(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Bios : die Gesetze der Welt"

s^^^^^^^^^ 









RHFRANCE 




I 




S 



1 



DIE GESETZE 
DER 



WELT 












i 




x/OST 



Paxi\i Caroltna ßMt 




^ebfeig ^xrscl|nwttn 

(l^.(tt. 'Srtantapligllou 

Ifriebnclj anb If^rbinattbiitt ^tracl^mann 



ä ».AAAA khtk 






NORTH CAROLINA STATE UNIVERSITY LIBRARIES 

niiii 



S00975535 Y 



THIS BOOK IS DUE ON THE DATE 
INDICATED BELOW AND IS SUB- 
JECT TO AN OVERDUE FINE AS 
POSTED AT THE CIRCULATION 
DESK. 



EXCEPT.OW: 

eartierifthis 



iUm 



Date due will be 
isRECALLEO 



150M/01 -92— 920179 



BIOS 
DIE GESETZE DER WELT 




Raoul H. France 
Nach einer Radierung von Sigmund Lipinsky 



RAOUL H. FRANCE 

BIOS 

DIE GESETZE 

DER 

WELT 



ERSTER BAND 

MIT 110 ABBILDUNGEN UND TAFELN 

ZWEITE AUFLAGE 




1*9*2*3 

WALTER SEIFERT VERLAG, STUTTGART-HEILBRONN 



Grundlagen einer objektiven Philosophie 
Teil IV und V 



Nachdruck verboten. / Alle Rechte vorbehalten. / Copyright 
1923 by Walter Seifert Verlag, Stuttgart und Heilbronn a. N. 
Druck- und Bindearbeit von Otto Weber, Heilbronn a. N. 



„Es genügt nicht, die Gesetze der Welt zu. kennen, 
man muß auch nach ihnen leben."* 

(F rance, Bioi Bd. II) 



VORWORT 



Dieses Buch ist nur ein Versuch. Es ist der Versuch, aus der unend- 
lichen Fülle menschlichen Forschens und Denkens eine Vorstellung von der 
Welt zu gewinnen, die frei von Widersprüchen und geeignet ist, die Schwie- 
rigkeiten und Reibungen des Lebens zu vermindern. 

Es will daher weder Naturwissenschaft noch Philosophie sein, sondern 
Lebensweisheit. Es bedient sich dazu nur der Wissenschaften und des Den- 
kens und sucht beide auf einer höheren Stufe zu verschmelzen. Es wendet 
sich daher an alle Menschen und wird nur für eine Kategorie von ihnen un- 
verständlich und daher unfruchtbar sein, nämlich für die Einseitigen. 

Sie werden, jeder in seinem Fach, ganz selbstverständlich viele Stellen 
finden, die ihnen unzulänglich erscheinen, Einzelheiten, die überholt oder 
von mir nicht richtig verstanden sind, Dinge, die sie für wichtig halten und 
die hier fehlen, während ihnen anderes, was ich hervorgehoben habe, für 
nebensächlich gelten wird. Aber für einen auf das Lebensganze gerichteten 
Blick haben die Dinge der Welt eine andere Rangordnung als für die „Fach- 
menschen", und die Verbesserungen von Fehlern sind nebensächlich, wenn 
das Werk als Ganzes lebendige Wirkung entfalten kann. Darauf aber 
kommt mir alles an: Auf eine ganz einfache, schlichte Wirkung. Seitdem 
ich die hier dargestellten Gesetze klar erkannt habe und sie in meinem täg- 
lichen Arbeiten und Leben befolge, fühle ich mich freier, innerlich reiner 
und ruhiger; seitdem ist mein Wirken erfolgreicher, und das Leben hat 
Farbe, Glanz und Wert, obwohl es in den bescheidensten Formen verläuft. 
Und ich fühle die Verpflichtung, auch den Anderen den Weg zu zeigen, auf 
dem ich zu solchem Ziel gelangte. 

Die beste Art des Lebens zu finden, das ist der Leitstern der objektiven 
Philosophie, die in diesem Werk gelehrt wird. Von diesem Gesichtspunkt 
aus bitte ich mein Werk zu beurteilen und zu lesen. Es ist der Menschheit 
dargeboten wie die treue Hand eines Freundes, der helfen will. 

Raoul H. Francs. 



INHALTSVERZEICHNIS ZU BAND I 



I. Der Sinn der Weltgesetze S. 1 

Die Aufgabe des Werkes — Alte und neue Welterklärungsversuche — Hum- 
boldts Kosmos — Häckels Monismus — Ostwalds Energetik — Der Begriff 
der Zoesis -- Unberechtigte Übertragung der Zoesis auf das Weltganze - Die 
dadurch entstandenen Widersprüche in der Physik — Dqt Fizeau-Vtrsuch — Der 
Michelson-Versxxch — Die Auflösung des Massenbegriffes — Die korrigierende 
Annahme von H. A. Lorentz — Die Relativitätslehre — Ihr Ausbau durch Ein- 
stein und Minkowski — Konsequenzen der Relativitätsannahme — Die Welt- 
molluske — Erklärung der Relativitätstheorie durch die Biozentrik — Ein 
wTk-m "A"'' w5°u *''?,^' °f ^J^ r ^'^ Auflösung der Widersprüche im 
Weltbild — Das Weltproblem als biologisches Problem — Die Biologisierun? 
der Wissenschaften — Ursache der Weltmechanik — Monismus als methodolo- 
gische Voraussetzung — Neue Definitionen der Begriffe Welt Sein Gesetz 
Prinzipien — Der Kosmos als Bios — Alles Wissen ist eine Projektion von 
Lebensgesetzen — Endzweck des menschlichen Strebens ist Harmonie mit dem 
Weltganzen — Vollendung des „Menschlichen" durch Erkenntnis der Welt- 
gesetze — Zusätze und Anmerkungen. 

II. Das Gesetz des Seienden S. 41 

I?/^5"^I^°" ^^^ ^^'"^ ~~ ^^'" ^^^ Erleben — Herbert Spencers Kategorien — 
Widerlegung des Realismus — Die gemeinsamen Gesetze von Natur und Kul- 
tur — Weitensein als physiologische Funktion — Die Singulation — Erlebnisse 
als komplexe Systeme — Analyse der komplexen Systeme —Die wichtigsten 
Singula — Das Problem der Form — Das Problem des Weltäthers — Eigen- 
schaften des Weltäthers — Die Eliminierung des Ätherbegriffes — Der elemen- 
tare Baustein der physischen Welt: das Quantum — Die kinetische Gastheorie 

— Der Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung — Plancks Untersuchun- 
gen über Wärmestrahlung — Das C/cwsms'sche Wärmeprinzip — Die Quanten- 
theorie — Die Lichtquanten — Formbildung als elementare Notwendigkeit des 
Welterkennens — Sterzingers Knäuelungstheorie — Quantelung der Meeres- 
wellen — Die Quantenwelt — Elektron als Elektrizitätsquantum — Die Natur 
der Elektronen — Die Phänomene der Crooke'schtn Röhren — Eigenschaften 
der Kathodenstrahlen — Die Lichtgeschwindigkeit hängt von der Raumvor- 
stellung ab — Scheinbarkeit der Masse — Die Welt als Vorstellung — Das 
Atom ein komplexes System — Die Kanalstrahlen — Die Hittorf'schen Röhren 

— Die Zerlegung der Atomkerne durch Rutherford — Integrationsstufen der 
Singula — Das Sein zerfällt in Integrationsstufen — Kategorientafel der Inte- 
grationen — Die Moleküle als übergeordnete Stufe der Atome — Probiotische 
Eigenschaften der Kristalle — Die Integrationsstufen des Lebens — Integratio- 
nen im Bau und in den Eigenschaften der Muskulatur — Auftreten neuer 
Eigenschaften als Folge der Integration — Das Psychische als Integrations- 
eigenschaft — Der Tod als Aufhören von Integrationseigenschaften — Gesell- 
schafts- und Staatenbildung als Integration — Integrationseigenschaften der Erde 
als Singulation — Der Eigenschaftenkomplex des Geoids — Vulkanismus und 
Magmabildung als Integrationseigenschaft — Die Natur des Erdinnern — 
Schollenbewegungen als Integrationseigenschaft — Transgressionen und Ge- 
birgsbildung als Regler der Lebensentfaltung — Die Entstehung des Menschen 
als Funktion des Weltkörpers — Pendulation als Integrationseigenschaft — 



Das Sonnensystem als höhere Integrationsstufe — Die Erhaltung der Energie 
als entsprechende neue Eigenschaft — Sonnenbildung als Integrationseigen- 
schaft — Das Fixsternsystem als Integrationsstufe — Achsendrehung und Spi- 
ralbewegung des Sternsystems als neue Eigenschaften — Gruppenbildung von 
Sonnensystemen — Der Fixsternkörper und das Weltsystem — Die Nebelflecke 
als Weltsysteme — Der Kosmos als Integrationsstufe — Der Kreislauf der Ent- 
wicklung als neue Eigenschaft des Kosmos — Nebelsterne, heiße und dunkle 
Sonnen — Die Planetenphysik als Geschichtsspiegel der Erde — Ursprung der 
Meteoriten — Rolle der Kometen — Die Reintegration der Integrationsstufen 
im Kosmischen — Es gibt kein Entwicklungsgesetz der Welt und keinen Welt- 
untergang — Dauer und Harmonie als kosmische Integrationseigenschaften — 
Die Integration der Vorstellungen: Gedanken und Werke — Die sieben Welt- 

fesctze als die Ordner des Erlebens — Die Integration der Integrationen im 
ein — Parallelismus der Integrationsstufen führt zur Voraussetzung hyper- 
kosmischer Seinsstufen — Die Zahl der Sterne — Der photographische Stern- 
atlas — Hermites und Newcombs Schätzung des Weltganzen — Die Seeüger- 
schen Sterngesetze — Die Endlichkeit der „Welt" — Endlichkeit als erkennt- 
nistheoretische Forderung — Licht und Materie als psychologische Probleme 

— Die Endlichkeit als Forderung der Biozentrik und Relativitätstheorie — Die 
Gleichförmigkeit des Weltalls und die von Newton geforderte konzentrische 
Verdichtung — Die Form des „kosmischen Körpers" — Die Eigenschaften des 
kosmischen Körpers: Weltseele — Der Begriff von kosmischen Welten — Der 
objektive Gottesbegriff — Welt und Gott als seelische Geschöpfe — Analyse 
des Weltbegriffs — Der Identitätssatz — Definition der Naturgesetze und der 
Naturformen — Das Weltbild entsteht aus Störungen des Seins — Welt und 
Weltprozeß — Rechtfertigung der Eleaten — Das Gesamtsystem des Seins ist 
Leben — Der Weltprozeß ist Erleben — Unser Weltbild als seelische Selektion 

— Seine Besonderheit ist seine biozentrische Natur — Daher allgemeine Rela- 
tivität und Teleologie der Seinsvorstellung — Daher die Obertragbarkeit der 
sieben Weltgesetze auf alle Kategorien des Erlebens — Beweisführung am Bei- 
spiel des Entwicklungsgedankens — Das biogenetische Grundgesetz und seine 
Wiederkehr im Geistigen dadurch erklärt — Erklärung der Inkonstanz und 
Umkehrung der Entwicklung — Die Rolle der Wissenschaft — Man kann nicht 
richtig leben, ohne die Gesetze der Welt zu kennen — Zusätze und An- 
merkungen. 

III. Die Integrationsstufen des Seins S. 99 

Notwendigkeit eines neuen Weltgemäldes — Morphologie der Quanten — Die 
Naturgeschichte der Elektronen — Die Atomspektren — Der StarktiUki — Der 
Dopplereiiekt — Die Atomkerne — Das ßohr'sche Atommodell — Die Radio- 
aktivität — Die Isotopie — Das chemische Atom — Das Gay-Lussac' sehe und 
Avogadro'sche Gesetz — Die Atomhypothese als Quantenschematismus — Der 
Nachweis der Moleküle — Die Naturgeschichte der Moleküle — Die Mole- 
kulartheorie — Wärme als molekulare Bewegung — Der absolute Nullpunkt — 
Die kinetische Theorie der Gase — Die ßrown'sche Bewegung — Das Ultra- 
mikroskop beim Nachweis der Moleküle — Die Aggregatzustände der Materie 

— Feste Flüssigkeiten — Die Molethynen — Feste Kristalle — Die Kristall- 
systeme als Temperaturformen — Der Mensch als Temperaturform — Die 
Kristallsysteme — Verbreitung des kristallinischen Zustandes — Die Haupt- 
gesetze des Kristallzustandes — Die logischen Gesetze in der Molekularanord- 
nung — Die Molethynen im Reich der Lebenden — Kristalle als Notwendig- 
keitsformen der Substanz — Die Polarität der Begriffswelt als Wirkung eines 
Molethynengesetzes — Das Harmoniegesetz in der Kristallbildung als mole- 
kulare Eigenschaft — Die Raumgittertheorie — Das Gesetz des Optimums im 
Kristallbau — Flüssige Kristalle und ihre Probiotik — Die neue Einteilung der 
Seinszustände — Naturgeschichte der Kolloide — Kolloidale Struktur des Le- 
bensstoffes — Die innere Konstitution des Moleküls — Das Strukturbild der 
Stoffe — Der Banzolring und der Stammbaum der Teerfarben — Der Element- 
begriff — Die Frage des Uratoms — Die Zerlegung der Elemente durch die 
Radiotik — Die Lebensdauer der radioaktiven Elemente — Das periodische 



System der Elemente — Der Stammbaum der Elemente — Die Ordnungszahlen 
der Atome — Die Eigenschaften der Elemente als Integrationsqualitäten — 
Die Eigenschaften des Sauerstoffs — Verbrennung, Oxydation, Verwesung und 
Atmung — Die Gesetze des Stickstoffs — Die Eigenschaften der Luft — der 
Bau der Atmosphäre — Die Entstehung der Wolken — Die Gesetze des Was- 
serstoffs — Der Kreislauf des Kochsalzes — Die Naturgeschichte der Metalle 

— Die Feldspate — Die Gesetze des Kalkes — Das Wärmegesetz des Kalkes 

— Sein Kreislauf — Die Meeressedimente — Die Kreisläufe sind die Form 
der Erhaltung der Materie — Die Bedeutung von Kali und Magnesium und 
ihr Kreislauf — Die Überschätzung des Eisens — Naturgeschichte der Flüssig- 
keiten — Der Kreislauf des Wassers — Die lonentheorie — Die Ausfällung 
der Sedimente — Kreislauf der Sedimentgebirge — Die Naturgeschichte des 
Meeres — Kreislauf und Bedeutung von Silicium — Wüstenbildungen — Die 
Erdrinde vermehrt die Gesteine — Die Naturgesetze der Gesteine — Der 
Granit — Die Eruptivgesteine — Die Vulkantypen — Der Kreislauf der Koh- 
lensäure — Die Kohlenstoffverbindungen — Die Eiweiße — Die Kennzeichen 
des Lebens — Der Bau der Zelle — Die Harmonie und Integration der Lebens- 
formen — Die Personalkategorien — Elemente einer organischen Soziologie — 
Organische Staatsformen — Die Integrationseigenschaften des Geoids — Die 
chemo-physikalischen Kräfte als Integrationseigenschaft der Himmelskörper — 
Die Sonne als Ursprung der irdischen Erscheinungen — Vulkanismus und Erd- 
beben — Die Bewegungen der Erde — Die Kepler'schen Gesetze — Die Ent- 
stehung der Jahreszeiten — Die Bode-Titius'sche Reihe — Die Gezeiten — Die 
Eigenschaften der Sonne, des Mondes und der Planeten — Planetoiden und 
Meteoriten — Kometen und Fixsterne — Die Sonnensysteme sind weder abso- 
lut harmonisch noch stabil — Der neue Weltblick — Anmerkungen und Zusätze. 

Register S. 273 



Der Sinn der Weltgesetze 

Die Aufgabe des Werkes — Alte und neue Welterklärungsversuche — Humboldts 
Kosmos — Häckels Monismus — Ostwalds Energetik — Der Begriff der Zoesis — 
Unberechtigte Übertragung der Zoesis auf das Weltganze — Die dadurch entstan- 
denen Widersprüche in der Physik — Der Fizeau-Vtrsuch — Der Michelson-V crsnch 
— Die Auflösung des Massenbegriffs — Die korrigierende Anaahme von H. A. 
Lorentz — Die Relativitätslehre — Ihr Ausbau durch Einstein und Minkowski — 
Konsequenzen der Relativitätsannahme — Die Weltmolluske — Erklärung der Re- 
lativitätstheorie durch die Biozentrik — Ein neues erkenntnistheoretisches Gesetz — 
Die Auflösung der Widersprüche im Weltbild — Das Weltproblem als biologisches 
Problem — Die Biologisierung der Wissenschaften — Ursache der Weltmechanik — 
Monismus als methodologische Voraussetzung — Neue Definationen der Begriffe 
Welt, Sein, Gesetz, Prinzipien — Der Kosmos als Bios — Alles Wissen ist eine 
Projektion von Lebensgesetzen — Endzvi'eck des menschlichen Strebens ist Har- 
monie mit dem Weltganzen — Vollendung des „Menschlichen" durch Erkenntnis 
der Weltgesetze — Zusätze und Anmerkungen. 

Der Gebildete unserer Zeit befindet sich in einer sehr mißlichen Lage. Er 
empfindet es durch die ununterbrochen wechselnden Anforderungen jeder 
Stunde, daß er es unbedingt nötig hat, auf allen Gebieten menschlicher 
Einsicht Bescheid zu wissen; es wird aber niemandem ein Weg gezeigt, 
auf dem man sich diese nötigen Einsichten erwerben kann. 

Und dennoch ist das eine Aufgabe, die auf jeden wartet. Ich kann daher 
zu jedem meiner Leser persönlich sprechen, wenn ich ihn ersuche, zu prü- 
fen, ob ihm sein Wissen um die Gesetze der Welt für die Bedürfnisse des 
Lebens genügt hat, ob er nicht vielleicht oft Ziele aufgeben und Vorteile 
versäumen mußte, einfach deshalb, weil er der Sachlage nicht gewachsen 
war und im geeigneten Augenblick nicht die nötigen Kenntnisse besaß. 

Es wird nun jedermann, der seine Vergangenheit daraufhin prüft, sehr 
bald bemerken, daß es in solchen Fällen freilich nicht so sehr auf be- 
stimmte Kenntnisse, wie etwa technische, naturwissenschaftliche, geschicht- 
liche Angaben und Einzeltatsachen ankam — denn diesem Mangel läßt sich 
durch Wörterbücher und Lexika gründlich abhelfen — , sondern auf die 
Ratlosigkeit, welche Art von Kenntnissen im gegebenen Moment die nöti- 
gen seien. Es fehlte am urteil; man war hilflos und unsicher in seinem 
Denken und geriet nicht auf das richtige Stichwort, dessen Studium weiter- 
geholfen hätte. Man empfand und empfindet immer wieder nur die Lücke 
und weiß nicht, wie man es anzustellen hat, um sie auszufüllen. 

Franci, Bios I * 



Hundert Dinge, die jeden drücken, niederhalten, am Erfolg hindern, ihn 
in entscheidenden Augenblicken des Daseins geschädigt haben, beruhen 
darauf. 

Was soll man tun? Wie kann man dem abhelfen? Die Menschen haben 
verschiedene Mittel gegen dieses allgemein empfundene Übel hervorge- 
bracht; das sind Nachdenken, Schulen, Vorträge und Bücher. 

Aber das bloße Nachdenken allein führt nicht zum Ziel, namentlich nicht 
großen und verwickelten Dingen gegenüber. Es macht zu große Umwege; 
man wird nicht fertig. Auch gerät man bald in Verwirrung und geht dann 
irre. Es ist, als ob man einen ungeheuren Wald ohne Kenntnis der Wege, 
ohne Wege überhaupt queren wollte. 

Anders die Schulen. Sie sind von der Gemeinschaft der Menschen nur 
zu dem Zweck eingerichtet worden, um die nötige Fähigkeit des Sich- 
helfen-könnens in der jugendlichen Seele zu entfalten. Die Schule ver- 
sucht das auf zweierlei Weise: sie lehrt, wie man die „Denkmaschine" 
richtig in Gang setzt; außerdem liefert sie eine wohlausgewählte Menge von 
Kenntnissen, um dem Denken den ersten Stoff zur Verarbeitung zu geben. 
Die Einheitsschule fordert, daß jedermann in gleicher Weise die richtigen 
Methoden des Denkens gezeigt werden sollen und jedermann mit dem glei- 
chen Maß von Kenntnissen ausgerüstet werden müsse. Voraussetzung wäre 
hierbei eine gewisse Gleichheit der Bildungs- und Denkfähigkeit und die er- 
probte Feststellung der für jedermann notwendigen Grundkenntnisse. Diese 
Arbeit ist aber noch zu leisten. 

Die aus den Wirklichkeiten des Lebens heraus gebildeten Schulen besor- 
gen die ihnen zugemutete Arbeit in dreierlei Weise. Einmal in einer Volks- 
ausgabe, das andere Mal reicher und vielfältiger für jene, die nicht acht 
Jahre der Kindheit, sondern 13 Jahre darauf verwenden können. Alles, was 
Schulung auf diesem Gebiete leisten kann, erwirbt man schließlich, wenn 
man ihr sein Denkvermögen 17 Jahre lang unterwirft. 

Schon aus dieser einfachen Abteilung erkennt man, was denn an der 
Schulung das eigentlich Wichtige sei. 

Nicht der Wissensstoff, sondern die Methode der Verarbeitung. In einem 
vielleicht zu trivialen Beispiel gesagt: Geistige Verarbeitung ist Ver- 
dauung, und Wissensstoff sind Nahrungsmittel. 

Man kann noch so viel von diesen jemandem eingeben und um ihn an- 
häufen; es nützt ihm nichts, wenn er sie nicht richtig verdauen kann. Wenn 
er es nicht erlernt hat, wird er an besetzter Tafel sogar verhungern. 

Unsere Bildung, die des Einzelmenschen und die öffentliche Bildung, 
hungert. Da aber allerorten überreichlich Bildungsstoff angehäuft ist, muß 
es an den Methoden der geistigen Verarbeitung liegen. 

Die Methoden der Schulen, namentlich der für 90 Prozent der Menschen 
allein in Betracht kommenden Volks- und Mittelschulen, scheinen nicht zu 
genügen. Sie beladen die Köpfe mit Wissensstoff, der unausgenützt bleibt^ 



daher wieder verloren geht; sie bringen Fertigkeiten bei und sorgen nicht 
genügend dafür, daß sich die Verarbeitung der in der Schule und später 
einströmenden Kenntnisse ebenso organisch vollzieht, wie die der aufge- 
nommenen Nahrung. 

Die meisten Menschen können nur mangelhajt denken. Das ist das 
Übel der Zeit. 

Sie suchen es mit redlichem Bemühen zu verbessern ; darum besuchen die 
Erwachsenen — höchst kennzeichnenderweise auch schon die reiferen 
Schüler — so viele Vorträge; darum lesen sie so viele gute Bücher immer in 
der Hoffnung, endlich das zu erhalten, was ihnen selbst merkbar und fühl- 
bar abgeht. Aber Vorträge und Bücher — soweit sie nicht bloß unterhalten 
— geben dem Menschen immer wieder nur neue Tatsachen, neue Kenntnisse, 
Wissen, nicht aber Anleitung zur richtigen Auswahl und Verarbeitung. 

Darin liegt meines Erachtens die Krankheitsursache unserer Kultur. Daß 
sie nicht so ist, wie sie sein könnte, wird niemand bestreiten. In der Behaup- 
tung eines neueren Geschichtsphilosophen, daß sie aufhöre, eine Kultur zu 
sein, und zu einer Zivilisation erstarre, liegt etwas Wahres. Sie wird wirk- 
lich zur bloßen Zivilisation herabsinken, wenn die Menschen nicht wieder 
„schöpferisch" werden. Um es aber durch die Tat zu sein, muß man 
„schöpferisch", das heißt selbständig denken können. Und das wird nun nie- 
mals durch Anhäufung von Wissen, durch Kenntnisse erlangt, sondern ist eine 
ganz bestimmte Art, sich den Dingen gegenüberzustellen, in welche die Men- 
schen der Gegenwart selten eingeführt, in der sie noch seltener geübt werden. 

Und hier beginnen Ziele und Welt des vorliegenden Werkes. Es erblickt 
seine Aufgabe darin, in einem Umfang, der sich immerhin noch durch- 
arbeiten läßt, ein wirkliches Verständnis der Welterscheinungen zu geben, 
soweit man ein solches überhaupt besitzt. 

Es will also gerade das bieten, was man in den vielen Werken über die 
Welt vergeblich sucht, weil diese den mir fernliegenden Ehrgeiz haben, 
möglichst viele Tatsachen zu bringen, deren Verarbeitung dann dem Leser 
überlassen bleibt. 

Hier dagegen wird ein prinzipiell anderer Weg beschritten; die Tatsachen 
sind mir nur Hilfsmittel und nicht Endzweck. Dagegen will ich genau die 
Auswahl dessen geben, was von dem gesamten sicheren Wissen zum Ver- 
ständnis des „Weltbildes" notwendig ist. Dadurch wird dieses Werk zum 
Beispiel, wie ein Denker schöpferisch seine Weltkenntnisse verarbeitet, und 
an ihm kann sich dann jeder die Methode zurechtlegen, wie auch er den 
Anforderungen des Lebens überhaupt entgegentreten und den allerorts ge- 
häuften Wissensstoff sich und seinem „Menschentum" praktisch und ideal 
dienstbar machen kann. Wissen wird dadu-rch endlich nicht zum bloßen 
Nebenbei, zum Aufputz und Schmuck der Persönlichkeit, was es bisher 
immer war — wenn es nicht Beruf gewesen — , sondern zum lebensnotwen- 
digen Bestandteil und zentralen Bedürfnis. 



Wer also dieses Werk, dessen Titel „Bios" dadurch seinen tieferen Sinn 
entschleiert, richtig versteht, dem bedeutet es doppelten Wert. 

Es ist einmal wieder eine Antwort auf die Frage: Was ist die Welt? Ein 
Versuch, ein einheitliches Weltbild zu schaffen, dem jeder so kritisch gegen- 
überstehen mag, wie er will. Wenn es auch sicher, ja notwendigerweise in 
Einzelheiten unzulänglich ist und ihm Ungenaues und Überholtes von den 
Spezialisten genugsam nachgewiesen werden kann, so verschwindet das gegen 
seinen anderen, seinen bestenWert. Es ist nämlich außerdem noch ein Gleichnis, 

Es zeigt eine Denk- und Lebensmethode, das Beispiel einer objektiven 
Philosophie, auf den Gesamtbegriff Welt angewendet, deren Absicht es ist, 
das Leben wieder vollendet zu machen und wieder eine Kultur zu schaffen. 



Wer mit den hundert Widersprüchen, mit dem Kampf zwischen Natur- 
wissen und geschichtlichem Verständnis der Welt, dem Wettbewerb der sich 
anbietenden Philosophien, der Stillosigkeit des Lebens, dem tiefen Riß 
zwischen der gelehrten Ethik und der herrschenden Lebensführung unzu- 
frieden ist, wendet seit langem schon sehnsüchtig den Blick nach den 
Zeiten der vorsokratischen Philosophen, namentlich der Eleaten.i) 

Es hat sich eine Art romantischer Schwärmerei herausgebildet, die sagt: 
welch' klaffender und für uns beschämender Gegensatz zwischen dem, was 
man heute Wissenschaft nennt, und der selbstsicheren, abgeklärten Weisheit 
eines Parmenides oder Pythagoras, des dunklen Heraklit oder des seheri- 
schen Empedokles, der Nietzsche so sehr in seinen Bann schlug, daß er 
zuerst ihn, statt seinen Zarathustra, als Idealbild des vollendeten Menschen 
verherrlichen wollte! 

Was aber an diesen Denkern, die nicht nur wegen ihres schon halbmythi- 
schen Alters als die Ersten gelten, so fasziniert, ist die wundervolle, abge- 
schlossene Einheit ihres Weltbildes. Mit welcher prachtvollen Geberde steht 
einer dieser Alten vor uns, der legendenumrankte Pythagoras etwa, und 
sagt mit kühlen, unbeirrbaren Augen: hier habe ich das Weltgeheimnis in 
den Händen. Es ist Maß und Zahl! Wirf ihr Netz über die Welt, und sie 
hat nichts Dunkles mehr für dich! Wie eine erhabene Statue ragt in die ner- 
vöse Unruhe und Zweifelsucht unseres Denkens ein Anaximander mit dem 
unvergleichlichen Gedanken, alles Dasein werde umfaßt und regiert durch 
etwas, das allem Veränderlichen und Bestimmten zugrunde liegt, durch eine 
Urtatsache, gewissermaßen die Sonne, ohne welche die Welt nicht ihr 
Schattentheater aufführen könnte. Und die ganze schöpferische und über- 
zeugende Kraft, die im Klange eines Wortes liegen kann, reißt uns mit, 
wenn er diesem Regenten der Welt den Namen gibt, einen heiligen, auch 
seitdem nicht gestorbenen, ewig anmutenden Namen: das Prinzip. 

Oder wenn die Philosophen der Stadt Elea ihr unvergängliches Wort aus- 
sprechen, so zwingend, alles Denken in seinen Bann schlagend, noch immer 



durch nichts übertroffen, unerschütterlich, als ob es selbst eine Naturtatsache 
wäre! Wer kann sich diesem Zauber entziehen, wenn Xenophanes sagt: 
„Alles sei Eins", und wenn Parmenides in seinem Gedicht von der Natur 
so einfach das Wort hinschreibt: der wahre Grund der Weltexistenz sei, daß 
sie eben da sei, „das reine Sein". 

Alle diese Begriffe sind so groß, daß sie fast inhaltlos erscheinen. Das 
ist aber nur deshalb, weil wir so unbedingt an ihre Richtigkeit glauben, daß 
sie für unser Denken den Wert von Axiomen bekommen haben, von Selbst- 
verständlichkeiten, die man nicht anzweifeln kann. 

Und dennoch sind sie große Erfindungen des Menschengeistes, erstaun- 
liche Leistungen seines Scharfsinnes und daher — fragwürdig! 

Die Begriffe: es gebe Prinzipien, es existiere ein Sein; dieses Sein lasse 
sich in Zahlen fassen, und Alles sei Eins, sind Behauptungen, und zwar ge- 
rade solche von allergrößter Tragweite. Und sie müssen erst bewiesen 
werden! An sie knüpft sich erst die Frage: Ist das alles auch wahr? 

Von vornherein ist es keineswegs ausgemacht, daß die Welt ein Sein 
haben müsse, oder daß sie einheitlich sei, durch Gesetze und Prinzipien re- 
giert. Diese Lehrsätze sind nur so alt, uns von Jugend auf vertraut, ins 
Blut übergegangen, daß sicher weitaus die größere Hälfte meiner Leser erst 
in diesem Augenblick entdeckt, sie habe da an Dinge „geglaubt", ohne sich 
von dem Grunde dieses Glaubens Rechenschaft zu geben. 

Und darin ist unser Wissen und Bewußtsein dem antiken um ein Viel- 
faches überlegen. Es hat sich von den naiven und willkürlichen Annahmen 
freigemacht, allerdings erst stufenweise auf einem endlosen, langen, krau- 
sen, oft abbiegenden Wege, wodurch es den unbefriedigenden Anblick einer 
alten, bis zur Gegenwart blühenden Stadt, den aller historischen Gebilde 
überhaupt bietet. Wie in einer solchen Stadt uralte Baureste, etwa ein ro- 
manischer Dom, der Rest eines römischen Tores, zwischen Bürgerbauten 
neuerer Zeit stehen, in wunderlichem Gemisch Stadtmauern und Fabrikein- 
fassungen aneinandergrenzen, alte, gotische Kapellen umgeben werden von 
modernen Villen, wie sich darin alte Stadtanlagen mit neueren Erweite- 
rungen durchsetzen, dann ganze Viertel Platz machten einem ganz auf 
Gegenwärtiges gestellten Stadtbauplan, der aber pietätvoll die hervorragend- 
sten Bauwerke der Vergangenheit schonte, so daß sie absonderlich als 
„lebende Fossilien" in fremd gewordenes Milieu blicken — genau so unbe- 
friedigend „historisch" steht auch das Wissen der Gegenwart da. 

Dieser Zwiespalt zwischen Historischem und Notwendigem ist es, woran 
es krankt. Eingespannt ist es auf weiten Strecken, ja in einigem überhaupt 
in Begriffe, die heute keine andere Existenzberechtigung mehr haben, als 
daß sie zwei- und zweieinhalbtausend Jahre alt sind und von siebzig Gene- 
rationen Menschen unbesehen einander übergeben wurden. In diesem Rah- 
men aber sind mit jenen Voraussetzungen Ideen von ganz anderer Abkunft, 
nach anderen „Prinzipien" gewonnen, verbunden. Oder — was noch häufiger 



ist — da sich die Verbindung solcher nicht zusammengehöriger Vorstel- 
lungen nicht vollziehen läßt, man beschränkte sich darauf, neue Einsich- 
ten sonder Zahl — sogenannte Naturtatsachen — zu gewinnen, und verar- 
beitete sie nicht. 

So sind denn, um an dem vorigen Gleichnis festzuhalten, ganze Stadt- 
vierter nicht ausgebaut; an ihrer Stelle liegen nur unübersehbar und unbe- 
nutzt gewaltige Massen von Bausteinen. 

Vor diesen entmutigenden, wüsten Anblick tritt jeder, der größere Werke 
der Naturwissenschaften zur Hand nimmt. Das ist die wahre Ursache, warum 
der Nichtnaturwissenschaftler gar keine Möglichkeit hat, sich eine Vorstel- 
lung von der „Stadt" — deren größerer Teil nicht gebaut ist — zu schaffen. 
Das ist auch die Ursache, warum selbst die Naturwissenschaftler keinen Be- 
griff von der „Stadt" haben — sie kennen nur Viertel und Straßen und vor 
allem große, ungeheure Bausteinlager (man nennt sie Einzelwissenschaften 
und Disziplinen) und machen aus der Not eine Tugend, wenn sie erklären, 
aus Gründen der Gewissenhaftigkeit nicht bauen zu wollen. Jene von ihnen 
tun auch gut daran, denen es überhaupt an einer Vorstellung von dem Wesen 
und der Organisation einer Stadt gebricht. Nicht richtig ist es freilich, wenn 
andere ihr Unvermögen mit der drolligen Behauptung bemänteln, die große 
Menge der Bausteine mache das Bauen überhaupt unmöglich. 

Große und hochmögende Geister haben dennoch auch in neuerer Zeit 
stets versucht, auf Grund der Bausteine wenigstens Pläne zur Errichtung 
eines Weltgebäudes zu entwerfen. 

Das älteste Werk, das mit den Begriffen moderner Welteinsicht hantiert 
und noch steht, ist die Kosmogenie von Kant und Laplace.^) 

Man nennt sie gemeinhin die Welthypothese von Kant-Laplace. Das be- 
deutet eine Ungerechtigkeit gegen Kant, der zwar auch nicht ganz selb- 
ständig seine Ideen faßte, was von Laplace, der allerdings sein Werk 
41 Jahre später als Kant veröffentlichte, gleichfalls nicht gesagt werden kann. 

Eigentlich gehen beide auf Buffon, den geistreichen Verfasser der 
„Histoire naturelle" von 1745, zurück, der gegenüber Kants kleine Schrift 
kaum einen Vergleich aushält (Sv. Ärrhenius). 

Man ist gewöhnlich geneigt, diese Kosmogonien als ziemlich identisch zu 
betrachten. Aber sie unterscheiden sich in ganz grundlegenden Punkten. 
Will man das Wesentliche aus ihnen herausziehen, so kann man sagen, daß 
sie alle nur in der blinden Anhängerschaft an die Mechanik, die Newton er- 
sonnen hat, übereinstimmen. Sonst hält Buffon die Planeten für durch 
Kometenzusammenstöße von der Sonne abgesplitterte „Späne", Kant aber 
nimmt an, daß sich das Planetensystem aus kosmischem Staub, zumindest 
aus einer Ansammlung kleiner Meteoriten entwickelt hat, eine Idee, die in 
der Gegenwart (Lockyer, Darwin) noch ihre Verfechter findet. Laplace da- 
gegen schuf erst die von unserer ganzen Generation geglaubte Hypothese, 
daß das Sonnensystem seinen Ursprung aus einem Nebelflecken, nämlich 



einer glühenden Gasmasse, nahm (s. Abb. 1), der von Anfang an eine 
wirbelnde Bewegung um ihre Achse innewohnt. Nach mechanischem Ge- 
setz müssen dann, wie auf der seinen Theorien folgenden Zeichnung er- 
sichtlich, sich allmählich von dem Zentrum Ringe ablösen, die sich selb- 
ständig machen und aufrollen und dadurch zu Trabanten der zentralen 
glühenden Masse werden, die sich durch Abkühlung langsam zusammenzieht. 

Da sich auf diese Weise ausgezeichnet die Existenz der Saturnringe (vgl. 
Abb. 46) erklärt, im Weltall sich auch viele Spiralnebel nach Art des durch 
Schönheit ausgezeichneten im Sternbild der Jagdhunde (vgl. Abb. 2) finden, 
den jedermann schon durch ein mäßiges Fernrohr selbst betrachten kann, 
außerdem glühende Gasnebel im Weltenraum in großer Zahl bekannt sind, 
hat die Laplace'sch^ Hypothese, welche Kants Anschauungen weit besser aus- 
führt, begeisterte Anhänger bis heute gefunden, die auch durch den gewich- 
tigsten Einwand, den man gegen sie ins Treffen geführt hat, daß sich nicht 
alle Bestandteile des Planetensystems*) gleichsinnig drehen, nicht verwirrt 
werden. Um sich von dieser Schwierigkeit zu befreien, hat man ganz unbe- 
denklich auf die alte 5////o/z'sche Vorstellung zurückgegriffen, die sich schon 
bei Laplace selbst findet, daß nicht zum Sonnensystem gehörige Kometen gegen 
Planeten stießen und diese, sowie alle anderen nicht befriedigend erklärten 
Abweichungen an Dichte und Temperatur der Planeten verursachten. 

Dies Gedankengebäude von Laplace gehört eben auch zu der Klasse von 
Hypothesen, welche gewissermaßen die Wirklichkeit von ihrem Ursprung 
her zeichnen. Sie notieren sich alle einer Erklärung bedürftigen Punkte, 
bringen sie auf möglichst wenige gemeinsame Nenner und beginnen nun 
mit der Voraussetzung dieser Tatsachen. Natürlich muß sich dann aus 
ihrer Annahme die ganze Wirklichkeit, die zuerst hineingewickelt wurde, 
auch wieder herauswickeln lassen, worauf die Hypothese leicht für befrie- 
digend erklärt werden kann. Ehrgeiz dieser Art von dialektischen Erklä- 
rungen, die eigentlich Taschenspielerkunststücke des Denkens sind, ist nur, 
möglichst wenig solche Nenner zu finden. Wem es gelänge, die Fülle der 
Erscheinungen durch dialektische „Kategorisierung" in eine einzige Begriffs- 
schachtel einzupacken, aus der sie dann auf einen Druck hervorspränge, der 
wäre dann der wahre und gepriesene „Welterklärer" unter Hypothetikern, 
die ihr Geschäft auf die Natur der menschlichen Seele und zwar, wie sich 
noch ergeben wird, mit guten Gründen, sogar mit Notwendigkeit stützen. 

Alle diese Werke sind eben Ausflüsse jener kühnen, vveltentstürmenden 
Zuversicht, die das ganze 18. Jahrhundert kennzeichnet, in dem sich der 
Mensch unbedenklich und naiv als unbeschränkt fühlte. Sonst hätte sich 
nicht der Scharfsinn eines Kant an der unlösbaren Aufgabe abgemüht, aus 
einem Chaos das Werden eines Kosmos verstehen zu wollen. 



*) Es sind dies die Monde um Uranus und Neptun, sowie einer der neun Saturn- 
monde, die den anderen entgegengesetzt laufen. 



Ein Menschenalter später war man in dieser Hinsicht schon viel kritischer 
— oder bescheidener. 

Alexander von Humboldt, der es um 1843 wieder unternahm, ein „Welt- 
bild" zu schaffen, ging dabei nur mehr von dem „Kosmos" aus. Ganz wie 
es später einmal Stallo, dieser beste der amerikanischen Erkenntnistheo- 
retiker, forderte *), legte er sich kein anderes Problem vor, als die einzige 
Frage, zu welcher eine Reihe von Erscheinungen Anlaß geben kann, näm- 
lich die nach ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und nach ihrem Zusammen- 
hang. 

Humboldts „Kosmos" hat auf eine ganze Generation unberechenbaren 
Einfluß geübt in dem Sinne, in der Natur das Walten unverbrüchlicher Ge- 
setze zu sehen, aber so sehr sein Werk auch von dem edlen Schwung des 
Idealismus getragen wird, hat es gerade dadurch, wie kein zweites, seine 
Zeit daran gewöhnt, die Welt nicht so sehr als Organismus, sondern als 
einen ewigen und vom Größten bis ins Kleinste wirkenden Mechanismus 
anzusehen. Dadurch hat es die Gemüter auf eine materialistische Welt- 
anschauung des Berechenbaren vorbereitet. 

Humboldt hat aus einem ungeheueren Tatsachenwissen eine Selektion 
nach dem Gesichtspunkt des Gesetzmäßigen herausgehoben; er hat im 
ganzen weiten Gebiet des Kosmischen, Erdgeschichtlichen, besonders des 
Meteorologischen und Geographischen, ebenso wie aus dem Tier- und Pflan- 
zengeographischen (diese Wissenschaften schließt sein ,, Kosmos" vorzugs- 
weise ein, gemäß dem Programm, ein „Gemälde der Natur" zu sein), über- 
all die immer wiederkehrenden, typischen Züge hervorgehoben und ist 
letzten Endes dem Problematischen aus dem Wege gegangen. 

So entstand zwar eine unübertreffliche Eleganz, Abklärung und Harmonie 
der Darstellung, eine bestrickende Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit, ge- 
eignet, den Stolz zu wecken und die Achtung vor dem Tatsachenwissen; es 
war aber dadurch kein eigentlicher Fortschritt der Erkenntnis erzielt. 

So ist denn der „Kosmos" nicht nur in dem Sinne das Urbild aller ge- 
meinverständlichen Literatur in deutscher Sprache, daß er dieses Genre von 
Schrifttum in Deutschland überhaupt erst geschaffen hat, sondern auch 
darin, daß seine Hauptwirkung eine ethische und volkserzieherische war: er 
verbreitete Achtung und Verständnis für das Gesetzmäßige in weiten Kreisen, 
eine Art blinden Glauben an das Objektive und Reale, in sich Gültige von 
Naturgesetzen, die seitdem allgemein, wie eine Art rechtsverbindliches, ein 
für allemal niedergelegtes Gesetzbuch der Welt aufgefaßt wurden, das nur 
wie eine uralte Inschrift auf den Dingen entziffert zu werden brauchte. 

Humboldts „Kosmos" darf daher auch gar nicht mit den Welterklä- 
rungsversuchen der antiken Denker in einen Vergleich gezogen werden, er 
ist vielmehr, ins Neuzeitliche übersetzt, etwa das, was die Naturgeschichte 
des Plinius , mit dem die verehrungswürdige Gestalt des Berliner Natur- 

*) Stallo, Concepts and theories of modern physics. 4. ed. London 1900. 



forschers auch sonst manche Vergleichsmöglichkeiten aufweist, dem gebil- 
deten Römer der Kaiserzeit war. 

Trotzdem durfte er in einem Werk, das die Gesetze der Welt zum Ver- 
ständnis bringen will, nicht übergangen werden, da ohne die soeben erörterte 
Wirkung Häckels Auftreten nicht die Resonanz gefunden hätte, die allein 
der Häckelschen Welträtsellösung die Bedeutung gegeben hat, die sie noch 
besitzt. 

Es ist nicht das Schwergewicht der Gedanken, sondern die Zahl der Gläu- 
bigen, die zur Erörterung dieses Versuches, einen Monismus zu errichten, 
zwingt, den man übrigens den ,, einzigen wirklichen Versuch einer Enträtselung 
der Welt auf Grund der modernen Naturwissenschaft" genannt hat. 

E. Häckel versuchte den unbefriedigend gebliebenen Versuch, die Welt 
bloß aus Kraft und Stoff aufzubauen, wie es G. Bächner getan hatte, neuer- 
dings aufzunehmen, indem er den Einwendungen von denkerischer Seite 
durch Aufnahme philosophischer Gedanken zu begegnen suchte. Bei dem 
Suchen darnach geriet er auf den von Spinoza zuerst aufgebrachten, dann 
von Kant in den Mittelpunkt seiner Philosophie gerückten Gedanken eines 
„Dinges an sich". 

Ganz richtig betont er damit die Notwendigkeit, sich bei Beurteilung der 
Weltphänomene nicht auf den reinen Sinneseindruck und seine Kritik allein 
zu verlassen, sondern sich die große Vorfrage zu stellen: Was kann ich 
überhaupt wissen? 

Damit hat die Naturwissenschaft gegenüber dem naiven Glauben an die 
Realität des Erforschten einen ungeheuren Fortschritt vollzogen. Zum 
erstenmal seitdem sind in einem gewissen Sinne die Vorsokratiker überholt 
worden. Eine Naturbetrachtung, welche trachtet, die Dinge auch in ihrer 
von den subjektiven Anschauungs- und Denkformen unabhängigen Beschaf- 
fenheit zu erkennen, war vor Häckel noch nicht dagewesen. Dieses Streben 
ist ein Verdienst, das ihm unter allen Umständen zugebilligt werden muß, 
man mag sich zu dem, wie er die „Dinge an sich" darstellte, verhalten wie 
man will. 

Kant sagte bekanntlich, das wahre Bild der Welt sei für einen mensch- 
lichen Intellekt überhaupt nicht zu erkennen. SchelUng, Schopenhauer, 
Hartmann, Herbart und andere widersprachen dem und glaubten, auf ver- 
schiedenem Wege das Wesen der Welt dennoch bestimmen zu können. 
Dieser Glauben ist also an Häckel nicht neu. Neu ist nur, daß Naturwissen- 
schaft äberliaupt einmal den Standpunkt des naiven Realismus verlassen hat 
und mit der Möglichkeit rechnet, das, was sie erkennt, sei gar nichts End- 
gültiges und Wirkliches. Man muß diesen Satz herausschälen und beleuch- 
ten, denn an ihn hat man bisher noch nicht gedacht, und doch ist gerade 
er der einzige und prinzipielle Fortschritt, den Häckel gegenüber Laplace 
oder Buffon oder Humboldt bedeutet. 

Man gerät in eine tragische und daher rührende Welt, wenn man nun mit 



diesen Ansprüchen und Hoffnungen das Weltbild betrachtet, das Häckel 
sich und seinen Anhängern namentlich in den zwei Werken „Die Welt- 
rätsel" und „Kristallseelen" erbaut hat. 

Bringt man die große Menge der von ihm mit Virtuosität geschaffenen 
lateinisch-griechischen Sonderausdrücke auf ihre einfachste Form, so ent- 
stehen folgende Vorstellungsreihen. 

Das Weltall ist unendlich, aber von Substanz erfüllt. Diese Substanz ist 
das spinozistisch-kantische „Ding an sich" und besitzt drei „fundamentale 
Attribute": a) Raumerfüllung oder Ausdehnung, Stoff (= Materie); b) Be- 
wegung oder Mechanik (sie!), Kraft (= Energie) und c) Empfindung 
oder Weltseele, Geist (= Psychom). Das „sind ganz allgemeine Grund- 
eigenschaften aller Körper, Die Summe von Materie, Energie und Empfin- 
dungen im unendlichen Weltraum ist unveränderlich". 

Die drei Attribute stehen nebeneinander, also ist der Monismus der Welt, 
der sich aus seinem „Substanzgesetz" ergibt, eigentlich eine Trin-ität. Nur 
sind nicht alle Eigenschaften der Substanz, besonders nicht die psycho- 
matischen, jederzeit in allen Körpern vorhanden, sondern sie sind in „Ent- 
wicklung" begriffen, wie denn überhaupt der Welt ein durchaus sich ent- 
wickelndes Sein zukommt. 

Man hat diese Weltanschauung, welche als ethische Forderung einen 
Kultus „des Wahren, Guten und Schönen" fordert, als den menschlichen 
Intellekt befriedigend erklärt, man hat sie sogar für „schön" gehalten und 
ihr eine bildende, von Irrtümern befreiende Kraft zugeschrieben. 

Das HäckelschQ Weltbild befriedigt aber dennoch nicht. Und zwar aus 
folgenden Gründen: 

Nachdem durch die Aufnahme des Begriffes „Ding an sich" feierlich er- 
klärt wurde, es seien zwei Welten zu unterscheiden, die eine der bloßen 
Sinneseindrücke, deren Maße und Zahlen die Naturwissenschaft festzustellen 
trachtet, und eine von der Existenz menschlicher Einsicht unabhängige, ge- 
wissermaßen wirkliche, folgert der Häckelsche Monismus dennoch so, als 
könne man mit menschlichem Verstand und den Hilfsmitteln der Sinne 
etwas über die wirkliche Natur der Dinge aussagen. 

Das kann man nicht, und daher beziehen sich seine sämtlichen Behaup- 
tungen natürlich nur auf die Sinnenwelt. Die Verwendung des Begriffes 
„Ding an sich" ist irrtümlich; sein Wollen, tiefer zu sehen als die jonischen 
Naturphilosophen oder Laplace und Humboldt, blieb bei dem bloßen 
Wunsch stecken, und Häckels Monismus hat die Menschheit in dieser Be- 
ziehung nicht gefördert, wohl aber sicher durch diese Konfusion viele 
schwache Gehirne verwirrt. Er putzt sich hier mit Dingen auf, die er nicht 
versteht. 

Wieder stellt sich da ein menschlicher Intellekt vor die Fülle seiner 
Sinneseindrücke und glaubt, einen Teil von ihnen als Werkzeug benützen 
zu können, um hinter die anderen zu kommen. Ganz ungeprüft und gläubig 

10 



übernimmt dieses monistische Denken von den griechischen Philosophen die 
Begriffe Sein, Gesetze und Welt als Wirklichkeiten, wie wenn das irgendwo 
zu besteigende und abzumessende Berge wären, die nur von jenen falsch 
beschrieben, jetzt aber besser abgemessen wurden und nur richtiggestellt 
zu werden brauchten, um von nun an als „Götter", nämlich als unver- 
änderliche, ewige und weltbeherrschende „Dinge" zu gelten. 

Nirgends taucht in dem Häckel'schen Gedankengebäude die Frage auf: 
Welche Gewißheit geben mir denn meine Sinne und das aus ihnen abge- 
leitete Denken? Wie entsteht denn überhaupt mein Wissen? Hätte sich 
HäckeL diese Frage gestellt, so hätte er alsbald als der scharfsichtige und 
gut beobachtende Naturforscher, der er war, bemerken müssen, daß „VV7s- 
s^/z" nie etwas anderes ist als eine Kombination von entweder persönlichen 
oder vererbten Erfahrungen, daß also auch das schärfste und abstrakteste 
Denken auf keiner anderen Grundlage als der der Sinnenwelt steht. 3) Ich 
habe einmal HäckeL gefragt, wie er zu der Ansicht gekommen sei, durch 
Denken etwas über seine „Substanz" zu erfahren. Und er antwortete mit 
siegessicherem Lächeln: „Denken ist doch eine der Funktionen der Welt- 
materie! In mir denkt die Welt; sie wird sich ihres Wesens bewußt, kann 
also wohl darüber etwas erkennen." 

Keinen Augenblick kam ihm also der Gedanke, die subjektiven An- 
schauungs- und Denkformen irgendwie zu trennen von ihrer Ursache. Er 
sah gar nicht, daß hier ein Problem vorliegt. 

Vor allem erkennt man in seinen Werken nirgends Spuren der Einsicht, 
daß Abstraktionen nur durch vergleichendes Zusammenlegen von konkreten 
Erfahrungen gewonnen werden, dem Wesen nach also das gleiche wie jene 
sind. Man beobachtet hundert oder tausend Dinge und stellt fest, daß sie 
im Verlauf dieser Arbeit nicht unverändert blieben. Die Wolken nahmen 
andere Formen an, das Wasser warf Wellen; bei feinster Beobachtung 
traten Änderungen in der Zusammensetzung des Salzes ein usw. Ich bringe 
diese Änderungen nur der Einfachheit halber unter einen einzigen Begriff, 
wenn ich allen beobachteten Dingen Bewegung zuschreibe. Ich habe da- 
durch nichts erfahren von den Wirklichkeiten, sondern nur Ordnung und 
Vereinfachung in meine Erlebnisse gebracht. So geht es mit den abstra- 
hierten Begriffen Stoff, Geist, Kraft und allen anderen. 

Und das erklärt dann Häckel für eine Einsicht in das, was hinter seiner 
Beobachtung und Denkfähigkeit steckt; er hält es für Eigenschaften des 
Dinges an sich! Was von der Hypothese des Laplace gesagt werden mußte 
und im Grunde genommen das Wesen der wissenschaftlichen Hypothese 
überhaupt trifft, gilt in dem gleichen Maße von dem Lehrgebäude des 
großen Jenenser Forschers, das keinen größeren Wert als den einer echten 
Hypothese besitzt. Auch er wickelt die Welträtsel zuerst in einige Be- 
griffe, nämlich in die Worte Ausdehnung, Bewegung und Empfindung, die 
er für gemeinsame Nenner aller „seienden" Dinge hält, und ist gewisser- 

11 



maßen triumphierend erstaunt, dann alle Erscheinungen auf Ausdehnung, 
Bewegung und Empfindung zurückführen zu können. Das Unerklärte und 
Unerklärliche wird zu „Attributen" gemacht, der übrig gebliebene Boden- 
satz seiner Analyse der Erscheinungen wird als „Ding an sich" bezeichnet, 
schlechthin als das dem Bewußtsein Gegebene dekretiert, und es wird ganz 
übersehen, daß damit nur über die unverdaulichen Reste unserer Denkfähig- 
keit etwas ausgesagt ist, was an sich mit dem Problem Welt oder Sein 
noch gar nichts zu tun hat. 

Man könnte natürlich mit der gleichen Methode alle Erscheinungen auch 
auf die ihnen gemeinsamen Kategorien Sein, Unbeständigkeit (Wechsel der 
Form) und Zweckmäßigkeit zurückführen und diese als Attribute eines Gottes 
bezeichnen, um damit eine Theodicee zu begründen. 

In Wirklichkeit sind weder mit dem einen, wie mit dem anderen tiefere 
Einsichten erzielt, nur Umgruppierungen, Verpackungen gewisser Tatsachen- 
gruppen unter bestimmter Etikettierung, eine Kategorisierung; letzten Endes 
ist es eine gewisse Spielerei für Köpfe, die nicht das Ganze durchschauen. 

Häckels angebliche erkenntniskritische Selbstbesinnung ist nur ein Pro- 
nunciamento, dem keine Tat folgte; sein Monismus bleibt auf derselben 
oberflächlichen Stufe des Denkens wie das Grübeln der jonischen Natur- 
philosophen, also etwa eines Thaies. Es ist gleichwertig, wenn dieser er- 
klärt, das Wasser sei der Ursprung aller Dinge, oder wenn Häckel sagt, die 
„Substanz" sei die Ursache der Welt. 

Deshalb muß ich die „Erklärung", welche Häckel von den Gesetzen der 
Welt gibt, ablehnen. 

Neben ihm steht aber noch ein weiterer, großzügiger Versuch, ein, alles 
Wissen zur Einheit verschmelzendes Weltbild zu schaffen. Wenn er auch 
in letzter Zeit stark zurückgetreten ist, so hat er seinen Anspruch, das 
besser zu machen, was Häckel nicht leisten konnte, noch nicht aufgegeben. 
Das ist die Energetik von Wilhelm Ostwald. 

Diese Weltanschauung des großen baltischen Chemikers gebärdet sich 
als ein Bruder des Häckellsmus, zumindest als ein Monismus, weshalb sich 
auch eine Art Verbrüderung und taktischer Zusammenschluß zwischen Jena 
und Leipzig vollzogen hat. 

Ostwalds Ansicht läßt sich in folgende Kernsätze zusammenfassen: 
Es ist kein Vorgang in der Natur ohne Änderung von Energien denkbar. 
Alles, was „geschieht", alle „Vorgänge" sind Energieumwandlungen. Da- 
von ist auch das geistige Leben nicht ausgenommen, da es gleichfalls auf 
„psychischer Energie" beruht, die sich in alle anderen Energien umwandeln 
lassen müßte. Wenn es heute noch nicht gelingt, so sei das nur Schuld unserer 
Methoden; eines Tages werde der Nachweis dieser Umwandlung gelingen. 

Da sich nun auch der Begriff der Masse sehr wohl in Begegnungen von 
Energieströmen auflösen lasse und nur eine Täuschung der wissenschaftlich 
nicht geschärften Sinne sei, vermag man begrifflich die Welt auf den ge- 

12 



meinsamen Nenner Energie zurück2niführen und sie als die denknotwendige 
Einheit zu fassen. 

Wenn trotz dieser im ersten Augenblick blendenden Erklärung Ostwalds 
Energetik niemals wirklich Fuß fassen konnte im wissenschaftlichen Den- 
ken, so lag das an der jedermann offenbaren Unzulänglichkeit, auf einem 
Grunde bauen zu wollen, der noch nicht vorhanden ist. Die leere Hoff- 
nung, es werde gelingen, seine ganz Undefinierte „Nervenenergie" in Licht. 
Wärme, kinetische Energie usw. zu transformieren, so wie es leicht ist, die 
lebende Energie eines Wasserfalles in Elektrizität zu Beleuchtungs-, Hei- 
zungs- und Betriebszwecken auszuwerten, gestattet es einfach noch nicht, 
ein Weltgebäude auf dem Begriff der Energie aufzuführen. 

Inzwischen aber ist das Luftschloß eingestürzt, bevor jemand auf den 
Gedanken geriet, es zu benützen. Denn die in der Physik der Gegenwart 
siegreich durchdringende Quantentheorie von Max Planck und Sommerfeld 
(vgl. diese) zwingt zu der Notwendigkeit, den Satz der gleichmäßigen Ener- 
gieverteilung zu verlassen und der Energie eine atomistische Struktur zu- 
zuschreiben, so wie bereits die Elektronentheorie (vgl. diese) das gleiche für 
den Begriff der Elektrizitätseinheit gefordert hatte. Damit allein ist ein 
energetisches Weltbild wieder in ein atomistisches umgewandelt — der Bau 
ist abgetragen, bevor er richtig errichtet war. Es ist daher nicht notwendig, 
sich mit dieser Idee des sonst so verdienstvollen Chemikers weiter zu be- 
schäftigen. 

Um so weniger, als auch sie nicht genügend tief schürft und Sein, Welt, 
Gesetz als absolute, feststehende, axiomatische Werte voraussetzt. 

Zwischen den beiden Polen Häckel und Ostwald pendeln aber alle übrigen 
in engeren Kreisen bekannt gewordenen Versuche, das durchgehende Gesetz 
in der menschlichen Erkenntnis zu finden,*) denen bei aller großen Man- 
nigfaltigkeit dennoch Eines gemeinsam eignet, nämlich das Bedürfnis, „das 
Weltall der Erkenntnisse" einheitlich zu beurteilen. Das ist das Einigende 
in aller Verschiedenheit. 

Aber gerade dieses Einigende ist so alt wie das Denken selbst — denn 
es ist eine Denknotwendigkeit, die aus der Technik des Denkens selber 
folgt, wie noch des näheren zu erörtern sein wird. 

Um so besser eröffnet sich nun gerade dadurch das Verständnis für den 
wahrhaftigen wissenschaftlichen „Weltuntergang", der sich in unseren Tagen 
vollzieht, da nicht nur — um im vorigen Bilde zu bleiben — sogar die Bau- 
steine ausgewechselt werden, sondern auch der Einheitlichkeit des zu er- 
richtenden Gebäudes Gegengründe in den Weg gestellt wurden. 

Alle Bilder vom Weltgebäude, alle Weltanschauungen der Vergangenheit 
scheinen entwertet, seitdem die Beweise der Relativitätstheorie anerkannt 
werden. Hat bereits die Entdeckung der Radioaktivität und des Zerfalls der 
sogenannten Elemente alle jene Folgerungen, die sich auf die Chemie auf- 
bauten, um ihre Beweiskraft gebracht, so ist durch die Quantentheorie von 



Planck und Sommerfeld und die neuen Vorstellungen von Rutherford und 
Bohr über den Bau der Atome jeder energetischen Deutung der Erschei- 
nungsvvelt der Boden entzogen, und während der Kaufmann'sche Versuch 
den Begriff der Masse selbst in Vorstellungen auflöste und ihm jede Rea- 
lität entzog, stoßen nun Lorentz und in seinem Gefolge Einstein überhaupt 
die Grundlagen der Mechanik um, auf denen sich der Begriff mathemati- 
scher Gewißheit aufbaute. Der Euklidischen Geometrie des dreidimensio- 
nalen Raumes setzt Minkowski die Welt vierdimensionaler Vorstellungen 
entgegen ; die Begriffe Raum und Zeit werden mehrdeutig gemacht, ja selbst 
der „unmittelbar gewisse" Sinneseindruck einer Formenwelt wird aufge- 
hoben durch die Erklärung, daß die geometrischen Eigenschaften des Rau- 
mes nicht selbständig seien, sondern durch die Materie bedingt, die wieder 
andererseits als irreal und nur als Vorstellungskomplex erkannt ist. 

Das bedeutet zusammengenommen die völlige Selbstaufhebung von Mathe- 
matik und Physik und den größten Umbau, den die menschliche Erkennt- 
nis seit den Tagen der altgriechischen Naturforscher überhaupt erfahren hat. 
Von Thaies und Pythagoras bis zu Lorentz und Planck spannte sich noch 
immer ein und derselbe Bogen; trotz allem, was an geschichtlichen Brüchen 
und Änderungen zwischen ihnen liegt, gehörten sie doch in ein und dieselbe 
Denkrichtung-, die erst jetzt ausgedacht, verbraucht und zu Ende gegangen ist. 

In der Denk- und Geistesgeschichte verteilen sich die großen Abschnitte 
anders denn in der Weltgeschichte. Zwar gibt es auch darin Altertum, 
Mittelalter und Neuzeit; nur ging das Altertum, das hier gewissermaßen 
eine Prähistorie mit nur mythologischen Überlieferungen ist, zu Ende, als 
die jonischen Philosophen auftraten. Von diesen bis zu Häckel und den 
Zeitgenossen unter den Physikern reicht das Mittelalter. 

Und wir stehen unmittelbar an der Schwelle der Neuzeit, dem Zeitalter 
der „biologische^ denkenden objektiven Philosophie, welche alle Denkver- 
gangenheiten in höherer Einheit verbindet und zu erklären vermag. 

Gerade dem vorliegenden Werke kommt die schwierige und undankbare 
Rolle des Bahnbrechers und die wahrhaft übermenschliche Aufgabe zu, zum 
erstenmal das Weltbild der neuen Zeit im menschlichen Denken zu zeichnen. 



Um diese sich allerorten vorbereitende, grundlegende Umwälzung im 
physikalischen Denken verständlich zu machen, muß man auf die tragenden 
Ideen der bisher gültigen physikalischen Theorien zurückgehen. Sie ruhen 
alle insgesamt auf dem Zeitalter der Antike, mit dem daher notwendiger- 
weise eine Darstellung der Weltgesetze beginnen mußte. Besonders ist es 
die Euklidische Geometrie, die sich zu dem Baum der modernen Physik 
entfaltete. 

14 



Eukleides, der „Vater der Geometrie", eigentlich ein Phönizier, der aber 
um 300 vor unserer Zeitrechnung zu Alexandrien wirkte, hat mit seinen 
„Stoichea" das Muster eines fast unbegreiflich vollkommenen geometri- 
schen Lehrbuches für alle Zeiten geschaffen und damit die Möglichkeit, 
Beziehungen zwischen Dingen in einem dreidimensionalen Raum gesetz- 
mäßig auszudrücken. 

Wenn man diese Fähigkeit schlechthin als Geometrie bezeichnet hat und 
diese sowie ihre Hilfswissenschaft, die Mathematik (Analysis) für die 
Fähigkeit einer exakten Beschreibung der Weltgesetze hielt, beging man da- 
mit einen doppelten Fehler. Der eine ist längst korrigiert, seitdem die Geo- 
metrie aus sich selbst heraus die euklidischen Axiome des Dreidimensionalen 
nur als einen Spezialfall ausgeschieden hat; allerdings als den wichtigsten, 
weil er derjenige ist, der sich mit den Erfahrungen der Sinnenwelt deckt. 
Neben ihm sind verschiedene Geometrien möglich, wenn man eben von 
anderen Grundsätzen ausgeht, zum Beispiel die Rechnung auf einer Kugel- 
fläche versucht, die also keine Geraden kennt, oder sie auf einen Raum von 
beliebig mehr als drei Dimensionen überträgt, also in ,, Welten" rechnet, die 
anders als unser Sinnenbild beschaffen sind. Es war sehr wichtig, daß Ric- 
mann, Gauß und andere große Mathematiker diese Gesetze „außermensch- 
licher" Seinsmöglichkeiten, die man nach dem, bei dem Gnostiker Vß/^/z/Z/zas 
geschaffenen Begriff: Zoe für menschliche Lebensvorstellung: azoetische 
Gesetze nennen kann, erforscht haben, denn sie überzeugten uns davon 
handgreiflich, daß Mathematik keine Wahrheiten erschajjt. überhaupt nicht 
schöpferisch ist, sondern eben nur ein echter, rechter Rechenknecht, eine 
Art sehr komplizierter (und beliebig komplizierbarer) Storchschnabel, der 
einmal aufgestellte Behauptungen in verschiedene Kombinationsstufen der 
Anschauung überträgt und auf diese Weise Kompliziertes dann auch ver- 
kleinert und vereinfacht. Richtig an seinen Resultaten sind nie die Tat- 
sachen als solche, sondern immer nur die Relationen zwischen den einzel- 
nen Punkten und Sätzen nach der Übertragung in eine andere Form. Es 
handelt sich bei aller Mathematik nur um ein stetes Transformieren, wes- 
halb der Ausdruck Analysis für sie der allgemein gebräuchliche sein sollte, 
um es den Menschen stets ins Gedächtnis zu rufen, daß man durch Mathe- 
matik nie etwas Neues erfährt, sondern nur eine Analyse der Teile in die 
Hand bekommt oder aus Teilen jenes Ganze zusammensetzen kann, das 
eine „Behauptung" bedeutet. 

Wenn also jemand etwas mathematisch beweist, muß man zweierlei Dinge 
prüfen: erstens, ob die Rechnung richtig ist nach den Regeln der AAathe- 
matik, und zweitens, ob die Behauptuniren richtig sind, von denen die Rech- 
nung ausging. Und das führt auf den zweiten Fehler, in dem sich alle Welt 
in bezug auf die Geometrie bzw. die Mathematik gefällt. 

Diesem zweiten hatte Euklid selbst schon vorgebeugt, als er die Anwen- 
dung seiner Geometrie auf die Bewegungen und Lagebeziehungen der 

15 



Sterne nicht etwa Aletheia = Urwahrheit, sondern Phaenomena = Welt 
der Erscheinungen benannte. 

Es war damit gesagt, daß seine dreidimensionale Geometrie die Lage- 
beziehungen der Dinge, wie sie uns eben zoetisch (also im gewöhnlichen 
Leben) erscheinen, gesetzmäßig festlegt. Gar keine Wirklichkeiten erkennt 
man durch sie, sondern nur immer wiederkehrende Relationen der Zoesis, 

Der Satz ist so wichtig, daß ich ihn lieber noch einmal erläutern will. 
Denn mit ihm steht und fällt es, daß sich die Leser dieses Werkes zu dem 
hier entwickelten Verständnis unseres Weltbildes bekennen oder aber im — 
Mittelalter des Denkens stecken bleiben. 

Durch die Festlegung der astronomischen Kenntnisse, soweit das ohne 
Fernrohre arbeitende Altertum solche hatte, in Formeln euklidischer Geome- 
trie war von kosmischen Gesetzen nur das irdisch Wahrnehmbare festgelegt. 
Es war stillschweigend vorausgesetzt, daß die „Weltanschauung des gewöhn- 
lichen Lebens", also die,welche der animalisch dahinlebende, ganz naiveMensch' 
hat, weshalb sie auch als die zoetische bezeichnet werden kann, ohne weiteres 
für alles, was es gibt, zutrifft. Das war eine Voraussetzung, die allerdings 
nicht ohne weiteres als sicher angenommen werden durfte. Aber sie geschah 
dennoch, sie wurde eben aus der Erbschaft des Denkaltertums übernommen. 
Es war damit nur erzählt: Wenn die Sterne bewegliche Lichter an einer 
Decke eines irdischen Raumes wären, dann ließe sich in folgenden geo- 
metrischen Formeln ausdrücken, wie uns ihre Beziehungen und Lageände- 
rungen zueinander erscheinen. 

Die Jahrhunderte vergingen, die alte Welt stürzte zusammen; eine neue, 
christliche entstand, in der sich einfache Waldmenschen und schlichte Bauern 
langsam an den übrig gelassenen, aus dem Schutt mühsam ausgegrabenen 
Resten des Altertums wieder heranbildeten zum Denken. Euklid war einer 
ihrer Lehrer; seine Geometrie ragte wie ein unantastbares Wunderwerk in 
die allgemeine Unbildung. Inzwischen hatte Locke in England seinen 
Sensualismus verkündet: nichts existiert, als was sich fühlen, sehen, hören 
läßt, was uns die Sinne — in unserer Sprache: die Zoesis — sagen. Und zu 
seinen Schülern und Anhängern gehörte jener merkwürdige Isaac Newton 
zu Cambridge, dessen Leben durch drei Tatsachen gekennzeichnet ist: näm- 
lich, daß er die Mechanik, welche bis heute gilt, begründete, daß er nach 
unerhörten wissenschaftlichen Erfolgen dann auf einmal der Wissenschaft 
den Rücken kehrte, und daß er nicht nur die „Philosophiae naturalis prin- 
cipia mathematica", das grundlegende und scharfsinnigste Werk seit zwei- 
tausend Jahren, sondern auch Beobachtungen über die Prophezeiungen des 
Daniel und die Apokalypse Johannis geschrieben hat. 

Als Sensualist, also Sinnesgläubiger, nahm er Euklids Geometrie absolut 
für real. Er baute die gesamte Mechanik auf ihr auf, und auf ihr fußt dann 
auch das gesamte physikalische Wissen der Gegenwart. Auch als man den 
zoetischen Erfahrungskreis überschritt, durch Fernrohre am Himmel feinste 

16 






'^^^f^l^ii^^^^^^^^^^^^^^^-''^- ■''■'■ '-^^ 



^K:v>v_ • ■::^^'"^^fi:f:m!0 



Abb. 1. Die Entstehung des Sonnensystems nach der Theorie von 

Laplace (und Kant). Durch die rotierende Bewegung einer glühenden Ncbelinasse 
entstehen eine zentrale Sonne und um sie kreisende Planeten. (Nach Arrhenius) 




Abb. 2. hin Spiralnebel ans dem Sternbilde il 
Jaydiumde 




Abb. 3. Die Erscheinung des Zodiakallichtes am Nachthimmel in unseren Breiten 



Bewegungen erkannte, durch Mikroskope molekulare Bewegungen sah; auch 
als man mit Geschwindigkeiten bekanntwurde, die jeder Anschaulichkeit ent- 
behrten und dem Denken der Zoesis unvorstellbar waren, wie die rasende 
Schnelligkeit, mit denen Gestirne durch den Raum jagen, oder die 300 000 km, 
die das Licht in einer Sekunde zurücklegt. Man hielt ruhig an der Newton- 
schen Mechanik fest, auch als sich die Vorstellungen von den Bewegungen der 
Körperwelt so komplizierten, daß sie jede Anschaulichkeit verloren; auch als 
man merkte, daß jede Bewegung auf Erden sich zu einem wirklich ruhenden 
Punkt gar nicht geometrisch darstellbar verhalte, weil ja die Erde nicht nur 
um sich selber, sondern auch um die Sonne rotiert und diese wieder um eine 
Zentralsonne und mit dieser in unbekannter Art gegen das Sternbild des 
Herkules eilt, wobei keine Sicherheit sei, wie oft sich das noch wiederholt. 

Man hielt ruhig an der Vorstellung und rechnerischen Wertgültigkeit von 
Elementen fest, auch als sie sich in den Händen des Experimentators so 
auflösten, wie in Ramsays Laboratorium das Radium, das zu Helium wurde. 

Zu Ehren Newtons muß man sagen, daß er sich bereits bewußt war, daß 
seine Mechanik nur „praktischen" Wert habe und nur zw Näherungen führe; 
auch haben erlauchte Geister wie E. Mach schon lange gefordert, daß die 
Mechanik auf eine neue Grundlage gestellt werden müsse. Aber der Glaube 
an die Theorie blieb dennoch ungebrochen. Gedanken, die 2000 Jahre alt sind, 
werden eben zu einer Macht, die ein Einzelner nicht zu erschüttern vermag. 
Auch das gehört in den Kreis der Zoesis, die hier dunkel und fürchterlich wird. 

Aber es gab andere Mächte, welche den Menschengeist mit eiserner Hand 
in eine andere Richtung drehten, nämlich Beobachtungstatsachen. Beobach- 
tungen, die nicht zu einer Theorie passen, wirken wie Stöße auf den Kopf; 
langsam lernen es dann alle Köpfe, sich wegzuwenden. 

Zuerst legte man sich die Sache in folgender Weise zurecht. Die Be- 
wegungsgesetze der Sterne (namentlich der Planeten, wie sie Kepler festge- 
stellt hatte) sind nur dann ganz richtig, wenn sie bloß von der Sonne be- 
einflußt wären. So aber hat der gesamte Kosmos durch Schwerkraftswir- 
kungen Einfluß, und das sei die Ursache der immer mehr wahrgenommenen 
Störungen im Umlauf gewisser Planeten. Von ihnen meinte schon Newton. 
daß offenbar von Zeit zu Zeit eine mächtige Hand eingreife, um die ge- 
störte Ordnung im Planetensystem wieder herzustellen. 

Daß solches verzweifelt einer Bankerotterklärung der gesamten berühm- 
ten Mechanik nahekam, übersah man vor Bestürzung über die Tatsache, daß 
im einzelnen die Rechnungen nicht stimmten, im ganzen aber die Fehler 
sich nicht summierten, sondern der Ablauf der Ereignisse doch geregelt 
und harmonisch blieb.*) 

Die Theorie der Gravitation, das vielbewunderte Meisterwerk der mathe- 
matischen Naturerklärung, auf dem letzten Endes alle Gewißheiten der Him- 
melsmechanik, also die Zeit- und Ortsbestimmungen und damit auch die 
irdischen Gewißheiten beruhen, ist nicht frei von Abweichungen. Die Gra- 

Franci, Bios I 2 

17 



vitationshypothese wurde von Newton aufgestellt, um die Planetenbewegun- 
gen zu erklären. Aber sie stimmt nicht für die Bahnen der Planeten Merkur, 
Venus und Mars. Das wußte man schon seit Leverriers Zeiten, und dazu 
gesellten sich neuerdings ähnliche Erfahrungen an den Bahnen der Planeten 
Jupiter, Saturn und Uranus. Im allgemeinen sind diese Fehler der Theorie 
so gering, daß sie bei täglichen und jährlichen Beobachtungen, also ge- 
wissermaßen in der Zoesphäre des Menschen, nicht zu merken sind; aber 
schon innerhalb eines Jahrhunderts summieren sie sich bis zum deutlichen 
Erscheinen in den Rechnungen. Man darf sie nicht verwechseln mit jenen 
Störungen der Umlaufszeiten, aus denen man zum Beispiel auf das Vorhan- 
densein weiterer Himmelskörper geschlossen hat. Ehirch sie entdeckte im 
Jahre 1846 Galle den bis dorthin unbekannten Planeten Neptun; am Fix- 
sternhimmel wurden auf gleiche Weise dunkle, also unsichtbare Begleiter 
der Sterne Sir'ms und Prokyon erschlossen. 

Anders verhält sich das Störungsproblem der Dreiheit Merkur, Mars und 
Venus. Wohl hat der Münchner Astronom Seeliger unter Hinweis auf das 
Zodiakallicht (Abb. 3), das man für einen um die Erde laufenden Staub- 
ring hält, die Hypothese aufgestellt, es existiere ein solcher auch zwischen 
Sonne und Merkur, sowie ein anderer zwischen Erde und Mars. Und durch 
die stets hilfsbereite Rechnung war es dann leicht, nachzuweisen, daß eine 
genügend starke Gravitationsursache, an dieser Stelle eingeführt, genügen 
würde, um dies Nichtstimmende verständlich zu machen. Aber diese Staub- 
ringe hat niemand gesehen; sie sind reine Hirngespinste, ersonnen, um das 
Unzulängliche der Gravitationstheorie zu verdecken. Und die Unregel- 
mäßigkeiten der Mondbahn (s. Anmerkung 5) werden auch dadurch nicht 
beseitigt. Selbst die Erde wird durch die Theorie nicht voll in ihrer Be- 
wegung erklärt. In hundert Jahren bleibt sie in ihrer Rotation um 9 Sekun- 
den hinter den Erfordernissen der Theorie zurück. 

Je tiefer man also eindringt in das Universum, desto größer wird das Un- 
behagen des auf seine Analysis einst so stolz gewesenen Menschengeistes. 
Der französische Physiker Poincare, einer der scharfsinnigsten Köpfe seines 
Volkes, sprach es schon vor dreißig Jahren aus, daß die Zahlenwerte, deren 
sich die Astronomie bedient, nicht unbeschränkt gültig sind, sondern in ge- 
wissen Werten immer genauer, dann aber, auf größere Verhältnisse ange- 
wendet, immer ungenauer werden (Satz der semikonvergenten Reihen), so 
daß alle astronomischen Rechnungen desto richtiger sind, je mehr sie sich 
auf irdische und gegenwärtige Verhältnisse (also auf das, was wir unter 
Zoesis verstehen) beziehen. Je weiter sie aber ins Kosmische angreifen, 
desto weniger kann man sich auf ihre Gültigkeit verlassen. So ist — um 
den Gedanken an einem Beispiel faßlicher zu machen — die Stabilität des 
Sonnensystems (abgesehen von den oben erwähnten unbedeutenden Störun- 
gen) für eine Million Jahre noch nahezu gewiß, sie ist auch noch für tau- 
send Millionen Jahre immerhin wahrscheinlich. Aber sie gilt nicht für die 

18 



Jahrbillionen, mit denen der Kosmos rechnet. Und es ist völlig ungewiß, ob 
die bestehende Ordnung vernichtet oder noch harmonischer und vollendeter 
gestaltet wird. Wir arbeiten nur mit Näherungsformeln, und für Urteile von 
solcher Tragweite ist der Menschenstandpunkt eben nicht der richtige. 

Auf der Euklid'schen Geometrie ruhten auch alle Rechnungen, die so 
nach und nach zu den Erkenntnissen über die Gesetze der Lichtausbreitung 
geführt hatten. Es war niemandem eingefallen, darüber erstaunt zu sein, 
daß damit in unsere moderne, von Grund auf veränderte Welt noch Gesetze 
eingeführt werden, die dem Intellekt vor 2200 Jahren genügt hatten. Da- 
gegen war man um so mehr erstaunt, zu sehen, daß das Licht sich mit die- 
sen Gesetzen nicht immer so vertrug, wie man wollte. 

Der französische Physiker Fizeau hat schon im Jahre 1849 mit echt gal- 



ß^ 




äJ^ 


F, 


^ 1 ^^ 




^ 




i 





Abb. 4. Die Anordnung von Fizeau zur Messung der Lichtgeschwindigkeit. 

lischem Scharfsinn eine Vorrichtung ersonnen (Abb. 4), um die Geschwin- 
digkeit des Lichtstrahls zu messen. Da es einer der grundlegenden, zugleich 
einer der schönsten modernen physikalischen Versuche ist, soll er hier dar- 
gestellt werden. Aus astronomischen Gründen (aus der Verzögerung im 
„scheinbaren" Zusammentreffen des Schattens des Jupiters mit einem seiner 
Monde) hatte der dänische Astronom Olaf Römer behauptet, die Fortpflan- 
zungsgeschwindigkeit des Lichtes sei nicht unbeschränkt, sondern betrage 
„nur" 300 000 km in der Sekunde. Das klang nicht wahrscheinlich, und 
darum wollte es Fizeau versuchsmäßig nachprüfen. 

Er benützte dazu zwei Apparate, die in 8633 m Entfernung voneinander 
aufgestellt wurden. Der eine war ein Fernrohr (Abb. 4) mit einem seit- 
lichen Ansatz, in den man das Licht einer starken Lampe hineinsandte. Das 
fiel auf eine schief gestellte Glasplatte (S) im Innern und wurde nun von 
dort reflektiert. In achteinhalb Kilometer Entfernung wurden diese Strahlen 

2* 

19 



von dem zweiten Apparat in einem Spiegel aufgefangen und durch ihn wie- 
der in das Fernrohr zurückgeworfen. Da aber diese reflektierten Strahlen 
die Glasplatte darin durchdrangen, konnten sie im Fernrohr gesehen werden. 

In dieses Fernrohr reichte aber ein mit 720 Zähnen besetztes Zahnrad (Z) 
hinein, das schnell gedreht werden konnte. Es war dadurch auf die Möglich- 
keit gerechnet, daß der vom Fernrohr nach dem Spiegel gehende Lichtstrahl 
wohl durch eine Zahnlücke hindurchgelangen konnte, aber bei seinem Rückweg 
nicht mehr dieselbe Situation vorfand. Weil sich das Rad schnell drehte, war die 
Möglichkeit gegeben, daß der rückkehrende Lichtstrahl statt der Lücke auf 
den nächsten Zahn traf und dann natürlich für den Beobachter ausgelöscht war. 

Das Licht verschwand zum ersten Male, als das Rad 12,6 Umdrehungen 
in der Sekunde machte. Alles übrige konnte leicht ausgerechnet werden. 

Eine Raddrehung brauchte V12.6 Sekunden; die Zeit, während der ein 
Zahn statt einer Lücke den Weg des Lichtstrahls versperrte, beträgt also 
(den doppelten Weg eingesetzt) Viuo X V12.6 Sekunde. In dieser Zeit lief 
das Licht 17 266 m. Wenn man die Rechnung vollzieht, erhält man: 

17 266X18144 = 313 000 km/sec 
oder 313 000 km Lichtgeschwindigkeit in der Sekunde. Römers Vermutung 
war richtig gewesen. Andere Wiederholungen gaben 300 400 km und 
299 880 km. Darauf ruht also unsere Überzeugung, daß die Geschwindig- 
keit des Lichtes auf Erden 300 000 km in der Sekunde betrage; sie ist 
wohlbegründet. 

Nun ging Fizeau mit erstaunlichem Spürsinn weiter. Er sandte Licht 
durch Flüssigkeiten. Die Lichtgeschwindigkeit ändert sich nach einem be- 
stimmten Gesetz. Er sandte es durch eine strömende Flüssigkeit, deren Ge- 
schwindigkeit ihm bekannt war. Es war zu erwarten, daß sich nun die vorige 
Lichtgeschwindigkeit vermehrt oder vermindert durch die der Strömung er- 
gibt. Aber das trat nicht ein. Nicht um einen Bruchteil wurde sie vermehrt. 

Da war wieder der Punkt erreicht, an dem die „Gesetze der Welt" in der 
bisherigen Fassung nicht stimmten. 

Die amerikanischen Physiker Michelson (spr. Meikelsen) und Morley er- 
sannen einen Apparat, um den /^/?^fla-Versuch auf den Himmel zu übertra- 
gen. Sie arbeiteten wie im klassischen Versuch der Geschwindigkeitsmes- 
sung mit Spiegeln und ersetzten die Strömungsgeschwindigkeit durch die 
Drehung der Erde. Es war zu erwarten, daß das eine Mal der mit der Erddrehung 
laufende Strahl zu anderer Zeit zurückkomme, als der gegen sie ausgesandte. 
Die Rechnung stimmt wieder nicht. Eine Differenz war nicht vorhanden. 

Diese zwei Experimente sind der feste Boden, auf dem die ganze neue 
Physik steht. Wir wissen schon: Beobachtungstatsachen drehen auch die 
halsstarrigsten Köpfe herum; die Sprache der Sinne ist das für den Men- 
schen ewig Gültige, und sein Denken paßt sich ihnen an. 

Das waren die Erfahrungen der Optik. Zu ihnen gesellten sich andere 
aus der Elektrizitätslehre. 

20 



Aus Gründen, die man auf S. 24 nachlesen mag, kam die Physik zu der 
Notwendigkeit, sich die Elektrizität nicht als gleichmäßig strömende Ener- 
gie, sondern als eine Wirkung substanzieller Körperchen vorzustellen, denen 
man den Namen elektrische Atome gab. Die Tatsachen der Elektrizitäts- 
lehre stimmen nicht, wenn man nicht diese Annahme macht. In einem 
Atom sind elektrische Massen verschiedenen Vorzeichens miteinander etwa 
ähnlich vereinigt, wie Sonne und Planeten in einem Sonnensystem. Die 
Sonne ist das Positive, die Planeten sind negativ geladen. Nun stoßen sich 
erfahrungsgemäß die elektrischen Massen gleichen Vorzeichens ab, sie wür- 
den also auseinander getrieben werden, würde ihnen nicht eine Kraft noch 
unbekannter Natur *) entgegenwirken. 

Nimmt man nun an, daß das elektrische Atom diesen Bau auch in be- 
wegtem Zustand beibehält, dann würde sein Bewegungsgesetz nach der 
Newton'schen Mechanik anders sein müssen, als es für die Erfahrung sich 
abspielt. Mit anderen Worten: die Newton'sche Mechanik ist, so wie sie 
ist, für die Elektrizitätslehre nicht brauchbar. Man steht also vor dem- 
selben Rätsel wie die Astronomen und die Lichtforscher. 

Diesen Widersprüchen schloß sich neuestens das klassische Gebiet, das 
altehrwürdige, stattliche Gebäude der Mechanik der Gase an. Die statische 
Mechanik, die Grundlage zahlreicher Entdeckungen und der mechanischen 
Gesetze überhaupt ruht auf dem Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung. 

Nimmt man irgendeinen abgeschlossenen Raum voll Gasteilchen, also ein 
System von Gasteilchen an, so werden sich die einzelnen Teilchen zunächst 
regellos in den verschiedensten Richtungen und in den verschiedensten Ge- 
schwindigkeiten durcheinander bewegen. Die Energie, die in den einzelnen 
von ihnen steckt, die kinetische Energie, läßt sich immerhin beschreiben, 
nur wird sie infolge der verschiedenen Arten von Bewegung und der Zu- 
sammenstöße sich für die einzelnen Glieder des Systems ändern. Wenn 
man diese Änderungen lange Zeit hindurch beobachtet, erkennt man aber, 
daß diese Änderungen um gewisse immer wiederkehrende Mittelwerte 
schwingen, mit anderen Worten, daß der Gesamtzustand des Systems in 
bezug auf die Bewegung seiner Teile durchaus beständig bleibt. So ent- 
stand der berühmteste Satz der statischen Mechanik'*), auf dem sich ein 
erheblicher Teil der Physik aufbaute. 

Wenn man ihn aber auf die Wärmestrahlung anwendet, deckt er nicht 
die Wirklichkeit. Vor allem stimmt dann nicht die aus ihm fließende selbst- 
verständliche Annahme, daß die Energie stets, auch in periodischen Vor- 
gängen, in einem kontinuierlichen Strom und in jeden Mengenverhältnissen 



•) Nach den neuen Anschauungen ist es die Gravitation. 

•*) Er lautet: „Die Mittelwerte der verschiedenen quadratischen Glieder der kine- 
tischen Energie der Systempunkte sind im stationären Zustande untereinander 
gleich." (Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung auf die Freiheitsgrade von 
Systemen. Vgl. aber die Jeans'^cht Modifikation.) 

21 



ausgetauscht werden könne. Namentlich bei Versuchen über Wärmestrah- 
lung schwarzer Körper kam man zu Erfahrungen, die der ganzen Wärme- 
dynamik und Mechanik ins Gesicht schlugen und vor die Wahl stellten, 
entweder sie aufzugeben oder den Sinneserfahrungen der Zoesis nicht zu 
trauen.«) Da der Mensch das letztere nicht tut und auch nicht tun kann, 
da er dann vollständig haltlos in einer Natur stünde, der gegenüber er sich 
als „irrsinnig" bekennt, und da er auch die Mechanik nicht aufgeben 
wollte, so warf er den Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung über 
Bord und ersetzte ihn durch die Annahme (Quantenhypothese von M. 
Planck), die Energie der Strahlung (im Vakuum) könne nur quantenweise 
an die Materie weitergegeben, auch von der Materie an das Vakuum nur 
quantenweise abgegeben werden. Aus der Sprache exakter Wissenschaft in 
die Vergrößerung der Gemeinverständlichkeit übersetzt heißt das: die 
Energie der Welt kann kein Strom sein, auch sie hat eine automatische Struktur. 

Die Welt ist von der reinen Energetik, zu der man sich durchgerungen 
hatte, dadurch scheinbar wieder verstofflicht. Aber die Schwierigkeiten 
sind dadurch nicht aus dem Wege geschafft, denn der aufgegebene Satz 
von der gleichmäßigen Energieverteilung ist ganz folgerichtig aus der 
Newton'schen Mechanik (also aus der Zoesis des Menschen) abgeleitet, so 
wie dieser wieder aus der Euklid'schen Geometrie. Wieder einmal erfolgt 
daher der Zusammenstoß zwischen der Mathematik der verfeinerten Beobach- 
tung und der des alltäglichen Lebens, auf den diese ganze lange Darstellung 
der neuesten physikalischen Einsichten aller Enden immer wieder hinausläuft. 

Aus diesen Verhältnissen heraus entstand die neue Physik, welche seit 
etwa fünfzehn Jahren die Geister revoltiert und zuerst das Wissen, jetzt 
endlich auch das Denken in neue Bahnen treibt. 

Da habe ich wohl das Gleichnis von der „Stadt", von dem ich ausging, 
zur Genüge begründet. Ist es denn nicht wirklich so, daß Physik, Natur- 
kenntnis im weitesten Sinne einer alten Stadt gleicht, in der neue Menschen 
hausen? Ist Euklids Geometrie nicht so ein Bauwerk einer Längstver- 
gangenheit, Newtons Mechanik ein mittelalterlicher Dom, den die Frei- 
geister nicht mehr besuchen können, und der selbst von den Gläubigen 
durch Anbauten und Transformationen neuen Zwecken geeigneter gemacht 
werden soll? Sind nicht daneben neue Viertel in grundverschiedenem Bau- 
stil entstanden, und liegen nicht vor allem überall Bausteine, Werkstücke zu 
Häuf ohne Sinn, zu denen Pläne fehlen? Und wo ist der neue Stadtbau- 
meister, der das alles wieder zum Organismus umschafft? 

Die Physik von heute ist eine historisch gewordene Masse von inneren 
Widersprüchen. Besonders auf zwei Kategorien von solchen muß man die 
Aufmerksamkeit lenken, will man ihr ganzes Wissen wieder in einheitlichem 
Sinn verstehen. 

Der eine ist, daß hart nebeneinander Formeln stehen, welche die Existenz 
von Substanz verneinen und sie in einen „Doketismus" auflösen, daneben 

22 



aber ebenso neue und sichere Annahmen, welche die Welt in eine Summe 
substanzieller Quanten verwandeln. 

Elektrizitätsforschung widerspricht darin wieder der Wärmeforschung. 
Um das verständlich zu machen, muß man mir gestatten, den Satz von 
seinen Ursprüngen ableiten zu dürfen. 

Elektrische Vorgänge, also auch elektrische Strahlungen, lassen sich 
durch Elektrizität in der bekannten Weise beeinflussen, die jedermann 
kennt, der es schon einmal sah, wie Papierschnitzelchen von einer gerie- 
benen Siegellack- oder Glasstange abwechselnd angezogen und abgestoßen 
werden. Wenn man elektrische Ströme zwischen den beiden Polen einer 



Abb. 5. Der Versuch stellt die magnetische (oben) und elektrostatische Ablenkung 
von Kathodenstrahlen dar. 

Die von der Kathode (K) ausgehenden strahlen (es ist nur ein Hauptstrahi angegeben) treffen auf den Karton P, 
der mit Kaiziumwolframent bestrichen ist und beim Auftreffen der Strahlen im Punkt c hellblau fluoresziert. 
Der Huteisenmagnet (N-S> verschiebt aber den blauen Lichtfleck sofort nach Ci, d. h. er lenkt ihn ab. — Das- 
selbe ist unten unter dem Einfluß von zwei mit einer elektrischen Batterie verbundenen Kondensatorplattcn dar- 
gestellt. Der Fleck c wird dadurch nach Ci verschoben. 

Elektrisiermaschine hindurchleitet, lassen sie sich in ihrem Wege ab- 
lenken. Ebenso ablenkbar sind sie durch einen Magneten. (Vgl. Abb. 5.) 
Nur zeigt sich hierbei ein Unterschied. Ein magnetisches Feld lenkt den 
elektrischen Strom genau im Verhältnis der Stromstärke ab, die nur ein 
anderer Ausdruck für Geschwindigkeit der Elektrizitätsatome (Elektronen) 
ist, ein elektrisches Feld aber in einer Weise, die nicht nur von der Ge- 
schwindigkeit, sondern auch von dem Beharrungswiderstand (also der 
Masse) der Elektronen abhängt. 

Bezeichnet man nun die elektrische Ladung, die irgendein Elementarteil- 
chen der Masse aufnehmen kann, mit e, und nennen wir die Masse dieses 
Teilchens m, so wird uns der Quotient e/m eine Verhältniszahl mitteilen, 
die sich durch den Unterschied der elektrischen und magnetischen Ablen- 
kung feststellen läßt. Denn wo Unterschiede sind, da läßt sich messen. 

23 



Es ergab sich nun, daß beim Wasserstoff, der bekanntlich die leichtesten 
aller Atome hat, dieser Quotient rund 10 000 beträgt. Bei allen anderen 
Elementen muß daher die Verhältniszahl kleiner sein, aus Gründen, die der 
aufmerksame Leser sich selbst zurechtlegen kann. 

Nun unternahm man diese Versuche mit Kathodenstrahlen (Abb. 5), bei 
denen die elektrische Ladung nicht von Atomen irgendeines chemischen 
Elementes getragen wird, sondern von dem Elektron selber. Denn der 
Quotient betrug bei diesem Versuch zur größten Überraschung des Experi- 
mentators rund 18 Millionen. Das war nur so erklärlich, daß auch das 
Elektron Masse habe, allerdings 1800 mal weniger als das kleinste Atom 
der chemischen Elemente, aber immerhin Substanz. 

So wurde nachgewiesen, daß auch die Elektrizität atomistische Struktur 
besitze, der uralte Atomismus des Demokrit also noch immer eine not- 
wendige Vorstellung sei. 

Aber es blieb nicht bei diesen Versuchen! Der deutsche Physiker W. Kaul- 
mann fand als erster, daß sich aus der Formel 

m« V 
die Geschwindigkeit der im elektrischen Strom und in den Strahlungen da- 
hinrasenden Elektronen berechnen lasse, wobei d die Ablenkung des elek- 
trischen Stromes durch einen feststehenden Magneten, H die magnetische 
Feldstärke und v die Geschwindigkeit der Bewegung bedeutet.*) Bei Aus- 
führung dieser Rechnungen ergab sich nun, daß der Quotient e/m von der 
Geschwindigkeit nicht unbeeinflußt bleibt! Denn wenn die Geschwindigkeit 
der Elektronen (sie ist in den einzelnen Strahlungen verschieden) 236 000 
km/sec beträgt, dann war e/m 13,100 000; bei 283 000 km/sec Geschwin- 
digkeit sank der Quodient auf 6,300 000. Je kleiner nun dieser Quotient, 
desto größer ist die Masse des Elektrons; ist er 0, so wäre die Masse so- 
gar unendlich groß. Nun verschwand der Quotient bei der Lichtgeschwin- 
digkeit wirklich, die Masse des Elektrons war also in diesem Fall mit dem 
Weltraum identisch. 

Da war wieder dieselbe Schranke erreicht, vor die das Denken neuerer 
Zeit stets an den Grenzen der Erkenntnis gelangt. Man hat nun die Wahl, 
entweder zu glauben, daß sich die Materie verändern könne, auch wenn 
nichts dazu- oder hinwegkommt, oder — weil das unsinnig wäre — anzu- 
nehmen, daß es eigentlich keine Materie gebe, sondern durch den kleineren 
oder größeren Beharrungswiderstand nur unsere Sinne eine solche vor- 
täuschen. Masse wurde hier durch die Physik als Sinnesphänomen er- 
rechnet, die Existenz des Raumes, der Welt überhaupt als irreal hingestellt, 
ganz im Sinne Schopenhauers nur als Vorstellung des erkennenden Subjekts.') 

Durch die gleiche Versuchsanordnung erweist sich übrigens auch, daß 



*) Auf anderem Weg ergaben sich noch drei Gleichungen zur gleichen Bestimmung. 

24 



die Struktur der Weltvorstellung keine größere Geschwindigkeit verträgt als 
die des Lichtes, nämlich 300 000 km/sec. Denn wenn schon durch sie für 
uns das „Weltbild" des unendlichen Raumes entsteht, so ist keine „unend- 
lichere" Unendlichkeit mehr denkbar.«) 

Ist aber so auf die eine Weise das Weltphänomen doketisch geworden 
und die Masse eliminiert, so ist auch wieder der Planckismus nicht weniger 
daseinsberechtigt, der ihr einen Bau aus substanziellen Quanten zuschreibt, 
um die Relationen der Sinneserscheinungen in ein gesetzmäßiges Oefüge 
bringen zu können. Substanzlosigkeit steht gegen Substanzialität. 

Dadurch, daß man die Quanten als eine schon durch die Atomeigen- 
schaften bedingte Notwendigkeit ansieht, sie also auf den ganzen Bau 
unseres „Empfindungskomplexes" (= Welt im Mach^sc\\Q.vy Sinne) über- 
trägt, haben sich zahllose Widersprüche im Studium der Atomwärme, der 
Oastheorie, der Ionisierung der chemischen Reaktionen, der Röntgenspektra, 
des Starkeffektes (vgl. S. 13) gelöst und diese Vorstellung zu einem nicht 
mehr aufzugebenden Fundament gemacht. Neu befestigt hat sich dadurch 
der Begriff des Atoms. Das Bild des Rutherford-Bohr'schen Atommodells, 
das man in Bd. I auf S. 104 nachsehen möge, hat das Atom in eine Art 
Sonnensystem und Abbild der Weltmechanik verwandelt und wesentlich 
dazu beigetragen, uns die Einheitlichkeit der ganzen Weltvorstellung auf 
das Nachdrücklichste vor Augen zu führen. 

Das steht aber alles in vollkommenem Widerspruch zur „Scheinbarkeit" 
und Aufhebung der Masse, und über diesen Widerspruch kann man nur 
dadurch hinwegkommen, daß man nach einer neuen Formel sucht, welche 
sich mit beiden Erkenntnissen verträgt. Die neue Physik muß einen neuen 
Wahrheits- und Erkenntnisbegriff bekommen, sonst ist Wissen nicht mehr 
möglich. 

Ein anderer großer Widerspruch bewegt gerade seit dem Beginn des 
XX. Jahrhunderts die wissenschaftliche Welt immer heftiger dadurch, daß 
sie ihn fühlt und doch durch das vorgeschlagene Auskunftsmittel nicht be- 
friedigt ist. Das ist die sogenannte Relativitätstheorie, die neue Mechanik, 
die man im Gebiet der Elektrizitätslehre und Optik bereits an Stelle der 
dort untauglichen Newton'schen Mechanik gesetzt hat. 

Nur glaubt man eigentlich den Newtonismus auch dort einfach durch 
einen Anbau behalten zu können, indem man ihm die sogenannte Lorentz- 
Transformation hinzufügt. 

Auch hier muß ein Werk, das sich nicht an Physiker, sondern an die 
Gesamtheit der an einer befriedigenden Weltanschauung interessierten 
Menschen wendet, weiter ausholen, um ein Verständnis zu erzielen. 

Ich erinnere daher zuerst daran, daß Fizcaus und Michelsons Versuche 
(vgl. S. 20) Resultate hatten, die gegen die Newton'schen Forderungen 
verstießen. Der Leidener Physiker H. A. Lorentz, einer der Nobelpreis- 
träger der modernen Forschung, versuchte nun, die „Sinnenwahrheit" und 

25 



die „Denkwahrheit" — denn in Wirklichkeit waren doch diese beiden mit- 
einander in Kollision geraten — miteinander zu versöhnen, indem er an- 
nahm, die Elektronen erlitten bei der Bewegung eine Kontraktion. Das 
bedeutet, daß er den Zeitfaktor, d. h. die Zeit, welche das Licht zu seiner 
Ausbreitung gebraucht, in besonderer Weise mit in Rechnung stellt. (Vgl. 
Anmerkung 9.) Es wird hierbei ein überraschend einfacher Kunstgriff an- 
gewendet. Man nimmt davon Notiz, daß Zoesis und Denkresultat nicht 
miteinander übereinstimmen. Die jeweilige Differenz wird nach dem Schema 
des ersten Falles, nämlich durch eine dabei gefundene Transformations- 
formel jeweils berechnet *) und mit eingesetzt, worauf dann allerdings 
Theorie und Wirklichkeit wieder miteinander übereinstimmen müssen. 

Die Physik hat dadurch gewissermaßen das Kunststück vollbracht, trotz 
der offenbaren Widersprüche mit der alten Mechanik hausen zu können. In 
ganz erheblichen Teilen ihrer „Stadt" ist Altes und Neues bunt durcheinan- 
der gewürfelt. Auf dem Gebiet der statischen Mechanik, in der Hydro- 
statik oder in der physikalischen Chemie, im ganzen weiten Bereich der 
Akustik, in ihren praktischen Anwendungen, zum Beispiel im Maschinenbau 
oder in der Theorie der I-Träger, wird die Newton'sche Mechanik nach wie 
vor unbedenklich angewendet, dagegen wird überall in der Himmelsmecha- 
nik, in der Gravitationslehre, beim Bewegungsgesetz der Elektronen, in der 
kinetischen Theorie, in der ganzen Physik der Strahlungen die Gültigkeit der 
Newton'schen Mechanik geleugnet und sie 
durch die Lorentz'sche Transformationsfor- 
mel in eine „neue Mechanik" umgewandelt. 
Die Mathematik des Alltags fußt auf der 
Euklidischen Geometrie, die des Himmels 
oder der Gravitationsfelder auf der Rie- 
mann'schen nichteuklidischen Geometrie. 
Das „Weltbild des Bürgers" wird durch 
Kartesianische Koordinaten bestimmt, das 
des Gelehrten aber durch Gauß'sche, die 
keine Geraden kennen (Abb. 6), 

Das ist der Widerspruch, der aufhören 
muß. Das haben mit am scharfsinnigsten 
in den Fußtapfen von Lorentz A.Einstein 
und Minkowski erkannt Darum fordert der 
erstere die Anwendung des Relativitäts- 
prinzips auf alle Vorstellungen, der letztere 
eine vierdimensionale Betrachtungsweise 
der Welt, was in der Lorentz'schen For- 

mel praktis ch schon eingeführt wird. Abb. 6. Oaußkoordina.en. weiche die Punkte 

*) Wobei alles Differierende dem Zeitwert 7" ^P»'f-^.'^" w^'' ^-i"- - Q;gensat, 

,..„„ I u • j ^v,ii.»T..ii jju^ Kartesianischen Koordinatensystem der 

zugeschoben wird. Newton'schen Mechanik (unten) 



/ 


^ 

X 


7- 
< 


u 






.^^ 


V 


\ 

V 




V 












































J 


, 








\ 





26 




Es ist im Grunde genommen nach 
den bisherigen Arbeiten nur mehr 
Aufgabe des praktischen Verstandes 
und eine an sich einfache Sache, 
nachdem einmal Lorentz den Weg 
zeigte, seine Formel nun in alle Ver- 
hältnisse einzusetzen. Man wird da- 
durch zwei Wirkungen auslösen. Im- 
mer wieder werden sich so auf der 
einen Seite Widersprüche beseitigen 
lassen, die vom Newtonismus her 
übrig blieben ; auf der anderen Seite 
werden sehr klare und bisher für ge- 
sichert gehaltene Verhältnisse in eine 
neue Beleuchtung gebracht, in der 
sie scheinbar auf dem Kopf stehen. 

Zu der ersten Gruppe gehören 
alle Aussprüche der Relativitäts- 
physiker, die sich auf Fragen des 
„Himmels" beziehen, darunter auch 
berühmte Prophezeiung Einsteins, 
deren Eintreffen erst die Aufmerk- 
samkeit der gelehrten und unge- 
lehrten Welt so richtig auf die Re- 
lativitätstheorie lenkte und jenen 
großen Sturm von Bewunderung, aber auch Ratlosigkeit hervorrief, der in 
den Jahren 1919 und 1920 durch die Welt der „Weltanschauungen" ging 
und hoffentlich viel alten Staub weggeblasen hat. 

Einstein wandte die Relativitätsvorstellung und damit die analytisch-geo- 
metrische BehandlungswTise mehrdimensionaler Kontinua, die Gauß erfun- 
den hat (vgl. Abb. 6), auf das Licht an und kam dadurch von selbst zu 
dem Resultat, daß sich Lichstrahlen in Gravitationsfeldern im allgemeinen 
krummlinig fortpflanzen. Die Gauß^sche Welt kennt ja keine geraden 
Linien. Da nun um jeden Körper eine Schwerefeld vorhanden ist, wagte 
er, zu prophezeien, daß Lichtstrahlen in der Nähe der Sterne durch sie 
krummlinig abgelenkt sein müßten. Zum Beispiel müßten bei totalen 
Sonnenfinsternissen die in der Nähe der Sonne erscheinenden und dann 
sichtbaren Fixsterne um einen gewissen errechenbaren Betrag von ihrem 
ihnen sonst zukommenden Platz weggerückt erscheinen. 

Nun haben am 29. (30.) Mai 1919 zwei englische Expeditionen in Ägyp- 
ten und Südamerika gelegentlich der dortigen totalen Sonnenfinsternis tat- 
sächlich auf photographischem Wege diese von der Theorie geforderte 
Lichtablenkung bewiesen. 



Abb. 7. Schematische Darstellung der von einem Stern 
ausgehenden Lichtstrahlen, die durch die Gravitations- 
wirkungen der Sonne, durch deren Schwerkraftfeld die 
Strahlen dringen, abgelenkt werden 



27 



Da die Tatsachen der Sinneswahrnehmung für den Menschen stets der 
feste Block sind, auf den er alle Gedanken baut, trat seitdem der Glaube 
an die Richtigkeit der Relativitätstheorie seinen Siegeszug an, wenn auch 
dadurch etwas angenommen wurde, was einem Physiker alten Schlages 
wohl die Haare auf dem Kopfe hätten sträuben lassen, nämlich, daß das 
licht Gravitationswirkungen unterworfen sei. 

Für die Gravitation selbst ergab sich durch die Anwendung des Rela- 
tivitätsgedankens sehr bald, daß die Euklid'sche Geometrie auf einer rotie- 
renden Scheibe, überhaupt in einem Gravitationsfelde nicht genau gelten 
könne. Das wußten schon die Physiker vergangener Jahrhunderte insofern, 
als sie stets die verwunderliche Tatsache stillschweigend annahmen, daß im 
Mittelpunkt der Erde das Schwergesetz keine Gültigkeit habe. Auf diesem 
Weg kam die neue Physik zu einer Erklärung der Schwerewirkung, tax einer 
neuen Gravitationstheorie, welche die Newtons dadurch übertraf, daß sie 
die bereits erwähnten Störungen in Umlauf des Merkur auf 43 Bogensekun- 
den für ein Jahrhundert vorauszuberechnen gestattete, was durch die Beob- 
achtung genau festgestellt wurde. 

Das sind die bisherigen Erfolge und Beweise zugunsten der Relativitäts- 
theorie von Lorentz und Einstein, zu denen sich noch eine große Zahl von 
Behauptungen gesellt, die — wie vorhin ausgeführt — längst gesichert schei- 
nende Sätze aufs neue fragwürdig machen. 

Dazu gehört als erstes die Einsicht, daß der Satz von der Erhaltung der 
Masse mit dem von der Erhaltung der Kraft bei der Anwendung der 
Lorentz-TrdLnsiormdXion in einen Satz zusammenfällt, was sich freilich 
gegenwärtig noch der experimentellen Prüftjng entzieht. 

Als zweites sieht sich die Relativitätstheorie zu der Konsequenz gezv^oingen, 
die Gravitation von der jedem unbefangenen Denker auch vor ihr ungeheuer- 
lich erscheinenden Annahme zu befreien, daß sie auf eine beliebige Entfer- 
nung hin blitzartig wirkende Fernkraft sei. In dieser Annahme Newtons 
steckte ohnedies eine so unverfälschte, mittelalterliche Idee, daß man sich wun- 
dern mußte, wie denn das physikalische Denken ein derartiges, fast an Zauber- 
kräfte und die animistische Vorstellungswelt erinnerndes Überbleibsel von 
Längstvergangenheit in ihrem Bau dulden konnte. An Stelle der Momentan- 
wirkung in die Ferne bzw. der Fernwirkung mit unendlicher Ausbreitungs- 
geschwindigkeit muß jetzt aus Gründen, die schon auf S. 25 erörtert sind, 
eine Gravitation treten, die nur 300 000 km in der Sekunde zurücklegt. 

Schon dadurch allein verwandelt sich aber für den Denker das Bild der 
^t\t Es verliert sein Absolutes, jene festen Sicherheiten, die sich der Er- 
fahrung so entgegenstemmten, daß man bisher stets, wenn sich einmal 
Mathematik (das heißt Mechanik und aus ihr abgeleitetes Weltgesetz) und 
Erfahrung nicht deckten, unbeirrt sagte: Um so schlimmer für die Erfah- 
nmg und die Sinne. Jetzt ist der Satz in sein Gegenteil verkehrt. Nicht 
Raum und Zeit sind absolut, sondern die Gültigkeit der Sinne, und wenn 

28 



Erfahrung und Weltgesetz zusammenstoßen, dann heißt es: Um so schlim- 
mer für dieses untaugliche Weltgesetz. 

Wie schon Lorentz bei seinem Bewegungsgesetz der Elektronen die Hy- 
pothese eingeführt, also für die Vorstellung gefordert hat, sich damit abzu- 
finden, daß der „Körper" des Elektrons durch die Bewegung eine Kontrak- 
tion in der Bewegungsrichtung (proportional seiner Transformationsformel) 
erleide, so fordert die Relativität in seinen Fußtapfen überhaupt, die Welt 
als „nichtstarren Bezugskörper" oder Bezugsmolluske anzusehen. 

Übersetzt aus dieser Geheimsprache dieser neuen Wissenschaft in die Be- 
griffe eines gemeingültigen Denkens, heißt das nichts anderes als: Wenn an 
den Rechnungen etwas nicht stimmt, so sind es nicht die Formeln, sondern un- 
ser Bild von der Welt. Die Mathematik können wir nicht aufgeben, denn 
sonst hört alles Rechnen auf; also geben wir das trügerische Abstraktionsbild 
auf, das wir uns von der Welt, als in die starren Koordinaten von Raum 
und Zeit eingepaßtes Unveränderliches gemacht haben. „Welt" ist für den 
Relativitätsphysiker ein Ding, das so ist, wie er es braucht. Es ist nur ganz 
folgerichtig, wenn er dazu Molluske sagt und damit etwas meint, das sich 
beliebig allen Erfahrungen gemäß gestaltet, die nun noch folgen werden. 

Das ist nun nicht etwa die Ansicht und die den Ossa auf den Pelion 
türmende Hypothese weniger überkühner Geister, sondern das sind die 
Notwendigkeiten, zu denen sich die ganze Physik gedrängt sieht, von Tag 
zu Tag, auf neuen Gebieten und, wie ich hoffe, es überzeugend genug dar- 
gestellt zu haben, mit einer unerbittlichen Notwendigkeit. 

Wäre damit also eine Art Selbstaufhebung des menschlichen Geistes er- 
folgt? Zeit ist nicht Zeit, und Raum ist nicht Raum, und Eins ist weder 
immer noch überall Eins! Man muß zugeben, daß die relativistische Physik 
diese Widersprüche einfach hinnehmen muß, so wie die Quantentheorie den 
ihren von der Nichtsubstanz, die substantiell ist. Mit Achselzucken muß sie 
sagen: wir können nicht anders. Und darin bleibt das große Unbefriedigende. 

Hier setzt nun der vorhin eingeführte Begriff der Zoesis ein, der aus 
jener Denkrichtung stammt, welche als objektive Philosophie*) den An- 
spruch erhebt, trotz dieser Widersprüche die Gesetze der Welt als eine 
widerspruchslose Einheit erfassen zu können. 

Ich habe den Leser von vornherein in die ganze große Verwirrung des 
modernen Naturwissens hineingeführt, um ihn recht nachdrücklich empfin- 
den zu lassen, wie sehr der Naturforschung der Gegenwart der leitende Ge- 
danke fehlt, wie notwendig für sie das angeblich Unmögliche, die Schöp- 
fung eines neuen „Kosmos" ist. 

•) Von dieser objektiven Philosophie liegen bisher vor: 1. Grundriß einer verglei- 
chenden Biologie. Leipzig, Th. Thomas, 1922. 2. Die technischen Leistungen der 
Pflanzen. 1919. Leipzig, Ver. d. wiss. Verleger. 3. München. Die Lebensgesetze 
einer Stadt. 1920. München, Hugo Bruckmann. 4. 5. Das vorliegende Werk ist 
der vierte und fünfte Band. 6. Grundriß einer objektiven Philosophie. Dresden. 
(A. Huhle) 1923. 

29 



Nun kann ich ihm sagen, wie sich in meinem Kopf das alles einheitlich 
zusammenschließt. Der neue Weltbegriff ist nur angesichts der erreichten 
(oder wieder erreichten) Klärung kein Kosmos mehr, sondern ein Bios. 

Man möge sich durch die Formeln und rechnerischen Erfolge der Rela- 
tivisten nur nicht verblüffen lassen. Wir wissen es schon: eigentlich ist 
und bleibt das Rechnen nicht der Wegweiser und Herr, sondern nur das 
Fahrzeug und der Diener, eben der Rechenknecht des Denkers. 

Der Leser verfügt jetzt über ein großes, gerade das modernste Tatsachen- 
material und braucht nur ein Urteil darüber zu fällen. Also man überlege: 

Was kehrte in allen diesen überraschenden Widersprüchen und aufreizen- 
den Neuerungen immer wieder? Stets war es ein Gegensatz zwischen all- 
täglicher und verfeinerter, zwischen Nah- und Fernbeobachtung. Ich habe 
schon darauf aufmerksam gemacht (S. 16), als ich den Begriff Zoesis dar- 
aus ableitete. 

Die A^^w/^o«-Mechanik — die man auch als die klassische Mechanik be- 
zeichnen kann — stimmt für die Wirkungsweise eines Hebels; mit ihr kann 
man die Winkel und Kräfteverhältnisse eines Maschinenplanes oder eines 
Gebäudes völlig befriedigend feststellen. Sie stimmt aber nicht mit völliger 
Genauigkeit für so große Gebäude, wie das Sonnensystem eines ist. Die 
klassische Mechanik gestattet genaueste Vorausberechnung der ballistischen 
Kurve, die eine Granate beschreibt; sie genügt aber nicht, wenn die Kano- 
nenkugel Lichtgeschwindigkeit annimmt oder mit der Schnelligkeit des 
elektrischen Stromes dahinrast. 

Das ist es, was die Physik so sehr in Verwirrung brachte. Die Newton- 
theorie ist nicht absolut wahr, sondern nur relativ richtig, aber für die Be- 
dürfnisse des täglichen bürgerlichen Lebens, also für die Zoesis hat sie 
durchaus genügende Richtigkeit. Wendet man sie auf die erhabenen, der 
menschlichen Vorstellungskraft entrückten Himmelsräume, die unvorstell- 
baren Kräfte der Gravitation, die nicht mehr anschaulichen Geschwindigkei- 
ten des Lichtes oder des elektrischen Stromes an, dann widerspricht das, 
was uns die Sinne sagen, dem, was die Rechnung fordert. Die Sinne, das 
heißt die Erkenntnisfähigkeit, transformieren das „Weltall" und „Übersinn- 
liche" eben auch ins Zoetische — darum muß, um die Übereinstimmung mit 
der Rechnung wieder herbeizuführen, auch die Theorie ans Zoetische ange- 
paßt, und ebenso transformiert werden. Das geschieht durch die Relativi- 
tätsannahme und ihre Lorentz-Transformation, ihre Annahme eines vier- 
dimensionalen Weltseins mit dem „elastischen" Faktor Zeit, durch ihre Vor- 
stellung einer nach Bedarf schrumpfenden oder sich vergrößernden Mol- 
luske von „Welt". Alles das soll ermöglichen, das Extrazoetische wieder 
zoetisch, also faßbar, meßbar, berechenbar in die Hand zu bekommen. 

So erklärt es sich — um ein ganz klassisches Zeugnis für die Richtigkeit 
des hier Entwickelten anzuführen — , wieso A. Einstein in einem seiner 
neuesten Werke sagen kann: „Spezialisiert man die Gleichungen der all- 

30 



gemeinen Relativitätstheorie auf den Fall, daß die Gravitationsfelder als 
schwach anzusehen sind, und daß alle Massen sich mit Geschwindigkeiten 
gegen das Koordinatensystem bewegen, welche gegen die Lichtgeschwindig- 
keit klein sind, so erhält man zunächst die Newton'sche Theorie als erste 
Näherung . . . Vergrößert man die Genauigkeit der Rechnung, so treten Ab- 
weichungen von der Newton^schen Theorie auf, die sich allerdings wegen 
ihrer Kleinheit fast alle noch der Beobachtung entziehen müssen." 

Mit anderen Worten heißt das: aufs Zoetische bezogen, ist auch unser 
Relativitätsgesetz nur Newtonismus oder Euklid'sche Geometrie. Vom Him- 
mel, vom Licht, vom unendlich Großen oder Kleinen, von den ewigen 
Zeiten und den unausdenkbaren Räumen hat unsere Erfahrung zwar auch 
nur eine zoetische Vorstellung. Wir übertragen unsere Erdenzeit auch dort- 
hin, wo sie nicht gilt, stellen uns irdischen Raum vor, wo keiner ist; so 
sind wir — und nicht die Welt — die „Molluske", die alles vermenschlicht, 
das Unendliche endlich macht, das zu Schnelle verlangsamt, das zu Kleine 
vergrößert, aus der „Welt" einen „Lebensraum" gestaltet. Unser Intellekt 
genügt nur für einen Lebensraum, also erscheint uns das „Sein'* als solcher. 
Oder noch kürzer: nichts wissen wir wirklich, als daß wir leben, und unsere 
Kenntnisse und Relationen dieses Lebens mit der „Welt". Unser Denken ist 
„lebendig", es ist biozentrisch. 

Aus dieser biozentrischen Erkenntnistheorie heraus hat man nun auch 
Verständnis für die „semikonvergenten Reihen" Poincares (vgl. S. 18). Es 
ist bei dieser Beschaffenheit unseres Wissenkönnens selbstverständlich, daß 
jede von zoetischen Voraussetzungen ausgehende Rechnung nur für die 
Zoesis genügen kann. Sie wird völlig stimmen für vorstellbare Verhältnisse 
und in dem Maße ungenauer werden, in dem sich die Verhältnisse von 
unserer Vorstellungsfähigkeit entfernen. 

Die Biozentrik, wie man die Erkenntnistheorie der objektiven Philosophie 
kurz benennen kann, gräbt viel tiefer, als es der bloße Relativismus kann, 
der nur eine Beschreibung ist, aber keine Erklärung; sie geht tiefer auch, 
als es der Quantentheorie möglich ist, die nur zusammenfaßt, aber nichts 
verständlich macht. Sie vereinigt eben das viele, sich Widersprechende zur 
höheren Einheit und gestattet Voraussichten weit umfassenderer Art, als es 
der Physik aus sich heraus möglich wäre. Es ist ein neues Gesetz des 
Psychologischen, das die Widersprüche in der Physik aufklärt. 

Vor allem macht es Vergangenes und Gegenwärtiges endlich verständ- 
lich: nämlich die krause Entwicklung und den chaotischen Zustand des 
physikalischen Wissens und der Weltanschauungen. 

Weil dieser stete innere Widerspruch zwischen der für die Extrazoesis 
nicht passenden klassischen Mechanik da war, gab es seit Erforschung der 
Himmels- und Atomverhältnisse stets nur provisorische, unbefriedigende 
Weltbilder ohne innere Einheit. Wenn man sich nicht auf ein bloßes „Ge- 
mälde" beschränkte, wie Humboldt, trat der Bruch und Zwiespalt stets 

31 



zutage. Die Unendlichkeitsvorstellungen in der Richtung Groß und Klein 
versetzten den Geist in die unglückliche Situation, von einem geglaubten 
Ganzen nur einen geringfügigen Ausschnitt zu erblicken und daraus das 
Ganze darstellen und beurteilen zu sollen. Daran scheiterten sowohl Kant- 
Laplace wie Häckel, Ostwald, Vogt und ihre Gefährten. Die Newton- 
mechanik, von der allein sie ausgehen konnten, gilt nicht für das Ganze, vor 
allem nicht für das Bewußtsein, das die Fähigkeit zur Transformation be- 
sitzt, das „molluskoid" ist, während die Mathematik starr bleibt. Darum 
kam es immer zum Bruch zwischen der geschauten Zoesis, die willkürlich 
und ungerechtfertigt ins Universelle vergrößert wurde, und dem schauenden 
Ich. Die alten Naturbetrachter, die lonier, Pythagoras, die Eleaten kannten 
nur eine Zoesis, desgleichen die christlichen Kosmogoniker, solange die 
Erde Mittelpunkt des Weltalls war, daher die neidenswerte Einheit ihres 
Weltbildes. Es war eben naiv das Euklidische Weltbild als ein Biozentri- 
sches empfunden, und sie dachten und empfanden die Welt biologisch, ohne 
sich davon erkenntniskritisch Rechenschaft zu geben. 

Das wurde allmählich mit der Erweiterung der Sinne durchbrochen. Ein 
Gebiet nach dem andern wurde mit Kenntnissen durchsetzt, die nicht aus 
der Vorstellungssphäre des Lebens stammten, ohne daß man die Grenz- 
überschreitungen der Erkenntnis gewahr wurde, und man begann eine auf 
andere Verhältnisse gültige Rechengrundlage auch auf sie anzuwenden. So 
wurde Astronomie behandelt mit der Mechanik der irdischen Physik; die 
Gravitationswirkungen wurden vom Himmel auf die Erscheinungen über- 
tragen, die ein fallender Stein zeigte. Man glaubte, das unvorstellbare 
Kräftespiel der Atome auffassen und rechnerisch meistern zu können, wie 
die Welle eines Baches Kiesel umherwirbelt. Man übertrug Physik auf die 
Erde als Stern (Geophysik) und auf das Weltall (Astronomie), verwandelte 
die Chemie in eine Physik der Materie, was ihrer Aufhebung gleichkam, 
projizierte Erdbeschreibung und Wirkung physikalisch-chemischer Kräfte als 
Summationsphänomene ohne weiteres in die Vergangenheit (Geologie), über- 
trug die Newton-Mechanik unbedenklich in den Zusammenhang der Innen- 
welt der Gedanken und des lebenden Geschehens (Psychophysik und me- 
chanistische Biologie); dann wieder projizierte man Erlebnis ebenso skrupel- 
los ins Weltall als Entwicklungslehre, kurz, man warf aus Unkenntnis die 
Methoden durcheinander und verunreinigte alle. 

Im Lichte der Biozentrik erkennt man nun, daß solches nicht erlaubt sein 
kann, daß das vollkommen unwissenschaftlich war und daher zu stetem 
Streit und Widerspruch führen mußte. 

Klar sieht man jetzt auch ein, daß die alte, durch „historische", also nicht 
innerlich notwendige Gründe entstandene Gliederung des Wissensbaues in 
Einzelwissenschaften, die ihre Grenzen fortwährend überschreiten, vollkom- 
men unhaltbar ist. Was soll zum Beispiel Klimatologie sein? Sie ist Physik 
der Atmosphäre, mit ein klein wenig Chemie der Luft. Oder Geologie, die 

32 




Abb. S. Knäucligc Verteilung von WiichcrblimKii aiit" ein 
der Sterzingcr'schen liypotlicse 



Beh 




Abb. 9. Der schwarze Brenner des Weinstockes als Beleg der Knäuelung 

Man beachte, daß die Blattfleckcii der Krankheit nicht gleichmäßig verteilt, sondern stets in 
Gruppen auftreten. (Originalaquarell nach der Natur vom Verfasser) 



Physik und Chemie der Gesteine (Petrographie), Mechanik, also Physik der 
Erdschichten (Stratigraphie) usw. ist! Wo sind die Grenzen der physikaU- 
schen Chemie? Ist das Chemie? Ist das Physik? Warum wird die Physik des 
Himmels einer besonderen Wissenschaft zugewiesen und nicht der Physik? 

Ein Blick auf dieses Chaos, und man ist überzeugt. Welche Fülle von 
Fehlerquellen sprudelt in diesem Durcheinanderwerfen und Zusammen- 
kleistern so vieler, sonst getrennter Dinge! 

yNer Natur einheitlich verstehen und verständlich machen will, kann diese 
alte Gliederung in Physik, Chemie, Meteorologie, Geologie, Geographie, 
Astronomie, Geophysik, Biologie, Physiologie nicht brauchen. Das Welt- 
phänomen ist Eines; in allem walten dieselben Gesetze. Und die Erkennt- 
nis dieser Gesetze braucht das Leben, nicht aber „Wissenschaften". 

Das ist vorläufig das erste Resultat, das wir als Frucht der Biozentrik 
für uns bergen wollen. Die nächsten Folgerungen haben aber noch eine 
ganz andere Tragweite. 

Mit der Anwendung der Güt«/?-Koordinaten statt der Kartesianischen, mit 
der Annahme einer vierdimensionalen Welt statt einer dreidimensionalen, 
wie es Einstein-Minkowski vorschlagen, mit dem bloßen Anhängsel der 
Lorentz-Transformation an Newton'sche Rechnungen, mit der Annahme 
der Quantentheorie an Stelle der alten Energetik, mit der bloßen Konsta- 
tierung des Doketismus an Stelle des alten Materienbegriffs, und wie die 
vorgeschlagenen Auskunftsmittel alle heißen, ist wohl den Rechnungen 
der Physikochemiker gedient, nicht aber der Erkenntnis, die ihre Einstel- 
lung zur Welt finden will. 

So wie der Ausweg der Zoesis gefunden wurde, als man überlegte, für 
welche Gebiete der Erscheinungen denn die klassische Mechanik genügt 
und für welche nicht, so führt es auch jetzt zum Ziel, einmal das Einigende 
in all den angewendeten „Zusätzen" zu suchen. Leicht wird man da bemer- 
ken, daß in allen neuen Begriffen ein Gedanke immer wiederkehrt. Und 
das ist eine gewisse Beziehung zum Biologischen. 

Die Quantentheorie verwandelt die Energien in zu Individuationen ge- 
gliederte Dinge (Elementargebiete); sie geht neuestens so weit, daß sie sich 
mit einer substanziellen Struktur des Lichtes befreundet. Sie hat den gesam- 
ten Raum in ein Gewebe von Elementargebieten verwandelt; in ihren Dis- 
kussionen tauchen Ausdrücke auf, die der Materie Wahlmöglichkeiten zu- 
schreiben. Auch die Relativität, und diese noch mehr, bedient sich solcher 
Vorstellungen. Ihr Begriff der „Weltmolluske" macht die Welt zur Spiege- 
lung der Erkenntnis, denn sie muß jeweils so sein, wie die Erkenntnis es 
brauchen kann. Oberste Maxime für sie ist der unbedingte Respekt vordem 
„Erleben", nämlich vor der Erfahrung; um sie führen die Vorstellungen 
ihren Schattentanz auf. Dadurch wird aber der Weltbegriff „biologisiert": 
Bios ist sein oberster Richter. Es müssen dann alle Urteile relativ ausfallen, 
wenn sie dem menschlichen Erkenntnisvermögen angeglichen, mit ihm ver- 

Franci, Bios ^ 

33 



glichen werden. Das uralte Wort des Protagoras kommt dadurch wieder zu 
Ehren, vom Menschen, der das Maß aller Dinge ist. 

Und die gleiche Weltanschauung wird dem Denken förmlich aufgezwun- 
gen durch das Ergebnis des K(iüfmann's,c\\tr\ Versuches. Was ist eine Mate- 
rie ohne Masse, die nur aus vom Licht abhängigem, eigentlich aber vorge- 
täuschtem Sinneseindruck besteht, anders als die Schopenhaaer'sche „Welt 
als Vorstellung", an die allein unter den modernen Philosophien die neue 
Physik anknüpfen kann? Schopenhauer aber ist der typische biologische 
Philosoph, da sich sein ganzes Weltbild, das der Vorstellungen sowohl wie 
das des Willens, eigentlich darauf reduziert, zu behaupten: Die Welt be- 
steht für den Menschen, und er erkennt sie nur durch seine Lebensfähigkeit. 
Auch bei ihm ist Leben der oberste Richter. 

So wird gerade er durch die moderne Physik gerechtfertigt wie kein 
anderer. Für sie ist, wie für ihn, das Weifproblem ein biologisches Problem. 
Und der seit mehr als zwei Jahrhunderten fortgehende, mit Hume-Kants 
Selbstbesinnung beginnende Prozeß erreicht jetzt sein Ende. 

Nach der Erkenntnis der Relativität der Erkenntnisfähigkeit durch Kant 
und Schopenhauer kam die Relativität der Wahrheit (ihre Auflösung in 
„Wahrempfinden") durch Mach und Avenarius und als notwendige Konse- 
quenz jetzt die Relativität der Wahrnehmung, also des wahrgenommenen 
Seins durch die Physik. 

Auf dieser Basis aber steht die objektive Philosophie mit ihrer biozentri- 
schen Erkenntnistheorie. Was sie vorhersagen konnte, das ist inzwischen 
ins Leben getreten: eine biologisch denkende Physik — denn nichts anderes 
ist die relativistische Denkungsart von Lorentz-Einstein und Planck. 

So wie diese muß auch eine biologische Mathematik entstehen. Und in 
den Gfl«/?koordinaten, in der nichteuklidischen Geometrie sehen wir auch 
schon die ersten Ansätze dazu. 

Mit Notwendigkeit zieht diese Art von Weltverständnis eine Biotechnik 
nach sich, die seit einigen Jahren im intensivsten Werden ist und schon 
heute praktisch auswertbare Resultate aufweist. 

Das alles ist nicht möglich ohne eine biologische Logik, da diese doch 
nur die Mechanik der Gedanken darstellt; diese wieder führt zu der bio- 
logischen Ethik, für welche Nietzsche mit intuitivem Scharfblick den 
Boden ebnete. Und so würde, wäre sie nicht schon da, mit diesen Forde- 
rungen aus der relativistischen Physik in ihren logischen Folgen jene ob- 
jektive Philosophie hervorgehen, deren Grundhieroglyphe gleich der des 
altägyptischen Götterglaubens Leben heißt. Sie hat keine andere Voraus- 
setzung, als den lebendigen Augenblick des Seins. Ihr „Sein" heißt 
Erleben. 

Es ist ihr vorläufig gleichgültig, ob dem Objekt Realität zukommt oder 
nicht, denn ihre Gesetze treffen zu, wenn die Welt real ist, aber auch wenn 

34 



sie nur ein „Bild" ist. Real ist in beiden Fällen die Relation von den Ob- 
jekten zu dem Subjekt. Und nur diese Beziehungen sind der Inhalt ihres 
Forschens. 

Wenn auch alles „Wahre" nur für mich wahr ist, so ist es von mir aus, 
also biologisch gewertet, doch unverbrüchlich wahr für den gegebenen 
Lebensmoment. In dem Meer des Relativen, das uns umgibt, findet sich 
doch ein Absolutes und Unveränderliches, nämlich die Konstanz der Re- 
lationen. Und ihrer bemächtigt sich die objektive Philosophie: die Rela- 
tionen sind ihr die objektiven Wahrheiten. 

So geht denn strahlend ein neues Licht der Erkenntnis auf und be- 
leuchtet ein neues Weltbild. In ganz einfache Formeln löst sich zuerst das 
anfangs so Dunkle und Verwirrte auf. 

Wir haben ein Sinnenbild in uns, eine vorgestellte Welt, zu der Stellung 
zu nehmen das Leben jeden Augenblick aufs neue zwingt. Dieses Weltbild 
ist ein komplexes System von außerordentlichem Umfang und ungeheurer 
Mannigfaltigkeit. Aujgabe des Denkens ist, sich in dieser Vorstellungs- 
welt so zurechtzujinden, daß sich unser Erleben und Handeln ihr ständig 
harmonisch eingliedere. 

Das ist der einheitliche Standpunkt, von dem das Denken au'^gehen muß, 
und von dem aus es sich Nacheinander (Zeit) und Nebeneinander (Raum) 
schafft, sowie Zusammenhänge stets wiederkehrender Art durch Vergleichen 
(Kausalität) und technische Formen der Verarbeitung (Urteil, Analysis, 
Mechanik). Was als Welträtsel und Metaphysik immer hinter der Welt 
und ihrer Mechanik stand, die Ursache der Weltmechanik, der Urheber 
der Welt, das ist der objektiven Philosopie kein Problem. Denn es ist 
ihr eine methodologische Selbstverständlichkeit, eine Denknotwendigkeit, 
die „Dinge" auf einen Urheber (Bezugskörper) zu beziehen. Der wahre 
Urheber der Vorstellungen von „Dingen", die sich zu einem Weltbild zu- 
sammenschließen, sind wir. Wir, das heißt unser Denken, bringen Ord- 
nung in das Chaos. Wir haben den Kosmos geschaffen und die den 
Denkern als Ideal voranleuchtende Gleichung: die Welt ist ein einziges 
Gesetz, ein Gedanke — das ist der objektiven Philosophie nicht Ziel und 
Resultat, sondern Ausgangspunkt, weil alles Leben das voraussetzt. 

Denken ist das in ein Weltbild umgesetzte Leben, so wie Leben (wenn 
auch nicht immer bewußt) das in die Tat umgesetzte Denken ist. So ent- 
steht die große Einheit wieder, und Streben nach Monismus ist Leben 
selbst. 

Und nun stehen wir, nach einem allerdings gewaltigen Umwege, wieder 
vor den Eleaten, von denen wir ausgingen, aber — wir verstehen sie jetzt 
ganz anders. Ihr Werk gilt es fortzusetzen; den Faden heißt es dort 
aufzunehmen, wo sie ihn verwirrten und liefen ließen. 

Die wunderbar abgeschlossene, organische Einheit ihres Weltbildes, wir 
können sie wieder haben! Endlich haben wir auch den Bauplan für die 

3" 

35 



„Stadt des Wissens", aber auch die Fähigkeit, endlich einmal Antwort zu 
geben auf die Fragen, als die uns ihre problematischen Sätze vom Eins, 
vom Sein, vom Gesetz und Prinzip erschienen, welche alle anderen Philo- 
sophien seit 2500 Jahren als Axiome auffaßten. 

Erst jetzt hat Welt, Gesetz und Sein einen neuen Sinn nötig! Erst jetzt 
empfindet man das Bedürfnis, tiefer zu dringen als lonier und Eleaten. 

Und darum stellt sich erst jetzt das Denken auf neue Grundlagen. Wir 
kennen keine andere Welt als die „Unsere^^ (den Bios). Welt ist das kom- 
plexe System der Vorstellungen, das nur in bezug auf uns selbst „Sein" und 
Sinn hat. Wir kennen ebensowenig absolutes „Sein" wie absolute „Sub- 
stanz", wohl aber ein relatives Sein, ein Dasein der einen Beziehung für die 
andere, ein Sein für uns, dessen Gesamtheit von uns aus einheitlich ge- 
sehen und erfaßt werden kann als Weltbild. 

Inhalt dieses Weltbildes können nur die Relationen der Teile dieses kom- 
plexen Systems sein, das wir durch die Kategorien Raum, Zeit und Zu- 
sammenhang (Kausalität) in Gruppen sondern. 

In dem möglichen Feld dieser kaum ausdenkbar vielen Beziehungen der 
Teile gilt es, die gelegentlich wiederkehrenden (akzidentellen) von den stän- 
dig vorkommenden, den gesetzmäßigen zu sondern, denen sich die ersteren 
einordnen. Denn dadurch wird der Komplex übersehbarer. Von den ge- 
setzmäßigen hebt sich die Sondergruppe der für den ganzen Komplex gül- 
tigen, der Gemeingültigen hervor. Auf sie, die uns die Prinzipien sind, 
kommt es in dem Weltbild allein an. Wer die Prinzipien kennt, wird sie 
in jeder Erscheinung wiederfinden, sie richtig zuordnen und sein eigenes 
Verhalten in den Gesamtkomplex einordnen (sich in sich denken) können. 

So baut sich dann der „einheitliche Organismus der Natur" auf, bei dem 
das Goethesche „Natur in sich, sich in Natur zu hegen" zur Wirklichkeit 
wird. Was man an Goethe, der vorausnehmend diese Weltanschauung als 
Gefühl lebte, so maßlos bewundert, die dadurch erzeugte geschlossene Ein- 
heit der Persönlichkeit, das kann jeder erreichen, der diesen Weg zur An- 
schauung seiner Welt geht. Und endlich wird der unheilvolle Zwiespalt 
zwischen Natur und Mensch, zwischen Innen und Außen, zwischen Gott 
und Welt in dem „Ewigeinen" aufgelöst sein. 

