief er die »Freireligiöse Stiftung« 
mit ins Leben, 1861 den »Deutschen Schützenbund« unter der Aegide 
Flmsts von Coburg-Gotha. 1864 und 1865 trat er zuerst activ politisch auf, 
mit einer zweimaligen litterarischen Kundgebung für die Schleswig-Holsteiner. 
1872 bekämpfte er mit selbstgesammelten »Stimmen des Mittelalters wider 
(He Päpste und ihr weltliches Reich« die römische Kirche. Bei allen politischen 
Wahlen seiner Heimath betheiligte sich P. rege, in nationalliberaler, anli- 
socialischer Richtung. Um seine Cxeburtsstadt hat er sich auch durch die 
urkundlich sorgsamen »Bilder und Geschichten aus Offenbachs Vergangen- 
heit.: (Festschrift zur i. hess. Landesgewerbeausstellung 1879) verdient gemacht; 
über ein Drittel handelt nach localen Quellen über Goethes Beziehungen zu 
Lili und Offenbacher Freunden. — Als Dichter war P. vorzugsweise Drama- 
tiker; seine Stücke, deren bedeutendstes (Gottschall, D. dtsch. Nationallitter. 
5. Aufl., IV, 82) »Rienzi der Tribun« (1873), verzeichnet authentisch Kürschners 
Utteraturkalen der (zuletzt XX, 1898, S. 1007) mit den wichtigsten übrigen 



246 Pirazzi. Bingmann. Böttcher. 

Schriften: darunter die lyrisch -epische Hauptsammlung »Im Herbste des 
Lebens« (1888) und freireligiöse Agitationsschriften. 

Kurzer Abriss bei Brummer, »Lex. dtsch. Dichter u. Pros. d. 19. Jhrh.« 4 III 22$. 
Zahlreiche Zeitungsnotizen unmittelbar nach dem Tode (ausführlicher Nekrolog »Offen- 
bacber Zeitung« v. 10. i. 1898, Nr. 7, Feuilleton von rn), mir nebst den Schriften mc£>t 
durch die Wittwe zugänglich, desgleichen eine handschriftliche »(auto)biographische Skizze« 
von 1887. Zum Drama »Gräfin Chatcaubrian«, vgl. F. Wehl, 15 Jahre Stuttgarter Hof- 
thcaterleitung, S. 539 — 542. 

Ludwig Fränkel. 

Bingmann^ C. F., Superintendent der Hessischen lutherischen Freikirche, 
* 22. Februar 1822 in Oberrossbach, f 16. Februar 1898 in Höchst a. d. Nidda 
Ein Sohn der rauhen oberhessischen Berge hat ß. Zeit seines Lebens, von 
Anfang seiner geistlichen Thätigkeit im Sturmjahre 1848 an bis zu seinem 
Ableben als Haupt und Superintendent der »lutherischen Freikirche in 
hessischen Landen«, das Heil und Ideal wahren Christenthums in einem 
Lutherthum gesucht und mit glühendem Eifer vertreten, dem in zähem und 
starrem Festhalten an rechtgläubiger »Reinheit« der Lehre nichts so ver- 
abscheuungswürdig erscheint, als wie der Anschluss an die friedlichen Einheits- 
gedanken und -Ordnungen einer landeskirchlichen »Union«. Schon m seinen 
ersten Jahren, als er 1849 eben Pfarrer in Höchst an der Nidda im Bezirk 
Wiesbaden geworden war, rief er mit gleichgerichteten Parteifreunden die 
»lutherische Einigung«, einen Bruderbund streng lutherisch gesinnter Geistlicher 
und Laien ins Leben. Nach der Annexion Hessens durch Preusscn trieb er 
den Widerstand gegen die unirte Kirchenverfassung zum Aeussersten. Nach 
mehrfacher Suspension von Amt und Gehalt erfolgte endlich am 25. Juni 1875 
seine Absetzung wegen Renitenz gegen die neue kirchliche Verfassung vom 
6. Januar 1874. Ein Theil der Gemeinde hielt aber an ihm fest und wurde 
von ihm ruhig weiter bedient. Dass er wiederholt wegen unbefugter Aus- 
übung von Amtshandlungen zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte ihn 
weiter nicht beirren. Endlich wurde es ihm unmöglich gemacht, in Höchst 
noch eine Wohnung zu finden. So zog er nach dem etwa eine Stunde ent- 
fernten Dorfe Stammheim und seine Getreuen kamen, wenn geistliche Ver- 
richtungen vorlagen, nach wie vor zu ihm. Nach 10 Jahren hatten sie es 
durch ihre Opferwilligkeit und brüderliche Beihülfe von Aussen so weit ge- 
bracht, dass ein eignes Pfarrhaus und eine eigene neue Kirche in Höchst 
dem Ausgesperrten sich aufthat. So kehrte B. im Winter 1885 nach Höchst 
zurück, um von hier aus die Leitung der gesammten, sowohl im Grossherzog- 
thum als in Kurhessen bestehenden altlutherischen Freigemeinden weiterzu- 
führen, bezw. neu zu übernehmen. 1877 war er von den ersteren zu ihrem 
Superintendenten erwählt worden; 1893 unterstellten sich ihm die letzteren 
und bildeten nun, unter ihm oberhirtlich zusammengeschlossen »die lutherische 
Freikirche in hessischen Landen«. Auch im hohen Alter noch ungebeugt und 
bekennerfreudig wurde er kurz vor seinem Eintritt ins 77. Lebensjahr seinem 
kämpfereichen Leben durch den Tod entrissen. 

Kohlschmidt. 

Böttcher, Karl Julius, Pastor emer., * 11. Mai 1831 in Dresden, 
f 12. März 1898 in Niederlössnitz. B. begann seine geistliche Laufbahn 
1858 als Diaconus in Reichenbach in der sächsischen Kreishauptmannschaft 
Zwickau. In den Kämpfen der sächsischen Landeskirche um die Abre- 



Böttcher. Claassen. 2j^y 

nuntiationsformel im Taufritus: Entsagest Du dem Teufel etc. trat er als 
eifriger Vertheidiger ihrer Beibehaltung hervor, »von vielen verlästert und 
fast von allen verlassen«. 1865 übernahm er sodann das Pfarramt in Tannen- 
berg bei Geyer, von wo er aber bereits 1868 nach Riesa im Dresdener Bezirk 
übersiedelte. Doch auch hier kam es bald zu erbitterten Kämpfen zwischen 
ihm und dem Kirchenvorstand, die erst mit seinem Weggang (1876) nach 
Sachsenburg, wohin er als Pastor und Anstaltsgeistlicher berufen wurde, ein 
Ende nahmen. B. war langjähriger Redacteur des freilutherischen »Pilger 
aus Sachsen«, der unter seiner Leitung zu einem vielgelesenen Organ des 
sächsischen Lutherthums emporgedieh. Auch wird ein zusammenfassendes 
Werk von ihm über die deutschen evangelischen Kirchen »Germania sacra« 
als werthvoll gerühmt. 

>Ev. luth. Kircbenzeitung« 1898 Nr. 13, »Sachs« Kirchen- u. Schulblatt« 1898. 

Kohlschmidt. 

Ciaassen, Johannes, * 24. October 1835 ^" Königsberg i. Pr., f 9. April 
1898 in Calw. Ein litterarisch ungemein productives Leben hat mit dem 
Tode des bekannten Theosophen und Herausgebers des »Calwer Bibellexicons« 
C (Pseudonym: Claravallensis, auch Clarissa) seinen Abschluss erreicht. Be- 
reits seine ersten Publicationen aus dem Jahre 1866 »Tragie und Triumph« 
und »Staat und Erziehungswesen« verrathen den Probleme suchenden und 
religiös-ethisch sie vertiefenden Geist. Sein erstes und eigentliches Haupt- 
werk ist seine »Philosophie der Freiheit. Eine Weltanschauung im Lichte 
der Wahrheit« (Gütersloh 1877, Bertelsmann), die er 1887 in II. Auflage er- 
scheinen liess. Zu den praktisch-kirchlichen und sittlichen Fragen der Zeit 
nahm er das Wort in seinen Abhandlungen »Der Dom, der Kirchenbau und 
die Geisteskirche« (1880), der vielgelesenen, unter obengenanntem Pseudonym 
herausgegebenen Broschüre »Die sechs Giftbäume im deutschen Felde und 
der Lebensbaum« (1881), einem Essay »Kunst und Schauspiel« (1883), seiner 
Kritik »Die drei Grundschäden der evangelischen Landeskirchen und der Weg 
zu ihrer Heilung (1886), sein Aufruf »Reinheit, Einheit!« (1887), endlich 
unter dem gleichen Pseudonym Claravallensis eine recht kräftige und heftige 
theologische Polemik gegen Albrecht Ritschi »Die falschmünzerische Theologie 
A. Ritschis und die christliche Wahrheit« (1891). 

Ein dankenswerthes Verdienst hat er sich unstreitig weiter erworben durch 
die Herausgabe und Bearbeitung der Werke Jacob Boehmes, des Görlitzer 
Schuster-Theosophen (1886/7), sowie der des »Magus des Nordens« Hamann 
(IL Aufl. 1888) und des französischen Theosophen Louis Claude de St. Martin, 
(1891), indem er mit der Wiedergabe ihrer Werke immer eine Darstellung 
ihres Lebens, ihrer Entwickelung und Bedeutung im Zusammenhang ihrer 
Zeit und für Heute verband. Ebenso gab er eine zweibändige Bearbeitung 
von »Franz von Baaders Leben und theosophischen Werken als Inbegriff 
christlicher Philosophie. Vollständiger Auszug in geordneten Einzelsätzen« 
heraus (1886/7), und ferner, als besonderes Schriftchen, aus sämmtlichen 
Schriften des Münchener Naturtheosophen ausgezogen »Franz von Baaders 
Gedanken über Staat und Gesellschaft, Revolution und Reform« (1890). 
Schätzbare Beiträge zur Litteraturgeschichte aus seiner Feder sind die Mono- 
graphien «Annette von Droste-Hülshoflf (1879, IL Aufl. 1883), »Lessings Leben, 
Theologie und Philosophie (1881), »Dantes Leben und Liebe« (1882), 
^Bogatzkys Leben und Lieder (1888). In eigenen poetisch-prophetischen 



2 48 Qaassen. Förster. 

Stimmen hat er seiner Natur- und Weltanschauung Ausdruck gegeben — nach 
den dichterischen Anfängen 1873 — 75 »Lilienkranz«, »Wüstenähren«, »Unver- 
klungen« — in seiner Abhandlung »Siebenfältige Natur-Betrachtung« (1884) 
und insbesondere eingehend in den Dichtungen »Schöpfungsharfe« (1893) 
»Himmelsschlüssel« (1895), in dem dreigetheilten »Schöpfungsspiegel« (1896/7), 
der die Welt von Licht und Farben, der Kräfte und Elemente, der Pflanzen 
zusammenschauen und durch sie hindurchschauen lassen will zur theosophischen 
Einheit in Gott. Seine letzten Dichtungen, in denen die Töne seiner jungen 
Jahre widerklingen, er aber doch sich bereits auf den Abschied einrichtet, 
sind die »Leidensblumen« (1896) und die »Heimathsstimmen« (1897). Speciell 
biblische Themen sind von ihm im gleichen Geiste behandelt in den »Sieben 
Sendschreiben der Offenbarung St. Johannis und die Kirchengeschichte <v 
(1889) und in seinem letzten Werke »Das Evangelium nach Johannes. Ein- 
leitung. Erstes Capitel erläutert« (1897). Mag auch das Meiste von seinen 
Werken vom Strome der Zeit im heuen Jahrhundert hinw^eggespült sein, seine 
fleissigen monographischen Reproductionen und vor Allem sein Bibellexicon 
werden sicher in Vieler Hände bleiben. 

Ko hlschmidt. 

Förster, Theodor, Superintendent, Oberpfarrer und Professor, Dr. theoL, 
* 28. Januar 1839 in Lützen, f 28. August 1898 in Halle a. S. F. entstammte 
einem alten Pfarrergeschlecht, das durch 6 Generationen hindurch in ununter- 
brochener Linie der deutsch -evangelischen Kirche Sachsens manch wackeren 
Diener gegeben hat. Doch ist wohl bei keinem seiner Vorväter die Lebensarbeit 
so vielseitig gewesen und der frühe Tod noch in der Fülle der Mannesjahre so 
viel betrauert worden, als das Hinscheiden des Hallenser Superintendenten 
und Professors, dem es doch vergönnt war, über 30 Jahre — und ein Viertel- 
jahrhundert in leitender Stellung — mit reichen Gaben des Geistes und 
Charakters seiner Kirche zu dienen. Nach Abschluss seines Studiums und 
weiterer Vorbereitung für den mit begeisterter Liebe erwählten Lebensberuf 
trat er 1866 als Prediger und Inspector am Domcandidatenstift in Berlin ins 
geistliche Amt ein. 1869 übernahm er die Stelle eines Archidiaconus in dem 
freundlichen Städtchen Stolberg am Südharz. 1872 erfolgte seine Berufung 
als Pfarrer und Superintendent in Grossjena bei Naumburg, 1877 sein Eintritt 
in die Stadtgeistlichkeit von Halle, zunächst als Diaconus, von 1880 an als 
Oberpfarrer an der Marienkirche und Stadtsuperintendent. Zugleich wurde 
ihm als Kreisschulinspector die Aufsicht über das Schulwesen der Ephorie 
übertragen, und er verstand es, mit all diesen in vorbildlicher Pflichttreue 
verwalteten Aemtem auch noch eine fruchtbare akademische Lehrthätigkeit zu 
verbinden, zu der ihm durch die Ernennung zum ausserordentlichen Professor 
die Gelegenheit gegeben ward. Unter seiner Leitung als Vorsitzender des 
Kirchbau Vereins ist Halle um zwei neue Kirchen, das Stephanus- und Johannes- 
kirchspiel, bereichert worden; die Gründung einer dritten Parochie, zu 
St. Paulus, hat er noch in seinen letzten Jahren angebahnt. Was er durch 
geistvoll packende Predigten und in unermüdlicher Seelsorge, insbesondere 
auch in Fürsorge für die heranwachsende Jugend und ihre religiöse Erziehung, 
zur Hebung des Gemeindelebens seiner Heimathsstadt beigetragen, was er 
weit über deren Kreis hinaus als einer der Führer der evangelischen Mittel- 
partei am kirchenpolitischen Leben seiner Provinzialkirche und der preussischen 
Landeskirche mitgearbeitet hat, was ihm als thatkräftigem Mitgliede des 



Förster. 



