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Full text of "Bios : die Gesetze der Welt"

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RH'FRANCE 

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DIE GESETZE 
DER 

WELT 



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NORTH CAROLINA STATE UNIVERSITY LIBRARIES 



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THIS BOOK IS DUE ON THE DATE 
INDIC ATED BELOW AND IS SUB- 
JECT TO AN OVERDUE FINE AS 
POSTED AT THE CIRCULATION 
DESK. 



EXCEPTION: 

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Data due will be 
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150M/01 -92— 920179 



BIOS 
DIE GESETZE DER WELT 



RAOUL H. FRANCE 

BIOS 

DIE GESETZE 

DER 

WELT 



ZWEITER BAND 

MIT 139 ABBILDUNGEN UND TAFELN 

ZWEITE AUFLAGE 




1*9*23 
WALTER SEIFERT VERLAG, STUTTGART-HEILBRONN 



Nachdruck verboten, / Alle Rechte vorbehalten. / Copyright 
1923 by Walter Seifert Verlag, Stuttgart und Heilbronn a. N. 
Druck- und Bindearbeit von Otto Weber, Heilbronn a. N. 



INHALTSVERZEICHNIS ZU BAND II 



IV. Das Funktionsgesetz S. 1 

Das Erleben als Weltenschöpfer — Definition der Funktionen — Das Gesetz 
von der Erhaltung der Energie — Die Hauptsätze der Wärmelehre — Der 
Entropiesatz — Besonderheiten des Erlebens — Die Funktionsformen — Funk- 
tionelle Anpassung als Welterscheinung — Die Trägheitsfunktion — Die Ora- 
vitationsgesetze — Die Basis der Newton'schen Mechanik — Die Kugel als op- 
timale Massenform — Bewegung als Funktion — Morphologie der Funktionen 

— Die periodischen Funktionen — Die Sinusfunktion als häufigstes Erlebnis — 
Das Wellenphänomen als Universalphänomen — Die Wellengesetze — Die 
Meeieswellen — Der Golfstrom — Die Transgressionen — Die Brandung — 
Die Wellen der Luft — Die Gesetze des Klimas — Winde und Depressionen — 
Meteorologie als Mechanik der Luft — Die Gesetze der Paläoklimatologie — 
Die Klimamigration — Die Erscheinungen der Winderosion — Die Gesetze des 
Schalles — Das menschliche Gehörorgan — Musik als Mechanik der Seelen- 
fähigkeiten — Musikalische Harmonie als Verwirklichung des Weltgesetzes — 
Kompositionen als höchste Form von Philosophie — Die Lichtwellen — Licht 
als elektromagnetischer Vorgang — Die Maxwell'sche Wellentheorie — Licht- 
äther oder Lichtquanten — Die Schwingungen der Elektronen — Das elek- 
trische Grundgesetz der Welt — Elektrostatik — Allgemeingültigkeit der Wel- 
lenlehre — Magnetismus als Eigenschaft aller Körper — Der Erdmagnetismus 

— Die Röntgenstrahlen — Die radioaktiven Strahlen und die Atomzersprengung 

— Die Wärmestrahlen und ihre Gesetze — Das Integrationsgesetz in der 
Wellenlehre — Periodizität als Weltphänomen in Natur und Geistesleben — Die 
Katalysatoren — Der chemische Prozeß als Variation atomarer Rhythmen — 
Chemische Qualitäten als Funktionen — Die Variation der Funktionen als Reg- 
ler des Weltbildes — Die Erscheinungen als Funktionsformen — Funktions- 
formen als technische Formen — Die technischen Formen des Bios — Das Ge- 
setz der funktionellen Anpassung — Die mechanische Teleologie — Das See- 
lische als Funktion — Begründung der Biotechnik — Denken als Gehirnfunk- 
tion — Zivilisation als Funktion des Menschen — Technik als Funktion — Die 
Organe der Zelle als biotechnische Werkzeuge — Die biotechnischen Formen 
des Protoplasmas — Metabolischer Bau des Plasmas — Funktionsformen der 
Zellen — Die Gesetze der organischen Formbildung — Die physiologi- 
schen Gesetze als biotechnische Gesetze — Die Gesetze des Stoffwech- 
sels — Die Verdauungsorgane — Technische Formen der Organe — Die 
Selbstregulation der biotechnischen Vorbilder — Die Photosynthese der Pflanze 
als biotechnische Leistung — Die Gesetze der menschlichen Erfindungen — 
Die Erfindung als Anwendung des Funktionsgesetzes — Biotechnik der Atmung 
und Fortpflanzung — Lamarekismus als Funktionslehre — Das Verständnis 
der organischen Funktionsformen — Erklärung der Mimikry — Konvergenz 
aller technischen Leistungen — Die Kultur- und Kunstgeschichte der Tier- und 
Pflanzenwelt — Biotechnik des Anorganischen — Die biotechnischen Lösungen 
sind optimale Lösungen — Die Sinnesfunktionen des Menschen als Einrichtun- 
gen zur Weltselektion — Die seelischen Leistungen als Biotechnik der Orien- 
tierung — Mechanische Unerklärbarkeit des Lebens — Die Ursache der Welt- 
teleologie bleibt unklar — Die psychischen Gesetze des Ichs zwingen zur Bio- 
logisierung der Welt — Prinzipielle Möglichkeit einer objektiven Metaphysik 



— Der Zweck der Denkfunktion ist richtige Einstellung in der Zoesis — Daher 
relativistischer Charakter des Erkennens — Denken schafft nur „Mechanismen" 
mit biologischen Gesetzen — Daher Ablehnung des absoluten Mechanismus 
(Materialismus) — Objektive Philosophie als Weltanschauung des geistigen 
Gesetzes, das sich im Leben kundgibt — Der Sinn des Funktionsgesetzes ist 
funktionsgesetzmäßige Gestaltung unseres Handelns zur reibungslosen Ein- 
gliederung in den Bios — Anmerkungen und Zusätze. 

V. Das Gesetz des Optimums S. 131 

Definition der Mechanik — Die Gesetze der Mechanik — Das Trägheitsprinzip 

— Das Kräfteparallelogramm — Die Theorie der komplexen Systeme — Be- 
deutung der Mechanik — Feststellung der optimalen Seinsarten — Geologie 
als Mechanik der Gesteine — Strategie als Mechanik von Menschenmassen — 
Volkswirtschaft als Mechanik des Waren- und Geldverkehrs — Mechanik ak 
Regellehre aller Systembeziehungen (Panmechanik) — Darstellung des Opti- 
mumgesetzes mit seinen Konsequenzen der Selektion und des kleinsten Kraft- 
maßes — Definition und Geschichte des Optimumgesetzes — Alle Prozesse des 
Organismus verlaufen optimoklin — Die Tropismen und Reflexe als optimo- 
kline Reaktionen — Intellekt und Gehirn als Mittel zur Erreichung des Opti- 
mums — Denken als biologische Funktion — Das neue Weltverständnis der ob- 
jektiven Philosophie — Optimoklines Geschehen im Anorganischen — Optimo- 
kline Bewegung — Das Optimumgesetz in der Talentwicklung, im freien Fall, 
in der Erosion — Das Optimum im Lachambre'schen Reflexionsversuch — Die 
Transmutation als Mittel des optimoklinen Geschehens — Der Kosmos kennt 
nur Kreislaufprozesse — Kritik des Begriffes der schöpferischen Entwicklung 

— Fehlen der schöpferischen Entwicklung in der Klimatologie, in der Geolo- 
gie, in der Geogenesis — Die populären Ansichten vom Stammbaum des 
Lebens — Die populäre Entwicklungslehre — Kritik dieser Lehren — Die Kräfte 
der Erdumgestaltung sind konstant — Abbrechende Entwicklungen in der Vul- 
kanbildung und Verlandung der Seen — Der Begriff der Kumulation an Stelle 
der Entwicklung — Kritik der biologischen Entwicklung — Die ontogenetische 
Entwicklung als Entfaltun^sprozeß — Entfaltung des Menscheneies — Der 
Wechsel der Generationen m der Ontogenie — Generationswechsel bei Pflan- 
zen — Erklärung der Zellteilung als Knospung — Zurechtbestehen der Ab- 
stammungslehre — Entstehen und Kritik der Mutationen — Bedeutung der 
Vererbung — Das Mendelgesetz als Regler der Vererbung — Die Vererbung 
erworbener Eigenschaften als Tatsache — Die Beweise der Abstammungslehre 

— Der genetische Zusammenhang des Menschen mit den Tieren — Definition 
und Ursachen der Menschwerdung — Die biologische Funktion des Menschen- 
geistes ist die Schaffung einer Zivilisation — Übereinstimmung mit H, Vaihin- 
ger — Die objektive Philosophie als Mittel zum Optimum der Menschwerdung 

— Die Kultur als übergeordnete Stufe der Zivilisation — Die Welt als kon- 
stantes System von Transmutation — Konkordanz der Ontogenie, Phylogenie 
und Regeneration — Die Gesetze der Regenerationen — Umkehrung der Ent- 
wicklung — Entwicklung als Ausgleichsvorgang — Die Fortpflanzung als op- 
timokline Geschehensart — Die Gesetze der vegetativen und sexuellen Fort- 
pflanzung — Die neue Auffassung der Fortpflanzung — Erklärung der Parthe- 
nogenesis — Die Sexualität als optimokliner Faktor — Lob der Geschlechts- 
liebe als Mittel, um zum Optimum zu kommen — Ursache des Aussterbens der 
Arten — Kritik der Anpassungs- und Organisationsmerkmale — Zusammenfas- 
sung der Entwicklungserscheinungen als Äußerungen des Optimumgesetzes — 
Kritik der H. Sppncer'schen Entwicklungsphilosophie — Die Baer'sche Formel 
als Ausdruck optimoklinen Geschehens — Auch Spencer faßt Entwicklung nur 
als optimokline Entfaltung des Weltsystems auf — Anmerkungen und Zusätze. 

VI. Das Selektionsgesetz S. 196 

Die Ausgleichsprozesse der Welt — Klärung der Begriffe Optimum und Har- 
monie — Nur optimales Sein gelangt zur Harmonie — Auch die Optima be- 



dürfen eines wechselseitigen Ausgleichs — Die Unterschiede in der Dauer — 
Die Umwelt begrenzt die Dauer — Das Fundament einer objektiven Ethik — 
Möglichkeit einer Weltselektion — Die Gesetze der Wcltselektion — Der Qe- 
setzbegriff bereits selektiv — Singula bereits ein Selektionsergebnis — Selek- 
tive Prozesse in der Physik — Selektive Absorption — Semipermeable Mem- 
branen — Selektive Katalyse — Der selektive Bau der Kristalle — Erosion als 
selektives Geschehen — Die Auslese der Wolkenformen — Der Selektionsge- 
danke bei Malthus und Darwin — Die Gewebe- und Panselektion — Die ge- 
genseitige Hilfe als antiselektives Mittel — Die Hilfsmittel der Organismen 
zur Sabotage der Selektion — Die Migrationen der Organismen — Die Schreck- 
und Warnfarben — Ausmerzende Wirkung der Selektion — Der Wille als Se- 
lektor — Selektion als Vorfrage des Erkennens — Die Selektion im praktischen 
Leben und m der Kunst — Selektive Nahrungswahl — Die Bewegungswahl 
der Pflanzen — Die geschlechtliche Zuchtwahl und ihre Grenzen — Kritik der 
Darwm'schen Selektionslehre — Die Selektion ist nicht schöpferisch — Die 
Fluktuationen sind nicht artbildend — Das Quetelet'sche Gesetz — Das Gal- 
ton'sche Rückschlaggesetz — Nachweis der Unrichtigkeit der Darwin'schen 
Selektionsannahme — Das wahre Selektionsgesetz — Anmerkungen und Zusätze. 

VII. Das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes S. 231 

Ableitung des Gesetzes aus der Analyse des Seins — Frühere Formulierungen 
des Gesetzes. Lex parsimoniae in der alten Teleologie — Das Hamilton'scht 
Prinzip — Das Gauss'schc Prinzip des kleinsten Zwanges — Das Ökonomie- 
prinzip von Mach — Das kleinste Kraftmaß ist nur im optimalen Fall reali- 
siert, daher bedingt die Optimoklise der Welt eine Parsimoklise — Das Träg- 
heitsgesetz eine Anwendung des Gesetzes vom kleinsten Kraftmaß — Die Gra- 
vitation eine Umschreibung des gleichen Gesetzes — Viele Gesetze sind nur 
Umschreibungen der Parsimoklise — Alle Funktionen verlaufen parsimoklin — 
Alle Naturformen sind Formen des geringsten Widerstandes — Sonderanwen- 
dungen des Gesetzes — Das Kräfteparallelogramm — Das Fermat'sche Prinzip 
der schnellsten Auskunft — Der Weg der Strahlen ist stets der kürzeste Weg 

— Die Parsimoklise im Kristallbau — Der kleinste Widerstand modelliert die 
Erosions-, Abrasions- und Küstenformen — Das kleinste Kraftmaß in der Vul- 
kantätigkeit — Das Ökonomieprinzip im Organischen — Der Bau der Zellen — 
Das Prinzip des inneren Baues der Pflanzen — Die I-Träger und Trajektorien 
im Organismus — Der Bau der Insekten als Beispiel des Ökonomieprinzipes — 
Die Parsimoklise in der Technik — Der Begriff der Werkkunst — Die Ökono- 
mie der Verkehrslinien des Städtebaues — Das kleinste Kraftmaß als Bedin- 
gung des Kunstwerkes — Die dramatische Form als ein Fall von Parsimoklise 

— Der kürzeste Weg im Denken — Teleologie als die Verwirklichung des kür- 
zesten Weges — Logik als die Linie des kleinsten Widerstandes im Denken — 
Recht und Ehrlichkeit als Spezialfälle der Parsimoklise — Die Ethik als ihre 
Verwirklichung — Die Sparsamkeit und ihre Gesetze im täglichen Leben — 
Das kaufmännische Denken eine Anwendung des Gesetzes vom kleinsten Kraft- 
rnaß — Gemeingültigkeit des Gesetzes — Historische Anwendungen als gött- 
liche Gesetze und kategorische Imperative — Praktische Anwendungen in der 
Neuzeit als Taylorsystem — Das Taylorsystem des Organismus — Die Not- 
wendigkeit eines kulturellen Taylorismus — Seine Durchführung der größte 
„praktische" Nutzen der objektiven Philosophie — Die Überwindung des Ma- 
terialismus durch den Idealismus des Gesetzes und der Aufbau einer vollende- 
ten Zivilisation als Plattform einer Kultur — Anmerkungen und Zusätze. 

VIII. Das Harmoniegesetz S. 255 

Definition des Harmoniegesetzes — Unterschied von optimal und harmonisch 

— Das Kennzeichen der Harmonie ist unbegrenzte Dauer — Analyse des Har- 
moniebegriffes — Geschichtlicher Abriß seiner Erkenntnis — Pythagoras und 
Leonardo da Vinci — Der goldene Schnitt und der Kanon des Polyklet — Der 
Sinn des Harmoniegesetzes — Das Harmoniegesetz im physikalisch-chemischen 



Geschehen — Die harmonische Schwingung — Harmonie der Töne — Moleku- 
lare Harmonie — Chemische Harmonie — Die Disharmonie der Materie zeigt 
sich als chemische Änderung (Disharmonie der Atome) und Kraftwirkung (Dis- 
harmonie der Moleküle) — Die Harmonie im Kristallbau und in der Geometrie 

— Die Harmonie (Gleichgewicht) der Wärme — Harmonie als Ausgleich — 
Ihr Mittel: der Kreislauf — Kosmischer Kreislauf — Die Harmonie des Him- 
mels — Das Gleichgewicht der Erdschollen — Der Planetenkreislauf — Kritik 
der Entropie — Der Kreislauf der Luft, des Wassers — Sein ist stets ein 
Kreislauf — Beispiele — Der Kreislauf des Stickstoffes, des Eisens, des Kal- 
kes, der Kohlensäure, der Kieselsäure, des Sauerstoffes — Kreislauf der Ener- 
gie — Alle Beziehungen müssen wiederkehren, sonst wären Gesetze nicht mög- 
lich — Die Harmonie im Organismus — Dreifache Harmonie im Organischen 

— Das organische Schönheitsideal — Intrazellulare Harmonie — Die Kern- 
relation — Die Regulationen als harmonokline Funktionen — Regeneration als 
Wiederherstellung der Harmonie — Anpassung als Harmonoklise — Hormone 
als Mittel der Harmonoklise — Hungerformen und Altersformen — Das Kor- 
relationsphänomen — Die Erscheinungen der Morpholaxis — Die Artenzahl 
der Organismen als harmonoklines Phänomen — Der Kreislauf des Lebens 

— Biocoenosen — Der Ausgleich der Faunen und Floren durch Wanderung — 
Die Tier- und Pflanzenvereine — Harmonische Vereine — Der Wald als har- 
monokliner Verein — Die Harmonie als biologisches Endstreben — Das Har- 
moniegesetz des Organismus als Ursache der harmonoklinen Selektion in der 
Erkenntnis — Herstellung der Harmonie als Weltprozeß — Die Harmonie im 
praktischen Leben — Erleben als Ausgleichserscheinung — Unser Streben nach 
dauernder Eingliederung der Einzelerlebnisse in den Bios zwingt zur Harmoni- 
sierung dieser Erlebnisse — Daher Harmonie das oberste und Endgesetz aller 
Erkenntnis — Anmerkungen und Zusätze. 

IX. Die Welt als Bios S. 281 

Die Formel des Werkes — Die Weltformel der Physik — Ihre „Prinzipe" 
stammen von einem übernatürlichen Standpunkt — Definition des Massenprin- 
zipes — Das Trägheitsprinzip — Das Kraftprinzip — Das Prinzip der Wechsel- 
wirkung — Das Schwerpunktsprinzip — Das Flächenprinzip — Das Entropie- 
prinzip — Das Relativitätsprinzip — Diese Prinzipe sind Erlebnisordnungen 

— Der Rationalismus stellte ihnen eine Metaphysik als die wahre Ausdeutung 
des Seins gegenüber — Führt dadurch übernatürliche Faktoren in das Denken 
ein — Kant als Schöpfer des heutigen naturwissenschaftlichen Denkens — Ge- 
gensatz zum objektiven Denken — Bios wird geordnet durch die sieben Ge- 
setze der Welt — Die Biozentrik eint Denken und Leben — Relativität des Er- 
kennens, absolute Befähigung zum richtigen Leben — Hunte, Mill und Vaihin- 
ger als die Pioniere der objektiven Philosophie — Der Wert der Intuition — 
Intuition spiegelt nur die Weltgesetze — Der Wert der Religion als Unterwer- 
fung unter das Weltgesetz — Die Formel der objektiven Philosophie: Sie 
schafft Ordnung im Erleben und hilft dadurch besser leben — Der Ursprung 
des Leides ist unrichtiges Leben — Das Weltensein als Weltgericht — Das 
gleiche Gesetz über Allem — Umwelt und Vererbung als Vollstrecker des Lei- 
dens — Das Weltbild ist nur ein Spiegel unseres Lebens — Der Bios ist Selbst- 
erkenntnis — Anmerkungen und Zusätze. 

Register S. 289 



Das Funktionsgesetz 

Das Erleben als Weltenschöpfer — Definition der Funktionen — Das Gesetz von der 
Erhaltung der Energie — Die Hauptsätze der Wärmelehre — Der Entropiesatz — 
Besonderheiten des Erlebens — Die Funktionsformen — Funktionelle Anpassung als 
Welterscheinung — Die Trägheitsfunktion — Die Oravitationsgesetze — Die Basis 
der Newton'schen Mechanik — Die Kugel als optimale Massenform — Bewegung 
als Funktion — Morphologie der Funktionen — Die periodischen Funktionen — 
Die Sinusfunktion als häufigstes Erlebnis — Das Wellenphänomen als Universalphä- 
nomen — Die Wellengesetze — Die Meereswellen — Der Golfstrom — Die Trans- 
gressionen — Die Brandung — Die Wellen der Luft — Die Gesetze des Klimas — 
Winde und Depressionen — Meteorologie als Mechanik der Luft — Die Gesetze der 
Paläoklimatologie — Die Klimamigration — Die Erscheinungen der Winderosion — 
Die Gesetze des Schalles — Das menschliche Gehörorgan — Musik als Mechanik der 
Seelenfähigkeiten — Musikalische Harmonie als Verwirklichung des Weltgesetzes — 
Kompositionen als höchste Form von Philosophie — Die Lichtwellen — Licht als 
elektromagnetischer Vorgang — Die Maxwell'sche Wellentheorfe — Lichtäther oder 
Lichtquanten — Die Schwingungen der Elektronen — Das elektrische Grundgesetz 
der Welt — Elektrostatik — Allgemeingültigkeit der Wellenlehre — Magnetismus 
als Eigenschaft aller Körper — Der Erdmagnetismus — Die Röntgenstrahlen — Die 
radioaktiven Strahlen und die Atomzersprengung — Die Wärmestrahlen und ihre 
Gesetze — Das Integrationsgesetz in der Wellenlehre — Periodizität als Weltphäno- 
men in Natur und Geistesleben — Die Katalysatoren — Der chemische Prozeß als 
Variation atomarer Rhythmen — Chemische Qualitäten als Funktionen — Die Varia- 
tion der Funktionen als Regler des Weltbildes — Die Erscheinungen als Funk- 
tionsformen — Funktionsformen als technische Formen — Die technischen Formen 
des Bios — Das Gesetz der funktionellen Anpassung — Die mechanische Teleologie 

— Das Seelische als Funktion — Begründung der Biotechnik — Denken als Gehirn- 
funktion — Zivilisation als Funktion des Menschen — Technik als Funktion — Die 
Organe der Zelle als biotechnische Werkzeuge — Die biotechnischen Formen des 
Protoplasmas — Metabolischer Bau des Plasmas — Funktionsformen der Zellen — 
Die Gesetze der organischen Formbildung — Die physiologischen Gesetze als bio- 
technische Gesetze — Die Gesetze des Stoffwechsels — Die Verdauungsorgane — 
Technische Formen der Organe — Die Selbstregulation der biotechnischen Vorbilder 

— Die Photosynthese der Pflanze als biotechnische Leistung — Die Gesetze der 
menschlichen Erfindungen — Die Erfindung als Anwendung des Funktionsgesetzes 

— Biotechnik der Atmung und Fortpflanzung — Lamarekismus als Funktionslehre — 
Das Verständnis der organischen Funktionsformen — Erklärung der Mimikry — Kon- 
vergenz aller technischen Leistungen — Die Kultur- und Kunstgeschichte der Tier- 
und Pflanzenwelt — Biotechnik des Anorganischen — Die biotechnischen Lösungen 
sind optimale Lösungen — Die Sinnesfunktionen des Menschen als Einrichtungen 
zur Weltselektion — Die seelischen Leistungen als Biotechnik der Orientierung — 
Mechanische Unerklärbarkeit des Lebens — Die Ursache der Weltteleologie bleibt 
unklar — Die psychischen Gesetze des Ichs zwingen zur Biologisierung der Welt — 

Francs. Bios II 1 

1 



Prinzipielle Möglichkeit einer objektiven Metaphysik — Der Zweck der Denkfunk- 
tion ist richtige Einstellung in der Zoesis — Daher relativistischer Charakter alles Er- 
kennens — Denken schafft nur „Mechanismen" mit biologischen Gesetzen — Daher 
Ablehnung des absoluten Mechanismus (Materialismus) — Objektive Philosophie als 
Weltanschauung des geistigen Gesetzes, das sich im Leben kundgibt — Der Sinn 
des Funktionsgesetzes ist funktionsgesetzmäßige Gestaltung unseres Handelns zur 
reibungslosen Eingliederung in den Bios — Anmerkungen und Zusätze. 

Das Erleben spiegelt sich in unserem Bewußtsein, als ob uns eine Welt 
umgäbe, die als ein ungeheuerlicher und verwickelter Stufenbau von sehr 
verschiedenen Singulationen erscheint. Das ist das Ergebnis der Unter- 
suchungen, die an Hand der gegenwärtigen Naturerkenntnis, geleitet von 
einer biozentrischen Erkenntnismethode, im ersten Band dieses Werkes dar- 
gestellt wurden. 

Es gibt nicht viele Kategorien dieser Seinsstufen, wenn man nur die 
wesentlichen unter ihnen betrachtet. Etwa sechzehn davon haben wir unter- 
schieden. Diese waren: das Quantum, das Elektron, Atom und Molekül, 
die geformte Materie in ihren Ausprägungen als Kristall, Zelle und Zellen- 
gemeinschaft verschiedenster Art und als Organismenstaat. Dann die Welt- 
körper, Sonnensysteme, die Fixsternsysteme, der Kosmos, die Vorstellungen, 
Ideen, Werke und der Bios als das Gesamtsystem der Erlebnisse. Umso 
größer war die Mannigfaltigkeit, in der das Sein auf jeder dieser Stufen 
aufblüht. Aber ließ man sich nicht von ihr verwirren, so erhielt man jede 
wünschenswerte Sicherheit darüber, daß zwischen diesen Seinsformen stets 
wiederkehrende, ganz bestimmte Beziehungen herrschen. Die eine dieser 
Beziehungen war, daß sich eine Zuordnung aufstellen läßt, in der sich die 
Stufen in solcher Reihenfolge anordnen, daß jede von ihnen die gesamten 
vor ihr genannten in einer Vielheit in sich schließt, ihnen also übergeordnet 
ist. Die zweite war, daß jede Stufe durch besondere, nur ihr zukommende 
Eigenschaften ausgezeichnet ist, die den untergeordneten Stufen nicht zu- 
kommen. Wir drückten das so aus, daß den Integrationsstufen auch spezi- 
fische Eigenschaften zukommen. Und ein Vergleich dieser Eigenschaften 
zeigte, daß auch sie eine Stufenfolge ergeben, die allerdings nicht so lücken- 
los zu verfolgen ist wie die der Singulationen, die aber schon in der Teil- 
reihe: Gestalt, Personalität, Leben, Bewußtsein, Dauer (Harmonie) die 
Vermutung wecken, daß auch sie zwar nicht den Stufen unter ihnen eignen, 
dagegen insgesamt denen über ihnen, daß also die oben gefundene Überord- 
nung auch in den Integrationseigenschaften besteht. Das war der wesent- 
liche Inhalt des Integrationsgesetzes. 

Damit war zugleich festgestellt, daß in unserem Erleben kein Sein ohne 
Eigenschaften sei, oder noch allgemeiner ausgedrückt, daß allem Seienden 
gesetzmäßig Zuordnungen eignen. Diesen sehr farblosen Satz kennt die 
Analysis schon seit sehr langem und hat ihn in der Funktionenlehre auf 
die Form gebracht, wonach sie, wenn man im Zahlenkontinuum einer Zahl x 



eine zweite Zahl y nach irgendeinem beliebigen Gesetz zuordnet, dieses y 
als eine Funktion von x bezeichnet wird [y = f(x)]. 

Mit anderen Worten: Alles, was in unserem Erleben ein Sein besitzt, be- 
sitzt es nur durch seine Funktionen. Unter Funktionen versteht man hiebei 
die gesetzmäßige Beziehung zwischen Größen, Gebilden oder Vorgängen. 
Noch einfacher ausgedrückt: Zwischen den Singula bestehen stets wieder- 
kehrende Verbindungen oder Gesetze. Das Sein ist Gesetzen unterworfen. 
Diese Formulierung hat den Vorteil, daß sie es auffällig sichtbar macht, wie 
diese Verbindungen nur zweierlei sein können. Entweder sie ändern den 
Charakter der ruhenden Singulation in der Richtung auf „Anderswerden", 
oder sie führen „andersgewordene" Singulationen wieder zu ihrem Ruhe- 
stand zurück. Beide Änderungen zusammen beschreiben eine aneinander 
knüpfende und ineinander greifende Bewegung, die zum ruhenden Sein zu- 
rückleitet. Funktion bedeutet demnach eine Störung des Seins oder deren 
Wiederbehebung durch einen Ausgleichsvorgang. Und so entsteht aus der 
„Welt" der „Weltprozeß", der erhalten wird durch Ausgleichsvorgänge, 
die hiemit als das wahre Wesen aller Funktionen erkannt werden. Der 
Weltprozeß scheint demnach das Mittel zu sein, durch das die Welt auf 
allen ihren Integrationsstufen im Sein beharren kann. Durch ihn über- 
windet sie die Störungen und erreicht wieder den Dauerzustand. 

Die Funktionen werden stets zu Bewegungen führen, wenn eine Bedin- 
gung des ruhenden Seins nicht erfüllt ist. Und das ist die Harmonie der 
wechselseitigen Funktionen. Wie das vorzustellen sei, mag durch ein Bei- 
spiel besser erläutert werden, als durch abstrakte Sätze. Nach dem uns be- 
reits bekannten Gesetz von Gay-Lussac ist das Volumen der Gase eine 
Funktion ihrer Temperatur. Das heißt, der gesetzmäßige Zusammenhang ist 
so eingerichtet, daß im Gas sofort Bewegungen, ein Auseinanderstieben der 
Moleküle erfolgen muß, wenn die Temperatur steigt. An sich ist der Satz 
ja eine ziemlich überflüssige Feststellung, da Wärme (Temperatur = ein 
Wärmegrad) nur ein Sammelwort für einen Bewegungsgrad der Moleküle 
ist, der Satz demnach eigentlich lautet, das Auseinanderfliegen der Gas- 
moleküle hängt vom Auseinanderfliegen der Moleküle an sich ab. Aber 
in dem geringen Inhalt, der übrig bleibt, ist immerhin ausgedrückt, daß 
in diesem Fall die Funktion keine Bewegung auslöst, wenn eine andere 
Ursache, z. B. ein entsprechender Druck die Ausdehnung des Gases hindert. 
Dieser Druck muß sich mit der Temperatur ausgleichen; diese beiden müs- 
sen zueinander in einem harmonischen Verhältnis stehen, dann bleibt zwar 
die Funktionsbeziehung zwischen Gas und Temperatur erhalten, doch es er- 
folgt keine Änderung. Funktionen, die einander widerstreben, sich aber im 
Gleichgewicht erhalten, sind auf diese Weise mit einem dauernden Zustand 
vereinbar. In einem derartig konstruierten Dauerzustand befindet sich nun 
die Welt. Ihre Dauer beruht nicht auf absoluter Funktionslosigkeit, sondern 
auf der Harmonie. Ihr „Sein" ist schon durch seine Mannigfaltigkeit stän- 

1* 
3 



dig zahllosen Störungen ausgesetzt; darum besteht es in zahllosen durch 
und gegen einander wirkenden Funktionen und Bewegungen, die ununter- 
brochen einreißen und wieder aufbauen, Entwicklung um Entwicklung auf 
jeder der Integrationsstufen auslösen und nur dort in das starre System 
ruhender Funktionen übergehen, wo sie sich im Gleichgewicht halten, das 
heißt, zu einer Harmonie gelangt sind. Würde die Welt auf allen ihren 
Stufen zur Harmonie gelangen, dann wäre der Weltprozeß nus. 

Das sind Sätze von einer fundamentalen, alles erschütternden, in unser 
tiefstes Sein, Verstehen und Verhalten hineingreifenden Bedeutung. Gelänge 
es, sie zu erweisen, so wäre damit einer der brennenden Wünsche alles 
Denkens erfüllt: ein einheitliches Verstehen des Weltprozesses wäre er- 
reicht. Wer würde sich da nicht gerne der Arbeit unterziehen, diesen Be- 
weis wenigstens zu versuchen? An diese Arbeit soll hier nun, durch eine 
Untersuchung der Funktionen auf den verschiedenen Daseinsstufen gegangen 
werden, um so vor allem die Gesetze des Funktionierens zu ergründen. 



Von der höchsten Daseinsstufe, nämlich dem Kosmos, gibt es nun in der 
Naturlehre eine allgemein anerkannte und in ihren Folgen unschätzbare 
Anschauung, die besagt: der Kosmos befindet sich tatsächlich in jenem har- 
monischen Gleichgewicht der Funktionen, die seine Unvergänglichkeit garan- 
tiert, worauf wir schon bei der Untersuchung der Integrationserscheinungen 
gestoßen sind (vgl. Bd. I S. 81). Diese Ansicht kursiert allgemein unter der 
Bezeichnung: das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Es will eigent- 
lich besagen, daß eine Bewegungsfunktion die andere bedingt, jede in die 
andere übergehen kann, so daß alle zusammen einen Kreislauf ohne Ende 
darstellen. Dieses Gesetz knüpft sich bekanntlich an den Namen des Heil- 
bronner Arztes Robert Mayer, von dessen Auftreten her tatsächlich die ge- 
samte moderne Physik datiert. Es ist sehr merkwürdig, daß die Mensch- 
heit darauf bis zum Jahre 1842 gewartet hat, in dem Mayers erste Schrift 
erschien, da doch schon jeder bei der Arbeit heiß gewordene Bohrer oder 
Hobel, ja das urprimitive Feuermachen durch Reiben von Hölzern ihr die 
Grundtatsache des Gesetzes vor Augen geführt hat. 

Diese Grundtatsache ist, daß durch Arbeit*) Wärmemengen entstehen. 
Da nun alles, was aus Arbeit entsteht, Energie genannt wird, ist auch 
die Wärme als eine Energie durch diese Terminologie miterfaßt. Und das 



*) Der Begriff der Arbeit geht auf den der lebendigen Kraft zurück. Lebendige 
Kraft eines bewegten Körpers (ohne Bewegung keine Arbeit) heißt die halbe Masse 
des Körpers multipliziert mit dem Quadrat seiner Geschwindigkeit. Diese lebendige 
Kraft ist gleich der Arbeit der Kraft. 



hat Mayer erkannt, dessen Satz lautete: Mechanische Arbeit, kinetische 
(= Bewegungs-JEnergie, potentielle Energie und Wärmemengen sind nur 
Energieformen und können ineinander verwandelt werden. 

Von da aus wurde rasch weiter gebaut. Das mechanische Wärmeäqui- 
valent, eine der großen Konstanten der Natur, steht, wenn auch unsichtbar, 
über den Türen aller Ingenieurbureaus aufgeschrieben, denn von ihm gehen 
alle Rechnungen der modernen Industrie aus. Diese Formel lautet: 

J = 4,1861. 10^ -^fj^^ 

Sie ist in ihrer Hieroglyphik der Schlüssel zu der gesamten Energiewirt- 
schaft der Völker von heute, von der allerdings der weit über Völkern und 
Zivilisationen stehende Denker kalt und unbeirrbar im Angesicht des 
Weltengeistes sagen muß, sie sei derzeit das größte Hindernis, um die 
Menschheit auf den Weg zur Harmonie zu führen. Der wahre Sinn dieser 
Formel ist, daß das mechanische Wärmeäquivalent beliebig in Licht, 
Elektrizität, mechanische Wirkungen, magnetische Erscheinungen verwan- 
delt und aus ihnen auch zurückgewonnen werden kann. Seit dieser For- 
mel, die sich in der Elektrotechnik, bei der Schaffung aller Wärmekraft- 
maschinen, bei der Ausnutzung der Wasserkräfte, kurz im gesamten indu- 
striellen Leben bewährt hat, hat sich die Überzeugung festgesetzt, daß es 
Lichtenergie, elektrische Energie, mechanische Energie usw. gibt, kurz, daß 
das Treibende bei allen Vorgängen in der Welt die Energie sei, die in 
einem unbeschreiblich vielfältigen Kreislauf durch die ganze Welt proteus- 
gleich strömt, sich niemals mindern noch mehren, sondern so wie die Materie 
nur ihre Formen ändern kann. 

In dieser Fassung, als Erhaltung der Energie ist der Satz allerdings erst 
von Helmholtz formuliert, und daher datiert erst von ihm die allgemeine 
Überzeugung, daß auch das Leben sich dem allgemeinen energetischen 
Kreislauf, einem der großartigsten von sämtlichen in der Natur sich ab- 
spielenden Kreisläufen, einfügt, zum mindesten in der Form, daß die Nah- 
rung durch ihre chemische Energie den Körper zur Arbeit befähigt, gleich 
wie die in den Kohlen gespeicherte Wärme durch die Dampfmaschine in 
die Form mechanischer Energien verwandelt wird. 

Von da ab datiert aber auch der unglückliche Vergleich des Organismus 
mit einer Maschine, die Wiedererweckung des Lamettrie^ schtn „l'homme 
machine" erbärmlichen Angedenkens, der eine ganze Naturforschergeneration 
geradezu blind gemacht hat. Die davon Geblendeten haben immer wieder 
übersehen, daß es im Menschen als Integrationseigenschaft auch eine Ener- 
gie gibt (die seelische oder, wenn man will, die Nervenenergie), die sich 
dem Gesetz des energetischen Kreislaufes nicht fügt. Man kann Willen und 
Vorstellung nicht in Elektrizität verwandeln und Kohle nun einmal nicht 
in Gedanken. Wenn Ostwald in seiner Naturphilosophie meint, der Tag 
werde kommen, an dem sich auch die Verwandlung der Nervenenergie in 



die übrigen Energieformen vollziehen lassen werde, so drückt er damit nur 
einen frommen Wunsch aus, von dessen Verwirklichung man weit entfernt 
ist. Würde es gelingen, dann wäre allerdings seine Energetik gerechtfertigt, 
die insofern eine große Denkökonomie bedeutet, als sie an Stelle der üb- 
lichen drei Kategorien: Materie, Energie und Psyche nur mehr die Energie 
als einziges Prinzip in die Erklärungen einführen würde. 

Weil aber die Energetik der Vorstellungen sich nicht in die der Außen- 
welt überführen läßt, erschien das Welträtsel absolut unlöslich. Darum ist 
auch Wissenschaft in ihrem letzten und höchsten Sinn schlechterdings un- 
möglich und muß sich darauf beschränken, relative Wahrheiten zu finden, 
die nur orientierende, nicht aber absolute und erklärende Bedeutung haben 2) 
Deshalb kann es für einen nicht voreingenommenen Kopf nur eine objek- 
tive Philosophie geben, die von dem Wahn geheilt ist, „Wahrheiten" finden 
zu können, sich vielmehr mit allem Können und Streben darauf wirft, die 
Beziehungen der zwei Welten: der inneren und der äußeren Energetik, wenn 
man es so nennen darf, festzustellen, um das Denken und das daraus fol- 
gende Handeln in Einklang mit den Gesetzen der Außenwelt, der Objekten- 
welt zu bringeil, damit Reibung und somit Zerreibung vermieden werde. 

Dieses Verhalten ist ermöglicht, weil es sich herausgestellt hat, daß die 
Relationen der Innenwelt den gleichen Gesetzen unterworfen sind, wie die 
der physikalischen Energien. Die zeitgenössische Philosophie will das seit 
G. Th. Fechner mit dem Satze vom psychophysischen Parallelismus aus- 
drücken. Im Weltbilde der objektiven Philosophie ist dieser Parallelismus, 
richtiger gesagt: die Gemeingültigkeit der Weltgesetze für Natur und Kul- 
tur eine logische Notwendigkeit, die sie ebenso wie den absoluten und uni- 
versellen Relativismus gefordert hätte, wäre sie heute noch nicht entdeckt. 
Denn es ist ihr methodologische Voraussetzung, daß für den Teil die Ge- 
setze gelten müssen, die der ganzen Seinsstufe eignen, in die er gehört. Die 
Besonderheit der menschlichen „Seelenenergie" (um die Sache mit dem 
Ausdruck Ostwalds zu bezeichnen), liegt unter anderem eben darin, daß sie 
nicht unmittelbar, sondern erst durch die Vermittlung*) des teleologischen 
Geschehens wieder in die rein physikalischen Energien übergeht. Diese Be- 
sonderheit (eine zweite ist das Bewußtsein bei bestimmter Integrationsart 
und Höhe) ist eine Integrationseigenschaft, so wie das Leben eine solche 
ist, oder das Zonengesetz eine solche für die Kristalle, ohne daß deswegen 
die übrigen physikalischen Gesetze für die Denkenden, die Lebenden oder 
die Kristalle aufgehoben wären. Die gleiche Forderung nach Einheit und 



*) Mittelbar lassen sich ja die psychischen Energien in Licht, Wärme, Bewegung 
umwandeln. Jede unserer Handlungen zeigt das. Nur die Methode ist eine andere 
als in der Technik der Physiker. Die Umwandlung geschieht nach teleologischem 
Gesetz, zielstrebig (teloklin) und regulatorisch, eben als menschliche (organische) 
„Handlung" mit Hilfe von Werkzeugen, und darum ist der Organismus keine Maschine. 



Einklang der inneren und äußeren Energetik und damit die objektive Philo- 
sophie würde übrigens auch dann gelten, wenn die psychischen Kräfte in 
mechanische Leistungen übergeführt werden könnten, wie das in wachsen- 
dem Maße die okkultistische Forschungsrichtung behauptet. 

Unsere geistige Welt bleibt daher, wenn sie auch nur eine Besonderheit 
des Erlebens ist, den allgemeinen Weltgesetzen, damit auch den Gesetzen 
der Funktionen und der Weltmechanik unterworfen, denn sie ist ein Teil 
der Welt und ihr untergeordnet. So gilt denn logischer- und damit not- 
wendigerweise auch für sie der erste Hauptsatz der mechanischen Wärme- 
theorie (Konstanz der Energie), der da lautet, daß der ganze Betrag der 
Energie eines abgeschlossenen Systems trotz aller Verwandlungen derselbe 
bleibt. Es wird eine Aufgabe der objektiven Kulturwissenschaft sein, die 
Gültigkeit dieses Satzes, sowie die restlose Verwandlung der geistigen 
Energien ineinander zu erweisen; heute ist diese Aufgabe noch nicht ein- 
mal in Angriff genommen. 

Vollständig durchgeführt ist sie dagegen auf dem Gebiet der physikali- 
schen Energien, wobei es sich herausgestellt hat, daß diese Umwandlungs- 
prozesse nicht absolut umkehrbar (reversibel) sind. Es ist zwar praktisch 
möglich, durch mechanische Arbeit, z. B. also Reiben, eine bestimmte 
Arbeitsmenge restlos in Wärme zu verwandeln, nicht aber diese in gleichem 
Maße wieder mechanisch nutzbar zu machen. Mit anderen Worten, es sind 
nicht alle Formen von Energie gleichwertig. Ein krasses Beispiel für diesen 
bedauerlichen Tatbestand bieten die Dampfmaschinen, denn sie versetzen 
uns ja in die ungünstige Lage, aus Wärme Bewegungsenergie gewinnen zu 
müssen. Ihr Nutzeffekt ist stets nur von der Temperatur des Kesseldampfes 
und des Kondensators abhängig, wobei die Wärme des letzteren ungenutzt 
bleibt, ganz unabhängig davon, wie vollkommen oder unvollkommen die 
Konstruktion der Maschine ist. Durch keine Verbesserung daran läßt sich 
dieses Manko einbringen. Die unvermeidlichen Unvollkommenheiten der 
Maschinentechnik drücken diesen sogenannten Nutzeffekt nun noch mehr 
herab. Der maximale Nutzeffekt einer Dampfmaschine beträgt denn auch 
nur etwas über 27 Prozent, das heißt, nur ein Viertel der aufgenommenen 
Wärme wird wirklich in Arbeit verwandelt. Drei Viertel der aufgewandten 
Wärme gehen in den Kondensator über; sie können von dort aus zwar 
wieder nutzbar gemacht werden, aber wieder nur mit einem Verlust, so daß 
auch im günstigsten Fall ein Defizit bleibt. Diese ungünstige Sachlage 
drückt sich auch darin aus, daß wohl Wärme von selbst und allenthalben 
von höherer Temperatur in niedere übergeht, niemals aber umgekehrt. Es 
entsteht durch alle diese Prozesse eine stets wachsende Menge von gering- 
wertiger Energie, eine Zerstreuung, eine Größe im Naturhaushalt, die stets 
wächst und von der Wärmetheorie als Entropie bezeichnet wird. 

Der zweite Hauptsatz der Wärmelehre sagt hierüber, daß bei allen Pro- 
zessen die Entropie des an dem Prozeß^ beteiligten Systems wächst. Das ist 



der berüchtigte, von uns schon gestreifte Clausius'sche Satz vom Wärme- 
tod des Universums (vgl. Bd. I S. 52). In der Form, wie man sich ihn vor- 
stellte, bedeutet er eine einseitige Richtung des Weltprozesses, ein Streben 
nach einem Ende, das sich als Umwandlung der gesamten Weltenergie in 
einen definitiven und allgemeinen Ausgleich kundgibt, wodurch alles Ge- 
schehen aufhört. Man hat hieraus einen entropischen Gottesbeweis ge- 
macht, denn, so sagte man, ein Weltprozeß, der ein Ende haben kann, muß 
auch einen Anfang gehabt haben. Da aber die zur Ruhe gekommene 
Molekularbewegung sich nicht von selbst neuerdings bewegt, muß eine 
außerweltliche Ursache stets von Zeit zu Zeit den Anstoß gegeben haben. 

Dieser Entropiegedanke hat die ganze Generation seit der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts beunruhigt und die gesamte Philosophie, so weit sie 
die Naturerkenntnis überhaupt in den Kreis ihres Denkens zog, zu pessi- 
mistischen Folgerungen verleitet. Es ging daher wie ein Aufatmen durch 
die wissenschaftliche Welt, als der berühmte Wiener Physiker Boltzmann. 
seine „statistische Theorie''^ der Mechanik entwickelte und darin dem 
düsteren Entropiesatz auf folgende Weise die Zähne auszubrechen suchte. 
Nach ihm ist der zweite Satz der Thermodynamik kein Gesetz, sondern nur 
ein Wahrscheinlichkeitssatz. Tatsächlich wird die Entropie nach den Prin- 
zipien der Wahrscheinlichkeitsrechnung festgestellt, und ihr Satz lautet in 
strenger Formulierung eigentlich so, daß Anhaltspunkte vorhanden seien, 
wonach jedes System seinem wahrscheinlichsten Bestände zustrebe}) Sein 
berühmt gewordenes „H-Theorem" brachte den Entropiesatz wieder in Ein- 
klang mit der Mechanik. Es war allerdings damit der Weg beschritten^ 
der bei der Untersuchung der Wärmestrahlung auf absolut schwarze Kör- 
per auf die in Band I, S. 52 beschriebene Weise geradewegs zu den Auf- 
stellungen der Quantentheorie führte. Und ein Widerspruch blieb auch da- 
durch bestehen, daß, von den Anschauungen Poincare's ausgehend, Zer- 
melo zeigen konnte, daß sich in allen energetischen Vorgängen Periodizität 
kundgebe, mit anderem Ausdruck, daß entweder die Entropie zurecht be- 
steht oder alle Zustände periodisch wiederkehren. 

Von anderer Seite (Sv. Arrhenius) wurde die Frage allerdings anders, 
kühner und bestechender „erledigt". Es wurde einfach zugegeben, daß sich 
alle Energie ständig verschlechtere. Jawohl — so sagte man — aber nur 
in unserem Sonnensystem. Von der Sonne stammt alle Energie, die wir 
kennen (man beachte, daß die geistige inbegriffen ist). Sie, die jedem 
Quadratzentimeter der Erdoberfläche in der Minute drei Grammkalorien 
liefert, also ein Energiequantum, zu dessen Herstellung auf jedem Quadrat- 
meter eine Maschine von 43 Pferdekräften aufgestellt sein müßte, sie ist 
die Urheberin von Elektrizität, Licht, Wärme und jeder Art von Bewegung 
und Leben in einer wundervollen Verkettung der Prozesse, die allerdings 
zu einer steten Verschlechterung dieser uns geschenkten Energie führen. 
Diese „latent gewordene Wärme" strahlt wohl in den eisigen Weltraum 



hinaus, wird von seinem dunklen Abgrund verschluckt und scheint für 
immer verloren zu sein. Das sei aber nur trügerischer Schein; in Wirk- 
lichkeit wird draußen im Fixsternsystem in der Region der kalten Nebel 
auch die deklassierte und zerstreute Wärmeenergie aufgefangen und wieder 
verbessert. Denn diese dunklen Nebel beginnen nach und nach zu glühen 
und verwandeln sich in neue Sonnen. Man sieht sowohl dunkle, wie 
glühende Nebel am Himmel, und dazu sei diese die Gemüter so beunruhi- 
gende Wärmeausstrahlung einfach nötig — sonst würde die durch die 
Sonnenwärme ununterbrochen angereicherte Temperatur der Erde bis zur 
Unerträglichkeit, nämlich zur vollendeten Sonnenhaftigkeit, steigen. Die 
Dampfmaschine ist darin gewissermaßen nur die biotechnische Kopie der 
Erde. Denn auch diese leistet Arbeit nach dem Prinzip der Dampfmaschine, 
weil sie Wärme aufnimmt, sie in allerlei andere Energien verwandelt und 
dann das nicht Ausgenützte an Wärme an den Weltraum abgibt, der ge- 
wissermaßen den Kondensator darstellt. Allerdings fügt diese Anschauung, 
als ob sie ihren Argumenten selbst nicht ganz traue, noch zur Sicherheit 
hinzu, daß das gefürchtete Maximum der Entropie doch niemals erreicht 
werden könne, sonst wäre es ja schon längst eingetreten. 

Im Licht der biozentrischen Erkenntnis sieht sich das Entropieproblem 
ganz anders an. Vor allem erblickt man ganz andere, viel tiefere Beziehun- 
gen zwischen den Begriffen Wärme und Leben als gemeinhin. Wärme be- 
deutet doch in diesem Sinne einen disharmonischen Zustand der Vorstel- 
lungswelt, nämlich Bewegung und stete Zustandsänderungen. Das aber ge- 
rade war es, was die Physik mit jeder gewünschten Deutlichkeit bestätigte. 
Wärme ist Bewegung, „Revolution der Materie"; nicht umsonst kann man 
die Zerstörung eines ruhigen, ausgeglichenen Zustandes als ein „Auf- 
flammen" bezeichnen, und nicht zufällig nennt man einen disharmonischen 
Menschen einen Hitzkopf. Leben aber ist ebenfalls stete Bewegung, ein 
niemals stillstehendes Aufbauen und Zerfallen, ein Wechselspiel gegen- 
einander wirkender Kräfte, ein „Kampf der Teile" und wie die gebräuch- 
lichen Bestimmungen für den Lebenszustand sonst noch lauten. Da ist der 
Zusammenhang jetzt sehr durchsichtig, warum die Lebendigen Temperatur- 
wesen sind und Leben so eng an die Wärme gebunden ist. Die Beobach- 
tung von keimenden Samen im Lenz hält jedem darüber ein Privatissimum 
von eindringlichster Sprache, wenn nicht schon seine eigene Empfindlich- 
keit für die leisesten Temperaturschwankungen ihn über diese Zusammen- 
hänge aufgeklärt hätte. Es ist nicht übertriebene Gewissenhaftigkeit, son- 
dern bittere Notwendigkeit, die den Arzt zwingt, an dem Fieberkranken bei 
Temperaturen über 40° sogar die Zehntelgrade der Bluttemperatur zu 
beobachten. Ohne Wärme käme das Leben zu seinem Ausgleich, der Tod 
heißt Wärme, und zwar nicht nur die äußere, sondern auch die in Kalorien 
verwandelte Nahrung verlängert die Lebensprozesse immer wieder und 
hindert sie an dem Ausgleich, nach dem sie gerichtet sind. Das Leben ist 



wie eine Uhr, die fortwährend stehen bleiben will, und die immer nur durch 
Stöße dazu gebracht wird, wieder einige Zeit das Räderwerk zu drehen. 
Eine solche Uhr ist die „Weltmaschine" selbst. Wir nehmen in der Wärme 
und ihren Konsequenzen, nämlich im Weltprozeß, nicht die Urheber dieser 
Störungen, nicht einmal die Uhr selbst, sondern nur die steten Verände- 
rungen der Teile wahr, so wie eine dunkle Sonne erst dann merkbar wird, 
wenn sie „Störungen" im Gang der Gestirne ausübt oder ihren Ruhezustand 
verläßt und zu strahlen beginnt. Wir erleben nicht die Welt, sondern nur 
die Relationen des Weltprozesses, nennen die stattfindenden Störungen 
Wärme und die aus ihr hervorgehenden Energieformen Materie, Leben, 
empfinden sie als Innenleben, machen uns aus der Vielheit dieser Erleb- 
nisse ein „Weltsystem" zurecht und haben uns mächtig gewundert, ja wir 
sind von heimlichem Grauen durchrieselt worden, als einer eines Tages die 
bei dieser Sachlage gar nicht verwunderliche Tatsache entdeckte, daß allen 
diesen Vorgängen eine „Richtung" nach der gegenseitigen harmonischen 
Bindung (Entropie genannt) innewohnt.*) 

Man möge dabei aber keinen Widerspruch darin sehen, daß die Harmo- 
nie hier scheinbar zwei verschiedene Deutungen erfahren hat. Das eine Mal 
(vgl. S. 4) wurde sie doch als die Grundlage des Gesetzes von der Erhal- 
tung der Energie bezeichnet, als Harmonie der Funktionen; das andere Mal 
erschien nun Harmonie als der Dauerzustand absoluter Ruhe. Beides ist 
durchaus möglich, da Harmonie ja nicht die Konstatierung eines Systems 
bestimmter Teile, sondern ein Schema von Beziehungen beliebiger Faktoren 
darstellt. Harmonie ist weder von Bewegung noch von Ruhe abhängig, 
sondern regelt nur die internen Verhältnisse komplexer Systeme im Sinne 
von Dauerhaftigkeit. Harmonie ist ein zoetischer Begriff: wir müssen 
das, was uns dauerhaft vorkommt, unter dem Gesichtspunkt der Harmonie 
durchordnen. Ein System harmonischer Funktionen ist im ganzen nun 
weit mehr Störungen ausgesetzt und leichter zerstörbar, also durchaus 
labiler als ein solches von ruhenden Teilen; das eine ist die Harmonie 
des Weltprozesses, das andere die der Welt. Da der Prozeß das Werden 
ist, das nach dem Sein strebt, wird durch diesen Gedankengang dies von 
den Physikern im Geschehen konstatierte „Gerichtetsein^' verständlich, und 
darum war es auch gerechtfertigt, zu sagen, aus der Tatsache der Harmonie 
selbst ergebe sich bereits die Entropie. Die weniger gesicherten Formen 
harmonischer Zustände werden abgelöst von absolut gesicherten, das ist 
die „Richtung", in der sich der Weltengang zu bewegen scheint, und der 
Wechsel der Funktionsformen tendiert zur Befreiung von der Funk- 
tionsform. 

Der an dieser Stelle sich aufdrängende Begriff der Funktionsform ist 
der nächste, der einer Erörterung bedarf, da er an sich weder durch den 
Begriff der Funktion noch den der Energie oder der Entropie verständlich 
ist. Überdenkt man die Art, in der sich gesetzmäßige Beziehungen zwischen 

10 



zwei Größen abspielen können, so wird man finden, daß das Bestehen 
einer Funktion überhaupt nur durch die Form, beziehungsweise die Eigen- 
schaften erkannt werden kann, die diese Größen unter dem Einfluß ihres 
Funktionier ens annehmen. Daher sieht sich auch die Mathematik genötigt, 
in ihrer Symbolik der Funktion ein besonderes Symbol zu verleihen, das 
von ihr als eine Variable erkannt ist. In der Formel y = f(x) ist y die 
Funktion, zugleich die Variable, die abgeänderte Form von x. Oder wenn 
das ganze Verhältnis graphisch dargestellt wird durch ein Koordinaten- 
system, dann bildet die Funktion darin eine jeweils verschieden verlaufende 
Kurve.5) 

Es ist also nicht anzuzweifeln, daß jede Funktion gesetzmäßig ihre von 
der Funktion abhängige Funktionsform nach sich zieht. Es ist demnach 
zu untersuchen und auch an sich sehr interessant, mit welchen Funktions- 
formen sich unser Erleben begegnet. Diese Untersuchung ist sogar eine 
Notwendigkeit, will man über die Funktionen Klarheit erlangen, da die 
Formen ja die einzige für uns verständliche Sprache sind, in der die Funk- 
tionen zu uns sprechen. Nur aus den Formen kann man die Kräfte des 
Seins erschließen, sie allein gewähren Aufschluß über die Veränderungen 
im Weltbild. 

Bevor man sich dieser Arbeit hingibt, soll aber unzweideutig festgestellt 
sein, daß durchgängig an dem Begriff der Funktion selbst auch der der 
funktionsbedingten variablen Form hängt, daß demnach funktionelle An- 
passung keineswegs bloß eine den Organismen zukommende, sondern in 
unserem ganzen Weltbild wiederkehrende Erscheinung ist. Das bewun- 
dernswerte Lebenswerk von Wilhelm Roux, nämlich die Begründung der 
funktionellen Anpassung, hat daher eine weit umfassendere Bedeutung, 
als es ihrem Urheber selbst scheinen wollte, und es wird über das For- 
schungsfeld der Biotechnik hinaus noch zahlreiche Kräfte auf dem ganzen 
weiten Gebiet der Weltforschung in Bewegung setzen, wenn erst einmal 
die wahre Bedeutung der Funktionsform allgemein begriffen sein wird. 

Die einfachste Form von Funktion bieten die Erscheinungen, welche 
von dem Vorhandensein von Massen abhängen, die sich wechselseitig be- 
einflussen. Die Masse macht sich als Beeinflussung ihrer Umgebung nach 
außen als Gravitation, an ihr selbst aber als Trägheit bemerkbar. Es ist 
demnach auch wohl kein Zufall, daß in der gesamten modernen Physik 
gerade diese zwei elementaren Erscheinungen zuerst die Aufmerksamkeit 
der Forschung auf sich gezogen haben. 

Bekanntlich hat Galilei nach einer artigen Legende an den Schwingungen 
einer Ampel im Dom zu Pisa zuerst die Erscheinungen der Schwerkraft 
erkannt, die heute als Spezialfall der Newton'szhtn Attraktion nach den 
Arbeiten von Kepler und Newton die Grundlage der noch geltenden 
Himmelsmechanik bildet. Ihr Kernsatz lautet, wie ja jedem Schüler ge- 
lehrt wird: Die Planeten bewegen sich unter der Herrschaft der von der 

11 



Sonne ausgehenden Gravitation. Diese hat die Richtung Planet-Sonne 
und ist durch folgende zwei Eigenschaften bestimmt: Sie ist dem Produkt 
der Massen von Sonne und Planet direkt -proportional und dem Quadrat 
ihres Abstandes umgekehrt proportional. Vom Himmel aus wurde das 
Gesetz zu der Formel verallgemeinert, daß alle Massen in der Welt sich 
mit einer Kraft anziehen, die den obigen zwei Gesetzen gehorcht. 

Das ist das Newton'sche Gravitationsgesetz, durch das die Bewegungen 
aller Massenteilchen erfaßt werden konnten, weshalb sich auf ihm die ge- 
samte moderne Physik aufbaut. Von diesem Boden aus wurde das Träg- 
heitsprinzip erkannt, das mit der Gravitation zusammen die Basis der 
gesamten Newton' sehen Mechanik ist, die jetzt durch die Relativitäts- 
anschauung abgelöst wird. Jeder Körper verharrt in Ruhe oder gleich- 
förmiger Geschwindigkeit auf gerader Bahn, solange er nicht durch Kräfte 
gezwungen wird, diesen Zustand der Ruhe oder gleichförmigen Bewegung 
zu ändern. (Erstes Newton' sches Prinzip.) Die Kräfte aber, die auf andere 
einwirken, werden gemessen durch das Produkt aus der Masse des Kör- 
pers und der Beschleunigung, die er unter dem Einfluß der Kraft erhält. 
Sie wirkt immer in derfenigen Richtung, welche die Beschleunigung hat. 
(Zweites Newton' sches Prinzip.) 

Es sind also an die Masse, die Bewegung (des Fallens), die Kraft jene 
Formen geknüpft, in denen sich am elementarsten Funktionen äußern, und 
eine Untersuchung des Funktionsgesetzes hat an sie anzuknüpfen. Unver- 
kennbar sieht man da als erstes, daß allem Seienden, wenn es die Funk- 
tionen von Massigkeit, Bewegung oder Kraft ausübt, dadurch allein schon 
tiefe Spuren aufgeprägt werden. Eine umfangreiche Untersuchung für sich, 
eine ganze vielbändige Wissenschaft über das Formproblem müßte hier an 
Stelle dieser wenigen Sätze stehen, wollte man den Gegenstand auch nur 
in seinen wichtigsten Umrissen aufzeigen; die Menschheit, welche durch 
die Bedürfnisse des Lebens so bitter darauf angewiesen ist, die Eigen- 
schaften der Welt zu durchschauen, um sie zu Schutz und Arbeit in den 
Dienst des Lebens zu stellen, wird auf die Dauer nicht daran vorüber- 
gehen können, alle Funktionsformen des Seins so genau kennen zu lernen, 
wie sie einen kleinen Teil von ihnen, nämlich die Funktionsformen der 
Maschinen, schon heute mit befriedigender Genauigkeit beobachtet und 
durchgerechnet hat. Sie wird die objektive Philosophie einst dafür segnen 
und ihr Monumente errichten dafür, daß sie den Menschen Augen ein- 
gesetzt hat, um hier zu sehen, und sicherlich wird diese praktisch-technische 
Anwendung ihrer Denkungsart das Erste sein, was man von ihr annehmen, 
und was jeder von ihr auch begreifen wird. 

In einem Werke aber, das unverrückt das Weltganze im Auge hat, darf 
dieser angesichts seiner Aufgabe geringfügigen praktischen Arbeit nur ein 
kurzer Abschnitt gewidmet sein, und so muß ich mich denn auf Beispiele 
beschränken dort, wo ein Archiv zu öffnen wäre. 

12 




So möge denn darauf nur hin- 
gewiesen sein, daß alle ruhenden 
Systeme die Eigenschaft der Mas- 
sigkeit in der Form der Kugel ver- 
wirklichen, welche die elementarste 
Funktionsform zu sein scheint. Es 
ist deshalb auch ein anerkannter 
Denkzwang, sich alle ruhenden 
,, Masseteilchen" vor Einwirkung von 
Kräften auf sie, beziehungsweise im 
harmonischen Gleichgewicht der 
Kräfte als Kugeln vorzustellen. Das 
gilt heute von den Elektronen, wie 
es vordem von den Atomen und 
Molekülen, den Tropfen, Körnern 
und Granula galt und noch für das 
Weltsystem als Ganzes zutrifft. Die 
Kugel ist die optimale Funktions- 
jorm*) des Zustandes „Masse'\ 
wenn er in Ruhe oder gleichmäßig 
harmonisch Kräften unterworfen 
ist. Die Trägheit der Masse is- 
es, welche diese optimale Form 
von Raumerfüllung bewirkt, und es bleibt nun eine Untersuchung für sich, 
warum auch der äquipotentiellen Systeme gerade diese Grundform des 
Seins annehmen. Ist doch die Kugel auch die Urform des Protoplasten, 
beziehungsweise der Zelle im ruhenden Zustand. Kugelform nimmt die 
Zelle sowohl als Eizelle an, wie auch die ruhenden Amöben, die Ruhe- 
zustände der Einzeller (Cysten), die Grundformen der Algen überhaupt 
kugelig sind. 

Es spricht vollkommen für die Richtigkeit der Anschauungen der ob- 
jektiven Denkungsart, daß das Newton'sche Trägheitsprinzip für den Be- 
griff Masse in jeder seiner Bedeutungen zutrifft, wofür man sich im 
kulturellen, sozialen und geistigen Leben die Belege leicht zusammen- 
suchen kann. 



Abb. 1. Die Kugel ist die optimale Massenform. Sie 
sinict in Wasser (I) tiefer ein als es ihrem Gewicht 
entspricht; auf Quecksilber (11) erfährt sie eine He- 
bung. Die Ursache liegt in der verschiedenen Ober- 
flächenspannung und ihren Randwirkungen. Die Er- 
scheinung beweist die Teleologie der Molekularkräfte; 
die Oberflächenspannung ist von den jeweiligen Ver- 
hältnissen abhängig. 



*) Da die Technik kein anderes Ziel hat, als die optimalen Funktionsformen der 
Werkzeuge und Maschinenelemente zu finden, habe ich statt dem längeren „optimale 
Funktionsform" den Ausdruck „technische Form" hierfür angewandt, der auch in 
diesem Werk im gleichen Sinn festgehalten werden soll. Vgl. hierzu mein Essay: Das 
Problem der technischen Formen (Prometheus 1917). — Auch: Die Form des Er- 
lebens und des Gestaltens (Österreich. Rundschau 1918) und: Die Grundprinzipien 
der Biotechnik (Technik und Industrie, Zürich 1918). 



13 



Dasselbe gilt für den Begriff Bewegung, der ebenfalls sowohl in der 
physischen wie in der Vorstellungswelt dem gleichen Gesetze folgt. Daß 
eine Bewegung nur durch Vektoren ausgedrückt werden kann, deren ele- 
mentarer Charakter durch Länge, Richtung und Richtungssinn festgelegt 
wird, hängt mit der Euklidischen Vorstellung vom Räume zusammen; an 
sich bedeutet Bewegung, deren Form also die Linie ist, nichts anderes als 
die Folge unserer Erkenntnisbeschränktheit, die sich Erlebnisvielheiten 
hintereinander projizieren muß, um sie vergleichen zu können, und die 
diese linieare Projektion dann als Bewegung und Geschehen für einen 
selbständigen Faktor im Weltbilde hält, während sie doch nur „technische 
Mittel des Erlebens" sind. 

Die verschiedenen Arten von Bewegung (gerade, kreisförmige, ellip- 
tische, parabolische, beschleunigte, gleichmäßige, harmonische, rhythmische 
usw.) sind die Formen, in denen sich die Kfäfte äußern, deren Vorhanden- 
sein an nichts als an atomaren und molekularen Änderungen erkannt 
werden kann. Hier breitet sich das unübersehbare Gebiet der Morpho- 
logie der Funktionen aus, von dem für eine zusammenfassende Betrach- 
tung, die das Ganze überblicken will, nur das Eine wesentlich ist, daß 
die Gesetze der periodischen Funktionen, der Beschleunigung, der Gleich- 
mäßigkeit, der kreis- und geradlinigen Bewegung, der Wellen usw. für 
die Relationen der Elemente des Geistigen mit mathematischer Notwen- 
digkeit zutreffen. Diese Erkenntnis ist allgemein, denn in allen mensch- 
lichen Verhältnissen bis zur Umgangssprache des Alltags herab wird 
sie angewendet. Neu ist nur die Einsicht, daß diese absolute Gültigkeit 
einer einheitlichen Relationslehre weder eine Übertragung des Physikali- 
schen auf das geistige Gebiet ist, noch umgekehrt aus einer Vermensch- 
lichung der Natur entsprang, sondern das Gesetz der Funktion überhaupt 
ist, nur in den Sprachen der Mathematik, Musik, Mechanik, Soziologie, 
Logik, Nationalökonomie wiederholt wird. Sein kann sich nicht anders 
entfalten als in Funktionen, und diese schwingen in jedem Sein nach dem 
Funktionsgesetz. 

Wenn ich hierfür als Beispiel die sogenannte Sinusfunktion wähle, so 
geschieht dies, weil sie im gesamten Erlebnisinhalt in tausend Verwand- 
lungen und Masken vor dem Intellekt tanzt, vielleicht überhaupt das 
häufigste Erlebnis ist. Die Sinusschwingung, mit tieferem Sinn auch die 
harmonische Schwingung genannt, ist nichts als eine Bewegungsform, bei 
der ein Punkt an die gleiche Stelle zurückkehrt, nachdem er mit gleich- 
förmiger Bewegung einen vollständigen Kreis beschrieben hat. Der Punkt 
vollführt hierbei eine Bewegung, für die man sich auf den Ausdruck 
Welle geeinigt hat. In der Welle hat man eine periodische Funktion der 
Seinsstufen vor sich, die zugleich die einfachste periodische Schwingung 
ist. Diese Gesetze der Welt zu studieren aber hat der Menschengeist allen 
Anlaß, da ihn sozusagen alles Geschehen in Wellen, nämlich in Rhyth- 

14 



men umbrandet. Jene Entdeckung von Zermelo (deren scheinbares 
Ignorieren vorhin manchen befremdet haben mag), wonach alle Zustände 
periodische Funktionen des Seins seien und wiederkehren, ein Gedanke, 
der aus der Philosophie durch die großartige Vision Nietzsches von der 
„Wiederkehr des Gleichen" bekannt ist, dieser Zermelo' ^oho^ Satz macht das 
Wellenphänomen überhaupt zur Universalfunktion unserer VorstellunQswelt. 

Ein Stein, der senkrecht ins Wasser eines Weihers fällt (vgl. Abb. 2) ist 
auch für den Physiker der Ausgangspunkt aller Wellenerkenntnisse. Man 
beobachtet an den Wasserteilchen besonders leicht, daß sie auf eine solche 
Verdrängung ihrer Gleichgewichtslage hin eine regelrechte Sinusschvvin- 
gung ausführen. An einem im Wasser schwimmenden Körnchen sieht 
man, wie es eine Linie beschreibt, die zuerst ins Wellental hinabführt, 
dann aber den Wellenberg hinansteigt, um so durch einen richtigen 
Kreis wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren. Der kleine Schwim- 
mer steigt auf und nieder, aber er rückt nicht von der Stelle. Was vor 
unseren Augen dahinwandert und viele Kreise beschreibt, das ist die 
Wellenbewegung selbst, die fortschreitet, bis sie am Ufer anprallt. Und 
nun beginnt das gleiche Spiel in der anderen Richtung, und die rück- 
kehrenden Wellen zerschneiden die langsam ausschwingenden primären 
Wellen. So entsteht das Geschaukel und Glitzern, das den bewegten See 
so reizvoll überflirrt. Wir, die wir dem Spiel mit scharf prüfendem Auge 
folgen, entdecken ab und zu, wie zwei Wellen so zusammenprallen, daß 
ein Wellenberg ein Wellental ausfüllt, und wie sie sich völlig aufheben 
und verschwinden. Da haben wir dann die Erscheinung der Interferenz 
erlebt, die jeder Wellenbewegung so wesentlich eignet, daß in allem, was 
sich in solche tote Lücken unter dem Einfluß zweier Kräfte auflöst, deren 
vektorielle Eigenschaften gegeneinander gerichtet sind, Wellenbewegung ge- 
sucht wird. Setzt man diese Wellenstudien fort, schreitet man von Ent- 
deckung zu Entdeckung. Man findet zunächst, daß das Wasser in Trans- 
versalwellen schwingt, während im Wellengang des Schalles die Luft gerad- 
linig fortschreitet, keine Berge und Täler hat, dafür Verdichtung und Ver- 
dünnung aufweist. Das sind dann Longitudinalw eilen. 

Aber dem Wellengesetz gehorcht jede Energie; aus Wellen der Elek- 
trizität setzt sich auch das Scheinbild der Materie zusammen — die 
Wellenbewegung erscheint jetzt als die universale und wichtigste Form 
der Funktionen. Ein Phänomen durchschwingt das ganze physische Sein, 
und, wenn man es auf sein Innerstes prüft, ist es die Kreisbewegung, 
die sich als Periodizität kundgibt. Wunderbar ist diese Erscheinung des 
Periodischen, die auch aus unserem Herzschlag spricht, in unseren Pulsen 
klopft, in stummem Zug, von dem die Schule Freuds manchen Schleier 
abgerissen hat, durch das ganze Menschenleben geht, mit 28tägiger Wieder- 
kehr physiologischer Zustände (Menstruation), mit einer großen und kleinen 
täglichen Wachstumskurve bei Pflanzen, als Mauserung der Tiere im Ring 

15 



der Monate, als Zeitempfinden und Zeitrechnung in unserem Innenleben 
abgeleitet aus der großen Periodizität am Firmament, als in ewigem 
Rhythmus daherrauschende Flutwelle und Luftdruckschwankung und als 
Gleichmaß der Jahreszeiten. Nach Rhythmusgesetzen formt der Künstler 
den Klang der Worte, nach ihnen tönen die süßen Zauberformeln der 
Musik. Periodizität und ihr Wellengesetz spricht aus Ornament und Archi- 
tektur, aus dem Gang der Geschichte und der scheinbaren Regellosigkeit 
des Verkehrs der Güter und Werte. Wer seine Mechanik voll und ganz 
beherrscht, der ist auch Herr der Metrik, der Musik, der kulturellen Ge- 
setze, so wie er der Herr der natürlichen ist, denn er hat eines der funda- 
mentalsten Gesetze der Welt erkannt. 

Wer ist nicht schon ins Innerste erschüttert vor dem donnernden Zer- 
stäuben der Wellenberge gestanden, wer empfand nicht wenigstens für den 
Augenblick im ahnungsvollen Schauer etwas von dem Pathos der Distanz 
zwischen Mensch und Natur, wenn Welle um Welle daherrauschte und, wie 
berechnet, an gleicher Stelle sich aufbäumte als Schaumroß und taktmäßig 
niederfiel (vgl. die Farbentafel), zurückfließend in hundert kleinen Wellen, 
die dann im Intervall zwischen zwei hohen Wasserbergen ihr Lichterspiel 
trieben. In solcher Stunde spricht das Weltgesetz selbst zu den Wissen- 
den, denn was hier in gewaltigen Massen, angetan mit dem Glanz hehrer 
Naturschönheit, unter Donnertosen und des Windes Rasen einherschreitet, 
das wiederholt sich bis in die leiseste Schwingung des verborgensten Elek- 
trons tausendfach abgewandelt und doch als das ewig Eine im ganzen 
Welterleben! 

Das Meer entbehrt niemals der Welle. Sogar bei Meeresstille und glück- 
licher Fahrt merkt ein kundiges Auge die leise Schwankung mächtiger, lan- 
ger Wellen, der Dünung, deren letzte Ursache eigentlich noch entdeckt wer- 
den muß. Gerade an diesem „Parademarsch des Meeres" kann man sich am 
schnellsten davon überzeugen, daß sich die Wasserteilchen zwar ununter- 
brochen radförmig drehen, aber nicht von der Stelle rücken, was dem Un- 
kundigen kaum glaublich erscheint. Von da bis zur „Kalema'\ der enormen 
Brandung an der afrikanischen Guineaküste, die die höchsten Wellen auf- 
wirft — wenn nicht die 40 m, die man die Wellen am schottländischen 
Bell-Rock-Leuchtturm aufspringen sah, sie noch übertreffen — , sind zahl- 
lose Wellenformen des Meeres beobachtet. Schon auf dem schönen Gemälde 
von Eugen Bracht, dessen vortreffliche Reproduktion diesen Band ziert, 
sind nicht weniger als fünf Wellenformen zu sehen: die eigentliche Bran- 
dungswelle, davor gegen das Ufer zu die geschichteten Rückflußwellen 
(deren Typus in klassischer Entfaltung in Bd. I auf der farbigen Tafel von 
All Bachmann gemalt ist, wo auch das Phänomen der Interferenzerschei- 
nung vom Künstler bewunderungswürdig beobachtet wurde), dann die 
kleinen Teilwellen in der Zone zwischen den Wellenbergen, viertens die 
typische überbrechende Welle und ganz draußen eine Art hohler Dünung. 

16 




Abb. 2. Die Erscheinungen der Transvcrsahvellen im Wasser. Die ringförmige 
Ausbreitung der' Wellen um ihr Störungszentrum. Interferen/.erscheinungon 

OriginalaufiialiiiiL' von Frau Or. A. Pricdricli, Miiiiclu-ii 




Abb. 3. Rundling (Rundhöcker), entstanden durch die scheuernde Wirkung des 
Eises. Motiv vom Kochelsee in Oberbayern 

Originalaufnahme 



Im allgemeinen sind freilich bisher Meereswellen mehr mit den Augen 
der Dichter als der Forscher gesehen worden, denn turmhohe Wellen gibt 
es auf freier See nicht; die höchste gemessene betrug nur 18 m Höhe, da- 
gegen ihre Länge überraschender Weise von Kamm zu Kamm gemessen an 
500 m. Das wird freilich von den Erdbebenwellen des Ozeans, dem gewal- 
tigsten Wellenphänomen des uns bekannten Universums, weit in den 
Schatten gestellt. Sie, die wiederholt mehrfach die Erde umkreist haben, 
sind in diesem Sinn 900 km lang, und ihre Bewegung rast in der Sekunde 
150—200 m vorwärts, wodurch sich ihre fürchterliche Zerstörungskraft er- 
klärt. Bei Stürmen, die auch mehr poetisch als richtig beschrieben worden 
sind, übersteigt die Schnelligkeit der Wellenfortpflanzung nicht 28 m in der 
Sekunde. 

Gerade an dem Phänomen der Meereswellen, dessen Betrachtung uner- 
schöpflichen Genuß gewährt, glaubt man am ehesten unmittelbare Gewiß- 
heit zu erlangen, daß alle Wellen durch das Zusammenwirken einer gro- 
ßen Zahl elementarer Wellen zustande kommen (Huygens'sches Prinzip). 
und kehrt damit zum Ausgangspunkt dieser Beobachtungen, zur Theorie der 
Wellen zurück, die auch in der exaktesten Formulierung nicht anders 
lautet als: Wellen entstehen, wenn durch eine Kraft das Gleichgewicht 
eines Punktes gestört wird, sich eine neue Gleichgewichtslage sucht und 
dann nach Aufhebung der Kraft wieder zurückwandert. (Schwingung.) 

Es ist wieder der Ausgangspunkt unserer Analyse erreicht, wenn im 
Verfolg dieser Definition die Mathematik die Schwingung (= Welle) als 
einen zeitlich räumlich periodischen Vorgang bezeichnet und das in die 
Formel kleidet: p = die periodische Funktion von t. 

Der Einklang zwischen der Auffassung vom Weltprozeß als einem 
Ausgleichvorgang zur Behebung von Störungen, welche die objektive 
Philosophie verkündet, und der modernen Physik ist also ein vollständiger. 
Von diesen einfachsten Wellen bis zu den letzten Konsequenzen der Wellen- 
theorie ist allerdings der Weg ein ungeheurer. 

Schon in der, wenn ich so mich ausdrücken darf, zweitgröbsten Mani- 
festation der Wellengesetze, nämlich in den Meeresströmungen und Luft- 
wellen, welche durch die Temperaturstörungen der Atmosphäre als Winde 
und Depressionen ausgelöst werden, verwickelt sich die Erscheinung in 
zunehmendem Maße. Die Oberflächenwellen reichen im Meer nicht tief 
hinab. Schon in 30—33 m Tiefe ist das Wasser ruhiger, in 200 m voll- 
kommen ruhig, mag auch oben der Wind, der die schmalen Kämme der 
Wellen schneller entführt als deren breite Basis, einen donnernden Zu- 
sammensturz nach dem anderen verursachen. Trotzdem ist das Wasser 
auch in der Tiefe nicht unbeweglich, sondern stets findet, wenn auch oft 
sehr langsam, eine ununterbrochene doppelte Wellenbewegung statt. In- 
folge des Gesetzes, daß kaltes Wasser schwerer ist als warmes, sinken in 
den Polarbreiten ständig von der durch starke Fröste abgekühlten Ober- 

Franci, Bios U 2 

17 



fläche breite Wassermassen in die Tiefe, und Oberflächen-Ströme verwan- 
deln sich in Tiefenströmungen. Solches ist in größtem Maßstab der Fall 
an den Küsten von Neu-Fundland, wo der aus der Baffinbai hervordrin- 
gende Labradorstrom mit nullgrädigem Wasser in die Tiefe sinkt und von 
da allmählich an den Ostküsten der Vereinigten Staaten bis zum mexikani- 
schen Golf fließt, wo sich das Wasser wie in einer ungeheuren Warm- 
wasserheizung bis auf 250 erhitzt und aufsteigt, allerdings auch wieder 
abströmt. Als sogenannter Golfstrom oder Atlantischer Strom, das große 
Triebrad aller Meeresströmungen, fießt das warme Wasser durch die Straße 
von Florida, oberflächlich zuerst nach Norden (Floridastrom), wendet 
dann nach Osten, teilt sich: ein Arm fließt zwischen den azorischen Inseln 
und Spanien zurück, der andere bespült mit lauem Wasser von durch- 
schnittlich 10° die englische und norwegische Küste, um sich einesteils 
an den isländischen Vulkanen, an der Treibeisgrenze, wieder mit den kal- 
ten Wassern des Ostgrönlandstromes zu vereinigen, anderenteils immer 
mehr abkühlend bis Spitzbergen und Nowaja-Semlja vorzudringen, wo 
dann alles in kaltem Wasser stockt. So stellte man sich das Phänomen 
bis zu der Zeit vor, da man bemerkte, daß die mexikanischen Wasser nicht 
unmittelbar nach Europa gelangen, sondern, daß aus dem Antiantik ein auf- 
gelöster und mehrfach verzweigter Strom vergleichsweise warmen Was- 
sers zu uns hereinströmt, der z. B. in Hoofden, wie die Seeleute die süd- 
liche Nordsee nennen, praktisch genommen aufhört. Er ist es, der als 
Irmingerstrom Islands Küsten eisfrei hält und sogar Spitzbergens Klima 
mildert. Von Jahr zu Jahr ändern sich diese Verhältnisse etwas und 
haben offenbar ihren Einfluß auf den europäischen Winter (auch auf die 
Fischereierträgnisse.*) 

Mit anderen Worten: die Verhältnisse haben sich als weit komplizierter 
erwiesen, als man anfangs dachte, aber das Gesetz, das wir dahinter 
sehen, ist dennoch nicht durchbrochen. Diese atlantische Trift, die freilich 
nicht das wärmste Wasser enthält (dieses findet sich mit 34,5° im persi- 
schen Golf, mit 32° im Roten Meer), hat allein die europäische Kultur er- 
möglicht, denn sie verändert und bestimmt unser Klima dermaßen, daß es 
durchschnittlich um 5° wärmer ist, als ihm der geographischen Lage nach 
gebührte. Sie allein bestimmt den klimatischen Charakter Westeuropas 
durch das warme und regenreiche „Westwetter" und bewahrt so weite 
Länder vor steppenartiger Austrocknung. Was sie für Europa bedeutet, 
sind dem Japaner der warme Strom des Kuro-Schio, dem Südamerikaner 
die brasilianische Trift, der Menschheit überhaupt die fünf großen Ellip- 
sen, in denen auf der Erdkugel die Wasser mit etwa zwei Meter Geschwin- 



*) Im besonderen scheint der atlantische Hauptstrom aber jeweils im Herbst einen 
Höhepunkt seiner Entfaltung zu erreichen. (Nansen.) 

18 



digkeit in der Sekunde dahintreiben. Ein solches gesetzmäßiges System der 
Zirkulation greift tief in die Ökonomie der Erde ein. 

Gerade der Golfstrom, der daraufhin eingehend studiert ist, kann dem 
objektiven Philosophen als einer der wertvollsten Beweise für seine Be- 
hauptungen dienen, daß alle Vorgänge der Welt im Dienste eines Aus- 
gleiches stehen. Dieser 37—640 km breite Wasserkreislauf, der zusammen 
90 Milliarden Tonnen bewegt und bis 320 m Tiefe erreicht, (wo das Meer 
bei 26,5 Oberflächentemperatur noch immer 15,5 <^ mißt), der (nach 
Humboldt) in zwei Jahren und zehn Monaten einen Umlauf vollendet und 
dann in der Tiefe Wasser von — 2« zurückbringt, ist ein Ausgleichsvor- 
gang allergrößten Stiles. Schon dadurch, daß er, wie auch alle übrigen, 
stets paarweise auftritt, also gleich den Muskeln im Tierkörper seinen 
entgegenarbeitenden Antagonisten hat, ist ein genaues Kompensations- 
system gewährleistet, das die Niveauunterschiede im Meer so vollkommen 
ausgleicht, daß der Golfstrom streckenweise sogar deswegen bergauf fließt. 
Die noch verbleibende Überschußenergie wird in großen Wirbeln, deren 
berühmtester der norwegische Malstrom ist, zerrieben.«) 

An diesem Ausgleichvorgang nehmen selbst die fernsten Faktoren 
teil. So regelt sich seine Geschwindigkeit nicht nur durch die Winde, 
sondern auch durch die Rotation der Erde, die z. B. den europäischen 
wie den japanischen Heizstrom zwingt, bei 40" n. B. nach Osten abzu- 
schwenken und langsamer zu fließen. Sogar der Luftdruck und in einer 
monatlichen Periode auch der Mond beteiligen sich an seiner Regelung, 
die dann wieder auf Pflanzen, Tiere und Menschen in einer wunderbaren 
Verkettung von Gesetzen zurückwirkt. 

Die großen Äquatorialströme haben die Kokospalme von den Südsee- 
gestaden Mittelamerikas bis nach Ceylon verfrachtet und damit eine an 
dieser wichtigsten aller Tropenpflanzen hängende Kultur. Die Ausbreitung 
der malayischen Rasse und ihrer Kultur über den polynesischen Archipel 
hängt gesetzmäßig mit dem Uhrwerk der Ströme zusammen, die auch der 
Entdeckung Amerikas Vorschub leisteten und bis heute im Verkehr mit 
Amerika die große Schiffahrtsstraße auch für die Dampfer durch das Ge- 
setz der kleinsten Kraftanwendung festlegen. Noch immer weicht man der 
schon für die Kolumbusschiffer so peinlichen Sargassosee aus, in der die 
Tange deswegen zusammengetrieben sind, weil sie eine Insel zwischen 
den zwei Armen der Golftrift darstellt. Dagegen drängen sich Tausende 
und Abertausende von Schiffen — und das gesamte Aufblühen der Ost- 
städte der Union hängt daran — an der Grenze der Labradorströmmung 
und des Warmwassers, wo Wale und die unermeßlichen Fischscharen der 
kühlen Wasser vor der „Flammenbarriere" zurückgescheucht werden und 
sich ansammeln. Für immer werden also der Golfstrom und seine Ge- 
fährten eines der Hauptbeweismittel meiner Weltauffassung bleiben, als 
Kronzeuge, wie die Ausgleichsvorgänge Mutterschoß aller Prozesse sind. 

2« 

19 



Neben diesen Oberflächenwellen und Ausgleichsvorgängen im Großen 
vollführt aber der Ozean als Ganzes noch eine sich in Wellen abspielende 
Funktion, die mit zu den folgenschwersten Erscheinungen gehört, die sich 
auf der Erde jemals abgespielt haben. Das ist die Transgression der 
Meere, eine Erscheinung, im bisherigen als Integrationsphänomen der Erd- 
kugel zwar schon kurz gestreift (vgl. Bd. I S. 183), aber noch nicht auf 
ihre Gesetzmäßigkeit von uns untersucht. Die Vorbedingung dieser Wan- 
derung der Weltmeere ist die lebendige Kraft der Wellen, die sich in der 
Gegenwirkung an hartem Gestein zu gigantischen Leistungen aufbäumen 
kann. Unter den vielen felsigen Meeresküsten, an denen ich mir Erfahrung 
über diese Phänomene erwarb, trug unstreitbar der Steilabfall von Helgo- 
land die tiefsten Spuren dieser Arbeit des Ozeanriesen, wenn auch der Fel- 
senrand an der Azurküste, die gelbroten Felsenmauern Korsikas, gegen die 
wütende Brandung peitschte, die kleinen Inseln an der dalmatinisch-slawi- 
schen Küste oder die Riffe, an denen die langen Gischtkämme des Roten 
Meeres verschäumten, jedes in seiner Art, das Bild gleicher Zerstörungs- 
kraft anders aufstellte. 

Stets ist die Bedingung der Brandungswellen die auch auf unserer farbi- 
gen Tafel dargestellte Situation, daß die Wellen auf eine Untiefe aufpral- 
len, wodurch die Unterseite in ihrer Bewegung gehemmt wird und die Wel- 
len brechen. Dadurch wird das Kliff, wie der Seemann die Steilküste 
nennt, zertrümmert und unterwühlt, indem zunächst eine Hohlkehle ausge- 
arbeitet wird, über der der Fels allmählich einstürzt. Die Trümmer werden 
weggespült, und nach und nach entsteht eine Brandungsterrasse, aus der nur 
die härtesten Gesteinstrümmer noch emporstehen. Wunderbare Tore und 
Höhlen bohrt sich das Wasser, wie sie den Besucher von Capri entzücken, 
abenteuerliche „Pilzfelsen", breite, glatt gescheuerte und zurechtgeschliffene 
Strandterrassen, vor denen Rollsteine liegen, verraten als Funktionsformen 
der Abrasion noch in späten geologischen Zeiten die Arbeit des Ozeans und 
geben dadurch der Forschung ein untrügliches Mittel an die Hand, in allen 
Gebirgen den Weg A^r Regressionen, nämlich das Zurückweichen der Meere 
festzustellen. Anders an den flachen Küsten. Die Stoßkraft der branden- 
den Wogen trägt grobe Geschiebe bei den Sturmfluten weit landeinwärts. 
Man hat Fälle erlebt, in denen viele Zentner schwere Blöcke stundenweit 
von der Wut des Elementes ins Land gerollt wurden. Der Rückstrom hat 
dagegen nur wenig Kraft (man betrachte auch daraufhin die farbige Tafel), 
und so entsteht gesetzmäßig eine Aussiebung, die auch auf Bachmanns 
Meereslandschaft in Band I zur Geltung kommt, und von der sich jeder bei 
einem Gang über den Flachstrand mit Leichtigkeit überzeugen kann. Dem 
Meere zunächst liegt der feinste Sand, landeinwärts das gröbste Geröll. So 
wirft die See rastlos zerriebenes Gesteinsmaterial aus und häuft es an zu 
Schutt- und Sandbergen, aller Welt als Dänen bekannt. 

Jeder Flachstrand hinterläßt bei der Regression des Wassers einen Dünen- 

20 



gürtel. Und erfolgt sie im Laufe der Jahrtausende Schritt für Schritt, dann 
kann am Ende einer Epoche ein länderweites Sandhügelgebiet übrig blei- 
ben, wofür die Sahara ein großes, die norddeutsche Tiefebene oder Franken 
mit ihren sandigen Kiefernwäldern ein kleines Beispiel abgeben. 

So verschlingen sich die Folgen der Abrasion zu wunderlichen länder- 
umfassenden Wirkungen. Und da die Wanderung des Meeres von jenem 
Tage an, seitdem es ein Meer gab, niemals stille stand, ist die ganze Ober- 
fläche der Kontinente eine Hieroglyphenschrift, durch die das Meer tausend- 
fach wiederholt: hier haben meine Wellen das Walten des Funktions- 
gesetzes verkündet. Im allgemeinen schleift das Meer glatter ab als die 
denudierenden Kräfte des Festlandes, und die Spuren der Transgres- 
sionen sind besser zu erkennen als die der Rückzüge. Da das Meer überall, 
wo es war, außerdem noch seine Sedimente zurückläßt, ist seine Wellen- 
bewegung auf diese Weise einer der einflußreichsten Faktoren, der das 
Antlitz der Erde ändert. Das menschliche Wissen hat ein ganz untrüg- 
liches Mittel dadurch, die Geschichte der Kontinente und Meere festzu- 
stellen (vgl. Bd. I Abb. 96/99). So ist dies eines der wenigen erfreulichen 
Kapitel der Wissensgeschichte, in dem wenigstens die Relationen einwand- 
frei und den Zweifeln entrückt sind. 

Auf solche Weise ließ sich feststellen, daß der Pazifik seit Anbeginn der 
Erdgeschichte Meer gewesen ist. An seinen Küsten sind keine nennens- 
werten Strandterrassen vorhanden. Ganz anders aber alle übrigen Meere. 
So wie gegenwärtig ganz Europa in dieser Hinsicht in einer großen Erd- 
revolution begriffen ist, war es von je der Kontinent, der am ausgiebigsten 
dem Wellenspiel der Meeresbewegungen ausgesetzt gewesen. Ein Blick auf 
den Versuch (Bd.I Abb.96/99), die Kontinente in vier geologischen Epochen 
zu rekonstruieren, wird zeigen, daß allerdings auch zwischen Asien und Ame- 
rika, zwischen Afrika und Indien sowie Australien große Landbrücken über- 
flutet worden sind, daß auch die sagenhafte Atlantis des Plato dem Erdfor- 
scher kein ganz inhaltloser Begriff ist, daß aber immer wieder Europa bald 
nur ein Archipel von im blauen Weltmeer verlorenen Inseln war, bald ein 
mächtiger und ungefüger, mit kolossalen Gebirgen (Vansklkum) bedeckter 
Kontinentblock, gegen den der heutige Erdteil nur schöne Reste bedeutet. 

Im dritten Teil meiner „Grundlagen" (München, Die Lebensgesetze einer 
Stadt), findet der Leser für die oberbayrische Hochebene und das Alpenland 
eine genaue Geschichte der Kette der Transgressionen, denen der Münchner 
Boden ausgesetzt war; hier aber, wo wir nach größeren Zielen blicken, kann 
ich solchen Detailschilderungen keinen Raum mehr gönnen, nachdem ein- 
mal das Gesetz erkannt ist. Nur daran sei erinnert, daß die Wellen- 
bewegung des Meeresganzen, als welche man das Transgressionsphänomen 
sehr wohl bezeichnen kann, sehr häufig eine regelrechte Schwingung (Os- 
zillation) ist, bei der die Rückzüge genau den Vorstößen entsprechen. Sol- 
ches war auf der nördlichen Halbkugel im Kambrium, Karbon, Dyas und 

21 



Trias der Fall. Oder, wie im europäischen Silur, Devon, in der Jura- und 
Kreidezeit, es erfolgte zuerst ein allgemeines Rückfluten und erst metachron 
erfolgte dann wieder das Ansteigen der Fluten. Die größte aller solcher 
Transgressionen in der oberen Kreide, im Cenoman, umfaßte die ganze 
Welt. Ungeheure Erdräume wurden damals überflutet, sogar uralte Fest- 
länder. Aber im Senon trat die Regression ein, und wenn auch noch im 
Eocän Meereswellen über Nordfrankreich, Belgien und Südengland, über 
dem ganzen Südeuropa rauschten, wenn auch zur Zeit der Nummullten 
Nordafrika mit dem unermeßlichen Becken der Sahara überflutet war und 
Atlas, Himalaya, Alpen und Karpathen nur als flache Inseln aus einem 
tropischen Meere ragten, so nimmt doch trotz aller Schwankungen die 
Wasserbedeckung seitdem ab, und je genauer man Transgression und Re- 
gression gegeneinander abwägt, desto vollständiger überzeugt man sich, 
daß sie dem Wellengesetz entsprechen und das genaue Auspendeln und 
Ausgleichen einer Störung darstellen, gemäß dem Funktionsgesetz, das sich 
auch in ihnen verwirklicht. Und was sich hier im Wasser ereignet und 
wegen der Schiffahrtsinteressen auf das genaueste erforscht ist^), folgt dem 
gleichen Gesetz im Luftozean. Auch die Atmosphäre erleidet periodische 
Änderungen, die sich wellenförmig fortpflanzen und zusammen das Funktio- 
nieren eines Ausgleichsmechanismus bedeuten, der für die Dauer der Luft- 
hülle sorgt. Aus dieser „Kette der einzelnen Wettertypen" aber setzt sich 
das zusammen, was man Klima nennt. Um das in jeder Einzelheit voll- 
ständig beweiskräftig zu machen, müßte man einen vollständigen Abriß der 
Klimatologie hier folgen lassen, was aber durch die Forderung nach Har- 
monie in diesem Werke verwehrt wird. 

Jedenfalls aber muß jedermann, der die Gesetze der Welt wirklich kennen 
will, das eine wissen, daß Klima nichts anderes als die Kette von Witterun- 
gen ist und Witterung die jeweilige Ausgleichsphase zwischen den Einflüssen 
der Temperatur und dadurch von Wind, Luftdruck, Feuchtigkeit und Elektri- 
zität. Mit anderen Worten, das Klima eines Ortes ist die Beschreibung der sich 
an ihm abspielenden Störungen, die sich in einer Reihe von periodischen 
Vorgängen vollziehen. Die Temperaturunterschiede sind die alleinige Ur- 
sache, warum es ein stets wechselndes „Wetter" gibt. Sie sind zunächst ge- 
geben durch die Seinsformen des Weltalls selbst, also geregelt durch das 
Entitätsgesetz. Schon dadurch, daß die Sonne eine Singulationsform besitzt, 
ist die Ungleichheit der Erwärmung geschaffen. Wäre die Quelle der Wärme- 
strahlen nicht individuiert, so gäbe es auf Erden keine Wärmedifferenzen 
und damit kein „Wetter", das also zu den Funktionen der Sonne gehört. 

Eine weitere Differenzierung schafft die Kugelgestalt der Erde. Sie bedingt 
durch rein geometrische Verhältnisse, daß, ideal genommen, nur dem engen 
Äquatorialgürtel ständig das Maximum der Erwärmung zuteil wird. Durch die 
Kugelkrümmung treffen die Wärmestrahlen unter einem immer ungünstiger 
werdenden Winkel auf und verteilen sich auf einer ständig sich vergrößern- 

22 



den Oberfläche. Durch die schiefe Stelhing der Erdachse (vgl. B.I, Abb. 100) 
ist die Verteilung der Wärmemengen in der jedermann so wohlbekannten 
Weise geregelt, daß die europäische Zone sich mit einem periodischen Wech- 
sel von Wärmemaximum und Minimum abfinden muß, durch dessen Rhyth- 
mus das Jahr in die vier Zeiträume von Frühling, Sommer, Herbst und 
Winter zerfällt. Diese Temperaturschwankungen aus kosmischer Ursache 
sind so fein abgewogen, daß kein Tag im Jahr dem anderen völlig gleicht. 

Zu diesen Temperaturunterschieden kommt noch der Einfluß der Erd- 
rotation, durch den jeder Punkt der Erde in jeder Minute des Tages einem 
anderen Grad von Insolation ausgesetzt ist; auch des Nachts bleibt die 
Temperatur in allen Luftzonen keineswegs unverändert, sondern einem 
Wechselspiel vieler Faktoren unterworfen. 

Durch dieses komplizierte und bewegliche System von Temperaturunter- 
schieden entstehen die Winde in allen ihren Abstufungen von der leisesten 
Luftströmung bis zum tobenden Orkan. Denn die Temperatur entscheidet 
über die Auflockerung der Luft; das Gewicht einer gleichhohen Luftsäule 
ist geringer, wenn sie warm ist, als wenn sie kalt ist. Es wird also nahe 
dem Erdboden bei kalter Temperatur die Luft höhere Barometerstände 
(hohen Luftdruck) aufweisen, als bei warmer Temperatur. Von den kälte- 
ren Orten strömt nun die Luft dem natürlichen Gefälle folgend in die Zone 
der „aufgelockerten" warmen Atmosphäre. Und diese Bewegung nennt man 
Wind*). Seine Stärke ist um so größer, je steiler das Gefälle im Luftdruck 
ist. So wird denn die Erdkugel aus diesen Gründen ständig von Luftbewe- 
gungen umkreist, in deren unendlicher Mannigfaltigkeit allerdings leicht 
gewisse Gesetze erkennbar sind. In den höheren Luftschichten besteht vor 
allem ein vom Äquator gegen die Pole zu gerichtetes Luftdruckgefälle, der 
ein gegenteiliger unterer Wind entsprechen muß. In Wirklichkeit aber sind 
diese Luftströmungen seitlich abgelenkt, da die Erdrotation ihren Einfluß 
auf die Luftbewegung geltend macht. Infolgedessen hat auf der nördlichen 
Halbkugel ein Beobachter, der den Wind im Rücken hat, den Ort niedrigen 
Luftdruckes stets zu seiner Linken. (Barisches Windgesetz von Bays-Ballot.) 
Diese ablenkende Kraft der Erddrehung ist natürlich in der Aquatornähe 
am stärksten; sie staut dort um 30 Grad Breite sogar die Luftströmung und 
erzeugt eine Zone der Windstille oder schwachen Winde, die man mit einem 
leichtverständlichen Ausdruck die Kalmen, mit einem kaum erklärbaren die 
Roßbreiten nennt. Der Niederwind, der westwärts dem Äquator zuströmt und 
ständig die ganze Erde umkreist, heißt, wie jedem Weitgereisten bekannt: der 
Überfahrtwind, der Passat, sein Gegenwind in der Höhe : der Antipassat. 



*) Allerdings verhält sich das in den höheren Schichten der Atmosphäre gerade um- 
gekehrt: die warme Luft strömt dort in die kalten Räume ab, so daß im Ganzen 
bei Temperaturunterschieden benachbarter Orte eine Zirkulation entsteht, die durch 
Ausgleich einen mittleren Zustand (Harmonie) ganz nach den Behauptungen un- 
serer Lehre herzustellen trachtet. 



23 



So ist ein wunderbarer Ausgleich der Temperaturen über dem Erdball 
jederzeit tätig als System der Winde, das in seiner Harmonie gleichsam wie 
ein Abbild der ganzen Welt erscheint. Aber, und auch darin macht es das 
Weltbild faßbar, wie es sich für die objektive Philosophie spiegelt, in dieser 
Harmonie niederen Ranges treten ständig Störungen auf. Hier hat man 
relativ leicht Einblick in ihre Ursachen. Sie entspringen nämlich notwen- 
digerweise den Funktionen des Seins, d.h. schon die Vielgestaltigkeit der 
die Erde zusammensetzenden Teile, also die Singulation, bedingt die Not- 
wendigkeit eines gegenseitigen Ausgleiches der Funktionen, die von jedem 
Nachbarteil als Störung seiner Funktion „empfunden" und entsprechend be- 
antwortet wird. 

Die Verteilung von Land und Wasser ist z. B. eine der Ursachen dieser 
Störungen im ständigen Luftausgleich. Kontinente erwärmen sich anders 
als das kühle Meer, und darum blasen die Passate nur auf dem Ozeait 
regelmäßig. Auch der in der Lage der Erdachse begründete Wechsel der 
Jahreszeiten ist eine solche Quelle der Störungen, die sich unter anderem 
darin äußern, daß auf dem asiatischen Kontinent, dieser größten Landmasse 
der Erde, im Sommer ein höchst ausgedehntes Tiefdruckgebiet entsteht, 
auf dem im Winter, aus leicht begreiflicher Ursache, entsprechender Hoch- 
druck herrscht. Das Gegenstück dazu befindet sich im Atlantik unter dem 
Einfluß des uns schon bekannten Golfstromes. Bei Island steht dann, vor- 
ab im Winter, ein ständiges Tiefdruckgebiet, eine sogenannte Depression 
oder barometrisches Minimum. Das, sowie die Roßbreiten mit ihrem Maxi- 
mum sind die Störungs- oder Aktionszentren der Atmosphäre, von denen 
die Witterungsunregelmäßigkeiten ausgehen, die uns unglücklich-glücklichen 
Westeuropäern so zur Daseinsgewohnheit geworden sind, daß man mit Recht 
von uns gesagt hat, wir bewohnten ein Land, in dem alle drei Tage ein 
anderes Wetter herrscht. Andere solche von der Sondergestaltung der Teile 
der Erde abhängige Funktionsstörungen periodischer Natur sind die Land- 
und Seewinde, ebenfalls abhängig vom verschiedenen Grad der Erwär- 
mung, die Festland und Meer erfahren, ferner die Tal- und Bergwinde, 
oder das größte Beispiel solcher Zirkulationssysteme, die Monsune Süd- 
asiens, die nichts anderes, als ein auf ganze Kontinente übertragenes Bei- 
spiel von Land- und Seewinden sind. 

Alle diese Umstände verwandeln die Witterung in ein höchst verwickeltes 
System von Luftströmungen verschiedenster Stärke und Richtung, in ein 
Durcheinander von Wellen, deren Einfluß in jeder menschlichen Tätigkeit, 
der einfachsten so gut wie der subtilsten, stündlich bemerkbar ist, ohne daß 
es aber dem Menschengeist gelang, die Mechanik dieses Wellensystemes 
restlos zu klären und es sich dadurch ebenso dienstbar zu machen wie die 
Wellen des Lichtes oder der Elektrizität. 

Da ist es denn leicht begreiflich, wieso die Wetterprognose, eine Vorher- 
sage, die dem Wellenmechaniker auf dem Gebiet der Elektrizität z. B. ohne 

24 



Ausnahme gelingt, noch mit so vielen Unzulänglichkeiten behaftet ist, daß 
nur etwa 71 o/o der Prognosen Treffer sind, während doch schon ein will- 
kürliches Raten 50 o/o Treffer ergibt. Nur in den allergröbsten Zügen sind 
die Zusammenhänge geklärt. Man weiß z. B. mit Sicherheit, daß die Luft 
diathermisch ist, d. h, die Wärmestrahlen fast ganz durchläßt, ohne sie zu 
absorbieren, so daß die gesamte Wärmestrahlung vom Festland unter dem 
Einfluß der Sonne ausgeht. Darum wird es auch immer kälter, je höher 
man steigt. Im allgemeinen sinkt nun in trockener Luft die Temperatur 
für je 100 Meter um einen Grad, und aus diesem Grunde sind auch die 
hohen Berge mit ewigem Schnee bedeckt.^) Demgemäß ist das Klima 
nicht nur vom Sonneneinfall, sondern auch von der Form der Größe der 
Kontinente, der Bodenbeschaffenheit und sonst noch vielen Faktoren mit- 
bestimmt. Dadurch erklärt sich, warum die heißesten Orte nicht am 
Äquator, die kältesten nicht am Pol liegen. Die größte Hitze maß man mit 
72 Grad Celsius in der Sahara, die größte Kälte jedoch zu Werchojansk in 
Sibirien mit — 69,8 Grad Celsius. 

Solchen außerordentlichen Differenzen entsprechen auch Intensitäten der 
Ausgleichung, welche die Erdoberfläche zuweilen in ein grauenvolles Trüm- 
merfeld verwandeln. Die zehn Windstärken, die man unterscheidet, ent- 
sprechen Bewegungsgeschwindigkeiten von 1,5— 50,0 Sekundenmeter (Mann). 
Eine solche Bewegung legt 195 km in der Stunde zurück; natürlich müssen 
dann derartige Tornados oder Tromben verheerend wirken. Am 29. April 
1892 beraubte auf Mauritius ein Sturm von solcher Stärke 25 000 Menschen 
ihres Obdachs, er tötete an 1500, hob sogar große Schiffe in die Luft und 
schleuderte sie in die Stadt Port Louis. Die Ursache war ein Druckgefälle, 
durch das das Barometer in vier Stunden um 38 mm sank. Im allgemeinen 
kann man sagen, daß eine Senkung der Quecksilbersäule um einen Millim.eter 
einen Wind von 3—5 sec/m Geschwindigkeit zur Folge haben muß.*) Da die 
größte Barometeränderung zu Mittag erfolgt, so pflegt dann auch bei allen 
Stürmen das Maximum einzutreten, des Nachts dagegen die geringste Stärke. 

Mit den Winden wandert nun auch die Temperatur im Sinne des Aus- 
gleiches. Südwinde, im Winter auch der West, bringen Wärme, im Sommer 
kühlen auch Westwinde ab. Daher bringen die Winde je nachdem Wolken 
oder Aufklarung. Durch die Verdunstung, die so verschieden ist, daß 
in Europa durchschnittlich nur sechs Hektoliter auf einen Quadratmeter 
kommen, während man in den Tropen das Zehnfache rechnen muß, wird 
die Luft mit Wasserdampf in Gasform beladen, der sich bei Abkühlung 
ausscheidet. Bei Grad kann ein Kubikmeter Luft nur 4,4 Gramm Wasser 
in Gasform aufnehmen, bei 20 Grad aber bereits 7,1 Gramm. Kühlt sich 
warme Luft auf den Nullpunkt ab, so müssen 3 g in jedem Kubikmeter 
ausgeschieden werden. Nur dann ist der Ausgleich hergestellt. Das geschieht 



*) 15,0 sec/m gelten als Sturm. 

25 



durch die Ausscheidung in Tröpfchen, und diese sind im Milliardenverband 
sichtbar als Wolke oder Regen. 

So bringen die Minima die Winde mit sich, die Winde die Wolken, die 
Wolken den Regen. Nach dem Regen folgt Sonnenschein. Mit diesem Sprich- 
wort verrät unsere Muttersprache, daß sie sehr wohl die Welttatsache des 
Ausgleichsvorganges kennt. Die Niederschläge erfolgen, wenn der Tau- 
punkt überschritten wird, d.h. dann, wenn eine Wolke sich so weit ab- 
kühlt, daß sie den über die Sättigung hinausgehenden Wasserdampfvorrat 
ausscheidet.9) Das Hilfsmittel des Regens ist, wie uns schon bekannt, der 
Staub- und Rußgehalt der Luft. Um diese Kondensationskerne herum bildet 
sich je nach der Temperatur das Kristallskelett der Schneeflocken (Bd. I, 
Abb. 31) oder die Singulationsform der Hagelkörner und Regentropfen. So 
einfach und nüchtern stellt Wissenschaft diesen Vorgang dar, und wie viel 
farbig wechselvolles, schicksalsreiches Erleben steckt nicht in den Worten 
Landregen, Regenboe, Wolkenbruch, Unwetter, Schneetreiben, Hagelschlag, 
denen allen diese gleiche kühle Gesetzlichkeit zugrunde liegt. Wohl malt 
die Geographie das Bild ihrer Zahlen und Namen noch etwas bunter aus, 
wenn sie uns das Kapitel der Niederschläge aufschlägt: vor allem das dürre 
trostlose Bild der Wüsten, wo es nicht jedes Jahr regnet. Ich war in Afrika 
an Orten, wo mir Europäer seufzend sagten: das Unerträglichste ihres 
Schicksals sei der Mangel an Regen. Seit 13 Jahren warteten sie darauf. Von 
ElKosseir am Roten Meer ist verzeichnet, daß es dort 110 Jahre lang nicht 
geregnet hat. Noch wenn die Höhe der Niederschläge eines ganzen Jahres 
250 mm übersteigt, ernährt das Land nur dürre Steppe, 1000 mm (z. B. 
München) sind erst normal. Aber die Monsunregen der Tropen bringen 
manchmal in einer Woche so viel nieder, und das Kamerungebirge mit 
10 Metern Regenhöhe oder das Extrem: Dscherra Pundscha am Südabhang 
des Himalaya mit 12,5 m ist selbst für den Salzburger und Kreuther (im 
bayerischen Gebirge) eine unfaßliche Wasserhel, wenngleich es auch in 
seiner Heimat an 2000 mm Niederschläge gibt und an 178 Tagen im Jahre 
regnet oder schneit. *) Die Verteilung dieser Niederschläge wird nun durch 
das große Gesetz der Jahreszeiten und dann durch den Weg der Minimas 
im Einzelnen geregelt. 

So wichtig ist das für den Menschen, daß er viele Institute in allen Län- 
dern geschaffen hat, um die Zugstraßen der Depressionen festzustellen, und 
in täglich überallhin telegraphierten Karten studieren das täglich Tausende, 
deren Erwerb und deren Lebenssicherheit auch oft genug von der richtigen 
Prognose der nächsten vierundzwanzig Stunden abhängt. Im Prinzip handelt 
es sich dabei in Europa fast immer um die Bahnen, welche die von dem 
isländischen Zentrum sich fortwährend ablösenden Teilminima einschlagen. 
Diese Zugstraßen sind nicht vom Zufall, sondern durch ganz bestimmte 

*) In Deutschland im allgemeinen durchschnittlich an 156 Tagen. 

26 



Gesetze vorgeschrieben. Wohl weiß man, daß deren oberstes auch hier die 
Erdrotation ist, wodurch die Minima westwärts gedrängt und abgelenkt, da- 
durch in eine wirbeiförmige Bewegung gebracht werden. Sie folgen dabei 
dem Laufe des Golfstromes und wandern im allgemeinen auf zwei Haupt- 
wegen (vgl. Bd.I Abb. 104). Der eine führt über Skandinavien gegen das 
nördliche Rußland, der andere wandert entlang den Alpen. 

Im Gebiet des Minimums, das man mit einem Ausdruck von dichterischer 
Kraft „das Auge des Sturmes" genannt hat, bilden die Luftwirbel infolge 
der Erwärmung einen aufsteigenden Luftstrom, wobei die Luft in „zyklo- 
naler Bewegung" (weshalb die Minima in der Wissenschaftssprache auch 
Zyklone genannt werden) gegen den Uhrzeiger strömt. Mit anderen Wor- 
ten: Alle Nordwinde gehen in Europa allmählich mit dem Vorrücken des 
Minimums in einen Nordwest über; Ursache davon ist der Erdriese mit 
seiner Drehung; die Wirkung der Erscheinung ist die Tatsache, daß NW 
der herrschende Wind Europas ist. Hat uns ein Minimum erreicht, dann 
dreht der Wind nach Westen, und in dem Maße, als es abzieht, folgen ihm 
Südwest- und Südwinde, schließlich Ostwinde nach. Die im Minimum 
emporsteigende Luft kühlt sich so stark ab, daß aus bekannter Ursache eine 
immer mehr sich verstärkende Bewölkung, schließlich auch Niederschläge 
eintreten. Ein Minimum bedeutet daher für die alltägliche Erfahrung 
Schlechtwetter, sein Gegenteil dagegen Aufheiterung, weil dann Luft herab- 
steigt, durch das Zusammendrücken sich erwärmt und mehr Feuchtigkeit 
aufnehmen, also Wolken verzehren kann. 

Man sieht: die gesamte Meteorologie ist nichts als die Physik, und zwar 
die Wellenmechanik der Luft: Nichts an ihr ist unerklärlich; wenn sie trotz- 
dem noch so viel unbekanntes Land des Wissens in sich schließt, so kommt 
das nur von der großen Verwicklung der Tatsachen. Alles läuft da in 
Wellen und Wellchen, die sich kreuzen, bis sich vor diesem Wellenspiel 
der Funktionen die Sinne verwirren. Denn jede Gewitterwolke bedeutet 
einen lokalen Zyklon, hat ihren eigenen Wind und alle an ihm haftenden 
Erscheinungen, jedes Gebirge, das Meer, jeder große See, ja schon jeder 
Wald macht sich im Bilde durch besonderen Einfluß bemerkbar und muß 
in eine Rechnung eingestellt werden, die letzten Endes bei der für Menschen- 
sinne unfaßbaren Vielgestaltigkeit der Erde unübersichtlich wird. So er- 
eignet es sich in diesem Fall, daß man wohl das Gesetz kennt, aber es 
praktisch dennoch nicht befriedigend anwenden kann. 

Es bereitet ein wunderbares Vergnügen, wenn man so vielerlei und ver- 
wirrende Erscheinungen: das Wellenspiel des Meeres, seine Strömungen, 
das Auftauchen der Länder, das Brausen der Brandung, den geheimen Zug 
der Wolken, das Pfeifen des Sturmes, die Entstehung der Wüsten, den stillen 
Wandel der Jahreszeiten auf ein und dieselbe Formel bringen kann. In dem 
Maße, in dem man die Wellengesetze konsequent auf die Phänomene der 
Atmosphäre und der KUmatologie anwenden wird, wird sich diese Seite des 

27 



Welterlebens einfacher und durchsichtiger gestalten und uns mit neuen Er- 
kenntnissen bereichern. Schon jetzt gestattet der uns führende Gedanke 
z. B. auch in das Chaos der Paläokllmatologie einige Ordnung zu bringen. 
Von ihm hat jedermann wenigstens insofern einiges Wissen, als man von 
einer, der Geologe sogar von mehreren diluvialen und einer karbonischen, 
mit Fragezeichen auch von einer kambrischen Eiszeit Kenntnis besitzt, 
zwischen die Perioden mächtiger Erwärmung fallen. Das allgemeine Bild 
der vergangenen Klimate gestaltet sich (nach F. Frech, um eine der gel- 
tenden Ansichten als Grundlage zu wählen) etwa in folgender Weise: 

Das Klima des Archaikums und der präkambrischen Zeit ist völlig un- 
bekannt. 

Im Kambrium herrscht eine Eiszeit. 

Silur, Devon und Karbon waren gleichmäßig warm. 

Das Dyas hatte wechselndes Klima, teilweise eine Eiszeit. 

Trias und Jura besaßen tropisches Klima. 

In der Kreide begann eine Abkühlung. 

Das Tertiär begann mit einer Wiedererwärmung, der aber wieder Abküh- 
lung folgte. 

Diluvium und Gegenwart bedeuten eine jetzt langsam auspendelnde Eis- 
zeit, so daß nach aller Wahrscheinlichkeit die geologische Zukunft wieder 
durch eine allgemeine Erwärmung ausgezeichnet sein wird. 

Wo soll in diesem steten Wechsel nun das Gesetz auffindbar sein, wenn 
nicht im Wellengesetz, das die Klimatologie auch im Größten genau so be- 
herrscht, so wie es ihr Kleinstes regelt? Mit voller Zuversicht läßt sich von 
dieser Plattform aus behaupten, daß periodische Eiszeiten und pantropische 
Zustände vor dem Kambrium genau so da waren, wie sie auch in Zukunft 
wiederkehren werden, und in dieser Hinsicht findet die Theorie der Pendu- 
lation (vgl. Bd. I S. 69), welche allein bisher den Rhythmus der Eiszeiten 
zu erklären vermocht hat, an dieser Wellenlehre eine neue Stütze. Auch die 
Klimamigration erscheint demnach dem Wellengesetz unterworfen. 

Es ist sehr artig zuzusehen, wie sich dieses Wellengesetz gewissermaßen 
in den Funktionsformen von Wasser und Wind automatisch in das Antlitz 
der Erde eingräbt, und wie es sich auf diese Weise Dauermonumente er- 
richtet. Die Strandterrassen an den Meeresküsten, so gut wie die oft ge- 
nug auch fossil aufbewahrten „Rippelmarken^^ des Wellenspiels am san- 
digen Strand, belegen diesen Satz ebenso, wie die zahllosen Denkmäler der 
Deflation, welche allerorten in den Alltag der Menschen hineinragen und 
in prachtvollen Hieroglyphen das Gesetz der Welle gewissermaßen an 
allen Wänden eintragen. 

Der Unterschied von Abrasion (oder Ingression, wie ein neuerer bes- 
serer Fachausdruck sagt) und Deflation (die in neuerer Zeit mit Vorliebe 
Winderosion genannt wird), beruht eigentlich nur auf dem arbeitenden 
Material; die Funktion bleibt bei beiden die gleiche. Das abradierende, 

28 




Abb. 5. Modell eines Gletschers nach A. Heim im Alpinen Museum zu Mimchen 

Man beachte die Firnmulde, aus der durch Ablation die Gletscher entstehen, mit ihren Kluft- 

systemen und Seitenmoränen. Im Vordergrund die abgeschliffene Rundhöckerlandschaft aus Zeiten 

größerer Vereisung. Die Hochberge sind-ausgesprochene „Karlinge" mit zugespitzten Formen 




Abb. 6. Gerolle eines Wildbaches im Hochgebirge 

Die Steine stellen Funktionsformen in allen Stadien der Vervollkommnung dar. Moti- 
in Tirol. Originalaufnahme 



aus dem Otztal 



Meer unterwühlt in Form von Hohlkehlen die Kliffs, wie der deutsche See- 
mann die Steilküsten englisch benennt, durch Rollsteine, welche klassisch 
ausgeprägt die Funktionsform des Rollens an sich tragen und in jedem 
Gebirgsbach im kleinen die großen Erscheinungen an der Meeresküste 
wiederholen (Abb. 6). Die Ebbe führt dann das aufbereitete Material zu- 
rück ins Meer, und so schleift der Wellengang der Tiden mit lebendiger 
Kraft sauber und glatt die Festlandsstümpfe mit solcher Geschwindigkeit 
ab, daß man die Ingression an den deutschen Meeresküsten jährlich auf 
einen Küstensaum von 0,72 m Breite berechnet hat. 

Genau nach gleichem Wellengesetz und mit den gleichen Mitteln arbeiten 
die Luftwellen, vulgo Wind. Was sie leisten, darüber befrage man einen 
Dombaumeister, oder noch besser, beim Besuch eines der gotischen Münster 
sehe man sich die zerfressenen, ausgehöhlten, schwindenden und abgeschlif- 
fenen Steine in der Höhe selber an. Ich habe manchen Tag mit diesem Stu- 
dium zugebracht, nicht nur auf dem Straßburger Dom und dem Ulmer 
Münster und in den Hochgebirgen, sondern dort, wo der klassische Ort 
dieser Winderosion ist, die das ganze Landschaftsbild zurechtmodelliert, in 
den morgenländischen Wüsten, namentlich am Sinai. Der Wind verwendet 
vor allem den Quarzsand als ein Schleifmittel, was ihm der Mensch als 
biotechnische Imitation nachgemacht hat in den Sandgebläsen. Eine kolos- 
sale mechanische Kraft wird dadurch entfaltet, der tatsächlich nur der 
Quarzfels selbst und die verkieselten Kalke widerstehen können. Darum 
selektiert die Deflation Fels und Berg nach ihrer Härte. So wurden z. B. 
die beiden sogenannten versteinerten Wälder bei Kairo bloßgelegt, und 
das wunderliche Landschaftsbild geschaffen, daß verkieselte Baumstämme 
der Gattung NicoUa so frisch und glatt am Boden liegen, als wären sie 
vor kurzem gefällt, während sie doch in Wahrheit jahrmillionenalt sind und 
im Tertiär grünten. Auf gleiche Weise arbeitet der Wind mit den aneinan- 
der zu „Gerollen" zurechtgeschliffenen Sandkörnchen die ganze „Hammada" 
(Kieswüste) durch. Dieser Wind, dessen Wellen täglich über das knochen- 
bleiche Land fluten, steigert sich im 40tägigen Chamsin, den man in 
Europa mit einer alten Redeweise Samum nennt, dermaßen, daß er selbst 
große Kiesgerölle in Flug bringt. Ihm gegenüber schützen sich die Kamel- 
beine durch Schwielen, und oft genug hört man in jenem Lande von Rei- 
senden, die durch die scharfen Gesteinsplitter verletzt und sogar getötet 
wurden. 

Das muß man wissen, um dann die wunderlichen und grotesken Formen 
der Berge und Felsen in der arabischen Wüste zu verstehen. Tiefe Löcher 
sind in die Wände eingefressen, in denen Sand wie ein Reibstein arbeitet. 
Aus der kleinsten Mulde wird bald ein Loch, und Höhlung reiht sich an 
Höhlung zu wahren Gittern. Tiefe Grotten, ganze Höhlen bilden sich, 
mächtige Kessel und Pfannen werden zurechtgescheuert, mit denen man 
allerdings die einst durch Erosion zustande gekommenen, meist blind 

29 



endenden Trockentäler (Wädis) nicht verwechseln darf.i«) Da der Sand 
und die Gerolle nicht hochfliegen, scheuern sie mit Vorliebe bestimmte 
Hohlkehlen aus und schleifen so an isolierten Felskuppen allmählich einen 
dünnen Stiel zurecht, auf dem dann ein ganzer Pilzhut aufsitzt; auf diese 
Weise entstehen auch die merkwürdigen Zeugenberge, welche für das 
Landschaftsbild der Sahara so überaus kennzeichnend sind. 

Immer — und das ist das Gesetz — verwandelt der Wind die ihm wider- 
strebenden Dinge in Formen, welche seine Bahn erleichtern: er schafft sie 
um in Funktionsformen. Und sie demonstrieren am harten Fels genau so 
die Gesetze der Wellen, wie die Flugsandfelder der Erg, der reinen Sand- 
wüste, wo der Wind den aus der Kieswüste herausgeblasenen Sand und 
Staub in Walldünen ablagert, deren Longitudinal-Wellen und Rippelung, 
deren Sichelform vom feinsten bis zum gröbsten zu dem Kundigen spricht 
wie ein Demonstrationsvortrag über das Gesetz der Wellenbewegung, das 
sich an diesen Flugdünen gleich denen am Meeresstrande auch insofern 
bewährt, als sie wirklich wandern. (Vgl. Bd. I Abb. 68.) 

Hat man erst einmal das Auge an diesen großartigsten Beispielen von 
Deflation geschult, so wird man die Hieroglyphik der Luftwellen auch in 
der Heimat allerorten in leisen Spuren wiederfinden und sei es nur in der 
Gestalt der Bäume, die eine Antwort auf die Fragen des Windes ist, oder 
in den „Dreikantern" (Windkantern), zurechtgeschliffenen Steinen und 
Felsen, wie sie besonders in nacheiszeitlichen Moränenfeldern zu sehen 
sind. Noch deutlicher reden die Berge von diesen Dingen; viele Gipfel 
sind „Schlifformen", ihr großartigster Chorführer darin das Matterhorn, 
wohl der größte existierende Dreikanter (Abb. 9). Was hier im Größten 
erschütternd, auf Äonen hinaus sichtbar und wirkend sich ereignet, das ge- 
horcht immer noch dem gleichen Gesetz, wenn es unsichtbar, in feinsten 
Wellen, die Luft durchzittert und nur als süßer Klang, als berückende 
Melodie und ergreifendes Lied zu den Sinnen spricht. Tatsächlich ist Musik 
und die ganze Welt der Akustik nur eine Anwendung der gleichen Kraft, 
welche Berge mit mächtiger Hand versetzt und umgestaltet. Die Akustik, 
welche die feinsten Schwingungen der Luftwellen erforscht, macht uns da- 
her im Prinzip mit keinen neuen Naturkräften, sondern nur mit neuen 
Anwendungen altbekannter Prinzipien bekannt. 

Seit langem schon hat man sich gewöhnt, die Wellenbewegungen der Luft 
als Schall zu bezeichnen, wenngleich es nicht immer des Ohres bedarf, um 
sich von dessen Wellennatur zu überzeugen. In vielen Fällen läßt sich z. B. 
an einer tönenden Saite schon durch das Tastgefühl erkennen, daß sie Bewe- 
gungen und zwar Schwingungen ausführt. Mittels eines artigen, von jeder- 
mann leicht auszuführenden Versuches kann man die Art dieser Schwingungen 
sogar graphisch festhalten. Man braucht dazu nur an der einen Zinke einer 
Stimmgabel einen federnden Metalldraht anzubringen. Wenn man dann mit 
dessen Spitze über eine berußte Glasplatte fährt, während die Stimmgabel 

30 



angeschlagen wurde und tönt, so zeichnet der Draht die Bewegung der Gabel 
als regelmäßige Wellenkurve auf. Variiert man den Versuch mit höher ge- 
stimmten Gabeln, so kann man sofort feststellen, daß bei höheren Tönen in 
gleicher Zeit mehr Schwingungen ausgeführt werden. Und mißt man das ganz 
genau, dann ergibt sich, daß von zwei Stimmgabeln, von denen |" i | f 
eine um eine Oktave höher gestimmt ist, also sich verhält wie 



die höhere doppelt so viele Schwingungen ausführt wie die tiefer klingende. 

Das Intervall der Oktave entspricht also dem Verhältnis von 2:1 der 
Schwingungszahlen. Es ist nun nicht durch die Mechanik, sondern durch 
die Physiologie bestimmt, daß wir von den im Prinzip unendlich vielen 
möglichen Tönen zwischen dem Intervall 2:1 nur wenige, ganz gewisse 
bevorzugen. Eigentlich war das der erste Einbruch der Biologie in die 
Physik, und alles, worauf wir an Hand der Biozentrik jetzt erst gestoßen 
sind, hätte sich schon zu Pythagoras' Zeiten ableiten und feststellen lassen. 
Denn der Weise von Samos war der Erste, der diese biologische Akustik in 
die Wissenschaft einführte. Heute sieht man es auch ohne weiteres ein, daß 
er, indem er diese Akustik zur Grundlage seines gesamten Philosophierens 
machte, sich dadurch praktisch auf den Boden der Biozentrik stellte und nun 
notwendigerweise, allein durch richtige Schlußfolgerungen, zur Harmonielehre 
und dem Harmoniegesetz als oberstem Weltprinzip gelangen mußte, weil 
ja für das Leben Harmonie tatsächlich das oberste erhaltende Prinzip ist. 
Insofern ist das, was sich jetzt ereignet: die Schöpfung des Gedankens, dem 
dieses Werk dient, in gewissem Sinne wirklich nichts als ein Neu-Pytha- 
goraeismus. 

Tatsächlich ist diese Einführung des Biologischen in die Akustik ein Ge- 
bot der Notwendigkeit, da die Existenz von Tönen auf keinem anderen Wege 
als auf dem biologischen, nämlich durch die Empfindung festgestellt werden 
kann. Und sofort stellt sich, wenn man mit dieser Prüfung beginnt, die 
vom Biologischen unzertrennbare Relativität ein. Savart fand, daß der 
tiefste hörbare Ton durch acht Schwingungen in der Sekunde zustande- 
komme, der höchste durch 24 000. Helmholtz, der ursprünglich Arzt war 
und auf dem Weg über die Akustik zum Physiker wurde, bestimmte diese 
Zahlen zu 16 und 38 000. Die Lösung des Widerspruches liegt darin, daß 
das Empfinden von Mensch zu Mensch verschieden ist. Der eine hört noch 
nicht, was der andere bereits hört. Wenn es daher noch irgendeines Be- 
weises für den allgemeingültigen Relativismus der Begriffe bedurft hätte, 
hier wäre er für jedermann handgreiflich zu holen: Es gibt kein absolutes, 
sondern nur ein relatives Weltbild. Und die Schwierigkeit des Daseins be- 
steht darin, daß wir für die Zoesis eingerichtet sind, mit allem aber stets 
nach der Extrazoesis fragen, die allein seit dem Ausgang des Altertums für 
spezifisch menschlich und „menschenwürdig" gilt. 

.Wenn der Schall nun Wellen der Luft darstellt, dann müssen in denSchall- 

31 



erscheinungen auch alle Gesetze der Wellen aufzufinden sein. Schallwellen 
müssen dann jedenfalls zurückgeworfen werden können, Wellenberge und 
Wellentäler besitzen, die sich durch Interferenz aufheben; auch müssen sie 
sich dann in andere Wellenformen der Energie transformieren lassen. Tat- 
sächlich hat die Physik auch alle diese Forderungen erfüllt. Vor allem lernte 
sie durch die Bemühungen Chladnis, den man nicht umsonst den Vater der 
neueren Akustik nennt, die Schwingungen sichtbar machen, welche tönende 
Körper, z. B. Stäbe oder Platten ausführen. Der allbekannte, in Ab. 7 darge- 
stellte Chladnische Versuch beruht darauf, daß man eine elastische Scheibe 
mit feinem trockenen Sand bestreut und hierauf mit einem Violinbogen an- 
streicht. Die Körnchen werden dann von der schwingenden Platte in die Höhe 
geschleudert, und es zeigen sich Knoten, welche offenbar Ruhestellen be- 
deuten. Jeder Ton hat seine besondere Klangfigur und demonstriert damit, 
daß die Schallerscheinung wirklich auf Wellen beruht, deren Schwingungs- 
bäuche durch Ruhepunkte, nämlich die Knoten, voneinander getrennt sind. 

Die nächstwichtige Analogie mit dem Lichte, nämlich die Reflexion des 
Schalles, hat schon jedermann erlebt, der nur einmal einem Echo lauschte. 
Berühmte Echos, wie das an den Wasserfällen von Terni, können einen 
Schall sogar durch wechselseitige Reflexion an 15 mal wiederholen, und 
Spielereien nach dem Muster des Ohres des Dionysos sind in der Anekdoten- 
geschichte aller Zeiten erzählt worden. Verdichtet man das zum wissen- 
schaftlichen Experiment, so kann man auch den Schall in Hohlspiegeln 
ebenso auffangen, seine Wellen in einem Punkte vereinigen und dadurch 
verstärken, wie man das mit dem Licht und den Wärmestrahlen von alters- 
her konnte. Auf der Anwendung dieses Prinzips beruht der Bau der Musik- 
instrumente ebensogut wie der der Konzertsäle und Theater. Die feinen 
und gefälligen Rundungen der Geige, des Flügels, der großen Blechinstru- 
mente, die Muschelformen der Zuschauerräume verdanken ihr Entstehen 
nicht dem Schönheitssinn oder irgendwelchen Moden und können von 
diesen daher niemals abgeändert werden. Sie sind vielmehr biotechnische 
d. h. Notwendigkeitsformen optimaler Funktion, die ihr organisches Vorbild 
in der menschlichen Ohrmuschel (vgl. Abb. 8) als einer prachtvollen Reso- 
nanzfläche zur bestmöglichsten Aufnahme von Tönen aller Art besitzen. 

Diese Reflexion der Schallwellen, an deren Existenz man nach so vielen 
Beweisen nicht zweifeln kann, leitet zum Verständnis der ebenfalls vorhan- 
denen Interferenz. Die jedem musikalischen Menschen bekannten Schwe- 
bungen (also ein Anschwellen und eine darauf folgende Abschwächung von 
Tönen) lassen keine andere Erklärung zu, als daß verschieden geartete 
Schallwellen sich bald gegenseitig mehr oder minder aufheben oder ver- 
stärken, so wie man die Sache an den Wellen des Wassers unmittelbar be- 
obachten kann.ii) (Vgl. Abb. 2 und die farbige Tafel zu Bd. L) 

Damit aber auch der letzte und alles zusammenfassende Beweis für die 
Schwingungsnatur des Schalles nicht fehle, so ist das menschliche Gehör- 

32 




Abb. 7. Die Erscheinungen der Schallwellen 

Chladnische Klangfigur, welche auf einer mit Sand bestreuten 
Platte entsteht, die zum Tönen gebracht wird 




Abb. 8. Das Ohr des Menschen im Längsschnitt 

I Vom äußeren Ohr (Ohrmuschel) führt der Qchörgang zum Tronunci 
feil, mit dem in der Paukenhöhle die üehörknöchelchen in Vcrhin 
düng stehen. Die Eustachische Röhre (e) führt in den Rachen. Oie 
Gehörknöchelchen sind durch den „Steigbügel"^ in Verbindung m 
der (aufgeschnittenen) Schnecke und dem Labyrinth, an dcner" sie 
der Acusticus (Gehörnerv) verästelt. In der Schnecke liegt das 
Corti'sche Organ. M Das statische Organ des Menschen, mit den 
Bögen in den drei Richtungen des Raumes, nach deren Verletzung 
die Raumvorstellurg gestört ist. Originalzeichnurg 



Organ nichts anderes als das biotechnische Vorbild aller Saiteninstrumente, 
nämlich selbst ein äußerst fein konstruiertes Saiteninstrument zur Aufnahme 
von Luftwellen. In unserem Ohr wird durch Resonanz musiziert, und das 
hören wir. Ein Blick auf Abbildung 8 wird das denen deutlich machen, die 
mit dem Bau ihres eigenen Körpers nicht genügend vertraut sind. Die schon 
erwähnte Ohrmuschel ist der Resonanz- und Sammelapparat und ein unbe- 
greiflicherweise technisch noch ganz ungenügend durchgeprüftes System 
von Reflexionsflächen, von deren Leistungsfähigkeit wir daher nur an- 
nähernde Begriffe haben, während man es ganz verabsäumt hat, das vom 
Leben uns darin vorgelegte Modell irgendwie technisch zu verwerten. Be- 
kanntlich leitet der Gehörgang zu einer in seinem Durchmesser ausge- 
spannten elastischen Membran, dem Trommelfell, dessen Schwingungen 
durch ein kompliziertes System von übertragenden Mechanismen, nämlich 
den Gehörknöchelchen, auf die Flüssigkeit, die das Labyrinth erfüllt, über- 
tragen werden. In diesem Labyrinth sind an mehreren Stellen Einrichtungen 
angebracht, welche die verschiedenen Schwingungen als Reiz aufnehmen 
und dem zu feinsten Fasern zerteilten Hörnerv (Acusticus) als Reiz über- 
mitteln. Ganz grobe Geräusche versetzen wohl die winzigen Kristalle von 
kohlensaurem Kalk (Ohrsand) in ein Erzittern und üben damit eine plasma- 
tische Reizung, die man auch den Pflanzen und niederen Tieren, die viel- 
fach solche Hörsteinchen in sich bergen, zumuten kann. Unsere ebenfalls 
vorhandenen Qehörsteinchen werden als Hilfsmittel angesprochen, um die 
Gehörreize von kürzester Dauer aufzufangen, welche wohl die im soge- 
nannten Cortischen Organ ausgespannten Hörnervsaiten gar nicht in 
Schwingungen versetzen würden. Dieser Corti-Apparat besteht aus etwa 
3000 gespannten Hörnervfibrillen, angeschlossen an je eine Membranfaser, 
von der man annimmt, daß sie für einen bestimmten Ton abgestimmt sei, 
bei dessen Ertönen sie in das aus der alltäglichen Erfahrung sattsam be- 
kannte „Mitschwingen der Fensterscheiben" gerät. Das eigentliche und 
feinste Hörorgan ist demnach eigentlich eine dreitausendsaitige Harfe. Die 
Saiteninstrumente sind unbewußte biotechnische Kopien des Ohres, der 
menschliche Erfindungsgeist wiederholte in ihnen den Menschenleib. 

Hier geht dem Denkenden auch das Verständnis für die Melmholtz^schen 
Entdeckungen auf, warum Konsonanz und Dissonanz, die ganze Welt der 
Tonkunst nicht von der mathematisch absolutistischen Physik, sondern von 
der relativistisch-biologischen Psychophysik gelenkt wird. Ton ist Emp- 
findung; aus seinen Schwingungen trifft die Empfindung eine biozentrisch 
brauchbare Auswahl, und sie bestimmt die erlaubten „wohlklingenden" Ver- 
knüpfungen, sie lehnt die unbrauchbaren Dissonanzen ab, wobei sie der 
allgemeinen Veränderlichkeit der menschlichen Seele folgt. 

Musik ist demnach nicht die Mechanik der Schwingungen, sondern die 
der Seelenjähigkeiten. Sie folgt nicht absoluten physikalischen, sondern 
relativistischen, also psychologischen Gesetzen. Musik ist daher vor allem 

Franci, Bios H 3 

33 



eine biologische, daher bei jedem Volk und zu allen Zeiten wechselnde Aus- 
wahl aus der Summe aller möglichen Geräusche. 

Der Unterschied zwischen Geräusch und Klang (Definition des Klanges 
s. unt.) wird durch die Menschenseele bestimmt. Die zwölf Töne der Oktave: 




sind durch unser psychisches Vermögen festgestellt und letzten Endes der 
Willkür unterworfen. Diese zwölf Töne sind so ausgewählt, daß acht von 
ihnen Oanztöne und vier Halbtöne sind, von denen der erste und der achte 
der Ganztöne um eine Oktave differieren, wenn der erste also den Wert 
eins hat, dann besitzt seine Oktave den Wert zwei. Und die dazwischen 
liegenden sieben Töne haben dann, da man sie als gleich große Intervalle 
ausgewählt hat, folgende Werte: 

c d e f g a h c 

1 JL A J_ A A 15_ 2 

^843238 

Als Bezeichnungen für diese Intervalle hat man sich längst über die Aus- 
drücke Sekunde, Terz, Quart, Quint, Sext, Septime und Oktav geeinigt. 
Diese Auswahl ist es, die schon Pythagoras getroffen hat, und schon er 
hat auch erkannt, daß nur diese Terzen, Quinten usw. unserem Ohre ge- 
nehm und wahrnehmbar sind, wenn mehrere Töne zusammen erklingen. 
Nur sie sind harmonisch. 

Wenn eine Saite klingt, so ist der Ton mit der kleinsten Schwingungs- 
zahl, den sie gibt, ihr Grundton. Sie vollführt aber hierbei stets kompli- 
zierte Bewegungen, als deren Folge auch Obertöne erklingen, und zwar 
stellt sich hierbei das Gesetz der multiplen Proportionen insofern ein, als 
die Schwingungszahlen der erklingenden Obertöne stets das 2-, 3-, 4-, 5-, 
6 fache des Grundtones sind. Jeder Ton einer schwindenden Saite ist also 
zusammengesetzt aus einem Grundton und mehreren Obertönen (das nennt 
man exakt dann Klang). 

Wenn man diese Elementartatsachen der Klang- und Harmoniebildung 
als Funktionen der Luftwellen etwas überdenkt, kommt man zu einem, die 
Seele bis ins Tiefste aufwühlenden Resultat. Denn nichts anderes wurde 
hier gesagt als folgendes: Wir empfinden als harmonisch nur die Verwirk- 
lichung des Weltgesetzes der multiplen Proportionen, was doch, wie wir 
erkannten, zugleich das Quantengesetz oder die Bode-Titius'sclie Reihe der 
Planeten, also der Bau der Welt vom Kleinsten bis ins Größte ist. Möglich 
und auch befriedigend erscheint unserem Erleben auf musikalischem Ge- 



•) a ist der Kammerton (der Stimmtonkonferenz von 1885) mit 435 Schwingungen. 

34 



biet nur ein Verhältnis in der Vielheit der Töne, dessen Mechanik dem 
Weltgeschehen entspricht, wie es von der objektiven Philosophie durch- 
schaut wurde. Musik ist nichts anderes als angewandte objektive Philo- 
sophie. Die Auswahl der musikalischen Töne aus dem Chaos der überhaupt 
möglichen ist demnach nichts als die Schaffung der Harmonie, in der sie 
entweder nacheinander oder zusammen erklingen. Oder mit anderen Wor- 
ten : auch durch die Musik nimmt die Menschenseele nur ihr eigenes inneres 
Gesetz wahr, so wie im Weltphänomen überhaupt. Und Pythagoras hatte 
ganz recht, wenn er Musik die Grundlage aller Bildung nannte und in 
richtig verstandener Musik den Kern aller Philosophie sah. Die musikalische 
Harmonie, die Auflösung der Dissonanzen ist wirklich das Abbild der Welt, 
und das große Gesetz des Erlebens kann in ihr dargestellt werden. 

Das musikalische Kunstwerk wird so zum „vollkommenen" Erlebnis, und 
es steckt ein tiefer Sinn in dem so oft unverständig ausgesprochenen 
Wunsch: das Leben zum Kunstwerk zu gestalten. Nichts anderes ist da- 
mit ausgedrückt, als der Wunsch, daß es harmonisch sei, daß es die Voll- 
kommenheit der Welt erlange. Da haben wir die tiefste Rechtfertigung, die 
Urkunde und die wahre Deutung der Göttlichkeit der Musik, das innerste 
Verstehen, warum das Beethoven-Septett wirklich vom Weltengrunde spricht 
mit tiefer Philosophie und Tristans Erzählung von dem Reich, „daraus die 
Mutter ihn entsandt" wirklich Urtatsachen von Leben und Tod zergliedert. 
Daher das unerschöpfliche Interesse für Musik, die Sehnsucht nach ihr in 
der Seele jedes Gebildeten. So endigt dieses Durchdenken der Grund- 
begriffe der Akustik mit einem neuen Verständnis für die Musik, das aller- 
dings wieder, wenn auch auf höherer Integrationsstufe, zu der ersten pytha- 
goraeischen Wertung des Musikalischen zurückkehrt. 

Musik ist — wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf — eine drei- 
dimensionale Geometrie der Wellen, die durch das Ohr perzipiert wird, 
vor allem ist sie der vollkommene Ausdruck der Weltmechanik. Sie führt 
alles Geschehen und Erleben auf die ihm adäquate Mechanik von Wellen- 
bewegungen zurück, sie ist also die rhythmisch-melodisch-harmonische Über- 
setzung (= Sprache) des Weltgeschehens in einer Formel, welche alle seine 
ausschlaggebenden Merkmale zusammenfaßt. Sie ist daher als „Sprache" 
des Weltschaffens der Malerei überlegen; die Gebärdensprachen, auch die 
Lautsprache und das Denken als Abstraktion der Sprache kommen diesem 
Ziel allerdings schon näher, sind aber noch zu weitmaschig. 

Poesie, namentlich rezitierte (alle Poesie wird eigentlich zu diesem Zweck 
geschrieben) kommt durch ihren rhythmisch-melodiösen Gehalt (Betonung) 
der Musik schon nahe, gehört daher eigentlich zu ihr, und beide können 
sich substituieren und steigern, weshalb die Sprache ihr Begrifflich-Feinstes 
stets auch in Versen gesagt hat. Das ist die Wurzel, warum sich alle Reli- 
gionen (Veden, Psalmen), auch die Urphilosophie in den Lehrgedichten der 
Vorsokratiker stets der hymnischen Formen bedienten und Nietzsche mit 

3* 

35 



seinem Zarathustra wieder auf sie zurückgriff. *) Aber erst Musik ist, 
namentlich in ihrer höchsten symphonischen Form, die intensivste aller 
Sprachen, das dichteste Netz, um primäre Perzeptionen und Vorstellungen 
einzufangen. Deshalb ist sie kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, ein Er- 
kenntnishilfsmittel, um das Weltphänomen darstellen und erfassen zu können. 

Die letzte und höchste Form, um eine Philosophie wiederzugeben, sollten 
daher Kompositionen sein, und so wie ich zur Konzeption meiner Werke 
von Bach und Beethoven, Mozart und Brückner, von Enna und Marschner 
wie Wagner Anregungen und Klärungen empfangen habe, wünschte ich, daß 
der objektiven Philosophie bald ein Beethoven erstehen möge, der erst im- 
stande sein wird, das, was hier unvollkommen begonnen ist, zu vollenden 
und zum Siege zu führen. 

Man muß sich aber hierbei vollkommen klar sein, daß trotz dieser Wert- 
schätzung, welche die Musik an die Spitze der wertvollen Erlebnisse stellt, 
ihr hier keineswegs eine metaphysiche Bedeutung zugesprochen wird. Sie 
ist dem objektiven Philosophen keineswegs mehr, allerdings auch nicht 
weniger als die Natur und deren innere Spiegelung, sie ist ein Abbild des 
Bios. Daher kann sie letzten Endes nichts anderes sein, als die „Biotechnik 
der Luftwellen". Insofern gibt es auch „objektive Musik". Es sind nämlich 
die Wellenbewegungen, und da jede Bewegung in Wellen verläuft, also die 
Bewegungen an sich, Elemente dieser natürlichen Musik, eine Vorstellung, 
die denen, so von einer „Sphärenharmonie" sprachen, innerlich klar 
sein mußte. 

Die Bewegungen, die sich im Walde, am Meer, am Wasserfall, im Sturm, 
im Angst- oder Lustschrei eines Tieres kundgeben, werden vom Menschen 
entsprechend seiner reicheren seelischen Sprache in der Musik nur kompli- 
zierter nachgeahmt, weshalb sich denn diese rhythmischen und melodischen 
Elemente des Herzklopfens, des rollenden Donners, des Sturmesheulens, 
der plätschernden Wellen, der Liebeswallung und des erstarrenden Schmer- 
zes aus dem Musikalischen niemals haben verbannen lassen, auf einer ge- 
wissen Integrationsstufe (man denke an den Walkürenritt, an die Hebriden- 
ouvertüre von Mendelssohn, an gewisse Sätze der Pastoralsymphonie oder 
der fiaydn'schen Jahreszeiten) sogar ihr Eigentliches ausmachen. 

So hat sich der Menschengeist ein wunderbares Abbild der Weltgesetze 
erschaffen in der Musik, deren wahre Leistungen nicht hinter uns liegen, 
sondern erst noch kommen werden, und nirgends ist er so zur objektiven 
Philosophie vorbereitet und erzogen worden, wie in der Mechanik der Luft- 
wellen, wo es ihm seit Jahrtausenden klar und erstrebenswert ist, daß 
er der Schöpfer eines Erlebens ist, indem er aus einem Chaos von, 



•) Dies ist auch die Ursache, warum sich zu der objektiven Philosophie von Beginn 
ihre eigene Dichtung gesellte, z. B. in dem Versezyklus von Annie Harrar: „Ich 
bin", aus dem Bruchstücke im Jahrgang 1920 der Dresdner Zeitschrift: Der Zwin- 
ger, erschienen sind. 

36 



Schwingungsmöglichkeiten sich nur jener von 40—4000 Schwingungen in 
der Sekunde (also sieben Oktaven) bedient, innerhalb deren er durch 
möglichst einfache Proportionen der Schwingungszahlen nach dem Welt- 
zweck, nämlich nach absoluter Harmonie strebt.12) Wenn dieses musika- 
lische Ziel erst einmal die Lebenssphären eine nach der anderen ergreift, 
dann ist der Mensch auf dem richtigen Wege und wird sein Leben 
selbst zur Harmonie, damit zum Kunstwerk gestalten und dadurch seinen 
wahren Weltzweck erreichen. 

Immerhin muß man glücklich sein, daß wenigstens auf einem, wenn auch 
angesichts des Lebensganzen höchst beschränkten Gebiete der Mensch auf 
sicherem Grunde steht. Darum ist ja Musik solch eine Oase in der Wüste 
des sonstigen Erlebens, wohin sich die Menschen verzückten Auges und 
sehnsuchtsvollen Herzens flüchten, und aus der sie beruhigt, geläutert, ge- 
bessert wiederkehren, wenn ihnen durch ein Meisterwerk die Weltenhar- 
monie aufgegangen ist. 

Auf den übrigen Gebieten der Wellenwirkungen ist man noch weit ent- 
fernt von solchen Einsichten. Nur auf dem Gebiete der Optik, also der 
Lichtwellen, hat das Menschenstreben auch schon einige Schritte nach 
dem für die meisten Menschen tief unter der Bewußtseinsschwelle liegen- 
den und sie doch alle lockenden Ziel getan, hat in der Kunst der Malerei 
und Plastik, wenn auch erst nebelhaft, doch etwas von dem großen Ge- 
heimnis erblickt. 

Heute sind die Zeiten vorbei, da man mit sicherer Überzeugung den 
Satz hinschreiben durfte: Licht und Farbe seien die Wellenschwingungen 
des Lichtäthers; denn — man erinnere sich an das im ersten und zweiten 
Abschnitt des ersten Bandes zur Relativitätslehre Gesagte — die Existenz 
eines solchen Weltäthers ist mit den sonstigen Vorstellungen vom Welten- 
sein nicht mehr vereinbar. 