In einer wundervollen Vision erschließt sich da das einzig befriedigende 
Verhältnis des Menschen zur Erkenntnis. All das Vielfältige, das aus den 
Wissenschaften in diesem ersten Überblick über den Stand des Naturwissens 
von heute auf uns einstürmte, steht auf einmal geordnet, in seiner ihm zukom- 
menden Rangordnung vor der sich ihrer Welt bewußt gewordenen Seele da. 

Da das „Weltbild" auf den „Ichpunkt" bezogen wird, ist nichts anderes 
möglich, als die vielgesuchte und so sehnsüchtig herbeigewünschte Einheit, 
das „Eins und Alles" der Eleaten. Denn dem Erkennen ist der Zwang zur 
Vereinheitlichung gegeben. Dieser Monismus zerfällt nur scheinbar durch 
die Veränderlichkeit des biologischen Ichs, das jedesmal anders ist, so oft 

36 



die gleiche Wahrnehmung (Bewußtseinsinhalt) wiederkehrt. Das erzeugt 
jenen relativen Faktor von „Zeit" im Weltbild, den die Physik jetzt als 
vierte Dimension eines nichtstarren Bezugskörpers auffaßt, um seine „geo- 
metrische Projektion" ermöglichen zu können. Die nur „Einmalexistenz" 
des Ichs zwingt, Mehrheiten von Bewußtseinsinhalten räumlich anzuordnen. 
An sich gibt es weder Zeit noch Raum. 

Es stürmt jederzeit eine Summe von Erregungen auf unser Empfinden 
ein; aber nur diejenigen, welche das Glück haben, einen Taster unseres 
Empfindungs- und Vorstellungsmechanismus zu treffen, erhalten für uns 
„Sein". So ist „Sein'' nichts als Erregung des Lebensge/ähls, ein in die 
„Welt" projizierter „Mensch". Deshalb erscheint der „Kosmos" als eine 
durch Gesetze regierte, lebende Einheit, als ein „Bios". 

Deshalb werden alle Wissenschaften den Weg der Physik und Mathematik 
fortsetzen, und auch Astronomie, Chemie, Logik, Ethik, die Geisteswissen- 
schaften, sie werden alle darin münden, daß alles nur einen „Bezugssystem- 
wert" habe; sie alle werden in sich immer wieder „Lebensgesetze" finden. 
Der Mensch ist das Maß aller Dinge. 

Im ganzen Leben handelt es sich nur um „proportionierte Bezugssetzung ' 
von „Mikrokosmos" und „Makrokosmos", der objektiv scheinenden und 
subjektiven Bezugssysteme. Ist sie erfüllt, dann ist Harmonie in sich und 
Harmonie mit dem Unendlichen erreicht. Das allein ist der Zweck von 
Denken, Wissen, Wollen und Handeln. Das allein ist der „Lebenssinn"! 

Sinn einer so orientierten Wissenschaft ist es nicht, „die Wahrheit" zu 
finden. Eine solche gibt es ebensowenig, wie es die Materie, den Raum, 
die Zeit, die Welt oder „das Gute", „das Schöne" gibt. Für wen sollte 
denn „die Wahrheit" gelten? Nur unsere Wahrheit suchen wir, nämlich 
„bestes Leben durch Erkenntnis und Einordnung in die gemeingültigen Be- 
ziehungsverkettungen der „Objekte", das heißt in die Weltgesetze. 

Die objektive Philosophie erkennt das „Wahrheitsuchen an sich" als einen 
Irrtum. Nichts sucht Wahrheit, dagegen ruht nichts, bis es nicht vollendet ist. 

Nach Vollendung des Menschen strebt die objektive Philosophie. Darum 
sucht sie die „Weltgesetze" zu erkennen. Und auf einmal reißt der Vor- 
hang, und die ganze weitere Aufgabe dieses Werkes, als des grundlegen- 
den einer neuen Art von Wissen, ist in einem Satz sichtbar: Es will das 
Weltbild dieser gemeingültigen Gesetze im Umriß entwerfen. 

Anmerkungen und Zusätze 

1 (S. 4). Elcaten sind im besonderen der Philosoph Xcnophanes aus Kolophon 
in Kleinasien, später in die phokäische Pflanzstadt Elea in Untcritalicn eingewan- 
dert, etwa um 550 bis 500 vor unserer Zeitrechnung, ferner als eigentliches Haupt 
der Schule Parmenides aus Elea, angeblich Schüler des vorigen, und Zcno (um 
500 geb.) als Schüler des Parmenides, sowie Melissas. Als ihr eigentliches geisti- 
ges Haupt gilt Parmenides, von dessen epischem Gedicht atid qvoKoi; bedeutende 
Bruchstücke erhalten sind. Darin stellt er den grundlegenden und seitdem aus dem 

37 



Weltdenken nicht wieder verschwundenen Begriff des Seins (rö 5v) auf, der als 
Entität (von ens = das Ding) in der Scholastik die Wesenheit eines Dinges als. 
eines Seienden bezeichnet. Bei den Eleaten (und von ihnen übernommenen bei 
Plato) hat das Sein allerdings eine Sonderbedeutung als des unveränderlichen Be- 
harrens (weshalb dann alles Veränderliche als „Schein" gefaßt wird). Darum 
schließt Parmenides von ihm alles Werden, auch die Kategorien Raum und Zeit 
(damit auch Teilbarkeit, Bewegung, Verschiedenheit) aus, so daß als einzige positive 
Bestimmung ihm nur das Denken bleibt. 

Damit ist ein Monismus geschaffen, der Sein und Denken identisch setzt. Näher 
umschrieben wird der Begriff noch durch Xenophanes, der den reinsten Monotheis- 
mus, noch dazu in einer von allen Anthropomorphismen völlig gereinigten Gestalt 
dadurch schafft, daß er in seiner berühmten Formel „ev xal näv„ (Eins und Alles) 
Gott das Eins nennt. Parmenides und die Eleaten sind dadurch die ersten Beken- 
ner einer objektiven Philosophie. Denn die Vorstellung eines Weltenseins wird 
von ihnen als Denkleistung, also durchaus biozentrisch erfaßt (ich denke die Welt; 
vgl. S. 36), ja die berühmten Beweise des Zeno zeigen schon die Widersprüche, in 
welche Erleben gegenüber dem „reinen Denken" führt (logisch könne es weder eine 
Vielheit noch eine Bewegung geben, während das Erleben solches konstatiert) ; da- 
mit ist eigentlich bereits der Tatsachenkomplex erkannt, auf dem die Lorentz- 
Minkowskische Relativitätstheorie fußt. 

2(S. 6). Kants Werk erschien 1751 anonym unter dem Titel: „Allgemeine Natur- 
geschichte und Theo'ie des Himmels, oder Versuch von der Verfassung und dem me- 
chanischen Ursprünge des ganzen Weltgebäudes nach Newtonschen Grundsätzen ab- 
gehandelt". Im Jahre 1763 gab er einen Überblick seiner Theorie in der Schrift: „Einzig 
möglicher Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes." Aber auch diese 
blieb unbeachtet, und seine Naturgeschichte des Himmels fand erst Anklang, als sie 
1791 der deutschen Ausgabe von Herschels „Bau des Himmels" beigelegt wurde. 
Da diese zeitlich ziemlich mit der populären „Exposition du Systeme du Monde" von 
Laplace zusammenfällt, erklärt sich die Sitte, von einer „Kant-Laplace'schen Hypo- 
these" zu reden. Man muß sie aber gründlich trennen, wie es auch Sv. Arrhenius 
(Die Vorstellung vom Weltgebäude. 1909. S. 107) getan hat, um so mehr, als die 
vielbcwunderte Z.(2/7/ör^-Hypothese in der Form, in der sie hochgehalten wird, erst 
1808 in der 3, Auflage seiner „Exposition" als Schlußnote erschienen ist. Die 
wahre Grundlage aller dieser Ideen ist bei Biiffon zu finden, der eine lange Reihe 
von älteren Versuchen einer Welterklärung krönt. Deren wertvollster, der Diakosmos 
des Demokrit aus dem 4. Jahrhundert v. u. Z., ist leider verlorengegangen. Zu- 
sammenfassungen des Wissens ihre Zeit boten die Naturgeschichte des Plinius 
(1. Jahrh. n. u. Z.), die Werke des „doctor admirabilis" Roger Bacon (13. Jahrh.), 
der „Imago mundi" des Kardinals (VAilly, der Kolumbus zu seiner Reise inspirierte. 

3 (S. 11). Denken ist die Fähigkeit, Objektives in Subjektives zu verwandeln. 
Da es ein Denken vor aller Erfahrung für das Denken nicht geben kann (Loches: 
nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu; gegen seine Behauptung hat man 
noch niemals Denkgründe geltend gemacht), werden also durch Denken die Objekte 
in Denkinhalte verwandelt, also den schon vorhandenen assimiliert. Denken ist mit- 
hin eine biologische Funktion, seine Elemente sind die einzige unmittelbar gewisse 
Lebenstätigkeit. Alle übrigen Erlebnisse werden erst mit seiner Hilfe erschlossen. 

Wenn sich das menschliche Denken nicht auf diese Basis stellen würde, müßte es 
bei allem, was es unternimmt und was ihm an neuen Erscheinungen zur Beurteilung 
vorgelegt wird, noch nicht dagewesene, noch unbekannte, also „okkulte" Erkenntnis- 
quellen voraussetzen. In keiner Wissenschaft, selbst in der Theologie und Meta- 
physik nicht (wo das Unterlassen der Begründung einer „okkulten" Erkenntnis- 
theorie ein Verstoß und eine Methodenfälschung ist), hat der menschliche Geist das 
getan, sondern sich entweder offen, wie in den Naturwissenschaften, oder still- 
schweigend, wie in den übrigen Wissenschaften, vor allem im praktischen Leben 
stets auf den Boden einer empiristischen Erkenntnistheorie gestellt. Auch die größ- 

38 



ten Mystiker haben praktisch immer so gelebt, als ob sie dem Empirismus huldigten. 
Es wäre nämlich auch niemals möglich gewesen, ohne das irgendein Gesetz des 
Denkens hervorzubringen. Seine Gesetze sind ohne „Mechanismus" undenkbar. Me- 
chanik aber setzt Konstanz der Faktoren voraus; ein veriabies Element darin, wie 
es aprioristische Denkinhalte sein müßten, hinderte die Wiederkehr gleicher Kon- 
stellation, also das Gesetzmäßige. 

4 (S. 13). Von solchen seien als Gegenpole der Realmonismus von /. G. Vogt 
(Entstehen und Vergehen der Welt als kosmischer Kreisprozeß. 2. Auflage. Leip- 
zig 1901) und Fr. Lorinsers kosmologische Theodicee (Das Buch der Natur, heraus- 
gegeben von P. Rudolf Handmann S. J., Seb. Killermann u. a., Regensburg 1920) 
erwähnt. 

Vogt gibt einen erneuerten und konsequenten Materialismus, der alle Erschei- 
nungen aus einem mechanischen Quäle der von ihm als Axiom angenommenen 
„Weltsubstanz" (aus einer hypothetisch angenommenen Verdichtung und Verdün- 
nung) ableitet, zu dem Empfindung als innere, synchrone Begleiterscheinung tritt, 
die in gesetzmäßiger Äquivalenz dazu steht. Er legt den größten Wert auf die Be- 
gründung eines absoluten Realismus, der in der kategorischen Erklärung gipfelt: 
„Ein selbstherrliches Ich oder Subjekt existiert nirgends (im Menschen) ; es ist ein 
Pscudobegriff, der die kalte Gesetzmäßigkeit (der realen Welt) gnädig überdeckt" 
(S. 965). Wenn auch die Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis geleugnet wird, 
so ist damit dennoch der Gipfel des Glaubens erreicht, aus Sinneswahrnehmungen 
eine objektive gültige Welt bauen zu können, und Vogts Werk ist die derzeit letzte 
Ausprägung des reinen (übrigens auch ethischen) Materialismus. — Lorinser und 
seine Neubearbeiter versuchen das gesamte Naturwissen unter der (kirchlichen) 
Hypothese zu betrachten: „die Natur sei geschaffen von Gott, d. h. sie verdanke 
ihr Dasein dem allmächtigen Willen desjenigen, der in seiner unendlichen Weisheit 
und in seiner unbeschränkten Macht allein die Kunst besaß, die Natur . . . ins Da- 
sein zu setzen." Ferner sei sie mit ihren Gesetzen, Erscheinungen und Erzeug- 
nissen ein Reflex der unendlichen Vollkommenheit dieses Gottes (S. 16). Auch hier 
wird, wie bei Vogt, versucht, eine willkürliche Annahme heuristisch auszuwerten. 
Sie belädt die Naturgegenstände mit der Aufgabe, die Qualitäten unübertrefflicher 
Vollkommenheit, unendlicher Weisheit und Allmacht zu besitzen, eine Beweisfüh- 
rung, die den Verfassern trotz lebhaften Bemühens, die alte Physiktheologie neu 
aufzufrischen, nicht gelungen ist. 

5 (S. 17). Newton sprach in Einsicht dieser Fehler seiner Theorie deshalb auch 
die Ansicht aus, das Sonnensystem könne nur beschränkte Dauer haben, die in- 
zwischen wieder verlassen wurde. Dagegen half man sich durch Ignorieren der 
wechselseitigen Planetenwirkungen und begnügte sich mit „annähernden" Lösungen 
der Probleme, indem die Rechnungen nur bis zur jeweils gewünschten Genauigkeit 
getrieben wurden. 

Im übrigen freut man sich darüber, daß sich die „Störungen" zum Teil vielfach 
gegenseitig aufheben, so z. B. bei dem Umlauf des Mondes, der eine saeculare Be- 
schleunigung seiner Bewegung aufweist, wodurch er auf die Erde stürzen müßte. 
In Wirklichkeit kommt er der Erde nicht näher, und Laplace fand denn auch ge- 
gewisse Momente einer Kompensation, Mit Lagrange entdeckte er auch an den 
Planetermonden, daß sie die Tendenz haben, selbst die gestörten Bahnen wieder- 
herzustellen. Und diese mit dem Maschinengange eines mathematischen Ocset/es 
vollkommen unvereinbare „Selbstregulation des Kosmos" blieb in der Astronomie 
bis jetzt bestehen. 

6 (S. 22). Vgl. hierzu M. Planck, Vorlesungen über die Theorie der Wärmestrah- 
lung, 2. Aufl., Leipzig 1913 und S, Valentiner, Die Grundlagen der Quantentheorie, 
2. Aufl., Braunschweig 1919. 

7 (S. 24). Hierin liegt auch eine Teilbestätigung des relativistischen Positivismus 
von E. Mach, R. Avenarius und W. Schuppe, der mit der objektiven Philosophie 
auf teilweise gleicher Basis ruht, wenn er sagt: „Es gibt keine Welt an sich, son- 

39 



dem nur für uns, Ihre Elemente sind nicht Atome, sondern Farben-, Ton-, Druck-, 
Raum- Zeit- usw. Empfindungen" (Petzoldt). Aber getrennt smd beide Welt- 
anschauungen dann sofort durch den zweiten der Hauptsätze des Empiriokritizis- 
mus, wenn dieser sagt: „Trotzdem müssen wir die Dinge nicht bloß subjektiv, viel- 
mehr müssen wir die aus jenen Elementen zusammengesetzten Bestandteile unserer 
Umgebung in derselben Weise wie während der Wahrnehmung fortexistierend den- 
ken,"auch wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen." 

Diesen Nachsatz teilt die objektive Philosophie nicht; sie hält ihn vielmehr für 
eine unzulässige und unbegründete, willkürliche, aus dem „naiven Realismus" des 
Materialismus stammende Hypothese, die ein „absolutes Sein" voraussetzt. In die- 
sem Punkt ziemt der menschlichen Erkenntnis nur ein bescheidener Agnostizismus. 
Die menschliche Erkenntnisfähigkeit hat nur die Fähigkeit der Auswahl aus dem 
„Sein" zum Zwecke der Zoesis (der „menschliche Weltbegriff" von Avenarius ist 
eine Annäherung an diesen Gedanken). Es wird ja gerade in diesem Abschnitt ge- 
zeigt, wie schon an den Grenzen der Zoesis alle Erkenntnisse schwankend und 
widerspruchsvoll werden, wie die Extrazoesis der Intrazoesis offen widerspricht. 
Es ist nur möglich, Wahrheiten in bezug auf das Individuum (das erkennende Sub- 
jekt) aufzufinden, absolute Wahrheiten sind dem menschlichen Intellekt unzugäng- 
lich. Der relativistische Positivismus verläßt also seinen eigenen Boden und vvider- 
spricht sich selbst, wenn er Aussagen nach Art seines zweiten Satzes positiver 
Natur über die „wahre Beschaffenheit" der Welt macht, die durch den Kaufmann- 
schen Versuch allein schon handgreiflich widerlegt werden. 

8 (S. 25). Hier ist nicht weniger gegeben als ein Fundamentalbeleg der neuen 
Mechanik (auf den übrigens schon Poincari hingewiesen hat). (//. Poincare, Die 
neue Mechanik, Leipzig 1911.) Nicht genügend bedacht sind aber seine notwen- 
digen Konsequenzen. Nichts anderes ist mit ihm festgelegt als die Tatsache, daß, 
in einem gewissen Sinn, das Licht den Weltraum und die Körperwelt erschafft. 
„Weltvorstellung" ist hier das biologische Phänomen selbst. Denn es ist klar, daß 
das, was wir Lichtgeschwindigkeit nennen, nichts anderes als die im „Erleben" be- 
gründete Eigenart unserer Empfindungswelt ist. Unsere Zeitvorstellung bedingt die 
Lichtgeschwindigkeit und zwingt uns die Gauß-Koordinaten für die Zurechtdeutung 
des Weltphänomens auf. Könnten wir „alles" „auf einmal" perzipieren, dann wäre 
die Welt „ein Gedanke". So ist sie das Erleben unseres Denkens. 

9 (S 26). Der Gedankengang von Lorentz war im wesentlichen dabei der fol- 
gende: Nur ein zeitloses (also de facto ein für unsere Vorstellungswelt unmögliches) 
Ereignis könnte in bezug auf ein System K fixiert werden durch ein Koordinaten- 
system X, y, z. Findet es aber in der Zeit statt, dann kommt dazu noch der Zeit- 
wert t, der in die Rechnung eingestellt werden muß. Dieses Ereignis soll nun in 
einer Newton'schen Welt stattfinden. In unserer Erfahrungswelt (bezogen auf ein 
Koordinatensystem K ) findet nun nach dem Fizeau- usw. Versuch dieses Ereignis 
anders statt. Seine raumzeitliche Fixierung wird durch die Werte x , y , z und t 
festgelegt. Das Problem ist nun, da sich beide (erfahrungsgemäß) nicht decken: 
wie groß sind die Werte x , y , z , t eines Ereignisses in bezug auf K , wenn die 
Größen x, y, z, t desselben Ereignisses in bezug auf K gegeben sind? 

Das Problem läßt sich durch ein Gleichungssystem lösen in dem: 



x — vt 






/'■-l 



Das ist die „Lorentz-Transformation", die nun auf alle Fälle, in denen Newton- 
mechanik und Erfahrung nicht übereinstimmen, angewendet wird. 

40 



Das Gesetz des Seienden 

Definiton des Seins — Sein als Erleben — Herbert Spencers Kategorien — Wider- 
legung des Realismus — Die gemeinsamen Gesetze von Natur und Kultur — Wcl- 
tensein als physiologische Funktion — Die Singulation — Erlebnisse als komplexe 
Systeme — Analyse der komplexen Systeme — Die wichtigsten Singula — Das 
Problem der Form — Das Problem des Wcltäthers — Eigenschaften des Welt- 
äthers — Die Eliminierung des Ätherbegriffes — Der elementare Baustein der phy- 
sischen Welt: das Quantum — Die kinetische Qasthcoric — Der Satz von der 
gleichmäßigen Energieverteilung — Plancks Untersuchungen über Wärmestrahlung 

— Das Clausius'sche Wärmeprinzip — Die Quantentheorie — Die Lichtquanten — 
Formbildung als elementare Notwendigkeit des Welterkennens — Sterzingers 
Knäuelungstheorie — Quantelung der Meereswellen — Die Quantenwclt — Elek- 
tron als Elektrizitätsquantum — Die Natur der Elektronen — Die Phänomene der 
C/-oo^^.<r'schen Röhren — Eigenschaften der Kathodenstrahlen — Die Lichtgeschwin- 
digkeit hängt von der Raumvorstellung ab — Scheinbarkeit der Masse — Die Welt 
als Vorstellung — Das Atom ein komplexes System — Die Kanalstrahlen — Die 
Hittor/'schGti Röhren — Die Zerlegung der Atomkerne durch Rutherford — Inte- 
grationsstufen der Singula — Das Sein zerfällt in Integrationsstufen — Kategorien- 
tafel der Integrationen — Die Moleküle als übergeordnete Stufe der Atome — Pro- 
biotische Eigenschaften der Kristalle — Die Integrationsstufen des Lebens — Inte- 
grationen im Bau und in den Eigenschaften der Muskulatur — Auftreten neuer 
Eigenschaften als Folge der Integration — Das Psychische als Integrationseigen- 
schaft — Der Tod als Aufhören von Integrationseigenschaften — Gesellschafts- imd 
Staatenbildung als Integration — Integrationseigenschaften der Erde als Singulation 

— Der Eigenschaftenkomplex des Geoids — Vulkanismus und Magmabildung als 
Integrationseigenschaft — Die Natur des Erdinnern — Schollenbewegungen als 
Integrationsgemeinschaft — Transgressionen und Gebirgsbildung als Regler der 
Lebensentfaltung — Die Entstehung des Menschen als Funktion des Weltkörpers — 
Pendulation als Integrationseigenschaft — Das Sonnensystem als höhere Integra- 
tionsstufe — Die Erhaltung der Energie als entsprechende neue Eigenschaft — 
Sonnenbildung als Integrationscigenschaft — Das Fixsternsystem als Integrations- 
stufe — Achsendrehung und Spiralbewegung des Sternsystems als neue Eigenschaf- 
ten — Gruppenbildung von Sonnensystemen — Der Fixsternkörper und das Welt- 
system — Die Nebelflecke als Weltsysteme — Der Kosmos als Integrationsstufe — 
Der Kreislauf der Entwicklung als neue Eigenschaft des Kosmos — Nebclstcrne, 
heiße und dunkle Sonnen — Die Planetenphysik als Geschichtsspiegel der Erde — 
Ursprung der Meteoriten — Rolle der Kometen — Die Reintegration der Integra- 
tionsstufen im Kosmischen — Es gibt kein Entwicklungsgesetz der Welt und keinen 
Weltuntergang — Dauer und Harmonie als kosmische Integrationscigenschaften — 
Die Integration der Vorstellungen: Gedanken und Werke — Die sieben Wcltgesctze 
als die Ordner des Erlebens — Die Integration der Integrationen im Sein — Paral- 
lelismus der Integrationsstufen führt zur Voraussetzung hyperkosmischer Scinstufen 

— Die Zahl der Sterne — Der photographische Sternatlas — Hermitcs und New- 
combs Schätzung des Weltganzcn — Die Seclif^er'schQn Sterngesetze — Die End- 
lichkeit der „Welt" — Endlichkeit als erkenntnistheoretische Forderung — Licht 
und Materie als psychologische Probleme — Die Endlichkeit als Forderung der 

41 



Biozentrik und der Relativitätstheorie — Die Gleichförmigkeit des Weltalls und die 
von Newton geforderte konzentrische Verdichtung — Die Form des „kosmischen 
Körpers" — Die Eigenschaften des kosmischen Körpers: Weltseele — Der Begriff 
von kosmischen Welten — Der objektive Gottesbegriff — Welt und Gott als 
seelische Geschöpfe — Analyse des Weltbegriffs — Der Identitätssatz — Definition 
der Naturgesetze und der Naturformen — Das Weltbild entsteht aus Störungen des 
Seins — Welt und Weltprozeß — Rechtfertigung der Eleaten — Das Gesamtsystem 
des Seins ist Leben — Der Weltprozeß ist Erleben — Unser Weltbild als seelische 
Selektion — Seine Besonderheit ist seine biozentrische Natur — Daher allgemeine 
Relativität und Teleologie der Seinsvorstellung — Daher die Übertragbarkeit der 
sieben Weltgesetze auf alle Kategorien des Erlebens — Beweisführung am Beispiel 
des Entwicklungsgedankens — Das biogenetische Grundgesetz und seine Wieder- 
kehr im Geistigen dadurch erklärt — Erklärung der Inkonstanz und Umkehrung 
der Entwicklung — Die Rolle der Wissenschaft — Man kann nicht richtig leben, ohne 
die Gesetze der Welt zu kennen — Ergänzungen und Anmerkungen. 

Unter allen Lebensgenüssen ist keiner so rein, intensiv und seinen ganzen 
Menschen erfordernd wie das Entdecken von Neuland. Einmal war es der 
elementare Lebensreiz, als jeder Schritt vor die Siedelung Unbekanntes, Ge- 
fahr und Abenteuer bedeutete. Jahrtausende hindurch lockte der Zauber 
fremder Länder, neuer Inseln und niebetretener Wildnisse die Kühnsten und 
Besten, und noch heute ist die Jungfräulichkeit der Erde nicht völlig be- 
siegt. Aber inzwischen haben sich neue Welten erschlossen. Viele neue 
Länder des Wissens harren ihrer Entdecker, und die köstlichsten Lebens- 
reize erblühen allerorten für die, welche sich der Mühe unterziehen, mit 
ihrem Forschen und Denken bis an die Grenzen des Bekannten vorzudrin- 
gen. Wenn man in den Lebensbeschreibungen und Selbstbekenntnissen gro- 
ßer Forscher und Erfinder Bescheid weiß, wird man immer wieder finden, 
daß die'ses Herrengefühl: der Erste zu sein in weitem, unbekanntem Land, 
bei jedem der eigentliche Lohn, die Lockung und Verführung gewesen ist, 
die ihn veranlaßte, sich härtester Arbeit zu unterziehen, auf alles andere zu 
verzichten, oft Gut und Blut für diesen einen Erfolg zu wagen. 

In dieses Glück führt sich nun jeder ein, der mit mir geht, denn eine 
neue Welt des Erkennens liegt vor jedem, der sich in das hier Gesagte so 
einlebt, daß es ihm zur Überzeugung wird. 

Was ist von der objektiven Philosophie erreicht worden? Der Begriff 
von „Welt" und „Sein" hat eine neue Geltung und Bedeutung gewonnen. 
Denn wenn die Grundlage des Erkennenkönnens Biozentrik, also relativ ist. 
dann hat das „Sein" einen anderen Sinn als vorher. 

Das „Seiende" schlechthin gibt es dann nicht mehr; es ist eine leere und 
inhaltslose Abstraktion, nicht viel mehr als ein Wort, um diese leere Hülle 
zu bezeichnen. Das „Seiende'' hat dann nur in bezug auf den Menschen 
Sein; es besteht nur aus Relationen zwischen ihm und seinem Begriff von 
den Dingen. Er ist sich dabei wohl bewußt, daß er von den wirklichen 
Dingen nichts weiß. Ihr wahres Wesen ist ihm prinzipiell und für immer 
verschlossen. 10) Wohl aber sind eine Unmenge Aussagen möglich über 

42 



diese Relationen, unter denen Ordnung zu schaffen unsere erste Aufgabe 
sein muß, sollen sie uns nicht verwirren und erdrücken. 

Herbert Spencer hat als fundamentale Ordnung hierfür vorgeschlagen, 
die psychischen Inhalte als Kundgebung des „Seienden" oder Absoluten, v^ie 
er es nennt, in die zwei großen Aggregate der lebhaften Kundgebungen und 
der schwachen, das heißt des Objekts und des Subjekts zu sondern. Die 
lebhaften gehen unter den Bedingungen der Wahrnehmung oder Empfin- 
dung vor sich, sie sind die Originale, die schwachen dagegen unter den Be- 
dingungen der Überlegung, der Reflexion, der Phantasie; sie sind nur Kopien. 

Er kommt auf diesem Wege auch zu der Einsicht einer unbedingten Re- 
lativität aller Erkenntnis, und man muß diesem originellen, wenn auch mehr 
umfassenden als tiefen Denker die Ehre geben, daß er der Erste war, der 
unserer heutigen Auffassung Bahn brach, ohne sie, gleich Kant, wieder durch 
Metaphysik ungangbar zu machen. Wenn er aber dann, auf dem gleichen 
Wege weiterschreitend, zu einem unbedingten Materialismus gelangt, den er 
Realismus nennt, verläßt er wieder die Wege des objektiven Denkens. 

Denn ebensowenig wie „Sein" und das prindpiurn indivuationis für den 
objektiven Denker metaphysische Probleme sind, angesichts der Aussichts- 
losigkeit absoluter Begriffsbestimmungen, vermag er auch dem Gewebe der 
„Anschauung" eine andere Realität und damit Materialität zuzuschreiben, 
als der, ein Faktor des „Erlebens" zu sein. 

Keinem Erlebnisse — und in solche verwandelt sich das ganze „Sein" — 
kommt eine andere Bedeutung zu, als der einer Orientierung in bezug auf 
andere Erlebnisse. Das ist an sich Wichtigkeit genug und zwingt, jedes 
einzelne so ernst zu nehmen, als hätte es absolute Realität. 

Es sind dabei sowohl die Originale wie die Kopien im Spencer'^ohtn Sinn 
Erlebnisse gleichwertiger Art. Mit anderen Worten: der Aufbau und die 
Gesetzmäßigkeit der „Welt" wird sowohl von den Erlebnissen innerer Art. 
von den Ideen, Vorstellungen, von dem bloß Gedachten, wie von denen 
äußerer Natur, nämlich von den Objekten, beeinflußt. Von jedem in dem 
Grade, der ihm im Zusammenhang mit dem Weltganzen zukommt. 

So stellt sich Einheit von Denken und Erfahrung unter der höheren 
Kategorie des Erlebens her, und den Begriffen „Sein" und „Welt" (als ge- 
ordneter Kosmos des Seienden) ist ein neuer, weder bei den Idealisten noch 
bei den Realisten vorhandener Sinn gegeben. 

Dies ist ein so grundlegender Gedanke, daß ich nicht ruhen kann, bis 
ich mir die Gewißheit verschafft habe, von jedem meiner Leser auch richtig 
verstanden worden zu sein. 

Man kann sich davon überzeugen, daß man weiß, was die objektive 
Denkungsart will, wenn man sich folgende Fragen beantwortet: Was be- 
deutet eine philosophische Leistung, zum Beispiel Kants Einsicht, daß 
Raum und Zeit nur Hilfsmittel des Erkennens sind, für die Menschheit? 
Und was bedeutet die Existenz der Elektrizität für sie? 

43 



Nach der idealistischen Denkungsart hat das erstere eine bedeutend grö- 
ßere Wichtigkeit für den Menschen; es gehört in die wirkliche Welt, wäh- 
rend elektrischer Strom, wie alle Naturdinge, zu dem vergänglichen und 
täuschenden „Schleier der Maja" zählen, der von dem Intellekt leider nicht 
völlig übersehen werden kann, weil er nun einmal an die, vom idealisti- 
schen Standpunkt ohne Bruch nicht verständliche, jedenfalls überflüssige 
Körperlichkeit gebunden ist. Überflüssig erscheint dem idealistischen Philo- 
sophen diese Körperlichkeit deshalb, weil er sich sehr wohl Geist ohne Kör- 
per, reine Ideen, bloße Gedanken vorstellen kann, ohne dazu irdisch greif- 
bare, geformte Medien zu brauchen. Der Idealismus hat daraus eine Tugend 
gemacht, auf die er stolz ist. Auf diese Weise entstand der Hochmut des 
reinen Denkens, der in der Menschheitsgeschichte so viel Schuld auf sich 
geladen hat. Und nur so war das einem unbeeinflußten Kopf völlig Unfaß- 
liche möglich, daß man die Welt mit reinen „Geistern" bevölkerte, an deren 
Existenz Tausende unverbrüchlich glauben, von deren Einem, den man mit 
den vier Buchstaben Gott bezeichnet, sich das Empfinden und Denken der 
Menschen, nachdem es sich während vieler Generationen daran gewöhnt 
hat, nicht trennen zu können glaubt, ohne seine besten Fähigkeiten zu ver- 
lieren. Wenn einer glaubt, die Klärung, Kritik und Wahl philosophischer 
Begriffe sei eine müßige Beschäftigung für besonders dazu geeignete Köpfe 
oder freie Stunden, der denke nur an die Gottesidee. Denn sie, und was 
nun daran hängt, Religion, Kirche, der vielen Zehntausend Menschen Brot 
liefernde Beruf des Theologen (Theologe = ein Mann, der sich mit der 
Gottesidee beschäftigt), die Millionenwerte, die in Kirchenbauten, frommen 
Stiftungen, Kirchensteuern angelegt sind, Religionskriege, Verfolgungen usw., 
das alles ist nichts anderes als ein einmal ersonnener philosophischer Begriff, 
der weder weniger noch mehr Sinn hat als ein anderer, etwa der von 
Materie, Gesetz oder Leben, und sich von ihm nur dadurch unterscheidet, 
daß er wirklich volkstümlich geworden ist. Wenn sich das Volk mit philo- 
sophischen Ideen wirklich beschäftigt, dann macht es eben Dinge daraus, 
wie sie aus den Religionen in heidnischer und christlicher Zeit geworden sind. 

So müßte ein idealistischer Philosoph sprechen, wenn er ganz folgerich- 
tig und ohne Angst vor seiner „Gemeinde" wäre. Ein materialistischer hätte 
eine grundsätzlich andere Antwort auf die aufgeworfenen Fragen bereit. 

Ihm ist Kants Leistung für die wirkliche Welt eigentlich bedeutungslos. 
Auch für Herbert Spencers Realismus, wie für Ernst Häckels Monismus 
gilt das, weshalb auch die beiden Weltanschauungen von Kants Entdeckung 
nicht den geringsten Gebrauch machen. Hätte Kant nichts entdeckt, der 
Realismus und der Monismus könnten ebenso bestehen. Ihr Erkennen be- 
ruht ja gar nicht auf einer kritischen Prüfung der Sinneswahrnehmung, 
sondern auf einem einfach „für wahr halten" dessen, was die Sinne sagen. 
Also müßte der realistische Denker, wenn er ganz ehrlich ist, antworten: 
Kants Leistung gehört in das Gebiet der Philosophie. Die aber, sowie die 

44 



gesamten Geisteswissenschaften gehen mich und mein Weltbild nichts an. 
Dagegen ist die Existenz der Elektrizität eine von meinen Erkenntnisquel- 
len wohlbezeugte Tatsache, auf der zahllose Wohltaten für das Menschen- 
geschlecht beruhen. 

Unter „Wohltaten" versteht nämlich die Sprache des Realismus die Mög- 
lichkeit von Fabriken bauen, Industrien begründen, Geld verdienen, rascher 
fahren, dunkle Räume beleuchten, Farbstoffe und Chemikalien herstellen und 
was derartig rein materielle Dinge mehr sind. Deshalb fordert und erhält der 
naturwissenschaftliche Materialismus von Staat und Industrie namhafte Mittel 
zur Errichtung von Forschungs- und Lehrstätten, um diese „Wohltaten" immer 
mehr ausbreiten zu können, und Menschen, welche die Zusammenhänge nicht 
durchschauen — und das sind neun Zehntel von allen — preisen die steten 
„Fortschritte" von „Wissenschaft und Technik", die dadurch entstehen, und 
beklagen in gleicher Stunde die immer mehr überhandnehmende Verflachung 
der Geister und das Umsichgreifen der grobmateriellen Denkungsweise. Wie 
anders stellt sich nun der objektive Denker den gestellten Fragen gegenüber? 

Die erkenntniskritische Selbstbesinnung Kants ist einer der grundlegenden 
Bestandteile für das Weltbild der objektiven Philosophie. Sie ist ebenso- 
wenig möglich ohne diese Einsicht, wie man kein Schiff bauen kann ohne 
Material. Aber ebenso wichtig sind ihr auch die Zusammenhänge zwischen 
den Erlebnissen, die man als Gesetze elektrischer Wirkungen zusammenge- 
faßt hat. Der objektive Denker gibt keinem der beiden „Bezugssysteme", 
weder dem erkenntniskritischen noch dem physikalischen — ins Große ver- 
allgemeinert — weder den Geisteswissenschaften noch den Naturwissen- 
schaften einen Vorrang. Im Erleben greifen beide stets durcheinander; sie 
verweben sich zu einem einzigen untrennbaren Komplex, in den eine Lücke 
gerissen würde, wollte man daraus irgendeine Beziehung des Geistigen 
oder Natürlichen weglassen. 

Dem objektiven Denken wird es dagegen zum erstenmal klar, was sowohl 
Realisten wie Idealisten naturgemäß übersehen mußten, daß es für beides, 
wie man es nun auch bezeichnen mag, ob Geist und Körper oder Kultur 
und Natur, gemeinsam gültige Gesetze gibt, nämlich die seines erkennenden 
Ichs, die sich als Biozentrik (mit ihrer einen Konsequenz Relativität) daher 
in allem wiederfinden und seinem „Weltbild" die Prägung geben müssen. 

Er weiß zugleich, daß dem menschlichen Intellekt alles verschlossen ist. 
was über das biozentrische Erkennen hinausgeht. Hier ist kein Spekulieren 
möglich. Er erfährt von dem Gesamtkomplex des Erlebenkönnens doch 
nur das Lebensnotwendige, das Nützliche oder Schädliche und kann mit 
seinem Innenleben und Willen wieder nichts anderes, als es in seiner Ideen- 
welt „kopieren" und es hinausprojizieren. Darum hat er auch die Über- 
zeugung, daß Natur und Kultur, Erkennen und Gestalten, Wissen und 
Handeln unter dieselben Gesetzmäßigkeiten fallen, und sucht den Einklang 
zwischen seiner Erkenntnis- und Tätigkeitswelt herzustellen, wohl wissend, 

45 



daß sonst die beiden die Mühlsteine sind, deren Reibung ihn, „das Leben- 
dige", zerreiben würde. 

Und so baut sich ihm Innen- und Außenwelt nach gleichem Gesetz, wirk- 
lich wie Original und Kopie auf, und jede Erfahrung hat in diesem Welt- 
bild ihr „Sein'' als Verbindungspunkt anderer Beziehungen, von denen sie 
abhängt, und auf die sie selbst auch wirkt. 

Habe ich es nun klargemacht, worin der große Unterschied der objektiven 
Philosophie beruht, sowohl zu den idealistischen Denksystemen, wie gegen- 
über dem Materialismus und Realismus? Und bedarf es noch weiterer Erörte- 
rungen, was unsere Denkungsart unter dem Begriff des „Seins" versteht? 

Wenn es mir gelungen ist, meinen Begriff vom Sein klar zu machen und 
vor Mißdeutungen zu schützen, dann ist der Weg frei, um sich von den 
„Originalen" unserer Welt, nämlich von den Wahrnehmungen, belehren zu 
lassen über die gesetzmäßigen Zusammenhänge dieses Seins. Sie sind es, 
für die ich den Namen Gesetz des Seins (Entitätsgesetz*) vorschlage. 

Wir treten aus der Einsamkeit des Denkens hinaus in die mit tausend 
bunten Dingen lockende Welt. Was ist's, was wir überall erblicken, hören, 
fühlen, was uns so sehr in Beschlag nimmt und umdrängt, daß die meisten 
Menschen zeitlebens nicht diesem Bann entrinnen und auch nur auf kurze 
Zeit zum eigenen Nachdenken darüber kommen? Die Sinnesbeziehung ist's, 
das Anschaulichste und Oberflächlichste des Erlebens. Die Eigenschaften 
des Weltbildes sind das jedem sichtbare. 

Wenn man ein Wort, das eine Eigenschaft bezeichnet, ausspricht, hat man 
damit schon Gedankenarbeit geleistet und ein Urteil gefällt. Man hat dem 
fließenden, ununterbrochenen Strom des Lebensempfindens eine neue Be- 
ziehung beilegt, die offenbar nicht in ihm selbst vorhanden, sondern nur 
ein Hilfsmittel ist, um uns das Erleben anschaulich und faßbar zu machen. 
Wir haben das Weltbild durch den Begriff Eigenschaften zerstückelt. 

Wir haben den Monismus des Erlebens in einen Pluralismus der Prüfun- 
gen verwandelt. Das ist der Moment, in dem das Netz von Raum und Zeit 
über die Welt geworfen wird, in dem aus der Ausdeutung der Raumvorstel- 
lung Umgrenzung, damit also Formen, Tiefenwahrnehmung, damit also 
Körperlichkeit und Materie aus der Differenz der Empfindungen geschaffen 
wird. Mit dieser Funktion wird aus dem Nacheinander der Vorstellungen 
ein Nacheinander der vorhin gebildeten „Dinge", das dann wieder in der 
Beschränkung des seelischen Mechanismus zusammenfließt in Bewegung 
und Geschehen; aus der Folge leuchtender Eindrücke werden Lichtstrah- 
len und Licht- sowie Farbenkontinua, aus dem Nacheinander der „Bilder" 
und „Erfüllungen" wird der sprechende, tanzende, farbige, uns in seinen 
Strudel reißende Kinematograph, an dessen Eintrittspforte warnend und 
lockend zugleich steht: Erleben. 

*) Von ens =- Ding, aber nicht zu verwechseln mit dem Entitätsbegriff der 
scholastischen Philosophie. 

46 



Durch diese physiologische Funktion (denn werden wir uns doch nur 
klar, all diese Zauberei ist physiologischen Gesetzen Untertan, daher von dort 
aus zu erforschen) wird das „Erlebte" in einem Aufbau aus verschiedenen 
Teilen, in ein komplexes System verwandelt, das in Zeit und Raum gegliedert 
ist. — „Weltensein" besteht von nun an aus Dingen und Eigenschaften, das 
Wunderbare der Individualisation oder Singuiation*) hat sich vollzogen. 

So viel Einsichten drängen sich zu in dem Augenblick, in dem man die- 
sen Satz ausspricht, das man Mühe hat, sie in logischer Ordnung zuzulassen. 

Das Wichtigste dieser Gedanken ist wohl, daß mit dem Begriff komplexes 
System, der schon sehr genau durchdacht ist von Seite der Analytiker, ein 
ganzes Bauwerk wertvoller Arbeitsmöglichkeiten aufgestellt wird. In jedem 
komplexen System herrschen ewig wiederkehrende Regeln. So vor allem die. 
daß eine feste Beziehung zwischen dem Ganzen und den Teilen besteht. Das 
All affiziert den Teil. Die Teile beeinflussen sich gegenseitig. Wodurch? 
Offenbar durch zweierlei. Durch ihre Eigenschaften und durch deren Summe. 

Demgegenüber sieht sich der Teil, um als solcher im Sein beharren zu 
können, gezwungen zur Singuiation. Singuiation ist dabei nur ein anderer 
Ausdruck für den „Teil" selbst. Das ist der Wahrheitsgehalt des Satzes, den 
sich hierfür die Naturwissenschaft prägte, wenn sie sagt: „Alle einzelnen 
geformten Körper, die einen bestimmten Raum einnehmen, entstehen als In- 
dividuen oder Singula durch einen physikalischen Prozeß, die Singuiation. 
Dieser besteht darin, daß eine formlose Masse in räumlich umgrenzte, indi- 
viduelle Teile zerfällt." 

In Wirklichkeit ist natürlich die Singuiation nicht bloß ein physikalischer, 
sondern ein physiologischer Prozeß im Erkennen. Sie vollzieht sich ebenso- 
gut auch in unserem seelischen System, das ebenso ein komplexes System 
ist, wie die von ihm zurechtgemachte „physische" Welt. Gerade weil die 
Singuiation auch dem Innenleben anhaftet, ist bewiesen, daß sie jenen ,, über- 
geordneten" Beziehungen angehört, welche dies objektive Denken als Welt- 
gesetze bezeichnet. Es zerfällt demnach auch der Komplex des Innern in 
Singula, das heißt in diesem Fall in Vorstellungen, Empfindungen, Ge- 
danken, Begriffe, Urteile usw., für welche die Gesetze der Individuation 
ebensogut gelten wie für die physikalischen Singula. Als solche unter- 
scheidet man herkömmlicherweise in den Flüssigkeiten die Tropjen. in den 
Emulsionen die luftgefüllten Blasen, wie etwa die Seifenblasen, oder im 
Lebensstoff die Vakuolen, in der ungeformten Materie die Körner, in der 
geformten die Kristalle und die Zellen. In der übermenschlichen Natur sind 
Singula endlich noch die Weltkörper und schließlich noch die etwas schwan- 
kenden Begriffe der Nebelflecke und Sonnensysteme. 



*) E. Häckel, der zugleich einer der größten Sprachmeistcr wissenschaftlicher 
Ausdrucksweise ist, hat ganz recht, wenn er vorschlägt, statt des ncunsilhipen 
Wortungetüms Individualisation das gleichbedeutende, aber handlichere Wort Sin- 
guiation zu gebrauchen. So soll es hier gehalten werden. 

47 



Alle diese Gebilde, sowohl die innerlich, wie die äußerlich erlebten, sind 
individualisiert, das heißt sie besitzen ihre Sondereigenschaften. 

Zu diesen gehört bei unverändertem Sein als vielleicht ausschlaggebendes 
Merkmal die Form. Wenn es im System, dem sie angehören, zu Verände- 
rungen kommt, dann tritt noch eine sehr hervorstechende Eigenschaft an 
ihnen auf. Und das sind die Prozesse, die nicht ruhen, bis nicht die Ruhe- 
lage vor der Verschiebung wieder hergestellt ist. 

Individuum, Form, Prozeß und dadurch Aufbau von Systemen, diese Be- 
griffe beherrschen durchgängig die Welt unseres Erlebens, und so kommt 
es in ihr nach einheitlichem Gesetz zu Sein und Geschehen.ii) So läßt sich 
der Satz verfechten, daß alles, was in unserem Welterleben sich mit dem Prä- 
dikat des Seienden schmückt, auch in die Form der Singulation geprägt sei. 

Und wirklich, man mag suchen, soviel man will im weiten Umkreis der 
Wahrnehmungen, überall ist das Sein entweder in stoffliche Grenzen einge- 
zwängt oder wenigstens in Formen geprägt, wenn es sich so wie die Welt 
der Vorstellungen dem physikalisch Meßbaren entziehen sollte. Nur ein 
Einziges bildet hiervon eine Ausnahme und fügt sich nicht in das Gesetz 
des Seienden. Das ist der Begriff des Weltäthers, wie er sich seit nun fast 
zwei Menschenaltern in der Physik herausgebildet hat und gerade jetzt im 
Für und noch mehr im Wider heftigster Erörterungen steht. Die große 
Einheit unserer Weltidee, die sich mit jedem Gedanken, den sie in ihren 
Kreis zieht, aufs neue erweist, gestattet es freilich, mit voller Gewißheit zu 
sagen, daß dieser Streit nur ein Ende haben kann: nämlich die Einsicht, 
daß es einen Weltäther, diesen Widerspruch in sich selbst, nicht gibt, daß 
er kein anderes „Sein" habe, als das einer Vorstellung. 

Wann die Physik von diesem Überbleibsel mittelalterlich-scholastischer 
Hirngespinste endgültig befreit werden wird, hängt von menschlich-zeit- 
bedingten Verkettungen ab, ist also nicht vorherzusagen; dagegen ist nicht 
der geringste Zweifel möglich, daß der Weltäther nur ein Asyl der Un- 
wissenheit ist, das nicht aufrechterhalten werden kann, sowie man bessere 
Einsichten in den Weltprozeß erwirbt. 

Entstanden ist er aus Verlegenheit zur Zeit, als der Mensch sich zuerst 
in den Verhältnissen der Extrazoesis zurechtzufinden suchte und merkte, daß 
sich die „biologischen Begriffe" nicht so ohne weiteres auf das Weltall 
übertragen lassen. Man konnte sich namentlich die Übertragung von Licht 
von der Sonne und ihren Fixsternkollegen her nur auf eine zoetische Weise 
vorstellen, indem man annahm, die Lichtstrahlen seien Wellen. Wo aber 
Wellen sind, da muß „etwas" in Wellenbewegung geraten. Für dieses 
„etwas" erfand man den wohlklingenden Namen Weltäther oder Lichtäther. 

Wenn man aber einmal ein Wort hat, muß sich dabei auch etwas denken 
lassen. Und so avanciert der Weltäther alsbald zum Grundstoff des Seins. 
Noch um 1907 gibt es Werke, die ihn nicht nur für real, sondern auch für 
etwas Greifbares erklären. Lord Kelvin, einer der ehrwürdigsten Namen der 

48 



Physik in England, meint, „Materie" sei eben nichts anderes als unfaßbar 
kleine Wirbel oder Wirbelringe im Äther. Man gibt sich artigen Spekula- 
tionen über seine Natur hin und schreibt ganz ernsthaft, daß der Äther nicht 
molekularer Natur sein könne, da ja Moleküle nur 0,000 002 mm messen, 
während die in ihm stattfindenden Lichtwellen dagegen 0,0004 mm, die 
Wärmewellen sogar 0,07 mm lang sind. 

Diese kleinen Angaben haben ihren wahren Wert darin, daß sie so recht 
augenfällig zeigen, wie versunken in den gröbsten Materialismus die natur- 
wissenschaftliche Denkungsart noch bis vor kurzem gewesen ist. Auch noch 
1911 steht in sehr ernst zu nehmenden physikalischen Werken, daß der Welt- 
äther eine „wirkliche physikalische Substanz" sei. Als seine „Störungen" 
werden angesehen nicht nur das Licht, sondern auch die Wärme und die Elek- 
trizität, die man alle als „rhythmische Änderungen" seiner Wesenheit ausgibt. 

Aber im gleichen Atem gibt man zu, daß diese „Substanz" substanzlos 
sei, daß sie sich mit keinem Mittel nachweisen lasse; sie ist unwägbar und 
gehört nicht zu den chemischen Stoffen. „Auf den Weltäther sind die beiden 
fundamentalen Begriffe der Physik der Materie: Undurchdringlichkeit und 
Beweglichkeit, überhaupt nicht anzuwenden; er ist ungreifbar und unbeweg- 
lich." 12) Er ist zwar keine Materie, aber „Materie" ohne Zusammenhang 
mit dem Weltäther gibt es nicht. Um sich vorzustellen, daß Äther und Atome 
trotzdem für einander durchdringlich sind, wie es nach den obigen An- 
nahmen vorausgesetzt werden muß, gibt es für diese Denkungsart nur eine 
Möglichkeit. „Das Raumteilchen, das von einem Atom erfüllt ist, muß 
gleichzeitig auch Äther sein. Das Atom ist dann also weiter nichts als ein 
bestimmt begrenztes Gebiet singulären Verhaltens im Äther." 

Ich habe mit Bedacht einige Hauptsätze aus der „Wissenschaft vom 
Äther" hierher gesetzt, um zu zeigen, wie wenig sich manche Forscher ver- 
pflichtet fühlen, sich ein logisch brauchbares Weltbild vor Augen zu halten. 

Vom Lichtäther glaubt man also, daß er gleichzeitig Materie sei (denn 
das Atom ist ein Stück Äther) und keine Materie sei; man schreibt einem 
Etwas, das mit keinem Mittel nachweisbar ist, merkbare Eigenschaften zu. 

Kurz, auch ohne die objektive Denkungsart hätte man den Ätherbegriff in 
einer logisch gereinigten Physik wegen seiner inneren Unmöglichkeit auf- 
geben müssen. Man hat es aber erst getan unter dem Zwange der Relativi- 
tätstheorie; nicht Vernunft, sondern eine neue Hypothese hat die alte Hypo- 
these verdrängt. Die rechnerische Beseitigung der Schwierigkeiten, die 
Lichtausbreitung zu verstehen, hat die Physiker den Äther als das erkennen 
lassen, was er ist, als einen Hilfsbegriff, der in dem Augenblick wegge- 
worfen wird, in dem man gleichwertige Stützen hat, die nicht das sacrifizio 
dell'inteletto fordern. Aber es ist ein lehrreiches Beispiel, welch beschei- 
dene Rolle das folgerichtige Denken heute noch in den Naturwissenschaften 
spielt. Denn wie konnte man sich so weit von den elementarsten Forde- 
rungen des Gesetzes vom Seienden entfernen, einer Vorstellung ein physi- 

Franci, Bios 4 

49 



sches Sein zuzuschreiben, die man mit gar keinem stofflichen Prädikat aus- 
statten kann! Indem man sich diesen Satz überlegt, erkennt man erst, wo- 
her der Begriff des Äthers stammt. Er ist das Produkt einer Vermengung 
der Weltanschauungen. Auf einen Begriff aus der Welt des Idealismus, auf 
eine Idee wollte man materialistisch die Welt des Stofflichen aufbauen. 
Man hat also wohl geglaubt, man könne eine Idee materialisieren. 

Nach der Eliminierung des Ätherbegriffs, dessen einzige „Lebensnotwen- 
digkeit" aufgehört hat, seitdem m»an das Licht wieder körperhaft, quanten- 
mäßig faßt (vgl. S. 28), ist die ganze Welt der Vorstellungen einheitlich 
aus Singula und deren Verbindungen aufgebaut. 

Prüft man aber die schon genannten Begriffe, wie Tropfen, Körner, Kri- 
stalle, Zellen, Vakuolen, Weltkörper, Sonnensysteme, so befriedigen sie 
keineswegs die erste aller Denkforderungen, nämlich die nach Einfachheit. 
Namentlich in zwei Beziehungen sieht sich das Denken gezwungen, sie zu 
vereinfachen. Sie alle stehen miteinander in dem Verhältnis, daß sich das 
eine sehr wohl als Teil des andern denken lassen kann. Die Vakuolen und 
Körner sind Bestandteile der Zellen, diese mit allen übrigen wieder solche 
der Weltkörper. Man hat also in diesen Dingen nicht elementare Ausfor- 
mungen des Seienden vor sich, sondern sieht, daß hier noch ein Gesetz 
wirksam ist, das an sich mit dem der Singulation nichts zu tun hat. Aber 
auch davon abgesehen ist keines dieser Individuen wirklich das, was wir 
suchen: der elementare Baustein der Welt. 

Wohl drängt sich da sofort der Begriff des Atoms zu, und vor einem 
Menschenalter hätte man sich unbedenklich damit zufrieden gegeben. Aber 
heute weiß man sowohl von Zerreißungen des Atoms im radioaktiven Pro- 
zeß, man kennt auch eine Zusammensetzung des Atoms nach Art eines 
kleinen Sonnensystems. Man muß also tiefer graben, will man auf die Ein- 
heit stoßen, aus der die Welt des Seins sich aufbaut. 

Da bietet sich denn die neueste physikalische Forschung zum Führer an 
und hat uns mit einer Wesenheit bekannt gemacht, die an Einfachheit wohl 
kaum mehr unterboten werden kann, es sei denn durch die Einheit dessen, 
was sie noch als Vielheit faßt. 

Die elementarste Existenzmöglichkeit, welche uns die Anschauung derzeit 
bietet, Ist das Quantum. Dies ist vielleicht die wichtigste Bedeutung, welche 
die Quantenlehre gegenwärtig besitzt, um so wichtiger, als der Begriff auch auf 
dem Gebiet durch keine Sinneswahrnehmungen gestützten Vorstellungen seine 
Gültigkeit und elementare Bedeutung behält, wie sofort nachgewiesen werden 
soll, das Quantum also wirklich das Elementare unserer „WeW^ zu sein scheint. 

Mit dem Begriff „Quantum der Physik" schlägt sich eines der merkwür- 
digsten und farbenreichsten Blätter im großen Bilderbuche der Natur auf. 
Es wurde bereits auf Seite 13 darauf hingewiesen, daß es sich hierbei um 
Untersuchungen handelt, die an den grundlegenden Satz der statischen 
Mechanik, nämlich den von der gleichmäßigen Energieverteilung, anknüpfen. 

50 



Dieser Satz will nun folgende Erfahrung zum Range eines Gesetzes er- 
heben: Wenn man die Masseteilchen eines Gases in einem geschlossenen 
Behälter auf ihre Bewegungen verfolgt, die anfangs als ein durchaus regel- 
loses Durcheinanderschießen erscheinen, erkennt man nach sehr langer Beob- 
achtungsdauer, daß die durch sie ausgeübte Wirkung vollkommen gleich- 
mäßig ist, so daß sich die Energie dieses Gases auf die Dauer nicht ändert. 

Ich bin mir bewußt, in diesem Satz mehr Faßlichkeit als Korrektheit an- 
gestrebt zu haben, brauche ihn aber, um von ihm aus auch die an Abstraktes 
nicht gewöhnten Köpfe zu einem Verständnis der sogenannten kinetischen 
Gastheorie zu führen, in welche diese Erfahrung mündete. 

Diese Theorie, welche von allergrößtem Wert ist, um das mechanische 
Verhalten der Körper berechenbar zu machen, nimmt an, daß ein Gas aus 
einer überaus großen Zahl von Molekülen besteht, die in sehr lebhafter 
Bewegung begriffen sind. Sie sind in so lockerem Verband, daß Kräfte 
zwischen ihnen nicht in Betracht zu ziehen sind. Deshalb erscheint das Ge- 
samtgebilde ja auch so luftig, formlos, eben: gasförmig. In einem solchen 
Gas bewegt sich nun nach der Theorie jedes Masseteilchen zunächst einmal 
mit gleichbleibender Geschwindigkeit geradlinig fort. Es ist aber selbstver- 
ständlich, daß in einer Welt der Vielheit der einzelne nicht ungestört für 
sich bleiben kann. Es müssen häufig einzelne Teilchen, das heißt Moleküle 
zusammenprallen, zum mindesten muß ein Anprall an die Wand des Gefäßes 
erfolgen. Die natürlichste Annahme ist nun, daß sich die Moleküle wie ela- 
stische Kugeln verhalten, also etwa wie Billardkugeln. Diese nehmen nach 
einem Stoß eine andere Richtung an, in der sie sich wieder mit gleichblei- 
bender Geschwindigkeit fortbewegen. Jedes Molekül wird so eine Zickzack- 
bahn beschreiben, die es mit sehr verschiedener Geschwindigkeit durchläuft. 

Indem nun die Moleküle an der Wand des Gefäßes auf diesem Wege an- 
prallen, üben sie durch ein wahres Trommelfeuer von Stößen auf diese 
Wand eine Wirkung aus, die als Druck meßbar und daher dem Experiment 
zugänglich ist.i^) Dieser Druck ist bald als konstant erkannt worden, und 
darauf ruht die Folgerung, daß alle Moleküle eine sich gleichbleibende 
mittlere Geschwindigkeit besitzen. Wie man aus lange Zeit hindurch fort- 
gesetzten Beobachtungen ableiten kann, sind die Mittelwerte der einzelnen 
Glieder eines solchen Molekülsystems untereinander gleich. 

Das ist der Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung, einer der 
grundlegenden Sätze, auf dem man mit unbedingtem Vertrauen die ganze 
kinetische Gastheorie, diese herrliche Lehre aufbaute, die uns über die un- 
sichtbare Welt der Moleküle ganz genaue Vorstellungen geliefert hat, einfach 
durch die Verwertung beobachtbarer Bewegungen ohne, wie ein namhafter 
Physiker sehr hübsch sagt, die unverstandenen mystischen ,, Kräfte' gewisser- 
maßen als Götter einzuführen. Um so schmerzlicher ist es daher, daß gerade 
dieser Satz mit gewissen neueren Beobachtungen nicht mehr vereinbar ist. 

Aus ihm leitete sich die Überzeugung ab, daß die Energie (denn was für 

4* 

51 



die kinetische [= Bewegungs-] Energie der Gase gilt, trifft natürlich für 
den Begriff Energie überhaupt zu) die Eigenschaft besitze, auch in perio- 
dischen Vorgängen, also in Prozessen aller Art stets in einem ständigen 
Strom ihre Arbeit zu verrichten. Diese Überzeugung ist überhaupt nichts 
anderes als der Energiesatz mit anderen Worten ausgedrückt. 

Es gibt nun in der physikalischen Literatur ein Werk, das in der unge- 
schmückten und wahrlich nicht künstlerischen Sprache reiner Wissenschaft 
die spannende Geschichte erzählt, wie man dazu kam, diesen Satz von dem 
kontinuierlichen Strom der Energien aufzugeben. Es ist die „Theorie der 
Wärmestrahlung" von dem Berliner Physiker M. Planck, die jeder lesen 
muß, dessen Beruf diesem Teil der Weltgesetze näher steht. Darin wird 
etwa folgendes gesagt: 

Als man den Satz von der gleichmäßigen Energieverteilung auf die Er- 
gebnisse von Versuchen mit strahlender Wärme anzuwenden versuchte, ge- 
riet man auf krasse Widersprüche mit der Erfahrung und überzeugte sich, 
daß zunächst für das Gebiet der Wärmestrahlung die Vorstellung vom kon- 
tinuierlichen Strom der ausgetauschten Energien gewiß nicht anwendbar ist. 
Der Begriff der Wärmestrahlung ist aber jedem geläufig, der je im Winter 
in die Stube trat und sich am frisch geschürten Ofen ob der Wärme freute, 
die ihm sofort zustrahlte, bevor sich noch die Luft des Zimmers erwärmte. 

Gerade diese Wärmestrahlung ist einer der Vorgänge, für die man den 
hypothetischen Weltäther brauchte, und er hat die Naturforscher schon 
deshalb auf das lebhafteste angezogen, da seine Beobachtung sehr bald zu 
der Unglück verkündenden Erfahrung führte, daß durch sie Wärme immer 
nur von höherer zu niederer Temperatur übergehe, niemals aber umgekehrt 
{Clausius'sches Wärmeprinzip), woraus man sehr verhängnisvolle Schluß- 
folgerungen für die Zukunft des Weltalls ziehen zu müssen glaubte. 

Im Jahre 1859 — dem denkwürdigen, das plötzlich auf allen möglichen 
Gebieten die Entstehung des modernen Denkens einleitete — veröffentlichte 
Kirchhof/ seine epochemachende Abhandlung über das Ausstrahlungs- und 
Aufnahmevermögen der Körper für Wärme und Licht, in der er nachwies, daß 
das Verhältnis zwischen diesen beiden bei gleicher Temperatur stets gleich 
bleibe. Diesem Verhältnis forschte man in immer wiederholten Arbeiten 
vierzig Jahre lang nach und fand dabei Verschiebungen der Maximalwerte 
der Strahlungsenergie, die sich mit den Forderungen kontinuierlicher Energie- 
abgabe in keiner Weise deckten. Die Beobachtungen ließen sich nur 
erklären, wenn man annehmen wollte, daß die Energie der Strahlung nur 
in bestimmten Mengen, das sind Quanten, an den absorbierenden Körper 
weitergegeben und von diesem ebenso quantenweise zurückgestrahlt wer- 
den kann. 

Das ist der Inhalt der Quantenhypothese, die M. Planck etwa seit IQOO 
in wiederholten Versuchen aufbaute, und die seitdem auf allen möglichen 
Gebieten des physikalischen Geschehens durchgeprüft und vielfach bestätigt 

52 



wurde. An ihrer Brauchbarkeit und Nützlichkeit läßt sich demnach nicht mehr 
zweifeln. Dagegen kann man sich noch immer keinen rechten Begriff machen. 
wie man sich die Form der quantenhaften Energieübertragung vorstellen soll. 

Einstein, der auch hier versuchte, die schöpferische Leistung mit seinem 
praktischen Verstände zu erweitern, forderte, die Energie der Strahlung 
ganz unabhängig vom Materiebegriff als elementare Wesenheit (Licht- 
quanten) anzusehen. Er gab sich Bildern hin, als sei eine „zellige" Struk- 
tur des Lichtes denkbar, jedenfalls eine korpuskulare und materielle, so, 
wie schon seinerzeit Newton vermutet hatte, der das Licht für eine Art Aus- 
schleuderung von Teilchen hielt. 

Man hat durch die Aufgabe des Begriffes Lichtäther die Freiheit zu 
solcher Annahme, durch die Relativitätstheorie den Zwang und die Quanten- 
lehre auch die Neigung. Tatsächlich wird an Stelle des alten Glaubens vom 
Licht als Wellenbewegung eines unbekannten „Etwas" eine andere Ansicht 
gewählt werden müssen, und sie kann kaum anders lauten, als daß das 
Licht quantenhafter Natur sei. Von der philosophischen Seite wird dies 
nachdrücklich gefordert, ja einfach zwangsläufig behauptet. Vorerst hat das 
allerdings noch seine Schwierigkeiten, namentlich durch das Phänomen der 
Beugungserscheinungen des Lichtes (Interferenz), das bisher eine der 
Hauptstützen der Wellentheorie war, weil man dadurch auch die Wellen- 
längen messen konnte. Mindestens würde man dadurch gezwungen sein, an- 
zunehmen, daß die Quanten sehr groß sind, unter Umständen Elementar- 
singula der Energie von Metergröße darstellen. Davor schreckt man denn doch 
zurück, weil es neue Hypothesen bedingt. Dennoch muß man sich die Quante- 
lung, letzten Endes also die Singulation, als ein Weltgesetz elementarster Art 
vorstellen, dem man heute oder morgen folgende Fassung wird geben müssen : 

Alles Seiende und Wirkende ist in Formen ausgeprägt. Das ist freilich 
ein höchst allgemeiner Rahmen und sein Inhalt noch herzlich unbestimmt. 
Aber eine deutlichere Ausdrucksweise ist — wenn auch manches in der 
neuesten Physik sie zu erlauben scheint,^*) doch noch zu sehr vom Für und 
Wider der Diskussion umflutet, als daß sie in einem Werk, das endgültig 
gesicherte Gesetze der Welt festlegen will, am Platze wäre. 

Trotz seiner Allgemeinheit erlaubt dieser Satz schon manche Einsichten in 
sehr wichtige und merkwürdige Zusammenhänge. Vor allem ist durch ihn 
die Formbildung als elementare Notwendigkeit unseres Welterkcnnens fest- 
gelegt, und Form und Sein wird unlöslich verkittet. Quantenhaft erscheint 
uns alles, und das Geschehen ist auch im geistigen Erleben nur unter 
diesem Gesichtspunkt zu verstehen. 

Fluten von Licht ergießen sich bei diesem Gedanken über annoch dunkle 
Gebiete des Geisteslebens. Eines Tages wird der Entdecker der Quantelung 
in der Geschichte kommen und das einheitliche Gesetz aufzeigen, nach dem 
sich das historische Geschehen stets in Gruppen abspielt. Alles Geschichts- 
geschehen tritt so auf, der Zusammenschluß in Gemeinschaften, ja Völker- 

53 



und Staatenbildung, Epochen, das Zusammendrängen von Geistesgroßtaten, die 
Werdegeschichte jeder Entdeckung und Idee, auch das Erleben des Alltags, der 
Ablauf des Gewöhnlichsten, alles wird ihm den geheimen Zwang zum Zusam- 
menschluß in Quanten verraten, so wie sie in den Beziehungen der Glieder 
der Zahlenreihe, im logischen und künsterlichen Prozeß unverkennbar sind. 

Wer wird dieser Marco Polo noch unentdeckter Länder des Geistes 
sein? Einen Vorläufer hat er schon, dem freilich, wie jedem Vorläufer der 
wahre Sinn seines Tuns im großen Zusammenhang mit den übrigen Gesetzen 
des Weltalls noch nicht aufgegangen ist. Das ist O. Sterzinger^^), der mit 
der Lehre von der „Knäuelung" als durchgängige Welterscheinung auftrat. 

Wenn man auf einer bestimmten Fläche das Fallen von Regentropfen be- 
obachtet oder an einer gewissen Straßenstelle das Vorüberziehen von Men- 
schen oder Fuhrwerken oder die Kugeln von Billardspielern oder den Post- 
einlauf in seiner eigenen Erfahrung oder die Blättersilhouette der Bäume 
oder den Ablauf des Wetters, die Verteilung der Blüten in einer Wiese 
(Abb. 8), die Trikymia, die dreimalige Hochwoge, die schon Eurlpides be- 
kannte Quantelung der Meereswellen, nach der mit jeder zehnten Woge hinter- 
einander drei Wellen heranrollen, die ihre Vorgänger an Höhe übertreffen, das 
Bild des gestirnten Himmels, die Komplexbildungen der Atome und Mole- 
küle — überall wird man finden, daß Ereignisse und Dinge sich häufen, daß 
neben „leeren Stellen" plötzlich Knäuel gleicher und ähnlicher Erscheinungen 
stehen, daß also die ganze Welt „aus kumulativen Knotenpunkten" besteht. 

Das etwa ist Sterzingers Beweismaterial und Gedankengang. Er hätte der 
Reihe seiner Beobachtungen nur noch die Quanten hinzuzufügen brauchen, 
um sie dann gleich auf ihr Elementarstes zurückzuführen, aus dem vielleicht 
sich alles andere ungezwungen ableiten läßt. 

Hierfür wird man den Physikern die Augen öffnen müssen, so wie die 
Philosophen durch die Tatsachen der Physik so lange ganz andere Grund- 
lagen unter die Füße bekommen werden, bis sich die große Einigung unter 
den Auspizien der objektiven Philosophie vollzieht und das erste der 
großen Weltgesetze in das Bewußtsein aller übergehen wird. 

Ihnen wird sich immer mehr die uns noch so unfaßbare Welt der mitten 
durch unsere Sinnenwelt greifenden geheimnisvollen Quanten erschließen, 
die sich nach allen drei Richtungen, sowohl in der des kleinsten Raums, wie 
jenseits unserer Größenanschaulichkeit, als auch nach der Verkuppelung 
von Entitäten der Erscheinungswelt ausbreiten. Mit uns existiert nicht nur 
die sichtbare Welt der Quanten in ihrer wunderbaren Formenmannigfaltig- 
keit als materielle, lebende und geistige Gestaltung, sondern auch eine Fülle 
von nur indirekt erschließbaren Quanten nach Art des von Planck erwie- 
senen Elementarquantums. Und nichts deutet dagegen, daß auch sie eine 
tausendgestaltige Welt des nur indirekt Begreiflichen aufbauen. Es ist so- 
gar sehr wahrscheinlich, daß geheimnisvolle Gestalten voll Eigenschaften 
und periodischer Änderung uns umstehen, als Quantenwelt des Lichtes, der 

54 



Wärme, der mechanischen Energien, des Geschehens in seiner tausend- 
fachen Verwickelung, und daß aus ihren Gesetzen manches zwingend ins 
zoetisch-irdische Tun und Geschehen hinübergreift wie aus einer anderen 
Welt. Ist die Erkenntnis erst einmal so weit vorgeschritten, dann wird von 
jener Gesetzmäßigkeit aus sich zweifellos manches klären, was heute noch 
undeutbar, oft von den Schleiern des Okkulten verhüllt, sich vor dem Be- 
greifen verbirgt. Ja, vielleicht ist nicht einmal die Hoffnung zu kühn, daß 
das Rätsel des Teleologischen, des Geistigen im weitesten Umfange auf 
diesem Wege seiner Lösung nähergebracht werden kann. 

Eine dritte Gruppe von Einsichten, die sich in dem Satz von den Formen 
des Seins birgt, gehört dem Gebiet des schon heute rechnerisch Erfaßbaren 
an und wird auch von dem nüchternsten Geiste unterschrieben werden. 

Planck selbst hat diese Konsequenz seines Quantengesetzes schon be- 
rührt, als er sie in die Form kleidete, das Quantenhafte der Energie sei 
durch die Eigenart des Elektrons bedingt. Er beschränkte damit seine Ent- 
deckung eigentlich auf die von dem Elektron bedingten Quanten. 

Mit anderen Worten: das Elektron ist eine elementare Quantenform der 
Welt. Es erhebt sich nur die heute erst aufgeworfene, aber nicht beant- 
wortbare Frage, ob es das einfachste der Quanten sei, mit anderen Worten, 
ob es nicht auch in der Welt der Quanten die Gesetze der Integration und 
Organismenbildung gibt, was aus logischen Gründen vorausgesetzt und so- 
gar für mehr als möglich erklärt werden muß. Wenn man von dieser 
Frage absieht, kann man ruhig die Elektronen für einen der elementaren 
Bausteine der physischen Welt erklären. 

Was ist ein Elektron? Will man diese Frage ganz objektiv beantworten, 
so muß man sagen: es ist eine Vorstellung, eine ersonnene Wesenheit, um 
ein komplexes System aus der Materie zu machen, mit dessen Teilen man 
rechnen kann. Das kühlklare Wort Humboldts von den Atomen gilt eben- 
sogut für die Elektronen: „Um die Erscheinungen dem Kalkül unterwerfen 
zu können, wird die Materie aus Atomen (Molekülen) konstruiert, deren 
Zahl, Form, Lage und Polarität die Erscheinungen bedingen soll." 

Wenn man den gleichen Vorgang in anderer Form wiederholt, kann man 
sagen: um die Existenz von Welt, Mensch, Seele, Gut und Böse in ihren 
Beziehungen besser durchschauen zu können, konstruiert man Demiurgen, 
weltschaffende Kräfte, Dämonen und Engel, deren Zahl und beigelegte Eigen- 
schaften die Erscheinungen bedingen sollen. Das ist dann der reine Mythos. 

Nun, ein wissenschaftlicher Mythos sind auch die Elektronen. Es ist not- 
wendig, sich das zum Bewußtsein zu bringen, um nicht in den Fehler des 
Materialismus zu verfallen, der jetzt wieder ebenso unbedenklich, wie er 
früher die Atome mit dem Begriff eines realen Körpers umkleidete, auch die 
Elektronen als „Atome der Elektrizität" für wirklich hält und dann höchst 
verwundert tut, wenn Rechnungsnotwendigkeiten ihn zwingen, sie als wan- 
delbaren Begriff, als eine nur „scheinbare Masse" anzusehen. 

55 



Lehrreichen Einblick erhält dadurch auch der philosophisch Ungewandte 
in die Notwendigkeit und die Begriffe einer philosophischen Weltanschauung. 
Die naiven Gemüter glauben, es könne überhaupt eine andere als eine solche 
geben. Etwa eine „reale", die sie mit Vorliebe die naturwissenschaftliche zu 
nennen belieben, und eine nur „erdachte", von der sich diese platten Seelen 
gewöhnlich mit einem herablassenden Lächeln als von einer Art Spielerei 
abzuwenden pflegen. Die Ahnungslosen wissen nicht, daß alle ihre „realen" 
Dinge, ihre Elektronen und Atome nur ebensogut „erdacht" sind wie die an- 
deren Begriffe, daß sie nur die Bausteine einer Philosophie sind, die nichts 
anderes will und leisten kann, als die Beziehungen unserer Vorstellungswelt 
zu vereinfachen und auf so wenige Nenner zurückzuführen, daß sie ständig 
überblickbar und darum vorstellbar sind. Es kommt den Erfindern der so- 
genannten naturwissenschaftlichen Grundbegriffe gar nicht darauf an, daß 
hinter ihren Beziehungen Elektron, Atom, Molekül, Energie, Quantum, Kraft 
und wie sie alle heißen, erlebbare Anschaulichkeit stecke, sondern sie be- 
zeichnen damit nur scharf definierbare Systemteile von gleichbleibender Be- 
deutung, weil man mit solchen rechnen und auf dem Weg der rechnerischen 
Formeln die überwältigende Fülle der Erlebnisse dann vereinfachen kann. 
Mit anderen Worten : nie hat Naturwissenschaft, wissenschaftliches Denken 
überhaupt, jemals etwas anderes getan, als die Forderung der objektiven 
Philosophie erfüllt. Sie hat nur die Systembeziehungen des Erlebten in solcher 
Weise gruppiert, daß einfachere Linien entstanden, die man Gesetze nennt. 
Diese Selbstbesinnung umschreibt die wahre Natur der Elektronen. In 
diesem Sinn sollen sie nun in das Bild der Erscheinungen eingesetzt wer- 
den. Erfunden hat die Elektronen //. A. Lorentz in Leiden, auch Thom- 
son in Cambridge, als sie das Leuchten einer sogenannten C^oo^^'schen 
Röhre (Abb. 10) näher untersuchten. 

Unter einer solchen versteht man eine Glasröhre, deren Luft so weit ver- 
dünnt ist, als das durch eine Luft- 
pumpe geschehen kann. In das Glas- 
rohr sind an jeder Seite Drähte ein- 
geführt, die durch eingeschmolzene 
Teile mit elektrischer Hochspan- 
nungsleitung in Verbindung stehen. 
Man nennt sie Elektroden und un- 
terscheidet die positive Anode von 
der negativen Kathode. 

Solche Röhren (als Geißler- 
röhren bekannt) zeigen prachtvolle 
Abb. 10. Eine crookes'sche Röhre zur Demonstration Farbenerschcinungen, je nachdem 

der Eigenschaften der Kathodenstrahlen. daS GaS in ihnen VCrdÜnut ist. Zuerst 
K == Kathode, A = Anode. Die von der Kathode aus- hpmnnpn vIoIpHp RUt^P Hann f-n\ 
geschleuderten Elektronen geben ein Schattenbild des beginnen VlOlCttC tJUtZe, ÜaUU ent- 
in die Röhre eingesetzten Metallkreuzes Steht VOn der Anodc her ein TOteS 




56 



Glimmen, dem die Kathode mit bläulichem Schimmern antwortet, schließlich 
stellen sich sehr vielfältige Lichterscheinungen ein. Wenn man die Gasverdün- 
nuiig sehr weit treibt, beginnt ein neues Spiel der Farben. Die Röhre selbst 
wird dunkel, dafür beginnt ihre Glaswandung im herrlichsten Grün zu leuch- 
ten, in jenem Licht, von dem jedermann eine Vorstellung hat, wenn man es 
als fluoeszierend bezeichnet. Eine solche Röhre ist es, die man als Crookes- 
Röhre bezeichnet; in ihr fluoresziert die Kathode durch gradlinige Strahlen, 
die von ihr ausgehen (vgl. Abb. 10 — Kathodenstrahlen) und die in der 
Lehre vom Bau des Stoffes eine ungeahnte Bedeutung gewonnen haben. 

Wo diese Kathodenstrahlen auftreffen, entstehen Wirkungen. Sie sind also 
„etwas". Glas fluoresziert durch sie in verschiedenen Farben; Körper wer- 
den durch sie erwärmt; dünne Metallbleche kommen sogar zum Schmelzen; 
sie leuchten, denn ihnen in den Weg gestellte Dinge werfen Schatten (so 
auf der Abb. 10 das Metallkreuz). Diese Strahlen sind also nicht unkörper- 
licher Natur, sondern es sind offenbar von der Kathode aus abgeschleuderte 
Teilchen. Sind sie nun Teile des Metalls oder sind es Luftteilchen? Hierauf 
fand sich insofern eine Antwort, als man bemerkte, daß sie durch einen an 
die Röhre gehaltenen Magneten seitlich abgelenkt werden können. Gas läßt 
sich nicht ablenken — es war also Gas ausgeschlossen. Dazu ergab sich noch, 
daß alles, worauf sie treffen, negativ elektrisch wird. Es wird also durch 
sie negative Elektrizität transportiert, und da Metallteilchen nicht bloß nega- 
tiv geUden sein können, war auf diese Weise Sicherheit gewonnen, daß die Ka- 
thodenstrahlen negativ geladene elektrische Teilchen unbekannter Natur sind. 

Über diese ließen sich aber noch weitere Bestimmungen finden, al? man 
daran dachte, sie nicht nur durch ein magnetisches, sondern auch durch ein 
elektrisches Feld von ihrer Bahn abzulenken, indem man sie durch die ent- 
gegengesetzt geladenen Platten eines Kondensators gehen ließ. (Vgl. Abb. 5.) 

Aus dem Unterschied zwischen magnetischer und elektrischer Ablenkung 
lassen sich nach schon längst festgestellten Sätzen Urteile sowohl über die 
Geschwindigkeit wie über die spezifische Ladung dieser unsichtbaren Teil- 
chen ablesen. Man fand, daß die Geschwindigkeit nicht immer gleich war; 
sie stieg, wenn die Röhre besonders stark verdünnt war, sie fiel, wenn sich 
in ihr mehr Gas befand. Da aber die Natur dieses Gas auf die Geschwin- 
digkeit gar keinen Einfluß hatte, mochte nun Luft oder Wasserstoff oder 
Helium darin sein, so war damit ein neuer, völlig überzeugender Beweis ge- 
wonnen, daß es sich nicht um fliegende Gasteilchen handelt. Übrigens war 
die Geschwindigkeit so groß — sie betrug niemals unter 100 000 km in der 
Sekunde — , daß eine solche Bewegung von Gasteilchen unerhört wäre. 

Noch überraschender war das Ergebnis über die Natur der spezifischen 
Ladung der Kathodenstrahlen. Sie war 1830mal größer als die größte aller 
bekannten Ladungen von Elementaratomen. Da sie aber in ungekehrtem 
Verhältnis zur Größe der Masse steht, mußte man annehmen, daß in den 
Kathodenstrahlen Teilchen fliegen, die 1830mal kleiner als das kleinste der 

57 



bekannten Atome, nämlich das Wasserstoffatom, sind. So kleine Atome 
waren unbekannt. Es gibt keinen chemischen Stoff, der solche besäße. Der 
Wert der spezifischen Ladung war ebenfalls von den chemischen Substanzen 
der Crookesröhre unabhängig. So sah man sich gedrängt zu dem Satz: die 
negative Ladung der Kathodenstrahlen sei nichts Chemisches, sondern etwas 
„Elektrisches", nämlich negativ geladene, in Teilchen zerspaltene Elektrizi- 
tätssubstanz, deren Teilchen man eben den Namen Elektronen gab. 

Das war der Weg, auf dem man die Elektronen entdeckte. Und auf ihm 
fand man zugleich eine ganze Reihe Eigenschaften für sie. Da war, daß sie 
eine elektrische Ladung negativen Vorzeichens führen, selbst aber auch 
Masse besitzen, die 1830 mal kleiner als die der Wasserstoff atome ist. Diese 
Masse stellte sich bei dieser Gelegenheit zugleich als etwas Unkonstantes 
heraus, denn ohne daß etwas dazu kam oder weggenommen wurde, bloß 
durch Änderung der Geschwindigkeit der Elektronen, wurde sie rechnerisch 
als größer oder kleiner erkannt, und es stellte sich (bei den anderweitig be- 
stätigten Versuchen von W. Kanfmann^^) heraus, daß sie bei 300000 Kilo- 
metersekunden schon den Unendlichkeitswert erreicht. Daraus war, wie be- 
reits erwähnt, erstens zu folgern, daß es keine größere Geschwindigkeit im 
Weltbild des Menschen geben kann als die des Lichtes, da bei ihr die Masse 
schon die Raumvorstellung restlos erfüllt. Zweitens ist es klar, daß ein sol- 
cher von der Ladung, nämlich von der Geschwindigkeit abhängiger Masse- 
begriff nicht der der Sinne ist, sondern nur einer der Vorstellungen sein kann. 

Der Massebegriff der Elektrizitätslehre ist also, wie nicht oft genug betont 
werden kann, nur ein vorgestellter, die Masse ist nur etwas Scheinbares, 
etwas Doketischesi^) — mit anderen Worten, eine der Hauptforderungen der 
objektiven Philosophie, die sie mit Schopenhauer teilt, ist erfüllt: die „Welt 
als Vorstellung" ist von der Physik unabhängig auf ihrem Wege entdeckt 
und gerechtfertigt worden. 

Das sind die großen Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizitätslehre, 
die sich an die Namen Lorentz und Thomson knüpfen. 

Das Elektron ist das einzige Elementarquantum, dessen Natur bisher ge- 
nauer bekannt ist. Und wenn die elektrische Energie diejenige ist, aus wel- 
cher alle anderen physikalischen Energien hervorgehen, ein Satz, der heute 
zweifellos erscheint, so ist damit das Elektron zum Baustein der Erschei- 
nungswelt gemacht. Dadurch ist die physiche Welt aber in den Strudel 
der Einsichten über die Masse gerissen und ebenso zur Vorstellung verwan- 
delt wie die Wesenheiten der geistigen Welt. Der tiefere Hintergrund der 
Materialität ist doch wieder die Idealität; die Naturwissenscchaften sind in 
ihrem Kernpunkt von der Philosophie abhängig gemacht und letzten Endes 
in eine Geisteswissenschaft verwandelt. 

Das ist es, was die Grundlage alles Denkens und jeder Bildung werden 
muß; von hier aus baut sich die neue Welt des objektiven Denkens auf, der 
ich mit dem Einsatz meiner ganzen Kraft Bahn brechen will. 

58 



Mit dem Elektron untrennbar verbunden ist aber die Einsicht in die Ge- 
staltung der Atome, zu der sich die physikalische Chemie allmählich durch- 
ringt, und die immerhin schon zu einigen Feststellungen gelangt ist, die 
nicht mehr verlassen vt^erden können, so sehr sich auch das Bild des Atoms 
im einzelnen noch ändern mag. Das Wichtigste und Unveränderliche daran 
ist, daß der Atom keine Einheit, sondern selbst ein 
komplexes System ist, also nicht zu den elemen- 
taren Quanten des Weltbildes gehört. 

Nach Gesetzen, deren nähere Erörterung man im 
folgenden Abschnitt nachlesen möge, baut sich das 
Atom aus Elektronen auf, allerdings mit einem 
Atomkern, dessen Zusammensetzung nur aus Elek- 
tronen derzeit abgeleugnet wird. Er ist erheblich 
kleiner als sie und mit positiver Elektrizität geladen. 
Die sofort auftauchende Vermutung, daß er nichts 
anders als das Elektron der positiven Elektrizität 
darstelle, ist nach den Untersuchungen an Kanal- 
strahlen mit allen Gründen ^widerlegbar geworden. 
Um ein Urteil über diese Behauptung zu ermög- 
lichen, muß man Erzeugung und Natur der Kanal- 
strahlen kennen, wozu in den physikalischen Labo- 
ratorien derzeit reichlich Gelegenheit ist, da sie im 
Vordergrund der experimentellen Tätigkeit stehen. 
iVlan entdeckte diese Art von Strahlung, als man 
versuchte, in den Vakuumröhren den Träger der po- 
sitiven Elektrizität, der doch auch vorhanden sein 
muß, aufzufinden. Wenn man nämlich in einer Röhre 
von hoher Verdünnung (man nennt solche beson- 
ders evakuierte Röhren nach ihrem ersten Verferti- 
ger Mittorf'sche Röhren) eine Kathode in der Mitte 
einsetzt, wie auf Abbildung 11 ersichtlich, und sie 
mit Löchern oder kanalartigen Schlitzen versieht, ändert sich im Hochfre- 
quenzstrom das Phänomen, von dessen Beobachtung wir vorhin ausgingen. 
In dem einen Teil der Röhre herrscht rotbraunes Leuchten in Gestalt wohl- 
unterscheidbarer Strahlen, im anderen fluoresziert das Glas der Röhre nach 
wie vor in grünem Funkellicht. Diese rotbraunen Strahlen sind etwas 
Neues, und an ihnen versuchte man alle die Experimente, durch die sich die 
Natur der Elektronen ergründen ließ. Man ließ den Magneten einwirken, 
beobachtete aber keine Ablenkung. Man nahm einen erheblich stärkeren, 
und nun gab es einen Ausschlag, aber nach der entgegengesetzten Seite. 
Das deutete auf positive Elektrizität; die Ladung von Metallteilchen, die 
man den Strahlen entgegensetzte, war positiv. 

Das erweckte Hoffnungen. In den rotbraunen Kanalstrahlen fliegen also 




Abb. 11. Versuchsanordnung zur 
Herstellung von Kanalstrahlen. 
Oberhalb der mit Schlitzen ver- 
sehenen Kathode leuchten die 
von den Kanalstrahlen getroffe- 
nen Gasteilchen rotbraun, wo- 
durch man die einzelnen Strahlen 
erkennt. Unterhalb der Kathode 
erzeugen die Kathodenstrahlcn 
einfach grüne Fluoreszenz 



59 



Teilchen positiver Elektrizität. Sofort unterwarf man sie dem schon bekann- 
ten vergleichenden Experiment, die magnetische und elektrische (eigentlich 
elektrostatische) Ablenkung zu messen, um dadurch die Geschwindigkeit 
und Größe der Ladung zu erkennen. 

Und damit betrat man ein neues Gebiet. Wohl ist die Geschwindigkeit 
der Teilchen, die in den Kanalstrahlen daherrasen, außerordentlich, aber sie 
übersteigt doch nicht 100 km in der Sekunde. Die spezifische Ladung da- 
gegen war immer kleiner als die des Wasserstoffatoms. Oder, wenn die 
Vakuumröhre mit Wasserstoff gefüllt war, so stimmte sie mit jener des 
Wasserstoffs überein. Je nach der Füllung war sie verschieden. Und damit 
war es entschieden, daß die Kanalstrahlen nicht „materiefreie Elektronen" 
sind, sondern positiv geladene Gasatome.*) 

In solcher Weise verliefen die Versuche, auf die sich die Ansicht stützt: 
es sei noch nicht gelungen, positive Elektronen zu isolieren. Denn wohl- 
verstanden, um nichts anderes handelt es sich. Wir können vorläufig die 
positive Elektrizität nicht von der Materie trennen. Eine Änderung dieses 
Wissens ist möglich, ja sie ist, wie wir sofort sehen werden, wünschenswert, 
für das Verständnis des Atombaues sogar notwendig. 

Der positiv geladene Kern des Atoms ist eine terra incognita für den 
Physiker. Wenn er — wie man soeben eingesehen hat — nicht das positive 
Elektron sein kann, was ist er dann? Materie mit einer Ladung positiver 
Elektrizität! Aber wir haben doch gerade vorhin gesehen, daß Elektrizität, 
die Grundlage des Weltgeschehens, durch ihren Beharrungswiderstahd 
Masse nur vortäuscht. Jetzt meldet sich eine andere „Masse", die sich nicht 
in Elektronen auflösen läßt! Wie geht das zu? 

Hier ballt sich ein Problem, für das die Physik noch keine Augen hat. 
Sonst könnte sie die Elektronenlehre nicht so wohlgemut in den Mund 
nehmen und müßte den Widerspruch zur Atomlehre weit mehr betonen, 
als sie es tut. 

Aus diesem Dilemma gibt es aber einen, allerdings nur einen einzigen 
Weg. Die Elektronenanschauung trifft schon das Richtige, nur in bezug auf 
die Atome müssen wir eben noch unsere Kenntnisse vertiefen. 

Den Mut zu solch salomonischem Urteil gibt mir die von Rutherford 
ermöglichte Zerlegung der Atomkerne, aus denen sich wieder negative Elek- 
tronen isolieren lassen (vgl. S. 25). Hieraus geht, mag sich durch weitere 
Forschung auch noch so viel Neues herausstellen, jedenfalls das eine mit 
Sicherheit hervor, daß diese Kerne auch ihren Bau besitzen, also keine Ele- 
mentarteile von Materie sind. 

Das Wesentliche, das sich in dieser neuen Wissenschaft von der Materie 
nicht mehr ändern kann — und nur darauf kommt es dem, den Weltgesetzen 
nachspürenden Denken an — , ist also, daß das Atom tatsächlich nichts Ele- 



*) Es gibt auch Moleküle mit solcher Ladung. 

60 



mentares ist, sondern sich dem Elektron gegenüber so verhält wie der 
höhere Organismus zur Zelle. 

Dieses Verhältnis nun, daß Teile von manchmal gleicher, meist aber sehr 
verschiedener Natur sich zu Gebilden von höherem Rang vereinigen, ist 
etwas ganz Wichtiges und in seiner Art nicht weniger Grundlegendes, als 
daß es Elementarquanten des Weltenbaues gibt! 

Gelingt es nachzuweisen, daß diese Erscheinung durchgängig in allen Er- 
lebnissen wiederkehrt, dann gliedert sich an das Grundgesetz vom Seienden 
ein neues Weltgesetz von allergrößter Tragweite an. Es gilt also jetzt, Um- 
schau in der Welt der Erscheinungen zu halten mit dem entzückten Blick des 
Forschungsreisenden, der wieder im Begriffe ist, neue Länder zu entdecken. 

In diesem Augenblick gewinnen die Vorstellungen, die sich die Natur- 
forscher der älteren Generation von den Singulationen der Welt gemacht 
haben, erneute, ja sogar erst ihre wahre Bedeutung, Wie lautete doch der 
Satz von den Singula der physischen Welt? Es gebe Tropfen, Körner, 
Vakuolen, Kristalle, Zellen, Weltkörper und Weltsysteme als soche selb- 
ständige Individuen der Welt, Wenn man diese Liste mit den Begriffen der 
Moleküle, den biologischen Individuen erster und zweiter Ordnung, wie 
man Organ und Organismus nennen kann, und jenem der Werke ergänzt, 
dann dürfte so ziemlich die Reihe der Dinge erschöpft sein, denen die Bezeich- 
nung Singulation außer Atomen, Elektronen und Quanten mit Recht zukommt. 

Versucht man sie in einer Zusammenfassung aufzuschreiben, die ihren 
gegenseitigen Abhängigkeitsbeziehungen einigermaßen Genüge tut, dann er- 
hält man etwa folgendes Bild: 

Weltvorstellung 
Weltsystem Ideensysteme 



Weltkörper verschiedener Ordnung 

i ' sTolfT^ 

Organismen, Kristalle 



Werke 



Organe, Zellen 



Zellorgane a • 

Gedanken 



Vakuolen, Flüssigkeiten, Körner 



Tropfen 



^o'g^"'^ I Vorstellungen höherer Art 

Atome t 



Elektronen Quanten Elementare Wahrnehmungen Vorstellungen 
Elementarquanten 

Einander übergeordnet und vielfach ineinander greifend erbaut sich da ein 
System von zusammengehörigen Dingen verwickelter Art, das sich immer- 
hin nach einem einheitlichen Gesetz überschauen läßt. 

61 



An dem Faden dieses Gesetzes läßt sich selbst die erdrückende Mannig- 
faltigkeit des gesamten Weltbildes mit dem ersten Individuum verknüpfen. 
Keine Vorstellung, kein Ding gibt es im ganzen weiten Bereich des Erlebens, 
das nicht diesem gesetzmäßigen Zusammenhang unterworfen wäre. Wenn also 
irgendeine Erscheinung den auszeichnenden Namen eines Weltgesetzes ver- 
dient, so gilt das für die Tatsachen der Integration, wie man diese merk- 
würdige Einbeziehung des einen Komplexes in den anderen nennen kann. 

Der Begriff des Seins gebiert also aus sich einen neuen, ebenso um- 
fassenden, den der Integration, der offenbar ganz untrennbar an den der 
Individuation (Singulation) geknüpft ist. 

Dem Wesen nach ist das keine neue Endeckung, wie denn überhaupt kein 
einziger der Grundgedanken der objektiven Philosophie im Verlauf der 
Denkgeschichte ungedacht geblieben ist. Man hat es nur versäumt, ihnen 
den gebührenden Einfluß zu gewähren, dadurch daß man sie in die rich- 
tigen Zusammenhänge gebracht hätte. Darum fristen sie fast alle gleich 
dem Integrationsgesetz bisher ein nur klägliches, wenig beachtetes Dasein 
in dem Wissen der Menschheit und sind dadurch so gut wie tot. 

Der erste Forscher, der eine Geschichte des Integrationsgesetzes schrei- 
ben will, mag sich darauf gefaßt machen, daß sie an Umfang seine Erwar- 
tungen um vieles übertreffen wird. Denn es gibt fast kein zusammenfassen- 
des naturhistorisches oder geistesgeschichtliches Werk, das nicht verkappt 
oder bewußt mit diesem Begriff operiert, der unter allen Philosophen bei 
keinem eine so große Rolle spielt wie bei Swedenborg, Leibnlz und Herbert 
Spencer.^^) Überall, mit am häufigsten in der Biologie und in der Chemo- 
physik, bedient man sich der stillschweigenden Voraussetzung, daß die Ge- 
setze der Individuation, die einer Seinsstufe zukommen, sich auf einer ande- 
ren wiederholen, auf welcher die früheren Individuen nunmehr zur Rolle 
von Bestandteilen herabgedrückt sind. 

Der Chemiker unterschreibt den Satz, daß aus Atomgruppen durch Asso- 
ziation die Moleküle entstehen, mit der gleichen Überzeugung wie der Phy- 
siker den, daß aus geordneten Molekülgruppen Kristalle hervorgehen. Dem 
Mineralogen und Petrographen ist es selbstverständlich, daß Kristalle sich 
zu Aggregaten zusammenschließen, die man mit dem Namen der Gesteine: 
des Kalkspates, des Granites usw., belegt. Ebenso geläufig behauptet der 
Biologe, Zelle, Gewebe, Organ, Organismus seien vier Integrationsstufen. 
Das alles aber sind nicht etwa nur zusammenfassende Bezeichnungen, son- 
dern es schleicht sich zugleich damit unklar, aber doch höchst wirksam eine 
ganz bestimmte neue Aussage ein, daß nämlich die Eigenschaften der eine 
Seinsstufe zusammensetzenden Teile in bestimmter Steigerung, oftmals er- 
höht durch neue Qualitäten, auf der höheren Integrationsstufe wiederkehren. 

Zwei Erscheinungen sind es vor allem, welche dem Begriff der Inte- 
gration in dem hier vorgetragenen Sinne eignen. Das eine ist die Wieder- 
kehr gleicher Gesetzlichkeit auf den verschiedenen Stufen, das andere aber 

62 



die potentielle Differenz der einzelnen Stufen trotz materiell identischer 
Zusammensetzung. 

Übersetzt man sich das in die Sprache des allgemeinen Verständnisses 
durch Beispiele, so sei zunächst daran erinnert, daß die Moleküle, welche 
die nächsthöhere Integrationsstufe der Atome darstellen, mit wesentlich an- 
deren Eigenschaften begabt sind als diese, obwohl sie nichts anderes sind 
als die „Vereinigung von mehreren gleichartigen Atomen" (nach Fajans). 
Im Molekül des Kochsalzes sind zum Beispiel nur 2 Atome vereinigt, in 
dem des Wassers 3, im Molekül der Schwefelsäure 7, in Zucker 45; unter 
Umständen steigt diese Zahl sogar bis 2000 und noch mehr. 

Und welch verschiedene Qualitäten kommen den Molekülen im Vergleich 
zu den Atomen zu! Sie sind die Träger der chemischen Eigenschaften vor 
allem der chemischen Affinität*), der Stoffe, während z. B. die Radioaktivi- 
tät eine rein atomare und intraatomäre Eigenschaft ist. Noch größer ist der 
Unterschied in den Eigenschaften der Atome im Vergleich zu den Elektro- 
nen; man kann ihn nur deshalb nicht als Beispiel an dieser Stelle anführen, 
weil man noch nicht den Bau des Atoms völlig in Elektronen auflösen kann. 

Dagegen tritt das, was bewiesen werden soll, um so greifbarer entgegen, 
wenn man die Integrationsstufen Moleküle und Kristalle betrachtet. Nach 
der Raumgitter theorie der Kristalle, welche jede beliebige Prüfung bestan- 
den hat, bauen sich die Kristalle aus nach verschiedenen Gesetzen geord- 
neten Molekülgruppen auf. Ein Kristall ist also nichts anderes als eine 
Vereinigung von Molekülen. Nur die Art ihrer Anordnung bestimmt seine 
Qualitäten, so vielfach und verschieden diese auch sein mögen. Und den- 
noch, welche Welt klafft zwischen diesen beiden Integrationsstufen! 

Hier blitzend, bunt, im Farbenschimmer und Glänze einer wahrhaft über- 
irdischen Schönheit, in sinnverwirrender Mannigfaltigkeit, eine Wissen- 
schaft, die Kristallotik, erfüllt vom Reich der Kristalle, dem neues Wissen 
selbst die Kriterien des Lebens, mindestens die einer Probioiik beilegt — 
dort die armseligen Kügelchen der Molekel, Rechenpfennige bloßer geome- 
trischer Gesetzlichkeit, an sich ohne Mannigfaltigkeit, Schönheit und eigen- 
schaftenarm, in der Nacht winzigster Kleinheit versunken. Aus ihr erweckt 
sie die zauberische Tatsache der Integration, für deren Mysterium diese 
Beispiele hoffentlich die Sinne geöffnet haben. 

Noch wunderbarer sind die Steigerungen durch Integration vielleicht im 
Reiche der Lebendigen. Zelle, Organ, Organismus sind die drei Integra- 
tionsstufen, die bisher am häufigsten im Sinne der Eigenschaftenpotenzie- 
rung im Gewebe der Wissenschaftssprache verwoben waren. Man betrachte 
sie ein wenig darauf hin, um in sich den Begriff der Integration zu klären. 

Die Zelle, welche gegenüber den Singulationen der Tropfen, Körner, Stoffe 
und Vakuolen, aus denen sie sich aufbaut, selbst schon eine höhere Ver- 



*) Wahrscheinlich ist diese die magnetische und elektrische Ladung der Moleküle. 

63 



einigung darstellt, ist in dem Organ die Einheit, so wie das Organ sich als 
Glied und Teil in mehrfachen übereinandergeordneten Stufen der Gesamtheit 
eines Organismus einfügt. Unverkennbar ist da zunächst, wie unendlich fein 
gegliedert diese integrierenden Übereinanderordnungen sind. Um das zu er- 
kennen, wähle man nur ein konkretes Beispiel, etwa den Arm des Menschen. 
(Abb. 13.) Seine Zellen schließen sich zuerst in die höhere Einheit der Gewebe 
zusammen, die einen zum Muskelgewebe, die anderen zu Knochen, die dritten 
zu ausfüllendem Bindegewebe, wieder welche zu Drüsengewebe, Epidermal- 
und Nervengewebe. Diese sechs Kategorien wiederholen sich zahllose Male 
und stellen vorerst einmal keine richtigen Individuationen, sondern selbst nur 
Bausteine der Organe dar. Immerhin beginnen aus dieser Vereinigung der 
Zellen schon neue Eigenschaften, meist Steigerungen der vorhandenen, 
merkbar zu werden. Die Festigkeit eines Epidermisstückes ist zum Bei- 
spiel wesentlich anders als die der einzelnen Zellen. Desgleichen Elastizi- 
tät und Tenazität eines größeren Muskelprismas im Vergleich zur ein- 
zelnen Muskelfibrille (vgl. Abb. 12). Trotzdem kann man hier noch von 
Summation der Qualitäten und nicht von ihrer Integration sprechen. Ge- 
rade der Muskel, in dem die Muskelfäden zuerst zu Prismen ersten Ranges, 
dann diese zu Bündeln höherer Ordnung, diese wieder zu größeren Zügen 
zusammentreten, welche sowohl formal wie funktionell unterscheidbar und 
oft wieder in besonderen Muskelhäuten geschützt und isoliert sind, worauf 
sich erst der von dem Anatomen als wirksame Einheit unterschiedene und 
mit seinem Sondernamen (z. B. Musculus deltoideus, sternocleldomastoi- 
deus, pterygoideus externus usw.) belegte eigentliche Muskel aussondert 
— gerade dieses Beispiel ist so besonders geeignet, die Komplikation der 
Integrationen recht ins Bewußtsein zu bringen. 

Die einzelnen Gewebe treten in diesen Stufen überall zusammen, um 
funktionelle Einheiten höherer Ordnung herzustellen. So vereinigen sich, 
um bei dem Beispiel des Muskels zu bleiben, in ihm bindegewebige Häute 
(Synovien und Perimysien, Epimysien usw.) verschiedener Ordnung mit 
reinem Fibrillargewebe, dazu gesellen sich Fettzellen, die dem Binde- 
gewebe entstammen, und die Sehnen (Tendines und Fascien), ohne die 
kein Muskel funktionieren kann. Ebenso wäre er (mit Ausnahme gewisser 
glatter Muskeln) funktionsunfähig, wenn er nicht von einem reichen Ge- 
flecht der Nervenfasern durchsetzt wäre. 

So vereinigen sich zahlreiche Gewebe, also schon formale Ordnungen xten 
Ranges zu dem Organ eines bestimmten Muskels, der nun sofort wieder als 
Einheit mit anderen seiner Art zusammentritt zu einem Organ höherer Ord- 
nung. Im besonderen vereinigen sich z. B. Bauchmuskeln, Sägemuskel, Brust- 
muskel, Rippenheber zur Atemmuskulatur oder, um bei dem Beispiel des Ar- 
mes (vgl. Abb. 13) zu bleiben, zahlreiche Strecker, Beuger, Anzieher, Dreher, 
Roller mit ihren entsprechenden Sehnen und Bändern zur „Muskulatur des 
Oberarmes", des Unterarmes, der Handwurzel, Mittelhand und der Finger. 

64 




""mk-^ 




Diese Atem- oder Armmuskulatur ist sciion imstande, ganz andere Funk- 
tionen zu erfüllen, so wie auch der einzelne Muskel an sich anders funktio- 
niert als die einzelnen Muskelbündel oder gar die Fibrillen. Um einen da- 
von herauszugreifen, erinnere ich an den jedermann bekannten Biceps, der 
als Einheit in Verbindung mit dem Nervus musculocutancus dem Willen 
Untertan, den Unterarm beugt und zugleich auswärts dreht (supiniert), un- 
bewußt hierbei die Fascia antibrachii spannend. Verschwunden ist da die 
bloße Summation fibrillärer Wirkungen; ein höherer Sinn der Tätigkeit hat 
sich eingestellt im Dienste noch höherer Integrationsstufen, als der Biceps 
selber ist. Denn dieses von Anatomen rein deskriptiv ausgedrückte Beugen 
des Unterarms ist das Schwingen der Sense in der Hand des Landmannes, 
es ist auch das Sausen des Schwertes in der Hand des Kriegers, es gehört 
zu den zahllosen Notwendigkeiten des Gewerbefleißes, es ist ein Glied, ein 
notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil in der Kette der Kultur- 
geschichte und dadurch verflochten vieltausendfach ins ganze Weltgetriebe. 
Das heißt Integration. Kulturgeschichte der menschlichen Hand, ein uner- 
schöpfliches Werk, an dem die Jahrtausende arbeiten, heißt die Summe der 
Integrationsleistungen der menschlichen Vorderextremitäten, und diese selbst 
ist nun wieder nur eine Einheit im Wunderbau des gesamten menschlichen 
Organismus und damit der ganzen Kulturgeschichte als seiner Funktion. 

Die erstaunlichste Folge von Integration tritt gerade auf dieser Stufe vom 
Organ zum Organismus ein, nämlich das Leuchten und Wirken des See- 
lischen in Form zielstrebiger, sinnvoll gelenkter und, wie wir es vom eigenen 
Leibe her wissen, auch oft bewußter Handlungen. 

Heller wird im Lichte dieses Gedankens das sonst so dunkle Geheimnis 
des Geistigen, denn es wird eingeordnet in die große Kategorie der über- 
all im Weltbild sich meldenden „funktionellen Integrationen", in die Steige- 
rungen der Leistung durch Zusammenschluß minderer, einzeln zu solchen 
Leistungssteigerungen nicht befähigter Individuen, die, wie man überall sehen 
kann, mit der Unversehrtheit und dem Gesetz dieses Zusammenschlusses 
steht und fällt. Das Geistige hört auf, wenn dieses Zusammenwirken der 
Teile gestört, auch nur vermindert wird (Ohnmacht). Die naive Frage des 
unwissenden Gemütes an der Bahre des jäh Verstorbenen: wo ist denn nun 
das Leben, wohin ist seine Seele gekommen? was hat sich denn geändert 
im Augenblick des Todes? sie findet hier eine Antwort, die vielleicht zum 
erstenmal befriedigender ausfällt als die vielen Lösungen, die man bisher 
für das Rätsel des Todes bereitgehalten hat. 

Geändert hat sich mit dem Augenblick des Todes nur die Systembedin- 
gung der Integration. An irgendeiner Stelle erreichen die Prozesse, welche 
ineinandergreifen müssen, um das System aufrechterhalten zu können, den 
Anschluß nicht; somit ist die Integrationsleistung nicht mehr möglich. Ir- 
gendwelche Zellen haben den Dienst versagt, alles kehrt auf die niedrigeren 
Stufen des Seins zurück, welche ohne die Integration zur nächsthöheren allein 

Franci, Bios I 

65 



möglich sind. Statt des Organismus liegt ein Haufen von Zellen vor uns, 
die nun in immer tiefere Integrationsstufen hinabsinken, Materie werden, 
bald nur wieder Körner, Tropfen, Blasen, bald Moleküle und Atome, als 
solche aber wieder neuerdings die Stufenleiter anderer Integrationsmöglich- 
keiten emporklimmen und in neuen Lebenszusammenhang eintreten. 

So birgt die Tatsache der Integration unausdenkbare Geheimnisse in sich, 
um so mehr, als sie ja mit der Organismenbildung noch keineswegs abge- 
schlossen ist. Auch der fertige Organismus, den Menschen inbegriffen, wird 
neuerdings in den Wirbel einer Gesetzlichkeit hineingerissen, die sich immer 
mehr als eine das ganze Weltbild umspannende erweist. Er ist Mitglied 
höherer Einheiten, die als Gesellschaft und Staat ihn wieder zum Range der 
„Teile" eines Organismus suprahumaner Integrationshöhe herabdrücken. 

Er teilt dieses Schicksal mit allen Organismen schon deshalb, weil sie alle 
Teile biocoenotischer Zusammenhänge sind, sogar dann, wenn bei ihnen nicht 
Gesellschafts- und Staatenbildung auftritt, die gewisse Tierarten, wie die 
Immen, Ameisen und Termiten auch soziologisch mit dem Menschen ver- 
gleichbar macht. Die Staatenbildenden aber, zu denen auch er zählt, über- 
schreiten in Form von Gesetzen und Institutionen den einfachen biocoenoti- 
schen Konnex — der viel mehr in das Gebiet der von dem Soziologen und Wirt- 
schaftspolitiker zu erforschenden Gesetzmäßigkeiten gehört — und bringen 
dann als Ganzes sofort wieder Eigenschaften hervor, die mehr sind als die 
Summation der Einzelleistungen. Der Geschichts- und der Kulturforscher, 
auch der Kunstwissenschaftler weiß das am besten. Begriffe wie: die Epoche 
der Renaissance, der Verfall von Rom, deutscher Klassizismus kennzeichnen 
diese „Leistungen", und was „Massenpsyche" heißt, haben die Zeitgenossen 
von Kriegs- und Revolutionszeitaltern, je nachdem begeistert oder schaudernd 
miterlebt. Nur steckt die Erforschung der Leistungen dieser Integrationsstufe 
erst in ihren Anfangsstadien, weil das Integrationsgesetz und seine Konse- 
quenzen überhaupt noch von niemandem ganz durchdacht worden sind. 

Sonst hätte man schon längst bemerken müssen, daß auch mit der Sozio- 
logie und Staatenbildung der Organismen die Reihe der Integrationsstufen 
nicht abgeschlossen ist, sondern daß Organismen, Kristalle, Flüssigkeiten 
und Stoffe sich neuerdings zusammen ebenso der Herrschaft neuer Gesetze 
unterwerfen, wie die verschiedenen Gewebe im Organ und die sehr differenten 
Organe im Organismus. Es entsteht dadurch die Stufe der Weltkörper, von 
denen einigermaßen gut nur ein einziger, nämlich die Erde, bekannt ist. 
Kaum überdenkt man ihre Existenz als Ganzes von diesem Gesichtspunkt, 
so drängen sich auch schon viele neue, den Teilen als solche nicht zukom- 
menden Eigenschaften zu, die also, wie bisher an jeder neuen Integrations- 
stufe gesehen wurde, die Folge dieses Zusammenschlusses zu sein scheinen. 

Geophysik und KUmatologie nennen sich die einzigen der bisher ge- 
pflegten Wissenschaften, denen es obliegen würde, sich mit Erscheinungen 
zu beschäftigen, die dabei zutage treten. Eine Fülle „gaeotischer" Tatsachen. 

66 



zu denen zum Beispiel die mit dem Leben so unzertrennlich verknüpfte (Kalk- 
problem) geologische Änderung der Erdrinde gehört, ist entweder noch ganz 
unerforscht geblieben oder wenigstens nicht von so hohem, einheitlichem Ge- 
sichtspunkt aus untersucht worden. Noch nie hat zum Beispiel jemand daran 
gedacht, welche Rolle das Lebendige der Erde als Ganzes im Dasein der 
Erde spielt. Nur das weiß man sehr genau, daß — um einige dieser Tat- 
sachen ins Bewußtsein zu bringen — die Erde als Ganzes sich dreht, was 
allen ihren Teilen als Singulum fehlt, oder daß sie als Körper einheitlich einen 
ungeheuren Magneten darstellt, der viele sich in der Atmosphäre kundgebende 
und sicher auch im Leben ihrer Bewohner wirksame Phänomene hervorruft. 
Sie besitzt als Ganzes eine einheitlich elektrische Ladung wie irgendein 
Atom. So hat sie auch ihre singulare einheitliche Gestalt (das Geoid), die 
von ihren Sonderfunktionen, nämlich der Rotation zurechtgeschliffen ist. 

Es fehlt ihr aber auch nicht an rhythmischen, innerlichen Änderungen, die 
nicht durch die Natur ihrer Teile, sondern nur durch die des zusammen- 
geschlossenen Ganzen erklärt werden können. Vulkanismus, Schollenhebung 
und Senkung, Transgression und Regression scheinen solche, an dem Dasein 
der Erde als einem Ganzen haftenden Eigenschaften, die nicht aus den Qua- 
litäten der Gesteine oder des Wassers abgeleitet werden können, sondern 
einzig aus dem Eigenschaftskomplex des Geoids. 

Für den hier angewendeten Gesichtspunkt ist es gleichgültig, ob man sich 
nach älterer Art das Erdinnere überhaupt als eine starre, glutflüssige Masse 
von enormem Expansionsdruck vorstellt oder nach den neueren Unter- 
suchungen von A. Stübel, G. Tammann u. a. sich das Bild macht (vgl. 
Abb. 14), daß nur eine bestimmte Zone verflüssigter Gesteine existiert. An 
der Tatsache, daß an einer großen Anzahl von Offnungen, Krater genannt, 
aus relativ geringfügigen Tiefen, die kaum 50 Kilometer unter der Erdober- 
fläche liegen, geschmolzene Gesteine unter Explosionserscheinungen perio- 
disch zutage treten, läßt sich nicht zweifeln. Es gibt nun an der Ober- 
fläche der Erde kein Gestein, das an sich Hitze entwickelt, noch ohne 
Schmelztemperatur flüssig wäre. Auch die Uranpecherze, welche das selbst- 
tätig Wärme entwickelnde Radium enthalten, bergen davon nur so geringe 
Mengen, daß eine Erwärmung gar nicht in Betracht kommt, und sind auch 
so selten, daß dieser Satz dadurch nicht eingeschränkt wird. 

Dennoch erlebt man in den Bergwerken und Bohrungen, die freilich nir- 
gends tiefer als 2- bis 3000 Meter reichen, eine je nach der Gesteinsart ver- 
schieden große Zunahme der Temperatur, die im Durchschnitt etwa 1 Grad 
Celsius für 30 Meter Tiefe beträgt. Es müssen also schon in einer Tiefe von 
wenigen hundert Kilometern Temperaturen herrschen, die es durchaus begreif- 
lich machen, daß aus den Vulkanen alle Gesteine in geschmolzenem Zustand 
hervordringen, wenn auch mit dem wachsenden Druck der Massen — der 
von 3 zu 3 Meter um eine Atmosphäre zunimmt — sich eine Schmelzpunkts- 
erhöhung einstellt. Diese Beobachtung zwang zu der Annahme, daß unter 

5* 

67 



den Schmelzherden wieder ungeschmolzenes Gestein vorhanden ist. Da man 
aber weiterhin entdeckte, daß ein noch stärkerer Druck den Schmelzpunkt 
wieder senkt, befreundet man sich mit der Hypothese, in etwa 300 bis 3000 
Kilometer Tiefe eine Zone glutflüssigen Erdinnerens anzunehmen, deren Ge- 
steine jedoch trotz ihrer Flüssigkeit infolge des enormen Druckes wie feste 
Körper beschaffen sind. Da nun schließlich auch die schwersten Gesteine 
der Erdoberfläche nur ein spezifisches Gewicht von 2,8—3,0 besitzen, die 
Erde als Ganzes aber 5,6, so muß, um das zu erklären, angenommen werden, 
der größte Teil des Erdinnern, der eigentliche Erdkern bestehe aus Metallen 
(vielleicht in gasförmig-starrem Zustand), unter denen Eisen sicher das häu- 
figste ist, Platin und Gold aber wohl auch nicht fehlen können. 

Mag sich an diesem heute allgemein als richtig angenommenen Bilde 
von der Natur des Erdinnern auch im Laufe der Zeit noch so viel ändern, 
die Tatsache bleibt bestehen, daß sich alle Gesteine an der Oberfläche in 
einem andern physikalischen Zustand befinden als in der Tiefe, und daß 
dieser Zustand in verschiedenen Tiefen ein anderer sein muß. Das aber ist 
durch die Eigenschaften der Gesteine als solche nicht erklärlich, sondern 
gehört zu den Eigenschaften der Erde. Es scheint eine Integrationserschei- 
nung, ein Neues, Besonderes, aus der Integration Fließendes zu sein. 

Auch die selbst von der Geologie nicht völlig nach Gebühr gewürdigte Er- 
scheinung der Schollenbewegiingen scheint nur als Integrationserscheinung 
erklärbar zu sein. Man versteht darunter die Tatsache, daß die Panzerdecke 
der Erde, gleich einer Eiskruste, die abgeschlossenem Wasser nachge- 
geben hat, in Schollen zersprungen ist (Abb. 15), nicht unbeweglich bleibt, 
sondern säkulare Transversalbewegungen ausführt. Dadurch sinken große 
Schollen zur Tiefe, andere steigen empor oder werden aneinander emporge- 
preßt oder aufgefaltet. Diesen Vorgängen folgt die zwei Drittel der Erdober- 
fläche überspülende Meeresbedeckung, indem sie sinkende Schollen allmäh- 
lich überflutet (Regression), vor emporstrebenden aber zurückweicht (Trans- 
gresslon), wofür auf Erden an allen Küsten ebensogut wie im Innern der 
Kontinente reichlich Zeugnisse zu finden sind.*) Auch sonst zeigt sich die 
Schollenhebung in der die ganze Erdgeschichte begleitenden Geblrgsbildiing, 
die ihre großartigsten Dokumente im armorikanisch-variskischen Gebirge 
der Steinkohlen- und Permzeit und dann in der ungeheuren Auffaltung von 
Kettengebirgen seit der Kreidezeit bis zur Gegenwart hinterlassen hat, die 
nacheinander als Pyrenäen, neuseeländische Gebirge, Ostalpen, Jura, Kar- 
pathen, Himalaya, Kaukasus und Westalpen in Erscheinung traten. 

Sitz dieser Kräfte, welche natürlich Folgen für die Existenzbedingungen 
der Lebewesen nach sich ziehen, ist stets nur das Erdinnere. Wenn man 
auch nicht mehr darüber zu sagen vermag, so ist doch das eine jedem 

*) Eine ausführliche Darstellung der Transgression und ihres Widerspiels auf deut- 
schem Boden findet der Leser im 3. Teil der Grundlagen der objektiven Philosophie, 
der unter dem Titel: „München, Die Lebensgesetze einer Stadt" erschienen ist. 

68 



Zweifel entrückt, daß nicht die der Senkung und Hebung selbst unterwor- 
fenen Schollen die Urheber des Vorganges sind, sondern die Erde als 
Ganzes, die sich auf diese Weise im Verlauf ungemessener Zeiträume auf 
ihrer gesamten Oberfläche bald in ein Wellenkleid hüllt, bald mit den Fal- 
tenzügen von Hochgebirgen umgürtet. Dadurch ist das Leben gezwungen, 
entweder vor den allmählich um sich greifenden Änderungen zu fliehen, sich 
also ständig an neue Wohnsitze anzupassen oder sich den neuen Bedingungen 
des Wasser- oder Landlebens zu unterwerfen, was auch nur wieder durch 
Neuanpassungen geschehen kann. Der Lebensstoff aller wird dadurch in 
die beständige Notwendigkeit der Umformung versetzt, und so ist der 
Erdriese als Ursache der tausendfältigen Anpassungen und in ihrem Gefolge 
der Entwicklung des Lebens erkannt. Das ist ein Prozeß, an dem das 
Menschengeschlecht auf das Lebhafteste interessiert sein muß, ist er es 
doch, durch den sich die Lebenssubstanz allmählich in die Form des 
Menschen umgeprägt hat. Mit anderen Worten, so wie das komplexe 
System, das man Mensch nennt, Einfluß auf seine Teile, nämlich Organe 
und Zellen hat, so hat auch das als Erde bezeichnete komplexe System 
die Fähigkeit, durch seine spezifischen Eigenschaften auf das Tiefste seine 
Teile, die Organismen samt dem Menschen zu beeinflussen. 

Meerestransgressionen, Kontinentbildung, Gebirgsauffaltung, Entwicklung 
des Lebens, Herausbildung des Menschen aus dem Lebensstoff sind Funk- 
tionen eines Weltkörpers; sie gehören zu seinem Qualitätenkreis. Und in 
ihnen schlagen die Fluten der Weltgesetze über unserem Haupte zusammen: 
sie reißen uns widerstandslos in unbekannte Zukunft und schmieden uns in 
einen Ring des Geschehens, gegen dessen Größe alle menschlichen Inter- 
essen zu dem zusammenschrumpfen, was sie wirklich sind, nämlich zur 
„Zoesis" eines Atoms im Weltganzen. 

Funktion des Erdriesen auf dieser Integrationsstufe ist auch die merk- 
würdige Tatsache der Pendalaüon. Auch sie haftet keinem der durch sie 
betroffenen Teile, weder der Atmosphäre, noch dem Eis oder den Lebe- 
wesen an, sondern geht so als „Schicksal" über sie hinweg, wie jede aus 
Integrationsursachen stammende Fähigkeit über die Teile, aus deren Zu- 
sammenwirken sie aufsteigt, also zum Beispiel auch der Menschengeist 
über des Menschen Körper und die ihm erreichbare Umwelt. 

Pendulation ist eine säkulare Verlagerung der Drehungsachse der Erde. 
Wenigstens faßt sie so P. Reibisch auf, der 1901 mit dieser Ansicht auf- 
trat und alsbald in P. Krelchgaaer und O. Simroth kenntnisreiche Mit- 
kämpfer fand, welche die Pendulationstheorie auch zu ihrer heutigen Aner- 
kennung führten. 

Es ist dabei gar nicht so wichtig, ob man sie in der von diesen Forschern 
ausgeprägten Form annimmt, wonach die festen Pole Sumatra und Ekuador 
sind, oder ob man mit Kreichgaucr glaubt, der Südpol sei vom Präkambrium 
bis zur Gegenwart allmählich gewandert (Abb. 16), bis er den Nordpol cr- 

69 



reichte und eine vollständige Umkehrung der Pole erzielt war. Wichtiger 
als diese im Fluß der Diskussionen noch strittigen Einzelheiten ist die von 
Astronomen, Geophysikern, Geologen und Kiimatologen einhellig zuge- 
gebene Tatsache, daß die Pole der Erde nicht unveränderlich fixiert sind, 
sondern sich allmählich verlagern. Man hat — und das ist unmittelbare 
Anschauung — auf den Sternwarten von Pulkowa, Potsdam, Prag und 
anderen in historischer Zeit Änderungen der Polhöhe um eine halbe Se- 
kunde beobachtet, kann also an der Tatsache selbst nicht zweifeln. 

Nun legt die Stellung der Pole die thermischen Klimazonen fest, zugleich 
damit die Meeresströmungen, den Weg der Winde, den der Minima und Regen, 




Abb. 16. Die Bahn der Pole (links Nordpol, rechts Südpol) nach der Pendulationsauffassung 
von P. D. Kreichgauer 

damit aber auch die Verbreitungsgebiete von Schnee und Eis, von Wald, 
Steppe und Wüste, also der gesamten Flora und Fauna. Wandert der Pol, 
dann wandert das alles mit. Das ganze Antlitz der Erde verändert sich. 

Tatsächlich weisen ältere Ablagerungen Zeugen derartiger Verschiebun- 
gen in reicher Anzahl auf. Korallenbänke, die an eine bestimmte Meerestempe- 
ratur gebunden sind, zeigen sich hoch im Norden, südliche Pflanzen wurden 
im Tertiär um 20 bis 30 Breitegrade weiter gegen Norden aufgefunden, als 
sie heute leben; dagegen waren lange Zeit hindurch unsere milden heimischen 
Landschaften unter einer Vereisung begraben, die der des heutigen Grön- 
land nahekommt, kurz ein ständiger Zug der Klimate zieht sich genau so 
wie die Wogen der Transgression durch die ganze Erdgeschichte und läßt 
keine andere Deutung zu, als die einer langsamen Polverlagerung. Diese ist 
jedoch nur wieder ein anderer Ausdruck für eine bestimmte Eigenschaft des 
Geoids, das nicht mathematisch starr in eine unveränderliche Rotationsebene 
gebannt ist, sondern offenbar irgendeine Fähigkeit eigener Betätigung hat. 



70 



Erst auf der Integrationsstufe des Weltkörpers erlangt die Materie solche 
Fähigkeit, die ihren Teilen völlig abgeht. Man kann mit Recht sagen: der 
Weltkörper ist es, der penduUert, der seine Schollen bewegt und dadurch 
das Rad der KUmate, der Meereswanderungen, der Gebirgsbildungen und 
nicht zuletzt das der Entfaltung des Lebendigen in Bewegung gesetzt 
hat und noch dreht. Der Weltkörper hat auf diese Weise die Konti- 
nente hervorgebracht, die Verteilung der Wüsten, der Pflanzen und Tiere 
geregelt, ihre Mannigfaltigkeit durch die Nötigung zu Anpassungen er- 
zwungen und zuletzt aus seinem Schöße den Menschen in die Welt gesetzt 
und ihn durch Eiszeit und tausend Nötigungen zur Kultur herangezogen. 

Die Erde hat also tatsächlich ihre Sonderfähigkeiten, welche die der Men- 
schen beeinflussen. Aber auch die Erde ist wieder nur die Einheit unter 
vielen. Soweit menschlicher Geist das Universum überblicken kann, sind es 
noch drei Integrationssysteme, in die sie als Teil eingeordnet ist: das 
Sonnensytem, die Milchstraße und das System der Weltnebel. 

Sie bildet mit ihren Gefährten eine Einheit höherer Ordnung, die sich zu- 
nächst auch in dem Gesetz von deren zueinander abgestimmten Bewegungen 
ausspricht. Sämtliche Planeten und auch Planetoiden, sowie ihre Trabanten 
stören sich gegenseitig in ihren Bewegungen (vgl. dazu das Problem der 
Störungen auf S. 17), gleichen sich jedoch in ihren Bahnen auch wieder so 
weit aus, daß von dem Sonnensystem mit Recht als von einem harmonischen 
System gesprochen werden kann. 

Der einheitliche Zusammenschluß gibt sich auch darin kund, daß alle 
Energie der Systemglieder — und das gilt natürlich auch für die Erde, deren 
Bewohnern es nur zum geringsten Teil bewußt ist — einheitlichen Ursprung 
hat und von der Sonne stammt. Die von ihr ausgehenden Energiequanten 
(Lichtquanten) transformieren sich in der vieltausendfachen Gestalt, in der 
sie uns umwittern und uns selbst das Dasein ermöglichen. Man vergesse ja 
nie, daß wir alle wirklich das sind, was der Kaiser von China von sich sagte, 
nämlich Söhne der Sonne, und mit uns alles, was wir als irdisch erleben. 
Auf der ganzen Erde gibt es nur eine Energiequelle, von der alles aus- 
geht und zu der alles zurückkehrt,*) was die tiefste Wurzel des Satzes von 
der Erhaltung der Energie ist. Außer den gemeinsamen Bewegungen und 
dem Licht zeigt sich die Einheit auch noch in den untergeordneteren Tat- 
sachen der magnetischen Ströme zwischen Sonne und Erde. 

Man könnte nun versucht sein, in der Tatsache der enormen Energie- 
ausstrahlung durch die Sonne, ebenso in der wunderbaren Verkettung dieser 
Systemteile durch die Gravitation Integrationsleistungen zu sehen. Nichts 



*) Um so verwunderlicher ist es, daß einige Meeresströmungen durch die Rotation 
der Erde erhalten werden. Aber wenn diese, wie anzunehmen ist, letzten Endes 
auch auf die Sonne zurückgeht, ist die Einheit wiederhergestellt. Denn auch die Ge- 
zeiten, als deren Ursache Mond und Sonne gelten, fallen in diesen Gedankengang. 



wäre aber irriger als das. Denn die Energieabgabe durch die Sonne, welche 
in sich ja 1 300 000 Erden aufnehmen könnte, ist nichts als eine bloß quan- 
titative Steigerung der Erdleistungen. Auch die Erde sendet ein, zwar nur 
schwaches Licht aus, das durch vielfache astronomische Beobachtungen 
sichergestellt ist; auch von ihr gehen daher Energiequanten aus, und die 
Sonne ist darin nur der primus inter pares, eine Tatsache, die sich selbst 
Astronomen nicht immer genügend vor Augen halten. 

Noch weniger ist die erstaunliche Schwerkraft, nach deren Gesetz sich der 
feierliche Reigen der Planeten dreht, eine Fähigkeit, die aus dem Zusammen- 
wirken der Systemteile stammt. Gravitation eignet gerade schon den aller- 
kleinsten Teilchen des Systems durch viele Integrationsstufen hinunter bis 
zum Atom und Elektron. Sie gehört untrennbar zu dem Begriff der Materie 
und hat mit der Integration als solcher wohl nicht das geringste zu tun. Es 
ist auch falsch, sie als Weltkraft zu bezeichnen; sie findet sich bloß in der 
beschränkten Welt des Materiellen, kann daher nicht das grundlegende Ge- 
setz, nicht eine der Urtatsachen des Seins sein. 

Dagegen mag ein Teil der dem Erdkörper eignenden Eigenschaften auf 
Rechnung dieser Integrationsstufe geschrieben werden. Niemand hat ja noch 
daran gedacht, an diesem Punkte zu forschen. Vor allem scheint die Tat- 
sache der Wärme- und Lichtemission, also der Ursprung aller Licht- (damit 
auch Elektrizitäts-) und Wärmeerscheinungen der Erde in diesem Zusammen- 
schluß zu einem Sonnensystem zu liegen, mit anderen Worten die „Sonnen- 
haftigkeit" das Produkt dieser Integrationsstufe zu sein. 

Sicheres läßt sich hierüber ohne weitere Vorarbeiten nicht aussprechen. 
An solchen aber fehlt es ganz. Man geht von da ab überhaupt völlig auf 
neuen Pfaden und muß der Wissenschaft den Weg weisen, statt sich von 
ihr leiten lassen zu können. Es hat daher alles, was über die Integrations- 
stufen höherer Ordnung noch zu sagen ist, bloß provisorischen Charakter. 

Unser Sonnensystem vereinigt sich mit vielen anderen zu einer Einheit 
allerhöchsten Ranges, zum Fixsternsystem (Abb. 17), dessen Glieder durch 
gesetzmäßige Beziehungen aneinander gebunden sind, wie die Moleküle 
oder Atome eines Körpers. Dieser „Fixsternkörper" ist aber für uns weder 
völlig überschaubar, noch haben wir von seinen Qualitäten mehr Kenntnis, 
als einige gelegentliche Einsichten. Immerhin genügen diese, um den Aus- 
spruch zu rechtfertigen, daß auch den höchsten Integrationsstufen neue 
Steigerungen der Eigenschaftshöhe nicht abgehen. So wissen wir zum Bei- 
spiel, daß sich alle Fixsterne um eine gemeinsame Weltachse drehen (vgl. 
Abb. 18), also einem höheren Gesetz untergeordnet sind, von dessen Sinn 
freilich wir, die wir inmitten des „Körpers" sitzen, den man von außen be- 
trachten müßte, um ihn wirklich zu kennen, nichts aussagen können. 

Eine andere gemeinsame Beziehung des ganzen Fixsternsystems beginnt 
in den letzten Jahren aus dem Tatsachenberg der beschreibenden Astronomie 
hervorzuleuchten. Es ist das von den Astronomen Kapteyn in Groningen 

72 




Abb. 17. Ein Teil des Fixsternhimmels mit dem großen Nebel bei 
S Monocerotis 




Abb. 18. Himmelsphotographie aus der üegcnd des Polarsterns 

Das Fernrohr folgte hierbei nicht den scheinbaren Bahnen der Sterne. Da- 
durch zeichneccn sich diese als Kreise ab, und die Achse ihrer Bahnen 
wurde sichtbar 




Abb. 19. Nebelstreifen an den Sternen der Plejaden 

Aufnahme der Therkes-Sternwarte im Jahre IQOl 




Abb. 20. Sternhaufen im Sternbild des Centauren. Herschel u.id Kant hielte 

diese Sternhaufen noch für eine Weltinsel nach Art unserer Milchstraße 







I 



1^ 






'•«ic.yV;V; 



''^^^^«J^Si^ 



.^^^ 



Abb. 21. Schema des Sternsystembaues nach den Vorstellungen 

von Easton. Danach stellt unser Fixsternsystem eine Spirale dar, 

nach Art der Spiralnebel in den Jagdhunden (vgl. Abb. 2) 



(seit 1902) und Kobold in 
Kiel (seit 1908) errechnete 
besondere Baugesetz des Fix- 
sternsystems. Diese Erwägun- 
gen fußen auf Beobachtungen 
nach der Art jener, daß zum 
Beispiel fünf von sieben Ster- 
nen im Sternbild des großen 
Bären, ebenso fast alle Glieder 
der Sterngruppe der Plejaden 
oder jene der Hyaden parallel 
in Eigenbeu'egung verharren. 
Solcher Sterne gibt es sehr 
viele; viele haben ihre Bahn 
gleichsinnig mit der Sonne, 
bald gegen sie gerichtet; 
manche zielen mit ihr auch 
senkrecht auf die Milchstraße. 
Wenn man nun diese Beobach- 
tungen alle auf eine Himmels- 
karte einträgt, lassen sich bald zwei Schwärme von Fixsternen erkennen, 
die sich gegenseitig durchdringen. Man erkennt bald, daß diese Durchdrin- 
gung nur eine scheinbare ist und eigentlich eine perspektivische Täuschung 
darstellt, weil wir in das ganze Gebilde nicht vom Zentrum aus, sondern seit- 
lich hineinblicken. Eigentlich sind diese zwei Schwärme die Äste einer Spirale. 
an die sich auch sekundäre Äste angliedern. Kobold spricht sich darüber 
in folgender Weise aus: „Ein Haufen von Millionen von Sternen strahlt von 
einem gemeinsamen Mittelpunkte, gleichsam wie von einem Kerne aus, in zahl- 
losen Windungen, deren Bewegungen zumeist der Milchstraße parallel laufen." 

Es wird demnach festgestellt, daß das Fixsternsystem, dem auch unsere 
Sonne angehört, die Milchstraße mit eingeschlossen, eine Spiralbewegung 
ausführt (Abb. 21). Von sehr großer Entfernung aus gesehen, müßte es ein 
Bild bieten, wie die großen Spiralnebel an unserem Firmament, etwa der 
schon mit einem mittleren Feldstecher wahrnehmbare Andromedanebel oder 
der berühmte Spiralnebel in den Jagdhunden (vgl. Abb. 2), die nach Ansicht 
einiger neuerer Astronomen möglicherweise unserem Fixsternsystem gleich- 
wertig sein sollen. 

Auf dieser Grundlage steht die Meinung, daß sich auch die Fixsterne zu 
einer höheren Einheit zusammenschließen, ihrerseits auf einer höheren Inte- 
grationsstufe die „Materienbildung" undSingulation ebenso wiederholen, wie 
die Sonnensysteme wenigstens die Mechanik der Atome, und offenbar durcii 
Zusammenschluß mehrerer Sonnensysteme zu Gruppen auch die der Mole- 
küle. Wir kennen eine große Anzahl von Doppclsonncn (Abb. 106), auch 



73 



Sternhaufen, von denen der berühmteste, die mit freiem Auge nur als Sie- 
bengestirn*) wahrnehmbaren Ple jaden, durch Himmelsphotographie in 1681 
Sterne aufgelöst wurde, von denen einzelne (z. B. Maja) um andere kreisen. 
Andere große Sternhaufen, wie der den Plejaden ähnliche im Herkules, um- 
fassen 6000 Sterne. Auch unsere eigene Sonne ist in einen derartigen 
„astromolekularen" Zusammenhang verkettet, denn die Erde beschreibt mit 
ihr eine Bewegung nach einer Himmelsgegend, die zwischen den Sternbil- 
dern des Herkules und der Leier liegt und mit 18,6 Kilometersekunden 
(nach Campbell sogar 19,9 Kilometersekunden) stattfindet. Offenbar ge- 
hört sie also in ein größeres System und kreist um eine Zentralsonne. 

Dieser Begriff des Fixsternkörpers deckt sich aber immer noch nicht mit 
der letzten wahrnehmbaren Integrationsstufe, d^mB^gviii Weltsystem selbst, 
dem zahlreiche, vielleicht sogar zahllose Fixstern-Inseln und Milchstraßen 
nach Art der unseren angehören, außerdem aber große Massen von leuch- 
tenden und dunklen, glühenden und kalten Nebeln, Sie sind, zum Teil 
wenigstens, dem im Teleskop geschärften Blick noch zugänglich; an der 
Existenz des Weltsystems läßt sich demnach nicht zweifeln. Von ihnen ist 
einer, der Orionnebel, eines der schönsten Gebilde des ganzen Firmaments,, 
dem geübten Blick auch ohne Fernglas, jedermann aber schon in einem 
schwachen Fernrohr sichtbar. Je tiefer man aber in das unermeßliche Ge- 
wölbe eindrang, desto zahlreicher wurden sie, und von dem so erfolgreichen 
Heidelberger Astronomen Wolf weiß man, daß ganze Gegenden des Him- 
mels wie besät mit kleinen Nebelflecken sind. In einem so kleinen Kreis, 
wie ihn die Mondscheibe darstellt, zählte man oft bis gegen 130 Nebel- 
flecke, die dann immer gesetzmäßig von sternarmen Zonen umgeben sind. 
Manche dieser Nebel sind etwa so weit entfernt, wie die weitesten Sterne 
(Kapteyn fand 168 Nebel an 700 Lichtjahre, also so weit entfernt, wie die 
Sterne zehnter Größe), andere, sogar die große Mehrzahl, waren überhaupt 
zu weit, um noch der Messung zugänglich zu sein. Und das will viel hei- 
ßen, da doch die äußersten Grenzen der Teleskopleistung heute auf 20 000 
bis 60 000 Lichtjahre**) hinausgeschoben sind, in welcher Entfernung die 
Sterne 16. bis 17. Größe schweben. 