249 



Kvangelischen Bundes und des Gustav AdoJph-Vereins mitzuhelfen vergönnt 
war , was von ihm auch der gelehrten Welt durch eine reiche Reihe tüchtiger 
historischer und praktischer Veröffentlichungen geboten worden ist, dem ist 
bei seinem Ableben in ergreifenden Nachrufen dankbarer Ausdruck verliehen 
worden. Eine Aufzählung seiner zahlreichen litterarischen Arbeiten wenigstens 
darf doch auch hier nicht fehlen. Eröffnet wurden sie 1865 mit einer Disser- 
tation »De doctrinaDionysüMagni«, der 1869 eine Centenarschrift zumGedächtniss 
des reformfreundlichen Papstes Clemens' XIV. »Eine Papstwahl vor 100 Jahren« 
folgte. Dasselbe Jahr brachte noch eine verdienstliche Arbeit über den ersten 
der grossen griechischen Kirchenväter, Chrysostomus, aus seiner Feder. In 
einer weiteren, 1874 folgenden Monographie »Drei Erzbischöfe vor 1000 Jahren« 
brachte er die drei kraftvollen fränkischen Kirchenfürsten und Vorkämpfer 
für kirchliche Reform und nationale Selbstständigkeit gegen römisch-päpstliche 
Arroganz und Idololatrie: Claudius von Turin, Agobard von Lyon und 
Hinkmar von Rheims zu lebensvoller Darstellung. Mit welcher Antheilnahme 
er auch die innerkatholische romfreie Bewegung der Gegenwart verfolgte, 
bezeugt ein werthvoller Aufsatz in den »Deutsch-evangelischen Blättern« von 
1879 über »Die gegenwärtige Lage des deutschen Altkatholicismus.» Eines 
seiner wissenschaftlich bedeutendsten Werke ist die »Darstellung des Lebens 
und Wirkens des Bischofs Ambrosius von Mailand« (1884), das ihm die Er- 
nennung zum Dr. theol. hon. causa von der Hallenser Facultät eintrug. 1887 
und 1892 gab er »Evangelische Predigten, eine Gabe für die Gemeinde« her- 
aus, denen sich 1895 »Neue Predigten über das Vaterunser« unter dem Titel 
^Ihr sollt mein Antlitz suchen« anschlössen. Das Jahr 1891 wurde ihm Anlass 
zu einer geschichtlich wohlorientirten polemischen Broschüre gegen »Den 
Heiligen Rock von Trier« und 1895 behandelte er »Luthers Wartburgjahr« 
nach seiner Bedeutung für die Geschichte der deutschen Reformation und 
die Entwickelung des werdenden Reformators. 

Von dem, was er für die Bereicherung des evangelischen Religionsunter- 
richts in Schule und Kirche gewollt und geleistet hat, giebt das gemeinsam 
mit Falke von ihm bearbeitete Religionsbuch für evangelische Schulen«, das 
1897 die 9. Auflage erlebte, und wohlausgewählte »60 Geschichten aus dem 
Alten Testament für Sonntagsschulen« (1896) Zeugniss. In den Beyschlag'schen 
»üeutsch-evangelischen Blättern«, unter deren eifrigsten Mitarbeitern er zählte, 
hat er nicht selten und immer massvoll besonnen und gewichtig zu den 
zeitbewegenden theologischen und kirchlichen Tagesfragen das Wort ge- 
nommen. Ausser der bereits genannten Arbeit über den Altkatholicismus 
notiren wir sein Votum über »Bedeutung und Gebrauch des apostolischen 
Bekenntnisses im Cultus«, »Vier Jahre Culturkampf«, »Ein Capitel preussischer 
Kirchenpolitik €, »Katholische und evangelische Heidenmission«, »Land und 
Staat in ihrem Verhältniss zum geistlichen Amt«. Wie auch den ausser- 
deutschen kirchlichen Dingen sein dauerndes Interesse zugewendet war, ist 
zu ersehen aus den Aufsätzen »Die theologisch-kirchliche Entwickelung in 
der Schweiz in den letzten 50 Jahren« und »Die römisch-katholische Kirche 
in den Niederlanden« (im Anschluss an Nippolds gleichnamiges Werk). Aus 
der Vergangenheit für die Gegenwart zu lernen und zu lehren, ist er in den 
Beiträgen »Zur Kirchengeschichte des 18, Jahrhunderts« und »Joseph IL und 
Pius VI« bemüht. — Erst nach langem qualvollem Leiden hat der Tod 
diesem vielthätigen Leben ein Ziel gesetzt. 

Vgl. xHallesche Zeitung« 1898 Nr. 401 — 405. Kohlschmidt. 



250 



Goeschen. Nitzsch. 



Goeschen Adolph, Generalsuperintendent, Dr. theol., * am 20. Februar 
1803 in Königsberg, f am 27. März 1898 in Harburg. Seine Kindheit und Jugend 
verlebte G. in Berlin in vielbewegter Zeit, in der die Stürme der Freiheitskriege 
unvergesslich an dem Gemüth des zehnjährigen Knaben vorüberzogen. Zum 
Studium der Theologie bezog er jedoch die Hannover'sche Landesuniversität 
Göttingen, wo derzeit der jüngere Planck als Exeget, Stäudlin als Ethiker 
und Eichhorn als Vertreter der Orientalia das Erbe des alten Rationalismus 
mit neuem Geist zu beleben verstanden. 23 jährig empfing G. die Ordination; 
in den nächsten 3 Jahren (1827 — 1829) war er als Repetent am Göttinger 
Stifte thätig und wurde von da als Anstaltsgeistlicher an das Zuchthaus in 
Celle versetzt. Hier erwuchs ihm eine besonders schwierige Aufgabe gegen- 
über einer grösseren Anzahl Hannover' scher Beamten, die wegen ihrer 
Opposition gegen die vom König Ernst August vollzogene Aufhebung des 
Staatsgrundzehn tes dort inhaftirt waren. Doch hat er der hieraus erwachsenden 
eigenartigen seelsorgerlichen und gesellschaftlichen Pflichten sich getreulich 
angenommen und mit viel Geschick und Tact entledigt. Auch hat die von 
Elisabeth Fry getragene und ihm persönlich von ihr selbst bei einem Besuche 
in Celle nahe gebrachte Bewegung zur Fürsorge für Strafgefangene und ent- 
lassene Sträflinge an ihm einen warmen Freund und Förderer gefunden; wie 
er auch die damals in Deutschland noch wenig vertretene Sache der Heiden- 
mission durch öffentliche Vorträge zu heben suchte. 1856 führte ihn sodann 
eine ehrenvolle Berufung als Generalsuperintendent des alten Fürstenthums 
Lüneburg und Harburg Dannenbergischen Theils nach Harburg. Göttingen ehrte 
ihn dabei durch Verleihung der theologischen Doctorwürde. Nahezu 30 Jahre 
lang hat er da in Segen gewirkt und sich in seinem milden und doch ent- 
schiedenen Character viel Liebe und Anerkennung erworben. 82 Jahre alt 
trat er endlich bei der Neuorganisation der Hannover' sehen Kirchenbehörden 
im Jahre 1885 in wohlverdienten Ruhestand, blieb aber auch von da an 
noch als Mitarbeiter seines in Harburg als Landrath thätigen Sohnes bei 
Erledigung von Kirchen- und Schulsachen gerne und sachkundig mitbetheiligt. 
Ein sanfter Tod hat seinem Leben das Ende gebracht. 

»Allg. Ev. luth. Kirchenzcitg.« 1898, No. 14. 

Kohlschmidt. 

Nitzsch, Friedrich August Berthold, Professor, Dr. theol., * 19. Februar 
1832 in Bonn, f 21. December 1898 in Kiel. Der Sohn eines als Theolog 
wie als Kirchenmann gleich berühmten und hochgeachteten V^iters, schien N. 
antänglich doch durchaus nicht das schon vom Grossvater her überkommene 
Erbe seines gelehrten theologischen Hauses übernehmen zu wollen. Nach 
einer lebhaft angeregten poesievollen Jugend in der rheinischen Universität- 
stadt Bonn und ihrer herrlichen Umgebung, wo er bis zu seinem 15. Jahre 
inmitten einer Welt voll geistiger Interessen und geistvoller Persönlichkeiten 
aufwuchs, war er entschlossen, nachdem er mit der Uebersiedelung seines 
Vaters nach Berlin verpflanzt war, beim Uebergang in das akademische 
Studium zunächst der Philologie sich zu widmen. Er hörte bei Trendelenburg, 
Boeckh und Ranke philosophische und historische Collegien. Doch wusste auch 
sein Vater den jungen vielseitig emptänglichen Studenten an seinen Hörsaal 
zu fesseln. Als er im 3. Semester nach Halle ging, war er für das 
theologische Studium gewonnen. Neben Tholuck haben dort Hupfeld, Julius 
Müller und Thilo die betretene Bahn ihn weiter geführt. Nach 2 Semestern 



Nitzscb. 



251 



kehrte er nach Berlin zurück, um hier unter Hengstenberg, Vatke und der 
Leitung seines Vaters, so heterogen diese Persönlichkeiten waren, getreulich 
und fleissig weiter zu arbeiten. Dass er dabei das Interesse für das humanistisch- 
historische Gebiet nicht verlor, bezeugen seine ernsten Studien, denen er bei 
Curtius oblag. Als eine erfrischende Bereicherung schlössen sich zwei Studien- 
semester in seiner lieben rheinischen Vaterstadt an, wo Bleek und Steinmayer, 
Rothe und Ritschi einen verständnissvollen Jünger an ihm fanden, ins- 
besondere Rothe mit seinen feinsinnigen Vorlesungen über Ethik und das 
lieben Jesu, Ritschi mit der umfassenden Art seines dogmatischen Con- 
versatoriums. Brandis und der geistig bewegte Kreis um ihn sorgten für 
seine Ideale im Reich des Schönen. Weiter folgten zwei Semester in Berlin, 
die nun dem Abschluss seiner akademischen Lehrjahre galten. 1855 bestand 
er die theologische Candidatenprüfung und übernahm bald danach als Colla- 
borator am Grauen Kloster in Berlin sein erstes vorbereitendes geistliches Amt. 
Doch nur für ein Jahr. Seine Veranlagung wie seine vielseitige Bildung drängte 
ihn zur akademischen Laufbahn. Im Juli 1859 habilitirte er sich in der 
theologischen Facultät der Berliner Hochschule und führte sich durch eine ein- 
dringende Arbeit über »das System des Boethius und die ihm zugeschriebenen 
theologischen Schriften« (1860), die er seinem Vater zur Feier seiner 
50jährigen Lehrthätigkeit widmen konnte, in die gelehrte Welt ein. N. 
suchte darin den seither mannigfach wiederholten und modificirten Nachweis 
zu führen und zu erhärten, dass der ehedem als Märtyrer katholischer Recht- 
gläubigkeit vielgefeierte Verfasser »der Stunden der Andacht des Mittelalters,« 
der Trostschrift de consolatione philosophiae, der durch seine lateinische 
LTebersetzung und Commentirung des aristotelischen Organon der eigentliche 
Wegbereiter der mittelalterlichen Scholastik geworden ist, vielmehr eklektischer 
Philosoj)h als christlich bestimmter Theolog ist, dass sein System durchaus auf 
dem Boden der antikheidnischen Philosophie erwachsen, nichts Christliches an 
sich hat, ja nicht einmal mit der christlichen Lebensanschauung recht verträglich 
erscheint. — Eine fünf Jahre später von N. publicirte Schrift über »Augustins 
Lehre vom Wunder« war gleichfalls der Bestreitung und Correctur einer her- 
gebrachten Ansicht gewidmet, dass nämlich Augustin unter dem Wunder 
nicht versteht eine nur scheinbare Ausnahme vom Naturgesetz, das wir in 
seiner ganzen Tiefe und Weite eben nicht verstünden, sondern einen wirk- 
lichen »objectiven Widerspruch gegen den vorausgesetzten geschlossenen Zu- 
sammenhang der Naturordnungen«; doch ist das Motiv zu diesem Wider- 
spruch nicht etwa in einer Willkür Gottes, sondern in seinen der natur- 
gesetzlichen Ordnung überlegenen und übergeordneten Heilszwecken zu finden. 
Auf diese bedeutsame Schrift antwortete die theologische Facultät von Greifs- 
wald 1866 mit der Verleihung der Doctorwürde und zwei Jahre darauf 
wurde N. als ordentlicher Professor nach Giessen berufen. Hier folgte den 
beiden genannten Monographien 1870 ein zusammenfassender »Grundriss 
der christlichen Dogmengeschichte«, bei dessen erstem, nur bis zum Eingang 
des Mittelalters führenden Theil es jedoch verblieb. In diesem Compendium 
suchte er, wiederum auf neuem eigenartigen Wege, im Gegensatz zu der 
bisherigen nach loci theologici zergliedernden Darstellungsweise der Dogmen- 
geschichte, den gesammten Stoff um die Lehre von Person und Werk Christi 
zu gruppiren und das characteristische Selbstgefühl der alten katholischen 
Kirche über ihren Lehrtypus ans Licht zu stellen. 1872 folgte er einem 
Rufe nach Kiel, das ihm zu einer über 25jährigen Lebensarbeit die eigent- 



252 



Nitzsch. Polstorff. 



