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Full text of "Das Evangelium des Matthäus"

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Kommentar 



zum 



Neuen Testament 



unter Mitwirkung von 

Prof. D. Ph. Bachmann in Erlangen, Prof. D. C. Deißner 

in Greifswald, f Prof. D. Dr. P. Ewald in Erlangen, Pfarrer 

Lic. Fr. Hauck in Schwabach, Prof. D. E. BIggeubach in 

Basel, t Prof. D. G. Wohlenberg in Erlangen 

herausgegeben 



D.Dr. Theodor Zahn, 

Professor der Theologie in Erlangen. 



Band I: 

Das Evangelium des Matthäus 

ausgelegt von 

Theodor Zahn. 

4. Auflage. 



Leipzig. 1922. Erlangen. 

A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner SchoU. 



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Das 



Evangelium des latthaus 



ausgelegt 



Theodor Zahn. 



4. Auflage. 



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m 1 152! ^ , 



Leipzig. 1922. Erlangen. 

A. Deichertsche Yerlagsbuclihandlung Dr. Werner Scholl. 

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Vorrede 

zur ersten Auflage. 



Der Gedanke, einen neuen Kommentar zu sämtlichen Schriften 
des Neuen Testaments herauszugeben, ist aus den Erfahrungen des 
akademischen Lehramts erwachsen. Die Frage, die nicht selten 
von Studirenden an unseroinen gerichtet wird, welchen Kommentar 
man ihnen als Hilfsmittel zum Studium des einen oder andern 
neutestamentlichen Buchs empfehle, hat den Unterzeichneten oft 
in Verlegenheit gesetzt. Die Anleitung , deren der angehende 
Theolog und auch der im kirchlichen Amt stehende Geistliche, 
welcher nicht aufhören möchte, im Neuen Testament zu forschen, 
bedarf, um wenigstens auf diesem Gebiet der Theologie, wo es 
ihm am ersten möglich und am meisten Bedürfnis ist, zu wissen- 
schaftlichem Verständnis, zu selbständigem Urteil und zu der da- 
durch bedingten Freudigkeit des Forschens zu gelangen, findet er 
in der vorhandenen exegetischen Literatur nicht leicht. Das Be- 
dürfnis eines von früheren Unternehmungen unabhängigen Gesamt- 
kommentars zum Neuen Testament schien mir und den verehrten 
Männern, welche sich bereit finden ließen, mit mir Hand ans Werk 
zu legen, vorzuliegen. 

Daß jeder der auf dem allgemeinen Titel genannten Mit- 
arbeiter in uneingeschränkter Selbständigkeit die von ihm über- 
nommenen Teile des Kommentars bearbeitet und für deren Inhalt 
allein verantwortlich ist, braucht kaum bemerkt zu werden. Daß 
es trotzdem dem "Werk nicht an einem einheitlichen Charakter 
fehlen werde, hoffen wir. Nur über gewisse Richtlinien für die 
äußere Einrichtung hat eine Einigung stattgefunden. Um für das, 
was uns als die eigentliche Aufgabe der Schriftauslegung gilt, 
Raum zu gewinnen, haben wir uns in mehr als einer Hinsicht 
Schranken gesetzt. Der trotzdem ziemlich große Umfang des ersten 
Bandes gibt keinen mechanisch anwendbaren Maßstab für die Aus- 
führlichkeit des ganzen Werkes. Es liegt in der Natur der Sache, 
daß in dem ersten, einem Evangelium gewidmeten Teil eine große 



Vorrede. y 

Anzahl von Begriffen, eingehend erörtert werden muß, die bei ihrer 
"Wiederkehr in anderen Evangelien kurz erledigt werden können. 
"Was in § 1 der Einleitung zu diesem ersten Bande über die 
Abgrenzung zwischen der Auslegung der Evangelien und den 
Aufgaben der literarhistorischen Kritik sowie der Geschichts- 
forschung gesagt ist , wird im wesentlichen für alle Teile des 
Kommentars gelten. Xur über die Berücksichtigung der voran- 
gegangenen exegetischen Literatur dürften einige Bemerkungen am 
Platz sein. Der heutige Ausleger soll die Geschichte der Auslegung 
kennen, und der Leser eines neuen Kommentars ist zu der Erwartung 
berechtigt , daß der, welcher sich ihm als "Wegweiser anbietet, nicht 
ohne Kenntnis und Prüfung des wahrhaft Beachtenswerten, was 
im Lauf der Jahrhunderte zur Aufhellung der biblischen Texte 
beigebracht worden ist, seine eigene Auffassung vortrage. Auch 
offenbare Mißdeutungen , zumal solche , welche längere Zeit die 
Tradition beherrscht haben oder auch bis heute unüberwunden 
geblieben sind, können höchst lehrreich sein. Es ist aber auch 
ein offenes Geheimnis, daß die stets wiederkehrende namentliche 
Anführung von Vertretern aller möglichen und unmöglichen Deu- 
tungen, deren Begründung zu würdigen kein Kommentar Raum 
genug bietet, weder ein Beweis dafür ist, daß der Exeget die 
Geschichte der Auslegung auch nur in den Grundzügen kennt, 
noch dem Leser einen Dienst leistet, der die Citate nicht nach- 
prüfen kann oder, wenn er es tut, auf Schritt und Tritt "CTugenauig- 
keiten und "[Jngerechtigkeiten antrifft, Li unserem Kommentar 
soll mit der namentlichen Anführung alter und neuer Exegeten 
Maß gehalten, dagegen aber Fleiß darauf verwandt werden, daß 
statt irgendwelcher Nachschreiber die L^rheber an sich bedeutender 
oder geschichtlich bedeutend gewordener Auffassungen genannt 
werden. "Wenn in diesem ersten Band vergleichsweise häufig auf 
die altkirchliche Auslegung Rücksicht genommen ist, welche nicht 
nur den Kommentaren, sondern auch den nichtexegetischen Schriften 
* der "Später und nicht zum wenigsten den alten IJbersetzungen zu 
entnehmen ist, so wolle man das nicht nur aus dem Gang meiner 
Studien und auch nicht daraus allein erklären, daß diese ganze 
Literatur eine ergiebige Quelle der Textkritik ist. Es geschieht 
grundsätzlich. Die bekannten Schwächen der patristischen Exe- 
gese sollten uns nicht gegen ihre hervorragende Bedeutung blind 
machen. Die Exegeten und "LTbersetzer der ersten 4 — 5 Jahr- 
hunderte hatten vor ihren Xachfolgern erstens den Vorteil voraus, 
daß zu ihrer Zeit die Kulturverhältnisse, unter welchen die Schriften 
des N. Test, entstanden sind, wesentlich unverändert fortbestanden. 
Zweitens waren sie der gemeingriechischen Sprache, welche nicht 
nur Paulus und Lucas, sondern auch Marcus und Johannes trotz 
des mehr oder weniger starken semitischen Einschlags geschrieben 



YI Vorrede. 

haben, nicht bloß durch ihre Beschäftigung mit der Literatur, 
sondern auch durch lebendigen Gebrauch vollkommen mächtig. Dies 
gilt nicht nur von den Griechen und von solchen Lateinern, wie 
Tertullian und Hieronymus, sondern auch von den lateinischen, 
syrischen und ägyptischen Übersetzern. Drittens haben die Schrift- 
steller und Übersetzer der ersten Jahrhunderte bei weitem nicht 
in dem Maße wie die aller folgenden Zeiten unter dem Bann einer 
bereits erstarrten kirchlichen oder gelehrten Tradition gestanden 
und zeigen daher oft eine Fiüsche und Natürlichkeit der Auffassung, 
welche späterhin immer seltener zu finden ist. Die Vorurteile, die 
den Blick der alten Exegeten trübten, die Zügellosigkeiten, die sie 
sich gestatteten, die Machtsprüche, womit sie manchen Knoten zer- 
hauen statt gelöst haben, sind anderer Art, als die, welche heute 
den Fortschritt des Schriftverständnisses hemmen. Es fragt sich 
aber, ob jene schädlicher gewirkt haben, als diese. Gerade das 
Streben, unbeirrt durch die Tradition der Jahrhunderte und ihre 
kräftigen Irrtümer die Gedanken der neutestamentlichen Schrift- 
steller unmittelbar in sich aufzunehmen, führt in der Auslegung 
wie in der Textkritik immer" wieder zur altkirchlichen Literatur 
zurück, in welcher wir die Tradition, die uns alle trägt, aber auch 
knechtet, werden und wachsen sehen. 

Erlangen, zu Pfingsten 1903, 



Zur vierten Auflage. 

Da es mir noch einmal, nach menschlicher Voraussicht zum 
letzten Mal vergönnt war, diesen ersten Band unseres Gesamt- 
kommentares zum Neuen Testament hinausgehen zu lassen, fühlte 
ich mich verpflichtet, in gleichem Maße, wie es bei der 2. Auf- 
lage vom J. 1905, weniger bei der 3. Auflage vom J. 1910 ge- 
schehen ist, zur Berichtigung und Bereicherung des Werkes alles 
zu verwerten , was wiederholte Erwägung, fortgesetztes Studium 
und dankenswerte Erinnerung von befreundeter Seite darbot. 

Erlangen, den 1. Oktober 1920. 

Theodor Zahn. 



Inhaltsübersicht. 



Einleitung. §1. Die Aufgabe S. 1. §2. Die Überlieferung 
S. 5. § 3. Das Hebräerevangelium S. 20. 8 4'. Die Hilfs- 
mittel S. 32. 

Der Titel 1, 1 S. 39. 

I. Vorfahren, Geburt und erste Lebensschicksale 
Jesu 1, 2—2, 23 S. 44—120. 

1. Der Stammbaum 1, 2—17 S. 44. 2. Die Erzeugung und 
Geburt des Messias 1, 18—25 S. 71. 3. Die Huldigung der 
Magier 2, 1—12 S. 89. 4. Von Bethlehem über Ägypten 
nach Nazareth 2, 13—23 S. 105. 

n. Der Vorbote und die ersten Schritte des Messias 

3, 1—4, 11 S. 120—162. 

1. Der Täufer 3, 1—12 S. 120. 2. Die Taufe Jesu 3, 13—17 
S. 142. 3. Die Versuchung 4, 1—11 S. 150. 

III. Das prophetische Wirken Jesu in Galiläa 4, 12 
—11, 1 S. 162—417. 

1. Allgemeine Schilderung 4, 12—25 S. 162. 2. Die Berg- 
predigt als Beispiel des Lehrens Jesu 5—7 S. 176. 3. Die 
Heiltätigkeit 8, 1—17 S. 332. 4. Das rastlose Wanderleben 
des Lehrers und Wundertäters 8, 18—9, 34 S. 345. 5. Die 
Mitarbeiter der Jünger 9, 35—11, 1 S. 388. 

IV. Die verschiedenartige Aufnahme des bisher ge- 
schilderten Wirkens Jesu 11, 2 — 14, 12 S. 417—507. 
1. Die Anfechtung des Täufers 11, 2—19 S. 417. 2. Die un- 
bußfertigen Städte Galiläas 11, 20—24 S. 435. 3. Die Un- 
mündigen, die Weisen und die Geplagten 11, 25—30 S. 437. 

4. Jesus als Sabbathschänder nach dem Urteil der Pharisäer 
12, 1—14 S. 445. 5. Der still fortarbeitende Knecht Gottes 
12, 15 — 21 S. 451. 6. Die Lästerung des Menschensohnes 
12, 22 — 37 S. 454. 7. Das immer tiefer sinkende Geschlecht 
12, 38 — 45 S. 467. 8. Die wahren Anverwandten Jesu 12, 
46—50 S. 472. 9. Die Predigt in Parabeln 13, 1—53 S. 474. 
10. Der Prophet in der Vaterstadt 13, 54—58 S. 501. 11. Der 
Landesfürst Galiläas 14, 1—12 S. 504. 



VlII Inhaltsübersicht. 

V. Jesus zieht sicli nach Möglichkeit aus der Öffent- 
lichkeit zurück und widmet sich der Unter- 
weisung seiner Jünger 14, 13 — 20, 28 S. 507 — 616. 
1. Einleitung 14, 13^ S. 507. 2. Die Speisung der Fünftausend 

14, 13^'— 21 S. 511. 3. Das Wandeln auf dem Wasser 14, 
22 — 36 S. 513. 4. Abweisung der Pharisäer und Schrift- 
gelehrten aus Jerusalem 15, 1 — 20 S. 516. 5. Der große 
Glaube der Kananäerin 15, 21 — 28 S. 522. 6. Die Speisung 
der Viertausend 15, 29 — 38 8.^26. 7. Warnung der Jünger 
vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadducäer 15, 39 — 16, 12 
S. 529. 8. Das Bekenntnis des Petrus und die Ankündigung 
des Leidens 16, 13 — 28 S. 533. 9. Die Verklärung auf dem 
Berge 17, 1—13 S. 561. 10. Die Jünger ohne Jesus 17, 14 
—23 S. 566. 11. Die Tempelsteuer 17, 24—27 S. 570. 
12. Die Skandala in der Gemeinde 18, 1—35 S. 573. 13. Die 
Ehe und die Kinder 19, 1—15 S. 587. 14. Der irdische 
Besitz und der Lohn für seine Hingabe 19, 16 — 20, 16 S. 597. 

15. Durch Leiden und Dienen zur HeiTSchaft 20, 17—18 S. 610. 

VL Der Davidssohn in Jerusalem 20, 29-23, 39 S. 616 
— 661. 

1. Begrüßung durch die Blinden von Jericho 20, 29—34 S. 616. 

2. Der Einzug in Jerusalem und den Tempel 21 , 1 — 16 
S. 617. 6. Die Verfluchung des Feigenbaums 21, 17—22 
S. 625. 4. Jesus im Wortstreit mit den Hohenpriestern und 
Presbytern 21, 23—22, 14 S. 626. 6. Disputationen mit Phari- 
säern und Sadducäern 22, 15 — 56 S. 640. 6. Das Wehe über 
die Lehrer des Volks und über Jerusalem 23, 1 — 39 S. 649. 

Vn. Die Weissagung vom Ende 24, 1—25, 46 S. 661—686. 
1. Einleitung 24, 1—3 S. 661. 2. Was vor dem Ende ge- 
schehen muß 24, 4 — 14 S. 664. 3. Die Zeichen des Endes 
24, 15 — 31 S. 666. 4. Die rechte Erwartung des Endes 

24, 31—25, 30 S. 671. 5. Ein Gericht über alle Völker 

25, 31—46 S. 683. 

VIII. Das Leiden und Auferstehen Jesu 26, 1 — 28, 20 

5. 683—725. 

1. Aus den letzten Tagen vor dem Passa 26, 1 — 16 S. 686. 

2. Der Passaabend 26, 17—29 S. 690. 3. Die Nacht des Ver- 
rats 26, 30—75 S. 699. 4. Der Todestag 27, 1—66 S. 707. 

6. Die Auferstehung und der Missionsbefehl 28, 1—20 S. 718. 

Excurs zu 16, 18. 19 S. 725. 



Einleitung. 



§ 1. Die Aufgabe. Die einzige Aufgabe des Auslegers 
alter Schriften, welche einer fortlaufenden Auslegung wert und 
bedürftig sind, besteht darin, dem heutigen Leser solcher Schriften 
nach Möglichkeit zu demjenigen Verständnis derselben zu verhelfen, 
welches deren Verfasser bei ihi'en ersten Lesern, ihren Zeitgenossen, 
die meist auch ihre Volks- und Glaubensgenossen waren, ohne jede 
besondere, dem Text beigegebene Anleitung zu finden erwarteten. 
Die Schwierigkeiten, welche die Evangelien dem Verständnis auch 
<ies gebildeten Lesers von heute vermöge der Ferne ihrer Ent- 
Btehungszeit und der Fremdheit ihrer Sprache im weitesten Sinn 
dieses Wortes bereiten, sind groß genug, um den Ausleger vor 
Übergriffen über die Grenzen seiner ohnehin verwickelten Aufgabe 
zu warnen. Der Ausleger als solcher hat aus dem, was der Schrift- 
steller sagt, lediglich das zu entnehmen, was derselbe damit meint 
und gesagt haben will ; und er hat nicht die Fragen zu beantworten, 
ob das, was geschrieben steht, wahr und, wo es sich um Erzählung 
von Tatsachen handelt, ob das Erzählte wirklich geschehen sei. 
Dies ist vielmehr die Aufgabe des Geschichtsforschers. Der Aus- 
leger der Evv bat nicht die Geschichte Jesu zu schreiben, sei es 
eine kritische, sei es eine kritiklose, sondern er hat jedesmal eine 
einzelne der Schriften, welche insgesamt dem Geschichtsschreiber 
als Quellen dienen, als schriftstellerisches Erzeugnis ins Licht zu 
setzen und dadurch dem Geschichtsforscher vorzuarbeiten. Die 
hiemit geforderte Teilung der Arbeit zwischen dem Exegeten und 
dem Historiker mag gegebenen Falls schwer durchzuführen sein; 
denn der Exeget, um dessen Aufgabe allein es sich hier fragt, muß 
nicht selten auch solche Tatsachen und Verhältnisse, welche nur 
außerhalb der auszulegenden Schrift bezeugt sind, zur Beleuchtung 
seines Textes heranziehen, wenn er begreiflich machen will, daß 
der Vf so schreiben konnte, wie er schrieb, in der Erwartung, da- 
mit bei seinen Lesern Verständnis und Glauben zu finden. Der 
Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 1 



2 Einleitung. 

Exeget tut damit, was unter anderem Gesichtspunkt und mit um- 
fassenderem Gesichtskreis auch der Historiker zu tun hat, und er 
mag diesem im einzelnen gute Dienste leisten. Aber der Schranken 
seiner Aufgabe soll er sich bewußt bleiben ; er soll nicht Geschichte 
schreiben, sondern die vorliegende Schrift auslegen. Dazu gehört 
allerdings mehr als eine Reihe von Scholien oder Glossen zu dunkeln 
oder zweideutigen, mißverstandenen oder mißverständlichen Einzel- 
heiten. Es gilt das Einzelne, und zwar ebensogut das anscheinend 
Unbedeutende, wie das durch den hohen Ton der Rede oder die 
dunkle Tiefe des Gedankens Hervorragende, als Glied des Ganzen 
zu begreifen, wie es die Schrift uns darbietet, und dadurch die 
Gedanken und Absichten zu erkennen, von welchen der Vf in der 
Auswahl, der Anordnung und der Darstellung der StofiPe, sowie 
bei der Anlage und Herstellung seines Buchs sich leiten ließ. 

So aufgefaßt, berührt sich die Arbeit des Evangelien auslegers 
auch mit einem Teil der Aufgaben der sogenannten Einleitung in 
das NT, mit der Entstehungsgeschichte der Ew. Aber auch in 
dieser Richtung gilt es, die durch die Natur der Dinge vorgezeich- 
neten Grenzen innezuhalten. " Allerdings sollte man voraussetzen 
und darf heute fordern, daß niemand einen Kommentar über ein 
einzelnes Ev herausgebe, der nicht eine begründete Gesamtansicht 
von der Entstehung der vier kanonischen Evv und somit auch eine 
das wissenschaftliche Bedürfnis befriedigende Einsicht in die zwischen 
ihnen allen und besonders zwischen den drei ersten Evv bestehen- 
den Verwandtschaftsverhältnisse besitzt. Der Exeget aber, welcher 
seine Gesamtansicht von der Entwicklung der Evangelienliteratur 
der Auslegung der einzelnen Evv zu gründe legt und diese von 
jener abhängig macht, und vollends derjenige, welcher nicht mehr 
die uns vorliegenden Schriften, sondern irgend welche nicht mehr 
vorhandene Schriften, aus deren Verarbeitung nach seiner Meinung 
unsere Evv entstanden sind, zum eigentlichen Gegenstand seiner 
Auslegungsarbeit macht, muß seine Aufgabe verfehlen. Dem Leser, 
welcher zum Kommentar greift, um in das wissenschaftliche Ver- 
ständnis der vorliegenden Schriften eingeführt oder darin gefördert 
zu werden, leistet ein so verfahrender Ausleger den Dienst nicht, 
welcher ihm obliegt. Er kehrt aber auch das richtige Verhältnis 
zwischen Exegese und isagogischer Wissenschaft geradezu um. 
Denn diese hat ihre Urteile und ihre Vermutungen in erster 
Linie den Schriften selbst zu entnehmen, deren Entstehung zu er- 
gründen sie bemüht ist. Erst in zweiter Linie kommt die spär- 
liche Überlieferung über den Ursprung der Evv in Betracht. Ohne 
ein vollständiges Verhör sowohl des Selbstzeugnisses der Schriften 
als des Zeugnisses der altkirchlichen Überlieferung über ihren Ur- 
sprung und ohne eine kritische, d. h. unparteiische Vergleichung 
dieser beiden Zeugnisse vermag der Isagogiker nichts Stichhaltiges 



§ 1. Die Aufgabe. 3 

zu sagen. Das Selbstzeugnis der Evv aber ist ja nicht in den 
wenigen "Worten enthalten, durch welche sie ausdrücklich oder an- 
deutend auf die Person ihrer Verfasser, auf den Zweck ihrer Ab- 
fassung und die Verhältnisse ihres Ursprungs hinweisen, sondern 
in ihrem gesamten Bestände. Nicht vereinzelte Beobachtungen und 
sporadische Exegese, sondern erst die bis zu dem erreichbaren Ziel 
durchgeführte exegetische Bearbeitung des ganzen Buchs ergibt die- 
jenige Kenntnis seines Selbstzeugnisses, welche die unerläßlichste 
Voraussetzung jedes Urteils über seine Entstehung bildet. Jede 
Abhängigkeit der Exegese von der Isagogik ist daher eine Fälschung 
des rechtmäßigen Verfahrens. Eine dritte Fundgrube der Evan- 
gelienkritik neben dem Selbstzeugnis der einzelnen Evv und dem 
Zeugnis der altkirchlichen Überlieferung ist die in die Augen 
springende Ähnlichkeit der drei ersten Evv nach Stoff und Form, 
welche ihnen den Namen der Synoptiker eingetragen hat. Denn 
bei aller Verschiedenheit der Beurteilung dieses Verhältnisses be- 
steht darin heute Übereinstimmung unter allen Urteilsfähigen, daß 
diese Ähnlichkeit nicht nur in bildlichem Sinne eine Verwandt- 
schaft sei, sondern auf wirklicher Stammverwandtschaft beruhe. 
Das erkennen auch diejenigen an, welche die stereotyp gewordene, 
mündliche Überlieferung der urchristlichen Gemeinde als aus- 
reichenden Grund der Erklärung der Verwandtschaft ansehen. Auch 
die Exegese kann das synoptische Problem nicht völlig umgehen. 
Denn erstens tritt die Eigenart der einzelnen Evv erst durch 
die Vergleichung mit den , derselben Periode entstammenden 
Schriften verwandten Inhalts und ähnlicher Form in volles Licht. 
Nimmt man als die Periode, innerLaib deren unsere Evv entstanden 
sind, das Jahrhundert von 50 — 150, wogegen niemand etwas ein- 
wenden kann, so ist von solcher Vergleichung weder das 4. Ev, 
noch die außerkanonische Evangelienliteratur auszuschließen. Ins- 
besondere das Hebräerevangelium muß der Ausleger des Mtev be- 
ständig im Auge behalten cf § 3. Dabei ist aber ebensosehr die 
Verschiedenheit wie die Übereinstimmung zu beachten. Man ver- 
steht z. B. das Mtev nicht, wenn man nicht die Tatsache würdigt, 
daß die echt jüdischen Begriffe 7; ßaoi?.(.ia rwv ovQavwv (abgesehen 
von der textkritisch unsicheren Stelle Jo 3, 5), o TtaTV^o i]fjwv 
(if.iwv) 6 ev Tolg oigavoig (abgesehen von Mr II, 25), desiv /.cd 
Xv€iv (16,19; 18,18), die hebräische Ordnung der Gebote des 
Dekalogs (s. unten zu 19, 18) u. dgl. mehr im Umkreis der ka- 
nonischen Ew und des NT's überhaupt nur dem Mt eigentümlich 
sind, und daß andrerseits die Selbstbezeichnung Jesu als 6 vibg 
10V av-d-QCüTTOV auch in dem aramäischen Hebräerev sich findet. 
Zweitens kann der Ausleger des einzelnen Ev seine exegetische 
Arbeit nicht bis zu dem erreichbaren Ziele durchführen, ohne auf 
die parallelen Darstellungen des gleichen Stoffs zu blicken. Be- 

1* 



4 Einleitung. 

sonders das Mtev stellt dem achtsamen Leser manches Rätsel, 
welches nur auf diesem Wege eine einleuchtende Lösung findet. 
Wie z. B. der Glaube der Träger des Paralytischen zu „sehen" 
gewesen sei (9, 2), wird besser, als durch jede Vermutung, durch 
Mr 2, 3 — 5; Lc 5, 18 — 20 erklärt. Drittens kann der Ausleger 
des einzelnen Ev auch darum nicht ohne jede Rücksicht auf die 
parallelen Darstellungen arbeiten, weil er der vergleichenden Evan- 
gelienkritik den Boden zu bereiten und einen bearbeiteten Stoff 
darzubieten hat. Die sorgfältige, dem Gedankengang des Schrift- 
stellers nachspürende Auslegung der^ einzelnen Evv hat vor allem 
jener rohen Art der komparativen Kritik vorzubeugen, welche 
unsere Evv als gedankenlose Kompilationen behandelt und ohne 
die gebührende Rücksicht auf den Zusammenhang, in welchem, und 
den Gesichtspunkt, unter welchem die einzelnen Evangelisten den 
ihnen gemeinsamen Stoff darstellen, Sätze mit Sätzen, Wörter mit 
Wörtern vergleicht, um daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen. 
Die alltägliche Erfahrung lehrt, zu welchen Ungerechtigkeiten eine 
Kritik führt, die den Redenden nicht ausreden läßt, und zu 
welchen Geschmacklosigkeiten eine Vergleichung zweier Schriftwerke 
auf grund herausgerissener Einzelheiten. Die komparative Evan- 
gelienkritik hat es nicht mit Erzählungsstücken und Aussprüchen 
zu tun, welche in mehreren Spruch- und Anekiotensammlungen 
nach Laune und Zufall so oder anders geordnet, vollständiger oder 
unvollständiger gesammelt, nach reinerer oder trüberer Tradition 
wiedergegeben vorliegen, wie etwa die Erzählungen und die histo- 
risch eingerahmten Sentenzen im talmudischen Schrifttum, sondern 
mit ganzen Schriften, die bei allen Mängeln der Darstellungskunst 
überall die planmäßig ordnende und gestaltende Hand des das Ganze 
überschauenden Schriftstellers erkennen lassen. Daß dies in hervor- 
ragendem Maße von dem Ev unter dem Namen des Mt gilt, wird 
die folgende Auslegung desselben zeigen. Ihm geschieht daher 
durch jede, nicht auf umfassender Untersuchung des ganzen Buchs 
beruhende Vergleichung seiner Bestandteile mit entsprechenden 
Teilen anderer Evv noch schwereres Unrecht, als den Evv des Mr 
und des Lc. Es will vor allem so gelesen sein, wie seine ersten 
Ijeser es lasen, welche von Quellen, aus denen Mt geschöpft haben 
könnte, durch ihn selbst nichts erfuhren und überhaupt nichts 
wußten. Es darf die Auslegung, wenn sie zu demjenigen Ver- 
ständnis des Buchs anleiten soll, welches sein Vf finden wollte, 
nicht durch stets sich wiederholende Vergleichung mit anderen, 
ebenso sehr der Erklärung bedürftigen und rücksichtlich ihres Ur- 
sprungs eine ebenso genaue Untersuchung erfordernden Darstellungen 
unterbrochen und durchkreuzt werden. Dies schließt jedoch nicht 
aus, daß die exegetische Untersuchung des Mtev teils zum Zweck 
der Kennzeichnung seiner Eigenart, teils im Interesse der Auf- 



§ 2. Die Überlieferung. 5 

kläruDg einzelner Dunkelheiten, teils zur Abwehr unrichtiger Voraus- 
setzungeri und voreiliger Folgerungen der vergleichenden Evangelien- 
kritik, hier und dort die anderen Evv heranzieht. Das soll in 
diesem Kommentar mit solcher Zurückhaltung geschehen, daß da- 
durch weder der Auslegung der anderen Evv, noch der umfassen- 
den Vergleichung derselben, welche eine Aufgabe der Einleitungs- 
wissenschaft ist, vorgegriffen wird. 

§2. Die Überlieferung. In der wahrscheinlich ältesten 
griechischen Hs der ganzen Bibel, dem berühmten Codex Vaticanus 
1209 (B), hat das Mtev in der Überschrift und der Unterschrift 
als Buchtitel die Worte xara Ma&d^aLOV, welche von S. 2 des ev 
Textes an auch am oberen Rand über den 6 Kolumnen des auf- 
geschlagenen Buchs als Titel geschrieben stehen. In der gleichen 
Weise sind die übrigen Evv lediglich durch y.aTa Mao/.ov, y.ctxa 
yloiAttv, vxaa Iwavi]v betitelt. Nicht mit gleicher Beharrlichkeit, 
aber doch deutlich bezeugen diese kürzeste und gewiß ursprüng- 
lichste Form des Titels manche andere älteste Urkunden der griech. 
wie der lat. Bibel, ^) während in den etwas jüngeren Uncialhss die 
Form dayyiliov y.aiu 21., in den Minuskeln meist mit einem ayiov 
davor oder auch xo yxatt M. ayiov ecayyehov herrschend geworden 
ist. "Wir finden diesen Titel von Irenäus (um 185) an bei Griechen 
und Lateinern in regelmäßigem Gebrauch. -) Er ging in seiner 
griech. Urform oder in sklavisch treuer Übersetzung {secundum 
Maühaeiim) in die ältesten lateinischen und auch in die ägj^tischen 

^) Der Sinaiticns (n) nnd der Cantabrigiensis (D) haben als Kolumnen- 
Überschrift, sofern sie überhaupt eine solche haben, y.aia M., ersterer das- 
selbe auch als förmlichen Buchtitel über dem Anfang vou Mr Lc Jo, aber 
in der Unterschrift mit tiayyt/.ioi> davor, D außerdem mit ereua^rj oder 

erilrooj&r] dahinter Uud folgendem ao/arai ev. y.aia Im., Aov/.av -/.tL, nur 

emmal uoytrcu y.ar uaoy.or. Ähuliche Inkonsequenz zeigen die Zeugen 
schon des ältesten lat. Textes z. B. cod. Palat. \€) ed. Tischeudorf p. 84 
secunchim Mattheum explicit. incipit secundum Johannem, uud so überall 
in der Kolumnenüberschrift, dagegen p. 282 evangelium cata Johannem 
exphcit. incipit cata Lucan. Cod. Veron. (b = ed. Buchanan in Old.-lat. 
bibl. texts VI p. 164) secundum Lucan explicit. incipit secundum Marcum, 
dagegen p. 106 evangelium sec. Johan. explicit in dö und p. 59 beim Über- 
gange von Mt zu Jo evang. nur vor dem ersten secundum: so auch Cod. 
Bobb. (k = dd lat. bibl. texts ed. Wordsworth et White it, 23) vor cata 
Marcum. Die kürzere und die längere Form wechseln auch im cod. Monac. 
(^ = Old lat. lil, 41 mit doppeltem evangelium, p. 112 mit einfachem, 
p. 72 ohne dies Wortl. In derselben Hs p 137 enthalten die Wt.rte der 
Unterschrift: Finit liber sei evangelii. dicta adque facta domini yiostri Jesu 
Christi, amen den Generaltitel des Evangelienkauons. Auch bei den 
Ägyptern findet sich y.uTa Mmdeov (sie) gelegentlich ohne svayyahov davor 
s. den Apparat zu Mt 1, 1 in The coptic Version of the ^"T in the northern 
dialect (Oxford 1898j I, p. 2. 

2) Iren. I, 26. 2; 27, 2; III, 11, 7-9; 14, 4; Clem. paed. I. 38; ström. 
I, 145. 147; C. Murat. 1. 2 und alle Späteren, nur nicht Tertullian. 



6 Einleitung. 

Bibelübersetzungen über. ^) Die Übersetzer fanden ihn also in den 
Hss ihres Originals vor. Daß die syrischen Übersetzer ihn sich 
nicht aneigneten, wird damit zusammenhängen, daß die Syrer nach 
der noch immer wahrscheinlichsten Annahme das Ev zuerst nicht 
in Gestalt der 4 Evv, sondern in einer aus den 4 Evv hergestellten 
Harmonie, dem Diatessaron ihres Landsmannes Tatian kennen 
lernten. Die übrigens allgemeine Verbreitung des xara M. in den 
griechischen, lateinischen und ägyptischen Evangelientexten, sowie 
bei den Kirchenlehrern der verschiedensten Länder gegen Ende 
des 2. Jahrhunderts beweist, daß djeser Titel den Evv seit der 
Zeit anhaftet, da sie, zu einer Sammlung vereinigt, in den Kirchen 
des Erdkreises sich verbreiteten. Dies beweist auch die Form des 
Titels. Daß er nicht von den Verfassern der 4 Bücher oder von 
einem derselben herrührt, ergibt sich schon aus der gleichförmigen 
AViederkehr in den Über- und Unterschriften aller 4 Evv, sowie 
aus der Beispiellosigkeit eines derartigen Titels im Kreise der 
selbständigen und von ihren Verfassern selbst betitelten historischen 
Schriften des Altertums. Nur unter dem Gesichtspunkt der Zu- 
sammengehörigkeit der 4 Bücher, d. h. bei oder bald nach ihrer 
Vei'einigung zur Sammlung kann der Titel aufgekommen sein. Auch 
ehe es üblich wurde, die 4 Evv wie überhaupt größere Gruppen 
biblischer Schriften und schließlich ganze Bibeln in einem einzigen 
Pergamentcodex zu vereinigen, was erst im 3. Jahrhundert eintrat, 
existirten, wie die Aussagen eines Irenäus, Clemens, Tertullianus, 
des muratoi'ischen Pragmentisten zeigen, Sammlungen heiliger 
Schriften, insbesondere die Sammlung der 4 Evv. An dem gleich- 
artigen gottesdienstlichen Gebrauch und an der Form ihrer Auf- 
bewahrung hatte die Vorstellung eines abgeschlossenen Evangelien- 
kanons ihre tatsächliche Grundlage. Eben diese Vorstellung aber 
bildet die Voraussetzung des Titels xazra M. Er ist wie so viele 
Titel aus allen Zeiten und Literaturen eine Abbreviatur. Diese 
kann aber nicht aus dem vollständigeren evayyi'kLOV xata M. 
entstanden sein ; denn erstens ist letzteres, wie gesagt, die jüngere, 
erst später aus dem kürzeren xara M. erwachsene Form des 
Titels. Zweitens wäre Evayyiliov x«ra M. ebensowenig als ein 
von den Ordnern der Evangeliensammlung wie als ein vom Vf 
des Mtev geschaffener Titel des einzelnen Ev zu begreifen und zu 
erklären. Allerdings bietet der altkirchliche Sprachgebrauch kein 
anderes zur Vervollständigung der Abbreviatur geeignetes Wort dar, 
als tvayyehov. Hierunter aber verstanden die Ordner der Evan- 
geliensammlung oder andere Leute, welche vor weiterer Verbreitung 
der Sammlung den vier Büchern, aus welchen sie bestand, die 
Sondertitel ytara Maxd^alov, v.a%a Mäq'MV xtA. gaben, nicht das 

*) Für das griech. cata Lucan u. dgl. bei den Lateinern (ef A 1) mehr 
Beispiele GK I, 164 A 5; Einl IP, 183 A 1. 3. 



§ 2. Die Überlieferung. 7 

einzelne Buch, sondern das eine, aus vier Büchern zusammen- 
gesetzte Ev, das evayyi^.iov TSTQccuoQcpov.'^) Aus der Gewohnheit, 
ohne Unterscheidung der einzelnen ev Schriften und ohne Nennung 
ihrer Vf sich auf „das Ev" oder auf „den Herrn im Ev" zu be- 
rufen, entwickelte sich sehr natürlich der Brauch, wo es darauf 
ankam, den Gewährsmann zu nennen, nach dessen Zeugnis das Ev 
dies oder jenes lehrt, oder der Herr ein "Wort geredet oder eine 
Tat getan hat, diesen Gewährsmann durch y.aTCc M. namhaft zu 
machen. Und gerade so wie die kurzen Sondertitel der paulinischen 
Briefe tiqoq '^Ptonaiovq, ftobg 'EcpeoLovg xrA. als Gesamttitel der 
Sammlung ein TlavXov imoioKai und die Citationsformel o ontö- 
molog TtQog "^ FiOf-ialoi-g {ygäcpEL, q)i]oiv) voraussetzen, haben die 
kurzen Sondertitel der Evv ein evayyekiov als Gesarattitel der 
Evangeliensammlung und die diesem entsprechenden Citationsformeln 
zur Voraussetzung, ^) Die von dem afrikanischen Manichäer Faustus 
(um 390) aufgebrachte und bis heute in wenig veränderter Gestalt 
fortlebende Deutung des y.arct M., wonach diese Titel den Gedanken 
ausdrücken sollen, daß die 4 Evv nicht von den genannten 4 Männern 
selbst, sondern von unbekannten Verfassern nach Überlieferungen, die 

*) Iren. III, 11, 8 6 rUJi' anävTuiv Te'/j'iTi]s Aöyos • • •, favs^codeis rolg 
oivd'oa>nois^ eScoy.ei' fjuiv lEToduoofov TÖ evayyiXiov cf GK I, 150 ff. 467 ff . 

481.^ 840 ff. — Der Singular rb evayykhov für den Inbegriff der in der 
Kirche anerkannten ev Urkunden bei Ignatius, Smyrn. 5, 1; Pbilad. 5, If., 
8, 2; in der Didache c. 8, 2; 11, 3; 15, 3. 4; Clem. II Cor. 8, 5; bei Justin, 

dial. 10. 100; resurr. 10 = t« anouvri^ovevuaia libv äitoaxölMv . . . ä nalelrai 
evayyiha apol, 1, 66 cf 67. Can. Mar. 1. 2 tertio (1. tertium) evayigelii librum 
secundo (secundum) Lncan Lucas iste medicus . . . conscripsit ; Orig. tom, V 
in Jo berl Ausg p. 104, 30 rb dlrjücHs Siä. rsaadotov ei' taxiv tvayyeXiov 
cf GK I, 412; Comput. pascbae, Cypr. opp. app. p. 266, 24; Ambros. in Luc. 
prooem. ed. Vindob. p 10, 16; August cons. evv. I. 7, 10; tract. 30, 1 in Jo. 
^) Die Syrer, welche niemals das y-azä M. sich angeeignet haben, 
drücken das Verhältnis der einzelnen 4 Bücher zur Sammlung besonders 
deutlich aas. Der Gesamttitel ihrer ältesten Übersetzung der Evv lautet 
^Ev der Getrennten" im Gegensatz zum „Ev der Gemischten", d. h. dem 
Diatessaron. Dazu tritt in der Unterschrift des siuaitischen Syrers ed. 
A. S. Lewis (1910) p 268 der Zusatz: „vier Bücher". Zwischen den ein- 
zelnen Evv hat Syr. Sin. p. 121. (cf 208) „zu Ende ist das Ev des Marcus. 
Das Ev des Lucas " Der Syr. Cureton., welcher nach seiner abweichenden 
Ordnung der Evv die gleiche Unter- und Überschrift zwischen Mr und Jo 
hat, gibt zu Anfang des gesamten Evangelieutextes den Titel: „Ev der 
Getrennten (.) Matthäus". Ein Loch im Pergament vor „Matthäus" hat 
ein Interpunktionszeichen, vielleicht auch ein den Genitiv ausdrückendes i 
verschlungen; denn als Kolumnentitel über dem Text des Mtev hat diese 
Hs ein ^nai („des Matthaeus") bald mit, bald ohne ein evayyehov davor 
cf Forsch I. 106 f. Auch die Peschittha uud noch die Version des Thomas 
von Heraklea bringen durch die Überschrift: „Heiliges Evangelium (unseres 
Herrn Jesus Christas'. Predigt des (Apostels) Matthaeus" zum Ausdruck, 
daß der Titel „Evangelium" nicht dem einzelnen der 4 Bücher, sondern 
ihrer Gesamtheit zukommt cf Tetraevangelium sanetum sec. simplicem Syr. 
yers. ed. Gwilliam p. 24. 196. 604 f.; Das hl. Ev des Johannes in harkl. 
Übers, ed. Bernstein p. 1. 66. 



8 Einleitung, 

man auf Mt, Mr, Lc, Jo zurückführte, oder im Sinn und Geist dieser 
Apostel und Apostelschüler geschrieben seien, ®) ist schon hiedurch 
widerlegt. Sie verträgt sich auch nicht mit dem Umstand, daß die 
ältesten, chronologisch bestimmbaren Zeugen für diesen Titel von 
Irenäus an einstimmig und unmittelbar neben wiederholter An- 
wendung dieser Titel als selbstverständliche und allgemein aner- 
kannte Tatsache aussprechen, daß Mt und Jo, Lc und Mr selbst 
die nach ihnen benannten Schriften verfaßt haben, während dieselben 
Schriftsteller andrerseits behaupten, daß Mr und Lc nicht als Augen- 
zeugen der ev Geschichte und überhaupt nicht aus eigener Kunde, 
sondern in Anlehnung an ältere Auktoritäten geschrieben haben, daß 
insbesondere Mr, wie eine schon im 1. Jahrhundert nachweisbare 
Überlieferung sagte, auf grund der Predigten und ev Erzählungen 
des Petrus, also „nach Petrus" sein Buch verfaßt habe. Dieses 
hätte also nicht y.axa MäQy.ov, sondern •/.ara IlixQOV genannt werden 
müssen, wenn des Faus-tus Deutung dieses ■/.ard richtig wäre. Ein 
nichtkanonisches Ev, welches in der Tat von Anfang an diesen 
Titel geführt zu haben scheint, ') das etwa um 150 in dem orien- 
talischen Zweig der valentinianischen Schule entstandene Petrusev, 
führt den Petrus nicht als derf im Hintergrund stehende u Gewährs- 
mann des Vf, sondern als den in erster Person redenden Erzähler, 
als wirklichen Vf des Buches ein. Ist sein Titel wirklich von Haus 
aus {Evayyiltov) •ao.to. Tlhgov gewesen, wogegen nichts zu sagen 
ist, so beweist diese offensichtliche Imitation der kanonischen Titel 
nicht nur, daß schon um 150 die Evv in der kirchlichen Sammlung* 
diese Sondertitel trugen, sondern auch, daß man sie damals ebenso 
wie um 180 und späterhin allgemein dahin verstand, daß die Apostel 
Mt und Jo und die Apostelschüler Mr und Lc je eines der 4 Evt 
geschrieben haben. Dies wird bestätigt durch den Märtyrer Justinus 
und den Ketzer Marcion. Selbst wenn die neuerdings wieder auf- 
gestellte Hypothese bewiesen wäre, daß Justinus eine aus den 4 ka- 
nonischen Evv hergestellte Harmonie in Gebrauch gehabt habe, ^) 
wie sie nach der Geschichte doch erst nach Justin's Tod sein 
jüngerer Freund Tatian für die syrische Kirche geschaffen hat, 
würde feststehen, daß Justinus ebenso wie Tatian, welcher dies schon 
durch den Titel seiner Harmonie bezeugt, ^) gewußt hat", daß jene 

6) August, c. Faust. XXXII, 2; XXXIIT, 3 cf. Einl II 177. 183. 

") Serapion von Antiochien hat nach Eus. h. e. VI, 12, 2 ttsqI rov 
Xeyoititvov xatä JJktQov siayysliov geschrieben. Serapion selbst 1. 1. VI, 
12, 4 nennt es tö . . Tc^ocfSQÖ/nevov dvd/j.ati UerQov svayyiXiov. Orig. tom. 
10, 17 in Mt: rov sTtiyeyQaufievov yaiä Ui'iQov eiayyeXiov. 

*) E. Lippert, Quae fuerint Justin! M. äTro/ttvrjfwrtvftara, quaque 
ratione cum torma evangeliorum Syro-Latina cohaeserint (Dissert. philol. 
Halen?es), 1901 p. 14 ff. 94 ff. 

®) Der Titel lautete aller Wahrscheinlichkeit nach: „Evangelium Jesu 
Christi des Sohnes Gottes, (welches ist) das Diatessaron". GK II, 538. 



§ 2. Die Überlieferung. 9 

angebliche Evangelienharmonie auf vier selbständigen Schriften be- 
ruhe, die man in der Kirche Evv nannte, und daß diese Evv teils 
von Aposteln, teils von Apostelschülern verfaßt seien. ^'') Marcion 
hat in seiner Kritik der kirchlichen Evv deren Abfassung im all- 
gemeinen den Uraposteln zugeschrieben, welche er für Pseudapostel 
erklärte, daneben aber doch auch zu verstehen gegeben, daß auch 
solche, die nicht auf den Aposteltitel Anspruch machen, daran be- 
teiligt gewesen seien. ^^) Weder Marcion noch irgend ein anderer 
der kirchlichen Überlieferung kritisch gegenüberstehender Lehrer des 
2. Jahrhunderts hat den Versuch gemacht, eines der 4 Evv auf 
einen anderen als den in dem alten Titel genannten Yf zurück- 
zuführen. Es findet sich überhaupt keinerlei Spur einer abweichen- 
den Überlieferung.-'-) Hiemach genügt es nicht, anzuerkennen, 
daß der um 100 oder 120 anzusetzende Redaktor (diaoy.EvaOTrg) 
der Evangeliensammlung, von dessen Arbeit alle nachweisbare Fort- 
pflanzung und Verbreitung der Evv sich abhängig zeigt, nach seinem 
persönlichen Urteil die 4 Bücher dem Mt. Jo, Mr und Lc zuge- 
schrieben habe. Da diese Bücher ohne Rücksicht auf eine aus 
ihnen zu bildende Sammlung geschrieben und ohne Frage schon 
vor ihrer Vereinigung zur Sammlung von den Leuten, für die sie 
geschrieben wurden, gelesen, abgeschrieben und verbreitet worden 
sind, so kann es auch in dieser vorkanonischen Zeit nicht an Über- 
lieferungen oder Meinungen über ihre Herkunft und ihre Vf gefehlt 
haben. Die widerspruchslose Anerkennung des Y.cna M. im ganzen 
Umkreis der Kirche findet daher ihre natürliche Erklärung nur 
darin, daß die darin ausgedrückte Kunde von den Verfassern der 
Evv die einzelnen Bücher vom Anfang ihrer Verbreitung an be- 
gleitet hat. 

Die Überlieferung, daß der Apostel Mt das erste unserer vier 
Evv verfaßt habe, bezieht sich auf das griechische Buch dieses 
Titels; und doch besteht daneben die ebenso alte Überlieferung, 
daß Mt sein Ev ,.in hebräischer Sprache" geschrieben habe. Der 
älteste Zeuge hiefür ist der Bischof Papias von Hierapolis in 
Phrygien, ein ungefährer Altersgenosse und Freund Polykarps von 

^°) Dial. 103 Iv yuo roTs dTTouvruofEvuaair, ä frut vTib tcöv dTtoazö- 
Xa>v airoii (sC. tov Xoiotov) y.ni tcöv ey.sh'Ois 7iaoay.o'/.ovdr^adm(ov ai-preräy^- 
dai, ysy-onmai y.i'f.. cf GK f, 478 f. 497 f. 

11) Tert. c. Marc. IV, 3; V, 3 ; Iren. L 27. 2; III, 12, 12 cf GK I, 591 f. 
654—666. Bei den aus dem Sinn Marcions geschriebenen Worten Tert. c. 
Marc. V, 19 pseudapostoH nostri et Judaici evavgelizatorea ist zu bedenken, 
daß evangelizator bei TertuUian überall = £ia;.7'«/<(TT?;c ist: praescr. i adulteri 
evangelizatores: Prax. 21.23 Joannes evangelizator; c. Marc. V, 7. 

^'^) Die Aloger, welche um 170 das 4. Ev dem Ketzer Kerinth zu- 
schrieben, beriefen sich nicht auf Überlieferung, sondern behaupteten auf 
grund innerer Kritik, daß Kerinth, der Zeitgenos-^e des Apostels Jo, aUe 
ohanneischen Schriften diesem Apostel untergeschoben habe. 



10 Einleitung. 

Smyrna, welcher nach dem Regierungsantritt Hadrians (11. August 
117) ein aus 5 Büchei"n bestehendes Werk unter dem Titel Xoylcov 
KVQiay.cbv £^y]yr]Oig oder i'^rjrjOSis verfaßt hat. Aus diesem hat 
Eusebius unter anderem eine kurze Äußerung über die schrift- 
stellerische Tätigkeit des Mr und eine noch kürzere über diejenige 
des Mt excerpirt.^^) Während die Mitteilung des Papias über 
Mr an ein Urteil seines Lehrers, „des Presbyters" (Johannes) an- 
knüpft und eigentlich nur dieses erläutert, gibt Eusebius die Be- 
merkung über Mt als eine eigene geschichtliche Aussage des Papias. 
Es ist hier nicht der Ort, wieder einmal die geschichtliche Stellung 
des Papias und insbesondere sein Verhältnis zu den letzten Gliedern 
des Apostelkreises zu untersuchen und nochmals seine Aussage über 
Mt unter Berücksichtigung der nicht endenwolleuden Mißdeutungen 
allseitig zu erörtern. ^^) Einige schon manchmal ausgesprochene 
Bemerkungen müssen jedoch wiederholt und etwa auch ergänzt 
werden. Daß Mt Vf eines für ihn und seine Leser in Betracht 
kommenden Buchs sei, setzt Papias als bekannt voraus. Unter 
dieser Voraussetzung sagt er von Mt mit gegensätzlichem Nachdruck 
(M. fihv ovv), also im Gegensatz zu anderen Männern, die Ahnliches 
zum Gegenstand ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gemacht haben, ^^) 
daß er in hebräischer Sprache die Aussprüche aufgezeichnet 

l^) Eus. h. 8.111,39, 15 f. schreibt hinter dem Excerpt überMr: ravra 

luv ovii lazö^Tjrat tcü IlaTiia Tie^l MaQy.ov. Ue^'i de rov Mardaiov ravr 
siQTjTai,' j^Mard'nlog fisv ovv eßQaiSc diaXextoj t« Köyia awerd^azo (ßl. _ovp£- 
y^äifaro), fjp/utjvevasv ö^ avrä äs r]v Svvarös ey.aoxo~". Der alte syr. Über- 
setzer des Eusebius setzte für t« loyia „ein (oder das") Evangelium"; ßufin 
wollte dasselbe ergänzt haben, indem er scripsit objektlos ließ. 

") In ersterer Beziehung cf Forsch VI, 109—157, in letzterer GK I, 
870—905; Eiiil II, 260—265. 271 f. Die Hoffnung auf Verständigung über 
die strittigen Punkte wird durch Leistungen wie die von Th. Mommsen, 
Ztschr. f. ntl. Wiss. 1902 S. 156 ff. nicht gestärkt, welcher urteilt, daß Eu- 
sebius „in seiner gründlichen Weise" den Irenäus widerlegt habe, und welcher 
kaltblütig die Worte (ol) rov y.voiov fiad-tizai Eus. h. e. lil, 39, 4, welche 
Hieronymus um 392 (cf auch Rufin ceterique discipuü) ebenso wie wir in 
allen griech. Hss gelesen hat, lediglich auf das Zeugnis der syr. Version 
hin als eine nacheusebiauische Interpolation streicht, ohne irgend ein Motiv 
derselben angeben zu können. 

i5j -^Yjj. bissen zwar nicht, ob Papias seine Bemerkung über Mt in 
demselben Zusammenhang wie die über 31r gemacht hat. Da aber das Ev 
des Mr in der Umgebung des Papias bekannt war, und da das /ksp oi>v den 
Namen des Mt im Gegensatz zu andern Schriftstellern verwandter Art 
hervorzuheben scheint, so wird doch unter anderen auch an Mr. zu denken 
sein, der nicht wie Mt hebräisch, sondern griechisch geschrieben hat. Die 
LA ovi'erä^aro legt CS nahe, auch hierin einen beiläufig zum Ausdruck 
kommenden Gegensatz zu dem ov fievzot rd^ec und ov/^ üancQ ovvza^n- 
zü)v nvfjiay.cöi' Tioiov/iievos Xflyiiov (al. löycov) in bezug auf Mr zu finden. 
Aber auch ovreypdi/'aro mit solchem Objekt kann, wie man aus Arrians 
Vorrede zu Epiktets Diatriben sieht, im Gegensatz zum bloßen yodtfeiv, der 
Aufzeichnung zum Zweck der Aufbewahrung für die Erinnerung, eine 
förmliche schriftstellerische Arbeit, eine Verarbeitung des Stoffs ausdrücken. 



§ 2. Die Überlieferung. 11 

•oder zusammengestellt habe. Das Eigentümliche des Mt besteht 
hiemach nicht darin, daß er die Aussprüche oder gar, daß er nur 
Aussprüche niedergeschrieben, eine Spruchsammlung verfaßt 
habe, sondern in der Sprache, in welcher er geschrieben hat. Dies 
folgt erstens aus der betonteo Voran Stellung von t^ kjioa'idi dtaXe/.TO) ; 
zweitens aus dem nur hiezu einen Gegensatz bildenden f]Qur^vtvOE 
6^ avrd des zweiten Satzes ; drittens aus der hinlänglich gesicherten 
Tatsache, daß alle anderen Yf von irgend vergleichbaren Schriften, 
welche den Christen der Provinz Asien um 125 bekannt sein 
mochten, griechisch geschrieben haben. Daß nicht auf das Objekt 
Tcc köyia ein Nachdruck gelegt ist, ergibt sich auch aus der nach- 
lässigen, gar sehr der Ergänzung bedürftigen Kürze dieses Aus- 
drucks. Gemeint sind, wie jedermann anerkennt, die Reden Jesu, 
welche dem gewöhnlichen klassischen Gebrauch des Wortes ent- 
sprechend durch (la) Aöyia als Aussprüche der Gottheit bezeichnet 
wurden; dieselben, deren Auslegung laut Titel Zweck und Inhalt 
des papianischen AYerkes war. Da den alten Christen keineswegs 
nur die Worte Jesu als löyicc galten, '^^) so bedurfte der Ausdruck, 
um deutlich die Worte Jesu zu bezeichnen, einer Xäherbestimmung, 
wie z. B. des Attributs /.voiay.d, welches ihm Papias im Titel 
seines Werks beifügte. Weil es dem Papias um die Worte Jesu 
zu tun war, nennt er auch hier, und zwar in einem nachlässig ab- 
gekürzten, eben dadurch aber auch jede Absicht einer gegensätz- 
lichen Hervorhebung ausschließenden Ausdruck als Objekt der 
Arbeit des Mt lediglich rd ).6yia. Wie wenig damit Erzählung 
von Handlungen Jesu durch Mt ausgeschlossen sein soll, beweist 
seine Aussage über Mr, worin er als Objekt von dessen nicht sonder- 
lich geordneter Darstellung rd y.vQta/.d i.öyia oder nach anderer 
LA OL KVQia/.OL )^6yoL nennt, während sein Lehrer, der Presbyter 
Johannes, eben dasselbe als rd vito tov Xqlotov i) leyd^evra fj 
rroayd^ivxa bezeichnet hatte. Die nachlässige Unvollständigkeit, 
mit welcher Papias das Objekt der schriftstellerischen Arbeit sowohl 
des Mr als des Mt bezeichnet, erklärt sich nur unter der Voraus- 
setzung, daß seinen Lesern beide Bücher nicht nur nach dem Namen 
ihres Vf, sondern auch dem Inhalte nach bekannt waren. Dies ist 
aber nur möglich, wenn zur Zeit dieser Aussage des Papias, um 125, 
das Buch des Mt in griechischer Gestalt existirte ; denn damals 
können „Hebräer", d. h. Juden, welche ihrer Muttersprache mächtig 
genug waren, um ein hebräisches Buch zu lesen oder dessen Ver- 
lesung zu verstehen, in den christlichen Gemeinden Phrygiens und 
überhaupt Kleinasiens nur seltene Ausnahmen gewesen sein. Auf 
dieselben Zustände und Tatsachen führt uns auch der zweite Satz 
■des Papias, welcher nur von ihnen aus zu verstehen ist. Gegen 

i«) Em 3, 2 : Hb 5, 12: 1 Pt 4, 11 ; Clem. I Cor. 53, 1 cf GK II 857 ff, 850f. 



12 Einleitung. 

die seit Schleiermachers berühmtem Aufsatz über die Zeugnisse des 
Papias ^*) vorherrschend gewordene Deutung desselben, wonach die 
hebräisch abgefaßte Schrift des Mt bis zu der Zeit, da Papias 
dies schrieb, von vielen oder doch von mehreren ins Griechische 
übersetzt oder vielmehr frei bearbeitet worden sei, entscheiden 
folgende Gründe : 1) Im Gegensatz zu iSoatÖL öiccXi/.TCp kann 
figfir^veiae nur Übersetzung in die Sprache des Papias und seines 
Leserkreises, nicht Umarbeitung zu einem ganz andersartigen Werk 
bedeuten. Es ist aber nicht ersichtlich, was die Mitteilung, daß 
zahlreiche oder zahllose griechische Übersetzungen des hebr. Buchs 
des Mt entstanden seien, bedeuten sollte, wenn nicht gleichzeitig 
entweder gesagt wurde, daß sie alle trotz ihrer von Papias ange- 
deuteten Mängel gleich brauchbar seien, oder eine vor den anderen 
empfohlen wurde. 2) Es wäre kaum zu erklären, wie eine noch 
um 125 vorhandene Vielheit von Übersetzungen oder auch freien 
Bearbeitungen des hebr. Mt bis auf eine einzige aus dem Besitz 
und Gedächtnis der Kirche desselben Jahrhunderts spurlos ver- 
schwunden sein sollte, oder wie die eine, welche den Xamen des 
Mt erbte, erst nach der Zeit des Papias die übrigen völlig ver- 
drängt haben sollte, ohne daß auch nur bei denen, welche das 
"Werk des Papias gelesen haben, wie Irenäus und Hippolytus die 
Spur einer Erinnerung an diesen wahrlich weder einfachen noch 
bedeutungslosen Vorgang zu finden wäre. 3) Als Gegenstand des 
igurveieiv nennt Papias nicht die oiyygacfTi des Mt, sondern die 
/.oyia, welche das Objekt des Ginüooeoif^ccL des Mt waren, nach dem 
Zusammenhang des Satzes allerdings diese, sofern sie in dem hebr. 
Buch des Mt aufgezeichnet waren. Das ist aber keineswegs das- 
selbe, wie das Buch, Man kann sich dies nur dadurch verhüllen, daß 
man die "Worte des ersten Satzes t« '/.öyia oiysTCciccTO dahin miß- 
deutet, Mt habe ein Buch unter dem Titel (za) iöyia verfaßt, was 
nicht nur nach dem, was bereits gesagt wurde, exegetisch, sondern 
auch geschichtlich unmöglich ist: denn ein hebr. Buch konnte nicht 
den griech., überdies durch seine Kürze auch für Griechen unver- 
ständlichen Titel '/.oyia führen, und die gelehrtesten Kenner der 
älteren Literatur unter den Vätern: Irenäus, Origenes, Eusebius 
wissen trotz Papias nichts von einem apostolischen "Werk unter dem. 
Titel ).öyia, dessen Bedeutung für die Entstehungsgeschichte der 
Ew ihnen doch nicht hätte verborgen bleiben können. 4) Papias 
sagt nicht, daß Manche 'oder Viele die im hebr. Buch des Mt 
enthaltenen ).6yia ins Griechische übersetzt haben, sondern daß das 
ein jeder tat, sogut er dazu im Stande war. Dieses e/.aoiog 
schlieft jeden Gedanken an eine beliebige Vielheit schriftlicher Über- 
setzunsren, sowohl des ganzen Buchs als einzelner Kapitel desselben 

"> Theol. Stud. u. Kritiken 1832 S. 735—768. 



§ 2. Die Überlieferung:. 13 

aus. Es bedarf natürlich der einschränkenden Xäherbestimmung 
und. findet sie in der Xatur der Sache und in den Yerhädtnissen, 
welche den Lesern des Papias im allgemeinen bekannt waren. Über- 
setzung der in einem hebr. Buch enthaltenen Reden Jesu ins 
Griechische konnte nur der versuchen, welcher beider Sprachen 
einigermaßen mächtig war. Da es aber keinem Griechen jener Zeit 
einfiel, das Hebräische zu erlernen, und dagegen die Hebräer, zumal 
die in dem Gesichtskreis des Papias, in der Diaspora lebenden 
Hebräer die dringendste Veranlassung und die Gewohnheit hatten. 
griechisch zu lernen, so können die Dolmetscher, welche Papias im 
Auge hat, nur hebräische Christen sein, welche unter Griechen lebten 
und die Absicht hatten, den Inhalt der hebr. Schrift ihren griech. 
Glaubensgenossen zugänglich zu machen : denn für sie selbst und 
ihresgleichen bedurfte das in ihrer eigenen Muttersprache geschriebene 
Buch des Mt keiner Dolmetschung. \Vir werden durch die wenigen 
"Worte sehr anschaulich in Zustände versetzt, wie sie nach reich- 
licher Überlieferung während der Jahre 70 — 100 in der Provinz 
Asien bestanden haben. Xicht wenige berühmte und unberühmte 
hebr. Christen aus Palästina haben sich während jener .Jahrzehnte 
dort dauernd niedergelassen oder vorübergehend aufgehalten. Sie 
hatten und lasen das hebr. Buch des Mt. Es konnte nicht aus- 
bleiben, daß die griech. Gemeinden, in deren Elreis sie lebten und 
von denen sie schon vermöge ihrer Herkunft aus Palästina als 
Träger der ev Tradition und Lehrer der heidnischen Christen an- 
gesehen wurden, vielfach den "Wunsch äußerten, mit dem Inhalt 
eines von einem Apostel geschriebenen, ihnen aber durch seine 
Sprache verschlossenen Buchs voller '/.oyici •/.loiu/.d bekannt ge- 
macht zu werden. In jedem einzelnen Fall, in welchem dieser 
"Wunsch laut wurde oder auf andere "Weise das Bedürfnis sich 
zeigte, mußte der hebr. Christ versuchen, die Reden Jesu aus der 
hebr. Schrift in die Sprache der griech. Gemeinden zu übersetzen. 
vas keine leichte Aufgabe war und nicht allen gleich gut gelang. 
Papias beschreibt also eine in vielen Fällen vorgekommene — daher das 
distributive l'xaffroc — mündliche Dolmetschung, deren 
Gegenstand niemals das ganze Buch des Mt, sondern die darin ent- 
haltenen Reden Jesu, heute diese, morgen jene, waren. Es war 
dies eine Erscheinung des Gottesdienstes, wie sie vorher und naclT 
her in jüdischen und christlichen Gemeinden Jahrhunderte lang 
stattgefunden hat (Einl II. 263: GK I. 39—60). Durch den Hin- 
weis darauf, daß dieses mündliche Dolmetschen nicht jedem, der 
es versuchte, in befriedigender "Weise gelang, charakterisirt Papias 
diesen Zustand als einen Übelstand, und durch die aoristische Form 
der Aussage bezeugt er. daß dieses Dolmetschen der Vergangenheit 
angehörte, als er schrieb. An sich wäre ja denkbar, daß es wegen 
Majigels an Dolmetschern eingestellt wurde. Aber erstens wäre damit 



14 Einleitung. 

die hebr. Schrift des Mt für die griech. Christenheit verloren ge- 
gangen, und es wäre kaum verständlich, daß Papias über eine Schrift, 
welche aus dem Gebrauch und Gesichtskreis seiner Leser bereits 
völlig beseitigt war, überhaupt etwas sagen und, wie gezeigt, von 
dieser Schrift als einem seinen Lesern nach Autor und wesentlichem 
Inhalt bekannten Buch reden konnte. Zweitens aber würde durch 
diese Annahme die Tatsache unverständlich, daß die katholische 
Kirche schon vor der Mitte des 2. Jahrhunderts in ihrer Evan- 
geliensammlung ein griech. Ev besaß, welches durch xaxa Mat&alov 
auf grund unwidersprochener Tradition als ein Werk desselben 
Apostels Mt bezeichnet war (oben S. 5 ff.), dessen hebr. Schrift um 
70 — 100, in den jüngeren Jahren des Papias nach dessen hierin 
unanfechtbarem Zeugnis in griech. Gemeinden mündlich gedolmetscht 
worden war. Das Aufhören der mündlichen Dolmeischung vor 
c. 125 rnad die allgemeine Annahme des griech. Mtev spätestens um 
dieselbe Zeit können nicht ohne Zusammenhang mit einander sein. 
Papias konnte nur darum von der mangelhaften mündlichen Dol- 
metschung des hebr. Mt als einem Zustand der Vergangenheit reden^ 
weil inzwischen ein griech. Mt entstanden und in den kleinasiatischen 
Gemeinden verbreitet war, welcher als ein voUgiltiger Ersatz des 
hebr. Mt und dessen bis dahin nur mündlicher Dolmetschung galt. 
Schrieb Papias um 125, oder noch etwas später, so kann dieser 
griech. Mt kein anderer gewesen sein als derjenige des Evangelien- 
kanons. Abgesehen von dem, was sich durch Rückschlüsse aus dem 
Stand der Dinge um die Mitte des 2. Jahrhunderts (Marcion, Justin, 
Valentins Schule) für die Konsolidirung des Evangelienkanons vor 
dieser Epoche ergibt, haben wir für die Zeit von 100 — 140 an den 
Briefen des Ignatius, der Didache und dem sogen. Barnabasbrief 
ausreichende Zeugnisse dafür, daß unser griech. Mt damals in den 
Gemeinden der verschiedensten Provinzen verbreitet und als Lese- 
buch im Gottesdienst gebraucht wurde. ^*) Dem entspricht auch 
die Ausdrucksweise des Papias. Er würde um 125 seinen Lesern 
nicht erst ausdrücklich mitzuteilen gehabt haben, daß Mt sein Buch 
in hebr. Sprache geschrieben habe, und daß daher def Inhalt dieses 
Buchs von jedem, der es für griech. Christen und Gemeinden nutz- 
bar machen wollte, immer wieder mehr oder weniger geschickt 

18) lyn. Smyrn. 1, 1 (Mt 3, 15); ad Pol. 2, 2 (Mt 10, 16); Eph 19 (Mt 2, 
1—12); Polyc. ad Phil. 2, 3: 6, 2; 7, 3; Barn. 4, 14 {cos yer^'^mat = Mt 22, 14); 
5, 9 ; Didache 8. 15 etc. Näheres GK I, 840-848 ; 922—932 ; Eml II, 27H A 5, 
dort auch über die merkwürdige Angabe am Schluß der syrisch erhaltenen 
Schrift vom Stern der Magier unter dem Namen des Eubebius (Journal of 
sacred liter. 1866 April hinter p. 116; Ociober p. 164), daß zur Zeit Hadrians 
und des römischen Bischofs Xystus, unter dem Konsulat des Severus und 
Fulgus (1. Fulvus) d. h. im J. 120 in Rom und anderwärts von Gelehrten 
über die Geschichte von den Magiern (Mt 2, 1 — 12) verhandelt und die Zeit 
der Erscheinung ihres Sterns festgestellt worden sei. 



§ 2, Die Überlieferung. 15 

gedolmetscht werden mußte, wenn dies bis vor kurzem der Fall 
gewesen, also den Lesern ebensogut wie dem Papias aus eigener 
Erfahrung bekannt war. Nur wenn in den Gemeinden seiner Um- 
gebung seit geraumer Zeit ein griechischer Mt bekannt war und 
gebraucht wurde, hatte es für einen Ausleger der Xöyta •/.VQio.'/.d 
guten Sinn, so, wie es Papias tut, über die Vorgeschichte des be- 
kannten Buchs sich zu äußern. Es war eine Erinnerung aus seinen 
jungen Jahren, durch deren Blitteilung der alte Mann manche seiner 
jüngeren Zeitgenossen und die Nachwelt glaubte belehren zu sollen. 
Wir werden diesem Zeugnis des Papias und den Spuren der Ver- 
breitung des griech. Mt in Ägypten, Antiochien, Smyrna und ander- 
wärts in den ersten Jahrzehnten des 2. Jahrhunderts nur durch 
die Annahme gerecht, daß der griech. Mt vor dem letzten Ende 
des 1. Jahrhunderts, etwa um a. 90 oder noch früher entstanden 
sei. ^^) Diesem Ereignis geht aber die Existenz des hebr. Mt und 
die Zeit der mündlichen Dolmetschung desselben, von welcher 
Papias berichtet, voran. 

Über die Abfassungszeit der Originalschrift des Mt scheint 
Papias nichts gesagt zu haben, da Eusebius nach seiner sonstigen 
Gewohnheit nicht unterlassen haben würde* eine hierauf bezügliche 
Angabe zu excerpiren. Es wird also eine von Papias unabhängige 
Kunde sein, welche Origenes als eine ihm zugekommene Tradition 
mitteilt, und welche schon Irenäus und der murat. Fragmentist in 
ihrer chronologisch gemeinten Aufzählung der 4 Evv wiedergeben, 
daß die Zeitfolge ihrer Abfassung der Ordnung der Evv in unserem 
NT entspreche, daß also das Mtev von allen zuerst geschrieben sei.-*^) 
Dieser auch später oft wiederholten Ansicht, welche hauptsächlich 
dazu beigetragen hat, der etwa seit dem J. 300 nachweisbaren 
Ordnung der Evv (IVIt, Mr, Lc, Jo) zur Herrschaft zu verhelfen, 
widerspricht allerdings Clemens AI., indeni er unter Berufung auf 
seine Lehrer behauptet, daß diejenigen Evv, welche eine Genealogie 
enthalten, vor den anderen geschrieben seien. Dies berührt jedoch 
nur die Frage nach der Zeitfolge von Mr und Lc. Von den 
beiden Evv, welche eine Genealogie haben, Mt und Lc kann auch 
nach dieser Ansicht und wird wegen der Einstimmigkeit aller 
sonstigen Tradition Mt als der ältere und somit als der älteste 
von allen gegolten haben. Nicht unmittelbar von der Abfassungs- 

*®) Der Name des Übersetzers hat sich ebensowenig wie derjenige 
der ersten syr. lat. und kopt. Bibelübersetzer erhalten. Hieron. v. ill. 3 be- 
kennt seine Unwissenbeit nur nicht offen genug Die Späteren fabelten von 
Johannes, Jakobus. Bartholomäus als Übersetzern s. Einl II, 27o A 6. 

20) Orig. bei Eus. h. e. VI, 25. 3; Iren. III, 1, 1 (griech. bei Eus. V, 8, 2) 
C. Mural 1 1—16; Eusebius selbst h. e. III, 24, 6 f.; Epiph. haer. 51, 4—19 
Ephr. Syr, Cbrys.. Theodorus Mops. (comm. in Jo, syr. ed. Chabot p. 4 f. 
Fragm. ed. Fritzsche p 19): Hieron., August. Cf Einl II, 18üff. 184-186', 
ebendort A 9 über Clemens bei Eus. h. e. VI, 14, 5. 



I 



16 Einleitung. 

zeit des Mtev, sondern von den Umständen, unter welchen es ent- 
stand, gibt Eusebius eine bestimmte Vorstellung (h. e. III, 24, 6): 
„Mt hat, nachdem er vorher den Hebräern gepredigt, als er im 
Begriff stand, zu anderen (Völkern) zu gehen, in der Muttersprache 
eein Ev geschrieben und dadurch denen, von welchen er fortreiste, 
einen Ersatz für den Mangel seiner persönlichen Gegenwart ver- 
schafft." Zu dieser Vorstellung cf 2 Pt 1, 15. Eine bestimmtere 
chronologische Angabe bietet uns, abgesehen von den willkürlichen 
Fabeleien mittelalterlicher Scholiasten, nur Irenäus. Nachdem er 
von der mündlichen Predigt de^ Apostel geredet, fährt er fort 
(III, 1, 1): „Mt hat unter den Hebräern in deren eigener Sprache 
auch eine Schrift des Ev herausgegeben, während Petrus und Paulus 
in ßom Ev predigten und die Kirche gründeten" ; Mr erst nach 
dem Tode dieser beiden Apostel; noch später Lc ; zuletzt Jo 
während seines Aufenthalts in Ephesus. Ist einer späten Nach- 
richt zu trauen, wonach Irenäus die Zeit der Wirksamkeit des Pt 
und des PI auf im ganzen 5 Jahre berechnet haben soll, ^^) so 
würden wir in die Zeit etwa von 60(61) — 65(66) gewiesen. Dies 
stimmt zu der angeführten Behauptung des Eusebius, sofern dieser 
anderwärts die Vorstellung ausspricht, daß nach dem Tode Jakobus 
des Gerechten und kurz vor Ausbruch des jüdischen Kriegs, also 
um 66 die älteren Apostel insgesamt Jerusalem und Palästina ver- 
lassen haben.--) Hat Mt kurz vor 66 in Palästina sein hebr. Buch 
geschrieben, so tritt das Zeugnis des Papias in geschichtliches Licht 
und gewinnt an Glaubwürdigkeit. Die Emigranten aus Palästina, 
welche nach guter Überlieferung kurz vor 70 nach Ephesua, 
Hierapolis und anderen Städten der Provinz Asien kamen, brachten 
den hebr. Mt mit. Den dortigen Gemeinden wurde dessen Inhalt 
eine Zeit lang durch das Mittel mündlicher Dolmetschung bekannt. 
Um 90 oder wenig früher entstand eben dort auf Grund solcher 
Dolmetschung der griech. Mt. 

Die Kunde von der Abfassung des Mtev in hebr. Sprache, 
welche in der Folgezeit unendlich oft aufgefrischt worden ist, läßt 
sich nicht auf Papias als den einzigen selbständigen Zeugen zurück- 
führen. Irenäus mag sie lediglich dem Papias verdanken, ^^) die 
griech., lat. und syr. Schriftsteller nach 330 der Kirchengeschichte 
des Eusebius, welche bereits Ephraim (f 373) in syrischer Uber- 
Betzung gelesen hat. Dagegen ist bisher keine Spur davon entdeckt 
worden, daß das "Werk des Papias den Gelehrten Alexandriens, die 
doch nicht selten ältere christliche Literatur anführen, bekannt war. 
Und doch spricht Origenes von der hebr. Abfassung des Mtev und 

^') Acta SS. Juni V, 42.^ cf Einl. I 455. 

") Eus. h. e. III, 5, 2 f. cf Theod. Mops. comm. ad Ephes. (Swete I, 115). 
^*) Iren. III, 1, 1; Fragm. 29 Stieren p. 842; für seine Kenntnis der 
5 Bücher des Papias V, 33, 4. 



§ 2. Die Überlieferung. 17 

seiner Bestimmung für die Hebräer ebenso zuversichtlich wie 
Irenäus. -*) Bei jüdischen Christen, welche der alexandrinische 
Lehrer Pantänus um oder vor 180 bei den Indern d. h. wahr- 
scheinlich in Südarabien kennen lernte, fand er ein hebr. Ev vor; 
welches diese als eine Schrift des Mt ansahen, die ihnen der Apostel 
Bartholomäus zugleich mit der christlichen Predigt gebracht habe. 
Der Berichterstatter, dem Eusebius dies nacheczählt , also auch 
Pantänus, wenn die originelle Nachricht richtig ist, hat dem nicht 
widersprochen. Pantänus hat also nach Alexandrien die Überzeugung 
heimgebracht, daß die hebr. Urschrift des kirchlichen Mtev's in 
jenem abgelegenen Winkel sich bis dahin erhalten habe. ^■') Selbst 
wenn dieser Nachricht nur die Tatsache zu gründe läge, daß das 
Bv jener Judenchristen in Südarabien das Hebräerev war, was man 
nicht beweisen kann, wäre hiedurch eine jedenffills von Papias 
unabhängige Tradition nachgewiesen, daß der Apostel Mt ein hebr. 
Ev geschrieben habe. Bei den Judenchristen Palästinas und Syriens 
hat ein ausdrückliches Zeugnis für diese Tradition bisher nicht 
nachgewiesen werden können. Und wenn dies der Fall wäre, 
wenn wir wüßten, daß die Nazaräer in AJeppo und Kokaba ihr 
Hebräerev {= HE) für das "Werk des Mt hielten , würde sich 
daraus nicht die ganz sicher auftretende Überzeugung des Papia« 
erklären. Denn abgesehen davon, daß das HE schwerlich schon 
«xistirte, als Papias schrieb, und daß der phrygische Bischof von 
einem aramäischen Ev, welches unseres "Wissens nur bei den Naza- 
räern in kirchlichem Gebrauch war, schwerlich Kenntnis hatte, so 
spricht ja Papias, wie gezeigt, von einem ihm aus eigener Er- 
fahrung bekannten kirchlichen Zustand und Brauch seiner Heimat, 
welcher voraussetzt, daß eine hebr., dem Apostel Mt zugeschriebene 
ev Schrift dorthin gekommen war, welche erst nach längerer Zeit 
durch eine griech. Übersetzung verdrängt wurde. Das sind Tat- 
sachen, welche auch der beschränkteste Schriftsteller weder sich 
einbilden noch seinen Zeitgenossen und Landsleuten aufbinden kann. 
Einzelne Elemente des bis dahin erörterten Tatbestandes bedürfen 
jedoch noch einiger kurzen Erläuterungen. 

1) Unter eßgatg ÖLäley.TOS könnte an sich das klassische 

2*) Orig. in Mt tom. I bei Eas. h. e. VI, 25, 3; tom. VI, 32 in Jo. 
Eusebias bei Mai, nova patr. bibl. IV, 1, 270 nennt den Mt als Evange- 
listen und somit in bezug auf sein Ev einen Ivoo= ä%n}o . . . r^y fojvijv 
Eß^atos. Cf übrigens Einl II, 27-4 f. 

26) Eus. V. 10, 3 cf Forsch III, 168—170; GK II, 666 ff. 680. Pantänus 
war nicht Schrifrsteller oder Eusebius hat doch keine Schrift desselben 
gelesen (Forsch III, 164). Wir können nur vermuten, daß Eusebius seine 
detailiirten Angaben dem Clemens, etwa den verlorenen Hypotyposen zu deu 
Evv, oder dem Origenes. etwa den verloreneu ersten Büchern des Kommen- 
tars zu Mt. oder dem Africanus, welcher der Schule zu Alexandrien eineu 
Besuch gemacht hat (Eus. h. e. VI, 31, 2), verdankt. 

Zahn, Ev. des Matth. i. Aufl. 2 



18 Einleitung. 

Hebräisch des AT's und die damit wesentlich identische moderne 
Gelehrten Sprache der Eabbinen verstanden werden, aber ebensogut 
die aramäische Landessprache Palästinas, wie sie von den dort 
lebenden Juden im gemeinen Leben gesprochen und gelegentlich 
auch geschrieben wurde. Steht aber fest, daß die Sprache, in 
welcher Jesus dem Volk gepredigt, mit seinen Jüngern verkehrt 
und zum Vater gebetet hat, in welcher auch der „Hebräer" Paulus 
zu beten pflegte (Gl 4, 6 ; ßm 8, 15 cf 1 Kr 16, 22), die aramäische 
war, sowie daß das Ev der Nazaräer, welches to xa^' ^Eßgaiovg 
svayysXiov genannt wurde, in derselben Sprache geschrieben war, 
so ergibt sich mit Notwendigkeit, daß auch Mt in keiner anderen 
als dieser Sprache sein Ev verfaßt haben kann. -®) 

2) Da das aram. Original des griech. Mt, wenn es jemals ein 
solches gegeben hat, für uns verloren ist, können wir auch durch 
genaueste Untersuchung des griech. Textes nur annähernd bestimmen, 
wie treu oder frei der Übersetzer verfahren ist. Ist die schrift- 
liche Übersetzung auf dem Grunde langjähriger mündlicher Dol- 
metschung entstanden, wie die aramäischen Targume und wahr- 
scheinlich auch die Septuaginta, so zeigen eben diese, unter sich 
sehr verschiedenen Beispiele, daß dabei die Möglichkeiten sklavisch 
genauer und frei umschreibender Übertragung gleich sehr vor- 
handen war. Der im Vergleich mit Mr und der Ap von starken 
Hebraismen und Aramaismen freiere und überhaupt ziemlich fließende 
Stil unseres Mt scheint die Annahme zu begünstigen, daß der 
Übersetzer sich nicht ängstlich an sein Original angeschlossen hat. 
Andrerseits will bedacht sein, daß den Gemeinden, in deren Kreis 
der griech. Mt entstand, nach Papias das Original seinem wesent- 
lichen Inhalt nach durch vielfache mündliche Dolmetschung längst 
bekannt war. ^') Wenn daher der Name des Mt als des Verfassers 
ohne Zögern und Einschränkung von dem aram. Buch auf das 
griech. übertragen wurde, wie der Erfolg beweist, so ist anzunehmen, 
daß etwaige Unterschiede des Inhalts nicht sehr auffälliger Natur 
waren. Bei der Vergleichung des Mtev mit der Überlieferung be- 
sonders bei kritischer Erörterung der Frage, ob es aus dem Ara- 
mäischen übersetzt oder von Haus aus griechisch geschrieben sei, 
muß man sich von dem Vorurteil frei halten, daß ein hebrai- 
sirender Stil das Kennzeichen der Übersetzung sei. Palästinische 
.Juden, welche ohne eine semitische Vorlage ein griechisches Buch 
schrieben, wie der Apokalyptiker Johannes, haben stärker hebraisirt 

'") Einl I, 1—24. 33 ff.; II, 268 f.; GK II, 659 ff. 718 ff. Das zu Leb- 
zeiten des Papias in Ephesus geschriebene 4. Ev bezeichnet das in Jeru- 
salem gesprochene Aramäisch durch Eß(jaiari Jo 5, 2; 19, 13. 17 (19, 20; 
20, 16), und Lc nennt die g^ewöhnliche Sprache der Jerusalemer, auf welche 
er AG 1, 19 einen aram. Ortsnamen zurückführt, AG 21, 40; 22, 2 sßijaig 
öidlsxros und die dieser Sprache sich bedienenden Juden ^EßQatoi AG 6, 1.. 

'-') Es sei noch einmal an das ej<«OTos des Papias erinnert. 



§ 2. Die Überlieferung. 19 

und schlechter griechisch geschrieben, als Landsleute und Zeit- 
genossen von ihnen, weiche ein aramäisch geschriebenes Buch nach- 
träglich in griechische Form umgössen, wie Josephus seinen jüdischen 
Krieg. Ein einziges Mißverständnis, welches sich als Übersetzungs- 
fehler erweist, oder einige wenige Ungeschicklichkeiten der Dar- 
stellung, welche durch die Annahme, daß wir eine Übersetzung vor 
uns haben, ihre natürliche Erklärung finden, beweisen mehr als 
viele Hebraismen auf der einen und elegante Redewendungen auf 
der anderen Seite. '^^*) Es ist ferner bei der Vergleichung des Mt 
mit Mr und Lc in bezug auf den sprachlichen Eindruck zu bedenken, 
daß, wenn der griech. Mt. erst um 90 oder wenig früher entstanden 
ist, dem Übersetzer andere griech. Evv bekannt gewesen sein 
können. Daß das Mrev früh in Kleinasien bekannt war und Auf- 
merksamkeit erregte, ist bewiesen durch die Äußerung des Pres- 
byters Johannes über die Schrift des Mr, welche uns sein Schüler 
Papias aufbewahrt hat, durch die Nachricht des Irenäus, daß 
Kerinth, der Zeitgenosse des Apostels Johannes in Ephesus, dieses 
Ev bevorzugte, und durch die Vergleichung des 4. Ev mit Mr. 
Auch das Ev des Lc scheint dem 4. Evangelisten und seinen 
Lesern bekannt gewesen zu sein. Es wäre daher nicht zu ver- 
wundern, wenn für den griech. Übersetzer des Mtev außer dem 
Stil der mündlichen Dolraetschung, als deren Abschluß seine schrift- 
liche Arbeit zu betrachten wäre, und der Kirchensprache seiner 
Umgebung auch die Evv des Mr und des Lc hier und dort maß- 
gebend gewesen wären, 

3) Für die Würdigung der Überlieferung, daß der Apostel 
Mt überhaupt ein Ev geschrieben habe, ist wesentlich, daß das NT 
außer in den 4 Apostelkatalogen und in der kurzen Erzählung 
Mt 9, 9—13 (cf Mr 2, 13; Lc 5, 27) seiner keine Erwähnung tut. 
Auch außerbiblische, irgend welches Zutrauen erweckende Über- 
lieferung über ihn gibt es nicht. ^^) Er war kein berühmter unter 
den Aposteln; er ist es erst durch sein Buch geworden. Ihm ein 
Ev und zwar dieses Ev zuzuschreiben, bot auch das Buch selbst 
keinen Anlaß. Durch nichts weist Mt auf sich als den Vf des 
Buchs hin. Nur ein sehr bescheidenes Interesse an der Person 
des Mt verrät der Vf, indem er im Unterschied von Mr und Lc 

2''») Was Einl II, 303—324 in dieser Beziehung gesagt wurde, findet 
im Kommentar von 1, 1 an eingehendere Begründung; ebenso die im griech. 
Mt nicht verwischten, die Überlieferang bestätigenden Beweise für Abfas- 
sung des aram. Originals vor a. 66—70 und die Beleuchtung der angeb- 
lichen Anzeichen späterer Abfassung. 

'^*) Nach Clem. paed. II § 16 nährte sich Mt nur von Körnern, Obst 
(dy.pöSova, auch speciell Nüsse, Kastanien u. dgl.) und Gemüsen, ohne 
Fleisch. Wahrscheinlich liegt aber eine von Abschreibern verschuldete 

I Verwechselung mit dem Apostel Matthias (AG 1, 26) vor cf GK II, 753 A 1 : 
S. 759 A 2; Einl II, 271 A3. 
! ■ 2* 

i 



20 Einleitung. 

dem Zöllner, welchen Jesus zur Nachfolge berufen hat, den Namen 
Mt gibt, und indem er, wiederum im Unterschied von Mr 3, 18: 
Lc 6, 15 (AGr 1, 13), im Apostelkatalog 10, 3 dem Namen Mt das 
auf 9, 9 zurückweisende Attribut 6 TeXwvrjg beigefügt und außerdem 
noch in der paarweise geordneten Aufzählung ihm die Stelle hinter 
seinem Genossen Thomas anweist, wogegen Mr und Lc ihn diesem 
voranstellen. Hieraus konnte die Tradition, daß Mt dieses Ev ge- 
schrieben habe, doch unmöglich entstehen. Um so größerer Be- 
achtung ist sie wert. 

§ 3. Das Hebräerevangelium. ~^) Die Überlieferung 
stellt das gewöhnlich durch to xad-' '^Eßgaioig benannte Ev in eine 
viel engere Beziehung zum Mtev als die Bücher des Mr und Lc. 
Eine Beschreibung desselben ist hier um so unerläßlicher, je weniger 
das, was man heute von demselben wissen kann, ein Gremeingut der 
Theologen geworden ist. Hieronymus, welcher während der Jahre 
374 — 379 in der Wüste von Chalcis (syr. Kenneschre, Kinnesrin) 
östlich von Antiochien als Einsiedler lebte, hat während dieser Zeit 
in mannigfaltigem Verkehr mit der judenchristlichen Gemeinde [secia 
Nazaraeorum) in dem etwa 25 Kilometer nördlich davon gelegenen 
Beröa (Haleb, Aleppo) gestanden. Von diesen Hebräern hat er 
schon damals Hebräisch uud auch Aramäisch gelernt, hat sich bei 
Lesung des hebr. AT's unter ihrer Leitung mit ihrer Auslegung be- 
sonders prophetischer Abschnitte vertraut gemacht und hat sich 
von ihnen untei' anderen hebr. Büchern auch ihr Ev geborgt und 
mit ihrer Erlaubnis von diesem eine Abschrift genommen (v. ill. 3). 
Zweimal berichtet er, daß ein Exemplar dieses Buchs auch in der 
von Pamphilus begründeten Bibliothek zu Oäsarea sich befinde 

^^) GK II, 642—723. Seither sind einige neue Fragmente ans Licht 
gekommen, über welche ich N. kirrhi. Ztschr. 1908 S. 380 ff. berichtete: 1. ein 
nicht aus Hieronymus geschöpftes Citat bei Haimo von Auxerre (Migue 116 
col. 994 cf Riggenbach, Forsch VIII, 1 S. 87); 2. eine zweite Auführuug der 
4. Bitte des Vaterunsers nach dem HE in einer Predigt des Hieron. zu 
Ps 135, 25 (Morin, Anecd. Maredsol. III, 2, 262j; 3. eine von Clem. ström. 
II, 45 und V, 96 unabhängige Form des bei Clemens erhaltenen Fragments 
in einer ägyptischen Spruchsamuilung lOxyrh. Pap ed. Grenfell and Hunt 
IV p. 3, 1. 6; N. kirchl. Ztsrhr. 1905 S. 167. 171 ff und ebendort 1908 S. 386); 
4 ein von einem Scholiasteu zu der Aurora des Petrus von Riga neben 
mehreren, aus Hieron. in Mattli. geschöpften Citaten. mitgeteiltes neues 
Fraü^ment, welches beweist, daß Hieron. zu Mt 21, 12 ff enge au das HE 
sich angeschlo-sen hat, ohne es als Quelle anzugeben. Cf .lames in Journ. 
of theol stud. 1906 July p. 565 f. und mein abweichendes Urteil NK. Ztschr. 
XIX, (190S) S. 3S4. Ein fünftes dort S. 382 besprochenes Stück stammt 
wahrscheinlich aus dem Ev oder den Paradosen des Matthias. — Zum HE 
im aligemeinen cf Harnack, Chronol. der airchristlichen Lit. 1, 631 ff, wo 
diejenigen Punkte, ia welchen er zu anderen Ergebnissen, als ich, ge- 
kommen ist, besonders ausführlich behandelt werden. Auf alles dies, sowie 
auf die Arbeiten von Schmidtke (Texte u. Unters. Bd. 37, 1; 1911) und 
von Schade (Bibl. Ztschr. I90:i S. 346—363) kann hier nicht näher einge- 
gangen werden. 



§ 3. Das Hebräerevangelinm. 21 

(c. Pelag. III; 2; v. ill. 3). Seinen weiteren Studien aber hat selbst- 
verständlicli die in seinem eigenen Besitz befindliche Kopie zu 
gründe gelegen. Erst um 390 hat er in Bethlehem das HE sowohl 
ins Griechische als ins Lateinische übersetzt. "^) Erwägt man, daß 
Hier, damals bereits seit mehreren Jahren in Palästina ansässig 
war und vorher in Kom, Trier, Aquileja, Antiochien, Konstantinopel 
und Alexandrien teils Jahre, teils Monate lang gelebt und überall 
mit den ersten Gelehrten, mit ApoUinaris, Didymus, Gregor von 
Xazicinz als lernbegieriger Schüler in regem Verkehr gestanden 
hatte, so folgt unweigerlich, daß es vor 390 weder eine griech. 
noch eine lat. Übersetzung des HE gegeben hat. Erst durch die 
doppelte Übersetzung des Hier, wurden die Griechen in weiteren 
Kreisen und die Lateiner überhaupt auf das HE aufmerksam ge- 
macht Die Aufnahme seiner verdienstlichen Arbeit war hier wie 
dort eine wenig günstige. Manche tadelten und verspotteten den 
Übersetzer als Entdecker und Verbreiter eines 5. Evangeliums.^^) 
Das HE, welches Hier, übersetzt hat, war ein aramäisches, aber 
in hebräischer Schrift geschriebenes Euch. ^-) Daß auch der in 
Palästina einheimische Epiphanius um 376 und Eusebius, der ge- 
lehrte Kenner der biblischen und kirchlichen Literatur um 325, 
das HE nur als ein hebr. Buch kannten, sagen ihre Worte deut- 
lich. ^^) Das Gleiche gilt von dem ältesten Zeugen für die Exi- 
stenz des Hb, von dem palästinischen Judenchristen Hegesippus, 
welcher um 150 — 160 in Kom gelebt und um 180 seine Hypomne- 
mata geschrieben hat (Forsch VI, 250 ff.); denn, wenn Eusebius 
sagt, ^*) daß dieser sowohl aus dem HE als aus dem syrischen Ev und 

3«) Comm. in Mich. (Vallarsi VI. 5201: v. iU. 2, 16; in ilt (VaU VH, 77); 
über die Zeit cf GK II. 651 unter Nr. IV. 

*') Julianns von Eclannm bei Ausr. op. imperf. in Juliannm IV, 88 
mit ausdrücklicher Bezugnahme auf die Übers^tznng des Eier., Theodor 
Mops, bei Photius biblioth. cod. 177 in bezug auf die Eijtdeckung des HE 
in der Bibliothek zu Cäsarea. Auf Hieronyrans. welcher während seines 
römischen Aufenthalts 3^2 — .385 vom HE als dem Urmatthäus redete (ep. 
20, 5 ad Damas. cf GK II, 650 f.). zielt vielleicht schon Priscillians Urteil 
in seinem wahrscheinlich 385 verfaCten hber apologeticus (Schepss, p. 31) 
über die, welche extra qv.attuor evangelia quinfv.iu alirjuod evangelium vel 
fingunt vel confiteniur. Cf N. kirchl. Ztschr. XVI, 260. 

^^) Hier. dial. c. Pelag. III. 2 chaldaico (fiklem syroque sermone, sed 
hebraicis literis scriptum, wie die aram. Stücke in Daniel und Esra, cf praef. 
in Dan. (Vallarsi IX, 1301). Letzteres auch epi.st. 1-20, 8, 1 ed. Hilberg 
p. 4Ü0, 1 ad Hedibiam ; ferner Eus. und Epiphanius s. folgende A, cf. GK 
II, 661. Die Sprache des HE wird von Hier, selbst und den übrigen Be- 
richterstattern regelmäßig hebräisch genannt. 

^^) Eus. th^oph. syr. IV, 12: wie wir es gefunden haben an einer 
Stelle in dem Ev... welches bei den Juden ist in hebräischer Sprache"; 
theoph. gr. (ohne Äquivalent in theoph. syr.) bei Mai, Nova patr. bibl. IV, 
1, 155: TÖ eig t.""^ rxar sSpdiy.oTi ■/oauuaaiv eiayyä/.iov^ Epiph. haer. 29, 9. 

'*) Eus. h. e. IV, 22, 7 ix te rov >:a&' ^Eßoaiovi eiayyeJüav y.ai rov 
av^iaxov y.ai Idicos sy. Tfjs ißoa'iSos Siu).iy.rov iivä Ti&rjatv, su^aivcov e^ 



22 Einleitung. 

speciell aus der hebr. Sprache einiges anführe, wodurch er seine 
hebr. Herkunft anzeige, so zeigt schon die weitere Bemerkung, daß 
er auch einiges andere aus ungeschriebener jüdischer Über- 
lieferung mitteile, daß es sich bei den drei zuerst erwähnten Arten 
von Mitteilungen Hegesipp's um Citate aus Biichern und also auch 
bei der dritten nicht um Anführung und Erklärung einiger hebr. 
Wörter handelt. Ebensowenig aber gestattet der Ausdruck die 
Deutung , daß Hegesipp einige Stellen des AT's im hebr. 
Wortlaut citirt habe. Es ist etwas Besonderes neben dem vorher 
schon genannten Allgemeinen, d. Ij. den Anführungen aus den zwei 
Evv, daß Hegesipp diese Citate in hebr. Sprache gegeben oder aus 
dieser gescliöj)ft habe. Da nun Eusebius und die anderen Palästi- 
nenser, Juden wie Christen, niemals die aram. Sprache, sofern sie 
von NichtJuden gesprochen und geschrieben wurde, sehr häufig da- 
gegen das von ,. Hebräern" gesj)rochene Aramäisch als ißgäig did- 
XBv.Tog, bezeichnen, so kann sich das '/.ca idiwg nicht auf die Citate 
Hegesipp's aus dem syrischen Ev, sondern nur auf seine Citate aus 
dem HE beziehen. Was Eusebius sagt, ist also dies : Hegesipp 
führe einige Stellen des HE_ an und zwar in oder nach der kßgmg 
öicck€KTog, in welcher nach anderen Aussagen des Eusebius selbst, 
sowie des Epiphanius und des Hieronymus das HE geschrieben 
war. Zwischen Hegesippus und Eusebius steht Clemens AI. mit 
einem Citat aus dem HE, Origenes mit mehreren, ohne daß wir 
bei diesen Gelegenheiten erführen, in welcher Sprache das Buch 
geschrieben war. ^^) Die Last des Beweises liegt dem ob, welcher 
trotz der bisher vorgeführten Zeugnisse behauptet, daß es vor dem 
J. 390 eine griech. Übersetzung des HE gegeben habe. Als wie 
selbstvei'ständlich es galt, daß ein Ev „bei den Hebräern" (dies 
heißt xai''' ''EßQaiovg GK II, 643) hebr. geschrieben sei, kann die 
schon bei Clemens als Tradition vorliegende Hypothese zeigen, daß 
der Hebräerbrief hebräisch geschrieben sei, welche doch nur eine 

'Eßoaiiov eavröv ■jieniarsvy.evai, y.al aJ.Xa §e cboäv ex lovSaiy.iis d.yQäcfov naQa- 
Söaswg ftv7]fiovevei. Dem GK I. 411; II, 657 f.; Forsch VI, 246 f. Ge- 
sagten ist kaum etwas hinzuzufügen. Harnack S. 639 f. wiederholt im 
wesentlichen Hilgeiifelds Deutung, deren allseitige Unmöglichkeit durch 
folgende Paraphrase (nach Harnack's Worten) deutlich wird: „Hegesipp 
führt sowohl aus dem griechischen (!) HE, als aus dem HE (!) in der 
syrischen (aramäischen) Grundsprache desselben und außerdem noch 
Hebräisches (nicht evangelischen Stoff) an." Daß y.al löicog ebensowenig 
mit szi äk yai, als mit fidhoTa §£ gleichbedeutend ist, bedarf doch wohl 
keines Beweises. Daß Hegesipp, wie nach ihm Clemens, Origenes und 
Eusebius selbst, einiges aus dem HE wie auch aus dem syrischen Ev 
anführt, ist das Allgemeine, wozu y.al iSicos das Besondere hinzufügt, daß 
er dies nicht wie jene in griech. Worten, sondern in den eigenen Worten 
seiner Vorlage getan hat. 

35) Clem. Strom. II, 45 = V, 96 cf GK II, 648. 657. 704; Orig. hom. 15, 4 
in Jerem.; tom. II, 12 in Jo; tom. XV, 14 in Mt (nur nach der alten lat. 
^'ersion); nach Hier. v. 111. 2: quo et Origenes saepe utitiir. 



§ 3. Das Hebräerevangelium. 23 

Folgerung aus dem Titel Ttgbg '^Eßgaiovg war. Clemens hat in 
Palästina einen christgläubigen Hebräer zum Lehrer gehabt — viel- 
leicht v?ar dieses Hegesippus (Forsch VI, 273) — , und seine zwei- 
malige Wiedergabe eines Spruchs des HE nimmt sich wie ein 
doppelter tlbersetzungs versuch aus. ^^) Daß Origenes ein hebr. oder 
aram. Buch selbständig oder mit Beihilfe der Jud n und Juden- 
christen, mit denen er in Palästina vielfach verkehrt hat, lesen 
konnte, bedarf keines Beweises. Die älteste Schrift, in welcher er 
das HE citirt, die ersten Bücher seines Kommentars zu Jo, hat er 
zwar in Alexandrien, aber doch erst nach seinem ersten längeren 
Aufenthalt in Palästina, nach Beginn seiner hebräischen Studien 
und hexaplarischen Arbeiten geschrieben (Eus. h. e. VI, 24, 1 cf 
VI, 16; 19, 16 — 19). Es erübrigen aus der noch älteren Literatur 
drei sachliche Beiührungen mit dem HE : 1) Nach Eus. b. e. III, 39, 16 
hat Papias eine Erzählung von einem wegen vieler Sünden vor 
Jesus verklagten Weib mitgeteilt, welche auch das HE enthalte. 
Es gilt mit Recht für so gut wie gewiß, daß damit die bekannte 
Perikope von der Ehebrecherin Jo 7, 53 — 8, 11 gemeint sei, welche 
Eusebius und die Kirche seiner Zeit noch nicht als einen Bestand- 
teil des 4. Ev. kannte. Die modernen Kritiker, welche daraufhin 
annahmen, daß Papias das HE ausgebeutet habe, sind unter den 
wissenschaftlichen Standpunkt des Eusebius herabgesunkeUj welcher 
sich vor diesem unbesonnenen IJi'teil hütete, weil er wußte, daß 
ebenso wie unter den kanonischen Evv auch in der außerkano- 
nischen Literatur manches Stück ein Gemeingut mehi-erer Schrift- 
steller gewesen sein kann, ohne daß wir die Schrift des einen als 
die gemeinsame Quelle der andern bezeichnen können. Wie Papias 
nach seinen eigenen Worten und nach zahlreichen Beispielen mit 
Vorliebe aus mündlicher Überlieferung derartige Erzählungen ge- 
schöpft hat, 60 hat auch der Vf des HE nach den vorhandenen 
Fragmenten keineswegs alles frei erfunden, was er an nichtkano- 
nischem Stoff bietet. Daß der phrygische Bischof das aram. HE 
gelesen habe, ist ziemKch ebenso unglaublich, als daß das HE aus 
Papias geschöpft habe cf Bd IV^ Excurs V. 2) Ahnlich verhält es 
sich mit einer apokryphen Erzählung bei Ignatius Smyrn. 3, welche 
dieser nicht auf eine Quelle zurückgeführt hat, welche aber doch den 
Eindruck eines Citats macht. Eusebius, welcher das HE in seiner 
Bibliothek zu Cäsarea hatte, dasselbe oft genug erwähnt und dreimal 
stoffliche Mitteilungen aus demselben macht, bekannte (h. e. III, 36, 11) 
nicht zu wissen, woher Ignatius dies habe. Erst Hieronymus in einer 
durch mehrere grobe Fehler verunzierten Wiedergabe dieser Mit- 
teilung des Eusebius rühmt sich zu wissen, was sein Gewährsmann 

*") Dies bestätigt auch die oben S. 20 A 29 unter Nr. 3 erwähnte 
Anführung des von Clemens citirten Spruchs. 



24 Einleitung. 

nicht wußte, daß Ignatius dies aus dem HE genommen habe. ")• 
Es bleibt unklar und ungewiß, wieweit die tlbereinstimmung 
zwischen Ignatius und HE, welche Eusebius trotz seiner Bemühung 
nicht entdeckt hat, sich erstreckt. Während Ignatius das fragliche 
"Wort des Auferstandenen an Petrus und seine Umgebung gerichtet 
sein läßt (Ttgog tovg ueqI Uirgov, Hier, ad Petrum et ad eos qui 
cum Petro erant), citirt Hier, anderwärts das "Wort aus dem HE 
mit einer Einrahmung, welche von Ignatius völlig abweicht und 
dagegen an Lc 24, 37 ff. eriunert. ^^) Als Gemeinsames zwischen 
Ignatius und dem HE bleibt demnach nur übrig, daß die Apostel 
den auferstandenen Herrn für eir^ daif.i6viov äadj^iarov gehalten 
haben, und daß Jesus dies verneint habe. Die doda ignoraniia 
.des Eus. tritt gegenüber dem Scheinwissen des Hier, in um so- 
helleres Licht, wenn man hinzunimrat, daß nach Orig. de princ. 
praef. 8 auch in der „Lehre des Petrus" das Wort Jesu zu lesen 
war: non sum daemonüim incorporeiim . Da nun nach dem doppelten 
Bericht des Hier, mindestens sehr fraglich ist, ob das HE dieses 
Wort ebenso wie Ignatius als ein Wort an Petrus berichtet hat, 
dagegen aber in der „Lehre des Petrus", welche sicherlich mit der 
bekannten „Predigt des Petrus" identisch ist, Petrus der im eigenen 
und zuweilen auch zugleich in seiner Mitapostel Namen redende 
Prediger und Erzähler war (GK II, 820 — 832), so darf als äußerst 
wahrscheinlich bezeichnet werden, daß Ignatius aus dieser uralten^ 
von orthodoxen und heterodoxen Schriftstellern des 2. und 3. Jahr- 
hunderts mit Hochachtung citirten Schrift geschöpft hat. 3) In 
einer wahrscheinlich dem Ende des 4. Jahrhunderts angehörigen 
lat. Schrift wird berichtet, ^^) daß in einem Buch unter dem Titei 
„Paulli praedicatio" unter anderem erzählt sei: Jesus sei beinah 
widerwillig von seiner Mutter zur Taufe durch Johannes gedrängt 
worden und habe dabei ein Bekenntnis eigener Sünde abgelegt, 
und es sei bei seiner Taufe ein Feuerschein über dem Wasser sicht- 
bar geworden, Ersteres entspricht ziemlich genau einem Fragment 
des HE ; ^^) die Sage von dem Feuer bei der Taufe ist unter 

'■) Hier v. ill. 16. Er konfondirt die Briefe an die Smyrnäer und an 
Polykarp, die er beide nicht gelesen hatte; er übersetzt oiöa falsch durch 
mdi und er drückt sich so ungenau aus, daß ein Leser von gleicher Nach- 
lässigkeit, wie Hier, sie hier beweist, verstehen könnte, auch die eigenen, 
das Apokryphen einleitenden Worte des Ignatius: iyo} yäg (Hier, nach Eus. 
verö) ynl usrä ttjv dväaTaaiv iv aaoyl avrdv oid'a (Hier, vidi) xal Tiiorsvca 
ovra stünden im HE. Übrigens cf zur Sache GK I, 920 f ; II, 701. 831. 

'*) Hier. comm. in Isaiam, praef. 1. XVIII (Vall. IV, 770) : Qimm enim 
aspostoli cum putarent spiritmn (= Lc 24, 37. b9) vel juxta evangelium, 
quod Eebraeorum lectitant Nazaraei, „incorporale daemonium'* , dixit eis: 
quid iurbnti estis etc. 

*®) Pseudocyprian, de rebaptismate c. 17, Cypr. append. p. 90. Über 
die Abfassnngszeit dieser Schrift habe ich GK II, 881 f. noch sehr unrichtig 
geurteilt cf dagegen Th. Ltrtrbl. 1899 Sp. 315. 

*») Dial. c. Pelag. III, 2 (GK II, 688). Auf diese Stelle bezog ich 



§ 3. Das Hebräerevangelium. 25 

anderem um 150 von Justin, um 170 von Tatian und einem priech. 
Ev der Ebjoniten angeeignet worden. Daß sie auch im HE ent- 
halten war, ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da Hier, 
in dieser und auch in einer zweiten ausführlichen Mitteilung aus 
der Taufgeschichte des HE dies nicht erwähnt (zu Jes 11, I 
Vall. IV, 156). Auf welchen "Wegen oder Umwegen der Vf der 
„Predigt des Paulus^ zur Kenntnis einer auch im HE enthaltenen 
Erzählung gekommen ist, wissen wir nicht. Daß es zn seiner Zeit 
eine griech. Version des HE gegeben habe, und vollends daß das 
HE in griech. Gemeinden jemals als ein kirchliches Ev gebraucht 
worden sei, bleibt auf alle Fälle unglaublich. Letzteres folgt auch 
daraus nicht, daß das HE von katholischen Lehrern gewisser- 
maßen als ein Antilegomenon behandelt worden ist. *^) 
Die Möglichkeit, daß neben den 4 Ew ein fünftes in der katho- 
lischen Kirche gleiche Geltung und Anwendung wie jene finde, 
war für Clemens AI., Origenes und Eusebius mindestens ebenso- 
sehr wie schon früher für Irenäus eine unerträgliche Vorstellung. 
Die vergleichsweise günstige Beurteilung, deren sich das HE längere 
Zeit bei katholischen Gelehrten erfreute, war nur der Wider- 
schein ihrer Beurteilung der Gemeinden, deren einziges Ev das 
HE war. 

Sehen wir zunächst ab von den Äußerungen solcher, welche 
nur durch unsicheres Hörensagen von den Verhältnissen der 
jüdischen Christenheit wußten, wie z. B. Irenäus, und von unbe- 
stimmteren Aussagen derer, welche hierüber besser unterrichtet 
waren, so kann keiner Frage unterliegen, daß das HE, soweit unsere 
Kunde zurückreicht, nur bei der secia Xaxnraconim in kirchlichem 
Gebrauch und deren einziges Ev war. Obwohl dieser Name in 



Julianns von Eclanum foben A 31) und rügte an dem HE ebenso wie 
Pseudocyprian an der Predigt des Paulus, daß Jesus darnach eigener Sünde 
sich schuldig bekannt habe. 

*M Dies tut Origenes insofern, als er das HE in den Homilien zu Lc 
(GK II, 625. 627) weder zu den von der Kirche anerkannten Ew, deren 
es nur 4 gibt, noch zu den von Ketzern verfaßten und gebrauchten Ew 
rechnet und es überhaupt dort unerwähnt läßt, und indem er es ander- 
wärts ohne jedes Zeichen der Geringschätzung ähnlich wie das Buch Henoch, 
den Hirten des Hermas, den Brief des Judas u. a. citirt. — Eus. h. e. III, 
25, 5 berichtet, daß manche es zu den ävji'uydntia rechnen; nach seiner 
eigenen Einteilung dieser Klasse in solche, welche endgiltig recipirt, und 
solche, welche endgütig verworfen werden sollten, würde er es sicherlich 
der letzteren Gruppe zugewiesen haben, spricht dies aber nicht aus. — Auf 
derselben Linie liegt die um 370—400 öfter laut werdende Meinung, daß 
das HE der hebräische Mt sei. — Im Schriftenverzeichnis hinter der Chrono- 
graphie des Mcephorus, welches auf eine ältere um 400 — 450 in Palästina 
entstandene Liste zurückgeht, steht es in der Tat hinter den Apokalypsen 
des Johannes und des Petrus und dem Barnabasbrief als letztes der ntl. 
Äntilegomena GK II, 299: Forsch V, 1.33 f. 136. Ulf. In bezug auf die 
ganze Frage GK II, 643-648. 



26 Einleitung. 

der kirchlichen Literatur erst bei Epiphanius und Hieronymus auf- 
taucht, während vorher bei Irenäus, Origenes und Eusebius alle 
von der katholischen Kirche »eparirten Judenchristen unter dem 
Namen Ebjoniten zusammengefaßt werden, liegt doch die Unter- 
scheidung derjenigen Gruppe von Gemeinden, welche Epiph. und 
Hier. Nazaräer nennen, *^) von den eigentlichen, auch in der Folge- 
zeit so genannten Ebjoniten bei Origenes und Eusebius deutlich 
vor. *^) Das HE war nach Eus,, Epiph. und Hier, ausschließliches 
Eigentum der an mehreren Orten des Ostjordanlandes und in Beröa 
ansässigen nazaräischen Gemeinden, ^^) welche auf dem Boden der 
katholischen Glaubensregel standen^ trotz ihres scharfen Gegensatzes 
zum rabbinischen Judentum am Gesetz festhielten, ihrer aram. 
Muttersprache treu blieben, mit dem hebr. AT sich in gelehrter 
"Weise beschäftigten, dabei aber den Apostel Paulus und sein 
Lebenswerk anerkannten und freundliche Beziehungen mit solchen 
katholischen Christen unterhielten, welche ihnen in gleicher Ge- 
sinnung begegneten. Die eigentlichen Ebjoniten, welche in bezug 
auf die Christologie, die Stellung zum AT und zum Gesetz, das 
Verhältnis zur griech. Kultur und Literatur, besonders deutlich 
aber durch ihren glühenden Haß gegen Paulus sich scharf von den 
Nazaräern unterschieden, hatten ihr besonderes Ev, welches mit 
dem HE nicht die geringste nachweisbare Ähnlichkeit besaß. *^) 
Es war, wie die ganze uns bekannt gewordene Literatur der Partei, 
griechisch geschrieben, eine Kompilation aus den griech. Evv der 
katholischen Kirche. Es wurde manchmal, wir wissen nicht, ob 



*^) Epiph. haer. 29, 1 6 f. Nal^aQazoi. Hier, nach den Ausgaben ge- 
wöhnlich Nazaraei, manchmal Nazareni {-aeni), einmal in Mt (Vall. VII, 228) 
Nazaraeriae sectae Hebraeus; epist. 112, 13 ad August, inter Judaeos haeresis 
est Miiiaenrmn . . . quos vidgo Nazaraeos tmncupant. Es folgt eine 
Charakteristik ihres im wesentlichen katholischen Bekenntnisses. Cf auch 
die unten S. 35 am Ende der Literarübersicht genannte Schrift von 
G. Starck. 

**) Orig. c. Geis. V, 61. 65; tom. XVI, 12 (cf XII, 5) in Mt (GK II, 664); 
Eus. h. e. III, 27 (GK II, 647. 664); über Judenchristen mit orthodoxer Christo- 
logie bei Just. dial. 48 cf GK II, 671. , Es bind dieselben, welche in der 
syrisch und teilweise lateinir<ch erhaltenen Didascalia apostolorum zwar 
wegen ihrer gesetzlichen Lebensweise getadelt, aber als Brüder anerkannt 
werden (Didasc. VI, 15, 1-19, 5Hf. cf. V, 16, 1—8; 17, 1 in Funk's Didasc. 
et const. vol. 1, 284 f. 286. 846—366, besonders p. 360, 2d fratres dilecti, 
qui credidisfis e pnpulo, desistite a vinculis, quibus vos lignre vultis. S. 
auch N. kirchl. Zeitschr. 1900 S. 437; 1908 S. 380-386. Von ihren Wohn- 
sitzen nennt und kennt aus eigener Anschauung Hier, nur Beröa, Epiph. 
haer. 29, 7 ; 30, 2 außerdem Pella und Kokaba in Peräa cf. GK II, 665 A 3. 

**) Eus h. e. III, 27, 4; Epiph. haer. 29, 9 (ohne eigene Kenntnis des 
Buchs und daher ungenau, GK 11, 655. 680); Hier, achtmal quo utuntur 
Nazaraei und ähnlich. Nur einmal (zu Mt 12, 13 Vall. VII, 77) fügt er hinzu 
et Ebionifae, was bei seinem Mangel an eigener Kenntnis der eigentlichen 
Ebjoniten eine bedeutungslose Ungenauigkeit ist GK II. 662. 731. 

«) Epiph. haer. 30, 2. 13 ff. GK IL 724—742. 



§ 3. Das Hebräerevangelium. 27 

schon von seinem Vf, „das Ev nach den 12 Aposteln" genannt, 
welche nach den Fragmenten die Erzähler in demselben sind, 
jedoch so, daß Mt besonders hervorgehoben wird. Daher wurde 
es von Fernstehenden, vielleicht schon von Irenäus für das Mtev 
gehalten, *^) von Epiphanias, der etwas mehr davon wußte, als ein 
verstümmeltes und gefälschtes Mtev angesehen (haer. 30, 13). 
Wenn Angehörige dieser Partei selbst es gelegentlich als ivayyiXiov 
y.ad^ 'Eßgaioig oder auch als tßQaiy.ov bezeichnet haben (Epiph. 
haer. 30, 3. 13), so hat dies nicht mehr zu bedeuten, als wenn 
sie sich selbst Hebräer zu nennen liebten : es war nur ein Mittel, 
unter Benutzung der kirchlichen Tradition von der hebr. Original- 
sprache des Mtev und der relativ milden Beurteilung des HE 
seitens mancher Katholiken des Orients diesem ihrem griech. Ev 
ein ehrwürdiges Ansehen zu geben (GK II. 729 — 732). Ein Ge- 
nosse der Partei, der Bibelübersetzer Symmachus, nach guter Tra- 
dition ein Samariter, nach welchem die ganze Partei auch die der 
Symmachianer genannt worden ist, hat den griech, Mt. kritisirt. *') 
Von den bildungsarmen Nazaräern und ihrem HE scheinen diese 
Leute keine Notiz genommen zu haben. Was wir von der Sprache, 
dem Inhalt und dem Charakter des Ebjonitenev teils durch Epi- 
phanius wissen, teils aus der iDseudoclementiuischen Literatur er- 
schließen, spricht durchaus dagegen, daß sein Eedaktor auch nur 
neben den griech. Evv der katholischen Kirche das HE zu Rate 
gezogen habe. Dies aber wäre unbegreiflich, wenn das HE das 
gemeinsame Ev der gesamten jüdischen Christenheit gewesen wäre, 
ehe diese sich in sepaiurte Sekten teilte. Origenes, Eusebius, 
Hieronymus und auch Epiphanius, wenn man seine offenkundigen 
Konfusionen bei Seite läßt, wissen nur von zwei bedeutenden 
judenchristlichen Gemeinschaften. Die eine hatte das aram. HE, 
die andere das griech. Ev der 12 Apostel, oder wie es sonst ge- 
nannt wurde, in Gebrauch. Für die Existenz des ersteren ist 
Hegesippus der älteste Zeuge, wobei aber zu bedenken ist, daß 

*®) Iren. I, 26, 2; III, 11. 7. Er wußte nur von den heterodoxen Eb- 
joniten ein weniges I, 26, 2; III, 21, 1 ; IV, 33. 4; V, 1, 3. Er charakterisiert 
ihre Lehre wesentlich ebenso wie Origenes und Eusebius und sagt ebenso- 
weuig wie diese von den gnostischen Spekulationen der Partei. Wenn 
Harnack S. 631 hieraus schließt, daß die Ebjoniten des Irenäus die „alten, 
gnostisch unbeeinflußten Judenchristen" seien, so mußte er aus dem gleichen 
Schweigen des Origeues und des Eusebius (h. e. III, 27, 1 — 2; 39, 5 [Pseudo- 
clementinen], VI, 17 [Symmachus]) schließen, daß auch die Verfasser der 
Pseudoclementinen und Symmachus und die Symmachianer (s. folgende Anm.) 
noch nicht von der Gnosis beeinflußt waren. Die „vulgären" und die 
„alten" Judenchristen, welche mit den von Irenäus ihnen nachgesagten 
Ketzereien behaftet sind, bleiben ein Phantasiebild. 

*') Eus. h. e. VI, 17 cf GK II, 740f. ; über Symmachiani: Ambrosiaster 
im Prolog zu Gal (Ambrosii opp. ed. Bened. II, 2 209); Victorinus zu Gal 
1, 19; 2, 16 (Mai, Script, vet. n. coli. III, 2 p. 9 n. 16): Faustus Manich. bei 
August, c. Faust. XIX. 4 u. 17; GK II, 1019. 



28 Einleitung. 

dieser seine Kenntnisse desselben in seiner Heimat Palästina, also 
vor Antritt seiner Reise ins Abendland (um 150) erworben haben 
muß. Von dem Ebjonitenev hatte wahrscheinlich Irenäus eine 
dunkle Kunde; vielleicht hat Clemens AI. es als „ein gewisses Ev" 
citirt;^*) Orig. kennt es als „Ev der Zwölf". Die äußere Be- 
zeugung setzt uns nicht in den Stand, dem HE ein beträchtlich 
höheres Alter zuzuschreiben, als dem Ebjonitenev. Ebensowenig 
der ohne Frage altertümlichere Charakter des HE und der Nazaräer 
im Vergleich mit den Ebjoniten und ihrem Ev. Gerade der Ver- 
gleich der Nazaräer zur Zeit des Hier, mit den Ebjoniten des 
2. und 3. Jahrhunderts, einem Symiiiachus und den Verfassern der 
pseudoclementinischen Schriften, erinnert daran, daß das Altertüm- 
liche nicht immer alt und das Moderne nicht immer jung ist. Die 
Hypothese, daß das HE das ursprüngliche und gemeinsame Ev der 
jüdischen Christenheit Jerusalems und Palästinas gewesen sei, hat 
auch die Tatsache gegen sich, daß diese Kirche von Anfang an 
(AG 6, 1) und während der ganzen Apostelzeit aus Hebräern und 
Hellenisten gemischt war. Erst durch die Umwandlung von Jeru- 
salem in die römische Stadt Aelia Capitolina und durch die Ver- 
bannung aller Juden aus dem Gebiet von Jerusalem durch Hadrian 
(a. 135) war die Möglichkeit und für viele an ihrem Volkstum wie 
am Ev mit gleicher Liebe hängende Hebräer die Nötigung gegeben^ 
eine gegen alles hellenistische Heidentum und Christentum sich 
absperrende Gemeinde zu bilden, welche an einem aramäischen Ev 
genug hatte. Andere Judenchristen mögen sich damals der von 
da an heidenchristlichen Kirche von Jerusalem angeschlossen d. h. 
ihr Judentum aufgegeben haben, etliche auch ins Judentum zurück- 
gesunken sein. Wieder andere, die sogenannten Ebjoniten, wollten 
keineswegs auf ihr Judentum, aber auch nicht wie die Nazaräer 
auf ihre einflußreiche Stellung in der gesamten Christenheit ver- 
zichten. Sie bemächtigten sich der Bildungsmittel, welche den 
Heidenchristen neben dem numerischen Übergewicht auch die 
geistige Überlegenheit über das jüdische Christentum gaben, und 
versuchten, durch Kritik der Glaubenssätze und der hl. Schriften 
der katholischen Kirche und durch eigene literarische Produktion 
den Entwicklungsgang, den die Kirche unter Führung des Paulus 
genommen hatte, rückgängig zu machen und für ein aus den ver- 
schiedenartigsten Elementen zusammengesetztes Religion ssystem die 
Welt zu erobern. Die Entstehung der beiden judenchristlichen Evv 
ist mit der Entstehung der beiden Sekten, welche je eines der- 
selben in Gebrauch hatten, so innig verflochten, daß sie auch zeitlich 
nahe zusammengehören müssen. 

Unser Urteil über den Bestand des HE und sein Verhältnis 



*8) Strom. V, 63; GK II, 737 f. Über andere Spuren s. N. kirchl. 
Ztschr. 1900 S. 3661 



§ 3. Das Hebräerevangelium. 29 

izu den kanonischen Evv bemißt sich teils nach den ziemlich be- 
deutenden Fragmenten, teils nach den Aussagen derer, die es in 
Händen gehabt haben. Epiphanius, welcher das HE nie gesehen 
hat, da er sich in bezug auf wichtigste Stücke des Ev und des 
davon abhängigen Glaubens der Nazaräer unwissend bekennt, kann 
nur auf grund einer zu seiner Zeit ziemlich verbreiteten Aneicht 
die bet^timmte Behauptung aufgestellt haben, daß sie das Mtev in 
eehr vollständiger Gestalt, in hebr. Sprache und hebr. 
Schrift besitzen (haer. 29, 9 cf § 7). Dies bestätigt Hier, durch 
die Bemerkung, daß das HE von manchen das Original des Mt 
genannt werde. *^) Hier, selbst hat zu verschiedenen Zeiten seines 
Lebens, in seinen erhaltenen Schriften 4 mal ebenso vom HE ge- 
redet. ^^) Die Motive dieser ungenauen Redeweise des Hier, sind 
80 durchsichtig, daß sie hier nicht noch einmal dargestellt zu werden 
brauchen. Die bloße Tatsche, daß Hier, das HE einer Übersetzung 
ins Griechische und Lateinische wert hielt, das Schweigen des Ori- 
genes und des Eusebius über eine ungefähi*e Identität von HE und 
Mt und der Bestand der Fragmente beweisen, daß das HE nach 
Stoff und Form sehr wesentlich von Mt abwich. Es bestätigt sich 
zunächst, was Epiphanius andeutet,^*) daß das HE reichhaltiger war 
als der kanonische Mt. Es enthält eine ganze Reihe von Erzählungs- 
stücken und Aussprüchen, welche diesem fehlen, und zeigt erheb- 
liche Erweiterungen der auch bei Mt vorhandenen Erzählungen.^^ 
Andrerseits können ihm nicht wesentliche Stücke des Mtev gefehlt 
haben. Die Abneigung dies anzuerkennen, vermag insbesondere nichts 
gegen das bestimmte Zeugnis des Hier., daß im HE alle atl Citate 
des Mtev, so auch die in Mt 2, 15. 23, und die ganze Geschichte Mt 2, 

**) Zu Mt 12, 13 (Vall. VIT, 77) qtiod vocatvr a plerisque Matthaei 
authetiticum. Sachlich dasselbe c. Pelag. III, 2 cf GK II, 682 A 1. 