Seit der Spektralanalyse weiß man, daß diese Nebel Gase sind, meist 
Hydrogen und ein auf Erden nicht vorkommendes Gas, NebuUum genannt, 
enthalten. Im Orionnebel ist auch der Luftbestandteil Helium nachgewiesen 
worden. Von verschiedenen kennt man auch rotierende Bewegungen und 
kann mit Wahrscheinlichkeit sagen, daß sie sich zu Sternhaufen umformen. 
Von anderen, die dunkel sind und kalt, weiß man mit den Sinnen nichts; 



*) Diese mit feinem Nebel umgebenen Sterne sind bekanntlich ein trefflicher 
Prüfstein für Scharfsichtigkeit, denn nur ein besonders gutes Auge kann den sie- 
benten ohne Fernglas in der Gruppe erkennen. 

**) Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die durch 300 000 Kilometer X 31,536 000 
ausgedrückt wird, also 9,5 Billionen Kilometer. 

74 



man setzt sie nach dem Vorbild von Sv. Arrhenius nur voraus, um Einheit 
und Verständnis für das Weltbild zu schaffen. Denn — so sagt man sich — 
wo käme sonst die von so zahllosen Sonnen des Weltsystems ununter- 
brochen ausgestrahlte Wärme hin? Verloren kann sie nicht gehen, da niemals 
irgendwelche Energie verloren geht. Wenn auch langsam, so müßte sie 
doch seit der Ewigkeit, die vor uns liegt, den Weltenraum erwärmt, ja ihn 
zum Glühen gebracht haben. Davon aber ist keine Rede. Im Gegenteil, seine 
Temperatur liegt viele Grade unter dem Nullpunkt. Also muß dieWärme irgend- 
wo verschluckt und in eine andere Energieform umgebildet worden sein. 

Die einfachste Annahme, die das erklärt, ist die Existenz dunkler und 
kalter Nebel, in denen die Wärme allmählich in elektrische Spannung trans- 
formiert, deren Leuchten und Glühen veranlaßt. Sv. Arrhenius verwendet 
diese Annahme in seiner Kosmogonie. Aber freilich ist das kein Wissen mehr, 
man tastet vielmehr nur mit Hypothesen an den Grenzen des Wissens umher. 

Immerhin schmiedet sich aus diesen Grenztatsachen des Wissens doch ein 
Ring ganz sicherer Festlegungen, die nicht mehr geändert werden können. 
Die erste haben wir bereits weggenommen, als wir die Existenz einer wei- 
teren Integrationsstufe über das Fixsternsystem hinaus bejahten. Die zweite 
. ist, daß diese Stufe den Namen eines Kosmos insofern verdient, als sie ein 
einheitliches und durch Gesetze geordnetes Ganzes darstellt. Das Wichtigste 
an dieser Festlegung ist die Einheitlichkeit des Weltsystems. Wenn wir 
auch, um mit Arrhenius zu reden, immer noch auch jetzt nur die ersten 
Grundrisse einer Kenntnis der Sternenwelt besitzen, so kann man doch aus 
dem vorhandenen Wissen mit großer Sicherheit auf das noch Unerforschte 
schließen, wenn man annimmt, es sei nicht anders als das Bekannte. Wenn 
man vor fünfzig und hundert Jahren so gehandelt hätte, wäre man in keine 
Irrtümer verfallen, trotz der großen Fortschritte, welche die letzten zwei 
Forschergenerationen bewirkt haben. Das Weltsystem scheint von großer 
Gleichförmigkeit zu sein; das uns Sichtbare scheint sich auch in dem uns 
nicht Zugänglichen fortzusetzen; die Gesetze, die hier gültig sind, verlieren 
auch dort nicht an Geltung. 

Daraus folgt, daß auch die höchste der erkennbaren Integrationsstufen 
sicher Sondereigenschaften besitzt, die nur ihr eignen, und daß zweitens 
diese für unser Erkennen „höchste", de facto noch nicht die letzte der Inte- 
grationsstufen sein kann. 

Welcher Art diese Sondereigenschaften sein mögen, wird allerdings mit 
jeder neuen, der menschlichen übergeordneten Integrationsstufe schwanken- 
der und schwerer feststellbar. Die Linien werden allmählich so groß, so 
übermenschlich, daß sie sich den Sinnen und dem Denken entziehen. So 
wie einer, der auf einer so großen Kugel wie die Erde, sitzt, schon erheb- 
liche Mühe hat, die Krümmung ihrer Oberfläche wahrzunehmen. Vielleicht 
ist es eine erst auf dieser Daseinsstufe auftretende Gesetzmäßigkeit, daß die 
Entwicklung in jedem Sinn zum Kreis wird. Im Kosmischen hat der Ent- 

75 



wicklungsbegriff nämlich keinen Sinn mehr! Wer von Entwicklung Neues 
hofft, kann ihr doch nur den Begriff der Eplgenesls und nicht den der Evo- 
lution beilegen. Er muß annehmen, daß das Spätere, Neue sich wirklich als 
ein noch nicht Dagewesenes aus dem Vorhandenen herausbildet, in dem es 
nicht präformiert liegen kann. Sonst wäre es eine bloße Herauswicklung, 
und es käme durch die Entwicklung überhaupt nichts prinzipiell Neues zu- 
stande. Es ist an sich ohnedies eine Begriffstrübung, wenn die Entwicklungs- 
theoretiker die individuelle Entwicklung der Lebewesen (Ontogenle) ohne 
weiteres der Herausbildung neuer Lebensformen (Phylogenle) oder der Ent- 
stehung neuer Kontinente oder von Klimaschwankungen oder neuen politi- 
schen Parteien, von Staatsformen oder dem Wechsel von Baustilen (erdge- 
schichtliche Entwicklung, geschichtliche, kulturelle Entwicklung) gleichstel- 
ten. In dem erstgenannten Fall hat man, wie der Schöpfer des Entwick- 
lungsbegriffes K. F. Wulff (1735 bis 1794) ganz richtig feststellte, de facto 
eine Epigenesis vor sich, da das neue Lebewesen in dem Keime nicht vor- 
gebildet ist, im Falle der „phylogenetischen Entwicklung" eine echte Evo- 
lution, nur eine Umformung zu vordem ähnlich Dagewesenen, während erd- 
geschichtliche oder politische Entwicklungen nicht das geringste mit Ver- 
erbung zu schaffen haben, sondern nur Kumulation von Erscheinungen höchst 
verschiedenen Ursprunges sind. Aber auch, abgesehen von diesem, reinlichem 
Denken ohnedies unerträglichen Vermischen nicht zusammengehöriger Be- 
griffe: was soll die Vorstellung von Entwicklung noch für einen Wert 
haben, wenn die Entwicklungslinie zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt? 
Daß solches aber mit allem Seienden der Fall ist, wird sinnenfällig durch 
die genauere Kenntnis des Kosmischen gelehrt. 

Am Himmel schweben nebeneinander Weltkörper, welche sämtliche For- 
men und Zustände aufzeigen, die ein Gestirn im Laufe seiner Entwicklung 
überhaupt aufweisen kann. Vom hypothetischen kalten und dunklen Nebel 
angefangen bis zur mit Leben bedeckten blühenden Erde läßt sich lückenlos 
jene Serie zusammenstellen, auf welche die Entwicklungstheoretiker so 
machtvoll pochen, wenn sie Glauben heischen. 

Es ist tatsächlich richtig, daß man glühende Nebel beobachten kann, an 
denen nur die äußere Hülle in den Farben von Hydrogen und Helium 
leuchtet, während ihr Kern dunkel und kalt ist. Es gibt auch vollkommen 
leuchtende Nebel. Solche ohne Bewegung und solche, die rotieren. Her- 
schel kam durch das Vergleichen derartiger Gebilde zu einer Genetik der 
Sternhaufen, denn er sah Nebel mit zusammengeballtem Kern und alle Über- 
gänge bis zu Gebilden nach Art der Plejaden, deren fester Körper nur mehr 
von einer zarten Nebelzone umflort ist (Abb. 19). Und es ist nur die an- 
dere Ausdrucksweise, die darauf vergessen läßt, daß auch die Atmosphäre 
von Sonne und Erde nichts anderes als ein aus Wasserstoff, Helium und an- 
deren Gasen bestehender Nebel sei, so wie es eine Wasserdampf atmosphäre 
auch auf allen Planeten mit Ausnahme des sehr alten Merkur gibt. Der ganze 

76 



Jupiter macht den Eindruck eines geballten Oasnebels, beträgt doch sein 
spezifisches Gewicht weniger als das der festen Materie auf Erden, nämlich 
nur 1,27, was übrigens auch für die äußeren Planeten überhaupt gilt.**) 

Glühende Gasbälle nach Art der Sonne (mit 1,42 spez. Gewicht), gemein- 
hin auch Sonnen genannt, durcheilen den Weltenraum in unermeßlicher Zahl. 
Sie sind es, die man Fixsterne nennt. Aber sie sind nicht alle gleich, son- 
dern lassen durch Vergleichung alle Stadien einer Abkühlung erkennen. 
Sirius, der Hundsstern, von dem Arrhenius glaubt, er werde immer noch 
heißer, leuchtet in weißem Licht; unsere Sonne ist gelblich, der Stern Aldc- 
baran rötlich und die Sonne Beteigeuze aus dem Sternbild des Orion rot. 
Man hat Wege gefunden, um die Temperaturen der Gestirne schätzen zu 
können, und fand im Einklang mit dieser auch auf Erden wohlverständ- 
lichen Farbenskala die Temperaturen der Sonnen wirklich verschieden. Als 
heißeste Sonne gilt ?. Tauri mit 40 000^0, dann folgen solche, wie im Bilde 
des Orion, mit 13 000 bis 8000"; Wega und Sirius sind immer noch um 
1000° heißer als die Sonne, in der vielleicht 6000 bis 4000^ C Hitze herr- 
schen. Beteigeuze steht in der Klasse derer, die nur 3000° messen; die 
letzte Klasse hat gar nur 2800°. Eine andere Sicherung dieser Ergebnisse 
besteht in der Erwägung: je heißer eine Sonne ist, desto mehr müßten die 
Elemente zersetzt sein, aus desto weniger Elementen müßte sie bestehen. Tat- 
sächlich hat die Sonne weniger Elemente als die Erde, Sirius noch weniger, 
manche sehr heiße Sterne bestehen überhaupt nur aus Wasserstoff. 

Natürlich sind diese Zahlen nur vage Schätzungen, aber das Wesentliche 
an ihnen wird bleiben, nämlich, daß die Sonnen verschieden sind. Es gibt 
sogar dunkle Sonnen am Firmament, die man nicht sehen, nur durch die 
Gravitationsstörungen, die durch sie verursacht wird, erkennen kann. Sirius 
ist zum Beispiel ein Doppelstern und hat einen dunklen Begleiter. Auch 
Maja in den Plejaden zeigt Bevvegungsanomalien, die nur dadurch erklärt 
werden können, daß sie um einen dunklen Stern kreist. Ja, der holländische 
Astronom Kapteyn sucht uns auf scharfsinnige Weise zu überzeugen, daß 
es überhaupt mehr dunkle als leuchtende Sonnen gibt. Er berechnet, wie- 
viel Sterne verschiedener Helligkeit in einer Kugel um die Sonne vorkom- 
men, deren Radius mit 560 Lichtjahren angenommen würde, und fand, daß 
in dieser Kugel 

1 Stern eine Helligkeit von über 10 000 Einheiten 

26 Sterne eine Helligkeit zwischen 10 000—1000 Einheiten 

1 300 Sterne eine Helligkeit zwischen 1 000—100 Einheiten 

22 000 Sterne eine Helligkeit zwischen 100—10 Einheiten 

140 000 Sterne eine Helligkeit zwischen 10—1 Einheiten 

hatten. Je weniger Leuchtkraft sie hatten, desto zahlreicher waren die 

Sterne, woraus sich der obige Schluß ergibt. 

Von den dunklen Sonnen zu den nur mehr schwach leuchtenden oder gar 
nicht mehr strahlenden Himmelskörpern ist nicht einmal mehr ein Schritt. 



Und die Planetenphysik wird nun zum guten Wegweiser der Zustände sol- 
cher Gestirne, so wie die großen Sternhaufen oder die „Magelhaen'sche. 
Wolke" am südlichen Himmel, die aus Nebelflecken (Abb. 2), Sternhaufen 
(Abb. 20) und Sternen zusammengesetzt ist, über die Zusammengehörigkeit 
und Änderungen der Himmelskörper bis zur Evidenz unterrichtet haben. 

Die Übereinstimmung zwischen der Erde als Stern und den anderen Pla- 
neten erlaubt es, von diesen Rückschlüsse auf jene zu wagen. So spiegeln 
die ferner als die Erde um die Sonne kreisenden Kugeln wie Jupiter, Saturn, 
Neptun frühere, die innerhalb ihrer Umlaufellipse sich bewegenden, nament- 
lich Venus und Merkur, die noch kommenden Stadien ihrer Existenz. Darauf 
begründet die Entwicklungslehre ihre Ansprüche und malt mit voller Über- 
zeugung ihr so volkstümlich gewordenes Bild vom erkaltenden Glutball, 
dessen Wasserdampfatmosphäre sich niederschlägt, worauf er zuerst ein- 
faches, dann höheres Leben hervorbringt, das eines Tages erlöschen wird, 
so wie die Gebirgsbildung erlischt, die Wasser als „Gebirgsfeuchtigkeit'^ 
von den Gesteinen aufgenommen werden und die Erde nicht anders denn 
Mars und Mond durch den Weltenraum rollen wird. Förmlich sentimental 
hat man sich einen „Weltuntergang" ausgemalt mit einer „erkalteten, 
toten Erde", die irgendwann einmal durch einen Zusammenprall, wie man 
ihn an aufflammenden Sternen am Firmament oft genug beobachtet hat, 
wieder in ihre Bestandteile zerstieben wird. Spuren solcher zersprengter 
Himmelskörper lagert jeder Tag auf der Erdoberfläche ab. Täglich nimmt 
die Erde 100—200 Tonnen Meteoriten und dazu kosmischen Staub auf, die 
zusammen eine Musterkarte der Weltenmaterie darstellen (vgl. Abb. 22). 

Woraus bestehen diese aus dem Himmelsraum fallenden, durch ihre Rei- 
bung an der Atmosphäre oft aufflammenden Steine, die zum mindesten als 
Sternschnuppen schon von jedermann gesehen wurden? In den meisten 
Fällen aus Eisen, weshalb sie auch zur Stütze der Ansicht vom eisernen Erd- 
kern verwendet wurden. Tatsächlich bestehen sie oft aus anderen Mineralien 
als die Erdrinde, oft sind darin Glasflüsse vorhanden und große Kristalle. 
Damit ist wenigstens das eine mit Sicherheit erwiesen, daß die Singulation 
im Weltenraum bis zur Integrationsstufe der Kristalle reicht. Die Meteorite 
enthalten keine wasserhaltigen Verbindungen, überhaupt kein Wasser, da- 
gegen Kohlenwasserstoffe, wie man sie von den Gestirnen kennt, und eine 
Anzahl von Chloriden, Sulfiden und Phosphiden, die auf Erden zwar vor- 
kommen, aber unbeständig sind. Dagegen fehlen ihnen so typisch irdische 
Mineralien wie Quarz, alle Arten von Feldspat, Glimmer, Amphibol. 

Mit Sicherheit geht daraus hervor, daß sie jedenfalls nicht oberirdischen 
Ursprungs sind. Ihre Übereinstimmung mit dem tieferen Erdinneren und 
den Bestandteilen der Sonne ist erwiesen. Mag nun die Ansicht Recht be- 
kommen, die in ihnen zersprungene Weltkörper sieht, oder mag sich die 
Zukunft an SchiaparelLi und Arrhenius anschließen, die sie und den kos- 
mischen Staub mit den Kometen und Ausschleuderungen der Sonne in Zu- 

78 



sammenhang bringt, Tatsache bleibt, daß diese Teile der Glieder des kos- 
mischen Systems in unermeßlichen Mengen durch den Weltraum irren und 
von Kometen und Nebeln ebensogut wie von den vorhandenen Sternen ein- 
gefangen werden können. Sie müssen sich stets aufs neue bilden, sonst wären 
sie von den bestehenden „Fangnetzen" längst alle eingefangen worden. In 
ihnen, namentlich in den enorm großen Nebeln, müssen sie sich anhäufen 
und, da die Herausbildung von Sonnen aus Nebeln beobachtet ist, sich an 
dem Neuaufbau von Sternen beteiligen. Verloren gehen sie ebensowenig wie 
die Licht- und Energiequanten, die sich von ihren Emissionszentren ablösen. 

Der aufbauenden Entwicklung steht also ebensoviel Zerfall und Neuauf- 
bau gegenüber, so daß keine Tatsache des Kosmischen wohl besser erhärtet 
werden kann, als nicht nur die Erhaltung von Energie und Materie, sondern 
auch die Wiederkehr der Formen, die Reintegration der Integrationsstufen 
im Kosmischen. 

Das aber war es, was zu beweisen war. Die Entwicklung kehrt im Kos- 
mischen zu ihrem Ausgangspunkt zurück, sie hebt sich selbst auf, weil sie 
zum Kreise wird. Es gibt keinen Anhaltspunkt für die Idee eines Welt- 
unterganges, ebensowenig einen dafür, daß dem Tod eine andere Bedeutung 
zukommt, als dem Aufhören einer Systembedingung, die sich aber wieder 
regeneriert. 

Es gibt keine Entwicklung in dem Sinne der älteren, auch der Häckel- 
schen Naturphilosophie, es gibt keine im absoluten Sinne; wir werden dieses 
so viel mißbrauchte und irreführende Wort daher auch durch den Ausdruck 
Entfaltung besser ersetzen. Die physische Welt als solche ist konstant; ein 
Entwicklungsgesetz als Weltgesetz aufzustellen, hat keinen Sinn. Entwick- 
lung ist keine Grundtatsache der Welt und nicht dem Weltbegriff imma- 
nent. Wohl aber ist es nötig, sie in einem neuen Sinn zu fassen, als einen 
Vorgang des Ausgleiches, der jeweils die Unstimmigkeiten beseitigt, die 
den Weltprozeß verhindern, seinen Dauerzstand einzunehmen. 

Auf der Höhe der letzten der erkennbaren Integrationstufen des Seins 
ist sie aufgehoben und dadurch dieser Seinsstufe das gewährleistet, was von 
jeher die Menschheit dunkel von den Himmlischen empfand, es daher stets 
als ein Attribut des Allerhöchsten verehrte: nämlich Dauer und Harmonie. 

In dem unbestreitbaren Satz, daß das physische Weltsystem eine kon- 
stante Größe darstelle, liegt einbezogen der wunderbare Begriff der Ewig- 
keit, der nur durch den der Harmonie gewährleistet ist. 

Schon dadurch ist es ausgesprochen, daß die Stufe des Weltsystems eine 
relativ höhere Stufe des Seins darstellt, als jede der in ihr liegenden. Denn 
von keiner, auch nicht von dem Sonnensystem oder dem Fixsternsystem, 
konnte diese höchste Bestimmung der Unvergänglichkcit geprägt werden. 

Was gierend in Qual und Arbeit und Streben des Menschen Geist für 
sich von den Himmeln herabreißen will und seit den ersten naiven Ver- 
suchen materieller Konservierung nach Art der Ägypter bis zu den Vcr- 

79 



feinerungen unserer erlesensten Geister, stets als das Ideal des Seins emp- 
fand: Unvergänglichkeit, sie ist erreicht bei einer so vielfachen und durch 
ein derartiges Geflecht von Gesetzen regierten Zusammensetzung, wie sie 
das Weltsystem aufweist. Jeder kann teilhaben an dieser Unvergänglichkeit. 
Offen ist die Pforte dazu und klar vorgezeichnet der Weg. 

Was soll man tun? Es gibt nur eine Antwort darauf. Die Weltgesetze er- 
kennen, um sie befolgen zu können, und dadurch in Einklang kommen mit 
ihnen. Dann geht man den Kreislauf der Welt mit und nimmt teil an ihren 
tätigen und aufbauenden Kräften, an ihnen, die nicht allein aus dem Physi- 
schen bestehen, sondern untrennbar verwoben sind mit den geistigen Werken. 

Denn schon der aus dem Erkenntnismaterial der Psychologie so unleugbar 
herausleuchtende psycho-physische Parallelismus, den man so oft mate- 
rialistisch gedeutet hat, sichert dieses Mitgehen der „Werke" auf gleicher 
Bahn. So wie kein Biologisches ohne sein entsprechendes Seelisches sich 
vollzieht auf der kurzen Strecke, da in unserem Bewußtsein beide zusammen- 
fallen, so begleitet die Welt der reinen Vorstellung und Abstraktion alle 
Stufen der Integration von der ersten bis zur höchsten, und mit einer Art 
freudiger Erschütterung nimmt der in diesen dunklen Gängen forschende 
Menschengeist wahr, daß die gleichen Gesetze, welche das physische Uni- 
versum zusammenhalten, auch dessen Spiegelung regieren, weil es eben nur 
ein einziger Bios des Erlebens ist. 

Das Grundgesetz des Seins, die Singulation, herrscht ebensogut in der 
Welt der reinen Vorstellung wie in den durch die Sinne gelenkten Vor- 
stellungen: auch jeder Gedanke ist an Form und Gesetzlichkeit gebunden. 
Und ebensogut wie dort die wunderliche Türmung der Integrationen das be- 
herrschende Gesetz des Seins ist, finden sich Integrationen auch in den 
geistigen Singula. Vorstellung, Gedanke, Werk, diese drei auch einem 
ersten Blick in dieses Reich sich aufdrängenden Singulationen schließen ein- 
ander als komplexe Systeme ebensogut in sich steigernder Folge so ein, daß 
jeweils das Individuum der einen Stufe zum Teil der anderen wird, genau 
nach Art von Elektron, Atom, Molekül, Körper, Weltkörper oder Zelle, Organ, 
Organismus. Und ebenso wie in jenen Reihen bedingt auch hier jede neue 
Singulationsstufe (denn wer hätte nicht schon bemerkt, daß jede Singulations- 
form einer Integrationsstufe entspricht) neue „singulare" Eigenschaften. 

Da in einem folgenden Werke über die Gesetze des Schaffens die Be- 
sonderheiten der Werke unseres Geistes untersucht werden sollen, kann ich 
es hier bei einem Hinweis bewenden lassen und die Gesetze der innerlichen 
Welt nur so weit heranziehen, Wie es der Beweis der Einheit des ganzen 
Erlebens erfordert. Und dem ist mit diesem Seitenblick Genüge geleistet. 

Zum Gesamtbegriff und Kreislauf der Welt gehört das, was wir tun, eben- 
sogut wie das, was wir sind, und nicht nur durch unser Sein, sondern auch 
durch unsere Handlungen stellt sich entweder der Einklang mit dem Welt- 
gesetz her oder aber eine Dissonanz, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein 

80 



kann. Nur der Einklang sichert die Unvergänglichkeit und das singulare 
Weiterfließen im großen Strom des Weltgeschehens. Dauer schließt auf 
diese Weise auch die Harmonie in sich, die Disharmonie daher notwen- 
digerweise den Untergang und damit die Vergänglichkeit. Alles Sein und 
Geschehen zerfällt so von vornherein in zwei Kategorien: in das Dauernde 
und das Veränderliche. Veränderung ist die Entwicklung. Dauer ist das 
Höhere, also kann Entwicklung kein Ziel sein. 

Wohl aber wird durch diese Veränderungen der Untergang von so vielen 
Stufen und Gestaltungen des Seins bewirkt, von denen, wie leicht ersicht- 
lich, nur die den Weltgesetzen vollkommen entsprechenden, also die opti- 
malen, zur Harmonie gelangen und damit zur Dauer. Eine stete Auslese, 
eine Selektion findet auf diese Weise statt, die dafür sorgt, daß auf dem 
kürzesten Wege das Endziel des Weltprozesses, die Dauer der vollkom- 
menen Daseinsstufen, erreicht wird. 

Der Begriff des dauernden Seins umschließt also eine ganze Reihe von For- 
derungen. Seine Analyse zergliedert ihn in einen Aufbau von Bedingungen, 
die erfüllt sein müssen, bevor er zustande kommt. Er ist gebunden an seine 

Integrationsstufen, 
durch welche sich erst die Eigenschaften der Welt vollständig runden. Auf 
jeder Integrationsstufe findet der Versuch statt, zur Dauer zu gelangen durch 
die Funktion, die sich nach dem Gesetz des kleinsten Kraftmaßes, nämlich 
auf dem kürzesten Wege regelt und dadurch zu einer steten Selektion ge- 
langt. Auf diese Weise stellt sich ein Zustand der Welt ein, welcher der 
Analyse als ihr Optimum bewußt wird, in seiner Gestaltung sich aber als 
Harmonie mit der Wirkung der Unveränderlichkeit, also der ewigen Daner 
erweist. 

Das alles ist im Begriff des „Seins" enthalten, und zwar in jedem Sein, 
das wir erleben. Sowohl das Sein der „Dinge", wie das der „reinen Vor- 
stellungen", sowohl das der Originale wie der Kopien schließt sie mit ein. 
In der ganzen Welt des Erlebens sind diese Gesetze: 
/. das Gesetz des Seins, 

2. das Gesetz der Integration, 

3. das Gesetz der Funktion, 

4. das Gesetz des kleinsten Kraftmaßes, 

5. das Gesetz der Selektion, 

6. das Gesetz des Optimums, 

7. das Gesetz der Harmonie 

gültig, sie sind somit die wahren Weltgesetze. Ihre Zergliederung und Er- 
kenntnis füllt den Umfang dieses Werkes. 

Eine heilige Siebenzahl bedingt und regiert das Erleben der Welt; wer 
sie erkennt und in seinem Leben und Handeln verwirklicht, der ist im Ein- 
klang mit dem Unendlichen. Er hat das Höchste erfüllt, wozu das „Dasein" 
überhaupt gelangen kann, nämlich harmonische Dauer. Er wirkt dauernd 

Franci, Bios 6 

81 



im Kreislauf der Welt mit ohne Mißklang, Reibung und Leiden; er ist 
der einzige, der von sich sagen kann: mein Leben war nicht nur glücklich, 
sondern auch fruchtbar. Denn es erfüllte den Sinn der Welt .... 

Dies alles sind nur die notwendigen Konsequenzen aus der unmittelbaren 
Anschauung der Harmonie und Dauer des Fixsternsystems, durch das allein 
schon, wie anderen Ortes gezeigt werden wird, die so oft gefürchteten 
Konsequenzen des C/ö«s/«s 'sehen Entropiesatzes gegenstandslos werden. 

Aber, wie schon festgestellt, das Fixsternsystem scheint noch nicht die 
letzte Stufe des anschaulich zugänglichen physischen Weltbildes zu sein. Es 
gibt noch eine Konsequenz in den bisherigen Einsichten, die dadurch kon- 
trolliert werden kann; das ist gewissermaßen die „Integration der Inte- 
grationen". Es bestehen unzweifelhafte Übereinstimmungen zwischen der 
mechanischen Situation des Elektrons und der Erde als Weltkörper. Beide 
sind die Elementarteile von komplexen Systemen, die in Gesellschaft um 
ein Zentrum Bewegungen ausführen und als System-Einheit wieder Teile 
einer höheren Stufe anderer Art sind. Das ist eine so hervorragende Gleich- 
gesetzlichkeit, daß sie nicht übersehen werden kann. 

So wie die Erde gleichsam ein Elektron auf höherer Ebene der Gestal- 
tung ist, so entspricht das Sonnensystem in diesem Sinne auch einem Atom. 
Und so wie die Atome nach feststellbarer Gesetzlichkeit zusammentreten 
zu den Atomgruppen, die man Moleküle nennt, so vereinigen sich Sonnen- 
systeme zu zweien oder mehreren oder auch vielen zu Gruppen von gegen- 
seitig engeren Beziehungen. Man erinnere sich an die vielen bekannten 
Doppelsonnen (eine solche ist der Sirius), an die PLe jaden (Abb. 19) und 
zahllosen Sternhaufen, deren Einzelsonnensysteme ebensowenig ohne Be- 
ziehung zueinander sind, wie die Erdensonne zu ihrem Zentralgestirn. 

Der Parallelismus der Integrationsstufen ist auch damit nicht zu Ende, 
sondern so wie Moleküle die Körper zusammensetzen, stellt auf höherer 
Ebene auch der uns bekannte Fixsternhimmel einen „Körper" dar, über 
dessen Spiralgestalt 6\q. Kapteyn''sz\\Q Spekulation einige Aussagen zu machen 
gestattet. Die Parallelen sind demnach in folgender Weise zu ziehen: 
Niedere Seinsstufe Höhere Seinsstufe 

Elektron Erde und sonstige Planeten 

Atom Sonnensystem (Fixsterne) 

Molekül Gruppen von Sonnensystemen 

(Doppelsterne, Plejaden, Hyaden usw.) 
Körper (Materie) Fixsternsystem. 

Daß die Reihe nicht fortgesetzt werden kann, liegt nur an der Beschränkt- 
heit menschlicher Anschauungsmittel. Es spricht aber mehr dafür, als da- 
gegen, daß es sich hier nicht um eine zufällige partielle Übereinstimmung 
von Serien, sondern um eine Gesetzlichkeit handelt, die der Mathematik 
sehr wohl bekannt ist, also nach den Forderungen der objektiven Philosophie 
ihr Gegenstück bzw. Vorbild in der Welt wirklichen Seins besitzen muß. 

82 



Aber die Anschauung darüber versagt; nur davon läßt sich eine Anschau- 
ung gewinnen, welche Sondereigenschaft aus der „kosmischen Materiebil- 
dung'' entsteht, wie man die Singulation des Fixsternhimmels benennen kann. 
Es ist die absolute Harmonie und Dauer, gewährleistet durch den Kreislauf 
der Erscheinungen. Und das macht es gewiß, daß der „Fixsternkörper" 
tatsächlich dem Integrationsgesetz folgt. Da aber über ihn hinaus noch An- 
zeichen anderer „Fixsternkörper" vorhanden sind, ist damit auch die Gewiß- 
heit gegeben, daß der physische „Weltbegrijf' noch höher zu spannen sei. 

Die Astronomie tastet seit Generationen an seinen Grenzen umher, nicht 
nur um Anschauung, sondern allem voran, um Gewißheit darüber zu erlangen. 
ob die Welt endlich oder unendlich zu fassen sei. Es ist eines der merkwür- 
digsten Blätter der Naturforschung, das sie damit aufschlägt. Die erste und pri- 
mitivste Formulierung der Frage war: wieviel Sterne stehen am Himmelszelt? 

Mit freiem Auge kann man je nach dem Ort der Beobachtung und der 
Güte des beobachtenden Auges 2000 bis 4000 Sterne zählen. So viele waren 
auch in der fernrohrlosen Zeit bekannt, und es stellt der Gewissenhaftigkeit 
und Scharfsichtigkeit der Astronomen des Altertums das ehrenvollste Zeugnis 
aus, daß der ptolernäische Sternenkatalog an 4000 Sterne enthält, darunter 
solche, die heute nur die wenigsten Menschen mit freiem Auge erblicken 
können. Ein solcher Magier auf seinem Sternenturm zu Alexandrien oder 
Susa muß eine wunderbare Konzentration des Geistes und eine unglaub- 
liche Geschlossenheit seines Denkvermögens besessen haben. Es ist für 
mich eine der ehrwürdigsten Vorstellungen, wie er, ohne alle Hilfsmittel, in 
seiner Einsamkeit dennoch fast den ganzen Bau und die Bewegungen im 
Kosmos richtig, oft mit fabelhafter Genauigkeit zu erkennen vermochte und 
daraus die richtigen Schlüsse zog. Man hat ganz recht gehabt, wenn man 
darauf aufmerksam machte, wie wenig Ursache man habe, von einer Entwick- 
lung im Geistigen zu sprechen. Welche astronomischen Kenntnisse verraten 
sich doch im Bau der Cheopspyramide! Da ist es doch selbstverständlich, 
wenn in der Sonnenreligion des ägyptischen Amenhotep IV. die Vorstellung 
vom Weltgebäude, also eigentlich die moderne Lehre ausgesprochen wird. 

Unse'-e Zeit ist jenen Alten nur in der Ausbreitung, nicht aber in der Ver- 
tiefung der Kenntnisse über, und so kommt es, daß wir nichts prinzipiell 
Neues erfahren haben, als der astrophotographische Kongreß zu Paris im 
Jahre 1887 beschloß, eine allgemeine photographische Himmelsaufnahme an 
achtzehn Observatorien mit gleichen Instrumenten zu begiimen. Nach diesem 
Arbeitsplan wurden 20 626 Platten von einer Stunde Expositionsdauer an- 
gefertigt, auf der alle Sterne bis zur 13. Größenklasse vorhanden sind.*) 
Dreißig Millionen Sterne wurden auf diese Weise am Firmament festgestellt, 
während auch die besten Fernrohre nur mehrere hunderttausend wahrzu- 
nehmen gestatten. Natürlich ist auch das nicht der Umfang des gesamten 



*) Mit freiem Auge erkennt man sie nur bis zur 6. Größenklasse. 

83 



Seins, dem die großen Denker aller Zeiten, wie Demokrit, Swedenborg, 
aber auch Kant Unendlichkeit, also eine unzählbare Menge Sterne zusprachen. 

Der französische Astronom hermite ersann daher eine andere Methode, 
um noch tiefer in den Kosmos eindringen zu können. Auch er beobachtete 
das Kapteyn^szh^ Phänomen insofern, als die Zahl der Sterne von einer 
Größenklasse zur anderen nach einer stetigen Proportion wächst (vgl. S. 77). 
Er maß nun den Gesamtbetrag des von jeder Klasse Sterne ausgesandten 
Lichtes. Wenn er mit der so erhaltenen Summe die wirkliche Intensität des 
Sternenlichtes verglich, das jeder, der es in einer schneelosen, sternenklaren 
Winternacht beobachtete, überraschend hell gefunden haben wird, kam er 
zu der Annahme, dieses Licht müsse von 60 Billionen Sonnen stammen. 

Über die Anordnung dieser Sterne im Weltraum machte man sich eben- 
falls ein bestimmtes Bild nach dem Vorgang des Engländers Newcomb, der 
auf folgende Tatsachen die Aufmerksamkeit lenkte: 

Innerhalb eines Radius von 400 000 Erdbahn-Halbmessern scheint es 
außer der Sonne nur noch eine Sonne (nämlich 5/. Centauri) zu geben. 
Wäre nun das Weltall gleichförmig, so müßte es \n einer Kugel von dop- 
peltem Radius den Kubus dieser Zahl, das heißt acht Fixsterne geben. Bei 
dreimal größerem Radius siebenunzwanzig usw. Nun stimmt die Beobach- 
tung mit dieser Annahme überraschend gut überein, und so glaubt New- 
comb, daß fünfhundert solcher konzentrischer Kugeln alle wahrnehmbaren 
Sterne einschließen, die gleichmäßig verteilt in einer Welt von etwa 3300 
Lichtjahren Durchmesser schweben. Von diesen Vorstellungen weichen die 
sogenannten Seeliger* sch^n Sterngesetze nur teilweise ab, mit denen der 
Münchner Astronom S^^/Zg-^/- um 1908 durch rein statistische Sternzählungen 
ohne Hilfshypothesen versuchte, die Gesetzmäßigkeiten des Himmelsbaues 
festzulegen. 

Nach den „Sterneichungen", das heißt genauen Auszählungen, die seit 
W. Herschel, Celoria, Argelander und andere Sternforscher vorgenommen 
haben, ließ sich für die ersten zehn Größenklassen unter Annahme gleicher 
Verteilung und Helligkeit das erste Gesetz feststellen: Die Anzahl der 
Sterne zwischen Größenklassen 6 bis 9 nimmt langsamer zu, als es diesen 
Annahmen entsprechen würde, ebenso die Kategorien 1 bis 5. In seinem 
zweiten Gesetz sagt er: dagegen nimmt die Zahl dieser Sterne gegen die 
Milchstraße stetig zu. Diese ist also keine optische Täuschung, wie jene 
glauben, die annehmen, daß unsere Erde in einer Art „Weltlinse" stecke, 
deren Rand wir erblicken, wenn wir in das Sternengewimmel der Milch- 
straße schauen. Nach Seeliger ist eine reale Anhäufung von Sternen in ihr 
vereinigt. Nur gilt das alles nicht für die 2. bis 5. Größenklasse, in der die 
Sterne gegen die Milchstraße zu eher abnehmen. Er meint also, daß die 
Sterne nicht ganz gleichförmig verteilt sind, und schließt daraus: Alle Sterne 
bilden zusammen ein einheitliches System, das aber endlich begrenzt ist, da 
sich Unendlichkeit nicht mit dem beobachteten Verteilungsgesetz decken 

84 



würde. Dieses System nennt er den Fixsternhimmel und meint, er habe die 
Gestalt eines Rotationsellipsoids (vgl. Abb. 17), dessen Äquator die Milch- 
straße ist und etwa 25 000 Lichtjahre umspannt, während die kürzeste Achse 
etwa halb so groß ist. Die hellen Sterne stehen darin gleichmäßig ange- 
ordnet, dagegen sind die 12. bis 14. Größe namentlich in der Milchstraße 
dichtgedrängt, etwa zwanzigmal dichter als sonstwo. Der matte Schimmer 
der Milchstraße rührt von den schwächsten Sternen her. 

Alle Fixsterne sind wie unsere Sonne groß und hell. Alle Abweichungen 
gehen nicht über fünfzig Prozent nach der einen oder anderen Richtung 
hinaus. Nur einige Giganten sind etwa 10 000 mal heller als unsere Sonne. 
Die „Welt" zeigt also eine gewisse Einförmigkeit. 

Das Wichtigste seiner Überzeugung ist aber, daß er Nebelflecke und 
Sternhaujen nicht, wie Herschel und auch Kant es wollen, für Weltinseln 
nach Art der Milchstraße hält, sondern sie in unser Fixsternsystem einord- 
net. Seine Hauptbeweise dafür sind, daß sie gleiche Radialgeschwindig- 
keiten und auch ein Spektrum besitzen, das dem Kosmischen entspricht. 

Wie man sieht, widersprechen sich die Forschungen und Folgerungen in 
einigen Punkten, in anderen, nicht weniger wichtigen, jedoch stimmen sie 
überein. Hält man sich bloß an das Gemeinsame, wird man weniger von 
der Wirklichkeit abirren, als wenn man nur auf einen Meister schwört. 

Das Wesentlichste des Übereinstimmenden ist die Ansicht, daß die Welt 
endlich sei! Demgegenüber ist es ganz untergeordnet, ob sie in unserem 
Fixsternhimmel ihre Grenzen findet, oder ob dieser nur einer unter vielen 
ist. Auf den ersten Augenblick mag es wohl dünken, als sei die Vorstel- 
lung einer „Grenze" der Welt ebenso unvollziehbar wie die der Unendlich- 
keit. Aber je mehr man den Gedanken analysiert, an desto mehr Punkten 
vermag das Denken in ihm Fuß fassen. 

Bevor ich darauf eingehe, will ich noch daran erinnern, daß es einen logi- 
schen Beweis für die Begrenztheit der Sternenzahl gibt. Da auch noch die 
entferntesten Sterne rein in weißem Licht schimmern, hat man dadurch 
empirische Gewißheit, daß das Licht im Weltenraum nicht absorbiert wird. 
Dann aber müßte — Unendlichkeit des Weltalls vorausgesetzt — auch der 
nächtliche Himmel taghell sein, ja mehr als das. in der „unendlichen" Licht- 
flut und Wärme müßten wir schon umgekommen sein, bevor wir entstanden. 
Da wir aber leben und der Himmel sehr dunkel ist, sind die Sterne zählbar, 
wenn auch Arrhenius neuestens das Gegenteil behauptet. 

Auch die Relativitätstheorie hat sich zugunsten dieser Forderung ausge- 
sprochen. Es hätte ihrer nicht bedurft, wenn die Naturwissenschaft von je- 
her mit den Methoden des philosophischen Denkens gearbeitet hätte. 

Die Begriffe endlich und unendlich haben einen doppelten Sinn, je nach- 
dem, ob man durch sie Tatsachen der Sinneswahrnehmung oder der Vor- 
stellung ausdrücken will. Durch Empirie kann die Streitfrage der Endlichkeit 
der Welt niemals geklärt werden. An sich wissen wir von einer überwältigen- 

85 



den Fülle der dunklen Himmelsgebilde, so daß das Auge am Himmel ein 
durchaus unzuverlässiger Wegweiser ist. Ganz abgesehen davon, daß sich 
Bewegungen entfernter Himmelskörper in dem Maße nicht mehr verfolgen 
lassen, in dem sie jenseits der Zoesis liegen. Die Unendlichkeit der Welt 
ist aus methodischen Gründen also ohnedies auf den Entscheid durch das 
Denken angewiesen. 

Das Denken aber geht von vornherein von der Voraussetzung aus, daß 
die Natur Grenzen habe. Wäre das nicht eine prinzipielle Annahme, dann 
hätte man keine Einheiten, um zu rechnen. Solche ersonnene Einheiten sind 
Atome, das heißt Grenzen der Welt in der Richtung des kleinsten Raums 
(Atom = das nicht mehr Teilbare). Solche sind auch die endlichen Ge- 
schwindigkeiten der Physik, von denen, wie bereits gezeigt wurde (S. 20), 
die Lichtgeschwindigkeit ohnedies eine durch Bedingungen der Erkenntnis 
geforderte und eingeengte Zahl ist. Der menschliche Intellekt muß sich 
diese festen, absoluten Begriffe, welche der Welt Grenzen setzen, zurecht- 
legen, sonst könnte er nicht messen. Endlichkeit ist also nicht ein Pro- 
dukt anschaulicher Wirklichkeit, sondern der Denkmethode. Mit anderem 
Ausdruck: Licht und Materie sind psychologische Probleme. Schon in der 
Theorie des Lichtes liegt die Notwendigkeit, den „Luftraum", das heißt den 
Sternenhimmel, als abgegrenzt sich vorzustellen. Wenn die Energieumsätze 
im Kosmos sich mit einer endlichen Geschwindigkeit vollziehen, welche die 
größte der möglichen ist, da sonst der Begriff der Materie aufhören 
würde, dann ist die damit postulierte Endlichkeit der Welt nicht ein Gesetz 
dieser Welt an sich, sondern eines des Erkenntnisvermögens. Unser Er- 
kennen kann also tun, was es will, stets wird es sich im Kreise einer end- 
lichen Welt drehen; die in ihm waltende Methode fordert das. 

So spricht die Biozentrik und wirft damit wieder die Türe zu, durch die 
der Menschengeist ins „Freie" wollte. Laß ab, du Tor, von solchem Be- 
ginnen — sagt sie zu ihm — , dir selbst kannst du ja doch nicht entfliehen. 

Wer das weiß, lächelt nur über die Schwierigkeiten, welche der klassi- 
schen alten Mechanik in diesem Punkte erwuchsen, und über die Anstren- 
gungen, durch welche die Relativitätstheorie dieser Schwierigkeiten Herr zu 
werden hofft, aber auch über den Stolz, mit dem sie verkündet, sie habe 
eingesehen, die Welt sei zwar „endlich, aber doch nicht begrenzt". 

Gerade Seeliger machte bei Erörterung seiner Sterngesetze darauf auf- 
merksam, daß die von ihm bestätigte Gleichförmigkeit des Weltalls mit der 
Newton'soh^n Theorie unvereinbar sei. Denn diese setzt für die „Masse" 
eine Anzahl von aus dem Unendlichen kommenden Kraftlinien voraus, deren 
Zahl der Masse proportional ist. Ist nun nach Kapteyn-Seeliger die Dichte 
der Masse (d) im xMittel konstant, so würde eine Kugel von Volumen V 
die Masse d-V umschließen. Die Zahl der durch die Oberfläche O ins 
Innere der Kugel eintretenden Kraftlinien ist nach Newton proportional d-V. 
Es treten also durch die Oberflächeneinheit der Kugel Kraftlinien ein, deren 

86 



Zahl d.V/O oder d.R (= Radius) proportional ist. Je größer dieser Radius, 
desto mehr wächst die Feldstärke an der Kugeloberfläche, bei einer unend- 
lichen Welt müßte sie unendlich sein, was nicht der Fall, noch auch denk- 
bar ist. Also vereinigt sich die A^^u^/o«'sche Mechanik wieder einmal nicht 
mit der extrazoetischen Erfahrung. Sie fordert vielmehr, daß die Welt eine 
Art Mitte habe, von der aus die Sterndichte nach außen hin abnimmt. 

Für uns ist es sehr verständlich, daß die biozentrische (= zoetische) 
Mechanik Newtons einen biozentrischen Weltbegriff voraussetzt. 

Die Relativitätstheorie Einsteins sucht darüber hinwegzukommen, indem 
sie die geometrischen Eigenschaften des Raumes von der Materie abhängig 
macht, die annähernd gleichmäßige Verteilung der Gestirne als Faktum an- 
sieht und dann nach ihrer Formel zu dem Ergebnis kommt: die Welt sei 
fast sphärisch, also jedenfalls endlich. Oder mit anderen Worten: eine 
Konsequenz der Biozentrik (nämlich die Beobachtung) setzt sie an einem 
Ende der Rechenmaschine ein und betrachtet es als Neuheit, wenn Biozen- 
trik aus ihrer Maschine herausfällt. Sie hat damit wirklich die Schmiegsam- 
keit eines Geschäftsmannes an die jeweilige Konjunktur bewiesen. So kommt 
man jetzt auf jedem Wege zu der unseren Vätern noch unausdenkbaren Vor- 
stellung, die „wirkliche" Welt sei endlich, ja man befreundete sich sogar 
mit dem Bilde, sie sei sphärisch gestaltet. 

Der „kosmische Körper^' hat mehr oder minder kugelige Gestalt. Das ist 
die höchste der noch auf Anschauungsgrundlagen ruhenden Individuationen. 
Darüber hinaus irrt das Denken scheinbar in freiem Fluge. 

Aber immerhin ist ihm durch die Parallele Elektron— Erde zwangsläufig 
die Richtung gewiesen. Wenn die eine Linie der Integrationen von den Kör- 
pern aufsteigt zu Organismen, Weltkörpern, Sonnensystemen und dem Fix- 
sternhimmel, dann muß auch die andere Parallele zu den Begriffen: Welt- 
organismen mit Weltleben und einer Weltseele zu einer Welt von Kosmcn 
führen. In der Richtung dieser Gedanken liegt es, sich zu sagen, so wie 
unser Intellekt regelnd und gebunden an die Gesetze des Seins in die 
Materie bis hinab zu ihren kleinsten Teilen eingreift, so kann auch mit uns 
ein übergeordneter Intellekt höherer Integrationen verfahren, ohne daß es 
uns anders bewußt wird, und ohne daß es tatsächlich auch etwas anderes 
ist, als ein Walten der Weltgesetze. 

Willkür ist in der Welt des objektiven Denkens sogar dem Göttlichen 
versagt. Den einzigen Gottesbegriff, den wissenschaftliches Denken erlaubt, 
steht mitten im Banne eherner Gesetzmäßigkeiten; wir reden ihn an mit 
dem tat wam asi und beugen uns vor ihm mit dem Gefühl : er, zu dem wir 
aufsteigen können, sei der Inbegriff unserer eigenen Gesetzlichkeit. Eine 
Weltanschauung höherer Erhabenheit entfaltet damit ihre dunklen Fittiche, 
trägt aber nirgends anders wohin, als ins eigene Ich, allerdings jetzt mit 
dem tiefsten Verständnis, was es sei, Natur in sich — sich in Natur zu hegen. 

Seelisches Geschöpf ist dieser Weltenweltbegriff wie das gesamte Sein. 

87 



Im Individuationsgesetz beschreibt es seinen Kreis, vollendet sich in 
ewigen Kreisläufen und läßt sich in einigen sehr einfachen Sätzen zu- 
sammenfassen. 

Letzten Endes ist alles Sein — jede Form von Erlebnis: innerlich wie 
äußerlich bedingte — nichts als die Formel 1=1. In dem Ideniitätssatz ist 
es vollkommen ausgedrückt. Alles ist mit sich selbst identisch. Es muß da- 
her alles seine Identitätsform haben, das heißt gesetzmäßig nur eine Form, 
die allein dem Wesen der Sache entspricht, und, wenn sie geändert wird, 
nicht die Identität, sondern Prozesse, Bewegungen, Systemverschiebungen 
des komplexen Systems auslöst. Diese Prozesse wirken zwangsläufig durch 
immer wieder einsetzende Zerstörung der Übergangsform, bis wieder die 
Ausgangsform erreicht ist, welche zugleich die Ruhelage darstellt. Diese 
Zerstörungen, das heißt alle Vorgänge, das Weltgeschehen selektierten die 
Weltformen ständig und zwangsläufig. Die WeltseLektlon ist eine Kon- 
sequenz des Identitätssatzes selbst. Sie vollzieht sich so, daß alle Vorgänge 
allmählich selektiv auf dem kürzesten Wege zur Ruhe kommen. Es ist das 
Gesetz des Weltprozesses, daß er selektiv zum kürzesten Prozeß wird (Ge- 
setz des kleinsten Krajtmaßes). Dadurch sondern sich überhaupt Natur- 
gesetze aus. 

Der kürzeste Weg, auf dem eine Änderung zu ihrem Ruhestand zustrebt, 
ist das Naturgesetz dieses Vorganges. Der kleinste Widerstand gegenüber 
der Identitätsherstellung modelliert die Naturformen. Diese sind daher stets 
Funktionsformen im mechanischen Sinn, das heißt, sie sind technische For- 
men. Wem diese grundlegenden Sätze des Seins nicht beim ersten Hören 
klar sind, der mache sie sich an Beispielen nach Art des folgenden klar: 

Es sei ein bestimmter atmosphärischer Zustand gegeben. Klarer, ruhiger 
Himmel von bestimmter Lufttemperatur mit einem gewissen Gehalt an 
Wasserdampf in Gasform. Nun tritt eine Änderung ein. Und zwar ist es die 
Temperatur, welche sinkt. Dadurch ist die Harmonie und mithin auch die 
Dauer des obigen Zustandes gestört. Infolgedessen stellen sich nun Prozesse 
ein. Der kürzeste Weg, auf dem der Prozeß wieder zu seinem Ausgleich kom- 
men kann, wird beschritten, wenn die überschüssige Feuchtigkeit ausgeson- 
dert wird. Wolkenbildung und Regen ist also das Naturgesetz, das diese 
Änderungen regelt. Es steigen daher Wolken auf, deren Gehalt immer von 
dem Widerstand der Wasserbläschen gegen die aufsaugenden Fähigkeiten 
der Atmosphäre und die sonstigen sie zerstören wollenden Faktoren be- 
stimmt wird. Der Rest von Widerstand, der nicht gebrochen werden kann, 
bildet die Wolke. Ihre Form ist das Resultat steter Kämpfe, eines selek- 
tiven Wettbewerbes um sie, der sie übrig läßt und auch jeweils modelliert 
und ändert. Die Wolke ist die technische Form des Wolkenbildungsprozesses 
(vgl. Abb. 23). Dieser ruht nicht, bis er den Ausgangszustand hergestellt 
hat, nämlich die Harmonie der Faktoren des atmosphärischen Zustandes 
(Luft, Temperatur, Wasserdampf), also bis entweder der störende Feuchtig- 

88 




Abb. 22. Großer Meteorit, fast ganz aus Eisen bestehend, gcfinideii in 
Grönland 




Abb. 23. Cumulo-Stratiis-Wolken, die häufig:stc Wolkenform in den spii 
teren Tagesstunden des Sommers (Originalaufnahme) 




1^ 

^ er 





cn 




ro 


^. 


7Q 


3 












r- 




tu 


<v 












n> 


fln' 


3 














o 


n 


3 



3P-?s 



O "> 5, 

r« Q. ■— 



n" £: D. 



^ 5 3 



■ % 



■) 







keitsüberschuß ausgeschieden ist oder durch Temperaturerhöhung sich das 
Gleichgewicht wieder ergibt. Erst wenn der ursprüngliche optimale Zustand 
(klarer Himmel durch Harmonie der ihn bedingenden Faktoren) wiederher- 
gestellt ist, kommt die Entwicklung am Himmel zur Ruhe, und der Dauer- 
zustand dauert bis zur nächsten Störung. Das alles liegt in seinem „Sein" 
inbegriffen. 

Durch solche Beispiele wird es auch faßlich, daß nicht das Sein als sol- 
ches, sondern die Störungen des Seins das Weltbild in seiner entzückenden 
und unfaßbar reichen Mannigfaltigkeit vollenden und zum Erlebnis gestal- 
ten. Man kann sich durch diese Einsicht von dem Irrtum befreien, der 
allerv/ege im Denken die Begriffe Welt und Wellprozeß verwechselt. Welt 
hat ein Sein, der Weltprozeß hat keines. Das haben die griechischen Elcaten 
sehr wohl gewußt und eine richtigere Vorstellung vom Entitätsgesetz beses- 
sen als die Gegenwart. So hat man sie zu verstehen, wenn sie sagten : ,,Nur 
das Sein (zo öv) ist, und das Nichtsein, das Werden, ist gar nicht." Das 
Werden, der Prozeß ist das Außer- und das Nacheinander (Raum und Zeit): 
aber das sind reine Denkkategorien, es sind nur unsere Hilfsmittel, um sich 
zurechtzufinden. Werden hat also kein Sein; Entwicklung ist Spiegelung 
einer psychischen Tätigkeit. Aber wie oft verwechselt man das alles! Man 
spricht unbedenklich von einem „Ende der Welt", von einer „Weltschöp- 
fung" und ahnt gar nicht, daß das sinnlose Begriffe sind. Die „Welt", das 
Gesamtsystem des Seins ist das Leben selbst, ist Voraussetzung des Er- 
lebens. Sie ist gegeben; ohne sie kann nicht gedacht und erlebt werden. 
Daher ist die Welt ewig, unveränderlich, ohne Anfang, ohne Ende, ohne 
Entwicklung. Anders dagegen der Weltprozeß, nämlich die Geschehens- 
kette, die Verschiebungen der Systemteile. Das hat wohl Anfang und Ende, 
und zwischen beiden steht Entfaltung. Für dieses Nach- und Nebeneinander 
haben die Raum- und Zeitkategorien Sinn; durch den Weltprozeß, nämlich 
das Erleben, entsteht erst Raum und Zeit, und damit das Weltbild. Die 
Störungen des Seins sind es, die, als Reize empfunden, unseren Sinnes- und 
Denkapparat zum Aufbau eines Weltbildes veranlassen. 

Freilich kommen wir hier wieder auf das schon einmal Gefundene (vgl. 
S. 31); es ist wieder nur in der Beschaffenheit des erkennenden Subjekts be- 
gründet, daß wir das Weltgeschehen für etwas Einheitliches halten. Unsere 
„Seinsbeschaffenheit" ist es, welche die Umwelt selektiert. Wir nehmen da- 
durch aus physiologischen Gründen nur eine Auswahl von Erlebnissen wahr, 
die zusammenpaßt. Wir ordnen diese Auswahl in Weltbild, Denken und 
Handeln nach unserem, uns wesenseigenen Denkgesetz, das wir dann für 
Naturgesetze, in oberster Integration für das Welt^esctz überhaupt halten. 
Durch diese ständige und niemals versagende Verwechslung von Ich und 
Welt kommen wir dann zu dem uns so befriedigenden Resultat, daß die 
Welt eine Einheit sei, eine einige Grundursache habe. Ganz gewiß, unsere 
Welt hat sie auch, nämlich unser Ich. So erweist sich der Monismus als 

89 



eine Erkenntnisbeschränktheit, aus Gründen, die im Menschen selbst liegen. 
Er ist kein Resultat, sondern eine methodologische Voraussetzung. 

Damit ist die Betrachtung der Singulation auch von dieser Seite aus zu 
ihrem Ende gelangt und hat wieder nichts anderes ergeben, als daß, im Sein 
eingeschlossen, die Begriffe Dauer durch Harmonie, Funktion, kleinstes 
Kraftmaß, Selektion, Optimum und Integration ersetzt sind. 

Das aber ist ein Resultat, zu dem unsere Analyse schon einmal gelangt 
ist, nur mit dem Unterschied, daß, was damals nur als möglich erkannt 
wurde, jetzt als notwendig erscheint, um den Begriff des Seins richtig und 
auch ganz zu erfassen. 

Bei dieser Analyse hat sich zugleich ein Nebenresultat ergeben, das viel- 
leicht an sich nicht weniger wichtig ist für das Erkennen der Welt, als das 
Seinsgesetz selbst. Haben wir doch dabei eingesehen, daß das Weltbild, die 
höchste aller Integrationsstufen, wieder durch eine Besonderheit ausgezeich- 
net ist, wie solche bisher jeder Integration gewissermaßen gesetzmäßig zu- 
kam. Weltbild ist die Vereinigung der äußeren und inneren Erlebnisse, ihre 
Verschmelzung zu einer Einheit. Und die Besonderheit dieses Weltbildes 
ist seine egozentrische Natur. 

Fast banal mutet diese Einsicht an, die sich als letzte Frucht von dem Baum 
unserer Erkenntnis ablöst. In der Form, daß jeder das Weltbild hat, zu dem 
ihn seine Persönlichkeit befähigt, ist der Satz eine Binsenwahrheit; als ob- 
jektive Wahrheit dagegen bedingt er eine Reihe von Konsequenzen, die 
noch lange nicht Gemeingut sind, teilweise sogar unerhört neu wirken. 

Wenn das Weltbild eine Vorstellung ist, die wir regeln, dann müssen in 
diesem Weltbild die Zusammenhänge überall nach biologischem Gesetz be- 
schaffen sein. In jedes Geschehen sind dann psychische Gesetze hineinge- 
bracht. Alle Beziehungen müssen uns dann relativ und teleologisch er- 
scheinen. 

Tatsächlich ist die Wissenschaft allerwege im Begriff, solches zu ent- 
decken. Gerade das XX. Jahrhundert ist das Zeitalter, in dem die Relativi- 
tät nacheinander in die Physik, Chemie, Astronomie, Geschichte (Spengler), 
Mathematik (Riemann), Ethik (Nietzsche) einzieht und zum Leitstern des 
gesamten Erkennens wird. Psychologische Gesetze entdecken in der Materie 
O. Lehmann mit seinen flüssigen Kristallen, Häckel mit seinem Hylozois- 
mus und zuletzt mit den Kristallseelen, in den Pflanzen entdeckt sie die ge- 
samte neuere Botanik, welche das Weber-Fechner'sche Gesetz, das Sum- 
mationsgesetz, die Existenz von Sinnesorganen auf die gesamte „Zellen- 
welt" auszudehnen fordert. Auf Regulationen teleologischer Natur stößt die 
Astronomie aller Ecken und Enden, angefangen von dem Ausgleich der 
„Störungen" in den Planetenbahnen bis zu dem Kepler'schen Flächengesetz, 
das ein neues Gleichgewicht der Erdbewegung herzustellen sucht, so daß 
als Resultat dann die Geschwindigkeit der Erdbewegung einem mittleren 
Wert zustrebt. Ganz zielbewußt suchten und fanden längst die denkerisch 

90 



begabten Naturforscher wie Leibniz, Lotze, Ed. v. Hartmann, Wilhelm 
Wandt die Naturgesetze durchaus teleologisch bestimmt. 

Und das ist nur eine auf Geratewohl herausgegriffene Auswahl von Be- 
legen, die man zu einer umfangreichen Untersuchung erweitern könnte, daß 
wirklich unser gesamtes Weltbild von Relativität und Teleologie durch- 
zogen ist, so wie es durchgängig monistisch erscheint, ihm sogar der Monis- 
mus als Leitstern voranleuchtet. Die gemeinsame Ursache aller dieser „Ent- 
deckungen" sind eben die biozentrische Erkenntnisfähigkeit und die auf ihr 
ruhende Methode des Denkens. 

Das gibt auch den Schlüssel in die Hand, warum die sieben Weltgesetze 
auf jede Kategorie von Erleben, sowohl auf die Dinge aller Art wie auf alle 
Vorstellungen angewendet werden können und Erkenntnis vom einen aufs 
andere übertragen werden kann. Ein höchst überzeugendes und vielsagendes 
Beispiel hierfür ist der Begriff der Entfaltung, vulgo Entwicklung. 

Wir wissen schon, daß Entwicklung keine Grundtatsache der Welt ist, 
sondern erst gegeben war als Ausgleichsvorgang, als der Weltprozeß in Gang 
kam, um die eingetretene Störung der Harmonie zu überwinden. Sie ist also 
bloß eine Mechanik von Beziehungen, die gleichgesetzlich bei jeder Art von 
Systemverschiebung einsetzt und abläuft. Die Naturforschung der älteren Ge- 
neration tat unsäglich stolz darauf und sah dahinter eines der tiefsten Welt- 
geheimnisse, als sie entdeckte, daß die Entwicklung der lebenden Individuen 
ziemlich ähnlich dem allgemeinen Entfalten der organischen Reiche ablaufe. 

Bekanntlich war es nach Vorversuchen (G. E. v. Baer) vor hundert Jah- 
ren der nach Brasilien ausgewanderte deutsche Naturforscher Fritz Müller, 
dem sich zuerst diese Einsicht erschloß. Von ihm übernahm sie Ernst 
Häckel, der den Gedanken mit zahllosen höchst anschaulichen Belegen ver- 
sehen zur wissenschaftlichen Theorie des sogenannten biogenetischen Grund- 
gesetzes erweiterte und ihm folgende Form verlieh: 

Alle Ontogenie ist die abgekürzte Rekapitulation der Phylogenie. Man 
hätte das gleiche weniger gelehrt, aber einfacher sagen können mit dem 
Ausdruck: Jede Form von Entfaltung verläuft gleichgesetzlich. Dann wäre 
die den Biogenetikern so viel Kopfzerbrechen bereitende Tatsache der Ceno- 
genese auch viel leichter verständlich geworden. Cenogenetisch sind näm- 
lich die Fälle, in denen das Mäckel'sche Gesetz nicht stimmt. Und solche 
sind ziemlich zahlreich. Uns Biozentrikern bereitet das keine Schwierig- 
keiten. Es hat sich eben in diesen Fällen außer der Entfaltung noch ein 
anderer Vorgang abgespielt und so dessen Mechanik im Sinne anderer 
Ausgleichsvorgänge abgeändert. 

Im allgemeinen aber war die Übereinstimmung oftmals eine verblüffende. 
Die Dokumente der Erdgeschichte hatten schon längst damit vertraut gemacht, 
daß die einfacheren Lebensformen die früheren, die menschenähnlichen die 
späteren sind. Im einzelnen sind es etwa die Gruppen der Einzeller, der 
höchst einfach gebauten Hohltiere (Coclenteraten), als deren Vertreter der 

91 



Süßwasserpolyp (Hydra) und seine Verwandten wohl jedermann bekannt 
sein dürften, der Würmer, Fische, Reptilien, Beuteltiere, Halbaffen, die nach- 
einander auftretende Stufen der stammesgeschichtlichen Entfaltung darstellen, 
um die sich die anderen Tiergruppen, wie Insekten, Mollusken, Vögel, 
Amphibien nur als Abzweigungen nach anderen Entwicklungsrichtungen hin 
gruppieren. Wie überzeugend war es 
nun im Sinne Häckels, wenn der Em- 
bryologe darauf hinweisen konnte, 
daß der sich im Mutterleibe entfal- 
tende Mensch nacheinander Gestal- 
tungen annehme, die prinzipiell mit 
den Stufen der vorhin genannten Tier- 
gruppen übereinstimmen ! Daß er zu- 
erst im Ei als Einzeller dahinlebe, 
dann ein Stadium (das der Gastrula- 
oder Becherlarve, Abb. 24) durch- 
laufe, das ganz den einfacheren Hohl- 
tieren gleicht. Später zeigen sich Bil- 
dungen, die man bei den Haifischen 
wiederfindet, nämlich Kiemenspal- 
ten (Abb. 26), die am menschlichen 
Organismus wieder verschwinden und 
verwachsen, an den Haien aber Zeit 
ihres Lebens erhalten bleiben. Gerade 
diese Kiemenspalten, nicht minder der 
in einer gewissen Fötalzeit wohlaus- 
gebildete Schwanz, der später sich 
auch wieder rückbildet, waren unbe- 
streitbare Glanzpunkte der Mäckel'schen Biogenese, die deshalb auch zu 
Weltruf gelangte, wenn auch der Gedanke, der Mensch durchlaufe Fisch-, 
Reptilien-, Vögel-, Säugetierstadien vielen Gemütern unerträglich erschien. 
Die Lehre kam aber um so eher zum Siege, als sich ja außerdem noch 
Hunderte von sie bekräftigenden Parallelreihen in der Entwicklung der ver- 
schiedenen Wirbeltiere zusammenstellen ließen. 

Wie sehr stieg nun aber das Erstaunen, als namentlich die Spencer'sche 
Philosophenschule, welche Entwicklung als Weltgesetz auf ihre Fahne ge- 
schrieben hat, darauf aufmerksam machte, ein biogenetisches Gesetz gebe es 
auch in der geistigen Entwicklung des Kindes, der Völker, ja im Werden 
der Geistigkeit überhaupt! Der Weg, den die Menschheit unter tausend 
Mühen und Qualen beschritten hat, wird unbewußt vom Kind in seinen 
Spielen wiederholt. Kinderzeichnungen stimmen frappant mit denen von 
Buschmännern überein; diese wieder rekapitulieren die rohen Zeichnungen, 
die der Neolithiker an den Wänden seiner Wohnhöhlen hinterlassen hat. In 




Abb. 26. Die Kiemenspalten der Embryonen und 
Haie. 1. Embryo eines Furchenmolches. 2. Mensch- 
licher Embryo von 18 Tagen. 3. Kopf des Haies 
Cestracion. (Verkl.) 



92 



der gesamten kulturellen Entwicklung wiederholt jede sich differenzierende 
Gruppe zuerst die Eigenheiten, welche dem Ganzen in seinen Anfangsstadien 
zukamen. Sogar in der Geistesentfaltung des Einzelnen wiederholt sich im- 
mer wieder der Weg der Menschheit, was jeder, der an seine eigene 
seelische Entwicklung zurückdenkt, leicht bestätigen kann. 

Wie sollte man dieses Übergreifen des biogenetischen Gesetzes auf die 
geistige Welt erklären können? Es kann nicht wundernehmen, wenn man 
gerade daraus zu dem Schlüsse kam, Entwicklung sei überhaupt das funda- 
mentalste Gesetz alles Seins, und wenn ein so erlauchter Kopf wie Herbert 
Spencer den Satz prägen konnte: die Entwicklungsformel fasse in der Tat 
alle erkennbaren Kundgebungen des Universums in sich. 

Auf seinen Gipfel aber stieg das Erstaunen, als sich die Gesetze des 
Ontogenetischen nochmals in den Tatsachen der Regeneration der Organis- 
men, noch dazu mit einer Zielstrebigkeit wiederholten, die viele der Beobach- 
ter an der mechanischen Deutbarkeit solcher Erscheinungen verzweifeln ließ. 

Wenn der tierische oder pflanzliche Organismus — und das Gesagte gilt in 
gewissen einfacheren Kundgebungen auch für Kristalle — irgendwie Schaden 
in seinem Aufbau erleidet, treten unabänderlich Prozesse ein, die den ur- 
sprünglichen Zustand wieder herstellen. Eine der besten Zusammenfassun- 
gen der dabei sichtbar werdenden Gesetzmäßigkeiten stammt von A. Cohen- 
Kysper^^), dem wir hierbei um so mehr folgen können, als das Werk eine 
Reihe wichtiger Vorarbeiten für die objektive Philosophie enthält. 

Die Entwicklungsmechanik, welche diesen Vorgängen ihre Aufmerksam- 
keit schenkt, hat uns mit einer großen Zahl von Fällen bekannt gemacht, in 
denen Entwicklungen einfach umgekehrt verliefen (E. Schultz), zum minde- 
sten zuerst zu einer Rückbildung und Wiederauffrischung der Gewebe bei 
Regenerationen führten (/. Schaxel, G. Wolff). Der berühmteste dieser 
Fälle war die von Wolff beobachtete Wiederherstellung der Linse im Auge 
der Molch^ZVZ/owjlarven. 

Das Auge der Wirbeltiere besteht bekanntlich aus zwei Hauptteilen : aus dem 
Augenbecher und der Linse. Diese bildet sich ursprünglich aus der Oberhaut 
(Epidermis), und zwar noch früher als der Augenbecher, so daß dieser die 
Linse teilweise umwachsen kann. Wenn man daher die Linse entfernt, kann 
die sich neubildende nicht mehr von außen in den Augenbecher hineinkommen. 

Es zeigte sich nun nach der Operation schon binnen 24—48 Stunden eine 
grundlegende Änderung in den Geweben des Augenbechers. Sie verdient 
die Bezeichnung ,rückläufige Differenzierung", da sie nichts anderes als 
eine ümkehrung der Ontogenie, eine Rückkehr der Gewebe zu ihrem em- 
bryonalen Zustand ist. Es war damit bewiesen, daß die „Entwicklung" 
ein umkehrbarer Vorgang ist. 

Demgegenüber ist es für unser Problem für den Augenblick gleichgültig, 
daß die Neubildung der Linse an einem Punkt und in einem Zeitmaß vor sich 
geht, die an die neuentstandene Situation angepaßt und dem embryonalen 

93 



Leben fremd sind. Wichtig ist dagegen die bei allen Regenerationen sich ein- 
stellende Tatsache der Umkehrung des Entwicklungsvorganges, um den ge- 
störten Ausgleich des Systems wieder von neuem herstellen zu können. 

Das war für die bisherige Auffassung von Entwicklung ganz unverständlich, 
wie sie denn auch keinen inneren Zusammenhang zwischen den Übereinstim- 
mungen von Ontogenie und Phylogenie, noch weniger ein Verständnis für die 
Übertragbarkeit der biogenetischen Regel auf die geistige Welt besaß. Es ist 
das Verdienst Cohen-Kyspers, zum ersten Male darauf hingewiesen zu 
haben, daß sich darin eine übereinstimmende Mechanik zeigt, wenn er auch 
noch nicht die Ursache entdeckte, welche diese Mechanik in Bewegung setzt. 
Wohl erkennt auch er, daß dadurch ein Störungsausgleich bewirkt wird^«); 
tiefer zu blicken aber war ihm, mangels Kenntnis der Weltgesetze, versagt. 

Der herrschenden Auffassung von Entwicklung aber geriet durch die Tat- 
sachen ihr Weltbild überhaupt ins Wanken. Der Begriff rückläufiger Ent- 
wicklung hat in ihm ebensowenig Raum wie die von der gesamten 
Stammesgeschichte bezeugte Inkonstanz der Entwicklang. 

Es war immer eine Klippe, der man meist scheu aus dem Wege ging, für 
die Häckel-Spencer^schtn Entwicklungsgläubigen, daß sich der Aufbau des 
Stammbaumes der Organismen ruckweise und höchst ungleichmäßig vollzog. 
Gewisse Gruppen der Pflanzen und Tiere sind seit den ersten Tagen der 
„Entwicklung" unentwickelt geblieben und bilden eine sehr peinliche Aus- 
nahme im Evolutionsgesetz. So sind zum Beispiel die Kieselalgen (Bacilla- 
riaceen) unter den Pflanzen seit ihrem ersten Auftreten bis heute völlig kon- 
stant geblieben. Formen der Karbonzeit stimmen bis auf ihre Artmerkmale 
mit den noch heute lebenden überein. Ebenso sind die Feinheiten im Auf- 
bau der Stachelhäuter (Echinodermaten) seit der Silurzeit die gleichen ge- 
blieben. Auch die Zell- und Knochengewebe devonischer Wirbeltiere und 
jurassischer Fische gleichen denen der Jetztzeit. Die Pappel- und Buchen- 
blätter, die man von Korallenriffen der Kreidezeit gesammelt hat, unter- 
scheiden sich in nichts von denen, die jetzt noch im Herbst von den Bäumen 
fallen. Ja, gewisse Lebensformen haben in wunderbarer Weise unverändert 
die gesamte Entwicklung unseres Planeten seit den Tagen ihrer Entstehung 
überdauert. Zum Beispiel die Kammerlinggattungen (Foranüniferen) Lagena, 
Nodosaria, Textularla, SpirilUna und andere. Ein vielzitiertes Beispiel für 
die in Frage stehende Erscheinung ist die ßrachiopodengatixing Lingula 
(Abb. 25), die vollständig unverändert seit dem Silur an den Felsen der 
Meeresküsten sich fortpflanzt. Aber sie ist nicht etwa eine Ausnahme, son- 
dern teilt das mit noch drei Gattungen der Armfüßler. Unter den Schnecken 
überleben sieben Gattungen alle Wandlungen der Schneckenfauna, darunter 
die Gattung Capulus schon seit dem Kambrium, also seit der ältesten Zeit, 
aus der man Versteinerungen kennt. 

Oft dauern die primitiven Stammformen länger als die von ihnen stammen- 
den Arten, eine Tatsache, die dem Entwicklungsgesetz direkt ins Gesicht 

94 



schlägt. So war — um die Behauptung mit Beispielen zu belegen — die Gat- 
tung Baotrites, von der alle Atnmonoideen stammen, in Amerika vom Silur 
bis mittleren Karbon vorhanden. Oder die Brückenechse (Hatlcria), die 
merkwürdige Übergangsform, welche die Reptilien und Beuteltiere mit den 
Vögeln verbindet, lebt seit der Zeit der unteren Permablagerungcn, während 
zahllose ihrer höher entwickelten Abkömmlinge seitdem ausgestorben sind. 

Wie sollte man sich dieses zeit- und teilweise Auslassen der Entwicklung 
erklären, namentlich auch die Tatsache, daß die gesamte Entwicklung nicht 
gleichmäßig schnell verläuft? Das gesamte Palacozoikum weist durch 
Zeiten, deren Dauer nach den in ihnen gebildeten Ablagerungen ein Viel- 
faches des Mesozoikums beträgt, weniger Änderungen auf als der Über- 
gang von der Kreide- zur Tertiärzeit, in dem sich auf allen Gebieten orga- 
nischen Seins plötzliche und grundlegende Änderungen vollziehen.-^) 

Ein Gegenstück hierzu bildet die menschliche Kulturgeschichte. Zwischen 
Christi Geburt und 300 nach Christo vollzog sich in Vorderasien und Ägypten 
eine größere Wandlung als in dem Jahrtausend zuvor. Vom Jahre 1000 bis 1400 
entwickelte sich das Abendland weit langsamer, als in der Zeit von 1490 
bis 1550. Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges war die einer sprunghaften 
Entwicklung, während das ganze XII, bis XIII. Jahrhundert in einen wahren 
Stillstand versunken war. Dieser Ratlosigkeit macht die Deutung, welche das 
objektive Denken dem Entwicklungsbegriff gibt, mit einem Schlag ein Ende. 
Denn wenn Entwicklung nur der jeweils provozierte Ausgleichsvorgang zur 
Behebung einer Störung ist, dann ist ihre Inkonstanz geradezu eine Forde- 
rung, wie auch der identische Ablauf von Ontogenie, Phylogenie und Re- 
generation dann selbstverständlich wird und die Umkehrbarkeit der Entwick- 
lungsvorgänge dem Verständnis ebensowenig Schwierigkeiten bereitet, wie 
das Funktionieren des gleichen mechanischen Vorgangs, die ihn bedingende me- 
chanische Situation in unseren Vorstellungen gegeben ist, also z.B. in Geistes- 
geschichte und Naturwirklichkeit, in der kulturellen wie in der „natürlichen" 
Entwicklung. Ein einheitliches Entwicklungsgesetz ist eben nirgends zu 
finden. Ein ständig wirkender universeller Entwicklungszwang existiert nicht 

Die Ursache der „stammesgeschichtlichen Entwicklung" liegt nicht im Or- 
ganismus. Die Integrationseigenschaften des „Weltkörpers Erde" sind es, die 
jeweils diese oder jene Gesellschaft von Organismen zu Neuanpassungen 
zwingen. Wenn durch die Pendulation oder die Schollenbewegungen klima- 
tische Änderungen eintreten oder das Meer dort einbricht, wo früher Land 
war, dann werden an den unter neue Verhältnisse versetzten Lebewesen 
Anpassungen provoziert, deren Bilderreihe vom Alenschen mit dem Namen 
Entwicklung belegt wird. Ebenso könnte man auch von einer Entwicklung der 
Kontinente oder des Klimas reden. Dort, wo die Organismen oft solchen Stö- 
rungen ihrer Harmonie ausgesetzt sind, wird die Entwicklung beschleunigt. 
Lingula (Abb. 25) oder Tiefseetiere, die an Orten leben, die kaum jemals 
Änderungen ausgesetzt waren, bleiben von der Entwicklung verschont. 

95 



stets hängt alle Entwicklung von der Geschichte der Störungen ab. Sie 
ist niemals im Physischen wie im Geistigen anderes gewesen als akziden- 
tieller Ausgleich und Antwort auf Schicksale. Dauernd bleibt die Konstanz, 
flüchtiger Übergang ist die Entwicklung, die uns von nun an keine großen 
Rätsel mehr aufgeben wird. Die Störungen des Seins schaffen nicht nur das 
Weltbild, sondern auch Geschehen und Entwicklung in diesem Weltbilde. 

Nichts ist in unserem Weltbilde als dieses „Sein" in dem Auswirken 
seiner zahllosen Integrationsstufen. Alle Wissenschaft des Menschen kann 
nichts anderes leisten, als dieses „Sein" in Wahrnehmungen umwandeln 
und die Grenze der Wahrnehmung erweitern, was sie allerdings ständig und 
gründlich besorgt. Dann kann sie sich das Ziel stecken, die Wahrneh- 
mungen logisch (das heißt nach unserem Denkgesetz) und restlos zu ord- 
nen, also unser „Weltbild" herzustellen und dem Menschen dadurch eine 
sehr intensive Orientierung über das „Sein" verschaffen. 

Zu mehr ist Wissenschaft prinzipiell überhaupt nicht fähig. Sie gibt eine 
Analyse des „Seins" und überläßt es uns, unsere Handlungen mit den er- 
kannten Weltgesetzen in Einklang zu setzen. Sie gibt uns aber Grundlagen, 
die ohne sie nicht erlangbar wären, die Möglichkeit zu dieser Tat, die jeder 
für seine besonderen Lebensverhältnisse anders ausführen muß. 

Man kann nicht richtig leben, ohne die Gesetze der Welt zu kennen. Im 
Gesetz vom Sein kristallisieren sich alle; aber erst aus dessen Zerlegung 
erhalten wir die Kenntnisse, welche notwendig sind, um uns zur Vollendung 
unseres Seins zu führen. Und damit ist auch der gesamte Zweck und 
weitere Weg dieses Werkes auf das Genaueste vorgezeichnet. 



Zusätze und Anmerkungen. 

10 (S. 42). Vgl. hierzu Ch. Renouvier, Essais de critique generale (1854—1864). 
Klaren Ausdruck findet diese Selbstbesinnung in dem Neokritizismus des französi- 
schen Philosophen Ch. Renouvier (1815—1903), der auf A^a«/'scher Grundlage 
steht, sich von ihr aber dadurch entfernt, daß er streng an der Unerkennbarkeit 
der Welt außerhalb unserer Vorstellungen festhält. Erkenntnis gibt es nach dieser 
Auffassung nur von der Erscheinungswelt, daher ist der Begriff „Ding an sich" 
inhaltslos. 

11 (S. 48). Hier differiert die objektive Denkweise von dem relativistischen 
Positivismus, mit dem sie — wie man wahrnehmen wird — sonst mancherlei Be- 
rührungspunkte aufweist. Denn dessen Elementarlehre lautet: „Es gibt keine Welt 
an sich, sondern nur für uns. Ihre Elemente sind nicht Atome, sondern Farben-, 
Ton-, Druck-, Raum-, Zeit- usw. Empfindungen." . . . Trotzdem sind die Dinge 
nicht bloß subjektiv, vielmehr müssen wir die aus jenen Elementen zusammen- 
gesetzten Bestandteile unserer Umgebung in derselben Weise wie während der 
Wahrnehmung fortexistierend denken, auch wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen." 
(/. Petzoldt, Das Weltproblem vom Standpunkte des relativistischen Positivismus 

96 



aus. Leipzig 1912. S. V.) Petzoldt stellt damit eine unzulässige Hypothese auf, 
die weit mehr aussagt, als man wissen kann (eine Sünde namentlich vom Stand- 
punkt des sonst so sorgsam wägenden Empiriokritizismus aus), und vor allem ein 
„absolutes Sein" postuliert. Daß ein solches dem relativen Positivismus vor- 
schwebt, geht doch aus dem gleichen Werke auf S. 207—208 hervor. 

12 (S. 49). Vgl. G. Mie, Moleküle, Atome, Weltäther. 3. Aufl. Leipzig 1911. 8. 

13 (S. 51). Wenn wir eine Gasmasse annehmen, die in einem würfelförmigen 
Raum von 1 ccm enthalten ist, dann wird, wie eine einfache Üeberlcgung besagt, 
ein Drittel der Gasmoleküle sich von rechts nach links oder umgekehrt bewegen, 
ein Drittel von oben nach unten, das letzte Drittel von vorn nach hinten unter der 
Annahme einer gleichmäßigen Energieverteilung. 

Wenn man nun eines dieser Drittel betrachtet, muß man sich sagen: Jedes Teil- 
chen liefert zu dem Druck (das Gases) einen Beitrag, der, aus Anprall und Zurück- 
prall bestehend, dem Doppelten seiner lebenden Kraft entspricht. Der ganze Druck, 
den das Gas auf zwei sich entgegenstehende Flächen des Würfels ausübt, wird also 
sein: 1/3 X Anzahl der Moleküle X Masse eines Moleküls X Quadrat der Geschwindig- 
keit. Nun ist die Gesamtmasse des Gases nichts anderes als die Anzahl der Mole- 
küle multipliziert mit der Masse jedes einzelnen Moleküls; sie bedeutet in diesem 
Würfel nichts als die Dichtigkeit des Gases, so daß sich die obige Formel auch so 
ausdrücken läßt: Druck = 1/3 X Dichtigkeit des Gases X Quadrat der Geschwindigkeit. 
Da aber die Dichtigkeit des Gases dem Volumen von 1 g des Gases umgekehrt pro- 
portional ist, sagt die Formel zugleich: Druck X Volumen von 1 g Gas = Va X 
Quadrat der Geschwindigkeit, mit anderen Worten: der Druck ist konstant, was 
bewiesen werden sollte (Inhalt des Mariotte'schen Gesetzes). 

14 (S. 53). Die Erfolge, welche die von Planck und Sommerfeld erweiterte 
Quantentheorie bei Erklärung der Rotations- und Serienspektra, des Stark-Effcktes, 
des Paramagnetismus und namentlich des Atommodelles von Rutherford-Bohr auf- 
zuweisen hat, haben ihr so überzeugte Anhänger verschafft, daß die Physik von 
heute kaum mehr Widerspruch erhebt gegen den Satz, daß alle Elementarsysteme, 
welche die Naturvorgänge bestimmen, quantenmäßig eingeteilt werden müssen, was 
an sich übrigens nur die Erfüllung der biozentrischen Forderung nach Indivi- 
duation (alles kann nur individualisiert erkannt werden) und damit ein weiterer 
Schritt zur Biologisierung der Physik ist. (Vgl. W. Gerlach, Die experimentellen 
Grundlagen der Quantentheorie. Braunschweig 1920.) 

15 (S. 54). Vgl. O, Sterzinger, Zur Logik und Naturphilosophie der Wahrschcin- 
lichkeitslehre, ein umfassender Lösungsversuch. Leipzig 1911. Ein ähnlicher, in 
gleichen Bahnen wandelnder Versuch, die teilweise richtig erfühlten Weltgesetze 
auf eine Grundtatsache, nämlich nach Annahme des Verfassers auf die Serialität 
zurückzuführen, ist P. Kammerer, Das Gesetz der Serie. Stuttgart 1919. Kammerer 
vermengt in seinem überaus reichen Tatsachenmaterial leider ganz verschiedene 
Dinge (Imitation, Integration, Knäuelung bzw. Quantelung), wenn er sich auch im 
Sinne der objektiven Philosophie auf den Boden einer einheitlichen Weltmcchanik 
stellt. 

16 (S. 58), Wenn die Ladung, welche das Atom eines Elements aufnehmen 
kann, mit e und die Masse dieses Atom mit m bezeichnet wird, so wird der 
Quotient e/m beim Wasserstoffatom, als dem mit kleinster Masse begabten Atom 
den größten Wert (10 000) annehmen. Als man ihn nun für die in den Kathodcn- 
strahlen fliegenden Korpuskeln bestimmte, ergab sich (rund) e/m = 18 300 000. — 
Die einzig mögliche Erklärung war, daß das Elektron mit einer 1830 mal kleineren 
Masse verkettet sei als das Wasserstoffatom (/. /. Thomson 1897). Nun ergaben 
die Versuche von Walter Kaufmann für die verschiedenen Geschwindigkeiten der 
Elektronen folgende Tabelle: 

Francs, Bios 7 

97 



Sek/km der Elektronen Wert des Quotienten e/m 

13 100 000 236 000 

248 000 11700 000 

259 000 9 700 000 

272 000 7 700 000 

283 000 6 300 000 

300 000 — 

Je schneller also die Strahlen, desto größer ist die materielle Masse der Elektronen. 
Bei Lichtgeschwindigkeit ist die Masse des Elektrons (e/m = 0). Das ist die Ent- 
materialisierung des Materiebegriffes. 

17 (S. 58), Von dokein = scheinen. Begriff der Gnostiker, um ihre Überzeugung 
von der Irrealität gewisser Vorgänge z. B. des Lebens Christi auszudrücken. 

18 (S. 62). Während aber Swedenborg in seiner Lehre von den Stufen und For- 
men in zwar mystischem Gewände intuitiv die Weltgesetzlichkeit der Integration 
nahe völlig richtig erkannte, faßt Spencer in den „First Principles*' (6. Ed. § 145) 
Integration in völlig anderem Sinne, wenn er sagt: Entwicklung sei nichts anderes 
als einerseits Anhäufung (Integration) von Stoff und andererseits Zerstreuung (Des- 
integration) von Bewegung, so daß Auflösung das Gegenteil von Entwicklung ist. 
Daher ist ihm — der an die Kant-Laplace'sche Hypothese glaubt — die Verdichtung 
des Urnebels eine Integrationserscheinung, welche zur Ausstrahlung und Umwand- 
lung von Bewegung führte mit Differentiation als Folge sekundärer Einflüsse. Da- 
durch bildeten sich die individuellen Teile, nämlich die Weltkörper aus, deren Ent- 
wicklung sich ständig in gleichem Sinne fortsetzt. 

In diesem offenbaren Versuch einer Erklärung der Integration, die im Spencer- 
schen Sinn nichts anders als die Singulation ist, wird das zu erklärende Geschehen 
selbst als Erklärungsgrund eingeführt. (Die Ursache der Verdichtung ist die Ver- 
dichtung.) 

19 (S. 93). Vgl. A, Cohen-Kysper, Rückläufige Differenzierung und Entwicklung. 
Leipzig. 1918. Das Werk ist für die objektive Philosophie wichtig durch die Auf- 
stellung eines mechanischen Schemas für Entwicklung und Regeneration, durch die 
Idee der Integration der mechanischen Systeme (S. 25), durch die Erkenntnis, daß 
in der Mechanik biologische Gesetze walten (S. 26, 29), schließlich durch Beweise 
für die Notwendigkeit einer Psychobiologie. 

20 (S. 94). „Jedes freie materielle System kehrt in rückläufiger Bewegung auf 
eine frühere Phase zurück, wenn der rückläufige Weg der kürzeste mögliche Weg 
ist, auf dem der aufgehobene Ausgleich des Systems wieder hergestellt wird." 
{Cohen-Kysper S. 52.) 

21 (S. 95). Völlig getrennt vom „Entwicklungsproblem" muß die Entfaltung der 
phyletischen Merkmale werden, die in ein ganz anderes Gebiet gehört wie die Ent- 
wicklungsfragen, nämlich in das der Plasmaqualität. Es gibt zweierlei Variabili- 
täten: die individuelle und die spezifische, die man auch als die supraindividuelle 
bezeichnen kann. Die erstere erklärt die Anpassungsmerkmale, die letztere die Her- 
ausbildung der Typen (Einzeller, Coelenteraten, Mesozoen, Echinodermaten, Mol- 
lusken, Insekten, Wirbeltiere, Tunikaten, Algen, Pilze, Moose, Farne, Phanerogamen 
usw.) und hängt wohl mit der Integrationsfrage zusammen. Diese phyletischen 
Merkmale sind gleich den Ideen der Menschen die einschränkenden Grenzen der 
Anpassungen. Nur in ihrem Rahmen kann der Organismus seinen Schicksalen (den 
Weltereignissen) entgegentreten. Fordern diese als Ausgleich zur Herstellung der 
Harmonie mehr, so kann keine Anpassung mehr erfolgen, und der Organismus 
stirbt aus, gleich wie Ideologen im Zusammenprall mit der Lebenspraxis unter- 
gehen. Dadurch isolieren sich die Typen. 



98 



Die Integrationsstufen des Seins 

Notwendigkeit eines neuen Weltgemäldes — Morphologie der Quanten — Die Na- 
turgeschichte der Elektronen — Die Atomspektren — Der Starkefiekt — Der 
Dopplereiiekt — Die Atomkerne — Das ßohr'sche Atommodell — Die Radio- 
aktivität — Die Isotopie — Das chemische Atom — Das Gay-Lussac'sche und Avo- 
gadro'sche^ Gesetz — Die Atomhypothese als Quantenschematismus — Der Nach- 
weis der Moleküle — Die Naturgeschichte der Moleküle — Die Molekulartheorie — 
Wärme als molekulare Bewegung — Der absolute Nullpunkt — Die kinetische 
Theorie der Gase — Die ßrown'sche Bewegung — Das Ultramikroskop beim Nach- 
weis der Moleküle — Die Aggregatzustände der Materie — Feste Flüssigkeiten — 
Die Molethynen — Feste Kristalle — Die Kristallsysteme als Temperaturformen — 
Der Mensch als Temperaturform — Die Kristallsysteme — Verbreitung des kristal- 
linischen Zustandes — Die Hauptgesetze des Kristallzustandes — Die logischen Ge- 
setze in der Molekularanordnung — Die Molethynen im Reich der Lebenden — 
Kristalle als Notwendigkeitsformen der Substanz — Die Polarität der Begriffswclt 
als Wirkung eines Molethynengesetzes — Das Harmoniegesetz in der Kristallbil- 
dung als molekulare Eigenschaft — Die Raumgittertheorie — Das Gesetz des Opti- 
mums im Kristallbau — Flüssige Kristalle und ihre Probiotik — Die neue Eintei- 
lung der Seinszustände — Naturgeschichte der Kolloide — Kolloidale Struktur des 
Lebensstoffes — Die innere Konstitution des Moleküls — Das Strukturbild der 
Stoffe — Der Benzolring und der Stammbaum der Teerfarben — Der Element- 
begriff — Die Frage des Uratoms — Die Zerlegung der Elemente durch die Radio- 
tik — Die Lebensdauer der radioaktiven Elemente — Das periodische System der 
Elemente — Der Stammbaum der Elemente — Die Ordnungszahlen der Atome — 
Die Eigenschaften der Elemente als Integrationsqualitäten — Die Eigenschaften des 
Sauerstoffs — Verbrennung, Oxydation, Verwesung und Atmung — Die Gesetze 
des Stickstoffs — Die Eigenschaften der Luft — Der Bau der Atmosphäre — Die 
Entstehung der Wolken — Die Gesetze des Wasserstoffs — Der Kreislauf des 
Kochsalzes — Die Naturgeschichte der Metalle — Die Feldspate — Die Gesetze 
des Kalkes — Das Wärmegesetz des Kalkes — Sein Kreislauf — Die Mecrcssedi- 
mente — Die Kreisläufe sind die Form der Erhaltung der Materie — Die Bedeu- 
tung von Kali und Magnesium und ihr Kreislauf — Die Überschätzung des Eisens 

— Naturgeschichte der Flüssigkeiten — Der Kreislauf des Wassers — Die lonen- 
theorie — Die Ausfällung der Sedimente — Kreislauf der Sedimentgebirge — Die 
Naturgeschichte des Meeres — Kreislauf und Bedeutung von Silicium — Wüsten- 
bildungen — Die Erdrinde vermehrt die Gesteine — Die Naturgesetze der Gesteine 

— Der Granit — Die Eruptivgesteine — Die Vulkantypen — Der Kreislauf der 
Kohlensäure — Die Kohlenstoffverbindungen — Die Eiweiße — Die Kennzeichen 
des Lebens — Der Bau der Zelle — Die Harmonie und Integration der Lebens- 
formen — Die Personalkategorien — Elemente einer organischen Soziologie — Or- 
ganische Staatsformen — Die Integrationscigenschaftcn des Geoids — Die chemo- 
physikalischen Kräfte als Integrationseigenschaft der Himmelskörper — Die Sonne 
als Ursprung der irdischen Erscheinungen — Vulkanismus und Erdbeben — Die 
Bewegungen der Erde — Die Kepler'schen Gesetze — Die Entstehung der Jahreszeiten 

— Die Bode-Titius'sche Reihe — Die Gezeiten — Die Eigenschaften der Sonne, 

7* 

99 



des Mondes und der Planeten — Planetoiden und Meteoriten — Kometen und Fix- 
sterne — Die Sonnensysteme sind weder absolut harmonisch noch stabil — Der 
neue Weltblick — Anmerkungen und Zusätze. 

„Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, 
Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Natur- 
dinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganzes. Das wichtigste Resultat 
des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltig- 
keit die Einheit zu erkennen; von dem Individuellen alles zu umfassen, was 
die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten; die Einzelheiten 
prüfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen: der erha- 
benen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu er- 
greifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt." 

Mit keinem besseren Satz als diesem aus der Einleitung des Humboldt- 
schen Kosmos könnte ich den Versuch beginnen, die Vielfältigkeit, in die 
das Sein der Welt zersplittert ist, doch wieder zu einem Gemälde der Welt 
zusammenzufügen. Ein solches muß nämlich in dem Kreis, in dem sich 
unser Geist bewegen soll, aufgestellt sein, will man Material für die Er- 
kenntnis der Gesetze der Welt haben. Denn wer ein Ding zerlegen und 
wieder aufbauen will, muß seine Teile kennen. So brauchen auch wir zu- 
nächst einen neuen Kosmos, und war es schon zu Humboldts Zeiten schwer, 
die Einzelheiten dieses Weltgemäldes prüfend zu sondern, ohne ihrer Masse 
zu unterliegen, so ist das heute im Zeitalter der Spezialisten eine Aufgabe, 
deren mangelhafte Lösung niemandem angerechnet werden kann. Wahrlich, 
nicht Ehrgeiz, sondern drängende Notwendigkeit zwingt dazu. Denn man 
kann nicht den Sinn eines Bildes erläutern, ehe dieses existiert. Daher muß 
ich dieses Weltbild malen. 

Eigentlich vollbringe ich damit eine Aufgabe, die schlecht und recht 
jeder für sich lösen muß und auch gelöst hat. Denn wer wäre der Eitel- 
keit so bar, daß er frank und frei gestehen würde: ich habe kein Weltbild, 
sondern nur Bruchstücke eines solchen! Statt einem vollkommenen Gemälde 
nur einen Splitter, von dem auf das Ganze nicht geschlossen werden kann. 

Ihr, die ihr dies lest, seid aufrichtig zu euch selbst! Seid ihr mit eurem 
Weltbild zufrieden? Jeder von euch beherrscht ein Fach. Darin wird es 
ohnedies schwer sein, „die Einzelheiten zu sondern, ohne ihrer Masse zu 
unterliegen". Und, was wißt ihr darüber hinaus? Fehlen nicht ganze große 
Wissenschaften, die ihr nur dem Namen nach kennt? Wenn ihr Geistes- 
wissenschaftler seid, Jurist, Historiker, Staatswissenschaftler oder Sprach- 
forscher, bedeutet euch die Naturwissenschaft mehr als ein leeres Wort? 
Oder ihr Naturwissenschaftler, was wißt ihr von den Gesetzen der Sprache, 
den großen Kunstwerken der Menschheit, den ewigen Ideen erleuchteter 
Köpfe? Und ihr Praktiker des Lebens, wißt ihr auch etwas von dem ge- 
heimen Leben eures eigenen Leibes, von den Kräften, die um den Erdball 
und jeden Augenblick mit euch spielen? 

100 



Wohl hat es sich schon eingeführt und es ist der Beginn der Besserung 
dieses menschenunwürdigen Zustandes, daß sich keiner für einen Vollmen- 
schen hält, wenn er nicht den Faust gelesen hat, oder ^cr/Äov^/z'sche Musik 
gehört, wenn er niemals einen der gotischen Dome besichtigt hätte oder 
RembrandVsoht Bilder, wenn Wa(rner, Ibsen, Michclanfrelo, Kant Worte ohne 
Inhalt für ihn wären. Diesen Weg muß man nur weiterschreiten, und nie- 
mand darf glauben, daß er einen richtigen Begriff der Welt und ihrer Gesetze 
erlangen kann, wenn er nicht in Wald und Wiese, als tiefen, unaussprech- 
lich erhabenen Kunstwerken des Seins Bescheid weiß, nicht im Hochgebirge 
und am Meer gewesen ist, nicht mit dem Mikroskop umzugehen weiß und 
die Sterne nicht kennt, niemals Tier- und Pflanzenlcbcn im großen und 
kleinen beobachtet hat und nichts ahnt von den tausend Zusammenhängen 
und Biocoenosen, in die wir mit den anderen Lebewesen und dem Weltall 
versponnen sind. Das alles ist noch lange nicht Naturforschung und Spe- 
zialwissen, sondern immer noch elementare und notwendigste Bildung, ohne 
die man kein Weltbild haben und nicht richtig leben kann. Ohne das wird 
man die Gesetze der Welt niemals verstehen, sich daher in hundertfache 
Irrtümer und hundertfaches Leid verstricken. 

Was dieser Abschnitt meines Werkes zu leisten hat, ist also schon längst 
notwendige Aufgabe gewesen für jeden Menschen, der zu vollem Leben 
kommen wollte. Und nichts kennzeichnet die Verranntheit, Verarmung und 
Entartung des europäischen Lebens besser, als daß man ein derartiges Welt- 
bild erst entwerfen muß, statt daß es ebenso selbstverständliches Gemein- 
besitztum wäre wie Lesen und Schreiben. So soll man diesen Abschnitt 
lesen als endliche Erfüllung eines lange verschuldeten Versäumnisses und 
dann die Augen weit aufmachen und in Natur und Kultur selbst erleben 
und denkend betrachten, wovon man hier gelesen hat. 

Das Weltbild des Menschen kann nach allem, was wir uns klar gemacht 
haben, nichts anderes sein als eine Übersicht der verschiedenen Integrations- 
stufen und Eigenschaften, in die das Sein zerfällt. 

Von ihnen ist die primärste die Welt der Quanten, allerdings auch die 
zuletzt und daher am wenigsten bekannte. Nichts anderes vermag man von 
ihr auszusagen, als daß in ihr die Individuation anhebt, und daß aller Wahr- 
scheinlichkeit nach eine Morphologie der Quanten geschaffen werden 
kann, da unter ihnen offenbar eine gestaltliche Verschiedenheit besteht. 
In der Weltstufe unter ihr, deren Integration sie darstellt, muß also die 
Formenbildung unbekannt sein; um so schwieriger wird es sein, jemals 
etwas Näheres über sie auszusagen. 

Liegt ja schon die Quantenwelt nur im unbestimmten Schein einer Däm- 
merung, deren hellste Strahlen höchstens eine einzige Gestaltung, die des 
elektrischen Elementarquantums beleuchten, während vor dem übrigen 
selbst unsere Vorstellung im Dunkel irrt. Über das Elektron liegen aller- 

101 



dings, wie man schon den vorigen Abschnitten entnehmen konnte, viele, 
einander sogar widersprechende Erfahrungen vor. Sucht man das Haltbare 
zusammenzufassen, dann erhält man etwa das folgende Bild: 

Die Elektronen sind (1830 mal) kleiner als das leichteste und damit wohl 

auch kleinste Atom. Da dieses 5 q^ ^ 1033 Gramm zu wiegen scheint, wor- 
über ich auf Seite 57 nachzulesen bitte, ist die Annahme gerechtfertigt, daß 
ein Elektron das Gewicht besitzt, das man erhält, wenn man 1 Gramm durch 
110 89823) teilt. Seine Größe wird von Ffl/ß«s auf einen Radius vonlO-i^cm*) 
angenommen, wobei zugleich kugelige Gestalt vorausgesetzt wird. 

Die Zahl der Elektronen, die sich zur „Welt" eines Atoms zusammen- 
schließen, ist nicht groß. In dem Wasserstoff atom scheinen überhaupt nur 
zwei Bestandteile, ein Kern und ein Elektron vorhanden zu sein, und wenn 
die /. /. Thomson'sche Annahme Recht behält, dann entspricht die Zahl 
der Elektronen in den Atomen stets nur deren Atomgewicht, überschreitet 
also 238 nicht, da dieses Gewicht einer Abart des Elementes Uran zukommt, 
das den Gegenpol des leichtesten, nämlich des Wasserstoffgases, bildet. 
Alle diese Angaben muten an wie eine Wissenschaft des Unsichtbaren 
und drängen zwingend zu einer Erklärung, wieso man über die Elektronen 
als Bausteine des Atoms etwas Sicheres wissen kann. 

Wenn nun auch noch niemand ein Elektron erblickt hat, so konnte man 
doch dessen Spur in leuchtender Flammenschrift sichtbar machen in einem 
prachtvollen Experiment, für dessen ergebnisreichen Ausbau man dem Würz- 
burger Physiker /. Stark den Nobelpreis mit Recht verliehen hat. 

Die Analyse eines Lichtes mit einem Prisma gestattet bekanntlich die in 
dem Licht vorhandenen Farben gewissermaßen nebeneinander in einem Band 
aufzurollen. Diese Spektralanalyse ist eine „Biotechnik", da sie uns im 
Großen von den wie Prismen wirkenden Wasserbläschen in Gestalt des Regen- 
bogens vorgemacht wurde. Bei dieser Gelegenheit schon konnte man sehen, 
daß das Sonnenlicht ein Gemenge aller nur erdenklichen Farben ist. 

Bringt man nun in dem Licht einen Körper zum Glühen, so wird er das 
Lichtspektrum vornehmlich beeinflussen, womit sich ja jedermann als Kind 
weidlich unterhalten hat, wenn er einen in Salz getauchten Draht in die Spi- 
ritusflamme hielt und sich zuerst an deren gelbem Schein, hierauf an dem 
blutigen Rot eines ' Strontiumdrahtes und dem geisternden Grün eines 
Kupferdrahtes erfreute. Untersucht man solche Metalldrähte, z.B. Kupfer, 
im Spektrum, so findet man alle anderen Farben ausgelöscht und nur eine 
erhebliche Anzahl grüner und blauer Linien erhalten, die eine bestimmte 
Gesetzmäßigkeit verraten. Man sollte sich nun zur Klärung des Atombaues 
diesem Studium von Metalldämpfen hingeben, da man von den chemischen 
Rechnungen her weiß, daß das Molekül der Metalle nur ein Atom in sich 
schließt. Die in ihren glühenden Dämpfen sich bewegenden Teilchen, die 

*) lon = 10 mit n Nullen, 10-n = V,o n. 

102 



solch ein eigentümlich farbiges Licht erregen, sind also die Atome selbst. 
Und was sie im Spektrum an Gesetzmäßigkeit ihrer Linien aufzeichnen, 
sind Gesetze der Atome. 

Es wäre ein Zeichen von erfreulichem Scharfsinn, wenn hierauf einer so- 
fort auf den Gedanken verfallen wäre, auch Wasserstoffgas solchen Unter- 
suchungen zu unterwerfen, da es den einfachsten Bau besitzt und daher 
gleichfalls in die Welt der Atome Einblick gewähren müßte. 

Gase kann man allerdings nicht als leuchtende Drähte spektroskopisch 
sichtbar machen, wohl aber, wenn man mit ihnen eine Geißle rasche Röhre 
füllt, durch die man eine elektrische Entladung hindurchgehen läßt. Diese 
Untersuchung endet damit, daß man nicht so viele Linien wie bei den Metal- 
len zu sehen bekommt, sondern nur drei helle: Rot, Grün, Blau und außer- 
dem zwei violette. Die Beziehungen zwischen diesen Linien lassen sich in eine 
Formel (Balmer^sche Formel) bringen, die dann stets gleich bleibt und bei 
allen Atomspektra wiederkehrt, so daß sie offenbar etwas über das Gesetz des 
Atombaues aussagen muß. Vor allem beobachtet man, durch die Farben aus- 
gedrückt, nicht eine Serie von Schwingungen, sondern drei, von denen eine 
mittlere als Hauptserie durch Gesetze der Harmonie mit ihren Nebenserien 
noch verbunden ist. Auch sind bei den meisten Elementen, die man so 
untersuchte, die Linien jeder Serie noch zweifach oder dreifach gespalten 
und in jeder Linie wieder durch differente Gesetzmäßigkeiten ausgezeichnet. 

Hier griff nun Stark mit seinem Scharfsinn ein. Er machte darauf auf- 
merksam, daß die Spektrallinien sich zusammen und einheitlich bei gewissen 
Eingriffen verschieben, also gesetzmäßig miteinander verbunden sein müs- 
sen. Daraus war zu schließen, daß sie von demselben Träger, also einem 
Atomindividuum ausgesandt werden, dieses also nicht homogen sein könne, 
sondern einen inneren und zwar einen verwickelten Bau besitze! Die Haupt- 
serie und die harmonischen Serien verschoben sich gemeinsam nach jeweils 
anderem Gesetz, so daß sie verschiedenen Trägern zugeordnet werden 
konnten. Solch ein besonders lehrreicher Eingriff war die Einwirkung von 
Elektrizität auf Kanalstrahlen (vgl. S. 51 und Abb. 11). Es entstanden da- 
durch neue Seriensysteme als Zeichen, daß die Lage der Elektronen ge- 
ändert war. Diese Verschiebung, die man seitdem den Stark-Effekt nennt, 
erinnert an ein dem Astronomen wohlbekanntes Phänomen, das nach dem 
Forscher Doppler benannt ist und in Kürze darin besteht, daß ein sich uns 
nähernder Stern seine Spektrallinien nach Violett hin im Spektrum ver- 
schiebt, während ein sich entfernender Abweichungen nach Rot hin zeigt. 
Je nach der Geschwindigkeit ist diese Verschiebung verschieden groß. In- 
dem sich das gleiche Phänomen im „atomaren Sternensystem" einstellte, 
zeigte es dadurch auch Bewegungen der Elektronen im Atom an. 

Jedenfalls ist hier ein Weg offen, um dem Bau des Atoms näherkommen 
zu können, und auf solche Weise ist das Bild zustandegekommen, das man 
als das Rutherford-Bohr'sche Atommodell (Abb. 27) bezeichnet, und das 

103 



von drei Richtungen her, vom Studium der Radioaktivität, der Quanten- 
theorie und dem der Spektrallinien übereinstimmend gestützt, eine gewisse 
Aussicht hat, die Gesetze des Atombaues auch annähernd wiederzugeben. 
Danach muß allen Atomen zunächst ein Kern zugeschrieben werden. Die 
in der gesamten Formengebung der Welt immer wiederkehrende Tatsache, 
daß ein Komplex ein Zentrum seiner Beziehungen in sich hegt (Sonnen- 
systeme und Sonne, Zelle und Zellkern, Organismus und Gehirn, Staat und 
Regierung, Werke und ihr wesentlicher Inhalt) beginnt also bereits im 
elementaren Sein. Der Kern der Atome verriet sich zuerst, als englische 
Physiker 1Q13 beim Durchgang von Atomen (nämlich a-Teilchen radio- 




Abb. 27. Der Bau des Atoms nach den Vorstellungen von Rutherford und Bohr 

Um einen relativ großen Kern (Auffassung von Fajans), der negative Elektronen und positive Elektrizität ent- 
hält, kreisen in quantenmäßig bestimmten elliptischen Bahnen kleine negative Elektronen, gegen deren Bahn 
der Kern überaus klein ist. (Original) 

aktiver Substanzen) durch dünne Metallfolien Ablenkungen in deren Bahn 
wahrnahmen; man konnte dabei sowohl feststellen, daß der Kern auch 
positive Ladung besitzt, wie daß er im Verhältnis zum Atom überaus klein 
ist. Gerade darin kommt eine merkwürdige Übereinstimmung in der Mecha- 
nik der Atome und der Himmelskörper zutage. Seitdem sich herausgestellt 
hat, daß der gesamte Raum von der Sonne bis zur Bahn ihres äußersten 
Planeten eine Einheit darstellt, die wenigstens von einem Bestandteil der 
Sonnenatmosphäre, dem Gase Coronium erfüllt ist, erscheint auch das 
Sonnensystem nach dem Gesetz des Atommodells erbaut, in dem Körper in 
Bahnen um einen Mittelpunkt kreisen, der im Verhältnis zum Ganzen sehr 
klein ist. (Man vergleiche dazu die Abbildung des Sonnensystems Abb. 1.) 
Im Atom — wenigstens des bisher allein darauf untersuchten Wasserstoffs 
und des sehr ähnlichen Heliumgases — konnte man nach dem Maße der 
Ablenkung berechnen, daß der Kern die Größenordnung von 10- 12 im 

104 



Radius nicht überschreiten kann. Seine Ladung ist positiv, und das ist heute 
die einzige Möglichkeit, noch von „Masse eines Elements" zu sprechen, 
denn noch widersteht er den Versuchen, ihn in lauter Elektronen aufzulösen, 
da diese alle nur negativ geladen sind. Immerhin besteht heute schon die Mög- 
lichkeit, aus dem Atomkern negative Elektronen abzuspalten. Es haben also 
die Kerne trotz ihrer Kleinheit noch immer eine verwickelte Zusammen- 
setzung, die sicher noch vieles Neue unseren Begriffen zumuten wird. 

Schon heute läßt sich z. B. mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß die Kerne 
aller anderen Atome außer dem Wasserstoffatom eine höhere positive La- 
dung als diese besitzen. Von dieser scheinen gerade die wesentlichen Atom- 
eigenschaften (Masse und Bestand) abzuhängen, so wie der Charakter einer 
Sonne (dunkler, weißer, gelber usw. Stern) der Natur seiner Trabanten die 
Entscheidung aufprägt. Nach ihren Röntgenspektren hat man (Moseley) 
eine Reihenfolge aufstellen können, die mit Hydrogen als Atom mit einfach 
positiv geladenem Kern beginnt, sich mit Helium (2fach) fortsetzt und 
bis 92 (Uran) ansteigt. Man hat dadurch Ordnungszahlen der Atome ken- 
nen gelernt (A. van den Broek), die es ermöglichen, eine Art natürlichen 
Systems der Elemente aufzustellen. Eine prachtvolle Bestätigung dieser An- 
schauung liegt darin, daß man zu demselben Elementensystem auch auf 
anderen Gedankenwegen geführt wurde, indem man nämlich die Atomeigen- 
schaften nach gewissen einheitlichen Gesichtspunkten zusammenordnete. 
Das bekannte periodische System des Russen Mendele/eff und des Deut- 
schen Lothar Meyer ist auch nichts anderes als das System der Ordnungs- 
zahlen, dessen sich die neueste Chemie bedient; so stützt eines das andere. 

Aber das Studium der Kernladung hat noch in einer anderen höchst 
merkwürdigen und weitreichenden Hinsicht Erfolge gezeitigt. 

Man hat gefunden, daß sich die Kerne wenigstens gewisser Elemente zer- 
setzen. Sie geben sowohl positiv wie negativ geladene Elektronen ab, und 
man hat sich auf diese Weise zunächst, wie vorhin gesagt, davon überzeugt, 
daß die Kerne auch negative Elektronen enthalten. Im Verhältnis zum nega- 
tiven Elektron ist der Kern außerordentlich groß, denn wie man an Wasser- 
stoffatomen, die ihre negative Elektrizität, damit also den Trabanten ihres 
Systems abgegeben haben, festgestellt hat, war der übrigbleibende Kern 
von 1830mal größerer Masse als die Elektronen. Wieder zeigt sich so seine 
Übereinstimmung in der „Mechanik" zwischen Sonnen- und Atomsystem. 
Denn das Zentrum des Systems ist bei beiden weit größer als alle seine 
Trabanten. 

Den Beweis für all diese Behauptungen erbrachte der Däne Niels Bohr 
dadurch, daß es ihm gelang, das Spektrum des Wasserstoffatoms durch die 
entwickelte Auffassung vollständig zu erklären. 

Wenn nun die Haupt„masse" des Atoms dem Kern zukommt, so darf wohl 
angenommen werden, daß alles, was aus dem Atom in relativ großen Massen 
ausgeschleudert wird, Kernsubstanz ist. Bei gewissen Elementen wird ständig 

105 



und viel Masse abgeschleudert (die sogenannten a-Teilchen), die sich als 
Leuchten und durch Umwandlung der Energie beim Auftreffen auf andere 
Materie auch als Wärme kundgibt. Weil diese Elemente aktiv strahlen, nennt 
man sie radioaktiv, und unsere ganze Generation wird sich noch des un- 
gläubigen Erstaunens erinnern, mit dem man um 1896 die ersten, aus Paris 
kommenden Nachrichten aufnahm, wonach es gelungen sein sollte, aus einer 
zu Joachimstal in Böhmen stammenden Pechblende ständig eine Strahlung 
und Wärmeentwicklung zu erhalten, die man nach ihrem Entdecker zuerst 
als ßequerel'sche Strahlen bezeichnete, bis es dann dem französich-polni- 
schen Ehepaar Curie gelang, daraus ein neues Element zu isolieren, das 
den glänzenden Namen Radium erhielt. 

Radium ist ein Element, das ständig zerfällt, oder richtiger gesagt, das 
aus seinen Atomkernen ständig etwas Materie ausschleudert. Wer jemals 
eines der Salze dieses zu den Erdmetallen zählenden Stoffes in seinem blas- 
sen Phosphoreszenzlicht leuchten sah, wie dies zum Beispiel im Münchner 
Deutschen Museum jedermann möglich ist, der hat wohl angesichts dieser 
in der großen Dunkelheit glimmenden Lichtfünkchen auch etwas empfunden 
von dem großen Rätsel des Seins, das sich nirgends so greifbar verdichtet 
wie an diesem Punkt, an dem sich die Materie aufs Unfaßlichste wieder 
verliert ins scheinbare Nichts, allerdings mit einer Langsamkeit, die jedem 
Körnchen dieser mit Diamanten nicht aufzuwägenden Substanz noch 1600 
Jahre Dauer sichert. Seitdem man uns mit den ersten Nachrichten über den 
Wunderstoff verblüffte, von dem die Erdrinde in einer Million Kubikmeter 
nur etwa acht Gramm birgt, und der durch eine Wärmeentwicklung, welche 
die energischste aller Verbrennungen gerade um eine millionfache Intensität 
übertrifft, theoretisch eigentlich 30mal so viel Wärme entwickeln müßte, wie 
die Erde durch Strahlung verliert, seitdem hat sich eine ganze neue Wissen- 
schaft, die Radiologie, entwickelt, von der Kasimir Fajans, einer ihrer 
besten Förderer, mit berechtigtem Stolz sagen konnte, sie habe das verwirk- 
licht, was die Alchemie nur angestrebt hat. 

Viele neue Elemente vmrden durch sie ans Licht des Wissens gebracht, 
die alle die gleiche Eigenschaft, wenn auch in verschiedenem Grade be- 
sitzen, aus ihren Atomkernen Masseteilchen abzuschleudern. Und gerade 
deren Studium hat zu den Erkenntnissen von der tief im Innern der Atome 
verborgenen Welt geführt, wodurch Radioaktivität als Atomeigenschaft er- 
kannt ist. Die Radioelemente haben denn auch zu dem, einem Chemiker der 
alten Schule völlig unfaßbaren Begriff geführt, daß verschiedene Elemente 
gleichen chemischen Typus haben, aber doch im Atombau verschieden 
sein können. Man nennt diese Erscheinung Isotopie und hat zum Beispiel 
solche Isotope Formen von Blei beobachtet, die dann als Plejade des Bleis 
nach den Atomgewichten als 206,0/Pb, 207,2/Pb und 208,0 unterschieden 
werden. Die Isotopie aber war wieder ein Beweis für die Anschauungen 
vom Bau der Atome, denn zu ihr gelangte man von den Vorstellungen eines 

106 



Atomkernes aus, wurde sie doch als die gleiche Kernladung verschiedener 
Atome aufgefaßt und von da aus erst aufgedeckt. So verband sich die 
Radiologie mit der Atomforschung; eines griff ins andere und der abson- 
derliche Bau von Vorstellungen, in dem wir in diesem ganzen Abschnitt be- 
wundernd und erstaunt umhergehen, findet allseits Stützen in greifbaren 
Tatsachen, so daß er heute schon weit mehr die Beschreibung von Gesetzen 
als eine Hypothese ist. 

Abgerundet wird die Beschreibung der Natur der Atomkerne jedenfalls 
durch die aus dem Vorigen mit Händen zu greifende Tatsache, daß also die 
Kernladung, die sowohl die Zahl, wie die Anordnung der um den Kern sich 
bewegenden Teile nach dem Gesetz des elektrostatischen Gleichgewichtes 
bestimmt, das Wichtigste und Ausschlaggebende am Atom sein muß. Im 
Gleichnis der Astronomie gesprochen: die Energien der Sonne bestimmen 
letzten Endes die sämtlichen Eigenschaften im Sonnensystem bis zum letzten 
Trabanten. So hängen auch alle Eigenschaften des Atoms (und damit der 
materiellen Welt) von den Atomkernen ab. In ihnen, verborgen im Dunkel 
unermeßlicher Kleinheit, schläft eigentlich das Weltgeheimnis. 

Aber einiges wird davon doch gelüftet durch die Dinge, die soeben als 
ihr Widerspiel erkannt wurden, nämlich durch ihre Trabanten, die negativen 
Elektronen, die mit Lichtgeschwindigkeit um sie kreisen und schon dadurch 
zwingend den Vergleich mit einem Sonnensystem vor die Seele stellen. 

Von ihnen weiß man als Erstes und Sicherstes, daß ihre Ladung der des 
Kernes das Gleichggewicht hält. Da sie aber negativ ist, müßte der positive 
Kern ihnen Vereinigung aufzwingen. Da eine solche, wie die Tatsachen be- 
weisen, nicht erfolgt, sieht man sich zur Annahme gezwungen, daß sie die 
Anziehung durch Rotation mit etwa Lichtgeschwindigkeit überwinden. Unter 
sich müßte sie die gleichnamige Elektrizität auseinanderschießen lassen, 
wie die Hollunderkügelchen im Schulversuch. Es muß sich also eine zu- 
sammenhaltende Kraft, welche nur die Gravitation sein kann, geltend 
machen, wodurch die Gleichgesetzlichkeit mit der Sonnensystem-Integrations- 
stufe noch augenfälliger wird. 

Nur von den einfachsten Atomen weiß man, in welcher Anordnung die 
Elektronen um den Kern schweben. Sie beschreiben kreisförmige oder ellip- 
tische Bahnen, wobei ganz sicher, schon aus mechanischen Gründen, in den 
komplizierten Atomen Unterschiede zwischen den einzelnen obwalten müs- 
sen. Entweder sie wiederholen genau das Gesetz unseres eigenen Sonnen- 
systems, oder — was z. B. auch von Fajans für wahrscheinlicher gehalten 
wird — sie nehmen die Ecken von räumlichen Gebilden (z.B. Würfel usw.) 
ein, die man sich um den Kern gelagert denken muß. Immer sind diese 
Bahnen im Vergleich zum Kern sehr ausgedehnt und reichen wohl bis zur 
Größenordnung von 10 ^ cm. 

Diese Trabantenschar bestimmt die chemischen Eigenschaften der Welt. 
Mit ihr hängt die Ordnungszahl der Elemente im gleichen Gesetzesrahmen. 

107 



Auch die chemische Valenz, d. h. das Verhältnis, in dem sich die Elemente 
verbinden {Oxygen ist z. B. zweiwertig, wie die Formel H2O zeigt, da es 
zweier Grammatome Hydrogen bedarf, um ein Atom Sauerstoff zu binden) 
und das sich bekanntlich für dasselbe Element ändern kann, hängt von der 
Zahl der Elektronen ab, die leicht von dem Atom entfernt werden können. 

Man hätte über diese Verhältnisse keine Klarheit erlangen können, v-^enn 
nicht Niels Bohr, der begabteste der dänischen Physiker, die Quantenhypo- 
these (vgl. S. 22) zu Hilfe genommen und zur Erklärung der Spektralerschei- 
nungen, aus denen man ja alle diese Kenntnisse gezogen hat, vorerst die 
Versuchsannahme gemacht hätte, von den Elektronen zu behaupten, daß sie 
in quantenmäßig ausgezeichneten stabilen Bahnen laufen und Strahlungen 
nur aussenden, wenn sie aus dieser Bahn geworfen werden. Dadurch konn- 
ten auf einmal die Gesetze (die schon erwähnten ßalmer-Rydberg'schen 
Formeln) der Serien bei den Atomspektren auf die allgemein spektral-ana- 
lytischen Erfahrungen zurückgeführt werden. Sommerfeld in München hat 
das nur erweitert und auch für elliptische Bahnen der Elektronen verständ- 
lich gemacht, ebenso die „Quantelung'' der Bahnen berechnet und das Atom- 
modell mit den Forderungen der Relativitätstheorie in Einklang gebracht. 
An diesem Punkte steht man jetzt und kann wohl mit Recht sagen, daß 
mit dem Atommodell, dessen Darstellung ich angesichts der eminenten 
Wichtigkeit der Sache etwas ausführlicher gehalten habe, eine neue Welt 
des Seins entdeckt ist, ein Weltsystem in der Richtung des kleinsten Rau- 
mes, das die Worte eines berühmten Wiener Physikers sehr wohl nachemp- 
finden läßt: Wie schade, daß man sterben muß, bevor hier alles entdeckt ist! 

Aber wenn man von dieser Welt des Elektronenfirmaments zurückkehrt 
in die des Atombegriffes, mit dem der praktische Chemiker, dieser Diener 
des Farben, Zucker, Seifen und Medikamente erzeugenden Alltags stündlich 
hantiert, ist es doch ganz unverkennbar, daß das „Atom" von Rutherford- 
Bohr keineswegs von vornherein identisch mit jenem Atombegriff ist. 

Denn das Atom der chemischen Rechnung ist doch nur eine Vorstellung 
aus der geistigen Welt der Gesetzeszusammenhänge, um diese mathematisch 
zerlegen und wieder vereinigen zu können! Wie es A. v. Humboldt mit un- 
übertrefflicher Klarheit vor fast hundert Jahren gesagt hat: „Um die Er- 
scheinungen dem Kalkül unterwerfen zu können, wird die Materie aus 
Atomen (Molekülen) konstruiert . . ." 

Eigentlich sind Atome für den Chemiker nur das Wort, mit dem er ab- 
gekürzt die Tatsache kennzeichnen will, daß es chemische Einheitsgewichte 
gibt. Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Atomhypothese, so 
wird man sofort darüber Klarheit erlangen, daß es dem Chemiker als sol- 
chem ganz gleichgültig sein kann, ob er für seinen Atombegriff reelle Un- 
terlagen erhält oder nicht. Er braucht ihn nur als Hilfsmittel, als Rechen- 
knecht bei der Kalkulation chemischer und physikalischer Vorgänge. Des- 
halb wurde die Atomvorstellung, die eine jahrtausendalte und wieder ande- 

108 



res bedeutende philosophische Spekulation Demokrils war, im Jahre 1804 
von dem englischen Chemiker Dalton erfunden und zuerst so primitiv ge- 
handhabt, daß sie auch noch den Molekülebegrlff, also die nächsthöhere 
Integrationsstufe in sich schloß. 

Entstanden ist die Atomhypothese eigentlich letzten Endes aus der Er- 
fahrung, daß alle Arten von Stoffen zusammendrückbar sind (Kompressibi- 
lität). Von Gasen weiß das jedermann, ebenso von elastischen Substanzen; 
in geringem Maße gelingt die Kompression sogar mit allem, was uns um- 
gibt. Man kann sich das nur so erklären, daß all diese Dinge aus kleinen, 
allerkleinsten Teilen bestehen, zwischen denen Lücken vorhanden sind. 
Durch das Pressen werden sie dann zusammengedrängt. Mit dieser An- 
nahme von Teilchen und Poren konnte man auch sehr gut die einer Erklä- 
rung bedürftige Beobachtung decken, daß eine Lösung, in der man ein be- 
stimmtes Quantum Salz auflöst, ihr Volumen nicht vergrößert. Nur fordert 
die Erklärung dann die Annahme, daß alles eine körnige Struktur habe, 
daß also Luft, Wasser, feste Gegenstände jeder Art aus imaginären Körn- 
chen zusammengesetzt seien, die man dann Moleküle nannte. 

Kaum war diese Annahme gemacht, so bemerkte im Jahre 1808 der fran- 
zösische Chemiker Gay-Lussac, daß bei allen Versuchen mit Gasen das Ver- 
hältnis der Volumina der dabei beteiligten Stoffe sehr genau durch Zahlen 
ausgedrückt werden kann, die niemals Brüche erfordern. Immer handelte 
es sich dabei um ein gerade Vielfaches der Einheit; es gab bei diesen Rech- 
nungen stets nur ganze Zahlen, nie etwa 2^/i oder T^/e u. dgl. (Volumen- 
gesetz von Gay-Lussac). Voraussetzung war nur, daß gleicher Druck und 
gleiche Temperatur herrschten. Das ließ sich auf die Gewichte aller Ele- 
mente und ihrer Verbindungen übertragen; im Gaszustande stehen sie stets 
zueinander im Verhältnis einfacher ganzer, also rationaler Zahlen. 

Unbedingt folgt daraus, daß jede chemische Verbindung sich aus Ein- 
heiten zusammensetzt, mit denen leicht gerechnet werden kann. Diese Ein- 
heiten nannte Davy zwar noch Moleküle, Avogadro, Professor der Physik 
in Turin, aber nannte sie 1811 Atome, um die chemische „Einheit" damit 
festzulegen. Und binnen kurzem erhielten nun die in Frage kommenden 
Zusammenhänge die Form, die sie auch heute noch als Gesetz der konstan- 
ten und multiplen Proportionen besitzen. Diese Gesetze lauten: Das Ge- 
wichtsverhältnis der Bestandteile einer chemischen Verbindung ist stets das- 
selbe. Bilden aber zwei Elemente mehrere Verbindungen miteinander, so 
stehen die miteinander verbundenen Mengen stets im Verhältnis einfacher 
ganzer Zahlen. 

Damit war aus der Alchemie die Chemie geworden und ein neues Instru- 
ment als das maßgebliche in das chemische Laboratorium eingezogen: die 
Wage. Chemie war von da ab eigentlich eine Wägekunst. Das Atom- 
gewicht, d. h. die Gewichtseinheit, in der die Gewichtsverhältnisse jedes 
Elementes in allen seinen Verbindungen ausgedrückt werden, wurde /um 

109 



Rechenpfennig, und die Herstellung von chemischen Präparaten wurde zur 
einfachen Rechenkunst, von der die Chemiker mit einer merkwürdigen Be- 
scheidenheit des Stolzes sagten, sie sei so einfach, daß kein Chemiker dazu 
mehr Kenntnisse als die in der Volksschule erworbenen brauche. Es war 
nur Vereinfachung, aber keine Änderung, als Berzellus in Schweden später 
eine symbolische Schrift, die bekannte chemische Hieroglyphik dazu erfand, 
die den oder die Anfangsbuchstaben der alchemistischen Elementennamen 
als Symbol für die als Atomgewicht bekannt gewordene Menge verwendete, 
und die dann ganz kurz aufschreibt: Eisenrost (Eisenoxyd) sei 

Fe^Oa = 2Fe + 30, 
d. h. die zweimalige Menge des Atomgewichtes von Eisen (Fe) und die 
dreimalige von Oxygen (O) verbinden sich zu FegOg, einer Verbindung, in 
der das Atomgewicht von Eisen zweimal, das von Oxygen dreimal vorhanden 
ist. Aufgeschrieben ist damit in ganz übersichtlicher Formel, gleichsam wie 
in einem Apothekerrezept der Vorgang des Rostens.^^) 

So wurde man von der Molekularannahme zu der Atomhypothese ge- 
drängt durch die Einsicht, daß in Verbindungen die kleinsten Teile doch un- 
möglich aus allen verbundenen Elementen bestehen können. Bei Elementen 
besteht natürlich auch der kleinste Teil von Wasserstoff aus Wasserstoff, 
aber schon im denkbar kleinsten Teil von Wasser sind weitere Bestandteile, 
nämlich ein zweifaches Elementarquantum Wasserstoff und eines von Sauer- 
stoff vereinigt im Molekül. Dadurch schiebt sich von selbst die Vorstellung 
ein, daß ein Molekül Wasser immer noch aus drei Einzelteilen bestehen 
müsse, nämlich aus zwei Teilen H und einem Teil O. Diese letzten drei 
Teile erst sind die Atome. Die Atomannahme wurde also nicht gemacht, 
um Realitäten, sondern um Proportionen auszudrücken. Sie ist ein bloßer 
Quantenschematismus, ein Ausdruck für das Gesetz der Qewichtsverhält- 
nisse, der auffallend übereinstimmt mit den Wärmequanten von Max Planck. 
weil in deren Welt auch das Gesetz der multiplen Proportionen herrscht, 
wie auf Seite 22 ausgeführt ist. Mit anderen Worten, aus den Verteilungs- 
gesetzen der Materie hat man mittels der Wage nichts anderes als das 
Quantengesetz der Welt erkannt und es in die Form der Atomhypothese 
verkleidet. Die Atome der Chemiker haben weit mehr mit den Quanten zu 
schaffen als mit dem Elektronenbau der Physiker, wenigstens ist dies erst 
ein Problem, das noch zu untersuchen ist und das bisher mehr oder minder 
dem Scharfsinn der Physiker entging. 

Das Verhältnis von Elementarquantum, Elektron und chemischem Atom 
ist also noch festzulegen; jedenfalls sind die Begriffe „atomistische Struk- 
tur der Elektrizität" und „Atomistik in der chemischen Rechnujig" noch 
sehr verschieden voneinander. Ganz abgesehen wird hierbei ohnedies von 
der Tatsache, daß auch für den Rechenschematismus der Chemie die Atom- 
annahme keinesfalls in allen Beziehungen ausreicht.^s) Jedenfalls: zu den 
Wirklichkeiten der Welt gehören wohl die Elektronen und die aus ihnen 

110 



zusammengesetzten Systeme, nicht aber die Atome der Chemie, die nach 
wie vor nur eine Miljsvor Stellung des chemischen Kalküls sind! 

Ganz anders verhält sich die Sache mit den Molekülen. Mit ihnen steht 
man ebenso den Wirklichkeiten der Beobachtung gegenüber wie bei den 
Atomen der Elektrizität. An sich kann man auf das Leichteste den Weg zu 
ihrer Beobachtung einschlagen, wenn man versucht, die Materie so zu ver- 
dünnen, bis sie ihren Zusammenhang verliert und sich in ihre kleinsten 
Korpuskeln auflöst. 

Schon von jeher haben sich gewisse Gewerbe damit gebrüstet, daß sie 
diese Teilung der Materie geradezu ins Unbegrenzte demonstrieren können. 
Ein Wunderwerk ihrer Leistung waren z. B. die sog. Goldschläf^erhäute, in 
denen durch Hämmern ein Würfel Gold von 1 cmm Größe zu einer zusam- 
menhängenden Metallhaut von etwa Handtellerfläche auseinander getrieben 
wurde. Das entsprach 10 000 qmm, und danach läßt sich leicht ausrechnen, 
daß ein derartiges Häutchen nur Vioooo mm dick ist. Trotzdem hatte es alle 
Eigenschaften von Gold. Der Umstand, daß es fast durchsichtig war und das 
Licht grün durchschimmern ließ, erweiterte nur die Beschreibung des Gol- 
des, ließ aber noch keine Molekulareigenschaft erkennen. Trotzdem ist da- 
mit die Grenze dessen, was noch im Mikroskop erblickt werden kann, schon 
bei weitem überschritten. Teilchen von Vioooo "im Durchmesser (im Sprach- 
gebrauch der Physik 0,1 fi geschrieben) lassen sich nicht mehr mit Sicher- 
heit unterscheiden. Wenn das die Moleküle wären, so könnte man sie im 
Mikroskop nicht mehr sehen. Es besteht aber gar kein prinzipielles Hin- 
dernis, Metalle noch dünner auszuwalzen, und so konnte leicht die Ansicht 
verfochten werden, die Teilbarkeit der Materie sei unbegrenzt. 

Die Versuche mit Ölhäuten haben uns jedoch von dieser Ansicht bekehrt. 
An einer Schüssel voll Wasser kann sie jedermann wiederholen. Erbraucht 
dabei nur einen Tropfen Petroleum zu beobachten, den er daraufbringt. Rasch 
breitet es sich zu einem Häutchen aus, das sich immer mehr verdünnt, endlich 
Löcher bekommt, dann in lauter Fetzen zerfällt, die sich wieder ausbreiten, 
das gleiche Schicksal erleben, bis endlich alles unter die Grenze der Sichtbar- 
keit sinkt. Wenn man den Radius der Ölhaut und das Quantum des verwen- 
deten Öles kennt, kann man die Dicke der so entstandenen Schichten genau 
berechnen, und so fand man, daß bei 0,1 n die Zerreißung der Ölhäute zu be- 
ginnen pflegt. Durch Komplikation des Versuches konnte man auf diesem 
Wege sogar noch Ölhäute von 0,3—0,5 \i\i. (1 nj^ = 0,001 fi) Dicke herstel- 
len. Aber — und das ist das für unseren Gedankengang Wichtige — es 
zeigte sich, daß der Stoff bei einer sehr feinen Verteilunp; seine Eigen- 
schaften ändert! Schon bei einer Dicke von 100 fj).i ist die Ölhaut nicht mehr 
derselbe Körper wie bei größerer, zoetischer Dicke. Es lassen sich z. B. 
keine Zwischenstufen von 100 zu 2Q\i\i erzeugen, sondern sprunghaft zerteilt 
sich das Öl bei weiterem Verdünnen auf 20 \i\i. Es liegt also zwischen 
den beiden Maßen so etwas wie eine Quantengrenze. Bei 0,3 uu löst 

111 



lieh das Öl in zusammenhängende Körnchen auf, die sich nicht mehr 
ausbreiten. 

Handgreiflich ist dadurch der Begriff der I ntegratlonseigenschaft demon- 
striert: die Seinsstufe von 0,3 \x\i, hat andere Eigenschaften als die der 
Tropfen von 3 000 000 iliila oder 3 Millimeter Durchmesser. 

Sind aber mit dieser Verteilung der Materie schon Moleküle erzeugt? 
Hierüber versuchte man sich auf anderen Wegen Sicherheit zu verschaffen. 
Man stellte Seifenschaumlamellen her, aus deren bekannten Regenbogenfar- 
ben, die auf Interferenz beruhen, man Rückschlüsse auf ihre Dicke ziehen 
konnte und fand dabei, daß er noch Häute von \0 \x\x Dicke gibt. Man 
verwandelte Wasser in immer dünnere Lamellen und zeigte dadurch, daß es 
noch bis 0,1 \i\x seinen Zusammenhang behält; erst darunter löst sich die 
Verbindung der Wasserteilchen endgültig. Und so konnte man endlich aus 
vielen Versuchen wohlbegründet den Satz ableiten, daß alle Materie aus 
Körnern aalgebaut sei. Man nennt diese kleinsten Körner Moleküle und 
hat nun für ihre Definition die Bestimmung, daß Moleküle jene Größen- 
stafe der Materie seien, bei der sie andere Eigenschaften aufweist als in 
der zoe tischen Stufe. 

Der Begriff der Integrationseigenschaften bestimmt also den des Moleküls. 
Und genau dasselbe wiederholt sich in den noch niedereren Stufen des Atoms, 
bzw. des Elektronensystems, der Elektronen, bzw. des Quantums. Immer 
sind die physikalischen Eigenschaften der Komponenten einer Integrations- 
stufe andere als die der aus ihrer Vereinigung gebildeten nächsthöheren 
Stufe. Neben diesem für das Verständnis der Weltgesetze unentbehrlichen 
Satz steht auch ebenso fest der andere, daß Moleküle Realitäten sind. Man 
könnte sie in unserem Sinn definieren als die Materie in einer niedrigeren 
Integration. 