liehe Heimath werden sollte. Zum Lutherjubiläum 1 883 brachte er von hier 
aus eine gediegene Festschrift über Luthers Verhältniss zu Aristoteles. 1889 
bot er in einer Rectoratrede eine feinsinnige Untersuchung über »die Idee und 
die Stufen des Opferkultus« als Beitrag zur allgemeinen Religionsgeschichte. 
Zwischenein floss eine Reihe von dogmenhistorischen Artikeln für Herzogs 
Realencyclopädie (sowohl in IL als in III. Auflage) aus seiner Feder; des- 
gleichen ein Aufsatz über »die Aufklärung des 18. Jahrhunderts« (in der 
»Zeitschrift für Kirchen geschieh te«) und eine Anzahl kleinerer Publicationen 
»voll Bildungsfreundlichkeit, Weltoffenheit und eines tiefen ethischen Idealismus 
seines durchaus deutschen Christenthums« ; ein liebenswürdiger Aufsatz in 
den »Grenzboten« über »Poesie und Religion in der neueren deutschen 
Litteratur« (1879) ^^^ besonderer Berücksichtigung von Novalis und der 
Romantik ; eine eindringende Auslegung der »Schlussworte des Goetheschen 
Faust« (Preussische Jahrbücher LVI) ; eine in edlem nationalen und liberalen 
Geist gehaltene Erörterung »zur Geschichte der Entwickelung des deutschen 
Nationalbewusstseins, besonders im 18. Jahrhundert (»Nord und Süd« 1893); 
eine kraftvolle Kritik der »Weltanschauung Friedrich Nietzsche's« (»Zeitschrift 
für Theologie und Kirche« 1897), dessen Irrgänge er treffend mit dem Bilde 
beschreibt: »Der Dichter, vor den Wagen der Philosophie gespannt, ist wie 
ein wildes Pferd durchgegangen und hat die Philosophie umgeworfen«. Doch 
als N.'s eigentliches litterarisches Lebenswerk ist sein 1889 — 1892 publicirtes 
»Lehrbuch der evangelischen Dogmatik« zu bezeichnen, von dem bereits 
1896 eine IL Auflage zu besorgen ihm die Freude ward. In der That ist 
Geist und Durchführung dieser echt evangelisch weitherzigen und in die 
Tiefe gehenden Darstellung des christlichen Glaubensinhalts fast in allen 
theologischen Parteilagern gleich sehr anerkannt worden; man rühmte die 
Zuverlässigkeit in der Bearbeitung der Litteratur, die klare und knappe 
Fassung der Probleme, die genaue Wiedergabe der zu Wort kommenden 
Autoren, die präcise Herausstellung der Punkte, in wie weit ein Consensus 
erzielt ist, die solide dogmengeschichtliche Fundirung, die charactervolle 
Selbstständigkeit, die, wenn auch ohne kräftig impulsive Einseitigkeiten doch 
mit den Mitteln der Sprache und Gedanken unserer Zeit im besten Sinne 
apologetisch wirkt. So wird sein Werk dem edlen frühvollendeten Manne 
noch auf lange hinaus einen Namen unter den Besten seiner Zeit bewahren 
helfen, und die Art seines »freien und frommen, nüchternen und tiefen, vor 
allem tief ethischen Christenthums« wird hoffentlich noch immer im deutschen 
Volke treue Freunde und Erben finden. 

»Deutsch-evangelische Blätter« 1899, Heft II, S. 116— 133. 

Kohlschmidt. 

Polstorff, Johann Friedrich Theodor, Superintendent und Consistorial- 
Rath, Dr. theoL, * 21. Februar 1824 in Hemmendorf, f 7. März 1898 in 
Güstrow. Von Geburt Hannoveraner und auf dem Gymnasium in Hildes- 
heim und der Göttinger Landesuniversität vorgebildet, hat der verstorbene 
Superintendent von Ciüstrow doch in seiner ganzen Lebenszeit dem Mecklen- 
burger Lande angehört, wohin er nach Abschluss seiner Studien ums Jahr 
1848 als Hauslehrer kam. Nach kurzer Thätigkeit als Pfarrverweser wurde 
ihm der Posten eines Geistlichen am Criminalgelängniss in Bützow über- 
tragen und ihm so früh reichlich Gelegenheit geboten, das geisdiche Amt in 
einer seiner schwierigsten Aufgaben kennen zu lernen. 1853 erhielt er den 



Polstorff. Sombart. 253 

Ruf als Archidiaconus nach Parchim und führte nun eine Schwester Th. Kliefoths 
als Gattin heim. Hier gestaltete sich bald sein Verhältniss zu seinem Super- 
intendenten, dem nachmaligen Oberkirchenrath Schliemann, zu einem äusserst 
herzlichen. So wurde er auf dessen Vorschlag bereits 1859, erst 35 Jahre 
alt, zum Superintendenten der grossen Diöcese Güstrow bestellt, an die oberste 
Stelle unter 70 Pfarrern, deren bei weitem grösserer Theil natürlich an Alter 
und Amtserfahrung ihm weit voraus war. Doch fast 40 Jahre lang hat er dort 
mit Umsicht und Energie seinem Amte vorgestanden und für die gesammten 
kirchlichen Angelegenheiten Mecklenburgs sich Verdienste erworben, für die 
ebenso die Landesgeistlichkeit als drei seiner Landesfursten warme Worte 
ehrender Anerkennung gefunden haben. Ins Consistorium und insbesondere 
ins oberste Kirchengericht berufen und mit dem Vorsitze bei den Candidaten- 
prüfungen betraut, hat er jedenfalls einen bedeutsamen Einfluss auch auf den 
heutigen Character des Mecklenburger Kirchenwesens auszuüben verstanden. 
In jugendlicher Rüstigkeit bis in's hohe Alter hinein, wusste er vor Allem die 
jüngeren Geistlichen an sich zu fesseln und durch eignes fleissiges Studium 
zumeist auf dogmatischem Gebiet, auf dem Philippi zunächst bestimmend auf 
ihn einwirkte, hielt er selbst sein unentwegtes Lutherthum von einer starren 
todten Einseitigkeit imd Verknöcherung frei und auf einer angemessenen 
wissenschaftlichen Höhe. Er hat den Doctorhut, mit dem Rostock ihn ehrte, 
mit wohlverdienten Ehren getragen. Ein leichter Tod nach kaum verspürtem 
und beachtetem Unwohlsein hat ihn wenig Tage nach seinem 74. Geburts- 
tage abgerufen. In stattlichem Leichenbegängniss, bei dem auch die theolo- 
gische Facultät und zahlreiche Behörden seines zweiten Vaterlandes vertreten 
waren, ist ihm weit über die Grenzen seines engeren Wirkungskreises hinaus 
ein letztes Ehrenzeugniss nachgerufen worden. 

»Allg. Ev.-luth.-Kirchcnzeitung« 1898 No. 12. 

Kohlschmidt. 

Sombart, Anton Ludwig, Geometer, Landwirth und Abgeordneter, 
* 14. September 181 6 auf dem Rittergute Haus -Bruch bei Hattingen in 
Wcstphalen, f 10. Januar 1898 in Elberfeld. Seine Vorfahren väterlicher- 
seits sind während des vorigen Jahrhunderts als Kaufherrn und Rathsherrn 
in Elberfeld nachweisbar, und wahrscheinlich als Refugit^s aus Frankreich 
Ende des 17. Jahrhunderts eingewandert; die mütterlichen Ahnen (Duisberg) 
gehen auf niederdeutschen-holländischen Ursprung zurück. S. hat seine Kind- 
heit, bis zum 16. Jahre, auf dem Gute seiner Eltern, wo er von Hauslehrern 
unterrichtet wurde, verbracht, und ist dann noch weitere fünf Jahre in West- 
phalen verblieben, zunächst auf dem Realgymnasium zu Duisburg, wo er 
1835 ^^s Abiturientenexamen bestand, dann in Essen, wo er als Baueleve 
beschäftigt war. Seine persönliche Eigenart wird wesentlich durch diese 
früheste Umgebung erklärt. Er blieb der Sohn der roten Erde sein Leben 
lang mit dem ausgeprägten Sinn für festgefügte Ordnung, wie er sich nirgends 
wieder so häufig findet als im Lande des Hofschulzen. Sein weiteres Leben 
gehört äusserlich und innerlich der Provinz Sachsen, in der er vom Jahre 
1837 bis 1875 gelebt und gewirkt hat. Als Beruf wählte S. zunächst die 
in der Zeit der Separationen und Gemeinheitstheilungen besonders reizvolle 
und einträgliche Thätigkeit des Geometers, die er bis zum Jahre 1848 in 
Genthin und Hettstädt im Mansfelder Gebirgskreis ausgeübt hat, und die er 
seines sich stetig verschlimmernden Augenleidens wegen, das ihn in seinem 



254 



Sombart. 



Alter fast erblinden Hess, schliesslich aufgeben musste. Während dieser 
Periode seines Lebens erwarb S. die feldmesserischen Kenntnisse, ohne die 
er die Hauptaufgabe seines Lebens, die practische Colonisationsthätigkeit, 
nicht hätte durchflihen können. Eine Kette von Umständen führten S. aus 
der Beamtenlaufbahn mit dem Jahre 1848 in's politische und practische Er- 
werbsleben hinein. Im Revolutionsjahr wurde er zum Bürgermeister des 
Städtchens Ermsleben am Harz gewählt, wo er dann, zunächst zwei Jahre 
als Bürgermeister, dann als Landwirth und Zuckerindustrieller bis zum Jahre 
1875 ^^ ^^^ Spitze der von ihm begründeten Zuckerfabrik thätig gewesen 
ist. Eine rege Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, vor Allem 
auch des landwirthschaftlichen und zuckerindustriellen Berufsstandes, fand 
ihren Ausdruck in der umfassenden Vereinsthätigkeit, durch die die Erms- 
lebener Jahre ausgezeichnet sind. In diese Zeit fällt auch der Eintritt S.'s 
in die parlamentarische Laufbahn: im Jahre 1861 wurde er zum ersten Male 
in das Abgeordnetenhaus gewählt, als Vertreter des Mansfelder Gebirgskreises. 
S. nahm seinen Sitz im linken Centrum und ist der damit bekundeten 
Richtung — einem gemässigten Liberalismus — während der ganzen Zeit 
seiner parlamentarischen Thätigkeit, die sich seit 1867 mehrfach auch auf 
die Mitgliedschaft des Reichstages erstreckte und erst im Jahre 1893 ihr 
Ende fand, treu geblieben. Die Wandlung der nationalliberalen Partei zu 
einer Schutztruppe des ostelbischen Agrarierthums, wie sie in den 1880 er 
Jahren sich vollzog, hat S. nicht mitgemacht: er blieb gut bürgerlich gesinnt 
bis zu seinem Ende. S.'s Antheilnahme an den Arbeiten des parlamentarischen 
Lebens blieb auf die Erörterung practischer Fragen der Agrar-Industrie- und 
Handelspolitik beschränkt; dafür waren auch seine Reden und seine Anträge 
stets durch eine grosse Sachkenntniss vortheilhaft ausgezeichnet. Den Glanz- 
punkt im parlamentarischen Leben S.'s bildete die Mitgliedschaft der Depu- 
tation des Norddeutschen Reichstags, welche am 18. December 1870 dem 
König von Preussen Namens des deutschen Volkes in Versailles die Kaiser- 
krone anzutragen berufen war. Da die parlamentarische Beschäftigung in 
dem späteren Leben S. einen immer breiteren Raum einnahm, so entschloss 
er sich im Jahre 1875 seine Stellung in Ermsleben aufzugeben und aus dem 
Erwerbsleben auszuscheiden. Er siedelte ganz nach Berlin über, w^o er bis 
zum Jahre 1897 gelebt hat. Nach dem Tode seiner (xattin, an deren Seite 
er 55 Jahre gelebt hatte, siedelte er im Jahre 1897 nach Elberfeld über, und 
starb hier im Hause seiner verheiratheten Tochter Ehrenberg im Alter von 
81 Jahren. 

Was das Andenken S.'s auch in weiteren Kreisen über seinen Tod 
hinaus wach erhalten wird, ist — neben der Special fursorge für einzelne 
Berufszweige, wie den Geometerstand , die Thierärzte etc., deren Interessen- 
vertretungen ihren Dank ihm bei Lebzeiten schon durch seine Ernennung 
zum Ehrenmitgliede ausgedrückt haben — besonders zweierlei. Einmal sein 
Verdienst um die Hebung der Zuckerindustrie und die aus der 
Zuckerindustrie sich zu vielfach neuen Formen entwickelnde 
Landwirthschaft. In die Jahre, in der S. seiner Fabrik und seinen dazu- 
gehörigen Gütern vorstand, fällt die hauptsächliche Entfaltung der modernen 
zuckerindustriellen Technik und der intensiven Landwirthschaft in Deutsch- 
land. S. hat beide durch seine Sachkunde und seine unermüdliche Energie 
fördern helfen. Seine Verdienste um die Förderung der Landwirthschaft 
fanden ihre Anerkennung in seiner Berufung in das LandesökonomiekoUegium 



Sombart. 



255 



sowie in das Directorium der 1886 begründeten Deutschen Landwii'thschafts- 
gesellschaft, dem er bis zu seiner Uebersiedlung nach Elberfeld angehörte. 
Ueber seine Verdienste um die deutsche Zuckerindustrie urtheilt das Organ 
des »Vereins der Deutschen Zuckerindustrie« in einem Nachrufe an den Ver- 
storbenen wie folgt: »Als Theilhaber der Zuckerfabrik Ermsleben wurde er 
Mitglied unseres Vereinsausschusses, später auch des Directoriums, dessen 
Leitung ihm als älterer Beirath kurze Zeit nach Riedel' s Tode oblag, bis der 
Nachfolger in Person des Geheimen Ober-Finanzraths Wollny in sein Amt 
eingeführt wurde. Wie gross Sombart' s Verdienste waren und wie sehr ihn 
seine Zeitgenossen schätzten, geht daraus hervor, dass, als er wegen seines 
Rücktritts von der Zuckerfabrik Ermsleben sein Amt niedergelegt hatte, so- 
wohl der Vereinsausschuss, als auch die Zweigvereine für Anhalt, Braun- 
schweig, Egeln, Halle, Halberstadt, Süddeutschland, Oderbruch und Pommern 
und Schlesien bei der Generalversammlung beantragten, Sombart die höchste 
Auszeichnung zu erweisen, welche der Verein überhaupt ihm ertheilen konnte, 
indem seine Ernennung zum Ehrenmitgliede vorgeschlagen wurde. Die 
Generalversammlung zu Magdeburg erhob am 16. Mai 1876 einstimmig diesen 
Antrag zum Beschluss.« Eine zweite Reihe von Bestrebungen S.'s, die seinen 
Namen in weiteren Kreisen bekannt gemacht haben und ihm einen dauernden 
Platz in der Geschichte Deutschlands sichern, sind diejenigen, die auf eine 
Förderung der inneren Colonisation in Deutschland gerichtet waren. 
Obwohl selbst Grossland wirth und Grossgrundbesitzer, gehörten die Sympathien 
S.'s doch von jeher dem Bauernstande, wie er ihn in seiner Heimath lieben 
gelernt hatte. Den Bauernstand auf Kosten des Grossgrundbesitzes in 
Deutschland zu vermehren, wurde daher immer mehr ein Lieblingsgedanke S.'s. 
Er glaubte, und wohl mit Recht, dass nur eine planmässige, zielbewusste 
Hinüberleitung der bäuerlichen Bevölkerungsüberschüsse Mittel- und West- 
Deutschlands in das menschenleere Ostelbien dieses zu der Stufe west- 
europäischer Civilisation, die die übrigen Theile Deutschlands bereits erreicht 
haben, emporzuheben vermochte. Als ein gesetzgeberisches Mittel zur Er- 
reichung dieses Zieles erschien die Wiederermöglichung der Begründung 
von Rentengütern, d. h. eine Wiederzulassung des Besitzerwerbs durch 
Rentenverpflichtung statt der Kapitalzahlung: eine Erwerbsform, die seit dem 
2. März 1850 in Preussen nicht mehr zulässig war. Den unermüdlichen Be- 
strebungen S.'s, dem zur Seite vor Allem der jetzige Finanzminister Miquel 
kämpfte, ist es zu danken, dass die preussischen Gesetze vom 27. Juli 1890 
und 7. August 1891 nicht nur die Form des Rentengutes wieder zuliessen, 
sondern auch die Mitwirkung des Staates bei der Errichtung von Renten- 
gütern, insbesondere durch das vermittelnde Eintreten der Rentenbanken, in 
Aussicht stellten. Dann waren der inneren Colonisation die Bahnen frei- 
gegeben, auf denen sie im letzten Jahrzehnt rüstig fortgeschritten ist. Was 
aber noch mehr als die Förderung der Rentengutsgesetzgebung den Antheil 
S.'s an der Entwickelung der inneren Colonisation in Deutschland zu einem 
bedeutenden macht, ist sein erfolgreiches Bestreben, durch practische Ver- 
suche die richtige Methode der Auftheilung grosser Güter in Bauerngüter zu 
finden. Schon in einer Schrift aus dem Jahre 1874 betitelt »Die Fehler im 
Parcellirungsverfahren der königlichen preussischen Staatsdomänen« hatte er 
den Nachweis zu führen versucht, dass das Problem der Parcellirung grösserer 
Güter keineswegs durch die schematische Eintheilung des Are als in eine 
beliebige Anzahl von Bauerngütern gelöst sei, sondern dass es eingehender 