50^ Epist. 20, 5 ad Dam, (a. 388); v. ill.. 2 (a. 392); zu Mt 2, 5 (Vall. 
VII, 14, a. 398) ; in einer Homilie über Ps 135 (Anecd. Maredsol. III, 2, 262) 
führt er mit in hebraico evaiigelio secimdum Matthaeum ita habet genau 
dasselbe ein, was er zu Mt 6, 11 (VII, 34) mit in evangelio qiiod appellatur 
stcundmn Hebraeos citirt. 

51) Über das 7T?.Tj(jearaTov Epiph. haer. 29, 9 s. GK II, 681 A 1. 

^2) Ohne Parallele bei Mt sind: 1) Die Erzählung von der Ehe- 
brecherin (Eus. h. e. Iir, 39, 16 GK II, 703; Einl II, 567 A 3); 2) Die Er- 
scheinung des Auferstandenen vor Jakobus (Hier. v. ill. 2, GK II, 700); 
3) Die Erscheinung vor Petrus (Hier. v. ill. 16; dial. c. Pelag. III, 2, oben 
S. 23 f. unter Nr. 2); 4) — 7) Vier Sentenzen, welche Clemens AI, Eus. und 
Hier, aufbewahrt haben (GK II, 702. 704 Nr. 19—21. 23); 8) Die von 
Haimo aufbewahrte Angabe, daß nach dem Ev der Nazaräer infolge des 
Wortes des Gekreuzigten Lc 23, 34 viele tausend Juden, die am Kreuz 
standen, gläubig geworden seien (N. kirchl. Ztschr. 1908 S. 381). Unter 
den Parallelen zu Mt sind mehrere, wie die zu Mt 3, 13ff.; 12, 9; 18, 22; 
19. 16 ff.; 25, 14 ff. (GK II, 688 f. 693. 695 Frg. 2. 3. 7. 9. 10. 13) bedeutend 
ausführlicher, als der kanonische Text. 



30 Einleitung. 

1 ff. enthalten waren, ^^) Was aber Mt 1 anlangt, so braucM man sich 
nur der besonderen Beachtung, welche die Anfänge der Evv von 
jeher gefunden haben (Iren., C. Mur.), und der scharfen Kritik,^ 
welche an den Evv der Ebjoniten und des Marcion und am Dia- 
tessaron wegen ihrer teilweisen oder völligen Beseitigung der An- 
fangsstücke der ev Geschichte geübt wurde, zu erinnern, um auch 
die Beweiskraft der Tatsache zu empfinden, daß alle katholischen 
Kenner des HE es in diesem Punkt mit ihrer Kritik verschont 
und es teilweise für das Original des Mtev erklärt haben. Da 
ferner die kanonische Geburtsgeschicljte dem Bekenntnis der Inhaber 
des HE, der Nazaräer, wie es Origenes, Eusebius und Hieronymus 
gleichmäßig beschreiben, vollkommen entspricht, ^*) und ein direkter 
Widerspruch zwischen dem durch die Jahrhunderte unveränderten 
Bekenntnis und dem einzigen Ev einer Partei in einem so funda- 
mentalen Punkt undenkbar ist, so ist auch die wesentliche Identität 
des Anfangs des HE mit Mt 1 eine unanfechtbare Tatsache. Ist 
aber das HE inhaltreicher als Mt, so wird es auch um einiges 
umfangreicher gewesen sein. ^'*) Die selbständigen Erzählungen des 
HE, welche ohne Spur bei Mt_sind, sind, soweit wir urteilen können, 
nicht bloße Erfindungen. Die Perikope von der Ehebrecherin ist 
eine echte Überlieferung aus der Apostelzeit (oben S. 23) ; die Er- 
zählung von der Erscheinung des Auferstandenen vor Petrus hat 
vielleicht den gleichen Anspruch, da schon Ignatius sie in einer 
anderen Schrift gelesen hat (oben S. 23), zumal sie an Lc 24, 37 — 43 
eine gewisse Parallele und an Lc 24, 34; 1 Kr 15, 5 eine Stütze 
hat. Letzteres gilt auch von der Erscheinung des Auferstandenen 
vor Jakobus im Vergleich mit 1 Kr 15, 7 (A 52 nr. 2). Von Paulus 
kann das HE den Kern seiner Erzählung nicht entlehnt haben ; denn 
die Nazaräer bekümmerten sich nicht um die Briefe des PI. Hier 
wird aber auch offenbar, daß das HE Überlieferungen, die einen 
echten Kern enthalten, in sehr willkürlicher Umgestaltung auf- 
genommen hat. Im Widerspruch mit aller sonstigen Tradition 
läßt es den Bruder des Herrn, den Jakobus, der kein Apostel war, 
an der Abendmahlsstiftung teilnehmen und im Widerspruch mit 



53) V. ill. 2; in Mt 2, 1 ff. (Vall. VII, 14) cf in Abac. 3, 3 (VI. 638); 
in Isaiam 11, 1 (IV, 155f), GK II, 652. 683. 

5^) Auch das Bekenntnis der Unwissenheit des Epiph. haer. 29, 7 
beweist, daß niemand den Nazaräern in diesem Punkt eine Irrlehre nach- 
gesagt hat. 

^'') Die Stichenzahl des HE bei Nieephorus (GK II, 299, 48): 2200 
(neben 25ü0 für Mt, 2000 für Mr. 26(0 für Lc, 230U für Jo) bezieht sich 
wahrscheinlich auf die griech. Übersetzung des Hier. (GK III, 717; Forsch 
V, 141), ist aber schwerlich richtig. Die Ziffern für Mr und Jo sind um 
mehrere Hundert zu hoch (GKII, 394); bei andern Fehlern und Varianten 
der Liste bandelt es sich um tausende (1. 8. 14. 16. 50). Es fehlt das HE 
samt den 3 vorangegangenen Titeln in 2 Hss. Vielleicht ist ßa (2200) aus 
t'io} (2800) verschrieben. 



§ 3. Das Hebräerevangeliam. 31 

Paulus, welcher diese Erscheinung als eine der letzten anführt, 
macht das HE sie zu der allerersten, verlegt sie den Moment, 
da Jesus eben dem Grabe entstiegen ist (GK II, 700. 716; Forsch 
YI, 277). Keiner der nur durch das HE überlieferten kurzen 
Sprüche Jesu klingt unglaublich (GK II, 702. 704: Fr. 19—21. 23). 
Auch einzelnen der sachlichen Abweichungen von Mt in parallelen 
Stücken mag echte Überlieferung zu gründe liegen. °'^') Hat aber 
der Vf wirkliche Traditionen verarbeitet, welche in den kanonischen 
Ew nicht zu finden sind, so ist es unstatthaft, einige wenige, entfernte 
und unbedeutende Anklänge an Lc oder Jo aus Benutzung dieser 
griech. Evv zu erklären. '''') Zu keiner dem Lc oder Jo eigen- 
tümlichen Erzählung bieten die Fragmente eine wirkliche Parallele, 
dahingegen sehr zahlreiche zu Erzählungen, geschichtlichen Angaben 
und atl Citaten, die sonst nur Mt bietet. Dadurch wird die an 
sich starke Überlieferung, daß unserem griech. Mtev eine in 
Palästina entstandene aram. Schrift zu gründe liege, bestätigt; und 
mit dieser, nicht mit dem griech. Mt besteht die nahe Verwandt- 
schaft, welche Kenner des HE zu dem übertriebenen Urteil ver- 
leiten konnte, das HE sei das Original des Mtev. Die sprachlichen 
Gründe, wodurch man zu beweisen versucht hat, daß umgekehrt 
das HE eine aram. Bearbeitung des griech. Mt oder überhaupt eines 
griech. Buchs sei, dürfen als widerlegt bezeichnet werden (GK II, 
709 — 713). Was aber das sachliche Verhältnis anlangt, wird es 

^®) Über das Bersten der Oberschwelle des Tempeltors statt des Zer- 
reißens des Vorhangs (Mt 27, 51 ; GK 11^ 700) im Verhältnis znr jüdischen 
Überlieferung bei Josephus and im Talmud cf meine Abhandlung N. kirchl. 
Ztschr. 1902 S. 729 — 756. Ebendort S. 738 meine ich nachgewiesen zn haben, 
daß auch Severianus von Gabala, dessen Muttersprache das Syrische war, 
seine Kenntnis dieser Tradition aus dem HE geschöpft hat, aus welchem 
wahrscheiuüch auch seine Augahe, daß Jakobus mit Johannes und Petrus 
zum Grabe ging, herrührt (Forsch VI, 277); denn dieser Kombination ent- 
spricht vorzüglich die oben im Text erwähnte Angabe des HE über die 
dem Jakobus am Ostermorgen zu teü gewordene Erscheinung des Auf- 
erstandenen. 

^^) Zu den GK II, 705 f. besprochenen Berührungen des HE mit Lucas 
und Johannes kommt hinzu das in voriger A aus Severianus Angeführte 
(cf. Jo 20, 8—10; Lc 24, 12. 24. 34; 1 Kr 15, 5. 7) und die Angabe des 
Haimo (s. vorhin A 52), wonach die Bitte des Gekreuzigten, welche wir 
Lc 23, 34 lesen, im HE enthalten war. Aus alle dem folgt keineswegs, 
daß der Hebräer, welcher das HE verfaßt oder redigirt hat, die griech. 
Schriften des Lucas, des Johannes oder Paulas gelesen hat, sondern nur, 
daß die palästinische Tradition, aus welcher jene kanonischen Schriftsteller 
schöpften, auch dem Vf des HE noch als Quelle znr Verfüguns: stand. 
Auch abgesehen von der Möglichkeit, daß unter den Lc 1, 1 erwähnten 
Versuchen evangelischer Schriftstellerei auch solche in afam. Sprache ge- 
wesen sein, können, ist diese Voraassetzang durchaus wahrscheinlich, wt-nn 
der zweite Bischof Jerusalems, der Vetter Jesu, Simon erst unter Trajan 
in höchstem Alter gestorben icf Forsch VI, .;35 243. 282. 352). und das 
llE vielleicht noch unter Hadrian, allerspätestens aber unter Antoninns 
Pins geschrieben worden ist. 



32 Einleitung-. 

nie gelingen, die Priorität des HE vor Mt zu erweisen. Von 
den selbständigen Stücken des HE wäre weder zu sagen, aus 
welchen Gründen der griech. Bearbeiter sie beseitigt hätte, noch 
nachzuweisen, daß ihre Abwesenheit eine Lücke in der ursprüng- 
lichen Anlage des Werks darstelle. Dagegen sind sämtliche sach- 
liche Abweichungen des HE in übrigens parallelen Stücken teils 
als Korrekturen von Unrichtigkeiten, teils als erbauliche und zur 
Veranschaulichung dienende Erweiterungen, teils als apologetische, 
durch die Rücksicht auf das ungläubige Judentum veranlaßte 
Änderungen wohl zu begreifen. Die von Mt unabhängigen Stücke 
des HE aber erklären sich aus dem natürlichen Streben der sich 
von der griech. Cbristenheit und der nunmehr heidenchristlichen 
Kirche von Jerusalem separirenden nazaräischen Gemeinde, einer- 
seits christliche Traditionen, die bei den Hebräern fortlebten, nicht 
verloren gehen zu lassen und andrerseits ein möglichst reichhaltiges 
Ev zu besitzen. War dies doch die einzige Schrift christlichen 
Ursprungs und Inhalts, welche sie im Gottesdienst neben dem AT 
gebrauchte. 

§ 4. Die Hilfsmittel. Aus Gründen, die in der Vorrede 
entwickelt sind, soll in diesem Kommentar mit beifälliger Anführung 
oder Widerlegung der Auffassungen früherer Ausleger Maß gehalten 
und auf gleichmäßige Berücksichtigung der exegetischen Literatui* 
verzichtet werden. Wenn ich hier aus der Zahl der Auslegungs- 
werke und sonstigen Hilfsmittel, aus denen ich seit dem J. 1865, 
in welchem ich zum ersten Mal eine Vorlesung über das Mtev hielt, 
Belehrung geschöpft habe, die bedeutenderen nach der Zeitfolge 
anführe, erfülle ich nicht nur eine Pflicht der Dankbarkeit, ^'*) 
sondern erspare mir und dem Leser auch die häufigere Wieder- 
holung umständlicher Titelangaben durch Voranstellung der ge- 
wöhnlich angewandten Abkürzungen der Titel. 

1. Unter den eigentlichen Kommentaren sind natürlich 
auch solche zu nennen, die sich nicht auf Mt beschränken, sondern 
synoptisch verfahren. Specialarbeiten über einzelne Teile, wie die 
Bergpredigt, das Vaterunser, die Gleichnisse usw., sind je an ihrem 
Ort namhaft gemacht. 

Orig. = Origenis opp. ed. Delarue vol. III. (1740), 442—931; dazu Frag- 
mente bei Gallandi, Bibl. vet. patr. (ed. II) tom. XIV, 3, 73-83. 
Von den 25 tomi dieses um 245 in Palästina verfaßten Kommentars 
zu Mt ist, abi^esehen von einzelnen Fragmenten, griechisch nur 
die Auslegung von c. 13, 36—22, 23 erhalten, außerdem eine alte 
lat. Übersetzung der Auslegung von c. 16, 13—27, 63, auch in 



^'"■) Aus diesem Grunde sei auch erwähnt, daß ich im Sommer 1857 
eine Vorlesung Hofmana's über Mt gehört habe , deren Gesamteindruck 
unvergessen geblieben ist. — In bezug auf die Literatur über die Evan- 
gelienfrage überhaupt und die Kritik des Mt insbesondere muß auf die 
isagogischen Lehrbücher verwiesen werden. 



§ 4. Die Hilfsmittel. 33 

denjenigen Teilen, welche griech. vorhanden sind, von selbständigem 
Wert, meist kürzer, manchmal aber auch um echtes, vom Orig. 
herrührendes Gut reicher. Es muß zwei Originalaasgaben des 
gri»-ch. Textes gegeben haben. 
Hil. = Hilarii Pictaviensis opp. ed. Coustant (1693) p. 60R— 752. 
Chrys. = Jo. Chrysostomi opp. ed. Montfaucon, vol. VII (1727), 90 
Homiliea, um 390 in Antiochien gehalten. Die Ausg. von Field 
(Cambridge 1^39) steht mir nicht wie die der Homilien zu den 
paulinischen Briefen (cf ßd IX^, 25) zur Verfügung. 
Hier. = Hieronymi opp. (ed. II Vallarsi I769j vol. VII, 1 — 244, im 

J. 398 in Bethlehem geschrieben. 
Op, = Opus imperfectum in Matthaeum (es fehlt die Auslegung «gu 
13, 16—19, 1; c. 26-28) nach Chrys. opp. ed. Montfaucon VI, im' 
Anhang mit besonderer Paginiruug. Der fälschlich dem Chryso- 
stomus zMgesühriebene und vielleicht erst in folge davon in Ho- 
milien eingeteilte Kommentar ist wahrscheinlich zwischen den 
Jahren 380 und 420 von einem mit griechischer Sprache und 
Kirchenlireratur wohlvertrauten Arianer in lat. Sprache abgefaßt. 
Eine erschöpfende Untersuchung wird erst möglich sein, wenn 
die von Fr. Kanffmann, Texte u Unters, zur altgermin. Religions- 
gesch. I (Straßb. 1899) p. VIII in Aussicht gestellte kritische 
Ausgrabe des Werks erschienen ist. Cf inzwischen Paas, Das op. 
imperf.. Tübingen 1907 und dazu Revue Bened. 1909 p. 395. Recht 
wahr.>;cheinlich ist die Vermutung, daß der Vf jener Maximinas 
aus der Schule Waltilas ist, welcher als junger Kleriker aus An- 
laß der \ erhandlungen in Aquileja vom 3. Sept. 381 um 383 gegen 
Ambrosius schrieb und a. 427 als alter Bischof germanischer 
Arianer mit Augustin in Hippo Regius disputirte, cf G. Salmon 
im Dict. of Christ biogr. IV, 514 a. E. ; K^uffmann 1. 1. LIVff. : 
G. Morin, Revue d'hist. eccles. VI, 2 p. 382. 

Calvin = Joannis Calvini commentarius in harmoniam evangelicam 
(Corp. Reform, vol. 73), zuerst 1555 herausgegeben. 

Grotius = Hugouis Grotii annotatioues in N. Test., Ausg. des er- 
langer Professors Chr. E. v. Windheim, Halle 1769 vol I, 1—588. 

Chemnitz = Harmonia quatuor evangelistarum, a theologis celeb. 
M. Chemnitio primam inchoata, Pol. Lysero post continuata, J. 
Gerharde absoluta. 2 voll, Frankf. et Hamb. 1652. 

Bengel = Jo. Alb. Bengelii Gnomon N. Ti., Stuttgarter Ausg. von 
1860. 

Wettstein = Nov. Testam. graec. etc. opera et st. J. J. Wetstenii 
Amsterdam 1751, vol. I, immer noch eine unerschöpfte Fundgrube 
von Parallelen aus der nichtchristlichen Literatur. 

Wizenmann = Thomas W., Die Geschichte Jesu nach Matthaeas 
als Selbstbeweis ihrer Zuverlässigkeit betrachtet, 1789 zuerst von 
Kleuker, zum 2. Mal mit Beilagen heransgeg von Auberlen 1864. 

Paulus H. E. G. = Philol. krit. u. bist. Kommentar über das NT. 
1 — 3. Teil, 1800 ff., von mir in der „durchaus verbesserten" 2. Aufl., 
1804 ff., benutzt. 

Menkeu = Betrachtungen über das Ev Mt, 2 Teile 1808. 1821 
(Menken"s Schriften, Bremen 1858, Bd. I), umfaßt c. 1—14. 

Gersdorf = Beiträge zur Sprachcharakteristik der Schriftsteller des 
NT's, Bd. I, 1816. 

Fritzsche = Ev Matthaei rec. et cum comm. perpet. ed. C. Fr. A. 
Fr., 1826. 

de Wette = Kurze Erklärung des Ev Matthäi, 1836. 

Olshausen = Komm, über das NT, Bd. I. 2, 3. Aufl. 1837—38. 
Zahn, Ev. des Matth. i. Aufl. 3 



34 Einleitung. 

Stier = Die Keden des Herrn Jesu, Bd. 1. 2, 3. Aufl. 1865. 66. 
Bleek = Synoptische Erklärung der 3 ersten Ew. herausgeg. vob. 

Holtzmann. 2 Bde 1862. 
Meyer H. A. W. = Krit. exeget. Handbuch über das Ev des Mt, 

5. Aufl. (die letzte von eigener Hand) 1864. 
Ewald H. = Die drei ersten Evv und die AG (zuerst 1850) 2. Aufl. 

1871. 
Weiß B. = Das Matthaeusev und seine Lucasparallelen, 1876. 
Schanz = Kommentar über das Ev des hl. Mt, 1879. 
Seh latter = Das Ev. des Mt ausgelegt für Bibelleser. 1895. 
Holtzmann = HandkommeDtar zum NT von H. J. Holtzmann etc., 

I, 1 Die Synoptiker, 3. gänzlich umgearb. Aufl. 1901. 
Merx = Die vier kan. Evv nach ihrem ältesten bekannten Text. 

I. Teil. Übersetzung des Syr. Sin., 1897; II. Teü, erste Hälfte. 

Das Ev. Matthaeus erläutert, 19U2. 
Wellhausen = Das Ev Matthaei übersetzt und erklärt, 1904, be- 
ginnt erst mit c. 3, 1. 
Klostermann Er. = Matthaeus unter Mitwirkung von H. Greßmann 

erklärt, 1909. Im Handbuch zum NT. herausgeg. von H. Lietz- 

mann. 

2. Von den Werken über das Leben Jesu hebe ich hervor : 

Strauß = Das Leben Jesu kritisch bearbeitet, 2 Bde, 2. Aufl. 1837. 

Ebrard = Wissensch. Kritik der ev. Geschichte, 3. Aufl 1868. 

Weizsäcker = Untersuch, über die ev. Gesch., ihre Quellen und 
den Gang ihrer Entwicklung. 1864 (beinah unveränderter Neu- 
druck 1901). 

Keim = Gesch. Jesu von Nazara, 3 Bde 1867 — 72. 

Holtzmann, Oskar = Leben Jesu 1901. 

3. Für die Citate aus dem AT. 

Surenhusius = Bißlos xaTullayris, in quo secundum veterum theol. 

hehr, formulas allegandi et modos interpretandi conciliantur loci 

ex V. in N. Testamente allegati. Amsterdam 1713. 
Hofmann = Weissagung und Erfüllung im A und NT, 2 Teile 

1841—44. 
Anger = Ratio, qua loci V. Ti in ev. Matthaei laudantur, quid va- 

leat ad illustrandam hujus evangelii originem, quaeritur, 3 Teile 

(leipziger Programme), 1861. 62. 
Huhn = Die mess. Weissagungen des israel.-jüd. Volks bis zu den 

Targumim, 2 Teile 1899. 1900. 
Dittraar = Vetus Testamentum in novo, 1903. 

4. In bezug auf das, was man den „jüdischen Hintergrund" 
der Lehre und Geschichte Jesu genannt hat, bedauere ich bekennen 
zu müssen, daß ich bei aller Anerkennung der Wichtigkeit dieses 
Hilfsmittels zum Verständnis der Evv und besonders des Mt nicht 
gelernt habe, mit der Sicherheit und Selbständigkeit wie G. Dalman- 
A. Schlatter und H. Strack auf dem Gebiet der im weiteren Sinn des 
Worts rabbinischen Literatur mich zu bewegen, sondern 
mich noch immer auf die Handreichung und Anleitung der Kundigeren 
gar sehr angewiesen finde, um gegebenen Falls zu den Quellen auf- 
steigen zu können. ^^) Diesen Dienst haben mir ältere Werke, die 

**) Ich hoffe jedoch, kein Citat aus dieser Literatur gegeben zu haben,. 



§ 4. Die Hilfsmittel. 35 

für andere veraltet sein mögen, in erfreulicherer Weise geleistet, 
als z. B. Wüneche's Neue Beiträge zur Erläuterung der Evv aus 
Talmud und Midrasch, 1878. Auch die Versuche, das NT ins 
Hebräische zu übersetzen, sind hilfreich, ohne daß man sich, wie 
schon S. Münster, der Täuschung hinzugeben braucht, auf diesem 
Wege die Ursprache vmd den ursprünglichen Wortlaut des Ev's 
zu gewinnen. ^^) Ich verglich regelmäßig „Des Schemtob ben 
Schaphrut hebr. Übersetzung des Ev Mt, neu herausgeg. von 
A. Herbst", 1879, die höchst achtungswerte Arbeit eines spanischen 
Juden vom J. 1385, und die Übersetzung von F. Delitzsch nach 
der 11., von Dalman revidierten Aufl. 1892. Übrigens wurden, ab- 
gesehen von den bekannten Werken über die sogen, neutestament- 
üche Zeitgeschichte, oft zu Rat gezogen : 

Lightfoot Jo. = Horae hebraicae et talmudicae in quatuor evan- 
gelistas nach der Ausgabe von Carpzov, Leipzig 1675; andere 
Arbeiten desselben nach der Gesamtausgabe seiner Werke, 2 voll. 
Rotterdam 1686. 

Schoettgen I = Horae hebr. et talm. in Universum NT, Dresden 
und Leipzig 1738. 

Schoettgen II =■ Horae hebr. et talm. in theologiam Judaeorum 
dogmaticam de Messia; 1742. 

Delitzsch, Talmudiscbe Studien = Ztschr. für luth. Theologie und 
Kirche, 1854-56. 1860. 1874. 1876. 

Weber = System der altsynagogalen paläst. Theologie ans Targum, 
Midrasch und Talmud, heraaseeg. von Delitzsch und Schneder- 
mann, 1880, neue wenig veränderte Aufl. unter dem Titel: Jüdische 
Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften. 1897, 

Laible = Jesus Christus im Thalmnd, mit einem Anhaug: die thal- 
mudischen Texte mitgeteilt von Dalman, lb91. 

Dalman = Die Worte Jesu mit Berücksichtigung des nachkanonisehen 
jüd. Schrifttums und der aram. Sprache, Bd. 1, 1898. 

Schlatter: Jochanan ben Zakkai, der Zeitgenosse der Apostel 
(Schlatter und Cremer, Beiträge III, 4), 1899; derselbe: Sprache 
und Heimat des 4. Evangelisten (Beitr. VI, 4), 1902. 

Krauss: Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen, 1902. 

Strack, Jesus, die Häretiker und die Christen, 1910, besonders S. 29f. 
des hebr. Teüs, S. 66* f., aber auch die reichen Literaturangaben 
S. 6*— 17* und die Bemerkungen zur Übersetzung 8. 18* — 47*. 

5. Die Auslegung kann nicht warten, bis die Textkritik 
ihre Arbeit vollendet hat; denn wann wird dies geschehen sein? und 
wie soll die Textkritik zum Ziel kommen ohne wesentliche Fort- 
schritte im Verständnis der Texte? Wer sich an der Bearbeitung 
einzelner Zweige der Textüberlieferung mit selbständiger Arbeit 
beteiligt hat und zugleich einen Überblick über das Ganze hat, 
wird am wenigsten geneigt sein zu abschließenden Urteilen über 

ias ich nicht in den Quellen aufgesucht habe;..was die Midraschim anlangt, 
allerdings nur in der Sammlung deutscher Übersetzungen von Wünsche, 
Leipzig 1880 ff. 

^"3 Cf auch Kesch' yitp* nm, große und kleine Ausg. Leipzig 1898. 

3* 



36 Einleitung. 

Textfamilien, Recensionen und daraus sich ergebende Regeln für 
die praktische Textkritik. Hiefür genügt z. B. nicht die Über- 
zeugung, die ich seit langem hege und immer wieder erprobe, daß 
die sogen, abendländische (altlateinische und zugleich altsyrische) 
Textgestalt viel Ursprüngliches bewahrt hat, was in den meisten 
anderen Texten absichtlich verwischt oder ganz getilgt ist, und daß 
die schließlich auf Antiochien und Lucian zurückgehende vulgäre 
Recension (textus recepti(s) in dem Bestreben, einen glatten, sach- 
lich, logisch und sprachlich möglichst unanstößigen, liturgisch an- 
gemessenen Text zu schaffen, besonders weit vom Ursprünglichen 
sich entfernt hat, daß aber auch unsere ältesten griech. Hss (s B) 
keineswegs naive oder neutrale Zeugen des treu fortgepflanzten 
Textes sind. Die Freude am Altertümlichen, Originellen, scheinbar 
oder wirklich Anstößigen darf uns allerdings nicht blind gegen die 
Tatsache machen, daß gerade in ältesten Zeiten, als der Text 
der Evv noch nicht in dem Maße wie später mit dem Nimbus un- 
antastbarer Heiligkeit bekleidet war, zur Zeit und vor der Zeit eines 
Marcion, eines Justin und Tatian in der katholischen Kirche so gut 
wie den Sekten jene fiSTatid^evTeg tcc evayyeUa, wie Clemens sie 
nennt, ^^) am allerkühnsten mit dem überlieferten Texte umgegangen 
sind. Andrerseits wäre es eine schädliche Übertreibung der an sich 
berechtigten Abneigung gegen das Schulgerechte oder kirchlich 
Konventionelle, welches die trelehrten Verbesserer besünstigten, wenn 
man vergessen wollte, daß die Männer, welche nach der Zeit des Origenes 
in Alexandrien, Antiochien und im palästinischen Cäsarea der von 
Origenes so lebhaft beklagten Verwilderung der ntl Texte durch 
Herstellung von Normalexemplaren ein Ende zu machen suchten, 
erstens eine notwendige Aufgabe in Angriff nahmen ; daß sie zweitens 
sehr alte Hss in Händen hatten, und daß sie drittens bei aller 
menschlichen Torheit und Schwachheit wahrscheinlich doch auch 
ein Gewissen hatten. Bekanntlich ist die Beurteilung der Über- 
lieferung in den Evv viel schwieriger, als in anderen Teilen des 
NT's. Einen Text der paulinischen Briefe würde ich mir allenfalls 
getrauen drucken zu lassen, aber nicht einen Evangelientext. Was 
die kritischen Probleme des Evangelientextes so schwierig macht, das 
ist die durchgängige Verwandtschaft der drei ersten Evv; ferner die 
Berücksichtigung auch des 4. Ev seitens der Schreiber und Leser 
der anderen Evv, besonders in der Geschichte des Leidens und Auf- 
erstehens Christi; endlich der Fortbestand nichtkanonischer Tradi- 
tionen, welche bis in den Anfang des 2. Jahrhunderts noch vielfach 

*") Strom. IV § 41. — Die Klagen über die von verschiedenen Motiven 
geleiteten Siood-iorai der biblischen Texte sind alt cf Orig. Philoi-. ed. Ro- 
binson, p. 52 (s. auch p 41); tom XV, 14 in Mt (Delarue III, 671); tom. 
XXXir, 32 in Jo (berl. Ausg. p. 479,33); Epiph. ancor. 31. Lehrreich für 
die Textgeschichte auch Eus. quaest. ad Maria. (Mai nova p. bibl. IV, 1, 256). 



§ 4. Die Hilfsmittel. 37 

mündlich, von da an scbriftlich fortgepflanzt wurden; dazu bei den 
Syrern die Vorherrschaft des Diatessarons bis um 400. Soviel 
ich sehe, werden wir noch lange und vielleicht für immer darauf 
angewiesen sein, in jedem einzelnen Fall nicht einer allgemeinen 
Ansicht vom Charakter und Wert der zu unterscheidenden Gruppen 
von Textzeugen, sondern dem geschichtlich und philologisch ge- 
bildeten Sinn für das Echte und das Falsche das entscheidende 
Urteil anheimzustellen. 

Die hauptsächliche Fundgrube der Überlieferung ist noch immer 
C. V. Tischendorf's Editio octava erit. major, 1869 — 72. Die von 
ihm zu einem erheblichen Teil neu herbeigeschafften und durchweg 
mit Sorgfalt vorbereiteten Materialien sind seither beträchtlich ver- 
mehrt worden, ^^) bedürfen aber der fortgesetzten Nachprüfung und 
Ergänzung besonders in bezug auf die alten Versionen und die patri- 
stischen Zeugnisse. ^^) Der lange erwartete 2. Band der „Schriften 
des N. Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt her- 
gestellt von H. Frh. v. Soden" (1910), welcher den griech. Text 
enthält, mußte enttäuschen nicht nur wegen des völlig unzweck- 
mäßigen Systems der Sigla für die Textzeugen und der darin zum 
Ausdruck gebrachten Nichtachtung der bedeutendsten früheren 
Bearbeiter desselben Stoffs, sondern vor allem auch wegen des auf- 
fälligen Mangels an Kenntnis der Geschichte der Bibel in der 
alten Kirche, ohne die man auch keine Textgeschichte schreiben 
und keine geschichtlich begründete Kritik am Text des NT's aus- 
üben kann. ^^) Da ich mich in bezug auf die griech. Hss der seit 
einem Jahrhundert im wesentlichen feststehenden Sigla bediene, 
werden nur folgende Erklärungen nötig sein : 

Sc = Syrus Curetonianus nach dem ersten Herausgeber W. Cnreton 
(1858) so genannt, am vollständigsten herausgegeben von F. Craw- 
ford Burkitt in Verbindung mit den erhaltenen Teilen von Ss in 
„Evangelion da-mepharreshe" vol. I. II (19U4) mit guter engl. Über- 
setzung und Vergleichung der Citate bei den ältesten Syrern 
(Afrahat, Ephraim Sjr. etc.) 



^•) Cf. die fleißigen Nachweisungen von C. R. Gregorv in den Prolegg. 
2U Tischendorf's 0<tava vol. III (SS 142«), 1884— 1894;' desselben Text- 
kritik des NT's 2 Bde 1900. 1902; desselben Versuche und Entwürfe Hft. 
1—5, 1908—1911. 

®^) Von den Versionen habe ich nur die syrischen und die lateinischen 
überall, wo es mir wichtig erschien, selbständig verglichen. In bezug auf 

Idie altkirchlichen Autoren wurde alles, was im Wiener Corpus scr. eccl. 
iat. und in den berliner ,.Griech. christlichen Schriftst der ersten 3 Jahr- 
hunderte" bisher erschienen ist, nach diesen Ausgaben angeführt, die in 
diesen Sammlungen noch nicht erschienenen Werke nach den oben S. 32 f. 
angegebenen älteren Ausgaben oder, wo solche nicht zur Hand waren, 
nach Migne. 
**j Ein Beispiel, dem nicht wenige hinzugefügt werden könnten, habe 
ich in der Abhandlung „Altes und Neues über den Isagogiker Euthalius 
NKZtschr. 1904 S. 305—330; 375—390 bloßgelegt. 



38 Einleitung'. 

Ss = Syrus Sinaiticus = The four gospels in syriac, transscribed from 
the Siuaide palimpsest by Bensly, Harris, ßurkitt with an intro- 
daction by Agnes Sm. Lewis ( l894) und Some pages of the four 
gospels by A. S. Lewis (1896), sehr verbessert und vermehrt 
herausgeg. von derselben in The old syriac gospels . . , (1910). 

Sh = Syrus Hierosolymitanus = The Palestinian syriac lectionary of 
the gospels reedited from two Sinai Mss and from P. de Lagarde's 
edition by A. S. Lewis and M. D. Gibson 189a. 

S^ = Peschitthä = Tfttraevangelium sanctum juxta simplicem Syrorum 
versioaem denuo recognitum. Leetionum supellectilem, aquam 
conquisiverat Ph. E. Pusey, auxit et edidit G. H. Gwilliam (1901). 

S^ = Philoxeniaua, d. h. die im J. 50S von dem Landbischof Poly- 
karp tür seinen Metropoliten^ Philoxenus (syr. Xenaja), Bischof von 
Mabug, angefertigte, von Thomas von Heraklea im J. 616 abge- 
schriebene und mit Randglossen und kritischen Zeichen ausge- 
stattete Übersetzung des NT's, ed. J. Wliite (1778—1803). Gegen 
die auch noch von E Nestle, Einführung in das griech NT, 3. Aufl. 
1909 S. 11;^ f. vertreteae Ansicht cf in Forsch IX, 212—220. 

S^ = die von Thomas am Raade der Philoxeaiana beigefügten 
meistens in syrischer, teilweise auch in griechischer Sprache bei- 
gefügten Glossen, welche auf eine sehr alte syrische Version zu- 
rückgehen. 
Außerdem ist noch zu bemerken, daß im Kommentar zu Mt 1 Papyrus- 
fragmeute zu V. 1—9. 12 f. 14—20. ed. Grenfeli u üunt in The Oxyrhynchus 
Papyri vol. I, 4, 7 Nr. 2 als Oxyr. citirt sind. Während die Herausgeber ge- 
neigt waren, sie dem 3. Jahrh. zuzuschreiben, dachte Gregory (Textkritik 

1, 72 unter Ts) wegen der Buchform der Hs. au das 4. Jahrhundert. Ein 
anderes Fragm. aus saec. V oder VI (Mt 1, 21 von «tö rcäu auaoriüiu — 

2, 2 SV rr] dvarolrf) ebeudort vol. III, If. habe ich nicht berücksichtigt. 

Von den Haudausgaben des NT's, die einige Einsicht in die Textüber- 
lieferung gewähren, empfehlen sich die Ausgaben von Nestle (7. Aufl. 1908, 
mit der lat. Vulgata zur Seite 1936) und von A. Souter (Oxford 1910). 
Für Matthaeus allein kommen noch in Betracht E. Miller, Textual comm. 
on the holy gospels, largely from the use of materials and mainly on the 
text left of the late J. W. Baryon, Part I, 1 (Mt c. 1—14, London 1849 
m. W. nicht fortgesetzt) und Fr. Blaß, Ev. secundum Matthaeum cum 
variae lect. delecru (1901), dazu von demselben: Textkrit. Bern, zu Mt 
in Schlatter's u. Cremer's Beiträgen IV, 4 (I900j. 



Das AT ist überall nach der Kapitel- und Verszählung der hehr. Drucke 
und die Psalmen nach der masoretischen Zählung citirt; die LXX, wo be- 
sondere Angaben fehlen, nach der Ausgabe von Swete, 3 voll. 1887 — 94. 
Meine eigenen Arbeiten citire ich mit folgenden .\bkürzungen: 

Einl = Einleitung in das NT, 2 Bde 3. Aufl. 190.i. 1907. 

Forsch = Forschungen zur Gesch. des ntl. Kanons und der altkirchL 
Literatur Teil I-VI und IX (1881—1916). 

GK = Gesch. des ntl. Kanons. 2 Bde 1888-92. 

Grundr. = Grundriß der Geseh. des ntl. Kanons, 2. Aufl. 1904. 



Der Titel I, i 



Die Worte, mit welchen Mt sein Buch beginnen läßt, Bißkog 
ysveaewg ^Irjaoö XqiotoD vioü Javlö vlov ^Aßgadf-i sind durch ihre 
l'orm und durch den Platz, den sie innehaben, als ein Titel und 
zwar als Titel des hier beginnenden Buchs gekennzeichnet. Sie 
als Überschrift eines ersten Abschnitts zu verstehen, ist schon da- 
durch verwehrt, daß im Verlauf des Buches keine weitere Kapitel- 
•öberschrift folgt. Der Satz 1, 18 ist nach Form und Inhalt keine 
solche, und die Formel, welche wir 7, 28; 11, 1; 13, 53; 19, 1; 
26, 1 am Schluß längerer Reden oder Gi'uppen von Reden lesen, 
drückt nur aus, daß das Voranstehende zum Abschluß gekommen 
sei. Was aber an diese Formel angeknüpft wird, ist niemals eine 
das Folgende zusammenfassende Überschrift, sondern stets ein ein- 
zelnes Ereignis. Hat demnach Mt sein Buch nicht in Kapitel ein- 
geteilt und die Abschnitte, in welche sein Werk zerlegt werden 
mag, nicht mit Überschriften versehen, so ist auch kaum denkbar, 
daß er an die Spitze seines Werks einen Titel gestellt haben sollte, 
der nur einem Teil desselben gelte, und daß er es dem Leser über- 
lassen haben sollte zu erraten, wo der so überschriebene Teil sein 
'Ende finde. In der Tat hat man unter dieser von vornherein un- 
wahrscheinlichen Voraussetzung das angeblich in 1, 1 betitelte 
Kapitel teils in 1, 2—17, teils in 1, 2—25, teils in 1, 2—2, 23 
finden wollen. Wenn ß. yevioewg hieße : Bach von der Entstehung, 
was zwar beispiellos, aber doch sprachlich möglich wäre, so könnte 
jedenfalls 1, 18 — 25 nicht ausgeschlossen sein; dies wäre vielmehr 
das einzige Stück, worauf der so verstandene Titel passen würde, 
und vor welchem er als Überschrift stehen könnte. Denn, mag 
man dort yiveOLg oder yivvrjacg lesen, jedenfalls weiß und sagt Mt 
von keiner anderen Entstehung Jesu als der dort berichteten Er- 
zeugung und Geburt. Weder der weitläufige Stammbaum, noch di« 
Erzählungen von den Schicksalen des Kindes bis zur Niederlassung 
in Nazareth fallen unter den Begriff der yfveaig. Wenn man deu 
Titel auf 1, 2 — 17 beschränkte und zu seiner Erklärung die An- 



40 Der Titel 1, 1. 

»ahme zu Hilfe nahm, daß Mt die folgende Genealogie mit diesem 
Titel behaftet vorgefunden und sie ungeschickter Weise samt dem- 
selben sich angeeignet habe, so setzte man sich erstlich mit dem 
unverkennbaren Charakter des Schriftstellers in "Widerspruch. Auch 
der unfreundlich gesinnte Leser des Buchs erkennt sofort und beim 
Weiterlesen in steigendem Maße, daß es nicht eine rohe Zusammen- 
stellung älterer Schriftstücke, sondern das planvolle Werk eines 
überlegenden Schriftstellers ist. Überall gewahrt man den die 
Stoffe ordnenden und bis auf die Wahl der Worte gestaltenden Ge- 
danken. Schon die Genealogie, die Mt nicht frei erfunden haben 
kann, sondern ihren wesentlichen Bestandteilen nach vorgefunden 
haben muß, zeigt von Anfang bis zu Ende die deutlichsten Spuren 
davon, daß der überlieferte Stoff vom Vf bearbeitet und mit be- 
wußter Absicht zum Ausdruck von Gedanken gestaltet ist, die in 
den folgenden Abschnitten ihre weitere Entwicklung finden. Wie 
sollte ein Schriftsteller dieser Art den Titel einer vorgefundenen 
Genealogie Jesu unverändert beibehalten uncf diesen an die Spitze 
seines Buchs gestellt haben, wo der harmlose wie der verständige 
Leser ihn nur als Titel des ganzen Werkes verstehen konnte? 
Zweitens aber mußte man" diesem Titel die weder aus seinem 
Wortlaut noch aus dem Sprachgebrauch zu gewinnende Bedeutung 
„Stammbaum Jesu Christi" andichten. Die biblische wie die ge- 
meine Sprache hat dafür yEvealoyia (1 Tm 1, 4; Tt 3, 9 cf ye~ 
V€aXoyeio&aL Hb 7, 6 ; 1 Chr 5, 1 ; äyeveaXöyrjiog Hb 7, 3), da- 
neben etwa noch ysvr/.ij ygarpi] (Esra III apocr. 5, 39). Der Ge- 
brauch von ßlßXog yev€G£iog beschränkt sich, abgesehen von späteren 
Nachbildungen in der kirchlichen Literatur, ^) auf Mt und Gen 2, 4 ; 
5, 1 LXX. Darnach ist von vornherein jede Erklärung des 
seltenen Ausdrucks in Mt 1, 1 verwerflich, welche von jenen 
Stellen der LXX und den verwandten Stellen des AT 's absieht. 
Schon der älteste syrische Evangelienübersetzer ließ sich dorthin 
weisen und schöpfte seine Übersetzung von Mt 1, 1 aus der atl 
Peschittha. ^) Chrys., welcher 1, 1 richtig als Titel des ganzen 

') In einer aus dem Griechischen übersetzten, gewöhnlich dem Hippo- 
lytus zugeschriebenen Weltchronik, welche als Ganzes Liber generationis 
betitelt zu werden pflegt, trägt diesen Titel mit dem Zusatz hominumf 
nach anderer Eezension rmmdi, wahrscheinlich nur ein erster Abschnitt 
des Buchs und zwar, wie die Eingangsworte zeigen, im Anschlufi an Gen 5, 1. 
Chron. min. ed. Mommsen p. 91 cf die Noten zum ersten Titel des Index 
p. 89 und Chron. min. ed. Frick p. 2. 6. 

^) Ss vw^i NmVim «ans, ebenso Sc, nur das Suffix n statt s am Schluß 
des zweiten Worts cf Pesch. Gen 5, 1 ütui nmVin nsD. S '..änderte nach dem 
Griech. "t nnn^Sn "d. Ob Ss Sc mit ihrer glücklichen Übersetzung, man 
kann sagen Eückübersetzang, das richtige Verständnis verbanden, mag 
dahingestellt bleiben. Der syr. Eusebius übersetzt bereits ysvenXoyia ganz 
«0 wie Pesch. Gen 5, 1 : h. e. I, 7 Titel I, 7, 1 ohne nso. — Schemtoh über- 
setzte Mt 1, 1 ■r\1•^h^r\ h'jk, Delitzsch mSm nsD. 



Der Titel 1, 1. 41 

Buchs erkannte, wies avisdrücklich auf Gen 2, 4 hin. ^) Richtiger 
wäre ein Hinweis Gen 5, 1 gewesen ; denn erstens handelt es 
sich Gen 2, 4 um Himmel und Erde, dagegen Gen 5, 1, wie an 
allen übrigen Stellen des AT's, wo ein ähnlicher Ausdruck zu 
lesen ist, und auch Mt 1, 1, wo genau derselbe Ausdruck wieder- 
kehrt, um einen Menschen oder mehrere Menschen. Zweitens aber 
hat der hebräische Text, dem beide Targume, Peschittha und 
Aquila sich hierin anschließen, nur Gen 5, 1 das genau entsprechende 
DIK riT^in lE:ü (LXX tj ßißXog yeveosiog äv^Qwrcwv) ; nur LXX 
hat auch Gen 2, 4 das allerdings wesentlich gleichbedeutende n^K 
m^in frei durch aurrj 7] ßißXog ysveaewg übersetzt. Da unser 
griechischer Mt, wie im weiteren Verlauf der Auslegung immer 
wieder sich zeigen wird, einerseits ein Kenner der LXX, andrer- 
seits ein des Hebräischen und Aramäischen kundiger Schriftsteller 
ist, so ist auch nicht wohl zu bezweifeln, daß er die in sonstiger 
Literatur unerhörten Anfangsworte seines Buchs im Anschluß an 
Gen 5, 1 gewählt, und daß er sie im Sinne des dort und ähnlich 
so an vielen Stellen des AT's vorkommenden Ausdrucks verstanden 
haben wollte. An keiner dieser Stellen aber wird durch avtr] ?/ 
ßißXog yeveoeiog oder abrät ctl ysveoeLg ein Stammbaum, eine Auf- 
zählung der Ahnen der Person, deren Name im Genitivverhältnis 
mit diesem Ausdruck verbunden ist, eingeleitet. Wo überhaupt 
ein Namensverzeichnis folgt, ^) ist es ein solches der Kinder und 

*) Chrys. hom. 2, 3 p. 23. Daß Mt seinem Buch, welches doch nicht 
nur die Geburt {ir]p ytvvriaiv)^ sondern die ganze irdische Geschichte Jesu 
[näaav irjv ol-^ovoiiiat') darstelle, diesen Titel gegeben habe, erklärt er aller- 
dings unbefriedigend daraus, daß die Menschwerdung die Hauptsache, die 
Grundlage der ganzen Geschichte Jesu bilde. Selbst ein Bengel verbindet 
mit der richtigen Erinnerung an Gen 2, 4; 5, 1 die falsche Übers-etzung 
recensio ortiis und will die sich ausschließenden Beziehungen auf die fol- 
gende Genealogie, und das ganze Buch mit einander verbunden haben. Erst 
Hofmann, Weiss, u. Erfüllung II, 37 ff.; D. hl. Sehr. NT's IX (ed. Volck) 

5. 298f. gab und begründete klar das Richtige. 

*) Gen 5, 1 ; 10, 1; 11, 10. 27; 25, 12. 19; 36. 1. 9 (Ex 6, 24 hebr. anders 
und rückblickend); Num 3, 1; Ruth 4, 18; 1 Chr 1, 29 (4. 2. 21). Dazu 
kommen die Stellen, wo überhaupt kein Namensverzeichnis folgt, Gen 2, 4; 

6, 9; 87, 2. Übersetzungen wie Geschlechtsregister, „genealogischer Auf- 
satz" (so z. B. H. E. G. Paulus I, 249) sind auch darum verwirrend, weil 
sie den Unterschied zwischen Stammbaum, "Verzeichnis der Ahnen und 
Verzeichnis der Kinder und Nachkommen verdecken. Für ersteres steht 
Nehem 7, 5 itfnin iso (LXX ungenau ßißlioi' awoöiag, Viilg. liber census): 
Nehem 7, 64 n^VninVn oirs (besser als LXX übersetzt der apokryphe III 

Esra 5, 39 tovtmv ij yeviy.ij' y^nj-if) d 1 Chr 5, 1 'tt'nirin, LXX ysvsakoyelod-cu. 

Mit unerheblicher orthographischer Änderung ist das Verbum on^ und das 
Subst. Dnr, vonv isd, in der hebr. und aram. Literatur der Juden für ysrs- 
aloysii', yevsuloyia üblich geworden. Dagegen nn'jin, eigentlich „Zeugungen" 
oder „Erzeugnisse" cf Lagarde, Abh. der gött. Ges. Wiss. XXVI (IbSO) 
S. 38f., von der mittelalterlichen Übersetzung des AT's im Cod. Venetus 
durch yevvrioEis richtiger, als von LXX durch ysvsats und ysysoeis wieder- 



42 Der Titel 1, 1. 

der ferneren Nachkommen der betreffenden Person, Es heißt also 
ß. yev. nicht Stammbaum. Ebensowenig aber auch „Buch von 
der Entstehung", Geburtsgeschichte. Nur an 3 von den 
11 Stellen wird an die lange vorher berichtete Erzeugung, Geburt 
oder Erschaffung des Mannes, dessen Tholedoth angekündigt sind, 
beiläufig noch einmal erinnert (Gen 5, 1 ; 35, 12. 19). Überall 
sonst werden ohne Rückblick auf seine eigene Geburt die Er- 
zeugungen, deren Subjekt er ist, und die weiter folgenden Glieder 
des sich fortpflanzenden, von ihm als dem Ahnherrn ausgegangenen 
Geschlechtes, aufgezählt. Aber dabei ist die Entwicklung des 
Begriffs nicht stehen geblieben. Wenn Gen 2, 4 nicht etwa, wie 
Viele annehmen, gegen die Analogie aller übrigen Fälle eine Unter- 
schrift des vorangehenden Kapitels ist, so dient dort der Ausdruck 
als Einleitung einer Erzählung von dem, was aus der von Gott 
geschaffenen Welt weiterhin geworden ist. Auch Gen 5, 1 wird 
keineswegs nur eine dürre Aufzählung der Nachkommen Adams 
durch die Formel eingeleitet. Gen 6, 9 und 37, 2 folgt gar keine 
Namensliste und kein Geschlechtsregister, sondern als Tholedoth 
Noah's wird die ganze Geschichte Noah's und der Sintflut über- 
schrieben und als Toledoth. Jakob's die Geschichte seiner Familie, 
die Erzählung von Joseph und seinen Brüdern. Es hat der Aus- 
druck die allgemeinere Bedeutung von Geschichte angenommen. 
So hat ihn Mt gebraucht und somit sein Werk als „Buch der 
Geschichte Jesu Christi" betitelt. Nur Leser, welche mit der 
Sprache des AT's vertraut waren und diese durch die griechische 
Hülle der LXX hindurch wirklich verstanden, konnten den Titel 
des Buchs vei-stehen. Viele solche Leser hat Mt, wenigstens von 
der Zeit an, in welcher wir die Auffassung dieses Buchtitels in 
der Kirche verfolgen können, nicht gefunden, vielleicht nur bei 
den Syrern (S. 40 A 2). Wenn die Überlieferung im Recht ist, 
wonach das ursprünglich aramäisch geschriebene Ev uns in einer 
Übersetzung vorliegt, so ist zu urteilen, daß der Übersetzer in 
der Wiedergabe des Titels nicht eben glücklich gewesen ist. Die 
Absicht der Treue gegen sein Original und der Anschluß an die 
Übersetzungsweise der LXX werden es verschuldet haben, daß 
sein Buch mit Worten anfängt, welche den nur des Griechischen 
kundigen und griechisch denkenden Lesern kaum verständlich sein 
konnten. Der Vf selbst, welcher nach der Überlieferung für 

gegeben, konnte, solange mau das Wort verstand, gar nicht als Bezeichnung 
eines Stammbaums der im Genitiv daneben genannten Person dienen. Richtig 
verstanden und angewendet hat den Ausdruck auch noch der Vf der jüdi- 
schen Schmähschrift w nnSin, in welcher die ganze Geschichte Jesu bis 
über die Himmelfahrt hinaus, in den meisten Recensionen bis zur Predigt 
des Petrus in Rom, ja bis zur Erbaunug der Peterskirche daselbst geführt 
wird cf die Übersicht von E. Bischoff bei S. Krauss, Das Leben Jesu nach 
jüdischen Quellen, 1902 S. 27 ff. 



IDer Titel 1, 1. 43 

Hebräer schrieb, konnte auf unmittelbares Verständnis rechnen. 
Er hätte sein Werk als „Geschichtsbuch von Jesus dem Messias" 
auch dann betiteln können, wenn er in demselben gar nicht die 
Erzeugung und Geburt Jesu darzustellen beabsichtigte. Der Titel 
würde es auch gestattet haben, die Erzählung über das Ende des 
Erdenlebens Jesu hinauszuführen und die weitere Entwicklung der 
von ihm ausgegangenen Bewegung bis zu irgend einem Punkt zu 
verfolgen. Eine Beziehung zwischem dem Wort ysvtoig in dem 
zusammengesetzten Begriff ß. y€V. 1, 1 und dem Wort ytvvviaig, 
welches 1, 18 zu lesen ist (s. unten), besteht nicht. Aber eben- 
sowenig enthält der Ausdruck an sich einen Hinweis auf die nach- 
folgende Genealogie : denn nur etwa eine Aufzählung von Nach- 
kommen Jesu, wenn es solche gäbe, nicht aber von Vorfahren 
Jesu könnte man durch ß. yev. veranlaßt sein zu erwarten. Erst 
dadurch, daß Mt zu dem Personennamen Jesu den Titel XQiatög 
hinzufügt und den so doppelt bezeichneten Helden der beab- 
eichtigten Geschichtsdarstellung weiter noch als Sohn Davids des 
Sohnes Abrahams bezeichnet, weist er auf die in v. 2 — 17 folgende 
Darstellung dieses Abstammungsverhältnisses als einer Voraussetzung 
der Christuswürde Jesu hin. Der Titel XQiarog tritt bei Mt nur 
hier, wie an ähnlicher Stelle Mr 1, 1, auch schon Jk 1, 1 ; 2, 1 
und so manchmal bei Paulus, ohne Ai'tikel wie ein zweiter Eigen- 
name neben den ersten. Wenn man aber bemerkt, wie deutlich 
die Unterscheidung zwischen dem Namen ^Irjaovg und dem Titel 
o Xgiavög sonst von Mt zum Ausdruck gebracht wird (1, 16. 17. 18 
[s. dort]; 2, 4 ; 11, 2; 16, 16. 20; 22, 42; 23, 10), so muß dieses 
artikellose XQiGTog befremden. Ein zu gründe liegendes sn^E'^p 
konnte der Übersetzer an sich ebensowohl durch Xoioiov als durch 
TOÖ Xqlotov wiedergeben. Letzteres scheint aber der Denkweise 
des Vf genauer zu entsprechen. Jedenfalls steht er an der Schwelle 
seines Werks mit dem unverhohlenen, urchristlichen Bekenntnis, 
„daß Jesus der Christ sei'' (Jo 20, 31; AG 9, 22: 17, 3). Und 
daß er sich damit nicht einer abgeschliffenen dogmatischen oder 
liturgischen Formel bedient, sondern des Gehalts derselben sich 
bewußt ist, zeigt die weiter folgende Apposition. Indem er Jesum 
den Christ als einen Sohn Davids, diesen aber als einen Sohn 
Abrahams bezeichnet, drückt er den Gedanken aus, daß Jesus der 
Erbe und die Erfüllung der dem König David gegebenen und an 
dessen Haus geknüpften, aber schon lange vorher dem Stammvater 
des Volkes Israel und damit diesem Volk gegebeneu Verheißung 
und in diesem Sinne der Messias sei, also der verheißene König 
aus Davids Geschlecht, der die Geschichte Israels zum Ziel führen 
BoU, Man kann zweifelnd fragen, ob Mt sich dabei auch daran 
erinnert hat, daß die dem Abraham und seinem Geschlecht ge- 
gebene Verheißung eine Beziehung zu allen Völkern der Erde hat 



44 Der Titel 1, 1. 

(Gen 12, 3; 18, 18; 22, 18), und ob er durch die nur an dieser 
einzigen Stelle der Bibel vorkommende Beifügung des geschichtlich 
selbstverständlichen vioö i4ßQadi.i zu z/aßiö hat ausdrücken wollen, 
daß Jesus als der Messias nicht nur der König Israels, sondern 
.auch ein Segen für alle heilsbedürftigen Menschen sei, gleichviel 
welcher Nationalität sie angehören. Wahrscheinlich genug wird 
dies, wenn man beachtet, in welcher Verbindung der Name Abra- 
hams 3, 9; 8, 11 wiederkehrt, und wenn man den Schluß des Buche 
28, 19 mit diesem seinem Anfang vergleicht. In der Person 
Abrahams löst sich die Geschichte des werdenden Volkes Israel 
von der Geschichte der übrigen -Älenschheit los, in dem Messias 
Jesus kommt sie so zu ihrem Abschluß, daß ihr ganzer Ertrag 
sich über „alle Völker" ergießt. Mag dem sein, wie ihm wolle, 
jedenfalls hat Mt durch den Titel, den er seinem Buch gab, die 
Absicht ausgedrückt, die Geschichte Jesu so darzustellen, daß er 
daraus als der Messias, d. h. als die Erfüllung der dem davidischen 
Königshause und dem von Abraham abstammenden Volke ge- 
gebenen Verheißung zu erkennen sei. 

{. Vorfahren, Geburt- und erste Lebensschicksale Jesu 
I, 2—2, 23. 

1. Der Stammbaum v. 2 — 17. Wie der Titel des Buchs 
bereits angekündigt hat, daß die Geschichte Jesu hier im Licht der 
jedem Juden heiligen Geschichte seines Volks dargestellt werden 
solle, so beginnt Mt die Ausführung seiner Absicht mit einem 
Grundriß der Geschichte Israels in der denkbar kürzesten Form 
eines Stammbaums, welcher an Abraham seine Wurzel, an Jesus 
dem Christ seinen Wipfel hat (1, 2 — 17). Die Meinung, daß 
dieses erste Stück dem Zweck dienen sollte, die Herkunft Jesu 
von David und damit sein Recht auf die Stellung des Davidsohnes 
oder des Messias zu b e w e i s e n , ist zwar alt und behauptet sich 
mit Zähigkeit, ist aber darum nicht weniger ein sonderbares Miß- 
verständnis. Es bleibt bei dieser Auffassung unerklärlich, warum 
die Liste mit Abraham statt mit David beginnt. Daß David ein 
Israelit war, brauchte doch wohl für niemand bewiesen zu werden. 
Ebensowenig aber auch, daß Serubabel (v. 12) ein Davidide war. 
Selbst bei der Prüfung der legitimen Abkunft der Priester und 
Priesterfrauen, auf deren Abstammung das größte Gewicht gelegt 
wurde, begnügte man sich mit einer beschränkten Zahl von Gliedern 
in aufsteigender Linie, und erklärt es für überflüssig, über einen 
Ascen deuten, der eine amtliche Stellung als Priester oder als 
Mitglied des Synedriums eingenommen hatte, weiter hinauf zu 
gehen. ^) Mehr als zwei Drittel der ganzen Liste des Mt wären 

^) Mischna, Kidduschim IV, 4—5. Der eitle Josephus läßt sich yita 1 



c. 1, 2-17. 4& 

also zweckwidrig. Aber auch der kleine Rest v, 13 — 16 entspräche 
dem angeblichen Zweck aus mehr als einem Grund^^ nicht. Erstens 
finden wir unter allem Widerspruch, welchen die Feinde Jesu und 
seiner Gemeinde erhoben haben, nirgendwo die einfache Verneinung 
seiner Herkunft von David. Es muß allgemein bekannt und an- 
erkannt gewesen sein, daß Joseph, als dessen Sohn Jesus galt 
(Mt 18, 55; Lc 3, 23 : Jo 1, 45; 6, 42), ein Davidide war (Mt 1, 20: 
Lc 1, 27; 2, 4). Ohne diese Voraussetzung wäre das gesamte öffent- 
liche Auftreten Jesu ebenso unbegreiflich wie das Verhalten seiner 
erbitterten Feinde, welche weder in den Disputationen mit ihm, 
noch in dem letzten Proceß, den sie gegen ihn anstrengten, den 
leisesten Versuch gemacht haben, die davidische Abkunft Jesu und 
seines Vaters Joseph anzufechten und dadurch allen seinen An- 
sprüchen und dem Glauben seiner Verehrer den Boden zu ent- 
ziehen. Auch als man später von jüdischer Seite die Erzeugung 
und Geburt Jesu zum Gegenstand schimpflicher Verleumdung machte, 
wurde nicht dem Joseph die davidische Herkunft, sondern Jesu 
die eheliche Geburt abgestritten. Für wen also sollte eine auf 
Joseph hinauslaufende Genealogie als Beweis für die Herkunft Jesu 
von David, die niemand bezweifelt hat, eine Bedeutung gehabt 
haben? Aber auch wenn ein Bedürfnis vorhanden gewesen wäre, 
würde das, was Mt 1, 2 — 17 geboten wird, dasselbe nicht befriedigt 
haben. Es gab zu jener Zeit viele Nachkommen Davids in Palästina 
und in Mesopotamien. ^) Daraus, daß einer ein Davidssohn war, 



an der Aufzählung von 5 Ascendenten genügen. Cf im allgemeinen Jos. 
c. Apion. I, 7. 

•*) Nach den Verzeichnissen in 1 Chron 3, 15—24; Esra 3. 2; 8. 2; III 
Esra5, 5; 8,29 war das Haus Davids zu und nach der Zeit des Exils ein 
ziemlich verzweigtes. Ein in der Mischna iTaanith IV, 5) erhaltenes, aber 
selbstverständlich aus der Zeit vor a. 70 stammendes Verzeichnis der Tage, 
an welchen die verschiedenen Geschlechter Hok für den Brandopferaltar 
zu liefern hatten, bestimmt für das „Haus David" den 20. Tammus. Cf 
auch unten S. 97 A 86. — Hillel, der um ein volles Menscheualter ältere 
Zeitgenosse Jesu, welcher aus ßabyloaien nach Palästina einafewandert war, 
und die von ihm abstammenden, später so genannten jüdischen Patriarchen 
in Palästina rühmten sich, wenn auch nur mütterlicherseits, von David 
abzustammen (jer. Taanith IV, 2 fol. 6»=^; Kilajim IX, 3 fol. 32"; Bereschith 
rabba 98 zu Gen. 49, 10; Eus. ecl. proph. 36 ed. Gaisford p. 139 cf Deren- 
bourg, Hist. de Palestine p. 349. 352 f). Auch die christlichen Nachkommen 
der Brüder Jesu, deren es bis nach der .Mitte des 3. Jahrhunderts gegeben 
hat (Greg. Barhebr. bist. eccl. ed. Abbeloos et Lamy III, 22 f.; Forsch VI, 
295), taten sich nicht nur auf ihre Verwandtschaft mit Jesus, sondern auch 
auf ihre Abstammung vom königlichen Hause etwas zu gute uud wurden 
nicht bloß von ihren Glaubensgenossen, sondern auch von den erbitterten 
Feinden nnter den .Juden als Oavididen angesehen (Hegesippus bei Eus. h. e. 
III. 10—11; 19-20; 32; Africanus bei Eus h. e. I, 7, 11—15; Forsch VI, 
218). Auch im Talmud wird anerkannt, daß Jesus „dem Königtum nahe 
stand", d. h der davidiscben Familie angehörte. So verstehen Deren bourg, 
Hist. et geogr, de Pal. p. 349; Delitzsch, Jesus u. Hillel 2. Aufl. 8. 13 das 



46 Der Stammbaum. 

folgte noch lange nicht, daß er der Davidssohn sei. Neben den» 
Einen, der solchen Anspruch erhob, standen andere, welche dazn 
ebensosehr berechtigt waren, und auf die jetzt Lebenden folgten 
andere, die noch sollten geboren werden. Da man nicht wußte, 
wann die Tage des Messias kommen werden, konnte an jedem 
Davidssohn, welcher das Ansehen hatte, der Verheißene zu sein, 
die Frage des Täufers. Mt 11, 3 gerichtet werden, und der best- 
beglaubigte Stammbaum gab keine Antwort, Aber auch zum Be- 
weise dafür, daiß Jesus einer der vielen Davidssöhne sei und ihm 
somit nicht eine der unerläßlichen Voraussetzungen für die Aner- 
kennung als Messias fehle, war v-k 2 — 17 völlig ungeeignet. Eine 
solche Reihe von Namen konnte jeder niederschreiben. Bis zu dem 
königlichen Prinzen Serubabel brauchte er sie nur aus dem AT 
zusammenzulesen, von da bis zum Schluß konnte er sie erfinden. 
Ein Beweis für die Richtigkeit des Stammbaums hätte nur geführt 
werden können durch Berufung entweder auf öffentliche Urkunden, 
oder auf persönliche Zeugnisse von anerkannter Glaubwürdigkeit, 
oder auf beides zugleich (cf Jos. c. Apion. I, 7) Von einer Bemühung 
des Mt, einen derartigen Beweis zu leisten, fehlt aber jede An- 
deutung. Zwecklos war darum die Aufzählung der Zeugungen, 
welche von Abraham bis zu David und von David bis zu Jesus 
hinabführen, keineswegs. Wie noch heute der Sprößling einer alten 
Familie, auch wenn sein Recht auf deren Namen von niemand be- 
zweifelt wird, ein natürliches Interesse daran hat, den genealogischen 
Zusammenhang mit seinem Ahnherrn möglichst vollständig und 
genau in einem Stammbaum dargestellt zu sehen und in dieser 
Form die ganze Geschicl;ite seines Geschlechts zu überschauen, so 
war es auch bei den Juden und aus begreiflichen Gründen ganz 
besonders bei den Abkömmlingen des davidischen Hauses. Daß 
dieses Interesse auch bei den ältesten Christen und insbesondere 
bei den christgläubigen Gliedern des Geschlechts, dem Jesus ent- 
sprossen ist, lebendig war, wird schon durch das Vorhandensein 
der beiden Genealogien Mt 1, 2 — 16; Lc 3, 23 — 38 bewiesen und 
für etwas spätere Zeit durch das, was Julius Africanus ') von den 

niaSoS snp Sanhedr. 43*. Wie man Jesu nähere Beziehungen zur römischeif. 
RegieriiDg (so Dalunan, Worte Jesu I, 79) hätte andichten köunen, ist mir 
nicht ersichtlich. Vielleicht war in einem nach a. 70 angefertigten jüdischen 
Geschlechtsregister Jesus als. Bastard des davidischen Geschlechts einge- 
tragen s. folgende Ä. 

') Africanus bei Eos. h. e. I, 7, 11—15 cf Spitta, Der Brief des Afr. 
an Aristides S. 121. 100 f. Die in den griech. Hss offenbar verstümmelte 
und wohl auch schon von dem syrischen Übersetzer des Eusebius so vor- 

fefundene Beschreibung des Verfahrens der Verwandten Jesu, der sogen. 
eondovifoi {Ems I, 7, 14), wird nach Rufinus (partim menioriter, partim 
etiam ex dierum libris) und nach dem Zusammenhang mit Stroth, Spitta u. a. 
etwa so herzustellen sein : lijv n^oei^rj^ievriv ysveaXoyiav ex [fivi^firje] te [xoi] 
TfJG ßißXov i&v fifxeQöJv, es 6aov s^ixvoüvto, k^rjyrjadfievoi. Das ohne Solche 



c. 1, 2—17. 47 

Nachkommen der Familie Jesu berichtet. Diese haben teils ans 
Familienerinnerungen, teils aus den kanonischen Büchern der Chronik 
eine detaillirtere Genealogie hergestellt, welche dem in Palästina 
lebenden gelehrten Chronographen Africanus geeignet schien, die 
Toneinander abweichenden Genealogien des Mt und des Lc mit 
einander auszugleichen. Ob schon Mt eine so oder ähnlich in der 
Familie Jesu entstandene und schriftlich aufgezeichnete' Genealogie, 
eine iöiiorixi] änoyQacpij, wie Africanus sie nennt, vor eich gehabt 
und in seiner "Weise bearbeitet, oder ob er selbst die ganze Liste 
entworfen hat, wird sich schwerlich entscheiden lassen. Bis zu 
Serubabel (v. 12) bot ihm oder dem, welcher ihm vorgearbeitet 
hatte, das AT den Stoff. Es ist aber wenig wahrscheinlich, daß 
er die Namen aus dem langen Verlauf der atl Geschichtserzählung 
mühsam zusammengelesen haben sollte, während er sie 1 Chr 1, 34; 

2, 1 — 15; 3, 1 — 19^, teilweise auch Ruth 4, 18 — 22 in genealogi- 
schen Tabellen zusammengestellt vorfand. ^) Nun bot ihm aber 

Ergänzung unerträgliche und darum unerfindliche, durch alle Hss des Euse- 
bins (p. den Apparat in der Ausg. von Ed. Schwarte S. 6), 19), indirekt 
auch durch ßulin bezeugte ie zu streichen (so Eeichardt, Die Briefe des 
Aristides, 1909 S. 62, 1) ist ein Gewaltstreich. Die von Africanus oder 
vielmehr von den Verwandten Jesu, auf die er sich beruft, behauptete 
Vernichtung der officiellen, in den Archiven zu Jerusalem aufbewahrten 
Geschlechtsregister durch Herodes findet im allgemeinen ihre bestätigen- 
den Analogien bei Jos. c. Apion. I, 7. Josephus hatte nach dem Zu- 
sammenhang nur Anlaß von genealogischen Eegistern der Priester zu be- 
richten, daß sie aus Anlaß, von Kriegen und besonders des großen Krieges 
von 66—70 wieder erneuert worden seien. Das Gleiche wird aber auch 
von den amtlichen Genealogien anderer Geschlechter gelten. Ein solches 
nach a. 70 erneuertes Register zu Jerusalem müßte es gewesen sein, auf 
welches man sich für die davidische Abkunft Hillels berief (jer Taanith 68' 

3. vorige Anm.). Ob dieses Register identisch ist mit demjenigen, welches 
Simeon ben Assai (um a. 100 — 130) in Jerusalem gesehen haben will 

Mischna Jebamoth IV, 13 cf babl. Jebamoth fol. 49), und ob sich die daraus 
citirte Stelle auf Jesus bezieht, ist fraglich und strittig s. Dalman, Worte 
Jesu S. 4; Laible, Jesus Christus im Talmud S. 31 f. Unter v ßißXos tcöv 
il/iE^cöv ohne jede Näherbestimmung (cf dagegen 1 Reg 14, 19. 29; 1 Makk 
16, 24^ kann nur das von den Juden G<»\n nm betitelte biblische Buch ver- 
slanden werden. Dieses bot Namen von Davididen bis über die Zeit des 
Exils herab. Für den Rest bis zu Jesus mußte in Ermangelung der zer- 
störten amtlichen Urkunden die Familientradition Namen und sonstige 
Angaben liefern. Ob dieselbe bereits seit längerer Zeit schriftlich auf- 
gezeichnet war, läßt sich nicht streng beweisen, aber auch nicht aus dem 
kurzen und nur durch Konjektur hergestellten Ausdruck ix uvt^/ur;e be- 
streiten. Kurz vorher hat Africanus nach seinen Gewährsleuten von privaten 
Geschlechtsregistern gesprochen, welche einige auf ihre edle Abstammung 
stolze Juden entweder aus dem Gedächtnis oder aus früher gewonnenen 
Abschriften der inzwischen vernichteten amtlichen Register hergestellt 
haben. Zu diesen Leuten rechnet er die Verwandten Jesu. 

*) Über die diesen biblischen Genealogien in der talmudischen Zeit 
beigemessene Bedeutung s. Hamburger, Realencykl. f. Bibel und Talmud 
II, 298 f. Daß man sie unter dem Gesichtspunkt der Messiaserwartung 



48 Der Stamrabanm. 

die Genealogie 1 Chr 3, lO'' — 24 nocli eine stattliche Anzahl von 
Nachkommen Serubabels.^) Indem Mt alle diese Namen, sowie die 
Bonst gelegentlich vorkommenden Namen von Davididen aus der 
Zeit nach dem Exil (Esra 8, 2 cf 1 Chr 3, 22) unberücksichtigt läßt 
und dagegen hinter Serubabel lauter im AT für das davidische 
Geschlecht dieser Periode nicht bezeugte Namen gibt, beweist er 
auch, daß er nicht willkürlich einige ehrwürdig klingende Namen 
zu einer von ihm erst erdichteten Genealogie zusammengestellt hat, 
sondern wenigstens in dem an Serubabel sich anschließenden letzten 
Teil der Liste eine Familientradition wiedergibt, welche ihm als 
zuverlässig genug galt. Daß es verschiedene Traditionen hierüber 
gab, zeigt die völlig abweichende Liste von Serubabel bis Joseph 
Lc 3, 23 — 27; ebenso aber auch, daß die Namen Sealthiel — 
Serubabel den Knotenpunkt bildeten, in welchem die abweichenden 
Traditionen sowohl über die Linie von David bis Sealthiel, als 
über die Linie von da bis Joseph zusammentrafen. Daß Mt im 
Unterschied von Lc 3, 27 — 31 von David bis zum Exil die regierende 
Linie bietet, entspricht der schon durch den Titel des Buchs vor- 
bereiteten und durch die Gestaltung der Genealogie selbst ausge- 
drückten Absicht, in diesei*" Genealogie einen Abriß der auf Jesus 
den Christ abzielenden Geschichte Israels zu geben. Denn diese war 
für die Zeit von David bis zum Exil durch das AT ganz über- 
wiegend in dem Schema einer Geschichte der Könige aus Davids 
Haus überliefert. — Auf zwei Eigentümlichkeiten seiner Genealogie 
macht Mt durch v. 17 den Leser noch nachdrücklicher aufmerksam, 
als es durch den Wortlaut der Genealogie selbst geschehen war : 
auf die Dreiteilung der ganzen Linie und auf die gleiche Zahl der 
Generationen in den drei Abschnitten. In David, welcher bei 
seiner ersten Erwähnung, als der erste Träger der Königswürde 
in dieser Linie, der König genannt wird, ^^) erreicht die mit Abraham 
begonnene Geschichte einen Höhepunkt, der nicht mehr über- 
schritten werden sollte, und daher der erste Abschnitt der Linie 

betrachtete, zeigt der Zusatz des Targum zu dem Namen des letzten 
Davididen 1 Chr 3, 24 Anani: „Das ist der König Messias, der offeubart 
werden soll". Auch die genealoerischen Angaben des Bachs Ruth wurden 
sehr beachtet s. Midrasch zu Ruth Par. 2 u. 8 s. unten 8. 64 A 27. 

*) Mt konnte dieser Quelle, der es freilich nicht an groOen Dunkel- 
heiten fehlt, noch folgende Namen für seine Genealogie entnehmen: (Seru- 
babel) Hananja, Jesaja, Rephaja, Aman, Obadja, Sechanja, Semaja, Nearja, 
Eljoenai, Hoduja (oder einer von dessen 6 Brüdern), also 10 Namea hinter 
Serubabel, genau soviel wie Mt zwischen Serubabel und Jesus hat. Eine 
kritische Untersuchung der geschichtlichen, insbesondere der genealogischen 
Angaben der Chrouik über die letzten Könige Judas und deren Nachkommen- 
schaft gehört nicht hieher. Cf Köhler, Atl Geschichte 11, 2 S. 301. 479f. 
u. anderwärts; Rothstein, Die Genealogie des Königs Jojachin und seiner 
Nachkommen, 1902. 

">) Daß Mt hierin mit cod. AI. der LXX und Targum zu Ruth 4, 22 



c. 1, 2—17. 49 

seine Grenze. Die zweite Grenzscheide bildet die gewaltsame Über- 
siedelung der regierenden Familie nach Babylon, ^^) das einzige ge- 
schichtliche Ereignis, welches als solches und zwar dreimal (v. 11. 
12, 17) erwähnt und nicht bloß durch Zusatz zu einem Person: 
namen angedeutet wird. Es bedeutet die Entthronung des Königs- 
hauses und den Untergang der staatlichen Selbständigkeit Israels. 
Wem die Namen der Könige v. 7 — 11 auch nur ein blasses Bild 
der durch sie gekennzeichneten geschichtlichen Entwicklung vor 
Augen stellten, der war eben damit daran erinnert, daß die Davids- 
söhne von Salomo bis zu Jechonja nicht darnach angetan waren, die 
dem David gegebene Verheißung (2 Sam 7, 12 — 16) zu erfüllen oder 
die in dem Königtum Davids zu einer ersten, vorläufigen Darstellung 
gekommene Idee zu verwirklichen. Nicht als ein zufälliges Ende, 
sondern als das Ergebnis der Königsgeschichte, als eine Straffolge 
der Sünden der Fürsten und des Volks mußte der in den atl Ge- 
schichtsbüchern und Propheten belesene Jude die Deportation nach 
Babylon betrachten. Daß der hiedurch hergestellte Zustand der 
Erniedrigung des Volks und des davidischen Hauses in der durch 
die dritte Abteilung der Liste dargestellten Periode wesentlich un- 
verändert fortbestanden habe, bedurfte keiner weiteren Erinnerung 
als derjenigen, welche in der Unberühmtheit sämtlicher Namen 
v. 13—15 lag. Trotz der Entstehung eines erblichen Fürstentums 
und Königtums in der hasmonäischen und nach deren Sturz in der 
herodäischen Dynastie war die ganze Zeit seit dem Exil für die 
Betrachtung der Frommen im Volk schon darum eine königslose 
Zeit, weil diese Fürsten nicht aus dem heruntergekommenen Hause 
Davids hervorgegangen waren. ^^) Sofern bei den Juden zur Zeit 

zusammentrifft, ist gewiß nicht Absicht, sondern eine Folge der gleichen, 
hier wie dort wirksamen Motive. Gegen nBCj Oxyr (s. oben S. 37), Sah 
Kop, SsScS^ Arm, k g'g^ haben die jüngeren . griech. Hss (CE etc.. Min), 
S^, einige Lat (a c, Vulg) auch noch v. ö** Juvs'tb ö ßaai'/.Evs. 

11) fisTOiy.eaia in LXX für rhs-^ (2 Reg. 24, 16 [v. 15 dafür äTcoiy.eaia] ; 

1 Chr 5, 22; Nah 3, 10) und n-h;^ (Öbadja 2o; 2 Reg 25, 27 AI., (Inoiy.ia Vat.), 
hier natürlich nicht in dem Sinn von „Gesamtheit der Verbannten, Exu- 
lantenschaft", welchen beide Wörter zumal im nachbiblischen Hebräisch 
und Aramäisch häufig haben, sondern Verbannung, dies aber nicht als 
Bezeichnung des 70 Jahre währenden Zustandes, des Exils, sondern des 
-einmaligen, diesen Zustand begründenden Ereignisses, der Deportation (so 

2 Reg 25, 27; I Ohr 5, 22 ecus r^i fiszoiy.eoia?, ganz wie Mt 1. 17). Nur 
letzteres paßt aus sachlichen Gründen v. 11, ist also auch v. 12. 17 anzu- 
nehmen. Der nicht eben gutirriech. Ausdruck für die Deportation nach 
Babel (cf .10, 5 ööös tdi&v =^ Weg zu den Heiden, eSodos Alyviirov = Aus- 
zug aus Ägypten, im Titel des Exodasbuchs im cod. A) ist Übersetzung 
eines aram. 'jnm nhiS;. 

1^) Das Bewußtsein der lUesfitimität jeder nicht auf David zurück- 
gehenden Dynastie kam bei der Begründang der hasmonäischen zum Aus- 
druck 1 Makk 14, 41 (cf 4, 46; 9, 27; Nehem 7, 65). Der Vater des Geschlechts 
hatte nach 1 Mkk 2, 57 noch sterbend des ewigen Königtums Davids ge- 
Zahn, Ev. des Mattb. 4. Aufl. 4 



50 Der Stammbaum. 

Jesu überhaupt noch eine im Glauben an Gottes Offenbarung- 
wurzelnde Hoffnung für die Nation vorhanden war, war sie auch 
auf den verheißenen Davidssohn gerichtet. Die auf Jesus hinaus- 
laufende Genealogie hat aber nur darum religiöse und nationale 
Bedeutung, und der Name Jesus bezeichnet nur darum den Abschluß 
der Periode der Erniedrigung und der gesamten bisherigen Geschichte 
Israels, weil diesem Davidssohn der Titel Messias gebührt. Die 
Form 'I. 6 Xsyönevog XQtarög (v. 16 cf 27, 17. 22) stellt den Titel 
Xq. nicht einfach als einen zweiten Namen oder Beinamen neben 
einen ersten oder ursprünglichen Nqmen (cf dagegen Mt 2, 23; 9, 9; 
13, 55; 26,3. 14. 36; 27,16.33; Lc22, 47; Jo4, 5; 9,11; 11,54),. 
geschweige daß Jesus hiedurch als der nur mißbräuchlich o Xq. 
genannte bezeichnet würde (1 Kr 8, 5), sondern dient im Unter- 
schied von der einfachen Beisetzung 1, 1 dazu, den Titel 6 Xg, 
als den diesem Jesus im Unterschied von anderen Trägern des- 
selben, nicht eben seltenen Eigennamens (unten S. 78 A 48) zu teil 
gewordenen Ehrennamen stärker hervorzuheben (cf 4, 18; 10, 2). 
Den Schlußstein der Genealogie bildet der Jesus, welcher zwar 
nicht von allen Gliedern seines Volks, aber doch von vielen, zu 
welchen nach 1, 1 auch Mt gehört, der Christ genannt und als 
solcher bekannt wird. Der Name Jesus, den er von seiner Geburt 
oder doch von seiner Beschneidung an (cf Lc 2, 21) getragen hat 
(1, 21. 25), konnte v. 16 nicht fehlen. Nachdem aber durch 
V. 1 — 17 gezeigt ist, daß ihm der Titel 6 Xq. als ein Erbe (Hb 1, 4) 
von David und Abraham her zugefallen sei, kann das bloße 6 Xq., 
wo es darauf ankommt, kurz und scharf die Bedeutung Jesu für 
Israel hervorzukehren, an die Stelle des Eigennamens treten (v. 17. 
18; 11, 2). — Daß der Stammbaum Jesu ein Abriß der Ge- 
schichte Israel sein will, zeigt auch das v. 2 . zu dem N. Juda 
und V. 11 zu dem N. Jechonja hinzugefügte y.ai xohg aötkcpovg 
avTOV. ^^) Auch die meisten anderen Glieder der langen Kette 
haben nach dem AT Brüder gehabt; nur in diesen beiden Fällen 

dacht. Den Fortbestand einer rein politischen, jedes religiösen Nimbus 
entkleideten Herrschaft der Hasmonäer wollten die Pharisäer sich gefallen 
lassen (Jos. ant. XII, 10, 5), wie sie auch später von Empörung gegen die 
herodäische und gegen die unmittelbar römische Herrschaft nichts wissen 
wollten. Als aber Pompejus a. 63 a. Chr. Jerusalem erobert und Hyrkan 
den II. der Königswürde beraubt hatte, hielten sie nicht mit ihrem Urteil 
zurück, daß dies ein gerechtes Gottesgericht über die Usurpatoren des 
Thrones Davids (Ps. Salomos 17, 4 — 10) und zugleich des Hohepriestertums 
lebendort 8, 11) sei. Von diesem dunklen Hintergrund hebt sich um so 
glänzender das Hoffnungsbild des künftigen Davidssohnes ab (17, 21 — 46). 
Über Herodes und sein Geschlecht konnte das Urteil der Frommen nicht 
günstiger lauten. Gegen das zu Pharisäern gesprochene Wort Jo 10, 8 
hätten diese nur einwenden können, daß auch Jesus ein Usurpator sei cf 
F,d 1V^ 453 f. 

*^) Über die anders gemeinte Nennung von Zara neben Phares v. 3> 
und die Frauennamen s. unten zu v. 16. 



c. 1, 2-17. 51 

wird der Brüder des Stammhalters gedacht, weil dadurch ein 
Wendepunkt im Gang der Geschichte bezeichnet wird. Von 
Abraham bis Jakob ist immer nur Einer der Träger eines be- 
sonderen erblichen Berufs und Segens. Abraham und nicht Lot, 
Isaak und nicht Ismael, Jakob und nicht Esau ist es. Von da 
an nimmt die Entwicklung eine andere Wendung. Jakob segnet 
alle seine 12 Söhne. Wenn Juda besonders hervorgehoben wird, 
so haben doch seine Brüder Anteil an dem Beruf und Segen, den 
Abraham, Isaak und Jakob mit keinem Bruder oder Verwandten 
geteilt hatten. Von jetzt an wird die Familie in allen ihren Gliedern 
Erbin von Beruf und Segen. Mit Juda und seinen Brüdern ist das 
„Haus Israels", (Mt 10, 6 ; 15, 24), das Volk der 12 Stämme (Mt 19, 28) 
gegründet. Ahnlich und doch anders verhält es sich mit dem 
gleichen Zusatz v. 11. So lange Könige aus Davids Geschlecht 
in Jerusalem, der Stadt des noch größeren Königs (5, 35) regierten, 
war selbstverständlich der jedesmal regierende Davidide der Erbe 
der diesem Hause und damit dem Volk gegebenen Verheißung. Mit 
dem Untergang des Königtums hört die Linie auf, von selbst deut- 
lich zu sein. Das Geschlecht verzweigt sich in mehrere Linien, 
und niemand konnte im voraus wissen, in welchem Zweige das 
untergegangene Königtum wieder aufleben werde. Daher der Zu- 
satz V. 11. — Nicht so leicht, wie die bisher hervorgehobenen 
Züge, ist die in v. 17 so stark betonte Symmetrie der 3 Abschnitte 
zu verstehen, in welche Mt die Genealogie geteilt hat. Weder der 
Zahl 14, noch dem Produkt von 3 X 1^ = 42, das in v. 17 nicht 
einmal gezogen wird, eignet an sich oder vermöge einer traditionellen 
Symbolik eine besondere Bedeutung ; und wie deutlich uns sonst aus 
Mt jüdische Denkweise entgegentreten mag, irgend welches Spielen 
mit Zahlen ist ihm fremd. Die Zahl von 14 Generationen für die 
erste Periode von Abraham bis zu David hatte er nicht erst zu schaffen. 
Das AT in seinen Erzählungen wie in seinen genealogischen Ta- 
bellen bot ihm diese Zahl unzweideutig dar. Da dies weder von der 
zweiten noch der dritten Periode gilt, so ist im voraus anzunehmen, 
daß Mt die beiden anderen Reihen absichtlich der ersten gleich- 
gestaltet hat, um den Gedanken auszudrücken, daß die 3 durch je 
14 Generationen dargestellten Perioden der israelitischen Geschichte 
von gleichmäßiger Bedeutung seien. Er hat demnach v. 1 7 den Leser 
nicht sowohl auf den geschichtlichen Tatbestand selbst, als vielmehr 
auf seine eigene künstliche Behandlung und Anordnung des Stoffes 
hingewiesen. Im hellsten geschichtlichen Licht stand für jeden 
Leser des AT's die zweite Gruppe, die Reihe der Könige. Mt ließ 
sich dadurch nicht abhalten, v. 8 zwischen Joram und Usijja die 
drei Könige Ahasja, Joas und Amazja auszustoßen. Daß hier nicht 
ein Schreibfehler der Abschreiber vorliegt, daß vielmehr die ziem- 

4* 



52 Der Stammbaum. 

lieh selten vorgekommene Einfügung der 3 fehlenden Namen ^*) eine 
unerlaubte Berichtigung des Ursprünglichen ist, bedarf angesichts 
der Zahl 14 für alle 3 Gruppen in v. 17, welche die Korrektoren 
stehen ließen, keines weiteren Beweises. Von äußerster TJnwahr- 
scheinlichkeit ist aber auch, daß der Schriftsteller versehentlich die 
3 Namen habe ausfallen lassen. Auch die Erklärung eines solchen 
Versehens aus der Ähnlichkeit des ersten der ausgefallenen Namen 
in LXX OxoLiccg (Ahasja) und des bei Mt statt dessen folgenden 
Namens O^fat; (Usijja) befriedigt nicht; ^'*) denn erstens zeigt sich 
Mt in der Wiedergabe der Namen aeiner Liste keineswegs durchweg 
von LXX abhängig (s. unten), die beiden hebräischen Namen aber 
irr» ins und irriV sind weder für das Auge noch für das Ohr zum 
Verwechseln ähnlich. Ist ferner das Register 1 Chr 3, 10 — 16 als 
nächste Vorlage für die Königsliste des Mt zu betrachten (s. oben 
S. 47 f.), so fehlt dort der Anlaß zu einer Verwechselung, da 1 Chr 
3, 12 wie auch 2 Reg 14, 21 ; 15, 1 Usijja den gleichbedeutenden 
Namen iTliy (AKccQiccg) führt, welcher mit r^lV (O^iag), namentlich 
in der griechischen Umschreibung, nicht sonderlich ähnlich lautet. 
Vor allem aber ist unglaublich, daß der, welcher an der Hand der 
hierin unzweideutigen Listen des AT's das Geschlechtsregister ent- 
worfen hat, der ferner durch eine beti'ächtliche Zahl von Zutaten 
zu der nackten Namenreihe von seiner wachen Überlegung bei der 
Arbeit Zeugnis gibt und der schließlich v. 17 seine Leser aus- 
drücklich zum Nachzählen auffordert, ein so gx'obes Übersehen nicht 
wenigstens nachträglich bemerkt und berichtigt, dann aber auch 
V, 17 ungeschrieben gelassen haben sollte. So würde mit noch größerer 
Bestimmtheit zu urteilen sein, wenn Mt eine fertige und bereits 
mit diesem Fehler behaftete Genealogie vorgefunden und sich ange- 
eignet hätte ; denn in diesem Falle würde die kunstv^oUe Anordnung 
und die Durchsetzung des spröden Stoffs mit einer Fülle von Zu- 
taten, welche sich nicht aus dem Bedürfnis genealogischer Genauig- 

»*) So Sc (aber nicht SsShSi). Daraus, daß Afrahat hom. 22 cf Forsch 
I, 87ff. ; Epiphanius haer. S. 7; ancor. c. 59 in ihren Genealogien und cod. D, 
welcher für Mt l, 1—20=^ (d für 1, 1—11) fehlt, in der hinter Lc 3, 23 ge- 
stellten kombinirten Genealogie die 3 Namen haben, folgt nicht einmal, daß 
sie einen so interpolirten Text von Mt 1, 8 kannten. 

'*) In der Tat findet sich diese Verwechselung in LXX mehrmals. 
Ahasja heißt 1 Chr 3, 11 ; 2 Cbr 20, 35 in A O^m.-, 1 Chr 3, 11 in B O^eia. 
Auch für andere ähnlich scheinende Namen hat sich diese Form einge- 
schlichen s. Redpath, Concord. to the proper names in LXX p. 123. In 
2 Chr. 2i, 6 zeigt sogar der hebr. Text eine Verwechselung von Ahasja, der 
gemeint ist, mit Asarja (= Usijja). — Die Voraussetzung, daß Mt 1 Chr 3, 
10 — 19 zu gründe gelegt habe, kann nicht dadurch erschüttert werden, 
daß Mt 0^e<«fi oder Oi^me = n;Ty schreibt, dageaen 1 Chr 3, 12 derselbe 
König n;iT_y beißt Denn der in den Geschichtsbüchern abwechselnd mit 
Asarja gebrauchte Name Usijja (2 Reg 15, 13. 30. 32. 34; 2 Chr. 26, 1-27, 2) 
war den Christen aus den viel gelesenen Propheten geläufiger (Jes 1, 1; 
B. 1; 7, 1; Hos 1, 1; Am 1, 1: Sach 14, 5). 



c. 1, 2-17. 53 

keit, sondern nur aus den dieses Ev von Anfang bis zu Ende be- 
herrschenden Ideen erklären lassen, erst recht beweisen, daß Mt 
nicht blindlings sich angeeignet hat, was er vorfand. Ist demnach 
die Ausstoßung der 3 Königsnamen v. 8 mit Absicht gescheheö, 
60 kann der Grund dafür doch weder in der Gottlosigkeit ^•') noch 
in der Kürze der Lebensdauer oder Eegierungszeit der 3 Könige 
liegen. Daß Mt viel eher darauf bedacht war, an die Sünden von 
Volk und Fürsten zu erinnern, von welchen der Messias sein Volk 
erlösen sollte (1, 21), als die Vorgeschichte des Messias im Licht 
der Heiligkeit glänzen zu lassen, ist aus v. 3, 5. 6 zu sehen. Über- 
dies berichtet das AT von Joas (2 E,eg 11, 1 — 12, 17) und Amazja 

14, 1 — 20) viel weniger Schlimmes als von Manasse und Amon 
(21, 1 — 26), die Mt in sein Register aufgenommen hat. Auch die 
bei den Alten beliebte Erklärung der Ausstoßung aus dem Umstand, 
daß Ahasja mütterlicherseits ein Enkel der heidnischen Königin 
Isebel war, und daß der Fluch über Ahab und Isebel (1 Heg 21, 21) 
bis ins 3. Glied Kraft behalten müsse (Hilar. ed. Ben. p. 611; 
Chrys. u. a.). taugt schon darum nicht, weil Mt di* Heidinnen 
Rahab und Ruth in sein Register aufgenommen hat. Was aber 
die Lebens- und Regierungsdauer anlangt, so fehlt neben Ahasja, 
der nur 1 Jahr regierte und mit 23 Jahren starb (2 Reg 8, 26), 
Joas mit seiner 40 jährigen Regierung (12, 2) und Amazja mit 
seiner 29 jährigen (14, 2). Andrerseits hat Jechonja, den Mt nicht 
übergeht, nur 3 Monate als 18 jähriger Jüngling die Krone ge- 
tragen (24, 8). Überdies müßte man, wenn eine der genannten 
Erwägungen die Ausstoßung von 3 Königen verursacht hätte, einen 
rätselhaften Zufall darin finden, daß es gerade 3 aufeinander folgende 
Könige sind, welche Mt aus dem einen der beiden erwähnten 
Gründe der x^ufnahme unwert gefunden, statt daß es hier und da 
einen besonders kurzlebigen oder besonders lasterhaften ausstieß. 
Es bleibt als einzig möglicher Grund der Ausstoßung die Absicht 
des Mt, die Zahl der Generationen im zweiten Abschnitt der ihm 
überlieferten Zahl der Generationen im ersten Abschnitt gleich zu 
machen. Bei Ausführung dieser Absicht strich er die überschüssigen 
3 Glieder begreiflicherweise weder im Anfang noch am Schluß der 
Reihe, sondern in deren Mitte, zwischen der 6. und 7, Stelle. 
Daß Mt mit seinem Eingriff nicht noch genauer die Mitte traf, 
wird darin seinen Grund haben, daß Usijja, der siebente in der 
Liste, schon in Anbetracht seiner 52 jährigen Regierung (2 Reg 

15, 2) und ebenso wie seine 3 Nachfolger auch wegen der Stelle, 
die er in den Schriften der Propheten einnimmt, am wenigsten 
fehlen durfte (Jes 1, 1 ; 6, 1 ; 7, 1 ; 36—39; Hos 1, 1; Am 1, 1; 

^®) So schon Julius Africanns in der Chronik (s. Cramer's Katene zu 
Mt p. 9 und Barhebr. schol. in MC ed. Spanuth p. 3 cf Dionys. Barsalibi, 
übersetzt bei Cnreton in der Vorrede zu Sc p. IX); feruer Hil. Hier. 



54 Der Stammbaum. 

Mich 1,1; Sach 14, 5). Ist nach alle dem die 2. Reihe von Mt 
absichtlich verkürzt worden, um sie der 1. gleich zu machen, so 
kann dasselbe auch mit der 3. Reihe geschehen sein. "Wir können 
das nicht ebenso sicher beweisen, weil uns die Mittel fehlen, die 
3. Reihe ebenso wie die 2. mit sicheren historischen Nachrichten 
zu vergleichen. Aber sehr wahrscheinlich ist dies. ^J) — Es bleibt 
in der 2. Reihe noch das Rätsel, daß v. 11 mit Übergehung des 
Königs Jojakim ^^) dessen Sohn Jechonja und zwar als Sohn des 

^').Lc 3, 23 — 27 hat zwischen Serubabel und Jesus in umgekehrter 
Folge, die beiden genannten Namen nicht eingerechnet, 19 Glieder, Mt für 
dieselbe Periode uur 10 Glieder. Nehmen wir an, daß Serubabel um die 
Zeit seiner Eiickkehr nach Palästina (a. 538) einen Stammhalter erzeugt 
hatte, so ist von da bis zur Geburt Jesu ein Zeitraum von c. 530 Jahren 
verstrichen. Die 19 Generationen des Lukas ergeben für jede Generation 
dieses Zeitraums (27 ^'/lo) ^^^^ '^^ Jahre, die 10 Generationen des Mt 53 Jahre. 
Nimmt man hinzu, dai3 nach Iren. III, 22, 3 und Africanus ep. ad Arist. ed. 
Spitia S. 112. llöf. die Namen Matthath und Levi Lc 3, 24 vielleicht nicht 
ursprünglich sind, so daß Lc für die bezeichnete Periode nur 17 Generationen 
und somit für die Generation etwa 31 Jahre gerechnet hat, so wäre vollends 
klar, daü Lc eine geschichtlich glaubliche, Mt eine verkürzte Liste für die 
Zeit zwischen Serubabel und Jesus bietet. Die Tradition, welcher Mt die 
Namen Abiud bis Jakob (v. 13—15) vertrauensvoll entnahm, wird er schwer- 
lich verkürzt haben; unter genealogischem Gesichtspunkt war das letzte 
Stück der ganzen Tafel gerade das interessanteste und wichtigste. Dasregen 
erklärt sich die Nichtberücksichtigung der naehexilischen Namen in 1 Chr 3, 
19—24 (s. oben S. 48 A 9) ganz ebenso wie die Streichung der 3 Könige 
V. 8 aus der Absicht, alle drei ßeihen auf 14 Generationen zu bringen. 

^^) Die Einschiebuug von Jojakim in den Text von v. 11 tritt erst 
sehr spät und selten auf (Mü, viele Min, Sh, S* am Rande). Epiph. haer. 
8, 7 f. hat in seinem Text nicht Jojakim gehabt, sondern spricht unter 
Berufung auf andere Gelehrte — er meint den Eusebius (s. A 19) — in 
seiner konfusen Weise von genauen Hss, welche angeblich einen doppelten 
Jechonja haben, den Vater = Jojakim und dessen gleichnamigen Sohn. 
Überkluge Leute, die dies für eine Siaaoloyia hielten, hätten den einen 
Jechonja getilgt und dadurch die Zahl der 3. Reihe verkürzt. Einen Text 
mit Jojakim hat auch Irenäus nicht gehabt (III, 21, 9 Joseph enim Joacim 
et Jechoniae filius osfenditur-^ quemadmodum et Matthaeus generationem 
ejus exponit). Die weitere Ausführung zeigt, daß es ihm nur darauf an- 
kommt, zu zeigen, daß Joseph als ein Nachkomme Jechonjas nach Jer 22, 
24—30 und somit auch Jesus als leiblicher Sohn Josephs nicht zum Thron 
berechtigt gewesen wäre. Aus derselben und noch einer anderen Stelle 
des Jeremia entnimmt er den Namen Jojakim. Das quemadmodum et M 
(xadcbs aal M.) sagt nur, daß die Behauptung des Irenäus, Joseph sei ein 
Nachkomme Jechonjas, des Sohnes Jojakims, durch Mt bestätigt werde, 
sofern auch dieser (im Unterschied von Lc) den Joseph von dem durch 
Jeremia verfluchten Jechonja abstammen läßt. Was andere Kirchenväter 
über Mt 1, 11 oder die Unvollständie"keit der 3. Reihe sagen, wäre sinnlos, 
wenn zu ihrer Zeit in manchen Hss Jojakim im Text gestanden hätte. 
Überdies würde, da nach Analogie der l. Reihe der die 2. Reihe abschließende 
Jechonja jedenfalls mitzuzählen wäre, die 2. Reihe 15 statt 14 GUeder haben, 
wenn v. 11 Jojakim vor Jechonja echt wäre. — Den König Joahas (2 Reg 
23, 30-33; 2 Chr 36, 1—3), wahrscheinlich identisch mit Sallum (l Chr 3, 15; 
Jerem 22, 11), konnte kein Verständiger bei Mt vermissen, da Mt nicht die 



c. 1, 2-17. 55 

Josia genannt ist. Damit aber scheint die noch rätselhaftere Tat- 
sache zusammenzuhängen, daß die 3. Reihe, welche nach v. 17 
ebenso wie die 1. und 2. ßeihe 14 Generationen enthalten soll, 
nur 13 Glieder aufweist, daß also die Gesamtsumme nicht, wie 
V. 17 so umständlich gesagt ist, 3X1^ d. h. 42, sondern 41 be- 
trägt. Mit beiden Rätseln zugleich haben schon in der alten Earche 
manche Gelehrte sich beschäftigt und neben sehr Verkehrtem auch 
Zutreffendes bemerkt. ^^) Dem Schriftsteller, der v. 17 geschrieben 
hat, einen Zählfehler in bezug auf seine eigene genealogische 
Tabelle beizumessen, ist unstatthaft. Damit fallen aber sofort 

Suecession der Könige, sondern die Abstammung Jesu aufzeigen wollte, 
diese aber nicht durch Joahas-Sallum, sondern durch dessen Bruder Jojakim 
vermittelt war. 

^^) Schon Julius Africanus hat das Problem berührt (s. oben A 16) 
und die Voll zahl der 14 Glieder in der 3. Gruppe durch die Annahme ge- 
wonnen, daß die uexoiy.eoia als eine yEvsd gezählt sei. Kräftigen Anstoß 
zu immer neuer Untersuchung scheint der Neoplatoniker Porphyrius mit 
seiner Kritik der Genealogie des Mt gegeben zu haben (Hieron. comm. in 
Dan 1, 1 Vailarsi V, 623, auch bei Harnack, Porphyrius gegen die Christen, 
Abh. der berl. Akad. 1916 p. 49 Nr. 11). Eusebius. dessen großes Werk 
gegen Porphyrius verloren ist, hat in der Quaest. 13 ad Steph. (Mai, Nova 
patr. bibl. IV, 247 ff. cf auch quaest. 10 p. 243), welche samt quaest. 12 in 
einigen Hss auch in die 4. Homilie des Chrysostomus zu Mt eingeschoben 
worden ist (Chrys. ed. Montf. VII, 846—848), zuerst die Erklärung gegeben, 
daß der Jechonja in v. 12 von dem Jechonja in v. 11 (letzterer '= Jojakim) 
zu unterscheiden und als erster der 3. Reihe zu zählen sei. Es folgten ihm 
Hieron. zu Dan 1, 1 und zu Mt 1, 11 f. (Vall. V, 623; VII, 11); Epiph. 
haer. 8, 7 f. (zugleich mit der Annahme eines Textfehlers s. vorige A); 
Georg der Araberbischof (übers, von Ryssel S. 139). Dagegen haben Chrys. 
hom. 4 und Athanasius ed. Montf. I, 1266) die fehlende Generation wieder 
wie Africanus in der /neToiy.eaia zu finden geglaubt. Eine dem Hilarius 
fälschlich zugeschriebene Abhandlung (Bibl. Casin. II, im angehängten 
Floril. p. 63 ff.) verzichtet auf historische Erklärung und findet des Rätsels 
Lösung darin, daß die von Christus zwar nicht persönlich, aber doch nach 
seinem Tode von den Aposteln, seinen Brüdern, nach dem Typus der 
Leviratsehe erzeugte und als generatio Christi zu betrachtende Christenheit 
die fehlende 14. Generation sei. Ähnlich fand Hofmann, Weiss, u. Erfüllung 
II. 42 es mindestens wahrscheinlich, daß Mt mit Jesus und Christus oder 
mit dem Sohn der Maria und mit dem auferstandenen Christus, der wieder- 
kommen wird, zwei aufeinander folgende Generationen bezeichne. Sehr ein- 
fach hat dem Mangel der Übersetzer Schemtob abgeholfen, indem er v. 13 
hinter Abiud einen Abner einschob, welcher weder in der atl Chronik noch 
im Seder olam suta (Chron. Hebr. majus et minus ed. Meyer p. 108 ff.) unter 
den Davididen zu finden ist. Sollte Schemtob das von dem Dominikaner 
Annius von Viterbo (Rom 1498) lateinisch herausgeg. pseudophilonische 
Breviarium de temporibus gekannt haben, welches (ed. princ, Erlanger 
Inkunabel nr. 1041 fol. H III) unter den diices ex domo David zwischen 
Alexander d. Gr. und Judas Makk. als zweiten einen Abner Semei nennt ? 
Jedenfalls ging Schemtob von der Voraussetzung aus, daß ein Name mit 
gleicher Anfangssilbe und ähnlichem Auslaut (t und i) hinter Abiud leicht 
ausgefallen sein konnte. Weniger passend hat Bennigsen, Bibl. Zeitrech- 
nung, Leipzig 1778 S. 188. 189 „einigen Manuscripten zufolge" einen Abner 
zwischen Eliakim und Asor v. 13 eingeschoben. 



56 Der Stammbaum. 

einige Versuche der Zurechtlegung dahin. Die Bedeutung Da\ads 
kann es nicht rechtfertigen, daß man ihn als Eepräsentanten zweier 
Generationen, als 14. Glied der 1, und als erstes Glied der 2. Eeihe 
zählen wollte; denn Mt behandelt ihn v. 6 nur ebenso wie alle 
anderen Personen als ein einziges genealogisches Glied, und es 
würde, da Jechonja, nach Analogie von v. 6* als der letzte in der 
2. Eeihe v. 11 jedenfalls mitzuzählen ist, die 2. Eeihe von David 
bis Jechonja, beide mitgezählt, 15 Glieder haben, und für die 
dritte Eeihe wäre damit noch nicht das fehlende Glied gefunden, 
wenn man nicht auch Jechonja doppelt zählen will, was dann aber 
im ganzen 43 statt 42 Generationen ergeben würde. Dieser Fehler 
würde vermieden, wenn man zwar David einfach, dagegen aber 
Jechonja doppelt zählte; es wäre aber erst recht nicht zu erklären, 
wie dieser unglückliche Mann, der nach nur 3 monatlicher Eegierung 
ins Exil wandern mußte, zu der Ehre käme, von allen Ahnen des 
Messias allein zwei Generationen zu vertreten, während doch 
Mt ihn ganz ebenso wie alle anderen nur einmal als Sohn seines 
Erzeugers und einmal als Vater seines Sohnes genannt hat. Mit 
dem Begriff ysvsd, welcher im Zusammenhang einer Genealogie an 
sich ganz unzweideutig und"überdies durch die beharrliche "Wieder- 
holung des "Wortes lyevvrjos v. 2—16^ und kyevvrid-ri v. 16'' gegen 
jede Mißdeutung gesichert ist, stehen die Versuche in Widerspruch, 
welche die fehlende Generation dadurch zu gewinnen suchten, daß 
man entweder die /.UTomeola (v. 11. 12. 17), was nicht das 70 jährige 
Exil, sondern das Ereignis der Deportation nach Babel bezeichnet, 
oder Maria neben Joseph oder Jesus neben Christus als besondere 
Generation zählte. — Ist dem Vf vom v. 2 — 17 nicht zuzutrauen, 
daß er sich trotz des Gewichts, welches er auf die Zahl der 
3X14 = 42 Glieder legt, eben da, wo er dies tut, um eins ver- 
zählt habe, so kann der nicht wegzuleugnende Fehler andrerseits 
auch nicht irgend einem alten Abschreiber des griechischen Mt 
beigemessen werden ; denn bei aller sonstigen Mannigfaltigkeit der 
Textüberlieferung besteht in der Bezeugung dieses Fehlers volle 
Einstimmigkeit. Es bleibt nur übrig, daß der Unbekannte, welcher 
das ursprünglich aramäisch geschriebene Buch ins Griechische über- 
trug, an einer Stelle seine Vorlage aus irgend welchem Grunde 
unrichtig wiedergegeben hat. Diese Stelle ist, wenn nicht alles 
trügt, v. 11. Daß Mt selbst dort Jojakim übergangen und den 
Jechonja als Sohn des Josia genannt haben sollte, ist schwer 
glaublich. Denn erstens dem Bedürfnis, außer den 3 Namen, die 
er V. 8 ausstieß, noch einen vierten zu tilgen, um die Zahl 14 
nicht zu überschreiten, würde er natürlicher "Weise dadurch genügt 
haben, daß er die 4 überschüssigen Namen hintereinander, also 
etwa noch Joram hinter Josaphat ausstieß. Zweitens sagt das AT 
nichts von Brüdern des Jechonja, wohl dagegen von mehreren 



e. 1. 2—17 57 

Brüdern Jojakims, den Söhnen des Josia, von welchen 3 als Könige 
regiert haben. '-") Drittens aber fand Mt gerade in dem Abschnitt, 
welcher ihm als Hauptgrundlage seiner Genealogie diente (1 Chr 
3, 15 s. oben S. 47 £E.). 4 Söhne des Josia, also 3 Brüder Jojakims ■ 
genannt. Woher anders soll denn Mt sein ■/.al tolg ädü.cpovq 
avjov V. 11 genommen haben? Und wen anders als den Jojakim 
könnte er v. 11 gemeint haben? Daß er neben ihm seine Brüder 
nennt und die Zeit dieser Generation mit der Deportation nach 
Babel gleichsetzt, wiid durch die im AT berichteten Ereignisse 
hinreichend begründet.-^) Gegen die Annahme, daß v. 11 .Jojakim 
gemeint sei, kann auch das nicht eingewendet werden, daß dann 
zwischen v. 11 und v. 12, wo ohne Frage Jechonja gemeint ist, 
die Stammfolge unterbrochen sei, sofern der in v. 11 gemeinte 
Jojakim nicht als der Erzeuger des v. 12 gemeinten und genannten 
Jechonja bezeichnet sei, wie sonst durch die ganze Liste hindurch. 
Aber nur an dieser Stelle ist auch ein großes geschichtliches Er- 
eignis, welches an sich mit der Genealogie nichts zu schaffen hat, 
als Grenzscheide zweier großer Perioden, der Königszeit und der 
königslosen Zeit bezeichnet, ein Ereignis, dessen einschneidende 
Bedeutung dem Leser auch dadurch zum Bewußtsein gebracht wird, 
daß es im ganzen 4 mal mit dem gleichen Ausdruck genannt wii'd. 
Nachdem die ganze regierende Familie in der Deportation zu gründe 
gegangen war, setzte sie sich nach 1 Chr 3, 16 ff. so fort, daß einer 
der deportirten Prinzen, Jechonja, im Exil Vater des Sealthiel 
wurde. Mt hatte v. 11 den Jechonja nicht eigens genannt, aber 
in den summarischen Ausdruck inbegriffen. '^'^ Auch eine Erinne- 

-") Joahas 2 Keg 23. 30 f.; Eliakim als König Jojakim 2 Reg 23. 34 
— 24, 17; Mathanja als König Zedekja 2 Reg 24, 17 — 25, 7, der Bruder des 
Jojakim und somit Oheim von dessen Sohn Jojachin oder Jechonja (2 Reg 
24, 17; Jerem 37, 1). Dazu käme nach 1 Chr 3, 15, wenn Sallum = Joahas 
(s. A 18 a. E.), noch als vierter der dort zuerst genannte JocLanan. 

^*) Xach 2 Chr 36, 6 wurde schon Jojakim zum Zwecke der Depor- 
tation zeitweilig in Ketten gelegt und nach Dan 1, Iff. sind nicht nur 
Tempelgeräte, sondern auch vornehme Jünglinge damals nach Babel ge- 
bracht worden. Die folgenden Könige, der Sohn Jojakims Jechonja und 
Zedekja, der Bruder Jojakims, erlebten die usToiy.saia in eigener Person 
2 Reg 24, 15; 25, 7; 2 Chr 36, lO. Deportirt wurde auch Joahas, wenn auch 
nicht nach Babel, sondern nach Ägypten 2 Reg 23, 34. — Da Jechonja 
während seiner dreimonatlichen Regierung, die mit seiner Deportation 
endigte, erst 18 Jahr (2 Reg 24. 8), nach 2 Chr 36. 9 gar_ erst 8 Jahr alt 
war, so mußte als selbstverständlich erscheinen, daß er. wie Mt v. 12 sagt, 
erst nach der Deportation, also im Exil Vater des Sealihiel wurde. Viel- 
leicht verstand Mt auch 1 Chr 3, 17 dahin, daß Sealthiel ein Sohn des ge- 
fangenen (-T.s = "rs^) Jechonja gewesen sei. 

^^) Obwohl Jechonja nicht Bruder, sondern Sohn Jojakims war, konnte 
er doch in roi-^^ dS. aiiov V. 11 um so eher mit den 3 oder 4 leiblichen 
Brüdern Jojakims (s. A 20) zusammengefaßt werden, als er auch 2 Chr 
36, 10 (cf 1 Chr 3, 16?) ungenauer Weise ein Bruder Zedekjas, somit auch 
Jojakims, genannt war. 



58 Der Stammbaum. 

rung an Jer 22, 30 brauchte den Mt in seinem Vertrauen zu den 
Angaben seiner Hauptquelle nicht irre zu machen ; denn jene 
Drohung des Propheten konnte und sollte nach Jer 22, 28 dahin 
gedeutet werden, daß von den Söhnen Jechonjas keiner als König 
in Juda herrschen werde. So hat, wie es scheint, schon LXX 
und, wenn man von dem unklaren Satz 1 Chr 3, 16^ absieht, nach 
1 Chr 3, 17 auch der Chronist den Propheten verstanden. Hat 
aber Mt selbst d. h. der Vf von Mt 1, 2 — 17 in v. 11 den Jojakim 
gemeint, so bleibt die Frage, wie in den griechischen Text ^le^oviav 
statt 'Icoanslf-i hineingeraten ist. Es ist zunächst zu bedenken, daß 
der von den Griechen so genannte König nicht nur n'>JD'' (auch 
in'JD\ und ^n'JS), sondern auch 10' irr heißt (2 Reg 24, 6 ff. ; Jerem 
52, 31 ; 2 Chr 36, 8), was dem Namen seines Vaters D'p'tT im 
Klang sehr nahe kommt. Ferner liegt am Tage, daß diese beiden 
Namen lange vor Entstehung des griech. Mt sehr häufig von griech. 
Übersetzern vei-wechselt worden sind. ^^) Es ist freilich nicht zu 
bestreiten, daß häufiger Jechonja oder Jojachin fälschlich Jojakim 
genannt worden ist, als umgekehrt, und daß die Form des 
ersteren Namens, welche Mt in seiner Hauptquelle vorfand (1 Chr 
3, 16 f. n^P'), also wohl auch v. 12 angewandt hat, mit dem Namen 
des V. 11 gemeinten und sicherlich auch so genannten Jojakim an 
sich nicht zum Verwechseln ähnlich war. Das spricht aber nicht 
dagegen, daß ein hebräischer Christ, welcher wußte, daß Jeuhonja 
und Jojachin dieselbe Person bezeichne, als Übersetzer des hehr. 
Mt diese Person mit dem Jojakim v. 11 identificirte. Da durch 
die ganze übrige Liste hindurch jeder Name doppelt vorkam, zu- 
erst als erzeugtes Objekt, dann als erzeugendes Subjekt, so schien 
das auch hier der Fall sein zu müssen. Ohne ein gewisses Maß 
von Überlegung auch des Inhalts ist die Tätigkeit eines Über- 
setzers nicht zu denken, und gerade durch die Fehlerhaftigkeit 
solcher Erwägungen kennzeichnet sich einer als Übersetzer. Hat 
aber der Vf selbst v. 11 den Jojakim, und dagegen v. 12 den 
Jojachin genannt, so versteht sich von selbst, daß letzterer von 
ihm in der Zählung der Generationen nicht übergangen werden 
konnte, oder mit anderen AVorten, daß der vorher noch nicht ge- 
nannte Jojachin v. 12 als der erste in der 3. Reihe zu zählen ist, 
welche dann richtig mit Jesus dem Christ als dem vierzehnten 
abschließt. 



23) Jechonja heißt 2 Reg 24, 6—15; 25, 27; Jerem 52, 31; Ez 1, 2 in 
LXX beharrlich iMaKsifi, 2 Keg 24, 6 sogar in demselben Satz, in welchem 
seines Vaters Name ebenso geschrieben ist. Lucian hat dies durchweg in 
'Jotay.eiv korrigirt, dafür aber auch 2 Reg 24, 19 diese Form eingesetzt, wo 
im Hebr. Jojakim genannt ist. Jerem 22, 24 heißt nach cod. AI. der Vater 
Je/oi'ias, der Sohn /omxmu. Die Kirchenväter, z. B. Eus. quaest. 10 u. 13 
ad Steph. (Mai, Nov. p. bibl. IV, 243. 248). hatten vom Standpunkt der LXX 
das Recht zu sagen, daß Jojakim auch Jechonja heiße. 



c. 1, 2-17. 59 

NicM nur für die Sicherstellung der vorstehenden Ausführung, 
sondern auch für die Würdigung des ganzen Mtev in seiner vor- 
liegenden griech. Gestalt ist es notwendig, die Form auch der 
übrigen dem AT entnommenen Xamen der Genealogie ins Auge zu 
fassen. -*) Die meisten derselben, zumal der einhellig überlieferten 
entsprechen der LXX. -°) Dies beweist ebenso wie der Buchtitel, 
daß der Vf sei es des ganzen Bachs oder der Genealogie an die 
Sprache der LXX gewöhnt war, aber keineswegs, daß er die 
Namen aus der LXX geschöpft hat. Dem widerspricht vielmehr 
eine ganze Reihe von Beobachtungen. -^) Um mit dem Zweifel- 

^*) Cf Hatch-Redpath, Concordance of the Septuagint, Suppl. fasc. I 
(1900). Selbstverständlich sind im Folgenden fast ausschließlich diejenigen 
Stellen berücksichtigt, wo die von Mt gemeinten Personen als Träger des 
betreffenden Namens vorkommen, insbesondere die Listen 1 Chr 2. 3—15; 
3, 10—20; Ruth 4, 18—22. 

^^) So abgesehen von gleichgiltigen Verschiedenheiten der Orthographie 
[si oder c, a oder oa u. dgl.) die Namen der Patriarchen, ferner <t>aots, Auiva- 
Öaß^ NaaaocDv^ la'/.ucov (so B 1 Chr 2, 11; A Enth 4, 20. 21. Lucian überall, 
lu/.fiap B Ruth 4, 21 f. A 1 Chr 2, 11, hebr. Nsir -^-rz' und ]is?-'), leaaai, 
loloucov (auch in LXX oft genug neben häufigerem lahoucov und Ealo- 
u(ov)j Poßoau, IcoaarfaT, Icooau^ O^eia^ oder 0.^ia$, Icoadau (neben Icodain. 
IcDuad-av, loja&av ist auch diese Form in LXX gut bezeugt z. ß. 2 Reg- 
io, 7 A Luc, 2 Chr 26, 21—27, 9 B Luc, stellenweise auch A), Äyut (da- 
neben auch A/as N einmal, n* C D zu Lc 3, 23, k q, beide Formen auch in 
LXX abwechselnd). EZexias ^ Muiaaurji, lujaeias oder Icoaiag j le/ovtai^ 
Zalad-ir^K^ ZoQoßaße'i.. Fraglich kann sein, ob zur Zeit des Mt Aoau 
(v. 3f.) für cn 1 Chr 2, 9 f.: 2, 25. 27; Ruth 4, 19 bereits in LXX zu lesen 
war. Die Bezeuafung dort ist unsicher: 1 Chr 2, 9 f. Aoau A Luc, Aooav 
B, a-, Pesch. mit Hebr. und Targ. ; 1 Chr 2, 25. 27 Paa B Luc, Pav L, ms 
Pesch.; Ruth 4, 19 Aooav BA, Aoaa Lnc. Pesch. In Lc 3, 33 hat Aoai.i 
starke Zeugen gegen sich. Es kann sich mit Joa.« bei Mt ähnlich ver- 
halten wie mit Eaocoa v. 3 s. folgende A unter Nr. 2. 