Sind nun die sinnlich wahrnehmbaren Dinge gewissermaßen die Gebäude 
und die Moleküle die Bausteine, so wird man zu einem Verständnis der Bau- 
regeln nur dann kommen, wenn man nicht nur die Struktur, also die Art der 
Zusammensetzung des Gebäudes studiert, sondern auch die Beschaffenheit 
der Bausteine selbst. Hierüber wissen wir eigentlich nur etwas von dem 
Molekulargewicht, das zuerst aus unmittelbarem Wägen gleicher Volumina 
von Gasen unter gleichen Bedingungen gewonnen wurde. Avogadro hatte 
angenommen, daß in den gleichen Volumina der Gase die Zahl der Mole- 
küle gleich sei, und man hatte bei der Anwendung dieses Satzes keine Fol- 
gen gefunden, die mit den Naturtatsachen nicht vereinbar gewesen wären.^*) 
Auf den Molekulargewichten aber baut sich die ganze Atomistik und mit ihr, 
unter Berücksichtigung der Avogadro's,Qhtn Hypothese, die Chemie auf. 

Diese Anschauung arbeitet freilich mit der Vorstellung, daß in einem 
Molekül mehrere Atome vereinigt sein können. In einem Molekül des 
Hämoglobins, d. h. der so wichtigen Substanz, welche unsere Blutkörperchen 
rot färbt, sind der Formel CyägHiaosNig^OaisFeSs entsprechende Atome von 

112 




Abb. 28. Leuchtende Tiefseefische, die zu den iniveräiiderlichstcn Tierarten gehören, 
darunter der großniäulitre Tiefseeaal (Saccopharyiix pelecanoiiles) vorn unten. 

(Nach A. Triddlc ge/cichiict) 



Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Eisen und Schwefel vor- 
handen. Das läßt es also als möglich erscheinen, daß in der Art der Ver- 
einigung der Atome Unterschiede zwischen den Molekülen existieren. 

Achtet man erst einmal darauf, so wird man auch bald solche finden. So 
sind Banumsuperoxyd (BaOj) und Bleidioxyd (PbO.) ganz analog zu- 
sammengesetzt. Trotzdem reagieren sie auf gleiche Behandlung ganz ver- 
schieden. Bringt man sie mit Säuren zusammen, so bildet sich aus jenem 
Wasserstoffperoxyd, aus diesem aber Wasser und Sauerstoff. Auch gibt es 
Verbindungen von gleichem Molekulargewicht, die auch in den Elementen 
und der Zahl der Einheiten im Molekül vollständig übereinstimmen, den- 
noch aber in jeder Weise voneinander verschieden sind (Isomerie).-'^) 

Diese Erfahrungen sind der Beweis dafür, daß die gegenseitige Anord- 
nung der Atome im Molekül, also mit anderen Worten die Struktur der 
Moleküle verschieden ist, daß sie innere Baupläne besitzen, deren Stilcigen- 
tümlichkeiten noch keineswegs klar sind. 

Über ihre anderen Eigenschaften ist viel mehr Wissen vorhanden. Über- 
haupt lichtet sich das Dunkel, das die elementaren Formen des Seins umhüllt, 
in der Welt der Moleküle schon merklich; die ersten Gestalten tauchen aus 
den Nebeln der Abstraktion auf, und damit beginnt auch der Zauber des 
Schönen zu spielen. Da alle chemisch einheitlichen Körper imstande sind, 
zu kristallisieren, und diese Kristallformen dem ganz bestimmten Gesetze 
unterworfen sind, daß in ihnen niemals eine gewisse Zahl von Symmetrie- 
achsen wiederkehrt, kann man sich von ihrer feineren Struktur kein anderes 
Bild machen, als daß sie aus Elementarteilen von gleicher Gestalt aufgebaut 
sind. Denn nur dadurch, daß jeder Teil auf die ihn umgebenden ganz ein- 
heitlich wirkt, lassen sich die Erscheinungen der vorhandenen Kristallfor- 
men erklären. Oder mit anderen Worten: die Gestaltungen der in der Na- 
tur vorkommenden und künstlich erzeugbaren Kristalle sind nur unter der 
Voraussetzung zu verstehen, daß sie aus lauter physikalisch miteinander 
identischen, der Kristallform entsprechenden Teilen elementarster Art, näm- 
lich aus bestimmten Ebenen voll Molekülen aufgebaut sind. 

In Flüssigkeiten und Gasen besitzen die Moleküle sicher die Form, welche 
nach allen Richtungen hin das vollkommene Kräftegleichmaß entfalten kann, 
sie haben nämlich Kugelgestalt. Ihre Größe schätzten die verschiedenen For- 
scher, die sich mit der Zerteilung der Materie abgegeben haben, allerdings 
sehr verschieden ein, wobei keine Klarheit zu erlangen ist, ob dies eine Folge 
der Arbeitsmethode oder eine Gesetzlichkeit der Natur war. Lord Kelvin, 
der die geistvollen Versuche mit Ölhäuten machte, nimmt 1—0,1 uu an. 
Röntgen, der auch auf diesem Gebiete tätig war, denkt an 0,5 fiu, andere 
Forscher kaum an die Hälfte. Jedenfalls sieht man daraus das eine, daß sich die 
Leistungsfähigkeit der gebräuchlichen Mikroskope vertausendfachen müßte, 
bevor man in die Wunder der Molekularwelt hineinsehen könnte. Dann frei- 
lich wäre es wohl ein Leichtes, festzustellen, warum das Gewicht der Moleküle 

tranci, Bios ( i 

113 



mit der Temperatur bald abnimmt, wie bei den meisten Elementen (z. B. hat 
Phosphor bei 313o das Gewicht von 112,8, beilTOO» dagegen nur 9,12), bald 
aber unveränderlich bleibt wie beim Sauerstoff, der immer 32 behält, ob man 
ihn nun bei 182,5o unter Null sieden läßt oder ihn auf 1700° erhitzt. Dann 
würde auch Licht fallen auf die Grundannahme der Molekulartheorie, die von 
Clausius geschaffen wurde, daß sich die Moleküle bei Temperatursteigerung 
rascher bewegen, als sie es an sich tun, und dann z. B. so ungeheuerliche 
Wirkungen entfalten, wie wir sie durch den Luftdruck von Explosionen erleben. 

Diese wunderbare Molekulartheorie, die sich an die drei Namen Clausius, 
Maxwell und Boltzmann knüpft, hat auf rechnerischem Wege versucht, das 
fehlende Mikroskop zu ersetzen, und hat uns in der Wärmelehre eine Deu- 
tung von alltäglich wahrnehmbaren Naturvorgängen gegeben, die mit zu 
dem Wunderbarsten der an Wundern tatsächlich nicht eben armen Physik 
gehört. Sie hat uns den gasförmigen Zustand der Materie auffassen ge- 
lehrt, als den einer Molekularmenge, deren einzelne Teile sich in steter Be- 
wegung befinden. Unregelmäßig sollen sie nach dieser Theorie durcheinander- 
sausen, häufig zusammenstoßen und dann auseinanderprallen wie getrof- 
fene Billardbälle. Sie bewiesen die Bewegung der Gasteilchen durch die 
Schnelligkeit, mit der sich ein Gas im luftleeren Raum ausbreiten kann. 
Durch die Stöße an die Wand eines Gefäßes üben sie gemeinsam einen meß- 
baren Gasdruck aus, von dem aus sich rechnerische Analyse treiben läßt. 
Das war der Weg, auf dem sich entdecken ließ, daß sich die Geschwindig- 
keit der Molekularbewegung genau nach dem Gesetz ändert, in dem auch 
Temperaturänderungen erfolgen. Namentlich die Tatsache, daß nur die Tem- 
peratur den von der Theorie geforderten, sich selbst ausgleichenden Zu- 
stand der Materie darstellt, brachte zu der Überzeugung, daß das, was wir 
jär den Grad der Temperatur halten, nichts als der Grad der inneren 
Molekularbewegung der Materie sei. 

Unglaubliches, Unerhörtes, in fernste Fernen Tragendes war damit be- 
hauptet und rechnerisch nachgewiesen. Man bedenke doch: eine neue 
Sinnestäuschung der Zoesis war aufgedeckt! Was man für Wärme hält, ist 
eigentlich eine Summe von Bewegungen. Auch mit der durch die Relativi- 
tätserkenntnis geforderten Einschränkung bleibt die Sache unerhört. Wärme 
ist ein Integrationsphänomen der Molekularwelt. Kalte, warme Moleküle 
gibt es nicht, nur kalte oder warme Körper. In einem Gleichnis gesprochen : 
man wird gezwungen, etwa zu glauben, daß das rasche Vorbeifliegen einer 
Schar kleinster Vögel von jemandem als Anzünden eines Kaminfeuers 
empfunden wird. Aber dieser Glaube deckt sich mit den Gesetzen von Gay- 
Lussac und Avogadro und der gesamten Weltordnung. *) 

Er zwingt uns, anzunehmen, daß Wärme ein rasender Tanz der Welt des 
Seienden ist; er zeigt uns, daß es einen Ruhepunkt für sie nur bei — 273°C 
gibt. Diese Temperatur, die man den absoluten Nullpunkt nennt, ist der 

*) Unter der Modifikation quantenmäßiger Verteilung. 

114 



Ausdruck dafür, daß die Molekularbewegung vollständig zur Ruhe gekommen 
ist. Aus dem Gesetz vom Gasdruck ließ sich errechnen, daß bei 0° das Stick- 
stoffmolekül mit der Geschwindigkeit von 492 Meter in der Sekunde dahin- 
rast, das Wasserstoff molekül sogar mit 1844 m/sec. Das ist Geschoßge- 
schwindigkeit. Und nun versteht man auf einmal, was Luftdruck ist und was 
ihm die kolossale Wucht verleiht: er ist das Trommelfeuer der Moleküle. 

Und schließlich war hier auch die rechnerische Möglichkeit gegeben, die 
unmittelbaren Messungen nachzuprüfen und Größe und Zahl der Moleküle 
festzustellen. Diese Zahlen verdienen deswegen Beachtung, da die kine- 
tische Theorie der Gase, aus der sie stammen, tatsächlich imstande war. 
sämtliche Eigenschaften der gasförmigen Körper in einem logisch geschlos- 
senen System befriedigend zu erklären. 

Die Theorie fordert von dem Verstand nur die Konzession, anzunehmen, 
daß die Moleküle unter Umständen enger oder weiter auseinander liegen. 
Ein gasförmiger Zustand der Materie ist gegeben, wenn sie wie ein Mückcn- 
schwarm in sonniger Luft auf und nieder tanzen. Wenn sie aber nahe bei- 
sammenstehen, so daß das einzelne nur noch kleine, schwingende oder krei- 
sende Bewegungen ausführen kann, dann erscheint ihre Gesamtmasse als 
Flüssigkeit, von der man mit einem zwar nicht gerade anmutigen, aber 
höchst anschaulichen Bilde gesagt hat, daß in ihr die Moleküle durchein- 
anderkriechen wie Regenwürmer. Es wird sich hierbei des öfteren ereignen 
müssen, daß ein Molekül sich aus seinem Gesellschaftsverband löst und zu 
anderen Gruppen hinüberschlüpft, ebenso oft, daß Moleküle aus ihrem Ver- 
band in den freien Raum über der Flüssigkeit hinausfliegen. Man spricht 
dann von Dämpfen und Verdunstung und hat sofort den Schlüssel der Er- 
klärung zur Hand, warum durch Wärme, nämlich beschleunigte Molekular- 
bewegung, eine Flüssigkeit sich in Dämpfe auflöst, sogar ein fester Körper 
(Eisen) glutflüssig werden kann. Bei dem gewöhnlichen Bewegungsmodus 
(= Normaltemperatur) sind feste Körper eine Anhäufung von Molekülen, 
die so nahe zusammenstehen, daß jedes von ihnen nur mehr kleine Schwin- 
gungen um eine Mittellage ausführen kann. Immerhin kriechen auch noch 
sie durcheinander, denn man hat z.B. an vergoldeten Metallgegenständen 
bemerkt, daß nach langer Zeit einzelne Goldteilchen von der Oberfläche tief 
ins Innere eingedrungen sind. 

Es hat also jedes Molekül in jedem Bewegungsgrad einen gewissen Raum 
zu seiner Verfügung, in den Gasen sogar eine gewisse mittlere Weglänge 
(die z. B. für Wasserstoff auf 178 \x)i berechnet wurde), aus der man, wenn 
man dazu die Dichtigkeit des Gases kennt, den Radius der Moleküle leicht 
bestimmen kann. So fand man ihn für Wasser und Luft 0,4 hh, für Sauer- 
stoff 0,2 \i]i, für Kohlensäure nur 0,15 mm- W«e man sieht, stimmen diese 
Zahlen mit den von Lord Kelvin, Röntgen u.a. direkt festgestellten übcr- 
ein. Und so mag es uns auch gewiß sein, daß man wenigstens in gewöhn- 
lichem Licht niemals ein Molekül wird erblicken können. 

r 
115 



Dagegen hat der Scharfsinn eines französischen Kopfes darauf aufmerk- 
sam gemacht, daß man sehr wohl die Molekularbewegung selbst im Mikro- 
skop beobachten kann. Und das ist ein Vergnügen, das sich jedermann, 
der über ein Vergrößerungsglas verfügt, leicht verschaffen mag. 

Man braucht nur einen Tropfen recht fein verteilten Schlamms bei etwa 
600 bis SOOfacher Vergrößerung zu betrachten, nachdem sich alle Strö- 
mungen im Präparat beruhigt haben. Dann erwacht ein geheimes Leben in 
all den vielen hundert feinsten toten Körnchen und Stäubchen, die im 
Wasser schwimmen. Unruhig zuckend tanzen sie hin und her, und auf ein- 
mal drängt sich zwingend der Eindruck auf, jedes dieser Körnchen sei wie 
ein Ball unter den Tritten unsichtbarer winziger Fußballspieler (Abb. 30). 

Schon längst kannte man diese zitternde Unruhe kleinster Körnchen in 
Flüssigkeiten, die nach ihrem Entdecker ßrown'sche Bewegung hieß; aber 
erst /. Perrin machte darauf aufmerksam, daß sie nichts anderes sei, als der 
Ausdruck der Molekularstöße der Wasserteilchen. Die Moleküle des Was- 
sers spielen mit den Körnchen Fangball ; die Bewegungen sind das vergrö- 
berte Abbild der Bewegungen eines Moleküls. Und indem man sie nun genau 
erforschte, fand man in ihnen wirklich alle Gesetzmäßigkeiten, welche die 
kinetische Gastheorie gefordert hat, und kam so durch unmittelbare Beobach- 
tung zu ihrer Bestätigung. Auf diese Art ließ sich auch wieder der Radius 
der Moleküle selbst feststellen. Seitdem kann man mit Sicherheit sagen, daß 
er durchschnittlich um 0,1 |U|a schwankt, und daß der Abstand der Moleküle in 
Gasen voneinander etwa 12 — 20mal größer als der Durchmesser der Teilchen 
selbst ist. Kennt man aber Radius und Weglänge der Moleküle, so ist es eine 
Kleinigkeit, auch das Volumen und nach ihm die Zahl der Teilchen in einem 
gegebenen Raum festzustellen. Das wird durch die Losckmidt'sche Zahl an- 
gegeben; sie beträgt z.B. für Gase in einem Kubikzentimeter 21 Trillionen. 

Das alles ist unanschaulich und übersteigt die Zoesis ins Maßlose. Daher 
muß ich diese Zahlen durch Vergleiche faßlich machen. Ein Wassermole- 
kül steht in seiner Größe zu einem kleinen Apfel in demselben Verhältnis, 
wie dieser zu der Erdkugel. Hieraus mag man die Feinheit der Ölhäute- 
versuche ermessen, da es sich doch gezeigt hat, daß die 0,3—0,4 ^^^^ dicke 
Schicht, bei der noch eine zusammenhängende Decke vorhanden ist, gerade 
nur durch eine einzige Lage von Molekülen gebildet sein kann. Das läßt 
immerhin hoffen, sie in solchen dünnen Schichten zu Gesicht zu bekommen. 
Wenn auch das gewöhnliche Mikroskop dabei versagt, da die besten, welche 
die unbestritten als erste anerkannte Firma Zeiß, Jena, baut, nur Teilchen von 
0,2 fi erkennen lassen, so hat man doch Hoffnungen auf das öltramikro^ 
skop gesetzt, das Beugungsbilder kleinster, scharf beleuchteter Teilchen, 
also Schattenbilder entwirft (vgl. Abb. 40), die z. B. bei kolloidal zerteiltem 
Gold 100 bis 150|Li|Li große Goldteilchen prachtvoll unterscheiden lassen, das 
sogar noch grüne Goldteilchen von 20—25 |u|li Durchmesser klar macht, 
dann aber auch die Grenze seiner Leistungsfälligkeit erreicht hat.^^) 

116 



Es wäre immerhin vielleicht möglich, daü bei fluoreszierenden Körpern 
das Ultramikroskop manchmal einzelne Moleküle aufblitzen läßt. Im all- 
gemeinen aber muß man sich dabei endgültig bescheiden, daß auch im 
Himmel des kleinsten Raumes wie am Firmament der größten Weiten die 
letzten Einblicke für immer dem menschlichen Auge verschlossen sind. 

Die seltsame Welt, an deren Pforten wir da sehnsüchtigen Auges har- 
ren, ohne in sie eintreten zu können, stellt den Menschen vor die gleiche 
Aufgabe, die er hatte, als er die Lebenserscheinungen deuten mußte, ohne 
jemals eine Zelle als den Lebensträger gesehen zu haben. Gewiß erblicken 
wir mit jedem Augenaufschlag Moleküle, aber stets im Trillioncnverband 
als Massenphänomen, gemeinsam exerzierend wie eine Armee, aus großer 
Ferne gesehen. Aus dieser Perspektive lassen sich freilich, wie wir ge- 
sehen haben, reichlich Rückschlüsse wagen, und das mag uns doch mit 
gutem Mute erfüllen; wenn auch das Einzelne unserem Auge verborgen 
bleibt, so ist doch das Gesetz sichtbar, das aus seinem Zusammenwirken 
mit der Schar seiner Genossen entstand und die zauberhafte Welt der 
Materie regelt, die uns allenthalben umgibt. 

Nach alter Meinung ist in ihr der Stoff in den dreierlei Formen ent- 
halten: gasförmig, flüssig und fest, die man als Aggregatzusiände bezeich- 
net hat. Diese Einteilung ist aber allmählich überholt und zunächst durch 
die Feststellung ersetzt worden, daß es, stets abhängig von Temperatur 
und Druck, eigentlich nur einen amorphen und einen kristalünischcn Zu- 
stand gibt. Der amorphe faßt den gasförmigen, flüssigen und glasförmigen 
Zustand zusammen, für den gemeinsame molekulare Gesetze gelten, wäh- 
rend kristallinisch alles übrige ist, so wenig man ihm den Kristallzustand 
auch von außen ohne weiteres anzusehen vermag. 

Für den ersten Teil des Satzes bedarf es keiner besonderen Belege, son- 
dern nur des Rückerinnerns an das, was wir von den Gesetzen des Erd- 
inneren wissen. Je stärker der Druck, desto differenter ist der Zustand der 
Materie von dem allgemein bekannten. Auch daß durch Hitze Metalle und 
Glas in Flüssigkeiten verwandelt, Wasser und andere tropfbare Dinge aber 
durch Kälte steinhart werden, gehört noch zu dem Weltbild des Alltags. 

Dagegen braucht der Begriff des Amorphen einige Erläuterung im Sinne 
tiefer dringenden Wissens. Von altersher hat man gewisse Mineralien, wie 
den Opal, den Bernstein oder Obsidian in Gegensatz zu den kristallinischen 
Körpern dadurch gestellt, daß man annahm, sie besäßen keine regelmäßige 
Anordnung der kleinsten Teile wie jene. Und zu den Schulversuchen ge- 
hörte es seit der Alchimistenzeit, daß kristallinischer Schwefel, den man 
auf 240 C erhitzt und dann rasch abkühlt, sich in ein ganz neues Gebilde 
umformt, das nicht einmal körnig oder faserig, sondern absolut klotzig, 
strukturlos, eben amorph wird. Mit dem Aufkommen der Molekular- 
begriffe legte man sich das so zurecht, daß durch das rasche Abkühlen die 
Moleküle gar keine Zeit gefunden haben, sich nach den Gesetzen einer 

117 



regelmäßigen Struktur zu lagern. Später hat sich, namentlich nach dem 
Vorbild von W. Ostwald und O. Tamann, die Gepflogenheit eingeführt, 
solche amorphe Körper als „feste Flüssigkeiten'^ aufzufassen, bis O. Leh- 
mann, der berühmte Entdecker der flüssigen Kristalle, lehrte, die amorphen 
Körper als ein Gemisch von flüssigen und festen Kristallen anzusehen, und 
den Ausdruck feste Körper nur für die kristallisierten Dinge behielt. Damit 
bekommt man zum erstenmal auf diesem Gebiet festen Boden unter die 
Füße. Jedenfalls ist also der kristallinische Zustand der Körper wirklich 
scharf unterschieden von den anderen Möglichkeiten des Seins. 

Wenn im Sinne der Molekularanschauung der gasförmige Zustand durch 
wildes Umherfliegen, der flüssige durch Durcheinanderkriechen und der 
amorphe, feste durch relative Starrheit der Moleküle gegeben sein soll, so 
läßt sich der kristallinische dadurch kennzeichnen, daß in ihm die Mole- 
küle bestimmten richtenden Kräften unterworfen sind! 

Abkühlen, d, h. Verminderung der kinetischen Energie schafft aus Flüs- 
sigkeiten feste Körper. Das ist eine Erfahrung, die uns an jedem Winter- 
tag stets aufs neue in die Sinne geprägt wird. Aber zugleich zeigen sich 
dann in allen fest gewordenen Flüssigkeiten, in allen fest gewordenen 
Körpern überhaupt, Differenzen der Kohäsion je nach den Richtungen. In 
gewissen Linien überwiegt die zusammenhaltende Kraft der Moleküle ganz 
ansehnlich, so daß sich ein gewisses Skelett von Druck- und Zuglinien 
herausfinden läßt, das dem ganzen Gebilde Form und Funktion bestimmt. 

Molethynen oder molekulare Richtkräfte nannte man diese Eigenschaft, 
die von der C/flws/tts'schen Molekulartheorie zwar nicht erklärt, aber auch 
in keiner Weise abgeleugnet werden kann. Man hätte sie als Besonderheit 
des kristallinischen Zustandes bezeichnet, wäre es Lehmann nicht gelungen, 
sie auch in Flüssigkeiten nachzuweisen. Allerdings drehte er den Spieß 
um und rechnete auch die Arten von Flüssigkeiten, in denen sich diese Ge- 
staltungskraft meldet, zu den Kristallen. Auf diese Weise geriet er auf 
den Begriff der flüssigen Kristalle. (Vgl. Abb. 39). 

Mit einem Schlag eröffnete sich da der Einblick in eine neue Gesetzlich- 
keit der Welt, die der Integrationsstufe der aus Molekülen zusammengesetz- 
ten Körper eignet und in einheitlichem Zusammenhang erst jetzt beginnt, 
einige Beachtung zu finden. 

Am besten bekannt ist sie in der Welt der Kristalle. Dort heißen die 
Molethynen von altersher Symmetrieachsen, die in sechs Varianten zusam- 
men 32 Klassen von Kristallformen zu unterscheiden gestatten. (Abb. 29.) 
Es ist erstaunlich oder von einem höheren Standpunkt aus sehr begreiflich, 
daß bei der Bildung von Kristallen zuerst deren „technisches Skelett" vor- 
handen ist. Entlang den Symmetrieachsen lagern sich Moleküle in der Art, 
wie man das an den Schneeflocken in jedem Winter bewundern kann. 
(Vgl. Abb. 31.) 

Der Schneekristall ist ein wunderbares Kunstwerk natürlicher Technik 

118 



(Biotechnik), kristallisiertes Wasser im Anfangsstadium seiner Bildung. So 
wie er oder wie Eisblumen oder Salzbildungen (Abb. 33 u. 32) sehen alle 
Kristalle im Beginn ihres Aufbaues aus, jeweils entsprechend den Mole- 
thynen des Systems ihrer Substanz. Erst allmählich setzen sich an die 
Hauptachsen Nebenzweige, Verspannungen an, bis schließlich alle Zwischen- 
räume so weit ausgefüllt werden, daß die vollkommene Verwirklichung der 
jeweiligen Systemform entsteht. (Vgl. Abb. 29.) 

Das Vollkommenste der Symmetriesysteme heißt das reguläre (Abb. 29 
Fig. B), zu dem der Würfel, die allbekannte Kristallform des Kochsalze'i. 
oder das Oktaeder, die Form 
des Alauns, auch die Kristall- 
formen das Diamanten (eigent- 
lich Adamant) und der edlen 
Metalle (Gold, Silber, Platin) 
mit ihren entsprechenden 
Kombinationen gehört. 

In diesem System lassen 
sich durch den Kristall drei- 
mal drei Symmetrieebenen le- 
gen, so daß sie der Kugel, der 
vollendetsten Gestalt und dem 
Symbol höchster Harmonie, 
am nächsten stehen. Jede 
Fläche ist hier der anderen 
gleichwertig, was bei keinem 
anderen System wiederkehrt. 

Alle übrigen Kristallsysteme 
haben weniger Symmetrieebe- 
nen und verwirklichen keinen 
so vollkommenen Zustand der 
Materie. Warum das so ist, 
weiß man nicht; es gibt für 
das Verständnis nur den einen 
Fingerzeig, daß auch die Kri- 
stallformen, wie die Aggregatzustände überhaupt, Temperaturwesen sind! 

Das ist eine der wunderlichsten Einsichten in das geheime Leben der 
Materie. Von Frankenheims Untersuchungen ausgehend, hat man nachge- 
wiesen, daß die chemischen Stoffe nicht für immer eine Gestalt haben, son- 
dern je nach dem Bewegungszustand ihrer Moleküle, populär gesprochen, 
also je nach der Temperatur ihrer Umwelt, die sich ihnen mitteilt, mehrere 
Möglichkeiten der Singulation. Sobald eine bestimmte Temperatur über- 
schritten wird, wird auch sofort die jeweilige Temperahirform zerstöt, und 
eine neue tritt auf. So hat, um nur ein Beispiel zu nennen, Ammoniumnitrat 




Abb. 29. Kristallformen: A Tetragonalcs Pii-^ma 
mit Pyramide (quadratisches System). B Trcp- 
penförmije Absätze in einem Würfel (reguläres 
System). C Rhomboeder (hexagonales System). 
D Tetraeder mit Tetraeder (reguläres System). 
E Gipskristalle im monosymmetrischen System. 
F Kalzit in Form des Skalenoeders (hexag. Syst.) . 



119 



fünf feste Gestalten, die fast alle Kristallsysteme durchlaufen. Das reguläre 
stellt sich ein zwischen 161—1250, das tetragonale zwischen 125—83", das 
raonokline zwischen 83—32", das rhombische zwischen 32 und —16" und 
nochmals ein tetragonales von da ab bis zum absoluten Nullpunkt.") Von 
hier aus wird wohl der Zugang eröffnet werden, um in die heute noch ganz 
rätselvolle Welt der molekularen Richtkräfte eindringen zu können, wobei 
als anspornender Anblick die Tatsache wirkt, daß auch anderes, was ein 




Abb. 30. Der Weg eines in Brown'scher Molekularbewegung befindlichen Körnchens 

Sein hat, von der molekularen Bewegungsart abhängig ist. Auch die Plasma- 
wesen, die Lebensformen und mithin auch der Mensch sind Temperatur- 
formen, deren Existenz an die Grenztemperaturen 0—62° gebunden ist. 

Es will dünken, als ob es nach dieser Einsicht nicht allzu schwer sein 
dürfte, die einzelnen Kristallsysteme, oder richtiger gesagt, die Gesetze der 
Molethynen mit den Modifikationen der molekularen Bewegung in Gesetzes- 
zusammenhang zu bringen. Fast zwingend drängt sich wenigstens der Ge- 
danke zu, daß es nur der größten Beweglichkeit gelingen kann, die voll- 
kommenste aller Formen zu erreichen, wobei die Tatsache, daß die allen 



120 




Abb. 31. Kristallskclcttc. Formen tlcr SchiiccflDckcn 

(Scliwacli vcrgroCcrt) 




Abb 32a. Mikrokristallinische Formen von Salzen bei schwacher Vergrößerung 

Man beachte besonders die pflanzenblatt- (1. 4) und blütenähnliche (2, 5) Gestaltung, sowie d,e Kernb.ldungen (3, .) 

(Original) 




Abb. ■J2b. Kristallai^yrci^atc \uii Sal/cii bei .scliuaclici \ cii^ioliciiiiii^ 

ern teilweise an künstliche Zellen (1, 4), teils halten sie ein Abbild von Strömungs- und Dlffusions- 
vorgangen fest (J, 5). (Original) 



Flüssigkeiten zukommende organische Form, nämlich der kuireligc Tropjen, 
nur durch die ihnen eignende absolute Beweglichkeit der Moleküle erreich- 
bar ist, eine treffliche Stütze abgibt. 

Von da aus versteht man dann auch sehr wohl, warum die „beschränkte- 
ren Bewegungsformen", wie man die niedrigeren Temperaturen entsprechen- 
den Kristallsysteme nennen könnte, ein Stufensystem absteigender Vollkom- 
menheit bilden. Schon das hexagonale Kristallsystem hat statt neun Sym- 
metrieebenen nur mehr sieben, und deren Zahl sinkt durch das quadra- 
tische (5), rhombische (3), einfach symmetrische oder monoklinc (1) bis 
zum völligen Mangel an Symmetrie herab, den man bei dem triklincn 
System findet, das deswegen noch besser das unsymmetrische genannt ist, 
wofür dass kristallisierte Kupfervitriol ein allgemein bekanntes Beispiel ab- 
gibt. (Vgl. Abb. 29.) 

Man darf sich bei dieser Betrachtung nicht irreführen lassen durch die 
Halbformen nach Art des Tetraeders (Abb. 29 D), das nur von vier gleich- 
seitigen Dreiecken begrenzt ist, im ersten Augenblick daher einen absolut 
unregelmäßigen Eindruck macht; die drei Hauptsymmetrieebenen des regu- 
lären Systems sind trotz des Ausfallens so vieler Flächen erhalten geblieben. 
Die ungeheure Mannigfaltigkeit der Kristallgcometrie ist jedem von uns 
noch in abschreckender Erinnerung durch die absolut sinnlose Art, wie sie 
als bloße Aufzählung von Formen mineralischen Seins gelehrt wurde, ohne 
daß man jemals etwas von dem Zusammenhang dieser Formen mit den 
Weltgesetzen erfahren hätte. Wie anders kann Kristallographie, die auch 
jetzt noch in allen Werken volkstümlicherer Art ein Schreckenskapitel zum 
Überschlagen ist, für das Leben fruchtbar gemacht werden, wenn man von 
vornherein erfahren würde, daß sich in den Kristallen eine Vorstufe des 
Lebendigen auswirkt, eine Probiose, die durch die geheimnisvolle moleku- 
lare Richtkraft das Lebendig-Sinnvolle tief verankert in der eisig mathema- 
tischen Welt starrer Seinsgesetze. 

Wie anders wirkt es doch, wenn man erfährt, daß schon bei der Ent- 
stehung eines Kristalles aus einer übersättigten Lösung die Diffusionsströme, 
welche die ersten Moleküle zusammenlagern (deren erste sichtbare Mani- 
festation der Kristallotiker Globulite nennt), von einer Notwendigkeit ge- 
lenkt werden, die gleichsam das statische Schema des späteren Gebäudes 
mit der Treffsicherheit eines Technikers entwirft! (Vgl. Abb. 34.) Es wird 
dadurch ein tragfestes und haltbares Skelett ausgeführt, einfacher oder kom- 
plizierter, in dem Maße, in dem die Beweglichkeit der Moleküle es gestattet. 
Davon allein hängt die jeweilige Erscheinungsform der kristallisierten Mate- 
rie ab. Die geometrische Form ist gewissermaßen das Kleid, das die Welt- 
gesetze jeweils der Materie anzulegen gestatten. Von den Störungen dieses 
Prozesses ist es bedingt, ob sich die Halbformen der Tetraeder, der Keile 
(Sphenoide), der Rhomboeder, ausbilden, ob Zwillinge entstehen, die in der 
Kristallwelt so häufig sind, ob sich Flächen trichterförmig vertiefen, sich 

121 



rillen, ob Verwachsungen und Kombinationen erfolgen oder alles so zusam- 
meng'eschüttelt wird, daß nur jenes kristallinische Gefäge (vgl. Abb. 33) 
entsteht, das für die Metalle, überhaupt alle festen Körper, soweit sie nicht 
amorph sind, kennzeichnend ist. Denn, wenn auch alltägliche Bildung nichts 
davon weiß, so ist doch fast die ganze Masse der Erde kristallinisch, ja 
es besteht sogar die gerechtfertigte Vermutung, daß die Erde als Himmels- 
körper selbst, so wie der Mond und die Planeten, eine ungeheure Kristall- 
form sei. Jedenfalls bestehen auch die Meteoriten (vgl. Abb. 22) aus Kri- 
stallen, so daß diejenigen, die noch daran gezweifelt hätten, daß diese Ge- 
setze kosmisch sind, sich dadurch überzeugen lassen können. Alle Eisen- 
konstruktionen haben kristallinisches Oefüge, was sich durch das Glitzern 
der Bruchflächen an Gußeisen auch dem Unkundigen verrät. Backsteine, 
Mörtel, Geschirr, Salz, Zucker, Gesteine aller Art, kurz alles, soweit es 
nicht organisch ist, erscheint in kristallinischen Formen, und so ist das 
Reich der Kristalle nicht nur das größte auf Erden, sondern seine Probleme 
sind auch die tiefsten im ganzen Reiche des Seins. 

Denn es ist das tiefste Problem unseres ganzen Erlebens, daß die mole- 
kulare Anordnung logischen Gesetzen folgt! Das steckt doch hinter den 
Molethynen, hinter den drei großen Hauptgesetzen der Kristallbildung, die 
man als das Winkel-, das Zonengesetz und als das Gesetz der Symmetrie- 
ebenen unterscheidet, letzten Endes also hinter den grundlegenden Eigen- 
schaften der Moleküle und der sie bedingenden Atomwelt! 

Wenn insgesamt nur 230 Kristallformen möglich sind, wie die Kristall- 
geometrie ausgerechnet hat, und nur 6 Kristallsysteme, wenn nicht alle denk- 
baren Flächen und Winkel und nicht jeweils andere, sondern starr und un- 
veränderlich unter allen Umständen nur die gleichen entstehen (dies ist die 
Aussage des Gesetzes von der Konstanz der Kantenwinkel und jenes der 
rationalen Achsenschnitte), die rationell sind und wieder das Gesetz der mul- 
tiplen Proportionen und der Quanten wenigstens in großen Zügen wieder- 
holen, dann hat sich doch im Kristall Ratio, das heißt Logik ausgesprochen, 
und ein Weltgedanke ist in der Materie in Erscheinung getreten. Die Kri- 
stalle sind die verkörperte technische Zweckmäßigkeit! Man könnte das 
Problem optimaler Raumerfüllung technisch nicht mehr zweckmäßiger lösen. 
Hat man das erkannt, dann ist es nicht mehr verwunderlich, wenn das 
gleiche Gesetz auch in allen Integrationsstufen über den Kristallen wieder- 
kehrt und sich zunächst in den organischen Bildungen wiederfindet. 

E. Häckel hat in seinem Werke über die „Kristallseelen" im Jahre 1917 
zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß auch die Radiolarien, diese durch 
ihren wundervollen Formenreichtum berühmt gewordenen einzelligen Wur- 
zelfüßler der Hochsee, den sechs Kristallsystemen entsprechende sechs For- 
mengruppen besitzen (vgl. Abb. 38), in denen sich in den plasmatischen 
Skelettbildungen, die im Fall der Radiolarien aus dem gipsverwandten 
Coelestin oder aus Kieselsäure bestehen, ebenfalls Richtungskräfte auswir- 

122 



ken, deren Analogie mit den molekularen unverkennbar ist, mag man sich 
auch sonst in seinen Überzeugungen von denen Häckels weit entfernen. 

Diese Richtungskräfte sind im gesamten Reich des Lebendigen tätig; sie 
sind es, die vorzugsweise den Gesamttypus der Lebensformen, vor allem die 
aktinomorphe, also strahlige (radiale) Struktur und Organlagerung der 
Stachelhäuter (Echinodermaten) des Meeres (vgl. Abb, 35), der Hohltiere 
(Coelenteraten) und vieler Pflanzenorgane (man denke nur an die Sym- 
metrie der Blüten) bestimmen; sie sind es auch, auf denen die in neuerer 
Zeit so viel studierte Erscheinung der Polarität beruht. 

Die Biologie hat längst gelernt, das Eigenschaftenkleid von Pflanze und 
Tier auf die Anpassungsfähigkeit des Lebensstoffes zurückzuführen. Daß 
eine Pflanze große, weitausgebreitete Blätter hat gleich der Zimmerlinde 
oder auch winzige, stachelige Blattreste nach Art des Stechginsters (Ulex), 
daß die Säugetiere bald mit Hilfe von Laufwerkzeugen schnell auf den 
Steppen sich herumtreiben, bald mit flossenartigen Gliedmaßen nach Art 
der Delphine und Wale das Wasser durchschwimmen oder als Fleder- 
mäuse mit ausgespannten Flughäuten das Dunkel der Dämmerung durch- 
eilen, das alles ist von ihr restlos zurückgeführt auf die Anpassung zur 
Befriedigung der Lebensbedürfnisse. Nicht beantwortet aber ist die Frage, 
warum es die 6 Haupttypen des Tierreiches: die Einzeller, die Hohltiere, 
die Stachelhäuter, Insekten, Weichtiere, Manteltiere und Wirbeltiere und 
die großen Typen des Pflanzenreiches: Spaltpflanzen, Algen, Pilze, Moose, 
Farne und Blütenpflanzen gibt, warum ein Seestern (Abb. 35) immer strah- 
lig, ein Insekt jedoch niemals strahlig, sondern stets zweiseitig symmetrisch 
gebaut sei! Die achselzuckende Antwort auf solche Frage, es liege eben 
im Bauplan der Lebewesen, läßt sich nun zum erstenmal sinnvoller ge- 
stalten. Die Richtungskräfte sind es, die bereits das Anorganische in be- 
stimmte Bahnen zwingen, wobei allerdings die Möglichkeit am Horizont 
leuchtet, auch die Kristallformen als notwendige Ausglcichsform von Exi- 
stenzbedingungen zu fassen. Ihr Gebundensein an Temperatur, d. h. an mo- 
lekulare Bewegungsformen, läßt nur diese Antwort offen. Und wenn auch 
die Forschung noch nicht so weit ist, es als Gesetz der objektiven Kristal- 
lotik auf ihre Tafeln zu schreiben, so fühlt sie sich in die Gedankenbahn 
gedrängt, die Kristallform als die notwendige Seinsform der Materie zu 
deuten. Das Kraftlinienskelett des jeweiligen Zustnndcs ist nach dieser 
Denkungsart nötig, um in diesem Zustand nicht auseinanderzufallcn, son- 
dern im Sein beharren zu können. Der Monismus der Formen, der sich da- 
durch zwischen Kristallmolethynen und Skelettformen der Radiolaricn aus- 
spricht, ist daher nur der Ausdruck des gleichen Scinsgesetzes. So erklärt es 
sich nicht nur, warum es verschiedene Kristallformen gibt, warum bei glei- 
chem chemischem Bau gebunden an Temperatur und sonstige noch nicht 
durchschaute Bedingungen eine Polymorphie der Kristallbildung da ist, son- 
dern man versteht es auch, warum Kristalle stets mit dem Begriff einer 

123 



Substanz in ihrer größten Reinheit identisch sind. Sie sind nämlich die Not- 
wendigkeitsform der Substanz. 

Dieser Gedanke beleuchtet sogar die Weltstruktur in noch viel größe- 
rer Entfernung. Die Richtungskräfte müssen doch jedem Sein eignen, also 
nicht auf die Kristalle und Organismen allein beschränkt sein. 

Und tatsächlich, wir haben es ja bereits vernommen, daß O. Lehmann sie 
auch schon in Flüssigkeiten festgestellt hat, wodurch sie eigentlich in der 
gesamten Welt der Materie prinzipiell als vorhanden erkannt sind. Längst 
wissen wir, daß Flüssigkeiten so wie feste Stoffe in Gasen gelöst werden 
können; es ist demnach nur eine untergeordnete Aufgabe, die Richtungs- 
kräfte und damit die Möglichkeiten kristallotischer Gesetzmäßigkeiten auch 
in Gasen aufzufinden. Aber überraschender ist die auftauchende Vermutung, 
sie auch in den geistigen Zusammenhängen der Welt festzustellen. 

Kaum gedacht, wird sich auch im Kopfe jedes meiner Leser sofort die 
Erkenntnis einstellen, daß die offenkundige Polarität unserer Begriffswelt 
(gut-böse, Ormuzd-Ahriman in all den tausend Verkleidungen des Den- 
kens im Sinn Megel' scher These und Antithese) das gleiche Gesetz wider- 
spiegelt. Und aus diesem Spiegel blickt uns wohlbekannt und immer wieder 
vergessen, das zentrale Gesetz der Erkenntnis: die Biozentrik an. Wenn wir 
Polarität und Gliederung überall nach geometrischen Gesetzen in der Welt 
unseres Erlebens erkennen, dann war es, weil unser Denken diesen Ge- 
setzen unterliegt, sie daher in alles hinausträgt. Die Logik, die wir im 
Kristall fanden, war in unserem Suchen. Und logisch denken wir, weil 
schon die Gesetze des Wahrnehmens Logik in sich hegen. 

Wieder einmal gingen wir im Kreis eines Monismus, weil wir die Welt 
sind. Auf diesem Zusammenhang beruht auch das so unbegreiflich schei- 
nende Vermögen der Kristalle zu wachsen. Denn die molekularen Ricli- 
tungskräfte sind scheinbar unbegrenzt tätig. So oft neue Moleküle des Stof- 
fes in der Lösung herangebracht werden, können sie auch nach dem gül- 
tigen Gesetz den alten angelagert werden. Trotzdem hat dieses V/achstum 
seine Grenzen. Jeder Kristall hat seinen nicht überschreitbaren Umfang und 
darum auch IndividuaUtät. Viele sind sogar nur mikroskopisch klein, und 
selbst die ausgezeichneten Exemplare von Bergkristall, welche bekanntlich 
die größten aller Kristalle sind und manche Sammlung, z. B. die von Bern 
oder Innsbruck, in herrlichen Exemplaren schmücken, gehen nicht über die 
Dimensionen von drei Metern hinaus. 

Warum ist ihr Sein ebensowenig unbegrenzt wie das der Organismen? 
Auf diese Frage kann es nur eine einzige, sehr naheliegende Antwort 
geben. Weil offenbar das Vermögen der Systemteile — denn dieses Gesetz 
gilt ja wieder für alle, auch die geistigen Systeme — nicht ausreicht, um 
einen unbegrenzten Komplex in harmonischer Abhängigekit voneinander 
zu erhalten; mit anderen Worten, weil zur Harmonie Umgrenzung gehört. 

Zur Regeneration sind die Kristalle auf Grund ihrer molekularen Rich- 

124 



II» 




tungskraft ebenso befähigt wie die Organismen. Ein beliebiges Fragment 
eines Kristalls heilt wieder zum vollkommenen Kristall aus, wenn man es 
in eine übersättigte Lösung bringt. Ein besonders hübscher Versuch dieser 
Art läßt sich mit den farblosen Kalialaunkristallen anstellen, wenn man sie 
des einen Ecks beraubt und sie dann in eine offenstehende Chromalaun- 
lösung hängt; die fehlende Ecke erscheint alsbald in violetter Farbe aus 
Chromalaun ergänzt. 

Man hat, mit Recht, diese Tatsache als Beweis verwendet, daß in den 
Kristallen bereits Kräfte tätig sind, welche auch den Organismus auszeich- 
nen, mit anderen Worten, daß Kristalle „Organismen'^ sind. Denn auch der 
abgebrochene Eidechsenschwanz, die Krebsschere, sogar die Stielaugen der 
Krebse werden ebensogut regeneriert, wie es gelungen ist, Pflanzenranken, 
sogar abgeschnittene Blätter zum Ersatz der fehlenden Teile zu veranlassen. 

In allen diesen Fällen wird die gestörte Harmonie der Qesamtform wie- 
der hergestellt und merkbar gemacht, daß es sich bei solchem Geschehen 
nicht so sehr um etwas handelt, das als Lebenserscheinung der unbelebten 
Materie gelten darf, sondern um die Manifestation einer universell gültigen 
Erscheinung auch im Reiche des Lebens. Denn wenn man aus einer teig- 
artigen Kugel ein Stück ausbricht, wird sich gleichfalls ein Bestreben 
zeigen, die Lücke im Sinne der Kugelgestalt zu schließen, namentlich, wenn 
man der Masse Kugelfunktion verleiht (so wie dem Kristall und dem Or- 
ganismus Wachstumsfunktion eignet), sie nämlich rotieren läßt. 

Die Formenbildung tendiert dann immer wieder zum harmonischen Ab- 
schluß des Systems; ist dieser erreicht, hört sie ebenso wie das Wachstum 
auf, mag auch noch so viel Funktionsmöglichkeit vorhanden sein. Eine 
vollkommene Kugel ändert sich niemals mehr, mag sie nun beliebig viel rotie- 
ren. Und ebenso setzt der ebenmäßig gebildete metergroße Alaunkristall kein 
Molekül mehr an, mag man ihn noch so lange in übersättigter Lösung halten. 

Dieses Harmoniegesetz der Gestaltung, m\i dem wir uns als mit einem 
obersten aller Weltgesetze noch auf das Ausgiebigste zu beschäftigen haben 
werden, spricht aus den Kristallbildungen in solcher Reinheit, daß es als 
eines der großen Grundgesetze aller Kristallisation bezeichnet wird. 

Das sogenannte Gesetz der Zonen, welches besagt, daß alle Flächen des- 
selben Kristalles und alle Kristalle derselben Art im Zonenverband stehen, 
will damit folgende Tatsache erläutern: Betrachtet man einen vielflächigen 
Kristall näher, so findet man, daß die Flächen häufig parallele Kanten bil- 
den (vgl. Abb. 29). Stimmen nun wenigstens drei Flächen in parallelen 
Kanten überein, dann nennt man sie zusammen eine Zone. Bei einem Kri- 
stall stehen nun die Flächen der verschiedenen Zonen in einem solchen Ver- 
hältnis zueinander, daß, wenn nicht drei derselben in einer Zone liegen, alle 
ferneren Flächen sich von vier Grundflächen ableiten lassen. Das will das 
Gesetz, allerdings etwas unbeholfen, ausdrücken. Es ist damit eine Be- 
schränkung der Gestaltungsmöglichkeiten festgestellt, indem dadurch nur 

126 



sieben Gattungen von Symmetrie angegeben sind, die sich verwirklichen las- 
sen, eben jene, aus denen man die sechs Kristallsysteme und 32 Kristall- 
klassen abgeleitet hat. Diese Tatsache wird erläutert durch das schon er- 
wähnte Gesetz der rationalen Zahlen, nach dem nur rationale, also logische, 
haltbare Formen gebildet werden, die zugleich harmonisch sind. 

Durch diese Gesetze sind die Kristalle verkörperte Mathematik oder Logik, 
was auf das Gleiche herauskommt, und so erklärt sich die genaue Regel- 
mäßigkeit und unbeirrbare Gesetzmäßigkeit ihrer Bildung, vor der die 
Menschheit seit Jahrhunderten so bewundernd steht, daß sie sie in Form des 
Kultus der Edelsteine sogar in ihre religiösen Vorstellungen aufgenommen 
hat. Bei jeder Art von Materie gruppieren sich Teile unter genau bestimm- 
ten und konstant festgehaltenen Kantenwinkeln, nach eigenen Symmetrie- 
gesetzen und unter Wahrung rationaler Verhältnisse zu einer einheitlichen 
und harmonischen Kristallgestalt — das ist das Wunder höchster mole- 
kularer Komplikation, das uns in den Kristallen vor Augen liegt. Damit ist 
Symmetrie ebenfalls als molekulare (somit auch elementare) Eigenschaft 
erkannt. 

Denn Kristalle sind doch Bauten und bestimmte Anordnungssysteme von 
Molekülen. Daran kann man nicht zweifeln, wenn es auch noch bis heute 
keine kinetische Kristalltheorie gibt, welche die Wissenschaft von den 
Physikern unbedingt fordert, bevor sie die Molekulartheorie für befriedigend 
erklären kann. Ohne sie kann die Physik die Lehre von den festen Kör- 
pern gar nicht ausbauen. Und gegenwärtig widerspricht die Existenz von 
„molekularen Aggregaten mit vektoriellen Eigenschaften"")^ wie der 
Mechaniker die Kristalle benennen muß, vollkommen der kinetischen Theo- 
rie der Gase, auf der alles übrige ruht. Das darf niemals vergessen werden. 

Es ist nicht schwer vorherzusagen, daß die Übereinstimmung nur da- 
durch hergestellt werden kann, daß die Richtungskräfte auch im Wirken der 
Gase aufgefunden und in ihren molekularen Schematismus eingebaut wer- 
den. Und einen Weg hierzu hat ja bereits Boltzmann-^) gebahnt, wenn er 
glaubt, die Eigentümlichkeiten des kristallinischen Zustandes durch die Art 
der molekularen Schwingungen erklären zu können. Das hierfür gültig er- 
scheinende theoretische Bild der Kristalle, das alle die geschilderten Merk- 
würdigkeiten zusammenfaßt, hat schon im Jahre 1824 Seeber entworfen, und 
es wurde von Sohnke zu der Raumgittertheorie ausgebaut, die jetzt noch 
immer die von den meisten Kristallographen festgehaltene Deutung ist. 

Nach ihr sind die kleinsten Teilchen der Kristalle auf parallelen Graden 
in allen drei Richtungen des Raumes in Reihen geordnet, wie es Abbildung 36 
als Modell zeigt. Über die Gestalt der Partikel macht man sich keine Vorstel- 
lung, lehnt also die alte Vorstellung des Begründers einer wissenschaftlichen 
Kristallkunde, des Abbi Haüy ab (vgl. S. 63), nach der die Kristallmolcküle 
die jeweilige Kristallgestalt besitzen sollen. Dagegen ist das durch sie gebil- 
dete Raumgitter ein Abbild ihrer Symmetrie und Zonengesetze. Und darum 

127 



ist ein Kristall immer nur in der für ihn typischen Form spaltbar, wie man 
sich leicht überzeugen kann. Wenn man einen großen Alaunkristall oder einen 
Kochsalzwürfel mit einem kräftigen Hammerschlag zertrümmert, dann zer- 
fällt er in eine große Anzahl von Rhomboedern oder Würfeln, als Zeichen, daß 
sich sein Symmetrie- und Harmoniegesetz bis ins kleinste hinein wiederholt. 
Zwischen den Partikeln sind leere Räume, die auf dem Modell, das das Raum- 
gitter eines Diamantwürfels darstellt (Abb. 36), freigelassen sind, um da- 





.4-ö''^ 


g 


s 








\^ 


^ 






'"- u ^ 




/bl/' 


y 




^ 










v\ 




y^ ^#^nM* 


/ 


;,..• 


/ 




"^C#\ 


sÄ 




^ 


lil^ 


y^ a! ^3 






y 


■■f 


1^ W( . 


y) 








ni 


V ^ 










/ 








^^ 


5 


^ 


/ 


> 


\ M 


>i 


^ 




• 


"^/ 


/ 


/ 


\ 






1 1 


S\ 


^ 


c 


y^ ^"^ 




% 


/ 


-- 


- 


ö 






^ "■" 


\ 


s 



Abb. 36. Die Raumgitterstruktur eines Diamantkristalls 

durch verständlich zu machen, daß die Moleküle in diesem Raum Schwingun- 
gen ausführen. Die Wärmebewegung beeinflußt ihren Ort und macht den 
Umbau des einen Systems in das andere bei Temperaturveränderung, auch 
den „Tod der Kristalle"' bei Erreichen der Grenztemperatur durchaus ver- 
ständlich. Bekanntlich haben Kristalle eine „Lebensdauer", welche, wenn 
auch die ältesten kristallinischen Schiefer der Erde sicherlich älter als 
alles Lebende auf Erden sind, dennoch nicht unbegrenzt sein kann. Zwar 
ist es nur Wortspielerei, wenn manche Naturphilosophen meinen, der fertige 
Kristall sei bereits tot, wenn er nicht mehr wachsen und sich vergrößern kann, 
dagegen ist es sicher richtig, von seinem Ende zu reden, wenn man das in ihm 
eingelagerte Wasser durch Liegen an der Luft entweichen läßt und dann 



128 




■ ^ ,y. beweplichen, wurmartigen Gestal- 

Abb. 3,. Flüssige Kr,staUe i,, *es.e„ For™ „ 0). be.^^eg^^^^ _^^ ^ ^ ^,^,. .,. 



auch den Zerfall der Kristalle in ein amorphes Pulver erlebt. Leicht kann sich 
jedermann davon an dem bekannten ,.blauen Vitriol^' überzeugen, das 
eigentlich Kupfersuljat ist, und dessen schöne Kristalle an der Luft verwit- 
tern und zu weißem Pulver zerfgillen. Man kann das übrigens bei jedem 
Kristall erreichen, wenn man durch Erhitzen sein „DekrepUationswasser'* 
austreibt und dadurch sein Gefüge sprengt. 

Wie E. V. Fedorow gezeigt hat, gibt es überhaupt nur 230 Raumgitter- 
möglichkeiten, deren Schema vom natürlichen Sein auch ausgefüllt ist, wobei 
die Systeme jeweils von der besonderen Anordnung des Raumgitters ab- 
hängen. Diese Raumgittertheorie hat nun eine haltbare Stütze dadurch er- 
halten, daß Max von Laue, dem hierfür auch der Nobelpreis zuerkannt 
wurde, durch Anwendung der Röntgenstrahlen bei der Untersuchung von 
Kristallen deren molekularen Bau sozusagen sichtbar gemacht hatte. Im Jahre 
1912 entdeckte er mit seinen Schülern, daß ein enges Bündel Röntgenstrahlen 
beim Durchgang durch einen Kristall sich in eine Anzahl getrennter 
schwächerer Bündel spaltet, die sich photographieren lassen und als be- 
stimmte Fleckensysteme sichtbar werden. Es ist also im Prinzip das gleiche, 
was Stark im Atombau gelungen ist. An den Systemen innerer, mit Mole- 
külen besetzter Netze von Ebenen im Kristall werden die Röntgenstrahlen 
zurückgeworfen und verraten so deren Existenz. Hieraus wurde {von G. Dar- 
win und Moseley) eine Methode ausgearbeitet, aus der man Schlüsse über 
die relative molekulare Dichtigkeit von Kristallflächen ziehen konnte. Dabei 
ergab sich, daß die Kristalle einem Gesetz des Optimums folgen, indem von 
allen möglichen immer nur die am dichtesten besetzten zur Ausbildung 
kommen, wobei sich das reguläre System als das vollkommenste erweist.'°) 

Man ist durch diese Methode sehr weit vorgeschritten, so daß man sich 
in einzelnen Fällen bereits ganz anschauliche Vorstellungen von dem Innen- 
bau gewisser Kristalle machen kann. So haben die englischen Kristallogen 
Gebrüder Bragg folgendes Bild von dem feinsten Bau des Diamanten ent- 
worfen. (Abb. 36.) Der Diamant, der aus reinem Kohlenstoff besteht, hat 
seine Atome in zwei Systemen von Würfelgestalt angeordnet, die, sich gegen- 
seitig durchdringend, das bekannte Oktaeder des Diamanten herstellen. 
Diese Atome liegen in vielen Ebenen hintereinander angeordnet, offenbar 
zu Molekülen von je sechs Atomen ringförmig zusammengeschlossen. 

Damit wäre nun eigentlich das Gesetz, das die Moleküle im kristalli- 
nischen Zustand der Materie bindet, durchsichtig geworden, wenn nicht die 
sogenannten flüssigen Kristalle (Abb. 39) mit diesen Vorstellungen vom 
Raumgitter bis jetzt wenigstens unvereinbar wären. Denn diese wider- 
sprechen mit ihrer Beweglichkeit jeder Anordnung der Moleküle zu regel- 
mäßigen Punktsystemen, wie denn überhaupt gegen diese Kristallauffas- 
sung von jeher eingewendet werden konnte, daß alle molekularen Um- 
setzungen der im Kristall gebundenen Substanz immer nur nach Zerstörung 
seiner spezifischen Struktur auftraten. 

Franci, Bios • 

129 



Die ungewöhnlichen Erscheinungen, auf die der Karlsruher Physiker O. 
Lehmann mit unermüdeter Beharrlichkeit an die dreißig Jahre lang auf- 
merksam machte, bis man wieder einmal erst auf dem für den deutschen 
„Geist" so kennzeichnenden Umwege über die fremden Nationen ihn ernst 
nahm und sich bequemte, von seinen Anschauungen Notiz zu nehmen, — 
diese Erscheinungen gehen auf einige schwer aussprechbare Substanzen 
zurück, deren klassischer Vertreter der Paraazooxyzimtsäureäthylester ist. 
Um die beweglichen Kristalle zu erhalten, muß man diese Substanz mit 
einem Lösungsmittel (meist Monobromnaphthalin) versehen und bis zum 
Schmelzen erhitzen. Denn auch die „scheinbar lebenden Kristalle" sind 
Temperaturwesen, und zwar in diesem Fall Wärmeformen aus der Welt 
zwischen 139,5 und 298° C. Wenn sich die Masse abkühlt (vgl. Abb. 39), 
so entstehen dann zunächst vieleckige Kristalle mit gerundeten Kanten, die 
dadurch auffallen, daß sie bei Berührung sofort zusammenfließen. Bei 
weiterer Abkühlung ziehen sie sich zu Tropfen zusammen, bilden Knospen 
nach Art der Hefezellen, aus denen wurmartige Fäden hervorwachsen, die 
sich heftig schlängeln und wie ein Aal krümmen. Diese Kristallwürmer 
teilen sich, kopulieren miteinander und bewegen sich wie Bakterien. Je 
stärker das Temperaturgefälle in dem mikroskopischen Präparat ist, in dem 
man sie beobachten kann, desto intensiver sind alle die beschriebenen Er- 
scheinungen, und bei Temperaturrückgang erstarrt dann plötzlich alles zu 
einer festen kristallinischen Masse. 

Die „flüssigen Kristallotiker" sind nun keine guten Sachwalter des 
ihnen anvertrauten vollwertigen Pfundes. Sie verquicken Tatsachen mit 
leeren Worterklärungen, so, wenn sie von Kopulation zweier Kristalle 
reden und dem unzweifelhaft beschreibenden Wortsinn auch den aus der 
Biologie bekannten mit unterschieben, nach dem Kopulation eine geschlecht- 
liche, auf die Vererbung Einfluß besitzende Vereinigung zweier Lebewesen 
ist. Auf diese Weise könnte man auch von einer Kopulation von Fettaugen 
im Suppenteller sprechen und ihr Bedeutung beimessen. 

Man betonte die rein äußerlichen Lebensanalogien so sehr, daß man z. B. 
die molekulare Richtkraft ohne weiteres als Ursache der Muskelkraft an- 
sieht. Man hat dadurch die Begeisterung gewisser „Monisten um jeden Preis" 
erregt, deren leichtentzündliche Phantasie das von Lehmann noch zurück- 
haltend als „scheinbar" bezeichnete Leben der Kristalle zu einem wirklichen 
mit Einlagerungswachstum, Ernährung, Atmung, Selbstreinigung, Fortpflan- 
zung, Leben, Seele und Tod umdichtete, aber auch berechtigten Widerspruch 
herausgefordert. So leicht sind die Weltgesetze denn doch nicht zu durch- 
schauen, und auf solche Phantasieräusche folgt in der Geistesgeschichte stets 
trübes Erwachen mit langdauernder Abneigung gegen normales Denken. 

Es bleiben auch ohne voreilige Deutungen und Sinnerschleichungen in der 
Welt der flüssigen Kristalle genug Erscheinungen übrig, die dazu drängen, 
die Begriffe von Kristall und Aggregatzustand noch schärfer zu fassen. Man 

130 



kennt zurzeit etwa 300 Substanzen, aus denen fließende Kristalle hervor- 
gehen, und von denen — Schmierseife (nach Lehmann ein Aggrc^^at solcher 
Kristalle) vielleicht die populärste ist. 

Mit den flüssigen Kristallen sind eine Reihe der merkwürdigsten Versuche 
gelungen, wie die der Selbstreinigung. Wenn man Paraazooxyanisol in 
heißer Lösung mit Tusche vermengt, so kann man sehen, wie die sich aus- 
scheidenden Kristalltropfen die Tuschepartikelchen zurückschieben und selbst 
vollständig klar bleiben, was sie mit den festen Kristallen teilen, ohne daß man, 
wie es Häckel tut, dies mit der Exkreiion der Organismen vergleichen muß. 

Zu den auffallendsten der sogenannten „Lebenserscheinungen" gehören 
die Bewegungen der Myeline. Myeline wurden als Bestandteil des mensch- 
lichen Nervenmarkes entdeckt und dann weitverbreitet im Protoplasma 
wiedergefunden als Cholesterine und Lecithine sowie Fettsäuren. 

Man kann diese Versuche sehr einfach anstellen, wenn man einen Tropfen 
der in den Drogerien käuflichen Ölsäure in wässeriges Ammoniak bringt. 
Dann wird man im Mikroskop bald Schläuche, Kugeln, Fäden sich erheben 
sehen, die sich schlängeln, aufrollen, spiralig aufziehen und diese, ohne 
molekulare Richtkräfte unverständlichen Bewegungen unter günstigen Um- 
ständen tagelang fortsetzen. (Vgl. Abb. 39, Fig. 2.) 

Für alle diese Gebilde ist es nun kennzeichnend, daß sich in ihnen Licht 
und Wärme nicht in allen Richtungen gleichmäßig ausbreitet, so wie sie 
auch nicht nach allen Richtungen des Raumes gleichmäßig löslich und hart 
sind. Für diese Tatsache hat sich die Bezeichnung Anisotropie eingeführt 
(vgl. Abb. 39). Diese Anisotropie, welche die flüssigen Kristalle mit den 
anderen (mit Ausnahme des regulären Systems) teilen, hält Lehmann für 
eine so grundlegende Eigenschaft, daß er sie in die Moleküle selbst ver- 
legt. Nicht die regelmäßige Anordnung der Moleküle zu einem Punkt- 
system sei das Wesentliche des Kristalls, sagt er, sondern die Anisotropie 
des Moleküls, seine Konstitution, zu der auch die Richtkraft gehört. 

Und wirklich wird man nach all dem Erkannten nicht daran zweifeln 
können, daß dem Molekül Fähigkeiten zukommen, welche die Molekular- 
theorie bislang noch nicht erklären konnte. Daran ändern auch die Laue- 
schen Untersuchungen nichts, und deshalb braucht weder die Raumgitter- 
lehre noch die Molekulartheorie verworfen zu werden. 

Die Frage der Aggregatzustände ist damit ganz neu beleuchtet, und man 
muß sich darauf gefaßt machen, die Gesetze des Seins in der Integrations- 
stufe der aus Molekülen zusammengesetzten Körper anders zu fassen, als 
man es gewohnt war. Lehmann hat zweifellos den Molckularbegriff ver- 
tieft und erweitert und die Probiose weit in die geheimen Zusammenhänge 
der Materie hinausgeschoben. 

Die Frage der Anisotropie hat die Lehre von den Aggregatzuständen voll- 
ständig auf neue Grundlagen und uns vor folgende Wahl gestellt: Man kann 
annehmen, daß alles ineinander übergehen kann. Gase und Flüssigkeiten 

131 



gehorchen dem gleichen Gesetz. Bei der absoluten Temperatur würden 
alle Gase das Volumen haben. Gläser sind Flüssigkeiten, denn sie sind 
gleich diesen isotrop. Ein Stück Glas hat nach allen Richtungen hin in 
jeder Beziehung die gleichen Eigenschaften. Wenn eine Flüssigkeit rasch 
abgekühlt wird, ändern sich ihre Eigenschaften, sie wird sirupartig, dehn- 
bar, fest, bleibt aber isotrop und wird schließlich glasartig. Daher definiert 
man das Glas jetzt als ,. isotrope unterkühlte Flüssigkeit". Früher dachte man 
solche isotrop-feste Körper auch durch Fällung auf chemischem Wege zu 
erhalten und rechnete die amorphen Stoffe dazu. Jetzt aber hat sich durch 
die Verbesserung der mikroskopischen Leistungen herausgestellt, daß fast 
alle amorphen Pulver (und natürlich auch ihre Preßerzeugnisse) fein kristal- 
linische Struktur besitzen, also anisotrop sind. Man hat nun bezüglich der 
regulären Kristalle die Wahl, entweder anzunehmen, daß sie auch erstarrte 
Flüssigkeiten, also Gläser sind, oder daß sich auch in ihnen wegen ihrer vek- 
toriellen Eigenschaften Anisotropie kundgibt, wie das Lehmann tut. 

Daher ist eine neue Einteilung des materiellen Seins entstandene'^), welche 
die Welt des Sichtbaren in eine isotrope und anisotrope Häljte teilt. Zur 
ersteren gehören alle Gase, Flüssigkeiten und die wenigen wirklich amor- 
phen Stoffe (vgl. S. 117). Zu den anisotropen gehört fast alles Feste, 
nämlich das Kristallinische und die flüssigen Kristalle, welche zu den 
lebenden Stoffen überleiten. 

In dieser Einteilung scheint nur jener eigentümliche Zustand der Ma- 
terie nicht berücksichtigt, der für den Menschen deshalb der wichtigste von 
allen sein muß, weil sein eigener Körper, soweit er nicht kristallinisch ist, 
wie die Knochen, oder flüssig, wie der Inhalt vieler Organe, sich in diesem 
kolloidalen, gallertartigen Zustand befindet. Man hat sich dahin ausge- 
sprochen, daß er eine Mischung von isotropem und anisotropem Material 
sei, eine sogenannte Emulsion, die aber so fein sein kann, daß sie wieder 
klar und durchsichtig erscheint, obwohl sie anisotrope Eigenschaften hat. 

Entdeckt wurde der kolloidale Zustand der Materie von der Wissenschaft 
erst im Jahre 1861 von dem Engländer Thomas Graham. Erst damals 
wurde man darauf aufmerksam, welch sonderbares Gebilde der Leim, das 
Urbild aller Kolloide, das ihnen auch den Namen borgte, eigentlich sei. Aber 
es dauerte immer noch vierzig Jahre, bevor die Forschung zugriff ; die Kol- 
loidwissenschaft datiert erst seit etwa 1900, ist daher auch noch mit allen 
Unzulänglichkeiten neuer und neuester Forschung behaftet. 

In kolloidalem Zustand bekannt sind zahllose Stoffe, so vor allem fast 
sämtliche Metalle, allen voran Gold (Abb. 40), dem man in diesem Zustand 
verschiedene, höchst merkwürdige Eigenschaften abgesehen hat. Es ist nun 
durchaus in den Bereich der Möglichkeit gerückt, daß man sämtliche Sub- 
stanzen in kolloidalen Zustand überführen kann; jedenfalls sind schon heute 
scharfe Abgrenzungen zwischen kolloidalen und kristalloiden Lösungen un- 
möglich. Es wäre daher, wie Zsigmondy, einer der führenden Männer auf 

132 



diesem Gebiete, betont, gar nicht richtig, die Substanzen in Kolloide und 
Kristalloide einzuteilen. 

Man muß vielmehr — wenn man nur das Gesicherte aus der Überfülle 
der vorliegenden, einander oft widersprechenden Beobachtungen und An- 
sichten herausheben will - sagen: der kolloidale Zustand sei nichts an- 
deres, als eine so feine Verteilung der Materie, daß dadurch andere Eigcn- 
schajten als im normalen Molekularge/Üge in den Vordergrund treten. 
Der gelöste Körper (die Kolloidwissenschaft bezeichnet ihn als die eine 
„disperse Phase", und zwar als das Gel) gelangt durch die feine Zer- 
losung zu einer enormen Oberflächenvergrößerung, die neue Eigenschaften 
auftreten läßt. Wenn das Dispersionsmittel Wasser ist (man nennt das 
dann Hydrosol), ist die disperse Phase bei Kieselsäure und gewissen Farb- 
stoffen positiv, bei Metallen, Eosin, Gummigutt oder Stärke negativ ge- 
laden. Bei anderen Solen ist das umgekehrt. Eines der wichtigsten Kol- 
loidgesetze, auf dem auch praktische Anwendungen beruhen, ist, daß sich 
entgegengesetzt geladene Solen ausscheiden, was bei gleichgcladenen nicht 
geschieht. Das ist ein Satz, dem die Färberei, die eine kolloidale Technik 
ist, Neuerungen von Millionenwert verdankte. Eine andere wesentliche 
Entdeckung war, daß durch verschiedene Einflüsse, wie Wärme oder mecha- 
nische Einwirkung, die gelöste Phase entweder zu einer Gallerte oder sogar 
unlöslich ausgeschieden wird. Dann nennt man sie Gel {Hydrogele, Alko- 
gele usw.) und den Vorgang Pektisation oder Koagulation. ') 

Der Biologe horcht bei diesem Worte höchst aufmerksam auf; denn Ko- 
agulation kennt er sehr wohl von seinem Studienobjekt, dem Eiweiß, das auf 
Alkoholzusatz oder bei Erwärmung über 80 ebenfalls gerinnt. Bis in die all- 
täglichste Erfahrung hinein ist solches bekannt, und es ist nur die Pekti- 
sation eines Hydrogels durch Erwärmung, wenn die in heißes Wasser ge- 
legten rohen Eier zu „hart" wurden. Und gerade von der biologischen Seite 
her ist eine weitere Tatsache des kolloidalen Seins von ganz besonderer Be- 
deutung geworden. Die Gele haben nämlich schon als disperse Phase oft 
die Struktur eines Badeschwammes oder Balkengerüstes, die man vielleicht 
am treffendsten beschreibt, wenn man sie wabig nennt. (Vgl. Abb. 42.) 

Solche Wabenstruktur, die am besten von O. Bütschli und Quincke stu- 
diert ist, eignet aber sowohl dem ausgefällten, wie unter bestimmten Be- 
dingungen auch dem lebenden Zelleneiweiß, dem Protoplasma; sie ist eine 
der elementaren Strukturen der lebenden Substanz, ohne die eine ganze 
Reihe von Lebenseigenschaften und Lebensbetätigungen undenkbar wäre. 
Mit andern Worten: Die enorme Wichtigkeit der Kolloidwisscnschaft (sie 
ist keineswegs Kolloidchemie allein) für den Menschen ist darin gegeben, 
daß er sich selber im kolloidalen Zustande befindet. 

Plasma ist der kolloidale Zustand der Kohlenstoff-Stickstoffvcrbindungcn. 

*) Der Vorgang ist reversibel (umkehrbar) bei Gummi, Leim u. a., irrever- 
sibel bei Gold, Platin, Tonerde, Eisenoxyd und den meisten Hydrogelen. 

133 



Leben hängt untrennbar mit den Gesetzen des Kolloidalen zusammen. Das 
ist sicher. Man fragt sich nun: Was ist denn kolloidales Eisen oder Oold, 
was sind überhaupt die Hydrosole? Sind sie nicht möglicherweise der Be- 
ginn der „Lebensreihe" dieser Elemente? Sind ihre Kolloideigenschaften 
nicht erste Anzeichen von Probiose? Die flüssigen Kristalle, die man des- 
wegen als kolloidale Kristalle bezeichnen könnte, weil sie aus Lösungen 
ausgefällt sind, könnten unter diesem Gesichtspunkt zu ganz besonderer 
Bedeutung gelangen. Die Zukunft wird es lehren, ob sich aus diesem Ge- 
danken eine fruchtbare Deutung des kolloidalen Zustandes gewinnen läßt. 
Jedenfalls ist schon viel damit gewonnen, daß die lebende Struktur, ge- 
wissermaßen der Aggregatzustand des Lebens und damit die Grundbedin- 
gung unserer geistigen Welt, mit den kristallinischen Zuständen der Ma- 
terie lückenlos verbunden und dadurch unter ein Gesetz gestellt erscheint. 
Auch wir sind also letzten Endes in kristallinischem Zustand. 

Man braucht dabei gar nicht den Ansichten P. v. Weimarns zu folgen, 
nach denen alle Substanzen, auch Gase, Flüssigkeiten, Kolloide (damit auch 
der Lebensstoff) kristallinisch sind^z), man braucht nur darauf zu achten, 
daß jedes Kristalloid ein entsprechendes Gel besitzt, daß eine große Anzahl 
von Mineralien 33) überhaupt Gele sind. Den unwidersprechlichen Beweis 
liefert dabei die Tatsache, daß man die Kolloide nur als einen Zertei- 
lungsgrad der Materie erkannt hat. Man kann in Flüssigkeiten feste Stoffe 
so grob mengen, daß sie trüb bleiben, und hat dann eine Suspension oder 
Emulsion (Abb. 42), über die niemand Zweifel hat, der z. B. an die Milch 
denkt. Man kann sie aber auch feiner bereiten, wie es z. B. mit Gold ge- 
lungen ist, von dem aus Dispersionen von 0,000 000 00001 Gramm im Ul- 
tramikroskop Goldteilchen sichtbar gemacht werden können (vgl. Abb. 40), 
obwohl die Flüssigkeit ganz rein, wie eine echte Lösung anmutet. Diese 
feinere Zerteilung ist es, der man den Namen Kolloid beigelegt hat. Man 
kann aber auch die Zerteilung so weit treiben, daß Moleküle oder Atome 
mit elektrischer Ladung (Ionen) darin enthalten sind. Dann kommt man zu 
echten Lösungen, die kristallinische Eigenschaften besitzen. Um sich das 
plastisch vorzustellen, betrachte man es in tabellarischer Zusammenstellung: 

Dispersoide (Mischu ngen von Flüssigkeiten und festen Teilen) können sein 

_ _ ^ . 



Eigentliche Dispersionen 

[Suspensionen, Emulsionen] 

z. B. Milch 

mit Größe der Teilchen 

von mehr als 0,1 n 



Kolloide 
z. B. kolloidales Oold oder 
Leim [Abb. 40] mit Größe 
der Teilchen v. 0,1 |j^ bis h|h 
[ hierherdas Protoplasma 



Kristalloide 
Molek. Lös. o. Jonen-Lösungen 



mit Größe der Teilchen [ Mole- 
küle j von 1 1^ u. noch weniger. 
Man kann sich keine wichtigere Klärung denken als diese, weil sie unserem 
Gefühl die Stellung in der Welt gegenüber den übrigen Stoffen anweist. 

Die Kolloide unseres Organismus sind jedermann aus den eigenen Emp- 
findungen und Leistungen wohlbekannt. Ihre Struktur und Eigenheiten 
schaffen uns die Lebensbedürfnisse und prägen unserem Dasein die Form. 

134 



In einiges davon blickt man bereits hinein, aber in anderen Punkten sucht 
das geistige Auge noch vergeblich im Dunkel unserer Unwissenheit. 

Die Wabenstruktur des Piasmas ist es vor allem, die erst die vielen Pro- 
zesse ermöglicht, die gleichzeitig in der lebenden Zelle stattfinden. 

Das Leben eines Einzellers, also etwa eines Wimpertierchens, wie sie zu 
Tausenden in jedem Fingerhut voll Sumpfwasser umherschwimmen, wäre 
undenkbar, ebenso wie das jeder Pflanzenzelle oder irgendeiner unseres 
Leibes mit ihren komplizierten Assimilations-, Dissoziations-, Atmungs- und 
Ausscheidungsprozessen, wenn ihr nicht die Waben die Kammern und Iso- 
lierungswände abgeben würden, um diese notwendige Arbeitsteilung zu 
gleicher Zeit bewältigen zu können. 

Namentlich der Gedanke zieht die Aufmerksamkeit auf sich, wie viele 
Vorgänge und „Engramme" in den Denkzellen des Gehirns sowohl inein- 
ander arbeiten, wie auch gespeichert liegen. Auch das wäre mechanisch 
undenkbar ohne den Wabenbau der Hydrogele. (Vgl. Abb. 42.) Oder, um 
auf ein anderes elementares Phänomen des Lebens die Aufmerksamkeit zu 
lenken, das noch kaum ein Physiologe von diesem Gesichtspunkt aus ge- 
wertet hat: die kolloidale Natur der Stoffe zwingt den Organismus, die ver- 
wickelte Tätigkeit der Verdauung in Bewegung zu setzen. Der Zusammen- 
hang ist hier der folgende: 

Da die Zellen im Organismus durch Häute abgeschlossen sind, kann der 
normale Verkehr der Stoffe zwischen ihnen nur auf dem Wege der Diffu- 
sion erfolgen. Kolloide diffundieren durch Häute nicht, sonst wäre es un- 
möglich, sie im Organismus abzuschließen. Diese Sachlage zwingt den Or- 
ganismus, Produkte, die zur Erneuerung dienen sollen, entweder als Gase 
oder Kristalloide einzuführen. Das tut z. B. die Pflanze reichlich, darum 
braucht sie für gewöhnlich keinen Verdauungsapparat. Tier und Mensch 
aber nähren sich vorwiegend von Kolloiden (Pflanzenteile und Fleisch). 
Deshalb bedarf es für sie einer umständlichen Umwandlung, um diese zu 
Gasen oder Kristalloiden zu gestalten und dadurch aufnehmbar zu machen. 
Diesen Vorgang nennt man Verdauung, und ihm zuliebe sind wir ein Sack, 
der fast völlig mit den Apparaten dieser Umwandlungen, den Verdauungs- 
organen, gefüllt ist. 

Diese Bedeutung der Kolloide im Weltganzen ist unvergleichlich wich- 
tiger als die technisch industrielle, die der Erwerbssinn immer in den 
Vordergrund rückt, und der zuliebe eine Kolloidwissenschaft überhaupt 
aufgeblüht ist, in der allerdings die biologischen und erdumwandelnden 
Wirkungen der Kolloide noch immer eine Art Aschenbrödelrolle spielen. 
Trotzdem wird sich nach einiger Zeit die Ansicht durchsetzen, daß die wich- 
tigsten Gesetze der Kolloidbildung auf Erden folgende sind: 

Ein außerordentlich großer Anteil der Erdrinde befindet sich als Gel in 
kolloidalem Zustand^^), denn Gele sind typische Produkte aller normalen 
Verwitterungsprozesse. Dadurch entstehen zahlreiche yl////rAfl//V«, meist kennt- 

135 



lieh am glaskopfähnlichen, traubigen, muscheligen, erdigen, dendritischen 
Aussehen. Jedem krlstalloiden Material entspricht sogar ein ähnlich zu- 
sammengesetztes Gel (B. Cornu). 

Die Hydrogele von Aluminium, Eisen und Sillciam, die in der Acker- 
krume die weiteste Verbreitung besitzen, verleihen dem fruchtbaren Boden 
die Fähigkeit, durch den Regen in ihn geschwemmte Verwesungsstoffe und 
sonstige kolloidale Lösungen festzuhalten (zu absorbieren). Auf diese Weise 
bleiben der Humus und die Stoffe der Düngung den oberen Bodenschich- 
ten erhalten *) (van Bemmelen). Dadurch ist die Bedingung der Boden- 
fruchtbarkeit gegeben und eine Pflanzenbesiedlung möglich; von ihr aber 
hängt an der Kette der Lebensgesetzlichkeiten die gesamte Tierwelt ab, die 
Menschenkultur mit inbegriffen, so daß ohne den kolloidalen Zustand der 
Materie das Leben auf Erden gar nicht entstanden wäre. Das ist das erste 
große Gesetz der Kolloidverbreitung. 

Das zweite beruht darauf, daß Protoplasma, alle Eiweiße, Lipoide (also 
Fette), Zellstoff (Zellulose) und Stärke (Amylum) Kolloide sind. Die phy- 
siko-chemischen Gesetze des lebenden Stoffwechsels sind also Gesetze der 
kolloidalen Physik und Chemie, und es ist keine Physiologie mehr denkbar 
ohne Berücksichtigung dieser Gesetze, wie schon an den obigen Beispielen 
gezeigt wurde. 

Die kolloide Struktur (die Wabenbildung, Abb. 42) in verschiedenen Inte- 
grationsstufen (Zelle, Gewebe, Organ, Organismus, Organismenstaaten) ist 
die elementargesetzliche Form des Lebens. Sie ist aus Gründen der Kol- 
loidphysik nicht anders möglich. 

Diesen zwei großen Erkenntnissen gegenüber treten die praktischen An- 
wendungen der kolloidalen Gesetzlichkeiten entsprechend zurück, so sehr sie 
auch die Kassen der Menschen füllen mögen und daher von sich reden 
machen. Es ist natürlich selbstverständlich, daß Techniken und Industrien, 
welche sich, wie die Zementverarbeitung, die Tonwarenindustrie, die Her- 
stellung von Rubingläsern, die Techniken der Verarbeitung von Leder, Stärke, 
Kunstseide, Kautschuk, Seide, Papier, Zellulose und Zelluloid, Leim, Harzen 
und dergleichen mit kolloidalem Material beschäftigen, oder wie die Photo- 
graphie, Färberei, Gerberei usw. kolloidale Prozesse in Gang setzen, von 
dem Einblick in diese Gesetze profitieren mußten. Daß man ohne Kenntnis 
der Gesetze der Welt nicht richtig Geld verdienen kann, das haben also die 
Menschen offenbar bereits gelernt, daß man ohne sie aber auch nicht rich- 
tig denken und leben kann, das sehen die meisten noch nicht ein. 

So ist denn der Zustand der Kolloidwissenschaft großartig entwickelt und 
unbefriedigend zugleich. Namentlich über die Molekularwelt des kolloidalen 
Zustandes irren wir noch durchaus im Dunkeln. Sollte die Weimarn^sohs. 
Ansicht durchdringen, so liegt zwar darin kein anderes Problem vor als bei 



*) Zum Teil sogar selektiv wie z. B. das für den Pfanzenwuchs unentbehrliche Kali. 

136 



88fff^90 



Abb. 40. Kolloidale Lösungen von Gold in verschiedenen VerdünnunjJen 

über ihnen ist jeweils das ultraiiiikroskopische Bild dieser Zerteiliiiiß von Pi"V- "? '■ 
rechts) 2 |.i|Ll— 150 ULI Teilchenjjrößc anheben. (Nach K. Zsi^jinondy) 




Abb. H. Mikroskopisches Bild von .Xventiirinj^las 
das ein Gel von kolloidalem Kupfer darstellt 

(Originalaiifiiahiiu: des BioloKiscIien hulitiit'. Mirichcn) 




Abb. 42. Wabenbau eines Gels in mikroskop. Vergrößerung 



k^"i. • iiA-*i^;*^'ii*''^i-'-' WM 




r^^^ 


^^^ 


■ 


^t^^^ ** I_«i^iÄ((^^^M ^>^ 





Abb. 43. Der Stammbaum der Teerfarbstoffe 

IS dem Steinkohlenteer gewonnenen Derivate im Deutschen Museun 
(Originalaufnahme von Frau Dr. A. Friedrich) 



zu München. 



den Kristallen. Dem sei aber, wie es wolle; an der Existenz der mole- 
kularen Richtkräfte in der kolloidal organisierten Materie läßt sich um so 
weniger zweifeln, als solche in höchster Entfaltung aus den Tatsachen des 
Lebens jederzeit zu dem Denker sprechen. 

Mit diesen Gesetzlichkeiten ist nun das ganze Bild entworfen, das man 
sich derzeit vom molekularen Sein machen kann. Nur ein Punkt bedarf noch 
der feineren Ausführung, die innere Konstitution des Moleküls. Allerlei 
Kenntnisse hierüber wurden zwar bereits gestreift, so, daß es einatomige 
Moleküle gebe wie die der Metalle, aber auch ungeheuerlich komplizierte 
und aus Tausenden von Atomen bestehende, wie die des Eiweißes. Auch 
darein wurde schon Einblick gewährt, daß die Anisotropie ein intramole- 
kulares Problem zu sein scheint. Mindestens wurde das eine durchsichtig, 
daß die Eigenschaften des Moleküls auch von seiner Konstitution abhängig 
sind. Daß diese höchst verschieden sein kann, dafür wurde an verschie- 
denen Stellen immer wieder die Tatsache der Isomerie oder Allotropie, wie 
die Chemiker die Erscheinung bei den Elementen in früherer Zeit nannten, 
herangezogen. — Was ist Isomerie? Hierüber mag ein Beispiel besser be- 
lehren als eine der meist sehr abstrakten Definitionen. 

Es gibt eines von sehr großer Anschaulichkeit, das weit über die Grenzen 
der Wissenschaft hinaus bekannt geworden ist, und das ist die Zinnpest. 
Seit vielen Jahrzehnten ist es bekannt, daß gewisse Metalle immer wieder 
in bestimmter Weise „erkranken". Wohl das besprochenste Beispiel war 
das Dach des Rathauses zu Rothenburg o. d. Tauber, dessen Kupfer sich stän- 
dig zersetzte. Auch an Zinnhumpen und Zinntellern ist man derartige Ver- 
fallserscheinungen von alters her gewohnt. Auf den Gegenständen ent- 
stehen warzenähnliche Auftreibungen, die nach einiger Zeit zerbröckeln und 
Löcher hinterlassen. Das Übel schreitet weiter, bis unter Umständen die 
.ganze Masse in ein feines, graues Pulver zerfällt. Solches hat man beson- 
ders oft an Orgelpfeifen beobachtet, die namentlich früher gern aus dem 
weißen, silberähnlichen Zinn angefertigt wurden. 

Die Erklärung der sehr mysteriösen Erscheinung ist nun ungemein einfach, 
Zinn tritt eben in drei allotropen Modifikationen auf, von denen zwei sogar 
durch Kristallpolymorphie ausgezeichnet sind. Jede von ihnen bestätigt das 
so eingehend von Lehmann erforschte Temperaturgesetz; sie sind Tempe- 
raturformen im engsten Sinne des Wortes. Das gewöhnliche weiße Zinn, das 
man in den Gewerben verwendet, ist nur zwischen 18 und 161 Grad beständig. 
Sinkt die Temperatur längere Zeit unter 18", so verwandelt es sich in 
graues Zinn, dessen Vorhandensein die weitere Zersetzung beschleunigt. 

Das ist demnach ein klassischer Fall von Isomerie. Es können sich, wie 
man daraus sieht, Stoffe von gleicher qualitativer und quantitativer Zusam- 
mensetzung sowie von gleicher Molekulargröße (zwischen den Formen eines 
Elementes kann doch darin kein Unterschied sein) trotzdem durch physika- 
liche und auch chemische Eigenschaften unterscheiden. 

137 



Die am nächsten liegende Annahme konnte nur sein, daß in solchen iso- 
meren Stoffen die Atome jeweils eine andere Anordnung besitzen. Klarheit 
hierüber konnte natürlich nicht auf chemischem Wege erlangt werden, denn 
chemische Eigenschaften sind eben bloß quantitative Eigenschaften, ihre Un- 
tersuchung führt immer nur zu Atomzahlen, nicht aber zur Erkenntnis von 
„Baustilen". Und offenbar handelt es sich bei dem Problem der Molekäl- 
konstitution um solche. Die „Dinge" sind nun einmal Gebäude; die Rech- 
nung der Ziegellieferanten gestattet keinen anderen Rückschluß, als daß 
sie groß oder klein, einfach oder höchst kostspielig aus Ziegeln, Werk- 
steinen, Marmorblöcken, Granitsäulen und Kelheimer Platten zusammen- 
gesetzt sind. Will man ihren Stil feststellen, so muß man sie besichtigen. 
Das heißt in unserem Fall, man muß ihre physikalischen Eigenschaften stu- 
dieren, ihr spezifisches Gewicht, den Schmelzpunkt, die Siedetemperatur der 
Körper, die Lichtbrechung und Dispersion, die Absorption des Lichtes, die 
thermischen Konstanten, die Fluoreszenz, das elektrische Leitvermögen, die 
magnetischen Eigenschaften und namentlich das Vermögen, die Lichtstrahlen 
optisch zu drehen, genau untersuchen. 

Auf diese Weise wurde eine neue Art von Wissenschaft begründet, näm- 
lich die Stereochemie, an deren Ausbau namentlich die niederländischen 
Forscher Vant' Hoff und Le Bei die hervorragendsten Verdienste besitzen. 
Mit ihr hat sich allmählich eine ganz neue und ungewohnte Art der Be- 
trachtung der materiellen Welt eingebürgert. Man interessiert sich für das 
Strukturbild irgendeines Farbstoffes oder Giftstoffes, weil man dadurch die 
Baupläne entwerfen kann, um die in der Natur vorkommenden Dinge oder 
auch neue, ungekannte aus ihren „Elementen" aufzubauen. Auf diese Weise 
hat die moderne Chemie die Herstellung von etwa 50 000 meist organischen 
Verbindungen erreicht; daß diese rentabel verkäuflich sind, wird ihr von 
jenen hoch angerechnet, denen die Naturgesetze als eine Art Fabrik zur 
Herstellung von Waren vorkommen. Gegenüber den mehreren Millionen 
chemischer Verbindungen, die es in der Natur zu geben scheint, ist das Er- 
reichte freilich erst etwa das, was die ersten zehntausend ersparten Mark 
auf der Laufbahn des Millionärs sind. Bekanntlich aber kommt es auf diese 
weit mehr an als auf den Rest der Hunderttausende, weil sie eben die prin- 
zipielle Erwerbsmöglichkeit dokumentieren, und so mag man denn auch 
die Stereochemie zu dem, was sie bis jetzt erreicht hat, beglückwünschen. 

In der einfachsten Form begann der Chemiker diese Strukturlehre damit, 
daß er sich in den Verbindungsformeln die Verkettung der Atome und die 
Valenzbeziehungen (vgl. S. 108) der Elemente graphisch festlegte, vde etwa 
in der Formel des gemeinbekannten Gases Aethan, durch die Schreibung: 

H ^C — C^ H 

die eine Konstitutionsformel darstellt, welche ohne weiteres klar erkennen 

138 



läßt, daß dem Carbon (C) eine dreifache Wertigkeit (Valenz) gegenüber 
dem Hydrogen (H) zukommt. 

Den klassischen Höhepunkt erreichte diese Strukturlchre in der durch 
den deutschen Chemiker A. Kekule von Stradonitz geschaffenen Furmel 
des Benzolringes, die den Grundstein zur deutschen chemischen Farhen- 
industrie legte. Durch sein Lehrbuch der organischen Chemie hat er dieser 
Wissenschaft gleichsam weit die Tore geöffnet. 

Welchem älteren Chemiker ist er nicht auch lieb geworden, der Name: 
Benzolring 3*) und dann die vertraute Formel dafür: (CnHi,,— c); denn 




HC 



wieviel der schönsten, lichtvollsten Erklärungen und Einsichten in den 
Wunderbau der Chemie der Kohlenstoffe gingen nicht davon aus und ver- 
wandelten wenigstens die Chemie der Teerfarbstofje und der sogenannten 
aromatischen Stoffe in eine Art kleiner Rechenmaschine, an deren Taster 
man nur zu ziehen brauchte, um die Herstellung der prangendsten Farben 
und schönsten Produkte in die Hand zu bekommen. Wer wenigstens etwas 
von dem Leuchten dieser Sonnenstunden von Erkenntnisglück nachemp- 
finden will, der trete im Deutschen Museum zu München, diesem Reliquien- 
schrein für die objektive Philosophie, vor den dort an einer Wand aufge- 
stellten Stammbaum der Teerfarben (Abb. 43), und er hat dann mit einem 
Blick auf die vor ihm schillernde, prachtvolle Farbenskala einen nachhal- 
tigen Eindruck davon, was der Benzolring und seine Gesetzmäßigkeiten, die 
diesen Stammbaum ermöglichten, für die organische Chemie und die Wis- 
senschaft überhaupt bedeuteten. 

Man lernte auf diesem Wege eine absonderliche Kunst, Atome zu addieren 
oder sie ringförmig miteinander zu verknüpfen, diese Moleküle aus gleich- 
gearteten Atomen (isocyklisch) aufzubauen oder (hcterocyklisch) die Ringe 
aus verschiedenen 3 bis 9 Gliedern (Kohlenstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff-. 
Schwefel- usw. Atomen) zu schmieden (Abb. 44). Ringbildung und Ring- 
sprengung schufen immer wieder neue Stoffe, und der Stereochemiker wurde 
mit seiner „Bayer'schtn Spannungsthcoric'' zu einer Art Hexenmeister, der 
aus dem Laboratorium eine Backstube für das Warenhaus der Industrie 
machte, in welcher Kunst es die deutschen Chemiker am weitesten brachten. 



139 




Abb. 44. Isocyklische Verbindungen. 

Oben links Methan-, rechts Essigsäure. Unten 2 Milchsäuren 



Das alles war zu erreichen 
durch eine Rechenkunst, wel- 
che die Atomgewichte als Ein- 
heit benützte, mit einer ein- 
fachen Arithmetik und Geo- 
metrie, in deren Aufgaben die 
Abbildung 44 einigen Einblick 
gewähren mag, und die in 
keiner Weise über die ele- 
mentare Analysis hinausging. 
Es ist erstaunlich, warum 
es noch keinem dieser mole- 
kularen Konstitutionskünstler 
einfiel, zur höheren Mathe- 
matik vorzuschreiten. Vielleicht 
aber war es gut, da allen 
diesen Rechnungen, so sehr 
sie auch die praktische Aus- 
führbarkeit im Laboratorium 
zu rechtfertigen scheint, ein 
schwacher Punkt anhaftet, des- 
sen Klärung entweder den Begriffen von der molekularen Konstitution ein 
Ende bereiten oder aber sie zur endgültigen Gewißheit steigern wird. 

Dies ist also die Vorstellung, die man sich zurzeit von dem Wesen der 
Elemente machen kann. 

Lange sind die Zeiten vorbei, da die naive Zoesis es für ein Gesetz der 
Welt hielt, daß es in ihr die vier Elemente der Luft, des Feuers, des Was- 
sers und der Erde gäbe. Tiefere Besinnung wird diese Begriffe freilich 
nicht mit Lächeln abtun, sondern erkennen, daß mit der Aristotelischen 
Vierteilung eigentlich etwas Richtiges, und zwar die Aggregationszustände, 
gemeint waren. Inzwischen hat der Begriff gewechselt, und der Name ist 
geblieben, und damit in chemischer Denkungsart, nämlich dem Quäle nach, 
die Baustoffe der Welt zu bezeichnen. Denn man verwechsle es nicht: auch 
der Atombegriff ist eine physikalische und nicht eine chemische Vorstel- 
lung, ein Quantumsbild, das ohne die Elementadjektive an sich von den 
Eigenschaften der Welt noch gar keine Klarheit gewährt. 

Es gibt eine Grenze der Quantitätsvorstellung nach unten, und diese 
ist mit Recht als das Unzerschneidbare, das Unteilbare, als das Atom be- 
zeichnet worden. Es gibt aber auch eine Grenze der Qualitätsvorstellungen, 
eine „Einheit der Eigenschaften^^ . Und das ist es, was man derzeit mit 
dem Wort Element ausdrücken will. 

Das ist aber eigentlich etwas anderes, als der Elementenbegriff, den in 
der Mitte des XVIL Jahrhunderts Boyle geprägt, den dann der unglück- 



140 



liehe Lavoisier, dem die französische Revolution den Kopf abgeschlagen 
hat, verbesserte, und nach dem das chemische Element ein Stoff sein soll, 
der durch kein Mittel in einfachere Bestandteile zerlegt werden könne. 

Man hat damit neben das Quantitätsatom noch ein Qualitätsatom gestellt 
und es ungeprüft und als selbstverständlich angenommen, daß die materielle 
Einheit auch qualitativ ein Individuum sein müsse. Das aber ist durch den 
Atombegriff an sich noch nicht gesagt, sondern ist es erst, wenn das 
Denken voraussetzt, Sein und Eigenschaften hingen gesetzmäßig zusammen, 
und jeder Eigenschaftskomplex besitze nur eine ihm gesetzmäßig zukom- 
mende Seinsform (eine bestimmte Atomkonstitution). 

Das ist aber eine Forderung der objektiven Philosophie, und damit haben 
wir entdeckt, daß unbewußt die Praxis des wissenschaftlichen Denkens die 
Seinsgesetze anerkannt hat und dadurch einen der wesentlichsten Sätze der 
objektiven Philosophie. 



Die qualitative Analyse der Chemie hat zu diesen Begriffen geführt. Sie 
hat versucht, alle Dinge durch Lösen in Säuren, starke Erhitzung, Behand- 
lung im elektrischen Strom, durch Destillieren und Verflüssigen in ihre Be- 
standteile zu zerlegen, und gelangte dadurch an 92 Restprodukte, die, man 
mochte sie mißhandeln wie man wollte, niemals mehr Produkte ergeben, die 
noch weniger wiegen als sie. Also sagte man von ihnen: das sind die 
Grundstoffe, die Elemente der Welt. Und alles, was da wägbar ist, wird 
von ihnen und ihren Verbindungen nach dem Gesetz von Atom und Mole- 
kül aufgebaut. 

Diese Methode war eine grob materielle und hatte große Unzuträglich- 
keiten im Gefolge. Auf solche Weise erfährt man nie etwas Definitives, 
sondern erlangt nur provisorische Kenntnisse. Man weiß daher nur von 
„sogenannten Elementen". Und das war es, was ich vorhin als den schwa- 
chen Punkt der Stereochemie, ja aller Chemie überhaupt, bezeichnete. 

Ist es denn eigentlich glaublich, daß die ,,Welt" just aus 92—121 ver- 
schiedenen Bestandteilen aufgebaut ist? Sie, die sich unserer Vorstellung 
in allem so einheitlich erschließt, sie, die aus Denkgründen überhaupt nichts 
anderes sein kann als eine Einheit! 

Deshalb hat der Menschengeist von je das Unbefriedigende der Elcmcn- 
tenvorstellung empfunden, und schon die alten Ägypter, dann die Araber, 
die Alchemisten des Mittelalters, sie alle haben mit unbeirrbarem Instinkt 
immer nach dem Urstoff gesucht, in moderner Ausdrucksweise nach dem Ur- 
atom, das allen Eigenschaften der gesamten Atom- und Molekülwelt zugrunde 
liegt. Verkleidet hat sich dieses Streben ursprünglich in groben Materialis- 
mus, in die Sucht, die „Elemente" ineinander zu verwandeln, um so aus wert- 
losen Dingen Kostbares, nämlich Edelmetall und Gold bereiten zu können. 

141 



Dieses vielverlästerte Ziel der Alchemisten war aber, wie wir sehen, wis- 
senschaftlich vollkommen gerechtfertigt, und darum leuchtet es auch heute 
wieder lockend auf des Chemikers Pfaden. Es muß und es wird möglich 
sein, allgemein verbreitete „Elemente'''' zu veredeln und sie auch in Gold zu 
verwandeln, wenn sich nur erst einmal die Stereochemie des intraelemen- 
taren Baues bemächtigt hat. Und man muß gestehen, daß die Wissenschaft 
heute durch die Radiotik bereits auf dem Wege dazu ist. 

Der Entdeckung, daß es Elemente gibt, die auf natürlichem Wege sich in 
ihre Bestandteile zerlegen, hat man seit 1919 und 1920, die den Engländern 
Rutherford und Aston gelungene Erfindung hinzugefügt, Elemente auch 
künstlich zerlegen zu können. 

Das Radium und seine Verwandten, das unsere Gedankengänge schon 
wiederholt kreuzte, steht mit an der obersten Stelle der Tabellen des Atom- 
gewichtes (Atomgewicht 226). Es ist in den Uranerzen enthalten und scheint 
schon aus dem Uran (Atomgewicht = 238,5) durch dessen Zerfall hervor- 
zugehen. Es ist nur außerordentlich schwer, mit Radium zu experimentieren, 
da es in überaus geringen Mengen vorhanden ist. In einem Gramm der Uran- 
minerale beträgt sein Maximum noch nicht Vioooo "^g. i" einer Million 
Kubikmeter der Erdrinde sind, wie wir bereits wissen, noch nicht 8 g Radium 
enthalten, und man muß selbst von den daran so reichen Joachimstaler 
Pechblenden 7000 kg aufarbeiten, um kaum 1 Gramm zu erhalten.*) 

Aus allen Radiumsalzlösungen entsteht nun von selbst ein, „Niton^^ 
(früher Radiumemanation) genanntes Gas, das im Molekül nur ein Atom 
birgt und durch das Atomgewicht 220 ausgezeichnet ist. Da dieses Niton in 
zugeschmolzenen Röhrchen verschwindet und sich an seiner Stelle binnen 
einem Monat das gasförmige Element Helium findet (Experiment von Ram- 
say und Soddy von 1903), so war damit die radioaktive Umwandlung der 
Elemente bewiesen. Zugleich aber auch, daß die Elemente eine Lebensdauer 
besitzen.**) 

Da man die Umwandlungszeit physikalisch in keiner Weise beeinflussen 
konnte, so kam man (Frau Curie) zu der Deutung, daß die radioaktiven 
Vorgänge mit den Molekülen nicht das Geringste zu schaffen haben, son- 
dern sich ausschließlich in den Atomen der Elemente abspielen. 

Begleitet werden all diese Umwandlungen von Strahlungserscheinungen, 
welche auf die Natur der Elemententransmutation ein helles Licht werfen. 

Alle radioaktiven Substanzen, von denen man derzeit bereits viele kennt, 
besitzen dreierlei mit den griechischen Buchstaben a-, ß- und y bezeichnete 
Strahlen, von denen die ersten beiden sich sehr bald (vgl. Kathodenstrahlen 



*) Der Preis dafür war schon vor dem Kriege deshalb 1/2 Million Mark. 

**) Man mißt sie nach der Halbwertszeit und versteht darunter die Tat- 
sache, daß das Gas Niton binnen 3,25 Tagen, also binnen rund 4 Tagen, schon 
zur Hälfte zersetzt ist. 

142 



auf S. 56) als enorm schnell bewegte elektrische Teilchen von negativer 
(ß-Strahlen) und positiver (a-Strahlen) Ladung erwiesen. Die ß-Strahlen 
sind nichts anderes als die uns längst bekannten Elektronen, nur mit dem 
Unterschied, daß sie besondere, manchmal sogar Lichtgeschwindigkeit besitzen. 

Die «-Teilchen können unter der Lupe als leuchtende Szintillationen un- 
mittelbar beobachtet werden; sie sind es, die allen Radiumpräparaten das 
ständige matte Leuchten verleihen, und von ihnen stellte sich heraus, daß 
sie Heliumatome sind, die mit einer beträchtlichen elektrischen Ladung in 
den Raum hinausgeschleudert werden. 

Im Gegensatz zu dieser Emanation hat das Radium eine außerordentlich 
lange Halbwertszeit von 1600 Jahren, was ihm angesichts der ungeheuren 
Wärme, die es beim Auftreffen seiner Teilchen auf andere Materie durch 
Umwandlung der kinetischen Energie entwickelt,*) eine außergewöhnliche 
Stellung im Haushalt des Menschen in dem Augenblick verleihen wird, in 
dem es gelingt, die Erscheinungen des Atomzerfalls künstlich zu provozieren. 

Aus der Beobachtung der Halbwertszeiten ergab sich übrigens sehr bald 
das Vorhandensein von vielen, darin unterschiedenen, radiumähnlichen Ele- 
menten, die teilweise unsichtbar und unherstellbar, sich nur durch ihre Ra- 
dioaktivität verrieten. Alle diese als lonium, Actinium, Protactinium, Tho- 
rium, Mesothorium, Radiothorium, Radium A, B, O, C" usw. unterschiede- 
nen Elemente bilden zusammen eine unheimlich reiche Welt unfaßlicher 
Stoffgebilde von manchmal vielen Jahren, manchmal nur 10 bis 11 Sekun- 
den Halbwertszeit, im allgemeinen von einer erstaunlichen Kurzlebigkeit. 
Sie sicherten sich sehr bald durch eine dem Chemiker alten Schlages ganz 
unvorstellbare Eigenschaft besondere Beachtung. Viele von ihnen (30) 
sind nämlich chemisch gar nicht zu unterscheiden, obwohl sie physikalisch 
sehr wohl voneinander getrennt werden konnten. 

Auf diese Weise gesellte sich zur Isomerie auch noch eine Isotopie (vgl. 
S. 137), die im Jahre 1907 von H. McCoy und \V. Roß in England ent- 
deckt wurde. 

Damit waren für die Chemie wieder neue Möglichkeiten gegeben. Erst 
jetzt fiel genügend Licht auf die sonderbare Periodizität, mit der gewisse 
Eigenschaften wiederkehrten, wenn man auch nach dem Vorgang des rus- 
sischen Chemikers D. Mendelejeff die Elemente in der Reihenfolge ihrer 
Atomgewichte zusammenstellte. Man gelangte auf diesem Wege zu einem 
deshalb als periodisch bezeichneten System, das hier nach dem Mendcle/e/f- 
schen Werke: „Grundlagen der Chemie" wiedergegeben ist. (Vgl. auch Ab- 
bildung 45.) 

Wie bereits betont, zeigt sich bei einer solchen Zusammenstellung, daß 
die Eigenschaften der Elemente sich in regelmäßiger Folge wiederholen. 



*) Hunderttausend Millionen Grammkalorien für je 226 g Radium, also etwa eine 
Million und mehr als die intensivste Verbrennung! 

143 























































70 




























f 










































































60 




































































»k 


































50 
























Y 








M? 








■WI? 








vnn 










R 












































io 














w 
































































l 


'a 






















^f, 






m 


- 


* 






- 


\ 


f 








































j 




W. 






\ 








-, 




t 


























I 






< 


































1 




7:1 








I 


- 


% 


' 


\ 






} 










'^ 








■* 


Sa 








s 




\ 






10 


L 




/ 


y^ 




'\ 




^ 






^ 


/ 


/ 




















.1 








' 




1 


V 


/ , 








ter 


1 








r 


i 






















n 















/■ 




liÜ! 


















1 






































h Tu, At. Ht 
SO 


' y7y 3 M E Yi 
,50 


2oa ifo 



Abb. 45. Schema zur Erläuterung der Tabelle des periodischen Systems (nach 
L. Meyer). Die Elemente zerfallen danach in Gruppen (I— VIII) von ähnlichen 
Eigenschaften. DP = Grenze des Gesetzes von Dulong-Petit; + = elektropositive 
Elemente; — = negative Elemente ; 0—70 = Atomvolumina; 0—250 = Atomgewichte 

Lücken mußten in dieser Tabelle auch bald erkannt werden; aus ihr ließ 
sich sogar vorhersagen, welches Atomgewicht etwa noch nicht entdeckte 
Elemente besitzen, auch welche Eigenschaften ihnen zukommen müßten. 
Tatsächlich wurde auf diese Weise das Vorhandensein der Elemente Scan- 
dium, Gallium und Germanium prophezeit und auch nachgewiesen. 

Nur darauf ist man noch nicht geraten 3»), daß die Existenz eines solchen 
Systems auch der Beweis für die Berechtigung eines Stammbaumes der 
Elemente sei, genau so, wie aus der periodischen Wiederkehr von Eigen- 
schaften bei Organismen zuerst Linne nach einem willkürlich gewählten 
Merkmal — dort die Zahl der Staubgefäße, hier das Atomgewicht — ein 
künstliches System geschaffen hat. De Candolle aber alsbald ein natürliches 
System und Lamarck-Häckel dann den Stammbaum. 

Wenn man die in obiger Tabelle untereinander stehenden Elemente (also 
Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon, die „Edelgase" der Luft) in allen 
Eigenschaften einander weit ähnlicher findet denn die sämtlichen übrigen 
der 81 Elemente, dann hat man doch darin die Gesetzmäßigkeit vor 
sich, die sich auch in dem ausdrückt, was man „Verwandtschaft" bei den 



144 





\ \ 


00 


1 1 1 


Fe Cobalt 
55,84 58,97 
Ni Cu 
58 63 


Ruthenium 

101.7 

Rhodium 

102,9 

Pallad, Silber 

106,7 


Osmium 
190,9 

Iridium 
193,1 


<CN 


1 






- 


Fluor 
19,0 
CI 

35,46 


Mangan 
54,93 

Br 
79,92 


Jod 
126,92 


1 1 


1 1 


1 




c — 


2 1 


^ CO 


Chrom 
52,0 

Selen 
79,2 


Molybdän 

96,0 

Tellur 

127,5 


1 1 


Wolfram 
184,0 


CCN 




E ir 


^ ' ^--°-l 


Vanadium 

51,0 

As 

74,96 


Niob 

93,5 

Antimon 

120,2 


1 1 


Tantal 

181,5 

Wismut 

208,0 


1 






— 

Carbon [C] 
12,00 

Si 
28,3 


Titan 

48,1 

Gcrman. 

72,5 


Zirkon 
90,6 
Zinn 
118,7 


in 

'1' 


Blei 
207,20 


ii2 




^ CO 

D. 
3 


1 !?<£- 


Scandium 

45,1 
Gallium 

72,5 


Yttrium 

88,7 
Indium 

114,8 


c 

1^ 1 


Ytterbium 
173,5 

Thallium 
204,0 




1 




o 

CN 


Beryll. [Be] 

Mg 
24,32 


Ca 
40,07 
Zink 
65,37 


Strontium 

87,63 
Cadmium 

112,4 


Er- 

3 CO 

03 — 


Quecksilber 
200,6 


1 




- 


£9 

-aO 




Lithium [Li] 

6,94 

Na 

23,00 


K 

39,10 

Cu 

63,57 


Rubidium 
85,45 


Calcium 
132,81 


2 
o 

1 TS; 

3 — 
3 
< 


1 


1 


O 


Helium [He] 
4,00 
Neon 
20,2 


Argon 
39,88 


Krypton 
82,92 




1 1 


1 


Fr 


c 
«/7crf. Bios 


-^ 


CN CO 


"^ kn 


O t- 


oo o 


O — 


1 


N 



145 



Organismen nennt. Handelt es sich nicht um solche, dann sind Ähnlich- 
keiten einer biologischen Reihe nur als Konvergenz (gleiche technische 
Form aus gleicher Funktion) oder aber als Mimikry deutbar; in allen Fäl- 
len sind derartige Übereinstimmungen nur nach Analogie biologischer Ge- 
setze zu beurteilen, da es eben Analoga hierfür nur im Reiche des Biologi- 
schen gibt. Und somit ist hier einer jener Punkte aufgedeckt, von denen 
ich im einleitenden Abschnitt sagte, sie würden notwendigerweise infolge 
der Organisation der menschlichen Erkenntnisfähigkeit auch zu einer Biolo- 
gisierung der „anorganischen Wissenschaften", darunter auch der Chemie, 
führen. Einen wesentlichen Schritt auf diesem Wege bedeutet vor allem 
die Neuordnung und Vereinfachung des Elementbegriffes und damit des 
chemischen Atombegriffes durch die Leistungen von Rutherford und Aston, 
denen es gelang, Elemente aus dem Mendele/eff'schen System zu zerlegen. 
Mit anderen Worten: sie übertrugen die Atomzersprengung, die man am 
Radium in der Natur beobachten kann, künstlich auf andere Elemente. 

E. Rutherford hat radioaktive a-Strahlen auf Stickstoffatome wirken las- 
sen und dabei gefunden, daß Wasserstoff entsteht. Aus der Bahn der a- 
Strahlen, die man verfolgen kann, hat sich erkennen lassen, daß diese beim 
Zusammentreffen mit den Stickstoffatomen eine Ablenkung erfahren, die 
auf S. 104 dargestellt ist. Der einzig mögliche Schluß daraus war, daß aus 
den Stickstoff-Atomkernen Wasserstoffteilchen herausgeschleudert wurden, 
daß Stickstoff also kein Element, sondern eine Verbindung mit Wasser- 
stoff sei. Gleichzeitig (1920) zeigte E. W. Aston, daß Chlor ein Gemisch 
zweier Elemente mit dem Atomgewicht 35 und 37 ist. Durch diese Ent- 
deckungen, denen natürlich binnen kurzem viele ähnliche folgen werden, ist 
eine alte, schon im Jahre 1815 ausgesprochene Ansicht des englischen Arz- 
tes IV. Prout wieder zu Ehren gekommen. Nach ihr soll nämlich Wasser- 
stoff, der sich dem periodischen System ohnedies nicht einfügt, die allen 
Elementen gemeinsame Urmaterie sein! (Man beachte seine Stellung auf 
der Tabelle.) Alle schweren Atome sind nach dieser Ansicht aus einer 
ganzen Zahl von Wasserstoff atomen zusammengesetzt; es müßte demnach 
das Gesetz der Quanten, bzw. das der multiplen Proportionen, bereits für 
die Atomgewichte gelten. Man ist im Begriffe, das mit den neuen Methoden 
der Radiotik zu finden, und gerade die Aston'scho. Entdeckung war ein ge- 
wisser Schritt dazu. Mit der Schaffung eines neuen Elementensystems, das 
auf dem periodischen fußt, und in das man die Elemente nach ihren Ord- 
nungszahlen einträgt 36), hat man praktisch so gehandelt, als ob bereits die 
Prout'soht Hypothese zu Recht bestünde, und so ist wieder ein großer 
Schritt auf dem Wege zur Vereinheitlichung des Weltbildes getan. 

Noch ist das Gesetz der Materie nicht erkannt, aber wir nähern uns ihm, 
und der Tag ist nicht fern, an dem von dem Uratom aus die Chemie end- 
gültig zur Mechanik der Materie wird. Nur wird man sich darüber keiner 
Illusion hingeben, daß sich dadurch nichts Grundlegendes ändern wird. 

146 



Die Rechnungen der Stereochemie werden nur gewissermaßen um ein Stock- 
werk zurückgeschoben, statt mit 92 verschiedenen Atomgewichtszahlen 
wird man mit einer einzigen zu rechnen haben und mit ihrer Hilfe wird 
man eben Elemente berechnen, nicht nur Verbindungen. 

Die Umwandlung der Elemente, der alte Traum der Alchemisten, wird 
freilich Wirklichkeit werden, und sie wird neben der Entwertung der Edel- 
metalle die nutzbarsten in genügenden Mengen mit sich bringen, nämlich 
Platin, das chemisch indifferent jeder Schmelztemperatur bis zur Knall- 
gasflamme widersteht, und Iridium. Ein sonstiges Interesse, Elemente her- 
zustellen, hat man gerade nicht, da ja die wichtigsten und für das Leben 
unentbehrlichen, wie Stickstoff und Sauerstoff in der Luft, Hydrogen im 
Wasser, Kohlenstoff in der Kohlensäure, Eisen im Erdinnern in genügender 
Menge zur Verfügung stehen. 

Jedenfalls ist man heute schon der Wahrheit näher als dem Gegenteil, 
wenn man sagt, die Eigenschaften der Elemente seien ebenso Integradons- 
qualitäten wie etwa Luft und Wasser gegenüber denen von O, H, N, oder 
die der Mineralien gegenüber denen der Kristalle, oder der Gesteine gegen- 
über denen der Mineralien. 

Schon ihre enorme Verschiedenartigkeit — welche Unterschiede walten 
doch zwischen Stickstoff, Gold, Kieselsäure (Silicium), Quecksilber und 
Radium — ist ein untrügliches Anzeichen, daß die Elemente keineswegs 
auch elementare Seinsstufen sind. Wohl am besten bekannt von ihnen sind 
die Gase und deren einfachste Verbindung, das Wasser, sowie das unse- 
rem Leben unentbehrliche Gemenge, die Luft, das Urbild aller Gase, deren 
hervorstechendste Gesetzmäßigkeiten selbst dem primitiven Menschen aus 
eigenem Erleben geläufig geworden sind. 

Von diesen Gasen ist der Sauerstoff (Oxygen), die „gute Luft" der alten 
Chemiker, vielleicht der seiner Masse nach am meisten vorhandene Stoff 
auf Erden. Denn auch das Wasser ist nicht, wie man von vornherein zu 
glauben geneigt ist, vorwiegend Wasserstoff, sondern zu 89 Prozent Oxy- 
gen. In der Atmosphäre kommt dem freien Sauerstoff fast ein Viertel zu, 
und viele wichtige Gesteine, wie Kalk oder Sandstein, bestehen bis zur 
Hälfte ihres Gewichtes daraus. 

Als fast 16mal schwereres Material wie der Wasserstoff ist Oxygen in 
gasförmigem Zustand weder durch Farbe noch Geruch oder Geschmack 
(ganz entgegen seinem Namen) kenntlich, als Flüssigkeit aber ist es schwach 
blau, als fester Schnee schön blau und magnetisch. Das alles klingt zwar 
merkwürdig, ist aber eigentlich unwesentlich gegenüber der chemischen 
Fähigkeit dieser Substanz, sich fast mit allen Elementen (mit Ausnahme des 
Fluors und der Heliumreihe im periodischen System) meist unter heftig- 
ster Molekularbewegung zu verbinden. Das, was dem Urmenschen als eines 
der sichersten Zeichen von Dämonie erschien, so daß es bis zu den Welt- 
anschauungen der Primitiven von heute davon untrennbar scheint, nämlich 

\r 
147 



das Feuer mit seinen Licht- und Wärmeerscheinungen, das ist nichts als 
eine Erscheinung aus der Gesetzeswelt der Oxydationen.^'') 

Stürmische Vereinigung von Oxygen mit anderen Elementen, das ist es, 
was man Verbrennung nennt, und Flamme heißt es, wenn das andere 
Element sich ebenfalls in gasförmigem Zustand befindet. Es werden dann 
unter Umständen Strahlen ausgesandt (leuchtende Flammen); an sich ist es 
aber nicht nötig, daß eine Flamme leuchte. Dem Chemiker ist es geläufig, 
daß die Wasserstoffflamme fast unsichtbar ist, daß ihre gesamte Verbren- 
nungsenergie sich also in Bewegungen der Moleküle, nämlich in Wärme um- 
wandelt. Erst wenn man die Sauerstoffzufuhr, die an sich aus der Luft er- 
folgt (kein Ofen und kein Licht brennt ohne Luftzug), steigert und in die 
Flamme ein Stück gebrannten Kalkes (Kalklicht) oder, wie bei dem Auer- 
licht, die Elemente Thorium und Cer bringt, dann erscheint ein sehr wesent- 
licher Teil der Energie als Licht, gleichwie im Leuchtgas Kohleteilchen 
glühen und leuchten. 

Was nicht „brennbar" ist, das enthält entweder schon so viel Sauerstoff, 
als es überhaupt binden kann, und nimmt daher keinen mehr auf, — deshalb 
brennen z. B. die meisten Steine, auch Ziegel und Sand nicht — oder die 
nicht brennbaren Dinge nehmen den „Feuergeist" so bedächtig auf, daß ihre 
Moleküle nicht in die Bewegung geraten, durch die sie unsere Sinne reizen. 
Dann redet man nicht von Verbrennung, sondern nur von Oxydation 
schlechthin und findet das sehr wenig anziehend, wenn man es z. B. an dem 
allmählichen Rosten von Eisen (Formel s. S. 110) beobachtet, oder am 
Faulen des Holzes oder eines Tierkadavers, ebenso an der Verwesung von 
Pflanzenblättern, was alles nichts als sehr langsame Oxydationen, d. h. An- 
reicherungen mit Sauerstoff, Bildung von Oxyden sind.*) 

Und doch ist wieder dieser uninteressante Vorgang Grundlage und Wesen 
alles Daseinsglückes, wenn er im eigenen Körper erfolgt als Anreicherung 
des Blutes mit Sauerstoff durch die Atmung, ohne die kein lebendes Wesen, 
die einfachste Zelle ebensowenig wie Pflanze und Tier, bestehen kann. 

Was wir im Blute unter merkbarer Wärmeentwicklung — bei gewissen 
Pflanzen und Tieren {Leuchtbakterien, Pilze, Leuchttiere des Meeres) (Abb. 46) 
geschieht dies sogar unter Leuchten — verbrannt haben, das muß durch 
„Nahrung" ersetzt werden; Oxygen aber muß in den Stoffwechsel der Zelle 
eingeführt werden, weil es eben das einzige Element ist, das zu allen ande- 
ren die Brücken schlagen kann, und das auf diese Weise alles für das 
„Lebende" nutzbar macht. 

Wunderbar schlingt sich so der Reigen der Wandlungen durch das Sein; 
in buntem Gewirr tanzen vor den Sinnen nicht nur die fernen Brände von 
Weltkörpern und Gasen, sondern auch die gleichsam als Gott das Erden- 
leben regelnde Licht- und Wärmeflut der Sonne; es glühen die irdischen 



*) Der Gegensatz dazu heißt bekanntlich Reduktion. 

148 




Abb. 46. Leuchtende Tiere des Meeres 

Links vorn ein leuchtender Seestern (Brisinga), dahinter links die Ticfsecrasscl 

(CoUosendeis), rechts ein Tiefseekrebs (Pentacheles), im Hintergrund der Krebs 

Nematocarcinus. (Nach Marshall) 



Abb. 47. DiL- l^laiictcii 




Jupiter mit dem ,. roten Fleck" 




Alar> mit >einer i'olarkappc und 
dem an;,'ebliclu'n Kanainct/ 




,.K.Mg- 



Feuer, durch die unser Geschlecht erst lernte, die kräftigsten Änderungen 
seiner Umwelt hervorzurufen; dem Denker leuchtet der Lampe Schein, und 
in der Liebenden stürmisch schlagenden Herzen steigt heilJ das Flammen- 
empfinden oxydierenden Blutes empor, und alles: Licht, Feuer, Glut, Liebe, 
Leben ist nichts als der Kreislauf eines Gases durch die Welt der Dinge. 

So steht das Denken unbeirrt über dem Rausch der Sinne und wcili in 
einem Begriff das ganze Erleben, das aus hundert Quellen zusammenfließt. 
zu meistern. Diese Vereinfachung des Verwirrenden und Tausendfachen ist 
der wahre biologische Sinn des Denkens, seine Rechtfertigung und Legiti- 
mierung vor dem Richterstuhl des Lebens. Wenn es das nicht leistet, dann 
ist es für den Organismus eher schädlich, wenn es aber die Verwirrung der 
Sinne zu bändigen weiß und das Handeln in die Richtungen lenkt, in die 
jene wenigen großen, einfachen Weltge?etze den Strom des Seins drängen, 
dann winkt ihm der göttergleiche Lohn: die Harmonie mit dem All und da- 
durch volle Erfüllung des Seins und Dauer. Dann hat Denken wieder ein- 
mal als die Krone aller Lebensbetätigung die Wertschätzung erlangt, die den 
Denker trotz der zahllosen Irrwege, in die sich der Menschengeist ununter- 
brochen verläuft, doch zum wahren Fürsten des Menschengeschlechts erhebt. 

Mit dem Sauerstoff, dem Stammvater der zahllosen Oxyde, mischt sich 
nun in unausdenkbaren Mengen NUrogen. Es ist die zweite Säule, auf der 
das Weltgebäude ruht. Seinen deutschen Namen Stickstoff rechtfertigt 
dieses Element weidlich, da sowohl Atmung wie Verbrennung in ihm er- 
stickt. Und dennoch kann kein Leben ohne Stickstoff sein; im Plasma 
macht er 15 Prozent des Gewichtes aus. 

In unserer Zoesis erscheint Nitrogen als farbloses, geschmack- und ge- 
ruchloses Gas, aber bei der Temperatur des Weltraumes wird es zur 
wasserklaren Flüssigkeit, die bei noch tieferen Temperaturen als —214° zu 
Schnee gefriert. 

Unser Leben, ja alles Leben ist ein Stickstoffproblem, und kein Satz der 
Volkswirtschaftslehre ist richtiger als der: Je mehr Stickstoff in den Boden 
kommt, desto besser gestaltet sich die Ernährung. Stickstoff muß der 
Pflanze dargeboten werden, damit sie wächst, und ohne Eiweiß wäre des 
Menschen Dasein keine vier Wochen aufrechtzuerhalten. 

Stickstoff muß sich also irgendwie mit dem zentralsten Punkt des Lebens- 
problems verbinden. Aber trotz dieser enormen Bedeutung weiß man nichts 
davon als gerade das eine Unverständliche, daß, so reaktionsfähig viele Ver- 
bindungen des Nitrogens auch sind, das Element selbst es starr ablehnt, 
Verbindungen einzugehen. Übte nicht die Bioteciinik der Pflanze, im beson- 
deren die gewisser Bodenalgen und Spaltpilze jenes richtige Handeln, das 
uns versagt ist, nie wäre Menschen- und Tierleben auf dem Festlande mög- 
lich gewesen. Es ist erst ein höchst bescheidener Anfang, wenn seit einem 
Jahrzehnt die unausdenkbare Menge des atmosphärischen Stickstoffes, der 
78,06 Prozent der Luftmenge ausmacht, zur Herstellung von Stickstoff- 

149 



Verbindungen, namentlich von Kalkstickstoff verwendet wird, der dann als 
Düngemittel Verwendung findet. 

Es wäre trotzdem kein Pflanzenleben möglich, würden nicht die Stick- 
stoff bildenden (nitrifizierenden) Algen und Pilze sowohl den freien Stick- 
stoff der Bodenluft speichern und in Verbindungen überführen, wie auch 
aus den Nitriten, welche die grüne Pflanze nicht aufnehmen kann, die- 
jenigen Stickstoffderivate (Nitrate) bilden, aus denen sich die Gewächse 
der Wälder, Wiesen und Felder ernähren. 

Hunderttausende und Millionen dieser winzigen Stickstoffchemiker gibt 
es in jedem Fingerhut fruchtbarer Erde, und nur dadurch ist das grüne 
Kleid der Erde gesichert.s^) 

Das ist die eine große Gesetzmäßigkeit, durch die sich Stickstoff mit dem 
Weltall verkettet; in die andere, die seinen Zusammenhang mit dem Leben 
regelt, sieht noch kein Intellekt hinein. Hier ist eine schmerzliche Lücke 
im Weltbild. Eine dritte, deren Sinn ebenfalls noch unergründet blieb, ist 
die kolossale Menge freien Stickstoffes, welche die Erde im Gemenge mit 
Sauerstoff, Kohlendioxyd, viel Wasserdampf und Ammoniumnitrat und den 
Edelgasen (Argon, Krypton, Neon und Xenon sowie Helium) als elastischer 
Mantel umgibt. 

Die Existenz dieser mit Staub beladenen sog. Atmosphäre, in der sich 
der Wasserdampf als wechselnde, luftige Wolkengestaltung ausscheidet 
und in stetem Kreislauf als Regen und Schnee, Verdunstungsfeuchtigkeit 
und Wolkenspiel den Himmel mit unerschöpflichen Schönheiten schmückt, 
ist sogar den denkenden Köpfen von je als selbstverständlich vorgekommen, 
während sich doch an ihr Sein die tiefsinnigsten Fragen knüpfen. (Abb. 49.) 

Da es Himmelskörper mit viel geringerer (Mars) oder gar keiner Atmo- 
sphäre (Mond) oder mit einer viel dichteren (Venus) gibt, ist ihre Existenz 
an Zeit und an die Gesetze von Produktion und Konsumtion gebunden. Wir 
kennen nun sehr wohl Konsumenten der atmosphärischen Stoffe, kaum aber 
— mit einer Ausnahme — Produzenten. Der Wasserdampf bleibt in seiner 
Gesamtmenge nicht konstant; unausgesetzt werden große Mengen Wasser 
als „Kristallwasser'' und Bergfeuchtigkeit von der Erdrinde chemisch ge- 
bunden; sie versickern gewissermaßen, ohne jemals wieder die Reise in die 
Luft antreten zu können. Auch der freie Stickstoff wird langsamer zwar, 
doch ebenso beständig vom Leben vermindert, und in diesem Sinne kann 
wohl gesagt werden, daß der Luftkreis das große Reservoir des Lebens 
darstelle, das eines Tages verbraucht sein wird. 

Der Sauerstoff wird zwar durch das Atmen von Tier und Pflanze, sowie 
durch die Verbrennungen und Oxydationen verbraucht, aber durch die che- 
mische Tätigkeit der Pflanzenwelt und ebensoviele Reduktionen kehrt er 
wieder, so daß seine Menge wohl nicht merkbar wechselt. Dafür tritt uns 
hier wiederum einer der großen weltgesetzlichen Kreisläufe entgegen, auf 
denen die Dauer des Seins ruht. 

150 



Auch das Kohlendioxyd (CO2), fälschlich Kohlensäure genannt, be- 
schreibt nur einen ständigen Kreislauf. Aus Vulkanen, Mofctten und kohlen- 
sauren Quellen, sowie aus den Vorgängen der //«mwsbildung strömt es 
ständig in die Atmosphäre, gleichwie aus dem Atmungsprozeli der Leben- 
den, es wird aber ebenso unablässig von der Pflanzenwelt immer wieder 
für ihre Ernährung verbraucht. Wenn es über dem Meer etwa 3%o der ge- 
samten Luftmenge beträgt, so ändert sich das über großen Wäldern in 
keiner merkbaren Weise, wohl aber in den grolien Städten, wo durch 
Fabrikschornsteine und Hausbrand noch mehr Kohlendioxyd angehäuft 
wird, als durch das Atmen der Menschen. Hier steigt der „Kohlensäure- 
gehalt" bis auf 6— 7%o und in den Räumen, wo viele Menschen bei- 
sammen sind, wie im Theater, in Schulen oder Bibliotheks-Lesesäien, kann 
man sogar 5o/o messen. Das ist nicht nur schädlich, sondern auch merkbar 
als Ermüdung, Kopfschmerz und Herabsetzung der geistigen Spannkraft. 

Die Gesetzlichkeit der Atmosphäre ist also von vornherein keine kon- 
stante; so, wie Zeiten kommen werden, in denen die Erde noch weit 
trockener sein wird als heute, da die Wüsten und Steppen auf ihr ohnedies 
einen größeren Raum beanspruchen als die fruchtbaren Gebiete, in denen 
auch der Stickstoffhaushalt des Lebens nicht immer so unbeschränkt sein 
kann wie derzeit, so muß es auch Zeiten gegeben haben, in denen die At- 
mosphäre weit mehr Wasserdampf getragen hat als heute. Für alle diese 
Gedanken bieten die Himmelsgefährten der Erde Vergleichspunkte. Venus 
und Jupiter sind beide durch das Teleskop so weit erkennbar, daß man die 
fast ständige Wolkenverschleierung ihrer Oberfläche erkennen kann, wäh- 
rend auf der Erde kaum mehr als ein Drittel ihrer Oberfläche gleichzeitig 
bedeckt sein könnte. Auf dem Jupiter (Abb. 47) scheint überhaupt der 
jedem Anfänger in der Astronomie bekannte „rote Fleck" die einzige Stelle 
zu sein, an der das Auge etwas von seiner wahren Beschaffenheit erblickt. 

Dagegen ist die Seite des Mondes, die ständig der Erde zugekehrt ist, 
überhaupt wolkenlos. Und auch das, was wir vom Mars wahrnehmen, kann 
nur in der Richtung gedeutet werden, daß zwar Wasser da ist (vergl. 
Abb. 47), sonst wären die mit den Jahreszeiten wechselnden, weißen Kalot- 
ten an seinen Polen nicht zu deuten, daß aber er, der an Alter der Erde 
Überlegene, nicht über jene Wasserwüsten verfügt, die ',3 der Erdkugel 
bedecken. Man muß ihn vielmehr für den Wüstenplaneten halten, was dem 
brennenden Rot zustimmt, in dessen Farbe er in unsere Nacht niederblickt. 
Und doch weiß niemand Antwort auf die Frage, woher die ursprünglichen 
Gasmassen der Atmosphäre stammen, obzwar sich manches jetzt doch da- 
zu verdichtet, in ihnen Überbleibsel des kosmogenetischen Prozesses selbst 
zu sehen. Die Erforschung der Luft mit Drachen und Registrierballonen 
hat allmählich unter Zuhilfenahme astronomischer Beobachtungen eine 
Physik der Atmosphäre an die Stelle der alten Meteorolof^ie gesetzt, die 
doch zu wenig Raum umspannte, um auf das Ganze schließen zu dürfen. 

151 



400. 



300. 



Die Ballonaufstiege brachten mit ihren selbstregistrierenden Instrumenten 
aus der höchsten erreichten Höhe von 30 km die sehr überraschende Tat- 
sache, daß die jedem Bergsteiger wohlbekannte Temperatur ab nähme mit 
zunehmender Höhe in etwa 11 km Höhe ihre Grenze erreicht. Von da 
ab bis zu 30 km war es 5001 
gleichmäßig kalt. Die 



Temperatur von — 55 
wurde nicht mehr unter- 
boten. Und da eine 20 km 
breite Luftschicht von 
feststehender Tempera- 
tur alle aufsteigenden 
Luftströmungen verhin- 
dern muß, so ist es wahr- 
scheinlicher, daß die 
Ruhe bis zu den Gren- 
zen der Atmosphäre 
reicht, als daß das Ge- 
genteil gilt. 

Scharf scheidet sich da- 
durch eine Troposphäre 
(vgl. Abb. 49), in der sich 
das Leben aufhält, von 
einer keine Temperatur- 
änderungen erleidenden 
und darum ewig unbe- 
wegten Stratosphäre, die 
sich in kristallener Klar- 
heit darüber lagert. Denn 
die Messungen der Wol- 
kenhöhe ergaben, daß 



100. 




•Ys"^^^^? 



CB=3 g£j^Af<^g!«° rfSTfflTti,im IM .11 



w 



Wasserstoff- 



Abb. 49. Der Aufbau der Erdrinde und ihre Atmosphäre, die mit 
500 km Höhe angenommen wurde. Bedeutung der Buchstaben: A =: Höhe 
allpo «roo mo« ,.«+^^ ^^„, der Alpen; B = Höhe der bemannten Ballonaufstiege; C = Höhe der 
alles, was man unter dem Kordilleren; D = Höhe der Drachenaufstiege; F = Durchschnittliche 

Sammelnamen Wetter 
zusammenfaßt, sich noch 
immer in der Tropo- 
sphäre abspielt; sowohl 
die Temperaturschwan- 
kungen und die durch 
sie erzeugten Winde, wie auch das Spiel der Wolken, von denen die tiefsten, 
welche auch noch unsere Bergesspitzen umnebeln, in einer Höhe von we- 
nigen hundert Metern schweben (Abb. 48), während noch an den oberen 
Grenzen der Troposphäre Eiswolken aus blitzenden, blendend weißen 
Kristallnadeln, die der Volksmund Schäjchen (Cirrus) nennt, ihre Reihen 



Höhe des Festlandes; Q = Oeocoroniumsphäre; H = Höhe des Hi- 
malaya; K = Höhe der leuchtenden Nachtwolken beim Krakatau-Aus- 
bruch, daneben die 4 Typen der Wolkenbedeckung (Cumulus, Strato- 
cumulus, Stratus und als höchste die Cirruswolken); M = Durchschnitt- 
liche Tiefe des Weltmeeres; R = Höhe der registrierenden Ballon-Auf- 
stiege; S = Sternschnuppen; Si = Stratosphäre; St = Stickstoffsphare; 
T = Größte Tiefe der Ozeane; Tr = Troposphäre; 
Sphäre. (Original.) 



152 



aufstellen können. Darüber hinaus leuchtet ungetrübt Sonnenglanz und 
Sternenschein in allen Tagen und Nächten. (Vgl. Abb. 49.) 

Überdenkt man aber diese Schicht, so wird man sich bald darüber klar 
sein, daß sich in ihr notwendigerweise eine Schichtung einstellen muli. Der 
leichte Wasserstoff muß in die Höhe steigen, hat er doch Atomgewicht 1, 
der 14mal schwerere Stickstoff muß unten bleiben. Schon in 70 km Höhe 
muß der Stickstoffgehalt der Lufthülle von 77o/o auf 20oo sinken. Als Be- 
weis dieser rechnerischen Behauptung sieht man am Abendhimmcl, wenn 
die Sonne etwa 17 Grad unter dem Horizont steht, ihre Strahlen also nur 
die Luft in 70 km Höhe beleuchten, ein plötzliches, sprunghaftes Sinken der 
Beleuchtungsintensität, was jedermann jeden Tag etwa eine halbe Stunde 
nach Sonnenuntergang selbst nachprüfen kann. Man merkt daran, daß die 
Luft dort oben das Sonnenlicht anders reflektiert, daß sie also auch anders 
beschaffen sein muß. Ähnliche Beweise ließen sich aus dem Verhalten der 
Polarlichter ableiten, die von 500 km Höhe bis zu 70 km in ihrem Spek- 
trum viele Wasserstofflinien zeigen, reichen sie aber tiefer herab, so sind 
sie in zunehmendem Maße mit Stickstofflinien durchsetzt. (Vgl. Abb. 49.) 

Aber auch damit ist der Bau der Luft nicht ganz beschrieben. Jenseits 
der Wasserstoffatmosphäre gibt es noch etwas. Im Spektrum der Polar- 
lichter zeigt sich gerade in 400—500 km Höhe jene leuchtend grüne Linie, 
die man in der Sonnenatmosphäre gefunden hat (A. Wegener), und die 
man dort einem überaus leichten Oase (Coronium) zuschreibt. Ob man es 
nun auf der Erde, deren Atmosphäre es von etwa 200 km an bildet, Geo- 
coronium nennen, oder es mit dem Coronium der Sonne überhaupt gleich- 
setzen soll, ob dieses Coronium, wie aus Verschiedenem zu schließen ist, 
das ganze Sonnensystem bis an seine Orenzen erfüllt, das wird erst in Zu- 
kunft entschieden werden. Dann erst wird auch der feste Boden vorhanden 
sein, um sich der Frage zu nähern, die uns bei allen diesen Erfahrungen 
ständig auf den Lippen schwebt, nämlich: aus welcher Notwendigkeit sind 
diese Oashüllen da, und was bedeuten sie fürs Weltganze? Leicht schwingt 
sich die Phantasie auf, in ihnen Reste der Weltnebel zu sehen; gern er- 
innert sie sich an die Ple jaden (Abb. 19), die in einem Ncbclmecr schweben, 
reimt sich damit zusammen, daß wir Sonnen kennen gelernt haben, die aus 
bloßem Wasserstoff bestehen, und denkt daran, daß Wasserstoff das meiste 
Anrecht hat, als der Urstoff zu gelten, aus dem sich alle anderen Elemente 
und damit auch das ganze materielle Sein aufbauen konnte — begeistert 
greift die Einbildungskraft nach dem so rasch auftauchenden Bilde einer 
einheitlichen chemischen Naturauffassung — , aber da zerflattert auch schon 
wieder alles. Oesetzzusammenhänge sind das nicht, und nicht einmal das 
vermögen wir zu sagen, ob und wann unsere Frage ernste Beantwortung 
finden kann. Wohl aber locken hier ferne Sterne den Forscher. 