256 Sombart. Jörger. 

Studien und mühsamer Vornahmen bedürfe, um aus der organischen Einheit 
eines Rittergutes eine Anzahl neuer lebenstähiger Organismen in Form grösserer, 
mittlerer und kleinerer Bauerngüter — S. hielt diese Hierarchie für jedes 
Bauerndorf für die einzig gesunde Gestaltung — hervorwachsen zu lassen. 
Es selbst aber an einem Experimente zu zeigen, wie es richtig angefangen 
werden müsse, war ihm stets lebhafter Wunsch geblieben. Ihm sollte Er- 
füllung gebracht werden, als S. im Jahre 1885 gezwungen wurde, um den 
Verlust einer daraufruhenden Hypothek zu vermeiden, das Rittergut Steesow 
in der Westpriegnitz zu erwerben. Mit unermüdlichem Eifer und einer 
seltenen Sachkenntniss, die auf geometrisches, landwirthschaftlich-technisches 
und nationalökonomisches Wissen sich gleichermaassen stützte, wurde auf diesem 
abgewirthschafteten Gute eine Bauernkolonie systematisch angesiedelt, die 
heute zu den blühendsten im deutschen Vaterlande gehört, und ein Muster 
und Vorbild für alle zukünftigen Ansiedelungen von Bauernschaften geworden 
ist. Man hat S. den »Vater der Rentengüter« genannt, und es mag nicht 
unberechtigt sein, ihn mit diesem ehrenvollen Beinamen in die Annalen der 
Geschichte einzutragen, wenn man seine gleichmässig theoretische wie 
practische Antheilnahme an dem Colonisationswerk in Berücksichtigung zieht. 

Nekrologe beim Tode S. brachten zahlreiche Tagesblätter, u. A. die :»Kölnische 
Zeitung« und die »Nationalzeitung«. Einen warm empfundenen Nachruf veröffentlichte 
sein langjähriger P'rcund, Oeconomialrath Nobbc in der Zeitschrift »Das Land« (Jahrgang 
1898). Der Nekrolog in der Zeitschrift des Vereins der deutschen Zucker-Industrie 
(Band 48, Heft 505) wurde bereits erwähnt. Daselbst ist auch ein gutes Bildniss des 
»alten Sombart« veröffentlicht. 

W. Sombart. 

Jörger, Schwester Albana, Generaloberin der barmherzigen Schwestern 
in Baden, * in Gengenbach am 17. November 1839, f ^5* April 1898 in 
Freiburg. Sie erhielt ihre Erziehung im Hause des ihr verwandten Professors 
Alban Stolz in Freiburg, wurde in Strassburg im Jahre 1860 im Mutterhause 
der barmherzigen Schwestern eingekleidet, bestand ihr Noviciat im grossen 
Spital zu Colmar und legte 1862 ihre Gelübde ab. Dann kam Schwester A. 
in das klinische Hospital nach Freiburg i. Br., wo sie während sechs Jahren 
unter der Leitung von Professor Kussmaul thätig war. Von da wurde sie 
als Oberin an das Krankenhaus in Baden versetzt, in welcher Stellung sie 
besonders während der Kriegsjahre 1870/71 eine ebenso aufopfernde als 
segensreiche Wirksamkeit ausübte. Nach 1 7 Jahren ihrer Thätigkeit in Baden 
wurde Schwester A. zur Generaloberin der Schwestern vom hl. Vincenz von 
Paul gewählt und kehrte in dieser Eigenschaft nach Freiburg zurück, wo sie 
nun vom Oktober 1884 bis zu ihrem Ableben sehr erfolgreich wirkte, eine 
Reihe von Filialanstalten für Krankenpflege gründete und 62 Stationen behufs 
der Krankenpflege in kleineren Spitälern des Landes sowie zur Privatkranken- 
pflege in grösseren und kleineren Landorten ins Leben rief. Ihre Herzens- 
güte, ihr Wohlthätigkeitssinn, ihre Gastfreundschaft und ihre echte Frömmigkeit 
erwarben ihr Verehrung und Liebe weiter Kreise. Eine unermüdliche Arbeits- 
kraft befähigte sie, den grossen Ansprüchen zu genügen, die von allen Seiten 
an sie herantraten, und war von einem hervorragenden Organisationstalent 
unterstützt. Unter den Vielen, die nach Schwester A.'s Tode der Ordens- 
genossenschaft ihre Theilnahme aussprachen, war eine der ersten die Gross- 
herzogin Luise von Baden in einem Schreiben, das die ausgezeichneten 
Eigenschaften der Entschlafenen in vollem Umfang anerkannte. 



Rossbach. 



257 



Rossbach, Georg August Wilhelm, Universitätsprofessor der klassischen 
Philologie und Archäologie, * 26. August 1823 in Schmalkalden, f 23. Juli 1898 
in Breslau. 

Er erhielt den ersten Unterricht in der Stadtschule und dem Pro- 
gymnasium von Schmalkalden, wurde sodann von seinem Vater, welcher 
Rector des Progymnasium war, weiter gebildet, bis er 1840 in die Ober- 
secunda des Gymnasiums von Fulda aufgenommen wurde. Hier übte unter den 
Lehrern Friedrich Franke, ein vortrefflicher Schüler Gottfried Hermanns und 
nachmals Rector der Landesschule zu Meissen, den grössten Einfluss auf ihn 
aus. Ostern 1 844 bezog er die Universität Leipzig, um Theologie und Philo- 
logie zu Studiren, wurde jedoch schon im ersten Semester durch Gottfried 
Hermann ganz für die Philologie gewonnen. Dieser nahm ihn schon am 
Schlüsse des zweiten Semesters in das philologische Seminar und am Anfange 
des dritten inv die griechische Gesellschaft auf. Durch Anton Westermann 
wurde er zum Studium der attischen Redner, Historiker und Alterthümer 
angeregt, durch Wilhelm Adolf Becker, dessen Amanuensis er eine Zeit lang 
war, mit Liebe zur alten Kunst erfüllt. Von Ostern 1846 an setzte er seine 
Studien an der Universität Marburg fort und zwar nicht bloss unter Theodor 
Bergk auf dem Gebiete der klassischen Alterthumswissenschaft, sondern auch 
zusammen mit seinem nachmaligen Freunde, Collegen und Schwager Rudolf 
Westphal unter Johannes Gildemeister auf dem Gebiete der vergleichenden 
Sprach- und Religionswissenschaft. Letztere Studien setzte er auch fort, nach- 
dem er im Mai des Jahres 1848 das Oberlehrerexamen bestanden hatte. Ende 
1849 ^^"^^ ^^ ^s Lehrer am Gymnasium zu Hanau ein, nahm jedoch schon 
nach einem Jahre den Abschied, um die akademische Laufbahn zu verfolgen. 
Nachdem er sich für diese mit Westphal im Hause der Eltern des Letzteren 
zu Obemkirchen in der Grafschaft Schaumburg vorbereitet hatte, ging er mit 
diesem zu Pfingsten des Jahres 185 1 nach Tübingen. Hier wurde er am 
5. Januar 1852 zum Doctor der Philosophie promovirt und am 25. März 
desselben Jahres als Privatdocent der klassischen Philologie und indogerma- 
nischen Sprachwissenschaft zugelassen. Seine Vorlesungen, welche er im 
Wintersemester 1852 begann, nahmen einen solchen Fortgang, dass er am 
7. Februar 1855 zum ausserordentlichen Professor ernannt wurde. Die all- 
gemeine Anerkennung, welche seine wissenschaftlichen Arbeiten fanden, 
brachte ihm am 27. August 1856 die Berufung an die Universität Breslau, 
an welcher er zum ordentlichen Professor der klassischen Philologie und 
Archäologie, sowie der Eloquenz, zum Mitdirector des philologischen Seminars 
und zum Director des archäologischen Museums ernannt wurde, welche 
Aemter er bis zu seinem Tode bekleidet hat, nur dass er sich 1862 von der 
Professur der Eloquenz entbinden liess. Vor seiner Uebersiedelung verheirathete 
er sich mit der Schwester seines Freundes Westphal. In Breslau wurde 
seine Thätigkeit nach verschiedenen Seiten in Anspruch genommen, am stärk- 
sten durch sein akademisches Amt. Besondere Verdienste erwarb er sich 
um das archäologische Museum der Universität; er vergrösserte die 
Räume ganz erheblich, brachte die Zahl der Gypsabgüsse auf mehr als das 
Doppelte, führte eine Neuaufstellung derselben nach kunstgeschichtlichen 
Gesichtspunkten durch, verfasste Cataloge der Sammlungen und richtete für 
die Vorlesungen und Uebungen ein Auditorium im Museum ein. Von be- 
sonderer Bedeutung für den Bestand des Museums und die Hebung der 
archäologischen Studien wurde es, dass es ihm gelang, die werthvolle Samm- 

Blogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrolog. 3. Bd. 17 



258 Rossbach, 

lung von Originalen der griechischen und römischen Kleinkunst, welche der 
Baudirector des Königs von Griechenland, Eduard Schaubert, zusammen- 
gebracht hatte, 1867 dem Museum zuzuführen. Um solche Hörer, welche 
tieferes Interesse für Archäologie zeigten, über ihre Studienzeit hinaus zu 
fördern, gründete er 1866 eine archäologische Section in der schlesischen 
Gesellschaft für vaterländische Cultur. In ihr wurden theils Referate über 
hei*vorragende neue Erscheinungen auf dem Gebiete der Archäologie erstattet, 
theils selbstständige wissenschaftliche Untersuchungen vorgelegt. Im Anschluss 
an das archäologische Museum vollzog sich auch im Winter des Jahres 1862 
unter seiner Leitung die Gründung des Vereins für Geschichte der 
bildenden Künste*, welcher die Förderung wissenschaftlicher Bildung auf 
dem Gebiete der bildenden Künste durch Vorträge, Vorlage und Publication 
von Kunstwerken und kunstgeschichtlichen Abhandlungen erstrebte und sich 
rasch zum Mittelpunkte für die Mehrzahl der Kunstkenner, Kunstfreunde und 
Künstler in Breslau entwickelte. R. leitete den Verein wie die archäologische 
Section bis zum Jahre 1869. Ersterer ernannte ihn im Jahre 1886 zum 
Ehrenmitgliede. In den Sitzungen des Vereins verfolgte er auch in den 
Jahren 1864 und 1865 den schon von Anderen ausgesprochenen, aber immer 
wieder fallen gelassenen Gedanken der Gründung einer schlesischen Kunst- 
akademie und eines Museums der bildenden Künste, war als Rector 
der Universität Mitglied der Deputation, welche am 20. November 1866 
König Wilhelm I. eine bezügliche Bittschrift überreichte, und erstattete im 
Auftrage des Oberpräsidenten Berichte über den vorhandenen Bestand an 
Kunstwerken, worauf am 30. November 1868 die Entschliessung der könig- 
lichen Staatsregierung dahin erging, dass ein Provinzialmuseum mit Meister- 
ateliers in Breslau gegründet werden solle. 

Am 28. Juni 1889 wurde R., welcher ein Freund der musica sacra war, 
auch zum Director des akademischen Instituts für Kirchenmusik er- 
nannt. Auch um dieses erwarb er sich besondere Verdienste durch Ein- 
richtung zweier confessionell geschiedener Chöre, des evangelischen Johannes- 
chors und des katholischen Cäcilienchors. Am 18. Januar 1877 wurde ihm 
der rothe Adlerorden 4. Kl., am 5. Mai 1888 der Charakter eines Geheimen 
Regierungsrathes verliehen. 

Unter seinen wissenschaftlichen Leistungen stehen diejenigen obenan, 
welche sich auf dem Gebiete der griechischen Metrik und Rhythmik 
bewegen. Schon als Student hatte er sich in diese Studien vertieft, auch 
wusste er Westphal für sie zu gewinnen und in Tübingen verband er sich 
mit ihm zur gemeinsamen Herausgabe der »Metrik der griechischen Dramatiker 
und Lyriker, nebst den begleitenden musischen Künsten«, deren ersten Theil 
die von ihm allein bearbeitete »Griechische Rhythmik« Leipzig 1854, bildete. 
Zwei Jahre darauf erschien der mit Westphal verfasste dritte Theil: 
»Griechische Metrik« (Leipzig 1856), welcher die einzelnen Metra nach den 
Rhythmengeschi echtem und innerhalb dieser nach den Stil- und Dichtungsarten 
behandelte und zum ersten Male den Grundsatz praktisch durchführte, dass 
»eine jede griechische Strophe ein Kunstwerk in vollem Sinne des Wortes 
sei, wo alles auf architectonischer Gliederung beruhe, und wo es nicht bloss 
auf den einzelnen Vers ankomme, sondern vor Allem darauf, wie der Vers 
zur Totalität der rhythmischen Composition passe.« Der zweite Band, sowie 
die zweite Auflage des ganzen Werkes (1867 und 1868) wurde von Westphal 
allein besorgt. Dagegen betheiligte sich R. wieder an der dritten Auflage, 



Rossbach. 