2^) Es finden sich erstens einige rein orthographische Abweichungen 
von der in LXX vorherrschenden oder alleinherrschenden Schreibung. Da- 
bei ist zu beachten, daß ebensosehr die Hss der LXX, insbesondere cod. 
A, dem Verdacht unterliegen, nach den Anführungen im NT emendirt zu 
sein, als umgekehrt die ntl. Hss nach LXX. 1) Zaoe v. 3. obwohl nur 
durch B und Oxyr. bezeugt, möchte ursprünglich sein, da dieser m? Gen 
38, 30; 46, 12; Num 26, 20; Jos 7, 1; 1 Chr 2, 4. 6; 9, 6 Zaou gesch'rieben 
wird und nur für andere Träger dieses Namens Zaos mehr oder weniger 
gut überliefert ist (Gen 36, 13. 17; 1 Chr 1, 37; 2 Chr 14, 8). 2) Ea<jcou . 
v. 2 fast ohne Variante, auch Lc 3, 33 überwiegend bezeugt = inV'l, in 
LXX sehr verschieden geschrieben: Gen 46, 9; Nnm 26, 21 Aa^cof, Äaocou, 
Ruth 4, 18, 19 Eaoo}i\ 1 Chr 2, 5; 4, 1 Aooiou^ Lucian hat für diese Person 
neben Eaocov, EXqwv nur einmal 1 Chr 2, 5 Eaocou, sehr häufig dagegen 
hat A diese Form des Mt. auch für den Ortsnamen Jos 15, 3. 3) Bot^ v. 5 
nB Oxyr., Sah, Kop, k; das BOOI in C und einigen Min entstand wahr- 
scheinlicher aus BOEI als aus dem BOOZ der übrigen Hss. In LXX hat 
Lucian für v;z durchweg, A nur Ruth 2, 15; 4, 8; 1 Chr. 2, 11. 12 das 
korrekte Boo'Z (t = ^), sonst mit B Boo^. Die Form des Mt stammt also 
nicht aus LXX. 4) PayaS = :m Jos 2, 1. 3; 6, 17. 23. 2h, in LXX stets 
Paaß, ebenso ohne Varianten Jk'2, 25; Hb 11, 31; Clem I Cor. 12, 1-3, 
wahrscheinlich auch Jos. ant. V, 1, 2 ursprünglich trotz starker Bezeugung 



60 Der Stammbaum. 

losen zu beginnen, so kann das von aller griech. Tradition ab- 

für Paxaßrj. Mt also unabhängig von LXX. 5) hoß-qS nBC* z/Oxyr., 
manche Min, Sah Kop Arm, ein griech. Onomastikou in einem ans der 
Genealogie des Mt geschöpften Abschnitt (Lagarde, Onom. p. 179, 36—180, 
45), Epiph. ancor. c. 59; die übrigen ii/i^/yiV, Oßriii, Obtha (k) = nniy. In 
LXX hat A 1 Chr 2, 12 (und von anderen Personen 1 Chr 2, 37 f.; 11,47; 
26, 7; 2 Chr 23, 1) Io>ß,]d\ BS 1 Chr 11, 47 I(oß>]ü, sonst alle, auch A Euth 
4, 17—22, das richtige ifßnS cf Jos. ant. V, 9, 4; VI, 8, 1. Andrerseits ist 
Lc 3, 32 l(0;j,j(\ teilweise weiter verschrieben in Icoßrjl, stark bezeugt. 
6) Jßiov8 V. 7 (v. 13 fast ohne Variante wiederkehrend) nicht sehr stark 
bezeugt durch D (in der harmonisirten Genealogie hinter Lc 3, 23, für 1, 7 
nicht vorhanden), die Eandlesart y^n S'^ und die Lat cdg' (abiuth) g- k 
{abiu) q. Der König, welcher 1 Eeg 14, 31-15, 8 von den Masoreten o^ns, 
1 Chr 3. 10; 2 Chr 13, Iff. n;3K, 2 Chr 13, 20f. -n^as genannt ist, heißt in 
LXX 1 Eeg 14,31 ff. Aßiov, in der Chronik Aßirt. Dagegen hat LXXAßiovS 
für den von den Masoreten hievon unterschiedenen Namen N"n*2Ni Ex 6, 23 
und sonst. Hier scheint eine Vertauschung zweier ähnlich aussehender 
oder laufender Namen vorzuliegen und insofern dieser Fall zu einer zweiten 
Gruppe zu gehören, nämli( h zu den Fällen, wo anstatt des richtigen Namens 
der von Mt gemeinten Person ein ganz anderer und zwar ein be- 
rühmterer Name getreten ist. Dies gilt von 1) Aoa<p v. 7. 8 inNßCD 
(zu Lc 3, 23) Oxyr. 3 Min, Epiph. ancor. c. 59, Onom. (s. unter Nr. 5) Sah 
Kop S' (Eaud) Arm, Lat. cg'-^k. Der König ndn 1 Eeg 15, 8—16, 29; 22, 
41. 43; 1 Chr 3, 10; 2 Chr 1-3, 23—16, 13 in LXX stets .4a«, bei Jos. ant. 
VIII, 11, 3 — 12, 16 Aaarog. Nur einige lat. Texte haben Asaph (z. B. Jos. 
lat.) oder Asab (z. B. Lucifer ed. Vindob. p. 50). Aaa<p dagegen ist der 
berühmte Psalmist fjON, abgesehen von vereinzelten Schreibfehlern (Aaaß^ 
Aooa(f) in LXX konstant richtig" transskribirt. 8) A/^ms v. 10 nBCD (zu 
Lc 3, 23) M.rjn^ (Oxyr. hier defekt), manche Min, Epiph. ancor. 59, Sah 
Kop Arm, Lat. cff'gi-^kq. Der König Von 2 Eeg 21, 18— 25; 1 Chr 3, 14; 
Zeph 1, 1 ist also hier verdrängt durch den Propheten Diay^ (Amos 1, 1; 
7, 8 ff.). Der Name des Königs ist in LXX abgesehen von gelegentlich 
vorkommendem A/u/kcop nnd Afipcop statt des richtigeren A/iuov (so stets im 
lucian. Text, B*Zeph 1, 1, Vulg) meist richtig überliefert; aber es ist doch 
auch Afifos eingedrungen in B 2 Eeg 21, 18 if., AQ Zeph 1, 1, von 2. und 
3. Hand in B 1 Chr 3, 14; Zeph 1, 1, ebenso in A 1 Chr 3, 14 hineinkorrigirt. 
Auch bei Jos. X, 4, 1 ist neben stärker bezeugtem Aiicov (acc. Afiova) ver- 
einzelt auch Ajuwaos überliefert. Da letztere Form aus dem durch die 
Masoreten, Targ;., Pesch., gute Hss der LXX und Vulg sicher bezeugten 
hebr. Text nicht entstanden sein kann, und da sie in Hss der LXX und 
des Josephus mehrfach nachträglich an Stelle des Eichtigen eingetragen 
worden ist, so ist sie überall als eine christliche Interpolation aus Mt 1, 8 
zu beurteilen, ebenso wie Jobed und Asnph unter Nr. 5 und 7. Dadurch 
gewinnen diese fehlerhaften Formen bei Mt eine Verstärkung ihrer Be- 
zeugung. Die Frage, was von diesen auffälligen, meist fehlerhaften Formen 
vom Standpunkt der Textkritik des Mt zu halten sei, scheint mir leicht 
zu beantworten. Sieht man von den minder deutlichen und wichtigen 
Fällen unter Nr. 1. 2. 6 ab, so ist ihre Bezeugung, was Alter und Mannig- 
faltigkeit anlangt, eine bedeutende. Zu Nr. 4 fehlt jedes widersprechende 
Zeugnis. Für Nr. 8. 5. 7. 8 kommt zu nBC (bei Nr. 3 seine Vorlage, bei 
5 seine erste Hand) der uralte ägyptische Papyrus, bei welchem nur zu- 
fällig Nr. 8 fehlt; für Nr. 3i 7. 8 außerdem der altertümlichste aller lat. 
Texte k; für Nr. 5. 7. 8 Epiphaniu§ und Arm, für Nr. 5. 7 (auch Nr. 2. 6) 
das erwähnte Onomastiken, für Nr 7. 8 (auch Nr. 6) der griech. und lat. 
Text von D und manche alte Lateiner, für Nr. 8 eine stattliche Zahl von 



c. l, 2-17. 61 

■weichende Payaß statt Paaß (v. 5) nur von einem geschrieben sein, 

Uncialen. Angesichts der hiedurch bezeugten weiten und frühzeitigen Ver- 
breitung ist die Annahme, daß die fehlerhaften Formen 5. 7. 8 zufällige 
Schreibfehler eines alten Abschreibers seien, unannehmbar. Noch weniger 
können sie bewußte „Emendationen" sein: denn die einzige Quelle, aus 
welcher ein üezeusent glauben konnte, angebliche Verbesserungen des über- 
lieferten ev Textes schöpfen zu können, die LXX, enthielt, wie gezeigt, 
die fehlerhaften Formen unter Nr. 5. 7, und in der alten Zeit, in welcher 
dieser Rezensent gearbeitet haben müßte, sicherlich auch die unter Nr. 8 
gar nicht, ebensowenig wie die Formen Nr. 3. 4. Dagegen ist nichts be- 
greiflicher, als daß man die seltsamen Formen nach der LXX und in den 
Versionen nach den Afterübersetzungen der LXX änderte. Zu dem Ende 
bedurfte es keiner umständlichen Nachforschungen. Man verglich die 
Genealogie des Mt mit den Genealogien in 1 Chroa 2, 3 — 15; 3, 10—15; 
Euth 4, 18 — 22 und trug von dort die richtigen Namen und Namensformen 
ein. Dies ist allem Anschein nach zuerst bei den Syrern, nach dem Zeugnis 
von SsScS'S^ wahrscheinlich schon von dem ersten Übersetzer der voll- 
ständigen Evv geschehen. Die Quelle dieser wirklichen Verbesserung war 
nicht, wie die so mancher anderer Eigentümlichkeiten des syr. Textes ein 
aus dem Abendland nach Mesopotamien gekommener griech. Text; denn 
nach der Überlieferung des Abendlands (besonders nach k und D) sind dort 
ursprünglich die fehlerhaften Formen herrschend gewesen und erst später 
und sehr unvollständig durch die korrekten Formen verdrängt worden. 
Der syr. Übersetzer der Evv schöpfte vielmehr aus der Peschittha des AT's. 
Aus Ruth 4, 20f. nahm er die vom masor. Text (s. A 25) wie vom griech. 
Mt {Snlfiov) abweichende Form nSe» (SsScMt 1, 4; Aphraat p. 465, 22; 
473, 17 cf Lc 3, 32). Er fand aber dort in der Chronik auch die richtigen 
Formen insn, Tiiy, n''3n, ndn, iidn, welche er in Mt aufnahm. Der dort ge- 
fundene Name rya bot ihm keinen Anlaß, von der in seinem griech. Mt 
vorliegenden Form abzuweichen, weil die Vokalisation und die Trans- 
skription des : frei blieb. Der Name nm, Avelcher in den genannten Ge- 
nealogien nicht vorkommt, würde ihm auch dann, wenn er ihn in Jos 2, 1 
aufgesucht hätte, keinen Anlaß zu einer Verbesserung gegeben haben, 
denn das Mt 1, 5 vorliegende Payrtß konnte als genaue Transskription 
gelten. Hier zeigt sich aber wiederum wie bei ahw 1, 4 f., daß die Kor- 
rekturen nicht auf griech. Boden nach der LXX, sondern auf syr. Boden 
nach der Peschittha gemacht worden sind. Ein Grieche konnte nicht auf 
HTs geraten, was auch kein Grieche oder Lateiner Mt 1, 4 geschrieben hat; 
ein solcher würde aber, wenn er einmal nach LXX korrigiren wollte, auch 
Paxaß nicht ungeändert gelassen haben, was. doch alle Griechen und La- " 
teiuer abgesehen von gleichgiltigen Verschreibungen unangetastet gelassen 
haben. Steht somit fest, daß alle diese „Verbesserungen" in sehr früher 
Zeit bei den Syrern eingeführt worden sind, so ist die ziemlich späte Ver- 
breitung derselben unter Griechen und Lateinern sehr begreiflieh. Wie in 
Sachen des Kanons, so hat auch in Sachen des ntl Textes um 300 eine 
Rückwirkung von der syr. Kirche und Theologie auf die griech. statt- 
gefunden, als deren Vermittler Lucian und die anfangende Exegeteuschule 
von Antiochien zu betrachten sind. Damals nahm man es als eine will- 
kommene Gabe von den Syrern an, dali man den heiligen Evangelisten 
von dem Schimpf reinigen konnte, den König Asa mit dem Psalniisten 
Asaph, den König Amon mit dem Propheten Amos verwechselt und die 
Namen eines Obed und des Königs Abia fehlerhaft geschrieben zu haben. 
Salmon und Rachab ließ man ungeändert, weil ersteres durch LXX gegen 
die Syrer geschützt war, Rachab aber durch die Syrer nicht kritisirt war. 
Anch daß die Bezeugung für die fehlerhaften und die korrekten Formen 



62 Der Stammbaum. 

der den Namen ^H"! in einem hebr. oder aram. Text vor Augen 

TT 

hatte. Auch die Formen Zclqe^ Bosg (v. 3. 5), welche wahrschein- 
lich von Mt so geschrieben wurden (oben S. 59 f. A 26 nr. 1. 3)^ 
sind nicht aus LXX herzuleiten, vielleicht auch nicht Eoq(x)(.i und 
AQ<Xf.i (v. 3. 4)> wie Mt sicherlich geschrieben hat. Dazu kommen 
aber noch andere Fälle, in welchen teils materiell, teils formell 
fehlerhafte Formen mehr oder weniger stark bezeugt sind, welche 
weder aus dem Urtext des AT's, noch aus der LXX erklärt werden 
können, nämlich Iioßrjd (v. 5), Jßtovd (v. 7), Aoacp (v. 7. 8), Afj.o)q 
(v. 10). Ist S. 59 ff. bewiesen, daß diese fehlerhaften Formen ebenso 
wie die nur orthographisch auffälligen in unserem griech. Mt die 
ursprünglichen sind, und daß sie zuerst bei den Syrern des 2. oder 
3. Jahrhunderts, sodann vom 4. Jahrhundert an allmählich auch 
bei den Griechen und Lateinern durch die korrekten Formen 
£2ßrjö, ^ßia, Aoa, ^If^nov verdrängt worden sind, so folgt auch, 
daß der, welcher den griech. Text des Buchs zuerst niedergeschrieben 
hat, nicht der eigentliche Vf, sei es des ganzen Buchs, sei es der 
hier vorliegenden Stammtafel ist. Denn es ist undenkbar, daß 
einer, der die lange Ahnenreihe des Davidssohnes Jesu in einer 
geordneten Stammtafel darstellen wollte, sich dabei auf sein fehl- 
sames Gedächtnis verlassen und nicht die all Nachrichten und Ge- 
schlechtsregister zu Rate gezogen haben sollte. Wer aber letzteres 
tat, konnte zwar auch den einen oder anderen Schreibfehler ein- 
fließen lassen ; er konnte aber nicht den berühmten Psalmdichter 
Asaph (Ps 50. 73 — 83) und den berühmten Propheten Amos an 
Stelle der Könige Asa und Amon in die Liste der Könige auf- 
nehmen, mochte er den hebr. oder den griech. Text des AT's oder 
ein Targum vor Augen und in Händen haben. Ist dieser doppelte 
sinnvolle Unsinn nicht auf Rechnung des Originalschriftstellers, 
sondern des griech. Bearbeiters zu setzen, so gilt dasselbe auch 
von den übrigen fehlerhaften Formen {Iwßrjö, ^ßiovd, EGQO)(.iy 
u4Qa/ii), wie es selbstverständlich von den nur auffälligen Trans- 
skriptionen gilt (ZaQS, Boeg, Pa^aß), für welche dem griech. Be- 
arbeiter seine nicht vokalisirte hebr. oder aram. Vorlage volle Frei- 
heit ließ. Wir lernen hier sein Verfahren kennen. Er war nicht 



nicht in allen Fällen die gleiche ist, d. h. mit anderen Worten, daß die 
von den Syrern über Antiochien eingeführten gelehrten Verbesserungen 
sich nicht sämtlich gleich rasch und allgemein verbreitet haben, erklärt 
sich unschwer. Der Stehler Amos für Amon behauptete sich am längsten, 
weil zu der Zeit, da die jüngeren unter den Hss, welche Amos bieten 
(MTzi^ etc.), geschrieben wurden, diese fehlerhafte Form längst auch in 
LXX sich eingenistet hatte. Das fehlerhafte Asaph wurde früher und all- 
gemeiner durch die gelehrte Verbesserung Asa verdrängt, weil jene Form 
in LXX keinerlei Stütze und Entschuldigung fand. Nach alle dem dürite 
feststehen, dalS im griech. Mt Boes, Icoßrjd (v. 5), AßiovS, Äaatp (v. 7), A/ncos 
(V. lOj, vielleicht auch Zaoe (v. 3) ursprünglich sind. 



c. 1, 2-17. 63 

Schriftsteller, sondern Übersetzer und hielt es daher nicht für seine 
Aufgabe, die in seiner Vorlage stehenden Namen mit kritischem 
Ange zu prüfen, sie mit den Quellen, dem hebr. oder griech. Text 
des AT's zu vergleichen und etwa darnach zu berichtigen. Er über- 
setzte, um mit Papias zu reden, „so gut er's vermochte". Als 
einem beider Sprachen mächtigen und mit der LXX wohl ver- 
trauten Judenchristen boten sich ihm für die geschichtlich be- 
rühmteren Namen ohne alles Nachschlagen die von LXX geschaffenen 
und in aller griechisch redenden Juden und Christen Mund um- 
laufenden Formen dar. Zu diesem berühmteren Namen gehörten aber 
nicht mT, jlTin, Dl (v. 3) ]];2, 12VJ (v. 2) n^2N oder 1.T2S, »SDK 
(v. 7), ^löN (v. 10), damals vielleicht auch noch nicht 211") (v. 5). 
In diesen Fällen war der Übersetzer weder durch deutliche Er- 
innerung an die LXX noch an das hebr. AT gebunden und trans- 
skribirte teils frei, aber richtig, teils fehlerhaft. Die Ursachen der 
Fehler können sehr verschiedene gewesen sein. Es kann schon in 
der aram. Vorlage, die möglicher Weise durch eine lange Kette 
von Abschriften mit der Urschrift verbunden war, zumal bei den 
weniger berühmten Namen mehr als ein Schreibfehler enthalten ge- 
wesen sein. Sind die Formen Itoßr^d, Eoow/ii, vielleicht auch AqafM 
in Lc 3, 32. 33 ursprünglich, so kann der griech. Übersetzer des 
Mt unter dem Einfluß des zu seiner Zeit bereits existirenden Lcev 
diese Formen aufgenommen haben. Bei den Namen Asaph — Asa 
und Amos — Amon-^^) zeigt sich aber die vielleicht nur instinktive 
Absicht, einen unberühmten Namen durch einen berühmten zu er- 
setzen. Ein umsichtiger Übersetzer hätte diese groben Fehler, 
wenn er sie bereits vorfand, entdecken und berichtigen müssen ; 
wenn sie in seiner Vorlage noch nicht enthalten waren, sie auch 
nicht schaffen dürfen. Ein solcher würde auch nicht seinen un- 
zulänglichen Überlegungen folgend in v. 11 den Jojakim durch 
Jojachin verdrängt, sondern, durch v. 17 belehrt, die dort gezählten 
Generationen unverletzt überliefert haben. 

Kehren wir vom Übersetzer zum Vf zurück, so hat dieser 
durch nichts deutlicher die ihn bei der Darlegung der Abstammung 
Jesu beseelenden Gedanken ausgedrückt, als durch die Namen der 
Frauen v. 3. 5. 6. Thamar (v. 3) hat die in gleicher Stunde von 
ihr geborenen und daher von Mt neben einander genannten Söhne 
Phares und Zara in blutschänderischem Umgang mit ihrem Schwieger- 
vater Juda empfangen, und diese Verirrung ist nicht zum wenigsten 
veranlaßt durch die Sünde, welche von ihrem verstorbenen Manne 
Onan den schimpflichen Namen bekommen hat (Gen 38). Es ist 
ein schmachvolles Blatt in der Geschichte des Volks und auch des 
von Juda und Thamar abstammenden Königshauses, auf welches 

*"*) Der Lc 3, 25 an ganz anderer Stelle der Genealogie stehende 
Amos kann nicht wohl die Wurzel des Fehlers sein. 



64 



Der Stammbaum. 



Mt damit den Finger gelegt hat. Die Heidin Rahab (v. 5) wird 
Jos 2, 1 als Hure eingeführt und in der christlichen Literatur 
regelmäßig so charakterisirt (Jak 2, 25 ; Hb 11, 31 ; Giern I Cor 12). 
Mt unterläßt dies: der Name genügt ihm ebenso wie der Name 
Thamar, um an das zu erinnern, was jeder wußte, der überhaupt 
von diesen Frauen etwas wußte. Wenn er ßahab ohne Anhalt im 
AT als Mutter des Boas in den Stammbaum Davids einreiht, wird 
er einer jüdischen Sage gefolgt sein. ^') Die dritte Frau, welche 
Mt nennt, ist die aus dem Büchlein, das ihren Namen trägt, be- 
kannte Moabiterin Ruth, die Gattin des Boas. Persönlich steht sie 
rein da; wie wenig es aber deih Geschmack des späteren Juden- 
tums entsprach, daß Davids Großmutter eine geborene Heidin und 
vollends eine Moabiterin gewesen, zeigt die rabbinische Auslegung 
des Buches Ruth an mehr als einer Stelle. ^^) Die vierte Frau (v. 6), 
die Mutter Salomos, wird nicht einmal mit ihrem Namen Bathseba 
genannt; aber durch ihre Bezeichnung als Weib des Urias wird 
ebenso fein wie scharf auf den im Morde endigenden Ehebruch 
Davids hingewiesen, welchen der Prophet Nathan so mutig gestraft 
und der königliche Ehebrecher und Mörder so bitter bereut hat 
(2 Sam 11,2—12, 25; Ps 51). Daß der im Ehebruch erzeugte 
erste Sohn Bathsebas starb, und daß David der Vater Salomos erst 
wurde, nachdem er die Witwe des gemordeten Urias zu seinem 
Weibe gemacht hatte, ändert nichts daran, daß der erste Davids- 
ßohn auf dem Throne einem ehebrecherischen Bunde entsprossen 
ist, dessen verbrecherischer Ursprung durch die nachfolgende Legali- 
sirung wahrlich nicht gesühnt worden ist. Das den 4 Frauen Ge- 
meinsame ist, daß sie als Ahnfrauen des ersten oder des anderen 



2') Eine solche ist m. W. bisher in der jüdischen Literatur nicht nach- 
gewiesen. Im Midrasch zu Enth Par. 2 (Übers, von Wünsche S. 14 f. mit 
dem Nachweis von Parallelen S. 61) findet sich jf^doch eine weitläufige, an 
1 Chr 4, 21 — 23 anknüpfende Erörterung über ßahab, deren Zusammenhang 
mit dem Buch Euth nicht sofort ersichtlich ist. Man fand Eahab und die 
von ihr abstammende Familie in 1 Chr 4, 21, setzte also voraus, daß Eahab 
in den Stamm Juda aufgenommen worden sei. Im weiteren Verlauf (Wünsche 
S. 16. 17) wurden auch Euth und Bathseba, Boas und Elimelech (aus Ruth 
1, 2) in jene Verse hineingedeutet. In demselben Midrasch Par. 8 S. 58 
wird auch noch Thamar mit Euth zusammengestellt. Das Targum zu 
1 Chr 4, 22 entdeckt dort auch den Chiljon aus Ruth 1, 2—5 und den Boas, 
den ersten und den zweiten Mann der Euth. Man sieht, daß mit den 
übrigen von Mt genannten Frauen auch Eahab bei den Julen in Ver- 
bindung mit der Vorgeschichte des davidischen Hauses gesetzt worden ist. 
Die daneben herlaufenden Traditionen, daß Eahab die Gattin Josuas ge- 
worden und daß 8 oder 10 namhafte Priester und Propheten von Eahab 
abstammten (bab. Mes^illa fol. i4'>; Midrasch Euth 1. 1., Midrasch Bemidbar 
Par. 8 fin.), widersprechen der an 1 Chr 4, 21 haftenden Tradition und 
können diese ebensowenig ans der Welt sehaifen, als erklären. 

^^) Midrasch zu Euth übers, von Wünsche S. 19. 30. 35. 45, besonders 
aber S. 58 die Berufung Davids auf Thamar gegenüber denen, welche ihm 
die Abstammung von Euth zum Vorwurf machen. 



c. 1, 2—17. 65 

David für jüdische Empfindung anstößig waren oder anstößig hätten 
sein müssen, wenn auch in verschiedenem Grade und aus teilweise 
verschiedenen Gründen. ß.uth, deren liebliche Gestalt zu den drei 
anderen nicht zu passen scheint, hat doch das mit Rahab gemein, 
daß sie beide heidnischer Herkunft sind. "Wenn man bedenkt, 
welche Bedeutung dem Gegensatz zwischen Juden und Heiden im 
Buch. des Mt zukommt,^*) so hat man auch begriffen, warum Mt 
diese beiden Proselytinnen aus dem Heidentum in die Genealogie 
des Messias aufgenommen hat. Es widerspricht nicht der Vor- 
geschichte des Messias, sondern entspricht derselben vielmehr, daß 
der, welcher sein Volk von den Sünden erlösen sollte (1, 21), allen 
Völkern gepredigt sein will, damit sie in seine Jüngerschaft auf- 
genommen werden (28, 19). Wenn Rahab, abgesehen von ihrer 
heidnischen Herkunft, wegen ihres sittenlosen Lebens nicht mit 
Ruth, sondern näher mit Thamar und Bathseba zusammengehört, 
so ist doch nicht zu übersehen, daß Ruth die Tochter eines Volks' 
war, welches nach Gen 19, 30 — 38 einen ähnlich schandbaren Ur- 
sprung hatte, wie der Zweig des Stammes Juda, aus welchem 
Davids Geschlecht hervorgegangen ist. Daß aber Mt nicht Sara 
und Rebekka, sondern Thamar, Rahab, Ruth und Bathseba in den 
Stammbaum des Messias aufgenommen hat, findet keine befriedigende 
Erklärung darin, daß er die Absicht gehabt habe, den Ahnenstolz 
der Juden zu dämpfen, oder auf die Notwendigkeit eines Erlösers 
Ton den Sünden hinzuweisen. '^^) Denn es ist nicht die Sündhaftig- 
keit oder Gottlosigkeit der Ahnen des Messias im allgemeinen, 
welche jene Frauennamen in Erinnerung bringen, sondern solche 
Sünde und Schande, welche auf dem Gebiet des geschlechtlichen 
Lebens liegt und somit der Fortpflanzung des Geschlechtes, welches 
für den Juden der Träger der größten Verheißungen und Hoff- 
nungen war, nach dem Zeugnis der atl Geschichte als Makel an- 
haftete. Wie die ganze Genealogie eine Darstellung der Geschichte 
Israels in ihrer Abzielung auf Jesus den Christ ist, so müssen auch 
diese vielsagenden Frauennamen auf das abzielen, was von der Er- 
zeugung und Geburt und insbesondere von der Mutter Jesu ge- 
sagt wurde und von Mt gesagt werden sollte. Wäre freilich das, 
was er v. 16 andeutet und v. 18 — 25 klar darlegt, eine im Um- 
kreis des Mt und seiner ersten Leser unangefochtene Tatsache ge- 
wesen, so wäre die Erinnerung an jene Schandflecken in der Vor- 
geschichte und der Geschichte Davids zwecklos oder doch ein 
wunderliches Mittel, um durch den Kontrast die Heiligkeit der 
Erzeugung und Geburt Jesu ins Licht zu stellen oder einen Beweis 

*») Es genügt vorläufig der Hinweis auf 1, 21; 2, Iff.; 3, 9; 8, 10—12; 
10. 5. 6. 17. 18; 12, 17-21; 15, 21-28. 31; 21. 41-43; 22, 8-10; 24, 14; 
25, 32; 28, 19 f. 

ä<») So Chrys. hom. 3, 2—4 cf 1, 6; flüchtig auch Hier, zu 1, 3. 

Zahn, Ev. des Matth. i. Aufl. 5 



66 Der Stammbaum. 

für das iöov nXelov Iokof.iwrog wÖ€ (12, 42) zu leisten. In der 
Erzählung v. 18 — 25 selbst tritt die Bezeugung der ebenso heiligen 
wie wunderbaren Erzeugung und Geburt Jesu dem nach mensch- 
lichem Urteil wohlbegründeten Verdacht gegenüber, daß er sein 
Leben einer Untreue seiner Mutter gegen ihren Verlobten verdanke. 
Auch wenn wir nicht wüßten, daß unter den Juden, die Jesus nicht 
als den Christ anerkannten, die Sage früh sich verbreitet und durch 
die Jahrhunderte sich behauptet hat, er sei einer ehebrecherischen 
Verhinderung seiner Mutter mit einem fremden Manne etitsprossen, 
müßten wir aus Mt 1 schließen, •daß dies oder Ahnliches schon vor 
Abfassung des Mtev der Fall gewesen ist. ^^) Zu handgreiflich ist 
die schon in der Genealogie durch die Frauennamen bekundete 
apologetische Absicht des Mt. Wenn Juden die ihnen aus christ- 
lichen Kreisen zugekommene Kunde, daß Jesus allerdings nicht 
der leibliche Sohn seines Vaters Joseph sei, ohne Grund und Be- 
weis dahin verdrehen, daß er ein Bastard sei, und wenn sie daraufhin 
ohne weiteres bestreiten, daß der so schimpflich Geborene der ver- 
heißene Davidssohn sei, so sollten sie bedenken, daß an dem 
davidischen Hause, aus dem auch nach ihrer Hoffnung der Messias 
hervorgehen soll, Makel genug haften, welche nicht durch eine 
grundlose Verleumdung, sondern durch die auch ihnen heiligen 
Schriften bezeugt sind. Wenn sie sich durch jene dunkelen Stellen 
in der Geschichte des davidischen Hauses mit Recht nicht abhalten 
lassen, darin eine von Gott geleitete heilige Geschichte zu erkennen 
und um das Verständnis auch ihrer Dunkelheiten sich zu bemühen, 
80 sollten sie erst recht nicht durch jenes gehässige Gerede über 
die Herkunft Jesu sich abhalten lassen, der Darlegung des wahren 
Sachverhalts ein williges Ohr zu leihen. Die oycdvöaXcc in der 
Genealogie bereiten auf das axüvöaXov vor, welches für die Juden 
zur Zeit des Mt die Erzeugung und Geburt Jesu geworden war. 
Ist die Darstellung des Mt nur zu begreifen aus dem Gegensatz 
zu der jüdischen Verleumdung, daß Jesus ein uneheliches Kind 
seiner Mutter sei, so setzt diese jüdische Behauptung wiederum 

^') Vgl. H. Laible, Jesus Christus im Talmud S. 9—39 mit den Be- 
legen im Anhang uud meine Forsch VI, 266 ff , aber auch Strack, Jesus «. 
die Häretiker S. 21. Der Heide Celsus um 170 — 180 hatte aus jüdischen 
Schriften geschöpft, was er seinen Juden über Jesus als Sohn df3S Pantheras 
im Gegensatz zu der angeblich von. Jesus seJbst erdichteten Geburt von 
der Jungfrau sagen läßt (Orig-. c. Cel.s. I, 28. 32. BA. 39). Wie früh die 
jüdische Antithese zur christlichen Überlieferung diese bestimmte Form 
anoenommen bat, läUt sich schwerlich noch feststellen; aber es spricht 
nichts dagegen, sondern manches dafür, daß gerade während des letzten 
Jahrzehnts vor der Zerstörung, Jerusalems, während dessen Mt nach der 
Überlieferung geschrieben hat, der damals sich steigernde Gegensatz der 
Juden gegen die Christen in Palästina auch die Behauptung der unehe- 
lichen Geburt Jesu hervorgebracht hat, cf. Schlatter, Geschichte Israeli 
von Alex, bis Hadr. 2. Aufl. S. 2Ü6. S. auch oben S. 46f. A 6 u. 7. 



c. 1, 2—17. 67 

▼oraus, daß unter den jüdischen Christen Palästinas schon seit ge- 
raumer Zeit der Glaube an die , jungfräuliche Geburt Jesu sich be- 
festigt hatte, und daß eine Kunde hievon über die Grenzen der 
christlichen Gemeinde hinausgedrungen war und unter den Juden 
sich verbreitet hatte ; denn nur als Karikatur der christlichen Tradition 
von der außerordentlichen Weise, in welcher Jesus als Sohn des 
Davididen Joseph geboren wurde, ist jene jüdische Darstellung 
derselben Tatsache zu begreifen. ^^) Aber nicht erst die Berichte 
des Mt und Lc, sondern die viel älteren Überlieferungen der christ- 
lichen Gemeinde Palästinas, welche die Evangelisten verarbeitet 
haben, haben das jüdische Zerrbild hervorgerufen ; denn schon Mt 
gibt die christliche Überlieferung nicht in einfacher epischer Dar- 
stellung wieder, sondern in scharfer apologetischer und polemischer 
Zuspitzung, und mit unverkennbarer Rücksicht auf die sehr be- 
stimmten und den Lesern seines Buchs wohlbekannten jüdischen 
Verleumdungen. — Daß es mit der Herkunft Jesu aus Davids 
Geschlecht eine eigentümliche Bewandtnis habe, gibt Mt schon am 
Schluß der Genalogie selbst zu verstehen, indem er die Weiter- 
führung des Geschlechts von Joseph zu Jesus v. 16 nicht wieder 
durch das bis dahin unablässig wiederholte eyevvrjGS ausdrückt, 
sondern den Joseph als den Mann der Maria bezeichnet, aus welcher 
Jesus, welcher der Christ heißt, erzeugt und geboren wurde. Während 
ysvväv überwiegend wie in v. 2 — 15 (= "I'H") die zeugende Tätig- 
keit des Vaters, seltener die gebärende Tätigkeit der Mutter ^■^) 
bezeichnet, so vergegenwärtigt doch der Ausdruck ysvvaöSat er. 
Tivog (cf dagegen 1, 20) den Moment, da das Kind aus Mutter- 
leibe hervorgeht und an^ Licht der Welt kommt (Jo 3, 4; 16, 21). 
In bezug auf diesen Moment aber konnte nach 1, 24 f. Joseph mit 
vollem Recht der Ehegatte der Maria genannt werden, und eben 
darauf mußte es dem Mt hier ankommen, zu sagen, daß trotz der 
hier nur erst angedeuteten, in v. 18 ff. genau dargelegten Tatsache 
Joseph der rechtmäßige Gatte der Maria war, als diese Jesum 
gebar, daß also Jesus als ein Sohn des Davididen Joseph geboren 
wurde. Die ängstlichen Bemühungen, den Text von v. 16 dem 
Kirchenglauben noch entsprechender zu gestalten, als es Mt getan 
hatte, sind dadurch bestraft worden, daß schließlich ein Text 

^2) Dies hat schon Orig. c. Geis. I, 32 gut gegen den Juden des Celsus 
gezeigt, welcher (1. 1. I, 2S) auch ganz offen den Widerspruch gegen die 
christliche Behauptung an die Spitze gestellt hatte. 

^0 So jedoch Lc 1, 13. 57; 23, 29; Jo 3, 4; 16, 21; LXX Jude 11, 1; 
Ruth 4, 13 {V. 1. rsy.sii'); besonders auch passives yewäad-ai iivi Gen 6, 1; 
10. 1. 25; 1 Chr 3. 4. Daher ol y£vvi]oants = yoreu = Vater und Mutter 
Sach 13, 3. Umgekehrt werden •\h\, tIxtsiv, parere vorwiegend von der 

I Mutter, aber auch vom Vater gebraucht, z, B. Gen 4, 18; Ps 2, 7, an 
beiden Stellen und im Citat AG 13, 33 auch Pesch. Cf übrigens Bd IV^ 
76, A 67. 



I 



68 Der Stammbaum. 

herauskam, welcher nicht nur mit dem Kirchenglauben, sondern 
auch mit sich selbst und mit der folgenden Erzählung in vollem 
Widerspruch steht. ^*) Ebenso überflüssig aber wie die Bemängelung 

") Über den Text von 1, 16 s. Einl II, 298 f., ausführlichere Erörte- 
rungen bei Burkitt im Ev. da-mepharr. II, 258—266 und Turner im Journ. 
of theol. stud. 1910, Jan. p. 205—208. Neben dem oben ausgelegten Text, 
welcher bis vor wenigen Jahren allein beachtet wurde, weil er durch sämt- 
liche Unc (auch Oxyr) und die große Masse der Min, ferner S'S^Sh, Sah 
Kop, Vulg uud die alten Ausleger bezeugt ist, — ich nenne ihn hier I — 
finden sich zwei stark abweichende Texte, nämlich II) rör Vwa?;}^, (5 fii^i]- 
OTSv'hloa 7iaod'efo<- Alaoiäu syEvvriaBV Ur]aovt> tbf Xeyöfievov Xotaröv, So 
1) die Min 346. 543 (Scriv. 556) 826."828 (Ferrar, Collation of' four Mss, 
1877 p. 2; Scri vener, Adversaria crit. sacra, 1893 p. 1; Lake im Journ. of 
theol. stud. I [1899] p. 119; Harris, Further researches into the history of 
the Ferrar-group, 1900 p. 7) sämtlich zu der sogen. Ferrargruppe gehörig, 
von welcher jedoch mehrere z. ß. 124 den gewöhnlichen Text bieten. 
Wesentlich ebenso 2) die alten Lat: k {Joseph, cid desponsata virgo Maria 
paruit JesHtn Christum) a g^ {genuit Jes. qiii vocatur [a dicitiir] Chr., 
ebenso q, nur ohne virgo) d (peperit Christum Jesum), b {desponsata erat 
virgo M., virgo autem Maria gemiit Jesum . . .), 3) Sc: „den Joseph, 
weichem verlobt war Maria die Jungfrau, welche Jesum Christum gebar". 
Eine Mischung von I und II bietet Arm s. Robinson, Euthaliana p. 82. 
III) Ganz vereinsamt steht Ss- mit der Übersetzung: „Jakob erzeugte den 
Joseph. Joseph, welchem verlobt war Maria die Jungfrau, erzeugte Jesum, 
welcher der Christ genannt wird". Die Absicht der LA II ergibt sich 
deutlich aus ihren Eigentümlichkeiten. Es sollte erstens die dem Kirchen- 
glauben unbequem scheinende Bezeichnung Josephs als des Ehemanns durch 
die aus v. 18 entnommene genauere Bezeichnung des Verhältnisses be- 
seitigt, zweitens aber auch durch die Bezeugung der Jungfrauschaft der 
Maria noch ausdrücklicher jede heterodoxe Vorstellung ausgeschlossen 
werden. Nebenbei wurde auch das kühl und fremd klingende d Isyöfievos 
von manchen, vielleicht den ältesten Vertretern der LA II gestrichen. So 
die Lat kd (cf Ambrosiaster, quaest. 85 ed. Souter p. 147, 2) und Sc (s. vor- 
hin unter II, 2 u. 3. Unzeitige Erinnerung an 6 ksyöfisvos Xpiazög (Mt 
27, 17. 22), wo in dieser Form der Redeade es ablehnt, über die Berech- 
tigung zu solcher Benennung Jesu seinerseits ein Urteil abzugeben, mag 
diese Tilgung veranlaßt haben, wovor schon die Erinnerung an Mt 4, 18; 
9, 9; 10, 2 und zahllose andere Stellen in allen Evv hätte warnen sollen. 
Nachdem Mt bereits 1, 1 sich zu Jesus als dem Messias bekannt hatte und 
die Genealogie bewiesen hat, daß Jesus allein ein Anrecht auf diesen Titel 
habe (s. oben S. 50), war gerade diese Hervorhebung des Titels am Platze, 
der in seiner Gemeinde zu einem zweiten Eigennamen geworden war, cf 
das bloße 6 Xmarös V. 17. 18; 11, 1. Die charakteristischen Eigrentüm- 
lichkeiten und somit auch die Tendenz teilt die LA III mit II, sie setzt 
sich aber in Widerspruch mit sich selbst, indem sie durch Einschiebung 
des Namens Joseph im Nominativ hinter demselben Namen im Akkusativ 
den Joseph zum Erzeuger Jesu macht. Daß dies nicht der ursprüngliche 
Text des Mt sein kann, liegt auf der Hand; denn erstens steht derselbe 
in unausgleichbarem Widerspruch nicht nur mit der Erzählung in v. 18 — 25, 
sondern auch mit den hierauf vorbereitenden Angaben der Genealogie 
V. 3. 5. 6. Es könnte III nicht aus Mt, sondern nur aus einer von Mt 
gründlich umgearbeiteten älteren Quellenschrift herstammen, welche den 
Joseph als den leiblichen Vater Jesu dargestellt hätte. Daß aber Ss nicht 
eine solche Quellenschrift, sondern unseren Mt vor sich gehabt hat, beweist 
er dadurch, daß er v. 3. 5. 6. 18—25 in allem wesentlichen das Gleiche 



c. 1, 16. 69 

der ureprünglichen Textform, war die Verwunderung darüber, daß 
Mt wie auch Lc (3, 23 — 38) als Stammbaum Jesu denjenigen des 
Joseph gebe, obwohl Joseph nach Mt nicht der leibliche Vater 
Jesu gewesen ist. In der alten Kirche hat diese Erwägung haupt- 
sächlich dazu gedient, die willkürliche Behauptung der davidischeri 
Herkunft der Maria zu begründen. Die Kritik, welche zunächst 
von Gegnern des kirchlichen Christentums ausging, gründete auf 
dieselbe Beobachtung die ebenso willkürliche Behauptung, daß die 
von Mt mitgeteilte Genealogie ursprünglich unter der Voraussetzung, 
daß Jesus Josephs leiblicher Sohn sei, entworfen und nur von Mt 
am Schluß künstlich umgebogen sei, um die Erzählung von der 
wunderbaren Erzeugung Jesu anschließen zu können. •*^) Die, 

bietet wie Mt. Zweitens aber ist. wie gesagt, der Selbstwidersprnch des 
Ss in V. 16 selbst so schroff wie möglich ausgesprochen. Hat die dem 
Joseph verlobte Jungfrau Jesum geboren, so ist eben Joseph nicht der Er- 
zeuger Jesu. Drittens läiät sich die LA I weder aus III, noch aus II 
erklären. Nachträgliche Einführung von -ibv avÖga und Beseitigung von 
/nvtioTsvOsiaa Tzaodifoe, also Umgestaltung von II in I hätte doch nur den 
Sinn haben können, die jungfräuliche Geburt auszumerzen. Diese Absicht 
ist aber ausgeschlossen, da auch I die wunderbare Erzeugung deutlich zu 
verstehen gibt. Erst recht undenkbar ist die Entstehung von I aus III. 
Denn wer an der durch III formell behaupteten leiblichen Vaterschaft 
Josephs Anstoß nahm und sie getilet sehen wollte, konnte doch nicht gerade 
das beseitigen, was in III wie in II die jungfräuliche Geburt am stärksten 
ausdrückte, und dagegen das mißverständliche idr ärSoa eintragen, welches 
die dem angeblichen Korrektor anstößige Ansicht begünstigte. Der Text 
hat sich also in der Eeihenfolge von I— II — III entwickelt. Die LA III 
ist wegen des unglaublichen formellen Selbstwidersprnchs schwerlich als 
ernstlich gemeint zu nehmen. Formell angesehen, war nichts näherliegend, 
als die Assimilation an die sämtlichen vorangehenden Glieder der Genealogie, 
welche darin besteht, daß auch in v. 16 der zuerst als Objekt der Er- 
zeugung im Akkusativ genannte Name im folgenden Satz im Nominativ 
als Subjekt einer neuen Erzeugung genannt wird. Aber auch sachlich be- 
trachtet, konnte der so entstandene Text III einem syrischen Textver- 
besserer unbedenklich erscheinen, wenn er, wie schon Origenes zu Rm_ 1, 3, 
erwog, daß auch v. 8 das letzte tyirvr^oa nicht den Namen des leiblichen 
Vaters mit dem des Sohnes verbindet, sondern den ganz anders vermittelten 
genealogischen Zusammenhang ausdrückt. Er bezeichnete damit Jesus als 
Josephssohn wesentlich in demselben Sinne wie er Mt 1, 1 Davidssohn ge- 
nannt ist, drückte aber auch durch die Kennzeichnung der Maria als der 
jungfräulichen Braut Josephs aus, daß dies nicht buchstäblich und materiell 
zu verstehen sei. In v. 18—25 hat Ss nichts Wesentliches von der kano- 
nischen Testgestalt unterdrückt, aber doch ziemlich frei sich bewegt und 
viel unbefangener als Sc sich ausgedrückt: v. 19 ,,.Ioseph aber, ihr Eheherr 
(n=5v=), weil er gerecht war" (Sc ^Joseph aber, weil er ein gerechter Mann 
war"); v. 20 „dein Weib" (Sc „deine Braut"); v. 24 f. „und er führte sein 
Weib heim und sie gebar ihm einen Sohn und er nannte seinen Namen 
Jesus" (Sc „und er führte die Maria heim und wohnte in Heiligkeit mit 
ihr, bis sie einen Sohn gebar und sie nannte seinen Namen Jesus". So im 
wesentlichen auch das Diatessaron Forsch I, 1171). 

") Gut formulirt ist des Problem bei Eus. quaest. 1 ad Steph. Während 
der Fragesteller noch sagt: „Dafür, daß Maria von David abstammte, gibt 
es keinerlei Schriftbeweis", nimmt Eusebins, ohne zu bestreiten, daß Mt 



70 Dw Stammbanm. 

beiden Behauptungen zu gründe liegende Meinung, daß eine auf 
Joseph hinauslaufende Genealogie ungeeignet sei, die davidische 
Abkunft Jesu zu beweisen, wenn dieser nicht ein leiblicher Sohn 
Josephs war, ist schon darum abzulehnen, weil, wie S. 44 f. gezeigt 
wurde, ein solcher Beweis gar nicht der Zweck dieser Genealogie 
und derjenigen des Lc ist. Ferner zeigen die beiden einzigen 
Stammbäume Jesu, welche aus der Urzeit der Kirche auf uns ge- 
kommen sind, daß man sich in der alten Christenheit durch den 
Glauben an die übernatürliche Erzeugung Jesu nicht abhalten ließ, 
die durch Joseph vermittelte davidische Abkunft Jesu als geschicht- 
liche Voraussetzung des Glaubens-^n Jesus als den Christ hochzu- 
halten. Diese Tatsache, sowie die andere, daß die ntl Schrift- 
steller und insbesondere die beiden Evv, welche die davidische 
Abkunft Jesu geschichtlich darstellen, über die Herkunft der Maria 
völlig schweigen und sich an der davidischen Abkunft Josephs 

und Lc die Genealogie Josephs geben, doch bereits die Ansicht von der 
davidischen Abkunft der Maria zu Hilfe, welche von Justin an in der 
Kirche herrschend geworden . war, von Tatian und Ss in den Text von 
Lc 2, 4 eingetragen wurde. Über die verworrenen Versuche der Alten, dies 
genealogisch nachzuweisen s. Forsch VI, 328 ff. Durch Vermischung apo- 
krypher Traditionen (über Profev. Jac. cf. N. kirchl. Ztschr. 1902 S. 19 ff.) 
mit Lc 3, 23 kam man schließlich zu der unsinnigen Stammtafel: EU — 
Joseph — Joachim — Maria. So in Origo hwnani generis (Chrou. min. 
ed. Frick p. 151 vor a. 427) und in Genealogiae totius bibliothecae (ed. 
Lagarde Abb. gött. Ak. Bd. 38 S. 19. 24. 26, geschrieben um a. 570). Daß 
jedoch Lc geradezu die Genealogie der Maria gebe, daß nämlich der Eli 
Lc 3, 23 ihr Vater sei, hat meines Wissens kein Lehrer der alten Ky-che 
behauptet. Auch deshalb ist uawahrscbeiulich, daß sich auf die Mutter 
Jesu beziehen sollte, was jer. Chagiga 77'* von „Maria der Tochter Eli's" 
zu lesen ist cf Laible, Christus im Talmud S. .SO, Anhang S. 18*. Luther 
vertrat jene Umdeutung der Genealogie des Lc zugleich mit der noch 
kühneren Behauptung, daß auch Mt eine Genealogie der Maria gebe (Vom 
Sehern Hamphoras und dem Geschlecht Christi, a. 1543, Eri. Ausg. Bd 82 
S. 309— 312. 325— 333). Letzteres ist nur selten wieder behauptet worden; 
um so häufiger ersteres, z. B. von Chemnitz, Harm. I, 52—62; Paulus l, 245; 
Ebrard, Krit. d. ev. Gesch. 3. Aufl. S. 250 ff.; Wieseler, Beiträge .zur Würdi- 
gung der Evv S. 133 ff. Schon Kaiser Julian, dessen bezügliche Äußerungen 
nur zum geringsten Teil erhalten sind (Jul. libr. c. Christ, ed. Neumann 
p. 212, 234), und der Mauichäer Faustus (August, c. Faust. XXIII, 3). 
welchen sich der ganze Chor der christlichen Kritiker bis heute anschließt, 
fanden einen Selbstwiderspruch des Mt wie des Lc darin, daß sie eine auf 
Joseph hinauslaufende Genealogie Jesu und zugleich eine die leibliche 
Vaterschaft Josephs ausschließende Erzählung von der Geburt Jesu darbieten. 
— Einer handgreiflichen Unwahrheit macht sich P. Vogt S. J. schuldig, 
wenn er in seiner Abb. über den Stammbaum Christi bei Mt und Lc (Bibl. 
Stadien ed. Bardenhewer, XII. 3 S. XII) unter Anführung der 2. Aufl dieses 
Bandes S. 42 (= S. 45 der gegenwärtigen Aufl.) und meiner Forsch VI, 328 
A 2 mich denjenigen Kritikern zuzählt, „welche daran festhalten, beide 
Evv lieferten Josephs Stammbaum, um daraus entweder zu erweisen, Christus 
sei der wahre, eigentliche Sohn Josephs, oder um aus der Verschiedenheit 
der Stammlisten darzutun, daß dieselben überhaupt nicht aus geschicht- 
lichen Dokumenten geflossen, sondern willkürlich kombinirt seien". 



c. 1. 16. 18—25. 71 

genügen lassen, zeigen auch, daß den sehr verschiedenen Kreisen, 
aus welchen die älteste christliche Literatur hervorging, der Ge- 
danke völlig fern lag, es bedürfe eines materiellen Zusammenhangs 
zwischen Jesus und Joseph, um sich zu Jesus als dem Davidssohn 
bekennen zu dürfen. Daß die Christen in einer noch früheren 
Zeit hierüber anders gedacht haben, und daß sie damals nur darum, 
weil sie Jesus für Josephs leiblichen Sohn hielten, ein Interesse 
hatten, solche Genealogien Jesu, wie die des Mt und des Lc, auf- 
zustellen, ist eine Vermutung, für deren Wahrscheinlichkeit ein 
geschichtlicher Beweis nicht zu erbringen ist. Wie weit in die 
Zeit vor Mt ein solcher Beweis zurückgehen müßte, ergibt sich 
schon daraus, daß Mt bereits gegenüber einem unter den Juden 
verbreiteten Zerrbild der somit viel älteren christlichen Über- 
lieferung von der jungfräulichen Geburt Jesu diese darstellt. Daß 
man sich für jene Hypothese nicht auf E,m 1, 3 oder AG 2, 30 
berufen darf, kann hier nicht noch einmal bewiesen werden. Die 
Traditionen der Anverwandten Jesu (oben S. 46 f.) stehen ganz 
auf dem gleichen Boden mit Mt und Lc. Die einzige Gruppe 
der nachapostolischen Christenheit, von der man annehmen könnte, 
daß sie unter Ablehnung einer späteren Entwicklung der christ- 
lichen Denkweise Reste der urchristlichen Anschauung bewahrt 
habe, die Nazaräer, die Inhaber des Hebräerev, haben sich, soviel 
wir wissen, stets zu der jungfräulichen Geburt Jesu bekannt. ^^) 
Daß sie aber darum doch an der davidischen Abkunft Josephs 
sich genügen ließen und nicht etwa durch eine Genealogie der 
Maria die davidische Abkvmft Jesu zu begründen suchten, bedarf 
schon darum, weil diese hebräischen Christen echte Juden waren, 
keines Beweises. 

2. Die Erzeugung und Geburt des Messias 1, 18 — 25. 
Was V. 16 nur erst negativ angedeutet ist, wird nun positiv dar- 
gelegt. Mit dem Satz: „Des Messias yevvrjOLg aber war so be- 
schaffen, geschah folgendermaßen" ^') wird das Folgende eingeleitet, 



»«) Hier, epist. 112, 13; Orig. c. Geis. V, 6; tom. XVI, 12 in Mt; Eus. 
h. e. III, 27, 3-5; GK II, 668—672. 686—688. 

ä^ Neben 'Jnoor, X(>iotov (nCE Oxyr., Sah Kop, ShS'S*) und X^iaroe 
'Irjaov (B, Orig. lat. hom. 28 in Luc, umgekehrt das griech. Scholion dazu) 
ist [rov de) Xomiov ohne 'Ii]aov bezeugt durch SsSc und die gesamte Über- 
lieferung: des Abendlandes: Iren. (lat. III, 11, 8 und in ausgesprochenem 
Gegensatz zu einem nur gedachten Text Jesu vero generatio zweimal III, 
16, 2, so daß das Citat des Germanus aas Iren. III. 11, 8, mit /. Xo. wert- 
los ist\ Tert. (de carne 22 gleich hinter dem Citat aus 1, 1 über geniturae 
Jesu Christi filii David, filii Abraham folgt ordo deducitur ad Christi 
nativitafetn), alle lat. Bibelfexte von k bis Vulg. auch Hier. z. St. ohne 
jede Bemerkung itnd c. Helvid. 3. Griech. Zeugen fehlen so gut wie ganz ; 
•denn daß der hier defekte D bloßes Xoiazov hatte, ist wegen des lat. 
Paralleltextes d nur sehr wahrscheinlich. Aber 1) die Texte der griech. 
Väter sind in solchen FäUen, sofern sie nicht ausdrücklich über den Text 



72 -Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

welches darum auch der in den jüngeren Hss eingebürgerten An- 
knüpfung durch ydg nicht bedarf und eine solche nicht einmal 
erträgt. Es wird hiedurch nicht sowohl eine Erzählung von der 
Erzeugung und Geburt Jesu angekündigt, als vielmehr ein Schilde- 

reflektiren, durchweg unzuverlässig überliefert. 2) Wo es sich um die Er- 
zeugung und Geburt des Kindes handelte, welches den Namen Jesus emp- 
fangen sollte (1, 21. 25), war lov Ss Xinaiov sehr auffällig. 3) Die Er- 
innerung an den schon im Altertum meistens mißverstandenen Titel 1, 1 
die auch sonst auf den Text von 1, 18 verwirrend gewirkt hat (s. weiter 
unten), empfahl die Voranstellung eines 'Jrjaov. 4) Der so entstandene 
vulgäre Text ist stilistisch schlecht. ^ Die Voraustellung des Namens und 
Titels, die doch beide schon 1, 1. 16 genannt waren, anstatt des Ereignisses, 
dessen Art nun erst beschrieben werden soll, erscheint hiebei unveranlaßt. 
War aber einmal diese Satzauordnuug vom Vf geschaffen, so sollte man 
'Irjoov Ös rov X^. oder rov de X(>. 'J. erwarten, wie denn letztere Emen- 
dation wirklich vereinzelt durch B, vielleicht auch durch Or. bezeugt ist. 
5) In der Tat ist tov de X^. ohne 'Ir]oov durch 1, 17 wohl vorbereitet, ent- 
spricht dem Stil des Mt (11, 2) und ist ein sehr treffender Ausdruck eines 
guten Gedankens, also ursprünglich. — Mit noch größerer Sicherheit ist 
trotz der stattlichen Bezeugung von ytrsais (NBCPSZ^-TOxyr, einige Min) 
yevvTjois ZU lesen. Hiefür zeugen 1) EKLMUV/^/T, Ferr, die große Masse 
der Min (die antioch. Recension s. unter 4), 2) die alten Syrer Ss Sc S^ 
(alle mS', anders wie 1, 1; Lc-1, 14); auch Sh und S- haben verschiedene 
Wörter v. 1 u. 18. 3) Die alten Lat, denn ihrem generatio entspricht 
ytvvTjoig, nicht yfveais. Wenn sie meistens auch 1, 1 generatio haben, so 
ist dies Assimilirung von 1, 1 an 1, 18, wie umgekehrt die Griechen ziem- 
lich früh 1, 18 nach 1, 1 geäudert haben. Auch mit Sah Kop soll es sich 
nach Malan, Select readings in Westcott-Hort's Gr. Text of St. Matthew 
p. 1 — 22 (mir nur aus ßurgon, The revision revised p. 120 bekannt) in 
diesem Punkt ebenso verhalten, wie mit den Lat. Anfänglich haben die 
Lat unterschieden: Tert. de carne 22 (s. vorhin) übersetzt Mt 1, 1 über geni- 
turae; k liber generalis (natürlich zu lesen genetalis cf Cypr. ad Donat. 4 
= genitalis Arnob. I, 38; III, 24). Auch sonst wurde yereoie nicht durch 
generatio wiedergegeben, sondern durch genitura (so z. B. Priscillian ed. 
Schepss p. . .26 roia geniturae = Jk 3, 6 und beharrlich Chalcidius, der 
christliche Übersetzer und Erklärer des platonischen Timaeus ed. Wrobel 
p. 69. 74. 87. 276 in eo libro qui de ygenitnra mundi''^ [= Fsreaig xöofiov] 
censefur) oder durch creatura (Aug. de Gen. ad. litt. V, 1 — 3, einmal mit 
dem Zusatz vel factura); dagegen yivvrjois durch generatio (so schon k 
Mt 1' 18) oder nativitas (so Tert. 1. 1.; der Index des cod. Fuld., der älter 
ist als sein Text, zu Mt 1, 1—25, Lc 2, 1 — 7: de generatione vel nativitnte 
Christi). Daß letzteres Lc 1, 14 sich einnistete (so schon e), beweist aller- 
dings nicht, daß die Lat dort das weniger stark bezeugte yevvrjois lasen, 
cf dagegen Lc 1, 14 in D und d oder Jk 3, 6 Vulg.; aber ebensowenig, daß 
sie Mt 1, 18 yiveais fanden; denn Lc 1, 14 wurde nativitas durch die Er- 
wägung nahegelegt, daß nicht die Erzeugung, die nicht vielen bekannt 
wurde, sondern die Geburt des Täufers vielen Freude bereiten sollte: Mt 
1,18 dagegen empfahl sich das ebenso wie ^^V^Tjots Erzeugung und Geburt 
zugleich bezeichnende generatio. 4) Unter den patristischen Zeugnissen 
fällt vor allem ins Gewicht die Erörterung des Or. (Gallandi XIV'^ p. 73 
über den Unterschied von yiveais 1, 1 und ytwriais 1, 18, welche beweist, 
daß er von einer LA yspsais 1, 18 nie etwas gehört hatte. Dazu stimmt 
das griech. Citat aus Iren. III, 11, 18 (Stieren p. 470), Didym. trin. II, 7, 3 
(Migne 39, 570), die Antiochener Chrys. hom. 2, 1; 4, 3; Theod. Mops, fragm. 
ed. Fritzsche p. 2. 



c. 1, 18-25. 73 

rang der besonderen Art und "Weise dieser Erzeugung und Geburt, 
aus welcher zu erkennen sein soll, daß die Erzeugung und Geburt 
Jesu diejenige des Messias ist. Nicht das „daß", sondern das „wie" 
soll dargestellt werden. Dem entspricht auch die Darstellung. Es 
folgt keine Erzählung, wie sie für Leser angemessen war, denen 
die äußerlichen Tatsachen zum erstenmal mitgeteilt werden mußten. 
Ohne daß Zeit und Ort des Ereignisses angegeben würden, die 
erst nachträglich und beiläufig 2, 1 aus besonderem Anlaß erwähnt 
werden, und ohne jede Beschreibung des Charakters, Standes und 
Berufs der handelnden Personen (cf etwa Lc 1, 5. 26 f.) wird der 
Leser sofort in den Augenblick versetzt, da das Wunder der Er- 
zeugung des Messias in die Erscheinung trat, Gegenstand mensch- 
licher Beobachtung wurde. Als Maria, welche die Mutter des 
Messias werden sollte, bereits mit Joseph verlobt war, aber ehe sie in 
eheliche und häusliche Gemeinschaft miteinander getreten waren, ^*) 
stellte sich heraus, daß Maria schwanger war, eine Tatsache, welche 
dann sofort, natürlich nicht vom Standpunkt der Menschen, die 
damals die Beobachtung machten, sondern vom Standpunkte des 
Schriftstellers, der seine Leser nicht einen Augenblick in Ungewiß- 
heit darüber lassen will, aus hl. Geist hergeleitet und somit als 
das Ergebnis einer Einwirkung des hl. Geistes auf Maria bezeichnet 
wird. Daß Joseph allein oder er zuerst den Zustand Marias be- 
merkt habe, ist nicht gesagt ; doch wird nur von der Wirkung 
dieser Beobachtung auf Joseph berichtet, der am empfindlichsten 
davon getroffen werden mußte und von dessen Stellung zu der 
Sache das Schicksal der Mutter und des zu erwartenden Kindes 
abhing. Daß auch v. 19 Joseph der Mann der Maria und v. 20. 24 
Maria sein Weib genannt wird, erklärt sich nicht so wie ersteres in 
V. 16 daraus, daß der Moment der Geburt vergegenwärtigt wird, 
welcher die Heimführung der Braut voranging, auch nicht so wie 
die Benennung der Maria als Mutter des Messias v. 18 vom Stand- 
punkt des Erzählers, sondern beruht darauf, daß bei den Juden die 
Verlobung ("j^D'IN) zwar tatsächlich und begrifflich von der Heirat, 
der Heimführung der Braut (l'NwJ) unterschieden, aber doch als 
Anfang der Eheschließung betrachtet und demgemäß rechtlich be- 
handelt wurde. ^®) Es wird schwerlich genau zu bestimmen sein, 

*'') Nur der geschlechtliche Verkehr ist hier durch awsldsiv (= coire 
Xenoph. memor. II, 2, 4; Jos. ant. VI, 8, 23) ausgedrückt; denn die bloße 
Verneinung der häuslichen Gemeinschaft würde das, was hier verneint sein 
sollte, nicht ausschließen, sondern nur etwa schimpflicher machen. Daß 
aber Maria auch noch nicht die Wohnung mit Joseph teilte, ergibt sich 
sowohl aus /j.n]ojtviftioi]i V. 18 als aus TiauaXnßair V. 20. 24 und konnte 
nur unter dem Einfluß der Legende des sogen. Protevangeliums von Chrys. 
verkannt werden. 

3") Schon Deut. 22, 23—24 wird die Verlobte das Weib ihres Bräutigam« 
genannt und ihre Schändung durch einen anderen Mann als Ehebruch an 



74 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

welche K-echtsformen zur Zeit der Geburt Jesu bei Schließung und 
Lösung eines Verlöbnisses üblich waren, und wie die durch ein 
fleischliches Vergehen begangene Untreue der Verlobten an ihr 
und ihrem Mitschuldigen damals, unter der Regierung Herodes d. Gr. 
von den jüdischen Gerichten bestraft zu werden pflegte. Daß es 
aber solche gerichtliche Formen und Strafen gab, ist nicht zu be- 
zweifeln. Auch die Erzählung des Mt weist darauf hin. Mit 
großer JZartheit werden die Empfindungen und Gedanken dargestellt, 
welche in Joseph durch das erregt wurden, was er mit steigender 
Sicherheit an Maria wahrnehmen.^ mußte. Eine andere Erklärung 
des Unbegreiflichen schien nicht möglich als der Verdacht, daß 
seine Verlobte ihm durch ein fleischliches Vergehen die Treue ge- 
brochen habe. Aber mit dieser anscheinend unausweichlichen Schluß- 
folgerung müssen andere Erwägungen Josephs noch im Streit ge- 
legen haben, die nur in der bisherigen Erfahrung von der Sitten- 
reinheit und Treue seiner Verlobten ihren Grund gehabt haben 
können. Wir hören nichts von gerechtem Zorn oder gar von 
Vorwürfen, die er Maria gemacht habe. Der Zuruf des Engels 
V. 20 zeigt, daß bei ihm nicht sowohl der Zorn beschwichtigt, als 
die Scheu überwunden werden mußte, das Verhältnis zu Maria fort- 
bestehen und in die Ehe übergehen zu lassen. Er war bereits zu 
dem Entschluß gekommen, das Verhältnis zu lösen ; denn dies be- 
sagt ißovXi]&r] V. 19 im Unterschied von eßovlero, sowie ev^-v- 
fit]&€VTog v. 20 im Unterschied von ev^vfiovfisvov. Da äuokvuv 
der regelmäßige Ausdruck für die Lösung der Ehe ist (Mt 5, 31 f. ; 
19, 3 — 9; Mr 10, 2 — 12), und andrerseits die Verlobten noch nicht 
in häuslicher Gemeinschaft lebten, so kann mit Xdd'Qa d.TC. nicht 
gemeint sein, daß Joseph, ohne es Maria vorher wissen zu lassen, 
eich von ihr entfernen wollte. Selbstverständlich konnte auch nicht 
vor jedermann verborgen bleiben, daß Joseph Maria nicht mehr 
als seine Verlobte betrachtete und angesehen wissen wollte. Es 
kann sich nur handeln um eine zwar rechtsgiltige, aber doch mög- 
lichst wenig auffällige Form der Scheidung. Den Gegensatz bildet 
eine Scheidung vor dem Richter, welche in diesem Fall strafrecht- 
liche Folgen für die Verlobte gehabt haben würde. Joseph beschloß 
statt dessen, ohne Anrufung des Richters seiner Verlobten oder 
deren Vater, sei es persönlich, sei es durch abgesandte Vertreter 

beiden Teilen mit der Strafe der Steinigung belegt. Cf Mischna Sanbedrin 
VII, 4 u. 9. Ist Maria eine Priestertochter gewesen (Lc 1, 36 cf Forsch VI, 
3i8f. ; N. kiruhl. Ztschr 1902 S. 19 — 22j, so kamen für sie noch besondere 
Verscbärfungen in Betracht. Unzucht einer solchen soll nach Sanbedrin 
IX, 1 cf IX, 3 mit Verbrennung und nach XI, 1 cf XI, 5 a. E. an ihrem 
Verführer mit Erdrosselung bestraft werden. Die Einschränkung der jü- 
dischen Gerichtsbarkeit, welche nach Jo 18, 31 unter der Verwaltung der 
römischen Prokaratoren bestand, galt unter Herodes wenigstens nicht 
grundsätzlich. 



c. 1, 18—25. 75 

«inen Scheidebrief zuzustellen. ^^) "Was ihn hiezu bestimmte, sagen 
die Worte öi/.aiog wv y.aL /u?) d^eliov avrrjv öer/uaTioat. Der 
Gegensatz zwischen der strengen Gesetzlichkeit, die ihn hinderte, 
die Sache ungeahndet zu lassen, und der milden oder mitleidigen 
Gesinnung, die ihn abhielt, das durch öeiyi-iazioai angedeutete 
strengere Verfahren einzuschlagen, müßte durch ein fASV-öe aus- 
gedrückt sein, wenn jenes die Bedeutung von öl/Miog, dr/.aioauvrj 
wäre, was überall im XT und insbesondere bei Mt nicht zutrifft. 
Jener Begriff reicht nach jüdischer Vorstellung nicht einmal da 
aus, wo es sich um die Gerechtigkeit des Richters handelt ; denn 
der Richter soll nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern 
nach Recht und Billigkeit urteilen, und so sehr überwiegt die 
Vorstellung, daß zur Rechtbeschaffenheit im Verhältnis zu den Mit- 
menschen die billige Beiücksichtigung der besonderen Verhältnisse, 
besonders der Xotlage des Xächsten gehöre, daß T'Yy:^ in der nach- 
exilischen Zeit immer mehr einen Gegensatz zu der gesetzlichen 
Strenge des Richters bildete und geradezu die Bedeutung von 
Milde und Barmherzigkeit, und sogar von Mildtätigkeit annehmen 
konnte.*^) Diese engere Bedeutung hat schon Chrys. als hier un- 
anwendbar abgelehnt und mit Recht behauptet, daß öi/Miog hier 
den Rechtschaffenen und Tugendhaften überhaupt bezeichne (tidoizog 
Iv UTCaoL), wozu aber auch die Güte und Milde {'/_orGTÖg, ircieiy.i~g) 
gehöre. Weil Joseph ein rechtschaffener und eben damit auch billig 
denkender Mann war, erschien es ihm nicht nur sittlich unmöglich, 
die Ehe mit Maria zu vollziehen, sondern ebensosehr — und dies 
wird als nachte Folge seiner Rechtschaffenheit genannt — sie vor 
der Öffentlichkeit bloßzustellen, die Aufmerksamkeit weiterer Elreise 
auf die Lösung des Verlöbnisses und deren Ursache hinzulenken. 
Was die LA naoaötiyf.iaxiöaL deutlicher auszudrücken suchte, sasrt 
doch mittelbar auch das wahrscheinlich ursprüngliche öw/j-iaiiaaL,^-) 

*°) Cf Mischna Gittin VI, 2. — Mit dem Ausdruck des Sit ist am 
«rsten vergleichbar das Iddoa AG 16, 37 im Gegensatz zu der Öfienüicli- 
keit und Förmlichkeit des vorangegangenen Strafverfahrens 16. 19—24. 

*>) S. unten zu 6, 1. Cf Dalman. Die richterliche Gerechtigkeit Gottes 
im AT (Studien zur bibl. Theol. II) S. 5—8. 

*2) Ob bkiyuaiiaat. (BZ Oxyr., Korr, von n, Eus. quaest. 1, 3 mit aus- 
drücklicher Verneinung der anderen LA. die demonstr. VII, 1, 54 überliefert 
ist) oder Tiaoaöeiyumiaau (n*C etc.) ZU lesen sei. ist nach der äußeren Be- 
zeugung um so weniger zu entscheiden, als die meisten Versionen hier 
wenig helfen können. Dem divulgare, welches bei den Lat das ursprüng- 
liche ist (k), entspricht §£iyu., dem späteren traducere Ca b q Vulg) wahr- 
scheinlich Tzaoad. Das seltene Wort äsiyu. wurde leicht durch das sehr 
gebräuchliche' rraoa^. verdrängt. Jenes, von äeiyua im Sinn von „Ort der 
Schaustellung" abgeleitet, heißt zur Schau stellen und, wo es sich um 
«twas Schimpfliches handelt, gleichsam an den Pranger stellen, nauaöaiyu. 
= napddeiyua ttoisIv riva zum Beispiel und zwar meist zum abschreckenden 
Beispiel machen, was in der Regel durch eine exemplarische Bestrafung 
geschieht (s. die Belege aus Polybius bei Raphel. annut. I, 158 S.). Wo dag 



76 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

denn, wie der Gegensatz des Xad'Qa änolvoaL zeigt, wärö Maria 
in einer Weise, die Joseph vermeiden wollte, eben dadurch an den 
Pranger gestellt worden, daß er sie wegen Ehebruchs vor dem. 
Richter verklagte und Scheidung beantragte. Durch das unauf- 
fällige Verfahren, wozu Joseph sich entschloß, wäre das Schicksal 
der Maria gemildert, aber die anstößige Sache weder für Joseph 
noch für den Leser dieser Erzählung beseitigt worden. Der, zu 
dem Mt selbst schon 1, 1 als zum Messias sich bekannt hatte, 
sollte, so schien es, als uneheliches Kind einer verstoßenen Braut 
geboren werden. Das zu verhüten, stand in keines Menschen 
Macht; denn auch das Zeugnis der Einzigen, die um den wahren 
Sachverhalt wußte, hätte den anscheinend so wohlbegründeten Ver- 
dacht des rechtschaffenen Mannes nicht niederschlagen, sondern ihm 
nur als unglaubliche Ausrede einer Schuldigen erscheinen können. 
Bei dieser Lage der Dinge bedurfte es des Eingreifens einer höheren 
Macht. Mit einem iöov, welches hier wie überall, wo es innerhalb 
der Erzählung auftritt, ein unerwartetes Ereignis einführt (2, 1. 9; 
3, 16f. ; 27, 51 ; 28, 2. 9), wird der Bericht von diesem Eingreifen 
eingeleitet. Wie hier, so ist es noch zweimal (2, 13. 19) eine dem 
Joseph im Traume zu teil gev;ordene Engelserscheinung, welche 
eine Wendung der Geschichte herbeiführt. Träume als Mittel einer 
Kundgebung Gottes einzuführen, erscheint dem Mt unbedenklich. 
Es ist aber zu bemerken, daß er von Engelerscheinungen nichts 
sagt, wo es sich um bedeutsame Träume von Heiden handelt (2, 12- 
27, 19). Engel erscheinen im Traume, wie im wachen Zustand als 
Engel nur denen, die an das Dasein und Wirken von Engeln 
glauben. *-^) Aber auch für die Juden ist, wie Mt 2, 22 zeigt, die 
Erscheinung eines Engels nicht die selbstverständliche Eorm für 
jede im Traume geschehene Kundgebung Gottes, Es ist daher 
willkürlich, Berichte wie diesen als altertümliche Darstellungsformen 
(cf Gen 31, 11) ohne bestimmten Vorstellungsinhalt aufzufassen. 
Die Meinung ist vielmehr, daß Joseph im Traum eine Gestalt sah 
und Worte sprechen hörte, wovon er den unausweichlichen Eindruck 
empfing, daß ein Engel und Bote Gottes vor ihm stehe und zu ihm 
rede ; ein Eindruck, der auch nach dem Erwachen aus Schlaf und 
Traum ungeschwächt sich behauptete (v. 24 cf Jud 6, 11 — 23). 
Ein Engel des Gottes Israels **) ruft ihn bei seinem Namen und 

Subjekt des na^aS., wie hier, nicht selbst Straf gewalt besitzt, heißt dies 
natürlich nicht „exemplarisch bestrafen, ein Exenipel statuiren", ist also, 
wie Chrys. erinnert, von y.oldtsiv zu unterscheiden, bedeutet aber doch, eine 
solche Kestrafuxig durch Anklage u. dgl. herbeiführen fs. Eus. quaest. 1, 3). 

*^) Dagegen spricht nicht Mt 28, 4 (cf etwa Num 22, 2ii — 35), noch 
weniger AG lU, 3; denn Cornelias war wie auch der Hauptmann, welcher 
Mt 8, 9 Glauben an die Engel bekundet, dem Judentum sehr nahe getreten. 

**) Wie das artikellose und auch jeder anderen Näherbestimmung er- 
mangelnde, also wie ein Eigenname behandelte w^ios in LXX und an den 



» 



c. 1, 18-25. 77 

»ibü ihm, indem er ihn als einen Sohn Davids anredet, zu ver- 
stehen, daß es die dem Hause Davids gegebene Verheißung gilt. 
Damit diese sich erfülle, soll er seine Scheu überwinden und Maria, 
die bereits ein Recht darauf hat, sein Weib zu heißen, als sein 
Weib heimführen. Hier wie in der Genealogie zeigt sich, daß Mt 
gegen die Herkunft der Maria völlig gleichgiltig ist. Nur wenn 
Jesus als Sohn des Davidssohnes Joseph geboren wird, kann er 
der Verheißene sein ; und damit er als solcher geboren werde, muß 
Joseph seine Verlobte förmlich zu seinem Weibe machen. Was 
ihn bisher davon abschreckte , wird hinfällig , wenn er glauben 
kann, was dem Leser schon v. 18 gesagt war und nun dem Joseph 
verkündigt wird: „was in ihr erzeugt worden ist, stammt von 
heiligem Geiste". Auf den Standpunkt des damaligen Wissens 
Josephs sich stellend, bezeichnet der Engel das zu erwartende Kind 
der Maria zunächst neutrisch und geht dann erst zu der weiteren 
Mitteilung über, daß das, was Maria gebären soll, ein Sohn sein 
wird (v. 21). In spürbarem Unterschied von ähnlichen Ankündigungen 
(Gen 17, 19 ; Lc 1, 13) steht ze^erac ohne ffo/.-^) Wie schon durch 
die Anrede angedeutet war, ist auch hiedurch gesagt, daß nicht 
ein Wunsch des Vaters, sondern eine dem Hause Davids gegebene 
Verheißung und eine Hoffnung des ganzen Volkes (cf v. 22^) durch 
diese Geburt erfüllt werden soU. Wie wahr es ist, daß der Sohn 
der Maria nicht dem Joseph, sondern der ganzen Welt geboren 
wurde, *^) so sehr greift doch dieser Gegensatz über den Gesichts- 
kreis der vorliegenden Erzählung hinaus. Andrerseits wird das 
Vaterrecht Josephs dadurch anerkannt, daß er dem Sohn der Maria 
den Namen geben soll (Gen 17, 19 ; Lc 1, 62 f.), nämlich den Namen 
Jesus, dessen Wahl dem Joseph dadurch erklärt wird, daß er und 
kein anderer, er selbst und nicht etwa erst ein von ihm abstammen- 
der zukünftiger Davidssohn *^) sein Volk von seinen Sünden er- 
retten soll. Die Verständlichkeit dieser Begründung ist durch die 



meisten Stellen des NT's (Mt 1, 22. 24; 2, LS. 15. 19; 3, 3; Lc 2, 23. 26. 39; 

4, 18. 19; Jo 12, '68; AG 2, 20) dem bei den Juden als Ersatz für den un- 
aussprechlichen Jahvenamen dienenden '^In entspricht, so besonders auch 
in der Verbindung äyyelos y.voiov, rw:^-' -n-^d. 

**) SsSc haben dies zugesetzt. Auißerdem hat Sc statt y.aUasn „er 
wird genannt werden". Ebenso derselbe v. 23 für y.aUaovaiv. Dagegen 
SsS^ v. 21 Nipn, was ebensowohl „du wirst" als „sie wird nennen" heiüeu 
kann. Cf. auch den lat. g^ vocabit. Schon hier wirkt die Rücksicht auf 
Lc 1, 31, wonach nicht Joseph, sondern Maria den Namen geben soll, störend 
ein. In v. 25 haben Sc und auch noch 8^ sowie eine Hs von Sh vollends 
nach Lc 1, 30 korrigirt „sie nannte-', dagegen Ss „er nannte". 

* *«) So Chrys. Dens-elben Gedanken trug Sc vermöge eines syrischen 
Schreibfehlers no^v „Welt" statt -ay „sein Volk" in v. 21 ein. 

*'j Solch' einen Gegensatz drückt ndröi (11, 14; Lc 24, 21; Jud 13, 1) 
jedenfalls viel bestimmter aus als ovTOi (3, 3; Gen 5, 29). Cf Fritzsche 
z. St., der ein wenig übertreibt, und Blaß, Gr § 48, 1. 



78 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

Voraussetzung bedingt, daß der Leeer wisse, ^iü/' sei die jüngere», 
zusammengezogene Form des älteren Namens yitZ^in» oder ytt^'iri'' 
und bedeute wie dieser „Jahve ist Hilfe, Heil, Rettung".*^) Da 
diese Voraussetzung nur bei Kennern der hebräischen Sprache, 
d. h. aber für jene alte Zeit nur bei Hebräern im Sinne von 
AG 6, 1 ; 2 Kr 11, 22; Phil 3, 5 zutraf, so ergibt sich aus dieser 
Stelle, daß unser Ev ursprünglich nicht für Griechen oder Helle- 
nisten, sondern für Hebräer und somit auch in einer diesen ge- 
läufigen Sprache geschrieben war. Ins Hebr. übersetzt, ist der Satz 
unmittelbar verständlich, sein Sinn gleichsam hörbar.*^) Die 
griech. Übersetzung dagegen, in welcher er uns vorliegt, ist für 
den Griechen, der des Hebr. völlig unkundig ist, ganz unverständ- 
lich. Der Übersetzer hat seiner Aufgabe nicht Genüge getan ; 
er hätte durch ein aus eigenen Mitteln eingeschobenes o iaziv 

*8) Cf Delitzsch, Ztsehr. f. luth. Theol. u. Kirche 1876 S. 209—214. 
Die dort und seither öfter erörterte Frage nach der lautgesetzlichen Ent- 
wicklung von Jeschua aus JeJwscJma (A. Müller, Th. Stud. u. Kiit. 1892, 
S. 177; E. Nestle, ebendort S. 573; Fr. Prätorius, Ztsehr. d. morgenl. Ges. 
1905 S. B41) kann hier auf sich beruhen. Josua, der Sohn Nuns (Ex 17, 9; 
Jos 1, Iff.) heißt Nehem 8, 17 Jeschua; ebenso Esra 3, 2. 8 und überall in 
Esra— Nehemia der sonst (Haggai 1, 1; Sach 3. 1 — 9) Josua genannte Hohe- 
priester. Beide Namen werden von LXX (auch Aquila, Theodotion, Sym- 
machus im Buch Josua), von Josephus und im NT (AG 7, 45; Hb 4, S) 
unterschiedslos durch 'Jrjaovs wiedergegeben. Die volle ältere Form scheint 
in der Zeit von 300 a. Chr. — 70 p. Chr. beinahe völlig verdrängt zu sein 
durch den jüngeren, sehr gebräuchlichen Namen (Sirach inscr. proL; auch 
hebr. 50, 27 imd subscr.; Joseph, ant. XII, 5, 1, [Jesus- Jason] cf überhaupt 
Niese's Index zu Josephus p. 41; Kol 4, 11 und unten zu Mt 27, 16). Von 
a. 70 p. Chr. an kehrt sich das Verhältnis um. Daß Christen ihren Kindern 
den Namen Jesus nicht geben mochten , während es bald viele Petrus, 
Paulus, Johannes unter ihnen gab (Dionys. Alex, bei Eus. h. e. VII, 25, 14), 
ist begreiflich. Die Juden aber mieden den Namen aus Haß gegen Jesus 
von Nazareth, dessen Name bei ihnen in der verkürzten Form :»•) (cf 'd'i» 
^iMOPfi für fjDT') fortgepflanzt wi\rde, und kehrten zu der altertümlichen 
Form Josua zurück. So hieß ein berühmter Kabbi, Sohn des Chananja zur 
Zeit des jüngeren Gamaliel (c. 90—120) und mehrere angesehene Pkabbinen 
der Folgezeit. Es wird nicht zufällig sein, daß der Name eines Schwagers 
des Pt. Akiba in Mischna, Jadaim III, 5 in der doppelten Form Jesus und 
Josua überliefert ist; und es fragt sich, ob jener Josua ben Perachja der 
vorchristlichen Zeit (Aboth I, 6), welchen eine spätere Sage (bab. Sanhedrin 
fol. 107''; Sota fol. 47'') zum Lehrer des etwa 100 Jahre jüngeren Jesus 
von Nazareth macht, von seinen Zeitgenossen nicht vielmehr .Jesus genannt 
worden ist. 

*") Schemtob übersetzte v. 2P idv hn j."!^!' nn »a jj-t»» mir nx nipni 
cinNiin 'jsD. Wesentlich ebenso Delitzsch, am Schluß genauer orrnNunD. — 
Wie sehr v. 21 für Griechen einer sprachgelehrten Erläuterung bedürftig 
war, zeigen besser als die volkstümlichen Behandlungen des Textes (Chrys. 
hom. 2, 2) die umständlichen Erörterungen des Namens Jesus in gelehrten 
Kommentaren (Eus. in Jesai. Montfaucon, Coli, nova II, 423; Hier, z, St. 
cf Just. apol. I, 33; Iren. II, 24, If.; Epiph. haer. 29, 4). — Auch Sir 48, iiO 
ist die Paronoinasie in'jtf' t'3 Dvirn im Griech. verloren gegangen. 



c. 1, 18—25. 79 

l^e^egi^irjvavöjusvov (cf. 1, 23; 27, 4G ; Mr 15, 34) nachhelfen sollen. 
Für Joseph und für die Juden und Judenchristen Palästinas, für 
welche Mt schrieb, bedurfte es einer solchen Dolmetschung des 
Namens nicht; denn wenn auch in der aram, Sprache, die sie im 
täglichen Verkehr gebrauchten, der Stamm ya'' keine Verwendung 
gefunden hat, so verstand doch jeder Jude in Palästina soviel von 
der Sprache seiner Väter, seiner Bibel und der meisten liturgischen 
Formeln, um zu wissen, daß in dem Namen Jesus der Gedank« 
der Hilfe, der Rettung ausgedrückt sei. Schon das bei den Pro- 
zessionen des Laubhüttenfestes von allem Volk ausgerufene und 
bei dem Einzug Jesu in Jerusalem von Männern und Kindern 
sinngemäß angewandte Hosianna oder Oschanna (Einl I, 14) bürgt 
dafür. Ob Joseph und die Leser des aram. Mt den in der Form 
VT^'' untergegangenen Jahvenamen noch heraushörten, wozu lexi- 
kalische Gelehrsamkeit gehört hätte, ist sehr zweifelhaft, aber auch 
gleichgiltig, da nur der Begriff von ocü^eiv, acorr^Qia, ocorr^Q, der 
jedenfalls darin steckt, zur Begründung der Wahl dieses Namens 
verwendet wird. Auf das eigene Volk Jesu wird dessen Berufs- 
aufgabe beschiänkt (cf 10, 5f. ; 15, 24). Daß dies aber kein© 
vollständige Beschreibung derselben sein will, ergibt sich schon 
aus 2, 1 — 12 u.nd dem ganzen Verlauf des Ev bis 28, 19. Joseph 
soll hören, daß es die Rettung der Nation gilt, wie er zu hören 
bekommen hat, daß er als Davidssohn nicht wie andere Davids- 
söhne (Jes 7, 9 — 13) durch Unglauben die Erfüllung der seinem 
Hause gegebenen Verheißung, soviel an ihm liegt, vereiteln soll. 
Einseitig, aber um so schärfer hervortretend und der Veranlassung 
der ganzen Engelrede sehr angemessen, ist auch die Bezeichnung 
dessen, wovon Jesus sein Volk befreien oder retten soll. Was die 
frommen Israeliten von ihrem Gott erhofften und in sehr ähnlichen 
Worten Ps 130, 8 ausgesprochen fanden, das wird hier als die 
eigentliche Lebensaufgabe des Messias hingestellt: die Errettung 
Israels von seinen oder, wie es in sehr gebräuchlicher Anpassung 
an die unter /Mog zu verstehende Vielheit heißt, von ihren Sünden. 
Vergleicht man, wie sehr diese Seite der gehofften Erlösung auch 
in den schönsten, aus dem vorchristlichen und christlichen Israel 
hervorgegangenen Liedern und Gebeten hinter der Erlösung von 
dem Druck der Feinde Israels und seines Gottes zurücktritt,''*') so 
kann man nicht verkennen, daß Mt gleich durch diese erste all- 
gemeine Aussage über den Beruf des Messias einer vorherrschenden 
anderen Auffassung entgegentritt. Nicht vom Druck der Fremdherr- 



*") Abgesehen vom AT (z. B. Jud 13, 5; Ps 25, 22) cf z. B. Psalm. 
Salom. 17, 22. 24. 45; Lc 1, 71— 75; -andrerseits fehlt auch in den nach- 
christlichen jüdischen Gebeten keineswegs das Verlangeu nach Bekehrung, 
innerer Erlö.sung und Sündenvergebung cf z. B. dad Achtzehngebet bei 
Dalman, Worte Jesu S. 2yöf. 



80 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

Schaft und allen den Übeln, die als nationales Unglück empfunden 
wurden, sondern von den Fesseln der eigenen Sünden soll Jesus 
sein Volk befreien. Damit, daß seine rettende Tätigkeit zunächst 
nur auf die Sünde als die Wurzel alles Unheils gerichtet dargestellt 
wird, ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß Jesus auch ein Retter 
von allen Übeln sein wird ; Mt stellt ihn auch als solchen dar ; aber 
stärker konnte er die überragende Bedeutung der Sünde als der 
verderblichen Macht, von welcher Israel vor allem errettet werden 
muß, nicht ausdrücken, als dadurch, daß er den Engel nur von 
dieser Rettung reden läßt. Auf Joseph, der im Begriff stand, 
eich als rechtschaffener Mann vo'n der vermeintlichen Sünde seiner 
Verlobten mit Abscheu abzuwenden und von der Sünderin loszu- 
sagen, mußte es besonderen Eindruck machen, daß der Sohn, den 
Maria gebären wird, nicht nur nicht ein reycvov TtOQveiag (cf Je 
8, 41; 9, 34), sondern vielmehr dem heiligen Ursprung seines 
Lebens entsprechend dazu ausersehen sei, sein Volk von seinen 
Sünden zu erretten. Damit ist aber die Engelrede noch nicht ab- 
geschlossen. Gegen die Meinung, daß v. 22 — 23 eine in die Er- 
zählung von Josephs Traum eingeschobene Erläuterung des Ev sei, 
spricht schon dies, daß üicht abzusehen ist, warum Mt die in v. 24 
sich fortsetzende Erzählung durch seine ausführliche Zwischen- 
bemerkung störend unterbrochen haben sollte, anstatt diese hinter 
V. 24 anzufügen, wo umsomehr der richtige Platz für eine der- 
artige Bemerkung des Mt gewesen wäre, als v. 18^ auf Erzeugung 
und Geburt zusammen sich bezieht, und auch in dem prophetischen 
Citat Empfängnis, Geburt und Namengebung erwähnt werden, so 
daß auch tovxo öh oXov v. 22 im Munde des Mt nur den ganzen 
Komplex voij Ereignissen und Umständen bedeuten könnte, deren 
Bericht erst mit v. 25 zu Ende geht. Cf die Stellung von 2, 15 
hinter statt vor 2, 14. Ferner würde die Rede des Engels, wenn 
sie mit v. 22 abschlösse, nur die Forderung eines Glaubens an das 
Unbegreifliche und eines diesen Glauben voraussetzenden Gehor- 
sams enthalten, aber nichts, was geeignet wäre, dem Joseph das 
Glauben zu erleichtern (cf Lc 1, 36). Der Engel also spricht in 
V. 22 — 23, wie die Alten von Irenaeus an (IV, 23, 1«) bis zu Photius 
(INIigne 101 col. 190) richtig erkannt haben. Nicht eine Vielheit 
von vorliegenden Tatsachen {zaura tkxvto), sondern die eine, soeben 
dem Joseph verkündigte Tatsache mit allen ihren Umständen, ^^) 
daß nämlich die Verlobte des Davidssohnes Joseph ohne dessen 
Zutun durch AV^irkung des hl. Geistes schwanger geworden ist, um 
demnächst Mutter des Erlösers Israels zu werden, ist geschehen 

^1) Das blor, von Ss Sc Iren. III, 16, 2; IV, 23, 1 fortgelassen, weil die 
hierin ausgedrückte Zusammenfassung verschiedener Teile eines Ganzen 
durch das, was vorangeht, nicht genügend veranlaßt schien, wird doch hier 
wie 21, 4, wo man es gleichfalls gestrichen hat, echt sein cf 26, 56. 



c. 1, 18—25. 81 

und ist so geschehen, damit das, was einst von dem Gott Israels 
durch den Propheten gesagt worden ist, seine Erfüllung finde. Die 
hier zum ersten Mal von Mt gebrauchte und von da an so oft 
wiederholte Formel für den Xachweis der Erfüllung atl Weissagungen 
in der Geschichte Jesu *^) beruht auf der Anschauung, daß das 
weissagende Wort, solange das Geweissagte noch nicht eingetroffen 
ist, einem leeren Gefäß gleicht, welches dazu bestimmt ist, den 
ihm entsprechenden Inhalt zu erhalten. Unter der Voraussetzung, 
daß die Weissagung ein Wort Gottes ist, also nicht ein leeres 
Gerede bleiben kann, fordert sie, daß das geschehe, was sie im 
voraus darstellt; aber sie bediogt auch die Art und Form, in 
welcher dies geschieht, wie das leere Gefäß im voraus die Form 
des Inhalts bestimmt, womit man es füllt. Da der Wille Gottes, 
welcher zuerst als verborgener Ratschluß in Gott existirt, sodann 
im weissagenden Wort sich den Menschen darstellt und endlich 
durch das weltregierende Handeln Gottes sich ins Werk setzt, in 
diesen auf einander folgenden Existenzformen einer und derselbe 
ist, so ist auch mit dem Satz, daß dies oder jenes geschehen sei, 
damit eine Weissagung erfüllt werde, nichts anderes gesagt, als 
daß der Zweck des Geschehens die Verwirklichung des AVillens 
Gottes sei. Wie Jesus und seine Volksgenossen, so waren auch 
Mt und seine ersten Leser der Überzeugung, daß es wirkliche 
Weissagung, von Gott gewirkte, durch Menschen vermittelte und 
für die Gemeinde bestimmte Verkündigung des noch erst zu ver- 
wirklichenden göttlichen Willens gibt. Sie lebten ferner des 
Glaubens, daß alles Geschehen bis zu dem Unbedeutendsten nicht 



52) Genau diese Formel Mt 1, 22: 2, l.ö; 4, 14: 21. 4: 26, 56 (= Mr 14, 49, 
nur hier bei Mr); Jo 12. 38; 13, 18; 15. 25; 17, 12; 19, 24. 36 (18, 9. 32 von 
Weissaifungen Jesu). Wesentlich gleichbedeutend (s. Bd IX'^, 39) ist o.t«c 
711.. Mt"^2. 23: 8, 17; 12, 17: 13, 35. Ohne Finalpartikel Mt 2, 17: 26, 54; 
27, 9; Lc 4, 21; 21, 22 {Tti.r.a^frniy.^ 24, 44; AG 1; 16; 3, 18; Jak 2. '23. Für 
die Vorstellung des leeren oder noch nicht ganz gefüllten Gefäßes cf Mt 
23, 32. Sie waltet auch da ob, wo von Erfüllung des Gesetzes die Rede ist 
(Gl 5, 14; Rm 8, 4; 13, 8; Mt 5, 17). Das Gesetz fordert nicht nur als seinen 
Inhalt die Handlungen, die es gebietet, sondern bestimmt auch die Form 
dieser Handlungen Selten im AT srp von Erfüllung einer Weissagung 

(1 Reg 2. 27. LXX passiv tov rr'/.rnroii-rrai rd 'ji'nn y.vnior. 1 Reg 8, 15. 24; 

2 Chrou 36, 21 cf v. 22) oder menschliehen Gelübdes (Jerem 44. 25) oder Er- 
hörung des Gebetes seitens Gottes (Ps 20, 6). Der dort gebräuchlichere 
Ausdruck für die Erfüllung von Verheißungen, Eiden, Gelübden ='.7. c»,;,-; 
(1 Sam 1. 23; 1 Reg 6. 1".:!; Jerem 29, 10; Dan 9. 12i, der auch in den.rabbi- 
nischen Sprachgebrauch übergegangen ist iSurenhus. p. 'J — 5; Bacher, Alteste 
Terminologie S. 170: Seblatrer. Sprache und Heimat des 4. Ev S. 123), be- 
ruht auf der Vorstellung, daß ein gesprochenes, aber noch nicht verwirk- 
liclites Wort in der Luft schwebt, bis es entweder durch Verwirklichung 
dessen, was es besaofr, zu stehen kommt, festen und bleibenden Bestand 
gewinnt oder durch den gegenteiligen Ausgang wirkungslos zu Boden fällt 
(Jos 21, 45; 2 Reg 10, 10; Jerem 44, 28; Jes 8, 10). 

Zahn, Ev. des Mattli. 4. Aufl. 6 



82 Die ErzengUDg und Geburt des Messias. 

das sinnlose Spiel eines blinden Zufalls sei, sondern von der weisen 
Vorsehung und dem wirksamen Willen Gottes geleitet sei (Mt 6, 
25 — 34; 10, 28 — 31). Auch dag, was wir zufällige Ereignisse 
und Umstände nennen, weil es nicht eine an sich notwendige 
Form und Erscheinung des AVesentlichen der Geschichte ist, nder 
weil es von uns nicht als dies erkannt wird wie z. B., daß Jesus 
in BethUhem und nicht in Jerusalem oder Nazareth geboren wurde, 
war für jeden nicht völlig Gedankenlosen in den Glauben an die 
Weltregierung Gottes eingeschlossen. Aus diesem Glauben ergab 
sich dann auch von selbst, daß eine auffällige Kongruenz zwischen 
einer "Weissagung und einer nachfolgenden Geschichtstatsache, ja 
zwischen einzelnen an sich zufällig erscheinenden Zügen und Formen 
der Weissagurg und ebensolchen Momenten der Geschichte auf 
Gott zurückzuführen sei, der gleichmäßig über dem weissagenden 
Wort und über dem geschichtlichen Ereignis waltet. Gott gestaltet 
jenes wie dieses so, daß sie einander entsprechen und aus ihrer 
Übereinstimmung beides als Ausdruck und Verwirklichung desselben 
göttlichen Willens d. h. das geschichtliche Ereignis als Erfüllung 
der Weissagung erkannt werde.. Damit ist keineswegs gesagt, daß 
der weissagende Prophet das zukünftige Ereignis mit derselben 
Deutlichkeit wie der rückblickeiide Erzäbler gesehen, und daß er 
demgemäß seine Worte mit Bewußtsein gewählt habe. Gottes 
Gedanke und Wille ist vielmehr ebenso über das Bewußtsein des 
Propheten erhaben, wie über das Bewußtsein der die früher ge- 
weissagten Tatsachen miterlebenden und durch eigenes Handeln 
dabei mitwirkenden Menschen. Erst die nachfolgende und oftmals 
nachhinkende Reflexion derer, welche die Ereignisse im Licht der 
Weissagung und die Weissagung im Lichte der von ihnen erlebten 
oder von ihnen gläubig hingenommenen Ereignisse betrachten, ent- 
deckt die feineren Beziehungen zwischen Gottes Wort und Gottes 
Tat und gewinnt dadurch ein annäherndes Verständnis beider. ^•^) 
Diese Gedankenreihen, welche uns am deutlichsten in den beiden 
Evv apostolischen Namens entgegentreten, wurzeln in der An- 
schauung und Lehre Jesu selbst. ^'*) — Die Weissagung Jes 7, 14 
citirt Mt mit einigen kleinen Abweichungen sowohl von LXX, 
deren Text fieilich unsicher übei liefert und teilweise nach Mt ge- 
ändert worden ist, ^^) als vom masoretischen Text. Während der 
letztere von der Jungfrau sagt, sie werde ihren Sohn Immanuel 

6*) Lc 24, 25 f. 32. 44; Jo 2, 22; 12, 16; 20, 9; AG 2, 16—.%. 

i^*) Mt 13, 14: 26,24. 31.54; Mr 9, 12 f.; 14, 21.27. 49; Lc 4, 21; 24,44; 
Jo 0, .^9-47; 13, 18; 15, 25; 17, 12 cf Mt 21, 42; 22, 41-45. 

^^} In LXX haben statt des wahrscheinlich ecliten Irj/ii^'t-Tni (B) n A u. a. 
wie Mt 1, 23 cf v. 18 i'l^t; ferner ist in LXX neben y.aleoeis (B) auch xaUaet 
xnlioeis, ^u'Uoovoiv Überliefert. Auch in Mt 1, 28 gibt es neben dem über- 
wiegend bezeugten ■xaKiaovaiv (so auch SsS'Sh) allerlei Varianten: „wird 



c. 1, 18-25. 83 

uenneri, LXX aber hieraus einen Befehl an den angeredeten König 
Ahas {y.aÄ60tig) oder vielmehr an das Haus Davids (daher die 
Variante y.aleoart) macht, was beides in die Rede des Engels an 
Joseph nicht passen und den Befehl in v. 21 verdunkeln würde, 
schreibt Mt y.aXioovoiv: man wird ihn so nennen. Da Immanuel 
weder vor noch nach der Zeit Jesajas ein jüdischer Eigenname 
gewesen ist, so war es dem Mt auch nicht anstößig, daß Jesus 
weder bei Lebzeiten, noch auch in seiner Gemeinde diesen Namen 
förmlich als Namen getragen hat.^^) Er erkannte richtig, wozu 
ihn auch Jes 8, 10 anleiten konnte, daß der Prophet, der plasti- 
schen Ausdrucksweise dts ganzen Ausspruchs entsprechend, den 
Gedanken, daß Gott durch den Sohn der Jungfrau sich seines 
Volkes annehmen und als Israels Bundesgenosse sich erweisen werde, 
in die Form eines dem Sohn der Jungfrau zu verleihenden Namens 
gekleidet habe, wie anderwärts das AVort n^ji dem Messias als 
Name gegeben war (Sach 3, 8 ; 6, 12 cf Jerem 23, 5; 33, 15; Jes 
4, 2?). Umsomehr. war es Bedürfnis, die Wortbedeutung des nur 
symbolischen Namens dem Leser zum Bewußtsein zu bringen, wenn 
überhaupt dieses Stück der Weissagung in das Citat mit aufgenommen 
werden sollte. Da der griech. Übersetzer oder Bearbeiter v. 21 
es unterlassen hat, dem hebr. Namen eine Dolmetschung beizu- 
fügen, obwohl eine solche dort noch viel notwendiger war als hier 
(oben S. 78 f.), so ist nicht anzunehmen, daß er das o iotLV — d-iog 
frei geschaffen hat. Er wird in seinem Original Entsprechendes 
gefunden haben. In einer hebr. Schrift aber könnte eine solche 
Dolmetschung ni<ht gestanden haben, weil der Name seilst den 
keiner weiteren Übersetzung bedürftigen und fähigen Satz darstellt: 
/N 1.''öy, mit uns ist Gott. Dagegen in einer aram. Schrift war 
eine Übersetzung ebenso möglich, wie erforderlich.^') Das Original 
unseres Mt war also kein hebr., sondern ein aram. Buch. Die 
sachliche Würdigung der Betrachtung von Jes 7, 14 als einer Weis- 
genannt werden" Sc; xakcaeig D, Eus demonst. VII, 1, 50, einige Min und 
Lat (b); vocabitis Cypr. test. II, 6; Novat. trin. (Migne 3 col. 961). 

^^) Ich weiß nicht, ob 'JEufiaroiTJ/., wie LXX hi^-j-tyi trausskribirt hat, 
jemals auch nur in den liturgischen Gebrauch der alten Kirche als Name 
Jesu aufgenommen worden ist Was Tert. c. Marc. III, 12 von einem solchen 
Gebrauch bei hebräischen Christen zu sagen scheint, dürfte auf Phantasie 
beruhen cf GK I, 670 f. Auch das vocabitis einiger Lat in Mt 1, 23 ist 
nicht dabin zu deuten, sondern umfaßt Joseph und Maria. Jiistinus hat 
wahrscheinlich mit Rücksicht darauf, daß es einen solclien Brauch nicht 
gab, apol. I, 33 i nicht ebenso dial. 66) den Text des Jesaja so geändert 
toovocv «Tri roj oröiiari avTov uetf f^ucof 6 d'sö^'. 

*^ Ss, welcher Mt 27, 46; Mr Lö, 34 und anderv^ärts die in seinem 
griech. Original enthaltenen Dolmetschunaen aram. Worte als für seine 
Leser überflüssig gestrichen hat, hat sie hier btibebalreu und durch lay ;n-!< 
„unser Gott mit uns" wiedergegeben. Ebenso Sc und in umgekehrter Wort- 
folge S' [amman alähan), genauer Sh Hrthn in ';oy. 

6* 



84 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

sagung auf die vorher berichtete Tatsache würde leichter sein, 
wenn über das richtige Verständnis dieses pi'ophetischen Wortes 
in seinem eigenen Zusammenhang unter den Auslegern des Buchs 
Jesaja Übereinstimmung herrschte. Daran aber fehlt es bis heute 
sehr, und für eine erschöpfende Erörterung der von Mt angezogenen 
"Weissagungen ist hier wie weiterhin nicht der Platz. Nachdem 
König Ahas das Anerbieten des Propheten, seine trostreiche Ver- 
heißung durch ein Wunderzeichen zu bekräftigen, und die Auf- 
forderung, sich ein solches aus der Unterwelt oder dem Himmel 
zu erbitten, mit einer frommen Redewendung abgelehnt hat, wendet 
Jesaja sich im Zorn über diese Beleidigung seines Grottes an das 
Haus Davids, dessen dermaliges Haupt König Ahas ist, mit der 
Ankündigung: „Darum wird der Herr seinerseits euch ein Zeichen 
geben". Da nun dieses dem Hause Davids geltende Zeichen in 
der unter besonderen Umständen stattfindenden Geburt eines Sohnes 
bestehen soll, so war Mt berechtigt, dies von der Geburt eines 
Davidssohnes, eines zukünftigen Königs auf dem Thron Davids zu 
verstehen, zumal er Jes 8, 8 nach wahrscheinlichster Deutung das 
Gebiet des Reiches Juda. als das Land Immanuels bezeichnet fand 
und weiter 9, 5 f. wieder von der Geburt eines Sohnes las, der, 
selber ein Wunder, nach allen Strafgerichten und Nöten, die über 
das Reich Davids kommen sollen, vom Throne Davids aus eine 
ewige Friedensherrschaft ausüben werde. Soweit wird Mt sich in 
Übereinstimmung mit dem gehalten haben, was man damals in der 
Synagoge zu hören bekam. Die Rabbinen pflegten aber schon im 
1. Jahrhundert n. Chr. diese Weissagung auf den König Hiskia, 
den Sohn des Ahas, zu welchem Jesaja sprach, zu deuten. ^^) 
Dieser zeitgeschichtlichen Deutung gegenüber war jedoch Mt in 
großem Vorteil, sofern er in dem von ihm citirten Anfangswort 
der Weissagung ebenso wie in der Geschichte, worin er ihre Er- 
füllung erkannte, ein wirkliches Wunderzeichen nachweisen konnte, 
wie es Jesaja angekündigt hatte, nämlich ein Gegenstück zu den 
Wunderzeichen, welche Ahas sich zu erbitten abgelehnt hatte, 
während jene Deutung, abgesehen davon, daß Hiskia zur Zeit 
dieser Weissagung des" Jesaja bereits geboren war, und abgesehen 
von allen anderen, worin die Regierung des Hiskia der Weiss igung 
Jesajas keineswegs entsprach, ein solches Zeichen weder in der 
Weissagung noch in deren angebliche f Erfüllung nachweisen konnte. 

5') Cf Schlatter, Jochanaa S. 73; Just. dial. 43. 67. 68. 71. 77 cf 83. 85. 
— Eus ecl. proph. ed. Gaisford p. 178 hat dies selbst von eiuem Juden gehört. 
Cf Midrasch zu Num. Par. 14, übers, von Wünsche S. 348, wo daneben der 
Messias genannt wird; zn Exod. Par. 18 S. 14i)f.; bab. Sauhedr. fol. 94^''; 
auch hier unten A 86. Mau schritt fort bis zur Verleugnung der- ganzen 
Messiaserwartiing, weil die Weissagung bereits in Hiskia's Tagen sicu er- 
füllt habe Sanhedr. 98^ 99». Cf auch Weber, 2. Aufl. S. 176. 357. 



c. 1, 18—25. 85 

Allerdings bezeichnet das Wort riKj'TV» worin schon nach der Wort- 
stellung das Bedeutsame der Ankündigung liegt, nach der Etymologie 
nicht so wie Hriril die tirgo iUibaia, sondern ähnlich wie ursprüng- 
lich unser „Jungfrau" das herangewachsene junge "Weib, das mannbare 
Mädchen, wie C'TV den eben erwachsenen Jüngling. Die jüdischen 
Übersetzer, welche während des 2. Jahrhunderts im Gegensatz zur 
Kirche gearbeitet haben, konnten sich rühmen, das Wort durch 
veavig genauer wiedergegeben zu haben, als LXX durch rcoo- 
-9-evog.^^) Aber erstens beweist das i) nuQi^erog der LXX, daß 
lange vor Christus das hiedurch ausgedrückte Verständnis für den 
arglosen Leser des hebr. Textes das nächstliegende war. Zweitens 
ist seit Hieronymus oft genug und mit Recht bemerkt worden, 
daß an allen Stellen des AT's, wo das Wort vorkommt, nur an 
TJnvermählte zu denken sei. ^^) Es ist drittens unleugbar, daß 
Jes 54, 4 □'^•'py (eher Jungfernschaft, als Jungfrauschaft) neben 
r*j^'7S (Witwenschaft) einen der beiden Lebensstände bezeichnet, 
in welchen das Weib des Mannes ermangelt und keine Aus-sicht 
hat, Mutter zu werden (cf Jes 54, 1. 5 f.). Viertens sagt Je- 
saja nicht: eine, die jetzt eine cr/w?a ist, wird demnächst schwanger 
werden und später einen Sohn gebären, sondern ; siehe, die aln/a 
(ist) schwanger und gebärend einen Sohn". Freilich gehört diese 
Tatsache, wie schon die Ankündigung v. 14^ verbürgt, der Zu- 
kunft an ; aber der Prophet schaut sie als gegenwärtig und nennt 
die Schwangere und Gebärende in bezug auf die dadurch ver- 
gegenwärtigten Momente alvici, ohne die leiseste Andeutung von 
einem Manne, dem sie ihre Mutterschaft verdanke. Kur aus dem 
Zusammenhang mit v. 13; 8, 8; 9, 5 — 6; 11, 1 — 10 ergab sich, 
daß auf so wunderbarem Wege dem Hause Davids der Sohn und 
Erbe des Thrones geschenkt werden sollte, welcher alle an dieses 
Haus geknüpfte Verheißungen und Hoffnungen verwirklichen wird. 
Daher war Mt wohl berechtigt, dieses AVort auf die Geburt des 
Messias von der Jungfrau zu beziehen. In der Schule der 
E,abbinen hat er das nicht gelernt ; denn wenn auch die unglück- 
liche Deutung der Weissagung auf Hiskia möglicher Weise erst 
im Gegensatz zu der christlichen Deutung erfunden worden ist, ^^) 



^») Cf.Just. dial. 43.67.71.84 noch ohne namentliche Anführung der 
modernen Übersetzer, von welchen erst Iren. III, 21,1 Aquila und Theodotion 
nennt, zugleich hinweisend auf die Ebjoniten, deren einer Symmachus war 
(cf GK II. 740f. lOly). welcher gleichfalls reäPis schrieb cf Orig. Hexaphi 
ed. Field II, 443 nach Hier, zu Jes. 7, 14 s. auch Eus. ecl. p. 177; Chrys. 
zu Mt 1, 23. 

*°) Hieron. zu Jes. 7, 14 Vall. IV, 109; Quaest. hebr. in Gen. ed. Lagarde 
p. 37; Luther, Daß Jesus Chr. ein geborener Jude sei (Erl. Ausg.» Bd. 29 
S. 54 ff.); Vom Sehern Hamphoras (Bd 32 S. 339 ff.). Yolck, Th. Ltrtrbl. 
1901 S. 315. 

«') Auch der Jude Goldfahn, Justinus M. und die Agada S. 15 (cf?. 2. 
25 ff. 37 f.) erklärt die Beziehung von Jes 7, 14 und anderer von den Christen 



86 Die Erzeugung und Geburt des Messias. 

so fehlt doch jede Spur davon, daß die Juden jener oder der 
folgenden Zeit eine Geburt des Messias von einer Jungfrau er- 
wartet und diese Idee auf Jes 7, 14 gegi-ündet haben. ^-) "Wäre 
das jüdische Lehrtradition gewesen, so hätte die Deutung der 
Stelle auf Hiskia, von dessen Lebensanfang nichts Wunderbares 
überliefert war, gar nicht entstehen und vorherrschend werden 
können. Vollends phantastisch ist die Annahme, daß die christ- 
lichen Erzählungen in Mt 1, 18 — 25; Lc 1, 27 — 56 aus der 
rabbiüischen Exegese von Jes 7, 14 erwachsen seien. Man weise 
doch erst diese rabbinische Exegese irgendwo nach, und dann 
ei-kläre man, wie dieselben RabWnen, welche durch diese ihre au- 
gebliche Exegese unfreiwillig die Väter der christlichen Tradition 
von dem wunderbaren Lebensanfang Jesu geworden sein sollen, 
sofort nach der Entstehung dieser Tradition in der christlichen 
Gemeinde, lange vor Abfassung des Mtev versuchen konnten, diese 
christliche Tradition durch ihre verleumderische Darstellung der 
Geburt Jesu wieder zu ersticken (s. oben S. 66 f.). Aus diesen 
jüdischen Verleumdungen, aus der dagegen gerichteten apologetischen 
Darstellung des Mt, ferner aus der völligen Übereinstimmung der 
Darstellung des Lc in diesem Punkt ergibt sich unmittelbar, daß 
die Überlieferung von der wunderbaren Erzeugung Jesu in den 
Christengemeinden Palästinas lange vor Abfassung unserer Evv, 
noch zu Lebzeiten zahlreicher Jünger und leiblicher Verwandter 
Jesu wie seines Bruders Jakobus (-J- 66) und seines Vetters Simeon 
(■j um 98 — 117) allgemein geglaubt wurde. Nicht durch Auslegung 
von Jes 7, 14 ist die Geschichte, sondern aus der verbreiteten und 
geglaubten Geschichte ist das christliche Verständnis von Jes 7, 14 
entstanden. "Wer wie Mt glaubte, daß Jesus der Messias sei und 
von seinem Lebensanfang zu -wissen glaubte, was Mt oder Lc davon 
erzählen, konnte Jes 7, 14 gar nicht anders, wie als eine in der 
Erzeugung und Geburt Jesu erfüllte Weissagung betrachten und 
konnte nicht mehr, wie die Rabbinen, soviel wir wissen, über den 
Hauptpunkt derselben hinwegschlüpfen. Damit ist aber noch nicht 
gesagt, wie Mt sich das Schauen und Wissen des Jesaja in diesem 
Stück vorgestellt hat. Er nahm nicht Anstoß an dem Namen 
Immanuel, den Jesus nie getragen hat, und vermißte nicht den 
Namen Jesus. Er konnte durch die auffällige Determination von 
alina (ntS^Vn), die auch in der griech. Übersetzung beibehalten 

viel gebrauchter messianischer Stellen auf Hiskia (und andere atl Personen 
z. B. Salomo dial. 38. M. 36. 64) aus dem Gegensatz zum Christentum. 

«'•') Cf Dalman, Worte Jesu S. 226; Weber S. ;-'.54 ff. 357 : „die jüdische 
Theologie kommt über den rein menschlichen Ursprung des Messias nicht 
hinaus". Was man aus Philo (de Cherub. § 12—1.'^) beigebracht hat, um 
wenigstens die Idee einer jungfräulichen Geburt als jüdisch zu erweisen, hat 
mit dem Messias und überhaupt mit dem Judentum nichts zu schaffen. Die 
Weiber, von denen Philo dort redet, sind allegorische Figuren von Tugenden. 



c. 1, 18—25. 87 

wurde (fj Ttagd-hod), zu der Meinung angeleitet werden, daß der 
Prophet in der Wiedergabe seiner lebendigen Anschauung sich 
eines poetischen Ausdrucks bedient habe, um den allgemeinen Ge- 
danken plastisch auszudrücken, daß es bei der Geburt des Messias, 
<ies Wundermannes (Jes 9, 5 n'?£ cf Jud 13, 18), wider alles mensch-, 
liehe Erwarten und wunderbar zugehen werde. *^^) Auch wenn Mt 
die Stelle so aufgefaßt hätte, was wir nicht beweisen können, 
konnte er es nicht für einen Zufall halten, daß der Ausdruck für 
diesen Gedanken in der Geschichte Jesu buchstäblich zur Wahrheit 
geworden ist. Er erkannte darin die über der weissagenden Voraus- 
darstellung und der geschichli. hen Verwirklichung des göttlichen 
Willens waltende Vorsehung Gottes. Ebenso aber auch Joseph, 
wenn ihm im Traum das bis zu seiner Erfüllung rätselhaft ge- 
bliebene Prophetenwort ins Bewußtsein trat. Die überraschende 
Übereinstimmung zwischen der alten Weissagung und dem zunächst 
fo unheimlichen Ereignis der Gegenwart mußte ihn willig machen, 
der Botschaft zu glauben, daß keine Sünde, sondern ein Wunder- 
werk Gottes geschehen sei. Dem entsprechend handelt Joseph 
V. 24 f. Von dem, was der Engel ihm befohlen, führt er sofort 
nach seinem Erwachen das aus, was sofort geschehen konnte und 
vor allem geschehen mußte : er führt Maria als sein Eheweib heim ; 
später nach der Geburt des Sohnes die gleichfalls ihm befohlene 
Namengebung; denn daß Joseph und nicht etwa Maria das Subjekt 
von £y.dleO£v ist, ist nicht nur das stilistisch Nächstliegende, 
sondern nach v. 21 selbstverständlich (s. oben S. 77 A 45). Als 
mittelbare Folge seines Gehorsams erscheint aber auch das, was 
zwischen diesen beiden Sätzen berichtet ist : er enthielt sich des 
ehelichen Verkehrs ^*) mit seinem Weibe, bis diese einen Sohn 

^^) Formell vergleicht sich die Anwendung des Artikels in der Parabel 
(Mt 13, 3 o oneioMr . . ri]v öclbv y.tl., 24, 32 ir^i avyS]--), in der Fabel und 
im Märchen (Jude 8, 8 ff.). Nur besteht der unterschied, daß es sich bei 
Jesaja nicht um einen Vorgang handelt, der nur sinnbiMlich als Geburt 
eines Sohnes dargestellt wäre, sondern um die wirkliche Geburt eines 
wirklichen Sohnes. Die Uneigentlichkeit des prophetischen Ausdrucks 
könnte also nur darin bestehen, da(J die abstrakte Vorstellung: „die Emp- 
fängnis und Geburt Immanuels wird so unerwartet eintreten und so wunder- 
bar geschehen, als ob eine Jungfrau Mutter eines Sohnes würde" in die 
konkrete Anschauung gekleidet wird: „die Jungfrau ist schwanger und 
gebiert einen Sohn". 

"*) Dies richtige Verständnis des dem hebr. ->;t^ tih (1 Eeg 1, 4 cf Gen 
4, 1. 17. 25: 1 Sam 1, 19) nachgebildeten ovy. eyii>(oay.ev ai>xj]v ist von jeher 
vorhanden gewesen, obwohl yivaiay.eiv im NT nur hier genau so gebraucht 
ist cf jedoch Lc 1, 34 mit Jude 11, 39. Tatian und Sc haben den Satz 
euphemistisch, aber deutlich umschrieben (s. oben S. 69 A 34 a. E.). 
Die Angst davor, daß aus der auf die Zeit bis zur Geburt be<chräiikteu 
Verneinung des geschlechtlichen Verkehrs unliebsame Folgerungen in bezu<r 
-auf die Zeit nach der Geburt gezogen werden möchten, wird die Tilgung 
von ovy. eyivcooxBv aöTT-v tcoi ov in ^ und dem lat k, nach der Mitte des 



88 Die Erzeugung und Geburt des Messias, 

gebar. Auch nach dem kürzeren Text, der vom 4. Jahrhunderfc 
an immer allgemeiner durch Zusätze aus Lc 2, 7 erweitert wurde, ^^) 
entsteht die schon im Altertum viel erörterte Frage, ob damit 
gesagt sei, daß das hier für die Zeit bis zur Geburt Jesu Ver- 
neinte nach diesem Zeitpunkt eingetreten sei. Denen, welche sich 
aus ästhetischen oder dogmatipchen Gründen nicht darein finden 
können, daß Maria nach der Geburt Jesu ein wirklich eheliches 
Leben mit Joseph geführt und Kinder von ihm empfangen haben 
sollte (cf 12, 46; 13, 55f.), ist zuzugeben, daß die Satzform an sich 
dies nicht erfordern würde. ^^) Andrerseits liegt am Tage, daß Mt 
nichts anderes sagt und nur die«, eine sagen will, daß Joseph in 
ehrfurchtsvoller Rücksicht auf das in Mai'ia begonnene Wunderwerk 
bis zu dem Zeitpunkt der Vollendung desselben in der Geburt 
Jesu des ihm als rechtmäßigem Ehegatten zustehenden Rechtes 
auf sein Eheweib freiwillig sich begeben habe (cf 1 Kr 7, 3 — 5). 
Indem er nichts darüber sagt, wie sich das Verhältnis zwischen 
Joseph und Maria nach der Geburt Jesu gestaltet habe, zeigt 
er sich gleichgiltig dagegen, ob es späterhin zu einem wirklichen 
Eheleben gekommen oder bei einem häuslichen Zusammenwohnen 
in der Rechtsform der Ehe geblieben sei. Wie aber wäre solche 
Gleichgiltigkeit zu verstehen? Aus Unkenntnis der Tatsachen 
ließe sie sich bei Mt nicht erklären. Der moderne Theolog 
mag aus der Not eine Tugend machen und sagen : weil sich nicht 
mehr geschichtlich ermitteln läßt, ob Maria außer Jesus noch 
andere Kinder geboren hat, und weil die eine oder andere Beant- 
wortung dieser Frage ohne Bedeutung für den Glauben ist, so 
verzichte ich auf deren Beantwortung. Mt aber schrieb zu einer 
Zeit, als noch Brüder und andere nahe Verwandte Jesu oder, wenn 
man die Abfassung bis um 100 herabdrücken wollte, doch noch 
Kinder und Enkel derselben am Leben waren, und er schrieb in 
Palästina für Juden und Judenchristen. Es war daher leicht und 
geradezu unvermeidlich für ihn zu wissen, ob die Brüder Jesu 

4. Jahrhunderts auch einige wunderliche Mißdeutungen hervorgerufen haben. 
Hilar. vogtiDscitur post partum, id est trarmt in coiijuyis nonicn; cognoscitur 
enim, nun adniiscetur. Epiph. haer. 78, 17. 27 und Dp. imperf. p 26: Joseph 
habe bis zur Geburt noch nicht, sondern erst nachher erkannt, welcher 
wunderbaren Gnade Maria gewürdigt worden war. 

^^) Statt des bleuen v\6v (so n'BZ, einige Min, SsScSh [2 Hss gegen 
eine]. Sah [tö/' m. «i)??]^] Kop, die ältesten Lat ka['!'] bog') haben nach dem 
Vorgang Tatians, dem es freistand, Mt 1, 25 aus Lc 2, 7 zu bereichern, die 
meisten Unc (CDE etc.). Min und VRter, auch die jüngeren Versionen S'S* 
Arm Vulg löi' viöv avifjg töv jroonöToxor. So ziemlich dieselben Zeugen, 
welche hier die kürzere LA und v. 19 (s. oben S. 75 A 42) das Simplex 
ihiynatioaL empfehlen, haben auch v. 24 iyefjdt'n statt Sieye(/&eis (sonst nie 
bei Mt) und 'Jowrii/ ohne statt mit Artikel. 

'''') Cf Mt 16, 28; Forsch VI, 335 f. A 1 u. 2 und über die ganze Frage 
ebendort S. 306—363; N. kirchl. Ztschr. 19ÜÜ S. 206—212. 



c. 1, 18-25. 89 

leibliche Söhne der Maria waren, oder nicht. "Wußte er letzteres, 
so konnte es ihm auch nicht gleichgiltig sein, daß Maria nur den 
einen Jesus geboren habe, und hier war der natürliche Ort, wo 
er sich dazu bekennen mußte. Statt dessen gebraucht er einen 
Ausdruck, welcher in jedem arglosen Leser den Eindruck erwecken 
muß, daß Joseph, der Ehemann der Maria (1, 16. 19) nur bis zur 
Geburt Jesu auf sein eheliches Recht verzichtet, darnach aber mit 
seinem Eheweib Maria (v. 20. 24) ein wirklich eheliches Leben ge- 
führt habe. Dies ausdrücklich auszusprechen, anstatt es nur bei- 
läufig und unabsichtlich anzudeuten, lag kein Anlaß vor, weil im 
Umkreis des Mt jeder, der für den Inhalt seines Buches ein Interesse 
hatte, auch wußte, daß ein Jakobus der Gerechte nicht nur ein 
Bruder Jesu, sondern auch ein Sohn der Maria war oder gewesen 
war, wenn es sich nämlich so verhielt. Die ersten Leser wurden 
dann durch v. 25 hieran erinnert ; wir den Tatsachen ferne stehenden 
Leser von heute erkennen aus diesem Satz, daß Mt und seine ersten 
Leser es nicht anders wußten. 

3. Die Huldigung der Magier 2, 1 — 12. Die Geburt 
Jesu, welche nur in einem Nebensatz 1, 25 berührt war, wird auch 
nachträglich nicht erzählt, sondern nur als Voraussetzung der 
folgenden Erzählung noch einmal erwähnt, diesmal aber mit An- 
gabe des Orts und der Zeit, weil beides für das nun zu Erzählende 
von Bedeutung war : daß Jesus in Bethlehem, einer zu Judäa ge- 
hörigen Ortschaft geboren war, und daß das zur Zeit der Regierung 
des ersten Herodes geschah, welcher im Unterschied von seinen 
Söhnen den Königstitel führte.^') Über welches Gebiet er herrschte, 
brauchte Mt seinen Lesern nicht zu sagen (cf dagegen Lc 1, 5), und 
auch der Zusatz zum Namen Bethlehem TT^g 'lovdaiag hat schwer- 
lich den Zweck einer geographischen Belehrung. Mag diese vom 
AT her geläufige Näherbestimmung (Jud 17, 7. 9 ; 1 Sam 17, 12; 
Ruth 1, 1. 2) ursprünglich zur Unterscheidung von einem anderen 
Bethlehem *^) gedient haben, so würde doch auch ohne solchen 

*') Wie der andere Herodes, welcher in der ev Geschichte eine Rolle 
spielt, Herodes Antipas, nur bei seiner ersten Einführung den ihn von 
seinem Vater unterscheidenden Titel bekommt (14, 1 nicht 14, 3—6), so 
hier Herodes der GroLle nur 2, 1, nicht mehr 2, 7 — 22. In 2. 3 ist sicher 
mit üBDZ, kbc d flau. 'Ho. y.rÄ. zu lesen, was im Unterschied von J/o. 
i) ßaa. y.Ti.. heißt: „der König (nämlich Herodes) und die Eesidenzstadt". 
Cf den bloßen Titel ohne Namen v. 9. 