An Stelle dieses Bildes ist mit immer größerer Bestimmtheit jenes von 
der materiellen Natur des Lichtes getreten (vgl. Bd. I S. 27), die durchaus im 
Einklang mit dem durch den ganzen Erlebnisinhalt gehenden Quantengesetz 
steht, ohne auch nur mit einer der Erfahrungstatsachen zusammenstoßen, 
da sich ja nicht die Überzeugung von der Weltennatur des Lichtes, sondern 
die von der „Aetherbeschaffenheit" des in Wellen Schwingenden geändert hat. 

Wenn man in diese Welt eintreten will, gibt es zwischen Schall und Licht 
noch ein Zwischenreich, denn zu groß ist der Sprung von den groben Wellen 
der Luft, die bekanntlich in einer Sekunde 330,60 Meter zurücklegen'), wäh- 
rend die des Lichtes nach uns schon bekannter (Bd. I S. 19) Rechnung mit 
der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 300 000 km/sec reisen, bei einer 
Länge, die mit 0,0004— 0,0008 mm in das Reich der Ultramikroskopie ge- 
hört. Trotzdem ist uns dieses Zwischenreich verschlossen; nicht das Ge- 

*) Allerdings nur bei OGrad; bei 26,6 Wärme beträgt ihre Geschwindigkeit schon 
347,7 Meter, im Wasser 1430 Meter. 

37 



ringste ist von ihm bekannt, obwohl an seiner Existenz und Wirksamkeit 
nicht im Geringsten gezweifelt werden kann. Hier ist wieder einer der 
Punkte, von dem aus eine das Weltganze einheitlich umspannende Weltauf- 
fassung mit Sicherheit voraussagen kann, daß der Menschheit noch große 
Entdeckungen von heute noch unausdenkbarer Tragweite vorbehalten sind. 
An der Wellennatur des Lichtes, also der Einheitlichkeit der Wellenfunktion 
in der Welt, läßt sich aber deshalb nicht zweifeln, weil die von den Wasser- 
weiien her gewonnenen und in der Akustik so schön bestätigten Erschei- 
nungen der Reflexion und Interferenz im I^eiche des Lichtes gleichfalls nicht 
fehlen, hier sogar ihre klassischen Phänomene entfalten. 

Es war die erste berühmte Entdeckung Newtons, daß farbloses — im all- 
täglichen Sprachgebrauch als weiß bezeichnetes — Licht aus allen Farben 
besteht. So verwunderlich erschien damals, kurz nach dem Dreißigjährigen 
Krieg diese heute den Kindern als Spiel mit dem Prisma geläufige Tatsache, 
daß Newton sich gedrängt sah, das farbige Zerlegungsbild als „Gespenst" 
(englisch spectre, daher Spektrum) zu bezeichnen. Und doch war es eigent- 
lich nur für die Unwissenheit ein Gespenst, konnte doch die Erfahrung 
dieses Gespenst seit Anbeginn der Menschentage am Himmel sehen, so oft 
sich des Regenbogens zartes Farbenband über den Himmel spannte. Auch 
das Spektrum der Glasprismen ist also eigentlich eine Biotechnik, wie viel- 
leicht letzten Endes alles, was der Mensch tut und schafft. 

Es läßt sich nun ein Spektrum auch einfach dadurch herstellen, daß man 
starkes Licht durch einen ganz engen Spalt fallen läßt. Man sieht dann, daß 
sich die Sonnenstrahlen nicht völlig geradlinig fortpflanzen, sondern sich in 
6— 8 farbigen Linien ausbreiten. Deutlich treten dabei nur blau, grün und rot 
hervor, es fehlen aber auch die anderen Regenbogenfarben nicht. Da die 
seitlichen Farbenstreifen ganz außerhalb der Bewegungsrichtung der einfal- 
lenden Lichtstrahlen liegen, kann es sich bei ihrer Entstehung nur um eine 
Beugung des Lichtes handeln. Das Licht biegt um die Ecke und ist außer- 
dem etwas Periodisches; sonst könnten in diesen Beugungsspektren nicht 
helle und dunkle Streifen abwechseln. Mit anderen Worten, wie namentlich 
der französische Physiker A. Fresnel daraus mit großem Scharfsinn abge- 
leitet hat, die Wellenbewegung der Lichtteilchen ist auf diesem Wege 
zwingend nachgewiesen (vgl. Abb. 10). Man beachte aber, nicht die Ather- 
natur der Wellen, sondern daß leuchtende Punkte um ihren Standort Schwin- 
gungen ausführen, das ist durch Fresnel zur Sicherheit erhoben worden. 

Mit diesem Gedankengang konnte sogar die Länge dieser Schwingungen 
festgestellt werden, und es ergab sich dadurch, daß die einzelnen Farben 
durch verschieden lange Wellen erzeugt werden, von denen aber auch die 
längsten noch immer unvorstellbar klein sind. Von rot zu orange, gelb, 
grün, hellblau, indigo bis zum violett wird die Wellenlänge, beginnend mit 
0,00065 Millimetern, immer kleiner, bis im violetten Teil des Spektrums die 
kleinsten aller bekannten Lichtwellen eine Länge von nur 0,00045 Milli- 

38 



meter erreicht haben. Die letzten Grenzen, innerhalb deren man noch von 
Licht sprechen kann, liegen zwischen 0,76—0,24 fi; was darüber hinaus- 
geht, wird uns anders als durch das Auge merkbar. 

Wenn man ein Blatt schwarzen Kartons mit einer Schicht des Salzes Ba- 
riumplatincyanür bestreicht und nun ein Sonnenlichtspektrum darauf fallen 
läßt, erlebt man das schöne Phänomen des Fluoreszierens. Untersucht man 
das näher, kann man sich unschwer davon überzeugen, daß dieses Selbst- 
leuchten nicht erregt wird, wenn die roten oder gelben Strahlen den Schirm 
treffen, wohl aber durch die blauen und violetten. Doch der Fluoreszenz- 




Abb. 10. Der Fresnel'sche Spiegelversuch zur Erklärung der Interferenz. Zwei schief- 
liegende schwarze Olasspiegel bilden einen sehr stumpfen Winkel zueinander. Durch 
einen Spalt wird Licht auf sie geworfen und von ihnen reflektiert. Die reflektierten 
Strahlen scheinen bei dem einen Spiegel von dem Punkte Pi, bei dem anderen von 
P2 zu kommen. Diese reflektierten Strahlen durchdringen einander und erzeugen auf 
dem Schirm, auf den sie auffallen, gefärbte Interferenzstreifen. (Nach Qraetz) 

schirm leuchtet noch jenseits der violetten Teile, als Zeichen dessen, daß es 
auch da noch Strahlen, wenngleich unsichtbare, gibt. Diese ultravioletten 
Strahlen, für die unser Auge unempfindlich, das der Ameisen aber sehr 
wohl empfänglich ist, sind es, die nur 0,40—24 \i lang, in einer Abart (den 
sogenannten Schumannstrahlen) nur 0,10 fi lang sind. Sie haben aus einer 
noch unerforschten Ursache einen besonderen Einfluß auf die chemischen 
Prozesse, sie scheinen mit den blauen Strahlen irgendwie den Umbau der 
Atome in den Molekülen zu begünstigen, wovon unsere Technik in der 
Photographie ausgiebigen Gebrauch gemacht hat. 

Hält man dagegen ein Thermometer in das rote Ende eines Spektrums, 
so wird es auffallend ansteigen. Man kann diese Strahlen ablenken, in 
einem Brennpunkt sammeln und erhält fast ebensoviel Wärme wie aus dem 
unzerlegten Sonnenlicht, als Zeichen dessen, daß im roten Licht sich die 



39 



Wärmestrahlen einfinden. Man darf nicht rotes Licht mit Wärmestrahlen 
verwechseln, wozu das Empfinden wegen der regelmäßigen Koinzidenz von 
Flammen und Wärme verlockt; die Wärmestrahlen sind vollständig un- 
sichtbar, sonst könnte man beim warmen Ofen lesen. 

Mit diesen ersten Versuchen ist schon Erhebliches sichergestellt aus der 
Naturgeschichte des Lichtes. Klar geworden ist, daß es sich in Wellen aus- 
breitet, daß die für die Zoesis sichtbaren Wellen nur ein kleiner Ausschnitt 
der vorhandenen sind, die als Wärmestrahlung wirksam sind, dann in immer 
kürzeren Wellen das herstellen, was man Farbe nennt, schließlich in den 
kürzesten Wellen nur mehr chemisch, da aber auf das intensivste wirken. 

Noch steht für uns die Überzeugung von der Reflexion und Interferenz 
der Lichtstrahlen aus. Aber schon durch einen höchst einfachen Versuch, 
etwa wenn man ein Bündel Sonnenstrahlen durch ein Loch in einem 
schwarzen Karton auf einen Spiegel und durch diesen in ein Wassergefäß 
fallen läßt, kann man nachweisen, daß diese Strahlen an der Grenzfläche 
des Wassers zurückgeworfen, also reflektiert werden, wobei der Einfalls- 
und der Reflexionswinkel einander gleich sind. Solche Reflexe am Wasser 
oder an spiegelnden Scheiben kennt jedermann, desgleichen die scheinbare 
Brechung eines in Wasser gesteckten Stabes. Der Spiegel ist nichts anderes 
als eine diese Reflexion verwertende Vorrichtung, die dem Menschen allein 
schon zur Genüge besagt, wie es mit der Realität des Welterlebens bestellt 
ist. Denn der Spiegel zeigt sein Bild der Welt dort, wo in Wirklichkeit 
nicht das Geringste davon vorhanden ist. 

Durch Spiegel aber hat sich z.B. in dem geistvoll ersonnenen Fresnel- 
schen Spiegelversuch (Abb. 10) auch die Interferenz, das sich gegenseitige 
Auslöschen der Lichtwellen, das wir zuerst an den Meereswellen beobach- 
teten, zur völligen Gewißheit erheben lassen. Man läßt bei diesem Ver- 
such durch schwarze Spiegel Strahlen reflektieren, wobei die Spiegel so 
angeordnet sind, daß die reflektierten Strahlen einander durchdringen. Da 
nun bei farblosem Licht dadurch auch farbige Streifen entstehen, bei rotem 
abwechselnd rote und dunkle, so erkennt man daraus, daß die Lichtstrahlen 
durch ihre Vereinigung stellenweise geändert sind, was nur unter der An- 
nahme erklärlich ist, daß Wellenberg und Wellental an solchem Ort ein- 
ander aufgehoben haben, also eine Interferenz eingetreten sei. Licht und 
Licht erzeugen also, wie es die Theorie verlangt, durch ihr Zusammen- 
wirken unter Umständen Dunkelheit. Seit man das wußte, konnte man auch 
die Regenbogenfarben der Seifenblasen oder dünner Ölhäute auf Wasser er- 
klären; die Lichtstrahlen werden nämlich zum Teil auf der Vorderseite der 
dünnen Schicht reflektiert, zum Teil auf deren Rückseite; beide treffen 
wieder unser Auge, wobei der zweite einen vom ersten differenten Wellen- 
gang hat; es entstehen demnach den klanglichen „Schwebungen" ent- 
sprechende Interferenzen, die natürlich farbig wirken. So bilden sich auch 
die wunderbaren metallischen Farben der Käfer und vieler Schmetterlinge 

40 



durch Interferenz des Lichtes an 
dünnsten Plättchen und Skulpturen 
dieser an sich farblosen Flügel. 

Auf diesen Grundkenntnissen von 
der Lichtbrechung und Reflexion, 
sowie der Wellennatur der Strah- 
len baut sich nun die wirklich er- 
staunlich vielfältige Anwendung auf, 
welche diese Gesetze in den opti- 
schen Instrumenten, seien es nun 
die Brille und sonstige einfache 
Linsen, das Stereoskop und Mikro- 
skop, das Fernrohr oder das Spek- 
troskop in allen ihren Abarten ge- 
funden haben. Sie alle beruhen 
auf einer rechnerischen Transfor- 
mation des Strahlenganges durch 
lichtbrechende Medien, von denen 
Glas das wichtigste ist, und ermög- 
lichen dadurch als biotechnische 
Abänderungen und Zusätze zum 
Auge, daß Entferntes nahe, Alier- 
kleinstes groß, Flaches räumlich 
angeordnet erscheint und die Licht- 
wellen in ihre einzelnen Strahlen 
zerlegt werden können. So wun- 
derbar und vor allem so brauch- 
bar das alles auch ist, so bereichert 
es die Erkenntnis aber doch um 
keine neuen grundlegenden Gesetze, 
weshalb auch unser Raum für Wichtigeres gespart werden kann, so für 
die von dem französischen Physiker Malus entdeckten Lichtgesetze, die zur 
Erkenntnis dtv Polarisation und ihren Konsequenzen führten. (Vgl. Abb. 11.) 
Reflektierte Strahlen, die unter einem Winkel von 53-58° einfallen, be- 
sitzen in besonders hohem Maße die Fähigkeit der Polarisation, das heißt, 
daß durch die Reflexion die Schwingungsrichtung geändert wird; aus einer 
longitudinalen verwandelt sie sich in eine transversale. Die uns schon be- 
kannte Eigenschaft (vgl. Bd. I S. 31) von Kristallen, das Licht doppelt zu 
brechen, ist nichts anderes, als daß jeder einfallende Lichstrahl durch den 
Kalkspat gedreht wird. Hierauf beruht eine besondere, auch praktisch ver- 
wertbare Untersuchungsmethode, der sich der Chemiker bei der Feststellung 
des Zuckergehaltes von Rübensaft durch den Polarisationsapparat ebenso gut 
bedient, wie der Kliniker bei Untersuchung des Harnes von Diabetikern. 




Abb. 11. Apparat zur Polarisation des Lichtes durch 
Reflexion. Der Lichtstrahl AB wird von der Glas- 
scheibe G nach unten reflektiert, trifft dort einen Sil- 
berspiegel und wird von diesem senkrecht nach oben 
geworfen. Der Strahl CD fällt auf den schwarzen Spie- 
gel S, von dem er nun unter den in der Zeichnung 
dargestellten gegenseitigen Spiegel- und Glasplatten- 
stellungen nicht mehr reflektiert wird, also polarisiert 
ist. (Nach Graetz) 



41 



Wichtiger als das aber war es, als der englische Chemophysiker Faraday 
polarisierte Lichtstrahlen durch ein starkes magnetisches Feld sandte und 
bemerkte, daß dabei die Polarisationsebene dieses Lichstrahles ebenso ge- 
dreht wird wie in Quarz oder in Zuckerlösung. Diese Beeinflussung des 
Lichts durch den Magnetismus, beziehungsweise die hinter ihm stehende 
Elektrizität wurde durch den holländischen Physiker Zeemann noch deut- 
licher gemacht, als er Linienspektren (also die Spektren glühender Ele- 
mente) unter dem Einfluß eines magnetischen Feldes beobachtete und da- 
bei fand, daß deren Linien in der Richtung der magnetischen Kraftlinien 
in je zwei (Düblet), senkrecht dazu in drei (Triplet) gespalten werden 
(Zeemann-Efjekt), manchmal sogar in noch mehrere. Damit war die Licht- 
forschung mit der Forschung nach dem Bau der Elektrizität und der Atome, 
also der Materie in eine Verknüpfung geraten, die es vor allem zweifellos 
machte, daß Licht ein Elektronenphänomen, ein elektromagnetischer Vor- 
gang sei, und mit einem Schlag war dadurch die gesamte Wellenfrage auf 
das Niveau einer anderen Bedeutung emporgehoben: die Wellenbewegung 
und die Gesetze des Rhythmus waren zu einem Universalphänomen des 
ganzen Weltalls geworden. Der Zusammenhang von Licht, Wärme, Elek- 
trizität war durchsichtig, eine Überfülle von Erlebnissen war einem einzigen 
Gesetz untergeordnet. 

Seine erste Formulierung wurde im wissenschaftlichen Denken unter der 
Bezeichnung: die Maxwell' scho^ Wellentheorie oder die elektro-magnetische 
Lichttheorie gehandhabt, da der Engländer Maxwell als erster, noch im 
Jargon der Ätherlehre, voraussagte, eine elektrische Entladung müsse im 
Äther genau so Schwingungen erzeugen, wie ein ins Wasser geworfener 
Stein. Der deutsche Physiker //. Mertz fand, daß diese Anschauung zutrifft, 
und erweiterte als erster die Wellentheorie zu einer Weltmechanik, deren 
kolossale Bedeutung für das Verständnis unserer Erlebnisse erst die Genera- 
tionen nach uns voll und ganz erfassen werden. Jedenfalls wurde auf diesem 
Wege vor allem das eine ganz Grundlegende erkannt und drang auch all- 
gemein in die Überzeugungen ein, daß zwischen den elektrischen und den 
Lichtwellen kein prinzipieller, sondern nur wie auch bei den anderen Ka- 
tegorien der Wasser- und der Luftwellen ein gradueller Unterschied sei. 

Die Brücke hierzu wurde durch die Untersuchung der Wärmestrahlen ge- 
schaffen, die man zunächst einfach als ultrarote Strahlen ansah, deren Wel- 
lenlänge weit größer als die der Lichtstrahlen ist. Sie entstehen stets, wenn 
man einen Körper in jene intensive Molekularbewegung versetzt, die man 
Erhitzung nennt, auch wenn sich diese nicht bis zur Produktion von Licht 
steigert. 

Diese dunklen Wärmestrahlen erfreuen durch alle Erscheinungen, die den 
Lichtwellen zukommen, sie lassen sich ebenso reflektieren und brechen; 
durch Zurückwerfen mit einem Hohlspiegel kann man z. B. fern von einem 
glühenden Körper eine Zigarette frei in kalter Luft anzünden und dergleichen 

42 



mehr. Auch für sie gilt das bei der Spektralanalyse von Kirchhoff gefun- 
dene Gesetz, daß jeder Körper gerade die Strahlenarten verschluckt, die er 
selbst aussendet, ja nach dem Vorgang von Rubens lernte man aus einem 
Gemisch von Licht- und Wärmestrahlen (wie es jedes Licht darstellt), durch 
stete Reflexion einen Rest von Strahlen absondern, der nur mehr aus ultra- 
roten Strahlen bestand und Wellen von nahezu V$ Millimeter Länge zeigte, 
die schon eine Menge Körper durchdrangen und in ihren Eigenschaften 
außerordentlich den Wellen der Elektrizität nahe stehen. Damit war der 
Zusammenhang zwischen Licht und Elektrizität hergestellt. Die kleinsten 
elektrischen Wellen messen etwa 6 Millimeter, und von da ab bis zu den 
oft hundert Meter bis kilometerlangen Wellen der drahtlosen Telegraphie 
sind alle nur denkbaren Unterschiede vorhanden. Daß diese kilometer- 
langen Wellen die gleichen Gesetze befolgen wie die winzigen des Lichtes, 
die kurzen der strahlenden Wärme und die mäßig langen der Luft und des 
Wassers ist ein nicht oft genug zu betonender Beweis für die Richtigkeit 
der Anschauung, daß alles Erleben einem einheitlichen Gesetzkomplex folgt, 
die Grundlage aller Natur- und Kulturwissenschaft also die Biozentrik sein 
muß. Wenn sich daher von diesen Wärmestrahlen herausgestellt hat (und 
das ist im ersten Bande dieses Werkes schon genug gewürdigte Verdienst 
von M. Plank), daß sie nicht einheitlich und gleichmäßig, sondern nach dem 
Gesetz der multiplen Proportionen tätig sind, so muß dieses Quantengesetz 
ebenso folgerichtig für den ganzen Umfang des Wellenphänomens, kurz ge- 
sagt, für das Weltphänomen selbst gelten, wofür bekanntlich in steigendem 
Maße auch Beweise herbeigeschafft sind. Da sich aber zugleich herausge- 
stellt hat, daß dieses Gesetz der multiplen Proportionen unter verschiedenen 
Bezeichnungen, jedoch überall in gleicher Weise wirksam ist, so nament- 
lich im Bereich der Schallwellen als Gesetz der pythagoraeischen Intervalle 
oder der Harmonie, so sind jetzt, was man bisher nicht gewußt hat: erstens 
Beziehungen zwischen Wärmestrahlung, Licht und Schall oder zwischen 
dem Quantengesetz und der musikalischen Harmonie aufgedeckt, zweitens 
ist damit der Weg beschritten, auf dem die Harmonie als universales Welt- 
phänomen zu erkennen ist. 

Was damit aus logischem Zwang vorhergesagt wird, ist durch die Fort- 
schritte der neuesten Physik wieder im Begriffe erwiesen zu werden, und 
die von den Ideen der objektiven Philosophie Überzeugten erleben die 
Freude, an einem ganz wesentlichen Punkte sich auf die Forschung als 
ihren Vorspann berufen zu können. 

Der akustische Begriff der Oktave, diese Grundlage der Harmonielehre, 
durch welche die Periodizität und der Intervallbegriff fundiert werden, 
ist nämlich neuerdings auch in die Optik eingekehrt. Das sichtbare 
Licht reicht von violett bis rot. Seine Wellenlängen reichen also von 0,38 n 
bis 0,76 n, oder die Schwingungsskala violett bis rot verhält sich wie 1 : 2. 
Das aber war (vgl. S. 34) das Gesetz der Oktaven. Von da bis zur Wellen- 

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länge der sogenannten Jodkaliumreststrahlen (96 fi) sind weitere 6 Oktaven 
bekannt, während nach weiteren 7 Oktaven die elektrischen Erscheinungen 
anheben. Überall sind also Quanten vorhanden, und nach diesem ersten 
Schritt in die Welt der sichtbaren und elektrischen Wellen wird die Mensch- 
heit allmählich zur Harmonielehre der Wärmestrahlung, der Farben und 
der Elektrizität vordringen, worin ihr unbewußt die Künstler auf dem Ge- 
biet der Malerei schon Wege gebahnt und Vorarbeiten geleistet haben. 

Was ich aber von der Musik sagte, das trifft die Farbenlehre und die 
Malerei in einem noch erhöhten Maße: ihre Zeit war nicht, sondern wird 
erst kommen. Die inneren Beziehungen zwischen Musik und Malerei, deren 
sich die neuesten Kunsteinrichtungen tiefer als die früheren bewußt gewor- 
den sind, und die in dem Phänomen des Farbenhörens und der unterbewuß- 
ten Weisheit der Sprache, die von Farbentönen, Farbenharmonie und Kom- 
position, von Farbendissonanzen und musikalischen Werten der Gemälde 
früher wußte als von Physik und Philosophie, ihre festesten Stützen haben, 
sind dabei nur Wegweiser für das, was die Menschheit auf diesem Gebiet 
noch erreichen wird, wenn erst einmal die Musik der Farben ihre Sympho- 
nien zu spielen anhebt. Die Erkenntnis läßt da in schwindelnde Weiten hin- 
einblicken, in Jahrhunderte des denkerischen, forschenden und künstleri- 
schen Schaffens — die Selbstkritik aber schiebt diese Perspektiven kühl zur 
Seite und stellt dagegen ihr großes Fragezeichen auf, das da lautet : Wie soll 
dieser Bau aufgeführt werden von einem Wissen, das mit dem Lichtäther 
die bisherigen festen Grundlagen verließ, ohne neue geschaffen zu haben? 

Diese Frage des Lichtäthers ist es, durch die gegenwärtig die gesamte 
Wellentheorie in eine schleichende Krise geraten ist. Wenn es keinen Welt- 
äther gibt, was führt dann diese wunderbaren Wellenbewegungen im un- 
ermeßlichen Weltenraum aus? Die Relativitätslehre, die dem Weltäther 
den Todesstoß versetzte, hat, wie Unard in seiner Kritik der Einstein'schen 
Lehre sehr treffend hervorhob i^), eigentlich an seine Stelle nichts als den 
etwas sehr vagen Begriff des Raumes gesetzt, wodurch für die praktische 
Arbeit aber auch gar nichts gewonnen zu sein scheint. Daran kann ja tat- 
sächlich kein Zweifel sein, daß mit allgemeinen Vorstellungen, wie atomare 
Struktur des Lichtes, noch nichts erreicht ist, zugleich aber auch, daß der 
Begriff Lichtquanten mehrdeutig ist und vor allem die Bündelung (Quante- 
lung nennt man das in der neuesten Physik mit einem sehr barbarischen 
Fremdwort) der Strahlen zu bedeuten hätte, so daß man zum mindesten 
zwischen Lichtquanten erster Ordnung oder elementaren Lichtquanten und 
solchen zweiter Ordnung zu unterscheiden hätte. Immerhin ist der Begriff 
Lichtquantum aber auch nicht inhaltsärmer als der Begriff Atom in all den 
Jahrzehnten war, in denen die praktische Chemie mit ihm rechnend Fabri- 
ken um Fabriken errichtete und Millionenwerte schuf: Man konnte damals 
auch nicht das geringste Anschauliche an diesen Begriff knüpfen, und, wie 
ich bereits ausgeführt habe (Bd. I S. 140), ist die Vorstellung „chemisches 

44 



Atom" auch heute noch, unabhängig von allen Kenntnissen über das physi- 
kalische Atom, vollständig luftig. 

Zudem kennt die Physik heute außer den Lichtstrahlen eine ganze An- 
zahl anderer Strahlungen, von denen augenblicklich nur die Kathodenstrah- 
len und die Kanalstrahlen genannt seien, die ebenso Brechung, Reflexion 
und Interferenz, also Wellennatur aufweisen wie das Licht, aber schon 
längst als Korpuskularstrahlen bezeichnet wurden, weil man sich davon 
überzeugt hatte, daß in ihnen materielle Teilchen, und zwar in den Katho- 
denstrahlen die negativen Elektronen, in den Kanalstrahlen die positiven 
Ionen Schwingungen ausführen. Es steht demnach der Lichttheorie prin- 
zipiell nichts im Wege, dem Licht, wenn es von dem Zusammenhang der 
sonstigen Gesetze gefordert wird, eine atomare Grundlage zuzuschreiben 
und den Weltenraum mit irgendwelchen noch näher zu umschreibenden ele- 
mentaren Lichtquanten ebenso zu bevölkern, wie man ihn ohne Bedenken 
mit Elektronen (Elektrische Fernwirkungen der Sonne) oder den Atomen 
der Gase (Coronium und Nebulium) bevölkert hat. 

Es sind also jene Denker im Irrtum, die annehmen, daß die Quanten- 
theorie des Lichtes an sich ein Widerspruch zur Wellentheorie des Lichtes 
sei. Man muß diese Begriffe viel schärfer präzisieren. Die atomare Struk- 
tur des Lichtes ist an sich noch nicht identisch mit der quantenhaften Ab- 
gabe von Energie, wie sie Planck entdeckte. Und der Ausdruck „Wellen- 
theorie des Lichtes" deckt nicht in allem die fiuygens'sche oder Max- 
well'sche Lichttheorie. Wie gerade vorhin gezeigt wurde, kann man sich 
sehr gut auch harmonische Schwingungen von Lichtkorpuskeln vorstellen 
(schon Newton hat ähnliche Vorstellungen gehabt und konnte sie sehr gut 
mit seiner Mechanik vereinbaren), also die Wellentheorie und ihre Konse- 
quenzen aufrechterhalten und dabei doch die Äthervorstellung preisgeben i*). 
Übrigens war die Maxwell'sche Lichttheorie keineswegs auch vor den neuen 
Einsichten eine allgemein zufriedenstellende Hypothese, sondern litt an 
namhaften Unzulänglichkeiten. So konnte sie namentlich nicht die Erschei- 
nung der Dispersion deuten. 

Unter Dispersion des Lichtes versteht der Optiker die Tatsache, daß der 
Brechungsindex eines durchsichtigen Körpers für verschiedene Farben als 
eine Funktion der Wellenlänge derart verschieden ist, daß die sogenannte 
Dispersionskurve stets von rot nach violett ansteigt. Daher haben alle Lin- 
sen die Neigung, die Farben auseinander zu legen. Die farbigen Ränder, die 
man in einem schlechten Mikroskop um die Ränder der Gegenstände sieht, 
sind eine Folge dieser nicht genügend korrigierten Farbenzerstreuung. Die 
Lichtbewegung zeigt sich also in dieser Erscheinung abhängig von der Wel- 
lenlänge. Dafür bietet aber die Lichttheorie von Maxwell kein Verständnis. 
Um es herzustellen, muß man zu der Hilfshypothese greifen, die Materie, 
durch die das Licht geht, sei aus Ionen und Elektronen zusammengesetzt, 
die durch die periodisch wechselnde elektrische Kraft der Lichtquellen in 

45 



Bewegung versetzt und dabei dann durch Reibung so behindert werden, wie 
es die Tatsachen der Dispersion zeigen. (Lorentz, Planck.) 

Aus diesen Untersuchungen entsprangen die Versuche über Lichtfortpflan- 
zung in bewegten Medien von Fizeau (1851), Michelson und Morley, die 
heute in aller Munde sind, trotzdem sie aus dem Jahr 1886 stammen. Es 
ergab sich zwar einerseits eine höchst frappante neue Übereinstimmung der 
Wellengesetze des Schalles und des Lichtes, indem man das aus der Akustik 
so wohlbekannte Doppler'schG Prinzip in der Optik gültig fand. Wenn man 
auf dem Bahnhof steht und ein Schnellzug fährt pfeifend durch, so wird 
sein Pfiff, je näher er kommt, desto heller klingen; denn die Schwingungs- 
zahl der Wellen wird durch die Bewegung beeinflußt. Das Gleiche läßt 
sich nun als Farbenänderung auch an sich bewegenden Lichtquellen (z. B. 
im Spektrum von Sternen) wiederfinden, und bestätigt die Einheit der 
Wellengesetze im ganzen Universum. Andererseits aber stellten sich gerade 
im Verfolg des Fizeau'szh&n und Micke Ison'schtn Versuches bei Lorentz 
die Überzeugungen ein, die im 1. Kapitel dieses Werkes in Band I so ein- 
gehend behandelt sind und mit der Relativitätslehre die Lehre vom Welt- 
äther ad absurdum führten i*). So vereinigten sich die Gesetze des Lichts 
auf einem langen Weg der Erkenntnisse mit denen der Elektrizität und da- 
durch jenen der Materie überhaupt, ohne irgendwie den Satz zu überschrei- 
ten, daß die elementare und allgemeine Funktion der Materie die Wellen- 
bewegung sei. 

Alles, was man auf den bisher überblickten großen Gebieten des Erlebens 
erfahren hat, wiederholt sich nun auf dem zentralen und eigentlichen Ge- 
biet der physikalischen Erscheinung, nämlich in der Elektrizitätslehre. Elek- 
trizität ist der Sammelname für die Erscheinungen, welche die Schwin- 
gungen der Elektronen darbieten. 

Und Elektronen ist der Sammelname für die Atome der Elektrizität. Die 
chemischen Affinitäten, das Licht, der Magnetismus, alles das ist elektrische 
Erscheinung, auch die Materie ist aus Elektrizitätsteilchen aufgebaut, und so 
ist nicht mehr die Mechanik, sondern die Elektrizitätslehre das Fundament 
der Physik. 

In diese Sätze läßt sich etwa das zusammenfassen, was als elektrisches 
Grundgesetz der Welt in einem Überblick über die Gesetze der Welt noch 
Platz heischt. Davon ist an dieser Stelle von besonderem Wert jetzt nur 
der Nachweis, daß alle elektrischen Erscheinungen in Wellen ablaufen, die 
von den gleichen Gesetzen beherrscht werden wie sämtliche anderen Wel- 
len. Gelingt dieser Nachweis, dann ist allerdings, nachdem das gesamte 
Sein als Elektrizität erscheint, die W eilen junktion zugleich als die Welt- 
funktion erkannt. 

Nun haftet der gesamten Elektrizitätslehre ein sehr empfindlicher Mangel 
an. Wohl ist es bis zur Überzeugung getrieben worden, daß alle Elektrizität 
in zwei Kategorien zerfällt, in sogenannte positive und in negative Elektrizi- 

46 



tat, die sich in vielen Beziehungen grundlegend voneinander unterscheiden. 
Es gehört das zu den elementaren, auch von den Nichtphysikern vorauszu- 
setzenden Kenntnissen, braucht demnach hier nicht weiter zergliedert zu 
werden. Man hat nun von der negativen Eletrizität eine sehr deutliche, 
durch Versuche kontrollierbare Vorstellung, sie sei aus Elektronen, d. h. 
elektrischen Elementarteilchen, nach Art der Atome der Chemie oder der 
Lichtquanten zusammengesetzt. Um so weniger weiß man von der wahren 
Natur der positiven Elektrizität. 

Wohl sprechen manche Naturforscher auch von positiven Elektronen; ja 
man findet sogar im Schrifttum so befremdende Sätze wie den: die Elektri- 
zität sei ein Stoff, ein chemisches Element und jene ihrer Atome, die mit 
den Atomen anderer chemischer Stoffe in jenem unlösbaren Zusammenhang 
stehen, den man als Ion (vgl. Bd. I S. 177) bezeichnet, seien die Träger der 
positiven Elektrizität. 

Diesen Vorstellungen haften also reichlich Unklarheiten und Unzuläng- 
lichkeiten an, und es ist deshalb nicht schwer, vorherzusagen, daß die Elek- 
trizitätslehre nicht dauernd auf dem heutigen Stande ihrer Grundüberzeu- 
gungen bleiben wird. Es gibt natürlich nicht zweierlei Elektrizitäten — das 
ist ganz selbstverständlich — , sondern das sind nur Modi einer hinter ihnen 
stehenden einheitlichen Grundtatsache, über deren wahre Natur sich freilich 
jetzt noch kaum etwas aussagen läßt. 

Aber vielleicht ist dieses immer wieder sich Vereinigen, das den entgegen- 
gesetzt geladenen elektrischen Körpern anhaftet, ein tieferer Einblick in den 
Unterbau der Welt, als ihn die Materie sonst bietet. Denn was das soge- 
nannte Coulomb'sche Gesetz sagt, daß die Kraft, mit der zwei geladene 
Körper aufeinander wirken, die Richtung der Verbindungslinie zwischen 
ihnen besitze und sich durch das Produkt ihrer Ladungen, geteilt durch das 
Quadrat ihrer Entfernungen, errechnen lasse, das ist nichts anderes als die 
Konstatierung des Newton'schQn Gravitationsgesetzes für die Welt der Elek- 
trizität und damit wieder ein sehr merkbarer Schritt zur Vereinheitlichung 
der Weltanschauung. 

Dieses elektrostatische Grundgesetz enthält nun noch mehr als die Aus- 
sage über die Gravitation, da es auch von einer Abstoßung weiß, welche 
der Physiker sonst nicht kennt. Aus ihm flössen alle die Möglichkeiten, 
sich Maßeinheiten: Coulomb, Volt (als die Einheit des Potentials), Farad, 
Ampere (als Einheit der Stromstärke), Ohm (als Einheit des Widerstandes), 
der elektrischen Kräfte zu schaffen, durch welche die elektrische Industrie 
erst die Möglichkeit zu ihrer Begriffsmechanik, nämlich den elektrotech- 
nischen Konstruktionen erhielt. Dadurch drang man immer tiefer in die 
vielgestaltigen Äußerungen der elektrischen Energie ein und lernte vor 
allem ihr Strömen in Flüssigkeiten, Gasen und Leitern, die zumeist Metalle 
sind, näher kennen. Hiedurch ergab sich dann wieder der Einblick, daß die 
Erscheinungen des elektrischen Stromes in Flüssigkeiten unverständlich 

47 



sind, wenn man der Elektrizität nicht gleich dem Licht eine materielle 
Struktur, einen Zerfall von selbständig tätigen Elektroatomen, kurz gesagt: 
Elektronen, zuschreibt. 

Damit war aber die erste Brücke geschlagen, die von den Wellengesetzen 
des Lichtes hinüberleitet zu denen der Elektrizität. Wenn man nämlich einen 
Energiestrom elektrischer Natur oder, wie man das kurz nennt, einen elek- 
trischen Strom nicht durch Metalldrähte, sondern eine leitende Flüssigkeit, 
nämlich eine Lösung von Salzen oder Säuren, sendet, erlebt man sehr merk- 
würdige chemische Vorgänge als Beweis dessen, daß der Chemismus auch in 
das große Gebiet elektrischer Funktionen gehört. Von dem mit dem positiven 
Pol verbundenen Draht (der Anode) ebenso wie von der Kathode finden dann 
chemische Abscheidungen, also molekulare Zersetzungen statt, eine Elektro- 
lyse, welche die Moleküle in die uns schon bekannten Atome mit elektrischer 
anhaftender Ladung (vgl. Bd. I Abb. 60), die Ionen, zerlegt, eine Entdeckung, 
die sich namentlich an den verehrungswerten Namen von Faraday knüpft. 

Nun führte der Verfolg dieser Faraday' sehen Gesetze in gerader Linie zu 
der Einsicht, daß die Atome aller chemisch einwertigen Stoffe als Ion auch 
dieselbe Elektrizitätsmenge (nämlich dieselbe Anzahl von Coulomb) mit sich 
führen, die Atome der zweiwertigen Stoffe die doppelte und so fort, so daß 
sich eine Art Gesetz der multiplen Proportionen oder rationalen Zahlen auch 
hier gültig erwies. 

Aber bedeutete denn das nicht zugleich, daß die Elektrizität bei der Elek- 
trolyse in bestimmte, gesetzmäßig festgelegte, quantenhaft ausgezeichnete 
Teile zerfällt, daß auch sie aus Atomen besteht, wie die chemische Materie? 
Auf dieser Überlegung fußt die Lehre von den Elektronen; die Erschei- 
nungen der Elektrolyse waren der erste und seitdem nicht vereinzelt ge- 
bliebene Beweis von der stofflichen Natur und atomistischen Zerteilung der 
Elektrizität, die dann so fruchtbar für das gesamte Weltbild wurde. 

Wenn in Lösungen Elektronen ihre Schwingungen ausführen, denn nur so 
erscheinen dem neuen Wissen die elektrischen Erscheinungen, dann disso- 
zieren sich deren Moleküle; was geschieht aber, wenn ein solcher „Strom" 
durch Gase geleitet wird? Man kann es experimentell prüfen. Sie leuchten. 
Das sind die Geißlerröhren und die Bogenlampen.*) Wenn sie durch Me- 
talldrähte gehen, werden diese wärmer, wovon man sich an jeder, nament- 
lich an einer überlasteten elektrischen Lichtleitung leicht überzeugen kann. 
Hierauf beruht eine Anwendung des elektrischen Stromes, die von größter 
Bedeutung für das praktische Leben der Menschen geworden ist. Man hat 
das Gesetz dieser Erwärmung nach dem englischen Privatgelehrten Joule 
(spr. Schaul) so ausgedrückt, daß die in einem Drahtstück in der Sekunde 
entwickelte Wärme, dem Widerstand dieses Drahtstückes, multipliziert mit 

*) In den Bogenlampen geht nämlich die Lichterscheinung nicht nur von den zur 
Weißglut gebrachten Kohlenstiften allein, sondern auch von der Luft (daher Licht- 
bogen), also von einem Gas aus. 

48 



dem Quadrat der Strom- 
stärke gleich sei, was bei 
näherem Nachforschen nur 
ein besonderer Fall des 
schon längst bekannten Sat- 
zes von der Erhaltung der 
Energie ist. Diese Joule- 
sche Wärme ist bekanntlich 
der Ausgangspunkt von 
praktischen Anwendungen 
sonder Zahl geworden, be- 
ruhen doch auf den Erschei- 
nungen in Drähten die 
Glühlampen, die jetzt meist 
Metallfadenlampen sind, 
und die Vorrichtungen zum 
elektrischen Kochen und 
Heizen, denen das Morgen 
gehört, wenn die elektrische 
Beleuchtung eine Frage von 
heute ist. Von diesen lei- 
tenden Drähten macht sich 
die Theorie die Vorstellung, 
daß in ihnen die Elektro- 
nen außer ihrer unregelmä- 
ßigen eine besondere Bewegung in der Richtung der Spannung ausführen, 
nach Art eines Windes in der Luft bei Druckdifferenzen. Das ist der 
„Strom", der sich in Wellen fortpflanzt, und dem der Draht einen Wider- 
stand entgegensetzt, der sich merkwürdigerweise nach der absoluten Tempe- 
ratur richtet. Denn er wächst mit jedem Temperaturgrad gerade um Vs-r, 
seines Wertes, woraus folgt, daß der Widerstand der Metalle bei 273« 
unter Null überhaupt aufhören muß. Aus diesem Zusammenhang folgt auch 
das Wiedemann-Franz's.QhQ Gesetz, nach dem die elektrische Leitungsfähig- 
keit der Metalle mit der Wärmeleitungsfähigkeit übereinstimmt. Beides sind 
Belege dafür, daß freie Elektronen da sind, die im Strom — und zwar bis 
zur Lichtgeschwindigkeit — dahinrasen, mithin sind es Belege für die All- 
gemeingültigkeit der Wellenlehre. 

In die Ferne wirkt nun die Elektrizität durch Schwingungen von anderer 
Leistungsfähigkeit. Wenn man das Gleichgewicht der Elektrizität auf einer 
Leidener Flasche durch eine Funkenentladung plötzlich stört, wird man 
finden, daß sie in dem Funken und von da ab in den Leitungsdrähten 
Schwingungen ausführt, die gemessen wurden und mit der Frequenz von 
200 000 in der Sekunde noch als langsam gelten, während sie ihr Maximum 

Franci, Bios U ^ 

49 




Abb. 12. Versuch von Joule. In einem Oefäß voll Wasser werden 
die Schaufeln bewegt, wodurch sich das Wasser erwärmt als Be- 
weis dafür, daß Arbeit in Wärme umgewandelt werden kann. 



etwa in 1000 Millionen pro Sekunde finden. Diese elektrischen Schwin- 
gungen verhalten sich anders als gewöhnliche elektrische Ströme. An ihnen 
lassen sich die Gesetze der Akustik demonstrieren, wie denn Telephon und 
sprechende Bogenlampe auch dem Denkunfähigen bewiesen haben, daß 
hinter den akustischen, optischen und elektrischen Erscheinungen ein und 
dieselbe Gesetzlichkeit stehen muß, sonst wären solche Funktionsübertra- 
gungen nicht möglich. Ferner stellte sich alsbald heraus, daß jedes System von 
elektrischen Leitern und Drähten einen Eigenschwingungsrhythmus besitzt, 
d. h. eine Schwingungszahl in der Sekunde, und dementsprechend abgestimmt 
eine Periodizität der Schwingungen hat, die nur ihm eigentümlich ist. Damit 
ist das Harmoniegesetz und die Harmoniemöglichkeit auch im Bereich der 
elektrischen Erscheinungen sichtbar geworden; die musikalischen Begriffe 
Resonanz und „aufeinander abgestimmt sein" haben auch in der Elektrizitäts- 
lehre ihre festumrissene Bedeutung bekommen, und sofort stellte sich mit 
dieser Erkenntnis eine neue ungekannte Anwendung der elektrischen Wellen ein. 
Die Verdienste daran knüpfen sich zunächst wieder an den Namen Hein- 
rich Hertz, dann an den Italiener Marconi und deren Entdeckung der draht- 
losen (daher auch Funken-) Telegraphie und Telephonie. Zunächst war 
hier für Hertz der Weg gegeben, um zu zeigen, daß die Induktionsfunken, 
mit denen er arbeitete, Zeit zu ihrer Ausbreitung brauchen, ein Weg, auf dem 
man zu der Erkenntnis kam, daß die elektrischen Fernwirkungen sich mit 
Lichtgeschwindigkeit durch transversale Wellen ausbreiten. Wieder war es 
die Anwendung optischer Gesetze, nämlich die elektrische Wellen reflek- 
tierenden Hohlspiegel, durch die er nachwies, daß elektrische Wellen im 
freien Raum sich ganz so verhalten wie die Wellen des Wassers, die der 
Luft und die des Lichtes, nämlich sowohl Brechung wie Reflexion erleiden. 
Wellen von der Schwingungszahl 100 Millionen werden, da sie 300 Mil- 
lionen Meter in der Sekunde zusammen zurücklegen, einzeln drei Meter lang 
sein müssen; zu ihrer Reflexion gehören also Hohlspiegel von mehreren 
Metern Durchmesser. Um also handlich experimentieren zu können, müs- 
sen Wellen von 1000 Millionen Eigenschwingungszahl verwendet werden; 
man konnte also diese Hertz'szhtn Spiegel, welche die erste Grundlage der 
Apparatur bildeten, seitdem ganz klein machen, um drahtlose Wellen aus- 
senden und auffangen zu können, eine Methode, die heute, wie seit dem 
großen Kriege jedermann weiß, außerordentlich vervollkommnet ist. Nur 
hat man sich in der Praxis hierzu wieder den langen, 200 bis 3000 Meter 
langen Elektrowellen zugewendet und hat gelernt, nicht nur solche Wellen 
von bestimmter Länge auszusenden und zu empfangen, sondern das in 
weiten Grenzen zu variieren. Der Detektor von heute übermittelt dem Tele- 
graphisten Zeichen von bestimmten musikalischen Qualitäten (daher System 
der tönenden Funken der Telefunken-Gesellschaft), durch die jetzt um den 
Erdball die Signale gesandt werden, ein Triumph sowohl der Menschheit 
wie des großen Gedankens von der Wellenfunktion als Weltphänomen. 

50 



Damit ist auch die letzte Schranke gefallen, welche die Erkenntnis bisher 
noch hinderte, den Satz auszusprechen: Elektrizität sei Licht. Der einzige 
Unterschied zwischen den beiden Wellenformen ist ihre Größe. Die ultra- 
mikroskopischen Elektri/itätswellen werden von uns Licht genannt, und 
Lichtwellen von sechs Millimeter bis dreitausend Meter Länge nennen wir 
elektrische Schwingungen. Das ist der ganze Unterschied. Damit ist aber 
auch die Brücke geschlagen, um zu einem Verständnis für die wahre Natur 
des Lichtes zu kommen. Wenn die große Schwingung als Material Elek- 
tronen verwendet, woran kein Physiker von heute mehr zweifelt, dann kann 
die Grundlage der kleinen Schwingung auch aus nichts anderem bestehen. 

Die Elektronenfolgerung zogen ziemlich gleichzeitig H. A. Lorentz in Lei- 
den und Thomson in Cambridge (der Name stammt allerdings von Stoney), 
als sie das Leuchten einer Crookes-Röhre untersuchten und fanden, daß es 
von den Partikeln der Kathode stamme, wobei es gleich blieb, ob diese aus 
Gold, Blei, Kupfer oder anderem Material bestand. Hieraus war zu schlie- 
ßen, daß es nicht materielle Teilchen seien, die da als winzige Masse von nur 
Vi83o der Wasserstoffatome (näheres s. Bd.! S. 57) mit 100 000 km;sek.-Ge- 
schwindigkeit dahinflogen, sondern das Atom der elektrischen Ladung selbst. 

Wenn die Elektronen die Grundlage der Elektrizität der Masse*), also 
aller Gase, Flüssigkeiten und festen Körper sind, wie die Radiochemie im 
letzten Jahrzehnt mit Erfolg klargemacht hat, wenn elektrische Energie und 
Lichtenergie gleich wie die Gravitation ein und demselben Gesetz folgen, 
dann muß der nächste Schritt der Einsicht die Verknüpfung des Lichtes mit 
den Elektronen sein. Und von hier aus sind auch die Zugänge offen für 
das Verständnis des Magnetismus wie der anderen Strahlungen, die als 
Röntgen-, Kathoden- oder Kanalstrahlen, als /?flc^/ofl/r//yz7fl/ usw. die Mensch- 
heit seit einem Menschenalter in Erstaunen setzen. Von ihnen sind die am 
einfachsten verständlichen die Kathodenstrahlen, die bekanntesten allerdings 
die, welche 1895 Röntgen zu München der wissenschaftlichen Welt vorführte, 
während der Magnetismus schon lange das Erstaunen erregt hatte, bevor die 
Menschheit von anderer Elektrizität wußte, als Blitz und Nordlicht ihm 
darbieten. 

Deshalb entwickelte sich die heute noch als Anhang in der Physik beson- 
ders behandelte Lehre vom Magnetismus als Disziplin für sich und erschwerte 



*) In diesem Sinne kann der Mensch als das Elektrizitätsvvesen an sich bezeichnet 
werden. Man bedenke nur folgendes: Unsere Sinne perzipieren nur „Materie und 
ihre Funktionsformen, nämlich Energien"; nach der Relativitätslehre ist Masse und 
Energie sogar dasselbe. Alle Energien sind Transformationen der Elektrizität. 
Auch die „Masse" ist nach den unangefochtenen Ergebnissen der Physik als schein- 
bare Masse nichts als elektrische Energie. Daher kann man mit Recht sagen, wir per- 
zipieren nur Elektrizität in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Mit anderen 
Worten, aus dem ganzen Komplex der Welt wird für uns nur die Elektrizität zum 
Erlebnis. Insofern sind wir das spezifische Elektrizitätswesen, was ein Problem für 
sich ist. 

4» 

51 



dadurch lange Zeit das einheitliche Verstehen der Phänomene, obwohl schon 
die erste Jugenderfahrung mit einem der aller Welt bekannten Hufeisenmag- 
neten jedermann darauf aufmerksam machen konnte, daß die elektrischen 
Grunderscheinungen von Anziehung und Abstoßung (vgl. Abb. 13), somit der 
Polarität auch bei diesen in der Natur gefundenen rätselhaften Eisensteinen 
vorhanden seien, an die die Vorzeit allerdings nur Märchen knüpfen konnte. 

Erst als es gelang, durch Anwendung einer sogenannten Induktions- 
spule (einer hohlen Metalldrahtspule, in deren Höhlung man Eisen oder 
Stahl brachte), dieses durch einen elektrischen Strom magnetisch zu machen 
— eine Erfindung, deren Konsequenzen zu den heutigen Funkeninduktoren 
der elektrischen Motoren und den Riesendynamomaschinen, zu Telegraph 
und Telephon, mit einem Wort, zu den unschätzbaren materiellen Werten 
der Elektrotechnik führten, — wurde es allmählich klar, daß Elektrizität und 
Magnetismus auf derselben Eigenschaft beruhen, und daß alle elektrischen 
Phänomene eigentlich elektromagnetische Vorgänge sind. Damit war der 
Magnetismus als besondere Naturkraft aus dem Gesetzbuch der Welt ge- 
strichen und bedarf auch für uns keiner ausführlichen Erörterung mehr. 

Nur kurz will ich daher erwähnen, daß auch der Magnetismus den Ge- 
setzen der Elektrostatik (s. S. 47) und Gravitation folgt, daher den Wellen- 
gesetzen unterliegt. Faraday hat gezeigt, daß der Magnetismus eine Eigen- 
schaft aller Körper sei', ob es sich um Glas, Holz, Blei oder Eisen, Flüssig- 
keiten, Gase, selbst Flammen oder um das Licht handle, überall läßt sich 
die Bildung jener „Kraftlinien^^ nachweisen, die man so einfach anschau- 
lich machen kann, wenn man 
einen Magneten auf Eisenfeil- 
späne wirken läßt (vgl. Abb. 
13*). Man kann hiedurch die 
Richtung und Größe der mag- 
netischen Kräfte, kurz mit einem 
Wort das magnetische Feld 
sichtbar machen und hat auf 
diese Weise Einblick erlangt, 
sowohl darein, daß in einem 
Magneten schon die Moleküle 
nach bestimmter Richtung ge- 
ordnet sein müssen, wie auch 



*) Die Beeinflussungen von Strah- 
lungen durch ein magnetisches Feld 
führten zu den weitreichendsten Ein- 
blicken in das Wesen der Materie. 
Näheres hierüber siehe in Band I 
dieses Werkes auf Seite 23 sowie 
in Abbildung 75 dortselbst. 




Abb. 13. Das „Magnetische Feld" mit seinen durch die 
Anordnung von Eisenfeilspänen verratenen Kraftlinien. 



52 



daß die vektoriellen Eigenschaften, deren große und grundlegende Bedeu- 
tung unserem Nachdenken zuerst bei Betrachtung der Kristall weit aufge- 
gangen ist (Bd. I S. 118), in allem, worin Elektromagnetismus seine Wir- 
kung hat (und das ist doch die gesamte Erscheinungswelt), ihre große, 
noch nicht fundamental genug beachtete Rolle spielen. Nun steigert sich 
die Bedeutung dieser Tatsachen ins Ungemessene dadurch, daß die Erde als 
Ganzes selbst ein ungeheuerer Elektromagnet ist, woraus sich das natür- 
liche Vorkommen von Magneteisen, als einer stark magnetischen Substanz 
ohne weiteres erklärt. In seinen Konsequenzen haben diesen Satz die Chi- 
nesen schon seit dem Tage des frühen Mittelalters gekannt, an dem sie 
den Kompaß, d. h. den natürlichen Magneten anwendeten, der sich dem 
Gesetz der vektoriellen Einstellung folgend gegen den Nordpol der Erde 
immer untrüglich orientiert, wenn man ihn frei aufhängt, und so dem See- 
fahrer zum verlässigen Berater auf der irreführenden Wasserwüste wird. 

Die Magnetnadel hat bekanntlich eine Abweichung (Deklination) von 
etwa 10 Grad zum geographischen Meridian*) als Zeichen dessen, daß der 
geographische und magnetische Pol der Erde aus noch unverstandener Ur- 
sache nicht zusammenfallen. Es hat demnach auch die Erde als Ganzes ein 
magnetisches Feld, das sich als ein höchst kompliziertes Gebilde von über- 
einander gelagerten Teilfeldern erwiesen hat. Eine ganze Wissenschaft dick- 
leibiger Bücher hat sich da aufgetan unter der Gesamtbezeichnung Erd- 
magnetismus, deren Hauptresultate leider noch nicht den richtigen Zu- 
sammenhang mit dem sonstigen Weltbild gefunden haben. Denn noch ver- 
steht man nicht, woher das permanente Feld und die Variationsfelder, die 
man zu unterscheiden gelernt hat, stammen; noch ist keine befriedigende 
Deutung gewonnen für die säkularen und die sonnen- und mondtäglichen 
Variationen, die im Sommer und bei Tag groß, bei Nacht und im Winter 
klein sind und mit den Sonnenflecken ebenso wie die luftelektrischen Er- 
scheinungen im Zusammenhang stehen. Es gibt auch magnetische Gewitter, 
wie das große vom 14. Mai 1921, bei dem sich herrliche Nordlichter bis 
Bayern zeigten, die oft genug die telegraphischen Leitungen stören. 

Es ist daher nur eine Ansicht, aber noch keine sichere Lehre, wenn man 
das Gesetz des Erdmagnetismus etwa in folgende Sätze kleidet: Die Sonne 
schleudert (offenbar in den Sonnenjackeln) eine ungeheure Menge von Elek- 
tronen aus, die als Kathodenstrahlen, wie der norwegische Physiker Birke- 
land an künstlichen Nordlichtern experimentell bewies, in den Polarlicht- 
zonen und in einem äquatorialen Gürtel eingesogen werden und die Ur- 
sache des prachtvollen Phänomens der Polarlichter (vgl. Bd. I Abb. 100), 
der luftelektrischen Ströme und der magnetischen Störungen sind. Das ist 
wahrscheinlich der innere Zusammenhang der Sonnen jleckenperioden **) und 
der gleichen Periodizität der magnetischen, sowie der atmosphärischen Ge- 

•) Desgleichen eine Inklination von 60 "zum Horizonnt. — **) Man bedenke, daß dir 
Sonnenflecken für Wolken von Metalldämpfen gehalten werden. 

53 



witter.16) Im engeren stellt man sich das so vor, daß die Erde durch diese 
Elektronenmenge in einen ungeheuren Magneten mit Süd- und Nordpol 
verwandelt wird, was sich um so mehr ausspricht, als ihr Kern (daher die 
Inklination der Magnetnadel!) aus Eisen besteht. Wo immer an ihrer 
Oberfläche Eisen zu finden ist, hat es die Neigung, magnetisch zu werden. 
Dies der Ursprung der natürlichen Magnete. So kommt durch ein außer- 
irdisches Stromsystem auf dem Wege der Induktion in den magnetisier- 
baren Massen das permanente Magnetfeld zustande. Die Partialfelder unter- 
liegen dagegen dem Einfluß der Luftdruckschwankungen, der Gezeiten des 
Mondes und der Sonne, die atmosphärische Bewegungen und durch deren 
Reibung elektrische Ströme hervorrufen. Durch Induktion entstehen im 
Erdinnern gleiche, die wieder ihre stets wandernden magnetischen Wir- 
kungen der Partialfelder haben, wobei alles dies 
gefördert oder beeinträchtigt wird von der stei- 
genden oder sinkenden Temperatur. 

Ist so der Magnetismus in allen seinen Aus- 
wirkungen nur eine Nebenerscheinung der all- 
gewaltigen Elektrizität, so sind die Röntgen- 
strahlen, die der Deutsche Röntgen, der Ungar 
Lenärd und der Franzose Petrin auf gleichem 
Wege entdeckt haben, insofern gewissermaßen 
der Gegenpol der elektrischen Wellen, als sie 
die Fortsetzung der im Spektrum sichtbaren 
Schwingungen nach der Seite des Ultraviolett 
zu darstellen. Sie haben sich — akustisch ge- 
sprochen — um etwa 10 Oktaven höher als die 
ultravioletten Strahlen erwiesen, denn ihre Wel- 
lenlänge beträgt nur 0,05 mm, in den Extremen 
sogar nur 0,001-0,00001 fi, da es „Röntgen- 
farben", d. h, Wellen von verschiedener Länge 
gibt. Ihre Wellennatur schien dadurch zweifel- 
haft zu sein, da sie absolut unbrechbar sind; 
man hält sie auch nicht für zusammenhängende 
Wellenzüge, sondern für einzelne zerrissene 
Wellen. Sie wurde aber dennoch jedem Zweifel 
entrückt, seitdem man an ihnen Beugungs- und 
Interferenzerscheinungen, seit Ch. Barkla auch 
Polarisation nachgewiesen hat. Heute weiß zum 
mindesten jeder Arzt, wie Röntgenstrahlen ent- 
stehen, und welche wesentlichen Eigenschaften 
sie besitzen. Aber im Jahre 1895 war es eine 
atembeklemmende Überraschung, zu sehen, daß 
in einer möglichst luftleer gemachten Geißler- 





4- 




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Abb. 14. Die Einrichtung einer Rönt- 
genröhre. In eine evakuierte Glas- 
kugel ist eine metallspiegelartiges 
Blech, die Kathode K eingeschmol- 
zen. Von ihr gehen bei der Einlei- 
tung eines hochgespannten Induk- 
tionsstromes Kathodenstrahlen aus, 
die das schiefgestellte Metallblech 
der Antikathode A treffen, von dem 
die Röntgenstrahlen zurückgeworfen 
werden. Die Einrichtungen der Anit- 
kathode dienen zur Ableitung der 
reichlich erzeugten Wärme. Sie wird 
zugleich als Anode benutzt. O = die 
Osmoregenerierung, die das Vakuum 
immer wieder auf den gewünschten 
Standb bringt. 



54 



sehen Röhre, einer sogenannten Hit(orf/'schen Röhre (Näheres siehe in 
Bd. I, Seite 59 und Abb. 11) beim Hindurchgehen des elektrischen Stro- 
mes, von der Wand des Glases, wo die entstehenden Kathodenstrahlen 
aufprallen, neue Strahlungen höchst merkwürdiger und auch gesundheits- 
schädlicher Art ausgehen. Durch sie fluoresziert die Glaswand grün, sie 
laßt sie durch, und nun strahlen sie in den Raum mit einem Durchdrin- 
gungsvermögen einziger Art. Durch alles gehen sie in allerdings verschie- 
denem Maße hindurch, nur Metalle, namentlich Blei, setzen ihnen wesent- 
lichen Widerstand entgegen. Desgleichen haben sie die Eigenschaft, photo- 
graphische Platten zu schwärzen, also photochemisch wirksam zu sein, 
weimgleich sie für das Auge, wie alles ultraviolette Licht, unsichtbar sind! 

Auf diesen Eigenschaften beruht ihre medizinische Verwendbarkeit. Leisten 
sie doch das anfangs wahrhaft okkult Anmutende, daß sie einen Menschen 
durchleuchten, der zwischen eine Röntgenröhre (Abb. 14), die nur eine 
handsam gemachte Hittorffröhre ist, und einen mit Bariumplatincyanür be- 
strichenen Fluoreszenschirm tritt. Das wohlabgestufte Schattenbild seines 
Leibes wird sichtbar; am dunkelsten erscheint das Skelett, die Schatten- 
umrisse der Eingeweide, Herz und Lunge, alle inneren Bewegungen werden 
sichtbar und, namentlich wenn man mit röntgenlichtundurchlässigen Mitteln, 
wie die Wismuthspeise der Magenkranken eine ist, nachhilft, erhält man 
einen zaubergleichen Einblick in das Getriebe des Leibes, das dem Arzt bei 
Knochenbrüchen und Krankheiten, Schußverletzungen, Magengeschwüren, 
Herzdeformationen, Darmleiden zur Diagnostik heute ganz unentbehrlich 
geworden ist und schon zahllosen Menschen das Leben gerettet hat, um so 
mehr, als man ja die Bilder dieser Röntgenstrahlen photographisch fest- 
halten, daher in aller Muße studieren kann. 

Aber nicht das ist für den Intellekt, der den Gesetzen der Welt nach- 
forscht, wesentlich, sondern die wunderbaren Tatsachen, durch die sich die 
Röntgenstrahlen in Beziehung zur Chemie und Kristallotik gesetzt haben. 
Die Röntgenstrahlen besitzen die Eigenschaft, die Luft zu ionisieren, d. h. 
ihre Moleküle zu zersprengen und jeden Körper, auf den sie fallen, zur 
Aussendung von sekundären Röntgenstrahlen zu veranlassen, was besonders 
für Metalle von höherem Atomgewicht als 27 zutrifft, die dann ganz cha- 
rakteristische Sekundärstrahlen aussenden, welche alle ihre spezifische Wel- 
lenlänge besitzen, also, wenn man es so nennen darf, ihre ,,Röntgenfarbe^* 
haben. 

Das gilt letzten Endes, wie sich neuestens herausgestellt hat, für jedes 
Element, und dessen spezifisches Röntgenspektrum gehört gegenwärtig 
geradezu zu den Typusqualitäten der Elemente und hat ebenso wesentlich 
zur Aufdeckung der Atomstruktur beigetragen, wie die röntgenologische 
Untersuchung der Kristalle, welche mit den Bewegungs- und Interferenz- 
erscheinungen der Röntgenstrahlen bekannt machte und die Raumgitter- 
auffassung vgl. Band I Seite 127, Abbildung 36) sicherstellte. 

55 



Alles das hat freilich noch nicht das Denken zwingend zum Verständnis 
der wahren Natur dieser merkwürdigen Wellen geführt. Es ist erst eine 
Tatsachenfeststellung, aber noch keine Erklärung, wenn man sagt: Röntgen- 
strahlen entstehen durch starkes Bremsen von negativen Elektronen (Stokes), 
wenngleich sie trotzdem mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes 
fliegen. Jedenfalls erklären sich auf diese Weise die starken Wärmewir- 
kungen, welche sie überall auslösen, wo sie auftreffen, und die schon 
manchen nicht genügend achtsamen Arzt oder seine Patienten schweren 
Verbrennungen aussetzten.") 

Alle die Erkenntnisse, welche auf den letzten Seiten dieses Kapitels aus- 
einander gelegt sind, bilden, wenn man sich ihrer zusammenfassend erinnert, 
einen Kreis, in dessen Zentrum ein Begriff, der des Elektrons liegt. Die 
Röntgenstrahlen, für deren korpuskulare Natur neuestens (Bragg, Barkla) 
natürlich aus demselben Zwang gestritten wird, aus dem man das Licht als 
„Elektronenmaterie" betrachten muß, enthüllen uns in den Linienspektren 
der Elemente deren Atome als ein komplexes System von Elektronen; die 
Elektrizität hat sich als nichts anderes denn eine Mechanik der Elektronen 
erwiesen, das Zeemann-Phänomen ließ erkennen, daß es Elektronen sind, 
die im „Duplet" und „Triplet" die Farben erzeugen, die Elektrolyse zeigte 
die Atome mit Elektronen im Bunde, ebenso alle Vorgänge von Ionisierung, 
in den Kanalstrahlen sausen Oasionen dahin, in den Kathodenstrahlen die 
freien Elektronen selbst, der elektromagnetische Vorgang, dem die Erde 
unterliegt, hängt von der Flut polarer Elektronen ab; kurz, das Elektron 
ist sozusagen im Begrifi, die zentrale Vorstellung von allem zu werden, 
was mit dem Begriff Energie überhaupt zusammenhängt. 

An nichts zeigte sich das heller beleuchtet, als an der großen Erweite- 
rung des Wissens von der Radioaktivität, die die Chemie in dem letzten 
Jahrzehnt erfahren hat. Alles Wesentliche hierüber haben wir schon in 
anderem Zusammenhang aufgezeigt (vgl. Bd. I S. 142); hier sei nur darauf 
verwiesen, daß die ß-Strahlung des Radiums nichts als eine Elektronen- 
strahlung ist, daß die vielgenannten Teilchen der a-Strahlung die Kerne der 
Atome darstellen, indem die a-Strahlung doppelt positiv geladene Helium- 
ionen sind. Beides sind Erkenntnisse, die man Rutherford, diesem strah- 
lendsten Namen der zeitgenössischen Physik, verdankt. Die sämtlichen Er- 
scheinungen der Radioaktivität sind damit wieder auf das Kernproblem des 
Weltphänomens bezogen: auf die Elektronik. 

Die Atome der radioaktiven Körper sind zerfallende Atome. Sie sausen 
auseinander, ihre negativen Elektronen werden frei; Heliumionen entführen 
die positiven Elektrizitätsbestandteile, wobei als Begleiterscheinung eine 
Art Röntgenstrahlen (die y-Strahlen) auftreten. Eine ungeheure Energie- 
menge wird dadurch befreit, und die Menschheit, die sich schon heute 
dessen rühmt, die Atomzersprengung als Kraftquelle sich dienstbar machen 
zu können, wird nicht ruhen, bis nicht diese Einsichten ihr noch andere 

56 



Früchte getragen haben, außer den ideellen, die in dem neuen Wissen von 
dem Aufbau der Elemente durch eine Elektronenmechanik und daher von 
ihrer Umwandlung reifen. Denn unter dem Banne der materialistischen 
Idee sucht ja die Menschheit im Paradiesesgarten der Natur nicht nach der 
Erkenntnis der Gesetze, um danach ihr Leben reiner, vollendeter und 
harmonischer gestalten zu können, sondern ausschließlich nach goldenen 
Früchten, nach Dingen, die ihre Genußsucht befriedigen und ihr Herrschaft 
über die Natur verleihen. Die durch nichts verzehrbaren ungeheuren 
Mengen von Wärme, die das Radium und seine Verwandten ständig in den 
Weltraum hinaussenden, sind ein unleugbarer Beweis dafür, daß im Atom- 
zerfall tatsächlich diese so heiß gesuchte, ungeheuerste aller Energiequellen 
eröffnet werden kann. 

Die Lehre von den Gesetzen der elektrischen Wellen schließt ja mit der 
Erkenntnis, daß die aus dieser Materie und ihren Wellen aufgebaute Welt, 
also die unserer Physik einer steten Wandlung, einem Zerfall und Neuauf- 
bau unterliegt, durch den die Wärme, die „Mutter aller Energie", ins Dasein 
gerufen wird. Allerdings ist dieser Zerfall ein außergewöhnlich langsamer. 
Die Erscheinungen der Radioaktivität gestatten keinen anderen Rückschluß, 
als daß von den Billionen von Atomen, die nicht nur in einem Milligramm 
Radium vereinigt sind, in einer Sekunde nur äußerst wenige zerfallen. Und 
dem Zerfall ausgesetzt ist jederzeit ein im Verhältnis gar nicht darstellbar 
kleiner Bruchteil der Welt. Es kann z. B. auf Erden ein Atomzerfall über- 
haupt nur in den äußersten Schichten stattfinden. Der Engländer Strutt 
fand, daß in den Gesteinen, welche uns zugänglich sind, durchschnittlich 
eine Million Kubikmeter nur an acht Gramm Radium enthält. Überträgt 
man diese Rechnung auf den ganzen Erdball, so müßte dessen Radium- 
gehalt dreißigmal so viel Wärme entwickeln, als die Erde durch Strahlung 
verliert; mit anderen Worten, sie müßte eine Sonne sein und immer heißer 
werden. Da dies aber nicht der Fall ist, so kann in den tieferen Erd- 
schichten kein nennenswerter Atomzerfall stattfinden. Wohl aber ist solches 
auf der Sonne mit ihrem Heliummantel denkbar, und das Problem der 
Sonnenhaftigkeit. erscheint auf einmal in neuer Beleuchtung. 

Mit diesen Gedanken aber auch die Frage nach der Wärme, die als letztes 
mit den Erscheinungen der Wellenbildung untrennbar verknüpft ist. Die 
Wärmestrahlen sind unserer Betrachtung schon entgegengetreten als eine 
Wellenbewegung, die jenseits der roten Lichtstrahlen Schwingungen von 
0,0008 bis 0,006 mm ausführt, die sogar bis Vs mm gesteigert werden 
können (vgl. S. 40) und ebenfalls mit Lichtgeschwindigkeit den Raum 
durcheilen und allen Gesetzen der Wellen dabei folgen. Die Vorstellung 
von Wärme als Molekularbewegung (vgl. Bd. I S. 114) hat die physikalische 
Forschung schon lange vor ihrer heutigen Verfeinerung zu der Überzeugung 
gebracht, daß alle physikalischen Erscheinungen Wärmereaktionen, näm- 
lich Energie sind, gleichwie die Wärme auch den Punkt bestimmt, an dem 

57 



alle chemischen Veränderungen, auch der Lebensprozeß, stattfinden. Wer 
also noch Zweifel daran gehabt hat, daß die Wellenfunktion die elemen- 
tare und allgemeine Funktion des Seins sei, dem müssen sie nach diesen 
Feststellungen schwinden. 

Die Gesetze der Wärmestrahlung sind bei diesem Stand der Dinge dann 
natürlich von ganz besonderer Wichtigkeit, und das verleiht dem Umstände, 
daß Planck das Quantenmäßige oder, wenn man so sagen will, das Gesetz 
der multiplen Proportionen gerade an der Wärmestrahlung konstatiert hat, 
jene universelle und das Weltbild im Tiefsten beeinflussende Bedeutung, 
die ich mich im ganzen Verlauf meiner Erörterungen bemühte herauszu- 
arbeiten. Auch das Ste/an'sche Gesetz von der Quantität der gesamten, von 
einem Körper ausgestrahlten Wärmemenge, das besagt, daß diese der vier- 
ten Potenz seiner absoluten Temperatur *) proportional sei, hat daher die 
weittragendsten Konsequenzen. Durch seine Kenntnis konnte an Hand der 
exakten Beobachtung, daß je ein Quadratzentimeter der Erdoberfläche in 
der Minute von der Sonne drei Kalorien empfängt, die Temperatur der 
Sonne mit großer Wahrscheinlichkeit auf 6500°**) bestimmt werden. 

Da nun aber die Wärmemengen aus mechanischer Arbeit entstehen und 
in der Gleichung der /oa/^'schen Zahl (vgl. S. 49) einfach als Gradmesser 
der Energie gleichgestellt werden können, ist der Weltprozeß, nämlich die 
Verwandlung der Energieformen zu einem Wärmephänomen geworden, und 
die Temperatur forschung gewährt weit über das hinaus, was ihr zoetische 
Einsicht meist zuschreibt, einen Einblick ins innerste Herz des Weltenseins 
selbst. Zum Glück verfügt die Forschung seit der Entdeckung des Ameri- 
kaners 5. P. Langley in dem Bolometer über ein Instrument, das Tempe- 
raturänderungen von einem Zehntelmilliontel Grad Celsius angibt, also die 
Wärme einer Kerze noch in zwei Kilometer Entfernung. Danach konnte 
man Bestimmungen von höchster Exaktheit vornehmen, und somit verdient 
es Vertrauen, wenn angegeben wird, daß das gewöhnliche Küchenherdfeuer 
nur 3—400° C warm ist, eine Gasflamme aber 6—700°, das elektrische 
Bogenlicht, die heißeste aller irdischen Wärmequellen, sogar 3600°. Bei 
dieser Hitze, die doppelt so hoch ist wie die des weißglühenden Eisens, 
verlaufen alle chemischen Reaktionen entgegengesetzt wie in der Zoesis. 
Jeder chemische Körper löst sich dabei in seine Atome auf; man nennt das 
gemeinhin „gasförmig werden" und es ist immerhin diskutabel, ob nicht 
bei Sonnentemperatur auch das Gefüge des Atombaues seinen Bestand ver- 
liert. Jedenfalls ist die Sonne ein Hitzereservoir, das den Merkur (nach 
Arrhenlus) auf 3979° C, sogar die Venus auf eine mittlere Temperatur von 
40° C bringen kann, dessen Wirkungen durch nichts vielleicht besser de- 

*) Absolute Temperatur eines für unser Thermometer 100° C messenden Körpers 
ist — 273 -}- 100 = — 173°. 

•*) Nach dem W/<?/z'schen Verschiebungsgesetz berechnet beträgt ihre Temperatur 
ebenfalls nur 5800° C. 

58 



monstriert werden können, als durch die Tatsache, daß der Mond so viel 
Wärme abgibt, wie ein schwarzer Körper von 1 10" C Wärme f Lord Rosse).''') 

Wäre nicht diese Wärmequelle vorhanden, würde nicht nur der bio- 
logische, sondern auch jeder chemisch-physikalische Prozeß auf Erden er- 
löschen, denn bei der absoluten Temperatur von 273« C unter Null hört 
offenbar auch jede Atombewegung auf. Richtiger wäre es freilich zu 
sagen, daß das Aufhören jeder molekularen (und auch wohl atomaren) 
Bewegung von uns als der Zustand von — 273« registriert wird, da ja nicht 
die Wärme die Bewegungen hervorruft, sondern die Bewegungen von 
dem Menschen vielmehr als Wärme empfunden werden. Bei dieser Ge- 
legenheit möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß weder im 
Weltenraum noch sonst irgendwo jemals die absolute Temperatur ge- 
herrscht hat, da sonst der Weltprozeß eine Unterbrechung erleiden würde. 

Wir sehen am Himmel, wie die Nebelmassen aufglühen, d.h. von dem 
dunklen Zustand sich in leuchtende verwandeln (vgl. Bd. I S. 73); das wäre 
bei absoluter Temperatur aber auch absolut unmöglich. Die Bewegung, 
schärfer gefaßt, die Schwingung und, allgemeiner ausgedrückt, die Funktion 
ist von dem Sein unzertrennlich. Kein Sein ohne Funktion, also Bewegung 
der Teile, daher auch kein Sein bei absoluter Temperatur. Diese beiden Be- 
griffe Sein und absolute Temperatur schließen einander gegenseitig aus. 

Schon bei einem namhaften Sinken der zoetischen Temperatur tritt ein 
Weltbild ins Erleben, das allen Sinnen fremd ist. Bei großer Kälte, wie sie 
Polarfahrer gelegentlich erlebt haben i»), konnten metallene Gegenstände 
nicht mit bloßer Hand berührt werden, ohne schwere Verbrennungserschei- 
nungen zu erzeugen, der Atem fiel als Schnee zu Boden, und Eisenbeile 
waren zerbrechlich wie Glas. In den physikalischen Sammlungen, so im 
Deutschen Museum zu München, kann man sich mit dem merkwürdigen 
Phänomen der flüssigen Luft unterhalten, denn Luft auf 140° unter Null 
unterkühlt, fällt wie reines Wasser zu Boden, bei einer noch etwas tieferen 
Temperatur verwandelt sie sich in festen Schnee. Bei — 240° wird selbst 
das flüssigste und leichteste aller Gase, der Wasserstoff, fest, und bei 
einigen Graden darunter erstarrt auch er. 

Schon bei 200" Kälte sendet Milch schwach blaues Licht aus, und Eier 
werden zu Leuchtkugeln. Eiweiß leuchtet bei dieser Temperatur so stark, 
daß man bei diesem Licht lesen kann. Sauerstoff wird zu einem blauen 
Schnee von stark magnetischen Eigenschaften, die Kräfte der Kohäsion 
steigen enorm, und selbst das Licht verliert etwa 8O0/0 seiner aktinischen 
Strahlen. Nur von dem Zustand der Welt bei absolutem Nullpunkt kann 
man sich keine Vorstellung machen, weil es nicht gelungen ist, ihn herzustel- 
len.2o) An dem Vergleich dieser phantastischen Welt mit unserer zoe- 
tischen zerreiben sich die letzten Zweifel, so einer noch welche gehegt hätte, 
daß Wärme, beziehungsweise ihr mechanisches Äquivalent Bewegung, als 
notwendige Funktionsform das Sein in den gewohnten Formen bedingt. 

59 



Mit anderen Worten : der Wärme zwischen — 273 ° und einigen zehn- 
tausend Grad entsprechen die Seinsformen des Weltalls, jener zwischen 
— 70° und etwa 3600° C die unseres Erdballs.^^) Oder noch einfacher: 
Die Funktion der wellenförmigen Schwingung innerhalb der so normierten 
Grenzen bedingt die uns bekannten Erscheinungsformen der Welt. Beson- 
derheiten dieser Wellenfunktion oder Bewegung und Änderung schlechthin, 
die durch die bisherige Zergliederung noch nicht erfaßt wurden, sind der 
Rhythmus und die Variation dieses Rhythmus in den Erscheinungen des 
chemischen Vorganges uns seiner Beschleunigung (Katalyse), sowie die 
Variation der Funktionsformabänderung, wie sie im Geschehen so tausend- 
fach täglich vor Augen tritt. 

Ebenso allgemein, wie die Ordnung der Änderungen in Wellen ist die 
Tatsache, daß dieser Zusammenhang der Erlebnisse nicht ein einmaliger 
ist, sondern durchgängig, also auch für das Verhältnis der Wellen zueinan- 
der gilt. Die Stimmgabelversuche, von denen wir in der Akustik ausge- 
gangen sind, haben diese Tatsache unmittelbar graphisch anschaulich ge- 
macht, indem sie verrieten, daß zwei oder noch mehr Integrationsstufen von 
Schwingungen ineinander greifen. Kleine Schwingungen werden zu grö- 
ßeren Wellen zusammengefaßt, was sich hörbar in dem jedem musikalischen 
Ohr so wohlvertrauten Mitklingen der Obertöne in jedem Klang ausspricht. 
Anders ausgedrückt: das Gesetz der Integrationen macht sich eben auch 
in den Funktionen, vor allem in der elementarsten, in der Wellenbewegung 
geltend. Dadurch entsteht eine Wiederkehr sowohl rein wiederholend als 
Periodizität und Rhythmus, die beide infolgedessen sich in allem Sein mel- 
den müssen, wie auch integriert in höheren Seinsstufen. Mit dieser für 
einen Kopf, der durch die Vorstufen dieses Werkes gegangen ist, höchst 
einfachen Feststellung ist uns ein Phänomen verständlich geworden als 
Notwendigkeit des Weltenbaues, das in jeder seiner Äußerungen von den 
uns Fernstehenden nun schon seit Generationen immer wieder mit großem 
Geschrei angestaunt und manchmal den mystischen Erscheinungen zugerech- 
net wird. Das ist die Erscheinung der Periodizität aller Geschehnisse, im 
Leben und außer ihm, die von Naturforschern, Biologen und Philosophen, 
Historikern und Mathematikern viel erforscht und noch bis jetzt als ge- 
heimnisvoll innerste Mystik des Weltproblems, gewissermaßen als Türe zur 
Metaphysik empfunden wurde. 

In gewissen alltäglich erlebten Äußerungen erscheint es freilich jeder- 
mann als selbstverständlich. (Als ob das „Selbstverständliche weil Alltäg- 
liche" weniger geheimnisvoll sein müßte, als ob Gewöhnung eine Erklä- 
rung sei!) So macht sich kaum jemand Gedanken über die Systole und 
Diastole des Herzens, d. h. den Rhythmus des Herzschlages, obschon ge- 
rade er den Anlaß und das erste Bedürfnis zur Zeitmessung und dadurch 
zur Aufstellung des Begriffes Zeit gegeben hat. Ebenso selbstverständlich 
erscheint das regelmäßige Atemholen, also der Rhythmus der Atemimpulse, 

60 



um die Sache physiologisch auszudrücken. Desgleichen der allerdings nicht 
mehr so absolut unveränderliche Rhythmus von Wachen und Schlafen. Wer 
eingehender vertraut ist mit der Physiologie des Menschen, kennt das 
„Treppenphänomen^' , d. h. die rhythmische Beantwortung der Reize durch 
Muskelkontraktionen, ebenso, daß in den Nerven rhythmische Aktions- 
ströme pulsieren. 

Wie es dem Empfinden nicht schwer fällt, diese und hundert andere im 
Erleben des eigenen Leibes zutage tretende Rhythmen in die Kategorie 
der Dinge abzustoßen, über die man nicht nachdenkt, so verführt zur Denk- 
faulheit die Formel: diese Rhythmen gehörten eben zum Wesen des 
Lebens. Was aber, wenn unabhängig vom Menschen und auch von den 
tierischen und pflanzlichen Organismen, deren ganzes Sein von Periodizität 
beherrscht ist, auch in der anorganischen Natur allenthalben ewiger Rhyth- 
mus pocht? Mathematisch festlegbar, nein: sicherer sogar, als die leider 
nur relative Analysis feststellen kann, mit absolutem Rhythmus dreht sich 
die Erde um sich selber und um die Sonne, geht der Sterne Chor auf und 
nieder, vollzieht sich „Periodik" am Himmel nach überwältigenden Ge- 
setzen. Der Rhythmus der Jahre, der Jahreszeiten, der Tage und Stunden, 
bedingt hundertfache Rhythmen im irdischen Geschehen. Von ihm hängen 
ab die Phänologie im Aufblühen und Erscheinen von Pflanzen- und Tier- 
formen, der Donnergang der Gezeiten, der Weg der Winde, die Wiederkehr 
der täglichen barometrischen Schwankung, die jährliche zweimalige Wan- 
derung der Zugvögel, die Periodizität der Frauen, der hochzeitliche Rhyth- 
mus einer Brunst- und Paarungszeit, die Jahresringe der Bäume, der Gene- 
rationswechsel, das Wellenspiel der Transgressionen und Klimamigrationen, 
kurz fast alles, was uns am Antlitz der Natur als Änderung entgegentritt, 
weil jede Änderung eine zyklische, in Perioden wiederkehrende Änderung 
ist. Diesem Pulsschlag ist tägliches Leben und Gemütsleben, Geistesleben, 
Geschäfts- und Staatenordnung angepaßt durch Arbeits- und Erholungs- 
einteilung und durch Gliederung von allem, womit wir uns beschäftigen, 
in Abschnitte von verschiedener Integrationshöhe. 

In zahllosen Dingen, wo noch keine Periodizität (ihr Studium ist im Be- 
griffe, durch Freud, Fleiß und neuestens P. Kammerer'--) die gebührende 
Beachtung zu finden) bekannt ist, stellt sie sich bei tiefer dringender Er- 
kenntnis heraus und muß sich auch herausstellen, da Periodizität eine fun- 
damentale Eigenheit der Funktion ist, also untrennbar zum Sein gehört. So 
hat sich neuestens gezeigt, daß in den natürlichen Gesteinen, aber auch in 
den künstlichen Bausteinen eine rhythmische Kristallisation erfolgt. Man 
beobachtete das z. B. an den Sulfaten, wie solche die Ziegel der Großstadt- 
häuser in sich schließen, wodurch sich dann die Ziegel in Platten abschälen. 
Der Chemotechniker Liesegang beschrieb z. B. auch rh>ihmisch eintretende 
Fällungen, durch die das Entstehen der tierisch-pflanzlichen Zeichnungen 
faßlicher wurde. Und so ließe sich, wenn hundert Belege eine Tatsache 

61 



fester auf die Beine stellen könnten als ein Halbdutzend, ein großes Mate- 
rial anhäufen, das immer wieder nur das Eine beweisen würde, daß rhyth- 
mische Funktionen durchgängig verbreitet sind. 

Der experimentellen Psychologie ist das auch nicht entgegen, und sie hat 
eine Lehre vom Rhythmus geschaffen, deren wichtigstes Gesetz, das der Zeit- 
gestaiten. folgendes feststellt: Eine längere Reihe rhythmischer Eindrücke 
tritt im Bewußtsein aus unvermeidbarem seelischem Zwang zu Gruppen zu- 
sammen, deren Ausgestaltung in hohem Grad der Willkür unterliegt. 

Man mache den Versuch, wozu sich bei einer Eisenbahnfahrt die beste 
Gelegenheit bietet. Man taktiert bei den gleichmäßig erfolgenden Stößen 
unwillkürlich mit, wobei sich dann von selbst rhythmische Gruppen (Quan- 
ten) einstellen, denen man mit Vorliebe metrische Formen, Verschen oder 
sehr ausgeprägte Melodien unterlegt. Und wenn man dann gewitzigt durch 
dieses Erlebnis irgendeine Rhythmuserfahrung anderer Art analysiert, wird 
man bald finden, daß stets aus innerem Zwang einige Elemente daraus zu 
Einheiten zusammengefaßt werden. Es entsteht, wie sich die Psychologie 
ausdrückt, „ein Betonungsrelief unter den Gliedern jeder Gruppe" r^^) 

Auf diesem inneren Zwang zur „Zeitgestaltung" beruht ein ganz erheb- 
licher Teil der Technik des Kunstschaffens, und damit ist die Brücke für 
das Verständnis geschlagen, wieso Kunst auch darin die Weltgesetze wie- 
derholt. Architektur, Skulptur und Malerei haben überall diese Zusammen- 
fassung, die Quantenbildung, wenn man es so nennen darf, in ihren rhyth- 
mischen Gestaltungen durchgeführt und empfinden nur solches als schön, 
während ein Rhythmus ohne diese Gliederung ihnen leer und nichtssagend 
erscheinen würde. Man denke, um sich das anschaulich zu machen, an die 
Mäander- oder Palmettenornamente der griechischen Baukunst oder die Be- 
deutung der Gliederung eines Gebäudes in Haupttrakt und Seitenflügel: 
Oder noch deutlicher wird man die Wahrheit des Gesagten empfinden, wenn 
man sich an die Bedeutung und Notwendigkeit des Rhythmus in Poesie und 
Musik erinnert. Nicht nur, daß beide ohne diese taktmäßigen Wiederholun- 
gen ihre Formen schlechthin verlieren, sondern sie bedürfen auch der Quan- 
tenbildung im Bereich der Rhythmen durch stärkere Betonung einzelner Ele- 
mente und Zusammenschluß von Gruppen anderer nicht betonter um sie. 

In der Dichtkunst bestimmt das Versmaß die rhythmische Einheit, aus 
deren Wiederholung, beziehungsweise Variation, der Vers entsteht, wobei 
eine die Schönheit der Sprache bestimmende Vielfältigkeit dieser Variation 
den Ausschlag gibt. So würden einfache Metren wie der Jambus (^_; ) in 
monotoner Aneinanderreihung unschön wirken, weshalb da stets zwei Vers- 
füße gekoppelt sind, während z.B. die Daktylen ( — UU) als dreisilbiger 
Versfuß schon als ein „Quantum" gelten, das für sich bestehen kann. Da- 
bei tritt aus der Metrik sofort das von uns von allen Dingen der Welt zu 
fordernde Integrationsgesetz entgegen, denn die Versfüße sind zusammen- 
geschlossen zu Trimetern, Pentametern, Hexametern, diese wieder zu Stro- 

62 



phen und solche zu Gedichten, die in Zyklen wieder ihre höhere, in sich ge- 
schlossene Einheit mit spezifischen Integrationsstufen finden, so daß dem Kun- 
digen das ganze Abbild des Weltenbaues im Werk der Dichter entgegenblickt. 
So schließt sich auch in der Musik die Rhythmusgruppe zum Takt zu- 
sammen und Takte durch Legate und Betonungszeichen zu Gruppen; ge- 
schlossene Melodien, die variiert wiederkehren, steigen zur höheren Inte- 



^^m 



i 



1 




Abb. 15. Notenspiel aus Beethoven, Klaviersonaten op. 101 



grationsstufe der Sätze und ganzen Werke auf, überall das gleiche Gestal- 
tungsgesetz widerspiegelnd, das eben auf Erden überhaupt nur durch 
gleiche Formen „Sein" ins Erleben rufen kann. 

Ja schon in der gewöhnlichen Rede und im begrifflichen Denken ist die 
Quantenbildung im rhythmischen Fluß durch Betonung und Gliederung, in 
der Grammatik durch Satz- und Halbsatzbildung, bereits in dem Wortzu- 
sammenschluß der Laute, in der Logik, in der Begriffsbildung selbst. Überall, 
sowie bewußtes Leben nur anhebt, ist dieses Urgesetz unseres Erlebens ver- 
wirklicht, das uns zwingt, die ganze Welt rhythmisch zu deuten. Dieses innere 
Gestaltungsgesetz des Erlebens hat nun sehr eng gezogene Grenzen, die sich 
zwischen 1—24 Glieder bewegen. Denn es ist durch Selbstbeobachtung ge- 
wonnene Erfahrungstatsache, daß es dem Intellekt versagt ist, rhythmische 
Einheiten zu bilden, die über 24 Takte hinausgehen. Es wäre ungemein 
fruchtbar, den Folgen dieser Tatsache in der Ausgestaltung unseres Welt- 
bildes nachzugehen. Ich muß es mir hier nur versagen, veranlaßt durch 
die Forderung nach Harmonie in der Gestaltung meines Werkes, die mich 
zwingt, zu der Analyse der Funktionsformen zurückzukehren, von deren erster 
Eigenheit, der rhythmischen Gliederung des Weltgeschehens im Erleben ich 
einen hoffentlich genügend deutlichen Eindruck zu erzeugen vermochte. 

Die Geschehenskette des Weltphänomens, der wir uns hicmit wieder zu- 
wenden, weist nun außer dem Gleichmaß auch die Eigenheiten des Gegen- 
satzes auf. Von diesen Erscheinungen ist namentlich eine: die Geschehens- 
beschleunigung, dem Chemiker wohlvertraut und wenigstens von dieser Seite 
aus ausgiebig studiert. Sie ist in der Chemophysik unter der Bezeichnung 



G3 



Katalyse jedem Fachmann bekannt. Der Funktionsbegriff in der Chemie 
nimmt die Form der chemischen Reaktion an. Und es zeigte sich alsbald, 
daß die Reaktionsgeschwindigkeit je nach den äußeren Bedingungen ver- 
schieden ist. So wird z. B. durch Steigerung der Temperatur die Geschwin- 
digkeit aller chemischen Vorgänge größer; eine Erfahrung, die die Mensch- 
heit schon vor Jahrtausenden hätte verwerten können, wenn sie die Tatsache 
beachtet hätte, wie langsam ruhig an der Luft liegendes Eisen rostet, und 
wie rasch sich darauf unter dem Schmiedehammer der Rost einstellt. Im all- 
gemeinen kann man sagen, daß bereits eine Temperaturerhöhung um 10 <> 
die für eine Zeiteinheit umgesetzte Stoffmenge verdoppelt. Das ist die Ur- 
sache, warum kein chemisches Laboratorium früher ohne Herd und jetzt 
ohne Gasflammen eingerichtet werden kann. Der Chemiker erwärmt sein 
Material, um die Vorgänge zu beschleunigen. 

Es gibt nun gewisse Stoffe, welche diese Rolle der Wärme übernehmen. 
Wenn ein Stoff die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion durch seine 
Gegenwart erhöht, ohne selbst eine dauernde Änderung zu erleiden, dann 
nennt man ihn einen Katalysator und spricht von katalytischen Reaktionen. 
Solche Stoffe sind z.B. das Wasser oder das Mangandioxyd gelegentlich 
der Zersetzung des Kaliumchlorates. Eine Spur Wasserdampf beschleunigt 
fast alle chemischen Umsetzungen. Ein anderer derartiger hochberühmter 
„Kontaktstoff^^ wie man die Katalysatoren mit einem anderen Ausdruck 
nennt, ist der Platinmohr.^^) Das Urbild aller Katalysen kennt die Mensch- 
heit ihrer Sage nach seit den Zeiten der Hammurabi-Inschriften. Denn schon 
auf diesem Original der biblischen Sagen ist Wein und damit Gärung er- 
wähnt. Die von den Hefepilzen (Saccharomyces) erzeugte Zymase, das 
wichtigste aller Fermente oder Enzyme, um dafür einen moderneren Aus- 
druck zu gebrauchen, beschleunigt den Prozeß der Zuckerspaltung zu Alkohol 
und Kohlensäure. Das ist es, was wir Gärung nennen. Andere Enzyme 
spalten durch ihre bloße Anwesenheit die Fette, wie jeder von uns durch seine 
Galle täglich beweist; das Ptyalin des Speichels bewirkt die Stärkeverzuk- 
kerung, es ist überhaupt keine tierische Verdauung und kein pflanzlicher 
Stoffwechsel denkbar ohne eine Fülle von Enzymen, die von dem Plasma in 
bewundernswerter Vielfältigkeit und Leistungsfähigkeit ausgeschieden werden. 

Noch komplizierter wurde die Sachlage, als man erkannte, daß alle En- 
zyme kolloidale Struktur besitzen, weshalb z.B. auch alle kolloidalen Metall- 
sole katalytische Wirkungen ausüben. Diese bestehen nun keineswegs, wie 
man gewöhnlich glaubt, und wie es im Verdauungsvorgang, wenigstens in 
seinem ersten Teil, auch ihre Aufgabe ist, nur aus Spaltung. Sie vollführen 
sogar auch Synthesen, ja sie besorgen sogar eine Art Reaktionsauslese, so 
daß es sich nicht mehr bezweifeln läßt, daß in ihnen eine biotechnische 
Erfindung der plasmatischen Organismen vorliegt, die, weil sie wegen der 
schon bei 60 <> erfolgenden Eiweißgewinnung keine Wärme anwenden können, 
sich der Enzyme zur Änderung der Reaktionszeit bedienen. Diese Biotech- 

64 



nik wird nachgeahmt, wenn man Gärung bei der Wein-, Bier- oder Brot- 
bereitung hervorruft. Eine vollkommenere Form ist die in neuerer Zeit 
üblich gewordene Hydrierung ohne Erwärmung mit Hilfe von Platinkollo- 
iden (der Platinmohr ist ein solches), und es bedarf wahrlich keiner beson- 
deren Intuition, um vorherzusagen, daß man auf diesem Wege zur Revol- 
tierung der Chemotechnik und damit auch der Industrie kommen und eines 
Tages gleich den Pflanzen ohne Kohle und Fabrikschornstein zu produ- 
zieren gelernt haben wird.^^) 

Kann man aber auf solche Weise den Rhythmus der Vorgänge beschleu- 
nigen, so muß es notwendigerweise auch gelingen, ihn zu verzögern. Und 
tatsächlich, man ist auch mit derartigen Verzögerungssubstanzen bekannt 
geworden. Sie sind nichts anderes, als die allgemein bekannten Gifte. Blau- 
säure, Arsenik, überhaupt alle starken Gifte verhindern auf eine heute noch 
unbegreifliche Weise den Vorgang der Katalyse. Und gleichwie man die 
organischen Reaktionen vulgo Lebensvorgänge „vergiften" kann, gelingt 
das gleiche auch bei den kolloidalen Enzymen. Diese Beeinflussung des 
funktionellen Rhythmus ist nun nichts anderes als der erste Schritt zu seiner 
Abänderung, die letzten Endes, von großer Perspektive aus gesehen, wieder 
nichts anderes als eine dermaßen verzögerte Wiederkehr gleicher Formen 
ist, daß unsere Erfahrung nicht ausreicht, um deren „Takt" zu bestimmen. 

Hier wird der Entscheid durch das Zermelo'schQ Resultat (vgl. S. 75) 
gefällt, nach dem alle Vorgänge in ständigen Wiederholungen ablaufen, ein 
Gedanke, den Nietzsche in einer seiner mysteriösen Intuitionen, in der im 
„Zarathustra" zuerst visionär ausgeführten „Wiederkehr des Gleichen", vor- 
weggenommen hat, ohne zu ahnen, daß dieser Gedanke nur mit einer bio- 
zentrischen Erkenntnistheorie vereinbar wäre. Es liegt einfach im Wesen 
der mathematischen Voraussetzungen, daß, wenn irgendwo ein Faktor sich 
der Unendlichkeit nähert, die Permutationen zu rhythmischen, also perio- 
disch wiederkehrenden Funktionen werden. Der amerikanische Popular- 
philosoph C. Snyder hatte den artigen Einfall, das an einem Beispiel zu 
demonstrieren. Wenn es, so sagt er, am Himmel nur eine Milliarde Sonnen- 
systeme gleich dem unseren gibt, so existieren 8— 10 Milliarden Planeten, auf 
denen, wenn wir je eine Dauer von tausend Millionen Jahren ansetzen wol- 
len, theoretisch Menschenbesiedlung möglich wäre. Rechnet man, daß das, 
was man menschliche Zivilisation nennt, sich in einer uns als solche an- 
sprechenden Form zehn- oder zwanzigtausend Jahre lang hält, so bedeutet 
das, daß das Kulturleben der Menschheit ein Hunderttausendstel der be- 
wohnbaren Zeit unseres Sonnensystems umfaßt, daß also auf einer mil- 
liardenmal größeren Zahl von Planeten die Zahl der möglichen Permutatio- 
nen, also die anderen Möglichkeiten längst erschöpft sind und wir minde- 
stens einige andere {Snyder rechnet sogar 10 000) Planeten finden müßten, 
auf denen annähernd dieselben Zustände herrschen wie auf dem unsern. 
Unter den vielen mit Parallelentwicklung ist es dann wieder nur Sache der 

Francs, Bios M ^^ ^ 

65 



Ausdehnung der Kosmos- oder Zeitvorstellung, um die Möglichkeit einer 
Parallelität zur Sicherheit eines alter ego zu verwandeln. Es ist also letzten 
Endes nur Sache des intellektuellen Mutes, wie weit jemand in dieser Rich- 
tung praktische Konsequenzen zieht. 

Das Problem spitzt sich in dieser Richtung auf die Formulierung zu: Ist 
der Weltprozeß, die Änderung der Seinsformen, eine periodische Funktion 
oder nicht? Und da muß man sagen, daß alles vorhin Gesagte mehr auf 
die erstgenannte Lösung als auf ihr Gegenteil weist. In der Lebenspraxis 
ist es freilich gleich, welche Lösung gefunden wird, weil auch die be- 
jahende ein derartiges kosmisches Tempo der Serialität einschlägt, daß in 
ausdenkbarer Zeit- und Raumvorstellung de facto eine Wiederkehr ausge- 
schlossen ist. Anders freilich in ethischer Hinsicht. Für sie ist die Lösung 
der Frage von grunderschütternder Bedeutung, was Nietzsches Flammen- 
geist nicht verborgen blieb und von ihm auch mit leuchtenden Buchstaben 
an den Himmel des Gewissens geschrieben wurde. 

Die Abänderung, also die Variation der Geschehenskette in den atomaren 
Zusammenhängen erfüllt nun die Anschauungswelt des Chemikers mit be- 
sonderen Vorstellungen. Denn Variation im Rhythmus atomarer Beziehun- 
gen nennt man chemischen Prozeß, und durch diesen tritt die Vielheit der 
chemischen Stojfe in Erscheinung als materielle Qualität. An dieser Stelle 
begegnet man aber so ziemlich der größten Dunkelheit, die im Gebiet der 
anorganischen Naturwissenschaft noch herrscht. Denn die Begriffe der 
chemischen Affinität, welche diese funktionelle Variation regeln sollen, 
haben noch nicht den Anschluß an die elektronäre Mechanik gefunden, als 
welche sich die Physik enthüllt hat. An dieser Stelle klafft eine Lücke in 
den Vorstellungen. Wohl weiß man etwa seit Davy, daß die chemische 
Affinität, also das die Verbindung der Stoffe regelnde Gesetz, innig mit der 
Elektrizität verwandt sein muß. So einfach aber, wie man sich das bis vor 
wenigen Jahren gedacht hat, daß die Affinität die magnetische und elek- 
trische Ladung der Moleküle sei, verhält sich die Sache allerdings nicht, 
sondern die chemische Energie, wie man sie wohl nennen kann, läßt sich 
im Grunde genommen auf keine andere zurückführen, wohl aber umwandeln 
(im chemischen Element) und messen durch ihre Schnelligkeit und die bei 
ihrer Umwandlung geschaffene Wärme oder elektrische Energie. Das Ge- 
biet dieser Erfahrungen steckt die Thermochemie und Elektrochemie ab.^^) 
Tatsächlich sind auch gesetzmäßige Beziehungen zwischen dem Quäle des 
Stoffes, welches eben das Arbeitsgebiet der Chemie ist, und dem elektri- 
schen Quantum wenigstens insofern da, als es nicht nur eine chemische 
Affinität der Elemente untereinander, sondern auch eine solche der Ele- 
mente zur positiven und negativen Elektrizität gibt. Metalle verhalten sich 
z.B. derart, als ob sie eine Verwandtschaft zur positiven Elektrizität hät- 

*) Die säurebildenden Elemente z. B. Phosphor. 

66 



ten, und Metalloide*) gerade umgekehrt. Diese Beziehungen treffen aber 
nicht den Kernpunkt dessen, was uns in diesem Augenblick an der Chemie 
interessiert. Das Wichtige ist vielmehr für uns die an diesem Punkte auf- 
scheinende Einsicht, daß die chemischen Qualitäten Funktionsjonnen der 
Materie sind und der chemische Prozeß eine Formenänderung, ein Umbau, 
also eine Funktion der Formen. 

Gilt das für die Chemie, muß es ebenso folgerichtig auch für die physi- 
kalischen Eigenschaften gelten, einheitlich aufgefaßt für den Funktionsbegriff 
überhaupt. Oder mit anderen Worten: Die Variation der Funktionen er- 
gibt das Weltbild. Was man Erscheinung nennt, sind die Funktionsjormen 
des Seins, die daran gesetzmäßig gebunden sind, so daß jede Funktion 
ihre ihr allein zukommende Form hat und eine Änderung der Funktionen 
mechanisch auch eine Änderung der Form nach sich zieht. 

Dieser Zusammenhang kehrt stets wieder. Es gibt also ein Gesetz der 
Funktionsjormen, dessen Wortlaut angesichts seiner Wichtigkeit noch ein- 
mal wiederholt sein soll: Jede Funktion besitzt eine nur ihr zukommende 
Form, die sich mit der Funktionsänderung gesetzmäßig ändert. 

Diese Sätze erscheinen so einfach, daß man vielleicht mit Verwunderung 
und Ungeduld sie für selbstverständlich und altbekannt hält. Sie sind aber 
weder das eine noch das andere. Sie sind vielmehr von allergrößter prak- 
tischer Wichtigkeit und in ihrer Anwendung fundamental neu. Eine voll- 
kommene Umwälzung des bürgerlichen Lebens muß in dem Augenblick ein- 
treten, in dem man sie wirklich konsequent anwendet. Für mich persönlich 
sind sie z. B. die erste materielle Frucht der objektiven Philosophie, die 
mir die Möglichkeit gewährte, mich von dem ablenkenden Broterwerb los- 
zulösen und mein Leben ausschließlich auf die Schaffung und Verbreitung 
der objektiven Philosophie einzustellen. Und das hängt in folgender Weise 
zusammen: Wenn die obigen Sätze richtig sind, dann muß es möglich sein, 
von den Formen der Dinge auf die Funktionen zurückzuschließen, und darm 
ist auch eine gewünschte Funktion zu erwarten, wenn man den Dingen die 
entsprechende Form verleiht. Mit anderen Worten, es muß dann möglich 
sein, eines auf das andere zu übertragen und durch Nachahmung von For- 
men beobachtete Funktionen wiedererzeugen zu können auch in anderem 
Material und durch Übersetzung des Zusammenhanges von einem Gebiet 
ins andere, unter Umständen vom natürlichen Physischen ins rein Geistige. 
Erlaubt wird solches durch die von uns angenommene Überzeugung, daß 
das Funktionsgesetz richtig sei, daß, da dieses nur eine Ableitung aus dem 
Seinssatz überhaupt ist, auch diese Grundbehauptung der objektiven Philo- 
sophie zu Recht bestehe, mit ihr aber auch die absolute Indentität des Er- 
lebens, d. h. die beliebige Übertragbarkeit identischer Gesetzeszusammen- 
hänge von einem Gebiet ins andere, also das, was man die Einheit des 
Biosbegriffes nennen kann. 

Man hat damit ein treffliches Mittel an die Hand bekommen, die Berech- 

5» 

67 



tigung aller dieser Behauptungen der objektiven Philosophie an ihren Kon- 
sequenzen praktisch nachzuprüfen. Ist nämlich die behauptete Übertragung 
ausführbar und führt sie zu bisher unbekannten Funktionen oder durch 
Funktionsübertragung zu neuen Formen, dann gibt die objektive Philosophie 
mit dem oben Gesagten wirkliche Gesetze der Welt wieder und ist außer- 
dem kultur- und lebensfördernd. Diese Übertragung des physikalischen Ge- 
setzes der Funktionsformen ins Geistige und Kulturelle habe ich, als ich 
mit diesem Gedanken zum erstenmal auftrat 2g), als Biotechnik bezeichnet. 
Die Biotechnik ist also ein ausgezeichneter Prüfstein für die Berechtigung 
und Richtigkeit*) der objektiven Philosophie. 

Darum soll sie hier in ihren ganzen Grundzügen entfaltet werden. Wenn 
jede Form der Ausdruck einer von ihr geprägten Funktion ist, dann ist 
die Kugelform (die technische Form für Rollen), Masse überhaupt, die 
technische Form für Trägheit, auch Bewegung selbst schon eine Funktions- 
form für veränderliches Sein. Was sich bewegt, ruht nicht, ist also nicht 
von Dauer, wobei es gar nichts ausmacht, ob diese „Dauer" den Kreis 
unserer Zoesis überschreitet wie bei den Himmelskörpern oder nicht. 

Es ist also der Begriff der Funktionsform, wofür technische Form nur 
ein Synonym ist, für alles Sein gültig, keineswegs etwa für das biologische 
oder physikalische Sein allein. Auch das geistige Schaffen hat seine tech- 
nischen Formen, für die identische Gesetze gelten wie in der Physis. Und 
auch die unbelebte Natur hat unter dem Einfluß der in ihr vor sich gehen- 
den Bewegungen (Änderungen) technische Formen angenommen, deren 
vornehmste und allgemeinste die Materie selbst mit ihren chemischen und 
physikalischen Qualitäten ist. Schon die Begriffe „seiende Welt" und „Er- 
scheinung" sind Funktionsformen des Weltprozesses, der biotechnische 
Grundbegriff also einer der elementarsten des gesamten Erlebens. 

Es ist also das Phänomen, welches die moderne Biologie unter dem Ein- 
fluß von W. Roux^'') unter dem Namen ,,funktionelle Anpassung" als eine 
der Sondererscheinungen belebter Materie aufzufassen lehrte, viel allge- 
meiner zu fassen, als man es derzeit übt. Das Grundlegende, die Mechanik 



*) Man unterscheide wohl, daß eine Anschauung sehr gut unrichtig sein kann, aber 
dennoch berechtigt ist. So ist z. B. die mit absoluten Größen als Fiktion rechnende 
Mathematik vom Standpunkt des relativistischen Denkens aus gewiß nicht „richtig". 
Wer wollte aber angesichts ihrer zoetischen Notwendigkeit ihre Berechtigung leug- 
nen? Sie ist praktisch notwendig, daher lebensfördernd, ergo berechtigt. Diesen An- 
spruch muß man auch der objektiven Philosophie zubilligen, seitdem die Biotechnik 
aus ihr entstanden ist. Sie ist sich sehr wohl bewußt, daß sie auf einer agnostischen 
Grundlage ruht, indem sie keine Erklärung des Erlebens gibt. Vom Standpunkt des 
absolutischen Wahrheitsforschers aus kann sie also nicht als „richtig", als „die Wahr- 
heit" gelten, sondern bestenfalls als Behauptung. Sie ist aber eine berechtigte Lehre, 
weil sie sich als lebensfördernd, lebenserweiternd erweist. Und nur das will sie, 
nicht aber absolute Wahrheit erkennen, die sie als ein Phantom abweist. Unter Rich- 
tigkeit ist dann zu verstehen, daß sie richtig die Gesetzeszusammenhänge wiedergibt, 

68 



der Formänderung unter dem Einfluß von Funktionen ist vielmehr ein 
Weltphänomen, dem man auf Schritt und Tritt vom Kleinsten bis ins Größte 
begegnet. Das ist das Erste, was ich hier zu beweisen habe. Da kann ich 
darauf hinweisen, daß schon die Gestalten (es wird hier doch der Umriß 
einer Philosophie der Gestaltung gezogen) der kosmischen Gebilde: Nebel- 
flecken, Kometen, Sonnen und ihre Trabanten nichts als die technischen 
Spiegelbilder ihrer jeweiligen Funktion sind. Formlosigkeit bei sonst funk- 
tionslosem Massensein, ist in den Weltnebeln da (vgl. Bd. I Abb. 1), die 
aber sofort in Spiralform und Zusammenballungen übergeht (vgl. Spiral- 
nebel der Jagdhunde, Bd. I Abb. 1 und 2), sobald Bewegungsfunktionen, 
Rotationen auftreten. Die Funktion prägt also auch im Anorganischen 
ebensogut die Form wie im Organischen. 

So entstanden die Funktionsformen der Weltkörper, von deren Gestaltung 
man stets auf die ihnen zugrunde liegenden Änderungen zurückschloß, wo- 
durch das wissenschaftliche Denken längst eine tatsächliche Anwendung 
von einer Konsequenz des objektiven Denkens gemacht hat (so wie das 
praktische Leben überhaupt niemals etwas anderes macht), die eigentlich 
ohne Anerkennung dieser Denkrichtung unerlaubt ist. Bis ins Feinste wur- 
den dadurch die Trabanten unserer Sonne durchgeformt und z. B. der Erde 
jene technische Sonderform verliehen, welche die Geophysiker bezeichnen 
wollen, wenn sie die Erde nicht eine Kugel, sondern das Geoid oder Rota- 
tionsellipsoid nennen. 

Seit Christ. Huygens (1669) weiß man es, daß eine plastische, schnell 
rotierende Kugel an den Polen abgeplattet, am Äquator angeschwollen sein 
muß, und hat erst mühsam durch die Erdmessung mit Hilfe der von der 
französischen Akademie der Wissenschaften nach Peru und Lappland ent- 
sandten Expeditionen bewiesen, daß dieses Gesetz für die Erde auch wirk- 
lich gilt. Es waren das ja auch jene Expeditionen, die bei dieser Gelegen- 
heit den Beweis erbrachten, daß der Meter nicht, wie man wollte, ein 
Naturmaß (nämlich der zehnmillionste Teil des Erdquadranten), sondern 
ganz willkürlich festgestellt sei. 

Ohne unser Gesetz der technischen Form brauchte die Erde keineswegs 
eine annähernde Kugel zu sein, sondern könnte eine beliebige Gestalt oder 
etwa die Scheibenform besitzen, an die der mittelalterliche Mensch glaubte. 
In Wirklichkeit aber ist diese hundertfach bewiesene Kugelkrümmung so 
gewaltig, daß man ihretwegen in einem Meter Höhe den Horizont nur in 
einem Kreis überblicken kann, dessen Radius kaum viertausend Meter be- 
trägt. Ein sich entfernendes Schiff versinkt daher schon in S'/o km Ent- 
fernung scheinbar um einen Meter unter dem Wasserspiegel. Und auf der 
Erde trifft der Blick, wohin er sich auch richten mag, überall nur technische 
Formen der auf ihr sich vollziehenden Veränderungen. 

Viele sind in den Ausführungen bisher schon erwähnt worden. So sind 
die Zeugenberge der Wüste, der mächtige Dreikanter des Matterhorns 

69 



nichts als technische Formen, aus der Luftbewegung hervorgegangen. Jedes 
Flußbett oder Trockental, jede Erosionsrinne ist ein Zeugnis für das gleiche 
Gesetz (Abb. 4). 

Die schöngeformten Rundlinge (vgl. Abb. 3), welche allenthalben, na- 
mentlich am Nordrand der Alpen und in den Tälern des Inn, der Salzach, 
des Lech, der Rhone die Landschaft überaus lieblich gestalten, sind Funk- 
tionsformen der scheuernden Bewegung des Eises während der großen dilu- 
vialen Vereisung jener Landschaften. Die Kare im vergletschert gewesenen 
Hochgebirge (Abb. 5), die Gerolle (Abb. 6) in jedem Bachbett, die Schutt- 
rinnen, Berg- und Talform, alles, alles zeugt für das gleiche Gesetz. 

Es ist ein außerordentlicher Genuß und eine tiefe Belehrung, sich die 
hier eingestreuten Landschaftsbilder (vgl. Abb. 3, 6 u. Bd. I 50) daraufhin 
genau zu betrachten und diese Übung dann auf Ausflügen und Reisen in 
der freien Natur zu wiederholen und zu vertiefen. Es wird nämlich zum er- 
schütternden Erlebnis, wenn man sieht, wie das Bild der Natur nichts 
anderes ist als die Sprache der vielfältigen und gewaltigen Kräfte, die sich 
in der Welt verknoten: der Spiegel, mehr als das, das Geschöpf des Welt- 
geschehens. Und was das Festland in der Ursprache des Seins dem Wissen- 
den sagt, das wiederholt in gleicher Erhabenheit das noch leichter Formen 
bildende Meer. Welle, Brandung, Strömungen, sie alle sind die technischen 
Formen der Prozesse, welche sie vollziehen, und sie wieder sind das Werk- 
zeug, mit dem die Kräfte der Abrasion und der Transgressionen das Fest- 
land in stets neue Formen prägen. 

Jede Funktion der seienden Dinge verleiht diesen Qualität, welche diese 
Funktion immer mehr erleichtern, bis sie sich nahezu optimal vollzieht. Es 
sind dies dabei keineswegs grobe Formgebungen allein, sondern, wie es uns 
bereits am Problem der chemischen Qualität und Änderung zum Bewußtsein 
gekommen ist, auch Zustandsänderungen in der molekularen oder atomaren 
Struktur. So ist der Golfstrom, gleich den fünf anderen großen Meeres- 
triften, eine Warmwasserheizung für Westeuropa, somit in seiner Erhitzung 
und dem ausgleichenden und wärmeabgebenden Zirkulationsstrom die Funk- 
tionsform einer solchen, oder alle Flüsse, kalten Luftströmungen oder 
Schuttreissen (Abb. 6) sind die technische Form der schiefen Ebene, auf der 
Massentransporte erleichtert sind. Freilich sind auch die Zustandsände- 
rungen im chemischen Sinn letzten Endes immer nur mechanische Ände- 
rungen gleichwie auch die letztgenannten Funktionen, denn der Unterschied 
zwischen materiellen Teilen, die da als Gold, dort als Blei erscheinen, hier 
in Form von grüngefärbtem Eiweiß, dort als roter Rubin sich dem Auge 
darbieten, da als farbloses Gas, dort als tiefschwarze Kohle, ist ja nie etwas 
anderes als eine prinzipiell nachrechenbare Verlagerung der Uratome, der 
Atome und Moleküle, also eine Änderung der strukturellen Gestaltung, bei 
der mit jeder funktionellen Phase eine ganz bestimmte Form korrespondiert. 
Daß wir noch fern davon sind, diese technischen Formen der Zustände zu 

70 



registrieren, ist nur ein Beweis für das primäre Stadium unseres Wissens, 
ändert aber an dem Gesetz nichts. 

Selbstverständlich ist diese Zusammenhangslehre zwischen Form und 
Funktion ebensogut gültig, ob dieser Zusammenhang nun innerhalb eines 
lebenden Wesens oder außerhalb desselben besteht. 

Daher ist das sogenannte biologische Gesetz der funktionellen Anpassung 
im einfachsten Fall kein anderes Problem als das bisher geklärte. Es ist 
dem objektiven Denker ganz selbstverständlich, daß auch das Plasma ebenso 
gut seine Funktionsformen hat, auf jeder seiner Integrationsstufen, so wie 
das Eisen oder der Erdball die seinigen. Natürlich wechseln auch sie mit 
wechselnder Funktion, und dem, was man als „Anpassung" bezeichnet, liegt 
zunächst kein anderes mechanisches Geschehen zugrunde, als der Entstehung 
der Hohlkehlen in einer winddurchpfiffenen Hohlschlucht. Ich will dabei nicht 
im geringsten das teleologische Moment dieses Geschehens weder in der 
funktionellen Anpassung noch in der Herausbildung anorganischer Funk- 
tionsformen gleich den soeben genannten leugnen. Tatsächlich wird in beiden 
Fällen die Form final, nämlich so abgeändert, daß die Funktion sich vollen- 
deter, widerstandsloser vollziehen kann. Die Teleologie liegt also bereits im 
physikalischen, im mechanischen Geschehen selbst, wenn auch nicht in der 
Form, daß B auf A so folgt, damit C erreicht werde, so doch derart, daß B 
auf A so eintritt, daß C erreicht wird. Es wird also im Entwicklungsmecha- 
nischen nicht etwa das Sinnvolle, Teleologische mechanisch gedeutet, sondern 
vielmehr der Mechanismus des Prozesses lebensmäßig, daher teleologisch 
erläutert, und denen, die die Lehre der Biozentrik verstanden haben, brauche 
ich nicht erst zu sagen, daß solches bei dem Wesen unserer Erkenntnisfähig- 
keit gar nicht anders sein kann, also kein Problem, sondern eine Vorausset- 
zung des Erkenntnisvorganges ist. Gewissermaßen der Kaufpreis, der vom 
erkennenden Subjekt gezahlt werden muß, um erkennen zu können. 

Man muß daher im Anpassungsbegriff sehr wohl zwei voneinander ganz 
verschiedene Dinge trennen. Wenn in der Epidermis der menschlichen Hand 
durch steten Druck eine vermehrte Teilung der Epidermalzellen einsetzt, durch 
die nach einiger Zeit eine Wucherung, nämlich eine Schwiele entstehen 
muß, dann ist dieses Geschehen von einer anderen Finalität regiert, als dem 
einfach teleologischen Zusammenhang zwischen Druck und Druckform. 
Nach der „mechanischen Teleologie" müßte durch den Druck einfach in der 
Hand nach und nach eine Vertiefung entstehen, in die der drückende 
Außenkörper hineinpaßt wie ein Schmuckstück in sein Futteral, wodurch er 
seine Druckfunktion immer vollkommener ausüben kann. Das erfolgt auch, 
wenn der Druck zu heftig ist oder zu lange währt. Nach der organischen 
Teleologie dagegen erfolgt etwas ganz anderes, das reine Gegenteil. Dem 
Druck wird durch die Schwiele widerstanden. Hier wird eine höhere, die 
Urteilsfunktion in sich schließende Stufe von Teleologie sichtbar, welche 
die vorige keineswegs aufhebt, und man bemerkt, daß das Integrationsgesetz 

71 



auch in der Teleologie wirksam ist, und daß es teleologische Integrations- 
stufen gibt. Der Organismus handelt als Person, welche den Druck als 
Motiv, als Reiz und Auslösung zu einer Handlung benützt. Unabhängig 
davon' ist also die obengenannte funktionelle Anpassung, die mit solchen 
Handlungen und dem Leben als solchem gar nichts zu tun hat, wenngleich 
sie auch im lebenden Körper sich genau so wie im toten vollzieht. 

Jedem Physiologen bekannt ist der feinere Bau namentlich der Röhren- 
knochen (Abb. 16). Im Caput, dem Knochenkopf, ist durch feinste knöcherne 
Lamellen das Gerüstwerk der Spongiosa verwirklicht, das je nach Bean- 
spruchung verschieden eine biegungsfeste Konstruktion aufbaut, in der nur 
die Stellen des Druckes und Zuges durch festeres Material betont sind. 
Ändert man die Druck- und Zugbeanspruchung, ändert sich auch die Form 
der Spongiosa, so daß man mit Recht das Knochengerüstwerk als den klas- 
sischen Fall von funktioneller Anpassung bezeichnet hat. 

V^. Roux machte nun solche Fälle an einem Modell aus Gummi und 
Paraffin nach und fand, daß die zug- und druckfesten Elemente darin sich 
von selbst der neuen Funktion gemäß umlagern, wenn man das Modell 
anders beansprucht. 

Daraus ist zu schließen, daß bei dem so viel gerühmten, bekanntlich von 
/. Wolff zuerst nachgewiesenen sinngemäßen Umbau der gebrochenen Kno- 
chen, den man als das größte Wunder organischer Teleologie pries, der 
Organismus und seine intelligenten Kräfte gar nichts zu tun haben, sondern 
daß hier die „mechanische Teleologie" allein das Bewunderte erschafft. Mit 
anderen Worten: in dem zu einem Begriff zusammengeworfenen Anpas- 
sungsprozeß stecken tatsächlich zwei verschiedene Dinge: die jeder Funk- 
tionsform anhaftende Teleologie, die oft allein das besorgt, was man An- 
passung nennt, und eine auf höherer Integrationsstufe stehende Intelligenz, 
welche teleologische Zusammenhänge schafft, als deren Beispiel der oben- 
erwähnte Fall der Epidermalschwiele gelten mag. Die Physiologen haben 
diese zwei Dinge bisher nicht gänzlich zu trennen gewußt, und hier- 
aus entsprang mancher Streit und die Unfruchtbarkeit ihrer Bemühungen-^«) 

Man gehe übrigens nicht daran vorüber, daß durch das vorhin wieder- 
gegebene Roux'scht Experiment die Teleologie der Funktion als Weltgesetz 
sowohl im Organischen wie Anorganischen erwiesen worden ist, das Te- 
leologische also als Grundeigenschaft der Welt oder als Bedingung der 
Erkenntnisfähigkeit dem erkennenden Subjekt zugeschoben wurde. Denn 
hier ist die Grundlage des Verständnisses für die gesamte Technik aufge- 
schlossen. Ist doch sie in Konsequenz dieses Satzes nichts als die „Tech- 
nik der Zoesis", nämlich das sich Orientieren im Gebiet der Mechanik des 
Erlebens oder in einen Merksatz geprägt: die Nachahmung der Teleologie 
des Weltgeschehens durch bewußte Zielsetzungen. 

Diese Teleologie des plasmatischen Geschehens beherrscht den ganzen 
Lebensprozeß, der ja ununterbrochen nach seinem Ausgleich strebt und 

72 



s ^ 



O O r- 





durch teleologische Zusammenhänge den Störungen, die diesen Ausgleich 
hindern, entgegenarbeitet. Das spricht sich aus in seinen bedürfnismäßigen 
Reaktionen, in deren Ablauf die technischen Hilfsmittel des Organismus 
eingeschoben werden. 

Alles an dem Organismus - so wie an der Welt selbst - erscheint uns 
daher in verschiedenen Integrationsstufen teleologisch ablaufend; jeder 
Prozeß ist ein biotechnischer Vorgang, der rein mechanisch zu seinem Opti- 
mum drängt. Denn das Teleologische liegt schon im Begriff der Funktion 
darin, die alles Funktionierende sich anpaßt. 

Darum ist nicht nur das Anorganische, sondern vermöge seiner höheren 
Integrationsstufe noch in einem ganz anderen Sinn auch das Organische 
seinen Funktionen gemäß durchgeformt. Ja, auf dieser Stufe beginnt sogar 
im Menschen gipfelnd die Entstehung und Ausbildung einer neuen Form 
für die Funktion, welche das Funktionelle zu regeln und seinem Optimum 
entgegenzuführen trachtet. Nervenzelle, Gehirn nennt man die Organe der 
teleologischen, zielsetzenden, regelnden Funktion, und ihre Formen sind 
die Empfindungen, Handlungen, Urteile, Gedanken, in denen sich die 
Funktionen der Ganglien und des Gehirns äußern. 

Das Seelische ist so selbst nur eine Funktion des Plasmatischen und da- 
mit dem Funktionsgesetz und dessen Konsequenzen unterworfen. Auf diese 
Weise ist denn die Technik des Menschen gleichem Gesetz Untertan wie 
die Technik des Organischen und die Technik der Materie und wiederholt 
sie nur teilweise auf anderer Integrationsstufe, demzufolge allerdings auch 
mit neuen Integrationseigenschaften. Das ist es, was in dem Satz, auf des- 
sen Bedeutung ich vorhin so nachdrücklich aufmerksam machte, enthalten 
ist, und was man nicht übersehen darf. 

In ihren äußeren Formen ist die Biotechnik des Plasmas ein unerschöpf- 
liches Buch wunderbarster Bilder, angefangen von den technischen Formen 
der Waben und Piasmafibrillen bis zu den Erfindungen und technischen 
Leistungen der Zellenstaaten, Pflanze, Tier und Mensch inbegriffen. 

Bekannt von ihnen ist der großen Menge vorläufig nur die Technik des 
Menschen; selbst die Gebildeten und die Forscher haben gar keine Ahnung, 
daß diese nur ein, sogar nur ein kleiner Ausschnitt aus der Gesamt- 
technik des Plasmas ist, weshalb es maßloses Erstaunen und teilweise ebenso 
großen Enthusiasmus wie heftigen Widerstand erregte, als ich vor einigen 
Jahren den Gedankengängen der objektiven Philosophie zuerst dadurch 
Freunde zu werben suchte, daß ich einige Kapitel aus der außermensch- 
lichen Biotechnik aufschlug und auf verschiedene Erfindungen hinwies, die 
man durch Übernahme jener Konstruktionen und Vorgänge, also Methoden 
in unsere Lebenspraxis realisieren könnte (vgl. Anmerkung 26). 

Es hat auf solche „biotechnische Erfindungen" hin, die, wie man nun 
einsehen wird, nur der objektiven Philosophie zu verdanken sind, das 
deutsche Patentamt z. B. das R.G.M. Nr. 723 730 (Streuer für medizinische 

73 



usw. Zwecke) verliehen und andere nachgesuchte Patente nur mit der Moti- 
vierung abgeschlagen, daß diese Vorrichtungen und Methoden durch die 
Technik bereits verwirklicht und in Amerika oder England bereits paten- 
tiert sind. Da mir das natürlich unbekannt war, erlebte ich auch dadurch 
die Genugtuung (und das steht in der Geschichte der Philosophie einzig 
da), daß eine Philosophie bereits praktische Auswirkungen zeigte und 
Früchte als Zeichen ihrer Brauchbarkeit erntete, bevor sie noch richtig ins 
Leben getreten war. Es lag daher ganz im Geiste der neuen Denkungsart, 
die von allem „Richtigen" (vgl. S. 68) fordert, daß es Dauer habe und er- 
folgreich sei, daß unmittelbar danach sich diese theoretische Anerkennung 
auch in die handgreiflichste Praxis umsetzte durch Gründung von Fabriken 
und Produktion lebenswichtiger Artikel im Sinne meiner Forschung und 
Denkungsart, die vorläufig bereits Hunderten von Menschen Erwerb und 
Zehntausenden Brot schafften, da durch sie eine wesentliche Mehrproduktion 
an Getreide und sonstigen landwirtschaftlichen Produkten auf gleicher An- 
baufläche erreicht wurde. Der auf S. 67 geforderte „praktische Erfolg" 
ist demnach eingetreten, und der Beweis für die Berechtigung der objektiven 
Philosophie ist dadurch erbracht. 

Das alles ist aber natürlich im Vergleich zu dem, was sich aus der bio- 
technischen Idee entwickeln muß, erst ein ebenso geringfügiger Anfang wie 
etwa die putzige „Puffing Billy" des Stevenson gegen das Eisenbahnnetz 
von heute. 

Es wird der Menschheit nichts anderes übrig bleiben, als das große Bilder- 
buch der Biotechnik des organischen Seins ebenso ausführlich zu studieren 
und nachzuzeichnen, wie man es mit all den Torsi, Fragmenten und Scherben 
antiker Vorzeit längst gemacht hat, und sollte das auch noch vielen Tausen- 
den von Biologen, Ingenieuren, Chemikern und Architekten auf Generationen 
hinaus die schönsten Jahre ihrer Schaffenskraft kosten; es wird sich ebenso 
bezahlt machen, wie die Lehrstühle für Biotechnik an den technischen Hoch- 
schulen, die L. Staby unter dem Eindruck ihrer Ideen für sie gefordert hat. 

Die Forschung wird dann, um nur den Begriff der „Funktionsform der 
Dinge" zuerst zu erörtern, sich bei seiner ersten Anwendung davon überzeu- 
gen, daß die gesamte Physiologie und damit die ganze medizinische Wis- 
senschaft (die letzten Endes nichts als angewandte Physiologie ist) sich teils 
unbewußt, teils verkappt vom ersten Tage ihres Bestehens der biotechnischen 
Voraussetzungen bediente (jeder Mensch, der etwas praktisch macht, ver- 
wirklicht damit die Gesetze der objektiven Philosophie), denn physiologi- 
sches Denken Ist einfach biotechnisches Denken. Der Lebensprozeß selbst 
ist ein fortgesetztes Schaffen von Formen für die stete Variation der Funk- 
tion, also eine Kette von Techniken. Alles, was sich dem Plasma bietet, ja 
bereits die Materie selbst für das Aktive des Lebens {Schopenhauer würde 
sagen für den Lebenswillen) ist „Mittel" zu diesem Zwecke, daher in teleo- 
logische Zusammenhänge eingespannt. 

74 



Demgemäß ist jede Funktion im Organismus von der einjachsten bis 
zur kompliziertesten dem Gesetz der technischen Formen unterworjen, und 
selbst die Sinnes- und die Gehirn junktion, das Denken und sein Nieder- 
schlag, die Kulturwerke sind nichts anderes als biotechnische Leistungen, 
für die das einheitliche Gesetz, das alles Technische regelt, ebenso gut gilt. 
Die technischen Hilfsmittel dienen dem Organismus, um seine bestmögliche 
Vollendung zu erreichen, oder, um das in einem trefflichen Wort zu sagen: 
sie dienen dem Optimum. Daher ist Biotechnik eine der großen Erlösungen 
und Erfüllungen des Lebenssinnes. So erklärt sich auch in der Menschen- 
brust der durch die ganze Kulturgeschichte hindurchgehende Trieb nach 
Technik, wobei man ja das Wort nicht in dem engherzigen Sinn von In- 
dustrie allein verstehen darf. Denn Technik, die Anwendung von Hilfsmit- 
teln zur Steigerung von Leistungen liegt in jedem Tun des Menschen, im 
handwerklichen ebensogut wie im künstlerischen, sozialen, denkerischen 
oder sonst einem; weshalb denn auch der in der Sprache waltende geheime 
Verstand mit gutem Recht es sich nicht nehmen läßt, von einer Technik 
des Violinspieles, einer dramatischen Technik oder Technik politischer Or- 
ganisationen zu reden. 

Dieser Trieb nach Technik ist vielmehr nichts anderes als der Lebens- 
willen: das Substrat der physiologischen Forschung selbst. Er ist berech- 
tigt (innerhalb der Grenzen des Harmonischen) und erst gestillt bei Er- 
reichung des Optimums. Technik ist also — und das mögen sich nun die 
unentwegten und einseitigen Verfechter der Industrialisierung, oder die 
Künstler jeder Art, auch die Naturforscher des „mikrotechnischen Schlages" 
merken — weder ein Endziel noch überhaupt ein Ziel; sie ist auch nichts 
Niedriges oder außer acht zu Lassendes, sondern sie ist ein notwendiges 
„Mittel" zum Leben. 

Es harrt nun unser ein großer Genuß. Es ist nämlich ein Rundgang 
durch die gesamte lebendige Organisation und physiologische Funktion 
nötig, nicht nur, um den Beweis zu liefern, daß wirklich jede lebendige 
Form ein technisches Werk darstellt, sondern auch um durch ein solches 
vergleichendes Studium die feineren Gesetzmäßigkeiten dieses biotechnischen 
Prozesses feststellen zu können. Die ersten erkennbaren technischen Formen 
sind zugleich auch die am besten erkennbaren Bestandteile lebender Or- 
ganisation. 

Der allereinfachste Organismus, als den man vielleicht gewisse Bakterien 
betrachten kann, die man sich (wenigstens O. Lehmann) nur aus wenigen 
Molekülen aufgebaut denkt, hat immerhin schon Zellenjorm, nämlich die 
Form einer plastischen, gestaltveränderlichen Kugel. Die Zelle selbst ist 
diesen Gebilden gegenüber schon um mehrere Stufen der Organisation 
überlegen. Es kann heute kein Zweifel sein, daß es Bakterien gibt, die 
mit unseren Hilfsmitteln nicht mehr sichtbar sind; denn man kennt z. B. 
an dem Virus der Hundswut oder der ansteckenden Mosaikkrankheit des 

75 



Tabaks ihre Wirkungen. Da nun die kleinsten der sichtbaren Ultramikronen 
auch schon nur mehr 1000—1250 Eiweißmoleküle in sich schließen, müs- 
sen diese ultrazoetischen Lebewesen noch einfacheren Bau besitzen. Es 
ist aber nach allen Analogien trotzdem anzunehmen, daß sie wenigstens 
im Ruhezustand kugelförmig sind, denn wie uns //, Driesch in einer seiner 
prächtigen, begriffsreinlichen Ableitungen überzeugt hat, ist nur die Kugel- 
form jene, welche dem Dauerzustand eines harmonisch-äquipotentiellen 
Systems, das jeder lebende Organismus ist, entspricht. 

Das Verhältnis der Zellen zu den Zelleinschlüssen, die in keiner fehlen, 
ist das von Organismus zum Organ. In diesem Verhältnis ist der Funktions- 
begriff nur ins Biologische übersetzt. Organ ist nur die Bezeichnung für 
Teile, die zu dem Ganzen in gesetzmäßiger Abhängigkeit stehen, weshalb 
man den gleichen Begriff auch ins geistige Leben übertragen hat und z. B. 
von Organen der Polizei spricht oder den Versuch, eine Vielheit in gesetz- 
mäßig zusammenarbeitende Teile zu gliedern, eine Organisation nennt. Der 
Organismus bedient sich also seiner Organe als Mittel, um seine Leistungen 
auszuführen, und sie üben seine Funktionen aus. Es ist in dieser Formu- 
lierung durchsichtiger als sonst, daß das Leben des Organismus im ganzen 
nichts als eine Biotechnik sei und das Biotechnische nichts als die Analyse 
des Funktionsgesetzes im Bereich des Erlebens. Organe der Zelle in diesem 
Sinn sind Zellplasma und Zellhaut mit ihren Mutterorganen und Ausschei- 
dungen. Im Plasma, namentlich der Pflanzen, sind teils Saftvakuolen aus- 
geschieden, teils sind pulsierende Vakuolen (in fast allen Einzellern vgl. 
Abb. 19) vorhanden. Das für die Erhaltung und die Regelung der Funk- 
tionen unentbehrliche Organ, das auch die Fortpflanzung und Vererbung 
regelt, ist der Zellkern (Abb. 18), der heute überall, auch in den Bakterien 
und Spaltalgen (Schizophyceen) nachgewiesen ist. Daneben sind sowohl 
in den pflanzlichen wie den tierischen Zellen lebendige Einschlüsse von 
solcher Selbständigkeit da, daß eine immer mehr vordrängende Ansicht in 
diesen Chromatophoren wenigstens bei den Pflanzen Organismen sieht, die 
sich mit den Zellen zu einem symbiotischen Zusammenleben vereinigt 
haben. Tatsächlich haben die Chlorophyllkörner und noch deutlicher die 
Farbstoffträger in den Algenzellen eine, Eigenzwecken dienende Bewegung 
und selbständige Vermehrung. Die tierischen Chromatophoren, deren Mas- 
senversammlung jedermann als Färbung der Iris im menschlichen und 
tierischen Auge nur zu gut kennt, dienen zwar nicht der Verarbeitung der 
Luftgase zur Ernährung wie bei den Pflanzen, deren ganzer von der nai- 
veren Naturkenntnis früherer Zeit so übertriebener Unterschied zum tie- 
rischen Organismus auf den Konsequenzen dieser Ernährungsart beruht, 
besitzen aber ebenfalls ihr Eigenleben, das sich in autonomen Bewegungen 
ausspricht. 

Die von der objektiven Philosophie geforderte einheitliche Betrachtungs- 
weise der Tiere und Pflanzen hat in neuester Zeit insofern einen großen 

76 



Sieg errungen, als die letzten Werkens) auf dem Gebiet der Zellenkunde 
sich tatsächlich einer solchen bedienen. Man wird, wenn man diesen Weg 
einschlägt, sofort belohnt durch die Einsicht, daß sogar die Elemente des 
Plasmas weder etwas mit der Trennung in pflanzliche und tierische Organi- 
sation, noch mit den genannten Organen der Zelle zu tun haben. 

Zu diesen gehört wohl eine ganze Anzahl von Nebenorganen und Akzi- 
denzen, deren wahre Natur früher verkannt, jetzt von A. Aleyer^^) ganz 
richtig aufgefaßt wird, wenn er die letzteren als ,,ergastische Einschlüsse" 
bezeichnet, d. h. Formelemente, die nur Produkte der wahren Organe sind, 
wie z. B. die in vielen tierischen und pflanzlichen Zellen vorkommenden 
Fettropfen, Mikrosomen (Abb. 18), Dotterkörner der Eizellen, Kristallnadeln 
(vgl. Bd. I Abb. 53), Eiweißkristalle, Stärkekörner oder die Zellsaftein- 
schlüsse. Nebenorgane dagegen sind die mit den grünen Farbstoffträgern 
in Verbindung stehenden Stärkekerne (Pyrenolde) oder die Flimmerhaare 
(Bd. I Abb. 77) und Geißeln vieler vegetabiler und tierischer Zellen (Ab- 
bild. 20), von denen sich immer deutlicher herausstellt, daß sie durch Fäden 
mit dem Zellkern verbunden, sein Abkömmling sind, der auch von ihm aus 
gelenkt wird. Nicht zu den Organen gehören dagegen die vielerlei (vgl. 
Abb. 18) Formelemente in Gestalt kleinster Bläschen, Körnchen oder Fi- 
brillen, die sich in allen Zellen finden und von der Forschung im Laufe 
der Zeiten mit vielfachen Namen wie Waben, Granula, Splrosparte, Chro- 
mosomen, Centrosomen, Chondriosomen, Mitochondrien belegt wurden.'") 
Offenbar sind diese Bestandteile, um deren Erkenntnis die biologische 
Forschung seit einem Menschenalter ringt, keine Organe der Zellen, son- 
dern untereinander in gesetzmäßigem Zusammenhang und zur Zelle nur in 
einem Integrationsverhältnis. 

Man hat bisher an diese sehr einfache Lösung der Frage nur vereinzelt 
und zaghaft gedacht, weil man eben den so fruchtbaren Integrations- und 
Funktionsgedanken auch in der Biologie, wo er an sich so nahe liegt, noch 
nicht konsequent anzuwenden wagte. 

Eigentlich ist es nur E. Altmann und seine Schule, welche den Gedan- 
ken ausgesprochen hat, der wahre Elementarorganismus sei nicht die Zelle, 
sondern ein Gebilde, das er Granulum nennt, und aus dem sich die Zellen 
als komplizierte Organismen nach den gleichen Gesetzen aufbauen, wie die 
dem Alltag bekannten Organismen aus Zellen. (Abb. 18.) 

Man wird angesichts der heutigen Erkenntnisse an dieser Ansicht nicht 
mehr vorüber gehen können; denn namentlich, wenn man das Gesetz der 
Funktionen auch in der Welt dieser Elementarorganisation anwendet, wird 
man finden, daß sich dann die ganzen vordem so unverständlich scheinen- 
den Widersprüche der Forschung auf das schönste auflösen lassen. 

Bisher standen sich hart und unvermittelt zwei Ansichten gegenüber. Da 
war die eine, welche neuestens auch A. Meyer vertritt, das Plasma sei eine 
„optisch homogene Lösung", oder, um in der Sprache Bütschlis zu reden. 

77 



ein kolloidaler Schaum, habe also nur eine Schein-, nicht aber eine wahr- 
hafte Struktur. Für die andere zeugte der Augenschein, daß die Spermato- 
zoiden vieler Tiere und Pflanzen, die des Menschen inbegriffen, einen oft 
höchst komplizierten spiraligen Bau besitzen. So viele Forscher haben das 
gesehen, daß keiner mehr daran zweifelt. Auf der Abbildung 20 habe ich 
das zeichnen lassen, um den Nichtanatomen einen überzeugenden Eindruck 
davon zu verschaf- 
fen. Auf der dritten 
Seite wurde ebenso 
unzweifelhaft, z. B. 
in den Drüsenzellen 
eine körnige, also 

wirklich granuläre 
Struktur nachgewie- 
sen, wie in allen Ar- 
ten von Zellen fädi- 
ge Ausscheidungen 

(Chondnosomen. 
Bd. I Abb. 80) und 
in sämtlichen sich 
fortpflanzenden Zel- 
len fibrilläre Diffe- 
renzierungen wieder 

spiraliger Natur 
(vgl. Bd. II Abb. 20). 
Was man Karyoki- 
nese nennt, und was 
heute jedem Lehr- 
ling in der Biologie 
geläufig ist, das ar- 
beitet in der Zelle 
nur mit Fäden und 
Fibrillen. Die wider- 
spruchsvollen Be- 
funde versöhnen sich 
in dem Augenblick, 
in dem man die Gültigkeit des Funktionsgesetzes im Zellenleben anerkennt. 
Chondnosomen, Chromosomen und SpiralfibrUlen sind biotechnische 
Formen der Elementar Organismen; sie sind funktionelle Formen, die ver- 
raten, daß diese Elemente nicht Ruhezustände darstellen, sondern Leitungs- 
und Zugleistungen voll] Uhren. Auf einfacherer Integrationsstufe sind sie das, 
was die Zelle als Ganzes darstellt, wenn sie zur Muskelßbrille (vgl. Bd. I 
Abb. 12) oder zur Nervenfaser wird. Auf noch höherer Integrationsstufe 




20. Samenfäden der Tiere 
Pflanzen (U- 



-8, 10), des Menschen (9) und der 
stark vergrößert. 



78 



gehorcht das Organ dem gleichen Gestaltungsgesetz, in der fibrillären Ge- 
stalt der Muskeln und Sehnenfasern (Bd. I Abb. 13) noch um eine Stufe 
höher als Organismus, wenn er zur Liane wird oder Wurmgestalt annimmt. 
Chromosom, Muskelzelle, Muskel, Fadenwurm wiederholen nur auf vier 
Stufen das gleiche Funktionsgesetz. 

Und genau das Gleiche gilt für das kugelige Ei, den mehr oder minder 
rundlichen Magen, die parenchymatische Pflanzenzelle (vgl. Abb. 26) oder 
die kugelige Nervenzelle (Abb. 33) die „Wabe" oder das Granulum in 
einer Drüsenzelle. Gleiche Funktion verraten sie alle durch ihre Gestalt, 
nämlich die, ein an sich ruhender Behälter für Inhaltsstoffe zu sein. 

Mit anderen Worten: die Plasmaelemente besitzen einen metabolischen 
Bau; nach biotechnischen Gesetzen geht je nach der wechselnden Leistung 
eine Funktionsjorm in die andere über. 

Gewiß ist die Regel des kolloidalen Baues auch für die plasmatischen 
Eiweiße gültig. Die ruhenden Eizellen sind eine Architektur von, wie man 
sie nennen könnte, Ar cliip Lasten, die ruhen, daher kugelig, beziehungs- 
weise durch die enge Speicherung polygonal zusammengedrückt sind. Jene 
Archiplasten aber, die Zugleistungen zu vollführen haben, wie gelegent- 
lich der Kernteilung, nehmen dazu unter dem Einfluß der Funktion die 
passende Form an; andere, denen Bewegungen zugemutet werden, gestal- 
ten sich dadurch zu Spiralfäden. Wenn man sich das durch einfachste 
Beispiele überzeugend beweisen will, denke man nur an Form und Funk- 
tion der Samenfäden (Abb. 20), die sowohl dem Schwimmen wie dem 
Einbohren (ein solches Einbohren in die menschliche Eizelle auf Abb. 95 
Bandl) in unübertrefflicher Weise angepaßt sind. Unter den Samenfäden 
gibt es Bohrerformen einer Art, die in der menschlichen Technik noch 
ganz unbekannt sind. Ich gebe gewissermaßen jedem Freund der objek- 
tiven Philosophie die Möglichkeit, Erwerb und neue Industrien durch die 
Fabrikation solcher Bohrer zu begründen, welche Vorzüge gegenüber den 
gebräuchlichen Modellen haben, und wünsche mir nur, daß solche Er- 
finder etwas von ihrem Nutzen zum Wohle der Menschheit im Dienste 
dieser Ideen verwenden mögen. Was aber der Samenfaden (Abb. 20) 
als „Funktionsform einer ganzen Zelle", das sind die Chromosomen auf 
der Integrationsstufe der Archiplasten gelegentlich der Befruchtung. Wer 
pflanzenanatomisch gebildet ist, weiß zur Genüge, daß sie bei dem 
Eindringen in den Embryosack funktionsgemäße Schraubenzieherform 
annehmen.3i) 

Hier ist ein Neuland der Forschung voll lockender Ziele; ist doch noch 
nicht einmal die physiologische Anatomie der Zelle restlos geklärt. Wohl 
sind rein äußerlich (und ohne Kenntnis ihrer technischen Struktur auch un- 
vollkommen und falsch) die Formen plasmatischer Organe aufgezeichnet, 
und in großen Tafelwerken unterscheidet man außer den 6000 Radiolaricn 
an 6000 spezifische Formen von einzelligen Protozoen, an 6000 Dlato- 

79 



maceen und 4000 Desmidiaceeii unter den einzelligen Grünalgen allein, 
von denen jede eine technische Lösung ihrer jeweiligen Bedürfnissituation 
ist. Jede Lebensform hat eine andere solche Aufgabe zu lösen in bezug 
auf Kriechen, Schwimmen, Schweben, Schutz, Einstellung zum Licht, Nah- 
rungserwerb und Fortpflanzungssicherung, und jede löst sie auch auf 
andere Weise. Sonst wäre es ja nicht möglich, ihre Differentialdiagnose 
festzustellen. Die Unterscheidung der Arten nimmt bekanntlich gar keine 
phylogenetischen Merkmale auf (deren Berücksichtigung entscheidet über 
die Gattungen, noch mehr in zunehmender Wichtigkeit über Familie, Ord- 
nung, Klasse und Phylum), sondern benutzt ausschließlich die Anpassungs- 
merkmale. Das aber sind die biotechnisch erzeugten, und deshalb ist das 
Studium der Anpassungen zugleich das der biologischen Techniken. 

Da liegt denn schon durch die Betrachtung der zellulären Funktionen 
im Einzellerleben von unserem neuen Gesichtspunkt aus ein geradezu un- 
übersehbares Reich aufgeschlossen vor dem Menschengeist. Wenn nun 
die Geißelbewegungen der Flagellaten, die Balanziereinrichtungen und 
Stützvorrichtungen der Radiolarien (vgl. Bd. I Abb. 37—38), die Schutz- 
bauten der edaphischen Wurzelfüßler (Abb. 23) und Dinoflagellaten (Ab- 
bildung 28), die Festigungseinrichtungen der Bacillariaceenpanzer (Bd. I 
Abb. 65), welche Widerstandsfähigkeit gegen enormen Druck mit größter 
Leichtigkeit und Materialersparnis vereinigen müssen, und ähnliche derartige 
Anpassungen von technisch geschulten Köpfen studiert würden, die diese 
Leistungen sinngemäß auf menschliche Kulturbedürfnisse umrechnen, so 
würde allein schon das Lexikon technischer Leistungen um viele tausend 
neue Stichworte vermehrt. 

Das Studium der Verspannungen im Kieselalgenpanzer, dem ich mich 
einige Zeit hingegeben habe, hat z. B. in kürzester Zeit Vorschläge zur 
Eisenzimmerung für Streckenausbau in Bergwerken ergeben, die den Tech- 
nikern, denen ich sie vorlegte, neu waren. Es waren darunter sowohl 
Modelle zur Abhaltung des Firstendruckes, wie für Seiten- und Sohlen- 
druck, und es zeigte sich sofort, wie in den gebräuchlichen Streckenbogen 
der Mensch das gleiche technische Prinzip anwendet, aber auch in welcher 
Weise diese Anwendungen ihrem Optimum nähergeführt werden könnten. 
Durch das gleiche Studium wurden technisch realisierbare Erfindungsideen 
zur Herstellung von unzerbrechlichen Schachteln und Kisten zutage geför- 
dert, welche Leichtigkeit (daher Billigkeit) mit enormer Widerstandsfähig- 
keit gegen Außendruck vereinigen; desgleichen Vorlagen für bomben- und 
drucksichere Gewölbe, im besonderen für Schiffsrümpfe, die wie die Wal- 
fischfänger oder Eisbrecher kolossalem Eisdruck ausgesetzt sind.'^) 

Es kann natürlich nicht der Zweck dieses Abschnittes sein, hier einen 
auch nur annähernd vollständigen Abriß der Biotechnik zu entwerfen; für 
die botanische Seite der Frage habe ich das bereits versucht in meinem 
Werk über die technischen Leistungen der Pflanzen, das die Serie der 

80 




Abb. 21. Der Copris-Mistkäfer auf der um sein l,i Ikiui 
angefertigten Nahrungspille. ZeichiuMig von E. Schoch 




Abb. 22. Lianen von (Heinatis im heitiiisciun Auw.ikl. 
Motiv aus dem Isartal bei .Vliinchen. Origiiialaufiiahme 



% 



• 









^1 



Abb. 23. Tierische Edaphonorganismen des Waldbodens 
1 Nebela carinata Leidy, 2 Nebela, 3 Hyalosphenia papilio, 4 Pontigulasia 
bigibbosa Pen., 5 Gro'mia sp., 6 Cyphoderia ampulla Ehrb. Mäßig ver- 
größerte Originalaufnahmen des Biologischen Instituts München 
Zu diesen beschälten Wurzelfüßlern gesellen sich nackte und halbstarre 
Amoeben, Bodenbakterien (besonders die Gattungen Azotobaeter, Clostri- 
dium, Nitrosomonas) ferner Kieselälgen (im besonderen Hantzschia, Navi- 
cula, Fragilaria, Nitzschia und Primularia, sowie Ennotia), Spaltalgen (be- 
sonders Oscillatorien, Isocystis, StichocoUus und Nostoc), Grünalgen (Meso- 
taenium, Enastrum), zahlreiche Bodenpilze (Leitformen Cadosporium, Mu- 
cor, Aspergillus) dazu Rädertiere (besonders Rotifer, Philodina, Callidina), 
Fadenwürmer (Dorylaimus, Tripyla), Regenwürmer und zahlreiche sonstige 
Kleintiere, welche zusammen die Lebensgemeinschaft des Edaphons (bisher 
an 330 Arten bekannt) bilden, welche die Grundlage aller Bodenfruchtbar- 
keit und Düngerwirkung ist. 