259 



indem er die zweite Abtheilung des dritten Bandes unter dem Titel 
»Griechische Metrik mit besonderer Rücksicht auf die Strophengattungen und 
die übrigen melischen Metra, Leipzig 1889« allein bearbeitete, wobei er es 
sich besonders angelegen sein Hess, die speciell metrische Arbeit in den 
griechischen Dichtem, den Ausbau der Lehre von den Strophengattungen, 
die Geschichte und den Gebrauch derselben, sowie die Untersuchungen über 
die Eigenthümlichkeiten der einzelnen grossen Dichter weiter fortzuführen. 
Das Verhältniss R.'s zur gemeinsamen Arbeit ist vielfach für ihn ungünstig 
beurtheilt worden, aber Westphal (Aristoxenus von Tarent, Bd. I, Leipzig 1883 
S. XVI) hat selbst erklärt, dass »R. nicht nur der einzige Urheber der ganzen 
Arbeit sei, sondern dass auch fast alle allgemeinen Gesichtspunkte, alle 
fördernden und fruchtbringenden Apercus von ihm ausgegangen seien«, wo- 
gegen R. anerkannte, dass Westphal an der Ausführung des Einzelnen mehr 
betheiligt sei, als er (Vor^^ort zur dritten Auflage der »griechischen Metrik« 
S. L). Kein neueres Werk hat sich so fruchtbar an Anregungen und Auf- 
forderung zu erneutem Durchdenken der Probleme der griechischen Metrik er- 
wiesen als dieses. Wie der Aufsatz »Rhythmengeschlechter und Rhythmopoeie« 
aus den »Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik«, abgedruckt als Beilage 
zur »Griechischen Rhythmik« Leipzig 1855 erschien, so behandelte R. die 
Metrik der aeschyleischen Chorlieder mit besonderer Rücksicht auf Textkritik 
in den folgenden Schriften der Universität Breslau: De metro prosodiaco 
(1857); de Choephororum locis nonnullis; de Eumenidum parodo (1859); de 
Eumenidum antichoriis (1860); de Persarum cantico psychagogico (1861); de 
Choephororum cantico quinto (1862). Die Geschichte der metrischen Tra- 
dition untersuchen die zwei akademischen Schriften: De Hephaestionis 
Alexandrini libris (1857) und de metricis graecis disputatio altera (1858). 

Dem Gebiete der Textkritik gehören an, die für die Bibliotheca Teub- 
neriana besorgten Ausgaben des Ca tu 11 und Tibull. Letztere (zuerst 1855 
erschienen, 1866 wiederholt) bot nur den Text mit Angabe der Abweichungen 
von Lachmanns Lesungen, (erstere 1854, 2. Auflage 1860, wiederholt 1867) 
auch eine Untersuchung über die Grundlagen der Catullkritik, in welcher 
zuerst auf die Bedeutung eines von Sillig hervorgezogenen Codex, des Ger- 
manensis, welcher seitdem eine der ersten, wenn nicht die erste Stelle unter 
den Catullhandschriften behauptet hat, hingewiesen ist. Auch eine Anzahl 
ansprechender oder anregender Conjecturen und ein neuer Versuch, die 
strophische Composition des zweiten Hochzeitsgedichtes (62.) nachzuweisen, 
war beigefügt. Die Lesarten der Pariser Codices Catulliani theilte R. aus Silligs 
Papieren in dem Universitätsprogramm zur Feier von Königs Geburtstag 
1859 mit. 

Neu war die Betrachtungsweise, welche er in den »Untersuchungen 
über die römische Ehe, Stuttgart 1853« in die Disciplin der sogenannten 
Privatalterthümer einführte, indem er den bisherigen antiiiuarischen Standpunkt 
durch den historisch -vergleichenden ersetzte. Auch dieses Werk ist die 
Grundlage, auf welcher sich die Untersuchungen über die Eheverhältnisse bei 
andern indogermanischen Völkern aufgebaut haben, sowie das Vorbild für 
Forschungen auf verwandten Gebieten geworden. Eine Ergänzung dieser 
»Untersuchungen« nach der kunstgeschichtlichen Seite hin, bilden die 
»Römischen Hochzeits- und Ehedenkmäler, Leipzig 1871«, insofern in dieser 
Frucht des 1869/70 in Italien verlebten Winters diese Denkmäler als Erzeug- 
nisse griechisch-römischer Kunst behandelt wurden. 

17* 



26o Rossbach. Seidl. 

Während das »Verzeichniss der Gypsabgüsse und Originalen antiker 
Bildwerke im Königlichen Museum für Kunst und Alterthum an der Uni- 
versität Breslau, 1861& nichts andres als ein Verzeichniss sein wollte, gab 
die Neubearbeitung desselben, welche unter dem Titel »Das archäologische 
Museum an der Universität zu Breslau, zweite Auflage«, Breslau 1877 erschien, 
zugleich eine kurze Anleitung zum Verständniss und Genuss der Kunstwerke, 
lieber die Bedeutung, welche R. den archäologischen Museen als »ästhetischen 
Volksschulen« beimass, sprach er sich in einer Reihe von Artikeln der 
»Schlesischen Zeitung« von 1877 (Nr. 174, 176, 178, 180) aus. 

Der Mythologie gehörte seine Habilitationsschrift »Peirithoos und 
Theseus«, Tübingen 1852 an. Sie zeigt ihn, ähnlich wie Adalbert Kuhn und 
Max Müller, bemüht, der naturalistischen Erklärung der griechischen Mjlhen 
durch Vergleichung mit denen der übrigen indogermanischen Völker eine 
breitere Basis zu geben. Ein grosses Werk über »Griechische Religions- 
geschichte«, zu welchem er bald nach seiner Rückkehr aus Italien den Plan 
fasste, ist unausgeführt geblieben, doch giebt die Ankündigung, welche er fiir 
die »Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in Leipzig 187 1 
Nr. 3« schrieb, eine ausführliche Skizze des auf drei Bände berechneten 
Werkes. Der erste Band sollte die Perioden der griechischen Religions- 
geschichte, der zweite das Göttersystem und die Heroensage, der dritte die 
religiöse Ethik und den Cultus behandeln. Da in R. die theologische Ader 
stark schlug und er gerade auf diesem Gebiete umfassende Studien gemacht 
hatte, ist das Bedauern, dass das Werk ungeschrieben geblieben ist, durchaus 
gerechtfertigt. 

Als ein treuer Verfechter und beredter Verkündiger der Ideale klassischer 
Bildung steht R. vor dem geistigen Auge einer ungezählten Schaar verehrungs- 
voller Schüler und Freunde: aber auch alle andern, welchen die Alterthums- 
wissenschaft am Herzen liegt, die Universität Breslau und weite Kreise 
Schlesiens werden seiner in steter Dankbarkeit gedenken. Schon sind die 
Vorbereitungen getroffen, sein Bildniss an der Stätte seiner Wirksamkeit, im 
archäologischen Museum zu Breslau, zur Aufstellung zu bringen. 

Eine kurze, zum Theil auf Aufzeichnungen des Verstorbenen beruhende Darstellung 
seines Lebens und Wirkens hat der Unterzeichnete in der »Schlesischen Zeitungc 1S98, 
Nr. 595, eine ausführlichere in der »Chronik der Königlichen Universität zu Breslau», 
Jahrgang 13 (Breslau 1899) S. 123 — 146 gegeben. Ueber seine Schul- und Universitäts- 
zeit theih F. Zwenger im 7. Jahrgang der Zeitschrift »Hessenland« (Cassel 1893) S. 225 
einiges mit. 

Breslau. Richard Foerster. 

Seidl, Anton, Capellmeister, ♦ 7. Mai 1850 in Budapest, f 28. März 1898 
in New-York. Genoss seine musikalische Ausbildung in Leipzig, dessen 
Conservatorium er 1870 — 72 besuchte. Auf Empfehlung R. Wagners engagirte 
ihn A. Neumann als Capellmeister für die Leipziger Oper; auf den von 
Neumann veranstalteten Wagner-Ensemble-Reisen wurde S. rasch berühmt. 
Er dirigirte auf einer solchen Reise im Victoria-Theater zu perlin zum ersten 
Male die Nibelungen. Nachdem er einige Jahre in Bremen gewirkt, ging er 
1885 nach New-York, wo er an der Spitze des dortigen deutschen Orchesters 
das musikalische Leben dieser Stadt beherrschte und führte. 1886 und 1897 
betheiligte er sich an der Leitung der Bayreuther Festspiele. Er war mit 
der früheren Wiener Hofopemsängerin Krauss vermählt. 

Richard Heuberger. 



Hager. Zeller. Mayer. 261 

Hager, Johannes (eigentlich Johannes von Hasslinger-Hassingen) 
* 24. Februar 1822 in Wien, f 9. Januar 1898 in Wien, Componist, bildete 
sich in Wien unter Sechter, machte sich zuerst durch melodiöse Lieder und 
Kammermusikwerke bekannt und zählte eine Zeitlang zu den Modecomponisten. 
Etliche Opern »Jolanthe« (1849) ^"^ »Marflfa« (Premiere Wien, Hofoper 1886) 
konnten sich trotz meisterhafter Mache keine allgemeine Geltung verschaffen. 
Im Anfange der 90 er Jahre veröffentlichte H. noch — sehr interessante — 
Symphonische Variationen für Orchester und eine Serie schätzbarer Ciavier- 
sachen. V— H. war seines Zeichens eigentlich Beamter und beschloss seine 
diesbezügliche Carri^re als Hofrath und Chef des Dechiflfriramtes des k. k. 
Ost. Ministerium des Aeusseren. Er war mit der Tochter des bekannten 
Componisten Hoven (eigentlich Freiherr Vesque von Püttlingen) vermählt. 

Richard Heuberger. 

Zeller, Carl, Dr., Componist, ♦ 1842 zu St. Peter in der Au (Niederöster- 
reich), f 17. August 1898 in Baden bei Wien. Studirte in Wien die Rechte, 
l)romovirte hier und trat in den Staatsdienst, in dem er es zum Hofrath im 
Unterrichtsministerium brachte. Seine Thätigkeit als Componist begann Z., 
indem er für den Wiener Academ. Gesangverein seine Chorwerke »Die 
Thomasnacht« und »Scenen aus dem Cölner Narrenfest« schrieb. Seine erste 
Operette »Joconde« hatte insofern noch einen academischen Anhang, indem 
Studenten (Mitglieder des genannten Gesangvereins) in den ersten Aufführungen 
mitwirkten, bis die Unterrichtsbehörde Einsprache erhob. Weitere Operetten 
von Zeller sind: »Capitän NicoU, »Der Vagabund», »Der Vogelhändler« 
(10. Januar 1891 Theater a. d. Wien) und »Der Obersteiger«. Die zwei 
letzgenannten Werke sind über alle Bühnen gegangen. Z. schrieb leicht 
und gefällig. 

Richard Heuberger. 

Mayer, Benjamin Wilhelm (Pseudonym W. A. Remy), Componist und 
Musikpädagog, ♦ 10. Juni 1831 in Prag als Sohn eines Advokaten, 
t 23. Januar 1898 zu Graz in Steiermark, besuchte das Gymnasium und 
nebenher die Orgelschule, an welcher er den theoretischen Unterricht 
C. F. Pietschs genoss. Schon damals trat er mit einzelnen Compositionen, 
u. A. mit einer Ouvertüre, in die Oeffentlichkeit, bezog aber dann auf Wunsch 
seines Vaters die Universität und promovirte 1855 zum Doctor juris (der 
berühmte Aestetiker Ambros, damals Staatsanwalt in Prag war sein »Opponent« 
bei der »Disputation«), wirkte 1856 — 1861 als Staatsbeamter in Budapest 
und wurde erst ausschliesslich Musiker, als er 1862 nach Graz berufen wairde, 
um die Direction des dortigen »Steierm. Musikvereins« zu übernehmen. 
Seine Vorgänger auf diesem Posten waren August Pott (provisorisch) und 
vordem Josef Netzer. M. hatte die Orchester -Concerte des Vereins, sowie 
die Musik-Schule desselben zu leiten und hat sich in beiden Richtungen 
mannigfaltige Verdienste erworben. 1870 trat M. von seiner Stellung zurück 
und widmete sich einzig und allein dem Unterrichte. Als Componist schuf 
M. in erster Linie fürs Orchester — Zeugen dieser Vorliebe sind 3 Symphonien 
(davon eine für kleines Orchester), eigen thümliche Sachen, die einen Mittel- 
weg zwischen rein formaler und ausgesprochener Programm-Musik suchen, 
eine symphonische Dichtung »Helena«, eine Ouvertüre zu Byrons »Sardanapal«, 
eine Orchesterphantasie. — Feine, geistreiche Chorwerke sind: »Slavisches 



202 Mayer. Schul hoff. Oesterlein. Klein. 

Liederspiel« (nach Texten von Kapper), »Oestliche Rosen« (nach Rückert> 
»Wald-Fräulein« (Text nach Zedlitz von Rob. v. Spiller). Von den Schülern 
M.'s sind zu nennen F. Busoni, K. Grengg, R. Heuberger, Wilh. Kienzl 
und Felix Weingartner. Der Unterricht M.'s war, abgesehen vom rein 
Musikalischen, überaus anregend durch die Freigebigkeit, mit der M. Jüngere 
an den Schätzen seiner tiefen und allgemeinen Bildung theilnehmen Hess. 
Im griechischen Alterthume z. B. war M. so wohl bewandert, dass er Comödien 
des Aristophanes ohne Commentar mit vollem Verständnisse aller Anspielungen 
lesen konnte. M. schrieb eine Zeitlang gehaltvolle Aufsätze über Musik für 
die Grazer »Tagespost«. 1891 erhielt M. den Franz Josephorden. 

Richard Heuberger. 