Ganz andere Sicherheiten hat dagegen das Erkennen in der zoctischcn 
Schicht der Atmosphäre. Daß eine solche ungeheure Oassäule nicht ohne 

153 



Gewicht sein kann, wird niemand bezweifeln. Der Begriff Luftdruck ist so- 
gar schon den Schuljungen geläufig. Das Gesamtgewicht der Lufthülle hat 
man schon vor den neuen Erweiterungen des Wissens auf 5 Trillionen kg 
geschätzt; es ist natürlich in Wirklichkeit noch weit mehr. Die alltägliche 
Redeweise spielt mit diesem unvorstellbaren Gewicht wie mit etwas ihr 
ganz Vertrautem. „Ich bin heute arbeitsunlustig," sagt sie, „denn es ist 
tiefer Luftdruck." Aber sie irrt sich gründlich damit. Das Tief soll nur die 
Stelle angeben, an der das Quecksilber der Barometersäule an solchen Tagen 
der „Minima'^ stehen bleibt; in Wahrheit ist gerade dann die Luft verdünnt 
und leichter; darum kann in das entstandene „Vakuum'^ schwere und käl- 
tere Luft einströmen. Das geschieht auch, und der Wind bringt Regen. 

Da die Luft aus Gasgemengen besteht, so sind ihre Teile überaus leicht 
verschiebbar, so daß sie schon bei der geringsten Temperaturdifferenz sich 
verlagern und daher in stetem Strömen und Fließen begriffen sind. Das 
ist unseren Sinnen wohl merklich; den Sinneseindruck nennen wir Lüftchen, 
Wind, Sturm (vgl. Abb. 50), Orkan, je nachdem die Luftbewegung 0,5—50 
Meter in der Sekunde zurücklegt.^^) Diese Bewegung hat alles das zur Folge, 
was man gemeinhein mit dem Begriff Wetter verbindet, also Bewölkung, 
Niederschläge (als Regen und Schnee), Gewitter und Hagel, wobei es 
längst klar geworden ist, daß die Luft als solche unfähig zur Ausscheidung 
ihrer Feuchtigkeit wäre, würde nicht in ihr ständig Staub schweben. 

Dieser Staub ist keineswegs etwa an die Umgebung der Städte und 
schlecht gepflegten Landstraßen gebunden, sondern ist eine notwendige Be- 
gleiterscheinung der Verwitterung der gesamten Erdrinde, deren letztes 
Stadium er darstellt. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für die 
Berge gilt das alte mahnende Wort: aus Staub bist du, und zu Staub sollst 
du werden. Die feinste mechanische Zerlösung, deren ein Gestein unter 
dem Einfluß von Wasser, Sonnenhitze und Wind fähig ist, bringt Staub- 
körnchen hervor, und es ist eine unterhaltsame Beschäftigung, einmal den 
Staub der Landstraßen, das andere Mal den von einer schlecht gereinigten 
Schrankkante unter dem Mikroskop zu studieren. 

Straßenstaub ist eine Musterkarte der Petrographie im kleinsten Maß- 
stabe. Alles, was die Gebirge zusammensetzt, findet sich darin wieder: 
Quarzkörnchen, Glimmerschüppchen, metallische Teilchen, winzige Kristalle, 
die Zeolithe der Feldspatverwitterung, auf welche erst die Kolloidforschung 
aufmerksam gemacht hat, Olivin, oder, und das gilt auch von dem überall 
vorkommenden Luftplankton, eine schöne und anziehende Lebewelt von 
Kieselalgen, Wurzelfüßlern, Pilzsporen, Eiern von Kleintieren und Bakte- 
rien, die mit dem Edaphon (vgl. Bd. II) der Lebenwelt des Bodens in eng- 
stem Zusammenhang steht. Immer wieder, und das gilt auch von dem über 
dem Meere (es gibt Staubmeere, die dick davon überweht sind) aufge- 
fangenen Staub, sind darin winzigste Bruchstücke fremder Weltkörper, 
immer sieht man Eisen und die ausgebrannten Partikelchen des Meteor- 

154 



staubes, der ständig aus dem Himmelsraum in solchen Massen auf die Erde 
niederregnet, daß man seine tägliche Menge auf 10 000 Tonnen geschätzt 
hat. Offenbar schwebt er um die ganze Erde bis zu den höchsten Regionen 
ihrer Lufthülle; er ist es, der sich wie ein Kolloid im Dispcrsoid der 
Atmosphäre verhält und vielleicht die Lichtbrechung bewirkt, die dem Men- 
schenauge die traurige Öde des Himmels so hoffnungsblau erscheinen lä(5t. 

In den Wohnräumen hat der Staub eine andere Zusammensetzung. Er 
enthält mehr Staub von Eisen, Zement, Glas, vor allem RulJflöckchen, die 
schädlichen Öltröpfchen der unvollkommenen Verbrennung, Woll- und 
Baumwollfäden, Mistteilchen und immer wieder Keime, aber solche häß- 
licher, manchmal sogar gefährlicher Art. Jede Infektionskrankheit, zunächst 
die Geißel der modernen Menschheit, die Tuberkulose, wandert mit dem 
Staub. Dann sind Fäulnisbakterien, Schimmelpilzsporen und Pilzfäden, Infu- 
sorienkeime, allerlei abscheuliche Eier, sogar ganze wohlverpackte Räderticrc 
und Würmer darin, die wir ständig schlucken, daher besser kennen sollten. 

Diese Staubteilchen sind nun die Ursache des Nebels, damit auch der 
Wolken, denn Wolken sind nur höher schwebende Nebel; sie sind auch die 
Ursache des Regens. Wenn man staubfreie Luft mit Wasser sättigt und dann 
abkühlt, entsteht kein Nebel. Wohl aber, wenn man das Experiment mit stau- 
biger Luft wiederholt. So hat man sich überzeugt, daß die Staubteilchen die 
Kerne bilden, um die sich die Luftfeuchtigkeit niederschlägt. Man hat diese 
Kerne sogar gezählt und in einem Kubikzentimeter Luft im Freien bei 
schönem Wetter 130 000 gefunden. In Wohnräumen wechselte ihre Zahl 
vom Fußboden bis zur Decke von fast zwei- bis fünfeinhalb Millionen und 
in der Luft über einer Flamme (Rußteilchen!) betrug sie dreißig Millionen. 

Dadurch war mit einem Schlag erklärt, warum in den großen Städten die 
Bevölkerung mehr unter Regen und namentlich Nebeln leidet als die Land- 
bewohner, und warum die Nebel von London oder Hamburg, Chemnitz und 
anderen Fabrikstädten, auch von Paris sprichwörtlich geworden sind. Na- 
türlich gehört zur Nebel- und Wolkenbildung immer auch noch eine Ab- 
kühlung der wasserdampfhaltigen Luft. Besonders häufig ist hierbei die 
Situation, daß warme, daher aufsteigende und feuchte, also dichte Luft- 
massen in höher liegende, kältere Regionen gelangen, worauf das Spiel um 
die Kerne beginnt. Das kann man an jedem schönen Sommertag an den 
steil emporgetürmten Cttm«/«swolken sehen. (Abb. 49.) 

Die Vorbedingung der Wolkenbildung ist demnach der Temperaturunter- 
schied und, da er auch den Wind hervorruft, ist sozusagen das zentrale Ver- 
ständnis der ganzen Wetterfrage erzielt, wenn man die Ursache der atmo- 
sphärischen Temperaturunterschiede kennt. Da ist zunächst die Drehung der 
Erde, die sich als Gang der Sonne äußert. Abends sinkt die Temperatur; 
dadurch erhebt sich der Abendwind und mit ihm treten Veränderungen am 
Firmament ein. Auch tagsüber beeinflußt die Erde die unteren Luftschichten 
durch Erwärmung, da sie die leuchtenden Sonnenstrahlen in dunkle Wärme- 

155 



strahlen umwandelt, für welche die Luft wenig durchlässig ist. Das ist die 
Ursache, warum die höchsten Tagestemperaturen nicht um 12 Uhr, sondern 
erst zwischen 1—2 Uhr, die kälteste erst nach Sonnenaufgang, die heißeste 
und die kälteste Jahrestemperatur nicht im Juni und Dezember, sondern 
im Juli und Januar gemessen werden. Danach mag man sich auch den 
Gang der Bewölkung und das Auffrischen und Abflauen der Winde selbst 
ausmalen, soweit sie lokale Bedeutung haben. Von ihnen aus gehen die 
Wirkungen freilich weiter; es entstehen die Stellen verdünnter Luft, die zu 
den Luftströmen und damit zu Witterungsänderungen Anlaß geben; in 
einem verzweigten Netz vieler, ineinandergreifender Vorgänge spielt sich 
eine Molekularmechanik der Luftgase ab, die wir jeden Augenblick erleben, 
und die prinzipiell auch berechenbar ist. Nur können die Rechnungen wegen 
der in jeder Minute sich ändernden Variation der Faktoren praktisch nicht 
ausgeführt, sondern es können nur nach den Prinzipien der Wahrscheinlich- 
keit häufig vorkommende Typen bestimmt werden. 

Das ist das Um und Auf der Meteorologie, Vorzug und Nachteil der 
Wetterprognose. 

An diesen Molekularbewegungen, die als letztes Ziel des Wissenszweiges 
eine Mechanik der Luft voranleuchten lassen, beteiligen sich nun nicht 
Oxygen, Wasserdampf und Kohlendioxyde nebst den Staubteilchen allein, 
sondern auch noch eine Anzahl Edelgase, wie das schwere Argon, das man 
nicht umsonst das „Träge" nannte, da es keine Verbindung eingeht, sowie 
die ähnlichen, einatomigen Gase Helium, Neon, Krypton, Xenon, die alle 
völlig inaktiv sind, und deren Rolle im Weltganzen noch vollkommen un- 
geklärt ist.^o) Nur das eine weiß man von ihnen, sowie von der „Luft": daß 
sie Zeugen dafür sind, daß der Weltenraum nicht die Temperatur von —185° 
besitzen kann, denn bei dieser wird Luft mit allen ihren Gasen (außer dem 
Helium) flüssig. 

Das Gleiche gilt auch für die Wasserstoffatmosphäre, von der bis in 
unsere Atemluft Teilchen (1 in 30 000) vorhanden sind, während sie in allen 
Sternspektren ein regelmäßiger, manchmal sogar der ausschlaggebende Be- 
standteil ist. Wasserstoff ist daher jedenfalls einer der wichtigsten Be- 
standteile der Welt, wenn er nicht, wie ich glaube genügend hervor- 
gehoben zu haben, überhaupt der Urstoff der materiellen Welt ist. Dort, 
wo man ihn quantitativ besonders vertreten glaubt, im Wasser, da sind nur 
11 o/o der Masse Hydrogen, aber er ist fast in allen Gesteinen da und ein 
nie fehlender Bestandteil des pflanzlichen und tierischen Körpers. Warum 
er der unbedingt notwendige Bestandteil aller Säuren ist, darüber gibt es 
gar kein Bild. Chemie ist ja überhaupt, abgesehen von ihrer synthetischen 
Kunstfertigkeit, heute noch immer eine beschreibende anstatt einer erklä- 
renden Wissenschaft. Zahllose Erfahrungen hat sie gesammelt, aber fast 
alle verwirklichen das Schema: Es ist so, und warum es so ist, weiß man 
nicht. Das Weltbild des Chemikers ist wohl ein Spiegel des Seins, aber 

156 



\iisi(li! i'iiii's iiiiiilcniiMi Siil 



/iM'i'üwcrUi's. 



JjjLaLiiLU 



lM|. 



Hilnviiiin ..Uli All. .vi,.... 



lliinl sMiiil 



^-T",-*-^«-' 



. slfi.i 




n '0 



's.. 



"V ' ^ ' ^^'^'■v'.Jf^fjnfm- . ;^'«^| ^ 





^z-.. 




\ 


v-~* 


Z'l.'" 




> 



Abb. 51. Idealer Querschnitt durch das Kalibergwerk zu Staßfmt 

Es werden hauptsächlich die kalihaltigen Abraumsalze (Carnallit, Kainit, Polyhalit) abgebaut, die zwischen und 
über dem Steinsalz lagern. (Nach einer Originaizeichnung im Deutschen Museum in JV\ünchen) 



dieser Spiegel ist in tausend Scherben zerbrochen, und wie im Puzzle-Spiel 
müht man sich erst darum, die richtigen Zusammenhänge zu finden. 

Wäre der Spiegel wieder vollständig, dann müßte der Geist, der in ihn 
blickt, gleich einem neuen Prometheus nicht Menschen, wohl aber alle Ma- 
terien aus dem Urstoff der Welt erbauen können. Daraus, wie traumhaft 
solche Hoffnung von dem Chemiker beurteilt wird, mag man ermessen, wie 
anfängerhaft sein Scherbenspiel heute noch sein muß. Es ermüdet den, der 
sich ihm fragend nähert, mit Merkstoff sonder Ende und entläßt ihn ohne 
andere denn materielle Werte, weshalb auch der Materialismus jeder Zeit 
stets aus der Chemie entstand und von niemandem eifriger denn von Che- 
mikern gepflegt wurde. 

Der Chemiker sagt uns, das letzte der wichtigen Gase der Welt, Clilor, 
sei zwar unendlich weit verbreitet (z. B. als Salze verschiedener Art) — 
außer mit Elementen arbeiten die Chemiker fast nur mit Salzen — , komme 
aber frei in der Natur überhaupt nicht vor. Alles Chlor ist bereits gebun- 
den. Wenn man das selbstverständlich findet angesichts dessen, daß es fast 
mit allen Elementen Verbindungen eingeht, dann ist wieder unverständ- 
lich, warum das ebenso agile Oxygen in ungeheueren Mengen frei den 
Erdball umkreist. Es nützt nichts, darüber nachzudenken; aller Ecken 
fehlen die Zusammenhänge, und man weiß nicht, soll man enttäuscht oder 
hoffnungsfroh sagen: Chemie ist erst eine Wissenschaft der Zukunft! 

Eines der Salze muß aber trotzdem der Kopf sich merken, der die Ge- 
setze der Welt erfassen will, denn es hängt in irgendeiner Weise aufs engste 
mit dem Leben zusammen. Das ist das Kochsalz (NaCI), eines von tau- 
senden, eine gleichgebaute Verbindung des Erdmetalls Natrium, das eben- 
falls auf Erden nicht rein, glühend aber auf den Sternen vorkommt. 

Praktisch genommen ist in allem, was wir in die Hand nehmen, Kochsalz. 
Denn wir sind durchtränkt mit Kochsalzlösung und teilen das mit allem 
Lebendigen. Unser Blut ist eine 0,89prozentige Kochsalzlösung, eine eben- 
solche ist das Wasser des Protoplasmas. Wir enthalten etwa loo Kochsalz, 
und das ist die einfache Erklärung dafür, daß man herausgeschnittene Her- 
zen in Kochsalzlösung weiterpulsieren lassen mag, vom Körper abgetrennte 
Gewebe sogar monatelang darin bei Leben und Wachstum erhalten kann. 
Eine Kochsalztransfusion hat Unzähligen im Kriege und nach Opcrations- 
blutverlusten Leben und Gesundheit wiedergegeben. Die belebende Wir- 
kung der Salzlösungen bezeugen Badeorte und Heilmittel, und die Zukunft 
birgt darin noch manches. Dieses Kochsalz ist zu 2,8 0,0 im Rückstand jedes 
Meerwassers vorhanden. Dorthin kommt es aus der Erde selbst; schon alle 
Quellen führen eine winzige Menge davon und häufen Körnchen um Körn- 
chen im goßen Becken, in dem ihre Laufbahn zur Ruhe kommt. Freilich 
ist das keine Erklärung, sondern man greift hier nur an einem beliebigen 
Punkt in einen der großen Kreisläufe der Natur hinein. Quellen und Sicker- 
wasser beladen sich mit Kochsalz aus den einstigen Niederschlägen (Sedi- 

157 



menten) gewesener Meere, die sich tief in den Gebirgen (die Hallorte der 
Alpen, am Harzrand, sowie in Nordamerika und Persien) verbergen. 

Nie hat man noch Steinsalz und die ihm verwandten Edelsalze, oder 
den von ihnen untrennbaren Gips (der auch im Ozean zu 0,75 o/o gelöst ist) 
gefunden ), ohne daß sie geschichtet gewesen wären (Abb. 51) und da- 
durch verraten hätten, sie seien Sedimente, d. h. Wasserabsätze. Alle Sedi- 
mente enthalten etwa lo/o Salze. (J. Walther.) 

Es reduzierte sich also das Steinsalzproblem auf die Frage, woher stammt 
die Salzmenge des Urmeeres, wenn sich nicht inzwischen auch herausge- 
stellt hätte, daß auch die meisten kristallinischen, also dem Erdkern ange- 
hörigen Gesteine Chlorminerale enthielten. Sogar die Vulkane holen aus 
dem Erdinnern Chloride, besonders Kochsalz in solchen Mengen herauf, 
daß 1822 die Vesuvbewohner ihren Haushaltbedarf aus dem Krater deck- 
ten. Aus alledem ergibt sich etwa folgendes Bild: 

Die Bindung des freien Chlors hat bereits gelegentlich der Bildung der 
Erde selbst stattgefunden, und das Urmeer war einst im wesentlichen salz- 
frei. Sein heutiger Salzgehalt (von durchschnittlich 3,53 o/o), der so groß ist, 
daß er den gesamten Meeresboden mit einer 57 Meter dicken Schicht be- 
decken würde und der unter Umständen, wie im Suezkanal, bis zu 6 o/o 
steigen kann, ist einfach ein Index für die Länge der Zeit, seit der es Flüsse 
und Quellen gibt, welche die Erdrinde auslaugen. Das Bedürfnis des Orga- 
nismus nach Salz scheint eine Anpassung an seine Vergangenheit und an 
seine relativ weit zurückliegende Herkunft aus dem Meere zu sein. 

Zu den Metallen, deren Verbindung mit Chlor hier soeben betrachtet 
wurde, gehören außer dem Natrium eine ganze Reihe von Elementen, 
denen im Bau der Welt wichtige Aufgaben zugewiesen sind. Dies bean- 
spruchen sie schon durch die Mengen, in denen sie vorkommen, und die 
man auch bei vorsichtiger Schätzung auf etwa zwei Drittel des gesamten 
Erdvolumens veranschlagen kann. 

Bereits früher wurde erwähnt, alles deute darauf hin, daß man sich den 
Erdkern als aus Eisen und Gold bestehend vorstellen müsse; jetzt läßt sich 
diese Vorstellung dahin ergänzen, daß der Bau des Sonnensystems im gro- 
ßen und ganzen etwa so sein könne wie im folgenden dargelegt ist. In 
einer gemeinsamen Grundmasse von Gasen haben sich Zentren gebildet, die 
mit spezifischen Gashüllen verschiedener Natur umgeben sind. Von diesen 
Zentren ist wenigstens die Erde nach Art einer Frucht mit einer Schale sehr 
differenter und verschieden leichter Gesteine und Flüssigkeiten umgeben, 
die einen schweren und metallischen Kern umschließt. Angesichts des sonst 
gemeinsamen Baues und des gemeinsamen Ursprunges der übrigen Zentren 
ist das gleiche auch für sie bis zum Beweis des Gegenteiles vorauszusetzen. 

Die Metalle, deren Bedeutung sich durch dieses Bild wohl genügend ein- 
prägt, sind unter sich nun vom Lithium mit nur 0,59 spezifischem Gewicht 
bis zum schwersten PlatinmctaU, dem Osmium (mit 22,5 spezifischem Ge- 

158 



wicht) eine Welt größter Vielfältigkeit, deren Eigenschaften teils zu den 
alltäglichsten Erfahrungen gehören, teils aber so phantastisch und wenig be- 
kannt sind, daß ihre Schilderung anmutet wie ein Roman aus anderen Wel- 
ten. Nur eine Eigenschaft teilen sie alle, wie die Metalle auch heißen 
mögen: ob Kalium, Kalzium, Aluminium, Quecksilber, Natrium oder Blei. 
Silber oder Eisen, Mangan oder Radium, sie besitzen „Melallglanz". Die 
meisten sind in Pulverform zwar schwarz, in kompakten Stücken gewöhnlich 
silberweiß, so daß das „rote" Gold und Kupfer eine auffällige Ausnahme 
darstellen. Gemeinsam ist ihnen auch die Kristallgestalt, und daß sie den 
höchsten Grad von Organisation innerhalb der molekularen Welt erreicht 
haben, wird bezeugt durch den Umstand, daß sie fast alle dem regulären 
Kristallsystem angehören. Dadurch wird das verständlicher, was man erst 
im Zusammenhang dieser Gedanken richtig einsieht: die unbegrenzte Dauer, 
der zufolge Gold, Silber und Platin als Edelmetall die höchste Wertschät- 
zung erlangt haben. 

Die Philosophie des Goldes muß daran anknüpfen. Die annähernde 
Vollkommenheit der Eigenschaften sichert es vor dem Rosten. Die Har- 
monie seiner Wesenheit, ausgedrückt in seiner Kristallform und seinen Qua- 
litäten, verleiht ihm Dauer. Und nun prüfe man, was doch am Golde so 
geschätzt wird. Ist es etwas anderes, als seine Unvergänglichkeit? Nicht 
sein Glanz und Leuchten, nicht die äußere Schönheit, denn die haben die 
Talmilegierungen, die haben Kupfer und Messing auch. Sondern immer 
wieder nur die Dauer ist es, vor der die Menschheit sich wie vor etwas 
nicht aus dieser Welt Stammendem beugt, und der zuliebe sie von je dem 
Golde göttliche Ehren erwies. 

Wer Gold besitzt, dessen Eigentum verliert nie seinen Wert. Auf diese 
Erfahrung geht alles zurück, was sich um Geld dreht, der ganze Hexen- 
sabbath niedriger, entmenschter, dämonischer, übersteigerter Allzumcnsch- 
lichkeiten. Selbst der Diamant, der dem Gold noch am nächsten kommt, ist 
ihm in diesem Punkte nicht ebenbürtig, denn der Diamant kann verbren- 
nen. Gold aber verbrennt nicht. Praktisch genommen (vgl. aber S. 160) 
geht es niemals unter. 

Es ist nicht nützlich oder, so weit es nützlich ist (zahnärztliche Verwen- 
dung), wird auch nur seine Unveränderlichkeit benützt. Kostbar aber ist es 
nur wegen seiner Dauer, um die sich wie ein gespenstischer Reigen der Ver- 
brauch und die Abnützung der Dinge dreht. Der wunderliche, aber zu 
Recht bestehende Gedanke, daß jede Goldmünze, jeder Ehering und jede 
Goldkette, die heute eines Menschen Wohlgefallen erregte, in einer end- 
losen Kette von wechselnden Gestaltungen einmal Dukaten, Aureus, Kel- 
tengold, irgendein etruskisches oder Hallstätter Geschmeide war und be- 
laden mit tausend seinetwillen begangenen Taten, mit Flüchen, Lastern, 
Morden und Arbeitsschweiß ist, illustriert nur die wahre Bedeutung des 
Goldes. Was man im Tanz ums goldene Kalb anbetet, das ist also doch 

159 



letzten Endes der einzige und wirkliche Gott der seienden Dinge und damit 
auch des Lebens: nämlich die Unvergänglichkeit, die Dauer. 

Darum ist es so vergeblich und damit auch töricht, diesem Trieb und 
diesem Kult entgegenzutreten; nie hat noch die Menschheit den Predigern 
Gehör geschenkt, wenn ihr Gold in den Ohren klang; sie hätte auch damit 
ihr eigenes Dasein und den Grund des Lebenswillens, die Dauer, verneinen 
müssen. Alles was man tun kann, ist, diesen Trieb und Drang zu veredeln, 
ihn auf das Eigentliche und Wesentliche, wofür das Gold nur Symbol ist, 
zu lenken, nämlich auf den Begriff der Dauer, d. h. auf die Harmonie, 
welche Dauer gewährleistet. Nur derjenige, dem diese als Göttin voran- 
schwebt, kann auf Gold verzichten, denn Besseres, Reineres hat er einge- 
tauscht und statt dem Surrogat das Wirkliche erhalten. Noch dazu ein 
Gold, das von jedem erworben werden kann. 

So erklärt es sich, daß nur diejenigen dem Goldrausch, dem Sehnen 
nach materiellen Gütern siegreich und endgültig entgehen können, die zu 
harmonischen Menschen geworden sind. Der Materialismus und Mammo- 
nismus und damit der ganze Verfall des Menschentums kann daher nur auf 
eine einzige Methode wirksam bekämpft werden: Indem man dem Menschen 
statt des Scheines das Sein, statt des Ersatzes das Wirkliche gibt, indem 
man ihm den Weg zur Harmonie und dadurch zur Dauer des Wirkens und 
Daseins weist. Das ist das Ziel der objektiven Philosophie, und in diesem 
Zeichen wird sie einmal siegen. 

Diese Dauer kennzeichnet nun aber die wenigsten der Metalle. Die mei- 
sten von ihnen werden zu Oxyden, sie rosten manchmal, wie Nickelgegen- 
stände zwar nur sehr langsam oder nur teilweise wie Aluminium, das von 
seinem Oxydhäutchen trefflich geschützt wird, und wenn sie nicht der 
Rost zerstört, so werden sie (z. B. Nickel) von Säuren, das Blei sogar von 
Regenwasser angegriffen. Nur die „Edelmetalle" widerstehen allem, und 
unter ihnen sind die wahren Könige eigentlich nicht einmal Gold, das von 
Selensäure und freiem Chlor, daher von „Königswasser^* (Salpetersäure und 
Salzsäure) angegriffen wird, sondern Rhodium und Iridium, die darin sogar 
noch dem Platin überlegen sind. Aber ihr Vorkommen (im Ural, Amerika, 
Australien und Borneo) ist so beschränkt, ihre Reindarstellung so umständ- 
lich, daß sie der „Menschheit" unbekannt geblieben sind; was ihnen zu- 
kommt, hat das Gold an sich gerissen und in neuester Zeit das immer 
mehr geschätzte verwandte Platin. 

Und dennoch sind im Weltganzen andere Metalle weit wichtiger als sie, 
denen letzten Endes, wie allen Idealen, doch nur ein Glaube Bedeutung ver- 
leiht. Nicht das Eisen, zu dem zuerst die Gedanken schweifen, sondern 
Aluminium und Kalzium, sowie Kalium sind die weltwichtigsten Metalle. 
Aluminium, aus der Gruppe der Erdmetalle, ist einer der drei großen De- 
miurgen der Chemie, von denen außerhalb des Fachwissens niemand weiß. 
Denn Aluminium, Sauerstoff und Kieselsäure (Silicium) sind der Menge 

160 



nach die eigentlichen Baumeister der Erde. Vom Sauerstoff habe ich die 
beweisenden Angaben schon vorgelegt, vom Silicium, das übrigens frei nie- 
mals getroffen wird, mag es vorläufig genügen, zu erwähnen, daß mehr als 
ein Viertel der Erdrinde aus seinen Oxyden besteht, und vom Aluminium 
merke man sich, daß seine Verbindungen der Menge nach gleich hinter den 
genannten folgen. (Vgl. Abb. 63.) 

Was man gemeinhin Ton {n,M,{S\0,)M,0), Glimmer (KAlSiO,) oder 
Feldspat (z. B. KAlSiaO«) nennt, das sind Mineralien, deren ausschlaggeben- 
der Bestandteil Aluminium ist. Und was Ton, Feldspate und Glimmer 
auch nur im engeren Rahmen der eigenen Heimat bedeuten, darüber be- 
frage man einmal einen Landwirt. Er wird vieles darüber zu sagen 
haben und weiß dabei nicht einmal, welche Mengen die Tone des Meer- 
bodens darstellen. 

Man könnte Ton, unwissentlich zwar, aber sehr praktisch dadurch kenn- 
zeichnen, daß man sagt, alles, was das Auge auf Erden außer Felsen und 
Sand erblicke, das sei Ton, und auch von den Felsen gehören wenigstens 
die Tonschiefer, die im Frankenwald oder Rheinland die Gebirge bilden, 
gleichfalls in die Familie der Tone. Sie umfaßt außer dem reinen und rein- 
sten Ton {Kaolin für Porzellanbearbeitung) auch Lehm und Lö/i, die Mer- 
gel, also außer Sand alles, was man gemeinhin als fruchtbaren Boden be- 
zeichnet. Man schlägt daher ein umfangreiches Buch von wissenswerten 
Naturtatsachen auf, die fast in jedermanns Leben durch irgendeinen Zusam- 
menhang wichtig eingreifen, wenn man von Tonen spricht. 

Die Töpfererde, der fruchtbare Löß, die reichen Ernten der Lehmböden, 
die Hügellandschaften der Kalkmergel, das sind die Reichtümer Europas 
und aller Kulturländer; sie sind die Vorbedingungen der gesamten mensch- 
lichen Zivilisation, deren Einfluß auf die Qeistesgeschichte zwar noch kein 
Buckle und Spencer geschildert hat, trotzdem sie ganz anders in die Wag- 
schale fallen, wie etwa die Kreuzzüge, die Reformation oder die Völker- 
wanderung und derlei, im Vergleich zur Tonfrage zum Range von Epi- 
soden zusammenschrumpfende Faktoren des europäischen Werdens. 

Der Ursprung aller Tone und Schiefer ist letzten Endes im Meer zu 
suchen, dessen Wasserwüste eine ungeheure Masse und Gleichförmigkeit 
seiner Sedimente verbirgt, unter denen der Schlick und besonders der rote 
Tiefseeton größere Flächen bedecken, als die Kontinente zusammengenom- 
men.") (166 km 2 gegen 135.) 

Dieser rote Ton, den man nach der alten Menschcnschwäche nur deshalb 
nicht für wichtig hält, weil wir Landratten ihn nur in den ozeanographi- 
sehen Museen zu Gesicht bekommen, ist eigentlich der letzte Zersetzungs- 
rückstand der Kalktiere, die tot auf den Meeresboden hinabsinken (Abb. 52). 
Eingelagert in ihn ist auch ein nickelführendes /U^^<7om5r/;, dessen Ursprung 
nicht zweifelhaft sein kann. Es stammt aus dem kosmischen Staub, der 
Tag und Nacht auf die weiten Wasserflächen niederregnet, zum Teil auch 

Francs, Bios I II 

161 



aus dem Bimssteinpulver, das durch jeden Vulkan ausgeworfen und, bis in 
die Zone der Passatwinde gelangend, von ihnen um die ganze Erde ge- 
tragen wird. Als ich im April 1906 dem großen Vesuvausbruch zu 
Neapel beiwohnte, gingen dort mit den Wolkenbrüchen solche Massen von 
Bimssteinpulver nieder, daß der Mittag verfinstert war gleich der Nacht. 
Noch wochenlang danach lagen die schneeweißen Massen in meterhohen 
Wällen zu beiden Seiten der Straßen aufgehäuft. Von da stammen vielleicht 
auch die Manganknollen, die im roten Tiefseeton nie fehlen. Das einzige, 
was die Bedeutung des roten Tones mindert, ist, daß er unendlich langsam 
abgelagert wird, daher keine dicken Schichten bildet, da, mit Ausnahme des 
Stillen Ozeans, der allerdings sein Hauptlager ist, keines der Weltmeere ein, 
geologisch gedacht, namhaftes Alter aufweist. Dem Wesen nach besteht er 
aus einem kieselsauren Salz des Aluminiums. 

Diesen überwältigenden Flächen gegenüber kommt es nicht in Betracht, 
was Seen und Flüsse an Süßwassertonen und Mergeln produzieren. Wenn 
alle diese Absätze dann im Verlauf der Erdwandlung endgültig zu Fest- 
land werden, bilden sie von vornherein das Rohmaterial, das nach langem 
Kreislauf einst aus dem Granit- und Gneisgebirge vielleicht sogar an glei- 
cher Stelle durch die Verwitterung gebrochen und durch die Erosion fort- 
gespült wird. Der Rest der Verwitterung, der in den Sedimenten ständig 
erhalten bleibt, sind dann die Feldspate des Tones (vgl. Abb. 63). 

Feldspat ist das Sammelwort einer ganzen Wissenschaft. Sie arbeitet mit 
dem Mikroskop und braucht Kristallkundige, um die symmetrischen Ortho- 
klasformen der Kalijeldspate von den unsymmetrischen Plagioklasen zu 
scheiden, die freilich manchmal nicht in kaum sichtbaren Mikrolithen, son- 
dern wie der Labradorit, den man als Schmuckverkleidung von Bauten ver- 
wendet, auch in mehreren Kubikmeter großen Kristallen im Gebirge vor- 
kommen können. 

Von allen diesen Gebilden ist der Orthoklas für uns Menschen der große 
Lebenserhalter. Er, der Hauptbestandteil des Granits, der Gneise und 
Quarzporphyre, so lange er noch in kristallinischem Verband war, ist dann 
der Hauptbestandteil der fruchtbaren Ackererde und durch seinen Kali- 
gehalt auch der beste Nährboden für Getreide und Rüben. 

Nicht weniger wichtig in den ürgebirgsg^^i^m^w, namentlich außer 
Granit und Gneis auch in dem Glimmerschiefer (Abb. 54) vorhanden — 
der so prachtvolle silbernschimmernde Bergpyramiden aufbaut, wie das 
Matterhorn — ist der Glimmer, der, sei es als Biotit oder Muskovit, als 
Katzensilber oder Katzengold, stets mit eines der wichtigsten Gemengteile 
der fruchtbaren Erde ist. 

Die gleichen Tonerdesilikate — wie man diese Bestandteile wissenschaft- 
lich nennt — kehren wieder in den Mergeln, deren Ton zu etwa vier Zehn- 
teln mit Kalk durchsetzt ist, in dem Lehm und Laterit der Tropen, der 
nur durch Quarzsand und Eisenrost verunreinigter Ton ist, desgleichen in 

162 



dem fruchtbaren Löß, auf dem der Rcichüim Ungarns, Chinas, der rus- 
sischen Steppe, aber auch der besten deutschen Böden beruht. Was ist 
der Bau dieses feinen, gelben Pulvers, das von den Stürmen der abklingen- 
den Eiszeit zusammengevveht, ausnahmsweise einmal kein Wasser-, sondern 
ein Lujtsediment ist? Es sind Quarz und Kalktcilchcn, die durch Ton mit- 
einander verbunden werden. 

Wem diese Aufzählung nebensächlich dünkt, der handelt so wie einer, der 
vom täglichen Brot nichts wissen will oder es langweilig findet, nachzu- 
sehen, worauf sein Vermögen beruht. 

Die Ackererde ist das tägliche Brot des Menschen, und er muß wissen, 
woraus sie besteht. Auf diese Weise erfährt er, dalJ in aller Erde auch 
Aluminium enthalten ist. Demgegenüber ist es nur seltsam, aber nicht 
wichtig, daß auch Türkise und Granaten Aluminiumminerale sind. Es gäbe 
also kein Hindernis, daß auf die Stein-, Bronze- und Eisenzeit jetzt ein Zeit- 
alter des Aluminiums folgte. Tugenden hat das Metall dazu genug. Seine 
Leichtigkeit (spez. Gewicht 2,3) ist sprichwörtlich, an Härte und Dehnbar- 
keit kommt es gleich nach dem Stahl; es läuft nicht an, da sein Oxydhäut- 
chen es schützt, und wäre es nur geeignet für Oußwaren, würde es Eisen in 
allem verdrängen. Aber vielleicht ist seiner ausgezeichneten Legierung mit 
dem Leichtmetall Magnesium (dem Magnalium) das beschieden, was es für 
sich allein nicht erreichte. 

Neben ihm kann an Bedeutung von den Leichtmetallen vielleicht nur 
noch das Calzium sich sehen lassen, denn es ist auch in seinen Verbindun- 
gen einer der großen Werkstoffe des Weltenbaumeisters. Als Metall ist es 
freilich nicht brauchbar. Wohl ansehnlich mit seinem Silberglanz, wenn 
auch kaum schwerer als das Wasser (spez. Gewicht 1,85), hat es jedoch 
keinen Bestand. An der Luft oxydiert es sofort, vom Wasser wird es heftig 
angegriffen. Darum findet man es in dem Gleichgewicht gegenseitiger Be- 
einflussung, das man Natur nennt, nirgends, wohl aber seine Verbindungen 
mit Kohle (Karbonate), Schwefel (Sulfate), Phosphor (Phosphate) und wie- 
der Kieselsäure (Silikate). Kalk, Gips, Zement und Glas nennt man das. 
wenn man es der gelehrten Sprache entkleidet. 

Von allen diesen Dingen mag der Kalkstein sich rühmen können, neben 
Quarz und Ton am meisten beigetragen zu haben zum Bau der Erdrinde. 
Als Calziumkarbonat (CaCOa), in seiner Abart Dolomit genannt, bildet 
er die mächtigsten Gebirge und stellt die romantischsten Landschaftsbildcr 
auf (Abb. 56), welche die Berge bieten können. Der Blick, den man ge- 
nießt, wenn man auf der Straße vom Pustcrtal in Tirol nach Ampezzo 
sich von Landro aus gegen den Dürrcnsec wendet, ist namentlich in 
Abendbeleuchtung nicht leicht durch einen Maler zu übertreffen. Hier der 
Monte Cristallo mit roten, wie überzuckert schimmernden Wänden, dort der 
tiefgrüne Talschluß des Rienzbaches und darüber regelmäßig wie ein Bau 
aus Künstlerhand die sonnenleuchtenden Drei Zinnen (Abb. 56) — das steht 

II* 
163 



in unerhörten Kontrasten der Formen und Farben gegen den blauen Him- 
mel und macht jenes Höhlensteiner Tal mit Recht zu einem Schaustück, so- 
gar in den daran wahrlich nicht armen Dolomiten. Solche Bilder wieder- 
holen sich aber in allen Kalkgebirgen. 

Calziumkarbonat hat daher wohl mehr Naturfreude entzündet denn alle 
anderen Verbindungen und hat damit die bewegende Zaubermacht des 
Schönen wieder einmal als eine der stärksten Triebkräfte in der mensch- 
lichen Seele erwiesen. 

An diesen Kalk binden sich zwei merkwürdige Gesetze der Erdge- 
schichte. Das eine ist in seinem abenteuerlichen Kreislauf ausgedrückt, 
das andere spielt in ihn hinein als Wärmegesetz des Kalkes. 

Nichtsedimentäres Calziumkarbonat ist nirgends mehr vorhanden, eben- 
sowenig aber ein Karbonat, von dem man sagen könnte, es sei an seiner 
ursprünglichen Lagerstätte. Denn auch die körnigen Urkalke, die in den 
versteinerungslosen Zonen des ältesten Glimmerschiefers eingeschlossen 
sind, müssen aus einem Meer abgelagert sein, und sei das damals auch 
ohne Vermittlung von Tieren, wie auch noch jetzt manchmal in wärmeren 
Meeren, als einfacher Absatz zustande gekommen. 

Das aber ist die Ausnahme gegenüber der Regel, die allen Kalk ständig 
unter der Kontrolle des Lebens von den Bergen in das Meer und aus der 
See wieder auf die Kontinente wandern läßt. So hat man zum Beispiel in 
100 000 Teilen Rheinwasser 9,45 Teile kohlensauren Kalk gefunden und 
auf ähnliche Weise berechnet, daß die Elbe ihrem böhmischen Flußgebiet 
jährlich 140 Millionen Kilo Kalkerde entzieht. Woher stammen diese 
Mengen Kalk? Es gibt darauf nur eine Antwort: von dem Kalk des ge- 
samten Festlandes, der in kohlensäurehaltigem Wasser löslich ist. Auf 
dieser Eigenschaft des Kalkes beruht der ganze Kreislauf. 

Der Regen enthält reichlich Kohlensäure, er leckt daher ständig wie mit 
scharfen Zungen an den Zinnen und Hochgipfeln, an deren Kalkwänden 
man die tiefen Regenrinnen, die der Gebirgler Karren nennt, oft genug 
sehen kann. Einmal im Wasser, kommt der Kalk endgültig erst im Meere 
zur Ruhe; dort warten Myriaden von Organismen darauf, ihn dem Wasser 
entziehen zu können. Am einfachsten geschieht dies durch die Meeres- 
tange, die zu ihrer Ernährung Kohlensäure brauchen. Indem sie das Gas 
dem Wasser entnehmen, fällen sie den Kalk, der nun nicht mehr lösbar ist. 
Er lagert sich auf ihnen selbst, inkrustiert sie, so daß sie zu unförmlichen 
Kalkknollen werden. In diesem Zustand sind sie unverweslich, häufen sich 
zu dicken Lagern im Laufe der Geschlechter an, und Kalkbänke entstehen, 
die der Nachwelt den feinsten und schönsten Kalkstein liefern. So ist der 
Stephansdom zu Wien aus dem Kalk der Lithothamniiimalgen des Leitha- 
gebirges erbaut und mit ihm viele andere Wiener Prachtgebäude. 

Im Roten Meer sah ich, als ich hierauf besondere Aufmerksamkeit ver- 
wandte, viele Kalkalgenbänke, die der Unkundige für Korallenriffe hält, 

164 




Abb. 52. Olobigerinenschlamm aus dem Indischen 

Ozean aus 2500 m Tiefe. Schwach vergrößert. 

(Nach Chun.) 



SO daß ich seitdem die Meinung neue- 
rer Erdforscher teile (Volz, Salomon), 
die sagen: der sogenannte Korallen- 
kalk sei seiner Masse nach von ande- 
ren Wesen geschaffen, denn von Ko- 
rallen. (Abb. 55.) Es gibt allerdings 
deren genug vom mikroskopisch klein- 
sten (Abb. 53) bis zum Riesentinten- 
fisch, der einen mächtigen Schulp mit 
sich schleppt. Ist schon die Kalkge- 
birgslandschaft, später übergrünt und 
zur Verwittcrungsruine verwandelt, ma- 
lerisch, so ist die Geburtsstätte des 
Kalkes auf den Riffen der tropischen 
Meere wirklich etwas wie eine Land- 
schaft aus den Zaubermärchen orien- 
talischer Phantasie, mit denen man von 
jeher so gerne diese Länder überspann. 
Ich habe dort Stunden seligsten Schauens verbracht. Der geblendete Blick 
ging im Garten voll blumenhafter und bunter Blumentiere lustwandeln; 
er haftete auf den grell farbenfrohen Papageienfischen, die am Riffsaum 
aus- und einschlüpfen, auf den riesigen dunkelvioletten Seeigeln, die be- 
dächtig ihre langen Stacheln aufrichten, auf brennendroten Seesternen und 
farblosen Haarsternen, auf den Scharen von munteren Krebsen, Moostier- 
chen und hundertgestaltigen Schnecken, zwischen denen Kalkschwämme ihre 
Schlote aufstellen. Und das Verständnis grub sich tief und unvergeßlich 
ein: so entstehen und entstanden Korallenriffe, die, gehoben und zu Fest- 
land verwandelt, dann als „Drei Zinnen" und vielgestaltige Kalkberggipfel 
bei meinen vielen Alpenwanderungen auf mich heruntersahen. Und nicht 
genug daran, in stillen Buchten der arabischen und der afrikanischen Ufer 
gleißte schnteweiQer Foraminiferensand, dessen verborgene Schönheit Ab- 
bildung 58 aufdeckt. Wo ich hingriff, konnte ich sicher sein, in einer Hand- 
voll an Zehntausende vorübergelebter winziger Schalen dieser Kammerlinge, 
manchmal von nur wenigen Gattungen, aus dem lauwarmen Wasser zu holen. <») 
Nie ist mir sonst noch Größe im Naturgeschehen so gewaltig aufgegangen 
wie an jenem Tag, denn ich wußte, daß ein einziges großes Barriereriff an 
der Ostküste Australiens allein in 1900 Kilometer Länge von dem gleichen 
Leben erfüllt sei, daß viele Hunderte von Alolls im Indischen und Stillen 
Ozean heute an den Kalkgebirgen der Zukunft bauen, so wie vor unaus- 
denkbaren Zeiten ihre Vorfahren an dem Kalk gearbeitet haben, der zu- 
sammengepreßt, zerrieben und verbacken die tausend Meter hohen Felswände 
in den nördlichen und südlichen Kalkalpen und den vielen sonstigen Kalk- 
gebirgen der Erde aufstellte, an deren Flanken heute aber auch wieder der 



165 



Regen die Moleküle auf die Reise schickt zum nächsten großen Kreislauf des 
Kalkes, in dessen Ablauf Menschengeschichte anmutet wie ein bunter Falter, 
der am ernsten Eichbaum vorüberflattert. Das ist das eine der großen Kalk- 
gesetze. Auf das andere hat der Leipziger Zoologe O. Simroth aufmerk- 
sam gemacht, und er hat es das Wärmegesetz des Kalkes genannt. Das will 
so viel sagen, daß, gleichwie Korallen niemals in einem Meere leben, dessen 
Temperatur unter 20 sinkt, auch jede Kalkbildung im Organismus an eine 
sommerliche Temperatur gebunden ist. Dadurch ist Kalk stets nur ein Er- 
zeugnis warmer Klimate, und sein fossiles Vorkommen ist ein sicherer Index 
für einen Klimawechsel, wenn jetzt die Verhältnisse anders sein sollten. 

Der Gegenpol des Kalkes ist in dieser Hinsicht das Siliclum, was noch 
niemandem aufgefallen zu sein scheint. Wie denn überhaupt die Bedeutung 
der Kieselsäure für das Erdganze, ebenso wie ihr ständiger Kreislauf sowohl 
der Aufmerksamkeit der Naturforschung wie der Philosophie entgangen ist. 
Auch SUlclum ist in allen Gesteinen der Gebirge, wie im Sand der Ebenen 
verbreitet. Auch dieses Leichtmetall, welches besonders gern, sogar in der 
Natur, in kolloidalen Zustand übergeht und dann als Opal die Wertschät- 
zung eines Edelsteines genießt, wird von der Erosion durch die Flüsse in 
das große Wasserreservoir der Erde gebracht und dort, allerdings im Süß- 
wasser ebensogut wie in der Salzflut, von dem nimmer rastenden Leben in 
seine Bahn gerissen. Dann ist die letzte Drehung des Kreislaufes freilich 
nur mehr Notwendigkeit. Die Ablagerung der Kieselsäure im Boden und 
am Meeresgrund führt den Stoff wieder neuen Schicksalen zu, obzwar gerade 
diese letzte Phase des Kreislaufes nicht in dem Maße bekannt ist wie der 
Kreislauf des Kalkes. Erwähnen muß ich Silicium schon hier, obwohl es 
mit den Metallen sonst nichts zu schaffen hat, weil es in allem, in der Gebirgs- 
bildung, organischen Verwertung, Verbreitung und in seinem Kreislauf das 
vollkommene Gegenstück des Kalkes darstellt, nur mit dem Unterschied, daß 
es statt einem Wärmegesetz einer Art Kältegesetz unterworfen ist. Silicium 
wird von den Lebenwesen (in diesem Fall hauptsächlich Kieselalgen) nur in 
kaltem Wasser massenhaft aufgenommen, und so kennzeichnen die Silicium- 
sedimente (Diatomeenschlamm) den Meeresboden in der Antarktis; in den 
größten Tiefen des östlichen Pazifik und des Indischen Ozeans wird aber 
auch als Radiolanenschlamm Silicium abgeschieden. 

Trotz der länderweiten Ausdehnung dieser Sedimente steht aber Silicium 
dennoch jetzt weit hinter dem Kalk zurück, da dieser ja außer den Kalkriffen 
auch noch als Kalkschlamm auf fast drei Zehnteln des gesamten Meeresbodens 
vertreten ist. In dieser Form wird er namentlich durch die Globigerinen 
(vgl. Abb. 52) aus der Klasse der einzelligen Wurzelfüßler (Foraminiferen) 
erzeugt, deren tote Schalen wie ein feiner Kalkregen ständig niederrieseln, 
wobei allerdings in großer Tiefe das Wasser durch den Druck und Kohlen- 
säuregehalt einen erheblichen Teil dieser mikroskopisch kleinen Gehäuse 
auflöst und am Ende strukturlosen Kalkschlamm oder Kreide (Abb. 53) zu 

166 




Boden setzt, jenen, den 
man in den Kalkgebirgen 
so lange Zeit nicht zu 
deuten wußte. Mit alle- 
dem ist die Bedeutung 
des Kalkes in unserem 
Weltbild immer noch 
nicht erschöpft. Nicht 
nur, daß Muschelkalk als 
Rest der Kalkschalen der 
Weichtiere sogar geo- 
logisch bedeutsam sein 
konnte, namentlich in 
Deutschland, wo das Mu- 
schelkalkmeer der Trias- 
jormation fast im gan- 
zen Gebiet des Reiches 
jene dickbankigen, oft 
von versteinerten Scc- 
lilien (Encriniten), Tere- 
bratein und Muscheln 
wimmelnden Kalke (vgl. 
Abb. 57) absetzte, die das Landschaftsbild eines Teiles von Schwaben so 
überaus anmutig gestalten. Wichtiger als das ist uns, daß wir selbst Kalk- 
tiere sind. Das Skelett der Wirbeltiere baut sich aus Kalksalzen auf, die der 
Körper aus dem aufgenommenen Wasser und aus Pflanzen aufnimmt. Kalk 
verleiht unserem Knochengerüst die Festigkeit, ohne die es niemals zum 
aufrechten Gang und damit zur spezifischen Ausprägung der menschlichen 
Kultur gekommen wäre. Nur ist es diesmal nicht so sehr kohlensaurer Kalk 
wie ein Kalkphosphat, durch das unser Leben an die Gesetzlichkeit des 
Kalkes gekettet ist. 

Kalk hat sich hier mit Phosphor säure, einer der merkwürdigsten aller Sub- 
stanzen, verbunden, während er im Gips (CaSOi + 2H2O) mit Schwefel- 
säure eine Verbindung eingeht, die für den Bau der Erde nicht ohne Bedeu- 
tung geblieben ist. Denn sowohl das Meer, wie die Flüsse enthalten erheb- 
liche Mengen von Gips (im Atlantik gegen 0,15o/o), und auch im Innern 
der Erdrinde sind mächtige Gipslager vorhanden, die fast stets als Meeres- 
sedimente im Zusammenhang mit Salzlagern stehen. So hat auch Gips 
einen gewissen Kreislauf, da er durch die Verwitterung allmählich wieder 
in das Meer gelangt und dann dessen Schicksale teilt. 

Dieser uns immer wieder entgegentretende Begriff des Kreislaufes darf 
überhaupt von nun an nicht mehr im Weltbild fehlen. Die stete Umfor- 
mung des Seins gehört offenbar zu den elementaren Eigenschaften der 



Abb. 53. Mikroskopbild eines Kreidepulvers (Kreide von Qravesand), hei 

auffallendem Licht schwach vergrößert. Es besteht hauptsächlich aus 

Foraminiferen, Schwammnadeln, Kalkbruchstücken 



167 



Welt, und, wenn sie sich irgendwo lückenhaft erweist, so bedeutet das wohl 
niemals etwas anderes als eine Unvollkommenheit unseres Blickes. Der 
Kreislauf des Seins ist nur die Form, in der sich ein neues grundlegendes 
Gesetz, das der Erhaltung der Materie, vollzieht; denn durch den Kreis- 
lauf wird die Existenz gesichert, so daß die betreffende Materie sich weder 
vermindert noch vermehrt. Nur geht das durch die Anwendung eines neuen 
Mittels, das an sich mit dem „Sein" und seinen Integrationen noch nichts 
zu tun hat, das aber auf das dritte der Gesetze, die wir durch die Analyse 
des Seins erhalten haben, hinweist, nämlich auf den Prozeß oder die Funk- 
tion. Wir werden also nicht umhin können, nach Vollendung dieses Ge- 
mäldes der Integrationsstufen des Seins uns der Untersuchung der Funk- 
tionen dieser Stufen zuzuwenden. 

Vorläufig wollen wir uns aber damit bescheiden, festzustellen, wie viele 
solcher Kreisläufe bereits von unserem Wissen durchschaut werden konnten. 
Da scheinen denn auch die anderen Leichtmetalle, wie Kali oder Magne- 
sium, ihren Kreislauf sowohl auf der Erde, wie zweifelsohne nochmals auf 
höherer Integrationsstufe in der Welt zu haben, wenn dieser sich wohl auch als 
Zusammentreffen und Wiederlösung atomistischer Bindungen abspielen mag. 
Aber sowohl Kali wie Magnesium sind beredte Beispiele für die große Un- 
zulänglichkeit unseres Wissens, denn obwohl sie für das Pflanzen- und da- 
mit auch das Tierleben vollkommen unentbehrlich sind, so fehlt es dennoch an 
dem Einblick in den gesamten Zusammenhang der Bande, die sie knüpfen. 

Kalium ist ein silberweißes Metall, das schon bei 62,5'' schmilzt und sich 
so heftig mit Sauerstoff vereinigt, daß man es weder in Wasser noch in Luft 
halten kann, sondern es unter Petroleum bewahren muß, will man es als 
Metall konservieren. Bei dieser Leichtigkeit Verbindungen einzugehen, ist 
es nur selbstverständlich, daß kaliumhaltige Substanzen überall verbreitet 
sind. Feldspat und Glimmer, deren Bedeutung für die Erdrinde uns schon 
geläufig geworden ist, sind Kalisilikate. Das Innere der Erde muß noch 
größere Kalimengen bergen, denn alle Vulkane werfen kalihaltiges Gestein 
aus. Da die Pflanze ihr Plasma nicht ohne Kali aufbauen kann, so ist die 
Fruchtbarkeit vulkanischer Böden damit erklärt. Die Bedeutung der Feld- 
spate in der Ackererde ist für den Landwirt auch eine Kalifrage. Ihm ge- 
nügt bei der unnatürlichen, disharmonischen Ausnutzung, der er den Boden 
unterwirft, der natürliche Gehalt an aufgeschlossenen Feldspaten nicht; er 
muß daher die Harmonie der Bodenzusammensetzung stören, indem er künst- 
lich Kalidünger zuführt. Dazu muß ihm das Meer der Vorzeit verhelfen. 
Im Meerwasser sind nämlich Kalisalze (Sylvia [KCl] und Karnallit [KCl, 
MgClg-fHzO] und andere) gelöst und fallen bei Verdunstung mit dem 
Steinsalz heraus. Daher sind diese Edelsalze, wie man sie mit einem Hut- 
abziehen vor dem Landwirt nennt, unter gewissen Umständen als Decke 
von Kochsalzlagern erhalten. Dem deutschen Boden wurde ein solcher Schatz 
als Angebinde beschert in einem Kalisalzlager, das sich von Polen bis 

168 




Abb. 30. 



Die drei Zinnen in den iJulunutrn \() 

AUS den Sammlungen des D.-O. Alpenverei.is 




Abb. 57. Kalkbänke im Muschelkalk von Mcssent; 
Hall in Schwaben 

Origirialaufnahme von Frau Dr. A. Friedrich, iWiirKhcn 




Abb. 5S. Meeressand von den Küsten des Roten Meeres 

Foraminiferen aus der Gattung Peneroplis und verwandte Formen. Schwach vergrößert. Originalzeichnung 




Abb. 59. Kristallform der Mineralien 

1 Kristall des Kupfervitriols 4 Schiefe Rhomboiclpyramide 



2 Flußspat in der Kombination 
des Octaeders und Hexaeders 

3 Kristalle des Zirkons 



5 Zwillingsbildung von Phillipsit 

6 Tctrakontaoktacder (Diamant) 

7 Kristallformen des Smaragdes 



Frankreich durch ganz Nord- und Mitteldeutschland zieht, und dessen Wert 
mit tausend Milliarden eher zu gering als zu hoch veranschlagt ist. Deutsch- 
land ist daher eines der wenigen Länder, das materiell nie zugrunde gehen 
kann, da es mehr Bodenschätze besitzt als die gesamte Umwelt Tauschwerte. 

Das Gegenstück dazu bildet das Element Magnesium, das auch dem All- 
tag bekannt ist als Magnesiumband oder Blitzlicht für photographische 
Zwecke. In seinen Silikaten dagegen hat es als gebirgsbildende Felsen (Ser- 
pentin) und in einem Glimmer, nämlich im vulkanischen Auglt, massen- 
hafte Verbreitung in der Erdrinde gefunden. In seinen Salzen ist es der 
Pflanze ebenso unentbehrlich wie Kali; es bedarf nur deshalb nicht einer 
besonderen Magnesiumdüngung, da dieses Element überall im Boden auf- 
geschlossen werden kann. (Vgl. Abbildung des Kalibergwerkes Abb. 51.) 

Beide Stoffe wandern rastlos vom Boden in das lebende Getriebe und 
kehren nach dessen mannigfachsten Schicksalen immer wieder zur Erde 
zurück. Sie und die übrigen Leichtmetalle teilen die Geschichte aller aus- 
schlaggebenden Werte, die das lebendige und geistige Getriebe erhalten: 
leerer Glanz und blendende Äußerlichkeit ziehen die Aufmerksamkeit der 
Vielzuvielen auf sich, und das Notwendige wird von der Denkunfähigkeit 
immer für das Selbstverständliche gehalten. 



169 



Das sieht man so recht ein, wenn man neben Sauerstoff, Stickstoff oder 
Kalk und Silicium die Schwermetalle, beginnend beim Eisen bis zum Golde 
hält. Zwar wird die mit diesem Satz ausgedrückte Geringschätzung des 
Eisens selbst in bedächtigeren Köpfen Widerspruch erwecken, trotzdem 
kann ich keines meiner Worte abschwächen. Der unerträgliche und ver- 
rannte Zustand des Menschengeschlechtes, dieses Abgleiten auf einer schiefen 
Ebene am Rande eines Abgrundes, das so recht die Signatur des letzten 
Jahrhunderts ist, rührt davon her, daß der Mensch Unwesentliches für 
wichtig gehalten hat, am Wesentlichen aber wie blind vorübergegangen ist. 
Es muß dies hier gesagt werden, denn die ganze Aufgabe der Philosophie 
besteht darin, daß sie dem Menschen die Welt wieder so zeigt, wie sie 
wirklich ist, nämlich als ein wohlabgevvogenes System von Notwendigkeiten, 
in das er sich einzufügen hat, nicht aber so, wie sie von krankhaften und 
schlechten Köpfen ihm beharrlich vorgespiegelt wurde. 

Und zu diesem wirklichen dauernden Gefüge der Weltgesetze gehört 
nun einmal, daß das Eisen im ganzen weit weniger wichtig ist, als es die 
Menschheit seit einigen Generationen in zunehmendem Maße glaubt! Sie 
hat mit den Schwermetallen Mißbrauch getrieben, und ihr jämmerlicher 
disharmonischer Zustand von heute ist die Strafe dafür. 

Man hat in großen und bewunderten Werken die Überwindung der Stein- 
zeit und die allmähliche Herausbildung einer Metallkultur gepriesen als 
den Weg des menschlichen Genius, als einen steten Aufstieg zu einer Voll- 
endung, der sich die Gegenwart infolge einer bekannten Täuschung des 
Lebensgefühles nahe fühlt. Die einzelnen Etappen dieses Weges sind durch 
die Benutzung von Schwermetallen als Waffe: eine Bronzekuhur, die Kupfer 
mit Zink und Zinn (auch etwas Blei) versetzte, dann eine eigentliche 
Kupfer- und Übergangszeit (Hallstattzeit) und endlich eine Volleisenzeit 
{Latene seit etwa 500 v. u. Ära), die auch gegenwärtig fortdauert und sich 
eigentlich erst im 19. Jahrhundert vollständig ausgebildet hat. Das ist ein 
ebenso einseitiger Standpunkt der Einteilung, wie die letzten 50 Menschen- 
generationen in wachsendem Maße überhaupt eine einseitige Anpassung 
und damit Entartung des Europäers darstellen. 

Die ganze Denkrichtung, die in dem Gebrauch von Waffen und den 
wegen ihrer Härte dazu dann allerdings vortrefflich geeigneten Schwer- 
metallen das maßgebliche Kennzeichen von „Kulturhöhe" sieht, ist eine 
einseitige, und sie ist natürlich nicht zufällig in dem waffenstarrenden, 
militaristischen Zeitalter zwischen den napoleonischen Kriegen und dem 
Weltkrieg entstanden. Sie entbehrt an sich jeder Berechtigung und ist 
selbst ein Zeichen des Verfalls. 

Das Leben als solches bedarf der Schwermetalle nicht. Sämtliche sind mit 
Ausnahme eines geringfügigen Eisengehaltes im Blute, der durch die //ä- 
mog'/o^///(Blutfarbstoff)formel C^ssHiaosNiösOzisFeSä gekennzeichnet ist, für 
das Leben giftig, also völlig unbrauchbar. (Man denke an Bleivergiftungen.) 

170 



Leben vollzieht sich ebenso oft friedlich wie als Feind seiner Umwelt, und 
der Mensch im besonderen ist seiner ganzen Organisation nach alles andere 
denn ein Raubtier. Er ist in seinem Bau und seiner Sinnesanpassung ein 
Früchte- und Körnerverzehrer, in seiner überwiegenden Zahl auch tatsächlich 
Vegetarier. Er bedarf daher keiner Waffen. Überall hat er nur durch Not 
und Entartung gezwungen zu ihnen gegriffen, und eine ,, Waffensinnesart" 
würde auch nur seine Not- und Entartungszustände zu dauernden gestalten. 

Seine Zukunjt liegt ebenso wie seine Vollendung nicht in Einseitigkeiten, 
sondern in der Harmonie seines Wesens, sie kann und wird sich daher 
ohne die sein Unglück bedeutenden Schwermetalle ausbilden. Läßt er aber 
nicht von ihrer Überschätzung, so ist sein Untergang besiegelt. 

Das kann man aus den Gesetzen des Seins mit gleicher Sicherheit heraus- 
lesen wie jeden der anderen großen Oesetzeszusammenhänge, die uns bereits 
entgegengetreten sind. Und so darf diese Wahrheit, so unbeliebt sie auch 
scheinen und ihren Vertreter auch machen mag, nicht verschwiegen werden. 
Aus der Waffenkultur aber entstand notwendig der Geist der Ausnutzung 
der Natur, die Einbildung, der Mensch sei nicht ein Glied eines gesetz- 
mäßig geordneten Ganzen, dem er sich harmonisch einzugliedern habe, son- 
dern er sei der Herr der Natur, die er sich unterwerfen kann. Es entstand 
auf dieser Basis die mechanistische, materielle Denkungsart, die zur Her- 
stellung der Mechanismen führte und wieder folgerichtig durch die dazu be- 
sonders als Waffen der „Unterwerfung der Naturkräfte" geeigneten Schwer- 
metalle die eisernen Maschinen und durch sie jenes einseitige Maschinen- 
und Industriezeitalter herbeiführte, das die europäische Menschheit endgültig 
den Idealen und Möglichkeiten der Harmonie entfremdet zu haben scheint. 

Wenn man ganz unvoreingenommen ist, so muß man konstatieren, daß 
gegenüber der Harmonie des sonstigen Weltgeschehens eine als Industric- 
volk dahinlebende Menschenmasse ein vollkommener und ständiger Verstoß 
gegen die Weltgesetzlichkeit ist. Man kann zwar so eine Zeitlang dahinleben, 
aber man lebt dann vollkommen unnatürlich und unharmonisch und muß da- 
her alle Konsequenzen tragen, die daraus entstehen. In einem solchen Volk 
wird eine einseitig auf Herrschaft, Unterwerfen, Nutzen, Eigentum und des- 
sen Verkörperung, Gold, gerichtete rein materielle Denkungsart mit ihrer 
schrecklichen Ergänzung des „Macht geht vor Recht" heimisch. Stets wer- 
den sich seine Teile gegenseitig diktatorisch zu beherrschen und auszunut- 
zen trachten; nach außen hin werden solche Völker stets eine Gefahr bedeu- 
ten, weil sie ständig auf Unterwerfung nicht nur ihrer natürlichen Umwelt 
sinnen. Ein großer Teil des Volkes wird einseitig im Dienste der Maschinen 
verkümmern und zum Proletariat herabsinken. Proletarier heißt mir ein ein- 
seitiger, verkümmerter Mensch. Die gesamte körperliche und geistige Lebens- 
führung wird sich im Industriestaat immer einseitiger und disharmonischer 
gestalten. Aus der gestörten Harmonie aber werden immer Krisen, Leiden 
jeder Art entspringen; der physiologische Verfall wird sich durch Kriege, 

171 



soziale Krankheiten nach Art der Tuberkulose, entsprechende soziale Psy- 
chosen, Geburtenrückgang kundgeben, und das Verkümmern und Aussterben 
solcher Völker ist unausbleiblich. 

Genau das ist der gegenwärtige Zustand von Europa, der sich einem unbe- 
irrten und weiteren Blick unter anderem auch als die vielverwickelte Folge der 
einseitigen Überschätzung der Schwermetalle erweist. Dem Lebensforscher 
sind solche Zusammenhänge und Konsequenzen von Harmoniestörungen ge- 
läufig, und es gibt im Weltganzen für den Menschen darin leider keine 
Ausnahmen. Die Gesetze vollziehen sich, ob das Rad der Zusammenhänge 
nun ihn ergreift oder anderes. Zur Einseitigkeit gehören deren Folgen, und 
der Gebrauch der Schwermetalle lenkt die Entfaltung infolge ihrer physi- 
kalischen Eigenschaften notwendig in die Linie Waffe, Blutvergießen, Besitz- 
speicherung, dadurch soziale Ungleichheit, Massenproduktion, Industrie. Mit 
einer entsetzlichen Folgerichtigkeit hängt eine dieser Wirkungen an der an- 
deren, und sie ist für unsere Erfahrung das schmerzlichste Beispiel der 
Folgen einer einseitigen Anpassung und einer dadurch gestörten Harmonie. 

Es ist hier nicht der Ort, um auf die sich zudrängende Frage Antwort zu 
geben, ob und wie sich die Harmonie wieder herstellen ließe. Um das er- 
örtern zu können, dazu gehört ein tieferer Einblick in die Verkettungen des 
Seinsgesetzes, als er an dieser Stelle meines Werkes erarbeitet werden konnte. 
Ich verweise daher auf den Schluß, namentlich auf das Kapitel des Harmonie- 
gesetzes, wo wir das, was wir jetzt durch Beziehungsfäden verknüpft gerade 
erst erblicken, auch verstehen und bezwingen lernen sollen. Wir Anhänger 
der neuen Lebenslehre blicken also mit anderem Auge als der Alltag auf 
die Tatsache, daß Eisenrost und Brauneisensteine zu den verbreitetsten 
Mineralien gehören, was angesichts dessen, was wir vom hypothetischen 
eisernen Erdkern wissen, nicht wundernehmen kann. Man kann sogar im 
allgemeinen sagen, daß alles, was auf der unbelebten Erdoberfläche braun, 
gelb oder rot ist, diese Farbe dem Eisenrost verdankt. Eisen in feinverteilten 
Körnchen, als Magneteisenstein gehört zu den gewöhnlichen Bestandteilen 
des Granits, und die Eisenerze (Haematit, Spateisenstein, Minette u. a.) sind 
so gemein, daß die Weltproduktion daran 32 Millionen Tonnen beträgt, an 
der sich die United States mit 34o/o, England mit 26o/o beteiligen. 

Bekanntlich wird reines Eisen fast nur zu Klaviersaiten verwendet; die 
Praxis der Maschinen, des Eisenbaues und der Waffen fordert härteres, 
widerstandsfähigeres Material. Man löst daher Kohlenstoff als Graphit 
darin im Grauguß oder in geringen Mengen (0,1— 0,2o/o) im Schmiedeeisen, 
oder größere Mengen (l,5o/o) im Stahl, der eine Legierung von Eisen mit 
Kohlenstoff ist, der man größere Härte als Glas verleihen kann. Durch diese 
Mannigfaltigkeit hat man einen Stoff, der sozusagen nach Belieben in jede 
Form gebracht werden kann und dehnbar, hart, elastisch und widerstands- 
fähig zugleich ist. Eben darum wurde Eisen zum Universalstoff für jedes 
Werkzeug, mit dem man andere Stoffe bearbeiten will. Mit Steinwerk- 

172 



zeugen oder hölzernen Maschinen kann man wohl ebensogut arbeiten, aber 
keine Massenproduktion erzielen. Nur die soeben erwähnten Sonderquali- 
täten des Eisens gestatten dies. Die Menschheit versuchte, vom hölzernen 
Pflug angefangen, den ich noch in Ägypten im Gebrauch sah. Schritt für 
Schritt die Eigenschaften ihrer Werkzeuge, namentlich deren Härte, zu ver- 
bessern, und geriet auf diesem Wege zum Gebrauch des Feuersteins (der 
reines Siliäum ist), der Nephrite und Jadeite, dann auf das leicht verhütt- 
bare Kupfer, das auch gediegen in der Natur vorkommt, auf die Bronzen 
und — offenbar vor 5000 Jahren im Irak ~ auf die Eisenbereitung, die 
lange Zeit Geheimnis besonderer Kasten (die Sagen von Wieland dem 
Schmied deuten auch im germanischen Kulturbereich darauf) blieb, und die 
erst um das erste Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung Gemeingut wurde. 
Es ist aber nicht wahr, daß damit eine Ära höherer Kultur begann, denn die 
Eisenschwerter besitzenden Kelten hatten keine höhere Kultur als die von 
ihnen vertriebenen Hallstätter mit ihrer Bronze- und Halbeisenzivilisation 
oder gar die vielen früheren Ägypter, die mit Stein- und Bronzegeräten und 
hölzernen Maschinen arbeiteten. Es ist aber wahr, daß seitdem das Zeit- 
alter der Kriege nicht mehr endete, und daß nur das chinesische Volk, ob- 
wohl es Eisen herzustellen verstand, damit keinen Mißbrauch trieb. 

Als die Verhüttungskunst so weit vorgeschritten war, daß man Eisen in 
größeren Mengen mit geringen Kosten herstellen konnte, war die Vorbe- 
dingung erfüllt, um zu einer Massenproduktion von Gütern zu schreiten. 
Alles, was mit „Massen" zusammenhängt, entstand seitdem und damit 
auch die Industrie, deren Früchte unser Zeitalter erntet. Mit diesen Sätzen 
muß eine Philosophie des Eisens beginnen, die letzten Endes die gesamte 
Analyse der Gegenwart in sich faßt, denn mit einem nicht ganz heiteren 
Lächeln werde ich mit jedem meiner Leser übereinstimmen darin, daß erst 
wir tatsächlich das „eiserne Zeitalter" darstellen. 

Neben dem Eisen haben — außer den schon besprochenen Edelmetallen 
— nur noch wenige tief in die Gestaltung des Weltbildes eingegriffen. Für 
Zinn und Zink sowie Kupfer sind die Tage ihrer elementaren Wichtigkeit 
vorbei seit der Bronzezeit — die annähernd zwei Jahrtausende dauerte und 
eigentlich heute noch nicht ganz überwunden ist, ja in neuen Legierungen 
(Magnalium) sogar Renaissancen verheißt — wenn auch Zink wegen seiner 
relativen Leichtigkeit (spez. Gewicht 7) als Dachbekleidungsmaterial, barba- 
rischerweise sogar in der architektonischen Ausschmückung die Rolle spielt, 
die man dem edelpatinierten Kupfer gerne gönnt. 

Jedes dieser Metalle nimmt seinen Platz im Lebensgetriebe durch eine 
seiner Sondereigenschaften ein; man verzinnt kupferne Gefäße, weil Zinn in 
feuchter Luft nicht anläuft, was auch die Ursache der Weißblcchbereitung 
ist, man verwendet Blei wegen seiner chemischen Trägheit in den chemi- 
schen Fabriken, man ließ das Kupfer seiner elektrischen Leitfähigkeit halber 
eine neue Blütezeit erleben, und seitdem Nürnberg seine Legierung mit Zink 

173 



(18— 40 o/o) als Messing entdeckt hat, entstanden daraus neue Industrien für 
ein Prunkbedürfnis, das sich wohl nach Goldglanz in seinem Hause sehnte, 
ohne den Goldwert dafür anlegen zu können. 

Wieder anders trat das Quecksilber in den Alltag ein. Da dieses Metall 
seine Festigkeit schon bei 40 " Frost verliert, ist es jedermann nur als Flüs- 
sigkeit bekannt; es hat heute nur mehr eine einzige industrielle Verwen- 
dung, die nur ihm zukommt, wenn man die Gewinnung des Goldes durch 
Quecksilber nicht dazu rechnen will. Es dehnt sich zwischen 0— 100" sehr 
gleichmäßig aus und empfiehlt sich dadurch als Index für Änderungen 
des Luftdruckes und der Temperatur. 

Anders freilich, wenn man versuchte, es auf das Leben wirken zu lassen. 
Die Lebensfeindlichkeit der Metalle sprach auch aus ihm, aber in ganz be- 
sonderer Art. Nicht jedes Lebewesen wird vom Quecksilber gleich schnell 
getötet. Diese Spezifität des Plasmas , ist eine durchgehende, allgemeine 
Eigenschaft, auf der viele Regelungen und Möglichkeiten des Daseins be- 
ruhen. Arsenik ist für alle Wirbeltiere ein starkes Gift, aber der Arsenik- 
käjer nährt sich davon. Das Gift des F liege nschwammes tötet die davon 
fressenden Fliegen, die Schnecken des Waldes verzehren Hut und Stiel des 
Pilzes mit größtem Behagen. So ist für den Einzeller Spirochaete pallida, 
der im Blut und in den Organen von Menschen lebt, die an Lues erkrankt 
sind, Quecksilber ein weit schrecklicheres Gift als für die Zellen des Men- 
schen, denen es am Ende allerdings auch schadet. Darauf beruhen die 
antisyphilitischen Quecksilberkuren, durch die seit 400 Jahren zahllose Men- 
schen wenigstens vor den schlimmsten Folgen einer Krankheit bewahrt wer- 
den, die vielleicht einst von dem Geschichtsschreiber späterer Jahrhunderte 
mit Alkoholismus und Tuberkulose als die sichtbarste Folge der Entartung 
des Menschen bezeichnet werden wird. 

Diese Giftigkeit teilt das Quecksilber mit dem Blei, dem ersten Metall 
jener schon besprochenen rätselhaften Endreihe radioaktiver Stoffe, deren 
Zerfall vor allem wenigstens vorläufig den Elementbegriff zerfallen ließ. 
Sie sind alle Metalle: das Uran, Thorium, Radium, aber an sich so spärlich 
vorhanden, daß man daraus allein auf ihre Unbeständigkeit hätte schließen 
können. Und indem gerade sie in Helium, Wasserstoff, also die Anfangs- 
glieder im System der Elemente zerfallen, legen sie es nahe, daß die 
nächste Generation das, was heute nur ahnungsweise ausgesprochen werden 
kann, als Sicherheit in ihr Weltbild einschreibt: Auch das Urelement, das 
allen diesen Eigenschaftskomplexen, die soeben voräberwanderten, vom 
Wasserstoff bis zum Radium zugrunde liegen muß, beschreibt einen steten 
Kreislauf durch die Welt der Elemente, in den eigentlich alles eingebaut 
ist, was der Begriff Eigenschaft nur umfassen kann. 

Damit ist gewissermaßen das oberste Geschoß eines dreistöckigen Unter- 
baues durchschritten, auf dem die Welt des Sinnenfälligen ruht; zu aller- 
tiefst auf Quanten und Elektronen, dann auf dem Fundament der Atom- und 

174 



Molekularwelt und zu oberst auf den Elementen. Aus ihnen und ihren Ver- 
bindungen setzt sich zunächst die greifbare, allen Sinnen bekannte Umwelt 
von Luft und Wasser, Stein und Erde, Gestein, Berg und Tal, Fluß und 
Meer zusammen, aus der allein Lebenspraxis, Religion und Kunstschaffen 
bisher ihr Weltbild aufbauten, eine Naivität, die der Denker mit gutmüti- 
gem Lächeln quittiert. Fließend waren schon bisher die Grenzen, da so 
manche der Elemente, gleich den Bestandteilen der Luft, sich unmittelbar in 
die Zoesis einmengten, andere in der Natur überhaupt nicht in elementarem 
Zustand vorhanden sind. Aber noch mehr verschwommen sind die Gren- 
zen der weiteren Integrationsstufen. Darauf unfruchtbar bestehen mag doch 
nur ein Pedant; wichtiger ist es, sich der gesetzmäßigen Zusammenhänge be- 
wußt zu werden, die zwischen diesen Dingen in unserer Vorstellung bestehen. 

Da ist die erste und wichtigste aller Flüssigkeiten, das Wasser, dessen 
Unentbehrlichkeit der Mensch einst nicht besser zum Ausdruck bringen 
konnte als dadurch, daß er es als Element in seine Begriffe aufnahm und 
heute noch so in seiner Redeweise führt. 

Wasser, die Verbindung HgO im Verhältnis von 2:15,879, deren wunder- 
volle kristallinische Vollendung die Schneeflocken (Abb. 31) zeigen mögen, 
ist nicht farblos, sondern blau mit grünlichem Einschlag und nur zwischen 
0—100° flüssig. Darunter ist es kristallinisch fest, darüber hinaus gasför- 
mig. Und schon in der Zoesis kommt es in allen drei Daseinsformen zum 
Sein. Danach unterscheiden wir Arktis und die ewige Schneezone der Ge- 
birge, Wolken, Eisberge, Meere, Flüsse, Seen, Kristal Iwasser und nutzen 
die daran gemachten Erfahrungen für Schwimmen, Schiffahrt und Dampf- 
maschinen, welche die Eigenschaft des Wassers bei verschiedenen Tempe- 
raturen, Dampf von verschiedenem Druck auszusenden (Dampjtension), für 
ihre Zwecke verwenden. **) 

Im Haushalt der Natur spielt diese Verbindung eine so hervorragende 
Rolle, daß man sie getrost als die wichtigste aller chemischen Verbindun- 
gen bezeichnen kann und zugleich auch vielleicht als die verbreitetstc, weil 
selbst die trockenste Luft in der Troposphäre zum mindesten 20p'o Wasser- 
dampf enthält, die Erdoberfläche aber ohne das Süßwasser zu drei Vierteln 
mit Wassern von mehreren hundert bis 10 000 Metern Tiefe bedeckt ist. 
Auch alle Gesteine enthalten Kristallwasser (bis zu vielen Pcrzent), und 
weitaus der wesentlichste Gewichtsteil der lebenden Wesen ist Wasser. Es 
entbehrt daher durchaus nicht eines tieferen Sinnes, wenn Thaies der lonier 
lehrte, aus dem Wasser komme alles. 

Freilich sind das nur Kenntnisse, aber kein Verständnis. Ein solches be- 
ginnt erst mit der Erinnerung aufzudämmern, daß das Wasserstoffatom 
(dessen Verhältniszahl nur wegen seiner Kleinheit so ungünstig ins Gewicht 
fällt) dem Uratom der Dinge nahesteht, wenn es nicht als solches betrach- 
tet werden darf, in welchen Gedankengang es dann durchaus hineinpaßt. 
daß man Sonnen kennen gelernt hat, die nur aus Wasserstoff bestehen. 

175 



Wasserstoff findet sich, wie schon bemerkt, im Wasser zu 11 o/o und unter- 
scheidet sich vom Wasser eigentlich nur dadurch, daß er viel leichter ist 
(1 Liter wiegt 0,08987 g, 1 Liter Wasser von 4° aber 1 kg) und bei zoe- 
tischer Temperatur schon gasförmig aufsteigt.*) 

Im Lichte dieser Erinnerung wird die Phantasie, die stets der Forschung 
vorausgehen muß, annehmen müssen, daß die Erde früher mehr Wasser- 
stoff besaß als jetzt, wovon die Wasserstoffatmosphäre an den Grenzen 
der Stratosphäre ein Überrest ist, der sich dann mit den Sauerstoffmengen 
zu einem Urmeer vereinigte, das im steten Kreislauf der Aggregatzustände 
durch alles irdische Sein der Erde pulst. Wasser ist wohl erst ein Sekundär- 
zustand auf einem Weg, dessen weitere Etappen zu Begriffen führen wie 
dem des in den Gesteinen und Dingen festgehaltenen Imbibitionswassers, 
das auch unsere Zellen durchtränkt und dem sonstigen Wasserkreislauf ent- 
zogen ist. Daß das in der Natur vorkommende Wasser nicht dem Ideal- 
begriff HgO entspricht, hat damit nicht das geringste zu schaffen. Die etwa 
3,6 o/ü gelöster Stoffe, die Seewasser enthält, auch der Sauerstoff und Stick- 
stoff, der in Regenwasser gelöst ist, das Ammoniiimnitrat, der Staub, die 
Kohlensäure, die Eisenverbindungen, das Kalziumkarbonat, die alle im Was- 
ser nachgewiesen werden können und seine Farbe von reinem Blau in Grün, 
Gelb und in Mischfarben abändern, hängen nur mit der Eigenschaft des 
Wassers zusammen, Suspensionen wenigstens eine Zeitlang flottierend zu 
erhalten, namentlich dann, wenn sie durch Steigerung der Oberflächen- 
energie sich in kolloidale Lösungen verwandeln. 

Was eine Suspension ist, das zu verstehen, bereitet niemandem Schwierig- 
keiten, um so mehr aber der Begriff der Lösung jedermann in dem Maße., 
in dem er tief in seinen Gegenstand eindringt. Es ist der Begriff des Ions, 
bisher von uns nur flüchtig gestreift, der damit Erklärung heischt. 

Wenn man Kochsalz ins Wasser wirft, entsteht eine Lösung, nämlich 
außer Salz und Wasser ein Drittes, das einheitlich, eben die Lösung ist. 
Diese wird von der Elektrochemie nicht mehr als ein reines Gemisch von 
Wasser- und Kochsalzmolekülen angesehen, sondern an Stelle des Koch- 
salzes sind die Ionen (Na © und Cl © ) getreten. (Vgl. Abb. 60.) 

So lautet die im Jahre 1887 von Arrhenius aufgestellte lonentheorie, die 
dem Wasser eine eigentümliche, nur als Integrationserscheinung deutbare 
Eigenschaft zuschiebt. Sie faßt die Beobachtung zusammen, daß sich Säu- 
ren, Basen oder Salze, die man in Wasser bringt, von da ab anders ver- 
halten als in trockenem Zustand. Ihre Moleküle scheinen in selbständige 
Teile gespalten zu sein. Man kann die verschiedensten Stoffe dazu verwen- 
den und wird immer denselben Ablauf des Vorganges finden. Säuren spal- 
ten z. B. stets den ihnen in allen Fällen innewohnenden Wasserstoff ab. 



*) Seine kritische Temperatur ist — 234", der Schmelzpunkt — 260°, der Siede- 
punkt — 252,5«. , 1 ,[:l j 

176 




Abb. 60. Schema zur Erläuterung der lonenbildung 

1 Chlornatrium (Kochsalz)-Molekül 4—6 Dieselben Begriffe wie 1—3 in anderer 

2 Chlorion und ein Natriumion Vorstellung, wozu die Chemie volle 

3 Chloratom (links) und Natriumatom (rechts) Freiheit hat 

der sich durch sauren Geschmack und Rotfärbung von Lackmuspapier 
kundgibt. Es scheint also der Lösungsvorgang in Wasser gewisse Gruppen 
im Molekül aufzuspalten. Das läßt sich beweisen, wenn die Zahl der Teil- 
chen dadurch größer wird, also in der Lösung größere Wirkungen eintreten 
also vorher, etwa ein größerer Druck (vgl. Abb. 60). 

Dies ließ sich nun wirklich nachweisen. In Lösungen herrscht ein oft 
enormer Druck, den man den osmotischen Druck nennt; mit ihm im Zu- 
sammenhang tritt auch Erhöhung der Siedetemperatur und Erniedrigung 
des Gefrierpunktes ein. 

Das weiß, wenn auch nicht mit wissenschaftlichem Verständnis, jeder 
Seemann; denn es ist ihm wohlbekannt, daß Meerwasser, diese natürliche 
Salzlösung der Natur, viel schwerer gefriert als Süßwasser und auch erst 
dann nach Ausscheidung des Salzgehaltes. Das Eis der Polargegenden ist 
salzfrei, was, wie wir bereits wissen, mit den Kristallisationsgesetzen zu- 
sammenhängt. 

Da nun alle Lösungen Elektrolyie, d. h. elektrische Leiter sind, geriet Ar- 
rhcnius auf den Gedanken, daß bei der Aufspaltung (Dissoziierurifr) der 
Moleküle den gespaltenen Teilchen sich Elektronen beigesellen, und wirk- 
lich zeigte sich das bewahrheitet. Die dissoziierten Teilchen sind zum Teil 
positiv, zum Teil negativ geladen, und das soll durch die Bezeichnung Ion 
und das Zeichen © und ausgedrückt werden. Allerdings ist die clektro- 
lytische Eigenschaft der Ionen nur eine von den vielen, die meist chemi- 
scher Natur sind. 

Fronet, Bios '■^ 

177 



So kann man denn mit gewissem Rechte sagen, die gelösten Stoffe 
befänden sich in einem ähnlichen Zustand, wie wenn sie gasförmig gewor- 
den wären. Ihre Moleküle haben eine erhöhte Beweglichkeit, sonst könnten 
sie nicht gesteigerten Druck ausüben, und sie würden auch nicht viel schwe- 
rer in die herabgesetzte Ruhelage gebracht werden, die dem Gefrieren ent- 
spricht. 

Damit blickt man nun erheblich tiefer in den Zustand des in der Natur 
vorkommenden Wassers hinein, da dieses (mit Ausnahme frischgefallenen 
Regens) stets ein Elektrolyt ist, der irgendwelche Stoffe gelöst hat, die sich 
in ionisiertem Zustand darin befinden und immer wieder ausgeschieden wer- 
den. Dazu kommt, daß es außerdem noch als Suspension getrübt ist und 
auch diese Sinkstoffe ständig ablagert. Aus Lösungen und Suspensionen 
(man erinnere sich an einen durch Hochwasser geschwellten Fluß) kommen 
die Sedimente zustande, die einen so überwiegenden Teil, nämlich mehr als 
Vs der Erdoberfläche bedecken, daß man mit Recht sagen kann, die Erd- 
rinde bestehe eigentlich aus Wasser und seinen Absätzen. (Vgl. Abb. 71.) 

Was man gemeinhin Schlamm, Kies, Lehm (Geschiebelehm), Kalkstein, 
Ton- und Glimmerschiefer, Sandstein, Mergel, Kreide (Abb. 53), Sand 
nennt, und was man früher als neptunische Gesteine zusammenfaßte, das 
alles sind Sedimente. Ein Blick auf seine Umgebung wird jedem sagen, 
welche Bedeutung ihnen im Naturbild zukommt. Auf der anderen Seite der 
Gesteine stehen nur Granit (Abb. 62), Syenit, Gneis, die Porphyre {khh.dX),, 
Melaphyre und Laven (vgl. Abb. 66), die alle aus dem Reiche Plutos stam- 
men, aber auf einer geologischen Karte der Erdoberfläche eingezeichnet nur 
einzelne Nester und Horste darstellen. 

Dabei ist die allgemeine Regel, daß die Flüsse selbst keine Sedimente 
schaffen, außer in ihren Mündungsästuarien, wo sie die mitgeschleppten 
Sinkstoffe ablagern, und in ihrem Niederlauf, wo sie grobe Gerolle und 
auch Sandbänke aussieben. Ihre Hauptaufgabe besteht viel mehr in der 
Verteilung des Materials, das ihre lebendige Kraft von den Hochländern 
herabholt. Nachdem durch die Rotation der Erde die Flüsse ihren Lauf, 
auch abgesehen von lokalen Ursachen, ständig verlagern, überschütten sie 
auf diese Weise sehr ansehnliche Gebiete, theoretisch sogar das ganze Fest- 
land mit ihren Alluvionen. Wie bemerkenswert diese Tätigkeit sein kann, 
mag man daraus ersehen, daß der breite Gürtel fluvioglazialer Gerolle, der 
sich vom Bodensee durch ganz Schwaben und Bayern bis gegen Salzburg 
am Nordfuß der Alpen hinzieht, eine solche deckenförmig ausgebreitete 
Ablagerung von Kiesen und Sanden mit Lehm ist, welche die Schmelzwas- 
ser seinerzeit nach dem Rückzug der in die Ebene vorgetretenen alpinen 
Gletscher aus dem Material der Moränen bereitet haben. Oder, um ein an- 
deres Beispiel zu nennen: es ist auch ganz Berlin in seiner breitesten Er- 
streckung auf Sedimenten erbaut, welche durch die Wasser der nacheiszeit- 
lichen Urströme verschleppt wurden. Noch ansehnlicher sind die Män- 

178 



dungsdeltas der großen Ströme, von denen einzelne, wie die des Amazonas, 
des Orinoko oder des Mississippi, des Nils und der Donau, des Ganfres 
oder der Wolga länderweite Territorien bedecken und durch die fruchtbaren 
Ton- und Lehmablagerungen wiederholt zur Wiege der Kultur, gleich dem 
Nildelta oder dem Zweistromland (Mesopotamien) zwischen Euphrat und 
Tigris geworden sind. 

Trotzdem steht das alles zurück hinter den Sedimenten, welche das Meer 
ablagert, wenngleich zugestanden werden muß, daß ein nicht unansehnlicher 
Teil seiner Leistungen eigentlich ohne die Flüsse nicht denkbar wäre. Der 
Dünensand und der schon genannte blaue Schlick, der unter Umständen 
auch rot sein kann (Laterit), wie im Mündungsbereich der südamerikani- 
schen Riesenströme, oder gelb, worauf der Name des ostasiatischen Gel- 
ben Meeres deutet, ist als küstennahe Ablagerung nichts anderes als das 
Letzte an „Flußtrübe^\ das dem Meer von den Kontinenten her zukommt. 
Und auch der Kalk, der rote Ton und die kieselsauren Sedimente, aus denen 
alle sonstigen marinen Ablagerungen bestehen, sind letzten Endes das 
durch die Flüsse zerriebene Material der Gebirge, das im Meer eben nur zur 
Ausscheidung kommt. Ohne Kalkgebirge keine Kalktiere, kein Globigeri- 
nenschlamm, keine Korallen und kein roter Ton, ohne Granit und Sand- 
steingebirge keine „Schorre'' am Seestrand und keine Dänen (vgl. die far- 
bige Beilage „Das Meer" von Alf Bachmann), ohne Quarzitgesteine und 
Silikate kein Diatomeenschlamm und Kieselschiefer, so wie auch ohne die 
genannten marinen Ablagerungen kein Baumaterial für Sand, Sandstein, 
Kalkbänke und Tonschiefer der kommenden Zeiten ebensogut wie der Ver- 
gangenheit dagewesen wäre. 

Auf einer höheren Integrationsstufe sieht man da wieder in einen der 
großartigsten Kreisläufe hinein, in den der Sedimentgebirge, und erkennt 
wieder einmal, nachdem er den des Kalkes und den des Siliciums in sich 
schließt, daß es auch eine Integration der Integrationen geben muß, daß 
das Gesetz also wirklich universell gültig ist. 

Die genannten Niederschläge sind nun durchgängig Suspensionen, die 
allmählich zu Boden sinken. Außer ihnen gibt es aber auch chemische 
Niederschläge, die erst nach dem Verdampfen des Meereswassers sichtbar 
werden. An vielen Stellen der Erdoberfläche kann man sich unmittelbar 
davon überzeugen und daraus einen Rückschluß auf die Vergangenheit 
dort ziehen, wo man solche Niederschläge im großen angehäuft findet. 

Das erste Gesetz dieser chemischen Lösungsbestandteile im Meerwasser 
ist, daß, gleichviel ob an der Oberfläche oder in der Tiefe, ob aus kaltem 
oder warmem Wasser stammend, das Mischungsverhältnis der verschiedenen 
Verbindungen stets das gleiche bleibt. Immer sind SQo/o aller Salze Chlor- 
verbindungen, und zwar 78o/o Kochsalz, 1 1 o/o Chlormagnesium, 4o/o Bitter- 
salz (Magnesiumsulfat); 3,5o/o sind Gips und nur 0,3o;o kohlensaurer 
Kalk, während im Süßwasser der Kalk bis zu 60p/o der festen Bestandteile 

w 
179 



ausmachen kann. Aus diesen Ziffern leitet sich im Gegensatz zu der hier 
vertretenen Ansicht von den Flüssen als den Salzlieferanten des Meeres 
eine unter anderen von Pahde vertretene Lehre ab, das Salz sei ein Urbe- 
standteil des Meerwassers, der im Laufe der Zeit erst dann so stark hervor- 
getreten sei, seitdem sich so gewaltige Mengen Wasser als Kristallisations- 
wasser im Erdinnern verborgen haben. 

Dieser Zusammenhang des Salzgehaltes bringt es mit sich, daß Meerwas- 
ser ekelerregend salzig und bitter zugleich schmeckt. Übrigens sind auch 
noch viele andere Stoffe darin gelöst, so unter anderem Gold. Wenn auch 
seine Menge nicht gewinnenswürdig ist, so beträgt sie angesichts der Was- 
sermasse der Weltmeere doch so viel, daß auf den Kopf der 1700 Millionen 
Menschen, die es gibt, je 3,5 Millionen Friedensmark kommen würden. 

Die Verteilung aller dieser Stoffe ist keineswegs gleichartig, und danach 
wechselt auch Farbe, Art, Temperatur der einzelnen Meere, die in den ver- 
schiedenen Klimaten auch höchst wechselnden Einflüssen unterworfen sind. 
Schon die geographische Situation bringt es mit sich, daß ein Binnensee 
gleich dem Kasplschen Meere, ja auch nur das Mittelländische Meer oder 
ein zwischen Wüsten langgestreckter Streifen, wie das Rote Meer, sich 
ganz anders gestalten muß als die weiten Räume der Weltmeere, von denen 
einzelne, wie der Sädpazi}ik, auch dem eilenden Dampfer (die Dampfer 
San Franzisko— Sydney brauchen 26 Tage) Wochen hindurch nur Wogen 
und Himmelsblau entgegenstellen. Neben der Wärme steigert der Wind 
den Salzgehalt, während die schmelzenden Eisberge an den Grenzen der 
Polarmeere oder mächtige Flußmündungen, wie an der Ostküste Südame- 
rikas oder vor China ihn merkbar erniedrigen. 

So hat, um nur ein Beispiel zu nennen, die Ostsee einen Salzgehalt unter 
70/00*), die Küste von Neufundland unter SP/oo, der mittlere Teil des At- 
lantik dagegen 36— 37%o, während die Gewässer um Kreta und an der 
syrischen Küste überaus salzig (über 39Voo) sind. Dabei ist der Atlantik 
salzreicher als die anderen großen Weltmeere. In allen aber ist von 
100 m Tiefe abwärts der Salzgehalt durchwegs gleichförmig 35Voo- Dieser 
Salzgehalt scheint nun außer der Temperatur auch die Fähigkeit des Meer- 
wassers, Luft zu absorbieren, zu mindern. Je kühler das Wasser ist, desto 
mehr Luft kann es aufnehmen, was jedem Reisenden wenigstens dadurch 
sichtbar wird, daß das Kielwasser in der Nordsee weit mehr Schaumperlen 
aufwirft als im Mittelmeer, Das hat eine sehr wichtige Folge. Kaltes 
Wasser ist besser durchlüftet; es bietet den Organismen, vom Einzeller bis 
zu den Fischen aufwärts, vorteilhaftere Lebensbedingungen, Daraus erklärt 
sich aber wieder die Tatsache, daß Kieselalgen und Plankton in den Nord- 
meeren derartige Mengen Nachkommen produzieren, daß das blaue Wasser 



*) Im Bottnischen Meerbusen sogar nur 30/00, im Roten Meer dagegen 41o/oo. 

180 




Abb. 61. Die Struktur des Porphyrs (Bozen) 




Abb. 62. Granitdüniischliff von Stritgau 
Orip;inalaiit'nahine 



Abb. 63. Wikroskopisches Bild von 
Feldspat 







A -/ ' 


.^^^^j* m^3^I^Kfk 






^.— Ja, ^- ^^^^^Hi 




^^m'-^ 
^"^"2^ 


^ 


^>$:: 

5^.' 




i" 


^ 


\^*# 



durch sie, die meist gelbe Farbstoffträger besitzen, grün gefärbt er- 
scheint; daraus erklärt sich ferner der (allerdings durch gro(5industrielle 
Fangmethoden sich bereits lichtende) einst scheinbar unerschöpfliche Fisch- 
reichtum (Heringszüge) der kalten Meere, üelb und Grün ist übrigens die 
einzige Farbe, die das Meerwasser außer dem tiefen, manchmal fast tinten- 
dunklen Blau tatsächlich annimmt, obwohl Phantasie und Sprachgebrauch 
ihm eine ganze Palette von Farben andichten. 

Wenn die Bezeichnung „Weißes Meer'' nicht auf eine Kapelle am Ufer 
zurückgeht, wie behauptet wird, dann ist sie überhaupt unerfindlich, ebenso 
wie die des „Schwarzen Meeres'', das ebenso blau ist wie die andern. Auch 
das Roie Meer schimmerte mir ebenso blau entgegen wie die klassischen 
Gewässer Homers, und von der rotfärbenden Alge Trichodesmium, von der 
in allen Büchern zu lesen ist, fand ich keine Spur. Das einzige Gesetz 
hierin ist: Je durchsichtiger das Meerwasser ist, desto blauer erscheint es 
unserem Auge; je trüber, desto grüner ist es. Und auch Warmwasser und 
Kaltwasser hat darauf nur auf dem oben angegebenen Umweg Einfluß, 
trotzdem darin die Weltmeere die denkbar größten Unterschiede aufweisen. 

Als Lösung kann das Meerwasser sich bis zu 0° abkühlen, ohne zu er- 
starren, während im Binnenland Wasser bei 4*^ am dichtesten ist. Es gibt 
also in den Polarmeeren Zonen, in denen 3° unter Null gemessen werden 
konnten, während als anderes Wärmeextrem der Persische Meerbusen, 
auch das Rote Meer Temperaturen von 35,6*^ aufzuweisen haben. Die all- 
gemeine Durchschnittstemperatur der Weltmeere entspricht genau derjeni- 
gen, an die unser Leben optimal angepaßt ist, was natürlich nicht auf einem 
Zufall beruht. Sie beträgt nämlich 17V2^ und mehr als ein Drittel der 
Meere erfreut selbst im kältesten Monat noch mit 22 0, gestattet daher auch 
nach dem Wärmegesetz des Kalkes den Korallen das Bauen. (Vgl. Abb. 55.) 
In der Tiefe sinken diese Zahlen. Schon in 30 '^ n. Br. hat das Wasser bei 
150 m Tiefe nur mehr 20 ^ und in 4000 m Tiefe ist es ziemlich überall 
gleichmäßig kalt (11/2—272") mit einziger Ausnahme des Mittelländischen 
Meeres, das bis in seine größten Tiefen (4400 m im Jonischen Meer) 
noch 13,50 C warm ist, woraus man mit ziemlicher Sicherheit glaubte 
schließen zu können, daß es seit dem Tertiär noch niemals wesentlich ab- 
gekühlt wurde, also keine Eiszeit erlebt hat. 

Wenn man nun sagt, daß Vio der Erdoberfläche vom Meere bedeckt seien, 
so ist das eine Schätzung, weil uns von den 510 Millionen Qudratkilometern 
der Erdoberfläche am Nordpol noch 3, am Südpol sogar 13 Millionen Qua- 
dratkilometer unbekannt sind. Da nun Pcary, dem man die Entdeckung des 
Nordpols doch wohl zubilligen muß, dort selbst in 2740 m Tiefe noch keinen 
Grund gefunden hat, so dürfte die Arktis fast ganz dem Ozean zuzurechnen 
sein, während alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß der Südkontinent, 
der sechste Erdteil, jener terra incognita von 13 Millionen km^ zuzu- 
schieben ist. 

181 



So darf man wohl sagen, daß der Ozean 361 Mill. Quadratkilometer be- 
deckt, und jeder weiß, daß man vom Globus eine Ansicht gewinnen kann (vgl. 
Abb. 64), die eine reine Wasserhalbkugel dem Auge darbietet. Ihr Gegen- 
stück, die Landhalbkugel (die allerdings noch immer zu 51 o/o von Wasser 
bedeckt ist) hat ihren Pol im südlichen Frankreich, und schon das allein 
macht es verständlich, warum sich um das Mittelmeerbecken herum das eine 
Zentrum der Menschenbesiedelung, das andere aber zwischen Indien und 
China ausgebildet hat. So hat die Erde selbst der Kultur das Gesetz vor- 
geschrieben. Diese Betrachtungsart lehrt aber zugleich, daß die vielen 
Meeresnamen nur Flickwerk ihrer Entdeckungsgeschichte sind, und daß es 
in Wirklichkeit nur ein einziges Weltmeer gibt"^), in dem Australien und die 
Antarktis als Inseln schwimmen, und für das der Atlantische Ozean nur ein 
Golf mit der Bucht des nördlichen Eismeeres ist. Nordsee und Ostsee oder 
das Mittelmeer, sie, die im Leben des Menschen eine bestimmende Rolle 
spielen, sind für die Erde als Ganzes unbedeutende und ihr Dasein auch 
in keiner Weise bestimmende Anhängsel des Weltmeeres. Das geht schon 
daraus hervor, daß sie, mit Ausnahme des Mittelmeeres, geradezu seicht 
sind (Nordsee 200 m, Ostsee noch weniger), wie man denn überhaupt trotz 
aller imponierenden Zahlen niemals vergessen darf, daß, wenn man 
die größte Meerestiefe auf einem plastischen Globus mit zehn Millimetern 
auftragen würde, dieser Erdball immerhin noch einen Durchmesser von 
12 750 Millimetern besitzen müßte! Allerdings wären die höchsten Gebirge 
dann auf ihm auch nicht ganz neun Millimeter hoch (vgl. Abb. 4Q). 

Der oft gebrauchte Vergleich, daß Meerestiefen und Bergeshöhen für die 
Erde noch nicht so viel bedeuten wie eine ganz kleine Runzel auf einem 
glatten Apfel, ist nur dann richtig, wenn man sich einen recht großen 
Apfel vorstellt. Wichtig ist es, sich hiervon ein anschauliches Bild zu 
machen, denn es wirkt dann als Korrektiv gegenüber den sehr phantasti- 
schen und „leichtfertigen" Vorstellungen von Scholleneinbrüchen (vgl. Abb. 
15) und „Schrumpfung des Erdballs" infolge seiner Abkühlung. Jedenfalls 
läßt sich das eine angesichts dieses Bildes mit Sicherheit sagen: Irgend- 
wie merklich ist der Erdball bis heute noch nie geschrumpft. Es ist daher 
nur an der Zoesis gemessen überwältigend, in die unterseeischen Schluchten 
und Gebirgswelten hineinzublicken, wie sie durch Lotungen nach und nach 
erschlossen wurden, die mit übermenschlicher Geduld viele Jahrzehnte hin- 
durch angestellt wurden, wenn auch noch Jahrhunderte nötig sein werden, 
um sich ein richtiges Bild von der Gestaltung des Meeresbodens zu 
machen.*) 

Es sind daher noch recht korrekturfähige Anschauungen, wenn man die 
Gesetze des unterseeischen Bodenreliefs in etwa folgendem sehen will. 



•) Um ein Quadrat von 100 km Seitenlänge auszumessen, sind Einrichtungen 
und Ai heilen nötig, die 40—50 Millionen Mark vor dem Kriege kosteten! 

182 



Gleichwie auf den Erdteilen das Flachland überwiegt, so scheint auch die 
Tiefsee ausgedehnte Ebenen aufzuweisen. Wahrscheinlich sind die Meeres- 
becken überhaupt Senkungsfelder; mit anderen Worten, sie sind deshalb 
Ozean, weil sie die tiefsten Stellen der Erdrinde sind. Offenbar (man 
schließt dies aus der großen Zahl unterseeischer Vulkane [vgl. Abb. 71 |) 
haben große Berstungen der Erdrinde stattgefunden, durch die sich sub- 
marine Grabentäler von unerhörten Ausmaßen bildeten, nach Art des Rhein- 
tales, das auch ein eingesunkener Graben zwischen den stehengebliebenen 
Pfeilern der Vogesen und des Schwarzwaldes ist. Nun kennt man ja einen 
solchen unterseeischen Graben ganz genau. Die Geographie nennt ihn den 
Guamgraben östlich von den Marianen, dessen größte Tiefe 9636 m be- 
trägt, während seine „Ufer" teilweise noch um 490 m aus dem Wasser 
emporstehen. Solche Rinnen ziehen sich auch die südamerikanischen Anden 
entlang; dort senkt sich die Erde von einem 6600 m hohen Vulkangipfel 
in einem Zug bis 7635 m Tiefe. Auf unserem Modellglobus wäre hier die 
größte Unebenheit der Erde. Sie betrüge 14 mm! Viele Inseln des Pazi/ik 
sind in diesem Sinne nichts als Einzelgipfel von Gebirgsrücken, so die 
Kermadec- und Tongainseln, welche Neuseeland fortsetzen und ein Ge- 
birge von 2000 km Länge darstellen, dessen Täler 8000—9400 m tief sind. 
Bei den Philippinen liegt das tiefste Tal des Meeres mit 9788 m. Vor 
Portoriko im Atlantik liegt dessen tiefste Stelle mit 8500 m. Der ausge- 
dehnteste dieser Gräben dehnt sich von Ostasien bis zu den nordamerika- 
nischen Nordküsten. 

Wie große Flüsse ziehen sich diese unterirdischen Täler dahin, nur sind 
sie länderbreit und lassen große Flußtiefen, und die 30 Meter, die der Rhein 
beim Loreleifelsen tief ist, erscheinen wie etwa ein Nadelstich gegen einen 
Brunnen. 

Wichtig waren solche Forschungen und Erkenntnisse schon deshalb, weil 
sie die Sicherheit gaben, daß die Kräfte der Gebirgsbildung und des Vul- 
kanismus auch im Meer tätig waren und seinem Boden ein teilweise noch 
viel unruhigeres Relief verliehen, als es dem Festland eignet, zumal ja 
unter Wasser die Abtragung und Einebnung, die oben im Licht alle Ge- 
birge begräbt, nahezu völlig fehlt. Im ganzen genommen, ist der Meeres- 
boden ein Wassertrog. Denn, wenn man sich die Festländer eingeebnet 
dächte, käme man zu einer mittleren Gesamterhebung von nur 800 m, 
während aber die mittlere Tiefe der Weltmeere 3700 m beträgt! Wie ein 
Gesims, das die Kontinente umrandet, dehnt sich vor allen Erdteilen der 
„Schelf", die Flachsee, die nicht tiefer als 200 m ist. Alte Landflächen sind 
dies, die in der geologischen Neuzeit von Wasser überspült wurden. Ihnen 
gehört mit einer geringen Ausnahme die ganze Nordsee, wie viel mehr erst 
die ganze Ostsee an, die daher vom Standpunkt des Ozeanographen aus 
gar keine richtigen Weltmeere, sondern nur Überspülungsseen sind. Gegen 
dieses ganz unvorstellbar große Becken voll Wasser, das man das Welt- 

183 



meer nennt, kommen alle übrigen Flüssigkeiten, die es sonst noch auf 
Erden gibt, für das Erdganze kaum in Betracht. Selbst die großen Rinnen 
des Ozeans würden, von einem anderen Gestirn aus gesehen, etwa vom 
Monde aus, sich ebensowenig eindrucksvoll kundgeben, wie die irdischen 
Hochgebirge, denen wenigstens ihr Schatten Relief verleiht. Vielleicht wür- 
den diese Rinnen gerade mit Mühe und Not wie Spinnewebfäden ein zartes 
Netz durch die Wasserfläche schlingen und eine gewisse Ähnlichkeit mit 
den so viel besprochenen Marskanälen (Abb. 47) vortäuschen. Die geogra- 
phisch nicht geschulten Astronomen, die leichthin von Kanälen auf dem Mars 
(auch auf der Venus) sprechen (vgl. Abb. 67), vergessen ganz darauf, daß 
das gesehene Bild in Wirklichkeit auch ähnliche Dimensionen haben müßte, 
wie der Guamgraben, daß also jeder Kanal mehrere hundert Kilometer Breite 
und 8- bis 10 000 m Tiefe haben müßte, um überhaupt merkbar zusein. Daß 
solche Ausmaße Werke einer intelligenten Hand von Menschenart sein könn- 
ten, ist ausgeschlossen; nur daran kann man nicht zweifeln, daß auch auf 
dem Mars wie auf verschiedenen anderen Planeten ebenfalls Wasser vorhan- 
den ist, das man sogar in der Form von Schneeflächen wahrnehmen kann. 
Es ist ein Problem, dem man als solchem kaum noch Aufmerksamkeit 
geschenkt hat, daß es außer Wasser auf der Erde nicht eine Flüssigkeit 
gibt, die nicht mit dem Leben zusammenhängt. Alle ätherischen Öle, Alko- 
hole, Harze oder sonstwie flüssigen Körper sind entweder Lebensprodukte 
oder Lösungen fester Stoffe in Wasser. Das gilt auch von dem Erdöl (Pe- 
troleum), das eine Mischung von Kohlenwasserstoffen der Paraffinreihe 
ist, die — so wenig man auch noch ihren Ursprung endgültig kennt — 
zweifelsohne Reste sind von unter günstigen Umständen erhalten gebliebe- 
nen Tieren (und vielleicht auch Kieselalgen). Aber was sind die 500 000 
Hektoliter, auf die man die jährliche Weltproduktion schätzt, gegen die 
etwa dreißig milliardenfache Menge des Wassers? Doch nur ein Tropfen 
gegen einen großen See. 

Man hat, und zwar meiner Ansicht nach mit gutem Recht, die Meinung 
vertreten, daß Wasser imstande sei, alle Substanzen der Erde in Lösung 
zu bringen. Jedenfalls gilt das eine, daß ein so spröder Stoff wie das 5///- 
cium, das als Bergkristall Inbegriff und Sinnbild strahlender Festigkeit ist, 
in solch gigantischen Mengen im Süß- wie im Salzwasser gelöst ist, daß 
sein Kreislauf, der uns bei diesem Gemälde der Welt schon wiederholt ent- 
gegentrat, sich ebenbürtig neben den des Kalkes stellt. 

Was dort die Kalktiere und Kalkalgen, sind hier die Kieselalgen (Bacil- 
lariaceen, Diatomeen), Kieselschwämme und ein Teil der Radiolarien, auch 
gewisse höhere Pflanzen, wie Schachtelhalme (Equisetaceen) und Gräser, 
die Kieselsäure aus ihrer wässerigen Lösung aufnehmen und rein abschei- 
den, oft in organischer Form aufs herrlichste durchgeprägt (vgl. Abb. 65), 
so daß ihre Erzeugnisse zu den mit Recht bewunderten sogenannten „Kunst- 
jormen der Natur'^ zählen. 

184 



I 



Wenn nun diese Schalen, Gehäuse und Zellhäute, die manchmal so viel 
Silicium enthalten, daß man sich an einem Schilfhalm wie mit einem Mes- 
ser die Hand zerschneiden kann, wieder hinabsinken zu den Toten, ver- 
wesen sie nicht, sondern bleiben, in der Erdrinde zugedeckt und dem Wasser 
entrückt, Jahrmillionen hindurch aufbewahrt. Man hat aus derartiger Kie- 
selgur einen Industrieartikel gemacht, kennt fossile Kieselalgen seit der 
SteinkohLenzeil und noch älteren Erdepochen und hat sich zu der Ansicht 
durchgerungen, die Feuersteine, die in triassischen und tertiären Geschie- 
ben, auch in der Kreide (Abb. 53) so überaus häufig sind, daß sie einst 
das wichtigste Werkzeugmaterial des Urmenschen gewesen, seien nichts als 
zusammengesinterte Reste von Kieselschwämmen. 

Wenn aber Wasser diese Lebensreste, die in die Sedimente übergehen, 
genügend lange überspült, löst es davon solche Mengen (25 000 Teile, 
4 Teile), daß die Kleinpflanzen und Tiere immer wieder Baustoff für kom- 
mende Generationen entnehmen können. Dies beginnt namentlich schon 
an den kohlensäurereichen Bergquellen, deren Wasser reich mit Silicium 
beladen sein kann, das dann aus dem Gebirgsmaterial dem Leben sofort 
die Baustoffe für sein Kunstschaffen beut. 

Ist doch Silicium für die anorganische Welt ebenso charakteristisch wie 
der Kohlenstoff für die organischen Verbindungen. Sein Oxyd (SiO.,), die 
Kieselsäure, ist das, was man gemeinhin Sand nennt oder, mineralogisch 
gesprochen, Quarz, der als Quarzit oder Sandstein ganze Gebirgsmassen, 
als Gemengteil mit den Silikaten (vgl. S. 169) dagegen so ziemlich die 
ganze Erdrinde miterbauen half. 

Ein wunderbarer Stoff ist dieser Quarz. Ob nun wir Menschen ihn in 
feste Flüssigkeit verwandeln (NajO, CaO, 6 SiOg), indem wir Natrium- 
karbonat, Kalkstein und reinen Sand zu Glas zusammenschmelzen (was sich 
übrigens auch in der Natur in Blitzröhren und Vulkanröhren von selbst 
bilden kann, so daß Glasbereitung eigentlich eine Biotechnik ist), oder ob 
wir Mörtel herstellen aus dem gelöschten Kalk, Wasser und einer Menge 
Sand, der sich zu „Kalkfels" erhärtet und also eigentlich ein künstliches 
Gestein ist, ob wir Zement bereiten aus einem Gemisch von Kalkstein und 
Ton und dabei die Gesetze des Kolloidalen in unseren Dienst stellen, oder 
ob sich durch das Walten von Gesetzesbeziehungen, die wir Menschen erst 
zum geringsten durchschauen und nachmachen können, der violette Ame- 
thyst oder Hornstein bildet oder Chalcedon, Jaspis, Onyx, Karneol, Chryso- 
pras, Achat und Opal, sie alle sind nichts als Quarz mit winzigen Struk- 
turänderungen und Beimengungen. 

Granit, Gneis, Grauwacke, Tonschiefer, die roten Sandsteine des Perm 
und die gelben Quarzsandsteine der Kreideformalion, der Quarzporphyr der 
Vulkane, der Melaphyr und der Diabas mit seinen Silikaten, die Buntsand- 
steine (Abb. 68), die freien Sande der Tertiärzeit, das ganze Album der 
Oesteinsgeschichte der Erde hat auf jedem seiner Blätter immer wieder 

185 



nur entweder Kalk oder Quarz verzeichnet. Das Viertel der Erde, das man 
dem Quarz zuteilt, ist ganz sicher nicht zu hoch eingeschätzt, Gebirge 
erheben sich aus reinem verfestigten Quarzsand, Dänen aus Sand umgürten 
meilenweit jeden flachen Strand der Ozeane, ganze Sandmeere gleißen 
länderweit und wasserlos. 

Wunderliche Berggestalten mit senkrechten Türmen förmlicher Felsen- 
labyrinthe umfangen den Wanderer im Eibsandsteingebirge (Abb. 6Q) und 
erwecken in ihm ganz anders als in den Dolomiten das Gefühl, auf einem 
alten Meeresgrund zu wandeln, dessen Entstehungsgeschichte man unmittel- 
bar vor Augen hat, wenn man in der heranspülenden Flut die Sandkörnchen 
selbst rieseln und sich kugelig abschleifen sieht, die Okeanos aus dem 
Schelf, wohin die Flüsse den Sand gebracht haben, mit beharrlichem Eigen- 
sinn deshalb ans Land rollt, weil die Flutwelle mehr mechanische Kraft 
entwickelt, als das nur ganz allmählich, ohne lebende Kraft zurückweichende 
Wasser der Ebbezeit. (Vgl. die farbige Tafel.) 

Die traurig einförmige Dünenlandschaft ist wieder ein Zeuge eines Kreis- 
laufes, den das bewegte Wasser zwischen den Bergen vermittelt. Es zer- 
reibt Felsen mit seiner nimmerrastenden Arbeit, rollt sie zerkleinert als 
Geröll im Flußbett und lockert sie bis zum Zerfall in Sandkörner, die es 
nach dem Zurückweichen der Meere als Sandwäste zurückläßt. (Vgl. Abb. 
68.) Nie werde ich das ergreifende Gefühl von Lebensfeindlichkeit ver- 
gessen, das mich in der Sahara, einer der größten aller Wüsten der Erde, 
umfing, als ich vom Rande der Hämmada, der Steinwüste, plötzlich die 
Wellenkämme des Sandes (arab. Areg) unermeßlich bis zum Himmelsrand 
hin.'.usschwellend vor mir sah. Das Meer ist gegen diese Ode und diesen 
absoluten Nullpunkt des Lebens freundlich und lebensfroh. Sein Wellen- 
rauschen ist wie das Reden eines Freundes, seine Tiefe ist dem Wissenden 
fruchtbarer als eine grünende Wiese. Hier aber ist Todesschweigen, ist 
wirklich ein Fluch über alles Leben ausgesprochen, und selbst der fast 
immer wehende Wind, der leichte Sandsäulen auftürmt, läßt sie nur geister- 
haft wie Schemen lebensfeindlicher Gespenster einherschweben. 

Um das Entstehen einer solchen länderweiten Fläche — die Sahara um- 
faßt ein Gebiet größer als Europa (über 9 Mill. km«) — zu verstehen, muß 
man an der Bucht von Sues das Meer einmal zur Ebbezeit gesehen haben. 
Das „Schil/meer", an das sich die Sage vom Übergang der Juden knüpft, 
ist dann in stundenweiter Ausdehnung so flach, daß man bequem durch- 
waten könnte, und wüstengleich dehnt sich dort blanker, glitzernder Sand, 
fein wie ein Teppich, bereit, sich der Wüste anzugliedern an dem Tag, an 
dem das Meer eine neue Transgression vollführt. 

Die Wüsten — allerdings nicht als Sandwüsten allein — bedecken einen 
erheblichen Teil der Kontinente. Es gibt keinen von ihnen, der nicht in 
länderweiter Erstreckung den Quarz dem Sonnenlicht zukehrte und dadurch 
auch des Pflanzenwuchses entbehrte. Ein kolossaler Wüstengürtel zieht sich 

186 



vom Atlantik in einem etwa 15 000 km langen Bogen durch Afrika und Asien 
zunächst als Sahara, die in der libyschen und arabischen Wüste allmählich 
in eine Steineinöde übergeht. An Arabien und die syrischen Wüsten schließen 
sich die vom Scliatt el Arab an, dann die des Iran vom Kaspischen bis zum 
Indischen Meer, die vorwiegend Salz- und Kaliwüsten sind. Nördlich von 
Persien beginnen wieder die Sandwüsten von Turan, die bis Turkcstan 
reichen. Zentralasien selbst ist eine teils sandige, teils steinige Wüste 
(Gobi). Und das gleiche findet sich in der Neuen Welt wieder; Nordame- 
rika besitzt in Utah Sandgebiete von erschrecklicher Unfruchtbarkeit, und 
sogar Südamerika, der urwaldreichste Kontinent, den jede Phantasie als ein 
Eden tropischer Üppigkeit in sich hegt, hat in Brasilien (Mato grosso) 
Sandebenen, die der Sahara wenig nachgeben. Australien aber ist der 
eigentliche Wüstenkontinent, Nur Europa, und das sichert ihm seine kul- 
turelle Sonderstellung, hat keine Wüsten, von einigen ungarischen Sand- 
gebieten abgesehen. Es ist der harmonischste aller Kontinente. 

Nimmt man zu den Wüsten auch noch die dürren Steppen, die sich an 
sie überall in größter Ausdehnung anschließen (sogar in Rußland), so muß 
man das Bild, das man sich im allgemeinen von der Erde macht, gründlich 
ändern. Zu der Tatsache, daß eine Wasserwüste drei Viertel ihrer gesam- 
ten Oberfläche bedeckt, gesellt sich die andere, daß es mehr unfrucht- 
bare und lebensarme Gebiete des Festlandes gibt als bewohnte Gegenden. 
Ein Fernbeobachter würde die Erde ohne weiteres als den Wasser- und 
Wüste nplaneten bezeichnen und ihn für etwas Ahnliches halten, wie wir 
den Mars, von dem wir glauben, daß er wegen seiner vielen Wüsten so 
rötlich in unsere Nacht niederleuchtet. 

Von solch großen Gesichtspunkten aus gewertet, vereinfacht sich das 
Bild der „Materie" sichtlich. Es sind im großen ganzen, so wie es nur 
wenig Elemente gibt, die auch alle auf Einheit weisen, nur wenige Gase 
und Metalle von wirklicher Bedeutung und eigentlich nur eine einzige Flüs- 
sigkeit, auch nur wenig Gesteine, als nächste Integrationsstufe, die sich 
zum Erdball zusammenfügen. Wenn auch die Kenntnisse noch lückenhaft 
sind, so wird doch der eine Satz nie mehr umgestoßen, daß von dem Erd- 
mittelpunkt aus gegen die Peripherie sich die Zahl der Gesteine immer 
mehr kompliziert. 

Man weiß zwar noch nicht, wie das Erdzentrum beschaffen ist. Sein 
Eisen- und Goldgehalt, von dem schon die Rede war, ist nur eine Hypo- 
these. Die Vulkane befördern nur Material aus den oberen Magmaherden 
an die Oberfläche (vgl. Abb. 71) und haben, wie die Gesteine dieser Ober- 
fläche bezeugen, niemals anderes getan. Trotzdem ist anzunehmen, daß sich 
im Erdinneren weder die vielgestaltigen Sandsteine, noch die Tonschiefer, 
auch kein Kalk und keine Kohle finden. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit 
überaus gering, daß das ewig verborgene Erdinnere Gesteine berge, die uns 
Oberflächenwesen bisher unbekannt geblieben sind. Die Spektralanalyse, die 

187 



mit Ausnahme des Ga- 
ses Nebulium noch 
keine erdfremden Ele- 
mente im weiten Be- 
reich des Firmamentes 
aufgestöbert hat, ver- 
bürgt das wohl mit 
ziemlicher Sicherheit. 
Darauf beruht auch mei- 
ne Überzeugung, daß 
durch die Verwitte- 
rungs- und Lebensvor- 
gänge in der äußersten 
Erdrinde (die man die 
zoetlsche Sphäre nen- 
nen könnte) die dort 
ursprünglich vorhande- 
nen Gesteine umgear- 
beitet und vermehrt 
wurdenA'') Die Bildung 
von Torf, Stein- und 
Braunkohle, Sand, Mu- 
schelkalk, Laven, 
Schreibkreide, Breccie, 
Sandstein, Tonschiefer, 
Mergel, Nagelfluh, Löß 
und Lehm ist an die 
Mitwirkung von Luft, 
Wasser und lebenden 
Organismen gebunden. 
Viele von diesen Ge- 
steinen sind erst aus 
anderen Gesteinen unter Mitwirkung der an der Erdoberfläche tätigen 
Kräfte hervorgegangen. Lava, mit den von ihr eingeschlossenen vulka- 
nischen Gläsern und Bimssteinen z. B. ist nichts anderes als der Sammel- 
begriff ausgebrannter Eruptivgesteine, wobei sie bald an Basalte, bald an 
Trachyte erinnert. Dort, wo dieser Gesteinsbrei (Abb. 66) sich über den 
Boden wälzt, mutet er, wenn er noch ganz frisch ist, stark wie die 
Schmelzmassen der Eisengießereien an. An alten, immerhin noch warmen 
Laven des Vesuv verstand ich das blasige, zersplitterte und geblähte Aus- 
sehen vieler Laven erst, als ich sah, wie lange die Gasentweichungen und 
winzigen Explosionen der darin eingeschlossenen Schwefel- und Wasser- 
stoffdämpfe nach der Eruption fortdauerten. 




Abb. 66. Eindringende Lava im Dorfe San Sebastiano bei Neapel ge- 
legenllich des Vesuvausbruches im Jalire 1878. (Originalzeichnung) 



188 




1 1 1 1; 



SL — y = 

^ -5 ":^ S r 



02 ^- ir' 
^ .— 5 — 




'--; 0-0 



ii > = 



< X 



Auch Nagelfluh und 
sonstige Breccien (vgl. 
Abb. 70) sind Gesteine 
zweiter Ordnung, die 
erst eine ganze lange 
Erdgeschichte voraus- 
setzen. Die stets abrol- 
lenden Steilwände des 
Münchner Isartales for- 
dern auch den geolo- 
gisch Unbewanderten 
zum Nachdenken auf 
durch die Regelmäßig- 
keit, mit der die Ge- 
röllkiesel in der sie ver- 
backenden Kalksinter- 
massestecken. Sie zwin- 
gen den, der ihre Ent- 
stehungsgeschichte 
wirklich verstehen will, 
die Bildung des Kalkes 
durch Lebewesen im 
Triasmeer ^^), jenes der 
Sande aus der Ero- 
sionsgeschichte der Ur- 
gesteinalpen, dazu die 
Geschichte der Ver- 
eisungen aufzuschlagen, welche durch die Schmelzwässer der Zwischeneis- 
zeiten massenhaft Kalkschlamm und zementartige Tone zwischen die Gerolle, 
die von den Moränen losgerissen wurden, einschwemmte und so das Ma- 
terial vorbereitete, das bei einer nachfolgenden Gletscherwanderung die 
endgültige Pressung erhielt. Ein Naturvorgang griff da in den anderen ein, 
um das Produkt fertigzustellen, das wir heute vor uns haben. 

Nicht viel weniger kompliziert entstehen die Gesteine des Diluviums und 
der geologischen Gegenwart, die selbstverständlich als oberste, noch nicht 
weggeschwemmte Decke über allem Vergangenen liegen, so daß z. B. der 
rote Lehm der Tropen (der Laierit) allein 25oo der Festländer bedeckt, 
während auf Löß 21 o/o, auf Lehm I80/0 und auf Sand 7"ü entfallen. Wie 
alle Sedimente verraten sie durch den Wechsel ihrer Schichten auch ihre 
Geschichte. Von Überschwemmung zu Überschwemmung änderte sich die 
Möglichkeit ihrer Entstehung; Land — Süßwasser — Meer wechseln ständig 
in der Herrschaft und hinterlassen ihre Spuren in Schichten, die dem Kenner 
beredt sind wie ein aufgeschlagenes Buch (vgl. Abb. 57). In sie einge- 




Abb. 70. Eine Breccie in Tirol mit vulkanischen Bomben 
(Originalzeichnung) 



189 



lagert werden die Niederschläge besonderer Vorgänge, Humus, in Form des 
Wurzelfiizes der Torflager oder als Braunkohle aus Sumpfwäldern, deren 
Übergänge zur Steinkohle kaum auseinandergehalten werden können, Stein- 
salz, Gips und Edelsalze als Verdampfungsreste von Meeren, darüber 
wieder schützende Tone oder Konglomerate — kurz in ewigem Wechselspiel 
durchmengt der Erdriese die brüchige, verwitterte, lockere oberste Decke, 
von der sich die tieferen Lagen nur dadurch unterscheiden, daß sie durch 
den Druck der über ihnen lastenden Schichten verfestigt und dadurch oft 
in ihren Eigenschaften sekundär verändert werden. 

Petrographie, die Gesteinskunde, kennt den Begriff der Entwicklung 
nicht; es gibt keine primitiven und keine hochentwickelten Gesteine, son- 
dern nur eine allmähliche Auflockerung des Erdinnern, deren Bruchstucke 
dann durcheinander gemengt und in steten Kreisläufen transformiert wer- 
den. Das ist das Gesetz der Gesteinsbildung. 

Sand und Sandstein unterscheiden sich nur durch ihre jeweilige orogra- 
phische Situation. Tiefliegender Sand wird zu Sandstein gepreßt, an der 
Luft liegender Sandstein verwittert wieder zu Sand, und dieser Kreislauf 
setzt sich fort, bis die Kieselsäure allmählich im Wasser aufgelöst und vom 
Leben neuerdings niedergeschlagen ist. Dann beginnt ein neuer Kreislauf 
mit Hornstein, Feuerstein, Quarzit, der wieder in den des Sandes und des 
Sandsteines mündet. Wie der Quarzsand wieder zum Granit zurückfindet, 
das entzieht sich zwar noch unserer Kenntnis. 

Trotzdem wird kein Geologe behaupten, daß der Granit oder Gneis seit 
Anbeginn der Erde zu ihren Urstoffen gehöre. Wohl ist er das Tiefen- 
gestein kat exochen, und an umgestürzten Erdrindenschollen, die heute mehr 
oder minder senkrecht lagern (vgl. Abb. 57), kann man sich überzeugen, 
daß er bis 30 000 m in die Tiefe hinabreicht. Man darf nur nicht vergessen, 
daß der Durchmesser der Erde 6378 km beträgt, daß also die gesamte Gra- 
nitrinde, und wenn sie noch dicker wäre als man sie feststellen konnte, noch 
immer erst ein Häutchen, so dünn, daß man es kaum abziehen kann, an 
dem Apfel darstellt, durch den unser Gleichnis die Erde versinnbildlichte. 

Schon seine Zusammensetzung (vgl. Abb. 62) aus vielen Mineralien {Feld- 
spat, Quarz, Glimmer, ferner oft Hornblende, Magneteisen, Turmalin und 
Topase), dazu die kleinsten Bläschen von Wasserdampf und Kohlensäure, 
die seinen Quarz trüben, zeigen an, daß er zum mindesten das sechste Glied 
in einer Kette von Vorgängen ist, an deren Anfang erst das reine Sein eines 
Urzustandes stehen kann. Die Mineralien haben sich als Gemenge erst zu 
dem Magma zusammengefunden, als dessen in der Tiefe geschehene Erstar- 
rung der Granit deshalb angesehen werden muß, weil solch innige Durch- 
mischung nur in feuerflüssigem Zustand erfolgen kann, was sich experimen- 
tell nachahmen ließ (vgl. dazu Abb. 72). Die Mineralien selbst aber sind 
schon eine höhere Integrationsstufe als die Kristalle, die sich in ihnen mit 
Verunreinigungen zusammengefunden haben. Vom Kristall aber wissen wir 

190 



bereits, daß er eine vektoriell geordnete Organisation von Molekülen dar- 
stellt. Das Molekül ist das Bauwerk der Atome, so wie dieses die Inte- 
gration der Elektronen und Quanten. 

Alle diese Komponenten können sich in ihrem Zusammenschluß variieren 
und dadurch Abarten des Granites sowie aller Gesteine bedingen, welche 
die Gesteinskunde beschreibt und der Steinhändler, Steinmetz, Baumeister 
anders wertet und benützt. Durch ihre zahllosen Integrationen kommt ja 
die unbeschreibliche Mannigjaltigkeit der Welt zustande, deren Erklärung, 
wenn sie befriedigen soll, immer bis auf die Elementarquanten zurückge- 
führt werden müßte. 

Die Gesteinskunde ist meilenweit davon entfernt, dies zu leisten. Sie be- 
schränkt sich darauf, festzustellen, daß Gneis sich aus Granit herstellen 
läßt, wenn man ihn so starkem Drucke aussetzt, daß sich die Kristallkörner 
quer zur Druckrichtung verschieben, wodurch das Gestein geschiefert wird, 
gleich dem Glimmerschiefer, von dem ich ein vom Matterhorn heimge- 
brachtes Stück zur Veranschaulichung dieser Schieferung photographieren 
ließ. (Abb. 54.) Sie sagt uns, daß PhylLit, der Urtonschiefer, aus seiden- 
glänzenden Glimmerschüppchen und Quarz bestehe und gleich dem Ton- 
schiefer, in den er auch übergeht, aus den ältesten Meeren abgesetzt sein 
müsse. Sie weiß wohl, daß im Magma, das durch Vulkanexplosionen aus- 
geschleudert wird, niemals etwas anderes zutage gefördert wird als Sili- 
kate") in vielerlei Formen: bald als quellende, gekröseartig sich einherwäl- 
zende Lava, die in der Konsistenz am meisten an geschmolzenen Asphalt 
erinnert, bald als Bombe (Lapilli) von manchmal ungeheurer Größe (vgl. 
Abb. 66 und 70), aber auch als vulkanischer Staub, als Material der Bims- 
steine und Tuffe zerrieben und pulverisiert. 

Alle Eruptivgesteine sind Silikatgesteine und besitzen manchmal, wenn sie 
sich schnell abkühlen (Obsidian), sogar die glasige Struktur. Sie bestehen 
aus Feldspaten (Abb. 63), Augit, Nephelin, Granaten, Quarz, Hornblende, 
auch Magneteisen; wir kennen die Zusammensetzung dieser Gesteine so ge- 
nau, daß Fouqui und Michel-Levy sogar Porphyre und Basalte aus künst- 
lichen Schmelzmassen herstellen konnten. 

Man weiß auch, daß für ihre Beschaffenheit nichts so maßgebend ist, wie 
die Art, in der sie erstarren, was jeder Glasbrenner von seiner Arbeit her 
bestätigen wird. Wenn Magma schon in der Tiefe stecken bleibt und dort 
unter dem hohen Druck der Erdrinde, der ja für 3 m Tiefe eine Atmo- 
sphäre beträgt, langsam erstarrt, dann erscheint es als Granit. Granit ist 
immer ein plutonisches Tiefengestein ^o), mag er neu oder alt sein (Abb. 62). 
Erst wenn eine solche Granitmasse im Laufe des Erdgeschehens von dem 
sie bedeckenden Gesteinsmantel befreit wird (vgl. Abb. 71), tritt sie ans 
Licht der Welt. Gelangt sie durch die Tiefenkräfte bis nahe an die Ober- 
fläche oder gar bis zur Lebensdecke, dann wird aus demselben Magma, 
wenn es schnell abkühlt: Obsidian oder bei langsamerem Erstarren: Por- 

191 



phyr (Abb. 61). Das Erstarren läßt die Massen kristallisieren, und sein 
Tempo bestimmt die Größe der Kristalle. Diese Gesetze steigern sich bis 
zur Bildung von Riesenfiguren geometrischer Ausprägung, die man im 
Habichtswald bei Kassel, in Böhmen, auf der Insel Staffa und sonst noch 
vielen Ortes bewundert, an den Säulen des Basaltes, die durch Spannungs- 
unterschiede im Magma, d. h, durch das Auftreten jener vektoriellen Kräfte 
bedingt waren, die allem Kristallinischen anhaften. 

Die Wissenschaft, durch die das Bedürfnis des Menschen nach Rohmate- 
rialien und Erzen sich gezwungen sah, diesen Erscheinungen größte Auf- 
merksamkeit zuzuwenden, hat auch schon längst Sicherheit darüber erlangt, 
daß diese heißen Gesteinsmassen nicht ohne Auswirkungen in der Erdrinde 
bleiben (vgl. Abb. 71), indem sie entweder die ihnen benachbarten Gesteine 
sedimentären Ursprunges so zurechtbrennen, wie wir Menschen das mit Zie- 
geln und Porzellanerden tun, welche Gewerbe daher Naturtechniken nach- 
ahmen. So entsteht in der Nähe von Granit aus Kalk auf diese Weise Mar- 
mor; aus den heißen Quellen, die Mineralien lösen, setzen sich dann in den 
Spalten der Erdrinde die wunderbarsten Kristalle ab oder Erze jeder Art, 
deren Gängen der Mensch dann mit unendlicher Mühe nachgeht. Oder es 
entstehen in diesen Kontaktzonen, deren Verhältnisse vor allem auch noch 
durch den kolossalen Druck beeinflußt werden, die kristallinen Schiefer, 
also der Gneis, Glimmerschiefer und Phyllit, deren Natur noch nicht voll- 
kommen geklärt ist, wenn man nicht an seinen Meeresursprung und die 
Druckmetamorphose glauben will. 

Wir verfügen wohl über zahllose Beschreibungen von Gesteinen, und die 
Petrographie, wie man die Gesteinskunde höchst überflüssigerweise zu be- 
nennen pflegt, besteht aus endlosen Namen- und Vorkommensregistern; es 
fehlt ihr aber an dem tieferen Sinn, der eine Kunde erst zur Wissenschaft 
emporhebt. 

Man kann weder die vielerlei Ausbildungen der Erdrinde auf ein „Ur- 
gestein" zurückführen, so wie es z. B. der Chemie mit den Verbindungen 
gelungen ist, sie auf einige Dutzend Elemente abzubauen, und wie es der 
Radiochemie gegenwärtig mit Glück gelingt, den Urstoff herauszufinden, 
noch hat man mehr als einige sehr bescheidene Ansätze zur Petrogenesis 
nach Art der soeben angedeuteten Kontaktphänomene. Wohl zeigt sich da- 
durch ein Weg, der in das Innere führt, doch kostet jeder Schritt auf ihm 
viel Arbeit und rastloses Forschen. Erst in den gröbsten Umrissen schim- 
mert das Bild durch, das eine geläuterte Petrologie von den Gesetzen der 
Erdkruste in materieller Beziehung entwerfen wird. 

Sie wird zweifelsohne von der Tatsache ausgehen, daß dreizehn Elemente 
die Gesteinsdecke der Erde zusammensetzen, und daß insgesamt nur neun- 
zehn Mineralien Erdrinde bildend sind. 