«») Ein Bethlehem in Galiläa Jos 19, 15 (Jud 12, 8—10?) Ens. und 
Hier. Onom. ed. Latrarde p. 105. 11 : 236, 37; cf Bobinson, Neuere bibl. Forsch. 
S. 146; Neubauer, Geogr. du Talm. p. 191. Cf vielmehr Mt 21, 11; Mr 1, 9 
Nat,. ii]i laUKaiai^ obwohl CS unseres Wissens nur ein Nazareth gab; Kaiü 
Tiis Fal. Jo 2, 1. 11; 4, 4H, obwohl auch das hier nicht gemeinte Kana Jos 
19, 28 in Galiläa lag. CV'Eiftoo^ T/7^• 'Äaiu^ Ign. Eph. inscr. — Es entspricht 
TTjs 'JovÖaiui V. 1. 5 dem m-n'. an den oben genannten Stellen des AT's, in 
LXX teils bloßes Uovöa 1 Sam 17, 12; Jud 17, 9 (cod. B), teils t/;» "loiüa 



90 Die Huldigung der Magier. 

Zusatz jeder damalige Leser das seit David berülimte Bethlehem 
verstanden haben (cf Lc 2, 4; Jo 1, 42). Es sollte vielmehr sofort 
darauf hingewiesen werden, daß der König der Juden (v. 2), der 
Messias (v. 4) in dem Gebiet des Stammes Juda geboren sei, 
welchem das Königtum in Israel von jeher zugesprochen war, wozu 
dann das in Galiläa gelegene Nazareth, wo er heranwuchs (v. 22 f.), 
und vollends das von dem Lande Israels abgelegene Ägypten, wo 
er eine Zuflucht suchen mußte (v. 13 — 15. 19), einen Gegensatz 
bildet. Wie der Eogel, der dem Joseph erschienen, werden die 
Magier aus den Ostländern, die in Jerusalem eintrafen, durch ein 
iöov als eine überraschende Erscheinung eingeführt. Nach der 
Wortstellung (cf dagegen 3, 13; 27, 55) und der Bedeutung von 
TiagayiveOi/ai, was ja nicht die Reise von einem Ort zum andern, 
sondern das Eintreffen und Auftreten an einem Ort bezeichnet, 
wird ccTld ävaioKCüV nicht mit diesem, sondern mit jtidyoi zu ver- 
binden sein. Es bezeichnet die Heimat, den regelmäßigen Wohnsitz 
der Magier (cf 27, 57; 21, 11; 4, 25; Jo 11, 1), welcher aber in 
diesem Fall tatsächlich auch der Ausgangspunkt ihi'er Heise nach 
Jerusalem ist (cf 15, 1 = Mr 7, 1). Der artikellose und pluralische 
Ausdruck ^^) erweckt die "Vorstellung einer unbestimmten Ferne in 
östlicher Richtung von Palästina und hätte schon deshalb den Ge- 
danken an Arabien '") abwehren sollen, wenn auch das Reich der 

Kuth 1, If., teils Sfj/ios 'lovSa Jud 17, 7 (cod. A so auch 17, 9), aber in 
anderen Verbindungea auch oft genug t^» '/oväaiag 1 Sam 17, 1 (v. 1.); 
27, 6. 10; Jes 1, 1. Im Original des Mt stand selbstverständlich nTin^ wie 
es Hier, zu Mt 2, 5 in ipso hebra'ico d. h. im Hebräerev gelesen hat (GK II, 
652. 687). Auch die syr. Übersetzer ScSsS'Sh geben Tfjä 'lovdaias 2, 1. 5 
ohne Unterscheidung von 'lovöa 2, 6 durch N7inn wieder. 

^^) Cf 8, 11; Philo de Jos. g 28 dvainlal wü Övaeig die Länder und 
Völker des Ostens und des Westens; dieselben §23 nach Aufzählung ver- 
schiedener Erdteile zusammengefaüt in ävot^:, diutTo?.ij. Die Meinung von 
Meyer S. 74, daß diese Worte nur im Plural Orient und Occident bedeuten, 
wird schon durch v. 2 widerlegt, wo ein ccdrov bei dvaroli] unentbehrlich 
wäre, wenn dies heißen sollte „in seinem Aufijang" = ävatEllovra^ statt 
„im Orient". Zur Bezeichnung der Himmelsgegend gebraucht LXX neben 
häufigerem Plural doch auch den Singular Num 3, 38; Jos 18,7; Jerem 
31, 40; III Esra apocr. 5, 47, und ganz regelmäßig bezeichnet f] dvaroXrj 
Cappos. /; dvais) die östliche Hälfte der Welt: Jos. bell, prooem. § 2; III, 1, 2; 
IV, 8, 1; 10, 6; Clem. ßom. I Cor. 5, 6; Ign. Rum. 2; Clem. ström. I, 11; 
protr. 114. 

'ö) Just, dial 77. 78. 88. 102. 112. Für Justin war maßgebend die 
Erwähnung von Damaskus, welches er zu Arabien rechnet, in Jes 8, 4. 
Die Meisten ließen sicn durch das Wort /udym nach Persien weisen. Nach 
dem evang. iufantiae arab. c. 7 sollen diese Magier durch eine Weissagung 
Zoroasters vorbereitet gewesen sein. Perser nenut sie Clem. ström. I § 71, 
Chrys. beharrlich; auch Juvenc. ev. I, 241, weil er weiß, daß hitjus (sc. gentis) 
primären nomen tenuerrmt magorum (v. 226). DalJ der Jude des Celsus sie 
Chaldäer nannte, rügt Orig. c. Geis. I 58 als eine grobe Verwechselung. 
Andere Christen, wie Chalcidius (c. 126 ed. Wrobel p 191), nannten sie 
doch mit ßücksicht auf ihre astrologische Kunst unbedenklich Chaldaei. 



e. 2, 1-12. 91 

Nabatäer, welches Gl 1, 17 cf 2 Kr 11, 32 l^^a/?/a heißt, östlich 

Zur ßestiiiimung der wirklichen Heimat derselben bieten ihre Geschenke 
(v. 11) keinen sicheren Anhalt. Mt sagt nicht, daß sie nur Erzeugnisse 
ihrer Heimat und nicht auch solche, die sie auf dem Handelsweg erworben, 
hatten, darbrachten. Die Herkunft dieser Gegenstände ist ihm noch gleich- 
giltiger als diejenige der Magier selbst, die er doch wenigstens durch eine 
allgemeine geographische Angabe andeutet. Ferner ist Gold nicht nur in 
Ophir.und Saba, sondern, wie in vielen anderen Ländern, auch in Baby- 
lonieu zu finden gewesen cf Frdr. Delitzsch, Wo lag das Paradies S. 15. 60. 
Das Gleiche wird gelten von i.ißavoi (hebr. n^i::^) und auvuva (= fivoga, 
hebr -s cf H. Lewy , Die semit. Fremdwörter im Griech. S. 42. 44), den 
Harzen verschiedener Bäume und Stauden, welche als Weihrauch im Kultus, 
das zweite auch zur Konservirung der Leichen (Jo 19, 39) verwendet zu 
werden pflegten. Der Behauptung Herodots III. 107, daß der Weihrauch- 
baiim nur in Arabien wachse, ist schon im Altertum vielfach widersprochen 
worden. Nach Strabo XVI, 25 p. 782 hielten manche den persischen Weih- 
rauch für den besten. Man hört auch vtm indischem und syrischem s. Winer, 
ßibl. Realwörterb. IP, 681 ff. — Die Sagen von den Magiern des Ev, den 
„heiligen 3 Königen", wie sie die abendländische Kirche am 6. Januar 
feiert, oder den 12 Magiern der orientalischen Überlieferung (so wohl zuerst 
in dem apokryphen Buch Seth, aus welchem Op. imperf. p. 28 ein Excerpt 
gibt) können hier nicht verfolgt werden cf Nestle. Marginalien u. Materialien II, 
65—83 und Diekamp, Hippolytos von Theben S 62 — 66, bei beiden reichliche 
Literaturnachweise, wozu etwa hinzuzufügen wäre F. W. K. Müller. Uigurica 
(in Abb. der Berh Akad. 190S). — Großen Einfluß auf die Entwicklung der 
Legende haben die Stellen Jes 60, 6 und Ps 72, 9—15 geübt, welche früh 
auf die Magier des Mt angewandt worden sind (Tert. c. Marc. III, 13; adv. 
Jud. 9; Euseb. bei Moutfaucon coli, nova I, 404; Op. imperf. p. 31). In 
Jes 60 wird gesagt, daß unter anderen Völkern und Königen, welche teils 
auf Kamelen, teils zu Schiff (v. 6. 9) dem über Jerusalem aufgehenden Licht 
zuwandern (v. 1 — 3. 10 — 12) und die in der Welt zerstreuten Israeliten in 
die Heimat zurückgeleiten (v. 4. 9 cf 49, 22 f.), auch solche aus dem Reich 
Saba, also nicht aus dem Osten, sondern aus einem südlich von Palästina 
liegenden Lande mit Gold und Weihrauch als Gesciienken für den Tempel 
nach Jerusalem kommen werden (Jes 60. 6). Nach Ps 73, 8— 11 werden 
dem von Meer zu Meer herrschenden König Israels die Könige der westlich 
gelegeneu Länder des Mittelmeeres (Tharsis und die Inseln) und diejenigen 
der südlichen Länder xrp: sri, Arabia felix und Meroe? cf. Jos. ant. II, 249) 
Geschenke und Huldigung darbringen. Wo aber vom Golde Sabas die 
Rede ist (v. 15), handelt es sich nicht um Geschenke, welche der König 
empfängt, sondern welche der milde König den Armen schenkt, nachdem er 
sie vom ungerechten Gericlit befreit hat. — Den frommen 8agen der alten 
Kirche, die aus solchen Stellen Nahrung sogen, steht, was Grundlosigkeit 
und Verbreitung anlangt, die Behauptung von D. F. StrauU I'^ 288—294 
gleich, daß die ganze Erzählung von den Magiern eine aus Jes 60, 3ff. ; 
Ps 72, 8—11 in Verbindung mit Num 24, 17 (s. unten A 81) erwachsene 
Sage sei. Die unbewußt dichtende Sage oder Mt, der so gut wie wir 
Avulite. daß das Reich der Sabäer weit südlich von Palästina lag (Mt 12. 42 
= 1 Heg 10, 1 — 10) hätte die Heimat der huldigenden Heiden mutwillig 
in den fernen Osten verlegt, dessen Länder an keiner jener Stelleu genannt 
werden, und er hätte aus Königen und Königinnen Magier, Priester und 
Astrologen gemacht; und er, der sich sonst so sehr beflissen zeigt, die Er- 
füllung atl Weissagungen durch Citate nachzuweisen, hätte unbegreiflicher 
Weise hier nichts derartiges merken lassen, weder wo er vom Stern, noch 
wo er von den Geschenken 'der Magier redet ! 



92 Die Huldigung der Magier. 

vom jüdischen Gebiet bis gegen Damaskus hin sich erstreckte. 
Behält man im Auge, daß diese Magier sich sofort als Astrologen 
und nur als solche zu erkeapen geben, das Wort /iidyoi also von 
Mt nicht in dem abgeschliffenen Sinn von Zauberer, Gaukler oder 
Wahrsager '^) gebraucht ist, und daß ein fernes, östlich von Palästina 
gelegenes Land als ihre Heimat bezeichnet ist, so ist nicht zu be- 
zweifeln, daß sie von irgend einem Punkt des Reiches der Parther 
herkommen, welche damals ganz Mesopotamien teils unmittelbar, 
teils durch mehr oder weniger abhängige Vasallenfürsten, wie die 
von Edessa und am Ostufer des Tigris Adiabene, beherrschten. 
Wie immer die Frage nach der Etymologie von /ndyog und die 
damit zusammenhängende Frage, ob Sache und Name von den 
Medern zu den Babyloniern oder von diesen zu jenen gewandert 
sei, entschieden werden möge,^^) so ist doch hier schwerlich an 
Angehörige der alten medopersischen Magierkaste, sondern an Leute 
aus Babylonien, wo der Name der Magier mindestens ebenso früh 
nachzuweisen ist,^^) oder aus irgend einem anderen Teil Meso- 
potamiens und der nächst angrenzenden Gebiete zu denken. Denn 
erstens ist die Astrologie nichts für die medopersischen Magier 
Charakteristisches,'*) dagegen aber seit ältesten Zeiten und bis tief 

'*) So AG 13, 6. 8, /uaysvsir, fiayeia AG 8, 9. 11 von dem Samariter 
Simon, welcher in der Kirche den ständigen Beinamen 6 fiäyoi erhielt. 

"•^) Während man es früher mit arischen Etymologien versucht hat. 
traten an deren Stelle seit dem Aufblühen der assyriologischen Studien 
assyrisch-babylonische. Sciirader, Die Keilschriften u. das AT, 2. Autl. 
S. 417 — 427 wollte das Wort von it)i(ja „erhaben, angesehen" ableiten 
(s. Friedr. Delitzsch, Assyr. Handwörterbuch S. ^8 unter emhu, euku „weise"). 
Delitzsch (The Hebrew lang-, p. 14) ging auf snraerisehes macjha, babyl. 
mahu zurück (s. Assyr. Wörterbuch p. 3if7 unter mahlni „Prophet, Wahr- 
sager"), hat aber später (Prolegomeria eines neuen hebr.-aram. Wörterbuchs 
S, 1H8) gegen seine eigene wie gegen Schraders Etymoldgie lautgesetzliche 
Bedenken erhoben. Nach der von Zimmern mid Winkler neubearbeiteten 
8. Aufl. des Schrader'schen Werkes (1^02) S. 590 A 5 fehlt es noch sehr 
an einem sicheren Eigebnis. Sie auch die folgende A 74. 

'*) Jerem 39, 3 u. 13 ^lo-an „Oberstmagier" als Titel eines hohen 
Würdenträgers in der Begleitung Nebukadnezars. Bei Daniel kommt .lo 
nicht vor; dagegen werden die verschiedenen Klassen von Weisen, Zauberern, 
Traumdeutern etc., unter welchen auch D*-t^ 5 = A7U()'a/o< als eine besondere 
Klasse mitaufgezählt werden (2, 2. 10; 4; 4; 5, 11), an anderen Stellen unter 
dem Namen „die Weisen von Babel" (2, 12. 48), aber auch unter dem Namen 
Chaldäer (2, 4. lO*) zu?amnieiigefaßt. Mit diesem letzteren Namen be- 
zeichneten die Griechen und Römer regelmäßig die Kaste der Priester und 
Gelehrten bei den Babyloniern, als deren Charakteristisches sie stets die 
Astronomie und Astrologie hervorheben cf Diodor. bibl. II, 29 — 31; Cicero 
de divin. I, 1; II, 42 cf I, 19; Strabo XVI, 6 p. 739; Plin. bist. nat. VI, 123 
cf VII, 193; Bardesan s. folgende A; Clemens ström. I, 66 stellt Chaldäer 
und Magier zusammen. 

'*) Herod. I, IUI einer der 6 Stämme der Meder; I, 107. 120. 128; VII, 
19. 37 Traumdeuter, I, 132. 140; VII, 43. 113. 191 Opferpriester. Cf Strabo 
XV, 13 ff. 38. Auch Bardesan weiß nichts von Astrologie der medopersischen 



c. 2, 1-12. 93 

in die christliche Zeit hinein bei den Babyloniern besonders eifrig 
gepflegt worden;''^) und zweitens ist die Voraussetznng der Er- 
zählung, daß heidnische Astrologen an einem jüngst geborenen 
König der Juden einen lebhaften Anteil nehmen, viel weniger in. 
jenem fernen Osten, als im Stromgebiet des Euphrat und des Tigris, 
als wirklich vorhanden zu denken. Wenn die Magier in Jerusalem 
mit der Frage auftreten: „wo ist der geborene d. h. der kürzlich 
geborene König der Juden" ? und diese Frage dadurch motiviren, 
daß sie seinen Stern im Orient gesehen haben (v. 2), so folgt 
daraus, daß sie sich bei der Ausübung ihrer astrologischen Kunst 
schon früher mit der Erwartung det Geburt eines jüdischen Königs, 
welcher auch für sie, die NichtJuden, von Bedeutung sei, beschäftigt 
haben, und daß sie einen bestimmten Stern oder Kometen oder 
eine besondere Konstellation '**) auf dieses erwartete Ereignis be- 
zogen haben. So gewiß sie sich durch ihre Frage als NichtJuden 
charakterisiren, so deutlich ist auch, daß nur unter starken Ein- 
flüssen von der Seite des Judentums eine Erscheinung wie die- 
jenige dieser Magier geschichtlich zu begreifen ist. Daß die Juden 
seit dem Exil einen einflußreichen Bestandteil der Bevölkerung 
Mesopotamiens bildeten, und daß sie dort, wie überall unter den 
Heiden für ihren Glauben Anbänger zu gewinnen suchten,'') unter- 
liegt keinem Zweifel. Etwa 40 — 50 Jahre später als die Mt 2 
erzählten Ereignisse fällt die Bekehrung des Fürsten Izates von 
Adiabene, seiner Mutter Helena und des ganzen Fürstenhauses zum 
Judentum.'^) Daß die um die Bekehrung von Heiden sich be- 
Magier (Spicil. syr. ed. Cureton p. 18 der engl. Übersetzung), während er 
von den astrologischen Büchern der Chaldäer in Babylon redet p. 15. 27 f. 
Dem Wort.Mä/ot entspricht bei Bardesan uud den syrischen Bibelübersetzeru 
wie in der jüdischen Literatur s'iuo, dasselbe Wort, welches in den alt- 
persischen Keilinschriften aus der Zeit des Darjus im nom sing, maghusch 
gelesen wird cf Spiegel, Altpers. Keilinschr. 2. Aufl. S. 6 ff. 32 ff. 234. 

'5) S. A 73 am Schluß. Cf Tiele, Assyr.-babyl. Gesch. II, 576 ff.; 
Epping u. Straßmaier, Astronomisches aus Babylon, 188t^; Hommel, Die 
Astronomie der alten Chaldäer, Ausland 1891 8. ^21 ff.; 1892 S. 54 ff.; ßieß, 
Artikel Astrologie in Panly-Wissowa II, 1802 ff. 

'*') Dali die Unterscheidung von daTr-o {sfella. einzelner Stern"! und 
äoTQov {sicins, Sternbild) von den besten Schriftstellern nicht innegehalten 
wurde, zeigt jedes bessere Lexikon. Dem äaroa Lc21,25 (das Wort kommt 
im NT überhaupt nur bei Lc und Hb 11, 12 vor) entspricht ünTtof::; Mt 24, 29. 
In einem hebr. oder aram. Original könnte in jedem Fall nur 22::, n:313 
gestanden haben. Verstanden die Magier unter dem Stern des Judenkönigs 
einen einzelnen Planeten oder Kixstern, so konnte er das Ereignis der Ge- 
burt desselben doch nur vermöge seiner Stellung zu anderen Gestirnen an- 
zeigen. Der Versuch einer Unterscheidung ist also eitel, 

'') Cf Schürer, Ges.h. des jü.l. Volks III*. 5 ff. 

'*) Jos. ant. XX. 2, 1—5; 4, 1. 3. Die Wallfahrt Helenas nach.Terusalera, 
die fürstlichen Getreidespenden, welche sie selbst, die Geidsenduniren, welche 
ihr Sohn Izates von Adiabene aus zur Zeit einer Hungersnot den Jerusa- 
lemeru zuwandte; die kostbaren goldenen Geräte, welche sie und ihr Sohn 



94 Die Huldigung der Magier. 

mühenden Juden dort wie in ßom und überall, wo sie Proselyten 
zu machen versuchten, nicht oft so vollkommene Triumphe feierten 
wie in diesem Fall, sondern sich viel häufiger mit halben Erfolgen 
begnügen mußten, versteht sich von selbst. Die Erzählung des 
Josephus von der Bekehrung des Izates zeigt, daß jüdische Lehrer 
unter Umständen z. B. auf die Forderung der Beschneidung selbst 
dann verzichteten, wenn der Bekehrte dazu willig war. Wie in 
der griechisch-römischen Welt muß es auch dort sehr verschiedene 
Stufen in bezug auf die Annäherung an das Judentum und die 
Aufnahme jüdischer Ideen gegel^en haben. Die babylonischen 
Magier oder Chaldäer brauchen wir uns gegen solche Einflüsse 
nicht unzugänglicher zu denken wie die Fürstenhöfe von Adiabene 
und Kommagene. Wie auf jenem Boden die Trümmer ältester 
Völker und Kulturen ungeschieden und ununterscheidbar durch- 
einander lagen , so berührten und mischten sich dort auch die 
Religionen.'^) Daß die Blicke auch der dortigen Astrologen seit 
langer Zeit auf einen kommenden König gerichtet waren, der im 
Westen ihrer Wohnsitze auftreten werde, scheint urkundlich sicher 
genug bezeugt zu sein.^^) Dies wäre geschichtlich am einfachsten 
erklärt, wenn wirklich geschehen wäre, was Dan 2, 48 ; 5, 11 er- 
zählt wird, daß der Jude Daniel im 6. Jahrhundert zum Vorsteher 
der organisirten Zunft der „Chaldäer" oder der „Weisen Babels" 
ernannt wurde. Für Mt und seine ersten Leser war dies Ge- 
schichte.^^) — Als Zweck ihrer Reise nennen die Magier nur das 

Monobazus in den Tempel zu Jerusalem stifteten (Jos. ant. XX, 2, 5; 5, 2; 
MischDa Joraa III, 10 cf Nasir III, 6): dies und anderes ist trotz der Verr 
schiedenheit des Verhältnisses zum Judentum in beiden Fällen mit der 
Reise und den Geschenken der Magier zu vergleichen. Den Zeitgenossen 
des Mt klang dessen Erzählung nicht wie ein ungeschichtliches Märchen. 

'®) Man denke unter anderem an die Sabier oder Mandäer und die 
Jeziden, auch an Mani, der zwar aus medopersischem Geschlecht stammte, 
aber in Babylonien geboren und in aller Weisheit der Chaldäei' unterrichtet 
worden ist." Eine Übersicht wie die bei Uhlhorn, Homilien und Eecogn, 
des Clemens S. 407 — 423 iieße sich heute sehr vervollstäniligen. 

*") Frdr. Delitzsch, Wo lag das Paradies, 1^81, S. IH'6 sagt von den 
durch Eawlinson, The cuneiform in^cr, III, 51 — 64 veröffentlichten astro- 
logischen Tafeln, „daß sie sich mit besonderer Vorliebe mit dtm Westland 
d. i. Phönicien-Palästina beschäftigen und wiederholt Phrasen enthalten wie: 
,Wenn das und das geschieht, dann, wird ein großer König im Westen auf- 
stehen, dann wird Eecht und Gerechtigkeit, Friede und Freude in allen 
Landen herrschen und alle Völker beglücken' und ähnliche Prophezeiungen 
mehr". S. ebendort S. 61. Von geringerem Werte sind die Angaben bei 
Sueton, Vespas. 4 und Tacit. bist. V, 13 wegen der sichtlichen Abhängig- 
keit von Jos. bell. VI, 5, 4; III, 8, 9. 

*') Selbstverständlich ebenso die Geschichte Bileams Num 22, 5—24, 25; 
aber durch nichts weist Mt auf einen sei es geschichtlichen, sei es ideellen 
Zusammenhang zwischen seiner Erzählung aus jüngster Vergangenheit und 
jenem Ereignis der mosaischen Zeit. Das in LXX recht häufige dnö dra- 
loliäv V. 2 mag uns Besitzer einer Konkordanz an Num 23, 7 erinnern, wo 



c. 2, 1-12. 95 

eine, daß sie dem jüngst geborenen König der Juden nach orien- 
talischer Sitte durch Niederwerfen zu seinen Füßen huldigen 
wollen, ^^) denn mehr als dies sagt TiQOO'/ivif^oai avxG) v. 2. 8. 11 

Bileam sagt, daß der Moabiterkönig ihn von Aram (LXX ix Msoorrojafting) 
and von den Bergen des Ostens (LXX äS öoicov d-r' äruTolcöt) habe kommen 
lassen; aber.Mt sagt nichts von Mesopotamien und von dovtiyen Bergen. 
Und welche Ähnlichkeit bestünde zwischen jenem „Hörer göttlicher Rede", 
der durch das Anerbieten hohen Lohnes für eine Israel verfluchende Wahr- 
sagung sich zur Eeise nach Palästina bewegen lätit (Num 22, 7. 17 f.; 24, 3; 
2 Pt 2, 15 f.) und obwohl er, von Gott überwältigt, Israel segnet statt ihm 
zu fluchen, doch durch seinen bösen Rat an Balak das Volk in Sünde und 
Verderben stürzt (Num 31, 16; Judä U; Ap 2, 14), und den reinen und 
rührenden Gestalten der Magier des Mt, die nur durch die stummen Sterne 
belehrt und geleitet den jüdischen Messias aufsuchen und in der Freude 
über die Erfüllung ihrer sehnsuchtsvollen Ahnung das in Armut geboreue 
Königskind aus ihrem Reichtum beschenken. Auch daß Bileam den aus 
Israel hervorgehendeu Herrscher bildlich einen aufgehenden Stern nennt, 
daneben aber auch von einem Scepter redet Num 24, 17, und daß die Magier 
einen wirklichen Stern in astroloyische Verbindung mit der Erwartung 
eines jüdischen Königs gesetzt haben, ist doch nichts wahrhaft Vergleich- 
bares. Trotzdem haben die Alten oft eine Verbindung zwischen beiden 
Tatsachen angenommen: Just. dial. 106; Iren. III, 9, H; Orig. c. Gels. I, 59 f.; 
Eus. demonst. IX, 1, 1 — 10; Hier. z. Mt 2. Man fabelte sogar von eigenen 
Schriften Bileams, aus welchen die Magier geschöpft hätten Eus. bei Mai, 
Nova bibl. IV, 281 ; Op. imperf. p. 28. Eine andere Frage ist, seit wann 
Juden davon sprachen, daß die Geburt des Messias durcb einen Stern an- 
gezeigt werden solle (cf Hamburger REnc. II, 743 nach Pesikta sutarta), 
und ob sie diese Erwartung auf Num 24, 17 gründeten. Onkelos beseitigt 
den Stern wie den Stab und setzt dafür „König" und „Messias" ; wesent- 
lich ebenso Jerusch. 1 und IL Midr. rabb. zum Bileamtext geht über 24, 17 
schweigend hinweg, und Midr. rabb. zu Deut. 2, 3 Wünsche S. 14 deutet 
den Spruch auf die Herstellung der Gottesherrschaft. Auch in den Über- 
lieferungen über Simon Barkokba, der wahrscheinlich aus dem Ort Kokaba 
stammte (cf E. Riggenbach in Cremer u. Schlaffer, Beiträge V, 4 S. 105 ft'.), 
dies aber benutzte, sich durch diesen Namen als den Num 24, 17 geweissagten 
Stern aus Jakob d. h, den Messias zu bezeichnen, .finde..ich nichts vou einem 
seine Geburt anzeigenden Stern. Sehr viel mehr Ähnlichkeit mit dem 
Inhalt von Mt 2, andrerseits aber auch mit Ex 1, 15—2, 10 zeigen die 
jüngeren jüdischen und arabischen Legenden von der durch einen ai;f- 
fälligen Stern angekündigten Geburt Abrahams und der Verfolgung des 
Kindes durch Nimrod, cf Beer, Leben Abrahams, 1859 S. 1—3. 101 A 9—22. 
®^) Durch voraufgeschicktes Tzeoörrsg v. 11 (cf 4, 9; AG 10, 25; 1 Kr 
14. 25; Ap 5, 14; 7, 11) von einem TToony.vvEtp mit bloßer Kniebeugung unter- 
schieden Mr 15, 19; Mt 17, 14; 27,29. Den Herrscher so zu begrüßen er- 
klärt Jos. ant. XX, 2, 2 als eine den Juden fremde Sitte der orientalischen 
Höfe. Philo de Jos. 28 entschuldigt, was Gen 42, 6 erzählt ist, als einen 
altertümlichen Brauch. Es versteht sich von selbst, daß dies den Juden 
noch viel mehr als den Griechen (Herodot 7, 136; Isoer. paneg. 151; Arrian. 
anab. Alex. VIT, 9—12, 6; Plut. vita Alex. 54 f.; de superst. p. 166») als 
Mißbrauch einer nur der Gottheit gegenüber ziemlichen Ehrfurchtsbezeugung 
erschien, zumal das Wort Ttoooy.vreii' die Bedeutung ,.anbeten, seine An- 
dacht verrichten", ganz abgesehen von einer bestimmten Körperhaltung, 
ans:3nommen hatte (Jo 4, 20-24; 12, 20; AG 8, 27; 24, 11). Wo immer die 
äußere Handlung des Trooay.vtut^ vor einem Wesen, das nicht Gott ist, den 
Sinn hatte oder den Schein erweckte, Vergötterung eines Geschöpfes sein 



96 Die Huldigung der Älagier. 

nicht. In der Hauptstadt, wo seit mehr als 3 Jahrzehnten wieder 
ein jüdischer König residirte, meinen sie am Ziel der Reise an- 
gelangt zu sein. Daß sie sich mit ihrem Anliegen sofort an den 
Hof gewandt und erst dort von Grund und Zweck ihrer Reise 
geredet haben sollten, ist an sich unwahrscheinlich und wird durch 
V. 3 ausgeschlossen. Es kommt dem König zu Ohren, was zugleich 
in der ganzen Stadt sich verbreitet, daß die fremden Gäste mit 
ihrer von großer Zuversicht und ebenso großer Teilnahme an der 
Sache zeugenden Fi'age angekommen sind. Daß der alte Despot 
dadurch in Aufregung vei'setzt wird, ist begreiflich ; denn abgesehen 
davon, daß er bis in seine letzten Lebenstage schwankte, welchem 
seiner erwachsenen Söhne er die Thronfolge zusichern sollte, war 
nicht daran zu denken, daß das Interesse der fremden Astrologen 
irgend einem Prinzen seines Hauses gelte. Es konnte sich nur 
handeln um den von den Propheten geweissagten, vom jüdischen 
Volk erwarteten König der Endzeit, den Messias (v. 4), und soviel 
wußte Herodes von den jüdischen Gedankenkreisen, daß ein Messias, 
welcher Anerkennung beim Volk fand, der geborene Feind seiner 
Herrschaft sei. Eben daraus erklärt sich auch, daß zugleich mit 
Herodes die ganze Stadt ^^) in Unruhe versetzt wurde ; denn jede 
Furcht vor stärkeren Erregungen des nationalen Bev/ußtseins und 
insbesondere der Hoffnung auf den Messias pflegte Herodes dui'ch 
das Blut seiner Untertanen zu dämpfen. ^^) Das Verhalten des 
Königs ist trefflich gezeichnet. Er fürchtet sich abergläubisch vor 
der Wahrheit der astrologischen Wahrsagung; er bezweifelt auch 
nicht, daß die jüdischen Schriftgelehrten aus ihren prophetischen 
Schriften zuverlässige Antwort auf die Frage nach dem Geburtsort 
des Messias holen können; beides aber hindert ihn nicht, alle List 
und Gewalt anzuwenden, um das ihm und seinem Hause drohende 
Verhängnis abzuwehren. Er beruft das Synedrium zu einer Sitzung ^^) 

zu solleu, wird dagegen protestirt (AG 10, 26; Äp 13, 4. 15; 19, 10). Dies 
schließt aber nicht aus, daß der Mensch in besonderer Not und Erregung 
den Menschen fußfällig um etwas bittet (Mt8, 2; 9,18; 18,26; 20,20). 
Dies triöt jedoch bei den Magiern ebensowenig zu als die Absicht, den 
jüdischen Königssohn als einen Gott anzubeten. 

^'^) "IsooadAvfia als nom. sing. fem. nur hier und 3, 5, sonst überall im 
NT. jedoch nie im nom., als plur. neutr. behandelt. So auch in den atl 
Apokr3'phen und bei Josephus. S. jedoch ant. I, 10, 2 ttjp fievroi Eolv^iä 
voxtoov sxäkefiH ^IspoaöKv/ja. Die .hebr. Form ''hoovaakiq^L (besser so, als 
'Jeoova. zu schreiben), welche dem Aristoteles oder seinem Schüler Klearch 
sehr barbarisch klang (Jos. c. Ap. I, 22. 7), hat LXX durchweg in den 
kanonischen Bb. des AT's, Lc und PI (Bd IX^, 235 A 45) überwiegend, 
Mr und Jo gar nicht, Mt nur einmal in einem Wort Jesu 23, 37, ungenügend 
bezeugt Mt 2, 1; Mr 11, 1. 

***) Jos. ant. XV, 2. 6 extr.: 3, 3; 10, 4; XVII, 2, 4 (cf WeUhausen, 
Pharisäer u. Sadducäer S. 24 f.; Schneckenburger, Ntl. Zeitgesch. S. 195); 
XVII, 6, 3. 

^^) Von den 3 Bestandteilen des Synedriums, die nicht oft vollständig 



c. 2, 1-12. 97 

xind legt demselben — ob persönlich oder durch seine Beauftragten, 
ist den Worten nicht zu entnehmen — als einer Versammlung von 
Sachverständigen die theologische Schulfrage vor: „wo wird der 
Messias geboren"? Der bestimmten Frage entspricht die kurze 
und runde Antwort, welche jedoch einer Begründung durch den 
Hinweis auf Micha 5,. 1 nicht entbehren konnte. Wenn auch das 
Synedrium schwerlich einen Augenblick über die rechte Antwort 
in Ungewißheit und einer exegetischen Beweisführung bedürftig 
gewesen sein wird,^*^) so erforderte doch die Rücksicht auf den 

aufgezählt werden (Mt 16, 21: 27, 41; Mr 14, 43. 53 s. Bd III*, 638 A 53 
zu Lc 19, 47), durften neben den d^xisoaii als den Vertretern des Priester- 
tums die '/pa/uuarezs, welche hier durch rov laov als Mitglieder der obersten 
jüdischen Behörde charakterisirt sind (cf noeaßvreooi mit demselben Zusatz 
21, 23; 26, 3. 47: 27, 1), am wenigsten fehlen, weü es sich um eine Lehr- 
frage handelt, während sie da fehlen, wo das Synedrium als politische, 
richterliche und polizeiliche Behörde in Betracht kommt 21, 23; 26, 3. 47; 
27. 1. 12. 20; 28, 11 f. Daß es sich um eine förmliche Sitzung des Syne- 
driums handelt, verbürgt auch das Tiäi^rag. 

*®) Die Herkunft des Messias von Bethlehem als allgemeine Volks- 
meinung wird Jo 7, 42 auf die Schrift, also auf Micha 5, 1 zurückgeführt, 
woran auch der dortige Ausdruck erinnert. Das Targnm übersetzt Micha 
5, P; „aus dir wird von mir hervorgehen der Messias, um Herrschaft aus- 
izuüben über Israel, dessen Name genannt ist von uran, von ewigen Zeiten". 
Auch schon Micha 4, 8 hat das Targum den Messiasnaraen. Nach jer. 
Berachoth 5* und Midrasch zu Threni 1, 16 (^übers. von Wünsche S. 87 cf 
Delitzsch, Ztschr. f. luth. Th. 1855 S. 401) soll an dem Tage, da der Tempel 
zerstört wurde, der König Messias (im Midrasch „der Erlöser der Juden") 
in Bethlehem Juda's unter dem Namen Meaachem, Sohn des Hiskia, ge- 
boren, bald darauf aber von Sturmwinden wieder fortgetragen worden sein. 
Den Messiasnamen Menachem konnte man in Threni 1, 16 und Jes 51, 3 
. (Midrasch zu Prov 19, 21; bab. Sanhedrin 98*) erst finden, nachdem sich in 
gewissen Kreisen auf einen Menschen Namens Menacbem die Messiashoffnung 
concentrirt hatte. Dies war aber, da dieser a. 70 p. Chr. geboren sein sollte, 
gewiß nicht ein Sohn des Königs Hiskia [s. oben S. 84 A 58), sondern wahr- 
scheinlich, obwohl auch dann noch ein geringerer Anachronismus bleibt, 
jener Zelotenführer Menachem, der in den -Jahren vor der Zerstörung des 
Tempels eine Rolle spielte (Jos. bell. II, 17, 8 — 10; vita 5. 11). Er war ein 
Sohn Judas des Galiläers und somit zwar nicht ein Sohn, aber doch ein 
Enkel des Banditen Hiskia CE^exlas Jos. bell. I, 10, 5; II, 4, 1; 8, 1; ant. 
XIV, 9, 2; XVII, 10, 5; XVIII, 1, 1 u. 6). Die Identität Judas des Galiläers 
und des Sohnes des Hiskia ist zweifellos (cf Schürer I', 486). Die Voraus- 
setzung, daß diese noch über a. 70 hinaus im heiligen Kriege eine Führer- 
rolle beanspruchende Familie (cf Jos. bell. II, 17, 8; VII, 8, 1—9, 2) zum 
Hause Davids gehörte, wird dadurch bestätigt, daß Judas nach dem König- 
tum strebte (bell. II, 4, 1; ant. XVII. 10,5). Diese Leute vor allem hat 
Jesus Jo 10, 8 — 10 im Auge gehabt. Mag nun jener Menachem Avirklich in 
Bethlehem geboren sein oder hier ein Widerschein der christlichen Über- 
lieferung von der Geburt Jesu in Bethlehem vorliegen, jedenfalls beweist 
die jüdische Sage, daß in rabbinischen Kreisen noch des 3. Jahrhunderts 
die Geburt des Messias in Bethlehem erwartet wurde. Die Behauptung 
des Origenes (c. Gels. I, 51), daß die Juden nach der Zeit Christi von 
Bethlehem als Geburtsort des Messias zu schweigen pflegen, ist demnach 
nicht gemeingiltig. Die Lehre, daß der Messias nach seiner ersten Er- 
Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. '^ 



98 Die Huldigung der Magier. 

König eine kurze Angabe des entscheidenden Grundes. Daß das 
Citat den Mitgliedern des Synedriums als ein Stück ihrer Antwort 
in den Mund gelegt ist und nicht etwa eine Zwischenbemerkung 
des Mt sein will, wodurch er seinerseits die Richtigkeit der ge- 
gebenen Antwort bestätigt, ist ebenso klar, wie daß 1, 22 f. zur 
Rede des Engels gehört. Dies hindert aber den Ev, der ja nicht 
ein Protokoll über jene Sitzung in Händen hatte, keineswegs, das 
Citat sehr frei nach seiner Auffassung der Sachlage zu gestalten. 
Nachdem der Prophet eine glänzende Darstellung der schließlichen 
Gottesherrschaft über alle Völker (Micha 4, 1 — 8) in die Verheißung 
hat ausgehen lassen, daß das frühere Königtum nach Jerusalem 
zurückkehren werde, darauf aber von den schweren Kämpfen und 
Nöten geredet hat, welche die Gegenwart noch von jener herrlichen 
Zukunft trennen (4, 9 — 14), kehrt er zu der Verheißung in einer 
durch diesen Gegensatz bestimmten Form zurück: „Und du 
Bethlehem Ephrata, klein im Verhältnis dazu, daß du zu den Be- 
zirksstädten Judas gehörst,^') aus dir soll mir einer hervorgehen, 
um Herrscher in Israel zu sein, und (einer) dessen Herkunft aus 
der Vorzeit, aus unvordenklichen Tagen ist". Jerusalem soU der 
Sitz des wiederhergestellten Königtums und somit auch des er- 
hofften Königs sein ; aber von Bethlehem soll der König und das 
Königtum herkommen. Der altertümliche zweite Name des Orts 
(Gen 85, 19 ;" 48, 7 ; cf 1 Sam 17, 12 ; Ruth 1, 2 ; 4, 11) soll ebenso 
wie der Schluß des Verses an die ferne Vergangenheit ei'innern, 
da zvxm ersten Mal ein Gotte gefälliges israelitisches Königtum und 
ein König „nach dem Herzen Gottes" aus Bethlehem hervorging 
(1 Sam 16, 1—13; 17, 12—15. 58; 13, 14), um schließlich in 
Jerusalem seinen bleibenden Sitz zu gewinnen. Dem Propheten lag 
es sicherlich fern, seinen Zeitgenossen damit eine geographische 
Belehrung über den Geburtsort des verheißenen Königs zu geben. 
Er sagt nicht einmal deutlich, daß dieser dort werde geboren werden. 
Er drückt vielmehr in gehobener dichterischer Sprache und daher 
in plastischer Gestalt den Gedanken aus, daß der verheißene König 

Bcheinung wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden und später erst 
plötzlich aus der Verborgenheit auftauchen werde (Jo 7, 27; Justin, dial. 
8. 49. 110; Weber, S. 358 ff. 364 cf auch die Erzählung von Menachem), 
mußte das Interesse an dem Geburtsort des Messias zurückdrängen, wozu 
dann noch, ähnlich wie bei der Deutung von Jes 7, 14 (s. oben S. 85 f. A 61), 
die unbequeme Berufung der Christen auf Micha 5, 1 und auf die Tatsache 
der Geburt Jesu in Bethlehem hinzukam. 

*') Unnötige Schwierigkeiten bereitet man sich durch die Übersetzung 
von nvnS n^v^' durch „zu klein, um zu sein", was doch wohl nivnp erfordern 
würde. ■ Cf vielmehr Jude 6, 15. Nach Stellen wie Jude 12, 8—10; 17, 7ff.; 
1 Sam 16, 1. 18; 2 Sam 21, 19; besonders aber nach Esra 2, 21; Nehem 7, 26, 
auch 1 Chr 2, 51. 54 (wo Bethlechem ebenso wie 1 Chr 2, 19. 24. 50 Ephrata 
als Personname, als Personifikation eines Geschlechtes vorkommt) wurde 
Bethlehem doch wohl stets zu den Stammsitzen gerechnet. 



c. 2, 1-12. 99 

Dicht nur aus Davids Geschlecht, sondern auch aus derselben un- 
scheinbaren Lage, wie. der Sohn Isai's, der Hirtenknabe von 
Bethlehem, hervorgehen und zum Herrscher über Israel werde er- 
hoben werden, anstatt daß er an eine lange Reihe gekrönter Häupter 
seines Geschlechts als der Erbe ihrer Leistungen und als der Größte 
von allen sich anschließen werde. Es ist das wesentlich der gleiche 
Gedanke, wie der, welchen Micha's Zeitgenosse Jesaja (11, 1) so 
ausdrückt : „aus dem Baumstumpf Isai's wird ein Schößling auf- 
sprießen". Der ganze Baum des davidischen Königtums soll durch 
die Gerichte Gottes bis auf die Wurzel abgehauen werden und zu 
Boden fallen, ehe aus der Wurzel, die Gott einst seinen Propheten 
Samuel auf den Fluren Bethlehems finden ließ, ein neuer Sproß 
hervorwächst. Wenn nun schon jüdische Schriftgelehrte in dem 
Worte Micha's mehr als ein poetisches Bild fanden (S. 97 A 86), 
wie selbstverständlich ist dann, daß Mt, *der doch für wahr ge- 
halten haben muß, was er erzählt, der also wußte, daß Jesus der 
Christ in Bethlehem geboren sei, in Micha 5, 1 eine Weissagung 
auf diese Tatsache erkennt! Der frivole Gedanke, welchen das 
Wort Zufall ausdrückt, lag ihm wie jedem frommen Betrachter 
der Geschichte fern. Er erkannte in der Kongruenz zwischen der 
Form, welche die prophetische Anschauung dort angenommen hatte, 
und der ihm vorliegenden Geschichtstatsache die Hand des welt- 
regierenden Gottes, der ebenso über den Worten im Munde seiner 
Propheten wie über den Ereignissen der Geschichte waltet. Statt 
den altertümlichen Namen Ephratha zu wiederholen, fügt er zu 
Bethlehem hinzu yf] ^lovda, „Land Juda's, judäischer Boden", ^^) 
schwerlich als eine mit dem Ortsnamen sachlich identische Appo- 
sition, sondern als den weiteren Begriff (cf 2, 16). Die Vorstellung 
von der großen geschichtlichen Bedeutung Bethlehems, welche der 
Prophet durch die gegensätzliche Erinnerung an die äußere Klein- 
heit der Ortschaft erweckt, drückt Mt nur stärker aus durch den 
Satz : „keineswegs bist du die geringste unter den Stammhäuptern 
Juda's". ^^) Die bis dahin schon bewiesene Freiheit steigert er 

*^) Die Verbindung ist nicht anders zu verstehen wie 2, 20f.; 4, 15 
(= Jes 8, 2H LXX wechselnd mit /«(>«). Auch 10, 15; 11, 24 ist nicht nnr 
die Stadt, sondern die Stadt und Landschaft gemeint cf Gen 1«, 25. 28. 
Der Umstand, daß LXX an wenigen Stellen, wo es der Sinn gestattet, n^jj 
durch yfj wiedergibt (Jer 29, 7 und als Variante Deut 13, 14. 16; Jer 31, 24; 
32, 29), könnte es nicht entschuldigen, daß Bethlehem selbst statt als nöhs 
(Lc 2, 4; 1 Sam 16, 4) oder xw,«/; (Joh 7, 42; Kuth 1. 19) als yf] bezeichnet wäre. 

*®) Weder der hebr. Text "s^ns, der durch LXX, Targ., Pesch., Vulg. 
bestätigt wird, noch LXX mit ihrem ei> y/udan- kann das wunderliche tv 
ToZs 7]yefiöaii' des Mt veranlaßt haben. Daß er unter den Fürsten Judas 
die Mitglieder des Synedriums verstanden haben soHte, in deren Kreis und 
nach deren Urteil Bethlehem keineswegs ein geringer Ort sei (so Hofmann, 
Weiss, u. Erf. 11, 56), ist doch wohl dadurch ausgeschlossen, daß das Wort 
den Synedrisien in den Mund gelegt ist. Aber auch wenn Mt der Redende 

7* 



100 Die Huldigung der Magier. 

sodann bis dahin, daß er unter Benutzung der bei Micha folgenden 
Worte „aus dir wird mir hervorgehu" und der Worte aus Micha 
5, 3 „er wird stehen und weiden in der Kraft Gottes", vor allem 
aber in Anlehnung an 2 Sam 5, 2 den ganz neuen Satz schafft: 
„denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk 
Israel weiden wird". Am wesentlichen Gehalt der prophetischen 
Stelle ist durch alles dies nichts geändert. — Nachdem Herodes 
durch das Synedrium über den Ort belehrt worden ist, sucht er 
mit Hilfe der Magier auch die Zeit der Geburt des gefürchteten 
neuen Königs zu ermitteln. Wenn er diese heimlich d. h. unter 
möglichster Vermeidung jedes Aufsehens zu sich beruft, ^'') so bildet 
das einen Gegensatz zu der Anordnung der Synedriumssitzung v. 4, 
welche nur durch amtliche Organe erfolgen und schon wegen der 
großen Zahl der Mitglieder und der hohen Stellung dieser Behörde 
nicht geheim gehalten werden konnte. Es geschieht aber natürlich 
nicht, um die Ankunft und die Frage der Magier, welche bereits 
die ganze Bevölkerung in Aufregung versetzt hatte, wieder in Ver- 
gessenheit geraten zu lassen, sondern um das ganze jüdische Volk 
mit Einschluß des Synedriums nichts von dem eigenartigen Interesse, 
welches Herodes an der SacTie nahm, merken zu lassen und die unge- 
störte Durchführung seiner Absichten zu sichern. Die theoretische 
Frage, die er an das Synedrium gerichtet hatte, verriet davon 
nichts und mußte als Äußerung einer durch das Erscheinen der 
fremden Gäste erregten Neugier des hohen Herrn gedeutet werden, 
solange man von praktischen Folgen , die er der Sache geben 
wollte , nichts erfuhr. Er verbirgt seine Absicht begreiflicher 
Weise auch vor den Magiern, indem er ein dem ihrigen gleich- 
artiges Interesse an dem jüngst geborenen König heuchelt, und 
er findet bei den Leuten, welche mit den Stimmungen und Ver- 
hältnissen in Jerusalem nicht vertraut waren, Glauben. Herodes 
will wissen, wann das Kind geboren sei,''^) um darnach seine Maß- 
wäre, könnte er dem Propheten nicht eine Weissagung über den Verlauf 
der Synedriumssitzung andichten, und vollends nicht diese Schätzung Beth- 
lehems seitens des Synedriums durch den Satz v. 6*^ begründen, welcher die 
vom Synedrium gerade nicht anerkannte Tatsache weissagt. Es bleibt nur 
übrig, daß der griech. Mt in seinem Original ''S'^n2 statt •'sSsa las und dies 
nach Weise der LXX (Gen 36, 15 — 43 und sonst) durch sv rois iiyefiöaiv 
übersetzte. Der metonymische Gebrauch von fjSn „Tausendschaft, Starames- 
abteiluug" im Sinne von „Stammessitz, Bezirksstadt", welciier Micha 5, 1 
vorliegt, ist hier durch eine noch kühnere Metonymie überboten. Ob das 
Absicht des Originalschriftstellers war oder ein Ungeschick des Übersetzers, 
kann man fragen. 

**") Dieses lädQa cf 1, 19 bezieht sich lediglich auf die Art der Be- 
rufung der Magier an den Hof, nicht auf das Gespräch des Königs mit 
den Magiern und sagt nicht, wie ein >««t iSiav^ daß jeder andere Zeuge 
von der Audienz ausgeschlossen war. 

"') Die Frage nach dem Geburtsjahr und Geburtstag Jesu hat der 
Exeget nicht zu beantworten. Er kann nicht einmal entscheiden, ob die 



c. 2, 1-12. 101 

regeln zu ergreifen (v. 13. 16). Aber was er von den Magiern 
genau erforscht und wirklich erfährt, ist nicht sowohl der Zeit- 
punkt, in welchem sie zuerst den Stern beobachtet haben, als die 
Zeitdauer, während welcher dieser am Himmel sichtbar war (v. 7). 
Daß cfaivof.i€VOv nicht nur vom Standpunkt des Erzählers, was' 
ja selbstverständlich ist, sondern auch vom Standpunkt des fragen- 
den Herodes ein Particip des Imperfekts sein will, d. h. daß der 
Stern zur Zeit der Frage nicht mehr zu sehen war, würde schon 
aus diesem Ausdruck sich ergeben; denn, wenn „die Zeit des 
scheinenden Sterns" noch nicht abgelaufen war, würde nur die 
Frage, seit wann er sichtbar sei, angemessen sein. Dasselbe er- 
gibt sich vollends sicher aus der Vergleichung von v. 2 mit v. 9f. 
In Jerusalem angekommen, weisen die Magier nicht auf den in 
jeder Nacht am Himmel sichtbaren Stern, sondern sagen, daß sie 
ihn in ihrer Heimat, im Orient gesehen haben ; und während sie 
nächtlicher Weile von Jerusalem nach Bethlehem w-andern, werden 
sie überrascht (v. 9 iöov) und mit einer Freude, die Mt in den 
stärksten Ausdrücken beschreibt (v. 10), erfüllt, als sie denselben 
Stern, den sie im Orient bereits gesehen hatten, wieder erblicken, 
und zwar vor sich, in der Richtung des Weges von Jerusalem nach 
Bethlehem, also am südlichen Himmel. Von einer physikalischen 
Wunderbarkeit des Sterns"'-^) enthält die ganze Erzählupg keine 
Andeutung ; sie widerspricht vielmehr einer solchen Auffassung. Die 
zuversichtliche Deutung des Sterns auf die Geburt des jüdischen 

Magier die erste Erscheinung des Sterns mit der Geburt oder, was wahr- 
scheinlicher ist, mit der Konzeption (cf Vitruv. arcbitect. IX, 6, 2) gleich- 
gesetzt haben. Aus v. 16 läßt sich nicht genau bestimmen, vor wie langer 
Zeit Herodes nach den Angaben der Magier die Konzeption oder Geburt 
geschehen dachte. Er konnte seinen Beauftragten nicht eine genaue Fest- 
stellung des Alters aller kleinen Knaben in Bethlehem zumuten. Um 
sicher zu geüen, befahl er, die Kinder von den zweijährigen an abwärts, 
zu welchen auch die nahezu dreijährigen gehörten, zu töten. Er setzt 
also voraus, daß das Königskind frühestens vor 2—3 Jahren, spätestens 
vor einigen Monaten geboren sei. — Von der die Astronomie zu Rate 
ziehenden Literatur seien genannt: Munter, Der Stern der Weisen 1827; 
Anger, Ztschr. f. bist. Theol. 1847 S. 347—398; Kritzinger, Der Stern der 
Weisen 1911; "Voigt, Die Geschichte Jesu und die Astrologie 1911 ; Stengel, 
Jesus Christus und sein Stern 1913. 

»■^) Sihon Ignat. Eph. 19 läßt den Stern alle anderen Sterne über- 
strahlen und Sonne, Mond und Sterne ihn tanzend umkreisen. Ersteres 
auch Protev. Jacobi 21. Nach Evang. inf. arab. c. 7 ist den Magiern in Gestalt 
eines Sternes ein Engel erschienen. Nach einer apokryphen Schrift unter 
dem Namen des Seth, excerpirt im Op. imperf. p. 31 hat der von den 
Magiern durch viele Generationen hindurch erwartete Stern sich in Gestalt 
eines kleinen Knaben, über welchem ein Kreuz stand, auf einem Berge im 
fernen Osten niedergelassen und die Magier mit menschlichen Worten auf- 
gefordert nach Judäa zu reisen. Cf die syrische Schatzhöhle übers, von 
Bezold S. 56. Unter den alten Exegeten hat namentlich Chrys. hom. 6 die 
Übernatürlichkeit des Sterns verfochten, unter den neueren mit besonderer 
Zähigkeit Anger a. a. 0. S. 358—360. 



102 Die Huldigung der Magier. 

Königs, welche die Voraussetzung der Reise der Magier bildet 
(v. 2), setzt ja ihrei^seits voraus, daß die Magier schon viel früher 
eine bestimmte astronomische Beobachtung oder eine schon öfter 
beobachtete Erscheinung am Sternenhimmel auf dieses erwartete 
Ereignis zu beziehten gewohnt waren. Auch das etwa neu hinzu- 
getretene Moment, welches den Astrologen die Gewißheit gab, daß 
eben jetzt das Ereignis eingetreten sei, muß an sich dem Kreis 
ihrer gewöhnlichen Beobachtungen angehört haben ; denn es sind 
keine astrologischen Regeln denkbar, nach welchen sie eine ihnen 
völlig fremde und vollends eine von allen sonstigen Erscheinungen 
am Sternenhimmel durch Gestalt,*" Bewegung oder Lichtstärke ab- 
weichende Erscheinung sofort mit Bestimmtheit auf die Geburt des 
Judenkönigs hätten deuten können. Wenn man, wie der große 
Astronom Kepler, annimmt, daß das Hinzutreten eines neuen und 
geradezu wunderbaren Sternes zu einer schon vorher als für die 
Messiaserwartung bedeutsam angesehenen Planetenkonjunktion die 
Magier zur Reise veranlaßt hatte, so würde doch schwerlich dieser 
neue Stern, der als solcher vorher in keine Beziehung zum Juden- 
könig gesetzt worden sein kann, sondern jene Planetenkonjunktion 
oder ein einzelner Stern in- derselben „der Stern des Judenkönigs" 
genannt worden sein. Aber auch v. 9 sagt nichts von einer physi- 
kalischen Wunderbai^keit des Sterns. Was zunächst das Ttqorjyev 
avrovg anlangt, worin allein ein von der gewöhnlichen Redeweise 
abweichender Ausdruck erblickt werden könnte, so ist vor allem 
durch den Zusammenhang, aber auch durch den Sprachgebrauch 
die Vorstellung ausgeschlossen, daß der Stern den Magiern als 
„Leitstern" d. h. als Wegweiser gedient hätte. Das Ziel der etwa 
zweistündigen Wanderung und somit auch der Weg dahin war ihnen 
durch die Mitteilung des Herodes deutlich gewiesen, und die Straße 
von Jerusalem nach Bethlehem war nicht zu verfehlen. Daß der 
Stern vor ihnen herzog (cf 14, 22 ; 21, 9 ; 26, 32 ; Mr 10, 32 ; 11, 9), 
ist also nach dem Augenschein geredet, wie er jedesmal entsteht, 
wenn wir in der Richtung des Wöges, den wir gehen, einen hellen 
Stern gerade vor uns, an der uns zugewandten Seite des Himmels 
stehen sehen. Weil wir ihn trotz unserer Bewegung immer gleich 
ferne von uns und immer noch vor uns sehen, so entsteht unver- 
meidlich dieselbe Vorstellung, wie wenn ein Licht in stets gleichem 
Abstand wirklich vor uns her getragen wird. Gesagt ist nichts 
anderes, als daß die Magier den Stern in der Richtung ihres Weges 
gerade vor sich sahen. Hätte er ihnen von der rechten oder linken 
Seite ihres Weges geleuchtet, so würde gesagt sein, daß er sie be- 
gleitet habe. Jetzt zog er vor ihnen her, aber nur so lange, als 
sie selbst vorwärts gingen. Er stand stille, als sie stille standen. 
Vor Bethlehem angelangt, werden sie stehen geblieben sein, um zu 
überlegen, wie das Haus zu finden sei, in welchem sich ein vor 



c. 2, 1-12. 103 

-nicht langer Zeit geborener Knabe befand. Hiezu aber konnte der 
Stern ihnen sehr wohl behilflich sein, zumal wenn er nicht allzu- 
hoch über dem Horizont stand ; denn die kleine auf dem Kamm 
eines Hügels gelegene Ortschaft war kein unabsehbares Häusermeer. 
Übrigens scheinen die Worte eTtccvo) ob fjv rb naiöLov v. 9, an 
deren Stelle erst y. 11 fj oiy.ia tritt, anzudeuten, daß der Stern 
durch seine Stellung nicht unmittelbar ein einzelnes Haus, sondern 
den Teil des Dorfes, wo das Kind sich befand, kennzeichnete. 
Es ist willkürlich, den Artikel bei oi^ia als Rückweisung auf die 
schon vorher bezeichnete Ortlichkeit anzusehen ; denn auch sonst 
bezeichnet x] oiy.ia ohne jede vorangehende Erwähnung eines Hauses 
das betreffende, aus dem Zusammenhang zu erkennende Haus im 
öegensatz zu einem vorangehenden Aufenthalt im Freien (9, 10. 23 ; 
10, 12; 13, 1. 36; 17, 25). Man verkennt auch die Darstellungs- 
weise des Mt gründlich, wenn man fordert, er hätte erzählen sollen, 
wie die Magier unter den Häusern, zwischen welchen die Stellung 
des Sterns vielleicht die Wahl ließ, durch die eine oder andere 
Nachfrage das rechte gefunden haben. Viel wichtigere Umstände, 
die für eine lebendige Vorstellung vom Hergang unentbehrlich sein 
mögen, hat Mt in 1, 18 — 25 und 2, 1 — 12, sowie im ganzen Ver- 
lauf seines Buchs als für ihn unwesentlich übergangen. Einzig das 
Verhalten der Magier hat er im Auge. Dazu gehört auch, daß 
sie dem Kinde nicht nur durch Niederwerfen vor ihm, sondern 
auch durch Darbringung wertvoller Geschenke huldigen, die sie zu 
diesem Zweck aus der Heimat mitgebracht haben. ''^) Damit endigt 
ihre Geschichte. Nachdem sie durch einen Traum von Gott die 
Weisung empfangen haben, ^^) deren sie in ihrer Arglosigkeit be- 
durften, ihren Rückweg nicht über Jerusalem zu nehmen und dem 
Könige nicht die erhoffte Kunde über die Eltern und das AVohn- 
haus des gefährlichen Kindes zu bringen, verschwinden sie in dem 
Dunkel des fernen ungenannten Landes, aus dem sie gekommen 

®*^ Über die einzelnen Geschenke s. oben A 70. Hier wie 13, 52; Lc 6, 45 
ist d-T]oavp6s der Behälter für die kostbaren Gegenstände, bei Aesch. Persae 
1022 der Köcher ; Jos. ant. IX, 8, 2 ein hölzerner Opferstock. Protev. Jac. 21 
setzt dafür die Reisetasche «tto rTjg Ttrjpas aiiTcHi', wodurch Epiph. expos. fid. 8 
sich verleiten ließ, rag Tttjpag statt rovg drjaavpovg für die gewöhnliche LA 
in Mt 2, 11 zu halten, während sie in der Tat sonst unbezeugt ist. Von 
den symbolischen Deutungen der Geschenke ist die älteste und weitest- 
verbreitete: das Gold gelte dem Könige, der Weihrauch dem Gotte, die 
Myrrhe dem sterblichen und dereinst zu begrabenden Menschen: Theoph. 
lat. (Forsch II, 38) ; Orig. c Gels. 1,60; Petr. Alex, epist. can. c. 13 (Routh 
•rel. IV2, 43); Juvencus, evang. I, 249f.; Hilar. p. 613; August, sermo 202 (in 
Epiphan. sermo 4); Ephraemi expos. ev. conc. p. 31. — Die Schatzhöhle 
S. 57 deutet die Myrrhe auf Jesus als Arzt. , 

»*) Nach dem Protev. Jac. 21, 4 haben auch Orig. c. Geis. I, 60; Chrys. 
(p. 90. 93. 109. 111. 119 u. a. zu v. 12 einen Engel zugedichtet, obwohl voa 
einem solchen in keinem Text des Mt, auch nicht in demjenigen des Chrys. 
p. 119, etwas zu lesen war (s. oben S. 76). 



104 Die Huldigung der Magier. 

waren (v. 12). Wie Mt selbst keinen Anstoß daran nimmt, daß- 
Gott den heidnischen Astrologen durch Mittel, die ihre eigene, mit 
heidnischem Aberglauben verknüpfte Wissenschaft und Kunst dar- 
bot, die Geburt des Messias Israels angezeigt und sie auch un- 
mittelbarer Kundgebung seines Willens gewürdigt habe, so verrät 
auch seine Darstellung dieser Geschichte in deutlichem Unterschied 
von der Darstellung in c. 1 keinerlei Absicht, diesen Vorgang gegen 
Verdächtigungen und üble Folgerungen zu verteidigen. Man muß 
annehmen , daß diese Geschichte damals noch nicht so wie die 
wunderbare Erzeugung Jesu ein Gegenstand jüdischer Verdäch- 
tigungen geworden war.^'^) Es feMt daher auch jedes Citat, welches 
die Huldigung der Magier als Erfüllung alter Weissagung darstellte. 
Auch das Citat v. 6 hat schon darum, weil es dem Synedrium in 
den Mund gelegt ist, keine apologetische Bedeutung, sondern dient 
erstens dazu, in Verbindung mit der v. 1 nachträglich bemerkten 
Tatsache der Geburt Jesu in Bethlehem daran zu erinnern, daß 
man über der verbeißungslosen galiläischen Stadt, von welcher aus 
Jesus unter sein Volk getreten ist (2, 23), nicht vergessen soll, 
daß er in dem durch die prophetische Verheißung dazu bestimmten 
Bethlehem geboren wurde. - Zweitens soll durch die Anerkennung 
dieser auf Bethlehem hinweisenden Weissagung seitens des Synedriums 
die Verschuldung ins Licht gesetzt werden, welche die obersten 
Vertreter der Priesterschaft und der Schriftgelehrsamkeit in Israel 
dvirch ihre Vernachlässigung der ihnen bekannt gewordenen Wahr- 
heit auf sich geladen haben. Der apologetische Erzähler wird zum 
Ankläger. Heidnische Priester und Gelehrte, zu welchem Gott nur 
durch die undeutliche Sprache der Sterne und einer mit viel Irrtum 
vermengten Überlieferung redet, beschämen durch ihre lange müh- 
selige Heise, durch den unverdrossenen Eifer ihres Suchens und 
ihre große Freude an der Erreichung des Ziels ihrer Sehnsucht 
die jüdischen Hohenpriester und Schriftgelehrten, welche das klare 
Wort der Propheten in Händen haben, dasselbe auch theoretisch 
richtig zu deuten wissen , aber aus Gleichgiltigkeit gegen die 
heiligste Hoffnung Israels oder aus Furcht vor dem Usurpator auf 
Davids Thron keinen Schritt tun, um der Wahrheit auf den Grund 
zu gehn und dem in dem geborenen Messias beschlossenen Heil 
näher zu kommen (cf 11, 21 — 24; 12, 41 f.). Die Huldigung der 
Magier ist nicht sowohl Erfüllung alter Weissagung, als vielmehr 
selbst eine neue Weissagung, welche besagt, daß der Messias Jesus, 
der geboren ist, um sein eigenes Volk von seinen Sünden zu retten 
(1, 21), von Heiden gesucht und verehrt werden wird, während 
die obersten Vertreter des religiösen Wissens und des Gottesdienstes 

®^) Was der Jude des Celsus bei Orig. c. Geis. I, 58 sagt, ist sichtlich 
aus Mt 2 geflossen und findet keine Bestätigung in der jüdischen Literatur 
oder in Justins Dialog. 



c. 2, 13-15. 105 

in Israel nichts nach ihm fragen und es dem Tyrannen, der sie 
knechtet, überlassen, sich um den wahren König der Juden zu be- 
kümmern, aber nur in der Absicht, ihn zu verderben. Diese hier 
zum ersten Mal in Tatsachen, die keiner weiteren Deutung be- 
dürfen, ausgesprochene Weissagung klingt immer wieder in anderen 
Formen durch das ganze Buch hindurch (cf 3, 9 ; 8, 10 — 12; 12, 
18-21; 15, 28; 21, 43; 22, 5—10; 24, 14; 28, 19). Die Ge- 
schichte ist Darstellung einer Idee. Soll sie darum nicht Geschichte 
sein? Oder verdienen diesen Namen nur die brutalen Tatsachen, 
die den nachdenkenden und den frommen Betrachter der Geschichte 
peinigen, weil er sich nichts dabei denken kann? 

4. Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth 
2, 13 — 23. Die dem Messiaskinde drohende Gefahr ist dadurch, 
daß Herodes vergeblich auf die Rückkehr der Magier nach Jerusalem 
und deren Mitteilungen warten muß, um ein weniges hinausgeschoben, 
aber keineswegs beseitigt. Während v. 11 nur Maria und auch 
diese nur als die Mutter, ohne deren Pflege das Kind noch nicht 
leben kann, erwähnt war, tritt von da an wieder Joseph als das 
Haupt der kleinen Familie in den Vordergrund (v. 13 — 14. 19 — 23). 
Was die Magier ihm nicht hatten sagen können, weil sie selbst 
arglos geblieben waren, daß Herodes das Kind zu verderben suchen 
werde, verkündigt ihm wiederum ein Engel im nächtlichen Traum - 
gesicht und begründet damit die Aufforderung, nach Ägypten zu 
fliehen und zwar sich sofort vom Lager zu erheben und noch in 
der Nacht mit Mutter und Kind die Reise anzutreten.^) Daß 
Joseph den Befehl sofort ausführte — es kann noch in derselben 
Nacht geschehen sein, in welcher die Magier ihre Anweisung er- 
hielten — und daß er bis zum Tode des Herodes in Ägypten ver- 
weilte, ist das einzige, was Mt zu berichten für nötig hält. Vom 
Verlauf der Reise, von dem Ort, der Zeitdauer und der Art des 
Lebens in Ägypten, von den Geldmitteln, womit die von Haus aus 
unbemittelte Familie dies alles bestritt,-) erfährt der Leser nichts. 
Nur daß der Messias in den Tagen seiner Kindheit vor dem töt- 
lichen Haß des in Jerusalem regierenden Edomiters nach Ägypten 

^) Nicht „nachdem du morgen früh erwacht bist"', sondern „wach auf, 
steh auf" bedeutet eysodsiä v. 13, wie schon ivxröiv. 14 beweist; so regel- 
mäßig das Part. aor. innerhalb des Befehlssatzes cf 9, 13, 18; 11, 4; 17, 27; 
28, 7. 19, cf auch die Imperativisch gemeinten Sätze 4, 9; 13, 28. In seinem 
Original wird der Übersetzer wie in den zahllosen übrigen Fällen, wo Part, 
aor. anderen Formen des Aorists vorangeht, selbständige, durch „und" oder 
gar nicht verbundene Verbalformen vorgefunden haben. 

'^) Diese Frage beantwortet sich leicht aus dem Wort /ovoöi' v. 11. 
Über die den ägyptischen Aufenthalt betreffenden christlichen Sagen cf 
Diekamp, Hippolytos von Theben S. 67—72. Nach einem arabisch und 
äthiopisch erhaltenen Fragment des alten Hippolytus (Kleinere exeget. 
Schriften, berl. Ausg S. 2ül) ist Jesus (nach Ap 12, 14) SVi Jahr oder 
3 Jahre und 7 Monate in Ägypten geblieben. 



106 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

hat fliehen und von dort erst wieder dem Land seines Volkes hat 
■wiedergeschenkt werden müssen, hat für Mt Bedeutung. Auch 
hierin erblickt er Erfüllung einer atl Weissagung (v. 15). Um den 
immer wiederkehrenden Götzendienst Israels als schnöden Undank 
gegen die von Grott erfahrene Liebe zu kennzeichnen, erinnert Gott 
durch den Propheten (Hosea 11, 1) vor allen anderen Beweisen der 
Liebe Gottes an die für die Existenz Israels als eines besonderen 
Volks grundlegende Tatsache der Befreiung aus Ägypten: „Als 
Israel ein Knabe war, habe ich es lieb gewonnen, und aus Ägypten 
rief ich meinen (wörtl. meinem) Sohn". Daß der Sohn Gottes, von 
dem Hosea hier redet, das Vott: Israel sei, welches Gott nach 
Ex 4, 22 cf Jerem 31, 9 gerade bei seiner Befreiung von Ägypten 
seinen erstgeborenen Sohn genannt hat, mußte jedes Kind ver- 
ßtehen. Sollte Mt dies verkannt oder verneint haben, indem er die 
zweite Hälfte dieses Spruchs als eine Weissagung bezeichnet, die 
in der Flucht des Messiaskindes nach Ägypten sich erfüllen sollte? 
Ohne jede Rücksicht auf die für seinen Zweck ganz ungeeignete 
LXX ^) gibt der griech. Mt, dessen Anlehnung an LXX schon 
bis dahin sich nicht als Gebundenheit an dieselbe erwiesen hat 
(oben S. 82. 90 f.), den hebr. Text genau wieder. War er Übersetzer 
eines aram. Buchs , so wird er hier in demselben ein genaues 
Äquivalent des hebr. Textes gelesen haben. Er hat dem Satz vor 
allem die Form einer geschichtlichen Aussage über solches gelassen, 
was bereits zur Zeit des Propheten einer fernen Vergangenheit 
angehörte, und hat sich jedes Versuchs enthalten, ihn in eine Weis- 
sagung von zukünftigen Dingen umzugestalten. Vergleicht man die 
Freiheit, mit welcher er v. 6 das Wort Micha's umgestaltet hat, um 
es dem Zweck seiner Anführung anzupassen, so darf die wortgetreue 
Wiedergabe von Hosea 11, 1 als Beweis dafür gelten, daß der vor- 
gefundene Wortlaut dieser Stelle dem Gedanken des Mt wirklich 
entsprach, daß also dieser bei Hosea nicht eine Vorhersagung der 
Flucht Jesu nach Ägypten und seiner Rückkehr von dort, sondern 
Aussage einer Geschichtstatsache gefunden hat, welche als solche 
für Mt die Bedeutung einer Weissagung auf ein Moment der Ge- 
schichte Jesu hatte. Es lag zunächst eine bedeutsame Parallele 
vor. Wie das Geschlecht Abrahams durch die Schuld der Brüder 
Josephs und die Not im hl. Lande nach Ägypten geführt und 
erst, nachdem es dort eine Zeit lang der ihm gewordenen Ver- 
heißung verlustig gegangen und selbst für seinen Beruf verloren 
zu sein schien, von Ägypten in das ihm verheißene Land zurück- 

*) LXX y.nl i| AlyvTiTOv fisTBicäkEaa (cod. A fi£Tey.aXiaaTo) rä tey.va 
avrov, setzt also t:3 statt des masor. 'Ja voraus. Wieder anders das 
Targam: „und von Ägypten (her) habe ich sie Söhne genannt"; Pesch. 
„habe ich ihn meinen Sohn genannt". Aquila übersetzte wie Mt, nur Anö 
statt e| (Field, Hexapla II, 957). 



c. 2, 13-15. 107 

gerufen und seinem Beruf wiedergeschenkt worden ist, ähnlich auch 
Jesus. Außerhalb des Zusammenhangs der Geschichte Israels be- 
trachtet, mochte es gleichgiltig scheinen, ob Jesus in Mesopotamien 
oder in Ägypten eine Zuflucht gefunden habe, ebenso wie auch, 
ob er in Nazareth oder in Bethlehem geboren sei. Aber jenes 
erscheint dem Mt so wenig zufällig, wie dieses, weil er, wie schon 
seine Behandlung der Genealogie gezeigt hat, die Geschichte Christi 
nicht nur als den äußeren Abschluß, sondern vielmehr als die Voll- 
endung der Geschichte Israels und als die Erfüllung der in dieser 
vorliegenden Ansätze betrachtet. Daß das Messiaskind gerade nach 
Ägypten flüchte, hat Gott angeordnet und dem Joseph als seinen 
Willen verkündigen lassen, damit das jüdische Volk auch an solcher 
Kongruenz der Jugendgeschichte Jesu mit seiner eigenen Jugend- 
geschichte erkenne, daß Jesus der Messias sei. Anstatt der typischen 
Tatsache selbst das Prophetenwort zu nennen, in welchem sie auf 
einen kurzen Ausdruck gebracht war, wurde dadurch besonders 
nahegelegt, daß in diesem Spruch Israel mit einem Namen benannt 
war, welcher mit noch klarerem Hecht dem Kinde Jesus gebührte. 
Nach dem Zusammenhang der bisherigen Erzählung kann Jesus 
nur darum der Sohn Gottes heißen, weil er ohne Zutun des Mannes 
Ton der Jungfrau geboren wurde (cf Lc 1, 35). Die Gottessohn- 
schaft Israels, welche sich darauf gründet, daß Gott dieses Volk 
zu besonderem Zweck ins Dasein gerufen und gleichsam erzeugt 
hat (Deut 32, 18), ein Gedanke, der so lebhaft vorgestellt wird, 
daß Gottes Vaterschaft zu derjenigen Abrahams und Jakobs in aus- 
schließenden Gegensatz tritt (Jes 63, 16), erscheint als ein Typus der 
Gottessohnschaft Jesu, welche wirklich die leibliche Vaterschaft des 
Davidssohnes Joseph ausschließt. Sollte es dann als Zufall gelten, daß 
alle Hoffnungen und Verheißungen, die an dieses wahrhaftige Gottes- 
kind geknüpft waren, eine Zeit lang ebenso in Ägypten begraben 
schienen, wie die Verheißungen, die dem werdenden Gottessohn 
Israel gegeben waren? Auch diesen Punkt in der Geschichte Jesu 
durch ein förmliches Citat in das Licht der Weissagung zu stellen, 
wird Mt ebenso wie zu dem Citat in 1, 23 durch den Umstand 
▼eranlaßt gewesen sein, daß der ägyptische Aufenthalt des Kindes 
Jesus schon damals Gegenstand jüdischer Verunglimpfung geworden 
war. Die jüdische Sage, daß Jesus in Ägypten die Zauberkünste 
erlernt habe, durch deren erfolgreiche Anwendung er später viele 
seines Volks zum Glauben an ihn verleitet habe, läßt sich bis ins 
erste Jahrhundert hinauf verfolgen und ist mit Zügen ausgestattet, 
welche schwerlich auf Lesung von Mt 2, 13 — 15, sondern mit viel 
größerer Wahrscheinlichkeit auf eine über die Grenzen der jüdischen 
Christengemeinde Palästinas hinausgedrungene mündliche Tradition 
zurückzuführen sind.'*) Den so entstandenen Schmähungen gegen- 

*) Was der Jude des Celsus bei Orig. c. Cels. I, 66 von der Flacht 



108 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

über war es am Platz zu zeigen, daß die Flucht nach Ägypten 
durch die Schuld des jüdischen Königs veranlaßt, aber von Gott 
geboten war und zugleich der weissagenden Geschichte Israels ent- 
sprach. Daß die Magier seiner Aufforderung, ihm von dem Erfolg 
ihres Besuchs Bethlehems Bericht zu erstatten (v. 8), nicht nach- 
kamen, erschien dem Herodes als eine tatsächliche Verhöhnung 
seiner Macht, und da er von der wirklichen Ursache ihres Fern- 
bleibens von Jerusalem (v. 12) nichts wissen konnte, mußte er an- 
nehmen, daß die Fremden ihn durchschaut und daß die Zusage des 
Gehorsams gegen seinen Befehl, an der sie es selbstverständlich 
nicht hatten fehlen lassen, einelieuchlerische gewesen sei, mit der 
Absicht, ihn zu täuschen und seine mörderischen Absichten zu 
vereiteln. Kein "Wunder, daß er in gewaltigen Zorn geriet. 
Während er gehofft hatte, durch Mitteilung der Magier den Namen 
und das Wohnhaus der Eltern des gefährlichen Kindes zu erfahren 
und dieses allein beseitigen zu können (v. 13. 20), was nur geringes 
Aufsehen verursachen konnte, wußte er nun seinen Willen nicht 
anders durchzusetzen als durch den Befehl, die sämtlichen Knaben 
im Alter von weniger als 3 Jahren ^) in Bethlehem und dessen 
Umgebung zu töten. So* gewiß dies ein Ausbruch der vor keiner 

nach Ägypten sagt, ist lediglich eine hämische Kritik der Erzählung in 
Mt 2 (s. vorhin A 95). Dies gilt aber keineswegs von der Aussage des- 
selben I, 38 cf I, 28. 46; III, 1 extr., daß Jesus „nachdem er im Dunkel 
aufgewachsen, in Ägypten als Lohnarbeiter gedient und sich in gewissen 
Wunderkünsten versucht (oder geübt) habe, von dort zurückgekehrt sei 
und sich wegen jener Wunderkünste für einen Gott aasgegeben habe". 
Hier ist nicht wie I, 66 vom Kinde Jesus, von Flucht vor einem gegen 
dasselbe gerichteten Mordplan, von einem zum zweiten Mal dem Joseph 
erschienenen Engel und vom „eigenen Sohn Gottes" die Rede, sondern an 
die Stelle der I, 66 kritisirten und verworfenen Erzählung des Mt ist die 
echt jüdische Überlieferung gesetzt. E. Elieser ben Hyrkanos (c. 80 — 120), 
welcher noch mit einem Jünger Jesu, Jakob von Kephar Sekanja, persönlich 
verkehrt und ein von diesem angeführtes, nicht in den Evv aufbewahrtes 
Wort Jesu gebilligt hat, was ihm den Vorwurf der Hinneigung zur Ketzerei, 
zum Christentum zuzog (bah. Aboda sara fol. 16^ 17*; Midrasch zu Kohel. 
1, 8 Wünsche.S. 14), hat in einer Diskussion angeführt, daß Jesus „Zauber- 
künste aus Ägypten mitgebracht durch Einritzen (der Formeln) in sein 
Fleisch" (bab. Schabbat 104''; kürzer jer. Schabbat 13'^; Tosephta ed. Zucker- 
niandel p. 126). Viel jünger ist die Überlieferung, daß Jesus mit seinem 
Lehrer Josua ben Perachja zur Zeit des Königs Jannai (a. 104—78 vor Chr.!) 
nach Alexandrien geflüchtet sei (bab. Sanhedrin fol. 107'' cf Sota 47*). Da 
dieselbe Geschichte jer. Chagiga fol. 77'' von einem namenlosen Schüler jenes 
Josua erzählt wird, und .der im bab. Talmud vorliegende Anachronismus 
bei einer wirklich alten Überlieferung sehr sonderbar wäre, so ist anzu- 
nehmen, daß der Name Jesu erst später in dies-e Geschichte eingetragen 
worden. ist, cf Laible, Jes. Chr. im Talmud S. 40 ff. — Auch Simon magus 
soll in Ägypten seine Zauberkünste erlernt haben (Clem. homil. II, 22— -24). 
•^) änb Öietovs y-ctl xaieore^M (D u. Lat xärco) „von (dem) Zweijährigen 
(anfangend) und (von da) abwärts (weitergehend)", wie 1 Öhr 27, 23 {xal 
y.dTO))-, häufiger äTiö Etxooaexovs xal litävM Ex 30, l4 ; 38, 26; Num 1, 3 — 45 
(15 mal). 



c. 2, 16-18. 109 

Gewalttat zurückschreckenden "Wut war, von welcher dieser Despot 
besonders in der letzten Zeit seiner Regierung blutige Proben genug 
geliefert hat,^) war es doch auch ein wohlberecbtigtes Mittel, seinen 
Zweck zu erreichen. Die Ausführung dieses Befehls, welche Mt 
in aTtoOTEikag ävelXev mit der Anordnung und der Absendung 
der mit der Ausführung beauftragten Personen zusammenfaßt,') 
wird dem bisher beobachteten Stil entsprechend nicht näher be- 
schrieben. Dagegen wird auch hier durch ein Citat gezeigt, daß, 
was aus Anlaß der Geburt Jesu in Bethlehem geschah, Erfüllung 
prophetischer Weissagung sei. Es kann jedoch nicht zufällig sein, 
daß Mt im Unterschied von den beiden vorigen Fällen, wo er 
solchen Nachweis gegeben bat (1, 22; 2, 15; in jeder Hinsicht 
anders geartet ist 2, 5), diesmal erstens statt tVa TthjQio&fj schreibt 
tOTS eTtkrjQCüd-r], daß er zweitens V7tÖ kvqiov wegläßt und dagegen 
drittens den Propheten mit Namen nennt. ^) Das erste und zweite 
wird daraus zu erklären sein, daß es dem Gefühl des Mt wider- 
strebte, die grausige Tat des Herodes ebenso wie die wunderbare 
Geburt des Messias und die Bergung des Kindes in Ägypten als ein 
von Gott bezwecktes und geradezu ge weissagtes Ereignis hinzustellen. 
Der Name aber des Jeremia, des tränenreichen Propheten (Jer 
8, 23; 9, 16ff. ; 13, 17; 14, 17) und Dichters der Klagelieder, ent- 
spricht der Stimmung, in welche der teilnehmende Leser durch 
V. 16 versetzt ist. Auch hier hat Mt nichts dazu getan, die ge- 
schichtliche Aussage eines Propheten in eine Weissagung zukünftiger 
Ereignisse umzuwandeln. Es ist daher dem Ausleger nicht gestattet, 
ihm einen anderen Gedanken unterzuschieben , als daß die von 
Jeremia (31, 15) ausgesagte Tatsache selbst, diese aber so angeschaut, 
wie der Prophet sie geschildert hat,^) eine Weissagung sei, welche 

*) Die Hinrichtung seiner eigenen Söhne Alesander und Aristobul 
samt 300 Anhängern Jos. ant. XVI, 11. 7; bell. I, 27, 6, später auch seines 
Sohnes Antipater ant. XVII, 7; die Tötung zahlreicher Pharisäer und ihm 
selbst nahestehender Hofoeamter XVII, 2, 4; die Verbrennung des Rabbi 
Matthias und seiner Genossen XVII, 6, 4 und der letztwillige Befehl, eine 
große Zahl vornehmer Juden, die im Hippodrom zu Jericho eingesperrt 
waren, iu der Stunde seines Todes zu erschießen XVI, 6, 5. Die Behaup- 
tung, daß alle diese Taten durch die Ermordung der Kpaben von Bethlehem 
würden überboten sein (Holtzmaun 193), ist mehr kühn als einleuchtend. 
Wir kennen die damalige Einwohnerzahl des Dorfs oder Stäiltchens Bethlehem 
nicht (oben S. 98 A 87). Bei uns kommen auf lOUÜ E. durchschnittlich 
etwa 85 — 40 lebende Knaben der drei letzten Jahrgänge. Es mag in 
Bethlehem ebensoviele Knaben unter 3 Jahren gegeben haben; vielleicht 
handelte es sich aber auch nur um 10—20 Söhne unansehnlicher Leute. 

') Cf Ap 1, 1; Gen 27, 45; Ex 9, 15; Num 20, 16; ebenso 7rt>V'«« 
Mt 11, 2; 14, 10; AG 19, 31; 20, 17. 

*) Nur unbedeutende Zeugen haben den Namen hier weggelassen, 
-während Ss 1, 22 (hier auch ScShS», D Iren III, 21, 4, viele Lat) und 2, 15 
(hier irrtümlich statt Hosea) „Jesaja" eingeschoben hat. 

") Eben dies und nicht die Worte des Propheten sind tö (ji^dir §iä 



110 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

aus Anlaß des Kindeimordes in Bethlehem in Erfüllung gegangen 
ist. Nach einer glänzenden Schilderung der Wiederherstellung des 
gesamten Israel als Gottes Volk, der Rückführung der Verbannten 
und der AViederbevölkerung des Landes, insbesondere der längst 
verödeten Gebiete des Reiches Ephraim (Jer 30, 3 — 31, 14, be- 
sonders 31, 5 f. 9 cf V. 18 — 22) wendet der Prophet sich für einen 
Augenblick wieder der traurigen Gegenwart zu mit den Worten 
(31, 15): „Eine Stimme ward in Kama gehört, ein Klagen, bitteres 
Weinen, (das ist) Rahel, die über ihre Söhne weint; sie hat sich 
geweigert, sich trösten zu lassen ; denn sie sind nicht mehr da", 
ßahel, die Mutter Josephs un3^ Benjamins, also die Ahnin der 
Stämme Ephraim und Benjamin, ward in untröstlichen Schmerz 
versetzt, als die assyrischen Eroberer ihre Nachkommen teils hin- 
mordeten, teils gefangen hinwegachleppten ; und sie ist noch immer 
untröstlich. Aber Gott spricht ihr Trost zu: „Halte ab deine 
Stimme vom Klagen und deine Augen vom Weinen ; es ist ein 
Lohn vorhanden für deine Mühe (d. h. sie soll ihre Kinder nicht 
umsonst mit Schmerzen geboren haben) ; sie werden heimkehren 
aus Feindesland". In E,ama, oder Ha-rama (heute Er-rani), etwa 
8 Kilometer nördlich von- Jerusalem, auf einem der Ausläufer des 
Gebirgs Ephraim, welches einst vom König des Nordreichs Baesa 
zur Grenzfestung gegen Juda gemacht worden war (1 Regio, 17), 
hört Jeremia das Weinen ; dort sieht er im Geist die untröstliche 
Stammesmutter stehen. Dieses hochpoetisehe Bild scheinen die- 
jenigen Ausleger nicht verstanden zu haben , welche meinten, 
Jeremia habe angenommen, daß Rahel in Rama begraben liege, 
und habe sie sich als im Grabe weinend vorgestellt. Abgesehen 
davon, daß dies schwerlich den atl Vorstellungen von Grab und 
Scheol entspricht, so ist nach Gen 35, 16—20; 48, 7 Rahel nahe 
bei Ephratha begraben worden, welches nicht nur an diesen Stellen, 
sondern auch Micha 5, 1 ; Ruth 4, 11 ; cf 1 Chr 4, 4 ; LXX Jos 15, 
59 — 60 mit Bethlehem identificirt wird.^") Ein zweites mehr 
nördlich gelegenes Ephrata anzunehmen, welches in den glossen- 
artigen Bemerkungen Gen 35, 20; 48, 7 mit dem Ephrata-Bethlehem 
in Micha 5, 1; Ruth 4, 11 verwechselt worden wäre, gibt jeden- 
falls Jer 31, 15 keinen Anlaß, wo weder vom Grabe Raheis noch 
von der begrabenen Rahel noch von Ephrata noch von einem Ort 
in der Nähe von Rama, sondern von Rama selbst und von der 
dort weinenden, also als lebend vorgestellten Rahel die Rede ist. 

'lepsfiiov. Deutlicher als 1, 22; 2, 15 zeigt dies 3, 3 ^ ^i^&els Siä 'Haatov 
sc^ äv&^conoe. Übrigens s. zu 2, 15 oben S. lüfif. 

'0) So auch die Lokall radition vom 4. Jahrhundert an bis hente (Euseb. 
Gnom. ed. Lagarde p. 252, 7— ]1; Pilger von Bordeaux, Itin. Bieros. ed. 
Geyer p. 25, 2; Hier, in Anecd. Maredscd. III, 2, 19). Ob 1 Sam 10, 2 wirk- 
lich eine abweichende Tradition über Kabels Grab vorliegt, ist hier nicht 
zu untersuchen. 



c. 2, 16-18. 111 

Dies alles gilt aber auch von Mt. Wie dieser überhaupt den 
Spruch des Jeremia sehr treu widergibt, ^^) so hat er auch die 
Ortsangabe, die er leicht wie einige Hss der LXX durch die appella- 
tive Fassung „in der Höhe" hätte verwischen können, unverändert 
gelassen. Es ist ihm also gar nicht unbequem, ein Wehklagen, 
das zur Zeit des Jeremia in E,ama sich hat hören lassen, als Weis- 
sagung auf ein Wehklagen, das zur Zeit Jesu in Bethlehem zu 
hören war, zu deuten. Daß er das etwa 8 Kilometer nördlich 
von Jerusalem gelegene Eama mit dem ebensoweit südlich von 
Jerusalem gelegenen Bethlehem, zwei zu seiner Zeit unter diesen 
beiden Namen fortbestehende Dörfer , gedankenlos mit einander 
verwechselt ; oder daß er ohne jeden Anhalt im AT und ohne jede 
Andeutung einer so wunderlichen Absicht Bethlehem bewußter- 
maßen mit Eama identificirt oder Rama für einen mystischen 
Namen von Bethlehem gehalten haben sollte, ^■^) oder daß er die 
Kinder von Bethlehem, dessen Zugehörigkeit zum Stamm Juda er 
so stark betont hat (2, 1. 5. 6), stillschweigend als Ephraimiten 
oder Benjaminiten statt als Judäer, also als Nachkommen der Rahel, 
statt der Lea (cf Gen 35, 23 f.) angesehen haben sollte : das sind 
lauter Absurditäten, zu deren ausdrücklicher Verneinung nicht der 
Wortlaut von 2, 17 f., sondern nur die Geschichte der Auslegung 
dieser Stelle Anlaß gibt.^^) Sollte Mt, was sich bei dem Mangel 
jeder Andeutung nicht beweisen läßt, aber doch möglich wäre, bei 

^'■) Obwohl der griech. Mt sich in der Wahl der Worte einigermaßen 
durch LXX beeinflußt zeigt, übersetzt er doch den hebr. Text (s. oben die 
deutsche Übersetzung desselben) viel genauer als LXX. Diese hat dujjrov 
xai y.Xavdfiov y.al obyg/tiov in Abhängigkeit von (fiovr^, ferner 'Pa/fJ. nicht 
als Apposition zum vorigen, sondern als Subjekt eines selbständigen Satzes 
mit oiy. rj&e'/.ev xtI. als Prädikat gefaßt. Diese Konstruktion hat Mt durch 
Einschiebnng eines y.ai vor oiy. ijd: ausgeschlossen. Ferner hat er cnnon ':n, 
wörtl. „Weinen der Bitterkeiten", was LXX durch zwei koordinirte Sub- 
stantive falsch wiedergibt, richtig als Stat. consti'. erkannt und das zweite 
Wort nur frei durch Tiolvi statt my.oös übersetzt. Die alte und weitver- 
breitete LA (CD KL etc., ScSs), welche unter Beibehaltung dieses no/.vs 
doch mit LXX drei Substantiva bietet [0-ofjvos y.ai vor yJ.avd-uöi) ist eben 
dadurch als ein Mischtext erwiesen. Frei von diesem Zusatz sind nBZ, 
Just. dial. 78 (Otto' p. 282), ShS'S^ Sah Kopt. Lat. — Auch im Midrasch 
zu Thren (übers, von Wünsche S. 31) wird die Stelle mit Einschluß des 
nachfolgenden Trostwortes Jer 31, 16 ähnlich wie von Mt angewandt ohne 
jede Rücksicht auf die Örtlichkeit und auf den besonderen Teil Israels, 
dessen Stammutter Eahel war. 

^*) Erst auf grund lange herrschender exegetischer Tradition konnte 
die Lokaltradition dazu gelangen, ein Rama am Wege von Jerusalem nach 
Bethlehem zu erfinden oder den Ort des Grabes Eahels Rama zu nennen 
cf Eusebius ^Onom. ed. Lagarde p. 289, 38); Antoninus von Piacenza um 570 
(Geyer p. 178, 1) und die Mo?aikkarte von Madaba. Andere, welche wie 
Dp. imperf. p. 33 die Geographie nicht meistern wollten, deuteten das tV 
'Pa/xä = in excelso d. h. im Himmel sei das Weinen gehört worden. 

") Die Bezugnahme auf Raheis Grab bei Bethlehem schon bei Just. 
dial. 78 und noch bei Holtzmann 194 ohne jeden Anhalt im Text. 



112 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

seiner Erzählung von dem, was in Bethlehem geschah, sich daran 
erinnert haben, daß nahe bei Bethlehem Rahel bei der schweren 
Geburt Benjamins ihr Leben gelassen hat und begraben worden' 
ist (Gen 35, 16 — 20), so könnte ihm diese Erinnerung höchstens 
als ein Faden der Gedankenverbindung gedient haben, welcher ihn 
von dem eben berichteten Unglück, das über Bethlehem gekommen 
war, gerade zu einer solchen prophetischen Schilderung früheren 
Leidens in Israel hinüberleitete, in welcher der Name Rahel ge- 
nannt war. Zu dem, was. Mt sagt und sagen will, würde, eine 
solche sehr äußerliche Ideenassociation jedenfalls nicht gehören. 
"Während ihm 2, 6 und 2, 15 "gerade die Identität der in der 
Weissagung und der in der Geschichte genannten Ortlichkeit be- 
deutsam erschien, ist es hier eine in der poetischen Darstellung 
des Jeremia an eine ganz andere Ortlichkeit geknüpfte Geschichte, 
deren erfüllende Vollendung Mt in der Tötung der Knaben Beth- 
lehems erblickt. Hier wie dort handelt es sich um ein beklagens- 
wertes Unglück, das die Unschuldigen mit den Schuldigen hinrafft, 
aber die Verwirklichung der dem Volk Israel gegebenen Ver- 
heißungen nur scheinbar, nicht wirklich vereitelt. Mt scheint die 
Ermordung der Knaben yon Bethlehem als das letzte Unglück 
dieser Art in der Geschichte Israels, als das letzte vor der 
Offenbarung des Messias und daher als Erfüllung des 
Jer 31, 15 geschilderten Unglücks zu betrachten. Was 70 oder 
75 Jahre später an äußerlich vergleichbarem Leid über das jüdische 
Volk, besonders über Jerusalem kommen sollte, ist ein Strafgericht 
für die Verwerfung des Messias (Mt 23, 37f.; 27, 25; 
Lc 19, 41—44; 21, 25—34; 23, 28—31). Die mitleidige Klage 
um die Hinmordung der Kinder wird nicht unterdrückt, aber im 
Zusammenhang der Erzählung liegt der Trost, daß der, um dessen- 
willen sie starben und dessen Leben dadurch vor fernerer Ver- 
folgung bewahrt wurde, eben der ist, welcher sein Volk von seinen 
Sünden retten und zu diesem Zweck dereinst freiwillig sein Leben 
hingeben sollte (1, 21 ; 20, 28). Obwohl die Geschichtlichkeit 
dessen, was Mt erzählt, zu prüfen,^*) nicht Aufgabe des Auslegers, 

'*) Nicht das Schweigen des Josephus, welches seiner grundsätzlichen 
Umgehung der Person Jesu und der ganzen von ihm ausgegangenen Be- 
wegung (cf Forsch VI, 301 — 305) entspricht, sondern die Erzählung des Lc, 
welche den Inhalt von Mt 2 auszuschließen scheint (Lc 2, 21. 22. 39), kann 
ernste Bedenken erregen. Aber weder hierüber, noch über die Anekdote 
vom Hof des Augustus bei dem Neoplatoniker Maorobius, Saturn. II, 4 ist 
das letzte Wort schon gesprochen. Die beliebte Herleitung der Erzählung 
von der Errettung des Jesuskindes aus Ex 1, 15—2, 10 cf Jos. ant. II, 9, 2 
hat außer der Wortparallele zwischen Mt 2, 20'' und Ex 4, 19 (s. folgende A) 
keinerlei Stütze im Text. Wie wenig solche Wortanklänge an atl Er- 
zählungen bedeuten, zeigen die Bemerkungen zu 1, 21; 3, 1. Nicht mit 
der Geschichte des Moses, sondern mit derjenigen Israels hat Mt die Ge- 
schichte des Jesuskindes verglichen. 



c. 2, 16—18. 19-23. 113 

fiondern des Geschichtsforschers ist, drängt sich doch auch jenem 
in Anbetracht des bisher nachgewiesenen apologetischen Charakters 
unseres Ev die Frage auf : Ist es denkbar, daß der Schriftsteller 
Mt oder daß die halb bewußt dichtende Sage der Gemeinde eine Ge- 
schichte erfunden haben sollte, welche die Geburt Jesu in Bethlehem 
als Ursache eines großen unverschuldeten Unglücks für so manches 
Haus in Bethlehem darstellt? Dadurch wüi'de dem Urteil des 
jüdischen Volks über Jesus als den Verderber seines Volks in mut- 
williger Weise neue Nahrung zugeführt worden sein, während Mt 
sich vielmehr überall beflissen zeigt, die wirkliche und seinen 
Lesern den Grundzügen nach bekannte Geschichte Jesu jenem 
Urteil gegenüber als die von Gott geleitete Geschichte des ver- 
heißenen Erlösers Israels darzustellen. 

Wie schon v. 13 in Aussicht gestellt war, wird Joseph nach 
dem Tode des Herodes, wiederum durch einen im Traum ihm er- 
scheinenden Engel, hievon benachrichtigt^^) und angewiesen, in 
„das Land Israels" zu reisen, wie Palästina hier zweimal in echt 
jüdischem Stil heißt. ^®) Nicht in „das Land Juda's (cf v. 6; 
Ruth 1, 7; 1 Sam 30, 16) d. h. nach Bethlehem soll er zurück- 
kehren, sondern nur der Gegensatz des fremden heidnischen Landes, 
in dem er mit Weib und Kind eine Zuflucht gefunden, und des 
heiligen Landes, wohin der Messias gehört, ist im Befehl ausge- 
drückt. Stufenweise wird dann das Ziel näher bestimmt. Erst 
nachdem die Reisenden den Boden Palästinas betreten haben 
{eiofikd^ev v. 21), erfährt Joseph, was im Augenblick des Todes 
des Herodes noch nicht feststand^') und daher auch nicht mit der 

^^) Der Ausdruck scheint in Erinnerung an das Wort gewählt zu sein, 
womit Ex 4, .19 die göttliche Weisang an Moses, aus der Fremde iu sein 
Geburtsland Ägypten zurückzukehren, begründet wird: hK^ TsOi'rjy.aai yäo 
TTcci'Tss Ol KrjToi'PTes aov rrji' ^'v'/Jyv. Mt, welcher nicht ohne Grund das 
TtdvTss unterdrückt, will nach v. 15. 19 unter dem Plural nur den einen 
Herodes verstanden haben. Man kann fragen, ob hier ein Majestätsplural 
vorliegt cf Jes 19, 4 (im hebr. Plural und Singular wechselnd, LXX nur 
Plural), oder ob vermöge einer Art von Zeugma Herodes, der gestorben 
ist, mit den Vollstreckern seiner Mordbefehle (v. 16), die zwar noch leben 
mögen, nun aber nicht mehr zu fürchten sind, zusammeno-efaßt ist, oder 
ein Plural der Kategorie: ..Herodes und damit die ganze Klasse der Tod- 
feinde des Messiaskindes" cf Blaß Gr. S 32, 5; Viteau, Etüde sur le Grec 
du NT (1896) p. 118 ff. 

'^) Im NT nur hier v. 20. 21, nie bei Philo u. Josephus, auch im AT 
nicht allzuhäufig 1 Sam 13, 19; 2 Chr 34, 7; Ez 40, 2; Tob 1, 4; 14, 4 Sin.: 
dagegen in Talmud und Midrasch zahllos oft, regelmäßiger Ersatz für die 
in dieser Literatur fehlenden Ausdrücke „heiliges" oder „gelobtes, ver- 
heißenes Land" cf Neubauer. Geogr. du Talmud p. 2. 

^') In seinem letzten Testament liatte Herodes dem Archelaus Jndäa 
und Samaria mit der Königswürde, dem Herodes Antipas Galiläa und Peräa 
mit dem Titel eines Tetrarchen zusjedacht Jos. anr. XVII, 8. 1; bell. I, 33. 7. 
Darnach wurde später von Augustus im wesentlichen verfügt, nur daß dem 
Archelaus vorerst nur der Titel eines Etlmarcheu gegeben und nur für den 
Zahn, Ev. d. Matth. 4. Aufl. 8 



I 



114 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

Todesnachricht zugleich in Ägypten bekannt wurde, daß Archelaus 
im südlichen Teil des herodäischen Reiches, in Judäa die Re- 
gierung angetreten habe. Gleichzeitig muß Joseph auch gehört 
haben, daß Archelaus sie bis dahin ganz in der Art seines Vaters 
geführt hatte, „um nicht für einen unechten Sohn des Herodes ge- 
halten zu werden" (Jos. bell. JI, 6, 2). Daher trug Joseph Bedenken, 
sich wieder in Judäa niederzulassen, wie er sonst getan haben würde, 
wobei vorausgesetzt wird, daß das jüdische Bethlehem vorher sein 
ständiger "Wohnsitz gewesen war. Zu diesem negativen Ergebnis 
gelangte er durch eigene Erwägung der Verhältnisse. Die Frage 
aber, in welchem anderen Teil'^es israelitischen Gebiets er nun- 
mehr seinen Wohnsitz nehmen solle, wurde ihm durch eine erneute 
göttliche Kundgebung im Traum beantwortet, aber nur so allgemein, 
daß er sich in die galiläischen Gebiete begeben solle. Daß der 
Befehl nicht speciell auf eine einzelne Ortschaft in Galiläa lautete, 
zeigt die Erzählung von dem, was Joseph daraufhin tat. Als un- 
mittelbare Folge der göttlichen Weisung wird nur das angegeben, 
daß er sich in die galiläischen Landesteile zurückzog, und als eine 
hievon zu unterscheidende neue Handlung wird die Niederlassung 
in einer Stadt mit Namen Nazareth ^^) angereiht. Warum Joseph 

Fall guter Führung der Königstitel in Aussicht gestellt wurde (ant. XVII, 
11, 4). Mt versetzt uns 2, 22 in die Zeit vor dieser Entscheidung und hat 
die blutigen Wirren gleich nach dem Tode des Herodes im Auge, wobei 
unter anderem oüOO Festpilger bei Jerusalem von den ßeiteru des Archelaiis 
niedergehauen wurden ant. XVII, 9, 3; bell. 11. 6, 2. Zumal in bezug auf 
die Zeit vor der kaiserlichen Entscheidung der Titelfrage war der Ausdruck 
ßaoikevtiv von der Eegieiung des Archelaus wohl berechtigt. Jos. ant. 
XVIII, 4, 3 cf bell. II, 6, 2 (Niese § 88-92) nennt ihn geradezu ßaaihv^, 
wie Mt 14, 9 den Herodes Antipas, obwohl ihm dessen genauer Titel be- 
kannt ist 14, 1. 

^^) Sieht man von den gleichgiltigen Variauten Na^aoed-, — aÜ; — er 
ab, so ist der Name innerhalb und außerhalb des NT's in doppelter Form 
überliefert: a) NaKaoed- (r) an allen Stellen des NT's stattlich bezeugt, 
besonders Mt 21, 11. Die älteren syr. Übersetzer ScSsS^ durch alle tvv 
konstant n-iäj. Wenn Sh m;: und S* nn-iNTs: trausskribiren nach der Eegel, 
daß S = T sei, so hat das ebensowenig zu bedeuten als die ganz unsemitische 
SchreibuDg didi für V/^aoüs in Sh. Für die Vertauschung von s und r cf 
hebr. und bibl. aram. p"7S und syr. pir, auch die Inkonsequenzen im paläst. 
Syrisch (Schultheß Lexikon p. 54) und in jüdischen Transskriptionen griech. 
Wörter Krauß, Lehnwörter I, 3. 9. Das \' in Nazareth ist nicht nur duich 
die ältere syrische Tradition und die arabische Schreibung des Namens be- 
zeugt, sondern auch durch das ausdrückliche Zeugnis des Hieron. interpr. 
hehr. nom. (Lagarde, Onom. 62, 26), sowie durch die Juden der talmudisclien 
und der späteren Zeit. In der talmud. Literatur kommt *Tf';n als Beiname 
Jesu und der Plural als Bezeichnung der Christen mehrmals vor (s. unten 
A 29). Gut bezeugt ist aber auch b) NaZapn, besonders Mt 4, 13 (n'^B*Z, 
Orig. tom, 10, 14 in Jo. 7t;v .NaKc^/a, k relicta Nazara) und Lc 4, 16 (nB* 
Orig. tom. 10, 2 in Jo. et^ Nai^a^a, vorher auch iv Na'Qdoon;). So Africanus 

bei Eus. h. e. I. 7, 14 («ttö ts NftKäi/crp xal Kio-iußa y.o)fiü>v 'lovÖaixöjv^ 

sonderbar wechselnd zwischen deklinabelem Nazara und indeklinabelem 



c. 2, 19-23. 115 

von den vielen Städten und Dörfern Galiläas gerade Nazareth zum 
Wohnsitz wählt, wird weder durch eine göttliche Weisung noch 
durch eine Andeutung besonderer Vorzüge dieser Stadt motivirt. 
Der Leser muß annehmen, daß Joseph von früher her Beziehungen 
zu Nazareth hatte und deshalb, sowie ihm feststand, daß er in Galiläa 
wohnen solle, sofort auch entschlossen war, sich in Xazareth nieder- 
zulassen.^^) So ist das Messiaskind durch eine Kette göttlicher 
Fügungen und Kundgebungen, aber auch menschlicher Erwägungen 

Kokaba), auch Eus. demonstr. VII, 2, 46 u. 50 Iv Natdoois neben indeklin. 
Su^aoa, Hieron. loc. hebr. (Lagarde Onom. 143, 16—21) untersc-heidet deut- 
lich die biblische Form yazaretk und die zu seiner Zeit ortsübliche Nazara. 
Letztere Foim wird auch durch yatcocazoi trotz der dunkleren Aussprache 
des Mittelvokals vorausgesetzt (Mt 2, 23; 26. 71; Jo 18, 5. 7; 19, 19; AG 
7— 8 mal; datür Mr 1, 24, wahrscheinlich auch 14. 67; 16. 6 und Lc, wo er 
von Mr abhängt, die latinisirende Form A"a^«ti/-iöc, in ScSsS' unterschieds- 
los Ni-iv:). — Daß Natuou eine "Vi ZQ schreibende weibl. Nebenform zu 
Xu'^aoBÜ' (r-j;:) gel (so Dalman, Gramm. S. 152), und nicht vielmehr wie 
Bethesda, Bethsaida, Golgotha, Kokaba etc. ein Stat. emphat., erscheint 
mir wenig glaublich. Es wird neben der fem. Form .— i-: icf die Ortsnamen 
ns-s, Sarei)ta Obadja 20; 1 Reg 17, 9. 10; -z- Jos. 19,' 12; 21, 28; 1 Chr 
6, 57) eine masc. Form ""j:, aram. st. emph. N-i*: bestanden haben. So ist 
neben rss (jer. Eoseh hasch. II, 2 fol. 58^ Tob. 1, 1 Vulg Sephet, heute Safed) 
auch -t(f oder .Terror üblich gewesen (Jos. bell. II, 20, 6 cf Neubauer, Geogr. 
du Talmud p. 227; Buhl, Geogr. S. 235), und umgekehrt neben vorherrschen- 
dem "Z'i:, Onkelos Num 34, 11 ; rsi'vi-auo 1 Makk 11, 67: Jos. bell. II, 20, 6; 
HI, 10, 1, renr^oaou aut. XIII. 5, 7 ist die weibl. Form fsiir^auoer {&) 
wenigstens Lc 5, 1 sicher überliefert, obwohl Sc Ss 8' hier wie überall diese 
längere Form verschmähen, wie bei Nazareth die kürzere. Cf auch das 
Verhältnis von r^" Ez 28, 13 und .-"= Ex 28, 17 (Smaragd) zu ?;: (Blitz) 
oder von r^rn (weibl. nom. propr. Gen. 26, 34; 1 Eeg 4, 15) zu :rr und =r:.. 
Von der kürzeren mask. Form -i", hebr. vielleicht n^;': gesprochen, haben 
die Rabbinen ihr ^yf:;.i gebildet, von derselben mask., nur aramaisirten und 
determinirten Form nis: (griech. Xutapu) die Zeitgenossen und Landsleute 
Jesu ihr n'-ij*: fgriech. Nu^ojoaXos). Ob in aram.- Stücken der jüdischen 
Literatur das Adjektiv erhalten ist, weiß ich nicht. Die Vokalisation der 
Peschittha si-vi entspricht nicht genau dem konstant überlieferten -Nw^woraoc, 
und Sh, bei dem an einigen Stellen z. B. Mt 26, 71 n'--: neben n^-:: über- 
Uefert ist, hat durch ersteres nur die griech. Form mechanisch transskribirt. 
'®) Wie der Leser bei t/;j 'lovöuiu; tmd dem darauf bezüglichen ey-ei 
Mt 2, 22 sofort an Bethlehem denken soll und mnü (cf v. 1. 5. 6). so deutet 
Joseph aus Gründen, die der Erzählimg des Mt nicht zu entnehmen sind 
(cf dagegen Lc 1, 26), das weitschicbtige t« utor^ t/j, fah/.aiui auf Nazareth. 
— di'ayojoeii' heilit nicht, wie dvay.uuuui v. 12, an den früheren Aufenthalts- 
ort zurückkehren, sondern sich zurückziehen, zurückweichen, so daß dabei 
ein Ziel der Bewegung nicht notwendig genannt sein muß (2, 13; 9, 24; 
12, 15; 27, 5). DalJ Furcht vor Gefahren der Grund davon ist, so daß 
dvayiooEiv synonym mit iftiytiv wird, liegt nicht im Wort, sondern ist hier 
nur aus v. 14 und wie manchmal dem Zusammenhang zu entnehmen — 
Zu it.ddiv V. 23 ist nicht th -zr-v rcduaiav ZU ergänzen; es falJt in unlös- 
barer Verbindung mit yaTcöx/joey (cf 4, 13; 8, 7; 9, lU) die Ankunft in 
Nazareth mit der Niederlassung daselbst als dem Zweck der Hinkunft zu- 
sammen. 

8* 



116 Von Bethlehem über Ägj'pten und Nazareth. 

und sogar frevelhafter Handlungen von Bethlehem, dem verheißungs- 
vollen Ort seiner Geburt, über Ägypten nach der galiläischen Stadt 
Nazareth geführt worden, von wo aus der Mann Jesus unter seinem 
Volk aufgetreten ist. Während Nazareth, wie schon die Form 
seiner Einführung andeutet (cf 26, 36; Lc 1, 26; 7, 11; Jo 4, 5 ; 
11, 54 und andrerseits Mt 2, 1; 4, 13; 15, 21; 16, 13; 20, 29), 
eine ganz unberühmte, nach Jo 1, 46 in der Umgegend sogar ver- 
rufene, in keiner Weissagung und im ganzen AT nicht erwähnte 
Stadt ist, soll doch auch die Niederlassung Josephs mit Weib und 
Kind gei'ade in Nazareth dazu gedient haben, prophetische Weis- 
sagung zur Erfüllung zu bringen. Aber welche Weissagung? In- 
dem man die Eigentümlichkeit der diesmal angewandten Citations- 
foi-mel nicht gehörig beachtete , suchte man von altersher nach 
einer Stelle des AT's, wo wenigstens scheinbar zu lesen sei, was 
man für das von Mt citirte Prophetenwort hielt: (oTi) NaCcoQalog 
xXrjdi]0€Tai.. Weil dies oder ähnliches im AT nicht zu lesen war, so 
griff man entweder zu der Annahme, daß Mt aus einer seither ver- 
loren gegangenen hl. Schrift geschöpft habe (Chrys., Bengel), oder 
man begnügte sich damit, in „Nazaraeus" einen allgemeinen Ge- 
danken zu finden, der auch im AT ausgesprochen sei. Lange be- 
mühte man sich , eine unklare Verbindung zwischen dem von 
Nazara gebildeten Heimatsnamen und dem Begriff des Nasiräers 
{l'']i) herzustellen, ^°) bis Hieronymus durch Judenchristen, welche 
selbst Nazaräer genannt wurden, sich auf das Wort "lilJ in Jes 11,1 
hinweisen ließ.^^) Man kann es nicht als eine Verbesserung dieser 
judenchristlichen Erklärung bezeichnen, wenn Neuere, um der Viel- 
heit der Propheten, auf welche Mt sich beruft, gerecht zu werden, 
mit Jes 11, 1, wo der verheißene Davidssohn bildlich als ein aus 
den Wurzeln des Geschlechtes Isai's aufsprießender Schößling (lUi) 
dargestellt wird, andere Stellen verbunden wissen wollten, wo der- 
selbe in ebenso bildlicher Rede durch das synonyme ntDlJ bezeichnet 
wird Jer 23, 5 ; 33, 15, und wieder andere Stellen, wo letzterej 

'^o) So Theoph. lat. Forsch II, 34; Tert. c. Marc. IV, 8 (unter Berufung 
auf Thren 4, 7); Orig. (Delarae IIl, 747: der stets Gotte Geweihte); EusJ 
demonstr. VII, 2, 46-51 (unter Hinweis auf Lev 21, 12, daher Nai:,(opaioa^ 
= Nat,ioaiog = Xotaröi). Später vertraten diese Ansicht noch Grotius unc" 
H. Ewald, letzterer zugleich mit der Annahme, daß Mt eine verlorene apoi 
kryphe Schrift citire. LXX haben für inj vat^eiQuio?^ vai^ii'ezog, va^eip J\iie 
13, 5. 7; 16, 17; Thren 4, 7, äyianuöi u. i^yiaofievos Amos 2i 11. 12. 6 ev^&\ 
/tei'os Num 6, 13 — 21 (hier Symmachus vat^rjoaios). Auch Jos. ant. IV, 4, 52 
IS. den Apparat von Niese); IX, 6, 1 immer vuXioaios. Selbst für einei 
richtigen Hellenisten, was Mt nicht war, lag kaum eine Versuchung vor| 
dabei an Nazareth zu denken oder umgekehrt einen Einwohner von Nazaretl 
für einen Nasiräer zu haltfen, ganz abgesehen davon, daß Jesus gar nicht 
als Nasiräer gelebt hat. 

2') Comm zu Jes 11, 1 (Vall. IV, 155; GK II, 688) cf v. ill. 3. So aucl 
z. St. als zweite Möglichkeit neben der Deutung auf Nasir = sancfws. 



c. 2, 19—23. 117 

bildliche Bezeichnung wie ein Eigenname gebraucht wird (Sach 3, 8 ; 
6, 1 2). An keiner dieser Stellen steht etwas mit dem Satz OTi 
NaCcoQalog ■/.Xrii^riOexaL auch nur entfernt Ahnliches. Es fehlt 
vor allem eine Ankündigung, wie die in Jes 7, 14; 9, 5 oder 
.Ter 23, 6 (dies dicht neben einer der zur Erklärung herangezogenen 
Stellen Jer 23, 5), daß nämlich der Verheißene irgend einen be- 
stimmten Namen tragen oder erhalten werde. Die bildliche An- 
wendung der "Worte "liJJ, "It^n, PIO^ auf den Messias enthält doch 
nicht die "Weissagung, daß der Messias eines dieser Worte als Name 
oder Beiname führen werde, geschweige denn, daß er in Nazareth 
aufwachsen und von dieser Stadt den Zunamen '"lüljn oder aram. 
2<^"1^J erhalten werde. Wenn Mt wirklich des Gedankens fähig 
gewesen wäre, daß die bildliche Anwendung des Wortes "liJJ auf 
den Messias ganz abgesehen von dem Sinn dieses Wortes, nur wegen 
des etymologischen Zusammenhangs zwischem dem Namen Nazareth 
oder Nazara und jenem Wort als Weissagung auf den Beinamen 
Jesu NattüQalog aufzufassen sei, so konnte er nicht gleichzeitio- 
in B,ücksicht auf andere Stellen des AT's, wo das mit ~|^J nur der 
Bedeutung nach, aber durchaus nicht etymologisch verwandte riölJ 
vom Messias gebraucht war, die Behauptung aufstellen, daß die 
Propheten geweissagt haben, Jesus werde der Nazarener genannt 
werden. Dieser und ähnlicher TJn glaublichkeiten würden wir über- 
hoben sein, wenn es anginge, otL Na^. xtX. nicht als Einführung 
eines wörtlichen Citats in direkter ßedeform, sondern als eine von 
Mt sehr frei gestaltete Wiedergabe verschiedener atl Weissagungen in 
Form der indirekten Bede anzusehen. Mt hätte nur sagen wollen: 
im AT sei geweissagt, daß der Messias in Niedrigkeit erscheinen 
und von seinem "V^olk werde verkannt werden ; und er hätte diesem 
Gedanken die der Geschichte Jesu entlehnte Form gegeben: die 
Propheten haben geweissagt, daß Jesus der Nazarener werde genannt 
werden. "'^■^) Aber wie konnte er erwarten', daß man seinen Ge- 
danken aus dieser anachronistischen Verkleidung erkennen werde? 
Vergleicht man die Form des Satzes v. 23'' mit den zunächst ver- 
gleichbaren Anführungen prophetischer Worte 1, 22; 2, 15, so 
ergibt sich ein dreifacher Unterschied. Erstens entspricht dem 
dortigen Yva hier o'/rwg.^^) Vergleicht man die übrigen Stellen, 

") So etwa Hofmann, Weiss, u. Erfüllung II, 64—66 unter Hinweis 
auf Jes 49, 7; 58, 1. 3; ähnlich auch schon Paulus I, 2'29f. 

2*) S. oben S. 81 Ä 52. Während es sich an allen Stellen mit ifa 
1, 22; 2, 15; 4, 14; 21, 4 (26. 56 ist nur halb vergleichbar) um ein Einzel- 
ereignis sowohl in der Geschichte Jesu als in der Weissagung handelt, ist 
es an den Stellen mit ÖTTtoi; 8, 17; 13, 35 (vielleicht auch 12. 17 so zu lesen) 
ein gewohnheitsmäßiges Handeln, eine in Beispielen geschilderte Art des 
Verhaltens Jesu, was ehier gleichfalls allgemein gehalteneu Beschreibung 
im AT entspricht. Während )'rn den direkt angestrebten Zweck ausdrückt, 
lenkt ÖTTMi den Blick auf die Art der Mittel und Wege, die zu dem viel- 
leicht gar nicht angestrebten Ziele hinführen, z. B. 2, 8; 5, 16. 45; 23, 35. 



118 Von Bethlehem über Ägypten nach Nazareth. 

wo Mt atl Citate ebenso einführt, so scheint er nicht sowohl die 
Übersiedelung nach Nazareth selbst, als den dadurch begründeten 
Zustand für etwas im AT Geweissagtes zu erklären oder doch jene 
nur als eines der Mittel anzusehen, ohne die es nicht zu derjenigen 
Erfüllung der Weissagung gekommen wäre, welche in der ev Ge- 
schichte vorliegt. Zweitens ist hier nicht ein einzelner Prophet, 
aber auch nicht eine Mehrheit von solchen, sondern die Gesamtheit 
der Propheten als das Organ genannt, durch welches Gott seinen 
in der Geschichte Jesu zu verwirklichenden Willen im voraus ver- 
kündigt hat. AVir werden an den prophetischen Teil des AT's 
oder an das ganze AT, sofern es, prophetischen Charakters ist, zu 
denken haben (cf 26, 56; 11, 13; AG 3, 18. 21. 24; Rm 1,' 2). 
Damit ist dem Leser auch bereits gesagt, daß er kein Citat zu 
erwarten habe ; selbstverständlich kein genaues in Form der direkten 
E,ede,^*) da mehrere Propheten nur sehr ausnahmsweise einmal 
buchstäblich das Gleiche gesagt haben. 2^) Dagegen spricht auch 
die dritte Eigentümlichkeit der hiesigen Berufung auf das AT. 
An den 13 Stellen, wo Mt sonst noch atl Worte anführt, um 
deren Erfüllung nachzuweisen, leitet er das mehr oder weniger 
genaue Citat durch ein zu dem Namen oder Titel des atl Schrift- 
stellers hinzutretendes XeytüV ein ; '^^) hier fehlt ein entsprechendes 
ksyarrcov. Wo dagegen sonst wie hier eine Berufung auf die 
prophetischen Schriften überhaupt vorliegt, folgt auch kein Citat, 
weder in direkter noch in indirekter Redeform. ^^) So wird das 
auch hier nicht der Fall sein. Das ori bringt wie an anderen 
vergleichbaren Stellen nicht eine Angabe des Inhalts der prophe- 
tischen Schriften, wozu die Worte Nat. '/.IrjO: auch ganz un- 
geeignet wären, sondern eine Begründung und Eiiäuterung der 
voranstehenden Berufung auf die AVeissagung der Propheten durch 
den Satz: „denn Nazaräer soll (sollte) er genannt werden." '^^) 

^*) Grammatisch möglich wäre dies; denn das recitative ihi, welches 
Gersdorf, Beiträge S. 138 ff. dem. Mt absprechen wollte, ist abgesehen von 
textkritisch unsicheren Stelleu wie b, 31; 8, 18; 21, 16; 26, 65 anzuerkennen 
7. 23; 26, 74; 27, 43. 47, wahrscheinlich auch 19, 8: 26, 72. 75. 

25) jeg 2 2— 4 = Micha 4, 1—3. Cf jedoch auch Jo 6, 45. 

28) Cf 1, 22; 2, 15. 17; 3, 3; 4, 14; 8, 17; 12, 17; 13, 35; 21, 4; 27, 9 
Siä Tov 7roof/?'jTov '/.iyourog, 13, 14 // 7Too(fr]j£ia y /Jyovoa, 15, 7; 22, 43 ley(oi\ 
cf auch 22, 31. Es vertritt Uyov geradezu'das recitative 6zi in cod. D zu 
Mt 26, 72. Beides ist entbehrlich hinter yeyganxai 2, 5; 4, 4. 6. 10. 