„Grundlagen einer objektiven Philosophie" einleitete, um die Aufmerksam- 
keit zuerst auf den unmittelbaren und greifbaren Nutzen dieser Dcnkungs- 
art zu lenken. Eine zoologische und cytologische Biotechnik, die ich zu- 
erst in Aussicht genommen, mußte ich vorläufig wieder fallen lassen, da 
der Stoff in solchem Übermaße zudrängte, daß die Harmonie des Gesamt- 
werkes, das mir vorschwebt, darunter gelitten hätte. Andere, mit zureichen- 
derer technischer Vorbildung werden das ausführen. Die einmal in ihrem 
praktischen Nutzen gezeigte Idee wird nicht ruhen, und das Jahrhundert 
nach uns wird ganze biotechnische Bibliotheken besitzen und seine Produk- 
tion längst im neuen Geiste umgestaltet haben. Daß man das Jahr 1917, 
in dem diese Wende des Denkens einsetzte, dann auch als den Beginn einer 
neuen Epoche des Kulturlebens im Gedächtnis behalten wird, daran habe 
ich nicht den geringsten Zweifel, so unvollkommen auch heute noch die 
Gedanken sind, welche diese Aera eröffnen. Wohl aber kann ich hier an 
ausgewählten Beispie- 
len einen Begriff da- 
von schaffen, wie aus- 
gedehnt das Neuland 
des Wissens ist, das 
sich nun eröffnet. Ein 
noch unübersehbares 
Kapitel darin sind un- 
ter den Funktionsfor- 
men der Einzeller die 
Geißeln der Flagel- 
laten und die Einrich- 
tungen, welche den im 
Wasser lebenden Klein- 
wesen das Schwimmen 
und Schweben ge- 
statten. 

Die Abbildungen 24 
und 28 stellen einige 
hervorragende tech- 
nische Versuche des 
Plasmas dar, dieses 
Problem optimal zu lö- 
sen. Alle die abgebil- 
deten Zellen, Bewohner 
sowohl des Süßwas- 
sers wie des Meeres 
und spezifisch schwe- 
rer als das Wasser, 

Franei, Bios U 




Abb. 24. Eine Schwebeform des Meeres (Ornithocercus). Sehr sUrlc 
vergrößert. Durch die technischen Einrichtungen des Vorderendes und 
den Kiel wird die bestimmte gezeichnete Stellung der Pflanze fest- 
gehalten, in der das Gebilde in einem kleinen \X'.isscrwirbcl lang- 
sam sinkt und wieder emporsteigt, wodurch es dauernd schwebt. 
Original des Verfassers. 



81 



sind darauf angewiesen, an der Oberfläche zu leben, da sie zur Kohlenstoff- 
assimilation des Lichtes bedürfen. Sie dürfen aber zu diesem Zweck nicht 
den Wasserspiegel selbst aufsuchen, da sie dort einer Zerreibung durch die 
Wellen ausgesetzt wären. Das zu lösende technische Problem war dem- 
nach für sie: wie erhält man sich dauernd in der Region zwischen einem 
halben und zwei bis drei Metern unter der Oberfläche schwebend? Die 
Formen dieser Zellen verraten, durch welche Konstruktion diese Aufgabe 
lösbar ist. Daß sie auf diese Weise gelöst wurde, ist nicht zu bezweifeln, 
denn die in Frage kommenden Dlnoflagellaten wären sonst längst ausge- 
storben, wenn sie je in die lichtlose Tiefe sinken würden. Man findet sie 
stets auf- und niederschwebend in den lichtschimmernden Regionen der 
Seen und des Meeres. Wenn man nun ihre merkwürdige Einrichtung näher 
studiert, wird man finden, daß sie eine eigentümliche Zwischenkonstruktion 
ist, die teils an Fallschirme, teils an die Leitapparate von Turbinen erinnert, 
jedenfalls in der menschlichen Technik nicht ihresgleichen hat und dem 
Maschineningenieur ein Studienobjekt von hervorragendem Interesse bietet, 
um so mehr, wenn man bedenkt, daß es an 600 spezifisch verschiedene! 
solcher Konstruktionen gibt. 

Die Ceratiumformen der Abbildung 28 überraschen durch eine andere An- 
passung merkwürdigster Art. Wenn man sie mit der Ritterrüstung auf der 
Abbildung 29 vergleicht, so kann man nicht verkennen, daß eine prinzipielle 
Übereinstimmung besteht zwischen der Plattenrüstung einer solchen Zelle 
und den Harnischen der Ritter des XV. Jahrhunderts. Im besonderen ist die 
bewegliche Verbindung der Armkacheln mit den Armschienen eine Konstruk- 
tionsidee, die in Natur und Kultur sich aus der gleichen mechanischen Not- 
wendigkeit der beweglichen Verbindung bewährte. Ganz besonders bemer- 
kenswert ist auch die Riefung der CeraäumpUtten, wenn man sich an die 
alte Erfahrung der Plattnerkunst erinnert, wonach geriffelte Rüstungen (der 
sogenannte Maximiliansharnisch) besondere Widerstandsfähigkeit hatten. 
Beides, sowohl der geschiente Harnisch wie die Riffelung sind übrigens 
technische Leistungen, die als Konvergenzerscheinung im Bau der Käfer 
wiederkehren, als ein Zeichen dessen, daß es sich bei aller Biotechnik nicht 
um spezifische Leistungen der Organismen, sondern um die Kundgebung 
eines alles Sein durchprägenden Weltgesetzes handelt. 

Sind nun aber die freilebenden Zellen auf ihre funktionellen Anpassun- 
gen nicht immer leicht einzuschätzen, so ist das noch weit mehr erschwert 
bei den im Zellenverband sich spezialisierenden Oewebezellen, obwohl ge- 
rade sie das von der entwicklungsmechanischen Schule für klassisch er- 
klärte Beispiel funktioneller Anpassung sind. Schon die Gesellschaftsbil- 
dung selbst ist eine solche, die sich vom Archiplasten an durch alle Inte- 
grationsstufen bis zum Kosmos verfolgen läßt, und in deren Rahmen die 
menschlichen Gesellschaften und Staaten ihre Besonderheit verlieren, da- 
gegen das Naturgesetzliche besonders scharf hervortritt. 

82 



Aach der Staat, sowie jede Organisation, handle es sich nun um eine 
wissenschaftliche Gesellschaft oder eine politische Partei, ein Weißwaren- 
geschäft oder eine große Bank, sind biotechnische Produkte und werden 
nur dann von voller Wirksamkeit, krisenjrei, daher von Dauer sein, wenn 
sie das im Organismus deutlich und vorbildlich erkennbare Weltgesetz der 
Organisation befolgen, was allein schon genügen dürfte, um Politiker und 
Staatsmänner wie gewiegte Kaufleute zum genauen Studium der objektiven 
Philosophie zu veranlassen. Sie können wahrlich ihr genug ausschlag- 
gebende Anregungen entnehmen.ss) 

In diesem Rahmen gliedern sich die Teile des Organismus in Organ- 
systemen, Organen, Gewebesystemen und Geweben nach dem Gesetz der 
Integration, die dadurch gleichfalls als Funktionsform des Weltphänomens 
durchschaut ist. 

Dieser Gedanke rührt unmittelbar an das Herz der Physiologie, indem 
er zwingt, sich auf allen Stufen der Organisation die Ursache der Form- 
bildung klar zu machen. Das aber ist das physiologische Problem kat 
exochen. Formbildung ist immer nur ein Ausdruck des Geschehens, sei 
es nun in der lebenden oder in der sogenannten toten Substanz, untrennbar 
von Energieumsetzungen und Stoffwechsel. Auch die scheinbar feste orga- 
nische Form, also das Bild, das unser Erleben von einer Leber, einer Hand, 
einem Insekt empfängt, ist nur der jeweilige Ausdruck eines Komplexes 
von Vorgängen, ganz ähnlich wie das Bild einer Flamme oder eines Spring- 
brunnens, die es als „Individuum" in Wirklichkeit gar nicht gibt. Wirklich- 
keit ist nur die Bewegung stets wechselnder Wasserteilchen, die leuchtende 
Oxydation auftauchender und verschwindender Materiepartikel, wirklich ist 
nur die Funktion von Zellen als Stoffaustausch, Formänderung durch Kon- 
traktion, Wachstum und Teilung, Farbenwechsel durch Änderung ihres 
physikalischen Zustandes, weshalb jeder Wechsel der Funktion einen 
Wechsel der Form, das Wort im weitesten Sinn genommen, nach sich zieht. 
Es ist ein und dieselbe Tatsache, welche dreimal verschieden bezeichnet 
wird, wenn man sie als biotechnisches Geschehen, funktionelle Anpassung 
oder physiologische Funktion benennt, je nach den Gesichtspunkten, nach 
denen man sie betrachtet. 

Alles physiologische Geschehen produziert Biotechniken. Die Atmung 
ist eine solche, ebensogut wie die Bewegung; der Stoffwechsel durch Er- 
nährung ist eine solche, die Ausscheidung und die Zirkulation (Sekretion) 
haben ihre technischen JUethoden, ebenso die Sinnestätigkeit, das Denken 
ebensogut wie die Fortpflanzung, das Wachstum und die Speicherung von 
Reserven, die Ausheilung erlittener Schäden, die Regeneration und was der 
physiologischen Funktionen sonst noch mehr sind. Sie alle macht der 
iV\ensch nach, zum größeren Teil unbewußt, teilweise mit vollem Bewußt- 
sein in seinem Dasein, auf höherer Integrationsstufe und mit teilweise 
anderen Mitteln. Aber auch diese Integrierung ist nichts Neues, denn 

f 
83 



schon innerhalb des Organismus wiederholt sie sich. Die Biotechnik der 
Gewebe wiederholt sich im großen und ganzen in den Organen, dann im 
ganzen Organismus. Die schon erwähnten Knochenlamellen der Spon- 
giosa (Abb. 16), die ein Trajektoriensystem bilden, arbeiten dabei nach 
einem mechanischen Gesetz, dem auch der einzelne Knochen im Verhält- 
nis zum Organsystem, in das er eingebaut ist, folgt. Auch die ganzen 
Knochen sind, wovon ein Blick auf das Skelett des Menschen (vgl. dessen 
Bild) überzeugt, wieder nur die Druck- und Zuglinien im sich bewegenden 
Bein oder Arm, die nach dem Ökonomiegesetz stabil ausgefüllt sind und 
sich nach den mechanischen Gesetzen größter Haltbarkeit zusammenschlie- 
ßen. Will der Mensch seinen ganzen Körper in ein über ihn hinausgehen- 
des System einbauen, so wird er das optimal wieder nur durch Verwirk- 
lichung derselben Prinzipien machen können, auch wenn er dazu andere 
Mittel, also etwa Holz, Stein oder Eisen verwendet. Wendet er nicht die 
richtigen Prinzipien an, dann trägt ihn eben das Bauwerk nicht. Wünscht 
er also sein Bein zu verlängern oder seinen Standpunkt zu erhöhen, so 
kann er das zweckmäßig nur, indem er sich künstliche Röhrenknochen, d. h. 
Stelzen anschafft oder sich auf Gerüste stellt, die bei größter Material- 
ersparnis dann am haltbarsten sind, wenn sie in den Verspannungen ihrer 
Balken- oder Eisenteile wieder das Funktionsgesetz seiner feinsten Knochen- 
trajektorien wiederholen. 

Es gibt eben nur eine Art, um etwas vollkommen zu gestalten, und die 
ist auf jeder Integrationsstufe dieselbe; sie geht durchgängig durch das 
ganze System von Zusammenhängen, das der Mensch Welt nennt. Darum 
imitiert die Menschentechnik bereits unbewußt die organische Technik. 
Beide vollziehen einfach das Funktionsgesetz, weil alles nur nach diesem 
Gesetz funktionieren kann. 

Wenn eine Zugleistung stattfinden soll, dann ist die entsprechende Form 
eine feste Verbindung zwischen einem stabilen und dem heranzuziehenden 
Punkt. Sie hat Seilform, mag sie nun ausgebildet sein einmal als Myo- 
fibrille im Muskelprisma, oder als Muskelfaser, als ganzer Muskel, als 
Muskelgruppe des Armes, als Arm, als Liane (Abb. 22), als ganzer Mensch, 
der etwas zieht, oder in seiner Verlängerung als Seil, kompliziertes Kabel, 
das den Muskelbau wiederholt. Die Sachlage dieser Beispiele begleitet 
uns nun die gesamte Physiologie hindurch. Man mag hinblicken, wohin 
man will, sei es auf die Anpassungen der Zellen im Gewebe oder die der 
Organe oder des ganzen Organismus, immer und überall vom Kleinsten bis 
ins Größte, vom Einfachsten bis zum Kompliziertesten ist Pflanze, Ein- 
zeller, Tier und Mensch so gestaltet, daß er seine Funktionen optimal 
ausfährt. Das war den Menschen auch von je bewußt; nur haben sie sich 
einer anderen Ausdrucksweise dafür bedient; sie nannten einen Organis- 
mus mit optimalen Funktionen „normal" und „gesund" und wußten, daß 
er, solange er beide Bezeichnungen verdient, auch unbeschränkte Dauer 

84 



habe. Ein Zurückbleiben hinter dem Optimum infolge nicht vollkommen 
gesetzmäßiger Funktion wird von der Sprachlogik als krüppelhaft, patho- 
logisch, anormal, als Krankheit bezeichnet und mit dem Bewußtsein ver- 
knüpft, daß nun entweder eine Rückkehr zur Norm erfolgen oder die Dauer 
erlöschen muß. 

Der anormale Organismus stirbt und beendet die Funktionen des Le- 
bens. Da nun alle Organismen gestorben oder krank sind, die nicht op- 
timal funktionieren, ist in dieser Norm die Gewähr der bestmöglichen 
Funktion, als der günstigsten Lösung des jeweils vorliegenden technischen 
Problems gegeben. Und daraus leitete ich in der Biotechnik das Recht ab, 
die normalen, lebenden Organismen der Technik als unbedingte Vorbilder 
hinzustellen, wenn das gleiche technische Problem wie im Vorbild vorliegt. 

Es wird mithin der Techniker, der Ingenieur so gut wie der Chemiker 
oder der Architekt nicht umhin können, sich der Biologie mit den Frage- 
stellungen der objektiven Philosophie zu nähern und ihr genaues technisches 
Studium in sein Programm aufzunehmen. 

In den physiologischen Gesetzen wird diese biologisch orientierte Tech- 
nik alsbald ein prachtvolles Beispiel für das Funktionieren einer Kraft- 
maschine erkennen, im Organismus ein „stationäres System", das selb- 
ständig die zu seinem Betrieb nötige Energie als sogenannte Nahrung auf- 
nimmt und die Fähigkeit hat, sich zu vervielfachen. 

Dieser Energiewechsel hat dreierlei Formen, die man hergebrachter- 
maßen als tierische, pflanzliche oder parasitäre Lebensweise bezeichnet, 
und wonach man ziemlich inkonsequent Tiere und Pflanzen unterscheidet. 
Inkonsequent ist das deshalb, weil dann die tierisch lebenden, sogenannten 
fleischfressenden Pflanzen, deren Mahlzeit auf Abbildung 30 dargestellt ist, 
ebenso zu unrecht dem Pflanzenreich zugeteilt werden, wie die halb Aas 
verzehrenden, halb Bodenpilze, also Eiweiß verzehrenden Schmarotzer nach 
Art der Nestwurz (Abb. 26), während man schmarotzende und dadurch 
die Funktionsform von Wurzelfäden annehmende Krebse unbedenklich ihrer 
Abstammung zuliebe im Tierreich beläßt. 

Die Pflanze (Ausnahmen s. oben) nimmt durch die Blätter nur Gase, im 
besonderen Kohlensäure und Wasserdampf auf, durch die Wurzeln dazu 
Wasser und darin gelöste Stickstoffverbindungen, Kali-, Magnesium- und 
phosphorsaure Salze, verarbeitet diese mit Hilfe von Oxygen, das sie durch 
einen anderen Prozeß, den man Atmung nennt, aufnimmt. Dadurch wird 
Energie frei. Davon besorgt die Pflanze die molekularmechanischen Um- 
wechselungen, die sich als Wachstum, Bewegungen, Sinnestätigkeit und 
Fortpflanzung kundgeben, sowie Atomumsetzungen, die noch zu dem Che- 
mismus ihrer Ernährung gehören, kurz alles, was man ihren Lebensprozeß 
nennt. Was nicht verbraucht wird, speichert sie, so wie wir Elektrizität in 
Akkumulatoren speichern, in Knollen (Kartoffeln), Samen (Getreide) und 
Früchten als Reservenahrung. 

85 



Das Tier nimmt aus seiner Umwelt gasförmige Stoffe, feste und flüssige 
Nahrung auf, die im wesentlichen (und das tut auch sowohl der Saprophyt 
[Aasverzehrer] wie der Parasit) aus Oxygen, Eiweiß, Fett, Kohlehydraten 
und Wasser bestehen. Mit Hilfe des durch die Atmungsorgane (vgl. 
Abb. 32) aufgenommenen Oxygens werden die zwei anderen verbrannt und 
verdampft; durch diese Oxydation wird Energie frei, genau so wie im 
Pflanzenleibe, dessen Stoffwechsel daher prinzipiell durchaus mit dem 
tierischen identisch ist. Da somit die letzte trennende Barri&re zwischen 
den beiden Gruppen von Lebewesen fällt, wird die Forschung und da- 
mit auch der Unterricht nicht umhin können, so wie es auch in diesem 
Werke geschieht, nicht mehr Botanik und Zoologie, sondern nur mehr 
eine einheitliche vergleichende Biologie zu betreiben, welcher allein die 
Zukunft gehört.*) 

Von der freigewordenen Energie lebt auch das Tier genau nach dem 
gleichen Gesetz wie der pflanzliche Organismus. Im besonderen werden 
im Stoffwechsel Fette und Kohlehydrate gleichsam wie in einem Ofen zu 
H2O und Kohlensäure verbrannt, Eiweiß aber mit Hilfe von Verdauungs- 
enzymen auf kaltem Wege nur bis zum Harnstoff und ähnlichen Substanzen 
abgebaut. Der deutsche Physiologe Rubner maß die Kalorien der aufge- 
nommenen Nahrung, verglich sie mit der Abgabe an Wärme beim Menschen 
und fand, daß das Aufgenommene durch Lunge, Nieren, Darm und Haut 
fast restlos wieder hergegeben wird. Die Differenz betrug nur 0,1 Prozent. 

Es stammt also das, was man vitale Energie nennt und wozu auch die 
geistigen Funktionen gehören, nur aus der Nahrung. Das meiste der 
Energie wird für die Muskeltätigkeit und die Funktion der großen Drüsen, 
wie der Leber und der Nieren verwandt und ebenso zur Verdauung; das 
Gehirn dagegen erhält davon so wenig, daß man es noch nicht messen 
konnte. Beim jungen Organismus von der Pflanze bis zum Menschenkinde 
kommt dazu noch ein erheblicher Energieverbrauch durch das Wachstum, 
der bei der Pflanze zeitlebens größer bleibt als bei dem animalischen Or- 
ganismus. Die klassischen Rubner'schtn Untersuchungen haben die Mecha- 
nik dieser Vorgänge klargelegt. Seit ihnen weiß man z. B., daß zum Ansatz 
von einem Kilo Körpersubstanz des Menschen 4800 Kalorien Nahrung 
notwendig sind, zu dessen technischem Aufbau nur 800 Kalorien verwandt 
werden. Der Mensch ist also, als Kraftmaschine betrachtet — ein Vergleich, 
der sich schon Lavoisier aufdrängte — in einer ähnlichen Lage wie die 
kalorischen Maschinen, also die Dampfmaschinen oder Benzinmotoren, die 
das Prinzip seiner Biotechnik wiederholen. Er leistet nur durch den 
physiologischen Prozeß eine zweifache Umwandlung, zuerst der chemischen 
Energie in Wärme, dann dieser in chemische Energie. Der Stoffwechsel 



*) Vgl. Grundlagen zu einer objektiven Philosophie I. Teil. Vergleichende Biologie 
Leipzig (Theod. Thomas). 1922. 



86 




Abb. 25. Honigspome der Blüten von Aquilegia chrysantha. Orginalzeichnung. 

kann von diesem Standpunkt aus definiert werden als eine Überfährung der 
chemischen Energie in Arbeit und Wärme. So wie wir gelernt haben, 
durch den Akkumulator aus chemischer Energie unmittelbar elektrische 
Energie herzustellen, so kann auch der „Muskelmotor", wie er im tieri- 
schen Organismus verwirklicht ist, als chemo-dynamische Maschine das 
gleiche leisten, wobei die Wärme (wie „heiß" macht doch Muskelarbeit!) 
nur mehr ein Nebenprodukt ist. 

Diese Wärme wird nach Bedarf durch thermoregulatorische Einrichtun- 



87 



gen, wie die Haut, die Körperform, die Schweißdrüsen abgeleitet oder 
durch das Fett und das Haarkleid (Pelze) zurückgehalten. Wenn wir uns 
im Winter eines Pelzmantels erfreuen, war der Kürschner ein Biotechniker, 
der nur den Organismus nachahmte, und daß die Pflanze nicht die 36° C 
der Blutwärme in ihrem Innern aufweist, sondern Baumstämme im Innern 
bei Winterfrost nur wenige Grad über Null, also eine geringe Körper- 
wärme besitzen, rührt namentlich von ihrer Körperform, der Zerteilung 
durch Äste, Wurzeln und Blätter her. An sich produzieren die Pflanzen 
durch Atmungsoxydation ebensogut Wärme wie das Tier, und in halbge- 
schlossenen Blüten gleich der auf Abbildung 25 dargestellten Aquilegia 
herrscht immer eine annehmbare Temperatur, die sich in den Arumbläten- 
ständen bis auf Blutwärme und darüber steigert. Heizen, d. i. die Oxy- 
dation von Kohle, Holz oder Tran, ist demnach ebensogut eine Nach- 
ahmung eines organischen Vorganges, wie das ganze Kulturleben nur eine 
angewandte Biologie ist. Diese zunächst vom allgemeinsten Gesichts- 
punkt betrachteten Funktionen schafjen sich nun im Organismus ihre Or- 
gane, deren Bau vom Größten bis ins Feinste ein unerschöpflicher Wun- 
derborn der Biotechnik ist, den man von unserem Gesichtspunkt aus noch 
kaum zu studieren begonnen hat. 

Aus dem notwendig werdenden Handbuch der physiologischen Biotech- 
nik will ich hier nur einige wenige Seiten aufschlagen, da das, was zu be- 
weisen war, vielleicht schon mehr als genügend belegt ist. 

Gar nicht studiert von der Praxis sind z.B. die Mundwerkzeuge der Tiere. 
V. Graber, einer der ganz wenigen Zoologen, denen schon in der älteren 
Generation etwas von dem Problem der Biotechnik aufgegangen ist"), sagte 
einmal mit Recht, daß die Schneide- und Stechwerkzeuge der Tiere den Neid 
der Mechaniker schon allein durch das Material erregen würden. Ohne 
jede Theorie, nur aus dem plumpen Bedürfnis heraus, hat man sich ge- 
zwungen gesehen, gewisse Werkzeuge nicht nur in der Form nachzuahmen, 
sondern aus dem tierischen Material, nämlich aus Hörn und Elfenbein, zu 
verfertigen, weil dieses das Optimale für den gegebenen Zweck ist. 

So bestehen, um ein konkretes Beispiel zu nennen, die Chitinmundwerk- 
zeuge aller Gliederfüßler aus einem Material, das man in seinen unerreich- 
baren Qualitäten nicht nachmachen kann. Wohl aber hat man in der Schere, 
der Zange, der Nadel, dem Hammer und dem Amboß, der Ahle Funktions- 
formen nachgeahmt, die, wie ein Blick auf die Abbildung 27 überzeugend 
lehrt, von der Organisation der Rädertiere (Rotatorien) und Käfer, Fliegen 
und ihrer Verwandten längst angewandt werden. 

Ein chemisches Laboratorium von verwirrend vielfachen, noch längst 
nicht durchschauten Arbeitsmethoden ist der Verdauungsapparat der Tiere 
und des Menschen, zu dessen biotechnischem Verständnis die Abbildung 82 
in Band I und hier die Abbildung 33 betrachtet werden mögen. 

Alle Verdauung geht nach der neuen, vom Menschen bisher kaum aus- 















> > 
= < 

N ^ Ji 




Abb. 28. Technische Einrichtungen zum Schweben im Pflanzenreich 

Diiioflagellateii der Gattungen Oyinnodinium (1), Glenodiniuni (2), Amphidinium (3), Hemi- 
diiiium (4), Ceratium (5), Peridinium (6) aus den heimischen süßen Gewässern, von denen jede 
eine andere technische Lösung des Schwebeproblems darstellt. Stark vergrößert. Originalzeich- 
nung von A. Pfenninger 




Abb. 29. Ein Maximiliansharnisch nach Atailäntk-r 
Art „geriefelt" aus Niirnbero; 

Oritriiial aiH dem Armeetmiscurn 7U München 




Abb. 30. Blatt des Sonnentaus (Drosera 
rotundifolia) bei der Nahrungsaufnahme 

Das eingerollte Blatt saugt eine gefangene Mücke aus 
Aufnahme von Frau Dr. A. Friedrich, München 




Abb. 31. Die Anwendung technischer Mittel im inneren Bau der Pflanze 

Einblick in das Röhrensystem eines Stengels der Sonnenblume. In den großen Röhren wird 
die Nahrungslösung, in den Siebröhren (links am Rande) werden kolloidale Substanzen ge- 
leitet. Die Wandung der Röhren ist nach dem Gesetz der Okono.mie nur in bestimmter 
Weise verdickt, um optimale Festigkeit zu erreichen. Sehr stark vergrößert. Nach Hegi 



genützten Arbeitsmethode der katalytischen Arbeitsbeschleunigung ohne 
Wärme vor sich, durch Fermente, die als Ptyalin im Speichel, Pankreas- 
saft durch die Bauchspeicheldrüse, im Darmsaft und durch die Leber (vgl. 
hierzu besonders Bd. I Abb. 82) ausgeschieden werden, um die Kohle- 
hydrate zu invertieren, das Fett mit Hilfe der Galle zu emulgieren und die 
Eiweiße von ihrem hochmolekularen Zustand in einfachere Verbindungen 
abzubauen. Die dazu gehörigen technischen Formen sind die der Drüse 
(vgl. Abb. 33) in ihren verschiedensten Formen, die vom Menschen als 
Retorte, Eprouvette, Flasche nachgemacht werden. Zu ihrer Leitung dienen 
Röhren nach Art der Ausführungsgänge der bekannten Ohrspeicheldrüse 
(Parotis) oder der Gallengänge, vom Menschen in den Gummiröhren eben- 
so kopiert, wie in dem Pflanzeninneren in Gestalt der wasserleitcndcn Ge- 
fäße (Abb. 31) und eiweißleitenden Siebröhren, äußerlich aber als Blatt- 
stiel oder Liane (Abb. 22 und Bd. II Abb. 87) in höherer Integrations- 
stufe vertreten, was sogar in der anorganischen Natur als Funktionsform 
des Bachrinnsals, der Hochgebirgsrunse oder des Höhlenflusses wieder- 
kehrt. Behälter wie den der Mazeration dienenden Magen oder die Gallen- 
blase oder die Harnblase (s. Bd. I Abb. 82) wendet der Mensch in den 
Ziegenschläuchen des Orients und der Antike, in den Kesseln und Alembiks 
tausendfach variiert an. 

Wem diese ewige Wiederkehr gleicher Formen bei gleicher Funktion 
auf allen denkbaren Seinsstufen nicht klar macht, daß „Technik" unter 
allen Verhältnissen ein und demselben Gesetz folgt, dessen Kopf ist für 
Denkarbeit überhaupt verloren. Wenn aber die Funktionen gesetzmäßig an 
bestimmte Formen gebunden sind, dann kann der Mensch die Objekte, 
welche ihn umgeben, und die bei ihrer weit älteren Vergangenheit als seine 
Erfahrung stets optimale Lösungen darstellen, als Modellbuch für von 
ihm gewünschte Leistungen verwenden und seiner Technik das Studium der 
Natur zur maßgeblichen Unterlage geben. Mit anderen Worten, dann ist 
die Berechtigung der Biotechnik evident. 

Röhren sind auch die Tracheen der Insekten (Abb. 33) oder die Därme 
(Abb. 32), deren Lagerung in der Bauchhöhle (wieder ein Behälter höherer 
Seinsstufe) maximale Unterbringung auf kleinstem Raum verwirklicht, deren 
Inneres mit den Darmzotten das ideale Vorbild elektiver Aufsaugung wäre, 
wenn es nicht nach einer Technik tätig wäre, die man mit unseren Hilfs- 
mitteln noch gar nicht nachahmen kann. Sie geht nämlich aktiv vor sich 
durch eine energetische Arbeit, die nicht den physikalischen Gesetzen folgt, 
sondern regulativ, also den teleologischen Gesetzen der Psyche. Die 
Möglichkeit einer Psychotechnik aber liegt noch in weiter Ferne, obzwar 
sie prinzipiell durchaus denkbar und dringend notwendig ist. Unsere 
Maschinen und Mechanismen sind alle Automaten mit heteronomer, von 
außen in sie hineingelegter Teleologie, während die lebenden Organismen 
Maschinen mit autonomer Teleologie, also Personen sind. Dies übersah der 

89 




Abb. 32. Atmungsorgane der Amphibien. Links ein Oim, der Kiemen (B> und Lungensäcice (P) zugleich 
besitzt. D Darm, A Aorta. Rechts die Darstellung des Kreislauforgane eines Frosches. P = Lunge der 
linken Seite (der rechte Lungensack ist nicht gezeichnet) mit der Arteria pulmonalis (hell) und der Vene 
(dunkel) der Lunge. H Herz, V Vena cava. L Pfortaderkreislauf der Leber, Ao Aorta, N Niere, D Darm. 

Nach Claus Lehrbuch. 

Materialismus, der sich als naturphilosophische Richtung Mechanismus 
gegenüber dem Vitalismus nennt; übersehen hat er es seit dem „rhomme 
machine" von Lamettrie bis heute; gut und richtig herausgearbeitet haben 
dagegen diese Erkenntnis ein Teil der vitalistischen deutschen Biologen, 
namentlich H. Driesch und A. Pauly^^), die aber alle über das Ziel hinaus- 
gingen und jeden Zusammenhang des Seelischen mit der unleugbaren 
Maschinenstruktur des Lebendigen in Abrede stellten. Daß der Organis- 
mus teleologisch befähigt ist, braucht man gar nicht nachzuweisen ange- 
sichts des eigenen Erlebens, und daß er eine Maschine ist, läßt sich doch 
nun einmal nicht leugnen. Er gehört nur zur Kategorie der Maschinen 
mit Selbststeuerung nach dem teleologischen Gesetz des Psychischen, er 
hat also eine besondere Konstruktionsart, die man derzeit noch nicht an- 
ders nachmachen kann, als daß man diese Teleologie von außen dazu 
bringt, also z. B, zur Lokomotive, die keine Orientierung hat und keinen 
Bedürfnissen und Reizen folgt, einen Lokomotivführer stellt, der die Auf- 
gabe ihrer psychischen Lenkung hat. Beide zusammen stellen dann eine 
neue Art von Organismus dar: einen Menschen mit biotechnischen Kräften, 
die über seine individuellen hinausgehen. So vermehrt die Technik die 



90 



Leistungen des Menschen; die Techniken sind gesteigerte Anpassungen 
und haben hierin ihre Rechtfertigung und ihre Grenze. 

Die Röhren der Tiere und Pflanzen enthalten nun zahlreiche Eigenheiten, 
die dem Techniker Neues lehren können. Zu ihnen gehören doch auch die 
Röhren, welche das Blut, nämlich das Mittel zu allen Zellen bringen, das 
den Atmungs- und Ernährungsstoffwechsel durchführt. Diese Blutgefäße, 
sowohl die sauerstoffreiches Blut transportierenden Arterien wie die Venen, 
sind eingerichtet für die notwendigen Funktionen der Beschleunigung und 
Regulation dieses Transportes, weshalb sie sowohl elastische wie kontrak- 
tile, d.h. selbsttätig zusammenziehbare Elemente in ihrer Wandung aus- 
bilden. Der Anatom bezeichnet diese als Elastin- und glatte Muskelfasern. 
Und die Selbstregulation spricht sich wieder darin aus, daß sie mit einem 
unwillkürlich funktionierenden Nervensystem verbunden sind, das es be- 
urteilt, wann diese Faser im Dienste des Ganzen zu erschlaffen, und wann 
sie sich zu kontrahieren habe. Danach tritt Blutfülle in einem Organ ein 
oder Blutleere. Weil aber diese Urteile nur als Reflexe, also schematisch 
vor sich gehen, geschieht das manchmal nicht zweckmäßig, und so ent- 
stehen Entzündungen, Eiterungen, Ohnmächten (Blutleere des Gehirns) 
und damit auch schwere Schädigungen. Von diesen Eigenschaften kann 
man weder die Peristaltik *) noch die reflektive Regulation nachmachen, 
wohl aber die Elastizität, und die Industrie benützt denn auch tatsächlich 
geflochtene, daher elastische Röhren für gewisse Zwecke. Ein anderer 
Umstand aber ist bislang noch ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Alle Blut- 
gefäße setzen bei Verzweigungen stets mit einer kleinen Erweiterung an, 
was zur Folge hat, daß der Abfluß beschleunigt wird und Stauungen ver- 
mieden werden. Überall, wo die mechanische Lage einer Zirkulation ge- 
geben ist, müßte man sich daher dieses biotechnischen Mittels zu gleichem 
Zweck bedienen. Tatsächlich erfüllen ihn die Muffen an den Zusammen- 
setzungen der Kanalisationsrohre. Sie vermindern auch bei den Verzwei- 
gungsstellen die Reibung und dadurch Anhäufung der in ihnen zirkulieren- 
den Stoffe genau so wie die gleiche Funktionsform die Reibung der Blut- 
zellen auf ein Minimum herabsetzt. Nimmt man die Pläne altdeutscher 
Städte, also etwa Hildesheim, Frankfurt a. M., Nürnberg oder Nördlingen 
zur Hand, so wird man in ihrer Altstadt den Verlauf der Gassen und den 
Ansatz der in sie mündenden Gäßchen das Gesetz der Blutgefäße wieder- 
holen sehen. Überall besteht die Neigung, die Abzweigungsstelle mit einer 
kleinen Erweiterung zu versehen. Es ist nun nicht anzunehmen, daß die 
alten Stadtbaumeister sich dessen bewußt waren, wie sehr sie dadurch dem 
regen Verkehr in der quetschenden Enge dieser kleinen Gäßchen eine Er- 
leichterung verschafften, wohl aber haben es unter dem Zwange der Not 

*) -- Rhythmus der Muskelbewegung, der sich als Puls zeigt und aus zwei 
Elementen besteht, der Herzsystole als Kontraktion des Herzmuskels und dem Dikro- 
tismus als Kontraktion der Muscularis der Adern. 

91 



die modernen Stadtarchitekten gelernt, und namentlich in den Weltstädten 
(man sehe sich auf das hin den Hausvogtei- oder Nollendorfplatz in Berlin 
oder die Place de l'Opera in Paris an) trachtet man wenigstens an den ver- 
kehrsreichsten Plätzen dem Verkehr diese Reibungsverminderung zu ver- 
schaffen. Ich würde vorschlagen, das biotechnische Vorbild der Arterien 
an allen Straßenabzweigungen anzuwenden, zum mindesten, wenn die Bo- 
denpreise es an der Oberfläche verbieten, in der Kanalisation, da dadurch 
ein rascherer Abfluß erzielt werden wird. 

Mit den organischen Röhren hängt aufs engste das Herz zusammen, das 
sich als verdickte Qefäßschlinge aus einer Erweiterung der wichtigsten 

Arterie, nämlich 
der /lö/-/«, heraus- 
bildete, dessen 
Funktion als Pum- 
pe heute schon je- 
dem Volksschüler 

klar gemacht 
wird, als Zeichen 
dessen, wie eine 
„Kryptobiotech- 
nik^' unvermeid- 
lich schon in der 
gesamten Physio- 
logie enthalten 
ist. Es ist nicht 
notwendig, daß 
ich meinen kost- 
baren Platz der 
Schilderung des- 
sen widme, wie 
sehr auch das 
menschliche Herz 
mit seinen Klap- 
penventilen Vor- 
bild und Parallele 
der Technik ist, 
denn man kann 
das ja in jeder 
leidlichen physio- 
logischen Anato- 
mie nachlesen. 
Nur auf das we- 
niger Bekannte 




Abb. 33. Der anatomische Bau der Insekten. I. Die Innenorgane der Honig- 
biene (Apis mellifica). O Augen mit dem durch den Augenlappen in Verbindung 
stehenden Oehim, von dem Nerven nach oben zu den Antennen ausgehen. 
Das strickleiterförmige Nervensystem setzt sich durch den Körper mit vielen 
ausstrahlenden Nerven fort, besonders gut sichtbar im Bruststück (Thorax;, 
von dem die drei Beinpaare ausgehen. Im Abdomen befinden sich außerdem 
die zwei großen luftgefüllten Tracheenblasen (1) mit dem weit verzweigten 
Netz der Atmungsröhren (Tracheen). Die Eingeweide sind seitwärts heraus- 
geschlagen und beginnen am Kopf mit den Speicheldrüsen, aus deren Kranz 
das lange Schlundrohr in den Vorderdarm (Kropf v) führt; dieser geht in den 
Mitteldarm (Chlydusdarm) [m ) über, an den sich die Malpighi'schen Gefäße (p), 
der Rektaldarm (r) anschließen. S der Giftstachel in der Verbindung mit 
der Giftblase (g) und Giftdrüse (d). II. Ein Längsschnitt durch ein geöffnetes 
Männchen des Ligusterschwärmers (Sphinx ligustri). Die Maxillen sind aufge- 
rollt, von der Antenne ist nur ein Stück gezeichnet. L der Lippentaster. Q 
das Gehirn, mit dem die Ganglien (N) der Brust und des Bauches in Verbin- 
dung sind. O Oesophagus, das in den Kropf und Mitteldarm (M) führt. V Mal- 
pighi'sche Gefäße. E Enddarm, A After, C Hoden. Auf der Rückseite liegt 
das lange gekamraerte Herz (H). Originalzeichnung. 



92 



und Unbekannte möchte ich hinweisen, daß eine solche Druckpumpe auch 
im Baum, in allen Gefäßpflanzen funktioniert (vgl. Abb. 31), allerdings mit 
einer Leistung und Mechanik, die noch zu den dunkelsten Rätseln der Bio- 
logie gehört. Können doch die Riesen der Baumwelt, wie eine 120 m 
hohe Mammutfichte (WelUngtonia) oder ein 150 m hoher australischer Eu- 
kalyptus, nicht minder gut auch eine an 200 m lange Liane sich anstands- 
los das Wasser aus dem Boden bis zu ihrem letzten Blatt pumpen, ohne 
daß uns die Kraftquelle der Leistung verständlich ist. Aber auf eines möchte 
ich dabei aufmerksam machen. Die Leistung von Druckpumpen hängt be- 
kanntlich mit von der Wandstärke des Druck- und Saugrohres ab. Es ist nun 
auffällig, daß die Tracheen (Abb. 31), wie man mit einem sehr mißver- 
ständlichen Wort die Saugrohre der Pflanzen benennt, besondere spiralige 
oder netzförmige Wandverdickungen haben. Die biotechnischen Versuchs- 
Laboratorien, die es hoffentlich in Verbindung mit Fabriken bald geben 
wird, werden sich veranlaßt sehen, Pump- und Brunnenrohre nach diesem 
Modell auf ihre Leistungsfähigkeit zu prüfen. Meine Vorversuche haben 
Hoffnung gemacht, daß sich durch diese Konstruktion bei gleichem Druck 
in Pumpenleitungen die Hubhöhe steigern, mindestens Material sparen 
läßt. So denke ich mir die nächste biotechnische Arbeit. 

Durchgehen müßte der Techniker mit seinem Wissen die gesamte tieri- 
sche wie pflanzliche physiologische Anatomie, und überall an tausend Stel- 
len würde ihm das Gegenstück seiner Erfahrungen vermehrt und bereichert 
durch neue Anregungen entgegentreten. 

Der Ernährungsvorgang der Pflanzen wäre ihm ein noch ganz unbe- 
ackertes Feld, so viel Arbeit auch die Pflanzenphysiologen schon hinein- 
gesteckt haben. Während bei dem Tier Ernährung und Blutzirkulation auf 
das Innigste ineinandergreifen und der Nahrungssaft, der schließlich aus 
dem Aufgenommenen entsteht, als Lymphe in einen Zustand gerät, daß man 
ihn ebensogut als Nahrung wie als farbloses Blut ansprechen könnte, ist 
zwar bei der Pflanze im Eiweißsaft der Siebröhren ebenfalls etwas der 
Lymphe Entsprechendes vorhanden, aber die Zirkulation scheint doch zu 
fehlen, wenn auch die neuesten Untersuchungen von Ch. Böse ein rhyth- 
misches Pulsieren in der Pflanze unzweifelhaft dargetan haben. 

Im Tier sind die Kreislauforgane ein höchst verwickeltes Kanalsystcm, 
durch das des Herzens oder des Rückenorgans (s. Anatomie der Insekten 
Abb. 33) Pumpwerk das Blut treibt, während zahlreiche präzise funktio- 
nierende Einrichtungen die Stromgeschwindigkeit, den Druck und die Ver- 
teilung regeln. In der Pflanze ist insofern ein Kreislauf vorhanden, als 
durch die Transpiration des Wassers aus den Blättern eine Zirkulation er- 
möglicht wird, durch die Wasser mit Mineralsalzen, also eine Nährlösung 
aus den Wurzeln in das Laub befördert und eine aus Zucker und Eiweiß 
bestehende Lösung durch bestimmte Zellen von oben nach unten geschafft 
werden. Dieser Funktion angemessen findet man die verschiedensten Röhren- 

93 



Einrichtungen nach Art der Kammerfilterpressen, die man gehöfte Tüpfel in 
der Sprache der Botanik nennt, außerdem eingeschaltete Siebe und Filtermem- 
branen. Dazu kommen noch osmotische Techniken. (So wandert dxtGlykose.) 

Die „Funktion der pflanzlichen Ernährung" ist natürlich dabei auch ein 
Stoffwechsel. Und er vollzieht sich in prachtvollen Formen chemischer Syn- 
these*), also atomarer Variation, deren Nachahmung heute noch hoffnungs- 
los erscheint. Gelänge diese Biotechnik, dann wäre mit der synthetischen 
Herstellung von Mehl, Zucker, Holz und Fett, sowie Eiweiß aus Oasen 
und Erdsalzen den Menschen alle Ernährungssorge genommen. 

Diese Photosynthese, die sich der Lichtwellen als Energie bedient, indem 
sie namentlich die weniger brechbaren zu einer Verbindung von COg und 
HgO bei Herstellung von CgHioOö (Kohlehydrat) heranzieht, ist noch nicht 
die endgültige Leistung der Pflanze, denn auf einem noch unbekannten Wege 
wird mit den Kohlehydraten außerdem Stickstoff, Phosphor und Schwefel 
in einer höheren Synthese zu Plasma verbunden, das zuerst die Vorstufe von 
Asparagin annimmt. Hier klaffen betrübliche Mängel des Wissens; das We- 
sentliche, was man weiß, beschränkt sich darauf, daß offenbar die Nitrate, 
Phosphate und Sulfate des Magnesiums und Kalis die Materie dieser Syn- 
these liefern, weshalb wir durch die Biotechnik des Dungens diesem Prozeß 
nachhelfen können, ferner daß die Oxalsäure hierbei ein durch Kalk zu bin- 
dendes, sonst schädliches Nebenprodukt ist, weshalb auch der Kalk beim 
Düngen nicht entbehrt werden kann. Die Funktionsform, in der das alles 
sich vollzieht, sind offenbar die Kolloidstruktur und die Formen der Va- 
kuolenbildung des Plasmas mit seinen osmotischen Membranen und ver- 
bindenden Plasmodesmen, durch die die Zelle instand gesetzt wird, wie in 
einem wohlassortierten Laboratorium gleichzeitig nebeneinander Oxydatio- 
nen und Reduktionen, analytische und synthetische Prozesse auszuführen. 
Dazu das Chlorophyll mit seinem plasmatischen Substrat (vgl. Bd. I S. 207 
und Abb. 79), das in mehreren Integrationsstufen die Photosynthese von 
der Funktion im kleinsten Raum der Zelle an zu einem Kreislaufprozeß ge- 
staltet, der das ganze Erdenleben in sich schließt. Denn diese Farbstoff- 
träger im Protoplasma, die je nach der Funktionsbesonderheit, nämlich der 
Wellenlänge des verwendbaren Lichtes durch Zusatzstoffe blaugrün, braun 
(Kieselalgen [Bd. I Abb. 65] und Brauntange) oder rot (Rottange des Meeres) 
sein können, bilden Singulationen jeder denkbaren Art und Komplikation. 

Sie erscheinen als Chromatophor in hundert Formen in der Zelle, sie bil- 
den durch den Zusammenschluß der Zellen Lager wie im Kreise der Algen 
und Flechten (vgl. Bd. I Abb. 93) und Lebermoose (Abb. 34) oder in Ge- 
stalt komplexer Zellsysteme Blätter, die wieder ganz unbeschreiblich viel- 
gestaltig sein können (vgl. Abb. 47). Aus den Blättern setzen sich die Laub- 
kronen zusammen in Vereinigung mit den durch ihre Funktion variabel ge- 



•) Durch Oxydasen, Amylasen, Zymasen usw. 

94 




Abb. 34. Vergrößerter Querschnitt durch das Lager des Brunnenlebermoose» (Marchantia polymorph«), 
als Beispiel der biotechnischen Einrichtungen einer einfacheren Pflanze. Der Querschnitt stellt einen In- 
terzellularraum mit assimilierenden Zellen, der aufgewölbten Epidermis und einer Spaltöffnung dar. Un- 
ter dem primitiven „Schwammparenchym" liegt ein farbloses netzförmiges verdicktes Parenchym. Funk- 
tionell stellen diese Differenzierungen folgende biotechnischen Einrichtungen dar: Die Verarbeitung der 
Kohlensäure geschieht in den retortenförmigen Lichtkraftmaschinen (= Assimilationszellen), die zu zweit 
oder dritt so angeordnet sind, daß sie durch die glasartig durchsichtige Decke die Betriebsenergic, das 
Licht genügend erhalten. Diese Decke ist in Bogenwölbungen konstruiert und ruht auf vier bis sechs (in 
der Zeichnung sind nur zwei sichtbar) Stützpfeilern mit je einem abacusartigen Aufsatz. Die Wandung 
dieser hohlen Stützsäulen ist nach dem technischen Okonomiepririzip konstruiert; es sind Füllungen her- 
ausgenommen, dadurch Material erspart, ohne der Festigkeit Abbruch zu tun. In die Decke eingelassen ist 
ein Ventilationsschacht, dessen Bauelemente verzahnt sind. Dadurch findet ungehemmte Kohlensäure- und 
Wasserdampfzufuhr statt, zugleich ist Atmung möglich. Die kleinen Lichtkraftapparate enthalten die photo- 
chemischen Einrichtungen zur Zerlegung der Kohlensäure (Clilorophyllkörner). Diese haben die Gestalt von 
transportablen, selbsttätig sich ins Lichtoptimum setzenden Scheiben. Diese Apparate slt/cn auf einem 
Pflaster kleiner Zellen, durch deren feinste Poren, auch auf osmotischem Weg die Assimjlaie abgeleitet wer- 
den. Die darunter stehenden Zellen haben wieder die Festigungseinrichtungen der Stützpfeiler. Eine Zelle 
davon enthält Schleim, der außerordentlich viel Wasser speichern kann und davon zu trockenen Zeiten ab- 
gibt. Es sind also auf dem Bilde nicht weniger als 15, dem Menschen bekannte, aber von ihm nur teilweise 
in seiner Technik verwandte biotechnische Einrichtungen dargestellt. (Original.) 

stalteten Stielen, Zweigen, Stengeln, Ästen und Stämmen. Dadurch entsteht 
ein neues biologisches Individuum, die Einzelpflanze, deren Habitus (vgl. 
Abb. 36) auch eine Funktionsform des Chlorophylls auf sehr hoher Stufe 
ist. Aus Einzelpflanzen setzt sich das dem Naturfreund und Künstler so 
wohlbekannte Mosaik der Vegetationsdecke, gegliedert in Pflanzenvcrcine, 
in den der Moose, der Wiese (Bd. I Abb. 8), des Unterholzes (Abb. 22), der 
Parklandschaft, des Waldes, des Moores usw. zusammen. Und es entsteht 
eine Flora, die auch nur ein Glied, durch viele Ringe zusammengeheftet mit 
anderen Gliedern der Lebensdecke ist. 



95 



Und auf jeder Stufe dieser Hierarchie sind die Funktionsformen biotech- 
nisch durchgeprägt in einer Vollendung, welche die Pflanze für immer zum 
Musterbeispiel und unerschöpflichen Studienobjekt unseres neuen Wissens- 
zweiges machen wird. Ist doch mit diesem neuen Blick auch die ganze 
Biologie wieder zum Neuland geworden, jungfräulich, unberührt und dank- 
bar, hingegeben auch den einfachsten Methoden. Man muß die ganze Bo- 
tanik, Zoologie und Anatomie neuerdings biotechnisch durcharbeiten. 

Das Blatt allein schon bedeutet biotechnisch genommen eine Wissensfülle, 
die hier nicht einmal im Umriß ausgebreitet werden kann, ebensowenig wie 
etwa Kolumbus nach allen seinen Fahrten nicht imstande sein konnte, nur 
annähernd zu beurteilen, was er mit seinem Neuindien entdeckt hatte. 

Dem Techniker würde es auffallen, daß das Blatt in seinem Bau bis in die 
letzte Einzelheit hinein (vgl. Abb. 34) ein System von Funktionen darstellt, 
die alle nach dem Einen: optimale Leistung streben. Ich werde ja in den 
folgenden Kapiteln zum Glück wiederholt Gelegenheit nehmen können, ver- 
schiedene dieser Funktionen noch näher zu analysieren. Hier aber möchte 
ich immerhin in Erinnerung rufen, daß nicht nur die Formen, die Trocken- 
heits- oder Transpirationsanpassungen des Blattes ^s), sein anatomischer Bau 
ebenso wie der der assimilierenden Zelle Ausdruck der Funktion im Sinne 
unserer Gesetzlichkeit sind, sondern auch die Maßverhältnisse in Größe und 
Stellung und die Bewegungen, angefangen von der einfachen Phototaxis 
der Blattgrünkörner bis zu den Wachstums- und aitiogenen Bewegungen der 
Blattstiele und Sprosse. Auf diesem Wege wird es niemand leugnen, daß die 
Tropismen und Nastien (Abb. 36) der Pflanze Funktionen ihres Zellplasmas, 
ihr gesamtes „inneres" Regulieren und Funktionieren, das sich in dem 
„Wurzelhirn'' und den Scheitelzellen der Sprosse36u.43) seine Zentren schafft, 
ein Organ zur Verwirklichung ihres Daseinsoptimums ist. 

Als eine ungeheure Fabrik voll von den wunderbarsten Einrichtungen und 
Maschinen wird ihm das Blatt und die ganze Pflanze vorkommen, in der oft 
sogar die äußeren Formen mit denen unserer Industriewerke übereinstimmen, 
wie z. B. der Ventilationsschacht im Lager der Brunnenlebermoose, der auf 
Abb. 34 dargestellt ist, zumeist aber Erfindung über Erfindung verwirklicht ist, 
von der sich die Anthropotechnik nichts träumen läßt, deren Problemstellung 
sie oft sogar nicht einmal noch empfunden hat. Was ist eine Erfindung? Nach 
so viel Einsichten in ihr Wesen ist es nicht schwer, die Frage zu beantworten. 

Erfindungen des Menschen entstehen dann, wenn der menschliche Orga- 
nismus im Sinne der Weltgesetzlichkeit, nämlich funktionsmäßig tätig ist. 
Man macht stets eine Erfindung, wenn man das Funktionsgesetz auf eine 
Beziehung des Menschen zur Umwelt anwendet. Darum fallen die biotech- 
nischen Erfindungen mit den anthropotechnischen zusammen. Man wird da- 
her von selbst zu Erfindungen kommen, wenn man die Funktionsformen der 
Pflanze bei identischem Funktionsverhältnis auf die Materialien überträgt, 
welche uns zur Verfügung stehen, wenn man sie nicht mit identischem Ma- 

96 



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Eines der 
unten), d. 



Abb. 37. Blütenstand des Lerchensporns (Corydalis cava) 

iußeren Kronblätter ist gespornt (gut sichtbar an der ersten und zueilen Blüte 
i-eitert und birgt darin Honig. Originalaufnahme von Frau Ur 
Friedrich, München. Vergrößert 



h. sackartig 



terial wiederholen kann. 
Erfindungen im gleichen 
Reichtum birgt für den 

technisch geschulten 
Blick auch der tierische 
Organismus. So haben 
wir den tiefsten Sinn der 
aller Bildung bekannten 
Tatsachen erfaßt, daß 
die Lunge ein ßlaschalf^. 
die Gliedmaßen der Tiere 
Hebel, die Oelenkrolle 
des Menschen, wie schon 
ihr Namen andeutet, eine 
Rolle (vgl. Abb. 38) in 
physikalischem Sinn, das 
Auge der Säugetiere eine 
Camera obscura und das 
Ohr ein Saiteninstrument 
ist. Nur müßte der Satz, 
um vollständig der Wahr 
heit zu entsprechen, um- 
gekehrt werden, denn 
Ohren, Augen, Füße und 
Lungen und die ganze 
Biotechnik waren früher 
schon da als des Men- 
schen Technik, und man 
muß eigentlich sagen: 
Die Camera obscura ist 
ein Auge, der Blasebalg 
eine Lunge, von der man 
künstlich nur die Eigen- 
schaften nachmacht, die man für einen gegebenen Zweck brauchen will. Noch 
nie hat der Mensch etwas anderes getan, nie wird er etwas anderes machen 
können, als das Fiinktionsgesetz mit den ihm zu Gebote stehenden Materialien 
zu verwirklichen, so wie der Organismus, ja die ganze Welt nie etwas anderes 
getan hat, als der Funktionsform ein Sein verliehen. Darum muß beides, 
Biotechnik und Menschentechnik, in identischen Funktionen ablaufen. 

Wenn nach den Sachs'schtn Versuchen, die im Jahre 1010 Thoday be- 
stätigte, die Sonnenblume (Helianthus) pro Quadratmeter Blattflächc ihr 
Gewicht in der Stunde um 1,684 g vermehren kann, ist das der Beweis einer 
so vollkommenen Technik, daß man mit vollem Recht das Blatt als eine der 




Abb. 38. Die biotechnische Einrichtung des menschlichen Oberarmes. 
a c bedeutet den Vorder-, d c den Oberarm. Der Armbeugemuskcl 
(Biceps, b) kann wegen der Art seines Ansatzes nur wenige Zentner 
heben, während der Wadenmuskel bei voller Ausnutzung seiner Kon- 
struktion 5030 kg heben kann. Damit dies der Biceps könnte, müßte 
er bei a der unteren Abbildung inseriert sein und in der Richtung a a' 
wirken können. Da er aber nicht am Ende des Hebeis, sondern bei b 
der unteren Abbildung angreift, und nicht in der optimalen Kraftrich- 
tung b b wirkt, sondern im unvorteilhaften Winkel b d, kommt also die 
Komponente b e zur Geltung, während die Komponente b g für die 
Hebung verloren geht. Hieraus folgt, daß der Armbeugcmuskel nicht 
zum Heben von Lasten da ist und unzweckmäßig d. i. unorganisch ver- 
wendet wird. Dagegen ist er optimal ausgenutzt und von eminente 
Leistungsfähigkeit für das Emporheben des Körpers bcii 
(Nach V. Gräber). 



Klettern. 



Franci, Bios II 



97 



bewundernswertesten Fabrikeinrichtungen der Welt bezeichnen kann. Durch 
diese Fabrikation speichert z. B. die Waldfläche Bayerns jährlich acht Mil- 
liarden Kilogramm Kohlen auf, eine Leistung, die man wirklich nicht unter- 
schätzen darf. Überträgt man sie auf die ganze Pflanzenwelt, steht man vor 
der Tatsache, daß die Pflanzen ein ganz wichtiges Glied in der Erhaltung 
der irdischen Harmonie sein müssen, da sie allein die Vermehrung der durch 
die Vulkane, die Heizung der Menschen und die Atmung der Lebewesen 
ausgehauchte Kohlensäure verhindern und dadurch einer sonst unvermeid- 
lichen Verschlechterung des Klimas und einem Kohlensäuretod des irdischen 
Lebens vorbeugen. 

Das winzige „Stoma^^ die Spaltöffnungen des Blattes, durch welche die 
Kohlensäure ins Innere des Blattes eindringt (vgl. Abb. 34), das feine S}'- 
stem von Lücken, durch welches die Luft in der Pflanze zirkuliert, sie machen 
den Biotechniker auf eine neue Eigenheit der organischen Techniken auf- 
merksam, die in der menschlichen Tätigkeit keineswegs in dem Maße ein- 
geführt ist wie in der Natur, nämlich auf die Verkettung der Techniken, wo- 
durch höchste Ökonomie durch die Verwendung derselben Funktionsform 
als Durchgangspunkt verschiedener, manchmal einander sogar entgegen- 
stehender Prozesse erreicht wird. Wohlverstanden, nicht so ist das gemeint, 
daß eine Funktionsform mehreren verschiedenen Funktionen dient, denn un- 
verbrüchlich gilt der Satz, daß jede Funktion nur eine ihr zukommende 
Form haben könne, sondern das Bewundernswerte liegt darin, daß die 
gleiche Funktion als Teilvorgang in verschiedenen Prozessen eingeordnet 
und dann ein Organ zu verschiedener Zeit in anderem teleologischen Zu- 
sammenhang in Anspruch genommen wird. Die Spaltöffnungen dienen z. B. 
von Sonnenaufgang bis Untergang der Rohstoffzufuhr für Assimilations- 
zwecke, später aber nicht mehr, weil nicht assimiliert wird. Die gesamten 
24 Stunden aber dienen sie zugleich der Luftzufuhr zum Zwecke der Atmung, 
also der Energiegewinnung für die Fabrikation, außerdem der Entfernung 
der verbrauchten Luft, und als dritte Funktion, für die sie durch Schiebe- 
türen, oft besondere Schutzvorrichtungen angepaßt sind, auch der Entfernung 
des Wasserdampfes (buchstäblich des Betriebsabwassers) durch Transpira- 
tion. Dem Biotechniker werden, wenn er diesen Prozeß der Atmung durch- 
gängig in den lebenden technischen Einrichtungen verfolgt, auch da sofort 
bei den Wirbeltieren Verbesserungen auffallen, gegenüber den Exhaustoren 
und Gebläsen, die in der Menschentechnik die Funktion der Atmung ausführen. 
Die tierischen Exhaustoren arbeiten nämlich nur mit einem einzigen Rohr. 

Die Lunge ist ein Blasebalg mit einer einzigen Öffnung, worauf hiermit 
zum Nachdenken und der eventuellen Verbesserung der Blasebälge aufmerk- 
sam gemacht wird. 

Auch der Fortpflanzungsvorgang bietet, von dem Gesichtspunkt seiner 
technischen Ausführung aus gesehen, Anregung über Anregungen. Auch in 
ihm sind wieder zwei Funktionsketten mit Vorliebe so durcheinandergescho- 

98 



ben, daß es für zwei Arbeiten nur eines Organes bedarf. So verwenden 
Vögel und Reptilien zur Ausscheidung und Fortpflanzung nur eine gemein- 
same Kloake, was entsprechend dem „weh' dir, daß du ein Enkel bist", in 
der stammesgeschichtlichen Vererbung so weit nachwirkt, daß selbst der 
Mensch in seinem Körper für die Eierstöcke noch keine besonderen getrenn- 
ten Organe der Ausführung ausgebildet hat, sondern die edelsten Organe 
der Zeugung in unappetitlicher Nachbarschaft der Auswurföffnungen für die 
Verdauungsabfälle und Abscheidungen bergen muß. Doch man sieht an 
dieser Unvollkommenheit höchst belehrend in die absolute Gültigkeit des 
Funktionsgesetzes hinein, da man aus der vergleichenden Anatomie des Ge- 
nitalsystems von den Fischen bis zum Menschen unwiderleglich erkennen 
kann, wie sich jede Funktionsänderung sofort ihre Organabänderung erschafft. 

Im einfachsten Fall werden z. B. bei den Rundmäulern unter den Fischen 
die Eier durch den Porus abdominalis direkt in das Wasser entleert. Aber 
schon bei den Selachiern, also den Haien, bleibt die Leibeshöhle der Auf- 
bewahrungsort der Keime. Und nun sieht man Schritt für Schritt, wie sich 
aus der Funktion neue Organe herausbilden. Der Alüller^sche Gang, der 
der Leitung der Eier nach auswärts dient und im ersten Fall nichts als eine 
Abspaltung des Urnierenganges (Wo///'scher Gang) war und dadurch die 
Entstehung der Genitalien aus den Harnorganen verrät (daher Urogenital- 
system), wird schon bei den Lurchen erweitert, um die in ihm herabgleiten- 
den Eier anzusammeln, damit der Organismus sich nur in größeren Zwischen- 
räumen mit dem Eierlegen zu bemühen braucht. Da haben wir also schon 
den Beginn der Uterushildung, die dann zu einer so fundamentalen Umge- 
staltung der ganzen Organisation führte, wie sie die Amnioten kennzeichnet. 
In ihrem Kreise, namentlich bei den höheren Säugetieren sind die äußeren 
Geschlechtsteile, im besonderen Penis und Vagina, einfach das Optimum 
von Funktionsformen in bezug aufeinander, weshalb man sich hier auch 
längst gewöhnt hat, aus der Form sogar Rückschlüsse auf die Funktion zu 
ziehen, was doch der echt biotechnische Gedanke ist.") 

Der gleiche Organkomplex ist überdies noch geeignet, eine zweite, dem 
Denker allerdings selbstverständliche, dem Erleben dagegen sehr wichtig er- 
scheinende Konsequenz des Funktionsgesetzes so recht nachdrücklich vor Augen 
zu führen. Das ist die Rückentwicklung der nicht junkiionierenden Teile. 

Angesichts der durchgängigen Bilateralität der Wirbeltiere sind die Mül- 
/er'schen Gänge so wie die Nieren auch paarig angelegt. Aber was sieht 
man bei den Vögeln? Sie besitzen nur ein ausgebildetes Ovarium aus Grün- 
den, die offenbar mit ihrer Lebensweise zusammenhängen. Das der rechten 
Seite wird zwar angelegt, dann aber bis zum Verschwinden rückgebildet. Der 
rechte Müller'sche Gang, dem dadurch keine Funktion zufällt, wird von den 
bekannten Freßzellen in seine Bestandteile zerlegt und diese anderweitig ver- 
wandt, der linke dagegen, dem alles an Funktion zufällt, entwickelt sich 
übermächtig, liefert in besonderen, neugebildeten Drüsen die Eiweißschichten, 

7* 

99 



die Schalenhaut, mit seinem uterinen Teil sogar die Kalkschale und deren 
Farben, was alles dem Vogelei zukommt. Ein Gegenstück hiezu bieten die 
Säuger' Noch die Beuteltiere unter ihnen verfügen über einen paarigen Uterus, 
von den Plazentalien an aber verwachsen diese beiden zu einem Uterus du- 
plex, der sogar bei den Nagetieren noch paarig in den Muttermund ragt. 
Erst bei den Primaten, also auch bei dem Menschen, ist die einheitliche Ge- 
bärmutter ausgebildet, die aber immer entsprechend ihrem Ursprung asym- 
metrisch ausgebildet ist. Weil beide Eierstöcke vorhanden sind, bleiben auch 
beide Eileiter funktionstüchtig, das heißt wohl ausgebildet. 

Diese Zusammenhänge, im Sprichwort sogar in den Volksmund überge- 
gangen (Arbeit stärkt die Glieder), wurden sehr früh durchschaut und von 
den Franzosen Jean de Lamarck und E. Geoffroy de St.-Hilabe zu einer 
Theorie der direkten Bewirkung (Lamarekismus), beziehungsweise der Lehre 
vom Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe verdichtet, die in einem ge- 
wissen Sinn der Mutterschoß der objektiven Philosophie gewesen ist, da ich 
auf dem Umweg über den 
Lamarekismus zu ihrer der- 
zeitigen Formulierung ge- 
langt bin. Die Biologie hat 
sich von diesen Grundlagen 
aus schon längst eine Funk- 
tionslehre erarbeitet, die in 
ihren Ansätzen als Entwick- 
lungsmechanik (durch Roux) 
und als experimentelle Mor- 
phologie (namentlich durch 
den Münchner Botaniker K- 
Goebel) nur darauf wartet, 
einheitlich zusammengefaßt 
und dargestellt zu werden. 
In der funktionellen Histo- 
logie der Tiere und Pflan- 
zen hat diese Richtung ein 
klassisches Arbeitsfeld gefun- 
den, um ihre Thesen von 
der Funktion als trophischer 
Reiz und der direkten An- 
passung mit zahllosen Be- 
legen stützen zu können, die 
der Biotechnik ebensoviele 

der unschätzbarsten Vorar- ^^^ ^^ ^^^ ^U^^j^ menschliche Kiefer. Fund aus der Grube 

beiten bedeuten. Hier war Orafenrain bei Mauer (Homo Heidelbergensis) im Vergleich zu 

j ^ , * . ,,r ,ct dem Unterkiefer eines Orangs (unten). Man beachte die pri- 

es, wo der bChweiZer WOLJJ mltlve Gestaltung und das Fehlen des Kinns. 




100 



den zu so großer Bedeutung gelangten Beweis des funktionsmäßigen Um- 
baues der Knochentrajektorien (vgl. Abb. 16) fand, der seitdem dermaßen 
zum gesicherten Bestand der Erkenntnis wurde, daß der Münchner O. Walk- 
hoff aus der Röntgendurchleuchtung paläoanthropologischer Kiefer (vgl. 
Abb. 39) die Behauptung wagen konnte, die Vorfahren der Kulturmenschen 
aus den Zeiten des Paläolithikums hätten noch gar keine artikulierte Sprache 
besessen. In dieser meines Wissens nicht abgelehnten Methodik steckt die 
vollkommene Anerkennung des biotechnischen Grundgedankens. Es wird aus 
der Funktionsform auf die Funktion unbedenklich unter der Voraussetzung 
zurückgeschlossen, daß zu jeder Funktion (in diesem Fall also zur artiku- 
lierten Sprache) gesetzmäßig nur eine Funktionsform gehört, es wird also 
die Formulierung angewandt, die wir dem Funktionsgesetz gegeben haben. 

Hierher gehören die berühmten vorderbeinlosen Känguruhhunde von E. 
Fuld^^), die bekanntermaßen das erste unbestreitbare Beispiel der Lamarck- 
schen direkten Anpassung sind. Diese Tiere erlitten typische Veränderungen 
in der Mechanik des anatomischen Baues ihrer Hinterbeine infolge der ver- 
änderten Funktion, da sie sich anders bewegen mußten. 

Diese Funktionenlehre wird auch dem sogenannten Konvergenzgesetz, das 
bisher schon einigemal flüchtig unseren Gedankenweg kreuzte, seine befrie- 
digende Einordnung als Konsequenz des Funktionsgesetzes ermöglichen. 
Unter Konvergenz verstand man bisher die Feststellung der Tatsache, daß 
trotz verschiedener Abstammung die gleiche Lebensweise dennoch zum 
gleichen Anpassungstypus führe, und zitierte gewöhnlich als die klassischen 
Beispiele den Fledermaus-, Vogel- und Insektenflügel, die Fischähnlichkeit 
der Wale und Delphine u. dgl. mehr. Eine Erklärung war nicht möglich; 
man sagte sich nur, daß die Erscheinung irgendwie in den Kreis der direk- 
ten Bewirkung fallen müsse. Von unserem Standpunkt aus, der sich mit 
dem der auf ganz richtigen Wegen wandelnden Entwicklungsmechanik und 
experimentellen Morphologie deckt, ist das auch wirklich der Fall. Kon- 
vergenz ist für die Biotechnik nur der Ausdruck dessen, daß gleiche Funk- 
tionen tatsächlich immer und überall gleiche Funktionsformen nach sich 
ziehen. Nur ist dieser Gesichtspunkt weit höher gewählt und erlaubt es, die 
Konvergenzerscheinungen in der ganzen Natur sowohl bei Tieren wie bei 
Pflanzen aufzusuchen und sie sogar bei der vergleichenden Betrachtung 
lebender und lebloser Funktionsformen zu verstehen. 

So ist denn mit dieser Idee dem Denken ein Werkzeug gegeben, aus der 
Ähnlichkeit der Formen Schlüsse auf die Funktionen ziehen zu können. 
Man versteht seitdem auf den ersten Blick, warum die Formen der tierischen 
Geschlechtswerkzeuge im Bau der Blüten wiederkehren, wozu man die bei- 
gegebenen Abbildungen einer Berberisblüte (Ab. 40), eines Fruchtknotens 
(Abb. 35) und eines Blütenstandes des Lerchenspornes (Corydalis, Abb. 37) 
als Vorschule für ihre Betrachtung in der Natur eingehender studieren möge. 
Nicht auf eine leere Ähnlichkeitsjagd begibt sich damit der biotcchnisc': 

101 



denkende Forscher nach Art derer, in der sich die Biologie alter Zeit zu 
gerne gefiel, wenn sie in der Signatur lehre dem Grundsatze des similis si- 
milibus gemäß nach der Leberlappenform der H epaücablätter ihnen Be- 
ziehungen zu Leberleiden zusprach oder nach Art der ägyptischen Mytho- 
logie den Skarabaeuskäfern (Abb. 21) wegen ihrer kugeligen Mistpillen 
eine symbolische Bedeutung für die Weltkugel andichtete, sondern sehr 
wohl und bis in die feinsten Beziehungen motiviert weiß man nun, warum 
die Gestaltungsverhältnisse des pflanzlichen Fruchtknotens bei Blütenpflan- 
zen die gleichen sind wie bei Moosen (vgl. Abb. 35), deren Archegon mor- 
phologisch doch eine ganz andere Bildung ist, warum aber im Prinzip ein 




Abb. 40. Zwei Einzelblüten des Sauerdorns (Berberis vulgaris). Die inneren 
gelben Blütenblätter tragen je zwei Nektarien, zwischen welche sich die Staub- 
fäden mit ihren zwei Staubbeuteln in ungereiztem Zustande schmiegen (links). 
Bei Berührung des Staubfadens (was durch besuchende Insekten leicht geschieht) 
führen die Staubfäden Bewegungen aus, die rechts dargestellt sind. Durch diese 
gamotropen Bewegungen wird der Besucher aus den mit Schlitzen versehenen 
Staubbeuteln mit Pollen überstäubt. Etwas vergrößerte Origiiialzeichnung nach 
der Natur. 

Fruchtknoten gestaltlich mit einem Uterus der Wirbeltiere übereinstimmt 
und die Blütenöffnung überraschend den weiblichen Genitalien der Tiere 
(Abb. 40) (besonders auffällig ist dies bei gewissen Orchideen) ähnlich 
sind, warum Spermatozoiden im Pflanzen- und Tierreich bei völligem 
Mangel an Verwandtschaft oft größte Obereinstimmung zeigen (Abb. 20), 
bei naher Verwandtschaft z. B. im Kreise der Gliedertiere aber auch ganz 
verschieden sein können. Ein dickes Buch könnte man füllen mit den Tat- 
sachen, die von hier aus verständlich werden. Ein besonders glänzendes 
Kapitel wäre darin jenes von den Parasiten, die im Tier- und Pflanzenreich 
eine Fülle von konvergenten Merkmalen (Wurmgestalt, Saugfäden ^9), vgl. 
Abbildung 26) aufweisen. Verständlich wird nun auch ein vielstudiertes 

102 




Abb. 41. Schwebeanpassuiigeii mariner Planktonkrcbse. Etwas vergrößert. l Weibchen des 

Ruderfüßlers Setella gracilis. 2 Weibchen von Calocalanus. 3 Weibchen von Oithona pliimifcra. 

Originalzeichnung. 

Phänomen, nämlich das der Schwebeanpassungen und Schwiinmvorrich- 
tungen im Tier- und Pflanzenreich. 

Die merkwürdige Lebewelt des Planktons in Meer und Sülhvasser (Ab- 
bild. 41) überrascht seit fast zwei Menschenaltern die Forschung mit immer 
neuen und seltsamen Anpassungen, die diesen drolligen Kleinwesen, die sich 

103 




Abb. 42. Klein krebsclien des Brackwassers (Artemia salina; in einem mit Queller (Salicornia) 
bestandenen Tümpel. Das mittlere Pärchen in Begattung. Etwas vergrößerte Originalzeichnung. 

in der unglücklichen Situation steten Schwimmenmüssens befinden, ganz 
gleichmäßig zukommen, ob es sich nun dabei um Algen, Urtiere, Würmer 
oder Krebse handelt. (Vgl. hierzu die Abbildungen 41, 42 und 49). 

Gemeinsame Züge sind ihnen allen aufgeprägt. Sie streben alle nach mög- 
lichster Oberflächenvergrößerung, die besonders durch ,, Ausleger" oder fall- 
schirmartige Schvvimmsäume, blattartige Ausbreitung, Entwicklung von Schau- 
feln und enormen Borsten nach Art der auf Abb. 41 dargestellten Meeres- 
krebschen erreicht wird. Woher stammt aber diese Notwendigkeit? Sie alle 
(mit Ausnahme der mit Gasballons im Meere obenauf schwimmenden Si- 
phonophoren) sind spezifisch schwerer als das Wasser. Die Wirkungen 
dieses Übergewichtes müssen also vom Organismus selbst überwunden wer- 
den. Und das geschieht zumeist durch die Form. Die Sinkgeschwindigkeit 
ist von der spezifischen Oberfläche und der horizontalen Projektion des 
Körpers abhängig. Das sind also die Punkte, an denen der nach teleo- 
logischem Prinzip arbeitende Körper der Organismen eingreifen muß, um 
die Sinkgeschwindigkeit auf Null zu reduzieren. Daher sehen wir die Form- 
veränderungen, im besonderen die Vergrößerung der Oberfläche bei den der 
Sinkgefahr ausgesetzten Planktonten. Und gemäß der Tatsache, daß die 
Viskosität, also die Tragfähigkeit des Wassers bei 25 « C nur die Hälfte des- 



104 



sen ist wie bei null 
Grad, entstehen so ganz 
im Einklang mit dem 
Funktionsgesetz soge- 
nannte Temperatiirvari- 
ationen, also z. B. die 
Ceratien (Abb. 28), die 
im Winter drei, im Som- 
mer aber vier Hörner 
haben, oder die reizen- 
den Hyalodaphnia- 
krebschen, deren drol- 
liges Helmchen nur in 
der Winterzeit aufge- 
setzt wird, während 
die kleinen Köpfchen 
im Sommer unbewehrt 
sind. 

Die Konvergenz zwi- 
schea Pflanzen (Dino- 
flagellaten) und Tieren 
(Krebsen), die durch 
hundert andere Bei- 
spiele aus dem großen 
Bilderbuch der Plank- 
tologie belegt werden 
könnte, liegt nun auf 
der Hand. 

Es liegt nahe, daß das Denken bei Betrachtung dieser Erscheinung auf 
den Gedanken gerät, auch für die so vielerörterte Mimikry zwischen den 
Organismen die gleiche Erklärung anwenden zu können. 

Unter Mimikry oder schützender Nachäffung versieht man bekanntlich die 
Tatsache, daß Tiere und Pflanzen die Gestalt und die Farben anderer, oft 
sogar unbelebter Dinge annehmen. Daß sie solches tun, um sich vor Nach- 
stellungen ihrer Feinde zu schützen, das war eben die unberechtigte, weil 
ganz willkürliche Annahme des älteren Darwinismus, die der Mimikrytheorie 
so viel Feinde geschaffen hat. Von dieser Annahme und auch von dem Ein- 
wurf, daß nicht alle Tierformen Sehgeschöpfe sind wie wir, sich daher bei 
ihrem oft farbenblinden Auge, ihrem gleich den Ameisen für ultraviolettes 
Licht empfänglichen Sehvermögen und ihrem staunenswerten Geruch von 
dem optischen Bild nicht so täuschen lassen wie der Mensch, wollen wir 
ganz absehen; Tatsache ist, daß die das „wandelnde Blatt" genannte Hcu- 
schrecken(Pterochroza-)arten auf ihren Flügeln bis in die feinsten Lin/cl- 




Abb. 43. Der große Fetzcnfiscli (I'bylloptcryx cques Caihr.) citi Bei- 
spiel vollkommener Schutzaiipassuiijj im Tangwald. OrijjinaUeichnun^'. 



105 



heiten Struktur und Farben von 
Laubblättern, oft sogar welke samt 
den Fraßgängen, Schimmelpilzen und 
Tautropfen imitieren; Tatsache ist, 
daß die Stabheuschrecke (Bacillus) 
einem dürren Zweig zum Verwech- 
seln gleicht, so wie Rindenwanzen 
der Baumrinde, daß die überall zu 
findenden Spannerraupen nicht nur 
Form und Farbe von Stengeln und 
Ästchen haben, sondern auch holz- 
steif, ganz gegen die Art der sonsti- 
gen Raupen ihren Körper nach Art 
von Zweigchen hinaushalten; unleug- 
bar ist es ferner, daß die einhei- 
mische Motte, welche die Zoologen 
Tortrix acellaria nennen, im Ruhe- 
zustand einem Häufchen Vogelkot 
zum Verwechseln ähnlich sieht, und 
daß der südamerikanische Spinner 
Aides Kokons anfertigt, in denen 
Nachahmungen der Schlupfwespen- 
Löcher angebracht sind. Auch im 
Reich der höheren Tiere fehlen Fälle 
von Mimetismus nicht. Der auf Seite 
105 abgebildete Fetzenfisch (Phyl- 
lopteryx eques) lebt zwischen Mee- 
restangen und nimmt ihre Gestalt 
und Farbe an, der Polarfuchs ist 
schneeweiß so wie der Schneehase, 
der Löwe ist wüstenfarben, und der österreichische Zoologe P. Kammerer, 
der den Gedanken der Mimikrykonvergenz auch streifte, hat mir einmal Sala- 
mander gezeigt, die er jahrelang auf dunkler Erde hielt, und die ganz 
schwarz wurden, während die auf hellem Boden orangefarben blieben. 

An den Tatsachen läßt sich also nicht zweifeln. Sehr wohl muß man da- 
gegen, wie im ganzen Problem der Funktionsformen, die aktiven von den 
passiven Anpassungen unter den Schauspielern der Natur trennen. 

Wenn der /4/fifesspinner künstlich die Kokons mit Löchern der Schlupf- 
wespen, die seine größten Feinde sind, ausstattet, so tut er dasselbe wie die 
Maskenkrabben, die den Seetangen ähnlich sehen, zwischen ihnen leben und, 
wenn sie einmal gezwungen sind, auf fremden tanglosen Boden hinaus zu 
wandern, dann ein Seetangstückchen mit den Scheren abkneipen und 
schützend über sich halten. Sie tun dasselbe wie eine Raupe, die zwischen 




Abb. 44. Erdpyramide. Motiv vom Ritten bei Bozen. 
Originalzeichnung. 



106 




Abb. 45. Schema einer Gitterbrücke, die nach dem Prinzip einer Pflanzcnzelle durchbrochen ist, d. h. nur 
entlang den Druck- und Zuglinien feste Elemente enthält. (Vgl. Abb. 31 und 34). Originalzeichnung. 

Knospen lebend, sich auf ihren Stacheln Knospen aufspießt uns sich so mas- 
kiert. Die Wespen handeln tatsächlich nicht anders, wie die Soldaten im 
verflossenen Kriege, die nicht nur ihre Kanonen und Tanks grün anstrichen, 
sondern selbst mimetische Schutzgewänder anzogen. 

Das alles aber ist ein ganz anderes Problem als die Mimikry; es gehört 
in das Kapitel der Intellektleistungen und ist nichts anderes als eine Anwen- 
dung der Kenntnisse von der Mimikry der anderen, die sich ebenso gut 
auch auf der anderen Seite, nämlich bei den Feinden findet. Darum ist es 
gar kein Gegenbeweis gewesen, als man hervorhob, daß die angeblich ge- 
schützten Mimikrysten doch gefressen werden. Daß ein Schwindler durch- 
schaut und verhaftet wird, ändert eben nichts an der Tatsache, daß er doch 
ein Schwindler ist. 



107 




Abb. 46. Die Biotechnik der Tiere. Der Kopf 
eines Fledermausflohes mit kammarligen Ein- 
richtungen zum Zerteilen der Haare seines 
Opfers. Schwach vergrößerte Originalzeichnung. 



Die wahre Mimikry dagegen ist keine 
Intellektleistung, sondern eine funktio- 
nelle Anpassung wie die, daß alles, was 
trägt, zu einer Säule wird, mag das nun 
Eis oder Erde, ein Baumstamm oder das 
Bein eines Storches sein, und mag die 
„bewirkende Ursache" nun die Wärme, 
die mechanische Kraft des Wassers oder 
ein biologisches Bedürfnis heißen. 

Die Erdpyramide, die ich hier (Abb. 
44) habe abbilden lassen, ist eine solche 
Säule. Zu Hunderten stehen sie bei Bo- 
zen, im Wallis und in anderen Gebirgs- 
tälern an Orten, wo in weichen Lehm 
größere Felsblöcke nach Art der in Band 1 
Abbildung 70 dargestellten Breccie einge- 
backen sind. Der Regen und die Schmelz- 
wasser waschen die lösbaren Bestand- 
teile einer solchen Moräne aus. 
Wo ein größerer Block liegt, übt er die Schutzfunktion aus, und die unter 
ihm steckenden Partikel bleiben unversehrt. Je weiter die Erosion fort- 
schreitet, desto ausgebildeter erhebt sich die Säule. Genau so kommen aber 
an den Gletscherrändern die Gletschertische zustande, nur daß hier Eis das 
Material und das Abschmelzen des Eises ohne schattenspendenden Hut die 
bewirkende Kraft ist. Die tragende Funktion läßt aber auch in den Zell- 
elementen eines Baumstammes die funktionierenden nach dem Gesetz von 
Druck und Zug zu bestimmten Systemen zusammentreten, wie der /^OMAr'sche 
Versuch mit Gummi (vgl. Kap. I) bewiesen hat, und verleiht ihnen die 
Säulenform, indem sie sich zu Ringen zusammenschließen, in denen die 
Festigungselemente (vgl. Abb. 31) — Stereome nennt sie der Pflanzen- 
anatom — die Anordnung befolgen, die der Mensch nachgemacht hat, als 
er die Konstruktion der I-Träger erfand. Das Trajektoriensystem in anderer 
Anwendung steht damit vor uns, und vi'enn man eine I-Träger-Gitterbrücke 
(vgl. Abb. 45) aus Eisenschienen erbaut, wissen die wenigsten, daß damit 
eine Biotechnik als Konvergenzerscheinung ins Leben getreten ist. 

So wie das stete Durchkämmen der feinsten Haare den Kopf des Fleder- 
mausflohs zu dem drolligen Kamm, der auf Abbildung 46 vor uns steht, um- 
gestaltet oder die Funktion des Laufens, Schwimmens oder Fliegens die ent- 
sprechenden Gliedmaßen und die Körpergestalt der Läufer, Schwimmer oder 
Flieger, wofür das Tier- und Pflanzenreich in vielen Konvergenzerscheinungen 
ein wahres Album aufschlägt, so veranlaßt das hier der Beurteilung Vor- 
gelegte, um zu seiner Zusammenfassung zu gelangen, den Gedanken wirk- 
lich ernstlich zu erwägen, ob die wahren Nachahmungsfälle denn nicht 



108 



eigentlich bloß Fälle 
ausgeprägter Konver- 
genz sind? Ist es wirk- 
lich so unmöglich, daß 
die gleichen Faktoren 
der Umwelt, die das 
Blatt und die auf Blät- 
tern lebende Raupe be- 
einflussen, beide in ge- 
wisse ähnliche Gestal- 
tungen bringen? Für 
eine Anzahl der noch 
nach der obigen Kri- 
tik bestehen bleibenden 
Mimikryerscheinungen 
muß diese Erklärung 
ohne Zweifel zutreffen. 
Allerdings ist es eine 
ihrer Konsequenzen, die 
mit in Kauf genommen 
werden muß, daß dann 
eine Art Mimikry auch 
im Unbelebten vorkom- 
men müßte. Nun gibt 
es Derartiges tatsäch- 
lich, und man hat nur 
nicht genügend darauf 
geachtet. Die Überein- 
stimmung von Erdpy- 
ramide und Gletscher- 
tisch ist nichts ande- 
res; Rundhöcker, ent- 
standen durch abschleifendes Eis (Abb. 3), und Gerolle, hervorgerufen durch 
abscheuerndes Wasser (Abb. 6) sind echte Mimikryformen, auch die Kugcl- 
form der Sandkörner und der sich im Winde zurechtschleifendeii Eiskörner 
oder die der schönen rundhöckerigen Wolken des Cumulustypus, der von 
den Luftströmungen zurechtgebosselt wird. Die Wellenzüge des bewegten 
Meeres und die aus Erdkrustenbewegungen hervorgegangenen Wcllcnzüge 
der Gebirge (Abb. 9), die von manchem Aussichtsberg so unabweislich ins 
Auge fallen, dazu die Wellenzüge der Dünen und Barchane im großen 
(vgl. Bd. I Abb. 68) und der Rippelmarken im kleinen — das alles sind 
Fälle von Mimikry im Anorganischen. Und es ist nur die notwendige Be- 
schränkung auf das Wesentliche, die mich abhält, ln"er Hundertc von Fällen 




Abb. 47. Ein Blutenstand von Ceropegia Sanilersoni. Die Corolla i>t 

zu einem Regenschutzdach geworden, das die Niederschläge von den 

tief an der Basis der Blütenröhre stehenden Staubblättern abh.ilt. 

Originalzeichnung. 



109 



zusammenzustellen, die sich bis auf die „Mimikry^^ im molekularen und ato- 
maren Bau (Isomerie!?) erstrecken könnten. Ob nun das Mimikryproblera 
mit der Konvergenzerscheinung restlos geklärt ist oder nicht, Tatsache ist, 
daß das Konvergenzphänomen (für das die objektive Philosophie der Wissen- 
schaft erst die Augen richtig zu öffnen heißt) von ungeahnter und allge- 
meiner Verbreitung als eine Konsequenz des Funktionsgesetzes ist. 

Nach dieser Vorbereitung hat man denn erst auch das richtige Verständ- 
nis, daß auch alle technischen Leistungen, mögen sie nun der zellulären, der 
histologischen oder individuellen Integrationsstufe entstammen, auch zu 
Konvergenzerscheinungen fähren müssen. 

Die vielen, deren Aufmerksamkeit die Biotechnik bisher erregt hat, haben 
wohl die Bilder und nicht ableugbaren Beispiele mit Erstaunen gemustert, als 
sie sahen, daß das Herz eine Pumpe ist, die Pflanze Wasserleitungsröhren 
besitzt und die Ahornfrüchte Propellerflügel, der Haifischschwanz ebensogut 
eine Propellerschraube ist wie gewisse Flagellaten im ganzen, daß der innere 
Bau des Ohres (Abb. 8) ein Saiteninstrument ist, daß gewisse Pflanzen Honig- 
sporne in Form von Trinkhumpen (Abb. 25) und Regenschirme (Abb. 47) 
besitzen, daß die Gelenke der Tiere und die Kugelgelenke der Mechaniker 
identisch sind (Abb. 38), die Bienen ganz ähnliche Schutzwälle aus Wachs 
(Abb. 48) um ihr Flugloch aufführen wie gewisse Pflanzen um ihre Tran- 
spirationsöffnungen, sie haben sich ungläubig und mit Recht mißtrauisch 
gegen eine Behauptung von so ungeheuerer Tragweite auch gesagt: Zu- 
fälle können so viele und so frappante Übereinstimmungen doch nicht alle 
sein. In dem Werk über die technischen Leistungen der Pflanzen sind rund 
hundert Erfindungen angeführt, die sowohl dem Prinzipe nach im Pflanzen- 
leib wie in der menschlichen Technik verwirklicht sind, und wenn ich, der 
ich kein Techniker, sondern Biologe 
bin, auch manches nicht richtig ge 
deutet und mißverstanden haben mag 
im guten wie im schlechten Sinn, so 
sieht man doch daraus, sowie aus 
der praktischen Anwendbarkeit mei- 
ner daraus gezogenen Vorschläge, 
daß in diesen Dingen ein Gesetz 
walten muß, um das sich die Mensch- 
heit mit allen Kräften bemühen soll. 
Ob sie nun die Art des Denkens, die 
ich von da ab eingeschlagen habe, 
rechtfertigt oder nicht, ob sie die ob- 
jektive Philosophie annimmt oder 
andere Konsequenzen aus diesen Tat 

Sachen zieht als ich, darüber kann Abb. 48. Flugröhre brasilianischer Bienen an einem 

man nie mehr wieder hinwegkom- ^^""^ ^'^ '"'^S^JSlZt^"'^^''' 




110 



men: daß die zellulären und histologischen Bauten und Leistungen der 
Protoplasten und Organe dieselben mechanischen Zusammenhänge auf- 
weisen wie die von den Tierindividuen und von den Menschen primitiver 
und kultivierter Art verwendeten Geräte, Mechanismen, Schutzbauten, Waf- 
fen, Maschinen, überhaupt Einrichtungen materieller und geistiger Art, daß 
sich also die einen ganz gut als Vorbilder für die anderen eignen. 

Es liegt hier eine Konvergenzerscheinung größten Maßstabes vor, und die 
gesamte Kultur erscheint nur als eine Fortsetzung und Kopie der natürlichen 
Gesetze, soweit sie Haltbares, Zweckmäßiges, Lebensförderndes hervorbringt. 

Jede Kritik der Biotechnik und damit der objektiven Philosophie, aus der 
sie folgerichtig abgeleitet ist, muß sich, wenn sie die Lehre treffen will, 
gegen diese Sätze wenden; alle anderen sind nebensächlich, können fallen, 
weggenommen, durch andere ersetzt werden, ohne daß dadurch die Bio- 
technik ins Wanken gerät und mit ihren Konsequenzen aufgegeben zu wer- 
den braucht. Ich wiederhole gegenüber gewissen Kritikern der Biotechnik, 
daß es für die Richtigkeit des biotechnischen Gedankens gar nichts aus- 
macht, ob der Tragmodul des Stahles den von lebensfrischem Bast über- 
trifft oder nicht, ob die Hydathoden wirklich nach dem Prinzip der Feuer- 
spritze, also einer hydraulischen Presse oder nach dem einer anderen Ma- 
schine arbeiten, ob die Dinoflagellateneinrichtungen durch die Turbinen 
nachgemacht sind oder vielleicht noch gar nicht in der menschlichen Tech- 
nik existieren, „ob die Ozeandampfer relativ schneller fahren" oder die 
schifförmigen Flagellaten (das etwa sind die Einwände, die mir bisher gegen 
die Biotechnik zu Gesicht gekommen sind»«). Das alles sind nebensäch- 
liche Einzelheiten; wichtig und wesentlich dagegen ist, daß eine allgemeine 
und erstaunlich große Konvergenz zwischen Einzeller, Gewebe, Pflanze, 
Tier und Mensch in den „Funktionsformen" besteht. 

Eine alte Gelehrtenanekdote sagt zwar, daß wenn die Menschen eine neue 
Idee nicht mehr als staatsgefährlich (als Pythagoras seinen Lehrsatz fand, 
opferte er den Göttern eine Hekatombe Ochsen, seitdem zittern alle Ochsen, 
so oft etwas Neues entdeckt ward) empfinden, sie zu schreien pflegen, das 
Neue sei nicht wahr, und wenn ihnen das auch widerlegt wird, dann sagen 
sie: die Sache sei ja alt! 

So wird man denn im letzten Stadium des Kampfes wider die objektive 
Philosophie und ihres Abkömmlings auch sagen: durch Simon Schwendencr 
(schon 1871), durch Culmann und andere, durch die funktionelle Anpassung 
überhaupt, sei der biotechnische Gedanke längst geschaffen worden. Ich 
verneige mich respektvoll vor jedem meiner Vorläufer, freue mich aber trotz- 
dem dessen, daß die Menschen nicht mehr länger zugewartet haben mit 
jenen Ansätzen wirklich Ernst zu machen, sie in lebendige Wirkung zu über- 
setzen und sie in eine Philosophie einzuordnen, und daß gerade ich es war, 
dem das vergönnt gewesen, und der auch schon mit Früchten dieses Ver- 
dienstes einigermaßen belohnt zu werden beginnt. Nun aber hoffe ich, daß 

111 



man es nicht mehr übersehen wird, welch frappante Konvergenz zwischen 
dem Menschen und den ihm untergeordneten Integrationsstufen besteht. 

Man wird von nun an eben endlich sehen, daß der Arm des Menschen und 
die Werkzeugmaschinen nach ein und demselben Prinzip gebaut sind (Abb. 38), 
daß der Arm aber als natürliches Hammerwerk mit seinen Muskeln ganz 
anderes leistet als die Maschinen [die Wadenmuskeln des Menschen sind z.B. 
imstande 5000kg zu heben (V. Graber)]. Man wird hoffentlich einsehen, 
warum der Mensch erst dann „fliegen" konnte, als er die Gesetze der Flug- 
maschinen der Natur auf seine Sonderverhältnisse anwendete. Die Idee des 
Lenkballons ist trotz aller Zeppeline nicht die optimale; die vielen Zeppelin- 
unfälle beweisen es, und eines Tages wird man die Lenkballone wieder auf- 
geben, zum mindesten nur für bestimmte Sonderzwecke verwenden. Denn 
der Lenkballon löst die Bewegungsproblematik für die Luft so wie es die 
Biotechnik in den später abgebildeten Siphonophoren und mit Gasblasen 
schwebenden Spaltalgen für das Wasser gelöst hat. Die Gesetze, welche das 
„Naturgeschehen" zwangen, andere Wege zu gehen, werden daher auch das 
Menschenschaffen dazu zwingen. Dagegen ist O. Lilienthals Werk über den 
Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst ein unverfälscht biotechnisches 
Werk gewesen, und bekanntlich baut sich alle Aviatik auf diesem unglück- 
lichen Berliner auf. Schon die eine Tatsache, daß die Flugmaschine zum 
horizontalen Flug nur Vn der Arbeit des Luftballons bedarf (K. Steiger), 
entscheidet den Wettkampf zwischen beiden definitiv. Tatsächlich hat man 
die Rumplertaube genau nach den Samen der Zffwow/flpflanze konstruiert 
auf Grund der Angaben, die das Göttinger botanische Institut lieferte. 

Die 62 Prozent der Tierwelt, die außer den Pflanzensamen das Fliegen 
gelernt haben, worunter allein 248000 Insekten- und 12 000 Vogelarten sind, 
haben dieses Problem besser gelöst als der Mensch, der, wie der französi- 
sche Großmeister der Aviatik, Bleriot im Jahre 1909 ganz richtig sagte: in 
erster Linie dabei die Vorgänge in der Natur so getreu als möglich kopieren 
mußte und sich namentlich die Eule, die Pflanzensamen und die Libelle als 
Modell wählte, mit dem Endresultat: je vogelhafter seine Maschine sei, 
desto besser sei es auch für ihre Leistung. Man lasse sich dabei nicht irre- 
führen, daß der Mensch keine Flügelbewegung, sondern Schrauben anwendet. 
Die Schraube funktioniert (vgl. Anmerkung 40) genau wie der Niederschlag 
des Flügels, und die Gleitflächen des Flugapparates sind letzten Endes 
nichts anderes als steife Flügel zum Gleitflug, der nebst dem Segelflug auch 
für den Vogel die ausschlaggebende Leistung ist. In höheren Luftschichten 
segeln alle Vögel, da jeder angeblich horizontale Wind doch 3— 4° Neigungs- 
winkel besitzt (Lilienthal); mit anderen Worten sie machen biotechnischen 
Gebrauch von den Gesetzen der schiefen Ebene, genau so wie der Mensch. 
Nur ist dieser noch nicht so weit gekommen im Fliegen wie seine Vorbilder, 
wofür die ungeheuren von den Ringversuchen der ^ Vogelwarte Rossitten 
nachgewiesenen Flugleistungen der Zugvögel das beste Zeugnis sind. Flug- 

112, 




Abb. 49. Die Kleinwelt des Süßwassers 

Technische Einrichtungen heimischer Süßwassertiere und Pflanzen. Das Blascnkr.iut (l'tric\ilaria), 
links, bildet an seinen Blättern zum Tierfanjr eingerichtete „Blasen" mit vcntilartiKcn Klappen. 
Die Wasserspinne (Argyroneta aquatica), rechts oben, füllt eine von ihr verfertigte „Taucher- 
glocke" mit Luft, um darin unter Wasser lauern zu können. Die Larven der Köcherflicgen (Phry- 
ganceen), am Boden, bauen aus abgebissenen Pflanzenstengeln, Sand- oder Quarzkörnchen und der- 
gleichen zum Schutz Gehäuse, in denen sie umherwandern. Original von C. Winkler 




ibb. 50. Rückschreitende Erosion. Auflösung eines Wasserfalls in eine Reihe 
von Fällen. Motiv vom Kesselbachwasserfall bei Kochel in Bayern. Onginal- 

aufnahme 



leistung vieler tausend Kilometer (Rossitten bis Afrika) sind einwandfrei 
beobachtet worden.") Übertroffen hat der Mensch solche Flugleistungen 
keineswegs, die, wie GouLd berichtet, einem Riesen-Sturmvogel vom Kap der 
guten Hoffnung bis Tasmanien drei Wochen hindurch in Kreisen ein Schiff 
zu begleiten erlaubten. 

Man wird hoffentlich jetzt dazu gelangen, das Werk der Tiere und Pflan- 
zen bewußt fortzusetzen, das schon längst in angewandter Biotechnik be- 
steht, um Nahrungs- und Schutzbedürfnisse zu befriedigen, sich vor Feinden 
zu schützen, sogar das Leben heiterer und reicher zu gestalten. Es gibt schon 
längst eine höhere Integrationsstufe von Biotechnik, die eigentlich nichts an- 
deres als die Kultur- und Kunstgeschichte der Tierwelt ist, die tausendmal 
beobachtet und erforscht, in hundert Monographien dargestellt und merkwür- 
digerweise noch niemals durch ein geistiges Band mit der menschlichen ür- 
und Kulturgeschichte verknüpft wurde, trotzdem diese die gerade Fortsetzung 
dieser Linie, nichts als ihre endlich bewußt gewordene Entfaltung ist. 

Wieder zwingt der Reichtum des Seienden hier, den Inhalt von Büchern 
auf Seiten zusammenzupressen, und nur erinnern kann ich daher daran, daf» 
gemäß dem biotechnischen Konvergenzgesetz genau nach den Prinzipien der 
cyto- und organogenetischen Leistungen, die z. B. die Waffen der Pflanzen 
allein bestimmen, die Tiere prinzipiell die gleichen Mittel als Waffe anwen- 
den. Ein Beispiel möge hierfür an Stelle von vielen stehen. Die Brennessel 
(Urtica) schützt sich durch Brennhaare, die ein kleines mehrzelliges Organ 
nach dem Prinzip einer gläsernen Phiole voll Schlangengift sind. Genau 
dasselbe Mittel, nämlich ätzende und brennende Drüsensäfte, wenden die 
Medusen im Meere an. Aber die Äolidier unter den marinen Nacktschnecken 
gehen einen Schritt weiter und üben mit dem Vergiften der Feinde eine aktive 
Biotechnik. Sie fressen nämlich nesselnde Polypen, nehmen sie in Darm- 
blindsäcke auf, die sie bei Angriffen ihren Gegnern entgegenstrecken, damit 
sie danach schnappen. Das ist zugleich ein Fall von Anwendung von Werk- 
zeugen im Tierreich, die zwar nicht häufig, aber der definitive Beweis dafür 
sind, daß man die Anfänge der technischen Kultur wirklich, wie H. Spencer 
wollte, im Tierreich finden kann. Die anderen berühmten Belege dieser Be- 
hauptung sind die von F. Doflein beobachteten Weberameisen, die spinnende 
Puppen verwenden, um Blätter zusammenzuheften, die kleine Raubwcspo 
(Ammophila), die mit einem Kieselsteinchen in den Mandibein den Boden 
stampft und glättet, in dessen geheimem Gang sie ihre Nachkommenschaft 
verborgen hat, und der Affe, der sich eines Stockes bedient und auch in 
der Wildnis mit Steinen wirft. Hierher gehören auch die entzückenden 
Laubenvögel (Ptilonorhynchus holosericeus und Chlamyderas maculata), die 
Tanzsäle erbauen, um erotische Bekanntschaften zu schließen. In diesen 
Gebäuden sind die Prinzipien der Statik richtig angewendet, es sind auch 
die Erfindungen verwendet, die zum Dachbauen, Tapezieren, Legen von 
Bodenmatten gehören. Ja, hier beginnt zum erstenmal wirkliche gewollte 

Franci, Bios H ^ 

113 



Kunstausübung, denn sie schmücken diese Tanzhäuser mit bunten Lappen, 
Federn, sie suchen auch glitzernde Steine, überreichen solche den Weibchen, 
die dadurch ebenso geködert werden wie menschliche „Tanzweibchen" durch 
Brillanten (Schomburgk). 

Offen ist hiermit das unermeßliche Museum tierischer Kunstfertigkeiten. 
Man denke nur an den Nestbau der Vögel, Fische, Säuger, an die Leistungen 
der solitären und sozialen Immen, an die Kultur der Ameisen und Termiten 
mit ihren Häusern, Städten, dem Bau überwölbter und gepflasterter Straßen 
(vgl. Abb. 48), der Züchtung von Pilzkohlrabi, der Haltung von Blatt- 
läusen als Milchkühe, an die Ameisengäste, den erwiesenen Getreidebau 




Abb. 51. Primitive Lehmburgen in Innerafrika, die sich von der Konstruktion von Ter- 
raitenbauten nur durch die Rohrbedachung unterscheiden. Nach Heinrich Barths Zeich- 
nung vom Dorfe Duna. 

gewisser Arten, an die Brotbereitung, an ihre Trillersprache, an die von 
Prof. V. Fritsch neu entdeckte Bienensprache, um zu ermessen, was der Be- 
griff der untermenschlichen aktiven Biotechnik alles umfaßt. 

Die Tiere gebrauchen die Gesetze der Mechanik, Dynamik und Statik, 
die sich in den biotechnischen Leistungen der Zellen und Gewebe kund- 
geben, und sie arbeiten nach denselben Prinzipien, nach denen die Menschen 
ihre Kulturwerke schaffen. Die sozialen Insekten besitzen auch Kulturen, 
in deren Bann sie leben, so wie die Völker in den ihrigen. Zwischen einem 
Termitenbau und den Lehmburgen der afrikanischen Szolaleute in Togo ist 
kein prinzipieller Unterschied, und wie ähnlich sind doch diese (Abb. 51) 
den Befestigungswerken des europäischen Mittelalters, von denen sie un- 
zweifelhaft unabhängig entstanden sind. Dabei sind solche aktive Bio- 
techniken keineswegs das Privileg gewisser höchstentwickelter Ausnahms- 
wesen, sondern kennzeichnen mehr oder minder alle Insekten, ja sie be- 
ginnen schon bei den Einzellern. Die kleinen Wurzelfüßler, die in jedem 



14 



Ackerboden und im Humus des Waldes ihr stummes Spiel treiben (vgl. 
Abb. 23), bauen sich aktiv mit Hilfe ihrer glasklaren, beweglichen Schein- 
füßchen ein Gehäuse, zu dem sie Quarz- und ülimmersplitter zusammen- 
suchen, um sie zu kunstgerechten Mosaiken zur Verstärkung der Wand des 
Häuschens dort anzukleben, weshalb man ihnen mit Recht den Namen 
Mosaiktierchen (Dijjlugia) gegeben hat. 

Von dieser Stufe zum Eolithen, zum Schaber und Kratzer und zum Stein- 
beil des Steinzeitmenschen war nur ein Schritt. Wieder werden im Waffen- 
handwerk, auf der Jagd, im Wohnbau, Nahrungserwerb, in Tänzen, Ge- 
sängen, Sprache, Schmuck und Kleidung dieselben Prinzipien angewandt, 
die in der Funktion des Plasmas von jeher gegeben waren, und die heutige 
Kultur des Menschen ist nur das Ende einer Kette, die mit den Winden, 
den Wellen, den Gestirnen und Himmelsnebeln begann und von uns jetzt, 
wo wir die ganze Reihe bis zu ihren Ursprüngen überblicken, als das Wclt- 
gesetz der Funktion erkannt wird. Vom Anorganischen bis zu den Vor- 
bildern im Bienenstaat (Abb. 48) und Ameisennest hat der Mensch in 
seinen technischen Leistungen stets nur die Natur kopiert, und — was viel 
wichtiger ist — er kann prinzipiell nie etwas anderes machen. 

Es gibt eine Anzahl scheinbar höchst komplizierter Techniken, auf denen 
Wissenschaften und große Industrien beruhen, deren Grundgesetz trotzdem 
in den einfachen Naturvorgängen des Alltags verwirklicht ist. Daß die Spek- 
tralanalyse und alle Anwendungen des Spektrums nur Nachahmungen der 
Gesetze sind, die sich im Regenbogen äußern, wurde schon erwähnt. Daß 
aber beim Anblick der marmorglatten Wände im Becken eines Wasserfalles 
(vgl. Abb. 50), wo sich der Wassergischt und die Steine im Kreise drehen, 
jemals einer auf den Gedanken geraten wäre, daß ihm damit das Modell 
einer Schleifmühle und eines Polierwerkes verraten sei, ist doch wohl nicht 
vorgekommen. Und doch ist es so. Auch aus dem Golfstrom hat noch nie- 
mand die Konsequenz gezogen, daß sich durch zirkulierendes heißes Wasser 
eine Warmwasserheizung einrichten läßt. Stets hat sich bisher die Mensch- 
heit auf den Zufall, diesen großen Helfer des Technikers, verlassen, dem, 
wenn man die Geschichte der Erfindungen studiert, bisher fast alle die 
großen bis auf ihr Werden zurückverfolgbaren Erfindungen zu danken sind. 
Der Ausgang der Magd von James Watt, der ihn zum Hüter des Koch- 
topfes werden ließ, an dem er dann merkte, wie der Dampf den Deckel 
lüpfte, dieses Histörchen zur Entdeckung einer der folgenschwersten aller 
Erfindungen, oder die Legende vom zufällig Schwefel, Salpeter und Kohle 
reibenden Berthold Schwarz, sie müssen nicht wahr sein und verkünden 
doch eine große Wahrheit, nämlich die jämmerliche Geistesverfassung des 
Menschengeschlechts, das hungernd und frierend in der großen Nacht steht 
und sein Schicksal, seine Lebensverbesserung wie ein Lazzaroni dem Zufall 
in die Hand gibt. Der andere Faktor in der Erfindungsgeschichte war da- 
gegen stets die meist vergessene und nur widerwillig zugestandene Nach- 

115 



ahmung der Natur, also die Biotechnik. Wenn man die natürlichen Gräben, 
welche die Erosion schafft (Abb. 4), künstlich als Kanal mit leichtem Ge- 
fall nachahmte, dann war das ebenso Biotechnik, wie man sie in von 
Lilienthal und Bliriot eingestandener Weise bei der größten Erfindung der 
Gegenwart: der Fliegetechnik übte. Und in der Urzeit hat der Mensch — 
man denke nur an die Gärung, die Pfahlbaudörfer, das Zaungeflecht und 
derlei mehr — seine Technik den Tieren einfach abgesehen und sie gleich 
ihnen verbessert. 

Errechnen und berechnen kann man nur die Verbesserungen und neuen 
Anwendungen, aber alle großen Erfinderideen, gerade die größten sind 
allem Rechnen entrückt, außer in der Nachprüfung, die aber durch die 
Praxis sicherer ausgeübt wird, wie die Erfindergilde schmerzlich genug 
weiß. Diesem menschenunwürdigen Kulturzustand wird nun die objektive 
Philosophie für immer ein Ende machen. Das ist heute vorläufig ihre 
wichtigste Bedeutung. 

Durch die Biotechnik wird die Möglichkeit, das Leben optimal zu ge- 
stalten, unvergleichlich erweitert. Ausgeübt werden Techniken von dem ganzen 
Weltall, das hat sich durch die vorhergehenden Betrachtungen sichergestellt. 
Schon die Million verschiedener organischer Formen, die man kennt, allein 
birgt in sich eine solche Fülle technischer Probleme, daß ganze Generationen 
von Forschern dadurch immer noch mühelos Entdeckungen machen werden 
einfach dadurch, daß sie sie beschreiben und nachrechnen. Dabei ist die 
Sachlage so, daß alle diese technischen Lösungen grundsätzlich optimale 
Lösungen sind, denn es gehört erstens an sich zum Wesen der Funktion, 
daß sie nicht ins Sein tritt, bevor nicht ihre wesentlichen Vorbedingungen 
erfüllt sind, zweitens sorgt der stete funktionelle Wettbewerb dafür, daß 
nur jene Einrichtungen erhalten bleiben, die den schärfsten praktischen 
Prüfungen gewachsen sind. Die Prüfungsabteilungen der Patentämter sind 
durch die Bedingungen der Natur noch bei weitem überboten. 

Das Zeitalter der Erfindungen liegt also keineswegs hinter uns, sondern 
die größten und allgemeinsten Erfindungen sind erst noch zu machen. Sie 
werden auch gemacht werden, aber auf keinem anderen Wege als auf dem 
der Biotechnik, die die materielle Existenz der Menschen auf neue Grund- 
lagen stellen wird. 

Damit scheint dieser Gegenstand für denjenigen abgeschlossen, dem es 
um eine Erkenntnis der Gesetze der Welt zu tun ist. Aber das ist nur 
scheinbar so. In Wirklichkeit beginnt die wahre Bedeutung des Gesetzes, 
das hinter der Biotechnik steht, so richtig erst in dem Augenblick, in dem 
man es von den materiellen Dingen auf die geistigen Leistungen überträgt. 
Denn es ist doch klar, daß, so wie auch die Sinnesfunktionen nichts als 
Biotechniken sind, auch die auf ihnen beruhenden seelischen Funktionen dem 
gleichen Gesetz Untertan sein müssen. 

Betrachtet man irgendein beliebiges Sinnesorgan des Menschen, der Tiere 

116 



oder der Pflanzen, in welchem Kreise es bis hinunter zu den Einzellern 
(vergleiche Band I Abbildung 79) alle denkbaren Abstufungen gibt, so wird 
man finden, daß es das teleologische Prinzip, das jeder Technik zugrunde 
liegt (Technik bedient sich wohl der Mechanik, geht aber ihrem Wesen 
nach über diese hinaus), deutlicher denn sonst erkennen läßt. Wählen wir 
als Beispiel das Ohr (Abb. 8) des Menschen, so mag an diesem etwa Fol- 
gendes auffallen. Schon die Windungen der Ohrmuschel sind ein Apparat, 
um die Schallwellen optimal auf das Trommelfell zu übertragen. Es ist er- 
staunlich, daß man wohl wiederholt durch Zufall (Ohr des Dionysos) Ge- 
bäude nach diesem Grundsatz errichtete, nicht aber Konzertsäle, Theater, 
Vortragsräume, Schulen so baut, daß das Publikum im „Tympanon" sitzt, 
oder daß es noch niemandem eingefallen ist, an dem Schalltrichter des Tele- 
phons für Ferngespräche diesen Gedanken anzuwenden, um diese , .hörbarer" 
zu machen. Die Schallwellen kommen wahllos vom Trommelfeil durch die 
Vermittlung der Gehörknöchelchen (deren Biotechnik noch ganz dunkel ist) 
an die Flüssigkeit, welche die Schnecke (s. d. Bild) erfüllt. Die Flüssigkeit 
gerät wieder durch die Übertragung in Schwingungen, die jede Frequenz 
von eins bis zu vielen Tausenden in der Sekunde aufweisen müssen. Nun 
ist, um im Jargon der Histologen zu sprechen, an der tympanalen Wand des 
Ductus cochlearis das Epithel des Ganges zu einem Neuroepithel von ganz 
bestimmtem Bau umgestaltet (das Organon spirale, gemeinhin als Corü- 
sches Organ bekannt). In diesem innersten Gehörorgan ist nur das Binde- 
gewebe der Träger der eigentlichen Funktion. Es ist nämlich die Membrana 
basilaris, die eigentliche bindegewebige Unterlage (die letzten Endes bloß 
ein Periost ist) aus starren geraden Fasern aufgebaut, die sich zwischen 
dem Ligamen spirale und Labium tympanicum ausspannen. Diese 13 000 bis 
24 000 CorWszhtn Fasern *2) sind das schon einmal erwähnte Harfenvor- 
bild. Sie geraten in Schwingungen, und diese werden — um von unwesent- 
licheren Einzelheiten des enorm komplizierten Organs abzusehen — von 
dem Sinnesepithel der „Haarzellen" aufgenommen, die innig mit den Fasern 
des Ramus cochlearis nervi acustici, die an ihnen enden, verbunden sind. 
Der Acusticus (Gehörnerv) führt dann bekanntlich ins Gehirn. 

Die Gehörempfindung wird nun nach den unbestrittenen Untersuchungen 
von Helmholtz^^) als eine Resonanz, also ein Mitschwingen aufgefaßt, bei 
der sich die oben erwähnten Fasern der Basilarmembran wie verschieden 
abgestimmte Resonatoren, also wie schwingende Saiten verhalten. Sie sind 
abgestimmt (wie der Kohärer in der drahtlosen Telegraphie) durch ihre ver- 
schiedene Länge auf bestimmte Eigentöne; jede Faser wird durch den ihr 
zukommenden Ton in Mitschwingungen versetzt, diese werden vom Nerv als 
Reiz wahrgenommen. Man hört demnach nicht die Wellen der Luft, son- 
dern nur eine von unserem Ohr vorgesehene und auch vorgeschriebene Aus- 
wahl. Darum ist das Unterscheidungsvermögen für Töne von Mensch zu 
Mensch verschieden (daher die Unterschiede der musikalischen Begabung). 

117 



So ist es auch erklärlich, warum auch mit dem allerbesten Gehör ein 
Schwingungsunterschied von 10 oder 20 Schwingungen, im oberen Bereich 
der musikalisch verwandten Töne Unterschiede von 800 Schwingungen 
(Schäfer, Guttmann) gar nicht wahrgenommen werden. „Gehör" bedeutet 
also nicht Feststellung wirklicher Qualitäten des Weltenseins, sondern nur 
die Konstatierung: „ich habe diese oder jene Struktur", die ich erworben 
habe, um über die für meine Zoesis wichtigen Geräusche orientiert zu sein. 
Und genau so verhält es sich nach der Erkenntnis von der Spezifizität der 
Sinneswahrnehmungen auch mit dem Sehen, Tasten, Fühlen, Schmecken, 
kurz mit dem gesamten Erleben der Außenwelt. Man erlebt sich und pro- 
jiziert sein Erleben und dessen Verknüpfungen als Welt. Das ist alles frei- 
lich nicht neu, mußte aber hier aufgefrischt werden, um das Verständnis für 
geistige Biotechnik richtig erwecken zu können. 

Sinnesorgane sind Einrichtungen zur „Weltselektion^' im Dienste der 
Zoesis. Daran wird man nach dem Ausgeführten nicht zweifeln können. 
Mit ihnen verbunden aber ist eine andere technische Einrichtung des Kör- 
pers, die in ebenso vielen Integrationsstufen wie die Sinnesorgane selbst, 
durch die ganze Organismenkette hindurch vorhanden ist. Im Einzeller 
sind die Sinnesorganellen wie Geißel und Stigma durch fibrilläre Differen- 
zierungen mit dem Zellkern verbunden, in der höheren Pflanze sind teil- 
weise Reizleitungsstränge (Nemec, Fenner) bekannt geworden, teilweise der 
Zusammenhang zwischen Reizbeantwortungen (als Anzeichen von Sinnes- 
funktion) und der Unversehrtheit gewisser Teile, wie der Narbe oder der 
Vegetationskegel"). Wenn also auch kein Gehirn vorhanden ist, so scheinen 
doch Reflexzentren vorhanden zu sein. Bei den Tieren üben schon im 
Kreise der Coelenteraten (schon bei den Medusen), gewisse Zellen die Tech- 
nik der Umsetzung der Reize in Reizhandlungen aus. Man nennt sie Gang- 
lien oder Nervenzellen (vgl. Abb. 33) und kann nun bei dem Studium der 
vergleichenden Anatomie mit größtem Interesse Schritt für Schritt ver- 
folgen, wie sich die im Körper eines Süßwasserpolypen (Hydra) noch ganz 
zerstreut stehenden Ganglienzellen zu Nervenknoten, zu einem Schlund- 
ring, zu einem Bauchmark, vereinigen, von dem aus Leitungsfasern alle 
funktionierenden Organe kontrollieren; man sieht, wie eine Arbeitsteilung 
einsetzt, jedes Organ seinen Ganglienknoten erhält, die sich einander ko- 
ordinieren und subordinieren, wie das supraoesophagale Ganglion allmäh- 
lich immer mehr ein Primat erhält und sich als Gehirn (vgl. die Abbil- 
dungen der Rädertiere Abb. 33 und Band I S. 82) dann zum Zentralorgan 
des gesamten Nervenlebens aufschwingt. 

Da man an zahllosen Anzeichen, als Reflex, Instinkt, Triebhandlung, als 
Sprache und Kunstfertigkeit, bei den Mitmenschen auch als Intellekthand- 
lung, geistige Betätigung, im eigenen Icherleben endlich als bewußte Emp- 
findung, Wille, Gefühl, Gedanken, Bewußtsein die Funktionen dieser 
Nervenzellen erlebt, so zweifelt man nicht mehr daran, d-aß das seelische 

118 



Leben auch eine Funktion des plasmatischen Lebens sei. Auch haben Aus- 
fallserscheinungen bei teilweiser Zerstörung gewisser Ganglien über die 
Lokalisation dieser Funktionen Klarheit gewinnen lassen, und so hat sich 
eine ganze große Wissenschaft: die Gehirnphysiologie und die Psycho- 
logie aufgebaut, von denen die erstere den Zusammenhang zwischen physi- 
kalischen Änderungen und den Leistungen, die andere den Oesetzes- 
zusammenhang der Leistungen erforscht. 

Es bedarf dessen gar nicht, sich in die dichtverschlungenen Irrpfade dieser 
Wissenschaften zu verlieren, sondern es genügen einige einfache Erwägun- 
gen, um zu erkennen, daß schon bei dieser unanzweifelbaren und de facto 
auch nicht angezweifelten Sachlage der Wille, die Vorstellungen, die Ge- 
danken Funktions formen einer lebendigen Betätigung sind, weshalb auf sie 
logischerweise die Gesetze der Funktionsformen, unter anderem auch die 
der Biotechnik zutreffen müssen. 

Dieser einfache Satz hat verschiedene Konsequenzen von außerordent- 
licher Tragweite. Wenn z. B. Schopenhauer, mit dem die objektive Philo- 
sophie durch manche grundlegende Überzeugung verbunden ist, den Willen 
als Grunderscheinung des Weltphänomens fassen und der Welt als das 
„Ding an sich" gegenüberstellen will, verstößt er gegen das Funktions- 
gesetz. Diese Behauptung des großen Frankfurter Philosophen von dem 
Primat des Willens ist keine Notwendigkeit, sondern entspringt der Will- 
kür. Ihr kann der objektive Philosoph nicht unbedingt folgen, für ihn ist 
sie eine Versuchshypothese. So ordnet sich notwendigerweise auf Grund 
dieser Erwägungen das gesamte geistige und damit kulturelle Leben dem 
Rahmen der Welt und ihren Gesetzen ein, damit auch der Wille, der nur 
eine Funktion des Lebens ist. Man mißverstehe nicht, es wird hier nicht 
die theoretische Unmöglichkeit jeder Metaphysik behauptet. Denn ebenso- 
wenig wie für meine Denkungsart das Vorhandensein eines allgemeinen 
Willens in der Natur eine Notwendigkeit ist, ebensowenig empfindet sie 
den Zwang, die Wiederkehr geistiger Fähigkeiten und damit auch des 
Willens für die suprahumanen Singulationen zu bestreiten. Der objektiven 
Philosophie ist das Gebiet des geistigen Lebens aber nur das einer Psycho- 
technik, weshalb sie von den Geisteswissenschaften und dem Kulturleben, 
also von dem Menschen in seiner Lebensführung fordert, sich den Gesetzen 
des Biotechnischen als Teil der Weltgesetze zu unterwerfen. Sie lenkt den 
Blick darauf, daß man hier der tiefsten Wurzel nachgraben kann, warum 
das Psychische auch das Teleologische kat exochen*) ist (das psychische 
Problem ist überhaupt nichts anderes als das teleologische Problem); sie 
fordert von ihren Anhängern für das Geistesleben die gleiche Betrach- 

*) Die biozentrische Beschaffenheit des Intellekts, d. h. die Notwendigkeit, alles 
Erleben in Beziehung zum Ichgefühl zu bringen, zwingt zur teleologischen Methode, 
nämlich zu einer Betrachtungsweise des „als ob", aus der au:h die entsprechende 
Handlungsweise aller „Personen" folgt, deren Seinsprozeß ja auch biozentrisch abläuft. 

119 



tungsweise wie für das Naturdasein und erklärt diese Forderung mit der 
soeben klargelegten Sachlage.*) Ein so wichtiger Punkt ist damit für 
unser Denken erreicht, daß ich nicht umhin kann, nochmals mit der größt- 
möglichen Klarheit das Prinzipielle des Standpunktes der objektiven Philo- 
sophie herauszuarbeiten. Es kann kein Zweifel sein, und kein denkender 
Biologe zweifelt auch daran, daß das „Erleben" den teleologischen Faktor 
in sich schließt. Teleologie ist nun einmal vom Leben unzertrennlich, und 
jede Analyse des Lebensgeschehens enthält einen grundsätzlich mecha- 
nistisch nicht analysierbaren Rest**), der eben das eigentliche Problem der 
Biologie ist. 

Dieser über den einfachen Kausalzusammenhang hinausgehende Rest ist 
schon längst von scharfsinnigen Biologen, namentlich von //. Driesch (auch 
A. Pauly, A. Wagner u. a.) erkannt worden. Driesch hat versucht, dieser 
Erkenntnis die Formulierung zu geben, daß er diesen Rest als eine En- 
telechie im Sinne von Aristoteles faßte**) und dadurch der Biologie ent- 
rückte, ihn ins metaphysisch Weltenschöpferische verwies. Im Verfolg dieser 
Denkungsart wird er notwendigerweise ganz von dem Aristotelismus und 
seiner Metaphysik in Beschlag genommen, so daß neueste theosophische 
Schriftsteller ihn bereits für sich zu reklamieren versuchen.*«) Auch Scho- 
penhauer hat diesen Rest erkannt; ist doch gerade er es, was er als das 
aktive, aktivierende im Organismus, als den Willen in seiner „Welt als 
Wille und Vorstellung" bezeichnet. Ja, mit ausgezeichnetem Scharfsinn hat 
er sogar gesehen, daß dieses Moment üb€r das Biologische hinausreicht 
(s. hierüber die Anmerkung 44) und das ganze Weltphänomen umfaßt.*«) 
Ich habe ihn ja gerade deswegen, weil er eine biologische Funktion auf 
die ganze Welt ausdehnt und sie dadurch biologisiert, den „biologischen 
Philosophen" genannt. Aber auch er faßt diesen Willen als den meta- 
physischen Urgrund des Seins und verläßt so das, was man wirklich wissen 
kann. Auch er schafft also eigentlich einen Gott damit, der eben nur das 
eine Attribut Willen hat. 

Die objektive Philosophie teilt nun verschiedene dieser Grundlagen mit 
H. Driesch und Schopenhauer. Mit Driesch sieht sie das mechanisch***) 
Unerklärbare des Lebens ein. Aber sie geht mit Schopenhauer weiter und 
findet noch ganz anders als er Teleologisches im Weltphänomen, auch im 
sogenannten mechanischen Geschehen. An gehörigem Orte (s. S. 71) hat 



•) Darum wird und muß im Programm der Entfaltung der objektiven Philosophie 
auf dieses Werk, das schon mehrfach erwähnte über die „Gesetze des Denkens und 
Schaffens" (dann die Soziologie, Ästhetik und Ethik) folgen, in dem die gleichen 
Weltgesetze, die hier auf die Naturtatsachen angewandt wurden, für die Oeisteswelt 
und die Kulturerscheinungen geprüft werden sollen. 

**) Alles übrige an ihr löst sich in physikalische (mechanische) und chemische Teil- 
fragen auf. 

***) Mechanisch stets als rein kausaler Zusammenhang verstanden. 

120 



der Leser diese Hinweise schon gefunden. Eine der auffälligsten waren die 
Störungen am Himmel; ein teleologisches Phänomen, das jetzt die Aufmerk- 
samkeit der ganzen gebildeten Welt erregt, äußert sich in der Notwendigkeit 
auch Zeit und Raum relativistisch zu betrachten. Daß dies die Einführung 
der Biologie in die Physik sei, habe ich in meiner Einführungsschrift zu 
diesem Werk zuerst ausgesprochen*^), und mit großem Vergnügen sehe ich, 
wie man nun von Seiten des Empiriokritizismus sich dieser meiner Meinung 
anschließt und sie auch in der Schulphilosophie rechtfertigt. 

An diesem Punkt aber zwingen uns die heutigen Einsichten, die Schopen- 
haaer'sche Annahme einzuschränken. Man hat keine zwingende Notwendig- 
keit, zu sagen: Die Ursache der Weltteleologie oder allgemeinen Relativität 
sei der Wille, sondern in Wirklichkeit, wenn man bei der reinen Erfahrung 
bleiben will — und zu mehr hat man kein Recht — , kann man nur sagen: 
das Lebenszentrum (daher blozentnsche Erkenntnistheorie), das sich in 
meinem Ichbewußtsein mir als unmittelbare und einzig unmittelbare Ge- 
wißheit fühlbar macht, ist die Ursache, warum mir alles nur in bezug auf 
mich und daher auch teleologisch vorkommt. Weil unser „Ich" psychischen 
Gesetzen Untertan ist (wir nennen nämlich die Ichgesetze psychische Ge- 
setze), finden wir mehr als bloß Kausalzusammenhänge, deshalb ist uns 
die Welt psychisiert, biologisiert, relaiivisiert, daher besteht für uns die Not- 
wendigkeit, die Zusammenhänge biozentrisch zu orientieren. 

Die objektive Philosophie ist sich dessen, man kann es nicht deutlich 
genug wiederholen, bewußt, daß mit dieser Auffassung in keiner Weise 
ein Grund erkannt ist, warum das „Ich" diesen Gesetzen folgt, und wo- 
her das Ich stammt. Für die Metaphysik bleibt durchaus der Weg offen. 
Nur ist Metaphysik nicht jedermanns Geschmack, und ich halte es be- 
züglich der Metaphysik mit Kungh-Tseu, der einem Schüler, als ihn dieser 
nach dem Leben nach dem Tode befragte, antwortete: Du kennst ja das 
Leben noch nicht! Wie den Tod kennen? Wenn es einmal feststeht, daß 
der menschliche Intellekt nur eine relative Erkenntnisfähigkeit besitzt, 
dann ist es eine Forderung der intellektuellen Redlichkeit, auf die Erkennt- 
nis „absoluter Wahrheit" zu verzichten. Das praktisch Unmögliche wollen 
ist keine Beschäftigung für ernste Leute. Und man kann diesen Verzicht 
umso leichter leisten, als Wissenschaft und Denken noch genug Arbeit 
haben, um das menschliche Leben annähernd optimal zu regeln. Dieses 
Ideal, die Hilfsbereitschaft für den Menschen, um seine Funktionen und 
damit ihn in seiner Art möglichst vollkommen zu machen, das ist das 
ausgesprochene Endziel der objektiven Philosophie. Erst wenn es einiger- 
maßen erreicht sein wird, dann würden und dürfen Kräfte frei werden für 
metaphysische Fragen. Erst dann kann man überhaupt die Frage auf- 
werfen: Ist denn eine Metaphysik praktisch möglich? 

Bei solcher Gesamtanschauung des Weltproblems, wonach Welt die 
Summe des in unserem Bewußtseinserlebnis sich Abspielenden ist, kann 

121 



dem Denken kein anderer Charakter zugeschrieben werden, als der, den die 
gesamte Biotechnik hat; die Vorstellungen und ihre Verknüpfung sind 
funktionelle Anpassungen zur Orientierung im Dasein zum Zwecke seiner 
Erleichterung. Denken ist also keine Fähigkeit zur Durchdringung und 
Beherrschung der Welt, sondern nur zur richtigen Einstellung innerhalb 
der Zoesis. Das muß immer wieder mit allem Nachdruck gesagt und fest- 
gehalten werden, sonst hören die Irrtümer und damit die Leiden der 
Menschheit durch falsche Einstellung nie auf. Von da aus versteht man 
erst, warum sich alles „Vorstellen" stets der Bilder bedienen, der Willen 
stets auf ein Objekt gerichtet sein muß, warum die Welt der Begriffe und 
der Sprache prinzipiell die Gesetze der Biotechnik wiederholt (wie in dem 
Werke über die Gesetze des Denkens des Näheren auszuführen sein wird). 
Sinnestätigkeit, Denken und Erkenntnis sind die Signalkombinationen zum 
alleinigen Zweck der Lebensförderung; nie liegt in ihnen etwas anderes 
als eine Aussage, die sich auf das Verhältnis des Erlebens zum Lebens- 
milieu bezieht, ob das nun im engsten oder weitesten Sinn genommen wird. 
Das ist es, was durch die Kant-M ach' sehe Erkenntnis vom relativistischen 
Charakter des Erkennens ausgesagt wird. 



Wegen dieses technischen Charakters des Erkennens kann das Denken 
nun grundsätzlich nichts anderes liefern, als Übertragungen der biotech- 
nischen Leistungen ins Vorgestellte, also Mechanismen aus Begriffen, Gü- 
tern, Tönen, Zahlen, Organisationen aus Menschen, Bausteinen, Maschinen- 
elementen, kurz allen möglichen Materialien, eine Panmechanik, in der sich 
immer in allem wieder nur unsere eigenen biologischen Gesetze wiederholen. 

Ich höre welche, die sagen, hiemit werde der Anschluß an den Mecha- 
nismus als Weltanschauung, also an den platten Materialismus vollzogen. 
Aber die so sprächen, würden nur ihr völliges Unvermögen zum richtigen 
Verständnis beweisen. Die objektive Philosophie ist gerade die Welt- 
anschauung des geistigen Gesetzes. Sie ist mit aller Schärfe überzeugt da- 
von, es gebe nichts Reales, wie nur die Vorstellung, die das einzig sicher 
Erlebte ist. Gerade ihr ist eigentlich alles „Geist". Und außer dem 
Lebensgefühl ist ihr nur eines gewiß, das bereits in ihrem Lieblingswort 
ausgesprochen ist. Das ist nämlich die Gesetzmäßigkeit in den Zusammen- 
hängen des Erlebens, jene, welche sie die Weltgesetze nennt. Alles übrige 
bleibt für sie offen und ignotus. Sie leitet ebensowenig zum Materialismus 
wie zur Mystik, denn wenn sie Aussagen macht über eine Endlichkeit der 
Welt, eine ewige Wiederkehr des Gleichen, über Knäuelung und Weltrhyth- 
men, über Weltseele und Weltkörper oder den Begriff einer objektiven 
Gottesvorstellung, so hat das niemals anderen Sinn, als daß die Vorstellungs- 
welt dem Zwang unterliegt, sich die Erlebnisse in solche Kategorien zu- 
sammenhängend zu ordnen. Das hat alles nur den Sinn und ist von ihm 

122 



aus zu kritisieren, daß bei solchen Arten von Zuordnung sich die Erleb- 
nisse des Bios lückenlos zusammenschließen. Wenn unser Handeln in 
einem Sinn verläuft, der funktionsmäßig, d. h. logisch von diesem Well- 
bild abgeleitet ist, werden unsere Taten reibungslos sich mit ihren Folgen 
in diesen Bios eingliedern und keine Erlebnisse nach sich ziehen, die als 
Leid empfunden werden. Das wird dann das einzige untrügliche Kenn- 
zeichen sein, daß das Handeln und die ihm zugrunde liegende Erkenntnis 
richtig war. Die Erzeugung einer Weltharmonie, zuerst als Harmonisierung 
des Innenlebens, dann als harmonische Einstellung zum Lebensmilieu, schließ- 
lich als Wirken auf Mitmenschen und Umwelt im Sinne der Weltharmonie, 
das ist für mich und meine Anhänger das sigillum veritatis. An den 
Taten eines so Gebildeten, zur Erkenntnis Durchgedrungenen wird man ihn 
erkennen. Das ist ihm der tiefste Sinn des Funktionsgesetzes. 



Anmerkungen und Zusätze 

1 (Zu S. 5). Die Joule'scht Zahl (J), die das mechanische Wärmeäquivalent aus- 
drückt, wurde ursprünglich in der Form ausgedrückt, daß angegeben wurde, wieviel 
Kilogrammeter Arbeit man aufwenden muß, um eine Kalorie (= 1 g 15" Wasser um 
einen Grad zu erwärmen) zu erzeugen. In dieser Form lautete sie 

Da aber wegen der Schwerkraftwirkungen der Gesteine (vgl. Bd. I S. 67) ein Kilo- 
gramm nicht überall gleichschwer ist, betrug die Joule'sche Zahl z. B. in München 
426,82, in Berlin 426,62. Daher nahm man das Erg (gewonnen aus dem Begriff 
Dyne, die Einheit der Kraft, die der Masse von 1 Gramm in einer Sekunde 1 c/m 
Beschleunigung erteilt, da 1 Erg = 1 Dyne X 1 cm) als Einheit und kam so zur Formel : 

J= 4,1861. 10' 5g. 

2 (Zu S. 6). Vgl. dazu W. Meurer, Ist Wissenschaft überhaupt möglich? Leipzig. 
1920. In diesem Werk findet sich eine prinzipielle und wesentliche Annäherung an 
den Standpunkt der objektiven Philosophie insofern, als der Verfasser in einer dialek- 
tisch geführten, erkenntnistheoretischen Untersuchung zu dem Schluß kommt, daß 
wenigstens alle wissenschaftliche Beobachtung wissenschaftlich wertlos sei, denn sie 
muß das Wichtigste unbeobachtet lassen. Zu sich selbst könne man nicht objektiv 
sein. Aber er gerät nicht auf den an sich so einfachen Gedanken, daß Wissenschaft 
ihren Sinn nur dadurch erhalte, daß sie im Erleben nach einheitlichem Gesichtspunkt 
Ordnung schafft, nämlich eine Harmonie herstellen hilft zwischen den zu Gesetzen 
zusammengefaßten inneren und äußeren Erlebnissen, indem sie eben deren „Gesetze'' 
feststellt. So wird sie zur Gehilfin der Lebenslehre, als welche sich die Weisheit ge- 
genüber der stets bloßes Wissen bleibenden Philosophie darstellt. 

3 (Zu S. 8). Vgl. hierzu L. Boltzmann. Vorlesungen über Gastheorie. 2. Band. 
Leipzig 1896—98. — Auch zu der neueren Entwicklung, die daraus hervorging: E. 
Zermelo, Über den Satz der Dynamik und mechanischen Wärmetheorie (Widmanns 
Annalen 1896). M. Planck, Theorie der Wärmestrahlung. Leipzig 1906. 

4 (Zu S. 10). Das Entropiegesetz reicht nämlich, wie aus dem Gesagten auch schon 
zu entnehmen ist, weit über das Gebiet der Wärmelehre hinaus. Seine wahre Formu- 
lierung sollte also heißen: Irreversibilität der Naturvorgänge. Fast von allen Pro- 

123 



zessen (es ist eine Denkforderung der objektiven Logik, daß es bei allen der Fall 
sei) zeigt sich eine derartige Oerichtetheit. Manchmal so mit den Händen zu greifen, 
wie im Fall der Lösungen. Lösungen finden statt, ohne daß wir eine Energieleistung 
anwenden müssen. Anders bei dem umgekehrten Prozeß. Die Ausfällung kostet ein 
mehrfaches an Energie als die Lösung brauchte. Und so ist es bei der Diffusion und 
vielen anderen Vorgängen. 

5 (Zu S. 11). Über die Darstellung mathematischer Funktionen in den Natur- 
wissenschaften vgl. G. Loria, Spezielle algebraische und transzendente Kurven. Leip- 
zig 1910/11. 

6 (Zu S. 19). Vgl. Mäller-Pouillet, Lehrbuch der Physik. — Auch H. Starke, All- 
gemeine Wellenlehre. 

7 (Zu S, 22). Literatur über Meeresströmungen s. O. Krümel, Handbuch der Oze- 
anographie. 2. Bd. 2. Aufl. 1911, auch A.Maury, Physical Geography of the Sea. 1855. 

8 (Zu S. 25). Allerdings wendet sich das aus noch unbekannter Ursache in den 
Höhen zwischen 12 bis 30 000 m Höhe. Die Julitemperatur von —56,8°, die in 
12 000 m Höhe gemessen wurde, sank bei 26 000 m auf — 42,3o. Bei 29 000 m war 
dieser „Wärmemantel" der Erde allerdings bereits durchbrochen, und die Tempera- 
tur betrug in dieser Höhe bereits wieder — 63,4°. 

9 (Zu S. 26). Wenn also ein Kubikmeter Luft von 20" und 17,1 Gramm Wasser- 
gas sich mit einem Kubikmeter Luft von 0/ und 4,4 Gramm Wassergas mischt, wird 
das Gemenge 10" haben und 21,5 Gramm Wassergas halten sollen. Das kann es 
nicht, denn lOgrädige Luft kann nur 18,8 g HjO aufnehmen. 2,7 g werden also aus 
den 2 Kubikmeter Luft ausgeschieden, mit anderen Worten: es regnet. 

10 (Zu S. 30). Vgl. dazu Rolland, Geologie du Sahara algerien. Paris. 1890. — 
L. Cholnoky, Die Bewegungsgesetze des Flugsandes. (Földtani Közlöny, Ung.) 1902. 
— Jordan, Physik, Geographie und Meteorologie der libyschen Wüsten 1876. 

11 (Zu S. 36). Als Probe dieser Versuche, die Ideen der objektiven Philosophie in 
adäquate Formen zu gießen, seien folgende Verse von A. Harrar hierher gesetzt: 

Zwiegespräch: 

Ich: 

Du, der du warst, ich weiß nicht wie und wann. 

Du, der du bist, was Zeit nie werden kann. 

Du, der mit tausend Leben um mich ringt, 

Du, der in tausend Toden niedersinkt — 

Wo such' ich dich? 

Du meiner Sinne ungewisser Schein, 

Du Weltgeburt und Weltvergessensein, 

Du Sturm, der sich aus kaum bekanntem Saum 

Letzter Erkenntnis stürzt in fremden Raum — 

Wo find' ich dich? 

Es: 
Du bist — ich war. Du wirst — ich bin und bin. 
Zeit ist nicht Zeit, und Sinne sind nicht Sinn. 
Aus dir, du Form, die ewig wird und bricht, 
An deiner Dunkelheit zünd' an das Licht 
Und suche mich! 

Dein Einst, aus dem du selber dich erfüllt, 
Ist Spiegel, der den Weltentag enthüllt. 
Was über deinen Spiegel flieht und flammt. 
Bin ich, aus dem dein tiefstes Du entstammt — 
Nun finde mich! 

124 



12 (Zu S. 37). Hiervon ist er durch die Unvollkommenheit der Musikinstrumente 
heute allerdings noch weit entfernt. Alle Musikinstrumente sind nur imstande, an- 
nähernd Harmonien zu erzeugen. Am meisten gelingt dies den Saiteninstrumenten, 
allen voran der Violine und der vox humana. Am wenigsten dem als Zeichen der 
eingetretenen Musikbarbarei am weitesten verbreiteten Klavier, auf dessen Verhält- 
nisse heute die gesamte Komposition eingestellt ist. (Nach dem Klavier wird alles 
gestimmt und singen gelehrt!) Denn da dieses Instrument unveränderbare „feste" Töne 
hat, ist es ein aus seiner Konstruktion fließender Zwang, die Intervalle zwischen zwei 
Tönen gleichgroß zu machen. Darum nennt man sie die Intervalle in der gleich- 
schwebenden Temperatur. (Vgl. Bachs Wohltemperiertes Klavier.) Mechanisch wird 
so als Wert des Intervalles 1,05946 festgelegt, was einem gewissen mittleren Zur 
sammentreffen mit den wirklich reinen Harmonien entspricht, aber schon einem 
wirklich feinhörigen Ohr unerträglich ist, daher Klaviermusik immer etwas Unvoll- 
kommenes und Unreines besitzt. Die Differenzen zu den pythagoräischen Intervallen, 
welche die Weltgesetzlichkeit weit besser ausdrücken, sind z. B. für die Quinte statt 
1,5 (3/2) bei Pythagoras nach der gleichschwebenden Temperatur 2Vi2 = 1,4983. 
Oder für die Sexte verwenden wir 1,68 statt 1,67. Wir kennen also nur ein annähern- 
des Musizieren, das die Zukunft als barbarisch verabscheuen wird. Vgl. HelmhoUz, 
Die Lehre von den Tonempfindungen, auch Lord Raleigh, Theorie des Schalles. 

13 (Zu S. 44). Vgl. Ph. Undrd, Über Relativitätsprinzip, Äther, Gravitation. Neue 
Aufl. Leipzig. 1920. In dieser Abhandlung versucht Unärd, die Ablenkung des 
Lichtes durch das Schwerefeld der Sonne durch eine vielleicht (!) vorhandene Son- 
nenatmosphäre anzuzweifeln, und erklärt die Störungen der Merkurbahn lieber mit 
den in Bd. I S. 18 gekennzeichneten hypothetischen „Massen" von Seeliger. Dagegen 
betont er sehr richtig, daß durch die Ersetzung des Wortes Äther durch das Wort 
Raum die geheimnisvollen Eigenschaften dieses Äthers nur einen neuen Träger, nicht 
aber eine Erklärung gefunden haben. 

14 (Zu S. 45). Die Äthertheorie faßt diesen nicht als elastische, sondern als elek- 
tromagnetische Substanz, in dem die Fortpflanzung der Bewegungen durch das Zu- 
sammenwirken von elektrischen und magnetischen Verschiebungen geschieht, setzt 
also den Äther als Elektrizitätsträger, daher als aus Elektronen zusammengesetzt, vor- 
aus. So kam auch Lorentz zu seiner Auffassung von der Kontraktion dieser Elektro- 
nen, die den bekannten Anstoß zur ganzen Relativitätstheorie gegeben hat. Die Dif- 
ferenzen zwischen einer atomistischen und ätherelektronistischen Auffassung des Lich- 
tes sind also gar nicht so enorm, wie man es gemeinhin hinstellt. 

15 (Zu S. 46). Die maßgebenden Abhandlungen hierüber veröffentlichte Flzeaa in 
den Comptes rendus von 1851, Michelson und Morley im American Journal of Science 
1886, dann Lorentz in dem Werke: Versuch einer Theorie der elektrischen und opti- 
schen Erscheinungen in bewegten Körpern, Leiden 1895 (auch in The theory of 
Elektrons, Leipzig 1909), an das Einstein mit seiner Abhandlung in den Annalen der 
Physik (1905) anknüpfte. 

16 (Zu S. 54). Vgl. hierzu sowie zum Abschnitt Magnetismus: G. Mie, Lehrbuch 
der Elektrizität und des Magnetismus. 1910. — E. Cohn, Das elektromagnetische 
Feld. 1900 — H. Du Bois, Proprietes magnetiques de la matiere. Paris. 1900. 

17 (Zu S. 56). Vgl. über Röntgenstrahlen die grundlegende Abhandlung von 
W. C. Röntgen in Wiedemanns Annalen Bd. 64 und /. Stark, Die Prinzipien der 
Atomdynamik II, ebenso W. Friedrichs, P. Knipping und M. v. Laue, Interferenz der 
Röntgenstrahlen in Sitzber. d. bayr. Akad. d. Wiss. 1912. 

18 (Zu S. 59). Die Erdwärme (die höchsten Temperaturen der Luft in der Sonne 
können bis 80" C ansteigen; ich selbst fand in der Sinaiwüste 62»^ C noch erträg- 
lich) ist nicht die direkte Strahlungswärme der Sonne, sondern das Resultat eines 
komplizierten Prozesses. Die Lufthülle der Erde wirkt (Tyndnll) wie eine Glas- 
scheibe, welche wohl Wärmestrahlen, die unser Auge als Licht empfindet, durchläßt, 

125 



dagegen nicht die dunklen Wärmestrahlen, welche von der Erde selbst ausgehen. 
Daher sind wir im Freien in derselben Lage, wie die Pflanzen in einem Treibhaus, 
das nach den gleichen Prinzipien gebaut ist, oder wie in einer Glasveranda. 

19 (Zu S. 59). Man verbindet die Orte mit gleicher Temperatur durch Isothermen 
und verrät dadurch, daß die unter ewigem Eis bedeckten Länder westlich des Smith- 
sundes im Polarkontinent einen Jahresdurchschnitt von — 20'' C, der Sudan zwischen 
Chartum und Timbuktu eine Jahresisotherme von über 30*' Hitze hat. Die größten 
Temperaturextreme an einem Ort erlebt etwa Jakutsk in Sibirien, wo bei mittlerer 
Jahrestemperatur von — 11,2°, die mittlere Januartemperatur — 42,8°, die mittlere 
Julitemperatur aber -|- 18,8° beträgt. Übrigens hat auch Deutschland (z. B. Braun- 
schweig) immerhin noch eine Jahresschwankung von 49°. Das mittlere Maximum von 
Timbuktu als den heißesten Ort der Erde (nicht Arabien, wo Dschidda „nur" 40,8° 
erreicht) beträgt 47,4°. (Europa in Madrid 39,6°, übrigens Berlin noch 33,0°.) Das 
mittlere Temperaturminimum kulminiert mit Werchojansk in Sibirien mit — 63,9°. 
(Europa mit Moskau —30,5°, Berlin —15,4°.) 

Die größte Hitze im Schatten maß man am Roten Meer, in Zentralafrika, im Innern 
(Australiens und in Arizona, wo überall wiederholt 50° erlebt wurden. Die größte 
Kälte an der Jana in Sibirien, wo — 60° — 65° Kälte vorkommen, desgleichen am 
Bärensoo in Nordamerika ( — 58°). Vgl. van Bebber, Die Verteilung der Wärmeextreme 
über die Erdoberfläche (Petermann's Geograph. Mitteilungen 1893). 

20 (Zu S. 59). Man täusche sich nicht darüber, daß es prinzipiell niemals gelingen 
kann, den absoluten Nullpunkt herzustellen, da dies doch nur in das Reich der extra- 
zoetischen Fiktionen gehört, so wie der Begriff absoluter Masse oder Zeit oder Raum. 

Abgeleitet wurde er aus dem Gay-Lussac^ sdntn Gesetz d. h. aus der Tatsache, daß 
sich die Spannung der Gase unabhängig von dem Druck mit jedem Grad Celsius 
um 1/273 ändert. Somit mußte die Spannung bei — 273° Null sein. Oder, da die „Span- 
nung" nur das Sammelwort für die Molekülstöße ist, müßten die Molekülbewegun- 
gen bei dieser Temperatur sistiert sein. Man kann diese Temperaturen daher nur an- 
nähern und hat dies auch durch Verdampfung von flüssigem Wasserstoff bis zu 16° 
absoluter Temperatur, also — 257° C getan. 

21 (Zu S. 60). Es ist hierbei die Temperatur des Weltraumes mit 142^ unter 
Null angenommen nach dem Vorgange von Pouillet, der sie nach der Sternenstrah- 
lung, nämlich nach der Wärmemenge, schätzt, die mit Ausnahme der Sonne von den 
anderen Himmelskörpern zur Erde gelangt. Dieser Wert ist aber keineswegs sicher, 
und tatsächlich wissen wir über die Temperatur des Weltenraumes gar nichts Sicheres. 