Von diesen neunzehn Elementen läßt sich nach A. Sieherg folgende 
lehrreiche Tabelle entwerfen. Der Erdball ist chemisch zusammengesetzt: 

192 




Abb. 72. Die Formen des Qranitgesteins (Protogin) im Hochgebirge. Motiv aus der 
Montblanc-Gruppe. (Nach R. H. France, Die Alpen) 



in der Luft 
zu 23,00 o/o 



77,00 



i.d. Gewässern 
85,79 o/o 



0,05 
0,14 
1,14 
0,04 
10,67 



0,002, 



2.07 , 
0,008, 
0,09 „ 



i.d. Erdkruste 
47,29 o/o 
27,21 „ 
7,81 „ 
5,46 „ 
3,77 „ 
2,68 „ 
2,36 „ 
2,40 „ 
0,21 „ 
0,33 „ 
0,22 „ 
0,10 „ 
0,08 „ 
0,01 „ 

0,03 ", 
0,03 „ 

0,01 l 



zusammen aus; 

49,98 0/0 

25.30 „ 
7,26 „ 
5,08 „ 
3,51 „ 
2,50 „ 
2,28 „ 
2,23 „ 
0,94 „ 
0,30 „ 
0,21 „ 
0.09 „ 
0,07 „ 



}o., 



0,04 
0,03 
0,02 
0,01 



Sauerstoff / 

Kieselsäure [Silicium] 

Aluminium 

Eisen [?] 

Kalk 

Magnesium 

Natrium 

Kalium 

Wasserstoff 

Titan 

Kohlenstoff 

Phosphor 

Mangan 

Chlor 

Brom 

Schwefel 

Barium 

Stickstoff 

Chrom 



in den 
Gesteinen 
vorhanden 



in den 
Mineralien 
außerdem 
noch vor- 
kommend 



100 o/o 



100 o/o 



100 o/o 



100 o/o 



Man darf natürlich dieser Tabelle nur den Wert eines annähernden Bildes 
beimessen, da sie mit höchst schwankenden Begriffen, wie Erdkruste und 
Lufthülle (man denke an die Stratosphäre) operieren und das Erdinnere 
ganz außer Betracht lassen muß. Aber immerhin wird sich niemals mehr 
die Tatsache übersehen lassen, daß drei Viertel der bekannten Erde aus 
Sauerstoff und Silicium. bestehen, daß diese Stoffe also zu den ürbestand- 
teilen ihres Seins in Beziehungen stehen müssen. Das zweite Gesetz, das 
sich nicht ignorieren läßt, ist das, daß die physikalischen Kräfte des Erd- 
balls, wie die Erhitzung gewisser Krustenteile, ferner das Leben und die 
Affinität, die sich in Oxydation und sonstigen Verbindungen entladen, eine 
ständige Komplikation der Erdrinde eingeleitet haben, die ganz sicher noch 
fortgeht, da ja z. B. schon die vulkanischen Prozesse allein ständig neue 
„jungfräuliche" Erdsubstanz den Angriffen der chemischen Kräfte ausliefern. 
Der Vorgang der Gesteinsbildung ist demnach noch nicht abgeschlossen. 
Die vorhandenen Mineralien und ihre höhere Stufe, die Gesteine, stellen 
den Ausgleich der vielen einander widerstrebenden Eigenschaften des mine- 
ralischen Seins dar (so wie das qualitative Sein der Welt überhaupt), ein 
immer wieder verlorenes und neuerlangtes Gleichgewicht, dessen stetes Ba- 
lancieren man Erdentwicklung nennt (vgl. oben). Von diesem ,, Entfaltungs- 
vorgang" gehen dann die Anstöße aus, welche die lebendige Substanz ge- 
fährden, ihre Anpassungen auslösen, die in vielfachen Umsetzungen, gleich- 
wie in einem Uhrwerk, von Kreislauf zu Kreislauf übertragen und bis in 
die kulturelle und seelische Welt fühlbar werden. Hier wird wieder dem 
Denker die Struktur der Welt durchsichtig, und man sieht hinein in einen Zu- 



193 



sammenhang der Dinge, der uns auch von dieser Seite unlösbar zum „Kind 
der Erde" und damit zum Bestandteil der Welt macht, dem die Verpflich- 
tungen auferlegt sind, die jeden Teil mit dem Ganzen verketten, dem er 
angehört. 

Kristall, Mineral und Gestein scheinen von vornherein drei Integrations- 
stufen des Seins darzustellen, von denen sich aber das Mineral nur durch 
gelegentliche Beimengungen von den Kristallen unterscheidet und keines- 
wegs aus einer reinen Begriffsscheidung stammt, Gesteine wieder sind aus 
Kristallen und Mineralien zusammengefügt, so wie sie selbst der Bestand- 
teil der Gebirge und Festländer (Kontinente) sind, die sich aus Gesteinen 
verschiedenster Art zusammensetzen. 

Die Darstellung der Seinsstufen tritt damit in das Wissensgebiet der Geo- 
graphie ein, die seit Ritters bahnbrechender Auffassung mit wahrhaftem 
Bienenfleiß Materialien zum Gemälde dieser höchsten Seinsstufe der Ge- 
steine zusammengetragen hat. 

In dem Maße, in dem sie den hier gewiesenen Denkbahnen folgt, wird 
sie mehr Gewicht auf die Erforschung des Zusammenhanges zwischen den 
Formen der Erdoberfläche und den Eigenschaften der sie bildenden Sub- 
stanzen legen. Es ist doch folgendes klar: Je größer der durch Härte aus- 
gezeichnete Siliciumanteil irgendwo ist, desto weniger differenziert kann die 
betreffende Erdscholle sein; je Sauerstoff reicher die Gesteinsdecke eines 
Landstriches ist, eine desto mannigfaltigere Entfaltung und damit auch For- 
menbildung tritt bei der bekannten Affinität dieses Elementes ein. Das 
gleiche gilt für den in kohlensäurehaltigem Wasser so leicht löslichen Kalk. 
Daher werden vulkanische Erdgebiete, die zwar massenhaft Silikate, aber in 
ihren sauerstoffreichsten Bindungen produzieren, ebenso wie Kalksedimente 
bald zur Verwitterung und damit zur Zerstörung ihrer Formen gelangen, 
während die quarzhaltigen Gesteine, prädestiniert zur Gebirgsbildung, schon 
durch einfaches Übrigbleiben innerhalb einer Verwitterungszone, stets zur 
Massenhaftigkeit und zu den einfachsten Formen neigen. 

Wer auf Abbildung 71 vulkanische und plutonische Bergformen daraufhin 
näher betrachtet, dem werden diese Unterschiede in allen ihren Feinheiten 
und damit auch die Richtigkeit des Gedankens bald klar. Es sind doch 
nicht nur die Explosionskräfte, welche sie auftürmen die Kegel, Dome, 
Kalderen, Sommen und wie die einzelnen Vulkantypen sonst noch benannt 
sind. Ihre Steilformen und die rasche, sowie mannigfaltige Zerklüftung, die 
auf dem Bilde das Auge so vielfach beschäftigt, wäre gar nicht möglich, 
wenn nicht die vulkanischen Gesteine infolge ihres Sauerstoffgehaltes rascher 
als andere verwitterten. Anders die Tiefengesteine, namentlich Granit und 
die Glimmerschiefer (Gneise). Gerade die rechte Ecke des Bildes veran- 
schaulicht, um wie viel rascher die Sedimentschichten über ihnen durch die 
Verwitterung atomisiert wurden, so daß ihre Decke löcherig wurde und der 
ungeheure granitene „Lakkolith^' aus ihnen emporsteigt zum Himmelsblau. 

194 



(Vgl. Abb. 71.) Was dieses Bild an einem relativ kleinen Beispiel darstellt, 
das wiederholten im Großen Brocken, Röhmerwald, in ganz enormen Ver- 
hältnissen die Zentralalpen und die Zentralmassive der größten aller Ge- 
birgszüge der Erde, im Montblanc (Abb. 72), im Himalaya und in den süd- 
amerikanischen Kordilleren. Auch dort wurde der Mantel der Deckgesteine 
von einem emporgeschobenen Urgesteinmassiv durchstoßen, und er umgibt 
z. B. in den wunderbar symmetrisch gebauten Alpen im Norden und Süden 
als Kalkalpen die vielen Falten der Zentralstöcke. 

Natürlich ist diese Differenz im substanziellen Bau nicht die einzige, nicht 
einmal die Hauptursache der Gebirgsbildung, die vielmehr in Krustenbewe- 
gungen der Erdrinde zu suchen ist. Aber gerade bei diesen meldet sich die 
Beschaffenheit der Gesteine als ausschlaggebend für den Verlauf der Auf- 
faltung. Es hängt von den physiko-chemischen Eigenschaften des Gesteines 
ab, von seiner Sprödigkeit, Zähigkeit, seinem Gewicht usw., ob es sich pla- 
stisch faltet oder rasch in Tafeln zerbricht (vgl. dazu das Modellbild, Abb. 15), 
ob die Schollen zur Tiefe gleiten oder leicht getragen werden. Das aber be- 
stimmt die Bildung und das Aussehen eines Gebirges bis in die kleinsten 
Züge. Den Schollenbewegungen bieten harte Gesteinsschichten Widerstand, 
sie schreiben ihnen die Grenzen vor; an ihnen stauchen sich die weicheren 
Schollen sogar empor, wofür die Gebirgsbildung viele Beispiele bildet, und 
dadurch bestimmen sich letzten Endes nicht nur Gebirg und Tal. Hoch- 
land und Ebene, sondern sogar die Kontinentformen (vgl. Abb. 73). Deut- 
lich meldet sich nun auf dieser steten Erweiterung der Begriffssphäre vom 
Kristall zum Kontinent als das Neue: die Integrationseigenschaft. Gesteine 
sind nicht nur Anhäufungen von Mineralien, sondern sie besitzen ihre eige- 
nen, nur ihnen zukommenden Qualitäten. So hat der Glimmerschiefer 
den silbernen Glanz (vgl. Abb. 54), der z. B. den Anblick des Malter- 
horns so überwältigend schön gestaltet, der Granit eine andere Härte als 
jeder seiner Bestandteile, der Basalt seine besondere Großkristallform, und 
entsprechend melden sich auch in Gebirg und Kontinent neue, vor ihrem 
Zustandekommen nicht vorhandene Eigenschaften der Materie. Das alles 
gilt nur für die primär entstandenen Gesteine, also die Eruptivgesteine und 
die plutonischen Gesteinsmassen, während die sekundär gebildeten nach Art 
der Kalke, Sandsteine oder Tonschiefer und Breccien überhaupt eine neue 
Seinskategorie höherer Art darstellen. Gebirge sind nicht die Summe der 
Gesteinseigenschaften, sie haben ihre Eigengesetzlichkeit, die den mit ihr 
wohlvertrauten Bergsteiger oft wie ein geheimes Geisterleben anmutet. 

Jedes Gestein prägt der Gebirgswelt allerdings seine Sonderform auf: die 
Sandsteingebirge umkleiden sich mit Buchen- und Föhrenwäldern, aus 
denen phantastische Zacken und Steinnadeln emporstarren (Abb. 69), ähnlich, 
aber doch ganz anders die Berge der Kalkalpen (Abb. 74), in denen die 
Wandbildung, also mehr oder minder senkrechter Abfall immer wiederkehrt. 
Nur in den Kalkgebirgen trifft man derart kolossale Steilwände an, gleich 

13* 

195 



jener des Bettelwurfs in Tirol, die über 1500 m in einer Flucht aus sonni- 
gen Höhen ins finstere, bachdurchtoste Vomperloch abstürzt. Nur dem Kalk 
eignet auch eine Gipfelzuspitzung, die sich manchmal — Beispiele dafür 
sind im Wilden Kaiser oder in den Dolomiten (VajoLettürme) zu sehen — 




Abb. 73, Erdkarte in Sternprojektion, 

bis zur Nadelbildung steigert; nur in ihm sind jene Riesenhöhlen und 
Dome durch Wasser ausgenagt, die zu den Schaustücken im Karst und in 
den Salzburger Alpen gehören. 

Anders dort, wo Urgestein Gebirge bildet. Breite Rücken, wie im Riesen- 
gebirge, mit üppigem Grün umbuscht, dehnen sich an Stelle der zerhackten, 
bleichen Grate, und prachtvoll ebenmäßig aufgebaute Kuppen — man denke 



196 




ift aus den Urgebirgsalpen. Motiv aus der Tribulaungruppe in Tirol 



nur an die Schneekoppe oder den Montblanc — zwingen ungeheuren, zur 
Massenentfaltung geneigten Gesteinszügen überwältigende Gipfel auf. Wäh- 
rend dort die romantische Landschaft die Theaterkulissen aufstellt, zwingen 
hier klassische Bilder von harmonischer Schönheit das Gemüt zur Bewun- 
derung. Eine Eigenschaft, die Kalk und Granit im kleinen nicht verraten, 
prägt dann im großen der gesamten Landschaft das Relief und malt sie 
mit anderen Farben. Im Kalkgebirge starrt Fels und Gipfel in dürrer Öde, 
im Urgebirge dagegen ist alles geschmückt mit Grün und den Silberblitzen 
reichlichster Wasserfülle. (Vgl. Abb. 75.) 

Und so könnte eingehende Kenntnis hundert feine und neue Züge dem 
Bilde hinzufügen. Integrationseigenschaft des Granitgebirges ist die „WoU- 
sackbUdung^^ , die jeder kennt, der den Brocken oder das Fichtelgebirge 
und den Böhmerwald besuchte; die nur dem Gebirge eigenen Gesetze der 
Plattenbildung und Faltung, der Böschungen und der Bruchbildungen 
fehlen dagegen dem Gestein oder gar den Mineralien vollständig. 

Wieder anders reagiert aber endlich der Zusammenschluß von Bergen und 
Ebenen als ein höheres Ganzes, nämlich als Erdteil auf die gleichen Um- 
weltswirkungen, denen die Teile als Kristall und Gestein ausgesetzt sind. 
Denn es gibt besondere Gesetze der Kontinentbildung, die wieder durch 
keine Eigenschaft der Teile erklärt werden können. Dumpf hat man die 
merkwürdige Einheit, die jeder „Kontlnent^^ darstellt, von jeher empfun- 
den, sonst hätte man doch diesen Begriff gar nicht geprägt. Ich, der ich in 
drei Kontinenten gereist bin, kann es bestätigen, daß wirklich der Gesamtein- 
druck des Erlebens in jedem von ihnen spezifisch verschieden ist. Man emp- 
findet es, man sei im Orient oder in Groß-Sibirien, ohne sich darüber bei 
dem Mangel spezifischer Merkmale des Erlebens stets genau Rechenschaft 
geben zu können. 

Es ist daher keine geschickte geographische Begriffsbildung, von einem 
Eurasien zu sprechen, und mag auf der Landkarte Europa auch noch so sehr 
als bloßes Anhängsel von Asien erscheinen, so ist es doch äußerlich und 
kulturell eine vom Asiatismus vollständig verschiedene Welt. Es ist einer 
der verhängnisvollen Fehler der Kulturwelt, daß sie Rußland zu Europa 
rechnete. Der Kulturinstinkt war dabei von dem Feingefühl verlassen, durch 
das er erkannt haben würde, wie asiatisch und europafeindlich die Natur 
und damit auch die Seele des einstigen Riesenreiches ist, das für den Euro- 
päer von je die Variante eines alten Wortes bewahrheitet hat: Qui mange 
da la Russie, en meurt. Keinerlei Gesteinseigentümlichkeit erklärt, warum in 
allen Kontinenten die Ländermassen nach Süden zu in pyramidale Spitzen 
auslaufen. Auf diese „Similitudines in configuratione Mundi" machte schon 
Baco von Verulam in seinem Neuen Organon aufmerksam, und jeder, der 
nur einen Blick auf die Erdkarte (vgl. Abb. 73) wirft, kann sich bis in er- 
staunliche Einzelheiten davon überzeugen. Auch die Tatsache, daß alle 
großen Inseln sich in der Nähe der Kontinente befinden, während fern von 

197 



ihnen nur kleine Inseln dem Meer entsteigen, gehört zu den Eigentümlich- 
keiten der Kontinente, gleichwie der Umstand, daß fast alle Kontinente von 
tiefen Meeresgräben (vgl. Anm. 51 und Abb. 50) umzogen werden, wofür 
die wissensübliche Deutung, die Graben seien abgesunkene Bruchränder 
der einstigen Kontinente, gar keinen Erklärungswert besitzt, außer dem 
einen, daß der größte Teil des Stillen Ozeans wirklich den Eindruck eines 
seit Urzeiten bestehenden Loches in der Erdrinde macht. 

Ein höheres Gesetz spricht auch aus der durch die Eotvoes'sche Dreh- 
wage angezeigten ungleichen Massenverteilung innerhalb der Gesteins- 
decke, namentlich durch die Auflockerung der Panzerdecke unter Gebirgen 
und die dichtere Gesteinsnatur unter den Ozeanen, wofür jede Parallele 
und auch jedes Verständnis derzeit noch fehlt. Nur an der Tatsache als 
solcher läßt sich nicht zweifeln. 

An vielen Orten der Kontinente sind teils positive, teils gegenteilige Lot- 
anomalien zu merken, als Zeichen dafür, daß dort in den Erdtiefen ein 
Übermaß an Schwere oder Massendefekte (aber nicht etwa Höhlen, sondern 
Auflockerung der Schichten) vorhanden sind. Diese von Helmert zu einer 
Theorie verdichteten Erfahrungen zeigen z. B. unter dem Himalayagebirge 
einen kolossalen derartigen Schichtenkomplex von geringem Eigengewicht, 
den man dort auf 4000 m Dicke schätzen muß. 

Das allgemeine Gesetz dieser Erscheinungen lautet etwa so: Gleichwie 
die Gebirge im allgemeinen keine Massenanhäufungen sind, so werden auch 
die Kontinente als Ganzes unterirdisch durch verminderte Dichtigkeit kom- 
pensiert. Dagegen ist unter allen Ozeanen der Meeresboden bis zur Tiefe 
von 100—200 km weit dichter als unter den Festländern. Diese Erschei- 
nung haftet am Begriff Kontinent und nicht etwa an einzelnen Gesteinen. 

Bei diesen Untersuchungen über Schweremessung zeigte sich nun auch, 
daß Erdbebenwellen sich durch den ganzen Erdkern mit konstanter Ge- 
schwindigkeit fortpflanzen, woraus mit jeder gewünschten Sicherheit die 
Tatsache spricht, daß diese Dichtigkeitsdifferenzen nicht etwa eine Eigen- 
tümlichkeit der Erde als solcher, sondern wieder nur der Kontinente sind. 
Es ajfiziert also das Größere, zu dem der Teil gehört, nachträglich noch 
dessen (physikalische) Eigenschaften, ein Satz, den keiner vergessen darf, 
der sich ein Bild von den Weltgesetzen wachen will, und der die enorme 
Bedeutung des Stufengesetzes, wie man die Integrationserscheinung etwa 
auch nennen kann, ins gehörige Licht rückt. 

Trotz dieser tief reichenden Einsicht könnte sich aber niemand einen rich- 
tigen Begriff von den Wundern der Integration machen, wenn er sie nur im 
Reich des Anorganischen verfolgen würde. Mit Bedacht habe ich in diesem 
Gemälde der Welt einem Element bis zuletzt eine Sonderstellung aufbe- 
wahrt, weil es für das Integrationsphänomen von einer Bedeutung gewor- 
den ist, die alles Bisherige nur als Vorstufen erscheinen läßt. Dieses Ele- 
ment ist der Kohlenstoff. Er steht im natürlichen System der Elemente 

198 



dem Siliclum, auch dem Zinn und Blei nahe, wenn er ihnen äußerlich auch 
in keiner Weise gleicht. Denn Graphit, eines der natürlichen Vorkommen 
von reinem Kohlenstoff, erinnert in manchem, nicht nur durch seine auf- 
fallende Weichheit, an Blei. Einen um so größeren Kontrast bildet aller- 
dings dazu der Diamant. Die dichteste und reinste Varietät des Kohlen- 
stoffes ist doch gerade er, sozusagen verkörpertes Licht und verkörperte 
Härte (darin erreicht ihn nur Borkarbid). Das macht ihn zum kostbarsten 
Edelstein, was er (genau wie das Gold) der Menschheit dadurch vergolten 
hat, daß noch jeder der großen Steine eine Kette von Verbrechen, Leid, 
Unglück und große Wechselfälle des Schicksals nach sich zog. Als größter 
aller Diamanten galt lange Zeit der Kohlnoor, dessen 22 g Gewicht aber 
jetzt durch den 30mal schwereren (ungeschliffen 621 g), auf Abbildung 76 
dargestellten CuUlnan weit überholt wird. Diese Abbildung verrät zugleich, 
daß die natürlichen Diamanten mit einer ihren Glanz völlig verdeckenden 
Schicht überzogen sind, und daß sie durch ihr natürliches Kristallgesetz dem 
regulären System zugewiesen werden (für das Raumgitter vgl. Abb. 36). 
Die Handelsdiamanten verraten davon nichts, sie sind Pseudo-Kristalle, 
deren „Brillantenform" eine technische Form zur Erzielung möglichst 
vieler reflektierender Flächen ist. Daß diese „Berge des Lichtes", was der 
Sinn des Namens „Kohinoor" ist, nur eine isomere Form der häßlichen 
Kohle, sogar des Koks sind, will den Sinnen in keiner Weise einleuchten. 
Trotzdem ist eines in das andere umwandelbar. Kohle wird unter Luft- 
abschluß destilliert, bis alle flüchtigen Bestandteile entwichen sind. Der zu- 
rückbleibende, sehr dichte, amorphe Kohlenstoff ist es, den man als Koks 
verfeuert. Wenn man durch gekörnte Kohle im elektrothermischen Ofen 
Wechselströme gehen läßt, so wandelt sie sich in der großen Hitze zu 
Graphit (auf diese Weise wird übrigens jetzt immer mehr Graphit herge- 
stellt). Als Molssan aber im Jahre 1887 Kohlenstoff in geschmolzenem 
Eisen auflöste und plötzlich abkühlte, blieben in der Masse, als man das 
Eisen durch Salzsäure wieder herauslöste, Graphit und halbmillimetergroße 
künstliche Diamanten zurück. 

In dieser Reihe setzen sich die merkwürdigen Eigenschaften des Kohlen- 
stoffes noch lange fort. Durch das Leben der Pflanze wird aus dem Kohlcn- 
dloxyd der Luft viel Kohle gebunden und bei der Zersetzung der Pflanzen- 
teile unter Luftabschluß dann wieder frei. Torf, Braunkohle, Steinkohle, 
Anthrazit nennt man die einzelnen Produkte, in denen Carbon in sehr wech- 
selndem Maße vorhanden ist. Holz enthält nur 45o;o, Torf schon öOo/o, 
Steinkohle 82o/o, Anthrazit Q4o/o, Holzkohle 957o, Koks sogar 96% Kohlen- 
stoff. Ein ganzes großes Buch voll von Menschenleid, Reichtümern, Ge- 
schichte der Neuzeit und Gegenwart erhält seinen Kommentar durch diese 
wenigen Namen und Ziffern. Wenn nicht untergegangene Moore und Wäl- 
der den Kohlenstoff in gewaltigen Mengen erhalten und gespeichert hätten, 
wäre die Besiedelung der Kulturländer mit ihrem wechselnden Klima auf 

199 



die Dauer nicht möglich gewesen, und die ganze Kulturgeschichte hätte die 
orientalisch-südliche Signatur behalten, die sie vor Benützung der Torf- und 
Kohlenlager zum Zwecke des Hausbrandes besaß. Es ist kein Zufall, son- 
dern tiefinnerer Zusammenhang, daß gerade um die Zeit die Kultur im 
Abendland endgültig seßhaft wurde und ihren Aufschwung nahm, als man 
begann, neben der von jeher geübten Holz- und Torffeuerung in größerem 
Maßstab Steinkohle (in England und an der Ruhr) zu verwenden. Die eng- 
lischen Dokumente, welche um das Jahr 840 Kohle als Brennmaterial und 
im 12. Jahrhundert sie sogar als einen der wichtigsten Handelsartikel er- 
wähnen, sind begleitet von solchen, die einen allgemeinen und bedeutsamen 
Aufschwung der Zivilisation bezeugen. Und wenn man erst einmal weiß, 
daß die englischen Steinkohlenlager in 100—250 Jahren, die französischen 
in 1 00-- 350 Jahren zu Ende gehen, während die des Saar- und Ruhrgebietes 
noch 800 Jahre, die in Oberschlesien sogar 1000—1500 Jahre dauern wer- 
den, dann wird man allgemein gewisse politische Vorgänge und Bestre- 
bungen der Gegenwart besser verstehen. 

Diese Bedeutung erlangt nun der wunderbare Kohlenstoff nur durch eine 
jener Kreislauferscheinungen, denen in diesem Werke im Bereich des ganzen 
Weltgeschehens nachgespürt wird, und die sich als dessen wahre Erhalter 
in vordem ungeahntem Maße erweisen. Das ist der Kreislauf der Kohlen- 
säure. Kohlendioxyd (COg) ist in der Luft in größerer Menge vorhanden, 
als durch die Organismen verbraucht werden kann. Auch wenn sie keine 
Kohlensäure produzieren würden, kämen doch große Mengen davon ständig 
in die Atmosphäre, da sowohl vulkanische Mofetten (am Laacher See [vgl. 
Abb. 71], Neapel usw.) wie Kohlensäuerlinge unaufhörlich aus dem Erd- 
innern neues Material heraufholen. 

Dieses Kohlendioxyd wird von der Pflanze verarbeitet im Assimilations- 
vorgang und als Nahrung verwendet; sie baut damit ihren Körper, wenig- 
stens dessen Zellulose auf. Der Vorgang wird durch die folgende thermo- 
chemische Gleichung dargestellt: 

6 CO2 + 5 H2O = CgHioOs*) -f 6 O2 - 671 000 kal. 

Diese Umwandlung, welche Energie in Form von Kalorien speichert, also 
eine endotherme Reaktion ist, verwertet hierzu die Lichtenergie. Wenn da- 
her der Mensch Kohlenstoffverbindungen, im besonderen die Kohlenhydrate 
und Fett, sowie Fleisch von pflanzenfressenden Tieren verzehrt, so er- 
wirbt er von deren Energievorrat. In seinem Organismus verbrennt er so 
wie alle Tiere die Kohlenstoff Verbindungen zu Kohlensäure, deren Kreis- 
lauf hiermit vollendet ist. 

Kohlenstoff, dessen Fähigkeit, sich mit anderen Elementen zu höchst 
komplizierten Molekülen zu verbinden, so unbeschränkt ist, daß die Chemie 
der Kohlenstoffverbindungen die ganze, und zwar die größere Hälfte dieser 



•) Die Formel der Kohlenhydrate (Stärke, Zucker, Zellulose). 

200 



Wissenschaft als organische Chemie ausmacht (vgl. Abb. 43: Stammbaum 
der Teerfarben), ist daher für den Menschen gewissermaßen der Mittelpunkt 
der gesamten Chemie, Vorbedingung alles Lebens, daher seines eigenen Da- 
seins. Kohle ist mit Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, den drei großen 
Weltstoffen (und einigen Nebenbestandteilen) das Material des Protoplas- 
mas, dessen Natur und Eigenschaften, von der chemischen Seite aus be- 
trachtet, nichts als ein Sonderfall von Kohlenstoffchemie sind. 

In der großen Reihe der Seinsstufen sind die Piastiden, die lebenden 
Glieder der Kohlenstoffverbindungen nichts als eine Art von Verbindungen, 
die zur obersten Kruste der Panzerdecke gehören und mit ihren Umsetzun- 
gen als Kalk, Kieselgur und Kohle vielfach in deren Durchbildung ein- 
greifen. Daß wir selbst in diesen Winkel der Welt gehören, kann natürlich 
die Gesetze des Ganzen in keiner Weise verrücken, wenn es auch so un- 
endlich schwier ist, sich von der optischen Täuschung frei zu halten, als 
seien die Kohlenstoffe für die Kohlenstoffe wichtiger als alle anderen Ver- 
bindungen. Für das Denken und die Anschauung mag das wohl gelten, 
— darum muß man sie auch ausführlicher im Rahmen dieses Werkes be- 
trachten — nicht aber für das Geschehen. 

Hat man sich dazu durchgerungen, dann ist es beinahe unbegreiflich, 
daß man einer solchen Selbstverständlichkeit noch Zeit und Raum widmen 
muß; hat man es aber noch nicht, dann wird es sicher als Blasphemie wider 
Seine Göttlichkeit den Menschendünkel empfunden werden, wenn jemand 
sagt: für das Weltganze, auch nur für das Sein der Erde, sei die Existenz 
und Wirksamkeit des ganzen Menschengeschlechtes vielleicht von ähnlicher 
Bedeutung wie der Kohlensäuregehalt der Regentropfen oder die Erschei- 
nungen des Vulkanismus, um auf das Geratewohl einige zeit- und ortbe- 
dingte geringerwertige Erscheinungen zu nennen. 

Wieder kommt hier die Zoesis mit der aus ihr folgenden Biozentrik in 
einen Konflikt zur objektiven Wirklichkeit, der gegenüber der wirkliche 
Platz des Ich im Ganzen der Weltvorstellung niemals festgestellt werden 
kann. Auch in der bloßen Vorstellung des gesamten Beziehungskomplexes 
ist seine Illusion, daß er das Zentrum bildete, in keiner Weise haltbar. Trotz 
dieser unverantwortlichen Illusion, die ja durch die Struktur des Denk- 
apparates bedingt ist, vollziehen sich die Beziehungsverkettungen anders, 
und das ist die Ursache, warum sich der Mensch immer noch getäuscht und 
geschädigt hat, wenn er so handelte, als ob die Welt anthropozentrisch ein- 
gerichtet wäre. So z.B. wenn er glaubte, durch Opfer, Gebet, Willensenergie 
oder Denken das Weltgeschehen in seinem Interesse beeinflussen zu können, 
wofür die Geschichte der religiösen Kulte und mystischen Sekten von den 
grauesten Zeiten bis zur Gegenwart zahllose Beispiele darbietet. 

Um aus diesem traurigen Kapitel nur ein Beispiel herauszugreifen: Es ist 
eine Astrologie, die nichts anderes sein soll als Beeinflussung von Men- 
schen, schon aus diesem Grunde unmöglich. Natürlich hat jeder Himmels- 

201 



körper Einfluß auf das Weltgeschehen. Der Einzelmensch ist aber doch ein 
so unmeßbar kleiner Teil des Komplexes Erde oder gar des Kosmos, daß 
dieser Einfluß sich in seinem Schicksal kaum anders geltend machen kann, 
als etwa in der Fahrt eines Dampfers eine gelegentlich anplätschernde 
kleine Welle. Menscheninteresse und Weltgeschehen lassen sich miteinan- 
der ebensowenig vergleichen, wie man etwa die Schicksale einer Grille auf 
dem Felde nicht bei dem Friedensschluß zweier großer Länder berücksich- 
tigen kann und wird. Wohl aber würde die Grille gut fahren, wenn sie 
von dem für sie Unabänderlichen Kenntnis erlangte und sich danach ein- 
richtete, also etwa auf einem in diesem Friedensvertrag stipulierten Streifen 
eines Naturschutzgebietes ihre Behausung suchen würde. So hat auch der 
Mensch alles Interesse, die für ihn unabänderlichen Weltgesetze auf das 
emsigste zu erforschen, um in ihrem Rahmen, dort wo das Reich seiner 
„Willensfreiheit" beginnt, sich von ihnen tragen lassen zu können. 

Den Gesetzen der Kohlenstoffverbindungen ist er unterworfen bis aufs 
letzte, denn er ist selbst eine Kohlenstoffverbindung, nach dem Gesetz des 
Protoplasmas, ebenso denen der Zellenwesen; es ist daher eine glatte und 
einfache Lebensnotwendigkeit für ihn, diese Gesetze ganz zu kennen. Nicht 
vom Standpunkt der Menschen aus — der wäre für sein Gedeihen falsch — , 
sondern von dem des Weltganzen aus. Nur so erfährt er das wahre und 
objektive Gesetz, das das Weltganze den Plasmawesen auferlegt. 

Ich weiß nicht genau, ob ich mich ganz klar ausdrücke in dieser elemen- 
tar wichtigen, sozusagen grundlegenden Frage harmonischen und darum 
vollendeten Daseins, und will es daher lieber noch einmal in einer anderen 
Form sagen: 

Es ist falsch und deshalb schädlich für den Menschen, die Dinge der 
Welt vom Standpunkt seines im gegebenen Lebensmoment sichtbaren 
Nutzens zu beurteilen und danach zu handeln. Sein persönliches Interesse 
ist nicht das Weltgesetz, auch das scheinbare Interesse der Menschheit ist 
keineswegs an sich ihr wahrer Nutzen. Die Zoesis ist auch darin wirksam 
und verführt Individuum, Staaten und Völker zu Taten, die der Weltgesetz- 
lichkeit oft widerstreben, die daher zu Konflikten mit ihr führen, deren 
Ausgang ebensowenig zweifelhaft sein kann wie etwa, wenn ein Nachen im 
Zusammenprall mit einem Dampfer seinen Weg forcieren will. 

Dem Einzelnen mag es noch so nützlich erscheinen, alle Maulwürfe, 
deren er habhaft werden kann, zu töten, denn vom Verkauf ihrer Felle 
kann er leben. Die Maulwürfe sind aber im Naturganzen durch die Vertil- 
gung der Engerlinge ein unentbehrliches Kettenglied. Der Ernteausfall 
wird sich daher auch im Leben des Maulwurf Jägers bemerkbar machen; er 
muß für die Lebensmittel nach einer gewissen Zeit mehr zahlen. 

Es ist nicht das wahre Interesse der Kulturmenschheit, ihre Zivilisation 
seit hundert Jahren durch einseitige Begünstigung der Industrie zu erkaufen. 
Sie hielt diese Zerstörung der Volksharmonie für ihren Nutzen. Aber sie 

202 



verletzte die Weltgesetze damit, und sie wird bestraft durch Arbeiterfrage, 
Proletariat, Bolschewismus und anarchistische Zustände. 

Das sind zwei einfache Beispiele, die man leicht durchschauen kann. Tau- 
send andere sind verwickelter, und in den vielen tausend Handlungen, die 
jeder von uns tagaus tagein begeht, fehlt für den Verstand jede Möglich- 
keit, die ganze Kette von Ursachen und Wirkungen zu erkennen. Trotz- 
dem bleibt das gleiche Gesetz bestehen und wirkt, wenn auch unsichtbar 
und schicksalsgleich. Hier ist die Wurzel des uralten Satzes, daß der Egois- 
mus schädlich sei, den die Menschheit aus zahllosen, empfindlichen Erfah- 
rungen gelernt hat. Nur ist die Menschheit daraufhin gedankenlos ins andere 
Extrem geraten und meint, also sei der absolute Altruismus stets nützlich. 

Der objektive Denker findet allein in dieser Verwirrung den richtigen 
Weg. Nicht danach muß ich fragen — sagt er — und nicht danach muß 
ich handeln, wie es mein Egoismus oder dessen Widerspiel verlangt, son- 
dern nach den Gesetzen des Weltganzen. Sogar wenn sie im gegebenen 
Fall sich scheinbar gegen mich kehren, sind sie mein wahres Heil, denn sie 
setzen mich in Einklang mit dem Weltganzen und machen dadurch mein 
Dasein vollkommen. So ist dieser kosmische Neuidealismas beschajjen, der 
über die kleinen egoistischen Interessen der Einzelnen, immer zugunsten der 
höheren Einheiten, also auch über die Nationen, sogar über die Mensch- 
heit fortschreitet zu seinem leuchtenden Ideal des Ewigen und Einen: der 
Harmonie des Seins. Die Gesetze dieser Harmonie aber kann man nur aus 
dem Ganzen ablesen, und die Gesetze dieses Weltganzen wird man niemals 
erkennen, wenn man die Dinge für wichtig oder unwichtig hält, je nach 
ihrer Brauchbarkeit für den Menschen. Das ist das wahrhaft neue, das ob- 
jektive Denken, das, sich selbst als Teil eines Ganzen fühlend, jeden an- 
deren Teil auch nur nach seiner Bedeutung nicht zu sich, sondern zu jenem 
Ganzen wertet. 

Diesem Denken liegt die Bedeutung der Kohlenstoffreihe nicht im Wert 
der Diamanten, der Kohlengruben oder der Ermöglichung von Industrie 
und Zivilisation, auch nicht in der Kulmination im Menschenleibe, sondern 
hauptsächlich darin, daß Plasma eine Kohlenstoffverbindung ist, Leben also 
zu den Eigenschaften der Kohlenstoffreihe gehört. 

Unter den vielen Tausenden — man wird ihre Zahl mit 500 000 wahr- 
scheinlich eher unterschätzen als überschätzen — von Kohlenstoffverbin- 
dungen ist eine bestimmte Gruppe, die man nach einem allgemein bekannten 
Vertreter Eiweiß nennt, zu größerer Verbreitung gelangt als die anderen. 
weil sie eine isomere Form hat, die durch Einverleibung einfacherer Ver- 
bindungen die Fähigkeit besitzt, die vorhandene Eiweißmenge der Erde zu 
vermehren. Darum ist überall, wo es nicht an Wasser fehlt, die Erdober- 
fläche mit diesen Eiweißkörpern bedeckt. Zu bemerken ist nämlich, daß 
es sich bei ihnen um Gebilde handelt, welche den Gesetzen der flüssigen 
Kristalle unterliegen; besonders machen sich bei ihnen vektorielle Kräfte 

203 



und dadurch Wachstum bemerkbar, das in seiner, uns schon von den Kri- 
stallen (vgl. S. 121) her bekannten Gestaltsbeschränkung unter dem Zwang 
des Harmoniegesetzes erfolgt. Diese Eiweißverbindungen erscheinen daher 
in individuellen Gestalten gleich den Kristallen; sie wachsen durch Ein- 
lagerung nach Aufnahme von einfacheren Stoffen und schnüren neue Indi- 
viduen ab, wenn dieses Wachstum eine bestimmte Grenze überschreitet. 

In dieser Form nennt man sie pflanzliche Piastiden und kennt von ihnen 
viele tausend verschiedene Gestaltungen, die, weil sie Generationenketten 
bilden, von sehr langer, scheinbar sogar fast unbegrenzter Dauer sind. Die 
Summe gleichartiger, meist vielen Generationenketten angehöriger Indi- 
viduen bezeichnet man herkömmlich als Art oder Spezies, für die sich ab- 
gekürzte Beschreibungen (Artnamen) eingeführt haben, die einem inter- 
nationalen Übereinkommen gemäß dem griechisch verderbten Latein Spät- 
roms entnommen werden. 

An der Vielheit dieser Gestaltungen hat der Menschengeist seinen Scharf- 
sinn und seine Geduld in einer erstaunlichen Weise geübt. Durch Ver- 
gleichen hat er das Inventar der Eigenschaftsdifferenzen aufgenommen und 
dann bestimmte Einteilungen in diesem Inventar geschaffen. Verschiedene 
Gestaltungen, die sich nur in einem oder in ganz wenigen Merkmalen 
glichen, ordnete er dem Sammelbegriff der Reiche unter. Innerhalb der 
Reiche schuf er für die, welche weitere Ähnlichkeit in einem oder meh- 
reren Punkten aufwiesen, den Begriff Stamm (Phylum) und so fort die 
Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen, bis zu denen, die sich in allen 
Merkmalen so gleichen, wie Kinder ihren Eltern. Das war dann die Art, 
die sich aus Individuen, der einzigen Realität in dieser Hierarchie der 
Systembegriffe zusammensetzt. 

Was war damit erreicht? Eine Gestaltenkunde, ein Formenarchiv, das 
noch nicht abgeschlossen ist. Obwohl man an 400 000 Pflanzenarten und 
etwa 500 000 Tierarten kennt, werden jedes Jahr annähernd 10 000 neue 
Arten beschrieben und benannt, und man hat allen Grund zu der Annahme, 
daß es etwa an eine Million verschiedener Individuationen des Protoplas- 
mas gibt. Was hier in so einfacher und auch unwiderlegbarer Form gesagt 
wird, das ist der Inhalt der großen biologischen Wissenschaften, die nichts 
als ein Durchdenken und Entfalten dieser Eigenschaftsbeschreibung sind. 
Wenn man sich ihnen auf diesem Gedankengang nähert, dann bedarf es 
gar keiner Erörterung, daß die Trennung der Eiweißindividuationen in 
Gruppen, letzten Endes in Pflanzen und Tiere oder noch in Protisten 
(vgl. Abb. 77 u. 79) reine Konvention sei, daß man auch solche Gruppie- 
rungen der Erfahrungswelt ganz nach Belieben und mit gleichem mangeln- 
den Recht vermehren könnte. Die Klarheit des Überblickes verliert aber in 
keiner Weise, wenn man die Plastiden ganz einheitlich einer gemeinsamen 
vergleichenden Biologie unterwirft. Da dieses Verfahren im Gegenteil so- 
gar noch viele Erkenntnisvorteile im Gefolge hat, so wird sich ihm die 

204 




Abb. 76. Der Cullinai, - nianiaut i,i rohem Zustand und natmlidier („„lio 
größte aller bekannt gewordenen Diamanten 




.\bb 77 Wimpertierchen des Süßwassers mit ihren Organellen zur Bewegung, 
^ " Verdauung und zum Nahrungsfang (stark vergrößert) 



Menschheit auf die Dauer nicht entziehen können.*) Selbstverständlich soll 
es in diesem Werke bereits so gehalten werden. 

Die Grundlage aller Tier- und Pflanzenbildungen ist das Gel eines Ge- 
menges von Kohlenstoffverbindungen, von denen man viele bereits isoliert 
hat, ohne jedoch der Zusammensetzung dieses Plasmas irgendwie nahege- 
kommen zu sein. Nur einige sehr allgemeine Gesetze lassen sich bereits 
derzeit darüber festlegen und dienen als Wegweiser für weitere For- 
schungen. Das eine ist die geradezu unerhörte chemische Kompükation der 
Eiweißstoffe. Eine dieser Formeln, die des Hämoglobin genannten Blut- 
eiweißes, ist uns bereits hier entgegengetreten; eine andere, die des nicht 
weniger wichtigen grünen Pflanzenfarbstoffes, wurde erst neuestens von 
Willstätter und StoLL geklärt. Nach diesen Forschern gibt es zweierlei 
Chlorophyll, deren Formeln lauten: 

Für: Chlorophyll A= [MgN^CsaHsoOlCO.CH,- CO.CoHjs 
Chlorophyll B= IMgN.C^H^sOjlCG^CHs.CG^C.oHas 

Außer den eigentlichen Eiweißstoffen, die man, um leichter von ihnen 
reden zu können, mit ziemlich willkürlich gewählten Namen wie Plastin (der 
Hauptbestandteil des Protoplasmas), Albumin, Protein, Nurlein, Linin, 
Chromatin, Pyrenin belegte, fanden sich im Plasma noch Lecithin, Chole- 
sterin, Fettsäuren, Harze und ähnliche Stoffe. In der Flüssigkeit, die man 
ihm abpressen konnte, waren Kohlenhydrate, Säureamide, Peptone und 
viele andere Substanzen vertreten.*«) 

Gewisse dieser Eiweiße verwirklichten Formen, wie C7,H,i,N,bS022, an- 
dere waren viel einfacher, stets aber waren sie Verbindungen der vier 
Hauptelemente COHN, zu denen sich etwas Schwefel, Eisen, Magnesium, 
Palium, Phosphor und Kalk gesellt. Aus diesen 10 Elementen erbaut sich 
auch das Lebende in uns selbst, während viele andere Substanzen nur zeit- 
weise in den Körper gelangen, um ihn wieder zu verlassen. Das sind frei- 
lich nur Bruchstücke von Kenntnissen, die aber wenigstens das eine ahnen 
lassen, daß Eiweiß den verwickeltesten Chemismus zu besitzen scheint, der 
von der Weltgesetzlichkeit verwirklicht ist. 

Das zweite Gesetz der Eiweiße ist unbekannter als ihr komplizierter 
Bau; das ist ihre Spezifität. 

Der französische Chemiker Armand Gautier hat zuerst nachgewiesen, 
daß die Eiweiß-Farbstoffe der Weinsorten ihren besonderen Bau besitzen; 
aus vielen nachfolgenden Untersuchungen, namentlich der Sera, das heißt 
der Blutwasserflüssigkeiten, ist klar geworden, daß Piasmata so fein spezi- 
fiziert sind, daß sie sich selbst in den Rassen und Sippen einer Art nicht 



•) Ich habe es durchgeführt in dem Werk, das die Reihe der Begründiingsschrif- 
ten der objektiven Philosophie eröffnet ( R. Francd, OrundriH einer vergleichenden 
Biologie, Leipzig 1922), auf das hiermit auch verwiesen sei. 



205 



miteinander vermengen können. Gerade der Mensch ist das erschütternde 
Beispiel dieses, alle Illusionen von Menschengleichheit, Brüderlichkeit und 
allgemeiner Menschenliebe kurzweg abschneidenden Gesetzes. Verträgt doch 
ein Süddeutscher nur schlecht, wenn durch eine Bluttransfusion in seine 
Adern das Blut eines Norddeutschen eingeführt wird, und der Weiße kann 
unter Krämpfen sterben, wenn man ihm Blut eines niedrigstehenden Negers 
einflößt, genau so wie der Affe, mit Ausnahme der Menschenaffen, wenn 
er europäisches Blut in seine Adern aufnehmen soll. Diese Friedenthal- 
Uhlenhut'schen Blutexperimente, welche einen untrüglichen Maßstab in un- 
sere Hand legen, wer für ein Volk als rassefremd zu betrachten sei, haben 
einer Wissenschaft, der Serologie, die Grundlagen bereitet, die sich durch 
den Erfolg befestigte, daß sie zahllosen Menschen das Leben gerettet hat. 

Das dritte Gesetz, dem alle Eiweiße unterliegen, ist ihre kolloidale 
Struktur. Die feine Zusammensetzung aus Waben (vgl. Abb. 42), die man 
in allen Kolloiden nachwies, findet sich im Protoplasma der Organismen 
wieder; die günstigste aller erdenkbaren Oberflächenverteilungen ist ihm 
also gerade gut genug, aus Gründen, über die ich mich in diesem Werk 
(S. 135) bereits ausgesprochen habe. 

Nur bleibt es nicht immer bei diesem Wabenbau, sondern unter Umstän- 
den, für deren ursächliche Verknüp- 
fung die Funktion der Plasmateile 
den Schlüssel gibt, wandeln sich 
Plasmateile in Stränge, Fäden, Ku- 
geln und andere Formen (vgl. Abb. 
78) und machen so auch die ein- 
fachsten aller Organismen bereits zu 
einem hochverwickelten komplexen 
System.53) (Abb. 80.) Und damit 
hebt auch eine Integration inner- 
halb der Kohlenstoffverbindungen 
an, die, quasi eine Welt in der Welt, 
die tiefste Bedeutung des Integra- 
tionsgesetzes dem Denken erschließt. 
Um das verständlich zu machen, 
muß ich noch einmal ausholen. Die 
Sonderklasse der Kohlenstoffver- 
bindungen, die Stoffwechsel besit- 




zen, wachsen können und sich fort- 
pflanzen, nennt man nach altem Her- 
kommen Lebewesen. 

Gewöhnt, alles von sich aus in 
naivem Anthropozentrismus zu be- 
urteilen, hat der Mensch den Be- 



Abb. 78. Zellformen der Pflanzen und Tiere. 1. Zelle 
aus der Rinde der Mistel mit Zellkern, Membran und 
Plasmodesmen. 2. Pflanzenzelle mit Aleuronkörnern 
und EiweiBkristallen. 3. Keimblatt der Erbse mit 
Stärkekörnern. 4. Lebende Knorpelzelle des Salaman- 
ders mit Chondriokonten und Chromiolen im Kern. 
5. Chlorophyllführende Pflanzenzelle, im Blattgrün 
liegen Stärkekörner. 6. Epidermis vom Kiefer des 
jungen Kätzchens mit Fibrillen zwischen den Zellen. 
7. Darmepithelzelle des Frosches mit Stäbchensaum 
und Plasmafibrillen 



206 



griff Leben nach der Ähnlichkeit zum Menschen gedeutet, und neun Zehntel 
seiner Vertreter glauben auch heute noch felsenfest daran, daß ihm unähn- 
liche Lebewesen, wie etwa die Regenwürmer oder Korallen und mehr noch 
Bäume und Pilzhüte, „weniger intensiv" lebten als er, und dafJ sie eigent- 
lich etwas anderes seien. Einen scharfen Schnitt hat er nicht nur zwischen 
Nichtleben und Leben, Pflanze und Tier gezogen, sondern vor allem 
zwischen sich und der gesamten übrigen Lebewelt, was sich auch in seiner 
gesamten Lebenshaltung und Rechtsprechung, ebenso wie in seiner Ethik 
und Religion bis zu ihren höchsten Verfeinerungen ausspricht. 

Von da datiert seine ererbte und geradezu unüberwindliche Abneigung, 
die menschlichen Leistungen nach denselben Gesichtspunkten zu werten, 
wie die der übrigen Welt, nur für sich den Begriff von Geistigkeit, Seele, 
Kultur, Technik, Kunst, Sprache zu beanspruchen und was derlei 
durch nichts gerechtfertigte Überhebungen seiner Einbildungskraft mehr 
sind, die sich ja sogar zu dem grotesken Anspruch verstiegen haben, für 
sein Verhältnis zu den welterhaltenden Kräften eine Sonderstellung zu be- 
anspruchen. 

Wer aber an dieser Stelle mißbilligend den Kopf schüttelt, der bedenke, 
daß diese Einheit der lebenden Kohlenstoffreihe mit der gesamten Welt als 
solche doch gar nichts zu wissen fordert über den metaphysischen Wert 
weder des Lebens, noch der Welt. Die absolute Gültigkeit der Relationen 
zwischen beiden besteht also, sowohl für den Fall, daß die Welt metaphysi- 
schen Gesetzen unterworfen ist, wie auch im Gegenteil. Mit anderen Wor- 
ten, aus dem aufgezeigten Verhältnis folgert nur: Wer sich einen Gott als 
Richter des Menschen vorstellt, der muß sich notwendigerweise auch einen 
Richter, also einen Gott der Tiere und Pflanzen vorstellen . . . 

Eines kann nicht „lebendiger" sein als das andere, so wie der „Welt" 
nicht mehr „Sein" zukommen kann, als einem Felsen. Zum Begriff dieses 
Lebendigen gehört herkömmlicherweise der Stoffwechsel, einmal als Aus- 
tausch von Oxygen (Atmung), einmal als Erneuerung der Bestandteile des 
Plasmas (Ernährung), dann als Fortpflanzung, die übrigens nichts als eine 
Konsequenz des Wachstums ist, und schließlich noch als Eigenschaft, die 
der eigentliche Kern des gesamten Lebensphänomens ist, und die nur sehr 
unvollkommen bezeichnet wird, wenn man sie Reizbarkeit nennt, wie es 
allgemein geschieht. Denn reizbar ist ein photographisches Chlorsilber- 
papier auch; es ändert sich, wenn Lichtstrahlen es affizieren. Nicht in dem 
Anderswerden unter der Macht von Einflüssen besteht das Wesen des 
Lebens, sondern in der Teleologie der Antwort, also in dem logischen Fak- 
tor, der in der Reaktion liegt.**) 

Das Blattgrünkorn, das vom Licht getroffen wird, setzt den Mechanismus 
der Assimilitation in Tätigkeit. Aber nicht das ist lebendige Reizbeantwor- 
tung; das kann auch eine vorher präparierte chemische Substanz oder irgend- 
ein Mechanismus. Das Teleologische des Lebens zeigt sich darin, daß der 

207 



Chloroplast (Abb. 78 Fig. 5), der lebendige Träger des Blattgrüns, der 
seinen Apparat mit sich schleppt, auf den Einfluß von Licht Bewegungen 
ausführt. Er kriecht entweder ins Licht, wenn es für die Erfordernisse der 
Assimilation zu schwach ist, oder aber er transportiert seinen chemischen 
Apparat an eine weniger beleuchtete Stelle, wenn das Licht greller ist, als 
es dem besagten Apparat bekömmlich ist. Diese Fähigkeit, eine gegebene, 
neu eintretende Sachlage zu beurteilen und danach verschieden zu behandeln, 
ist, wenn auch in gewissen Grenzen, allem Protoplasma eigen, und das ist 
die eigentliche Lebenserscheinung. 

Stoffwechsel von Gasen und anderen Substanzen, Wachstum und Teilung 
besitzen wenigstens gewisse Kristalle auch, darum hat man mit Recht von 
ihrer Probiose gesprochen, aber arteilende Fähigkeiten haben sie nicht! 
Diese kommen nur dem Plasma zu und von allen Plasmawesen am 
vollendetsten wieder den menschlichen Nervenzellen. 

So ist auf diesem Wege eine spezifische Definition des Begriffes Leben 
gewonnen. Leben ist nichts anderes als Urteilskraft, die sich in einem 
Teil der irdischen Materie kundgibt. 

Durch diese Urteilskraft, die logische Fähigkeit, vermögen Eiweißver- 
bindungen unter gewissen Bedingungen, sich auch dann assimilierbare, d. h. 
in Eiweiß verwandelbare Stoffe zu verschaffen, wenn diese sie nicht so un- 
mittelbar umströmen, wie etwa Luft und die Salzlösung die Wasserpflan- 
zen; sie können durch sie gelenkt, ihre Bewegungen so einrichten, daß sie 
der stets wechselnden Lebenssituation der Lebenserhaltung gemäß begeg- 
nen. Die Urteilskraft ermöglicht so dem Organismus die zwei großen Wun- 
der des Lebendigen: die Anpassung und die Umgestaltung einzelner Körper- 
stellen zu Sinnesorganen, d. h. Stellen, auf die auch kleine Änderungen der 
Umgebung stärker wirken als auf den ganzen Organismus. (Vgl. Abb. 79.) 
Aus den an den Sinnesorganen wahrgenommenen Reizen verschafft sich 
der Organismus Orientierung über die Umwelt, aus ihnen bildet er sich 
also eine Zoesis. Und durch sie auch gelenkt, paßt sich nun das Proto- 
plasma den Qualitäten aller Stoffe an, den Kräften der gesamten Welt, 
die es angreifen, indem es seine Systembedingungen so ändert, daß dadurch 
trotzdem jeweils der Ausgleich zwischen Umwelt und Lebensform erfolgt. 
Solange dies gelingt, lebt das Protoplasma; der Lebensvorgang ist nichts 
anderes als diese durch Urteilskraft gelenkte, stete chemisch-physikalische 
Verschiebung der Systemteile nach Art des Funktionierens eines Mechanis- 
mus. Wenn sie nicht mehr gelingt, erfolgt der Tod. Da es den Pflanzen 
und Tieren aber gewöhnlich gelingt, sich fortzupflanzen, bevor der Tod des 
Individuums eintritt, so macht das Gesamtleben der Erde den Eindruck 
von Unsterblichkeit. Das ist aber eine Täuschung. Etwa ein Drittel aller 
Lebensformen ist bereits ausgestorben, woraus die Folgerung unschwer zu 
ziehen ist.ß^) In diesen Einsichten liegt die Wurzel der gesamten Erkenntnis- 
lehre bloß. Die folgende Reihe unanfechtbarer Schlüsse ist die Basis, auf der 

208 



I 







ri 


■■2 ? r " 7 ü = 






O 


i=3=f = ?f^S 






d 


2 - _ Mi: L. = 






■/; 


JJ.Is^^lf 


-' 


-92 -ti^IxS-ä 


- 


t^=-J-' = =l« 




■(" 


"lüiiHi 




t 


O) 


• =2 5 = :? - =z 



-• i| =111-5=1 
'/j X J = ""iif = K = 

.„=-3--.- =?'^ 

^■Jii'ii = 







'■'■' Ji -1 'S ^ 
> u c 3 '/! : 






• --550 




Abb. 81. Skelett eines Riesensäugetieres (Triceratops) der Tertiärzeit 



die Biozentrik und mit ihr die objektive Philosophie ruht. Es steht also bis- 
her folgendes fest: 

Durch ihre Sinnesorgane verschafften sich die Protoplasmawesen Orien- 
tierung über die Umwelt zum Zwecke des Lebens. 

Ihre geistigen Fähigkeiten bestehen nur in der Verknüpfung der durch 
diese Orientierung gewonnener Kenntnisse. 

Auch der Mensch ist ein Plasmawesen (ergo auch ich). Also besteht sein 
Weltbild nur aus Kenntnissen, die durch Verknüpfung seiner Sinneswahr- 
nehmungen erlangt sind. 

Der Sinn seines Weltbildes ist Orientierung in der gesamten, auch fer- 
neren Umwelt zum Zwecke eines möglichst vollendeten Lebens. 

Wer die objektive Philosophie kritisieren will, muli diese einfachen Sätze 
widerlegen. Wer sie gründlich durchdenkt, wird alsbald finden, daß auch 
die anderen Lebewesen, nicht nur der Mensch, jedes nach seinen Bedürfnis- 
sen und entsprechend einer Zoesis an der objektiven Philosophie teil hat 
und nach ihr lebt. Nicht auf das Wissen um sie, sondern auf das Leben 
nach den von ihr erkannten Gesetzen kommt es an, darum ist sie so viel 
mehr als eine Philosophie; sie ist eine Lebenslehre. Darum konnte man von 
ihr sagen: ihr höchster Zweck sei nicht „Wahrheit" (deren Erkennbarkeit 
sie leugnet), sondern vollendetes Leben. 

Durch das Studium der anderen Lebewesen wird also das eine von ihnen, 
das sich Mensch nennt, Anhaltspunkte bekommen, wie man die Aufgaben 
des Lebens vollendet, oder wie man sie unzweckmäßig löst. Diejenigen For- 
men, die sich nicht halten können, die bald aussterben, sind warnende Bei- 
spiele; die langlebigen und vollendeten dagegen die ermunternden Vorbilder. 
Was sich bei ihnen allgemein und überall angewendet findet, wird offenbar 
das Notwendige und Zweckmäßigste sein, was dagegen selten in ihrem Bau 
und Leben vorkommt, wird nur für Sonderzwecke geeignet erscheinen. 

Und da ist es nun von geradezu elementarer Bedeutung, daß kein Gesetz 
so grundlegend, tausendfach und überall zutage tritt im Bau der Lebe- 
wesen wie das der Integration! 

Die Lebewesen unterscheiden sich von den Kristallen ganz wesentlich 
durch folgendes: während zwischen dem Kristallindividuum und seinen 
Molekülen keine Seinsstufe mehr eingeschoben ist, greift in einer Pflanze 
oder einem Tier eine ganzen Stufenfolge von Integrationsformen ineinander. 

Schon vom Bau des Protoplasmas weiß man, daß er aus Teilen zusam- 
mengesetzt sei. Diese Teile sind keineswegs Moleküle. Das Individuum des 
Protoplasmas, die Plastide, hat vielmehr zunächst einen ganz bestimmten, 
immer wiederkehrenden Bau. 

Sie besteht aus Plasma und Kern (Abb. 7S), und beide gliedern sich wie- 
der in Teile. Der Kern besteht aus einem Gerüst von Fäden, die sich zum 
Zwecke der Vererbungsfunktion in Teilstücke (Chromosomen) sondern; er 
ist mit einer Kernmembran umhüllt; oft — bei den Einzellern — ist ein 

Franci, Bios 1* 

209 



Kleinkern (Mikronukleus), stets sind Cytocentren (früher Centrosomen ge- 
nannt) vorhanden, die eine Art Fortpflanzungsapparat bilden; mit dem Zell- 
kern sind bei vielen einzeln lebenden Zellen Fäden in Verbindung, die zu 
besonderen Gebilden (Blepharoplast) und Bewegungsfäden (Geißeln) füh- 
ren. Im Plasma gibt es mit verschiedenen Lösungen gefüllte Vakuolen, auch 
hier wieder eine höchst mannigfaltig gebaute Zellhaut; in den pflanzlichen 
Zellen entweder die schon erwähnten Chloroplasten oder farblose, auch 
bunt gefärbte derartige Scheiben; im tierischen Zellenbau fehlt es ebenfalls 
nicht an Chromatophoren nach Art derer, die in der Amphibienhaut den 
Farbenwechsel vermitteln. Im Plasma sind Fäden (Fibrillen und Mltochon- 
drien) vorhanden (vgl. Abb. 78). Kurz: als 
eine große Organisation, deren Darstel- 
lung Bücher füllt, hat sich die Zelle ent- 
puppt, die als die technische Arbeitsform 
des Plasmas genau so ein Individuum dar- 
stellt wie irgendein Kristall. 

Alle diese Organula sind wieder erst aus 
Waben, Granula und Fibrillen so aufgebaut, 
wie sie selbst die Zelle zusammensetzen, 
und diese sind in den vielzelligen Organis- 
men wieder ihrerseits Organe und aus die- 
sen bestehen Individuen höherer Ordnung. 
Wenn man die Zahl der Zellen, die den 
Körper eines Erwachsenen zusammen- 
setzen, auf 5 Billionen schätzte, so steht 
die Zahl der Waben oder Granula, die eine 
Zelle aufbauen, gewiß nicht weit hinter 
dieser Zahl zurück. Und wenn die Zellen 
im Organismus, dem Gesetz der funktio- 
nellen Anpassung unterworfen, sich in die 
mannigfaltigsten Formen kleiden, — man 
vergleiche dazu die Abbildungen und er- 
innere sich an den Bau des Holzes, eines 
Muskels, an die Zellenformen in einem 
Rädertier (Abb. 82) oder die etwa 20 000 
verschiedenen Formen von Einzellern — 
so sind auch die Bausteine der Zellen, 
diese Zellen zweiten Ranges, von nicht 
geringerer Formenvielheit. 

Ein und dasselbe Gesetz geht durch die 
ganze Lebensreihe und verwandelt die Welt 
der lebenden Kohlenstoffverbindungen in 
einen Mikrokosmos, der ein Abbild der 




Abb. 82. Brachionus, ein Rädertier, stark ver- 
größert. Man erkennt die Zusammensetzung 
aus Zellen und Syncytien, die sich zu Or- 
ganen der Verdauung, Fortpflanzung, Aus- 
scheidung, Bewegung und Sinnestätigkeit, 
sowie des Schutzes zusammenschließen. 
(Original des Verfassers) 



210 



großen Integrationsstufen des Weltganzen ist. Und hier, an dieser Stelle 
hat die Ergründung und Erklärung des Lebensproblcms einzusetzen. 

Denn wenn die Gesetze der Welt im Bereich des Lebens wirksam 
sind — wer will angesichts des chemischen und physikalischen Geschehens 
dies bezweifeln — , dann müßte den Integrationsstujen auch ein überein- 
ander geordneter Stufenbau von /ntegrationseigenscha/ten entsprechen. 

Und wirklich, ein solcher Stufenbau der Qualitäten ist unverkennbar! 
Nicht umsonst habe ich bereits darauf hingewiesen, daß der Tod nur das 
Aufheben einer bestimmten Seinsstufe sei. In gleicher Weise ist auch das 
Leben erst von einem bestimmten Zusam- 
menschluß der Teile an bemerkbar. Der 
molekulare Bau des Eiweißes bedingt noch 
nicht die Lebenstätigkeit, und ebensowenig 
bedingt sie die Wabenstniktur. An diesem 
Punkt ist die Grenze des „Unlebendigen"; 
die nächst höhere Integrationsstufe heißt 
Leben. Es würde keineswegs genügen, Ei- 
weiß synthetisch herzustellen, was eines 
Tages, nach den vorliegenden manches ver- 
sprechenden Vorarbeiten, zweifelsohne ge- 
lingen wird, ebensowenig würde es genü- 
gen, hieraus ein Gel mit Wabenstruktur 
zu bauen. Das Leben begänne trotzdem 
erst jenseits dieser Organisalionsstufe; 
es scheint also an die Organisation kol- 
loidaler Proteide, eben an das gebun- Abb. 83. Künstliche, auf chemischem Wege 
, . -r ti 11 erlangte Zellenbildunceii. (Nach Lc Bon) 

den zu sein, was man Zelle nennt. Zer- 
stört man deren Gefüge, so erlischt sofort die urteilende, wählende und 
regelnde Betätigung, also das, was wir den Kern des Lebens nannten. 
Töricht erscheinen daher alle immer wieder auftauchenden Versuche, „künst- 
liche Zellen" aus allerlei Chemikalien herzustellen, an denen Oberflächen- 
spannung, kristallinische Kräfte u. dgl. den Mechanismus zelliger Formen, 
manchmal wie Abb. 83 zeigt, wirklich täuschend nachahmen. Irrig ist auch 
der Wahn, als sei durch das Abpressen von Gärungsenzymen (die Zymase) 
irgendeine Lebenseigenschaft der Materie entrissen und auf Flaschen ge- 
zogen worden. Ganz klar enthüllt sich dagegen vor dem Denken, daß an 
den molekularen Bau unter gewissen Umständen vektorielle Eigenschaften 
und mit ihnen die Erscheinungen der Probiose gebunden sind. Das ist die 
Welt der Kristalle. Genau so sind die Erscheinungen dagegen als Integra- 
tionserscheinung an die Tatsache des Zusammenschlusses von Eiweißmole- 
külen zu der Organisation der Zelle geknüpft, und der alte Satz: Omnis cel- 
lula e cellula besteht wenigstens in der Form Omnis vivo ex ccllula durch- 
aus noch zu Recht. Mit diesen Gedanicen reiht sich die Lebenserscheinung 



.,.-Ä«f»- 


1^. 


I 


mß. 


"Oj 



211 



als eine Entfaltungsstufe ein in den gesamten Weltprozeß, der ewig seine 
Integrationsleiter hinauf- und hinuntersteigt, und die so viel erörterte Frage 
des Lebensursprunges und der sogenannten Urzeugung rückt als Funktion 
der Erde in eine Beleuchtung, die ihr bisher noch nie zuteil geworden ist. 
Hier soll nur darauf verwiesen werden; in dem passenden Zusammenhang, 
nämlich bei Erörterung des Funktionsgesetzes, soll dieser Faden dann wie- 
der aufgenommen werden. 

Man möge mich aber auch bis dorthin nicht mißverstehen: die objektive 
Denkungsart schließt sich mit diesen Folgerungen nicht etwa dem Materia- 
lismus Büchner^ sche^x Prägung an und hält die Lebenserscheinung keines- 
wegs bloß für eine chemische Tatsache. Es gilt vielmehr umgekehrt das 
Faktum, daß, wenigstens ein Teil, der chemischen Verbindungen Lebens- 
erscheinungen aufweist, also Chemie zur biologischen Wissenschaft wird. 
Um kurz zu wiederholen: Die Tatsachen des Weltenbaues sind so gelagert, 
daß es unter der Fülle der Integrationserscheinungen eine gibt, die einer 
gewissen Integrationsstufe von sehr verwickelten Kohlenstoffverbindungen 
anhaftet und die Leben heißt. Zu dieser Integrationsstufe gehören auch wir 
selbst mit unserem gesamten Kultur- und Geistesreich, Wir sind dabei der 
eine Ausläufer einer uralten und höchst mannigfaltigen Protoplastenkette, 
die unter dem Einfluß nahezu aller irdischen und kosmischen Kräfte zu 
deren Ausgleich Anpassungsformen sonder Zahl hervorgebracht hat. 

Es gehört daher so durchaus der naiven anthropozentrischen Zeit an, zu 
behaupten, der Mensch sei überhaupt die Spitze alles Lebens. Das geht 
aber angesichts des Lebensganzen nicht mehr. Der Mensch vereinigt keines- 
wegs in jeder Hinsicht die höchsten Qualitäten der Lebewesen in sich. Er 
ist nicht einmal die harmonischste Form unter ihnen, denn er ist höchst 
einseitig auf Nerventätigkeit hin spezialisiert. Er ist das Hirntier par ex- 
cellence, so wie der Albatros das Flugtier höchster Leistung, der Elefant 
das kräftigste Tier, der Adler das Sehtier, die Baumlebensform die har- 
monischste der Lebensgemeinschaften oder die Fische die besten Schwimm- 
tiere sind. 

In drei großen Richtungen hat sich der Protoplast von vornherein ange- 
paßt und diese Anpassungen hat er in staunenswerter Weise vervollkommt. 
Er hat es zunächst erreicht, seine materielle Erneuerung durch die Aufnahme 
und Verarbeitung von Luftgasen und einfachen Mineralsalzen zu vollziehen. 
Das ist die Pflanzenlebensform, die in den bescheidensten Gestaltungen als 
Alge (Abb. 87) das Wasser bewohnt und von da aus allmählich lernte, sich 
allen Oberflächenverhältnissen des Erdballs anzupassen. Die Protoplasten 
treten dazu meist zusammen und bilden auf höherer Seinsstufe zuerst die 
Lebensform der Moose und Farne, die beide der dauernden Nässe durchaus 
gewogen sind. Von den Farnen erfolgten Umbildungen, welche geeignet 
waren, mit einem erheblichen Teil des Körpers dauernd in der trockenen Luft 
zu verweilen. Das große Reich der Blutenpflanzen hat es darin in tausend 

212 



ip.-'->'' 




r— -7 ^ 


r 


^|:, '; 






1., 






tf'\ ■■•^^- ". > 




y-'-S-^-'^ 


^iT^ 


ii^/.^Bpj^^ . 


^-y 


$M'-\'i 




^^^^i^^ 


***■• 


r-^^^jl^'^Pw M 


•»^ 


^^^ 


«1 


M^^- 


i 


'•^'^'J^^^W- 


•^/' ' 




m 




■y^ 




V • . »v 


'ssKSÜv 


- 


' "-"^ "''•^^^^•■• 




HK^'...^4l^^i 










■ 





Abb. S4. Tropischer UrwakI 

Ein Beispiel eines komplexen Systemes von vollendeter Harmonie, daher von 

unbegrenzter Dauer. Der Tropenwald ist ein „Schlulivercin". in dem jedes 

Mitglied an die anderen in Gestalt und Lebensweise angepalJt ist und so zu 

seinem Optimum kommen kann 




Abb. 85. Trilobiten der Gattung Paradoxites im Kam- 
brischen Meere 

Versuch einer Rekonstruktion. (Nach Haase) 



! 



und abertausend Formen als Kraut, Staude, Strauch und Baum zur Voll- 
kommenheitgebracht, zu einer Harmonie der Teile unter sich" und zum Gan- 
zen, die die Bäume, etwa eine erwachsene Eiche, zu einem Idealbild harmoni- 
schen Seins gestaltet. Ein tiefer Sinn lag in der altgermanischen Vorstellung 
von der Weltesche, denn der Baum ist tatsächlich eine Verwirklichung aller 
großen Weltgesetze. Er ist nicht nur eine von denen, die aus eigener Kraft, 
unabhängig von dem Dasein anderer ihre Existenz sich sichern können, 
sondern weit mehr als das, er versteht es, die Umwelt so zu beeinflussen, 
daß seiner Art unbegrenzte Dauer gesichert wird. In dieser Beziehung 
ist er einzig unter allen Lebenden und wirklich der Gipfel aller Lebens- 
fähigkeit. 

Alle Tiere stehen in dieser Hinsicht weit hinter den Pflanzen zurück, da 
sie die zweite der großen Lebensformen — letzten Endes ihr Protoplasma 
— nur durch Aufnahme von Protoplasma erhalten und erneuern können. 
Aber auch die Pflanzen bringen es nicht zu solch vollkommener Organi- 
sation ihres Lebenskreises, daß sie auf die Dauer bestehen könnten. Die 
einfachsten von ihnen, die Algen sorgen durch die zu Boden sinkenden ver- 
lebten Reste ihrer Generationen für die Bildung von Faulschlamm und da- 
durch für die Verlandung der Gewässer, der alle Wasserbecken und Küsten- 
ränder mit Pflanzenwuchs (Lagunen) anheimfallen. Die Klasse der Moose 
und Farne ist auf schattige und feuchte Orte angewiesen, an deren Aus- 
trocknung sie teil hat. Dadurch zerstören sich diese Pflanzen ihre eigenen 
Existenzbedingungen. Dasselbe gilt für alle Blütenpflanzen mit Ausnahme 
der Bäume. So, wie ein Torfmoor allmählich den Platz der Wasserbecken 
einnimmt und eigentlich nichts anderes darstellt als einen in Milliarden 
kleinster Moosblättchen eingesperrten See, so verschwindet es auch im Lauf 
der Zeiten durch seine eigene Existenz. Alle Moore verwandeln sich in 
Heiden, weil sie den Boden austrocknen und mit Rohhumus anreichern. 
Die Stelle dtr Torfmoose wird allmählich von der Glockenhcide, dem Heide- 
kraut, dann nach und nach von Gräsern eingenommen, und das Moor ver- 
wandelt sich je nach den lokalen Umständen in eine saure, später in eine 
gewöhnliche Wiese oder in rotblühende Heide. 

Aber auch Wiesen und Heiden bleiben ebensowenig wie Steppen und 
Felsenfluren immer in diesem Zustand. Wo früher die Federgräser unge- 
hemmt im Winde wehten, und viele helle und dunkle Biumenaugen frei zum 
Himmel blickten, wandert Pflanzengeschlecht um Geschlecht ein, immer 
reicher, bunter und mächtiger, neben den hohen Stauden keimen am Baches- 
rand und Berghang Sträucher, und bald steht der erste schlanke Baum auf 
freier Flur, dem immer mehr folgen. 

Nur der Mensch kann in stetem Kampf das Walten dieser Naturgesetze^«), 
die man die Wanderung der Pflanzenvereine nennt, eine Zeit hindurch 
hemmen, ganz aufhalten kann er sie nicht. Denn außer dem chinesischen 
(und altägyptischen) gibt es keinen Menschenstaat, der länger als zwei Jahr- 

213 



tausende lang das gleiche Land besiedelt. Und was sind zwei Jahrtausende 
für das Leben der Pflanzengesellschaften, da doch das Leben einzelner Arten 
nach vielen Jahrmillionen zählt. Die Buche von heute besiedelt Europa seit 
der Kreidezeit, also sicher seit zehn Millionen Jahren, die Magnolien und 
Wasserrosen sind fast ebenso alt, die Nadelbäume (namentlich die Aura- 
carien) noch älter. Die Gattung Taxodium lebt in Form ungeheurer Bäume, 
deren Holz wir verkohlt als Braunkohle brennen, seit Jahrmillionen, seit 
dem Miocän, in Nordamerika, und der japanische Gingkyo wuchs in der 
Form, wie man ihn heute in Gärten zieht, schon zur Buntsandsteinzeit. Es 
ist also nur an menschlicher Kurzlebigkeit gemessen eine lange Zeit, in 
der sich alle Steppen und Triften zuerst in lichten Buschwald, dann allmäh- 
lich in den dichten, schattigen Mischwald umwandeln, der unter natürlichen 
Verhältnissen überall Wurzel faßt, und dann nicht mehr vergeht. 

Die Pflanzengeographie, welche diese Verhältnisse genau studiert hat, 
drückt das in dem Satz aus : Der Wald ist ein Schlußverein, und das besagt 
dem Kenner, daß die Gemeinschaft der Bäume den Boden nicht einseitig 
ausnützt oder austrocknet, sondern ihn so umbildet, daß er ständig geeig- 
net ist einen Wald zu ernähren und zu tränken. Das geschieht dadurch, 
daß die Vereinigung der Bäume alle anderen Pflanzengenossenschaften in 
sich aufnimmt. Angefangen von den Bodenbakterien und Pilzen, die in den 
Dienst der Stickstoffversorgung gestellt werden, fehlt keiner der bedeuten- 
deren Pflanzenvereine darin. Den Moosen wird eine Rolle zugewiesen, die 
sie für das Gesamtleben unentbehrlich macht. Sie, die sich auf dem Wald- 
boden in grünsilbern schimmernden Teppichen ausbreiten, erhalten von den 
sich selbst düngenden Bäumen nicht nur die Regentraufe, sondern auch 
den für sie unentbehrlichen Sonnenschutz. Dadurch gedeihen sie so üppig, 
daß sie durch ihr Vermögen Wasser zu halten den Riesenbäumen auch in 
dürren Wochen, überhaupt dauernd, den Wasserhaushalt sichern. Eines 
stützt dadurch das andere. Die Moose brauchen den Wald, er wieder 
braucht die Moose. So wie die Bodenpilze ohne den Abfall der Bäume 
nicht leben könnten und die Bäume nicht ohne Hilfe der Pilze. 

Wieder drehen sich groß und bedeutsam Kreisläufe vor dem Auge des 
Wissenden und zeigen ihm, in sich selbst ruhend, geschlossen, hehr und 
ewig den Wald und das Leben des Baumes, wie ein Abbild der Weltregie- 
rung selbst, die ihre Harmonie durch die Dauer belohnt sieht. 

Der Wald schafft sogar den Boden, auf dem er lebt, nach seinen Bedürf- 
nissen zurecht; viele Meter tief häuft er den Urwaldhumus an und schützt die 
Flanken der Berge vor den Mächten der Zerstörung und Abtragung. Wo der 
Mensch frevelhaft im Gebirge in die Gesetze der Welt durch völlige Entwal- 
dung eingriff, da wurde er selbst am härtesten bestraft durch Verödung, Un- 
fruchtbarwerden und Entvölkerung von Landstrichen, ja ganzen Ländern. 
Der Karst in Südeuropa, Griechenland, Vorderasien, der antike Kulturkreis 
überhaupt, sind die warnenden Zeugen für die Wahrheit dieser Erkenntnis. 

214 



Wie vom Leben verflucht und daher auch von der Kultur verlassen dürsten 
ihre Einöden nun seit Jahrhunderten. Spätrom und Byzanz haben dort den 
ungeheuren Frevel verübt, die einst reichen Wälder zu verwüsten, und die 
Strafe der Weltgesetze dafür wird in Jahrtausenden nicht enden. 

Das sind die Beweise des Satzes, daß der Baum ein harmonisches Wesen 
sei, dessen vollendete Lebensführung nicht nur durch die unerhörte Dauer des 
einzelnen Baumes — der Drachenbaum zu Orotava auf Teneriffa gilt für 
6000 Jahre alt und englische Eibenbäume für 3— 4000jährig — , wie vielmehr 
durch die nicht mehr durch Lebensgesetze, sondern erst die Gesetze der 
nächsthöheren Seinsstufe, nämlich durch die Gesetze der Erde begrenzt wird. 

Weit stehen dieser Lebensform die Tiere und mit ihnen der Mensch nach. 
Sie, die schon in der Natur einen erheblichen Teil ihrer Lebensenergie auf- 
zehren, um ihrer Nahrung in 
irgendeiner Form nachzujagen, 
verbrauchen sich in diesem 
Kampf ums Dasein gewöhn- 
lich nur zu rasch. Das Leben 
der meisten Tiere zählt nur 
nach Tagen und Wochen, wo- 
bei ich an die Insekten zu 
denken bitte, und selbst die 
höheren sind schon in einigen 
Jahrzehnten gealtert. Es müs- 
sen schon sehr günstige Um- 
stände sein, die einen weißköpfigen Geier, wie man zu Schönbrunn bei Wien 
beobachtet hat, über 128 Jahre am Leben erhalten, einen Hecht an 267 Jahre 
erreichen lassen. Es gibt keinen einzigen beglaubigten Fall meines Wis- 
sens, daß ein Tier mehr als 200 Lenze miterlebt hätte. *) 

Das ist aber verschwindend wenig gegenüber den Pflanzen. Und auch 
ihre Artentfaltung ist sprunghaft und geht mit großen Schritten durch die 
Welt. Jedes Erdzeitalter hat die Blüte, das Altern und oft auch schon das 
Aussterben einer großen Tiergruppe gesehen. Die Panzerfische (vgl. Abb. 
86) und Trilobiten (Abb. 85), welche in der ältesten Zeit des Tierlebens 
ihre Blütezeit erreichten, starben im Steinkohlenzeitalter auch schon wieder 
aus. Denn die Ammonshörner beginnen im mittleren Trias und sind in der 
Kreidezeit bereits schon wieder erschöpft. Die Gruppe der Nummnlitcn, 
die das Landvolk als Mänzensteine verschiedenen Ortes kennt, hat ihre 
Blüte und ihren Verfall im Eozän. Die großen Säugetiere beginnen mit 
dem Tertiär ihren Gestaltenreichtum zu entfalten, und schon sinkt ihre 
Lebenskraft so merklich, daß die Großsäuger, die Elefanten, Nashörner, 
Nilpferde, Löwen, Tiger auch ohne Zutun des Menschen vom Schauplatz 




Abb. 86. Panzerfisch (Pterichthys) aus dem Devon rekonstruiert 



*) Als ältestes Tier gilt eine 150 Jahre lang gefangen gehaltene Testuda Daudinii^ 

215 



des Lebens bald verschwunden sein werden. Vieles deutet darauf, daß der 
Mensch selbst diesem Gesetz der sinkenden Lebenskraft seiner Gruppe zu 
unterliegen beginnt. 

Allerdings hat die stete Nahrungssorge in dem tierischen Organismus 
die Eigenschaften auch ganz anders herausgeholt und in einem wunder- 
vollen Turmbau von funktionellen Anpassungen sozusagen jede Eigen- 
schaftsmöglichkeit in ihren einzelnen Entfaltungsrichtungen bis zur Voll- 
endung spezialisiert, aber sich gerade dadurch weiter von den Idealen der 
Harmonie entfernt als die Pflanze. 

Noch mehr gilt das von der dritten Anpassungsrichtung, die der Proto- 
plast eingeschlagen hat, indem er sich weder rein pflanzlich noch tierisch 
nährt, sondern zum Parasiten (vgl. Abb. 88) der Mitlebenden wird. Schon 
vom Einzeller an (Bakterien) wandten sich Zellen dieser mühelosen Lebens- 
weise zu, die dann den Pilzen und einem großen Teil der Wärmer den 
Stempel aufprägte (vgl. Abb. 92) und ihre Vertreter zu Umgestaltungen 
und Anpassungen so wunderbarer Art zwang, daß manche dieser hochent- 
wickelten Schmarotzer z. B. aus der Ordnung der Krebse in ihrem Äußeren 
und in der Vereinfachung der nur mehr auf das Saugen eingerichteten 
Organe nahezu pflanzenhaft und pilzartig geworden sind (z. B. der Schma- 
rotzerkrebs Sacculina). Diese Fähigkeiten pflanzlicher tierischer oder para- 
sitärer Ernährung sind nun keineswegs an den Begriff „höherer Organis- 
mus" (dessen Existenz allein schon eine allgemeine stillschweigende An- 
erkennung des Integrationsgesetzes ist) gebunden, sondern zeigen dadurch, 
daß sie sich bereits bei den einzeln lebenden und umherschweifenden Zellen 
äußern, an, daß bereits recht hohe Integrationseigenschaften durch den Zu- 
sammenschluß der Moleküle zu Organellen und Zellen bewirkt werden 
können (vgl. Abb. 92). 

Von hier aufwärts überrascht uns aber ein geradezu unübersehbarer Bau 
von Integrationen, den zu verstehen trachten: die vergleichende Histologie 
und Anatomie, die Pflanzen- und Tiersystematik, die Pflanzenoekologie, die 
Soziologie der Tiere und die des Menschen, jede auf ihre Art, daher nach 
den verschiedensten Methoden. Das hat natürlich nur zur Folge, daß die 
Vertreter dieser verschiedenen Wissenschaften, wenn sie miteinander kon- 
ferierten, in ihren jeweiligen Fachsprachen aneinander vorbeiredeten, gleich 
den Arbeitern am babylonischen Turm, während in der einheitlichen, aber 
freilich noch völlig ungewohnten Beleuchtung des Integrationsgedankens 
alle diese so höchst verschiedenen Erscheinungen sich nur als Abwand- 
lungen ein und desselben Gesetzzusammenhanges enthüllen. 

Die Zellen dienen vielzelligen Gebäuden als Bausteine, wobei wieder ein 
mehrfacher Zusammenschluß zu Personen höherer Ordnung stattfindet. Mit 
größter Aufmerksamkeit muß jedermann das verfolgen, denn diese wichtigen 
Erscheinungen umgeben doch jeden von uns in tausend Gestalten. Zellen 
erbauen Gewebe, Gewebe erbauen Organe, Organe errichten Organsysteme 

216 



(vgl. Abb. 82); aus solchen setzt sich der Organismus zusammen. Organis- 
men aber treten wieder zu Vereinen und Bünden zusammen; aus solchen, 
die als Zwischenstufe oft noch die Familie und die Sippe kennen, erbauen 
sich Völker oder Tierstaaten, und viele von diesen zusammengenommen bil- 
den erst eine Flora, Fauna oder Menschheit. In dieser großen Hierarchie 
aber blitzen auf jeder Stufe der Vereinigungen Eigenschaften auf, die keinem 
Mitglied der Stufe als solchem allein zukommen. 

So lautet das Integrationsgesetz auf die Organismen übertragen. Mitten 
darinnen steckt unser eigenes Erleben. Wohin man blickt und hört, sei es 
auf die wechselnden Zustände des Leibes, die Leiden der Seele, die ücheim- 
nisse des geistigen Schaffens oder die unterirdisch dunklen Mächte der 
Triebe, die Kräfte, die uns beseelen, die Schwächen des Könnens, die uns 
lähmen, oder den Kampf um das tägliche Brot, die Schwierigkeiten des Er- 
werbs, die sozialen Bewegungen, Kriege und Feindschaften unter Menschen, 
die großen Fragen der Völkerpsychologie, Vaterlandsliebe und hohe Politik, 
Kasten- und Zeitschlagworte, ja die letzten Ideale des Menschengeschlechtes 
— wo immer wir uns umtun im dunklen und verwirrten Leben, immer strahlt 
das milde, klare Licht des Integrationsgesetzes und macht uns selbst milde, 
versöhnend und von klarer Überlegenheit, weil es alles verstehen läßt. Alles 
muß so sein, denn es liegt beschlossen im Weltenbau. Nur durch diese 
Vielheit kann er so viele übereinander gebaute und einander tragende 
Funktionen ausüben, die allein seine letzten Qualitäten, Unvergänglichkeit 
und Harmonie in der Vielheit ermöglichen. Das Gesetz der Integration ist 
innig verknüpft mit dem der Funktion, und eines kann ohne das andere nicht 
richtig verstanden werden. Es muß sich daher an diesen Abschnitt notwen- 
digerweise die Erörterung des Funktionsgesetzes anschließen, das die Dinge 
ergänzen wird, die hier noch dunkel und widerspruchsvoll geblieben sind. 

Der Konstatierung der Integration als einer allgemeinen Eigenschaft des 
Lebens, eine Tatsache, die bisher in verborgenen Winkeln der Literatur ein 
kaum beachtetes, bescheidenes Dasein führte, reißt so weite Perspektiven 
auf, daß sie im Rahmen dieses Werkes nicht einmal flüchtig überblickt 
werden können. 

Für den Menschen persönlich vielleicht am wichtigsten ist die Einsicht, 
wieso die ungeheure Vielheit der Erlebnisse, die Zellen und Organe, sich in 
der Einheit des Bewußtseins und des Ichgefühls verbinden und vereinheit- 
lichen kann. Neben dem Problem des Bewußtseins ist das des Gemcin- 
gefähls von je die schwierigste Frage der Psychologie gewesen, zu der sich 
nun von einem neuen Standpunkt aus auch neue Zugänge eröffnen. Was da- 
rüber derzeit gesagt werden kann, gehört allerdings nicht an diese Stelle 
meines Gesamtwerkes, sondern in das der Erörterung der allgemeinen Wclt- 
gesetze folgende Werk über die Gesetze des Denkens. 

Die Verbindung zwischen der Integrationslehre der O.P. und der gegen- 
wärtig herrschenden Psychologie werden am raschesten die auf trcud und 

217 



Bleuer beruhenden Richtungen der Psychoanalyse finden, die mit ihrer 
Lehre von der Zusammensetzung der Persönlichkeit aus dem „Einzelich" 
und ihren Untersuchungen über die Erscheinungen der Ichspaltung nichts 
anderes als die Begriffe der Integration anwenden, ohne hierfür den er- 
lösenden Begriff zu finden. 

Die Abfolge der Integrationseigenschaften schafft, nachdem sie einmal die 
Stufe der Personaleigenschaften erreicht hat, eine Hierarchie von Personen. 
Ein Glied davon ist die menschliche Persönlichkeit, um die sich das Übrige 
kaum anders denn in folgender Weise gruppiert: 

Universalität -Sein -Vorstellungswelt = Bios 

Dauer - Harmonie = Kosmos [Weltall] 

? == Fixsternsysteme 

? = Sonnensysteme 

? . = Weltkörper [Erde] 

Freiheit in der Organisation . . . = Organismenstaaten [Tier- u. Menschenstaaten, 

Bewußtsein = Organismen [Menschen] Vereine, Völker] 

Unterordnung [Organisation] . . = Organe [Organsysteme] 

? = Gewebe 

? = Coenobien ^e) 

Leben [Urteilskraft] = Zellen [Einzeller, Piastiden] 

? = Organellen 

Funktion [Anpassung] = Granula 

Individualität [Personen], Probiose = Kristalle [flüssige Kristalle]. 

Alle diese „Personen" sind, vf'it Williatn Stern, dessen Werk „Person 
und Sache"") einen bemerkenswerten Schritt in dieser Richtung wagt, sich 
ausdrückt „einheitliche, von innen aus tätige, zielstrebige Wesen verschie- 
denster Art"; von ihnen ist dem Menschen ja nur der Mensch in seinen In- 
tegrationseigenschaften (und das noch nicht vollkommen, man denke nur 
an die unleugbar vorhandenen okkulten Phänomene seines Seelenlebens, 
wie Hypnose, Suggestion u. s. f.) gut bekannt; von den einfacheren und 
übergeordneten Stufen weiß er in dem Maße weniger, als sie weniger Ana- 
logien aufweisen. Es ist aber zweifellos — und hierin schließt sich die ob- 
jektive Philosophie Leibnitz, Lotze und Fechner an — , daß die Personen, 
denen der Mensch als Bestandteil eingeordnet ist, des seelischen Lehens 
nicht mehr verlustig gehen, denn nirgends in den Gesetzen der Welt hat 
sich gezeigt, daß beim Erreichen höherer Integrationseigenschalten durch 
Zusammenschluß von Personen Irgendwelche einmal entfaltete Qualitäten 
wieder verschwinden. Die Summe der psychischen Leistungen eines Volkes 
kann doch nicht das Fehlen des Psychischen sein, und in einem Sonnen- 
system, das viele Himmelskörper mit Kulturen und einer Unsumme geisti- 
ger Leistungen zusammenschließt, können diese nicht verloren gehen und 
in ihren Wirkungen erlöschen. Da es sich aber nicht um reine Summation, 
sondern eben um Integration handelt, deren Charakter als Qualitätentrans- 
formation hier sehr deutlich hervorleuchtet, so muß die Möglichkeit zuge- 

218 



I 



geben werden, daß diese geistigen Leistungen i/ire Au/crstc/iung in höheren, 
den Gliedern eines Systems ganz sicher unvorstellbaren Qualitäten erleben. 
So wenig den Zellen unseres Leibes eine Vorstellung vom ganzen Leib und 
ein Ichbewußtsein seiner Person zukommen kann, ebensowenig vermögen 
wir uns wesentlich richtige Vorstellungen davon zu bilden, was die Welt- 
systeme oder der Bios als Ganzes zu bedeuten und zu leisten vermögen. 
Unsere Vorstellungen hierüber haben nur den Wert semikonvergenter 
Reihen, auf den in der Astronomie Henri Poincare aufmerksam machte; es 
ist also nur ein Versuch mit untauglichen Mitteln, daher lückenhaft, wenn 
ich links von dem Stufenbau der personalistisch befähigten Welt die Eigen- 
schaften hinschrieb, die unser Denken den einzelnen Personen als ausschlag- 
gebendes Merkmal zueignet. Der Kontrast zwischen Zoesis und Wirklich- 
keit und die relativistische Natur des Denkens, sie werden damit wieder 
einmal offenbar. Je weiter wir uns nun nach aufwärts von der Personal- 
stufe Mensch entfernen, desto lückenhafter — und zwar rascher als abwärts 
— gestaltet sich das Bild der sich folgenden Integrationsstufen. 

Das meiste weiß man noch von den Verbänden der Organismen zum 
Zweck der höheren Gemeinschaft, also von dem großen, die Gegenwart mehr 
denn jede andere Zeit bewegenden sozialen Problem, das von Zellen, Pflan- 
zen, Tieren und Menschen in höchst verschiedener Weise gelöst wurde. 

Die objektive Denkungsart kann sich diesem Problem mit anderem 
Tiefblick nähern denn die vor ihr wirksamen Denkmethoden, hat sie doch 
an dem Begriff der Dauer (der die Qualitäten des Optimismus und der 
Harmonie in sich faßt), ein untrügliches Kriterium dafür, ob diese oder 
jene Organisationsmethode vollendet ist oder nicht. Und da zeigt sich tat- 
sächlich, daß die Organismen, um alle vier Lebensformen gemeinsam zu- 
sammenzufassen, verschiedene Arten von Organisation versucht haben. 

Nicht nur der Mensch, sondern auch sie waren also zur Unbestimmtheit 
verurteilt, welcher Weg der Vergesellschaftung zum Heile aller führe. Allein 
der Erfolg setzt ein Ziel dem Schwanken, das sich im Bereich des mensch- 
lichen Denkens stets zwischen den zwei Polen der soziologischen Defini- 
tionen abgespielt hat, die von Aristoteles und Hobbcs-Locke stammen. Der 
Aristotelisch-(Platonischen) Theorie, daß die Gesellschaft ein Lebewesen 
sei, das einen Teil der Natur ausmache, daher durch Induktion, in der 
Sprache der Alten: durch die natürlichen Gesetze erkannt werden könne, 
stellten sich die Engländer des Barockzeitalters mit der entsprechenden Er- 
klärung entgegen: Die menschliche Gesellschaft sei ein Produkt von Will- 
kür, eine Art Kunstwerk, das daher außerhalb der Natur stehe und nur den 
Gesetzen der Logik unterworfen sei (als ob Natur nicht auch denselben Ge- 
setzen unterstände). Bekanntlich haben Spinoza, Lcibniz, Montesquieu die 
erstere Ansicht zum Siege geführt, während Rousseau trotz dem Schlag\vort 
der Rückkehr zur Natur die Entnatürlichung so weit trieb, zu sagen: Der 
Staat sei ein Werk der Kunst, das der Vernunft der Bürger ständig zu 

219 



schaffen gebe, worin eigentlich ganz ehrlich eingestanden ist, daß jedes 
künstliche Staatsgebilde zu ununterbrochenen Krisen führen muß. 

Der klassischen deutschen Philosophie blieb es vorbehalten, in dieser 
elementarsten Frage aller zivilisierten Lebensführung das Optimum definitiv 
und gründlich dadurch auszuschließen, daß sie beides für möglich erklärte 
und echt hegelisch in einer Synthese das Heil suchte. Kant ging darin vor- 
an, Fichte schließt sich mehr Rousseau an, und Hegel schafft durch seine 
berühmt gewordene Erklärung, die Gesellschaft sei nicht nur ein organisier- 
tes Naturwesen, sondern auch die künstlich realisierte Idee des Geistes, 
„das relative Absolute", die das ganze 19. Jahrhundert hindurch herrschende 
Staatstheorie, die durch Marx in den Sozialismus übergegangen ist, und die 
unschwer in ihrem inneren Widerspruch als die wahre Ursache der sich 
immer steigernden Krisen, nämlich als die Quelle des Diktaturgedankens 
einer Kaste (vordem die des Adels, dann die der Militär- und Kapitalisten-, 
jetzt der Arbeiter- und Proletarierkaste) durchschaut werden kann. 

Dieser in der sozialen Praxis herrschenden Auffassung setzt dann August 
Comte in einer genialen Konzeption und //. Spencer mit echt englischer 
Zähigkeit und Bedachtsamkeit wieder den Aristotelismus gegenüber, und im 
Kampf dieser Opposition gegen die mächtig gewordene „Unnatur" zerreibt 

sich die Gegenwart. Dem 
steht auf seiten der übri- 
gen Organismen eine Fülle 
von Tatsachen gegenüber, 
welche die Aufstellung, 
Ausführung und Bewäh- 
rung oder die üblen Folgen 
der verschiedensten Orga- 
nisationssysteme vor Au- 
gen rücken. Die erste Form, 
in der sich aus Zellen hö- 
here Organismen schaf- 
fen, ist die Plasmodien- 
oder Syncytienbildung. die 
materielle, sogar gestalt- 
liche Verschmelzung von 
Zellen. Sie war auf den 
vormaligen Entfaltungs- 
stadien des Erdlebens häu- 
figer als heute, denn es 
gibt mehr fossile Sipho- 
neen als rezente. Sipho- 
neen sind vielzellige grü- 
ne Süßwasser- und Mee- 




Abb. 87. Schlauchalgen (Siphoneen), welche eine andere Art von 
Zellvereinigung verwirklichen als die Zellenpflanzen. 1. Caulerpa, 
Tang aus den Tropenmeeren (nat. Größe). 2. Acetabularia medi- 
terranea aus dem Mittelmeer (nat. Größe). 3. Lager von Struvea 
plumosa aus den tropischen Meeren (nat. Größe). 4. und 5. Fossile 
Siphoneen (sog. Diploporen), deren verkalkte Reste erhebliche Teile 
der Triaskalkalgen zusammensetzen. 4. Geschliffenes Gesteinstück 
mit stielen von Diplopora sp. 5. Qyroporella triasiana, die sich 2. B. 
massenhaft in den Kalkwänden der Zugspitze (Wettersteinkalk) 
findet (vergr.). Original 



220 




Abb. SS. Blüte und Knospen auf den Strän^^en einer Rafflesia Arnukiii 
die als Schmarotzerpflanze in den Wäldern Siniiatras lebt 




Abb. SO. Das Cocnobium der (irinialtre Dicfyospliaerium piil- 
chellum bei starker Ver-jröHerunjr 

Ein Fall von einfachster Art des so/ialen ;^iisamiiu-nlehcns einer r.imilic. die aus 

den lcilini<jL;i einer Stammutterzelle liervor.tjiMir. Die Uictvospliacneii sind mif- 

cma-ider nur locker vereiniiji und nicht verwachsen. (Nach Senn) 




Abb. 90. Schnitt durch die Rindensubstanz 

einer injizierten Niere (25 jährig f), "lit den 

„Qlomeruli" und den gewundenen Nierenkanäl- 

chen (tubuli contorti) 

Etwa 60 fach vergrößerte Originalmikroaufiiahme von Frau 
Friedrich 




Abb.91 . Querschnitt durch einen jungen Lindenzweig 

Man erkennt deutlich den Bast, das Kambium, die Mark- 
strahlen und die großen Gefäße. Außer dem Bast liegt die 
Rinde mit den äußeren Korkschichten, im Zentrum das lockere 
Mark. Etwa 25 fach vergrößerte Original - Mikroaufnahme des 
Biologischen Institutes München 




resalgen, von denen einzelne 
Vertreter, Vaucheria am Teich- 
rand, die blätterbildende große 
Caiderpa im Tropenmeer, die 
sonnenschirmförmige verkalkte 
Acetahularia im Mittel meer 
weit bekannt sind. Das Beson- 
dere an ihnen, das bis zu unse- 
rem Interessenkreis reicht, ist 
ihre Zellenlosigkeit. Die Pro- 
toplasten geben die Individua- 
tion auf zugunsten des Ganzen. 
Das gesamte, oft metergroße 
Phylloid einer Caulerpa besteht 
aus einer schleimigen, unorga- 
nisierten Innenmasse, die sich 
nur durch spreizende Balken 
einige Festigkeit zu verschaf- 
fen weiß. Ähnlich, nur zusam- 
mengeballten Schleimklumpen 
gleich sind die Schlcimpilze 
(Myxomyceten) (Abb. 92) und 
Myxobakterien. in deren Ver- 
wandtschaft der Malariaerrcger 
gehört. Alles zusammen kaum 
einige hundert Gattungen gegen 
hunderttausende von anders or- 
ganisierten, trotzdem sie alt sind 
und Kalke (Gyroporella) schon im Triasmeer bildeten. Heute sind wenige 
und diese nur in geringer Anzahl da; die ausgestorbenen waren mehr, ja 
so massenhaft vorhanden, daß fast der gesamte Wetterstcinkalk in meh- 
reren hundert Kilometern Erstreckung und mehreren tausend Metern Mäch- 
tigkeit aus ihren Resten besteht. Daraus allein kann man schon mit Sicher- 
heit folgern, daß das Sichaufgeben des Individuums zugunsten des Ganzen 
nicht der erfolgreiche Weg der Staatenbildung war. 

Ein zweites Organisationsprinzip wird verwirklicht von den Flechten des 
Pflanzenreiches. Mutualismus oder Symbiose nennt man diese Vereinigung, 
bei der ein Pilz und eine Alge (vgl. Abb. 94) zusammentreten in eine 
Interessengemeinschaft der Ernährung, des Schutzes und durch gemein- 
same Brutknospen sogar der Fortpflanzimg, also in einem gesagt: in eine 
Gemeinschaft der Schicksale. 

Wenn es auch scheint, daß in diesem Konsortialverhältnis die grüne 
Pflanze in gewissem Sinn von dem Pilz beherrscht wird, so ist doch Gegen- 



Abb. 92. Lebensgeschichte der Schleimpilze (Myxomyceten). 
1. und 2. auskriechende Schwärmer von Didymium Leuco- 
pus, die sich in 3. zu einem Plasmodium zusammenlegen, von 
dem ein Teilstück in 4. vergrößert, in 5. in nalürl. Qrößc 
dargestellt ist. 6. Sporenbehältcr von Lycogala Epiden- 
drum in natürl. Größe. 7. Zwei Sporenbehälter von üic- 
tydium cernuu m in lOfacher Vergrößerung. 8. Geöffneter 
Sporenbehälter von Hemiarcyria clavata, dessen fädig her- 
vorquellendes Capillitium die Sporen ausschleudert, in 20- 
facher Vergrößerung. 9. Eine an der Kohlhernie erkrankte 
weiße Rübe. Die Ursache der Krankheit ist der Schleimpilz 
Plasmodiophora Brassicae; etwas verkleinert. (Originalzeichn.) 



221 








seitigkeit gewahrt, 
und es läßt sich 
nicht leugnen, daß 
die zustande gekom- 
mene Flechte in 
ihrer oft stattlichen 
und farbenschönen 
Erscheinung eine 
Daseinsform höhe- 
ren Ranges darstellt 
als jede ihrer Kom- 
ponenten für sich 
genommen. Insofern 
ist eine Becher- 
flechte (Cladonia) 
mit ihrem verzweig- 
ten silberschim- 
mernden Laub am 

trockenen Wald- 
boden und den 
prachtvoll korallen- 
roten Apothecien 
auf den zierlichen 
Becherchen sozu- 
sagen die Verkörperung des Integrationsgedankens. (Abbildung 94.) 

Trotzdem hat sich diese Methode der Organismenbildung nicht verbreitet. 
Wohl haben die Flechten in mehr denn 2000 Arten die ganze Erde und län- 
derweite Gebiete an den Grenzen des Pflanzenlebens mit Flechtentundren 
besiedelt, aber alle sind schwach und klein geblieben, und keine hat es zu 
Entfaltungen höherer Art gebracht. Auch dieser Entwicklungsast am 
Stammbaum des Lebens ist abgebrochen. Wollte man sinnbildlich reden, so 
drängte sich das Wort zu, daß auch durch die Freundschaft auf die Dauer 
keine Gemeinschaft zu begründen war. Dagegen ist in tausendfacher 
Variation auf der ganzen Erde eine dritte Integrationsmethode durchgedrun- 
gen, und das ist der Zusammenschluß gleichberechtigter Arbeiter zur Er- 
reichung gemeinsamer Ziele und die gemeinsame Unterwerfung solcher Ver- 
bände unter andere in steter Steigerung der Zwecke im Sinne gemeinsamen 
Nutzens. Mit anderen Worten: die Gesetze der Staatenbildung im Sinne 
des „contract social" sind so allgemein im Reiche der Organismen und 
seit so langer Zeit verbreitet, daß sie offenbar die der allgemeinen Welt- 
struktur entsprechende Form von Integration lebender Organismen sein 
müssen. Wenigstens wurden sie nicht durch die sonstigen Gesetze der 
Welt zerrieben. Verfolgt man diese Erscheinungen in ihre Einzelheiten, so 



Abb. Q4. Thallus der Flechten, vergrößert. 1. Ein Zweig des Lagers von 
Ephebe pubescens als Beispiel der lockersten Art von Symbiose. 2. Beispiel 
für das Zusammenleben der Pilzfäden mit der kugeligen Alge. 3. Soredie 
der Bartflechte (Usnea barbata). Einige Algenzellen wandern mit den sie 
umspinnenden Pilzfäden aus. 4. Eine Pilzspore der Urceolariaflechte. 5. Quer- 
schnitt durch das Lager der auf Bäumen häufigen Rindenflechte (Parmelia). 
Oben erkennt man die Schlauchsporen (Ascosporen) des Pilzes, darunter die 
sogenannte Oonidienschicht, in der Algen und Pilze zusammenleben; unten 
die feste Rindenschicht. (Nach Francs, Leben der Pflanze) 



222 



wird man die Grund- 
lagen einer organi- 
schen Soziologie er- 
bauen, zu der be- 
reits seit Comte's 
und Spencer's Tagen 
namhafte Vorarbei- 
ten vorliegen.^8) 

Wir sehen dem- 
nach aus der Betrach- 
tung der Weltge- 
schichte, die ja der 
Spiegel der Welt- 
gesetze und ihrer 
Folgen ist, die 
Menschheit zu allen 
Zeiten und unter al- 
len Lebensbedingun- 
gen in endlose Lei- 
den und Krisen ver- 
strickt, wenn sie 
nicht jenen Weg der 
Staatenbildung be- 
schreitet, der durch 
den Weltenbau vor- 
gezeichnet ist. In 
meiner Lebenslehre, 
die ich unter dem 
Titel : Die Wage des 
Lebens*), gewissermaßen als hysterisches Bilderbuch zu dem vorliegenden 
Werke herausgegeben habe, bin ich diesem Weg der Menschheit nachge- 
gangen, der wie eine große Klage vorüberzieht, und habe dort gezeigt, wie 
immer und bei allen Völkern dies Befolgen der Weltgesetzlichkeit die Aus- 
nahme, das Abirren von ihr und damit auch Entartung, Leid und Krisen 
jeder Art die Regel gewesen sind. Nur da und dort, in dem chinesischen 
Reich unter dem Einfluß der konfuzianischen Lebensregeln, in den pytha- 
goräischen Gemeinden, in der griechischen Polis, in den deutschen Reichs- 
städten hat sich für kurze Zeit eine Kultur herausgebildet, welche in einigem 
als Abbild der Weltgesetzlichkeit diesen Namen verdiente. Freilich verging 
auch sie alsbald immer wieder durch die Reibungen mit der anders ge- 
arteten Umwelt, aber selbst in den Jahrzehnten ihres Bestehens schuf sie 
Lebens- und Kulturwerte, so daß noch Jahrhunderte und die erleuchteten 




Abb. 93. Die häufigsten einheimischen Strauch- und Becherflechten. Auf 
dem Baumstamm wuchern Cladonien, vorn die einfachen becherförmigen 
Podetien von Cladonia pyxidata, dahinter die verzweigten Träger der Apo- 
thecien von Cladonia rangiferina, 'zu oberst Cladonia coccifera. Im Hinter- 
grund links das isländische „Moos" (Cetraria islandica), rechts Rentiermoos 
(Cladonia rangiferina), beide die Hauptbestandteile der nordischen Tundren. 
(Teilweise nach der Natur gezeichnet) 



*) Prien b. München (Anthropos-Vcrlag). 1922. 3. Aufl. 

223 



Geister aller Völker sehnsüchtigen und verzückten Auges auf sie zurück- 
blicken, gleichsam wie auf unerreichbare Ideale des Menschentums. 

Wohl behaupten seit dem merklichen Sinken des kulturellen Niveaus 
durch den großen Krieg der jüngsten Zeit lauter gewordene Stimmen als 
früher, eine solche Lebensregeiung und Weltanschauung von rein natur- 
wissenschaftlichen Grundlagen aus errichtet, sei für immer abgetan. Sie 
haben auch nicht unrecht, wenn sie auf das Unpsychologische, an absolute 
Erkenntnisse Gläubige des Positivismus oder des Monismus Häckel'scher 
Prägung abzielen, aber nie und nimmer wird in der Welt einer ihrer Teile 
in dem Getriebe des Ganzen bestehen können, wenn er nicht den Gesetzen 
dieser Welt gemäß gebaut ist und handelt. 

Auf der Stufe der Menschwerdung aber haben die Singula, mögen sie 
nun bloß als geistige Wesenheiten oder als materielle Teile gefaßt werden, 
also sowohl für das Erleben des Idealisten wie des Materialisten, die Inte- 
grationseigenschaft der Freiheit, die sich in ihren sozialen Gebilden aus- 
spricht, und die ihnen den Charakter aufdrückt. Es ist dem Willen der 
staatenbildenden Personen anheimgestellt, sich an dem Zusammenschluß zu 
beteiligen oder ihn anarchisch zu regieren. Darin scheint das völlig Wesens- 
verschiedene von Staat und Zellengemeinschaft zu liegen. Nähere Betrach- 
tung ergibt allerdings darin etwas Neues, von der Staatstheorie und Sozio- 
logie, fast will es den Anschein haben, geflissentlich Mißachtetes und 
Übersehenes, nämlich die für das „Staatsleben" geradezu ausschlaggebende 
Bedeutung der Abstammung der Staatsteilnehmer. 

Die Zellenstaaten bestehen aus Personen von gleicher Abstammung. 
Eigentlich verwirklichen sie das Matriarchat, oft in reinster Form. Der Auf- 
bau einer Zellengemeinschaft erfolgt entweder durch Knospung, also Kolo- 
nienbildung, wie sie die antike Polis auch kannte, oder in den weitaus 
häufigeren Fällen durch Befruchtung, die wenigstens bei den Pflanzen eine 
doppelte ist. Der vorher geteilte Kern der Vaterzelle (Spermakern) ver- 
einigt sich sowohl mit dem Kern der Mutterzelle, als auch mit dem sog. 
vegetativen Kern des pflanzlichen Embryosackes zum Endospermkern (vgl. 
Legende und Abb. 95). Aus diesen beiden Kernen sproßt nun das ganze 
neue Geschöpf; durch die stets fortgesetzten Teilungen, zu deren Verständ- 
nis man die Abbildung (24) der Blastula betrachten möge, wird jede Zelle 
des funktionsfertigen Organismus zum Sippenverwandten der anderen, und 
das Ganze stellt wirklich ein „Volk von Brüdern" dar, zum mindesten 
ein System von Personen gleicher Abstammung. Es ist also in jeder Zelle 
eines Organismus wenigstens der Grad gleicher Veranlagung vorauszusetzen, 
der Kindern eines Elternpaares zukommt. Das macht die absolute Unter- 
ordnung unter gemeinsame Zwecke, die man im Zellenstaat allenthalben 
beobachten kann, leicht erklärlich. 

Es ist nun noch viel zu wenig beachtet worden, daß auch in den Organis- 
menstaaten außer dem Menschen, das gleiche Matriarchat herrscht. Solche 

224 




Abb. 95. Die Befruchtung des menschlichen Eies 

Versuch einer Rekonstruktion des noch nie gesehenen Vorganges. Die Be- 
fruchtung findet statt in dem Eileiter (Tuba uterina), dessen Queransicht mit 
den großen, namentlich ampuUären Teil stark verzweigten Falten der mit 
Flimmerhaaren bedeckten Schleimhaut dargestellt ist. Unten ist die Muskel- 
haut mit einigen Venenquerschnitten gezeichnet. — In den Falten verfängt 
sich das befruchtungsreife Ei, das von dem lockeren Zellenhaufen des discus 
oophorus umgeben ist, und das von den Samenfäden der eingedrungenen 
SpermaflQssigkeit umschwärmt wird. Diese sind größer dargestellt (dtr 
Deutlichkeit halber), als es den wahren Verhältnissen (Eidurchmesscr 3Ö0 ^i, 
Spermalänge 70 fJ.) entsprechen würde. Ein Samenfaden dringt soeben ein 
und vollzieht die Befruchtung. (Mäßig vergrößert.) Nach den Angaben des 
Verfassers gezeichnet. 



sind bekanntlich die 
Nester der Amei- 
sen, Bienen, Wespen, 
Hummeln, Termiten, 
die Bauten der Ko- 
rallen, die Kolonien 
der Moostierchen 

(Bryozoen), die 
Staatsqual len^5/;7/20- 
nophoren) (siehe Ah- 
bildung 129 Bd. II), 
von denen eigentlich 
keine das absolute 
Analogon zum Men- 
schenstaat darstel- 
len, da ihre Mitglie- 
der zur Vergesell- 
schaftung nicht in 
Freiheit ihrer Wahl 
schreiten. Die Mit- 
glieder eines Amei- 
sennestes (bisSOOOO) 
sind Abkömmlinge 
der gleichen Mutter 
und alle untereinan- 
der, wenn sie auch 
von verschiedenen 

Vätern stammen, 
verwandt, was sich 



schon in dem gemeinsamen, auch zur Erkennung ihrer Zusammengehörigkeit 
verwendeten Nestgeruch ausspricht. 

Die Staatsformen, deren absolutes Gedeihen im Einklang mit den logi- 
schen Gesetzen der Systembildung den menschlichen Staatenbildungen als 
unerreichtes Vorbild dienen könnte, beruhen also auf Reinrassigkeit. Wo wir 
das Optimum des Staatenlebens angenähert finden — und bei den sozialen 
Insekten ist es unbestritten angenähert — , da wurde es nur erreicht, dadurch 
daß der Staat keine rassefreniden Eindringlinge duldete. Jede Ameise aus 
fremdem Nest wird unerbittlich getötet oder versklavt, so wie die Ameisen- 
gäste aus dem Kreise der /Cö/^A- u.dgl. In den von Krisen freien und dauernd 
haltbaren Staaten — die sozialen Insekten befolgen dieses System minde- 
stens seit dem Tertiär, also seit annähernd zweitausendmal längerer Zeit als es 
Menschenstaaten gibt — ist demnach Rassenhygiene und die Hochhaltung 
der Reinrassigkeit eine streng gewahrte Vorbedingung der Staatenbildung.-'») 

15 

225 



Franci, Bios 



Wenn man mit dieser Idee im Kopfe zur Geschichte der menschlichen 
Staaten zurückkehrt, blickt man gewissermaßen wie mit neuen Augen auf die 
ununterbrochene Kette von Leiden, denen die Einheimischen und die Zuge- 
wanderten bei allen Völkern dadurch ausgesetzt waren, daß es vielleicht 
mit Ausnahme Islands und der Faröer in der Kulturmenschheit nirgends 
Staatenbildungen reinrassiger Völker gab und gibt. Klar vorgezeichnet sieht 
man dann, daß der Weg zur Besserung der moralischen, wirtschaftlichen, 
sozialen und politischen Zustände, von der alles andere abhängt, mit einer 
Rassenpolitik einsetzen muß, deren Gesetze freilich auch erst noch gereinigt 
und festgestellt werden müssen. Man fühlt es, wie mpji mit diesen Gedan- 
ken an die Wurzeln des Elendes greift, das die Menschheit quält; man sieht 
in die Sackgassen hinein, in die sie sich verrannt hat, während der deut- 
liche und breite Pfad der Erlösung zu fernen Höhen führt. Man kann von 
hier aus die Gesetze der Welt unmittelbar auf die Bedürfnisse des Tages an- 
wenden, auf seine drückendsten Nöte und die große Verwirrung, in der die 
besten Absichten wie im Nebel irren, als seien sie, die uralten und ewig wieder- 
gefundenen, das modernste, rettende Schlagwort und die neueste Erlöseridee. 

In dieser Region herrscht für den objektiven Denker absolute Klarheit und 
jene Schwungkraft erlebter Wahrheit, die dem Handeln den Arm stählt — 
aber in allem, was darüber hinaus ist, breiten sich wieder die Schleier, die 
Augentäuschungen und perspektivischen Verzeichnungen, die nun einmal 
für das Menschenauge von der Entfernung unzertrennlich sind. Denn es 
läßt sich weder mit Sicherheit erkennen, in welcher Weise die Fähigkeiten 
der in der Erde zusammenwirkenden sämtlichen bisher untersuchten Singu- 
lationen durch die Erde integriert werden, noch was die spezifische Funk- 
tion der Himmelskörper im Weltganzen sein mag. 

So viel auch Geophysik bisher schon geforscht hat, im ganzen weiß sie 
doch überraschend wenig. Das kommt sicherlich mit davon her, daß sich 
ihr weder die unbedingt nötige Geochemie noch die Geobiologie ange- 
schlossen haben; man wagte wohl die Erde einheitlich als Kugelmasse, 
als Rotationsellipsoid, als Magneten, als Einheit im Bau des Riesenatoms, 
genannt: Sonnensystem, aufzufassen, weder aber als Stoff höherer Ord- 
nung, noch mit Ausnahme Fechners^^) und einiger anderer Versuche als 
Lebewesen für sich. Beides wird nicht ausbleiben und wird die Entdecker 
mit einer Flut neuer Einsichten überschütten. 

Aber das alles ist Sache der Forschung, der Induktion, und nicht die des 
reinen Denkens und der denkenden Verknüpfung schon gewonnener Kennt- 
nisse. Ich kann daher nur Weniges mehr dem hinzufügen, was ich von den 
Eigenschaften des Seins auf dieser Entitätsstufe bereits auf S. 75 gesagt 
habe. Nur von den noch besprochenen Eigenschaften des Qeoids, wie 
der Astrophysiker die Erde als Objekt seiner Betrachtungsweise nennt, ist 
vieles bekannt, namentlich wenn man das Wissen hierüber vergleichend dem 
von seinen Gefährten und seiner „Mutter", der Sonne, einordnet. 

226 



Das elementarste davon ist die Kugelgestalt der Erde, die man 1m' Kultur- 
kreis immer wieder erkannt, aber auch immer wieder vergessen fiat. Ari- 
starch aus Samos verschaffte der pythagoräischen Schule den Ruhm, die 
erste gewesen zu sein, die {Aristoteles stand dem entgegen) diese grund- 
legende Tatsache der Erdkunde behauptete, und wenn man sich heute die so 
einfachen Beweise dafür vor Augen hält, erstaunt man und versteht es, 
wieso die Menschheit, die so simple Dinge weder finden noch fassen konnte, 
sich auch noch heute in einem Stadium befindet, in dem sie von den ersten 
Gesetzen des Daseins und ihres Lebens keine Ahnung hat. Es gibt der 
Beweise für die Kugelgestalt der Erde eigentlich zahllose, angefangen von 
der Möglichkeit der Erdumseglungen, deren erste Magelhaes von 1519 bis 
1522 ausgeführt hat, und von dem Kugelschatten, den der Erdball gelegent- 
lich einer Mondfinsternis auf diesen wirft, bis zur sphärischen Krümmung 
von Spiegelbildern der Ufergegenstände im Meer oder in Seen und dem 
Verschwinden abfahrender Schiffe, oder auch von fernen Bergen unter dem 
Horizont. Das ist den Bergsteigern wohlbekannt in der Form, daß sich ihr 
Gesichtskreis nicht in dem Maße unbegrenzt erweitert, je höher sie stehen. 
Bekanntlich ist bei sichtigem Wetter der Gesichtskreis in der Ebene etwa 
4 km weit gezogen. Dieser Radius beträgt aber bei 100 m Erhebung bloß 
38 km, bei 300 m 66 km, bei 2000 m 172 km und bei 3000 m 210 km. 
Vom höchsten Berge Deutschlands aus erblickt man daher als Grenze den 
Dom von Ulm, der etwa 200 km entfernt ist. Das wäre anders, wenn die 
Erde Scheibenform hätte, wie Homer oder die Ritter glaubten. Die Kugel- 
krümmung ist dagegen so gewaltig, daß ein Schiff schon in 3500 m Ent- 
fernung um einen Meter unter den Gesichtskreis versunken erscheint. 

Aber diese Kugel ist abgeplattet, deshalb nennt man sie Geoid. So wie 
die Kugelform die technische Form der Drehfunktion ist, so ist auch die 
Abplattung nur deren Folge. Die Rotation der Erde wurde bekanntlich in 
der wunderbaren Halle des Pantheons zu Paris im Jahre 1851 zuerst von 
Foucauli öffentlich nachgewiesen. Er hing darin an der 67 m hohen Kup- 
pel ein 28 kg schweres Pendel auf und ließ es schwingen. Dreht sich nun 
die Erde, dann verschiebt sich der Boden unter dem Pendel, und tatsächlich 
nach einigen Minuten zeigte sich eine solche Verschiebung nach rechts, so 
wie es die Theorie der Erdrotation forderte. 

Das leuchtet alles ein, und man prägt sich respektvoll die durch die 
mühevollsten Messungen ermöglichten Daten über die Dimensionen der 
Erde ein (nach ßessel), wonach 

die halbe große Äquatorialachse 6 378 153 m, 

kleine Polarachse 6 356 832 m beträgt, 

so daß die 21321 m Unterschied einer Abplattung von »/„j entsprechen. 
Mit diesen Zahlen steht im Einklang, daß der Umfang des Äquators 
40 070 km, die Oberfläche der Erde 510 082 Millionen km 2 (Deutschland ge- 
rade den millionsten Teil davon), ihr Volumen 1 083 260 Millionen km» mißt. 

15» 

227 



übersetzt man diese weit über die Zoesis hinausreichenden Zahlen in 
eine faßlichere Darstellung, so müßte ein korrekt gearbeiteter Globus von 
einem Meter Durchmesser an der Polachse um drei Millimeter kürzer sein. 
Das nehme wahr, wer es kann. 

Diese Dinge sind zwar gemeinbekannt, aber trotzdem macht man sich, 
wie man aus den allenthalben angewendeten Vorstellungen sieht, nicht den 
richtigen Begriff davon, daß diese Ziffern bedeuten, die Erde sei so klein 
im Vergleich zum System, zu dem sie gehört, daß sie anmutet, wie ein Staub- 
körnchen, das sich in den Sonnenstrahlen in einem leeren Zimmer dreht. 
Schon in der Sonne allein hätten 1 300000 Erdkugeln Platz. Trotzdem glaubte 
die Menschheit viele Geschlechter hindurch, um die Erde drehe sich dieses 
ganze Sonnensystem mit seinen 700 ebenbürtigen anderen Himmelskörpern! 
Diese Kugel ist nun bekanntlich ein Ball aus Gasen, Wasser und Gesteinen. 
Ihre gesamte Dichte beträgt 5,5 mal mehr, als wenn sie nur aus Wasser 
bestände, trotzdem ihre Oberflächengesteine nicht dichter denn 2,7 sind. 
Wenn man dagegen hält, daß Merkur, der sonnennächste der Planeten, eine 
Dichte von 6,57, Venus 4,52, Mars 3,98, Jupiter 1,36, Saturn 0,72 besitzen, 
will es wie ein Gesetz erscheinen, daß die zuerst gebildeten Planeten aus 
immer weniger dichter Materie bestehen, wenn nicht Uranus mit 1,09 und 
Neptun mit 1,68 diese Reihe stören würden. Aber auch so bleibt im großen 
die Tatsache bestehen und fordert eine Erklärung, die nach allem, was man 
weiß, nur in der Richtung liegen kann, daß die Planeten Abkömmlinge von 
oberflächlichen leichten und tieferen dichten Schichten der Sonne sind, daß 
also in der Sonne eine Art Saigerung stattgefunden haben müsse. Damit 
stimmt, daß auch in der Erde sich die Massen höchst ungleichmäßig ge- 
lagert haben, denn, wie erwähnt, sind schon die Schichten unter den 72 mit 
Wasser überfluteten Hundertteilen der Erde weit fester als unter den Konti- 
nenten, und unter den Gebirgen sind sie noch lockerer als unter den Ebenen. 
Vergegenwärtigt man sich dazu die Verteilung der Kontinente (vgl. Abb. 73) 
und fügt") dazu, daß die mittlere Höhe keines Erdteils weder unter 300 m 
noch über 940 m beträgt, die mittlere Tiefe sämtlicher Ozeane aber 3800 m, 
so wird man bald selbst die Tatsache entdecken, daß das Gleichgewicht 
der Erde gestört wäre, wenn nicht am Rande der Wasserhalbkugel ein 
sechster großer und hoher Kontinent vorhanden wäre. Seine Entdeckung 
— es ist die Antarktis, ein bis 4000 m hohes Plateau von ungeheuren Di- 
mensionen — rechtfertigte also eine langgehegte Erwartung der Geo- 
graphen. Die Kontinentverteilung ist demnach etwas wie eine Art Anpas- 
sungserscheinung an die jeweils auftretenden Änderungen, die zu den Inte- 
grationsphänomenen des Erdballs gehören. 

Genannt von ihnen (vgl. S. 68) wurden schon die Schollenbewegungen 
und die davon abhängigen Transgressionen, der Vulkanismus und die Erd- 
wärme, sowie die Pendulation (vgl. S. 69). Zu diesen gesellen sich aber 
auch noch die elektrischen und magnetischen Phänomene, ferner die Luft- 

228 



entwicklung der Erdkugel; denn so wie diese Dinge alle von der Sonne 
abstammen und von ihr aus geregelt werden, so ist doch die Erde über- 
haupt nichts als der Abkömmling der Sonne, und die besagten Eigenschaften 
bleiben nach wie vor an die Kategorie der Weltkörper gebunden. 

Die wahre Ursache der Schollenbewegungen ist unbekannt, wenn man von 
der von dem Wiener Geologen Sueß aufgestellten Theorie absieht, daß die 
erkaltende Erde schrumpft. Absehen muß man aber von ihr, weil nicht nur 
der Radiumgehalt der Gesteine gegen eine Abkühlung, sondern auch die 
KUmamigration, die Eiszeiten im Perm gestattete, gegen sie zeugt, und vor 
allem muß man es, seitdem man erkannt hat, daß alle Kontinente sinken 
und alle Meerestiefen steigen, daß die Schollenbewegungen also von einem 
anderen Gesetz regiert werden, als dem eines kontinuierlichen Wärme- 
verlustes.ß2) 

Die Tatsache der Erdwärme selbst, die mit dem Vulkanismus in engen 
Beziehungen steht, legte dem Menschengeist eines der schwersten Rätsel 
auf. Es war seinerzeit so einfach und naiv zu sagen, daß die Erdwärme 
und die durch sie geschmolzenen Magmamassen, die durch etwa 300 V«/- 
kane gegenwärtig noch ausgeleert werden, ein Überbleibsel des großen 
„Zentralfeuers" seien, aus dem die Erde selbst hervorging. Aber alles, was 
man seitdem durch eingehendere Forschung erfährt, zeigt, daß die Ver- 
hältnisse keineswegs so einfach gelagert sind, wie man damals dachte. 

An der Tatsache der Geothermie (vgl. S. 193), sowie daran, daß sowohl 
die Sonne wie verschiedene ihrer Planeten, so namentlich der Jupiter, (vgl. 
Abb. 47) glühende Gasbälle sind, läßt sich nicht zweifeln; auch vom Mond 
sind Dampfentwicklung und vulkanische Erscheinungen bekannt. Man kann 
demnach den Analogieschluß wagen, daß alle Himmelskörper — von den 
Lichterscheinungen der Sonne auf die Sonnennatur der anderen Fixsterne 
schließend — Wärme- und damit Licht- beziehungsweise Elektrizitäts- und 
Magnetismusqualitäten besitzen. 

Das ist die feste Grundlage, auf der man versuchen kann, den Satz auf- 
zubauen, daß die physikalisch-chemischen Kräfte (ihre Grundlage ist die 
Elektrizität) eine Integrationseigenschaft der Himmelskörperstufe sind. Der 
Satz hätte Geltung, wenn sie an deren Teile nur von außen herankämen. 
Nun werden Licht, Wärme, Elektrizität in ihren vielen Modifikationen uns 
tatsächlich von der Sonne her zugeführt, sie scheinen nicht den irdischen 
Stoffen immanent zu sein, wie etwa Form oder Schwerkraft.*) Nur muß da- 
zu das eine bedacht werden, daß die Auflösung der Masse, also der Stoff- 
lichkeit, selbst in Beharrungswiderstand von Elektronen besteht. (Vgl. S. 24.) 
Die gesamte Existenz der Erde (= Masse) ist damit in ein elektrisches 
Phänomen und somit eigentlich in eine Integrationsqualität der Weltkörper 
verwandelt. Ein höchst merkwürdiger Gedanke ist damit gegeben. 

*) Obwohl die Frage der Schwerkraft, da wir deren Natur nicht kennen, nicht 
spruchreif ist. 

230 



Es wird im Rahmen des Funktionsgesetzes Sache der Untersuchung sein, 
darüber ins Klare zu kommen, wie das Verhältnis von Stoff und Kraft 
eigentlich beschaffen ist, und ob man wirklich kühnlich den Satz vertreten 
kann, daß die Kräfte von außen her wirken. Auch Teile der Erde, nämlich 
in Brand geratene, oxydierende oder durch elektrische Ströme affizierte 
Gegenstände können leuchten, somit scheint Licht nicht bloß an die Welt- 
körper gebunden zu sein. Aber das scheint nur so; tatsächlich handelt es 
sich in allen Fällen von Licht um elektromagnetische Vorgänge, also ein 
von der Sonne ursprünglich ausgegangenes „Etwas", und aus Elektrizität 
können nach dem Satz von der Erhaltung der Energie alle physikalisch- 
chemischen Energien geschaffen werden. 

Masse und ihre Form sind nur Erscheinungen dieser Elektronenwelt, und 
so sieht schon bei einigem Nachdenken der oben versuchsweise hinge- 
stellte Satz so aus, daß die Himmelskörper als Ganzes die Ursache ihrer 
gesamten Stoff- und Kraftphänomene sind. Mit anderen Worten : auf einem 
anderen Wege als dem der vergleichenden Beobachtung kann auf diese 
Weise erschlossen werden, daß die Sonne der Urheber und Ursprung der 
Erde und ihrer gesamten Erscheinungen sei. 

Das aber ist eine der grundlegenden Überzeugungen der gesamten Astro- 
physik und der Kosmologie. Auf drei Wegen kam man somit zu dem 
gleichen Resultat. Und die Denkungsart der objektiven Philosophie darf 
für sich in Anspruch nehmen, daß sie einen neuen Beweis für die Richtig- 
keit der modernen Theorie vom Sonnensystem gefunden hat. Sie stützt die 
anderen, wird aber auch von ihnen gestützt. 

Nur eines paßt nicht zu dem Bilde, und das ist die Ansicht vom Wesen 
der Schwerkraft, wie man sie noch vor kurzem hatte. Sie eignet danach 
jedem Atom der Erde, ebenso wie der Erde und der Sonne in gleicherweise 
und stellt sich in einen gewissen Gegensatz zu allen übrigen physikalischen 
Kräften, schon durch die blitzartige Fernwirkung auf beliebige Weiten hin. 
Freilich birgt das neben anderem auch den inneren Widerspruch, daß nicht 
alle Teile der Erde und der anderen Himmelskörper Gravitationswirkungen 
entfalten. Die Theorie Newtons fordert vielmehr den logischen Nonsens, 
daß im Zentrum der Weltkörper gar keine Schwerkraft herrsche. 

Aber wie schon erwähnt, prallt diese Schwerkraftslehre mit der Relativi- 
tätstheorie zusammen (vgl. S. 28) und sie ist in einer grundlegenden Um- 
bildung begriffen, so daß gerade die Forderung der objektiven Philosophie 
nach einer solchen schon erfüllt wird, bevor sie noch gestellt ist. So wären 
denn Erdwärme und Vulkanismus letzten Endes aus der „Sonncnhaftig- 
keit" der Erde zu erklärende Eigenschaften, die sich in den einzelnen Teilen 
der Erdkugel eben in der durch die Druckverhältnisse modifizierten ver- 
schiedenen Weise äußern, wie sie auf Seite 188 skizziert wurden. 

Von allen Naturerscheinungen haben von jeher die Ausbrüche der Vul- 
kane und die damit oft verbundenen Erdbeben die Aufmerksamkeit der 

231 



Menschen am intensivsten auf sich gezogen durch die dämonischen, zerstö- 
renden Gewalten, die dabei mit dem Menschenleben spielen, und die auf 
die Seele so nachhaltig und tief wirken, daß von jeher alle Vorstellungen 
von Unterwelt, Hölle und Weltuntergang, die seit Jahrtausenden schrecken, 
sich in keine anderen Formen als in die der dabei erlebten Bilder gekleidet 
haben. Und wirklich, in den vielen Naturerinnerungen, die aufzuschlagen 
mir dreißig Jahre Naturforschung gestatten, sind die drei nachhaltigsten 
der Anblick des großen Vesuvausbruches, die Solfatara in den phlegräischen 
Feldern bei PozzuoU und die Erdbeben, die in den Jahren zwischen 1909 
und 1914 das Alpenvorland beunruhigten. 

Nie, auch nicht im Augenblick unmittelbarer Todesgefahr, legt sich das 
Grauen so lebensfeindlich auf die Seele, wie bei solchen Erlebnissen. Die 
Kanonade am Himmel, der Einbruch finsterster Nacht am hellen Mittag, das 
metallische Rauschen und Klirren der mit Wolkenbrüchen niedergehenden 
Aschenmassen, das tiefe unterirdische Rollen und Dröhnen, das wild bewegte 
Meer, die Angst der Tiere und der panische Schrecken der Menschen ver- 
einigen sich mit einer schweren, nicht zu überwindenden Erschütterung der 
Nerven bei einem Vulkanausbruch zu einem Erlebnis, das tiefere Spuren 
hinterläßt, als die Todesangst, selbst dann, wenn man sich in keiner unmit- 
telbaren Gefahr befand. Und wie Geistermacht haucht auch der aus geheim- 
nisvollen Klüften emporfauchende, erstickende Strom von Schwefeldämpfen 
den unvorsichtigen Besucher der Solfatara an. Gespenstisch, durch Mark 
und Bein rieselnd ist schon das leiseste Schwanken der scheinbar so fest- 
gefügten Erde; wie aber, wenn ein solches Erlebnis sich zu Katastrophen 
steigert, wie jene in der Neujahrsnacht 1909 zu Messina, die 198 000 Men- 
schen das Leben kostete, oder dem ein Jahrhundert lang in der Literatur 
nachzitternden Erdbeben von Lissabon (1. Nov. 1755), das bis in Deutsch- 
land dem Volk merkbar war und 90 000 Menschen im gleichen Augenblick 
mit sich nahm? Oder der heftigste, vulkanische Ausbruch, den man in 
neuerer Zeit kennt, der vom 26.-27. August 1883 zwei Drittel der java- 
nischen Insel Krakatoa in die Luft sprengte und 40 000 Menschen tötete. 
Die dadurch erzeugte Rauch- und Dampfwolke (vgl. Abb. 49) stieg minde- 
stens dreißig Kilometer hoch empor und warf an 18 Kubikkilometer Mate- 
rial aus. Das war so viel, daß namentlich im Abendsonnenlicht herrlich 
leuchtende Aschenwolken jahrelang danach die Menschheit des ganzen Erd- 
balls in Staunen versetzten. Der bei der Explosion entstandene Donner 
wurde auf dem vierzehnten Teil des Erdballs gehört, und sowohl eine 
Meereswelle wie eine Luftdruckschwankung umkreiste mehrmals die ganze 
Kugel. Noch schrecklicher muten die Berichte an, die Augenzeugen des 
Erdbebens gaben, das San-Francisco am 18. April 1906 in Schutt legte. Und 
das sind nur wenige flüchtig aufgeblätterte Seiten aus dem großen Buche 
der Erdbeben- und Vulkankatastrophen, dessen Hauptkapitel Japan, Süd- 
amerika und immer wieder Italien (Kalabrien) lauten. In solchen furcht- 

232 



Abb. 101. Kombiniertes Bild der Sonne mit Sonnenflecken und Protuberanzen 
(Nach Annais of the astronomical observatory Harvard College 1873) 



baren Schritten gehen die Kräfte der Erde daher und erinnern so, wie sie 
den Gläubigen alter Zeit ein memento mori waren, den modernen Menschen 
daran, wie töricht und vergeblich es von ihm wäre, zu glauben, man könne 
sich mit den Weltgesetzen irgendwie anders abfinden als dadurch, daß man 
sich völlig reibungslos in sie einfügt. 

Über die wahre Ursache der Vulkanausbrüche weiß man derzeit, wenn 
man sich durch die Berge einander widersprechender Literatur hindurch- 
gelesen hat, eigentlich nichts Sicheres; hat doch jedermann Meinungen 
statt wirkliche Kenntnisse. 

Hält man sich bloß an das Wahrnehmbare, so entsteht etwa folgendes 
Bild der vulkanischen Welt. Gewisse Teile der Erde sind reichlicher mit 
diesen Entgasungsöffnungen besetzt denn andere. So ist namentlich der 
Küstensaum des Stillen Ozeans von einer wahren Perlschnur von Vulkanen 
umlagert. Darunter befindet sich der höchste aller bekannten, nämlich der 
5950 m hohe Cotopaxi, der riesige, 4560 m hohe KUutschewskaja Sopka 
auf Kamtschatka und der in seiner Ausdehnung größte von allen, der ha- 
waianische Mauna Loa mit seinen wunderbaren, bis ca. 300 m hohen Lava- 
fontänen. Reihenförmig angeordnet sind fast alle erloschenen und lebendigen 
Vulkane, und die zahlreichsten stehen am Rande der schon erwähnten (vgl. 
S. 183) ozeanischen Gräben. Darum befestigte sich von Suess bis Stübel in 
den Köpfen die Meinung, Vulkane bedeuteten nichts anderes als ein bald 
passives, bald aktives Emporquellen des Magmas an den Rändern der 
großen Brüche der Panzerdecke (vgl. Abb. 71). Eigentlich ist es eine unter- 
geordnete Frage, wenn sich auch noch so viel Meinungen um sie drängen, 
welche Rolle dabei dem magnetischen Gasgehalt zukomme, ob der Wasser- 
dampf, der dabei in die Luft geblasen wird, juvenilen, d. h. erdinneren Ur- 
sprunges sei oder vados, d.h. herabgesickert, und eventuell, ob er Kristall- 
wasser der Gesteine sein könne, oder ob die kolossalen Dämpfe (vgl. Abb. 66 
u. 100), die einen Vulkanausbruch allein schon zu einem der erhabensten aller 
irdischen Naturschauspiele gestalten, möglicherweise gar nicht Wasser, son- 
dern andere Gase seien, und wie diese Streitfragen sonst noch alle lauten. 