''-') Mt 26, 56; Mr 14, 49; Lc 24, 25-27. 44; Jo 17, 12; AG 3, 21. 24. 
Auch Mt 26, 54 ist özi ovrojg öez yerfad-at nicht Zusammeüfassung des weis- 
sagenden Inhalts der Schriften; denn abgesehen von der Parallele 26, 56 
und Mr 14, 49. könnte 6ii im Sinne von „daß" nur von einem zu al yoafni 
gehörigen, aber nicht überlieferten al Uyovaai, fxaoTVQovaai oder dgl. ab- 
hängen. Also ist oTi kausal zu fassen. 

'•'*) Über Mt 26. 54 s. vorige Aiim. Noch genauer vergleichbar ist AG 
(1, 16—17. — Der Gebrauch von ^ti- zur Einführung nicht des Eealgrundes 
f= weil), sondern einer rechtfertigenden Erläuterung (denn, nämlich), im 



c. 2, 19-23. 119 

Daß als Subjekt dieses Satzes nicht mehr, wie v. 19 — 23* be- 
harrlich, Joseph, sondern die Hauptperson der ganzen Geschichtg- 
erzählung zu denken sei, war so selbstverständlich, daß Mt nicht 
nötig fand, es eigens und genau auszudrücken. Alles, was von 
Joseph erzählt wird, hat nur Bedeutung, sofern es das Kind der 
Maria betrifft. So auch seine Niederlassung in Nazareth. Sofern 
damit gegeben war, daß das Messiaskind in Nazareth aufwuchs, 
kann man sagen, daß sie an ihrem Teil dazu gedient habe, die 
AVeissagung der Propheten vom Erlöser Israels in Erfüllung zu 
bringen ; denn von dieser Stadt hat Jesus selbst und haben seine 
Verehrer den Beinamen Nazaräer bekommen, in welchem die ab- 
lehnende Haltung der Juden Palästinas gegen Jesus und seine 
Gemeinde ihren kürzesten Ausdruck gefunden hat.-^) Es ist also 

ganzen NT nicht ungewöhnlich, auch Mt 5, 3—12. 45; 6, 5. — Der Gedanke, 
daß die Benenmmg Jesu als Nazaräer, welche zur Zeit des Mt längst eine 
geschichtliehe Tatsache geworden war, in dem durch 2, 19—23 vergegen- 
wärtigten Moment noch der Zukunft angehörte, wäre deutlicher auszu- 
drücken gewesen durch eue'/.le yäo Na^co^atos y.lrjd-rivai cf Jo 4,47; 7,39; 
11, 51. Aber dieses Imperfektum der periphrastischen Konjugation {nomen 
Nazareni erat accepturus), welches Mt nie gebraucht, kann man auch ander- 
wärts vermissen. Der iu Johannes bereits gekommene Elias wird Mt 11, 14 
gleichwohl vom Standpunkt der früheren Erwartung als d aülcov soxeadai 
charakterisirt ; von demselben 17, 11 im Futur, 17, 12 im Aorist; Em 4, 24 
vom Standpunkt Abrahams fiellei statt sfie'/.Xev. Cf übrigens Kühner-Gerth, 
Syntax I, 17H, A 2; S. 176 über Futur in Nebensätzen. Das aram. oder 
hebr. Imperfektum bereitet vollends der obigen Erklärung keine Schwierig- 

-9) Schon als Galiläer (Jo 7, 41. 52; Mt 26, 69; Mr 14, 70; Lc 22, 59), 
vollends als Bürger des verheißuugslosen und in Galiläa selbst verrufenen 
Nazareth (Jo 1, 46) stand Jesus von vornherein in ungünstiger Beleuchtung, 
sogar für seine eigenen Mitbürger und Landsleute (Mt 13. 54 ff.; Lc 4, 22 ff.). 
Daß ihm die Herkunft aus Nazareth zum Schimpf gerechnet wurde, zeigt 
der Gebrauch von 6 NaKuorjVöi mit der nachträoflichen Apposition 'Ir;oovg 
Mr 14, 67 (in Mt 28, 71 verwischt), ferner das ziemlich häufige nji;n vi» im 
Talmud (6^8 mal in den Auszügen von Dalman hinter Laible, Jesus im 
Tahnnd S. 7* — 15* mit den Kandlesarten); sodann die Übertragung dieses 
Gentilnamens auf die ganze christliche Gemeinde AG 24, 5; bab. Taanith 
27'' (in einigen Ausgg. gestrichen s. Levy u. Jastrow s. v.). Auch der 
Name eines augeblichen Schülers Jesu Nezer, welcher sich auf Jes 11, 1 
beruft, aber auf Jes 14, 19 verwiesen wird (bab. Sanhedriu 43°), ist be- 
zeichnend. Die Versicherung des Hieronymus fzu Jes 5, 18f. : 49, 7: 52,4: 
Arnos 1, 11; Vall. IV, 81. 565. 604; VI, 235 cf Epiph. haer. 29, 9), daß die 
Juden die Christen in ihren Synagogen unter dem Namen der Nazaräer zu 
verfluchen pflegen, ist ohne ausreichende Gründe (auch von mir GK H, 663) 
beanstandet worden. Nach der neuerdings bekannt gewordenen palästi- 
nischen Recension des Achtzehngebetes hei(it es in dem berühmten 12. Ab- 
satz: „und die Nozrim und die Minim mögen plötzlich vergehen; mö^fen 
sie ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und nicht mit den Ge- 
rechten angeschrieben sein" (Dalman, Worte Jesu S. 3(i0f. auch A 9 und 
cf die babyl. Recension S. 303). Für die starke Verbreitung dieser Be- 
zeichnung der Christen bei den Juden des Orients zeugt auch der gleiche 
Sprachgebrauch der Muhammedaner. 



120 Der Täufer. 

für die Geschichte Jesu unter seinem Volk nichts weniger als 
gleichgiltig, daß er in Nazareth statt in Bethlehem oder Jerusalem 
aufwuchs. Ist es andrerseits, wie Mt hier als bekannt voraussetzt, 
ein wesentlicher Zug in dem prophetischen Bild vom Messias, daß 
derselbe unscheinbar auftreten und von seinem eigenen Volk werde 
verkannt werden, ^*^) so konnte Mt auch durch den Hinweis auf die 
Bedeutung, welche das Aufwachsen Jesu in Nazareth für das Ver- 
hältnis Israels zu ihm nachmals gewinnen sollte und wirklich ge- 
wonnen hat, seine Behauptung begründen, daß die Niederlassung 
Josephs gerade in Nazareth kein Zufall, sondern eine Fügung Gottes 
gewesen sei, welche einerseits Zwar dazu beigetragen hat, Jesum 
zu einem Skandalen für sein Volk zu machen, andrerseits aber auch 
dazu gedient hat, die geschichtliche Erscheinung Jesu der richtig 
verstandenen atl. Weissagung entsprechend zu gestalten. Der Aus- 
druck des Gedankens, womit Mt den ersten in sich gleichartigen 
Abschnitt seines Werks abschließt, ist, wie die Geschichte der Aus- 
legung zeigt, nicht unmißverständlich geraten, man kann zweifeln, 
ob nur infolge übermäßiger Treue und Ungeschicklichkeit, oder 
auch infolge eines Mißverständnisses des Übersetzers. 

II. Der Vorbote und die ersten Schritte des Messias 
3, 1-4, II. 

1. Der Tauf er 3, 1 — 12. Während alles bis dahin Erzählte 
durch die Vei'kettung der Tatsachen selbst sowie durch die Form 
der Verbindung der einzelnen Stücke als ein zusammenhängendes 
Ganzes von Ereignissen sich darstellte, werden wir durch kv lalg 
fifj.€Qaig iv.tivaiq, wahrscheinlich obne ein überleitendes öe,^) in 
einen etwa 30 Jahre späteren Zeitpunkt versetzt und doch zugleich 
in der Vorstellung der Zeitlage, wie sie durch 2, 23 gezeichnet 
war, festgehalten. Während Jesus noch in der Verborgenheit des 
galiläischen Städtchens lebt, wohin seine Eltern ihn als Kind ge- 
bracht haben, tritt Johannes der Täufer auf. Die Ähnlichkeit mit 
Ex 2, 11, wo mit den gleichen Worten von der Unterbringung deg 
Kindes Moses am Hof der Pharaonen zu der Zeit fortgeschritten 
wird, da er, nach der Tradition 40 Jahr alt (AG 7, 23), in die 
Geschichte seines Volkes eingriff, wird um so weniger als zufällig 

*") Diese Anschauung wird 4, 14 ff., besonders aber durch die den 
Schilderungen des Knechtes Jahve's in Jes 4U — 66 entnommenen Citate 
8, 17; 12, 17—21 ausgedrückt. 

^) Das durch nBCU/' bezeugte 8e wurde leichter zugesetzt als ge- 
strichen und hat gegen sich außer der Masse der Uuc u. Min die ältere 
Tradition im Occident (Dbdft'giq Hil. u. vor allem k) wie im Orient (Ss) 
sowie die Analogie von 11, 25; 12, 1 ; 13, 1 ; 14, 1 ; 18, 1 (hier wiederum von 
den ägyptischen Zeugen B Sah Kop zugesetzt); 20,55. Formell wäre da- 
her 2 Eeg 20, 1 ; Jes. 38, 1 noch vergleichbarer wie Ex 2, 11, 



c. 3, 1-6. 121 

zu betrachten eein, als wir schon zu 2, 20 an die Erzählung von 
Moses Ex 4, 19 erinnert wurden.-) Mt erzählt absichtlich im Ton 
der atl Geschichte. Um so wunderlicher erscheint die Meinunsr, 
daß er die uns fremdartige Zeitbestimmung ungeschickter AVeise 
aus Mr 1, 9 entlehnt habe,^) was doch nur dann denkbar wäre, 
wenn er sie an der entsprechenden Stelle der Erzählung, also 3, 13 
angebracht hätte, wo sie aber andrerseits auch nichts Auffälliges 
hätte und daher auch keiner besonderen Erklärung bedürfte. Als 
eine den Lesern unter diesem Namen und Titel bekannte Persön- 
lichkeit wird Joh. der Täufer eingeführt.^) Da weder Ausgangs- 
noch Endpunkt seines Kommens angegeben ist (2. 1; 3, 13), so be- 
zeichnet naouyivi.'iaL wie Lc 12, 51 und sonst toyiod^ai Mt 5, 17; 
10, 34; 11, 18 f. das Auftreten auf dem Schauplatz der Geschichte, 
Ton letzterem nur etwa dadurch unterschieden, daß durch nagayi- 
veod-UL die Vorstellung des Eintreffens, Ankommens im Gegensatz 
zu der vorangehenden Erwartung erweckt wird (Hb 9, 11 ; Mr 14, 43). 
Da schon der Beiname des Joh. an sein Taufen erinnert hat, kann 
die Tätigkeit, mit welcher er auftrat, um -so unbedenklicher als ein 
Predigen bezeichnet werden, wie anderwärts ebenso einseitig als 
ein Taufen (v. 11 ; 21, 25). "Wenn Mt als Schauplatz seines 
Predigens und somit seines gesamten Wirkens die "Wüste Judäas 
nennt , so ist das als geographische Angabe sehr ungenügend, 
mindestens der Xäherbestimmung aus v. 5 f. und anderen Stellen 
sehr bedürftig. "Wenn man dagegen im Auge behält, daß in c. 2, 
besonders 2, 22 der Gegensatz zwischen Bethlehem und Xazareth 
als ein Gegensatz zwischen Judäa und Galiläa kenntlich gemacht 
und betont worden ist, wird man die gleiche Absicht auch hier 
nicht verkennen dürfen. In Judäa wirkt der Täufer, ohne mit 
seiner Taufe und Predigt je nach Galiläa zu kommen. Der von 
Galiläa zu ihm kommende Jesus dagegen tritt nach der Verhaftung 
des Joh. mit der gleichen Predigt in Galiläa auf (4, 12 — 17; 
3, 13). Unter midbar Miuda (nur Jude 1, 16; Ps 63, 1 so genannt) 
verstand man die wüstenartige Gegend zwischen dem Hauptkamm 
des judäischen Gebirges und dem Toten Meer, soweit dieselbe im 
Stammgebiet Judas lag. Da aber die Gegend nördlich davon 



2) S. oben S. 118 A 15. — Den pedantischen Zusatz der LXX Tau 
TioD.ais zu T. i;u. hat Mt ebenso wie Onkelos für überflüssig gehalten. 

3) So früher Holtzmann (Die Synopt. Evv lb63 S. 172;, im Handk. S. 195 
nicht wiederholt; auch Weiß Mt S. 100 f. findet dies nicht mehr wahrschein- 
lich und nimmt statt dessen an, daß die augeblich von Mt benutzte „apostol. 
Quelle" mit diesen Worten begonnen habe. Die Bemerkung, daß die Zeit- 
bestimmung „ganz in der Luft schwebe" (Wellhausen"), trifft unseren Mt 
ebensowenig wie den Vf von Ex 2. 11. sondern lediglich den Kritiker, weh her 
das wohlgeordnete Buch zerpflückt, anstatt es im Sinn des Vfs zu deuteu. 

■*) Cf Jos. ant. XVIII, 5, 2 'Jtoäirov tov irny.a/.ovtih ov ßamtOTOi. EbeuSO 

Herodes der König und der Tetrarch Mt 2, 1; 14, 1. Anders Jo 1, 6: Lc 
1,5; 3,2; cf Mt9, 9. 18; 27,32. 



122 Der Täiifer. 

wesentlich den gleichen Charakter an eich trägt und sich weiterhin 
im unteren Jordantal d. h, in der Araba,^) dem heutigen Ghor, 
gleichartig fortsetzt, so paßt der Ausdruck des Mt auf dieses ganze 
Gebiet , soweit es zu dem Judäa seiner Zeit gehörte. In das 
Jordantal werden wir durch v. 5 f. gewiesen ; und wenn der Täufer 
eine Zeit lang seinen Standort am östlichen Ufer des Flusses, also 
nicht in Judäa, sondern in Peräa (Jo 1, 28), im Herrschaftsgebiet 
des Herodes Antipas (Mt 14, 3) gehabt hat, so war das für Mt 
kein Grund, einen anderen und jedenfalls umständlicheren Aus- 
druck zu wählen ; denn das Gebiet an beiden Ufern des Jordan ist 
eine einzige „Araba", und die tJngenauigkeit des Ausdrucks ist 
keine größere, als wenn jenes Bethsaida = Julias, das auf der öst- 
lichen Seite des Jordan im Gebiet des Tetrarchen Philippus lag, 
zu Galiläa gerechnet, wurde (Joh 12, 21; Ptolera. V, 16, 4). Hat 
aber Joh. eine Zeit lang nicht am Jordan oder auch nur in dessen 
Nähe, sondern im inneren Judäa und zwar wahrscheinlich im Süden 
des Landes gewirkt (Jo 3, 23) , so war der Ausdruck „in der 
judäischen Wüste" hier, wo der Schauplatz der gesamten Wirksam- 
keit des Täufers kurz beschrieben werden sollte, um so mehr am 
Platz. Wie Mt hier, von unerheblichen Veränderungen und wech- 
selnden Einzelheiten absehend, das Ganze der geschichtlichen Er- 
scheinung in grobem Umi"iß zeichnet, so faßt er auch alles Predigen 
des Täufers in einen einzigen, von ihm selbst geschaffenen und, 
abgesehen von der Wiederholung in 4, 17, im ganzen NT nur hier 
zu findenden Satz zusammen.^) Ohne die Leute, denen seine Predigt 
gilt, zu charakterisiren, also an alle, die ihn hören wollen, an das 
gesamte Volk ohne Unterschied richtet Joh. die Aufforderung, die 
Denkweise zu ändern, und begründet diese Forderung durch die 
Versicherung, daß das Königreich der Himmel nahe gekommen sei. 
MtravOElv, in LXX zumeist Übersetzung von Dnj „E,eue empfinden, 
seine Meinung ändern", anderwärts auch für 2W „sich bekehren",') 

'^)I)^?,, 17; Jos. 11, 2; 2 Reg 25, 4. Cf Jos. bell. III, 10, 7 a. E.; IV. 
8, 2; ant. XVI, 5, 2 a. E. Die Gegend um Jericho und das nördlicher ge- 
legene, aber auch noch zu Judäa gerechnete Gebiet von Phasaelis waren 
Oasen in der Wüste. Dabei ist jedoch zu erinnern, daß unter nniD und 
dem synonymen na-ij?. nicht eine Sandwüste, sondern ein unkultiviertes, an 
naensclilichen Wohnsitzen armes, vielfach aber zur Viehweide ganz geeig- 
netes Land zu verstehen ist. Cf überhaupt Buhl, Geogr. S. 17 ff. 961. 
111 ff. In der talmudischen Literatur wird Juda in dem weiteren Sinn von 
Judaea gebraucht, wonach z. B Jericho und Lydda dazu gehören Mischna. 
Schebiith IX, 2 cf Neubauer, Geogr. p. .59 f. Der griech. Mt, welcher Juda 
und Judaea zu unterscheiden weiß (2, 1. 6), hat hier passend 'lovSaiaa gewählt. 

*) Das die direkte Rede einleitende X/:ya>t^ (v. 2) ist nur von nB Sah 
Kop und einigen jüngeren Lat nach Analogie von 1, 20. 22; 2, 2. 13. 15. 
17. 20 ohne das hinter rrjovoarov ungern entbehrte y.ni überliefert. 

') Dem hehr. 2ü> nS Sir 48, 15 entspri( ht oi /isieiorioev cf 17, 19; Jesus 
nennt Mt 12, 41 (cf 11, 21) fteinroETv, was Jona 3, 8. 10 Umkehr (ot^) vom 



c. 3, 1-6. 123 

ist an sich kein religiöser Begriff, sondern bezeichnet jede Änderung 
des roelv, des Denkens und der gesamten Tätigkeit des vovg, jede 
Änderung der Sinnesrichtung. Mau könnte „umdenken" übersetzen, 
wenn man das Denken nicht einseitig als einen intellektuellen 
Vorgang vorstellen, sondern die, sei es voi'übergehende, sei es 
stetige B/ichtung des "Willens, die Absicht und die Gesinnung 
mithinzurechnen wollte. Daß es sich um die Gedanken, Absichten 
und Gesinnungen der Zeitgenossen in religiöser und moralischer 
Beziehung handelt, ist durch die Persönlichkeit und die sonstige 
Rede des Volksredners verbürgt. Wie bei allen "Worten, die eine 
Veränderung ausdrücken, überwiegt auch bei (.leravoelv die Vor- 
stellung der Abwendung vom bisherigen Zustand oder Verhalten,^) 
während in dem synonymen kitLOTQicpeiv die Zuwendung zu dem 
Neuen stärker hervortritt, obwohl in der Tat das Eine von dem 
Anderen nicht getrennt zu denken ist. Gerade der völlige Mangel 
jeder Näherbestimmung des Rufs utTavoElxe will sagen, daß nach 
dem Urteil des Job, die gesamte Denkweise und Lebensrichtung 
seiner Zeitgenossen auf falsche Bahnen geraten und daher unhaltbar 
sei. Hierin bei sich selbst Wandel zu schaffen, ist jetzt für jeden 
Israeliten darum eine unaufschiebbare Pflicht , weil in nächster 
Zukunft die große "Umwälzung der Dinge eintreten wird, welche das 
Kommen der ßaoüeia zwv ovQavCov mit sich bringt. Dieser von Mt 32 
oder 33 mal gebrauchte Ausdruck ^j findet sich außerdem vielleicht 

bösen "Wege heißt. Jes 46, 8f. ist das Verhältnis des hebr. und des griech. 
Textes unklar. Sonst überall ist fiexavoeiv = cn; (14 mal in LXX), welches 
jedoch manchmal auch durch /ueTafis/.siod-fu wiedergegeben wird (z. B. 1 Sam 
15, 35; Ps 110, 4j. Jos. vita 4 gebraucht fitTurotif von Änderung der poli- 
tischen Parteisteilung, c. 66 lußetv fierdfoiai' vom Aufgeben des bewaffneten 
AViderstandes. Andrerseits finden wir /neTdioiu = usratn/.F.ia als Be- 
dingung des ao}d-r]vcu beinah schon im Sinn des NT's Ceb. tab. c. 10. 11. 'ib. 
Luthers „Baße tan" ist Übersetzung nicht des Originals, sondern des wenig 
zutreffenden poeiiitentiam agere der Vulg (so Mt 3, 2 schon vor Hier, nach 
cod. abg\ dagegen k hier wie Mr 1, 15 auch Vulg poenitemini). Diese 
lat. Eedensart (Plin. epist. VIT, lOj heißt: die Eeue oder Meinungsänderung 
znm Ausdruck bringen, darstellen. Trefflich dagegen Tert. c. Marc. II, 24 
in graeco sono poenitentiae nomen non ex delicti confessione, sed ex animi 
demutntione compositum est. 

«) Cf die häufige Konstruktion mit «.tö Jer 8, 6 LXX; AG 8, 22; Hb 6, 1 
und ix Ap 2, 21f.; 9, 20f.; 16. 11, selten mit sh AG 20, 21; 2 Tm 2, 25. Die 
Zuwendung znm Guten wird daneben durch iriiaioiiftiv^ mo-ievEiv, -niarn 
ausgedrückt AG 3, 19; 26, 20; Mr 1, 15; Hb 6, 1. Das atl 3:a> umfaßt beides 
und erträgt gleich gut die Konstruktion mit "jö (1 Reg 8, 35; Jer. 23, 14; 
Sach 1, 4) und mit =?.s (1 Sam 7, 3: 1 Reir 8, 33; Jer 4, 1). 

®) Zweifelhaft ist der Text Mt 19, 24. — Jo 3, 5 würde unbedingt mit 
N* täiv oionvöjv zu lesen sein, wenn nicht die Schriftsteller, die es bezeugen, 
einer Beeinflussung durch Mt 18, 3 verdächtig wären cf jedoch GK I, 523 ö. 
— Auch das Hebräerev hat regniim coelorum Frg. 10 GK II, 694. Ganz 
anderer Art ist die Vorstellung in 2 Tm 4, 18. Seit der Erhöhung Christi 
liegt der Schwerpunkt des von ihm gestifteten Reichs im Himmel (Phl 3, 20 
und richtet sich dorthin das Streben der lebenden (Kl 3, If.) und die Hoff- 



124 Der Täufer. 

noch Jo 3, 5, sonst nirgends im NT. Daß damit dieselbe Sache 
gemeint sei, wie mit dem auch von Mt zuweilen gebrauchten ßao. 
Tov &€0ü,^^) ergibt sich ohne weiteres aus der Vergleichung der 
mehrfach überlieferten , abgesehen von der Vertauschung dieser 
beiden Ausdrücke, gänzlich oder wesentlich identischen Sprüche. ^^) 
Daß Mt jenen, in den Sprachgebrauch der ev Predigt und Literatur 
der heidenchristlichen Gemeinden nicht übergegangenen Ausdruck 
bevorzugt, und daß er ihn dem Täufer in den Mund legt, muß 
mit der allgemeinen Abzweckung seines Buchs zusammenhängen, ist 
aber nicht zu bestimmen ohne näheres Eingehen auf den Begriff 
der ßao. t. ovq. und der ßao. x.'^toO überhaupt. Es scheint aber 
nicht überflüssig, im voraus zu bemerken, daß im gemeinen wie 
im biblischen Gebrauch von ßaGikela zwei Hauptbedeutungen zu 
unterscheiden sind, eine abstrakte, welche die ursprüngliche, in der 
älteren klassischen Literatur durchaus vorherrschende ist, und eine 
konkrete. Es heißt 1) das Königsein, die königliche Regierung, 
Herrschaft, Würde, auch das Königtum als eine besondere Art der 
Staatsregierung und 2) das Königreich, das von einem König 
beherrschte Gebiet oder auch Gemeinwesen.^^) Erstere Bedeutung 

nung der sterbenden Christen (Phil, 23; 2 Kr 5, 1 — 9). Der populäre Ge- 
brauch von ,.Himmelreich" zur Bezeichnung des jenseitigen Wohnorts Gottes 
und Christi, der Engel und der selig Gestorbeneu kann sich auf 2 Tm 4, 18 
stützen. Diese Vorstellung ist aber aus Mangel an geschichtlichem Ver- 
ständnis von jeher auch in die Auslegung der Predigt des Täufers und 
Jesu eingetragen worden. So von Chrys. p. 142 „er gedenkt des Himmels 
und des dortigen Köniereichs und sagt weiterhin nichts von der Erde". 

'0) Mt 6, 33; 12, 28; 21, 31. 43; vielleicht noch 19, 24. Dazu kommt 
ßaa. rov naroös 6, 10; 13, 43; 26, 29 cf 25, 34; aueh Reich Christi 13. 41; 
16, 28(?); 20,21. Endlich die dem Mt eisfentümlichen Verbindungen tö 
sdayythov 4, 23; 9, 35; 24, 14, ö I6y0£ 13, 19, ol vlo't trjs ßao. 8, 12; 13, 38, 
ZU welchen lov deov allemal sich von selbst supplirt. 

11) Mt5, 3 = Lc6, 20; Mt 13, 11 -=Mr 4, 11 ==Lc 8, 10; Mt 11, 11 = 
Lc7, 28. 

1^) Cf Bildungen wie Sovlsia, ösaTiorsla, fjyefiovin, vTia-rsia. Für die 

abstrakte Bedeutung in ihren mannigfaltigen Schattirunsfen cf aus der 
griech. Bibel Num 21, 18; 1 Sam 10, 16; 11, 14; 15, 28; 28,1?; 1 Eeg 2, 22; 
2Keg24, 12; 25, 1; Jesl, 1 ; Hosea 1, 4; Dan 4, 28; lChr29,30; 1 Mkk 1, 10. 
— Lc 1, 33; 19, 12. 15; AG 1, H; 1 Kr 15, 24; Ap 17, 12. 17. Für die kon- 
krete Bedeutung Gen 10, 10; Deut 3, 21; 1 Sam 10, 18; Jes 23, 17; Dan 5, 7; 
Esra 1, If. — Mt 4, 8; 12, 25; Hb 11, 33. — Im älteren Hebräisch haftet 
die abstrakte Bedeutung vorwiegend an nsi'jD 1 Sam 10, 16. 25; 11, 14; 
Ps 22, 29; Obadja 21, die konkrete an nsSea Gen 10, 10; 20, 9; 1 Sam 10, 18; 
Amos 6, 2; auch noch 1 Chr 29, 30 neben jenem mit deutlicher Unter- 
scheidung. Das jüngere noS», aram. o'jd, sno'?» hat unterschiedslos beide 
Bedeutungen cf Dan 1, 1 ; 4, 28; 1 Chr 12, 23; Esra 4, 24 einerseits, Dan 9, 1 ; 
2 Chr 11, 17; Esther 5, 3. 6 andrerseits. Daß Luther im NT ohne Unter- 
scheidung der Bedeutungen durchweg Reich Gottes, Himmelreich, niemals 
Herrschaft, Regierung übersetzte, ist im älteren deutschen Sprach- 
gebrauch begründet, aber doch zu bedauern, wie auch daß er nur ganz 
ausnahmsweise den Gedanken der königlichen Herrschaft zu hörbarem 
Ausdruck gebracht hat z. B. Lc 1, 33. 



c. 3, 1-6. 125 

hat das "Wort nicht nur da, wo es geradezu die Regierung be- 
zeichnet, die der König ausübt, oder die regierende Stellung, die 
er einnimmt, oder die Würde, womit bekleidet er auftritt, '^j oder 
die tatsächliche Herrschaft und Gewalt, die einem zufällt,^*) sondern 
auch da, wo vom Herankommen oder Eintreten der ßcxoiksla die 
Rede ist.^'^) Die konkrete Bedeutung ergibt sich von selbst da, 
wo die ßaa. als ein Gebiet vorgestellt wird, in welches man ein- 
tritt oder von welchem man ausgeschlossen wird.^*^) Von da aus 
ergibt sich auch die Übertragung auf das von dem König be- 
herrschte Gemeinwesen und die Genossenschaft seiner Untertanen.^') 
In der Natur der Sache liegt es, daß die eine Bedeutung manch- 
mal fast unmerklich in die andere übergeht ; denn wo immer einer 
die Regierung als König wirklich angetreten hat, gibt es auch ein 
Königreich. ^'''^) Regierende Könige ohne Land und Leute gibt es 
nicht. Nach dem AT ist Gott einerseits König der ganzen von 
ihm geschaffenen Welt, andrerseits König Israels. Der Ausleger 
des NT's, dessen Schriftsteller ebenso wie die von ihnen redend 
eingeführten Israeliten das AT als eine in allen Teilen gleich maß- 
gebende Offenbarungsurkunde betrachteten, hat keinen Anlaß zu 
untersuchen, welcher dieser beiden Gedanken der altere sei, und 
wie sich der eine aus dem anderen entwickelt habe. Es wäre nur 
etwa zu erinnern, daß an sehr in die Augen fallenden Stellen wie 
Ex 19, 5 — 6 das Verhältnis, welches sich Gott als König zu seinem 
Volke gibt, auf seine die ganze Welt umfassende Herrschaft 
gegründet wird, und daß alles, was Gott tut, um sein besonderes 
Verhältnis zu Israel zu begründen, zu fördern und zu vollenden, 
als ein Schritt zur Herstellung seiner königlichen Herrschaft über- 
haupt , seiner Weltherrschaft dargestellt wird.^®) Nachdem das 
menschliche Königtum, welches zuerst mit der Königsherrschaft 

13) Mt 16, 28 (cf Esther 5,1 n-3=?ö königliches Gewand); Lc23, 42; 
Mt 20, 21 [er T/7 ßao. aov = kv reo ßaoü.evEiv oe); Lc 22, 30. 

»*) Obadja 21; Ps 22, 29; Dan 7, 18 22. 27; Lc 12, 32; Ap 11, 15; 12, 10. 

'■^ Mt 3, 2: 4. 17; 10, 7; Mr 1. 15; Lc 10, 9 (cf 21, 8) iiyyi^av, Mt 12, 28; 
Lcll, 20 ey^-afffr, Mt6, 10; Mr 11, 10; Lcll, 2; 17,20; 22,18 (cf auch 
Micha 4, 8) eoyead-ni,^ Lc 19, 11 änatfaivEod^ai, diesem entsprechend auch iSett- 
ifiv ß. im Sinne des Erlebens Mr 9, 1 ; Lc 9, 27; Jo 3, 3. 

1») Mt 5, 20; 7, 21 ; 18, 3; 19, 23f ; Jo 3, 5; AG 14, 22 elaio-/ea^ni, da- 
hin gehört die Vorstellung vom Verschließen Mt 23, 13; 25, 10 f., vom Hin- 
ausgeworfenwerden Mt 8, 12; 13, 41. 

'') Ps 79, 6 (edvri=^ ßanit.eUtL): Ex 19, 6 (Israel eine aus lauter Priestern 
bestehende .-?^s;o und ein heiliges Volk). Nach letzterer Stelle (in richtigerer 
Übersetzung als LXX und 1 Pt 2, 9) der ursprüngliche Text (ßaailtiav) von 
Ap 1, 6; 5, U). So auch Mt 13, 41; 1(5, 19. 

i'*) Während Mt 12. 25 f. ßaa. das vom Satan beherrschte Gemein- 
wesen bezeichnet und daher mit ttöIh und o\-/.i<i wechseln kann, wird doch 
12, 28 von der ßao. r. deov als dem jetzt eino^etretenen Weltzustaud geredet. 

'«) Es 15, 18; Jes 24, 21—23; 52,7—10; Obadja 21; P3 22, 28f.; 47, 
2—10; Sach 14, 9 ff. 



126 Der Täufer. 

Gottes in Israel unverträglich erschien (Jude 8, 23 ; 1 Sam 8, 7), in 
David und seinem Geschlecht sich mit dieser vermählt hat, ja zu 
einer sichtbaren Darstellung der Gottesherrschaft in Israel geworden 
ist, gilt auch von diesem Reiche Jahve's und seines Gesalbten, daß 
seine Grenzen schließlich nicht enger sein können als die der Welt 
(Ps 2, 8; 47, 2—10 ; 72, 8 ff.). Aber die Entwicklung der Sonder- 
herrschaft Gottes über Israel bis dahin, wo sie mit der zur vollen 
Wahrheit gewordenen Weltherrschaft Gottes zusammenfällt, voll- 
zieht sich nicht auf dem geraden Wege allmählicher Steigerung. 
Das davidische Königtum und damit die irdische Verkörperung der 
Gottesherrschaft wird zerstört, uitt auch nach dem Exil nicht wieder 
aufgerichtet zu werden. Der Gedanke einer in Israel gegründeten, 
an das davidische Haus geknüpften, aber zuletzt alle Völker um- 
fassenden Königsherrschaft Gottes ist nicht aufgegeben, aber er 
mußte eine andre Gestalt annehmen, seitdem sein irdisches Substrat 
vernichtet war. Gott hat sich vor seinem Volk verborgen und 
sein königliches Walten hat sich in die Unsichtbarkeit des Himmels 
zurückgezogen. Zu einer Wiederaufnahme des abgerissenen Fadens 
der Geschichte Israels und zur Erfüllung der alten, dem Volk und dem 
Königshaus gegebenen Verheißungen kann es nicht anders kommen, 
als so, daß Gott ,, vom Himmel darein sieht", ja „den Himmel 
zerreißt und herabfährt", wieder zu seinem Volk kommt, allem 
Fleisch auf Erden sich sichtbar macht und wieder wie in den An- 
fangszeiten der israelitischen Geschichte durch Erweisungen seiner 
Obmacht über die Welt zu seinem Volk sich bekennt.^'*) Diese 
Erwartung veranschaulicht im Traumgesicht Nebukadnezars der 
vom Berge ohne Menschenhände sich losreißende, das Bild der 
Weltmonarchien zertrümmernde, lawinenartig anwachsende und die 
ganze Erde einnehmende Stein. Fast deutlicher als die Deutung 
sagt es das Bild selbst, daß das durch diesen Stein abgebildete 
Königreich im Unterschied von den vorangegangenen Weltreichen 
nicht durch eine natürliche Fortentwicklung der irdischen Verhält- 
nisse oder durch menschliche Anstrengungen, sondern durch ein 
Eingreifen Gottes vom Himmel her zu stände kommen werde. '^*^) 
Es ist nicht weniger, sondern in viel vollständigerem Sinne wie die 

^*) Aus dem vor allem in Betracht kommenden zweiten Jesajabuch 
seien hervorgehoben 40, 3-11; 4H, 15; 44, 6; 52, 7; — 55, 3; — 63, 15. 19. 

20) Dan 2, 34 f. 44 f. Wenn Gott auch sonst öfter „Gott des Himmels" 
oder „im Himmel" genannt wird Dan 2, 19. 28 und gerade auch da, wo er 
als der Verleiher aller menschlichen Herrschermacht betrachtet wird 2, 37, 
so ergibt sich doch das oben Gesagte aus dem Gegensatz von 2, 44 zn der 
BescLreibung des Aufkommens der Weltmonarchien v. 39 ff., ferner aus dem 
mehrmali^-en „ohne Hände" v. 34. 35. — Die nationale Gebundenheit des 
Eeiches, 2, 44 mehr vorausgesetzt, ist deutlicher 7, 22. 27 au.^gesprochen. 
Die Bemerkung Lightfoots hör. 213 Desumitur haec phrasiologia „regnnm 
coeloruiH^ a Daniele c. 7, 13, 14 (cf v. 27; 1 Kr 6, 2) ist ein wenig kurz 
und grob, aber richtiger als vieles neuerdings Gesagte. 



c. 3, 1—6. 127 

vorangegangenen großen Weltmonarchien ein die ganze "Welt um- 
fassendes Königreich; es ist auch wie jene ein Weltzustand, in 
welchem ein Volk der Inhaber der Herrschaft über die anderen 
Völker ist, nämlich „das Volk der Heiligen des Höchsten", die Ge- 
meinde Gottes, das Volk Israel (Dan 7, 22. 27 cf 2, 44). Aber es 
ist zugleich, seiner Entstehung entsprechend, die endgiltige könig- 
liche Herrschaft Gottes über die Welt. In diesem Anschauungs- 
kreis wurzelt auch der von Mt so sehr bevorzugte Name der Gottes- 
herrschaft fj ßaa. rCbv OvgavCüV. Da derselbe in der Literatur 
des Talmud und des Midrasch ziemlich häufig vorkommt ^^) und 
selbstverständlich nicht infolge Entlehnung aus dem Mtev sich 
dort eingebürgert hat, so wird ihn der Täufer, wenn anders schon 
er ihn gebraucht hat, auch nicht neu geschaffen, sondern dem 
jüdischen Sprachgebrauch seiner Zeit entnommen haben. Es ist 
aber höchst unwahrscheinlich, daß wir den mit diesen Worten aus- 
gedrückten Begriff aus den Aussprüchen der E,abbinen der Zeit 
nach a. 70 und deren sehr viel späteren Aufzeichnungen sicherer 
bestimmen können, als aus den ßeden des Täufers und Jesu. Wenn 
jene von D^ÖB' mD7Ö redeten, so mögen sie den Wortsinn, der 
doch sicher der ursprüngliche gewesen ist,^-) gar nicht mehr 

^^) Cf außer den alten Sammlungen bei Lightfoot p. 212 f., Schoettgen 
I, 1147 ff.; II, 22 besonders Sehürer, Jahrb. f. prot. Th. 1876 S. 166—187; 
Weber S. 58 f.; Dalman, Worte Jesu S. 75 ff. 

^^) Schon die konstante Artikellosigkeit von a''^^ in dieser Verbindung 
spricht dagegen, daß dies ursprünglich ein Ersatz für „Gott" sein sollte 
(cf dagegen cipsn, oa;- in gleicher Verwendung) und spricht dafür, daß 
ursprünglich ein freieres attributives Verhältnis dadurch ausgedrückt wurde: 
die himmlische d. h. die vom Himmel stammende Königsherrschaft cf Jo 
18,36. Daß in dieser Form die Herkunft ausgedrückt werden kann, be- 
weisen, wenn es dessen bedürfte, Beispiele wie bMaioovvi] deov Em 1, 17; 
10, 3 = ■^ ix d'EOv Sixaiooi't'ij Phl 3, 9; Sö^n rcöv ard'^coTicov Jo 12, 43 = 
naoä ävd-Qcbncop Jo 5, 41. 44. Es hat auch nichts auf sich, daß bei dieser 
Auffassung unausgesprochen bleibt, um wessen Herrschaft es sich handelt. 
Mt gebraucht ja auch sonst fi ßaa. ohne solchen Genitiv des Subjekts und 
ohne jede andere Näherbestimmung als Bezeichnung des Gottesreiches 4, 2'r>; 
8, 12; 9, 35; 18,19; 24,14. Daß dies ein späterer Sprachgebrauch der 
christlichen Gemeinde sei, welchen man bei Jesus und dem Täufer nicht 
voraussetzen dürfe (so Dalman S. 79), ist wenig einleuchtend, ßabbineu 
des 2. und 3. Jahrhunderts, die dies doch wohl nicht der Sprache der Kirche 
entlehnt habeu, drücken sich gelegentlich ebenso aus cf Tosefta Berach. 2. 1 
Zuckerm. p. 3, 17 (cf ebenda p. 10, 22 ff. das Königtum im Stamiue Juda). 
In bab. Berachoth 40*^ heißt dasselbe, was in der Anrede an Gott „dein 
Name und deine Königsherrschaft' heißt, unmittelbar vorher ..der Name" 
und „die Königsherrschaft" schlechthin (s. unten zu 6, 10). Wie echt 
jüdisch diese abgekürzte Kedeweise sei, zeigt nicht nur die Analogie des 
absoluten Dtt;n = Name Gottes und schließlich Gott selbst, sondern auch 
der jüdische Gebrauch des ab.soluten msSo = ,.die römische Eegieriuig" 
(s. die Lexika). Joh. und Jesus, die Prediger des Goltesreiches, brauchten 
kein Mißverständnis zu fürchten, wenn sie vom Reich schlechthiu sprachen, 
zumal wenn sie es als das vom Himmel kommende bezeichneten; denn dies 
gilt von keiner anderen Herrschaft, als derjenigen Gottes. 



128 Der Täufer. 

empfunden , sondern nach Analogie anderer ihrer Redensarten 
„Himmel" als eine Verhüllung des Namens Gottes angesehen haben 
(cf Dan 4, 23?). Aber im ganzen NT findet sich weder Himmel, 
noch irgend eines der anderen Worte, wodurch die Juden Gott zu 
umschreiben liebten, wie DipöH, Dt|'n u.dgl., so gebraucht, noch auch 
eine Spur der Scheu vor der Nennung Gottes, welche solche Rede- 
weisen erzeugt hat.^^) Ferner verstehen die ßabbinen unter der 
maichuth schamajim (oft in der Formel „das Joch des Himmelreichs 
auf sich nehmen") durchweg die durch die Gesetzgebung be- 
gründete und seither bestehende, von allen fi-ommen Israeliten an- 
erkannte Herrschaft Gottes d. h. also die ständige Herrschaft des 
Gesetzes. -^^) Dieser Gedanke hat mit der geweissagten Herstellung 
der endgiltigen Königsherrschaft Gottes und den „Tagen des 
Messias" wenig zu schaffen ; er entbehrt des prophetischen, des 
eschatologischen Gehalts. Es ist der schale Gedanke, für welchen 
Josephus den Namen S-eo'/.Qaria gebraucht, vielleicht auch ge- 
schaffen hat (c. Apion. II, 16). Job. hat nach aller vorhandenen 
Überlieferung überhaupt nicht vom mosaischen Gesetz und dessen 
Herrschaft geredet, dagegen aber mit der Zuversicht des Propheten 
verkündigt, daß demnächst die Königsherrschaft Gottes werde auf- 
gerichtet werden. Er hat auch nicht vergessen, daß diese durch 
einen mächtigen Mann hergestellt werden soll, dessen längst ver- 
heißene Königsherrschaft eins ist mit der endgiltigen, alle andere 
Herrschermacht in der Welt ausschließenden Königsherrschaft Gottes. 
Job. war ein Schüler nicht der Rabbinen, sondern der Propheten.^*) 

2^) Gegenüber den jüdischen Schwnrformeln, die den Namen Gottes 
vermieden, weist Jesus beharrlich auf Gott hin, der hinter der Verhüllung 
steht Mt 5, 34 f.; 23, 16 — 22. Der Himmel ist ihm nicht Gott, sondern der 
Thron Gottes 5, 34. Aus Mt 21, 25 (cf AG 5, 38 f.) folgt ebensowenig, daß 
Jesus Himmel für Gott gebraucht habe, wie etwa aus der Gegensetzung 
von Gott und Welt Jo 13, 1 ; 16, 28, daß an diesen Stelleu ö xöofios die 
Menschheit bezeichne. Es ist nur vorausgesetzt, daß von Gott kommt, was 
vom Himmel als dem Throne Gottes kommt. Lc 15, 18. 21 zeigt schon der 
Gebrauch von sh neben i-vämiov, daß nicht die Versündigung gegen Gott 
derjenigen gegen den irdischen Vater gegenübertritt, sondern daß die Vor- 
stellung beidemale eine örtliche ist. Die Sünde des verlorenen Sohnes steht 
nicht nur dem irdischen Vater vor Augen, sondern ist auch gen Himmel 
aufgestiegen d. h. in das Bewußtsein Gottes und seiner Engel eingetreten 
cf Gen 4, 10; AG 10, 4; Jk 5, 4. 

^^"j Die oft citirte Stelle des Midrasch zu Cant 2, 11—13 (übers, von 
Wünsche S. 72: „es ist die Zeit herangekommen, daß das Himmelreich 
offenbar werde") scheint ein ziemlich vereinzeltes Zeugnis für den ur- 
sprünglichen Sinn zu sein cf auch Weber S. 366. Damit ist natürlich nicht 
gesagt, daß den Rabbiuen die ni3'70 oder naSoa Gottes nicht auch eine Sache 
der eschatologischen Erwartung gewesen sei, cf z. ß. die von Schlatter, 
Sprache des 'i. Ev. S. 40 citirten Stellen der Mechilta zu Ex 17, 14 u. 16. 

^') Wie kräftig deren Gedanken fortlebten, zeigen außer vielfachen 
Äußerungen des Volks in den Evv sowie den Reden und Liedern in Lc 1 — 2 
besonders die Psalmen Salomos. Von dem Gedanken, daß Gott allezeit der 



c. 3, 1-6. 129 

Hat er, was zu bezweifeln kein Grund besteht, die kommende Herr- 
schaft „Gottes und seines Gesalbten" manchmal Q'OB' niD^D ge- 
nannt, so hat er damit in bewußtem Gegensatz zu gewissen Be- 
strebungen und Erwartungen seiner Gegenwart und der letzten 
Vergangenheit ^^) betont, daß die neue und endgiltige Ordnung der 
Dinge in Israel und der Welt, in welcher Gott wahrhaft der König 
sein wird, nicht von der Erde, sondern vom Himmel stamme, nicht 
durch menschliches Handeln, sondern durch Taten Gottes hergestellt 
werde. Den besten Kommentar dazu liefert, was Jesus von seiner 
ßaaileia Jo 18, 36 f. sagt. Wenn der auf Erden stehende Prophet 
sagt, daß die ßaailsia nahegekommen hei, so ist damit auch das 
ohnehin nach dem AT Selbstverständliche, daß die Erde der Schau- 
platz der ßaoilsia sei, deutlich genug ausgesprochen. Dagegen 
ist an eine Präexistenz derselben im Himmel nicht zu denken. 
Mag immerhin der Gedanke, daß an dem jenseitigen Wohnsitz 
Gottes das gottfeindliche Wollen nicht so wie während dieses Welt- 
laufs auf Erden sich geltend machen kann (cf Mt 6, 10), auch dem 
Täufer geläufig gewesen sein : die von ihm erneuerte Verkündigung 
der alten Propheten meint eine Königsherrschaft Gottes, welche 
erst dadurch entsteht, daß Gott sie auf Erdep aufrichtet. In dem 
Sinn dieser Verheißung wird Gott erst dadurch König, daß er 
allen auf Erden vorhandenen Widerstand gegen seine Herrschaft 
über die Welt für immer bricht (Ap 11, 15 — 19 cf oben S. 124 ff.). 
Daß diese abschließende Tatoffenbarung Gottes nahe sei, haben die 
alten Propheten oftmals angekündigt.''^*') Während der Jahrhunderte, 
in welchen Israel eines zuverlässigen Propheten entbehren mußte 
(1 Makk 4, 46 ; 9, 27 ; 14, 41), war es das Gebet der Frommen, 
daß sie bald erfolgen möge.^') In Job. ist wieder ein Prophet 
aufgetreten, welcher mit einer andringenden Gewalt wie keiner der 
alten Propheten (cf Mt 3, 7 — 12) dem Volk zu predigen wagt, jetzt, 
in allernächster Zukunft werde Gott vom Himmel her seine Herr- 
schaft aufrichten. Hierauf beruht auch die Energie seines Bußrufs. 
Es gilt für jeden einzelnen Israeliten, der im Kommen begriffenen 
neuen Ordnung der Dinge sich im voraus innerlich anzupassen, 

„über den Himmeln" thronende König und Richter über alle Könige der 
Erde ist (2, 30. 32), ist zu unterscheiden, daß er der König Israels ist (5, 19; 
17, 1, 46). Als solcher hat er sich erwiesen iu der Stiftung des davidischen 
Königtums (17, 4) uud wird er sich erweisen in der Aufrichtung des König- 
tums des Davidssohnes (17, 21— 45j, Avelches identisch ist mit der erhofften 
Köuigsherrschaft Gottes selbst (5, 18). 

'^^) Mau denke- besonders an den Galiläer Judas, seine ganze Familie 
imd an seine nach wie vor der Zeit des Täufers bestehende Partei, die 
Zeloten s. oben S. 97 A 86. 

■'") Jes 13, 6; 51, 5; Joel 1, 15—4, 21; Zeph 1, 14; Mal 3, 1. 19. 

") Ps. Salom. 17, 21. 45: Lc 2, 25 f. 38; AG 26, 7; viele SteUen iu den 
messianischen Texten hinter Dahnan, Worte Jesu z. B. S. 300 nr. 11—14; 
S. 305 Z. 1—3; S. 306 Z» 7—9; S. 309. 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 9 



130 Der Täufer. 

damit die Taten Gottes, durch welche sie aufgerichtet werden wird, 
ihn nicht zermalmen. Daß Joh. zu solcher Predigt berechtigt war, 
bestätigt und erklärt Mt durch die Versicherung, daß dieser Mann 
es war, von dem schon Jesaja 40, 3 geredet habe (v. 3). Dem für 
seine Sünden genugsam gestraften, in die Fremde verbannten und 
zerstreuten Yolk verkündigt der Prophet, daß Gott, der sich vor 
ihm verborgen hat, sich ihm wieder in seiner Herrlichkeit und Macht 
offenbaren, es befreien und in das verödete Land seiner Väter 
zurückführen werde. ^'*) Da das nach Mesopotamien verbannte 
Israel wiederum wie zur Zeit des Auszugs aus Ägypten durch eine 
große "Wüste von dem ihm verheißenen Land getrennt ist, so geht 
der Weg des zu erlösenden Volks und des zu seiner Erlösung 
kommenden Gottes durch die Wüste. Die weglose Wüste wird 
ungesucht zum Bilde alles dessen, was Israel von seinem Gott und der 
Erfüllung der ihm gegebenen Verheißungen trennt, der Hindernisse, 
die überwunden werden müssen, damit sie erfüllt werden. Daß diese 
Hindernisse wesentlich in dem religiösen und sittlichen Zustand des 
Volkes liegen, wird Jes 59, 1 ff. ausführlich gezeigt. Daher wird auch 
nicht verheißen, daß Gott die Hindernisse beseitigen werde, sondern 
die Menschen werden aufgefordert, dies zu tun. Eben dieser Ge- 
danke verkörpert sich dem Propheten in einem Ruf, welcher dazu 
auffordert (v. 3): „Eine Stimme eines Rufenden^''*) (läßt sich 
hören) : In der Wüste bahnet den Weg Jahves, ebnet in der Steppe 
eine Straße für unseren Gott." Nach Jo 1, 23 hat der Täufer 
selbst unter Ablehnung aller hohen Titel in dieser poetischen Dar- 
stellung des prophetischen Gedankens, daß dem Kommen Gottes zur 
Erlösung seines Volks eine Beseitigung aller in Israel selbst vor- 
handenen Hindernisse vorangehen müsse, die treffende Beschreibung 
seiner Berufstätigkeit erkannt. Eine Folge hievon wird es sein, 
daß dieser Spruch in der christlichen Beurteilung des Joh. eine 
feste Stelle gewonnen hat, woraus sich dann auch erklärt, daß er 
Mr 1,3; Lc 3, 4 in der gleichen Form wie von Mt citirt wird. 
Daß die Evv wie schon LXX das dem „in der Wüste" entsprechende 
„in der Steppe" des zweiten Versgliedes unübersetzt lassen, läßt 

2^) Nach Jes 40, 9 — 11 kommt Jahve zu den Städten Judas und zwar 
als der sein Volk einerseits durch Taten der Macht befreiende, andrerseits 
mit der liebenden Fürsorge des Hirten heimführende König. Daher kann 
man schwanken, ob schon 40, 3 — 5 dieses Einherziehen Gottes an der Spitze 
seines heimkehrenden Volkes cf 62,11, oder ein demselben vorangehendes 
Kommen Gottes zu seinem noch im Exil befindlichen Volk vorgestellt ist. 
Das Targum will ersteres, indem es an die Stelle Jahves das Volk Jahves 
und an die Stelle unseres Gottes die Gemeinde unseres Gottes setzt... Jeden- 
falls drängt sich schon hier die Vergleichung mit dem Auszug ans Ägypten 
auf cf Jes 63, 11 ff. 

^^) Man kann auch übersetzen: „eine Stimme ruft". An eine be- 
stimmte wirkliche Person, die so ruft, ist hier ebensowenig wie Jes 13, 4; 
40, 6; 66, 6 zu denken. Cf auch Jer 31, 15 zu Mt 2, 18. 



c. 3, 1—6. 131 

sicli nur daraus erklären, daß sie Jenes gegen den Sinn des Grund- 
textes von der E,ede der rufenden Stimme abtrennten und es mit 
ßowvTog verbanden, eine sachlich zulässige Änderung, weil die 
Stimme, die zum Bau einer Straße auffordert, naturgemäß eben da 
sich hören läßt, wo die Straße gebaut werden soll. Den Evv,"*^) 
welche diese Konstruktion nicht erfunden haben, mußte sie um so 
näher liegen, weil Joh., was auch Mr 1, 4; Lc 3, 2 nicht unbemerkt 
bleibt, mit seiner Predigt in der Wüste auftrat. Bei keinem der 
Evv jedoch ist der Ort seiner Predigt in einer "Weise betont, daß 
man annehmen dürfte, sie hätten eben hierin den Hauptpunkt er- 
kannt, in welchem "Weissagung und Erfüllung zusammengetroffen 
seien. Dies ist vielmehr der Inhalt der Predigt hier und dort. 
Das uExavoÜTe des Joh. ist das Jes 40, 3 anbefohlene Bahnen des 
Weges für den Gott Israels, und indem Joh. das baldige Kommen 
der Himmelsherrschaft Gottes verkündigte, verkündigte er das dort 
in Aussicht gestellte Kommen Gottes zu Gericht und Erlösung. 
Daß dieses ein durch den Messias vermitteltes sein werde, ist in 
der kurzen Zusammenfassung der gesamten Predigt des Joh. eben- 
sowenig ausgesprochen, wie Jes 40, 5. 9. Die Evv, welche aus den 
Worten des Täufers wie Mt 3, 11 ff. und aus der Erfahrung der Ge- 
schichte wußten, daß diese Ankündigung des Täufers zunächst in 
nichts anderem als in dem Kommen und Wirken des Messias Jesus 
sich erfüllt habe, erleichterten ihren Lesern die direkte Beziehung 
von Jes 40, 3 auf den menschlichen Messias, indem sie das zov d-eov 
fjucüv am Schluß des Citats durch ein avrov ersetzten, welches auf 
'Kvoiov im ersten Yersglied zurückweist. Zwar ist auch hier das 
artikellose y.voiog wie 1, 20. 22 etc. Ersatz des Jahvenamens, aber 
dieser Ausdruck ließ doch B,aum für den Gedanken, dessen kein 
christlicher Schriftsteller und Leser jener Zeit sich entschlagen 
konnte, daß der Gott Israels in dem, welchen .die Gemeinde o Y.VQiog 
nennt, zu seinem Volk gekommen ist. Daß hieraus nicht unmittel- 
bar weittragende, christologische Folgerungen zu ziehen sind, 
braucht nicht bewiesen zu werden. — Von der Beschreibung des 
Berufs des Joh. wird mit avrbg öh 6 ^Ico. v. 4 übergegangen zu 
einer Schilderting seiner persönlichen Erscheinung, welche sich 
jedoch darauf beschränkt zu sagen, wie er durch die von ihm ge- 
wählte Kleidung und Nahrung sich selbst charakterisierte. Die 
Worte „sein Gewand hatte er von Kamelhaaren" verbieten noch 
entschiedener als der Ausdruck Mr 1,6 die Deutung, nach welcher 
die Maler den Knaben und den Mann Joh. darzustellen liebten : 
mit einem um den Leib geschlungenen und durch einen Gurt zu- 

'^) Ob auch Jo 1, 23 tv t>~ ior^ueo zu ßownoi ZU ziehen sei, läCt sich 
aus dem dort stark abgekürzten Citat nicht erkennen. Ebenso zweifelhaft 
scheint, ob das Targum so wie LXX und Mt, Mr. Lc konstruiert haben will 
(so z. ß. Delitzsch, Komm, zu Jesaja, 1889 S. 410). 

9* 



132 Der Täufer. 

sammengehaltenen Kamelfell notdürftig bekleidet, Er trug viel- 
mehr ein wirkliches Gewand (evduf-ia 6, 25. 28; 22, llfE. ; 28, 3), 
welches sich von dem gewöhnlichen Oberkleid nur dadurch unter- 
schied, daß der Stoff, aus dem es angefertigt war, aus Kamelhaaren 
gewebt ^^) und daher gröber und rauher anzusehen und anzufühlen 
war, als die aus Schafwolle, Flachs oder Seide gewebten Kleider- 
stoffe der Wohlhabenden (Mt 11, 8; Lc 16, 19; Jk 2, 2). Außer- 
dem besagt der Ausdruck, daß dieses härene Gewand sein einziges 
Kleidungsstück war (cf dagegen 5, 40). Auch der lederne Gürtel 
ist Tracht der ärmeren und arbeitenden Klasse. Es fragt sich 
aber, ob diese Tracht nur ein Stück der harten Lebensweise und 
Sinnbild der strengen Lebensansicht des Job. sein soll. Nach 
Sach 13, 4 cf Jes 20, 2 galt der härene Mantel als Tracht der alten 
Propheten, welche auch die falschen Propheten anzulegen pflegten ; 
und nach 2 Reg 1, 8 erkennt der König Ahasja an der Beschreibung 
des Unglückspropheten , den seine Boten ihm nicht zu nennen 
wußten, als eines Mannes in haarigem Gewand und mit einem 
ledernen Gürtel um seine Lenden sofort, daß dies Elia sei. Der 
mit 2 Reg 1, 8 sehr ähnliche Ausdruck des Mt mußte den bibel- 
kundigen Leser an Elia erinnern. War dies auch schon die Ab- 
sicht des Job. bei der Wahl dieser Tracht? ^^) Zu der geringen 
Kleidung paßt die geringe und leicht zu beschaffende Nahrung. 
Die Heuschrecken, welche noch heute in Palästina, besonders im 
Ostjordanland, auch in Arabien und Äthiopien nicht selten ge- 
gessen werden und armen Leuten, zumal in Zeiten der Hungersnot, 

'^) Mr 1, 6 ist dasselbe gemeint, cf zum Ausdruck Lc 16, 19, zur Sache 
Rieger, Versuch einer Technologie der Handwerke in der Mischna I, 5. 
Um einen etwas weicheren Stoff zu gewinnen, wurde Kamelhaar und Schaf- 
wolle in verschiedenem Verhältnis zusammengewebt Kilajim IX, 1. In einer 
rabbinischen Diskussion über Gen 3, 21 (Beresch. rabba cap. 20 a. E., übers, 
von Wünsche S. 95) bilden Kleider von Kamel-, Hasen- oder Ziegenhaaren 
einen Gegensatz zu verschiedenen Arten von Fellen und Pelzen. Schneller, 
Kennst du das Land, 11. Aufl. S. 1441, der sich für das Kamelfell ent- 
scheidet, bekennt doch, noch nie einen so gekleideten Menschen, sondern 
nur Leute in Schafpelzen (cf Hb 11, 37) gesehen zu haben. Wenn Apol- 
lonius bist. mir. 20 nach Ktesias und ebenso Aelian. bist. anim. XVII, 34 
ohne Quellenangabe von wunderbar weicher Kamelwolle erzählen, woraus 
Kleider für Priester und Fürsten gemacht würden, so wird dadurch nur 
bestätigt, daG in der Regel aus Kamelhaaren nur grobe Stoffe und Kleider 
für geringe Leute verfertigt wurden. Die Neigung, den Job. als büßenden 
und sich kasteienden Mönch vorzustellen, hat anch dazu verleitet, die Ab- 
sonderlichkeit seiner Kleidung zu übertreiben. Hier, de pilis, non de lana ; 
Op. imperf. de asperioribus setia (Borsten) cameli. Der Wüstenheilige Banus 
(Jos. vita 2) kleidete sich in Baumrinde oder Blätter. 

^h Cf Mt 11, 14; 17, 10—13; Lc 1, 17. Auch Jo 1, 21 widerspricht 
nicht; denn Jo 1, 31 spricht Job. sich die Aufgabe zu, welche nach jüdischer 
Schulmeinung dem Elia zukommt (cf Just. dial. 8, 49; Weber, System S. 352 f.), 
und Jo 3, 28 muß an Mal 3, 1. 23 erinnern. Joh. verneint nur die Meinung 
von persönlicher Identität mit Elia cf Mt 16, 14. 



c. 3, 1-6. 133 

auch als eigentliches Nahrungsmittel dienen, pflegen im Frühjahr 
oder bei Gelegenheit von Heuschreckenschwärmen ohne Mühe in 
Massen gefangen, gedörrt oder geröstet, eingesalzen und teils in 
diesem Zustand aufbewahrt, teils gemahlen und zu einer Art von 
Brot verbacken zu werden.''''^) Ob sie in der einen oder anderen' 
Form von Johannes gegessen wurden, kann der Ausdruck nicht 
entscheiden. Als Zukost diente ihm wilder Honig d. h. solcher, 
den er nicht von Bienenzüchtern oder Händlern zu kaufen brauchte, 
sondern in Felsspalten, Höhlen oder hohlen Baumstämmen seiner 
Umgebung fand, in welchen Bienenschwärme sich angebaut hatten.^*) 

^'^) Der Pilger Arkulf (Itin. Hier. ed. Geyer p. 272) berichtet von den 
Heuschrecken in der Gegend, wo nach der Traditiou Johannes gewirkt: 
coctae per oleum pauperetn praebent victiwi; Niebuhr, Beschr. von Arabien 
(1772) S. 171; Burckhardt's Eeisen ed. Gesenius I, 382; Schneller, Kennst 
du das Land S. 135 cf schon Strabo XVI, p. 772. Vier Arten waren zu 
essen erlaubt Lev 11, 22. Tatian, ein Gegner jeder animalischen Nahrung 
(Orat. ad Graecos 23 cf Forsch I, 276 A 4), hat nach den sich gegenseitig 
ergänzenden und korrigirenden Angaben der Syrer Ischodad, Dionyj^iiis 
Barsalibi und Barhebräus im Diatessaron „Mich und Berghonig" als Nah- 
rung des Job. angegeben (cf Harris, Fragm. of the comm. of Ephraem p. 17; 
Th. Ltrtrzt. 1895 S. 498; 1886 S. 2). Aber auch nachdem die syr. Übersetzer 
der 4 Evv die Heuschrecken wieder eingesetzt hatten, haben orthodoxe 
Syrer zum Teil mit leiser Änderung des syr, Namens der Heuschrecken 
(Nsop) aus den Heuschrecken allerlei Pflanzen, Wurzeln u. dgl. gemacht 
s. Ischodad bei Harris I. l; Barhebr. in Mt ed. Spanuth p. 8; Leben Petrus 
des Iberers ed. Raabe p. 126; Schatzhöhle übers, von Bezold S. 61: „Er 
nährte sich von der Wurzel, welche y.r^p genannt wird, welches wilder 
Honig ist". Die Erklärung gibt vielleicht Burckhardt 1. 1.: „Die Einwohner 
Syriens essen keine Heuschrecken". Dagegen wird es aus den vegetaria- 
nischen Grundsätzen der Ebjoniten zu erklären sein, daß in ihrem Ev von 
Joh. gesagt war: y.al lö ßpco/ua nvrov fii/.i ayoiov, ov i] ytvais ry tov /.idrva, 
ths lyy.pU iv f/.aUo Epiph. haer. 30. 13 cf GK IT, 725. 733. Alles zusammen- 
fassend sagt die Erzählung von der Enthauptung des Joh., angeblich vom 
Evangelisten Marcus (Patrol. Orient. IV, 526): taSicov dxoid'ag y.al fii'u 

ayqiov y.iu tb yXvxu/u.a tö ev raTs ßoidiaig. 

^*) Durch das Attribut äygiov ist jedes künstlich von Menschen her- 
gestellte Surrogat des Bienenhonigs ausgeschlossen, wie der Dattelhonig 
(Jos. bell. IV, 8, 3; Mischna Nedarim 6, 8) und der Traubenhonig, von den 
Arabern dihs {= hebr. ub^, Honig) genannt cf Robinson, Palästina II, 717; 
Schneller S. 118, bei PlinV h. n. 14, 80 dtfnitum, wovon wie von anderen 
künstlichen Präparaten gilt: ingenii non natxirae opus est und omnia in 
adulterhcm mcUis excogitata. Auch auf den von Blättern verschiedener 
Bäume imd Sträucher ausgeschwitzten klebrigen süßen Stoff, woran schon 
der Vf des Ebjonitenev (s. vorige A) gedacht zu haben scheint und noch 
Fritzsche dachte, würde das Attribut äy^wv schlecht passen, welches den 
Gegensatz des durch menschliche Pflege erzielten Honigs fordert, eben 
damit aber auch voraussetzt, daß es sich um wirklichen Honig handelt 
An Honig, den wilde, nicht von Menschen in Körbe und Kästen eingefangene 
Bienen erzeugt haben, wird auch 1 Sam 14, 25—29; Deut 32, 13; Ps 81, 17, 
wohl auch Jes7, 15f. zu denken sein cf Winer, Realw. P, ölüf.; auch 
II, 53 f. Die Übersetzung der alten Lateiner, die Hier, nicht korrigirte, 
mel silvestre veranlaßte die unzutreffende Vergleichung von Plin. h. n. 11,41. 
Besser die Syrer „Honig des Feldes" (ScS') oder „des Berges" (SsSh) oder 



134 Der Täufer. 

Joh. „aß und trank nicht" (Mt 11, 18); er lebte niclit nur als 
Nasiräer (Lc 1, 15), sondern wie ein Einsiedler der Wüste (Lc 1, 80). 
— An die allgemeine Schilderung der Predigt, der geschichtlichen 
Bedeutung und der äußeren Erscheinung des Täufers (v. 1 — 4) wird 
mit TOTc, welches hier nur sagen will : „nachdem er aufgetreten 
war", eine Beschreibung der alsbald sich einstellenden "Wirkung 
seines Auftretens angeschlossen (v. 5). Während wir aus Mt 11, 7 — 9 
erfahren, daß auch aus Galiläa das Volk in großer Zahl zum Standort 
des Täufers strömte (cf Jo 1, 44), wird dies hier nur von Jerusalem, 
von ganz Judäa und der Umgebung des Jordan, also auch vom 
Ostufer des Flusses gesagt.^') Wahrend durch letzteres der nicht 
ganz genaue Ausdruck von v. 1 einigermaßen ergänzt wird, be- 
stätigt sich der Eindruck, daß Mt die Wirksamkeit des Täufers 
ebenso als eine zunächst auf Judäa und die zunächst angrenzenden 
Gebiete beschränkte darstellen will, wie von 4, 12 an diejenige 
Jesu als eine galiläische. Die Taufe, welche durch eßamitovro 
V. 6 als ein bereits festgeprägter Kunstausdruck bezeichnet wird, 
wird durch diese passive (cf v. 13) wie durch die aktive Form (v. 11) 
als eine Handlung des Täufers vorgestellt, ohne daß gesagt würde, 
worin sein Handeln bestand.- Ob er den Täufling, der in das Wasser 
hinabstieg (cf v. 16) und untertauchte, dabei an der Hand hielt 
oder ein segnendes Wort über ihn sprach, wissen wir nicht; die 
ersten Leser des Mt werden es gewußt haben. Ebensowenig wissen 
wir, ob das die Taufe begleitende Bekenntnis der Sünden seitens 
der Täuflinge in Worten abgelegt wurde, ober ob die Übernahme 
der Taufe selbst als ein tatsächliches Sündenbekenntnis galt. Wahr- 
scheinlicher ist das letztere ; denn als eine selbständige Handlung 
neben der Taufe konnte ein solches Bekenntnis der Katur der Sache 
nach der Taufe nur vorangehen, was dann aber durch EB,0(.ioloYYjod- 
IXfrVOi ausgedrückt sein würde. Obwohl Mt nicht so förmlich wie 
Mr 1, 4; Lc 3, 3 die Bedeutung der Taufe ausspricht (v. 11 genügt 
dafür nicht), erkennt der Leser doch aus der selbstredenden Symbolik 
des Vollbades eben das, was Mr und Lc sagen, daß nämlich diese 
Taufe als Handlung des Täuflings das Eingeständnis enthielt, einer 
Reinigung bedürftig zu sein, und als Handlung des Täufers und 
des Gottes, der ihm zu taufen befohlen hatte, die Erklärung, daß 

„der Berge"' (Tatian nach Ischodad), wobei zu bemerken ist, daß N^:a in 
Sh nicht nur öqos, sondern auch uyoöä wiedergibt. 

»öj Wie 2, 3.cf 11, 20 ff. wird Stadt und Land statt der Bewohner ge- 
nannt; was alte Übersetzer (Ss Sc „die Söhne Jerusalems'') und Bearbeiter 
(Mr 1, .5) zu verbessern nötig fanden. Da ,Täa« ?) Tieoi-/,. r. 'looö. Gen 13, lOf. 
(cf 19, 17; h' Tcö neot/cbooi rov 'looS. 2 Chr 4, 17) Übersetzung von ^^^-''7 
)'y_r\ ist, so wird auch hier damit die vom Jordan in seinem unteren Lauf 
durchströmte Bodensenkung bezeichnet sein cf Buhl, Geogr. S. 112. Ss 
hatte sachlich nicht so Unrecht, da das Westufer schon in „ganz Judäa" 
inbegriffen ist, hiefür das Ostjordanland zu setzen. 



I 



c. 3, 1-6. 7-12. 135 

die Unreiniieit hinweggenommen, die Sünde vergeben werde. — 
Es folgt V. 7 — 12 eine Rede des Täufers, welche im Unterschied 
von der Zusammenfassung seiner gesamten Predigt v. 2 als eine 
einzelne, eines Tages gehaltene Rede dadurch charakterisirt wird, 
daß als Veranlassung derselben nicht ein beharrender Umstand 
oder ein gewohnheitsmäßiges Geschehen, sondern ein Ereignis ge- 
nannt wird. Der Anblick vieler Mitglieder der pharisäischen und 
der sadducäischen Partei, die zur Taufe kamen, veranlaßte den 
Täufer, an diese die folgenden Worte zu richten. Xach v. 5 f. ist 
nicht zu denken, daß nur Pharisäer und Sadducäer die Rede hörten, 
und aus dem Verlauf der Rede, besonders aus v. 11 ergibt sich, 
das Joh. einen weiteren Hörerkreis im Auge hat.'"') Trotzdem 
bleibt das avvolg v. 7 in Kraft. Den unter dem übrigen Volk 
sich einstellenden Vertretern der u/.oißeOTdiv aioeoig des Juden- 
tums (AGr 26, 5), deren inniger Zusammenhang mit der Zunft der 
Rabbinen aus Mt 5, 20; 12, 38; 23, 2 ff. und aller sonstigen über- 
lief erving bekannt ist, und der sadducäischen Partei, d. h. der 
hohepriesterlichen Aristokratie und ihres Anhangs (AG 5, 17; 
4, 1. 5. 6), gilt die Rede und insbesondere die erste Anrede zu- 
nächst. Es enthielte schon v. 5 eine arge Übertreibung, wenn 
nicht auch manche Angehörige dieser beiden führenden Parteien 
sich von Jerusalem in die Xähe des Joh. begeben hätten.^') Es 
fragt sich nur, mit welchen Absichten. Der Unterschied des eTti 
TO ßdTtTioua von tov ßartTiad-r^vai vti uvtov v. 13, welches die 
entschiedene Absicht ausdrückt, sich taufen zu lassen, ist unver- 
kennbar. Andrerseits beweist die Tatsache, daß diese Kreise sich 
nicht der Forderung des Täufers unterworfen haben (21, 24 — 32; 
Lc 7, 29 f.), keineswegs, daß sie mit der ausgesprochenen Absicht, 
sich nicht taufen zu lassen, und nur als kritische Zuschauer zu 
Joh. gekommen sind. Da sie ohne äußerliche Unterscheidung von 
der übrigen Volksmenge, scheinbar der allgemeinen Bewegung sich 
anschließend, zur Taufstätte kommen, redet Joh. sie als Leute an, 
die sich taufen lassen wollen. Daß er ihnen aber keinen wirk- 
lichen Gehorsam gegen den an alles Volk gerichteten Bußruf zu- 
traut, zeigt die Anrede als Schlangenbrut, Erzeugnisse von Xattern. 



") Ebenso verhält es sich mit der Bergpredigt 5. 1 f. ; 7. 28. Daher 
konnte Lc 3. 7—10 i^i'/.eyai; nicht e/-T£r) wesentlich die gleiche Rede als eine 
Darstellung des gewöhnlichen Eedens zum Volk verwenden. — Wie 5,1 
und an manchen anderen Stellen des Mt vermißt hier der Nichtsemit ein 
TioTa oder ei' Uta Tojf i]ueoc5i.' (in den Evv nur Lc 5, 17; 8, 22; 20, 1). 

3') Dies bezeugt auch Jo 1, 19 (die priesterliche Gesandtschaft des 
Synedriums) und 1. 24 (davon zu unterscheidende Pharisäer) s. Bd. IV, 109. 
113. In GalUäa hat Jesus nach Mt es durchweg nur mit Pharisäern und 
Schriftgelehrteu zu tun 5, 20; 9, 3. 11. 34; 12, 2. 14. 24. 38; 15, 1—20. Erst 
in der letzten Zeit kommen auch Sadducäer hinzu 16, 1—12, dann erst 
wieder in Jerusalem 22, 23. 



136 Der Täufer. 

Diese auch von Jesus an Pharisäer gerichtete Anrede '^) will nicht 
nur sagen, daß die arglistige Gesinnung, deren Bild die Schlange 
ist, bei ihnen bereits von Geschlecht zu Geschlecht sich fortge- 
pflanzt habe und gleichsam zur anderen Natur geworden sei, sondern 
soll an die „alte Schlange" (Ap 12, 9; 20 2) erinnern, deren Ge- 
schlecht nicht aufhört mit dem Menschengeschlecht im Kampf zu 
liegen und Gottes gnädigen Absichten über die Menschen entgegen- 
zuwirken (Gen 3, 15). Dem entspricht die Frage, wer ihnen einen 
Wink gegeben oder sie angewiesen habe, vor dem. im Kommen 
begriffenen Zorn sich zu flüchten. Beachtet man den Unterschied 
zwischen vTteöei^ev ^®) und eöei^sv, zwischen (pvyalv aTto jfjg ÖQyfjg 
und lytcpvyelv oder on ly.(psv^£0^€ *^) TijV dg'yt]V, so erscheint nur 
diese Übersetzung, nicht diejenige Luthers möglich. Das Kommen 
der Angeredeten zur Taufe ist dem Schein nach ein Versuch, durch 
Bekehrung sich gegen den Zorn Gottes zu schützen, ohne dessen 
Offenbarung die Aufrichtung der Herrschaft Gottes nicht zu denken 
ist/^) Die Frage, wer ihnen den Rat gegeben habe, dies zu tun, 
könnte den Sinn haben, daß Job. sie nicht dazu angewiesen habe, 
daß er bei seinem Bußruf von ihnen als von unverbesserlichen 
Feinden der wahren Himmelsherrschaft von vornherein abgesehen 
habe. Wahrscheinlicher ist jedoch gemeint, daß sie nicht aus eigenem 
inneren Antrieb, sondern nur unter dem Druck der Stimmung des 
Volks (Mt 21, 26), das sie sonst zu verachten (Job 7, 49) und zu 
knechten (Mt 23, 4) pflegen, gekommen sind. Joh. behandelt sie 
noch nicht als völlig unzugängliche Feinde, sondern fordert sie v. 8 

»*; Mtl2, 34; 23,33 (hier mit 07-«^ davor). Daß in der Parallele 
Lc 3, 7 das scharfe Wort beibehalten ist, obwohl an das Volk gerichtet, läßt 
sich dadurch rechtfertigen, daU ähnliche Urteile auch sonst auf das ganze 
Volk in seiner Mehrheit ausgedehnt werden, ohne daß erfreuliche Aus- 
nahmen dadurch ausgeschlossen wären Mt 12, 39. 45, besonders aber Jo 8, 44, 
wie hier, im Gegensatz zur Abrahamssohnschaft. Es ist zu bedenken, daß 
der Pharisäismus vielfach in den Familien erblich war AG 23, 6; Gl 1, 14, 
daher die durch yevi'fjuara ausgedrückte Vorstellung um so näher lag. Zu 
diesem Ausdruck cf Sir 10, 18 yewrifiara ywai^wv (hebr. hü'n ni'?'«) = ytvvrfioi 

yvratxiüi' Mt 11, 11. — Sir 41, 5 (al. 8) rsKva äfiafircoAcöv. 

^^) An sich könnte dies heißen, eine gegenwärtige oder zukünftige 
Tatsache unter der Hand, heimlich oder andeutend zu wissen geben 2 Chr 
20, 2: Tob 1, 19; 4, 2. 20 (n); AG 9, 16. Wo aber dies Verb als Akkusativ- 
objekt (gleichviel ob Substantiv oder Infinitiv) ein Handeln dessen hat, dem 
die Anzeige gemacht wird, heißt es „zu verstehen geben oder Anweisung 
geben, daß er so handle", cf Epist. Clem. ad Jac. 9. Ebenso vnoaiq/naivu 
c. inf. Philo, Joseph. 36. 

40) Lc 21, 36; Rm 2, 3; 2 Kr 11, 33. Auch Mt 23, 33 ist nicht gesagt, 

,daß die Pharisäer dem Gericht nicht entrinnen werden, sondern gefragt, 

wie' sie vor demselben zu fliehen oder sich zu schützen gedenken. Cf auch 

1 Kr 6, 18 (die Unzucht meiden) mit 1 Kr 10, 14 (sich aus der gefährlichen 

Nähe des Götzendienstes hinwegbegeben). 

*') Zeph 1, 15 {dies irae dies illä) ; 2, 2 ; Mal 3, 2 ff. 18 f. 28. — 1 Th 1, 10 

ex TJ7S uoyfji T^s e^;^o^er7]t. 



c. 3, 7-12. 137 

auf, eine Frucht hervorzubringen, welche der Sinnesänderung ent- 
spricht,*^) d. b. ein Verhalten zu zeigen, welches durch seine 
Gleichwertigkeit mit der juerdvoia beweist, daß letztere vorhanden 
sei ; und zwar gründet er diese Forderung, wie die Anknüpfung 
durch ovv zeigt, auf die v. 7 ausgesprochene Tatsache, daß ihr 
Kommen zur Taufe nicht aus innerem Herzensdrang hervorgeht und 
also kein Beweis wirklicher (.axavoia ist. An die positive Forde- 
rung schließt sich v. 9 als deren Ergänzung (/«/) die "Warnung vor 
Gedanken, durch welche sie sich über die Unerläßlichkeit der Forde- 
rung hinwegtäuschen könnten. „Laßt euch nicht einfallen,*^) in 
euch selbst zu sagen: zum Vater haben wir den Abraham." Es 
wird nicht leicht ein Pharisäer oder auch Sadducäer behauptet 
haben, daß jeder Israelit als Nachkomme Abrahams auch ohne 
persönliche Frömmigkeit und Sittlichkeit im Gericht Gottes be- 
stehen werde. Aber Job. bestreitet hier auch nicht ein ausge- 
sprochenes Dogma, sondern warnt vor weitverbreiteten Gedanken, 
welche darum nicht weniger einflußreich sind, weil sie die Um- 
setzung in Lehrsätze nicht ertragen. Einer dieser Gedanken war 
die Meinung, daß die Gerechtigkeit, das Verdienst der Väter, ins- 
besondere Abrahams und der anderen Erzväter einen Schatz bilde, 
aus welchem als einem Gemeingut der Nation alle Glieder derselben 
Ergänzung ihrer unvollständigen Gerechtigkeit und Sühne ihrer 
Sünden empfangen.**) Noch wichtiger war die Vorstellung vom 
Gericht. Das Gericht, welches den kommenden Tag Jahves zu 
einem großen und schrecklichen Tag der Offenbarung des Zornes 
Gottes macht, war von den Propheten einerseits als ein Gericht 
über die gegen Gott und sein Volk ankämpfenden Heidenvölker, 
als eine richterliche Entscheidung des seit so vielen Jahrhunderten 
schwebenden Prozesses zwischen Israel und den Heiden, zwischen 
Gott und den Abgöttern geschildert, aber andrerseits auch als ein 

**) Die alte Variante ya^Ttovg ä^iovs (LU, SsScS\ Chrys. und viele 
Väter) kann gegen y.a^Tidv ä^iov («BCDK etc., Sah Kop, k tmd viele Lat) 
um so weniger aufkommen, als die Erinnerung an Lc 3, 8 und die dort 
V. 10 — 14 folgende Specialisirung den Plural zu empfehlen schien. Der 
Singular Mt 3, 8. 10 faßt das gesamte Verhalten als einheitliche Lebens- 
äußerung zusammen. Die sprachlich mögliche Auffassung von /neiaioiai 
als Gen. apposit. (die in /Mträroia bestehende Furcht) hat abgesehen von 
Lc 3, 8; AG 26, 20 gegen sich 1) den oben nachgewiesenen Zusammenhang, 
2) die dabei befremdliche Artikellosigkeit von y.aprrör, 3) daß Mt durch 
y.a^ndv xalöv (so 3, 10; 7, 17—19; 12, 33) oder durch die Wortstellung den 
Leser daran gehindert haben würde, in t^»- fier. den zur VervoUständigung 
des Begriffs ä^ioi dienenden Genitiv zu finden. 

**) Aus dem Gebrauch von Soxcö c. inf. = mihi videor (Jo 5, 39; 1 Kr 
3, 18; 8, 2; 10, 12) entwickelt sich in Fällen, wo der Infinitiv ein gewolltes 
Handeln bezeichnet, die Bedeutung „ich nehme mir vor, lasse mir bei- 
kommen, erdreiste mich" 1 Kr 11, 16; Phl 3, 4. Den Übergang bezeichnen 
Stellen wie Jk 1, 26; Jo 16, 2; AG 26, 9. 
**) Cf Weber S. 292-297. 326 ff. 



138 Der Täufer. 

Gericht an Israel, welches ohne Ansehn der Person die Frommen 
von den Gottlosen scheiden wird. Ohne daß letzteres geleugnet 
wurde, überwog die erstere Vorstellung. Israel wird Recht be- 
halten ; den Söhnen Abrahams gehört die kommende Welt. Formell 
widerspricht Joh. dem nicht ; aber er denkt anders von der Natur 
des bevorstehenden Gerichts und von den Voraussetzungen der Zu- 
gehörigkeit zum Abrahamsgeschlecht. Die Unhaltbarkeit der Be- 
rufung auf die leibliche Abstammung von Abraham gegenüber der 
Forderung aufrichtiger Bekehrung begründet er durch die Er- 
innerung, daß Gott Macht hat, ^us den am Boden umherliegenden 
Steinen, auf die Joh. mit dem Finger weist (tovtcov), dem Abraham 
Kinder zu erwecken. "Wenn es sich nur um den Gegensatz leb- 
loser Steine zu Menschen handelte (Lc 19, 40), möchte es genügen, 
hierin den Gedanken zu finden, daß Gott an Stelle von Menschen, 
die bei allem Schein der Frömmigkeit ihm gegenüber ihre Pflicht 
versäumen, andere Menschen, die nicht darnach aussehen, als ob 
sie heiligen Lebens fähig wären, zu solchem Leben erwecken werde, 
wobei dann die Voraussetzung bestehen bliebe, daß diese wie jene, 
Pharisäer und Sadducäer wie Zöllner und Sünder, Israeliten wären. 
Da es sich aber gerade "um einen Gegensatz zu den geborenen 
Abrahamssöhnen handelt, so kann die Meinung nur die sein, daß 
Gott die Macht habe, aus solchen, welche dies nicht sind, also 
aus geborenen Heiden Abrahamssöhne zu machen. Diese Er- 
innerung an Gottes Können wäre eine leere Hede gewesen, wenn 
Joh. nicht überzeugt war, daß es wirklich so kommen werde, daß 
an Stelle der unwürdigen Söhne Abrahams, welche das Gericht 
Gottes ausscheiden wird, Nichtisraeliten der Gemeinde Gottes, deren 
Ahnherr Abraham bleibt, werden einverleibt werden. Der schon 
durch den Übergang von c. 1 zu c. 2 hierauf voi'bereitete und 
vollends der auf 8, 10—12; 21, 43; 24, 14; 28, 19 vorblickende 
Leser konnte nicht anders verstehen.*^) Neben die "Warnung vor 
trügerischen Ausflüchten tritt die Versicherung v. 10, welche zeigt, 
daß die Forderung von v. 8 keinen Aufschub leide.***) Unter dem 
schon durch '/.UQTtovg v. 8 angedeuteten Bilde wird die unmittel- 
bare Nähe des Gerichts veranschaulicht. Die Axt ist nicht nur 
zum Hieb erhoben, sondern schon an der AVurzel der Bäume, die 



*^) Was die Geschichtlichkeit dieser Anschauung des Joh. anlangt, 
sei nur erinnert an die Bedeutung des Proselytentums jener Zeit und die 
Beteiligung der Pharisäer an der Heidenbekehrung cf 23, 15. Gerade 
Abraham galt deu Eabbinen als ein Vater der Proselyten und Anfänger 
der Heidenbekehrung, Weber S. 266 f. 

*^) Das in der antiochenischen ßecension (Chrys S^S' und die jüngeren 
grieeh. Hss) zu ?/^// Se hinzug-efügte x««' stammt aus Lc 3, 9 und ist ebenso 
entbehrlich wie das bei den Lat (d k haben noch jam autein) eingedrungene 
enim für Se. Der Gedanke des Mt ist : Bringt die rechte Frucht (v. 8), 
aber sofort muß dies geschehen (v. 10). 



c. 3, 7-12. 139 

gefällt werden sollen, angelangt. Gefällt aber wird jeder Baum, 
der nicht gute Frucht bringt. Also nicht nach Abstammung von 
Abraham , auch nicht nach etwaigen früheren Leistungen der 
einzelnen,*') sondern nach der im Gesamtverhalten sich darstellen- 
den sittlichen Beschaffenheit wird im Gericht gefragt werden. Alle 
Israeliten, welche der in v. 8 zugespitzten Forderung der uerdvoia 
nicht alsbald nachkommen, werden in diesem Gericht um ihre bis- 
herige Stellung gebracht und dem Verderben überliefert. Die 
Vorstellung des baldigen und unerbittlichen Gerichts wird auch in 
den Schlußsätzen v. 11. 12 festgehalten, obwohl der Bünweis auf 
den, der es vollstrecken wird, auch noch andere Saiten mit er- 
klingen läßt. Nur um die Gestalt des kommenden Richters zu 
heben, spricht Job. im Gegensatz zu diesem von seiner eigenen 
Berufstätigkeit. Das durch zweimaliges vuäg bezeichnete Objekt 
seiner Tätigkeit, sowie derjenigen des kommenden Mannes sind selbst- 
verständlich nicht mehr die v. 7 — 8 angeredeten Individuen für 
sich, sondern alles Volk, dessen Vertreter die Anwesenden sind. 
Xur darum kann Joh. auch als Zweck seines Taufens die Sinnes- 
änderung nennen. Bei den Einzelnen, die sich der Taufe unter- 
zogen, war dies nicht ein Mittel zum Zweck der usravoia, sondern 
vielmehr der Ausdruck ihrer durch die Predigt des Joh. bereits 
bewirkten fx^rdvoia. Daß aber Joh. überhaupt diese Taufe ausübte, 
diente allen, die sich noch nicht hatten taufen lassen, als eine Auf- 
forderung zur Uczdvoia, und diese zu wirken, ist der wesentliche 
Zweck aller Berufstätigkeit des Joh. Mehr als dies jedoch wird 
durch die Wortstellung und durch den Gegensatz betont, daß er 
mittelst Wassers taufe, *^) d. h. daß ihm kein wirksameres Mittel 
als dieses zur Verfügung stehe und daher auch keine Kraft bei- 
wohne, mehr zu bewirken als /.lerdivia. Der hinter ihm drein 
Kommende aber ist stärker als er und hat kräftigere Mittel zu 
seiner Verfügung. Dieser Satz zeigt, daß Joh. bereits so oft und 
so deutlich, daß er allgemeine Kenntnis davon voraussetzen konnte, 
von einem kommenden Nachfolger seiner selbst geredet hatte ; *^) 



*') Das anch Lc 3, 9 stehende rtoiovv im Unterschied von nou^oav ist 
zu beachten. Das y.a/.öv, dessen Echtheit hier trotz Ss [y.uoTtoii ohne y-af^vi) 
sicher, bei Lc aber zweifelhaft ist, geht insofern über das Bild hinaus, als 
bei wirklichen Bäumen vor allem gefragt wird, ob sie überhaupt Frucht 
tragen (Mt 21, 19; Lc 13, 6ff.); bei den dadurch abgebildeten Menschen da- 
gegen sind stets irgendwelche, den Früchten vergleichbare Lebensäußerungen 
vorhanden, um deren Qualität es sich handelt cf 7, 16—20. 

*') Da V. 6. 13. 17 ßaTtii^eiv ohne Rücksicht auf die Etymologie und 
die Grundbedeutung „eintauchen" als eine vollständige Bezeichnung des 
Taufaktes gebraucht wird, kann auch hier ir nicht die Flüssigkeit ein- 
führen, worein der Täufling getaucht wird, sondern nur das Mittel, dessen 
sich der Täufer bedient, genauer den Stoff, in und mit dem er arbeitet. 

*ö) Diesem auch zu Jo 1, 15. 27 zu stellenden Postulat entspricht einiger- 
maßen Mr 1, 7; Lc 3, 16. 



140 Der Täufer. 

gerade so wie das Wort vom kommenden Zorn (v. 7) voraussetzt, 
daß in seiner v. 2 zusammenfassend geschilderten Predigt die 
Verkündigung einer Offenbarung des Zornes Gottes im Gericht 
enthalten war. Auch die nur relativisch angehängte Bemerkung, 
daß er sich nicht einmal für geeignet oder würdig genug halte, 
jenem die Sandalen zu tragen oder wohl richtiger bei Seite zu 
stellen,*^'*) klingt nicht wie eine neue, für den Zusammenhang der 
vorliegenden Rede wesentliche Aussage, sondern wie Erinnerung 
an bereits früher Gesagtes zu dem Zweck , die Vorstellung des 
größeren, über seinen Vorläufer unendlich erhabenen Nachfolgers 
lebendig zu machen. Die für den Zusammenhang wesentliche 
Aussage aber ist die, daß dieser sein Nachfolger stärker, also zu 
ganz anderer "Wirkung befähigt sei als Joh, (cf Lc 11, 22; 
1 Kr 1, 25; 10, 22). Hieran schließt sich der von vornherein 
beabsichtigte Satz: „er, dieser Stärkere (avrög cf 1, 21) wird 
euch mit heiligem Geist und Feuer taufen". Dem Wasser, welches 
den Gegenstand, über den es hinströmt, nur oberflächlich berührt 
und zwar reinigt, aber keine bleibende Wirkung zurückläßt, tritt 
gegenüber der Geist, welcher, wo er überhaupt wirkt, in das Innere 
eindringt und dort Leben- erzeugend und zu Lebensäußerungen an- 
regend wirkt, ^'') und das Feuer, welches den Gegenstand ergreift 
und entweder zum Schmelzen bringt oder, was nach v. 10 und 12 
hier zutrifft, völlig verzehrt. Vermöge der Stellung dieses Satzes 
zwischen dem, was v. 10 und was v. 12 vom Feuer gesagt ist, kann 
nicht zweifelhaft sein, daß es auch hier ein Bild des im Gericht 
entbrennenden und die Gottlosen verzehrenden Zornes Gottes ist 
und nicht etwa eine Begleiterscheinung des Geistes oder nur eine 
bildliche Beschreibung der Art und Wirkung des hl. Geistes. ^^) 
Der belebende Geist und das verzehrende Feuer können nicht beide 
zugleich auf dasselbe Objekt angewandt werden. Es teilt sich viel- 
mehr das Volk (^jUßg) in solche, welche der Nachfolger des Joh. 
mit hl. Geist begaben, und solche, die er im Feuer des Gerichts 

*»^) Cf für diese Bedeutung von ßaaräiiew Jo 12, 6 und Bd IV^ 500 
A 13. Zu den Obliegenheiten des aufwartenden Dieners gehört es nicht nur, 
dem geladenen Gast die Sandalen loszubinden, was Mr 1, 7 ; Lc 3, 16 ; Jo 1, 27 
gesagt wird, sondern auch sie bei Seite zu stellen, was nur Mt statt dessen 
angibt. Wieder an andere Dienstleistungen wird Lc 7, 44 — 47; 17,8 er- 
innert. 

^«) Cf Mt 1, 18. 20; 4, 1; 10, ,20; 12, 28; 22, 43 cf Jo 3, 6—8; 6, 63. 

'^) So Chrys. : das Feuer sei eine Epexegese zum Ausdruck der un- 
aiifhaltsamen Gewalt der Gnade. So unter Berufung auf AG 2, 3 Pseudo- 
Cyprian de rebapt. 17; Theoph. lat. 1,3; Calvin u. a. Zwischen dieser 
Deutung und der auf das Gericht schwankte Hier. An das läuternde Feuer 
der Anfechtung und des Leidens, dessen auch die Frommen nicht entbehren 
können, dachten Op. imperf. ^8 f., Menken 81. Aber daß Jesus selbst zuerst 
mit Geist, dann mit Feuer getauft worden sei, läßt sich auf Lc 12, 49f. 
nicht gründen. 



c. 3, 7-12. . 141 

•vernichten' wird. Damit ist auch gegeben, daß Joh. die doppelte 
Tätigkeit seines Nachfolgers nur uneigentlicher Weise ein Taufen 
nennt, um sie mit der seinigen in gegensätzlichen Vergleich zu 
stellen ; ^^) denn Feuer und Geist sind keine Flüssigkeiten, die als 
Mittel eines ßamiCELV im eigentlichen Sinne dieses Worts gedacht 
werden könnten. Daß die Begabung der Einen mit Geist und die 
Vernichtung der Andern durch das Gericht bald eintreten werde, 
ist schon damit gesagt, daß der dem Täufer auf dem Fuß folgende 
Mann beides bringen soll; es wird noch lebhafter durch v. 12 aus- 
gedrückt. Joh. sieht seinen Nachfolger bereits dastehen mit der 
Wurfschaufel in der Hand, im Begriff im nächsten Augenblick 
seine Tenne gründlich zu reinigen, indem er das dort aufgehäufte 
gedroschene Getreide mit der Schaufel worfelt, um sodann das ge- 
reinigte Getreide in die Kornkammer zu bringen, die ausgeschiedene 
Spreu aber zu verbrennen. Das übrigens so lebensvoll gezeichnete 
Bild wird in dem letzten Worte äaßiazqj vom Gedanken durch- 
brochen ; denn dies Attribut des Feuers paßte nicht auf die als 
Bild dienende Handlung des Ackerbauers, sondern nur auf das 
Gericht, welches die Gottlosen endgiltig von der Gemeinde Gottes 
ausscheiden wird (Jes 66, 24; Mal 3, 19). Dem Anlaß und ganzen 
Verlauf der Rede entsprechend fällt auf diese Seite der bevor- 
stehenden Entscheidung der stärkere Ton ; aber sie soll und kann 
nicht zur Anschauung gebracht werden ohne ihre Kehrseite, die 
Taufe mit Feuer nicht ohne die Taufe mit hl. Geist, die Vertilgung 
der Gottlosen nicht ohne die Sammlung der Frommen zu einer 
neuen, durch den Geist neu belebten Gemeinde. Auch damit er- 
neuert Joh. nur alte Verheißungen."^) Das Neue besteht darin, 
daß Joh. erstens mit einer beispiellosen Bestimmtheit die unmittel- 
bare Nähe sowohl des Gerichts als der Sendung eines neuen Geistes 
und der inneren Umwandlung der Gemeinde durch denselben ver- 
kündigt, und daß er zweitens diese beiden Werke, die bei den 
alten Propheten als Handlungen Gottes dargestellt werden , als 
Handlungen seines menschlichen Nachfolgers darstellt. Dieser er- 
scheint als der vollgiltige B-epräsentant Gottes, neben dessen Han- 
deln für ein ebensolches Handeln Gottes kein Raum bleibt. Wie 
der Ev (s, zu v. 3), so hat auch schon der Täufer das verheißene 
Kommen Gottes zu Gericht und Erlösung als ein durch einen ge- 
waltigen Menschen vermitteltes vorgestellt. Er ist der Geist- 
spender und der Richter; sein ist nicht nur die Wurf schaufei, 
sondern auch die Tenne, das Korn und die Kornkammer.^*) Er 

52) Ähnliche Übertragung Mr 10, 38 f.; Lc 12, 50. 

5') Joel 3, 1-5; Jes 44, 3-5; 57, 16; Ez 36, 25-38 cf Jer 31, 31—34. 

^*) Während nvrov hinter ä/.Mia unbestritten ist, ist es teils hinter 
oirov zugesetzt, dafür aber hinter nnodi>y.r,v ausarelassen (sCKM), teils um- 
gekehrt (ELU SsScS'S^ so Lc 3, 17 ziemlich sicher), teils hinter beiden 
Worten gesetzt (BL), teils beidemale ausgelassen (a q, Iren IV, 33, 11). 



142 Die Taufe Jesu. 

ist also nicht nur ein Werkzeug, durch welches Gott seine Königs- 
herrschaft auf Erden gründet, sondern ist auch der Herr und 
König der durch sein Handeln gegründeten ßaoilsia. Um so be- 
merkenswerter ist, daß Joh. weder in dieser Rede noch sonst, wo 
Hian es erwarten sollte, den Namen 6 XQiorög gebraucht. ^^) Er 
wird ihn aus demselben Grunde vermieden haben, aus welchem er 
die himmlische Herkunft der ßaoiXeia betont hat. Er wollte ge- 
wissen, bei seinen Volksgenossen herrschenden Vorstellungen vom 
Messiasreich und der Art seiner Aufrichtung nicht Vorschub leisten, 
sondern denselben entgegentreten. Mt aber hat es sich angelegen 
sein lassen, den Täufer nicht nur"hi seiner Übereinstimmung mit den 
Grundgedanken der atl Weissagung, sondern auch in seinem rück- 
haltlosen Widerspruch gegen die herrschende Denkweise, gegen die 
nationale Selbstüberhebung und gegen die führenden Parteirich- 
tungen des jüdischen Volks seiner Zeit darzustellen. Mit der darin 
zu Tage tretenden polemischen Absicht verbindet sich eine apolo- 
getische ; denn der Täufer ist der die ganze Bevölkerung Judäas 
(v. 5), später auch Galiläas (11, 7 ff.) anziehende große Prophet, 
dem auch die Pharisäer und Sadducäer sich nicht völlig zu ent- 
ziehen gewagt haben (3, 7-; 21, 25 ff. cf Jo 5, 35), und er ist der 
bahnbrechende Vorläufer des Nazareners. Entweder in diesem hat 
die vom Täufer wiederaufgenommene Weissagung der alten Pro- 
pheten ihre Erfüllung gefunden, oder sie ist überhaupt nicht er- 
füllt worden, und Job. ist ein falscher Prophet gewesen. 

2. Die Taufe Jesu 3, 13 — 17. Mit einem tÖT€, welches 
nicht mehr nur wie v. 5 das Auftreten des Job., sondern die v. 5 — 7 
geschilderte Wirkung seines Auftretens auf die gesamte Bevölkerung 
Judäas zur Voraussetzung hat, wird hiezu übergegangen. Nun 
kommt auch Jesus von Galiläa her an den Jordan zu Job., und 
zwar um sich von diesem taufen zu lassen. Der Leser gewinnt 
den Eindruck, daß Jesus einer der ersten, wenn nicht der erste 
Galiläer ist,^^) welcher der Predigt und Tauftätigkeit des Job., 
deren Kunde nach Galiläa gedrungen ist, die Aufforderung ent- 
nimmt, sich taufen zu lassen. Die Erzählungsweise des Mt (oben 
S. 73. 103. 105 f.) bringt es mit sich, daß wir nicht erfahren, ob 
und wie Jesus sich bei Joh. eingeführt hat, ob bereits vorher Be- 

55) Cf besonders 11,3; Lc7, 20; ferner Lc 3, 16, wo hinter v. 15 ein 
ö XfjioTÖs in der Verneinung zu erwarten war, wie es Jo 1, 20; 8, 28 wirk- 
lich zu lesen ist; aber auch Jo 1, 23. 26 f. 29—34; 3, 29—36 nmschreibt der 
Täufer, wo er seine eigene Sprache spricht, die Stellung und Aufgabe seines 
Nachfolgers mit Umgehung dieses Titels. 

58) Dagegen spricht weder Lc 3, 21, noch Jo 1, 35—45 (cf 21, 2), wo 
wir in bezug auf einen Zeitpunkt nach der Taufe und Versuchung Jesu 
von Schülern des Joh. aus Galiläa hören. Sie können gleichzeitig mit Jesus 
oder noch später als er zu Joh. gekommen sein. Nach dem HE (Frg. 2 GK 
II, 688 f.) empfängt Jesus die Anregung dazu von Mutter und Brüdern. 



c. 3, 13—17. 143 

Ziehungen zwischen den beiden Männern bestanden haben, ob aus 
dem Einen oder dem Andern die Haltung zu erklären ist, welche 
Job. der Absicht Jesu gegenüber annimmt, oder ob es eine den 
Propheten beim Anblick dieses Taufbewerbers durchzuckende Ahnung 
ist, die ihn dazu bestimmt. Er wehrt ihn beharrlich ab, wie das 
Imperf. öw/.cvXvev sagt. Er hält es für unzulässig, daß Jesus die 
Taufe , welche einerseits ein Bekenntnis der Sünde einschließt, 
andrerseits die Sündenvergebung darbietet (oben S. 134), über sich 
ergehen lasse. Noch mehr sagen die begleitenden Worte. Wenn 
er seine Verwunderung darüber ausspricht, daß Jesus zu ihm komme, 
um sich taufen zu lassen, während doch Job. es nötig hat von 
Jesus getauft zu werden, so kann damit nicht gemeint sein, daß 
in diesem Falle einmal die Rollen des Täufers und des Täuflings 
vertauscht werden sollten. So wenig Job. dadurch, daß er nach 
Gottes Befehl allen anderen die Taufe erteilte, sich über alles Volk 
erhaben und von Sünde rein fühlte, ebensowenig konnte er Jesu, 
dem dieses Taufen nicht befohlen war, zumuten, daß er ausnahms- 
weise einmal ihn als Täufer vertrete. Er fordert ihn ja auch nicht 
dazu auf, dies zu tun, sondern weigert sich nur, ihn zu taufen. 
Er erkennt aber in Jesus nicht nur den ersten Sündlosen, der trotz- 
dem die Taufe begehrt, sondern auch den stärkeren Mann, der mit 
hl. Geist taufen soll. Dieser Taufe kann auch der Täufer nicht 
entbehren, um in das von ihm angekündigte Königreich aufgenommen 
zu werden. Sowenig für Jesus die "Wassertaufe des Job. paßt, so 
notwendig ist für Job. die Taufe mit Geist, welche nur Jesus er- 
teilen kann. "Wann und wie Jesus das tun werde, bleibt dahin- 
gestellt; Joh. bezeugt nur seine Bedürftigkeit in bezug auf die 
zukünftige Geistestaufe, weil sie neben der Xichtbedürftigkeit Jesu 
in bezug auf die Wassertaufe es vollends als unzulässig erscheinen 
läßt, daß Jesus von Joh. getauft werde. j\Iit der Antwort: „laß 
es jetzt, für diesmal geschehen" ^") fordert Jesus zwar, daß Joh. 
seinen Widerstand aufgebe, erkennt aber die allgemeine Richtigkeit 
seiner Beurteilung ihres gegenseitigen Verhältnisses an. Daß Joh. 
seiner richtigen Empfindung in diesem Fall nicht die Folge geben 
soll, die er für notwendig hielt, wird ihm aber nicht als eine will- 
kürliche Ausnahme, als eine erlaubte Inkonsequenz zugemutet, sondern 
aus einem Grundsatz abgeleitet, dem mindestens die gleiche Gemein- 
giltigkeit zukommt, wie der Erkenntnis des Joh. von der Erhaben- 
heit Jesu über ihn und seine Wassertaufe. Für Jesus wie für Joh, 
gilt die Regel, daß sie jegliche Rechtsordnung ^*) zu erfüllen haben. 

^■') drfih'at „geschehen lassen" mit acc. c. inf. 8, 22; 13, 30: 23, 13; im 
Grunde auch 19, 14, da der fehlende Inf. bei dem gegeDSätzIichen y(o/.t'etr 
nachfolgt ; ohne ausgesprochenes Objekt 7, 4 „la^ mich gewähren". So hier 
zuerst, dann aber mit uHöv. 

•"'*) Statt öiy.aioarvr, sollte man Siy.aUoua (Ex 15, 26; Lc 1, 6; Rm 2, 26) 
oder dgl. erwarten cf Einl II, 31 A 10 nr. 1. Ganz analoge Beispiele fehlen 



144 Die Taufe Jesu. 

Als eine solche betrachtet Jesus die von Joh. geübte Taufe. Wie dem 
Joh. geboten ist, alles Volk ohne Ansehn der Person zur Taufe auf- 
zufordern und die, welche dazu willig sind, zu taufen, so betrachtet 
Jesus die durch den Propheten an alle Glieder des Volks gerichtete 
Forderung sich taufen zu lassen, als eine auch für ihn als Israeliten 
verbindliche göttliche Rechtsordnung. Und weil Joh. es unziem- 
lich, der Stellung beider unangemessen gefunden hat, daß er Jesum 
taufe, erklärt Jesus, daß so, wie er es in diesem Falle fordere, in allen 
anderen Verhältnissen, wo eine für das ganze Volk giltige göttliche 
Rechtsordnung vorliegt, für Jesus wie für Joh. es geziemend sei, 
solche Rechtsordnung zu erfüllen. Es liegt auf der Hand, welche 
Bedeutung für unser Ev dieses erste in demselben berichtete Wort 
aus dem Munde Jesu hat. Jesus spricht damit den Entschluß aus, 
sich allem, was in Israel von Gott und Rechts wegen gilt, unter- 
zuordnen, und auch diejenigen Rechtsordnungen, welche die Sünden 
des Volks, an welchen er persönlich keinen Anteil hat, zur Voraus- 
setzung haben, als ein Glied dieses Volks zu erfüllen (cf 5, 17). 
Der Widerspruch des Täufers ist überwunden. Daß Jesus nach 
Empfang der Taufe d. h. Untertauchung im Jordan nicht länger im 
Wasser geblieben, sondern wie alle anderen sofort aus dem Wasser 
ans Land gestiegen ist, würde am wenigsten Mt, der die Taufhandlung 
selbst V. 15 nur mittelbar und v. 16 nur durch ein Particip aus- 
drückt (cf 1, 25; 2, 1), als etwas an sich bedeutsames ausgesprochen 
haben. Es dient nur zur Einleitung des überraschenden Vorgangs, 
der sich in dem Moment des Emporsteigens Jesu aus dem Wasser ; 
ans Ufer zutrug (xal löov ktI). Logisch gehört €vd-vg zu diesem 
Vorgang. ^^) Daß der Himmel sich öffnete, und daß Jesus Gottes 
Geist wie eine Taube herabkommen und auf sich zukommen sah, 
sind nicht zwei zeitlich getrennte Vorgänge, sondern nur dadurch, 
daß aus der Tiefe des Himmels eine sichtbare Erscheinung hervor- 
bricht, entsteht der Eindruck, daß das geschlossene Himmelsgewölbe 
sich öffne oder spalte."*^) Für den Sinn ziemlich gleichgiltig ist, 

noch, cf jedoch LXX Ps 119, 172 näaai al evrolai oov Sixaioavpr], Prov. 8, 15; 
Dan 8, 12. .\ 

^^) Während Ss das evd^vg unühersetzt ließ, übersetzt Sc dem Sinn< 
nach richtig: „und als Jesus getauft war, iu diesem Augenblick, da Jesus 
aus dem Wasses stieg, siehe da" etc. Vielleicht ist auch die Umstellung' 
von ev^vg hinten «w/:^;; (CEKL etc. S^) ein UEzuläuglicher Versuch, es zum - 
Folgenden zu ziehen. Die Ungeschicklichkeit des Ausdrucks, welche dem 
Übersetzer zur Last fallen wird, der auch sonst in dem Wechsel zwischen^ 
Part, und Verb. fin. nicht immer glücklich war, wird geradezu unbegreif- 
lich bei der Annahme, daß Mr 1, 10 dem Mt vorlag. 

ö") Mcl, 10 {a/jCiOiuevovs tovs od(j.)', Jo 1, 51; AG 7, 56; 10, 11 (in der' 
Wiedererzählung 11, 5 fortgelassen). Den besten Kommentar liefert das_^ 
droi^as TÖ arö/ua avrov söiÖaaxsv Mt 5, 2; AG 8, 85; 10, 34; 18, 14; Ap 13, 6 
cf Lei, 64; Ap 12, 16. 



c. 3, 13-17. 145 

ob man gegen die ältesten Zeugen ^^) hinter äv£(!)x9'r]0av ein aiiö) 
liest oder nicht; denn nachdem v. 16^ Jesus als Subjekt von 
ßarCTLod-eig und ävißt] mit Namen genannt ist, kann unmöglich Joh. 
als Subjekt des folgenden eiösv gedacht sein. Ist es aber Jesus, , 
der die aus dem Himmel sich herabbewegende Erscheinung des 
Geistes gesehn hat, so hat auch er die eben dadurch bewirkte 
Öffnung des Himmels wahrgenommen. Hierin kann es uns nicht 
irre machen, daß der Ruf vom Himmel v. 17 nicht wie Mc 1, 11: 
Lc 3, 22 die Form einer Anrede an Jesus, sondern einer Aussage 
über Jesus hat. Allerdings ist dies nur dann natürlich, wenn die 
Meinung ist, daß auch andre Anwesende, hier also der Täufer, 
dies hören sollten (cf 17, 5). Während also die sichtbare Erscheinung 
als eine zunächst für Jesus bedeutsame eingeführt ist, wird in der 
Wiedergabe des hörbaren Rufs die Anwesenheit des Täufers berück- 
sichtigt. Das Eine schließt aber das Andere nicht aus,^'^) und es 
ist der Wechsel in der Darstellung des Mt leicht genug zu begreifen. 
Die sichtbare Erscheinung ist sinnliche Verkörperung eines in das 
innere Leben Jesu selbst tief eingreifenden inneren Vorganges ; die 
hörbare Verkündigung sagt nichts aus, was jetzt neu geschieht, 
sondern enthüllt ein längst vorhandenes Geheimnis, dessen Enthüllung 
für Joh., der es nur erst ahnend und tastend ergriffen hatte, not- 
wendiger war, als für Jesus. Da der Geist als solcher und somit 
auch seine Bewegung an sich unsichtbar und überhaupt nicht sinn- 
lich wahrnehmbar ist, so ist auch klar, daß nicht etwa das Herab- 
kommen des Geistes mit dem Fluge einer Taube verglichen wird, 
in welchem Falle ganz ungesagt bliebe, in welcher Gestalt er sich 
sichtbar gezeigt habe, sondern daß der Geist in einer körperlichen 
Gestalt, welche einer von oben herabfliegenden, auf Jesus hin sich 
bewegenden Taube glich, für Jesus sichtbar geworden sei.^^) An 

«') «*B (falsch Wellh.l, Sah, SsSc, Iren. Ill, 9, 3, jetzt auch griech. 
(Oxyrh. Papyri lY, 264). Es fehlt k für 3, 10—4, 2. Ähnlich ist die Be- 
zeugung für kQ-/i6iiEvov ohne y-ai davor. SsSc haben aus Je 1, 33 y.al uiiov 
genommen. — nreviia Oeov ohne Artikel (nB) wurde leicht nach MrLcJo 
mit zweimaligem Artikel ausgestattet. Das aram. Original ließ dem griech. 
Mt hierin freie Hand. Cf. 1, 18. 20. 

•■^) Nach Jo 12, 28 ist der Ruf vom Himmel Autwort auf eine Bitte 
Jesu, also als zunächst ihm zugerufen dargestellt, und Jesus muß eigens 
aussprechen, daß sie hauptsächlich um des Volks willen erfolgt sei v. 30, 
welchem in der Tat der Ruf in verschiedener Weise hörbar geworden war 
V. 29. In AG 2, 2—6 wird die sichtbare Begleiterscheinung nur von den 
Zunächst Beteihgten wahrgenommen, die hörbare auch von anderen. — Mt 
nimmt eine Mittelstellung ein zwischen Mr— Lc, welche die ganze zwei- 
teilige Kundgebung als Erlebnis Jesu darstellen, und Jo 1, 32—34, wo die- 
selbe nur als Erlebnis des Täufers und als Quelle seiner Erkenntnis Jesu 
rückblickend dargestellt ist. 

•**) Lc .^, 22 awiimiy.M eiSei spricht den Gegensatz des an sich un- 
sichtbaren Wesens und seiner sichtbaren Erscheinung {^:Ti-evfia-o(ö^a) nur 
ausdrücklicher aus, als es schon durch slSei' Tn^svfia geschehen ist. 
Zahn, Ev. des Mattli. 4. AuH. 10 



146 Die Taufe Jesu. 

sich wäre denkbar, daß eine wirkliche, wie man sagt, zufälhg auf 
Jesus zufliegende Taube von ihm als eine Verkörperung des über 
ihn kommenden Geistes erkannt worden wäre. Der Ausdruck des 
Mt sagt jedoch nur, daß der sichtbar gewordene Geist wie eine 
Taube aussah ; er scheint also sagen zu wollen, daß auf die Sinne 
Jesu (und etwa auch des Täufers) eine Wirkung stattfand, deren 
Ergebnis das gleiche war, wie wenn eine wirkliche Taube auf ihn 
herabgeflogen wäre. Wenn Mt sich hierüber nicht deutlicher aus- 
spricht, so dürfen wir annehmen, daß es ihm gleichgiltig war, wie 
man sich die Entstehung der sinslichen Wahrnehmung Jesu denke. 
Aus ganz anderem Grunde, weil dies nämlich ein selbstverständlicher 
und unvermeidlicher Unterschied zwischen der sinnlichen Erscheinung 
und dem dadurch versinnlichten geistigen Vorgang war, bleibt un- 
gesagt, daß der von oben über Jesus kommende Geist in ihn ein- 
ging, ihn erfüllte und bewegte.^*) Was dagegen deutlich und mit 
feierlicher Umständlichkeit erzählt wird, ist dies, daß der inner- 
liche Vorgang sich für Jesus äußerlich sichtbar darstellte, indem 
die innere Erregung seines Geisteslebens von dem Herabfliegen einer 
Taube begleitet war, welche er sofort als eine Verkörperung des 
ihn ergreifenden Geistes erkannte. Jesus selbst soll wissen, daß die 
innere Erregung, die er spürt, eine Wirkung des Geistes Gottes ist, 
welcher jetzt wie zuvor noch nicht von oben über ihn kommt, um ihn 
zu einem bis dahin noch nicht von ihm geübten Wirken auszurüsten 
und anzuregen. Der Leser weiß nach allem, was er seit 1, 1 gelesen 
hat, daß es die Ausrüstung zur nunmehrigen Ausübung des angeborenen 
Berufs Jesu als Messias gilt.^^) Noch bestimmter sehen wir uns 

^*) Das 17117117118 IV AG 8, 16; 10, 44; 11, 15 oder eyäXksa&at. 1 Sam 
10, 6; 16, 13 oder E7ce()xead'ai Num 5, 14. 30 oder ix^äeo^ai Joel 3, 1; Sach 
12, 10; AG 2, 17; Tit 3, 6 oder mavarcaveaüui des Geistes Num 11, 26; 
2 Eeg 2, 15; Jes 11, 2 (cf die Taufgeschichte des HE, Frg. 3 GK II, 689 
und fieveiv Je 1, 32 f.) hat immer ein Erfülltwerden mit Geist zum Zweck 
und Erfolg. Das Ebjonitenev bei Epiph. haer. 30, 13 war geschmacklos 
genug, die Inkongruenz zwischen Sache und Symbol dadurch zu beseitigen, 
daß es die Taube in Jesus hineinfliegen läßt. 

e^) 1 Sam 16, 13 (cf 10, 6. 9f.); Jes 11, 2; 42, 1; 61, 1; Ps. Salom. 17, 37: 
„Gott machte ihn (den Messias) stark im heiligen Geist". — Das HE cha- 
rakterisirt den über Jesus bei der Taufe gekommenen Geist als den der 
Prophetie, welcher schon in den Propheten, aber immer nur vorübergehend 
gewohnt hat und nun endlich in Jesus zur Ruhe gekommen ist, einen 
bleibenden Wohnsitz gefunden hat (Frg. 3 GK II, 689). Auf derselben 
Linie liegt die Vergleichung der Taube über dem Taufwasser mit derjenigen 
des Noah Gen 8, 8^12 in der Schatzhöhle, deutsch von Bezold S. 24 cf auch 
Chrys. Das HE hat die Taube wahrscheinlich in Eücksicht auf deren Be- 
deutung im Götzendienst beseitigt GK II, 715. Andrerseits wurde der wie 
ein Vogel über den Wassern schwebende oder brütende Geist Gen 1, 2 mit 
dem Geist des Messias Jes 11, 2 identificirt (Bereschith r. übers, von Wünsche 
S. 10) und gerade auch mit der Taube verglichen bab. Chagiga 15^ Das 
Lob der Taube wird mannigfach gesungen im Midrasch zu Cant 1, 65; 
2, 14; 4, 1 (Wünsche S. 49 f. 73 ff.- 102). 



I 



c. 3, 13—17. 147 

auf diesen Zweck der Sendung des Geistes hingewiesen durch den 
Ruf vom Himmel, welcher gleichfalls durch v.ai idov als ein sich 
unmittelbar anschließendes und überraschendes Ereignis eingeführt 
wird V. 17. Die hier vorliegende Passung desselben drückt, wie' 
schon bemerkt, den Gedanken aus, daß vor allem dem Täufer ge- 
sagt werden sollte, wen er vor sich habe. Die gleich beim Heran- 
kommen Jesu ihn beherrschende Empfindung wird durch ein von 
seinem Empfinden unabhängiges Zeugnis von oben bestätigt. Er 
vernahm eine 7ip 7)2, wie die Juden sagten, einen in seinem Ur- 
sprung unerkennbaren, in menschliche Worte gefaßten hörbaren Ruf 
cf "Weber S. 80. 194 f. Die mit jenem jüdischen Ausdruck ge- 
wöhnlich verbundene Vorstellung, daß es eine im Vergleich zur 
prophetischen Inspiration niedere Offenbarungsform sei, liegt nicht 
im Ausdruck selbst und ist hier, wo er nicht gebraucht ist, fern 
zu halten. Als der Redende ist Gott selbst eingeführt, und nicht, 
wie es das HE darstellt, der hl. Geist. Am wenigsten zweideutig 
sind die Schlußworte des Rufs : sv 6) evöö'/J]Oa. Diese enthalten 
nicht ein billigendes Urteil Gottes über Jesus, so daß sie mit ö 
ayaTtr^zög ziemlich gleichwertig wären und als Exposition davon 
gelten könnten, etwa gleich €V(XQ£Orog tw ■d'ew (Sap Sal 4, 10; 
Rm 14, 18), was ein anderes Verbum und vor allem ein anderes 
Tempus erfordern würde. Sie sagen vielmehr eine der Vergangen- 
heit angehörige Handlung Gottes in bezug auf Jesus aus : Gott 
hat ihn zu etwas erkoren ; Gottes "Wahl und Beschluß ist auf ihn 
gefallen. ^^) Joh. , der seit längerer Zeit das Kommen eines 
stärkeren Mannes angekündigt hatte , welcher, durch Geist und 
Feuer, Gottes und damit seine eigene Königsherrschaft herstellen 
sollte , und der beim Anblick Jesu diesen als den Geisttäufer 
erkannt hatte , konnte nichts anderes verstehen , als daß Gott 
Jesum für eben dieses "Werk bestimmt, ihn zum Messias erkoren 
habe. "Wann Gott dies getan habe, war nicht gesagt und war 
viel weniger wichtig zu wissen, als daß Jesus und kein Anderer 
der Erkorene sei. Hat der Täufer, wie anderwärts bezeugt und 
durch Mt nicht ausgeschlossen ist (s. oben S. 144 f.), die sichtbare Er- 

66) Über den Gebrauch bei Polybius s. Eaphel S. 199—205. Aus un- 
persönlichem ei öoy.ei iwi ii entwickelt sich persönliches siiSoxeif c. dat. rei 
(iu der Bibel dafür regelmäßig iv) oder c. inf. oder inf. c. accus, „zustimmen, 
sich einverstanden erklären", aber auch „aus eigener Initiative beschließen". 
Die hier wie Mt 17, 5; Mr 1, 11; Lc 3, 22 vorliegende Konstruktion (cf 1 Kr 
10, 5, eis ov 2 Pt 1, 17 und vielleicht Mt 12, 18j steht 2 Sam 22, 20 (in der 
Parallele Ps 18, 20 r,&f/.r}aip ^i); Jes. 62, 4; Mal 2, 17 für q rsn, anderwärts 
auch für n^-; mit 2 oder acc. Ps 44, 4; Jer 14, 10, meistens jedoch z. B. 
Ps 147, 10 f. V 149, 4" nicht im Aorist und nicht mit persönlichem Gegeustand, 
was beides für den Sinn wesentlich ist. 1 Mkk 10, 47 evS6y.t]oav iv lih^dröiuü 
heißt: vor die Wahl zwischen Alexander und Demetrius gestellt, entschieden 
sie sich für AI. Für diese i^assung zeugt auch die wahrscheinlich ursprüng- 
liche LA Jo 1, 34 6 iy.uy.jöi (statt vlöi) Tov thov cf Lc 9, 35; 23, 35. 

10* 



148 Die Taufe Jesu. 

scheinung, die vorangegangen war, gleichfalls wahrgenommen und 
ebenso wie Jesus als Versichtbarung der Ausgießung des Geistes 
über Jesus verstanden, so mußte er sich sagen, daß die göttliche 
Erwählung Jesu zum Messias der Ausrüstung für dieses Amt voran- 
gegangen sein werde. Seine Leser hat Mt seit 1, 18; 2, 2. 4 ge- 
wöhnt, Jesus als den geborenen Messias zu betrachten ; und die, 
welche gelesen hatten, daß schon alle Umstände vor und bei seiner 
Geburt von Gott so geleitet wurden, daß er daraus als der Messias 
erkannt werde, konnten das kv Co evöoKT^Oa nicht anders verstehen, 
als daß der schon vor der Geburt Jesu dem Joseph verkündigte 
Ratschluß Gottes, das Kind der Maria als den zukünftigen Erlöser 
seines Volks geboren werden zu lassen, bei Gelegenheit der Taufe 
Jesu und nach der Ausrüstung Jesu mit Gottes Geist laut vom 
Himmel her verkündigt worden sei. Wie aber verhält sich zu dieser 
Verkündigung das voranstehende ovzög eaxiv 6 viög (lov 6 äya7tr]T6g ? 
Soll auch damit Jesus als der Messias bezeichnet sein, wie vielfach 
als ausgemacht angenommen wird? Das ist schon, stilistisch be- 
trachtet, sehr unwahrscheinlich. Der angehängte Relativsatz, statt 
dessen in anderen Berichten ein selbständiger zweiter Satz steht,"'') 
würde nicht nur eine matte Wiederholung des bereits in viel wärmerem 
Ton ausgesprochenen Gedankens, sondern zugleich einen ungeschickten 
Übergang aus einer Vorstellung in die andere darbieten. Einen 
Sohn wählt sich der Vater nicht, sondern er zeugt ihn ; und auch 
die Vorstellung, daß Gott unter mehreren Söhnen, die er etwa hätte, 
einen und zwar diesen zum Messias erkoren habe, ist ausgeschlossen 
durch das Attribut 6 aya7tr]TÖg; denn in dieser Verbindung hat 
äyaTtrjzög die fest geprägte Bedeutung des einzigen Sohnes = f.iOvo- 
j;£V7Jg.**^) Wer den Messias als solchen durch den Titel „Gottes 

^^j Mr 1, 11; Lc 3, 22; die erste der drei Himmelsstimmen im Ev der 
Ebjoniten Epiph. 30, 13, dagegen 2 Pt 1, 17 hierin mit Mt. Doch haben 
auch Mt 3, 17 D, a, SsSc liyovaa ttoös nvTÖi' (soweit auch bg'h) oh sl xrX. 