22 (Zu S. 61). Vgl. im besonderen /. Breuer und S. Freud, Studien über Hysterie. 
3. Aufl. Wien 1913. — W. Fließ, Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten 
Biologie. Wien 1906. — W. Fließ, Das Jahr im Lebendigen. Jena 1918. — O. Kam- 
merer, Das Gesetz der Serie. Stuttgart 1919. 

23 (Zu S. 62), Conf. Koffka, Experimentaluntersuchungen zur Lehre vom Rhyth- 
mus. (Zeitschr. f. Psychologie, Bd. 52.) 

24 (Zu S. 62). Behn, der deutsche Rhythmus und sein Gesetz. 1912. 

25 (Zu S. 64, 65, 66). Vgl. W. Ostwald, Allgemeine Chemie, Bd. II. — Woher, 
Die Katalyse. I. 1910. — Älter auch: Bredig, Anorganische Fermente. 1910. — Vgl. 
auch C. Berthelot, Chemische Mechanik, gegründet auf Termochemie. 1879. 

26 (Zu S. 68). Meine erste Publikation hierüber datiert vom Jahre 1917 (Mitteilun- 
gen des K. K. Techn. Versuchsamtes in Wien. 1917). Die Hauptarbeit ist: R. Franci, 
Die technischen Leistungen der Pflanzen. Leipzig (Vereinigung d. wissensch. Ver- 
leger) 1919. In gemeinverständlicher Form unter erweiterter Ableitung des Funk- 
tionsbegriffes behandelt in: Die Pflanze als Erfinder. Stuttgart (Kosmos) 1920. 7. Aufl. 

27 (Zu S. 68). Vgl. W. Roux, Der züchtende Kampf der Teile oder die Teilaus- 
lese im Organismus. Leipzig 1881. — Gesammelte Abhandlungen über Entwicklungs- 
mechanik der Organismen, I— II. Leipzig 1895. 

126 



28 (Zu S. 72). So entscheidet sich z. B. der Streit zwischen Roux und den Psycho- 
morphologen durch diese Einsicht auf die Weise, daß beide Teile recht haben, weil 
beide Teile etwas anderes meinen. Roax hat durchaus recht, wenn er bei funktio- 
neller Anpassung an das Gesetz der Funktionsformen denkt und wir {A. Pauly und 
ich) die seinerzeit die Polemik im Archiv für Entwicklungsmechanik und der Zeit- 
schrift für den Ausbau der Entwicklungslehre (1902) führten, hatten recht, weil uns 
die biologisch bedingten Anpassungen von autoteleologischem Charakter allein vor- 
schwebten. Daß Roux in dem von ihm angenommenen Sinne denkt, beweist er durch 
seine Lehre von der tropischen Wirkung des funktionellen Reizes. Er macht darin 
die „inneren" Zustände der Gewebe für die Hyperämie verantwortlich, welche das 
Ausführungsmittel solcher Umbauten ist. Er sagt demnach: Die Substanz, welche 
funktioniert, handelt selber. So gestaltet sich das Dauerfähige selbst. Und hält ganz 
logisch das teleologische Geschehen zugleich für das Mechanische. Mit anderen Wor- 
ten, er sieht sehr wohl, daß das Teleologische schon im mechanischen Gesetz darin 
stecken kann. Vgl. R. France, Funktionelle Selbstgestaltung und Psychomorphologie 
(Archiv f. Entwicklungsmechanik 1908). 

29 (Zu S. 77). Vgl. hierzu Gurwitsch, Morphologie und Biologie der Zelle. 1904. 
— A. Meyer, Morphologische und physiologische Analyse der Zelle der Pflanzen und 
Tiere. Jena. 1. Teil. 1920. 

30 (Zu S. 77). Vgl. O. Bütschll, Untersuchungen über mikroskopische Schäume und 
das Protoplasma. Leipzig. 1892. — R. Francö, Beiträge zur Morphologie und Phy- 
siologie des Scenedesmus. (Acta mus. Natur, hung. Budapest 1892). — M. Fayod, La 
structure du protoplasma vivant. (Revue gen. de Botanique 1891). — G. Entz, Die 
kontraktilen und elastischen Elemente der Vorticellinen. (Mathem. naturwiss. Berichte 
aus Ungarn 1892). — E, Altmann, Die Elementarorganismen und ihre Beziehungen 
zu den Zellen. Leipzig. 1890. Angesichts der für die gesamte Lebenserkenntnis 
enorm wichtigen Frage nach der wahren Struktur des Protoplasmas und der Elemen- 
tarorganismen kann die objektive Philosophie an dieser Frage nicht ohne ausgiebige 
Erörterung von ihrem Gesichtspunkt aus vorübergehen. 

31 (Zu S. 79). Die hier vertretene Theorie der archiplastischen Metabolie ist in 
„Atome" von Einsicht zersprengt in der gesamten cytologischen Literatur vertreten. 
Allenthalben sieht man Abbildungen, auf denen alveoläre und fibrilläre Cytoplasma- 
teile nebeneinander beobachtet sind. A. Strasburger glaubte schon 1908 eine solche 
Metabolie beobachtet zu haben. Auch die Einsicht, daß die Chondriosomen (== Mito- 
chondrien) ihre Form nach der jeweiligen Zellbeanspruchung wechseln, geht durch 
die Literatur. Sichergestellt ist jedenfalls ihre Umbildung zu Spirillen in Spermien 
und zu Myofibrillen in Muskelzellen. Es gibt sogar stützende archiplastische Skelet- 
fasern als Zeichen, wie durchgängig das Gesetz der funktionellen Anpassung den 
cytoplasmatischen Bau bestimmt. 

Auch den Botanikern ist es durchaus geläufig, daß die Zellmembran ein Abdruck 
ihrer Funktionen sei. Die restlose Aufhellung der cytologischen Histologie wird 
aber natürlich erst dann gelingen, wenn die Funktionen (man denke an die 
Kernteile) der Elemente durchschaut sind, wovon man heute aber noch weit ent- 
fernt ist. 

32 (Zu S. 80). Durch diese Studien sonderten sich namentlich neun Haupttypen 
für druckfeste Konstruktionen: L Typ von Surirella, IL Typ von Mastogloia, IIL 
Nitzschiatyp, IV. Eunotiatyp, V. Cymatopleuratyp, VI. Cratlculatyp, VII. Stauronelstyp, 
VIII. Pmnulariatyp, IX. Tip. von Fragilaria Harrisonii. Von diesen ist I der Durch- 
schnittsfall für normale Beanspruchung, Typ 11 für konstante Belastung geeignet, 
Typ III bis VII sind Spezialformen für besondere Druckverhäitnisse, Typ VIII für be- 
sonders große Formen konstruiert, Typ IX noch unverständlich. 

Einen Teil dieser Konstruktionseinrichtungen ahmt der Mensch bereits nach. So 

127 



die Herausnahme der Füllungen aus Wänden in der Baukunst oder die Kantenver- 
stärkungen in Form von Beschlägen bei Koffern und Kisten. 

Dieses eine etwas spezieller ausgeführte Beispiel möge ahnen lassen, mit welchem 
Reichtum an Vorbildern und Anregungen man bekannt wird, sobald man sich dem 
Sein mit dem Gedanken nähert, in ihm ein technisches Musterbuch zu sehen. 

33 (Zu S. 83). Die genaueren Ausführungen dieses Gedankens sind der Inhalt 
einer objektiven Soziologie, welche im Rahmen des Gesamtwerkes der objektiven 
Philosophie auch vorgesehen ist. Vorstudien dazu enthält meine kleine Schrift: R. 
Franci, Der Weg zur Kultur. 2. Aufl. (11—15. Tausend) Prien. 1923. 

34 (Zu S. 88). Vgl. V. Graber, Die äußeren mechanischen Werkzeuge der Wirbel- 
und der wirbellosen Tiere. Leipzig. 1886. I— II ein ausgezeichnetes Werk, das ge- 
radenwegs die Bahn zur Biotechnik einschlägt. Andere Vorläufer, die immer nur 
das Weltgesetzliche daran nicht erkannten, sind S. Schwendener, Das mechanische 
Prinzip im anatomischen Bau der Monokotylen, Leipzig 1874. — A. Dingler, Die Be- 
wegung der pflanzlichen Flugorgane 1889. — Kapp, Philosophie der Technik, Leip- 
zig, der die Biotechnik auf den Abweg des metaphysischen Begriffes der „Organ- 
projektion" führte. — Reulaux, Kinematik im Tierreiche, Braunschweig. 1900. H. V. 
Meyer, die Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes. Leipzig 1873. 
— O. Fischer, Kinematik organischer Gelenke. Braunschweig, 1907. Außerdem viele 
Abhandlungen von O. Thilo über Sperrgelenke bei Fischen, die das Vorbild des 
Valeschlosses sind. Man hat also zwei Menschenalter verstreichen lassen, ohne diese 
Erkenntnisse auch wirklich fruchtbar zu machen. 

35 (Zu S. 90). Vgl. A. Pauly, Darwinismus und Lamarekismus. München 1906. — 
H. Driesch, die „Seele" als elementarer Naturfaktor. Leipzig 1904. — 

36 (Zu S. 96). Näheres hierüber vgl. R. France, Das Leben der Pflanze. Bd. I— IL 
Stuttgart. 1921. 2. Aufl. 

37 (Zu S. 99). Vgl. hierzu E.Klotz, Der Mensch, ein Vierfüßler. Leipzig. 1908. 
Ein beachtenswertes Werkchen, in dem der Verfasser den Beweis für eine notwen- 
dige organischere Art des Begattungsaktes liefert. 

38 (Zu S. 101). Vgl. E. Fuld, Ober Veränderungen der Hinterbeinknochen von 
Hunden infolge Mangels der Vorderbeine. (Archiv f. Entwicklungsmechanik 1901.) 

39 (Zu S. 102). Diese Konsequenz des biotechnischen Gedankens habe ich näher 
ausgeführt in meiner Abhandlung, R. Franci, Der Parasitismus als schöpferisches 
Prinzip. (Zentralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten. 
Band 50. 1920.) 

40 (Zu S. 111). Daher besagt auch der Einwand nichts, daß die Vorstufen des Men- 
schen kein elektrisches Licht, keine Klaviere, Automobile u. dgl. Erfindungen mehr 
hergestellt haben. Wer diesen Einwand vertritt, der hat darauf vergessen, daß jede 
Erfindung nur eine Anpassung, also die Befriedigung eines Bedürfnisses ist. Sie 
muß daher aus der Bedürfnislage heraus beurteilt werden; nur von da aus kann sie 
optimal gewertet und verstanden werden. So haben z. B. die Zweihufer (Pferde!) 
keine harten Hufeisen von Natur aus, und der Mensch muß durch den Hufbeschlag 
scheinbar einer Unvollkommenheit der technischen Leistungen des Plasmas nach- 
helfen. An diesem Beispiel ist die Sachlage besonders durchsichtig. Der Huf des 
Pferdes ist technisch vollkommen zulänglich in der Zoesis des Pferdes, nämlich 
auf dem weichen, rasenbedeckten Boden der Steppe, wo sich das Wildpferd aufhält. 
Wir haben es als Haustier in eine neue, unnatürliche Lebenssituation gebracht mit 
unserem Granitpflaster in den Städten und harten Landstraßen. Darum müssen 
wir seine natürlichen Anpassungen erweitern, können es aber — und das beachte 
man wohl! — wieder nur im Sinne der Biotechnik tun. Das Hufeisen ist eine Kopie 
des Hufes, nur aus härterem Material hergestellt. 

Einen Einwand gegen die Biotechnik machte man mir gelegentlich des Vortrages, 
den ich in der Technischen Hochschule in Dresden im Jahre 1920 über sie hielt: der 

128 



Organismus wende nirgends die technische Form des Rades an, obwohl dies oft in 
seiner Bedürfnislage gefordert sei. Demgegenüber ist zu sagen: die Organismen ver- 
wenden sehr wohl das Rad, das ja technisch nur eine Abart der Kugel ist, inden» 
sie die Funktion des Rollens ausüben. Es rollen auf den Steppen die kugelig, oft 
auch radförmig verschlungenen Sprosse der sogenannten Steppenhexen (z. B. Ra- 
pistrum perenne, der Windsbock) unter dem Winde dahin, dadurch für die Verbrei- 
tung der Pflanze sorgend. Auch Schnecken, Ammoniten, Foraminiferen (vgl. Abb. 58 
in Bd. I) benützen die Radform aus allerdings noch undurchsichtigen Gründen, die 
sogar eine Biotechnik verwirklichen, von der der Mensch an seinen Rädern erst seit 
neuerer Zeit Gebrauch macht. Sie haben nämlich sämtlich zur Stützung ihres Rad- 
gehäuses gebogene Speichen, und damit einen statischen Vorteil, von dem der 
Mensch bei den Schwungrädern ebenfalls profitiert. Räder sind übrigens unter den 
pelagischen Lebewesen auch die Cyclotellen und Coscinodiscen; an den Pianorbis- 
schnecken des Süßwassers kann man beobachten, wie sie bei einer Störung ihre Rad- 
form verwerten und zum Schutz kopfüber in die Tiefe rollen. 

Nach E. Mach gibt es in der Natur keine rotierende Bewegung und angeblich auch 
keine natürliche Schraube und kein Zahnrad, weil das Rotieren die Aufhebung der 
Massenkontinuität zur Folge hat. Dieser Einwand beweist erstens, welch hohe Mei- 
nung Mach von der Technik der Natur haben mußte. Denn nur äußerste Geschwin- 
digkeiten der Rotation, die wir in unserer Technik gar nicht erreichen können, wür- 
den rotierende Gegenstände zerreißen. Außerdem ist das Fehlen der Rotation im Bio- 
technischen doch höchstens nur ein Beweis dessen, daß Rotieren keine optimale Tech- 
nik darstellt; derselbe Effekt kann mit geringerer Kraftanwendung erreicht werden, 
wie die Schwanzflosse der heterozerken Fische (Haie) beweist, durch deren Antrieb 
diese Tiere auch den Dampfern tagelang folgen können, weil deren Bewegung voll- 
kommen den gleichen Effekt bewirkt, wie die rotierenden Schiffsschrauben. Das 
gleiche gilt für den Vogelflügel, dessen Funktion dem Vogel den Vortrieb verleiht, 
der im Flugapparat durch eine oder mehrere Schrauben nachgeahmt und noch immer 
nicht erreicht wird. Außerdem ist endlich die Behauptung, der Organismus kenne 
keine Schraube und kein Zahnrad, auf Unkenntnis der Natur aufgebaut. Schrauben- 
förmige Spermatozoiden sind auf Abb. 20 dargestellt, und Sperrvorrichtungen, die 
auf dem Prinzip des Zahnrades beruhen, hat O. Thilo von Fischen beschrieben. Eines 
seiner Modelle ist im Münchner Deutschen Museum als vorläufiger Embryo von des- 
sen biotechnischer Abteilung aufgestellt. 

41 (Zu S. 113). Vgl. hierzu K.Graeser, Der Zug der Vögel. Leipzig. II. Auflage. 

42 (Zu S. 117). Vgl. H. V. HelmhoUz, Die Lehre von den Tonempfindungen. 5. 
Aufl. Braunschweig 1896. — Auch E. Waetzmann, Die Resonanztheorie des Hörens. 
Braunschweig. 1912. Auch in den abweichenden Theorien (Ewald's Schallbildtheorie) 
leugnet man nicht die Grundlage des biozentrischen Selektivhörens, auf das es in un- 
serem Gedankengang allein ankommt. 

43 (Zu S. 96 und 118). Solche Untersuchungen liegen vor von A. Wagner, Über 
die Anpassungsfähigkeit von Myriophyllum verticillatum (Ztschr. f. A. d. Entw. 1909), 
von mir selbst R. France, Die gamotropen Bewegungen von Parnassia palu- 
stris (Zeitschrift f. d. Ausbau d. Entwicklungslehre 1908). Vgl. auch E.Ungerer, 
Die Regulationen der Pflanze. Ein System der teleolog. Begriffe. Berlin 1919. 

44 (Zu S. 120). Aristoteles nennt Entelechie das Formungsprinzip, schlechthin die 
Verwirklichung von Zwecken, wodurch er klar zu erkennen gibt, daß ihm das Teleo- 
logische in der gesamten Weltgestaltung klar bewußt war. Entelechie ist ihm daher 
auch die Gestaltungsseele des Leibes. Vgl. H. Driesch, Die „Seele" als elementarer 
Naturfaktor. Leipzig 1904. — Philosophie des Organischen. Leipzig 1— II. 1909. — 
Wirklichkeitslehre. Leipzig 1917. 

45 (Zu S. 120). Dies tut namentlich K. Jelllnek in seinem äußerst kenntnisreichen 
Buch: Das Weltengeheimnis. Stuttgart. 1921. 

Franci, Bios 11 ' 

129 



46 (Zu S. 120). Vgl. dazu die Abhandlung: A. Schopenhauer, Ober den Willen 
in der Natur, in den Schriften der Naturphilosophie und Ethik von 1854. Vgl. auch 
den Abschnitt: Objektivation des Willens im tierischen Organismus, in den Ergän- 
zungen zum zweiten Buch der W. a. W. u. V. und Kap. 23: Über die Objektivation 
des Willens in der erkenntnislosen Natur. 

47 (Zu S. 121). S.R.Franci, Zoesis. Eine Einführung in die Gesetze der Welt 
(München 1920) und als Bestätigung des Kernsatzes dieser Schrift, die nur eine Er- 
weiterung meines auf dem Jahrestag der Schopenhauer-Gesellschaft in der Dresdner 
Technischen Hochschule gehaltenen Vortrages ist: /. Petzold, Die Stellung der Rela- 
tivitätstheorie in der geistigen Entwicklung der Menschheit. Dresden 1921, wo in 
Abschnitt 34 ganz im Einklang mit mir die Forderung gewollter „invarianter Natur- 
gesetze" aufgestellt, in Abschnitt 35 der mir am meisten am Herzen liegende Punkt 
zugegeben wird, daß sich durch die neuere Physik diese der Physiologie annähert, 
also biologisiert wird (S. 121). Und ganz folgerichtig zieht hieraus Petzoldt die 
Konsequenz, daß aus dieser Verknüpfung der unbegründete Gegensatz von Natur- 
und Geisteswissenschaften überwunden werden wird. 



Das Qesestz des Optimums 

Definition der Mechanik — Die Gesetze der Mechanik — Das Träe^heitsprmziD — 
Das Kräfteparallelogramm — Die Theorie der komplexen Systeme — Bedeutung der 
Mechanik — Feststellung der optimalen Seinsarten — Geologie als Mechanik der 
Gesteine — Strategie als Mechanik von Menschenmassen — Volkswirtschaft als Me- 
chanik des Waren- und Geldverkehrs — Mechanik als Regellehre aller Systembezie- 
hungen (Panmechanik) — Darstellung des Optimumgesetzes mit seinen Konsequenzen 
der Selektion und des kleinsten Kraftmaßes — Definition und Geschichte des Opti- 
mumgesetzes — Alle Prozesse des Organismus verlaufen optimoklin — Die Tropis* 
men und Reflexe als optimokline Reaktionen — Intellekt und Gehirn als Mittel zur 
Erreichung des Optimums — Denken als biologische Funktion — Das neue Weltver- 
ständnis der objektiven Philosophie — Optimoklines Geschehen im Anorganischen — 
Optimokline Bewegung — Das Optimumgesetz in der Talentwicklung, im freien 
Fall, in der Erosion — Das Optimum im Lachambre'schen Reflexionsversuch — 
Die Transmutation als Mittel des optimoklinen Geschehens — Der Kosmos kennt nur 
Kreislaufprozesse — Kritik des Begriffs der schöpferischen Entwicklung — Fehlen 
der schöpferischen Entwicklung in der Klimatologie, in der Geologie, in der Geoge- 
nesis — Die populären Ansichten vom Stammbaum des Lebens — Die populäre Ent- 
wicklungslehre — Kritik dieser Lehren — Die Kräfte der Erdumgestaltung sind konstant 

— Abbrechende Entwicklungen in der Vulkanbildung und Verlandung der Seen — Der 
Begriff der Kumulation an Stelle der Entwicklung — Kritik der biologischen Ent- 
wicklung — Die ontogenetische Entwicklung als Entfaltungsprozeß — Entfaltung 
des Menscheneies — Der Wechsel der Generationen in der Ontogenie — Generations- 
wechsel bei Pflanzen — Erklärung der Zellteilung als Knospung — Zurechtbestehen 
der Abstammungslehre — Entstehen und Kritik der Mutationen — Bedeutung der 
Vererbung — Das Mendelgesetz als Regler der Vererbung — Die Vererbung erwor- 
bener Eigenschaften als Tatsache — Die Beweise der Abstammungslehre — Der ge- 
netische Zusammenhang des Menschen mit den Tieren — Definition und Ursachen 
der Menschwerdung — Die biologische Funktion des Menschengeistes ist die Schaf- 
fung einer Zivilisation — Übereinstimmung mit H. Vaihinger — Die objektive Phi- 
losophie als Mittel zum Optimum der Menschwerdung — Die Kultur als übergeord- 
nete Stufe der Zivilisation — Die Welt als konstantes System von Transmutationen — 
Konkordanz der Ontogenie, Phylogenie und Regeneration — Die Gesetze der Re- 
generationen — Umkehrung der Entwicklung — Entwicklung als Ausgleichvorgang 

— Die Fortpflanzung als optimokline Geschehensart — Die Gesetze der vegetativen 
und sexuellen Fortpflanzung — Die neue Auffassung der Fortpflanzung — Erklärung 
der Parthenogenesis — Die Sexualität als optimokliner Faktor — Lob der Geschlechts- 
liebe als Mittel, um zum Optimum zu kommen — Ursache des Aussterbens der Arten 

— Kritik der Anpassungs- und Organisationsmerkmale — Zusammenfassung der Ent- 
wicklungserscheinungen als Äußerungen des Optimumgesetzes — Kritik der H. Spcn- 

131 



c^r'schen Entwicklungsphilosophie — Die Baer^sche Formel als Ausdruck optimokli- 

nen Geschehens — Auch Spencer faßt Entwicklung nur als optimokline Entfaltung 

des Weltsystems auf — Zusätze und Anmerkungen. 



Ich schlage vor, einen Augenblick stehen zu bleiben und zurückzublicken. 
Was ist, dem Streit der Meinungen entrückt, als das Wesen dessen erkannt, 
was als Weltbild in unser Erleben jeden Augenblick tritt? 

Die Welt ist eine Stufenleiter von Integrationsstufen, deren große Gliede- 
rung etwa durch die Begriffe: Materie, belebte Materie, Psyche, Kultur, 
Kosmos, Bios bestimmt wird. Freilich sind das nur die Protagonisten eines 
unendlich getürmten Systems von Integrationen, die das Sein durch ihre 
Funktionen, gemeinhin Eigenschaften genannt, festlegen. Die Natur und 
Vielheit dieser Funktionen unterliegt bestimmten Regelungen der Zu- 
sammenhänge, von denen sich alle denjenigen unterordnen, welche die 
Erhaltung des Seins, im besonderen die Erhaltung der Materie und der 
Energie bewirken. Das ist der ganze Sinn des physikalischen und des 
chemischen Geschehens. Die Funktionen sind also der Ausdruck eines Ge- 
schehens, und dieses Geschehen ist nicht erfolglos. Sein Resultat kann nur 
ein einziges sein. Wir sehen es auch stündlich vor Augen. Es ist die 
Erhaltung des Seins, die Dauer der Welt. 

Dem dient nun das gesamte, ganz unaussprechlich verwickelte Getriebe 
der physikalisch-chemischen Gesetze, dessen rein beschreibende Darstellung 
man in den gemeinbekannten Lehrbüchern finden kann, wobei das biologische 
Geschehen keine Ausnahme bildet, sondern nur Chemophysik in der be- 
stimmten, sattsam erörterten teleologischen Konstellation ist, von der das 
Geistes- und Kulturleben die uns bewußt gewordene Anwendung bildet.*») 

Man darf also den Begriff weiter fassen und sagen: das Weltgeschehen 
wird von uns in Formen erlebt, die seine Dauer bewirken. Es vollzieht 
sich nämlich in fortwährenden Kreisläufen, in einer immer wiederkehren- 
den Verkettung von Beziehungen, die eben ihrer Regelmäßigkeit halber 
mathematisch faßbar ist*), und die Gesetze der Mechanik genannt wird. 
Die Mechanik regelt im weiten Bereich des Erlebens die Beziehungen 
zwischen Form und Funktion (Sein und Geschehen) und ist eine allgemeine 
Beziehungslehre. 

In der Schuldefinition, daß sie die Lehre vom Gleichgewicht und der 
Bewegung der Körper sei, steckt schon insofern das Richtige, als Gleich- 
gewicht nur eine bestimmte, nämlich eine optimale Beziehung der Körper, 
beziehungsweise der Bewegungen gegeneinander ist. Und sie braucht nur 
insofern eine Erweiterung, als die Anwendung auf Körper nur eine ihrem 
Wesen nach ganz ungerechtfertigte Beschränkung einer mathematischen, 
also jeder Abstraktion fähigen Wissenschaft ist. Wer sich bei dieser Sach- 



*) Mathematisch = das zahlenmäßig Faßbare. 

132 



läge die Gesetze der Welt klar machen will, muß demnach die Gesetze der 
Mechanik kennen lernen, denn sein Erleben wird von ihnen geordnet. 

Als ihr Grundgesetz und gleichzeitig als den einzigen Erfahrungssatz, der 
ihr zugrunde liegt, hat Heinrich Hertz^^) den Satz herausgeschält, daß 
überall da, wo zwei Körper demselben System angehören, die Bewegungen 
des einen durch die Bewegungen des andern mitbestimmt sind. Es sind 
demnach Gesetzesbeziehungen zwischen Teilen, welche durch sie näher aus- 
gedrückt sind. Und diese Teile werden von ihr in den Begriff System ge- 
faßt, der zunächst nichts anderes umschreiben soll als eine Summe von 
Teilen, die in irgendeinem Zusammenhange stehen. Jeder Vorgang ist nichts 
anderes als eine Verschiebung in den Beziehungen dieser Teile. Jedes System 
und jeder Vorgang ist durch andere Systeme und Vorgänge bedingt. Mit 
anderen Worten: alles steht unter gesetzmäßigen Zusammenhängen. 

Die wichtigsten drei dieser Gesetzeszusammenhänge hat schon Newton 
erkannt und als die wesentlichen Sätze, die Prinzipe bezeichnet.") Es sind 
das bekanntlich das Prinzip der Trägheit, das des Kräfteparallelogramms 
und das von Actio et Reactio, d. h. von der Gleichheit der Wirkung und 
Gegenwirkung. Hierzu gesellte Robert Mayer dann noch den Satz von der 
Erhaltung der Energie, und als Ableitungen aus diesen vier großen Haupt- 
gesetzen erkannte man noch die Prinzipe von der Bewegung des Schwer- 
punktes, den Flächensatz, ohne den die Astronomie nicht auszukommen 
vermag, jenen der virtuellen Verschiebung, den Satz vom kleinsten Zwang 
und kleinsten Kraftaufwand, das D'Alembert'scht und das Hamilton'sche 
Prinzip, welche aber alle teilweise sich decken und nur verschiedene For- 
mulierungen desselben Gesetzes sind. Das ist das gesamte Um und Auf 
der Mechanik. 

Von diesen ist das Trägheitsprinzip oder das der Beharrung nichts an- 
deres als das Seinsgesetz, in die physikalische Fachsprache übersetzt, wo 
es dann folgendermaßen klingt: Ein Körper behält seine Geschwindigkeit 
nach Größe und Richtung unverändert bei, solange keine Kraft auf ihn 
wirkt. Mit anderen Worten: A ohne Änderung bleibt A. Das Prinzip der 
Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung ist ohne weitere Erörterung 
verständlich, während das Kräfteparallelogramm nichts als die Konstatie- 
rung der Tatsache enthält, daß, wenn ein Körper gleichzeitig die Geschwin- 
digkeit AB und AC besitzt, er durch diese beiden nach AD gelangt. Mit 




anderen Worten: er beschreibt den unter den gegebenen Verhältnissen 
möglichst vorteilhaften, kurz ausgedrückt, den optimalen Weg. Daß dem 

133 



so ist, wurde den Menschen schon von je klar, z. B. als sie durch Anwen- 
dung dieses Gesetzes die günstige Flugbahn eines Geschosses (seine opti- 
male, ballistische Kurve) ermittelten; was aber bisher noch von niemandem 
bemerkt wurde, das war die Tatsache, daß Im Satz vom Kräfteparallelo- 
gramm eine Anerkennung des Optimumgesetzes steckt als einer grund- 
legenden Tatsache des Naturgeschehens. 

Letzten Endes aber ist es auch wieder nur eine Folgerung aus dem Träg- 
heitssatze, da es doch nichts anderes besagt, als daß jedes freie System in 
seinen Bewegungen einer Gleichgewichtslage zustrebt, die dafür den Aus- 
gleich darstellt. Dieses Gleichgewicht ist aber die günstigste unter allen in 
der betreffenden Sachlage möglichen Situationen, d. h. ihr Optimum. Zu- 
gleich jedoch ist es die Tendenz zur Restitution des Ursprünglichen, also 
der Ausgleich aus den Widerständen, welche die Beharrung den neuen, 
angreifenden Kräften entgegensetzt. Die Mechanik betritt mit dieser Ein- 
sicht nur den Weg, den auch die objektive Philosophie eingeschlagen hat, 
als sie in der Analyse des Seinsgesetzes unter anderem auch das Optimums- 
gesetz fand. 

In diesen Punkten würden weitere Erörterungen nur offene Türen ein- 
rennen. Ganz anders jedoch, wenn wir nun daran gehen, die Bedeutung 
dieser mechanischen Gesetze für das Verständnis des Weltphänomens ein- 
gehender zu untersuchen. Hat nämlich schon Hertz, ausgehend von seiner 
Massedefinition (Masse hat nur das Merkmal eindeutiger raumzeitlicher 
Bestimmtheit), alle Naturerscheinungen auf Bewegungen materieller Systeme 
zurückgeführt und damit dem Sinn von „Erklärung" den neuen Wert ge- 
geben, daß eine Erscheinung dann als erklärt gelten könne, wenn man sie 
durch Bewegungsgleichungen darstellen könne, so ist damit doch noch 
nicht der höchste Wert dieser Zusammenhangsätze erreicht. 

Es wäre eigentlich der nackte und absolute Materialismus, den zuerst 
Descartes auch unverhohlen aussprach, und der dann eben von Lagrange, 
Kirchhoff, Helmholtz und Hertz als seinen Heroen auf seine denkbar 
schärfste Formel gebracht wurde, daß durch die Mechanik eine einheitliche 
Naturerklärung möglich sei. Als Letztes der Natur gelten für sie die Massen- 
punkte der Systeme und die in Bewegungsgleichungen auflösbaren Zu- 
sammenhänge, denen sie unterliegen. Die gesamte Naturwissenschaft wurde 
dadurch zur angewandten Mechanik. Dadurch waren Natur und Naturwis- 
senschaft auf das schärfste umgrenzt und wie durch eine unübersteigbare 
Mauer vom Geistesleben und den Geisteswissenschaften abgeschlossen. 
Jener der Kultur so überaus schädliche Zustand war damit hergestellt, der 
die materialistisch-mechanistisch gesinnten Naturforscher selbstzufrieden auf 
ihren Erfolgen ruhen ließ, wenn eine Erscheinung auf mathematische For- 
meln zurückgeführt war, und sie den seelischen Erscheinungen, ja auch 
nur den teleologischen Zusammenhängen gegenüber mit dem Gefühl der 
Pflichterfüllung erklären ließ, ihre Beachtung und Erforschung lehnen wir 

134 



ab, „das ist nicht unser Fach", denn das ist nicht Naturwissenschaft. Und 
dabei war es schon vor einem Menschenalter W. Wandt in seiner Logik 
klar, daß die mechanischen Gesetze selbst, s. z. B. das von der Erhaltung 
der Energie, teleologisch seien, weil ja, wie er sich ausdrückt, „der Ge- 
danke der Erhaltung schon notwendig den des Zweckes in sich schließt", 
eine Teleologie, die übrigens ebenso auch für das Kräfteparallelogramm 
(s. die obige Formulierung) oder das HamlUon'szht Prinzip, beziehungs- 
weise das des kleinsten Kraftmaßes gilt. Der Zweck, die Teleologie aus 
der Naturwissenschaft auszuschließen, war also ohnedies nicht erreicht. 

Das alles kam von der völlig willkürlichen Einschränkung der Mechanik 
auf Systeme von Massenpunkten, die zur Einengung des Naturbegriffes auf 
solche materielle Systeme führte. Man merkte gar nicht das in den vor- 
stehenden Zeilen wiederholt und als selbstverständlich Betonte, daß die 
mechanischen Gesetze nicht bloß die „Punktsysteme'^ regieren, sondern 
eine Zusammenhangslehre allgemeinster Art sind. Alle Systeme, seien sie 
nun homogener oder komplexer Natur, also alle Mannigfaltigkeiten und 
Vielheiten von Teilen werden durch sie in ihrem Bestände gesichert. Das 
gilt für alles, was sich als Vielheit fassen läßt, vor allem auch für die 
menschlichen Vorstellungen. Aus der Biozentrik heraus muß schon diese 
Regelung aller Zusammenhänge anerkannt, und die Gültigkeit der Mecha- 
nik als einer Panmechanik auch für die Geisteswissenschaften angenommen 
werden. 

Nur mißverstehe man mich nicht. Wir haben keine andere Möglichkeit, 
die Besonderheiten von komplexen Systemen, genauer ausgedrückt, den 
Begriff des Seins anders zu erfassen, als durch das Trägheits-, Kreislauf-, 
Funktions-, Optimum-, Wechselwirkung-, kleinstes Kraftmaß- usf. Prinzip 
und sind daher gezwungen, sie einheitlich auf unsere seelischen Leistungen 
und natürlichen Erfahrungen anzuwenden, wenn sich beide decken und 
reibungslos aufeinander anwenden lassen sollen. In der Beschaffenheit 
unseres Intellekts ist diese Mechanik begründet; er, der auch die Lebens- 
erfahrung aus dem Komplex des „Seienden" so selektiert, daß nur mecha- 
nisch geordnete, komplexe Systeme für uns erkennbar sind, funktioniert 
auch als Schöpfer nur nach seinem, nämlich nach dem Gesetz der Mechanik. 

Das ist ein Schritt über Hertz und Mach hinaus, und er kann nicht getan 
werden ohne eine Schleppe weitreichender und in die gesamte Kultur ein- 
greifender Folgen. Denn auf einmal ordnen sich nun lange Reihen von Be- 
griffen verständlich, aber in neuer Ordnung. Denn, wenn die Mechanik der 
Moleküle das ist, was man gemeinhin Physik nennt, so ist die Mechanik des 
Atombegriffs der Umfang der Chemie als eines Teiles der Physik. Mechanik 
der Schichten liefert die Tektonik, Mechanik der Raumgitterelemente ist die 
Kristallotik, Mechanik der Himmelskörper ist Astronomie, Mechanik der 
Zahlen ist Mathematik, Mechanik der Soldaten ist Strategie und Taktik, die 
der Menschenmasse die eigentliche Staatswissenschaft; Mechanik der Ge- 

135 



danken heißt Logik, die der Rechtsbegriffe ist Jurisprudenz, die des Geldes 
ist Wirtschaftslehre, die der Töne ist Musik. Eine Panmechanik ist der 
Weltprozeß. 

Natürlich gehen alle die genannten Kulturleistungen und Naturwissen- 
schaften über die bloße Verwirklichung der mechanischen Prinzipe hinaus, 
aber den Weltgesetzen entsprechen sie — und das ist es, worauf es mir 
ankommt — nur so weit, als sie Mechanik in sich enthalten. Und so weit 
sind sie auch mathematisch faßbar.*) ^o) Sie alle handeln so wie alles 
Lebende. Sie wenden selbst Mechanik an, um ihr Dasein dem Optimum 
näher zu führen. Und mitten unter ihnen tut das auch der Mensch. Es 
haben eben nicht bloß die Organismen ihre „Biotechnik^^ , sondern auch er 
hat seine Technik; nicht nur sie haben teleologisch geregelte Antworts- 
reaktionen auf ihre Sinneswahrnehmungen, sondern auch er hat seinen Ver- 
stand; nicht nur sie haben Gemeinschaften und Künste, sondern auch er 
hat sein Staatsleben und seine Zivilisation. Aber alle Leistungen bei Zelle, 
Pflanze, Tier und Mensch sind unterworfen den großen mechanischen 
Gesetzen, die ihnen Wirkung und Dauer sichern, wenn sie befolgt werden, 
sie aber der Zerreibung und Haltlosigkeit ausliefern, wenn eine Vielheit 
sich anders zu regeln versuchte, als nach diesem Zusammenhangsschema, 
das nicht deswegen wirkt, weil es gut ist, sondern das eben die einzige 
Möglichkeit ist, durch die eine gute Wirkung zustande kommen kann. 

Da ist ein großer gemeinschaftlicher Gesichtspunkt gewonnen, unter dem 
Natur und Kultur zur Einheit zusammenfließt und durch den die uralte, 
dem Optimum des Menschen unsagbar schädliche Trennung und das Sich- 
nichtkennen und Nichtverstehen von Natur- und Geisteswissenschaften end- 
lich einmal einer objektiven einheitlichen Betrachtungsweise weicht. Eine 
neue biozentrische Einstellung für "das Erleben (eine biozeritrische Kultur- 
wissenschaft) ersteht damit, wie sie Comte und Spencer, Häckel und auch 
Spengler neuestens^i) wohl geahnt und angestrebt haben, die aber bisher 
nur geringe Überzeugungskraft besaß, weil sie nur auf Ähnlichkeiten, auf 
Analogien, nicht aber auf zwingender Logik aufgebaut war. Es ist etwas 



*) Eingesehen hat man das für Naturwissenschaften längst und, seitdem Laplace 
seine berühmte Micanique Celeste geschaffen hat, wurde es immer mehr das ausge- 
sprochene Ideal aller Naturwissenschaftler, in ihrer Disziplin so viel Mechanik und 
Mathematik als nur möglich anwenden zu können. Man schwelgte in den Begriffen 
Entwicklungsmechanik und Mechanismus des Lebens, auch Mechanismus des Geistes- 
lebens bis zur völligen Verkennung dessen, daß alle Mechanik in dem Maße mehr 
unter der Herrschaft biologischer Beziehungen steht, als die Komplexe, die von ihr 
geregelt werden, mehr Analogien zum Menschen aufweisen. Man hatte sich dermaßen 
hineingedacht in eine Maschinentheorie des Lebens, daß es H. Driesch und seinen 
Bundesgenossen einen langen und zähen Kampf kostete, ihre Zeitgenossen zu über- 
zeugen, daß die lebenden Maschinen nicht bloß mechanischen Gesetzen folgen, son- 
dern auch durch teleologische Zusammenhänge geregelt sind. 

136 




Abb. 52. Modell zur Erklärung der Faltung 
der Gesteinsschichten 

Jura- und Kreideschichten sind in Hauptdolomit einge- 
faltet und bilden eine „Mulde"; im hinteren Teil des 
Modells bilden die „Raiblerschichten" einen „Sattel", 
der auf dem Wettersteinkalk aufliegt. (Vgl. Abb. 54.) 
Original im Deutschen Museum zu München 



Abb. 53. Die verworfenen Schollen der 
Abbildung 54 sind durch die Erosion zer- 
schnitten 

Original im Deutschen Museum zu München 



Abb. 52—54. Die Entstehung des Qebirgsreliefs in den vier Phasen der Schichtung, 
Faltung, Verwerfung und Erodierung 




Abb. 54. Verwerfung von Gesteinsschichten in der Längs- und Querrichtung 

An der Quervervverfung ist im linken Bild die Scholle B in die Tiefe gesunken (vgl. da/u Abb. 5J. die du 
gleiche Sachlage ohne Verwerfung darstellt). Original im Deutschen Museum /u München 




Abb. 55. Die Erscheinungen der Gebirgsabtragung: Zerklüftung, Grat- und Grat- 
turmbildung, Entstehung von Kaminen, Schuttreißen, Aussiebung des Gerölles, 
Selektion der Gipfel, Talbildung 

Motiv aus der Palagruppe in den Südalpen. Der Campanile di Val di Roda von der Croda da Pala. 

Originalaufnahme 



ganz anderes, wenn es heißt, die Staaten der Tiere sollen unser Vorbild 
sein, denn wir sind doch auch eine Tiergattung, wie im besten Fall 
die Argumentation der Genannten lautet, als wenn die Formel so gestellt 
wird: Dem einheitlichen Gesetz, nach dem allein wir leben können, müssen 
auch unsere Werke folgen, sollen sie nicht in stetem Gegensatz und Rei- 
bung zur gesamten übrigen Welt stehen und dadurch zu einer Quelle der 
Disharmonie werden, die unsere Gesamtleistung mindert. Man muß also 
die Weltgesetze erforschen, um die Gesetze unserer Werke ihnen angleichen 
zu können! 

In der Sprache der Mechanik gesagt: der Teil eines Systems muß sich, 
wenn er sich nicht in seinem System zerreiben soll, den Gesetzen dieses 
Ganzen einordnen. Oder in der Spruchweisheit der objektiven Philosophie 
wieder als der Satz, mit dem ich die Menschheit allerorten ständig um- 
stellen möchte, den man an jedem Rathaus und Parlament, an jeder Schule 
und jeder Kirche und an jedem Vergnügungsort anbringen sollte: Man 
kann nicht richtig leben, wenn man die Gesetze der Welt nicht kennt. 
Diese neue Kulturwissenschaft wird genau so, wie sie Maschinen der Orga- 
nismen und Maschinen der Menschen miteinander verglichen hat, auch dazu 
kommen, die Leistungen der Pflanzen, Tiere und Menschen in der Organi- 
sation von Vielheiten, im ethischen Verhalten, in der Gesamtlebenseinrich- 
tung miteinander zu vergleichen, nicht wie etwa naives Mißverständnis 
glauben kann, damit der Mensch die Tiere nachahme, sondern um festzu- 
stellen, ob es verschiedene Methoden darin gibt, und wenn ja, welche von 
diesen die optimale ist. 

Diese Arbeit ist nun freilich nicht die Aufgabe eines Werkes, das der 
Feststellung der Weltgesetze gewidmet ist — handelt es sich doch dabei 
nur um die Anwendung dieser Gesetze auf die kulturellen Leistungen — 
es gehört daher in den Komplex, den ich in diesem Werke wiederholt mit 
dem Namen: Gesetze des Schaffens umgrenzt habe. Freilich, die Wissen- 
schaft der nach uns Kommenden wird nicht umhin können, die natur- und 
die menschengeschaffenen Werke gleich einheitlich und untrennbar zu be- 
handeln, und wird die Trennungslinie Natur- und Geisteswissenschaft eben- 
so auslöschen, wie unser Geschlecht die Scheidewände zwischen dem Tier- 
und Pflanzenreich niedergerissen hat. Wir aber, die wir erst die Methoden 
des neuen Denkens feststellen, können das noch nicht vollziehen, ohne die 
Geister zu verwirren. Denn noch sind sie spezialisiert, und tatsächlich 
würde ein erheblicher Teil der philologisch-historisch Gebildeten die Sprache 
der Naturdinge in unseren Ausführungen nicht verstehen, wohl auch um- 
gekehrt. Diese rein wirkungspädagogische Erwägung hindert mich daran, 
hier nun, wie es eigentlich vom logischen Fluß der Gedanken gefordert 
würde, in einen Beweisgang einzutreten, der nacheinander an den Verbin- 
dungen der Atome, den Faltungen, den Sätteln, Mulden, Synklinalen, an 
überkippten, geschleppten und verworfenen Gesteinsschichten (Abb. 52/54) 

137 




Abb. 56. Die Wage zeigt an, daß die gleiche Masse oben im Hause 
ein anderes Gewicht besitzt als unten im Keller (Jolly'scher Ver- 
such). Dadurch ergibt sich bei einer Höhendifferenz von 5,3 m und 
1 kg Gewicht bereits 1,51 Milligramm Differenz als Zeichen des- 
sen, daß jedes Gewicht vom Ort abhängig, also relativ ist. Durch 
das Anbringen einer Bleikugel unter dem untern Gewicht läßt 
sich dieses noch vermehren. Das Gewicht ist also auch von der 
Umwelt abhängig. Relativität der Schwerkraft (Nach Graetz.) 



die mechanischen Grund- 
gesetze von Masse, Träg- 
heit, Wechselwirkung, der 
Erhaltung der Energie usw. 
zeigt und dadurch beweist, 
daß die großen Sätze der 
Tektonik und der Stereo- 
chemie nichts anderes denn 
die mechanischen Prin- 
zipi'in angewandt auf die 
Atome und Gesteine sind. 
So wie der Identitätssatz 
der Mathematik (a = a), die 

Gleichungstransforma- 
tionen, die Tatsachen der 
Gravitation am Himmel, die 
von Newton gelöste Auf- 
gabe des Jak. Bernouilli 
über die Brachistochrone, 
d. h. die Linie der kürze- 
sten Fallzeit, nichts als an- 
dere Ausdrucksformen der 
mechanischen Weltgesetze 
sind. 

Wenn Napoleon in sei- 
ner Kriegführung das Prin- 
zip zum Siege brachte und 
es bei Austerlitz und Wag- 
ram ebenso glänzend be- 
wies wie durch sein spä- 
teres Versagen und die Nie- 
derlagen von Leipzig und 
Waterloo, die so, wenn 
auch in negativem Sinn, 
bestätigen, daß man mög- 
lichst starke Massen dem 

Feind gegenüberstellen 

muß, ein Sieg nur durch 

Anwendung aktiver Ener- 



gie, nämlich durch eine Offensive zu erringen sei, so tat er mit dieser be 
währten und darum seitdem in die gesamte Kriegführung übergegangenen 
Strategie nichts anderes, als daß er dem mechanischen Weltgesetz auf 
seinem Gebiet zum Durchbruch verhalf, eine Denkungsart, die bei der Er- 



138 



örterung der Hlndenburg^ sehen Zangentaktik gelegentlich der Schlacht von 
Tannenberg bis in das letzte deutsche Dörfchen drang. Natürlich hat die 
Kriegführung, genau so wie jede andere „Schule", auch eine Fülle von 
Prinzipien hervorgebracht und erprobt, die sich mit den mechanischen Ge- 
setzen nicht decken.*) Sie hat zur Zeit der Lenkung der deutschen Reichs- 
kriege durch den Wiener Hof die Institution des Reichskriegsrates ins 
Leben gerufen, der taktische Fragen brieflich entschied. Und sie hat natür- 
lich damit die Erfahrung gemacht, daß Österreich Jahrhunderte hindurch 
sprichwörtlich immer besiegt und der Begriff Reichskriegsrat zum Gegen- 
stand des Gespöttes wurde. Oder sie hat im byzantinischen Spätreich den 
Männern die Waffenübung, also die Energieentfaltung, untersagt und bei 
dem Türkeneinfall dennoch geglaubt, Energie entfalten zu können. Tat- 
sächlich haben dann die Männer von Byzanz Weiberkleider angezogen, um 
nicht kämpfen zu müssen. 

Wenn die klassische Nationalökonomie von dem freien Spiel natürlicher 
Gesetze das Optimum und die Harmonie aller wirtschaftlichen Interessen 
erwartet und wenn sich dieser „Manchesterschule" Fr. Lists System der 
nationalen Wirtschaft und die sozialistische Theorie mit dem Glauben 
gegenübergestellt haben, daß die Rechtsordnung nicht das Ergebnis freien 
naturgesetzlichen Kräftespiels sei^^), so läßt sich hierüber der Entscheid 
innerhalb der Volkswirtschaftslehre niemals fällen. Denn objektiver Richter 
darüber ist allein die Wirklichkeit der Welt: das Sein, wie es sich gefügt 
hat. Die „nationale Absperrung" trägt stets den Todeskeim alles wirtschaft- 
lichen Gedeihens, die Kriegsdrohung in sich, und die willkürliche „Rechts- 
ordnung" des rein marxistisch regierten Sowjetrußland führte zum vollen 
Gegensatz jedes Wirtschaftsgedeihens. Beide nationalökonomischen Rich- 
tungen können sich aber auch auf keines der Weltgesetze stützen, als deren 
Vollstrecker sie sich fühlen; ihre Stützen sind die Doktrinen Hegels, der 
mit vollem Bewußtsein die Unabhängigkeit des Menschen von der Welt 
proklamiert. 

Man untersuche die Wege des Waren- und Geldverkehrs auf die in ihnen 
am wirksamsten sich äußernden Prinzipien, und man wird die Anziehungs- 
kraft der großen Zentren, das Bestreben den kürzesten Weg einzuschlagen, 
den Austausch von Wirkung und Gegenwirkung, die raumzeitliche Einord- 
nung als typischen Weg, bei widerstrebenden Einflüssen den des Kräfte- 
parallelogramms, kurz alle Prinzipien der Mechanik darin wiederfinden. Ein 
Kaufmann versuche ihnen entgegenzuarbeiten, er versuche nur, nicht in 



•) Die logischen Anwendungen der Mechanik auf allen Gebieten menschlicher Be- 
tätigung sind noch niemals systematisch durchdacht worden. Es fehlt daher, bevor 
dies geschieht, an dem praktischen Beweismaterial, daß nur die Verwirklichung der 
Weltgesetze das Haltbare und Gesicherte an den wissenschaftlichen und künstleri- 
schen Behauptungen bedeutet, so naheliegend und selbstverständlich dieser Satz einem 
einsichtigen Kopfe auch sein mag. 

139 



allem den Weg des geringsten Widerstandes, nicht den der Maximalarbeit, 
des Gesetzes von Actio und Reactio (es ist der des do ut des) einzuschla- 
gen, und seine Bilanz wird ihn auf das Nachhaltigste belehren, wie viel 
Ursache er hat, sich auf das Genaueste mit den Weltgesetzen vertraut zu 
machen, die von seinem Standpunkt aus nichts als eine optimale Anleitung 
sind zur besten Art, Geschäfte zu machen. In eine vollständige Analyse 
der Zivilisation müßten diese Gedanken münden, wollte man mehr tun als 
nur gerade auf sie hindeuten, und schon dadurch würde ihre Erörterung 
den wahren Zweck dieses Werkes zerstören.^^) 

Was hier vorläufig genügt, das ist, gezeigt und auch verständlich gemacht 
zu haben, daß die Weltvorstellung, der Bios, ein komplexes System ist, in 
dem im Großen ebenfalls dieselben Beziehungsregelungen herrschen, wie in 
dem so gut durchforschten komplexen System der materiellen Punktsysteme. 

Nicht die „Welt" ist Mechanik, sondern Mechanik ist nur die Regelung 
der Weltfunktionen vom Kleinsten bis ins Größte auf allen Integrations- 
stufen. Daher können mechanische Gesetze auch niemals etwas über die 
Weltursache, die Ursache der Erscheinungen aussagen, wie der Materialis- 
mus fälschlich geglaubt hat. Die mechanischen Gesetze sind vielmehr nur 
Aussagen über unser Innengesetz, das durch Mechanik umschrieben wird 
und die Ursache ist, warum alles nur in diesen Formen erlebt und ge- 
schaffen wird. Alle bekannten sechs Gruppen seelischer Erlebnisse: Emp- 
finden, Vorstellen, Denken, Fühlen, Triebe und Wollen und die aus ihnen 
hervorgehenden Leistungen sind nur Zustände eines Ichs, dessen Funktio- 
nieren in der durch die mechanischen Gesetze normierten Weise vor sich 
geht. Diese Erkenntnis ist der sichere Weg, um „weltgemäß" (die theo- 
logische Anschauung würde sagen: gottgefällig, d. h. reibungslos) leben zu 
können. In der Theorie der komplexen Systeme liegt der Schlüssel, damit 
der Mensch sein erlebtes Sein vollständig erfüllen lerne, daß er ganz der 
werden kann, der er eigentlich ist. 



Damit schließt erst endgültig die Analyse des Funktionsgesetzes, und die 
letzten Perspektiven bis zum Rande dessen, was uns als Welterkenntnis zu- 
gänglich ist, tun sich auf. Das Problem der objektiven Philosophie hat 
nach den vorangegangenen Erörterungen damit die folgende Form: 

Die einzige haltbare Erfahrungsgrundlage ist, daß unser Erleben (Welt- 
bild) aus verschiedenartigen Teilen aufgebaut ist. Es ist ein komplexes 
System. Es gibt also ein Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. 
Welcher Art ist das? Ein Verhältnis von Wirkungen und Gegenwirkungen. 
Die Teile beeinflussen sich; das All beeinflußt die Teile. Demgegenüber 
sehen wir uns genötigt, die Teile, um sie als solche im Sein erfassen zu 
können, als Individuen zu fassen. (Ursache der Singulation.) Erleben wir ja 
doch nicht eine wirkliche Welt, sondern nur eine durch die Organisation 

140 



unseres Körpers bestimmte Scheinwelt. Diese Individuen haben gesetzmäßig 
nur eine Form, die, welche eben ihrem Wesen entspricht (Identitätsform), 
und die bei „Bewegungen" (Verschiebungen des Systems) zur Wiederher- 
stellung der Ruhelage sich ändert. Diese Änderungen sind die Prozesse. 

Die Prozesse ruhen nicht, bis nicht ein Ausgleich erreicht ist, und sie er- 
reichen das erfahrungsgemäß (Parallelogramm der Kräfte!) auf dem best- 
möglichen (optimalen) Wege, weil jeder andere immer wieder Störungen 
auslöst, zwangsläufig die entstehenden Formen immer wieder zerstört, bis 
eben die optimale Form erreicht wird. Die Störungen bewirken also eine 
stete Transmutation zu ihrem Ausgleich, die als Entwicklung erscheint, 
ohne daß aber durch sie etwas Neues ins Sein gesetzt wird. Dagegen geht 
,^- --.^^ aus der steten gegenseitigen Störung all- 

mählich die optimale Form hervor, so 
daß dadurch stets eine Weltselektion, die 
das Optimale übrig läßt, im Gange ist. 
Die Prozesse vollziehen sich nun im 
Rahmen des kleinsten Kraftmaßes, das 
untrennbar zum Optimum gehört, als kür- 
zeste Prozesse (Prinzip des kleinsten 
Zwanges [ Minlmumprinzip ] ). Daß sie 
selektiv zum kürzesten Prozeß werden, 
ist ihr Gesetz. Dadurch sondern sich 
überhaupt Weltgesetze aus, wie aus dem 

^"^- -' " kleinsten Widerstand gegenüber der Iden- 

Abb. 57. Schema der harmonischen Bewegung, titätsherstellung die Formen der Welt 
Näheres siehe Anmerkung 58. ^^^^^ natürlich die Naturformen), die 

stets Funktionsformen in mechanischem Sinn, also technische Formen sind. 
(Vgl. Bd. I S. 88.) 

Dadurch geht die Welt auf jeder Integrationsstufe und diese alle zu- 
sammen einem Zustand vollständiger Ausgleichungen entgegen, einer Har- 
monie, die im einzelnen auf jeder Stufe (wenn sie sich einmal eingestellt 
hat) zwar zerstört wird, falls die Oberstufe die Harmonie noch nicht er- 
reicht hat, die aber doch unverkennbar der Endzustand ist, durch den allein 
wir Dauer begreifen können. 

Alles Sein, in jeder seiner Integrationsstufen, mit jeder seiner Funktionen 
drängt zur vollen Entfaltung, nämlich zu seinem Optimum. Das ist es, 
was man in der Terminologie des Hegelismus Entwicklung nannte. Aber 
dieser Prozeß ist nur innerhalb eines gewissen Rahmens möglich, nämlich 
bestimmt durch Selektion und das kleinste Kraftmaß. Und bewahrt wird 
das Sein nur durch die Harmonie. Das Disharmonische drängt sonst 
immer wieder zu neuem Geschehen. 

Die Anwendung des Optimumgesetzes auf das Sein fährt zu den Tat- 
sachen der Selektion. Die Anwendung des Optinwmgesetzes auf die 

141 



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Funktion leitet zum kleinsten Kraftmaß, weil dieses das Optimum der 
Funktion ist. 

Harmonie aber ist das oberste der großen Weltgesetze, weil Harmonie 
auch das Maßverhältnis von Sein, Integration, Funktion, Optimum, Selek- 
tion und kleinstem Krajtmaß bestimmt, wodurch allein die Dauer herge- 
stellt wird. 

So ist auch zwangsmäßig die Abrundung dieses Werkes nicht in unser 
Ermessen und Belieben gestellt, sondern vorgezeichnet und aus den Grund- 
lagen gegeben. Die Theorie der komplexen Systeme fordert, daß Entwick- 
lungen im System laufen, also kein konstantes System denkbar ist, bevor 
nicht die Funktionen seiner Teile bestmöglich entfaltet sind, also das 
Optimum der Funktionen erreicht ist. Darum sehen wir, wie jedes Sein in 
allen Seinsstufen zum Optimum, d. h. dem vollen Sein drängt. 

Diese Entfaltung zum Optimum ist aber nur in einer bestimmten Folge 
möglich. Durch Zerstörung der nicht optimalen Seinsformen (Selektion) 
reduziert sich der Prozeß auf den geringsten Widerstand. Aber auch die 
optimalen Systeme kämpfen untereinander, bis ihr Gleichgewicht hergestellt 
wird: das Optimum der optimalen Systeme, das man Harmonie nennt. Die 
Rangordnung der weitern Probleme lautet demnach: 1. Optimumgesetz 
(Entwicklung). 2. Selektion. 3. Gesetz des kleinsten Widerstandes. 4. Har- 
monie. Finden wir diese Erscheinungen wirklich im gesamten Bereich des 
Bios, wie wir Sein, Integration und Funktion darin gefunden haben, dann 
sind sie Weltgesetze, und auch der Mensch muß ihnen folgen. Wir werden 
unsere Lebensordnung dann aus ihnen ableiten. 

Die Vorfragen des Optimumgesetzes. 

Optimum übersetzt sich mit dem Ausdruck: das Bestmöglichste und be- 
tont in dem allerdings schwerfälligen und darum nicht geeigneten Wort besser 
als im Lateinischen das Relativistische dieses Begriffes, der ohne Bezugs- 
setzung keinen Sinn hat. Schon dadurch verrät sich, daß er ein eminent bio- 
logischer Begriff ist, worin auch seine wahre historische Wurzel steckt. Op- 
timum ist die verkörperte Physiologie, und, wenn auch der philosophische 
Vater des Gedankens von der bestmöglichen Welt Leibniz mit seiner „Theo- 
dicee" ist, so steckt dahinter dennoch Physiologie trotz des scheinbar meta- 
physisch-theologischen Gewandes. Denn was soll es einen anderen als einen 
Lebenssinn haben, wenn Leibniz sagt: Gott habe unter allen möglichen 
Welten die beste dadurch verwirklicht, daß er die Unvollkommenheit, sowohl 
das metaphysische, wie physische und moralische Übel zum Vehikel der Bes- 
serung machte. Das Böse ist doch nur Abwesenheit des Vollkommenen, eine 
Notwendigkeit, welche die Harmonie der Monaden und damit des Universums 
nicht hindern kann, dafür die Entwicklung auslöst, die zum Vollkommenen 
führen muß. Man sieht, wie in den Leibniz'schen Gedankengängen dem 

142 



Menschenleben die Tendenz zum Optimum seiner Artung genau so zuge- 
schrieben wird, wie von der modernen Physologie. Es war daher auch nur 
logisch, daß diese Idee zu ihrem Ausgangspunkt zurückfand. Bekanntlich be- 
herrschte der durch sie geschaffene Optimismus die Geister während des 
ganzen Auf klärungszeitalters; er ist der Urheber des Glaubens an das Gute 
und Vollkommene im Menschen bei Herder und Rousseau, auch bei Kant, 
wo das Optimum als Sieg der Vernunft über das rein Natürliche aufgefaßt 
ist. In allen diesen Geistern und den von ihnen beherrschten Zeiten wirkt 
er als Fortschrittsglauben, der dann als Tendenz sowohl auf die Sozialisten 
(Saint-Simon) wie durch deren Vermittlung auf Comte, die Engländer Dar- 
win, Spencer und somit Häckel und Huxley überging, die dann zu den 
Fanatikern des Entwicklungsglaubens wurden. 

Die wahre Grundlage, auf die sich das alles reduziert, ist das Erlebnis, 
daß jeder Prozeß des Organismus nicht maßlos weiter drängt, bis er dem 
Organismus schadet, sondern sich rechtzeitig auf ein gewisses Mittelmaß 
einstellt, das ihn in Harmonie mit den anderen Funktionen erhält, wobei der 
Maßstab in der Lebensfähigkeit des ganzen Organismus gegeben ist. Das 
Optimum wird durch den physiologischen Prozeß zwar nicht immer erreicht, 
wohl aber immer angestrebt. Jeder physiologische Prozeß ist optimoklin. 

Das bekannteste Beispiel hierfür hat der Forschung von je die Pflanzen- 
welt und die niedere Tierwelt geboten. Ist ein Pflanzenteil in dauernden 
Schatten geraten, so daß seine Blattgrünapparatur nicht vollbeschäftigt ist, 
dann löst diese Sachlage Wachstumsentwicklungen aus. Der betreffende 
Sproß oder Keimling „vergeilt". Das heißt, er bleibt nicht nur bleich und 
von einer gewissen schlaffen Beschaffenheit durch die mangelnde Funktion, 
sondern beginnt übermäßig zu wachsen. Und zwar nicht nur in dem Rahmen 
seiner ursprünglich vorgesehenen Gesetzlichkeit, sondern auch phototrop, 
worunter die Tatsache verstanden ist, daß er sich über die Intensität ver- 
schiedener Lichtquellen, ebenso über deren Einfallswinkel und Richtung 
orientieren kann. Die Pflanze wächst nämlich in der „bestmöglichen" 
Richtung, dort angelangt setzen in ihr neue Prozesse ein: Ein bestimmt ge- 
richtetes Wachstum der Blattstiele an gewissen Stellen, wodurch die Blatt- 
spreite eine Drehung ausführt, die ihre Hauptfläche in einem Winkel von 
90° gegen die Richtung der Lichtstrahlen (also in optimale Lage) bringt 
(Abb. 36). Damit nicht genug, verlassen nun innerhalb der Zellen der Blatt- 
spreite die Blattgrünkörner ihre Lage und wandern aktiv wieder in einer dem 
Optimumgesetz entsprechenden Weise. An den Laubbäumen kann man diese 
Vorgänge in feinster Abstufung jederzeit beobachten. Die Aste richten sich 
mit ihrem Wachstum bereits nach dem Optimum des Lichteinfalls, die klei- 
neren Zweige füllen die großen Lücken, die das Stockwerk des über ihnen 
noch stehenden Laubwerkes läßt, die Einzelblätter werden vom Wachstum 
ihrer Stiele in jeden noch verbleibenden Lichtwinkel geschoben. Vom größ- 
ten bis ins kleinste beherrscht das Optimumgesetz den Wuchs der Bäi-me. 

143 



Dort aber — und gerade darin zeigt sich seine durchgängige Gültigkeit — 
wo die Lichtmenge das optimale Bedürfnis übersteigt, setzen wieder Bewe- 
gungen, also Prozesse ein. Änderlingsalgen, die man im Dunklen gehalten 
hat und einseitig beleuchtet, eilen ins Licht. Geraten sie aber in zu grelles 
Licht, machen sie kehrt und fliehen ebenso intensiv. Nur in einem gewissen 
Lichtoptimum sammeln sie sich an. Da man dies Aufsuchen einer optimalen 
Lage Tropismus nennt, spricht man in diesem Fall von einer Umkehr des 
Phototropismus vom Positiven ins Negative. Die wahre Ursache der Er- 
scheinung ist, daß das Optimumgesetz auch in der Chemie gilt. Das Chlo- 
rophyll arbeitet ebensowenig richtig unter der Mechanik von Wellen, für 
die es nicht abgestimmt ist, wie bei ungenügenden oder übermäßigen Licht- 
quanten; sein Arbeitsmaximum liefert es nur bei einem qualitativen wie 
Mengenoptimum, seine Funktion beginnt überhaupt erst bei gewissen Nähe- 
rungswerten um dieses herum. 

Genau das gleiche erkennt man an allen Tropismen der Pflanzen und der 
Tiere (vgl. Abb. 58). Sie sind das Mittel, der Prozeß, der in Gang gesetzt 
wird, um das Optimum zu erreichen. Der Polyp, der seine Funktionen 
optimal nur bei einer gewissen Einstellung zum Licht ausführen kann, kriecht 
durch ein ihn daran hinderndes Sieb ohne weiteres durch; dreht man ihn 
um, beginnt er sofort neue optimokline Bewegungen, wodurch das merk- 
würdige Bild der Abbildung 58 zustande kam. Nur wenn das Optimum 
erreicht ist, dann hören die Prozesse auf, die Bewegungen von Pflanze 
und Tier werden sistiert, der Ruhezustand tritt ein. 

Die Tropismen vollziehen sich nicht immer so einfach; es gibt zusammen- 
gesetzte, automatisch ausgelöste, vererbbare, die Reflexe genannt werden; 
es gibt Reflexketten und von da über die Instinkte bis zu den bewußten 
Handlungen eine nirgends abreißende, sondern sich von einem auf das andere 
bauende Komplikation von Reizbeantwortungen, die alle zielstrebiger, finaler 
Natur sind und niemals etwas anderes erstreben und auch erzielen, als das 
jeweilige Optimum im stets wechselnden Getriebe der Lebensbedingungen. 
Auch auf diesem Wege läßt sich ein Verständnis anbahnen, wozu die Or- 
ganismen Tropismen, Sinnesorgane, Rejlexzentren, Ganglien, ein Gehirn 
und die Denkfunktion besitzen und was die Rolle des Menschengeistes für 
den Menschen ist. Was wir schon im Rahmen der Biotechnik sahen, wie- 
derholt sich hier. Kann das alles etwas anderes sein, als die technischen 
Hilfsmittel und die Funktion, um in der stets wechselnden Lebenslage je- 
weils die bestmögliche Einstellung, das Optimum zu erreichen? 

Was die objektive Philosophie auf anderem Wege erkannt hat, findet da- 
mit wieder Bestätigung. Der Intellekt hat deshalb keine Fähigkeiten zur ab- 
soluten Erkenntnis, sondern muß alles relativistisch erkennen, weil er eben 
nur biologische Zwecke hat. Nicht zur Welterkenntnis dient es, sondern nur 
zur Orientierung in der Welt. Seine Grenzen sind dort, wo die Lebens- 
interessen des Menschen die ihrigen haben.") 

144 




Abb. 



59. Die Erscheinungen der Erosion an einem Modell. Erstes 
Stadium. Erster Beginn der Talbildung 



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Abb. 60. Die Erosion. Zweites Stadium 

Fortgeschrittene Erosion mit Haupt- und Seitenabbildungen. Das Modell entspricht insofern 
nicht der Wirklichkeit, als es nur die Tendenz der erodierenden Kräfte, ihr Werk auf dem kürze- 
sten Wege auszuführen, also senkrecht einzuschneiden zeigt, während ihnen in Wirklichkeit 
das Nachrollen des Gesteins, also die Böschungsbildung im Sinne des Ausgleichs entgegen- 
arbeitet. Berg- und Talformen sind also nur dann so übersteilt, wenn es sich um sehr hartes 
oder sehr weiches Gestein (Breccie, s. Bd. I Abb. 70) handelt 



Ein überragender Gedanke von kolossaler Tragweite ist das, dessen Aus- 
bau Generationen von Forschern und Denkern beschäftigen wird. Nerven- 
zellen and Gehirn als Organ, der menschliche Intellekt als Mittel zur Er- 
reichung des menschlichen Optimums ^s), das ist einer der wichtigsten Sätze, 
den dieses Werk erarbeitet hat. Mit ihm steht und fällt die ganze Bedeu- 
tung der objektiven Philosophie. Wer ihn annimmt, nimmt dadurch ein 
ganzes Kulturprogramm von unermessener Ausdehnung an, einen grund- 
legenden Standpunkt für die Beurteilung der idealsten wie der realsten 
Fragen, von der Metaphysik bis zum letzten Handgriff des alltäglichen 
Lebens. Werte und Ideale haben ihre Rangordnung geändert, die von 
Nietzsche prophezeite und mit der Relativisierung der Moral auch im Sinne 
der objektiven Philosophie angebahnte „Umwertung aller Werte" hat dann 
tatsächlich begonnen. 

Unverrückbar und felsenfest ist damit der Mensch auf seine Mutter Erde, 
in die Umwelt, an die er angemessen ist, gestellt. In ihr allein kann er ganz 
„Mensch" werden, vollkommen, in aller Schönheit, Macht und Harmonie 
den Begriff „Mensch" ausspannen und damit sein Optimum, das höchste 
Ziel menschlichen Strebens erreichen. Dazu hat er den Verstand, das dunkle 
wogende Meer der Gefühle in seiner Brust, seine Talente, das tiefste Unter- 
bewußte, das ihn mit dem All verbindet, Intuition und die Begnadigungen des 
Herzens. Unermeßlich weit aber überspannt ihn nun auch ein Himmel, zu 
dem er wieder mit vollstem Wissen als „modernster" Mensch vertrauend und 
gläubig im großen beseligenden Gefühl der endlich wiedergefundenen 
„Gotteskindschaft" und der Einheit mit dem All aufblicken kann. Was ihm 
versagt ist, das erfüllen jene Stufen des Weltenbaues, in den er als Atom 
und Baustein eingeordnet ist, und dessen Gesetz gerade deshalb das seine ist. 

Gewiß, er vermag nichts auszusagen über die großen metaphysischen 
Fragen, über Ursprung und Zweck der Welt, über seine eigene Zukunft 
nach der Spanne des Lebens, ebensowenig wie es einer Zelle oder gar 
irgendeinem Molekül in seinem Inneren zukäme, zu wissen von seiner Her- 
kunft oder gar zu bestimmen über seine Taten. Im Kosmischen, in den 
Weltwelten, den hyperkosmischen Organismen, dort werden die Antworten 
gegeben vom Weltengeist auf solche Fragen, und ihnen hat der Mensch 
schweigend, verehrend das Unerforschliche, sich unterzuordnen. Sichtbar 
ist ihm die Existenz des Weltengeistes als Weltgesetz, sein Gefühl erahnt 
ihn als das göttliche Prinzip des Seins und wenn er nur sich optimal ein- 
fügt in den um ihn gespannten Rahmen Welt, aus dem er durch keinen Tod 
fallen kann, dann hat er alles getan für alle Zeiten und mag sich auf den 
großen Kreislauf verlassen, der ihn angemessen dem, was er war, wieder 
ins Leben und unter Umständen in Höheres bringen muß. 

Aus diesem Wissen heraus bildet sich das neue Weltverständnis einer ob- 
jektiven Philosophie, eine neue Kulturordnung und Lebensregelung, Aufgaben 
für den inneren und äußeren Menschen, ein hochragender Bau einer neuen 

Franci, Bios \\ 10 

145 



Wissenschaft, einer neuen Technik, einer neuen Kunst, einer neuen Gesell- 
schaftsordnung, einer neuen Ethik, die zu einer Religion von erhabener Tiefe 
und Ausgeglichenheit, voll unergründlicher Geheimnisse und Tröstungen der 
Seele leitet. Von allem Guten, das je auf Erden war, nimmt diese neue 
Lebenslehre für den Menschen das Beste und konserviert es liebe- und ver- 
ständnisvoll, für alles Leid hat sie Güte, Verständnis und Heilmittel, für 
seinen höchsten Flug weiß sie Ziele und für sein gesamtes Können einen 
lockenden, reich, glücklich, gesund machenden Preis: das Optimum. 

Indem ich in heilig ernster Stunde diese Sätze niederschreibe, den Blick 
auf den unendlichen Himmel und den blühenden Garten der Erde darunter 
gerichtet, bin ich mir wohl bewußt, daß von hier aus eine Umwälzung und 
Änderung der Menschheit ausgehen wird, die die Jahrtausende nicht zu er- 
schöpfen vermögen, — und ich will nur hoffen, daß wenigstens einiges von 
diesem Gefühl der felsenfesten Überzeugung und inneren Überwindung des 
Leides aus diesem Buche auf die übergehen möge, denen ich es als das 
Vermächtnis einer um ihre Ewigkeit ringenden Menschenseele gebe. 



Zahllose Organismen handeln optimoklin, ohne ein Gehirn, überhaupt 
ohne auch nervöse Differenzierungen zu besitzen. Schon im Kreise der 
Hohltiere besitzen z. B. die wunderbaren Staatsquallen nur mehr ein ganz 
einfaches, in Ganglien aufgelöstes Nervensystem und die Schwämme gar 
keines mehr. Ebenso fehlen alle derartigen Einrichtungen den Urtieren 
(Abb. 23 und Bd. I Abb. 77 und 79) und den Pflanzen in allen Abteilungen 
ihres weiten Systems mit Ausnahme der Nervenfibrillen, die von Nemec und 
Fenner, auch von neueren Forschern seitdem als Verbindung zwischen 
Sinnes- und Erfolgsorganen nachgewiesen wurden. *6) Und dennoch ist das 
Leben aller dieser Wesen ebenso eine Kette von allerdings einfachen Tropis- 
men und Reflexhandlungen, die immer nach dem von W. Pfeffer in seiner 
Pflanzenphysiologie mit aller Schärfe herausgearbeiteten Schema verlaufen, 
daß das Bedürfnis Prozesse erweckt und beschleunigt, die auf Wiederher- 
stellung des Gleichgewichtes abzielen. Diese Regulationen entspringen den 
Reizreaktionen, es ist also die Empfindungsfähigkeit, wenn man will, kann 
man auch sagen die Reizbarkeit der Pflanze und des Plasmas überhaupt das 
Mittel, durch das die Organismen ihr Optimum erreichen können und durch 
das die Entwicklungen ausgelöst werden. Mit anderen Worten, auch hier ist 
das Seelische das Mittel des Lebens, um zu seinem Optimum zu gelangen. 

Optimoklin ist aber auch das Anorganische, und demgemäß sieht man 
überall in der Welt Entwicklungen nach Art der Reizreaktionen, nämlich 
induziert verlaufen und sofort stillestehen, sowie ihre Ursache befriedigt 
ist. Daß dieses finale Geschehen die Physik beherrscht, wurde uns schon 
bei Ableitung des Kräfteparallelogramms, also eines der ganz grundlegen- 
den Prinzipien der physischen Welt klar, als wir uns davon überzeugten,^ 

146 



daß dieses Prinzip der Zusammensetzung, wie man es auch genannt hat, 
stets das Optimum des Geschehens *«) hervorruft. Auch ein fundamentales 
Prinzip der Chemie, nämlich das der Maximalarbeit, fällt mit dem des 
Optimums zusammen. Seitdem der französische Chemiker Berthelot'-''') im 
dritten Satz seiner grundlegend gewordenen Thermochemie behauptete, daß 
jede chemische Veränderung die Erzeugung solcher Verbindungen anstrebe, 
bei denen die meiste Wärme frei wird, die also in Bezug auf chemische 
Arbeit das Optimum darstellen, haben sich zwar vielerlei Ausnahmen von 
diesem Gesetz herausgestellt, aber zugleich auch, daß es beim absoluten 
Nullpunkt der Temperatur vollkommen richtig sei, daß also die vorkom- 
menden Temperaturen eben nur „Störungen" und nicht mehr bedeuten. 

Einmal darauf aufmerksam geworden, wird man aber das Optimumgesetz 
in der physikalischen Welt allerorten wiederfinden. Wem sind im Gebirge 
nicht schon die prachtvollen Geröllreißen nach Art der in Abbildung 55 
wiedergegebenen aufgefallen (vgl. auch Bd. I Abb. 74), in denen, auf das 
Allerfeinste aussortiert, von unten nach oben die größten Felstrümmer all- 
mählich in feinen Sand übergehen. Diese Trümmerhalden, vom Menschen 
an Bahndämmen, Bergwerkshalden, bei der Müllabfuhr der Städte nach- 
geahmt und in ihrer Gesetzlichkeit angewandt, sind ein Produkt des Stein- 
schlages durch die Verwitterung; ihre Form wird durch die Gesetze der 
Schwerkraft bestimmt, die es festlegen, daß der Böschungswinkel solcher 
Halden niemals mehr als 45" beträgt. Einmal erreicht, ändert er sich ohne 
äußeres Zutun nicht mehr. Aber bevor er erreicht ist, überschreitet jede 
neue Zufuhr von Material die unterwertigen Winkel und steilt sie auf. 
Greift nun aber, wie man das im Hochgebirge und an alten Flußufern 
allerorten sehen kann, die Erosion in die Böschung ein und übersteilt sie, 
dann stürzen die darüber stehenden Blöcke nach, eine „Talentwicklung'' 
setzt ein, bis wieder die optimale Böschung erreicht ist. So bildet jeder 
Fluß sein Tal V-förmig (Abb. 4), wobei die Schenkel des V maximal einen 
Winkel von 45° beschreiben. Ist das erreicht, dann ist das Tal in der 
Sprache der Geographen „reif"; bis dorthin „entwickelt" es sich und zwar, 
wie wir gesehen haben, optimoklin mit der gleichen Teleologie und Umkehr 
des Geschehens wie bei einem lichtsuchenden Organismus. 

Das Optimumgesetz spricht sich auch im „freien Fall" aus, für den der 
kürzeste Weg der senkrechte, also der Winkel von 90" ist. Das ist so ge- 
wohnt, daß es selbstverständlich erscheint, während es in Wirklichkeit eine 
Besonderheit der Welteinrichtung ist. Nichts anderes als der Ausdruck des 
vorteilhaftesten Geschehens. Ausgeprägt ist das in hundert und aber hun- 
dert Formen in der gesamten Welt, in Wasserfällen, Klammen, Felsmauern, 
Canons, Stalaktiten und Mauern und Türmen. Hier steckt die Erklärung 
für die Mühe, die sich der Baumeister gibt mit Richtscheit und Senkblei. 
Denn nur was senkrecht steht, bleibt stehen und ist noch tragfähig für 
höhere Aufbauten; was nicht senkrecht steht, ist nicht haltbar. 

10* 

147 



Die vielen merkwürdigen Lehren der Erdkunde über die Erosion und die 
SchoUenbräche gehen alle auf diese wenigen Grundsätze zurück. Unter 
Erosion (vgl. Abb. 59—60) versteht die Geologie bekanntlich die Tatsache, 
daß die lebendige Kraft des Wassers den gesamten Verwitterungsschutt 
ständig wegräumt und dadurch auf alle Höhen des Festlandes ständig ab- 
tragend wirkt. Während die Abrasion durch die Schubkräfte die Meeres- 
küsten reinspült, arbeitet die Erosion unter dem Diktat des Fallgesetzes stets 
optimoklin und sucht den senkrechten Weg in die Tiefe. Sie ruht nicht, bis 
nicht der Ausgleich erreicht ist. Kein Geschehen im Kosmos ruht, bis nicht 
die Ursache, die es ins Leben rief, den Ausgleich mit seiner Wirkung ge- 
funden hat. Die Vorbedingung der erodierenden Wirkungen sind nun die 
Sonnenwirkungen auf das Gestein. Die Hitze dehnt die Felsen aus, die 
nächtliche Abkühlung zieht sie so zusammen, daß Sprünge, feinste Risse 
entstehen. In den Wüsten, wo die Temperaturdifferenzen zwischen Tag und 
Nacht 60—80° betragen, sieht man allenthalben abgesprungene Gesteins- 
stücke. In einem Wädi des Sinai sah ich ein Gegenstück zu dem jedem 
Geologen bekannten Bilde, auf dem ein durch diese Wirkungen wie eine 
Orange zersprungener, kugeliger Steinblock zu sehen ist. Wo Winterfrost 
herrscht, vollendet das beim Frieren sich ausdehnende Wasser das Werk 
der Verwitterung. Dazu kommen die IJthobionten^^), die Gesellschaft der 
Bakterien, Spaltalgen und Flechten, die jeden an der Luft liegenden Fels 
besiedeln und chemisch zermürben. So zermorscht wird dadurch der eisen- 
harte Fels, daß wir auf einsamen, selten bestiegenen Gipfeln im Vorder- 
karwendel an der tiroler Grenze auf Graten durch einfaches Angreifen ganze 
Steinbauten zum Einsturz brachten. So kommt es zum Steinschlag, der den 
Schutt am Fuße der Wände anhäuft (vgl. Abb. 55). 

Mit diesem Material wirtschaftet die Erosion. Schon oben in der luf- 
tigen Höhe wirkt sie durch den Kohlensäuregehalt des Regens lösend auf 
fast alle Gesteine, namentlich aber auf die kalkhaltigen; tiefer unten ver- 
trägt sie mit den Wildbächen und kleineren Rinnsalen bis zu den großen 
Bergströmen alles gelockerte Material und benutzt dieses selbst als Vehikel, 
um die kantigen Trümmer zu Gerollen zurecht zu schleifen (vgl. Abb. 6), 
auch diese zu Kies, Sand und Schlamm zu zerreiben und immer wieder zu 
verfrachten. Und dazu nagt das Wasser immer in die Tiefe; wo noch ein 
bißchen Gefälle ist, entfaltet es seine Macht; wo aber alles eben ist, auch 
da steht es nur oben still, in der Tiefe sickert es immer noch erdwärts und 
löst an dem Untergrunde. Gar nichts kann dieser Tätigkeit widerstehen; 
sogar im Granit graben sich Regenrillen ein; bestimmt wird der Wirkungs- 
grad vom Gefälle und der Weichheit des Gesteins. Die Gesamtmacht ist 
unermeßlich, denn 30600 Kubikkilometer (ä 1000 Millionen Kubikmeter) 
Wasser fließen jährlich in den Flüssen dem Meere zu, und, wenn trotzdem 
in der Hochgebirgshöhe von 1800—2400 m die Gebirge durch die Erosion 
in je 1100 Jahren nur um einen Meter ihrer Gesamthöhe abgetragen wer- 

148 



den, so genügt das, um ein Gebirge wie die Alpen in vier Jahrmillionen 
spurlos von der Erde verschwinden zu machen. Ihr Optimum erreicht die 
Erosion in den weichen Gesteinen, namentlich im Kalk. Dort sind die be- 
rühmten Schaustücke der Alpen, die Klammen (Abb. 50) und Erdpyramiden 
(Abb. 44), aber auch im Sandstein nagt sich das Wasser die bizarrsten 
Türme (Bd. I Abb. 69) und Wandgebilde heraus. Stille steht die Erosion 
erst in den Ebenen, und eigentlich wird das AntUtz aller Gebirge von ihr 
geprägt und damit das Relief des gesamten Festlandes. Das alles steht 
also unter der Herrschaft des Optimumgesetzes. Wohin man sieht, fällt 
der Blick auf die Zeugen seiner Macht. Und daß seine Wirksamkeit im 
Anorganischen auch nicht denkbar ist, ohne die teleologischen Prinzipien 
unseres Denkens zu Hilfe zu nehmen, dafür bietet sich im Erfahrungsfeld 
der Physik ein überwältigendes Beispiel durch den Lachambre'schen Re- 
flexionsversuch, das in der Fachliteratur unter dem Namen des Fermat- 
schen Prinzipes der schnellsten Ankunft bekannt ist. 

Dieses Fermat'sche Theorem ist für die gesamte Optimumfrage des An- 
organischen so wichtig, daß man ihm notgedrungen größte Aufmerksamkeit 
schenken muß. Schon im Jahre 1662 hatte der französische Physiker 
Lachambre bewiesen, daß ein Lichtstrahl bei der Reflexion, um unter Ver- 
mittelung des Spiegels von einem Punkt zu einem anderen zu gelangen, 
nicht den kürzesten, sondern den zweckmäßigsten, nämlich jenen Weg 
wählt, der die kürzeste Zeit braucht. Der französische Bearbeiter des Dio- 
phant, H. Fermat, zeigte dann, daß auch der gebrochene Strahl den zeit- 
lich kürzesten Weg einschlägt, um von einem Punkt des einen Mediums 
nach einem vorgeschriebenen Punkt des zweiten Mediums zu gelangen, 
wenn beide Medien durch eine ebene Fläche getrennt sind. Es liegt also 
zweifellos hier eine Kundgebung dafür vor, daß auch das Geschehen der 
anorganischen Natur für uns nur bei Annahme biozentrischer Vorstel- 
lungen ausdeutbar ist; die schnellste Ankunft wird unter allen Umständen 
durchgesetzt, wenn es auch nur durch eine besondere Modifikation geht. 

Immer sieht man — und dieser Gedanke soll uns nun in die Tiefe des 
Optimumproblems leiten — , daß durchgängig in jeder Art von Weltge- 
schehen, im biologischen wie im anorganischen Haltlosigkeit, U nstabilität 
herrscht, stets neue Kombinationen auftreten, wenn in einer Beziehungs- 
verkettung nicht die Formel des Optimalen verwirklicht ist. Diese Er- 
scheinung haben die Denker schon von je erkannt, und sie war es, die sie 
ohne Kenntnis der richtigen Zusammenhänge auf den Gedanken brachte, 
daß ein ununterbrochener Transmutationismus, eine stete Entwicklung das 
ganze Weltbild beherrsche. (Vgl. hierzu Bd. I S. 76-79.) 

Wie alt der Entwicklungsgedanke eigentlich ist, soll uns hier nicht näher 
beschäftigen, hat man doch schon in besonderen Werken«") diese Historie 
zusammengestellt. Ob nun wirklich der Streit als Vater aller Dinge des 
Heraklit und das Werden des Anaxagoras die erste Ausprägimg des Enf- 

149 



Wicklungsgesetzes sind, oder ob sich schon früher in der ägyptischen*) und 
indischen Philosophie dahin zielende Gedanken finden, Tatsache ist, daß 
nicht etwa erst Herder, Kant, Laplace, Lamarck, Hegel, Darwin, Häckel^^) 
seine Urheber sind, sondern daß er zu den Orundüberzeugungen des 
menschlichen Denkens gehört, die sich allerdings erst in der Gegenwart zu 
solchen Extremen verdichtet haben, wie ihnen Ed. Bernstein Ausdruck ver- 
leiht, wenn er sagt: im Kulturellen sei der Weg alles, das Ziel nichts. Nur 
fortwährend Fortschreiten, das sei das Glück . . . Der Fortschritt wird da- 
durch selbst zum Ziel gemacht. (Vgl. Anmerkung 61.) 

Es ist nun bei einer objektiven Betrachtung dieser absoluten Entwick- 
lungslehre sehr leicht, in ihr verschiedene Elemente differenten Ursprunges, 
die auf bloße gleiche Bezeichnung hin miteinander verwechselt werden, 
auseinander zu halten. Da wäre als erstes der überall wahrnehmbare Trans- 
mutationismus des gesamten Seins, dessen Zusammenhang mit dem Opti- 
mumgesetz auf den vorstehenden Seiten geklärt wurde. Er ist unverkenn- 
bar — ebenso unverkennbar aber ist auch, daß er kein Prinzip des Seins 
darstellt, sondern nur eine Folgeerscheinung der allgemeinen, optimoklinen 
.Welteinrichtung ist. Alles, was noch nicht sein Optimum entfaltet hat, 
leistet dem gegenseitigen Druck, der Reibung der Vielheit weniger Wider- 
stand, als die Optima der Dinge. Daher vollziehen sich an den Pessima, 
wie man den Gegensatz der Optima nennen könnte, die meisten Zusammen- 
brüche und Änderungen. 

Wenn an den Weltnebeln Kräfte angreifen und auf Grund einfacher, 
durchschaubarer, mechanischer Notwendigkeit diese eine Spiralform an- 
nehmen, dann ist darin nicht eine „Entwicklungstendenz" sichtbar, sondern 
nur eine Disharmonie im Bau des Nebels, die zu einem Potential und zur 
Einleitung des Ausgleichs führte. Wer das nicht einsieht und daran noch 
zweifeln wollte, der betrachte nur die große Magelhaen'sche Wolke am 
südlichen Himmel, die spiralige Anordnung besitzt, trotzdem sie aus Nebel- 
flecken, Sternen und Sternhaufen, also schon aus den fertigen Produkten 
besteht, die nach der Kant-Laplace'schen Kosmogenie erst durch den Prozeß 
entstehen sollten. Die „Entwicklung" geht also dort weiter, trotzdem ihr 
„Zweck" schon erreicht ist. 

Die Laplace^soht Hypothese aber ist in den letzten Jahren Gegenstand 
so vieler Angriffe gewesen, daß sie trotz der Poincarä-Darwin'schen Modi- 
fikation ^2) immer mehr durch neuere Versuche (wie z. B. die von Lokyer 



*) Es ist unbegreiflich, warum man die aus den ägyptischen Inschriften und Pa- 
pyri, sowie dem Legendenkreis des Herodot und Pythagoras so deutlich zu uns spre- 
chende ägyptische Philosophie noch nicht gereinigt, zusammengestellt und rekon- 
struiert hat. Schon bei meinen gelegentlich meiner orientalischen Studien angestellten 
Vorarbeiten ergab sich mir das Vorhandensein mehrerer geistigen Schichten, die bis 
zu den Alexandrinern, bis zu Philo und Plotin nachwirken. Wer leistet diese für die 
Urgründe unseres ganzen Denkens bedeutungsvolle Arbeit? 

150 



oder Hörbiger) ersetzt wird. Die Tatsache, daß die Planeten und Monde 
nicht in einer Ebene rotieren, daß Uranus und Neptun und viele Monde 
anders laufen, als es ihnen die Annahme einer einheitlichen Entstehung er- 
laubt u. dgl. mehr, machen sie dem logischen Verstand zur Unmöglichkeit. 
Jedenfalls hat keine der alten und neuen Kosmogonien es nötig, irgendein 
Entwicklungsprinzip in seine Rechnungen einzustellen; überall genügt das 
Element der Störung und Ausgleichung, um den Weltprozeß verständlich 
zu finden, von dem jede astronomische Einsicht sich mit der von S. An- 
lienius im Einklang fühlt, daß weder die Gegenwart des Kosmos ein Ziel 
der Weltenbildung sei, noch ein solches Endziel sich überhaupt im Ge- 
sichtskreis des Denkens zeige, sondern nur ein steter Kreislauf von Welt- 
nebeln, Sonnensystemen, Zerstreuung von deren Energie in den kalten 
Weltnebeln«3) und Wiederbeginn der Prozesse durch deren hiemit erklär- 
bare Spannungsdifferenzen. Wenn von Kosmos und Entwicklung gespro- 
chen wird, tut dies der Astronom nur mit dem Empfinden, von den Sta- 
dien eines Kreislaufprozesses zu reden. 

Ist nun damit eigentlich jede Art physischer Entwicklung auf einer 
höheren Integration gegenstandslos geworden, so pflegt auch in der an- 
organisch irdischen Welt dieser Begriff nur einen vergleichsweise bildlichen 
Sinn als Bezeichnung des Transmutationismus zu besitzen. Man hat in der 
französischen Gelehrten-Republik, deren beweglichem Geist der Begriff der 
Entwicklung besonders sympathisch ist (weshalb auch Bergson mit einer 
evolution creatrice operiert), in den letzten Jahrzehnten sogar von einer 
„Entwicklung der Materie^' gesprochen ß*), hat aber, bei Licht besehen, dar- 
unter nur die Zustandsänderungen um den hypothetischen Äther ver- 
standen, wobei angenommen wird, daß die Radioaktivität die Materie 
„zersetzt" (dissoziiert), und daß durch stete Umwandlungen (von Gas, 
Flüssigkeit, festen und kristallinischen Zuständen) unter dem Einfluß der 
Temperatur (man denke an Quecksilber oder an die Tatsache, daß das 
Bolometer am Platin gestattet, eine Erwärmung, also Zustandsänderung 
festzustellen) sich ein Kreislauf der Erscheinungen durch die ganze Welt 
der Materie wälzt. 

Gerade dadurch aber wird anerkannt, daß es eine schöpferische Entwick- 
lung der Materie nicht gibt, und daß die Änderungen stets nur die Beant- 
wortungen von Störungen sind. Es war sehr wertvoll, diese Frage, mit 
der sich auch die der „Entwicklung" der Elemente erledigt, einmal durch- 
zudenken, denn gerade dadurch hat es sich mit jeder wünschenswerten 
Deutlichkeit herausgestellt, daß in unserem ganzen, sowohl im sinnen- 
fälligen, wie im bloß vorgestellten Weltbild das Verhältnis der Einheiten 
zueinander nicht ein skalares (rein zahlenmäßiges) ist, sondern stets das der 
Kräftefunktion, also des Potentials. Alle rein mechanischen Vorgänge be- 
stehen lediglich bei Erhaltung der Energie aus einem Austausch zwischen 
lebendiger und toter (also Spann-) Kraft oder, wie der Physiker sagt, 

151 



zwischen kinetischer und potentieller Energie. Alles Sein ist mit einem 
Potential wirkender Kräfte verbunden.*) ^^) 

Dadurch wird jedoch jede Änderung nur zur Transmutation im Sinne des 
Funktionsges€tzes, nicht zu einer schöpferischen Bereicherung der Welt, 
bloß zur Entfaltung ihrer Wesenheit. Und so kommt es, daß, wie schon 
(Bd. I S. 190) an dem Beispiel der Petrographie gezeigt wurde, nicht nur 
im Kosmischen, Chemophysikalischen, sondern auch im Meteorologischen 
und Geologischen jeder Begriff einer anderen Entwicklung, als der sich in 
Kreisläufen abspielenden Transmutation, fehlt. 

Wenn die Palaeokllmatologie uns an den Resten der Devonwälder (Abb. 
62), der Steinkohlenzeit, der Buntsandsteinwüste und Jurariffe, der Braun- 
kohlenswamps und der Dryastone des Diluviums auch unwiderleglich eine 
stete Klimaänderung beweist, deren schon skizzierter Ablauf, wenigstens 
nach Eckardt etwa für Europa in folgender Kurve verläuft: 

Archaikum = ? 

Kambrium = Eiszeit (Eisdecken am Nordkap, China, Australien) 

Silur-Devon = wahrscheinlich gleichmäßig warm (klimatisch karbonisch) 

Karbon = wahrscheinlich gleichmäßig warm 

Dyas = wechselnd, Eiszeit (Permokarbone Eiszeit in Indien, Afrika) 

Trias -Jura = warm 

Kreide = Abkühlung (Frostspuren auf Blättern) 

Tertiär = Wiedererwärmung 

Diluvium-Gegenwart = Eiszeit, langsame Wiedererwärmung 
dann ist es unmöglich, darin einen „Entwicklungsgang" zu erkennen, um- 
somehr als alle Zeugnisse der Vorzeit darin übereinstimmen, daß die ge- 
samtklimatische Situation der Erde sich niemals wesentlich von der heu- 
tigen unterschieden hat und das irdische Klima schon seit dem Palaeozoi- 
kum ein durchaus solares ist, also ganz von dem Verhältnis Erde — Sonne 
geregelt wird.**) 

Daß in die Geologie unter dem Einfluß der biologischen Entwicklung der 
Begriff Evolution überhaupt hineingebracht wurde, hat seine historische 
Ursache und entstammt dem Kampfe gegen die Kataklysm£ntheorie Cu- 
viers, der aus den französischen palaeontologischen Funden voreilig verall- 
gemeinernd den Eindruck gewann, daß mit jeder Erdperiode eine von Grund 



*) Daher kommt, ganz im Einklang mit der Panmechanik, der Begriff von Schwere- 
feld (Potentialfeld, Feldstärke) ebensogut in der Gravitationslehre, wie aber auch in 
der Meteorologie (magnetisches Feld), in der Biologie (Einflußsphäre des Zellkerns, 
Polarität usw.), in den Geisteswissenschaften (man durchdenke die Begriffe Schwer- 
gewicht von Rechtsgründen, moralische Einflußsphäre, politische Spannung, Massen- 
wirkung usw.) zur Geltung, 

*'■) Allerdings behauptet Sartorius von Waltershausen, daß diese Wirkung bis zum 
Mesozoikum gewährt habe, was aber schwer vereinbar mit der Berechnung ist, 
daß erst bei Rotglut in 30 m Tiefe die Sonnenstrahlung ausgeglichen sein könnte. 

152 




Abb. 61. Saurier der Triaszeit 

Auf dem Felsen sitzt ein Panzermolch (Mastodonsaurus), links 

vorn ein Kammdrache (Dimetrodon), rechts ein Wangensauricr 

(Pareiasaurus) 



H^H^^^^sA ^j. h\^ 




H^H 




[j^l 





.\bb. 62. Rekonstruktion einer Devonlandschaft nut bauinartii^en 
Bärlappgewächsen 



auf neu entstehende Fauna vernichtet und durch Vulkane, Erdbeben, Über- 
schwemmungen begraben wurde. Demgegenüber brachte Lyell^^) den 
Grundsatz des non vi, sed saepe cadendo, die „Häufung kleinster Wirkungen" 
in unbeschränkt angenommener Zeit zur Geltung. Damit war ein besonders 
folgenschwerer Satz: „die Geologie sei eine gewaltige Entwicklungsreihe 
im Anorganischen" postuliert. Tatsächlich hat aber die Geologie sowie die 
Klimatologie niemals etwas anderes festgestellt, als daß im Gesamtbau der 
Erde sowie in dem der Atmosphäre verschiebende Kräfte tätig sind, hier 
die Temperaturdifferenzen entspringend aus der Stellung der Erdachse zur 
Erdbahn und die Erdrotation, dort die Kräfte der Erdumgestaltung, von 
denen die einen das aufbauen, was die anderen lösen. Der Ausdruck Ent- 
wicklung hat hier eben nur den Sinn des Anderswerdens, wie denn über- 
haupt die große Tat Fritz Mauthners, der zuerst auf den gleitenden, mehr- 
deutigen Sinn fast aller Worte und die mangelnde Eignung der Sprache als 
Werkzeug des Denkens aufmerksam machte*), noch lange nicht für die 
menschliche Erkenntnis fruchtbar geworden ist. 

Eine gewisse Richtung der populären „Weltenschöpfung" machte es sich 
freilich leicht, aus den Tatsachen der Tektonik und Stratigraphie eine Geo- 
genesis zurechtzulegen, die nach einem bekannten energetischen Gesetz 
noch in ihren Auswirkungen in der populären „Aufklärungsliteratur" fleißig 
von einem Kompilator dem anderen nachgeschrieben wird und dadurch zu 
den Säulen volkstümlicher „monistischer Glaubenslehren" gehört, während 
in der Wissenschaft selbst dieser Standpunkt längst überholt ist. Dieses 
malerische Bild sieht etwa so aus: Unser Planet war eine Feuerkugel, die 
nach den Gesetzen der Entwicklung allmählich abkühlte. Dann kam der 
Augenblick, in dem sich das Wasser niederschlug und dadurch die Wiege 
vorbereitet war für die ersten Lebewesen. Klimaunterschiede bestanden noch 
nicht. Auch das Klima mußte sich zu seiner heutigen Vielfältigkeit erst ent- 
wickeln. Einzelne dieser „Schöpfungsgeschichten" erörtern allen Ernstes 
die Frage, ob es schon „damals" Stürme und Regengüsse gegeben habe. 
Nun konnte das Wasser seine Nivellierungsarbeit beginnen; es entstanden 
die ersten Sedimente und damit das Buch der Schichten, in denen der fort- 
geschrittene Forscher von heute die „Entwicklungsgeschichte der Erde" so 
zungengeläufig liest. In diesen Erdschichten niedergelegt sind die „Doku- 
mente der natürlichen Schöpfungsgeschichte", die einer gläubig aufhorchen- 
den Generation es schonungsvoll klarmachte, wie im Archaikum zuerst die 
Wirbellosen entstanden und es nur Kryptogamen gab, wie noch der Stein- 
kohlenwald eigentlich ein Farn- und Bärlappwald gewesen (vgl. Abb. 62) 
ohne Vögel, Säugetiere, ja selbst ohne Echsen, wie so Blatt um Blatt im 

*) Von Gnaden welcher Tatsache die ganzen „Richtungen" von Exegese, juristischen 
Kommentaren, Rechtsstreiten und theologische Disputationen, auch ein erheblicher Teil 
der ganzen historischen Philosophie lebten. Man denke nur an die historische Bedeu- 
tung von homousie und homoeusie, an die Pälikommentare und die christliche Homiletik. 

153 



Zauberbuch der Entwicklung sich umwendet, langsam und zielstrebig alles 
zur Gegenwart drängt, die großen Jurasaurier (Abb. 61) kommen, aus ihnen 
sich der Zweig der Sauropsidier ablöst, die zu Vögeln werden, wie aus den 
eierlegenden Vögeln durch Vermittlung von Tieren nach Art des Schnabel- 
tieres (Ornithonhynchus) eierlegende Säuger, dann Beutler, dann die 
Schreckenstiere der Braunkohlenzeit (vgl. Bd. I Abb. 81) und endlich die 
Fauna der Gegenwart hervorgehen, währenddessen in der Kreidezeit die 
ersten Blütenpflanzen erscheinen und sich die ganze Blumenpracht der 
Gegenwart entfaltet. Wunderbar folgerichtig erschien dieses Bild vom 
Stammbaum des Lebens, in dessen Krone sich ein Zweiglein erhob, an dem 
der Mensch selber hing, Untertan dem gleichen Gesetz wie das All, aus dem 
er stammt, und wunderbar genug in seinen tiefsten Rassen den Tieren ana- 
tomisch, geistig, sogar blutsmäßig noch näher stehend als uns, der Krone 
dieser ganzen langen Entwicklung, auf deren Klärung die zweite Hälfte des 
XIX. Jahrhunderts ebenso stolz war wie auf die damals rapid einsetzende 
Industrialisierung, die ganz im Sinne der Zeit ebenso als „notwendiger 
Fortschritt" gepriesen wurde. 

Die ganz Kühnen malten gleich mit großem Pinsel und trugen grelle 
Farben auf: Panrevolution, Entwicklung ist alles, und in einem Atemzug 
wurde die Abstammung der heutigen Kultur vom Urnebel als bewiesene Tat- 
sache hingestellt, wobei stillschweigende Voraussetzung war, daß die heu- 
tige Kultur und namentlich ihre Träger schon kraft des in ihnen wirksamen 
Entwicklungsgesetzes in allem klüger, tüchtiger, vollkommener, ein höherer 
Typus Mensch sein mußten, als jeder ihrer Vorfahren. Das war die Zeit, in 
der man eifrig das Alte demolierte und gering schätzte. Was alt war, war 
darum wertlos. Die Schlagworte: „Neuzeitlich, der Zeitgeist, der Fort- 
schritt", die fürchterliche Phrase vom „modernen Menschen" waren — 
und sind noch — in aller Munde und halfen den Menschen, sich von der 
Tradition zu befreien, oberflächlicher zu werden. Unter der Herrschaft des 
Entwicklungsgedankens schätzte man eben nicht mehr das Beste, sondern 
das Neueste, man wollte nicht absolut gut und tüchtig, sondern modern sein, 
und es begann die Zeit, in der man arbeitete, um zu arbeiten, und die 
Änderung um jeden Preis zum Leitwort des Daseins machte. 

Heute denkt man im Wissen um die Dinge der Welt anders. Die Leit- 
sätze hierüber habe ich schon in der Einleitung dieses Werkes (Bd. I S. 94) 
auseinandergesetzt; hier brauche ich nur zu vollenden. Die Geologie als 
solche kennt wohl einen steten Transmutationismus, eine Kumulation, aber 
keine Entwicklung im Sinne einer Vervollkommnung. Der von den Schöp- 
fungsgeschichten geschilderte Vorgang hat sich nicht einmal, sondern oft 
abgespielt und ist heute ebenso wie jederzeit in seinen Anfangs- wie End- 
stadien begriffen. Eine Abnahme der vulkanischen Kräfte ist ebensowenig 
wie ihre Zunahme zu merken, und über die Erkaltung von Sonne und Erde 
kann man sich, wie ich in diesem Werke schon mehrfach andeuten konnte, 

154 



gar keine definitiven Vorstellungen machen. Es gibt gar keine Abkühlung 
des Erdenklimas, und nichts deutet in ihrer Vergangenheit auf eine heißere 
Sonne (Eckardt). Irgendein Einfluß der Erdwärme auf die Tier- und 
Pflanzenwelt ist überhaupt noch nicht nachgewiesen. Es gibt wohl Klima- 
schwankungen, aber nirgends kontinuierliche, einseitige Änderungen.") Wenn 
man die Pendulationstheorie (vgl. Bd. I S. 69) nicht annimmt, hat man für 
das regellose Wandern der Klimate und damit der Faunen und Floren, auch 
der Transgressionen und Schollenbewegungen gar keine Erklärung. Und wenn 
man sich ihr anschließt, dann ist es keine Entwicklungslinie, sondern ein 
regelloses, in alle Zeiten fortwährendes Pendeln, das man angenommen hat. 

Wenn auch S. Anhenius eines seiner Hauptwerke: ,Das Werden der 
Welten' genannt hat, so entfaltet er darin doch nur das Bild eines Kreis- 
laufes. Die Sonnensysteme zerstreuen ihre Materie im Weltenraum; die 
Nebel fangen die Meteoriten und Kometen ein, der Strahlungsdruck hält der 
Gravitation, die Wanderung der Gase hält der Wärmevergeudung das Gleich- 
gewicht. Dadurch ist steter Ausgleich, eigentlich das Optimum der Welt 
gewährleistet. So hat die Kosmologie Möglichkeiten, um das Sein ohne 
Entwicklung zu erklären. Die Kräfte der Erdumgestaltung sind konstant. 
Es hat sich kein Anzeichen gefunden, daß die Sedimentation, die Erosion 
oder Abrasion, die Deflation, die Transgressionen, der Vulkanismus, die 
Erdbeben, die Senkungen und Hebungen, die Auffaltungen und Brüche je- 
mals mächtiger gewesen sind oder jetzt zunehmen. Es ist keine einheitliche 
Entwicklungslinie im irdischen Geschehen erkennbar. Wohl aber ist eine 
immer wiederkehrende Transmutation ganz unleugbar da. Sie spielt sich 
vollkommen nach dem Weltgesetz der Mechanik ab, wofür namentlich Fal- 
tung und Gebirgsbildung geradezu Schulbeispiele sind. 

Unverkennbar stehen sich in der Wirkung gewisse Zusammenhänge 
gleichsam wie Antagonisten gegenüber. Die Sedimentation und danachfol- 
gende Auffaltung baut auf, die Erosion baut mit der Verwitterung ab, wo- 
zu sich die scheuernde Kraft des Meeres und des Windes gesellt. Vulka- 
nismus und Erdbeben schaffen nichts Neues, sondern wirken nur wie ein 
Pflug, der Erdinneres verwitterungsreif macht, wobei aber zu bedenken 
ist, daß niemals tiefere Schichten als die der Magmaherde (vgl. Bd. I 
Abb. 71) das Licht der Welt erblicken. Wohl kommen durch die He- 
bungen Tiefenschichten zur Oberfläche, aber dies Auf- und Absteigen hat 
auch seine Grenze und entblößt nur einen sehr dünnen Mantel der Erd- 
kugel. 

Zur Zeit, als man noch mit dem Entwicklungsgedanken spielte, befreun- 
dete sich alle Welt mit der Schrumpfungstheorie des österreichischen Geo- 
logen E. Sueß, hinter der der Glaube an eine einheitliche Erdentwicklung 
im Sinne eines Alterns steckt. Diese Lehre hielt die Gebirge für Runzeln 
der erkaltenden Erde, der die Gesteinsdecke allmählich zu weit wird. Es 
müßte, sollte sich das bewahrheiten, ein kontinuierlicher Wärmerückgang 

155 



vorhanden sein, und auch die Gebirgsbildung in alten Zeiten geringer ge- 
wesen sein, dagegen mit fortschreitendem Alter der Erde immer mehr zu- 
nehmen. Beides ist, wie man mit jeder Sicherheit weiß, nicht der Fall. Die 
Beweise für die erstere Behauptung möge man oben nachschlagen; ein 
Beweis gegen den zweiten Satz sind die Stümpfe der karbonen Faltenzüge 
(des appalachisch-amerikanisch-variskischen Gebirges). Dieses läßt sich seit 
dem Devon bis zum Perm auf der ganzen Erde in einer Ausdehnung ver- 
folgen, welche die heutigen Hochgebirge übertrifft. Dazu läßt sich aus den 
abgetragenen steilen Falten berechnen, daß diese Hochketten der Stein- 
kohlenperiode*) zumindestens so hoch wie der Himalaya waren, wenn sie 
ihn nicht übertrafen. Die Summe des aufgefalteten Erdmateriales überstieg 
die der jungtertiären Auffaltungen, deren Reste heute als Himalaya, Kor- 
dilleren, Kaukasus, Alpen usf. bezeichnet werden. Dabei besteht mehr 
Wahrscheinlichkeit als das Gegenteil, daß es im Präkambrium ebenfalls 
enorme Hochgebirge gegeben hat, woraus ein vernichtender Schluß gegen 
die Schrumpfungslehre zu ziehen ist. Ob nun die an ihre Stelle gesetzte 
Anschauung, daß glutflüssige Magmamassen zur Oberfläche streben und 
dadurch die Auffaltung und Überschiebung (man denke an die der Alpen!) 
bewirken, zurecht besteht oder nicht ««), daran läßt sich nicht rütteln, daß 
eine einheitliche Linie, wie sie der Entwicklungsgedanke fordert, darin nicht 
zu erkennen ist. 

Allerdings darf man nicht übersehen, daß tatsächlich überall, wo man 
Einblick in die Tiefenstruktur der Erdrinde erhalten hat, sich ähnliche 
Bilder boten wie auf Abbildung 52—54, d. h., man sieht einen Faltenwurf, 
der nur durch horizontale Schubkräfte zu deuten ist, durchbrochen von 
einem System von Spalten und Verwerfungen, das Sueß ganz trefflich mit 
den Einbrüchen eines gefrorenen und dann abgelassenen Teiches (vgl. Bd. I 
Abb. 15) verglich. Aber gerade das, daß nun wohl ein Teil, aber nicht 
alle Ozeane Senkungsgebiete sind, sondern gerade ihr größter, der Pacific, 
eine ursprünglich vorhandene Hohlform, welche auch alle Wandlungen des 
Erdreliefs unverändert überlebt, wenn sich gleichzeitig herausstellt, daß 
die großen Ebenen (Rußland, die süd- und nordamerikanischen Steppen- 
gebiete, die afrikanische Steppe) keine Senkungsfelder, sondern Stellen des 
Erdfriedens sind, dann ist mit aller nur wünschenswerten Sicherheit nach- 
gewiesen, daß Schrumpfungen (Brüche), von innen heraus wirkende Kräfte, 
Senkungen, Ruheperioden längster Dauer (die sarmatische Ebene ist seit 
dem Carbon ungestört geblieben), also eine Fülle verschiedenster Ursachen 
nebeneinander bestehen, zusammen- und gegeneinander an dem Antlitz der 
Erde bosseln «»), woraus der einzig zulässige Schluß ist: eine einheitliche 
Entwicklung des Erdreliefs gibt es ebensowenig, wie es eine materielle, 



*) Ausführliches über ihre Naturgeschichte findet man in den Grundlagen zur objek- 
tiven Philosophie. S.Teil. (München. Die Lebensgesetze einer Stadt. München 1920.) 

156 



eine geographische, eine klimatische Entwicklung dieses Planeten im Sinne 
der klassischen Entwicklungslehre gibt. 

Wohl aber geht aus diesem Tatsachenmaterial etwas anderes hervor: der 
Transmutationismus ist von bestimmten Ursachen abhängig, denn ganz 
offensichtlich wechseln Stellen der Erdruhe mit großer Bewegtheit, so- 
wohl räumlich, wie zeitlich. Mit anderen Worten, die Änderungen sind 
die Folgen von gelegentlich wirkenden, aus anderen Gebieten stammen- 
den Ursachen. 

In lokalen Erscheinungen und bei zeitlich kurzer Betrachtung gibt es so 
auf Erden zahlreiche Tatsachen, die sich als Entwicklung deuten lassen, 
aber jeden Anschluß verlieren und nur den Charakter einer Reaktion be- 
sitzen, wenn man sie mit Rücksicht auf das Ganze betrachtet. So macht 
z. B. jeder Vulkan den Eindruck einer ganz zielstrebigen Entwicklung, aber 
er ist doch nichts als das Ventil lokaler Spannungen. Manchmal stellt er 
eine Gleichgewichtslage her (solcher Art ist der Feuersee auf Hawai), und 
dann fehlen ihm alle explosiven Äußerlichkeiten. Nach Ausgleichung der 
Störung, die ihn ins Leben gerufen hat, schließt sich jede dieser noch so 
feurigen Essen, und viele (man blicke auf das Ries in Bayern und die an- 
schließenden schwäbischen Vulkane) verstummen dann für immer. 

Eine ähnliche abbrechende „Entwicklung" tritt uns in der Verlandung der 
Teiche und Seen (Abb. 63) entgegen. Dem Geographen ist es längst klar 
geworden, daß nicht nur das Meer seine Transgressionen hat, sondern auch 
kein stehendes Gewässer der Erde konstant bleibt. In allen vollzieht sich 
unter dem Einfluß ihrer Bewohner jene Änderung, die man Verlandung nennt, 
und die eigentlich nichts anderes als eine Art Humusbildung ist. Die zahl- 
losen Kleinlebewesen, die das Wasser bewohnen, erfüllen dessen Bodensatz 
mit einer wachsenden Schicht ausgelebter Reste, die sich zu oft meterdicken 
Faulschlammdecken anhäufen. Mit ihrem Fettgehalt sind sie nicht ohne 
gewichtige Gründe als Bildner des Petroleums angesehen worden. Dieser 
Detritus wird vom Ufer her die Wiege der weiteren Besiedelung; Arm- 
leuchteralgen, Wassermoose, Schilf und Röhricht, der schöne Wasserstern, 
Froschbiß und Pfeilkräuter, die Wasseraloe, Fieberklee und viele andere 
Gewächse dieser Art schmücken den Rand der Gewässer, trinken aber so 
ganz allmählich sein Wasser auch aus. Inseln aus Faulschlamm und dem 
Wurzeltorf dieser Gewächse entstehen, und je nach dem Klima verwandeln 
sich Teich und See in einen Sumpf oder ein Hochmoor, dessen weitere 
Etappen dann saure Wiese oder Heide genannt werden. Am Schluß dieser 
Entwicklung steht, wenn man sie nicht vorher beeinflußt, stets der Wald. 
Auf diese Weise sind in der nacheiszeitlichen Periode in Oberbayern Hunderte 
von Seen verschwunden; das gleiche Schicksal blüht allen Seen der Erde, 
soweit man Anhaltspunkte für Änderungen ihres Daseins gefunden hat. Aber 
es wird doch im Ernst niemand hier von Entwicklung im Sinne von Evo- 
lution sprechen; es sind, um den Ausdruck von H. Driesch hierfür zu ge- 

157 



brauchen, vielmehr typische Anhäufungen (Kumulationen) kleiner Wirkungen, 
aus denen die Wirkung sich summiert. Und auch dieses Addieren hat sein 
Ende, wenn das Waldstadium erreicht ist. Die Tatsache, daß es solche 
„Schlußvereine" im ökologischen Entvi^icklungsgang gibt — solche sind außer 
dem Wald die Felsenflur mit Zwergsträuchern (vgl. Abb. 55) in der Hoch- 
gebirgszone und die Moostundra im polaren Bezirk — erledigt den Entwick- 
lungsbegriff sogar im Bereich seiner Hochburg, nämlich im Biologischen. 

Die biologische Entwicklung wird freilich das letzte Gebiet sein, auf das 
sich die Evolutionisten vor der Kritik des Entwicklungsgedankens (die, wo- 
für jeder Tag neue Beweise bringt ^o), mächtig einsetzt), zurückziehen wer- 
den, denn hier liegen in der Ontogenie, im Werden des Hühnchens aus dem 
Ei und in der großen Abstammungskette von den einfachen Säugern bis zu 
den menschenähnlichen Affen die Tatsachen handgreiflich vor Augen. Trotz- 
dem genügt es aber, irgendeinen ontogenetischen Prozeß kritisch durchzu- 
denken, um zu erkennen, daß in ihm etwas ganz anderes vorliegt, als der 
Begriff Entwicklung besagen will. Entwicklung hat in dem Sinn, der allein 
werbende Kraft als Fortschrittsschlagwort hat, nie etwas anderes bedeutet, 
als eine Bereicherung der Welt mit vordem nicht Dagewesenem, nicht aber 
einen Vorgang gleich dem Aufbau etwa eines Faltbootes, das man zunächst 
bis zum Fluß in einem Tornister zusammengelegt mit sich getragen hat. 
Wird die Welt durch Entwicklung nicht reicher, dann wird sie durch die 
Entwicklung auch nicht anders. 

Der Vorgang aber, durch den etwa der Mensch oder ein Säugetier — um 
bei einem Beispiel zu bleiben — immer wieder aus einem Ei hervorgeht und 
in seinen Potenzen in ein Ei zusammenschlüpft, ist im Prinzip nichts an- 
deres als das Auseinandernehmen und Zusammenlegen eines Faltbootes. Das 
höchst dotterarme Menschenei (vgl. Bd. I Abb. 95) wird bekanntlich von 
der Eierstockdrüse in regelmäßigem Turnus abgeschnürt und wandert durch 
die Eileiter in die Gebärmutter und gelegentlich der Menses dann durch die 
äußeren Geschlechtswege ins Freie, wo es verkommt. Auf diesem Weg, den 
es dem Mutterkörper gegenüber als selbständiges Individuum beschreibt, 
wächst es etwas, bis zur Halbmillimetergröße, heran und wird gewöhnlich 
von den sich nach dem Coitus in den Tuben aufhaltenden, gleichfalls im 
weiblichen Organismus wie etwa Infusorien in einem Wassergraben leben- 
den und beweglichen Spermafäden aufgesucht und dort befruchtet (vgl. 
S. 225). Ist das geschehen, schließt es sich ab und scheidet Stoffe aus, die 
auf den Frauenkörper so wirken, daß die Menstrualblutung unterbleibt. Noch 
stehen sich aber beide Wesen, der Zellenstaat und seine nicht mehr einzel- 
lige, bald zur Morula (vgl. Bd. I Abb. 24) heranwachsende Knospe als 
Fremdwesen gegenüber. Rein mechanisch durch die Flimmerbewegung in 
den Tuben wird in 5—8 Tagen der werdende Embryo bis in den Uterus ge- 
spült, und dort erfolgt erst die Nidation, d. h. sein Verwachsen mit dem 
Mutterkörper, dem er nun als zweite Generation an 270 Tage lang aufsitzt. 

158 



Die sich in ihm abspielenden Vorgänge, im besonderen dies Durchlaufen der 
Morula-, Blastula- und Gastrulastadien, die Herausbildung der Keimblätter 
und deren Differenzierung zu den Organen ^i), also die gesamte Organo- 
und Histogenesis ist nun keineswegs ein rein mechanischer, nicht abänder- 
barer Vorgang, da es gelungen ist z. B. bei Seesternen auch nach Teilung 
der Eier, bei Fröschen nach Teilung der Embryonen abgeänderte, aber 
immerhin Ganzbildungen zu erhalten, woraus hervorging, daß die gestalt- 
liche Leistung der Teile in den Entwicklungsphasen durch übertragene Zu- 
sammenhänge des ganzen Systems mitbestimmt werden. 

Wie A. Cohen-Kysper hervorhebt, dem man eine der wertvollsten Ana- 
lysen (vgl. Bd. I S. 98) des ontogenetischen Entwicklungsprozesses ver- 
dankt, ist damit auch die stammesgeschichtliche Entwicklung auf die gleiche 
Basis gebracht, und das sogenannte biogenetische Grundgesetz (vgl. Bd. I 

S. 92) verständlich ge- 
worden. Denn die Or- 
ganismen gleicher Ab- 
stammung sind insge- 
samt wieder eine Ganz- 
heit, ein System, das 
die gestaltlichen Lei- 
stungen der Teile, das 
ist diesmal das Indivi- 
duum, mitbestimmt,wes- 
halb die verschiedenen 
Formen in ihrem Pha- 
senablauf anklingen. 

Erst nach der Ein- 
nistung des mensch- 
lichen Embryos im En- 
dometrium der Gebär- 
mutter verwachsen die 
zwei Generationen zeit- 
weilig. Es ist an sich 
sehr merkwürdig, daß 
die Embryologie den 
Ausdruck gebrauchen 
kann, daß der Keim 
sich mit seiner Cho- 
rionschale durch Auflö- 
sung der Zellen eine 
Nisthöhle nacfe, daß er 

Abb. 64. Längsschnitt durch die weibliche Blüte des Mooses Funaria • • c 
hygrometrica mit den Archegonien, aus denen die Eizelle hervorschim- sich alsO WlC ein Sa- 
niert, Saftfäden (Paraphysen) und einem Kranz von Blättern. (Vcrgl. „Pnlrnrn \n cpinpr Milt- 
Abb. 65.) Nach der Natur gezeichnet bei schwacher Vergrößerung. mcnKOrn in bCUlCl l^\u\ 




159 



ter einpflanze und zunächst einmal Fruchtfutter, das heißt Schleimhaut- 
trümmer fresse, bis aus einem Plasmodiumvorstadium der Mutterkuchen 
fertig ist, der dann bis zur Abnabelung bei der Geburt durch Blut für die 
Atmung und Ernährung des Fötus sorgt. Und noch merkwürdiger, aber 
unbezahlbar im Sinne unseres Gedankenganges ist die Tatsache, daß schon 
in den allerersten Stadien dieses Werdeganges, schon in der Ovulation, 
eigentlich bereits bei der Morulabildung, sich die Gechlechtszellen früher 
als alle anderen herausdifferenzieren ^2)^ ja (nach Port) vielleicht sogar als 
Reste des Eies gedeutet werden können. Das Kontinuum von Ei zu Ei ist 
damit gewahrt; dazwischen liegt jeweils nur ein Anpassungs- und Aus- 
weitungsvorgang zur Entfaltung der im Ei liegenden Potenzen. Wie ich in 
meiner „Vergleichenden Biologie" des näheren ausführte, sind die Verhält- 
nisse auch im Tierreich, den Menschen inbegriffen, nicht anders beschaffen 
wie im Reich der Pflanzen, deren merkwürdiger Generationswechsel seit 
den Bemühungen des deutschen Botanikers Hofmeister und seiner Zeit- 
genossen unbezweifelbar und klar vor jedermanns Augen liegt. 

Betrachtet man den Lebenskreis eines Mooses oder Schachtelhalmes 
(Abb. 67) oder eines Farnes, wie solches den Nichtbotanikern zuliebe auf 
den Abbildungen 65 u. 74 dargestellt ist, wird man sich unschwer von dem 
Vorhandensein dieser zwei Generationen überzeugen. Man sieht die pracht- 
vollen, bischofstabartig eingerollten Wedel der Farne (Abb. 66) sich zu 
ihrem entzückenden Laubwerk entfalten, an dessen Unterseite ohne jeden 
Geschlechtsakt, einfach durch Knospung die braunen Sporen entstehen. 
Läßt man diese aber keimen, dann erlebt man das Absonderliche, daß aus 
ihnen ein Vorkeim hervorgeht, an dem sich Geschlechtsorgane bilden: An- 
theridien und Archegonien mit Spermatozoiden und Eiern, die sich mitein- 
ander vereinigen. Erst aus dem befruchteten Ei keimt wieder die wedel- 
tragende Farnpflanze. Bei den Moosen ist das Verhältnis etwas anders. 
Aus der Moosspore entkeimt ein Vorkeim, aus dem ohne weiteres die Moos- 
pflanze als Geschlechtspflanze wird. Auf dieser aber entsteht die Sporen- 
kapsel, die Sporen erzeugt (Abb. 65). 

Bei den Blütenpflanzen ist dieser Rhythmus der Generationen nicht ver- 
schwunden, sondern nur vereinfacht. Die Geschlechtsgeneration (Gameto- 
phyt) beschränkt sich auf Eizelle und Pollen selbst, und das, was man ge- 
meinhin Kraut, Strauch, Baum nennt, das ist die ungeschlechtliche Gene- 
ration (Sporophyt), die als Zeichen dessen imstande ist, sich auch durch 
Ausläufer nach Art der abgebildeten (Abb. 68) oder durch Brutknospen 
fortzupflanzen. Gegenüber den Archegoniaten, wie man Moose und Farn- 
pflanzen zusammen einheitlich benannt hat, erfährt die vegetative Entfal- 
tung eine Verschiebung zugunsten der ungeschlechtlichen Generation; die 
geschlechtliche beschränkt sich schließlich auf einige Zellen, was man bei 
den Pflanzen mit Scharfsinn (Wettstein) mit der fortschreitenden Anpassung 
an das Landleben in Zusammenhang gebracht hat. 

160 




Abb. 65. Blüten und Sporciikapsclii der Laubmoose 

Das Wiederlonmoos (Polytrichum commune) treibt im Frühjalir Sprosse mit üeschlechtsorRaiicn, deren feinerer 

Bau auf Abbildung 64 dargestellt ist. Aus deren Befruchtung entwickeln sich die Sporcnkapscin, die 

im unreifen Zustand mit einem fädigen Mützchen zugedeckt sind. Etwas vergrößerte Naturaufnahme von 

Frau Dr. A. Friedrich, München 



Wenn man diese Verhältnisse nun mit denen der Säugetiere vergleicht, 
ist die gleiche Gesetzmäßigkeit unverkennbar, dagegen die Selbständigkeit 
und das eigentümliche Verhältnis des Embryos zur Mutter erst jetzt rich- 
tig verständlich. Zwei Generationen wechseln auch hier ab, die eine ein- 
(und wenig-) zellige (Gametobiont) und eine vielzellige nach Befruchtung 
aus dem Gametobionten hervorgehende (der Sporophyt oder Prolobiont)'), 
die durch Knospung, gleichsam als Ausläufer wieder in den Generations- 
organen den Gametobionten hervorbringt. Als Knospung muß man nämlich 
die Zellteilung bezeichnen, durch die der Prolobiont sein System aufbaut. 
Beobachtet man solche sich teilende Zellen (vgl. Abb. 74), so sieht man 
ganz im Gegensatz zu den Befruchtungs- und Konjugationsvorgängen 
(Abb. 78), bei denen neue Elemente zu den vorhandenen dazukommen und 
die Erbmasse wirklich vermehrt wird, daß der ganze umständliche Appa- 
rat der Mitose nur die Technik gleichmäßiger Verteilung der vorhandenen 
Materie besorgt. Die sich teilenden Zellen sind Abschnürungen, Knospen, 
Ausläufer, die sich nicht ganz selbständig machen, sondern in Verbindung 
mit dem System bleiben, dem sie entsproßten. So oft sich das auch wie- 
derholen mag, die Ganzheit bleibt doch nur das erweiterte und in Arbeits- 
teilung getretene, befruchtete Ei, das aus sich nur herauswickelt, was darin 
lag, das aus sich entfaltet, was darin zusammengelegt war und im Game- 
tobionten durch den Geschlechtsakt jeweils noch dazu gelegt wird. 

Das hat die Biologie von heute auch eingesehen, und gerade die neueste 
Botanik gewöhnt sich daran, die Pflanze als Ganzheit einheitlich zu werten 
und auf ihre einheitlichen Reaktionen hin so zu prüfen, wie es die 
Menschenbeurteilung in ihrer Welt niemals anders gekannt hat. Und von 
dem Leben dieser Generationen spinnt sich nach gleichem Gesetz der Faden 
weiter in die Geschlechterketten, die jeweils durch Anpassung ihre Formen- 
bildung ändern, trotzdem aber, und das wird von der objektiven Philo- 
sophie trotz aller Kritik der Entwicklungslehre keinen Augenblick be- 
stritten, mit den Ahnen so untrennbar zusammenhängen wie die Erdbeeren 
eines ganzen Gartens, die aus einer Ausläuferranke einer längst zugrunde 
gegangenen Stammpflanze hervorgingen. Die Entwicklungslehre ist ein 
Irrtum in der Fassung, wie sie heute noch herrscht, die Tatsache der 
Abstammung, das Verdienst Lamarcks aber bleibt unbestritten! Es ist nun 
gar kein Zweifel daran möglich, daß Tiere und Pflanzen genetisch mit- 
einander zusammenhängen, und daß alles, was heute lebt, direkter Nach- 
komme der Tiere und Pflanzen ist, die vordem auf Erden lebten. Wir 
haben zwar keine Anhaltspunkte dafür, ob nicht doch etwas von der Kata- 
strophenlehre des Cuvier zurecht besteht, ob nicht das eine oder das andere 



•) Nach Proles: die Knospen, weil er durch Abschnürungen aus der Eizelle sich 
entfaltet. Auch das Ei und das Spermatozoid (die Gametobionten) werden von ihm 
durch Sprossung erzeugt. 



Francs, Bios U 

161 



Mal die Kette riß und Lebenszusammenhänge neu entstanden. Sind sie 
einmal entstanden, können sie öfters auch entstanden sein. Kein logischer 
Widerspruch hindert diese Annahme. Ich sage nicht, daß es so ist, ich 
sage nur, man weiß weder pro noch kontra etwas. Aber jedenfalls spricht 
alles dafür, daß die Kette der Schöpfung schon seit langem besteht, und 
daß nicht nur Menschen durch Dokumente ihr Geschlecht auf das XI. und 
XII. Jahrhundert zurückleiten können, sondern auch die Menschheit auf 
Urzeiten, und daß die Säuger, ja die gesamten Wirbeltiere, um die Sache 
vorsichtig auszudrücken, gemeinsamen Ursprung haben. Es können keine 
begründeten Zweifel ausgesprochen werden, daß ein Transmutationismus 
unter gewissen Umständen besteht und vererbt wird. 

Sowohl die Tatsache der Artensprünge (Mutationen) wie der Vererbung 
sind wirkliche Beobachtungs- und experimentell prüfbare Tatsachen (vgl. 
Abb. 69). In den Gärten des Pariser Luxembourg entstand eines Tages 
an einer gewöhnlichen Rose das erste Exemplar der Moosrosen, dessen 
Nachkommen heute jeder Gärtner kennt. In Amsterdam zeigte mir der 
holländische Botaniker Hugo De Vr/es die Nachkommen jener vielen 
Nachtkerzenarten (Oenothera Lamarckiana), die er eines Tages in Hil- 
versum in der Nähe von Haarlem als wildwachsende Pflanzen entdeckte, 
und die nun in seinen Kulturen schon jahrelang die sprunghaft abgeänderten 
Eigenschaften beib€hielten. Denn das und nicht die Abänderung macht das 
Wesen der sogenannten Mutationen aus. Plötzliche Änderungen an einem 
Lebewesen gibt es viel häufiger; aber diese Modifikationen oder Fluk- 
tuationen, wie man sie benannt hat, und wie sie namentlich den Gärtnern 
und Tierzüchtern wohl bekannt sind, vergehen immer wieder und hinter- 
lassen in den Nachkommen keine Spur. Sie bereichern die Art nicht, die 
Mutation aber bereichert sie, sie macht die Welt mannigfaltiger, sie voll- 
bringt das, was man so gerne dem Entwicklungsgesetz in die Schuhe ge- 
schoben hätte. 

Den ursprünglichen Einwand, daß Mutationen zu selten seien, um durch 
sie die Eigenschaftenvielheit der Lebewelt erklären zu können, mußte man 
doch allmählich in dem Maße zurückstellen, in dem man Mutationen kennen 
lernte: die Kaktusdahlie, die in Amerika entstand, das Merinoschaf, das von 
einem 1838 geborenen Widder mit langen, seidenartigen Haaren stammt, 
bestimmte Insekten und dergleichen mehr. Aber, und das ist mir das gegen- 
wärtig Wichtigste, es zeigte sich neuestens auch, daß die Mutationen aus be- 
stimmten Ursachen erworbene, also durch Lebensumstände bedingte Eigen- 
schaften sind, und das entrückt sie wieder dem Bereich des Entwicklungs- 
begriffes. Der Holländer P. C. van der Wolk''^) hat die Einwendungen*), 



*) Johannsen wendete ein, die Oenotheraabänderungen seien verwickelte Neukom- 
binationen genotypischer Elemente, die schon in der Stammform vorhanden waren, 
auch hielt man sie für Bstarde und Rückschläge von in Amerika einheimischen Pflan- 
zen, da die Nachtkerzen der Adventivflora angehören und aus Nordamerika stammen. 

162 



die man gegen die De VnVs'schen Oenotheraversuche ins Treffen führte, 
zerschlagen durch die Beobachtung eines gewöhnlichen Ahorns, der be- 
schnitten wurde und nun aus den Knospen in der Nähe der durch einen 
Bacillus infizierten Schnittwunden abgeänderte Blätter und Blüten hervor- 
brachte und diese jahrelang vererbte. EXirch künstliche Infektion mit dem 
Spaltpilz wurde stets das gleiche Ergebnis erzielt, sodaß man hier die 
erste Mutation vor Augen hatte, deren Ursache bekannt war. Aber auch 
zugleich die Sicherheit, daß die einzige Art von Eigenschaftenmehrung die 
Dauer hat, dadurch bedingt Ist, daß sie in einem U rsaclienzusammenhang mit 
den Lebensumständen steht, also mit dem „Entwicklungsgesetz" als solchem 
nichts zu tun haben kann! Die Vererbung selbst, an die solche Eigen- 
schaftenbereicherung gebunden Ist, kann kein entwickelnder Faktor sein; 
sie Ist nur eine Einrichtung, die das vorhandene Quäle konserviert und 
anders gruppiert; durch Vererbung Ist aber noch nie etwas vordem nicht 
Dagewesenes In die Welt gekommen. 

Auf wenig biologische Fragen hat die Forschung wohl so viel Mühe 
verwendet, wie auf das Studium der Vererbung, und trotzdem kann man 
sagen, daß auch selten eine Arbeit so steril geblieben ist, wie die Ver- 
erbungsforschung. Hätte nicht ein günstiger Zufall dem österreichischen 
Ordenspriester Gregor Mendel das Zahlengesetz der Vererbung (Mcndel- 
gesetz) in die Hand gegeben, durch das wenigstens die Verteilung der 
Erbmasse berechenbar geworden ist, seitdem der Wiener Botaniker C. v. 
Tschermak*) die Mendelversuche in wissenschaftliche Form kleidete, so 
wäre die ganze Arbeit im Dickicht der Vererbungshypothesen stecken ge- 
blieben. Der Kern dieses Mendelgesetzes regelt bekanntlich die Merk- 
malverteilung bei Rassekreuzungen. Unter gleichbleibenden Lebensbedin- 
gungen zeigte sich bei Kreuzungen ein bestimmtes, verfolgtes Merkmal 
in den Mischlingen; in der Enkelgeneration nur 50 Prozent gemischtrassige 
Exemplare, dagegen je 25 Prozent reinrassige Exemplare der beiden Aus- 
gangsrassen, die also wieder entmischt werden. Diese Aufspaltung be- 
weist die in der Menschengeschichte längst klar gewordene enorme Be- 
deutung der Großeltern für die Eigenschaften, außerdem aber, daß durch 
Vererbung keine „Mischung", sondern nur eine Durcheinanderschüttelung 
der „Merkmale (Gene = Erbeinheiten) entsteht, niemals etwas Neues, son- 
dern nur Kombinationen des Alten, die langsam auch wieder die ursprüng- 
lichen Zustände herstellen. Die Vielgestaltigkeit der Lebewesen ist ein 
Würfelspiel aus freien Mischungen und Trennungen von verhältnismäßig 
wenigen Grundanlagen. Wäre also nicht die Bereicherung durch erworbene 
Eigenschaften, so gäbe es überhaupt nur unveränderliche Arten. An 
dieser tausendfach bestätigten Mendelregel läßt sich nicht rütteln. Sie 
ist der feste Kern der Vererbungslehre geblieben, der von den übrigen 



*) Mit H. De Vries und C. Correns zusammen. 

163 



Annahmen nur in wechselndem Reigen umtanzt wird. Es ist an sich 
hiefür ebenso nebensächlich, ob man die Teilstücke gewisser Fäden in 
den Zellkernen von Ei und Spermafäden, ebenso in den sich teilenden 
Zellen (die sogenannten Chromosomen, vgl. Abb. 74), als die Träger der 
Vererbungseinheiten ansieht, wie daß man nach dem Beispiel des Münch- 
ner Zoologen Semon die Vererbung auf eine psychologische Basis stellte 
und ihre Gesetzmäßigkeit mit der des Gedächtnisses analog auffaßte 
{Mnemelehre). So sehr das auch berechtigt ist, so wenig führte es über 
das hinaus, was man schon wußte, nämlich über die Tatsache, daß 
Vererbung wie Gedächnis immer nur reproduzieren, aber nicht schöp- 
ferisch sind. Erst die Vererbung erworbener Eigenschaften bereichert die 
Mannigfaltigkeit, und so spitzen sich also die den Kern dieser Fragen 
erfassenden Arbeiten darauf zu, ob es Belege für diese theoretisch unab- 
weisbare Möglichkeit gibt oder nicht. Im allgemeinen schien die Er- 
fahrung ihr zu widersprechen. Täglich erlebt man es im Kreis des 
Menschenlebens, daß ein Vater mit einem amputierten Arm oder Bein nor- 
male Kinder zeugt. Das klassische Beispiel sind die Orientalen, die trotz- 
dem sie nun seit mehr denn hundert Generationen die Beschneidung üben, 
dennoch Kinder mit einem rassenmäßig normalen Präputium in die Welt 
setzen. Trotzdem ist heute die Frage der Vererbung erworbener Eigen- 
schaften auch praktisch in bejahendem Sinn gelöst. Nicht nur in jenem 
spitzfindigen Sinn, daß — wie der österreichische Vererbungsforscher P. 
Kammerer sehr richtig bemerkt — jeder Mutationsfall eine Vererbung er- 
worbener Eigenschaften bedeutet, sondern auch experimentell beliebig zer- 
gliederbar im Fall des oben beschriebenen van der Wo/Ä'schen Falles. 
Ein anderes Beispiel ist die von Kammerer selbst untersuchte Verlänge- 
rung der Ein- und Ausströmröhren der Darmscheiden (Cione intestinalis), 
die man ja auch experimentell erzeugen kann, und die prompt vererbt wird. 
So steht denn die Frage derzeit so, daß man nur sagen darf, es werden 
zwar nicht alle beliebigen Veränderungen, die den Körper treffen, vor 
allem nichtbiologisch passive Merkmale vererbt, wohl aber das Aktivgut, 
das der Organismus selbst eingebracht hat, in verschiedenen gut durch- 
analysierten Fällen. Aber auch da scheint die Einschränkung zu gelten, 
daß sich nicht die individuellen Variationen — das, was die Vererbungs- 
wissenschaft jetzt mit einem guten Ausdruck den Phänotypus nennt — 
vererben, sondern die Arteigenschaften, d. h. der Genotyp. Und Muta- 
tionen sind dann genotypische Variationen (Johannsen). Das haben — 
und der Kenner der Wissenschaftsgeschichte wird hiebei ein Lächeln 
nicht unterdrücken können — die praktischen Pflanzen- und Tierzüchter, 
die Bauern, die Urmenschen schon lange vor aller Wissenschaft gewußt 
und durch die Tat bewiesen. Sie haben nämlich alle Kulturpflanzen und 
Haustiere auf diese Weise gezüchtet: das Pferd aus dem Wildpferd 
der Steppe, den Haushund aus dem Torfhund der Glazialzeit, das Getreide 

164 



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Abb. 69. Sprungartige Abänderung. Huktuation eines Blattes der Eiche (Quercus) 

Auf dem etwa 50jährigen Baum, dessen normale BläUer unten wiedergegeben sind, fand sich ein Zweig mit 
Riesenblättern, wie oben abgebildet. Der Baum stand in einem Eichenwäldchen bei Groß-Haiern in Mün- 
chen. Originalaufnahme von Frau Dr. A. Friedrich, München 



aus wilden Gräsern Vorderasiens, die Edeläpfel aus den Holzäpfeln des 
heimischen Waldes, die Zuckerrübe aus der holzigen Meerstrandrübe usf., 
indem sie unter vielen, vielen Exemplaren ständig Auslese hielten, und zwar 
nicht unter den gelegentlichen Modifikationen, sondern unter den genotypen 
Variationen, die das erworbene Mehrgut auch vererbten. Man hat also von 
je praktische Mutationslehre getrieben, und das menschliche Wissen hat 
sich wieder einmal wie bei allem erst nachher Rechenschaft abgelegt, Klar- 
heit verschafft und eine Theorie gebaut über das, was man getan hatte. 

Damit ist aber von unserem Problem alles abgeschält, was die Ent- 
wicklungslehre im Darwin-Häckel'schen Sinn darum gehäuft hat, und 
übrig bleibt nun nicht eine „Entwicklung der Lebewelt vom Urtier zum 
Menschen" durch einen geheimnisvollen Entwicklungstrieb, sondern die Tat- 
sache, daß alles Lebende Eins ist, eigentlich ein in viele Individuationen 
zerspaltenes Plasmawesen, das seinen Genotypus ständig reproduziert, aber 
durch Anpassungsarbeit, durch jeweilige Reaktion auf ganz bestimmte, 
konkrete Reize, die als Nötigung wirkten, diesen Genotyp vielfach in den 
Formen vom Urtier bis zum Menschen variiert. Wenn also auch die Ent- 
wicklungslehre fällt, an ihrer Stelle bleibt doch die Abstammungslehre be- 
stehen. Denn an dem Zusammenhang zwischen großen Reihen von Pflan- 
zen und Tierarten läßt sich nicht zweifeln. 

Die Beweise dieser Abstammungslehre sind oft und in glänzender Form, 
namentlich in England von Huxley, der sich nicht umsonst den General- 
agenten Darwins nannte, in Deutschland von C. Wiedersheim, K. Guenther, 
W. Boelsche und E. Häckel ausgebreitet worden, ja hierin ruht sogar 
das wirkliche und unvergessene Verdienst Häckels, groß genug, um ihm 
die Dankbarkeit noch mancher Generation zu sichern. Aber es ist auch 
auf wenigen Gebieten der Naturerkenntnis, vielleicht nur noch in der 
Ätherfrage oder einst um den „tierischen Magnetismus" jetzt um den Ok- 
kultismus, so beharrlich Irrtum und Wahrheit durcheinander gemengt 
worden, wie um die Abstammung des Menschen, die „Affenfrage" und 
alle diese hypothetischen Stammbäume, die es glücklich fertig gebracht 
haben, daß, gleichwie kein Forscher von Reputation sich heute gerne 
mit den landläufigen Okkultisten zusammen nennen lassen mag (sehr 
zum Schaden der wirklichen Erkenntnis), so auch eine merkliche Abneigung 
gegen alle diese Stammbaumfragen und populäre „monistische" Propa- 
ganda einzusetzen beginnt. 

Tatsache ist, daß es keine Berechtigung gibt, zu sagen, von den 
Urtieren bis zum Menschen sei die einheitliche Abstammung nachgewiesen. 
Es ist vielmehr im Gegenteil noch völlig offen, ob die Tierwelt einen 
monophyletischen oder polyphyletischen Ursprung besitzt, so wie auch im 
Pflanzenreich die Stämme der Flagellaten, der Siphoneen, der Schizo- 
phyceen, der Archegoniaten nicht auseinander oder von einfacheren Formen 
abgeleitet werden können. Dagegen gibt es in beiden Reichen, die auch 

165 



nicht gut auf einheitliche Urformen zurückgeführt werden können, lange 
Formenreihen, die sich über Arten, Gattungen, Familien und Klassen er- 
strecken, deren Blutverwandtschaft ganz unzweifelhaft ist. So ist, und das 
mag wohl in der ganzen Abstammungslehre das prinzipiell Wichtigste sein, 
der genetische Zusammenhang des Menschen mit der Tierwelt unzweifel- 
haft. Nach einem volkstümlich gewordenen Wort ist die Blutverwandtschaft 
zwischen den niedrigsten Menschenrassen wie also etwa den Weddas, 
den Buschmännern oder den Hottentoten und den Menschenaffen, wie 
Schimpanse, Gibbon oder Orang größer als zwischen den tiefstehendsten 
Menschen und den Vertretern europäischer Kultur.'*) Das ist ein Satz 
von ganz außerordentlicher Tragweite, ich will es gestehen: er ist viel- 
leicht der wichtigste der gesamten biologischen Erkenntnis. Bestände ein 
-prinzipieller Unterschied zwischen Mensch und Tier, wäre ein einheit- 
liches Denken überhaupt nicht möglich. 

Die zweifellose Abstammungskette der höchsten Säuger geht aber bis 
weit in die niederen Wirbeltiere, mit einigen Konzessionen tatsächlich bis 
zum Lanzettfischchen {Branchiostoma, in der ganzen älteren Literatur noch 
Amphioxus genannt) zurück. Dann folgt allerdings eine sehr wesent- 
liche Lücke, die noch durch nichts denn Worte überbrückt ist. Genau so 
sind die Blütepflanzen und bei einigen Konzessionen die ganzen Kormo- 
phyten, also alle Pflanzen, von den Rosenblütigen angefangen, die zweifels- 
ohne im pflanzlichen Lebensbereich das darstellen, was der Mensch im 
Tierischen ist, bis hinab zu den Lebermoosen (vgl. Abb. 34) von einheit- 
licher Abstammung, und kein Begriff ist durch die Gesetze des Pflanzen- 
lebens mehr gerechtfertigt, als der in der Botanik so gebräuchlich gewor- 
dene der „natürlichen Pflanzenfamilien" (vgl. nochmals Anmerkung 74 
Schluß). 

An dem Prinzip also läßt sich nicht zweifeln, und dem gegenüber ist es 
wahrlich nebensächlich, in welchem Umfang es angewendet werden kann. 
Diese Abstammungstatsache ist es, die durch die jedem auch nur halbwegs 
Naturgebildeten bekannten Erscheinungen der biogenetischen Rekapitulation 
(vgl. Bd. I Abb. 26), der merkwürdigen Festhaltung von fremden Larven- 
formen, der rudimentären Organe, durch die Mischbarkeit der Blutsera und 
gewisse Tatsachen der Tiergeographie belegt wird. Wenn die Wale zwar 
keine hinteren Gliedmaßen, wohl aber unter der Haut verborgene Reste 
eines Beckengürtels, sogar manchmal von Schenkelknochen besitzen, oder 
wenn die Weibchen des kleinen Frostspanners (Cheimatobia brumata), die 
nicht fliegen, dennoch kleine Flügelstummel aufweisen, wenn der Mensch in 
der halbmondförmigen Falte im Auge ein Organ entwickelt, das ihm keiner- 
lei Dienste leistet, oder wenn der menschliche Embryo ein ausgesprochenes 
Schwanzskelett und das Skelett des Menschen deswegen auch bald 33, bald 
34 Wirbel besitzt, weil bei vielen Menschen ein Kaudalwirbel mehr vor- 
handen ist, so sind alle diese „Rudimente" nicht anders zu verstehen, als 

166 



daß die Vorfahren aller dieser Organismen eben anders gestaltet waren."') 
Wenn dagegen der Mensch gewisse Einzelheiten und Organanlagen mit 
den Amphibien bezw. Reptilien teilt, so die vorhin genannte Plica semi- 
lunaris oder das Foramen entepicondyloideum humeri oder das primitive 
Verhalten des Canalis facialis oder die in alternierenden Reihen sitzenden, 
auf ein Schuppenkleid zurückweisenden Haargruppen oder den Muse, orbi- 
talis, der schon bei Fischen angebahnt ist oder Organe gleich der Zirbel- 
drüse bezw. dem Pinealorgan mit den Fischen der Devonzeit, da diese 
schon ein entsprechendes Scheitelloch in den Schädeldecken besitzen, wenn 
er mehrfach Zähne bekommt, ein Milchgebiß, die eigentlichen Zähne und 
die Weisheitszähne nach Art der Fische und Reptilien, die sich eines un- 
beschränkten Zahnersatzes erfreuen — , so kann die Folgerung aus alledem 
nichts anderes sein, als daß seine Vorfahren so oder ähnlich gestaltet 
waren und diese Eigenschaften noch beibehalten haben in einer verküm- 
merten Form, wie sie funktionslosen Organen zu eigen ist. Genau das- 
selbe besagen die schon traktierten (Bd. I S. 91—94 Abb. 26) Beweise aus 
dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte oder die Tatsache, daß die jedem 
Seefahrer bekannten Entenmuscheln (Lepas), die in Wahrheit Krebse sind 
(Cirripedia), diese ihre Abstammung durch die krebsartigen Larven (Naii- 
plien) beweisen; genau das gleiche, die berühmte Folge der Vorahnen 
des Pferdes oder das Auffinden von Zwischenformen zwischen Vögeln 
und Reptilien nach Art des Urvogels (Archaeopteryx). Nicht minder be- 
weiskräftig sind die Beobachtungen der Tiergeographie. Die Juwelen der 
Vogelwelt, die Kolibris, sind mit ihren gesamten 400 Arten ausschließ- 
lich auf Amerika beschränkt. Die Affen Südamerikas werden als Neuwelt- 
affen besonders und einheitlich unterschieden, so sehr tragen sie gegen- 
über den anderen Affenarten ihr besonderes Gepräge. Die palaearktische 
Fauna dagegen greift reichlich nach Nordamerika hinüber. Das ist nur 
unter Annahme der Abstammungslehre verständlich, da Nordamerika bis in 
die geologische Neuzeit mit Sibirien verbunden, Südamerika aber isoliert 
war. Auch der ganz isolierte Kontinent Australien hat seine Sonderfauna 
in den Beutlern, die früher überall verbreitet und verdrängt, dort ihr Asyl 
gefunden haben. 