Wichtig für das Erdganze ist davon nur die eine unbezweifelbare Tat- 
sache, die Arrhentus stark in den Vordergrund schiebt, daß die Kohlensäurc- 
produküon der Vulkane eine ganz kolossale sei und den Kohlcnsäurekonsum 
der Gesteine und Pflanzenwelt decke. Diese Kohlensäure wird gelegentlich 
der Ausbrüche durch die Abkühlung der Silikate frei und in ungeheuren 
Mengen bei der Verwitterung und der Bildung von kohlensaurem Kalk ge- 
bunden. Außerdem ernähren sich die Pflanzen von ihr, und die ganze wun- 
derliche Welt der Kohlenstoffverbindungen, denen wir vorhin so viel Be- 
achtung schenkten, lebt davon. Diese Mengen darf man nicht unterschätzen. 
Die Kohlenproduktion durch die Pflanzen ist 15mal größer als die Stcin- 
kohlenkonsumtion der Menschheit, und in den Dolomiten und Kalken der 
Erdoberfläche ist 25 000 mal so viel Kohlensäure gebunden als gegenwärtig 

233 



in der Luft schwebt. Es sind also eigentlich die Vulkane eine notwendige 
Vorbedingung des gesamten Lebens und damit ein unentbehrliches Glied 
im Erdganzen. 

Klar ist doch auch, daß die Vulkane an Laven, Bimssteinen, Aschen, Tuff 
und Obsidianen nichts entleeren, was aus den tieferen Schichten der Erde 
stammt, so daß sie keinen Aufschluß über das Erdinnere, sondern nur über 
die Erdrinde geben. Das Tiefste, was sie heraufholen, ist immer noch erst 
eine Lava, die aus den Bestandteilen des Granits (Abb. 62) zusammengesetzt 
ist, der nach allem für die primäre Erstarrungsrinde gehalten wird, und so 
scheinen sie nur aus Reservoiren zu schöpfen, die gleichsam wie Nester 
zwischen der Panzerdecke und den durch den Druck wieder fest gewordenen, 
wenn auch heißen Erdzonen eingeschaltet sind (vgl. Abb. 71). 

Da nun die Vulkanzonen fast genau die gleiche Verteilung aufweisen wie 
die großen Erdbebenzonen der Erde, so ist es naheliegend, zwischen den 
beiden irgendwelche Beziehungen anzunehmen. Auch hierüber wogt noch 
das Für und Wider der Diskussion, obzwar sich aus ihr längst herausgeschält 
hat, daß man die Einsturzbeben, die durch den Zusammenbruch großer, in 
gewaltiger Erdtiefe liegender Hohlräume entstehen, die mit den Magma- 
herden in Beziehung stehen können, sehr wohl sondern muß von den tekto- 
nischen Beben, die sich immer in Gebieten abspielen, wo die Erdschollen 
Brüche aufweisen. Diese tektonischen Beben sind es, durch deren Wirken 
vielleicht alle Gebirge und alle Meeresbecken entstanden sind und noch 
immer entstehen. 

Sie sind die größten Katastrophen, welche die Menschheit bisher betrof- 
fen haben, die auf einmal Städte in Staub niedersinken und Hunderttausende 
von Menschen umkommen lassen, die Flutwellen entfesseln gleich jener zu 
Peru im Jahre 1724, die vier Schiffe eine Stunde weit landeinwärts trug und 
sie dann niedersetzte gleich einer gestrandeten Arche Noah, und die alle 
Phantasien vom Weltuntergang in Wirklichkeit verwandeln. Noch im Winter 
1914, als ich das Anfang 1909 zerstörte Messina wiedersah, war es ein Ort 
des Grauens, und lähmendes Entsetzen lag immer noch über den elenden 
Wellblechhütten, die sich im Schutt ehemaliger Palaststraßen erhoben. Und 
doch war auch das schon wieder liebgewordene Heimat und trauter Frie- 
den gegenüber der Hölle von Wahnsinnigen, Leichen, Verbrennenden und 
im bloßen Hemde Flüchtenden, die in der Silvesternacht des Jahres 1908 
den Ort nicht fanden, an dem vor wenig Stunden ihr Glück scheinbar fest- 
gebaut stand. Angesichts der gewaltigen Gebirge, die selbst in Europa sich 
noch 4812 m über das Meer emporheben, und der mehr als doppelt so 
tiefen Meeresbecken (vgl. Abb. 49) ist man versucht anzunehmen, daß die 
durch tektonische Erdbeben verursachten Auffaltungen in vergangenen 
Zeiten noch weit machtvoller und zerstörender gewesen sein müssen als in 
der Jetztzeit, daß die innere Kraft des Erdriesen also abgenommen habe. 

Wenn hierüber auch noch nicht die Klarheit herrscht, die man für seine 

234 



Kenntnisse wünscht, so spricht doch mehr dafür, daß die frebir^sbildende 
Kraft nicht abgenommen hat, als dagegen.*) Der Entscheid in dieser Frage 
ist sehr wichtig für das Verständnis der Ursache der Erdbeben, die trotz 
aller Forschungen und trotz der Fähigkeit, mit dem unendlich fein regi- 
strierenden Seismographen auch die entferntesten Beben aufzuz.eichnen, 
noch durchaus ungeklärt ist, wenn man, wie wir aus Gründen, die auf S. 182 
auseinandergesetzt sind, nicht an eine dauernde Abkühlung der Erde und 
an eine daraus folgende Schrumpfung und Auffaltung ihrer zu weit gewor- 
denen Haut glauben kann. Wenn man sich den Hypothesen gegenüber 
wieder möglichst an die Tatsachen hält, so ist Tatsache, daß Erdbeben un- 
endlich häufiger sind, als sie uns bewußt werden. Es vergeht kein Tag, 
ohne daß die Erde an irgendeinem Ort bebt, und in der kurzen Spanne, seit- 
dem man wissenschaftliche Seismologie betreibt, hat man (bis 1900, An- 
gabe von F. Frech) in Europa allein 69 315 Erdstöße gezählt. Von diesen 
haben sich nun 86,4o/o im Bereich der jungen, seit dem Tertiär gebildeten 
Qebirge abgespielt und nur 0,4o/o in den ältesten Erdschichten. 

Hieraus ist immerhin manches mit Sicherheit abzulesen. Erstens, daß die 
Gebirge wirklich durch Erdbeben aufgefaltet werden, und daß die Alpen- 
bildung noch nicht zu Ende ist, daß im Gegenteil gerade jetzt wieder inten- 
sivere „Schöpfungsakte" stattfinden, die so das Wort alter Weisheit be- 
wahrheiten, das da sagt: die Schöpfung höret nimmer auf. Zweitens sieht 
man daraus, in welch kleinen Abschnitten und Einzelheiten sich auch das 
Kolossalste der Natur ereignet. Alpenbildung bedeutet nur für die Phantasie 
des Unkundigen schreckenerregende und welterschütterndc Katastrophen. 
für den Kenner ist es das oft gesehene Mosaik von kleinen Felsstürzen, 
Spaltenbildungen und unmerklich leisen Verschiebungen nach Art jener, die 
der Münchner Geologe Kayser vor kurzem feststellte, nämlich daß der 
Gipfel des Wendelsteins seit der letzten Messung samt dem umgebenden 
Gebirge sich um einen halben Kilometer nach Norden verschoben hat. 

Dieser Einblick in die Entstehungsgeschichte der Gebirge verwandelt das 
machtvolle Phänomen der Erdbeben in eine einfache Mechanik der Gesteins- 
schichtung und entrückt es so der Auffassung, die in ihm eine Integrations- 
erscheinung der Weltkörper gleich der Erdwärme oder dem Leuchten sehen 
zu müssen glaubt. Es ist nicht die Offenbarung einer der elementaren 
Eigenschaften der Erde, sondern nur die sich vom größten bis ins kleinste 
bewährende Folge von Gleichgewichtsverschiebungen durch die Schwerkraft. 
Hat man das einmal bedacht, so versteht man auch, warum die Erdbeben- 
forschung einen Zusammenhang zwischen den Luftdruckschwankungen und 
den Beben festgestellt hat. Im Winter sind die Beben in Europa häufiger, weil 
da monatelang ein Maximum über dem Kontinent liegt. Und es wird doch 
beim Steigen des Barometers um einen Millimeter jeder Quadratkilometer 



•) Der Leser findet die Frage ausführlich erörtert in: München, Die Lcbcnsgcsetzc 
einer Stadt. (H. Bruckmann), München. 

235 



der Erdoberfläche mit 13,6 Millionen Kilogramm mehr belastet! Das ist 
auch die Ursache, warum zwar nicht, wie man vielfach glaubt, von Erd- 
beben Unwetter kommen, wohl aber umgekehrt oft Stürme und Wetter- 
umschläge von Erdbeben begleitet sind. 

Trotz der unendlich schwierigen Materie gelingt es also doch, einiges von 
den Integrationsqualitäten der Erdkugel endgültig zu klären, wenn auch die 
vor unserer Analyse übriggebliebenen Eigenschaften jetzt eigentlich sämtlich 
auf eine einzige zusammenschrumpften. Von den anfänglich der „Erdstufe" 
zugeschriebenen Eigenschaften der Schollenbewegungen, der Transgressionen, 
des Vulkanismus und der Erdbeben sind jetzt die Beben und Krustenbewe- 
gungen als Folge von äußeren Kraftwirkungen erkannt und die dem Vulka- 
nismus zugrunde liegende Erdwärme als eine Folge der irdischen Sonnenhaf- 
tigkeit. Die Erde ist nur heiß, weil sie ein abgetrennter Teil der Sonne ist. 
sie leuchtet aus gleicher Ursache; das Integrationsphänomen ist somit von 
ihr auf die Sonne verschoben. Da aber sitzt es und fordert vergeblich Er- 
klärung. Die Sonne leuchtet, sie ist viele tausend Orad warm, sie über- 
strömt uns und so viele Mitgefährten mit elektrischen und magnetischen 
Wirkungen, weil sie die Sonne ist. So zu sein ist ebenso sonnenhaft, wie es 
eben menschlich ist, bewußt in die Welt zu blicken, oder kristalloid, sich 
nach dem Gesetz der rationellen Zahlen zu bilden. 

Nur in einem scheint die Erde bisher noch spezifisch irdisch zu sein. 
Nämlich durch ihre Rotation und die bereits besprochene Pendulation. Aber 
auch da geht beides auf ein und dieselbe Eigenschaft zurück, nämlich auf 
autonome Beweglichkeit, für die es wohl Analogien, aber keine Erklärung 
gibt. Gewisse Eigenschaften der Atome lassen sich nicht erklären, wenn 
man nicht annimmt, daß auch sie um ihre Achse rotieren, und selbständige 
Bewegungen der Moleküle lassen sich, wie wir bereits wissen (vgl. Abb. 30), 
als Ä/ow'rt'sche Bewegung sogar sichtbar machen. 

Die Erde führt, soviel wir erkennen können, eine fünffache Bewegung 
aus. Sie dreht sich um ihre Achse, was jedermann als Tag- und Nacht- 
werden zum Bewußtsein kommt. Bei dieser Drehung wankt aber ihre Achse 
in den sog. Nutationen umher. Außerdem führt sie große Pendelbewe- 
gungen aus. Viertens vollführt die Erde einen Kreislauf um die Sonne, den 
man als Wiederkehr der Jahreszeiten inne wird. Und fünftens eilt sie, wie 
wir bereits wissen, mit samt der Sonne und in ihrem Banne nach dem 
Sternbild des Herkules, wobei es nur Vermutung ist, daß sie dadurch einen 
Kreislauf um irgendeine noch okkulte Zentralsonne mitmacht. 

Geregelt werden diese Bewegungen zwar durch die Gesetze der Gravitation, 
die ja nur eine Beschreibung des in diesen Bewegungen stets Wiederkehrenden 
sind, aber erklärt wird ihr Zustandekommen nicht durch die Gravitation. 

In dieser Region des Denkens und Forschens werden eben die Lücken 
zahlreicher als die Kenntnisse, und man fühlt die Grenzen nahen. 

Vorläufig lassen sich allerdings noch eine ganze Reihe von gesetz- 

236 




Abb. 102. Schematisches Bild des Sonnensystems bis zum Saturn 

Um die Sonne bewegen sich Merkur (1), Venus (2), Erde (3), Mars (4). die Asteroiden (deren Bahn in 
die schraffierte Zone fällt), Jupiter (5) und auBer dessen Bahn Saturn, Uranus und Neptun. Die ellipti- 
schen Bahnen sind Kometenbahnen, deren l<leinste der Enclte'sdic Komet bcsihrcibt. 

mäßigen Beziehungen beschreiben, welche die Sonne und ihre Kinder ver- 
binden. Da sind vor allem die berühmten Erdbewegungen, deren eherne 
Mechanik von den drei großen Physikern des ausgehenden Mittelalters: 
Galilei, Kepler und Newton in bewunderungswürdig klar herausgehobenen 
Formeln festgehalten wurde. 

Das „Eppur si muove", das Galilei nicht gesprochen haben soll, ist heute 
jedem Schuljungen geläufig. Es ist auch durch das jährlich wiederkehrende 
Gleichmaß des Kalenders in Aller Wissen eingeprägt, daß nach 365 Tagen 
6 Stunden 9 Minuten und 10 Sekunden (siderische Umlaiijszeit) die Erde 



237 



einmal in einer großen Ellipse um die Sonne gelaufen ist (vgl. Abb. 103), 
und ebenso, daß diese Zahl nicht genau ist, weshalb die vernachlässigten Mi- 
nuten alle 4 Jahre als voller Schalttag dem Jahre angehängt werden müssen.*) 

Bekanntlich wird die Wirklichkeit über den Umlauf der Erde durch die 
oft genannten drei Kepler'schen Gesetze ^^) ausgedrück, deren wahrer Sinn 
dann erst durch Newtons Gravitationstheorie besser erläutert werden konnte, 
da sie wohl über die Bewegungen und die Maße des Planetensystems Auf- 
schluß geben, nicht aber über die Ursache dieser Bewegungen, die ja frei- 
lich auch durch Newton nicht erfaßt sind. 

Aber in dieser elliptischen Bahn um die Sonne ist die Erde nur einer von 
ungefähr 734 Himmelskörpern, die alle im Bann ihres Zentralgestirnes 
stehen. Diese Zahl verteilt sich auf die acht Planeten Merkur (?) 
Venus (<^), Erde ($), Mars (cj*), Jupiter (2|,), Saturn ("K), Uranus (J) und 
Neptun (/), die 26 Monde dieser Planeten und an 700 kleine Planetoiden, 
die zwischen Mars und Jupiter ihre Ellipse um die Sonne beschreiben. Zu 
ihnen gesellen sich dann noch als Gäste aus fernen Zonen Kometen 
(Abb. 109), Sternschnuppen und Meteoriten (Abb. 22). Das ist die Familie, 
der die Erde als Stern angehört, und innerhalb deren sie keineswegs den 
Primus inter pares, sondern ein an sich unscheinbares und für das Ganze 
des Sonnensystems völlig nebensächliches Glied darstellt. 

In dieser Familie dreht sie sich in unerschütterlichem Gleichmaß nach 
Gesetzen, die allerdings immer noch nicht vollständig erfaßt sind. Die 
Astronomie drückt das so aus, daß sie von Störungen der Erdbewegungen 
spricht, was an sich eine drollige Überschätzung der menschlichen Annahmen 
ist. In Wirklichkeit bedeutet, wie jene wissen, die das einleitende Kapitel dieses 
Werkes mit Auf merksamkeit gelesen haben, die „Störung" keineswegs eine 
Abweichung von dem Gesetz, sondern nur eine solche von dem Bilde, das 
wir uns davon gemacht haben, d. h., unvollkommen ist nicht der Bau der 
Welt, sondern die Leistung des Denkens. Wenn man sich das vor Augen hält, 
wird man sich der sehr verwickelten Mechanik der Erdbewegungen mit aller- 
dings etwas weniger Ehrfurcht, aber mit gesteigertem Verständnis nahen. 

Man wird die Schwierigkeiten der astronomischen Rechnungen weit höher 
einschätzen, wenn man vernimmt, daß die Erdbewegung so stattfindet, daß 
sich die Achse, um die sie sich dreht, im Laufe von 25 765 Jahren verlagert 
und einen Kreis beschreibt (Präzession). Erscheinen wird das in der Form 
einer Verlagerung des Nordpoles, der jetzt so ziemlich mit dem Polarstern 
(die Differenz ist nur ein Grad) zusammenfällt, aber in 13 000 Jahren auf 
die Gegend des Sternes Wega zeigen wird. Der Kreis dieses sog. platoni- 
schen Jahres wird aber nicht in einer geometrisch korrekten Linie beschrie- 
ben, sondern in stetem Pendeln (Nutation). Das heißt, die Erdachse wankt 
bei der Rotation genau so, wie man es an einem rotierenden Kreisel nament- 



•) Was freilich wieder zu viel ist und einer Korrektur alle 1300 Jahre bedarf. 

238 




Abb. 103. Die Entstehung der Jahreszeiten 

Die Erde beschreibt eine elliptische Bahn um die Sonne, deren einzelne Stationen am Frühlings-Aquinoctum 

(21. März), Sonnen - Solstitium (21. Juni), Herbst - Aquinoctlum (2J. September; und Winter - SoUtitium 

(21. Dezember) das Bild zeigt. 

lieh auffällig dann beobachten kann, wenn er seine Bewegungen schon 
verlangsamt. 

Während man sich die Präzession zufriedenstellend durch die Abplattung 
der Erde erklären kann, sucht man die Ursache der Nutation in der An- 
ziehung des Mondes, der in seiner komplizierten Eigenbewegung die Erde 
immer wieder anders beeinflußt, so daß Präzession und Nutation tägliche, 
monatliche, jährliche, 19jährige und 25 000jährige Periodizität aufweisen. 
Aber diese Angaben sind alle nur annähernd richtig, da doch auch die Erde 
den Mond in seiner Bahn stört, so daß dieser wieder anders auf die Erd- 
bewegung zurückwirkt, als er der Theorie nach sollte. 

Dazu kommt noch eine Fülle von Unregelmäßigkeiten, deren Erörterung 
deshalb in einem aufs Weltganze gerichteten Werk ausscheiden kann, weil 
ohnedies nicht alle bekannt sind. Eine davon wurde bereits erwähnt (S. 17). 
andere beruhen darauf, daß sich die Ebene der Erdbahnellipse fortwährend 
verlagert, eine andere wird dadurch bedingt, daß Erde und Mond gemein- 
sam die Bahn der Erde bestimmen, und dergleichen mehr. Ob nun die Pcn- 
dulation (vgl. Abb. 16), die nichts als eine sehr vergrößerte Polhöhcn- 
schwankung nach Art der geschilderten ist, von solchen außerirdischen Ein- 
flüssen hervorgerufen wird, oder ob sie eine autonome Leistung des Erd- 
riesen ist, das muß durchaus dahingestellt bleiben. Jedenfalls antwortet 
die Erde auch auf diese Einflüsse, ihrer Inte^rationsstufe ^emäß einheitlich, 
und insofern darf man unbedenklich ihre Bewegungen als Integrationseigen- 
schaft auffassen. Zur astrophysischen Erdbeschreibung gehören übrigens 
auch die eigentümlichen Tatsachen, denen man Jahreszeiten (vgl. Abb. 103) 



239 



und viele täglich fühlbare Eigentümlichkeiten der uns umgebenden Natur 
verdankt. Durch die elliptische Bahn der Erde ist sie nämlich im Winter 
näher der Sonne als im Sommer, sie muß daher, wie auch aus dem zweiten 
Kepter'schen Gesetz hervorgeht, in den ersten Tagen des Jahres weit 
schneller laufen als im Hochsommer, anfangs Juli. Die Abweichungen be- 
tragen eine Viertelstunde, um die der „zoetische Tag" und der „wahre Son- 
nentag" miteinander differieren können. 

Die Erdachse ist nun gegen die Ebene der Erdbahn unter einem schiefen 
Winkel von 66,5 » geneigt. Dadurch ist im Abrollen der Erdbahn für die 
von dem Äquator entfernten Breitegrade ein Wechsel von Jahreszeiten vor- 
geschrieben, der für alle Vorgänge auf der Erdrinde, für die Luftbewegung, 
die Verwitterung, den Vulkanismus, die Abtragung und namentlich für alles 
Lebendige von allergrößter Bedeutung ist. Unser ganzes Dasein ist tausendfach 
mit dem Begriff Klima und Jahreszeit versponnen. Die menschliche Kultur 
hätte sich anders entwickelt, wenn hier nicht ewiger Frühling gewesen wäre, 
dort es nicht gegolten hätte, sich vor Kälte und Winternacht, vor lang- 
dauernder Unfruchtbarkeit zu schützen. Die Tier- und Pflanzenwelt hätte viele 
ihrer Anpassungen nicht gelernt, wäre sie nicht in den Ring der Jahreszeiten 
eingefangen; unausdenkbar ist es, wie alles gekomm.en wäre ohne die ein- 
fache, scheinbar so nebensächliche, nichtssagende Tatsache jenes Winkels 
zwischen Erdbahn und Erdachse. Wenn nun irgendetwas uns das flammende 
Menetekel der unbedingten Abhängigkeit des Menschen auch von dem klein- 
sten der Weltgesetze in die Seele schreiben mag, so ist es die stumme Sprache 
der Jahreszeiten, die uns doch jeden Tag, mag er noch so sehr dem Gestern 
gleichen, das neue Wort sagt, das die Gesetzlichkeit der Welt für ihn bereit hat. 

Die dunkle Bahn durch die Sternennacht, auf der Mutter Erde von der 
ebenso dunklen Weltenkraft fortgerissen wird, hat in der Sonne nur einen 
exzentrischen Mittelpunkt, weshalb das Sommerhalbjahr (21. März bis 23. 
September) 186 Tage, das Winterhalbjahr aber nur 179 Tage lang ist. Statt 
umständlicher Schilderung sagt die Abbildung 103 auch dem, der sich mit 
den notwendigsten Kenntnissen noch nicht vertraut gemacht haben sollte, 
über die Ursachen des Jahreszeitenwechsels und die Tag- und Nachtgleichen 
(Äquinoktien) alles Elementare. 

Uns hat diese Betrachtung jedenfalls genug Einblick gegeben in die Be- 
deutung der Integration für die ihr untergeordneten Systemteile, obwohl 
noch keineswegs mit dem Gesagten jede Wirkung der Erdbewegungen auf 
die irdischen Dinge erschöpft ist. 

Man durchschreitet, wenn man sich diesen Gedanken hingibt, die Welt 
der Giganten, eine Werkstätte der gewaltigsten Wirkungen, denen gegenüber 
die Menschenwerke immer die bange Erinnerung an jenes stolz-demütige 
Wort des „Afflavit et dissipati sunt" erwecken. Alles, was die Erde als Gan- 
zes angeht, hat jenes Riesenmaß, das auch uns neuen Geistern das „Pathos 
der Distanz" wiedergibt, das die alten Naivgläubigen in ihrer harmonischen 

240 




Abb. 104. Die Entstehung des westeuropäischen Wett^-rs 

Das schematische Bild zeigt die Ufer des Nordatlantik von Labrador bis Re^cn Schwedfn und NitdcrUndc. 
In der Gegend zwischen Neufundland und Island trifft der kilte, «us der Baffinsbai kommende Labridor- 
strom (Pfeil) den warmen Golfstrom (dessen Richtung auch durch einen Pfeil a-igegcbcn ist. Durch die 
Abkühlung entstehen das ganze Jahr dort Nebel und Depressionen, von denen sich Tcilminima ununterbrochen 
abspalten, durch die Rotation der Erde mitveranlaüt den Weg nach Europa nehmen. Ein solche« Mmimura 
ist in der Mitte des Bildes dargestellt. Die Pfeile geben die Windrichtung im Tiefdruckgebiet «n, dem 
Federwolken, namentlich Cirrostratuswolken (Schleierwolken) vorausschweben. Dann folgt die glcichmaUinc 
Bedeckung (Alto-Stratus) und die Limbuszone mit Landregen und Böen (im Winter Schneestürmen). Be- 
schlossen wird jedes vorüberziehende Tief mit Schäfchen- und Haufenwolkcn (Cumulus), wie auch auf 
dem soeben über Deutschland vorübergezogenen Tief angegeben. Originalzeichnung. 

Einstellung gegenüber dem Weltgesetz erhielt. Erdbeben, das Donnern der 
Vulkane, Jahreszeiten, der Gleichmut von Tag und Nacht, das geheimnis- 
volle Wogen der Erdschollen, Gebirgsbildung und das leise Ziehen der 
Weltmeere über die Erde, die Pendulation mit ihrem kaum zu übersehenden 
Heer von Folgen, das sind die Riesenmächte, die unser Dasein umstellen, 
und denen gegenüber auch die stolzesten Worte vom „Herrn der Erde" und 
von „Beherrschung der Natur" klanglos im Wind verwehen. 

Zu diesen Wirkungen der Erdrotation gesellen sich nun noch zwei, die 
überall ins Menschenleben eingreifen. Das sind der Wc^: der Winde und 
der ewige Rhythmus des Wetterwechsels. 

Wegen der Rotation um die Erdachse muß nämlich jeder bewegte Körper 
auf der Erdoberfläche, daher auch jede Luft- oder Wasserbewegung auf der 
nördlichen Halbkugel nach rechts, auf der südlichen nach links abgelenkt 
werden, und zwar geschieht dies um so intensiver, je näher sie sich dem 
Pole befindet. Jeder Nordwind wird daher gegen Westen, jeder Ostwind 
gegen Norden, jeder Südwind gegen Osten abgelenkt (Ablenkung der Pas- 
sate), ebenso jeder aufsteigende Luftstrom (gegen Westen). Da an sich die 
Ursache der Winde und somit des Wetterwechsels ohnedies nur in dem 
Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator liegt, da die klimatischen 



Franci, Bios 



241 



Zonen aber wieder von der Neigung der Erdachsen her normiert werden, 
da das gleiche Ablenkungsgesetz der Winde auch für die Meeresströmungen 
gilt, so entsteht daraus wieder ein unbeschreiblich kompliziertes System von 
Folgen, die alle von dem Gesetz regiert werden, das von der Erde ausgeht. 

Sehr wohl kann man also den Satz vertreten, daß kein Lüftchen weht, 
kein Wölkchen am Firmament aufsteigt, kein Viertelstündchen Sonnenschein 
uns erquickt, das nicht von diesen astrophysikalischen Gesetzen die Erlaub- 
nis erhalten hätte. Man hat dadurch wieder erlebten Einblick, wie allge- 
waltig eine Integrationsstufe über die andere herrscht, wie sie sozusagen 
das gesamte Dasein der ihr untergeordneten durchprägt. Was die Rotation 
für die Winde und Strömungen bedeutet, das erfährt nun ihrerseits die 
Erde als Bestandteil von den anderen Gliedern des Systems, dem sie ange- 
hört. Es ist wohl das verwickeltste Netz von Vorstellungen, in dem man 
sich verfängt, wenn man versucht, sich die gegenseitigen Hemmungen und 
Beschleunigungen vorzustellen, denen die Himmelskörper eines Planeten- 
systems durch ihre Anziehungskraft ausgesetzt sind. Es entstehen dadurch 
nicht nur undurchschaubare und allen Rechnungen den Stempel des Pro- 
visoriums aufdrückende Störungen in der Mechanik ihrer Bewegungen — 
eben jene Störungen, von denen im einleitenden Abschnitt dieses Werkes 
bereits die Rede gewesen — , sondern es ereignen sich auch auf den ein- 
zelnen Planeten Umwälzungen so einschneidender Natur, wie sie uns z. B. 
in den Gezeiten des Meeres entgegentreten. 

Die Geophysik ist mit Unrecht in dem Rufe, eine der langweiligsten und 
am schwersten verständlichsten Wissenschaften zu sein. In Wirklichkeit 
spricht sie mit oft kristallener Klarheit von Dingen, die in jedermanns Leben 
eingreifen und als dunkles, grausames Schicksal empfunden werden, wenn 
sie unverstanden bleiben. 

Aber nicht aus falscher Sentimentalität haben die dahingegangenen Gene- 
rationen aus dem Anblick der abgeklärten Harmonie und ewigen Gesetz- 
mäßigkeit der Planetenwelt ihre innerlichste Überzeugung von der großen 
im Weltall herrschenden Gerechtigkeit geschöpft und daraus ihre tiefsten und 
reinsten Seelenerhebungen genossen. Sie haben sich nur der Sprache des Mythos 
bedient, die unserem Geschlecht fremd geworden ist; aber ihre Überzeugung 
ist noch immer gültig, wenn man die ewige Gerechtigkeit als das der Welt auf- 
erlegte Gesetz faßt, dessen Befolgen sich lohnt, dessen Übertretung sich bestraft. 

Dieses Gesetz spricht deutlich aus dem feierlichen Tanz der Planeten, 
und wer vor den gestirnten Himmel tritt in einsamer Nacht mit dem Wissen 
um die unabänderlichen und alles Menschensein bestimmenden Mächte, der 
kann nicht heimgehen ohne das tiefste und erschütterndste Erlebnis, daß die 
Welt und mit ihr das Menschensein Gesetzen unterworfen sei, nicht un- 
beschränkt Freiheit genieße und die von ihr untrennbare Sinnlosigkeit des 
Daseins, sondern von einem abgrundtiefen Sinn belebt sein müsse, der 
sich eben in den in ihr wirksamen Zusammenhängen ausspreche. 

242 



Dieses Erlebnis aber ist der Wende- und Kernpunkt alles Denkens und 
Lebens überhaupt. Wenn ich meine Leser zu ihm hinführen und ihnen die 
Seele für dieses Erlebnis reif machen und öffnen kann, dann hat mein Werk 
alles erreicht, was es nur anstreben kann. Der verhängnisvolle Wahn, der 
den Menschen entwurzelt und auf der schicfenen Ebene alles Leides hinab- 
gleiten läßt, ist der Glaube, sein Intellekt sei souverän und diktiere dem tr- 
ieben die Gesetze. Dieser Wahn ist heute in aller Welt verbreitet und hat 
seine hundert falschen Propheten und seine Millionen Opfer. Die blutbe- 
fleckte Selbstherrlichkeit des Ichs, sie ist damit der eine Pol der Lebens- 
möglichkeiten, im Gegenpol ist die bescheidene Einordnung und Unter- 
werfung des Ichs unter die Gesetze des Alls. Die Menschen zu ihr zu 
führen, ist der letzte und höchste Sinn dieses Werkes, und auf keinem Weg 
kommt man eher zu der Erkenntnis, daß die Welt dem Ich (gegenüber die 
Allmacht sei, als durch die verständnisvolle Betrachtung des gestirnten 
Himmels und seiner Gesetze. Im Sonnensystem tritt uns gleich das höchste 
von allem entgegen: die wunderbare Harmonie, die sich im Abstand der 
Planeten voneinander kundgibt. Dazu muß man zuerst einen Blick auf die 
wichtigsten Verhältnisse dieses Systems (vgl. Abb. 102) werfen: 



Gestirn 



Entfernung von der Sonne 
Mittlere Fntf. Wahre Entf. 



Tiiius Bode'- 
sclie Reihe 



Durchmesser 
km 



Umiaufszeit, 

[Koiaiioii] 
n Siunden u T.ieri 



Sonne .... 


M.Uion km 


Merkur .... 


58 


Venus .... 


108 


Erde 


149 


Mars 


228 


Planetoiden . 


— 


Jupiter .... 


778 


Saturn .... 


1426 


Uranus. . . . 


2869 


Neptun. . . . 


4495 



4 

7 

10 

15 

28 

52 

95 

192 

300 



7 
10 
15 

28 

52 

100 

196 

388 



695 (XX) 
4 680 
12 200 
12 760 
6 870 

141 000 

122 000 

58 100 

48 800 



27 Taue 

88 [?1 

23 Stunden 
23" 56" 4"' 
24' 37" 23"' 

g- 55" 34"' 
10' 14" 
10' 30" ? 



Man erkennt daraus als Erstes, wie rasch der Abstand der Planeten von 
der Sonne zunimmt, aber ebenso deutlich, daß daraus ein Gesetz zu uns 
spricht. Die Sonne ist größer als alle Planeten zusammengenommen, ja sie 
ist so groß, daß alle ihre 7J4 Trabanten nur verschwindene Anhängsel 
und Parasiten ihres Glanzes sind. Schon dadurch ist sie und nicht die Erde 
der unbeschränkte, ausschlaggebende, energetische Mittelpunkt und bestim- 
mende Faktor im Sonnensystem. Sie bestimmt die Bahnen der Planeten, 
durch ihre Temperatur regelt sie deren physikalischen Zustand, durch 
ihre Licht- und Wärmestrahlung die Aggregat- und Formenverhältnisse 
(Aggregat- und Kristallformen sind Temperaturformen, vgl. S. 12Ü), damit 
auch das Leben der Erde. 

Das war den Menschen immer wieder klar, bevor noch die Wissenschaft 
diese Einsichten in die heute gültigen Formen prägte, und darum gab es 
auch, unabhängig voneinander, bei so vielen Völkern Sonnenkulte und Son- 



243 



nenreligionen. Assyrer, Ägypter, Hellenen, Phoeniker, Perser, Germanen, 
Inder, Altmexikaner, Peruaner, sie alle huldigten einer Lichtreligion, und 
Surya in Indien, Ormuzd in Persien, Nimrod in Assur, Osiris im Nilland, Hera- 
kles in Syrien, Apollo und Dionyses in Hellas, Balder in den heimatlichen 
Wäldern, sie alle sind nur verschiedene Ausdrucksformen für ein und das- 
selbe Gefühl, das in der Menschheit, solange sie sich von ihren natürlichen 
Gesetzen und damit von ihrer Lebensfähigkeit nicht abkehrt, nie erlischt. 
Um diese Sonne gruppieren sich nun in einem Maßverhältnis, welches 
eines der grundlegendsten Gesetze des Weltenbaues spiegelt, ihre Geschöpfe. 
Man hat dies schon im 18, Jahrhundert entdeckt, aber erst jetzt seine wahre 
Bedeutung erkannt, es ist die sogenannte Titius-Bode'sche Reihe, die auf 
der obigen Tabelle verzeichnet und in folgender Weise zu verstehen ist: 
Wenn man die Entfernung des Merkur zu 4 annimmt, dann kann man die 
Entfernung der anderen Planeten berechnen, wenn man das Dreifache der 
sukzessiven Potenzen von 2 dazufügt. Es entsteht dadurch eine Reihe, die 
mit den gemessenen Entfernungen von Merkur bis Jupiter erstaunlich über- 
einstimmt und die dem Ausdruck 4 -f 3 • 2" den Wert eines derzeit allerdings 
mechanisch noch nicht verständlichen Beziehungsgesetzes zwischen der 
Sonne und ihren Abkömmlingen verleiht. 

Pythagoras hat offenbar dieses Gesetz als das der Harmonie erfaßt, als 
er behauptete, es drücke sich auch im Musikalischen aus; darauf baute 
er seine Sphärenharmonie , ein Ausdruck, der seinen ursprünglichen Sinn 
lange überlebt hat. 

Diesem „Pythagoräismus" liegt eine Wahrheit zugrunde, die vielleicht 
gar nicht aus einem griechischen Kopfe stammt, sondern ein Vermächtnis 
des Sonnenkultus der ägyptischen Priester ist, die Pythagoras unterrichte- 
ten; denn W. Goldschmidt machte als Erster wieder darauf aufmerksam,, 
daß die gleichen Zahlengesetze wie in der Titius-ßode'schen Reihe sich tat- 
sächlich auch in der Musik, nämlich in der Reihe der harmonischen Ober- 
iöne aussprechen. 

Nach diesem Harmoniegesetz ist also dafür gesorgt, daß gerade die gro- 
ßen Planeten Jupiter, Saturn, Uranus, welche die Erde in ihrem Verhältnis 
zur Sonne empfindlich stören könnten, ohne jeden praktischen Einfluß blei- 
ben, auch sich gegenseitig so in Schach halten, daß das Gleichgewicht des 
ganzen Systems gewahrt bleibt; sonst hätte ja das Erdensein gar keinen Be- 
stand gehabt. Das sieht man aus dem ungeheuren Einfluß, den ein so klei- 
nes Gebilde wie der Mond auf die irdischen Zusammenhänge ausübt. Die 
Menschheit kennt diese Wirkungen unter dem Namen der Gezeiten weit 
länger als deren Ursache, die in ihren letzten Folgerungen immer noch 
nicht allen Zweifeln entrückt worden ist. 

Vor allem muß wieder gleich von vornherein der Vorbehalt eingelegt 
werden, daß alle erkannten Angaben über Ebbe und Flut nur für praktische 
Bedürfnisse, also zoetisch genau, nicht aber absolut richtig sind, denn in 

244 



ihnen ist nur der Einfluß von Mond und Sonne auf das Meer verarbeitet, 
nicht aber auch der anderen Planeten. 

Allgemein bekannt ist an allen Küsten das zweimal täglich (je in 6 Stun- 
den 12,5 Minuten) erfolgende rasche Anschwellen und langsame Zurück- 
fluten des Meeres, das täglich um etwa 50 Minuten später eintritt und für 
jeden Hafen besonders berechnet werden niulJ, da die Verhältnisse durch 
den Verlauf der Küsten überall etwas abgeändert sind. 

Wunderbar und tief ergreifend für das menschliche Gemüt ist dieser 
Anblick der steigenden Flut (s. die farbige Tafel: Das Meer). Aus unermeß- 
lichen Fernen kommen die Wasser an den flachen Rand, in gleichem Rhyth- 
mus, als atme der Erdriese durch sie, und jede ist, wie das Prof. Bachmann 
auf seinem im Leipziger Museum hängenden Gemälde mit unübertrefflicher 
Beobachtung wiedergibt, ein Individuum, die Verkörperung einer Niveau- 
stufe, die zusammen in den sechs Stunden Flut je nach den lokalen Verhält- 
nissen wenige Dezimeter, wie in der deutschen Ostsee, oder 21 m, wie an 
der Furcabai bei Neuschottland beträgt. Man blickt darauf wie auf die 
Hand der ewigen Mächte selbst, wenn man weiß, daß es nichts als die 
Rotation der Erde ist, die sich in diesem Rhythmus der um die Erdkugel 
tagaus, tagein seit undenklichen Zeiten wandernden Flutwoge ausspricht, 
eine Riesenwelle, die sich einfach deshalb erhebt, weil der Mond die Erde 
anzieht, und weil das leichtbewegliche Wasser diesem Impuls in großen 
Quanten und besser folgen kann als das starre Festland. So oft der Mond 
in die gleiche Stellung zu einem Punkt der Erde kommt, wiederholt sich 
das nämliche Phänomen, das natürlich auf hoher See ebenso vorhanden ist 
wie an den Küsten, wenn es auch von diesen aus weit besser bemerkt wird/'*) 

Die Sonne wirkt nun in gleicher Weise wie der Mond, nur verringert ihre 
große Entfernung ihre Wirkung auf 1/2,6 von der des Mondes. Bei Neu- 
mond und Vollmond vereinigen sich beide zu Springfluten (deren Gegensatz 
die Nippjlut ist), die sich bei landeinwärts wehendem Wind dann zu den 
Sturmfluten steigern können, deren literarisches Denkmal, Blematzkys Hal- 
ligenroman, weit mehr bekannt ist als das Gesetz, das ihm zugrunde liegt. 
Freilich gilt das nicht für die Seebevölkerung; ihr sind die genauen Berech- 
nungen darüber, welche Verzögerung oder Beschleunigung der Flut durch 
die Küstenformation vorgeschrieben wird, an jedem Ort geläufig, und kein 
Schiff fährt aus und ein, ohne hierauf Rücksicht zu nehmen. Die Gezeiten- 
wissenschaft hat aus diesen Kenntnissen ein System von unerhörter Kom- 
plikation gemacht, da sich die verschiedensten Wcllenwirkungen kreuzen, 
und da zu der horizontalen Flutbewegung sich auch noch eine vertikale ge- 
sellt, die sich bis in eine Tiefe von mehreren hundert Meter hinein bemerk- 
bar macht. Darwins Sohn, G. Darwin, hat jene unheilvolle Prophezeiung ge- 
prägt, daß diese täglich zweimalige Flutwelle auf die Dauer die Bewegungen 



*) Vgl. das über die Trikymia auf S. 54 Gesagte. 

245 



der Erde störe und sie seit der Existenz des Meeres so verlangsamt habe, daß 
der Tag von 5 Stunden sich auf 24 verlängerte und einen immer langsameren 
Rhythmus einhalten werde, bis die Erde, die mit dem Aufhören der Rotation 
immer mehr der Anziehung der Sonne unterliege, in diese stürzen werde. 
Gleiches wurde von dem Verhältnis von Erde zu Mond behauptet; es mußte 
sich dort, entsprechend den anderen Dimensionen, sogar alles rascher und 
energischer abspielen, und das soll die Ursache sein, warum die Rotation des 
Mondes nach dem Versickern seiner Meere zum Stillstand gekommen ist. 

Von alledem ist so viel sicher richtig, daß uns der Mond ständig nur die 
eine Seite zukehrt und nur eine Bewegung, den Umlauf um die Erde, besitzt. 
Er, der nach dieser Hypothese sich als Folge der Flut (welcher, der schwa- 
chen Sonnenflut?) aus der Erde losgelöst haben soll, als diese noch gas- 
förmig war, er soll ebenso ein Kind der Erde sein wie diese das Geschöpf, 
der Sonne. Man ging darin so weit, daß man sogar die Zeit der Loslösung) 
(vor 56 Millionen Jahren) und das „große Loch" des Stillen Ozeans als 
den Ort fixieren wollte (W. Pickering), an dem die Katastrophe geschah. 

Aber man hat für diese Phantasien noch keine sicheren Belege. Wenn ich 
sie hier erwähne, so geschieht es nur, um zu zeigen, wie tief und allgemein 
im wissenschaftlichen Bewußtsein die Überzeugung wurzelt, daß das Son- 
nensystem eine Einheit bildet, aus der kein Baustein herausgebrochen wer- 
den kann ohne dauernde Folgen. 

In nichts manifestiert sich das so großartig wie im Verhältnis von Erde 
zu Sonne. Die Sonne, über die eine ausgedehnte Wissenschaft ganze Bib- 
liotheken geschaffen hat, bleibt zwar nach wie vor in ihren letzten Ge- 
heimnissen unergründet; aber ihr Wesentlichstes, den Begriff der Sonnen- 
haftigkeit, hat sie uns entschleiert. 

Die Naturgeschichte der Sonne ist voll gigantischer Zahlen und un- 
faßlicher Vorstellungen. Wäre man absolut konsequent, so müßte das Werk 
über die Physik der Sonne eigentlich das gesamte menschliche Wissen ein- 
schließen, da sie, alles in allem, uns von erster Vergangenheit bis in fernste Zu- 
kunft umfaßt, schuf, erhält und weiterbildet. Unsere ganze Wissenschaft wird 
sich allmählich in diesem Sinn umbilden müssen, wenn sie der Wahrheit näher- 
kommen will, und wenn man rätselhafte Erscheinungen der Natur im weite- 
sten Sinn mit der Sonne und ihren Kräften in Zusammenhang bringt, dann 
wird man weniger irren, als wenn man die Sonneneinwirkung leugnet. 

Obwohl wir so weit von ihr entfernt sind, daß selbst das „schnellfüßige" 
Licht noch über acht Minuten braucht, bis es zu uns gelangt, stehen wir 
doch völlig in ihrem Bann. Aber die fast 149,5 Millionen Kilometer Ent- 
fernung (nur im Penhel [im Dezember] ist sie 147 Millionen Kilometer 
entfernt) bewirken es, daß wir nur sehr wenig und noch weniger Sicheres 
über dieses strahlende Antlitz, die größte Kugel, die es an unserem Himmel 
gibt, wissen. Ist doch das kleinste Detail, das man auf ihr noch erkennen 
kann, ebenso groß wie ganz Deutschland. 

246 



Die Astronomie ist eine phantasiereiche Wissenschaft. Aber selbst in ihr 
zeichnet sich die Sonnenkunde durch noch mehr „man sagt" aus, als man es 
in ihr sonst gewohnt ist. Younfr, von dem eine der modernsten Sonnentheo- 
rien stammt, sagt, sie sei ein Gasball von fast zähflüssiger Masse von etwa 
80000 Geis. Hitze, dessen Temperatur sich gleichbleibe. Andere sagen nach 
Rechnungen anderer Art, ihre Temperatur betrage 5500 <>; noch welche 
schätzen sie auf 10000». Alle aber stimmen darin überein, da« wir keinen 
irdischen Stoff kennen, der bei solchen Temperaturen nicht in Gasen auf- 
ginge, und darin sind auch alle einig, daß die Sonne ein Gasball sei. 

Gas verflüchtigt sich im freien Raum. Warum verflüchtigen sich nicht 
die Sonne und mit ihr alle Fixsterne? Das ist eine Frage, welche die Astro- 
nomie erst in neuerer Zeit bemerkte — Herschel hielt die Sonne ja noch für 
bewohnt — und auf die sie nach vielem Für und Wider keine Antwort 
geben kann. Immerhin weiß man das eine mit Sicherheit, daß ihre Dichte 
von 1,4 auf sehr dichte Gase hindeutet. 

Welche Stoffe sie zusammensetzen, darüber handelt das Hauptkapitel der 
Sonnenphysik. Kurz gesagt: es ist fast alles (durch Spektrallinien) auf ihr 
vertreten, was uns auf Erden erfreut, und noch etwas dazu. Von den fehlen- 
den Stoffen stimmt nur das Nitrogen nachdenklich; merkwürdig ist auch 
der Mangel an Gold, Bor, Quecksilber u. a. Aber erstens ändern sich diese 
Ergebnisse sozusagen jeden Monat, und außerdem ist es in den Elementen- 
gemischen ungemein schwer, die einzelnen auseinander zu kennen. Dann 
gibt es auch Spektrallinien, die den irdischen fremd sind, und wieder läßt 
es sich nicht sagen, ob das neue Elemente sind oder vielleicht nur neue 
„Erregungszustände". Es gibt in der Sonnenliteratur ein Wort, das besticht 
durch sein Gepräge innerer Wahrheit. Es stammt von dem Engländer Row- 
land, der sagte: Unsere Erde würde genau das gleiche Spektrum zeigen, 
wenn sie auf gleiche Temperatur erhitzt wäre. 

Diesem geheimnisvollen Gasball blickt man bei stillen Sonnenuntergängen 
sinnend nach, wie groß und fleckenlos er doch ist. Aber alles, was man sieht, 
ist nur eine Illusion. Man sieht nur eine Art Lichtmaske davor und über- 
blickt weder die ganze Sonne noch ihre wahre Beschaffenheit. 

Eine der neuesten Ansichten drängt sich zu und sagt nicht weniger, als 
daß die Sonne bis zum Neptun reiche. Außen sei sie umhüllt von einem 
Coroniummantel, der alle Planeten einschließe (vgl. S. 153). Tatsache ist, 
daß elektrische Ströme von ihr mit magnetischen Wirkungen auf unseren 
Planeten reichen; nicht weniger bestreiten kann man, daß sie ihr Licht 
sicher bis zum Letzten ihrer Trabanten sendet. Licht ist aber Körperlichkeit, 
also sitzen wir in einem gewissen Sinn noch mitten in der Sonne drin. Sie 
umhüllt uns mit einem wärmenden und leuchtenden Mantel, und dieser 
Vorstellung haftet vieles an, was anderes erhellt und verständlicher macht. 

Tatsächlich ist die Sonne weit größer, als sie uns selbst in der •crgrößern- 
den Verzerrung des Sonnenunterganges erscheint. Das läßt sich im Lichtbild 

247 




Abb. 105. Ideelles Bild eines Planeten, dem eine dreifache Sonne leuchtet. 

Bekanntlich sind nunmehr fast ebensoviele Doppelsonnen wie einfache 

Sonnen von dem irdischen Typ bekannt. Originalzeichnung. 



festhalten, wenn der 
Mond sie verfinstertund 
die ungeheure Corona 
strahlend wie ein Feuer- 
schein in die Himmels- 
nacht hinausloht. In 
dieser Corona ist eine 
rosenrote Atmosphäre 
(Chromosphäre) sicht- 
bar; in diese ragen 
wieder Fackeln; aus 
ihr erheben sich die 

flammenzungen- 
gleichen Protuberazen, 
die noch bis 725 000 km 
hoch emporlodern. 

Was ist das alles? 
Es gibt Ansichten, aber 
wenig zwingendes Wis- 
sen darüber. Von der 
Corona sagen die mei- 
sten Astronomen, sie 
müsse Partikelchen von 
kosmischem Staub ent- 
halten, deren Strah- 
lungsdruck (0,5 mg pro 
Quadratmeter nimmt 
Arrhenius an) sie auch 
auf die Erde abschieße. 
Man kann also gewis- 
sermaßen im Staub Son- 



nenstoff einatmen. Durch die Reibung werden diese Teilchen stark elektrisch, 
und wenn sie anlangen, erzeugen sie Polarlichter, magnetische Stürme, viel- 
leicht auch den geheimnisvoll blinkenden Ring des Zodiakallichtes (Abb. 3). 
Jedenfalls ist das eine klar, daß die Sonne wegen ihrer ungeheuren Masse 
eine 27mal gewaltigere Schwerkraftswirkung ausübt als die Erde und in- 
folgedessen die Gase ganz anders festhalten kann als diese. So erklärt es sich, 
daß in ihrer Atmosphäre eines der schwersten aller Gase, das Helium, mas- 
senhaft vorhanden ist, weshalb es auch seinen Namen von der Sonne erhielt. 
Ferner sind Metalle auf ihrer Oberfläche in ganz anderer Weise verbreitet als 
auf unserem Gestirn; ein nicht unerheblicher Teil der Protuberanzen besteht 
aus Metalldämpfen, und um den hellen Kern ihrer Masse, die man des von ihr 
ausgehenden weißen Lichtes halber die Photosphäre nennt, wogt eine zu- 



248 



sammenhängende Schicht glühender Metalldämpfe. Die Photosphäre er- 
scheint in den großen Teleskopen wie mit zahllosen Körnern durchsetzt; 
nichts liegt näher als anzunehmen, daß diese Granulation das optische Bild 
von Schäfchenwolken ist, die sich aus glühenden Dämpfen zusammensetzen 
und so viel Licht ausstrahlen, daß all die Glut und all der beseligende 
Sonnenschein, der uns Erdenkindern zugemessen ist, doch nur der zwei- 
tausendmillionste Teil der von dem Zentralgestirn ausgehenden Wirkungen ist. 

Und trotzdem ist auch dieses strahlende Licht der Welt bekanntlich nicht 
fleckenlos. Die Sonnenflecken greifen in das Leben von jedem einzelnen 
von uns ein, denn von ihnen hängt der Erdmagnetismus und die Witte- 
rung ab, sicherlich noch weit mehr, als man es heute bereits weiß. Trotz 
ihrer Wichtigkeit bergen sie für unser Wissen noch viele Unklarheiten. 
Erst neuestens hat man entdeckt, daß auf der von der Erde abgewandten 
Sonnenhälfte 90o/o ihrer Art, auf „unserem" Sonnenbild dagegen nur lOo'o 
ihren Wirbeltanz ausführen. Sie bewegen sich nämlich; niemals stehen sie 
still, daher währt ihre Dauer nur einige Stunden, im besten Fall zwei Mo- 
nate, wenn auch manche, so der Fleck vom Jahr 1858, den 36. Teil der 
Sonnenscheibe einnahmen. So kommt es, daß man wochenlang keinen zu 
Gesicht bekommt, dann wieder auf einmal 20, auch 50 sieht. Als tiefe 
Trichter erscheinen sie und in allem nicht anders, wie wenn sie Wirbel, eine 
Art Zyklon in den Dämpfen dieser Welt der wallenden, überspannten Kräfte 
wären, worüber so ziemlich alle Astronomen heute einig sind. 

Daran läßt sich nicht zweifeln, daß auf der Sonne alles in Bewegung ist. 
Man sieht verschieden tiefe Schichten in verschiedener Weise rotieren, er- 
lebt Dampfausbrüche, gegen die irdische Vulkane anmuten wie ein Kindcr- 
spielzeug, kennt die vielbesprochene 11jährige (genau 11,125 Jahre) Sonnen- 
ileckenperiode, der ein ähnlicher Gang unserer Witterung entspricht. Dann 
erhält man aus Beobachtungen, die rastlos fortgesetzt werden — als fühlte 
die Menschheit, daß in der Sonne die Schöpferkraft unseres Daseins ver- 
borgen wäre — Wirkungsziffern von so schwindelnden Dimensionen, daß 
man selbst bei größter Skepsis zugeben muß, die gesamte Natur- und 
Lebenseinsicht müsse die Sonne noch weit mehr in den Mittelpunkt rük- 
ken, als es bisher geschieht. Die Zocsphäre ist Sonnenhaftigkeit bis ins 
kleinste hinab. Ich darf darüber die Angaben nicht sparen, denn es handelt 
sich um eine zentrale Frage der Welteinsicht. 

Die Sonne ist im Zenith 600 000 mal heller als der Vollmond (H.C.Vo- 
gel) und spendet so viel Licht wie 75 000 Kerzen in einem Meter Entfer- 
nung. Sie erzeugt dabei so viel Wärme, als der Arbeit von 265 Billionen 
Pferdestärken entspricht, und diese würde genügen, um eine 40 Meter hohe 
Eisschicht um den Erdball zu schmelzen. Gerade dieses Übermaß stimmt 
allerdings nachdenklich, denn wäre das nur Verbrennungswärme nach irdi- 
schen Begriffen, so müßte sie trotz ihrer riesigen Dimensionen in 3000 
Jahren zu Schlacke verbrannt sein. Unter den Triebrädern der Sonncn- 

249 



energie leistet die Atmosphäre der Erde an Wasserverdunstung, Wolkenbil- 
dung und Regen die Arbeit, welche dazu gehört, um einen 40000 km langen, 
5000 km breiten und 3 m tiefen See bis zur Höhe der Wolken emporzuheben 
und zu den Polen weiterzubefördern. Durch Licht und Wärme, durch Elek- 
trizität und Magnetismus verrichtete sie jede mechanische Bewegung, eigent- 
lich alle Arbeit; der gesamte Chemismus der Erde, alles animalische und 
vegetabile Leben der Erde geht auf sie zurück. *) Selbst ein so nüchterner 
Kopf wie der Physiker Tyndall läßt sich unter dem Eindruck dieser unge- 
heuren Einsicht hinreißen zu sagen, wir seien keineswegs in bildlichem 
Sinn, sondern rein mechanisch in Wahrheit Kinder der Sonne. 

Und dabei sind wir nur beiläufig ein Siebenhundertstel des Sonnen- 
systems und keineswegs einer seiner ansehnlicheren Teile; für alle anderen 
sorgt die Sonne noch immer in solcher Weise, daß selbst auf dem entfern- 
testen Planeten (Neptun) die Sonne noch 300 mal heller scheint als für uns 
der Mond in hellstem Glänze. 

Von diesem Mittelpunkt aus bezogen und beziehen wir alles, was wir 
sind und was wir haben. Vieles davon, wie die Materie, die chemischen 
Kräfte, die Radioaktivität, die Schwerkraft, haftet bereits dem kleinsten Teil- 
chen des Irdischen an, anderes, wie das Pendulieren, die Rotation, entsteht 
offenbar nur aus den Beziehungen, die zwischen der Erde und der Sonne 
im ganzen bestehen. Auch daß die Sonnenflecken sich mit dem Magnetis- 
mus der Erde'''^) und der Erdbeben in einer unleugbaren Relation befinden, 
daß die Magnetnadel eine tägliche Variation besitzt, die mit dem Sonnen- 
stande zusammenhängt, daß die Magnetnadeln während des Scheinens der 
Polarlichter (Abb. 106), die gleichfalls an den Sonnenfleckenrhythmus ge- 
bunden auftreten, in größter Unruhe sind und magnetische Gewitter an- 
zeigen, daß endlich die Periodizität der Gewitter sich ebenfalls nach den 
Vorgängen auf der Sonne richtet, das alles beweist, daß wir die Erde und 
ihre Integrationsphänomene gar nicht losgelöst von der Sonne betrachten 
dürfen, daß vielmehr die eigentliche Erkenntnis, die sich aus diesen vielen 
Einzelheiten ableitet, so zu lauten hat: 

I ntegrationseigenschaft der Stufe der Mimmeiskörper ist das Hervor- 
bringen der Strahlungen (Licht, Elektrizität, Radioaktivität), der Bewe- 
gungen (Wellen, Rotation, Molekularbewegungen, Wärme), der chemischen 
und physikalischen (Schwerkraft usw.) Kräfte des Lebens und der Intelligenz. 

Eine andere Antwort läßt sich auf die Frage nach dem Ursprung dieser 
Vorgänge nicht geben, als daß sie nach unserer Erfahrung von den Sonnen 
und deren Abkömmlingen hervorgebracht werden und deren Teile in einem 
komplizierten System beeinflussen. Wenn man die Abkömmlinge der Sonnen 
der Reihe nach betrachtet, findet man nichts, was diesen hypothesenfreien 
Sätzen widerspräche. 



") Eine Ausnahme bilden nur die Gezeiten. 

250 




Abb. 106. Polarlichtdraperie von dem Typus, wie er 1332 auf Kap Thordsen beobachtet wurde. 
Unten einer der häufigsten Nordlichtbogen. Originalzcichnung. 

Selbst der Mond, der allgemein für einen abgestorbenen Weltkörper 
fremdartigster Beschaffenheit gehalten wird (Abb. 107), fügt sich diesem 
Satze. 

Jedenfalls muß man ihn doch für die Ergänzung der Erde halten (man 
mag sich zu der von den Angelsachsen vertretenen Hypothese stellen, wie 
man will), mit der er ja auch in den Bewegungen dem Ganzen des Sonnen- 
systems gegenüber eine Einheit bildet, da er nur 384 000 km von uns ent- 
fernt ist. Daher kann er auch so gut aufgeschlossen werden, daß man mit 
Recht von ihm gesagt hat, er sei fast besser bekannt als gewisse Erdteile. 
Man kann auf ihm Gegenstände bis zu 100 qm Fläche unterscheiden, müßte 
also von ihm aus auf Erden Ozeandampfer, die großen Häuserblöcke in 
den Großstädten, sogar jeden einzelnen Eisenbahnzug erkennen können. 
Wenn wir also nicht das geringste Anzeichen von Leben oder gar Zivili- 
sation auf ihm entdeckt haben, so darf man diesmal wohl den Sinnen trauen. 

Trotzdem ist er voller Rätsel. Sicheres weiß man nur von seiner Astro- 
physik. Weil er immer in eine andere Stellung zur Sonne kommt, so er- 
scheint er ständig bald sichelförmig, bald als Vollmond oder Neumond, kehrt 
uns aber trotz dieser Vielgestaltigkeit doch immer nur eine Seite zu. Das 
weiß sogar der Ungebildete, denn er kann es selbst beobachten. Wenn nun 
auch seine Umlaufzeit nur 27 Tage 7 Stunden 43 Minuten 12 Sekunden 
beträgt (siderischer Monat), so erreicht er doch immer erst nach 29 Tagen 



251 



12 Stunden 44 Minuten 3 Sekunden dieselbe Phase, weil ihm eben die Erde 
mit ihrer Eigenbewegung inzwischen davonläuft {synodischer Monat). Das 
aber wissen sogar nur die selten, denen es bekannt ist, daß die menschliche 
Zeitrechnung (der Kalender) auf diesem Faktum aufgebaut ist. Auch das 
ist sicher, daß seine mittlere Dichte nur 2 beträgt, und daß er also nicht 
viele Metalle enthalten kann. Schließlich läßt sich auch das nicht leugnen, 
daß schon jeder mittlere Feldstecher den „Mann im Monde" auflöst in 
Hunderte von Gebirgswällen, Ringgebirge und große graue „Meere" {Maria 
[Abb. 107]), deren Dimensionen man an ihrem Schatten messen kann, wo- 
durch sich erwies, daß Selene bis 8840 m hohe Bergesspitzen besitzt. Auch 
das läßt sich wenig anzweifeln, daß er wenigstens auf unserer Seite eine 
namhafte Atmosphäre nicht haben kann, da Licht und Schatten auf ihm 
nicht durch die weichen Übergänge der Halbschatten (Abb. 108) gemildert, 
und auch die Sterne an seinem Rande bis zur Verdeckung sichtbar sind. 

Man hat Mondkarten angefertigt (Abb. 107) mit Hunderten von Namen"), 
auf denen einige Kettengebirge gleich den irdischen, unvergleichlich mehr 
Ringgebirge, wie wir sie nur in den vulkanischen Gegenden kennen (vgl. 
Abb. 71), (die phlegräischen Felder bei Neapel sind eine Mondlandschaft 
im kleinen), Krater, Risse, Rillen, Quertäler, Ebenen voller Blöcke, Berg- 
stürze, Wälle, eine Urwelt wildester Gewalten, eingezeichnet sind, aber keine 
Spur davon, daß jemals Leben auf ihm herrschte oder Intelligenz die Ober- 
fläche änderte. 

Das ist das, was wir positiv über ihn wissen, alles übrige ist der Ver- 
such, diese Umrisse durch Hypothesen und Ansichten farbiger zu gestalten. 
Von ihnen ist am weitesten die Ansicht verbreitet, der Mond sei ein er- 
storbener Weltkörper, und zwar gestorben, bevor er zum Leben kam. 

Die unglaubliche Durchlöcherung seiner Oberfläche hält man für Durch- 
brüche von Magma, die während des Einschrumpfens seiner Rinde erfolgten. 
Daraus, daß man keine Auswurfmassen außerhalb der manchmal bis zu 
82 km breiten (Krater Tycho) Kraterebenen sieht, die anders sind als das 
Innere, zog man den Schluß, der Vulkanismus habe sich auf ihm anders 
geäußert als auf Erden, obwohl man nicht daran zweifeln kann, daß Vul- 
kane auf dem Monde auch jetzt noch tätig sind. So sieht man aus dem 
Krater Linne seit 2V2 Jahrhunderten immer wieder Wolken aufsteigen, des- 
gleichen im Mare Serenitatis aus den Kratern Posidonius und Taqiiet. Nur 
gerät das Leben, das sich unter dem Einfluß solcher Wasserdampfbildungen 
etwa dort ansiedeln wollte, in die gewiß nicht lebensgünstige Situation, eine 
Mondnacht von 354 Stunden bei Weltraumkälte zubringen und die Freuden 
eines ebenso langen Mondtages durch hundert oder zweihundert Grad 
Bodentemperatur erkaufen zu müssen, da sich der Boden, den einzelne 
Forscher kurioserweise angesichts des blendenden Lichtes der Mondscheibe 
für Kalk, andere für Eis erklären, unter dem Einfluß so langer Besonnung 
ungemein erwärmen muß. So merkwürdig auch das alles ist, so erscheint 

252 






^"''-/■^' 






|:o..:^t 









V- • '■ ^■->'*' 






;^if\.^>iafe- 










^15 o 



Abb. 107. Ideale Ansicht des Vol!iiiuiidL> in (.liiciii mittleren Teiesktip mit seinen 
wichtigsten Gebirgen und Meeren 

1 Marc Crisium, 2 Marc Scrciiitatis, 3 Maro Traiiqiiillitatis, -1 Marc KocciiiiUitatis j Mirc Ncilaris 
fi Marc Frigoris, 7 Marc Imbrium, S Occaii l^roccliarum, 'J Marc Niibiiim. 10 M.-irc Hiiinoriim, It Oic 
Moiidappcnimieii, 12 Das Ringgebirge Copernicus, li Plato. H Der strahlciulc Btrg Arislarcli. li Die 

Ringgebirge Arzachel, Alphons und Ptülemäiis, 10 Das Riiiggcbirgc Tluoplnlii^, 17 Tycho. 
Von diesen sind 2, 7, S selbst mit freiem Auge sichtbar, 1, 1-', Ib. 17 mit jedem kleinen lernrohr 



es doch nicht anders als die irdischen Verhältnisse, und so wie mit dem 
Erdenmond verhält es sich, soweit man davon etwas weil], auch mit den 
anderen 25 Monden und mit den anderen Planeten«"). 

Alle sind Kopien der Sonne und der Erde. Sie muten an wie die ver- 
schiedenen Stadien einer Sonne, die merkurartig wird. Üie Erde ist in wah- 
rem Sinn des Wortes eine unter vielen. 

Ju/jüer (Abb. 47), Venus, Uranus, Saturn und Neptun scheinen wärmer 
als die Erde zu sein; Mars und Merkur aber scheinen einen Zustand zu 
spiegeln, den die Erde noch erreichen wird. Neptun scheint sogar noch 
Eigenlicht zu besitzen, und wenn man das Viele, was man von Planctcn- 
bewohner hypostasiert und phantasiert hat, auf das Wenige reduziert, was 
von allen Forschern zugegeben wird, so kommt mehr oder weniger der Satz 
heraus, daß außer der Erde kein Planet als Aufenthalt für Menschen fye- 
eignet erscheint. Mit anderen Worten, der Gesamtzustand der Erde produ- 
zierte notwendigerweise den Menschen, woran die Illusion zerschellen mulJ, 
daß der Menschheit eine besondere Mission im Weltganzen zukomme. Er 
ist ein Integrationsprodukt neben zahllosen anderen, und die Bckrönung, 
damit der Sinn der Welt, liegt weit über ihm in unvergleichlich höheren 
Dingen, zu denen sein Kopf nur Durchgangsstufe ist. 

So sieht ihn der Chor der Sterne aus dunkler Nacht ernst und feierlich 
an und sagt: Sich ganz erfüllen, sich ganz einordnen ins Ganze und dann 
bescheiden warten. Das ist alles, was du tun kannst! Das Ewige kommt 
nach deiner Bedeutung und deinem Verdienst. 

Das Gesetz der Stellung im System und der abnehmenden Dichte ist uns 
bereits bekannt, woraus allein schon spricht, daß kein Himmelskörper, auch 
nicht die Erde, für sich allein betrachtet und verstanden werden kann, son- 
dern wie die Zellen eines Gewebes oder die Menschen eines Staates nur als 
Glied eines Systems. Daran läßt sich nicht zweifeln, wenn auch der Sinn 
des Ganzen unbekannt und unerkennbar ist. 

Gegenüber dieser wichtigen Einsicht schrumpfen die vielen, oft im sen- 
sationellsten Gewände einherschreitenden Einzelheiten aus der Planeten- 
physik zu Nichtigkeiten zusammen. Ich selektiere daher aus dieser Fülle von 
Behauptungen nur das, was die Hauptgesetze beleuchtet und klarer macht. 
Man braucht nicht mehr zu wissen, um die Gesetze der Welt zu verstehen. 
Auffällig ist die verschiedene Dichte der Planeten und sie spiegelt offenbar 
ein Gesetz wider. Merkur ist durch die Zahl 6,57, Saturn durch 0,72 aus- 
gezeichnet (Näheres auf S. 243), woraus hervorgeht, daß die Materie sich 
auf jedem in anderem Zustande befindet. Das drängt die Vermutung auf, 
daß diese Sterne nicht unter gleichen Umständen entstanden und auch nicht 
gleichen Verhältnissen ausgesetzt sind. Man erkennt das auch daraus, daß 
ihr physischer Zustand sehr verschieden anmutet. Es gibt einige unter 
ihnen, wie Jupiter oder Saturn, die Gaskugeln zu sein scheinen; andere, 
wie Merkur und Mars (vgl. Abb. 47), scheinen sich Mondverhältnissen zu 

253 



nähern, mindestens wasserarm und nur mit geringer Atmosphäre umgeben 
zu sein. Merkur zeigt sogar das gleiche Spektrum wie die Sonne. Auch die 
verschiedene Zahl der Trabanten (0—10) besagt, daß jeder der Planeten 
seine Sondergeschichte gehabt haben muß. Einer von ihnen, nämlich Sa- 
turn, zeichnet sich sogar durch eine Besonderheit aus, für die es im Irdi- 
schen kein Gegenstück gibt, wenn man das ZodiakaUicht nicht als Staubring 
fassen will.«^) Das sind die 1610 von Galilei entdeckten Saturnringe (Abb. 
47), die seit Maxwell für Staubteilchen gehalten werden, und die sich in 
einzelnen Zonen zusammen in 80—350 km Dicke verschieden schnell be- 
wegen (ßelopolski), im allgemeinen aber übertreffen sie mit einer Um- 
laufszeit von 5—6 Stunden ihren Planeten, der in lOVi Stunden rotiert, 
trotzdem er 700 mal größer ist als sie. 

In welche Urwelt blickt man doch durch das Fernrohr hinein, wenn man 
diesen in verlorener Weltennacht dahinschwebenden Stern beobachtet, an 
dessen Himmel stets einige Monde leuchten, der vielleicht selbst noch Eigen- 
licht aussendet, da man auf ihm glühend rote Flecken erblickt, soweit er nicht 
in seinen ständigen Wolkenmantel eingehüllt ist, was Veranlassung zu der 
sehr artigen Bemerkung gegeben hat, sein Meer schwebe noch in der Luft. 

Nicht viel anders mutet er an wie Jupiter (Abb. 47), der neben Venus der 
auffälligste Stern des gesamten Firmaments ist. Das kommt davon her, 
daß er, obwohl er bei 777 Millionen Kilometer Entfernung weniger Licht 
als die Erde erhält, eben 1330 Erden fassen könnte und daher selbst eine 
Einflußsphäre besitzt, welche seine Monde in gleicher Entfernung (26 Mil- 
lionen Kilometer) an ihn fesselt wie uns die Sonne. 

Gerade durch diese Größe ist er ein Beweis, daß die Drehungsgeschwin- 
digkeit der Himmelskörper von anderen Umständen abhängen muß als von 
ihrer Größe, dreht er sich doch so schnell, daß sein Tag nur 9 Stunden und 
55 Minuten währt. Auch er ist mit Wolken überdeckt, die verschiedene Be- 
wegungen ausführen, und nur selten bricht unter ihrer Hülle blutigrot der 
wahre Stern durch. Jupiter ist es doch, der seit 1878 durch seinen unge- 
heuren „roten Fleck" (Abb. 47) die Aufmerksamkeit der Beobachter beson- 
ders auf sich zieht. 

Neptun und Uranus mit ihren großen Gashüllen sind einander in allem 
bis auf den Umstand ähnlich, daß der erstere, der 1846 von Leverrier, wie 
man sehr hübsch sagte, mit der Spitze der Feder gesehen wurde, für den 
Umstand, daß er 4490 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist, zu 
hell leuchtet. Er muß sich daher wohl in einem sonnenähnlicheren Zustand 
befinden als alle anderen Trabanten der Sonne, was übrigens von Secchi 
auch für den Uranus vermutet wird. 

Wie anders mutet dagegen die sonnennahe und kleine Trias: Merkur, 
Mars und Venus an, von denen allerdings Mars jenseits der Erde kreist. 
Von ihnen ist nur Venus, die Schöne und Sanftblickende, mit einer dichten 
Atmosphäre umgeben, und wenn schon die Phantasie des Menschen von 

254 



lebenden Gefährten in der Tiefe des Himmelsraumes träumt, so käme dafür 
meines Erachtens als einziger Schauplatz nur die fast stets in Sichclform 
sichtbare Venus in Betracht. Sie hat ein 225 Erdtage langes Jahr, einen 
Dreiundzwanzigstundentag, die gleiche Dichte (also Zusammensetzung) wie 
die Erde, ähnliche Größe, eine wasserdampfrciche Atmosphäre, allerdings 
doppelt so viel Licht und Wärme wie die Erdenkinder. 

Dennoch haben, seitdem sich die Phantasie auf solche Reisen wagt, die 
JVlenschen immer sehnsüchtig nach dem roten Mars ausgesehen, ob denn 
von ihm immer noch nicht die ersehnte Botschaft fremder Intelligenzen aus 
dem Himmelsraum käme. Besonders nachdem der Italiener ScIüaparelU im 
Jahre 1877 die Marskanäle (Abb. 67) beschrieben hat, nachdem 1881 ihre 
plötzliche Verdoppelung entdeckt und 1907 die Zweifel über ihre Realität 
durch die Photographien von LowelL behoben wurden. Wenn man auch 
daran nicht zweifeln kann, daß der weiße Schein an den Polen des Mars, 
der im Sommerhalbjahr vergeht, worauf die „Kanäle" dunkler und breiter 
werden, große Ähnlichkeit mit den Polarkappen der Erde hat, die sich für 
einen fernen Betrachter ebenfalls im Laufe der Jahreszeiten (in der Differenz: 
Rand des Packeises bis zu den Alpen, also 20—25 Breitegrade) rhythmisch 
ändern müssen, so sind doch gewisse Umstände, wie die Geringfügigkeit 
der Atmosphäre*), die fast völlige Wasserlosigkeit des Mars, die geringe 
Intensität der Sonnenstrahlung (nur 0,43% der irdischen, also das kalte 
Klima), Umstände, welche dem „Marsleben" ganz sicher andere Bahnen ge- 
wiesen haben als dem der Erde. 

Noch verschiedener muß sich das Dasein des kleinen, den Mond an Größe 
nicht sehr übertreffenden Merkur abspielen. Er hat zwar eine Atmosphäre, 
aber gleich dem Mond nur eine mit dem Umlauf von 88 Tagen zusammen- 
fallende Rotation, wodurch er der Sonne stets die gleiche Seite zukehrt und 
auf dieser einen ewigen Tag genießt, der von 6,5 mal stärkerer Strahlung ist 
als der irdische. Als Facit solcher Erwägungen bleibt daher meine Überzeu- 
gung bestehen, daß „Leben" wohl vielfach im Sternensystem verbreitet sein 
mag, menschliches Sein aber derzeit nur einmal, so daß die Erde den Namen 
Menschenstern mit Recht verdient, der ihr angesichts ihrer Geschichte ohne- 
dies nur für eine flüchtige Stunde in einem langen Dasein zukommt. 

Die Planetoiden zwischen Mars und Jupiter sind Weltchen, deren größte 
nicht mehr als 1000 Kilometer Durchmesser besitzt, sie scheinen Trümmer 
eines einzigen großen Planeten zu sein, in deren Schwärm stets da eine 
Lücke ist, wo ein diese Stelle einnehmender Planet eine Umlaufszeit hätte, 
die zu der von Jupiter und Saturn in rationalem Verhältnis stände. 

Eros ist ihr größter, Vesta, Ceres, Pallas und Juno sind die kleineren 
Gefährten, deren Durchmesser schon nur mehr 190 km erreicht; alle üb- 



•) Nach den spektroskopischen Untersuchungen der Lick-Stcrnwarte Ist überhaupt 
keine Atmosphäre vorhanden. 



255 



rigen etwa 700 Zwergwelten sind noch kleiner. Wenn man nun daraus, daß 
Eros, der übrigens fast völlig zwischen Mars und Erde kreist und sich uns 
bis auf 19 Millionen Kilometer nähern kann, und daraus, daß die Planetoiden 
jenseits von Hungarla die festgeschlossene Bahn der anderen durch- 
brachen, schließt, jener hypothetische ,, zersprungene" Planet könne nicht 
existiert haben, so vergißt man darauf, daß die großen Herrscher im Reiche 
der Planeten Störungen gegenüber den kleinen bewirken müssen, die viel- 
leicht auch die Abweichung des Neptun von der Titius-Regel mehr als ge- 
nügend erklärt. Denn diese Regel, aufgestellt vor Entdeckung der Planeto- 
iden, hat die Stelle dieser Existenz genau so vorhergesagt wie Leveniers 
Rechnung den Neptun; sie hat also ihre Brauchbarkeit bewiesen. 

Ob die Meteoriten, deren größter, der „Eiserne Berg", von 40 000 kg 
Gewicht in der Melvillebai des antarktischen Amerikas vor 1818 gefallen 
ist, mit diesen Planetoiden in Zusammenhang stehen, ist zweifelhaft, nach 
vielem aber nicht einmal wahrscheinlich. (Vgl. Abb. 22.) 

Die Erde nimmt täglich 100—200 Tonnen dieses Materiales auf, das 
jedermann wenigstens in Gestalt von Sternschnuppen schon beobachtet hat, 
als Zeichen dessen, wie häufig diese Sendboten aus dem Himmelsraum zu 
uns gelangen. Schwärme, wie der Laurentlusschwarm der Perseiden (9. bis 
12. August) oder der immer mehr enttäuschende Meteorschwarm der Leo- 
niden (7.— 14. November), der im Jahr 1799 das helle Entzücken Alex. 
V. Humboldts erregte, als er in kurzer Zeit Zehntausende der herrlichsten 
Feuerraketen durcheinanderschießen sah, die der Andromediden und Lyriden 
sind so zahlreich, daß man in einer Stunde bis 75 000 Sternschnuppen fest- 
stellt. Wenn sie zur Erde herabgelangen, erweisen sie sich sandkorn- oder 
faustgroß und nur selten zerstörend und so felsblockmächtig wie viele der 
schönen Meteorsteine, welche die prächtigste Sammlung aufbewahrt, die auf 
Erden davon existiert, nämlich das Wiener naturhistorische Museum. Man 
steht erschüttert vor dieser außerirdischen Materie — aber noch mehr kann 
die Tatsache ergreifen, daß sie nicht anders als die irdische ist. 

Au\ diesem Boden steht die felsenfeste Überzeugung, daß das gesamte 
Weltall einheitlich ist. Die gleichen Kräfte (Elektrizität) wirken in die 
fernsten Fernen, und aus dem Unermeßlichen kommt die gleiche Materie 
zu uns, die auf Erden vorhanden ist. 

Dem Anhänger der O.P. ist diese Einheit des Seins freilich nicht ver- 
wunderlich, sondern einfach ein Postulat seiner Grundüberzeugung; die ent- 
sprechende Erfahrung ist ihm also nur ein Beweis für die Richtigkeit sei- 
ner Lehre. 

Die Meteorite enthalten mit Vorliebe (oft bis 96o/o) Eisen und Nickel, 
sonst Olivin, Augit, Magnetkies, Quarz. Auch Kalzium, Magnesium, Alumi- 
nium, Kobalt, Schwefel, Phosphor, Chlor, Arsen, Argon und Helium sind 
vorhanden, und sie erinnern sehr an vulkanische Produkte. Man machte 
sie glühend und fand ihr Spektrum dann sonnenähnlich. 

256 




Abb. lüQ. Pliotographische Aufnahme des Cjog^ia-Kc 

(NaL'li Aiinals of the astronomical obsiTvatory of Har\'ard (^oIIckc 



lIK'tOIl 
STD 



Meteorite sind also eine Musterkarte der Weltenmaterie. Daß sie oft 
glasig sind, erklärt sich ohne Mühe durch ihr Glühen, welches durch die 
Reibung an der Atmosphäre in etwa 1000—1200 km Höhe beginnt; daß sie 
aber auch große Kristalle enthalten. Ist der erste und unumstößliche Beleg 
dafür, daß die Gesetze des Organischen von kosmischer Gültigkeit sind! 

Ob die in ihnen enthaltene Kohle organischer Natur ist, wie Flammarion 
meint, läßt sich nicht entscheiden, ist auch weniger wichtig als der von 
Schiaparelli erbrachte Nachweis, daß sie durch die Auflösung der Kometen 
entstehen. Denn der Biela'sche Komet, der eine Umlaufszeit von 6,6 Jahren 
besaß, hatte sich im Jahre 1845 entzwei geteilt und war seit 1852 definitiv 
verschwunden. An seine Stelle trat ein Meteorschwarm, der am 25. Novem- 
ber der Erde nahekommt. Und diese Tatsache bestätigte sich noch mehrfach. 
Damit sind die stets in der Atmosphäre völlig verbrennenden Sternschnup- 
pen, Meteorsteine und die rätselhaften, den Menschen so viel Schrecken ein- 
flößenden Kometen (vgl. Abb. 109) unter einen Hut gebracht. Sie alle sind 
von dem Sonnensystem eingefangene Wanderer aus dem Fixsternhimmel. 

Schon Kepler wußte es, daß Kometen, wie er sich ausdrückte, so zahl- 
reich am Himmel sind wie Fische im Wasser, und von den seit 1767 bis 
1907 berechneten 300 Schweifsternen sind so viele regelmäßig wieder ge- 
kommen«»), daß in jeder Generation jedermann Gelegenheit gegeben wird, 
den einen oder anderen je nachdem: zu fürchten oder zu bewundern. Den 
letzten großen, den Halley'schen Kometen, hat man uns im Jahre 1910 als 
Schreckgespenst hingestellt, dem Stil der Zeit entsprechend allerdings nicht 
mehr als Kriegspropheten, wie zuletzt den im Jahre 1811 (vgl. Abb. 109), 
sondern als Störenfried der Erde, die durch seinen Schweif hindurchging. 
Aber so wie 1819 und 1861, da die Erde ebenfalls Kometenschleppen 
durchzog, passierte nichts anderes, als daß Sternschnuppen und Nordlichter 
in vermehrter Zahl sich zeigten. Denn es kann kein Zweifel mehr sein, daß 
die Kometen Anhäufungen von kosmischem Staub und Meteoriten sind, 
welche von der Herrin unseres Systems eingefangen und dann in der Son- 
nennähe erhitzt und beleuchtet werden. Die Gase, von denen die Spektral- 
analyse Kohlenmonoxyd, auch Eisen und Natrium durch ihre charakteri- 
stischen Linien verrät, werden durch den Strahlungsdruck (der ja 1,5 n 
große Körperchen vom spezif. Gewicht 1 schon frei schwebend erhält) zu 
jenen so fürchterlich wirkenden, meist türkensäbelförmig gekrümmten 
Schweifen ausgezogen, deren von der Sonne abgewandte Stellung sich auf 
diese Weise ungezwungen erklärt. Der „Kern", das sind die Staubmassen, 
die deshalb in der Sonnennähe besser beleuchtet werden; die Gase dagegen 
bilden die bekannte Nebelhaube (Corona) um den Kopf des Kometen. 
Daß dem so ist, beweist der auf Abbildung 110 wiedergegebene, instruk- 
tive Versuch, künstliche Kometen zu erzeugen. Man verwendete dazu ein 
Gemenge von erhitzten Pilzsporen, die in verkohltem Zustand etwa 0,002 mm 
große Kügelchen von 0,1 Dichte bilden, und von Schmirgelpulver, das in 

Franct, Bios 17 

257 



eine Sanduhr eingefüllt wurde, die man möglichst luftleer machte. Mit 
einer starken Bogenlampe, deren Licht man noch durch eine Linse konzen- 
trierte, beleuchtete man nun diesen fallenden Staub und sah nun mit Ver- 
gnügen, wie die Pilzkohle durch den Strahlendruck zu einem kleinen „Ko- 
metenschweif" seitwärts getrieben wurde, während das schwerere Schmir- 
gelpulver unbeirrt und gerade zu Boden fiel. 

Die Kometen sind also eingefangene Fremdkörper aus dem Weltall, deren 
Einverleibung in unserem Sonnensystem nur in wünschenswerter Weise be- 
weist, daß auch jenseits unserer Sonne Himmelskörper von gleicher Materie 
und damit auch gleicher Gesetzlichkeit des Seins existieren. 

Nimmt man dazu die von ihnen zu uns dringenden Lichterscheinungen, 
welche ebenfalls den Gesetzen innerhalb des Sonnen- 
systems gehorchen, so kann man mit Berechtigung den 
Satz unserem Weltbilde einfügen, daß die Sonne mit 
ihrer Trabantenschar ein Stern unter vielen sei, denen 
im Prinzip die gleichen Eigenschaften zukommen 
wie ihr. 

Im Chor der Fixsterne ist sie, deren Licht den posi- 
tiven Krater einer Bogenlampe nur um das vierfache 
übertrifft, nicht einmal eine der hervorragenden. Wäre 
sie nicht 8 Lichtminuten, sondern 30 Lichtjahre von 
uns entfernt, so würde sie einem Menschenauge nicht 
mehr sichtbar sein; denn sie ist nur ein Fixstern aus 
der Kategorie der Sterngröße von 6,5. 

Die Hilfsmittel, sich hiervon zu überzeugen, waren 
außer den Meteoriten und der Himmelsmechanik 
hauptsächlich die spektralanalytischen Studien, die sich 
auf der von dem Engländer W.Wollaston im Jahre 1802 
beschriebenen Entdeckung aufbaut, daß im Sonnen- 
spektrum dunkle Linien (nämlich durch Absorption von Gasen) vorhanden 
sind. Die gleiche Entdeckung machte der Münchner /. Fraunhofer im 
Jahre 1814 unabhängig von seinem Vorgänger und verstand sie auch aus- 
zubauen, weshalb die Absorptionslinian mit Recht seinen Namen tragen, 
obzwar die heutige Spektralanalyse erst ein Kind des Jahres 1859 ist, in 
dem von G. Kirchhoff und K. Bunsen das Kirchhoff 'seht Gesetz geschaf- 
fen wurde, das da lautet: Alle leuchtenden Gase können Licht gleicher 
Wellenlänge (also Farbe) emittieren, wie sie selbst absorbieren. 

Von da ab entstand durch Angström (1868) der berühmte, bis 1900 
vervollkommnete Atlas der Sonnenchemie, der dann das Vergleichsobjekt 
zu den anderen Sonnen des Weltenraumes wurde. 

Daher weiß man heute mit Bestimmtheit, daß Sirius eine Sonne ist, in 
der Wasserstoff überwiegt, desgleichen die Wega, dagegen Arktur oder 
Aldebaran oder Pollux eine Metallsonne ist. Daher weiß man aber auch 




Abb. 110. Die künstliche 
Erzeugung eines Kometen. 
{Näheres siehe im Text ) 



258 



mit Sicherheit, daß das irdische Sonnensystem nur eines ist unter zahllosen, 
und daß seine Gesetze zugleich die der Welt sind. 

Damit ist ein gewisser Abschluß in unseren Erkenntnissen erreicht. 
Nicht darauf kommt es an, sich nebulosen Träumereien hinzugeben, wie oft- 
mal auf den Trabanten ferner Sonnen sich die Lebenssituation der Erde ver- 
wirklichen mag, und ob es dann dort Plasmawesen mit ähnlichen Anpas- 
sungen gibt, sondern das Wichtigste ist, jetzt einmal den Begriff der Scm- 
nenhaftigkeit, von dem die Erde nur eine Teilverwirklichung ist, in seinen 
Integrationseigenschaften scharf zu erfassen. 

Das gelingt jetzt anders als im 2. Abschnitt (S. 82), als wir nur einen 
ersten Blick auf die soeben entdeckte Tatsache der Sondereigenschaften, 
die jeder Integrationsstufe zukommen, warfen. Mit guten Gründen kann 
man es verfechten, daß die Weltkörper die Urheber der physikalischen 
Kräfte, vor allem der Elektrizität, damit des von ilir abhängigen Lichtes 
sind und jene Autonomie der Beweglichkeit, die den Elektronen bis zu 
den Molekülen eignet und die Quelle der Wärme ist, als Vertreter einer 
neuen Integrationsreihe höheren Ranges wiederholen, die sie auch be- 
fäliigt zu „Atomen höheren Ranges", nämlich zu Sonnensystemen zu- 
sammenzutreten, aus denen sich Sterngruppen, quasi kosmische Moleküle 
und der „kosmische Körper'', nämlich die Weltmaterie aujbaut, als die 
uns das materielle Weltall erscheinen muß. 

Was an jenem Orte versuchsweise ausgesprochen wurde, ist nun nach der 
großen kritischen Analyse, die wir vorgenommen haben, bis zur Wahr- 
scheinlichkeit erhärtet und in vielen Einzelheiten klargestellt. Noch aber 
gehen den „Sonnensystemen" die höchsten Qualitäten ab, die der Welt die 
Dauer verbürgen, und das ist eine Einsicht, die man nicht scharf genug 
herausarbeiten kann. 

Die Sonnensysteme sind weder absolut harmonisch noch stabil. Durch 
die Störungen ändern sich die Bahnen der Planeten ununterbrochen, und die 
Stellungen, die sie zueinander einnehmen, wiederholen sich nie."") Außer- 
dem ist der Raum, den die Planeten durcheilen, von Meteoriten, Gasen, 
Nebeln erfüllt, die alle die Geschwindigkeit vermindern, so daß alle Tra- 
banten sich einst mit der Sonne, aus der sie hervorgegangen sind, auch wie- 
der vereinigen müssen. Es liegt in dem Begriff des Teiles, daß das Son- 
nensystem nicht stbial ist. Sein Bau nähert (vgl. das Goldschmidt'schc 
Gesetz) die Harmonie nur an, ohne sie zu erreichen. Es hat nicht von 
Ewigkeit her bestanden, wird daher auch mit der Zeit vergehen. 

Diese höchste und letzte Bestimmung der Dauer, welche auch die Ent- 
wicklung zum Kreis gestaltet, kommt vielmehr der Fixsternsystcm-Wclt als 
solcher zu. Das ist im Schluß des Entitätskapitels mit genügender Klarheit 
ausgeführt (S. 81), daher dort nachzulesen. Dem Ganzen kommt sowohl die 
Erhaltung der Materie wie die der Energie zu, ihm auch jene Harmonie zwi- 
schen den Teilen, welche verbürgt, daß alle Änderungen zu Kreisläufen werden. 

w 
259 



In eisig klare Fernen blickt hier des Denkers Auge. Das Denken reicht 
noch über die Sinne hinaus und verliert sich damit in Regionen des Unbe- 
weisbaren. In dieselbe Dunkelheit, aus der das Phänomen der Integration 
aufstieg, verliert es sich auch wieder. Denn, daß in der höchsten aller Stu- 
fen (im Bios) das Weltphänomen keine andere spezifische Bestimmung mehr 
erhält als die des Erlebnisses, wodurch erst alles zum Sein gelangt, das 
biegt die Linie der Erkenntnisse um und verwandelt sie selbst in einen Kreis. 

Mit einer ungeheuren Wucht belastet dieses Wissen die menschliche 
Seele. Wenn auch das Gemälde der Welt, das zu entwerfen ich hier bemüht 
war, nicht in allem den Wirklichkeiten entspricht, teils wegen meiner eige- 
nen Unzulänglichkeit, teils wegen jener der menschlichen Forschung über- 
haupt, im Wesen kann es nicht unrichtig sein, und nur darauf kommt es an. 

Das Wesentliche war, eine Einsicht zu gewinnen, daß wirklich ein 
solcher Stufenbau von Selnsformen, wie er vorausgesetzt wurde, existiert, 
und daß durch die Organisierung jeder Stufe In Systemen jeder auch 
Eigenschaften zuwachsen, die keiner der tiefer stehenden Komponenten, 
ja nicht einmal den einzelnen Qlledern einer Stufe, für sich allein zu- 
kommen. Dadurch entsteht auch eine Rangordnung von Eigenschaften des 
Seins, in der jeweils die höhere Qualität durch die ihr untergeordneten be- 
dingt wird. Mag Forschung und Denken auch noch so sehr fortschreiten, 
im großen Ganzen wird sich dieser Stufenbau, dessen Vorhandensein sich 
jeder als eine elementare Eigenschaft des Weltenseins einprägen möge, nicht 
mehr ändern können. Wer sich einmal diesen neuen Weltblick erworben 
hat, der kann den Dingen, von den einfachsten Anforderungen seines Be- 
rufes bis zu den höchsten Idealen, die ihm vorschweben, nicht mehr so 
gegenüberstehen, wie er es tat, bevor dieses Werk in seine Hände geriet. 
Es hat nichts anderes in dem vorliegenden ersten Teil vollbracht als eine 
möglichst objektive Analyse des Begriffes vom Sein. 

Und er ist schon damit zu einer Umwertung gelangt in der Rangordnung 
der lebensnotwendigen Erkenntnisse, die nicht ohne Einfluß auf das prak- 
tische Handeln bleiben kann. 

Denn eine Welterkenntnis, die Harmonie als obersten Begriff in ihre 
Kategorientafel einsetzt, muß den Menschen zu anderen Zielen leiten als 
jene, denen die metaphysischen Begriffe der Vergangenheit voranleuchten. 

Eine Welterkenntnis, die sich über die Unerkennbarkeit der Wirklichkei- 
ten, der Wahrheit schlechthin klar geworden ist, wird nicht mehr dem 
Molochbild dieses Götzen dienen. Ihr Endzweck heißt nicht das Uner- 
kennbare, sondern das Mögliche. Nicht Wahrheit, sondern harmonisches 
Leben ist ihr Leitstern. 

Und dadurch überschreitet sie selbst die Stufe eines bloßen Erkenntnis- 
systems, das bisher noch jede Philosophie gewesen ist, und erlebt an sich 
selbst die Macht des Integrationsgesetzes. Denn auf höherer Seinsstufe faßt 
sie Erkennen, Wollen und Leben zusammen zu etwas, das mit neuen Kräf- 

260 



ten in die Welt tritt als die Lebenslehre der objektiven Philosophie. 
Durch die Erkenntnis des Integrationsgesetzes hat das menschliche Ich die 
Möglichkeit, seine wahre Bedeutung im Weltganzen zu erkennen, damit 
seine Herkunft und sein Ziel. Das Allerwichtigste war damit gefunden: der 
Standpunkt des Ichs der Welt gegenüber. 

Es hat sich gezeigt, daß es in unverbrüchliche Gesetze eingeordnet ist. 
Und so ist das Integrationsgesetz gewissermaßen der Boden, aus dem eines 
Tages die objektive, das ganze Weltall umfassende Form von Religion her- 
vorwachsen wird. 



Anmerkungen und Zusätze 

22 (Zu S. 110.) Die Grundlage der Formel ist eine Wägeversuch, durch den sich 
herausstellt, daß man aus 2 g Eisen ungefähr 2,86 g Rost enthält. Das Eisen ver- 
hält sich also zum Sauerstoff im Rost wie 2/0,86. Nun hat Eisen das mit der Wage 
feststellbare Atomgewicht von 55,9 (d. h. immer wenn sich Eisen irgendwie verbin- 
det, gehen 55,9 Teile in die Verbindung ein), Sauerstoff dagegen 16. Dieses Ver- 
hältnis ist also so darzustellen : 

2x55-9 ^ _x_ 
0,86x16-0 y 

Oder wenn man die Rechnung vollzieht, dann ist x/y — 0,65. Nun arbeitet die 

Chemie nicht mathematisch exakt, sondern nur mit Annäherungsziffern; sie setzt also 

2 Fe 
statt 0,65 ruhig 2/3 und schreibt ihre Formel —^ ausgedrückt in ECjOs. 

Die chemischen Formeln sind demnach nur Annäherungsformeln und nicht exakt. 
Schon die Atomgewichte sind nicht genau. So zeigt sich bei Morley's höchgt genauen 
Wägungen, daß das Atomgewicht von O eigentlich 15,879 beträgt. Die Chemie rech- 
net aber seelenruhig 16,°° und regelt nach den Oxyden alle anderen Gewichte. 
Dadurch haben ihre gesamten Formeln und Rezepte nur praktischen Wert. 

Aus dieser Tatsache, welche sich die meisten Chemiker niemals klar gemacht haben, 
folgt, daß künstlich hergestellte Substanzen niemals das Naturgesetz ihres Baues 
verwirklichen, daher auch in den Eigenschaften nur annähernd und nicht identisch 
sein können. So mag es sich erklären, was die neuere Medizin immer energischer 
hervorhebt, daß dem künstlichen Digitalin, Chinin und anderen .V.edikamenten ge- 
wisse physiologische Wirkungen fehlen, die dem aus Pflanzen gewonnenen Digitalis- 
saft, der Chinarinde usw. eignen. 

Sobald man sich das mit allen Konsequenzen klar gemacht haben wird, muß eine 
Reform der chemotechnischen Methoden einsetzen, die sich überhaupt zu einer Re- 
volution der Chemie auswachsen kann. Hier schlummern für Wissenschaft und Leben 
unausdenkbare Möglichkeiten. Vgl. Anm. 24. 

23 (Zu S. 102, 110.) Es ist z. B. durch die Atomannahme unerklärlich, wieso durch 
Verbindung von Atomen geruchloser Substanzen Riechstoffe entstehen können oder 
durch die chemische Vereinigung von farblosen Stoffen gefärbte, wie der Chemiker 
zahllose Male feststellen kann. Auch ist der tiefgreifende Unterschied zwischen 
gelbem und rotem Phosphor durch die Atomhypothese nicht zu klären, ebenso wenig 

261 



die Differenzen zwischen Sauerstoff (Og) und Ozon (O3). In beiden Fällen bestehen 
energetische Unterschiede, die nicht durch Quantitätsrechnungen geklärt werden 
können. 

24 (Zu S. 112). Allerdings trifft die Avogadro'sche Hypothese nur für ideale 
Gase und nicht für die Praxis zu; selbst für Wasserstoff (auf dessen Verhältnissen 
dann der ganze Turmbau der Chemie ruht) gibt es Abweichungen, wenn sie auch 
kaum meßbar sind; für Chlor betragen sie sogar IVs^/o« Was in Anmerkung 22 aus- 
führt wurde, gilt also auch hierfür. 

25 (Zu S. 113). Das für die Wissenschaftsgeschichte bedeutsamste Beispiel isome- 
rer Verbindungen sind Ammoniumcyanat und Harnstoff. NH4*CNO und CO(NH2)«. 
Wenn Ammoniumcyanat in wässeriger Lösung einige Zeit erwärmt wird, so tritt 
eine intramolekulare Umlagerung bei chemisch gleichem Bau ein, und nach Erkal- 
ten scheidet sich der Harnstoff in großen Prismen aus. Die beiden Verbindungen 
haben aber ganz verschiedene Eigenschaften. 

26 (Zu S. 116). Immerhin nimmt R. Zsigmondy, einer der Begründer der Ultra- 
mikioskopie, an, daß die kleinsten der „Amikronen" in kolloidalen Lösungen, die auf 
indirektem Wege nachgewiesen werden können, vielleicht mit den Molekülen identisch 
sind. Tatsächlich hat die Ultramikroskopie in Verbindung mit der Kolloidchemie die 
von der kinetischen Gastheorie vorausgesetzte „Diskontinuität der Materie bei kolloi- 
dalen Lösungen" wirklich erwiesen und damit zum erstenmal die Realität der Mole- 
kalarwelt nahezu evident gemacht. Vgl. K. Zsigmondy über Kolloidchemie (anorga- 
nische Kolloide). Leipzig 1907. 

27 (Zu S. 120). Vgl. O. Lehmann, Die neue Welt der flüssigen Kristalle. 1911. 
S. 79 und M. L. Frankenheim in Pogendorffs Annalen 1854. 

28 (Zu S. 127). Vgl. Boltzmann, Gastheorie I— II, Leipzig. 1895—1898. 

29 (Zu S. 127). Unter Vector versteht die Physik eine gerade Strecke, welche eine 
bestimmte Länge, bestimmte Richtung und bestimmten Richtungssinn besitzt, und 
benutzt Vectoren zur Darstellung von Beschleunigungen, Summation und Analyse 
von Bewegungen. 

30 (Zu S. 129). Vgl. hierzu: L. Sohnke, Entwicklung einer Theorie der Kristall- 
struktur. Leipzig 1879. — W. Friedrich, P. Knipping und M. Laue in Sitz. Ber. der 
bayer. Akademie der Wissenschaften München 1912. — G. /. Moseley und C. Q. 
Darwin, The reflexion of the X. rays. (Philos. Magazin 1913.) — O. Lehmann, 
Molekularphysik I— II. Leipzig. 1889 — ferner auch W. H. Bragg und W. L. Bragg, 
The Structure of the diamond. (Roy. Soc. Proc. 1903). 

31 (Zu S. 132). Vgl. Tammann, Kristallisieren und Schmelzen. Leipzig, 1903. 

32 (Zu S. 134). P. von Weimarn (s. Kolloid-Zeitschrift seit 1907) sagt aus, daß 
die Teilchen der kolloiden Lösungen kristallinisch sind. Als Beweis beruft sie sich 
darauf, daß bei gewissen Konzentrationen der Lösungen die Niederschläge sehr zur 
Kristallbildung neigen, während bei niedrigeren die entstandenen Kristalle schließ- 
lich mikroskopisch klein und nicht mehr verfolgbar wurden, von da ab entstanden 
dann kolloidale Lösungen, so daß die Kontinuität von den kleinsten Kristallen zu 
den Ultra- und Amikronen gegeben ist. Diese haben aber die Fähigkeit, in Berührung 
mit ihrem Dispersionsmittel zu mikrokristallinischen Bildungen zu erstarren. Auch 
die Farbenzerstreuung im ultramikroskopischen Bilde kolloidaler Lösungen stimmt 
mit der von Kristallen überein. 

Bewahrheitet sich das, dann ist die Kristallgesetzlichkeit, also die Existenz moleku- 
larer Richtkräfte in der ganzen Materie erwiesen, wozu die Einheit des Denkens an 
und für sich drängt. 

33 (Zu S. 134, 135). Cornu fand Gele unter den Hydroxyden (der Opal ist ein 
solches), Phosphaten, Arseniaten, Antimoniaten, Silikaten und allen ihren Verwitte- 

262 



rungsprodukten unter den Elementen: Schwefel, Gold, Silber, Kohle (Anthrazit), 
Sulfiden, Haloidsalzen u. a. („Kolloidchcmie und Mineralogie" 1909.) 

34 (Zu S. 139), Für die Sache ist es ohne Bedeutung, daß Bayer später die 
Kekule'sche Formel in ein „zentrisches Symbol" 




umänderte, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß die 6 Valenzen, welche gegen 
die Mitte des Kerns gerichtet sind, sich in einem Zustand der „Absättigung" befinden 
und zusammen das System in seinem Bestand erhalten. Vgl. /. H. van t'Hoff, Vor- 
lesungen über theoretische und praktische Chemie. Braunschweig. 1900. — A. Wer- 
ner, Neuere Anschauungen auf dem Gebiet der anorganischen Chemie. — Braun- 
Bchweig. 1913. 

35 (Zu S. 144). Mendelejeff machte schon 1871 auf die Lücke aufmerksam, die 
damals im System zwischen Calzium und Titan bestand, bestimmte das fehlende, 
hypothetisch Ekabor (Sanskrit = eka = eins) benannte Element, das 1S79 von 
Nilson wirklich entdeckt wurde. Es ist das heutige Scandium. Das gleiche ereignete 
sich mit einer Lücke zwischen Zink und Arsen, die 1875 mit dem Gallium, 1S88 
mit dem Qeranium ausgefüllt wurde. Noch unentdeckt ist das Mendelejeff- 
sche Ekamangan, Ekajod und Ekaaniimon. In der Tabelle sind übrigens viele sel- 
tene Elemente wie Praseodyn, Holmium, Thullinm, Lutetium, Samarium u. a. weg- 
gelassen; auch darf nicht vergessen werden, daß der Wasserstoff sich der Tabelle 
nicht fügt, auch sonst verschiedene untergeordnete Punkte noch unklar sind. 

36 (Zu S. 146). Man hat bisher 87 Elementtypen festgestellt, deren jedem ein cha- 
rakteristisches Röntgenspektrum entspricht. Darnach gibt es offenbar noch mehr 
Elemente, als bis jetzt entdeckt sind. Die Repräsentanten der Ordnungszahlen 4 3. 61. 
75, 85 und 87 sind noch festzustellen. Ordnet man nämlich die Elemente nach wach- 
sender Frequenz der analogen Linien ihrer Röntgcnspektra, dann erhält man eine 
Ordnung, die sich mit der im periodischen System deckt, und deren Zahlen auch mit 
den Ordnungszahlen der positiven Kernladung der Atome korrespondieren. 

Aus dieser ganzen Einheit der Beziehungen läßt sich der Satz ableiten: Die Eigen- 
schaften der Elemente sind periodische Funktionen der Kernladung ihrer Atome. 

Eine Uebersicht der Ordnungszahlen der wichtigsten Elemente gewährt die nach- 
stehende Tabelle. (Vgl. A:. Fa/ans, Radioaktivität und die neueste Entwicklung der 
Lehre von den chemischen Elementen. 2. Aufl. Braunschweig 1920. Auch A. Som- 
merfeld, Atombau und Spektrallinien. 1920.) 

Nach den neuesten Untersuchungen des englischen Physikers Moselcy ist die Schwin- 
gungszahl der Röntgenspektra der Elemente mit der Quadratwurzel von deren Scricn- 
zahl proportional. Darnach ist es wahrscheinlich, daß es nicht mehr als 92 Elemente 
in Wirklichkeit gibt. 



263 



Ordn- 
Zahl 


Elementen- 
Type 


O.-Z 


E.-T. 


O.-Z. 


E-T. 


O.-Z. 


E.-T. 


1 


Wasserst, s. g. 1 


18 


Argan 


81 


Thalium mit 


85 


noch unentd. 


2 


Helium 


19 


Kalium 




3 Isotopen 


86 


Emanation von 


3 


Lithium 


20 


Kalzium 




[Actin. C" — 




Actinium, 


4 


Beryllium 


21 


Scandium 




Thorium C", 




Thorium u. 


5 


Bor 


22 


Titan 




Radium C"] 




Radium 


6 


Kohlenstoff 


26 


Eisen 


82 


Blei mit 6 Iso- 


87 


noch unentd. 


7 


Stickstoff 


28 


Nickel 




topen 


88 


Radium mit 


8 


Sauerstoff 


29 


Kupfer 




[Radium G, 




einer 4glied- 


9 


Flour 


30 


Zink 




Thorblei, 




rigen Plejade 


10 


Neon mit der 


31 


Gallium 




Radium D, 


89 


Actinium 




Isotope: 


32 


Germanium 




Actinium B, 




Isot.: Meso- 




Metaneon 


33 


Arsen 




Thorium B, 




thorium 2 


11 


Natrium 


47 


Silber 




Radium B] 


90 


Thorium mit 


12 


Magnesium 


50 


Zinn 


83 


Wismut mit der 




5 Isotopen 


13 


Aluminium 


53 


Jod 




Plejade: 


91 


Protactinium 


14 


Silicium 


56 


Barium 




Radium E, 




mit Uran x2 


15 


Phosphor 


78 


Platin 




Actinium C, 


92 


Uran m. Uran II 


16 


Schwefel 


79 


Gold 




Thorium C, 




[A. G. 238,2] 


17 


Chlor mit noch 
nicht benannt. 
Plejadenglied 


80 


Quecksilber 


84 


Radium C. 

Polonium mit 

6 Isotopen 







37 (Zu S, 147). Es wäre aber trotzdem falsch, Verbrennung nur dem Sauerstoff 
zuzuschreiben. Er ist nur der gemeinbekannte Erreger solcher molekularer Bewegun- 
gen, aber auch bei anderen „chemischen Vereinigungen" tritt Wärme auf, bei der von 
Eisen und Schwefel auch Licht. Es gibt also „Verbrennung" auch fern vom Sauerstoff. 

38 (Zu S, 150). Im besonderen sind es die Azotobacter- und Clostridiumarten, 
außerdem die Knöllchenpüze der Leguminosen, ferner Spaltalgen (Chroococcaceen 
und Oscillatorien), Faden- und Schimmelpilze (dazu auch die Mykorrhiza), Grün- 
algen und Bacillariaceen des Edaphdns, die sich an der Stickstoffassimilation be- 
teiligen. Ausführliches s. R. Franci, Das Edaphon. Studien über bodenbewohnende 
Mikroorganismen. 2. Aufl. Stuttgart. 1921. 

39 (Zu S. 154). Nach der Skala von Beaufort, in der Windstille mit O, der Orkan 
mit 12 gemessen wird, nimmt man Stärke 1 (sehr leichter Wind etwa 0,5 m) an, 
wenn der Rauch ein wenig zur Seite getrieben wird. 

= leichter Wind, ist er eben fühlbar 
= schwacher Wind, bewegt er die Blätter der Bäume 
= mäßiger Wind, bewegt er kleinere Sträucher u. Zweige 
= frischer Wind, bewegt er größere Zweige u. Sträucher 
= starker Wind, bewegt er große Zweige und ist hörbar 
= steife Brise bewegt schw. Stämme u. erz. Wellenkämme 
= stürmischer Wind bew. starke Bäume u. hind. d. Gehen 
= Sturm bricht Zweige ab und hebt Dachziegel heraus 
= voller Sturm bricht mittelgroße Bäume um 
= schwerer Sturm entwurzelt alte Bäume 
50 m) = Orkan übt allgemein verheerende Wirkung. 
Wegen der größeren Reibung zu Lande kommt Stärke 11 und 12 fast nur auf dem 
Meere zur Entfaltung. Vgl. M. Hollmann, Wetterkunde. Berlin. 



Bei Stärke 


2 (bis 


4 m) 


J> w 


3 ( „ 


5 m) 


„ „ 


4 ( „ 


7 m) 


-•» M 


5 ( „ 


8 m) 


" M 


6 ( „ 


12 m) 


„ „ 


7 ( „ 


14 m) 


» » 


8 ( „ 


18 m) 


„ ,, 


9 ( . 


20 m) 


„ „ 


10 ( „ 


30 m) 


» W 


11 ( „ 


40 m) 


» » 


12 ( „ 


50 m) 



264 



I 



40 (Zu S. 156). Das quantitative Verhältnis dieser Oase zueinander kann man sich 
am t)esten in folgendem Bilde anschaulich machen (nach Graham) : Wenn die „Luft- 
elcmente" gesondert und übereinander gelagert wären, dann känu-n kaum einige 
Zentimeter Wasserstoff und Edelgase außer Argon, dann darüber 4 m Kohlendioxyd, 
54 m Argon, 16 000 m Sauerstoff und darüber 64 000 m Stickstoff. Dies gilt na- 
türlich nur für die Troposphaere. 

41 (Zu S. 158). In größeren Seen, die aus mehreren Zuflüssen gespeist werden, 
daher das Auslaugungsprodukt einer mannigfaltigen Qestcinsmasse darstellen, ist 
stets eine ziemlich gleichartige Mischung von Salzen vorhanden, namentlich Chloride 
und Sulfate der Leichtmetalle. Im Meer (z. B. Nordsee, deren Salzgehalt 3,3tyo be- 
trägt), ist das Verhältnis das folgende: 

Kochsalz 78o/o der Salzmenge 

Chlorkalium 2»/o 

Chlormagnesium 9o/o 
Kalksulfat 4 o/o 

Magnesiumsulfat 7o/o 

42 (Zu S. 161). 

Landnahe (litorale) Ablagerungen bedecken 9,1 o/o das sind 33,0 Mill. km^ 

Batyale Ablagerungen (Schlick aller Art) bedecken 15,4o/o das sind 55,7 „ „ 
Abyssische, pelagische Ablagerungen bedecken 75, 5 o/o das sind 272,7 „ „ 

von insgesamt 100,0o/o das sind 361,4 „ „ 
des Meeresbodens, denen nur rund 135,5 Millionen Land, also nur Vs gegenüberstehen. 

Die ausschlaggebenden pelagischen Ablagerungen gliedern sich in: 
130,3 Mill. km*, die mit rotem Tiefseeton bedeckt sind, 
105,6 „ „ , die mit Globigerinenschlamm bedeckt sind, 
23,2 „ „ , die mit Diatomeenschlamm bedeckt sind, 
12,2 „ „ , die mit Radiolarienschlamm bedeckt sind, 
1,4 „ „ , die mit Pteropoden (Flügelschnecken).Schlamm bedeckt sind. 
Vgl. dazu O. Krämmels Ozeanographie. 

Von den Schlickablagerungen umfaßt der blaue Schlick, der das letzte Abschläm- 
mungsprodukt der Kontinente ist, immer noch 36 Millionen Quadratkilometer. Er 
bildet überall die Umrahmung der Kontinente als blauer Ton und liefert die besten 
plastischen Tone und Tegel den Gewerben. In seinen tieferen Schichten wird er 
durch den Druck zum Schieferton und dann zum Tonschiefer, der auch in den 
ältesten Meeressedimenten (auch als Tonglimmerschiefer) vorkommt. Vgl. u. a. 
F. Frech, Aus der Vorzeit der Erde. !V. Die Arbeit des Ozeans. Leipzig. 1909. 

43 (Zu S. 165). Die wichtigsten kalkbildenden Tiere sind nicht die Korallen, wie 
Gemeinwissen erwarten würde, sondern die Geisseizellengruppe der Coccolithopo- 
riden, die erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt worden ist und in kolossalen 
Mengen ihre Vertreter im marinen Nannoplankton schweben hat. Dann folgt die 
Radiolarienfamilie der Globigerinen, und dann kommen erst in weitem Abstand 
die übrigen Kalktiere. 

44 (Zu S. 170). Diese „symmikten Kalke'\ deren Herkunft auf Coccolithoporidcn 
und Globigerinen, auch Kalkalgen zurückgeführt wird, und die erhebliche Teile der 
Kalkalpen, so im Adamello gebiet, den Salzburger-Berchtesgadener Kalkbcrgcn, im 
Sella- und Schierngebiet, im Wetterstcin-Karwendcl (Wcttersieinkalk und Haupl- 
dolomit), bilden, wurden erst in neuerer Zeit von Salomon so gedeutet. Vgl. Sato- 
mon, Das Adamellogebiet. 

265 



45 (Zu S. 175). Bei 50» beträgt die Dampftension 92 mm, bei TO» 233,3 mm, bei 
90« bereits 525,5 mm und bei 100° 760 mm. Aber bereits bei 121o ist der Dampf- 
druck gleich 2 Atmospliären (dem doppelten Druck der Luftsäule), bei 180° 10 
Atmosphären. 

46 (Zu S. 182). Herkömmlicher Weise unterscheidet man 5 Ozeane: den Großen 
(Pacific) mit 177 Mill. km^, den Atlantischen (Atlantic) mit 102 Mill. km^, den Indi- 
schen (Indic) mit 74 Mill. km^, das nördliche (Arctic) mit 15 Mill. km^ und das süd- 
liche Eismeer (Antarctic) mit 14 Mill. km^. 

47 (Zu S. 188). Es gibt derzeit an 600 bekannte Mineralienarten, die sich zu fol- 
genden ihrer Bildungszeit nach angeordneten 38 Qesteinsarten zusammensetzen: Ur- 
gneis, Granulit, Quarzit, Kristalline Schiefer, Diorit, Granit, Phyllit, Tonschiefer, 
Grauwacke, Muschelkalk, Wetterstein-Kalk, Hauptdolomit, Marmor, Steinkohle, Sand- 
stein, Porphyr, Kupferschiefer, Mergel, Gips, Hornstein, Gips, Steinsalz, Schreib- 
kreide, Melaphyr, Gabbro, Diabas, Grünstein, Syenit, Basalt, Breccie, Braunkohle, 
Trachyt, Phonolith, Lehm, Löß, Kies, Tuff, Nagelfluh, Torf, Lava, wobei gewisse 
Varianten (Kristalline Schiefer, Gneis, Phyllit u. a. m.) und Uebergänge mehr oder 
minder willkürlich gefaßt sind. 

48 (Zu S. 189). Man unterscheidet derzeit folgende geologische Formationen: 
Archaeisches Zeitalter (Primärformation) mit Urgneis, Urschiefer, Kristallinen Schie- 
fern und ohne erhaltene Versteinerungen; 

Paläozoisches Zeitalter (Altertum der Erde) 

I. Algonkium (Praekambrium) mit Graniten, Tonschiefer, 

3 Silur > '"'^ Grauwacke, Tonschiefer, Devonkalken, 

4 Devon / ^^^^^^^> Syenite, Diorite, Grünstein, Granulit, 

5. Karbon — Steinkohle, 

6. Perm (Dyas) mit Tonschiefer, Syenit, Gabbro, Serpentin, 

a) Rotliegendes \ Sandstein, Porphyr, Kupferschiefer, Kalke, 

b) Zechstein / Steinsalz, lakkolithartige Granitmassen (Abb. 72) ; 
Mesozoisches Zeitalter (Mittelalter der Erde) 

7. Trias a) Buntsandstein mit roten Sandsteinen, 

b) Muschelkalk mit Kalken (Dolomiten), 

c) Keuper, Sandsteine, Kalke, Mergel, 

8. Jura (mit Lias, Dogger u. Malm) mit Kalken, Mergeln u. Schiefertonen, 

9. Kreide mit Sandsteinen, Grünsanden, Mergeln, Kalke, Kohlenflötze: 
Kaenozoisches Zeitalter (Neuzeit der Erde) 

10. Tertiär mit seinen fünf Unterabteilungen, und das sind: 

Palaeocaen, Eocaen, Oligocaen, Miocaen, Pliocaen mit Schottern, 
Braunkohlen, Tonen, Sanden, Kalken, 

II. Geologische Gegenwart (Quartär) mit Diluvium und Alluvium, Sande, 

Torf, Schotter, Tone, Kalke. 

49 (Zu S. 191). Die wichtigsten Ergußgesteine sind der Quarzporphyr, der z. B. 
\n Südtirol (Bozener Platte) ganze Landschaften bildet und aus Quarz und Orthoklas 
mit eingesprengtem Glimmer, Magnetit, Hornblende usw. besteht. Ferner Diabas 
oder Grünstein (aus Plagioklas, Augit mit Magnetit, Olivin usw.), Melaphyr (Pla- 
gioklas, Augit, Trachyt (aus Orthoklas mit Hornblende, Augit, Biotit), Phonolith 
oder Klingstein (z. B. der Hohentwiel im Hegau aus Nephelin, mit Feldspaten, 
Magnetit usw.), der Andesit (ein reines Feldspatgestein mit Biotit, Apatit, Olivin), 
der Basalt, in dem sich alle genannten Mineralien mengen, und die vulkanischen 
Gläser (Obsidiane, Bimssteine, die mit Wasser zu Tuff erhärten). 

266 



50 (Zu S. 191). Die wichtigsten Tiefengesteine sind Granit, der aus Orthoklas, 
Quarz und Olimmer mit beigemengten Plagioklas, Hornblende, Turmalin, Magnet- 
eisen und Titanit zusammengesetzt ist (es gibt aber auch Granitporphyr), Syenit aus 
Orthoklas und Hornblende mit ähnlichen Beimengungen wie der Granit, Diorit (auch 
Porphyrit und Tonalit mit viel Quarz) aus Plagioklas und Hornblende mit Glim- 
mer, Augit u. a. und der grobkörnige Gabbro aus Plagioklas und Diallag mit Olivin 
und Magnetit. 

51 (Zu S. 198). Im besonderen wird das Pacific-Reckcn von solchen Gräben flan- 
kiert, von denen der Aleutengraben 7383 m tief ist, der Japangraben (Tuskaroafiefc) 
8513 m, der Liukiugraben 7461 m, der Quamgraben 9636 m, der Yapgraben 7538 m, 
der Palaugraben 8138 m, der Philippinengraben 8900 m, der Tongagraben in 2500 km 
Länge (!) 8184 m und der Kermadecgraben 9427 m. (A. Sieberfr, Der Erdball. 
Eßlingen. 1912.) 

52 (Zu S. 205). Näheres über diese von Reinke, Rodewald u. a. ausgeführten 
Analysen des Protoplasmas s. mein Werk: Das Leben der Pflanze. 2. Auflage. 
Stuttgart 1921, in Band IL Vgl. hierzu auch A. Gautier, Die Chemie der lebenden 
Zelle. Wien. 1897. 

53 (Zu S. 206). Dieses Problem der plasmatischen Strukturen, von mir in mehr 
als zehnjähriger Arbeit verfolgt, ist heute immer noch nicht definitiv gelöst. In Ge- 
folgschaft meines einstigen Lehrers 0. Entz ist es uns nur gelungen, vorläufig die 
wissenschaftliche Welt von der Metabolie des Plasmas zu überzeugen. Woran es 
aber noch vollkommen fehlt, das ist die Biomechanik der Zelle, die Durchführung 
des Gesetzes von der funktionellen Anpassung im Rahmen der plasmatischen Struk- 
turen. Wer hier zum erstenmal den Nachweis erbringt, daß physiologische Funktion 
(Geißelbewegung, Chromosomenwanderungen, Speicherung, Sekretion, Reizlcitung, 
Kontraktilität) in ursächlichem Zusammenhang mit den fibrillären, alveolären und 
granulären Formgestaltungen des Plasmas stehen — und dieser Nachweis ist leicht 
zu bringen — der wird der so notwendigen Anatomie und Histologie der Zelle die 
Bahn brechen. Vgl. hierzu R. Franci, Beiträge zur Morphologie des Sccnedesmus. 
(Acta Musaei bist nat. Budapest 1892.) — G. Entz, Die elastischen und kontraktilen 
Elemente der Vorticellinen. (Sitz. Ben d. ung. Akademie d. Wiss. 1S91.) — Gur- 
witsch, Morphologie u. Biologie der Zelle. Leipzig. 1905. — O. Biitschli, Unter- 
suchungen über mikroskopische Schäume und das Protoplasma. Leipzig. 1892. 

54 (Zu S. 207). Dies ist der wesentliche Inhalt der psychiobiologischen Lebens- 
auf fassang, die ich vor 15 Jahren in Gemeinschaft mit A. Pauly und A. Wagner 
begründete und seitdem in zahlreichen Werken näher ausgeführt und vertreten habe. 
In diesen 15 Jahren sind mir gut an 150 wissenschaftliche Kritiker entgegengetreten, 
von denen aber keiner weder die plasmatische Basis der menschlichen Urteilskraft 
(Urteil als Funktion der aus Plasma bestehenden Nervenzellen) noch die Notwendig- 
keit wählender und entscheidender Funktionen im Lebensvorgang in Abrede stellen 
konnte. Das ist auch die Ursache, warum die Psychobiologie eine große Zahl der 
maßgeblichsten Forscher und mehr noch der Denker gewonnen hat, so daß Tr. K. 
OeUerreich (Das Weltbild der Gegenwart 1921) sagen konnte, die Mchr/ahl der 
Biologen sei heute vitalistisch gesinnt Vgl. R. France. Das Leben der Pflanze. 
Stuttgart. 2. Aufl. 1921. Bd. I— IL — Der heutige Stand der Darwinschen Fragen. 
2. Aufl. Leipzig. 1907. — A. Pauly, Darwinismus und Lamarekismus. München. 
1904 — A. Wagner, Geschichte des Lamarekismus. Stuttgart. 1909. Auch die Zeit- 
schrift f. d. Ausbau der Entwicklungslehre (Archiv für Psychobiologie). Ikl. I— III. 

55 (Zu S. 208). Folgende zwei Obersichten geben ein anschauliches Bild über das 
Verhältnis zwischen den ausgestorbenen und noch lebenden Tier- und Pflanzenformcn. 

267 



[. Pflanzen 



Algen Pilze 


Bryophyten 


Pteridophyten 


Gymnosperm. 


Angiospermen 


fast keine 
Gruppe aus- 
gestorben 


keine Gruppe 
ausgestorben 


keine nennens- 
werte Gruppe 
ausgestorben 


Equisetaceen 
Farne 
Bärlappe 
Wasser farne 


Palmen 

Pinaceen 

Cycadeen 


Neuzeitliche 

Formen 
erst seit der 
Kreidezeit 




tLepidodendr. 
fCalamiarien 
fSigillarien 
fSpheno- 
phyllaceen 


fviele Ging- 

kyoaceen 
f Cycadeen 
fCordaitaceen 
f Benettiaceen 


vorhanden 




t Reste kaum 
bekannt 


t keine Reste 
gefunden 




fSiphoneen 





II. Tiere 



Protozoa 


Coelenterata 


Echinodermata 


Würmer 


Rhizopoda 
Mastigophora 
Sporozoa 
Ciliata 


Schwämme 

Rippenquallen 

Korallen 

Polypen 

Medusen 


Seeigel 

Seesterne 

Seewalzen 


Rädertiere 

Plattwürmer 

Ringelwürmer 


f Seeigel 
f Seesteme 
f Seelilien 
[Crinoideen] 


Rundwürmer 




f Schwämme 
f Korallen 


f Rundwürmer 
f Graptolithen 


f Nummuliten 



Mollusken 


Tunikaten 


Arthropoden 


Wirbeltiere 


Schnecken 

Muscheln 

Tintenfische 


Seescheiden 
Appendicularien 


Krebstiere 

Spinnen 

Myriopoden 

Insekten 

Protracheaten 


alle Gruppen 
noch vorhanden 


f Ammoniten 
f Brachiopoden 
f Schnecken 
f Muscheln 
f Belemniten 


f Spinnentiere 
f Myriopoden 
f Krebstiere 

[bes.Trilobiten] 
f Insekten 


f Saurier 

f Riesensäugetiere 
f PanzerMsche 
f Riesenvöj^el 
fviele Beutler 



56 (Zu S. 218), Der Begriff des Coenobiums wurde in der Algenkunde geschaffen 
zur Bezeichnung der Tatsache, daß gewisse einzellige Algen mit Vorliebe nach der 
Zellteilung nicht auseinanderweichen und sich zerstreuen, sondern in einem mehr 
oder minder lockeren Verband gemeinsam gewissermaßen als Familie (Kolonie, 
Sippe) das Leben fortsetzen, (Beispiele: Scenedesmus, Coelastrum, Pediastrunt). 
Das gemeinbekannte Beispiel hierfür ist der Volvox, an dem sich aber schon die 
ersten Spuren der Integration zeigen. Einesteils als Koordination der Bewegungen, 
denn die 40 000 Geißeln einer großen Kolonie schlagen in wohlabgestuftem Rhyth- 
mus durchaus korrekt, so daß daraus eine gemeinschaftlich geforderte einheitliche 
Bewegung resultiert. Andernteils durch Ausbildung eines Sinnespoles und eines nur 
der Fortpflanzung dienenden Geschlechtspoles an der Kugel. Vom Coenobium aus 
gibt es Übergänge zu wirklichen Gewebe- und damit Organismenbildung, die sich 



268 



auch im Tierreich finden. Die Ketten der Sporozoen, sogar noch die der wahren 
Gewebebildung entbehrenden einfachsten Sponslarien sind solche Übergangsformen. 
Vgl. Janet, Le volvox. Paris. 

57 (Zu S. 218). Vgl. L. WilUam Stern, Person und Sache. I. Leipzig. 1906. 
Namentlich die Auffassung Sterns, daß das Prinzip der Person weder auf die psy- 
chische noch auf die physische Seite der Welt beschränkt sei, gestaltet sein Werk zu 
einem Vorläufer der O. P., umsomehr als auch ihm die Aufgabe des Denkens als 
Feststellen der Relationen zwischen und innerhalb der Personalcinhcitcn erscheint. 
Dagegen sind ihm weder das Integrationsgesetz in seiner ganzen Eicdcutung noch 
eines der anderen großen Seinsgesetze in ihrem Zusammenhang aufgegangen, in wel- 
cher Hinsicht Swedenborgs Lehre von den Kategorien und den Stufen, übrigens ein 
Gedanke, der seit den Neuplatonikern nicht aus der Welt verschwunden ist (daher 
auch in der christlichen Philosophie steckt), mehr von den Wirklichkeiten des Seins 
erfaßt hat. 

58 (Zu S. 222). Das Serumalbumin gilt schon für einen der einfachsten Eiweiß- 
körper, trotzdem sein Molekulargewicht 10,166 beträgt (man glaubt seine Moleküle 
seien 2,3—2,5 \i\i groß) und seine Formel lautet: C4-ioH,,oN,,cS«0,4o. Nägell hat einen 
sehr plastischen Ausdruck geprägt, wenn er sagte, die Eiweißkörper des Plasmas 
enthielten ein System von mehr Atomen als das mit freiem Auge sichtbare System 
des Sternenhimmels an Weltkörpern. 

Der Prozentgehalt der wichtigsten menschlichen Organe und Pflanzenteilc an den 
sie zusammensetzenden Elementen beträgt: 

Wasser Kohlenstoff 
für Muskulatur 77, o/o 11,73% 

für Gehirnsubstanz 77,9 o/o 12,62o/o 

für Leber 69,60<yo 15,88o/o 

für Nieren 83,45o/o 8,73o/o 

Pflanzenblätter (getrock.) 38,1 o/o 

Weizenkörner (getrock.) 46,1 o/o 

Kartoffeln (getrock.) 44,0 o/o 

Die Analyse der Plasmodien des Schleimpilzes Fullgo varians ergab nach Abzug 
von 27o/o der Trockensubstanz an Calziumkarbonat: 



Wasserstoff 


Stickstoff 


Sauerstoff 


1,710/0 


3,040/0 


5,470/0 


1,930/0 


1,370/0 


4,410/0 


2,250/0 


3.09o'o 


7,79*. 


1,290/0 


1,930/0 


3,800/0 


5,1 0/0 


4,5 o'o 


30,8 Ob 


5,8 0/0 


2,3 0/0 


43,4 0/0 


5,8 0^ 


1,5 Oo 


44,7 o/o 



40 o/ü phosphorhaltige Eiweißkörper 

15 o/o phosphorfreie Eiweißkörper 

1,50/0 Aminosäuren 

12 0/0 Fette 

0,30/0 Lecithin 

2 0/0 Cholesterin 



12 0/0 Kohlehydrate 

1,50/0 Harz 

0,50/0 Calziumformit, -acetat und -oxalat. 

6,50/0 Kali -und andere Salze, Phosphorsäure 

6,50/0 Unbestimmte Stoffe. 



(Vgl. B. Lidforss, Protoplasma in: Allgemeine Biologie. Leipzig, 8«. 1915. Vgl. 
auch: Cohnheim, Die Eiweißkörper. 1911 und Abderhalden, Lehrbuch der physio- 
logischen Chemie. 1909.) 

59 (Zu S. 225). Aus der großen Literatur hierüber sei nur auf die Werke: <4fr/A«rr. 
Organismen und Staaten. Jena. 1904 — G. Ratzenhof er. Soziologische Erkennt- 
nis. Leipzig. 1897 — O. Ammon, Die Gesellschaftsordnung und ihre natürlichen 
Grundlagen. 1895 — hingewiesen, die alle mehr oder minder auf dem grundlegen- 
den Lebenswerk von A. Comte und //. Spencers Grundlagen der Philosophie fußen. 
Selbständiger und mehr der O. P. angenähert sind /. Unolds trefflich organische und 
soziale Naturgesetze. Leipzig. 1910. 

269 



60 (Zu S. 226). G. Fechners Zend Avesta (oder über die Dinge des Himmels, 
und des Jenseits. Leipzig. 1851) geht in seiner mythologisierenden Vorstellungs- 
weise davon aus, daß, da keine tote Mutter gebären könne, auch die so viel Leben 
hervorbringende Erde nicht tot sein könne. Er malt sich dies in naiver, künstleri- 
scher Form aus. Die Erde denke, fühle und handle durch Menschen, Tiere und 
Pflanzen, Die Atmosphäre sei die Erdlunge. „Ein . . . höherer Geist . . . schwebt über 
allen Menschen, der um all ihr Empfinden, Fühlen, Denken, Wollen, Wissen zugleich 
weiß; der Menschengeist schwebt über niederen Sinnen, der Geist der Erde über 
Menschengeistern, der Geist Gottes über den Geistern aller Gestirne." 

Hier ist also eine unklare Vorahnung des Integrationsgesetzes ausgesprochen, die 
übrigens als uralte arische Lehre und Grundlage eines „deutschen Christentums" 
angesprochen wird. 

61 (Zu S. 228). Die betreffenden Zahlangaben lauten: 



Erdteile 


Flächeninhalt 
in Millionen km 


Mittlere Höhe 

m 


Meere 


Gesamtfläche 

in Millionen km 


Mittlere Tiefe 


Europa 

Asien 

Afrika 

Australien... 
Nordamerika 
Südamerika . 
Antarktis ... 


10 
44 
30 
9 
20 

la 

? 


300 
940 
680 
360 
730 
580 
3-4000 (?) 


Weltmeer... 

alle Meere zusamm. 

Großer Ozean. 
Atlant. Ozean . 
Indisch. Ozean 


360 
172 

106 

83 


3700 
4100 
3800 
3900 



62 (Zu S. 230). Dies ist ausgedrückt im isostatischen Gleichgewichtsgesetz des 
amerikanischen Geologen Cl. E. Dutton^ der aus Beobachtungen und Erwägungen 
die Ansicht ableitete, daß die Einzelschollen der Erdrinde auf einer nachgiebigen 
Unterlage wie auf einer schweren Flüssigkeit unter Erhaltung des hydrostatischen 
Gleichgewichts schwimmen, wodurch die spezifisch schwereren Schollen (also Ge- 
birge) stets sinken, die leichten (Meeresbecken) steigen, was man übrigens neuer- 
dings auch zur Erklärung der Mondkonfiguration herangezogen hat. 

63 (Zu S. 238). Die Keplerschen Gesetze (1618) lauten: 1. Die vom Erdradius be- 
schriebene Fläche ist in gleichen Zeiten gleich groß. 2. Die Planeten bewegen sich 
in Ellipsen um die Sonne, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht. 3. Die Qua- 
drate der Umlaufszeiten zweier Planeten verhalten sich wie die Würfel ihrer mitt- 
leren Entfernungen von der Sonne. Die Hauptquellenwerke der Himmelsmechanik 
sind: /. Newton, Philosophiae naturalis principia mathematica, London 1687. Deutsch 
von Wolfers. Berlin 1872 — A^. Copernicas, De Revolutionibus Orbium coelestium. 
Neu herausgegeben Thorn 1873 — C. F. Gauß, Theoria motus corporum coelestium. 
1809. (Deutsch Gotha 1877) — P. S. Laplace, Mecanique Celeste. Paris 1799—1825. 

64 (Zu S. 245). Die Fluthöhe beträgt in Binnenmeeren z. B. bei Genaa nur 24 cm, 
bei Malta 12 cm, bei geeigneter geographischer Situation steigen sie allerdings auch 
hier auf 63 cm (Triest), in der kleinen Syrtc an der afrikanischen Küste sogar auf 
2 m. (Die gefürchtete Charybdis der Antike ist ein Gezeitenstrom in der engen 
Straße von Messina.) Als Flutbrandung rauscht die Flutwelle in den großen Strö- 
men der Erde sogar verheerend dahin, so im Amazonas, der danach „Bootzerstörer" 
heißen soll, 5—6 m hoch, oder in China in der Bucht von Hang-tschou-fu sogar bis 
10 m hoch. Bei Dover dagegen ist die Höhe der tides 6 m, bei den Normannischen 
Inseln sogar 12 m. Vgl. Maury, Ozeanographie. France'sche Ausgabe, Leipzig. — 
A. Pahde, Meereskunde. Leipzig 1914. 



270 



65 (Zu S. 250). Die magnetische Kraft der Erde wurde von Ganß auf die Energie 
von 846,4 Millionen pfundschwerer Magnetstäbe berechnet. Sie kommt der Erde als 
Ganzes (eiserner Erdkern!) offenbar nur unter dem Einfluß der Sonne zu, von der 
also aller Magnetismus ausgeht. Näheres über die Sonnencigenschaften s. /. Basier, 
Les theories modernes du soleil. Paris. 1910 — Sv. Arrhenius, Lehrbuch der kos- 
mischen Physik. Leipzig. 1903 — E. Pringsheim, Physik der Sonne. Berlin. 1910. 

66 (Zu S. 252). Herkömmlicher Weise heißen auf dem Mond die helleren Teile 
Länder (Terrae), die dunkleren Meere (Maria), von denen die ersten als Hoch- 
flächen von schlackenartiger Beschaffenheit erscheinen, auf denen Tausendc loch- 
artige Ringwälle sich erheben, die mit 6—8000 m (der Berg Curtius mit 8810 m der 
höchste) Randhöhe alles Irdische übertreffen. Nur einzelne Berge, wie der Coperni- 
kus, erinnern an die Vulkane der Erde. Die kleineren Ringe nennt man Krater mit 
Lavakuppen, für die es auf Erden Gegenstücke in den Vulkanen der Insel Riunion 
usw. gibt. Große Krater, namentlich Tycho, Kepler, Aristarch haben Strahlenkränze 
(bis Tausende von Kilometern lang) von unbekannter Bedeutung (Schnee, Qaswolkcn, 
Aschengräben u. dgl.). An tausend Selenoklasen bezeugen die Tatsache von Brüchen 
und Verwerfungen, wenn der Mond auch im Geologischen nur als die Mumie eines 
Embryos betrachtet wird. Vgl. /. A^. Krieger und R. Konig, Mondatlas. Triest-Wien. 
1912 — M. Loewy und P. Puiseaux, Atlas photographique de la Lune. 1910 — 
Nasmyt und Carpenter, The Moon. (Deutsch 1906) — /. Lützcler, Der Mond als 
Gestirn und Welt. Köln. 1906. 

67 (Zu S. 253). Diese 26 Monde verteilen sich wie folgt: Die Erde hat nur einen 
Begleiter, Mars besitzt die winzigen Monde Phobos und Daimos, Jupiter hat 8 (Jo, 
Europa, Ganyraedes und Kallisto und 4 unbenannte), Saturn hat 10 (Mimas, Eucela- 
dus, Tethys, Dione, Rhea, Titan, Hyperion, Japetus, Phoebe und Themis), Uranus 
besitzt 4 Monde (Ariel, Umbriel, Titania und Oberen), Neptun dagegen nur einen. 
Venus und Merkur haben keinen Mond. 

68 (Zu S. 254). Ein Mittel um die Natur des Zodiakallichtes wünschenswert zu 
klären, wären darauf gerichtete Beobachtungen, ob dieser Schein im Laufe der Zeit 
Bewegungen, die auf Rotation deuten, ausführt. 

69 (Zu S. 257). Man teilt die Kometen ein in periodische (s. Tabelle), deren Bah- 
nen rechnerisch verfolgbar sind, und nicht periodische mit zum Teil parabolischen, 
durch die Störungen der Planeten (Jupiter!) sogar hyperbolisch abgeänderten Bahnen. 

Die bdtanntesten der periodischen Kometen sind: 

Der Encke'sche Komet mit 3,30 Jahren Umlaufszeit 
Der Perrine'sche Komet mit 6,44 Jahren Umlaufszeit 
Der Biela'sche Komet mit 6,62 Jahren Umlaufszeit 
Der Olbers'sche Komet mit 72,6 Jahren Umlaufszeit 
Der Halley'sche Komet mit 76,3 Jahren Umlaufszeit 

Die nächsten auffälligeren Kometenerscheinungen sind der Encke'sche im Jahr 
1921, der Perrine'sche im Jahr 1922, der Tuttle'sche im Jahr 1926 u. s. f. 