***) Tn; p Gen 22, 2. 12. 16, ebenso gemeint ohne la Amog 8, 10; Sach 
12. 10; cf Mr 12, 5 (Im . . . vlov AyaTtrjTÖv) = Lc 20, 13 f. = Mt 21, 37 f. 
[rbv vlöv jxov . . . 6 ylrjpopöuos). Dafür fiovoyei'rii LXX Jud 11, 34 (AI. 
-[- äyaTiniri)'^ Ps 22, 21; Aquila Gen 22, 2; Jer 6, 26; Prov 4, 3; Hb 11, 17; 
cf Tob 3, 15 (3, 10 /«'«, Sin + fLyaiiri%i])-, Lc 7, 12; 8, 42; 9, 38. Unter Be- 
rufung auf Odyss. II, 363—366 behauptet Äthan, er. IV c. Arian. (Montf. I, 
640), auch die philologisch gebildeten Hellenen wüßten, daß dyanriTÖs = 
fiovoyevrii. Es besteht in der Tat keinerlei Unterschied zwischen dem wog 
dyaTiriTös der Synoptiker und dem /^iovoysvijs vlös Jo 1, 14 (18?); 3, 16. 18; 
1 Jo 4, 9. Hieran wird nichts dadurch geändert, daß dyaTrrjrög außer Ver- 
bindung mit v'töi auch weitere Bedeutung hat z. B. als Übersetzung von 
~-.\ Ps 60, 7 (wenn da nicht, wie Jer 31, 20 für i'^\, eine LA tti; zu gründe 
liegt) oder von iTia Mt 12, 18 (aus Jes 42, 1, wo LXX exlexrög, nicht von 
einem Sohn, sondern einem Knecht). — Das HE hat Mt 3, 17 Tu es filius 
mens 'primogenitus, vielleicht in Erinnerung an Ps 89, 28. Wie leicht der 
Übergang von der einen zur anderen Vorstellung sich vollzog, zeigt die 
Verbindung i>'tbv TiocoTÖroy.oi' juovoysvff in bezug auf Israel Ps. Salom. 18, 4; 



c. 3, 13—17 149 

einziger Sohn" bezeichnen wollte, mußte auch seine Einsetzung iu 
dieses Amt als Erzeugung, nicht als Ei wählung vorstellen und aus- 
drücken. Ferner wird zwar an ganz wenigen Stellen des AT's der 
König oder der Gesalbte Gottes als Sohn Gottes und einmal auch 
seine Einsetzung in das königliche Amt als Zeugung von selten 
Gottes dargestellt.^**) Aber erstens fehlt dort der durch 6 äya- 
TtTjTog ausgedrückte Gedanke, wie andrerseits hier die in Ps 2, 7 
ausgesprochene Vorstellung der Einsetzung als einer Zeugung fehlt. 
Zweitens ist es unstatthaft, die anderwärts bezeugte Vorstellung, 
daß die Salbung Jesu mit Geist bei Gelegenheit der Taufe seine 
Einsetzung in das Amt des Messias, und daß diese nach Ps 2, 7 
seine Erzeugung zum Sohne Gottes sei,'**) in den vorliegenden Text 
ohne Anhalt in demselben einzutragen, welcher ebensowenig wie 
der gleichlautende Satz 17, 5 eine Aussage dessen ist, was der un- 

IV Esra 6, 58; von dem Gerechten Ps. Salom. 13, 8 ms vlbv äyaTtTfinoi 

(= dyanrjröv cf Kol 1, 13) wechselnd mit tos Ttfcoröroy.ov. 

«») Dies uur Ps 2, 6 f. (cf Ps 82, 6 die Einsetzung der ßichter iu ihr 
Amt als Ernennung zu Göttern und Söhnen Gottes = Jo 10, 34). Der von 
David abstammende König ist Gottes Sohn 2 Sam 7, 14 = 1 Chr 17, 13 = 
22, 10, der erstgeborene Sohn Gottes unter den Königen Ps 89, 28, wie 
Israel unter den Völkern Ex 4, 22 cf 19, 5 f. Während von der Gottes- 
sohnschaft Israels und der Israeliten sehr oft die Rede ist, findet sich die 
Gottessohnschaft des Königs außer den genannten Stellen im AT nirgendwo 
erwähnt; sie ist auch später keine sehr volkstümliche Vorstellung gewesen, 
cf Orig. c. Geis. 1, 49. Trotz der Erinnerung an die dem David zugeschworeue 
Verheißung Ps. Salom. 17, 4 und an die Gottessohnschaft aller Israeliten 
17, 27 wird Golt nicht der Vater, sondern etwa der König des Messias ge- 
nannt 17, 34. Cf Dalman S. 219 ff. „Psalm 2 in der jüdischen Literatur". 
Die dort S. 226—240 folgende Ausführung über Mt 3, 17 und die Parallelen 
wird weder dem Begriff vl6s, der bei Mt und im NT nie mit ttuIs unter- 
schiedslos "wechselt, noch dem äyaTTriiös in Verbindung mit vlbs gerecht, 
vollends nicht dem Tempus und der Bedeutung von ii' i5 evöÖHrjoa. 

"°) Während Ps 2, 7 (und 2 Sam 7, 14) Hb 1, 5 auf die Menschwerdung, 
AG 13, 33 auf die Auferstehung bezogen wird, sind für Lc .3, 22 die aus 
Ps 2, 7 genommenen Worte viö^ fwv ü oi\ tycb ot'iueoov ysytvt^Tixd ae als 
Wortlaut der Eimmelsstimme gut bezeugt und vielleicht ursprünglich cf 
Einl. § 59 A 19 nr. 1. Hilarius war so sehr. an diesen Text des Lc gewöhnt, 
daß er im Kommentar zu Mt 3, 17 p. 617 nur diesen zu gründe legt, den 
er auch trin. VIII, 25 und zu Ps 2 ed. Vindob. p. 59 als ev Text citirt, 
während ihm doch der gewöhnliche Text nicht unbekannt war trin. VI, 23; 
zu Ps 138 n. 6 p. 507. Die Frage, wie sich die genannten 3 Anwendungen 
von Ps 2, 7 zu einander verhalten, tmd ob die Beziehung auf die Taufe, 
vorausgesetzt daß sie Lc 3, 22 echt ist, sich mit Lc 1, 35 vertrage, berührt 
uns hier nicht, da der Bericht in Mt 3, 17 (= Mr 1, 11) keinen Anlaß gibt, 
sie auch nur zu stellen. Kerinth, welcher den Messias oder Gottes Sohn 
erst iu der Taufe mit Jesus eine vorübergehende Personalunion eingehen 
ließ, fand die Geburtsgeschichten Mt 1 und Lc 1 mit der so verstandenen 
Taufgeschichte unvereinbar und beschränkte sich auf das Mrev (Iren. I, 
26, 1; III, 11, 7 cf Einl 8 51 A 16). Die e:nostisch gerichteten Ebjoniten 
schufen sich ein eigenes Ev. welches wie Mr mit Job. dem Täufer anting 
(Epiph. haer. 30, 13f., GK II, 725 ff'.). Wesentlich ebenso urteilte Strauß 
I, 446 und bis heute viele. 



150 Die Versuchung. 

mittelbar vorher erzählte Vorgang, hier die Ausrüstung mit Geist, 
dort die Verklärung der leiblichen Erscheinung Jesu, bedeute oder 
gewirkt habe. Drittens ergibt sich, wie später im einzelnen zu 
zeigen sein wird, aus Mt 11, 27; 14, 33; 16, 16; 26, 63—66, be- 
sonders deutlich aber aus 21, 37: 22, 41 — 45, daß nach unserem 
Ev „Sohn Gottes" durchaus nicht ein Synonym von 6 XQioi6(i 
ist, sondern die einzigartige Herkunft der Person Jesu von Gott 
bezeichnet, worauf das ihm allein eignende Verhältnis sowohl zu 
Gott als zur Welt und seine von allen übrigen Menschen ihn 
unterscheidende Eigenart beruht. "Wie zu 2, 15 ist auch hier die 
Gottessohnschaft aus 1, 18 — 25 ^ erklären, Sie bedeutet nicht 
ein amtliches, sondern ein persönliches Verhältnis ; sie ist nicht 
identisch mit der Stellung als Messias, sondern bildet deren Voraus- 
setzung. Weil Jesus der einzige oder eingeborene Sohn Gottes ist, 
darum hat Gott ihn auch dazu erkoren, daß er die Königsherrschaft 
Gottes auf Erden aufrichte durch Geist und Gericht. Nur der 
Sohn Gottes ohne gleichen ist dieser übermenschlichen Aufgabe 
gewachsen. Daß dies jetzt proklamirt wird, dient einerseits dazu, 
daß dem Täufer die prophetische Ahnung, in Jesus den Geisttäufer, 
Richter und ßeichsgründer - vor sich zu haben, besiegelt und zur 
Gewißheit werde, und andrerseits dazu, Jesu selbst zu bezeugen, 
daß der Geist, der über ihn gekommen ist, ihn dazu ausrüsten und 
anregen soll, seine angeborene Gottessohnschaft nunmehr in dem 
Beruf, zu dem er erkoren ist, zu betätigen. Nach der einen wie 
nach der anderen Seite sind die beiden Kundgebungen Gottes, 
welche der Taufe unmittelbar gefolgt sind, eine Erhöhung dessen, 
der sich in demütigem Gehorsam vor Gott und seinem Propheten 
erniedrigt hat. 

3. Die Versuchung 4, 1 — 11. Die Taufe samt ihren 
Begleiterscheinungen hatte außer Jesus den Täufer zum Zeugen. 
Die Versuchung schließt nach Mt wie nach Mr 1, 12 f. Lc 4, 1 — 13 
jeden menschlichen Zeugen außer Jesus aus. Während demnach 
die Kunde von der Taufe Jesu auf Mitteilungen des Täufers be- 
ruhen kann, von dessen Schülern nach Jo 1, 35 ff. mehrere bald 
nach diesem Ereignis an Jesus sich angeschlossen und den Grund- 
stock von dessen Jüngerschaft gebildet haben, muß die Erzählung 
von der Versuchung entweder auf Mitteilungen Jesu an seine Jünger 
zurückgehen,-^) oder von einem, der sie erdichtet und zum ersten 
Mal erzählt hat, auf Mitteilungen Jesu zurückgeführt worden sein. 
Gegen die letztere u.nd für die erstere Annahme spricht erstens, 
daß die drei vorhandenen Berichte zwar in der Hauptsache über- 
einstimmen, aber doch solche Verschiedenheiten zeigen, welche die 
Ableitung der einen literarischen Form aus der anderen aufs 



^) Das HE (Frg. 4 GK II, 690 ff.) läßt geradezu Jesum von seiner Ent- 
rückung auf den Berg erzählen. 



c. 4,1-11. 151 

äußerste ersctweren. Hieraus folgt, daß die mündliche Erzählung 
in sehr früher Zeit eine weite Verbreitung und keinen wirksamen 
Widerspruch in den Gemeinden der Apostelzeit gefunden hat. Zu 
den Gemeinden, von welchen dies gilt, gehören, wie das in Palästina 
entstandene Mtev und das HE zeigen, vor allem auch die Juden-' 
christlichen Gemeinden Palästinas. Zweitens sind "Worte Jesu 
überliefert, welche nicht nur im allgemeinen den Stempel der Un- 
erfindbarkeit tragen, sondern gerade auch von der vorliegenden 
Erzählung formal ganz unabhängig sind und doch auf dasselbe 
Ereignis zurückweisen.-) Drittens ist schwer denkbar, daß ein 
kühner Dichter, der sich für seine Erfindung nur auf geheime 
Mitteilungen Jesu an einen einzelnen, etwa seither verstorbenen 
Jünger hätte berufen können, den Gedanken, daß Jesus ein Sieger 
über Teufel und Sünde war, in eine Erzählung gekleidet haben 
sollte, welche den in der Gemeinde angebeteten Herrn so ganz 
menschlich, hungernd, zur Sünde versuchbar, mit dem Bibelwort 
als der einzigen Waffe kämpfend dargestellt haben sollte. Die 
schlichte Größe der Darstellung entspricht der unvergleichlichen 
Bedeutung der Handlung. Geht aber die Erzählung auf Jesus 
selbst zurück, so ist auch nicht zu bezweifeln, daß die Versuchung 
von ihm als ein eigenes sehr ernsthaftes Erlebnis und nicht etwa 
als Parabel ^) oder als Traum oder Vision erzählt worden ist.*) 

2) S. unten zu Mt 12, 29 (Mr 3, 27; Lc 11, 22). Auch Lc 10, 18 (cf 
zur Form des Gedankens Jo 12, 31) bezieht sich auf den einmaligen, seinem 
öffentlichen Wirken vorangegangenen Sieg Jesu über Satan. 

^) Dies war die Meinung Schleiermacher's und mancher seiner Schüler 
z. B. Bleek's. Abgesehen davon, daß ein allgemeines Mißverständnis der 
ersten Hörer der Parabel anzunehmen bedenkhch erscheint, fehlt dieser Er- 
zählung die Ähnlichkeit mit den Parabeln Jesu. Während Jesus nicht 
selten sich selbst und sein Handeln in dritter Person unter der Figur einer 
fingirten Person dargestellt bat (Mt 9, 15; 21, 37; 22, 2; 24, 43. 45; 25, 10), 
hat er nie ein im Leben der Menschen häufig vorkommendes Geschehnis 
als sein eigenes, einmaliges Erlebnis dargestellt. Ferner lassen sich gewiß 
aus dieser Geschichte, obwohl sie von Versuchung des Sohnes Gottes und 
des berufenen Weltherrschers in dieser seiner Eigenschaft berichtet, sitt- 
liche Verhaltungsregeln für alle Menschen ableiten, aber die Einkleidung 
derselben in eine Erzählung von Erlebnissen Jesu, die nach Meinung der 
Vertreter dieser Ansicht niemals stattgefunden haben können, wäre ein 
unglaublicher Mißgriff des Parabeldichters. 

*) In behaglicher Breite von Paulus I, 352—363 entwickelte Ansicht. 
Mit Unrecht macht Fritzsche S. 175 für dieselbe Theodorus Mops, verant- 
wortlich, der nur von den Ortsveränderungen innerhalb der Versuchung, 
keineswegs aber von der Begegnung und dem Kampf mit Satan als einer 
tfavraaia spricht. Die Auffassung als Mythus, die gegenüber rationalistischer 
Umdeutung schon vor Strauß von Fritzsche vertreten wurde, entbindet 
nicht von der unlösbaren Aufgabe, begreiflich zu machen, wie der, welcher 
die noch unbestimmte Sage in die bei Mt und Lc und auch im HE wesent- 
lich gleiche dramatische Form gebracht hat, diese schon durch den Mangel 
jeder denkbaren Augenzeugenschaft unter allen ev Erzählungen einzig da- 
stehende Geschichte zu einem Gemeingut der ältesten für uns erreichbaren 
christlichen Tradition machen konnte. 



152 Die Versuchnng. 

Doch bedarf bei der schwankenden Fassung des Begriffs der Vision 
die Ablehnung dieser Auffassung der näheren Bestimmung an der 
Hand des Textes. — Nicht nur durch das rörs, welches als Ver- 
bindung zweier Einzelereignisse stets die unmittelbare Zeitfolge 
ausdrückt (2, 7. 16; 9, 14), sondern mehr noch durch den Inhalt 
von V. 1. 3 ist die Versuchung unmittelbar an die Taufe ange- 
schlossen. Von dem Geist, der bei der Taufe auf Jesus sich nieder- 
gelassen hat, und welcher im Rückblick auf 3, 16 hier als der von 
dort her bekannte und einer sonstigen Näherbezeichnung nicht mehr 
bedürftige schlechtweg rb 7tv8V(.m genannt wird, wurde Jesus in 
die Einöde emporgeführt. Da das Jordantal, wo die Taufe statt- 
gefunden, zur Wüste von Judäa gerechnet wurde (3, 1), bezeichnet 
eig ti]v sgri/iiov nicht im Gegensatz zu dieser eine bestimmte andere 
Wüste, sondern die Einöde und Einsamkeit im Gegensatz zu der 
damals von Volksmassen stark besuchten Jordanaue, sowie zu Städten 
und Dörfern, in welche Jesus sich hätte begeben können. Nur 
ist durch avrjxd-rj insofern die Ortlichkeit näher bestimmt, als dies 
nötigt, an die das Jordantal einrahmenden und höher als dieses 
liegenden, bergigen Gegenden zu denken, und zwar, wenn diese 
Bewegung der Anfang einer E-ückreise von der Taufstätte nach 
Galiläa war (Lc 4, 1), an die westlich von der Jordanaue liegenden 
sehr öden Höhenzüge.^) Jedenfalls ist hier eine der Wirklichkeit 
angehörige Ortsveränderung vom Jordan hinweg ins Bergland, aus 
der Nähe des Täufers in die Einsamkeit beschrieben. Wenn die- 
selbe auf die treibende Kraft des Geistes zurückgeführt wird,^) so 
kann dies nicht bedeuten, daß Jesus in einen Zustand der Ekstase 
versetzt worden sei, welcher das volle Selbstbewußtsein und die 
freie Selbstbestimmung aufhebt,') so daß dann auch der ganze im 

•') Damit stimmt die erst seit dem 12. Jahrhundert nachweisbare Lokai- 
tradition, wonach der nordwestlich von Jericho gelegene Berg Quarantana 
(nach den 40 Tagen des Fastens Jesu genannt), bei den Arabern Karantal 
oder Kuruntul, und seine Umgebnng der Schauplatz der Versuchnng sein 
soll cf Robinson, Pal. II, 552; Bädeker-Socin* S. 152, auch die Beschreibung 
des über Jericho liegenden ^fddv yal uY.afjTxov dpos und des ganzen nördlich 
bis zum Gebiet von Skythopolis sich erstreckenden „unebenen und wegen 
der Unfruchtbarkeit unbewohnten" Strichs bei Jos. bell. IV, 8, 2. Über die 
Entstehung der schon im HE vorliegenden Tradition vom Thabor als dem 
Berg der Versuchung Mt 4, 8 s. GK II, 690 f.; Forsch. VI, 275. 

«) Mit N k Min. 157 (cf über diese GK I, 457 A 1), Ss Sc S^ mag 
i'Tid 10V Tivevuaros vor th t. Pp. zu stellen sein. — PI gebraucht 7tvsi'>fia2i 
äysaihu von der regelmäßigen Einwirkung des Geistes auf das gesamte 
Leben der Christen Gal 5, 18; Rm 8, 14. Selbst der starke Ausdruck 
Lc 2, 27 will schwerlich eine Ekstase beschreiben und soll jedenfalls nicht 
die volle Wirklichkeit des Tempelbesuchs und der folgenden Handlungen 
Simeons in Frage stellen. 

') Deutliche Ausdrücke hiefür finden sich AG 10, 10; 11, 5; 22, 17 

fteOTaaig, Ap 1, 10; 4, 2 ryevö/urjv ev Ttveitjuari cf 1 Kr 14, 2. 14 — 19 nvtvfia 

(vom Zungenredner) opp. vov? (vom Propheten und Lehrer); Mr 1, 23; 5, 2. — 
Wie für die subjektive Empfindung die Grenze zwischen dem einen und 



c. 4, 1—11. 153 

folgenden erzählte Vorgang mit Einschluß des Emporsteigens vom 
Jordan zur höher gelegenen Einöde, des 40 tägigen Fastens und 
nachmaligen Hungerns der Ekstase angehörte und nur als Iv 
Ttvevjuari erlebt vorzustellen wäre. Es ist nur gesagt, daß Jesus 
nicht so, wie von Galiläa zum Jordan (3, 13), jetzt auch vom 
Jordan in die Einsamkeit vermöge eines auf verständiger Erwägung 
beruhenden Entschlusses gekommen sei, sondern gedrängt und an- 
getrieben von dem Geist, der ihn soeben als eine zu einem Handeln 
neuer Art anregende Kraft im innersten ergriffen hatte. Wie stark 
man sich diesen Autrieb denken und ihn bezeichnen mag (cf Mr 1, 12), 
weder der Ausdruck, noch die folgende Erzählung gibt Anlaß oder 
auch nur Recht dazu, damit eine Aufhebung des Tagesbewußtseins 
und den Eintritt eines traumhaften und unfreien Geisteszustandes 
Jesu verbunden zu denken. Wenn Jesus nicht infolge eigener 
Überlegung, sondern einem Drängen des Geistes nachgebend in die 
Einöde gegangen ist, so ist auch nicht die Absicht Jesu, sondern 
die des Geistes, der ihn dahin führte und somit Gottes, dessen 
Geist dies tat, durch 7t6iQaod-f]vat vtco tov öiaßöXov ausgesprochen. 
Während der Teufel und nicht Gott als das Subjekt des TTUQccLeiv 
vorgestellt ist, wird andrerseits nicht minder deutlich gesagt, daß 
Gott das Versuchtwerden Jesu durch den Teufel gewollt und durch 
Wirkung seines Geistes auf den AVillen und die Bewegung Jesu 
diesen in die Lage gebracht habe, vom Teufel versucht zu werden. 
Es ist dies jenes eiGg)€Q£iV eig 7ieiQaof.iöv, womit uns zu verschonen 
wir Gott nicht bitten könnten (6, 13), wenn er es nicht wäre, der 
es je und dann tut. Daß Gott, der die Versuchung durch Satan 
ermöglicht und herbeiführt, dabei andei'e Absichten hat, als dieser, 
obwohl das Tun beider ein auf die Probe stellen ist und gelegent- 
lich durch dasselbe TtSLOoQtiv ausgedrückt wird,®) versteht sich 

dem anderen Zustand trotz der Absicht einer deutlichen Unterscheidung 
nicht immer sofort und auch nachträglich manchmal nicht zu erkennen ist 
t\G 12, 9; 2 Kr 12. 1—4; Mr 9, 6), ^so sind auch die für diese Erlebnisse 
gebräuchlichen Ausdrücke meist nicht an sich, sondern nur durch den 
Gegensatz imd den Zusammenhang unzweideutig. Nicht nur der Zuugen- 
redner, dessen vovs brach gelegt und welcher zu gemeinverständlicher Kede 
unfähig ist, sondern auch der Prophet, „ja der schlichte Bekenner redet im 
Geist (1 Kr 12, 3—11; 14, 22—33). Ähnlich ist es mit S^a/nn, öonm.-, 
onraaiu^ ofdfjvai. Es kann öoa/nn einen ausschließenden Gegensatz zu aller 
objektiven Wirklichkeit bilden AG 12, 9; 10, 7. 19; 11, 5; (Mt 17, 9?), was 
doch anderwärts durchaus nicht die Meinung ist AG 7, 31; 9, 10; 16, 9. 10; 
18, 9. Einerseits schließt der Zustand des Traumes oder der Ekstase nicht 
aus, daß reale Mächte auf den Träumenden oder Entzückten einwirken 
(Mt 1, 20; 2, 13 etc.; AG 22, 17; Ap 1, 9ff); andrerseits setzt das Sehen 
und Hören des an sich Unsichtbaren und überhaupt Übersinnlichen nicht 
den Zustand des Traumes oder der Entzückung voraus (AG 9, 3 ff. ; 26, 13—19 ; 
1 Kr 9, 1; 15, 5—8). 

*•) nei^dt,Eiv nDj als Handeln Gottes Gen 22, 1; Ex 16, 25; 16, 4, im 
NT nur Hb il, 17' angedeutet. Dagegen die Unterordnung des auf das 
Verderben der Menschen gerichteten Titi^ä^siv Satans unter den Willen 



154 Die Versuchung. 

von selbst. Daß Jesus 40 Tage und Nächte keine Nahrung zu 
sich nahm, wird nicht um seiner selbst willen erzählt, sondern nur 
um empfindlich zu machen, was es für ihn selbst bedeutete, daß 
er erst nach Ablauf dieser Zeit Hunger empfand (v. 2). Aus 
letzterem erkennen wir zunächst , daß vorher eine völlige Ent- 
haltung von aller Nahrung stattgefunden hatte (cf Lc 4, 2) ; denn 
eine bloße Einschränkung auf die zur Eristung des Lebens not- 
wendige dürftigste Nahrung, welche gleichfalls vr^OTSvsiv heißen 
könnte, wäre doch immer durch Momente unterbrochen gewesen, 
in welchen die Empfindung des Hungers zu einem wenn auch noch 
so mäßigen Essen veranlaßt Fätte. Auch wäre die Erwähnung 
der Nächte neben den Tagen dann zwecklos (cf Ex 34, 28). Ferner 
sehen wir, daß das vorangegangene vrjOTSvsiv nicht eine mit Selbst- 
überwindung verbundene asketische Leistung oder Kasteiung war. 
Wenn Jesus 40 Tage lang, ohne Hunger zu empfinden, der Speise 
entbehren konnte, so muß eine ungewöhnliche und ebenso lange 
anhaltende Erregung des geistigen Lebens ihn über dieses leibliche 
Bedürfen emporgehoben haben (cf Jo 4, 31 — 34) ; und nur aus 
einem Nachlaß dieser geistigen Anspannung ist es zu erklären, 
daß der Hunger sich einstellte. Eben hieran knüpft der Ver- 
sucher ^) mit seinem ersten Angriff an. Da der Teufel, wie die 
unter seiner Herrschaft stehenden Dämonen, ein Geist oder Engel 
ist (12, 24ff. 43ff. ; 25, 41) und als solcher einer ihm eigentüm- 
lichen beharrenden Erscheinungsform entbehrt , so muß er , um 
sichtbar an einen Menschen heranzutreten und in 'einer diesem • 
verständlichen Sprache mit ihm zu reden, eine dem entsprechende 
Erscheinungsform angenommen haben. Diese ist aber als eine 
menschliche zu denken, weil nur diese selbstverständlich ist, wo- 
hingegen jede andere ausdrücklich hätte erwähnt werden müssen. 
Auf die in der Wüste umherliegenden Steine hinweisend, welche 
also der Wahrnehmung Jesu ebensowenig entrückt waren, wie der- 
jenigen der Zuhörer des Johannes (3, 9), fordert er ihn auf, ein 
AVort zu sprechen, welches sie in Brode verwandle.^**) Er sCd 
durch ein Machtwort sich die Speise verschaffen, nach der ihn 
hungert, und soll dadurch beweisen, daß er ein Sohn Gottes sei. 
Das ist ein Echo aus dem Abgrund, welches der Stimme vom 

Gottes wie Mt 4, 1 schon Job 1, 12; 2, 6, ferner Mt 6, 13; 26, 41; Lc 22, 31; 
1 Kr 10, 13. 

^) Durch V. 1 ist ö nEioät^wv v. 3, eine sonst wenig übliche Benennung 
des Teufels (l Th 3, 5), vorbereitet. Während Mt als Erzähler sonst (v. 1. 
5. 8. 11), auch in Worten Jesu 13, 39; 25, 41 Siäßolos, die von LXX her 
geläufige Übersetzung von \^ü Job 1, 6—2, 7; Sach 3, If. gebraucht, hat 
er 4, 10; 12, 26; 16, 23 oaxaväi, nur in Worten Jesu, eine Unterscheidung, 
die sonst im NT nicht innegehalten wird cf Mr 1, 13; Lc 22, 3; Jo 13, 27; 
1 Kr 5, 5; Ap 12, 9. Cf oben S. 96 A 83 über Jerusalem und Hierosolyma. 

10) UytLv mit u'a 20, 21; Mr 3, 9; Lc 10, 40, mit Infinitiv Mt 16, 11; 
Mr 8, 7 heißt befehlen. 



c. 4, 1—11. 155 

Himmel 3, 17 antwortet. Was Gott über Jesus geredet hat, stellt 
der Teufel in Frage (Gen 3, 1; lob 1, 8 f.), indem er von Jesus 
verlangt, daß er ihm den Beweis dafür liefere. Es ist aber nicht 
zu übersehen, daß er nicht sagt, was man wegen des unverkenn- 
baren Zusammenhangs mit 3, 17 erwarten könnte : ei 6 vtog, son- 
dern et vibg et rov d-eovM^ Nicht daß er der einzige Sohn 
Gottes sei, den Gott eben darum zum Messias erkoren habe, sondern 
daß er vor anderen Menschen ein Gott verwandtes Wesen sei, soll 
er beweisen (cf Mt 14, 33 ; 27, 40). Wenn es dem bösen Geist, 
der die Stimme vom Himmel vernommen hat, nicht verborgen sein 
kann, daß Jesus zum Messias erkoren ist, so hat doch, was er von 
ihm fordert, mit diesem Beruf unmittelbar nichts zu schaffen. 
Wohl aber ist von einem, der als ein Gottessohn Macht über die 
Natur haben muß, zu erwarten, daß er sich der unwürdigen Lage 
eines hungernden Menschen durch Gebrauch seiner Macht entziehe. 
Ein eigenwilliger, einerseits der Befriedigung eines persönlichen 
Bedürfnisses dienender, andrerseits prahlerischer Gebrauch seiner 
Wundermacht ist die Sünde, zu welcher Jesus verleitet werden soll. 
Das Gut aber, durch dessen Vorspiegelung Satan ihn zu verführen 
sucht, ist trotz der Anknüpfung an das leibliche Bedürfen Jesu 
keineswegs ein Stück Brod, womit er seinen Hunger stillen kann, 
sondern die Anerkennung seiner Gottessohnschaft von selten Satans. 
Mit dieser aber wäre das Ende alles Widerstandes dieses Feindes 
Gottes gegen das Gotteswerk, welches Jesus auszuführen berufen 
ist, gegeben. Durch ein Wort wäre Jesus, wenn er der Auf- 
forderung folgte, am Ziel des Weges, vor dessen Anfang er steht. 
Dabei ist vorausgesetzt, daß Jesus sofort wußte, wen er vor sich 
habe. Man kann das Gegenteil nicht daraus schließen, daß er ihn 
erst V. 10 beim Namen nennt. Vorher redet er ihn überhaupt 
nicht an. Wäre aber die Meinung, daß Jesus den Versucher an- 
fangs verkannt und etwa für einen Menscheü gehalten und zuletzt 
erst als Satan erkannt habe, richtig, so wäre dies für die gesamte 
Versuchung von so wesentlicher Bedeutung, daß die Erzählung von 
V. 3 an als eine völlig irreführende Wiedergabe der Vorstellung 
des Erzählers zu beurteilen wäre. Einen vorwitzigen Menschen 
würde Jesus abgewiesen oder doch zurechtgewiesen haben (22, 18). 
Weil er den erkennt, welchem Gott die Macht gelassen hat, alle 
Menschen und so auch ihn zu versuchen, hält er seinen Angriff 
aus, solange er nichts von ihm fordert, was nicht unter Umständen 
eine Betätigung der Frömmigkeit sein könnte. Das Schriftwort, 
womit er die erste Zumutung abweist (v, 4 Deut 8, 3), ist ebenso 



") Der auch von Lc (3, 23; 22, 70 einerseits, 4, 3 andrerseits) be- 
obachtete und auch im Aramäischen auszudrückende Unterschied beider 
Prädikate (unSsT ma 6 vibi r. ihov, n.i'jn ^1 viög (toi") 'hov) wird von 83 
SeS' hier wie 14, 33; 27,40 außer Acht gelassen. Aus diesen Stellen sieht 
man aber, daß vlö-; (tov) d-eov für Mt ganz etwas anderes als Messias heißt. 



156 Die Versuchung. 

wie die in v. 7 und 10 folgenden (Deut 6, 16. 13) einem Zusammen- 
hang entnommen, in welchem Israel an die Erfahrung erinnert 
wird , die es während der Wanderung aus Ägypten durch die 
Wüste gemacht hat. Wir erkennen daraus ein Stück des Gedanken- 
kreises, in welchem Jesus sich während dieser Tage bewegt hat. 
Die Steinwüste, in der er sich befindet, und die 40 Tage, in 
welchen der Geist ohne Brod ihn aufrechterhalten hat, gemahnen 
ihn an die 40jährige Wüstenwanderung Israels. ^^) Was Israel, 
der Sohn Gottes (Mt 2, 15), aus den Erlebnissen jener Zeit lernen 
sollte, das hat Jesus, der wahre Sohn Gottes, aus der Geschichte 
seines Volkes wirklich gelernt.*" Israel sollte nach Deut 8, 3 aus der 
wunderbaren Speisung mit Manna nach vorangegangenem Hunger 
lernen, daß der Mensch nicht nur auf Grund von Brod, wie es ihm 
gewöhnlich zur Nahrung dient, sondern auf Grund alles dessen, was 
aus Gottes Munde geht, am Leben erhalten wird ; ^^) d. h. daß 
Gottes Wort allezeit wie bei der Sendung des Manna statt des 
gemeinen Brodes wunderbarer Weise Speise schaffen kann. Die 
Meinung, daß Jesus durch Anführung dieses Spruchs habe sagen 
wollen, die Beschäftigung mit dem Worte Gottes genüge ihm als 
Nahrungsmittel,-^^) steht, nicht nur mit Deut 8, 3, wo von wirk- 
licher , wiederholter Speisung des hungernden Volks als einer 
Wirkung des Wortes Gottes die Rede ist, sondern auch mit unserem 
Text in Widerspruch. Während der 40 Tage hatte Jesus an der 
geistigen Erhebung und Beschäftigung einen Ersatz der mangelnden 
Speise ; der nach Ablauf dieser Zeit eingetretene Hunger zeigte, 
daß dies fernerhin nicht mehr der Fall sein solle, und heischte 
Befriedigung. Jesus bezeugt den Glauben, daß es dazu des eigen- 
willigen Gebrauchs seiner Wundermacht nicht bedürfe , sondern 
Gottes Wille und Wort ihm die Speise schaffen werde, deren er 
bedarf. Er stellt sich unter eine Regel, welche ihrem Wortlaut 
nach für jeden Menschen gilt, und er antwortet mit einem Schrift- 

12) Num 14, 33 f. (da auch Vergleichung mit 40 Tagen); Deut 2, 7; 
Ex 16, 35; Ps 95, 10; Hb 3, 7-19; 1 Kr 10, 1-13. Eine Erinnerung an die 
40 Tage und Nächte, die Moses ohne Speise im Verkehr mit Gott auf dem 
Sinai zubrachte Ex 24, 18; 34, 28, und an die 40tägige Wanderung Elias 
zum Horeb 1 Keg 19, 8 liegt ferner, weil für beide keine Versuchung damit 
verbunden war. Mt verrät durch seine atl Citate keinerlei Neigung, in 
jeder beliebigen Person der atl Geschichte einen Typus Jesu zu erblicken. 
Außer David und dem Davidssohn samt allem, was er als Weissagung auf 
diesen ansieht (z. B. Jes 40 — 66), ist ihm nur Israel und seine Geschichte 
Typus und Weissagung auf die Geschichte Jesu s. oben S. 106 f. zu 2, 15. 

1") Von LXX (Swete nach ABF, ebenso Lucian, nur ohne Artikel 
vor uvb'Qomo?, welcher auch bei Mt in den jüngeren Hss fehlt) und zugleich 
vom Hebr. weicht Mt nur darin ab, daß er im zweiten Satzglied i,rjaEtai 
6 ävi)-(). nicht wiederholt, und daß er vielleicht tv statt eni vor navii 
schrieb (CD, dafür kann man die alten Versionen nicht anführen, weil sie 
durchweg auch schon das erste eTii vor uqtm so frei wiedergeben). 

'*) So Chrys., auch noch Bengel, ähnlich Fritzsche u. a. 



I 



c. 4, 1—11. 157 

wort, ohne ein einziges Wort eigener Erfindung beizufügen. So 
überwindet er die Versuchuog als ein frommer Mensch und als 
ein schriftgläubiger Israelit, An letzteres knüpft die zweite 
Versuchung an. Der Schauplatz derselben ist die dem Israeliten 
heilige Stadt, welche Mt, um diese ihre Eigenschaft hervorzuheben, 
nur als solche, nicht mit ihrem Namen bezeichnet, ^^) und inner- 
halb der heiligen Stadt deren heiligster Bezirk , das Heiligtum 
schlechthin, der Tempel im weiteren Sinn des AVortes, also eine 
der den Tempelplatz umgebenden Hallen und zwar, da Jesus 
darauf gestellt wird, deren Dach.^^) Endlich begründet der Ver- 
sucher seine Zumutung durch ein Wort aus der h. Schrift. Alles 
dies soll den frommen Israeliten, als welchen sich Jesus soeben 
bewiesen hat, ermutigen zu tun, was der Versucher ihn tun heißt. 
Es fehlt aber auch diesmal nicht die Anknüpfung im sinnlichen 
Empfinden Jesu. Wenn es heißt, daß der Teufel ihn mit sich 
nimmt, ihn so in die Stadt bringt und auf den Flügel des Tempels 
stellt, so läßt namentlich das €OTi]aev aviöv tctI. keinen Zweifel 
darüber, daß Jesus sich nach der körperlichen Seite seines Lebens 
in der Gewalt des Teufels gefühlt hat. Dieser hat Jesum nicht 
eingeladen , in seiner Begleitung eine Reise nach Jerusalem zu 

15) Ebenso 27, 53 ; Ap 11, 2 ; 2 1, 2. 10 ; 22, 19 ; Jes 52, 1 ; 66, 20 ; Dan 3, 28 
(caut. puer.), bei den Juden wenig, bei den Christen späterer Zeit sehr ge- 
bräuchlich, soo-ar auf der Mosaikkarte von Madaba; von den Christen zu 
den Arabern übergegangen, die Jerusalem noch heute el-Kuds „das Heilig- 
tum" nennen. Die feierliche Benennung (cf 5, 35 und yf] 'hioar]l 2, 20) ist 
nicht nur Lc 4, 9, sondern auch im HE (Frg. 5 GK II, 690, 692) durch 
"IeQovaaXrj,u ersetzt, in letzterem wahrscheinlich darum, weil die Nazaräer 
die heidnisch gewordene und Aelia Capitolina genannte Stadt, aus der sie 
wie alle Juden durch Hadrian verbannt wurden, nicht mehr die heilige 
Stadt nennen mochten cf Ap 11, 8. 

1®) Mt wie das NT überhaupt und Josephus unterscheiden in der 
Regel ö vaöi das Tempelhaus, aus Heiligem und AUerheiligstem bestehend 
(Mt 23, 16. 35 ; 27, 51 ; Lc 1, 9. 21 f. ; Ap 11, 1 f. ; nur Mt 27, 5, wie auch bei 
Josephus zuweilen im weiteren Sinn cf Forsch VI, 234), und tö «eoöf den 
Komplex aller auf dem Tempelplatz befindfichen und denselben einschließen- 
den Baulichkeiten samt den eingeschlossenen Hallen und Höfen (Mt 12, 5; 
21, 12 — 15; 24, 1; 26, 55). Da nun TTveovyiov (eines der Wörter auf -lor, 
•welche die Diminutivbedeutung abgestreift haben z. B. 1 Reg 6, 24) von 
dem äußeren Rand oder Saum eines Gewandes gebraucht wird (Num 15, 38 ; 
1 Sam 15, 27), so eignet es sich auch zur Bezeichnung der den Terapelplatz 
einschheßenden , das ganze Ieqöi' nach außen abgrenzenden hohen Um- 
fassungsmauer samt den an der Innenseite derselben angebauten, mit 
Cedernholz bedachten Hallen. Da dieser neQißolos tov Ttamö^ leoov (Jos. 
bell. V, 5, 1) ununterbrochen um den ganzen Tempelplatz lierumlief, konnte 
er als der Rand des Heihgtums bezeichnet werden. So auch in der Er- 
zählung des Hegesippus vom Tode des Jakobus bei Eus. h. e. II, 23, 11 : 
Forsch VI, 232 ff. Der Artikel (tö .iTSQvyioi'X welcher die Einzigkeit der 
Sache voraussetzt, verbietet es ebensosehr an die TTTsod (Strabo XVII p. 805), 
Tireovyia, olae bei den ägyptischen oder den griechischen und römischen 
Tempeln zu denken, als au eine der Ecken der Umfassungsmauer, „einen 
Vorsprung" (Wellh.) des herodianischen Tempels. 



158 . Die Versuchung. 

machen und auf Treppen oder Leitern mit ihm zum Dach der 
Tempelhalle emporzusteigen, sondern Jesus nimmt unfreiwillig teil 
an der Bewegung des Teufels, der ein Geist ist. Damit ist ge- 
geben, daß diese Ortsveränderung ev 7iVEVf.ia%L sich vollzieht, d. h., 
da dies als eine Wirkung des bösen Geistes dargestellt ist : es ist 
dem Teufel eine solche Macht über diö Sinne Jesu gegeben, daß 
Jesus sich auf dem Dach der Tempelhalle zu Jerusalem stehend 
fühlte. Wie wenig Mt dabei an eine wirkliche Ortsveränderung 
dachte, beweist er dadurch, daß er von einer Begegnung mit anderen 
Menschen auf der Wanderung nach Jerusalem und durch die volk- 
reiche Stadt und von einer Wahrnehmung des Vorgangs seitens 
der in und um den Tempel verkehrenden Menschen, was der Ver- 
suchung eine ganz andere Bedeutung gegeben haben würde^ eben- 
sowenig wie Lc 4, 9 — 13 die leiseste Andeutung macht. Mr (1, 13) 
schließt derartige Vorstellungen geradezu aus. Wer sie in einem 
dieser Texte einträgt, ist nicht mehr Ausleger, sondern Legenden- 
dichter. Mt findet es nicht einmal nötig, alles dies ausdrücklich 
zu verneinen, oder zu erklären, wie der ganze Vorgang vor aller 
Wahrnehmung anderer Menschen verborgen geblieben sei. Zu der 
Erfahrung der Macht Satans über sein körperliches Leben kam 
für Jesus die Empfindung des Schwindels, welche den dessen Un- 
gewohnten zu ergreifen pflegt, wenn er sich plötzlich an den ßand 
einer auf steilem Felsen aufgebauten hohen Wand gestellt sieht. ^^) 
An diese Empfindung, welche den mit Grauen gemischten Reiz 
in sich schließt, sich hinabzustürzen, knüpft die Aufforderung an, 
dies wirklich zu tun und damit das Gottvertrauen zu beweisen, 
zu welchem die v. 6 abgekürzt angeführten Worte aus Ps 91, 11 f. 
den frommen Israeliten berechtigten.^^) Das Gut, durch dessen 
Vorspiegelung Satan Jesum zu verleiten sucht, ist auch diesmal, 
wie das wiederholte ei vibg ei TOv d-eov zeigt, Satans Anerkennung 
der Gottessohnschaft Jesu ; aber der Preis, den Jesus dafür zahlen 
soll, erscheint um so leichter gezahlt werden zu können, als er in 
einer Handlung bestehen soll, die nicht wie die Verwandlung der 
Steine in Brod den Schein der Selbstsucht an sich trägt, sondern 
wie eine Äußerung vertrauensvoller, selbstloser Hingabe an Gott 
aussieht , zu welcher die so stark betonte Heiligkeit des Ortes 

i') Jos ant. XV, 11, 5 sagt von der sogen, königlichen Halle am Süd- 
rand : „Während schon der Aufstieg von der Schlucht her groß ist und 
unerträglich hinabzuschauen, wenn einer von oben in die Tiefe hineinblickt, 
so ragt die Höhe der Halle noch außerordentlich hoch darüber empor, so 
daß, wenn einer vom Dach der Halle aus beide Höhen zusammen über- 
schauen wollte, er vom Schwindel würde ergriffen werden, da das Auge 
nicht in die unermeßliche Tiefe hinabreicht". 

^^) Statt der ausgestoßenen Worte lov Siuifvld^ai os ev lais öSois aov 
hat Mt ein xa< vor tnl yein&v eingeschoben, sonst genau nach der hier 
tadellosen LXX, selbst mit Einschluß des ön an der Spitze, welches nicht 
als recitativum zu fassen ist, da ein solches v. 4. 7. 10 fehlt. 



I 



c. 4, 1—11. 159 

und das Schriftwort ermutigen soll. Während Jesus die Macht 
des Versuchers in seinem sinnlichen Leben aufs stärkste zu emp- 
finden bekommt, bleibt er doch Herr seines Denkens und AVollens 
und weist auch diese Versuchung ohne Spur einer schwankenden 
Überlegung mit einem kurzen Schriftwort zurück (v. 7). Neben 
das vom Versucher citirte Schriftwort stellt er als ein zweites, ^^) 
nicht minder beachtenswertes und in dem vorliegenden Fall maß- 
gebendes die ebenso wie das Citat v. 4 aus der Geschichte der 
Wüstenwanderung geschöpfte Warnung an Israel (Deut 6, 16): 
„Du sollst Jahve deinen Gott nicht versuchen".-*^) Das hiedurch 
Vei'botene ist ein Herausfordern der Wundermacht Gottes, welches 
auf Ungeduld , Unglaube und Ungehorsam gegen die bisherige 
Offenbarung Gottes beruht (Ex 17, 1 — 7). Die Abweisung der 
satanischen Zumutung ist also nicht ein Zeichen von Mangel an 
Gottvertrauen , sondern ein Beweis des geduldigen Gehorsams, 
womit Jesus darauf wartet, daß Gott ihn auf dem Wege des an- 
getretenen Berufes in solche Lagen bringen werde, in welchen es 
gilt, den Wunderglauben zu beweisen, zu welchem Worte, wie 
das vom Teufel mißbrauchte, allerdings berechtigen. — Die dritte 
Versuchung wird wiederum {tkxXlv v. 8) wie die zweite durch 
einen Beweis der Macht Satans über das Sinnenleben Jesu ein- 
geleitet. Diesmal fühlt und sieht sich Jesus auf einen sehr hohen 
Berg gestellt und gewinnt den Eindruck, daß er die sämtlichen 
Königreiche der Welt und deren Herrlichkeit von dort aus über- 
blicke. Wie wenig Mt daran denkt, daß es einen Berg auf Erden 
gebe, von welchem ein Mensch mit seineu leiblichen Augen diese 
Aussicht und diesen Überblick genießen könnte, beweisen die Worte 
deiy.vvoiv avTijj, womit doch mehr gesagt ist, als daß der Teufel 
Jesum auf das aufmerksam gemacht habe, was er auch ohnedies 
gesehen haben würde oder hätte sehen können. Es wird dadurch 
vielmehr das Sehen dessen, was Jesus sah, ebenso als eine Wirkung 
Satans bezeichnet,'-^) wie die Versetzung zuerst nach Jerusalem, 
dann auf den hohen Berg durch 7raQa'/Mf.ißdv£L avrov und das 
Stehen auf der Tempelhalle durch eOTr^oev avröv v. 5. 8. Der 

''•) Der Gegensatz ist durch :7dltr nicht ausgedrückt cf Jo 12, 39; 
Hb 1, 5; 2, 13, aber damit verträglich Hb 4, 4 ff. 

^*') Ganz nach LXX, welche in Fortsetzung der singularischen Anrede 
iu Deut. 6, 15 auch in v. 16* ty.-reioüatii schreibt und erst !&" den Plural 
eintreten läßt, während der hebr, Text in beiden Versgliedern Plural hat. 
Im Gegensatz zu der gleichfalls sin guiarischen Anrede des Spruchs Mt 4. 6 
und wegen der Anwendung auf den einzelnen wird auch schon der aram. 
Mt v. 7 den Singular gebraucht haben. Passend übersetzt LXX hier und 
Ps 78, 18 dasselbe .-je:, welchem sonst gewöhnlich, auch in der zu gründe 
Hegenden Erzählung Ex 17, 7 ttsioüKciv entspricht, durch tx.T£<od^f<r cf 1 
Kr 10, 9. 

'") So Seiy.vr''vai = .iNnn „sehen lassen" von der Hervorbringung visio- 
nären Schauens Sach 8, iVlp 4, 1; 17, 1; 22, 6. 8 cf Einl § 72 A 1. 



160 Die Versuchung 

Teufel zaubert vor das Auge Jesu ein Bild hin, welches ihm die 
durch rcdoag rag ßaOLXelag xzl. ausgedrückte Vorstellung auf- 
drängt. Er sieht nicht nur das teils von den Söhnen des Herodes, 
teils unmittelbar von den Römern regierte Land Israels, welches 
jedoch auszunehmen kein Anlaß ist, sondern alle die Herrschafts- 
gebiete, die auch sonst zu seinem Weltbild gehörten ; und er sieht 
nicht nur diese weiten Länderstrecken, sondern auch alles, was 
ihren Schmuck und ihre Schönheit ausmacht, ^^) die Bildungen der 
Natur wie die Werke der Kunst, was Gott hat wachsen und was 
die Könige haben bauen lassen. In dem Anblick dieses Bildes 
liegt der auch diesmal nicht mangelnde Sinnenreiz, an welchen 
die letzte Versuchung anknüpft. Das Gut aber, welches Jesum 
locken soll, ist der Eesitz eben dieser Welt, deren Anblick sein 
Auge entzückt; und dies ist dieselbe Welt, deren ausschließlicher 
Besitz dereinst „dem Herrn und seinem Gesalbten" zufallen soll 
(Ps 2, 8; Ap 11, 15J. Dies ist aber auch das Ziel, zu dessen 
Herbeiführung Jesus sich berufen weiß ; denn dem Messias liegt es 
ob, die ausschließliche Königsherrschaft Gottes über die Welt, die 
zugleich seine eigene ßaaiXeia ist, aufzurichten und durchzuführen. 
Wenn der Versucher verspricht, die ganze jetzt in eine Vielheit von 
ßaotXelai geteilte Welt Jesu zum Besitz zu geben, und wenn er 
sich damit als den dermaligen Herrn und Besitzer der ganzen Welt 
geberdet (cf Lc 4, 6), so bleibt dies unwidersprochen ; es wird dies 
auch kein dem bisherigen Bewußtsein Jesu fremder Gedanke ge- 
wesen sein (cf Jo 12, 31; 14, 30; 16, 11), und in Anbetracht der 
alle Welt umspannenden Macht der Sünde und des Todes als der 
Wirkungen Satans wird dieses sein Anerbieten dem Ohre Jesu nicht 
als leere Prahlerei geklungen haben. Wenn Satan seine Herrschaft 
über die Welt aufgäbe und sie Jesu übergäbe, so würde die Wurzel 
alles Widerstandes gegen Gott aus der Welt geschafft; die Welt 
wäre damit Gottes und seines Gesalbten geworden. Der Preis 
aber, den Jesus für das ihm in der Tat von Gott zugedachte Gut 
und zwar für die sofortige Erreichung dieses seines Lebenszieles 
zahlen soll, ist ein Pußfall vor Satan, eine ihm als dem Welt- 
herrscher dargebrachte Huldigung. Dies aber wäre nicht mehr wie 
das, wozu Satan das erste und zweite Mal Jesum zu verleiten 
suchte, ein mit dem Schein der Frömmigkeit umkleidetes Handeln, 
welches an sich für den Frommen statthaft, unter Umständen sogar 
Pflicht sein kann, sondern unverhüllte Sünde. Es wäre Abgötterei 
und Götzendienst. Darum weist Jesus die Zumutung zurück mit 
dem wiederum demselben Zusammenhang wie die beiden vorigen 
Schriftanführungen Jesu entnommenen Spruch Deut 6, 13, welcher 
durch Einsetzung von jTQOoxvvrjasig statt (poßrjd-rjOt] dem vor- 
liegenden Anlaß angepaßt und durch ein eingeschobenes fiövip ver- 

22) T. Sö^ap aircöv cf 6, 29; Jes 40, 6; Jak 1, 11. 



% 



c. 4, 1-11. 161 

stärkt ist. 2^) Als ein Israelit, welcher Jahve, den Gott seines 
Volks, als seinen Gott und den einzigen Gott erkennt und anbeten 
will, überwindet Jesus den ihm nahegelegten und durch den Sinnen- 
reiz unterstützten Gedanken, durch eine Handlung, wie sie jeder 
Mensch, der in die Sünde willigt, tatsächlich tut, das ihm von Gott 
gesteckte Ziel seines Berufslebens in einem Augenblick zu er- 
reichen. Der Nacktheit, in welcher diesmal der Versucher seine 
Feindschaft gegen Gott gezeigt hat, entspricht es, daß Jesus ihn 
bei seinem Namen nennt und ihn fortgehn heißt. '^*) Dieses erste 
nicht der Schrift entnommene Wort Jesu in diesem Kampf er- 
scheint nicht als ein den Gegner niederschmetterndes Machtwort, 
sondern als ein Befehl, dem jener aus eigener Einsicht gehorcht. 
Er läßt Jesum fahren ^^) d. h. er gibt den Kampf auf und er hört 
auf, die bis dahin auf die Sinne Jesu geübte Wirkung auszuüben, 
welche ihm die Möglichkeit einer Einwirkung auf den "Willen Jesu 
zu bieten schien. Der Teufel samt allem seinem Blendwerk ist 
verschwunden, und Jesus befindet sich wieder allein in der Stein- 
wüste und hungert. AVenn letzteres schon aus dem bisherigen 
Gang der Erzählung zu schließen wäre, so wird es vollends durch 
V. 11^ verbürgt. Einer körperlichen Ortsveränderung bedarf es 
nicht, sondern nur eines Aufhörens der Einwirkungen des Teufels 
auf Jesus. An seine Stelle treten die Engel : sie treten, ebenso 
wie vorher der Versucher, also in sichtbarer Erscheinung, an Jesus 
heran und bedienen ihn. Nicht einen Akt der Huldigung be- 
deutet dirf/.6vovv avxCo, was ein anderes Verbum und einen Aorist 
erfordern würde, sondern will sagen, daß sie gekommen sind, um 
ihm bei Tisch aufzuwarten und den Hungernden zu speisen.-^) 

^^) Daß der cod. AI., welcher Deut 6, 13 in beiden Stücken gegen 
BF etc. mit Mt und Lc 4, 8 übereinstimmt, hier wie anderwärts nach den 
ntl Citaten korrigirt ist, liegt auf der Hand. .Lucian hat nur u6vo> auf- 
genommen. Es war dieser Zusatz durch das nahestehende, von jedem 
Juden täglich gebetete Schema Deut 6, 4 cf Mr 12, 29 nahegelegt und ebenso 
berechtigt wie Luthers „allein" [sola fide) Km 3, 28. 

^*) Der Zusatz orr/tfo» fiov hinter v:Taye {DELMTjrZ, Sc, viele Lat 
Just. dial. 103; Tert. Scorp. 15 gegen nBC*KPS V^J", k f Vulg. Sah, Kop, 
S' S^ Iren. V, 21, 2; Orig. tom. 10, 22 in Mtth., Petr. AI.), von Ss in oTiiafo 
aov verbessert, vielleicht ebenso im Diatessaron vade retro (s. jedoch Forsch 
I, 126), ist eine sehr unpassende Interpolation aus Mt 16, 23. Dem Teufel 
würde dadurch ebenso wie dem Petrns befohlen, im Gefolge Jesu eiuher- 
zugehen, statt ihm hindernd in den Weg zu treten. 

2^) Hier natürlich nicht wie 3, 15 „er läßt ihn gewähren", aber auch 
nicht bloß „er verläßt ihn". Die Vorstellung ist die, daß er ihn vorher 
ergriffen {Ttn^alaußdiei V. 5. 8), gleichsam gebunden und festgehalten hat. 
nun aber losläßt, wie das Fieber den Kranken cf 8. 15. Der Gegensatz des 
vorangehenden Festhaltens ist auch 4, 20. 22; 5, 40; 13, 36; 19, 27; 27, 50 
in mannigfacher Weise bemerklich. 

^'') Obwohl Siay.oretr die mannigfaltigsten Dienstleistungen zusammen- 
fassen kann (Mt 20, 28; 25, 44; Jo 12, 26; AG 19, 22), so bedürfte es doch 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. H 



162 Das prophetische Wirken Jesu in Galiläa. 

Der Glaube, den Jesus v. 4 bezeugt hat, bewährt sich : die Engel^ 
deren Dienst ohne Gottes "Willen in Anspruch zu nehmen er sich 
geweigert hat (v. 6 f. cf 26, 53 f.), schaffen ihm auf Gottes Geheiß 
die leibliche Speise, deren er bedarf. So mündet die in bezug^ 
auf dramatische Kraft, durchsichtige Tiefe des Gedankens und 
Knappheit des Ausdrucks unvergleichliche Erzählung in ihren An- 
fang zurück. 

III. Das prophetische Wirken Jesu in Galiläa 4, 12 — II, 2. 

1. Allgemeine Schilderung 4, 12 — 25. Während die 
drei Stücke des zweiten Abschnitts ebenso wie diejenigen des ersten 
durch zeitliche Folge und inneren Zusammenhang mit einander ver- 
kettet waren, fehlt jede Anknüpfung des von 4, 12 an Folgenden 
an das Vorige. Nicht die siegreich bestandene Versuchung Jesu, 
sondern die Nachricht von der Verhaftung des Täufers wird zur 
Voraussetzung der weiterhin berichteten Ereignisse gemacht. Daß 
dem Wirken des Joh. durch seine Auslieferung an eine feindliche 
Gewalt ein Ende gemacht worden sei, wird ebenso wie die ganze 
geschichtliche Erscheinung des Mannes (3, 1) als bekannt voraus- 
gesetzt. Der Leser bei dem dies nicht zuträfe, würde erst 11, 2 
erfahren, daß Joh. ins Gefängnis geworfen wurde, und erst 14, 3 f., 
von wem und aus welchem Anlaß dies geschehen ist. Mt geht 
also hier über Ereignisse, die er kennt und deren Bedeutung für 
die Geschichte Jesu er anerkennt, mit einer flüchtigen Andeutung 
hinweg. Er erwähnt die Verhaftung des Täufers nur insoweit, 
als es nötig war und nur zu dem Zweck, um zu sagen, daß die 
Nachricht von dem unfreiwilligen Ende der Tätigkeit des Joh. 
Jesum bestimmte, sich nach Galiläa zu begeben und dort die im folgen- 
den geschilderte Wirksamkeit zu beginnen. Wie die Verhaftung 
des Täufers und die Benachrichtigung Jesu hievon sich zeitlich zu 
dem Inhalt von 3, 13 — 4, 11 verhalte, bleibt ungesagt. Hier, wo 
nicht einmal eine so dehnbare Zeitangabe wie 3, 1 von einem Stück 
zum andern überleitet, läßt sieh den Worten an sich noch weniger 
als dort entnehmen, ob Mt über einen Zeitraum weniger Tage oder 
vieler Jahre schweigend hinweggeht. Auch die vor und nach 4, 12 
berichteten Tatsachen geben keinen Anlaß zu der Meinung, daß 
Jesus gleich nach seiner Versuchung, etwa während er sich noch 
in der Einöde unweit der Taufstätte befand, von der Verhaftung 
des Täufers gehört habe, oder daß die 4, 12 berichtete Reise nach 

hier einer näheren Angabe, wenn es nicht den engeren Sinn der Besorgung 
der Mahlzeit und der Aufwartung bei Tisch haben sollte Mt 8, 15; Lc 10, 40; 
12, 37; 17, 8; 22, 27; Jo 12, 2, oi Öidxovoi Jo 2, 5. 9. Viele Beispiele gibt 
Wettstein. Auch Mt 27, 55; Lc 8, 3; AG 6, 2; Km 15, 25; Hb 6, 10 liegt 
dieser Gebrauch zu gründe. 



11 



c. 4, 12-25. 163 

Galiläa die der Reise von Galiläa an den Jordan 3, 13 entsprechende 
Eückkehr in die Heimat sein sollte. Zurückkehren heißt ävaxojQilv ') 
nicht, sondern zurückweichen, sich zurückziehen. Anlaß dazu bietet 
nicht selten eine Gefahr, der man eich durch Verlassen des bis- 
herigen Aufenthaltsortes oder durch die "Wahl eines bestimmten 
anderen Ortes zu entziehen sucht (2, 14. 22; 12, 15; Mr 8, 7), 
aber durchaus nicht immer, und jedenfalls hier nicht, denn da Mt 
weiß, daß Herodes Antipas, der Tetrarch von Galiläa und Peräa, 
den Täufer gefangen gesetzt hat (14, 1 — 12), so kann seine Mei- 
nung nicht sein, daß Jesus sich vor einem ähnlichen Angriff dieses 
Fürsten gerade nach Galiläa geflüchtet habe. Durch ävtywQr^otv 
statt r^l^ev (Mr 1, 14), anf^'/.d^tv (}li 8, 18), ^lerr^otv (19, 1) drückt 
er den Gedanken aus, daß es an sich eher ein Sichzurückziehen 
als ein Hinaustreten auf den Schauplatz öffentlichen Wirkens be- 
deutete, daß Jesus, statt in der heiligen Stadt (4, 5 ; 27, 53 cf 5, 35) 
und dem jüdischen Stammland als Messias aufzutreten, sich von 
dem nicht angegebenen , jedenfalls außerhalb Galiläas liegenden 
Aufenthaltsort, wo ihn die Xachricht von der Verhaftung des Joh. 
traf, nach Galiläa begab, welches wegen seiner gemischten Bevölke- 
rung (cf V. 15), seiner Abgelegenheit von dem IMittelpunkt des 
jüdischen Kultus und dem damaligen Hauptsitz der Schriftgelehr- 
samkeit und wegen der unreinen Sprache seiner Bewohner (Mt 26, 73 ; 
Mr 14, 70) in geringem Ansehen stand (Jo 7, 1 — 4. 41. 52). AVelches 
Gewicht Mt auf die Ortlichkeit des nunmehr beginnenden Wirkens 
Jesu legt, zeigt v. 13 — 16. Zunächst wird bemerkt, daß Jesus 
nicht Nazareth, wie man nach 2, 23 erwai-ten möchte, sondern das 



') Dies wäre äfay.duifut Mt 2, 12*; AG 18, 21, in^at'eo/eo&ai Lc 10, 35; 
19, 15, Ttdhv so/so&ai Jo 14, 3. auch &vcv/iooeIv nuUv Jo 6, 15 V. 1. Das bloße 
liva/tooeiv bezeichnet auch Mt 2, 12*\ 13 nicht die Eückreise, obwohl es tat- 
sächlich eine solche ist, sondern das Sichzurüekziehen vom bisherigen Aufent- 
haltsort und das Ausweichen vor der Gefahr, die ein abermaliger Besuch 
Jerusalems mit sich gebracht hätte. "Während Mt 14, 13; 15, 21 die Kück- 
sicht auf eine drohende Gefahr nicht angedeutet ist, ist eine solche hier 
wie 9, 24; 27, 5; AG 26, 31; Jos. hell. I, 12. 1 u. 4 geradezu ausgeschlossen. 
Der Harmonist kann die Reise Mt 4, 12 = Mr 1, 14 nicht mit derjenigen in 
Lc 4, 14 cf 4, 1 identiöciren, welche nicht an die Verhaftung des Täufers, 
sondern an Tatife und Versuchung Jesu angeschlossen ist cf Einl 11, 407; 
und selbstverständlich nicht mit den beiden Reisen Jo 1, 43: 2, 1 und 4. 1—46, 
welche in die Zeit fallen, da der Täufer in Freiheit fortwirkte Jo 3, 23—4, 3. 
— Ist Jo 2, 12 eine Übersiedelung der ganzen Familie, mit Ausschluß der 
in Nazareth verbliebeneu (Mt 13, 56), wahrschemlich dort verheirateten 
Schwestern berichtet, so hat Mt mit der Reise, die der Verhaftung des 
Täufers folgte, ein Ereignis verbunden, das in Wirklichkeit bei einer viel 
früheren Reise nach Galiläa sich zugetragen hat. Im aram. Original werden 
statt der Konstruktion y.arah:xoji.-i'/.i)-Mv-y.axoiy.i,aev drei koordinirte Indi- 
kative gestanden haben, und es fragt sich, ob man diese nicht als Plus- 
quamperfekta auffassen konnte und sollte. — über die hier wahrscheinli. h 
echte Form t^v Na^aod («) si oben S. 114 f. A 18 zu 2, 23. 

11* 



164 Allgemeine Schilderung. 

am Meere d, h. am See Grenezareth,^) in dem Gebiet der Stämme 

-) Dieser heißt nur bei Lc (5, 1. 2; 8, 22. 23. 33) linvi], bei Mt, Mr, 
Jo stets dälaaoa^ was der heidnische Polemiker bei Makar. Magn. III, 6 rügt, 
entsprechend dem rTi:.3-a^^ Num 3-1, 11; Jos 13, 27 (LXX &älaaaa Xeveoed). 
Die Stadt, wonach der' See diesen Namen führte, lag im Gebiet von 
Naphthali Jos 19, 35. Ebenso auch Kapernaum, denn die Westküste des 
Sees Genezareth, wo Kapernaum {na.oad'alaaaia) zu suchen ist, gehörte zu 
Naphthali. Schon darum könnte fv öoiois nicht heißen auf oder an der 
Grenze der beiden Stammgebiete; denn diese Grenzlinie, von der zur Zeit 
des Mt schwerlich noch eine genaue Kunde vorhanden war, trat nirgendwo 
dicht an den See heran. Mt gebraucht r« 8pia nie in diesem Sinn, sondern 
stets = Gebiet, fines (2, 16; 8, 34; i^, 22. 39; 19, 1, so auch sonst im NT 
und oft in LXX : Ex 7, 27 ; 10, 14 = b\2i, 2 Reg 15, 16 = d^Si3:i cf 1 Makk 3, 36 ; 
10, 31). Wenn er aber von einer einzigen Stadt sagt, daß sie im Gebiet 
zweier Stämme liegt, so sieht man eben daraus, daß er die an einander 
grenzenden Gebiete von Naphthali und Sebulon als ein einziges zusammen- 
hängendes Gebiet ansieht, wie anderwärts das Gebiet von Tyrus und Sidon 
(15, 21 T« fie^r] cf 16, 13 ebenso von einer einzigen Stadt; Mr 7, 24 dafür 
rä ÖQia cf )] ^ey.dTTolis Mt 4, 25, rä äpia ^sxaTT. Mr 7, 31), — Die Plural- 
form Nsfd-aletu. V. 13 und im Citat v. 15 (dafür D aramäisch Nsfß-rdeiv 
cf Ps 68, 28 LXX v. 1.) statt des hebr. ^Snsj (Gen 30, 8 und sonst) wird 
der griech. Mt bereits in LXX vorgefunden haben. Übersicht über die 
Schwankungen gibt Hatch-Redpath Suppl. I, 120. — KafUQvaov/i, hier und 
überall im NT stark bezeugt* (Mt 8, 5; 11, 23; 17, 24), verdient den Vorzug 
vor dem in der jüngeren Tradition herrschend gewordenen KaTrsQvaovu 
(cf Ptolem. geogr. V, 16, 4 Kanao-AOTvei rj Kanaovaovfi). Es ist mnj-1S5, wie 
SsScS^ und der Midrasch zu Kohel 7, 26 schreiben, d. h. „Dorf des (Pro- 
pheten?) Nahum", nicht yMoiov naouKlrioeMi (so Orig. tom. XIII, 11 inMt; 
Ephr. expos. ev. cons. p. 272; Onom. sacra p. 176, 74; 193, 27). Nach Jos. 
bell. III, 10, 8 hieß Kafaovaov/i auch eine ergiebige Quelle an der West- 
küste des Sees. Wahrscheinlich ist unser Ort Jos. vita 72 gemeint, wo 
der Name eines Dorfes nicht weit von Julias auf dem Wege nach Tarichea 
sehr mannigfaltig überliefert ist: KE(paQva)xot\ -vmmoi>, -i'axior, Kacpagvco/tiov. 
Die Existenz des Ortes unter diesem Namen ist bei den Christen mindestens 
bis um 700 zu verfolgen (Eus und Hieron. onom. sacra p. 111, 22; 274 ,1; 
Theodosius um 530; Antoninus um 570, Arkulf um 680; Itin. Hieros. ed. 
Geyer p. 138. 163. 272 cf 112f.), bei jüdischen Pilgern bis ins 14. Jahr- 
hundert cf Kasteren, Zeitschr. des Pal. Ver. Bd. XI, 219 f. Ebendort sowie 
XV, 191, XVI, 1.52 über die fragliche Umwandlung von Kaphar-Nachum 
in Kappar Tanchum und schließlich Tell-Hüm. Nach dem Midrasch zu 
Koh 7, 26 (nicht 7, 20 bei Neubauer 221) deutete man diesen Vers auf 
Minuth, Ketzerei, Christentum und Hinneigung dazu, und den Sünder, der 
in die Fallstricke der Buhlerin fällt, unter anderem auf die „Söhne 
Kapernaums". Man schließt daraus, daß es vorwiegend von Christen be- 
wohnt war. Nach Epiph. haer. 30, 11 — 12 hat ein zum Christentum be- 
kehrter Jude Joseph unter Constantin d. Gr. in Kapernaum wie in anderen 
Städten Galiläas eine Kirche erbaut. Um 570 befand sich dort eine Basilika, 
angeblich aus dem Hause des Petrus entstanden, und eine sehr stattliche 
Synagoge (Antoninus p. 163, 6; 197, 29, und der Anonymus p. 112, 29 ff.). 
Für die Identität der Stadt mit Tell-Hüm cf in Kürze Buhl Geogr. 224. 
Unter den dortigen Ruinen finden sich Reste einer prachtvollen Synagoge, 
die an Lc 7, 5 und die Beschreibung jenes Anonymus p. 113, 3 — 5 erinnern 
können, und in dem einzigen noch erhaltenen Gebäude sind Reste einer 
alten Kirche erkannt worden. Die Literatur über die Synagogenruinen in 
Nordgaliläa bei Schürer IP, 445 A 59. Über Ausgrabungen im J. 1905 s. 



c. 4, 12-17. 165 

Sebulon und Naphthali gelegene Kapernaum zum Wohnsitz und 
Ausgangspunkt seiner nunmehrigen Wirksamkeit wählte. Da er 
förmlich dahin übergesiedelt ist, was abgesehen von Jo 2, 12 (s. oben 
S. 163 A ]) nur Mt berichtet, gilt fortan nicht mehr seine Vaterstadt 
und Heimat Nazareth (13, 54. 57), sondern Kapernaum als seins' 
Stadt, wie sich gleichfalls nur Mt ausdrückt (9, 1). Gründe, wo- 
durch Jesus sich bestimmen ließ, gerade diese Stadt zum Standort 
zu wählen, von wo aus er seine jetzt beginnende, über ganz Galiläa 
sich ausdehnende Wirksamkeit entfaltete (v. 17. 20), gibt Mt nicht 
an. Der Nachweis der Erfüllung einer Weissagung (v. 14 — 16) ist 
hier ebensowenig wie 2, 28 ein Ersatz dafür. Durch das Attribut 
T'^v Ttaga^akaooiav v. 13 soll jedoch vielleicht angedeutet sein, 
daß die Lage am See Kapernaum für die Zwecke Jesu geeignet 
machte. Der damals von zahlreichen Schiffen befahrene See ^) 
vermittelte einen bequemen Verkehr zwischen seinen, mit Ausnahme 
der Nordostseite, reich angebauten und stark bevölkerten Ufern. 
Überdies lag Kapernaum an der großen Straße, die von Damaskus 
her , südlich vom See Hule den Jordan überschreitend , durch 
Galiläa zum Mittelmeer führte, im Mittelalter via maris genannt. 
Es war ein Mittelpunkt des Verkehrs im nördlichen Palästina, 
den Jesus zum Mittelpunkt seiner Predigttätigkeit wählte. Nicht 
die Niederlassung in Kapernaum für sich, sondern die in v. 12 — 13 
berichtete Tatsache, daß Jesus nach der Verhaftung des Täufers, 
statt in Judäa , in Galiläa von dem dazu besonders geeigneten 
Kapernaum aus zu predigen anfing, wird v. 14 — 16 als Erfüllung 
der Weissagung in Jes 8, 23 — 9, 1 bezeichnet. Trotz der Dunkel- 
heiten des von LXX noch dunkler gemachten Textes sind doch 
die Grundgedanken desselben durchsichtig. Nach Androhung des 
von den Assyrern über Jerusalem und das Reich Juda herbeizu- 
führenden, scheinbar hoffnungslosen Gerichtes Jes 8, 6 — 22, worin 
kaum eine Andeutung von einer nachfolgenden besseren Zeit zu 

Mittel], der deutschen Orientges. Nr. 29 S. 14—20. Da Kapernaum nur etwa 
5 Kilometer von der Einmündung des Jordan, der die Grenze zwischen den 
Gebieten des Philippus und des Antipas bildete, in den See Genezareth und 
nach Theodosins Itin. p. 138. 5 nicht ganz 9 Kilometer (6 mill.. v. 1. 7 mill.) 
von Bethsaida = Julias entfernt und überdies an einer großen Handels- 
straße lag (s. oben im Text), so wird das Zollamt Mt 9, 9 nicht unbedeutend 
gewesen sein. Auch daß der Landesfürst dort eine ständige Besatzung 
hielt (Lc 7, 2—10; Mt 8, ö— 10), weist auf einige Bedeutung des Orts. 
Andrerseits scheint es nur eine einzige Sj-nagoge gehabt zu haben (Lc 7, 5; 
Mr 1, 21). Dem -iS3 entsprechend heißt er bei Josephus und Eus. 1. 1. x«","',, 
dagegen Mt 9, 1 ; 11, 20— 2H; Lc 4, 31; Ptolem. geogr. V, 16, 4; Hieron. 
onom. p. 111 22 ttö/.h. Cf noch E. Nestle in den Theol. Stud. zu m. 
70. Geburtstag (1908) S. 251-265. „ ,o« , . . 

=•) Josephus brachte in Tarichea (bell. II, 21, 8) 330 oder nach anderer 
LA 230 mit je 4 Ruderern bemannte Fahrzeuge zusammen. Der Ausdruck 
„alle Schiffe auf dem See" ist natürlich ungenau, da z. B. die Schiffe von 
Tiberias (cf Jo 6, 23), das in Feindes Hand war, ausgeschlossen sind. 



166 Allgemeine Schilderung. 

finden ist (8, 20 „Morgenröte"), geht der Prophet 8, 23 über zur 
Schilderung der "Wendung zum Besseren, die doch nicht ausbleiben 
kann. Das freudebringende Licht, welches die gegenwärtige und 
in Zukunft sich steigernde Finsternis durchbrechen wird, geht aus 
von der Geburt des Davidssohnes, der das verheißene Reich des 
Friedens herstellen wird (9, 5 — 6). Aber nicht in Jerusalem und 
im Reiche Juda wird dieses Licht zuerst aufleuchten, sondern im 
nördlichsten Teil des Landes Israels, welcher zuerst in die Gewalt 
der Assyrer geriet und von diesen gebrandschatzt und entvölkert 
wurde {2 Reg 15, 19. 29; 1 Chron 5, 26). Das ist das im Finstern 
wandelnde und im Todesschatten sitzende Volk, welches das über 
ihm aufleuchtende Licht des Heils zuerst zu sehen bekommt (9, 1). 
Die Wohnsitze desselben werden Jes 8, 23 durch 5 Ausdrücke be- 
schrieben, welche jedenfalls nicht so zu teilen sind, daß die 3 
letzten teils adverbielle, teils appositionelle Näherbestimmungen zu 
den zwei ersten wären; denn abgesehen davon, daß Jesaja nicht 
nötig hatte, umständlich zu beschreiben, wo die Stammgebiete von 
Sebulon und Naphthali liegen, so ist jedenfalls 1"1Tn "l^.y {iteqav 
ToD ^logödvov) hiezu ungeeignet; denn dies bezeichnet bei Jesaja 
zweifellos das Land *) östlieh vom Jordan und vom See Genezareth 
(1 Chron 5, 26), wo keiner der beiden Stämme ansässig war. Von 
□•»in ^'^iS dem „Bezirk der Heiden",^) ist mindestens zweifelhaft, 
ob er sich ganz mit dem nördlichsten Teil von Naphthali deckte 
und nicht auch Teile von Ascher (1 Reg 9, 11 cf Jos 19, 24 — 31) 
umfaßte. Endlich Q'n !]-|~ bezeichnet, da es unter lauter Land- 
schaftsnamen steht, schwerlich eine Straße , sondern das in der 
Richtung zum Meer gelegene Gebiet.^) Das adverbial gebrauchte 

*) Da -iny Substantiv ist und „das jenseitige Ufer und Land" be- 
zeichnet (nur ganz selten, etwa Deut 4, 49 als Präposition „jenseits" ge- 
braucht, wofür regelmäßig nay: resp. •\2vh lavo), so ist der Gebrauch von 
^Ti'n -i:y Jes 8, 23 oder in der Mischna, Baba bathra III, 2; Schebiith IX, 2 
im Sinne von ?; TTeocäa Jos. bell. I, 30, 3; Peraea Plin. h. u. V, 70 durchaus 
korrekt. Korrekt ist auch die griech. Übersetzung fj nioav rov IoqSüvov 
sc. yjooa Jos. ant. XII, 4, 9 extr., auch das in LXX häufigere tö ne^ap htX., 
inkorrekt dagegen die Fortlassung des Artikels,. .wo das griech. Adverbiale 
substantivirt gebraucht wird, wie Mt 4, 15 iu Übersetzung von Jes 8, 23 
und in Koordination mit 7^ Zaßovlcöv und fahlaia, noch auffallender in 
Koordination mit lauter Genitiven und in gleicher Abhängigkeit wie diese 
von dTTÖ 4, 25. Cf jedoch 1 Makk 5. 37 (v. 1.); auch Esra 4, 10. 11. 17. 

^) LXX raldaia icäv sd-ftov, 1 .Makk 5, 15 FaX. äkXofCiXüJV, SOnst S'Sän 
ohne diesen Zusatz Jos 20, 7; 21, 32. 

ß) Das adverbiale -y.. (Num 21, 4. 34; Deut 1, 19; Jos 2, 7; 8, 15; Jer 
Tri, 7) heißt niemals „längs, entlang", sondern „in der Richtung zu". Die 
Übersetzung von Delitzsch (Komm, von 1889) „die Straße am Meere" scheint 
mir in beiden Teilen unhaltbar. Wie die LXX das adverbiale r\yi regel- 
mäßig durch den Akk. öböi> (seltener wie Ez 8, 5; 40, 24—27 geradezu 
durch die bloße Präposition ttoös) übersetzt, so auch der griech. Mt, welcher 
eben dadurch, daß er diesen Akkusativ in eine Reihe mit drei Nominativen 



c. 4, 12-17. 167 

-"]T ist wiederum substantivirt, gleichsam wieder in ein Substantivum 
zurückverwandelt. Daß Jesaja unter dem Meer hier den See 
Genezareth verstanden haben sollte, würde ohne Rücksicht auf die 
Verwendung dieser Stelle durch Mt niemandem eingefallen sein. 
Es paßt dies auch nicht in den Zusammenhang, denn es zieht sich 
zwar ein Teil des Gebietes von Xaphthali und ein Teil von Peräa 
an den Ufern dieses Sees entlang; aber abgesehen davon, daß man 
nur für Jes 8, 23 und wiederum nur unter dem Einfluß des miß- 
verstandenen Mt für ~"1~ diese Bedeutung angenommen hat, würde 
es so verstanden nicht auf Sebulon und den Kreis der Heiden, 
sondern nur auf Xaphthali und Peräa bezogen werden können. 
Daß es aber nicht dazu dient, überflüssiger Weise die Lage dieser 
beiden Landesteile zu bestimmen, beweist schon die Stellung zwischen 
diesen beiden Ausdrücken. Auch die Straße, welche man im späteren 
Mittelalter via maris nannte, lief nicht am See hin, sondern be- 
rührte ihn nui- an einer einzigen Stelle, bei Kapernaum, und das 
Meer, zu welchem sie führte, ist das mittelländische. So auch bei 
Jesaja. Nachdem er zuerst die beiden an einander grenzenden 
Gebiete Xaphthali und Sebulon genannt hat, geht sein Blick ost- 
wärts über den Jordan und den See Genezareth, sodann westwärts 
in der Richtung zum Meere hin, wo das Stammgebiet Aschers lag, 
endhch nordwärts zum „Kreis der Heiden". Die 5 einander 
koordinirten Ausdrücke entsprechen nicht 5 scharf gegen einander 
abgegrenzten Gebieten, sondern decken sich teilweise, aber doch 
nicht so, daß einer derselben fehlen könnte. Sie beschreiben in 
ihrer Gesamtheit das ganze zur Zeit Jesu Galiläa genannte Land 
mit Einschluß der östlich und westlich angrenzenden Landstriche. 
Daß Mt das Wort des Jesaja anders verstanden habe, daß er darin 
insbesondere eine Weissagung auf Kapernaum als eine am „Meer 
Galiläas" d. h. am See Genezareth gelegene Stadt gefunden habe, 
ist zwar oft behauptet, aber nie bögreiflich gemacht worden. ') Von 
einer Stadt ist in dem Citate nicht die Rede, und wenn es der 
Fall wäre und Mt zu dem Xamen dieser Stadt oder zu einer un- 
bestimmten Bezeichnung irgend einer Stadt D\"I "n~ als eine Xäher- 
bestimmung gezogen hätte, würde er doch bei einiger Kenntnis des 
Hebräischen diese Worte nicht dahin haben verstehen können, daß 



stellt, zeigt, daß er ihn ebenso wie neoai.- t. 'lonS. als ein substautivirtes 
Adverbiale angesehen wissen will s. vorhin A 4. Auch nioav ist ja ur- 
sprünglich ein Akkusativ, wie so viele andere Adverbien und Präpositionen 

(uaxodi', äiy.rj; yaotr cf Blaß-Kühuer I. 2, 306). Mag das öd'di' x%i/.(io,Jr;i in 

manche Hss der LXX erst aus Mt 4, 15 eingedrungen sein, so haben doch 
Aquila und Theodotion dasselbe sicherlich nicht aus Mt, geschweige denn 
Mt aus jenen. Symmachus übersetzte dädf rf^f xarä ^d'/.aaoai' cf Field, 
Hexapla II, 447. 

') Schon Hier, zu Jes 8, 23 Vallarsi IV, 129 urteilte, daß Jesaja unter 
dem Meer den See Genezareth verstehe. 



168 Allgemeine Schilderung. 

jene Stadt am Meere liegt. Mt hat die 5 sicli gegenseitig er- 
gänzenden Landschaf tsbezeichnungen, welche Jes 8, 23 Objekte 
sind, aus dem dortigen Satz herausgelöst und als Subjekte an die 
Spitze seines Citats gestellt, woran sich dann das neue Subjekt 
von Jes 9, 1 in Mt 4, 16 bequem, aber auch dem Sinn des Propheten 
völlig angemessen, als Apposition anschließt; denn die Bevölkerung 
jener Landstriche ist das im Finstern sitzende Volk, dem das Licht 
zuerst aufgeht. Der Meinung, daß Mt ohne jede sprachliche Mög- 
lichkeit in dem DM Tf]! eine speciell auf das am See gelegene 
Kapernaum abzielende Weissagung erblickt habe, widersprechen auch 
die Nazaräer, welche in ihrem einzigen Ev, dem HE, wie alle 
anderen atl Citate des Mt, auch dieses gehabt haben (Hier. v. ill. 3 
cf GK II, 687). Diese fanden nämlich in den von Mt citirten "Worten 
des Propheten eine Weissagung nicht nur auf die zuerst in dem 
Gebiet von Naphthali und Sebulon aufleuchtende und das Joch der 
Schriftgelehrten und Pharisäer brechende Predigt Christi, sondern 
auch auf die Predigt des Paulus, v/odurch das Ev Christi in die 
Gebiete der Heiden und auf den Weg des ganzen Meeres geleuchtet 
habe.*) Sie verstanden also unter C\"I das mittelländische Meer 

T — 

und dessen Küstenländer. Ein anderes Verständnis kann man auch 
dem griech. Mt nicht nachweisen. Wenn er die ihm sonst so ver- 
traute LXX verglichen oder im Gedächtnis gehabt hat, mußte sie 
ihm völlig ungeeignet erscheinen. Er übersetzte selbständig, aber 
nicht den hehr. Text des Jesaja, sondern die sehr freie Um- 
gestaltung desselben, die er in seiner aram. Vorlage vorfand. Für 
die Treue seiner Übersetzung, die wir im übrigen nicht prüfen 
können, bürgt vor allem die Härte des Ausdrucks odov S-aXdoGrig 
(s. A 6). Andrerseits liegt auf der Hand, daß ein Mann, der 
Griechisch genug verstand, um unser Mtev zu schreiben, mit diesen 
Worten nicht ausdrücken konnte, daß das Land Naphthali oder 
gar die gar nicht genannte Stadt Kapernaum am See Genezareth 
liege cf dagegen 4, 18; 15, 29. Der Ev selbst aber mußte in der 
Tatsache, daß Jesus seine nach der Verhaftung des Täufers be- 

8) Hier, zu Jes 8, 23 ff. Vallarsi IV, 130 cf ÖK II, 669. Auch die vor- 
her p. 129 angeführten christgläubigen Hebräer, von welchen Hier, die 
Nazaräer unterscheidet, erklärten ähnlich. Ebenso sieht Hippol., Kleinere 
Schriften ed. Achelis p. 62, 2 in Mt 4, 15 eine Weissagung auf die Berufung 
der Heiden und deutet das Meer auf dasjenige, an welchem Sidon liegt 
Gen 49, 13. Daß die Juden zur Zeit des Mt die Stelle auf das erste Ai5- 
treten des Messias bezogen hätten, ist durch alles, was die Evv über Jesus 
imd seine Jünger als Galiläer den Juden in den Mund legen, besonders 
durch Jo 7, 41. 52 ausgeschlossen. Was Schüttgen I, 11 f.; II, 96. 5201; 
524f. ; 586 f.; Eisenmenger, Entd. Judeut. II, 747 meist aus späten Quellen 
beibringen, beweist nichts für das 1. und 2. Jahrhundert. Das Targum 
zu Jes. 8, 23 ; 9, 1 lenkt den Blick zurück auf die Wunder bei der Erlösung 
aus Ägypten und der Eroberung Kanaans und benutzt dazu die Worte 
„Meer (das rote), Jordan, Kreis der Heiden, Finsternis". 



c. 4, 12-17. 169 

gODnene und bis zum Ende fortgesetzte öffentliche Wirksamkeit in 
Galiläa eröffnet und von dem hiefür geeigneten Punkt Kapernaum 
aus über ganz Galiläa und die im "Westen, Norden und Osten an- 
grenzenden Landstriche (4, 23; 8, 18; 14, 13; 15, 21; 16, 5. 13) 
ausgedehnt hat, um so mehr eine Erfüllung von Jes 8, 23 — 9, 1 
sehen, als er keineswegs die Meinung ausspricht, daß Jesus dies 
in bewußter Rücksicht auf jenes Prophetenwort getan habe. Daß 
die Finsternis und der Todesschatten ^) bei Jesaja ein Bild des 
zunächst durch Kriegsnöte, feindliche Invasion und Deportation 
verursachten trostlosen Zustandes jener Landesteile, in bezug auf 
die Zeit Jesu dagegen vor allem ein Bild der religiösen Verwahr- 
losung des galiläischen Volks ist (Mt 9, 36), entspricht nur dem 
überall zu Tage tretenden Unterschied der prophetischen Schilderung 
und der ntl Erfüllung, welcher kein ausschließender Gegensatz ist. 
Sowenig bei Jesaja in der Schilderung der von dem Davidssohn 
ausgehenden Segnungen und der seinem Auftreten vorangehenden 
trostlosen Zustände der Nation das religiöse und sittliche Moment 
feblt, sowenig in der Darstellung des Berufs und der "Wirksamkeit 
Jesu durch Mt das nationale Moment. Seinem Volk zum Heil ist 
in Jesus der ]Messias gekommen (1, 21; 2, 2 ; 4, 23 ; 10, 5f. 23; 
15, 24) ; daß aber seine Berufsarbeit ganz überwiegend dem ver- 
wahrlosten und verachteten, auch vom Täufer nicht aufgesuchten 
Volk von Galiläa gewidmet war, entspricht in der Tat wunderbar 
der "Weissagung Jesajas. — Wie Mt die gesamte Predigt des 
Täufers in einen kurzen Satz zusammengefaßt hat 3, 2, so auch 
die Predigt, mit welcher Jesus nun in Galiläa auftrat 4, 17, und 
zwar in ganz den gleichen Satz wie jene. Der Leser, der noch 
nicht vergessen hat, wie hoch der Täufer Person und Werk seines 
Nachfolgers über sich und sein Werk gestellt hat 3, 11 f., und wie 
groß der Abstand zwischen Johannes und Jesus 3, 13 — 17 dar- 
gestellt war, soll dui'ch den Gleichlaut von 4, 17 und 3, 2 über- 
rascht werden. Obwohl die Predigt des Täufers auch aus Galiläa 
nicht wenige an den Jordan gelockt hatte (11, 7 — 9), soll doch 
das Volk von Galiläa aus dem Munde Jesu zunächst die gleiche 
Predigt hören ; das Werk der Wegbereitung für den kommenden 
Erlöser ist wenigstens in diesem Landesteil noch nicht vollendet. 
Und Jesus, weit entfernt, sich dem Volk sofort als den Messias 
zu bezeugen, tritt zunächst nur wie Joh, als ein Prophet auf, welcher 
die Nähe des Himmelreichs verkündigt und ziir Sinnesänderung 
aufruft. Wenn seine Predigt 4, 23 als ib eiayye)uov tj'^' ßaoü.eiai^ 
bezeichnet wird, so ist auch damit kein wesentlicher Unterschied 
ausgedrückt; denn wenn auch die Predigt des Täufers im NT sonst 

") Dem n";D^s yrtc entspricht in LXX cod. Vat. «V xdipq mciä (nicht, 
wie man erwarten sollte, axiaS) d-atüTov, wogegen Mt und die meisten Hss 
der LXX y.ai vor ay.iä einschieben. 



170 Allgemeine Schilderung. 

nicht Evayyekiov genannt wird,'^) so ist nicht abzusehen, warum 
sie nicht ebenso, wie die zunächst ganz gleichlautende Predigt Jesu, 
diesen Namen bekommen sollte, A¥ar diese Predigt doch auch 
schon im Munde des Joh. eine Botschaft und auch eine gute Bot- 
schaft von dem Kommen des stäi'keren Mannes, der nicht nur mit 
Feuer, sondern auch mit Geist tauft und die Spreu nur zu dem 
Zweck ausscheidet und verbrennt, um das reine Getreide in seine 
Vorratskammern zu sammeln (3, 11 f.). Freilich sagt sich der Leser 
selbst, daß Jesus nach dem, was 3, 13 — 4, 11 berichtet ist, nicht 
mehr wie Joh. nach 3, 11 f. von dem Reichsgründer eds seinem 
größeren Nachfolger reden konnte ; und gewiß will auch Mt da- 
durch, daß er die Predigt von der Königsherrschaft Gottes erst 
als Predigt Jesu Ev nennt, andeuten, daß Jesus den stärkeren Ton 
auf die erfreuliche Seite der kommenden Ereignisse legte, während 
Joh. den drohenden Ernst des damit verbundenen Gerichtes in den 
Vordergrund stellte. Viel nachdrücklicher aber wird die Gleich- 
heit der Predigt des größeren Nachfolgers mit derjenigen des Vor- 
läufers hervorgehoben. Ehe nun Mt auf die Zeichnung des Schau- 
platzes und die zusammenfassende Angabe des Inhalts der Predigt 
Jesu (v. 12 — 17) eine allgemeine Beschreibung seines gesamten 
damaligen Wirkens (v. 23 — 25) folgen läßt, schiebt er die sehr 
kurze Erzählung eines Einzelereignisses ein (v. 18 — 22). Eben 
diese Stellung derselben beweist, daß dieses Ereignis nicht als An- 
fang einer B-eihe anderer Einzelereignisse gedacht ist, sondern ähn- 
lich wie die tJbersiedelung nach Kapernaum v. 13 als ein Moment 
der allgemeinen Schilderung (v. 12 — 25), womit Mt die mit 5, 1 
beginnenden und mit 9, 34 ein vorläufiges Ende findenden Einzel- 
darstellungen einzuleiten für gut fand. Der Leser soll wissen, daß 
Jesus bei seinem Wandern, Predigen und Heilen in Galiläa von 
anfang an von mehreren Männern begleitet gewesen ist, welche 
sich auf seine Aufforderung hin ihm angeschlossen haben, um von 
ihm zur Mitwirkung bei seiner Berufsarbeit herangezogen zu werden. 
Da V, 18 jeder sachlichen und zeitlichen Anknüpfung an v. 17 'er- 
mangelt, so ist nicht zu erkennen, ob die Berufung der vier Männer 
der erstmaligen Predigt in Kapernaum vorangegangen (cf Mr 1, 
16 — 27) oder gefolgt ist. Als Jesus eines Tages (cf zu 3, 7) an- 
scheinend ohne Zweck und Ziel am Strand des galiläischen Sees 

'*') Cf jedoch Lc 3, 18. — svnyyehov in LXX nur im Plural für nnia'a 
2 Sam 4, 10; 18, 22 im altklass. Sinn: Botenlohn; 2 Sam 18, 25 mit v. l'. 
h-day-ysliafioi = gute Botschaft; ebenso 17 svayyElia 2 Sam 18, 20. 27; 2 Keg 
7, 9 ; sehr viel häufiger evayysUssiv und svayyEli^sadui für "i'tj;?, auch pass. 
für -\'ä^m 2 Sam 18, 31. Da die hebr. Wörter zwar meistens, aber nicht 
stets eine gute Nachricht bezeichnen, so kann von Juden wie im Hebr. 
auch im Griech. evayysÄia dyadrj 2 Sam 18, 22 und, wenn der Text. Jos. 
bell. II, 17, 4 in Ordnung ist, sogar Seivöv evayyiXiop gesagt werden. Über 

evayy. t/;^ ßaadeias S. oben S. 127 A 22. 



c. 4, 18—22. 171 

einherging , erblickte er zwei Brüder , welche eben ein großes 
Fischernetz in den See warfen, also sich anschickten, einen Fisch- 
fang zu tun.^^) Es wird nicht gesagt, ergibt sich aber aus der 
Natur der Sache, daß sie mit ihrem Kahn bereits in das tiefere 
Wasser hinausgefahren waren (Lc 5, 4) und nun in einiger Ent- 
fernung vom Strand den Fischzug begannen. Von dem zweiten 
Brüderpaar wird ausdrücklich bemerkt, daß sie sich im Fischer- 
kahn befanden (v. 21), weil es sich nicht von selbst versteht : denn 
das Reinigen und Ordnen der Xetze, womit sie beschäftigt waren, 
kann ebensogut am Land vorgenommen werden. Dem entsprechend 
wird von den Einen gesagt, daß sie das Handwerksgerät, womit 
sie eben im Begriff waren einen Fang zu tun, fahren ließen v. 20, 
d. h. wohl wieder in den Kahn zurückzogen, von den Andern, daß 
sie das Schiff samt dem darin zurückbleibenden Vater verließen 
v. 22. Der Erste der Vier wird außer mit dem Namen Simon 
('jiypa'), womit er von Haus aus und auch von Jesus manchmal 
genannt wurde, hier wie 10, 2 auch noch mit dem zweiten Namen 
genannt, unter dem er berühmter geworden war.^-) Der griech. 
Mt, welcher atl Stellen und ein ganzes aram. Buch selbständig zu 
übersetzen verstand, wußte natürlich so gut wie Paulus und der 
vierte Evangelist (Jo 1, 42) und die syrischen Evangelienübersetzer, 
die niemals das griech. Uiroog gebrauchen, daß der Apostel von den 
hebräischen Christen nicht IleTQOq, sondern Kepha (XS^D oder NEiXD, 
gräcisirt Ki]cpäg) genannt wurde ; er hat aber überall die bei den 
grich. Christen üblich gewordene, von Petrus selbst 1 Pt 1, 1 ge- 
brauchte Übersetzung angewandt, am auffälligsten 16, 17 neben 
der aram. Form seines Vaternamens. Ob Simon seinen zweiten 
Namen schon zur Zeit von 4, 18 führte (cf Jo 1, 42), ist hier eben- 
sowenig gesagt, wie 16, 16 — 18, daß er ihn erst in dem dort ver- 

^1) cLfKfiß/.riOToov nur hier im NT (Mr 1, 16 nach gaten Zeugen du<fi- 
ßdXXeiv ohne aaifißlrfiToov) eigentl. der Umwurf, daher das die Fische um- 
fangende Netz, ohne sichere Unterscheidung von aay^fri (nur Mt 13, 47 in 
gleicher Verbindung wie. hier) und Siy.rvoi' (Jo 21, 6—11). Letzteres v. 20, 
aach wohl Lc 5, 4—6 im Plural = dufiSL im Singular. 

'^) Daß rot' leyöiitvov^ wofür sTiLv.alovuEvov uud y.cÜMvmvov gering 
bezeugte Varianten sind, nicht notwendig einen Beinamen einführt, welcher 




, 14) oder Kepha resp. Petrus genannt 
11, 7; 12, 14; so überall bei Paulus bald in der griech., bald m der aram. 
Form cf Bd IX'^, 68 A 84). Insofern steht die einfache Zusammenstellung 
beider Namen 2'Pt 1, 1, welche sich aus dem 2V«. ö Uy. oder t:iixn)Mx- 
fjievoi Uezoos entwickelt hat, wie 'Ir^oovi XoiaTÖi (Mt 1, 1) aus '/. 6 key. Xo. 
(Mt 1, 16-" 27, 17. 22), einzig da, während sie in der erzählenden Literatur 
sehr gebräuchlich geworden ist, bei Mt jedoch nur einmal an bedeutsamer 
Stelle 16, 16. Cf zu beiden Namen Einl § 1 A 3 (ur. 7); A 16; § 38 A 8; 
§ 60 A 9 und hier unten zu 16, 16. 



172 Allgemeine Schilderung. 

gegenwärtigten Zeitpunkt erhalten habe. Mt sagt lediglich vom 
Standpunkt seiner Gegenwart, dr.ß der Fischer Simon, den Jesus 
an jenem Tage mit seinem Bruder zusammen mit Fischen beschäftigt 
fand, der unter dem Namen Petrus allgemein bekannt gewordene 
Mann sei. Daß die Brüder nicht zufällig einmal mit Fischen sich 
beschäftigten, sondern Fischer von Beruf waren, wird darum be- 
merkt, weil der Zuruf Jesu an dieses ihr bisheriges Gewerbe an- 
knüpft V. 19. Überall, wo dsvQO, dsvre einen Imperativ ^^) oder 
einen kohortativen Konjunktiv ^*) oder einen futurischen Satz ^^) 
hinter sich hat, drücken diese sich anschließenden Sätze den Zweck 
aus, zu welchem der Angeredete herbeigerufen wird. Man darf 
also die Aufforderung, zu Jesus zu kommen und ihm nachzufolgen 
(devre Öttioio fiov), nicht als eine in sich vollständige und be- 
deutungsvolle Aussage auffassen, woran sich das Folgende als eine 
auf diese Voraussetzung gegründete Verheißung anschlösse. Petrus 
und Andreas sollen sich ihm vielmehr lediglich zu dem Zweck an- 
schließen, daß Jesus Menschenfischer aus ihnen mache. Ebenso 
wie das Bild von der Erntearbeit (3, 12; 9, 37; Jo 4, 35—38) 
stellt auch das Bild vom Fischfang (13, 47 ; Lc 5, 10; Jo 21, 3—8) 
die Sammlung einer Gem'feinde aus der Masse des Volks oder der 
Völker dar. An der Arbeit, durch welche eine solche zu stände 
kommt, sollen Petrus und Andreas nicht sofort teilnehmen, sondern 
Jesus will sie dazu anleiten und befähigen. Sie sollen ihn, den 
Prediger des nahen Himmelreichs, allerdings als Schüler begleiten, 
aber zu dem Zweck, dadurch zu Gehilfen seiner eigenen Arbeit 
erzogen zu werden. Obwohl die Aufforderung an Jakobus, der 
im Unterschied von anderen Trägern dieses sehr gebräuchlichen 
Namens der (Sohn) des Zebedäus genannt wird, und seinen Bruder 
Johannes nicht in eigenen Worten Jesu ausgedrückt, sondern nur 
durch IxüXeotv aviotg v. 21 angedeutet wird, ist doch selbstver- 
ständlich, daß sie ebenso gemeint war. Schon diese Aufforderung 
Jesu und vollends der unbedingte und sofortige Gehorsam der 
4 Männer wäre unverständlich, wenn nicht bereits ein fest be- 
gründetes Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und Einverständnisses 
zwischen Jesus und ihnen bestanden hätte. Nur Leute, welche mit 
den Absichten Jesu wohlbekannt und von seinem Beruf für das 
Werk, zu dessen Mitarbeitern es sie machen wollte, fest überzeugt 
waren, konnten seinen kurzen Zuruf auch nur mit dem Verstand 
begreifen und mit willigem Herzen befolgen. ^'^) Der Verzicht des 

1») Mt 19, 21; 25, 34; 28, 6; Jo 4, 29; 21, 12. — Num 22, 6; 2 Reg 4, 3. 

1*) Mt 21, 38; Gen 19, 32; Jes 1, 18; 2, 3. 5. 

^^) Mit oder ohne y.al dazwischen Jud 4, 22; Kohel 2, 1; Ap. 17, 1; 
21, 9. Auch ein so wie hier zu dev^jo hinzutretendes SnloM fiov 2 Eeg 6, 19 
oder 7TOÖS US 1 Sam 17, 44; Mt 11, 28 ändert den Sinn nicht. 

^**) Dies gilt auch von Mr 1, 16—20, nicht ebenso von Lc 5, 1 — 11. 
Die Aufklärung für Mt und Mr gibt Jo 1, 35 ff. 



c. 4, 18-22. 173 

Schriftstellers auf die Vollständigkeit einer aus sich selbst verständ- 
lichen, den Gang der Ereignisse in glaubhafterweise widerspiegelnden 
Geschichtsorzählung ist hier noch offenbarer, als bei 4, 12 und bis 
dahin. Wie sehr es ihm nur darum zu tun ist, zu sagen, daß Jesus 
von Schülern, die seine Mitarbeiter werden sollten, begleitet sein 
Werk in Galiläa in Angriff nahm, zeigt der auch in der Ausdrucks- 
weise sich darstellende enge Anschluß der folgenden allgemeinen 
Schilderung. Das v.ui v. 23 ist das erste seiner Art bei Mt. — 
Während die Predigt Jesu ihrem wesentlichen Inhalt nach mit der- 
jenigen des Täufers identisch ist und auch der v. 23 dafür gebrauchte 
Ausdruck keinen specifischen Unterschied erkennen läßt (S. 170 f.), 
ist doch die ganze Art und Weise des Auftretens Jesu eine andere. 
Joh. verharrte auf seinem Standort am Jordan ; Jesus zog beständig 
in ganz Galiläa umher. ^') Joh. predigte unter freiem Himmel und 
rief wie ein Herold ^*) in die Volksmenge hinein, die aus Stadt und 
Land zu ihm hinausströmte. Die Verkündigung Jesu war zwar 
auch ein ■/.r^qvooi.iv. eine an das Volk gerichtete, laute und auf mög- 
lichst ausgedehnte Wirkung abzielende Predigt : aber die regelmäßige 
Form derselben war der Lehrvortrag in den Synagogen, in welchen 
das Volk an den Sabbaten vor allem zum Anhören der Lektionen 
aus Gesetz und Propheten sich versammelte, woran sich, soweit 
dazu befähigte, schriftkundige Personen vorhanden waren, eine aus- 
legende und anwendende Predigt anschloß. ^^) Joh. brauchte als 
Mittel nur die Rede und die sinnbildliche Handlung; von Wundern, 
die er getan, wird nichts erzählt, und Jo 10, 41 lesen wir die 
ausdrückliche Verneinung. Jesus dagegen begleitete seine Predigt 
von anfang an mit einer auf alle Arten von Krankheit -*•) sich er- 

^•) Er war ein ns^'?; -iiiy (Sanhedr. 70*; ChuUin 27''), ein galiläischer 
Wanderlehrer. — Ob er bh] t/; Fa/.. mit n* (om. ö/.r) BC, 157 (s. oben 
S. 152 A 6), Kop. ScScS^ oder nach anderer Konstruktion von Tnoiäyen- 
9, 35; 23, 15; Mr 6, 6 o'f.r^v rr,v ra'i.. ZU lesen, können die Versionen nicht 
entscheiden. — Gegen b 'Ir^aovi (om. B, 157, k. Sc, nicht Ss) spricht nament- 
lich, daß die Zeueren. die es haben, es teils vor, teils hinter h' — I'n/.üixiii 
stellen. Es hat sich auch 4, 17 eingeschlichen. 

^®) Das Predigen des Joh. wird immer nur y.r^nxaaen- Mt 3, 1 : Mr 1, 
4. 7; Lc 3, 3; AG 10, 37, im einzelnen auch naorvoeiv Jo 1, 5 ff. 19—34; 
3, 26; 5. 33, niemals SiSäßxeu- genannt, obwohl er Schüler hatte Mt 9, 14; 

11, 2; 14, 12. die ihn „Rabbi" anredeten Jo 3, 26. Von Jesus gebraucht 
Mt niemals das blolie y-rornnsir (cf dagegen Mr 1, 14. 38. 39. 45; Lc 4, 18 f. 
44; 8, 1; Em 16.2-5), sondern wie hier d/äda^sir y.ni yroi'ooet^- d. 3b; 11.1, 
sonst nur ÖiÖday.ew 5. 2; 7, 29; 13, 54; 21, 23; 22, 16: 22. 33; 26, 55. Letzteres 
auch Jo 6. 59; 7, 14. 28; 8, 20; 18, 20, daneben wohl y od^tiy Jo 7, 28. 37; 

12, 44 cf 1, 15, aber nie y.r^oinaen-. Wahrscheinlich ist dieses Wort als 
r: und t«-;n in das Syrische und in das jüdische Aramäisch übergegangen. 

1») Außer Mt 9, 35; 12, 9; 13. 54; Mr 1, 21--27; Lc 4, 15; 4, 44; 13, 10; 
Jo 6. 59: 18, 20 und dem anschaulichen Bild Lc 4, 16—28 cf AG 13, 14 ff.; 
15, 21; Philo de septen. 6 und bei Eus. praep. VIII. 7. 12-14; 12, 10. — Das 
ai'Tiöi' bezieht sich auf die in Jn/.üaia inbegriftenen Galiläer cf 9, 35; 13, 54. 

") Im NT hat nur Mt ucday.ia = Krankheit und zwar stets in 



174 Allgemeine Schilderung. 

streckenden Heiltätigkeit, Das zu näoav vöoov xtA. hinzutretende 
und vermöge seiner Stellung hiezu und nicht zu ■d-EQa7tEV0)V^ ge- 
schweige denn auch noch zu öiddo'/.iov gehörige Iv T(p Xaip wäre 
nichtssagend, wenn damit nicht gesagt sein sollte, daß Jesus sich 
zunächst auf die Heilung kranker Juden beschränkte,-^) eine Be- 
merkung, welche in Rücksicht auf die stark mit Heiden durch- 
setzte Bevölkerung Galiläas, an die eben noch das Citat v. 15 er- 
innert hat, keineswegs überflüssig ist. Abgesehen von der Be- 
deutung, welche sie für den auf 8, 5—13 ; 15, 21—28 cf 9, 33 ; 
15, 31 vorblickenden oder auf ^, 21 zurückblickenden Leser hat, 
ist sie im hiesigen Zusammenhang ^-) selbst sehr am Platz. Jesus 
wanderte predigend in ganz Galiläa umher und heilte jegliche 
Krankheit unter der j üdischen Bevölkerung dieses Landes ; aber 
das Gerücht von ihm ging von diesem Schauplatz seines Wirkens 
weiter nach ganz Syrien hinein. Schon durch äTCfjX-9^€V, welches 
überall ein Verlassen des bisherigen Aufenthaltsortes bedeutet,'-'") 
aber auch dadurch, daß nicht Galiläa, sondern „ganz Galiläa" den 
Gegensatz zu „ganz Syrien" bildet, ist völlig gesichert, daß hier 
Syrien nicht als der weitere, Galiläa und das ganze „Land Israels" 
einschließende Begriff^"*) gemeint ist, sondern einen ausschließenden 

gleicher Verbindung 4, 23; 9, 35; 10, 1 cf Deut 7, 15 LXX näaav ftakaxiav 
xal Ttäaas röoovs, Test. XII patr. Joseph 17 Tiäaa fialaxia avrdJp ua&hsid 
/uov, Herrn, vis. III, 11, 2; 12, 3 (ins Moralische übergehend). Häufig fiala- 
Kii,£ax'Mi. krank sein Job 24, 23; Jes. 38, 1; 39, 1 ; 53, 5; Jos. ant. XVIII, 6, 8; 
Testam. Euben 1; Levi 17; Gad 1; Herrn, vis. III, 11,3; Lucian, Gallus 9 
(neben ftaÄaycös exeir). Das Subst. als Fremdwort oft im Midrasch s. 
Krauß II, 340. ^, 

21) V Xaos ohne jede Näherbestimmung (Mt 2, 4; 21, 23; 26, 3. 47; 27, 1 
Ol 7ipeoßvTS()oi 70V /.; 26, 5; 27, 25. 64 ohne Zusatz; 1, 21 das Volk Christi, 
nur in Citaten 2, 6 Gottes Volk; 13, 15; 15, 8 dieses Volk) bedeutet im 
Munde jedes Juden — und ein seiner Muttersprache mächtiger Jude ist 
auch der griech. Mt — stets Israel: 2 Pt 2. 1; Hb 7, 5. 11. 27; AG 10, 2; 
26, 17; Hegesipp bei Eus. h. e. II, 23,6.8—12. Die NichtJuden sind Id-vr] 
und s&vixoi oder of) Xaös 1 Pt 2, 10. Vergleichbar ist der absolute Gebrauch 
von psn = Palästina im Talmud. 

22) Nicht so 9, 35, wo die jüngeren Texte dieselben Worte aus der 
übrigens gleichlautenden Stelle 4, 23 aufgenommen haben. 

2=*) Dies gilt auch von den Stellen, wo wie hier ein Ziel der Be- 
wegung genannt ist 2, 22; 8, 18. 33; 10, 5 etc. Das durch hC und viele 
Min 4, 24 bezeugte t^fjL'hv drückt keine wesentlich andere Vorstellung ans 
cf Mr 1, 28. Wo eine Person oder ein konkreter Gegenstand Subjekt i^t, 
muß das Subjekt selbstverständlich an dem Ort existirt haben, ehe es von 
demselben ausgeht oder fortgeht. Eine äy.oij c. gen. obj. (Mt 14, 1; 24, 6; 
Mr 1, 28), fijfft] (Mt 9, 26; Lc 4, 14), ijxos (Lc 4, 37) entsteht erst dadurch, 
daß Leute, welche an Ort imd Stelle die Tatsache wirklich oder angeblich 
miterlebt haben, anderwärts davon erzählen. 

2*) H. Ewald S. 259 A J spricht von einem „seltsamen Gebrauch des 
Namens Syrien nach römischer Art". Wenn damit gesagt sein soll, daß 
hier Syrien im weiteren, Palästina mit einschließenden Sinn gemeint sei 
(s. auch Holtzmann S. 201), so ist erstens zu bemerken, daß dieser Gebrauch 
nicht erst römisch ist. Abgesehen von Strabo XVI, 749 ff. cf. 786 f, spricht 



c. 4, 1^22. . 175 

Gegensatz zu Galiläa und dem kaog daselbst, der jüdischen Be- 
völkerung Galiläas, bildet. In alle Teile Galiläas kam Jesus selbst 
mit seiner Predigt und seinen Taten; je länger je weniger bedurfte 
es des Gerüchts, um ihn hier berühmt zu machen. In das heid- 
nische Syrien dagegen erstreckte sich sein Wirken nur in Gestalt 
des Gerüchts. Der Ausdruck wird einigermaßen hj^erbolisch sein, 
wie beinah jedes b).og oder TC5g (cf 3, 5 ; 4, 24^). Aber ange- 
sichts des lebhaften Handelsverkehrs auf der Straße, an welcher 
Kapernaum lag , und der zahlreichen , mit dem Mutterland iu 
stetiger Verbindung stehenden Judenschaft in den großen Städten 
wie Damaskus, Antiochien , Tyrus würde sich der Gefahr der 
Lächerlichkeit aussetzen, wer ermessen wollte, wie weit nach Norden 
und Nordosten das Gerücht von den Wundertaten Jesu gedrungen 
sein könne, -^) vorausgesetzt, daß sie wirklich geschehen sind. Es 
ist aber nicht zu übersehen, daß auf das Imperfektum von v. 23 
in V. 24 — 25 lauter Aoriste folgen. Als Folgen des v. 23 ge- 
schilderten andauernden und gewohnheitsmäßigen Wirkens Jesu 
traten die v. 24 — 25 erwähnten Ereignisse ein. Das Gericht da- 
von verbreitete sich bis tief in Syrien hinein. Man wartet nicht, 
bis Jesus einen Ort berührte und aus eigenem Antrieb den einen 
oder anderen Kranken daselbst heilte, sondern man brachte, wie 
es wiederum in volkstümlicher Übertreibung -^) heißt, alle an ver- 
schon Herodot von HaXaiarivr- Ivoirj und umgekehrt I, 105; II, 106; III, 91 
IV, 39, sowie von Evgoi ol HaKaiOTlvoL III, 5 und —igoi, Ol SV r[ nal.aiaiivT] 
II, 104; VII, 89 ^ die Juden. Zweitens wäre dies nicht seltsamer, als daß 
der Jude Philo (bei Eus. praep. VIII, 12, 1) das heilige Land ^ tv na/.aiaripi] 
'lovbala nennt, oder daß der Grieche Lc „nach römischer Art" ganz Palästina 
'Jovbaia nennt (1, 5 cf Einl § 11 A 4; § 60 A 18). In der Tat aber ge- 
braucht Mt hier Ivgia ganz so wie die Hebräer in Palästina und die ntl 
Schriftsteller von den nördlich und nordöstlich an Palästina angrenzenden 
Gebieten cf Lc 2, 2; AG 15, 28. 41; Gl 1, 21. Auch mit AG 18. 18; 20, 3: 
21, 3 verhält es sich nicht anders; denn eine Seefahrt von Korinth oder 
Ephesus mit Jerusalem als letztem Reiseziel war immer zunächst eine Fahrt 
zu dem einen oder anderen nicht zum jüdischen Gebiet gehörigen Hafen, 
wie Tyrus und Ptolemais (AG 21, 3. 7), und wurde von den Schiffsleuten, 
mit denen man zu verhandeln hatte, eine Fahrt nach Syrien genannt. 

^^) 3Ierkwürdig genug hat Ss (nicht ScS^ über Tatian sind wir noch" 
nicht unterrichtet GK II, 540f.) den ganzen Satz y.nl u:ii';Xi%rSi()iciv ge- 
tilgt ; ob ebenso wie die LA ox-vooiav für -vgiar in cod. r aus kritischen 
Bedenken gegen die Tatsache? Später haben die Syrer gerade diese zum 
Fundament ihrer Sage vom König Abgar und von Addai, dem Jünger Jesn, 
dem ersten Missionar von Edessa gemacht cf Doctr. of Addai ed. Phillips 
1876; Eus. h. e. I, 13; Forsch I, 3ö0ff. 

^®) Während das artikellose TTäaaf v. 23 nur jede vorkommende Art 
von Krankheiten einschließt, ist durch närra^ toj »• xt/.. formell die Gesamt- 
heit der zu jener Zeit vorhandenen Kranken bezeichnet. Ebenso auch 
AG 10, 38. Als Subjekt von Tigoar^vtyy.av sind die schon durch aiitov v. 23 
vorgestellten Galiläer zu denken. Daß anch aus weiterer Ferne, sei es 
von .Indäa v. 25, sei es aus Syrien Kranke zu Jesus nach Galiläa gebracht 
worden seien, würde nicht ungesagt geblieben sein und ist nirgendwo 



176 Allgemeine Schilderung. 

schiedenartigen Krankheiten Leidenden und von Schmerzen Ge- 
plagten, insbesondere Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte zu 
Jesus, und Jesus weigerte sich nicht, sie zu heilen. Endlich kam 
es dahin, daß große Volkshaufen nicht nur aus Galiläa, sondern 
auch aus der angrenzenden Dekapolis, aus Jerusalem, Judäa und 
Peräa,^'') also aus allen Teilen Palästinas mit Ausnahme Samarias 
ihn auf seinen "Wanderungen begleiteten. Wie lange die v. 23 
geschilderte Berufstätigkeit Jesu gedauert hat, bis alle diese 
Wirkungen eintraten, ist nicht gesagt. Aber jeder Verständige sagt 
sich selbst, daß Monate dazu erforderlich waren, bis von dem An- 
fang aus, den Jesus bald nach Nier Verhaftung des Täufers machte 
(v. 12. 17), der Höhepunkt erreicht wurde, zu welchem Mt den 
Leser v. 24 — 25 raschen Schrittes geführt hat. Er hat in großen 
Zügen ein Bild von dem gesamten Wirken Jesu in Galiläa gegeben, 
auf grund dessen er bei seinem Einzug in Jerusalem als der Pro- 
phet Jesus aus dem galiläischen Nazareth begrüßt wurde (21, 11). 
Ein flüchtiger Überblick über die folgenden Kapitel lehrt, daß Mt 
hiemit zugleich ein Programm aufgestellt hat, dessen Hauptpunkte 
er in einer Reihe von Einzelbildern ausführen wollte. Es folgt 
zuerst c. 5 — 7 ein Beispiel des L e h r e n s Jesu (öiödomov) ; 
zweitens c. 8, 1 — 17 eine Auswahl von Heilungstaten 
(d'sgaTtevojv) ] drittens 8, 18 — 34 eine aus einer Menge kurzer 
Erzählungen zusammengesetzte Schilderung des Umherwanderns 
(rreQi^ysv). Wenn der mit 4, 23 beinah buchstäblich überein- 
stimmende Satz 9, 35 als Abschluß des dort Begonnenen sich dar- 
stellt, so bildet er doch zugleich den Übergang zu einem neuen 
Abschnitt (9, 36 — 11, 1), in welchem ein vierter Punkt des 
Programms ausgeführt wird: das ist die unentbehrliche Mitarbeit 
•der folgsamen Schüler, die Jesus zu Menschenfischern machen wollte 
(4, 18—22). 

2. Die Bergpredigt^) als Beispiel des Lehrens 

überliefert. Liest man nai (om. BC*) vor Saifiovit,o/Lievove^ so wird es mit 
den beiden folgenden 5<«t [et-ef) in Korrelation stehen. SeSs fanden diese 
doch nicht vollständige Aufzählung hinter den zusammenfassenden Aus- 
drücken unpassend und schrieben hinter avi'exo^isvovs nach Lc 4, 40 oder 
nach Tatian (?) „und auf einen jeden von ihnen legte er seine Hand und 
heilte sie.alle". Ein nd^'Tai haben auch D und viele Lat hier. 

^''j Über die Konstruktion von nkoav -tov 'loo^ävov s. oben S. 166 A 4. 
Unter Jey.djiohs cf Mr 5, 20; 7, 31 ist das Gebiet im Süden und Südosten 
des Sees Genezareth zu verstehen, in welchem die meisten der 10 „reichs- 
unmittelbaren Städte" mit vorwiegend heidnischer Bevölkerung lagen, die 
Pompejus von der jüdischen Herrschaft ausgenommen hatte, Skythopolis 
westlich vom Jordan, östlich Hippus, Gadara, Pella, Dion, Gerasa, Phila- 
delphia etc. Von den weiter abliegenden Städten des ursprünglich aus 10, 
später aus mehr Städten bestehenden Bundes wie Damascus ist natürlich 
abzusehen, wo wie hier Dekapolis eine Landschaft bezeichnet. 

^) Aus der Literatur seien hervorgehoben: Augustini de sermone 
domini in monte 11. II (Ed. Bassan, 1797 vol. IV, 217—312) mit den Er- 



c. 5, 1—2. 177 

Jesu c. 5 — 7. "Wie 3, 7 geht auch 5, 1 Mt von einer allgemeinen 
Schilderung zu einem einzelnen Ereignis über, ohne durch eine 
unbestimmte Zeitangabe eigens darauf aufmerksam zu machen, daß 
er aus der großen Zahl der Tage, auf welche die vorige Schilderung 
sich bezieht, einen einzelnen herausgreife. Da er jedoch durch 
rovg bx^ovg auf das artikellose oxloi 7to).?.oi 4, 25 zurückweist, 
kann der Leser nicht im Zweifel darüber sein, daß die folgende 
Rede erst dann gehalten worden ist, nachdem das Wirken Jesu 
in Galiläa den durch 4, 25 angezeigten Höhepunkt erreicht hatte. ^ 
Dazu stimmt auch der Inhalt der Rede, welche, wie die Auslegung 
im einzelnen nachzuweisen hat, in allen ihren Teüen und in jeder 
Beziehung eine vorgerückte Stufe der Entwicklung zur Anschauung 
bringt. Alles, was man darüber gesagt hat, daß Mt die Berg- 
predigt in den Anfang des galiläischen Wirkens Jesu verlege oder 
sie als Antrittsrede des großen Lehrers aufgefaßt haben wolle, ■^) 
schwebt also in der Luft oder steht vielmehr mit dem Wortlaut 
von 4, 25 — 5, 1 in Widerspruch. Da 4, 23 — 25 kein bestimmter 
Zeitmoment vergegenwärtigt und daher auch nicht gesagt war und 
gesagt werden konnte, daß Jesus sich in der Ebene und zugleich 
in der Nähe eines Berges oder Gebirges befand, so befremdet der 
Artikel von rd OQOg hier noch mehr als 14, 23 ; 15, 29 ; Mr 6, 46 ; 
Lc 8, 32; Jo 6, 3. 15, wo vorher eine bestimmte Situation ge- 
zeichnet ist, so daß wir den in der Nähe befindlichen Berg ver- 
stehen. Da aber Mt anderwärts den Artikel fortläßt (4, 8; 5, 14; 
17, 1), und da auch Mr 3, 13; Lc 6, 12; 9, 28 ein so unvorbe- 
reitetes TO OQOg zu lesen ist, so wird letzteres nicht als ungeschickte 
Übersetzung, sondern als idiomatische Ausdrucksweise der Evan- 
gelisten zu beurteilen sein.*) Es bleibt der Eindruck einer ge- 

gänzungen retract. I, 19 und de adolter. conjugiis 11. II (ed. Vindob. 1900, 
sect. V, 3, 347 — 410); Luther, Auslegung des 5. 6. u. 7 Kapitels St Matthäi, 
1532 (Erl. Ausg. 43, Deutsche Sehr. 11. Bd.); Faustus Socinas (Bibl. fatr. 
Polen, tom. I, Irenopoli 1656, p. 1 — 72, unvollendet geblieben, reicht bis 
6, 20); Tholuck, Die Bergrede Christi, 5. Aufl. 1872 (Werke, Bd. 10); AcheUs, 
Die Bergr. exeget. u. krit. untersucht 1875; Steinmeyer, Die Rede auf dem 
Berge, 1885. 