So ist denn gar kein Zweifel an der inneren Einheit unseres Geschlechts 
mit der lebenden Natur mehr möglich, und die ergreifenden Worte, die 
Goethe zu Eckermann sprach, als er ihm von dem Siege der zum Ab- 
stammungsgedanken drängenden Denkrichtung in Frankreich berichtete: 
„Dieses Ereignis ist für mich von ganz unglaublichem Wert, und ich juble 
mit Recht über den endlich erlebten allgemeinen Sieg einer Sache, der ich 
mein Leben gewidmet habe, und die ganz vorzüglich auch die meinige 
ist" — sie müssen jedem Menschen in seinem eigensten Interesse ganz 
aus seiner tiefsten Seele gesprochen gelten, denn hier erfaßt das Denken 
wirklich einen der Grundsteine, auf denen der ganze Bau unserer Vorstel- 

167 



lungen vom Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt ruht. In diesem 
Abstammungskomplex inbegriffen ist doch auch eine der Fragen aller 
Fragen, nämlich die der Menschwerdung, die Ursache des Auftauchens des 
Menschenkopfes aus trübem Elend des bloß tierhaften Lebens. Man gebe 
sich nämlich nur keiner Täuschung hin: so vollendet auch die Biotechnik 
des tierischen Körpers funktioniert und den Verstand mit einer Überfülle 
der sinnigsten und leistungsfähigsten Erfindungen fasziniert, so trist und 
jämmerlich beginnt das Dasein auf der erreichten neuen Integrationsstufe 
des Zellenstaates. Das Leben der Tiere, auch der höchststehenden, ver- 
läuft nun einmal unbeschreiblich primitiv. Gerade, da ich diese Zeilen nie- 
derschreibe, komme ich von einem Erholungsspaziergang heim, auf dem ich 
sinnend der Flucht eines Hasens vor dem ihn vergeblich verfolgenden 
Hühnerhund und den Störchen zusah, die vom Dache unseres Rathauses 
im Gold der Abendsonne den Flug antraten, um sich noch einen Bissen vor 
der sinkenden Nacht zu erjagen. 

Und diese Wunderwerke — was ist doch ein Hase und ein Storch für 
ein komplizierter Organismus! — sind genötigt, der eine stets voll Angst, 
unsicher, gehetzt, in einer Welt voll hasenlüsterner Ungeheuer vorsichtig 
umherzuschleichen in diesen Tagen des Vorfrühlings, auf der Suche nach 
junger Saat, Klee, Baumrinde, die er furchtsam, mit Erde verunreinigt, 
zerkaut, um dann in einer mit den Krallen mühsam zurechtgekratzten Erd- 
mulde die schreckenerregende, lange Nacht zu verbringen, stets gewärtig, 
von einer Katze, einem Marder, von Wiesel, Fuchs, Uhu und Krähen selbst 
da überfallen zu werden, wo ihm kein Mensch droht. So elend ist dieses 
ungeschützte Vagantendasein, daß es längst keine Hasen mehr gäbe, würde 
nach dem alten Neckrätsel sich Meister Lampe nicht jedes Jahr versech- 
zehnfachen. 

Und der Storch, der ein König ist in seinem Revier gegen die Hasen, 
an deren Brut er sich oft genug vergreift, wie kläglich vergeht dennoch 
sein Abend! Hinaus, auf gut Glück fliegt er da, ein armseliger, kultur- 
loser Wilder, der hungrig sucht und mit verirrten Bienen und Schnecken 
und Regenwürmern vorlieb nimmt, wenn er kein Mäuslein oder Vogelnest 
oder Frösche erbeuten kann. Was ist das für ein Leben, zuckende, leben- 
dige Frösche hinabzuwürgen und Sumpfwasser zu trinken und dann die 
kalte, regnerische Nacht zu verbringen, ungeschützt, zusammengekauert auf 
einem miserablen Astehaufen, bis ihn wieder der Hunger hinaustreibt zu 
neuer, rastloser Jagd! Was ist doch dieses Städtchen dagegen für ein 
Wunderwerk von Leistungen auf der gleichen Integrationsstufe! Sie alle, 
diese tausend Familienväter, die es bewohnen, brachten an dem Tage, da 
sie auf die Welt kamen, nicht mehr mit als Hase und Storch und jedes 
Tier. Im Gegenteil, schutzloser und unbehilflicher ist der kleine Mensch als 
das junge Tier. Und ursprünglich ist das Leben des Menschen auch nicht 
anders verlaufen wie so ein Tag der wilden Tiere. Ohne Obdach oder nur 

168 



in feuchten, schmutzigen Höhlen wohnend, nur vertrauend auf die Kraft 
seiner Muskeln, die Schnelligkeit seiner Beine, die Kraft seiner Zähne, die 
Schärfe seiner Augen und die Erfindungen seines Hirnes, begann er seine 
Laufbahn tierisch als Tier unter Tieren, so wie sie auf ewiger Jagd nach 
Nahrung, auf immerwährender Flucht vor Feinden, und was hat er aus 
seinem Leben zu machen verstanden! Es ist ein ganz falscher Begriff, 
das geht mir in dieser Stunde auf, von dem Menschen eine Übergeistig- 
keit, Urteile über Welt und Leben, Einsicht in die letzten und höchsten 
Fragen zu verlangen; er hat genug, er hat sogar Unerhörtes geleistet mit 
seiner Zivilisation und der Organisation des bürgerlichen Daseins, eine 
Leistung, die ganz ebenbürtig neben den Anpassungen und Funktionen der 
Zellen und des Weltenbaues steht. 

Das muß alles nicht sein; Geist, Genie, Erfindung, Liebe, Güte und 
Aufopferung in unermeßlichen Mengen ist schon in allem, was einen 
Menschen in seiner einfachen Alltäglichkeit umgibt: im Obdach, im Haus 
mit Treppe, Kammer und Stube, mit Herd und Bequemlichkeiten, im Ge- 
rät, mit dem er sich umstellt, in Tisch und Stuhl, Schrank und Bett, oft 
genug mit feinem Sinn köstlich gearbeitet, auf das scharfsinnigste einge- 
richtet, fein zueinander abgestimmt; in der Kleidung, schmeichelnd, warm 
und kühl, wie er es wünscht, seine Körpervorzüge hervorhebend, seine 
Mängel höflich verdeckend. Wie wunderbar, daß jeder enthoben ist der 
ganzen unerträglichen Mühsal, sich das alles selber schaffen zu sollen, 
wozu weder des Lebens Dauer, noch des Armes Stärke, der Hand Geschick, 
am wenigsten aber des Hirnes Befähigung zureichen würde. Denn in dem 
Gerät des Alltags sind Erfindungen, Einfälle, Verstand, Erfahrung, Geist 
von hundert Generationen und zehntausend Köpfen hineingearbeitet, mehr 
als in die geistreichsten Bücher, wenn man damit den reinen Naturzustand 
vergleicht. 

Vergißt man nicht jeden Tag darauf, daß der Mensch seine Zoesis in 
einer schlechthin genialen Weise ausgemessen, bis an ihre äußersten Gren- 
zen hinausgeschoben und wahrhaft optimal durchgearbeitet hat! Welche 
Hilfsbereitschaft, welches Pflichtgefühl, welche Unsumme vornehmster Ethik 
ist doch hineingebaut in seine sozialen Organisationen! Da das Rathaus; 
es sorgt für mein Licht, die Sauberkeit meiner Straßen, die Schönheit der 
Gärten, in denen ich lustwandle, die Sicherheit meines Eigentums; dort 
das Krankenhaus, die Schule, die Kirche, das Armenhaus, der Arzt, der 
Rechtsanwalt, die Feuerwehr, die zahllosen Handelsleute, durch die bei 
einer einzigen Mahlzeit alle Klimate und Erdteile mir ihre Produkte senden, 
da Post und Eisenbahn, das Theater, die Musiker, die Zeitung, die Lehrer, 
die Bücher, die Dichter, — ein Kosmos, ein wohlgeregelt Abbild der Welt 
zu meinen Diensten! Und ich brauche als Gegenleistung nur in dem, was 
ich kann, tüchtig sein und fleißig acht und zehn Stunden im Tage, und 
dieser ganze Zaubergarten, diese Quintessenz von tausend und abertausend 

169 



gescheiten, genialen und fleißigen Hirnen dient mir jeden Tag vierzehn und 
sechzehn Stunden lang. 

Das ist die eigentliche Leistung des Menschenhirnes; dazu ist es da. Diese 
Welt zu schaffen war die Aufgabe und Möglichkeit seiner Integrations- 
stufe; als primus unter den Tieren hat der Mensch diese Aufgabe nahezu 
optimal gelöst. 

Das verstehe ich unter Menschwerdung. Dieser Prozeß, der wunder- 
barste und komplizierteste unter allen biologischen Vorgängen, muß an der 
Abstammung gemessen werden; dann hat man wieder Güte, Liebe, Ver- 
ehrung, Bew^underung und volle Hingabe für das, was der „Mensch" eigent- 
lich ist. Was uns so oft mit den Mitmenschen unzufrieden sein läßt, die 
bewegliche Klage, welche die über ihr Geschlecht Hinausgehenden so oft 
anstellen, daß die Menschen nicht verstehen und nicht hören auf ihre Worte 
von Vollendung und Ideal, von Jenseits und höchster Pflicht im Schönen, 
Guten und Lebensfördernden, daß sie immer wieder lieber in ihre Bürger- 
lichkeit und den Kreis ihrer Zoesis zurückkehren und noch das Leben eines 
jeden, der sie über diesen Kreis hinausführen wollte, zu einem Martyrium 
machten, das ist von nun an für mich und jene, die mich verstehen, als 
Irrtum unseres eigenen Mißverständnisses erkannt und überwunden. 

Solches ist eben nicht die biologische Funktion des Menschengeistes.*) 
Mit seiner Zoesis rundet sich des Menschen Wesen. Was darüber hinaus- 
geht, gehört einer höheren Integrationsstufe als der Mensch an! Ein ge- 
heimes Zeichen an der Stirn kündet unter Tausenden von Menschen dem 
Suchenden, wenn er wieder einen von jener höheren Artung gefunden 
hat, die eine neue Seinsstufe vorbereiten, eine Geistwerdung, eine Kultur, 
wenn Zivilisation die Menschwerdung gewesen ist. 



*) Mit der objektiven Philosophie geht darin ganz konform die Philosophie des Als 
ob von H. Vaihinger. In der sehr guten Selbstdarstellung seiner Lehre sagt Vaihinger 
hierüber folgende ausgezeichnete Sätze: „Es ist die alte Klage, daß der menschliche 
Geist an enge Schranken gebunden sei, von denen höhere Geister nicht eingeengt 
seien. Meiner Meinung nach aber liegen jene Grenzen des Erkennens nicht in der 
spezifischen Natur des Menschen im Gegensatz zu anderen, eventuell höheren Gei- 
stern, sondern jene Schranken liegen in der Natur des Denkens überhaupt, d. h. sie 
müßten, wenn es höhere Geister gäbe, auch diese und sogar den höchsten Geist be- 
grenzen. Denn das Denken dient ursprünglich nur dem Willen zum Leben als Mittel 
zum Zweck und erfüllt auch nach dieser Seite hin seine Bestimmung. Nachdem aber 
das Denken nach dem Gesetz des Überwucherns des Mittels über den Zweck sich von 
seinem ursprünglichen Zwecke losgerissen und sich zum Selbstzweck gemacht hat, 
stellt es sich auch Aufgaben, denen es nicht gewachsen ist, weil es selbst überhaupt 
nicht für sie gewachsen ist, und schließlich stellt sich das so emanzipierte Denken 
Aufgaben, die in sich selbst sinnlos sind, wie z. B. die Fragen nach dem Ursprung 
dessen, was wir Materie nennen, nach dem Anfang der Bewegung, nach dem Sinn 
der Welt und nach dem Zweck des Lebens. Betrachtet man das Denken als eine bio- 
logische Funktion, so erkennt man, daß das Denken sich damit unmögliche Aufga- 
ben stellt und über seine natürlichen Grenzen, die jedem Denken als solchem gezogen 
sind, hinausstrebt." (Die Deutsche Philosophie d.Gegenwart. II.Bd. Leipzig 192LS.29L) 

170 



So weit wir nun auch noch von einer wirklichen Kultur entfernt sein 
mögen, die biologische Funktion des Menschengeistes ist ihrer Vollendung 
nahe. Jedenfalls ist das, was noch fehlt zur wirklichen Erfüllung des 
menschlichen Seins und seiner Funktionen, zum wahren Optimum und 
zur definitiven Harmonisienmg, so drückend und unerträglich es sich 
auch manchmal auf die Seele legen mag, weit geringer als das, was schon 
erreicht worden ist. Die objektive Philosophie mit ihrer Lebensregclung 
ist nichts anderes als eines der Mittel, durch die das Optimum der Mensch- 
werdung und des Menschenseins erreicht werden kann und soll. Was dar- 
über hinaus ist, gehört zwar auch noch in ihren Gesichtskreis, bezieht sich 
aber nicht mehr schlechthin auf die Menschheit als solche und als Masse, 
sondern zielt auf die den Menschen übergeordneten Integrationsstufen, zu- 
nächst auf die schöpferischen Menschen. 

Immer wieder ist es uns bei der Erforschung der Weltgesetze ent- 
gegengetreten, wie die eine Seinsstufe in die andere sich verwandelt, nicht 
durch eine geheimnisvolle, von selbst eintretende „Entwicklung", sondern 
durch eine bestimmte Leistung, die Früchte trägt, wenn man sie mit Er- 
folg tut, und die unsichtbar ist, wenn sie unterbleibt. Haben wir nicht 
an Atom und Molekül gesehen, daß das Zusammenwirken nach bestimmtem 
Gesetz die höhere Stufe der Materie mit ihren bestimmten neuen physi- 
kalisch-chemischen Eigenschaften schuf, daß die vektoriell gerichteten, be- 
stimmten neuen Raumgitter von Molekülen den Kristall und seine Wunder- 
welt aufleuchten lassen; sah man nicht in der Organismenbildung, wie 
dieser Weg der Assoziierung vor sich geht? Daß die Zellen, die sich 
unter bestimmte lenkende, denkende unterordnen, dann zu einer höheren 
Stufe aufsteigen, als jede einzelne von ihnen es jemals kann? Klar vor- 
gezeichnet ist damit der Weg. Die „Geistwerdung", die Kultur in unserem 
Sinn*), wenn nun einmal für die höhere Stufe der Menschwerdung diese 
Bezeichnung festgehalten werden soll, kann darnach wohl nur das Resultat 
einer Vereinigung und Organisation unter der Leitung jener sein, die über 
die bloße Zoesis hinausgekommen sind. Wobei es freilich ein Problem 
für sich ist, ob die körperliche Organisation des Menschen überhaupt 
noch mit einer solchen weiteren Spannung der Ziele in Harmonie gebracht 
werden kann, ob Geist im Menschenkörper nicht Widernatur ist, und ob 
nicht erst die Menschenform in eine neue Verwandlung, vielleicht in das 



*) Kultur wird dadurch festgelegt als die Arbeit an dem Optimum des Ganzen, dem 
wir angehören, oder, wenn man so sagen darf, als die Harmonisierung des Bios — 
während Zivilisation das Optimum in der Zoesis der Menschheit anstrebt. Insofern 
ist Kultur der höhere und keineswegs jedem zugängliche Begriff, wenn auch jeder, 
der zivilisatorisch tätig ist, zugleich auch damit kulturell schafft. Denn die volle Er- 
füllung des Begriffes Mensch ist die Vorbedingung zur Harmonisierung des Men- 
schen im Weltganzen. Ein Kleinbürger, der sich ein ihm angemessenes organisches 
Haus baut, schafft damit auch Kultur, ohne zu wissen, daß er es tut. 

171 



„Werk" übergegangen sein muß, um auf der höheren Integrationsstufe 
wieder mit Erfolg nach Verwirklichung der uralten Gesetze des Optimums 
zu ringen. 

Nicht hier im Rahmen einer allgemeinen Untersuchung der Weltgesetze 
kann diese nur für die Innenorganisation des Menschendaseins Wert ha- 
bende Frage in ihrer vollen Tragweite erörtert werden, hier ist sie nur 
als ein Grenzgebiet erreicht; ihr wahres Entfaltungsgebiet ist der Teil der 
objektiven Philosophie, der sich mit den Gesetzen des Denkens und 
Schaffens beschäftigt, aber es durfte auch nicht ganz an ihr vorüber- 
gegangen werden, denn sie bewies, wie mit der optimalen Entfaltung der 
Zoesis die „Menschwerdung", das, was eine ältere Terminologie die Ent- 
wicklung des Menschen genannt haben würde, abgeschlossen wäre. 

Zweifellos ist es freilich, daß unser Tasten und Gestalten auf der über- 
geordneten Seinsstufe von dem Erreichen des Optimums ebenso entfernt 
ist, wie das kulturelle Leben der Tiere und des Urmenschen ^^) von dem 
seinen, wozu es erst in der Kultur des Menschen namhafte Ansätze er- 
reicht. Es ist aber ebenso zweifellos, daß das Erreichen des optimalen 
Gleichgewichtes in der Lebensregelung des Menschen den steten Krisen 
und Änderungen, die der Mensch so hoffnungsirrend seine Entwicklung 
nannte, ein Ziel setzen wird. Denn — und damit schließt sich nun dieser 
große Kreis von Gedanken, der mit der Betrachtung der Rolle des Denkens 
für das Menschenleben anhob — überall in der Welt des Wirklichen sieht 
man, wie mit dem Erreichen des Gleichgewichtes alle Transmutationen 
sistiert werden. Mit anderen Worten, wie ich bereits auf Seite 94 des 
ersten Bandes nachweisen konnte, es ist erstaunlich, daß man sich auch 
nur kurze Zeit darüber täuschen konnte, daß alle sogenannte Entwicklung 
durchwegs bedingt sei, daher diskontinuierlich abläuft und sofort aussetzt, 
wenn die auslösenden Ursachen fehlen. 

Was dort gesagt ist von der Umkehrbarkeit von Entwicklungsvorgängen 
des Organismus und der Inkonstanz der phylogenetischen Entwicklung, 
wird hier nach all dem Vorangegangenen endlich den Punkt nach dem 
Entwicklungssatz setzen. Was ich hier vorbrachte, das sind die Gründe, 
warum ich bekennen muß, was meine Überzeugung ist: Entwicklung im 
Hegel-Häckel-Huxley sehen Sinn existiert nicht. Die Welt als Ganzes ist 
vielmehr ein konstantes System, das solange überall und dort Trans- 
mutationen unterworfen ist, wo es nicht seinen partiellen Ausgleich und 
nicht den totalen Ausgleich der Teile erreichte, das daher im Ganzen 
stets optimoklin gerichtet ist. In der Sprache der älteren Philosophie 
würde dieser Satz so lauten, daß die Entwicklung nicht dem Weltbegriff 
immanent sei. An diesem Begriff aber hält die Naturforschergeneration fest, 
die von den genannten Führern erzogen wurde, wobei sie oft einen plum- 
pen Materialismus mit einer wahrhaft metaphysischen Überzeugung auf 
das Erstaunlichste verbindet. So hat man (z. B. C. Nägeli) in der 

172 




Abb. 70. Ein Wetterbaum in den Hochalpcn (sotjcn. Rohne) als Va 

Unbilden, denen die Bäume im Gebirge ausgesetzt sind 

Motiv vom Brandkogel im Wilden Kaiser in Tirol. Orifjiiial 








Abb. "'2. Die Kälk'aii p A^si i n.L;- der Christrn '. io 



(Helleborus \iridis) 

Die Pflanze hat hei starkem Frost die Blätter gesenkt, wodurch ein 

Teil vor dem Erfrieren geschützt war. Originalaufnahme von K. Siegle, 

Pforzheim 



Biologie einen „Trieb nach Vervollkommnung" angenommen, an dem 
letzten Endes eigentlich, wenn auch verkappt, diejenigen festhalten, die 
sich „innere Ursachen" als Motor für den „Aufstieg" der Lebewelt vor- 
stellen. 

Die objektive Denkweise kann natürlich auch diesen Vervollkommnungs- 
trieb nicht anerkennen. Ihr ist das, was man Entwicklung nennt, nur 
eine bedingte Erscheinung. Sie war erst gegeben als Ausgleichsvorgang, 
als der Weltprozeß in Gang kam, um die Störungen auf dem Wege zur 
Harmonisierung zu überwinden. Sie ist eines der Mittel, deren sich die 
Weltmechanik bedient, um die optimokline Richtung einzuhalten. Darum 
verläuft — was so viel bewundert und niemals verstanden wurde — 
die Mechanik der Ontogenie, Phylogenie und Regeneration der Organis- 
men in ihren Erscheinungen mit einander parallel. Ihr Endziel ist eben 
in allen drei Fällen nur der Ausgleich der Störungen, und sie stehen 
still, wenn wieder der Ausgleich erreicht ist. Durch Störungen wird 
jeder dieser Prozesse in Bewegung gesetzt, durch Verstärkung der Störungs- 
ursache werden sie beschleunigt; in dem Maße, in dem optimale Zustände 
angenähert werden, werden sie verzögert oder aufgehoben. 

Das sind experimentell prüfbare Sätze, zu deren ausführlicher Belegung 
es freilich nicht weniger Seiten, sondern eines umfangreichen Sonderwerkes 
bedürfte. Was dort ausgeführt werden kann, muß hier mit einigen Hin- 
weisen erledigt werden. 

Das wichtigste in dieser Hinsicht, was nach den Vorarbeiten dieses Ab- 
schnittes noch zu tun übrig blieb, ist die Feststellung, daß sich Regene- 
rationen ganz nach dem Gesetz der Ontogenie vollziehen. Die Tatsache 
der Regeneration ist weit über den Kreis der Biologen jedermann be- 
kannt, der es einmal beobachtet hat, wie einer Eidechse der verloren ge- 
gange Schwanz nachwächst oder am eigenen Körper eine defekt ge- 
wordene Hautstelle sich wieder „regeneriert". Im Pflanzenreiche sind diese 
Regenerationen nicht so auffällig. Wenn irgendwann die Maikäfer einen 
Baum kahl fressen, ersetzen die Blätter nicht die verloren gegangenen 
Stücke, sondern es treiben dann die am Stamm und an den Asten ver- 
teilten Reserveknospen aus, und das ist keine Regeneration. Es ist eben 
die Pflanze, wie man an jedem Wetterbaum im Hochgebirge sehen kann 
(Abb. 70), eigentlich so etwas wie ein Tierstock, eine Koralle, ein dezen- 
tralisiertes Gemeinwesen, das ständig da abstirbt und dort zuwächst, für 
dessen Lebensbetrieb also eine Verletzung von Teilen keine Störung be- 
deutet. Darum antwortet darauf, ganz wie es unsere Auffassung verlangt, 
die Pflanze nur unter Umständen mit einem Prozeß, wenn ihr Betrieb ge- 
stört ist. Die Wettertanne (Abb. 70) erträgt es ohne weitere Reaktion, 
wenn ihr der Sturm Aste knickt und sie an der Luvseite „windschert", wenn 
aber ein Vögelein sich an der Fichte auf den das Wachstum führenden 
Gipfelsproß setzt und ihn versehrt, dann richten sich die Seitenzweige senk- 

173 



recht empor und übernehmen die Führung des Wachstums. (Kandelaber- 
bäume). Oder, wie die einzigartige und darum höchst beachtenswerte 
Photographie einer Nießwurz (Helleborus viridis) auf Abbildung 72 
zeigt*), die Pflanze handelt in diesem Fall durch Herabsenken der Blatt- 
stiele sofort, wenn ihr in einer Frostnacht der Tod droht; ähnlich reagiert 
z. B. das in Abbildung 36 dargestellte Oeranium auf Verletzung. Dem- 
gemäß gibt es, wie namentlich die Botaniker Goebel und Voechting in 
schönen Versuchen gezeigt haben, auch bei den Pflanzen Regeneration, die 
sich bis zur Wiederherstellung von Keimblättern oder der Hervorbringung 
einer ganzen Pflanze aus einer Weinranke steigern kann. In anderen 
Fällen wird, wie ich an Erbsenkeimlingen beobachtete, die Zerstörung 
eines Kotyledos durch eine Entwicklungsbeschleunigung allein ausgeglichen. 

Immer ist in diesen Fällen die Regeneration nur ein Sonderfall des all- 
gemeinen Wachstums, das schon bei jeder Zellteilung (Abb. 74) durch die 
allein es (abgesehen von einigen Fällen von Streckung, z. B. bei Pilzen) 
stattfindet, und die stets mit Regeneration, nämlich die der jeweils geteilten 
Zellhälften, verbunden ist. Gesetze dieser Regeneration (vgl. Abb. 71) sind, 
daß je einfacher organisiert ein Lebewesen ist, desto größer auch seine 
Restitutionsfähigkeit ist. Beim Menschen beschränkt sie sich auf eine 
sehr eng umschriebene Heilung von Wunden; einen Regenwurm oder eine 
Hydra aber kann man in fast beliebig viele Stücke zerschneiden, die den- 
noch alle wieder zu Ganzbildungen regenerieren. Eine zweite Regel be- 
sagt nun: daß, je jünger ein Organismus sei, desto mehr sei er fähig 
zum Wachstum und zur Regeneration. Ferner zeigte sich, daß je umfang- 
reicher der Substanzverlust ist, desto größer ist auch die Beschleunigung 
des Wachstums, also die Energie der Regeneration. Ein Krebs regeniert 
beide Scheren schneller als eine, ein Molch ersetzt ein Bein schneller als 
den verlorenen Fuß.") 

Dazu ergab sich die Tatsache, daß die Regeneration keineswegs auf die 
lebenden Systeme allein beschränkt ist, sondern auch den Kristallen eignet 
(vgl. dazu Bd. I S. 126). Einmal darauf aufmerksam geworden, wird man 
finden, daß ihre Mechanik und Teleologie letzten Endes auch in den 
vektoriell nicht gerichteten Systemen wiedererkennbar ist. Die Wiederher- 
stellung der Kugelform bei einem gestörten Tropfen oder an einem ein- 
gedrückten elastischen Ball ist im Prinzip auch etwas wie eine Regenera- 
tionserscheinung. In allen Fällen aber ist, wie ein Durchdenken der 
Regenerationsgesetze unwiderstehlich zu sagen nötig, die Regeneration stets 
eine Transmutation, ein Prozeß, der auf Nötigung hin eingeleitet wird, der 



*) Ich verdanke sie Herrn K- Siegle in Pforzheim, der im August 1914 vor seinem 
Auszug ins Feld mir seine sehr wertvolle Photographiensammlung übersandte „zur 
Verwertung in wissenschaftlichen Werken, falls er nicht mehr zurückkehren sollte". 
Da er seit 7 Jahren verschollen ist, erfülle ich nun dieses Legat, zugleich als ehrendes 
Denkmal für seinen Urheber. 

174 



also stets bedingt ist.*) Daß sie sich bei weniger differenzierten Organis- 
men vollkommener betätigt, ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß 
jede Entwicklung zuerst, wie namentlich die Regeneration der Iris von 
Triton (vgl. Bd. I S. 93) bewies, und wie ich schon ausführlicher dar- 
gelegt habe, von einer rückläufigen Differenzierung eingeleitet wird. 

Diese rückläufige Differenzierung ist aber auch, wie Cohen-Kyspcr nach- 
gewiesen hat, bei jeder normalen Entwicklung vorhanden, sodaß Regenera- 
tion und Ontogenese auch darin konform verlaufen. Es gibt ebenso ein 
rückläufiges Wachstum (Involution) mit einer Größenabnahme, wodurch 
weniger Zellen neu entstehen als zugrunde gehen. Solches kann man z. B. 
beobachten an den Froschlarven um die Zeit, da sie ihre Kiemen und 
ihren Schwanz einschmelzen. Involution tritt auch in jedem Organismus 
auf, wenn er altert, oder wenn man ihn länger währendem Hunger aus- 
setzt. Die Abmagerung ist ihr erstes Symptom; im weiteren Verlauf aber 
kommt es auch zur vollen Umkehrung der Entwicklung mit gleichzeitiger 
Entdifferenzierung, bis nur wenige, ganz embryonale Zellengattungen zu- 
rückbleiben. E. Schultz''^) zeigte an Seescheiden (Clavellina), den Strudel- 
würmern Planaria und Hydren, ebenso wie andere Verfasser an den Meeres- 
polypen, daß zum Beispiel die letztgenannten Tiere (vgl. Abb. 73) ihren 
doch ziemlich weit in Fangarme, einen Mund und Magenraum, Stiel und 
Fußscheibe gegliederten Körper durch Hunger Stufe für Stufe zurückbilden 
unter Einschmelzen, bis sie schließlich fast wieder ihrem eigenen Ei 
gleichkommen. Hunger veranlaßt bis zu den höchsten Lebewesen hinauf 
Entwicklungshemmungen, wofür die schrecklichen Bilder der Kriegskinder 
in den Jahren 1917—1920 jedermann genügend Zeugnis abgelegt haben 
mögen. Eine Kaulquappe, die kein- Fleisch erhält, bleibt monatelang 
mit allen ihren Organen und Geweben in ihrer Größe und ihrer „Gesamt- 
entwicklung" auf dem gleichen Stadium. Rückläufige Entwicklung setzt 
aber auch aus entgegengesetzten Ursachen ein. So gibt es Schmarotzer- 
tiere und -Pflanzen, die aus zu leichter und reichlicher Ernährung ihre 
Organisation vereinfachen und zu tieferen Differenzierungsstadien hinab- 
sinken, so wie Hydroidpolypen durch Hunger Larven wurden. 

Kurz, dieses ganze Beweismaterial plaidiert immer für die zwingend ge- 
wordene Lehre, daß „Entwicklung" in allen ihren Formen, sei es nun Em- 
bryogenese, Ontogenese, Phylogenese oder Regeneration, stets nur auf 
konkrete Nötigung, auf Anstoß und Störung des Gleichgewichtes erfolgt, 
und daß der hier schon wiederholte Satz, Entwicklung sei eine Reaktion, 
durch die das sich entwickelnde System seiner Ausgleichslage zustrebt, 
zu Recht besteht. Leben ist eben auch deshalb eine ständige Trans- 



*) Was ich schon 1917 in meinem Werke: Der heutige Stand der Darwin'schen 
Fragen (Leipzig) vertrat, wo ich auch bereits als Vorläufer der objektiven Philoso- 
phie die Einführung biologischer Gesichtspunkte in die anorganischen Wissenschaften 
forderte (S. 96). 

175 



mutation, weil es die ständig versuchte Wiederherstellung des ständig 
aufgehobenen Ausgleiches ist. 

Alles dieses Gesagte gilt nun ebensogut für die phylogenetische Ent- 
wicklung. Auch sie ist inkonstant, auch sie ist nicht plan- sondern 
zwangsgemäß. Es gibt fast ebensoviele konstante Arten, wie solche, die 
sich sprunghaft entwickeln. Immer wieder sieht man, daß dort, wo Muta- 
tionen eintreten (wir wissen bereits, daß die stammesgeschichtlichen Ände- 
rungen sich nur durch Mutationen vollziehen), diese sich dann explosions- 
mäßig, überaus stürmisch melden. Die gesamte Systematik der Zoologie 
und Botanik ist voll von solchen explodierten und merklich überquellenden 
Formenkreisen. Man braucht hierzu die Fachkenner nur an die Gattung 
Carabus oder Helix unter den Tieren oder die Gattungen Navicula, Nectria 
unter den „niederen" und Rubus, Hieraciutn oder Rosa unter den „höheren" 
Pflanzen zu erinnern. Ihre Existenz bedeutet, daß eine „Entwicklungs- 
ursache" die Vorgänge in ihnen eben geradezu stürmisch auslöst, und daß 
der Weg der Fortpflanzung eben deswegen, weil dieses Bild der reichen 
Formenkreise nicht allgemein ist*), stets zwischen langer Konstanz und 
gelegentlichen Explosionen wechselt. 

Die Fortpflanzung, das Mittel der Phylogenie, wird allgemein definiert 
als das Mittel, um die Art zu erhalten. Diese Definition aber ist kurz- 
sichtig. Sie übersieht eine zu kurze Linie des Geschehens. Fortpflanzung 
würfelt nach der Mendel-Regel die Eigenschaften durcheinander. Jedes 
Würfelspiel aber ist eine Möglichkeit, um einmal die günstigste Variante 
zur Erfüllung des Seins, also das Optimum des Merkmalsystems hervor- 
bringen zu können. Mit anderen Worten: auch die Fortpflanzung gehört 
in die Gruppe der optimoklinen Geschehensarten. Sie ist eines der Mit- 
tel des Organismus, um sein Optimum zu erreichen. 

Die Richtigkeit dieses sehr bedeutungsvollen Satzes kann daran ge- 
prüft werden, daß, wenn er stimmt, die Fortpflanzung sich ähnlicher 
Mittel bedienen muß, wie die Regeneration, die ja dem gleichen Zwecke: 
Wiederherstellung der optimoklinen Situation dient. Und tatsächlich sieht 
man auch im Tier- und Pflanzenreich Wachstum, Regeneration und Fort- 
pflanzung untrennbar mit einander verbunden und unmittelbar in einander 
übergehen. Die Hydroidpolypen (Abb. 73) und Medusen oder das merk- 
würdige Bryophyllum (Abb. 71) schnüren Individuen von sich ab (Strobila 
der Medusen!) sowohl auf Verletzungen hin, wie man das an dem abge- 
trennten Blatt des Bryophyllum oder letztlich auch an jedem Begonia- 
Steckling sehen kann, wie auch aus reinem „Fortpflanzungstrieb" heraus. 
An manchen Pflanzen stellen sich solche freiwillige Ablösungen oft in 
absonderlichen Formen ein, wie z. B. an der Abb. 76 dargestellten Kröten- 



*) Es gibt zahllose Gattungen mit nur einer oder zwei Arten oder Familien mit 
ganz wenigen Gattungen. Beispiele sind die Moiiotrematen oder Narthecium ossi- 
fraga, Majanthemum bifoliatum und andere. 

176 




Abb. 73. Hydroidpolypen von Obclia <rcni- 
culata in präpariertem Zustand 

Schwach vergrößerte Originalmikroaufnahmc des 

Biologischen Instituts München 



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Abb. 74. Der Vorgang der Mitose gelegentlich der Zelltciiiing in seinen Hauptstadien 

Auf Figur I und II sind in den unteren Zellen noch ruhende Kerne sichtbar mit dem Kerngerüst und den 
Kernkörperchen. In der Mitte von Figur I haben sich die Chromosomen bereits /ur Spiiidclfigur ange- 
ordnet, in Figur II hat sich die Teilung der Spindclfigur bereits vollzogen. Ein soeben geteilter Zellkern 
ist in Figur I oben am Rand sichtbar. Sehr stark vergrößertes Präparat der Pollcnm'utterzellcn der Kaiser- 
krone (Fritillaria impcrialis). Originalmikroaufnahme des Biologischen Institutes München 









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Abb. 77. Der Aufbau eines einfachen Schmarotzerpilzes. Der falsche Mehltau (Plasmopara viticola). 1. Schwach 
vergrößert auf einem Blattquerschnitt. 2. Konidienträger in starker Vergrößerung mit Sporen, die durch un- 
geschlechtliche Fortpflanzung hervorgebracht werden. 3. Das Mycel des Pilzes, das mit Haustoricn die 
Zellen der Wirtspflanze aussaugt. Stark vergrößert. Originalzeichnung. 

orchis; man nennt diese oft embryonalen Zwischengestaltungen von Rege- 
neraten und Fortpflanzungsformen Brutknospen, Brutknollen (man denke 
an die Feuerlilien oder die Steckzwiebel im Garten), spricht von „lebendge- 
bärenden Pflanzen" (Poa vivipara u. a.) als Zeichen, wie sehr sich der 
Namensgebung diese Identität von Regeneration und Fortpflanzung auf- 
drängte, und hat in der Botanik daraus die Lehre geprägt, daß es zweierlei 
Fortpflanzungen gebe, die vegetative und die geschlechtliche. Die vege- 
tative ist die Regel bei vielen, namentlich den einfacheren Pflanzen, von 
denen Bakterien, Spaltalgen, das ganze große Heer der Pilze (allerdings 
nach Verlust der Sexualität) sich nur durch Teilung oder Abschnürung von 
Sporen nach Art des in Abb. 77 dargestellten Peronosporapilzes des Wein- 
stockes fortpflanzen. Diese Sporenbildung kennzeichnet weit mehr als -/.•. 
aller bekannten pflanzlichen Lebensformen. Daneben gibt es noch eine Brut- 
knospenbildung (vgl. Abb. 65), die jedermann in der ersten Minute beob- 
achten kann, sobald er nur einen Moosrasen mit einer Lupe untersucht. 

Frana, Bios II 12 

177 




Abb. 78. Der Bau und die Paarung (Konjugation) eines Urtierchens (Paramaecium Aurelia). Der als ein- 
zellig angesprochene Körper (I) ist mit einer Hautschicht umhüllt, die zahllose Wimpern trägt. Unter diesen 
liegen die „Trichocysten", Stäbchen, welche auf Reize hin abgeschossen werden. Im Entoplasma liegen zwei 
pulsierende Vakuolen mit ihren sternförmigen Zuleitungsgängen; hier zirkulieren zahlreiche Verdauungs- 
vakuolen. Der Oroßkern (Makronukleus) schimmert nur undeutlich durch. Figur H stellt die einzelnen 
Stadien der Konjugation dar. Zuerst zerfällt der Qroßkern, der Mikronukleus teilt sich. Dann erfolgt eine 
Befruchtung und der Austausch der Kerne, worauf sich allmählich der Qroßkern- und Kleinkemapparat 
neu bildet. (Nach Maupas.) 

Denn der Moosrasen kommt nur dadurch zustande, daß sich an seinen 
fädigen Vorkeimen durch einfach rasch einsetzende Zellteilungen Knöpfchen 
bilden, die sich allmählich in eine fertige Moospflanze gliedern. Solche 
Fortpflanzung durch Zellteilung kann man, wenn man wollte, ebensogut 
Regeneration nennen. Die Grenzen fließen hier vollkommen. Diese Art von 
Vermehrung legt die Pflanze nie ab. Wenn im Lenz tausend Knospen 
sprießen und aus sich Blatt und Blüten sonder Zahl entfalten, ist es immer 
noch die gleiche Erscheinung, was sich schon darin kundgibt, daß oft 
genug dadurch regelrechte Fortpflanzung eintritt. In der Frühlingsau durch 
die Brutknospen, die die Feigwurz (Ficaria) abwirft, im Mangrovehain 
am tropischen Lagunenstrand dadurch, daß der Samen schon an der in der 
Luft noch hängenden Frucht keimt und als junge Pflanze zu Boden fällt, 
oder im heiligen Hain der Banyanen, wo die Luftwurzeln im Boden Fuß 
fassen und neuen Bäumen zum Leben verhelfen. 



178 



Jede Blüte entsteht durch solch vegetatives Wachstum, und wir wissen 
bereits, daß die Botanik es gelernt hat, das als besondere, sich nur unge- 
schlechtlich vermehrende Generation aufzufassen. Diese Art von Fortpflan- 
zung ist dem Plasma auch in seiner Tierform nicht fremd. Teilung kenn- 
zeichnet alle Urtiere (vgl. Abb. 78), und den Zoologen — man schlage 
hierüber ein beliebiges Handbuch auf — ist es ganz klar, daß solches mit 
einer fast unbegrenzten Regenerationsfähigkeit Hand in Hand geht. Es ist 
aber auch die Knospiing (vgl. Abb. 73), die man bei Polypen — ein pracht- 
volles Beispiel ist der kleine Süßwasserpolyp (Hydra) — Schwämmen, 
Strudelwürmern, Entoprokten, Ringelwürmern, Moostierchen (Bryozoen), 
sogar noch bei Manteltieren kennt, nichts als eine Teilung bestimmter 
Körperstellen, die vorher embryonalen Charakter annehmen. Wenn es bei 
den Süßwasserbryozoen auch eine innere Knospung gibt, wenn die Tinten- 
fische (Abb. 75) an einer bestimmten Stelle einen Arm durch Knospung 
und Teilung hektokotylisieren, d. h. umbilden zu einem Begattungsorgan, 
das sich bei Argonauta selbständig macht, umher schwimmt und die Weib- 
chen aufsucht, so verrät sich dadurch nicht nur die von uns schon be- 
hauptete Trennung in zwei Generationen, sondern leicht erkennt man auch, 
daß die „Ovulation" des menschlichen Weibes sowie die Samenbildung des 
Mannes auch nur Knospungsresultate sind. 

Eine neue Auffassung der gesamten Fortpflanzung eröffnet sich da- 
durch dem sinnenden Blick: Es will ihm scheinen, als gebe es im ganzen 
Lebensbereich nur vegetative Fortpflanzung; aber ab und zu, zumeist in 
der zweiten Generation, legen die Nachkommen ihren erworbenen Erfah- 
rungsschatz wieder zusammen, gleich den kleinen Pantoffeltierchen 
(Abb. 78), die erst nach Dutzenden von Teilungsgenerationen hierzu das 
Bedürfnis empfinden und erst nach mehreren hundert Teilungen lebens- 
unlustig und altersmüde werden, wenn man sie künstlich an ihrer Kon- 
jugation hindert. Die Mendel-Regel bestimmt es, in welcher Weise die 
Verteilung des erworbenen Neukapitals auf die aus diesem Bunde wieder 
hervorgehenden Sprößlinge vorgenommen wird, die nun wieder vom 
Ei und Samenfaden regenieren und neue Knospungen hervorbringen. 
(In dem Wort Prolet hat der Sprachgeist also wahrlich einen tiefen Sinn 
verborgen). 

Die Qeschlechtlichkelt ist demnach nichts absolut Lebensnotwendiges, 
sondern nur ein Vorteil. So war es möglich, daß sie großen Gruppen von 
Lebewesen abhanden kam, sogar als sie bereits einmal erworben war. Das 
entscheidende Beispiel sind die Pilze, deren altertümliche Gruppen (nie- 
drigere Formen der Phycomyceten, einige Ascomyceten wie Pyroncma oder 
Erysibe) noch Geschlechtsorgane und Zeugungsakte kennen, während die 
übrigen ohne „Liebe" ihr Dasein verbringen. Sonst wäre es auch nicht 
erklärlich, woher die Jungfernzeugung (Parthenogenesis) in die Welt kam. 
Die Fadenwürmer, Rädertiere oder Salzkrebschen (Artemia [Abb. 42]), 

12* 

179 



die ihr huldigen, die kleinen Wasserflöhe und Blattläuse, die Bienen, 
welche ihre Männchen parthenogenetisch hervorbringen, begehen mit 
diesen viel angestaunten und von keiner der herrschenden biologischen 
Theorien erklärten Nachkommenschaften jungfräulich gebliebener Mütter 
nur den normalen Knospungsakt. Sie verzichten eine Weile auf die Be- 
reicherung; die Daphniakrchschen eines Teiches bringen von März bis 
August alle 14 Tage 11—12 kleine „Sprößlinge" hervor gleich den Ur- 
tierchen ihrer Heimat, die das täglich vollbringen. Erst dann erzeugen sie 
Männchen und tauschen durch sie in der Nachkommenkette die Erfah- 
rungen aus. So nähert sich dann ihre Art dennoch, wenn auch langsamer, 
dem Optimum ihres Seins. 

Die vegetative Fortpflanzung ist einfache Regeneration mit allen ihren 
Eigentümlichkeiten. Aber auch der Geschlechtsakt löst nichts anderes aus 
denn eine Regeneration. Daher zeigen sich in seiner Folge alle die Ge- 
setze, die uns beim Studium des Regenerationsvorganges entgegengetreten 
sind. Die jugendlichen Individuen sind fortpflanzungsfähiger, das Neu- 
entstehende ist wieder jung, sogar embryonal. Die Regeneration verläuft 
im Bilde einer beschleunigten Wiederholung des Ursprünglichen, wofür die 
Tatsachen der Embryologie und der stürmische Ablauf der Furchung zeugen 
möge. Kurz, wohin man sieht, erblickt man Bestätigungen und durch sie 
auch den Schlüssel für das Nieverstandene: wieso die Fortpflanzung den 
Organismus zu dem wundervollen Rhythmus: alte Eltern, junge Kinder 
befähigt. Wenn also daran nicht zu zweifeln ist, daß Entwicklung eine 
Reaktion sei, durch die das sich entwickelnde System seiner Ausgleichs läge 
zustrebt, so ist die geschlechtliche Fortpflanzung eine Störung dieses Aus- 
gleiches durch neu in ihn eingebrachte Elemente; sie ist der Gegenpol des 
Todes, sie muß daher immer wieder Entwicklungen auslösen. 

Die Sexualität bereichert und verjüngt die Welt. Sie fährt das Leben 
seinem Optimum näher. Der brausende Hymnus, der tausendstimmige 
Jubelschrei und Lobgesang, den die Dichter aller Zeiten, die Menschen 
aller Rassen, die Geschöpfe aller Arten zu Ehren der Geschlechtsliebe an- 
stimmen, ist dem objektiven Philosophen daher wohlverständlich, und auch 
er stimmt in diese Verklärung mit ein. Er blickt nicht scheel gleich den 
pessimistischen Denkern auf die „Liebe" als einen „Kniff der Natur", 
um den Menschen immer wieder zu narren zur Verewigung der „alten 
Leiden"; ganz im Gegenteil; er preist die Liebe als eines der herrlichsten 
Mittel, um dem Elend verrannten und verirrten Menschentums zu ent- 
gehen. Nur zu wohl versteht er aus der reichen Dichtung, die Leben 
und Kunst ihm bieten, warum die Fortpflanzung der todüberwindende, 
tiefste Trieb des Menschen ist, warum immer wieder jene, denen Um- 
stände oder eigene innere Hemmungen das Sich-Auswirken in Schöpfungen 
versagt haben, sich nach dem Kinde sehnen und auf die Kinderschar 
selig lächelnd deuten : Hier ist mein Werk ! Was ich nicht beitragen konnte 

180 



zum Optimum des Menschengeschlechts, diese da werden es machen! Ge- 
rade er versteht aber auch tiefer denn andere, warum die Genies, die 
schöpferischen Menschen so oft unfruchtbare Lenden haben, und warum 
das reine geistige Schaffen das Erotische in sich aufnimmt und auch eine 
Fortpflanzung mit allen ihren Eigentümlichkeiten bedeutet. Ohne Fort- 
pflanzung ist der Tod unvermeidlich, daher ist sie verknüpft mit dem Sinn 
des Lebens, sie ist eines der vornehmlichstell Mittel des Organismus, um 
seinen Sinn, und das ist doch sein Optimum, zu erreichen. 

Warum nun die Fortpflanzung trotz der „Amphimixis", trotz der Mi- 
schung zweier Erlebniskreise das eine Mal aeonenlang die Art konstant 
erhält, das andere Mal explosionsartig neue Merkmale der Nachwelt auf- 
bewahrt, ist nicht mehr allzuschwer einzusehen. Man kann das gewisser- 
maßen experimentell prüfen, wenn man die Lebensumstände der kon- 
stanten Arten mit denen der mutierenden vergleicht. Man wird dann 
immer finden, daß die Lage eine ähnliche ist, wie bei den Liw^ulaarten 
des Meeres (vgl. Bd. I Abb. 25), die bekanntlich eine der konstantesten 
Formen der Lebewelt darstellen. Sie leben nämlich am Meeresgrunde 
unterhalb der bewegten See in einem kaum jemals veränderten Gleichmaß 
der Verhältnisse, während gerade die Lebensformen von großer Beweg- 
lichkeit unter Grenzverhältnissen (zwischen Festland und Meer oder Wüste 
und fruchtbarem Boden) vielen Anderungsmöglichkeiten gewachsen sein 
müssenjs) Gewöhnlich sind sie die artenreichsten, schließen allerdings 
auch besonders viele ausgestorbene Arten und Gruppen in sich. Die fast 
ganz oder doch wesentlich ausgestorbenen Ammoniten, Belemniten, Ru- 
disten, Gyroporellen (Bd. I Abb. 87), Graptolithen, Saurier, Trilobiten 
(Bd. I Abb. 85), Sigillarien, Stigmarien, Benettitinen, Calamarien (vgl. 
Abb. 67) lebten alle unter solchen rasch wechselnden und Übergangs- 
verhältnissen. Es wäre eine überaus dankbare Aufgabe für die Palae- 
ontologie, diesen Gedanken aufzugreifen und ihm auf das Gründlichste 
nachzugehen; sie wird freilich zu keinem anderen Resultat kommen als 
der Bestätigung, daß die großen Integrationseigenschaften des Erdballs, 
also die Meerestransgressionen, die Klimamigration und in ihrem Gefolge 
die Vereisung, Verwüstung, Steppenbildung, die Schollenbewegungen und 
ihre Folgen die auslösenden Ursachen der phylogenetischen „Entwicklung" 
sind, soweit sich diese auf Anpassungsmerkmale bezieht (vgl. Bd. I 
S. 123). 

Es kann sich also der Entwicklungsglauben nur mehr in emen aller- 
letzten Winkel retten, und das ist nach Preisgabe der Anpassung noch der 
Begriff der Organisationsmerkmale. 

Was sind Organisationsmerkmale? Es gibt sogar Biologen, denen es 
kaum bewußt ist, daß das, was man gemeinhin das Eigenschaftenkleid der 
Organismen nennt, sich aus zweierlei Elementen aufbaut: aus den Anpas- 
sungen, die leicht veränderlich jedem Wechsel der Umgebung im Sinne 

181 



eines Ausgleiches zur Erhaltung der Lebensfähigkeit antworten, und aus 
bestimmten Merkmalen, die niemals eine Abänderung zeigen, und sollte das 
für den Organismus auch noch so schädlich sein. Diese letzteren nennt 
man Organisationsmerkmale. Daß z. B. das Kamel einen langen Hals hat, 
ist Anpassung, um seine Nahrung von den hohen Bäumen seiner Heimat 
holen zu können, Organisationsmerkmal aber ist, daß es bilateral sym- 
metrisch ist und eine ausgesprochene Metamerie, d. h. Gliederung in 
Wirbel, Rippen usw. besitzt. Daß die Rose Dornen besitzt oder als 
Heckenröschen fünf rosa Blütenblätter und viele Staubgefäße und leichten 
Duft, das alles sind ihre Anpassungen. Dementsprechend lassen sie sich 
auch wegzüchten, und das Heckenröschen läßt sich umwandeln zur fast 
dornenlosen, tiefpurpurnen Zentifolie mit vielen Blütenblättern, wenig 
Staubgefäßen und schwerem, berauschendem Duft. Nicht wegzüchten aber 
läßt sich z. B. ihr Generationswechsel. Er gehört zu den Organisations- 
merkmalen, die nicht nur die Gattung Rosa, die Familie der Rosaceen, son- 
dern den ganzen Stamm der Siphonogamen, in den sie eingeordnet ist, kenn- 
zeichnet. Eine der höchsten, freilich auch eine der schwierigsten Aufgaben 
der gesamten Systematik rollt sich damit auf: die saubere Abtrennung der 
beiden Merkmalsgruppen, von denen offenbar die Anpassungen nur einen 
sehr bedingten, sozusagen nur praktischen Wert haben und für die Stammes- 
geschichte ganz gleichgültig sind. Diese Arbeit ist aber noch nicht ge- 
schehen; die Systematiker arbeiten noch mit unreiner Methode und unge- 
klärtem Material; nur gefühlsmäßig hat man große Gruppen nach den 
Organisationsmerkmalen zusammengestellt. Man nennt das „ein Gefühl 
für die Verwandtschaft" der Organismen haben, und so, wie die Menschen 
derzeit in einer Gefühlsreligion dahinleben und Gefühlspolitik machen (vgl. 
Anmerkung 54), so beruht auch die Ordnung der Begriffe in der Biologie 
noch immer hauptsächlich auf Gefühlsmomenten, was die Wissenschaft 
auf die Dauer weder dulden kann noch wird. 

Versucht man sich Rechenschaft zu geben über die wesentlichsten dieser 
Organisationsmerkmale, so entdeckt man bald, daß sie die eigentlichen phy- 
letischen Kriterien sind, daß aber, nachdem sie nicht durch eine streng 
logische Methode gewonnen wurden, eine genaue Sichtung der „Stämme" 
des Tier- und Pflanzenreiches auch aus ihrem Bereich noch ver- 
steckte und als solche nicht erkannte Anpassungsmerkmale, die man für 
phyletische hält, heraustrennen wird. So ist es ohne weiteres klar, daß 
die Herausbildung einer Placenta, überhaupt das Uterinalleben der Em- 
bryonen, das Säugen, der aufrechte Gang, also Merkmale, auf denen die 
stammesgeschichtliche Sonderung der allerobersten tierischen Gruppen be- 
ruht, durchaus Anpassungen sind, daß das System hier also einer Revision 
bedarf. 

Der nach solcher Kritik übrigbleibende Rest von Organisationsmerk- 
malen allein ist es, auf den sich nun die Entwicklungstheoretiker noch 

182 



zu stützen versuchen können, mit der Behauptung, diese seien der Aus- 
druck einer allerdings unerklärbaren, aber vorhandenen Vervollkommnungs- 
tendenz, die aus den Urtieren und Urpflanzen langsam die obersten Grup- 
pen des Systems herausentwickelt habe. Tatsächlich findet sich diese Be- 
hauptung, wenn auch nicht auf derartig letzte Formeln zugespitzt, in der 
entwicklungstheoretischen Literatur. Aber man kommt damit nicht weit. 
Denn gerade die phyletischen Merkmale lassen sich nicht eines aus dem 
anderen ableiten, wie es die Entwicklungslehre fordern müßte. Und, noch 
wichtiger, auch nebeneinander gestellt, geben sie keine Stufenfolge von 
Vervollkommnung. Um das zu beweisen, sei mir gestattet, einige von 
ihnen vorzuführen. Wenig zweifelhafte Organisationsmerkmale sind z. B. 
die Einzelligkeit der Protozoen und vieler Algen, die Zellenlosigkeit der 
Siphoneen, der radiär-symmetrische Bau der Stachelhäuter (Echinoderma- 
ten) und Hohltiere (vgl. Abb. 73 [Coelenteraten]), der bilaterale Bau und 
die Gliederung der Würmer, Gliederfüßler, Arthropoden und Wirbeltiere.^) 
Aber wir haben gar keinen Anhaltspunkt, daß die bilateralen Tiere aus 
den radiären hervorgegangen sind, die zelligen Pflanzen aus den zellen- 
losen, die metamerischen Tiere aus den ungegliederten oder die Metazoen, 
also die Vielzeller, aus den Einzellern. Oder auch, wie das der deutsche 
Zoologe V. Franz mit Recht allenthalben betont, nichts berechtigt uns 
zu sagen, ein Insekt sei ein „vollkommeneres" Wesen als ein Ringelwurm, 
eine Maus als Säugetier sei vollkommener als der Vogel Buchfink. Im 
Gegenteil, wenn man ein einzelliges Tier, etwa ein Glockentierchen (Bd. I 
Abb. 77) mit der Zelle eines „höheren" Tieres (vgl. Bd. I Abb. 90) ver- 
gleicht, ist sie in ihrer Arbeitsteilung unvergleichlich höher organisiert, 
desgleichen irgendeine Algenzelle im Vergleich zu der Gewebszelle einer 
Blütenpflanze. Und wenn man sich an das Ganze hält und das ganze 
Rädertier (Bd. I Abb. 82) mit dem ganzen Säugetier vergleicht, wer kann 
da von einem physiologischen Höher oder Niedriger reden? Der eine lebt 
so vollkommen wie der andere, die Instinkte der Insekten sind in vielem 
sogar komplizierter als die eines Schweines oder einer Ratte, der , .Stamm- 
baum der Seele" ist ganz anders geartet als der der „Körper", die niedrig- 
stehenden Ringelwürmer sind intelligenter als die hochstehenden Muscheln, 
eine Ameise entfaltet mehr „Leistungen" als das Faultier oder die Gans, 
und sogar in der Arbeitsteilung und Komplikation der Organe und Zellen 
steht eine Biene dem Bau eines Fisches nicht nach. 

Das Problem ist also so: Entweder zeigt sich der tiefer dringenden 
Forschung, daß alle Organisationsmerkmale sich doch noch auf „vererbte 
Anpassungen" zurückführen lassen, und dann ist die Frage nach der Ver- 

•) Ich will aber nicht leugnen, daß auch diese Merkmale nicht ganz der Diskussion 
entrückt sind, da es z. B. bilateral symmetrische Medusen (Cestus, Leptoplana) gibt 
und es denkbar ist, daß die Einzelligkeit der Urtiere und Urpflanzen eine Anpassung 
an deren Lebensweise sein könnte. (Vgl. Anmerkung 80.) 

183 



vollkommnung ohnedies erledigt, oder es bleibt, wie man heute annimmt, 
ein Rest von „Stammesmerkmalen" übrig, und dann zeigt sich in diesen 
nur ein Mannigfaltigkeits-, nicht aber ein Vervollkommnungsgesetz, In 
diesem Fall wird man sich nur das schon erwähnte (Bd. I S. 98) be- 
friedigendere Bild von der Ursache des Aassterbens der Arten machen 
können, wenn man bedenkt, daß die Organisationsmerkmale ein fester, 
nicht überschreitbarer Rahmen für die Anpassung sind. Nur in ihrem 
Rahmen kann der Organismus den Ereignissen entgegentreten. Fordern die 
Verhältnisse mehr, dann kann keine Anpassung erfolgen, und der Organis- 
mus kann den gebotenen Ausgleich nicht mehr vollziehen. So wäre dann 
die phylogenetische Beschränkung die Ursache, warum so viele Lebens- 
formen im Zusammenprall mit den "Wellen des Weltgeschehens ebenso 
untergehen, wie unter den Menschen die Ideologen, die durch die sie be- 
seelende „Idee", letzten Endes durch ihren Charakter gehindert werden, 
schrankenlos jede geforderte Anpassung zu vollziehen. Wer lieber ver- 
hungert, bevor er inmitten von fremden Broten sitzend das Gebot der ihm 
anerzogenen Ehrlichkeit verletzte, ist in der gleichen Lage, wie es durch 
diesen Gedanken mutatis mutandis für die Welt der Organismen voraus- 
gesetzt wird. Im Verfolg dieser Denklinie wird man entdecken, daß es 
eine genaue Norm gibt, welche technischen Leistungen dem menschlichen 
Organismus zugemutet werden können und welche nicht. Alle, soweit sie 
kein phylogenetisches Merkmal betreffen. Er wird also z. B. über seine 
Coelomhöhle, die Metamerie, das innere Skelett, die Bilateralität in allen 
Wandlungen seiner Zukunft dennoch niemals hinauskommen. 

Und in die gleiche Linie gehört es schließlich auch, daß nicht die Phylo- 
genie zum Optimum jähren wird, sondern umgekehrt: das einmal erreichte 
Optimum wird höchstens die Grundlage des stammesgeschichtlichen Auf- 
stieges sein können, wenn sich ein solcher erweisen ließe. Die Entwick- 
lungstheoretiker haben es ganz übersehen, daß schon ihre Frage: was 
die Ursache des „phylogenetischen Aufstieges" sei, falsch formuliert ist. 
Angesichts des Optimumgesetzes, insbesondere dessen, daß die Organi- 
sation der Lebewesen erst einmal dem Optimum nahestehen mußte, damit 
es dieser überhaupt aushielt, seine Organisation fundamental zu ändern, 
kann man das Optimum nicht erst als Ziel an das Ende der phylo- 
genetischen Reihe setzen, sondern muß es voraussetzen. Mit anderen 
Worten, was vorhin aus der vergleichenden Betrachtung der sogenannten 
niederen und höheren Lebewesen gewonnen wurde, läßt sich auch schon 
aus der bloßen Überlegung erfolgern: an Lebensfähigkeit lassen sich die 
phylogenetisch noch unentwickelten Tiere und Pflanzen auch von den an- 
deren nicht übertreffen, und somit kann es in dieser Beziehung überhaupt 
keine Entwicklung geben. Die Änderungen, ob nun in den Anpassungen 
oder in der Organisation, können nur das eine bezwecken, sich mit dem 
Transmutationismus der Umwelt jeweils in Einklang zu setzen, um hierin 

184 






den Ausgleich zu suchen. Dieses Optimum sucht auch die Fortpflanzung. 
Der Zeugungsakt legt deshalb gewissermaßen die vom Organismus über 
den „gegenwärtigen Zustand der Umwelt" erworbenen Erfahrungen zu- 
sammen, damit die neue Generation wieder ihre Einstellung finden kann. 

In Summa: Wie man es auch drehen und wenden mag, eine Entwick- 
lung in dem Sinne, daß die Welt im ganzen jrüher unvollkommener war 
und in Zukunft leistungsjähiger sein wird, findet der prüfende Verstand 
nirgends, wohl aber einen Transmutationismus überall dort, wo kein 
Gleichgewicht in den Beziehungen von Teilen zueinander und zum Ganzen 
besteht. Und diese Änderungen streben überall den Ausgleich an, sind 
also, da er zum Optimum der Welt gehört, opiimoklin. Was man Ent- 
wicklung nennt, ist in jeder ihrer Formen ein Ausgleichsvorgang , ein 
Phänomen im Rahmen des Optimumgesetzes, das man auch so definieren 
kann, daß alle Beziehungen bis zur Erreichung ihres vollkommenen Aus- 
gleiches inkonstant sind. Diese Fassung lenkt die Aufmerksamkeit auch 
nachdrücklich darauf, daß nicht nur im Kosmos, sondern im ganzen Be- 
reich des Bios alles solange nach seinem Optimum strebt, bis der Aus- 
gleich des Günstigen und Mißlichen eintritt, daß aber auch hier 
die Transmutation stets an Bedingungen geknüpft, von Störungen ab- 
hängig ist. 

Es müssen daher auch in dem, was man geistige, soziale, geschichtliche 
usw. Entwicklung nennt, Perioden des Stillstandes mit denen des Fort- 
schrittes abwechseln. Tatsächlich ist auch in der Geistesgeschichte des 
Menschen kein „Gesetz des Fortschrittes" erkennbar, wenn auch das Sich- 
entfalten der in ein Individuum oder Volk gelegten Eigenschaften und die 
fast stete Transmutation solches vortäuschen. Was im Organismus sich 
als ontogenetische Entfaltung kundgibt und die Annalen der Entwicklungs- 
lehre füllt, zeigt sich auch im geistigen Leben in gleichem Gesetzesablauf, 
und darauf > beruht die von Oswald Spengler verkündete Entdeckung vom 
Werden, Blühen, Wachstum, Altern und Tod der Völker und ihrer Kul- 
turen «i), so sehr auch Spengler jeden „Naturalismus" ablehnt. Die Mensch- 
heit versuchte erst jeden anderen Denkweg zu gehen und läuft auf diesen 
anderen Wegen heute noch, gepeinigt von dem Selbstgefühl, etwas Be- 
sonderes und Anderes zu sein als die Welt; sie wird aber doch endlich 
zu der einfachen Konstatierung zurückfinden, an der sie immer wieder vor- 
beiging, daß ein alter Baum, etwa eine tausendjährige Eiche oder der 
nächstbeste Naturwald seine soziale und organisatorische Struktur die Jahr- 
tausende hindurch ohne jede Änderung aufrechterhält, während die Men- 
schen ihre soziale Strukhir ununterbrochen umorganisierten; auch jetzt 
sind sie wieder mitten in einem solchen Umbau darin. Zehnmal haben 
sie, seitdem sie Erinnerungen haben, ihres Lebens Formen geändert; seit 
tausend Jahren in diesem Lande allein primitiv, romanisch, gotisch, renais- 
sancemäßig und barock, rokoko, klassisch, biedermeierisch, historisch und 

185 



modern gelebt und gebaut, sich immer wieder anders gekleidet, sich immer 
wieder in anderen sozialen, politischen, gesellschaftlichen Daseinsformen 
versucht. Ihre Lebenstechnik hat ununterbrochen „lebenstechnisch trans- 
mutiert", mit Hohn und Dünkel hat man so lange im Gefühl von Fort- 
schritt und „höherem Menschentum" auf die Vorfahren herabgeblickt, bis 
sich fast das gegenteilige Gefühl einstellte und man heute nicht mehr 
im Ernst glaubt, der Mensch der Gegenwart sei in irgend einer Beziehung 
mehr Mensch als die Menschen von Einst. 

Der Wald aber, sein Gegenbeispiel, ist als Schlußverein inzwischen un- 
verändert geblieben und bewies, daß er lebenstechnisch optimal organisiert 
sei; die Menschheit dagegen muß sich entwickeln, weil sie immer noch nach 
ihrer „optimalen" Lebensform sucht. Das hat der große Philosoph des 
Entwicklungsgedankens, //. Spencer, auch eingesehen schon in seinem 
Erstlingswerk, der „Sozialen Statik", wenn er dort betont, daß der Mensch 
aus den Notzuständen seines Lebenskreises gezwungen, die steten Ver- 
änderungen durchläuft, die sein soziales Leben charakterisieren, daß dies 
aber in optimokliner Richtung geschieht und mit dem sozialen Ausgleich 
zur Ruhe kommen wird. 

So paradox das im ersten Augenblick auch erscheinen mag, so muß die 
objektive Denkungsart gerade bei ihrer Auffassung der Entwicklung als 
einer Entfaltung, Spencer als einen ihr Nahestehenden reklamieren, trotz- 
dem er die „Fortentwicklung", wie das Lieblingswort des Spencerismus 
lautet, zur absoluten Weltparole machte und auf sie seine gesamte Philo- 
sophie einstellte. Hinter der Spencer^sohtn Entwicklung steckt nämlich 
letzten Endes nichts anders als das Optimumgesetz des Seins (vgl. Bd. I 
S. 98). Den Beweis hierfür zu führen, fällt nicht schwer. Ausgangspunkt 
seiner Auffassung war, wie bereits erwähnt, die Baer^soht Formel: Ent- 
wicklung sei der Übergang von der Homogenität zur Heterogenität, eine 
Definition, die von dem deutsch-russischen Zoologen aus der Eifurchung 
abgeleitet worden war. 

In der Sprache der Spencer'sch^n Philosophie (bekanntlich immer noch 
die herrschende im englischen Kulturkreis) ausgedrückt, erkannte nun 
Spencer alsbald, daß diese Formulierung nicht nur die organische, son- 
dern auch die unorganische, kurz alle Entwicklung umfasse. Aber in jener 
Reihe von Artikeln, in der sich die Klärung und die Anerkennung seiner 
Ansichten vollzog, dringt schon alsbald, wie z. B. in der „Erziehungs- 
kunst", die Auffassung durch, der Gang des geistigen Wachstums sei 
eine bloße Entfaltung vom Einfachen zum Zusammengesetzten, ein rein 
mechanisches Problem von Gleichgewichtsfragen in einem sich differen- 
zierenden System. Bald taucht nun die Formel auf, Entwicklung sei eine 
Anhäufung (das nennt er Integration in seiner Sprache) von Stoff unter 
gleichzeitiger Zerstreuung (Desintegration) von Bewegung (also letzten 
Endes Energie) aus relativ unbestimmter Ungleichartigkeit, wobei er zu- 

186 



gleich zugibt,*) daß jedem Werden ein Vergehen, jeder Entwicklung ihre 
Auflösung gegenübersteht, weil das Universum von antagonistischen Kräf- 
ten beherrscht wird und einen ewigen Rhythmus von Evolution und Disso- 
lution durchmacht. 

Die Grenze der Entwicklung wird erreicht sein, wenn alle Bewegung 
der großen Massen in eine solche der kleinsten Teile umgewandelt sein 
wird, wodurch ein allgemeines Gleichgewicht entstehen muß. Die Ent- 
wicklung verläuft umso schneller, je weiter sie von diesem Ziel entfernt 
ist, und desto langsamer, je mehr sich die Systeme, in denen sie sich voll- 
zieht, dem vollkommenen Gleichgewichtszustand nähern. Daß ein solcher 
erreicht werden muß, daran zweifelt Spencer nicht einen Augenblick. 
.Wenn er allerdings meint, daß dann sofort die Dissolution einsetzen 
müsse, so ist damit eine Behauptung ausgesprochen, die über die Erfah- 
rung hinausgeht und insofern angezweifelt werden kann; daran aber kann 
nicht mehr gezweifelt werden, daß auch die Spencer'sche Auffassung der 
Entwicklung gleich der unseren nichts anderes im Geschehen sieht, als 
eine optimokline Entfaltung der einmal in das Weltsystem gelegten Eigen- 
schaften. Neues wird auch durch sie nicht in die Welt gebracht — letzten 
Endes ist also auch der so viel gefeierte Paladin der Entwicklungstheorie 
der Anhänger eines Konstanzglaubens, der sich mit dem einer ewigen 
Transmutation logisch vereint. 

Gewiß bestehen zwischen der objektiven Philosophie und dem Positi- 
vismus der Spencer'szhtn Richtung eine Reihe von Differenzen, (so, wenn 
er zwar sehr richtig die biologische Entwicklung durch die astronomisch- 
geologischen Rhythmen der Erde bedingt sein läßt, dennoch aber das Vor- 
handensein von Beharrungsperioden leugnet), trotzdem werden die An- 
hänger Spencers sie überbrücken und in ihrem Weltprinzip unser Opti- 
mumgesetz wiedererkennen, nach dem jedes Sein in allen Integrations- 
stufen und mit jeder Funktion drängt. 

In welcher Funktion aber diese Entfaltung zum Optimum durch die an- 
deren Gesetze des Weltenseins geregelt und allein ermöglicht ist, das zu 
untersuchen, ist die Aufgabe der zwei nächstfolgenden Abschnitte. Und 
erst dann wird es an der Zeit sein, zu betrachten, in welchen Lebensformen 
sich des Menschen Dasein abspielen muß, wenn er endlich von dem Alp 
eines „Sich-Entwickelns ohne Ziel" befreit ist und wieder feste, ewige 
Sterne über sich sieht. 



*) H. Spencer, First principles. 6. Ed. § 145. 



187 



Anmerkungen und Zusätze 

48 (Zu S. 132). Da dieser Punkt wichtig ist zur gesamten Einschätzung der objek- 
tiven Philosophie, will ich, zur reinlichen Scheidung vom Materialismus, ihn nochmals 
hervorheben, obzwar fast keine Seite des vorliegenden Werkes nicht in irgendeiner 
Form die Scheidung von dem unberechtigten Teil des Materialismus durchführt. Man 
mißverstehe also nicht. Nicht das wird hier gesagt, daß Leben und Geistestätigkeit 
auch nur Chemophysik schlechthin sind, sondern, daß es heute zwei Arten von Chemo- 
physik gibt, eine teleologiefreie (deren Gebiet sehr eingeengt ist, sich vielleicht ein- 
mal verflüchtigt) und jene teleologisch verkettete, die man Lebenserscheinung und 
Geistesleben nennt. Also nicht das Leben wird mechanisiert, sondern die Chemophy- 
sik wird „vitalisiert". Und das ist der grundlegende Unterschied zum Materialismus. 
Nach Lebensgesetzen hat die Welt verstanden und das Leben geordnet zu werden, 
nicht nach chemophysikalischen allein. Die Welt ist ein „Erleben", sie ist mehr als 
ein Kosmos (eine bloß durch mechanische Gesetze geordnete Vielheit), sondern sie 
ist ein Bios (eine durch Lebensgesetze geordnete Vielheit). Das ist die grundlegende 
Auseinandersetzung mit dem Materialismus, aus der alles weitere folgt. Der Materia- 
lismus enthält Wahrheiten, aber er ist nicht die ganze Wahrheit. 

49 (Zu S. 133) Vgl. //. Hertz, Die Prinzipien der Mechanik. Leipzig 1894. J.New- 
ton, Philosophie naturalis principia mathematica. London 1867. 

50 (Zu S. 136). Das wird neuerdings von verschiedenen Forschern auch erkannt. 
So versucht A. Cohen-Kysper (Die mechanistischen Grundgesetze des Lebens. Leip- 
zig 1914) zu Lösungen ganz im Sinne der objektiven Philosophie zu kommen, und 
auch L. Kohl, (Das Ziel des Lebens, München 1920), versucht die Mathematik auf 
den Begriff einer moralischen Energie anzuwenden. 

51 (Zu S. 136). Vgl. namentl. A. Comte, Cours de la philosophie positive. Paris. 
5. Aufl. 1893. H. Spencer, Grundlagen der Philosophie. 1895. G. Ratzenhof er. So- 
ziologische Erkenntnis. Leipzig 1897 und Positive Ethik. Leipzig 1900. /. Unold, 
Organische und soziale Lebensgesetze. Leipzig 1906. O. Spengler, Der Untergang 
des Abendlandes. Bd. I. Wien 1917. Ebenso die Schriften der Darwinianer Wolt- 
mann, Lütgenau und Schallmeyer und Häckels Welträtsel 1899. 

52 (Zu S. 139). Vgl. E. Dühring, Kritische Geschichte der Nationalökonomie und 
des Sozialismus. Leipzig 1900. 

53 (Zu S. 140). Die physikalische Beobachtung kann nie ein Korrektiv der „biolo- 
gischen" Einsicht sein, denn sie zeigt nur, daß sich die „Auswahl" unserer Sinnestätig- 
keit, also der sinnesphysiologische und psychische Prozeß so abspielt wie das Gesetz 
der Mathematik, d. h., daß eben das ,„Seelische" immer identisch funktioniert, ob es 
nun Abstraktionen verknüpft oder Sinneseindrücke. Dies sieht man z. B. aus der üb- 
lichen Ableitung des Parallelogramms der Geschwindigkeiten. Der Physiker legt sich 
eben alles nach den ihm an der Erfahrung innegewordenen Denkgesetzen zurecht und 
schuf sich so seine klassische und jetzt wieder die neue Mechanik, die sich von der 
alten in nichts anderem unterscheidet, als in der Einsicht von der Biozentrik aller Er- 
kenntnis, also nur „Relativität" aller Beziehungen. 

54 (Zu S. 144). Die Auffassung der „Soziologie als Mechanik menschlicher Bezie- 
hungen" hat grundlegende soziale und politische Änderungen zur Folge. Denn, wenn 
die Gesetze aus den Beziehungen der Teile eines komplexen Systems fließen, müssen 
die Beziehungen der Menschen zueinander nach Notwendigkeiten geregelt werden 
und nicht bloß gefühlsmäßig wie bisher durch religiöse, geistige, historische Autori- 
täten. Es werden also z. B. ihre Hauptgesetze die der Regulation und der Korrelation 
sein müssen, d. h., jedem wird so viel Einfluß auf das Ganze eingeräumt werden 
müssen, als es seine Potenzen und sein vererbter Funktionskomplex fordern. Damit 
eröffnet sich ein neuer Forschungszweig, eine bisher unbekannte historische und 

188 



staatswissenschaftliche Betrachtungsweise, die eine „Technik der menschlichen Bezie- 
hungen" aus Biologie und Physik genau so schaffen wird, wie sich eine angewandte 
Chemophysik und Biotechnik so reich als „Technik der Naturkräfte" entfaltet hat. Ein 
Vorläufer auf diesem Wege ist H.Nienkamp (H. Kliemkc) mit dem aus seinem Werk 
„Fürsten ohne Krone" hervorgegangenen Frey-Bund, der nach Feststellung dieser opti- 
malen sozialen Leiter trachtet. Tatsächlich wird die organische Gemeinschaft weit mehr 
eine Monarchie (aber nicht eine der reinen Vererbung, sondern einer intensiven Aus- 
lese auf optimales Menschentum hin, wobei die Rassefrage mitspielt) als eine Demokra- 
tie sein, in der die Majorität (wobei die Elemente gleichgewertct werden) das Handeln 
des Ganzen bestimmt. Alle Gemeinschaften müssen in diesem Punkt einen Entscheid 
treffen ; die Menschen werden ihm nicht ausweichen können. Wenn sie der Entscheidung 
ausweichen, dann werden die Krisen die notwendigen Änderungen selbst herbeiführen. 

55 (Zu S. 145). Diese vorsichtige Formulierung bezieht sich auf die Erkenntnis, 
daß die Gehirnleistungen im Gehirn nur ein spezialisiertes Ausführungsorgan besit- 
zen, aber unter Umständen vertretbar sind durch andere Körpcrzellen, wie der groß- 
hirnlose Hund von Goltz und die Versuche an großhirnlosen Fröschen und Tauben 
von Pflüger und Schrader mit Sicherheit ergeben haben. An der Grundtatsache än- 
dert sich dadurch nichts, nur die Lokalisationsfrage der Leistungen und das Problem 
der Vertretbarkeit der Hirnleistungen ist noch im Flusse. 

56 (Zu S. 146). Vgl. hierzu R. France, Pflanzenpsychologie als Arbeitshypothese 
der Pflanzenphysiologie. Stuttgart 190Q. 

57 (Zu S. 147). Vgl. Berthelot, Chemische Mechanik, gegründet auf Thermody- 
namik, 1879. 

58 (Zu S. 147). In der Physik ist der Satz von der sogenannten „harmonischen 
Bewegung" desgleichen nichts anderes, als die Konstatierung, daß Bewegungen unter 
bestimmten Bedingungen optimoklin verlaufen. Bei der Untersuchung der sogenannten 
harmonischen Bewegung macht man Gebrauch vom Kräfteparallelogramm (vgl. Abb. 
57). Um das zu verstehen, betrachte man die Figur auf S. 141, ;iiif der ein Körper auf 
der geraden Linie sich abwechselnd auf- und abbewegen soll. Wenn er nun eine Be- 
schleunigung erfährt, die nach einem festen Punkte hingerichtet und proportional dem 
Abstand von diesem Punkte ist, dann vollführt er eine harmonische Schwingung, bei 
der jeder Teil des Weges sich zum ganzen Weg nach dem Gesetz der Harmonie ver- 
hält, also das günstigste Maßverhältnis verwirklicht. Tatsächlich geben Saiten, die 
nach diesem Gesetz schwingen, harmonische Töne. Ein fester Körper, der so schwingt, 
ist absolut elastisch, damit gegen von außen angreifende Kräfte geschützt. 

Um das auf seine Richtigkeit zu prüfen, beziehungsweise das Tempo der Bewegung 
zu beschreiben, verwendet man, wie die Figur zeigt, einen Hilfskörper, von dem vor- 
ausgesetzt wird, daß er sich auf dem gestrichelten Kreis mit solcher Geschwindigkeit 
bewegt, daß er ihn ganz umläuft, bis der Körper seine Amplitude hin und zurück be- 
schrieben hat; dann ist auf jedem Punkt des Weges, von denen die Zeichnung emen 
beliebigen festhält, das Verhältnis nach dem Gesetze der Harmonie oder des goldenen 
Schnittes festgelegt. Die harmonische Bewegung erfüllt damit das Optimumgesetz. 

59 (Zu S. 148). Vgl. R. France. Das Edaphon. Untersuchungen über bodenbewoh- 
nende Mikroorganismen. 2. Aufl. Stuttgart 1921. 

60 (Zu S. 149). Vgl. E. Dacque. Der Deszendenzgedanke und seine Geschichte. 
München 1903. 

61 (Zu S. 150). Es ist kein Zweifel und erfordert genaueste philologisch-historische 
Belegsarbeit, daß die Wiederaufnahme der Entwicklung (in naturhistorischer Form 
als Abstammungsgedanke) durch Darwin, Huxley und Hacket nichts als eine Aus- 
strahlung der Megel'schen Lehren in die Naturwissenschaft ist. Der //^^i^/'schc Grund- 
gedanke, durch den er über Schelling und Fichte hinausging, ist, daß das von ihm 
postulierte Absolute nicht Sein, sondern Entwicklung ist. Der Weltprozeß wird von 

189 



ihm als eine „Selbstentwicklung des Absoluten" aufgefaßt. Schon die Hegel'sche Me- 
thode, die notwendig dann zu gleichen Resultaten führt, setzt voraus (und zwar will- 
kürlicherweise, weshalb auch das Finden von Entwicklungssymptomen gar kein Be- 
weis ist, sondern nur die Konstatierung, daß sich Teile finden lassen, wenn jemand 
ein Ganzes in Teilen betrachtet), daß jeder Begriff in sich seinen Gegensatz besitze 
und zu dieser Negation forttreibe*), um bei Erreichung der höheren, die Einheit ver- 
mittelnden Form, ad infinitum wieder diesen „Entwicklungsprozeß" fortzusetzen. Er 
setzt also in seiner „Phänomenologie des Geistes" vor dem Begriff dessen „imma- 
nente Bewegung" voraus. Darum erscheint von da ab immer bestimmender bei ihm 
der Begriff einer alles durchdringenden Entwicklung, der mit der Verbreitung sei- 
ner Philosophie allmählich nun auch die gesamte Geistigkeit: Rechtslehre, Politik, 
Gesellschaftslehre erfaßte, die Schlagworte vom notwendigen politischen, industriel- 
len, sozialen „Fortschritt" (nicht das Ziel, sondern das Gehen an sich ist dieser Rich- 
tung das Wichtige) schuf und nun notwendig den Liberalismus, mit Marx den Sozia- 
lismus, den Industrialismus nach sich zog. Der Darwinismus-Häckelismus war ein- 
fach nur die Übertragung dieser Lehre und Schlagworte auf das Gebiet der Naturbe- 
trachtung. Man hatte zwar auch hier gar keinen Beweis für eine andauernde und ziel- 
los fortschreitende Entwicklung, sah im Gegenteil an der einzigen Erscheinungsfolge, 
auf die man alles gründete, an der Ontogenie, daß der Entwicklung sehr bald ein Ziel 
gesetzt war, nämlich nachdem sich der Embryo zur Wiederherstellung der Eltern- 
form entfaltet hatte; trotzdem herrscht gerade hier unerschüttert und absolut der 
Glaube an eine allgemeine Weltentwicklung, deren Ziele unerkennbar sind. 

62 (Zu S. 151). Poincare zeigte durch mathematische Abteilungen, daß die Mecha- 
nik der Annahme von Laplace (rotierende Kugeln lösen sich in Schalenringen ab) 
nur für homogene, nicht aber für komplexe Systeme gilt. Bei diesen müssen Eifor- 
men entstehen, schließlich hanteiförmige Gebilde, aus denen zwei Kugeln hervorge- 
hen. Das bestätigt Darwins Sohn, G. H. Darwin, mit seiner Theorie, daß der Mond 
als Stück der Erde (aus dem Stillen Ozean losgerissen) zuerst irdische Rotation hatte, 
aber sie so wie diese durch Gezeitenreibung ändert, so daß hierin gar keine Stabili- 
tät besteht. Vgl. hierzu Gx H. Darwin, Ebbe und Flut. Leipzig 1911 — auch als 
neuere Kosmogonie H. Hörbiger — P. Fauth, Glazial-Kosmogonie, Kaiserslautern 
1913. 

63 (Zu S. 151). Dabei wird als neuester Einwand gegen den Wärmetod des Clau- 
sius von Arrhenius ins Treffen geführt, daß die ein- und zweiatomigen Gase, zu de- 
nen auch Helium gehört, sogenannte negative spezifische Wärme besitzen. Sie wer- 
den also umgekehrt wie die anderen Gase durch Wärmeausstrahlung wärmer, durch 
Wärmeaufnahme kälter. Nachdem nun unendliche Räume des Himmels mit diesen 
Gasen: Nebulium, Hydrogen, Helium erfüllt sind, kann sich nach Arrhenius das En- 
tropiegesetz in ihnen nicht praktisch verwirklichen. 

64 (Zu S. 151). Vgl. G. Le Bon. L'evolution de la matiere. Paris 1905. 

65 (Zu S. 152). Vgl. Clausius. Die Potentialfunktion und das Potential 4. Aufl. 
Leipzig 1885. — H. Poincare, Theorie du potentiel newtonien. Paris 1899. 

66 (Zu S. 153). Vgl. Ch. Lyell. Principles of geology. 1832. 

67 (Zu S. 155). Vgl. W. Eckardt. Palaeoklimatologie. Leipzig 1910, S. 6. 

63 (Zu S. 156). Vgl. dazu E. Suess. Das Antlitz der Erde. 3 Bde. Prag 1885 bis 
1909 und E. Kayser, Lehrbuch der Geologie. 5. Aufl. Stuttgart 1919. 

69 (Zu S. 156). Als Beleg diene F. Frechs Übersicht über die Entstehung des Erd- 
reliefs: Es gibt nach ihm I. Bruchgebiete. Hierzu gehören die Liparischen Inseln (ver- 
gleiche Bd. I, Abb. 71), die Stellen neuer Meeressenkungen (wie die Adria, das 

*) Wieviel? Kraft welcher Eigenschaft? Das wird nicht gesagt und ist willkür- 
liche Fiktion. 

190 



Schwarze Meeis der Indische Ozean) kontinentale Senken nach Art der afrikanischen 
Grabensenke (Tanganjikasee) oder des Rheintales. II. Gebirge, die um die Ursprung- 
hche Lücke des Pazific durch seitlichen Zug entstanden sind. Man vergleiche dazu 
'■. VH^^^^.^'^^'J^'^ "^^^ ^*"^^ Ozean von Randgebirgen und Vulkanketten umrandet 
ist. III. Alpine Gebirgstypen. An alten Rümpfen (Variskikum) wird eine plastische 
Zone aufgestaucht (vgl. F. Frech. Aus der Vorzeit der Erde. II. 1910. S. 2U). 

70 (Zu S. 158). Im besonderen tritt neuestens H. Driesch der Auffassung ent- 
gegen, als sei Entwicklung ein durchgängiges Weltgesetz. Desgleichen //. Ludowici 
m einem sehr lesenswerten Buch, das sich bemüht, ein durchgängig wirksames Ge- 
setz des Ausgleiches nachzuweisen, in dessen Formulierung nichts als die Erkenntnis 
der Harmonie als oberste Zusammenhangsregelung und damit die Anerkennung der 
objektiven Philosophie steckt. Vgl. H.D/iesch, Philosophie des Organischen 1911. 
Logische Studien über Entwicklung. (Sitz-Ber. der Heidelberger Akademie der Wis- 
senschatten 1918—1919) und H. Ludowici, Spiel und Gegenspiel. München 1921. 

71 (Zu S. 159). Vom äußeren Keimblatt (Ectoblast) stammen z. B. die äußere 
Haut und deren Einstülpungen in den Körperöffnungen, das Nervensystem, die Lin- 
sen. Vom inneren Keimblatt (Entoblast) die Schleimhäute und die in sie mündenden 
Drüsen (Leber, Pankreas) im ganzen Bereich der Verdauungs-, Atmungs- und Aus- 
scheidungsorgane. Vom Mittelblatt (Mesoblast) zweigen sich ab die Muskeln, die 
Auskleidung der Qeschlechtswege, Keimdrüsen, der Niere. Vom Zwischenblatt (Me- 
senchym) die Bindegewebe, Knochen, Knorpel, Organmuskeln, Blut-Lymphbahnen 
und Blut- sowie Lymphdrüsen. Nach Keibel und Mall, Franklin: Handbuch der 
Entwicklungsgeschichte des Menschen. 

72 (Zu S. 160). Bei dem Meereswurm Sagitta wies der französische Zoologe Yves 
Deläge nach, daß schon bei der Bildung der Morula gewisse Zellen als Keimzellen 
sich isolieren und an der allgemeinen Furchung nicht mehr teilnehmen, sondern das 
Sondergesetz der Geschlechtsorganbildung befolgen. Auch an der Gastrula des ein- 
fachsten Wirbeltieres (der Branchiostoma lanceolata) sondert sich das Mesenchym 
durch Einfaltung von vornherein (nach Hatschek) ab. 

73 (Zu S. 162). Vgl. P. C. van der Wölk, in Cultura 1919 — Näheres über Mu- 
tationslehre, s. in P. Kämmerer, Allgemeine Biologie. Stuttgart 1905. — Vgl. auch 
V. Hacker, Allgemeine Vererbungslehre. 2. Aufl. Braunschweig 1912. — R. Semon, 
Die Mneme. 3. Aufl. Leipzig 1911. 

74 (Zu S. 166). Vgl. hierzu E. Häckel, Generelle Morphologie. — W. Boelsche, 
Entwicklungsgeschichte der Natur. E. Wiedersheim, Der Bau des Menschen als Zeuge 
seiner Vergangenheit. K. Guenther, Vom Urtier zum Menschen. 

Nach den in der anthropogenetischen Literatur gegebenen Stammbäumen hat sich 
dieser Wissenszweig folgende Vorstellung von dem Stammbaum der Tiere gemacht. 

Die 12 Menschenrassen der Gegenwart werden durch Vermittlung des Pithecan- 
thropus erectus abgeleitet von einer hypothetischen, noch nicht gefundenen Vor- 
stufe (Missing link), die gemeinsamen Ursprung mit den Herrenaffen (Gorilla, 
Orang, Schimpanse, Gibbon) hat, die also nicht als unmittelbare Vorfahren, sondern 
als weiterentwickelter Seitenzweig angesehen werden. 

Die Säugetiere sind mit den Reptilien und Vögeln zusammen als Amnioten gegen- 
übergestellt den einheitlich abstammenden Anamniern (Amphibien, Fische, Rund- 
mäuler, Schädellose, Bd. I Abb. 26). 

Ein Seitenzweig von ganz willkürlicher Insertion sind die Gliedertiere, geschieden 
in die Krebstiere und die Tracheaten (Protracheaten, Tausendfüßler, Spinnentiere und 
Insekten) (s. Bd. 1 Abb. 46). 

Hypothetisch als Vorfahren der Wirbeltiere gedeutet werden die Manteltiere (Tuni- 
katen) mit den Seescheiden und Appendikularien als Urchordatiere. 

191 



Eine Gruppe einheitlicher Abstammung sind auch die Weichtiere (Mollusken), die 
dreierlei Entfaltungsreihen, die Schnecken (Oasteropoden), Muscheln (Lamellibran- 
chiaten) und Kopffüßler (Cephalopoden) ausgebreitet haben. (Abb. 75). 

Ein Phylum von unverkennbarer stammesgeschichtlicher Geschlossenheit sind die 
Würmer (Vermes), wenn auch im einzelnen die Zusammenhänge zwischen Räder- 
tieren (Bd. I Abb. 82), Ringelwürmern (Anneliden), Rundwürmern und Plattwür- 
mern noch aufhellungsbedürftig sind. 

Das gleiche gilt für die Echinodermaten (Bd. I Abb. 46), obwohl der Stammbaum 
hier von den Seesternen (Asteroideen), Seelilien (Crinoideen) zu den Seewalzen (Ho- 
lothurioideen) zu den Seeigeln (Echinoideen) weit weniger Schwierigkeiten bereitet. 

Ganz in sich geschlossen erscheinen auch die Coelenteraten mit den Klassen der 
Schwämme, Rippenquallen (Ctenophoren), Polypen (Abb. 73), Medusen und der 
Korallentiere (Bd. I Abb. 24). 

Um so hypothetischer und zusammenhangloser sind die Urtiere (Protozoen), zwi- 
schen deren Klassen der Wurzelfüßler (Bd. I Abb. 58) und Flagellaten (Bd. I 
Abb. 79) zwar die engsten Beziehungen bestehen. Um so strenger geschieden sind 
die Sporozoen und die Wimpertierchen (Ciliaten Bd. I Abb. 77), deren wahre stam- 
mesgeschichtliche Stellung heute ebenso unklar ist, wie die der Wenigzeller (Meso- 
zoen) oder der merkwürdigen Häckelschen Katallakten und Moneren. 

An dem genetischen Zusammenhang dieser genannten kleineren und größeren 
Gruppen in sich, Ciliaten, Sporozoen, Rhizopoden und Flagellaten (die man unbedingt 
vereinigen muß), Coelenteraten, Vermes, Mollusken, Tunikaten, Arthropoden und 
Vertebraten ist kein Zweifel möglich. Ganz unklar aber ist der Zusammenhang die- 
ser Q Phyla miteinander. Namentlich zwischen Protozoen und Metazoen klafft eine 
unüberbrückbare Lücke, wenn auch zwischen Coelenteraten, im besonderen zwischen 
den höchsten Ctenophoren und den niedersten Plathelminthen einige Fäden den 
Uebergang vermitteln, so ist wieder die Scheidung von Chordatieren (Wirbeltieren) 
und Evertebraten eine strenge und vollkommene. Das ist an sich höchst auffällig, so- 
gar wenn die monophyletische Abstammung zu recht bestehen sollte. Warum sterben 
die Zwischenformen innerhalb der Klassen nicht so leicht aus, wie die innerhalb der 
Tierstämme? 

Das gleiche gilt für die Pflanzenarten, deren Stammbaum einfacher, aber trotzdem 
namentlich in seinen Anfängen nicht besser durchschaut ist. Im natürlichen System 
von Ä. Engler, das auf den Stammbaum aufgebaut ist, werden die folgenden XII 
Stämme des Pflanzenreiches unterschieden: 

I. Schizophyta (umfassen Spaltalgen und Bakterien (Bd. I Abb. 80). 
II. Myxothallophvta (Schleimpilze). (Bd. I Abb. 92). 

III. Flagellatae (Bd. I Abb. 79). 

IV. Dinoflagellatae (Abb. 28). 

V. Zygophyceae (Jochalgen und Kieselalgen) (Bd. I Abb. 65). 
VI. Chlorophyceae (Grünalgen, inkl. der Siphoneen) (Bd. I Abb. 87). 
VII. Charales (Armleuchteralgen). 
VIII. Phaeophyceae (Brauntange). 

IX. Rhodaphyceae (Rottange). 

X. Eumycetes (Pilze) (Abb. 77) (inkl. Flechten, Bd. I Abb. 94). 
XI. Archegoniatae (Moose und Farne). (Abb. 64 bis 66). 

XII. Phanerogamae (Blütepflanzen). (Abb. 40). 
Es sind hier also ganz andere Gesichtspunkte der Gliederung in Betracht gezogen 
wie in der Zoologie, was schon an sich ein Verstoß gegen die Gesetze einer einheit- 
lichen Biologie und daher unzulässig ist. Die Zoologen wählen die Einzelligkeit als 
ausschlaggebendes Merkmal imd vereinigen ihm zuliebe in den Protozoen Lebens- 
formen, die ohne Zweifel nicht voneinander abstammen. Die Botaniker legen hier- 

192 



auf gar kein Gewicht und vereinigen in den Schizophyten, Zygophycecn und Chloro- 
phyceen unbedenklich typische Einzeller, Coenobien (vgl. Bd. I, S. 220) und Ge- 
webepflanzen (Ulva, Coleochaete) sowie Zellenlose (Botrydium, Caulerpa). Desglei- 
chen im Kreis der Pilze. Die Pilze werden auf Grund ihrer heterotrophen Ernäh- 
rungsweise abgeschieden, obzwar auch unter den Kieselalgen (Nitzschia putrida und 
die edaphischen Verwandten) genug heterotrophe Formen sind, ebenso unter den 
Flagellaten, die von Zoologie und Botanik mit Recht in Anspruch genommen werden 
und auch, ebenso wie die Phanerogamen (Lathreaea, Rafflesia [Bd. I Abb. 88]), 
Drosera (Abb. 30) sowohl Saprophyten und Parasiten, wie tierisch lebende Formen 
umfassen. 

Das ist alles unhaltbar, und die Biologie hat alle Ursache, die phylogenetische For- 
schung nach den neuen Gesichtspunkten wieder ganz in den Vordergrund zu rücken. 

Sind schon unter den Stämmen des Tierreiches die verbindenden Brücken spärlich 
und nicht eben tragkräftig, so sind nur zwischen Archegoniaten und Phanerogamen 
Fäden da, es fehlt aber jeder Zusammenhang zwischen den alten Thallophyten und 
den höheren Kryptogamen. Es ist ausgeschlossen, die ersten zehn Stämme des Pflan- 
zenreiches irgendwie auseinander abzuleiten. Die phylogenetische Situation in der Bo- 
tanik ist völlig hoffnungslos. Auch R. v. Wettstein (Handbuch der systematischen 
Botanik. Leipzig IQIO), der sieben Stämme unterscheidet (Myxophyta, Schizophyta. 
Zygophyta, Euthallophyta, Phaeophyta, Rhodophyta, Cormophyta) und damit ohne- 
dies allen Möglichkeiten phylogenetischer Zusammengehörigkeit Rechnung trägt, sagt 
hierüber: „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß unter den sechs ersterwähnten 
Stämmen sich Abkömmlinge jener Typen befinden, von denen auch die Cormophyten 
abzuleiten sind, doch ist es derzeit unmöglich, derartige Typen mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit nachzuweisen, weshalb ich die durchgeführte Trennung vorläufig wenig- 
stens für richtig halte." Vgl. auch A. Engler und C. Prantl, Die natürlichen Pflanzen- 
familien. 1899—1900. A. Engler, Das Pflanzenreich. Leipzig 1900. 

75 (Zu S. 167), Derartige rudimentäre Organe des Menschen sind das Urhaarkleid 
(Lanugo) des Fetus, Sohlenhornreste, Montgomery'sche Drüsen, die tierische Thorax- 
form beim Kinde mit vorschlagendem dorso-sternalem Durchmesser, der Schwund der 
Bauch- und Halsrippen, die Reste am oberen Ende des Sternums, der Processus para- 
mastoideus, Reste des Branchialskelettes, Processus coracoideus, dreigliedrige Dau- 
men, Prävalenz des Malleolus tibialis beim Fetus, die Muse, caudae humanae, die 
Spuren einer Metamerie der Bauchmuskeln, Muskeln der Ohrmuschel, die Plantara- 
poneurose, der Muse, flexor pollicis longus proprius, die Zirbeldrüse und der Hirn- 
anhang (Hypophyse), das Jacobson'sche Organ, das Milchgebiß und die Weisheits- 
zähne, Thyreoidea und Thymus, Appendix, Sinus Morgagni, Arterienbogen in der 
Kiemengegend, die Reste des Müller'schen Ganges beim Mann, Clitoris, Nebennieren 
usw. Vgl. R. Wiedersheim, Der Bau des Menschen als Zeugnis für seine Vergangen- 
heit. IV, Aufl. 1908. 

76 (Zu S. 172). Die ersten Schritte der Menschwerdung sind nach allem, was die 
vergleichende Biologie der Menschenaffen und die Palaeoanthropologie weiß, etwa 
in folgender Weise vorzustellen: 

Die vergleichende Ökologie der Säugetiere beweist, daß kletternde Tiere jeweils 
die intelligentesten sind, weil Gesicht, Gehör und Tastsinn bei ihnen harmonisch in 
Anspruch genommen, daher am besten ausgebildet sind. Wenn nun die Proanthropo- 
iden in einer waldlosen Gegend oder durch Klimawechsel zu einer zweibeinigen 
Lebensweise gezwungen waren, wie man das gelegentlich an den Menschenaffen 
auch heute noch sehen kann, dann war damit eine Änderung der Sinne und der In- 
telligenz gegeben. 

Schon die Paviane wenden gewohnheitsmäßig in solchen Gegenden jeden Stein um, 
um darunter Insekten zu finden. Auf die gleiche Weise müssen die Proanthropoiden 

Franci, Bios II 13* 

193 



bald mit allen Steineigenschaften bekannt geworden sein, woran man bei Beurteilung 
der Eolithenfrage denken möge. (Älteste zweifellose Eolithe sind immerhin die alt- 
pliocänen von Aurillac im Cantal.) Schon Affen schützen sich durch Zweige vor Re- 
gen und Sonne. Jedenfalls kann der Weg nicht anders gedacht werden, der von der 
Wissenschaft der Tiere zu jener des Menschen führt. 

Auf diese Weise muß das erste Werkzeug entstanden sein, und es ist hierfür ganz 
nebensächlich, wie seinerzeit die Streitfrage, ob die Eolithe von Boucelles aus dem 
Oberoligocaen die ältesten sind, oder ob die „Menschwerdung" erst in späteren Zei- 
ten des Tertiaers beginnt, entschieden wird. Wichtiger ist das heute schon Unbe- 
streitbare, daß bis zur Gegenwart der Begriff Mensch sehr verschiedene Stufen 
der „Menschwerdung" gleichzeitig umspannt. Noch jetzt leben mit uns Eolithiker; 
das Neolithikum ist in der Südsee in vollster Blüte, ebenso der Pfahlbau, die Bronze- 
kultur ist noch nicht überwunden, und die Früheisenzeit beherrscht die Negertech- 
niken Afrikas dort, wo sie noch europäerungewohnt sind. Und dementsprechend fand 
auch der Urgeschichtsforscher Rassen der verschiedenen Stufen nebeneinander und 
im Kampfe miteinander. 

Neben Madeleinewerkzeugen fanden sich auch Spuren des jüngeren Eolithikums 
(Archaeolithikums), so wie Australier, Papuas, Alaska-Eskimos oder die Pescheräh des 
Feuerlandes rezente Steinzeitler sind. So wie sie, schweiften auch Horden von 
Eolithikern unter den höher Zivilisierten. (Rutot). 

77 (Zu S. 174). Vgl. hiezu Th. Morgan, Regeneration. Leipzig 1907 und P. Käm- 
merer, Allgemeine Biologie. Stuttgart 1915. 

78 (Zu S. 175). Vgl. E. Schultz, Über umkehrbare Entwicklungsprozesse. Leipzig 
1908. 

79 (Zu S. 181). Zu den in Bd. I auf S. 94 genannten Beispielen tritt noch ein un- 
gemein reiches Material der Palaeontologie. Rezente Gattungen gehen unverändert 
zurück bis ins älteste Palaeozoikum. Im Silur lebten schon die Gattungen Discina, 
Krania, Rhynchonella, Leda, Area, Avicula, Dentalium, Patella, Pleurotomaria, Turbo, 
Trochus, Xenophora. Der heute noch lebende Nautilus findet sich in allen Perioden 
bis zum Silur. Für ihn existiert also seitdem kein Entwicklungsgesetz. Aber auch 
für höhere Tiere trifft das zu. Palaeohatteria aus dem unteren Perm stimmt in Vie- 
lem mit der auf Neu-Seeland noch lebenden Hatteria überein. 

Die Feinheiten im Aufbau der Echinodermaten sind seit dem Silur die gleichen ge- 
blieben; sie haben sich auch nicht morphologisch entwickelt. Sogar die Zell- und 
Knochengewebe devonischer Wirbeltiere und jurassischer Fische stimmen mit denen 
der Jetztzeit überein. Eine histologische Entwicklung hat nicht stattgefunden. 

80 (Zu S. 183). Es wäre hier übrigens zu beachten, welch eigentümlicher Zusam- 
menhang zwischen den phylogenetischen Merkmalen und der fundamentalen Mecha- 
nik der Lebensweise besteht. Man bedenke doch, daß alle unbeweglichen oder lang- 
sam sich bewegenden Tiere aktinomorph sind (Spongiaria, Coelenterata, Echinoder- 
mata), alle schnell und freibeweglichen dagegen bilateral (Insekta, Vertebrata). Be- 
sonders schön zeigt sich diese Erscheinung im Kreise der Protozoen (Heliozoen und 
Radiolarien sind radiär gebaut, die rasch beweglichen Ciliaten bilateral), von denen 
z. B. der Flagellat Dimorpha mutans in seinem rasch beweglichen Stadium bilateral, 
im ruhigen Schwebestadium aktinomorph geformt ist. Das gleiche zeigt sich bei 
Cestus und Leptoplana unter den Medusen. Bilateralität erscheint in diesem Lichte 
als „technische Form" einer bestimmten Bewegungsart. 

Wenn dann bilaterale Tiere wieder langsame Bewegungen als Lebensweise an- 
nehmen, beginnen sie sich einzurollen, man denke an die alten Orthoceratiten und die 
Ammoniten; während die schnell beweglichen Flügelschnecken (Pteropoden), bila- 
teral bleiben, rollen sich die Heliciden spiralig auf. Nebenbei gesagt, wer könnte 
leugnen, daß auch im menschlichen Organismus Anzeichen einer Torsion vorhanden 

194 



sind. (Nierensitus, Herzsitus, ungleiche Entwicklung der Lungen, Lebcrlappen, Rechts- 
oder Linkshändigkeit usw.) 

81 (Zu S. 185). Vgl. Osw. Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Wien 1917. 
L Bd. Diese Spengler'schen Gedanken von den „physiologischen Funktionen" der 
Völker kennt das wissenschaftliche Denken allerdings schon seit A. Comte und H. 
Spencer. Spencers „Soziale Statistik" von 1850 (also vor dem Darwinismus und vor 
HaeckeVs Auftreten) enthält bereits diese Grundgedanken, wonach der Mensch ganz 
den Gesetzen des Lebens unterworfen sei, und in seinem Essay über die Entwick- 
lungshypothese von 1852, der die K. E. v. 5a<?/-'schen Gedanken aufnimmt und auf 
höherer Stufe verarbeitet, ist im Prinzip auch schon die Spengler'schQ Konsequenz 
für das Völkerleben vorweggenommen. Bei ihm ist anerkennenswert früh schon 
die Erkenntnis ausgesprochen, daß die Differenzierung der Völker stets mit einer 
Abnahme der Fruchtbarkeit verbunden sei. Eine Fülle ähnlicher Gedanken entwickelt 
dann teilweise in seinen Bahnen der deutsche Sozialethiker /. Unold (Organische 
und soziale Lebensgesetze. Leipzig 1906), der, sogar darüber hinausgehend, sehr 
wohl die „Beharrungsepochen" in der Geschichte der Menschheit kennt und zugibt, 
wie auch den Begriff der historischen „Reize" (Bedürfnisse) als Auslösung von 
Entwicklungsperioden. In dem Maße, in dem sich Spengler mit diesen Ideen aus- 
einandersetzen wird, wird sein „autonomer" Standpunkt sich immer mehr in einen 
objektiven wandeln. 



195 



Das Selektionsgesetz 



Die Ausgleichsprozesse der Welt — Klärung der Begriffe Optimum und Harmonie — 
Nur optimales Sein gelangt zur Harmonie — Auch die Optima bedürfen eines wech- 
selseitigen Ausgleichs — Die Unterschiede in der Dauer — Die Umwelt begrenzt die 
Dauer — Das Fundament einer objektiven Ethik — Möglichkeit einer Weltselektion 

— Die gegenseitige Hilfe als antiselektives Mittel — Die Hilfsmittel der Organis- 
reits ein Selektionsergebnis — Selektive Prozesse in der Physik — Selektive Ab- 
sorption — Semipermeable Membranen — Selektive Katalyse — Der selektive Bau 
der Kristalle — Erosion als selektives Geschehen — Die Auslese der Wolkenformen 

— Der Selektionsgedanke bei Malthus und Darwin — Die Gewebe- und Panselektion 

— Die gegenseitige Hilfe als antiselektives Mittel — Die Hilfsmittel der Organis- 
men zur Sabotage der Selektion — Die Migrationen der Organismen — Die Schreck- 
und Warnfarben — Ausmerzende Wirkung der Selektion — Der Wille als Selektor 

— Selektion als Vorfrage des Erkennens — Die Selektion im praktischen Leben und 
in der Kunst — Selektive Nahrungswahl — Die Bewegungswahl der Pflanzen — 
Die geschlechtliche Zuchtwahl und ihre Grenzen — Kritik der Darwin'schen Selek- 
tionslehre — Die Selektion ist nicht schöpferisch — Die Fluktuationen sind nicht art- 
bildend — Das Quetelet'sche Gesetz — Das Galton'sche Rückschlaggesetz — Nach- 
weis der Unrichtigkeit der Darwin'schen Selektionsannahme — Das wahre Selektions- 
gesetz — Zusätze und Anmerkungen. 

Was immer von den Bestandteilen der Welt unserer Betrachtung zu- 
gänglich geworden ist, überall trat derselbe Eindruck entgegen, der sich 
namentlich in dem Abschnitt über das Optimum häufte: Alles ist unstabil, 
alles ändert sich, bis ein Aussieich erreicht ist. Diese Erfahrung haben 
nicht wir allein gemacht. Seit dem berühmten panta rhei des Heraklit 
hat die Menschheit immer wieder in neuen Ausdrucksformen im Glück 
die Veränderlichkeit des Seins beklagt und im Leid aus ihr Trost ge- 
schöpft. Diese Erfahrung war und ist in den naiven Gemütern noch sicher 
auf lange hinaus die stärkste Stütze des Entwicklungsglaubens. 

Es zieht sich aber für jene, welche dieses Werk aufmerksam studierten, 
stets eine noch nicht gelöste Antinomie durch seine Ergebnisse, so oft 
dieser erreichte Ausgleich berührt wurde. Das einemal endete nämlich 
die Unstabilität, sowie das Optimum eines Zustandes erreicht war. Die 

196 



stete Beweglichkeit einer Talwand dauert an, bis ihr Optimum, nämlich 
der Böschungswinkel von 45° erreicht ist, worauf ohne Hinzutreten neuer 
Kräfte das Rutschen des Gerölles aufhört. Diese Erfahrung, von der bei 
Anlage von Eisenbahn- oder Flußdämmen täglich Gebrauch gemacht wird, 
macht diesen Satz sicher. Das andere Mal aber sahen wir, daß auch das 
erreichte Optimum der Einzelteile ihnen noch keine Dauer verschafft, daß 
sie auch dann steter Änderung unterworfen sind, bis nicht ein neuerlicher 
Ausgleich höherer Stufe, nämlich das Eintreten eines Zustandes, den wir 
Harmonie nannten, dem ein Ziel setzt. Wir haben gelernt, das Leben als 
einen Ausgleich widerstrebender Kräfte aufzufassen; wir bewunderten, um 
unser Denken auf ein anschauliches Beispiel zu richten, die Pflanzen, die 
Gräser, Blumen und Kräuter einer Wiese als optimale Lösungen des 
Lebensproblems, allerdings als ein Optimum, das, stets erreicht und jeden 
Augenblick zerstört, sich nur durch den Lebensprozeß immer wieder er- 
halten und neu aufrichten kann. Und trotzdem ist eine solche Pflanzen- 
gesellschaft nichts Dauerndes. Die Untersuchungen, namentlich der dä- 
nischen Botaniker und des Deutschen Schimper haben gezeigt, daß eine 
stete Änderung der Vegetationen stattfindet, auch ohne daß klimatische oder 
geologische Änderungen solches provozieren. Die einzelnen Pflanzen- 
individuen passen sich aneinander an, und die Arten schließen sich zu 
Vereinen zusammen, von deren Existenz wohl schon jeder das Eine oder 
Andere erfahren hat, und sei es nur in der Form, daß es ihm aufgefallen 
ist, daß Brennesseln fast stets mit Melden, Hirtentäschel und Disteln bei- 
sammen stehen oder Kuckuckslichtnelken mit Hahnenfüßen und Günsel, 
oder daß Waldmeister nur unter Buchen wächst. Wer kein Botaniker ist, 
schaue sich das große „Rasenstück" des Dürer einmal auch darauf hin an; 
da ist ein natürlicher „Pflanzenverein" in unübertrefflicher Treue gemalt. 

Aber die Pflanzenvereine sind nicht stabil. Die der Moore wandeln sich 
allmählich — schon binnen einem Menschenalter ist das möglich — in die 
der sauren Wiesen. Das Caricetum, wie der Botaniker eine saure Wiese 
benennt, geht über in eine trockene Wiese von süßen Gräsern oder in 
eine Heide. Und auf der Heide melden sich dann bald Strauch und Baum, 
und es entsteht eine Parklandschaft. Doch auch sie bleibt nicht erhalten. 
Die Holzgewächse gewinnen das Übergewicht, ohne daß jedoch die Stau- 
den und Kräuter, ja nicht einmal die Gräser und Moose ganz verdrängt 
werden. Es entsteht ein Wald, der sich, wenn man ihn daraufhin be- 
trachtet, wie ich auf das Angelegentlichste allen meinen Lesern empfehlen 
mag, als ein vollkommener Ausgleich der Individuen und Arten, der 
Einzelvereine und Formationen erweist, als eine Harmonie der Teile. Und 
wie bereits erwähnt ist der Wald ein Schlußverein. Er hat absolute Dauer 
aus sich selbst und kann nur durch äußere Kräfte, die gewaltiger sind als 
er, und dann nicht dauernd vertrieben werden. Im Aztekenreich hat der 
Mensch die Wälder gerodet, um seine Städte anzulegen, aber was sehen 

197 



wir heute dort? Das Aztekenreich ist vergangen, der Wald aber ist ge- 
blieben. Tief verborgen im Dunkel, überwuchert vom Grün, steht noch ein 
Tempel da und dort mit Götterfratzen und zerfallendem Turm, aber un- 
berührt breitet sich wieder der Götter überdauernde keusche, gev/altige 
Wald darüber. Und genau so wird in einer fernen Zukunft auch der heute 
vertriebene Wald wiederkehren und grünen auf den Ruinen der euro- 
päischen Großstädte. Da steht ein Beispiel vor uns, in dem nicht das 
Optimum das Ende der Entwicklung nach sich zog, sondern erst die Har- 
monie. Wie ist nun dieser Widerspruch auszugleichen? Gerade das ge- 
wählte Beispiel erscheint sehr vorteilhaft, um an ihm den tieferen Sinn 
von Optimum und Harmonie, dem wir nun offenbar auf der Spur sind, 
verstehen zu lernen. Es gibt nämlich, wie die Pflanzen vereine erweisen, 
eine Integration der Optima. In einer Vielheit, oder um in der spezi- 
fischen Sprache der objektiven Philosophie zu reden, in einem komplexen 
System, erreichen die einzelnen Teile, auch wenn sie selbst schon optimal 
durchgebildet sind, ihr Optimum in höherem Sinn erst durch den harmo- 
nischen Ausgleich miteinander, der also zugleich wieder ein Optimum der 
höheren Integrationsstufe darstellt. Man sieht daraus, daß jede Inte- 
grationsstu/e ihr Optimum hat, welches der Entfaltung auf dieser Stufe 
ein Ziel setzt und Entwicklungen stets nur dann auslöst, wenn dieses Opti- 
mum durch einwirkende, fremde Kräfte gestört wird. Das Geschehen in 
einem Kristall ist optimoklin und steten Wandlungen so lange ausgesetzt, 
bis er nicht die seiner Artung entsprechende Größe erreicht hat. Dann 
steht sowohl die Gestaltung wie das Wachstum still, unter Umständen 
jahrmillionenlang. Wird er aber verletzt, dann setzen bei dem Vorhanden- 
sein geeigneter Mittel sofort Regeneration und damit wieder Wachstums- 
vorgänge ein, bis wieder der Ausgleich völlig geschlossen ist. Hierauf 
steht neuerdings alles still. In einer Lösung, in der Elemente und labile 
Verbindungen von noch freien Valenzen, also solche, die nicht das Opti- 
mum ihres Seins erreicht haben, vorhanden sind, erfolgen chemische Neu- 
bildungen (welche die Entwicklungstheoretiker konsequent auch Entwick- 
lung nennen müßten). Dann ruht der Chemismus, bis wieder neu herzu- 
tretende Substanzen das Gleichgewicht der Affinitäten stören und einen 
Neuausgleich provozieren. Ein Tierembryo entfaltet in raschem Wachstum 
alle in ihm liegenden Fähigkeiten und stellt dann die ontogenetische Ent- 
wicklung ein, wenn er „voll entwickelt" ist, d. h. das Optimum der in ihm 
liegenden Gestaltungsfähigkeit erreicht hat. Wird das Tier aber lädiert, 
dann beginnen in Gestalt von Regenerationen neuerdings Entwicklungen, 
die nur bis zur Heilung der Wunden andauern. 

In allen diesen Fällen gehen aber die „Entwicklungen" weiter unter 
der Herrschaft des Integrationsgesetzes, indem Kristalle, Substanzen und 
chemische Verbindungen sowie Organismen als Bestandteile von Systemen 
stets hineingerissen sind in deren Unstimmigkeiten und die sie regelnden 

198 



Ausgleichsvorgänge. Die Kristalle werden zu Bestandteilen von Gesteinen 
und teilen deren Schicksale, die Stoffe unterliegen den Gesetzlichkeiten 
des Irdischen, die Organismen sind Glieder von Biocoenoscn (d. h. Ver- 
einigungen von Lebewesen, die voneinander abhängig sind) nach Art der 
Wiesen, des Planktons, des Edaphons, der Auwälder usf., und so werden 
sie mitgerissen in den Wirbel solcher Änderungen, wie vorhin das Werden 
der Wälder aus den Moosen und Heiden als ein Beispiel für viele be- 
trachtet wurde. 

In mannigfachen Stufen setzt sich das fort. Tier- und Pflanzenvercinc 
gehören zu Formationen; Edaphon und Pflanzensiedlung mit der ihr ent- 
sprechenden Tierwelt 82) einen sich zu Lebensbezirken, die instinktiv schon 
vor der Wissenschaftsanalyse des Menschen Sprachgeist richtig zu sondern 
gelernt hat, wenn er von Wüste, Steppe, Wiese, Wald und Moor, Sumpf 
und Alpenmatte u. dgl. sprach. Diese wieder verschmelzen in den Begriffen 
der großen biogeographischen Regionen wie der Palaerarktis, Nearktis, der 
neotropischen oder indochinesischen Region, in Begriffen wie Mediterra- 
neum, Makaronesien oder der Subarktis. Weitere Stufen sind der Erdball 
als Ganzes und das Sonnensystem, mit dem praktisch, wenn auch nicht 
theoretisch, die Grenzen der Einsicht in diese Gesetze erreicht sind. 

Jeder Teil muß in diesen Systemen in seinem Verhältnis zu den anderen 
Teilen neuerdings sein Optimum suchen, und er sucht es auch, allerdings 
nicht aktiv, sondern jeder ist durch die Einwirkungen der anderen solange 
Störungen ausgesetzt, bis endlich ein Gleichgewicht hergestellt ist. Der 
Wald sucht sich wohl über die ganze Erde auszubreiten, aber Meer und 
Gebirge setzen ihm Grenzen, desgleichen das Klima in dem Maße der 
Niederschläge und der Dauer der Vegetationszeit, ebenso der Mensch mit 
seinen Kräften usf., bis endlich ein Ausgleich hergestellt ist, der ihm die 
bestmögliche Existenz gewährt. 

Wenn man nun dieses übereinander getürmte System der Optima ver- 
folgt, entdeckt man, was schon im Abschnitt über das Seins- und das Inte- 
grationsgesetz (Bd. I S. 75) gebührend hervorgehoben wurde, daß auf 
einer bestimmten Seinsstufe zum erstenmal dieser Ausgleich die Gestalt 
eines stets in sich wiederkehrenden Kreises besitzt. Das ist die Stufe des 
Weltsystems. Bis zu ihm hat jede der untergeordneten Stufen ihr beson- 
deres Optimumgesetz und damit ihr eigenes „Entwicklungstempo". Diese 
sind voneinander sehr verschieden, und darum scheint oft eine „Entwick- 
lung" abgeschlossen, während in Wirklichkeit da nur ein anderes, viel lang- 
sameres Ausgleichstempo anhebt. Auch der Böschungswinkel von 45 « 
einer Talwand, von dessen Beispiel diese Zergliederung ausging, ist kein 
Dauerzustand; das Tal ist weiteren Erosionsvvirkungen, den Hebungen und 
Senkungen, also den geologischen Kräften höherer Stufe ausgesetzt, unter 
deren Einfluß es sich wieder, aber nur in säkularer Folge ändert. Und 
wenn man nun anhebt, die Erscheinungen in diesem Sinne durchzudenken, 

199 



so endet das mit der Einsicht, erst wenn Teile nicht nur als einzelne ihr 
Optimum erreicht haben, sondern auch als System in ein optimales (har- 
monisches) Verhältnis zueinander getreten sind, dann sind (und dann auch 
nur innerhalb dieses Systemes) die Störungen ausgeglichen. Schon im 
Weltsystem wird erkennbar, daß alle Störungen nur im Kreise laufen (die 
Entwicklung ist ein Kreis); erst wenn die Begriffe Kosmos (Welt) und 
Bios (Erleben) miteinander auch in ein harmonisches Verhältnis gelangt 
sind, dann erfolgt der große letzte Ausgleich, das Unveränderliche, Wirk- 
liche. Das Sein ist dann für das Erleben vollendet, es ist ewig. Das ist es 
wohl, was Nietzsche meint mit dem dichterischen Wort: die große Stunde 
des Mittags ist da — und Goethe mit dem: Natur in sich, sich in Natur 
zu hegen und die großen Erleuchteten des deutschen Stammes mit der 
„Unio mystica in Gott", Am Ende der Entwicklung steht also erst die 
Harmonie. Harmonie aber ist nur zwischen Teilen möglich, und jeder 
dieser Teile muß sich erst optimal entfaltet haben. 

Das ist das Verhältnis von Optimum, Harmonie und Transmutation oder 
„Entwicklung". Dieses Verhältnis bedingt nun, wie hervorzuheben sich 
schon wiederholt Gelegenheit fand (vgl. Bd. I S. 57, 81, 88), eine eigen- 
tümliche Konstellation im Weltgeschehen, nämlich erhebliche Unterschiede 
in der Dauer. Von dem Obersten: der Zeitlosigkeit des Erlebens*) und 
der absoluten Dauer des Kosmos, die unser Sprachgebrauch als Ewigkeit 
bezeichnet, bis zur flüchtigen, kaum aufblitzenden Erscheinung eines radio- 
aktiven Elementes oder einer Sternschnuppe ist eine Stufenleiter der Un- 
beständigkeit mit unzählbar vielen Sprossen ausgespannt, die zu den her- 
vorstechenden Charakterzügen des Welterlebens gehört. Ununterbrochen 
bestätigt das tägliche Erlebnis, daß von zwei Dingen gleicher Kategorie 
das eine früher seinen Zustand ändert oder gar aus dem Sein schwindet als 
das andere. Von vielen gleichzeitig ausgesäten Fichten erreichen nicht alle 
das fünfzigste Jahr, allerdings unvergleichlich mehr, als Menschen der 
gleichen Generation. Die Geschichte bezeugt uns, daß das Römerreich fast 
tausend Jahre dauerte, merkwürdigerweise so lange, wie das römische Reich 
deutscher Nation, während das deutsche Kaiserreich sich nicht einmal 
50 Jahre lang zu halten vermochte und das chinesische Reich fast ganz un- 
verändert seit 2500 Jahren bereits besteht. Die Pyramiden von Gizeh stehen 
unverändert seit mehr denn fünf Jahrtausenden, die von Dähschur oder jene 
im Fajjum, die viel jünger sind, haben sich schon längst in einen Trümmer- 
haufen verwandelt. Die Bank von England häuft ihre Goldbarren seit dem 
Jahre 1694, also seit fast 300 Jahren, die österreichisch-ungarische Bank 
mußte bereits nach 103 Jahren liquidieren. Von den sieben Spinnen, die 
ich in meinem Flußbad täglich in ihrem Leben und Treiben beobachtete, 



*) Man bedenke, daß die Begriffe Zeit und Raum für das Erleben keinen Sinn 
haben. Alles „Erleben" (die Vorstellung) ist unbeschränkt und an keine Zeit gebun- 
den. Daher die Qöttergaben der beschwingt über alles hinwegeilenden Fantasie. 

200 



lebten nach einem Monat nur mehr sechs; eine war verschwunden, wohl 
ausgewandert, aber die restlichen sechs waren in diesem Monat auch sehr 
ungleich gediehen. Drei waren fett und groß geworden und hatten ihr an 
gunstigen Stellen angebrachtes Netz voll Fliegen und Mücken, zwei waren 
so geblieben wie sie waren und hatten nur je eine Fliege gefangen, und 
eine, die ihr Rad zu innerst ausgespannt hatte, saß noch nach vier Wochen 
dünn und wesenlos, mager und hungrig darin und wartete unerschütterlich 
und vergeblich. Sie wird sicher weder solange leben, noch soviele Nach- 
kommen haben wie die anderen. 

Diese Unterschiede in der Dauer sind eine der tiefsinnigsten Erscheinun- 
gen im gesamten Weltgeschehen. Versucht man die Erscheinung zu analy- 
sieren, so findet man als erstes, daß zwei Faktoren jede Dauer be- 
stimmen: der Zustand und die Verhältnisse der Umwelt und der Zustand 
und die Verhältnisse des Individiuums. 

Sehr bald wird aber klar, daß die Dauer vornehmlich vom Individuum 
abhängt, wenn zwischen ihm und seiner Umgebung der Zustand der 
Harmonie herrscht. Wird diese gestört, leidet darunter die Dauer des Ein- 
zelnen. Als Beispiel diene eine Pflanze, welche übermäßigen Regengüssen, 
Dürre, zu großer Hitze oder Kälte, zu wenig Licht ausgesetzt ist, vom' 
Sturme umgerissen oder vom Blitz getroffen wird. Von dieser Seite aus 
steht also die Dauer ganz unter der Herrschaft des Harmoniegesetzes. 
Der andere Faktor hängt, wie sich beim ersten Nachdenken herausstellt, 
von den Funktionen des Individuums ab. Funktioniert es so, daß sich bald 
eine Harmonie mit seiner Umwelt herstellt, gelangt es dadurch alsbald zu 
seinem Optimum, und ist nun in seiner Dauer weit günstiger gestellt, als 
wenn es gegen die Seinsgesetze, die in die Harmonie münden, tätig ist. 
Denn dadurch entstehen stets aufs neue Disharmonien, welche zu ihrem 
Ausgleich wieder neuer Änderungen bedürfen, die aus dem Energiekapital 
des Individuums bestritten werden müssen, dieses daher früher erschöpfen 
als ohne solche Prozesse. Wird dagegen die Harmonie zur Umwelt her- 
gestellt, dann wird die Dauer nur mehr von den Gesetzen des Systems, 
dem das Individuum angehört, und jenen Störungen begrenzt, denen die 
Integrationsstufe der Umwelt ausgesetzt ist. 

Letzten Endes ist also der in der Macht des Individuums liegende Fak- 
tor ausschließlich die Art seiner Funktion. Ist diese durchwegs optimoklin 
eingestellt, wird die Dauer in den meisten Fällen länger sein, als bei einer 
nur teilweise vorteilhaften Funktion oder gar völliger Pessimoklise. Ein 
solches Individuum wird in seiner Dauer — oder wenn es Fortpflanzung 
und Wirkungen auf die Umwelt hat — , auch in seiner Vermehrung und 
seinen Wirkungen bald günstiger gestellt sein als seine Mitbewerber im 
Sein. Es wird übrigbleiben, die anderen werden vergehen. Übersetzt 
man diesen Gedankengang aus seiner abstrakten Farblosigkeit in ein an- 
schauliches, und zwar gleich in das uns am nächsten interessierende Bei- 

201 



spiel, nämlich ins Menschenleben, so müßte er folgendermaßen aussehen: 
Abhängig ist der Mensch nach dieser Ansicht zunächst von seiner Um- 
welt, d. h. den Gesetzen des Weltalls, zu denen auch das Gesetz eines 
eigenen Systems, nämlich die durch die Physiologie, seine rassische Ab- 
kunft usw. bedingte Lebensdauer gehört. Er muß daher mit einer un- 
vermeidlichen Begrenzung der Lebensdauer und Wirksamkeit aus diesen 
Gründen rechnen, und dazu mit den von außen kommenden Störungen, mit 
Unglücksfällen, Elementarereignissen und dergleichen von der Umwelt und 
nicht von ihm abhängigen Faktoren. In diesem Rahmen hängt nun seine 
„Lebensdauer", Wirksamkeit und Macht durchaus wieder von der Art seiner 
Funktionen ab, sowohl den physiologischen wie den geistigen. Sind diese 
optimoklin, d. h. entwickelt er sich zum Optimum seiner Art, das sich in 
Harmonie mit seiner Umwelt in jedem Sinn zu setzen weiß, mit anderen 
Worten, benützt er seinen Verstand, um die Weltgesetze zu erkennen und 
zu befolgen, dann wird er auch ein gesunder, schaffensfroher und schöp- 
ferischer Vollmensch sein, der reichlich geistige oder leibliche „Nach- 
kommen" hinterläßt und das Leben bis an seine systembedingten Grenzen 
auslebt. Handelt er nicht im Einklang mit den Weltgesetzen, vielleicht weil 
er sie aus irgendwelchen Gründen mißachtet, dann muß sein Leben dis- 
harmonisch verlaufen, er wird dann zur Ursache stets neuer Änderungen 
d. h. Krisen werden, die seine Kräfte zersplittern und vorzeitig erschöpfen. 
Früher als es in seiner Natur und in den äußeren Verhältnissen lag, muß 
er vom Schauplatz seiner Tätigkeit verschwinden, die niemals reine Be- 
friedigung bot. Das ganze Heer von Menschenleid in allen seinen Formen, 
jeweils variiert nach der Art seines Vergehens gegen die Weltgesetze, um- 
schwebt sein Leben, und jenes schreckliche Wort uralter Weisheit von den 
Sünden der Väter, die noch gerächt werden am siebenten Kindeskind, wird 
auch für seine Nachkommen zur Wahrheit. So wie er selbst eine stete 
Quelle von Störung und Unruhe für seine Mitmenschen und seine gesamte 
Umwelt ist, und so wie in jedermanns Leben, auch wenn man selbst es so 
optimoklin gestaltet wie nur möglich, dennoch die Störungen einer dishar- 
monischen Mitwelt und die Sünden der Ahnen als „Schicksal" eingreifen. 
In diesem Beispiel steckt das Fundament der objektiven Ethik und der 
größte, in jedem Augenblick des Lebens goldene Früchte tragende prak- 
tische Nutzen der objektiven Philosophie für jedermann. Würde dieses 
fiktive Beispiel zur Wahrheit, wäre eine der größten aller Erkenntnisse 
gewonnen. 

Die so umschriebene Gesetzmäßigkeit, welche für jeden Bestandteil des 
Weltsystems gültig ist, brächte eine Weltselektion mit sich, eine stete Aus- 
lese jener Teile, welche dem Optimum und der Harmonie des Ganzen 'näher 
stehen als die anderen, d. h. mehr im Sinne der Weltgesetze funktionieren. 
Damit ist nun die im ersten Band dieses Werkes (S. 88, vgl. auch Bd. II 
S. 118) geforderte Panselektion hoffentlich bis in ihr Letztes durchsichtig 

202 



geworden als notwendige Konsequenz aus dem Zusammenwirken der Funk- 
tions-, Optimum- und Harmoniegesetze. Mit einer neuen Art zu sehen tritt 
man aus dieser Stunde der Besinnung zurück in die Welt der Erscheinun- 
gen. Findet man diesen Gedanken bestätigt, woran sich nach der Logik 
allerdings kaum zweifeln läßt, ist wirklich das gesamte Sein an sich selek- 
tiv, dann wird eine der folgenschwersten ethischen Einsichten zum unver- 
lierbaren Besitz und wird von da ab als steter Mahner bei allen der 
Vernunftregelung unterworfenen Handlungen mitreden und das Leben von 
jedermann, der bisher mit uns gegangen ist, in neue Bahnen lenken. Das 
ist die Bedeutung dieses Problems. 



Das Selektionsgesetz, dem nachzuspüren jetzt unser Begehr ist, erscheint 
damit einfach als Folge und Ergänzung des Optimumgesetzes; es macht 
den Eindruck, das Mittel der Optimoklise zu sein, das dem Optimum auto- 
matisch zu seinem Sein verhilft. 

Wie sind nun die Gesetze dieser angeblichen Weltselektion beschaffen? 
Es ist klar, daß, wenn das Weltgeschehen durchgängig ein selektives Ge- 
schehen wäre, dann zunächst in der Physik und Chemie nicht jede, sondern 
nur gewisse Möglichkeiten von Beziehungen verwirklicht wären, mit ande- 
ren Worten, daß dann der Raum und die Energiefelder diskontinuierlich er- 
füllt sein müßten. Die Materie müßte in diesem Fall eine atomistische 
Struktur besitzen, an gewisse Formen, d. h. an Singulationen gebunden 
sein, der Energieaustausch könnte nicht stetig, sondern müßte quantenweise 
erfolgen, alles Geschehen wäre an einen Rhythmus, an Wellen und Perio- 
dizität gebunden und könnte nicht in ununterbrochenem Zuge abfließen. Tat- 
sächlich ist nun aber die Welteinrichtung dermaßen beschaffen, woraus als 
notwendige Folge die Tatsache einer gewissen Auslese hervorgeht. Tat- 
sächlich bedeutet schon die Existenz von Natur- und geistigen Gesetzen, 
daß nicht jede Beziehungsmöglichkeit in dem Weltsystem verwirklicht ist. 
sonst müßte die Zahl dieser Beziehungen, vulgo Gesetze (die ja nur der 
Ausdruck für stets wiederkehrende Beziehungen sind) unendlich groß sein. 
was sie ja bekanntlich nicht ist. 

In der Zahlenreihe 1, 2, 3, 4, 5, 6 ist ebenso wie in dem Gesetz der mul- 
tiplen Proportionen (vgl. Bd. I S. 109) und dem Quantengesetz, das, wie wir 
erkannten, auf den gleichen Voraussetzungen beruht, die Tatsache selektiven 
Weltenseins ausgedrückt, indem zwischen den rationellen Zahlen noch un- 
endlich viele Größen liegen, welche bei der Auslese, die sich in dem Prozeß 
des Rechnens und im physiko-chemischen Geschehen ausspricht, einfach 
durchfielen, und deren sich die Infinitesimalrechnung (die eben damit über 
das Zoetische hinausgeht) zwar bedient, aber nur als Hilfsmittel, mit dem 
ausdrücklichen Vorbehalt, daß die Differentiale zwar „unendlich klein 
werden", aber niemals unendlich klein sein kann«»). 

203 



Ich weiß nicht, ob sich die Physiker schon einmal klar gemacht haben, 
daß sie in ihrer Wissenschaft das Selektionsgesetz nicht entbehren können; 
ich habe wenigstens in ihrer Literatur keine Anzeichen dafür gefunden, daß 
sie es wissen, obzwar sie für gewisse Vorgänge selbst den Ausdruck „selek- 
tiver Prozesse'^ geprägt haben, also das von der objektiven Philosophie Be- 
hauptete damit zugeben. Alle leuchtenden Gase und Metalldämpfe besitzen 
z. B. eine „selektive Emission" farbiger Strahlen im Spektrum, d. h. sie sen- 
den entweder Linien oder Banden (d. s. breite Streifen) von bestimmter 
Lage und Farbe im Spektrum aus. Wenn man aber weißes Licht durch 
Dämpfe, also farbige Flammen sendet und ein Spektrum davon entwirft, 
dann wird gerade das Licht von der Farbe der gleichen Fraunho fernsehen 
Linie absorbiert, die der Dampf selbst emittiert. Der selektiven Emission 
steht also auch eine selektive Absorption gegenüber. 

Eine ähnliche Selektion ist der Chemophysik auch von den semipermeab- 
len Membranen bekannt, die im Organismus sowohl pflanzlicher wie tieri- 
scher Natur vorhanden sind und in der Plasmahaut jeder Zelle eine aus- 
schlaggebende Rolle in der Ernährung spielen. Wären die Zellwände in un- 
seren Darmzotten nicht halbdurchlässige Häute von ganz bestimmten, aus- 
wählenden Eigenschaften, so wäre jede Resorption des Speisebreies un- 
möglich gemacht. Im Laboratorium läßt sich das mit Pergamenthäuten, die 
gleicher Natur (sind sie doch tierischen Ursprunges) sind, nachahmen. Es 
zeigt sich dann, daß sie den einen Stoff diffundieren lassen, den anderen 
aber nicht, daß also eine ganz ausgesprochene Selektion tätig ist. Diese Er- 
scheinung kennzeichnet auch die Pflanzenzelle, deren straffe Konstitution 
(der Turgor) nur dadurch zustande kommt, daß das Plasma selektiv gewisse 
Stoffe durchläßt, andere dagegen zurückbehält. Die Tatsachen der Osmose, 
die dabei entwickelten mächtigen Druckkräfte sind alles ebensoviele Be- 
weise zugunsten der selektiven Plasmabetätigung. Durch die Plasmahaut der 
Pflanzenzelle geht Wasser sehr leicht hindurch, während die Kristalloide 
nicht hindurchwandern, sondern den Eintritt in das Plasma versperrt finden. 
Dagegen diosmieren alle Kristalloide, ähnlich wie durch eine Tierblase, 
durch die Zellhaut, die wieder den Kolloiden den Austritt versperrt, also, 
sollen diese in Korrespondenz treten können, durch Tüpfel und feinste Po- 
ren durchbrochen sein muß. Das gesamte Pflanzenleben wäre mithin un- 
möglich, wäre es nicht auf den Grundgesetzen der in der Osmose ver- 
borgenen Selektion aufgebaut. 

Die selektive Tätigkeit der Katalysatoren in den chemischen Reaktionen 
wurde bereits erwähnt. Die Tatsache, daß es solche Stoffe gibt, die gleich 
dem fein verteilten Platin die Reaktionsgeschwindigkeit der kalten Gase 
ganz außerordentlich steigern, gehört an sich schon in den Bereich des 
Selektionsgesetzes, wie alles, was die Ungleichheit in der Welt befördert, 
umsomehr, als es sich dabei keineswegs um bloße Energietransformation 
handelt, wie bei allen anderen energetischen Prozessen. Will man die Fahr- 

204 



geschwindigkeit eines Zuges oder eines Schiffes steigern, muß man die dazu 
nötige Energie der Kohle oder der Elektrizität oder sonstwie entnehmen; 
man vermindert also irgendwo den Energievorrat der Welt und transpor- 
tiert die Energie bloß anderswohin. Anders bei den Kontaktverfahren. 
Die Oeschwindigkeitssteigerung der chemischen Reaktion erfordert, wie 
der Fabrikant, der auf diese Weise Schwefelsäure herstellt, sehr wohl weiß, 
theoretisch gar nichts, denn sie braucht keinen Aufwand an Energie, eine 
Tatsache, die nach einigen Generationen in der Welt der Technik eine 
ganz andere Bedeutung haben wird als heute. 

Selektion ist es auch, wenn aus allen möglichen Gruppierungen von 
Molekülen in den Kristallen nur 230 Raumgittermöglichkeiten (vgl. Bd. I 
S. 129 und Abb. 36) realisiert sind und durch das Zonengesetz nur 32 
Arten von Kristallklassen und sieben Gattungen von Symmetrie. In dem 
zu Beginn dieses Werkes entwickelten Satz: „Bei jeder Art von Materie 
gruppieren sich Teile unter genau bestimmten und konstant festgehaltenen 
Kantenwinkeln, nach eigenen Symmetriegesetzen und unter Wahrung ratio- 
naler Verhältnisse zu einer einheitlichen und harmonischen Kristallgestalt" 
sind in den in Kursivschrift gedruckten Ausdrücken überall die selektiv wir- 
kenden Gesetzmäßigkeiten hervorgehoben, denen die oben erwähnten Eigen- 
tümlichkeiten der Kristallwelt zuzuschieben sind. 

Dem Geographen ist es längst geläufig, daß das Relief der Festländer 
durch die gegenseitige Konkurrenz der Täler und der Berggipfel geprägt 
wird (vgl. hierzu Abbildung 5, 9 und 80). Die Erosion kann Täler nur 
dadurch schaffen, daß sie die jeweils den Fallgesetzen entsprechenden 
Wasserbewegungen ausführt, wie denn überhaupt, wenn der Begriff Gesetz 
selbst schon den der Selektion in sich schließt, in allen Anwendungen der 
Naturgesetze dann das Selektive wiedergefunden werden muß und wir uns 
diese Arbeit eigentlich sparen könnten, wenn es uns nur darauf ankäme, 
die Tatsache der Selektion selbst festzustellen. Da es uns aber nicht 
nur auf die Feststellung der Selektionsgesetze, sondern auch auf das Ver- 
ständnis der Welterscheinungen an Hand der Weltgesetze ankommt, kann 
es doch nicht unterlassen werden, die merkwürdigen Phänomene der Tal- 
bildung, der Enthauptung der Flüsse, der Anpassung der Talnetze an die 
Gebirgssysteme näher zu betrachten. 

Das fließende Wasser wirkt nun auf seine Unterlage vornehmlich durch 
die mitgeschleppten festen Bestandteile, wie wenn eine Säge wirken würde 
oder das Gestein mit Hacke und Spaten bearbeitet wäre. Flüsse kön- 
nen dadurch, wie z. B. die Kander am Thuner See in der Schweiz ge- 
zeigt hat, schon binnen weniger Wochen wilde Schluchten von 40 m Tiefe 
schaffen, in denen der Fluß täglich an 40 000 Kubikmeter Gesteinsmaterial 
in den See schleppt. Wie der den Stein höhlende stete Tropfen durch 
seine Wirbelbewegungen wirkt, mögen sich die, welche noch keine Klamm 
gesehen haben, an Abbildung 98 betrachten ; Bäche erzeugen dadurch „Wir- 

205 



beikolke" (vgl. Abbildung 99) und Strudellöcher von oft gewaltiger Tiefe. 
Nur ist diese ganze Arbeit je nach dem Charakter des Gesteins, in dem 
sie ausgeführt wird, in ihren Wirkungen höchst verschieden, und das be- 
wirkt den selektiven Effekt. Eine Zusammenstellung von Angaben hierüber 
wird volle Beweiskraft auch für die schärfste Kritik besitzen. Ich ent- 
nehme sie dem Werke von Nemnayr-Sueß Erdgeschichte (3. Afl. 1920): 

Der Fluß Sineto (Sizilien) hat durch Lava seit 300 Jahren ein Bett 
bis 35 m Tiefe und 16 m Breite genagt. 

Die Kander (Schweiz) hat in wenigen Wochen in Schottern eine Schlucht 
von 40 m Tiefe erodiert. 

Die Salzach (Salzburg) hat in offenbar hartem Gestein in 30 Jahren ein 
Bett von 1,5 m erodiert. 

Der gleiche Fluß hat in Schutt in 8 Jahren eine 2 m tiefe Schlucht aus- 
genagt. 

Die Düna (Kurland) hat in Kalk und Dolomit in 34 Stunden ein Bett 
von 1—3 m Tiefe aufgerissen. 

Überdenkt man diese Angaben mit unserer Logik, so erkennt man daraus, 
daß die Erosion sich um so mehr dem Optimum nähert, einen je größeren 
Wert der Bruch Qf^'^'^härte besitzt. Da aber im Flußlauf bei gleichbleiben- 

Wasserkratt*) ^ 

der Wassermenge der Wert „Wasserkraft" ununterbrochen wechselt, wird 
das Relief des Tales ungleich. Nicht nur daß das Längsprofil eines Ge- 
wässerlaufes stets eine im Oberlauf steilere, im Unterlauf flachere Kurve 
darstellt, sondern auch das Querprofil wird differenziert. Wo optimale 
Erosion stattfindet, nämlich senkrecht erodierende Wirkung im Wasserfall, 
wandert dieser nach rückwärts; es entsteht eine intensive „geographische 
Entwicklung", die solange dauert, bis der Ausgleich geschaffen, nämlich 
die Schlucht durchsägt und der Wasserfall aufgehoben ist (das Ende aller 
Wasserfälle: die Schlucht oder Klamm, am großartigsten im Kolorado- 
gebiet in Nordamerika). Wo nur langsam die Wasser einschneiden, werden 
die Gehänge flacher, von Schutt überrieselt, das V des typischen 
Erosionstales wird immer weniger spitz, das Tal wird seitlich ausgeweitet, 
es entstehen Mäander (Abb. 101), aus dem V- wird ein immer weiteres 
U-Profil, So paßt sich das Talnetz der Erosion an, die aus Hochebenen 
Gebirgslandschaften (Täler ohne Berge) schafft nach Art des Isartales oder 
teilweise des Eibsandsteingebirges (Bd. I Abb. 69) oder nach Art der 
CaÄo«-Landschaft am Rio Colorado in Arizona, wo der große Caiion in 
320 km Länge bis 1800 m tief ist und das „Erhabenste" genannt wurde, 
was es auf Erden gibt. 



*) Dieser Wert setzt sich zusammen aus den Faktoren: Wassermenge, lebendige 
Kraft des Wassers durch die Neigung des Bettes, wobei natürlich die Wassermenge 
die im Profil des Flußlaufes in einem gleichbleibenden Zeitmaß durchflutet, ver- 
standen wird. 

206 



Durch diese Ungleichheit werden die Täler selektiert; die Täler werden 
verlagert, Nebentäler schneiden manchmal Haupttäler an, große geologische 
Decken werden bis auf wenige Reste entfernt, oft, wie es in den Alpen der 
Fall ist, wo über den Kalk- und Urgesteinszonen alle jüngeren Decken 
längst fehlen, wahrhaft denudiert, und die Unterlage wird je nach der Härte 
des Gesteins selektiv zu einem Relief umgestaltet. Ein prachtvoller Wett- 
bewerb der Flüsse tritt ein, indem die Gewässer, welche den tiefer liegen- 
den Ausgleichspunkt haben (die tiefere Erosionsbasis), mit ihrem steileren 
Gefälle rascher nach rückwärts einschneiden, wie man das an manchen 
Nebenflüssen des Neckar sieht, die auf diese Weise Gebiet von der weniger 
rasch erodierenden Donau eroberten, ihr Tal anzapften oder, wie das die 
Geographen nennen, die Donau enthauptet haben. Neumayr sagt hierüber: 
es bestehe ein allgemeines Bestreben, die Flüsse allmählich auf den tiefsten 
Linien zu vereinigen. In unserer Sprache heißt das, durch die Selektions- 
tätigkeit der Erosion wird deren Ausgleich angestrebt. 

Auf diese Weise wird in allen Ländern und Gebirgen das Relief geprägt 
als Ergebnis eines Wettbewerbes der Flüsse, der in jedem Berg, in jedem 
Gratturm (Abb. 80) und Grat nur die Restfälle übrig läßt. Das ist die 
Erklärung, warum jedes Gebirge seine Haupt- und Nebenzüge besitzt 
(Abb. 5), warum es in einer Gruppe, diese wieder in einem Hauptgipfel 
kulminiert, warum das Ganze eine konkurrierende Gesellschaft von Tälern 
und Bergen darstellt, die sich ständig umbildet bis zu ihrem endgültigen 
Ausgleich. Und das ist zugleich ein Symbol für alle komplexen Systeme 
(vgl. Abb. 6), an denen Kräfte angreifen. Überall entwickelt sich aus den 
Differenzen automatisch ein Wettbewerb, der die dauerhaftesten Singu- 
lationen herausfordert. Das aber ist es, was zu beweisen war. 

An jedem Tag voll Frühlingswolken erblickt man dieses Gesetz hin- 
geschrieben in den flüchtigen Zug der Wolkengestalten, die stets das 
Resultat einer großartigen Selektion sind. In Bd. I S. 88 findet man diesen 
Wettbewerb um die Form der Wolken (Abb. 82) bereits geschildert, der 
nicht ruht, bis nicht Harmonie in der Atmosphäre hergestellt ist. Es ist 
mir stets einer der größten Naturgenüsse gewesen, von Bergeshöhe dem 
geheimnisvollen Schauspiel des Wolkenwerdens und -vergebens zuzusehen, 
diesem steten Kampf von Ausscheidung und Aufsaugung, von Wind und 
Sonne, dem Ringen um die Form der Wolke, die so wunderbar plastisch die 
leiseste Einwirkung verrät. Und als Lohn dieser Andacht ging mir in der 
wimmelnden Gestaltenfülle dieser stumm sich drängenden Geisterheere eines 
Tags das Geheimnis aller Formgestaltung auf als des Ausgleichs der mit- 
einander ringenden Kräfte und damit die Idee der Weltsclektion, wie sie 
hier niedergelegt ist. 

Diese Weltselektion, aus der die Form jeder Materie und jedes Seins 
hervorgeht, von den im Nebelschleier der Erkenntnisgrenzen tanzenden Elek- 
tronen und Quanten, von Kristall und Gebirge bis zur weißschimmernden 

207 



Wolke und dem bunten, lebensbewegten Heer von Tier und Pflanze, ja bis 
zu den Werken der Menschenhand und den Gestaltungen, die Menschengeist 
ersinnen kann, hat aber im Grunde genommen nichts zu tun mit dem Begriff 
Selektion, wie ihn der Darwinismus der sechziger Jahre faßte und volks- 
tümlich machte als ein plump mechanisches Geschehen, das die Entstehung 
von Sinn und Geist aus dem Sinnlosen jedem Strohkopf faßlich macht. Der 
Selektionsgedanke, wie er namentlich von Ch. Darwin unter dem Einfluß 
der Malthus' sehen Ideen gleichzeitig von R. Wallace, dann als „struggle 
for life" besonders scharf von dem englischen Zoologen Th. Huxley formu- 
liert und durch E. Häckel verbreitet und verbreitert wurde, enthält Rich- 
tiges und Übertriebenes, Wahrheit und Irrtum in so innigem Gemisch, daß 
es nur bei weitausholender Analyse möglich ist, die Stellung der objektiven 
Philosophie zur Darwin'szhtn Selektionstheorie zu präzisieren. 

Die vordarwinischen Grundlagen dieses Gedankens gehen zunächst auf 
den englischen Theologen und Geschichtsforscher Thomas Robert Malthus 
(1760—1834), im besonderen auf sein Hauptwerk: „Essay on the principles 
of the Population" zurück, das in London im Jahre 1798*) erschien. Dort 
formulierte er das an seinen Namen geknüpfte und in seinen Grundzügen 
noch immer allgemein anerkannte Gesetz, das besagt: die Bevölkerung 
habe die Tendenz, sich rascher zu vermehren als die Menge der gewinnbaren 
Nahrungsmittel. Dadurch setze eine Zurückdrängung der Bevölkerung durch 
Moral, aber auch Laster und Elend ein. Dem natürlichen Vermehrungs- 
trieb des Menschengeschlechts stünden als „checks", als Hemmnisse sowohl 
Wirkungen der Natur, wie die bei Übervölkerung sich besonders steigern- 
den Krankheiten, als auch menschliche Handlungen zur Herstellung des 
Gleichgewichts, wie Auswanderung oder Kriege gegenüber. In der Kritik 
an dieser Anschauung s*) tat sich besonders der deutsche positivistische 
Philosoph Eugen Dühring hervor, der einwandte, daß ja mit Zunahme der 
Bevölkerung auch die „Bevölkerungskapazität" größer werde und mit ihr 
der Spielraum der Ernährung wachse. H. Spencer dagegen betonte, daß bei 
allen Völkern mit wachsender geistiger Tätigkeit die Fruchtbarkeit ab- 
nehme. Schließlich blieb aus der Diskussion ein gemäßigter Neomalthu- 
sianismus übrig (J. St. Mill, Mantegazza, Kautsky), dessen sich sowohl die 
sozialistische wie die imperialistische Doktrin mit Eifer bediente, die 
eine, um daraus die Notwendigkeit der „Verelendung der Massen" abzu- 
leiten, die andere, um aus der Übervölkerung des Landesbodens die Not- 
wendigkeit von Landzuwachs, sei es durch das Schwert, sei es durch Kolo- 
nisation erfolgern zu können. 