Schulhoff, Julius, Pianist und Pianofortecomponist, * 2. August 1825 in 
Prag, t 15. März 1898 in Berlin. Studirte in Prag bei Kisch das Clavierspiel, 
bei Tomaschek Harmonielehre und Contrapunkt. Thalberg war sein Vorbild, 
dem er nachstrebte. Mit 17 Jahren begab er sich nach Paris, wo er eifrig 
an seiner Ausbildung arbeitete, machte ausgedehnte Concertreisen nach 
Oesterreich, Deutschland, Russland, Frankreich und England, zog sich aber 
bald von der öffentlichen Thätigkeit zurück und richtete sich ein Heim in 
Paris ein, wo er bis zum Jahre 1870 als vielgesuchter Lehrer wirkte. Der 
Krieg verscheuchte ihn aus Frankreich. Seh. Hess sich in Dresden nieder, 
das er erst wenige Jahre vor seinem Tode verliess, um sich in Berlin anzu- 
siedeln. Seh. war ein eleganter, sorgfältiger Spieler und Componist. Manche 
seiner Saloncompositionen, so z. B. »Galop di bravura«, »Walzer«, »Cameval- 
Variationen« etc. sind berühmt geworden. Richard Heuberger. 

Oesterlein, Nicolaus, musikwissenschaftlicher Sammler und Schriftsteller, 
* 4. Mai 1842 zu Wien, f 8. October 1898 zu Wien. Wählte zuerst die 
technische Laufbahn, widmete sich später dem kaufmännischen Stande und 
war jahrelang bei einer grossen Wiener Firma als Disponent thätig. Machte 
sich als eifriger Anhänger der Wagner-Bewegung zuerst durch lebhafte, werk- 
thätige, uneigennützige Agitation für das Zustandekommen der Bayreuther- 
Festspiele bekannt; 1876 veröffentlichte er zwei kleine Schriften: »Bayreuth, 
eine Erinnerungsskizze« und »Die Walküre und das Rheingold in Wien mit 
Einblick auf das Bühnen festspiel zu Bayreuth 1876«. Nebenher war Oe. 
unablässig thätig, alles auf R. Wagner Bezügliche nach und nach zu erwerben. 
Er sammelte Tausende von Zeitungen, Bildern, Büchern, Partituren u. s. w, 
und vermochte so ein Wagner-Museum zusammenzubringen, das er — in 
einem Theile seiner Privatwohnung untergebracht — alsbald (am 3. April 1887) 
dem öffentlichen Besuche zugänglich machte. Nach langen Bemühungen, die 
für einen Einzelnen nicht mehr zu bewältigende Fortfuhrung des angefangenen 
Werkes in andere Hände zu legen gelang es Oe. vor mehreren Jahren 
(1897), die ganze Sammlung nach Eisenach zu verkaufen. Sein Museum hat 
er in einem dreibändigen Werke: »Catalog einer Wagner -Bibliothek« be- 
schrieben, Richard Heuberger. 

Klein, Carl, Pfarrer, Volksschriftsteller, * 31. Mai 1838 zu Hirschland 
(Deutsch-Lothringen), f 29. April 1898 zu Kaufbeuren. Dem Sohne eines armen 
Volksschullehrers gelang es durch entbehrungs vollen Fleiss, auf dem Pariser 
College und dem theologischen Studienstift St. Thomas zu Strassburg, wo er 



Klein. 263 

durch Leetüre Luthers und der deutschen Mystiker sich gegen den dortigen 
^Rationalismus zum lebenslang positiv dogmenstarken Geistlichen festigte, die 
gewählte Laufbahn durchzuführen. 1860 Pfarrverweser in Bühl (U.-Elsass) 
geworden, 1862 Vicar für deutschsprechende Evangehsche in Paris, in Ge- 
fängnissen und Spitälern, während der Cholera missionarisch thätig, ward er 
für die Heimsuchungen gestählt, die ihm nach der Februar 1867 erfolgten 
Anstellung zu Fröschweiler im U.-Elsass der Krieg von 1870 bringen sollte. 
r>essen Schrecken, gerade unmittelbar neben K.'s Wirkungskreis am 6. August 
mit der Wörther Schlacht furchtbar einsetzend, zaubert seine unparteiische, 
aber warmblütige, theilweise hinreissende »Fröschweiler Chronik« vor unsere 
Augen. Die Geschehnisse jener Tage sind der Höhepunkt in K.'s Lebens- 
drama. Im September 1876 besuchte Kaiser Wilhelm I. die auf K.'s 
Betrieb für die zerschossene errichtete »Friedenskirche« , und des Freih. 
V. Löffelholz daselbst verwahrtes künstlerisches »Helden- und Todtenbuch« 
mit K.'s Kriegschronik der Fröschweiler Ereignisse erregte sein und seiner 
Begleiter Interesse. Kurz danach (oder eben vorher) gewannen zwei Nörd- 
linger Pädagogen beim Besuche der Schlachtgegend von K. die Zusage zur 
Veröffentlichung des Manuscripts, die noch im November als »Fröschweiler 
Chronik, Kriegs- und Friedensbilder aus dem Jahre 1870« bei Beck in 
Nördlingen (jetzt München) erfolgte. Durch letzteren, ihm dann persönlich 
nahe tretenden Verleger, der sich um die weiteste Verbreitung des Büchleins 
bemühte, und jene Herren ward K. , in seiner kirchlichen Orthodoxie bei 
aller individuellen Weichheit von den bezüglichen — er war Diöcesanvor- 
stand geworden — von ihm mitgefiihrten Kämpfen im Heimathslande hart 
getroffen, auf die alte Reichsstadt am Ries hingewiesen: 1882 erhielt er 
auf Bewerbung die protestantische Hauptpredigerstelle daselbst, kurz darauf 
die Function als Decan, auch als Districtsschulinspector und Vorstand einer 
Präparandenschule. Aus dieser energisch und ergebnissreich besorgten 
Wirksamkeit entriss ihn, zum tiefsten Bedauern aller beteiligten Kreise, 1885 
eine alte mit Rothlauf ausbrechende Krankheit für immer den Seinen im 
engem und weitern Sinne. Nach 13 jährigem, öfters durch Lichtblicke erhellten 
Aufenthalte in der Irrenanstalt zu Kaufbeuren starb er; in Nördlingen wurde 
er, aus hochachtungsvoller Rücksicht äusserlich im Amte belassen, äusserst 
feierlich beigesetzt. — 

K.'s »Fröschweiler Chronik« schlug vor Weihnacht 1876 zündend ein: 
in 14 Tagen vergriffen, erlangte sie bis heute 16 Auflagen, dazu eine (von 
Ernst Zimmer fast congenial und aus Augenschein) illustrirte Jubel(quart)aus- 
gabe 1897; nach Karl Gerok ist sie eine eigenartige tieferschütternde Leetüre. 
K.'s Buch »Vor dreissig Jahren. Eine alte Geschichte für unsere neue Zeit, 
unserm Volk zu Nutz erzählt« (1880) bietet in einer zwischen B. Auerbach 
und Rosegger liegenden Selbstständigkeit höchst ansprechende Erinnerungen 
von 1848 — 52 in Erzählungsform. 

»Zur Erinnerung an den k. Dekan und Hauptprediger Carl Klein in Nördlingen, 
Verfasser der »Fröschweiler Chronik« (Nördlingen, Privatdruck von C. H. Beck 1898: 
neben drei Einsegnungsreden ein »Lebenslauf, verlesen von Vicar Bruglocher« S. 20 — 25). 
»Beilage z. Allgem. Ztg.«, No. 113 v. 21. Mai. Lebensskizze mit Bildnis im »Daheim«, 
34. Jahrg., 1898 Nr. 43 (von Karl Hackenschmidt, aus persönlicher Bekanntschaft) und 
danach verkürzt »Daheim-Kalender 1900«, S. 251 f. (hier Geburtsort verdruckt). Ausführ- 
licheres Lebens- und Charakterbild vom Unterzeichneten im Druck. Vgl. das Feuilleton 
Frz. Servaes' i. d. »Neuen Fr. Presse« Wien vom 31. Mai 1899. 

Ludwig Fränkel. 



264 E*5«r. 

Esser, Hermann, Grossh. Badischer Baudirector, * zu Cö!n am 19. Januar 
1H40, T zu Karisruhe am 2- April 1898. Auf der technischen HociBcbiile 
zu Hannover und unter Redtenbachers flinfluss auf dem Karlsruher Poly- 
technicum lag FI. mit grossem Eifer dem Studium des Maschinenbaues ob 
und vertiefte und en»'eiterte während eines längeren Aufenthaltes in England 
in der Praxis die erworbenen soliden, theoretischen Kenntnisse. Er war in 
verschiedenen grossen Maschinenfabnken Englands in leitenden Stellungen 
thatig, als deren bedeutendste wohl jene des ersten Constructeurs in der Fabrik 
von John Hetherington and Sons in Manchester anzusehen ist. Von 1867 
an im Dienst der badischen Staats-Eisenbahnverwaltung, wirkte E. zimächst 
als Maschineningenieur in Heidelberg, seit 1874 als Obermaschinenmeister 
der Eisenbahn hau ptuerk Stätte in Karlsruhe. Das seiner Leitung anvertraute 
Institut bildete er in dieser Amtsstellung so vortrefflich aus, dass es im In- 
und Ausland als mustergiltig betrachtet wurde. Nicht minder gross war E.'s 
Verdienst durch die Art und Weise, in welcher er sein Verhältniss zu der 
grossen Schaar der ihm untergebenen Arbeiter auszugestalten verstand. Ein 
aus wahrer Humanität entspringendes Wohlwollen, eine nie in Zweifel gesetzte 
(jcrcchtigkeit, eine »schlichte Vornehmheit« — wie ein Fachgenosse sich 
treffend ausdrückte — dabei doch eine unbeugsame Festigkeit in Durchführung 
des als nothwendig Erkannten, verbunden mit einer unerschütterlichen und 
— weil ungesucht — imponirenden Ruhe waren die Factoren, welche ihm 
Achtung, Vertrauen und Zuneigung der Arbeiter gewannen. Durch diese 
Eigenschaften vermochte er mit Erfolg der auch in diesem staatlichen Betriebe 
nitfht ausbleibenden Agitation entgegenzutreten, so dass in diesem nie eine 
ernstliche Störung eintrat. Im Jahre 1891 zum Mitglied der Generaldirection 
der badischen Staatseisenbahnen imd Vorstand der maschinentechnischen 
Abtheilung dieser Behörde ernannt, hatte E. sich neue wichtige Aufgaben 
gestellt, die er in ausgezeichneter Weise löste. Es sei davon nur hervor- 
gehoben die Noth wendigkeit, in Folge der seit Beginn der 1890er Jahre 
erheblich gesteigerten Anforderungen an die Schnelligkeit der Bahnzüge, 
besseres Maschinenmaterial zu beschaffen und die Berücksichtigung der 
Fortschritte der Elektrotechnik, die auf dem gesammten Bahnbetrieb nicht 
ohne Einfluss blieben. Mit grosser Umsicht und unerschütterlichem Eifer 
widmete er sich all den Vorkehrungen, die dabei insbesondere in der 
Richtung erforderlich waren, den stets neuen Erscheinungen auf tech- 
nischem Gebiet, deren Prüfung durch Versuche ihm eine Lieblingsbe- 
schäftigung war, in ihrer Bedeutung für den praktischen Betrieb gerecht 
zu werden. 1896 übernahm E., zum Baudirector ernannt, die Leitung 
der gesammten technischen Abtheilung der Generaldirection und damit 
eine wesentlich erweiterte Amtsthätigkeit mit der gleichen Intensität des 
Wirkens, die er in allen seinen Stellungen bewährt hatte. Aber damit 
muthete er seinem durch ein altes Herzleiden, das sich von Zeit zu Zeit 
durch peinliche Anfälle bemerklich machte, geschwächten Körper zu viel 
zu. Solche Anfälle wiederholten sich jetzt öfter, und da er mit seltener 
Willenskraft, diesen Mahnungen zum Trotz, wie ein Gesunder weiter 
arbeitete, nahm ihn eines Abends, als er aus seinem Amt nach Hause ge- 
koriimen war, fast ohne dass er des nahenden Endes gewahr wurde, ein 
sanfter Tod hinweg. Die echte Herzensbildung, welche dieses Leben ver- 
klärte, die nie versagende Liebenswürdigkeit, die seinen Verkehr auszeichnete, 
hatte ihm viele Freunde gewonnen, die mit der Wittwe, Mary Steinhäusser, 



Esser. Seemann. Bäumer. 265 

mit welcher er sich 1868 vermählt hatte, tieferschüttert an seinem Sarge 
trauerten. 

Vgl. »Karlsruher Zeitung« 1898 No. 136. 

F. V. Weech. 

Seemann, Theodor, Kunstschriftsteller imd Lehrer der Kunstgeschichte, 
* Göttingen 17. Juli 1837, f 30. Januar 1898 in Dresden. S. studirte in 
seiner Vaterstadt und in Halle Theologie und Kunstgeschichte. Hierauf begab 
er sich fiir längere Zeit auf Reisen und übernahm dann mehrere Hauslehrer- 
stellen in vornehmen Häusern. Seit dem Jahre 1867 lebte er als Schrift- 
steller in Dresden. Er war unter Anderem Redacteur an der »Constitutio- 
nellen Zeitung« und an der »Dorfzeitung« und begründete die »Deutschen 
Kunstblätter« und das »Universum«. Im Jahre 1892 wurde er Mitarbeiter 
an der »Dresdener Rundschau«, für die er unter der Maske des »Geheimen 
Commissionsraths Pippich« eine lange Reihe satirischer Briefe schrieb, die im 
Wesentlichen allerhand Missstände des Dresdener öfFendichen Lebens 
geisselten. Zerwürfnisse mit der Leitung des Blattes bestimmten ihn, diese 
Thätigkeit aufzugeben und die »Dresdener Montagspost« ins Leben zu rufen, 
in der er ähnliche Tendenzen weiter verfocht, bis ihn ein rascher Tod von 
der Fortführung seiner Gründung abrief. Neben seiner journalistischen Arbeit 
betrieb er eifrig den Unterricht in der Aesthetik, Litteratur und Kunstgeschichte. 
Er war in zahlreichen Dresdener Mädchenpensionaten ein geschätzter Lehrer 
und wusste seine Zuhörerinnen durch seine populäre Vortragsweise zu fesseln. 
Hand in Hand damit ging eine ausgebreitete Wirksamkeit als Kunstschrift- 
steller, als welcher er eine lange Reihe von Büchern veröffentlichte, deren 
Inhalt allerdings weder tief ist, noch an überflüssiger Genauigkeit leidet. Da 
sie Kürschners Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1898 sämmtlich 
verzeichnet und keines einen höheren wissenschaftlichen Werth beanspruchen 
kann, ist es nicht nöthig, sie hier im Einzelnen anzuführen. Auch als Kunst- 
kritiker versuchte sich S. Er schrieb Jahre lang unter dem Zeichen: -^y ^^^ 
den »Dresdener Anzeiger«, und erst wenige Wochen vor seinem Ende kam 
sein Verhältniss zu dieser Zeitung zur Lösung. Da S. keine feste eigene Ueber- 
zeugung hatte und leicht durch die verschiedenartigsten Einflüsse zu bestim- 
men war, hatte seine Thätigkeit in dieser Richtung keine grosse Bedeutung. 
Ein Förderer des Fortschrittes in der Dresdener Kunstbewegung war er 
wenigstens in der letzten Zeit seines Lebens nicht; eher Hesse sich das 
CJegentheil davon behaupten. Dagegen spielte er in dem gesellschaftlichen 
Leben Dresdens eine gewisse Rolle. Er war in vielen Kreisen, die mit der 
Presse und der Kunst in Verbindung stehen, beliebt und geehrt, da sein 
unausgesprochenes Wesen und seine temperamentlose Liebenswürdigkeit wie 
geschaffen für die Dresdener Verhältnisse war. 