^) Ss (nicht Sc) beginnt mit 4, 25 einen in 5, 1 wiederaufgenommenen 
Satz: „und als viel Volks (anwesend) war von Galiläa . . ., als Jesus das 
viele Volk sah, stieg er auf den Berg". Sh (ed. Lewis p. 61 u. LXV) 
macht eine Lektion aus 4, 25—5, 12, eine zweite aus 4, 23—5, 13. 

') Baur, Kanon. Ew. S. 584 „Eröffnung des messianischen Plans", 
S. 587 „Inaugurahede" ; Weizsäcker S. 150 „die grundlegende Predigt"; 
S. 184 sie soll darstellen „die Einladung Jesu in das Himmelreich und die 
Vorschriften für dasselbe"; Holtzmann, HK S. 201 „Antrittsrede vor Volk 
und Jüngerschaft". Ewald S. 258 Mt habe die Rede „ganz nach vorn in 
eine Zeit gerückt, wo Jesus die Zwölf noch nicht um sich hatte". 

*) Aram. nhid entspricht ebensowohl dem <j;'o» 4, 8 als dem tö dom 
5, 1. Bei Tä opr; 18, 12; 24, 16 fällt uns der Artikel nicht auf, weil wir 
in gleichem FaU ebenso sagen „in oder auf die Berge". Wir sagen aber 



Zahn, Ev. des Matth. 4. Anfl. 



12 



178 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

wissen Nachlässigkeit der Erzählung. Eine solche zeigt sich hier 
auch sonst noch. Wenn man denken möchte, daß Jesus, um allein 
zu sein, sich vor dem Andrang der Menge auf den Berg als an 
einen weniger bequem zugänglichen Ort zurückgezogen habe (cf 
14, 23 xat' iöiav, Jo 6, 15; Mr 6, 46; Lc 6, 12), so sieht man 
spätestens aus 7, 28, daß die Volksmenge doch während der Rede 
anwesend ist. Wenn es andrerseits von den Jüngern heißt, daß 
sie an Jesus herantraten, nachdem er sich niedergesetzt hatte, so 
scheint er sich zeitweilig auch vor diesen zurückgezogen zu haben, 
was doch nicht berichtet ist. vDas Bedürfnis einer deutlicheren 
Vorstellung mögen wir aus Lc 6, 12 — 20 befriedigen. Dem Mt 
genügt es, dem Leser gesagt zu haben, daß Jesus eines Tages auf 
einem Berge oder, da nicht leicht ein Mensch zu solchem Zweck den 
obersten Gipfel eines Berges wählen wird, vielmehr an einem Berge 
in Galiläa ^) die folgende Rede gehalten habe, während seine Schüler 
in seiner nächsten Nähe standen oder saßen (Mr 3, 32. 34), aber 
auch eine große Volksmenge den weiteren Zuhörerkreis bildete. 
Da wir aber letzteres nicht unmittelbar aus v. 1, sondern erst durch 
Vergleichung von 7, 28 erkennen, so kann sich avTOvg v. 2 nicht 
auch auf die oxloi, sondern nur auf ol (xad^rjral avzov beziehen, 
was durch den Fortgang der Rede von v. 1 1 an durchaus bestätigt 
wird cf Lc 6, 20. Das hier zum ersten Mal vorkommende f.ia3r^ral 
bezeichnet Leute, die sich dem Lehrer für längere Zeit als Schüler 
angeschlossen haben. ^) Es bedeutet ein festes und dauerndes Ver- 
hältnis. Daß die vier 4, 18 — 22 Genannten dazu gehörten, muß 
der Leser annehmen. Ob und wie sehr ihre Zahl inzwischen ge- 
wachsen sei , kann er nicht erraten. Durch sein Niedersetzen, 
wobei ein aus dem Boden hervorragender Stein ihm als v.ad'iÖQa 
gedient haben mag, gibt Jesus zu erkennen, daß er einen längeren 
Vortrag beabsichtigt.") Die Jünger, welche in folge dessen als 

auch „in den Wald", „auf dem Feld", als ob es nur einen Wald und ein 
einziges Feld gäbe. Warum nicht Mt und Lc mit gleichem grammatischem 
und logischem Recht „auf den Berg"? Cf rj e^Tq/nos Mt 3, 3 (neben 3, 1); 
4, 1; 11, 7; 24, 26. 

^) Nach Mt 8, 1 — 5; Lc 7, 1 scheint der Berg nicht weit von Kapernaum 
gelegen zu sein. Die Tradition, welche den zweizackigen Kam Hattin als 
„Berg der Seligkeiten" bezeichnet, ist erst vom 13. Jahrh. an und nur bei 
Lateinern nachweisbar, also geschichtlich wertlos, übrigens nicht unpassend 
cf Robinson, Paläst. III, 485;..Bädeker-Socin* S. 277. Nach Hier, dachten 
manche simpliciores an den Ölberg, er selbst an den Thabor. 

«) Das späthebr i^oSn (1 Chron 25, 8; Mischna Pirke Aboth 1, 1; 2, 8), 
welches in das Aramäisch der Targume (z. B. 2 Reg 2, 15 die Schüler = 
hebr. Söhne des Propheten) und Talmude, sowie in die syrische Bibel über- 
ging, wurde von den Juden auch auf die Schüler Jesu angewandt bab. 
Sanhedr. 43*; Aboda Zara 17"^. Das Verhältnis des Schülers zum Lehrer 
wird mit dem des Knechts zum Herrn und dem der Hausgenossen zum 
Hausherrn zusammengestellt Mt 10, 24 f. 

') Der Lehrer sitzt beim Vortrag Lc 4, 20; 5, 3; Mt 13, 1. 2; 24, 3; 



c. 5, 1—2. • 179 

die Lernbegierigsten sich enger um ihn scharen, belehrt Jesus 
in der ganzen langen Eede, deren Bedeutung auch durch das feier- 
liche äpoi^ag To aröua im voraus angedeutet wird. Diese ßede 
veranschaulicht also nicht unmittelbar die an das Volk von Galiläa 
zum Zweck von dessen Bekehrung gerichtete Predigt von dem 
nahegekommenen Gottesreich (4, 23. 17), sondern ist eine Belehrung 
derjenigen, welche die gute Botschaft längst beherzigt und sich Jesu 
als gläubige und gehorsame Schüler angeschlossen haben. "Wie sie 
schon ganz äußerlich nicht der Schilderung von 4, 23 entspricht, 
sofern sie nicht in einer Synagoge, sondern unter freiem Himmel 
gehalten ist, so enthält sie auch keinerlei Ausführung der kurzen 
Zusammenfassung der anfänglichen Predigt 4, 17. Warum Mt 
gleichwohl diese Bede zum Beispiel des Behrens Jesu gewählt hat, 
muß aus ihrem Inhalt und ihrem Verhältnis zum Zweck des ganzen 
Buchs erkannt werden. Im voraus ist nur zu sagen, daß eine Be- 
lehrung der Jünger vor den Ohren einer großen Volksmenge doch 
auch eine Belehrung dieser ist (7, 29). Indem die Menge, welche 
nach 4, 24 f. zumeist durch die Heilungstaten Jesu angelockt ihm 
nachlief, es mit anhörte, wie Jesus seine Schüler und regelmäßigen 
Zuhörer belehrte, erfuhr sie, worauf die Absicht Jesu im letzten 
Grunde gerichtet war ; und wenn der Menge die Voraussetzungen 
fehlten, auf grund deren Jesus die längst zu ihm bekehrten. Jünger 
belehrte, so konnte gerade darum diese Bede, wenn sie überhaupt 
auf die Menge Eindruck machte, für diese auch eine zu bußfertigem 
Glauben erweckende Predigt werden. Aber eine direkte Ver- 
kündigung des Ev darf man nach dem beharrlichen Gebrauch 
dieses Worts im NT nicht in einer Bede suchen, welche als ein 
Lehrvortrag für die bereits glaubenden Jünger nicht nur von Mt 
charakterisiert wird,^) sondern auch sich selbst so charakterisiert. — 
Die Bede beginnt allerdings nicht mit einer Anrede der Jünger, 
die erst v. 11 eintritt, sondern mit 8 gleichförmig gebildeten Sätzen 
v. 3 — 10, welche durch ihnen psalmartigen Ton, durch die Para- 
doxie der darin enthaltenen Urteile und durch die Lieblichkeit der 
damit verbundenen Verheißungen geeignet waren, die Aufmerksam- 
keit auch des weiteren Hörerkreises zu erregen. Es sind weder 
7 noch 9 noch 10 Makarismen,^) sondern, wie man von jeher ge- 

26, 55: AG 16, 13; Iren, ad Florin. bei E\is. h. e. V, 20, 6. Die y.a.VSoa ist 
das Symbol des Lehramts Mt 23, 2; Ep. Clem. ad Jac. 2. Nur ausnahms- 
weise, bei gehobener, mehr prophetischer als lehrhafter Rede steht der 
Prediger AG 2. 14; 13, 16, Jo 7, 37. 

*>) Ebenso Le 6, 20 Belehrung der Jünger, die auch von anfang an an- 
geredet werden, und doch 7, 1 eis täi dxoäi roD laoi: Die Berücksichtigung 
des weiteren Kreises auch 6, 27. 46. Übrigens s. unten am Schluß der Aus- 
legung von Mt 5 — 7 über das Verhältnis beider Berichte. 

ö) Während Meyer, Ewald u. a. nur 7 zählten, was Wellh. durch 
Streichung von v. 4 fertig bringt, fand Delitzsch, Unters. S. 76 hier einen 

12* 



180 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

wohnlich gezählt hat, deren 8. Der Gleichlaut des begründenden 
Satzes in v. 3 und 10 berechtigt nicht dazu, den v. 10 als eine 
Wiederholung von v. 3 von der Zählung auszuschließen ; denn die 
Charakteristik der Personen, die Jesus selig preist, ist hier und 
dort eine sehr verschiedene. Andrerseits ist durch die refrain- 
artige Wiederkehr des ersten Begründungssatzes in v. 10 der Kreis 
gleichartiger Sätze geschlossen ; und v. 1 1 und 1 2 können umso- 
weniger als 9. und 10. M^karismus dem Eingang der Rede zu- 
gerechnet werden, als hier erst die fortan festgehaltene Anrede der 
Jünger eintritt, übrigens aber kein neuer Gedanke ausgesprochen, 
sondern nur der 8. Makarismus auf die Jünger angewandt wird. 
Fassen wir zunächst die 8 Hauptsätze ins Auge, so entsjoricht das 
ebenso oft wiederholte (.laKCcgLOi dem stets nur im Verhältnis des 
stat. constr. zu einer Personbezeichnung vorkommenden '1}CifX ^^) 
und hat zum Gegensatz das 'in oder MX, ovaL Es ist wie dieses 
an sich weder Anwünschung eines zukünftigen Schickaals, noch in- 
haltliche Beschreibung eines gegenwärtigen Zustandes, sondern ein 
empfindungsreicher Ausdruck des Urteils, daß der, dem solches 
zugerufen oder über den es ausgerufen wird, glücklich zu schätzen 
sei, wie der, welchem ein „wehe" zugerufen wird, dadurch als ein 
beklagenswerter Mensch bezeichnet wird. Glückliche Leute nennt 
Jesus die, welche nach gemeinem Urteil der Menschen am wenigsten 
dafür gelten. Die Ersten sind ot 7tT(j)%ol tG) Ttvev/^iatt. Einige 
Mißverständnisse dieser Worte hätte schon die Beachtung des 

ntl Dekalog, zu welchem Ende nicht nur v. 11, welcher nur Anwendung 
von V. 10* auf die Jünger, sondern auch v. 12, welcher Anwendung von 
W auf dieselben ist und nicht einmal ein /uaxdpioi enthält, mitgezählt 
werden muß. Die octava heatitudo bildet nach Hier, den Schluß (Vall. VII, 24 
cf VII, oll zu Gl 5, 22 iiiter octo evangelii benedictmies). Hilar. faßt 
V. 11 — 12 mit V. 10 als eine einzige Seligpreisnng zusammen. Chromatius 
hielt eine Predigt über die octo beatitudines (Gallandi VIII, 333). Augustin 
läßt sich auch durch die unglückliche Zusammenstellung mit den 7 Gaben 
des Geistes in Jes 11, 1 nicht ernstUch in der richtigen Zählung irremachen 
(serm. dem. üb. I, 10-12). Theoph. lat. Forsch II, 78; III, 237 f.; Zezsch- 
witz, Syst, der Katech. IP, 1, 210. Wir sehen auch hier, daß Mt sich auf 
Zahlensymbolik nicht einläßt: die 8 ist an sich ebenso bedeutungslos wie 
die 14 (1, 17). 

^°) Regelmäßig durch fiay.doios ohne Kopula übersetzt in LXX z. B. 
Ps 1, 1; 2, 12; 32, 1. 2; Prov. 3, 13; auch Sir 14, 1. 2. 20; 48, 11 daher auch 
an den anderen Stellen, wo das Original fehlt, nu!« vorauszusetzen. In der 
Anrede tritt meist die Kopula hinzu Mt 5, 11; 16, 17; Lc 6, 22; 14, 14; 
Je 13, 17; sonst selten Mt 11, 6; Lc 12, 38; Prov 14, 21; Jk 1, 25. Für die 
Bedeutung lehrreich Lc 11, 27; 23, 29 (Lc 1, 48); Rm 14, 22; Ap 1, 3 und 
das gegensätzliche oval Mt 11, 21; 24, 19; Lc 6, 24—26. Die Vorstellung 
eines glücklichen, in sich völlig befriedigten und befriedigenden Daseins 
(1 Tm 1, 11; 6, 15; Jk 1, 12 cf 1 Kr 7, 40; AG 20, 35), welche unser „selig" 
ausdrückt, hat das Wort nie, wo es als Ausruf ohne Kopula steht. Auch 
Ap 14, 13 heißt es nicht mehr als ,uay.aoi^o/uEv Jk 5, 11. Die alten Lateiner 
schwankten Mt 5, 3 ff. zwischen felices und heati s. Rönsch, Tert.'s NT S. 66 ; 
Cypr. test. III, 5^u. 6 v. 1. 



c. 5, 3—10. 181 

griech. Ausdrucks fernhalten können. Da nr. oft genug nXovoiog 
zum Gegensatz hat, übersetzen wir es durch arm, verwißchen aber 
dadurch den sehr merklichen Unterschied von rcivrg, evdtrg u. a. 
Nach EtjTnologie und feinerem Sprachgefühl bezeichnet jtt. den 
sich Bückenden, scheu sich Duckenden, den Bettler. ^^) Es drückt, 
nicht den Mangel an irgend etwas, sondern die Haltung des Be- 
dürftigen aus. "Wenn ttt. überhaupt eine Angabe des Gutes bei 
sich haben könnte, dessen Einer ermangelt, könnte diese jedenfalls 
nicht im Dativ, sondern nach Analogie der Synonyma nur etwa im 
Genitiv angeschlossen werden. Die TJbersetzung „arm an Geist" 
ist also, abgesehen davon, daß Mangel an Geist, oder vielmehr an 
dem Geist schlechthin, an göttlichem Geist von Jesus nicht als ein 
glücklicher Zustand betrachtet worden sein kann (Jud v. 19), 
sprachlich unmöglich. ^^) Es kann Tip nvevfiaji, auch nicht das 
Wesen bezeichnen, für welches oder nach dessen Urteil die Be- 
treffenden arm sind;^^) denn der in Jesus wohnende und durch 
ihn redende Geist beurteilt sie vielmehr als glückliche Menschen. 
Keinerlei Sprachgebrauch rechtfertigt auch die Deutung, wonach 
T. TTV. die Macht wäre, durch deren "Wirkung die Armen arm 
sind,^^) oder die andere, wonach gemeint wäre, daß sie es in 

^^) Göbel, Lexilogus 1, 165: Tert. c. Marc. IV, 14 in. „beati mendici"'; 
sie enini exigit interpretatio vocabuli, quod in Graeco est. Er .«elbst über- 
setzt doch sonst felices oder beati panperes de pat. 11; fuga 12 cfux. II. 8, 
einmal sogar egeni idol. 12. Ausiührlicher Op. p. 56 unter Berufung auf 
das Griechische, unter anderem qui sie sunt humiles, ut sempcr adjutorium 
dei sint mendicantes. Gut auch Marc Aurel IV, 29 tttco/ös ö ifdir;^ 

sreQOV y.al fir, Txd^-ra eycov Tiao taviov ta eis töv ßiov yoriOiua. Opp. ZU 

■jiiwyoi ist 2 Kr 6, 10 Ti'/.ovjitovTss, nicht tiIovowi. Anderes bei Wettstein. 

^^) So noch Fritzsche: nemo tw tiv. nisi de re, qua Uli essent desti- 
tuti, accipere non potest. Nicht nur hSer^s , sTriSer^i, iUiTTr^s, ÄeiTiöutios 
(Jk 2, 15 cf 1, 5), sondern auch nävrji hat, wenn gleich selten, den Genitiv 
bei sich (Eurip. Elektra37; Plat. epist. 7 p. 332 cf Tzhouui Aesch. Enmen. 
409 al. 431), so auch Tziovotog nicht selten, schwerlich aber jemals rrTw/o,- 
aa£er bei schlechten Exegeten, und selbstverständlich keines dieser Wörter 
einen Dativ zur Bezeichnung des Gutes, das einem mangelt. 

*^) So Jk 2, 5 .-7T. Tfö y.öouco. Diese Bedeutung wollte Wettstein I, 285 
dem t<3 TIV. geben, indem er es gegen die Wortstellung und mit Mißachtung 
der Symmetrie .der 8 Sätze zu uay.aoi.ot zog: „glücklich nach dem Urteil 
des Geistes". Ähnlich Paulus I, 644 „glücklich im Geist". 

") Dies war wohl die grammatische Ansicht derer, welche hier die 
freiwillige Armut gepriesen fanden, wie sie Jesus Mt 19, 21 gefordert und 
nach 2 Kr 8, 9 selbst vorbildlich gezeigt hat (ßasil. in ps. 33 ed. Garnier 
I, 147; Greg. Nyss. orat. 1 de beatit. ed. Par. 1638, I. 766 ff., dieser em- 
mal p. 771 6 biä ib Tiitxua Tnw/tvoiv). Wie aber dieee Theologen, be- 
sonders Gregor, die verschiedensten anderen Deutungen in unklarer Weise 
mit jener verbinden, so haben Chrys. Hier. u. a. mit ihrer übrigens rich- 
tigen Deutung (die Demütigen) die von der freiwilligen Armut zu ver- 
binden gesucht. Sie ist um so verfehlter, als t. -i*. als Näherbestimmung 
von Handlungen (bei Mt nie ohne iy 3, 11; 12, 28: 22,43 cf 4. 1) eher die 
übermächtige Bestimmtheit durch den treibenden Geist, als die Freiwillig- 
keit ausdrückt (AG 6, 10; 20, 22; Km 8, 14; 1 Kr 14, 15; Gl 5, 25). Wenn 



182 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

geistlichem d. h. bildlichem, allegorischem Sinn seien. i^) Dahin- 
gegen zeigt sich t^) TtvevfÄOZi ebenso wie rfj Kagöla in Verbindung 

Orig. (de princ. IV, 22 cf in Matth. tora. XVI 12; c. Gels. II, 1; Eas. h. e. 
III. 27, 6; Epiph. haer. 30, 17) mit Rücksicht auf den angeblichen Wort- 
siun des Namens Ebjoniten von diesen sagt : ol tcxw/oI rfj Siavoiq '£ßuoi>aioi, 
rijs 7nu)yj]s Siaroias eTtwvv^ioi, SO hat er dies natürlich nicht als die richtige 
Deutung von Mt 5, 3 ausgeben wollen, als ob Jesus die Ebjoniten oder 
Leute, welche wie sie in bezuff auf den Verstand und das Verständnis arm 
seien, selig gepriesen habe. Es kann dies auch nicht eine bei den Ebjoniten 
übliche Deutung, sei es von Mt 5, 3, sei es ihres eigenen Namens gewesen 
sein. Wie die Nazaräer, die miCbräuchlich auch Ebjoniten genannt wurden 
(GK II, 266—673), Mt 5, 3 gedeutet oder in ihrem HE überliefert haben, 
wissen wir nicht. Die eigentlichen Ebjoniten haben sich nicht um Mt 5, 3, 
sondern nur um Lc 6, 20 bekümmert cf Clem. hom. 15, 10 ö SiSdoy.akos 
il^iüv TTiorovs 7rifr;ras i/uny.doiaei' d. h. er hat ihnen verheißen, daß sie, 
wenn sie sonst fromm sind, nicht darum verdammt werden sollen, weil sie 
keine Wohltätigkeit üben konnten, welche für jeden Besitzenden das Mittel 
ist, sich des sündhaften Geldes und damit der Sünden zu entledigen cf 
hom. 15, 9 ^äai T« y.rt]uaTa daaorijuaza. Sie verstehen unter der von 
Jesus gepriesenen Armut den Nichtbesitz von Geld, die Ttefia, und wenn 
sie auch das Reichwerdenwollen (t/j Ttoocuoeaai TckovrsZt/) verurteilen, so 
verrät doch nichts eine Bezugnahme auf das toJ TrvevaaTi, des Mt, welches 
sowohl bei richtiger Auffassung als bei der falschen = tT] Staroia die 
Deutung auf die Besitzlosigkeit ausgeschlossen haben würde. Die Führer 
dieser Ebjoniten, ein Symraachus und die Vf der Clementinen, waren ge- 
lehrte Leute, und bei ihrer religions-philosophischen Neigung ist ganz un- 
denkbar, daß sie den ersten Makarismus auf die rücksichtlich des Verstandes 
Dürftigen bezogen haben sollten. Es ist aber auch unglaublich, daß sie 
sich mit Bezugnahme auf Mt 5, 3; Lc 6, 20, oder daß andere Juden sie 
wegen ihrer äußeren Armut o^j-^in genannt haben sollten. Wir wissen, 
daß Jesus in jenem Spruch nicht dieses althebr. Wort gebraucht hat (s. 
weiter unten), welches in aram. Texten nicht nachgewiesen ist und auch 
in hebr. Zusammenhang bei den späteren Juden recht selten zu sein scheint. 
Wahrscheinlich ist der Parteiname von dem Eigennamen eines Lehrers 
gebildet cf Hilgenfeld, Ketzergesch. des Urchrist. S. 436 f. Wenn man dem 
Epiph. baer. 30, 17 glauben darf, hätten die Ebjoniten diesen ihren Namen 
im Gegensatz za der bei den Katholiken üblich gewordenen Deutung des- 
selben aus ihrer äußeren Armut hergeleitet und diese aus AG 4, 34 f. er- 
klärt. — Es gibt auch ein 'J^^ns (= n'3) n als Name einer Ortschaft (s. Levy 
und Jastrow s. v.). 

1^) Luther hat mit seiner Übersetzung „die da geistlich arm sind" 
und in seiner Auslegung S. 10—14 zwar formell die Beziehung auf die 
irdischen Güter festgehalten, aber deren Nichtbesitz als allegorischen Aus- 
druck der innerlichen Freiheit von Geld und Gut aufgefaßt, welche bei 
Reichen wie Armen gleich notwendig und gleich möglich ist, und hat 
wie schon Clemens AI. quis dives salvus § 16—20 und in dieser ganzen 
Schrift die nvEv/iuTiyf] Tixcoyüa im Sinn von 1 Kr 7, 29 — 31 trefflich be- 
schrieben. Diese sehr richtigen Gedanken lassen sich jedoch nicht aus 
Mt 5, 3 entwickeln, namentlich nö nfavunn im Sinne von nt'svfiaTcxas 
Ap 11, 8, ■jtvevaaxiy.öi 1 Kr 10, 4; 1 Pt 2, 5 sich nicht nachweisen. Noch 
unannehmbarer ist die Deutung Baur's (Ntl. Theol. S. 62 cf dess. Kanon. 
Evv S. 447 ff.) auf diejenigen, „denen an ihreri äußeren leiblichen Armut 
und im Kontrast mit derselben ihr geistiger Reichtum zum Bewußtsein 
kommt". Das wäre der Bettelstolz des Kynikers und so ziemlich das 
Gegenteil der TiTtoyeLa rov Tivfö/nazos. 



c. 5, 3-10. 183 

mit Adjektiven und intransitiven oder passiven Participien ganz 
regelmäßig als einer jener Dative, welche in der biblischen Gräcität 
den klassischen Akkusativ der Beziehung beinahe völlig verdrängt 
haben. ^^) Wie ot /M&agol xfj /.agöia v. 8 die rücksichtlich ihres 
Herzens, am Herzen Reinen sind d. h. diejenigen, deren Herz rein 
ist, so Ttiioyßi T. 7XV. die rücksichtlich des Geistes Armen d. i. 
diejenigen, deren Geist arm ist. Man kann übersetzen „die Armen 
(oder Bettler) am (oder im) Geist" (nicht „an Geist", sondern „an 
oder in ihrem Geist"), ^') wenn man es nicht vorzieht, nach Luthers 
Übersetzung in v. 8 („reines Herzens") besser deutsch zu sagen: 
„die armen Geistes sind". Dabei ist jedoch, wie bemerkt, TTiixjyoL 
nur mangelhaft wiedergegeben, vollends aber das zu gründe liegende 
hebr. und aram. Original. Da Jesus nach Mt 11, 5 (= Lc 7, 22) 
und Lc 4, 18 das Evuy/E'Uoaod^aL TtTtuxolg, ü'jJV "li?p? aus Jes 61, 1 
für seine erste Aufgabe und für ein Hauptmerkmal des mit ihm 
gekommenen Himmelreichs erklärt hat, so scheint kaum zweifelhaft 
zu sein, daß die mcoyol, die Jesus selig gepriesen, eben die CIJV. 
seien. Ein Bedenken dagegen ergibt sich jedoch aus dem doppelten 
Umstand, daß Tirwjiög zwar Jes 61, 1 für LXX gut bezeugt ist, 
übrigens aber in LXX ganz überwiegend für 'jy steht, ^^) und 
daß andrerseits in dem dritten Makarismus ol Ttgaelg selig gepriesen 
werden , was an der dort offenbar zu gründe liegenden Stelle 
Ps 37, 11 einem Q^lJy entspricht und überhaupt in LXX vor- 
wiegend zur Übersetzung dieses "Wortes dient. ^^) Da nun den 

18) So z. B. ^icov AG 18, 25; Rm 12, 11; äyios 1 Kr 7, 34; T«.-re»-öi 
Ps 34, 19; v^'Ti'/.öi Kohel 7, 8. Cf die Verbindung von t/7 y.aoSia mit 
y.a&uoös Mt 5, 8; Ps 24, 4 (cf y.ad-aoä y.aobia Ps 51, 12; 2 Tm 2, 22); EvfKs 
Ps 7," 11; 11, 2; 73, 2; raTiaivös Mt 11. 29; cant. tr. puer. LXX u. Theod. 
Dan 3, 87; avvrtToiuuii-os Jes 61, 1 (Siu. AI. March., Tr^v y.anöiav Yat., die 
gleiche Variante Ps 147, 3; nur Akkus. Jes 57, 15; Ps 34, 19; cf das gleich- 
bedeutende nt'Evua avvxBXOiuukvov, y.aoiiiav avvTeToiuuei'r^vY?>b\, 19). Andere 
Dative dieser Bedeutung' 1 Kr 5, 3;' 14, 20; A-G 14, 8, auch Eph 4, 23. 

1') Der syr. Tatiau (Forsch I, 131), Ss Sc sachlich richtig: „in ihrem 
Geist", ebenso v. 8 „in ihrem Herzen". 

i'*) Jes 61, 1 haben Tuco/pi ABQ* und die Korrektoren von n, t«- 
TCBivoi N* und Randlesart von Q. Nach der Konkordanz haben LXX mto/öi 
35mal für >:•;, 22mal für h~., 11 mal für -v:«, 7mal für r-, nur 3mal (Ps 
69, 33. Jes 29, 19; 61, 1) oder wenn man die Stellen mitzählt, wo entweder 
das Kere (Prov 14, 21) oder das K^thib (Arnos 8, 4) ::•; hat, 5 mal für dieses. 
Da es sich hier nur um den Sprachgebrauch der LXX handelt, die als 
Ganzes auf den griech. Mt mächtig eingewirkt hat, bedarf es keiner Unter- 
scheidung der verschiedenen atl Bücher. 

i**) Ttoati mit Einschluß der Stellen, wo die mas. Tradition \ ariauten 
hat (Job 24, 4; von Num 12, 3 kann man das kaum sagen), 9 mal für i:y, 
nur 3 mal (Jes 26, 6; Zeph 3, 12; Sach 9, 9) für <:?, auch .i/mfr,,.- für n;:2 
und 7\\yi Ps 45, 5 s. auch Sir 45, 4 hebr. und griech. im Rückblick auf 
Num i2, 3, wo auch Aquila, Symmachus, Theodotion -T-miV geben. Auch 
■:iivi]s, die regelmäßige Übersetzung von i^'s«, und t«.-t£*vo=, gewöhnlich für 



184 Die Bergpredigt als Beispiel des LehreBS Jesu. 

Wörtern mtoxoi und Ttgaeig in v. 3 und 5 zwei verschiedene 
aram. und, sofern es sich um atl Grundstellen handelt, hebr. Wörter 
zu gründe liegen müssen, so liegt am Tage, daß v. 5 entsprechend 
dem mas. Text und der LXX von Ps 37, 11 DVJy und dagegen 
V. 3 sowie 11, 5 und Lc 4, 18 trotz der Anlehnung an Jes 61, 1 
mit einer geringen Abweichung von mas. Text D".J1? vorausgesetzt 
ist.^'') Beide beinahe identische und auch in der mas. Tradition 
manchmal mit einander um^den Platz streitende ^^) Wörter sind 
dem aramäisch redenden Juden geläufig gewesen : 'jy als K^jy ^") 
und "ijy als lliV oder "jPUV. Auch von dieser Seite ist also nichts 
dagegen zu sagen, daß Jesus das erstere v. 3, das zweite v. 5 ge- 
braucht habe. Es bezeichnet aber >jy ebensowenig wie TtTtoxög 
und unser „arm" von Haus aus '^^) den Mangel an Geld oder dem 
nötigen Lebensunterhalt, sondern den in socialer und rechtlicher 
Beziehung Niedrigstehenden, ^*) welcher in der Regel auch öko- 
nomisch ungünstig gestellt ist, daher dann den Armen und, da 
die ungünstige Lebenslage der Einen gewöhnlich durch Anwendung 
der Gewalt von Seiten Anderer oder durch Schicksalsschläge herbei- 
geführt ist, den Unterdrückten und Gedrückten, den von der Not 
Heimgesuchten und Elenden, den rechtlos und hilflos in der Welt 
Dastehenden. Aber der Begriff greift auch in das innere Leben 
über.-^) Es bezeichnet 'jy auch den sich elend, unglücklich und 
hilfsbedürftig Fühlenden, womit bei frommer Denkweise von selbst 
eine Beziehung auf Gott, eine religiöse Bedeutung des Wortes 
gegeben ist. Der Fromme, der in seines Herzens Angst mit dem 

■jstr, finden sich an wenigen Stellen für :r;, häufiger für das allerdings 
überhaupt häufiger vorkommende ':y. 

^°) So hat schon Schemtob und wieder Delitzsch v. 3 nnn »»jV und 
V. 5 Dvjyn (Schemtob ohne Artikel). 

^i/'S. A 18. 19, ferner Prov 3, 34 (Targ. ^y.iv\ LXX, 1 Pt 5, 5; Jk 4, 6 
laTisivoig); Prov 16, 19; Ps 10, 12. Cf Übrigens Hatch, Essays on bibl. 
Greek (1889) S. 73—77; Kahlfs, uy und ir; in den Psalmen, Göttingen 1892; 
Seilin, Beiträge zur isr. Religionsgesch. (1897) II, 284 ff. 294 ff. 

22) Die indeterminirte Form n}v (Eahlfs S. 91) scheint nirgends nach- 
gewiesen zu sein. 

2^) Cf Heyne's WB. s. v. Alte Redensarten wie „armer Sünder, arme 
Seele, du armes Kind" u. dergl. erinnern an die ursprüngliche Bedeutung. 

2*) Cf die Zusammenstellung mit ^i Lev 19, 10; 23, 22; Sach 7, 10. 
Auch die häufige Verbindung von y.'ZM 'Jj; Deut 24, 14; Ps 37, 14; 40, 18; 
74, 21; Ez 16, 49; 18, 12; 22, 29, LXX meist mco/ös nal nevrjs, zeugt von 
Empfindung des Unterschiedes beiden Wörter. 

-^) Dies verbürgt schon der Gebrauch von njy, im Kai Jes 31, 4 den 
Mut sinken lassen, im Niphal Exod 10, 3 sich vor Gott demütigen, seinem 
Willen sich beugen. Das Fasten, die Kasteiung ist nach hebr. Anschauung 
nicht wesentlich eine acouurixij yvfivaoia (1 Tm 4, 8), sondern ein Schwächen 
und Beugen der Seele (Lev 16, 31; Jes 58, 5 Piel) und zwar vor Gott 
(Dan 10, 12). Daher auch im christlichen Sprachgebrauch tansivof^oavvr} 
Kasteiung Einl § 27 A 7. 



c. 5, 3—10. 185 

Bekenntnis, daß er elend und hilfsbedürftig sei, vor seinen Gott 
tritt, und keine andere Hilfe kennt und erwartet, als die, welche 
er von dem barmherzigen Gott erbittet, ist wahrhaft ein ""Jj; (Ps 25, 
16—22: 69, 30; 70, 6; 74, 21; 86, 1—6; Zeph 3, 12'cf 2, 3). 
Die Gesinnung dieser Elenden, die nichts vor Gott zu bringen 
haben, als ihre Hilfsbedürftigkeit und seine Bai-mherzigkeit, bildet 
den Gegensatz zu dem Hochmut und der Gottlosigkeit der Mäch- 
tigen, die ihre Gewalt mißbrauchen (Ps 10, 2. 9; 22, 25; 37, 14; 
86, 14). Sie sind auch die Leute zerschlagenen Geistes und zer- 
brochenen Herzens (Jes 66, 2; Ps 34, 7. 19; 109, 16 cf Jes 57, 15; 
Ps 51, 19). Eben dies wird aber auch von den C'pV gesagt 
(Jes 61, 1). Eine Unterscheidung der beiden Wörter, wonach 
D"jy die unter äußerem Druck Stehenden, CijV ^^^ sich willig 
darunter Beugenden, oder ersteres nur eine unglückliche Lage in 
der Welt, letzteres eine demütige Stellung zu Gott ausdrücken 
sollte, ist undurchführbar. Richtig ist nur, daß das seltenere C'oV 
regelmäßig den willig sich Beugenden bezeichnet, aber keineswegs 
nur den vor Gott sich Beugenden. Wird doch das Substantiv 
nuy sogar von der Sanftmut und Xachsicht des zu den Niedrigen 
sich herabneigenden Gottes gebraucht (Ps 18, 36), und das Adjektiv 
von Moses ausgesagt, in einem Zusammenhang, welcher nicht an 
seine Demut vor Gott, sondern nur an die Sanftmut und Langmut 
denken läßt, womit er alles über sich ergehen und auch von den. 
Nächststehenden schwere Kränkung sich gefallen ließ, ohne in Zorn 
zu geraten oder seine Macht zu gebrauchen, so daß Gott der ge- 
kränkten Ehre seines Knechtes sich annehmen mußte. ^^) Diese 
Bedeutung des Worts und die Übersetzung durch TToacg paßt 
auch besser als jede andere an der Stelle, welche Jesus nach v. 5 
im dritten Makarismus beinah wörtlich sich angeeignet hat."-') 
Aber auch die Übersetzung von □'•■'jy durch tctojxoL ist nicht un- 
zutreffend, da dieses in seiner Grundbedeutubg mit jenem zusammen- 
trifft und durch den Gebrauch der LXX auch an solchen Stellen, 
wo es die demütig vor Gott sich Beugenden und um seine Hilfe 
Flehenden bezeichnet, den griech. Christen geläufig war . . Zwei- 
deutig wäre auch die ebenso zulässige Übersetzung za7t£LVoL ge- 
wesen ; denn dies bedeutet ebensowohl die tatsächlich Niedrig- 
stehenden und Gedrückten, wie die gering von sich Denkenden 
und in Demut vor Gott imd Menschen sich selbst Erniedrigenden. 



'**') Num 12, 3. Die Übersetzung durch Ttoaii^ welche LXX so manch- 
mal gebraucht (oben S. 183 A 19j, paßt jedenfalls hier. Die von Levy, 
Neuhebr. Lex. III, 667 f. unter nuv, -ijy, >-:•:•;, n:m:v gesammelten Belege 
beweisen noch deutlicher als LXX und die anderen griech. Übersetzer, daß 
diese Worte für die Juden der nachkanouischen Zeit ganz überwiegend die 
sanftmütige Gelassenheit im Gegensatz zu aufbrausendem Zorn bedeuteten. 

^') Ps 37, 11 y,«— .Wi" cv:>^2 ol Si noaali xkrjoovofx^aovoiv /fjy. 



186 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu, 

Jede Zweideutigkeit aber ist ausgeschlossen durch das hinzutretende 
t(p 7tv£vi.iaTi. Man könnte sagen, der Zusatz sei entbehrlich, weil 
schon das bloße ^noxog als Übersetzung von ^jy den Gedanken 
ausdrücken kann, der beabsichtigt ist. Aber der Zusatz ist doch 
wichtig, weil er die Vorstellung ausdrücklich von der socialen und 
ökonomischen Lage ablenkt und auf das Innenleben hinlenkt und 
damit die ethische und zugleich religiöse Bedeutung des Begriffs 
sicherstellt. Er bezeichnet '^nicht einen Zustand, in welchem man 
sich mit odor wider Willen befindet, auch nicht einen Zustand der 
Seele, sondern ein Verhalten, aber nicht ein Verhalten zu anderen 
Menschen, mit denen der Mensch als Fleisch und im Fleisch oder 
nach dem Fleisch in Beziehung steht, sondern zu Gott, mit dem 
der Mensch als Geist und im Geist in Beziehung und Verkehr 
steht (Jo 4, 24; ß,m 1, 9 cf Lc 1, 47). Nicht die, welche in der 
Welt als Arme oder Bettler ihr tägliches Brod nur von der Mild- 
tätigkeit der Menschen empfangen, hat Jesus zuerst selig gepriesen, 
sondern diejenigen, welche rücksichtlich ihres inneren Lebens, also 
vor Gott im Gefühl ihrer Unfähigkeit sich selbst zu helfen als 
Bettler dastehen. 2^) Ob diese ihre Haltung Gott gegenüber und 
die ihr zu gründe liegende Beurteilung ihres inneren Lebens durch 
äußere Not veranlaßt sei oder nicht, sagt das Wort nicht. — Die 
Erklärung von TtTOiy^oL v. 3 mußte auch die Erklärung von Ttgaslg 
V. 5 einschließen. Es fragt sich aber, wie diese Begriffe ursprüng- 
lich geordnet waren. Die Voranstellung der Sanftmütigen vor die 
Trauernden erscheint, was Alter und Verbreitung anlangt, glänzend 
bezeugt; es ist jedoch nicht zu übersehen, daß die Zwiespältigkeit 
der Überlieferung sowohl bei den Syrern als bei den Occidentalen 
und bei den Alexandrinern sich in hohes Altertum zurückverfolgen 
läßt.^*') Es ist aber schwer denkbar, daß der rhetorische Gegen- 
satz zwischen Himmel und Erde in den Begründungssätzen von 
V. 3 und V. 5, auf welchen schon Orig. da hinweist, wo er die 
Ordnung v. 3. 5 4 als die richtige voraussetzt, durch nachträgliche 

2*) Dies ist in der alten Kirche das vorherrschende Verständnis ge- 
wesen, wenn auch vielfach durch Nebengedanken getrübt. luvencus I, 454 
felices huiniles, jjaHper quos Spiritus ambit. Hil. Spiritus humilitas, Chrys.; 
Hier, citirt als gleichbedeutend Ps 34, Id^- Aug. humiles et timentes deum 
i. e. non habentes inflantem spiritum; s. auch oben S. 181 A 11. 

*") Die Ordnung Tispd-. — noa. haben 1) sämtliche Unc mit Ausnahme 
von D, ebenso die Min, auch Ferrargr., 2) SsS'S^Sh, Arm, Kop, b q, 3) Tert. 
pat. 11; Orig. tom. XVII, 8 ia Mt (griech. und lat. s. aber nachher) Chrys., 
Leo M , Op. Die Ordnung noa. — 7iei>d-. bezeugen 1) D und eine Min, 
2) Diatess. (Forsch I, 131) Sc, a k etc., Vulg, 3) Olem. AI. ström. IV, 
36—41 scheint die Folge v. 5. 4. 7. 8. 9. 10 zu geben. S. jedoch Barnard, 
The bibl. text of Clement p. 4). Orig. tom. XVI, 15 in Mt abweichend 
von tom. XVII, 8, aber aus^drücklich, griech. u. lat., Hil. Ambros. Hier. 
August. Nur wenn außerdem ein alter Text ohne die Seligpreisung der 
noatii Überliefert wäre, könnte man wie Wellh. S. 15 aus der schwanken- 
den Stellung gegen die Echtheit dieses Makarismus Verdacht schöpfen. 



c. 5, 3—10. 187 

Einschiebung von v. 4 zwischen v. 3 und 5 absichtlicli sollte zer- 
stört worden sein. Andrerseits ist jener Gegensatz, wie sich zeigen 
wird, ein so äußerlicher, daß ich lieber einen Redaktor wie Tatian, 
der diese Ordnung aus dem Abendland nach Syrien importirte, 
als den Mt für den Schöpfer desselben halten möchte. Dazu 
kommt, daß die Ttevd-oüvTtg auch Jes 61, 2 f. dicht neben den 
Tttco^oi stehen. Ihnen also wird der 2, Makarismus gelten. Das 
sind nicht die Betrübten oder traurig Gestimmten, sondern die 
Trauernden, die Leidtragenden. Utvd-elv, manchmal mit -/XaiEiv 
verbunden und dem Lachen entgegengesetzt (Lc 6,25; Jk 4, 9), 
ist die sich äußernde Trauer. Man trauert in diesem Sinne 
aber nicht um sich selbst , sondern um andere Personen oder 
Sachen, die der Tod oder ein anderes beklagenswertes Schicksal 
getroffen hat ; und die durch Ttev&tlv, Ttevd-og ausgedrückte Trauer 
bezieht sich nur insofern auf den Trauernden selbst, als er durch 
das Unglück oder den Untergang einer teueren Person oder eines 
wertvollen Gutes einen Verlust erlitten hat.'^°) Es ist daher nicht 
zu denken an den Schmerz um die eigene Sünde, an Reue und 
Buße, noch weniger an die Betrübnis, welche eigenes irdisches 
Leid dem natürlichen Menschen bereitet (cf dagegen v. 10 — 12), 
sondern an das, was abgesehen von der eigenen Sünde und ohne 
eigene Schuld den Frommen in dieser "Welt zur Klage stimmt und 
ihm das Lachen verbietet. Das ist aber vor allem anderen die 
Macht des Bösen in der Welt. Der Glaube, daß Gott auch schon 
während des gegenwärtigen Aons, vor der Aufrichtung und völligen 
Durchführung seiner königlichen Herrschaft über die Welt, den 
Lauf des "Weltlebens überwaltet und leitet , beseitigt nicht den 
Schmerz, mit welchem der Fromme und gerade nur der Fromme 
es mit ansieht, daß überall in der Welt und allezeit Sünde gegen 
Gott und Unrecht an Menschen nicht nur verübt wird, sondern 
auch als eine siegreiche Macht sich beweist. Die Trauer, welche 
der Blick auf den Weltlauf hervorruft , gehört ebensosehr zum 
Charakterbild des Frommen, wie die demütige Beugung vor Gott, 
welche der 1. Makarismus preist. Wenn aber das in der Welt so 
mächtige Unrecht auf den Frommen als eine ihn selbst kränkende 
oder schädigende Gewalt eindringt, so trachtet er nicht darnach, 
durch entsprechende Gegenwirkung sich derselben zu erwehren, 
sondern zeigt die Gelassenheit und Sanftmut, welche in dem Glauben 
an den himmlischen Schutzherrn der mit Unrecht Gekränkten und 
Geschädigten wurzelt und als ein wirksames Mittel der Überwindung 
des Bösen bewährt ist. So ist der Übergang vom 2. zum 3. 



»") Um den durch den Tod Entrissenen Mt 9, 15; Mr 16, 10, Gen 23, 2; 
50, 3; Arnos 8, 10. um einen Verlorenen oder Verworfenen 1 Sam 15. 35, 
um den unverbesserhcheu Sünder 1 Kr 5, 2; 2 Kr 12, 21 (dem Sünder selbst 
kommt vielmehr /.i.t// zu 2 Kr 2, 7), um den Verlast der irdischen Güter 
Jk 4, 9 cf 5, 1, um eine zerstörte Stadt Ap 18, 11, 19. 



188 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Makarismus, welcher im übrigen bereits erklärt ist (oben S. 184 ff.), 
vermittelt. "Wenn es nach den drei ersten Sätzen den Anschein 
gewinnen könnte, als ob der Fromme sich mit seiner dermaligen 
Stellung zu Gott (v. 3) und seiner eigenen Lage in der "Welt 
(v. 4. 5) zufrieden gebe und nicht darüber hinausbegehre, so zeigt 
der 4. Makarismus v. 6, daß er vielmehr von heißem Verlangen 
erfüllt ist. Hunger und Durst sind von altersher Bild des Ver- 
langens nach einem Gut, ohlie das man nicht leben kann.^^) Das 
fragliche Gut ist dadurch als ein unentbehrlichesLebensmittel und 
als ein zu genießendes Nahrungsmittel gekennzeichnet. Damit ist 
auch gesagt, daß die Gerechtigkeit, wonach die Frommen hungern 
und dursten, nicht der dem Recht entsprechende Zustand der "Welt, 
nicht der allgemeine Sieg von Hecht und Gerechtigkeit über Sünde 
und Unrecht ist, sondern die Eigenschaft der Gerechtigkeit als ein 
Besitz des eigenen, persönlichen Lebens der Frommen. Darin ist 
beides gleich stark ausgedrückt: daß die Frommen erkennen, ohne 
Gerechtigkeit gebe es, wenigstens auf die Dauer, kein Leben, und 
daß sie sich bewußt sind, diese zum Leben erforderliche Gerechtig- 
keit noch nicht oder noch nicht in einem wahrhaft befriedigenden, 
ihrem eigenen Verlangen entsprechenden Maße zu besitzen. Von 
da aus begreift sich erst recht der 1. Makarismus. Als die noch 
nicht Gerechten müssen die Frommen sich in Demut vor Gott 
beugen, und als die nach der Gerechtigkeit als dem täglichen Brod 
für ihr geistiges Leben Verlangenden stehen sie allezeit als Bettler 
vor Gott, welche von ihm Speise und Trank heischen, damit sie 
am Leben bleiben. Aber das Verlangen der Frommen richtet sich 
nicht nur auf ihr Verhältnis zu Gott. Auch der "Welt gegenüber 
lassen sie es nicht bei der Trauer und der duldenden Sanftmut 
bewenden, sondern streben nach Besserung des dermaligen Zustandes. 
Das Erste in dieser Richtung ist die barmherzige Liebe gegen die 
derselben bedürftigen Mitmenschen v. 7. So allgemein, von der 
liebevollen Rücksicht auf den hilfsbedürftigen Zustand des Nächsten 
und der entsprechenden Hilfsleistung ist eXErn-ioveg zu verstehen. 2^) 
Hieran würden sich passend anschließen oi eiQrjVOTtoioi (v. 9) ; 
denn auch diese zeigen sich bestrebt, den argen. Zustand der "Welt 
zu verbessern, indem sie nicht nur, soviel an ihnen liegt, den 

31) Arnos 8, 11—14; Ps 42, 2f.; 63, 2; Jes 55, 1—3; Jo 6, 35; 7, 37. 
Den Übergang von eigentlichem zu bildlichem Gebrauch bilden Stellen wie 
1 Sm 2, 5; Baruch 2, 18; Lc 1, 53, so auch Lc 6, 21. 

32) Nur Üerjfwowri_ 6, 2—4; Lc 11, 41: AG 3, 2; 10, 2 hat die engere 
Bedeutvmg der Wohltätigkeit gegen den Armen angenommen, nicht tlErj^cov 
Hb 2, 17, im AT oft neben olycti^/xojv von Gott (Exod. 34, 6; Ps 86, 15 etc. 
yzn); auch nicht ehsii' Mt 9, 27; 18, 33 und Ueos Mt 9, 13; 23, 23; Lc 10, 37; 
Jk 2, 13; 3, 17, in LXX regelmäßig für non z. B. Hosea 6, 6; Micha 6, 8. 
Doch ist nicht selten der nzioxös oder nivrji Objekt des Erbarmens Ex 23. 3; 
Prov 14, 31; 19, 17; 22, 9 cf auch Km 12, 8 mit 2 Kr 9, 7. Bei dieser Be- 
schränkuDg des Begriffs würde Prov 14, 21 LXX die genaueste Parallele seiu. 



c. 5, 3-10. 189 

Frieden zu erhalten, sondern auch da, wo er gestört ist, ihn her- 
zustellen (5,23 — 26; 18, 21 ff.) und überhaupt einen erfreulichen 
und beglückenden Zustand des Lebens zu schaffen bemüht sind.^^) 
Dagegen scheint die Seligpreisung derer, die am Herzen rein oder 
reinen Herzens sind v. 8, diesen sonst einleuchtenden Gedankengang 
zu verwirren. Dieser Satz würde aber überhaupt in die Reihe der 
Makarismen nicht hineinpassen, sondern mit deren Inhalt, wie mit 
aller sonstigen Lehre Jesu in Widerspruch stehen, wenn er von 
Menschen sagte, die ein von keiner Sünde beflecktes Herz haben. •^*) 
Aber ein Blick auf den biblischen Sprachgebrauch ■'^) lehrt auch, 
daß vielmehr die Abwesenheit von arglistigen Hintergedanken und 
unlauteren Nebenabsichten, die Aufrichtigkeit und schlichte Gerad- 
heit der Gesinnung gemeint ist. Die so gemeinte Lauterkeit des 
Herzens ist nichts anderes als die artloTr^g (Mt 6, 22 ; Kl 3, 22) 
oder a/.€Qai6Tr]g = sinceritas (Mt 10, 16). Obwohl diese gerade 
und durch nichts Fremdartiges beirrte Richtung des Herzens selbst- 
verständlich auch in Beziehung auf Gott die rechte Verfassung ist 
(2 Kr 11, 3), so kommt sie doch vor allem für den Verkehr mit 
den Menschen in Betracht und wird hierin am häufigsten vermißt. 
Diese Beziehung erhält die Lauterkeit des Herzens hier durch die 
Stellung zwischen der barmherzigen Liebe gegen die Notleidenden 

'*) Das nur hier in der Bibel vorkommende el^rjvoTtoiös bezeichnet 
nach noieii' ElgrivT]v Eph 2, 15; Jk 3, 18; Jes 27, 5; 45, 7; Jos 9, 15 und 
elorjvoTtoieiv Kl 1, 20; Äquila Jes 27, 5; LXX Prov 10, 10, nicht eine fried- 
liche oder friedliebende Gesinnung («o^yw^ros- Jak 3, 17). sondern noch be- 
stimmter wie t,r]Tsit.' (1 Pt 3, 11) oder Önüxeiv Etor,vr,v (Hb 12, 14; Em 14, 19) 
ein auf Herstellung des Friedens gerichtetes Tun. Die Übersetzung 
Friedensstifter wäre nur insofern ungenügend, als dies nur an die Her- 
stellung des Friedens zwischen zwei Streitenden denken läßt, während 
sior/vT] wie üih'^ viel allgemeinerer Bedeutung ist und den Gegensatz zu 
jeder Störung des glücklichen und befriedigenden Zustandes bildet. 

**) Die demütige Beugung vor Gott v. 3 und das Verlangen nach Ge- 
rechtigkeit V. 6 setzt das Gegenteil voraus. Cf ferner 6, 12; 7, 11; 9, 13; 
15, 19; 18, 21—35; 19, 17. 

^^) Gen 20, 5. 6 sy xad'aoü xaoSin = <3nS-cn3, „arglosen, aufrichtigen 
Herzens, bona fide habe ich gehandelt", sagt der, welcher von einem Anderen 
getäuscht, in Unwissenheit beinahe ein Verbrechen begangen hätte. Der 
xaü-aoos rfj y.aoSiq = 22b"i2 Ps 24, 4 ist das Gegenteil des Betrügers und 
des Meineidigen. Für denselben hebr. Ausdruck Ps 73, 1. gibt LXX frei, 
aber richtig ol evd-ezg xagSia, was sonst regelmäßige Übersetzung von 
a'vnt^' ist Ps 7, 11; 11, 2; 32, 11 etc. Das entsprechende *?^-t4', Aufrichtig- 
keit meines Herzens, wird Job 33, 3 durch y.ad-aod iwv f; y.agSia wieder- 
gegeben, wo es sich um die "Wahrhaftigkeit der Rede handelt. Anders 
gemeint ist nur Ps 51, 12, wo aber auch keines der drei genannten Wörter, 
sondern linu steht, dagegen ganz so, wie an den übrigen Stellen der LXX, 
1 Tm 1, 5; 2 Tm 2, 22; 1 Pt 1, 22 (v. 1.); Herm. vis. V praef. 7; mand. II, 7 
{:^= aTtlörrjs opp. vnöy.giaig, Scaxd^eiv, Siaxpireii'); mand. XII, 6, 5 (mit dem 
Zusatz Ttgös xvgiov) ; sim. VIII, 3, 8. Auch sonst ist y.ad-agöi nicht fehllos, 
sondern unvermischt mit fremdartigem Stoff z. B. y.ovaiov xad:^ oder frei 
von hindernden Gegenständen z. B. rÖTzog, oSög u. dgl. 



190 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

und dem Streben, Frieden auf Erden zu schaffen und zu erhalten^ 
Während der Unfromme sowohl in seiner Mildtätigkeit als in seinen 
auf das Gemeinwesen gerichteten Bestrebungen von selbstsüchtigen, 
ehrgeizigen und überhaupt unlauteren Hintergedanken geleitet wird 
(6, 1 — 4) und in der "Wahl seiner Mittel mehr die Arglist der 
Schlange, als die Einfalt der Taube (10, 16) an den Tag legt, ist 
der Fromme aufrichtigen Herzens und geraden "Weges auf die Ziele 
gerichtet, welche die barmherzige Liebe und die dem Gemeinwohl 
gewidmete Tätigkeit anzustreben hat. Er übt die Liebe in Einfalt 
(6, 3; 10, 8; 25, 35 — 40) und er redet und handelt mit den 
Menschen schlicht, wahr und klar (5, 37; 22, 16). Der richtig 
verstandene 6. Makarismus steht also an der richtigen Stelle. 
Während nun so das Verlangen und das Tun der Frommen nächst 
der eigenen Gerechtigkeit (v. 6) die Hebung der Not des Nächsten 
(v. 7) und die Herstellung eines glücklichen Zustandes der mensch- 
lichen Gesellschaft (v. 9) aufrichtig (v. 8) anstrebt, trifft sie der 
Haß der Anderen. Das ist der Welt Lohn. Gerade als die 
Frommen oder um Gerechtigkeit willen werden sie verfolgt ; aber 
als die aus solchem Grunde Verfolgten preist Jesus sie auch selig 
(v. 10). Daß sie in diesem Weltlauf stets noch nach der Ge- 
rechtigkeit sich zu sehnen haben (v. 5), schließt nicht aus, daß sie 
Gerechtigkeit haben (v. 10 öix. ohne Artikel). Nicht nur relativ 
d. h. im Gegensatz zu denen, welche sie um deßwillen verfolgen, 
was der Ehre und Liebe wert ist, haben sie das Recht auf ihrer 
Seite, sind sie die Gerechten, wie ihre Verfolger die Ungerechten, 
sondern eben jenes unersättliche Verlangen nach der vollkommenen 
Gerechtigkeit ist nach dem Urteil Jesu schon Gerechtigkeit. Der 
Schein, als ob Jesus nur diejenigen selig priese, welche die Ver- 
folgung bereits glücklich hinter sich gebracht haben und nicht die- 
jenigen, die noch unter dem Druck der Verfolgung stehen, was 
mit V. 11 f. und allen verwandten Aussprüchen, auch mit den 
präsentischen Formen in v. 4 und 6 und den gleichfalls ein gegen- 
wärtiges Verhalten beschreibenden Subjekten in v. 3. 5. 7 — 9 in 
unerträglichem Widerspruch stehen würde, ist offenbar nur durch 
ein Ungeschick des Übersetzers entstanden. ^^) — Daß in den 8 
Makarismen nicht ebensoviele Klassen von Menschen oder auf ein- 
ander folgende Stufen der religiösen und sittlichen Entwicklung 
beschrieben sind,^'') wird nach vorstehender Auslegung eines Be- 

^^) Für SeSicoyiiaroi statt des erforderlichen, aber ganz unbezeugten, 
auch von den nachkanonischen Evangelisten (Clem. ström. IV, 41) nicht 
dafür eingesetzten Öiiovd/xevot 1 Kr 4, 12; 2 Kr 4, 9), weiß ich keine andere 
Entschuldigung, als daß C'E^-iin (Delitzsch) oder ^snn (SsSc) gleich gut 
so oder so übersetzt werden^ kann. Die hebr. und aram. Participien sind 
eigentlich zeitlos. Aber Jk 1, 12 und 5, 11 sind nicht gleichbedeutend. 

") Dies versuchte namentlich Menken S. 129 ff. Schon Chrys. p. 193 
beurteilte diese „goldene Kette" richtiger. 



c. 5, 3—10. 191 

weises nicht mehr bedürfen. Immer sind es die Frommen, deren 
Gesinnung, Verhalten und dermalige Lage in bezug auf ihr Ver- 
hältnis zu Gott und zur "Welt mannigfaltig beschrieben werden. 
Je weniger sie nach gemeinem Urteil der Menschen glückliche 
Leute sind, um so mehr bedarf ihre Seligpreisung, zumal in einer 
vor den Ohren einer großen Volksmenge an die Jünger gerichteten 
Rede, einer Rechtfertigung, wie sie in den 8 begründenden Sätzen 
V. 3 — 10 gegeben wird. Auch Jesus könnte sie nicht seligpreisen, 
wenn es bei ihrer dermaligen Lage in der Welt sein Bewenden 
hätte. Aber ihnen gehört das Himmelreich. Dieser den 
ersten und den letzten Makarismus (v. 3. 10) rechtfertigende Satz 
ist nicht eine Ankündigung der ßccGiXsia, wie sie 4, 17 nach ihrem 
wesentlichen Inhalt charakterisirt und 4, 23 als Gegenstand der 
Predigt Jesu in Galiläa genannt war, sondern setzt diese Predigt 
und deren Annahme sowohl nach Seiten ihres verkündigenden als 
ihres gebietenden Inhalts voraus. Weder von der Nähe oder der 
baldigen Aufrichtung der vom Himmel stammenden Gottesherrschaft, 
noch von der (.istävoia als der notwendigen Vorbedingung für die 
Teilnahme an der neuen Weltordnung ist hier die Rede. Die 
Menschen, welche Jesus seKg preist, haben den großen Umschwung 
der gesamten Denkweise, welchen das (.leiavoÜTS Jesu wie des 
Täufers von allem Volk forderte (3, 2; 4, 17), bereits vollzogen 
und erlebt. Und nur zu Leuten, welche durch die Predigt des 
Täufers oder Jesu von der ßaoiXs.ia zu einer festen Überzeugung 
von deren baldiger Aufrichtung und zu einer Erkenntnis von dem 
Wesen der ßaoü.eia und den Mitteln ihrer Herstellung gekommen 
waren, konnte so wie v. 3^. lO'', von der ßaOLleia geredet werden. 
Denn es wird hier lediglich gesagt, daß den von Jesus glücklich 
gepriesenen Menschen und zwar, wie das hier wie dort und in allen 
dazwischenstehenden Sätzen mit Ausnahe von v. 9 stehende oxxol 
sagt, daß nur solchen Menschen und keinen anderen die ßaoü.eia 
als ein Gut zugehöre. Sind es die Frommen ohne Unterschied, 
welchen alle 8 Makarismen gelten, so daß die Armen am Geist 
auch die Trauernden und Sanftmütigen u. s. w. sind, so ergibt sich 
von selbst, daß die ihre Seligpreisung rechtfertigende Zusage, welche 
Anfang und Schluß dieser Sätze bildet (v. 3. 10), die übrigen 
6 Verheißungen, die dazwischen stehen, in sich schließt (Chrys.). 
Indem den Frommen die ßaoiXeta zugesprochen wird, ist ihnen 
eben damit alles das verheißen, was ihnen v. 4 — 9 in Aussicht ge- 
stellt wird. Dem entspricht der Inhalt der 6 futurischen Be- 
gründungssätze, die zunächst zu betrachten sich empfiehlt. Ist das 
Trauern der Frommen nach v. 4 oben richtig gezeichnet worden, 
so kann die Tröstung, die ihnen in der Zukunft zu teil werden 
soll, nicht darin bestehen, daß Gott ihnen je und dann durch Wort 
oder Tat einen sie wieder aufrichtenden Trost spendet (cf 2 Kr 1,4; 



192 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

7, 6), sondern nur darin, daß aus der Welt geschafft wird, was sie 
trauern macht, so lange sie den gegenwärtignn Weltlauf vor Augen 
haben und mit ihrem Leben in denselben verflochten sind. Erst 
mit dem Ende dieses Weltlaufs und der Herstellung einer neuen 
Weltordnung kann sich jene Trauer in ungemischte Freude ver- 
wandeln.^^) Wenn der moderne Christ diese Verheißung auf die 
Seligkeit der durch den Tod aus der Welt geschiedenen Frommen 
beziehen möchte (cf Lc 16, 25), so muß er sich durch v. 5 eines 
besseren belehren lassen. Den Sanftmütigen, die sich alles ge- 
fallen lassen und nach der Welt Lauf den Kürzeren zu ziehen 
pflegen, wird nach Ps 37, 11 verheißen, daß sie die Erde als ihr 
Erbe in Besitz nehmen werden. •^^) Während dieses Weltlaufs, in 
welchem regelmäßig die Gre walttätigen Macht und Besitz an sich 
reißen, mag gelegentlich auch einmal das Dulden unrechtmäßiger 
Gewalt seinen irdischen Lohn finden ; aber die Verheißung, daß 
die Sanftmütigen und sie allein die Herren der Erde sein werden, 
kann nur durch eine völlige Umwälzung der Welt, durch gänz- 
liche Beseitigung alles Unrechts und aller Gewalt aus der Welt 
oder, mit an'deren Worten, durch die Aufrichtung der ausschließ- 
lichen Königsherrschaft Gottes über die Welt in Erfüllung gehen. 
Wir sehen, wie nach dem Täufer, so ist auch nach Jesus die Erde 
der Schauplatz der vom Himmel stammenden ßaGilsla. Dem zu- 
künftigen Gottesreich bleibt auch die Sättigung der Hungernden 
und Durstenden v. 6 vorbehalten ; denn wie die Frommen bis da- 
hin nicht aufhören, die im Gefühl ihrer Hilfsbedürftigkeit demütig 
▼er Gott sich Beugenden zu sein, so auch nicht als die der vollen 
Gerechtigkeit noch Ermangelnden nach dieser zu streben. Sättigung 
ist das Ende des Hungerns und Darstens ; und daß diese Sättigung als 

»«) Cf Mt 25, 21. 23. 34; Ap 7, 17; Lc 2, 25; auch Gen 5, 29; Jes 61, 2. 
Mmachem, Tröster ist ein Name des Messias b. Sanhedrin 98''; j. Berachoth ö* ; 
Midrasch zu Threu 1, 16 (Übers, von Wünsche S. 87). 

•''^) S. oben S. 185 A 27. Die Deutung von rrjv yfjv auf das Land der 
Lebendigen oder des Lebens Ps 27, 13; 141, 7; Ez 26, 20 bei Aphraates ed. 
Wright p. 41; Greg. Nyss. 1. 1. p. 774; Hier., August., Op. ist selbst zwei- 
deutig. Gegen die falsche Vergeistlichung, wozu die Kirchenlehrer vom 
S.Jahrhundert an im Gegensatz zu dem angeblich fleischlichen Chiliasmus 
der Alten, der Lehre von der sTtlysios ßaadela rov X^iazov neigten, hat 
Chrys. verständig protestirt. Mag an der zu gründe liegenden Stelle 
Ps 37, 11 cf V. 22 und vielen anderen Stellen des AT's y-\h zunächst oder 
ausschließlich das Land Israels bedeuten, so doch nicht in der Bergpredigt 
(v. 13 = o mafios V. 14; Gegensatz von Himmel und Erde 6, 10. 19 f.). 
Das Himmelreich umfaßt die ganze Erde. Auch wo es als Eeich des 
Messias und national gedacht wird, ist es doch von jeher zugleich universal 
gedacht worden Ps 2, 8; Dan 2, 35; cf Mt 4, 8; 12, 18-21; 13, 38—43. Die 
Meinung von Wellh., daß ri yfj hier ein „sonderbarer Ausdruck für das 
Eeich Gottes" sein sollte, ist selbst mehr als sonderbar. Aus dem Zu- 
sammenhang folgt nur, daß die Herrschaft über die Erde zum vollen Be- 
sitz der ßaaiXeia gehört. 



c. 5, 3-10. 193 

eine für immer geltende zu denken sei, versteht sich nach der Ana- 
logie der übrigen Verheißungen von selbst (cf Jo 4, 14 ; 6, 35). Etwas 
anders verhält es sich mit der Verheißung, daß die Barmherzigen 
Erbarmen finden werden v. 7. Die zur vollen Gerechtigkeit und 
zugleich zur Herrschaft auf Erden Gelangten bedürfen nicht mehr 
des Erbarmens. Trotzdem zielt auch diese Zusage auf das Ende". 
""Elsog und y.QiOLg sind gegensätzliche und doch enge zusammen- 
hängende Begriffe. *°) Es steht ein Gericht bevor, in welchem es 
sich erst endgiltig entscheiden wird, wer in die ßaoiXsia aufgenommen 
und wer ausgeschlossen werden wird (cf v. 20. 25; 7, 1 f . 21 — 23). 
Was der Fromme in bezug hierauf zu hoffen hat, ist das Erbarmen 
des E-ichters. Jenseits des Gerichts liegt auch das Schauen Gottes, 
zu welchem nur die Menschen lauteren Herzens gelangen werden.*''") 
Trotz aller Theophanien und aller durch Wort und Tat vermittelten 
Offenbarungen Gottes im Lauf der Geschichte bleibt wahr, daß 
kein in diesem irdischen Leben Stehender Gott gesehen hat und 
sehen kann (Ex 33, 18 — 23; Jo 1, 18). Nicht nur die dermalige 
Beschaffenheit des Menschen (cf dagegen 18, 10), sondern auch die 
Art des Weltlaufs, welche Gott mehr verhüllt als offenbart, steht 
dem im Wege. Beides muß gewandelt werden, damit es zu einem 
Schauen Gottes kommen könne. Ob dieses auf selten des schauenden 
Subjektes und des geschauten Objektes ein irgendwie sinnlich ver- 
mitteltes sein wird, kann der Leser und Ausleger dieses Spruchs 
nicht entscheiden. Genug, daß es sich um eine Wahrnehmung 
Gottes handelt , im Vergleich mit welcher alles im diesseitigen 
Leben mögliche und wirkliche Wahrnehmen und Erkennen Gottes 
als ein Nichtsehen im Gegensatz zum Sehen gelten muß (cf 1 Kr 13, 
9—12 ; 2 Kr 5, 7 ; 1 Jo 3, 2 ; Ap 22, 4). Während die 7 übrigen 
Verheißungen den Seliggepriesenen im Gegensatz zu allen anderen 
Menschen zugesprochen werden, fehlt *^) dieser Gegensatz v. 9. 
Der Ton liegt hier ausschließlich auf dem Gegensatz von jetzt und 
einst. Während die auf den Frieden bedachten Frommen in dieser 
Welt nicht nur tatsächlich angefeindet, sondern auch mit Schimpf 

-^0) Jk2, 13; Jud21; Mtl8, 33; 2 Tm 1, 18. In den freien Anfüh- 
rungen des auf das Endgericht bezüglichen Spruchs aus Mt7, If. = Lc 
6, 37 f. bei Clem. I Cor. 13; Polyc. ad Phil. 2; Clem. AI. ström. 11, 91 hat 
sich ein sleäTe, Iva E^srjdrjze eingebürgert cf GK I, 916 — 918. Acta Thecl. 6 
paraphrasirt : „sie werden Erbarmen erfahren und den bitteru Tag des 
Gerichts nicht sehen". 

*o^) Cf Ps 11, 7 und in bezug auf das dortige it^; oben S. 190 A 35. 

*^) Es fehlt avToi iu nCD, Ferrargr. (13. 124. 556), den meisten Lat. 
Vulg, SS findet sich aber schon in ScSs, vielleicht auch schon bei Tatiau 
(Forsch I, 132 Nr 8), bei Clemens iu einem sehr verworrenen Citat ström. 
IV, 41 s. Barnard p. 5 und bei allen übrigen. Wie begreiflich es ist, daß 
man den 7. Makarismus in dieser Beziehung den übrigen assimilirte, so 
unbegreiflich, daß man nur bei diesem das Pronomen gestrichen haben 
sollte. Es hat also ursprünglich gefehlt. 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 13 



194 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

bedeckt werden (v. 11), werden sie in der zukünftigen Welt Söhne 
Gottes genannt werden. Da die Frommen dies schon diesseits 
(v. 16), wenn auch stets nur in einer Annäherung an das hiedurch 
benannte Ideal (v. 45) sind, so ist um so mehr das ^Xrjd^r^oovrat 
im Unterschied von einem eGovcat zu beachten. Wenn in diesem 
Aon Namen genug gegeben und geführt werden, die der Person 
und Sache keineswegs entsprechen, so schließt in den auf das Ende 
abzielenden Verheißungen Gottes und in der verheißenen zukünftigen 
Welt, worin es keinen trügerischen Schein mehr geben kann, der 
Name stets das entsprechende Wesen ein ; aber den Namen eines 
Sohnes Gottes empfangen, heißt doch nicht ein solcher werden, 
sondern als ein solcher in die Erscheinung treten und anerkannt 
werden,*^) Sind die 6 Verbeißungen von v. 4 — 9 in derjenigen 
enthalten, welche ihre Kette vorne und hinten v. 3. 10 einschließt, 
so ergibt sich hieraus eine lebensvolle Anschauung von der ßao. 

1. OVQ. Zweierlei ist vor allem klar, daß dieser Begriff ein eschato- 
logischer ist, und daß die Erde der Schauplatz der vom Himmel 
stammenden ßao. ist. Die ßaa. t. ovq. ist auch hier wie in der 
Predigt des Täufers (s. oben S. 122 ff.) die durch weltumwälzende 
Taten Gottes herzustellende zukünftige und endgiltige Weltordnung, 
welche darin besteht, daß nach Überwindung alles Gotte wider- 
strebenden Willens und Beseitigung aller Gotte und dem Guten 
feindlichen Gewalt Gott allein und unbedingt die Welt als König 
beherrscht. Konkret gedacht ist die ßao. die von Gott in dem 
angegebenen Sinn und Umfang königlich beherrschte Welt. Diese 
konkrete Bedeutung drängt sich zunächst auf, wenn die ßao. wie 
hier (cf 5, 3; 19, 14; 25, 34) als ein Gut vorgestellt wird, welches 
den Frommen gehört. Ist es doch auch die Erde, die Welt als 
Wohnstätte der Menschheit, die ihnen als Erbteil zufallen soll (v. 5 ; 
Km 4, 13), natürlich nicht die Welt, wie sie im gegenwärtigen Aon 
ist (16, 26), während dessen gewalttätige Menschen und in ge- 
wissem Sinn und Maß der Teufel (4, 8) sie beherrschen, sondern 
die Welt, wie sie sein wird, wenn sie wieder Gottes geworden, in 
Gottes ausschließliche Gewalt gekommen ist (Lc 20, 35; Ap 11, 15), 
die neugeborene Welt der Zukunft (Mt 19, 28 f.; 26, 29). Der 
endgeschichtliche Sinn von v. 3^ ; 10^ kann nicht dadurch in 
Frage gestellt werden, daß es hier heißt amcjv koiiv fj ß. %. ovq. 
(cf 19, 14), so daß die ßao. als schon jetzt den Frommen gehörig 
erscheint. Das Tempus des in der aram. Sprache Jesu gar nicht 
ausgesprochenen ioiiv ist ein zeitloses Präsens.*^) Nur die Frage 

*") Cf im allgemeinen Mt 13, 43; specieller Jes 4, 3; 62, 2; Hos 1, 6. 9; 

2, 25; Mt 5, 19; Lc 1, 32. 35; Jk 2, 23; Ap 2, 17; 3, 5. 12; 22, 4. 

*') Cf yervätat, 2, 4; iarip 22, 42; ixxvvvöfievov 26, 28. Der Übersetzer 
hätte auch 'iarai sagen können cf 22, 28, wie er das Eingehen in die ßua., 
welches nach der in der ganzen Bergpredigt obwaltenden Anschauung der 
Zukunft angehört, auch futurisch ausgedrückt 7, 21 ; 5, 20. 



c. 5, 3—10. 195 

nach den Inhabern der ßaG. wird beantwortet, ohne Rücksicht auf 
die Zeit, wann sie in den Besitz eintreten. Den Armen am Geist 
und den um Gerechtigkeit willen Verfolgten gehört die ßaa. Daß 
sie in den Besitz dieses Gutes tatsächlich erst in dem zukünftigen 
Zeitpunkt eintreten, wenn die ßaa. eintritt, verbürgen nicht nur 
die 6 futurischen Begründungssätze 'v. 4 — 9, sondern dies liegt un- 
mittelbar in der Verbindung von v. 3^ und 10^ mit 3^ und 10^, 
Die Armen und die Verfolgten können nicht gleichzeitig in dieser 
Lage und im tatsächlichen Besitz der ßaa. sein. Dies wird noch 
deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, daß mit dem Besitz 
des Gutes der ßaa. auch eine entsprechende Stellung des Besitzers 
gegeben ist. Wenn die Sanftmütigen die Erde als ihr Erbe in 
Besitz genommen haben werden, sind sie auch die Herren der 
Erde ; und wenn sie Inhaber der ßaa. geworden sein werden, ge- 
nießen sie nicht nur als Bürger und Genossen die darin be- 
schlossenen Güter , sondern haben auch teil an der königlichen 
Herrschaft Gottes über die Welt. Daß die ßaa. (im abstrakten 
Sinn) ein königliches Herrschen Gottes und seines Gesalbten ist 
(Obadja 21; Ap 11, 15; 19, 6 cf oben S. 124ff.), schließt nicht 
aus ein königliches Herrschen, ein oviiißaaü^svsiv seiner Gemeinde. 
Dieses ist vielmehr überall als mit jenem gegeben gedacht.^*) Und 
so erst ergibt sich die volle Angemessenheit der Verbindung dieses 
Begründungssatzes gerade mit dem ersten und dem achten Makaris- 
mus. Die, welche in dieser Welt als Bettler^ die nichts l^iaben, 
vor ihrem Gott stehen und sich demütig vor ihm beugen, und 
diejenigen, welche während dieses Weltlaufs um ihrer Frömmig- 
keit willen verfolgt werden, sollen in dem kommenden Aon nicht 
nur alle Güter der zukünftigen Welt, nach der sie diesseits ver- 
langt haben, besitzen und genießen, sondern sollen auch an der 
königlichen Herrschaft Gottes über die Welt als Genossen seiner 
Herrschaft teilhaben. 

Xach dem psalmartigen Eingang der Rede wendet Jesus sich 
an seine Jünger, indem er den 8. Makarismus auf sie anwendet 
v. 11, dies jedoch mit der Änderung, daß er als Grund der An- 
feindungen, die ihrer warten, statt der Gerechtigkeit (v. 10) nun 
seine eigene Person nennt, was in der allgemeinen Charakteristik 
der Frommen v. 10 unpassend gewesen wäre. Bei den Jüngern 
aber ist es gerade ihr Verhältnis zu Jesu, was ihnen den Haß 
der Menschen zuziehen wird. Das Evexev iftov '*'') nur zu dem 

**) Man könnte mit Gen 1, 28 oder Ps 8, 7 anfangen. Cf jedoch be- 
sonders Dan 2, 44 (Gott vom Himmel und das Volk); 7, 18. 22. 27; Mt 19, 28; 
20,23; auch 25, 34 ist dieser Gedanke nicht ausgeschlossen; 1 Kr 4, 8: 
6, 2f.; 2 Th 1, 5; 2 Tm 2, 12; Ap 5, 10; 20, 4. 6; 22, 5. 

*^) Nur einige abendländische Zeugen (D, kabcg*) haben Sixawov- 
i/ä aus V. 10 auch v. 11 statt t«oü eingetragen; ScSs, wahrscheinlich auch 

13* 



196 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

letzten Verbum zu beziehen , empfiehlt eich nicht, da alle drei 
Verben dieses Satzes, welche an Stelle des einzigen öid)X€iv in 
V. 10 treten, gleich sehr dieser Näherbestimmung bedürfen. Nimmt 
man hinzu die Vergleichung der Anfechtungen der Jünger mit 
derjenigen der Propheten v. 12, so erkennt man erstens, daß 
Jesus das Verhältnis seiner Jünger zu ihm nicht ansieht als ein 
Verhältnis von Schülern zu einem Lehrer, bei dem sie in der 
Lehre bleiben, solange sie atwas von ihm lernen können, den sie 
dann aber verlassen, um mit mehr oder weniger Dankbarkeit gegen 
den Meister im Herzen selbständig ihren Weg zu gehen, sondern 
als eine dauernde, ihre Stellung in der Welt bestimmende Lebens- 
gemeinschaft mit ihm. Zweitens ergibt sich, daß das Verhältnis 
der Jünger zu Jesus mit ihrer Gerechtigkeit, wenn nicht identisch, 
dann doch jedenfalls innig verknüpft ist, ein wesentliches Stück 
derselben bildet. Da aber die Gerechtigkeit, vom Standpunkt der 
Frommen und der Frömmigkeit betrachtet (v. 6. 10), stets nach 
Gottes Willen und Urteil bemessen wird und selbst ein Stand vor 
Gott ist , so kann man auch sagen •, bei den Jüngern sei ihre 
Stellung zu Gott eine durch ihr Verhältnis zu Jesus eigentümlich 
bestimmte. Daß man um ihrer Jüngerschaft willen sie schmähen 
und verfolgen werde , wird als selbstverständlich vorausgesetzt ; 
denn nicht für den möglichen Fall, daß es geschehen werde (idv), 
sondern in bezug auf alle Fälle, in welchen dies vorkommen mag 
(oTav), preist Jesus sie selig. Von der persönlichen Beschimpfung 
der einzelnen Jünger geht er fort zur Verfolgung, welche der 
Jüngerschaft als Sekte gilt, und von da zu der üblen Nachrede, 
welche in Zeiten der Verfolgung sich zu steigern und zu verbreiten, 
aber auch nach solchen Zeiten fortzudauern pflegt. Für die Zeit, 
da die Jüngerschaft solches von der Mehrheit zu erfahren be- 



Tatiau (Afrahat p. 41) frei „um meines Namens willen". Auch die Kor- 
rektoren der Evv, von welchen Clem. ström. IV, 41 redet, haben epExsr 
[ärexa) sfiov gelten lassen. GeJegentliche Kombinationen von v. 10. 11 wie 
bei Orig. de mart. 4 sind textkritisch ohne Bedeutung. Übrigens ist zum 
Text zu bemerken: 1) Die Voranstellung von äicb^coaiv (oder — ovaiv) vor 
dveiSiacoaiv in Dkh, Sc (aber nicht SsShS'S^) erklärt sich aus dem Be- 
dürfnis, die beiden durchs Wort geschehenden Kränkungen zusammen- 
zustellen und die tatsächliche Verfolgung im Blick auf v. 10 und 12 als 
das Wichtigere an erster Stelle zu haben. 2) Das entbehrliche (jfj/ua hat 
die ältesten imd mannigfaltigsten Zeugen gegen sich: nBD, ScSs (in Sh 
variiren die Hss), fast alle Lat von k bis Vulg. 3) Auch if'svSöjiisvoi ist 
trotz seiner starken Bezeugung als ein neben h'ey.sv sfwv entbehrliches 
Schutzmittel gegen Mißbrauch des Spruchs verdächtig. Seine Einschiebung 
veranlaßte auch die Umstellung von aad' vuöjv hinter statt vor näv Tto- 
i'Tjoöp, um jenes mit yjsvS. im Sinn von xaraipsvSöfiEi'oi ificöv verbinden zu 
können. Es wird mit D, k h,m , Ss, Tert. Scorp. 9, Lucifer p. 285, 9 (dieser 
ohne ev. e/uov, über D s. zu Anfang dieser A) zu lesen sein: s'iTtcoaiv aa&' 
vaöjv Tiäv TTovrjQÖv EPey.ev Iftov. Für diese Stellung von ;<«i9'' vfiibv außer- 
dem ScSsS'"', für Tilgung von -^'evSöinevoi noch bcg^, Orig. hom. 20 in 
Jerem., berl. Ausg. p. 189, 16, anders p. 11, 25. 



c. 5, 11. 197 

kommt, gilt die Forderung sich zu freuen und sogar zu jubeln. 
Nicht trotz der Anfeindung sollen sie fröhlich sein, sowenig 
Jesus sie trotz derselben selig preist, sondern über die An- 
feindung sollen sie sich freuen.^*") Diese paradoxe Zumutung wird 
in einem nach Form und Inhalt den Begründungssätzen von- v. '3 
— 10 gleichartigen Satz gerechtfertigt durch den Hinweis auf das, 
was die ßaodela den Seliggepriesenen bringen wird. Dieser Satz 
sagt nicht, daß den um Jesu willen Verfolgten im Himmel, d. h. 
wenn sie durch den Tod zu Gott in den Himmel kommen, ein 
großer Lohn werde zu teil werden, als ob dastünde: ort (.iiad^ov 
noXvv (oder nlTJQrj) ?.i]ipeo^s Iv loig oiqavoig. Es ist vielmehr 
gesagt, der Lohn der verfolgten Jünger, die Entschädigung für 
alles diesseitige Leid, worauf sie rechnen dürfen, sei groß und 
zwar im Himmel. Daß der Lohn ihnen erst in der auf Erden 
aufzurichtenden ßaoiXela wird eingehändigt werden, versteht sich 
nach V. 3 — 10 von selbst. Hier aber versichert Jesus, daß der- 
selbe bereits im Himmel vorhanden sei. Die zu gründe liegende 
Voraussetzung^') ist die, daß alles, was der Mensch auf Erden 
um Gottes willen tut oder leidet, in das Bewußtsein Gottes eintritt 
(AG 10, 4) oder, bildlich geredet, zu Gott im Himmel aufsteigt 
und dort gleichsam als Schatz angesammelt wird. Die Taten und 
Leiden der Frommen auf Erden verwandeln sich vor. Gott oder 
im Himmel gleichsam in ein Kapital, das denen, für die es an- 
gelegt ist, seiner Zeit mit Zinsen heimgezahlt wird. "Wer das 
weiß, kann sich schon während der Verfolgung, die er um Jesu 
willen leidet, und sogar über dieselbe freuen; denn im Vergleich 
zu den Gütern, die ihm im Ratschluß Gottes zugedacht sind, und 
deren dereinstige Einhändigung als Lohn ihm dadurch verbürgt ist, 
sind die diesseitigen Leiden, die einer um Jesu oder Gottes willen 
zu tragen hat, nicht von großem Gewicht (Rm 8, 18; 2 Kr 4, 17). 
Daß der Lohn groß und gewiß sei, wird schließlich noch dadurch 
bestätigt, daß sie (die Leute) die Propheten, die den Jüngern Jesu 
vorangegangen sind, ebenso verfolgt haben, wie es den Jüngern in 
Aussicht steht. *'^) Durch diese Vergleichung an sich schon ist 
eine gewisse Gleichstellung der Jünger mit den Propheten aus- 
gesprochen ; *^) vollends ist das durch den Zusatz zovg tiqo v(.iG)V 

^ß) Cf Jk 1, 2; Rm 5, 3, ein wenig gemildert 1 Pt 1, 6; 4, 13. 

*') Deutlicher tritt sie 6, 20; 19, 21; Lc 12, 33 zu Tage. Cf ferner 

1 Pt 1. 4 {reir^ot-iiivr^r tr ovoaroii) — 8; auch TiaoaOr^y.i] 2 Tm 2, 12 (cf IgU. 

ad Pol. 6 T« ÖETtöona vfÄwi') gehört dahin. Dieselbe Vorstellung wird auf 
die Taten der Gottlosen angewandt Em 2, 5, nicht ganz ebepso Jk 5, 3. 

*^) Aus Lc 6, 23 haben U, b c, Ss hinter vußv noch oi Tiaieoeg avidji, 
ähnlich Sc „eure Väter", k fratres eorum. 

*») Cf Mt 23, 29— 34;.Lc 11, 47—50 {ttuitcov icör 7Tpof>]rcDr umfalit 
die alten und die neuen). Ähnlich werden die alten Propheten und Jesus 
zusammengefaßt Lc 13, 33 f. (Mt 23, 37); zugleich aber auch mit den Aposteln 
1 Th 2, 15. 



198 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu, 

gesichert, welcher zu einer genauen Bezeichnung der Propheten 
des AT's, etwa im Gegensatz zu Johannes als einem Propheten 
der Gegenwart, ebenso überflüssig (Lc 6, 23 ; Mt 23, 29 — 37) als 
ungeeignet wäre. Noch weniger darf man den Artikel von tcqo 
vf.i(bv übersehen, so daß nur gesagt wäre, schon in vergangenen 
Zeiten sei es den Propheten so ergangen, wie in Zukunft den 
Jüngern. Jesus sagt vielmehr den Jüngern, ohne ihnen geradezu 
den Prophetentitel zu gebe'h, daß die atl Propheten als solche, 
d. h. in ihrem Beruf ihre Vorgänger seien. Die Zeit der Pro- 
phetenlpsigkeit ist vorüber. Es gibt wieder Propheten (10, 41 ; 
23, 34) und Pseudopropheten (7, 15; 24, 24). Zum Charakter der 
echten Propheten gehört das Leiden um des Berufs willen. Aber 
es gibt auch einen Prophetenlohn. Wenn schon der, welcher einen 
Propheten seinem Beruf entsprechend behandelt, an demselben teil- 
haben soll (10, 41), so dürfen um so mehr die Jünger, welche 
Nachfolger der Propheten im Beruf und in den damit verknüpften 
Leiden sind, dieses großen Lohnes gewiß sein. Um der Gerechtig- 
keit (v. 10), um Jesu (v. 11) und um des Berufs willen (v. 12) 
leiden: dies alles trifft bei den Jüngern zusammen. Bei ihrem 
Beruf verweilt Jesus länger und beschreibt denselben in Bildern 
und Gleichnissen v. 13 — 15. Ihr Lohn befindet sich zur Zeit noch 
im Himmel; ihr Beruf liegt auf der Erde. 

aS"«/, tu arbitror, terrae nullwn est, sagt Hilarius. Da dies 
jeder sich selbst sagt, so ist auch von jeher erkannt worden, daß 
Jesus die Jünger in ihrem Verhältnis zur Erde mit dem Salz in 
seiner regelmäßigen Verwendung vergleicht, und daß die Erde v. 13 
und die Welt v. 14 nicht die Wohnstätte der Menschen abgesehen 
von dieser ihrer Bevölkerung, sondern eben diese, die ganze auf 
Erden lebende und diese Welt füllende Menschheit, nur etwa mit 
Einschluß der sie umgebenden Natur, bedeute, ^^) Mt bietet uns 
hier ein erstes BeisjDiel jener kurzen Bildreden, welche nicht zwei, 
verschiedenen Gebieten angehörige Vorgänge , Verhältnisse oder 
Gegenstände in einer förmlichen Vergleichung nebeneinander stellen 
(11, 16 — 19; 13, 24 — 33 etc.), und auch nicht, wie die als bild- 
liche oder allegorische Darstellung eines anderen und einem anderen 
Gebiet angehörigen Vorgangs gemeinten Erzählungen (13, 3 — 9; 
21, 28 — 22, 14), den ganzen Ausdruck des Gedankens einem wirk- 
lichen oder erdachten Vorgang eines anderen Lebensgebietes ent- 
lehnen, sondern auf grund einer nur gedachten, aber nicht förm- 
lich ausgesprochenen Vergleichung mit dem Subjekt, über welches 
der Hörer belehrt werden soll , ein zusammengesetztes Prädikat 

^°) Für ö y.dofios in diesem Sinn bedarf es keiner Beispiele. Für yn, 
Land = Volk cf Hos 1, 2; Hab 2, 20; Sach 12, 12; die ganze Erde = alle 
Menschen Gen 18, 25; die Enden der Erde 1 Sam 2, 10; ij oiy.ovfievri Fs 9, 9; 
96, 10; Lc 2, 1. 



I 



c. 5, 12. 199 

verbinden, welches zum teil dem gleichen Gebiet, wie das Subjekt 
angehört, zum teil einem nur vergleichbaren Vorgang anderen Ge- 
bietes entlehnt ist."^^) Gerade diese verkürzte Form des Gleich- 
nisses ist nur anwendbar, wo das zur Vergleichung Herangezogene 
aus der alltäglichen Erfahrung jedem bekannt ist. Wir haben da- 
her hier nur den alltäglichen Gebrauch des Salzes ins Auge zu 
fassen. Das Salz dient erstens dazu, die Speisen zu würzen, 
das Fade schmackhaft zu machen, **-) zweitens Gegenstände, ins- 
besondere Nahrungsmittel vor Fäulnis zu bewahren. ^^) Zu einer 

°^) Cf Mt 6, 22 : von dem Prädikat o 'i.i/ioi lov ocöuaTOi ist nur kv/vos 
Bild, und durch dessen Verbindung mit dem eigentlich gemeinten t. ctw., 
ist die Vergleichung abgekürzt ausgedrückt: Was die Leuchte im alltäg- 
lichen Leben ist, das ist das Auge für den Leib. Eph 5, 23: Was das 
Haupt für den Leib, das ist der Mann für das Weib, Christus für die Ge- 
meinde. 

°-) Job 6, 6; Mr 9, 50; Kl 4, 6. Unter den notwendigsten Bedürfnissen 
des menschlichen Lebens und vor allen anderen Nahrungsmitteln Sir 89, 26. 
Zur Vergleichung des Urteils Gottes über die ungöttliche Welt mit der 
Geschmacksempfindung, welche dem Menschen ungesalzene Speise erregt 
cf Jer 29, 17 und das andere Bild Ap 3, 15. Im allgemeinen cf Hehn. Das 
Salz, eine kulturhist. Studie, 2. Aufl. von Schrader 1901 S. Iff.; Schieiden, 
Das Salz, seine Geschichte, seine Svmbolik und seine Bedeutung im Menschen- 
leben, 1875 S. 70—96. Zur Erklärung von Mt 5, 13 hat Scbleiden S. 92. 122 
nichts beigetragen. Die Erinnerung an die im Altertum vorkommende 
Mischung des Salzes mit anderen Gewürzen taugt nicht dazu, das Iv riii 
a/.c.od'TiOeTai, zu erklären. 

^^) Vom Einsalzen der Fische {Tuor/EVEiv Ep Jer v. 28 vom Einsalzen 
des Fleisches) hatte das am See Genezareth. nicht weit von Kapemaum 
gelegene Taricheae seinen Namen Strabo XVI p. 764. Atif die vor Fäulnis 
bewahrende Kraft des Salzes geht auch seine Verwendung beim Opfer 
zurück. Es bildet den Gegensatz zu Sauerteig und Honig, die vom Opfer 
ausgeschlossen sind, weil sie zwar wie das Salz die Speise schmackhaft 
machen, aber auch Gährnng und Fäulnis erzeugen (Lev 2, 11 — 13: Ez 43, 24 
cfMr9, 49?) Wie nahe in der Vorstellung die würzende und die kon- 
servirende Wirkung des Salzes sich berühren, sieht man an dem Gegensatz 
der Rede, die mit Salz gewürzt ist Kl 4, 6 und der faulen, verfatilten Eede 
Eph 4. 29. Dagegen widerspricht aller Erfahrung die Meinung, daß das 
Säte geeignet sei, auch Verdorbenes wieder frisch und genießbar zu machen 
(Tholuck u. a.). Sie läßt sich nicht durch den vereinzelten und wunder- 
baren Vorgang 2 Reg 2. 19 — 22 stützen, cf dagegen Ez47. 11; Jk 3, 12: 
Op. verneint es atisdrücklich. Ebenso abzuweisen ist die Meinung, daß das 
Salz als Düngemittel diene (so noch Schanz;. Sie läßt sich auf Lc 14, 35 
nicht gründen; denn nicht im Gegensatz zu gutem Salz, sondern im Gegen- 
satz zu anderen verdorbenen Stoffen 'Fleisch u. dgl.i, die auf den Acker 
oder den Misthaufen gebracht werden, um als Dungmittel zu dienen, wird 
dies dort von dem verdorbenen Salz verneint. Es würde den Dünger nur 
verderben und dem Acker schaden. Salziges oder mit Salz überschüttetes 
Land ist unfruchtbares, ödes Land Ps 107, 34; Job 39, 6: Jer 17, 6: Zeph 
2, 9; Deut 29, 22; Jud 9, 45. Cf auch Pün. h. nat. 31. 80. Überdies hält sich 
die Fortführung des Gleichnisses Mt 5, 13 ganz in der Vorstellung des 
häuslichen Gebrauchs des Salzes. Das unbrauchbar gewordene wird aus 
dem Hause entfernt und auf die Gasse geschüttet. Man konnte auf so 
fernliegende Gedanken nur kommen, wenn man rij^ yr^i vom Acker ver- 



200 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

hiemit vergleichbaren Wirkung auf die übrige Menscbheit ist die 
Jüngerschaft bestimmt. Da sie aus Menschen besteht, welche selbst 
von Haus aus der Erde, der Welt angehörten, die hier als eine 
des Salzes bedürftige Masse den Jüngern als dem Salz gegenüber- 
gestellt wird, so ergibt sich, daß eben das, was diese Menschen 
zur Jüngerschaft macht, ihr Verhältnis zu Jesus und ihr dadurch 
bestimmtes Verhältnis zu GNatt, sie auch zu der Wirkung auf die 
übrige Menschheit befähigt, welche jener zwiefachen Wirkung des 
Salzes auf die Speisen vergleichbar ist. Die Welt ist so beschaffen, 
daß sie über kurz oder lang dem Verderben, bildlich zu reden, der 
Fäulnis und Verwesung anheimfallen muß, wenn und sofern nicht 
die Jüngerschaft durch Mitteilung des ihr eigentümlichen Wesens 
die Welt vor dem Verderben bewahrt. Und die Welt befindet 
sich schon jetzt in einem Zustand, welcher sie, bildlich zu reden, 
zu einer geschmacklosen oder gar eklen Speise machen würde, wenn 
nicht die Jüngerschaft in ihr vorhanden wäre. Beides aber hängt 
innerlich zusammen. Daß die Welt abgesehen von der Jünger- 
schaft Gottes Wohlgefallen nicht hat, sondern für ihn dasselbe ist, 
was für den Menschen eine fade, ungesalzene Speise, und daß sie 
allmählich, aber unfehlbar dem Verderben entgegengeht, soweit sie 
sich nicht von dem eigentümlichen Wesen der Jüngerschaft er- 
greifen und vor dem Verderben bewahren läßt: dies beides ist im 
Grrunde ein und dasselbe. Denn eben der Zustand der Welt, 
welcher die Keime des drohenden Verderbens in sich trägt, macht 
sie auch zu einer für Gott mißfälligen Sache ; und auf dem Vor- 
handensein der Jüngerschaft in der Welt, um deretwillen Gott 
diese Welt sich noch gefallen läßt, beruht auch die Möglichkeit 
und Hoffnung, daß aus der Welt noch etwas anderes werde als 
ein verwesender Leichnam. Die Anschauung des Täufers, wonach 
das Volk und die Menschheit sich in einem Gott mißfälligen Zu- 
stand befindet und einem unentrinnbaren Gericht entgegengeht, aus 
welchem eine durch Sinnesänderung und heiligen Geist erneuerte 
Gemeinde hervorgeht, ist nicht aufgegeben. Dieser Grundriß der 
prophetischen Anschauung ist durch v. 3 — 12 aufs neue mit starken 
Strichen vorgezeichnet. Nun aber zeigt sich, daß doch noch eine 
Entwicklung vor der großen Weltumwälzung stattfinden soll ; Gott 
hält mit dem Gericht noch zurück. Das Neue, was eingetreten 
ist und den Gerichtsaufschub veranlaßt, ist die um Jesus gescharte 
Jüngerschaft. Wie bei dem Weltgericht der Urzeit die neue 

stand und verkannte, daß dies Wort nach Analogie der gleichartigen ab- 
gekürzten Vergleichungen außerhalb des Gleichnisses steht und die ge- 
meinte Sache unbildlich darstellt cf 6, 22 tov atö/naioe, 1 Kr 5, 7 fi/itä>i\ 
1 Kr 11, 3 7TCWTÖS ävSoös . . . yvpai'xös. Das wesentlich richtige formale 
Verständnis haben die Älteren durchweg gehabt, kurz und gut z. B. Hier, 
mit dem Zusatz: alium usum non habet: Luther S. 66 „daß es seinen 
Schmack habe, frisch bleibe und nicht verfaule". 



I 



c. 5, 13. 201 

Menschheit, die aus demselben gerettet hervorgehen sollte, in Noah 
und seinem Geschlecht schon vor dem Gericht vorhanden war und 
während der Frist, die Gott der Welt ließ, nicht aufhörte, von 
Gericht und Gerechtigkeit zu zeugen, so steht jetzt die Jünger- 
Schaft Jesu in der Welt.^*) Und wie Gott sich dem Abraham 
gegenüber bereit erklärt hatte, um 10 Gerechter willen, die in 
Sodom zu finden wären, die Stadt mit dem Gericht zu verschonen 
(Gen 18, 32), so beweist er jetzt wirklich der Welt um der in ihr 
vorhandenen Jüngerschaft willen noch eine Zeit lang seine Lang- 
mut und Güte. In wieweit es der Jüngerschaft gelingen werde, 
der übrigen Menschheit ihr eigentümliches Wesen mitzuteilen, oder 
wie es 28, 19 heißt, die Völker in eine Jüngerschaft Jesu zu ver- 
wandeln, ist hier nicht angedeutet. Nur der Beruf der Jünger für 
die Welt ist bezeichnet und damit die Voraussetzung ausgesprochen, 
daß sie eine Zeit lang zur Ausübung desselben Raum finden werden. 
Die wichtigste Vorbedingung dafür ist aber, daß die Jünger sich 
selber das bewahren, was sie zu Jüngern und damit zum Salz der 
Erde macht. Und nicht bloß Vorbedingung für die Ausübung 
ihres Berufs, sondern vor allem Bedingung ihres eigenen Heils ist 
dies. Für den Fall, daß das Salz seine Salznatur, seinen Geschmack 
und seine würzende und konservirende Kraft verlieren sollte, ^^) 

^*) Gen 6, 3 — 7, 1. Die Vergleichung der Zustände vor dem Endgericht 
mit jenen vor der Sintflut Mt 24, 37—39, woran sich Lc 17, 29 die Erinnerung 
an das Gericht über Sodom anschheßt cf Mt 10, 15; 11, 23. Cf ferner 1 Pt 
3, 20; 2 Pt 2, 5—8; 3, 5-9; Jud 7; Ap 11, 8. 

^°) Da ficoQöi auch und vielleicht ursprünglich fade, geschmacklos 
heißt (opp. sapere, sapiens, ob auch aoyds?), so drückt /uco^aiveaü-at gut aus, 
was Mr 9, 50 ävakov yiverai heißt. Wenn Josua ben Chananja um 80 — 120 
von Weisen in Athen die Frage vorgelegt bekommen haben soll: „Wenn 
das Salz verdirbt (n'-id), womit soll man es salzen", und er darauf eine 
witzig sein sollende Antwort gibt, welche darauf hinausläuft, daß das Salz 
nicht salzlos werden kann (Bechor. 8^'), so darf rnan aus der Frage schließen, 
daß Jesus eine auch sonst übliche sprichwörtliche Kedensart gebraucht hat, 
und aus der Antwort, daß das Salz, dessen man sich zur Zeit dieses Josua 
in Palästina gewöhnlich bediente, in der Tat nicht „dumm werden" 
konnte. Die Meinung von Güdemann, Religionsgesch. Stud. S. 89ff. 136ff., 
daß die ganze Anekdote eine satirische Polemik gegen den Ausspruch Jesu 
sei, welcher seinerseits damit den Juden ihre Verwerfung, den Verlust ihrer 
politischen Selbständigkeit vorgehalten habe, stützt sich auf eine Reihe 
künstlichster Umdeutungen. Jener Josua, dem eine gewisse naturwissen- 
schaftliche Gelehrsamkeit nachgerühmt wird (Hamburger, Realenc. II, 77. 
81. 513), hatte einigen Grund zu seiner Antwort. Es wird auch nicht zu- 
fällig sein, daß von allen alten Auslegern von Orig. au (ser. § 37 p. 855) 
nur der Gallier Hil. , dessen Stammesgenossen, die Kelten von ältesten 
Zeiten her die Meister im Salzbergbau und in der Salzsiederei gewesen 
sind (Hehn S. 39 ff. ; Schieiden S. 11 ff . 33 ff.), starke Bedenken gegen die Natur- 
gemäßheit des Gleichnisses äußert [natura salis semper eadem est, nee 
immutari unquam potest). Reines Salz, welches ganz oder annähernd 
identisch ist mit dem Mineral, welches die Naturwissenschaft Kochsalz oder 
nach den Elemönten, aus denen es besteht, Chlornatrium nennt, kann in 



202 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

würde die Frage Bich erheben, auf die es keine Antwort gibt : wo- 
mit dem salzlos gewordenen Salz wieder zu dem verholfen werden 
solle, was es verloren hat. Auch abgesehen von der unzweideutigen 
Parallele Mr 9, 50 ist nicht zu bezweifeln, daß zu ahod-rjaerai als 
Subjekt TO ciXag zu ergänzen ist,^^) und nicht etwa die Erde oder 
alles das, zu dessen AVürzung oder Erhaltung man des Salzes be- 
darf; denn der an die unbeantwortliche Frage sich anschließende 
Satz schildert nicht die üb^ Lage, in welche die Dinge geraten 
würden, für welche man des Salzes bedarf, sondern die Wertlosig- 

der Tat seine wesentlichen Eigenschaften nicht verlieren, solange es existirt. 
Trotzdem ist der Gedanke, daß Jesus absichtlich einen unmöglichen Fall 
gesetzt habe (cf 7, 16; 19, 24) abzuweisen. Abgesehen von der Satzform 
(täi'), welche einen möglichen Fall anzeigt, würde der Gedanke der Un- 
möglichkeit (cf 14'' oi> d'via-iai) in V. 13 und ebenso Mr 9, 50; Lc 14, 34 den 
offenbaren Zweck einer ernsten Warnung vor drohender Gefahr völlig ver- 
eiteln. Dieser Zweck fordert allerdings nicht, daß ein alltäglicher, wohl 
aber, daß ein je und dann vorkommender Vorgang des natürlichen Lebens 
zum Bilde eines geistigen Vorgangs gewählt sei. Bei der unvollkommenen 
Art, in welcher vielfach im Altertum Salz gewonnen wurde, ist nicht 
immer sehr reines Salz erzielt worden. Wenn Plinius h. n. XXXI, 39, 82 
das in Epirus als Salzquellen durch Sieden gewonnene Salz salem inertem 
nee candidum nennt, so rührte dessen Unkräftigkeit natürlich von dem 
Mangel an Salzgehalt, mit a. W. von seiner Vermischung mit anderen 
Stoffen her. Galenus berichtet auf grund eigener Untersuchung an Ort 
und Stelle, daß das aus dem toten Meer gewonnene Salz, dessen sich die 
Anwohner zu allen den Zwecken bedienen, wozu man sonst andere Salze 
gebrauche, einen bittereu Beigeschmack habe (de simpl. medic. IV, 20 ed. 
Kühn XI, 690. 693. 694). Diese «Aes loSofirjml, auch im Talmud manchmal 
als n'ö-D rhu erwähnt (Neubauer, Geogr. 27, mehr Stellen bei Schöttgen I, 
18 — 24, der übrigens fälschlich Asphalt darunter versteht), muß demnach 
stark mit anderen Stoffen vermischt gewesen sein. Cf vier Analysen des 
Wassers des toten Meeres bei Robinson, Phys. Geogr. des hl. Landes 210 f., 
solche des Steinsalzes vom Salzberg an der Südweslecke des Meeres bei 
Sachsse, Ztschr. deutsch. Pal. Ver. 1897 S. 22 f. Daß so unreines Salz unter 
Umständen verderben, d. h. durch Zersetzung der heterogenen Stoffe vollends 
bitter und für die Zwecke, wozu man es gebrauchte, unbrauchbar werden 
kann, wird nicht zu bezweifeln sein, und solche Erfahrungen müssen dem 
jüdischen Sprichwort und Gleichnis zu gründe liegen. Daß man diesen 
Prozeß ein Salzloswerden des Salzes nannte, ist nach selten des Subjekts, 
worunter ja nicht das Kochsalz der Mineralogen, sondern das im häuslichen 
Gebrauch vorkommende, oft sehr imreine Salz zu verstehen ist, aber auch 
nach Seiten des Prädikats sehr begreiflich. Der Salzgeschmack, der dem 
fraglichen Stoff den Namen und Gebrauch gegeben hatte, war durch den 
Beigeschmack dermaOen überwogen, daß er zum Gebrauch als Salz un- 
tauglich war. Was Plin. h. n. XXXI, 44, 95 in bezug auf allerlei Sülzen 
und Mayonnaisen sagt: ad sapores gulae coepit sal tabescere, ist immerhin 
eine sprachliche Parallele zu dem /iM^aivsaß'ai, ämlov yiveaOai der Evv und 
dem cvanescere, mfatuari der altlat. Versionen. Die Ungenauigkeit ist ge- 
ringer als die der Rede vom Rosten des Goldes und SUbers Jk 5, 3; Ep 
Jerem 12, 24; Sir 29, 10. 

^°) So richtig verstehen Ss Sc S^, falsch k: in quo salietur terra, auch 
Luther in der Übersetzung „womit soll mau salzen" und in der Auslegung 
S. 70 „etwas salzen". 



c. 5, 13. 203 

keit und das unerfreuliche Schicksal des salzlos gewordenen Salzes 
selbst. Es taugt zu nichts mehr außer zu dem, was nur der 
stärkste Ausdruck seiner völligen Nutzlosigkeit ist, nämlich aus dem 
Hause auf die Gasse hinausgeworfen und von den Leuten zertreten 
zu werden. Obwohl die Rede von Idv bis avd-QWjtcov sich ganz 
im Rahmen des Bildes hält , ist doch die Deutung nicht eben 
schwierig. Die Jünger, welche das sie von der übrigen Menschheit 
unterscheidende "Wesen verlören , würden nicht einfach in den 
früheren Zustand, in welchem sie sich befanden, ehe sie Jünger 
Jesu wurden, zurücksinken ; sie würden nicht etwa den noch nicht 
gesalzenen Stoffen, den anderen Menschen gleichen, auf welche sie 
als Salz wirken sollen ; sie würden auch nicht nur für ihren Beruf 
untauglich werden, sondern allen "Wei't verlieren und hoffnungslos 
verloren sein.^') Die hierin liegende Mahnung, vor allem auf die 
Selbsterhaltung im Stande der Jüngerschaft bedacht zu sein, ist so 
stark und mit einem so ernsten Hinweis auf das traurige Schicksal, 
dem die Jünger für ihre Person durch deren Nichtbefolgung an- 
heimfallen würden, ausgesprochen, daß die Erinnerung an ihre große 
Bedeutung für die Welt fast nur als ein Mittel erscheint , die 
Pflicht der Selbstbehauptung einzuschärfen. Aber unter neuem 
Bilde, welches sofort zwei weitere Gleichnisse aus sich heraussetzt, 
stellt Jesus noch einmal den Jüngern ihren Beruf in der Welt vor 
Augen und zwar so, daß das persönliche Wohlverhalten der Jünger 
als die unveräußerliche Form der ihnen obliegenden Wirkung auf 
die übrige Menschheit sich darstellt v. 14 — 16. Die Jüngerschaft 
als ein Ganzes ist es, deren Bedeutung und Beruf für die Welt 
unter den Bildern des Salzes, des Lichtes der Welt, der Stadt auf 
dem Berge, der Havislampe geschildert wird. Aber die Jünger- 
schaft besteht aus Personen, welche durch nichts anderes als durch 
die Stellung, die sie zu Jesus eingenommen haben und behaupten, 
Glieder der Jüngerschaft sind und bleiben. Darum ist die Er- 
füllung des Berufs, welcher der Genossenschaft obliegt, von dem 
rechten Verhalten der Genossen nicht zu trennen. — Wie fast 
überall, wo eine Person oder Sache das Licht einer anderen Person 
oder Sache genannt wird,^^) bezeichnet auch v. 14 ro cpcüg den 

^'j Die dogmatischen Fragen, welche sich an dieses Wort ähnlich wie 
an Hb 6, 4—8; 10, 26—31 gehängt haben, sind hier nicht zu beantworten. 
Das Beispiel des Judas zeigt, daß die drohende Warnung auch für die 
Jilnger nicht überflüssig war. Cf auch zu 12, 31. 

^*) Der Knecht Jahves das Licht der Heiden Jes 42, 6; 49, 6, anf die 
Missionare angewandt AG 13, 47, auf die Juden unter den Heiden Em 2, 19: 
Gott selbst das L. des Frommen Ps 27, 1; Micha 7, 8; Gottes Recht ein L. 
der Völker Jes 51, 4; seine Worte eine Leuchte für die Füße und ein Licht 

Ifür den Weg Ps 119, 105 (so öfter ij und nis synonym Prov 6, 23 wie /.rxro^ 
und ywÄ Mt 5, 14f.; 6, 22f.); die Sonne das L. des Tages Jer 31, 35 cf 
Gen 1, 16; Jo 11, 9f.; Christus das L. der Welt, der Menschen Jo 1, 5—9; 



204 Bie Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Lichtkörper , von welchem dem im Genitiv daneben genannten 
Wesen oder Gebiet das Licht zuströmt, was im Gegensatz zu der 
lichtlosen Dunkelheit die Voraussetzung des Sehens der Gegen- 
stände und damit auch der sicheren Bewegung im Räume bildet. 
Ist das Sehen des Auges ein Bild des geistigen Erkennens, so ist 
hier von der Jüngerschaft gesagt, daß sie als Inhaberin der wahren 
Erkenntnis berufen sei, dieee Erkenntnis der ganzen Menschheit 
darzubieten und mitzuteilen und der Menschheit dadurch zu der 
Möglichkeit einer richtigen und gefahrlosen Lebensbewegung zu 
verhelfen. Ist schon hiemit gesagt, daß es sich um eine Erkennt- 
nis von praktischem Zweck und somit ethischer Art handelt, so 
wird dies noch verstärkt durch die überaus gewöhnliche Ver- 
wendung des Lichtes als Bild des sittlich Guten im Gegensatz zu 
dem Bösen, welches das Licht scheut und die Finsternis als Deck- 
mittel und Schutz liebt. Aber auch das andere von vornherein 
in dem Bilde des von einem leuchtenden Gegenstand ausströmenden 
Lichts gegebene Moment, daß die Beleuchtung und Erleuchtung 
durch das Licht eine Vorbedingung des sicheren , gefahrlosen 
"Wandels ist, erhält eine Verstärkung durch die häufige Verwendung 
von Licht und Finsternis als Bildern des heiteren Glücks und des 
trostlosen Unheils. Die Jüngerschaft also soll der Blenschheit, 
welche dieses Gutes ermangelt, die ihr selbst innewohnende Er- 
kenntnis mitteilen, eine Erkenntnis, welche allein zu dem richtigen 
sittlichen Verhalten befähigt und zu Heil und Leben führt. Die- 
selbe Wirkung, welche nach 4, 16 von Jesus durch das Mittel 
seiner Predigt und seines gesamten Wirkens auf das Volk von 
Galiläa ausgeübt wurde, weist Jesus hier seiner Jüngerschaft in 
bezug auf die ganze Menschheit als ihre Aufgabe zu. Daß der 
Beruf der Jüngerschaft in ihrer eigenen Beschaffenheit begründet 
und mit derselben gegeben sei, sagt dieses zweite Bild ebenso wie 
das erste. Während aber dort warnend auf die Möglichkeit hin- 
gewiesen wurde, daß die Jüngerschaft durch Verlust des ihr eigen- 
tümlichen Wesens für die Erfüllung ihres Berufs unfähig werde, 
wird durch die kurze Parabel v. 14*^ gezeigt, daß es gegen die 
Natur streiten würde, also nur unter der Voraussetzung des Ver- 
lustes ihrer Natur möglich wäre, daß die Jüngerschaft aufhörte, 
auf die Welt zu wirken. Das Bild von dem andere erleuchtenden 
Licht, welches in der Parabel v. 15 in veränderter Form wieder- 
aufgenommen wird, ist insofern in v. 14^ festgehalten, als Voraus- 
setzung der Erleuchtung durch das Licht die Sichtbarkeit des 
Lichtes ist.^") Die Jüngerschaft wäre nicht das Licht der Welt, 
wenn sie nicht der auf einem Berge liegenden Stadt darin gliche, 

8,12; 9,5; 12, 35 f. In solcher Verbindung ist yws (Tin) gleichbedeutend 
mit <f(oaxrio (',>;ns Gen 1, 14—16; Phl 2, 15). 

*») Mt 4, 16; Jo 11, 9; Lc 8, 16; 11, 33; Ps 36, 10; 49, 20. 



c. 0, 14—16. . 205 

daß sie wie diese nicht verborgen bleiben kann, von jedermann 
gesehen werden muß. Es scheint näher zu liegen, daß dieser Ge- 
danke im Anschluß an das Bild in v. 14^ ausgedrückt wäre durch 
eine Vergleichung etwa mit der Sonne, die jeder sehen muß, und 
deren Wirkung sich niemand entziehen kann (Jo 9, o cf 11, 9 ; 1, 9 ; 
Ps 19, 7), oder, wenn dies die Jünger in einer der Wirklichkeit 
nicht entsprechenden Weise über die Welt hinausrücken würde, 
durch eine Vergleichung wie die in v. 15. Des an sich femer 
liegenden Gleichnisses der Stadt auf dem Berge bedient sich Jesus, 
weil er die Vorstellung ausdrücken will, daß seine Jüngerschaft 
ein von der sie umgebenden Welt abgesondertes Gemeinwesen sei, 
welches nicht unbemerkt bleiben kann, solange es seine Eigenart 
und seine eigenartige Stellung in der Welt bewahrt. Daß es aber 
nicht nur gegen die Xatur der Jüngerschaft streiten würde, sondern 
auch i'olge einer sträflichen Torheit wäre, wenn sie ohne Wii'kung 
und zwar ohne erleuchtende Wirkung auf die Welt bliebe, zeigt 
die neue Parabel v. 15. Das Anzünden der Hauslampe drückt die 
Absicht aus, den im Hause befindlichen Menschen das erforderliche 
Licht zu spenden. Xur ein Xarr würde diese Absicht dadurch 
vereiteln, daß er die angezündete Lampe unter ein zum Messen 
des Getreides dienendes, sie völlig verdeckendes Gefäß stellt, statt 
sie auf den dazu bestimmten hohen Kandelaber zu stellen, von 
wo sich ihr Lichtschein im ganzen Raum verbreiten kann.^*') Dem 
Tun dieses Narren würde das Verhalten der Jünger gleichen, wenn 
sie die ihnen innewohnende Erkenntnis und alles von dieser ab- 
hängende Heil in sich verschließen und vor der Welt verbergen 
wollten. Sie sollten es vielmehr so machen, wie es jeder Vernünftige 
mit der angezündeten Hauslampe macht. Auf die positive Be- 
schreibung des richtigen Verfahrens in der Parabel weist das ovTCog 
V. 16 zurück. Obwohl der Lnperativ nicht unmittelbar von den 
Jüngern ein bestimmtes Tun fordert, sondern beschreibt, was aus 
dem in den Jüngern angezündeten Licht werden soll, so liegt doch 
in der befehlenden Form dieser Beschreibuncr und dem durch oiTW^ 



I 



*") 't.iyjvos ist nicht die bei den Griechen und Orientalen wenig übliche 
Kerze (candela), sondern die Öllampe JJucerna), ein aus Ton oder Metall 
angefertigter, runder, ziemlich flacher Ölbehälter mit Handhabe zum Um- 
hertragen (Lc 15. 8;: u/iia. als vulgärer Ausdruck für i.v/iiov von den 
Atticisten getadelt, 'in der Bibel (Ex 25,31; Sir 26, 17; Mt Mr Le Hb Ap) 
ausschUeßlich. aber auch von Philo. Josephus, Lucian, Galenus gebraucht 
(Lobeck ad Phryn. 314), ist der meist metallene Ständer, auf welchen die 
kleine Lampe gestellt wurde , um einen größeren Raum zu erleuchten 
{candelabrum ursprünglich Kerzeuträger, aber auf die Lampenträger über- 
tragen), ein manchmal bis zu l'., Meter hoher Leuchter cf Pauly-Wis- 
sowa 111, 1462. Das Visionsbild Äp 1. 12: 2, 1 setzt eine solche Höhe 
voraus. Bei seiner Schwere pflegt der Leuchter seinen ständigen Platz zu 
haben, den er nicht leicht mit einem anderen vertauscht Ap 2, 5. 



206 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

bewirkten Anschluß demselben an die Parabel, ^^) welche das 
törichte Verfahren mit der Lampe zur Warnung und das richtige 
zur Nachahmung hinstellt, die Aufforderung an die Jünger, alles 
das, was die "Wirkung der ihnen einwohnenden Erkenntnis auf die 
Welt hemmen könnte, zu unterlassen und dagegen alles das zu 
tun, was sie fördern kann. Was sie dazu verleiten könnte, das 
der Natur und der Vernunft AVidersprechende zu tun, ob Trägheit 
oder Furcht vor den Menschen oder, wie nach dem Gleichnis vom 
Salz, die Abnahme und der Verlust ihres von den übrigen Menschen 
sie unterscheidenden Wesens und Besitzes , oder alles dies zu- 
sammen, ist nicht angedeutet, dagegen aber deutlich ausgesprochen, 
daß es ihre Pflicht ist, dafür zu sorgen, daß das ihnen gehörige, 
in ihnen angezündete Licht der heilsamen Erkenntnis aus ihnen 
herausleuchtete, den Menschen, in deren Mitte sie leben, sichtbar 
werde und die Welt erleuchte. Wenn aber das mehrfach variirte 
Bild vom Lichte ebenso wie die Vergleichung mit den Propheten 
zunächst an eine Lfehrtätigkeit der Jünger als das Mittel der Er- 
leuchtung der Welt denken läßt, so bringt der Absichtssatz eine 
bedeutsame Ergänzung (cf v. 19 Jtoielv -/.al diödo'Äeiv). Das Licht 
der Jünger soU vor den Menschen leuchten, damit die Menschen 
auf diese Weise die guten Werke, die edlen Handlungen ^^) der 
Jünger sehen und dadurch zur Lobpreisung Gottes als des himm- 
lischen Vaters der Jünger bewogen werden. Also nicht die Lehr- 
tätigkeit für sich, sondern das gesamte Verhalten der Jünger als 

**) Für die Fassung von ovrws als Vorbereitung eines folgenden Sticos 
linde ich kein Beispiel. Zumal hinter einer Parabel (12, 45; 13, 49: 18, 14; 
20, 16 ; 23, 28) weist es auf diese zurück und vollzieht die Vergleichung 
Cf Sir 12, 14; 13, 16—19 ]2. 