Tatsächlich kann auch die objektive Philosophie nicht leugnen, daß jedes 
Volk, jedes lebende Wesen in seiner Fortpflanzung vorzugsweise durch die 
Umweltseinflüsse beschränkt wird, die freilich auch wieder auf seine Physio- 



*) Deutsch in zweiter Auflage zu Berlin 1900. 

208 











Abb. 79. Der Wettbewerb der Blüten iini die Bet"ruditiiri,-,r 

Blütenfekl des Steinbrechs (Saxifraga) im Hodigebirtrc. OriniMalaufnahm'^ 




Abb. 80, Ein Erosionsturm im Hochgebirge 

Der Winklerturm in der Rosengartengruppe wurde durch sein härteres Oe 
der Erosion ausgelesen. Originalaufnahme 




Abb. 



81. Die Ausmerzung der nicht mehr optiiiialL-n li;iiiiiu' 

Motiv aus dem Tegcniseer Urwald in Bayern. Originalaufnalinu- 



IUI IfUMld 




> 


3- 








3 


^ 






3 








logie zurückwirken. Im allgemeinen bewegt sie sich in progressiver Rich- 
tung, während an sich der Nahrungsbestand durch keine Notwendigkeit ge- 
zwungen wird, zuzunehmen oder abzunehmen, jedenfalls in seinem Quan- 
tum sich nicht parallel mit den auf ihn angewiesenen Organismen verhält. 
Unter Umständen wird er rascher anwachsen, wie z. B. die Raupen in einem 
Raupenjahr zunächst einmal schneller zunehmen als die auf sie angewiesenen 
Singvögel; ebenso oft wird es sich aber ereignen, daß das Nahrungsquantura 
rapid sinkende Tendenz zu einer Zeit hat, in der die Fortpflanzungstätig- 
keit überaus rege ist. Man denke an Heuschreckenschwärme, die den 
Vögeln mühelos Futter verschafften, sie zu nochmaligem Brüten veran- 
laßten und dann eine verdreifachte oder verdoppelte Vogelbevölkerung vor 
einen Notstand stellen, wenn die alten Schwärme vertilgt sind und neue 
nicht mehr nachkommen. Unser Selektionsgesetz, das in jeder Vielheit, auf 
die eine Kraft wirkt, tätig ist, muß dann die Zahl der Vögel in der Rich- 
tung eines harmonischen Ausgleiches zur Nahrungsmenge drängen, wenn 
die Vögel nicht andere Anpassungswege durch ihren Intellekt einschlagen. 
Nicht anders mit der Pflanzenwelt. Sie, die durch Ausläufer, Sporen und 
Früchte im allgemeinen die Tierwelt an Fruchtbarkeit um ein Bedeutendes 
überbietet, würde dem gegenseitigen Wettbewerb um den Boden in einem 
ungemein scharfen Maß ausgesetzt sein, wenn gerade sie nicht mit einer 
unerschöpflichen biotechnischen Erfindungskraft ihre Sporen und Früchte 
mit „Verbreitungseinrichtungen" der verschiedensten Art ausrüsten würde. 
Wem sind sie nicht bekannt, diese wunderbaren Schleuderfäden, mit denen 
Schleimpilze und Lebermoose ihre Sporen weit auswerfen (vgl. Bd. I 
Abb. 92), die „Vogeljrächte'', strotzend, voll saftigen Fleischs (Abb. 84), 
angetan mit grellen Farben, gefüllt mit Zucker und aromatischen Stoffen, 
damit die Vögel sich gnädig herbeilassen, solche Früchte, nachdem sie 
ihren Tribut verzehrt haben, zu verschleppen, eine Einrichtung, die wir als 
Usurpator stören, wenn wir die Sperlinge von unseren Kirschen und anderem 
Obst verjagen. 

Wer von den Naturfreunden kennt nicht die merkwürdigen Flügel der 
Ahorne, die Luftschiffeinrichtungen der Ringelblumen und ihrer Verwandten, 
die Kletten, die Schwimmeinrichtungen, kurz das ganze biotechnische 
Museum pflanzlicher Verbreitungseinrichtungen, alle dazu bestimmt, der 
Selektion den Boden zu entziehen! Und in diesem Lichte erwacht auch ein 
ganz neues Verständnis für die Brutpjlegeinstinkte und die Mutterliebe im 
Tierreich. Der Mistkäfer Copris, der auf unserer Abbildung 21 um sein Ei 
eine so gewaltige Nahrungspille aus Mist angefertigt hat, die Ameisen und 
Bienen, die mit Hingebung ihre Brut schützen und füttern, die kleinen Sand- 
wespen, die sich zu Tode arbeiten, um ihre Nachkommenschaft den ver- 
derblichen Wirkungen des nackten Kampfes ums Dasein zu entziehen, die 
nestbrütenden Vögel, die junge Menschenmutter, die lieber selbst darbt und 
ihr Leben ungescheut aufs Spiel setzt ihrem „Kleinen" zuliebe, das alles 

Ftanci, Bios II '* 

209 



sind nicht Gegenargumente gegen das Malthus^sche Gesetz, sondern Mittel 
des Organismus, um die Selektion, die sich sonst schärfer bemerkbar 
machen würde, aufzuheben, weil sie eben tatsächlich fühlbar ist. 

Etwas ganz Wichtiges ist damit festgestellt. Wie ein Schreckgespenst 
schwebt die Selektion unaufhörlich über allem Lebendigen. Da aber die 
Lust zum Leben nach Ewigkeit verlangt, so ist im Leben selbst der Not- 
stand und damit die Verschiedenheit begründet, in die die Selektion ein- 
greifen kann. Aber diese Ausmerzungsdrohung erklärt nicht das Vorhanden- 
sein des Teleologischen, dessen wahrer Zweck sich nun plötzlich als „anti- 
selektive Wirkung" entpuppt und tatsächlich auch eine gewisse Milderung 
der Ausmerzung der nicht optimalen Fälle erreicht. Diese wird um so wirk- 
samer sein, je höhere Stufen diese Intelligenz erreicht. Im Bereich des 
Menschen erhält sich dadurch eine Übervölkerung, die im XIX. Jahrhundert 
in Europa besonders bedrohlich angewachsen ist und dann wirklich jene 
Notstände und Krisen heraufbeschworen hat, die Malthus als mechanische 
Folge der Volksvermehrung ausgibt. An der Übervölkerung gewisser euro- 
päischer Länder, im besonderen von England, Belgien, Deutschland und' 
Italien läßt sich ebensowenig zweifeln wie daran, daß Rußland, Ungarn, 
Spanien, Frankreich und mit Ausnahme gewisser nordamerikanischer und 
chinesisch-japanischer Distrikte die ganze Erde ohne Krisen und Kriege 
noch eine weit zahlreichere Menschheit als die 1650 Millionen ernähren 
könnte, auf die man sie heute schätzt. Wichtiger als Maßnahmen gegen 
Übervölkerung (neomalthusianische Propaganda) wären daher, vom Stand- 
punkt der ganzen Menschheit gesehen, Verbreitungseinrichtungen, also der 
Weg, den die Pflanze eingeschlagen hat. Eine größere Überbevölkerung, 
wie sie ein Blütenfeld, etwa eine der in Abbildung 79 dargestellten Stein- 
brech-Matten der Alpen oder der polaren Region darstellt, kann man sich 
wohl kaum vorstellen, und dennoch vollzieht sich deren Vervielfältigung bei 
der Fruchtung ganz ohne nennenswerte Krise infolge der nahezu voll- 
kommenen Verbreitungseinrichtungen. In diesem Sinn ist innerpolitisch die 
Sledelungsbewegung, außenpolitisch die Kolonisation ein durchaus orga- 
nischer Gedanke, und von allem Unglück, das Deutschland betroffen hat, 
wird auf die Dauer das verhängnisvollste der Verlust seiner Kolonien sein. 
England wäre ohne die weitsichtige Politik seines Kolonienerwerbes schon 
längst an inneren Krisen zugrunde gegangen. Jedenfalls aber ist Europa 
im ganzen überbevölkert, und alle seine Leiden, Unruhen und Kriege, die 
soziale Spannung und Teuerung, die Revolutionen, sein Industrialismus, 
Materialismus, die stete „Entwicklung" und Zersetzung aller seiner Verhält- 
nisse, die Demoralisation, die gesamten unleugbaren Verfallserscheinungen 
haben darin ihre innerste Quelle. Die Tatsache, daß es durch die schreckens- 
vollen Ereignisse der letzten zehn Jahre um reichlich vierzig Millionen (den 
Geburtenrückgang mitgerechnet) Menschen weniger zählt, als es ohne sie 
gehabt hätte, sichern zwar unserer Generation noch auf ein Menschenalter 

210 



die Erhaltung der Zustände, wie sie zu Beginn des Jahrhunderts bestanden 
haben; ist aber dieser Verlust ausgeglichen, dann müssen, diktiert von den 
.Weltgesetzen, entweder neue Krisen eintreten, oder der Zustand der Groß- 
städte, wo die Geburtsziffer unaufhaltsam sinkt, wird allgemein. So stellt 
sich die Denkungsart der objektiven Philosophie zu den Problemen des 
Malthusianismus. 

Wenn Darwin diese Erfahrungen auf die Welt der Organismen verall- 
gemeinern wollte, beging er daher einen Fehler, indem sie teilweise weit 
bessere Mittel hat, um die Folgen der Übervölkerung auszugleichen, als der 
Mensch sie anwendet. Es wurde daher Ungleiches verglichen, und das 
mußte zu Irrtümern führen. Der Hauptirrtum war, daß man aus der großen 
Fruchtbarkeit der Tier- und Pflanzenwelt auf eine besonders scharfe Selek- 
tion schloß, sich die Welt des Lebens als einen steten Kampfplatz von 
Gladiatoren vorstellte, wie es in einer sehr bekannt gewordenen Rede- 
wendung Huxleys hieß, und ihr zutraute, daß sie einfach alle Eigenschaften 
der Organismen heranzüchtete. An die Stelle der Ausmerzungs- und Auslese- 
vorstellung trat dadurch der einer Naturzüchtung und „natürlichen Zucht- 
wahl", einer „schöpferischen Selektion". Dazu geben aber die Weltgesetze 
keinen Anhaltspunkt. 

Der ganze Kampf gegen den Selektionsgedanken, an dem sich die Gene- 
ration von 1890— 1910 beteiligte, und der sich zu den Fronten der deutschen 
Zoologen Weismann-Plate und Hertwig-Pauly^^) entwickelte, galt diesem 
Problem. Gekämpft wurde nicht um die Anerkennung der ausmerzenden 
Wirkung der Selektion, sondern um die Idee der Teleologie. Aber in der 
Hitze des Kampfes verschoben sich wie in jedem Kampf die ursprünglichen 
Ziele, und schließlich war die Sachlage darauf zugespitzt, daß Weismann 
die Allmacht der Naturzüchtung behauptete, Plate die schöpferische Fähig- 
keit der Selektion und Pauly die absolute Ohnmacht und Unfähigkeit jeder 
Art von Selektion. Man war von allen Seiten über das Ziel hinausgeschos- 
sen, und wenn die Selektionstheorie in dem letzten Jahrzehnt sichtlich an 
Anhängern verloren hat, so steht zu befürchten, daß man mit ihrer Ab- 
lehnung das Kind mit dem Bade ausgießt. 

An der längeren Dauer der dem Optimum ihrer Art näherkommenden 
Lebewesen — so definiert die objektive Denkungsart das Selektionsgcsctz 
in der Biologie — kann nicht gezweifelt werden. Und zwar aus folgenden 
Gründen: Grundbedingung einer siebenden Wirkung ist Ungleichheit der 
Eigenschaften. In homogenen Systemen stellt sich keine Selektion ein. 
Nun ist doch die lebende Materie auf jeder ihrer Integrationsstufen ein 
komplexes System. Ob man nun die kleinsten belebten Einheiten, Waben 
und Fäden oder die Zellorganula oder die Zellen selbst betrachtet, überall 
walten Differenzen, welche verschiedene Grade von Vollkommenheit und 
damit Dauer bedingen. Das erweist sich schon an den in der Betrachtung 
des Funktionsgesetzes kennengelernten Tatsachen der junktionellen An- 

14* 

211 



passung, welche (vgl. Seite 48) von dem Hallenser Anatomen W. Roux mit 
Scharfsinn bereits als interplasmatisch erkannt wurde.»^) Was er nun mit 
dem Ausdruck „züchtender Kampf der Teile" belegt, und was Weismann als 
Germinalselektion bezeichnet, ist die Erfahrung, daß die einzelnen Teile des 
Zellsystems ungleich funktionieren und dementsprechend einige von ihnen, 
eben jene, die nicht dem Funktionsgesetz in allem entsprechen, vorzeitig 
degenerieren. Übrig bleiben die Optimalen. Das hat v. Hansemann an den 
Zellen des tierischen Eierstockes, K- Theslng an den Samenfäden in der 
Hodendrüse unmittelbar beobachten können. Erklärt ist damit die Ursache 
der Ungleichheit nicht, — sie liegt im Vitalen — wohl aber sind ihre Konse- 
quenzen offenbar. Sie sind gleichsam die Strafe der Weltgesetze für Un- 
tüchtigkeit. Daher erfolgt in allen nicht funktionierenden Teilen eine Rück- 
entwicklung. Die Existenz der rudimentären Organe (vgl. diese), das Er- 
blinden der in den Bergwerken verwendeten Pferde sind dafür ebenso 
zwingende Belege, wie die jedem Sportliebhaber bekannte Ertüchtigung des 
Körpers durch Training ein Beweis der Wirkung der Funktion ist. Und was 
intrazellulär, gilt auch für die Gewebe und die Individuen selbst. Die Un- 
gleichartigkeit der Leistungen bedingt die verschiedene Dauer. Die Aus- 
drücke Kampf ums Dasein, Wettbewerb um die Nahrung, Raum, Licht, Luft 
und Wärme, das sind alles nur Umschreibungen einer weit einfacheren Ge- 
setzmäßigkeit. Hätte man sich auf diese Formel beschränkt, wäre man nie- 
mals auf den Gedanken geraten, daß die Selektion ein aktives, entwickelndes 
Prinzip, daß sie eine „Kraft" sei und Fähigkeiten habe, daß sie die Organis- 
men vollkommener mache, und was an derlei irrtümlichen Behauptimgen 
aus dem reichen Schrifttum der Selektionstheorie noch mehr existiert. 

Wo wirklich ein aktiver Kampf der Organismen gegeneinander stattfindet, 
hat das an sich mit dem Selektionsgesetz nichts zu tun. So wenn ein Löwe 
oder Storch, die beide streng auf die unbeschränkte Herrschaft in ihrem 
Jagdgebiet halten, einen Rivalen, der eingedrungen ist, überfällt und nun ein 
Kampf auf Leben und Tod beginnt. Oder wenn die Knöllchenpilze eine 
Wurzel befallen und es ihnen gelingt, auf ihr Fuß zu fassen und die Pflanze 
dann die Pilze verdaut (vgl. Abb. 26 in Bd. II). Oder wenn die mächtigen, 
alten Bäume im Walde den in ihrem Schatten stehenden lichtgedrückten 
Nachwuchs nicht aufkommen lassen, bis nicht der Sturm einen der Waldes- 
alten fällt, worauf der Kümmerling die Erbschaft im Lichtraum antritt und 
nun das durch rasches Wachstum nachholt, was er jahrelang versäumte. 

Das sind nicht gesetzmäßig wiederkehrende, sondern gelegentlich vor- 
kommende Handlungen, und es gibt außer den gleich zu erwähnenden Ge- 
schlechtskämpfen keine regelmäßige Konkurrenz unter den Tieren und den 
Pflanzen. Darin hat sowohl Pauly recht, wie einer der scharfsinnigsten 
Kritiker des Auslegegedankens, der russische Zoologe Fürst Peter Kropot- 
kin, der mit vielem Glück an einem reichen Beobachtungsmaterial bewiesen 
hat, daß dem unfreiwilligen Wettbewerb eine absichtliche „gegenseitige 

212 




Abb. 83. Wettbewerb der Blattformen um die Belichtung durch Anpassung der 
Blattform und Mosaikbildung an einem Bachrand. Originalaufnahme 




Abb. 84. Der Wettbewerb der Samen 

Vergrößerter Längsschnitt durcli die Frucht 

des Ackerkümmels (NigcUa). OriKinalaufnahme 

von Frau Dr. A. Friedrich, München 





Abb. S5. Smciinthus ocellata in Schreckstellung. 

Unten Raupe des Weinschwärmers (Chaerocampa 

Elpcnor) in Schrcckstellung. Nach Weismann 




Abb. 86. Mimikry der italienischen Sol- 
daten im italienisch -österreichischen 
Kriege 1915 1Q18 

Versuch, sich im Gewirr der Baumschatten durch 
ein Zebra- oder Tigermotiv unl<enntlich zu ma- 
chen. Ein Beispiel für mimetischc Biotechnik. 



Hilfe" wenigstens im Tierreich gegenübersteht. Er zeigte, daß kranke Tiere 
von anderen gepflegt, blinde dauernd gefüttert werden, daß überall im Tier- 
reich jeder Funken von Intelligenz dazu benützt wird, die natürliche Un- 
gleichheit zu vermindern und dadurch der Ausmerzung der weniger Tüch- 
tigen so entgegenzuarbeiten, wie das auch der primitive Mensch mit Ge- 
schlechtergilden, Sippen, Blutsfreundschaft, der mittelalterliche durch Werke 
der Barmherzigkeit, durch Zünfte und Gilden, der moderne durch Staats- 
gefühl und sozialen Gemeinsinn übt. Der Kampf ist auch unter den Pflan- 
zen, auf die sich Kropotkins Werk nicht erstreckt, die Ausnahme; die An- 
passung, Vereinigung, die gegenseitige Hilfe ist die Regel. Nicht nur un- 
trennbare Gemeinschaften entstehen dadurch gleich den Flechten (vgl. die 
Bilder in Bd. I Abb. 93—94) und anderen Symbionten, sondern die einen 
unterstützen auch ganz in freier Existenz die anderen, von denen sie neben 
manchem Übel auch wieder Vorteile empfangen. Ein derartiges Verhältnis 
besteht z. B. zwischen den Bäumen und den Moosen. Die Bäume rauben 
durch ihr Laub den Moosen zwar das Licht, daran passen sich jene an und 
lernen es ertragen. Aber sie empfangen von den Bäumen auch den ihnen 
köstlichen Schutz vor der prallen Sonne und sind dadurch vor dem Ver- 
trocknen geschützt; sie gewähren wieder den Bäumen einen Wasservorrat 
in ihrem Rasen, ohne den kein Wald auf die Dauer bestehen kann. Moose 
und Bäume kämpfen also nicht gegeneinander, sondern unterstützen sich. 
Wo irgendwelche Pflanzen in dichtem Verein durcheinanderstehen, wird 
man wieder die Situation verwirklicht finden, die auf Bild 83 dargestellt 
ist. Die Blätter unterdrücken sich nicht gegenseitig, sondern bilden „Mo- 
saike", nicht nur interindividuell, sondern auch Art gegen Art. Das Ver- 
hältnis an einer solchen Hecke oder an einem Bachesrand liegt nun nicht 
etwa derart, daß zwischen den großen plumpen Blättern der Ampferarten 
oder Pestwurzen das feine Laubwerk der Milzkräuter oder das noch feinere 
der Geranien und Hundspetersilien zuerst alle möglichen anderen Formen 
versucht, bis nach und nach alles ausgemerzt wird, was nicht Licht genug 
erhält, — ganz im Gegenteil: die Pflanzen weichen solchen Kämpfen um 
den Lichtraum aus, indem sie entweder als Spreizenklimmer, wie es eben die 
Geranien oder die Mieren sind, sich aus dem Gewirr sie verdunkelnder Blät- 
ter herausheben oder durch Ranken zum Lichte klettern nach Art der Wald- 
erbsen oder mit besonderer Vorliebe ihre Blattstiele von Fall zu Fall opti- 
moklin so verlängern, daß jedes Blatt doch zu seinem Recht kommt oder, 
wie es der Efeu liebt, nach Bedarf die Blattgestalt aktiv ändern. Oben im 
Licht hat er zugespitzt eiförmige Blätter, unten im Schatten treibt er die be- 
kannten dreilappigen. Man untersuche nur das Bild 83 oder noch besser 
einmal einen Waldrand daraufhin, wie die Einzelpflanzen durch verschie- 
denen Wuchs die Ungunst der Lichtverhältnisse auszugleichen verstehen. 
Nicht Kampf, sondern Anpassung mit ihren Helferinnen: Tropismen, be- 
sondere Organe, teleologische Handlungen dominieren, und Kampf ist erst 

213 



das Letzte, wenn alles 
andere versagt hat. 

Und was oben im 
Licht, das geschieht 
auch unten in der Was- 
sertiefe. Überall sieht 
man die Bildung von 
Gemeinschaften, um 
sich den „Daseins- 
kampf" zu erleichtern. 
Stunden eines unbe- 
schreiblichen Vergnü- 
gens habe ich damit 
verbracht, Lebensge- 
nossenschaften nach 
Art der auf Abbildung 
87 dargestellten, in 
südlichen Meeren zu 
studieren, und immer 
wieder habe ich mich 
überzeugt, daß auch 
hier Intelligenz auf al- 
len Stufen der Indivi- 
duation danach strebt, 
dem auszuweichen, was 
nach der Darwin^schen 
Lehre das Gesetz wäre, 
das sie geschaffen hat. 
Ein solch großer Spiro- 
graphiswurm mit seiner 

stattlichen, hohen 
Röhre, aus der er 
seinen bunten Kranz 
heraussteckt, ist ein 
kleines Wirbelzentrum 
in den stillen Ecken 
der adriatischen Häfen, 
von dem eine bunte 
Gesellschaft von Lebensgenossen profitiert. Es ist nicht etwa so, daß das 
ganze Hafenwasser belebt war ursprünglich von Polypen, Würmern, 
Schnecken, Manteltieren und Muscheln, und daß nur jene, die im Schutze 
eines großen Röhrenwurmes standen, übrig blieben, sondern alle die 
Kleinen sind als Larven tapfer umhergeschwommen und haben sich den 



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Abb. 87. Ein stark bewachsenes Exemplar von Spiro- 

graphis Spallanzani von einem der Triestiner Hafenmoli 

(Verkleinert) 

N =. eine kleine Nachtschnecke. D = ein Röhrenwurm Dasyckone. 
K = Kalkschwämme. C =. ein Manteltier (Cione). Z =. eine nest- 
bauende JVluschel (Uma) in ihrem Nest. Nach Steuer. 



214 



Lebensplatz ausge- 
sucht, nicht etwa als 
Huxley*sche Gladiato- 
ren der Natur, um ge- 
geneinander zu kämp- 
fen, sondern in hüb- 
scher Anpassung an 
die Lebensgewohnhei- 
ten des anderen, jeder 
auf der Spähe nach 
Abfällen und noch 
nicht ausgenützten Vor- 
teilen, in deren Genuß 
er sich setzen, und auf 
die er sein Dasein auf- 
bauen kann. Was der 
große Wurm übrig 
läßt, darin teilen sich 
die Kleinen (D), die 
seine Stielröhre besie- 
deln. Es fällt noch ge- 
nug für sie ab, und sie 
profitieren mehr von 
seinen großen und 
kräftigen Wirbeln als 
den eigenen schwa- 




Abb. 88. Der Wettbewerb der Pilzhüte des Parasol- 
schwammes. Originalzeiclinung 



chen, die sie anstellen könnten. Was von ihnen verschmäht wird, genügt im- 
mer noch für die Mündchen der Kalkschwämme (K), die deswegen gern 
an solchen Orten siedeln. Die winzigen Polypen und Moostierchen sind 
auch noch für Brosamen dankbar, und auch die große Limamuschel (L) hat 
ihr Nest nicht deshalb aufgeschlagen, um die anderen zu ruinieren, sondern 
handelt wie ein kleiner Krämer, der die Messe besucht, weil schließlich, wo 
viel Leben ist, es auch für ihn mehr Verdienst gibt. Nur die Nacktschnecke 
(N) ist ein Räuber in diesem Idyll, da neben der gegenseitigen Hilfe und 
Eintracht es natürlich auch nicht an Krieg und Zwietracht fehlt. Man darf 
eben nicht in das andere Extrem verfallen und glauben, es gebe auch gar 
keine Ausmerzung. Wohl vereinigen sich Krabben und Anemonen sowie 
Schwämme zu Lebensgemeinschaften aufs friedlichste, aber die Krabben 
selbst beißen einander und raufen wie die Bauernjungen. Es gibt weder 
Symbiose noch Kampf allein; das Leben benützt alle beide. 

Ein besonders beliebtes Mittel der Organismen, der Selektion entgegen- 
zuwirken, ist die Auswanderung. Die Pilzhüte, die aus dem Mycel einer 
Spore entstehen (Abb. 88) stehen nur scheinbar miteinander in Wettbewerb. 



215 



Gewiß, sie machen einander den Platz streitig. Aber es ist ganz gleich- 
gültig, welcher von ihnen zuerst „reift". Es hat keiner und auch die Art 
hat keinen Vorteil davon, daß einer zuerst seinen Lebensgang früher vol- 
lende. Im Gegenteil, das Nacheinanderfertigwerden bedeutet den Nutzen. 
Denn jeder streut, wenn er ausgewachsen ist, seine vielen tausend Sporen in 
die Lüfte. Sie wandern aus, erfüllen einen ganzen Horizont mit ihrem 
Leben und weichen dadurch dem Wettbewerb und der Selektion nach Tun- 
lichkeit aus. Diese Auswanderung zur Sabotierung der Auslese ist den 
Biologen schon frühzeitig in die Augen gefallen, denn bereits einer der 
ersten Darwinisten, M. Wagner, gründete seine Migrationstheorie darauf. 
Trotzdem bleibt — und es ist notwendig, das immer wieder zu betonen — 
ein Rest von Wettbewerb, eben der, den das Teleologische, die Intelligenz 
im Lebensreich nicht zu beseitigen vermochte, übrig, und der wirkt als Sieb. 
Aktiv ist die gegenseitige Hilfe, die Anpassung, die Auswanderung, passiv 
ist die Selektion. Die Ungleichartigkeit bedingt verschiedene Dauer, und 
übrig bleiben diejenigen, die am meisten den Linien der Weltgesetze folgen. 
Dem sind auch wir unterworfen. Über das ist nun einmal nicht hinwegzu- 
kommen. Nur ist diese von den Phantasien gereinigte Selektion kein schöp- 
ferisches Prinzip, sondern nicht mehr und weniger als die große Walze, die 
unnachsichtlich die Welt so lange zerbricht, bis sie haltbar ist. Und es ist 
kennzeichnend für die ganze Artung des Menschengeschlechtes, daß man 
diese einfache und selbstverständliche Sachlage beileibe nicht aus logischem 
Zwang eingesehen hat, sondern erst Schritt für Schritt unter steten Zweifeln 
und Kämpfen, unter dem Druck eines mit unsäglicher Mühe erarbeiteten 
Beweismaterials. 

Besonders an eine Vorstellung klammerten sich die Verteidiger der 
„schöpferischen Selektion". Das ist die Mimikryerscheinung (Abb. 85, 86, 
89, vgl. auch Abb, 43). Jahrzehnte hindurch war sie das Paradebeispiel des 
mechanistischen Darwinismus. Ich kann ihre Kenntnis voraussetzen, umso- 
mehr als ich sie auf Seite 105 schon behandelt und dort als Konvergenz- 
erscheinung gedeutet habe, eine Auffassung, zu der sich übrigens auch 
P. Kammerer in seiner „Allgemeinen Biologie" bekennt. Es ist zunächst ganz 
unleugbar, daß der Mimetismus in jedem Fall „lebensverlängernd" wirkt, 
wenn auch oft in jenem ganz merkwürdigen Sinn, den zuerst der Münchener 
Philosoph Erich Becher aus der belebten Natur herausgefunden und als 
Anzeichen einer über die individuellen Seelenfähigkeiten hinausgehenden 
Anpassung gedeutet hat. Tatsächlich sind nicht nur die von ihm als Bei- 
spiel gewählten Gallen, sondern auch viele von den durch „Schreck- oder 
Warnfarben" geschützten Insekten in der Lage, sich für die Interessen von 
anderen Individuen allerdings der gleichen Art aufzuopfern. Wanzen sind 
im allgemeinen durch solche feurige, metallisch schimmernde oder gelbrote 
Farben ausgezeichnet, dazu durch schlechten Geschmack und stinkende 
Säfte, und man kann oft genug sehen, wie ein junger Vogel gierig nach 

216 



ihnen schnappt, den 
fetten Bissen aber so- 
fort unter allen Zeichen 
des Ekels ausspuckt. 
Die Warnfarbe hat 
dem Individuum gar 
nichts genützt, denn es 
ist doch zerhackt wor- 
den, wohl aber nützt 
sie allen anderen, ähn- 
lichen Wanzen: das 
Todesopfer ist eine Art 
heroischer Tat für das 
Volk gewesen, die An- 
passungsursachen rei- 
chen also über das in- 
dividuelle Leben hin- 
aus. In anderen Fällen, 
so bei der bekannten 
Trutzstellung des 

Abendpfauenauges 
(Smerinihus ocellatus, 
Abb. 85) oder auch 
der Raupe des Wein- 
schwärmers {Chaero- 
campa Elpenor) [Ab- 
bildung 85], die Weismann so besonders hervorhebt, kann man sich wirk- 
lich unmittelbar überzeugen, wie sich z. B. Hühner abschrecken lassen. 

Aber das ist ja keine Mimikry; das sind teleologische Vorgänge, Instinkt- 
oder Intellekthandlungen, deren Absicht es ist, die Selektion auszuschalten, 
ihr zu entgehen. Genau so, wie wenn die Soldaten der italienischen Armee 
im verflossenen Kriege sich, wie auf Abbildung 86 dargestellt ist, gelbgrün 
vermummten, um auf Bäumen unsichtbar zu bleiben. Und ob die berühmte 
Insektennachahmung der Orchideen (Abb. 89) Mimikry sein soll und mit 
dem Innenleben der Pflanzen zusammenhängt, kann heute niemand sagen. 
Tatsache ist nur, daß alle derartigen Blüten von den Insekten nicht zur 
Befruchtung gewählt werden, also gerade durch sie nicht fortgepflanzt wer- 
den können, wie es die Selektionslehre verlangt. Schöpferisch wirkt Selek- 
tion in keinem Fall dieser Mimetismen, weil diese alle schon da sein müssen, 
bevor die bestgelungenen übrig bleiben können. Immer ist sie nur im- 
stande, das zu entfernen, was als Störenfried der Optimoklise entgegenstand. 

Was das Gleichgewicht stört, wird durch die Selektion eliminiert — sie 
findet demnach gar keine Handhabe, um die Mimikryerscheinungen hervor- 




Abb. 89. Blüte der Orchideengattunij Oncidium Papilio, 

ein Beispiel von konvergenter Gestaltung des tierischen 

und pflanzlichen Organismus. Originalzeichnung 



217 



zubringen. Im Gegenteil, die besten und übertriebenen Fälle, also auch die 
mimetischen Orchideen, müssen durch sie entfernt werden, haben also schon 
deshalb zweifellos eine andere Entstehungsursache. Immer ist das Verhält- 
nis, soweit man die Natur beobachten kann, so, daß durch die Selektion 
ein gewisses Gleichgewicht erzeugt wird, indem das Selektionsgesetz jedem 
zu leben gestattet, der nicht gegen die Harmonie verstößt. Wie auch der 
deutsche Zoologe Richard Hesse, der an die Darwin 'sehe Theorie glaubt, 
sehr richtig sagt: wir bemerken von Kampf ums Dasein wenig, wir folgern 
ihn nur theoretisch. Die Störenfriede der Harmonie werden durch Regu- 
lationen in der Lebensgemeinschaft ausgemerzt. Ein allgemein bekanntes 
und hübsches Beispiel ist das übermäßige Auftreten von Mäusen nach 
einem milden Winter und trockenem Lenz. Diese Abweichung vom meteo- 
rologischen Gleichgewicht pendelt bekanntlich durch Ausschläge nach der 
anderen Seite so gründlich aus, daß im 100 jährigen Durchschnitt das 
Klima konstant erscheint. Die Folgeerscheinung aber, nämlich die Mäuse- 
plage bringt sofort günstige Ernährung und damit Vermehrung der Mäuse- 
feinde, der Mäusetyphusbazillen, der Bussarde, Eulen usw. im Gefolge 
und damit die Ausmerzung der Mäuse, bis wieder das Gleichgewicht her- 
gestellt ist. Freilich folgt danach auch wieder die Aussiebung der Mäuse- 
bussarde. 

Ein berühmt gewordenes Beispiel für die Zusammenhänge, unter denen 
sich die Selektion abspielt, ist die Tatsache, daß in der Nähe der Dörfer der 
Klee besser gedeiht als fern von ihnen. Das hängt in folgender Weise zu- 
sammen. Die Katzen leben in den Dörfern; es gibt dort keine Wildkatzen. 
Die Katzen jagen die Feldmäuse, diese wieder rauben in den Erdnestern 
der Hummeln Honig und Larven. Die Hummeln dagegen suchen die roten 
Kleeköpfchen ob ihres Honigreichtums mit Vorliebe auf. Also je weniger 
Mäuse, desto mehr Hummeln, je mehr Katzen, desto weniger Mäuse. So 
schloß Darwin, der auf diesen klassischen Fall von Selektion aufmerksam 
machte, und vergaß dabei, daß sich darin nicht so sehr ein mechanisches 
Gleichgewichtsgesetz ausspricht, als vielmehr ein klassischer Fall von Selek- 
tionssabotage durch die Willenshandlungen der Tiere. 

Die Hummeln selektieren die roten Kleeköpfchen nicht, sondern suchten 
sie, wenn keine in der Nähe der Dörfer wären, auch in den fernen Gemar- 
kungen auf; desgleichen werden die Feldmäuse in kornreichen Jahren die 
immerhin gefährlichen Hummelnester weniger behelligen. Es spricht also 
nicht eine starre mathematische Gesetzmäßigkeit aus diesen Vorgängen, 
sondern biologische Anpassung, eine Biotechnik, nämlich eine künstliche 
Auslese durch den Willen der Organismen, die mit dem Selektionsgesetz an 
sich nichts zu tun hat. Dieses würde sich vielmehr darin äußern, daß in 
einem schlechten Kleejahr die Katzen weniger Junge kriegen und dadurch 
selektiert werden. Das ist ein Moment, das die Literatur zur Selektions- 
frage noch gar nicht aus dem Gesamtkomplex der Fragen herausgeschält 

218 



und genügend beachtet hat. Der Wille, soweit er sich in der Natur äußert, 
nimmt auf eigene Faust Auslesen vor und kompliziert und stört so auto- 
teleologisch das selektive Weltgeschehen. Indem der Wille stets auf ein 
Objekt gerichtet erscheint, ist er ja bereits dem innersten Wesen seiner 
Funktion nach selektorisch. Hinter Schopenhauers Annahme eines allge- 
meinen Willens in der Natur, steckt — aus seinem Beweismaterial ist es 
wohl ersichtlich — die Ahnung des Weltselektionsgesetzes, dessen Wir- 
kungen er vielfach in seine Willensbegriffe verkleidet. Einmal darauf auf- 
merksam geworden, bemerkt man (wie auf S. 54 bereits vorweggenommen), 
daß die Sinnesorgane die Organe dieser Willensselektion sind. Indem ich 
einen Gegenstand ins Auge fasse, habe ich ihn selektiert, jeder Ton, den 
ich unterscheide, ist eine Selektion aus vielen — ja im Begriff „unter- 
scheiden" verrät mir schon die Sprache die Mechanik meiner dabei statt- 
findenden Auslesen. Natürlich muß das auf die Sinnestätigkeit hin in Tä- 
tigkeit gesetzte Denken und Erkennen dann ebenso selektiv beschaffen sein. 
„Denkbar" ist ein Wort, das nur in diesem Sinn verstanden werden kann. 
Unsere Seinsbeschaffenheit selektiert bereits die Umwelt; unser Erkennen 
ist seinem Wesen nach ein Herausheben nur gewisser Elemente aus dem 
gesamten Weltkomplex. Nur durch Selektion bilden wir den Begriff 
Naturgesetz (vgl. Bd. I S. 40, 89, 208). 

Selektion gehört also zur Einrichtung, zu den Vorbedingungen der 
menschlichen Erkenntnis überhaupt; sie gehört zu den Eigentümlichkeiten 
der biozentrischen Erkenntnisfähigkeit. So ist sie eine optimokUne Funk- 
tion und wird als Biotechnik ausgeübt, von uns und von allem, das teleo- 
logische Zusammenhänge herstellen kann. Unsere Psyche arbeitet so gut 
wie jede andere Person im Weltsystem in einem egozentrischen Sinn der 
mechanischen Panselektion entgegen. Es ist ihre Aufgabe, die Ungleich- 
heiten auszugleichen, die Nachteile, die durch Vererbung oder Umwelts- 
änderung eintreten, zu vermindern, indem sie auf biotechnischem Wege 
„Anpassungen" schafft, vor der Selektion die Punkte beseitigt, an denen 
sie angreifen könnte; es ist mit Hilfe von Sinnesorganen, Empfindungen, 
Vorstellungen und deren Verknüpfung ihr Zweck, über mögliche oder ent- 
standene Nachteile in der Zoesis zu orientieren, damit die Selektion sabotiert 
werden kann. Darum selektiert sie selber in einem optimoklinen Sinn, da- 
her imitiert sie das Weltgeschehen in einem der Person angenehmen Sinn 
(Kultur). 

Man werfe nun einmal mit diesen Gedanken im Kopf einen Blick auf das 
Menschenleben, einen auf das Gebaren von Tier und Pflanze. Selekteure 
sind wir alle jeden Tag mit jeder Tat und jedem Schritt. Da eilen die Abi- 
turienten zur Prüfung. Sie werden selektiert (Selekta!) auf die Eignung als 
künftiger Akademiker und Beamter hin. Unsere Freundin heiratet nach 
langem Suchen und Schwanken. Sie wäre entrüstet, wollte man ihres 
Herzens Nöte und Freuden so gefühllos benennen, trotzdem hat sie nichts 

219 



anderes getan; indem sie unter drei Bewerbern endlich einem den Vorzug 
gab, hat sie geschlechtliche Zuchtwahl getrieben. Jeder, der diese Zeilen 
liest, kritisiert sie nach seinem Verstand; was tut er dabei? Er selektiert 
das ihm brauchbar Erscheinende und gibt danach dem Buch Dauer in seiner 
Umwelt, oder er beachtet es nicht weiter, es existiert dann für ihn nicht 
mehr. Was ist Forschung und Wissenschaft überhaupt? Ein stetes Durch- 
suchen der Welt nach „brauchbaren" Zusammenhängen und Tatsachen zum 
Aufbau eines gewünschten Systems. Was macht der Kaufmann und sein 
Kunde? Beide wenden ständig das Selektionsgesetz an, sollten es daher 
kennen. Der Kaufmann selektiert seine Angestellten auf Eignung, seine 
Lieferanten, den Markt seiner Erzeugnisse, die Ware; sein ganzes Talent 
besteht überhaupt nur in selektiven Fähigkeiten, der Kunde aber wählt den 
Kaufmann und seine Ware in einer Oegenselektion nach anderen Gesichts- 
punkten. Eine typische Selektion sind die Musterungen der Rekruten. Der 
Rechtsanwalt liest im Tatsachenmaterial seines Falles die wesentlichen Züge 
aus, er gruppiert ihn danach (darum haben ja beide Gegenanwälte Argu- 
mente und zumeist beide auch richtige vorzubringen), dann selektiert er das 
Gesetzbuch auf die zusagenden Paragraphen. Das gesamte bürgerliche 
Leben ist nichts als eine fortgesetzte Anwendung der Selektionsgesetze. In 
ihm sticht namentlich noch eine Form dieser Betätigung besonders hervor, 
sie möge uns daher noch einen Augenblick Geduld abringen. Das ist die 
Selektion des Künstlers. 

Gerade das Kunstschaffen hat in verschiedenen Zeiten seiner Selbstbesin- 
nung und überwiegend bis heute (Expressionismus) von sich geglaubt, es 
sei ganz auf seine eigene, innere Autonomie gestellt, von göttlicher Freiheit 
und den Weltgesetzen entrückt. Aber noch nie ist ein Kunstwerk zustande 
gekommen, wenn es nicht auf das Genaueste den Weltgesetzen gemäß er- 
schaffen wurde und ihnen entsprach. Zu diesen gehört auch die Selektion, 
mag sie den Künstler bei seinem Schaffen noch so unbewußt leiten. In 
jedem Kunstwerk wird eine Welt aufgebaut; entweder, indem man versucht, 
Abbilder der „wirklichen", d. h. der Welt der Sinneseindrücke in Wort, 
Formen, Farben oder Tönen zu schaffen oder aber das Abbild einer vor- 
gestellten, inneren Welt. Stets ist die Schöpfung ein komplexes System, 
Jcann daher der Gesetze dieser Systeme nicht entraten. Zu ihnen gehört 
aber während des ganzen Schaffensprozesses die Selektion. 

Sie ist es, die in den ausgezeichneten kunsttheoretischen Aialysen R. H. 
M. Holzapfels^'') als die Exklusion bezeichnet wird. Die Analyse eines 
konkreten Beispiels wird das mit wenigen Worten klären. Wählen wir als 
solches irgendein Genrebild. Durch die Freundlichkeit eines Anhängers 
unserer Philosophie kann ich auf den Abbildungen 90 und 91 das Gemälde 
eines Künstlers, und die Photographie der „Wirklichkeit" wiedergeben, die 
ihm als Modell gedient hat. Auf den ersten Blick sieht man, wie der 
Maler die Welt der Sinneseindrücke für seine Zwecke selektiert, in welch 

220 




Abb. 92. Der Wettbewerb in der Blütenentwicklung einer 
Pirola 

.Vergrößerte Originalaufnahme von Frau Dr. A. Friedrich, München 



hunderterlei Beziehungen nach Formen, 1-arbe, Anordnung, Licht und Schat- 
ten er das „Wesentliche" hervorhebt. Unwesentliches zurücksetzt oder weg- 
läßt und dadurch einen nüchternen Hofwinkel zur Bildhaftigkeit umschafft. 
Diese zwei Bilder sagen es mit lauter Stimme: künstlerisches Sehen ist zu- 
nächst selektives Sehen. Gewiß ist es nicht das allein, so wie die Selektion 
auch nur ein sehr kleiner Winkel und nicht das ganze Um und Auf der 
Weltgesetze ist, aber hier wie dort, in der Welt des Kunstwerkes gerade so 
gut wie in der sonstigen Welt des Erlebens bestimmt sie über das, was da 
„bleibt", was im Sein geduldet wird. 

Und so wie der menschliche Intellekt arbeitet auch jeder andere Organis- 
mus bis hinab zu dem allereinfachsten. Was, nebenbei gesagt, ein Beweis ist, 
daß auch den einfachsten Lebewesen das „urteilende Prinzip", diese selek- 
tive Fähigkeit par excellence, nicht abgeht. Es hat seinerzeit in der Bio- 
logie großes Aufsehen erregt, als man bei Amoeben, Flagellaten und sonstigen 
Infusorien die Fähigkeit der Nahrungswahl entdeckte. Monas aniyli, ein 
winziges Geißelzellchen, durchzieht die Welt seines Wassertropfens rastlos. 
Hundert eßbare Dinge stoßen ihm auf; es verschmäht sie alle, aber Stärke- 
körner, die es findet, werden sofort angenommen. Von ihnen allein lebt 
diese Monade. Vampyrella Spirogyrae bohrt Grünalgen an. Aber es ver- 
meidet alle bis auf die Spirogyraarten. Gewisse Bakterien lassen sich nur 
durch Apfelsäure locken, andere nur durch Zitronensäure. Der Begriff der 
„elektiven Ernährung" ist den Biologen seitdem längst geläufig. 

Die Pflanzen zeigen sie in ihrem Wurzelleben genau so wie die Einzeller. 
Selektion spricht sich aus in der Bewegungswahl, die sie, die Bewegungs- 
unlustigen, mit größter Bedächtigkeit ausführen. Wenn man Abbildung 92 
betrachtet, kann man an der dritten Blüte des dargestellten Blütenstandes 
ein schönes Beispiel dieser Bewegungswahl erkennen. Die später so mächtig 
auswachsenden Griffel entwickeln sich früher (man sieht das an der zweiten 
Blüte sehr schön), die Blüte ist also protogyn. Wenn aber die Befruchtung 
unterbleibt, dann erfolgt eine Bewegungswahl der Staubfäden, um der 
Selektion vorzubeugen. Ein Staubfaden krümmt sich über die Narbe und 
führt autogamisch die Befruchtung aus. 

Eine andere Art von „Bewegungsvvahl" vollführt der Griffel in der Blüte 
des Fingerhutes (Digitalis) (Abb. 93), von dem vier Stadien abgebildet sind 
auf der ausgezeichneten Aufnahme, die ich Prof. Heineck verdanke. Die 
Blüte ist diesmal proterandrisch, und die Wahl liegt in dem Rhythmus der 
Wachstumsbewegungen. Die Staubfäden wachsen rasch und entfalten sich, 
während der Griffel ohne merkliches Wachstum bleibt. Erst wenn jene aus- 
geblüht haben, beginnen seine Wachstumsbewegungen und Entfaltung (das 
letzte Bild rechts). Auch in diesem Fall wird der Selektion vorgebeugt; 
würde nämlich die Pflanze nicht so handeln, dann käme es zu einer Selbst- 
befruchtung, die erfahrungsgemäß auf die Dauer wachsende Sterilität nach 
sich zieht. Im obigen Beispiel wurde die Autogamie erzwungen, in diesem 



wird sie verhindert, es wählt also die Pjlanze von Fall zu Fall das Mittel, 
um der Selektion zu entgehen. Sie übt eine Auswahl. In der gesamten 
Blütenbiologie kehrt auf seiten der Pflanze die gleiche Sachlage und Hand- 
lungsweise wieder; von seiten der Insekten, Vögel und Schnecken aber 
wird die Selektion wieder in einer so zielbewußten Weise geübt, daß sie 
seit langem als das Musterbeispiel aller selektiven Biotechnik gelten. 

Seitdem der deutsche Schullehrer Sprengel unter dem eisigen Schweigen 
der Zeitgenossen die Befruchtung der Blüten durch Insekten entdeckte, hat 
sich hieraus eine umfangreiche Zweigwissenschaft entwickelt, deren Beweis- 
material viele Tausende von Fällen umfaßt. Ganz zielbewußt suchen 
Bienen, Hummeln und Falter bestimmte Lieblingsblumen auf (man denke 
nur an den Hummel- und Bienenbesuch von Klee und Linde), die sich auch 
wieder an sie in den wunderlichsten Formen (s. Abb. 89 oder AquUegia 
Abb. 25 oder Berberis Abb. 40) angepaßt haben, durch Farben, Honig- 
sporne (Abb. 25), Einstäubungsvorrichtungen (Abb. 40), Düfte der herr- 
lichsten und der ekelhaftesten Art (der faule Uringeruch des blühenden 
Efeus), nur um ihnen die Selektion zu erleichtern. Das geht so weit, daß 
z.B. aus ihrer Heimat entfremdete Pflanzen wie die Vanille in unseren Glas- 
häusern mangels ihrer gewohnten Befruchter solange keine Frucht an- 
setzten, bis sich der Mensch zu ihrer Bedienung bequemte. 

Wenn die Selektionslehre glaubt, daß durch diese Wahltätigkeit der In- 
sekten die Blumenwelt ihre heutige Schönheit, den Farbenschmelz und den 
Wohlgeruch erworben hat, so muß kritische Besinnung den Entscheid hier- 
über von der genauen Kenntnis des „Weltbildes der Insekten" abhängig 
machen, die heute noch nicht erreicht ist, ja nach den neuesten Unter- 
suchungen des Ophthalmologen C. v. Heß scheint dies Weltbild höchst 
wahrscheinlich anders zu sein, als man bisher dachte. Jedenfalls aber selek- 
tieren die Insekten nach ihren Trieben, und die Blumenwelt ist ein Spiegel- 
bild des Insektengeschmacks. Eine von dem Willen und dem Weltbild der 
Tierseele abhängige Zuchtwahl üben auch alle Männchen aus, die sich auf 
die Brautschau begeben, und alle Weibchen, die ihre Huld verschenken. 
Darwin wußte das, und in seiner Theorie der „geschlechtlichen ZuchtwahV^ 
hat er die Tatsache vielleicht sogar überschätzt. Erstaunlich ist dabei, wie 
man die so leicht erkennbare Tatsache, daß hiebei nicht das mechanische 
Gesetz bloßer Ausmerzung des nicht Optimalen waltet, sondern die spe- 
ziellen Triebe der betreffenden Tiere, so völlig übersehen konnte. 

Der sexuelle Dimorphismus, die Zwiegestalt der Geschlechter, bald sehr 
wenig ausgesprochen wie bei den Fröschen (Abb. 94), bald aufs höchste 
ausgeprägt, wie beim Hirschkäfer (Lucanus) (Abb. 96 <S und $) oder den 
Paradiesvögeln, wird bei vielen von ihnen zur Paarungszeit noch gesteigert. 
Diese Erscheinung beschränkt sich nicht etwa auf die Hochzeitskleider von 
Fischen und Molchen, sondern ist auch bei niederen Krebsen vorhanden, 
ja selbst im Pflanzenreich ist sie nicht unbekannt. Wenigstens sieht man 

222 



zur Zeit der Fortpflanzung selbst an Windblütlern, wie z. B. der weiblichen 
Haselblüte, das prachtvolle Rot, das im ganzen Lebensbereich die Herzens- 
farbe der Sexualtriebe ist. Diese „Schönheit" scheint ihren Ursprung also 
in inneren Erregungszuständen, vielleicht in den erotisierenden Hormonen 
der Organismen zu besitzen. Bekanntlich ist auch der Mensch diesem 
sexuellen Dimorphismus unterworfen; das männliche Geschlecht zeichnet 
sich durch Größe, Körperkraft und die nach der Pubertät sich meldende 
Bartbildung aus, das weibliche durch die (in ihrer Entstehungsursache noch 
unerklärten) Brüste, die langen Haare und den zarteren, rundlichen Bau. 
Und tatsächlich spielen diese Momente bei der Paarungswahl auch eine sehr 
bedeutende Rolle. Der erotische Schönheitsbegriff hat sich nach ihnen ge- 
bildet, und daß schöne Mädchen mehr umworben werden als reizlose, ist 
eine Binsenwahrheit. Daß aber die schönen Mädchen und noch mehr die 
schönen Männer nicht gerade unbedingt mit dem Begriff Menschheits- 
optimum zusammenfallen, braucht ebensowenig zergliedert zu werden. Und 
genau so ist es in der Tierwelt auch. Die Geschlechter regen sich an diesen 
Merkmalen zur Begattung an, das ist alles. Nur bei einigen höheren Tier- 
gattungen, den Hirschen, den Auerhähnen und derlei hat man sich überzeugt, 
daß unter den vor einem Parterre von Weibchen kämpfenden oder tanzen- 
den oder sich als Rezitator (Laubenvögel) produzierenden Männchen aus- 
gewählt wird, aber für gewöhnlich nimmt jedes Weibchen den Mann an, 
der sich ihm zur Paarungszeit nähert. Und man wird doch nicht im Ernst be- 
haupten wollen, daß der beste Balzer oder Tänzer oder Sänger oder der bun- 
teste Paradieshahn der „Zweck" im Walten eines Naturgesetzes sein könne. Die 
geschlechtliche Zuchtwahl ist nichts als einer der vielen Beweise, daß auch 
die Tiere selektieren können, aber sie ist von keiner größeren Bedeutung. 
Was nun die Tiere so vielfällig können, das hat auch der Mensch von je 
geübt. Nicht nur in den nun schon zur Genüge erörterten Beziehungen, 
sondern auch an Tieren und Pflanzen, die er sich in bestimmter Hinsicht 
heranzüchten wollte. So wie Wissen und Schaffen eine selektive Biotechnik 
ist, so sind auch die Besonderheiten der Tiere und Pflanzen, mit denen sich 
der Mensch umgibt, kein Natur-, sondern ein Zivilisationsprodukt, entstanden 
durch künstliches Auswählen und dadurch am Leben Erhalten der von ihm 
gewünschten Eigenschaften. Legte ein Schafzüchter besonderen Wert auf 
feine Wolle, so suchte er mit rastlosem Bemühen aus den Herden Böcke 
und Schafe, die das zarteste Vließ besaßen, und kreuzte sie. Nach der 
Mendel-Regel waren dann Kinder zu erwarten, welche ebenfalls zarte 
Wolle tragen. Indem er das Verfahren fortsetzt, kann er Rassen von er- 
staunlich hoher Einseiligkeit heranzüchten. Oder er kann auf Mastflcisch 
hin selektieren oder auf Hornlosigkeit; kurz, man hat auf diese mühsame, 
aber einfache Art aus wildwachsenden Gräsern und Sträuchern Getreide, 
Zuckerrüben, Gemüse, Zentifolien, aus wilden Tieren den Haushund, die 
Rinder, die hunderterlei Taubenrassen, Geflügel, kurz einen großen Kreis 

223 



von Gefährten herangezüchtet, ein Kulturprodukt an die Stelle der Natur 
gesetzt. Den Entscheid, welche Eigenschaften und wieviel Rassen man 
„auslesen" konnte, fällte dabei natürlich nicht der Mensch, sondern es 
fällten ihn die Tiere und Pflanzen selbst. Daher gibt es z. B. von der Haus- 
gans nur ganz wenig Rassen, umsomehr aber von den Hunden oder den 
Kanarienvögeln; die Hausgans ist kaum variabel, die anderen umso mehr. 

Dieses Verfahren hat Darwin wohl gekannt und geübt und in Gedanken 
auf die Natur und die ganze Welt übertragen. Ohne Bedenken stellte er 
einen Begriff „Natürliche Zuchtwahl" auf, den er identisch nahm mit der 
künstlichen Zuchtwahl der Züchter. 

Es entging seiner Bedachtsamkeit dabei, daß alle „gezüchteten" Tiere 
einseitige Geschöpfe sind, deren Organismus wohl trachtet, die gestörte 
Harmonie ihres Eigenschaftenkomplexes regulatorisch wieder herzustellen, 
weshalb auch, wie jeder Züchter weiß, die „Rückschläge" {Atavismen nannte 
man sie mißverständlich) auf die Stammesart umso beharrlicher und häu- 
figer sind, je höher gezüchtet die Art ist, daß es ihnen aber nicht gelingt, 
die volle Harmonie wieder zu gewinnen, weshalb alle seit alters her be- 
kannten Kulturpflanzen und Kulturtiere höchst empfänglich für Krankheiten 
und so wie der Mensch kaum jemals robust gesund sind. Der Weinstock, 
die Zuckerrübe oder das Rind sind treffliche Beispiele hierfür; die er- 
steren zwei sind diejenigen Pflanzen, welche von den meisten Pjlanzen- 
krankheiten befallen werden (vgl. Abb. 9 in Bd. I), wie denn auch das Ge- 
treide unter epidemischer Erkrankung durch den Getreiderost leidet; die 
Kuh dagegen nimmt sogar bereits an der sinkenden Fruchtbarkeit und den 
Erschwerungen des Gebäraktes, die im Menschengeschlecht üblich sind, teil. 
Hunde und Pferde sind die einzigen Tiere, die in ihren „höchsten, also ein- 
seitigsten Rassen sogar seelisch erkranken; wie nervös Rennpferde sind, 
wissen die Turfbesucher, und der so intelligent dreinblickende Hund Rolf 
(Abb. 95), der den Streit um die Tierseele durch seine Klopfantworten und 
„Briefe", die er schrieb, aufs neue entfesselte, litt an geistigen Über- 
müdungserscheinungen und ging auch vorzeitig zugrunde gleich den an- 
deren Wunderkindern. 

Aber auch abgesehen von dieser unzulässigen Übertragung einer mensch- 
lich unvollkommenen Technik auf das gesamte Naturgeschehen und dem Über- 
sehen der Tatsache, daß jede irgendwann vorkommende, allzu scharfe Selek- 
tion korrigiert wird im Sinne des Ausgleiches, steckte in den Darwin-Wallace- 
schen Gedankengängen noch eine Täuschung, welche die nachfolgende Kri- 
tik auf das schärfste herausgearbeitet hat. Das ist der Irrtum, als ob die 
künstliche Zuchtwahl etwas Neues erzeugen könnte. Mit einer bemerkens- 
werten Unreinheit des Denkens setzten diese Engländer, die das spitze Epi- 
gramm, mit dem Nietzsche sie bedachte, wohl verdienen, den Zufall als schöpfe- 
risches Prinzip in die Selektionstheorie ein und zwingen dadurch, im Namen 
des Selektionsgesetzes sich auf das Entschiedenste dagegen zu verwahren. 

224 




Abb. 93. Verschiedene Zustände der Blüte des Fingerhutes (Digitalis pui 
purea) an aufgeschnittenen Blüten demonstriert. 

Originalaufiiahnie von Prof. Dr. O. Heineck, Alzcv 




Abb. 94. Der Liebesakt der (nasf rösche. N.itnr;uitnahnic von II. I Jopfcr, 
München 



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Die auch von Hacket übernommene Darwin' ?,q.\\q. Selektionslehre nimmt 
an, daß alle Nachkommen eines Elternpaares untereinander und gegen die 
Eltern ungleich sind. Das ist eine Beobachtungstatsache; ihre Beachtung 
entspringt auch dem richtigen Gefühl dafür, daß Selektion immer nur in 
heterogenen Systemen ihre Angriffsfläche findet. Aber die Selektionisten 
täuschen sich über die Tragweite dieser Veränderlichkeit. Sie machten 
die willkürliche, daher unzulängliche Annahme, daß alles das, was sie er- 
klären wollten, nämlich die verschiedenen Eigenschaften, schon da seien 
als zufällig entstandene Abänderungen in der Nachkommenreihe, die nun 
die Selektion im Sinn des Optimalen nur mehr heraus zu isolieren braucht. 
Und das ist falsch. Dieses Irrtums halber bekämpfte man und kritisiert 
man noch heute die Selektionslehre der Darwinisten. Und auch die objek- 
tive Denkungsart wendet sich davon ab und weiß sehr wohl, daß Selektion 
in dem Sinn ein ohnmächtiges Prinzip sei, weil sie nur Bestimmungen 
über die Erhaltung des im Sinne der Weltgesetze Liegenden trifft, nicht 
aber selbst der Schöpfer der Welt ist. 

Für den aber haben sie die Materialisten gehalten, die eine Generation 
hindurch triumphierend verkündeten, nun sei es verständlich geworden, 
wie die Welt, wie der Geist entstanden sei. Sie seien aus der Nichtweit, 
also dem Nichts, aus dem Nichtgeist, also dem Unsinn rein mechanisch 
herausselektiert worden. 

Das ist heute längst und schon vor der objektiven Philosophie berich- 
tigt worden. Erstens hat die Mendel-RtgtX gezeigt, nach welchem Gesetz 
die kleinen Abänderungen der Nachkommen sich verteilen, und woher sie 
stammen. Sie deckte das Würfelspiel der Vorfahrenmerkmale auf. Anderer- 
seits aber haben höchst mühsame und gewissenhaft ausgeführte Unter- 
suchungen — die Namen Johannsen, Galton und Quetelet, ein Däne, ein 
Engländer und ein Belgier stehen darin an der Spitze — erwiesen, daß 
diese kleinen Abänderungen in langen und reinen (d. h. nicht durch Kreu- 
zung verwirrten) Fortpflanzungsreihen wieder verschwinden. Man bezeich- 
nete sie deshalb als Ftaktuationen, weil sie die unveränderlichen Typen 
gleichsam umtanzen (vgl. Abb. 97) in einem Reigen, der sich niemals ändert. 

Wenn man die soeben genannte Abbildung studiert, ist sie der Nieder- 
schlag folgender Beobachtungen. Man denke sich einen beliebigen Pflan- 
zen- oder Tierbestand, eine „Population", wie das die Selektionstheoretiker 
nennen, und wir untersuchen nun die vorhandenen Abänderungen, z. B. an 
einer Ernte weißer Bohnen die Samen mit schwarzen Flecken. Wir werden 
bald Varianten finden, die wir nun der Größe nach geordnet in eine Varia- 
tionsreihe einordnen. Bald stellt sich dann heraus, und das ist bei allen 
variationsstatistischen Untersuchungen so, mögen sie sich auf was immer 
beziehen, daß es bestimmte Variantengruppen gibt, von denen einige sehr 
zahlreich sind. Diese nennt man die „Mode'' der betreffenden Abänderung 
(z. B, Schuhform, die „man" trägt), wobei die Formen, die zwischen den 

Franci, Bios U '^ 

225 




Abb. 97. Diagramm von fünf reinen Linien (A, B, C, D, E) einer Bohnenrasse, die in Probierzylinder sor- 
tiert sind nach den Merkmalen. Jedes Merkmal zeigt dieselbe Variationskurve. Die Bohnenreihe A— E ist 
eine aus der Summe der fünf reinen Linien gebildete Population, deren Variantenverteilung mit der der 
remen Linien übereinstimmt. Die Variation hebt sich aber wieder auf und führt zu keiner dauernden Ände- 
rung der Eigenschaften. (Nach Johannsen). 

Extremen den „Mittelwert" halten, sich sehr häufig mit der Mode decken. 
Je extremer die Abweichungen sind, desto seltener sind sie auch. 

Dieser Erfahrungskomplex wird unter dem Namen des QueteleVszhtn 
Gesetzes begriffen. Man hat es bestätigt gefunden an der Fruchtlänge von 
Pflanzen, an den Kleidermoden, am Hirngewicht des Menschen, in der 
Häufigkeit von mathematischen Fehlern [Gauß'schts Fehlergesetz, ausge- 
drückt durch die binomische Formel (a + b)"], kurz, es hat sich als allge- 
meines Charakteristikum des Seins erwiesen. Die Ergebnisse solcher varia- 
tionsstatistischer Untersuchungen, aufgetragen auf ein Koordinatensystem, 
wobei die Werte auf die Abszisse, die Zahl der untersuchten Individuen auf 
den Ordinaten eingetragen sind, ergeben Kurven wie die dargestellte, die 
meist symmetrisch sind und nur einen Gipfel aufweisen. Sie machten das 
je nachdem schreckliche oder tröstliche Resultat sinnenfällig, daß das Mit- 
telmäßige in allem die Majorität hat, also das Sein bestimmt. 

Johannsen wählte nun aus solchen reinen Populationen von Bohnen ein- 
zelne aus, befruchtete sie mit sich selbst (um eben Kreuzung zu ver- 
meiden) und unterwarf ihre Nachkommen wieder der variationsstatistischen 



226 



Prüfung. Wieder ergab sich eine entsprechende, natürlich kleinere Kurve. 
Und so läßt sich der ganze Bestand in solchen Kurven weiterzüchten, die 
zusammengenommen wieder die große GaUon-KuT\c ergeben. (Vgl. An- 
merkung 88.) 

Wenn man also die Selektion in einer Richtung konsequent fortsetzt, 
werden die Variationsmöglichkeiten immer geringer (gemäß dem Galton- 
schen Rückschlaggesetz), niemals wird Selektion eine Steigcrimg der Varia- 
bilität hervorrufen. Sie liest eben nur das Vorhandene aus, aber sie schafft 
nichts Neues. Sie arbeitet rein negativ. Damit war auf mathematisch exakte 
Weise bewiesen, was sich die Logik schon längst sagte, daß die Darwin- 
sche. Selektionstheorie falsch sei! Nicht die Selektion bereichert die Welt 
der Organismen an Merkmalen, das tun nur die Mutationen, und diese ent- 
stammen dem Innenleben, wie auf Seite 162 ausgeführt ist.»!») So hat die 
V ererbungswissenschaft definitiv gegen Darwin entschieden und damit auch 
alle darauf aufgebauten Folgerungen sowohl der rein materialistischen wie 
der HäckePsohtn Schule zu Fall gebracht. 

Die Übertragung der Züchtertechnik auf die ganze Natur war ein großer 
Irrtum, und der Begriff des Selektionsgesetzes muß von nun an einen an- 
deren Inhalt haben, als ihn die materialistische Generation prägte. So rundet 
sich nun dieser Gedankengang zu Einsichten, die jeder Kritik standhalten, 
weil sie nichts als eine Beschreibung des in allem Geschehen Wieder- 
kehrenden sind. 

Unbestreitbar ist die Verschiedenheit der Individuen in bezug des Er- 
reichens ihres Optimums auf jeder Integrationsstufe des Seins, soweit sie 
sich noch zu komplexen Systemen zusammenschließen. Unbestreitbar ist 
auch die Tatsache, daß je nach dem Grad, in dem ein Seiendes dem 
bestmöglichen Sein näher steht, es mehr Aussicht auf Dauer hat. Der bes- 
sere Schwimmer wird sich länger auf dem Wasser erhalten können als 
der schlechte, das härtere Gestein ist widerstandsfähiger als das weiche 
gegen die Abnützung, das den Menschen mehr bietende Buch bleibt län- 
ger im Gebrauch als das unverständliche oder rasch veraltende. Es be- 
stimmt also der Grad der Optimoklise die Dauer. Das ist zwar kein zwin- 
gender Schluß, aber eine Erfahrungstatsache von, wie in diesem Abschnitt 
gezeigt wurde, so allgemeiner Bestätigung, daß sie zur praktischen Ge- 
wißheit wird. 

Eine notwendige Konsequenz dieser Tatsache aber ist, daß schon durch 
das bloße Walten der Zeit infolgedessen nicht alles in einem gegebenen 
Erlebensmoment Vorhandene erhalten bleibt. Die Welt zerfällt in eine 
Stufenfolge von Dauerhaftigkeiten, deren Gesetz lautet: Die Dauer regelt 
sich nach der Annäherung an das Optimum alles Seins: an die Harmonie 
der Welt. Nur diese letzte Seinsform hat absolute Dauer. Das verstehe 
ich unter Selektion. Da aber das Optimum durch die Funktionen erreicht 
wird, so bestimmt deren Art über die Dauer der Seinsstufen. Soweit in 

15* 

227 



diesen Funktionen Wahlfähigkeit, also ein Intellekt sich ausspricht, ist es 
diesem Intellekt anheimgegeben, die Funktionen des Individuums in der 
Richtung auf längere Dauer und Reibungslosigkeit zu regeln. 

Da der Mensch diese Wahlfähigkeit wenigstens teilweise besitzt, liegt es 
in seiner Hand, sich jeweils so zu verhalten, wie es dem jeweiligen 
Optimum seiner Situation entspricht. In den unbewußten Funktionen wird 
das Optimum ohnedies nicht unbegrenzt aufrecht erhalten, ebenso veran- 
laßt der nicht absolut harmonische Zustand der Umwelt oft genug Störun- 
gen, die dem System ebenfalls ein Ende bereiten können. Wenn aber auch 
die wählbaren Handlungen gegen das Optimumgesetz gerichtet sind, treten 
Entwicklungen und Änderungen ein, die entweder das Handeln wieder 
optimoklin gestalten oder die Dauer des Lebens abkürzen. 

So ist es in des Menschen Hand gegeben, entweder durch sein Handeln 
und Wirken das Weltoptimum, die große Harmonie ihrer Verwirklichung 
näher zu führen oder deren Werden zu verzögern. Im letzten Fall gerät 
er in widersinnige Bewegung zur allgemeinen Richtung des Weltgeschehens, 
und der Teil zerreibt sich am Ganzen. Im ersteren Fall wird der Mensch 
nach einem zwar nicht absolut, aber relativ weit reibungsloseren Dasein 
auch nach dem Zerfall seiner Integrationsstufe einen für jedes weitere 
Sein günstigeren Weltzustand vorfinden. 

So ist er eingeordnet in ein System, das durchgängig die Dauer alles Ge- 
schehens nach dessen Annäherung an die Weltgesetze sortiert. Selektion 
tront wie ein dunkler, aber gerechter und unbestechlicher Richter über der 
Welt und duldet nur das im Sein, was den Gesetzen dieses Seins gemäß ist. 



Anmerkungen und Zusätze 

82 (Zu S. 199). Es wird eine Aufgabe der vergleichenden Biologie sein, die wirk- 
lich eine biocoenotische Einheit bildenden d. h. von einander in der Ernährung und 
in den gegenseitigen Anpassungen abhängigen (Schutz!) Pflanzen und Tiere in ihren 
natürlichen „Lebensgemeinschaften" zu erfassen. Denn es ist zweifellos, daß z, B. 
das für Heideboden kennzeichnende Edaphon, die Nostocaeen und Phormidien des 
Sandbodens, die Flora des Callunetums (mit Calluna vulgaris, Erica tetralix, den 
Vaccinien, Empetrum, Arctostaphylos, Ulex, Ginster usw.), die spezifischen Heide- 
moose und Flechten sowie Pilze (Cetraria, Cladonia, Boviste), dazu die Sandlauf- 
käfer (icindeliden) und gewisse Schmetterlinge (Lycaenen), die Erdhummeln, Heide- 
schnecken (besonders Helix ericetorum, sericea und andere xerophile Schnecken), 
die Haubenlerchen, Goldammern, Wachteln und andere Charaktervögel der Heide, 
die Mäuse und Kaninchen eine ganz geschlossene, gesetzmäßig in sich zusammen- 
hängende Lebenseinheit bilden. Und was für die Heide gilt, trifft ebenso für Steppe 
und Wiese, die Felsenflur, den Wald aller Arten, die Brüche, das Moor, den Sumpf, 
den Teich, die Tundra, die Salzformationen und die Wüste in der Art zu, wie ich es 
in meinem Buche über München (München, H. Bruckmann's Verlag 1920) und in 

228 



meinem Werkchen: Die Kultur von morgen. Dresden (C. Rcißner 1922) eingehend 
bearbeitet habe. 

Die objektive Philosophie fordert diesen tiefer dringenden biologischen Blick von 
der Wissenschaft auch namentlich im Hinblick auf die Schule, die nur eine derartig 
einheitliche und im Hinblick aufs Lebensganze eingestellte Biologie der Heimat 
brauchen kann. 

83 (Zu S. 203). Hierin beruht der ganze Unterschied zwischen der antiken und 
modernen Mathematik, worauf O. Spengler, wenn auch nicht ganz klar, aber doch 
scharfsinnig in seinem „Untergang des Abendlandes" (Bd. 1) hingewiesen hat. 

Tatsächlich hat erst Newton in seiner „Fluxionsrechnung" den Begriff der Diffe- 
rentiale angewendet, die dann von Leibniz und Lagrange (fonctions derivdes) zur 
Differential- und Integralrechnung erweitert wurde. Die Griechen gelangten niemals 
über die bloße Formulierung der irrationalen Zahl (durch den Platoschüler Theatet) 
hinaus, wie bei Archimedes klar hervorgeht in seiner Abhandlung über die Sandzahl, 
in der er sich ausdrücklich weigert, das Vorstellbare, also die Zocsis zu überschreiten. 

Infolge dessen blieb auch die gesamte antike (die Römer waren in den Wissen- 
schaften reine Barbaren und daher Nachbeter des griechischen Geistes) Wissenschaft 
im Bereich der Zoesis, ein Beweis, wie wenig die Euklidische Geometrie geeignet 
ist, zur Grundlage für unsere Mechanik des Himmels zu dienen (vgl. Band 1), 
die sich daher denn auch, wie in diesem Werke einleitend ausgeführt, die Relativi- 
tätstheorie für ihr extrazoetisches Weltbild schaffen mußte. Vgl. zum Problem der 
mathematischen Historie: M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. 
2. Aufl. Leipzig. 1902. Zum Begriff der Differentiale: Stolz, Grundzüge der Diffe- 
rential- und Integralrechnung. Leipzig. 1893—99. 

84 (Zu S. 208). Vgl. außer dem im Text genannten Werk von Malthus noch H. 
Spencer, The theorie of population. London 1852. — G. Stille, Der Neomalthusianis- 
mus. Berlin 1880. — Kaatsky, Der Einfluß der Volksvermehrung. Wien 1880. — 
E.Diihring, Kursus der National- und Sozialökonomie. Leipzig. 1892. Während '/g der 
bewohnbaren Erde nur 1—10 Einwohner auf dem Q ^^ zählen, hat Europa durch- 
schnittlich 25—50, Vorderindien und China durchschnittlich 50—100. Das Jang-tse- 
Kiangtal ist mit über 200 Menschen pro D km übervölkert, ebenso die Gangesebene, 
das Nildelta, Brabant und Flandern, sowie die Gegend von Lyon. 100—200 Einwoh- 
ner leben im Rheingebiet und seinen Nebenflüssen (Neckartal), in Sachsen und in der 
lombardischen Tiefebene. 

85 (Zu S. 211). Vgl. A. Weismann, Vorträge über Deszendenztheorie. 3. Auflage. 
2 Bde. Jena \Q\i. — L. Plate, Selektionsprinzip und Probleme der Artbildung. 4 Aufl. 
Leipzig. 1913. — A. Pauly, Darwinismus und Lamarekismus. München 1905. 

86 (Zu S. 212). Vgl. W. Roux, Gesammelte Abhandlungen über Entwicklungs- 
mechanik. Leipzig. 1895. 

87 (Zu S. 220). Vgl. R. M. Holzapfel, Panideal. 1910. 

88 (Zu S. 227). Vgl. hierzu W. Johannsen, Elemente der exakten Erblichkeits- 
lehre. 2. Aufl. Jena 1913. — Quetelet, Anthropometrie. Paris 1871. — F. Oalton, 
Hereditary Genius. 1869. — F. Galton, Natural-Inheritance. London 1889. — C. B. 
Davenport, Statistical methods with Special Reference Biolog. Variation. 2e cdit. 
New-York 1904. Galton, auf dem nächst Quetelet die ganze Richtung fußt, hat die 
Beziehungen zwischen Eltern und Nachkommenmerkmalen an 928 erwachsenen Nach- 
kommen von 205 Elternpaaren berechnet und dabei gefunden, daß jedes Kind vom 
Mittelwert der Bevölkerung um Vs weniger abweicht als seine Eltern. Das hat sich 
— wenn auch zahlenmäßig etwas different — für alle Lebewesen herausgestellt, und 
diese Erkenntnis bildet den Inhalt des Galton'schen Rückschlagsgesetzes, das man 
in folgenden zwei Sätzen formuliert hat rA:fl/"/"^''<'^>'-- Die Nachkommen weichen weni- 
ger vom Typus ab, als die Eltern. Sie weichen jedoch nach derselben Richtung vom 

229 



Durchschnitt ab wie die Eltern. Das gilt aber, wie Johannsen gezeigt hat, nicht für 
„reine Linien" (Biotypen). Bei diesen vereinigt sich eine fluktuierende Variabilität, 
ein stetes Anderswerden sehr wohl mit einer bemerkenswerten innerlichen Konstanz 
der Typen im gesamten Lebensbereich, wie im Text ausgeführt ist. 

89 (Zu S. 227). Hierher gehören auch die in ihrem Tatbestand kaum anzweifel- 
baren Ergebnisse des deutschen Zoologen Th. Eimer, die ihn zu der Überzeugung 
führten, daß es auch eine bestimmt gerichtete Variabilität gebe. In seiner als Ortho- 
genese bezeichneten Theorie stellt er z. B. den Satz auf, daß die Zeichnungen der 
Tiere in den phyletischen Reihen bereits eine Verstärkung in gewissen Richtungen er- 
kennen lassen, die erst bei einem bestimmten Nachkommen Schutzwirkung üben 
mögen, bis dorthin also gewiß nicht lebenserhaltend gewirkt haben können. Ganz 
unverkennbar berührt er damit das Problem der Entfaltung durch Mutation aus inne- 
ren Ursachen und verdient dadurch eine weit größere Beachtung, als sie dem leider 
zu früh Gestorbenen zuteil geworden ist. Vgl. Th. Eimer, Orthogenesis der Schmet- 
terlinge. 1897. 



230 



Das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes 



Ableitung des Gesetzes aus der Analyse des Seins — Frühere Formulierung des 
Gesetzes. Lex parsimoniae in der alten Teleologie — Das Hamilton'sche Prinzip — 
Das Gauss'sche Prinzip des kleinsten Zwanges — Das Ökonomieprinzip von Mach — 
Das kleinste Kraftmaß ist nur im optimalen Fall realisiert, daher bedingt die Opti- 
moklise der Welt eine Parsimoklise — Das Trägheitsgesetz eine Anwendung des Ge- 
setzes vom kleinsten Kraftmaß — Die Gravitation eine Umschreibung des gleichen 
Gesetzes — Viele Gesetze sind nur Umschreibungen der Parsimoklise — Alle Funk- 
tionen verlaufen parsimoklin — Alle Naturformen sind Formen des geringsten Wi- 
derstandes — Sonderanwendungen des Gesetzes — Das Kräfteparallelogramm — 
Das Fermat'sche Prinzip der schnellsten Ankunft — Der Weg der Strahlen ist stets 
der kürzeste Weg — Die Parsimoklise im Kristallbau — Der kleinste Widerstand 
modelliert die Erosions-, Abrasions- und Küstenformen — Das kleinste Kraftmaß in 
d-er Vulkantätigkeit — Das Ökonomieprinzip im Organischen — Der Bau der Zellen 

— Das Prinzip des inneren Baus der Pflanzen — Die T-Träger und Trajektorien im 
Organismus — Der Bau der Insekten als Beispiel des ökonomieprinzipes — Die Par- 
simoklise in der Technik — Der Begriff der Werkkunst — Die Ökonomie der Ver- 
kehrslinien des Städtebaues — Das kleinste Kraftmaß als Bedingung des Kunstwerkes 

— Die dramatische Form als ein Fall von Parsimoklise — Der kürzeste Weg im 
Denken — Teleologie als die Verwirklichung des kürzesten Weges — Logik als die 
Linie des kleinsten Widerstandes im Denken — Recht und Ehrlichkeit als Spezial- 
fälle der Parsimoklise — Die Ethik als ihre Verwirklichung — Die Sparsamkeit und 
ihre Gesetze im täglichen Leben — Das kaufmännische Denken eine Anwendung des 
Gesetzes vom kleinsten Kraftmaß — Gemeingültigkeit des Gesetzes — Historische 
Anwendungen als göttliche Gesetze und kategorische Imperative — Praktische An- 
wendungen in der Neuzeit als Taylorsystem — Das Taylorsystem des Organismus 

— Die Notwendigkeit eines kulturellen Taylorismus — Seine Durchführung der 
größte „praktische" Nutzen der objektiven Philosophie — Die Überwindung des 
Materialismus durch den Idealismus des Gesetzes und der Aufbau einer vollendeten 

Zivilisation als Plattform einer Kultur — Anmerkungen und Zusätze. 

In der Idee eines vollkommenen Seins liegt unabweislich auch die Vor- 
stellung eingeschlossen, daß dieses Sein an eine Form gebunden ist, die 
ihre Vollkommenheit mit dem kleinsten Aufwand an Quantität und Quali- 
tät erreicht und Funktionen ausübt, durch die auf dem kürzesten Wege die 
Dauer dieses Seins erreicht wird. Das haben wir bereits bei dem ersten Ver- 
such einer Analyse erkannt (vgl. Bd. I Seite 81), und seitdem ist uns ein 

231 



solches „Gesetz" des kleinsten Kraftmaßes vielenorts, z. B. gelegentlich der 
Betrachtung der Funktionen, der Selektion und der aus ihr übrigbleiben- 
den optimalen Fälle entgegengetreten. Es zeigte sich sogar, daß die An- 
wendung des Optimumgesetzes auf die Funktionen von ihnen notwendiger- 
weise das kleinste Kraftmaß fordert; von zwei gleichwertigen Beziehungs- 
reihen ist die stabilere und darum häufiger vorkommende, schließlich auch 
allein übrigbleibende stets jene, in welcher die Leistung mit geringeren Mit- 
teln realisiert ist. Es gehört also der Begriff des kleinsten Kraftmaßes da- 
durch notwendiger Art zu dem des Seins selbst. 

Eine so leicht erkennbare Beziehung der Dinge mußte natürlich jedem 
Kopfe bewußt werden, der das Problem des Seins auch nur einigermaßen 
durchdachte, und so hat das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes seine lange, 
in diesem Buch der Tatsachen allerdings nur flüchtig erwähnbare Ge- 
schichte, die als Gesetz der kleinsten Wirkungen von Leibnitz zuerst for- 
muliert, dann von Maupertuis viel erforscht, als Sparsamkeitsprinzip der 
Natur (lex parsimoniae) weit in die Zeiten der alten Physikotheologie zu- 
rückreicht und meist als Beispiel für die Rationalität der Schöpfung und die 
überragende Weisheit des Welturhebers mit besonderer Vorliebe gepflegt 
wurde. In irgendeiner Form, als Minimal-Maximalprinzip fehlt diese Vor- 
stellung seit Helmholtz eigentlich in keinem Denksystem. Wenn ich es 
auch einer Geschichte der objektiven Philosophie überlassen muß, diesen 
langen und sehr anziehenden Weg der Klärung eines so wichtigen, wenn 
auch für die Kultur noch mehr als für das Weltgeschehen bedeutsamen 
Gesetzes darzustellen, so sei hier doch wenigstens auf einige der wich- 
tigeren Etappen dieses Weges hingewiesen. 

Ganz unkritisch wurde das Sparsamkeitsprinzip von den alten Meta- 
physikern und Theologen in einer ästhetisierenden Form übertrieben, bis 
dann diese Phraseologie vor der unwiderstehlichen ratio kantischer Logik 
unhaltbar wurde, wenngleich auch er gelegentlich sich auf den Standpunkt 
stellt, daß von der „Sparsamkeit der Natur" mit Recht gesprochen werden 
könne.90) Zugleich aber durchschaute Kant in der Kritik der Urteilskraft 
den biozentrischen Ursprung dieser Sparsamkeitsvorstellungen, indem er in 
ihnen nichts als eine „subjektive Maxime der Urteilskraft" sieht.^i) 

Dieser freie Standpunkt, von dem aus man alle Türen der Erkenntnis 
offen sah, wurde aber von den mechanistisch naiv denkenden Physikern 
wieder verlassen, als sie, gleich dem englischen Astronomen Hamilton, in 
dem nach ihm benannten Prinzip ^2), ebenso dem Franzosen d'Alembert 
(d'Alembert'sches Prinzip) und dem Deutschen K. F. Gauß (Prinzip des 
kleinsten Zwanges ^s) zu den Vorstellungen der Minimalprinzipe zurück- 
kehrten, ohne die auch H. Hertz nicht den Wunderbau seiner Pan- 
mechanik aufführen konnte (sein Prinzip der geradesten Bahn). Daß 
es sich hierbei tatsächlich um eine fundamentale Notwendigkeit des 
Denkens handelt, geht daraus hervor, daß aus diesen Minimalprinzipien 

232 



die gesamte Mechanik mitsamt dem Relativitätsprinzip abgeleitet werden 
kann. 

Deshalb mußten auch die physikalischen Denker, welche die Mechanik 
mit ihrem Substanzbegriff aufzuheben unternahmen, also E. Mach und 
R. Avenarius^*) ebenfalls das Prinzip des kleinsten Kraftmaßes stehen 
lassen. Der Schweizer Denker sah sich sogar bemüßigt, es zur grund- 
legenden Architektur eines seiner Hauptwerke zu verwenden, und der 
Österreicher Mach führte es wenigstens in der Form ein, daß er seine 
empirische Naturauffassung auf zwei „praktische Prinzipien" fundierte: auf 
das der Einfachheit und der Ökonomie. Beides sind Masken für die Hamil- 
ton-Gauß'schen Vorstellungen. Wenn, wie Mach sagt, das Ziel der NX'issen- 
schaft nichts anderes sein kann, als die Erfahrungen durch zusammen- 
fassende Beschreibungen so zu ersetzen, daß sie durch den geringsten Auf- 
wand an Gedankenarbeit übersehen werden können, dann macht er das 
Prinzip des kleinsten Kraftmaßes damit sogar zum obersten Leitmoment der 
Ordnung, dem er alles unterordnet. 

Und von da zieht sich ununterbrochen die Verwendung des Begriffes 
der Sparsamkeit als Merkmal der Vollkommenheit durch das gesamte 
philosophische Denken der Gegenwart bis zu //. Driesch^^), ohne daß er 
aber jemals in die zentrale Bedeutung für das Weltbild gerückt wäre, die 
ihm als einem wesentlichen Merkmal des stabilen Seins zweifelsohne zu- 
kommt. Es möchte fast scheinen, daß mit dem Durchschnittsdenken zu- 
sammen auch die philosophische Besinnung die Tendenz zum kleinsten 
Kraftmaß alles Geschehens als Selbstverständlichkeit aufzufassen geneigt 
ist, was aber /. Petzoldt in seinem Werk über das Weltproblem (S. 166) 
schon trefflich abgewehrt hat, wenn er sagt: Sehen wir uns aber solche 
„Selbstverständlichkeiten" näher an, gleich dem Satze, daß zwischen zwei 
Punkten die kürzeste Linie die gerade sei, so finden wir, daß sie auf zahl- 
reichen positiven und negativen Erfahrungen beruhen, die niemand vor- 
aussehen könnte, wenn er sie erst als reifer Mensch machen müßte. Man 
könnte sich die Dinge ganz anders denken, als jene Axiome sie beschreiben. 

Ist demnach zwar die Erkenntnis, daß der Begriff des kleinsten Kraft- 
maßes sich in vielen Beziehungen finden läßt, schon längst sozusagen zum 
Gemeingut des wissenschaftlichen Denkens geworden, so fehlt es umso- 
mehr an der Einsicht, daß eine ideale Ökonomie in den Beziehungen weit 
seltener erreicht worden ist, denn eine bloße Parsimoklise. Das Geschehen 
ist nur im optimalen Fall wirklich das der geringsten Mittel, sonst aber 
verläuft es im allgemeinen nur sparsam (ökonomisch), d. h. dem Ideal- 
verhältnis zwischen Ergebnis und aufgewendeten Mitteln im allgemeinen 
nur annähernd. 

Überschaut man von diesem Standpunkt aus die Welt der Erscheinungen, 
so wird man zunächst inne, daß alle Funktionen nicht nur optinioklin, 
sondern auch parsimoklin ablaufen. Angesichts des zu erzielenden Zweckes 

233 



wird stets nur das unbedingt Notwendige in Aktion gesetzt. Wenn die 
Mechanik feststellt, daß sich jeder frei bewegliche Körper so dreht, daß 
sein Schwerpunkt in Ruhelage kommt und dies auf dem Wege des gering- 
sten Widerstandes erreicht, hat sie damit einen Beweis dieser allgemeinen 
Parsimoklise gegeben. Wenn man nämlich einen Stab, dessen Schwerpunkt 
etwa in seiner Mitte liegt, mit zwei Fingern oben so faßt, daß er sich 
drehen kann, so hat er ein stabiles Gleichgewicht, das er auch sofort ein- 
nimmt, ohne erst in anderen Richtungen zu schaukeln oder andere Dreh- 
bewegungen auszuführen. Er beschreibt hiebei den kürzesten aller denk- 
baren Wege. Bringt man ihn durch Drehen aus dieser Lage heraus, dann 
stellt er sich von selbst immer wieder auf dem kürzesten Wege in die 
gleiche Lage des optimalen Gleichgewichtes ein. Hier äußert sich Ziel- 
strebigkeit zur Erreichung des Optimums, und das kleinste Kraftmaß liegt 
auf dem Wege dazu. Die Schwerkraft, die auch in diesem Beispiele wirkte, 
ist überhaupt nichts anderes, als eine Umschreibung des Gesetzes vom 
kleinsten Kraftmaß, was denn im allgemeinen viele Gesetze und Beschrei- 
bungen von Naturvorgängen mit ihr teilen. 

Wenn sich irgendwo im Räume zwei Massenteilchen finden, üben sie auf- 
einander eine anziehende Kraft aus, die zwar proportional zum Produkt der 
Massen beider im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat ihrer Distanz steht. 
In dieser Gravitationsdefinition von Newton, welche aufgestellt wurde, um 
die Planetenbewegungen zu erklären, dann aber auf die ganze Astronomie 
und zuletzt auf die gesamte Physis übertragen wurde, ist eigentlich nichts 
als eine (noch dazu nicht ganz zureichende) Beschreibung der Tatsachen 
enthalten, und sie legt fest, daß diese rätselhafte Fernwirkung den kür- 
zesten der möglichen Wege zwischen den Massenteilen beschreitet, also dem 
Ökonomiegesetz folgt. 

Es sind demnach auch die zwei berühmt gewordenen Newton^sch^n Sätze, 
sowohl der Satz von der Trägheit, wie das sogenannte „zweite Prinzip", 
welches aussagt, daß die Kraft, die auf einen Körper wirkt, gemessen werde 
durch das Produkt aus seiner Masse und der Beschleunigung, wobei die 
Kraft immer in der Richtung wirke, welche die Beschleunigung hat, des- 
gleichen nichts als Umschreibungen unseres Gesetzes. Der ohne Kräfte in 
Ruhe bleibende Körper, so selbstverständlich das auch scheinen mag, wendet 
tatsächlich das kleinste, in diesem Fall Null betragende Kraftmaß zur 
Änderung seiner Lage an. Der Begriff der Vektoren aber schließt den des 
kürzesten Weges, also wieder unser Gesetz ein. Wenn einer daher auf der 
Trambahn aus dem fahrenden Wagen springt und gewaltig hingeschleudert 
wird, dann erlebt er es am eigenen Leibe, daß seine Masse auf die öko- 
nomischeste Weise ihren Platz behalten wollte. Die Trägheit ist der 
kürzeste Weg und das kleinste Kraftmaß. 

Noch schlagender wird unser Gesetz offenbar im Kräfteparallelogramm. 
Die Diagonale ist stets der kürzeste Weg, wenn an einem Punkt zwei 

234 



Kräfte von verschiedener Richtung angreifen, ebenso ist die Schwingungs- 
dauer der elastischen Schwingungen (vgl. Abb. 57) der günstigste unter 
den möglichen Fällen, und die Parabel eines Geschosses die Verwirk- 
lichung der kürzesten der möglichen Linien. Dasselbe gilt für die Kreis- 
bewegung oder die Bahn der zentrifugalen Kräfte. 

Die Gesetze der Vektoren beherrschen den Strahlengang, so wie die der 
harmonischen Bewegung den Gang der Wellen, von denen sich die Strahlen 
dadurch unterscheiden, daß sie Vorgänge sind, die sich schnell und gerad- 
linig ausbreiten, weshalb, strenge genommen, die Optik gar nicht von 
Strahlen sprechen dürfte. Da aber das Sparsamkeitsgesetz sich in beiden 
Arten von Bewegung verwirklicht, ist der Unterschied der beiden für uns 
an dieser Steile gegenstandslos. Wellen entstehen, wie bereits im Funk- 
tionskapitel (vgl. S. 15) ausgeführt ist, wenn durch eine Kraft das Gleich- 
gewicht eines Punktes gestört wird und er sich nun eine neue Gleich- 
gewichtslage sucht, nach Aufhebung der Kraft aber wieder zurückwandert. 
In beiden Fällen tut er dies auf dem kürzesten der möglichen Wege, also 
nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. 

Das Paradigma hierfür ist das schon erwähnte FermaVsche Prinzip der 
schnellsten Ankunft (vgl. S. 65 und 71). Der Lichtstrahl, der stets den 
kürzesten Weg nimmt, wenn er auch nicht der schnellste ist, zeugt so un- 
widerleglich für die Tatsache der Parsimoklise, daß wir uns weitere 
Exemplifikationen aus dem Gebiete der Funktionen getrost sparen können. 

Nicht anders steht es auch auf dem Gebiet der Chemie. Das Prinzip der 
Maximalarbeit (vgl. S. 62), das der französische Chemiker Berthelot für 
jede chemische Veränderung nachgewiesen hat, ist das Prinzip des größten 
thermochemischen Effektes, das natürlich wie jedes Maximalergebnis auch 
in den Satz größter Leistung bei kleinstem Energieaufwand umgebaut 
werden kann. 

Der Bau der Kristalle ist durchgängig von dem Gesetz des Optimums 
und folgerichtig daher auch von dem des kleinsten Kraftmaßes bedingt. 
Schon ihre Entstehung aus Achsenkreuzen und Skeletten (vgl. das Bild der 
Schneekristalle, Abb. 31 in Bd. I) bedeutet die sparsamste Verwendung des 
Materiellen, und die bekannten drei Hauptgesetze, denen sie unterliegen, 
sind der Weg, um diese Ökonomie in der Raumausnutzung, denen auch die 
Anordnung der Partikel in den Raumgittern folgt, zu verwirklichen. Schon 
die Tatsache, daß nicht alle denkbaren, sondern nur bestimmte Raumgitter 
und Kristallformen verwirklicht sind, verweist unbestreitbar auf den Weg 
unserer Denkungsart, die in den Kristallen geradezu den Idealfall für öko- 
nomische Raumerfüllung durch die verschiedenen Arten von Molekülen er- 
blicken muß und als ihre Hauptstütze die Verwirklichung der Mathematik 
(Gesetz der rationalen Zahlen!) in den Kristallen ansieht. Damit paßt es 
sehr gut zusammen, daß der Kristall der Zustand molekularer Stabilität ist; 
solange die kristallinische Struktur intakt ist, bleibt auch der Kristall un- 

235 



veränderlich; er geht höchstens in andere kristallinische Seinsstufen über, 
so z. B. als Anpassung an den Wechsel der Temperatur in andere Tem- 
peraturformen (vgl. Bd. I S. 119). Erst muß der Kristallbau zerstört, also 
die optimale Anordnung der Partikel verlassen sein, bevor seine Materie in 
molekulare Wechselwirkungen eintritt. 

Es ist nun selbstverständlich, daß das Prinzip des kürzesten Weges, nach- 
dem es einmal durchgängig die Mechanik und damit den chemophysikali- 
schen Prozeß bestimmt, auch in allen geologischen, geophysikalischen, 
meteorologischen, astronomischen und biologischen Beziehungen auffindbar 
sein muß. Es ist aber immerhin interessant, diese Erscheinungen trotzdem 
aufzusuchen, umsomehr als sie den betreffenden Wissenschaften meisthin 
gar nicht bewußt sind, für sie daher eine Art Entdeckung bedeuten, die zu 
weiterem Forschen und besserem Verständnis leiten wird. Handgreiflich 
meldet sich das Gesetz des geringsten Widerstandes da zunächst in den 
Tatsachen der Erosion, die uns schon so vielfach als treffliches Demon- 
strationsobjekt der Weltgesetzlichkeiten gedient hat. 

Stets arbeitet die Erosion, und zwar Erosion in weitestem Sinne, also 
sowohl die Abschleifung durch das Wasser wie durch den Wind oder durch 
Eis, ebensogut durch das bewegte Wasser im Binnenland wie an der 
Meeresküste in der Richtung des kleinsten Kraftmaßes, wofür ich zunächst 
einmal das reichliche Bildermaterial der Abbildungen 98 — 101, dann aber 
auch Bild 10, 12, 51, 56—58 zu studieren bitte. Es ist höchst geeignet, um 
Anschaulichkeit zu verschaffen, wie die Gesetze der Funktion und Selektion, 
des Optimums und des kleinsten Kraftmaßes in der Natur ineinandergreifen 
und sich verknüpfen zum Wunderwerk des Seins. 

Stets ist die Erosion in (vektoriell) senkrechter Richtung tätig, bei der 
Süßwasser- und Gletschererosion also gegen den Mittelpunkt der Erde zu, 
und sie ruht nicht einmal dann, wenn sie senkrechte Wände eingeschnitten 
hat, wie es in Bild 50 und 98, die den Kesselbergfall im bayerischen Hoch- 
land und eine benachbarte Klamm des Lainbaches darstellen, der Fall ist. 
Denn dann schreitet die Erosion, wie es namentlich auf Bild 50 instruktiv 
zu sehen ist, noch immer nach rückwärts und zerlegt die Felswand, an 
welcher der Bach arbeitet, in eine Reihe von Terrassen, die dann in ein- 
zelnen Fallstufen überwunden werden. Aus jedem Wasserfall wird so all- 
mählich die Stromschnelle. Dort, wo der Wasserschwall die Felsenwand 
seitwärts trifft, ist seine Kraft wieder dem Gesetz des kürzesten Weges 
Untertan, um tiefe Seitenhöhlungen auszunagen, wofür Abbildung 98 (Höhle 
über dem Wasserstrahl) Anschauung gewähren möge. Natürlich entstehen 
auf diese Weise auch in den Abflußrinnen der Gletscher (Abb. 99) senk- 
recht ausgekolkte Höhlungen (sogenannte Gletschertöpfe), namentlich, 
wenn darin durch die lebende Kraft des Wassers auch scheuernde Steine um- 
hergetrieben werden, eine Erscheinung, die sich übrigens neuerdings auch an 
Flußläufen gezeigt hat, in denen sich Kolke von 30—50 m Tiefe fanden. 

236 




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Abb. 98. Strudellöcher (Auskolkungen) durch die Kr;ift stronu i ,\ 

Motiv vom LainbachfaU bei Koclicl in den bayerischen Alpen, uii^ni.il.iiiin.iin 



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Abb. 101. Das kleinste Kraftmaß in der anorganischen Natur 

Der Mäander eines Baches als der Weg des geringsten Widerstandes. Motiv 
aus einem Hochmoor im Schwarzwald. Originalaufnahme 



Es bemißt sich nun der Ort dieser Tätigkeit je nach dem geringsten 
Widerstand, den das Gestein der Erosion gegenüber leistet, wodurch ja 
überhaupt die Reliefierung der Landschaft (man sehe sich daraufhin be- 
sonders Bild 53 und 55 an) zustande kommt. Wie oft sind Bergesgipfel, 
Grattürme, Klippen und andere aus dem Mittelgebirge emporragende Fels- 
gebilde nichts anderes als die Zeugen der Gesteinssortierung nach den 
Härtegraden, selektiv vorgenommen durch die Erosion nach dem Prinzip 
des geringsten Widerstandes. 

Es werden dadurch auch scheinbar dem Prinzip des kürzesten Weges so 
widerstreitende Naturformen geschaffen, wie der anmutige Mäander 
(Abb. 101), den alle Bäche und Flüsse der Ebene, gleich ihrem der Er- 
scheinung den Namen gebenden kleinasiatischen Genossen bilden. Der 
kürzeste Weg ist eben immer nur der kürzeste der möglichen Wege; das 
darf in den Wirkungen unseres Gesetzes niemals vergessen werden! Der 
Fluß nagt sich überall dort durch, wo er den geringsten Widerstand findet, 
schlägt also den Verhältnissen gemäß jeweils den kürzesten Weg ein. Mag 
dieser, rein mechanisch genommen, auch noch so sehr als Kraftvergeudung 
erscheinen, so bedeutet er dennoch eine parsimokline Leistung. Genau nach 
gleichem Gesetz vollzieht sich das Abgleiten eines Gletschers an der Tal- 
vvand (Abb. 100). Auch hier wird der Ort des geringsten Widerstandes ge- 
sucht; das härteste Gestein nur gerade angekritzt und poliert, wie das sehr 
schön an den Trichterwänden der Strudellöcher (Abb. 99) zu sehen ist, das 
weichere so ausgeschürft, daß dadurch Trogtäler nach Art des obersten 
Zemmgrundes in den Zillertaler Alpen (Abb. 100) entstehen, in dem das 
Waxeggkees nun seine charakteristischen Moränen ablagert. So wie die 
Erosion den Ort der Sättel, Mulden und Gipfel je nach dem Gesteins- 
charakter determiniert, so bestimmt die viel härter arbeitende Eiserosion die 
scharfen Hochgebirgsf ormen ; sie spitzt die Gipfel dermaßen zu, wie das 
dem Bergsteiger von dem Karwendel-, Wetterstein- oder Kaisergebirge in 
Tirol geläufig ist, und modelliert die großen Wannen, die nach dem Ab- 
schmelzen der Gletscher übrig bleiben; sie rundet und poliert die „Rund- 
linge" (Abb. 3 bis 5) und übertieft die Täler, in denen dann die harten 
Gesteinsmassen als Höcker am Talausgang in landschaftlich so reizvoller 
Weise übrigbleiben, daß sie, wie zu Salzburg, Kufstein, Sion oder Bellinzona 
in der Schweiz das Urteil A. v. Humboldts rechtfertigen, hier seien die 
schönsten Orte im gesamten Bereich der irdischen Schönheit. 

Bekanntlich wirkt ja dabei nicht das Eis als solches, sondern der feine 
Schlamm und Grus seiner Grundmoräne, auf dem das Eisgewicht so lastet, 
wie die Hand des Tischlers auf dem Hobel, wobei das stete Frieren und 
Wiederauftauen den Felsgrund durch die Zermürbung vorbereitet. Wie 
stark diese mechanische Wirkung ist, wird durch die Angabe von Heß illu- 
striert, daß die Gletscher dem Bergkamm in jedem Jahrhundert 1 bis 3 m 
von ihrer Höhe rauben. 

237 



Genau so wirkt auch die Erosion des fließenden Wassers nur durch die 
mitgeschleppten festen Bestandteile, wobei ja nur Vs der Niederschläge sich 
in lebendiger mechanischer Kraft auswirkt (Vs bleibt Grundwasser, und der 
Rest aller Niederschläge wird im Gesteinsmantel der Erde chemisch ge- 
bunden). Dabei hat die Erosion drei Phasen von sehr verschiedenem 
Wirkungsgrad. Im Sammeltrichter wirkt das Wasser in der bislang be- 
trachteten Weise einschneidend; im Tobel oder Hals des Laufes nur trans- 
portierend, im Tal dagegen sogar aufbauend in Sandbänken und Geröll- 
mengen, die sich kegelförmig ausbreiten. In jeder Phase aber folgt das 
Wasser dem kürzesten Weg, so daß es unter Umständen auch auf jeden 
Weg verzichtet und sich dann im Unterlauf zu Sümpfen, sogar zu Seen und 
Lagunen (Deltabildungen) staut, aus denen es in vielen kleinen Armen 
seine kürzesten Auswege sucht. Es ist daher jedes Flußnetz eine Karte 
der Stellen des geringsten Widerstandes, die dabei so fein ausgearbeitet 
ist, daß Höhenunterschiede von minimalster Größe auf ihr schon sichtbar 
werden in der Verteilung der Wasserscheiden. 

Genau nach gleichem Gesetz regeln sich aber auch die Druckunterschiede 
in der Atmosphäre, wobei Winde und Wolken in der mannigfaltigen Ver- 
teilung mit der gleichen untrüglichen Bestimmtheit den geraden Weg zum 
Orte des Minimums aufsuchen, wie ein Wasserlauf die tiefste Lage unter 
den möglichen, worauf ja übrigens die Anwendung der Libelle als Was- 
serwage beruht. 

Auch im Vulkanismus liegt schönes Demonstrationsmaterial zugunsten 
unseres Gesetzes vor aller Augen. Stets entweichen die im Magma gebun- 
denen Gase wie der Dampf aus einem Kessel an den Stellen des geringsten 
Widerstandes, wobei sie das Magma mitzureißen pflegen. Das nennt man 
dann Vulkanausbruch, dessen Intensität in dem Augenblick sinkt, in dem 
der Ausgleich zwischen innen und außen einzutreten beginnt. 

Eine so zum Grundsatz alles physikalischen Geschehens gewordene Art 
von Beziehungsverkettung muß nun auch im lebendigen Getriebe nach- 
weisbar sein. Und so Ist das ökonomische Prinzip sozusagen ganz selbst- 
verständlich eine der obersten Maximen, die sich in allen physiologischen 
Prozessen erkennen läßt. Längst hat die biologische Forschung sie darin 
auch erkannt, und es bedarf hier nicht erst des Nachweises, sondern bloß 
der Erinnerung und des Hervorhebens der auffälligsten solcher parsimo- 
klinen Erscheinungen. 

Im besonderen haben als erste Biologen, die dem Okonomieprinzip des 
Lebens zielbewußt nachforschten, der Schweizer S. Schwendener, dann der 
österreichische Botaniker G. Haberlandt an den Pflanzen in großen Wer- 
ken nachgewiesen 9«), daß diese zunächst in mechanischer Hinsicht die An- 
forderung größtmöglichster Festigkeit mit der einer möglichsten Sparsam- 
keit in der Verwendung von Mitteln zu vereinigen wissen. In einer un- 
endlichen Variabilität werden von der Pflanze auf allen ihren Integrations- 

238 



stufen die Festigungseinrichtungen (Stereome) nach dem Prinzip der Spar- 
samkeit angelegt. 

Das zeigt sich schon innerhalb der Zelle selbst. Als klassisches Beispiel 
dafür habe ich in meinen botanischen Schriften mehrfach die Kicselal^cn- 
zelle angeführt (vgl. Bd. I Abb. 65, auch Bd. II Abb. 118), welche in 
ihrem edaphischen Leben darauf angewiesen ist, unter Umständen einem 
großen Druck zu widerstehen, daher der Festigungseinrichtung bedarf. Des- 
halb wird in der Membran Kieselsäure ausgeschieden. Es bleiben aber 
durchwegs die überflüssigen Stellen davon frei, es werden aus der Wand 
gewissermaßen die Füllungen herausgenommen und nur jene Verspannungs- 
linien mit festem Material ausgearbeitet, die „gleiche mechanische Leistung 
bei größter Materialersparnis" gewährleisten. 

Das gleiche sieht man auch im Zellverband an jenen Zellen, die als ,,Ste- 
re'iden" tätig sind. Man werfe einen Blick auf den anatomischen Bau von 
Tannennadeln, Oefäßen, Stämmen und von Fichtenholz, wie sie in Abb. 31 
sowie 102, 103, 105 dargestellt sind. Vom Feinsten bis zum Gröbsten wird 
man darin stets das Prinzip der Ökonomie im Bau (beste Leistung mit ge- 
ringsten Mitteln) entdecken und es in hundert kleinen Zügen bestätigt fin- 
den in dem Maße, in dem man sich selbständig in die Bilder vertieft. Mit 
größter Gewissenhaftigkeit hat man Jahrzehnte hindurch die verschiedenen 
Arten von Wandverstärkungen in den Pflanzengefäßen (Abb. 31) beschrie- 
ben und unterschieden, ohne ihren Sinn zu kennen. Mit den „Riefen'' und 
sogenannten Schalenzeichnungen der Diatomaceen und anderer Einzeller 
(vgl. Abb. 117 und 23) geschieht dies noch heute; sie werden mit größtem 
Fleiß beschrieben und untersucht, um systematische Merkmale zur Unter- 
scheidung aus ihnen zu gewinnen. Die Windeln werden also erzogen, das 
Kind, ihr eigentlicher Sinn wird völlig übersehen. Noch jetzt fehlt es auch 
in bezug der pflanzlichen Zellwandstrukturen an einem vergleichenden 
Studium, welche Vorteile in materialökonomischer Hinsicht den einzelnen 
Bautypen, also den spiraligen, ringförmigen und sonstigen Arten von Ver- 
dickung zukommen. Der Bau des Holzes, in den Bild 103 einen über- 
raschend lehrreichen Blick tun läßt, ist in dieser Hinsicht ein wohlabgcwo- 
genes System der verschiedensten Zelltypen, deren Form stets aus der Har- 
monie zweier Faktoren, nämlich der jeweiligen Funktion und dem Prinzip 
der Ökonomie in der Materialverwertung verstanden werden kann, eine Ar- 
beit, die, nebenbei erwähnt, noch gar nicht in Angriff genommen worden 
ist. Das reicht von den feinsten Struktureigentümlichkeiten bis zu den ganz 
großen Zügen der Organisation. Als Beweis dafür lege ich in Bild 102 den 
Querschnitt eines dreijährigen Ästchens der Eibe (Taxus baccata) vor. 
Auch darin redet das Okonomieprinzip ganz unverkennbar. Die Nadelhölzer 
haben keine besonderen Stereome, wie das Holz der Laubbäume oder die 
Halme der Gräser und Stämme der Palmen, sondern ihr Holzteil ist als 
Ganzes die Stütze und in gewisser Weise als Stereom eingerichtet. Als 

239 



solches stellt er im gegebenen Fall eine Röhre dar, was bekanntlich die 
günstigste Form ist, um mit kleinstem Materialaufwand die größtmöglichste 
Festigkeit zu erreichen. Wie aus der Abbildung ersichtlich, ist dagegen 
die Borke wieder nur ein Agglomerat luftgefüllter, toter Zellen; sie haben 
eben nicht zu stützen, also wird ihnen nur wenig Baustoff zugemessen. 
Und in dem Querschnitt einer Fichtennadel (Abb. 105) kann man alles 
Gesagte nochmals in instruktivster Weise rekapitulieren. Die Festigungsele- 
mente sind da als verdickte Zellen in einem Längsstrang in das Zentrum 
verlegt; ganz fein abgewogen sind aber noch einzelne Stränge von Skleren- 
chymzellen eingeschoben; die Schutzscheide des Gefäßbündels ist einiger- 
maßen verstärkt, und um die Harzgänge an der Peripherie jeweils ein 
Mantel von verstärkten Zellen gelegt. Auch unter die Epidermis, die doch 
großen Anforderungen an mechanischer Beanspruchung genügen soll, ist 
eine Schichte von Stützzellen eingeschoben. Schon diese komplizierte Archi- 
tektur verrät es, wie wohlabgewogen ein solcher Bau sein muß, in dem 
von Fall zu Fall entschieden ist, wo Festigungsgewebe eingelegt werden 
müssen und wo nicht. 

Genau so wenden auch die Miniaturbäumchen der Moose wieder auf ihre 
Weise die mechanischen Prinzipien der großen Bäume an. Wer sich in den 
sehr instruktiven Längsschnitt eines solchen Moospflänzchens (Abb. 64) 
vertieft, kann daran raffinierte Anwendungen des Sparsamkeitsgesetzes fin- 
den. Überall sind Festigungszellen nur dort angebracht, wo die Funktion 
es fordert, so in dem „Pflaster", auf dem die schweren Krüglein der Arche- 
gonien stehen, und in dem zentralen Strang längsgerichteter Zellen, der zu- 
gleich der Wasserleitung dient; oft sind sogar in ausgesuchter Weise ein- 
zelne Festigungszellen in ganz lockeren Geweben eingestreut, genau so 
viel, als die Belastung erfordert. Sogar in den Pilzen verflechten sich die 
Fäden zu Marksträngen, wenn es das Bedürfnis heischt, und so sind im gan- 
zen Pflanzenreich Skelettbildungen vorhanden, die, wie Haberlandt nachge- 
wiesen hat, ebenso frühzeitig angelegt werden wie im Körper der Tiere, 
wo — man sehe sich die Abbildung des Skeletts des Menschen und der 
Menschenaffen im folgenden Kapitel darauf hin an — aufs feinste ausbalan- 
ciert, die Materialvergeudung nirgends auch nur mit einem Quentchen 
Knochensubstanz Verschwendung treibt. 

Es ist natürlich, wie man bemerkt haben wird, das unerschöpfliche Ge- 
biet der Biotechnik, auf dem sich das Prinzip der Material- und Funk- 
tionsersparnis auswirkt. Alle organischen Maschinen, seien das nun die 
Traggerüste bei Pflanze und Tier oder die Bewegungsmechanismen, die 
Werkzeugmaschinen der Tiere oder die Schwimm- und Flugapparate, sind 
gerade auf das hin in einer Weise selektiert, daß sie der nachahmenden 
menschlichen Technik immer wieder noch als Beispiel dienen können. 

Um nur einen Beleg für viele herauszugreifen, so sei an die Musku- 
latur der Insektenbeine erinnert. Es gibt wenige Organe des Tierkörpers, 

240 








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2 f E 




Abb. 104. Die Anpassungen eines Kerftieres 

Menschliche Filzlaus (Phthyrius inguinalis) mit ihren spezifisch als Klammerorganen umgebildeten 
zwei Beinpaaren. Schwach vergrößerte Originalmikroaufnahme des biologischen Instituts München 




Abb. 105. Querschnitt durch eine Fichtennadel 

Die Anordnung der Zellen und aller Organe verwirklicht das Okonomiegesetz nach Art des Taylor- 
syslems durch eine musterhafte Arbeitsteilung. Die Gefäße (s) sind in einem Bündel zusammenge- 
faßt, die nötigen Versteifungen sind auf bestimmte sichelförmige Trajektorien beschränkt, das As- 
similationsgewebe ist ein Muster von Raumökonomie, um eine assimilatorische Maximalleistung zu 
ermöglichen. Vergrößert. Nach Tschirch 




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Die Verteilung der Ableitungswege nach dem Prinzip des kleinsten 
Kraftmaßes 

Naturselbstdruck des Biologischen Instituts München 



die zu einer so mannigfaltigen und ausdauernden Tätigkeit befähigt sind, 
wie gerade das Insektenbein, das darin trotz seiner scheinbaren Steifheit 
und seinem Chitinpanzer der menschlichen Hand nahe kommt. Es läuft mit 
unerhörter Behendigkeit als Bein der Sandlaufkäfer, es gräbt am Leib 
der Maulwurfsgrille gleich einer Schaufel, es schleppt Lasten, die das 
Gewicht des Körpers um ein Vielfaches übertreffen, wenn die Sandwespe 
eine Raupe in ihre Höhle schleift oder die Ameisen etwas in ihren Bau ein- 
tragen; es rudert als Bein des Gelbrandschwimmkäfers, es baut komplizierte 
Gehäuse als Bein der Köcherfliegenlarven (vgl. Abb. 49), es vollführt wahr- 
haft technische Kunststücke, wenn die Pronubamotte den Pollen der Yucca- 
Palmlilie knetet und die künstliche Befruchtung vollzieht. Und doch, von 
welch einfachster Gliederung ist es innen und außen aufgebaut! Schon die 
Zerteilung in einige wenige Röhrenstücke, die durch Scharniergelenke 
gegeneinander beweglich sind, ist ein Meisterstück. Und innerhalb der 
Röhren sind so wenig Zustränge von Muskeln angebracht, daß man hier 
geradezu ein hysteron proteron für das kleinste Kraftmaß im Tierkörper 
vor sich hat. Vor allem liegen sämtliche Beinmuskeln der Insekten in einer 
Ebene (mit Ausnahme des Muskels zwischen Schenkelring und Über- 
schenkel, der zum Pronieren [Einwärtsdrehen] des Schenkels dient), kön- 
nen also nur strecken oder beugen. Aber auch dazu gibt es nur zwei Strek- 
ker, und schon das Fußglied und die Krallen können sich nur durch 
ihre allerdings wie Sprungfedern wirkenden Gelenkhäute strecken. Auch 
von den Beugemuskeln gibt es nur vier, und dort, wo sie in dem so engen 
Unterschenkel keinen Platz mehr haben, dünne, aber kräftige Zugschnüre, 
die an der Wurzel der Kralle mit einer federnden Platte enden, sodaß da- 
durch in den Tarsen ein besonderer Muskel zum Wiederausstrecken er- 
spart wird. Das Ganze ist eine Maschinerie von höchster Sparsamkeit bei 
maximalen Leistungen (vgl. Abb. 104). 

Ganz unübertrefflich ist in dieser Hinsicht die Betriebsführung und das 
Zusammenarbeiten der Zellen in den Geweben und Organen organisiert. 
Vor allem ist durchgängig das Prinzip der Arbeitsteilung durchgeführt. An 
die Knochen schließen sich überall Bänder der verschiedensten Form an 
(Abb. 106); jedes in seine einzelnen Sonderstränge gegliedert, in einem 
wunderbar zusammenarbeitenden System, das namentlich dem menschlichen 
Rücken und der Kreuzgegend eine Beweglichkeit und Elastizität verleiht, 
ohne die die tausendfältige Anmut des Tanzes ebenso undenkbar wäre, wie 
die Gelenkigkeit der Turner und Bergsteiger. Muskeln und Bänder arbeiten 
so zusammen wie Knochen und Gelenke gegenseitig oder der Herzmuskel 
mit seinem System von Klappen (Abb. 107), die eigentlich nur bindege- 
webige Häute von lockerster Architektur sind. Knochen, Gelenke, Sehnen, 
Muskeln und Bindegewebe aber wirken wieder zusammen bei jeder Be- 
wegung, sie unterstützen sich gegenseitig, so wie sich wieder in den inneren 
Organen die Drüsenzellen mit den Bindegeweben (man sehe das Bild der 

Ib 
Franci, Bios M ^ , . 

241 



Niere in Bd. I auf Abb. 90 nach) vereinigen; sie alle aber werden durch die 
Blutgefäße und die Nerven neuerdings verknüpft und zu Arbeitsteilungen 
höherer Art gezwungen, sodaß im Organismus tatsächlich eine „Organisa- 
tion" von Arbeitern vorliegt, in der jeder einzelne in Hinsicht auf jedem an- 
deren arbeitet und unentbehrlich ist. Es gibt denn auch nicht einen einzigen 
„Supernumerären" in dieser Staatsverwaltung, die dadurch höchste wirt- 
schaftliche Leistung mit dem geringsten Energieverbrauch erreicht. 

Wo im einzelnen ein scheinbares Luxieren und eine oft unglaubliche 
Reichhaltigkeit der Formgestaltung den Betrachter verwirrt, wie z. B. im 
Bau der Nervenzellen (Abb. 109), da ist das Sparsamkeitsprinzip noch im- 
mer nicht durchbrochen, denn gerade diese Neuronen sind, wie man seit den 
klassischen Forschungen des Spaniers Ramon y Cajal weiß, die Zellen des 
Tierkörpers, welche die vielfältigste Funktion, nämlich Speicherung und 
Verknüpfung der Erlebnisse ausführen. Es ist an ihnen kein Büschelchen, 
dem nicht ein wohlgerüttelt Maß von Tätigkeit zukäme, und sie sind in 
ihrer Art ebenso notwendige Funk- 
tionsformen wie alle übrigen Zel- 
len des Körpers auch. 

Was im Tierleben recht, ist dem 
Pflanzenorganismus nur billig. 
Auch hier ist ein in seiner Art 
nicht weniger verwickeltes Zusam- 
menarbeiten der Elemente vor- 
handen, eine Durchgliederung der 
Arbeiter in Gruppen, eine Auf- 
lösung der Tätigkeiten und Teil- 
arbeiten in besonderen Werkab- 
teilungen und von solcher Plan- 
mäßigkeit, daß gerade die Pflanze 
darin noch ein lehrreicheres und 
übersichtlicheres Vorbild für ra- 
tionellste Arbeitsleistung gewährt, 
denn der Tierkörper. 

Auf der Abbildung 108 ist nur 
eine einzige Organgruppe, es sind 
nämlich die Einrichtungen der Ab- 
und Zuleitung, dargestellt an 
einem der bekannten prachtvollen 

Naturselbstdrucke von Blättern, Abb. 109. Das kleinste Kraftmaß in der mensch- 

die vollkommen getreu die einfach ''*^''^" Histologie. Bild einer PurkinjVschen Zelle 

uic vuiiKUiiiiucii gciicu uic ClUIdLU ^^^ ^^^ Kleinhirn des Menschen, das trotz seiner 

optimale Drainage der Blattspreite scheinbar luxurlerend reichen Ausbildung dennoch nur 

vTj r. *^'* notwendigen Büschelungen enthält, um den enorm 

durch das Netz der Blattadern komplizierten Funktionen der „Denkzellen" gerecht 

...:«j ~ t- »< t 1 • werden zu können. IQO fach vergrößert. (Nach So- 

wiedergeben. Man kann kein bottas Lehrbuch der Histologie.) 




242 



vollkommeneres System ersinnen, um ein bestimmtes Territorium auf dem 
kürzesten Wege mit Verkehrslinien gleichmäßig zu durchziehen, die nach 
und nach in einen Hauptweg münden. In fünf Rangstufen von Blattadcrn 
wird ein solches Blatt so vollendet durchstickt, daß keine einzige Zelle 
seiner Fläche übrig bleiben mag, die nicht ihren Zulcitungs- und Ab- 
leitungskanal besäße, um so mehr als ja die blattgrünführenden Zellen sich 
ohnedies zu mehreren zu verbinden und in eine „Trichterzelle" zu münden 
pflegen, die dann Anschluß an die Verkehrswege hat. Ein Städtebaiimcister 
oder ein Landwirt, der sich ein optimales Bild machen will, wie man eine 
bestimmte Fläche kanalisiert oder gleichmäßig entwässert, wird dieses Bild 
mit größtem Nutzen studieren. 

Ein anderes Beispiel von ähnlichem belehrenden Wert mag das Denken 
im Betrachten der Bilder 110, 111 beschäftigen. Beide stellen sogenannte 
Xerophyten, das erstere eine Gruppe blühender Hauswurze (Sempervivum 
tectomm), das letztere die Kaktee Arlocarpus retusus Schneider dar. Beides 
sind Beispiele, wie vollendet die Anpassung mit dem Gesetz von der ge- 
ringsten Kraftentfaltung zu hausen versteht. 

Die an Trockenheit angepaßten Gewächse müssen notgedrungen sich auf 
die kleinste Transpirationsoberfläche beschränken, bei der noch die nötige 
Menge von Assimilaten erzeugt werden kann. Sie erreichen das durch 
Reduktion der Blattoberflächen bis zum völligen Verschwinden derselben, 
wobei dann oft die Zweige und Stämme selbst die photochemischen Tätig- 
keiten übernehmen. Die Wüsten aller Länder sind reich an solchen blatt- 
losen Gewächsen (vgl. dazu Abb. 68). Bei diesem Bestreben geraten not- 
wendigerweise zwei einander entgegengesetzte Tendenzen in Kampf. Die 
Assimilation fordert, daß die Blattfläche möglichst umfangreich sei, um 
daran möglichst viele der Lichtkraftmaschinen (vgl. Abb. 34) aufstellen zu 
können, der Wasserhaushalt dagegen verlangt gebieterisch, daß diese gleiche 
Fläche nach Tunlichkeit eingeschränkt werde, damit nicht zu viel Wasser 
verdunste. Den Ausgleich beider Notwendigkeiten findet die Pflanze durch 
die Anwendung des kleinsten Flächenmaßes bei möglichst intensiver Funk- 
tion. Es ist demnach begreiflich, wenn die Blätter nicht flach, sondern 
fleischig, d. h. dreidimensional gestaltet sind, wie das namentlich die Haus- 
wurz, aber auch viele der Kakteen (Melonenkaktus!) bekannt gemacht 
haben. Das zweite Mittel ist die rosettenförmige Anordnung, wie sie be- 
sonders bei dem von oben aufgenommenen Bild des Äriocarpiis sinnenfällig 
wird. In idealer Weise wird dadurch der Assimilationsraum ausgenutzt, der 
Transpirationsraum beschränkt, die Funktion auf dem Wege ökonomische- 
ster Gestaltung erreicht. Sehr hübsch ist es, dabei zu sehen, wie das Leben- 
dige aber alle diese Gesetze beherrscht. Denn die Notwendigkeiten der 
Fortpflanzung heben die Rosettenform und ganze Gestaltungsökonomic auf 
(Abb. 110). Die blühende Hauswurz erhebt ihre Blüte hoch und frei — 
die Interessen der Fortpflanzung (man vergleiche dazu das über die Fort- 

243 



Pflanzung auf S. 176 Gesagte) lassen die des Individuums zurücktreten, 
allerdings auch nur wieder in dem Maße, daß der Zweck bei kleinster Auf- 
opferung erreicht wird. 

In solchen Formen vollzieht sich das Gesetz der Parsimoklise im Reiche 
des Lebens. Die gesamte Physiologie und damit auch die Biotechnik steht 
unter seinem Einfluß. Daher muß auch die Technik des Menschen, will 
sie zu wirklich haltbaren Gebilden fortschreiten, das Gesetz des kleinsten 
Krajtmaßes an die Spitze ihrer Bestrebungen stellen. Und das gilt für jede 
Art von Technik, keineswegs für die der Maschinen allein. 

Die Geschichte der Erfindung ist voll von Beweismaterial für diesen 
Satz. Denn bei der naturwidrigen Richtung, welche die Technik lange Zeit 
eingeschlagen hatte, ist sie genau so wie die Naturprodukte, nicht durch 
die telokline Selektion des Verstandes, sondern durch die rein mechanische 
Ausmerzung des nicht Haltbaren, erst allmählich zu der Notwendigkeit ge- 
drängt worden, wenigstens an den Maschinen das Überflüssige an Form- 
gestaltung und gar erst an Funktion wegzulassen. In den großen euro- 
päischen Sammlungen zur Geschichte der Technik findet man aus vergangenen 
Jahren noch wunderlich genug anmutende Instrumente und Maschinen, die 
selbst den modischen Schnörkel und das dekorative Ornament nicht ver- 
missen lassen. So existiei^t z. B. ein englisches Patent (Nr. 3761 vom 
29. Nov. 1813 für John Cragg)»'). i" dem an Maschinen Verzierungen in 
gotischem Stil dem Erfinder geschützt sind. Im Deutschen Museum zu 
München wird ein absonderlicher Zeuge dieser Denkungsart aufbewahrt, 
nämlich eine stehende Dampfmaschine, die in ein Tempelchen mit dorischen 
Säulen aus Eisen eingebaut ist. Auch erinnere ich mich im Conservatoire 
des arts et metiers zu Paris Mikroskope aus dem Rokoko gesehen zu haben, 
deren Stative Amoretten darstellten. In der schönen Sammlung solcher 
alter Instrumente, die man zu München im Deutschen Museum hütet, und 
der die Figuren der Abbildung 112 entstammen, kann man den Wellen- 
schlag organischer und ephemerer Konstruktionen sehr wohl studieren. 
Wie sachlich wirkt das erste Mikroskop des Leeuwenhoek (Fig. 1) trotz 
seiner elenden Linse und sonstigen technischen Unvollkommenheit, des- 
gleichen das Nürnberger Pappmikroskop (Fig. 3) trotz der gedrechselten 
Beine, wie lächerlich kokett und ernster Arbeit widerstreitend, trotz 
seiner relativen technischen Leistungsfähigkeit, aber das Rokokolupenbe- 
steck (Fig. 2). 

Das sind Formen, welche wenigstens die Maschinentechnik heute völlig 
abgestreift hat. Wie ungemein sachlich, gleichsam als eine Verkörperung 
des Gesetzes vom kleinsten Kraftmaß steht doch eine moderne Schnellzugs- 
lokomotive oder eine Dynamomaschine vor uns, und selbst wenn es der 
Verstand nicht weiß, so wird ihr Beschauer es schon durch das Gefühl 
inne, daß diesen Dingen Schönheit, eine Vollendung innewohnt, die eben 
auf dem Optimum ihrer Funktionsform beruht. 

244 




Abb. HO. Gruppe von blühenden Hausvvurzen (Sempervinnn Toctorum) als Bcle» 
wie die Fortpflanzung die Ökonomieanpassungen (Xerophiler Habitus, Rosettenbiu' 

dung) aufhebt 




Abb. 111. Die Kakteenart Ariocarpus rctusus Scheiden 

Beispiel ausgesprochener Reduktion und Verteilung des Assimilationsapparates nach 



dem Gesetz maximaler 



Leistung mit 
F. Nissen 



kleinsten Mitteln, 
in Lauenburg 



Originalaufnahme 




Abb. 112. Das Ökonomiegesetz in der menschlichen Technik 

Alte Mikroskope als Beispiele technischer und spielerischer Formgestaltung. 1. Das 
Mikroskop von Leeuwenhock aus dem XVII. Jahrhundert, ein Beispiel parsimokli- 
ner, aber unvollkommener Gestaltung. Als Gegenbeispiel dient Figur 2 (Rokoko- 
lupenbestecke), das trotz technisch hoher Leistungen (Kugelgelenke) das Gesetz de 
richtigen Formengebung verletzt. Figur 3, e 
Versuch harmonischer Gestaltung (zweckmäß 
Museum zu M 



n Nürnberger Pappiiiikroskop, ist ein 
g und hübsch). Aus dem deutschen 



Im gleichen Moment gehen wohl aber auch sämtlichen meiner Leser die 
Augen dafür auf, wie himmelweit noch alle anderen Techniken: Kunst- 
gewerbe, Architektur, gar nicht zu reden von den Künsten, von diesem Ideal 
des kleinsten Kraftmaßes, das doch in jedem Naturgegenstand verwirklicht 
ist, entfernt sind! Noch stehen ja alle Bürgerstuben voll von Erzeugnissen 
einer solchen in den übelsten „Stilen" und „Zieraten" schwelgenden 
Möbelschreinerei, noch produziert eine Andenken- und Fremdenindustrie 
wahre Monstra solcher Sinnwidrigkeiten, unglaublich, wenn man einmal 
viele derartige Dinge beisammensieht, wie in der „ästhetischen Folter- 
kammer", die das Kunstgewerbemuseum zu Stuttgart höchst lehrreicher- 
weise zusammengestellt hat. 

Wohl ist endlich namhaften Führern des Kunstgewerbes, namentlich der 
Werkkunstbewegung, das Gesetz des Sinngemäßen und Zweckgerechten in 
der Formengestaltung aufgegangen, das auch das des kleinsten Kraftmaßes 
in sich schließt, auch ist nach langem Suchen und Ringen die Architektur 
auf dem Wege, Bauformen zu gestalten, die endlich dem inneren Sinn ihres 
Daseinszweckes gemäß sind.*) Aber das sind erst Ansätze, und noch sind 
Kleidung, Hausrat, Gerät, das ganze Gehäuse des Alltags, die Art, Feste 
zu feiern, ein Tummelplatz der Unkultur, vor dessen Sinnwidrigkeit und 
Stillosigkeit man erschrickt, wenn man erst einmal im Lichte der objektiven 
Denkungsart die leuchtenden Möglichkeiten eines wirklich organischen 
Lebens erblickt hat. Es ist für den Menschen der Gegenwart kennzeich- 
nend, daß nur überall dort, wo Technik und kaufmännisches Denken sein 
Tun bestimmen, in seinen Leistungen das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes 
an herrschender Stelle steht. (Man mißverstehe mich nicht: dieses Gesetz 
allein bestimmt noch keineswegs den Begriff des Kulturellen und Schönen, 
sondern ist nur eine seiner allerdings unentbehrlichen Voraussetzungen.) 
Im Verkehrswesen, im Straßen- und Bahnbau, in der Organisation von 
Wasserwerken, Kriegsschiffen, Flugzeugen, Hafenanlagen oder Handels- 
häusern, da ist unser Gesetz eine bis zur Unbewußtheit selbstverständlich 
gewordene, unentbehrliche Voraussetzung. Und man würde den Ingenieur 
an dem Tage seines Dienstes entheben, an dem er ernstlich vorschlüge, 
eine Bahnlinie anders denn nach den Prinzipien der Ökonomie zu trassieren. 
Es ist das erste Problem des technischen Denkens geworden, daß eine 
technische Einrichtung nicht nur ihren Zweck erfüllt, sondern dieses Ziel 
auch auf dem ökonomischesten Wege erreiche. 

Die Beharrlichkeit, mit der der tägliche Verkehr über Stadtgebiet und 
Land überall, oft genug im Widerstreit zu den Rechten einzelner sich seine 
„kürzesten Wege" als „Abschneider" verschafft, ist ein Symbol dieser 



•) Prachtvolle Zeugnisse dieser neuen Architektur sind z. B. die Anlage des Walcl- 
friedhofes und die neue Anatomie zu München (abgebildet in München, Lebensge- 
setze einer Stadt), auch der Lübecker Ehrenfriedhof, der neue Hauptbahnhof zu Leip- 
zig usw., so wie die gotischen Dome Beispiele für sie in vergangenen Zeiten waren. 

245 



inneren Notwendigkeit, die das Leben allem gegenüber empfindet, was in 
seinen Kreis tritt und ihm Reibung bereitet. Die Worte, mit denen R. Ave- 
uarius, der Begründer des Empinokritizismus, seine erste grundlegende 
Schrift einleitete, sind hierfür wahrhaft klassisch: „Die Seele verwendet zu 
einer Apperzeption nicht mehr Kraft als nötig, — sagt er — und sie gibt 
bei einer Mehrheit möglicher Apperzeptionen derjenigen den Vorzug, welche 
die gleiche Leistung mit einem geringeren Kraftaufwand, beziehungsweise 
«nit dem gleichen Kraftaufwand eine gröbere Leistung ausführt." ^8) Aus 
dieser Erkenntnis heraus ist denn auch Avenarius seine ganze Philosophie 
der reinen Erfahrung organisch und notwendigerweise zugewachsen, die 
mit Erfolg im gesamten Umkreis des Denkens und seelischen Oestaltens, in 
der Gewohnheit, in der Sprache, in der Wissenschaft, in der Philosophie 
selbst nur ein kraftsparendes Streben des Erlebens sehen lehrte und so zu 
einem mächtigen und erfolgreichen Vorläufer unserer Denkweise geworden 
ist, den wir nicht mehr missen mögen, der uns aber hier auch der Aufgabe 
enthebt, diese Fundamente des Ökonomiegesetzes im Walten des Menschen- 
geistes erst noch zu zimmern. 

Avenarius hat recht, wenn er Philosophie als Denken der Welt gemäß 
dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes faßt und ihr die Aufgabe zuweist, 
die Gesamtheit des in der Erfahrung Gegebenen wissenschaftlich durch- 
zuorganisieren, worin er sich ja mit E. Mach begegnet. Als Ideal dieser 
Lösung muß einer solchen Philosophie gemäß unserem Gesetz die letzte 
begriffliche Einheit der Welt (das, was wir Bios nennen) vorschweben; 
der von ihr geforderte methodologische Monismus (in der Sprache von 
H. Driesch: Ordnungsmonistisches Ideal) erscheint daher von diesem Ge- 
sichtspunkt aus als Notwendigkeit, zu der die Menschheit immer wieder 
zurückkehren wird, so oft sie ihn verläßt, weil er auf einem der Weltgesetze 
beruht. Genau dasselbe gilt für den von der Wissenschaftslehre unbedingt 
anerkannten „Grundsatz der einfachsten Erklärung" , der sich auch immer 
in allem Wissenschaftsstreben durchringt. In diesen Formen äußert sich 
das Okonomiegesetz im geistigen Leben und hat die klassischen Wissen- 
schaftsgrundlagen, sowohl die berühmte Kirchhof fsoho. Formulierung von 
1874 der „vollständigen einfachsten Beschreibung", die letzten Endes auf 
Adam Smith, den englischen Volkswirtschaftler, und sogar auf Newton 
zurückgeht, wie die nun ebenso berühmt werdende Formel von E. Mach 
von der ökonomischen Darstellung des Tatsächlichen (Ökonomie des Den- 
kens, von 1871 bis 1883) vollständig durchsickert. Sie ist zum gesicherten 
Besitzstande des menschlichen Denkens überhaupt geworden. 

Ich scheue mich fast, solche Zergliederungen hier vorzulegen, so sehr 
erscheinen sie mir so wie alle diese Gesetze von Optimum, Integration, 
Selektion, Ökonomie und Harmonie als Selbstverständlichkeiten; allerdings 
derart, wie es auch Mach meint, wenn er sagt: „Solche Selbstverständ- 
lichkeiten waren es immer, auf welche die Wissenschaft ihren Bau sicher 

246 



gründen konnte/'^») Daher wird es denn doch nicht überflüssig sein, aus- 
drücklich hier zu konstatieren, daß sowohl jede Art von Teleologie wie 
auch jede Mathematik nichts anderes ist, als die Anbahnung und im letz- 
teren Fall die strikte Durchführung des Satzes vom kleinsten Kraftmaß in 
der Regelung von Beziehungen. Das Ideal von Zweckmäßigkeit ist der 
geringste energetische und materielle Aufwand, also das Minimum an 
Mitteln, durch das ein bestimmter Zweck erreicht werden kann. Jeder Vor- 
gang kann daher nur dann als bestmöglichst bezeichnet werden, wenn er 
parsimoklin ist. Die Parsimoklise ist ein ausschlaggebendes Merkmal des 
Zweckmäßigen. So wie auch alle Zweckmäßigkeitsannahmen das Optimum- 
gesetz anerkennen. 

Es ist daher das Teleologiegebiet, namentlich die Zweckmäßigkeitslehre 
der Organismen: Anpassungen, Regulationen und Regenerationen das klas- 
sische Feld der Untersuchung ökonomischen Geschehens. Wenn in Roux's 
bekanntem Experiment, im künstlichen, aus Paraffin und Gummi hergestell- 
ten Knochen sich auf Funktion hin ein Bild der Linien stärksten Druckes 
und Zuges ausbildete, das mit der Trajektorienanordnung eines in gleicher 
Weise beanspruchten Knochens übereinstimmte, so war damit nicht nur die 
hervorragende Zweckmäßigkeit dieses Anordnungssystems als mechanisches 
Grundgesetz, sondern auch die Tatsache erwiesen, daß jede Funktion welt- 
gesetzlich nach den Linien des geringsten Widerstandes verläuft. Und da 
nun alle Funktionsformen, in weiterem Sinne alle Naturformen die Rest- 
gestaltung nach Überwindung des Widerstandes sind, also der Funktion nur 
mehr ein Minimum an Widerstand entgegensetzen, ist schon dadurch das 
Okonomieprinzip zum Weltgesetz erhoben. 

Das Denken, dieser teleologische Prozeß kat exochen, und sein Organ: 
das Gehirn ist die Verwirklichung der Sparsamkeit, wie Avenarius mit aller 
Schärfe nachgewiesen hat. Assoziationsfasern und Nerven sind die Verkör- 
perung des Begriffes: kürzester Weg unter den möglichen. Empfinden und 
Vorstellen, Denken und Handeln streben immer nach dem kürzesten Wege; 
das Ziel der organischen Funktionen ist in den meisten Fällen überhaupt 
nichts anderes, als diese Funktion mit dem Minimum an Widerstand auf 
dem kürzesten Wege bei geringstem Energieverbrauch durchzuführen. Kei- 
nem anderen Zweck dient die Mechanisierung der Handlungen. Wieder- 
holung und Gewohnheit sind überaus kraftsparend, wie /. Fries'^°°) schon 
vor mehr denn einem Jahrhundert erkannt und betont hat, und wie es jeder- 
mann alle Tage erleben kann. Insofern war es höchst fruchtbar, Automatis- 
men, Reflexe und Instinkte einmal von diesem Standpunkt der Krafter- 
sparnis aus zu betrachten. Und was endlich das Walten dieses Prinzipes 
im logischen, ethischen und praktischen Verhalten des Menschen anlangt, so 
wurde hierüber so Vortreffliches gesagt von vielen Autoren (ich erinnere 
nur an die Theologie, an /. Zöllner, R. Avenarius u. a.), daß es Eulen 
nach Athen tragen hieße, wollte man hier weiter noch beweisen. 

247 



Die Geometrie mit ihrem Prinzip, daß der kürzeste Weg zwischen zwei 
Punkten eine bestimmte Linie, nämlich eine Gerade sei, hat hierfür der 
ganzen Menschheit das Beispiel gegeben, und diese hat es weidlich be- 
folgt in ihrem Streben nach Arbeitsteilung und Zweckmäßigkeit auf den 
Gebieten des Sozialen, des Staatslebens, des Rechtsverkehrs, in Gesetz- 
gebung, Politik, Handel und Industrie. 

Vollständig durchdrungen ist das praktische Verhalten des Menschen von 
unserem Gesetz, und Faust hat wahrhaftig Recht, wenn es ihm als ewiger 
Gesang aller Stunden in den Ohren klingt: Sparen muß man mit allem . . . 
Nur wissen wir heute auch, was er noch nicht wußte, warum man sparen 
muß. Denn wer könnte der Behauptung widersprechen, daß diese allge- 
meine Parsimoklise eine Notwendigkeit sei: weil sonst der Welt nicht 
die Dauer gesichert wäre! 

Die Wahrheit (im praktischen Verhalten) sagen, das Rechte tun, logisch 
sein, das ist das kleinste Kraftmaß im täglichen Leben. Und so kommt 
zuletzt unserem Gesetz auch noch eine kolossale ethische Bedeutung zu. 
Ja, Ethik ist gleich wie die Logik nichts anderes als die optimale Kraft- 
ersparnis auf dem Gebiet des Handelns und des Denkens. Das Rechte 
ist so wie das Logische der kürzeste Weg; Lüge und Irrtum sind auf die 
Dauer der größte aller Umwege und die ärgste Mühsal. 

Eine erzstarre, nie versagende, klare Ethik des objektiven Denkens ist da- 
mit aufgerichtet, die Güte zur Vernunft macht, Liebe aus den unklaren 
Nebeln der Gefühle emporhebt ins reine Licht höchsten Menschentums, die 
allerdings auch eine unbeugsame Gerechtigkeit aus den Weltgesetzen herab- 
holt ins praktische Verhalten der Menschen und unbeirrbar so ein Reich 
des Guten, des Wahren und Gerechten schafft, nach dem sich freilich 
nur die mannhaften, innerlich starken und reinen Naturen und die klaren 
Köpfe sehnen. Denn sie allein haben dadurch zu gewinnen, ihr Wider- 
spiel würde dabei nur verlieren. In dem rein praktischen Verhalten für 
sich und zueinander haben das die Menschen schon längst eingesehen und 
als Wirtschaften und Sparen, als „kaufmännisches Denken" die Parsimo- 
klise zu einer Vollkommenheit entfaltet, nach der wir in den rein geistigen 
Regionen vergebens lechzen. Alle Gesetze, die unsere Analyse im Bis- 
herigen im Gesamtbereich der Erlebniswelt fand, gelten auch für Handel 
und Wandel und werden von altersher befolgt, nur weigert sich die 
Menschheit, ihre Gemeingültigkeit auszusprechen oder anzuerkennen, daß 
sie den wahren Sinn der Intelligenz erst dann wirklich vollständig er- 
füllen würde, wenn ihr gesamtes Dasein dermaßen ökonomisch durch- 
organisiert wäre, wie es in Wirklichkeit das Leben einer Pflanze oder sonst 
eines Lebewesens ist. Besonders bemerkenswert ist hierbei, daß gefühls- 
mäßig oder verkleidet in anderen Formen der Menschengeist stets nach 
diesem Ziele gestrebt hat. Er wählte hierfür nur Ausdrucksformen, wie 
die Gebote der Religionen oder eines inneren Sittengesetzes, das Anerken- 

248 



nung für tyrannische Forderungen oder andere Begründung als die der 
historischen Konvention heischte. Die Gebote des Dekaloges, der kate- 
gorische Imperativ Kants, die Sittengesetze der Stoa, jedes der: Du sollst 
in den vielen Formen der Menschheitsgeschichte vom nackten Fetischismus 
bis zu dem „equilibre sociale" des positivistischen Kultes, sie haben letzten 
Endes nie etwas anderes von dem Menschen gefordert, als daß er ein 
Reich der Logik und inneren Gerechtigkeit errichte, in dem jede Schuld ihre 
Sühne findet, Lüge und Unwahrhaftigkeit ausgetilgt werden, Ehrlichkeit 
der gegenseitigen Beziehungen gekrönt sein soll. Man gehe das jüdische, 
das christliche, das antike, das theosophische, das buddhistische oder chi- 
nesische Sittengesetz durch, durchforsche nach Belieben die Ethik Spi- 
nozas oder Kants oder Nietzsches, stets beziehen sich ihre gegenseitigen 
Vorwürfe und Widersprüche nur auf die äußere Einkleidung, auf die 
„Sprache", in denen ihr Wahrheitsgehalt vorgetragen wird, dieser selbst 
aber ist allen Religionen und ethischen Systemen der gleiche und kein 
anderer als die Anerkennung, daß Güte, Wahrhaftigkeit, Reinheit, Erfüllung 
der Gesetze auf dem geradesten Wege, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit allein ge- 
eignet sind, um den Beziehungen der Menschen unter sich und zu dem 
All die geringste Reibung, dafür die längste Dauer zu verschaffen. 

Das so hinreißend klingende Wort Kants, das die optimale Personi- 
fikation christlicher Lebensprägung ist: von dem Sittengesetz in uns und 
dem Himmel zu unseren Häupten, beide erstrahlend in der gleichen ewigen 
Gültigkeit, ist beim Lichte der objektiven Idee betrachtet, nichts anderes als 
die gefühlsmäßige Konstatierung, daß einheitlich äußeres und inneres Er- 
leben dem Gesetz der kürzesten Wege unterliegen. 

Was damit jahrhundertlang patriarchalisch und unklar geübt wurde, die 
Erfüllung einer innerlich empfundenen und von keinem Verstand beweis- 
baren Forderung, alles auf das Beste zu tun, das hat nun die Menschheit 
sehr kennzeichnenderweise sich zum ersten Mal bloß auf dem grobmateriel- 
len Gebiet des Geldverdienens ins helle Licht des bewußten Strebens ge- 
rückt. In den wichtigsten Fragen des Menschentums, bei den seelischen 
Werten überläßt man sich nach wie vor einer bloß tastenden, annähernde 
Erfolge erzielenden Tradition von Urväterzeiten her, an die zu rühren 
man sich letzten Endes noch immer scheut, aber im „Geschäftsleben", da 
hat man, so wie man das Selektionsgesetz in die Biotechnik der Zucht- 
wahl umformte, auch das Ökonomiegesetz auf das schärfste durchdacht 
und mit Stolz in das praktische Verfahren einer mit wissenschaftlicher 
Strenge vorgehenden Betriebsführung, genannt Taylorsystem "o), umge- 
bildet. Wer darüber nicht lacht, der hat keinen Sinn für den befreienden 
Humor, der die köstlichste Belohnung der schweren Lebensarbeit des 
Philosophen ist. 

Dieses Taylorsystem, für das die Arbeitgeber in dem Maße ihrer Intelli- 
genz ebenso entschieden eintreten, in dem die Arbeitnehmer es in der 

249 



dumpfen Besorgnis, dadurch unbillig ausgebeutet zu werden, ablehnen, 
hat heute schon seine große Literatur, namentlich in den angelsächsischen 
Ländern. Eigentlich ist es eine Wissenschaft, wenn auch ihr Urheber 
gleichen Namens in Amerika ein Metalldreher, also reiner Praktiker war. 
Von ihm sind vier Hauptsätze aufgestellt: 1. Die Leiter eines Betriebes 
(Fabrik, Werkstätte, kaufmännischer Betrieb) entwickeln für jedes Ele- 
ment der Tätigkeit ein System der günstigsten Leistung. 2. Danach er- 
folgt eine Auslese der Kräfte, die geschult und besonders belehrt werden. 
3. Die Leitung geht stets Hand in Hand mit den Arbeitern. 4. Es erfolgt 
eine Teilung von Arbeit und Verantwortung zwischen den Leitern und 
Arbeitern. Diese vier Sätze sind nun, wie jedem Kenner der objektiven 
Philosophie gleich auf den ersten Blick einleuchtet, nichts anderes als die 
Einführung der objektiven Philosophie In das Industrielle und kauf- 
männische Leben. Die uns wohlbekannten Gesetze von Funktion, Opti- 
mum, Selektion und kleinstem Kraftmaß werden hier gelehrt — der prak- 
tische Geschäftsbetrieb wird „blologlslert'', d. h. In einen Organismus 
verwandelt, für den auch die Gesetze des Organischen gültig sind. Nur 
ist das alles erst unvollkommen, beiläufig erfahren und nur halb durch- 
gedacht und muß Widerspruch finden und tatsächlich zur platten Mecha- 
nisierung und Ausbeutung führen, die man ihm vorgeworfen hat, wenn man 
nicht auch die Gesetze der Integration, der übereinander geordneten Stufen 
der Arbelt und das der Harmonie zwischen den einzelnen Teilen In die 
Betriebe einführt, die erst deren Organisation auch organisch und damit 
auf die Dauer fruchtbar und erträglich machen. Wohl konnten die Tay- 
lorianer darauf auch jetzt schon verweisen, daß durch ihre Methode eine 
bestimmte Arbeit (Materialverladen) von täglich 12 Tonnen Leistung auf 
47 Tonnen gesteigert und auf diesem Leistungsniveau auch durch drei 
Jahre hindurch erhalten werden konnte. Und welcher Unternehmer könnte 
der Wucht solcher Argumente widerstehen? Es ist daher nur selbst- 
verständlich, daß diese Methode alsbald (seit 1909) in verschiedene ameri- 
kanische Staatsbetriebe eindrang und maßloses Aufsehen in der Welt der 
praktischen Menschen erregte. 