Vgl. »Dresdener Rundschau« 1898, VII, Nr. 6, S. 1 — 2. — »Kunstchronik« Leipzig 
i897/9g, N. F. IX, Nr. 15, S. 249. 

H. A. Lier. 

Bäumer, Th. Heinrich, Bildhauer, * Warendorf in Westfalen am 
25. Februar 1836, f Dresden am 26. April 1898. B. war der Sohn eines 
Tischlers und bildete sich ohne eigentliche künsderische Anleitung vom 
Modelleur zum Bildhauer fort. Zuerst in Münster und seit dem Jahre 1859 
bis 1866 als Gehülfe und Schüler bei dem Bildhauer Schwenk in Dresden 



266 Bäumer. Zimmermann. 

thätig, machte er sich zuerst durch die im Auftrage der Königin von England 
gearbeitete lebensgrosse Figur eines Salomo bekannt, die für das Mausoleum 
des Prinz-Gemahls bestimmt war. Im Sommer 1866 siedelte er nach Rom 
über, wo er mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seiner dauernden Nieder- 
lassung in Dresden weilte. Ausser einer humoristischen Blumenfigur 
^^Männekenpiss« schuf er in jenen Jahren die Gruppe von »Zeus und Prome- 
theus« für das Kgl. Hoftheater in Dresden, sowie einige Reliefportraits und 
verschiedene Figuren für Kirchen. Für den Justiz-Palast in Dresden lieferte 
er im Auftrage des sächs. Justiz-Ministeriums die Statuen der Gerechtigkeit, 
der Schuld und der Unschuld, sowie zwei weitere Einzelfiguren. Aehnliche 
allegorische Figuren von seiner Hand finden sich auch im Justiz-Gebäude zu 
Chemnitz. Aus den Mitteln der Hermann-Stiftung wurde die Marmorgruppe: 
»Venus droht Amor die Flügel zu stutzen« in den Anlagen der Dresdener 
Bürgervereine hergestellt. In Folge einer von der Tiedge-Stiftimg aus- 
geschriebenen Concurrenz erhielt er den Auftrag für einen Zierbrunnen in 
Zittau, der die Zittavia und die vier Nischenfiguren des Gartenbaues, des 
Handels, der Wehrkraft und der Industrie darstellt. Die letzte umtängliche 
Arbeit des Künstlers war eine Überlebensgrosse Büste des Königs Albert von 
Sachsen. Sie trug ihm noch kurz vor seinem Ende die Ernennung zum Kgl. 
Professor ein. — B. gehörte seiner künstlerischen Richtung nach der älteren 
Dresdener Bildhauerschule an, die weniger Werth auf die Charakteristik, als auf 
die Schönheit der Linienführung und auf die Anmuth den Ausdruck legte. 
Deshalb gelangen ihm, wie die Ausstellung seines Nachlasses im sächsischen 
Kunstverein deutlich zeigte, genrehafte Figuren und Figürchen (Susanna, 
Amors Freude über zwei sich schnäbelnde Täubchen, Sandalenbinderin 
u. s. w.) weit besser als monumentale Aufgaben, in denen er meist steif, wenn 
nicht sogar langweilig blieb. 

Vgl. »Das geistige Deutschland am Ende des XIX. Jabrbiinders.« 1. Bd. Die Bil- 
denden Kunstler. Leipzig, Berlin 1898. 8* S. 24. — »Dresdener Anzeigerc Tom 28. April 
1898. S. 27 — »Kunstchronik«, Leipzig 1897/98 N. F. IX, 391, 406, 407, 410. — »Die 
Kunst fUr Alle.« München 1897/98. XIII, S. 269. xj a t * 

Zimmermann, Cuno Moritz, Pastor, * 17. März 181 5 in Dresden, 
f 28. Februar 1898 ebendaselbst, war der Sohn des Stadtrichters A. B. Zim- 
mermann, Nachdem er seinen Vater bereits in seinem 13. Jahre verloren 
hatte, bezog er zu Ostern 1829 die Fürstenschule zu Meissen, die er schon 
nach sVa Jahren zu Michaelis 1834 als Primus omnium mit den besten Zeug- 
nissen verliess. Er studirte in Leipzig Theologie und nahm dann im Jahre 
1838 eine Hauslehrerstelle bei dem Fürsten Löwenstein-Wertheim in Berlin 
an, wo er Gelegenheit hatte, Vorlesungen Neanders zu hören, imd sich ileissig 
mit dem Studium der Philosoi)hie und dem der Schriften Schleiermachers 
beschäftigte. Seit dem Jahre 1840 wirkte er als Lehrer an dem damals 
renomirten Krauseschen Institut in Dresden. Erst im Jahre 1846 konnte er 
in das geistliche Amt eintreten. Er wurde Vicar zu St. Nicolai in Chemnitz 
und bald darauf Diaconus bei St. Jacobi und von dort im Jahre 1854 zum 
Pfarrer nach Döbeln berufen. In seiner religiösen Ueberzeugung stand er 
auf dem Bekenntniss des strengsten Lutherthums, zu dessen Vorkämpfer er 
sich berufen fühlte. In diesem Sinne begründete er im Jahre 1859 gemein- 
schaftlich mit Leonhardi ein Monatsblatt zum homiletischen Studium und zur 
Erbauung, das unter dem Titel: »Gesetz und Zeugniss« in Leipzig bei Teubner 



Zimmermann. Hermann. Hammer. 267 

erschien. Aus ihr entwickelten sich mit dem Jahre 1871 die »Pastoralblätter«, 
die er bis kurz vor seinem Tode redigirte. Die Zeitschrift gewann in den Kreisen 
der strengen Lutheraner grossen Einfluss, da die sogenannten Säulen der 
lutherischen Kirche wie Luthard, Ahlfeld, Stählin, Langbein, Delitzsch, Harless, 
Meurer und Rüling eifrige Mitarbeiter an ihr wurden. In den Jahren von 
1863 — 1886 entfaltete er eine reich gesegnete Amtsthätigkeit als Pfarrer zu 
Seifersdorf bei Rabenau. Auf den Conferenzen und kirchlichen Versamm- 
lungen sowie auf der Synode spielte er unter seinen Amtsbrüdern eine be- 
deutende Rolle. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm die theolo- 
gische Facultät der Universität Leipzig den Titel eines Licentiaten der Theo- 
logie. Auch war Z. Ritter des Albrechtsordens erster Classe. Nach seiner 
Pensionirung im Jahre 1886 zog sich Z. nach Dresden zurück, wo er noch 
12 Jahre geistig rege und arbeitsfreudig lebte und noch im Jahre 1897 seine 
goldene Hochzeit feiern durfte. 

Job. Cuno Zimmermann, Gedächtnissrede beim Begräbnisse des Herrn Pastor em. 
I.ic. theol. Cuno Zimmermann. Leipzig o. J.(i898). 8^. — »Afranisches Ecce« 1898. 3. Heft. 
Bearbeitet von Gustav Türk. Mcissen 1899. 8'\ S. i6~2i. — »Amtskalender für evangelisch- 
lutherische Geistliche im Königreich Sachsen auf das Jahr 1899«. Frankenberg o. J. (1898). 

^"' ^' ^'3. H. A. Lier. 

Hermann, Wilhelm Theodor, Secretär der Handels- und Gewerbe- 
kammer in Dresden, * i. September 1839 *^ Bautzen, f 14. Juni 1868 in 
Dresden. H. war der Sohn des Kgl. Sachs. Kreis -Amtmanns Carl Otto 
Ferdinand H. In der Knabenerziehungsanstalt der Brüdergemeine zu Niesky 
bei Görlitz und auf der Fürstenschule St. Afra zu Meissen vorgebildet, bezog 
er zu Michaelis 1858 die Universität I^eipzig, um sich dem Studium der 
Philologie zu widmen, vertauschte dasselbe jedoch bereits im Jahre 1859 mit 
dem der Bergwissenschaften, zu welchem Zwecke er nach Freiberg i. S. über- 
siedelte. Nach Vollendung seiner Studien ging er im Jahre 1863 nach Chile 
und später nach San Francisco, wo er vorzugsweise auf dem Gebiete chemi- 
scher Erzbereitung und in der Schmelztechnik thätig war. Nach seiner Rück- 
kehr nach Deutschland im Jahre 1878 privatisirte er längere Zeit in Dresden, 
übernahm aber am i. Januar 1884 eine Hülfsarbeiterstelle bei der Handels- 
und Gewerbekammer in Dresden, die er inne hatte, bis ihm schon im Jahre 
1886 das Secretariat der Kammer übertragen wurde. Diesen Posten be- 
kleidete er bis an sein Ende und wusste sich durch seine gediegenen Kennt- 
nisse und seinen practischen Blick, die ihm bei der Abfassung der Kammer- 
berichte sehr zu Statten kamen, einen geachteten Namen bei den Kammer- 
mitgliedern und Berufscollegen zu erwerben. Mit mehr als gewöhnlicher 
Fachbildung ausgerüstet, nahm er auch an Fragen des öffentlichen Lebens 
und wissenschaftlichen Erörterungen, die seinen verschiedenen Berufen zunächst 
fern standen, lebhaften Anteil. In Gemeinschaft mit H. Ermisch verfasste er 
den Aufsatz: »Das Freiberger Bergrecht« im Neuen Archiv für sächs. Ge- 
schichte und Alterthumskunde Dresden 1882 III, 118 — 151. 

Vgl. »Afranisches Ecce« 1898. 3. Heft. Bearbeitet von G. Türk. Meissen 1899. 
S. 51. 52. — Bericht der Handels- und Gewerbekammer Dresden auf das Jahr 1898. 
Dresden 1899. I. 70-71. H. A. Lier. 

Hammer, Guido, Jagdmaler, * 4. Februar 1821 in Dresden, f 27. Januar 
1898 ebendaselbst. H. war der Sohn eines sächsischen Ministerialbeamtens. 



208 Hammer. 

Die Schule besuchte er nur mit Widerwillen, da ihm ein grämlicher Rector 
die Lust am Lernen verleidete. Schon als Knabe trieb er sich am liebsten 
im Walde herum und eignete sich grosse Geschicklichkeit im Fangen von 
Fischen, jungen Vögeln, Eichhörnchen, Igeln und dergleichen Gethier mehr 
an. Seine liebsten Gesellschafter waren Vogelsteller von Profession, Feld- 
und Waldhüter und sonstige oft recht problematische Naturen, mit denen zu- 
sammen er namentlich in der Dresdener Haide, Sprenkel, Dohnen imd Fallen 
zu stellen, ja gelegentlich auch schon mit dem Gewehr zu jagen pflegte. 
Wenn es nach seinem Wunsche gegangen wäre, hätte er seiner Neigung zum 
Waidmannsberuf nachgegeben. Aber sein gestrenger Vater wollte von der- 
gleichen Plänen durchaus nichts wissen, gab aber nach, als H.'s älterer Bruder 
Julius, der später als Dichter von »Schau um Dich und schau in Dich« be- 
kannt geworden, den Rath ertheilte, dass Guido die Dresdner Akademie be- 
suchen sollte, um Maler zu werden. Allein anfänglich wollte ihm dieser Beruf 
gar nicht zusagen, zumal ihn die Möglichkeit freierer Bewegung immer wieder 
zum Herumtreiben in Wald und zur Jagd verführte. In dem unter Rietschel's 
Leitung stehenden Antikensaal schwänzte er unablässig, so dass Rietschel froh 
war, den ungefügen Schüler entlassen zu können. Als er aber beim Act- 
zeichnen unter Julius Hübner statt des vorgeschriebenen nackten Körpers einen 
Jäger in mittelalterlicher Waidmannstracht entwarf, tadelte Hübner diese Extra- 
vaganz keineswegs, sondern nahm ihn, nachdem er sich von seiner eigen- 
thümlichen Begabung überzeugt hatte, unter die Zahl seiner Privatschüler 
auf, um ihn trotz seiner eigenen, ganz anderen Gebieten der Kunst zugewandten 
Richtung nach Kräften zu fördern. H. hat stets anerkannt, dass er das, was 
er als Künstler zu leisten vermochte, der Unterweisung Hübners verdankte. 
Er hatte das Glück, dass sein Erstlingswerk, ein Jäger zu Pferd, der über 
einen erlegten Hirsch das Halali bläst, vom sächsischen Kunstverein angekauft 
wurde. Auf diese Weise wurde er sehr bald in waidmännischen Kreisen als 
tüchtiger Specialist anerkannt und von ihnen in seinem Fortkommen unter- 
stützt. Er durfte sich an den Kgl. Hofjagden in Moritzburg unter König 
Friedrich August II. betheiligen und in den Kgl. Wäldern und Weinbergen 
die Jagdthiere nach Herzenslust in ihren Schlupfwinkeln beobachten. Damals 
sammelte er das Material zu seinen »Hubertus-Bildern, Album für Jäger und 
Jagdfreunde«, zu dem er selbst den Text schrieb, während sein Freund 
H. Bürkner seine Zeichnungen in Holz schnitt. Aus dem Erlöse eines von 
dem Grafen Hohenthal angekauften Bilde, das den »Kampf zweier Hirsche« 
darstellte, bestritt er im Jahre 1847 die Kosten der üblichen italienischen 
Reise. Wichtiger als diese aber wurde es für ihn, dass er Zeit fand, auf der 
Rückreise das bayerische und steierische Hochgebirge zu durchstreifen und 
überall daselbst Studien zu machen. In die Heimath zurückgekehrt, malte 
er sein letztes Bild in Hübners Atelier, einen Bär, der einen verendeten Hirsch 
findet. Es ging in den Besitz des Herzogs von Anhalt- Dessau über. Dann 
machte er sich selbstständig und fing nun an, regelmässig Beiträge für die 
»Gartenlaube« zu liefern, indem er Schilderungen aus dem Thierleben ent- 
warf und sie mit entsprechenden Illustrationen versah. Von einem besonderen 
Gönner, dem Grafen zu Solms -Klitschdorf, erhielt er den Auftrag, für sein 
Schloss in Schlesien und seine Villa in Dresden eine Reihe von StafTelei- 
Lildern zu malen. Der Wirth eines grösseren Restaurants in Dresden, das 
heute noch die »Wolfsschlucht« heisst, bestellte bei ihm einen Cyclus von 
sechs grosseren Wandgemälden, die, dem Namen des Locals entsprechend, 