Durch Störungen von Seiten der Planeten ändern sich die Kometen ununterbrochen 
und trennen sich auch (so die großen Kometen 1843 1, 1881 1, 1882 11, die früher 
einen bildeten und von denen der letztgenannte sogar am Tag sichtbar war. Da- 
her gibt es auch Nebenkometen (z. B. Brooks 1889 V). Aus der Störung des Enckc'- 
schen Kometen durch Merkur hat man die Masse dieses Planeten berechnen können. 
Auf 45 kurzperiodische (3—150 Jahre Umlaufszeit) kommen 68 langperiodische (bis 

271 



150 000 Jahre — 162 parabolische und 25 hyperbolische — es sind also 70o/o aller 
Kometen in parabolische Bahnen gezwungen. Vgl. St. v. Oppolzer, Bahnbestimmung 
der Kometen. Leipzig. 1882. 

70 (Zu S. 259). Schon diese von der Astronomie allgemein erkannte Tatsache 
macht eine Astrologie in dem historischen heutigen Sinn unmöglich, da sich eine 
solche nur auf stabile Verhältnisse bezw. die absolute Erkennbarkeit der wirklichen 
Himmelsmechanik, mit Wiederkehr der gleichen Situationen, stützen muß. Beides ist 
aber nicht vorhanden. Und so muß denn eine Astrologie, die auf dem an sich rich- 
tigen Gedanken der Unveränderlichkeit und Oemeingültigkeit aller Relationen zwi- 
schen den Elementen eines komplexen Systems beruht, an ihrer praktischen Unaus- 
führbarkeit scheitern. 



DRUCKFEHLER-VERZEICHNIS 

Abb. 40 statt 2/i/*-150|UAi richtig 2ß-\5QiiiJi 

Abb. 72 , France . Francfe 

Abb. 80 » Saccliaroraycos u Saccliaromyces 



Register zum ersten Band 

(Bearbeitet von Frau Dr. A. Friedrich -München.) 



Abderhalden 269 
Abendwind, Ursache 155 
Abkühlung, und kinet. Energie 118 
Ablagerungen, marine 17Q 
Ablenkungs - Geschwindigkeit, in 

Crookcs'schen Röhren 57 
Achat, als Quarzverbindung 185 
Acetabularia, Zellenlosigkelt, Ab- 
bildung 87, 221 
Ackererde, Entstehung 163 
Ackerkrume, Hydrogele in 136 
Actinium, Halbwertszeit 143 
Adler, Sehleistung 212 
Aequinoktien, Ursache 240 
Aethan, Konstitutionsformel 138 
Aggregatzustände, des Stoffes 117 

— und Molekularbegriff 131 
Agnostizismus, der Erkenntnis 40 
Ägypten, Werkzeugmaterial in 173 
Affinität, chemische Erklärung 63 
Afrika, Sandwüsten in 187 
Alaun, Kristallform 119 
Albatros, als Flugtier 212 
Albumin, im Plasma 205 
Aldebaran, als Metallsonne 258 

— Licht 77 
Aletheia, Definition 16 

Algen, als Frühlebensform 212 
Alkogele, Entstehung 133 
Alkohol, als Lebensprodukt 184 
Allotropie, und Molekülkonstitu- 
tion 137 
Alluvionen, Bildung 178 
Alpenbildung, rezente 235 
Altruismus, Wirkungen 203 
Aluminium, als Erdbaumeister 161 

— Aufbau 159 — Hydrogej von 
136 — in Ackererde 163 — Oxyd- 
häutchen 160 

Amazonas, Ablagerungen im Delta 

des 179 
Ameisen, Staatenbildung 225 
Ameisengäste, Versklavung 225 
Amerika, Edelmetalle in 160 
Amethyst, als Quarzverbindung 185 
Amikronen, als Moleküle 262 
Ammon, O. 269 

Ammoniumnitrat, in der Atmo- 
sphäre 150 — in Regenwasser 176 

— Kristallformen 119 
Ammonoideen, Stammform 95 
Ammonshörner, Blütezeit 251 
Amphibienhaut, Farbenwechsel 210 
Amylum, als Kolloid 136 
Analyse, qualitative 141 
Analysis, als technische Denkform 

35 — Definition 15 — Mathe- 
matik als 15 

Franci, Bios I 



Anatomie, und objckt. Philos. 216 

Anaximander, als Vorläufer der ob- 
jektiven Philosophie 4 

Anden, Höhendifferenzen 183 

Andesit, Entstehung 265 

Andromedanebel, als Spiralnebel 73 

Andromediden, Reichtum 256 

Angströmeinheit 258 

Anisotropie, als intermolekulares 
Problem 137 — bei flüssigen Kri- 
stallen, Abb. 39, 131 — als Welt- 
begriff 132 — amorpher Körper 132 

Anode, der Crookcs'schen Röhre 56 

Anpassung, als organische Eigen- 
schaft 208 — einseitige, durch 
Schwermetalle 172 

Anpassungen, nach Plasmaqualität 08 

Antarktis, als Insel 182 — als sechs- 
ter Kontinent 228 — Silizium- 
sedimente 166 

Anthrazit, Carbon in 199 

Anthropozentrik, und Kohlenstoff 
201 

Antropozentrismus, u. Plasma 206 

Apothecien, der Becherflechte 222 

Arabische Wüste, Steinwüsten der 
187 

Argelander 84 

Argon, in der Atmosphäre 150 — 
Molekularbcwcgungen 156 — Ver- 
wandtschaft 144 

Aristarch 227 

Aristoteles 140, 219, 227 

Arktis, Begriff 175 

Arktur, als Metallsonne 258 

Arm menschlicher, als Integrations- 
beispiel, Abb. 13, 64 

Armmuskulatur, Muskeln der 64 

Arrhenius Svante 6, 38, 75, 77, 78, 
85, 176, 177, 233, 248, 271 

Arsenik, als Nahrung 174 

Arsenikkäfer, Nahrung der 174 

Art, Begriff 204 

Artnamen, Herkunft 204 

Asien, Sandwüsten in 187 

Aston 142, 146 

Astrologie und Himmelsmechanik 
272 — und objekt. Philos. 201 

Astronomie, als Extrazoi-sis 17 — 
Relativität 90 — und Geophysik 
32 — und Objekt. Philos. 23 - 
und zoi-tische Mechanik 23 

Astrophysik und objektive Philoso- 
phie 231 

Atemmuskulatur, Muskeln der 64 

Ätherische Ole, als Lebensprodukte 
184 

Atlantik, Gipsgehalt — Salzgehalt 



273 



180 - ticfife Stelle 181 - At- 
lantischer Ozean, alt Weltmeer- 
golf 82 
Atmosphirc, Aufbau, Abb 49, 153 

— Bestandteile 15fl — Uripning 
151 — zoetJ«che Schicht 153 

Atmung, als Lebensbeweis 207 — 

Vorgang 148 
Atmungsprozeß, Kohleniiurepro- 

duktion durch 151 
Atolle, künftige Bedeutung 165 
Alomanordnung, in Diamanien 129 
Atomaufbau, isozyklischer 139 
Atomb.iu, Schema Abb. 27, 104 
Atombegriff, als physikalische Vor- 
stellung 140 
Atombigtiff, der prakt. Chemie 108 
Atome, Elementaiumwandlg. in 142 

— als Quanten 110 — als Raum- 
grenzen 86 — elektrische 21 — 
Gestaltung 59 — in der Spek- 
tralanalyse 102 

Atom, als Einheitsbegriff 109 — 
als Elementarquantum HO — alt 
komplexes System 59 — als Son- 
nensystem 25 — Bau 63 — che- 
misches 110 — Ladung 97 — 
und Elektron 61, HO — kom- 
plizierter Bau 103 
Atomforschung, u. Radiologie 107 
Atomgewicht, als chemische Ein- 
heit 140 — all Gewichtseinheit 
109 
Atomhvpolhese, Entstehung 109 — 

Geschichte 103 
Atomistik, und O. P. 104 — und 

zortisihe Wellenbewegung 32 
Atomkern, ausschlaggebende 18 — 
Wichtigkeit 107 - Entdeckung 
104 — Ladung 59. 105 — Zu- 
sammensetzung 59 
Atomkerne, des Radiums 106 — 

Größe 105 — Zerlegung 60 
Atomkonstitution, als gcscizmiBige 

Seinsform 141 
Atomladung, Eigenschaften durch 

105 
Atommodell, Bedeutung 106 — nach 

Rutherford-Bohr 25 
Atomspektra, Balmer'sche Formel 

103 
Atomspektren, Serien 109 
Alomttruklur, der Elcktrizitlt 24 
AlomsystcBi, alt Sonncntvslem 104 
Atomwärmc u. Quantentheorie 25 
Atomzahlcn, in der Chemie 138 
AtomzerrciBungcn, durch Radio- 
aktIviUt SO 

18 



Auerlicht, Thorium im 148 

Augit, als Magnesiumsilikat 169 — 

in Eruptivgesteinen 191 
Aureus, Unvergänglichkeit 159 
Australien, als Weltmeerinsel 182 

_ als Wüstenkontinent 187 — 

Edelmetalle 160 — Korallenriffe 

165 
Avenarius 34, 39, 40 
Avogadro 109, 112, 114, 262 
Azotobacter, Stickstoffassimilation 

264 



Bacillariaceen, Formkonstanz 94 — 
Kiesel?äureabscheidung durch 184 

— Stickstoffassimilation 264 
Bachmann, Alf 245 

Bacon, Roger 38 

Baco von Verulam 197 

Bactrites, Dauer 95 

Baer, C. E. v. 91 

Bakterien, als Parasiten 216 

Balmer 103, 108 

Balmer'sche Formel, Konstanz 103 

Barriereriff, Umfang 165 

Bariumsuperoxyd, Zusammensetzung 
113 

Basalt, als Magmakristalle 192 — 
Entstehung 266 — Integrations- 
eigenschaft 195 

Basalte, künstliche Herstellung 191 

— in Lava 188 
Basaltsäulen, Fundorte 192 
Basen, Verhalten im Wasser 176 
Baum. Harmonie 212 

Bäume, Alter 215 

Bauplan der Lebewesen, Richtkräfte 
123 

Bayer 139, 263 

Beaufort 264 

Becherflechte, Bau 222 

Becherflechten, einheimische, Abb. 
94, 223 

Becherlarvenbildung, einer Koralle, 
Abb. 24 

Beethoven, L. v. 101 

Befruchtung des menschlichen Eies, 
Abb. 95, 225 — doppelte 224 

Begriffswelt, Polarität 124 

Belopolski 254 

Bemmelen van 136 

Benzolring, Formel 139 

Bequerel 106 

Bequerel'sche Strahlen, aus Pech- 
blende 106 

Bergfeuchtigkeit, Bindung 150 

Bergkristall, Orößcnmaximum 124 

Bernstein, molekularer Bau 117 

Berzelius 110 

Berlin, Sedimentenurgrund 178 

Bern, Kristallsammlung 124 

Bessel 227 

Beteigeuze, Licht 77 — Tempera- 
tur 77 

Bettelwurf, Steilwände 196 

BcwegungsResetz, der Elektronen 29 

Bewegungsraum, der Moleküle 115 

Bewölkung, der Bergspitzen, Ab- 
bildg. 48 

Bewußtsein, der Erlebnisse 217 

Bezugskörper, nicht staire 29 

Bezugsmolluske, Definition 29 

Bezugssystemwert, der Wissenschaf- 
ten 37 

Biceps, als Integration 65 

Biela'scher Komet, Meteorschwarm 
aus 257 



Bienen, Staatenbildung 225 

Biernatzky 245 

Bimsstein, ein vulkanischer Staub 
191 

Bimssteine, als Eruptivgesteine 188 

Bimssteinpulver, bei Vulkanausbrü- 
chen 162 

Binnenseen, Salzgehalt 180 

Biogenese, der Oeistigkeit 92 — 
Stützpunkte 92 

Biologie, Integrationen 62 — me- 
chanische 32 — und objektive 
Philosophie 33, 204 

Biologische Wissenschaften, Inhalt 
204 

Biologisierung, anorganischer Wis- 
senschaften 146 — des Weltbe- 
griffes 33 

Biomechanik, der Zelle 267 

Bios, als Erkenntnisprinzip 33 — 
als Erlebnisphänomen 250 — De- 
finition 30 — und Biozentrik 37 

Biotechnik der Pflanze, Süßstoff- 
gewinnung durch 149 — der 
Schneekristalle 119 — Glasberei- 
tung als 185 — Notwendigkeit 
34 — und objektive Philosophie 
34 

Riottt, als Erdbestandteil 162 

Biozentrik, Allgemeingültigkeit 45 

— als Erkenntnismöglichkeit 33, 
42 — als Weltmaß 34 — als 
Wissenschaftsordner 32, 33 — 
als zentrales Gesetz 124 — Defi- 
nition 31 — Notwendigkeit 31 

- und antikes Weltbild 32 — 
und Bios 37 — und Kohlenstoff 
201 — und Lebensvorgang 20 — 
und Objekt. Philos. 31 — und 
Physik '31 — und Psychologie 
31 — und Quantentheorie 31 — 
und Relativismus 31 — und Re- 
lativitätstheorie 28 — und semi- 
konvergente Reihen 31 — und 
Weltanschauung 31 — Weltbild 
der 35 — und Weltendlichkeit 86 

Blasen, als Singula 47 
Blastula, Bildung 224 
Blauer Schlick, als Meeresablage- 
rung 179 
Blauer Ton, Ablagerung 265 
Blei, Bau 159 — chemische Ver- 
wendbarkeit 173 — Empfindlich- 
keit gegen Regenwasser 160 — 
in Bronze 170 — Isotopie 106 — 
Verwandtschaft 199 
Bleidioxyd, Zusammensetzung 113 
Blepharoplast, am Zellkern 210 
Bleuer 217 

Blitzröhren, natürliches Glas in 185 
Blut, als Kochsalzlösung 157 — 

Eisengehalt 170 
Bluttransfusionen, Wirkungen 206 
Blütepflanzen, als Seinsform 213 
Bodenalgen, als Stickstoffproduzen- 
ten 149 
Bodenbakterien, im Wald 214 
Bodenfruchtbarkeit, durch kolloi- 
dale Lösungen 136 
Bodensee-Salzburg, fluvioglazialer 

Geröllgürtel 178 
Böhmerwald, Verwitterungsbild 195 
Bohr, Niels 14, 25, 97, 103, 105, 108 
Boltzmann 114, 127, 262 
Bomben, in der Lava 191 
Borneo, Edelmetalle auf 160 
Bosler, S. 271 
Borkarbid, Härte 199 



Bottnischer Meerbusen, Salzgehalt 
180 

Boyle 140 

Brachionus, Zellenbau, Abb. 82, 
210 

Brachiopoden, silurische 94 

Bragg, W. H., 129, 262 — W. L., 
129, 262 

Brasilien, Sandwüsten 187 

Brauneisenstein, Verbreitung 172 

Braunkohle, Carbon in 199 

Braunkohlenlager, Entstehung 199 

Breccien, Bildung 189 

Breccie, mit Steinbomben, Abb. 70, 
289 

Brenner schwarzer, als Knäuelungs- 
beispiel, Abb. 9 

Brocken, Verwitterungsbild 195 

Broek, A. van den 103 

Bronze, Kultur der 170 

Bronzezeit, Renaissance der 173 

Brown 116 

Brown'sche Bewegung, Entdeckung 
116 

Brown'sche Bewegung und Erdbe- 
wegung 236 

Bryozoen, Kolonienbildung 225 

Buche, Besiedelungsalter 214 

Büchner 9, 212 

Buckle 161 

Buffon 6, 7, 9, 38 

Bunsen, K. 285 

Buntsandsteine, Gesteinsbau 185 

Buntsandsteinwüste, Rekonstruktion, 
Abb. 68 

Bütschli O. 133, 267 



Campbell 74 

Candolle de 144 

Capulus, Formkonstanz 94 

Carbon, in Brennmaterialien 199 — 
Valenz 139 

Carpenter 271 

Caulerpa, Zellenlosigkeit, Abb. 87, 
221 

Celoria 84 

Cer, im Auerlicht 148 

Centrosomen, beim Fortpflanzungs- 
vorgang 210 

Cestracion, Kopf, Abb. 26. 92 

Chalcedon, als Quarzverbindung 
185 

Charybdis, als Gezeitenstrom 270 

Chemie, Aufhebung 32 — Biologi- 
sierung 146, 212 — Relativität 
90 — und Objekt. Philosophie 32 

Chemische Formeln, als Annähe- 
rungsformeln 261 

Chemnitz, Nebel 155 

Chemophysik, Integrationen 62 

China, als Besiedelungszentrum 182 

— Fluthöhe 270 
Chinarinde, natürliche Wirkung 261 
Chinesische Küste, Salzgehalt 180 
Chinin, künstliches 261 

Chlor, als Elementverbindung 146 

— goldlösende Wirkung 160 — 
Verbreitung 157 

Chloride, in Seen 265 — in Vul- 
kanauswürfen 158 
Chlormagnesiuni, im Meerwasser 

179 
Chlorminerale, in Gestemen 158 
Chlorophyll, Formeln 205 
Chloroplast, Bewegungen 208 
Cholesterin, im Plasma 205 



274 



Cholesterine, als Myeline 131 

Chromatin. im Plasma 205 

Chromatophoren, der Zellhaut 210 

Chromosomen, Absonderung 209 

Chromosphärc, in der Sonnenka- 
rona 248 

Chroococcaceen, Sticksfoffassimili- 
tion 264 

Chr>sopras, als Quarzverbindung 
185 

Chun 165 

Cirruswolken, Aufbau 152 

Cladonia, Bau 222 

Clausius 52, 82, 114, 118 

Clostridien, Stickstoffassimilation 
264 

Coccolithoporiden, als Kalkbildner 
265 

Coelastrum, Coenobiumbildung 268 

Coelentcraten, als Entwicklungsstu- 
fen 91 — Symmetrie 123 

Coelestin, in Radiolarien 122 

Coelestinskelett, eines Radiolars, 
Abb. 38 

Coenobium, Begriff 268 — von Dic- 
tyosphaerium pulchellum, Abbil- 
dung 89 

Cohen-Kysper, A. 93, 94, 98 

Cohnheim 269 

Comte, Auguste 220, 223, 269 

Echinodermaten, aktinomorphe 

Copernicus, N. 270 

Copemicus, Höhe 271 

Comu 262 

Corona, des Kometen kopfes 257 

Coronium, Auffindung 153 — in 
der Sonnenatmosphäre 104 

Coroniummanfel, der Sonne 247 

Cotopaxi, Höhe 233 

Coy, H. Mc. 143 

Crookes 55 

Crookes'sche Röhre, Beschreibung, 
Abb. 10, 56 

Cullinan - Diamant, ungesthliffen, 
Abb. 76 

Cullinan, Gewicht 199 

Cumulo-Stratus-Wolken, als som- 
merliche Wolkenform Abb. 23 

Cumuluswolken, Bildung 155 

Curie 106, 142 

Curtius, Höhe, 271 

Cytocentren, beim Fortpflanzungs- 
vorgang 210 



D'AiUy 33 

Dalton 109 

Dämpfe, Entstehung 115 

Dampfmaschinen, Dampftension in 
175 

Dampftension, Steigerung 266 

Dampfwolke, des Vesuv im April 
1906, Abb. 100 

Darwin, Ch. Q. 6, 245, 265 

Darwin, O. 129, 245 

Dauer, als Entwicklungsziel 81 — 
als Integrafionseigenschaft 79 — 
als Kriterium 219 — durch Har- 
monie 81 

Davy 109 

Dekrcpetitationswasser, Austrei- 
bung 129 

Delphine, Schwimmanpassungen 123 

Demokrit 24, 38, 84, 109 

Denken, als biologische Funktion 
38 — als Lebensnotwendigkeit 3 
— als Problem 11 — Aufgabe 
35 — einheitlicher Standpunkt 35 



Denkgesetz, als Naturgesetz 89 — 
als Wellgcsetz 89 

Desintegration, Begriff 98 

Diabas, als vulkanisches Qcttein 
266 — Qestcinsbau 185 

Diakosmos, Versuch des 33 

Diamant, als dichtester Kohlenstoff 
199 

Diamant, atomare Anordnung 129 
— Kristallforni 119 — und Gold 
159— künstliche Herstellung 199 

Diamanten, natürliche, Besonder- 
heiten 199 

Diamantkristall, Raumgitterstruk- 
tur, Abb. 36, 128 

Diatomeen, Kieselsäurcabscheidune 
durch 184 

Diatomecnschlamm, als Silizium- 
sedimente 166 — Entstehung 179 

Dictydiuni cernuum, Sporenbehälter 
Abb. 92, 221 

Didymium Leucopus, Bildunp, Abb. 
92, 221 

Differenzierung, rückläufige 93, 98 

Diffusion, zwischen Zellen 135 

Digitalin, künstliches 261 

Digitalissaft, natürliche Wirkung 
261 

Diluvium, Qesteinsentstchung 189 

Diorit, Zusammensetzung 267 

Diploporen, aus den Triaskalkalpen 
Abb. 87, 220 

Dispersionen, eigentliche Einteilung 
134 — von Gold 134 

Dispersionsmittel, Ladung bei ver- 
schiedenen 133 

Dispersoide, Unterschiede 134 

Dissoziierung, der Moleküle 177 

Doketisches, Masse als 58 

Doketismus, in der Physik 22 

Dolomit, landschaftlicher Einfluß 
163 

Dome, als Vulkantypen 194 

Donau, Ablagerung im Delta der 
179 

Doppelsonncn, als Integrationsstufe 
73 — als Sonnensysteme 82 

Doppler 103 

Doppler -Effekt und Stark -Effekt 
103 

Drehwage, von Eotvoes 193 

Drei Zinnen, Formeigenart 103 

Dulong-Pelit 144 

Dünen, Ausdehnung 186 — Entste- 
hung 179 

Dünensand, als Meeresablagerung 
179 

Düngemittel, Kalkstickstoff als 150 

Düngstoffe, Erhaltung 136 

Dutton, Cl. E. 270 

Dover, Fluthöhe 270 



Ebbe, Berechnung 245 

Ebene, durch Schollcnbcwegung 195 

Struktur 123 — Formkonstanz 94 
Edaphologie und objektive Philo- 
sophie 150 
Edaphon, im Straßenstaub 154 — 

Sticksloffassimiliation 264 
Edelgase, in der Atmosphäre 150 

— Molekularbewegungcn 156 — 

Verwandtschaft 144 
Edelmetalle, Bedeutung 173 — 

Dauer 159 
Edelsalzc, als Meeresrestc 190 — 

Schichtung 158 
Edelsteine, Formgesetz 127 



Egoismus, Wirkungen 203 
Eigcnbcwtgunf;cn. der üettime 83 
Einstein, Alfred M. 25. 26. 27, 27, 

30, 3J, 53. 87 
Einsturzbeckeii, Enlilebung 234 
Einzeller, Lcbenipro/e«e durch — 

Kolloidsttuktur 135 
Eisblumen, als Krittillaggregal. 

Abb. 33 
Eisen, Bau 159 — Hydrogcl 136 — 
im Erdinncrn 68. 187 — im Well- 
ganzen 160 — In Sternschnuppen 
78 - kolloidales 1J4 - Philo- 
sophie des 173 — OtKrKhitzung 
170 — Verbreitung 147 
Eisenerze, Wi-llprodiiktion 172 
Eisenrost, Verbreitung 172 
Eisenvcrbindungen, im WatMr 176 
Eiszeit, Löss als Produkt der 163 
Eiweiss, als Kohlentloffverbindung 
203 — Chemismus 205 ~ Koagu- 
lation 133 — kolloidale Struk- 
tur 206 — molekularer Hau 211 

— Spezifität 20b — vielatomigc 
Moleküle des 137 

EiweiBformcIn, Bestandteile 205 
Eiweißstoffc, chemische Kompli- 
kation 205 
Eiweißindividualionm, Trennung — 

der 204 
Ekabor, Vorausbcstlmmung 263 
Eleaten, biologisches Weltbild 32 

— die, als Vorläufer der O. 
P. 4 — und Entitalsgeielz 89 — 
ErkenntnitJe 33 — Historisches 
37 — Lehrsätze der 5 — und 
Monismus 35 — und Rclativitätt- 
theorie 33 

Eibsandsteingebirge, als alter Mee- 
resloden lä6 — Chtrakieifonnen 
Abb. 69 

Elefant, optimale Kraftenlfilfung 
212 

Elektrisiermaschine, Vorginge 23 

Elektrizität, als Integraiionseigeo- 
schaft 230 - als Masse 24 — 
alt Weltätherstörung 49 — Art 
ihrer Energie 21 — und ohjeki. 
Philosophie 213 

Eleklrizität>einheif, atomistitche 
Straktur der 13 

Elektrizitätslihre, Massebegriff 58 

— neue Begriffe 21 
Elektrolyte, Lösungen als 177 
Elektronen, alt scheinbare Matte 

24, 55 — BcharrungswiJertland 
23 — Bcwenunpsgesetz 29 — ellip- 
tische Bahri 107 — Entdeckung 
58 — Erklärung 23 — Geschwin- 
digkeiten (Tabelle) 53. 97 — Im 
Atom 102 — in Lösungen 177 — 
Kontraktion 26 
Elektroncnlihre und Alomlchre 60 
Elektron, als Qu-intuni 55, 58 — 
als Weltraum 24 — als Körper 
29 — Zusammcnftssung 101 
Elementargebiel, Definition 33 
Elemcntareigcnschaficn. als Inle- 
grttionsqualitilen 147 — regel- 
mäßige Wiederholung 144 
Elemcntarquantum. Elektron und 

chemisches Atom 101. 110 
Elcmentartingula. als Quanten 53 
Elcmenlarverwandtschift, biologi- 
sche Analoßicn 146 
Elemcntaraufbaii. nach Molekül 
und Atom 141 
I ElcmenUrbcgriff. Vereinfachung 14«" 



18* 



275 



Element, als Eigenschaftseinheit 140 

— chemisches, Unteilbarkeit 141 

— Wasser als 175 
Elemente, auf Gestirnen 77 — Grup- 
pen (Tabelle) 145 — künstliche 
Zerlegung 142 — natürliches Sy- 
stem 105 — Stammbaum 144 — 
Umwandlung 142 — unentdeckte 
(Tabelle) 263 — Verschiedenhei- 
ten 147 — Wesen der 140 

Eiementenzerfall, Umsturz durch 13 
Elementsystem, nach Ordnungszah- 
len 146 
Elemententypen, Tabelle 264 
Embryologie und Stammesge- 
schichte 92 
Empedokles, als Vorläufer der ob- 
jektiven Philosophie 4 
Empiriokritizismus und O. P. 40 
Empirismus, als Lebensmethode 39 
Emulsionen, Herstellung 134 
Encriniten, in Schwaben 167 
Endospermkern, Bildung 224 
Endotherme Reaktion, Zellulose als 

200 
Energetik, Begriff 12 — und ob- 
jektive Philosophie 22 
Energie, atomistische Struktur 13, 
22 — der Gase 51 — Erhaltung 
der 79, 231 — kinetische 21 
Energieumsatz, endliche Geschwin- 
digkeit 86 
Energieumwandlungen, als Weltur- 
sache 12 
Energieverteilung gleichmäßige, — 

Widersprüche der 13, 21, 51 
Entfaltung und Entwicklung 79 
Entitätsbegriff, Ursprung 5 
Entitätsgesetz, als Weltgesetz 46, 

81 — Definition 46 
Entropiesatz und Objekt. Philos. 82 
Entwicklung, als Ausgleichsvor- 
gang 91 — als Kreislauf 75, 76 

— als psychische Tätigkeit 98 — 
als umkehrbarer Vorgang 93 — 
des Lebens, Ursache 69 — durch 
Selektion 81 — Inkonstanz 94 

— neuer Begriff — und Petro- 
graphie 190, 79 — stammesge- 
schichtliche Ursache 95 

Entwicklungsformel des Univer- 
sums 93 

Entwicklungsgesetz, Nichtvorhan- 
densein 95 

Entwicklungslehre u. objektive Phi- 
losophie 32, 76 

Entwicklungsmechanik, der umge- 
kehrten Entwicklung 93 

Entz, G^za 267 

Eosin, disperse Phase 133 

Eotvoes 198 

Epidermis, des Wirbeltierauges 93 

Epigencsis, Entwicklung als 76 

Equisetaceen, Kieselsäureabscheide:, 
durch 184 

Erdachsenneigung und Jahreszeiten 
240 

Erdball, chemische Zusammensetzg. 
(Tabelle) 193 — Schrumpfungs- 
hypothese 182 

Erdbeben, Häufigkeit 235 — im 
Alpenvorland 232 — Wirkungen 
231 ^ 

Erdbebenphänomen, als Gleichge- 
wichtsverschiebung 235 

Erdbebenwellen, konstante Ge- 
schwindigkeit 198 

Erdbebenzonen, Verteilung 234 



Erdbeeinflussung, auf Organismen 
69 

Erdbewegungen, als Integrations- 
eigenschaft 238 

Erdbewegungsstörungen und objek- 
tive Philosophie 238 

Erdbewegung, Erklärung 18 — Tag 
und Nacht durch 236 

Erddrehung, Einfluß auf Tempera- 
tur 155 

Erde, Abhängigkeit v. d. Sonne 250 

— als elektrisches Phänomen 230 

— als Integration 198 — als 
Kristallform 122 — als Wasser- 
planet 187 — als Wüstenplanet 
187 — Atmosphäre 76 — Dimen- 
sionen 227 — Kugelgestalt 227 

— Sonderfähigkeiten 71 
Erdentwicklung, Vorgang 193 
Erdinneres, Gesetze 117 — Sche- 
ma, Abb. 14 — Vorstellungen 67 

Erdintegrationseigenschaften, als 
Entwicklungsursache 95 

Erdkarte, in Sternprojektion, Abb. 
73, 196 

Erdkern, Bestandteile 68, 158 — 
unbekannte Gesteine 187 

Erdmagnetismus und Sonnenflecken 
250 

Erdmetalle, chemische Wichtigkeit 
160 

Erdmitte, Schwerkraftaufhebung 28 

Erdmittelpunkt, Zahl der Gesteine 
187 

Erdöl, Zusammensetzung 184 

Erdperioden, Lebensformen 215 

Erdperipherie, Zahl der Gesteine 
187 

Erdrotation, mangelhafte Berech- 
nung 18 

Erdrinde, Aufbau, Abb. 49, 152 — 
Auflockerung 190 — äußerste, 
als zoetische Sphäre 188 — Ge- 
steinsumbau durch Lebensvor- 
gänge 187 — kolloidaler Zustand 
135 — petrographische Zusam- 
mensetzung 190 

Erdrindeveränderungen, als Inte- 
grationsproblem 66 

Erdteilbildung, Gesetz 197 

Erdteile, Höhen- und Flächenver- 
hältnis (Tabelle) 270 

Erdumlauf, Kepler'sche Gesetze des 
238 

Erdveränderungen, durch tektonische 
Beben 234 

Erdwärme, als Integrationseigen- 
schaft 228 — in Bergwerken 67 

— Steigerungsverhältnis 67 
Ergußgesteine, Tabelle 266 
Erkenntnisfähigkeit, Relativität der 

34 
Erkenntnistheorie, biozentrische 34 

empiristische 39 
Erleben, Harmonie 35 
Ernährung, als Lebensbeweis 207 

— und Stickstoff 149 
Erosion, des Urgebirges 162 
Erscheinung und Mathematik 16 
Eruptivgesteine, als Silikatgesteine 

191 — in Lava 188 — Integra- 
tionseigenschaften 195 — Sauer- 
stoffgehalt 194 

Erze, Entstehung 192 

Ethik, biologische 34 — Relativi- 
tät 90 — und objektive Philo- 
sophie 34 

Eukleides 15, 16, 22, 31 



Euklid-sche Geometrie, Gegensatz 

der 14 
Euphrat, als Kulturursache 179 
Eursien, Begriff 197 
Europa, Sandgebiete 187 
Euripides 54 

Evolutionsbegriff, Aufgaben des 76 
Evolutionsgesetz, Ausnahmen 94 
Exkretion und Selbstreinigung 131 
Extrazoesis, Umwandlung 30 — und 
Lorentz-Transformatien 26 — Wi- 
dersprüche 31 



Fackeln, in der Sonnenkorona 248 
Fajans, Kasimir 63, 102, 106, 107. 

263 
Fällung, isotrop. Körper durch 132 
Familien, Begriff 204 
Faröer, Reinrassigkeit 226 
Fascia antibrachii, Tätigkeit 65 
Farbenindustrie und Benzolring 139 
Färberei, als kolloidale Technik 133 
Farbstoffe, disperse Phase 133 
Farne als Seinsstufe 212 — Exi- 
stenzbedingung 213 
Faulen des Holzes, als Oxydation 

148 
Faust, im Weltbild 101 
Fechner, O. 90, 218, 226, 270 
Fedorow, E. von 129 
Feldspat, als Kalisilikat 168 — Alu- 
minium im 161 — mikroskopi- 
sches Bild Abb. 63 — in Erup- 
tivgesteinen 191 — Verteilung in 
der Erdrinde 190 
Feldspate, als Ver\vitterungsreste 

Festländer, diluviale Decke 189 — 
durch Gesteinszusammensetzung 
194 — unbewohnbare 187 

Fette, als Kolloide 136 

Fettsäuren, als Myeline 131 — im 
Plasma 205 

Feuer, als Oxydation 148 

Feuerstein, als Werkzeug 173 

Feuersteine, Entstehung 185, 190 

Fibrillen, im Plasma 210 

Fichte 220 

First Principles und Integrations- 
begriff 98 

Fische, Schwimmleistung 212 

Fischreichlum kalter Meere 181 

Fixsterne, Abkühlung 77 — bei 
Sonnenfinsternissen 27 — und 
Sonnensystem 258 

Fixsternhimmel, Abb. 17 — als 
Singulation 83 — Definition 85 

Fixsternsystem, als Integrationsstufe 
72 — Baugesetz 73 — Schema 
Abb. 21, 73 — Spiralbewegung 
73 

Fixstemsystemwelt, Erhaltung von 
Materie und Energie 259 

Fizeau, 19, 25 

Fizeau'scher Versuch, als Beweis 
der objektiven Philosophie 20 — 
Darstellung, Abb. 4, 19 

Flagellaten, Formen, Abb. 79 

Flammarion 257 

Flamme, Definition 148 

Flechten, Organisationsprinzip 221 
— Thallus, Abb. 93,22 

Flechtentundren, Gebiete mit 22 

Fledermäuse, Fluganpassungen 123 

Fliegenschwamm, als Schnecken- 
nahrung 174 

Fluor, und Oxygen 147 



276 



Flüsse, Sinkstoffe in 178 — Süß- 
wassertone 162 

Flüssigkeiten, der Erde 184 — feste, 
Molekularstruktur US 

Flußtrübe, im Meer 170 

Flutbrandung, im Amazonas 270 

Flutbeweguiig, horizontale und ver- 
tikale 245 

Flut, Höhenberechnung 245 

Flutwelle und Erdbewegung 246 

Fluvioglaziale Oerölle, in Süd- 
deutschland 178 

Foraminiferen, Formkonstanz 94 — 
Kalkerzcugung durch 166 

Foraminiferensand, Zusammenset- 
zung 165 

Form, als Singulationsmerkmal 48 

Formbildung und Welterkenntnis 53 

Formen, Wiederkehr 79 

Fortpflanzung, als Lebensbeweäs 207 

Fortpflanzungsapparat, der Organis- 
men 210 

Foucault 227 

Fouqu« 191 

Francs, Raoul H. 29, 68, 205, 222, 
223, 235, 264, 267 

Frankenheim 119, 262 

Frankenwald, Tonschiefer im 161 

Fraunhofer, J. 258 

Frech, F. 235, 265 

Freiheit, als menschliche Integra- 
tionseigenschaft 224 

Freud, S. 217 

Friedenthal 206 

Friedrich, W. 262 

Fuligo, varians, Trockensubstanz- 
analyse 269 

Funktion, Kreislauf als 168 — und 
Integration 217 — der Integra- 
tionsstufen 81 

Funktionsform, der Wetteränderung 
88 — Gestaltung als 126 

Funktionsformen, technische For- 
men als 88 



Gabbro, Zusammensetzung 267 

Galilei 237, 254 

Galle 18 

Gallium, Entdeckung 144, 263 

Ganges, Ablagerungen im Delta 
des 179 

Gasatome, in Kanalstrahlen 60 

Qasball, Sonne, als 247 

Gasdruck, Meßbarkeit 114 — Ur- 
sache 51 

Oase, kinetische Theorie 115 — 
Molekularverband 51 — Richt- 
kräfte in 124 

Gasmasse, gleichmäßige Energie- 
verteilung 97 

Oasmassen, als Ursprung des Son- 
nensystems 7 

Oasmoleküle, Bahn 51 

Gaskugeln, Planeten als 153 

Gasschichtung, d. Atmosphäre 153 

Gasteilchen, unregelmäßige Bewe- 
gung 114 

Gastheorie, kinetische 51 

Gastheorie und Quantentheorie 25 

Gastrulalarve, Stadium 91 

Gattungen, Begriff 204 

Gauß 15, 26, 27, 33, 270, 271 

Gaußkoordinaten, Darstellung, 
Abb. 6, 16 

Gautier, Armand 205, 267 

Gay-Lussac 109, 114 

Gebirge, Auflockerung unter 198 — 



durch Gestelnszusammensrtzuni; 

194 — durch SchollenbcwecunK 

195 — Eigengcsctzlichkcit 195 
Oebirgsauffallungcn, der Perm-un(/ 

Sleinkohlcn^eit 68 

Oebirgsauffaltung, durch Erdbeben 
235 

Oebirg'ibildung, harmonische 197 — 
im Meere 133 — rezente 23^1 — 
und Krustenbewegung 195 — Vor- 
gang 6S 

OebirgsfcuLhtigkeit, Betriff 78 

Gedanken, als Integration 80 

Geißeln, am Zellkern 210 

Oeißler 103 

Geißlerröhren, Farberscheinunpen 
56 

Geißler'sche Röhre, Spektroskopie 
103 ^ 

Geisteswissenschaften, Einordnung 

Gel, Entstehung 133 — Erdrinde 
als 135 — Wabenbau, Abb. 4J, 
133 

Oele, Kohlcnstoffverbindungen 105 
— reversible Vorgänge 133 

Gelbes Meer, gelber Schlick im 179 

Qemeingefühl, Problem 217 

Genua, Fluthöhe 270 

Geobiologie und objektive Philoso- 
phie 226 

Geochemie und objektive Philoso- 
phie 226 

Geocoronium, Ausdehnung 153 

Geographie, Begriff 194 — und ob- 
jektive Philosophie 33 

Oeoid, Abplattung 117 — als funk- 
tionelle Integration 67 — Eipen- 
bewegungen 70 — Eigenschaf- 
ten 226 

Geologie und Erdbeschreibungs- 
phänomen 32 — und objektive 
Philosophie 32 

Geologische Formationen, Eintei- 
lung 266 

Geometrien, verschiedene 15 

Geometrie und euklidische Axiome 
15 — und Mechanik 16 — und 
O. P. 31 — ursprüngliche An- 
wendung 15 

Oeonomie und objektive Philoso- 
phie 138 

Geophysik und Astronomie 31 — 
und objektive Philosophie 23, 60, 
226, 242 

Geothermie, und objektive Philoso- 
phie 230 

Gerberei, als kolloidale Technik 
136 

Gerlach. W. 97 

Germanium, Entdeckung 144. 263 

Geröll, Entstehung 186 

GeröUe. in Flüssen 178 

Geschichte, Relativität 90 

Geschiebelchm. als Sediment 178 

Gesellschaft, als Lebewesen 219 

Gesetz der Funktion, als Weltgc- 
setz 81 

Gesetz der Harmonie, als Weifge- 
setz 81 

Gesetz der Integration, als Wclt- 
gesetz 81 

Gesetz des kleinsten Kraftmaßes, 
als Weltgesetz 81 

Gesetz des Optimums, als Wcitge 
setz 81 

Gesetz der Selektion, als Wcltgc 
setz 81 



Gesetze de« Denken«, Zutammen- 

fassung 80 
Gcictzc. a/octische 15 
Gesetze des Sein« und objektive 

Philosophie 46 
Oesichlskrti». Ridiut 727 
Gestein, alt IntrgralionMiufe 194 
Gesteine, de» Erdballs 187 — und 

Minerilirn 147 — mechanitche 

Zcrl6»ung 154 — plutonitdie Mi 

— Sedirtientbildung 178 
Oesfeinsartcn. Tabelle, 166 
Oesteinsbildung. Gesetz 190 
Cjesleinsdeckr, Elemente 192 
Qesteinsge-chichte, Quarz u. KaIV 

in der 185 

Gesteinskunde. Bedeutung 192 

Gestirne, gleichmäßige Verteilunc; 
87 — Ocstime, Heiligkeil (Ta- 
belle) 77 

Gewebe, Bau 64 

Gewichtsdifferenzen, in der Chemie 
261 

Gewitter, Entstehung 154 

Gewitterperiodizitit und Sonnen- 
einflüsse 250 

Gezeiten. Ursache 71. 242, 24« 

Gips, als Kalziumverbindung 163 

— als Meeresrest 190 — im 
Meerwasser 179 — Schichtung 158 

— Zusammensetzung 167 
Olpsla^er, als Meeressedimente 167 
Glas, als Kalziumverbindung 163 

— Herstellung 185 
Glasbereitung, als Biotechnik 185 
Gläser, als isotrope Flüssit;keiten 

132 

Glasflüsse, in Sternschnuppen 78 

Gleichgewichtsgeselz, isostatisches 
170 

Glimmer, als Kalisilikat 168 — all 
Magnesiumsilikat 199 — Alumi- 
nium in 161 — Verteilung io 
der Erdrinde 190 

Glimmerschiefer, als Sediment 176 

— Entstehung 192 — Olimmei 
in 161 — Intcgrationseigenschaft 
195 — Schieferung 191 — vom 
Malterhom, Abb. 54 - Urkilk« 
in 164 

Olobigennm, Kalkerzeugung durch 

166. 165 
Globigerincnschlamm, Vergrößerung 

Abb. 15, 165 
Globulite, technische Bedeutung 121 
Oingkyo, in Europa 214 
Gneis, als pUilonisches Gestein 178 

— als Urstoff 190 — Entstehung 
192 — Ocstcinsbau 185 — Ortho- 
klas in 162 — Schieferung 191 

Gneisgebirge, Ventitterung 162 

Gobi, Wüste 187 

Goethe, W. v. 36 

Goggia-Komet, Aufnahme, Abb. 109 

Gold, als Erdkern IST — Farbe 
159 — Gewinnung durch Queck- 
silber 174 — im Meerwatser 
180 — im Erdkern 68 — kolloi- 
daler Zustand \M, 134 - Kri- 
stallform 119— Philoiophle IW 

Goldlüsiingen. kolloidale. Abb 40 

Ooldschligerhäulc, hurchmcncr IM 

Ooldschmldt. F 241, 25« 

Ootlesbegriff der objektiven Philo- 
sophie 87 

Orabcniller submarine, Entstehung 
183 

Graham, Thomas 132, 265 



\ 



277 



Granaten, in Ackererde 163 — in 

Eruptivgesteinen 191 
Granit, als plutonisches Gestein 178 
_ als Urstoff 190 — aus Magma 
191 — Gesteinsbau 185 — Gneis 
aus 191 — Integrationseigenschaft 
195 — Lava aus 134 — Mag- 
neteisenstein in 172 — Ortho- 
klas in 162 — Zusammensetzung 
267 
Grani{dünnschliff, von Striegau, 

Abb. 62 
Granitformen aus der Montblanc- 
gruppe, Abb. 72 
Oranitgebirge, Verwitterung 162 
Granitporphyr, Zusammensetzung 

267 
Granitrinde, verhältnismäßige Dicke 

190 
Graphit, als reiner Kohlenstoff 199 
_ bei Eisenguß 172 — künst- 
liche Herstellung 199 
Granulation, der Photosphäre 249 
Gravitation, Abvireichungen 17 — 
als Lichtablenkungsursache Abb 
7 27 — der negativen Elektro- 
nen 107 — Fernkraftwirkung 2S 
— keine Integration 72 — Theo- 
rie 17 — und Elektronbau 21 — 
und irdische Schwerkraft 32 
Gravitationstheorie, neue 28 
Gravitationswirkung, an Licht 23 
Gräser, Kieselsäureabscheidung 

durch 184 
Grauguß, Herstellung 172 
Grauwacke, Oesteinsbau 1S5 
Gravitationsgesetze und Erdbewe- 
gungen 236 
Großstädte, Kohlendioxydanhäufung 

151 

Grünalgen, Stickstoffassimilation 

264 
Grundgesetz biogenetisches, und 

objektive Philosophie 91 
Grundstoffe, chemische Erlangung 

141 
Guamgraben, größte Tiefe 183 
Guffert, Bewölkung, Abb. 48 
Gummigutt, disperse Phase 133 
Gurwitsch 267 
Gyroporella triaslana, von der Zug 

spitze, Abb. 87, 220 



Harmoniestörung, durch Schwer- i 

metallüberschätzung 172 
Harmonische Obertöne, Zahlenge- 
setz 244 
Harnstoff, künstlicher 262 
Hartmann, Ed, v. 9, 91 
Harze, als Kolloide 136 — als Le- 
bensprodukte 184 — im Plasma 
205 
Hatteria, 95 . „ ,, 

Hauptdolomit, als symmikter Kalk 

262 
Haüy, Abbe 127 
Hegel, 124, 220 

Helium, als Radiumprodukt 17 — 
aus Niton 142 — in der Atmo- 
sphäre 150 — in kosmischen 
Nebeln 76 — im Orionnebel 74 
— in der Sonnenkorona 248 — 
Molekularbewegungen 156 — Ur- 
sprung 174 — Verwandtschaft 144 
Heraklit, als Vorläufer der O. P. 4 
Heliumatom, Ladung 105 
Heliumreihe, und Oxygen 147 
Helmert 198 
Hem iarcy ria clavata, Sporenbehälter, 

Abb. 92, 221 
Herbart 9 

Heringszüge, Vorbedingungen 181 
Herkules, als Ziel der Sonnenbahn 

74, 236 
Hermite 89 

Herschel 38, 76, 84, 85, 247 
Hieroglyphik, chemische 110 
Himalava, Schichtengewichtsdiffe- 
renzen 198 — Verwitterungsbild 
195 



Häckel, E. 9, 10, 11, 12, 14, 32 44 
45, 47, 79, 90, 91, 92, 94, 122, 
123, 131, 144, 224 
Hämatit, Verbreitung 171 
Hämoglobin, Formel 170, 205 — 

Molekül 112 
Hagel, Entstehung 154 
Halbwertszeit, bei Niton 142 
Hallev'scher Komet, Bahn 257 
Hallorte, Salzquellen 158 
Hallstätter, Bronzekultur der 173 
Hallstattzeit, Metallkultur der 170 
Hamburg, Nebel 155 
Handmann, P. Rudolf 39 
Harmonie, der O. P. 35 - als 
Integrationseigenschaft 79 — als 
Lebenssinn 37 — als Vorausset- 
zung von Dauer 81 — der Fix- 
sternsystemwelt 259 — des Erle- 
bens 35 — im Kristallwachstum 
124 — und Gold 163 
Harmoniegesetz, der Gestaltung 126 
— des Pythagoras 244 



Himmelskörper, als Energieursache 
231 _ Integrationseigenschaften 
230, 250 — verschiedene Atmo- 
sphäre 150 
Hirntier, Mensch als 212 
Histologie, und objektive Philoso- 
phie 216 
Hittorf 59 ^ , ,. 

Hittorf'sche Röhren, Erklärung 59 
Hobbes 219 

Hochland, Schollenbewegung 295 
Hohentwiel, Petrographie 266 
Hölle, als Erdbebenvorstellung 232 
Hollmann M. 264 
Holzkohle, Carbon in 199 
Homer 181 ^ . . • 

Hornblende, in Eruptivgesteinen 

191 — in der Erdrinde 190 
Hornstein, als Quarzverbindung 185 

_ Bildung 190 
Humboldt, Alexander von 8, 10, 31, 

55, 100, 108, 256 
Hume, 34 

Hummeln, Staatenbildung 225 
Humus, Erhaltung 136 
Humusbildung, des Waldes 214 - 

Kohlensäureproduktion bei 151 
Hydra, als Entwicklungsstufe 92 
Hydrogele, Entstehung 133 
Hvdroeen, in komischen Nebeln 76 
_ im Wasser 156 - Valenz 139 
— und Oxygen 108 — Verbrei- 
tung 147 
Hydrogenatom, Ladung 105 
Hydroxyde, Gele unter 262 
Hydrosol, posit. Ladung durch 133 
Hydrosole, der Metalle 134 
Hylozoismus, psychologische Ge- 
setze des 90 



Ichspaltung, als Integration 218 
Idealismus, als Weltanschauung 44 
— und objektive Philosophie 46 
Identitätsform, Notwendigkeit 88 
Identitätsherstellung, Weg der 88 
Identitätssatz, Formel 88 
Imbibitionswasser, Abscheidung 176 
Indien, als Besiedelungs/entrum 182 
Indischer Ozean, Siliciumsediraente 

166 
Individualität, der Kristalle 124 
Individualisation, als Singulation 

47 _ Notwendigkeit 47 
Individuationsgesetz, als Kreislauf 

des Seins 88 
Individuation, Beginn 101 
Industrien, kolloidale 136 
Insekt, Symmetrie 123 
Insekten, Lebensdauer 215 
Insektenstaaten, als soziologische 

Möglichkeit 66 
Inseln, Lage 197 
Integration, als Lebenseigenscnatt 

217 
Integration, der Kultur 66 — funk- 
tionelle 65 — Gesetz der 62 — 
spezifische Eigenschaften 61 — 
und Biocoenose 66 — und Sin- 
gulation 62 — und Summation 
218 — und Tod 65 
Integration, als Mannigfaltig- 
keitsursache 191 
Integrationseigenschaften, Dauer 218 
integrationseigenschaften , Stufen- 
bau 211 - Wechsel 112 
Integrationsgesetz, als Religion 261 
— und Lebewesen 209 — Vor- 
läufer 62 ,, .,o 
Integrationsstufe, der Kristalle 118 
-der Moleküle 112 - der Bio- 
logie 62 — der geistigen \X/elt80 
_ physikalische Eigenschaften 
112 — Reintegration im Kosmi- 
schen 79 — über dem Fixstern- 
system 75 — Umwandlung in 
höhere 219 
Interferenz, an Seifenschaum 112 

— und Wellentheorie 53 
Intrazocsis, Begriff 40 
Irak, prähistorische Eisenbereitung 
im 173 ^ . ,„ 

Iran, Salz- und Kaliwüsten bei 187 
Iridium, künstliche Herstellung 147 

_ Unzerstörbarkeit 162 
Island, Reinrassigkeit auf 226 
Isomerie, an Zinn 137 -Begriff 
113 — radiumähnhcher Elemente 
143 _ und Molekülkonstitution 
137 
Isotopie, an Blei 106 — radium- 
ähnlicher Elemente 143 — und 
objektiver Philosophie 126 — als 
Weltbegriff 132 



Jadeit, als Werkzeugmaterial 173 
Jahrestemperaturen, Extrenie 156 
Jahreszeiten, Entstehung, Abb. 103 
_ und Kepler'sches Gesetz 129, 

239, 240 , ,- j 1 

Jahreszeitenwechsel und Erdent- 
wicklung 242 

Jaspis, als Quarzverbindung 185 

Jeans 21 

Jon, Begriff 176 

Jonen, in Kolloiden 134 

Jonenbildung, Schema, Abb. 62, 177 



278 



Jonentheorie, Bedeutung des Was- 
sers 176 
Jonisches Meer, Tiefentemperaturen 

181 
Jonisierung und Quantentheorie 23 
Jonium, Halbwertszeit 143 
Jupiter, Abweichungen 18 — als 
Gasbail 230 — Atmosphäre 77, 
151 — Dichte 228 — Eigenschaf- 
ten 254 — Existenzstadium 78 — 
roter Fleck, Abb. 47, 151 — 
Verhältnis zur Erde 244 



Kater, als Amcisenfräste 225 
Kalderen, als Vulkantvpcn 1Q4 
Kalender und Mondumlauf 252 
Kali, Kreislauf des 163 
Kaliabsorption, auf kolloidalem 

Wege 136 
Kalialaunkristalle, Regenerations- 
versuch 126 
Kalidünger, Notwendigkeit 168 
Kalisalzlager, deutsches 168 
Kalisilikate, Verbreitung 168 
Kalium, Eigenschaften 168 — Kri- 
stallgestalt 15Q 
Kaliwüsten, Vorkommen 187 
Kalk, als Kalziumverbindungen 163 
Kalk, als Rindengestein 187 
Kalk, Kreislauf 164 — Oxygcn im 
147 — und Formenbildung 194 

— Wärmegesetz 164 
Kalkalgenbänkc, Bedeutung 164 
Kalkalpen, Anordnung 195 — Ent- 

stehun«- 165 — symmikte Kalke 
in den 265 
Kalkalpenlandschaft aus Südtirol, 

Abb. 74 
Kalkbänke im Muschelkalk, Abb. 57 
Kalkberge, Sonderform 195 
Kalkbergformationen, drei Zinnen 

als, Abb. 56 
Kalibergwerk zu Staßfurt (Quer- 
schnitt) Abb. 51 
Kalkgehalt, in Strömen 164 
Kalk kohlensaurer, im Meerwasser 

179 
Kalkkreislauf, übergeordnete Inte- 
gration 179 
Kalklicht, Strahlung durch 148 
Kalkmergcl, Fruchtbarkeit 161 
Kalkphosphat, im menschlichen 

Knochenbau 167 
Kalkproblem und Integration 67 
Kalkproduktion und Klimawechsel 

166 
Kalkproduzenten, tierische u. pflanz- 
liche 165 
Kalkstein, in der Erdrinde 163 — 

— als Sediment 178 
Kalkstickstoff, als Düngemittel 150 
Kalktiere, als Tiefseetonproduzen- 
ten 161 

Kältegesetz, des Siliziums 166 

Kalzium, Bau 159 — Bedeutung 
163 ^ 

Kalziumkarbonat, als landschaftli- 
cher Schönheitsfaktor 164 — Oe- 
birgsbildung durch 163 — im Was- 
ser 176 

Kalzium Verbindungen, Mannigfaltig- 
keit 163 

Kammerer, Paul 97 

Kanalstrahlen, Atomuntersuchungen 
an 59 — Elektrizitätswirkung 103 

— Entdeckung 59 — Herstellung, 



Abb. 11, 59 — magnetische Ab- 
lenkung 59 
Kant, 6, 7, 9, 32, 34, 33, 43, 44. 
84, 85, 96, 98, 101, iiO - Kos- 
mogoiiie 6 
Kaolin, als Ton 161 
Kapteyn 72, 74, 77, 82, 84, 86 
Karbonate, als KaUiumvtrbindune 

163 
Karnallit, im Meerwasser 168 
Karneol, als Quarzverbindung 185 
Karren, Entstehung 164 
Karst, Entstehung 214 — Höhlen- 
bildung 196 
Kaspischcs Meer, Salzgehalt 180 
Kastendiktaiur, Ursache 220 
Kathode, der Crookcs'schen Röhre 

56 
Kaathodenstrahlcn, Ablenkung 57 _ 
elektrostaslische Ablenkung, Abb. 
5, 23 — magnetische Ablenkung, 
Abb. 5, 23 — radioaktiver Sub- 
stanzen 142 — spezifische La- 
dung 57 — Versuche mit 24 
Katzengold, als Erdbcstandlell 162 
Katzensilber, als Erdbestandteil 162 
Kaufmann'sche Formel, der Elek- 

trizitätsgeschwindigktit 24 
Kaufmann, Walter, 14, 24, 34, 40, 

58, 97 
Kausalität, des Denkens 35 
Kautschukverarbeitung, als kolloi- 
dale Technik 136 
Kayser, Georg 235 
Kegel, als Vulkantvpcn 194 
KekuI6 von Stradonitz, A. 139, 263 
Kelten, Eiscnkultur der 173 
Keltengold, Unvergängllchkeit 159 
Kelvin, Lord 48, 113, 115 
Kepler, 17, 90, 237, 233, 240, 257, 

270 
Kepler'sche Gesetze, Aufzählung 

270 
Kermadac-Inseln, als Berggipfel 183 
Kernladung, Verhältnisse 107 — 

Zersetzung 105 
Kernladungsgleichheit, verschiedener 

Atome 107 
Kernmembran, des Zellkerns 209 
Kernsubstanz, Ausschk'uderungen 105 
Kettengebirge, des Mondes 252 
Kiemcnspalten, des Embryo, Abb. 

26, 92 
Kies, als Sediment 178 
Kicselalgeii, fossile 185 — Sili.'ium- 
abscheldung durch 184 — Sili- 
zium in 166 — und Meerwasser- 
durchlüftung 180 
Kieselgur, Industrie 185 
Kieselsäure, als Erdbaumeister 161 
— als Kalziumverbindung 163 — 
disperse Phase 133 — in Radio- 
larien 122 — organische Form 
184 
Kieselschiefer, Entstehung 179 
Kieselschwämme, Kieselsäureabschei- 

dung durch 184 
Killermann, Seb. 39 
Kirchhoff, G. 52, 258 
Klassen, Begriff 204 
Klimamigration, Eiszeiten durch 230 
Kllmatologie, Bedeutung 32 
Klimatologie und objektive Philo- 
sophie 66 
Kliniazoien, Festlegung durch Pol- 
höhe 70 
Klimawanderungen, Zeugen 70 
Kliutschewskaja Sopka, Höhe 233 



Kniuelung, ali Wellertcheinung S4 

— und OcMfz der Serie 97 — 
in l'fUn/enkrankhcilen, Abb. 9 — 
nach Slerzinger, Abb. 8 

Knipping, P. 262 

Knöllchcnpilze der Lcguminoten, 

SlickstoffistimiUtion 264 
Knospung, in ZellcnsUitcn 224 
Koagulation, Vorgang 133 
Kobold 73 
Kochsalz. Im Meerwaiier 179 — 

Kreislauf 157 — Kristallfortn 119 

— Verbrcituiig 157 
Kochsalzlager, EdclMlzc als Decke 

der 168 
Koth^alzlö'-uni:, Ionen in 176 
Korhsalziransfusion, Wirkungen IM 
Kohäsi(jnsdifferinirn, bei Eratar- 

rung 118 
Kohinoor, Gewicht 199 
Kohle, all Kalziumverbindung 163 

— Diamanten alt 199 — peri- 
pheres Vorkommen 187 — und 
Besiedclungsfrage 199 

Kohledioxyd, Bindung durch Pflan- 
zen 199 — in der Atraotphire 
150 - Kreislauf 151 

Kohlehydrate, Formel 200 — im 
Plasma 2U5 

Kohlensäuerlinge. Kohlenüurepro- 
duktion 151, 200 

Kohlensäuregehalt der Luft, maxi- 
maler 151 

Kohlensäure, aus vulkani':rhen Si- 
likaten 233 - Im Wasser 176 - 
In der Erdrinde 190 — Kreitlauf 
151, 199 - Wirkung auf Kalk 
164 

Kohlensäureproduktion, der Vulkane 
233 

Kohlenstoff, in der organischen 
Chemie 200 — Legierung mit 
Elsen 172 — Rolle in der or- 
ganischen Welt 185 — und ob- 
jektive Philosophie 201 — Ver- 
breitung 147 — Verwandtschaft 
199 

Kohlenstoffverbindungen, alt Nah- 
rung 200 — Gesetze der 202 

Kohlenwasserstoffe, in Sternschnup- 
pen 78 

Kohlcnwasserstoffmischungen, als 
Petroleum 184 

Kohlhernie, Rübe mit, Abb 92. 221 

Koks, Diamanten alt 199 

Kolloid, Lösungen 134 — Proto- 
plasma als 206 

Kolloidchcmie, Wichtigkeit 133 

Kolloide, als Emuliionen 132 — 
als Tier- und Menschennahrung 
135 — als Zertcilungxgrad der 
Materie 134 - biologische Wir- 
kung 135 — molekulare Richt- 
kräfte in 137 — Einteilung 134 

Kolloideigcnschaftcn, als Probiose 
134 

Kolloidgesctic, wichtit:$te 133 

Kolloidphvtik, u. organische Fonn 
136 

Kolloidverbreitung. Leben durch 136 

Kolloidverwertung, praktische 136 

Kolloidwissenschift, und objektive 
Philosophie 132 

KoUoidzustand.Verinde rangen durch 
133 

Kolumbus, Chr. 38 

Kometen, im Sonnensystem 238 — 
künstliche. Abb. 110. 2S8 - Me- 



279 



teoriten aus 257 — periodische 
Tabelle 271 — und Sternschnup- 

KompressibiHtät, der Substanzen 109 
Konglomerate, als Üeckenmaterial 

190 
Königswasser, goldlösende Wirkung 

Konstanz, der Foraminiferen 94 
Kontaktzonen, Entstehung 192 
Kontinente, als Einheiten 197 — 
durch Oesteinszusammensetzung 
1Q4 — Eigenarten 198 — vom 
Archaikum bis Tertiär, Abb. 96 
bis 99, 229 
Kontinentformen, durch Schollen- 
bewegung 195 
Konvergenz, in der Biologie 146 
Koordinatensystem, kartesianlsches, 

Abb. 6, 26 
Kopulation, bei Kristallen 130 
Korallen, rezente a. d. Roten Meer, 
Abb. 55 — Staatenbildung 225 
_ Wärmeminimum 181 
Korallenbänke, im Norden 70 
Korallenkalk, Entstehung 165 
Korallenriffe, Zusammensetzung 165 
Kordilleren, Verwitterungsbild 195 
Körnchen, in Brown'scher Mole- 
kularbewegung, Abb. 30, 120 
Kömer, als Singula 47 
Korona, der Sonne 248 
Körper, kosmischer, kugelige Oe 

stalt 87 . .,, 

Korpuskeln, der Materie 111 
Kosmischer Staub, in der Sonnen 

korona 248 
Kosmologie, und objektive Philo 

Sophie 231 
Kosmogonie, von Kant-Laplace 6 — 

Vorläufer der 6 
Kosmogoniker, christliche Zoesis 

der 32 . .,. o 

Kosmos, als Weitbeschreibung 8 — 

Begriff des 8 
Kosmos des Seienden, Einheit 37, 
43, 75 — Kreislauf der Ent- 
wicklung 79 — Neuschöpfung 29 
— Selbstregulation 39 — und 
Weltgesetz 8 
Krakatoa, Erdbeben 232 
Krater, Funktion, 67 
Krater Linn6, Tätigkeit 252 — Po- 
sidonius, Wolkenbildung 252 — 
Taquet, Wolkenbildung 252 — 
Tycho, Durchmesser 252 
Krebse als Parasiten 216 
Kreichgauer, P. 69 
Kreide, als Sediment 178 — Feuer- 
steine in der 185 
Kreidepulver, mikroskopisches Bild, 

Abb. 63, 167 
Kreislauf, Begriff des 167 — des 
Urelements 174 — des Urmeeres 
176 - des Waldes 214 
Kreisläufe, weltgesetzliche 150 
Kreta, Salzgehalt bei 180 
Krieger, J. N. 271 
Kristallaggregate, von Salzen, Abb. 
32 b — in kolloidalen Lösungen 
262 — Polymorphie 123 
Kristalle, als Integration 62 — als 
Organismen 126 — als Singula 
47 — Anisotropie 132 — flüs- 
sige, als Temperaturwesen 130 — 
flüssige, fest und beweglich, 
Abb. 39 — flüssige, Molekular- 



anordnung 129 — Kristalle, flüs- 
sige, Molethynen in 118 — flus- 
sige, psychologische Gesetze der 
90°— flüssige, Zusammensetzung 
118 — Gesetz des Optimums 129 
— Innenbau 129 — in Meteori- 
ten 78, 257 — kolloidale, flüs- 
sige Kristalle als 134 — Raum- 
gittertheorie 63 — technische 
Zweckmäßigkeit 122 — Tod durch 
Temperaturveränderung 128 — 
Wachstum 124 — Zerstörung 129 
Kristallflaschen, molekulare Dich- 
tigkeit 129 
Kristallform, als Seinsforra 123 — 
der Erdenmasse 122 — und 
Moleküle 113 
Kristallformen, alsTemperaturwesen 
119 — Tabelle, Abb. 29, 119 
Kristallgestaltung, Beschränkung 

127 
Kristallmoleküle, Sichtbarmachung 

durch Röntgenstrahlen 129 
Kristallmolethynen, u. Radiolarien- 

skelette 123 
Kristalline Schiefer, Entstehung 192 
Kristallographie, u. objektive Phi- 
losophie 118 — Bedeutung 121 
Kristalloide, Einteilung 134 — und 

entsprechende Gele 136 
Kristallotik, objektive 123 — und 

Probiotik 63 
Kristallsammlung, Innsbruck 124 
Kristallseelen, Begriff 122 
KrisUllskelette, der Schneeflocken, 

Abb. 31 
Kristallstruktur, amorpher Pulver 

132 
Kristallsystem, hexagonales, Sym- 
metrieebenen 121 — monoklines 
Symmetrik 121 — quadratisches, 
Symmetrieebenen 121 — rhombi- 
sches, Symmetrieebenen 121 — 
triklines, Unsymmetrik 111 
Kristalltheorie, kinetische 127 
Kristallwasser, Bindung 150 — 

Entweichen 128 
Kristallwürmer, Bewegungen 130 
Kristallzustand, Kennzeichen 118 
Krümmel, O. 265 
Krypton, in der Atmosphäre 150 
Molekularbewegungen 156 — Ver- 
wandtschaft 14 
Kultur, der Schwermetalle 170 — 
Integrationsstufen 66 — u. Kohle 
199 — und Natur 45 
Kulturgeschichte, Anderungswellen 

95 
Kunstformen der Natur, aus Kie- 
selsäure 184 _ 
Künstliche Substanzen, Annähe- 
rungswerte 261 . ^ ^ ., 
Kunstseide, als kolloidale Technik 

136 
Kupfer, als Werkzeugmaterial 173 
—Bedeutung 173 — Farbe 159 
— in Bronze 170 
Kupfergel, in Aventuringlas, Abbil- 
dung 41 
KupfersuUat, Kristallzerfall 129 
Kupfervitriol, Kristallsystem 121_ 
Kupferzersetzung, durch Allotropie 



Lagunen, Bildung 213 

Lakkolith, Entstehung 195 

Lamarck 144 

Landro, Blick von 163 

Lapllli, Entstehung 191 

Laplace 6, 7, 9, 10, 11, 32, 38, 

39, 98, 270 
Laplace'sche Theorie, Methodik 7 
Latene, als Volleisenzeit 170 
Laterit, als Meeresablagerung 179 
—Tongehalt 162 — Verteilung 
189 
Laue, Max von 129, 131, 262 
Laurentiusschwarm, der Perseiden 

256 
Lava, Inhalt 188 — in San Seba- 
stiano, Abb. 66, 188 — Konsi- 
stenz 191 
Laven, als plutonische Gesteine 178 
Lavoisier 141 
Le Bei 138 
Leben, als Gesamtsystem des Seins 



137 

Labradorit, Kristallgröße 162 
Lagena, Formkonstanz 94 
Lag ränge 39 



Leben, als Urteilskraft 208 — als 

Kriterium 207 
Lebensdauer, der Elemente 142 — 

der Kristalle 128 
Lebensentwicklung, auf Gestirnen 78 
Lebenserscheinung, und Weltprozeß 

212 
Lebensgesetze, in Wissenschaften 37 
Lebensformen, ausgestorbene 208 
Lebenslehre, historisch begründete 

223 
Lebensraum, Welt als 31 
Lebewesen, als Integration 209 
Le Bon 211 

Lecithin, im Plasma 205 
Lecithine, als Myeline 131 
Lederverarbeitung, als kolloidale 

Technik 136 
Lehm, als Sediment 178 — als Ton 

161, 162 - Verteilung 189 
Lehmann, Otto 90, 118, 124, 130, 

131, 132, 137, 262 
Lehmböden, Fruchtbarkeit 161 
Leibniz 91, 218 

Leichtmetalle, Kreislauf der 169 
Leichtmetallsulfatc, in Seen 265 
Leier, als Ziel der Sonnenbahn 74 
Leim, als Kolloid 132 
Leithagcbirge, Alpen kalke 164 
Leoniden, Verringerung 256 
Leuchtbakterien, Oxydation 148 
Leuchtgasflamme, Entstehung 143 
Leuchtpilze, Oxydation 148 
Leuchttiere, Oxydation 148 
Leverrier 18, 254, 256 
Libvsche Wüste, Steinwüsten der 

Licht, als elektromagnetischer Vor- 
gang 231 — als psychologisches 
Problem 86 - als Weltäther- 
störung 49 - Gravitationswir- 
kung auf 23 - substanzielle 
Struktur 33 - zellige Struktur 53 
Lichtablenkung, durch Gravitation, 

Abb. 7, 27 
Lichtausbreitung, Berechnung 19 
Lichtbrechung durch Staub 155 
Lichtfortpflanzung, in Gravitations- 
feldern 27 
Lichtäther, und Relativität 53 
Lichtfortpflanzungsgeschwmdigkeit, 

Berechnung 19 
Lichtgeschwindigkeit, in stromen- 
den Flüssigkeiten 20 - und Erd- 



280 



drehung 20 — Berechnungsfor- 
mel 24 

Lichtjahr, Definition 74 

Lichtjahre, des Fixsternhimmels 85 

Lichtquanfen, Begriff 53 

Lichtspektrum, glühender Körper 
102 

Licmophora flabellata als „Kunst- 
form der Natur", Abb. 65 

Lidforss, B. 269 

Lindenzweig Quers..hnitt, Abb. 91 

Linin, im Plasma 205 

Lingula, als eine der ältesten Le- 
bensformen, Abb. 25 — Form- 
konstanz 94 

Linn6 144 

Lipoide, als Kolloide 136 

Lissabon, Erdbeben 232 

Lithium, spez. Gewicht 158 

Lithothamniumalgen, Kalk aus 164 

Littorale Ablagerungen, Umfang 265 

Lockyer 6 

LöB, als Ton 161 — Entstehung 
163 — Verteilung 189 

Lösungen, kolloidale, Wasser in 176 

Loewy, M. 271 

Logik, biologische 34 — und ob- 
jektive Philosophie 34 

Loke 16, 34, 38, 219 

London, Nebel 155 

Lorentz 14, 25, 27, 28, 29, 33. 40 
55, 58 

Lorentz-Transformation, Formel 40 
— Kraft, Masse und 28 — Wir- 
kung 25 

Lorinser, Fr. 39 

Loschmidt 116 

Loschmidt'sche Zahl für Oase 116 

Lolanomalien, in Erdtiefen 198 

Lotungen, Erfolge 182 

Lotze 91, 218 

Lowell 255 

Luft, als Oasgemenge 147 — Bau 
153 — Verflüssigung 156 

Lues, Quecksilberheilung 174 

Lichtbewegung, maximale Stärke 154 

Luftdruck, als Molekularbewegung 
115 — Oewicht 154 

Luftdruckschwankungen, und Erd- 
beben 235 

Luftgase, Molekularmechanik 156 

Luftplankton, Lebewelt des 154 

Luftsediment, Lö6 als 163 

Luftverschiebung, als Wetterände- 
rung 154 

Lützeler, L. 271 

Lycogala Epidendrum, Sporenbe- 
hälter, Abb. 92, 221 

Lyriden, Reichtum 256 



Mach, Ernst 17, 25, 34, 39 

Magelhaes 227 

Magelhaen'sche Wolke, Zusammen- 
setzung 78 

Magma, Entstehung 190 — Kri- 
stallisation 192 — Silikate im 
191 — Wirkung auf die Umwelt 
192 

Magmaherde, an der Erdoberfläche 
187 

Magnalium, als Aluminiumlegierung 
163 — Vorzüge 173 — Kreis- 
lauf des 163 

Magnesiumsulfat, im Meerwasser 179 

Magneteiseti, in der Erdrinde 190 
— im Eruptiveisen 191 

Magneteisenstein, in Oranit 172 



Magnesium, und Aluminium 163 — 
Verbreitung 169 

Magnetische Energie, der Erde 271 

Magnet! che Gewitter, Ursache 250 

Magnetnadel, Variationen der 250 

Magnolien, in Europa 214 

Maja, Bahn 74 — dunkler Stern 
bei 77 

Makrokosmos, objektive Bezugs- 
systeme 37 — und O. P. 37 

Malariacrreger, Bau 221 

Mammonismus, Folgen 160 

Mangan, Bau 159 

Manganknollei:, Ursprung 162 

Marco Polo 54 

Marc Serenitatis, Wolkenbildung 252 
252 

Maria, Ausdehnung 252 

Marianen, Meerestiefe bei den 183 

Mariotte 97 

Mariolte'sches Gesetz, Formel 97 

Marmor, Entstehung 192 

Mars, als Zukunft der Erde 78, 
253 — Abweichungen 18 — Atmo- 
sphäre 150, 151 - Dichte 228 

— Eigenschaften 255 — Land- 
schaft, Abb. 67 — Polkappe und 
Kanäle, Abb. 47 — Wüsten auf 
dem 187 

Marskanäle, Dimensionen 184 — 

Entdeckung 255 
Marx 220 
Maschinen, einseitige Lebensführung 

durch 171 
Masse, als Sinnesphänomen 24, 54 

— Aufhebung 25 — Scheinbar- 
keit 25 

Massen produkticnsmöglichkeit durch 
Eisen 173 

Materialismus, ethischer 39 — und 
Mammonismus 160 — Weltbe- 
griff 9 

Materie, als Aetherwirbel 49 — als 
Masse 34 — als psychologisches 
Problem 86 — amorphe, Mole- 
kulargesetz 117 — Erhaltung 79 

— erste Gestaltung 113 — feste 
115 — flüssige 115 — gasförmi- 
ger Zustand 114, 115 — Gesetz 
der 146 — körniger Bau 112 — 
kristallinische, Molekulargesetz 
117 — kristallinischer Zustand 
134 — unbelebte, Lebenserschei- 
nungen 126 — Wahlmöglichkei- 
ten 33 

Mathematik, biologische 34 — der 
Extrazocsis 22 — der Zocsis 22 

— Relativität 90 — Rolle der 
30 — Selbstaufhcbung 14 — 
Transformation durch 15 — pahre 
Aufgabe 15 — Definition 15 

Mato grosso, Sandwüsten 187 

Matriarchat, Zellenstaaien als 224 

Malterhorn, Glimmerschiefer vom 
162, 191, 195 

Mauna, Loa, Lavafontänen 233 

Maury 270 

Maxwell 114 

Mechanik, als technische Denk- 
form 35 — astronomische 30 — 
Begründung 16 — neue 17, 27 

— und Extrazofsis 17 — zocti- 
sche 30 

Mechanismus, des Denkens 39 — 
der Vorstellungen 46 — der 
Welt 8 

Meere, Ablagerungen 179 — Aus- 
dehnung 181 — Flächen- und 



[ Tiifenvcrhältnii (Tabelle) 2W 
Tiefenlemperaiuren 181 — Ver- 
breitung, Abb 64 
Mcetevt>fcken, Uraprung 183 
Mcere'ho<ltn, abvHiube Ablage- 
ru gen 205 - Relief 183 — Tone 
de« 161 
Mee'esanf*, Foraminitefen im, Ab- 
bildung 58 
Meeresströmungen, und Erdachten- 

neißung 241 
Mrere^tangf, Kalklager durch IM 
Meertiere, leuchtende, Abb 46 
Meerwas»er,rhrmi*(hf NiedcrMrhUgc 
179 - Gefrierpunkt 181 - Kali- 
salze Im I6S - Korhtalzgehalt 
157 _ Salzgehalt 153 
Mcerwassertarbe, und Lebenireich- 

tum 181 
Meliphyr, als piulonUches Gestein 
178 — Entstehung 266 — Oe- 
steinsbau 185 
Mell«;sus 37 

Melvillebai, Meteoriten, in der 256 
Mendrlejeff, D 105, 143. 146, 263 
Mensch, kolloila'er Zuitand 133 
Menschheit, als Kohirnsloffrage 201 

— und objektive Philosophie 202 

— und Plinelenivstcm 253 — 
und Weltganzes 203 

Mergel, als Sediment 178 — alt 
Ton 161 

Mergelproduktion, im Sfißwauer 
162 

Merkur, Abweichungen 18 — aU 
Spätzustand der Erde 253 — 
Atmosphäre 76 — Dichte 728 — 
Eigenschaften 255 — Exiitenz- 
stadium 78 — neue Stönings- 
berechnung 23 

Me-onnamien, Ursache der Fnicht- 
l-arkeit 179 

Mesothorium, Halbwertazeit 143 

Mcsozocn, Zellcngcmeinschaft der 
269 

Mesozoikum, Änderungen im 95 

Messina, Erdheben 232 

Messing, Erfindung 174 — Werl 
159 

Metalle, architektonische Verwen- 
dung 173 — dl<iper»e Phase 133 

— elia'omige Moleküle der 137 

— im Wellenbau 153 - Lebens- 
fcindlichkeit 174 — wichtigste 
160 

Mctallglanz, als QrMmteigenschaft 

159 
Mctallkrankhciten, durch Allotro- 

pie 137 
Metaphysik, 33 — Denkschema 33 

— Relativität und 41 — und 
objektive Philosophie 35 

Metcorcisen, im Tiefseeton 161 
Meteorit, eisenier, Abb 22 
Meteoriten, auf der Erde 78 — 
im Sonnensystem 238 — kri- 
stallinisches Gefüge 122 — Maxi- 
malgröße 256 — Zusammetitet- 
zung 256 
Melrorllenkchle, Ursprung 257 
MeleorolORie, Allgemembegrlff 156 

— Umwandlung 151 — und ol>- 
jekllve Philosophie 33 

Mcleorslaiib, im Straßenttauh 154 
Mctcorstetnr, aus Kometen 257 
Mrthncr 260 
Meyer, Lothar 105, 144 
Michelangelo 101 



281 



Michel-Levy 191 

Michelson 20, 25 

Micronucleus, beim Fortpflanzungs- 
vorgang 210 

Mie, O. 97 

Mikrokosmos, objektive Bezugs- 
systeme 37 — und Objekt. Philo- 
sophie 37 

Mikrolithe, In Feldspaten 162 

Mikrolithen, in Salmiakkristallen, 
Abb. 34 

Milchstraße, als Integrationsstufe 
71 — Sterngrößen 84 

Mimikry, Obereinstimmung durch 
146 

Mineralien, als Oele 134 — als 
Integrationsstufe 190 — gegen 
Kristalle 147 — Kristallformen 
der, Abb. 59, 169 

Mineralienarten, Tabelle 266 

Minette, Verbreitung 172 

Minkowski 14, 26, 33 

Minima, Begriff 154 

Mississipi, Ablagerungen im Delta, 
des 179 

Mitochondrien, im Plasma 210 

Mittelländisches Meer, Salzgehalt 
180 — Tiefentemperaturen 181 

— Bedeutung 182 
Mittelmeerbecken, als Besiedelungs- 

zentrum 182 
Mörtel, Herstellung 185 
Moffetten, Kohlensäureproduktion 

151, 200 
Moissan 199 
Moleküle, Abstand in Gasen 116 — 

als Integrationsstufe 62 — als 

Realitäten 112 — Anisotropie 131 

— Atomzahlen 63 — chemische 
Affinität 63 — Größe 113 — he- 
terozyklische 139 — innere Kon- 
stitution 137 — körniger Bau 
112 — Radius 115 — Struktur 
109 — verschiedene Struktur 113 

Molekülkonstitution, Eigenschaften 
138 

Molekularanordnung 122 

Molekularbegriff, und O. P. 109 

Molekularbewegung, von festen 
Körpern 115 

Molekularbeweglichkeit, in Lö- 
sungen 178 

Molekularbewegung, Sichtbarmach- 
ung 116 — und Temperatur- 
schwankung 114 

Molekulareigenschaften, und 
Zoesis 112 

Molekulargewicht, Feststellung 112 

Mo'eku'armenge, gasförmige Ma- 
terie als 114 

Molekulartheorie, bei Temperatur- 
steigerungen 114 

Molekularunterschiede, durch 
Atomvereinigung 113 

Molekularwelt, Realität der 262 

Molethynen, in Kristallen 118 — 
und Molekularbewegung 120 

Mond, als Erdergänzung 251 — 
als Kristallform 122 — als Zu- 
kunft der Erde 78 — atmo- 
sphärische Beschaffenheit, 150, 
151 — Erdeinflüsse 244 — mut- 
maßlicher Ursprung 246 — Um- 
laufszeit 252 — vulkanische Er- 
scheinungen 230 

Mondanziehung, Erdbahnstörung 
durch 239 

Mondbahn, Unregelmäßigkeiten 18 



Mondberge, Höhe 252 

Monde, des Planetensystems 271 

— Oleichartigkeit 253 
Mondentfernung, von der Erde 512 
Mondfinsternis, durch Erdschatten 

227 

Mondkarte, des Vollmondes, Abb. 
107, 252 

Mondlandschaft, mit Spalten und 
Ringbergen, Abb. 108 — vul- 
kanische 252 

Mondnacht, Länge 252 

Monismus, als Denkmethode 90 

— als Lebensmethode 35 — Be- 
griffsübernahmen 11 — Denk- 
methode des 11 — der Eleaten 
35 — und Energetik 12 — und 
objektive Philosophie 10, 12 

— Vorstellungsreihen 10 — 
Widersprüche im 10 — Wir- 
kung 10 

Monobromnaphtalin, als Lösungs- 
mittel 130 
Monotheismus, der Eleaten 38 
Montesquieu 219 
Montblanc, Urgesteinformen 197 
Monte Cristallo, Formeigenart 163 
Moose, als Seinsstufe 212 — 
Existenzbedingung 213 — im 
Wald 214 
Moostierchen, Staatenbildung 225 
Moränen, Oeröllzerstreuung 189 

— Vertragung durch Schmelz- 
wasser 178 

Morley 20, 261 

Moseley 105, 129, 262, 263 

Muschelkalk, geologische Bedeu- 
tung 167 

Müller, Fritz 91 

Münchener Isartal, Nagelfluhwände 
189 

Mündungsdeltas, als Kulturboden 
178 

Münzensteine, Fundorte 215 

Musculus deltoideus, als orga- 
nische Einheit 64 

Musculus pterygoideus extemus, 
als organische Einheit 64 

Musculus stemocleidomastoideus, 
als organische Einheit 64 

Muskelbau, als In'egrationsbeispiel, 
Abb. 12, 64 

Muskelkraft, moleku;are Richtkraft 
als 130 

Muskovit, als Erdbestandteil 162 

Mutualismus, als Staatsform 221 

Myeline, Lebenserscheinungen 131 

Mykorrhiza, Stickstoffassimilation 
264 

Myxobakterien, Bau 221 

Myxomyceten, Bau, Abb. 92, 221 



Nannoplankton, Kalkbildner im 265 

Nadelbäume, in Europa 214 

Nägel i 269 

Nagelfluh, Bildung 189 

Nasmyt 271 

Natur, als Organismus 36 — Aus- 
nützung der 171 

Natrium, Bau 159 — im Welten- 
bau 158 — Vorkommen 157 

Natur und Kultur 45 

Naturformen, durch kleinstes Kraft- 
maß 88 

Naturforschung, reale 9 

Naturgesetze, Teleogie 90 

Naturhypothese, kirchliche 39 



Naturwissenschaft, Umwandlung in 

Naturphilosophie 9 
Naturwissenschaften, Einordnung 44 
Neapel, phlegräische Felder bei 252 

— Vesuvausbruch 162 

Nebel, Staub als Ursache 155 — 
kosmische, Bewegung 76 

Nebelbildung, in Großstädten 155 

Nebelflecke, als Singula 47 — glü- 
hende, leuchtende 74 — kalte, 
dimkle 74 — und Fixsternsystem 
85 — Reichtum 74 

Nebulium, als erdfremdes Gas 188 

— in Nebelflecken 74 
Neokritizismus, französischer 96 
Neolithikerzeichnungen, u. Kinder- 
zeichnungen 92 

Neon, in der Atmosphäre 150 — 
Molekularbewegungen 156 — Ver- 
wandtschaft 144 
Nephelin, in Eruptivgestein 191 
Nephrit, als Werkzeugmaterial 173 
Neptun, Abweichung von der Titius- 
Regel 256 — als Sonnengrenze 
247 — Dichte 228 — Eigenlicht 
253 — Eigenschaften 254 — Ent- 
deckung 18 — Existenzstadium 
78 — Sonnenlichtstärke auf 250 
Nervenenergie, Transformation der 

13 
Nervenzellen, Urteilsfähigkeit 208 
Nervus musculocutaneus, integrale 

Eigenschaft 63 
Nestgeruch, der Ameisen 225 
Neufundlandküste, Salzgehalt 180 
Neuidealismus, kosmischer Begriff 

203 
Neumond, Ursache 231 
Newcomb 84 

Newton, Isaac 6, 16, 17, 18, 2? 
28, 30, 31, 35, 39, 86, 87, 2SI, 
237, 238, 270 
Newton'sche Mechanik, als Grund- 
lage der gleichmäßigen Energie- 
verteilung 22 — Anwendung 26 
Nickelgegenstände, Rosten der 160 
Niere, Schnitt durch, Abb. 90 
Nil, Ablagerungen im Delta des 

179 
Nilson 263 

Nippflut, Ursache 245 
Niton, Helium aus 142 
Nitrate, als Pflanzennahrung 150 

— im Boden 150 
Nitrifikation, durch Kleinpflanzen 

150 

Nitrogen, Eigenschaften 149 

Nietzsche, F. 34, 90 

Nodosaria, Formkonstanz 94 

Nordamerika, Sandwüsten in 187 

Nordpol, Entdeckung 181 

Nordsee als altes Land 183 — Be- 
deutung 182 — Salzgehalt (Ta- 
belle; 265 

Nördliches Eismeer, als Weltraeer- 
bucht 182 

Nuclein, im Plasma 205 

Nürnberg, Messingerfindung in 173 

Nullpunkt, absoluter 114 

Nummuliten, Blütezeit 215 

Nutationen, der Erdachse 236 



Objekt, Abscheidung 43 
Objekte, Beziehungsverkettungen 37 
Objektive Philosophie, als biologi- 
sche Philosophie 34 — als Lebens- 
lehre 20S, 251 — Ausgangspunkt 



282 



^ — Endziel 37 — erschienene 
Werke 29 — Fizeau'scher Ver- 
such als Beweis 20 — Qesetz- 
mäßiffkelt 34 — griechische Phi- 
losophen als Vorläufer der 4 — 
Orundhieroplvphc 34 _ Lebens- 
lehre der 223 — Quantenhvpo- 
these als Beweis 22 — Umlaufs- 
storungen als Beweise 18 — und 
Altruismus 203 — und Egoismus 
203 — und Erdentwicklung 194 

— und Kolloidwissenschaft 133 

— und Lebensvorgang 208 — 
und Mammonismus 160 — und 
Meteoroloige 151 — und Radio- 
aktivität 106 — und Relativität 
29 — und relative Wahrheit 37 
und Schwermetalle 171 — und 
Seinsbegriff 46 _ und verglei- 
chende Biologie 204 — u Welt- 
gesetzlichkeit 37 - Vorbcdingun- 
gungen 15 - Zeitalter der 14 

Obsidian, aus Magma 192 — mole- 
kularer Bau 117 - Struktur 191 

Olhautc, Versuche 111 

Osterreich, T. K. 267 

Olivin, im Straßenstaub 154 

Ontogenic, als abgekürzte Phvlo- 
genie 91 — und objektive Phi- 
losophie 76 

Onyx, als Quarzverbindung 185 

Opal, molekularer Bau 117 — als 
kolloidales Silicium 166, 185 

Oppolzer, St. v. 272 

Optik, neue Begriffe 20 

Optimum, Gesetz des an Kristallen 

Ordnungen, Begriff 204 
Ordnungszahlen, der Atome 105 
Organ, als Integrationsstufe 63 — 

und Organismus 65 
Organe, Elenientzusammensetzunff 

(Tabelle; 269 
Organische Chemie, und objektive 

Philosophie 200 
Organismen, allgemeine Staaten- 
bildung 222 — Intcgrationsgesetz 
217 - Kristalle als 126 
Organismenverbände, als höhere 

Integrationsstufe 219 
Organismus, als Integrationsstufe 
63 - die Welt als 8 - kolloi- 
dale Struktur 135 — parasitäre 
Ernährung 216 — Umweltsorien- 
tierung 208 
Organula, Bau 210 
Orinoko, Ablagerungen im Delta 

des 179 
Orion, Beteigeuze im 77 — Tem- 
peratur 77 
Orionnebel, im Weltsystem 74 
Orotava, Drachenbaum 215 
Orthoklas, Wichtigkeit 162 
Orthoklasformen, der Kalifeldspate 

162 
Oscillatorien, Stickstoffassimilation 

264 
Osmium, spez. Gewicht 158 
Osmotischer Druck, in Lösungen 

177 
Ostasien, größte Meerestiefe 183 
Ostsee, als altes Land 183 — Be- 
deutung 182 — Salzgehalt 180 
Ostwald, Wilhelm 12, 32. 118 
Oxydation, Definition 148 — Feuer 
als 143 — mit biologischen 
Leuchterscheinungen 148 
Oxyde, Sauerstoff in 149 



I Oxygen, Atorowertigkeif 108 - 
I Eigenschaften 147 - Menge 117 
I Ozean, Gesleinsdichtigkcit 198 
Ozeane, Unterscheidung 266 



Pacific, Siliciumscdimentc 166 
Pacific-Bcckcn, Gräben am 267 
Pacificinseln, als Berggipfel 183 
Pahdc, A. 180, 270 
Palacozoikum, Änderungen im 95 
Panzerfisch, Rekonstruktion, Abbil- 
dung 86, 215 
Papierindustrie, als kolloidale Tech- 
nik 136 
Paraazooxyanisol, Selbstreinigung 

Paraazooxyzimtsäiire-Athylester, be- 
wegliche Krislalle von 130 

Paraffin reihe, Erzeugnisse 184 

Parallclismus, psycho-phvsischer 80 

Parasiten, als Änpassungsrichtung 
216 — u. Objekt. Philosophie 216 

Paris, Nebel 155 

Parmenidcs 37 — als Vorläufer 
der objektiven Philosophie 4 — 
Seinsbegriff von 5 

Pauly, A. 267 

Peary 181 

Pechblende, Radiumgchalt 142 — 
Strahlung 106 

Pediastrum, Coenobiumbildung 263 

Pektisation, Vorgang 133 

Pelagische Ablagerungen, Tabelle 

Pendulation, als Integrafionseigen- 
schaft 69, 228, 236 — als Stö- 
rung 239 — Begriff 69 
Pcndulationstheorie, moderne 69 
Peptone, im Plasma 205 
Perihel, Entfernung im 246 
Perm, Eiszeiten im 2J0 — Sand- 
steine 185 
Perrin, J. 116 
Persien, Sandwüsten 1S7 
Persischer Meerbusen, Wärmeextrem 

181 
Persönlichkeit, Hierarchie 218 
Petrogenesis, Versuche 192 
I^etrographie, Bedeutung 192 — 
Erklärung 33 — und objektive 
Philosophie 33, 101, 154, 190 
Petroleum, Zusammensetzung 184 
Petrologie, Ausbau 192 
Petzold, J. 40, 96 
Pflanzen, als Eiweißindividuationen 

204 — Kali in 163 
Pflanzenarten, vorhandene 204 
Pflanzenformen, lebende und fos- 
sile (Tabelle; 268 
Pflanzengcographie, Begriff 214 
Pflanzen, Magnesium in 169 
Pflanzenoekologie u. objektive Phi- 
losophie 210 
Pflanzenreich, Haupttypen 123 
Pflanzensystematik und objektive 

Philosophie 216 
Pflanzenteile, dement. Zusammen- 
setzung (Tabelle) 269 
Pflanzenvcreinc, Wanderung 213 
Phaenomena, Definition 16 
Phänomenologie okkulte, und ob- 
jektive Philosophie 213 
Phase disperse, bei Kolloiden 133 
Philippinen, größte Meerestiefe 133 
Philosophie, biologische 34 
Pbl(grä.«:he I eider, als Mondland- 
schaft 252 



Phonoliih, Cnlstchung 265 

Phosphate, alt Kalziumverblndun- 
gen 163 

Pho>phor, all Katziumverbinduni: 
163 

PhosphorJure, und Kalk 167 

Photographie, aU kolloidale Tech- 
nik 136 

Phoio-phirc, der Prot ul>e ranzen 248 

Phyllii, Entstehung 192 — Zu»am- 
mcnsetzuiig 191 

Phvlo;'enir und objektive Phllo- 
■iophie 76 

Phylum, Begriff 204 

Physik, biologische 34 — der Atmo- 
sphäre 151 — neuer Hrkennt- 
nisbcgrift 22, 25 - RrlatlviUt 
90 — Selbstaufhrbung 14 — und 
objektive Philosophie 21 

Phvsikotheologir, Auffrischung 39 

Physioloijir, der Stnnetwahrneh- 
mungcn 47 — und Objekt. Philo- 
sophie 33, 47 

Pickering, W. 246 

Pilze, als Parasiten 216 — im 
Wald 214 

Planck, Max 13, 14. 22, 34, 39. 
52, 54, 55. 97. 110 

Planckismus, Berechtigung 25 

Plagioklase, in Feldsfaten 162 

Plankton. und Mcerwisserdurch- 
lüftung ISO 

Planet, mit dreifacher Sonne, Ab- 
bildung 105. 248 

Planeten, als Kristallformen 122 — 
als Sonnenahkömmlinge 228 — 
bahn 238 - Dchtc 253 - Oleich- 
artigkeit 25 J — mondartige 253 

— Phvsik 73 — wärmere all die 
Erde 253 - Wasser auf IM — 
Wasserdampfalmosphäre 76 

Planetenbahnen, Harmonie (Ta- 
belle» 241 
PlaneeibcweeunRen, Relit villt 17 
Planetenbewohner, Mö.'rluhk. it 251 
Planetenenlfernungen. Harmonie 244 
Planetenmonde, Bahn 238 
Planeienph^sjk, Beonderhei'en 2\3 
Planetcnstorunpen, bei Kometen 271 
Planetensystem, Störungen 17 
Planetoiden, als Planetentrümmer 
255 — Bahn 233 — Größe und 
Bahnen 256 
Plasma, als Gel 205 — als Kohlen- 
Stoffverbindung 233 — Bau *» 

— Iniegrationsslufen 216 
Plasmaqualilät, Entfaltung 93 
Plasmaspczifilät, bei Vergiftungen 

174 

Plasmastruktur, Erkllrung 267 

Plasmawcsen. als Tcmperaturfonnen 
120 

Plasmodienbildung. alt Organi- 
sationssystem 220 

Plasmodiophora Brassicae, an Rü- 
ben, Abb. 92, 221 

Plastioen, Bau, 2T9 — Einordnung 
201 — pflanzliche Definition 2)4 

Plastin, im Plasma 2i5 

Platin, Dauerhaftigkeit 160 — Im 
Erdkern 63 — Kriiiallform 110 

— künstliche Herstellung 147 
Plalinmclall, schwerste» IM 
Plato 33 

Platonifches Jahr, Nutation 238 
Plcjadc, de» Blei» 10« 
Pleiaden. als Sternhaufen 74 — 
Ncbclmeer 153 — NebeUlreifen, 



283 



Abbildg. 19 — Nebelzone 76 — 
.Sonnensystem der 82 

Plinius 8, 38 

Poincar^, H. 18, 31, 40, 219 

Polarität, der Plasmawesen 123 

Polarlicht und Nordlichtbogen, Ab- 
bildunfr 106, 251 

Polarlichter, Entstehung 248 — 
Spektrum 153 

Polarmeere, tiefste Wassertempera- 
tur 181 

Polarstem, und Nordpol 238 

Polbahn, nach der Pendulations- 
theorie, Abb. 16, 70 

Polverlagerungen, Beobachtungen 70 

Polwanderungen, Folgen 70 

Pollux, als Metallsonne 258 

Porphyr, als plutonisches Gestein 
178 — aus Magma 191 — künst- 
liche Herstellung 191 — Struk- 
tur, Abb. 61 

Porphyrit, Zusammensetzung 267 

Portorico, größte Meerestiefe 183 

Positivismus, Erkenntnisse 224 — 
relativistischer u. Objekt. Philo- 
sophie 96 — V/idersprüche 39, 
40 

Präzession, der Erdachse 238 

Prinzip, Definition 4 

Prinzipien, der objektiven Philo- 
sophie 36 

Principium individuationis, Problem 
43 

Pringsheim, E. 271 

Probiose, der Kristalle 121, 131, 
208 — und kolloidale Zustände 
134 

Probiotik und Kristallotik 63 

Prokyon, unsichtbare Begleiter 18 

Proportionen, Gesetz der konstan- 
ten und multiplen 109 

Protactinium, Halbwertszeit 143 

Protagoras 34 

Protein, im Plasma 205 

Protisten, als Eiweißindividuationen 
204 

Protoplasma, Myeüne 131 — Stoffe 
im 205 — Struktur, Abb. 80 — 
und Kohlenstoff 201 — Waben- 
struktur 133 

Protoplasten kette, und Menschheit 
212 

Protuberanzen, Höhe 248 — Me- 
talldämpfe in den 248 

Prout, W. 146 

Prozess, als Singulationsmerkmal 
48 — Kreislauf als 168 — Zweck 
48 

Psychoanalyse, u. objektive Philo- 
sophie 217 

Psychobiologie, Begründung 267 

Psychologie, und Luftdruck 154 — 
und objektive Philosophie 217 

Psychophysik, und Mechanik 32 — 
und objektive Philosophie 32 

Pterichtys, Rekonstruktion, Abbil- 
dung 86, 215 

Puiseaux, P. 271 

Pustertal, Straße nach Ampezzo 163 

Pyrenin, im Plasma 205 

Pythagoras 4, 14, 32, 244 — als 
Vorläufer der Objekt. Philos. 4 



Qualitätsatom, Aufstellung 141 
Qual i tätsvo rstel lun gen, Eigenschaf ts- 
grenze 140 



Quantelung, aller Abläufe 54 — 
als Weltgesetz 53 — der Elek- 
tronenbahnen 108 — des Gei- 
stigen 54 — der Geschichte 53 

— der Meereswellen 54 
Quanten, Energien der mechani- 
schen 55 — Größe 53 — Mor- 
phologie 101 — Welt als Summe 
von 22 - der Welt 101 

Quantengesetz, Atomhypothese als 
HO 

Quantenhypothese, als Beweis der 
objektiven Philosophie 22 — In- 
halt 52 — und Elektronen 108 

Quantenlehre, Erklärung 50 — und 
objektive Philosophie 50 

Quantentheorie, Begriff 13 — Ener- 
gieindividuation durch 33 — 
Erfolge 97 — Umsturz durch 14 

— und Biozentrik 31 — und ob- 
jektive Philosophie 25 — und 
Relativität 

Qantenwelt, und Okkultismus 55 

Quantitätsvorstellungen, untere 

Grenze 140 

Quantum, als Anschauungselement 
50 

Quarz, als Siliciumoxyd 185 — in 
Eruptivgesteinen 191 — und Ver- 
witterung 194 — Verteilung in 
der Erdrinde 190 — in Löß 163 

Quarzit, Bildung 190 — Oebirgs- 
massive aus 185 

Quarzforphyr, Qesteinsbau 185 — 
in Südtirol 266 — Orthoklas in 
162 

Quarzsandsteine, gelbe, Gesteins- 
bau 185 

Quarzverbindungen, Halbedelsteine 
als 185 

Quecksilber, Bau 159 — Verwend- 
barkeit 174 

Quinke 133 



Radioaktive Stoffe, als Bleizerfalls- 
produkt 174 

Radioaktivität als atomare Eigen- 
schaft 63, 103 — Erklärung 106 

— Umsturz durch 13 
Radio'ar, Schwebcapparat, Abb. 37 
Radioliarien, Kieselsäureabschei- 

dung 184 
Radiolarien, und Kristalle 122 
Radiolarienschlamm, Siliciura im 

166 
Radiologie, Begründung 106 — und 

Atomforschung 107 
Radiotik, und Elementarumwand- 
lung 142 — und objektive Philo- 
sophie 142 
Radiothorium, Halbwertszeit 143 
Radium, als Bleizerfallsprodukt 174 

— A, B, C, C-, Halbwertszeit 
143 — Atomgewicht 142 — Atom- 
zersprengung 14ö — Bau 159 — 
Entdeckung 106 — Verwandlun- 
gen 17 

Radiumemanation, Entstehung 142 

Rädertier, Zellenbau 210 

Rafflesia, Amoldii, Blütenbildung, 
Abb. 88 

Ramsay 17, 142 

Rasseneinheit, im Ameisennest 225 

Rassengesetze, u. objektive Philo- 
sophie 226 

Rassenhygiene, sozialer lasekten 225 



Rassenpolitik, Notwendigkeit 226 

Ratzenhofer. G. 269 

Raum, als Elementargebiet 33 — 
als Hilfsbegriff 43 — als Neben- 
einander des Denkens 35 — als 
Weltbild 23 — dreidimensiona- 
ler Begriff 14 — Existenzfrage 
24 — geometrische Eigenschaften 
14 — und Materie 13 — neuer 
Begrift 14 — vierdimensionaler, 
Begriff 14 

Raumgittermöglichkeiten, Zahl 129 

Raumgitter, und flüssige Kristalle 
129 

Raumgittertheorie, Anordnung nach 
127 — der Kristalle 63 

Realismus, absoluter 39 — als 
Weltanschauung 44 — und ob- 
jektive Philosophie 43 — der 
Relationen 35 

Reduktion, Vorgang 148 

Regen, Bildung 150 — Ursache 154 

— Kohlensäure in 164 
Regeneration, der Kristalle 126 — 

der Organismen 93 

Regenbogen, als Spektralanalyse 102 

Reibisch, P. 69 

Reiche, biologische 204 

Reinke 267 

Reinrassigkeit, als Staatsgrundlage 
225 

Regression, Vorgang der 68 

Reizbarkeit, als Lebensbeweis 207 

Relationen, Realität der 35 — Kon- 
stanz der 33 — der Mathematik 
15 

Relativismus, als Biozentrik 31 — 
allgemeine Anwendung 26 — der 
Wahrheit 34 — unbedingter 43 

— und Biozentrik 28 — und 
Gravitation 28 — und Zoesis 29 

Relativitätbhypothese, Notwendig- 
keit 29 

Relativitätstheorie, Beweise 28 — 
Definition 23 — Umsturz durch 
13 — und Weltäther 49 — und 
objektive Philosophie 25 — und 
Weltbegrenztheit 85 

Rembrandt 101 

Renouvier, Ch. 96 

Rheinland, Tonschiefer im 161 

Rheintiefe, beim Loreleyfelsen 183 

Rheinwasser, kohlensaurer Kalk im 
164 

Rheintal, Entstehung 183 

Rhodium, Unzerstörbarkeit 160 

Rhomboeder, Entstehung 121 

Richtkräfte, molekulare 120 

Richtungskräfte, der Weltstruktur 
124 

Richtungssinn, in der Physik 262 

Riemann 15, 26, 90 

Ringgebirge, des Mondes 252 

Ritter 194 

Rodewald 267 

Römer, Olaf 19 

Röntgen, 113, 115 

Röntgenspektra, und Elemente 26 

Röntgenspektrum, und Quanten- 
theorie 23 

Röntgenstrahlen, Kristallunter- 

suchungen 129 

Roß, W. 143 

Rost, Formel HO 

Rosten, als Oxydation 148 

Rousseau 219, 220 

Rotation, als Sonnensystemsphäno- 
men 71 — als Integrationseigen- 



284 



Schaft 236 — der Erde 227 — 
der Winde und Strömungen 242 

Rotationsbewegungen, in Nebel- 
flecken 74 

Roter Fleck, des Jupiter 254 

Rotes Meer, Farbe 181 — Maxi- 
maltemperatur 181 — Salzgehalt 
180 

Rothenburg o. T., kupfernes Rat- 
hausdach 137 

Rowland 247 

Rubingläser, als kolloidale Tech- 
nik 136 

Rußland, asiatische Zugehörigkeit 
197 — Steppen 187 

Rutherford, E. 14, 25, 60, 97, 103, 
108, 142, 146 

Rydberg 108 



Saccopharj'nx pelecanoides 23 
Sacculina, pflanzenhafte Gestalt 216 
Sahara, als Sandwüste 186 
Salmiakkristalle, Skelette von, Ab- 

bildg. 34 
Salomon 165, 265 
Salpetersäure, goldlösendc Wirkung 

Salz, als Urbestandteil des Meer- 
wassers 180 
Salze, Chlor in 157 — mikrokri- 
stallinische Formen, Abb. 32 — 
Verhalten in Wasser 176 
Salzgehalt, und Gefrierpunkt 177 
Salzsäure, goldlösende Wirkung 160 
Salzwüsten, Vorkommen 187 
Sand, als Sediment 178 — als 
Siliciumoxyd 185 — Menge 161 

— Unterschied zu Sandstein 190 

— Verteilung 189 
Sandbänke, Ablagerung 178 
Sandstein, als Sediment 178 — Bil- 
dung 190 — Oebirgsmassive aus 
185 — Oxygen im 147 

Sandsfeine, als Peripheriegesteine 

187 — rote, Gesteinsbau 185 
Sandsteingebirge, Sonderform 195 
Sandwüste, Entstehung 186 
Sandwüsten, Ausdehnung 186 
San Francisco, Erdbeben 232 — 

Sydney, Fahrzeit 180 
Saturn, Abweichungen 18 — Dichte 
228 — Existenzstadium 78 — 
Ring, Abb. 47 — Verhältnis zur 
Erde 244 
Satumringe, Erklärung 7 — Zu- 
sammensetzung 254 
Sauerstoff, als Erdbaumeister 161 

— Kreislauf 149 — in der Atmo- 
sphäre 150 — in Wasser 176 

— Menge 193 — und Oesteins- 
formen 194 — Verbreitung 147 

— Verbrauch und Reduktion 150 
Säugetiere, Blütezeit 215 — Lauf- 
anpassungen 123 

Säureamide, im Plasma 205 
Säuren, als Zerstörer von Nickel 
160 — Hydrogen in 156 — Ver- 
halten im Wasser 176 
Scandium, Entdeckung 144, 263 
Scenedesmus, Coenobiumbildung 

268 
Schachtelhalme, Kicselsäureabschei- 

dung durch 184 
Schäfchenwolken, Aufbau 152 
Schalt el Arab, Salzwüsten bei 187 
Schaxel, J. 93 
Schelf, Tiefe 183 



Schelling 9 

Schiaparelli 78, 255, 257 
Schichtung, der Sedimente 189 
Schiefer, kristallinische, Alter 123 
Schieferton, Bildung 265 
Schilfmeer, in der Bucht von Suis 

186 
Schlamm, als Sediment 178 
Schlauchalgen. Zellvereinigung der, 

Abb. 87, 220 K K . 

Schleimpilze, Lebensgeschichte, Ab- 

bildg. 92, 221 
Schlick, Bedeckung durch 265 — 

Massen 161 
Schmelzpunkt des Wassers 176 
Schmiedeeisen, Herstellung 172 
Schmierseife, flüssige Kritialle von 

Schnee, Bildung 150 
Schneeflächen auf dem Mars 184 
Schneeflocken, als Wasserkristall 

175 — Symmetrieachsen 118 
Schneekoppe, Urgesteinformen 197 
Schneekristall, Biotechnik 119 
Schneezone ewige, Begriff 175 
Schollenbewegung, als Integrations- 
eigenschaft 228 — Definition 68 

— Gebirgsbildung durch 195 
Scholleneinbrüche, wirkliche Bedeu- 
tung 182 

Schollcnhebung, als integrale Eigen- 
schaft 67 
Schollensenkung, Beispiel, Abb. 15 
Schopenhauer 9, 24, 34, 58 
Schorre, Entstehung 179 
Schultz, E. 93 
Schuppe, W. 39 
Schwaben, Versteinerungen 167 
Schwarzes Meer, Farbe 181 
Schwarzwald, als Qebirgsrest 183 
Schwefel, als Kalziumverbindung 
163 — kristallinischer, Verwand- 
lungen 117 
Schwefelsäure, und Kalk 167 
Schweregesetz, im Erdmittelpunkt 

28 
Schwerewirkung, Erklärung 23 
Schwerkraft, Widerspruch 231 
Schwermetalle, Kreislauf der 170 

— una Kulturharmonie 171 
Seeber 127 

Secchi 254 

Schlauchalgen, Zellvereinigung der, 
178 — Salzgehalt 153 — Schich- 
tenwechsel 189 

Sedimentgebirge, Kreislauf 179 

Seeliger 18, 84, 86 

Seelilien, in Schwaben 167 

Seen, Süßwasserzone 162 

Seestern, Gestalt 123 

Seesturm, von A. Achenbach, Ab- 
bildg. 50 

Seidenindustrie, als kolloidale Tech- 
nik 136 

Seitenschaumlamellen, Durchmesser 
112 

„Sein", Definition 36 

Sein, Möglichkeit 200 

Seinsbegriff, des Monismus 12 — 
Ursprung des 5 

Seinsbeschaffenheil, Selektion durch 
89 

Seinsformen, Stufenbau 260 

Seinsstufen , Parallelen 82 

Seismograph, und Gebirgsbildung 
235 

Seismologie ,und objektive Philo- 
sophie 235 



Selbslreinii;ung bei riOttlgen Kri- 
ttallen 131 
Selektion, im Wellpro/eB 81 
Selenoklasen, Verwerfungen 271 
Selen.iurc, golillö'.cnde Wirkiug 

160 
Semikonvergenle Reihen, Vorilel- 

lungen ah 219 
Sensualiimuj, Entdeckung 16 — 

und objektive Philosophie 44 
Serologie, Bedeutung 206 
Serpentin, lU MagnesJumtIlikat IM 
Serum, spezifischer Bau 205 
Serumalbumm, Formel 269 
Sicbcrg, A. lg3, 267 
Siedepunkt dei Wissen 176 
Siderischer Monit, Linge 252 

238 

Siderische Umlaufs/elt, der Erde 

Silber, Bau IV> — KrUtallform 119 

Siliclum, als Erdbaumeister 161 — 

als Werkzcugmateriil 173 — 

Bedeutung 166 — Hvdrogel »on 

136 — Kreislauf 166, 184 — 

Lösungen von liM — Menge 193 

— und Formenhildung 1Q4 — 
Verwandlsthift 199 — Wichtig- 
keit für die anorganische Welt 
185 

Siliciumkreisliiif, übergeordnete In- 
tegration 179 

Silikate, als Kalziumverbindungen 
163 

Simrolh, O. 69, 166 

Singula, gcsjenseiiige Beeinflussung 
47 — physikalische 47 

Singula'ion, Allremfini-Oltlgkem? 

— als physiolo^'i^cher Erkennt- 
nisprozeß 47 — als psvchlsche« 
Gesetz 47 — Begriff 47 — und 
komplexes System 47 — und 
Vorstellungen 'so — Vorging 47 

Singulationen, Zusammenfassung 61 
Sintrulalionsmerkmale, Form und 

Prozeß ah 48 
Sinnesorgane, Funktion 208 
Siphoncen, als Organisationssystem 

220 
Siphonophoren, Staatenbildung 225 
Sirius, als Wisscrstoffsonne 258 

— dunkler Begleitstem des 18, T7 

— Elemente 77 — Licht 77 — 
Sonnensystem des 82 — Tem- 
peratur 77 

Soddy 142 
Sohnke 127, 262 
Solfatara, bei Pozruoli 2U 
Sommen, als Vulkantypen 194 
Sommerfeld 13. 97. 108. 263 
Sonne, als einheitliche Energie- 
quelle 71 — als Erdurtprung 
231 - als Fixstern 253 - alt 
Mittelpunkt des Sonnensystems 
243 — Atmosphire 76 — bimen- 
sionen 223 — Crdcinflüste 226 

— mit Sonnenflecken und Protu- 
beranzen, Abb. 101 — und Erd- 
bewegungen 237 — Temperatur 
247 - Verhältnis zur Erde 246 

Sonnen aus Wisserstoff 153 — 

dunkle 77 
Sonncnitmosphirr, Coronlum 153 
Sonnenchemie, Atlas der 2SS 
Sonnenfinsternis, vom 29. Mai IQI9. 

27 
Sonnenfinsternisse, Wirkung auf 

die Fixsterne 27 
Sonnenflecken, Be«'egung 249 



28: 



Sonnenfleckenperiode, Dauer 249 

Sonnenflecken rhythmus, und Po- 
larlichter 250 

Sonnenhaftigkeit, der Erde 72 

Sonnenkorona, und Zodiakallicht 
248 

Sonnenkulte, Berechtigung 243 

Sonnenlicht, Stärke 249 

Sonnenphysik, Stoffestellung durch 
247 

Sonnenspektrum, mangelnde Stoffe 
im 247 

Sonnensystem, als harmonisches 
System 71 — als Integrations- 
stufe 71 — Bau 158 — be- 
schränkte Dauer 39 — Coro- 
nium 153 — Entstehung nach 
Kant-Laplace, Abb. 1 — Sche- 
matisches Bild, Abb. 102, 237 

— Stabilitätsdauer 18 — Ur- 
sprung nach Laplace 6 

Sonnensysteme, als Singula 47 — 
Beziehungen zwischen 82 — Ver- 
änderlichkeit 259 
Sozialismus, Entstehung 220 
Soziologie, biologische, und objek- 
tive Philosophie 216 — organi- 
sche 222 
Sphärenharmonie, Begriff 244 
Spaltalgen. Stickstoffassimilation 264 
Spaltpilze, als Stickstoffproduzen- 
ten 149 
Spannungstheorie, Bayer'sche 139 
Spateisenstein, Verbreitung 172 
Spektralanalyse, als Biotechnik 102 

— der Sonne 258 
Spektrallinien, Verschiebungen 103 
Spektrum, der Kometen 257 — der 

Meteoriten 256 — des Merkur 
254 

Spencer, Herbert 43, 44, 62, 92, 
93, 94, 98, 161, 220, 223, 269 

Spengler 90 

Spermakern, bei Pflanzenbefruch- 
tung 224 

Spezies, Begriff 204 

Sphenoide, Entstehung 121 

Spinoza 9, 219 

Spiralnebel, aus den Jagdhunden, 
Abb. 2 — Erklärung 7 

Spirillina, Formkonstanz 94 

Spirochaete pallida, Vergiftung von 
174 

Spongiarien, Zellengemeiischaft der 
269 

Sporozoen, Zellengemeinschaft der 
269 

Springfluten, Ursache 245 

Staatenbildung, als Integration 66 
— bei Tieren 225 — und objek- 
tive Philosophie 220 — unter 
Aufgabe d. Individuums 221 

Staatsbildung, Flechten als 222 

Staatstheorie, Schaffung 220 

Stärke, disperse Phase 133 

Stahl, Herstellung 172 

Stallo 8 

Stamm, Begriff 204 

Stammformen, Überdauern 95 

Stark, J. 102, 103, 129 

Stark - Effekt, und Doppler- Effekt 
103 — und Quantentheorie 25 

Staub, im Wasser 176 — in der 
Atmosphäre 150, 154 — in Wohn- 
räumen 155 — kosmischer auf 
der Erde 78 

Staubmeere, Entstehung 154 



Staubringe, an Planeten 18 — Ora- 

vitationsstörungen durch 18 
Staubteilchen, Zahl der 155 
St. Centauri, als Sonne 84 
Stechginster, Blattanpassung 123 
Steinkohle, Carbon in 199 — Ober- 
gang zur Braunkohle 190 
Steinkohlenzeit, Kieselalgen der 

185 
Steinsalz, als Meeresrest 190 — 

Schichtung 158 
Steppen, Ausdehnung 161 — Vor- 
kommen 187 
Sternbahnen, verschiedene 73 
Sterne, Zahl 83 
Stemgesetze, Seeliger'sche 84 
Sternenlicht, Gesamtbetrag 84 
Sternen katalog, ptolemäischer 83 
Stemenzahl, Begrenztheit 85 
Sternhaufen, als Integrationsstufe 
73 — Genetik 76 — im Cen- 
tauren, Abb. 20 -- und Fixstern- 
system 85 
Sternkategorien, nach Größenklas- 
sen 84 
Sternkenntnisse, des Altertums 83 
Sternschnuppen, im Sonnensystem 
238 — Inhalt 78 — Neubildung 
79 — Ursprung 257 — Zusam- 
mensetzung 78 
Stemschnuppenfälle, Häufigkeit 256 
Stemzählung, photographische 83 

— statistische 84 
Stereochemie und objektive Philo- 
sophie 138 
Stern, William L. 218, 269 
Sterzinger, O. 54, 97 
Stickstoff, als Wasserstoffverbin- 
dung 146 — atmosphärischer, 
Menge 149 — freier, Bindung 
150 — im Plasma 149 — im 
Wasser 176 — in der Atmo- 
sphäre 150 — Kreislauf 150 — 
Verbreitung 147 
Stickstoffatome, Wasserstoff aus 

146 
Stickstoffderivate, im Boden 150 
Stickstofflinien, in Polarlichtern 153 
Stickstoffproblem, des Lebens 149 
Stiller Ozean, als Mondursprung 
246 — Tiefseeton im 162 — 
Vulkane 233 
Störungen, gegenseitige Aufhebung 

39 
Stoffe aromatische, Chemie der 139 
Stoffwechsel, als Lebensbeweis 207 

— Oxydation 148 
Stoffwochselgesetze, als Kolloid- 
gesetze 136 

Stoichea, Bedeutung 15 — Erklä- 
rung 15 

Stoll 205 

Strahlenkränze, der Mondkrater 271 

Strahlentiere, des Meeresgrundes 
Abb. 35, 125 

Strahlungsdruck, auf Kometengase 
257 

Strahlungsenergie, in Quanten 52 

— Verschiebungen 52 
Strahlungserscheinungen, bei Ele- 
mententransmutation 142 

StraUenstaub, Bestandteile 154 
Stratosphäre, Grenze 152 
Strauchflechten, einheimische, Ab- 

bildg. 94, 223 
Stromstärke, Erklärung 23 
Strukturbild der Materie 138 



Struktur kolloidale, als Lebens- 
form 136 
Strukturlehre, der Chemie 133 
Struvea plumosa, Lager, Abb. 87, 

220 
Stübel, A. 67, 233 
Subjekt, Abscheidung 42 
Substanz, als Weltursache 12 — 

relatives Sein 36 
Substanzeigenschaften, im monisti- 
schen Sinn 10 
Substanzgesetz, des Monismus 10 
Südamerika, Sandebenen 187 
Südamerikanische Küste, Salzgehalt 

180 
Südpacific, Salzgehalt 180 
Südpol, Wanderung 69 
Sueß 230, 233 
Su6s, Bucht 186 
Sulfate, als Kalziumverbindungen 

163 
Summationsgesetz, psychologische 

Gesetze im 90 
Suspension, Milch als 134 
Suspensionen, in Wasser 176 — 

marine Niederschläge als 179 
Suezkanal, .Salzgehalt 158 
Swedenborg 62, 84, 98, 269 
Syenit, als plutonisches Gestein 

178 — Zusammensetzung 267 
Sylvin, im Meerwasser 168 
Symbiose, als Staatsform 221 
Symmetrie, als Molekulareigenschaft 

127 
Symmetrieachsen, der Kristallfor- 
men 118, 119 
Symmetrieebenen, Gesetz der 122 
Symmetriegesetz, der Edelsteine 127 
Symmetriesystem, reguläres 119 
Symmikte Kalke, Herkunft 265 
Syncytienbildung, als Organisations- 
system 220 
Synodischer Monat, Länge 252 
Syrische Küste, Salzgehalt 180 
Syrte kleine, Fluthöhe 270 
Systembegriffe, Notwendigkeit 204 
System periodisches, Bedeutung 105 
— der Elemente (Tabelle) Ab- 
bildg. 45, 144 
Szintillationen der a-Strahlen 143 



Tagestemperaturen, Extreme 156 
Tal, durch Schollenbewegung 195 
Tamman, G. 67, 118, 262 
Tauri, Temperatur 77 
laxodien, in Europa 214 
Techniken, kolloidale 133, 136 
Teerfarben, Stammbaum 139 
Teerfarbstoffe, Chemie der 139 — 

Stammbaum, Abb. 43 
Tegel, Ablagerung 265 
lektonische Beben, Entstehung 234 
Teleologie der Antwort, als Le- 
bensbeweis 207 — der Astro- 
nomie 90 — des Weltbildes 90 
Temperatur, des Mondes 252 — 

Molekularbewegung als 114 
Temperaturabnahme, Höhenminimum 

152 
Temperaturformen, Plasmawesen als 

120 „. . 

Tempcraturgefälle, bei flussigen 

Kristallen 130 
Termiten, Staatenbildung 225 
Terebrateln, in Schwaben 167 
Terrae, des Mondes 271 



286 



Testudo Daudinii, als ältestes Tier 

215 
Tetraeder, Entstehung 121 — Sym- 

metriK 121 
Textularia, Formkonslanz 94 
Thaies 12, 14, 175 
Theodicce, kosmoloßische 39 
Theologie, Denkschema 38— und 

objektive Philosophie 33 
Thomson, J. 55, 53, 97, 102 
Thorium, als Bleizv.rfaIlsprodukt 

174 — Halbwertszeit 143 
Tiefengesteine, plutonische 191 — 

Gneis und Granit als 190 — 

Verwitterung 194 — wichtigste 

Tiefseefi'iche, leuchtende, Abb. 28 
Tiefscelicre, Nichtentwicklung 95 
Tietsec, Ebenen 133 
Tiefseeton roter, Masse 161 
Tierarten, vorhandene 204 
Tiere, als Eiweißindividuationen 

204 — Lebensdauer 215 
Tierformen, lebende und fossile 

(Tabelle) 268 
Tierreich, Haupttypen 123 
Tiersystemallk, und objektive Phi- 
losophie 216 
Tigris, als Kulturursache 179 
Titius - Bod'sche Reihe, Bedeutung 
244 ^ 

Tod, als Aufhören der Integration 
65 — integrale Bedeutung 79 — 
Vorbedingungen 208 
Ton, Aluminium in 161 
Tonalit, Zusammensetzung 267 
Tonerdesilikate, Begriff 162 
Tongainseln, als Berggipfel 183 
Tonglimmerschiefer, Bildung 265 
Tonschiefer, als Peripheriegesteine 
187 — als Sediment 178 — Bil- 
dung 265 — Oesteinsbau 195 — 
Ursprung 191 — Vorkommen 161 
Tonwaren, Kolloide in 136 
Topase, in der Erdrinde 190 
Torf, Carbon in 199 
Torflager, Entstehung 190 
Torfmoor, Entstehung 213 
Torfmoose, Bedeutung 213 
Trachys, Entstehung 266 
Trachyte, in Lava 188 
Transgressionen, als Integrations- 
eigenschaft 228 
Transgression, als integrale Eigen- 
schaft 67 — Vorgang der 63 
Triasformation, Muschelkalkmeer 

167 
Triasmeer, Kalkbildung 189 
Triest, Fluthöhe 270 
Trichodesmium, im Roten Meer 181 
Triceratops, Skelett, Abb. 81 
Trilobiten, Blütezeit 215 — Re- 
konstruktion, Abb. 85 
Trifonlarven, Linsen regeneration 93 
Tropfen ,als Singula 47 — kuge- 
liger als organische Flüssigkeits- 
form 121 
Troposphäre, Oasverhältnis 265 — 

Grenzen 152 
Tuberkulose, Verbreitung durch 

Staub 155 
Turan, Sandwüsten 187 
Türkise, in Ackererde 163 
Tuffe, im vulkanischen Staub 191 
Turkestan, Sandwüsten 187 
Turmalin, in der Erdrinde 190 
Tyndall 250 



Überspülungscen, Nordsee u. Ost- 
see als 183 

Uhlenhuth 206 

Ulcx, Hlattanpassung 123 

Ulmer Dom, sphärische Sehgrenze 
227 

Ultramikroskop. Moleküle Im 116 

Umlaufslörungcn, als Beweis der 
objektiven Philosophie 18 

Umlaufszeiten, Störungen als Enl- 
dickungsursache 18 

Unold, J. 269 

Unterseeisches Bodenrelief, Gesetze 
182 

Unterwelt, als ErdbebenvorstcUunp 
232 

Ural, Edelmetalle im 160 

Uran, als BIcizerfallsprodukt 174 
— Gewicht 102 — Radiumgewin- 
nung 142 

Uranatom, Ladung 105 

Uranus, Abweichungen 18 — Dichte 
228 — Eigenschaften 254 - 
Verhältnis zur Erde 244 

Uratom, Auffindung 147 — Be- 
griff 141 

Urelement, Kreislauf 174 

Urgebirge, Landschaft, Abb. 15 

Urgebirgsgesteine, Glimmer in 162 

Urmateric, Wasserstoff als 146 

Urstoff, der Welt 141 

Urteil, als technische Denkform 35 

Urwald, tropischer, Abb. 84 

Urzeugung, als Funktion der Erde 
212 

Utah, Sandwüsten 187 



Vajolettürme, Nadelbildung 196 

Vakuolen, als Singula 47 — im 
Plasma 210 

Valentiner, S. 39 

Valentinus 15 

Valenz, chemische 108 

Valenzbeziehungen, der Elemente 
138 

Van t'Hoff 138, 263 

Vaucheria, Zellenlosigkeit 221 

Vektor, Definition 262 

Venus, Abweichungen 13 — Atmo- 
sphäre 150, 151 — Dichte 223 
— Eigenschaften 254 — Existenz- 
stadium 78 — Kanäle 184 — 

Verbindungen, Herstellung künst- 
licher 138 — isozyklische, Abbil- 
dung 44, 140 

Verbrennung, als Elementarvereini- 
gung mit Oxvgen 148 — ohne 
Sauerstoff 264 

Vereisung, von Mitteleuropa 70 

Vererbungsfutiktion, Vorgang 209 

Verdauung, Kolloidalstruktur als 
Ursache 135 

Verdunstung, Ursache 115 

Vergleichende Biologie, Notwen- 
digkeit 204 

Verhüttungskunst, Massenproduk- 
tion durch 173 

Verlandung, durch Faulschlamm 213 

Verwesung, als Oxydation 143 

Verwitterung, Staubproduktion 

durch 154 

Vesuvausbruch, Bimsstein pulver- 
mengen 162 — großer 232 

Vcsuvlaven, Dauer der Oasent- 
weichungen 188 

Vierteilung, aristotelische 140 



l^itriol blauer, Krittallvrrwillcrun? 
129 

VoKesen, ali Oebirgtrcile 183 

Vo(M, Karl 32. 39 

Vollmond, Ursache 251 

Volummpeieiz, von (Jiv-Luttac 109 

Volvox, ZcUengemeinschaft dei 266 

Volz 165 

Vorstellungen, all Integration 80 

- aU Weltbegriff 36 
Vulkan»u<.brüchc. Ursache 233 
Vulkane, Auswurfimaleritl 187 — 

der in^el Rcumon 271 — Kodi- 
salzgcwinnung aui IW — kali- 
balliges Gclein in 163 — Koh- 
len^äureproduktion 151 — Nol- 
wcndigkrii 233 — titige 230 — 
unterseeische 183 
Vulkanische Erscheinungen, Schema, 

Abb. 71 
Vulkanische Gläser, Enittchung 266 
Vulkanischer Staub, Material 191 
Vulkanismus, al« integrale Eigen- 
schaft 67, 228 — im Meer 183 

— und Erdwirme 230 
Vulkanröhren, naiQrliche* Olai in 

185 
Vulkanlypen, verschiedene 194 



Wabenbau des Protoplatma« 206 
Wabenstruktur des Plisraai 135 — 

Untersuchungen 133 
Wachstum, als Lebcnsbeweii 207 
Wägungen, absolute 261 
Wälder, Folgen der Verwüstung 215 
Wärme, als Molekularintegration 
114 — als Wcllathcrilörung 4Q 
Begriff 114 - im Weltraum 75 
Wirmeenergie der Sonne 249 
Wärmeentwicklung, durch Radium 

143 
Wärmcge^elz, des Kalkes 164 
Wärmeprin7ip, Clausius'sdiei 52 
Wärmestrahlung, schwarzer Kör- 
per 21 — Theorie 52 — und 
Kinetische Energie 21 — und 
Ouantenhypothese 22 
Wagner, Adolf 267 
Wagner, Richard 10 
Wahrheil, im Sinne der objektiven 
Philosophie 37 — RelativiUl 
der 37 
Wahrheiten, objektive 35 
Wald, als SchluBverein 214 
Wal, Schwimmanpastungen 123 
Walther, J. 153 
Wasserrosen, in Europa 214 
Wasser, als Dispersionsmittel 133 

— als Elektrolyt 173 — auf de» 
Mars 151, 184 — ElemenUr 
Verhältnis 110 — Silicium in 18! 

— Stoffe in 176 — Unentbehr 
lichkeit 175 

Wasserdampf, in der Atmotphire 
151 — in der Erdrinde 190 — 
Ursprung in Vulkanen 233 
Wasserniengc, der Erde 175 
Wasserstoff, als Urstoff 146. 153 

— als Weltbcttandleil 156 — 
alt Zerfallsprodukt 174 — auf 
Gestinen 77 — aus Stickitoff- 
atomen 146 

Was-^ertioffabspaltung, tut Siurcn 

176 
Wasserstoffatmoipbirc, in Stem- 

spektrcn 156 



287 



Wasserstoffatom, elektrische La- 
dung 24 — Verwandtschaft zum 
Uratom 176 

Wasserstofflinien, in Polarlichtern 
153 

Wasserstoffmenge, in Wasser 175 

Weber 90 

Weber-FechnePsches Gesetz, psy- 
chologische Gesetze im QO 

Wega, als Wasserstoffsonne 258 

— Temperatur 77 — und Nord- 
pol 238 

Wegener, A. 153 

Weichtierschalen, als Leitfossilien 
167 

Weimam, P. v. 134, 136, 262 

WeiBblechbereitung durch Zinn 
173 

Weißes Meer, Farbe 181 

Wellentheorie, der Lichtstrahlen 48 

Welt, als komplexes System 36 — 
als Vorstellung 34 — Endlich- 
keit 85 — sphärische Gestalt 87 

— und Weltprozeß 89 
Weltachse, Abb. 18 — Drehung 

um 72 

Weltäther, als physikalische Sub- 
stanz 49 — atomistische Struktur 
49 _ Begriff 43 — Entstehung 
48 — Streit um den 48 — und 
objektive Philosophie 49 — und 
Wärmestrahlung 52 — Unmög- 
lichkeit 49 

Weltbegriff, Biologisierung 33 — 
physische Grenze 83 — relativer 
29 _ vierdimensionaler 26 — 
von Büchner 9 — von Häckel 
9 _ von Humboldt 8 

Weltbild, antike Einheit 32 — (an- 
tikes), Gegensatz zum 5 — 
atomistisches 13 — Aufhebung 
des absoluten 28 — der objek- 
tiven Philosophie 3 — Eigen- 
schaften 46 — organische Ein- 
heit 35 — egozentrische Natur 
90 — Erweiterung 101 — gesetz- 
mäßiger Zusammenhang 175 — 
Relativität 90 — Seinsstörungen 
als 89 — subjektive Mängel 100 

— und Ichpunkt 36 
Welterkenntnis, Harmonie als 260 
Welterklärung, ältere Versuche 38 
Weltesche, Bedeutung 213 
Weltganzes, Zusammenhangsord- 
nung 43 

Weltgebäude, mechanischerUrsprung 

38 
Weltgemälde, Notwendigkeit 100 
Weltgeschehen, subjektiver Ein- 
heitsbegriff 89 
Weltgesetze, Aufzählung 81 
Weltgesetzmäßigkeit, Beeinflussung 

43 
Weltharmonie, und Menschheit 253 

— und Sonnensysteme 259 
Welthypothesen, Verschiedenheit 

der 6 

Weltkomplex. Einordnung 36 — 
Kategorien 36 

Weltkörper, als höhere Integrati- 
onsweise 66, 259 — als Singula 
47 — Entwicklung 76 — Funk- 
tionen 69 

Weltlinse, Begriff 84 

Weltmaterie, Denkfunktion der 11 

Weltmechanik und Atom 25 — und 



objektive Philosophie 35 — Ur- 
sache 35 

Weltmeer, einziges 181 

Weltmeere, mittlere Tiefe 183 

Weltmolluske, als Relativbegriff 33 

Weltnebel, als Integrationsstufe 71 

Weltorganismen, Biologie 87 

Weltproblem, als biologisches Pro- 
blem 34 

Weltproduktion, des Petroleums 184 

Weltprozeß, Entwicklung im 99 — 
Erleben als 89 — Naturgesetze 
im 88 

Weltraum, Temperatur 156 

Weltselektion, u. Identitätsgesetz 
88 

Weltsubstanz, Ableitung 39 
— Zusammensetzung 74 

Weltsystem, als Integrationsstufe 
79 — als letzte Integrations- 
stufe 74 — Einheitlichkeit 75 

Weltuntergang, als Erdbebenvor- 
stellung 232 — Theorie 78 

Weltvorstellung, als biologisches 
Phänomen 40 — und objektive 
Philosophie 25 

Wendelstein, Verschiebung 235 

Werke, als Integration 80 

Werner, A. 262 

Wespen, Staatenbildung 225 

Westeuropäisches Wetter, Entste- 
hung, Abb. 104, 241 

Wetter, Beschränkung auf Tropo- 
sphäre 152 

Wetterprognose, Anwendbarkeit 156 

Wetterwechsel, Ursache 241 

Wettersteinkalk, als symmikter Kalk 
265 — Versteinerungen, Abbil- 
dung 87, 220 

Wieland der Schmied, als Kultur- 
sage 173 

Wien, Kalkbauten 164 

Willstätter, R. 205 

Wimpertierchen, Organellenbildung 
bei, Abb. 77 — Wabenstruktur 
135 

Wind, als Temperaturphänomen 155 

Winde, in der Troposphäre 152 — 
Weg der 241 

Windstärken, Tabelle 264 
Winkelgesetz, der Kristallbildung 
122 

Wirbeltierskelett, Kalksalze im 167 

Wissen, Begriff 11 

Wissenschaft, neue Gliederung 33 
Witterung, Variationsmöglichkeiten 
156 — Wiederherstellung ur- 
ursprünglicher Harmonie 89 

Wolf 74 

Wolff, G. 93 

Wolff, K. F. 7 

Wolga, Ablagerung im Delta der 

179 
Wolken, in der Troposphäre 152 

— Staub als Ursache 155 
Wolkenbildung, auf Planeten 151 

— durch Temperaturunterschied 
155 

Wollaston, W. 258 
Wollsackbildung, als Integrations- 
eigenschaft 197 
Wundt, Wilhelm 91 
Würmer, als Parasiten 216 
Wüsten, Ausdehnung 151 



Xenon, in der Atmosphäre 150 

— Molekularbewegungen 156 

— Verwandtschaft 144 
Xenophanes 37, 38 — als Vor- 
läufer der objektiven Philoso- 
phie 5 

Young 247 

Zahlenbegriff, Ursprung des 5 
Zeit, als Hilfsbegriff 43 — als 
Nacheinander des Denkens 35 

— neuer Begriff 14 
Zeitfaktor, der Lorentz-Transfor- 

mation 26 

Zelle, als Form kolloidaler Pro- 
teide 211 — als Integrations- 
stufe 63 — als organische Ein- 
heit 64 — als technische Arbeits- 
form 210 

Zellen, als Singula 47 — funk- 
tionelle Anpassung 210 

Zellenbildung, künstliche, Abb. 83 
211 

Zellenstaaten, gleiche Abstammung 
in 224 

Zellformen, der Tiere und Pflan- 
ren, Abb. 78, 206 

Zelluloidbearbeitung, als kolloi- 
dale Technik 136 

Zellulose, als Kolloid 136 — For- 
mel 200 

Zement, Herstellung 185 — als 
Kalziumverbindung 163 

Zementverarbeitung, als kolloidale 
Anwendung 136 

Zeno 37, 38 

Zenogenese, und Biozentrik 91 

Zentralalpen, Verwitterungsbild 195 

Zentralasien, Wüste Gobi in 187 

Zeolithe, Vorkommen 154 

Zentralsonne, Existenz 74 

Zimmeriinde, Blattanpassungen 123 

Zink, Bedeutung 173 — in Bronze 
170 

Zinn, als Temperaturform 137 — 
Bedeutung 173 — in Bronze 170 
— Verwandtschaft 199 

Zinnpest, Allotropie als Ursache 
der 137 

Zivilisation, und Kohle 200 

Zodiakal licht, als Staubring 254 — 
eventuelle Rotation 271 — Hy- 
pothese 18 — in unseren Brei- 
ten, Abb. 3 

Zoe, Begriff 15 

Zoesis, als Erklärung semikonver- 
genter Reihen 18 — Bedeutung 
16, 30 — Entstehung 208 — Er- 
fahrungen 31 — falsche Ueber- 
tragung 16 — Grenzen 31 — 
Mathematik und 16 — Me- 
chanik der 17 — Uebertragung 
auf Astronomie 16 — und Lo- 
rentz-LTransformation 26 — und 
Relativität 29 — und Molekular- 
bewegung 114 — Vorläufer 16 

Zoesphäre, Sonnensphäre als 249 

Zonenbegriff, bei Kristallen 126 

Zonengesetz, der Kristallbildung 
122 — Erklärung 126 

Zwillingskristalle, Entstehung 121 

Zwischeneiszeiten, Schmelzwasser- 
arbeit 189 

Zymase, Abpressung 211 
Zsigmondy 132, 262 



288 



\