Das System behauptet von sich, in 100 Punkten wohltätig für die 
Arbeiter zu wirken. Und tatsächlich konnte sein Urheber — der 26 Jahre 
Erfahrung für sich in Anspruch nahm — , als er sein Verfahren, das er 
als Steigerung von 12 veränderlichen Funktionen ausprobierte, auf das 
Problem der Stahlschnittgeschv/indigkeit anwandte, sofort eine Erfindung 
(Schnelldrehstahl) machen, die eine Umwälzung im Werkzeugmaschinenbau 
mit sich brachte. Andererseits wendeten die amerikanischen Gewerkschaften 
auch ebenso 100 Punkte ein, die gegen das System sprachen, von denen 
z. B. wichtigere sind: dieses Arbeitsverfahren mechanisiere die Menschen 
noch mehr, als es mit der Industrialisierung ohnedies unvermeidlich sei, 
das Bonussystem (Teilnahme der Arbeiter an den Erträgnissen) verleite 

250 



die Schaffenden zu einem Raubbau an ihrer Kraft, das Taylorsystem sei 
unverträglich mit dem „gewerkschaftlichen Geist", es werde auf diese 
Weise bald keine Facharbeiter mehr geben und dergleichen mehr. Uns 
ist es ganz selbstverständlich, woher diese Vorzüge und unleugbaren 
Nachteile (wenn auch die obigen Einwände nicht in allem stichhaltig sind) 
des gegenwärtigen Taylorsystems rühren. Es war für den objektiven 
Denker von vornherein zu erwarten, daß jemand, der mit den Prinzipien 
der Funktion und der aus ihnen folgenden Gesetze an irgendein Schaffen 
herantritt, darauf sofort vom Glück des biotechnischen Erfinders be- 
günstigt sein muß. So ging es uns selbst, und so muß es jedem gehen, 
der im Geiste der objektiven Philosophie an die Dinge und die Technik 
herantritt. 

Ebenso selbstverständlich aber ist es auch, daß ohne die Einführung 
der Harmonie zwischen den Leistungen, zwischen Arbeiter und Leiter, 
Arbeitnehmer und Arbeitgeber es gerade durch die Steigerung und Opti- 
malisierung gewisser Leistungen zu einer immer krasseren Einseitigkeit 
und Belastung kommen muß und die Betriebe ihr Optimum als Ganzes 
nie erreichen können. Erstaunlicherweise hat noch niemand, trotzdem die 
Gedanken der objektiven Philosophie nun schon seit einiger Zeit aus- 
gesprochen sind (im besonderen in dem in technischen, also mit dem 
Taylorsystem hervorragend vertrauten Kreisen in Tausenden von Exem- 
plaren verbreiteten Werk über die technischen Leistungen der Pflanzen), 
bemerkt, daß das ganze Taylorsystem nichts als eine elementare und noch 
unvollkommene Anwendung der objektiven Philosophie auf die Industrie, 
im weiteren Sinn auf die menschliche Arbeit ist. In dem Augenblick, in 
dem man diesen Zusammenhang herausfinden wird, hat man auch das 
Mittel in der Hand, um die Nachteile, die diesem Arbeitssystem anhaften, 
und die daher zum Teil nicht ohne Recht erhobenen Einwände gegen seine 
jetzige Art zu beseitigen, indem man das Wichtigste: die Harmonisierung, 
zu diesem System der Selektion und Ökonomie hinzufügt. Aus der objek- 
tiven Philosophie wird man es lernen, daß nicht nur die Glieder jedes 
Betriebes in einer Enharmonle stehen müssen (siehe hierüber das folgende 
Kapitel), sondern auch diese selbst in Harmonie zum Volks- und dadurch 
zum Weltganzen. Erst dann ist das organische Arbeitssystem, denn so und 
nicht nach dem Zufallsnamen einer ersten praktischen Einführung sollte 
man es nennen, vollendet und wird restlos auf dem Gebiet der Arbeit den 
Begriff des Optimums erfüllen und die Hoffnungen wahrmachen, die man 
darauf gesetzt hat."2) 

Es hätte weder des Scharfsinnes eines Taylor noch erst des Auftretens 
der objektiven Philosophie bedurft, um zu diesem Resultat zu kommen, 
wenn man nur auf den so einfachen Gedanken verfallen wäre, sich aus 
der Biotechnik des Organismus das Vorbild der Arbeitseinrichtungen zu 
nehmen. Im besonderen ist wieder die Pflanze eine ideale Verkörperung des 

251 



Taylorismus ohne seine Nachteile, so daß man schon von diesem Gesichts- 
punkt aus jeden Unterricht in der kaufmännischen, technischen, staats- 
vvissenschaftlichen, sozialen, überhaupt organisatorischen Praxis mit einer 
genauen Kenntnis der Organisation der Pflanze und Tiere beginnen müßte. 
Die Pflanze kennt z. B. nur normalisierte Leistungen, d. h. das Optimum 
der Arbeitsformen. Alles in Energie und Materialverbrauch (also Leistung 
und Spesen) vollzieht sich in ihr nach dem Gesetz des geringsten Wider- 
standes. Das Bonussystem ist in Gestalt der funktionellen Auslese (bessere 
Ernährung der besser Arbeitenden) automatisch wirksam, und — was bei 
dem Taylorsystem der Menschen als einer Blüte des menschlichen Egoismus 
nicht der Fall ist — in idealer Weise kommt in der Pflanze jede Mehr- 
leistung der Einzelbetriebe der Gesamtheit, also dem Staate zugute. 

In der Pflanze sieht man dem Verhältnis zwischen Arbeiter und Leiter 
nicht so gut auf den Grund wie im tierischen Organismus. Dort aber er- 
kennt man sehr wohl, wie die Leiter stets im Einvernehmen mit den 
Arbeitern tätig sind und in einer streng durchgeführten Arbeitsteilung mit 
verteilten Kompetenzen und unbedingtem Gehorsam wirken. Wer nicht 
arbeitet, wird im Organismus ausgesperrt und verhungert unbedingt. Nur 
in einer Beziehung unterscheidet sich das System des Organismus von dem 
Taylors. Statt Auslese tritt in ihm die Vererbung in Funktion. Man wird 
im Betrieb von Pflanze und Tier in den Beruf hineingeboren. Seinerzeit — 
im Zunftzwang — kannte das auch die menschliche Arbeitsorganisation; es 
wird des ernstlichsten Nachdenkens würdig sein, hierüber neuerdings im 
optimalen Sinne zu einem Entscheid zu kommen. Jede Leistung wird in 
Teilarbeiten zerlegt und jede dort ausgeführt, wo die günstigsten Erzeu- 
gungsbedingungen sind. Und schließlich: wie günstig die Räume, die Auf- 
stellung der Maschinen, wie optimal das Werkzeug der organischen Betriebe 
ist, das wurde im Abschnitt über die Biotechnik (vgl. Seite 80) genugsam 
ausgeführt und ist aus der Betrachtung der Abbildungen 16, 17, 20, 24, 
27, 28, 30, 31, 33, 34, 44, 70 besser zu erkennen, denn aus vielen Worten. 

Handel und Industrie haben also mit ihren Schritten zu einem organischen 
Arbeitssystem begonnen, das Gesetz des Optimums durch das der Kraft- 
ersparnis zu erfüllen. Wann wird nun die gesamte Zoesis, wann endlich 
sogar die Kultur ihr Taylorsystem errichten? Das ist die Lebensfrage der 
Kulturmenschheit von heute, namentlich die der tief gesunkenen und durch 
die Ereignisse von 1914 bis 1920 an den Rand des Unterganges ge- 
brachten Völker Europas. Wenn im Hochgefühl des Schaffens in diesem 
Werk wiederholt darauf hingewiesen wurde, daß die objektive Philosophie 
die Kraft in sich fühlt, die Welt zu erneuern und aus der Verstrickung des 
Leides zu lösen, so ist es nun durchsichtig, woher sie diese Überzeugung 
nimmt, und welche Wege sie dafür angeben kann. Einer ihrer ersten Rat- 
schläge ist es, zunächst einmal das gesamte praktische Leben und dann die 
Geistigkeit im Sinne des Optimum- und Okonomiegesetzes durchzuorgani- 

252 



sieren.ios) Das ist die erste Vorbedingung, um auch nur zu den materiellen 
Grundlagen einer wahren Zivilisation zu kommen, welche erst die Plattform 
bilden kann für den Bau einer Kultur, von welcher — ich mache kein Hehl 
aus meiner Überzeugung — wir heute weiter entfernt sind denn in ver- 
gangenen Zeiten. 

Hier zeigt die objektive Philosophie den Weg, um herauszufinden aus 
dem Barbarischen. Barbarei ist, das Gute sehen und es nicht anerkennen 
(Goethe). Das führt zu dem zerstörenden Materialismus der heutigen Welt- 
gesinnung, 

Wenn irgendwie, so kann nur auf diese Weise der Aufstieg zu einem 
neuen Idealismus (vgl. Bd. I S. 203) wieder begonnen und dem Sinnlosen 
des Daseins neuer Sinn gegeben werden. Das ökonomische Denken ist die 
Weltanschauung der Teleologie und damit die der triumphierenden Geistig- 
keit über die sinnlose Materie. 



Anmerkungen und Zusätze 

90 (Zu S. 232). Vgl. /. Kant, Kritik der Urteilskraft. (Ausgabe von 1790, S. 266.) 

91 (Zu S. 232). ibid. Einleitung S. 20, wo die lex parsimoniae als Sentenz meta- 
physischer Weisheit zitiert wird. „Dieser transcendentale Begriff einer Zweckmäßig- 
keit der Natur ist nun weder ein Naturbegriff noch ein Freiheitsbegriff, weil er gar 
nichts dem Objekte (der Natur) beilegt, sondern nur die einzige Art, wie wir in der 
Reflexion über die Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgängig zusam- 
menhängende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt, folglich ein subjektives Prin- 
zip (Maxime) der Urteilskraft (S. 22)". 

92 (Zu S. 232). Das Hamilton'schc Prinzip lautet: 

Wenn T die kinetische und U die potentielle Energie irgend eines mechanischen 
Systems ist, dann findet die Bewegung so statt, daß die Variation des zwischen den 
Zeitpunkten ti und tj erstreckten Integrals für alle Nachbarbewegungen verschwindet, 
minimal wird, die für ti, tj gegebene Lagen haben. 

Die enorme Bedeutung dieses Prinzips geht daraus hervor, daß durch seine For- 
meln sich alle physikalischen Grundgesetze darstellen lassen. In ihm eingeschlossen 
liegt auch bereits die gesamte Relativitätstheorie von Einstein, weshalb eine spätere 
Zeit eigentlich Hamilton das Verdienst hieran zuschieben wird. Als Beweis hierfür 
haben Planck u. a. die Gesetze der Einstein'schen Mechanik mit Hilfe des Hamilton'- 
schen Satzes von der kleinsten Wirkung formuliert. 

93 (Zu S. 232). Das d'Alemberi'sche Prinzip deckt sich mit dem von Gauss erson- 
nenen Prinzip des kleinsten Zwanges, das lautet: 

Ein Punktsystem bewegt sich stets so, daß der Zwang für die wirkliche Bewegung 
in einem beliebigen Zeitpunkt (t) kleiner ist, als für alle anderen virtuellen Bewe- 
gungen, die im gleichen Moment dieselben Koordinaten und Geschwindigkeiten haben. 

Vgl. in der Encyclopaedie der mathematischen Wissenschaften Bd. IV den Artikel 
von Nass, Die Prinzipien der rationellen Mechanik. 

253 



94 (Zu S. 233). Vgl. R. Avenarius, Philosophie als Denken der Welt gemäß dem 
Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. Leipzig 1876 und E. Mach, Die Analyse der 
Empfindungen. 7. Aufl. Jena. 1918. 

95 (Zu S. 233). Vgl. H. Driesch, Mein System und sein Werdegang in: Die deut- 
sche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, herausg. von O. R. Schmidt. 
I. Bd. Leipzig. 1921. S. 56. „Ich schaue gewisse — nämlich die „euklidischen" — 
Urbeziehungen im Rahmen des Neben als ordnungsendgültig; sie sind das nament- 
lich deshalb, weil sie die .sparsamsten* sind." 

96 (Zu S. 238). Vgl. S. Schwendener, Das mechanische Prinzip im anatomischen 
Bau der Monokotylen. Leipzig 1874. — G. Haberlandt, Entwicklungsgeschichte des 
mechanischen Gewebesystems der Pflanzen. Leipzig 1879. 

97 (Zu S. 244). Vgl. F. M. Feldhaus, Die Technik der Vorzeit. Leipzig 1914. S. 
690 u. ff. 

98 (Zu S. 246). R. Avenarius, Philosophie als Denken der Welt. Leipzig 1876. 
S. 111. 

99 (Zu S. 247). Mach, Analyse der Empfindungen. S. 46. 

100 (Zu S. 247). Vgl. /. Fr. Fries, Neue oder anthropologische Kritik der Ver- 
nunft. 2. Aufl. Heidelberg 1828. 

101 (Zu S. 249). Vgl. F.W.Taylor, The Principles of Scientific Management. 
(In deutscher Obersetzung von R. Rösler. München 1919.) 

102 (Zu S. 251). Natürlich sind gewisse und zwar jene Vorzüge, die sich aus ziel- 
bewußter Selektion der Funktionen ergeben, auch jetzt schon von größerem Nutzen 
ohne Nachteile. So z. B. wenn durch optimale Aufstellung der Maschinen im Sinne 
des organischen Arbeitssystems in den Heeresbetrieben eine 20 o/o Leistungssteigerung 
erzielt wurde (Vgl. dazu übrigens die optimale Aufstellung der Lichtkraftmaschinen 
im Lager der Lebermoose auf Abb. 34, überhaupt die Ökonomie jener Einrichtungen.) 

103 (Zu S. 253). Bestrebungen in dieser Richtung sind in der Philosophie W. Ost- 
walds, aus der z. B. seine neue Farbenlehre hervorgegangen ist, und in der leider 
an der Ungunst der Verhältnisse gescheiterten Bewegung der „Brücke", der Grün- 
dung des hochbegabten Schweizers K. W. Bührer zu sehen, von diesen namentlich 
die letztere, die eine reine Anwendung des Ökonomiegedankens (Brückenarchiv der 
Kultur) darstellt (Vgl. K. W. Bührer und A. Saager, Das Brückenarchiv. München 
1920) und ganz sicher heute oder morgen seine Wiederauferstehung feiern muß. 
Ich kann nicht umhin, der Brückenmethode — in die ich durch ihren Begründer selbst 
eingeführt worden bin — diesen Zoll der dankbaren Anerkennung zu entrichten, 
denn ohne sie wäre es mir gar nicht möglich, das Werk der objektiven Philosophie 
auch nur rein äußerlich zu schaffen. 



254 



Das Harmoniegesetz 



Definition des Harmoniegesetzes — Unterschied von optimal und harmonisch — 
Das Kennzeichen der Harmonie ist unbegrenzte Dauer — Analyse des Harmoniebe- 
griffes — Geschichtlicher Abriß seiner Erkenntnis — Pythagoras und Leonardo da 
Vinci — Der goldene Schnitt und der Kanon des Polyklet — Der Sinn des Harmonie- 
gesetze? — Das Harmoniegesetz im physikalisch-chemischen Geschehen — Die harmo- 
nische Schwingung — Harmonie der Töne — Molekulare Harmonie — Chemische 
Harmonie — Die Disharmonie der Materie zeigt sich als chemische Änderung (Dis- 
harmonie der Atome) und Kraftwirkung (Disharmonie der Moleküle) — Die Har- 
monie im Kristallbau und in der Geometrie — Die Harmonie (Gleichgewicht) der 
Wärme — Harmonie als Ausgleich — Ihr Mittel: der Kreislauf — Kosmischer Kreis- 
lauf — Die Harmonie des Himmels — Das Gleichgewicht der Erdschollen — Der 
Planetenkreislauf — Kritik der Entropie — Der Kreislauf der Luft, des Wassers — 
Sein ist stets ein Kreislauf — Beispiele — Der Kreislauf des Stickstoffs, des Eisens, 
des Kalkes, der Kohlensäure, der Kieselsäure, des Sauerstoffes — Kreislauf der 
Energie — Alle Beziehungen müssen wiederkehren, sonst wären Gesetze nicht mög- 
lich — Die Harmonie im Organismus — Dreifache Harmonie im Organischen — Das 
organische Schönheitsideal — Intrazellulare Harmonie — Die Kernrelation — Die 
Regulationen als harmonokline Funktionen — Regeneration als Wiederherstellung 
der Harmonie — Anpassung als Harmonoklise — Hormone als Mittel der Harmono- 
klise — Hungerformen und Altersformen — Das Korrelationsphänomen — Die Er- 
scheinungen der Morphallaxis — Die Artenzahl der Organismen als harmonoklines 
Phänomen — Der Kreislauf des Lebens — Biocoenosen — Der Ausgleich der Faunen 
und Floren durch Wanderung — Die Tier- und Pflanzenvereine — Harmonische 
Vereine — Der Wald als harmonokliner Verein — Die Harmonie als biologisches 
Endstreben — Das Harmoniegesetz des Organismus als Ursache der harmonoklinen 
Selektion in der Erkenntnis — Herstellung der Harmonie als Weltprozeß — Die 
Harmonie im praktischen Leben — Erleben als Ausgleichserscheinung — Unser Stre- 
ben nach dauernder Eingliederung der Einzelerlebnisse in den Bios zwingt zur Har- 
monisierung dieser Erlebnisse — Daher Harmonie das oberste und Endgesetz aller 
Erkenntnis — Anmerkungen und Zusätze. 

Unsere Analyse des Seins beginnt sich zu vollenden. So sehr wir es 
aber auch durchgepflügt haben nach allen denkbaren Gesichtspunkten, nichts 
fanden wir, was so charakteristisch und ausschlaggebend für das Wesen des 
Seins ist, als daß es „ist".io*) Zu dem Begriff des denkbaren Seins gehört 
untrennbar der des „Daseins", und der ist ohne eine zeitlich irgendwie um- 
grenzte Dauer nicht denkbar. Das Ideal des Seins, also in der Sprache 
älteren philosophischen Denkens: das absolute Sein muß daher überhaupt 
stabil sein, unbegrenzte Dauer besitzen. 

255 



Dieser Begriff der unbegrenzten Dauer ist uns aber in unserer Analyse 
des Erlebens noch nicht entgegengetreten. Genügt es denn, damit etwas 
ganz und stabil sein kann, daß es irgendeiner Integrationsstufe angehöre? 
Nein; das Integrationsgesetz hat offenbar mit der Sicherung der Dauer 
nichts zu tun. Ebensowenig die Tatsache, daß ein Sein „Funktionen" be- 
sitzt, und daß es nach dem kleinsten Kraftmaß beschaffen sei. Erst in der 
Betrachtungsreihe, als wir die Erlebnisse daraufhin untersuchten, wie sie 
der Selektion widerstehen, begegnete uns der Begriff der Dauer zunächst 
als ein Differentialbegriff. Wir haben die Tatsache der Selektion aus denen 
der verschiedenen Dauer abgeleitet und gefunden, daß die aus der Selektion 
hervorgehenden Optima relativ gegenüber den anderen Möglichkeiten die 
längere Dauer besitzen. Eine unbegrenzte Dauer kommt eben optimalen 
Seinszuständen — wie in Bd. I S. 81 ausführlich auseinandergesetzt wurde 
— nur in dem einen Fall zu, wenn sie zugleich eine absolute Harmonie 
darstellen. Dieser Begriff wurde des öfteren gebraucht, hat aber noch 
nicht seine Analyse gefunden. Mit ihr soll daher dieser letzte Abschnitt 
beginnen, der durch die Erörterung des obersten der Weltgesetze dies Werk 
vollendet. 

Was soll unter einer Harmonie in weltgesetzlichem Sinn verstanden 
werden? Offenbar ein Verhältnis des Seins entweder in der Gestalt, daß 
durch die Harmonie das Verhältnis eines Einzelseins zu dem Gesamtsein 
oder das der Teile innerhalb eines Ganzen geregelt wird. Eine Entität, die 
hiefür in Frage kommt, hat nur zwei Möglichkeiten. Sie ist entweder 
homogener, einheitlicher Natur oder ein komplexes System. Im ersteren 
Fall stellt ihre Harmonie jene Beziehung dar, durch die sie innerhalb der 
Welt (oder des Biosganzen) im Gleichgewicht bleibt und ihr Dauerverhältnis 
erreicht. Wenn es sich dagegen um ein komplexes System, also eine Viel- 
heit aus ungleichartigen Teilen handelt, dann sind zwei Arten von Harmonie 
möglich: eine intrasysiemale, welche die Beziehungen der Teile im Sinne 
der Dauerhaftigkeit regelt, und eine extrasystemale, durch die sich das 
System zur Umwelt dauerhaft einstellt. 

Es ist offenbar, daß die homogenen Entitäten nur die extrasystemale 
Harmonie kennen. Ihre Harmonie besteht in einer Beschaffenheit, welche 
der Zerstörung durch die Umwelt widersteht. In beiden Fällen aber muß 
die Harmonie einem und demselben Gesetze folgen, so daß sich eine ge- 
sonderte Betrachtung der beiden Harmoniearten erübrigt. Sie stimmen im 
wesentlichen darin überein, daß Harmonie ein Verhältnis innerhalb einer 
Mannigfaltigkeit ist. Ohne Mannigfaltigkeit ist keine Harmonie möglich. 
Allerdings braucht sich die geforderte Vielheit nur auf eine Zweiheit zu 
beschränken. Andererseits ist Harmonie ohne den Begriff der Umgrenzung 
nicht zu denken. Das Maßlose ist darum ein innerer Widerspruch zum 

256 



Harmonischen. Eine Regelung der Teile ist nur innerhalb einer Endlich- 
keit denkbar. Darum sind auch alle harmonischen Wesen, also z. B. 
Kristalle oder Organismen als „Individuum" gestaltet, d. h. in ihrem 
Wachstum begrenzt. Aus diesem Satz folgt übrigens, daß wenn das Welt- 
all als harmonisch gestaltet angenommen werden soll, es auch als endlich 
angenommen werden muß, was sich mit neueren Vorstellungen der kos- 
mischen Physik bekanntlich sehr wohl deckt (vgl. Bd. I S. 85). 

Welcher Art aber kann die Regelung der Mannigfaltigkeiten durch das 
Harmoniegesetz sein? In der alten Definition der Harmonie durch Philo- 
laus, den Pythagoräer, steckt bereits ein Hinweis darauf, trotz des darin 
sich äußernden mythischen Denkens wohl kenntlich, wenn er sagt: „Aus 
Streitendem und Entgegengesetztem besteht das Seiende, und darum hat es 
billig Harmonie in sich; denn Harmonie ist des Vielgemischten Einheit und 
des Zwieträchtigen Zusammenhang." Oder wenn in der wichtigsten aller 
Harmonielehren, der des Pythagoras, immer wieder betont wird, daß in den 
Naturerscheinungen vernünftige Ordnung, Zusammenstimmung und Gesetz- 
mäßigkeit walte, weshalb sie in Maß und Zahl ausgedrückt werden könnten. 

Aus diesen Definitionsversuchen leuchtet bereits hervor, wie auch aus der 
modernen, allerdings ins bloß Ästhetische verflachten Definition, wonach 
Harmonie die wohlgefällige Übereinstimmung der Teile eines zusammen- 
gesetzten Ganzen sei, daß es sich dabei um ein statisches und nicht um ein 
dynamisches Verhältnis handeln kann, um ein Maßverhältnis der Teile, das 
Stabilität hervorruft, also nichts anderes als ein Mittel zur Herstellung von 
Gleichgewicht sein kann. 

Harmonie erscheint mithin als ein zur Stabilität befähigender Ausgleich 
der Teile oder, vielleicht noch konziser gesagt, als ein Gleichgewicht der 
Relationen und bewirkt daher Ruhe (Stabilität). Damit ist auch das Ver- 
hältnis von Harmonie und Optimum geklärt. Denn es ist mit ausgedrückt, 
daß Harmonie ein Verhältnis von Teilen eines Systems sei, die dadurch 
zu ihrem Optimum kommen, wodurch auch das Optimum des ganzen 
Systems angenähert wird. Harmonie ist eine Bedingung des Optimums, 
aber nur aus den Beziehungen optimaler Teile zueinander kann jene höchste 
Harmonie entstehen, welche die absolute Dauer und damit das vollständige 
Sein gewährleistet. In diesem Sinn ist also die Dauer nicht so sehr ein 
Kennzeichen des Optimums als der Harmonie. 

Alle diese Vorstellungen haben sich dem menschlichen Denken schon 
längst aufgedrängt, und es ist überaus kennzeichnend, daß jenes bemerkens- 
werte sechste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, mit dem überall auf 
Erden eine wahre Epoche der Erkenntnis begann, gleich mit dem ersten 
Aufdämmern philosophischer Selbstbesinnung der Menschheit den Harmonie- 
gedanken bescherte, der sie trotz aller Wandlungen und dem Verfall der 
Philosophie bis heute nicht mehr verlassen hat, sich sogar zu einem der 
grundlegenden Begriffe der Lebensgestaltung, wenigstens in der Kunst ent- 

Franci. Bios 11 " 

257 



wickelte seit jenem 
Kanon des Polyklet 
(Abb. 113), der, immer 
wieder verloren und 
immer wieder entdeckt, 
die Menschheit von den 
Griechen bis Leonardo 
da Vinci und den Re- 
naissancekünstlern mit 
unsterblichen Werken 
bereicherte, inzwischen 
gewandelt auf die Mu- 
sik übersprang und 
durch sie allen zerstö- 
renden Mächten des 
Lebens ein Gegenge- 
wicht hält, das sogar 
der heutigen Verwü- 
stung des Menschen- 
tums gegenüber sich 
hoffentlich bewähren 
wird, bis die Philo- 
sophie des harmoni- 
schen Lebens, welche 
die objektive Philo- 
sophie so recht eigent- 
lich ist, so weit Wur- 
zel gefaßt und Verbrei- 
tung gefunden hat, daß 
sie ihr mit Erfolg zu Hilfe an die Seite treten kann. Dieser „goldene 
Schniä", der dem griechischen, von Leonardo wiederentdeckten Kanon 
zugrunde liegt, lautet in seiner bekanntesten Form: Harmonisch sei das 
Verhältnis der Teile, wenn der kleinere Teil zum größeren sich ebenso 
verhalte, wie dieser zum Ganzen.^^^) 

Angeblich entsprachen an der Statue des Doryphoros des Polyklet die 
menschlichen Proportionen diesem Maßverhältnis ^o«), jedenfalls diente diese 
Statue in edelster Harmonie vielen Generationen von Künstlern, die das 
Ideal der Antike hochhielten, als „Kanon", der freilich in der Linie: praxi- 
telische Schule bis Thorwaldsen, Canova und den Nazarenern zu einer 
Kurve der Verflachung wurde, während er in der Baukunst (z. B. Verhält- 
nis bei Türen und Fenstern, angemessen der menschlichen Proportion, da- 
her mit ihr harmonisch) und im Kunstgewerbe (recht naheliegend auch in 
den Formaten von Schriftstücken und Büchern), überhaupt als „biologisches*" 




Abb. 113. Der Kanon der Proportionen des menschlichen Körpers. 
Idealer Bau eines Mädchens, das den „Goldenen Schnitt" in allen 
Körpermaßen verwirklicht. Man beachte im besonderen das Verhältnis 
von Beinen, Abdomen, Thorax und Kopf, sowie die Arralänge. Nach 
O. Fritsch. 



258 



Format in allem, was mit dem Menschen zusammenhängt, seine Bedeutung 
bis heute unverändert behalten hat und für alle Zeiten auch behalten 
wird.io') Eine der großen Konstanten des Seins (gleich der Oravitations- 
konstante usw.) ist darin gegeben, die sich auch in zahllosen Verhältnissen 
der Natur wiederfindet und schon dadurch unwiderleglich beweist, daß 
ihr eine Notwendigkeit, sowohl in den menschlichen Proportionen, wie 
außerhalb dieser zugrunde liegt und nicht eine ästhetische Konvention, wie 
es die geläufige Auffassung des Harmoniebegriffes voraussetzt. Die objek- 
tive Philosophie sieht diese Notwendigkeit in der Dauerhaftigkeit der 
harmonischen Formen und Verhältnisse. Um es gleich vorweg zu nehmen: 
ihr Denken mündet in der Hypothese, daß, wenn, wie hier behauptet wird, 
die harmonische Beziehung aus allen Teilen des Weltsystems hervor- 
leuchtet, sie auch dem Ganzen eignen müsse, da doch die Teile eines Ge- 
samtsystems nur dessen Gesetze wiederholen (Konsequenz des Integrations- 
satzes vgl. Bd. \ S. 260). Es ist also, wenn das Erstere zutrifft, die An- 
nahme möglich, daß Harmonie gewissermaßen der Sinn der Welt, der 
Endzweck des Weltprozesses sei, um dadurch ihre Dauer zu erreichen. 
Mit anderen Worten, das Sein ist für uns ohne Harmonie nicht denkbar. 

Zunächst sei im Verfolg dieses Gedankens daran erinnert, daß die har- 
monische Beziehung durchgängig die gesamte Mechanik durchzieht. Alle 
Bewegungen, die zur Bildung stabiler Systeme führen, zeigen immer ein 
bestimmtes Verhalten nach einem Bewegungsprinzip, das die klassische Me- 
chanik in die Formel gekleidet hat, daß jedes freie materielle System 
seinem Ausgleich zustrebe, worunter sich die Statik nichts anders als eine 
Gleichgewichtslage vorstellen kann. In ihr halten alle Kräfte des Systems 
einen Zustand aufrecht, durch den das freie System keine Beschleunigung 
mehr erleidet, oder, wenn die Teile Bewegung^^n ausführen, in dem seine 
Kräfte in solcher Weise aufeinanderwirken, daß die durchschnittliche Ge- 
schwindigkeit jedes Teiles dann konstant bleibt, wofür die Bewegungen am 
Himmel als anschaulichstes Beispiel dienen mögen. 

Es ist ein allgemeines mechanisches Gesetz, daß jede Reaktion (sei 
sie nun chemischer oder physikalischer Natur), die in einem geschlossenen 
Gesetz vor sich geht, zu einer Konfiguration des Gesetzes führt, die sich 
nicht weiter verändert, sondern einen stationären Zustand neuer gegen- 
seitiger Zuordnung, den man im Gleichgewicht befindlich oder harmonisch 
nennen kann, bedeutet. Das ganze chemisch-physikalische Geschehen oder, 
weiter gefaßt, alles mechanische Geschehen ist demnach harmonoklin. 
Die einfachsten Experimente zeigen das sofort. Man hänge ein Ge- 
wicht an einen Gummifaden. Er wird dadurch gedehnt. Beide Systeme be- 
schleunigen sich, aber der Prozeß endet mit einem Ausgleich, durch den 
Faden und Gewicht zur Ruhe gelangen. Alle Systeme streben ihrem har- 
monischen Ausgleich zu. Das Prinzip der Trägheit erhält sie vor der 
Störung stationär, das Minimumprinzip regelt nach der Störung den Aus- 

17* 

259 



gleich selektiv auf dem kürzesten Wege und führt zu neuer Harmonie der 
Teile.^°^) Es ist daher selbstverständlich, daß wir im gesamten Weltprozeß 
überall die Anbahnung harmonischer Verhältnisse wiederfinden müssen. Es 
ist also nicht des Beweises halber, sondern nur der Erläuterung und An- 
schaulichkeit zuliebe, wenn wir nun hiefür einige Beispiele vorerst aus dem 
anorganischen Naturgeschehen suchen. 

Zunächst sei da auf die schon ausführlich behandelte (S. 17 und Abb, 57) 
harmonische Schwingung als einen der häufigsten aller Weltprozesse ver- 
wiesen, der durch die Schwingungen der Luft auch die Ursache der musika- 
lischen Harmonie ist, deren Empfinden, wenigstens im Kreise der Pytha- 
goräer, der Ursprung des Harmoniegedankens überhaupt war, wie sie denn 
auch heute noch eigentlich die einzige harmonische Beziehung ist, welche 
jedermann bekannt und sinnenfällig ist. 

Die Töne, hervorgerufen durch die elastische Schwingungen, die dem- 
nach das Gesetz der harmonischen Funktion erfüllen, demonstrieren dem 
Empfinden alle Gesetze des Harmonischen und Disharmonischen im Sinne 
von Ausgleich und Störung so vollkommen, daß die musikalische Kunst 
von je das hervorragendste Demonstrationsmittel war, um das harmonische 
Weltgesetz in die Seelen eingehen zu lassen. Der Ausdruck „Harmonie" 
hat in der Sprache der Musikwissenschaft den Sinn erhalten, daß man in 
ihm die Vereinigung mehrerer Töne zu einem Akkord sieht, also Schwin- 
gungen, die sich für unser Tonempfinden gewissermaßen die Wagschale 
halten, während die pythagoräische, überhaupt die griechische Harmonie, 
nur ein Ausdruck für die Tonleiter selbst war. Allerdings ist damit nichts Ein- 
deutiges gegeben, da die musikalische Harmonie sowohl im Gegensatz zur 
Disharmonie jeden Zusammenklang bedeuten, wie den engeren Sinn der 
Konsonanz haben kann (Durakkord, Mollakkord). In allen Fällen aber 
wirken harmonisch zueinander nur die Töne, die im Verhältnis des goldenen 
Schnittes zueinander stehen, so daß auch hier das allgemeine harmonische 
Weltgesetz der ganzen Erscheinung zugrunde liegt. 

Im Sinne von Gleichgewicht und Störung wirkt auch das Harmoniegesetz 
im Gleichgewichtssatz der Wärme (Theorie von Prevost), der besagt, 
daß ein Körper, der sich in einem luftleeren, für Strahlen undurchlässigen 
Gefäß befindet, durch Absorption der ihm von dieser Hülle zugesandten 
Strahlung ebensoviel Wärme erhält, als er gleichzeitig durch Strahlung 
verliert. Es wird sich also seine Temperatur ohne Störung von außen 
niemals ändern können. Er befindet sich in einem beweglichen Temperatur- 
gleichgewicht. Hievon ging bekanntlich Kirchhoff mit seinen Absorp- 
tionsforschungen absolut dunkler Körper aus, die zur heutigen Quanten- 
theorie geführt haben. 

Das Harmoniegesetz ist es auch, dem die chemischen Verbindungen un- 
terliegen, wenn, wie z. B. in dtr Benzolringformel deutlich wird, eine gegen- 
seitige vollständige Bindung, also ein Gleichgewicht der Bestandteile vor- 

260 




Abb. 114. Diu drei üra/icu. Aiis^rhnitl .in^ dem Oomiilcii,' von Kran/ Bartliolomaii^ 
van Doiiven. ücmiildeualerie Cassel 



1 






banden ist. Die chemische Umsetzung ist dann die Aufhebung einer durch 
den Hinzutritt neuer Atome entstandenen Disharmonie, so wie auch 
Kraftwirkung als eine Disharmonie in dem Zusammenhang der Mole- 
küle aufgefaßt werden kann, die sich auf diese Weise den Ausgleich 
schafft. Die Kapillarkraft läßt sich auch so verständlich machen, daß 
man sagt, wenn das Wasser in einem Streifen Fließpapier aufsteigt, fin- 
det eine gegenseitige Beschleunigung zwischen dem Papier und Wasser 
statt, die aufhört, wenn die Wirkung der beiderseitigen Kräfte sich auf- 
hebt. Beide Systeme sind in ein harmonisches Verhältnis getreten, sie 
haben ihren Ausgleich gefunden. Ein solches harmonisches Verhältnis der 
Moleküle zueinander liegt im Kristallbau vor. Daß die Flächen des- 
selben Kristalls und alle Kristalle derselben Art miteinander nach dem 
Zonengesetz (vgl. Bd. I S. 126) im Verbände stehen, beruht ebenso wie 
das Parameter gesetz darauf, daß sich die Moleküle in den Kristallen in 
einem bestimmten, unveränderlichen Gleichgewicht halten, das eben bei 
Störungen, z. B. nach einem Bruch, unter geeigneten Umständen auch wie- 
der hergestellt wird. 

Diese Gesetzmäßigkeit des dauerhaften Ausgleiches einer Mannigfaltig- 
keit kehrt dann in der Welt der Beziehungen bis ins größte wieder. Sie 
ist es, die sowohl hinter der Reihe der musikalischen Obertöne (vgl. S. 244) 
wie auch hinter der Titius-Bode'schen Reihe der Planeten, letzten Endes 
hinter dem Pythagoräismus in allen seinen Auszweigungen steckt, da sie den 
von Pythagoras ersonnenen Ausdruck Kosmos als den eines durch Gesetze 
zu einer Dauer beführten Naturganzen rechtfertigt. 

Im Kosmos ist das Prinzip des Ausgleiches in großartigster Weise ge- 
geben, und gerade hier wird in seiner Betrachtung auch das vornehmlichste 
Mittel dieses Ausgleiches offenbar, durch das sich die Dauer der Welt vom 
Größten bis ins Kleinste erhält. 

Dieses Mittel ist der Kreislauf. An vielen Stellen ist er uns in den 
bisherigen Betrachtungen schon entgegengetreten, denn er ist unver- 
kennbar in jedem, auch dem oberflächlichsten Erleben. Ausgesprochen 
ist er nicht nur in den Bewegungen der Gestirne, sondern auch in zwei so 
großartigen und allgemeinen Phänomenen, daß man sie lange noch nach 
ihrer Entdeckung für die wichtigsten, grundlegenden aller Naturgesetze ge- 
halten hat, während sie in Wirklichkeit nur Kundgebungen des einen 
großen Harmoniegesetzes sind. 

Gmeint sind das Gesetz von der Erhaltung der Materie und das der 
Erhaltung der Energie (vgl. S. 7), die tatsächlich den gesamten Welt- 
prozeß bestimmen. Was sind sie beide als eine stete Harmonoklise, ge- 
eignet, eine ununterbrochene Gleichgewichtsverteilung herzustellen, durch 
die die Dauer des Weltphänomens gewahrt wird? In Erscheinung treten 
sie als Entwicklung und Änderung in den Formen der Selektion und 
des kleinsten Kraftmaßes, ferner als zahllose Kreisläufe, denen nachzu- 

261 



forschen nicht nur das größte praktische Bedürfnis besteht, sondern auch 
ein unbeschreibliches Vergnügen bereitet. 

Wäre die Entwicklungshypothese in den Formen geblieben, in denen 
sie schon im Jahre 1852 auftrat, als sie von H. Spencer begründet 
wurde, dann wäre sie in den Augen der Menschen stets als ein Aus- 
gleichsvorgang erschienen (wie sie neuestens von der Biologie wieder 
aufgefaßt wird), dazu bestimmt, das gestörte Gleichgewicht wieder herzu- 
stellen und dem Sein das Beharrungsvermögen zu sichern.^o^) Von den 
Kreisläufen sind die kleineren, wie sie in diesem Werk schon gelegentlich 
betrachtet wurden, die des Wassers (Bd. I S. 175), der Atmosphäre (Bd. I 
S. 156), des Sauerstoffes (Bd. I S. 148), der Kieselsäure (Bd. I S. 166). 
des Kalkes (Bd. I S. 167), des Eisens (Bd. I S. 171), des Stickstoffs 
(Bd. I S. 149), so anziehend und wichtig sie für das praktische Leben 
in hundert Beziehungen auch sein mögen, doch nur untergeordnet gegen 
das wunderbare Phänomen der höchsten Harmonie, die sich in dem 
steten Kreislauf aller Materie und Energie des gesamten Kcfsmos aus- 
spricht, was ganz eigentlich in summa das Phänomen aller Phänome, 
der Weltprozeß selber ist. 

Hier ist die Rechtfertigung des ndvTa öei des Heraklit und des 
tiefsinnigen: „Alles ist dauerlos" der buddhistischen Lehre. Die Einwen- 
dungen, die man gegen diese Überzeugung ausgesprochen hat, als sie 
namentlich von dem deutschen Philosophen K- Du Prel,^^^) der für die 
objektive Philosophie auch als einer der Vorläufer der Biotechnik von 
Bedeutung ist, verfochten wurde, sind durch die neueren Einsichten, wie 
sie namentlich Sv. Arrhenius in seinem „Werden der Welten" verwertet 
hat, gegenstandslos geworden. 

Es ist „ein ewiger Kreislauf der natürlichen Weltordnung" gegeben da- 
durch, daß die kalten und dunklen Nebel die entwerteten Energien spei- 
chern und wieder in aktive Energie rückverwandeln. Die unheilvolle Pro- 
phezeiung der Entropie (vgl. Bd. I S. 78) hat nicht jenen Grad von 
Gewißheit erreicht, daß sie als Gegengewicht ausgespielt werden könnte, 
und die Einwände, die Arrhenius und E. Zermelo gegen den vermeintlichen 
Wärmetod des Universums erhoben, sind immer stichhaltiger geworden, da 
nicht daran zu zweifeln ist, daß sich erstens alle Energie im Sonnen- 
stadium zwar entwertet, aber im Nebelstadium ebenso verbessert, zweitens 
alles Geschehen rhythmisch wiederholt. In dem wahrnehmbaren Ge- 
schehen zeigt sich allerdings die Irreversibilität, die Tendenz einseitiger 
Richtung, die man in dem Satz ausdrückte, daß jedes System seinem 
wahrscheinlichsten Zustand zustrebe (Bolizmann). Aber man bedenke doch, 
daß damit doch nur das Harmoniegesetz in anderer Form konstatiert ist, 
wenn die absolute Harmonie als die absolute Dauer angesehen wird. Die 
Entropie wäre dann ein Aufhören der Harmonie ohne eine Kraft von außen, 
eine an sich unvorstellbare Vorstellung. 

262 



Dagegen zeigt sich die Harmonie als das gesetzmäßig sich erhaltende 
und regierende Gleichgewicht unverkennbar durch direkte Beobachtung im 
Weltsystem. Die bekannten „Störungen" (vgl. Bd. I S. 17) gleichen sich 
immer wieder aus, und namentlich die Unregelmäßigkeiten der Erden- und 
Mondbahn kehren immer zum „harmonischen Mittel'' zurück. Das Son- 
nensystem führt nur Schwankungen um einen stabileren Zustand aus, wenn 
auch dieser erst eine zeitweilige und noch nicht die unbedingte Harmonie 
darstellt, die eben erst dem Weltsystem als solchem eignet. 

So wie sich in einem bewegten System jedem seiner Teile diese Bewe- 
gung mitteilt und in einem Belebten die Lebensfunktion auch den kleinsten 
Elementen des Systems zukommt, so muß aber dann in einem relativen Sinn 
aus der Gültigkeit des Harmoniegesetzes für das Weltganze das gleiche 
auch für jeden seiner Teile folgern. Somit können auch die belebten 
Systeme im Kosmos nicht ohne die harmonische Regelung der Beziehungen 
bleiben. Und so ist es auch. Der Begriff Leben ist von dem der Harmonie 
untrennbar. Alle Eigentümlichkeiten der Organismen beruhen auf einem 
Prinzip der inneren Ordnung, auf einer Enharmonie (J. Wiesner), die eine 
gegenseitige Korrelation der Teile so streng bestimmt, daß man keinen 
von ihnen ändern kann, ohne die Änderung der anderen nach sich zu ziehen. 
Niemals ändert sich durch die Anpassung nur ein einziges Merkmal, son- 
dern, durch die Korrelation festgelegt, stets ein ganzer Komplex; es erfolgt 
stets so lange eine Verschiebung sämtlicher Merkmale, bis wieder der Zu- 
sammenschluß aller zu einem harmonischen Ganzen möglich und auch er- 
zielt ist. Abbildung 116 ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Darge- 
stellt ist das weibliche Geschlechtsorgan des im Darm der Hummeln para- 
sitisch lebenden Wurmes Sphaerularia bombi. Dieser Geschlechtsteil ist 
enorm hypertrophiert, so sehr, daß das Tier, dem er zugehört, daran nur 
wie ein Anhängsel sitzt und erst bei genauerem Zusehen entdeckt werden 
kann. Eine solche abnorme Vergrößerung erfährt eigentlich nur der 
Eierstock, um die bei der gefährlichen und einseitigen Lebensweise nötige 
enorme Zahl von Eiern produzieren zu können. Trotzdem nehmen kor- 
relativ an der Vergrößerung auch alle möglichen anderen Zellen, z. B. die 
Wandzellen des Eierstockes teil, die Zelle für Zelle ein größeres Volumen 
erreichen, als der ganze Wurm überhaupt erfüllt. So wird das vergrößerte 
Organ doch wieder zu einer Einheit zusammengeschlossen, die in sich ganz 
harmonisch ist. 

Eine streng eingehaltene Korrelation macht sich schon innerhalb der 
Zelle bemerkbar. Das Verhältnis von Bakterium und Geißeln ist auf das 
Genaueste abgewogen (Abb. 115), nicht minder interplasmatisch das von 
Zellgröße und Granulum (vgl. Bd. I Abb. 80), vor allem aber die soge- 
nannte Kernrelation, d. h. das Verhältnis zwischen Plasma und Kernmasse, 
das sich, wenn man es durch eine Amputation stört, oder wenn es durch 
eine Kernteilung autonom zerstört wird, immer wieder herstellt. 

263 



Es ist sehr merkwürdig und verlockt die Phantasie auf Reisen, daß diese 
Regel der Einflußsphäre des Kernes auf das Plasma durchgängig auch auf 
den verschiedensten anderen Integrationsstufen wiederkehrt. Man denke nur 
an die merkwürdige Anziehungskraft, die eine Stadt auf die sie umgebenden 
Dörfer ausübt, die ihrer „Einflußsphäre" in geschäftlichen, sogar oft mo- 
dischen und kulturellen Beziehungen unterworfen sind. Man kann hieran 
eine ganz merkwürdige Anregung knüpfen. Ich habe berechnet, daß die 
Kernrelation der Pflanzenzellen 1:20, 1:24, 1:36 im Durchschnitt be- 
trägt und nie auf größere Werte steigt. Die Einflußsphäre der Hauptstädte 
dagegen umfaßt das ganze betreffende Land und überrascht mit den Ver- 
hältnisziffern von 1:10 für München, 1:13 für Paris, für London gar 
durch 1 : 7. Die modernen Großstädte sind also auch in diesem Sinn 
ganz und gar kein Abbild des Organischen, und es wäre nun zu unter- 
suchen, ob sich darin nicht eines ihrer Hauptgebrechen ausspricht. Frühere 
Zeiten waren dieser Überzeugung. So behauptete der bayerische Historiker 
Westenrieder in seinen Beiträgen zur vaterländischen Historie um 1800, 
daß München (das damals 40 000 bis 50 000 Einwohner als Hauptstadt 
eines Landes von einer Million Einwohner, also eine „Kernrelation" von 
1 : 25, mithin das organische Verhältnis hatte) in Gefahr sei, bei weiterem 
Wachstum übervölkert zu werden. Wie er, für die Denkungsart der dama- 
ligen Zeit sehr kennzeichnend, sagt, würden bei einer Verschiebung dieser 
Relation zugunsten Münchens dort die Lebensmittel teurer werden als 
im Land und Bettler, Wirte, Musikanten, Advokaten (!), Agenten sich zu 
sehr vermehren. 

Es wäre im Verfolg dieses Gedankens auch zu untersuchen, wie sich das 
Verhältnis des Elektrons zu seiner Ladung, das der verschiedenen Kraftfel- 
der zu ihren Kraftzentren usw. verhält, und danach könnte die hier aufge- 
worfene Frage nach einem Gesetz der Einflußsphären wohl beantwortet 
werden. Ein wunderbares Beispiel dieser intrazellulären Enharmonie waren 
von jeher die freischwebenden Einzeller des Planktons, aus denen E. 
Häckel seine leider nur zu wenig bekannt gewordene Galerie von „Kunst- 
formen der Natur" hauptsächlich auswählte, unter ihnen namentlich die 
Kieselalgen und Radiolarien (vgl. Bd. I Abb. 37, 38, 89) und außer ihnen 
die Foraminiferen (Bd. I Abb. 58). Wie harmonisch zusammen geschlossen 
sind doch in einer solchen /^o/ycj/s///?^- (Abb. 117) oder einer Actinoptychus- 
schale (Abb. 118) alle Elemente, wie ästhetisch befriedigend ist das Ge- 
samtbild dieser wohlabgewogenen Architekturen, wenn sie auch bis in die 
kleinsten Einzelheiten hinein nur von dem Ingenieur als Anpassungen 
an Festigkeit und Leichtigkeit verstanden werden können. 

Häckel sprach mit der an ihm so liebenswert anmutenden philosophischen 
Phantastik, die sein Denken kennzeichnet, von einem Kunsttrieb des Plas- 
mas, eine Vorstellung, mit der objektives Denken allerdings nichts zu begin- 
nen weiß; was in seiner Seele und in denen der Betrachter dieser Wunder- 

264 





= :0 







Abb. 121. Natürliche Parklandschaft aus einem süddeutschen 
Hochmoor 




Abb, 122. Eine Rasenbank in den Kalkalpen als Beispiel der Verwirk- 
lichung des Harmoniegesetzes durch die Pflanzenwelt 

Die Harmonie drückt sirh aus ini Verhältnis der Ve.^etationsorganc zu den Blüten, 
im Verhältnis der Einzelpflanzen zum Standort, in dem der Pflanzen zueinandtr, im Maß 

der Rasciibank zu der Kluft, usw. 
Dargestellt sind in der Mitte der große Enzian (Gentiana punctata). Vor diesem blüht 
Edelweiß (Onaphalium Leontopodium), vor diesem eine alpine Primel, davor hängen 
einige Wedel des Alpenmilzfarnes (Athyrium alptstre^ herab. Links vom entkeimt der 
Felsspalte eine junge Latsche (Pinus montana), hinter ihr stehen blühende Alpenrosen 
(Rhododendron), neben ihnen ein Alpenhabichtskraut (Hieracium), hinter ihnen blühen- 
der Steinbrech (Saxifraga). Neben dem Enzian nickt eine weiße Anemone. Von der 
Felswand kriecht die Alpenrebe (Atragenc alpina) herab. 
Originalzeichnung unter Benützung eines Gemäldes von Th. Pctter. 



265 



geschöpfe immer wieder die ästhetische Freude entzündet, das ist eben 
die Harmonie solcher Erscheinungen, die ja freilich aus der ganzen Natur 
zum Menschen spricht und die wahre Ursache ist, warum ihn Natur stets 
wieder von seinen Einseitigkeiten, Verranntheiten heilt, und warum ihr An- 
blick schon ihm den Frieden und innere Erquickung gewährt. 

Das Problem der Natur Schönheit erscheint durch die Erkenntnis des Har- 
moniegesetzes nun plötzlich als Ganzes in anderem Licht. Es wird erläutert 
und verständlich als ein Verhältnis der Korrelationen. Die Harmonie der 
Natur wird uns als ihre Schönheit fühlbar. Woran immer das Auge des 
Naturfreundes schwelgen mag, sei es der Anblick einer jener lieblichen 
Parklandschaften (Abb. 121), wie sie für das süddeutsche Trockenmoor so 
kennzeichnend sind, oder das entzückende Hügelland (Abb. 210), bei dessen 
Anblick das Herz des Europäers so recht aufgeht, da gerade in ihm sich 
der ganze Zauber des Wortes Heimat zur Einheit zusammenschließt, oder 
sei es vor der Erhabenheit des reifen Hochgebirges der Zentralalpen (Abb. 
119), die nach übereinstimmender Erfahrung der Bergkenner die schönsten 
aller alpinen Bilder bergen, an welchem Einzelbild dieser großen Mannig- 
faltigkeiten er sich nun entzückten Sinnes verlieren mag, sei es die dich- 
terische Anmut einer Schar von Alpenblumen (Abb. 122) oder der wunder- 
liche Formenreichtum einer Schneckensammlung (Abb. 125 und 126), stets 
fühlt er sich gefesselt von etwas nur der Natur so restlos Eignendem, das 
den Menschenwerken kaum und, wenn ja, dann gerade nur den Kunstwer- 
ken von Ewigkeitswert anhaftet, nämlich von dem Eindruck einer inneren 
Vollkommenheit voll gesetzmäßiger Bestimmtheit. Stets bietet der Anblick 
eines Naturgegenstandes eine Mannigfaltigkeit, die wieder harmonisch zur 
Einheit zusammengeschlossen ist. — Das ist es, was der große Künstler 
auch erreichen will und nur in seinen begnadetsten Schöpfungen erreicht. 
Die Korrelation der Teile, seien das nun die Zacken einer Schneckenschale 
oder die Strahlenkronen von Blumen oder der lichte Schimmer der Firn- 
häupter gegen das starre Eisengrau der Felswände und das leuchtende 
Grün der Matten, erfüllt in den Naturbildern stets das Harmoniegesetz, es 
erzeugt den Eindruck des „Organismus" und bringt der Seele dadurch die 
Oberzeugung bei, die Welt sei „wohlgeordnet", sie sei ein „Kosmos" un- 
verbrüchlicher Beziehungen, in die auch er eingeordnet sei. Und daraus ent- 
springt das Beruhigende aller Naturbilder. Natur macht auch die Seele har- 
monisch; das sich in sie Einfühlen bedeutet Reibungslosigkeit des Teiles 
mit den anderen Teilen, denen er in einem Ganzen zugehört. Und so ist der 
künstlerische Eindruck im allertiefsten Grunde eigentlich ein metaphysi- 
scher, oder wenn man es religiös ausdrücken will: es ist der Anblick der 
Gottheit und ergreift darum die Seele bis in ihrem Innersten. Doch man 
täusche sich nicht: Nicht die Natur wiederholt mit ihrer Harmonie das 
Knnstgesetz, sondern die Kunst ahmt biotechnisch das Gesetz der Natur 
nach, indem sie die verborgendsten Urgründe des Seins fühlen lassen kann 

266 




Abb. 123. Der Hohlenkafcr Leptoderus Hohenwartii, ein in allen Hohlen lebendem, blindes Insekt 
aus der Adelsberger Grotte, ct\va siebenfach vergrößert. Original. 

in einer Selektion ihrer Mittel, die es dem Beschauer manchmal leichter 
macht, sich in ihrem engeren Kreis dem Empfinden hinzugeben, als in der 
überwältigenden und verwirrenden Überfülle des natürlichen Erlebens selbst. 

Das ist letzten Endes auch die Ursache, warum die einfachere Landschaft 
(Abb. 121) meist ästhetisch befriedigender wirkt als die heroische (Abb. 119). 
warum die kleine Mannigfaltigkeit einer bestimmten Blumengruppe (Abbil- 
dung 122) die Sinne mehr entzückt als der Anblick einer ganzen Wiese. Ge- 
wiß erschöpfen diese wenigen Andeutungen noch nicht das ganze Gebiet 
der ästhetischen Wirkung — es ist hier auch nicht der Ort, um darauf ein- 
zugehen — , aber sie seien als Unterlagen für eigenes Denken dargeboten, 
das bald erkennen wird, daß die wahren Gesetze des künstlerischen Schaf- 
fens und des Kunstgenusses doch nur im Erleben gesucht werden können 
und dann den Weltgesetzen ebenso Untertan sind, wie auch die übrige 
Geistigkeit des Menschen. 

Diese Korrelation der Teile, die nach außen hin der Seele den Eindruck 
des Vollkommenen gewährt, ist nun in jedem Organismus innerlich die 
Grundbedingung seines dauernden Seins. Sie ist die wahre Ursache der 
ungeheueren Mannigfaltigkeit, mit der die Welt des Seienden das Auge 
blendet. Dabei ist sie keineswegs, wie man in der Wissenschaft allgemein 
glaubt, auf die Organismen beschränkt. Auch ein Kristall ist durch die ihm 
innewohnenden Gesetze gezwungen, auf eine in einmal festgelegter Weise 
gebildete Fläche die anderen entsprechend abzustimmen; auch eine Flüssig- 



267 



keit ist genötigt, auf 
Kräfte, die sie angrei- 
fen, einheitlich und ge- 
setzmäßig zu reagieren. 
Im Organismus frei- 
lich ist dieser Zusam- 
menhang angesichts der 
tausend Beziehungen, 
welche die kleinsten 
Teilchen schon anein- 
ander ketten, beson- 
ders augenfällig. 

Stets wird durch die 
Korrelation der ganze 
Organismus gewisser- 
maßen in allen seinen 
Eigenschaften umge- 
prägt. Der auf Bild 123 
wiedergegebene, häu- 
fige blinde Höhlenkäfer 
Lcpioderus unterschei- 
det sich von dem 
Durchschnittstypus sei- 
ner Gruppe in fast al- 
len Merkmalen, trotz- 
dem sich in seiner Lebensweise ihnen gegenüber nur das Einzige geändert 
hat, daß er nicht zeitweise wie sie dem Lichte entrückt ist, sondern eben 
ständig im Dunkeln lebt. Ich möchte sagen, daß er dadurch zu einer öm- 
harmonisierung gezwungen worden ist. Er ist vollständig zum Tasttier ge- 
worden, dessen ganze Körpergestalt, im besonderen dessen Kopf und erstes 
Thoracalsegment, dessen Fühler und Beine nun total umgestaltet und in 
Ausgleich mit den Anforderungen der neuen Lebensweise gebracht sind. 
Wie sich diese korrelative Anpassung als Ausgleich stets von Fall zu Fall 
richtet, kann sehr lehrreich an einem Beispiel studiert werden, das in Ab- 
bildung 124 wiedergegeben ist. Es handelt sich um den den Zierfisch- 
züchtern neuerdings sehr bekannten Blattfisch (Pterophyllum scalare C. V.), 
der im Stromgebiet des Amazonas lebt und als überaus schlechter 
Schwimmer in dem Gewirr der dichten Wasserpflanzen in seiner Heimat zu 
der Anpassung gezwungen war, blattartig flach wie ein Keil sich durch die 
Lücken des Geblättes schieben zu müssen. Die Enharmonie forderte dann, 
daß nun der Zuschnitt des ganzen Körpers geändert werden müsse; die 
Flossenstrahlen sind treppenförmig angeordnet, die Bauchflossen sind völlig 
weich und überaus verlängert, so daß sie im Dickicht leicht nachgezogen 




Abb. 124. Htcrophyllum scalare, ein südamerikanischer Aquariuinfisch. 
Näheres siehe unten. Nach der Natur gezeichnet. 



268 







Abb. 125. Das Ebenmaß im Bau der Scliiieckciitichäuse 

Man versuche aus der Regel des Goldenen Schnittes den ästhetisch befriedigenden Anblick dieser Na- 
turgebilde zu verstehen. 1 Murex hemispina. 2 Pteroccra lambus. 3 Die Variabilität der Tacheadcnge- 
häuse. 4 Cassis. Originalaufnahme von Frau Dr. A. Friedrich, München 




Abb. 126. Die Schale einer Ranellaschnecke, 

ein Musterbeispiel ebenmäßiger organischer 

Gestaltung 




Abb. 127. Der Schädel des Menschen 

Die Verkörperung des Goldenen Schnittes in 
dem Verhältnis von Stirn und animalischen 
Merkmalen, Sinnesorganen und Qesamtbau, 
Preß- und Orientierungsorganen. Man beachte 
auch die Korrelation der Organe. Nach So- 
bottas Atlas 



Abb. 128. Skelett des 
Oorilla im Vergleich 
zu dem des Menschen 

In dem ersteren spricht sich 
die einseitige, auf Muskel- 
kraft und Klettern gerichtete 
Anpassung aus, welcher das 




Knochengerüst harmonisch 
entspricht, im letzteren die 
Anpassung an den aufrech- 
ten Gang (untere Extremi- 
täten im Vergleich zu den 
oberen), dadurch Verküm- 
merung des Brustkorbes, 
dafür allgemeine Harmoni- 
sierung in der Lebensweise. 



werden können; genau 
so umgeändert ist auch 
die Schwanzflosse, so 
daß durch die harmo- 
nische Umgestaltung 
das kleine Fischchen 
sich mühelos durch das 
dichteste Gewirr hin- 
durchzudrücken ver- 
mag. Den Gipfel aller 
solcher Umbildung und 
desZusammenschlusses 
zu neuen enharmoni- 
schen Einheiten bewun- 
dert aber die Tier- 
kunde seit altersher in 
den Staatsquallen (Si- 
phonophoren), von de- 
nen einige sehr mar- 
kante Vertreter auf Ab- 
bildung 129 ihre Fang- 
netze ausbreiten. Die 
Gliederung einer sol- 
chen Tiergemeinschaft 
ist aus der Legende der 
Abbildung ersichtlich 
und verrät allein schon 
ein erstaunliches Maß 
von Zusammenwirken, 
wie es sonst nur im 
geregelten Betrieb der 
Organe bekannt ist. 
Eine solche Gliederung 
in Personen ist un- 
denkbar ohne ein 
Gleichgewichtsgesetz, 
das das Ganze regelt, sowohl im Aufbau wie in der Funktion; denn eines 
muß da das andere ergänzen und auf jedes Einzelne im Wirken des Ganzen 
Bezug nehmen. Eine solche Korrelation der Teile und ihr lückenloser Zu- 
sammenschluß zu einem harmonischen Ganzen, wie sie namentlich im letzt- 
behandelten Beispiel sich unvergeßlich einprägt, ist also, wie man sieht, 
der hervorstechendste, allgemeinste Charakterzug des Organismus. Mit den 
gewonnenen Einsichten im Kopf kehre man jetzt einmal zum Kanon der 




Abb. 12<J. Staatsqualleii (Siphoiiophoren) als Vertreter organischer üc- 
mciiischaftsbilduiig. Links die Art Dicolabe quaJricata aus dem Indi- 
schen Ozean, rechts Haiistemma lergeslinam aus dem Mittelmeer. Beide 
verkleinert. An dem Aufbau dieser Oemeinschaftsgebilde nehmen fol- 
gende „Personen" teil: Oben regelt ein luftgefülltes Individuum, der 
Pneumatophor (Luftkammer) mit den darunter zwei- bis mehrreihig 
angebrachten Schwimmglocken die Schwimmfähigkeit. Hierauf folgt 
bei Dicolabe ein Kranz von Tentakeln, unter denen sich die nur zur 
Fortpflanzung dienenden Individuen (Ocnitaiträubchen) befinden, darun- 
ter wieder Tentakeln, die der Nahrunq;saufnahme dienenden FreRpoIvpcn 
mit weitgeöffneter Mundöffnung und ein weitauigebreitetes Netz von 
Fangfäden mit Nesselknöpfen. Hallistemma ist etwas anders zusam- 
mengesetzt. Unter den Schwimmglocken sind an einem spiralig ge- 
wundenen Stamm eine große Anzahl von Tastern, schützenden schild- 
förmigen Deckstücken, urnenförmigen Polypen und verzweigte Senk- 
fäden mit nesselnden Köpfen zum Fangen der Nahrung angebracht. 
Dazwischen stehen am Stamm nur weibliche kugelige „Gemmen" mit 
je einem Ei. Andere Stöcke produzieren nur männliche Individuen. 
(Originalzeichnung.) 



269 



menschlichen Schönheit zurück (Abb. 114), man wird nun erst bemerken, 
daß zur Harmonie eines Ganzen unbedingt die Geltung jedes seiner, auch 
des geringsten Teiles dazugehört. Was darf in der Körpergestaltung des 
„schönen" Menschen fehlen, ohne daß nicht sofort der harmonische Ein- 
druck unwiderbringlich zerstört wäre! Deshalb wirkt ein Verkrüppelter 
oder Verstümmelter unschön, deshalb sucht das Auge, das in der Beurtei- 
lung der Harmonieverhältnisse beim anderen Geschlecht ungeheuer geübt 
ist, in den Zügen und Formen einer als „schön" geltenden Frau nach der 
leisesten Abweichung, um sie als Mangel zu empfinden. Was lebt daher 
nicht alles als Miederfabrikant, Haarkünstler, Schminkenerzeuger, Schuh- 
macher und Schneiderin, Masseur und Arzt von dem Beruf, die mangelhafte 
Harmonie der Teile auszugleichen, an sich eigentlich ein grotesker Gedanke, 
der aber so recht zum Bewußtsein bringt, wie das ganze Leben der Men- 
schen nichts als ein Dienst vor Gesetzen ist, die sie merkwürdigerweise 
gar nicht bewußt kennen. Sie dienen unsichtbaren und geheimen Gottheiten 
im Glauben, etwas anderes zu wollen, als was sie wirklich tun. 

Die Korrelation der Teile ist so streng gewahrt, daß der französische 
Zoologe Cuvier, ihr Entdecker, das Meisterstück leistete, aus einzelnen 
Knochen und Bruchteilen des Knochengerüstes tertiärer Säugetiere, deren 
ganze Form wieder herzustellen und sogar ihre Lebensweise vorherzusagen, 
eine Prophezeiung, die sich dann an späteren, besser erhaltenen Funden 
bewahrheitete. Von dieser Rekonstruktionskunst macht die Paläontologie 
und namentlich die Paläoanthropologie heute ganz selbstverständlichen 
Gebrauch. 

Man zögerte nicht, aus einem Bruchstück eines Schädeldaches, einigen 
Zähnen und einigen Schenkelknochen sich die ganze Gestalt des Pithe- 
canthropus von Java vorzustellen oder aus einem Unterkiefer (vgl. Abb. 39) 
von Heidelberg einen bestimmten Typus des Urmenschen. Tatsächlich ist, 
wenn man das Knochengerüst des Menschen (Abb. 128) oder auch nur 
seinen Schädel (Abb, 127) von diesem Standpunkt aus betrachtet — von 
dem aus er übrigens der Schönheit nicht entbehrt, — sein Skelett ein lücken- 
loses Ganzes, dessen Teile genau so ineinandergepaßt sind, wie die Glieder 
der Frau am Kanon der Schönheit. Wenn auch nur eine Einzelheit anders 
wäre, könnten die anderen davon nicht unbeeinflußt bleiben. So will es 
das Harmoniegesetz. Und so ist es an Mensch, Tier, Pflanze, Zelle, Kristall, 
Berg und Weltall durchgeführt. Namentlich an dem Skelett des Gorilla 
auf Bild 128 kann man sich das zur festen Überzeugung einprägen. Der 
gewaltige Oberkörper erfordert ein massiveres Becken, als der Mensch 
besitzt, und dementsprechend wieder kolossale Oberschenkel. Wer nur 
einen Femur eines solchen Menschenaffen sieht, kann, wenn er das Har- 
moniegesetz des Körperbaues kennt, dazu niemals einen Menschen rekon- 
struieren, so wie man aus einem einzigen Zahnloch sich ein Bild des Kiefers 
und von diesem eines des gesamten Schädels machen kann und muß. Und 

270 




Abb. 130. Kretinöses Kind (nach Virchow). 



das gilt für jeden beliebigen Teil. 
Es sind daher die in der wissen- 
schaftlichen Literatur im Schwange 
gehenden Wiederherstellungen fos- 
siler Tiere (vgl. Abb. 61/62) oder 
von Urmenschen nicht Phantasie- 
produkte; sie brauchen es wenig- 
stens nicht zu sein, sondern können 
sich als strengste Wirklichkeit ge- 
bärden. Der sehr bekannte und 
sicher ein ziemliches Maß von 
innerer Wahrheit in sich bergende 
Versuch, das Antlitz des neander- 
taler Europäers von den Toten zu 
erwecken (Abb. 132), ist eine der- 
artige Anwendung des Korrelations- 
gesetzes, deren Einzelheiten im 
Vergleich zu einem Urmenschen 
der Gegenwart (Abb. 133) nun je- 
der verstehen und nachprüfen kann, 
der sich im Sinne des Obigen in diese Abbildungen vertieft. 

Seitdem das Wissen das erkannte, bestand die Frage: Wie schafft sich 
der Körper diese unbedingt gewahrte Harmonie? Das wunderbare Eben- 
maß, das ebensogut aus dem Kanonbild wie aus dem Skelett spricht und 
geradeso für den Gorilla wie für den Triceratops (Bd. I Abb. 81) oder den 
Menschen gilt, wenn man bei jedem nur die Funktionen, denen es dienen 
soll, bedenkt, kann nicht gut erst das Produkt einer Selektion sein. Der 
Organismus kann nicht erst disharmonisch funktionieren und solange 
Schaden erleiden, bis die unzweckmäßigen Formen ausgemerzt sind. Er 
würde das mit Krankheit bezahlen, so wie das unglückliche kretinöse Kind, 
das auf Bild 130 nach Ranke's anthropologischem Werk wiedergegeben ist. 
und dessen bejammernswerte Unform sofort auch in dem Nichtmediziner 
den Eindruck erweckt, es sei krank. 

Es war eine merkwürdige Lösung dieser Frage, als sich herausstellte, 
daß die Harmonoklise der Gestaltung durch bestimmte Sekrete sogenannter 
endogener Drüsen vermittelt wird. Bestimmte Stoffe (Hormone), die 
neuerdings auch im Pflanzenkörper gefunden worden sind^^i), regeln das 
Wachstum des im embryonalen Zustand disharmonisch angelegten Körpers 
im Sinne der Harmonie der Teile; es sind das dieselben Hormone, die 
durch die Untersuchungen des österreichischen Physiologen E. Steinach als 
Regler des Alterns so viel Staub aufgewirbelt haben. Denn auch das Alter 
hat seine Disharmonie, wofür ich in dem Bilde eines 117jährigen Papageis 
(vgl. Abb. 139), ein überzeugendes Beispiel vorlegen kann. Sie wird hint- 



271 



angehalten, solange bestimmte Hormone, die eben E. Steinach in be- 
stimmten Zellen der Geschlechtswerkzeuge sucht, noch abgesondert werden. 
Der Sitz einer solchen harmonoklinen Funktion ist z. B. auch die 
Schilddrüse des Menschen, weshalb ihre Entartung, gemeinhin als Kropf 
bekannt, sich in Störungen der körperlichen Harmonie auswirkt. Auch 
der Kretinismus, für den Zwergwuchs, Wasserköpfe, eine Disharmonie der 
gesamten Erscheinung in der auf Abbildung 130 wiedergegebenen Weise 
die Regel sind, scheint nichts anderes denn eine Störung der harmono- 





Abb. 131. Die Regeneration der Triton-Linse. I. Schematischer Schnitt durch das 
Tritonauge, aus dem die Linse operativ entfernt ist. t der Punkt, an dem die 
Neubildung einsetzt. U. Die Neubildung der Linse. (I) durch die Umdifferenzie- 
rung von Zellen der Regenbogenhaut. Ml. Die Abichiüruig der neuen Linse 
(1) erfolgt erst in dem Augenblick, in dem sie in die Augenhöhle paßt. 
Nach V/olff. 



klinen Kräfte des Organismus zu sein und wird dadurch zu einem Zeugnis 
der allgemeinen Weltharmonie, allerdings zu einem von erschütternder Art. 
Es kann aber die Wohlgestaltung des Organismus natürlich nicht von der 
Existenz gewisser Drüsen allein abhängen; diese Fähigkeit muß vielmehr 
dem Plasma als solchem schon innewohnen, sonst wäre es nicht möglich, 
daß sämtliche Lebewesen, auch die allereinfachsten, ihr Wachstum durch- 
aus harmonoklin ordnen, ja das Bewirkende muß sogar der Materie selbst 
innewohnen, wie der harmonische Bau der Kristalle ebensogut wie der des 
Weltalls beweist. Die so vielbewunderten teleologischen Leistungen der 
Organismen gelegentlich der Regeneration sind daher in dieser Hinsicht 
doch anders anzusehen, als dies bisher geschah. Die Erörterung von zwei 
der markantesten Fälle wird das sogleich beweisen. Der erste, den ich 
hervorheben will, ist in der biologischen Literatur zur Berühmtheit ge- 
worden. Der Schweizer Anatom G. Woljf^^^) ging hiebei von folgender 

272 




Abb. 132. Versuch einer Rekonstruktion des Menschen vom 
Neandertal (Homo primigeniiis) 




Abb. 133. Kopf eines Wcdda von Ceylon 

Die Weddas sind Angehörig^e der primitivsten 

Menschenrasse 




Abb. 134. Das harmonische Zusammenleben der Mitglieder 
in dem Waldverein 

Jeder füllt in gegenseitiger Anpassung die Lücl<en des Lebensraumes aus, die ihm 
gelassen sind. In den Lichtinseln des Hochwaldes machen sich Sträucher breit, da- 
zwischen Kräuter, darunter Moose, während sich das Edaphon auf den Boden 
selbst beschränkt und des Lichtes kaum mehr bedarf. Naturaufnahme 



Sachlage aus: Das Auge der Wirbeltiere besteht im wesentlichen aus zwei 
Teilen, aus dem Augenbecher und der Linse. Die letztere bildet sich wie 
alle Sinnesorgane aus der Oberhaut und wird allmählich von dem Augen- 
becher umwachsen (Abb. 131). Wolff schnitt bei einer großen Anzahl von 
Jugendformen des gewöhnlichen Molches (Triton taeniatus) die Linse 
sorgfältig heraus und konnte, indem er jeden Tag ein Individuum in den 
aufeinanderfolgenden Stadien der Regeneration untersuchte, den Ablauf der 
Wiederherstellung lückenlos feststellen. Schon binnen 24—48 Stunden 




Abb. 133. Die Morphallaxis eines Planariawurmcs. Aus herausgeschnittenen 
Teilen regenerieren neue Tiere stets nach den Gesetzen harmonischer Gestal- 
tung. Nach Morgan. 



nach der Operation (siehe die Abbildung) änderte sich der Augenbecher. 
Weiße Blutkörperchen verzehrten eifrigst den schwarzen Farbstoff, mit dem 
er ausgekleidet ist, langsam kehrte er, wie man das auch von anderen Rege- 
nerationsfällen weiß, wieder in einen Embryonalzustand zurück. Dann be- 
begann an der Regenbogenhaut eine Zellvermehrung, die zu einer Neu- 
bildung der Linse führte, und zwar genau an dem einzigen Ort, der geeig- 
net ist zur Aufnahme einer neuen Linse. Auch erfolgte deren Abschnürung 
erst in dem Augenblick, in dem sie die Höhlung für sie ganz ausfüllt und 
daher richtig sitzt. Die Linse wird demnach in voller Harmonie mit dem 
physiologischen Geschehen neu gebildet. 

Noch vielsagender ist der zweite Fall, der zuerst durch die amerikanischen 
Biologen Morgan, Ritter und Congdon^^^) erforscht, seitdem wiederholt 
beobachtet und sichergestellt worden ist. In allen stehenden Gewässern 
leben die zierlichen, kleinen Strudelwärmer (Turbellarien), von denen ein 
Vertreter, die Gattung Planaria auf Bild 135 dargestellt ist. Die Regene- 



Franci. Bios H 



273 



ration dieser Tiere ist eine vollkommene. Man kann sie gleich einem Süß- 
wasserpolypen oder einem Regenwurm sozusagen beliebig in Stücke zer- 
schneiden und erhält aus jedem Teilstück doch wieder ein neues Tier. Nur 
ereignet sich hiebei das Merkwürdige, daß sie nicht so sehr durch Zuwachs 
wieder ihre Vollständigkeit erreichen, wie vielmehr durch Umgestaltung 
ihres Inneren, was Morgan als Morphallaxis bezeichnet. Es bildet sich 
z. B. der Schlund bei einem solchen Tierchen nach der Operation so zurück 
wie der Augenbecher der Tritonen. Aber es entsteht dafür ein neuer 
Schlund, dessen Größe genau der Harmonie des neuen Gesamtkörpers an- 
gepaßt ist! Auch die anderen Organe passen sich bei der Neubildung har- 
monisch den geänderten Verhältnissen an, so daß der regenerierte Wurm das 
vollkommen ebenmäßige, jedoch verkleinerte Abbild des Ursprünglichen ist 
(vgl. die Abbildung 135). „Wie wenn sich zuerst die Idealgestalt des 
neuen, kleinen Wurmes bilden würde, in welche sich dann der alte Körper- 
inhalt ergießt", sagt hierüber H. Driesch, der Leipziger Philosoph. 

In dem wunderlichsten Fall dieser Art wurden durch die Operation 
anderthalb Strudelwürmer veranlaßt, sich durch Morphallaxis zu einem um- 
zubilden. In dem Kopf waren Gehirn und Augen bereits entwickelt. Die 
Augen lösten sich auf und bildeten sich aufs Neue in dem Teil des Tieres, 
der nun dem neuen Kopf entsprach. Das Qehirn aber wanderte dorthin, 
wohin es das Harmoniegesetz im Bauplan der Strudelwürmer forderte. 
Jedenfalls geht aus diesen Tatsachen hervor, daß die Harmonoklise dem 
Organismus als Ganzem, dem Plasma an sich zukommt, daß jede Anpassung 
unabhängig von Hormonen und Sonder fähig keilen bereits harmonoklin ver- 
läuft. Es hat daher Driesch etwas in den Gesetzen der Welt Enthaltenes 
ausgesprochen, wenn er in den Organismen durchgängig Harmonie ver- 
körpert sieht und diese von dem Biologischen untrennbar hält. Sein Begriff 
der „Gottheit" enthält auch den der davon untrennbaren Harmonie; indem 
er ihn mit dem des lebensfähigen Individuums gleichsetzt, hat er sich zu 
der Gleichung bekannt: Lebendes = Harmonisches System. 

Das Lebensgeschehen selbst erscheint so als eine Kette von System- 
verschiebungen, die man verschieden als Regulationen, Adaptationen, Re- 
generationen benennt, die aber insgesamt nur den einen Zweck haben, die 
Harmonie dieses Systems zu erreichen und immer wieder aufrecht zu er- 
halten. Dadurch wird die Dauer dieses Systems (des Lebens) gewährleistet; 
der Tod ist das Aufhören dieser Harmonie. 

Die harmonische Form ist demnach nicht nur die Dauerform, sondern 
auch die optimale technische Form, dadurch die „vollkommene Erfüllung 
der Wesenheit", also integrierend für den Begriff des Seins. Diese Har- 
monie des Organismus besteht aber nicht nur für das Individuum allein, 
sondern es regeln sich auch die Beziehungen der Individuen zueinander 
nach dem harmonischen Weltgesetz. Die Lebewelt ist tatsächlich, wie es 
auch der französische Religionsphilosoph Bergson ausdrückt, insgesamt ein 

274 



harmonisches Ganzes. Es spricht viel dafür, in der maßlosen Zersplitterung 
der Lebensform in Gestaltungen verschiedener Art eines der Mittel zu 
sehen, um diese Harmonie nicht nur mit der Umwelt, wie sie in der Adap- 
tation ausgesprochen ist, sondern auch untereinander zu erreichen. 

Der Sinn des geschichtlichen Werdens erscheint dem Denker unter 
diesem Gesichtspunkt als das Erreichen der Harmonie im Zusammenleben 
der Individuen (Soziologie) und der Völker (Politik), um dadurch Dauer zu 
erhalten. Der Prozeß selbst macht den Eindruck einer Harmonoklise. Denn 
bevor diese Harmonie erreicht ist, sind nur Durchgangsstadien, also ge- 
schichtliche Entwicklung friedlicher oder kriegerisch-revolutionärer Art, 
fortwährende Verschiebungen, Pendulationen, kurz der ganze geschichtliche 
Prozeß zu bemerken. Eine Geschichtsbetrachtung, die diesem Gedanken 
nachgehen würde, führte zu einer noch ausstehenden objektiven Geschichts- 
philosophie. 

Das gleiche muß dann aber auch für die Historie des Lebens, nämlich 
das paläontologische Werden gelten und erklärt dann sowohl die Typen 
und Stämme wie die maßlose Zahl der Arten. Beide erscheinen im Lichte 
dieses Gedankens als die Überbleibsel der fortgesetzten Versuche, unter den 
so vielfachen Lebensbedingungen und ihrem kosmisch bedingten Wechsel zu 
der Harmonie mit der Umwelt zu gelangen, ohne die das Leben auf die 
Dauer nicht bestehen kann. 

Tatsache ist, daß alle lebendigen Wesen, wie hier bereits betont wurde, 
in Gemeinschaften von Tieren und Pflanzen, in Biocoenosen oder Vereinen 
und Formationen zusammengeschlossen sind, und daß diese so wie die 
Einzelindividuen stete Wanderungen über die Erdoberfläche vollführen. 
Ich habe diesem Problem Jahre meiner Arbeitskraft gewidmet, indem ich 
das Edaphon, die Lebensgemeinschaft der im Erdboden lebenden Orga- 
nismen (vgl. Abb. 23 und S. 80) in allen ihren Zusammenhängen studierte. 
.\uf das klarste sah ich da, wie die einzelne Form dabei nur das Glied eines 
großen Kreislaufes ist, an dem in diesem Fall Spaltpilze und Algen, Boden- 
pilze und Urtiere, Würmer und Insekten, höhere Tiere und grüne Pflanzen 
teilnehmen, und durch den sie zu einem gewissen Ausgleich gelangen. Aber 
die Grundlage dieses Kreislaufes ist die Stickstpjjassimilation. Auch im 
oberirdischen Leben ist das ganze organisierte Sein nichts als eine stete 
Kette von Kreislaufprozessen, deren Fundament wieder die Kohlensäure- 
assimilation ist. Pflanze und Tier greifen auch da wunderbar ineinander 
und gehören wechselseitig dazu, daß der große Kreislauf des Lebens er- 
halten bleibe, der sich würdig an der Materie und der Energie anschließt. 

Gerade aus dem Edaphon erkennt man besonders deutlich die Tendenz 
des Ausgleiches und der biotischen Gleichgewichtsherstellung durch die 
Wanderung aller Bodenorganismen über die gesamte bewohnbare Erde. Sie 
geschieht zwar, wie es auch mit dem Plankton oder mit den Bakterien 
oder den Pflanzenkrankheiten oder sehr vielen höheren Pflanzen (Ameno- 

18» 

275 



Choren, Kletten, Hydrochoren) der Fall ist, passiv, mit dem Winde oder als 
Verschleppung durch Tiere; da aber alle diese Organismen durch beson- 
dere Verbreitungseinrichtungen wie die Einkapselung (Encystierung) oder 
Flügeleinrichtungen, Enterhaken u. dgl. an diese Verbreitungsart angepaßt 
sind, muß man doch wohl sagen, daß sie die Tendenz zum faunistisch- 
floristischen Ausgleich besitzen. Und dazu kommen zahllose andere Lebens- 
formen, namentlich aus dem Tierreich, die höchst aktiv von Land zu Land 
ziehen, und dafür sorgen, gleich den wandernden Heringen oder Lachsen 
oder Aalen, Wanderratten, Staren und vielen anderen Vögeln, Heuschrecken 
und wandernden Tierherden, daß sich Fauna in Fauna menge und das Le- 
bensgleichgewicht erhalten bleibe."*) Ganz entrückt ihrem Willen tront 
der Ausgleich auch in jener erhabensten Form über ihnen, daß jede Ver- 
mehrung und Durchbrechung der faunistischen Harmonie den Tieren, die 
sich von der „disharmonischen" Art nähren, Gelegenheit zu besonders 
reichlicher Fortpflanzung gibt, worauf wieder eine schärfere Auslese so- 
lange erfolgt, bis das Gleichgewicht neuerdings hergestellt ist. Auf ein 
Maikäfer- oder Raupenjahr folgt eine Singvögelvermehrung, die das Leben 
der Kerfe wieder eindämmt. Und so ist überall gesorgt, daß die Bäume 
nicht in den Himmel wachsen und die große Harmonie der Natur, deren 
Anblick zu den reinsten Genüssen und tröstlichsten Erhebungen des Gemü- 
tes gehört und das Göttliche des Seins unmittelbar empfinden läßt, ewig er- 
halten bleibe. Das schönste, tiefsinnigste und unerschöpflichste Beispiel 
hierfür aber ist der hier immer wieder hervorgehobene Wald, die wahre 
Heimat von uns Mitteleuropäern, die wir in Organisation, Anpassungen, see- 
lischer Einstellung, in Religion, Sprache, Vorstellungen und Empfinden 
trotz aller Zivilisation noch immer so richtig das Waldvolk sind. Sein 
oberstes Gesetz heißt Harmonie, seine erste Existenzbedingung ist gegen- 
seitige Anpassung aller, die in ihm vereinigt sind, und dadurch ein vollen- 
deter Ausgleich, der ihm jene von den Biologen so viel bestaunte Eigen- 
schaft verleiht, daß er von dort, wo er einmal Fuß gefaßt hat, unter sonst 
gleichbleibenden Umweltverhältnissen nicht mehr weicht, sondern sogar 
noch diese Umwelt in ihrem Klima, in der Wasserregelung, der Bodenbil- 
dung, der Verzögerung der Denudation usw. im Sinne einer ihm genehmen 
Dauer beeinflußt. 

Es ist daher keine Mode und kein Zufall, daß das Bild des Waldes 
(Abb. 134) in unserer Seele die geheimsten Regungen weckt und sie dem 
Ewigen gegenüber am weitesten öffnet. Der Wald ist unsere Gesundung in 
jeder Weise. Auch ohne daß man um den so vielverschlungenen Reigen der 
in ihm wirksamen Weltgesetze weiß, erfühlt man aus seinem frischen, er- 
quickenden Odem wenigstens das oberste von allen: die Harmonie, die alle 
anderen in sich schließt. Auch der Naturunkundige sieht, wie sich im Walde 
die fünf Stockwerke des Hochwaldes, der Sträucher, der Kräuter, der Moose 
und des Bodenlebens (Abb. 134) miteinander in Beziehung setzen, wie die 

276 



einen die anderen erhalten, wie jedes einzelne nur die Lücken ausfüllt, 
welche die über ihm stehende Integrationsstufe des Seins seinem Dasein ge- 
stattet, wie jedes in Form, Lebensweise, Bedürfnissen und Leistungen an 
das andere, und an das Ganze angepaßt ist, ein Abbild der ganzen Welt 
im kleinen. — Und wenn er sich alles auch nicht in den Einzelheiten 
begrifflich zu erklären vermag, so bleibt doch keiner unempfänglich für die 
gewaltige Wirkung, die dieser reinen und „harmonischesten" Form von 
Harmonie entströmt, und fühlt es wenigstens künstlerisch oder ergriffen im 
Herzen: hier webt sich der Gottheit ewig lebendiges Kleid. . . . Und so ent- 
läßt uns der Wald mit dem unerschütterlichen Wissen: Alles Sein ist stets 
ein Kreislauf, darum ist alles Sein im Ausgleich begriffen und sucht die 
große Harmonie mit dem Unendlichen. 

Harmonie ist das biologische Endstreben. Gelegentlich der Erkenntnis der 
verheerenden Wirkung, die die einseitige Anpassungen der Menschen an die 
Schwermetalle auf seine Seele und seine Lebensführung ausübte (vgl.S. 172) 
als eine Störung seiner Daseinsharmonie, die sich heute noch aus- 
wirkt und die wahre Ursache des Verfalls der Kultur seit hundert Jahren 
zu sein scheint, drängte sich brennend der Wunsch auf, zu wissen, ob und 
wie sich eine einmal gestörte Harmonie wieder herstellen ließe. Jetzt, 
da wir alle die vielfältigen Verknüpfungen und Verknotungen der Weltge- 
setze wenigstens in großen Zügen zu kennen glauben, kehrt die Frage wie- 
der, behangen mit dem Schwergewicht des Empfindens, daß alles Streben 
nach Erkenntnis nutzlos gewesen wäre in letztem Belang, wenn gerade 
auf diese lebensnotwendigste, auf diese Frage aller Fragen sich Einsicht 
keine Antwort zu verschaffen vermöchte. 

Und — auf der Suche nach dieser Antwort hängt unser Blick noch ge- 
bannt an dem Anblick des Waldes. Ist das nicht die Antwort selbst? Das 
lebendige Beispiel, wie man es machen muß, um zur vollendeten Harmonie 
und dadurch zur Dauer des Ganzen zu kommen! Sagt es nicht, daß es nur 
den einzigen, allerdings nur mit Überwindung zu beschreitenden, zahllose 
innere und äußere Opfer fordernden, vor Härten und Mannhaftigkeit nicht 
zurückschreckenden Weg dafür gibt? Es gilt, den Weg der Weifgesetze 
zu beschreiten! Man muß sie demütig und widerstandslos auf sich nehmen, 
vor allem die bescheiden machende Einsicht, daß es Integrationsstufen gibt, 
nicht nur unter den Menschen, sondern auch inter pares und über uns, man 
muß die das Herz bange schlagen lassende Gewißheit haben, daß Selek- 
tion unerbittlich waltet, auch mit uns, wenn wir nicht optimal funktionieren 
für uns und fürs Ganze: man muß danach leben, daß nicht unser Glück 
und dieses Dasein der Sinn des Lebens sei, sondern die Harmonie mit 
dem Ganzen auf jeder Stufe des Seins, vom Einzeldasein zum Staat, zur 
Menschheit, zum Weltall und zur ganzen Innenwelt aufsteigend, mit ihrem 
unermeßlichen Reichtum und ihrer unerbittlichen Forderung! Man muß die 
Weltgesetze nicht nur kennen, sondern man muß auch nach ihnen leben. 

277 



E^emütig muß man sein. Wir können nicht so leben, wie wir wollen, 
sondern müssen so leben, wie es das Gesetz unseres Seins vorschreibt! 
Wir können dieses Gesetz erkennen — es ist das ewige Sittengesetz, das 
alle Denker und alle Religionen nur übersetzt haben in ihre Sprachen. 
Ihm müssen wir nachleben, ihm müssen wir uns voll und ganz hingeben, 
aus tiefstem Wissen um das Sein. Dann können wir auch gläubig vertrauen, 
daß wir eingehen werden in das große Mysterium des ewigen Seins, in 
tausend neue Verwandlungen und Seinsstufen, wenn wir nur erst einmal 
den Anschluß gefunden haben an die Harmonie mit dem Unendlichen. 



Harmonie ist im obersten Sinne auch das MaBverhältnis der Gesetze 
untereinander, das sie gemeinsam zur Dauer führt. Harmonie ist das End- 
ziel aller Entwicklung, das Wort im alten Sinne genommen. Mit dem Er- 
reichen des gegenseitigen Ausgleiches aller Optima schließt erst der Entfal- 
tungsprozeß. Darum ist alles Geschehen nur ein stetes Spiel und Widerspiel 
von Ausgleichserscheinungen. Einheitlich ist es in dem Sinn (wie das 
Aristoteles und von den neuen Denkern auch W. Wandt ausgesprochen 
haben), daß nichts auf der Welt ist, was nicht auf Bewegungen zurück- 
geführt werden könnte, die auf dem Streben nach einer Gleichgewichts- 
oder Ruhelage beruhen. Herstellung der Harmonie erscheint uns als der 
Weltprozeß. Aber — und damit geht das objektive Denken über seine 
vielen Vorläufer, die mehr oder minder alles das Gesagte über die Har- 
monie auch schon erkannt haben, hinaus — das alles ist nur notwendige 
Erkenntnisform des Menschen, die notwendige Art, wie er sich sein Welt- 
bild zurechtlegt. 

Sein Leben ist nichts als Anpassung, und Anpassung ist Harmonie des 
Individiuums zu seiner Umwelt. Deshalb muß ihm Harmonie als sein 
und seiner Welt Lebensziel vorkommen. Dieses Ideal ist biozentrisch be- 
stimmt. Der Bios ist aus erkenntnistheoretischen Gründen ein harmo- 
nisches System. 

Unsere Erkenntnisselektion unterliegt dem Gesetz der Harmonie, indem 
wir aus der Welt der Erlebnisse nur das „Menschenbezügliche" selektieren 
und es „menschlich" verknüpfen. Wir drücken mit allem, was wir sagen, 
nur „uns" allein aus. Die Weltharmonie ist unsere Harmonie. Und Har- 
monie mit dem Unendlichen bedeutet nur die Vollendung unseres Wesens. 
Unser Streben nach dauernder Eingliederung der Einzelerlebnisse in den 
Bios (das Ergebnisganze) zwingt uns zur Harmonisierung dieser Erleb- 
nisse. Deshalb erscheint dem Erkennen die Harmonie als das oberste aller 
Weltgesetze. 



278 



Anmerkungen und Zusätze 

104 (Zu S. 225). Die erste scharfe, begriffliche Fassung dieses Faktums gab mei- 
nem Wissen nach der Schweizer Philosoph Rieh. Avenarius, der Begründer des 
Empiriokritizismus, in seiner „Kritik der reinen Erfahrung" (Leipzig 1888/1890), in- 
dem er seinen Begriff der „Vitalreihen'' schuf und damit das Gemeinsame in den 
Erlebnis- und in den Lebensprozessen nutzbar werden ließ, indem er zeigte, daß alle 
Vitalreihen relativ abgeschlossen sind, ihre natürlichen Grenzen (ihr Endglied) be- 
sitzen. Das Denken drängt stets nach einem solchen Abschluß (einem Ergebnis), der 
keine Komponente mehr enthält, die über sich hinausweist. „Jede Vitalreihe ist auf 
einen abschließenden Zustand gerichtet", hat also eine Tendenz zur Stabilität. Daher 
muß das Erleben, soll es denkbar sein, für uns ein „Sein" haben, und dieses „Sein" 
hat nur Sinn, wenn man es als „Dauer" faßt. Vgl. auch /. Petzoldt, Einführung in 
die Philosophie der reinen Erfahrung. Leipzig. 1904 Bd. II. — /'./«-/zsen, Organische 
Zweckmäßigkeit, Entwicklung und Vererbung vom Standpunkt der Physiologie. 
Jena. 1907. 

105 (Zu S. 258). Eigentlich ist die Sectio aurea die mathematische Aufgabe, eine 
gerade Linie A B durch einen Punkt so in zwei Teile zu zerlegen, daß der kleinere 
Teil B C zum größeren A C sich so verhalte, wie A C zu AB. Die Lösung wird er- 
reicht, wenn man auf A B die Senkrechte B O errichtet, welche Vj A B lang ist. Ein 
mit dem Halbmesser gezogener Kreis schneidet die Gerade AO im Punkte p. AC ist 
dann gleich A p. Dieses Verhältnis entspricht dann etwa dem von 5 : 8. Vgl. Zeising, 
Der goldene Schnitt. Leipzig. 1884. 

106 (Zu S. 258). Vgl. Friederichs, Der Doryphoros des Polyklet. Berlin. 1863. 

107 (Zu S. 259). Vgl. hierzu auch noch Wittstein, Der goldene Schnitt und die An- 
wendung desselben in der Kunst. Hannover. 1874 — auch: Matthias, Die Regel vom 
goldenen Schnitt im Kunstgewerbe. Hannover, 1886. 

108 (Zu S. 260). Vgl. zu dem Gesagten die sehr klaren Ableitungen von A. Cohen- 
Kysper, Rückläufige Differenzierung und Entwicklung. Leipzig. 1918. S. 32 u. ff. 

109 (Zu S. 262). H. Spencer sah vollkommen deutlich den optimoklinen Charakter 
jeder Art von Entwicklung und sprach es ausdrücklich aus, daß sie Ausgleich suche, 
genau so wie seinem scharfen Blick klar war, daß Selektion nur ein Reinigiings- 
prozeß im Sinne des Optimoklinen sei. Er sagt hierüber: „Wenn die Kraft, die ein- 
wirkt, das Gleichgewicht völlig zerstört, dann stirbt das Ungeeignete aus, oder posi- 
tiv ausgedrückt, es überlebt das Passende." So kommt „eine ständige indirekte An- 
näherung an den vollkommenen Typus zustande." Der vollkommene Typus aber ist 
das endgültige Gleichgewicht. 

Desgleichen spricht er es aus, daß das Gesetz der Richtung der Bewegung, d. i. die 
Richtung aller Bewegung, die des kleinsten Widerstandes sei, daß auch die Bewe- 
gung rhythmisch sei. Vgl. H. Spencer, First Principles. 

110 (Zu S. 262). Vgl. ä:./)«/'/'^/. Der Kampf um Dasein am Himmel. Berlin. 1874. 

111 (Zu S. 271). Vgl. F.Weber, Hormone im Pflanzenreich. (Naturwissenschaft- 
liche Wochenschrift. 1920). Die Voraussetzung von Hormonen stammt ei.ü^cntlich von 
dem deutschen Botaniker Fitting, der auch als erster ganz zielbewußt auf die durcl» 
Korrelationen bewirkte Einheitlichkeit, also Personalität der Pflanze hinwies. 

279 



112 (Zu S. 272). Vgl. G. Wo///, Beiträge zur Kritik der Darwin'schen Lehre. Leip- 
zig. 1898. 

113 (Zu S. 273). T. H. Morgan, Experimental Studies of the Regeneration of Pla- 
naria maculata (Archiv f. Entwicklungsmechanik. 1898). — C. R. Barden, On the 
Physiology of the Planaria maculata, with especial reference to the phenomena of 
regeneration (Amercian Journal Physiology 1901). — E. Ritter u. F. Congdon, On 
the Inhibition by artificial section of the normal fission Plane in Stenostoma. (Procee- 
dings of Californian Academy Science. 1900.) Vgl. auch H. Driesch, Die organischen 
Regulationen. Leipzig. 1901. 

114 (Zu S. 276). Vgl. hierzu F. Knauer, Tierwanderungen. — A. Wallace, Die geo- 
graphische Verbreitung der Tiere. Dresden. 1876. — W. Kobelt, Die Verbreitung 
der Tierwelt. Leipzig. 1902/03. 



Die Welt als Bios 



Die Formel des Werkes — Die Weltformel der Physik — Ihre „Prinzipe" stammen 
von einem übernatürlichen Standpunkt — Definition des Massenprinzipes — Das 
Trägheitsprinzip — Das Kraftprinzip — Das Prinzip der Wechselwirkung — Das 
Schwerpunktsprinzip — Das Flächenprinzip — Das Entropieprinzip — Das Relativi- 
tätsprinzi]) — Diese Prinzipe sind Erlebnisordnungen — Der Rationalismus stellte 
ihnen eine Metaphysik als die wahre Ausdeutung des Seins gegenüber — Führt da- 
durch übernatürliche Faktoren in das Denken ein — Kant als Schöpfer des heutigen 
naturwissenschaftlichen Denkens — Gegensatz zum objektiven Denken — Bios wird 
geordnet durch die sieben Gesetze der Welt — Die Biozentrik eint Denken und 
Leben — Relativität des Erkennens, absolute Befähigung zum richtigen Leben 

— Hume, Mill und Vaihinger als die Pioniere der objektiven Philosophie — Der 
Wert der Intuition — Intuition spiegelt nur die Weltgcsetze — Der Wert der Reli- 
gion als Unterwerfung unter das Weltgesetz — Die Formel der objektiven Philoso- 
phie: Sie schafft Ordnung im Erleben und hilft dadurch besser leben — Der Ur- 
sprung des Leides ist unrichtiges Leben — Das Weltensein als Weltgericht — Das 
gleiche Gesetz über Allem — Umwelt und Vererbung als Vollstrecker des Leidens 

— Das Weltbild ist nur Spiegel unseres Lebens — Der Bios ist Selbsterkenntnis — 

Natürlich enthält dieses Werk viele Fehler und Irrtümer, deren Ursachen 
teils in mir, teils in der Zeit liegen. Ebenso natürlich wird es auch im 
Laufe der Zeiten überholt durch die wachsende Einsicht in die Zusam- 
menhänge des Weltgeschehens. Trotzdem behält es einen dauernden und 
unvergänglichen Wert: die Einsicht wird und kann sich nicht ändern, daß 
das Erleben und damit auch das Leben ein ebenmäßiges System ist, in dem 
die Erlebnisse auf den verschiedenen Integrationsstufen nach den Gesetzen 
der Ökonomie ihr Optimum erreichen, wodurch allein schon die Unvoll- 
kommenen ausgemerzt werden. Und schon diese Einsicht bedingt eine ganz 
bestimmte Lebensweise, wenn Vorstellung und Erleben reibungslos in 
sich harmonisch verlaufen sollen. Da ist, auf einen Satz gebracht, der Inhalt 
eines ganzen umfangreichen Werkes. 



Die Physik, welche heimlich noch immer den Anspruch erhebt, im Sinne 
der Physik der alten Griechen die Weltformel in sich zu bergen, ist in 
diesen letzten Dingen anderer Überzeugung. Sie verzichtet auf die letzte 

281 



Selbsbesinnung und nimmt kurzerhand das Sein als eine selbstverständ- 
liche Realität und den Intellekt als das unbedingt zuverlässige, außerhalb 
des Seins stehende, daher zu seiner Erforschung absolut geeignete Mittel, 
mit dem sie die „Prinzipe" findet, die den Bau der Welt zusammenhalten. 

Es ist eben der naive Sensualismus des Hobbes (dem Newton anhing) 
der so denkt und handelt und bis heute noch in Newtons Fußstapfen wan- 
delt. Denn, wenn jemand danach trachtet, „die Resultate ganzer Gebiete auf 
die kürzeste Formel", nämlich auf ihre ..Prinzipien'" zu bringen, in der 
Hoffnung, diese Prinzipien dann nochmals vereinfachen und zusammenlegen 
zu können zu einer „WeltformeV, in der er dann Ursache, Wesen und 
Sinn der Welt in die Hand nehmen kann, so hat er dabei vorausgesetzt, er 
selbst stehe außerhalb der Welt, er hat sich auf einen übernatürlichen 
Standpunkt gestellt (ganz logischerweise beschäftigte sich daher Newton 
auch in gleicher Methode mit „übernatürlichen" Vorstellungen) und be- 
schreibt das Gesehene von diesem aus. Alles habe eine Masse {Massen- 
prinzip), sagte dieser übernatürliche Seher. Die Masse eines Körpers sei 
unter allen Umständen konstant. Jede Masse sei träge. Ein Körper behält 
seine Geschwindigkeit nach Größe und Richtung unverändert bei, solange 
keine Kraft auf ihn wirkt (Trägheitsprinzip). Die durch eine Kraft an 
einem Körper hervorgebrachte Beschleunigung hat die Richtung der Kraft 
(den Impuls) und ist numerisch gleich der Kraft, geteilt durch die Masse 
des Körpers {Kraftprinzip). Zu jeder Kraft aber existiert eine Gegenkraft, 
welche gleich groß und entgegengesetzt gerichtet ist. {Wechselwirkungs- 
prinzip). Der Schwerpunkt eines Körpersystems bewegt sich so, als wären 
alle Massen in ihm vereinigt {Schwerpunktsprinzip). Ein abgeschlossenes 
System hat für jede beliebige Achse eine unveränderliche Summe von 
Flächen {Flächenprinzip). In einem halbgeschlossenen System nimmt die 
Entropie bei jedem Prozeß zu {Entropieprinzip). Und dann das letzte und 
neueste: Sind die Naturgesetze für ein Raumzeitsystem gültig, das sich gegen 
das erste in gerader Linie und mit konstanter Geschwindigkeit bewegt, und 
in welchem die gleiche Lichtgeschwindigkeit herrscht {Relativitätsprinzip).*) 

Da ist das ganze Um und Auf der Physik beisammen. Und was ist es? 
Eine Sammlung von Behauptungen; Zusammenhänge, die in der Sinnes- 
welt immer wiederkehren und, wie der Berliner Philosoph /. Petzoldt 
einmal sehr artig sagte, bloß ihre Nützlichkeit, nicht aber ihre Gültigkeit 
durch die Erfahrung rechtfertigen. Wenn jemand meint, das sei alles so, 
dann hat das den gleichen Wert wie der Inhalt der Sibyllinischen Bücher 
oder der Apokalypse des Johannes oder die Visionen Swedenborgs. 



*) Eigentlich nur das sogenannte zweite Relativitätsprinzip, während das erste lau- 
tet: Sind die Naturgesetze für einen Beobachtungsstandpunkt gültig, dann gelten sie 
auch für jeden anderen Standpunkt, der sich gtgtxx den ersten in gerader Linie mit 
konstanter Geschwindigkeit bewegt. 

282 



Der Menschengeist hat es auch eingesehen, daß das Bild der Sinne 
nicht das der Welt sei. Und vor der Wahl, zu sagen: ich weiß nicht, wie 
die Welt beschaffen ist, denn ich erlebe ja nicht sie, sondern mich, sagte 
er tapfer ein Drittes. Nämlich er behauptete frei, aus dem Nichts könne 
„der Menschengeist alles erdenken". Wenn man das Rationalismus nennt 
und als seine Väter Descartes, Spinoza, Leibniz und Kant verehrt, dann 
klingt das zwar gelehrt, besagt aber nichts anderes und ist letzten Endes 
wieder nur eine verfeinerte, mit täuschenderen Masken zugedeckte Behaup- 
tung von der übernatürlichen Natur des Menschen. Vor der Physik steht 
dann eine Metaphysik. Und was ist die Quelle der Metaphysik? Man 
drehe und wende die Sache, wie man will, zuletzt kommt doch nichts 
anderes heraus, als daß der Mensch nach ihr angeblich Fähigkeiten hat, 
die in der „Physis", das Wort im alten Sinn genommen, nicht vorhanden 
sind, weshalb er Natur absolut, von außen anschauen kann. Ist das 
Wissen? Nein. Das ist Glaube. Man gebe mir eine andere Definition 
der Metaphysik als die der Ausübung einer übernatürlichen — verschämt 
a prioristisch genannten — Befähigung. Die allgemeinsten Prinzipien des 
Erkennens (reine Anschauung und reiner Verstand) sind für Kant doch 
a priori. Und diese wendet die Physik von heute unbedenklich an. Damit 
ist das Tischtuch zerschnitten. Physis muß die groben Arbeiten verrichten, 
sie darf nur mehr „beschreiben". Es heißt jetzt im Banne der Kantischen 
Lehre; alles Erklären sei nur ein vollständiges Beschreiben. Wirklich 
kausal erklären könne ja doch nur der Denker auf Grund seines übernatür- 
lichen Menschentums. Seitdem ist selbstverständlich die Naturwissenschaft 
für jeden Philosophen — und jeder Denker ist heute kantisch erzogen — 
nicht mehr das ganze Erkennen, sondern erst ein Teil des Wissensmöglichen. 
Der bessere Teil schlummert in uns. Er ist uns von jenseits der Natur 
(Metaphysik) mitgegeben. 

Dem steht das objektive Denken gegenüber. Es ist weder empiristisch 
noch rationalistisch, weder an dem Materialismus noch an der Kantischen 
Metaphysik „orientiert". Es will nichts anderes als die Lebensidcc zu 
erzeugen aus dem Leben selbst. Bios, das Leben regiert, nicht aber Logos, 
das Denken. 

Die Aufgabe des Denkens ist Orientierung im Leben, und das Weltbild 
ist niemals das Ergebnis des reinen Denkens, sondern das des Lebens. In 
diesem Sinn versuchte ich hier die Erfahrungen äußerer und innerer Art als 
den Inhalt unseres Erlebens zu zergliedern, und fand darin die sieben 
Weltgesetze. Das ist darunter zu verstehen, wenn die objektive Philosophie 
sagt: Der Bios wird geordnet durch die sieben Gesetze der Welt. Sie 
sind eine seelische Notwendigkeit, sie sind die Gesetze unserer Bionomie, 
damit das Erleben „sein" kann, d. h. Ganzheit und Dauer erhalte. In 
diesem Sinne unterschreibt sie die erleuchteten Worte des Spinoza: „Es 
ist klar, daß der Geist sich um so besser erkennt, je mehr er von der Natur 

283 



erkennt" und das aus der eminent zoetischen Intuition seiner Rasse heraus 
geschriebene: „Alle Wissenschaften haben nur einen einzigen Zweck, auf 
welchen sie hinzuleiten sind . . . nämlich die höchste menschliche Voll- 
kommenheit zu erlangen." "5) 

In der Biozentrik (vgl. Bd. I S. 35) eint sich Denken und Leben. Was 
in der Begründung dieses Werkes in dessen erstem Abschnitt vorweg be- 
hauptet wurde, ist jetzt, nachdem der große Kreis der Beweisführung ge- 
schlossen ist, zur Gewißheit erhoben. Das durch seine Erfahrung orientierte 
erkennende Subjekt, dessen Vorstellungen von Zeit, Raum und Kausalität 
lelativ, d. h. biologisch bedingt sind, kann nie etwas Absolutes erkennen, 
sondern stets nur Relationen zu sich. Zu zoetischen. Zwecken reicht der 
Intellekt aus. Er gewährt eine praktisch ausreichende Orientierung durch 
die aus diesen Vorstellungen zurechtgemachten Gesetze und durch das „Bild 
der Welt" und ermöglicht ein biologisch wertvolles, das heißt zur Dauer 
führendes Verhalten. So ermöglicht sich auch die Harmonie zwischen dem 
Erleben und dem Verhalten. 

Das gilt für jeden Organismus in seiner Zoesphäre. Denn wir sehen an 
den Anpassungen, Tropismen, Reflexen, Instinkten, an dem Bau und dem 
Verhalten von jedem Organismus, daß er zu einem hohen Grade dieser 
Harmonie gelangt, meisthin zu einem höheren, als der Mensch in seiner 
Zoesphäre. Damm können die Organismen uns in vielem immer noch 
Vorbild sein. 

Das Gehirn, das der Mensch im Banne der rationalistischen Philosophien 
so sehr zu überschätzen geneigt ist, kann dabei nicht ausschlaggebend sein, 
denn nicht nur, daß es bei vielen Tieren von hervorragenden intellektuellen 
Leistungen nur einfach und klein ist, wie dies durch das auf Bild 138 dar- 
i^estellte Bienengehirn bewiesen werden soll, oder durch die minimalen Ge- 
hirne von Rädertieren, die von entzückender, geradezu faszinierender 
Teleologie des Baues sind (Abb. 138), sondern die Pflanzen, an denen sich 
alle Gesetze des harmonischen Verhaltens, also eines vollendeten Lebens 
auf den vorhergehenden Seiten immer wieder als dem bevorzugten Beispiel 
demonstrieren ließen, entbehren des geschlossenen Gehirnes vollständig. 
Dabei ist doch der Wald ein Organismenverein von Dauer, der nicht nur 
in sich gefestigt besteht, sondern sogar, wenn er durch Einflüsse, die 
außerhalb seiner Integrationssphäre liegen, verdrängt wird, als der Sieger 
der Situation dennoch immer wiederkehrt, was zu beobachten jeder im 
Hochgebirge genugsam Gelegenheit hat (Abb. 137). 



Seid bescheidener! sagt dieser Anblick, sagt die ganze Welt zu den 
Menschen. Legt den Dünkel ab, in den ihr euch verrannt habt, als sei das 
Denken der Herr der Welt. Hume, John Stuart Mill und H. Vaihinger 
unter den lebenden Denkern "<=) haben dem Erkenntnisdünkel ein für alle- 



284 




Abb. 136. Die Vollendung im Bau der Rädertiere 

1 Pterodina elliptica. 2 Brachionus quadratus. 3 Squaniclla 
bractea. Man beachte die winzi<jeti Qcliirnc (supraocsophaj^a- 
les Ganglion) im Verhältnis zum Körper, dagcfjen die kolos- 
sale Entwicklung der Verdauungs- und Fortpflan/ungsorgane 
(die letzteren bei Pterodina und Squamella), die sich trotzdem 
zu einer harmonischen Einheit zusammenschließen. Stark ver- 
größert. Nach der Natur gezeichnet vom Verfasser 




mal die falschen Flügel, mit 
denen er behauptete, ins ,, Jen- 
seits der Seele" fliegen zu 
können, abgerissen, als sie 
alles Denken und die soge- 
nannte Wirklichkeit in die 
Sinnescindrücke und ihre Ver- 
knüpfung („Sensations and 
Possibilities of Sensation") 
auflösten. 

Auf allen Gebieten, zuletzt 
in den Relativitätsvorstel- 
lungen der Physik, hat der 
Menschengeist lernen müssen, 
daß über das Erleben hinaus 
die Grenzen des Erkennens 
erreicht sind, und er hat des- 
halb Intuition, die letzte Hoff- 
nung auf die Autonomie des 
Denkens trügerisch zwar, aber 
verzweifelt festgehalten (ßerg- 
son!^^''). Aber Intuition ist 
nur ein Wissen ohne Lernen 
um dieses Gesetz, sie ist da- 
gegen keine Erkenntnisquelle für das, was dem Denken und den Sinnen 
verschlossen ist. Auch sie spiegelt nur die Weltgesetze wieder, und darum 
ist auch ihre Welt, nämlich die der Kunst, nur eine Wiederholung der Welt- 
gesetze mit dem auch in ihr geltenden Sein in Integrationsstufen und Funk- 
tionen, dem kleinsten Kraftmaß, der Selektion und dem Optimum und vor 
allem als oberstem auch hier im Banne der Harmonie. Religion aber, die 
es noch immer versucht, sich dem Erleben gegenüber als eine andere Art 
von „innerer Welt" mit „inneren Wahrheiten des Gefühls" auszugeben, 
hat auf diesem Wege auch nichts anderes gefunden als „Erlebnisse". 
Sie ist keine neue Erkenntnisquelle, sondern nur, soll sie überhaupt Sinn 
haben, die freiwillige Unterwerfung des Intellekts unter das Weltgesetz 
als Folge der Einsicht, daß die Gesetze des Ganzen sich im Teil spiegeln 
müssen. 

Freilich sind das alles, was wir vorbrachten, nur relative Einsichten. 
Aber sie sind die einzige Gewißheit, die dem Menschen überhaupt zu- 
gänglich ist. Mehr als eine innere Ordnung seines Erlebens kann er nicht 
schaffen. Er ist nur Herr in seinem eigenen Haus. Und selbst wenn er 
auch nicht mehr erreichen mag, schon diese Arbeit belohnt ihn mit wirk- 
lichem Segen. Das ist das Alpha und Omega der objektiven Philosophie, 



Abb. 138. Das Gehirn der Insekten. Oben ein Schnitt durch 
ein Bienengehirn, unten durch das eines primitiven Insektes 
(Lepisma) mit ganz gering entwickelten Ganglien. P pilzför- 
mige Körper, die man als Analoga der menschlichen Hirn- 
rinde betrachtet. Sonst sind vornehmlich nur die Ganglien 
der Lichtsinnesorgane (R) und der Riechlappen entwickelt. 
Schwach vergrößert. 



2S5 



und wir, die wir zu ihr uns bekennen, dürfen nicht müde werden, es zu 
wiederholen. Schafft man sich diese innere Ordnung, dann lebt man voll- 
endeter. Ich weiß nichts anderes, als daß ich bin und wie ich bin. Daher 
will ich auf das beste sein, was ich überhaupt sein kann! 

Das ist das ganze Um und Auf unserer biologischen Philosophie. Keiner 
geht durch die Welt mit offenen Augen und fühlendem Herzen, dem sich 
das ungeheuere Leid nicht erschlösse, unter dem alle Zeiten und Völker 
geseufzt haben, ein Zustand der Menschheit, in dem nur hie und da ein 
Glücklicher gewesen, sonst aber jede Art von Unglück, Trauer, Leid, Ver- 
zweiflung, Krieg und Not unter den Menschen herrscht. Sie sind so verzagt 
geworden dadurch, daß sie die herrliche, in ewiger Schönheit und strahlen- 
der Lebenslust sich stets aufs Neue wiederschaffende Erde ein Jammertal 
nannten und glaubten, das Leid müsse sein, es sei die Strafe des Leben- 
wollens selbst. 

Eines ist auch ganz richtig, Leid und Strafe sind im innigsten Verhältnis 
zueinander. Man untersuche, was man will. Ob man nun hinabsteigt in die 
tiefste Verborgenheit und das leidvolle Zucken der eigenen Seele, ob man 
blickt auf die stummen oder mit lauten Zungen redenden Leiden der Mit- 
menschen, das Leid der Kreatur, auf Unglück, Verfall und Krisen der 
Staaten, die Tatsache des Übels überhaupt in der Welt, man wird immer, 
wenn man nur hinabdringt zu den letzten Zusammenhängen, die eherne, 
unverrückbare Gleichung von Schuld und Sühne finden. Ihr beweint euer 
unverdientes Schicksal! Ihr klagt über schuldlos hartes Geschick. Euer 
vor Schmerz schon trocken gewordenes Auge sagt mit stummer Verzweif- 
lung: Warum das mir? Warum gerade mir? Immer seid ihr an der Kette 
der Geschlechter die Schuld gewesen. 

Ich nahm das ganze Leid der Menschheit, diesen irren Aufschrei aller 
Jahrhunderte, diese Kette von Wahn, Torheit, Irrtum, Verbrechen, Blut und 
Verzweiflung auf michi^s), und nie habe ich etwas anderes gefunden als 
Schuld und ihre Folgen. Eine unerbittliche Gerechtigkeit steckt im Sein. 
Die Welt ist zugleich das Weltgericht. An der unzerreißbaren Kette der 
Generationen rächt sich alles, was gegen die Harmonie und das, was in 
ihr beschlossen liegt, verstößt. Und wenn die Disharmonie, unter der wir 
fast zusammenbrechen, oder die als schleichende, innere Krise unser Dasein 
vergiftet, auch schon von unseren Vätern und Vorvätern in die Welt gesetzt 
wurde, oder wenn unser Leid nur durch die Disharmonie der Umwelt erzeugt 
wird, trotzdem wir selbst uns richtig verhalten — überall, unvermeidbar, 
mit eiserner Notwendigkeit vollzieht sich das Weltgesetz: Was nicht harmo- 
nisch ist im tiefsten Sinn, ändert sich. Und da die Lust Ewigkeit will, ist 
jede Änderung die Quelle von Leiden. Das gilt von kleinsten und einfachsten 
bis zu den größten Zusammenhängen und den fernsten Himmelsräumen. 

Das überalte Tier (Abb. 139), das als groteske Ruine seines Lebens seine 
Funktionen nicht mehr richtig vollzieht, verwandelt sich ebenso in eine 

286 



traurig-lächerliche Karikatur 
des Lebens, wie der Staat, 
der gegen die Weltgesetze ver- 
stößt; die Wolke, in der un- 
ausgeglichene Spannungen mit 
stummer Wucht das Unwetter 
zurüsten, steht unter dem 
gleichen Gesetz wie das arme, 
sehnsuchtsschwere Menschen- 
herz, in dem Kummer und 
Hoffnung in ihrem Schatten- 
tanz nach Ausgleich ringen. 
Was nicht richtig lebt, muß 
leiden. Und Umwelt und Ver- 
erbung stellen düster da wie 

Vollstrecker unerbittlicher 
Richtersprüche, damit die Ge- 
rechtigkeU der Welt sich voll- 
ziehe an allem. 

In einer heiligen Stunde 
der Erkenntnisse stand ich 
einst vor den starr drohenden 
Götterbildern einer versun- 
kenen Welt, von der ich da- 
mals ahnte, daß ihr tiefster, 
nur den Eingeweihten ent- 
hüllter Sinn der Kanon war, 
nach dem sich alles Leben 
vollziehen muß. Hathor, die 
liebliche Freundin glücklichen 
Lebens, lächelte auf den gleißenden Mauern, und Anubis, der schreckliche 
Richter, blickte eisig; Horus aber, der Falkenköpfige, der die Krone trägt, 
weil er die Welt beschützt, gab mir die Hieroglyphe des Lebens, die ich 
mitnahm, denn ich verstand: 

Das Weltbild ist nur Spiegel unseres Lebens. Und zuerst muß man den 
großen Bios verstanden und sein eigen Leben erfüllt haben und ganz Mensch 
gewesen sein, bevor man reif ist, zu den Göttergebilden, den Kräften der 
Welt aufzusteigen und einzugehen in jene anderen Stufen von Sein und 
Erkenntnis, die unser harren nach Erfüllung unseres Menschentums. 

Damit nehme ich Abschied von dem Leser und dieser Selbstbesinnung 
und gehe zurück ins Leben, um es wie er besser zu meistern, als bevor 
dieses Buch da war. 




Abb. 139. Ein 117jähriger australischer Papagei, der seit 
dieser Zeit in ein und derselben Familie gepflegt wurde. 
Seine Federn sind zum größten Teil ausgefallen (namentlich an 
den wenig benutzten Flügeln), der Rumpf ist mit einer leder- 
nen, rissigen Haut umhüllt. Da der Vogel seit vielen Jahren 
sich nur von Maisbrei ernährt, ist die obere Schiiabelhälfte 
zu einem abnormen Haken ausgewachsen, üriglnalzeichnung. 



287 



Anmerkungen und Zusätze 

115 (Zu S. 284). In: B. Spinoza, Abhandlung über die Vervollkommnung des Ver- 
standes. (Reclam-Ausgabe.) S. 10 u. 11. 

116 (Zu S. 285). Der Kreis der Forscher, mit denen sich die objektive Philosophie 
als ihren Stützen und Vorläufern auseinander zu setzen hat, was allerdings nicht die 
Aufgabe dieses Werkes sein kann, umfaßt die oft genannten Kant, A. Schopenhauer, 
Glogau, H. Vaihinger, F. Nietzsche, E. Mach, R. Avenarius und /. Petzold, die Eng- 
länder /. Stuart MUl, Hume und Spencer, den Begründer des Positivmus A. Comic 
in Frankreich, aber auch nicht zum wenigsten die drei Leuchten antiker Welterkennt- 
nis Kungh-Tseu im Osten, und Pythagoras, sowie den so lange verkannten Prota- 
goras im Abendlande, um nur die größten Namen zu nennen. Außer der schon wie- 
derholt zitierten Literatur sei daher noch besonders verwiesen auf: 

H. Steinthal, Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft. Berlin. 1881. 
2. Aufl. — G. Glogau, Abriß der philosophischen Grundwissenschaften. Breslau 1880 
bis 1888. 2 Bde. — J.Stuart Mill, System of logic, ratiocinati-.e and inductive. Lon- 
don. 1875. 9. Aufl. (deutsch von Schiel. Braunschweig. 1877) (obwohl die objektive 
Philosophie mit seinem „Utilitarium" nichts zu schaffen hat). — D. Hume, Philo- 
sophical works. London. 1874. In 4 Bdn. — (Vgl. P. Thormeyer, Die großen eng- 
lischen Philosophen Locke, Berkeley, Hume. Leipzig. 1915.) — Faber, Lehrbegriff 
des Konfuzius. Hongkong. 1873. — Natorp, P., Protagoras und sein Doppelgänger. 
1891. 

117 (Zu S. 285). Dieser letzte moderne Versuch, andere Erkenntnisquellen als die 
Ratio zu eröffnen (abgesehen von der mit wissenschaftlichen Begriffen gar nicht dis- 
kutierbaren Theosophie) sagt: „Der Verstand hat sich als ein größtenteils falscher 
Weg erwiesen, des Absoluten, Gottes in seiner ganzen, wahren Wirklichkeit habhaft 
zu werden. Nicht einmal in die Materie, welcher er doch noch am besten angepaßt 
ist, vermochte er ganz einzudringen; denn er konnte sie nur als ein System ruhender 
Größen begreifen, ihre Bewegungen und Beschaffenheiten blieben ihm verschlossen 
(? der Verf.) So muß noch ein anderer Weg beschritten werden. Das ist die In- 
tuition, das innere Schauen, der bewußt gewordene Instinkt." (E. Ott, Henri Berg- 
son, der Philosoph moderner Religion. Leipzig. 1914. S. 35.) 

Demgegenüber ist Intuition, mit der auch die Theosophie operiert, für das objek- 
tive Denken zwar ein Erfühlen des Weltgesetzes; aber nur, weil die Welt nur unsere 
seelische und somatische Struktur widerspiegelt, ist Intuition (auch in niedrigen 
Graden) imstande Weltgesetzliches d. h. „Richtiges" vorzuspiegeln und damit auch 
„Kunstwelten" von innerer Wahrheit zu erzeugen. 

118 (Zu S. 286). Vgl. R.Franci, Die Wage des Lebens. 3. Aufl. Prien. 1922; 
ein Werk, das ich als eine ethische Ergänzung des „Bios" gern in den Händen aller 
derer sehen möchte, die diese Zeilen lesen. 

288 



Register zum zweiten Band 

(Bearbeitet von Frau A. Harrar-France) 



Aale, Wanderungen 27ö 

Ableitungswege, nach dem Prin- 
zip des kleinsten Kraftmaßes, 
Abb. lOS 

Abkühlung, und Wasseraufnahme 
der Luft 25 

Abrasion, Begriff 28 — Merkmale 
20 — technische Formen der 70 

— Wirkungen der 148 
Absolute Erkenntnis, Unmöglich- 
keit der 144 

Absorption, absolut dunkler Kör- 
per 260 

Abstammung, der Menschen (Ta- 
belle) 163, 170, IQl 

Abstammungslehre, und Entwick- 
lungsgedanke 161 

Abstammungsgedanke, und Goethe 
167 

Abweichungsextreme, Seltenheit 226 

Achsenkreuze, Parsimoklise 235 

Actio et Reactio, als Oesetzeszu- 
sammenhang 133 

Actinoptychus, Schale von, Abbil- 
dung 118 

Actinoptychus, Schalenbau 264 

Acusticus, Anordnung 33 

Adaptation, als Systemverschiebung 

Adria, als Bodensenkung 190 
Aolidier, aktive Biotechnik 113 
Äquipotentielle Systeme, Grund- 
form 13 
Äste, photochemische Tätigkeit 243 
Äther, als elektromagnetische Sub- 
stanz 125 
Affe, Werkzeugbenützung 113 
Affen, Intelligenz 1Q3 — süd- 
amerikanische 167 
Affinität, chemische 66 
Afrika, Regenlosigkeit 26 
Ahorn, Mutationsvererbung 163 
Ahorne, Verbreitungseinrichtung 209 
Aides, Mimikry 106 
Aidesspinner, Kokons 106 
Aktionszentren, der Atmosphäre 24 
Akustik, als Wellenbewegung 30 

— biologische 31 
Alembiks, als Biotechnik 89 
Algen, Chromatophoren in 94 — 

Kugelform 13 

Alpen, als jungtertiäres Restge- 
birge 156 — Kalkzonen 207 

Alpenblumen, harmonische Schön- 
heit 266 

Alpenmatte, als Lebensbezirk 199 

Alpen see,Verlandungserscheinungen, 
Abb. 63 

Franci, Bios II 



Altern, der Erde 155 — Involution 

bei 175 
Alterserscheinungen, Unterbrechung 

durch Hormone 271 
Altmann, E. 77, 127 
Amazonas, Blattfische im 268 
Ameisen, Brutpflege 209 — Kul- 
tur 114 — und ultraviolette 
Strahlen 39 
Ameisenbein, als Funktionsform 241 
Amenochoren, Wanderungen 275 
Ammoniten, Lebensverhältnisse 181 

— Radform 129 
Ammophila, Werkzeuge 113 
Amnioten, Geschlechtsorgane 99 
Amöben, Fähigkeit der Nahrungs- 
wahl 221 — Kugelform 13 

Ampere, als elektrische Maßein- 
heit 47 

Amphibien, Atmungsorgane Abbil- 
dung 33, 90 

Amphioxus, Abstammung vom 168 

Amphimixis und Arterhaltung 116 

Amylasen, chemische Synthesen 
durch 94 

Analytische Prozesse, in der 
Pflanze 94 

Andenkenindustrie, und kleinstes 
Kraftmaß 245 

Anatomie, als technisches Vorbild 
93 — und Biotechnik 96 

Anaxagoras 150 

Anemone, auf einer Rasenbank, 
Abb. 122. 265 

Anode, chemische Abscheidungen 
48 

Anorganisches, Mimikry im 109 — 
optimokline Prozesse 146 

Anpassung, als aktive Leistung 216 

— als Regel 213 — funktionelle 
11, 211 — über das Individuum 
hinaus 217 — und Generations- 
merkmale 182 

Anpassungen, harmonokliner Ver- 
lauf 274 — Rahmen der 184 — 
Zweckmäßigkeit 247 
Anpa.ssungsrnerkmale, und Erdvor- 
gänge 181 
Anpassungstypus, als Konvergenz- 
erscheinung 101 
Anllieridien, Bildung 160 
Antike, Sittengesetz der 249 
Antike Wissenschaft, als zoetische 

Wissenschaft 229 
Antipassat, als Höhenwind 23 
Aorta, Herzentwicklung aus der 92 
Aquilegia, Atemwärme 83 — Blü- 
tenform 222 



289 



Aquilegia, chrysanta. Honigsporne 
Abb. 25, 87 

Arbeitssystem, organisches 251 

Arbeitsteilung, im tierischen Orga- 
nismus 252— im Zcllcnstaat 211 

Argonaula, Begattungsorgan 179 

Archacoptcryx, als Zwischenform 
167 

Archegon, als Funktionsform 102 

ArchcRoniaten, Begriff 160 - Ur- 
sprung 165 

Archegonien, Bildung 160 

Archimedes 229 

Archiplasten, als zelligc Architek- 
tur 79 

Architektur, der Einzeller 264 — 
und kleinstes Kraftmaß 245 — 
Wellcngesetz in der 16 

Ariocarpus relusus Schneider, An- 
passung 243 

Ariocarpus retusus Schneider, klein- 
stes Kraftmaß an, Abb. 111 

Aristoteles 120, 129, 278 

Arm, als Hammerwerk 112 

Armleuthteralgcn, als Verlandungs- 
pflanze 157 

Arrhenius, Sv. 8, 58, 151, 155, 190, 
262 

Arthereicherung, durch Mutationen 
162 

Arten, Aussterben der 184 

Artenzahl, Ursache 275 

Artkonstanz, und Umwelt 181 

Artemia salina. Seh» imniaiipassun- 
gen, Abb. 42, 104 

Arterien, als biotechnisches Vor- 
bild 92 — als Funktionsform 91 

Arumblütenstände, Atemwärme 88 

Ascomycelen, Geschlcchtslosigkeil 
179 

Asien, als sommerliches Tiefdruck- 
gebiet 24 

AsparaLiin, Herstellung 94 

Assimil.itionsraiimge» innung, durch 
rosettcnförmige Anordnung 243 

Assimilation, durch Spaltöffnungen 
98 

Assoziatonsfasern, als Begriff des 

kürzesten Weges 247 
Astronomie, Gesetz des kleinsten 
Kraftmaßes in der 2 14 — Prin- 
zip des kürzesten Weges 236 
Atavismen, bei Züchtung 224 
Atemwärme, bei Pflanzen 83 
Atlantis, als überflutete Land- 
brücke 21 
Athyrium alpestre, auf einer Ri- 
senbank, Abb. 122, 265 



19 



Atmosphäre, Druckunterschiede 238 
Atmosphärilien, gegenseitige Stö- 
rungen 24 
Atmosphäre, Harmonie der 207 — 
Kreislauf der 252 — Zirkulation 
23 
Atmunr, als Biotechnik 83 — durch 

Spaltöffnungen 98 
Atmungsorgane, der Tiere 86 
Atome, als komplexes Elektronen- 
system 56 
Atombewegung, und absolute Kälte 

59 
Atomzerfall, des Radiums 57 
Atomzersprengung, als Kraftquelle 

57 
Atragene alpina, auf einer Rasen- 
bank, Abb. 122, 265 
Ausdrucksformen, der mechanischen 

Weltgesetze 138 
Auerhähne, geschlechtliche Selek- 
tion 223 
Auffaltung, der Alpen 156 
Auffaltungsreste, jungtertiäre 15ft 
Aufspaltung der Eigenschaften 163 
Augenfalte, halbmondförmige 166 
Ausbeutung, durch Taylorismus 250 
Ausgleich, faunistisch - floristischer 

276 — Gesetz des 191 
Ausheilung, als Biotechnik 83 
Ausläufer, Fortpflanzung durch 160 
Ausleger, des Planktons 104 
Auslese, Tatsache der 203 
Auslesesabotierung, durch Auswan- 
derung 216 
Auslesevorstellung, und schöpfe- 
rische Selektion 211 
Ausscheidung, als Biotechnik 83 
Australien, Sonderfauna 167 
Auswanderung, als Hilfsmittel 
gegen Selektion 215 — und 
Überbevölkerung 208 
Autogamie, selektive Bewegungen 

bei 221 
Automatismen, als Kraftersparnis 

247 
Autonomie, des Denkens 285 
Autonomiebegriff, der Kunst 220 
Autoteleologie, des Willens 219 
Auwald, als Biocoenose 199 
Avenarius, R. 233, 246, 247, 254, 

279, 288 
Aviatikmodelle, biologische 112 

Bach, S. 36, 125 

Bachmann, Alf 16, 20 

Bachmäander, als Weg des ge- 
ringsten Widerstandes, Abb. 101 

Bacillariaceen, Panzerversteifun- 
gen 80 

Bacillus, Mimikry 106 

Baer, K. E. von 186, 195 

Bahnbau, kleinstes Kraftmaß im 
245 

Bakterium, Verhältnis zur Geißel 
263 

Bakterien, Nahrungswahl 221 — 
technische Form der 75 — Wan- 
derungen 275 

Ballistische Kurve, Gesetz der 134 

Banden, im Spektrum 204 

Bank von England, Alter 230 

Banyanen, Luftwurzelbildung 178 

Barden, C. R. 280 

Barisches Windgesetz, Ursache 23 

Barkla, Ch. 54, 56 

Barschschuppe, vergrößert, Abb. 17 

Barth, Heinrich 114 



Bastardbildung, an Nachtkerzen 162 

Baukunst, Harmoniebegriff 257 

Baumausmerzung im Urwald, Ab- 
bildung 81 

Bäume, und Moose 213 

Baumstamm, als Funktionsfcrm 108 

Baumstämme, Innentemperatur bei 
Frost 88 

Baumwuchs, Optimum 143 

Bauwerk, organische Prinzipien 84 

Becher, Erich 216 

Beckengürtel, weiblicher, Bänder 
und Gelenke, Abb. 106 

Beethoven 36, 63 

Beethoven-Septett, und Weltge- 
setz 35 

Befruchtung, des Menscheneies 
158 — protogyner Blüten 221 

Beharrungsprinzip, als Seinsge- 
setz 133 

Behauptungen, der Physik 283 

Begattung, und Geschlechtsmerk- 
male 223 

Begonia, Abschnürung der Steck- 
linge 176 

Begrenzung, und Harmonie 256 

Beharrungsepoche, und Mensch- 
heitsgeschichte 195 

Behn, 126 

Belemniten, Lebensverhältnisse 181 

Belgien, Überbevölkerung 210 

Benettitinen, Lebensverhältnisse 181 

Benzol ringformel, und Harmonie- 
gesetz 260 

Berberis, Blütenform 222 

Berherisblüte, Bau, Abb. 40, 101, 
102 

Bergformen, als technische Formen 
69 — der arabischen Wüste 29 

Berggipfel, im Festlandsrelief 205 
— Entstehung 237 

Bergwerkspferde, Erblindung 212 

Bergwinde, als lokale Störu igen 24 

Bergson, Henry 151, 274, 235 

Bemoulli, Jak. 138 

Bernstein, Ed. 150 

Berthelot 126, 147, 189. 235 

Beruf, als Selektion 219 

BcNchneidung, Unvererbbarkeit 164 

Beugung, der Lichtstrahlen 38 

Beuteltiere, paariger Uterus 100 

Beutler, als australische Sonder- 
fauna 167 

Bewegung, als Biotechnik 83 - 
als lineare Projektion 14 - 
Sparsamkeitsgesetze in der 21' 

Bewegungen, optimokliner Ver 
lauf 189 

Bewegungsverschiedenheiten, durch 
Kräfte 14 

Bevölkerungskapazität, Wachstum 
208 

Bevölkerungsrückgang, Europas 210 

Beziehungslelire, Mechanik als rj2 

Bienen, Brutpflege 209 — Lieb- 
lingshlumen 222 — Partheno- 
genesis 180 

Bienengehirn, Schnitt durch, Abb. 
138, 285 

Bienensprache, Entwicklung 114 

Bilaterale Symmetrie, als Organi- 
sationsmerkmal 182 

Bilaterilität, als Stammesmerkmal 
184 — der Wirbeltiere 99 

Bildhauerkunst, Harmoniebegriff 
257 

Bim engewässer, Transgressionen 
157 



Binomische Formel, des Gauß'- 
schen Fehlergesetzes 226 

Biocoenosen, Begriff 199 — Erfor- 
schung durch vergleichende Bio- 
logie 228 — Zusammenschluß zu 
275 

Biogenerisches Grundgesetz, und 
objektive Philosophie 159 

Biologie, der Geschichte 185 — 
Qefühlsmomente in der 182 — 
parsimokline Erscheinungen 238 

— Prinzip des kür.esten Weges 
236 — und Biojechnik 96 — 
und Harmonie 274 — und tech- 
nisches Studium 85 

Biologische Philosophen, Schopen- 
hauer als 120 

Biologi-ierung, des praktischen Ge- 
schäftsbetriebes 250 

Bios, als harmonisches System 278 

— als komplexes System 149 — 
als Welteinheit 246 — ethische 
Ergänzung des 238 — Optimum 
im 142 — und Erlebnismö'jlich- 
keit 123 — und Logos 238 

Biosbegriff, Einheit des 67 
Biotechnik, als Analyse des Funk- 
tionsgesetzes 76 — als Beweis 
der objektiven Philosophie 68 — 
Berechiisung 85 — der Einzeller 
80 — der Enzyme 64 — der Ge- 
webe 84 — der Saiteninstrumente 
33 — der Samenfäden 79 — der 
Luftwellen, Musik als 36 — des 
Organismus 252 — des Plasmas 
73 — des Säugetierkörpers 97 — 
des Tierkörpers, Abb. 27 — 
geistige 118— Kritik der 111 — 
Materialersparnis 240 — physio- 
logisches Geschehen als 83 — 
Selektion als 219 — tierischer 
Mundwerkzeuge 88 — und funk- 
tionelle Anpassung 11 — und 
Konvergenz 101 — und objek- 
tive Philosophie 73 — und Le- 
bensoptimum 116 — und Men- 
schentechnik 97 — und optimale 
Form 13 
Biotechnikidee, Vorläufer der 111 
Biotypen, und Fluktuationen 230 
Biozentrik, als Orientierung 121 

— als Weltgesetz 43 — der 
Massenpunktsysteme 135 — der 
Selektion 219' — im Anorgani- 
schen 149 — des Hörens 31 — 
der Musik 35 — und Entropie 
9 — der Dampfmaschine 9 — 
Zweck 234 

Birkeland 53 

Blasebalg, Lunge als 97 

Blatter, Mosaikbildung 213 — als 
komplexes Zellsystem 94 

Blatt, Bau 96 

Blattadeni, Netz der 242 

Blattersatz, nach Insektenfraß 173 

Blattflächen reduktion, als Trocken- 
heitsanpassung 243 

Blattformen, Wettbewerb um die 
Belichtung, Abb. 83 

Blattgrünkörner, aktive Wande- 
rung 143 

Blattspreite, Drehungen 143 

Blattstiele, optimokline Verlänge- 
rung 213 

Rlattfisch, als Funktionsform 268 

Blattläuse, Parthenogenesis 180 

Blatlzellen, Kanalsystem zwischen 
243 



290 



Bl^riot 112, 116 

Blitz, als Elektrizität 51 

Bliinienwelt, u. Insektengeschmack 
222 

Blut, Tätigkeit 91 

Blutgefäße, Mündungserweiterung 
91 

Blutsera, Mischbarkeif 166 

Blutfreundschaft, als Hilfsprinzip 
213 

B!u'sver>A'andtschaft zwischen 
Mensch und Affe 166 

Blüte, vegetatives Wachstum der 
179 

Bliitepflanzen, Generationswechsel 
160 

Blüten, Befruchtungswettbewerb, 
Abb. 79 

Blütenbefruchtung, durch Insekten 
222 

Blütenhiologie, Selektionsverhinde- 
rung 222 

Blütenfeld, Oberbevölkerung 210 

Blütrnduft, Selektion durch 222 

Blütenfarben, Selektion durch 222 

Bodenorganismen, Wanderungen 275 

Boelsche, W. 165, 191 

Böschunp^swinkel, von Qeröllhal- 
den 147 — Optimum der 197 

BoTjenlampe, Wärme 58 

Bogenlampen, Leuchtvorgang 48 — 
sprechende, Gesetzlichkeit 50 

Bohrformen, der Samenfäden 79 

Bolometer, Leistung 58 

Boltzmann 8, 123, 262 

Bonu-.system, Einwendungen ge- 
gen 251 — in der Pflanze 252 

Borke, Bildung 240 

Borslenbildung, von Planktonten 
104 

Böse, Chr. 93 

Brnbant, Übervölkerung 229 

Brachionus quadratus, Bau, Abbil- 
dung 136 

Brachistochrone, als mechanische 
Ausdrucksform 138 

Bracht, Eugen 16 

Bragg 56 

Branchiostoma lanceolata, Abson- 
derung des Mesenchyms 191 

Branchiostoma, Abstammung vom 
166 

Brandung, als technische Form 70 

Brandungswellen, Entstehung 20 

Brasilianischer Triftstrom, Wich- 
tigkeit 18 

Braun kohlenswamps, Klimaänderun- 
gen 152 

Brauntange, Farbstoffträger in 94 

Brechung, elektrischer Wellen 50 

Brechungsindex, des Lichtes 45 

Bredig 126 

Breniihaare, von Urtica 113 

Brennessel, Oifthaare der 113 

Breuer, J. 126 

Bruchgebiete, und neue Meeres- 
senkungen 190 

Brückner, 30 

Brücke, Gedanke der 234 

Brückenmethode, u. Objekt. Philo- 
sophie 234 

Bruntienlebermoos, Querschnitt 

durch Lager des, Abb. 34, 93 

Brunnenrohre, biotechnische Ver- 
besserung 93 

Brutknospen, Fortpflanzung durch 
160 — und Brutknollen 177 

Brutpflege, Instinkte 209 



Br>'Ophyllum, Abschnürung 176 — 
Regeneration aus einem Blatt 
von, Abb. 71 

Bryozoen, Knospung 179 

Buddhismus, Rechtfertigung 263 

— Sitlengesetz des 249 
Bührer, K. W. 234 

Bündelung, der Lichtstrahlen 44 

Bürgerliches Leben, als Selektion 
220 

Bütschli, 78, 127 

Buntsandsteinwüste, Klimaänderun- 
gen 132 

Buschmäimer, und Menschenaffen 
166 

Bussarde, Vermehrung 218 

Buys-Ballot 23 

Cajal, Ramon y 242 

Calamarien, Lebensverhältnisse 181 

Calocalanus, Schwebeanpassungen 

Abb. 41, 103 
Camera obscura, Säugetierauge als 

Canalis facialis, als Reptilienan- 
passung 167 
Canonlandschaft, in Arizona 206 
Canova 238 

Cantal, Eolithen im 193 
Canfor, M. 229 
Capri, Pilzfelsen 20 
Carabus, Mutationen 176 
Carbon, Ebenen seit dem 156 
Caricetum, Umwandlung 197 
Cassis, Schalenbau, Abb. 123 
Centrosomen, in Zellen 77 
Ceratien, Temperaturvariationen von 

Ceratium, Formen 82 
Ceropegia Sandersoni, Regenschutz- 
dach an, Abb. 47, 109 
Cestus, bilateral symmetrischer Bau 

Chaerocampa Elpenor, Trutzstel- 
lung der Raupe von 217 — Raupe 
in Schreckstellung, Abb. 83 

Chamsin, Windstärke 29 

Cheimatobia brumata, Flügelstum- 
mel des Weibchens 166 

Chemie, oplimokline Abläufe 147 

— Optimumgesetz der 144 — 
Transmutationen 152 — und 
Harmoniegesetz 260 — u. klein- 
stes KraftmaU 235 

Chemische Energie, Umwandlung 
66 

Chemische Prozesse, rhythmische 
Gesetze in 66 

Chemische Stoffe, Entstehung 66 

Chemismus, als elektrischer Vor- 
gang 48 — der Pflanze 94 — 
optimokliner 197 

Chemophysik, harmonoklines Ge- 
schehen in der 2)9 — Funktions- 
begriff 63 — teleologische 188 

— Transmutationen 132 — und 
objektive Philosophie 132 

Chemo;echnik, biotechnische Ver- 
besserungen 63 

China, Sittengesetz 249 — Ober- 
bevölkerung 210 

Chinesisches Reich, Dauer 200 

Chitinmundwerkzeuge der Glieder- 
füßler 88 

Chitinpanzer, des Insektenbeins 241 

Chladni 32 

Chlorophyll, Funktionsoptimum 144 

— Tätigkeit 94 



190 

HungerrOckbildungcn 



Chlorophyll kömer, in Algenzellen 
76 

Cholnoky, A. 124 

Chondrio'omen, Bau der 78 — in 
Zellen 77 

Chri^te^tum, Sittengesetz des 219 

Chromatophorc, Formen 94 

Chromafophorcn, in Pflanzenzcl- 
len 76 

Chromosomen, als Vererbungs- 
träger 164 — in Zellen 77 — 
Schraubenformen unter 79 

Cione, auf einem Röhrenwurm, Ab- 
bildg. 87, 214 

Cione intestinalis, Vererbungsver- 
suche 164 

Cirripedia, Larven 167 

Clamyderas maculata. Lusthauten 
113 

Claus 90 

Clausius £ 

Clavellina, 
175 

Clematis, Lianenbildung, Abb. 22 

Coelenleraten, Rcizhandlungcn 118 

Coelenleralenbau, als Organisa- 
tionsmerkmal 183 

Coelnmhöhle, als Sfammesmcrk- 
mal 184 

Cohen-K\sper 159, 175, 188, 279 

Cohn, E. 123 

Comte, Auguste 136, 143, 188, 193, 

Congdon 273, 280 

Coniferenholz, innere Architektur, 
Abb. 103 

Coniferenstamm, Bau des, Abb. 102 

Copris-Mistkäfer, mit Nahrungs- 
pille, Abb. 21, 209 

Coronium, und Lichttheorie 45 

Correns, C. 163 

Corti'schc Fasern, Zahl und Stel- 
lung 117 

Corti'sches Organ, Bindegewebe 
117 — Schwingungen 33 

Coscinodiscen, Radform 129 

Coulomb 47 — als elektrische 
Maßeinheit 47 

Corydaüs Cava, Blütenstand, Abbil- 
dung 37 

Cragg, John 244 

Craliiulaiyp, druckfeste Konstruk- 
tion 127 

Crookes-Röhre, Leuchterscheinung 

Culman Hl 
Cuvier 152, 162, 270 
Cyclotellen, Radform 129 
Cymatoplcuraiyp, druckfeste Kon- 
struktion 127 
Cysten, Kugelform 13 

Dacqu^, E. 189 

Dämpfe, Fraunhofer'schc Linien in 
204 

Därme, als Röhren 89 

Dahsihur, Alter der Pyramiden 200 

DAlembcrt 133, 232, 232 

Dampfmaschine, in dorischem Stil 
244 

Dampfmaschinen, Energieumwand- 
luiig 7 — Erfindung 115 

Daphiiiakrcbschen, doppelte Fort- 
pflanzung 180 

Darm^aft, als Verdauungsferment 
89 

Darmscheiden, Ein- und Ausström- 
röhrenverlängerung 164 



291 



Darmzotten, optimale Aufsaugung 
durch 89 — Zellwände der 204 

Danvin, Ch. 143, 150, 163, 189, 
208, 211, 214, 218, 222, 224, 
225, 227 

Darwin, O. H. 190 

Darwinismus, Mimikrytheorie des 
105, 206 — und Selektion 208 

Darwin'sche Selektionstheorie, 

Falschheit der 227 

Daseinskampf, Erleichterungen 214 

Dasychone, auf einem Spirogra- 
phiswurm, Abb. 87, 214 

Dauer, des Seins 235 — und ob- 
jektive Philosophie 201 — Un- 
terschiede 201 

Dauerform, harmonische Form als 
274 

Dauerhaftigkeit, harmonischer For- 
men 259 ] 

Davenport, C. B. 229 ] 

Da Vinci, Leonardo 258 

Davy 66 

Deflation, Begriff 28 — und Wel- 
lengesetz 28 

Dekalog, Gebote des 249 

Deklination, der Magnetnadel 53 

Dellabildung, im Unterlauf 238 

Demokratie, als Staatsform 189 

Denken, als Biotechnik 75 — als 
funktionelle Anpassung 122 — 
Selektion durch 219 — als teleo- 
logischer Prozeß 247 

Denudierung, in den Alpen 207 

Depression, ständige, auf Island 24 

Depressionen, Wellenbewegungen 
der 17 — Zugstraßen 26 

Descartes 134, 283 

Desmidiaceen, Formenreichtum 80 

Detritus, floristische Besiedelung 

Deutschland, Niederschläge 26 — 

Oberbevölkerung 210 
Devonfische, Scheitelloch 167 
Devon landschaft, Rekonstruktion, 

Abb. 62 
Devonwälder, Klimaänderungen an 

152 
De Vries, Hugo 162, 163 
Diagnostik, durch Röntgendurch- 
leuchtung 55 
Diagonale, als kürzester Weg 234 
Diastole, des Herzschlags 60 
Diathermie, der Luft 25 
Diatomaceen, Formenreichtum 80 

— Schalenbildung 239 
Dicolabe quadricata, aus dem in- 
dischen Ozean, Abb. 125, 269 
Differentiale, Konstanz 203 
Differenzen, als Wettbewerbursache 

207 
Differenzierung, der lebenden Ma- 
terie 211 — des Querprofils 
eines Flußlaufes 206 — rück- 
läufige 175 
Difflugia, Biotechnik von 115 
Diffusionen, als Energiefrage 124 
Digitalis, Bewegungswahl des Grif- 
fels 221 
Digitalis purpurea, verschiedene 

Blütenzustände, Abb. 93 
Dikrntismus, als Muskelkontrak- 
tion 91 
Diluvium, Klimaänderungen 152 
Dimorpha mutans, Bau 194 
Dimorphismus, sexueller 222 
Dingler, A. 123 



Dinoflagcllaten, Gehäuse 80 — Tief- 
gang 82 
Dionysos, Ohr des 32 
Diophant 149 

Disharmonie, des Alterns 271 — 
und Harmonie 260 — und Ver- 
erbung 286 
Disharmonien, durch Mißachtung 
der Weltgesetze 202 — und in- 
dividuelle Energie 201 
Dispersion, des Lichtes 45 
Dissolution, und Evolution 187 
Doflein, F. 113 
Donau, Enthauptung 207 
Donautal, Anzapfung 207 
Doppler 46 

Doryphoros, Statue des 258 
Dotterkörner, in Zellen 77 
Drahtlose Telegraphie, Wellenlänge 

43 
Drei Grazien, als Motiv für Frauen- 
schönheit, Abb. 114 
Dreikanter, Entstehung 30 
Driesch, H. 76, 90, 120, 128, 129, 
136, 157, 191, 233, 246, 254, 274, 
280 
Druckpumpe, in Gefäßpflanzen 93 
Drüsen, als technische Form 89 
Drüsenzellen, granuläre Struktur 78 
Dryastone, Klimaänderung an 132 
Du Bois, H. 215 
Ductus cochlearis, Neuroepithel 117 
Düna, Erosionstätigkeit 206 
Düngen, als Biotechnik 94 
Dühring, Eugen 188, 208, 229 
Dünen, Bildung 20 
Dünenbildung, fossile 21 
Dünengürtel, als Regressionswir- 
kung 20 
Dünung, Erscheinung der 16 
Dürer 197 
Du Prel 262, 279 
Durakkord, Harmonie des 260 
Dynamomaschine und kleinstes 

'Kraftmaß 244 
Dyne, Begriff 123 

Ebbe, Tätigkeit 29 

Ebenen, Unveränderbarkeit 156 

Echinodermaten, Konstanz seit dem 
Silur 194 

Echinodermatenbau, als Organisa- 
tionsmerkmal 183 

Echo, Entstehung 32 

Eckardt, W. 152, 155, 190 

Eckermann, 167 

Ectoblast, Abzweigungen 191 

Edaphon, als Lebensgemeinschaft 
199, 275 

Edelobst, Züchtung 165 

Efeu, Blattveränderung 213 — Blü- 
tenduft 222 

Ehrlichkeit, als Menschheitsziel 249 

Eidechsenschwanz, Regeneration 173 

Eier, bei 20OO Kälte 59 

Eierstockzellen, Selektion an tie- 
rischen 212 

Eiformen, aus rotierenden Kugeln 
190 

Eifurchung, und Baer'sche Formel 
186 

Eigenschaften, Vererbung erworbe- 
ner 164 

Eigenschaftenmehrung, Ursache 163 

Eigenschaftserwerbung, und Arten- 
bereicherung 163 

Eigenschaftskleid, der Organismen 
181 



Eigenschwingungsrhythmus, elektri- 
scher Systeme 50 
Eileiter, des Menschen 100 
Eimer, Th. 230 
Einfachheit, Mach'sches Prinzip der 

233 
Einflußsphäre, der Städte 264 
Einheit, des Lebenden 165 
Einseitigkeit, durch Rassenzüch- 
tung 223 
Einstäubungsvorrichtungen, Selek- 
tion durch 222 
Einstein, A. 44, 125, 253 
Einzeller, Vakuolen in 76 
Einzelligkeit, als ausschlaggeben- 
des Merkmal 192 
Einzelpflanze, als biologisches Indi- 
viduum 95 
Einzelteile, Optimum 197 
Eireste, als Geschlechtszellen 160 
Eisabschleifung, kleinstes Kraft- 
maß in 236 
Eisen, Kreislauf 262 — magne- 
tische Eigenschaften 54 
Eiserosion, Hochgebirgsformen 

durch 237 
Eisregion, Erscheinungen der, Ab- 

bildg. 100 
Eiszeiten, in Europa (Tabelle) 152 

Zusammenstellung 28 
Eiv.eiß, Kälteerscheinungen 59 — 

Verdauung 89 
Eiweißgerinnung, und Verdauungs- 
vorgänge 64 
Eiweißkristalle, in Zellen 77 
Eizelle, Kugelform 13 
Elastinfasern, in Aderwänden 91 
Eibsandsteingebirge, Erosionswir- 
kungen 206 
Elektrische Phänomene, als elek- 
tromagnetische Vorgänge 52 
Elektrische Wellen, im freien Raum 

50 
Elektrizität, als Licht 51 — Ein- 
heitlichkeit 47 — Lichtbeeinflus- 
sung durch 42 — materielle 
Struktur 47 — und chemische 
Affinität 66 — und objektive 
Philosophie 46 — und rationale 
Zahlen 48 
Elektrizitätsfernwirkung, durch 

transversale Wellen 50 
Elektrizitätswellen, Gesetze der 57 
Elektrizitätswesen, Mensch als 51 
Elektrochemie, und objektive Phi- 
losophie 66 
Elektrolyse, als molekulare Zer- 
setzung 48 
Elektromagnetismus, Wirkungen 53 
Elektron, als zentraler Energie- 
begriff 56 — Erkenntnisse über 
das 56 — Verhältnis zur La- 
dung 264 
Elektronen, freie im Strom 49 — 
Lehre von den 48 — negative 
Elektrizität durch 47 — und 
Elektrizitätsmasse 51 
Elektronenbewegung, in Drähten 

49 
Elektronenmaterie, Licht als 56 
Elektronenmechanik, als Elementar- 
erkenntnis 57 
Elektronen Phänomen, Licht als 42 
Elektrostatisches Grundgesetz, Be- 
griff 47 
Element, chemisches 66 
Elementarorganismen, technische 
Formen 78 



292 



Elemente, Entwicklungsfrage der 

Elfenbein, als tierisches Werkzeiig- 

material 88 
El Kosseir, Rec;enlosigkeit 26 
Eltern, und Nachkommenmerkmale 

229 
Embryo, als zweite Generation 153 
Embryologie, und Regeneration 180 
Embryoveränderung, durch Eitei- 

lung 159 
Embrvowachstum, optimoklines 198 
Empiriokritizismus, und objektive 

Philosophie 121, 246 
Encystierung, als Verbreitungsein- 
richtung 276 
Endometrium, Verwachsung des 

Embryos im 159 
EnerRetik, Ostwald'sche 6 
Energie, gesetzmäßige Erhaltung 4 
— kosmischer Kreislauf der 5, 
262, 275 
Energieerhaltung, als harmonischer 

Ausgleich 261 
Energieerneuerung, kosmische 8 
Energieformen, Umwandlung 5 — 

Ungleichwertigkeit 7 
Energietransport, bei Geschwindig- 

keitssteigerung 205 
Energieverbrauch, im Organismus 



Entwicklungsgedanke, Alter des 
149 — und Lcbensfähiijkcit 184 
Entwicklungsgesetze, erste Aus- 
prägung 150 — und Eigcn- 
schaftenmehrung 163 
Entwickluncshcmmungcn, durch 

Hunger 175 
Entwicklunprshypothese, als Aus- 

glcichsvorgang 262 
Entwicklungsmcchanik, Begriff 13fi 
— und obiektivc Philosophie 100 
Entwicklungsprozeß, ad infinitum 

190 
Entwicklungstempo, einzelner Stu- 
fen 199 
Entwickluncfstendenz, und Dishar- 
monie 150 
Entwicklungstheorie, und Organi- 
sationsmerkmale 182 
Entz, G. 127 
Enzyme, der Gärung 64 
Eolithen, und Proanthropoiden 193 
Eolithiker, rezente 194 
Epidermisbau, einer Fichtennadel 
240 



Energiewechsel, Formen des Sd 
England, Oberbevölkerung 210 
Engler, A. 192, 193 
Enharmonie. als Prinzip innerer 
Ordnung 263 - der Teile 251 
— des Blattfisches 268 — in- 
trazelluäre 264 
Enna, A., als Komponist 36 
Entdifferenzierung, auf embryonale 

Zellen 175 
Entelechie, als Formungsprinzip 
129 — und objektive Philoso- 
phie 120 
Enlerhacken. zur Organismenver- 
breitung 276 
Entfaltung, Fortschritt als 185 — 

geistiges Wachstum als 186 
Entoblast, Abzweigungen 191 
Entoprokten, Knospung 179 
Entropie, und objektive Philoso- 
phie 7, 10 — und Weltkreis- 
lauf 262 
Entropiegedanke, und Weltende 8 
Entropiegesetz, und Nebulium 190 

— und Wärmelehre 123 
Entropieprinzip, halbabgeschlosse- 
ner Systeme 282 

Entropieproblem, und Biozentrik 9 

Entwicklung, als Absolutes 189 — 

als Ausgleichsvorgang 141, 185 

_ als bedingte Erscheinung 173 

— als Reaktion 175 — diskon- 
tinuierliche 172 — durch ge- 
schlechtliche Fortpflanzung 180 

— Harmonie als Endziel der 278 

— Harmonoklise als 261 — im 
Erdbau 153 — rückläufige Dif- 
ferenzierung bei 175 — Spencer- 
scher Begriff 186 — und Lei- 
stung 171 — und Kosmos 151 

Entwicklungen, innerhalb des In- 
tegratiotisgesetzes 198 

Entwicklungsablehnung, im Bio- 
logischen 158 . 