Hammer. Gcselschap. 260 

sämmtlich Wölfe im Kampfe mit Jagdthieren darstellten. H. führte sie in 
Leimfarbe aus, die leider dem Einfluss der Feuchtigkeit nicht Stand hielt, so 
dass sie von ihm später erneuert werden mussten. Ein weiterer Gönner 
des Künstlers war der Herzog Ernst II. von Coburg -Gotha. H. durfte ihn 
auf seinen Jagdzügen im bayrischen Gebirge und Tyrol begleiten und erbeutete 
bei solchen Gelegenheiten stets ganze Mappen von Bildern und Zeichnungen. 
Durch dieses unermüdliche Umherschweifen in Wald und Feld hatte sich H. 
im Laufe der Jahre eine überaus sichere Kenntniss des Wildes und seines 
Treibens angeeignet. Er beobachtete scharf und war ein vortrefflicher 
Zeichner, stand aber nach modernen Anschauungen mit der Farbe einiger- 
massen auf dem Kriegsfuss, was sich namentlich in den meist ziemlich harten 
landschaftlichen Hintergründen seiner Bilder zeigt. Zwei davon sind in den 
Besitz der Dresdener Galerie übergegangen; das eine im Jahre 1852 voll- 
endete stellt ein »geflecktes Windspiel«, das andere im Jahre 1866 entstandene 
»eine Wildsau mit Frischlingen« dar. Von seinen Werken sind noch zu 
erwähnen: »Jagdbilder und Geschichten« aus Wald und Flur, aus Berg und 
Thal. Mit 8 Bildern in Holzschnitt ausgeführt von Hugo Bürkner. 2. Aufl. 
Glogau, Carl Flemming, o. J. 8° und »Wild-, Wald- und Waidmannsbilder«. 
Mit Elustrationen. Leipzig, Ernst Keils Nachfolger, 1891. gr. 8®. 

Vgl. »Die Gartenlaube« 1874. No. 48. S. 770—772. (Kurze Selbstbiographie mit 
Bildniss.) Wilhelm Kaulen, Freud' und Leid im Leben deutscher Künstler. Frankfurt a. M. 
1878, 8**. S. 225—230.— »Dresdner Anzeiger« vom 30. Januar 1898, S. 36. — »Dresdner 
Rundschau« 1896, Nr. 30. — »Kunstchronik«, Leipzig 1897/98 N. F. IX Sp. 248 — 249. 

H. A. Lier. 

Gcselschap, Friedrich, Historienmaler, *s.Mai 1835 in Wesel, f 31. Mai 1898 
in Rom. G. war der Sohn eines Kaufmannes aus Wesel am Niederrhein, 
und der jüngere Bruder des Genremalers Eduard G. Da er beide Eltern schon 
als Kind verlor, kam er zu Verwandten nach Neisse in Schlesien. Als 16 jähriger 
wurde er im Jahre 1851 nach Breslau auf das Gymnasium geschickt, ging 
aber, als der Portraitmaler Resch seine künstlerische Begabung erkannt hatte, 
auf die Dresdener Akademie über, wo sich Julius Schnorr von Carolsfeld 
seiner annahm. Doch blieb er nur zwei Jahre in Dresden und wandte 
sich zur Fortsetzung seiner Studien im Jahre 1855 nach Düsseldorf, um dort 
Schüler Bendemanns und Schadows zu werden. Im Verkehr mit seinem 
Freunde Theodor Mintrop, der grossen Einfluss auf ihn gewann, begeisterte 
er sich hier für die Decorationsweise und Prunkmalerei der römischen Re- 
naissance. Doch musste er noch geraume Zeit warten, ehe er das Ziel seiner 
Sehnsucht, Italien, mit eigenen Augen sehen konnte. Nachdem er 11 Jahre 
lang rastlos, meist als Gehülfe anderer und als Portraitzeichner, thätig gewesen 
war, konnte er im Jahre 1866 nach Rom reisen. Er trat hier mit Overbeck 
in Verbindung und studirte die Fresken des Vaticans auf das Eifrigste. Seit- 
dem fühlte er sich berufen, selbst als Schöpfer monumentaler Werke aufzu- 
treten. Den ersten glücklichen Wurf nach seiner im Jahre 1871 erfolgten Ueber- 
siedelung nach Berlin, der seinen Namen wenigstens in der Oeffentlichkeit 
bekannt machte, that er in seinen gemeinschaftlich mit Bleibtreu ausgeführten 
Concurrenzarbeiten für die Ausschmückung der Kaiserpfalz in Goslar, für die 
ihnen der zweite Preis zu Theil wurde. Erst im Jahre 1879, nachdem er 
bisher im Wesentlichen nur für die Decoration von Privathäusern beschäftigt 
gewesen war, erhielt er auf die Verwendung Fridrich Hitzigs hin den Auf- 



2^0 Geselschap. 

trag, die Kuppel und vier Bogenfelder des Berliner Zeughauses auszumalen 
und so zu einer Ruhmeshalle umzugestalten. Im Anschluss an den Styl des 
Cornelius, der mehr und mehr sein Vorbild wurde, schuf er hier mit Casein- 
farben vier grosse Bilder, die den Krieg, den Frieden, die Wiederher- 
stellung des deutschen Reiches und Walhalla darstellen. Die Arbeit dauerte 
bis zum Jahre 1890 und wurde von ihm nur mit grösster Anstrengung zu 
Ende geführt, da er sich durch den Sturz vom Gerüst eine unheilbare Bein- 
wunde zugezogen hatte. Sein künstlerischer Ruf, den er wenigstens in Berlin 
durch die Thätigkeit im Zeughause fest begründet hatte, verschaffte ihm auch 
nach Vollendung seines Bildercyclus eine Reihe weiterer Aufträge. Für die 
Berliner Gnadenkirche entwarf er die Glasfenster mit den vier Evangelbten 
und der Auferstehung Christi ; in der Kaiserin Augustakirche rühren die Mosaik- 
bilder von ihm her, zum 90. Geburtstage Kaiser Wilhelms I. componirte er 
einen antik isirenden Fries für das Berliner Akademiegebäude, und endlich malte 
er die Anbetung der Magier für die Kaiserloge der Kaiser Wilhelm-Gedächt- 
nisskirche. Daneben entstanden eine Reihe kleinerer Arbeiten, z. B. eine 
thronende Maria mit dem Kinde, die in Privatbesitz übergegangen ist, und 
ein Entwurf zur Ausschmückung des Beethovenhauses. Auch fehlte es ihm 
nicht an äusseren Anerkennungen seiner Wirksamkeit. Bereits im Jahre 1882 
zum Mitglied der Berliner Akademie ernannt, wurde er im Jahre 1884 Senator 
und im Jahre 1885 Mitglied der Akademie des Bauwesens und der Landes- 
kunstkommission. Im Jahre 1886 wurde ihm die grosse Medaille auf der 
internationalen Jubiläumsausstellung der Akademie zuerkannt, und im Jahre 1 890 
erhielt er das Offizierskreuz des belgischen Leopoldordens. Ein grosser 
Theil seiner Studien in Blei, Kreide und Rothstift ging in den Besitz der 
Nationalgallerie über und auch für Brüssel wurden mehrere Cartons vom 
belgischen Staate angekauft. Auch die Münchner Akademie nahm ihn unter 
die Zahl ihrer Ehrenmitglieder auf. Um sich auf die Ausfuhrung der ihm 
übertragenen Ausmalung der Friedenskirche in Potsdam und des Festsaales 
des neuen Hamburger Rathhauses, Arbeiten, zu denen die Entwürfe schon 
ziemlich weit gediehen waren, vorzubereiten und zu kräftigen, begab er sich 
im Herbste des Jahres 1897 nach Rom. Hier scheint sich sein Geist aus 
Gründen, über die kaum mehr als Muthmassungen vorliegen, umnachtet und 
sein körperliches Leiden arg verschlimmert zu haben. Er suchte selbst den 
Tod, indem er sich an einem Baum in den Anlagen nordwärts von der Porta 
del Popolo erhängte, wo man ihn am 3. Juni 1898 todt auffand. Bei der 
Obduction der Leiche ergab sich, dass er an einer schweren Gehirnkrankheit 
litt, die seinen Selbstmord erklären würde. Das Urtheil über die künstlerische 
Bedeutung G.'s steht noch nicht fest. Während ihn die Berliner Akademie 
der Künste, die im Herbste des Jahres 1898 eine allerdings vom Publikum 
kaum beachtete Ausstellung seines künstlerischen Nachlasses in ihren Räumen 
veranstaltete, in ihrem öffentlichen Nachruf »als den genialsten Vertreter der 
deutschen Monumentalmaler unseres Jahrhunderts« bezeichnete, werfen ihm 
andere Mangel an Selbstständigkeit der Erfindung und coloristische Schwächen 
vor und stellen seinen Versuch, die Renaissancemalerei im Anschluss an die Art 
des Cornelius neu zu heben, als vergeblich, wenn nicht sogar als verfehlt hin. 
Vgl. IJonel von Donop, Friedrich Geselschap und seine Wandgemälde in der Ruhmes- 
halle, Berlin 1890 gr. 8 mit 5 Abbildungen. — VVolfgang von Oettingen, Friedrich Geselschap. 
Gedächtnissrede bei der Feier am 29. X. 1898, gr. 8° — »Die Grenzboten«, Leipzig 1899, 
58. Jahrg. No. i, S. 38 — 44. »Zeitschrift für Bildende Kunst«, Leipzig 1886 Bd. 21 S. 253, 
1888 Bd. 23, S. II. »Kunstchronik«, Leipzig 1890/91. N. F. II, S. 131, 488. 1892/93. 



Geselschap. Paul. Ribbeck. 271 

N. F. S. 276. 1897/98. N. F. IX. 454fg., 488fg. Vgl. auch die Hauptregister. — »Deutsche 
Kunst« Berlin 1898. II, 327 fg. — »Kunst für Alle«, München 1897/1898. XV, 314. — 
»Illustrirte Zeitung« Leipzig 1898. iio. Bd. Nr. 2867, S. 735. 

H. A. Lier. 

Paul, Oskar, ausserordentlicher Professor für Musikgeschichte in der 
I^hilosophischen Facultät der Universität Leipzig, Lehrer am kgl. Conservato- 
rium für Musik daselbst und verantwortlicher Redacteur für den musikalischen 
Theil des »Leipziger Tageblatts v, *am 8. April 1836 in Freiwaldau in Schlesien, 
f am 18. April 1898 in Leipzig. P. genoss als Sohn eines Predigers eine 
vortreffliche Erziehung und wurde von seinem Vater selbst in das Studium 
der klassischen Sprachen eingeführt, in denen er sich hervorragende Kenntnisse 
aneignete. Nach Absolvirung des Gymnasiums in Görlitz, an dem er durch 
den Musikdirector Klingenberg Unterweisung in der Musik erhielt, bezog er 
im Jahre 1858 die Universität Leipzig, um Theologie zu studiren. Indessen 
fesselte ihn die Musik so sehr, dass er sich am Conservatorium zu einem 
vortrefflichen Pianisten ausbildete und sich auf das Eingehendste mit der 
Theorie der Musik vertraut machte. Nachdem er im Jahre 1860 promovirt 
hatte, habilitirte er sich sechs Jahre später mit der Schrift: »Die Harmonik 
der Griechen« als Privatdocent der Musikwissenschaften an der Universität 
Leipzig, an der er, seit 1872 als ausserordentlicher Professor, bis an sein Lebens- 
ende wirkte. P. stand in dem Ruf, ebenso tüchtig als Philolog wie als 
praktischer und theoretischer Musiker zu sein, und hat durch seine Schriften 
unser Wissen über die Musik der Griechen wesentlich erweitert. Er war ein 
Anhänger des Hauptmann'schen Harmoniesystems und gab dessen »Lehre 
von der Harmonik« heraus. Im Jahre 1868 rief er die Musikzeitung: »Ton- 
halle« ins Leben und später war er Redacteur des »Musikalischen Wochen- 
blattes«, allerdings nur für die kurze Zeit des ersten Vierteljahrs. Auf das 
Leipziger musikalische Leben gewann er als Kritiker des Leipziger Tageblattes 
grossen Einfiuss, doch bereitete ihm ein Gehörleiden schon lange vor seinem 
Tode in der Ausübung dieses Berufes manche Schwierigkeiten. Als Lehrer 
am Conservatorium hat er namentlich durch seinen ausgezeichneten Klavier- 
unterricht und durch seine Vorlesungen über Geschichte und Harmonie zahl- 
reiche, zum Theil überaus tüchtige Schüler gebildet. Ein bis zum Jahre 1892 
reichendes Verzeichniss seiner Schriften findet man bei Richard Kukula, 
Bibliographisches Jahrbuch der deutschen Hochschulen. Innsbruck 1892. 8" 
S. 684. 

Vgl. Herni. Mendel, Musikalisches Convcrsationslcxikon. Berlin 1877^8 VIII, 36. — 
Hugo Riemann, Musik-Lexikon Leipzig 1882, 8» S.683. — »Neue Zeitschrift für Musik« 1898. 
65. Jahrgang. Bd. 94. Leipzig o. J. S. 189. — »Musikalisches Wochenblatt«. Hrgg. von 
E. W. Fritzsch, Leipzig 1898. 29. Jahrg. S. 252 b — »Signale für die Musikalische W