Entwicklungsbegriff, u. f ruhorien- 
talische Philosophien 150 



Equisetum, fertiler Sproß, Abb. 67 
Erbeinheiten, Durcheinanderschütte- 

lung der 163 
Erbmasse, Verteilung 163 
Erbsenkeimlinge, bei Kotyledonen- 
zerstörung 174 
Erdachsenstellung, und Wärme- 
verteilung 23 
Erdbahnunregelmäßigkeiten, har- 
monisches Mittel der 263 
Erdball, als Integrationsstufe 199 
— als permanentes Magnetfeld 
54 _ Wärmeoptimum 60 
Erdbebenwellen, ozeanische, Schnel- 
' ligkeit 17 
Erde, als Elektromagnet 53 — Er- 
kaltung 154 — technische Form 
der 69 
Erdenklima, Abkühlung 155 
Erdgestalt, als Wetterursache 22 
Erdintegrationseigenschaften, und 

Artenveränderung 181 
Erdmagnetismus, und objektive 

Philosophie 53 
Erdoberfläche, Sonnenwärme auf 

der 58 
Erdperioden, Vereisung und tr- 

wärmung 28 
Erdpyramide, vom Ritten, Abb. 44, 

106 
Erdpyramiden, Entstehung 149 
Erdrelief, Entstehung 190 - Ur- 
sachen 156 
Erdrinde, kreislaufmäßiger Umbau 

155 — Tiefenstruktur 156 
Erdrotation, und Meeresströmun- 
gen 19 — und Wärmeverteilung 
23 
Erdschichten, Atomzerfall 57 
Erdtransmutationismus, Ursachen 

Erdveränderungen, verschiedene 
Ursachen 157 ^. ,, a 

Erdwärme, biologischer Einfluß 
der 155 — Maximaltemperaturen 
125 
Erfindung, Bedürfnis der 128 
Erfinderideen, und Berechnung 116 
Erfindungen des Menschen, tnt- 
1 stehung 96 , u , i, 

Erfindungsgeschichte und Biotech- 
nik 115 - und kleinstes Kraft- 
maß 244 



Erfindungszeitalter, künftiges 116 

Erg, Begriff 123 

Er(;asiischc Einschlüsse, in Zellen 

Erhaltung der Energie, als Gc- 

sctzcszusammcnhang 133 
Erhaltung der Materie, »Is har- 
monischer Ausgleich 261 
Erkennen, Selektion durch 219 — 

technischer Charakter des 122 
Erkenntnisfähi(,'keit, relative 121 
Erkenntnisgrenzen, und Erleben 

285 
Erkenntnistheorie, biozentrische 121 
Erkenntnismöglichkeiten, durch 

Musik 36 
Erleben, Mittelmaß 143 — Zeit- 

losigkeit des 199 
Erlebnisspeicherung, durch Neu- 
ronen 242 
Erlebnisse, HarmoniMerung der 278 
Ernährung, als Biotechnik 83 — 
der Pflanze 94 - selektive 221 
Erniihrungsdifferen/en, bei Spin- 
nen 201 
Erosion, drei Phasen der 238 — 
Erdpyramiden durch lOS — Er- 
scheinungen, erstes Stadium Abb. 
59 — Erscheinungen, zweites 
Stadium, Abb. 60 — Folgen 148 

— Prinzip des kürzesten Weges 
in der 236 — rückschreitende 
Abb. 50 — Selektion durch 205 

— senkrechte Richtung der 236 

— technische Formen der 70 — 
und Festlandsgestaltung 149 

Erosionsschlucht, im Gebirge Ab- 
bildung 4 

Erosionsturm, im Hochgebirge 
Abb. 80 

Erwärmung, elektrische 48 

Ethik, als optimale Krafterspamis 
248 — kleinstes Kraftmaß in 247 

Erysibe, Geschlechtslosigkeit 179 

Ethik, objektive 202 



i., ..!.<, objek.,.- — 
Eukalyptus, Pumpleistung 93 

Euklid 229 

Eule, als Flugmodell 112 

Eulen, Vermehrung 218 

Eunotiatyp, druckfeste Konstruk- 
tion 127 

Europa, als Meeresbecken 22 — 
Überbevölkerung 210 

Evolutionsbegriff der Geologie 152 

Evolutionsgedanke, in der Biolo- 
gie 158 

Ewald 129 

Ewiger Schnee, Ursache 23 

Exhaustoren, und Atmung 9S 

Exklusion, Begriff 220 

Experimentelle Morphologie, und 
objektive Philosophie 100 

Expressionismus und objektive 
Philosophie 220 . „ ■„ 

Extrasystemale Harmonie, Begritt 
256 

Faber 288 

Fabrik, Blatt als 96 .... 

Fachwissenschaft, u. teleologische 

Zusammenhange 134 
Fadenwürmer, Parthenogrnesis 179 
Fällungen, rhythmische 61 
I Faium. Alter der Pyramiden 200 
Falter, Licblingsblumen 222 
Fallgesctz. und Erosion 148 
Farad, als elektrische Maßeinheit 
47 



293 



Faraday 41, 48, 52 
Farben, Schwingungslänge 38 
Farbenhören, Phänomen des 44 
Farbenlehre, Musik und Malerei 44 

— von Ostwald 254 
Farbenzerstreuung, Ursache 45 
Farbsloffträger, pflanzliche 94 
Farn, Lebenskreis 160 

Farne, Entfaltung der Sporophyten 
der, Abb. 66 

Faulschlammdecken, Organismen 
157 

Faust, und lex parsimoniae 248 

Fauth, P. 190 

Fayoa 127 

Fechner, O. T. 6 

Fehlergesetz, Gauß'sches 226 

Feldhaus, M. 234 

Felsenflur, als Schlußverein 158 

Fenner 118, 146 

Fermat 149, 235 

Fermente, beim Verdauungsvor- 
gang 89 — der Gärung 64 

Festigungszellen in Moosen 240 

Festlandformen, als technische 
Formen 70 

Festlandrelief, Prägung 205 

Fett, synthetische Herstellung 94 

— Wärmezurückhaltung durch 88 

— Verdauung 89 
Fettropfen, in Zellen 77 
Fetzenfisch, im Tangwald, Abb. 43, 

105 

Feuerlilien, Brutknospen 177 

Feuersee auf Hawai, als vulka- 
nische Gleichgewichtsanlage 157 

Fibrillen, Tätigkeit 78 

Ficaria, Brutknospen 178 

Fichte 189 

Fichtennadel, parsimokliner Bau 
240 

Fichtennadel, Querschnitt durch 
eine, Abb. 105 

Fieber, als Blutwärmeproblem 9 

Fieberklee, als Verlandungspflanzc 

Fische, Hochzeitskleider 222 

Fischer, O. 128 

Fischereierträgnisse, und Meeres- 
strömungen 18 

Fitting 279 

Fizeau 46, 125 

Flächenprinzip, abgeschlossener 
Systeme 282 

Flagellaten, Fähigkeit der Nah- 
rungswahl 121 — Geißelbe- 
wegungen 80 — Ursprung 165 

Flagellatengeißeln, Funktionen 81 

Flandern, Übervölkerung 229 

Flechten, Chromatophoren in 94 
— Gemeinschaft der 213 

Fledermausfloh, biotechnische An- 
passung, Abb. 46, 108 

Fleischfressende Pflanzen, Eintei- 
lung 85 

Fliegetechnik, als Biotechnik 116 

Fließ, W. 61, 126 

Flimmerhaare als Nebenhaare 77 

Flügelein richtungen, der Organis- 
men 276 

Flüssige Luft, Erscheinungen 59 

Flüssigkeit, Korrelation der Teile 
267 

Flugdünen, der Sandwüste 30 

Flugsandfelder, als Funktionsform 
30 

Flugapparate, Biotechnik der 112 
Flugröhre, brasilianischer Bienen, 



Abb. 48, HO 

Flugzeug, und Luftballon 112 

Flusrzeuge, kleinstes Kraftmaß in 
245 

Fluktuationen, der Vererbung 225 
— Vergänglichkeit 162 

Fluoreszenz, Entstehung 39 

Fluoreszenzschirm, Herstellung 55 

Fluß, kürzester Weg 237 

Flußnetz, kleinstes Kraftmaß 238 

Flußtäler, Entwicklungsform 147 

Fluxionsrechnung, Uifferentialan- 
wendung 229 

Fötus, Ernährung 160 

Foramen entepicondyloideum, als 
Reptilienanpassung 167 

Foraminiferen, als Harmoniebei- 
spiel 264 — Radform 129 

Form, als Eindruck 83 — des 
Seins 231 

Formänderung, bei Funktionsände- 
rung 69 

Formgesetz, der Funktionsände- 
rung 67 

Format, biologisches 257 

Formationen, Bildung 199 — Zu- 
sammenschluß zu 275 

Formgestaltung, durch Kräfteaus- 
gleich 207 

Formproblem, und Funktionsgesetz 

Forschung, als Selektion 220 
Fortpflanzung, als Biotechnik 83 — 
als optimokline Geschehensart 
176 — bei Kakteen 243 — der 
Moose 160 — zweierlei Arten 
177 
Fortpflanzungstrieb, und objektive 
Philosophie 180 

Fortpflanzungsvorgang, Techniken 
des 98 

Fortpflanzungsweg, formenreicher 
Arten 176 

Fortschritt, als Ziel 150 — Ge- 
setz der 185 — sozialer 190 

Fortschrittsbegriff, und natürliche 
Schöpfung 154 

Fortschrittsglauben, und objektive 
Philosophie 143 

Fossile Tiere, Wiederherstellung 
270 

Fragaria, Ausläufer, Abb. 68 

Fragilaria Harrisoni, druckfeste 
Konstruktion 127 

France, Raoul, H. 21, 86, 126, 127, 
128, 129, 130, 156, 175, 189, 228, 
288 

Franklin 191 

Frankreich, Bevölkerungsmangel 210 

Frantz 49 

Franz, V. 183 

Frauenschönheit, harmonisches Ge- 
setz der 270 

Fraunhofer 204 

Frech, F. 28, 190, 191 

Fremden Industrie, und kleinstes 
Kraftmaß 245 

Fresnel, A. 38 

Fresnel'scher Spiegelversuch, Inter- 
ferenzerklärung Abb 10, 39, 40 

Freud, Sigmund 15, 61, 126 

Frey - Bund, und objektive Philo- 
sophie 189 

Friedrichs, W. 125, 279 

Fries, J. 247, 254 

Fritsch, G. 258 

Fritsch, von 114 

Frösche, Einteilung 159 — groß- 



hirnlose 189 — sexueller Di- 
morphismus 222 

Froschbiß, als Verlandungspflanzc 
157 

Froschlarven, Involution 175 

Fruchtbarkeitsabnahme, und Völ- 
kerdifferenzierung 195 

Fruchtbarkeitssenkung, an Kühen 
224 

Fruchtknoten, Bau eines pflanz- 
lichen, Abb. 35 — und Uterus 
102 

Früchte, als Reservenahrung 86 

Früheisenzeit in Afrika 194 

Fuld, L. 101, 123 

Funaria hygrometrica, weibliche 
Blüte, Abb. 64, 159 

Funktion, als Geschehensausdruck 
132 — Periodizität der 61 — 
Sein als 2 — und kleinstes 
Kraftmaß 141 — und Lebens- 
dauer 202 — und Funktionsform 
11 — und Macht 201 

Funktionelle Anpassung, Mimikry 
als 107 — und objektive Philo- 
sophie 68 

Funktionen, des anormalen Orga- 
nismus 85 — harmonokline 272 

— integrale, der Organismen 
79 — parsimokliner Ablauf 233 

— Ziel der organischen 247 
Funktionsdauer, durch Gleichge- 
wichterhaltung 3 

Funktionsform, der Dinge 74 — 
Entstehung 11 — im Anorgani- 
schen 69 — optimale, Kugel 
als 13 — und f^unktion 101 — 
verschiedene Verwendung 93 

Funktionsformen, des Chlorophylls 
95 — aktive Anpassung 106 — 
Konvergenz der 111 — chemische 
70 

Funktionsgesetz, Allgemeingültig- 
keit 67 — des Seelischen 73 — 
im Geistigen 68 — im Taylor- 
system 250 — und chemische 
Vorgänge f — SchluUanalyse 
140 — und Qeisteswelt 7 

Funktionsketten, der Fortpflan- 
zungsorgane 99 

Funktionslehre, biologische 100 

Funktionsvariation, als Weltbild 67 

Funktionsverlauf, nach geringstem 
Widerstand 247 

Funktionswechsel, und Formwech- 
sel 83 

Gärung, als Biotechnik 116 — Pro- 
zeß 64 

Gäßchenmündungen, und Blutge- 
fäUmündungen 91 

Galilei 11 

Galle, als Verdauungsferment 89 

Gallen, Anpassung 216 

Gallengänge, als Röhrenleitung 89 

üalton 225, 227, 229 

Galton-Kurve, an Züchtungen 227 

Gametobiont, der Säuger 161 

Gametophyt, Gestalt 160 

Gang, aufrechter, als Anpassung 
182 

Gangesebene, Übervölkerung 229 

Ganglien, Entwicklung 118 

Gase, negative, spezifische Wärme 
190 — selektive Emission 204 

Gasflamme, Wärme 58 

Gasionen, in Kanalstrahlen 56 



294 



Gaswechsel, der Pflanze 85 — des 

Tieres 86 
Gauß, 226, 232, 233, 253 
Oay-Lussac 3, 126 
Oebärerschwerung, an Kühen 224 
Gebärmutter, Asymmetrie tOO 
Gebirge, als Erkaltunorsruiizeln 155 

— optimale Ausbreitunfr igg 
Gebirgsabtragunc, Erscheinungen 

Abb. 55 — jährliche 148 
Gebirgsstümpfe, karbone 156 
Gebläse, und Atmung 98 
Geburtenrückgang, der Großstädte 

Gedanken, als Funktionsformen 119 
Geflügel, durch Selektion 223 
Gefiihl, als Erkeniitnisquelle 285 
Oejenseiüge Hilfe, als Regel 213 
Gehirn, als teleologisches Organ 73 

— als optimales Organ 145 — 
Energieverbrauch 86 — Entwick- 
lung 118 — Überschätzung des 
284 

Gehirnleistungen, bei Vertretung 

durch andere Zellen 189 
Gehirn Physiologie, und objektive 

Philosophie il9 
Gehirniätigkeit, als Biotechnik 75 
Gehötte Tüpfel, als Kammerfilter- 
pressen 93 
Gehör, poetische Unterschiede 118 
Gehörempfindung, als Resonanz 

Gehörknöchelchen, Funktion 117 
Gehörnerv, Weg des 117 
Gehörorgan, als Vorbild für Saiten- 
instrumente 33 
Gehörsteinchen, Bedeutung 33 
Geißeln, als Nebenorgane 77 
Ocißlerröhren, Leuchtvorgang 48 
Oeißier'^che Röhre, Leuchterschei- 
nungen 54 
Geist, als mechanische Selektion 
225 — und Menschenkörper 171 
Geistesleben, und Naturwissenschaft 

134 
Geisteswelt, und Weltgesetze 119 
Gei^itigkeit, Entwicklung in der 190 
Geistwerdung, des Zoetischen 170 
Oeldvcrkehr, mechanische Prinzi- 
pien 139 
Gelbrandbein, als Funktionsform 

241 
Gemüse, durch Selektion 223 
Generationswechsel, der Pflanze 

160 — der Säugetiere 161 
Genetischer Zusammenhang, des 

Titrstammbaumes 192 
Oenitalsystem, Formveränderun- 

gen des 99 
Genotypus, Begriff 164 
Gentiana punctata, auf einer Ra- 
senbank, Abb. 122, 265 
Geoffroy de St. Hilaire 100 
Geogenesis, und objektive Philo- 
sophie 153 
Geoid, Erde als 69 
Geologie, als anorganische Ent- 
wicklungsreihe 153 — Kumu- 
lationen 154 — Prinzip des 
kürzesten Weges 236 — Trans- 
mutationen 152 
Geometrie, und kleinstes Kraft- 
maß 248 
Geophysik, Prinzip des kürzesten 
Weges 236 — und objektive 
Philosophie 69 
Gerät, Unkultur 245 



Geräusche, und Musik 34 
Geranien, als Sprcizenklimmer 213 
Qeranium, Vcrlctzungsreaktion 174 
Gcranium Rohertianum, Stelzen- 
bildung, Abb. 36 
Gerechtigkeit, als kleinstes Kraft- 
maß 248 - ah Menschheitsziel 
249 - der Welt 287 
Oerichtetsein, Begriff 10 
Oerminalsclektioi, Begriff 212 
Oerölle, als technische Formen 70 
Geröllreißen, Optimumgesetz der 

147 
Gesamtlebenscinrichtung, optimale 

Methoden 137 
Oesamttechnik, des Plasmas 73 
Qeschäftsleben, Okonomiegcsetz 249 
Geschehen, Optimum des ' 147 
Geschehensausdruck, Form als 83 
Geschehnisse, Periodizität 60 
Qe-chichte, als Wellenphänomen 16 
Oeschichtsrhilosophie, objektive 

Notwendigkeit 275 
Gesi-hichtsprozeß, als Harmono- 

klise 275 
Gesthichtsvergangenheit, Änderun- 
gen 186 
Qeschlechtcrgilden, gegenseitige 

Hilfe durch 213 
Oeschlechtlichkeit, Vorteile 179 
Geschlechtsakt, als Regeneration 

180 
Geschlechtsfortpflanzung, als Ent- 

wicklungsursaclie 180 
Geschlechtsorganbildung, Sonder- 
gesetz 191 
Geschlechtsprodukte, menschliche, 

als Knospungsresultate 179 
Geschlechtswerkzeuge, bei Pflan- 
zen und Tieren 101 — Hormone 
der 271 
Geschlechtszellen, Herausdifferen- 
zierung 160 
Geschwindigkeitssteigerung, chemi- 
scher Reaktionen 235 
GesellschaftsbiUlung, von Zellen 82 
Gesetz, als Auslese 203 — der 
Biotechnik 110 — der Einfluß- 
sphäre 264 — der multiplen 
Proportionen, als Auslese 203 — 
der multiplen Proportionen als 
Harmoniefunktion 34 — der Par- 
simoklise, Formen 244 — des 
kleinsten Kraftmaßes 232 — des 
kleinsten Kraftmaßes im Taylor- 
systeni 250 — der Bewegungen 14 
Gesetzgebung, kleinstes Kraftmaß 

in 248 
Gesetzmäßigkeit, des dauerhaften 
Ausgleichs 261 — des Erlebens 
122 
Gesteinsschichten, Faltung (Mo- 
dell), Abb. 52 
Gesteinssorticrung, nach kleinstem 

Kraftmaß 237 
Oestirnkrcislauf, als harmonischer 

Ausgleich 261 
Getreide, durch Selektion 223 — 

Züchtung 164 
Getreiderost, als epidemische Krank- 
heit 224 
Gewerkschaften, und Taylorismus 

251 
Gewitttrwolkcn, Eigenschaftskreis 

27 
Gewölbe, biotechnische Verbesse- 
rungen 80 



Gewohnheit, Philosophie der rei- 
nen Erfahrung in der 246 
Gezeiten, und Erdmagnetismus 54 
Gifte, und Katalyse 65 
Gilden, als Hilfsprinzip 213 
Gilterbrücke, Schema. Abb. 45, 107 
Olasprismei'. als Biotechnik 38 
Glaube, Metaphysik als 283 
Gleichgewicht, als Bczichungsziel 
185 — als Optimum 114 — der 
Teile 199 
Gleichgcw ichtsfragen, Mechanis- 
mus 186 
Gkichgewichtsgesetz, an Staats- 
quallen 269 
Gleichgewichtslage, als statische 

Harmonie 259 
Gleichgewichtsstörungen, durch 

Funkenentladung 49 — und Se- 
lektion 217 
Olcichungstransformationen, als 

mechanische Ausdrucksform 138 
Gleitflug, biologische Konvergenz 

112 
Oletscher, Abtragung durch 237 
Gletscherabsinken, als parsimo- 

kline Leistung 237 
Gletschermodell, schcmatisches, Ab- 

bildg. 5 
Gletschertische, Entstehung 108 
Gletschertöpfe, Entstehung 236 
Gletschertöpfe, im Otztal, Abb. 99 
Gliederfüßlerbau. als Organisa- 
tionsmerkmal 183 
Gliederung, des menschlichen Kör- 
pers 241 
Glogau 288 
Glühlampen, Leuchterscheinungen 

49 
Glykose, Wanderung 94 
Gnaphalium, auf einer Rasenbank, 

Abb. 122, 265 
Goebel, K. 100, 174 
Goethe. W. v. 167, 200, 253 
Goldener Schnitt, Begriff 253 
Golfstrom, als Ausgleichsvorgang 
19 — als Kulturfrage 13 — als 
Warmwasserheizung 70 — und 
Objekt. Philosophie 19 — Weg 8 
Goltz 189 
Gorillaskelett. Harmonie des 270 

— und Menschenskelett, Abbil- 
dung 123 

Gotische Dome, organischer Stil 

der 245 
Gotische Münster, Deflation an 29 
Gottesbeweis, entropischer 8 
Gottheit, al> harmonisches System 

274 — und Seeleriharmonie 266 
Gould 113 

Graber, Vitus 88, 112, 123 
Grammatik, rhythmische Gesetze 

der 63 
Granit, Regenrillet 143 
Gracser, Kurt 120 
Gräser, Stereomc 239 
Graetz, Leo 41 
Granula, in Zellen 77 
Granulum, als Zellenorganismus 

77 
Graptolitheii. Lebensverh.iltnisse 181 
Grasfrösrhc, Liebcsaki der. Abb. 94 
Grattürme, Entstehung 217 
Gravitation, aU Massewirkung 11 

— als mechanische Ausdrucks- 
form 133 

Oraviiatioiisdefinition und Okono- 
miegcsetz 234 



295 



OravitaHonsgesetz, Newton'sches 12 

Griechen, Formulierung der irra- 
tionalen Zahl bei 229 

Großstädte, Übersteigerung der Ein- 
flußsphäre 264 — und Volksge- 
sundheit 211 

Großstadtdauer, und NX'aldesdauer 
1Q8 

Grunderscheinungen, elektrische 52 

Grundgesetze, der Technik 115 

Grundgesetz der Welt, elektrisches 
46 

Grundsatz, der einfachsten Erklä- 
rung 246 

Grundton, Begriff 34 

Gültigkeit, der physikalischen Prin- 
zipien 282 

Guenther, K. 165, 191 

Güte, als Vernunft 243 

Qummiröhren, als Biotechnik 89 

Gurwitsch 127 

Gyroporellen, Lebensverhältnisse 
181 

Haarkleid, Wärmezurückhaltung 

durch 88 
Haberlandt. G. 238, 240, 254 
Häckel, Ernst 136, 143. 150, 165, 

188, 189, 191, 192, 195, 208, 225, 

227, 264 
Haecker, V. 191 
Haiistemma tergestinum, aus dem 

Mittelmeer, Abb. 125, 269 
Hafenanlagen, kleinstes Kraftmaß 

in 245 
Hagelkörner, Entstehung 26 
Hammada, Windfunktion in der 29 
Hamilton 133, 135, 232, 233, 253 
Handel, als Selektion 220 — klein- 
stes Kraftmaß im 248 
Handelshäuser .kleinstes Kraftmaß 

in 245 
Hann 25 

Hansemann, von 212 
Harfenbildung, im menschlichen 

Ohr 33 
Harfenvorbild, Corti'sche Fasern 

als 117 
Harmonie, absolute Dauer 227 — 

ästhetische Wirkung der 267 — 

als biologisches Endstreben 277 

— als Dauerzustand 10 — als 
Ende der Entwicklung 200 — 
als Oleichgewicht der Relationen 
257 — als Sinn des geschichtli- 
chen Werdens 275 — als steter 
Kreislauf 262 — als universales 
Weltphänomen 43 — als voll- 
ständige Ausgleichung 141 — als 
Weg zum Unendlichen 278 — 
als Weltsinn 259 — als Ziel der 
Menschheit 277 — Begriff 256 

— Dauer durch 142, 201 — der 
Einzeller 264 — der Funktionen 
10 — der menschlichen Schönheit 
270 — der rrmsikalischen Inter- 
valle 34 — der Organismen, mit 
ihrer Umwelt, Abb. 115 — des 
Hochgebirges 266 — faunisti- 
sche, Durchbrechung 276 — mu- 
sikalische, Ursache 260 — und 
Entropie 10, 262 — und Selek- 
tion 218 — und Entwicklung 141 

— und Weltprozeß 4 — und 
Züchtung 224 

Harmoniegesetz, der Paläontologie 
275 — Gültigkeit für das Welt- 
ganze 263 — und Elektrizität 50 



— und Organismusbegriff 266 

— und Taylorsystem 250 — Vor- 
läufer 257 

Harmonielehre, des Pythagoras 257 

Harmonienotwendigkeit, in der 
Technik 251 

Harmonische Bewegung, Satz der 
189 — Schema, Abb. 57, 141 

Harmonisierung, des Bios 171 

Harmoiioklise, der Planariarege- 
neration 274 — des mechani- 
schen Geschehens 259 — des 
Weltbegriffes 261 — durch en- 
dogene Drüsensekretion 271 

Harnblase, als Behälter 89 

Harnorgane, als Oenitalursprung 
99 

Harnstoff, organischer Abbau 86 

Harrar, Annie 36, 124 

Harzgängeverstärkung, an einer 
Fichtennadel 240 

Hase, Lebensmöglichkeiten 168 

Haselblüte, Rot der 223 

Hatscheck 191 

Hattcria, und Palaeohatteria 194 

Hauptgipfel, Kulmination um einen 
207 

Hauptstädte. Verhältnisziffern der 
Einflußsphäre (Tabelle; 264 

Hausgans, Rassen 224 

Haushund, durch Selektion 223 

Hausrat, Unkultur 245 

Hauswurz, Blütenstand 243 

Haut, als Wärmeabieiter 88 

Havdn 36 

Hebel, Gliedmaßen als 97 

Hegel 139, 150, 189, 190 

Hegelismus, und objektive Philo- 
sophie 141 

Heide, Entstehung 157 

Heide-Edaphon, als Lebensgemein- 
schaft (Tabelle) 228 

Heimat, als Harmoniebegriff 266 

Heineck, O. 221 

Heizung, als Biotechnik 88 

Helgoland, Wellenspuren 20 

Heliciden, Bau 194 

Heliotropismus, eines Polypen. Ab- 
bildg. 58 

Helium, negative spezifische Wär- 
me 190 

Heliumjonen, a-Strahlen als 56 

Helix, Mutationen 176 

Helleborus viridis, Wärmeregula- 
tion 174 

Helleborus viridis, Kälteanpassung 
von, Abb. 72 

Helmholtz 5, 31, 33, 117, 125. 129, 

134, 232 

Hepaticablätter, und Leberleidcn 102 

Heraklit 150, 196, 262 

Herder 143, 150 

Heringe, Wanderungen 276 

Herodot 150 

Herrenaffen, als Vorfahren 191 

Hertwig 211 

Hertz, Heinrich 42, 50, 133, 134, 

135, 188, 232 

Hertz'sche Spiegel, Anwendung 50 

Herz, als Pumpe 110 — als Röh- 
renerweiterung 92 

Herz, menschliches, Längsschnitt 
Abb. 107 

Herzschlag, Rhythmus des 60 

Herzsystole, als Muskelkontraktion 
91 

Heß 237 

Heß C. von 222 



Hesse, Richard 218 
Heuschrecken, Wanderungen 276 
Heuschreckenschwärme, und Vogcl- 

vermehrung 209 
Hexameter, als Rhythmus 62 
Hicracium, Mutationen 176 
Himalaya, als jungtertiäres Rest- 
gebirge 156 — Niederschlags- 
menge 26 
Himmelsmechanik, Kemsatz dei 

Newton'schen 12 
Himmelsnebel, Entzündung 59 
HIndenburg 138 
Himgewicht, Quetelet'sches Gesetz 

226 
Histogenesis, des Embryos 159 
Histologie, devonischer Wirbel- 
tiere 194 — funktionelle 100 
Hislorik, und objektive Philoso- 
phie 189 
Hittorf 'sehe Röhre, Begriff 55 
Hitzemaximum, der Erde 126 
Hobbes 232 

Höchsttemperatur, irdischer Wär- 
mequellen 5S 
Hochdruckgebiet, in Asien 24 
Hochgebirgslandschaft, harmoni- 
sche, Abb. 119 
Hochgebirgszone, als Schlußvercin 

158 
Hochmoor, Entstehung 157 
Hochwald, Stockwerke des 276 
Höhentemperatur, Sinken 25 
Höhlenkäfer, blinder, Abb. 123, 267 
Hörbiger 151, 190 
Hörnervenfibrülen, Anordnung 33 
Hofmeister 160 
Hohlkehlenbildung, an Felsenriffen 

20 
Hohlspiegel, für Elektrizitätswel- 
len 50 — Schallauffangung 32 
Hohltiere, Nervensystem 146 
Holz, Bau 239 — synthetische Her- 
stellung 94 
Holzapfel, R. M. 220, 229 
Homo Heldelbergensis-Kiefer, und 

Orangkiefer, Abb. 39, 100 
Homo primigenius, Rekonstruk- 
tionsversuch, Abb. 132 
Honigsporne, als Trinkhumpen 110 

— Selektion durch 222 
Horizont, Radius des 69 
Hormone, erotisierende 223— Wachs- 
tumsregelung durch 271 
Hörn, als tierisches Werkzeug- 
material 88 
Hornlosigkeit, Selektion auf 223 
Hottentotten, und Menschenaffen 

166 
H— Theorem, als Entropieausgleich 3 
Hügelland, Harmonie 266 
Hume 284, 288 

Humboldt, Alexander von 19, 237 
Hummeln, Lieblingsblumen 222 
Humusbildung, durch Verlandung 

157 
Hund, großhimloser 189 — Züch- 
tung 164 — Rolf, geistige Ober- 
müdungserscheinungen 224 
Hund Rolf, Mimik, Abb. 95 
Hunde, seelische Erkrankungen 224 
Hunger, Involution bei 175 
Huxley, 143, 165. 189, 238, 211, 215 
Huygens, Christ. 17, 45, 69 
Huygens'sches Prinzip, der Wel- 

lenzusammenwirkung 17 
Hj'alodaphniakiebschen, Tempera- 
turvariationen 105 



296 



Hydra, Ganglien 118 — Kiiospung 

179 — Regenerationsvorgäiige 

174 

Hydren, Hungerrückbildungen 175 

Hydrierung, durch Platiiikolloidc 

65 
Hydrochoren, Wanderungen 275 
Hydrogen, und Entropiegesetz 190 
Hydroidpolypen, Abschniirung 176 

— Hungerformen 175 
Hvmnus, als musikalische Urform 

33 

Identität, des Seelischen 188 
Identitätssatz, als mechanische Aus- 
drucksform 138 
Indischer Ozean, als Meercssen- 

kung 191 
Individualbegriff, und Harmonie 237 
Individuum, und Dauer 201 
Indochinesische Region, Zusam- 
mensetzung 199 
Induktionsfunken, Ausbreitung 50 
Induktionsspule, Bedeutung 52 
Industrie, Harmonieforderung 251 

— kleinstes Kraftmaß in 248 
Industrialismus, und objektive Phi- 
losophie 190 

Infinitesimalrechnung, als Auslese 
203 

Ingression, an deutschen Meeres- 
küsten 29 — Begriff 28 

Inklination, der Magnetnadel 53 

Inkonstanz, der Pflanzenvereine 
197 — der phylogenetischen 
Entwicklung 172, 176 

Insekten, als Selekteure 222 — 
anatomischer Bau, Abb. 33, 92 

— Gehirn der, Abb. 138, 285 — 
Kultur 114 — Mutationen bei 
162 — Metamorphose der (Hirsch- 
käfer), Abb. 96 

Insektenbeine, Muskulatur 240 
Insektennachahmung, von Orchi- 
deen 217 
Insektentarsen, Bau 241 
Insektentracheen, als Röhren 89 
Insolation, verschiedene 23 
Instinkte, als Kraftersparnis 247 
Instinkthandlungen, zur Selektions- 
ausschaltung 217 
Integration, der Optima 198 — der 
organischen Gesellschaftsbildung 
83 
Integrationseigenschaften, mensch- 
licher Technik 73 
Integrationsgesetz, der Wellenbe- 
wegung 60 — Inhalt 2 — und 
Taylorsystem 250 
Integrationsstufe, des Tieres 168 
Integrationsstufen, der Musik 36 — 
der Pflanzengesellschaften 95 — 
der Welt 132 — teleologische 72 

— und Optimumgesetz 172 
Intellekt, als Mittel zum Optimum 

145 — biozentrische Beschaffen- 
heit 119 — Einschränkung 144 — 
und Zoesis 248 

Intellektbeschaffenheit, und Me- 
chanik 135 

Intellektleistungen, ohne Gehirn 
284 

Intelligenz, Daseinsdurchordnung 
durch 248 — und Überbevölke- 
rung 210 

Interferenz, der Schallwellen 32 — 
der Wellenbewegung 15 — Er- 
scheinungen 40 



Interferenzerscheinungen, im Was- 
ser, Abb. 2 
Intervalle, Au-^wahl 34 
Intervall, mechanisch festgelegter 

Wert 125 
Intrasystcniale Harmonie, Begriff 

256 
Intuition, als Erkenntnismöglich- 

keit 285 
Involution, Zellenabnahme 175 
Iris, Chromatophurcn in der 76 
Irmingerstrom, Klimaverbesserung 

durch 18 
Irreversibilität, des Geschehens 262 
Irrtümer, des Selektionsbecriffes 

211 
Isartal, Erosionswirkung 206 
Island, barometrisches Minimum 

auf 24 
Isometrie, als Mimikry 109 
Isothermen, als 1 empcratiirmaC 126 
Italien, Überbevölkerung 210 

Jahreszeiten, Periodizität 16 
Jang-tse-Kiangtal, Überbevölkcnmg 

Jellinek, K. 130 

Jensen, P. 279 

Jodkaliumreststrahlen, Wellenlänee 
43 '^ 

Johannsen, 162, 164, 225, 226, 
229, 230 

Jonen, positive Elektrizität durch 
47 

Jonenzerlegung, durch Elektro- 
lyse 48 

Jordan, 124 

Joule 48, 58, 123 

Joule'sche Zahl, als Energiemesser 
58 - Formel 123 

Joule-Versuch, schematischc Dar- 
stellung, Abb. 12, 49 

Joule-Wärme, Anwendung 49 

Jungfernzeugung, und objektive 
Philosophie 179 

Juden, Sittengesetz der 249 

Justiz, als Selektion 220 

Jurafische, Histologie 194 

Jurariffe, Klimaänderungen 152 

Käferpanzer, und Ritterrüstung 82 
Kälteerscheinungen, polare 59 
Kältemaximuni, der Erde 126 
Känguruhhunde, vorderbeinlosc 101 
Kaffka 126 

Kairo, versteinerte Wälder bei 29 
Kaisergebirge, Eiserosion im 237 
Kaiserreich, deutsches, Dauer 200 
Kakteen, Blattbau 243 
Kaktusdahlie, als Mutation 162 
Kalema, als Wellenphänomen 16 
Kaliumchlorat, Zersetzung 64 
Kalk, beim Düngen 94 — Ero- 
sionswirkung 149 — Kreislauf 
des 262 
Kalkschwänime, als Ansiedler 215 
Kalkspat, als Polarisator 41 
Kalmen, Entstehung 23 
Kalte Nebel, und Wärmeenergie 9 
Kamelhals, als Anpassung 182 
Kamelschwielen, als Windanpas- 
sung 29 
Kamerungebirge, Niederschlags- 

menge 26 
Kamn.erer, P. 61, 106, 126, 164, 

191, 194, 216, 230 
Kammerton, Schwingungszahl 34 
Kampf, als letztes Mittel 214 



Kanalbau, als Biotechnik 116 
Kanalisationsrohre, Muffen au 91 
Kanalstrahlci), und Licht 51 — 

Wcllcnnatur der 45 
Kanarienvögel, Rassen 224 
Kandclaljirbiiume, als Regulations- 
beispiel 174 
Kander, Schluchtbildung 205. 206 
Kanon, des Poivkict 258 
Kant, I. 122, 143, 150, 232, 249, 

253, 283 
Kapillarkraft, Begriff 261 
Kapp 128 

Kare, ah technische Formen 70 
Karwendclgebirgc, Eiserosion im 

237 
Karyokinese, der Zellen 78 
Kataklysmcnthtoric, Folgen 152 
Katalysator, Stoffe als 64 
Katalysatoren, Selektion durch 204 
Katalyse, Auswirkungen der 60 — 

Begriff 64 
Katastrophenlchre, Berechtigung 162 
Kategorischer Imperativ, Gesctz- 

mäUigkeit des 249 
Kathode, chemische Abscheidungen 

Kathodenstrahlen, und Licht 51 — 
Wellennatur der 45 

Kaudalwirbel, überzähliger 166 

Kaukasus, als jungtertiäres Resf- 
gebirge 156 

Kaulquappe, hungernde 175 

Kautsky 208, 2'29 

Kayser, E. 190 

Keibel 191 

Kepler 11 

Kernrelation, Harmonie 263 — und 
Einflußsphäre der Hauptstädte 
264 

Kernteilung, Wiederherstellung der 
Kcrnrelation 263 — Zugleistun- 
gen bei 79 

Kessel, als Biotechnik 89 

Kesselbergfall, Erosion 236 

Kieselalgen, druckfeste Konstruk- 
tion 127 — Farbstoffträger in 94 
— Harmonie der 264 

Kieselalgenzelle, Festigungseinrich- 
tungen 239 

Kieselsäure, Kreislauf der 262 

Kind, kretinöses, Abb. 130, 271 — 
und Werk 181 

Kirchhoff, Waller 42, 134, 246, 260 

Kisten, biotechnische Verbesserun- 
gen 80 

Klammen, Entstehung 149 

Klangfiguren, chladnische, Abb. 7, 
32 

Klavier, feste Töne 125 

Klee, als Hummelblume 222 

Kleegedcihen, Zusammenhänge 218 

Kleidermoden, Queteict'sches Ge- 
setz 226 

Kletten, Verbreitungsein richtungcn 
209 — Wanderungen 275 

Kleidung, Unkultur 245 

Kleinkrebschen, Schwimmanpas- 

sung, Abb. 42. 104 

Kleinstes Krafimaß, als Selbstver- 
ständlichkeit 233 

KIcinwelt. des Süßwassers, Abb. 49 

Kliemcke. H. 189 

Kliff, Entstehung 29 — Zertrüm- 
merung 20 

Klima, früherer Erdperioden 28 — 
optimale Auswirkung 199 — Ur- 
sache 22 



297 



Klimakonstanz, einhundertjährige 

218 
Klimamigration, und Wellengesetz 

27 
Klimatologie, Phänomene 27 — und 

objektive Philosophie 22, 152 
Klimaänderungen, in Europa (Ta 

belle) 152 
Klippen, Entstehung 9.37 
Kloake, verschiedene Tätigkeit 0< 
Klotz, H. 128 
Knauer, F. 280 
Knipping, P. 125 
Knochen, Biotechnik 84 
Knochenbrüclie, Umlagcrung bei 72 
Knochengerüst, funktionelle An 

passung des 72 
Knochentrajeklcnen, funktionsmä' 

ßiger Umbau 101 
Knöllchenpilze, Verdauung von 212 
Knollen, Reservenahrung 86 
Knospung, Fortpflanzung durch 170 
Kochclsee, Rundhöcker am, Abb. 3 
Köcherflicgenlarvenbcin, als Funk- 
tionsform 241 
Körperertüchtigung, durch Training 

Körperform, als Wärmeabieiter 88 

Körpersubstanz, und Nahrungsauf- 
nahme 86 

Kohl, L. 188 

Kohlehydrate, Verdauung 8Q 

Kohlehydrathcrstellung, der Pflanze 
04 

Kohlensäureassimilation, durch 

Pflanzen 08 — Kreislaufprozesse 
der 275 

Kokospalme, und Aquatorialströme 

Kolibris, begrenztes Vorkommen 

167 
Kolloidale Struktur, der Enzyme 64 
Kolloide, Diffusionsverhinderung 

Kolloidstruktur, als Funktionsform 

Kolonialpolitik, englische 210 
Kolonisation, Notwendigkeit 210 
Koloradogebict, Wasserfälle 206 
Kolumbus 06 
Kombinationen, zur Erreichung des 

Optimums 140 
Kompaß, vektorielle Einstellung 53 
Komplexe Systeme, Erfassung 135 
Komplexänderung, durch Korrela- 

lation 263 
Konjugation, Zellteilung bei 161 
Konsonanz, als Harmoniebegriff 260 
Konstanz, der Erdumgestaltungs- 

krafte 155 
Konstruktionen, schwebender Ein- 
zeller 82 
Kontaktstoff, Begriff 64 
Kontinente, Erwärmung 24 
Kontinentbildung, u. Meerestrans- 

gressionen 21 
Konvergenzerscheinung, 
als 216 



Mimikry 

Konvergenzerscheinungen, an Käfer- 
panzern 82 - an Planktonten 
103 ~ Schwimmanpassungen 

Konvergenzgesetze, und Funktio- 
nenlehre 101 

Kordilleren, als jungtertiäres Rest- 
gebirge 156 

Korrelation, der Teile 263 — in 
der Soziologie 188 



Korrelationsgesetz, an biologischen 
Rekonstruktionen 271 

Korrelationsumprägungen, im Or- 
ganismus 268 

Kormophyten, Abstammung 166 

Korpuskularstrahlen, Strahlen als 
45 

Kosmos, absolute Dauer 200 — 
Kreislauf 262 — Funktionsformen 
des 69 — Gesetzmäßigkeit des 
dauerhaften Ausgleichs 261 

Kosmogonie, und objektive Philo- 
sophie 150 

Kosmologie, statt Weltentvvicklung 

Krabben, Rauflust der 215 
Kräfteparallelogramm, als Gesetzes- 
zusammenhang 133 — als opti- 
mokliner Prozeß 146 — Anwen- 
dung 180 — und kleinstes Kraft- 
maB 234 — und Optimumgesetz 
134 
Kraft, als Bewegungsursache 14 
Krattaustausch, des Seins 152 
"^^ä/tersparnis, durch Gewohnheit 

247 
Kraftfelder, und Kraftzentren 264 
Kraftlinien, magnetische 52 
Kraftprinzip, der Körper 282 
Krankheit, als Disharmonie 271 

— Begriff 85 
Krankheit.-.enipf2nglichkeit, der Kul- 
turtiere 224 

Krebse, Hochzeitskleider 222 
Krebs, Scheren regenerationen 174 
Kreisbewegung, als kürzeste Linie 

235 - Periodizität 15 
Kreislauf, als Ausgleich 2öl — des 

Edaphons 275 — des Lebens 274 

— der natürlichen Weltordnung 
262 — der Störungen 200 — 
der Weltenwcrdung 155 — kos- 
mischer 151 

Kreisläufe, als Harmonoklise 261 
Kreislauforgane, des Tieres 03 
Kreislaufprozesse, des organischen 

Seins 275 
Kretinismus, als harmonokline Stö- 
rung 272 
Kreuth, Niederschlagsmenge 26 
Kreuzgegend, Bau der 241 
Kriege, und Überbevölkerung 208 
Kriegführung, falsche Prinzipien 

Kriegsschiffe, kleinstes Kraftmaß 

in ?45 
Kristall, Korrelation der Teile 267 

— optimokline Wandlungen 108 
Kristalle, doppelte Lichtbrechung 

41 — Harmonie 257 — Rege- 
neration der 174 — Selektions- 
möglichkeiten 205 
Kristallbau, als harmonisches Mo- 
lekularverhältnis 261 — kleinstes 
Kraftmaß im 235 
Kristallformveränderung, bei Tem- 
peraturwechsel 236 
Kristallisation, rhythmische 61 
Kristallnadeln, in Zellen 77 
Kristalloide, verhinderte Diffusion 

204 
Kristallskelette, Parsimoklise 235 
Kristallunlersuchung, durch Rönt- 
genstrahlen 55 
Kritik, als Selektion 220 
Krötenorchis, Abschnürung 177 
Krötenorthis, als Beispiel der Mi- 
mikryhypothese, Abb. 76 



Kropf, als Entartung 272 
Kropotkin, Fürst Peter 212, 213 
Krümmet, O. 124 
Kryptobiotechnik, Notwendigkeit 02 
Küchenherdfeuer, Wärme des 58 
Künstlicher Knochen, Funktions- 
umbildung 247 
Kürschnerei, als Biotechnik 88 
Kugel, als elementaiste Funktions- 
form 13 
Kugeleinsenkung, und Oberflächen- 
spannung, Abb. 1, 13 
Kultur, als Biotechnik 75 — als 
Optimumsarbeit 171 — der Tiere 
114 — Integrationsstufen 115 — 
soziale Veränderungen 186 — 
Taylorsysteni der 252 — und 
kleinstes Kraftmaß 245 — und 
Selektion 223 — und Zivilisation 
170 - Verfall der 277 
Kulturleben, als Biotechnik 88 
Kulturleistungen, Mechanik in 136 
Kulturmenschen, und niediigste 

Menschenrassen 166 
Kulturptlaiizen, KrEnkheitsempfind- 

lichkeit der 224 
Kulturprogramm, der objekt. Phi- 
losophie 145 
Kulturwerden, des Menschen 160 
Kulturwissenschaft, biozentrische 

136 
Kungh-Tseu, 121, 288 
Kunst, als Wiederholung der Welt- 
gesetze 285 — Harmoniebegriff 
der 257 
Kunstbauten, bei Vögeln 113 
Kunstfertigkeiten, der Tiere 114 
Kunstformen der Natur, Harmonie 

der 264 

Kunstgeschichte, der Tierwelt 113 

Kunstgewerbe, Harmonitbegriff 257 

— und kleinstes Krafimaß 245 

Kunstgewerbemuseum (Stuttgart), 

ästhetische Folterkammer 245 
Kunstharmonie, als Biotechnik 266 
Kunstschaffen, Selektion des 220 
Kunsttrieb, des Plasmas 264 
Kunstwerte, Harmonie als Ewig- 
keitswert 266 
Kuro-Schio, Bedeutung für Japan 18 

Labradorstrom, Weg 18 

Lachambre 140 

Lachse, Wanderungen 276 

Lagrange 134, 220 

Lagunen, Bildung 238 

Laiiibachfall, Erosionswirkungen 
236 ^ 

Lamarck, Jean de 100, 101, 150 

Lamarekismus, und objektive Phi- 
losophie 100 

Lamettrie 5, 00 

Landwinde, als periodische Stö- 
rungen 24 

Langley, S. P. 58 

Laplace 136, 150, 100 

Larvenformen, Festhalten an frem- 
den 166 

Laubbäume, Stereome 230 

Laubenvögel, geschlechtliche Se- 
lektion 223 — Lustbauten 113 

Laue, M. von 125 

Laubmoose, Blüten und Spreng- 
kapseln der, Abb. 65 

Lavoisier 86 

Leben, als Ausgleich widerstreben- 
der Kräfte 107 — als Bewegung 
9 — als Transmutation 176 — 



298 



antiselektive Wirkung 210 — 
durcli Harmonie 263 — Perio- 
dizität f)0 — und Lebensidee 283 

Lebensila rmonie, Wiederherstellung 
der gestörten 277 

Lebciitbe^tliratikurg, natürliche 208 

Lei tii!-hc7irke, Zusammensetzung 
199 

Lebensdauer. Begrenzung 202 — 
und Optimum 211 

Lebensformen, der Kultur 185 — 
Untergang 184 

Lebenbfunktioii, der Svstemele- 
mente 263 — Wille als 119 

Lebensgeschehen, als Kette von 

Systemverschiebungen 274 

Biologie des 120 

Lebensoestaltung, Harmoniebegriff 
der 257 

Lebensmöglichkeit, und Wcltgesetze 
137 

Lebensmittelverteuerung, u. OroB- 
stadtwachstum 264 

Lebensoptimum, durch Sexualität 
180 

Lebei'sorganisation, und Optimum 
184 

LebensprozeO, als technische Funk- 
tion 74 — der Pflanze 85 — und 
Ideologie 72 

Lebensregelung, durch die objek- 
tive Philosophie 145 — durch 
optimales Oleichgewicht 172 

Leber, Energieverbrauch 86 

Lebermoose, Abstammung 166 — 
Chromatophore in 94 — Schleu- 
derfäden 209 

Lebewelt, als harmonisches Ganzes 
274 

Lebewesen, ultramikroskopische 76 

Le Bon 190 

Leeuwenhock 244 

Lehmann, O. 75 

Lehmburgen, in Innerafrika, Abbil- 
dung 51, 114 

Leibnitz 142, 229, 232, 283 

Leid, durch Vergehen gegen die 
Weltgesetze 202 

Leipziger neuer Hauptbahnhof, or- 
ganischer Stil der 245 

Leistungen, der objektiven Philo- 
sophie 171 

Leistungssteigerung, durch optimale 
Maschinenaufstellung 254 — durch 
Taylorsystem 250 — durch Tech- 
nik 75 

Leistungsungleichartigkeit, verschie- 
dene Dauer durch 212 

Lenard 44, 54, 125 

Lenkballons, Wert der 112 

Lepas, krebsartige Larven 167 

Lepisma, Schnitt durcli das Gehirn 
von, Abb. 138, 285 

Leptoderus Hohenwarti, aus der 
Adelsberger Grotte, Abb. 123, 267 
— JVlerkmalsunterschiedc 268 

Leptoplana, bilateral symmetrischer 
Bau 183 

Lerchensporn, Blütenstand, Abbil- 
dung 37 

Lex parsimoniae, als metaphysische 
Weiiheit 253 — und objektive 
Philosophie 232 

Leydener flasche, Funkenentla- 
dung 49 

Libelle, als Flugmodell 112 

Liberalismus, und objektive Philo- 
sophie 199 



Licht, Elektrizität und Magnetis- 
mus 42 — Kälteers(hcinunpcn 59 
Lichtather, und objektive Philoso- 
phie 44 
Lichtätherbcpriff, Überwindung 37 
Lithtaloni, und Enenjicquantuni 45 
Lichtbewegung, u. Wellenlänge 45 
Lichtbrechung, als Reflex 40 
Lichtdruck, der Bäume 212 
Lichtcinfall, Optimum de» 143 
Lichtgesetze, und optische Instru- 
mente 41 
Lichtoptimum, imd Tropismus Mi 
Lichtquanten, Begriff 44 
Lichtquantentheorie, und Lichtwel- 
lentheorie 45 
Lichtquantum, Begriff 44 
Lichtrcflexion, Feststellung 40 
Lichtstrahl, Wahl des kürzesten 
Weges 235 — zweckmäßigster 
Weg des 149 
Lichtstrahlen. als elektromagne- 
tischer Vorgang 42 — Polari- 
sation 41 — und Wärmestrahlen 
43 
Lichtteilchen, Wellenbewegung 38 
Liebe, als höchstes Menschentum 
248 - als Selektio.i 219 — und 
objektive Philosophie 180 
Liesegang 61 
Lilienthal, O. 112, 116 
Lima, neben einem Röhrenwurm, 

Abb. 87, 214 
Limamuschel, Ansiedelung 215 
Linde, als Bienenblüte 222 
Linie, als BewegUTigsform 14 
Lingulaarten, Formkonstanz 181 
Linbererneucrung, an Triton taenia- 

tus 273 
Liparische Inseln, als Bruchgebiet 

190 
List, Fr. 139 

Lithobionten, Tätigkeit der 148 
Lösungen, als Energiefrage 124 
Löwe, Mimikry 106 
Löwen, Rivalitätskämpfe 212 
Logik, als Menschheitsziel 249 — 

kleinstes Kraftmall in 247 
Lokyer 151 
Loligo aus dem mittelländischen 

Meer, Abb. 75 
Lombardische Tiefebene, Übervöl- 
kerung 229 
London, Einflußsphäre 264 
Longitudinalwellen, der Luft 15 
Lorentz, H. R. 46. 51, 125 
Loria, O. 124 
Lucanus, sexueller Dimorphismus 

222 
Ludovici, H. 191 

l.übe'-ker Ehrenfriedhof, organi- 
scher Stil des 245 
Lütgenau 188 

Luftabkühlung, durch Minimum 27 
Luftauflockerung, und Temperatur 

23 
Luftdruck, Verteilung 23 
LuftUruckgcfälle, höherer Luft- 
schichten 23 
Luftdruckschwankunpen, Periodizi- 
tät 16 — und Erdmagnetismus 
54 
Luftelektrizität, und Erdmagnetis- 
mus 53 
Luftjonisierung , durch Röntgen- 
strahlen 55 
Luftströmungen, und Erdrotation 
23 



Luftv/Irbel, in Minimas 27 
Lunge, als cinrohriger Blasebalg 

93 
Lurche, Müller'schcr Gang der 99 
Lyell, Chr. 153. 190 
Lymphe, im Tierkörper 93 
Lyoner Gegend, Übervölkerung 2Jfi 

Mäander, Entstehung 206 

Mach, E. 122, 129, 135, 233. 240, 

254. 288 
Madclcincwerkzeuge, und Eolithi- 

kerspuren 194 
Magclliacn'sche Wolke, spiralige 

Anordnung 150 
Magen, als Bch-ilter 89 
Magmagase. Entweichung 238 
Magnetiisen, natürliches Vorkom- 
men 53 
Magnetische Gewitter, Störungen 

durch 53 
Magnetisches Feld, mit Kraftlinien, 

Abb. 13, 52 
Magnetismus, Licbtbeeinflussung 
durch 42 — und Licht 51 — 
Wcllengesetze des 52 
Magnetnadel, Abweichung 53 
Majanthemum bifoliaium, als arten- 
arme Gattung 170 
Majorität, der Mittelmäßigkeit 226 
Makaroncsien, Begriff 199 
Malerei. aU Lichtwellenwirkung 37 

— und Farbenquanten 44 
Mall 191 

Malstrom, als ObcrschuRcnergie 19 
Malthus. Thomas R. 203, 210 
Malthus'sches Gesetz, Gegenargu- 
mente 209 
Malus 41 

Manchesterschule, Theorien 139 
Mangandioxyd, als Katalysator 64 
Mannigfaltigkeit des Seienden, Ur- 
sache 267 
Mannigfaltigkeit, und Harmonie 256 
Mantcgazza 208 
Manteltiere, Knospung 179 
Marx 190 

March.iniia polymorpha, Querschnitt 
durch Lager von, Abb. 34, 95 
Marconi 50 
Marschner 36 
Maschinen, optimale Aufstellung 

254 
Maschinentheorie, des Lebens 136 
Maskenkrabhen, Mimikrvversuche 

106 
Massedefinition, als Erklärung 134 
Maßeinheiten, elektrische 47 
Massenform, harmonische 13 
Massenprinzip, Vorstellung de« 282 
Mastflcisch, Selektion auf 223 
Mastogloia. drucktette Konstruk- 
tion 127 
Materialersparnis, an Kieselalgen 

239 
Materialismus, und metaphysische 
Überzeugungen 173 — und Se- 
lektion 225 — und objektive 
Philosophie 122, 138 — und 
Vercrbungswisscnschatt 227 — 
^Verkünder 134 
Materie, als Wärmeform 10 — Ent- 
wicklung der 151 — Fiinktions- 
formen der 68 — Kreislauf der 
275 
Mathematik, und Funktion 11 — 
und kleinstes Kraftmaß 247 — 
und moralische Energie 18d 



299 



Matterhom, als Dreikaiiter 30 — 
als Windschliffzeuge, Abb. 9 

Matthias 279 

Maulwurfsgrillenbein, als Funk- 
tion sform 241 

Maupas 178 

Mäusetyphusbazillen, Vermehrung 
218 

Mäusevermehrung, u. Mäusefeinde- 
vermehrung 218 

Maupertuis 232 

Maury, A. 124 

Mauserung, Periodizität 16 

Mauthner, Fritz 153 

Maximalarbeit, als optimales Prin- 
zip 147 

Maximalarbeitsprinzip, bei chemi- 
schen Veränderungen 235 

Maximiliansharnisch, Plattenrie- 
fung am, Abb. 29, 82 

Maxwell 42, 45 

Mayer, Robert 4, 133 

Mechanik, Allgemeingültigkeit 139 

— als Naturerklärung 134 — als 
Regelung der Weltfunktionen 140 

— als Weltprozeß 135 — Ge- 
setze der 132 — und allgemeine 
Parsimoklise 234 — und Mini- 
malprinzip 233 

Mecanique eheste, als Leitbegriff 
136 

Mechanische Teleologie, Begriff 72 

Mechanische Wärmetheorie, und 
Geisteswelt 7 

Mechanisierung, der Handlungen 
247 — durch Taylorismus 250 

Mechanismus, und Vitalismus 90 
188 

Mediterraneum, Begriff 199 

Medusen, Ahschnürung 176 — Bau 
194 — Brennhaare 113 — bilate- 
ral symmetrische 183 — Reiz- 
handlungen 118 

Meer, optimale Ausbreitung 199 

Meere, Erwärmung 24 

Meeresformen, als technische For- 
men 76 

Meerespolypen, Hungerrückbildun- 
gen 175 

Meeresströmungen, Bildung 18 — 
klimatische und biologische Wir- 
kung 19 

.Meerestiefe, Wellenbewegung der 

Meerestransgression, als Wellen- 
bewegung 20 - erdgeschicht- 
liche 21 
.Meereswellen, Höhe und Länge 17 
Mehl, synthetische Herstellung 94 
Melonenkaktus, Blattbau 243 
Mendel, Gregor 163, 176. 179. 223 

225 
Mcndelgesetz, Zahlenschema 163 
Mendelssohn 36 
Mensch, Abstammungsbegriffe 154 

— als Kraftmaschine 86 — als 
Primus unter Tieren 170 — als 
Selekteur 219 — Anpassungen 
182 — Generationswechsel 160 

— optimale Einordnung 199 — 
Optimum 145 — rudimentäre 
Organe (Tabelle) 1Q3— sexueller 
Dimorphismus 223 — und Um- 
welt 202 

Menschendasein, Innenorganisation 

Menschenei, Entfaltung 158 



Menschengeist, biologische Funk- 
tion 171 — optimale Funktion 170 
Menschenhirn, Leistungen 170 
Menschenrassen, der Gegenwart 191 
Menschenskelett, Harmonie des 270 
Menschentechnik, und kleinstes 
Kraftmali 244 — und organische 
Technik 74 84 
Menschheit, gegenwärtige Größe 

210 — Dauer 162 
Menschheitsdauer, und Harmonie 275 
Menschheitsopfimum, durch objek- 
tive Philosophie 171 — und Schön- 
heit 223 
Menschlicher Körner, Kanon der 

Proportionen, Abb. 113, 258 
Menschlichkeit, Begrenzung 145 
Menschwerdung, erste Schritte 193 

— Ursache der 168 
Menstruation, Periodizität 15 
Merinoschaf, als Mutation 162 
Merkmale, Verschiebung 263 
Merkur, Sonnenwärme auf dem 53 
Mesenchym, Abzweigungen 191 
Mesoblast, Abzweigungen 191 
Mesozoikum, Klima 152 
Metabolie, Theorie der archiplasti- 

schen 127 
Metalle, bei großer Kälte 59 
Metalldämpfe, als Sonnenflecken 53 

— selektive Emission 204 

Metalloide, Begriff 66 

Metamerie, als Organisationsmerk- 
mal 182 — als Stammesmerk- 
mal 184 

Metaphysik, und objektive Philo- 
sophie 119, 283 — und Spar- 
samkeitsprinzip 232 

Meteorologie, als Luftphysik 27 

— Prinzip des kürzesten Weges 
236 — Transmutationen 152 

Meter, als willkürliches Maß 69 

Metrik, als rhythmische Integra- 
tion 62 — als Wellenphänomen 16 

Meurer, W. 123 

Meyer, A. 77, 127, 12S 

Michelson 46, 125 

Mie, Q. 125 

Mieren, als Spreizenklimmer 213 

Migrationstheorie, und objektive 
Philosophie 216 

Mikroskop, von Leeuwenhoek 244 

Mikrosomen, in Zellen 77 

Milch, bei 2000 Kälte 59 

Mill, J. St. 208, 284, 288 

Mimetismus, Lebensverlängerung 
durch 216 ^ 

Mimikry, des Fetzenfisches 106 — 
im Unbelebten 109 — Konver- 
genzerscheinungen 106 — und 
objektive Philosophie 105, 216 

— Wirkung 107 

Mimikry, der italienischen Solda- 
ten 1915/16, Abb. 86 

Mimikryerscheinungen, Entstehungs- 
ursache 218 

Minima, Weg 27 

Minimal -Maximalprinzip, Vorstel- 
lung des 232 

Minimum, Entstehung 27 

Minimumprinzip, als Störungsregu- 
lation 260 — Notwendigkeit 141 

Missing link, Einordnung 191 

Mischung, und Vererbung 163 

Mitochondrien, Funktionsforni, 127 

— in Zellen 77 

Mitose, Vorgang der, Abb. 74 — 
Wirkung 161 



Mitteleuropäer, als Waldvolk 27ü 
Mittelwert, der Mode 226 
Mode, Begriff 225 
Modifikationen, Vergänglichkeit 162 
Möbclschreiiierei, und kleinstes 

Kraftmaß 245 
Molch, Beinregenerationen 174 
Molche, Hochzeitskleider 222 
Moleküle, harmonisches Verhält- 
nis 261 
Molekülstöße, als Spannung 126 
Molekularkrätte. Ideologie der, 

Abb. 1, 13 
Molckularrichtung, in Magneten 52 
Molekularstruktur, und technische 

Form 70 
Mollakkord, als Harmonie 260 
Monarchie, nach Auslese 189 
Monas amyli, Nahrungswahl 221 
Mond, irdische Rotation 190 — 

Wärmeabgabe 59 
Mondbahnunregclmäßigkeiten, har- 
monisches Mittel der 263 
Monismus, methodologischer 246 
Monotrematen, als artenarme Gat- 
tung 176 
Monsune, als periodische Störun- 
gen 24 
Mor.sunregen, Niederschlagsmenge 

Moor, als Lebensbezirk 199 
Moos, Lebenskreis 160 
Moosarchegon ien, Bau 240 
Moosbau, Sparsamkeitsgesetz am 

Moosrasen, Brutknollenbildung 177 
Moostierchen, Ansiedelung 215 
Moostundra, als Schlußverein 158 
Moral, Hclativisierung 145 
Moränenhügel, in Oberbayem. Ab- 

bildg. 120 
Morgan, Th. 194, 273, 274, 280 
Morley 125 

Morpholaxis, Begriff 274 
Morphologie, der Funktionen 14 
Mosaikkrankheit des Tabaks, Klein- 
heit 75 
Mosaiktierchen, Biotechnik der 115 
Mozart 36 

Mnemelehre, und objektive Philo- 
sophie 164 
MüUer-Pouillet 124 
Müller'scher Gang, Entstehung 99 
Müller'sche Gänge, paarige Anlage 

99 
München, Einflußsphäre 264 — Ge- 
schichte der Transgressionen 21 
Münchener neue Anatomie, organi- 
scher Stil der 245 
Murex hemispina, Schalenbau, Ab- 

bildg. 125 
Musculus orbitalis, als Reptilien- 
anpassung 167 
Musik, als Seelenfähigkeit 33 — 
als Wellengeometrie 35 — als 
Wellenphänomen 16 — Harmo- 
niebegriff der 253 — Rhythmen- 
gruppen der 63 — und objektive 
Philosophie 36 
Musikinstrumente, akustischer Bau 

32 — Harmonieerzeugung 124 
Muskelbau, des Insektenbeins 241 
Muskelfibrille, Leistungen 79 
Muskelmotor, als chemisch-dyna- 
mische Maschine 87 
Muskeln, Zugleistung 84 
Mu^keltätigkeit, Energieverbrauch 



300 



Musterung, als Selektion 210 
Mutation, und Vererbung er^vo^- 

bener Eigenschaften lö4 
Mutationen, und objektive Philo- 
sophie 162 — explosives Auf- 
treten 176 — Merkmalsbereiche- 
rung durch 227 
Mutationslehre, Züchtung als prak- 
tische 165 
Mutterkuchen, Bildung 160 
Mutterliebe, im Tierreich 20Q 
Myofibrillen, Umbildung 127 



Nachahmung, als Konvergenz lOS 
Nachkommen, Ungleichheit 225 
Nach kommen reihe, Abänderungen 

225 
Nachtkerzen, als Adventivpflanzen 

162 
Nacktschnecke, marine 215 
Nadelhölzer, Stereombildung 239 
Nägeli, C. 173 
Nahrung, als organische Energie 

85 — der Tiere 86 
Nahrungsaufnahme, und Körper- 
aufbau 86 
Nahrungsmittelvermehrung, und 

Menschheitsvermehrung 208 
Nahrungswahl, der Infusorien 221 
Napoleon 138 
Nansen 18 
Narthecium ossifraga, als artenarme 

Gattung 176 
Naß, 253 
Natorp. P. 288 
Natur, Sparsamkeit der 232 — und 

Kultur 136 
Naturformen, als Funktionsformen 
141 — als Restgestaltung nach 
Widerstandsüberwindung 247 
Naturformenbildung, durch klein- 
stes Kraftmaß 237 
Naturgesetz, durch Selektion 219 
Naturharmonie, als Schönheit 266 

und Harmonie 266 
Naturvorgänge, Irreversibilität der 

123 
Natuwissenschaft, als angewandte 

Mechanik 134 
Naturzüchtung, Allmacht der 211 
Nauplien, der Entenmuscheln 167 
Nautilus, im Silur 194 
Navicula, Mutationen 176 
Neandertaler, Rekonstruktionsver- 
such, Abb. 132 
Nearktis, Region der 199 
Nebulium, und Lichttheorie 45 
Neckartal, Übervölkerung 229 
Nectria, Mutationen 176 
Neigungswinkel, horizontaler Winde 

112 
Nemec 118, 146 

Neolithikum, in der Südsee 194 
Neptun, Bahn 151 
Neomalthusianismus, und objek- 
tive Philosophie 203 
Neotropische Region, Zusammen- 
setzung 199 
Nerven, als Begriff des kürzesten 
Weges 247 — rhythmische Ak- 
tionsströme in 161 
Nervenenergie, Unverwandelbarkeit 5 
Nervenfaser, Leistung 79 
Nervenfibrillen, an Pflanzen 146 
Nervenzellen, als optimales Organ 
145 — als teleologische Organe 
73 — Bau 242 



Nestwurz, als Eiweibschmarotzer 

85 
Neumayr, 206, 207 
Neu - Pythagoracismus, und Aku- 
stikforschung 31 
Neuronen, Bau 242 
Newton, Isaac 11, 13, 33, 45, 47, 

133, 229, 234, 246, 282 
Nicolia, verkicsclte Stämme 29 
Nidation, Zeitpunkt der 158 
Niederschläge, Entstehung 26 — 

Gesetzmäßigkeit der 2b 
Niederschlagsmengen, verschiedene 

26 
Nienkamp, H. 189 
Niere, Energieverbrauch 86 
Nietzsche, F. 15, 36, 65, 66, 145, 

200, 224, 249, 288 
Nigella, Wettbewerb der Samen, 

Abb. 84 
Nildelta, Übervölkerung 229 
Nisthöhle, des Embryos 159 
Nitzschiatyp, druckfesto Konstruk- 
tion 127 
Nordlicht, als Elektrizität 51 
Nordlichter, künstliche 53 
Nordamerika, palaearktische Fauna 
167 — Schluchtbildung 209 — 
Überbevölkerung 210 
Normalleistungen, der Pflanze 252 
Nordwinde, bei Minimumeinfluß 27 
Notenbeispiel, aus Beethoven, Ab- 

bildg. 15, 63 
Notwendigkeiten, Beziehungsrege- 
lung nach 188 
Nullpunkt, absoluter 59 
Nummulilenzeit, afrikanische Trans- 

grcssionen 22 
Nutzeffekt, der Dampfmaschinen 7 



Obelia geniculata, Hydroydpoly- 
pen von, Abb. 73 

Oberarm, Biotechnik des, Abb. 38, 
97 

Oberbayern, verlandete Seen 157 

Oberflächenvergrößerung, an Plank- 
tonten 104 

Oberlauf, l.ängsprofil 206 

Oberoligocaen, Eolithe aus dem 194 

Obertöne, Entstehung 34 

Objektive Philosophie, als har- 
monische Lebenslehre 258 — 
als Lebensregelung 171 — und 
Abstammungslehre 161 — und 
Akustik 31 — und allgemeine 
Unkultur 245 — und atmosphä- 
rische Harmonie 24 — und 
Ausgleichsgesetz 191 — und 
Beethoven 36 — und Biologie 
der Heimat 229 — und biotech- 
nische Erfindungen 73 — und 
Brückenmethode 254 — und Dar- 
win'sche Selektionstheorie 20S — 
und Energetik 6 — und Entwick- 
lung 150 — und Erfinderideen 
116 — und Fortpflanzung 17o 
— und Funktionsform 12, 67 — 
und Gehirnforschung 119 — 
und Geschlechtsliebe 180 — 
und Golfstrom 19 — und Ha- 
milton'sches Prinzip 253 — und 
Intuition 288 — und Kunst- 
trieb des Plasmas 264 — und 
menschliches Optimum 145 — 
und Metaphysik 121 — und 
moderne Physik 17 — und 
Regeneration 173 — und Reiz- 

I beantwortung 144 — und Se- 



lektionsgesctz 203 — und Tc- 
leologie 71 — und Vervoll- 
kommnungsfrieb 173 — und 
Staatsprinzipien 83 — und 
Staatswissenschaft 189 — und 
Wellentheorie 42 — und Wil- 
lensphänomcn 119 — und H 
Spencer 187 — Taylorsystem 
als 250 — Wcltverständnis 145 

— Ziele der 283 

Ökologie, vergleichende, der Säuge- 
tiere 193 
Ökonomiegesetz, Grundlagen 240 

— im Knochenbau 84 
Ökonomie, Mach'sches Prinzip der 

233 
Okonomiepr.nzip, der Pflanze 23S 

— von Wirtschaft und Technik 
245 

Oenothera Lamarckiana, Mutations- 
versuche 162 
Österreichisch-ungarische Bank, Al- 
ter 200 
Ohm, als elektrische Maßeinheit 47 
Ohr des Dionysos, als Biotechnik 

117 
Ohr des Menschen, Längsschnitt 

Abb. 8 
Ohrmuschel, als Tonsammler 33 
Ohrmuschelform und Schallwellen- 
übertragung 117 
Ohrsand, Tätigkeit 33 
Ohrspeicheldrüse, Röhrcnleitung 

der 89 
Oithona plumifera, Schwebeanpas- 
sungen, Abb. 41, 103 
Oktave, als physisches Phänomen 

34 
Oktavenintervalle, u. Schwingungs- 
zahlen 31 
Oncidium Papilio, Blüte von, Abb. 

89, 217 
Ontogenie, und objektive Philo- 
sophie 158 
Optik, Oktavenbegriff in der 43 

— und objektive Philosophie 37 
Optimismus, der Aufklärungszeit 

143 
Optimoklise, durch Selektion 203 

— und Dauer 227 
Optimokliner Verlauf, physiologi- 
sche Prozesse 143 

Optimum, allgemeine Notwendig- 
keit 185 — als Lebenszweck 
146 — der Erosion 149, 236 — 
der Nationalökonomie 139 — 
der Organismen 146 — der 
Staatsformen 83 — der Talent- 
wicklung 147 — durch Biotech- 
nik 75 — durch doppelte Fort- 
pflanzung 170, 180 — durch 
Störungsbeseitigung 173 — ein- 
zelner Integrationsstufen 198 — 
Entfaltung zum 142 — mensch- 
liches, Mittel zum 145 — und 
Entwicklung 141 — und Har- 
monie 257 — und harmonische 
Bewegung 189 — und ziellose 
Entwicklung 187 — und Zweck- 
mäßigkeitslehre 247 

Optimumgesetz, im freien Fall 
147 _ im Taylorsystem 250 — 
und Fermat'sches Theorem 149 

Optimumverschiedenheit, und in- 
dividuelle Verschiedenheit 227 

Ordnung, und Leitmomente 233 

Organe, Biotechnik 84 — Funk- 
tionen der 76 — rudimentäre 160 



301 



Organisation, der Kultur 253 — 
des Organismus 242 

Organisationen, als biotechnische 
Leistungen 83 

Organisationsfähigkeit, des Men- 
schen 169 

Organisationsmerl<niale, als ver- 
erbte Anpassungen 183 

Orgaiiisationsoptimum, des Wal- 
des 186 

Organisationsmerkmale, und ob- 
jektive Philosophie 181 

Organische Teleologie, Begriff 71 

Organismen, als technische Vor- 
bilder 8ä, 234 — Harmonie 257 

— jugendliche, Regeneration und 
Wachstum 174 — Kampf der 
212 — optiniokline Handlungen 
146 

Organismus, als stationäres Sy- 
stem 85 — Biotechnik des 84 

— Korrelation der Teile 267 — 
Störung der harmonoklinen 
Kräfte 272 — teleologische Be- 
fähigung 90 — Wellenbewegun- 
gen im 61 — und Maschine 5 

— und Organe 76 
Organogenesis, des Embryos 159 
Organprojektion, Begriff 128 
Ornament, Wellengesetz des 16 
Ornamentik, rhythmische 62 
Ornithocercus, technische Einrich- 
tungen, Abb. 24, 81 

Ornithorynchus, Abzweigung von 
154 

Orthogenese, Theorie der 230 

Oscillation, bei Transgressioncn 21 

Osmose, Tatsachen der 204 

Osmotische Membrane, als Funk- 
tionsform 94 

Ostgrönlandstrom, und Golfstrom, 
18 

Ostwald, Wilhelm 5, 6, 126. 254 

Ott E., 288 

Ovarium, der Vögel 99 

Oxalsäure, Bindung durch Kalk 

Oxydasen, chemische Synthesen 

durch 94 
Oxydationen, in der Pflanze 94 
Oxygen, Sioffwechselprozesse durch 



Paläolithiker, Sprache der 101 

Palaeontologie, Rekonstruktions- 
kunst der 270 — und objektive 
Philosophie 181 

Palaeozoikuni, als Ursprung re- 
zenter Gattungen 194 — Klima 
seit dem 152 

Palmenstämme, Stereome 239 

Panmechanik, Begriff 112 - und 
Biozentrik 135 

Pankreassaft, als Verdauungsfer- 
ment 89 

Pantropische Zustände, früheste 28 

Panrevolution, Begriff 154 

Panselektion, und objektive Philo- 
sophie 202 

Pantoffeltierchen, doppelte Fort- 
pflanzung 179 

Papagei, 117jähriger, Abb. 139, 287 

Pappmikroskop, aus Nürnberg 244 

Parabel eines Geschosses, als kür- 
zeste Linie 235 

Paradiesvögel, sexueller Dimor- 
phismus 222 

Parallelismus, psychophysischer 6 



— von Ontogenie, Phylogenie 
und Regeneration 173 

Paramaecium aurelia, Konjuga- 
tion, Abb. 78, 178 

Parametergesetz, und Harmonie- 
begriff 2ol 

Parasit, Nahrung 86 

Para i.en, Konvergenzerscheinun- 
gen 102 

Parasiten krebse, Funktionsform 85 

Parasolschwamm, Wettbewerb der 
Pilzhüte eines, Abb. 88, 215 

Paris, Einflußsphäre 264 

Parklandschaften, Harmonie 266 

Parklandsehaft, natürliche. Abb. 121 

Parsimoklise, als allgemeine Not- 
wendigkeit 248 — als ausschlag- 
gehendes Zwcckmäßigkeitsmerk- 
mal 247 — als kaulmännisches 
Denken 248 — Begriff 233 — 
Lichtstrahls 235 

Passat, als Niederwind 23 

Patente, biotechnische 74 

Pathogene Bakterien, im Oewebe- 
schnitf, Abb. 115 

Pauly, A. 90, 120, 127, 128 211. 
212, 229 

Pendulation, als Wellenphänomen 
der Erde 28 

Pendulationsthcorie, und Entwick- 
lungslehre 155 

Penis, als Funktionsform 99 

Pentameter, als Rhythmus 62 

Pergamenthäute, Diffussion durch 
204 

Periodik, astronomische 61 

Periodische Wiederkehr, und En- 
tropie 8 

Periodizität, der Kreisbewegung 15 

— elektrischer Schwingungen 50 

— Wiederkehr 60 
Peristaltik, als unbekannte Technik 

Perm, Tiere ans dem 194 

Permutationen, und rhythmische 
Funktionen 65 

Peroiiosporapilz, Sporenbildung 177 

Perrin 54 

Pessima, Begriff 150 

Pessimoklise, und objektive Philo- 
sophie 201 

Petrographie, Transmutationen 152 

Petroleum, Entstehung 157 

Petter, Th. 265 

Petzoldt, J. 130, 233, 279, 282, 288, 

Pfahlbaudorf, als Biotechnik 116 

Pflanze, als Gemeinwesen 173 — 
Atmung 85 — Materialverbrauch 
252 — Taylorismus der 252 

Pflanzen, biotechnische Erfin- 
dungskraft 209 — einheitliche 
Abstammung 166 — Ernährungs- 
vorgang 93 — gegenseitige 
Kämpfe 212 — Nervenfibrilfen 
146 — osmotische Techniken 
in 94 — Reflexzentren 118 — 
Samenfäden der, Abb. 20, 78 — 
Stammbaum der (Tabelle) 192 — 
technische Leistungen der 73, 
81, 251 — Wärmeproduktion 88 

— Waffen der 113 
Pflan/enfrüchte, fliegende 112 
Pflanzeiifruchilänge , Ouetelet'sches 

Gesetz 220 
Pflanzenkörper, Hormone im 271 
Pflanzenkrankheiten, an Kultur- 
pflanzen 224 — Wanderungen 
275 



Pflanzenleben, durch osmotische 
Selektion 204 

Pflanzenorganismus, Gliederung 242 

Pf laii/er, Physiologie, und objektive 
Philosophie 14ö 

Pflanzen reich, Stämme 182 

Pflanzen vereine, Zusammengehörig- 
keit in 197 

Pflanzenwell, überragende Frucht- 
barkeit 2C9 

Pflanzenwurzeln, selektive Be- 
wegungen 221 

Pflüger 189 

Pfeffer, W. 146 

Pfeilkraut, als Verlandungspflanze 
157 

Pferd, Züchtung 164 

Pferde, nervöse Erkrankungen 242 

Pferdehuf, als Steppenanpassung 

Phänologie, Rhythmus als Ur- 
sache 61 

Phänotypus, Begriff 164 

Philo 150 

Philolaus 257 

Philosophie, biologische 286 — 
der Fortentwicklung 186 — der 
Harmonie 274 — der reinen 
Erfahrung 246 — des Als ob, 
und objektive Philosophie 170 — 
des harmonischen Lebens 258 — 
des Rationalismus 283 — klein- 
stes Kraftmaö in 246 

Phosphor, als säurebildendes Ele- 
ment 66 

Photosynthese, der Pflanze 94 

Phototaxis, der Blaitgrünkörner 96 

Phototropie, der Wachstumsentwick- 
lung 143 

Phototropismus, Umkehr 144 

Phtyrius inguinalis, Klammerorgane 
des, Abb. 104 

Ph.comyceten. Geschlechtslosigkeit 
179 

Phyllopteryx cques Cathr., Schutz- 
anpassung, Abb. 43, 105 

Phylogenie, in der Botanik 193 — 
und Fortpflanzung 176 — und 
Optimum 184 

Physik, als Weltformel 281 — op- 
timokline Abläufe 146 

Physik, Prinzipien der 282 — Se- 
lektionsgesetz in der 234 

Physiologie, als Biotechnik 74 — 
ökonomisches Prinzip 238 — und 
organische Form 83 — und 
Schwingungszahlen 31 

Physis, und Metaphysik 283 

Pilze, Geschlechtslosigkeit 179 — 
Marksträiige in 240 

Pinealorgan, Ursprung 167 

Pinnulariatyp, druckfeste Konstruk- 
tion 127 

Pinus montana, auf einer Rasen- 
bank, Abb. 122, 265 

Pirola, Wettbewerb der Blüten- 
entwicklung von, Abb. 92 

Pithecanthropus, Einordnung 191 

— Rekonstruktion 270 
Placentabildung, als Anpassung 182 
Planaria, Hungerrückbildungen 175 

— Regeneration 273 
Planariawurm, Morpholaxis eines, 

Abb. 135, 273 
Planetenbahnen, und einheitliche 

Entstehungstheorie 151 
Plank, Max 43, 43, 46, 58, 123, 523 
Plankton, als Biocoenose 199 — 



302 



Anpassungen 103 — intrazellu- 
läre Enharmonie 264 — Kohlen- 
stoffassimilation 82 — Wande- 
rungen 275 

Planktologie, und objektive Philo- 
sophie 105 

Plar ktoi; k rebse, Schwebean passun- 
gen mariner, Abb. 41, 103 

Planktonten, Temperaturvariationen 
105 

PlanmäUigkeit, der Arbeit im Pflan- 
zenkörper 242 

Plancrbissrhnecken, Radform 129 

Plasma, Funktionsformen des 71 

Plasmabetätigung, selektive 204 

Plasmacigenschaft, Harmonoklise 
als 274 

Plasmaelemente, metabolischer Bau 
79 

Pla.smahaut, Selektionsvorrichtung 
204 

Plasmastruktur, und Elementar- 
organismen 127 

Plasmareizbarkeit als Mittel zum 
Optimum 146 

Plasmatische Eiweiße, Bau der 79 

Plasmodesmen, als Funktionsforni 
94 

Plasmopara viticola, Aufbau, Abbil- 
dung 77, 177 

Plastik, als Lichtwellenwirkung 37 

Plate, 211, 229 

Plattenriefung, an Ceratium 82 

Platin, Steigerung der Reaktions- 
geschwindigkeit 204 

Platinmohr, als Kontraktstoff 65 

Plato 21 

Plica semilunaris, als Amphibien- 
anpassung 167 

Plotin 150 

Poa vivipara, Begriff 177 

Poesie, als Musik 35 

Poincar^ 8, 150, 190 

Polabplattung, der Erde 69 

Polarfuchs, Mimikry 106 

Polarlichter, Ursache 53 

Polarisation, Apparat zur, Abbil- 
dung 11, 41 

Polierwerk, als Biotechnik 115 

Politik, kleinstes Kraftmaß in 248 

— Harmonie als Ziel der 275 

— und Überbevölkerung 208 
Polycystinen, als Harmoniebeispiel 

264 

Polyklet 258 

Polyp, Lichtoptimum 144 

Polypen, Ansiedelung von 215 — 
Knospung 179 

Polytrichum commune, Naturauf- 
nahme, Abb. 65 

Population, Begriff 225 

Port 160 

Porus abdominalis, Eientleerung 
durch 99 

Positivismus, und objektive Philo- 
sophie 187 

Potential, als Verhältnis der Ein- 
heiten 151 

Pouillet 126 

Präkambrium, Hochgebirge 156 

Präputium, der Orientalen 164 

Prantl, C. 193 

Praxis, kleinstes Kraftmaß in 247 

Prevost 260 

Primula, aut einer Rasenbank, Ab- 
bildg. 122, 265 

Prinzip, der Biogenese 166 — der 
geradesten Bahn 232 — der 



schnellsten Ankunft 149, 235 - 
der Trägheit, als Gesetzeszusain- 
menhang 133 — des kleinsten 
Kraftmaßes 232 — des kleinsten 
Zwanges 232 — Erforschung 282 
Proanihropoiden, zweibeinige Le- 
bensweise 193 
Prolet, Begriff 179 
Prolobiont, der Sauger 161 
Pronubamotte, künstliche Befruch- 
tung durch 241 
Propaganda, ncomalthusianische 210 
l'ropellerflügel, der Ahornfrüchie 

HO 
Propellerschraube, Haifischschwanz 

als 110 
Protagoras 288 

Proterandrie, und Befruchtung 221 
Protoplasten, Kugelforra 13 
Protozoen, Bau 194 — Formen- 
reichtum 80 
Protozoeneinzelligkeit, als Orga- 
nisationsmerkmal 183 
Prozeß, als Mittel zum Optimum 

144 
Prozesse, als Biotechnik 73 
Psyche, und Panselektion 219 
Psychologie, Gesetz der Zeitge- 
staiten 62 — und objektive Phi- 
losophie 119 
Psycho-Physiologie, der Musik 33 
Psycholechnik, Begriff 89 — Gei- 
stesleben als 119 
Ptcrocera lambus, Schalenbau, Ab- 

bildg. 125 
Pterothrozaarten, Mimikry 105 
Ptcrodina elliptira, Bau, Abb. 136 
Pterophvilum scalare, aus Süd 

amerika, Abb. 124, 268 
Pteropoden, Bau 194 
Ptilonorhynchus holosericus. Lust- 
bauten 113 
Ptyalin, als Verdauungsferment 8^ 

Wirkung 64 
Pumpenfunktion, des Herzens 92 
Pumprohre, biotechnische Verbesse- 
rung 93 
Puls, als Muskelbewegung 91 
Pulsrhythmus, in Pflanzen 93 
Pulver, Erfindung 115 
Purkinje'sche Zelle, aus dem mensch 
liehen Kleinhirn, Abb. 109, 242 
Pyramiden, Alter 200 
Pyrenoide, als Nebenorgane 77 
Pyronema, Geschlechtslosigkeit 119 
Pythagoras 31, 34, 35, 111, 125, 
150, 257, 261, 283 

Quantelung, der Lichtstrahlen 44 
Quanteiibildung, im Schöpferischen 

62 
Quantengesetz, als Auslese 203 — 

und Wellenphänomen 43 
Quantentheorie, und Entropie 8 — 

und Harmoniegesetz 260 
Quercus, Blattfluktuation, Abb. 69 
Quetelet 225, 226, 229 

Rad, Biotechnik des 129 
Radioaktive Körper, Atome 56 
Radioaktivität, Erweiterung 56 — 

und Licht 51 
Radiolarien, als Harmoniebeispiel 

264 — Balanciercinrichtungen 80 

— Formcnfülle 79 
Radiolarienskelctte, Rosette von, 

Abb. 117 



Radiochemie, und objektive Philo- 
sophie 51 
Radium, Wärmestrahlung 57 
Radiumgehalt, des Erdballs 57 
Radiumstrahlung, als Elektronen- 
Strahlung 56 
Rädcrticrc, Bau der, Abb. 136 — 
Parthenogenesis 179 — Werk- 
zeuganwendung, AbD. 27, 6i 
Rädertiergehirne, Bau der 284 
Raleigh, Lord 125 
Randgebirge, um den Stillen Ozean 

191 
Ranellaschnecke, Schale einer, Ab- 

bildg. 126 
Ranke 271 

Rapistrum perennc, Radforni 129 
Rasenbank, in den Kalkalpen, Ab- 

bildg. 122, 2ü5 
Rassefrage, und Monarchie 189 
Rassekreuzungen, Merkmalvertei- 

lung 163 
Rassen, der Hunde 224 
Rassenausbreitung und .Meeres- 
strömungen 19 
Rationalismus, und objektive Phi- 
losophie 283 
Ratzenhofer, G. 188 
Raumgitteranordnung, Parsimoklise 

235 
Raumgittermöglichkeiten, Selektion 

durch 205 
Raupenvermehrung, und Singvögel- 
vermehrung 209 
Reaktionsauslese, Begriff 64 
Rechnen, als Auslese 203 
Rechtsordnung, willküilichc 139 
Rechtsverkehr, kleinstes Kraftmaß 

im 248 
Reduktionen, in der Pflanze 94 
Reflexe, als Kraftersparnis 247 — 
beim Blutdruck 91 — und Re- 
flexketten 144 
Reflexhandlungen, der Pflanze 146 
Reflexion, elektrischer Wellen 50 
Rcflexionsflächen, des Ohres 33 
Reflcxionsversuch, von Lachanibre 

149 
Regen, Entstehung 26 — physika- 
lischer Vorgang 124 
Regeneration, als Biotechnik 83 — 
als Systemverschiebung 274 — an 
Pflanzen 174 — Harmonoklise 
der 272 — im Anorganischen 
174 — nach ontogenetischem Ge- 
setz 173 
Regenerationen, Zweckmäßigkeit 

247 
Regenbogen, Spektrum 3S 
Regenschirme, Honigspornc als 110 
Regentropfen, Entstehung 20 
Regenwirkung, an Gesteinen 148 
Regenwurm, Regenerationsvorgänge 

174 
Regionen, Zusammensetzung 199 
Regressionen, Feststellung 23 
Regulation, als Syslemvcrschicbung 
274 — in der Soziologie ISS — 
und Reizreaktion 146 
Regulationen, Zweckmäßigkeit 247 
RcibuMgsvcrminderung, des Ver- 
kehrs 92 
Reizbeantwortungci: , zielstrebige 

144 
Reizlcitungsstränge, der höheren 

Pflanze 118 
Rekapitulation, biogenetische 166 
Relativität, der Dauer 236 — der 



303 



Joule'schen Zahl 123 — der 
Mechanik 188 — des Optimum- 
begriffes 142 — der Töne 31 
Relativitätsprinzip, des Raumzeit- 
systems 282 
Relativitätstheorie, und Hamilton- 
sches Prinzip 253 — und Mini- 
malprinzipe 233 
Reliefgestaltung, selektive 207 
Religion, als Erkenntnisquelle 285 
Religionen, und kleinstes Kraftmaß 

249 
Reservenspeicherung, als Biotech- 
nik 83 
Restitutionsfähigkeit, bei einfachen 

Lebewesen 174 
Reulaux 128 

Rheingebiet, Übervölkerung 229 
Rheintal, als kontinentale Senke 191 
Rhythmus, als Funktionsform 15 — 
des Weltenbaues 61 — Wieder- 
kehr 60 
Rhythmuserfahrungen, psychologi- 
sche 62 
Rhythmusgesetze, als Weltphäno- 
men 42 
Richtung, der Kräfte 234 
Riefen, der Diatomaceen 239 
Ries in Bavern, erloschene Vul- 
kane 157 ' 
Riesensturmvogel, Flugleistung 113 
Rind, Krankheiten 224 
Rindenwanzen, Mimikry 106 
Rinder, Selektion 223 
Ringelblumen, Verbreitungseinrich- 
tungen 209 
Ringelwürmer, Knospung 179 
Rio Colorado, Canon landschaft 206 
Rippelmarken, Entstehung 28 
Ritter, 273, 280 
Röhren, elastische 91 
Röhrenbildung, bei Nadelhölzern 

240 
Röhrensystem, der Verdauung 89 

— eines Sonnenblumenstengels, 
Abb. 31 

Römerreich, Dauer 200 

Römisch -Deutsches Reich, Dauer 
200 

Röntgen, W. C. 51, 54, 125 

Röntgenfarbe, Begriff 55 

Röntgenröhre, Einrichtung, Abbil- 
dung 14, 54, 55 

Röntgenspektra, der Elemente 53 

Röntgenstrahlen, Entstehung 54, 56 

— und Elektrizität 54 — und 
Licht 51 

Rösler, R. 254 
Rokokolupenbesteck, Stil 244 
Rokokomikrospe, Amorettenschmuck 

an 244 
Rolland 124 

Rolle, Qelenkrolle als 97 
Rollsteine, als Funktionsform 29 
Rosa, Mutationen 176 
Rose, Anpassungen 182 
Rosenblütige, Abstammung 166 
Roßbreiten, Entstehung 23 
Rosse, Lord 59 
Rossitten, Ringversuche 112 
Rotation, als Biotechnik 129 
Rotationsellipsoid, Erde als 69 
Rotatorien, s. Rädertiere — Werk- 
zeugformen an, Abb. 27, 88 
Rottange, Farbstoffträger in 94 
Rousseau 143 

Roux, Wilhelm 11, 68, 72, 100, 108 
126, 127, 211, 229, 247 



Rubens 42 I Schall, als Wellenbewegung 30 

Rubner 86 ] Schallerscheinungen, und Wellen- 

Rubus, Mutationen 176 gesetz 31 

Rudimente, des Menschenkörpers | Schallmayer 188 
166 



Rudisten, Lebensverhältnisse 181 

Rücken, Bau des 241 

Rückentwicklung, bei Nichtfunk- 
tion 99 — in nichtfunktionieren- 
den Teilen 212 

Rückschlaggesetz, Formulierung 230 
— Oalton'sches 227 

Rundhötker, durch Eisscheuerung, 
Abb. 3 

Rundlinge, als technische Eiszeit- 
formen 70 — Entstehung 237 

Rundmäuler, Eiablage 99 

Ruprechtskraut, Stelzenbildung, Ab- 
bildg. 36 

Ruß, als Kondenskern 26 

Rußland, Bevölkerungsmangel 210 

Rutherford 56 

Rutöt 194 

Saager, A. 254 

Saccharomyces, Gärung 64 

Sachs, Julius 97 

Sachsen, Übervölkerung 229 

Sagitta, Keimzellen in der Morula 

191 
Sahara, als fossiler Dünengürtel 21 
— als Hitzemaximum 25 — als 
Meeresbecken 22 — Bergformen 
30 
Saint Simon 143 
Saiteninstrument, Ohr als 97 
Saiteninstrumente, Harmonieergän- 
zung 124 
Salamander, Mimikry 106 
Salzach, Flußbett 206 
Salzburg, Niederschlagsmenge 26 
Salzkrebschen. Parthenogenesis 179 
Samen, als Reservenahrung 86 
Samenfäden, menschliche, Abb. 20, 

78 — Selektion an 212 
Samenkeimung, als Temperatur- 
frage 9 
Sammeltrichter, Wasserwirkung im 

238 
Samum, Windstärke 29 
Sandlaufkäferbein, als Funktions- 
form 241 
Sandgebläse, als Biotechnik 29 
Sandstein, Verwitterungsformeii 149 
Sandwespen, Brutpflege 209 
Sandwespenbein, als Funktionsform 

241 
Saprophvten, Nahrung 86 
Sargassösee, als Oolftriftinsel 19 
Säugen, als Anpassung 182 
Säuger, Abstammungskette 158 
Sauerdorn, zwei Einzelblüten, Ab 

bildg. 40, 102 
Sauerstoff, Kälteerscheinungen 59 

- Kreislauf des 262 
Saure Wiesen, Entstehung 157 
Saurier, der Triaszeit, Abb. 61 — 

Lebensverhältnisse 181 
Savart 31 

Saxifragamatte, Überbevölkerung 21C 
Schachtelhalm, Lebenskreis 160 
Schachteln, biotechnische Verbesse- 
rungen 80 
Schädel, des Menschen, Abb. 127 
Schaffen, als selektive Biotechnik 

223 
Schaffensgesetze, und Weltgesetzc 
267 



Scharniergelenke, am Insektenbein 

241 

Schaufeln, an Planktonten 104 
Schelling 189 

Schicksalsbegriff, u. objektive Phi- 
losophie 202 
Schiebetüren, an Spaltöffnungen 98 
Schiefe Ebenen, in natürlichen 

Funktionsformen 70 
Schiffsrümpfe, biotechnische Ver- 
besserungen 80 
Schilddrüse, harmonokline Funk- 
tion der 272 
Schilf, als Verlandungspflanze 157 
Schimper 197 
Schizophyceen, Ursprung 165 — 

Zellkerne in 76 
Schleifmühle, als Biotechnik 115 
Schleimpilze, Schleuderfäden 209 
Schleuderfäden, Sporenverbreitung 

durch 209 
Schlifformen, der Berggipfel 30 
Schluchlenbildung, durch Erosion 

205 
Schlußvereine, im ökologischen Ent- 
wicklungsgang 158 
Schmarotzerpilz, Aufbau, Abb. 77, 

177 
Schmidt, O. R. 254 
Schneehase, Mimikry 106 
Schnecken, als Selekteure 222 
Schneckengehäuse, ebenmäßiger Bau, 

Abb. 125 
Schneckensammlung, Formenreich- 
tum 266 
Schneidewerkzeuge, der Tiere 88 
Schnelldrehstahl, Erfindung 250 
Schnellzugslokomotive, und klein- 
stes Kraftmab 244 
Schönheit, und kleinstes Kraftmaß 

245 
Schönheitsbegriff, erotischer 223 
Schöpfung, als komplexes System 

220 
Schöpfungsgeschichte, „natürliche 

153 
Schöpfungsrationalität, und lex par- 

simoniae 232 
Schollenbrüche, Entstehung 148 
Schomburgk 114 
Schopenhauer, A. 74, 119, 120, 1 

130, 219, 288 
Seh rader 189 

Schraubenwirkung, bei heterozer- 

ken Fischen 129 , ^^^ 

Schreckfarben, Schutz durch 216 

Schrumpfungstheorie, und objektive 

Philosophie 155 
Schuld, und ihre Folgen 286 
Schultz, E. 175, 194 
Schumannstrahlen, Lange 39 
Schuppe 288 
Schuttbildung, durch Steinschlag 

148 
Schwaben, stumme Vulkane 157 
Schwämme, Knospung 179 
Schwanzskelett, der Embryos 166 
Schwarz, Berthold 115 
Schwarzes Meer, als Meeressen- 
kung 190 
Schwebeanpassungen, als Konver- 
genzerscheinung 103 
Schw ebeeinrichlungen, 
pflanzen, Abb. 28 



Klein- 



304 



Schwebeformen, des Planktons 81 
Schwebungen, der Töne 32 
Schwefelsäure, Herstellung 205 
SchweiBdrüsen, als Wärmeabieiter 

Schwendener, Simon 111, 128, 238 

284 
Schwerbegriff, Anwendungen des 

Schwerkraft, als kleinstes Kraftmaß 
234 — Entdeckung 11 —Relativi- 
tät der (Jolly'scher Versuch), Ab- 
bildg. 56, 138 

Schwermetalle, als Störung der Da- 
seinsharmonie 277 

Schwerpunktsprinzip, durch Mas- 
senvereinigung 282 

Schwielen, funktionelle Entstehung 
71 

Schwimmeinrichtungen, der Pflan- 
zen 209 

Schwimmsäume, an Planktonten 104 

Schwingung, Formel 17 — Welle 
als periodische 14 

Schwingungen, der Ohrflüssigkeit 
117 — der roten Lichtstrahlen 
57 — in Leitungsdrähten 49 — 
Integrationsstufen 60 — sicht- 
bare 32 

Schwingungsdauer, und kleinstes 
Kraftmaß 235 

Schvvingungsskala, des sichtbaren 
Lichtes 43 

Schwingungsunterschiede, Hören 
der 117 

Schwingungszahl, bei höheren Tö- 
nen 31 — der tiefsten Töne 31 

Sectio aurea, als mathematische 
Aufgabe 279 

Sedimente, und Transgressionen 21 

Seelenenergie, und physikalische 
Energie 6 

Seelenleben, als Plasmafunktion 118 

Seelenharmonie, und Metaphysik 
266 

Seeliger 125 

Seelische Erlebnisse, und Welt- 
mechanik 140 

Seelisches, als Mittel zum Opti- 
mum 146 

Seen, Bildung 238 — Verlandung 
157 

Seesterne, Eiteilung 159 

Seewinde, als periodische Störun- 
gen 24 

Segelflug, der Vögel 112 

Sehen, selektives 221 

Sehnenfasern, Leistung 79 

Seilformen, Anwendung 84 

Sein, als Kreislauf 277 — Kon- 
stanten 259 — als Temperatur- 
frage 59 — und Optimum 142 

Seinsanalyse, Vollendung 255 

Seinsentfaltung, als Optimum 141 

Seinsformen, Beziehungen 2 

Seinsgesetz, Optimumgesetz im 134 

— und Menschenleben 278 
Seinsstufen, Kategorien 2 — perio- 
dische Funktion 14 — Umwand- 
lung 171 

Sekretion, als Biotechnik 83 
Sekundärstrahlen, Entstehung 55 
Selachier, Fortpflanzung 99 
Selbstregulation, des Adersystems 

91 
Selbststeuerung, des Organismus 90 
Selektion, als aktives Prinzip 212 

— als Erkenntnisvorbedingung 

Franci, Bios H 



219 — als passive Leistung 216 

— als optimokliner Rcinigungs- 
prozeB 270 — an Pflanzen 222 

— der Talbildung 205 — der 
Wolkenform 207 — des Künst- 
lers 220 — durch Diffusion 204 

— durch semipcrmeable Mem- 
branen 204 — Ok-ichgewicht 
durch 218 — und Fruchtbarkeit 
211 — und Harmonie 271 — 
und Optimum 141 — des künst- 
lerischen Schaffens, Abb. 90 

Selektionsgedanke, Kämpfe um 211 
Selektionsgesetz, im Taylorsysteni 

Selektionssförung, durch Willen 219 

Selektionssabotage, klassischer Fall 
von 218 

Selektive Prozesse in der Physik 
204 

Selektivhören, biozentrisches 129 

Semon, R. 164, 191 

Sempervivum tcctorum, Blüten- 
stand von, Abb. 110 — Blüten- 
gruppe 243 

Senkrechte, als Optimum 147 

Sensualismus, und objektive Phi- 
losophie 282 

Setella gracilis, Schwebenanpassuncr, 
Abb. 41, 103 

Sexualität, als Weifbereicherung 180 

Sexualtriebe, Farbe der 223 | 

Siebröhren, in Pflanzen 89 — I 
pflanzliche, Eiweißsaft in 93 

Sicdelungsbewegung, Vorzüge 210 

Siegle, F. X. 174 

Sigillarien, Lebensverhältnisse 181 

Signaturlehre, der Biologie 102 

Silur, Gattungen im 194 

Sinai, Winderosion 29 

Sinnenbild, und Weltbild 283 

Sinnesfunktion, Hegriff 14 

Sinnesfunktionen, als Biotechniken 
116 

Sinnesorgane, und Willensselcktlon 
219 — Weltselektion durch HS 

SinnesorgancHen, der Einzeller 118 

Sinnestätigktit, als Biotechnik 75, 
83 — und Mathematik 188 

Sineto, Flußbett 206 

Sinnwidrigkeit, moderner Stile 245 

Siphonogamengenerationswechscl, 
als Organisationsmerkmal 182 

Siphoneen, Ursprung 165 

Siphonophoren, als organische Ge- 
meinschaftsbildungen, Abb. 125, 
269 — Schwimmvorrichtungen 
104 

Sippen, Hilfsprinzip der 213 

Skarahaeuskäfer, symbolische Be- 
deutung 102 

Skelett, inneres, als Stammesmerk- 
mal 184 

Skelettbildungen, an Pflanzen 240 

Skelettfasern, archiplastische 127 

Sklerenchymzellen, an einer Fich- 
tennadel 240 

Smerinthus ocellata, in Schreckstcl- 
lung, Abb. 85 — Trutzstellung 
217 

Smith, Adam 246 

Snyder, R. 65 

Sobotta 242 

Sonne, als Wetterursache 22 — Er- 
kaltung 154 — Temperatur 58 

Sonirenatmosphäre, Lichtablenkung 
125 



30: 



Sonnenblume, Blattflächenvermch- 

rung 97 
Sonnenfackeln, Elektronen in 53 
Sonnenfltckcnperioden, Ursache 53 
Sonnensystem, als Integrations- 
stufe 199 — Schwankungen 263 
Sonnentau, bei der Nahrungsauf- 
nahme, Abb. 30 
Soniienwärmc, auf Planeten 58 
Sonnenwirkung, und Erosion 14S 
Sozialer Ausgleich, und Optimum 

168 
Sozialer Ocmeinsinn, als Hilfs- 
prinzip 213 
Soziales, kleinstes Kraftmaß 248 
Sozialismus, und objektive Philo- 
sophie 190 — und Überbevölke- 
rung 208 
Sozialistische Theorie, Prinzipien 

139 
Soziologie, als Mechanik mensch- 
licher Beziehungen 188 — Har- 
monie als Ziel der 275 — ob- 
jektive 128 — und objektive 
Philosophie 189 
Spaltalgen, Gasblasen der 112 
Spaltöffnungen, verschiedene Tätig- 
keit 98 
Spanien, Bevölkerungsmangel 210 
Spannerraupen, Mimikry 106 
Sparsamkeitsprinzip, ästhetisierende 

Form 232 — der Natur 232 
Sparsamkeit, im Alltag 248 
Speisebrei, Resorption 234 
Spektralanalyse, als Biotechnik 115 
Spektrum, Entdeckung 38 ~ far- 
bige Strahlen im 204 
Spencer, W. 113, 136, 143, 186, 
187, 188, 195, 208, 229, 262, 279, 

Spengler, O. 136, 185, 188, 194. 
195, 229 

Spermatozoiden, Bau der, Abb. 20, 
78 — schraubenförmige 129 — 
Übereinstimmung 102 

Spezifizität, der Sinneswahrneh- 
mungen 118 

Sphärenharmonie, Begriffsbildung 36 

Sphaerularia bombi, disharmoni- 
sche Gestaltung, Abb. 116 — 
Geschlechtsorgan 263 

Spiegel, als Reflektor 40 

Spinnen, Alfer 200 

Spinoza 249, 233, 288 

Spirillen, in Kultur, Abb. 115 — 
Umbildung 127 

Spirographis Spallanzani, mit sei- 
nen Lebensgenossen, Abb. 87, 214 

Spirosparte, in Zellen 77 

Spongiosa, als technische Form 72 
— in Trajektorienanordnung, Ab- 
bildung 16 

Sporen, als vegetative Fortpflan- 
zung 177 

Sporenbildung, an Farnen 160 

Sporenzerstreuung, durch Pilzhüfe 
216 

Sporophyf, Gestaltung 160 

Sprache, Philosophie der reinen 
Erfahrung in der 246 

Spreizenklimmer, Anpassung der 
213 

Sprengel 222 

Sprossung, der Geschlechtszellen 
161 

Squamella bractea, Bau, Abb. 136 

Staat, als biotechnische Leistung 
83 



Staatendauer, und Lebewesendauer 

185 
Staatsgefühl, als Hilfsprinzip 213 
Staatsleben, kleinstes Kraftmaß im 

248 
Staatsquallen, Enharmonie 269 — 

Ganglien 146 
Stabheuschrecke, Mimikry 106 
Stabilität, durch Harmonie 257 — 

Tendenz zur 279 
Staby, L. 74 

Stadtanlagen, altdeutsche, als Bio- 
technik 91 
Stämme, der Pflanzen 193 
Stammbaum, der Tiere 191 — 
des Lebens, Begriff 154 — VC^ert- 
schätzung nach 183 
Stammesmerkmale, Rest der 184 
Stärkekörner, in Zellen 77 
Stare, Wanderungen 276 
Stark, J. 125 
Starke, H. 124 

Statistische Theorie, und Entro- 
pie 8 
Staub, als Kondenskern 26 
Staubfadenbewegungen, an Blüten 

221 
Stauroneistyp, druckfeste Konstruk- 
tion 127 
Stechwerkzeuge, der Tiere 88 
Steckzwiebel, Brutknollen 177 
Stefan 58 
Steiger, K. 112 
Steinach, E. 271 
Steinkohlenperiode, Gebirge 156 
Stein kohlenzeit, Klimaänderuneen 

152 
Steinschlag, Wirkungen 147 
Steinthal 2S8 
Steinzeitler, rezente 194 
Steinzeitmenschen, Kultur der 115 
Steppe, als Lebensbezirk 199 — 

jährliche Niederschlagsmenge 26 
Stereochemie, mechanische Gesetz- 
anwendung 138 
Stereiden, Festigung durch 239 
Stereome, als Pflanzenarchitektur 

108 — Anlage der 239 
Sterilität, durch Selbstbefruchtung 

221 
Stemspektrum, und Doppler'sches 

Prinzip 46 
Steuer 214 
Stevenson 74 

Stickstoff, Kreislauf des 262 
Stickstoffassimilation, als Grund- 
lage des Edaphonkreislaufes 275 
Stigmarien, Lebensverhältnisse 181 
Stilbegriff, und kleinstes Kraft- 
maß 245 
Stille, G. 229 

Stillstand, und Fortschritt 185 
Störche, Rivalitätskämpfe 212 
Störung, und Ausgleich 173 
Störungsausgleich, durch System- 
optimum 200 
Stoa, Sittengesetze der 249 
Stoffwechsel, als Energiefiberfüh- 

rung 87 — der Pflanze 85 
Stokes 56 
Stolz 229 
Stoney 51 

Storch, Lebensmöglichkeiten 16S 
Strahlenbeeinflussung, durch mag- 
netisches Feld 52 
Strahlengang. und Vektorenge- 
setz 235 
Strasburger 127 



Straßenbau, kleinstes Kraftmaß 
im 245 

Strategie, und mechanisches Welt- 
gesetz 138 

Streckenausbau in Bergwerken, 
biotechnische Verbesserungen 80 

Strobila, Bildung 176 

Strömungen, als technische Form 
70 

Strom, und Drahtwiderstand 49 

Stroma, als organische Technik 98 

Stromschnelle, Bildung 236 

Strudellöcher, Entstehung 205, 237 

Strudellöcher, am Lainbachfall bei 
Kochel, Abb. 98 

Strudelwürmer, Fundort 273 — 
Knospung 179 

Strutt 57 

Stufenbau, des Seins 171 

Stürme, Bewegungsgeschwindigkei- 
ten 25 

Sturmfluten, Tragkraft 20 

Sturmmaximum, Zeit 25 

Subarktis, Begriff 199 

Substanzverlust, und Wachstums- 
beschleunigung 174 

Sümpfe, Bildung 238 

Sueß, E. 155, 156, 190, 206 

Sumpf, als Lebensbezirk 199 — 
Entstehung 157 

Surirella, druckfeste Konstruktion 
127 

Swedenborg 283 

Symbiose, als gegenseitige Hilfe 
213 

Systeme, Ausgleichsstreben aller 
259 

System, Begriff 133 — der Op- 
tima 199 

Systole, des Herzschlags 60 

T-Träger, als biotechnische Kon 

vergenzerscheinung 108 — und 

Knochentrajektorien 84 

Tacheaden, Gehäuse von, Abb. 125 

Tal, Entwicklungstempo 199 

Wasserwirkung 238 
Talentwicklung, an Oeröllhalden 

147 
Talwinde, als lokale Störungen 24 
Täler, im Festlandsrelief 205 — 

Selektion 206 
Tanganjikasee, als kontinentale 

Senke 191 
Tanzhauser, der Laubenvögel 114 
Tauben, großhirnlose 189 
Taubenrassen, durch Selektion 223 
Taupunkt, Überschreitung 26 
Taxus baccata, Ökonomieprinzip 

239 
Taylor, 251, 254 

Taylorismus, amerikan. Staatsbe- 
triebe 250 — im tierischen Or- 
ganismus 252 
Taylorsystem, Grundprinzipien 250 

— und objektive Philosophie 249 
Technik, menschliche, Ökonomiege- 
setz der, Abb. 112 

Technik, der menschlichen Be- 
ziehungen 189 — Allgemeinge- 
setz 89 — biologisch orientierte 
85 — identische Funktionen 97 

— teleologisches Prinzip 117 — 
und optimale Funktionsform 13 

Techniken, als gesteigerte Anpas- 
sungen 91 

Technische Form, als Funktions- 
form 68 



Technische Integrationen, und Kon- 
vergenzerscheinungen 110 

Technischer Trieb, und Lebens- 
wille 75 

Tektonik, mechanische Oesetzan- 
wendung 138 

Teilminima, Bahnen 26 

Telefon, Gesetzlichkeit 50 

Telefonhörrohr, und Ohrmuschel- 
form 117 

Telegraphie, drahtlose, und objek- 
tive Philosophie 50 

Teleologie, der mechanischen Ge- 
setze 135 — der funktionellen 
Anpassung 71 — des Psychi- 
schen 119 — im Mechanischen 
127 — und kleinstes Kraftmaß 
247 

Telokline Umwandlung, Begriff 6 

Temperatur, absolute 58 

Temperaturdifferenzen, der Wüste 
148 

Temperaturen, als Störung des 
Optimums 147 

Temperaturextreme, der Erde 126 

Temperaturforschung, und objek- 
tive Philosphie 59 
Temperaturgleicligewicht, beweg- 
liches 260 
Temperaturschwankungen, kosmi- 
sche Ursachen 23 

Temperatursteigerungen, in elek- 
trischen Drähten 49 

Temporaturvariationen, an Plank- 
tonten 105 

Temperaturwirkung, auf chemische 
Vorgänge 64 

Termiten, Kultur 114 

Terrassenbildung, durch Erosion 
236 

Theatet 229 

Theologie, kleinstes Kraftmaß in 
247 — und Sparsamkeitsprinzip 
232 

Theorie, der Wellenbildung 17 

Theosophie, Sittengesetz der 249 

— und objektive Philosophie 288 
Thermochemie, und objektive Phi- 
losophie 66, 147 

Thermodynamik, zweiter Satz 8 
Thesing, Kurt 212 
Thilo 128, 129 
Thoday 97 
Thomson 51 
Thorwaldsen 258 

Thuner See, Schluchtenbildung 205 
Tiden, Wellengang 29 
Tiefenströmungen, Ursache 18 
Tiere, aktinomorphe 194 — flie- 
gende 112 — Geschlechtskäm- 
pfe 212 — bilaterale 194 — Le- 
bensbegriff 168 — Mundwerk- 
zeuge 88 — Samenfäden der Abb. 
20, 78 — technische Leistungen 
der 73 
Tiergattung, Mensch als 137 
Tiergelenke, als Kugelgelenke 110 
Tiergemeinschaften, Gliederung 269 
Tiergeographie, und Abstammungs- 
lehre 167 — und Biogenese 166 
Tierherden, Wanderungen 276 
Tierreich, gegenseitige Hilfe 213 

— Stämme 182 
Tierstaaten, als Vorbild 137 
Tierverschleppung, Organismen- 
wanderungen durch 276 

Tierwelt, Kulturgeschichte 113 — 
Ursprung 165 



306 



Tintenfische, HcktokotylisierunglJQ 
Titius-Bode'sche Reihe, und Har- 

moniegesetz 261 
Tobel, Wasserwirkung »m -iJ» . 
Todr als Aufhören der Harmonie 

Töne. Interferenzerscheinungen 32 
_ menschliches Unterscheidungs- 
vermögen für 117 
Tönende Funken, System oO 
Tonleiter, als Harmoniebegriff 200 
Tonkunst, und Psychophysik 33 
Tornado, Bewegungsgeschwindig- 
keit 25 
Torsion, im menschlichen Organis- 
mus 194 
Tortrix acellaria, Mimikry 106 
Tracheen, Wandverdickungen 93 
Trägheit, als Massewirkung 11 
Trägheitsprinzip, der Korper 28j 
_ und Harmonie 259 — und 
Newton'sche Mechanik 12 
Trajektorienanordnung, eines Kno- 

TrS^ression, technische Formen 
der 70 — Verhältnis zur Regres- 
sion 22 ^^ , 

Transgressionsphänomen, ais Wel- 
lenbewegung 21 

TransmuUtion, Regeneration als 

Transmutationismus, der Umwelt 

184 — und Optimum 149 
Transpiration, bei Pflanzen 93 
Transpirationsanpassungen , des 

Blattes 96 , ^ - . 

Transpirationsflächenbeschrankung, 

an Xerpophyten 243 
Transversalwellen, des Wassers 15 

— im Wasser, Abb. 2 
Treibeisgrenze, Oolfstromabkuh- 
lung an der 18 , , . u 

Treppenphänomen, als rhythmische 

Erscheinung 61 
Trichterzellen, Bedeutung 243 
Triceratops, Ebenmaß 271 
Trieb, nach Vervollkommnung 173 

_ und Zuchtwahl 222 
Trilobiten, Lebensverhältnisse ISl 
Trimeter, als Rhythmus 62 
Triton, Irisregeneration 174 
Tritonlinse, Regeneration der, AD 

bildg. 131, 272 
Triton Uenfatus, Regenerationsver 

suche 273 
Trockenheitsanpassungen, des Blat- 
tes 96 
Trogtäler, Entstehung 237 
Tromben, Geschwindigkeit 25 
Trommelfell, Tätigkeit 33 
Tropen, Verdunstung 25 
Tropfen. Regeneration der Kugel- 

forra 174 ^ ^ . _. 

Tropfenwirkung, auf Oestein 20d 
Trophische Wirkung, des funktio- 
nellen Reizes 127 
Tropismen, Entstehung 146 
Trypanosomen, im Blut, Abb. Ho 
Tschermak, C. von 163 
Turbellarien, Fundort Z7J 
Turgor, Zustandekommen 204 
Tyndall 125 ^, „„ 

Typus, xmd Nachkommen 230 

Überbevölkerung, Gefahren der 20i 
Übernatürlicher Standpunkt, de 
Menschen 282 



Übernatürlichkeit des Menschen, 

und Rationalismus 283 
Ultrarote Strahlen, Entstehung 42 
Ultraviolette Strahlen, Wirkung 39 
Umbildung, von anderthalb 1 lana- 

rien zu einer 274 
Umharmonisicrung, blinder Muh- 

lenkäfer 268 
Umkehrbarkeit, der Entwicklungs- 
vorgänge 172 
Umkehrung der, Entwicklung 175 
Umweltbeharrung, u. Artbeharrung 

181 
Umweltsänderung, durch den Wald 

276 „ . , 

Umweltselektion, durch Semsbc- 

schaffenheit 219 
Unbeständigkeit, Stufenleiter der 

Unfähigkeit, der Selektion 211 
Ungleichheit und Selektion 204 
Ungarn, Bevölkerungsmangel 210 
Ungerer 129 
Universalform, Wellenbewegung als 

Universum, Wärmetod 8, 262 
Unkultur, des täglichen Lebens 24d 
Unold J. 188, 195 
Unstabilität, im Weltgeschehen 149 

_ und Optimum 196 
Unterlaut, flachere Kurve 206 
Unterscheidung, Auslese durch 219 
Untüchtigkeit, Strafe der 212 
Unveränderlichlceit, als letzter Aus 

gleich 200 
Uranus, Bahn 151 
Urformen, einheitliche 160 
Urgeschichte, Rassen verschiedener 

Stufen 194 
Urgesteinszonen, in den Alpen -ttJ' 
Urmensch, Typus des 270 
Urnebel, als Kulturbeginn 154 
Urogenitalsystem, Begriff 99 
Urtier, und Mensch 16d 
Urtiere, Fortpflanzung 179 — Ner- 
' venlosigkeit 146 
Urwald bei Tegernsee, Abb. 81 ^ 



Venen, als Funktionsform 91 
Ventilationsschächte, an March.otia, 

Abb. 34, 96 
Venus, Sonnenwarme aut °" J"» 
Veränderlichkeit, des Seins 196 
Vcrbreitung-cinrichtungcn aer 

Pflanzen '209 - mcnschli*e .Jiu 
Vereine, Zusammenschluß 275 
Verdauungsapparat, als chemisches 

Laboratorium 88 
Verdunstung, in Europa 25 
Vereinigung, als Hegel 213 
Vererbung, als Reproduktion 104 
— der Transmutationen 162 — 
und Auslese 252 — und ob- 
jektive Philosophie 162, 225 — 
und Selektion 219 — vorhande- 
ner Eigenschaften 163 
Vererbungslehre, feste Begriffe IM 
Vererbungswissenschaft, u. Mackel- 

Darwin'sche Schule 227 
Vergleichende Biologie, Notwendig- 
keit 86 — Werk über die 160 
Verkehr, Prinzip des kürzesten 

Weges im 245 
Verlandung, Entwicklung 157 
Verlandungspflanzen , Vordringen 

Verlmasse, als Rhythmus 62 
Verschiebungsgesetz, Wien sdhes 58 
Verspannungssystem, an mcsci 

algen 80 
Verstand, und Intuition 288 
Versteinerte Wälder. BloBlegung M 
Vervollkommnungstendenz, Heraus 
I Entwicklung 183 . . 

Verwerfung, von Gesteinsschich- 
ten, Abb. 54 
Verwitterung, Wirkungsformen 147 
Verwitterunisschutt, Fortraumung 

148 
Verworfene Schollen, unter Erosion, 

Verzierungen, an Maschinen 244 
Xrr?"der'Hundswut, Klei^nheit 75 
i Viskosität, des Wassers 104 
Vitale Energie, und Nahrung 86 
Vitalisierung, der Chemophysik 188 



Uterinalleben der Embryone „„„,„,„..„ 

Anpassung 182 , ^ Vitalismus, Richtung des 90 

Uterusbildung, Entwicklung der 99 :^\ ^^^; B,g,i„ 279 

Uterus duplex, aer Plazentaiier luu ^^^^j^^j^^g ^74 



1 Vagina, als Funktionsform 99 
Vanille, künstliche Befruchtung 222 
Vaihinger, H. 170, 284, 288 
Vampyrella Spirogyrae, Nahrungs- 

! wähl 221 ^ ,^. 

I Vakuolenbildung, als Funktions- 
form 94 
Van Bebber 126 

Van der Wölk, P. C. 162, 164 19 
Variabilitätssteigerung, und beieK 

Va*r?a"ntengruppen. bei Vererbung 

225 
Variationen, des OenotyP«/^^. ,„„ 
Variationsreihen, der Vererbung 

Vad^kikum, als fossiles Gebirge 21 

_ Aufstauchungen am 191 
Vegetationen, Änderung der 197 
Veietationszeit, optimale Dauer 199 
Vegetative Fortpflanzung, als Ke 

generation 180 
Vektoren, der Bewegung t* 
Vektorenbegriff, und kürzester 

Weg 234 



Vögel, als Selekteurc 222 - Mul- 
kr'scher Gang 99 - Wanderun- 
gen 276 — physiologische Funk- 
tionen 195 
Vogelei, Entwicklung 100 
Vogelflügel, Schraubenw.rkung 1» 
Volelflui, als Fliegervorb.ld m 
Vogelfrüchte, Verbreitung durch 209 
Vollkommene Welt. Begriff U2 
Volt, als elektrische MaBemheit 47 
Vorbedingung, der Selektion 2^1^ 
Vorfahrenmerkmale, Durchwurtc 

lung der 225 
Vorfragen, des Optimumgesetzes 

142 
Vorkeim, der Farne 160 
Vorstellungen, als Funktionsformen 

VorUagsräume. und verbesserte 

Schallwellenübertragung IH 
Vulkan, Entwicklung 157 
l^-SS^rsche-rngef Unverinder- 

VilSnUmur Wleinstes KraftmaB 
im 238 



307 



Vulkanketten, um den Stillen Ozean 
191 

Waben, in Zellen 77 
Wachsschutzwälle, der Bienen 110 
Wachstum, als Biotechnik 83 — 
des Menscheneies 158 — Ener- 
gieverbrauch 86 — gerichtetes, 
der Pflanzen 143 — harmono- 
kline Ordnung des 272 — Re- 
generation als 174 
Wachstumsbewegungen, der Pflan- 
ze 96 — von Digitalis 221 
W^achstumskurve, Periodizität 16 
Wadenmuskeln, Hebeleistung 112 
Wädis, Bildung 30 
Wärme, als Bewegung 9 — als 
Molekularbewegung 57 — als 
organisches Nebenprodukt 87 — 
bei chemischen Vorgängen 64 — 
des weißglühenden Eisens 58 — 
durch Röntgenstrahlen 56 — 
Gleichgewichtssatz 260 — und 
Wellengesetz 57 
Wärmeabgabe, und Nahrungskalo- 
rien 86 
Wärmeäquivalent, mechanisches 5 
Wärmemantel, der Erde 124 
Wärmeoptimum, des Weltalls 60 
Wärmequelle, als Individuation 22 
Wärmestrahlen, im roten Licht 39 

— Untersuchungen 42 
Wärmetod, des Universums 8 — 

Einwendungen gegen den 190 
Wärmeverteilung, Ursachen der 

irdischen 23 
Waetzmann, E. 129 
Wagner, Adolf 120, 129 
Wagner, Moritz 216 
Wagner, Richard 36 
Wahlfähigkeit, und Optimum 22S 
Wahrheit, als kleinstes Kraftmaß 



Wald, als Harmoniebeispiel 276 
— als Lebensbezirk 199 — als 
Schlußstadium 157 — als Sieger, 
Abb. 137 — Dauer 197 — opti- 
male Ausbreitung 199 — und 
Kultur 186 
Waldedaphon, tierisches, Abb. 23 
Waldrodung, im Aztekenreich 197 
Waldverein, harmonisches Zusam- 
menleben im, Abb. 134 
Wale, rudimentäre Knochen 166 I 
Wallace, R. 208, 224, 280 1 

Waltershausen, Sartorius von 152 
Wanderratten, Wanderungen 276 
Wandverstärkungen, an Pflanzen- 
gefäßen 239 
Wannenbildung, durch Eiserosion 

237 
Wanzen, Schutzfarben 216 
Warenverkehr, mechanische Prin- 
zipien 139 
Warmwasserheizung, als Biotech- 
nik 115 
Wamfarben, Schutz durch 216 
Wasser, als Katalysator 64 — Kreis- 
lauf des 262 — Sinusschwingung 
des 15 — una Verwitterung 14S 
Wasserabschleifung, kleinstes Kraft- 
maß in 236 
Wasseraloe, als Verlandungspflanze 
157 



Wasserdampfentfernung , durch 

Spaltöffnungen 98 
Wasserkraft, und Talrelief 206 
Wasserfall, senkrechte Erosion 206 



Wasserflöhe, Parthenogencsis 180 
Wasserkreislauf, in Pflanzen 93 
Wasserleitungsröhren, der Pflanze 

110 
Wasserleitungszellen, in Moosen 

240 
Wassermoose , als Verlandungs- 

pflanzen 157 
Wasserscheiden, Entstehung 238 
Wasserstern, als Verlandungspflanze 

157 
Wasserwage, Gesetz der 238 
Waldfriedhof, organischer Stil des 

245 
Walkhoff, O. 101 
Wasserköpfe , als harmonokline 

Störung 272 
Wassermenge, der Flüsse 143 
Wasserstoff, Festwerden des 59 1 
Wasserwerke, kleinstes Kraftmaß 

in 245 
Watt, James 115 
Waxeggkees, Moränenablagerung 

237 
Weber, F. 279 

Weberameisen, Werkzeuge 113 
Wechselwirkungsprinzip, durch Ge- 
genkraft 282 
Wedda, Kopt eines, Abb. 133 
Weddas, und Menschenaffen 166 
Wein, Katalyse 64 
Weinstock, Krankheiten 224 
Weismann 211, 212, 217, 229 
Welle, als periodische Funktion 14 
Wellen, Entstehung 17 
Wellenbewegung, der Lichtteilchen 

38 — der Wärmestrahlen 57 
Wellenformen, der Sandwüste 30 
Wellenfunktion, als Weltfunktion 
46 — der Welt, Einheitlichkeit 1 
38 
Wellengang, und Vektorengesetze 

235 
Wellengesetze, der Elektrizität 48 
— des Magnetismus 52 — und 
Doppler'sches Prinzip 46 
Wellengesetz, und Funktionsform- 
abänderung 60 
Wellenkurven, des Stimmgabelan- 
schlags 31 
Wellenlänge, Differenzen 38 — 

elektrische 43 
Wellenlehre, Allgemeingültigkeit 

der 49 
Wellenmechanik, der Luft 27 
Wellennatur, der Röntgenstrahlen 
54 — des Lichtes 37 — verschie- 
dener Strahlen 45 
Wellenphänomen, als Universal- 
funktion 15 — in der Kultur- 
geschichte 16 
Wellentheorie, Maxwell'sche 42 — 

und Lichtfortpflanzung 46 
Wellingtonia, Pumpleistung 93 
Welt, als Erleben 188 — als Er- 
lebnissumme 121 — als geord- 
neter Kosmos 266 — als kon- 
stantes System 172 — als Welt- 
gericht 286 — Harmonie der 10 
Weltall , harmonische Gestaltung 
257 
, Weltanschauung, der Teleologie 253 
I Weltbegriff, als biotechnischer Be 



— als Lebensspiegel 287 — der 
Insekten 222 
Weltenbau und Gesetz der mul- 
tiplen Proportionen 34 
Weltengeist, Weltgesetz als 145 
Weltenschöpfung , Populärbegriff 

153 
Weltenstufe, des Menschen 145 
Weltentfaltung, als Transmutation 

152 
Weltentwicklungslinie, Unerkenn- 

barkeit 155 
Weltformel, Erforschung 282 
Weltformen, als Funktionsformen 

141 
Weltgesetze, Aussonderung 141 — 
als Biosordner 283 — als Lebens- 
ordner 277 — Gemeingültigkeit 6 

— im Wald 276 — Musik als 
Abbild der 36 — notwendige Er- 
forschung 137 — und Kunstwerk 
220 

Weltgesetzlichkeit, der Erfindunge« 
96 — im pythagoräischen Inter- 
vall 125 

Weltgeschehen, und Theologie 72 

— und Weltselektion 203 
Weltharmonie, Rolle der Pflanze« 



^.iff . 
Weltbereicherung, Entwicklung als 

158 
Weltbild, als komplexes System 140 



Weltkörper, Funktionsformen der 

69 
Weltmechanik, und Geisteswelt 7 
— und Töneverhältnis 35 — und 
Wellentheorie 42 
Weltorientierung, als Intellektauf- 
gabe 144 
Weltphänomen, Dauer 261 
Weltproblem , Periodizität 60 — 

und kleinstes Kraftmaß 233 
Weltprozeß, als Ausgleichsvorgang 
17 — als Ausgleich von Störun- 
gen 151 — als Herstellung der 
Harmonie 278 — als periodische 
Funktion 66 — als relatives Er- 
lebnis 10 — Endzweck 259 — 
harmonische Schwingung als 10, 
260, 262 — und Integrationser- 
haltung 3 — Wärme als Urhe- 
ber des 10 
Weltoptimum, und Menschheit 228 
Weltraum, Temperatur 59, 126 
Weltselektion, als Formursache 207 
— Gesetz der 219 — Gesetz- 
mäßigkeit einer 202 — Optimum 
141 
Weltsystem, als Erlehnissammlung 
10 — harmonisches Oleichge- 
wicht im 263 — Stufe des 199 
Weltteleologie, Ursache 121 
WeltunvoUkommenheit, frühere 185 
Weltvorstellung, Beziehungsrege- 
lungen der 140 
Werk, und Mensch 171 
Werkkunstbewegung, und kleinstes 

Kraftmaß 245 
Werkzeug, erstes 194 
Werkzeuge, der Tiere 113 
Wertschätzung, physiologische 18j 
Wesentliches, Selektion 221 
Westenrieder 264 
Westwetter, und Golfstrom 18 
Wettbewerb, der Flüsse 207 
Wetter, Abhängigkeit 22 
Wetterbaum, im Hochgebirge, Ab- 

bildg. 70 
Wetterprognose, Unzulänglichkeit 24 
Wettersteingebirge, Eiserosion im 
237 



308 



Wettertanne, Windscheerung 173 
\3/ettstein, R. 160, 193 
Werchüjansk, als Kältemaximum 

25 
Wiedetnann 49 

Wiederholung, Kraftersparnis durch 
247 

Wiederkehr, des Gleichen 15 

Wiedcrsheim, C. 165, 191, 193 

Wien 58 

Wiese, als Biocoenose 199 — als 
Lebensbezirk 199 

Wiesenpflanzen, Lebensoptimuni 

der 197 

Wiesner, J. 263 

Wildbach, Oerölle, Abb. 6 

Wille, als Funktionsform 119 — 
als Weltphänomen 120 — Aus- 
lese durch 219 

Wille, willkürliches Primat des 119 

Wind, kürzester Weg 238 — Or- 
ganismen, Wanderungen durch 
276 — und Wellengcsetz 29 

Windabschleifung, kleinstes Kraft- 
maß in 236 

Windblütler, Blütenfarbe 223 

Winde, Abstufungen 23 — und 
Temperatur 23 — Wellenbewe- 
gungen der 17 

Winderosion, Begriff 28 

Windrichtungen, der Minimas 27 

Windstärken, Zahl 25 

Windstille, Zonen der 23 

Winkel, des kürzesten Weges 147 

Winklerturm, in der Rosengarten- 
gruppe als ErosioMsturm, Abb. 80 

Winterfrost, und Verwitterung 14S 

Wirbelkolke, Entstehung 205 

Wirbeltierbau, als Organisations- 
merkmal 183 

Wirbeltiere, geraeinsamer Ursprung 
162 

Wirbeltierauge, Zusammensetzung 
272 

Wirtschaften, als Begriff des tag 
liehen Lebens 248 

Witterung, als Temperaturausgleich 
22 — als Wellensystem 22 

Witterung, als Wellensystem 25 

Wittstein 279 

Wissen, als selektive Biotechnik 
223 

Wissenschaft, als Selektion 220 

Woker 126 

Wolff, J. G. 72, 100, 272, 273, 279 

Wolff'scher Gang, Funktion 99 

Wolken, Entstehung 26 — kürze- 
ster Weg 238 — Selektion der, 
Abb. 82 

WolkengesUlten, Selektion der 207 

Woltmann 188 

Wortsinn, und Denksinn 153 



Würmerbau, als Organisationsmerk- 
mal 183 

Wüste, als Lebensbezirk 139 — 
blattlose Gewächse in 243 — 
Steinzersprengung der 148 

Wundeiiheilung, als Regeneration 
174 

Wundt, W. 135, 278 

Wurzel, Befall durch Knöllchen- 
pilze 212 

Wurzelfüßler, Oehäusebau der 114 
— Schutzbauten 80 

Wurzelhirn, als zentrales Organ 96 

Wurzelpilze, Zellen der Nestwurz- 
wurzel mit, Abb. 26 

Wurzeltorf, Bildung 157 

Xerophyten, kleinstes Kraftmaß an 
243 



Yaleschloß, biotechnische Vorbil- 
der 128 

Yucca-Palmlilie, Befruchtungsvor- 
gang 241 

Zahlenreihe, als Auslese 203 
Zahnrad, als Biotechnik 129 
Zahnwechsel, Ursprung 167 
Zanoniasamen , als Modell der 

Rumplertaube 112 
Zaungeflecht, als Biotechnik 116 
Zeemann 42, 56 

Zeemann-Effekt, Entstehung 42 
Zelle, schematische Darstellung, 

Abb. 18 
Zelle und Zelleinschlüsse 76 
Zellen, Differenzen 211 — Staaten- 
bildung 82 
Zellenbauten, als technische Vor- 
bilder HO 
Zellenform, als technische Form 75 
Zellenlosigkeit der Siphoneen, als 

Organisationsmerkmal 183 
Zelleiistaaten, technische Leistun- 
gen der 73 
Zellgröße, Verhältnis zum Granu- 

lum 263 
Zellhaut, als Zellorgan 76 
Zellkern, Funktionen 76 
Zellkerne, Waben und Granula- 
bildungen, Abb. 19 
Zellmembran, Funktionsform der 

127 
Zellorganula, Differenzen 211 
Zellplasma, als Zellorgan 76 
Zellsafteinschlüsse in Zellen 77 
Zellteilung, Regeneration bei 174 
— als Knospung 161 — Fort- 
pflanzung durch 178 
Zellwandstrukturen, Notwendigkeit 
der Erforschung von 239 



Zellsystem, bei Teilung 161 — un- 
gleiche Teilfunktion 212 
Zentifolien, durch Selektion 223 
Zeppeline, Unfälle 112 
Zentralalpen, Harmonie der 266 
Zentrifugale Kräftebahn, als kür- 
zeste Linie 235 
Zermelo 8, 15, 65, 123, 262 
Zeugenberge, der Sahara 30 
Zeugungsakt, künftige Einstellung 

185 
Zielstrebigkeit, der Organismen 144 

— zur Erreichung des Optimums 
234 

Zillertaler Alpen, Trogtäler in den 

237 
Zirbeldrüse, Ursprung 167 
Zivilisation, als zoctisches Opti- 
mum 171 — und Weltgesetze 140 
Zöllner, J. 247 

Zotsphäre, der Organismen 234 
Zoesis, der Tiere 153 — des Men- 
schen 168 — Erkenntnis der 284 

— optlmokline Selektion 219 — 
Taylorsystem der 232 — Ober- 
schreitung 171 — und Denkver- 
mögen 122 

Zonengesetze, als Selektion 204 — 

und Harmoniebegriff 261 
Zoologie, und Biotechnik 96 
Zuchtwahl, geschlechtliche 222 — 

natürliche 211 
Züchtertechnik, Übertragung auf 

die Natur 277 
Züchtung, als Selektion 223 — 

als Genotypus 104 
Zucker, synthetische Herstellung 

94 
Zuckerrüben, durch Selektion 223 

— Krankheiten 224 — Züch- 
tung 165 

Zuckcrspaltung, bei Gärung 64 
Zufall, als schöpferisches Selek- 
tionsprinzip 224 
Zugleistung, Form 84 
Zugvögel, Flugleistung der 112 
Zünfte, als Hilfsprinzip 213 
Zunftzwang, als organische Arbeits- 
organisation 252 
Zusammenhang, genetischer, zvi-i- 

schen Mensch und Tier 166 
Zustandsänderungen, der Materie 

151 
Zweckmäßigkeit durch Miniraum 

an Mitteln 247 
Zweige, photochemische Tätigkeit 

243 
Zwergwuchs, als harmonokline Stö- 
rung 272 
Zyklone, Entstehung 27 
Zymase, durch Hefepilze 64 
Zymasen , chemische Synthesen 
durch 94 



309 



DRUCKFEHLER-VERZEICHNIS 



Band I. Seitelöl statt unwissentlich 



richtig unwissenschaftlich 



Abb. 23 , 


Primularia 




Pinnularia 


„ Ennotia 




Eunotia 




Stichocollus 




Stichococcus 




Enastrum 




Euastrum 




Cadosporiura 




Cladosporiiim 


Abb. 49 , 


Phryganceeii 




Phryganecn 


Seite 205 


, Tunner See 




Thuner 


Abb. 85 


, Chaerocampa 




Pergesa 


Abb. 110 


Sempervirum 


Tectorum 


Sempervivum tectorum 


Abb. 111 


, Scheiden 




Schneider 



I 



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RAOUL H. FRANCE: | 

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DIE WISSENSCHAFT DER ZUKUNFT 



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1.— 3. AUFLAGE 1923. 



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Ein Weiser spricht 

hier zu den Menschen und sie sollten seiner Stimme andachtsvoll 
lauschen, schreiben die Leipziger Neueste Nachricht, über das Werk 

RAOUL H. France 

Die Wage des Lebens 

Grundzahl 10.— 

Der bekannte Naturforscher schuf hier sein Zentralwerk. «In Ein- 
klang sein mit den Gesetzen der Welt", das ist seine Lebenseinstellung. 
In wunderbar belebter Form erzählend nimmt der Verfasser zu den 
tiefsten Lebensproblemen Stellung und gibt einen Ueberbiick über 
die grossen »Suchenden* der Welt von Babylon bis heute. Ein vor- 
nehmes Qeschenkwerk in besonders geschmackvoller Ausstattung. 



ANTHROPOS-VERLAG / PRIEN,OBB. 



WALTER SEIFERT VERLAG 

STUTTGART- HEILBRONN 

KUl^OliF VOM ]>i:iiIIJ^ 

Man atmet befreit auf, endlich einmal ein Büchlein vor sich zu haben, das in 
knapper, frischer, blütenreicher Sprachführnng die wesentlichsten Momente ver- 
gangener und antiker Phih sophie-Abzweigungen herausschält, um diese Ergebnisse 
am Ende in einem sysiomvollen Umriss zu vereinigen. — Ein wertvolles, kleines 
Büchlein, das durch seine allgemein versländliche und doch kompetente wissen- 
echaftliche Fassung, wie durch seine Endkonsequenzen in weitesten Kreisen Inter- 
esse an philosphischer praktikabler Lebensproblematik wachzurufen imstande ist. 
Deutsches Blatt 

* 

1>JEB CMlIVKSIiSiCUK «AKTKN 

♦ 

Gedanken und Aphorismen 
»IE I>£UTSS€HC: BAKOCKL.YRIK 

Dieser klare Denker, der so gar nichts vom trockenen Forscher an sich hat, besticht 
durch die Neuheit und Wesenhaftigkeit seiner Gedanken. Er gibc nun im Auf- 
trage des Verlags Walter Seifert, Stuttdart-Heilbronn, »ine „Geschicte der deut- 
schen Lyrik heraus, deren erster vorliegender Band die Barock-Lyrik ist. Wenn 
Delius in einer Vorrede sagt: „In diesem Suche werden die Dichter neu gewertet* 
— so sagt er damit durchaus nicht zu viel. Nockarzeitung. 

* 

Sprüche und Bilder 



STIIEIFZUGE 



Oesaiumelte Aufsätze 



Rudolf von Delius hat in seinen .Streifzügen" einer ganzen Keiho von Dichtern 
und Kulturkämpfern der Vorzeit ihr persönlichstes Geheimnis abzufragen gesucht 
und dabei seine Fähigkeit erwiesen, aus der Fülle des überlieferten Stoffes Kern- 
steilen herauszugreifen, die blitzartig die ferne Geistesart erleuchten. So wird ihm 
eine an sich unscheinbare Stelle in den Schriften des Paracelsus über Mann und 
Weib zum Schlüssel für die persönliche Stellung des grossen Arztes der Natur. 
Immer wieder leuchtet er, an der Hand der Dokumente, in die letzten Gründe der 
Menschlichkeit unserer und fremder Dichter und Seher hinein, handle es sich nun 
um .Märchen der Südseeinsulaner oder um chinesische Philosophie, um griechische 
Dramen und um italienische Renaissance. Hamburger Korrespondent. 



OEOICHT-AUS1VAUI. BA:N1>E 

Gottfried Arnold, Liebesfunken / B. H. Brockes, Der Ring des Jahres 
Paul Flemings Leben in seinen Gedichten