^^) Der Plural iä e^ya schon im AT oft für das gesamte i^yäi^sad-ui 
in seiner Mannigfaltigkeit, sowohl von der täglichen Arbeit Gen 5, 29; 
Ex 1, 11. 14; 20, 9, als von dem Tim und Treiben überhaupt, gewöhnlich 
mit Rücksicht auf seine sittliche Qualität Gen 8, 21; Ex 23, 24; Ps 28, 4; 
62, 13 ; Prov 21, 8. So Mt 5, 16 ; 23, 3 ; Lc 11, 48 ; Jo 3, 19—21 ; 7, 7 ; 8, 39 ; 
ßm 2, 6; 13, 12; gelegentlich als /) Tr^u^cg zusammengefaßt Mt 16, 27. Dazu 
gehört auch das Nichttun Mt 23, 3 cf 25, 42—45. Die sittliche Güte des 
Handelns gewöhnlich durch ««jldi?, xaXajg ausgedrückt Mt 12, 12; 15, 26; 
26, 10; Jo 10. 32; Jk 3, 13; 4, 17; 1 Pt 2, 12; Hb 10, 24, auch im Bilde 
Mt 3, 10; 7, 17—19; 12, 33, sehener durch dyaifös Jo 5, 29, nur bei Paulus 
dies regelmäßig Em 2, 7. 10; 7, 19; 13, 3; 2 Kr 5, 10; Eph 2, 10; 1 Tm 2, 10, 
auch y.aU eoyu 1 Tm 5, 10; Tt 2, 7. 14; 3, 8. 14. Dagegen von der Per- 
son gewöhnUch dya&ös Mt 5, 45; 12, 35; 19, 17; 20, 15; 22, 10; 25, 21. 23, 
auch im Bilde 7, 17, ytJ.ös nur in Gleichnissen und Bildern Mt 12, 33; 
13, 8 (dafür Lc 8, 8 äyaü-ö,- und y.cddi y.al dya&ds); Jo 10, 11—14; 1 Pt 4, 10; 
2 Tm 2, 3. Eine scharfe Scheidung von äyaiföi, und y.alö?^ beides gleich 
oft für 2iii, ist nicht durchzuführen. Wie z. B. äya&öj zur Bedeutung von 
'/orjorös „gütig" neigt (Mt 20, 15; Mr 10, 17) und dyad-onoiety Lc 6, 9. 33. 35; 
Mr 3, 4 zu ei rcouiv Mr 14, 7, eöTioiiu Hb 13, 16, so doch auch y.alios jioitii' 
Mt 12, 12. Am ersten noch läßt sich sagen, daß äyadög mehr die Ge- 
sinnung und den darauf beruhenden sittlichen Wert, y.alög mehr die Er- 
scheinung des Guten in löblichen Handlungen bezeichne. 



c. 5, 14—16. 207 

ein "Wohlverhalten ist es, wodurch das Licht, das sie haben und 
sind, vor den Menschen sichtbar werden und in die "Welt hinaus- 
strahlen soll. Das Verhalten, welches Jesus von den Jüngern er- 
wartet, muß demnach der Art sein, daß die den Jüngern eigen- 
tümliche Erkenntnis, welche sie der Welt mitteilen sollen, darin 
zu deutlichem Ausdruck kommt. Wenn aber der günstige Ein- 
druck, welchen dieses Verhalten auf die noch nicht zur Jünger- 
schaft gehörigen Menschen macht, diese dazu bewegen soll, den 
himmlischen Vater der Jünger mit Worten zu verherrlichen, so 
muß das Wohlverhalten der Jünger Jesu der Art sein, daß sie 
sich dadurch als Söhne Gottes charakterisiren. Wodurch die Jünger 
Söhne Gottes sind oder geworden sind, ist ebensowenig gesagt, als 
wodurch sie zum Salz der Erde, zum Licht der Welt, zur Stadt 
auf dem Berge, zur brennenden Lampe geworden sind. Nur daß 
sie alles dies als Jünger Jesu- und im Unterschied von der übrigen 
Menschheit sind, ergibt sich aus jedem der Sätze v. 14 — 16. Das 
sv&y.ev If-iov von v. 11 gilt auch für diese Sätze. Li bezug auf 
ihre Gottessohnschaft ist dies besonders dadurch zu sehr bezeich- 
nendem Ausdruck gebracht, daß der Gott, weichen die Leute aus 
Anlaß des Wohlverhaltens der Jünger preisen sollen, nicht der 
Gott oder Vater der lobpreisenden Menschen, oder der gemein- 
same Vater dieser Leute und der Jünger (Mal 2, 10; Jo 8, 41) oder 
der Gott Israels (Mt 15, 31 cf 9, 33), sondern der im Himmel 
wohnende Vater der Jünger genannt wird. Es ist also nicht die 
Gottessohnschaft Israels und der Israeliten, '^^) an welcher auch die 
Jünger als Israeliten Anteil haben, der Charakter, welchen ihr 
Wohlverhalten kenntlich machen soll, sondern ein sie von allen 

«^) Israel als Volk Gottes Sohn und Gott sein Vater Ex 4. 22: 
Deut 32, 6; Hosea 11, 1; Jes 63. 16; Jer31, 9; Mal 1, 6; 2, 10; dann auch 
alle Israeliten seine Söhne und Töchter Deut 14, 1; 32, 19; Jes 1, 4: 63, 8: 
Hosea 2, 1, aber eben nur als Glieder des Volkes. Daher sagt im AT. der 
Einzelne zu Gott nicht „mein Vater", sondern die Gesamtheit „unser Vater" 
Jes 63, 8; 64, 7. Das „mein Vater" Jer 3, 4. 19 sagt das personiticirte 
Volk zu Gott, wie 2, 27 zum Götzen. Eine Ausnahme macht der König, 
aber nicht als Person, sondern als Träger seines Amtes (Ps 89, 27 cf v. 28; 
Ps 2, 7). Darüber hinaus geht erst Sir 23, 1. 4; 51, 10 cf 4, 11, wo der ein- 
zelne Fromme Gott als den Vater und Herrn seines Lebens anruft, und 
51, 10 nach dem hebr. : „ich pries Jahveh: „mein Vater bist du"'. Aber 
diese Ausdrucksweise ist wenig gepflegt worden. Der Ausdruck ,.unser 
Vater im Himmel", c.s'i:» "'^n, findet sich in der nachchristlichen jüdischen 
Literatur sehr häufig, auch zuweilen „mein, sein", und gelegentüch „euer 
himmlischer Vater" cf Dalman, Worte Jesu S. 152 ff., s. auch unten zu 6. 9. 
Es ist wahrscheinlich, daß schon zur Zeit Jesu _unser Vater im Himmel" 
eine sehr gebräuchliche Eedeweise war, und daß auch der Einzelne zu- 
weilen im Gebet und im frommen Gespräch zu und von Gott als seinem 
Vater redete. Das Neue ist, daß Jesus seine Jünger als solche und im 
Unterschied von allen anderen IsraeUten und Menschen sich als Söhne 
ihres Vaters im Himmel betrachten lehrte. Das echt jüdische «^ naTfjo d 
**' Toii oioayoT:; findet sich außer bei Mt nur noch Mr 11, 25f. cf Lc 11, 13. 



I 



208 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

übrigen Menschen, auch von den Besten unter ihren Volksgenossen 
specifisch unterscheidendes Verhältnis zu Gott als ihrem Vater. 
Andrerseits ist zu beachten, daß Jesus auch nicht seine Gottes- 
sohnschaft mit derjenigen seiner Jünger zusammenschließt, d. h. 
daß er weder hier noch an irgend einer anderen Stelle der Evv 
die Bezeichnungen „euer Vater" und „mein Vater" in ein „unser 
Vater" zusammenfaßt.^*) ^in Zusammenhang zwischen der Gottes- 
eohnschaft Jesu und derjenigen seiner Jünger muß ja bestehen, 
da sie als seine Jünger Gottes Söhne sind, aber ebenso auch ein 
wesentlicher Unterschied, welcher Jesum bewogen hat, sich des 
sonst so naheliegenden und den frommen Juden so geläufigen „unser 
Vater" beharrlich zu enthalten. Der v. 13 — 16 umfassende Ge- 
dankenkreis, in welchem der hohe Beruf der Jüngerschaft für die 
Welt und die von der Pflicht der Selbsterhaltung in ihrer Eigen- 
art unabtrennbare Pflicht der Erfüllung ihres Berufs in Bildern 
und Gleichnissen dargestellt wurde, hat seinen Abschluß gefunden 
in der nicht mehr bildlichen Aufforderung an die Jünger durch 
ein Wohlverhalten , welches sie als Jünger Jesu und als Kinder 
Gottes kennzeichne, auf die übrigen Menschen so einzuwirken, daß 
diese wo möglich zur Anerkennung der den Jüngern eigentüm- 
lichen Güter und zur Lobpreisung des Gottes, welcher als der 
Vater der Jünger Jesu diesen als seinen Kindern solche Güter 
geschenkt hat, bewogen werden. Damit ist aber ein Gedanke aus- 
gesprochen, welcher sich als der beherrschende Grundgedanke 
der ganzen weiteren Rede erweist. ^^) 

Ehe jedoch Jesus zur Ausführung desselben im einzelnen über- 
geht, drängt es ihn, das Verhältnis seiner Forderung guter Werke 
sowohl zu dem im AT niedergelegten Willen Gottes als zu der 
Sittenlehre der Rabbinen und der Pharisäer darzulegen v. 17 — 20. 
Der Mangel einer syntaktischen Anknüpfung von v. 17 an v. 16 
rechtfertigt die Annahme, daß hier eine ganz neue Gedankenreihe , 

e*) Auch da nicht, wo beides nebeneinander steht ohne jede Andeutung 
eines Unterschiedes Jo 20, 17'', und wo Jesus seine Jünger seine Brüder 
nennt Mt 12, 49 f.; Jo 20, 17^ cf Hb 2, 11. Natürlich ist Mt 6, 9 nicht 
dagegen anzuführen; denn Jesus hat ja das Vaterunser nicht gebetet. 

"5) Ähnliche Gedanken Jo 13, 35; 17, 21-23; 1 Pt 2, 12; 3, If. Die 
Furcht vor einem Widerspruch zwischen Mt 5, 16 und 6, Iff. ist unbe- 
gründet; denn abgesehen davon, daß das Tun und Streben der Jünger die 
Verherrlichung Gottes, dasjenige der Heuchler ihre Selbstverherrlichung 
zum Ziel hat, fordert Jesus 5, 16 nicht, daß die Jünger auf möglichste 
Öffentlichkeit ihrer guten Werke, sondern daß sie darauf bedacht seien, 
alles, was sie als seine Jünger und Gottes Kinder von den übrigen Menschen 
voraus haben, insbesondere ihre Erkenntnis durch Taten an den Tag zu 
legen, welche auch den Fernerstehenden einen Eindruck von der Eigenart 
ihres inneren Lebens verschaffen. Es handelt sich allerdings um Werke, 
aber um solche, welche im Verh<ältnis zu dem inneren Leben der Frucht 
im Verhältnis zum Baum und nicht der Kleidung im Verhältnis zum 
Körper gleichen cf 7, 15 — 20. 



e. 5, 17-20. 209 

becrinne, ebensowenig als der gleiche Mangel es entschuldigen würde, 
wenn jemand in v. 3—16 eine Perlenschnur zusammenhangloser 
Sinnsprüche finden wollte. Von dem den Jüngern geziemenden 
Verhalten, und zwar in seinem Unterschied von demjenigen anderer 
Menschen, ist ja offenbar nicht nur v. 13—16 die Rede, sondern 
ebenso, um einzelnes herauszuheben, auch v. 20. 46. 47; 6, 1—18. 
32. Also in bezug auf die v. 16 nur erst nach ihrem Ursprung 
und Zweck bezeichneten y.alh €Qya, welche Jesus von seinen 
Jüngern fordert, muß es gemeint sein, wenn er sie vor der irrigen 
MeiSung warnt, daß er gekommen sei, d. h. daß er es als seine 
von Gott ihm zugewiesene Aufgabe ansehe,*^^) das Gesetz oder 
die Propheten aufzulösen. „Gesetz und Propheten" ist eine im 
NT gebräuchHche, von da in den kirchlichen Sprachgebrauch über- 
gecran<rene, aber auch in der jüdischen Literatur nicht unerhörte 
Be^zeichnung der ganzen hl. Schrift Israels«') nach ihren beiden 
Hauptteilen, dem Pentateuch , der niin und den prophetischen 
Büchern, welche mit den älteren historischen Büchern (Jos— 2 Reg) 
unter dem Namen D^N^ZJ zusammengefaßt wurden, neben welchen 
die dritte Gruppe, die später gewöhnlich D>2^n3 genannten, vor- 
^•iegend poetischen Bücher mit Einschluß der jüngeren Geschichts- 
bücher und des Daniel, nicht allzu oft und mit schwankender Be- 
zeichnung noch ausdrücklich erwähnt werden. «S) Wenn nun hier 
Gesetz und Propheten nicht wie in jener gebräuchlichen Benennung 
des ganzen AT's durch y.al, sondern durch t] verknüpft sind,«») 

66) Besonders häufig bei Mt 'eozaa.^u vom öffentlichen Auftreten als 
Träger eines Berufs 3, 11; 9, 13; 10, 34 f.;. 11,. 18 f.; 17, 10-12; 20 28; 
21 32-24 5 cf Lc 3, 3. Sofern es berechtigt ist, hat es eine göttliche 
Sendung zur Voraussetzung 10, 40; 11, 10; 15, 24, viel häufiger bei Jo 

6'T Mt 7 12- 11 13 (TTdtre^ oi Tto. y.al o v.)', 22, 4U; LC Ib, Ib. ^y 
{Mcora^, y.al oi ^oi 31: 24, 27; AG 13, 15: 24 14; 28, 23; Rm 3, 21. Zwei- 
mal auch im HE ohne Parallele bei Mt GK II, 693 Frg. 10 So auch in 
der talmudischen Literatur cf Blau, Zur Eml; m d. h. Schrift b. ^^. J<ur 
die alte Kirche GK I, 99. , . , _ 

68) Lc 24 44 y.al xvaluots. Sir prol. rov vouov xai r. noof. y.ac roiv 
ÜUcov Twv y.aT ainois' r,y.olov&ny.ÖTcor ^ nachher ;<al r&v ällcov ^ccTe^cov 

ßtSUcov endlich y.al rä loinä xcöv ßißXimv. Cf Jos. c. Ap. I, 8; Fhilo de 
Vita contempl. 3; 2 Makk 2, 13; Blau S. 21 

69) Die Behauptung z. B. von Ritschi, Entstehung der altkath. Kirche 
36, daß die disjunktive Partikel in diesem Satz als einem negativen für 
die koniunktive stehe, trifft schon darum nicht zu, weil der Satz ot. 
-p.dov ein positiver ist, von welchem Jesus nur verneint, daß die Jungei 
ihn sich aneignen sollen. Aber auch in negativen Sätzen vertritt /? nicht 
einfach ein y.Tä (Mt 5, 25; 7, 6; 10, 38) oder ein diesem entsprechendes ovSe 
urße (Mt 6, 20. 26 ; 13, 13) cf Winer § 53, 6; Blaß § 77, 10. 11. . AG 1 7 ist 
der Fall als möglich gedacht, daß Menschen zwar eme allgememere chrono- 
logische Belehrung über die Perioden des Zukunftsyerlaufs {^oovoc), aber 
nicht auch eine specielle über die Zeitpunkte der einzelnen Endereignisse 
i^.a.ooC) empfangen Ebenso ist Rm 4, 13; Jo 8, 14 eine wirklich denkbare 

Zahn, Ev. d. Matth. 4. Aufl. 



210 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

60 ist auch die Möglichkeit gesetzt, daß Jesus zwar den einen Teil 
des AT 's, aber nicht zugleich auch den andern gelten lassen oder 
außer Kraft setzen wollte. Die Samariter, welchen Jesus gelegent- 
lich von seinen Gegnern zugezählt wurde (Jo 8, 48), erkannten nur 
den Pentateuch an. Johannes, welcher die Gedanken der Propheten 
von Jesaja bis Maleachi erneuerte, ist nach allem, was uns von ihm 
überliefert ist, niemals für di^^ Auktorität der Thora eingetreten. Es 
wäre also sehr wohl denkbar gewesen, daß Jesus, der in die Pußtapfen 
des Täufers getreten war und in den Synagogen im Anschluß an 
die Schriftlektion zu predigen pflegte (4, 23; 9, 35; Lc 4, 15 ff.), 
ohne sich in jeder Hinsicht vom AT loszureißen, doch zu dem 
einen oder dem anderen Stück desselben sich ablehnend und geradezu 
verneinend stellte. Eben diese Meinung will Jesus nicht aufkommen 
lassen und bekennt sich zu dem ganzen unteilbaren AT als einer 
unverbrüchlichen Auktorität cf Jo 10, 35. Es kommt aber das AT 
nach dem Zusammenhang, mag man auf v. 13 — 16 zurück oder 
auf V. 18 — 48 hinausblicken, hier nicht insofern in Betracht, als es 
ein weissagendes Bild der Zukunft und des Endes darbietet, sondern 
sofern es die dem Volk Israel gegebene Norm des "Wohlverhaltens 
enthält. Dies wird auch dadurch ausgedrückt, daß v. 18 anstatt 
Gesetz und Propheten nur noch das Gesetz genannt wird.'") 
Auch dies ist nicht irgend etwas, was in der Schrift zu finden ist, 
sondern, wie schon die Erwähnung der Schriftzeichen lehrt, die 
Schrift selbst und zwar jüdischem Sprachgebrauch entsprechend die 
ganze Schrift des AT's;'^) aber diese abgekürzte Benennung des 
AT's bestätigt doch, was ohnehin deutlich ist, daß Jesus das AT 
hier unter dem Gesichtspunkt der für das sittliche Verhalten der 
Israeliten maßgebenden Auktorität betrachtet. Dazu stimmt auch 
YMxaXveLV, ein verstärktes XvEiv, welches ebenso wie dieses vom 
Bruch des Gesetzes und der Aufhebung seiner verbindlichen 
Kraft,'-) aber nicht von der Vereitelung einer "Weissagung ge- 
Verschiedenheit von zwei Fällen dargestellt und werden beide verneint. 
Besonders lehrreich ist Eph 5, 3 :»<««. . ?; mit nachgestellter Negation. 

'°) Es haben hier !<«« tmv nQOffTiiwv zugesetzt Iren. IV, 34, 2 ; Ferrargir. ; 
Aphraates p. 30 (zweimal, wahrscheinlich so Tatian), Arm, Sh (// r. tio.). 
Umgekehrt ist v. 17 vielfach abgekürzt, ohne Nennung der Propheten^ und 
auch sonst zusammengezogen citirt worden cf Forsch I, 134; II, 1971, Eesch, 
Außerkan. Parall. II, 71 ff. 

'1) Jo 10, 34 b W«o>,- = Ps 82 = /; yoojp] v. 34; 1 Kr 14, 21 nicht 
Deut 28, 49, sondern Jes28, llf.; IV Esra 14,21.42-48. Aus sonstiger 
jüdischerLiteratur gehen Blau S. 16 f. ; Bacher, Älteste Terminol. 1 97, Beispiele. 

'2) Gesetze oder Gebote als Objekte von lveivß.% 5, 19; Jo 7, 23; auch 
sonst z. B. Lucian, Abdicatus 10 (oppos. 'avqiovs eivat tovs vöfiovg)^ ebenso 
To oußßurov Jo 5, 18; r] yamfr] Jo 10, 35; y.atuXvEiv im NT nur Mt 5, 17 in 
diesem Sinn, aber auch Mt24,'2; 26 61; 27,40; Mr 13, 2; 14,58; 15,29; 
Lc 21, 6 = XvEiv Jo 2, 19 oppos. oly.ooo/iel!\ ebenso ^aralvsiv Gl 2, 18. Cf 
Jos. ant. XX. 4, 2 HuTuh'siv iä näif^ia^ bell. IV, 3, 7 vöfiov -^ardlvuis ant. 

XVIII, 3, 1. Synonym ist äy.v^ovv Mt 15, 6 neben na^aßaipsir 15, 3. 



c. 5, 17—20. 211 

braucht wird. Wie 10, 34 (cf 20, 28) warnt Jesus auch hier seine 
Jünger vor einer unrichtigen Auffassung seiner Berufsaufgabe. Da 
bis dahin kein Satz der Rede die Richtigkeit der Angabe von v. 2, 
daß sie eine Belehrung der Jünger sein sollte, in Frage zu stellen 
geeignet war, vielmehr v. 13 — 16 und die meisten weiteren Teile' 
der Rede nur unter dieser Voraussetzung verständlich sind, so ist 
auch der Gedanke abzuweisen, daß Jesus v. 17 einer Beschuldigung 
der Pharisäer entgegentrete. Die Jünger, von denen Jesus voraus- 
setzt, daß sie sich um seinetwillen werden schmähen und verfolgen 
lassen v. 11, waren für solche Anklagen der erbitterten Gegner 
ihres Meisters unzugänglich.'^) Dagegen lag ihnen selbst der Ge- 
danke nahe genug, daß für sie als die berufenen Genossen des 
nahen Himmelreichs der Buchstabe des AT's nicht mehr die ver- 
pflichtende Norm des Verhaltens sei. Der erste bahnbrechende 
Prediger der ßaaileta hatte, wie bemerkt, seine Forderung der 
(.iBTÜvOLa und des dieser entsprechenden Verhaltens nicht durch den 
Hinweis auf den in Gesetz und Propheten niedergelegten gebieten- 
den Willen Gottes an sein Volk begründet. Um Tempel und 
Kultus, scheint sich der Sohn des Priesters Zacharias nicht ge- 
kümmert zu haben. Wenn in naher Zukunft die alte Welt in 
Trümmer fällt, um einer neuen Welt Platz zu machen, so scheinen 
auch die alten Ordnungen, in welche Gott das Leben seines Volks 
gefaßt hat , dahinzufallen. Jede starke Erregung der eschato- 
logischen Erwartung führt die Gefahr einer antinomistiscben 
Stimmung mit sich. Jesus hatte die Predigt des Täufers wieder 
aufgenommen, ohne den Gegensatz der bevorstehenden neuen Welt- 
ordnung zu der alten abzuschwächen; und durch die Taten, womit 
er seine Predigt begleitete (4, 23 f.; 11, 5), mußte die Erregung 
der Jünger gesteigert, ihre Erwartung höher gespannt werden. 
Sie hatten auch äußerlich die ihnen gewohnten Bahnen des Lebens 
verlassen (4, 18 — 22) und Jesus forderte von ihnen, wie die Rede 
bis dahin genugsam zeigt, eine dem gemeinen Urteil durchaus ent- 
gegengesetzte, ganz von dem Gedanken an die ßaGi?Ma beherrschte 
Betrachtung des Lebens und eine von allen, die nicht seine Jünger 
waren, sie scharf unterscheidende Lebensführung. Ist diese Rede 
in einem ziemlich vorgerückten Stadium des galiläischen Wirkens 
Jesu gehalten (oben S. 177), so kann es bis dahin auch nicht an 
Handlungen Jesu gefehlt haben, durch welche er sich über die 
gesetzlichen Vorschriften hinwegzusetzen schien. Es war daher sehr 
angezeigt, daß Jesus seine Jünger vor dem schwärmerischen Wahn 
warnte, daß er es für seine Aufgabe halte, den im AT niedei'- 
gelegten gebietenden Willen Gottes außer Geltung zu setzen ; und 

'*) Die ganz andere Frage, warum Mt diesen Spruch und die folgemle 
Ausführung desselben in sein Ev aufgenommen hat, ist am Schluij der 
Auslegung der Bergrede zu erörtern. 

14* 



212 üie Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

es war diese Warnung besonders angebracht, nachdem er von ihnen 
ein Wohlverhalten gefordert hatte, welches nicht von ihrem Ge- 
horsam gegen Gesetz und Propheten, sondern von ihrer Jünger- 
schaft und der ihnen eigentümlichen Gotteskindschaft zeugen solle. 
Er steigert seinen Widerspruch gegen jenen Irrtum, indem er über- 
haupt verneint, daß es sein Beruf sei, aufzulösen, und indem er 
behauptet, daß sein Berufe vielmehr darauf abziele, zu erfüllen. 
Daß von dem unausgesprochenen und eben dadurch verallgemeinerten 
Objekt sowohl des verneinten v.axaXvoaL, als des behaupteten Ttlr]- 
QCüOai alles ausgeschlossen sei, was überhaupt nicht sein soll (1 Jo 
3, 8), aber auch alles darin inbegriffen sei, was von Gott und 
Bechts wegen gilt, brauchte als völlig selbstverständlich nicht eigens 
ausgesprochen zu werden. Als Beispiel einer noch nicht in Gesetz 
und Propheten enthaltenen Rechtsordnung, welche Jesus nicht auf- 
lösen, sondern erfüllen sollte, kann die Taufe des Johannes dienen, 
der er sich unterzog, indem er zugleich dieses sein Tun unter die- 
selbe allgemeine Regel stellte 3, 15, die er hier negativ und positiv 
ausdrückt.'*) In dem Allgemeinen aber ist das Besondere ent- 
halten, von dem vorher die Rede war. Wie der Satz, daß Jesus 
überhaupt nicht gekommen sei, irgend etwas, was von Rechts wegen 
gilt, um seine Geltung zu bringen, den Satz bekräftigt, daß er 
nicht gekommen sei, das AT um seine Geltung zu bringen, so 
dient die Versicherung, daß er gekommen sei zu erfüllen, zur Er- 
gänzung des nur verneinenden Satzes v. l?"* in bezug auf Gesetz 
und Propheten. Es fragt sich also, was das heiße, daß Jesus es 
für seinen Beruf erklärt, Gesetz und Propheten zu erfüllen. Hält 
man daran fest, daß „Gesetz und Propheten" die ganze Sammlung 
der atl Schriften bezeichnet und zwar nach dem Zusammenhang 
diese, sofern sie den gebietenden Willen Gottes enthält und Norm 
des Verhaltens ist, so kann der Sinn nicht zweifelhaft sein. Wie 
überall da, wo TtlrjQOVv die hl. Schrift oder ein einzelnes Stück 
derselben zum Objekt hat, ist auch hier die Vorstellung gegeben, 
daß das geschriebene Wort an sich einem leeren Gefäß gleiche, 
welches den ihm entsprechenden Inhalt durch Handlungen, Er- 
eignisse, Tatsachen erhalten soll.',^) Die sinnliche Vorstellung ist 

'*) Andere Beispiele finden wir 17, 25; 22, 21 c£ 23, 23. 

"^) Cf oben S. 81 f. zu 1, 22. Bei Mt hat ^Irj^ovv 12 mal die Schrift 
oder einzelne Aussprüche als weissagende zum Objekt 1, 22; 2, 15. 17.23; 
4, 14; 8, 17; 12, 17; 13, 35; 21, 4; 26, 54. 56; 27, 9 cf Mr 14, 49; Lc 4, 21; 
21,22; 24,44; AG 1, 16; 3, 18; 13, 27; Jo 12, 38; 13,18; 15,25; 17,12: 
19, 24. 36; Jk 2, 22; sonstige Weissagung Lc 1, 20; Jo 18, 9. 32; 1 Reg 
2, 27; 2 Chr 36, 21 f.; Gebote und Ordnungen Mt 3, 15; 5, 17; Rm 8, 4; 
13, 8; Gl 5, 14 (1 Makk 2, 55'?), nlrj^Mfia vöfiov Rm 13, 10. Wesentlich 
ebenso trjv Sianovlav AG 12, 25; Kl 4, 17 (2 Tm 4, 17). Das seit Vitringa 
(Observ. s. ed. Jen. 1723 p. 204ff.) manchmal herangezogene hebr. u. aram. 
nDJt würde mit dem Objekt „Gesetz und Propheten" nur etwa bedeuten 
„mit dem Studium des Gesetzes fertig werden". 



c. 5, 17—20. 213 

keine andere, wo es sich um die Schrift als gebietende, wie da, 
wo es sich um die Schrift als weissagende handelt. Das weis- 
sagende Wort wird erfüllt, indem das geweissagte Ereignis eintrifft, 
das gebietende Wort, indem die gebotene Handlung geschieht. Die 
Vorstellung kann auch nicht dadurch verdunkelt werden, daß das 
Gefäß nicht notwendig ein völlig leeres zu sein braucht, wenn von 
seiner Füllung oder Erfüllung geredet wird.^^) Eine teilweise in 
Erfüllung gegangene Weissagung und ein vollkommen befolgtes 
Gebot werden vollends erfüllt nur durch ein Geschehen und Handeln, 
welches demjenigen gleichartig ist, wodurch die unvollständige Er- 
füllung herbeigeführt wurde. Man setzte sich mit dem so oft ge- 
brauchten Bilde selbst und dem überall zu beobachtenden Gebrauch 
desselben in Widerspruch, wenn man die Erfüllung d. h. die Füllung 
des Gefäßes in einer Erweiterung oder Verengerung, Vergrößerung 
oder Verkleinerung, überhaupt in einer Umgestaltung des 
Gefäßes zu finden meinte. Mit dieser trivialen Bemerkung fallen 
die sämtlichen Deutungen dahin, welche darauf hinauslaufen, daß 
Jesus das unvollkommene Gesetz habe vervollständigen und er- 
gänzen oder durch geistliche TJmdeutung vervollkommnen wollen.'^) 

'**) Z. B. Mt 23, 32 cf 2 Makk 6, 14, wo exuX^^come die Vorstellung 
noch lebhafter ausdrückt cf ey.Tthjoovv AG 13, 32, avaii'kriQovv Mt 13, 14. 

~''') In folge der Meinung, daß das einfache und allein mögliche Ver- 
ständnis von V. 17 einen unversöhnlichen Widerspruch nicht nur gegen 
die Lehre des Paulus und die Praxis der Heidenkirche, sondern auch gegen 
andere Worte und das eigene Verhalten Jesu selbst enthalte, bestritt 
Marcion, wie auch die Manichäer (Disput. Archelai ed. Beeson p. 65; Aug. 
c. Faust. XVII, 1—2; XVIII, 1—3) und manche Neuere (Einl § 56 A 1), 
daß Jesus so gesprochen habe, und im NT der Marcioniten stand statt 
dessen wenigstens um 800 und 4C0, was schon Marcion als Gedanke Jesu 
ausgesprochen hatte, auch als Wort Jesu: ovy. f^/.d'ov Tilr^ocoaut ibv vonov^ 
ällä y.aialvaaL (Dialog des Adamantius ed. Bakhuyzen p. 88; wenig anders 
Isidor. Peius, epist. I, 371; GK I, 666 ff.). Ein bei den Lateinern weit- 
verbreiteter Text von Lc 23, 2, welchen auch Marcion sich aneignete, ent- 
hielt die Anklage der Juden gegen Jesus y.aTalvovta ibv vöuor (mit oder 
ohne fjucüp) y.cu rovg 7C(io(f>JTaä GK II, 492. Ahnliche, auf einem Mangel 
an geschichtlichem Verständnis der Stellung Jesu und seiner Jünger zum 
Gesetz (Gl 4, 4) beruhende Erwägungen in Verbindung mit einer Trübung 
der Erkenntnis vom Verhältnis des Ev zum Gesetz verleiteten die Lehrer 
schon der alten Kirche zu Mißdeutungen nicht nur von v. 17, sondern der 
ganzen Ausführung in v. 17—48. Iren. IV, 13, 1 leitet seine Auslegung 
ein: Et quia dominus naturalla legis (d.h. das schon vor Moses bekannte, 
ewig giltige Sittengesetz cf Bd V, 528 A 95. 96) . . . non dissolvit sed 
extendit et implevit, ex sermonibus eins osttnditur. Dies wird gegen Marcion 
weiterhin § 1—4 unermüdlich wiederholt. Zu implere oder adimplere und 
extendere tritt noch dilatare hinzu, auch augmentum zu adimpletio. So 
Tert. orat. 11 amplians legem; poenit 3 dominus . . . se adjectionem legi 
superstriiere demonstrat und ähnlich oft. So auch Hieron. zu 7, 29; während 
er zu 5, 17 die Wahl läßt zwischen dieser Deutung und der auf die Er- 
füllung der Weissagung, welche Hil. allein gelten läßt. August, will beides 
zugleich darin finden, die Ergänzung des Gesetzes durch Hinzufügung dessen, 
was ihm fehlte, und die tatsächliche Erfüllung. Auch zu den Juden gelangte 



214 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Eine Vervollständigung von Gesetz und Propheten hätte nur darin 
bestellen können, daß Jesus zu der seit Jahrhunderten wesentlich 
abgeschlossenen Sammlung atl Schriften neue Schriften hinzufügte ; 
und eine Vervollkommnung des im AT enthaltenen Ausdrucks des 
gebietenden AVillens Gottes durch Umdeutung einzelner Gebote und 
Beseitigung anderer wäre eben das , was Jesus mit aller Ent- 
schiedenheit von sich weist '\ind v. 19 seinen Jüngern aufs strengste 
untersagt, ein y.araXvELV und Xvelv der einzelnen Gebote und da- 
mit des als ein unteilbares Ganzes betrachteten AT's. Wenn Jesus 
es als seine Aufgabe bezeichnet, dem AT als dem Ausdruck des 
gebietenden "Willen Gottes zur Erfüllung zu verhelfen, so erklärt er 
sich damit vor allem entschlossen, für seine eigene Person den dort aus- 
gesprochenen "Willen Gottes zu tun, wie er sich schon 4, 4 — 10 als ein 
der Schrift im Glauben gehorsamer Israelit bewiesen hat. Aber der ge- 
bietende Wille Gottes im AT gilt nicht ihm allein und überhaupt nicht 
der einzelnen Person, sondern einem Volk, einer Gemeinde. Damit ist 
einerseits gegeben, daß Jesus auch solche dem Volk Israel geltende 
Vorschriften beobachten will, deren Voraussetzungen bei ihm selbst 
nicht zutreffen (cf 3, 14 f.), und andrerseits, daß er dahin wirken 
will, daß der im AT niedergelegte Wille Gottes im ganzen Um- 
kreis seiner Wirksamkeit zur Erfüllung komme. Wenn schon bei 
seinen Jüngern nach v. 19 das pflichtmäßige Gegenteil des Xveiif 
des Gesetzes in einem eigenen Tun und einem Lehren anderer 
besteht, so vollends bei Jesus, welcher seinen Jüngern nach v. 11 
unendlich mehr ist, als die Jünger anderen Menschen. Indem er 
zu seinen Jüngern die Sätze v. 17 — 19 spricht, ist er bereits damit 
beschäftigt, zunächst in diesem engen Kreis dem AT zur Erfüllung 
zu verhelfen. Es ist allerdings nicht zu übersehen, daß v. 17 

die altkatholische Mißdeutung. In einer Anekdote bab. Schabb. 116'' (s 
GK II, 675 f.) wird als ein Wort des Evangeliums angeführt: „Ich, Evan- 
gelium, bin nicht gekommen wegzutun vom Gesetz Mose's, soudera hinzu- 
zufügen zum Gesetz Mose's bin ich gekommen." Es fehlt daneben nicht 
an Ansätzen des Richtigen z. B. bei Iren. IV, 34, 2; beim Vf der Tract. 
Orig. ed. Batiffol p. 84, der die eigene Gcsetzeserfiillung Jesu bis zur Auf- 
erstehung beschreibt, bei Chrys. und im Op. imperf., auch bei Augustin c. 
Faust. XVII, 6. Ohne Beimischung fremdartiger Gedanken finden wir das 
Eichtige auch nicht bei Luther S. 86 f. und Calvin S. 170 f. Sie sind aber 
einig in der Ablehnung der in der altkatholischeu Zeit vorherrschenden 
Deutung, welche von Socin p. 10 erneuert wurde, der unter Gesetz und 
Propheten nur das darin enthaltene Sittengesetz und unter der TrkijoMais 
derselben die in v. 21 ff. gegebene, in der Hinzufügang neuer Gebote be- 
stehende perfectio et absolutio des mosaischen Sittengesetzes verstand, 
immerhin klarer, als Meyers Deutung der Trhjooxjn; von Gesetz und Pro- 
pheten als „deren VoUeudung durch Herstellung ihres absoluten Gehaltes", 
oder die von Ritschi, welcher ;T/./y(>oi';/ zwar auch übersetzt S. 35 „vervoll- 
ständigen", S. 36 „vollständig machen", S. 37 „fortbilden", „vollenden", als 
Objekt aber nicht das mosaische Gesetz oder, wie der Text sagt, das AT 
ansieht, sondern S. 37 „das Gesetz in seiner Fortbildung und Auslegung 
durch die Propheten unter dem Zweck der Gerechtigkeit". 



c. 5, 17-20. 215 

■neben dem Gesetz auch die Propheten genannt sind. Dies kann 
aber nicht den Sinn haben, daß neben dem gebietenden Gesetz 
auch die prophetische "VTeissagung in Betracht zu ziehen sei, was 
in V. 18 — 20 und im ganzen weiteren Verlauf der E.ede keine 
Bestätigung finden würde. Xur für den, durch welchen die Weis- 
sagung erfüllt werden soll , für Jesus ist auch die "Weissagung 
Gebot (26, 54). Baer aber handelt es sich um das AT als Norm 
des Verhaltens für alle , denen es gegeben ist , und zunächst 
als Xorm für die xa/.ct toya, welche Jesus von seinen Jüngern 
fordert. Als solche aber bezeichnet Jesus nicht den Pentateuch oder 
gar das durch Moses gegebene Gesetz, sondern das ganze AT. 
Auch durch Hosea und Jesaja hat Gott seinem Volk gesagt, was 
er von ihm forderte (Mt 9, 13; 12, 7; 15, 7 — 9), und nicht für 
sich allein, sondern im Zusammenhang der ganzen durch das AT 
bezeugten Offenbarungsgeschichte will das Gesetz betrachtet sein, 
wenn man den gebietenden "Willen Gottes daraus erkennen will 
(cf 19, 4 — 8). Wie ernst er es mit seiner Absicht meine, diesem 
zur Erfüllung zu verhelfen, bestätigt Jesus v. 18 zunächst durch 
die Beteuerung seines Glaubens, daß, solange diese "Welt steht, kein 
kleinster Bestandteil des Gesetzes unerfüllt dahinfallen werde. In 
der bei Mt 30 mal in der Bede Jesu vorkommenden, außerhalb des 
NT's unerhörten Einführung einer bedeutsamen Aussage durch äurv, 
)J'/ü) vLilv '*) ist das hebr. 't^N ebenso wie da, wo es zur Be- 
stätigfung einer vorangegangenen Aussage durch den zustimmenden 
Hörer dient, ein elliptischer Ausruf: „"Wahrlich, so ist es- oder, 
wie LXX gewöhnlich übersetzt, -so sei es" (yevoiTO). Es unter- 
scheidet sich von dem ganz ähnlich gebrauchten rac (Mt 11. 9. 26; 
Lc 7, 26; 11, 51) nur dadurch, daß es hebräisch und durch den 
liturgischen Gebrauch geheiligt war. Daß afxr^v nicht etwa als ein 

'*) Cf Einl I. 11; 11, 556 A 8. ■jc.s seiner Bildung nach Adjektiv, 
woneben das Adverb -':;-.!<, =:r>^ nicht fehlt, kommt doch weder als eigent- 
liches Adjektiv, noch als eigentliches Adverb vor. sondern nur als elliptischer 
Ausruf zur Besiegelung der vorangegaugenen Eede Xnm 5. 22: Deut 27. 
15—26; Em 1, 25: Gl 1. 5: Ap 1, 6. 7; 5. 14 cf 1 Kr U. 16; 2 Kr 1, 20, so 
auch da, wo noch das eine oder andere Wort hinzugefügt wird Jer 11. 5; 
28, 6: 1 Reg 1, 86; Ap 7. 12; 19, 4: 22, 20. An letztere Fälle schließt sich 
die Redeweise Jesu einigermaßen an und eine gewisse Anknüpfung an den 
sonstigen Gebrauch Hegt auch darin, daU .Jesus vielfach, auch wo nicht, 
wie Mt 5, 18: 10, 23; 13. 17: 17. 20 ein ydo beigefügt ist, eine voran- 
gehende Aussage durch die neue feierlich eingeleitete Versicherung be- 
kräftigt. Neben dem gewöhnlichen ■/evono hat LXX für "^s Jer 28, 6 
aj.rß&i (sonst für ::-s Euth 3. 12: 1 Reg 8, 27): 1 Chron 16. 36: Xeh 5, 13: 
8. 6 auf^r. Während Lc 9, 27; 12. 44; 21. 3 (= Air 9, 1: 12.'43) dJ.^d&i 
ganz wie uur^i und neben diesem (Lc 4, 24; 12, 37; 18, 17) gebraucht, hat 
Mt stets das hebr. Wort beibehalten . welches aus dem liturgischen Ge- 
brauch der griech. Synagogen und Christengemeüideu auch letzteren ge- 
läufis: war. Luther hat Mt 6, 2. 5. 16; 8, 10 etc. durch „wahrlich(,) ich sage 
euch" richtiger als 5, 18 durch „ich sage euch(,) wahrlich" übersetzt. 



216 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Adverbium (äXrjd^cbg) zu der hinter Xeycj vf.üv folgenden Aussage 
gehört, so daß liyto v(.uv eine Parenthese bildete, wie cpr^^i, g)T^oi, er- 
gibt sich schon daraus, daß nicht selten auf Xiyoi vf.ilv ein von 
Uyo) abhängiges ort folgt (13, 17; 18,13; 19,23; 21, 31 ; Lc 18,29). 
Ebensowenig aber ist es ein zu Xiyo) gehöriges Adverbium (wie 
aXr]^wg z. B. Lc 9, 27), was erstens jeder Analogie in dem sonstigen 
Gebrauch von a/2'^v entbehren und zweitens den unerträglichen 
Sinn ergeben würde : „ich verkündige euch wahrheitsgemäß, ich 
lüge nicht, indem ich dies sage". Als elliptischer Ausruf (fürwahr, 
wahrlich, profecto) wird dieses a/iiijv auch durch die im 4. Ev regel- 
mäßige Verdoppelung erwiesen, welche mit einem vai, af.iriv Ap 1, 6 
gleichbedeutend ist. Es ist das einfache oder verdoppelte a(.nqv in 
Verbindung mit läyio v(.iZv ebensowenig wie vai oder ein gelegent- 
lich sich anschließendes aXXrjXovia Ap 19, 4 Bestandteil eines Satz- 
gefüges, sondern selbst ein abgekürzter Satz. Es dient dazu, die 
ganze darauf folgende Aussage, sowohl das Xeyoj vf.uv, als die da- 
durch eingeleitete Tatsache zu bekräftigen. Nicht nur die Unver- 
gänglichkeit des Gesetzes an sich, sondern auch der Umstand, daß 
Jesus sich vor ihnen zu derselben bekennt, soll den Jüngern als 
ein Bestätigung von v. 17 dienen. Jod, der kleinste Buchstabe 
im Alphabet der damaligen hebr. Schrift, der sogenannten Quadrat- 
schrift und das Hörnchen oder Häkchen, wodurch ähnliche Buch- 
staben sich von einander unterscheiden, sind auch den B-abbinen 
Bild und Beispiel der anscheinend geringfügigsten Stücke des ge- 
schriebenen Gesetzes und überhaupt des AT's.'^) Daß Jesus nichts 
anderes darunter versteht, ist unbestreitbar. Selbst wenn man eine 
der erwähnten Mißdeutungen des TtXrjQCboai in v. 17 aufrechterhalten 
wollte, müßte man doch zugestehen, • daß das Objekt jenes Satzes 
die hl. Schriften sind, und selbstverständlich muß 6 v6//,og v. 18 
wegen Mangels einer gegensätzlichen Näherbestimmung und wegen 
des Kausalzusammenhanges von v. 18 und 17 entweder den gleichen 
Sinn haben, wie dasselbe Wort in v. 17 oder ein abgekürzter Ausdruck 

'") Schemtob übersetzt xs^aia durch ypßy, Delitzsch richtiger y^p, 
eigentl. Dorn, dann Häkchen, Strichlein als Teil eines Buchstabens (s. Levy 
und Jastrow s. v.). In der Erzählung von Salomo, welcher von dem Wort 
nm» Deut 17, 17 das ' streichen wollte (Midr. rabba zu Ex 6, 2 übers, von 
Wünsche S. 66f. und zu Lev 15, 25 S. 124 cf Midr. zu Cant 5, 11 S. 140f.), 
wechseln yip und iv wie Synonyma. Das Jod selbst ist nur ein Häkchen. 
Von so etwas muß der Syrer gewußt haben, welcher 7} xs^alu imübersetzt 
ließ und nur „ein Buchstabe Jud" schrieb (Ss, Tatian s. Forsch I, 134; 
Eobinson, Euthaliana 76; dazu fügten Sc und S^ in verschiedenem Aus- 
druck „oder ein Hörn" hinzu). Auch Lc 16, 17 hat nur einen der beiden 
Ausdrücke, nämlich fiia y.epala, was SsS^ (dieser anders Mt 5, 18) dort 
durch dasselbe sninN, Buchstabe, wiedergegeben, welches Ss und Tatian 
Mt 5, 18 als Apposition zu Jud haben. Übrigens werden au den genannten 
Midraschstellen als Beispiele für die Wichtigkeit der Häkchen auch die 
fehlerhaften Vertauschungen von 1 und n, von n und n, von 3 und 3 ge- 
nannt. — Über den Text von v. 18 s. oben S. 210 A 70. 



c. 5, 17—20. 217 

für das sein, was dort Gesetz und Propheten heißt, also für die 
Schriften des AT's, und zwar sofern sie Ausdruck des gebietenden 
"Willens Gottes sind (oben S. 211 f.). Eben dies ergibt sich aus v. 19 ; 
denn das Demonstrativ in aiav rCov iyxo/.wv tovtcüv tüv D.ayJOTCov 
hat keine andere Unterlage als das iwra sv y.ui [xia y.iQaia in- 
V, 18. Es können dies ja nicht die ungeschriebenen, noch nicht 
einmal ausgesprochenen, also dem Hörer der Rede noch gar nicht 
vorliegenden Gebote sein, welche von v. 21 an folgen und wahr- 
lich nicht kleinste, sondern allerhöchste Gebote sind, sondern nur 
die durch Jota und Häkchen in sprichwörtlicher Bildlichkeit be- 
reits bezeichneten, anscheinend geringfügigsten Gebote des mosaischen 
Gesetzes und der hl. Schrift Israels.'''^) Wenn Jesus versichert, 
daß bis zu dem Zeitpunkt, in welchem Himmel und Erde ver- 
gehen, auch nicht der kleinste Bestandteil des Gesetzes vergehen 
und damit vom Gesetz abhanden kommen werde, ^^) so tritt er da- 
mit vor allem der schon in v. 17 abgelehnten Meinung entgegen, 
daß das AT und insbesondere das Gesetz eine Sammlung von Einzel- 
heiten ohne notwendigen inneren Zusammenhang sei, aus welcher 
man nach Belieben einige Stücke als verbindlich gelten lassen, 
andere außer Geltung setzen dürfe. Damit ist jeder Versuch ab- 
geschnitten, eine Unterscheidung zwischen Sittengesetz und Ritual- 
gesetz, zwischen einem ewig giltigen moralischen Gehalt und einer 
nur zeitweilig giltigen nationalen und politischen Gestalt in diese 
Bede einzutragen. Gerade die Unteilbarkeit des geschriebenen 
Gesetzes und die Unvergänglichkeit dieses Gesetzes bis in seine 
kleinsten Bestandteile behauptet Jesus. Indem er aber dem Ge- 
setz diese Unvergänglichkeit für die Zeit dieses "Weltbestandes zu- 
spricht, ist die Absicht gewiß nicht, damit eigens auszusprechen, 
daß mit dem Untergang der gegenwärtigen Welt auch das Gesetz 

«0) Marcion, der Mt 5, 17 ablehnte (oben S. 213 A 77), aber Lc 16. 17 
(= Mt 5, 18) in sein Ev aufnahm, war unvorsichtig genug, Jesum dort 
statt vom Gesetz von seinen eigenen Worten sagen zu lassen, daß kein 
Häkchen davon vergehen werde, als ob die Worte Jesu schon zu der Zeit, 
da sie von ihm gesprochen wurden, in Buchstabenschrift existirt hätten 
GK I, 687 ; II, 479. Schwerer zu begreifen ist, daß noch Kitschi S. 39 be- 
haupten mochte, die Vorhersagung Jesu v. 18 beziehe sich „auf das für 
das Gottesreich geltende Gesetz, wie es aus den Händen Jesu hervor- 
gegangen sein wird" und daß „unter den kleinsten Geboten die für das 
Gottesreich charakteristischen zu verstehen sind", wofür dann sofort die 
„Gebote Christi" substituirt werden. In v. 19 haben schon mehrere alte 
Ausleger wie Chrys. diejenigen Gebote verstanden, welche Christus „im 
Begriff stand als Gesetzgeber zu verkündigen". 

®') Das zweite naiiü.d-i bedarf an sich ebensowenig wie das erste 
einer ^'ähe^be8timmung(cf 14, lö; 24, 34f.; 2 Kr 5, 17; Jk 1, 10); andrer- 
seits ist anb Tov vöiiov nicht = lov yöuov, was auch die Stellung vor 
Tiape/.&r, erfordern würde. Vielmehr ist die Vorstellung des Dahinfahrens 
und Vergehens mit derjenigen der Entfernung von einem bestimmten Ort 
oder Gegenstand in gedrängter Kürze zusammengefaßt cf 26, 39; Mr 14, 35. 



218 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

seine Geltung verlieren werde ; denn erstens wäre dies sehr un- 
deutlich ausgedrückt (cf 16, 28), und zweitens ist das gar zu selbst- 
verständlich, als daß es einer feierlichen Versicherung bedürfte. 
In der zukünftigen "Welt, in welcher es keine Sünde, keinen Tod, 
keine Ehe mehr geben wird, '^2) kann selbstverständlich eine Gesetz- 
gebung nicht mehr gelten, welche alles dies und noch vieles andere 
dieser Art voraussetzt. Ahnden Untergang der gegenwärtigen Welt 
und damit an die Vergänglichkeit alles dessen, was ihr angehört, 
wird nur darum erinnert, um zu sagen, daß das Gesetz nicht wie 
alle Dinge und Einrichtungen dieser vergänglichen Welt einem 
beständigen Wechsel des Wei-dens und Vergehens unterworfen sei, 
was Lc 16, 17 nur noch deutlicher ausgedrückt ist cf Mt 24, 35 ; 
1 Kr 7, 31; 1 Jo 2, 17, auch Job 14, 12. Eine sehr wesentliche 
Näherbestimmung aber ei'hält dieses Urteil über aie Unvergänglich- 
keit des Gesetzes durch die Schlußworte scog av TtötVTa yevrjrai. 
Schon durch die Stellung ist gesichert, daß dieses siog nicht eine 
müßige Wiederholung des vorangehenden €Cog bringt. Jenes nennt 
wie 28, 20 ecog Tfjg ovvteXelag rov aiCbvog lediglich einen Zeit- 
punkt, bis zu dessen Eintritt die Hauptaussage ihre Giltigkeit be- 
hält, dieses ein Ziel, welches jedenfalls erreicht werden muß. Wie 
so oft, bildet auch hier ylvsod'ai den Gegensatz zu einem seiner 
Verwirklichung harrenden, diese heischenden Wort, sei es ein ge- 
bietendes oder bittendes oder vei"heißendes Wort.^^) Im Gegensatz 
zu dem einen Jota und dem einen Häkchen, welche nicht dahin- 
f allen sollen, wird von allem, was im Gesetz gefordert ist, be- 
hauptet, daß es geschehen d. h. verwirklicht werden wird. Während 
andere Einrichtungen und Ordnungen im Lauf der Zeiten in Weg- 
fall kommen und durch andere ersetzt werden, ohne daß sie ihren 
Zweck erreicht haben, und weil sie ihn nicht erreicht haben, wird 
von dem Gesetz Gottes auch nicht der geringste Bestandteil dahin- 
fallen, ohne seine Erfüllung gefunden, seinen Zweck erreicht zu 
haben. Damit ist allerdings nicht nur die Möglichkeit gesetzt, 
sondern auch die Aussicht eröffnet, daß das Gesetz, nachdem es 
seine Erfüllung gefunden hat, aufhören wird, ein gebietendes, seine 
Erfüllung erst forderndes Gesetz zu sein. Wenn alles geschehen 
ist und geschieht, was geboten ist, hört das Gebot auf, Gebot zu 
sein. Aber wann wird dies geschehen sein und wodurch wird es 
geschehen? Indem Jesus sich feierlich dazu bekennt, daß während 
dieses Weltlaufs kein Teil des Gesetzes unerfüllt in Wegfall 

82) Cf Lc 20, 35 {= Mr 12, 25; Mt 22, 30); ö aldiv 6 fiellayv Mt 12, 32, 
b Iq-/öulvos Mr 10,30; Lc 18, 30. Der Eintritt desselben hat zur Voraus- 
setzung die avvxsleia rov alüfvoi (des gegenwärtigen Weltlaufs) Mt 13, 40. 
49; 24,3; 28,20. und er ist nicht zu denken ohne ein Neuwerden der 
Welt Mt 19, 28 cf 28 cf Jes 65, 17; 66, 22; 2 Pt 3, 13. 

'^3) Ps 33. 9 (Gen 1, 3—30 mit ovzcos) ; Mt 15, 28; 21, 21 ; 24, 34; 26, 54; 
1 Kr 15, 54; 1 Th 3, 4; Ap 16, 17; 21, 6. Auch Jo 1, 17 gehört dahin. 



c. 5, 17-20. 219 

kommen wird (v. 18), und indem er hiedurch seine Versicherung 
bekräftigt, daß es sein Beruf sei, allem, was von Gott und Rechts 
wegen gilt und insbesondere dem in Gesetz und Propheten nieder- 
gelegten "Willen Gottes zur Erfüllung zu verhelfen (v. 17), verbürgt 
er sich auch dafür, daß das durch scog ctv Tiävra yivr^xai be- 
zeichnete Ziel erreicht werde. Daß dies durch die eigene Ge- 
setzeserfüllung Jesu noch nicht erreicht ist, wurde schon gezeigt 
(S. 214 f.); und daß Jesus den Ausgangspunkt dieser ganzen Er- 
örterung, die v.aLa. €Qya seiner Jünger (v. 16), nicht aus den Augen 
verloren hat, zeigt v. 19. Aus der Beschreibung seines Berufs 
V. 17 und seinem Bekenntnis zu der bleibenden Geltung des Ge- 
setzes ergibt sich, daß die niedrigere oder höhere Stellung, welche 
die einzelnen Jünger in dem zukünftigen Himmelreich werden an- 
gewiesen bekommen, sich darnach bemessen wird, ob sie alle Ge- 
bote, auch jene geringsten, deren Bild Jota und Häkchen sind, durch 
ihr persönliches Verhalten übertreten oder erfüllen, und ob sie in ihrer 
Eigenschaft als Lehrer andere Menschen zu dem einen oder anderen 
Verhalten anleiten. "Während v. 17 y.aTCckveiv (15, 2 TtaqaßaivEiv 
= 15, 6 ä/.vQOvv) das eigene Handeln des Meisters und die ent- 
sprechende Einwirkung auf seine Hörer und Schüler zusammen- 
faßte, bezeichnet hier Ivsiv, wie das danebenstehende dLÖda'/.€iv 
ovTwg und das entsprechende TtOLElv "Kcu OLda.07.uv zeigt, nur das 
erstere. Daß das unerlaubte Auflösen der Gebote dem gebotenen 
Tun und Lehren voransteht, entspricht dem Zweck, die Jünger 
vor dem "Wahn zu warnen, als ob sie als Jünger Jesu und im 
Sinn ihres Meisters berechtigt wären, sich über die Fordei'ungen 
des AT's im einzelnen oder im ganzen hinwegzusetzen. Jesus 
setzt voraus, daß das bei ihnen nicht in gottloser Gesinnung, in 
frevelhaftem Übermut, wohl aber in "Unverstand, in Verkennung 
der Absichten Jesu oder in ungeduldiger Erwartung der kommenden 
Umwälzung aller Dinge geschehen könne. Denn nicht Ausschluß 
vom Gottesreich wie v. 20, sondern eine vergleichsweise niedrige 
Stellung in demselben wird die Strafe sein. Hier wie so oft '^*) 
tritt zu Tage, daß Jesus die ßaailela %. ov., auch wo sie wie hier 
von v. 3 an als die zukünftige neue "Weltordnung oder als die 
zum Gebiet der ausschließlichen Herrschaft Gottes gewordene "Welt 
angeschaut wird , nicht als ein Land unterschiedsloser Seligkeit 
aller seiner Einwohner vorstellt. Unbeschadet der allen Genossen 
der ßaoü.sia in und mit dieser zugesprochenen Verheißungen (v. 3 
bis 12), gibt es auch in der erschienenen ßaoü.eia eine Abstufung 
und Rangordnung unter ihnen, welche nicht ohne eine Organisation 
der Tätigkeiten zu denken ist. Die Treue oder Untreue gegen 

") Klein und groß im Himmelreich 11,11; 18,1—4; Lc22, 24— 27; 
in anderem Ausdruck Mt 19, 27—30; 20, 20-27; 25, 20—23; Lc 19, 15—26; 
22, 28—30. Cf 1 Kr 3, 8—15. 



220 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

das atl Gesetz wird nicht der einzige, aber doch ein Maßstab sein, 
wonach sich auch noch in der zukünftigen Welt die Rangstellung 
der Jünger Jesu bemißt. Die Scheu, den klaren Sinn von v. 17 
bis 19 gelten zu lassen, beruht größtenteils auf einer voreiligen 
Vergleichung der späteren Entwicklung der Gemeinde Jesu mit 
diesen Worten ihres Herrn. Es ist aber zunächst völlig auszu- 
scheiden die Frage, wie sich^zu denselben die von Paulus behauptete 
Unabhängigkeit der heidnischen Christenheit vom mosaischen Ge- 
setz verhalte. Denn Jesus hat ebensowenig wie Paulus jemals 
gelehrt, daß das dem Volk Israel gegebene Gesetz für die ganze 
Menschheit verbindlich sei. Er redet aber als Israelit zu Israeliten. 
Wie er grundsätzlich und tatsächlich seine irdische Berufsarbeit 
auf Israel beschränkt hat, so hat er auch allen Anklagen seiner 
Gegner zum Trotz stets behauptet, daß er das Gesetz der Väter 
nicht breche, sondern erfülle. Auch der Beruf seiner Jünger gilt 
zunächst dem Volk Israel (10, 5 f. 23), und die Gemeinde, welche 
zu sammeln sie ihm helfen sollen (4, 19; 9, 37 — 10, 15), bildet 
sich aus Israeliten. Darum gilt auch für sie die Pflicht der Treue 
gegen das Gesetz. Wenn daneben von anfang an die Predigt der 
ßaoileia und die auf Herstellung der ßaoilsla gerichtete Arbeit 
Jesu und seiner Jünger in ihrer Abzielung auf die ganze Mensch- 
heit dargestellt wird (s. zu c. 2, 1 ff. ; 3, 9 ; 5, 13 f.) und die Aus- 
dehnung des Reichs über Israel hinaus schließlich auch in den 
Auftrag an die Jünger aufgenommen wird (28, 19), so hat doch 
Jesus niemals Anlaß genommen, ausdrückliche Belehrung darüber 
zu geben, welches die Stellung der aus den Heiden zu sammeln- 
den Jüngerschaft zu Israel und seinem Gesetz sein solle. Was 
aber die aus Israel sich bildende Jüngerschaft anlangt, so ist tat- 
sächlich die durch das eigene Beispiel Jesu bekräftigte Lehre von 
V. 17 — 19 für dieselbe maßgebend gewesen (cf AG 21, 20), und 
ohne diese Voraussetzung sind die Kämpfe der Apostelzeit um das 
Gesetz geschichtlich unbegreiflich. Darüber, wann ein kleiner oder 
großer Teil des Gesetzes als erfüllt, und daher als hinfällig zu 
betrachten sei, hat Jesus im voraus keine Bestimmung getroffen, 
sondern es der von Gott gelenkten geschichtlichen Entwicklung 
überlassen, hierin die Jünger recht zu leiten. ^^) Seine Absicht 

^•^) Ein einigermaßen nachweisbares Beispiel ist die Stellung zum 
Tempelkultus. Jesus setzt als selbstverständlich voraus, daß die Jünger 
fortfahren, sich daran zu beteiligen (5, 23 f.), wie er selbst mit ihnen das 
Passalamm zur gesetzlichen Zeit gegessen hat, nachdem sie es in gesetz- 
licher Weise unter Aufsicht des Priesters im Tempel geschlachtet hatten 
(26, 17—30 cf Bd V, 685 A 71). Die aus den eigenen Worten Jesu er- 
wachsene und lange vor dem J. 70 in der Gemeinde entwickelte Erkenntnis, 
daß die durch das gesetzliche Opferwesen unvollkommen dargestellte Sühne 
der Sünden in der Selbstopferung Jesu zu stände gekommen sei, hat die 
Gemeinde von Jerusalem und ihre Lehrer nicht gehindert, sich zum Tempel 
zu halten, so lange sie dort geduldet wurden; und nicht theologische Er- 



c. 5, 17—20. 221 

war diesmal, sie vor schwärmerischer Überspannung und vor will- 
kürlichem Bruch mit den heiligen Ordnungen des AT's zu warnen. 
Sie sollen durch ein Wohlverhalten, welches sie von allen übrigen 
Israeliten und Menschen unterscheidet, sich vor der Welt als Jünger 
Jesu und Kinder Gottes beweisen (v. 16); aber sie sollen dies tun 
in den durch das AT vorgezeichneten Foi'men israelitischer Frömmig- 
keit und Sittlichkeit. Wie ein E,abbi seiner Zeit hat Jesus v, 18, 
19 den Jüngern di« Treue gegen das Gesetz eingeschärft. Daß er 
es damit nicht weniger ernst, sondern viel ernster als die Rabbinen 
meint, sagt v. 20. Der drohende Hinweis darauf, daß unvorsichtige 
oder pietätslose Verletzung des Gesetzes nicht ungestraft bleiben 
werde, wird durch die Erklärung Jesu (Xeyto yag v(.dv v. 20 wie 
V. 18) bestätigt, daß seine Jünger, die er nun wieder wie v. 17 
anredet, überhaupt nicht in die ßaOLLeia Eingang finden werden, 
wenn ihre Gerechtigkeit nicht so reich und voll sei oder werde, 
daß sie die Schriftgelehrten und Pharisäer in dieser Beziehung 
übertreffen.*^) Wie fast überall, wo Mt die Zunft der Rabbinen und 
die Partei der Pharisäer neben einander nennt, stellt er die erstere 
voran. Die nach Tausenden zählenden Pharisäer waren die Partei 
der nach Hunderten zählenden Schriftgelehrten. Was diese im 
Schulhaus ihre Schüler und in der Synagoge das Volk lehrten, 
wollten die Pharisäer in ihrem eigenen Leben und, soweit es an- 
ging, im Leben der Nation zur Geltung bringen. Daß das Er- 
gebnis dieser theoretischen und praktischen Bemühungen eine 
öi'/MLOOvvi] sei, durch deren Besitz diese Führer des in die Er- 
scheinung tretenden religiösen Lebens der Nation sich vor den Ab- 
trünnigen und Verkommenen, wie vor den Heiden auszeichnen, hat 

wägungen, sondern die Zerstörung des Tempels und der Untergang des 
priesterliclien Kultus haben diesem Verhältnis ein Ende gemacht. An Be- 
schneidung, Sabbath u. dgl. hat die jüdische Christenheit, auch soweit sie 
die durch Paulas bewirkte Bildung einer gesetz'esfreien Heidenkirche ohne 
Neid und Groll anerkannte, so lange festgehalten, als sie in der Geschichte 
nachweisbar ist cf GK 11, 668 f. und oben S. 26. Die meist sehr kurz- 
sichtigen und ungerechten Urteile der heidenchristlichen Kirchenlehrer dürfen 
uns nicht abhalten, anzuerkennen, daß diese judenchristlicheu Gemeinden 
das Wort und das Beispiel Jesu für sich hatten, wenn sie am Gesetz fest- 
hielten. Nur so konnten sie sich ihre Nationalität bewahren; und daß sie 
dies als ihre Pflicht ansahen, w^ir eiue natürliche Folge ihres Glaubens an 
eine zukünftige Bekehrung und Wiedereinsetzung ihrer Nation, worin sie 
nicht bloß mit Jesus (Mt 23, 39 cf 19, 28). sondern auch mit Paulus (ßm 11, 
13 — 32) einig waren. Es kann hier die Frage nicht weiter verfolgt werden, 
ob ohne diese Hoffnung der Glaube an eine völlige Erfüllung der in Mt 5, 18 
enthaltenen Weissagung aufrecht erhalten werden kann. Veranlaßt ist 
diese Frage; denn das atl Gesetz ist einem Volk gegeben. 

*") Über die abgekürzte Vergleichung cf Winer § 35, 5 ; § 66, 2 a. E. 
Der Ausfall von v. 20 nur in D mag durch Homöoteleuton entstanden 
sein s. zu v. 30. Wellh.'s Urteil, daß v. 20 „einigermaßen zwischen zwei 
Stühlen schwebe", zeugt nicht von Nachdenken s. oben im Text und unten 
zu 6, 1. 



222 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu, 

Jesus nie in Abrede gestellt (5, 46 f.; 9, 13). Aber ebensowenig 
läßt er ihnen den E,uhm der gewissenhaften Gesetzesausleguug und 
der aufrichtigen Gesetzesbeobachtung, Weit entfernt, seine Jünger 
vor peinlicher Genauigkeit in der Auslegung und übertriebener 
Gesetzlichkeit in der Beobachtung des Gesetzes, wie sie bei jenen 
zu finden sei, zu warnen, erklärt er die Gerechtigkeit der Kabbinen 
und Pharisäer und damit deren Auslegung und Erfüllung des Ge- 
setzes für ein dürftiges und unzulängliches Ding. Die Gerechtigkeit 
der Jünger muß eine reichlichere sein, wenn sie in die zukünftige 
ßaoiXeia, auf welche sie durch ihren Anschluß an Jesus die An- 
wartschaft besitzen, aufgenommen werden wollen. Damit sind wir 
wieder bei dem Gedanken der xaAa egya v. 16 angelangt, und wie 
dort ist auch hier durch Voranstellung von vf.i(I)v Nachdruck darauf 
gelegt, daß es sich um die den Jüngern eigentümliche Sittlichkeit 
handelt cf 6, 3 f. Nur besteht der Unterschied, daß die guten 
Handlungen der Jünger dort als ein Mittel ihrer Einwirkung auf 
die "Welt, hier als Bedingung ihrer eigenen Seligkeit bezeichnet 
sind: zwei Betrachtungsweisen, welche bereits v. 13 mit einander 
verbunden waren. Das in v. 16 aufgestellte Thema der folgenden 
Rede ist nunmehr so näherbestinimt : das eigenartige Wohl- 
verhalten, wodurch die Jünger sich vor der Welt 
als Jünger Jesu und als Kinder Gottes erweisen 
sollen, um ihren Beruf in der Welt auszuführen, 
oder , wie dasselbe unter anderem Gesichtspunkt auch benannt 
werden kann, diejenige Gerechtigkeit, ohne welche 
kein Jünger Jesu in das zukünftige und ewige 
Gottesreich Aufnahme finden wird, will bemessen 
sein nach der bejahenden Stellung Jesu zu dem im 
AT, insbesondere im Gesetz niedergelegten Willen 
Gottes, und nach seinem wegwerfenden Urteil über 
die Gesetzesauslegung der B/abbinen und die Ge- 
setzesbeobachtung der Pharisäer, 

Gegen die Gesetzesauslegung der Eabbinen wendet Jesus sich 
5, 21 — 48 ; gegen die Art der pharisäischen Frömmigkeit und 
Gerechtigkeit c. 6, Fünf- oder sechsmal stellt Jesus dem, was die 
Jünger bisher gehört haben, mit starker Betonung (syco de Xeyio 
v/iiZv) gegenüber, was sie jetzt von ihm zu hören bekommen v. 21. 
27, 33. 38, 43, wozu noch v, 31 f, hinzukommt, wo zwar das, was 
Jesus den Jüngern sagt, ebenso gegensätzlich betont ist, aber das, 
wozu er sein Wort in Gegensatz stellt, nicht ausdrücklich als das 
bisher von den Jüngern Gehörte bezeichnet ist. Aber auch v, 27. 
38, 43 liegt eine abgekürzte Foi*mel vor. Die vollständige Formel 
ff/.ovGazs ort kQQsd-iq rolg aQ%ctLoiQ v. 21 kehrt nur noch v. 33 
wieder.**') Damit verweist Jesus die Jünger nicht auf das, was 

®') Auch V. 27 haben alte Zeugen toZs ä^yaiots z. B. Sc, aber nicht 



c. 5, 21—48. 223 

in Gesetz oder Propheten geschrieben steht und zu lesen ist,^*) 
sondern auf das, was sie von ihren früheren Lehrern zu hören 
bekamen , ehe sie an Jesus als ihren einzigen Lehrer sich an- 
schlössen. Jenes Hören gehört der Vergangenheit an ; in der 
Gegenwart hören sie Jesum (7, 24. 26; 10, 27; 13, 16—23; 17, 5). 
Dieser Gegensatz kann nicht dadurch verdunkelt werden, daß die 
so eingeleiteten Worte teilweise im Pentateuch zu lesen sind ; denn 
die ßeligionslehrer des Volks, welche die Jünger früher in der 
Synagoge gehört hatten, waren Schriftausleger und Gesetzeslehrer; 
und was man von ihnen zu hören bekam, war teils aus dem AT 
vorgelesen, teils aus demselben abgeleitet. Von alle dem konnte 
gesagt werden: fjf^iEig rjyiovoaf-iEV ix tov vöjuov Jo 12, 34, und der 
rechte Jude war immer ein '/.aTrjXOVf.i€vog £X rov vö(.iov ßm 2, 18. 
Es ist also nicht nur nicht gesagt, was ja sehr einfach zu sagen 
war (19, 7 — 9), sondern es ist durch die beharrlich angewandte 
Gegenüberstellung von '^zovGaze und eyio öh Xeyto ebenso formell, 
wie durch v. 17 — 20 materiell ausgeschlossen, daß Jesus v. 21^—48 
sich als einen neuen Gesetzgeber dem Moses und seine moralischen 
Forderungen als ein neues Gesetz dem mosaischen gegenüberstelle.*^^) 
Indem er sein Wort dem entgegensetzt, was die Jünger früher 
gehört haben, tritt er als der rechte Lehrer den Schriftgelehrten 
(cf 7, 29) und zwar, da es sich um die an das mosaische Gesetz 
sich anlehnende Sittenlehre handelt, als der rechte Gesetzesausleger 
der Behandlung des Gesetzes durch die ßabbinen im volkstümlichen 
Unterricht entgegen. Diese beschreibt Jesus zunächst an dem Bei- 
spiel des Verbots zu töten (Ex 20, 13; Deut 5, 17). Die Lehrer 
teilten dem Volk die geschichtliche Tatsache mit , daß zu den 
Alten d. h. zu den Israeliten der alten Zeit,^^) natürlich durch 

Ss nnd wahrscheinlich auch nicht Tatian, der es sogar v. 21 getilgt zu 
haben scheint, Forsch I, 133. Auch auf Iren. IV, 13, 1 ist nichts zu geben, 
da er in seiner freien Wiedergabe v. 27 mit der vollständigen Formel 
voranstellt, dann v. 21. 33 beides nur mit dictum est einführt. 

»*) Im Munde Jesu ysyeama, 4, 4. 6. 7. 10; 11, 10; 21, 13; 26, 24. 31 ; 
odx oder ovSsTzore ävsyvune 12, 3. 5; 19, 4; 21, 16. 42; 22, 31; ö avayivo'jay.tov 
t'oeirto 24, 15 ; ev ico vöaco %i ysy^amai ; TTöi^ ävuyivcüOicsis Lc 10, 26. 

®^) Im Anschluß an Jos 8, 32 sagt Orig. hom. IX, 3 in Jos. daß Jesus 
im Ev und besonders in der Bergpredigt, wie dort Josua das „Deutero- 
nomium" auf die lebendigen Steine des Herzens geschrieben habe. Gf 
übrigens die Auslegung des TilriQcöoai oben S. 213 A 77. 

»0) So ä(,xaios Lc 9, 8. 19; AG 15, 21 (etwa die Zeit seit Esra); 2 Pt 
2, 5; Ap 12, 9; 20, 2; Didache 11; Orig. de erat. 22, 2; von der Anfangs- 
zeit der christlichen Gemeinde AG 15, 7; 21, 16 cf Forsch VI, 71. 81. Jesus 
oder Mt hätten vom Standpunkt der Eabbinen auch loii rcaT()äaiv fjfuov 
(Mt 23, 30; Lc 1, 55; AG 3, 22 cod. D; 7.11—52 zwölfmal; 1 Kr 10, 1), 
allenfalls auch roia nQsaßvriQon (Hb 11, 2) sagen köunen. Gegen die 
Fassung von rois doxnlocs = ircb xcöv ÖLoyaiMv (Beza, Fritzsche, Ewald) 
entscheidet Folgendes: 1) Dieser sowohl klassische, als auch aramäische 
Gebrauch des Dativs bei passivem Verbum (Dalman Gramm.'^ S. 226, Nöldeke, 
Syr. Gr. § 247 a. E. 279"^) ist dem Mt fremd (denn 6, 1; 23, 5 ist nach 



224 Die Bergpredigt als Beispiel des Lelirens Jesu. 

Moses, gesagt worden sei: „du sollst niclit töten". Damit aber 
verbanden sie die im Dekalog nicht mit diesem Gebot ver- 
bundene und überhaupt nicht wörtlich im Gesetz zu findende Be- 
stimmung (cf Ex 21, 12; Lev 24, 17; Gen 9, 6; Num 35, 16—34), 
daß der Übertreter dieses Gebotes dem Gericht verfallen sei, von 
dem Richter darüber zur Rechenschaft gezogen werden solle. ''^) 
Hieran ist schon die kühie Form des geschichtlichen Berichtes 
auffällig; das Gebot wird nicht als ein heute wie gestern giltiger 

ocfdrivai oder (favfjvai c. dat. zu beurteilen Mt 1, 20; 6, 5; 17, 3) und über- 
haupt im NT sehr selten (Lc 23, 15 cf Buttmann S. 142). 2) Nach aller 
Analogie müßte es stor]rai oder ^Jlsitrai statt £()0£Ü-t] heißen cf Kühner- 
Gerth I, 422. 3) Daß kein alter Übersetzer oder Ausleger so verstanden 
hat, ist nicht zufällig; denn das gegenteilige Verständnis lag bei diesem 
Verbum ebenso nahe (Km 9, 12; Gl 3, 16; Ap 6, 11; 9, 4), wie es Mt nach 
seiner Schreibweise leicht hätte vermeiden können (durch vtiö oder Siä 
1, 22; 2, 15. 17. 23; 3, 3; 4, 14; 8, 17; 12, 17; 13, 35; 21, 4; 22, 31; 24, 15; 
27, 9). 4) Es ist nicht abzusehen, warum die ßabbinen sich auf die älteren 
uud ältesten Generationen ihrer eigenen Zunft, die ja an sich cioip 
(Schemtob) oder a^jt^NT (Delitzsch cf Schöttgen I, 33) heißen konnten, bei 
solchem Anlaß sollten berufen haben, wo sie gar keine rabbinische Tradition, 
sondern ein Gebot des Dekalogs und eine der Sache nach in der Thora ent- 
haltene, ganz allgemein gehaltene strafrechtliche Eegel reproducirten. 

*^) evoxos (= EveyöfcEvös tivi oder ev rivi) mit dem Dativ des Straf- 
gesetzes Plato legg. IX p. 869, der Anklage Xenoph. memor. I, 2, 64, der 
Strafe Plato legg. VIII p. 843, des eigenen Worts, wodurch man sich be- 
schuldigt oder verklagt Job 15, 5 cf Jos 2, 19, dem Eid, den man geleistet 
Oxyrh. Pap. IV, nr. 715 1. 31 oder der Person, gegenüber welcher man 
sich durch Eid verpflichtet hat Berl. ägypt. ürk. 92, aber auch des Ver- 
brechens Philo de Jos. 36 a. E. ; Musonius ed. Hense p. 101, 14, des Bluts, 
das man vergossen hat Deut 19, 10. Da das Wort so zu der Bedeutung 
von aiTtos übergeht, verbindet es sich auch mit dem Genitiv der Strafe 
Gen 26, 11; Mt 26, 66; Mr 3, 29; Hb 2, 15 [Sovlsias], des verletzten Gesetzes 
Jk 2, 10, des Verbrechens Philo de Jos. 37, des Gegenstandes, an dem man 
sich versündigt hat 1 Kr 11, 27. Beispiellos, aber doch unmißverständlich 
ist die Konstruktion mit eis t'hv yeevvav hier v. 22, nicht usque ad geennam 
(Fritzsche), was durch eojs bequem auszudrücken war (Mt 26, 38; Mr 6, 23; 
äx^t oder itex(n d-avärov AG 22, 4; Phl 2, 8). Es ist vielmehr nach 5, 29. 30; 
18, 9; Mr 9, 43—47; Lc 12, 5 ein rov ßlrjdfjvai zu suppliren. Das Urteil 
des Richters lautet: „ins höllische Feuer mit ihm". Derartige Ellipsen 
gerade mit eig ii sind ja sehr gebräuchlich. — Ob schon in v. 21, wie in 
dem Wort Jesu v. 22 unter ■>coiais die niederen Gerichte im Unterschied 
vom großen Synedrium zu verstehen sind, oder ob der Ausdruck allgemeiner 
zu fassen sei, ist zweifelhaft. Wie Mt 10, 17 ; Mr 13, 9 der Plural avv£ä(>ia 
alle, auch die niederen Gerichte umfaßt cf Mischna Sanhedrin I, 6 a. E., 
kitna mit v y.oLais, was ja überhaupt nicht eigentlich den Gerichtshof, 
sondern das Gerichtsverfahren bezeichnet, die Strafjustiz überhaupt benannt 
sein. Auch die Bezirksgerichte konnten auf Todesstrafe erkennen, wie aus 
V. 21 f. hervorgeht und durch Mischna Sanhedrin I, 4; Makkot I, 10 be- 
stätigt wird, und sie werden in Galiläa unter Herodes Antipas nicht grund- 
sätzlich, wie unter den röpiischen Proknratoren selbst das große Synedrium 
(Jo 18, 31), an der Vollstreckung gehindert gewesen sein. Die Abgrenzung 
der Kompetenz zwischen dem großen Synedrium und den niederen Gerichten 
betraf nicht den Unterschied von schweren und leichteren Kriminalfällen 
cf Schürer 11^ 179. 207. 



c. 5, 21-22. 225 

Willensausdruck Gottes verkündigt, sondern, ohne daß auch nur 
Oottes gedacht oder nach der Meinung und Absicht des Gesetz- 
gebers gefragt würde, wird davon als von einer aus der Urzeit 
«tammenden Satzung geredet. Weil es eine solche ist, muß es 
freilich beobachtet werden. Die einzige Belehrung besteht in dem 
Hinweis auf die strafrechtliche Folge der Übertretung. Die Unzu- 
länglichkeit dieser Art von Gesetzespredigt enthüllt Jesus v. 22. 
Sein Wort, welches er der Behandlung des Gebotes durch die 
Rabbinen entgegensetzt, stellt die zornige Erregung des Gemüts 
auf die gleiche Linie der Strafwürdigkeit mit dem Morde. Jesus 
tut dies aber in der durch das angeführte Beispiel rabbinischer 
Gesetzesauslegung dargebotenen Form, indem er dem, der seinem 
Bruder zürnt, ^^) dieselbe gerichtliche Aburteilung und Bestrafung 
zuerkennt, welche die Rabbinen dem Mörder und Totschläger in 
Aussicht stellten. ^^) Schon hier ist deutlich, daß es ihm nicht in 
den Sinn gekommen ist, an die Stelle des herkömmlichen Rechts- 
yerfahrens ein besseres zu setzen ; denn wie sollte der zornige 
Gedanke, der noch nicht einmal in einem Wort zum Ausdruck ge- 
kommen ist, der sich vielleicht noch hinter einem gleichgiltigen oder 
gar freundlichen Gesicht verbirgt, vor irgend ein menschliches 
Gericht gestellt und zur Verantwortung oder Bestrafung gezogen 

® Aus ähnlicheD Gründen wie v. 11 xftiSö/uavoi ist v. 22 hinter aitov 
ein eixfj zugesetzt worden. So mit der ganzen Masse der griech. Hss von 
D an (A C fehlen) schon Iren. lat. II, 32, 1 ; IV, 13, 1 ; 16, 5, wogegen IV, 
13, 3 nichts beweisen kann; ferner die Lat von Cypr. test. III, 8 bis zu 
August, z. St. {sine causa), alle Syrer (SsScS' np's, Sh poS), Tatian scheint 
stark abgekürzt und den ganzen Satz vom Zorn beseitigt zu haben. Dagegen 
om. eix^ N B, einige Min, Just. apol. I, 16 (allerdings stark gekürzt: 8s 
S'äv ö^yiadfi, sioy^ög earcv eh rö tivo)' Ptolem. bei Epiph. haer. 33, 6 (?); 
Tert. (s. Rönsch 69); Orig. griech. und lat. princ. III, 6; IV, 19; nur lat. 
hom. XI, 2 in Num.;.hom. IX, 3 in Jos., letztere Stellen um so mehr be- 
weisend, als den lat. Übersetzern die Zusetzung von ety-ij nahelag, wie Rufin 
in caut. lib. I (Delarue III. 39) es zugesetzt hat. Zu Eph 4, 31 Gramer, 
Cat. VI, 187 (bestätigt durch Hier. Vall. VII, 636 zu derselben Stelle) sagt 

Orig.: errei §s tives o'iovrai Ev).6ycos Ttork yiveod'ai opyTjv^ fti] xalcös nooa- 
tid'Bvtes Tcö B-öayyeXup rö „siy-fi'* • • • Svaiojri^ocofiev airovg ex rov rcQOy.Bi- 

fievov 6r,Tov, von späteren Scholiasten wiederholt s. Tisch, z. St. Ebenso 
urteilt Hier. c. Pelag. II, 5 in plerisque codd. antiquis . . . additum non est, 
zu Mt 5, 22 unter Berufung auf die „veri Codices" : radendum est ergo 
„sine cau8sa^\ darnach Vulg. Dnrch Hier, belehrt, übertreibt Aug. retract. 
i, 19 (oäices graeci non habent. Mit welchem Recht Tisch. J^ mit nB 
zusammenstellt, ist mir nicht klar. Nach der Ausg. von Rettig p. 31 ist 
ey.qevoyoi sehr eng geschrieben und daher vor x und hinter t] je ein Häkchen 
unter der Zeile, statt < in der Zeile = elyS,. 

®') Orig. citirt einmal hom. IX, 3 in Jos. vielleicht absichtlich homi- 
oida est statt wie sonst immer 7-eus erit judicio und trifft damit den Ge- 
danken Jesu. Noch einen Schritt weiter geht 1 Jo 3, 15; denn der Haß ist 
nicht der Zorn, sondern die stetige Gesinnung, deren erste, noch innerlich 
bleibende Betätigung die feindselige Aufwallung des Gemütes im einzelnen 
Falle ist, der Zorn, wie Jesus ihn hier meint. 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufi. 15 



226 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

werden ! Diese negative Eineicht wird dadurch bestätigt, daß Jesus 
den Fall des Mordes oder Totschlags gar nicht berührt, was man 
nicht daraus erklären darf, daß Jesus bei seinen Jüngern diesen 
Fall als von vornherein ausgeschlossen betrachtet habe. Auch das 
Dummwerden des Salzes v. 13 und derjenige Mangel an Gerechtig- 
keit, welcher von der Seligkeit ausschließt v. 20, und eine ßed©^ 
welche in die Geenna bringt v. 22, sollte bei den Jüngern Jesu 
nicht vorkommen, und doch hat Jesus sie genötigt, diese Fälle sehr 
ernstlich ine Auge zu fassen. Statt des Mordes, mit dem es der 
irdische Strafrichter zu tun hat, stellt er neben den zornigen Ge- 
danken die Anwendung zweier gewöhnlicher Schimpfwörter. Den, 
welcher das eine gebraucht, erklärt er eines solchen Verbrechens 
für schuldig, welches vor das Synedrium gehört, worunter hier, wo 
es einen Gegensatz zu dem gewöhnlichen Gericht (rij yigioei) bildet, 
wie auch sonst gewöhnlich (26, 59; Mr 14, 55; 15, 1 ; Lc 22, 66; 
AG 5, 21 etc.), der oberste Gerichtshof, das große Synedrium zu 
Jerusalem zu verstehen ist. Von dem aber, welcher seinem Bruder 
das zweite Schimpfwort zuruft, urteilt er, daß er als Strafe ver- 
diene, in die feurige Geenna, an den jenseitigen Ort der Qual 
geworfen zu werden. ^*) Nachdem Jesus bereits den bloßen Zorn 
auf gleiche Linie mit dem Mord gestellt hat, kann es nicht seine 
Absicht sein, die Anwendung irgend eines lieblosen und verächt- 
lichen Ausdrucks an sich als eine schwerere Versündigung im Ver- 
gleich zum Zorn darzustellen. Eine Klage wegen eines solchen 
Vergehens würde überdies das Synedrium wie jedes niedere Ge- 
richt als albern abgewiesen haben. Ebensowenig läßt sich zwischen 
dem vom Übersetzer beibehaltenen aram. Qay.d ^^) und dem griech. 

"*) yesvva (SsScSh hSni, S' Nin^) DOch nicht in LXX, siebenmal bei 
Mt, sonst Mr 9, 43. 45. 47 ; Lc 12, 5'; jk 3, 6, ist das hebr. üinu, vollständiger 
D!n (oder *J3) ]2 i^>i, im Targ. Jes 33, 14; 53,9; 66,24 (ohne genaues hebr. 
Äquivalent), im Talmud auch in hebr. Zusammenhang oin^J, Name des Tal» 
im Süden von Jerusalem, Stätte des Molochdienstes, in welchem Kinder 
verbrannt wurden Jer 2, 23; 7, 31 ; 19, 2 ff.; 32, 35; 2 Chron 28, 3; 33, 6, von 
Josia für unrein erklärt 2 Reg 23, 10 und wahrscheinlich seitdem Schind- 
anger Jer 7, 82 f.; 31, 40. Es wurde zum gewöhnlichen Namen des jen- 
seitigen Orts der Qual für die Gottlosen im Gegensatz zum Paradies cf 
Weber, System 341 ff. Auf das dort brennende Feuer wird Mt5, 22; 18.9 
(cf 18, 18; 3, 12) durch rov nvpös hingewiesen, noch ausdrücklicher Mr 9, 43. 
47 f. (Jes 66, 24), wieder anders Jk 3, 6. 

"*) Zu lesen ist nicht mit n*D und den meisten Lat (aber nicht k) 
(>uya, sondern ^axa mit den übrigen Uuc, Min und Versionen. Die Syrer 
(SsScShS\ je nach der schwankenden Vokalisation von S' als Ngn oder 
Ni^T zu sprechen s. Pusey-Gwilliam) haben das Wort als ein ihrer eigenen 
Sprache angehöriges nur transskribirt. Der armenische Übersetzer von 
Ephraims Komm zum Diatessaron (Moesinger p. 68) übersetzt, wie es 
scheint RaM durch vilis, neben /ucupe = stultus cf Forsch I, 13.3. 136. Das 
auch sonst bei den Syrern gebräuchliche Adjektiv (hebr. pi „dtinn, mager" 
vom Stamm ppn) hat bei den Syrern die Bedeutung ,. gering, verächtlich" 
angenommen, aber in der Anwendung auf Personen sich abgeBchwächt. 



c. 5, 21-22. 227 

^ioof', welches wahrscheinlicli in die jüdische Sprache der Galiläer 
aufgenommen war und von Jesus selbst in diesem Ausspruch 
gebraucht worden ist,^^) ein wesentlicher Unterschied feststellen. 
Und wenn doch das letztere für einen derberen Ausdruck lieb- 

Chrys , welcher die syrische Sprache und Sprechweise der Landbevölkerung 
bei Antiochien kannte (Forsch I, 40f.), sagt p. 214: „Dieses Raka ist nicht 
ein Wort schwerer Beleidigung, sondern vielmehr ein Ausdruck der Ver- 
achtung und Gering-^chätzniig des Eedenden. Denn, wie wir zu Dienst- 
boten oder ärmeren Leuten, wenn wir ihnen einen Befehl geben, sagen: 
,Du, geh hin; Du, sage dem und dem', so sagen die, welche der syrischen 
Sprache sich bedienen, BaJca, indem sie dies statt (unseresj Du setzen." 
Von einem Juden hatte Augnstin gehört: esse vocem jion significayifem 
aliquid, sed indignantis animi mofum ex2)n)nentem. Ähnlich wie Chrys. 
äußert sich ausführlich Op. imperf. p. 62. verbindet damit aber zugleich die 
Behauptung Racha quidem dicitur hebraice vacuus. So schon Hil. und die 
griech. Onom. ed. Lagarde p. 175, 30; 184, 47; 204, 27: xeiö,^, Hier, eben- 
äort p. 63, 3 racha vaniis, und zu Mt 5, 22: Raca eriim dicitur xeröi i. e. 
inanis aut vücu^ls, quem nos possumus vulgata injuria „absque cerebro" 
nuneupare. Diese letzteren dachten also an das hebr. p'". p"-'. In der Tat 
ist nz'1 eine bei den Juden übliche verächtliche Anrede gewesen (Levy 
8. V. und Lightfoot z. St.\ deren Übersetzung wir Jk 2, 20 lesen. Hierauf 
pflegt man das oaxä des Mt zurückzuführen, so auch Kautzsch, Gr. des 
bibl. Aram. S. 10; Dalman, Gr. des jüd. -paläst. Aram. S. 173 A 2, welche 
N^n als Verkürzung von -v^ = „leer"" fassen. Dabei beruhigen sich auch 
noch Merx S. 89, Wellh. S. 20. Aber die Transskription in i^axä bliebe 
unbegreiflich, wohingegen das syrische n;- lautlich identisch ist Daß 
letzteres im Talmud nicht vorkommt, beweist doch nicht, daß es nicht in 
Galiläa manchmal ebenso wie nach Chrys. bei Antiochien und, wie man 
nach den syr. Übersetzern annehmen muß, in Edessa als geringschätzige 
Anrede gebraucht wurde. 

®^) Da der griech. Leser ucopi nur als ein gut griech. Wort verstehen 
konnte, so ist auch nicht anzunehmen, daß der griech. Mt damit das hebr. 
Partie, nia (Deut 21, 18. 20; Mischn. Sanh. 8, 1 widerspenstig) transskribirt 
habe, wie Paulus I, 671 wollte. Auch wissen wir nichts davon, daß dies 
ein gewöhnliches Schimpfwort geworden ist. Andrerseits will erklärt sein, 
daß er das aram. oayd nur transskribiit und daneben das griech. /ucooi 
stellt Dies erklärt sich nur daraus. daG er in seinem Original eben dieses 
griech. Wort vorfand. In der Tat findet sich uoigöi und fno^i in der 
Midraschliteratur als n;'», D-;--a und sogar im Vokativ als nr:c cf Neubauer, 
Stud. Oxon. 1885, p. 55: Levy; Jastrow 748^ 749''; Krauß, Lehnwörter I, 
50; n, 328. Was scheinbar eine neben der Transskription oaxd stilwidrige 
Übersetzung ist, ist doch auch nur Transskription, aber zugleich Her- 
stellung des griech. Originals eines von Juden in Wort und Schrift ge- 
brauchten Schimpfworts. " Gerade Schimpfwörter entlehnt das Volk gerne, 
wenn auch nicht immer in tadelloser Aussprache, einer Nachbarsprache, 
wie bei uns canaiUe, co'ion, filou. Hat Jesus das Wort aus dem Munde 
seiner Landsleute genommen, so ist vollends verkehrt, was ohnehin unge- 
rechtfertigt ist, dem Wort einen tieferen religiösen oder moralischen Sinn 
beizulegen, wozu schon Hier, einen Anlauf nahm. Darum, weil der Tor 
(Ps 14, 1; 53, 2 'j?: LXX äyocor) in seinem Herzen spricht: ,.e3 gibt keinen 
Gott", heißt /uopös doch nicht Atheist. Innerhalb der Gleichnisse 7, 26; 
-ö. 2—8 bezeichnet es im Gegensatz zu fpöviuoi den Mangel an verstän- 
diger Überlegung cf 23. 17. 

15* 



228 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

loser Gesinnung gegolten hätte, als das erstere, was kaum anzu- 
nehmen ist, so bliebe doch dei* unendliche Abstand der Strafe, 
welche auf das eine oder das andere Schimpfwort gesetzt wird, 
unbegreiflich, und die Frage, welche weitere Steigerung der Strafe 
für den Mord übrigbliebe, unbeantwortlich. Und wenn es möglich 
wäre, daß ein Bezirksgeriq^t über zornige Empfindungen und das 
Obergericht über ein Raka-sagen ein Strafurteil fällte, so bliebe 
doch der Gedanke absurd, daß über den Zorn und das Raka- 
sagen MenKchen, über das More-sagen dagegen Gott das Urteil 
fällen werde, und daß für jene beiden Versündigungen nur eine 
zeitliche Strafe, für die dritte dagegen, die von der zweiten gar 
nicht wesentlich verschieden ist, die Strafe der ewigen Verdammnis 
verhängt werden solle, als ob Gott sich nicht um die sündigen 
Gedanken bekümmerte oder als ob er einzelne, willkürlich heraus- 
gegriffene Äußerungen der bösen Gesinnung seinem Gericht vor- 
behalten, andere moralisch gleichwertige dagegen den menschlichen 
Richtern überlassen hätte. Je einleuchtender die Absurdität dieser 
scheinbar sich ergebenden Gedanken ist, um so klarer ist auch, daß 
Jesus hier die Gesetzesauslegung der Rabbinen durch Nachahmung 
ihrer eigenen Methode geißeln will. Wie er das Ui'teil über die 
zornige Regung wörtlich der vorher angeführten Rede der Rabbinen 
entnommen hat, so ist auch die Unterscheidung dreier Stufen der 
Versündigung , die sich ins Unendliche fortsetzen ließe , den 
kasuistischen Distinktionen und Diskussionen der Rabbinen nachge- 
bildet, wie sie beinahe jeder Traktat der Mischna in Menge enthält. 
Aber aus dieser satirischen Form leuchten die schlichten Gedanken 
des neuen Gesetzesauslegers jedem gutwilligen Hörer verständlich 
hervor. Wer das dem Volk Israel gegebene Verbot des Tötens, 
wie es die Pflicht der Schriftgelehrten gewesen wäre, so auslegen 
will, daß es als Norm für das von Gott geforderte sittliche Ver- 
halten des Einzelnen, als Maß der persönlichen öixaioovvri dienen 
kann, darf nicht bei dem Buchstaben des Verbots und bei der Be- 
deutung des Gesetzes für die Strafrechtspflege im nationalen Gemein- 
wesen stehen bleiben. Er muß die auch in solchen Verboten, wie 
dieses, ausgesprochene Meinung und Absicht des Gesetzgebers in 
bezug auf das Verhalten des Einzelnen erforschen und dem Volk 
ans Herz legen. Dazu bedarfs keiner Gelehrsamkeit und keiner 
neuen Offenbarung. Wer da weiß, daß alle im Gesetz verbotenen 
Verbrechen aus den Regungen und Entscheidungen des Herzens 
hervorgehen (15, 19), und daß Gott selbst bei seiner Beurteilung 
der Menschen das Herz ansieht (1 Sam 16, 7 ; 1 Reg 8, 39 ; Ps 7, 10), 
und wer aus der täglichen Erfahrung weiß, daß die mannigfaltigen 
Äußerungen der Gesinnung wegen ihrer Bedingtheit durch äußere 
Umstände nicht der geeignete Maßstab für die Beurteilung der Ge- 
sinnung sind, muß auch der praktischen Auslegung des 5. Gebotes 



c. 5, 21—22. 229 

durch Jesus zustimmen. Nach dieser hat Gott durch das dem 
Volk gegebene Verbot des Tötens den Willen ausgesprochen, daß 
jedes Glied des Volkes jeglicher Äußerung der Lieblosigkeit in Ge- 
danken, Worten und Werken, der ersten Regung feindseligen Zornes 
wie des alltäglichsten Schmähworts und selbstverständlich alles 
gleichartigen Handelns bis zur Mordtat sich enthalte. Daß es einen 
berechtigten Zorn gibt und derselbe sich auch in Schmähworten 
und entsprechenden Handlungen äußern kann, lehrt nicht nur was 
vom Zorne Gottes gesagt wird, dessen Verhalten Jesus seinen Jüngern 
V. 44 — 48 als Vorbüd hinstellt, sondern auch das Beispiel Jesu.^^ 
In einer Auslegung des 5. Gebotes war die Erinnerung hieran ent- 
behrlich, weil sich von selbst versteht, daß nur solche zornige Ge- 
danken, Worte und Handlungen gemeint sein können, welche aoa 
der Lieblosigkeit hervorgehen, deren letzte Äußerung der Bruder- 
mord ist. Auch die Frage, ob Jesus unter dem Bruder hier und 
weiterhin den Volksgenossen oder den Mitmenschen oder gar nur 
den Rlitjünger verstanden haben wolle, braucht den x4.usleger dieses 
Spruchs nicht lange zu beschäftigen. Im Gebot hat das verbotene 
Töten überhaupt kein Objekt ; da aber das Gesetz einem abge- 
sonderten Volk gegeben ist, und da Jesus als Israelit zu Israeliten 
redet und im Gegensatz zu der oberflächlichen Belehrung des 
Volks durch die Eabbinen den Jüngern, die auch Glieder und zu- 
künftige Lehrer dieses Volkes sind, zeigt, wie aus diesem Gebot 
des Dekalogs die sittliche Forderung Gottes zu entnehmen sei, so 
werden sie bei dem Worte Bruder nur an den Volksgenossen ge- 
dacht haben, und Jesus selbst bestätigt v. 47 dieses Verständnis, 
zeigt aber ebendort wie anderwärts, daß das gleiche sittliche Ver- 
halten auch gegenüber dem NichtJuden Pflicht sei, und daß der 
Begriff des Bruders oder des Nächsten der Ausdehnung auf alle 
Menschen ebenso bedürftig als fähig sei. — Aus seiner Auslegung 
des 5. Gebotes zieht Jesus eine zwiefache positive Folgerung, die 
im Grunde eine ist, zuerst in Form eines Beispiels aus dem Leben 
des nach dem Gesetz lebenden Israeliten v. 23 f., sodann in Form 
eines Gleichnisses v. 25 f. Es wird der Fall gesetzt, daß jemand 
eine Opfez-gabe zum Altar zu bringen im Begriff steht und dort 
d. h. an dem Gitter angelangt, welches den Vorhof der Männer 
vom Vorhof der Priester und vom Brand opferaltar trennt, sich 
erinnert, daß einer, der sein Bruder ist, einen Anlaß zur Klage 
gegen ihn hat. Dann soll er die Opfergabe vor dem Altar liegen 
oder stehen lassen und zunächst hingehn und mit seinem Bruder 
eich versöhnen, und erst, nachdem er dies getan hat, die schon 
eingeleitete Opferhandlung vollziehen d. h. durch den Priester voll- 

*') Die Evv meiden in der Darstellung des Verhaltens Jesu nicht ein- 
mal die Werte oQyi\ Mr 3, 5, äi'f<c»V!:e<»'Mt 11, 20 (Mr 16, 14), noch weniger 
die stärksten Beispiele Mt 12, 34. 39; 16, 23; 23, 13—35. 



230 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

ziehen lassen. Alles was nur etwa der unkundige Leser einer 
späteren Zeit nicht weiß, wie z, B. daß der Israelit nicht an den 
Altar selbst herantreten und daß er nur durch den Priester sein 
Opfer darbringen kann, ist als nebensächlich übergangen. Es isi 
auch nicht geradezu gesagt, daß der Bruder gerechten Anlaß 
zur Beschwerde gegen den Opfernden hat. Es genügt, daß der 
letztere sich devssen bewußt wird, etwas getan oder unterlassen zu 
haben, was den Bruder veranlaßt, den Opfernden für seinen Feind 
zu halten.^*) Es wird auch nicht gesagt , ob es sich um ein 
Sündopfer oder ein Dankopfer oder ein Gelübdeopfer handelt. Es 
genügt der allgemeine Zweck aller Opfer , das Verhältnis des 
Menschen zu Gott zu betätigen oder wiederherzustellen. Die vom 
Gesetz vorgeschriebene Pflicht, durch eine Kultushandlung diesen 
Zweck zu verfolgen, soll zurückstehen hinter der Pflicht, das ge- 
störte Verhältnis zum Bruder, soviel an einem selbst liegt, wieder- 
herzustellen. Der Gott, welcher den Mord und damit den lieb- 
losen Zorn und die verächtliche Rede verboten hat, will kein Opfer 
annehmen von den Beleidigern und Feinden ihrer Brüder. Nur 
die Gaben der eiQrjVOTTOiol (v. 9) sind ihm angenehm. Wer betend 
oder opfernd zum Tempel kommt, erscheint vor Gottes Angesicht 
(Ps 42, 3 — 5); aber auch der Lebensweg des Menschen endigt vor 
Gott und zwar vor Gott als dem Richter. Diese natürliche Ge- 
dankenverbindung führt von dem Beispiel v. 23 f. zu dem Gleichnis 
V. 25 f. Daß hier ein Gleichnis oder genauer die allegorische Dar- 
stellung eines Vorgangs höherer Ordnung in Form eineS' dem All- 
tagsleben angehörigen Vorgangs vorliege , und nicht etwa eine 
Mahnung zur Vermeidung von vermögensrechtlichen Prozessen vor 
dem menschlichen Geiicht durch rechtzeitige Nachgiebigkeit, ist 
von jeher von den Meisten erkannt worden, ^^) wie es in der Tat 

»«) Der umgekehrte Fall ist Mr 11, 25 gesetzt. Sonst cf Ap 2, 4. 14. 20. 
— StaXdaaead-ai nur hier im NT, dafür D allein das gewöhnliche aaralldytjdi. 
Stets ist es der durch sein Verhalten Verfeindete oder Entfremdete, welcher 
sich versöhnen oder versöhnt werden muß 1 Kr 7, 11; Em 5, 10; 2 Kr 5, 
18 — 20. Als exd^ös steht der Opfernde dem Bruder gegenüber,., auch wenn 
die Anklage des letzteren auf Irrtum, Mißverständnis oder Übertreibung 
beruhen sollte, und er ist es wirklich, wenn er sich nicht bemüht, das 
friedliche Verhältnis wiederherzustellen. 

*^) Eine Ausnahme macht unter den Alten Chrys., den die Absurdi- 
täten der meisten älteren Ausleger von der Anerkennung einer Parabel 
abschreckten. Besonders an der Deutung des ärriSixoe hat rnau sich ab- 
gemüht. Valentiuianer der orientalischen Schule verstanden darunter das 
Fleisch. Giern, exe. e Theodoto 52; Clemens verwirft dies ström. IV, 97 
und will den Teufel darunter verstanden haben cf 1 Pt 5, 8. Dies ließ 
Orig. gelten, wollte aber damit die Deutung auf das Gesetz verbunden 
haben (Cat. in Matth. ed. Possinus p. 72 cf Forsch II, 38), welche letztere 
große Verbreitung fand cf. Ambrosiaster, quaest. 70 ed. Souter p. 122; 
August, u. a. Alle solche Künste ablehnend gab Hil. in aller Kürze, Op. 
imperf. ausführlicher eine schlichte praktische Deutung der schlichten 
Parabel. 



c. 5, 23—26. 231 

zweifellos ist sowohl wegen der feierlichen Versicherung v. 26, als 
wegen des in v. 25 vorausgesetzten Falles, der bei irdischen Pro- 
zessen kaum vorkommen wird, daß nämlich die im Streit liegenden 
Parteien den "Weg zum Richter gemeinsam machen. Aber mit der 
Anerkennung des parabolischen Charakters der Rede ist die richtige 
Auslegung noch keineswegs gesichert. Es kann hier keine Theorie 
der Parabel und der Parabelauslegung vorgetragen werden, um 
welche man sich in neuerer Zeit eifrig bemüht hat.^) Nur das 
Eine möchte ich nicht unbemerkt lassen : es läßt sich keine überall 
anwendbare Regel darüber aufstellen, in wieweit in jedem Fall die 
einzelnen Züge des zur bildlichen Darstellung verwendeten Vor- 
gangs durch die Natur des gewählten Bildes unvermeidlich gegeben 
sind und daher keinen Anspruch auf selbständige Bedeutung haben 
oder geradezu eine Unähulichkeit der verglichenen Vorgänge dar- 
«tellen, und in wieweit dagegen die einzelnen Züge des Bildes 
ohne eine aus der Natur des Bildes sich ergebende Notwendigkeit 
frei erfunden sind, um etwas besonderes auszudrücken, was das 
Bild ohnedies nicht sagen würde. Im vorliegenden Fall hätte die 
Auslegung ihre schlimmsten Fehler vermeiden können, wenn sie 
den Zusammenhang der Parabel mit der vorangehenden unbildlichen 
Rede mehr im Auge behalten hätte. Die Anrede dessen, gegen 
welchen der Bruder eine Klage oder Beschwerde hat (v. 23 f.), 
setzt sich in v. 25 ununterbrochen fort, so auch die dortige Vor- 
aussetzung. Daher braucht nicht erst der Fall gesetzt zu werden, 
daß einer einen Rechtsstreit mit seinem Nächsten hat, sondern es 
wird als aus dem Vorigen bekannt vorausgesetzt, daß der An- 
geredete einen Widersacher habe (cf Lc 18, 3), der ihn vor dem 
Richter zu verklagen im Begriff steht. 2) Das ist eben der Bruder 
von V. 23, welcher Grund zur Klage gegen den Angeredeten hat. 
Dadurch ist auch das Objekt des vorgestellten Rechtsstreites be- 
stimmt : es ist ein Tun oder Unterlassen des Angeredeten, welches 
dem Bruder Anlaß zur Beschwerde gibt. Es könnte im einzelnen 

') S. die wichtigere Literatur unten zu c. 13. 

*) In der Parallelstelle Lc 12, 58 f. ist der xqittis zunächst durch 
aQxci^' allgemeiner als höherer Beamter bezeichnet, ferner der Gerichts- 
diener statt inriQexrjs (Mt 26, 58; Jo 7, 32. 45 f.; 18, 12; AG 5, 22. 26 die 
Polizeisoldaten des Synedriums) nQdxnoQ genannt und statt des lat. 
r.oS^dpTrjs (quadrans) das griech. lartTÖi' gewählt cf Lc 21, 2 mit Mr 12, 42. — 
Plutarch, Cicero 29, 5, iö Si XeTiroraroi' rov yaXy.ov vouiaiiaros ^Pa)ualot 
KovadQdvxrjv yccXovaiv. Der Quadrans (auch vou den Juden o-j^imp genannt) 
war die kleinste römische Kupfermünze in der Kaiserzeit, = V4, -A-S {äoad- 
Qiov Mt 10, 29), und nach Mr 12, 42 vom doppelten Wert eines /.emöv (bei 
den Juden ntinB cf Einl I, 46; IT, 256), einer uichtrömischen Müuzsorte, 
deren griech. Name bei den heutigen Griechen den Centime bezeichnet. — 
Der Spruch des Sextus ed. Elter p. VII Nr. 39: ^«xäjs ^divTa fierä rijr 

dnaU.ay^iv xov adjfiarog eid'vvei. xaxös Saifuoi', fie/Qn ov xal rör ea^nrov 
xoSodvTTiv d-jToldßrj scheint auf der gnostischen Deutung von Lc 12, 68 (s. 
vorhin A 99), besonders des dTtijV.dxdai d/t' avrov zu beruhen. 



232 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Fall Versagung einer pflichtschuldigen Geldleistung sein, aber eben- 
sogut ein kränkendes Wort oder eine schädigende Handlung, kurz 
jede Versündigung am Nächsten. Wie so oft werden hier die Ver- 
sündigungen überhaupt, sowohl gegen den Mitmenschen als gegen 
Gott, als Geldschulden vorgestellt, welche entweder eingetrieben 
oder erlassen werden, cf 6, 12. 14; 18, 21 — 35. Hiernach versteht 
sich von selbst, daß es sich um das göttliche Gericht handelt, in 
welchem der Rechtsstreit schließlich entschieden wird , wenn er 
nicht vorbei zwischen den Streitenden selbst geschlichtet ist. Da- 
mit ist weiter gegeben , daß der Weg , auf welchem sich die 
Streitenden befinden, der Weg durch das irdische Leben ist; denn 
nur die auf Erden Lebenden können einen zwischen ihnen aus- 
gebrochenen Streit schlichten. Schon der Tod eines von beiden 
macht das unmöglich, und jenseits des Todes steht der Richter 
und das Gericht (E,h 9, 27). Daher wird der, welcher an dem 
Bruder sich versündigt hat, aufgefordert, ohne Säumen, ehe es zu 
spät ist, d. h. solange er selbst und der in seinem Recht gekränkte 
Bruder noch im irdischen Leben stehen, sich mit diesem zu ver- 
söhnen ; und Jesus bekräftigt diese Mahnung durch die Drohung, 
daß anderen Falles im göttlichen Gericht das unerbittliche Recht 
an ihm zum Vollzug kommen werde. Dem tcqCütov v. 24 ent- 
spricht das raxv v. 25. Das Opfer im Tempel kann hinausge- 
schoben werden, die Versöhnung mit dem Bruder leidet keinen 
Aufschub, weil niemand weiß, wie lange er oder der Bruder auf 
Erden leben. In der Mahnung wie in der Drohung wird das ge- 
wählte Bild von der unerfüllten unbezahlten Geldforderung und 
Geldschuld streng festgehalten. Auch das ^iod-L ivvoCbv fällt nicht 
aus demselben heraus. Es drückt nur das gutwillige Entgegen- 
kommen aus, welches dem sein Geld Fordernden oder in seinem 
Besitzrecht Gekränkten zeigt, daß er es nicht mit einem böswilligen 
Schuldner zu tun hat. Dies kann sich in verschiedener Weise 
zeigen, nicht nur in Zahlung der strittigen Summe, sondern auch 
in der Anerkennung des Rechts des Anderen und im Unvermögens- 
fall in dem Versprechen späterer Zahlung und der Bitte um Auf- 
schub (18, 26. 29). Außer dem dargelegten Grundgedanken der 
Parabel bleibt nichts übrig, was als Ausdruck eines besonderen 
Gedankens und nicht als unvermeidliches Darstellungsmittel aufzu- 
fassen wäre. Weil die Versündigung am Bruder als unbezahlte 
Geldschuld vorgestellt ist, wird auch die Strafe dem entsprechend 
dargestellt als ein strafrechtliches Verfahren, wie es in solchen 
Fällen zur Anwendung zu kommen pflegt, mit Richter, Gerichts- 
diener und Schuldgefängnis. Es sind daher müßige und nicht zu 
beantwortende Fragen, wer der Gerichtsdiener sei, oder ob der, 
welcher wegen einer Versündigung am Bruder, für welche er nicht 
dessen Vergebung gesucht hat, im jenseitigen Gericht bestraft 



I 



c. 5, 23—26, 27—30. 233 

worden ist, noch etwas leisten könne, und was er etwa leisten 
könne, um der Strafe entledigt zu werden. Nicht einmal die Frage, 
wer der Richter sei, z. B. ob es, da Menschen nicht über Tote 
richten können, Gott oder Christus sei, ist veranlaßt. Unter dem 
Bilde eines irdischen Gerichtsverfahrens ist lediglich die Tatsache 
des auf das irdische Leben folgenden jenseitigen Gerichts darge- 
stellt, welche oft genug ohne Hinweis auf die Person des Richters 
vergegenwärtigt wird (12, 36 cf zu 5, 7 ; Jk 2, 13 ; Hb 10, 27). Nur 
aus dem Zusammenhang mit v. 23 f. und mit v. 21 ergibt sich, 
daß hier nicht Christus (7, 22; 13, 41; 16, 27; 25, 31), sondern 
Gott, der Gesetzgeber, dessen Gebot Jesus hier auslegt, auch als 
der Richter zu denken ist (Jk 4, 12). Was Jesus v. 23 — 26 als 
notwendige Folgerung aus dem richtig ausgelegten 5. Gebot fordert, 
ist der aufrichtige Versuch, mit dem Bruder, dem man Anlaß zur 
Beschwerde gegeben oder an dem man sich wirklich versündigt 
hat, wieder in ein Verhältnis des Friedens zu kommen. Dies aber 
fordert er mit aller Entschiedenheit, indem er zuerst erklärt, daß 
dies eine Pflicht sei, welcher vor allen Kultuspflichten des gesetz- 
mäßig lebenden Israeliten der Vorrang gebühre, und sodann ver- 
sichert, daß das göttliche Gericht an dem, welcher diese Pflicht 
unerfüllt läßt, unnachsichtig Strafe üben werde. 

Mit abkürzender Wiederholung der einführenden Worte von 
V. 21 (s. oben S. 222 A 87) geht die Rede v. 27 vom 5. zum 
6. Gebot (Ex 20, 14; Deut 5, 17) über. Obwohl das, was so ein- 
geleitet wird, nichts anderes ist, als das mosaische Verbot oi) f.ioi- 
Xivosig, läßt die Form der Einführung ohne das hiefür unwesent- 
liche tolg aoxcüoig doch keinen Zweifel darüber, daß Jesus auch 
hier nicht dem Dekalog an sich, sondern der Behandlung desselben 
seitens der Rabbinen seine Auslegung desselben gegenüberstellt. 
Was er an jener zu rügen findet, ist diesmal, daß man sich damit 
begnügte, das Verbot als eine uralte Satzung in Erinnerung zu 
bringen, anstatt aus dem Verbot des Volks- und Staatsgesetzes den 
der Einzelperson geltenden und nur durch sittliches Verhalten der 
einzelnen dem Gesetz unterstellten Personen zu verwirklichenden 
positiven Willen Gottes in bezug auf die Ehe zu entwickeln und 
die Gelegenheit des Unterrichts aus dem Gesetz zu einer moralischen 
Belehrung über die Heiligkeit und die rechte Behandlung der Ehe 
zu benützen. Es verhielt sich nicht wesentlich anders mit der 
Behandlung des 5. Gebotes v. 21 ; denn der Hinweis nur auf die 
strafrechtliche Folge seiner Übertretung war der stärkste Beweis 
für die Unterlassung einer mit Ernst auf die Erkenntnis und Er- 
füllung des göttlichen Willens abzielenden Gesetzesauslegung. Eine 
solche läßt Jesus dem 6. Gebot angedeihen durch die Erklärung 
V. 28: Jeder, der ein Weib, selbstverständlich das Eheweib eines 



234 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Anderen anblickt ^) in der Absicht oder mit dem beabsichtigten 
Erfolg, daß er eine begehrliche Lust an ihr habe, hat bereits in 
seinem Herzen Ehebruch mit ihr getrieben. Nicht erst den lüsternen 
Blick auf das AVeib des Anderen nennt Jesus Ehebruch, sondern 
durch den Aorist kfxoix^voev neben dem Präsens ßleTtiov und durch 
das ijdr], welches auf diesen Gegensatz der Zeiten nachdrücklich 
hinweist, sowie durch die Bezeichnung des Herzens, nicht des Auges, 
als des Ortes, wo der Ehebruch sich vollzogen hat, ist unzweideutig 
ausgedrückt, daß schon der lüsterne Gedanke, welcher den Menschen 
antreibt, das fremde Weib anzuschauen, um dadurch seine Lust zu 
befriedigen, ein Ehebruch ist, welcher den lüsternen Blick und 
alle andere Betätigung der gleichen Gesinnung bis zum äußerlichen 
Ehebruch zur Folge hat und, was den Widerspruch gegen den 
Willen des göttlichen Gesetzgebers anlangt, mit ihnen allen auf der 
gleichen Linie steht. Daß Jesus hiemit nicht das unvollkommene 
Gesetz des Moses vervollständigt oder überboten, sondern so, wie es 
die Aufgabe des gewissenhaften Gesetzesauslegers ist, die Intention 
des Gesetzgebers ans Licht gezogen hat, beweist der Schluß des 
Dekalogs (Ex 20, 17 ; Deut 5, 18), an welchen jeder nicht ganz 
unkundige Hörer der Bede erinnert werden mußte. Auch diesmal 
läßt Jesus auf die hiemit gegebene moralische Auslegung des Ge- 
botes eine an den einzelnen Hörer gerichtete Forderung folgen, 
gegebenen Falles dieser Auslegung entsprechend zu handeln. Die 
Forderung wird aber diesmal nicht wie v. 23 durch ovv als Folge- 
rung aus dem Gesagten eingeführt, obwohl sie tatsächlich eine solche 
ist, sondern durch ö^ angeknüpft, weil der gesetzliche Fall ein anderer 
ist, als derjenige, auf welchen das Urteil v. 28 sich bezog. 

') Daß unter ßlsTteiv ywaixa nicht ein unbeabsichtigtes Erblicken, 
sondern ein bewußtes Hinblicken zu verstehen sei, folgt schon daraus, daß 
mit TToös c. inf. ein angestrebtes Ziel des ßXintiv genannt wird of 6, 1 ; 
13, 30; 23, 5; 26, 12; Mr 13, 22; auch Lc 18, 1 blickt die finale Bedeutung 
durch. Das früh, namentlich in freien Anführungen, aber auch in Hss wie 
K/^, 157 etc. eingedrungene e/ußlexpae oder sußlencov oder 8s äv efxßkexprj 
yvvfuy.i Just. apol. I, 15; Clem. öfter neben dem richtigen s. Barnard 1. i. 
p. 6) war eine sinngemäße, aber entbehrliche Verstärkung; denn ßlentiv 
hat nicht nur im Sinn von „Acht geben, sich hüten" und in Konstruktion 
mit ärro, eis und abhängigen Sätzen (Mr 4, 24; 8, 15; 12, 38; 13, 5. 23. 33; 
Lc 9, 62; Jo 13, 22; AG 3, 4; 13, 40), sondern auch c. acc. 1 Kr 1, 26; 10, 18; 
Phl3, 2; Kl 4, 17 cf Mrl3, 9; 2 Jo 8 den Sinn: ins Auge fassen, seinen 
Blick auf etwas lenken. — Hinter smdvjufjaai ist avzijv überwältigend be- 
zeugt. Die unklassische Konstruktion, welche der griech. Mt in nahe- 
liegender Erinnerung an LXX Ex 20, 17: Deut 5, 18 (al. 21) wählte, ver- 
anlaCte leicht die Verbesserung nirrji; (wenige Hss wie M ; Just. ap. I, 15 ; 
Atheiiag. suppl. 32 n. 8) oder die Fortlassung des entbehrlichen Objekts 
(n*, Tertull. oft s. Rönsch 8. 71f. ; Clemens auch wo er sonst genauer citirt 
Strom. III, 94, sonst meist npög emdv/uiap wie auch Athenag. 1. 1. und ein- 
mal Tert. pud. 6). Willkürlich abkürzend Tatian (Forsch I, 133): „wer 
anblickt und begehrt, bricht die Ehe", Ss Sc „wer ein Weib sieht und be- 
gehrt, hat mit ihr Ehebruch getrieben in seinem Herzen". 



c. 5, 27-30. 235 

Während nämlicli v. 28 vorausgesetzt wird, daß der Mensch in 
folge einer in seinem Herzen sich regenden sündhaften Begehrlich- 
keit willkürlich seinen Blick auf den durch Gottes Gebot ihm ver- 
sagten Gegenstand, auf das Eheweib eines Anderen richtet, wird 
nun der Fall gesetzt, daß die Anreizung zur Sünde von dem Auge 
des angeredeten Menschen ausgehe, und zwar eine solche An- 
reizung, welcher Widerstand zu leisten ihm die ICraft fehlt. 
Während nämlich OicdvöaXov *) den Gegenstand bezeichnet, welcher 
den, der auf seinem Wege daran anstößt, möglicher, aber nicht 
notwendiger Weise straucheln macht und zu Fall bringt, schließt 
GTiavöaki^eiv im Aktiv und Passiv regelmäßig diesen Erfolg ein. 
Je nach dem Endziel des OKavdaXll^eiv im einzelnen Fall und nach 
der Stellung, Haltung oder Bewegung, in welcher einer vor dem 
axavöaXi^€Gd-ai sich befand, bedeutet dies ein mehr oder weniger 
tiefes, immer aber ein verderbliches Fallen und Hinstürzen aus 
der relativ normalen Verfassung, in der er sich vorher befand. Es 
ist also hier der Fall gesetzt, daß nicht von dem argen Herzen, 
in welchem die Sünde bereits gesiegt hat, eine zu sündigem Handeln 
bestimmende Wirkung auf die Glieder des Körpers, beispielsweise 
die Augen ausgeübt wird, sondern daß umgekehrt von den Gliedern 
des Leibes, beispielsweise vom rechten Auge ein solcher Reiz zur 
Sünde auf das Herz oder den Willen ausgeübt wird, welchen der 
Mensch nicht zu überwinden vermag. Daß das Auge nicht an 
sich, sondern nur sofern es lusterregende Gegenstände wahrnimmt, 
vermittelst solcher Wahrnehmungen einen versucherischen Reiz aus- 
üben kann, versteht sich freilich von selbst. Nichts destoweniger 
ist der Gedanke nicht abzuschwächen, daß die eigene leibliche Natur 
des Menschen als der Sitz der sündhaften Begierde (cf Jk 4, 1 mit 
Jk 1, 14; 1 Jo 2, 16) und als das Subjekt der Versuchung zur Sünde 
betrachtet ist. Für den gesetzten Fall fordert Jesus, daß der Jünger 
das rechte Auge sich ausreiße und von sich werfe und begründet diese 

*) Ganz sinnlich Lev 19, 14 ein Gegenstand, an welchen der Blinde 
auf seinem Wege anstoßen und hinstürzen könnte. Da dies stets der 
Zweck des absichtlichen nd-evai (Ps 50, 20; 140, 6; Em 14, 13) oder ßdlleiv 
(Ap 2, 14) oder noieiv (Rm 16, 17) oder didövat (Sir 27, 26) axävSakov ist 
und es im Begriff des axavSalov wie der Synonyma n^öaxofina, nayis etc. 
liegt, daß es seinen verderblichen Zweck erreiche, so spricht man von 
einem elvai oder yh'eod'al nvi eis axdvbaXov (Jos 23, 13; Ps 69, 23; 106, 36) 
regelmäßig nur da, wo der, dem das ax. in den Weg gelegt ist, wirklich 
darüber zu Falle kommt (Mt 16, 23, wo dies nicht der Fall ist, liegt auch 
nicht diese Konstruktion vor). Das gilt aus dem gleichen natürlichen 
Grunde von axavSuXi^eir, -tsad-at : Dan 11, 41 (LXX, äod-trjfjoovaiv Theodo- 
tion, corruent Vulg.) und überall im NT s. besonders Mt 13, 21; 24, 10; 
26, 83. Hier, zu Mt 15, 12 p. 113 stellt axävSalop als synonym neben 
OHcülof (Ex 10, 7; Deut 7, 16; Jes 57, 14), bemerkt daznu os o/fcndiculum 
vel ruinam et impaciionem pedis possumus dicere und erklärt eben dort 
das scanäalizare aus Mt 18, 6: qui dicto factove occasionem ruinae cuiqiiam 
diderit. 



236 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

erschreckende Forderung durch das Urteil, es sei dem Angeredeten 
zuträglicher, daß eines seiner Glieder zu gründe gehe, als daß der 
ganze Leib in die Geenna geworfen werde."*) Schon durch die 
gattungsmäßige Bezeichnung des rechten Auges als eines der Glieder 
des Leibes und noch mehr dadurch, daß v. 30 dieselbe Forderung 
mit der gleichen Begründung auf die rechte Hand ausgedehnt wird, 
wozu doch die Auslegung und Anwendung des 6. Gebotes keinen 
unmittelbaren Anlaß bot, ist deutlich gemacht, daß es sich um 
Exemplifikation einer allgemeinen, mannigfaltigster Anwendung 
fähigen sittlichen Forderung handelt. Wenn der Mensch durch 
seine eigene leibliche Natur mit solcher Macht zur Sünde gereizt 
wird, daß er der Versuchung nicht Herr werden kann, soll er 
nicht nur bereit sein, denjenigen Teil seines Leibes, von welchem 
der Reiz ausgeht, und wäre es ein wertvollstes Organ , zu zer- 
stören, um dem Zwang zur Sünde und dem ewigen Verderben zu 
entgehen, sondern er soll dies wirklich tun. Jesus mutet hier 
dem Jünger im Kampf gegen die Sünde und im Bingen um die 
Seligkeit, äußerlich betrachtet, dasselbe zu, was jeder um der Er- 
haltung seines leiblichen Lebens willen wagt, der sich vom Arzt 
ein Glied amputiren läßt, um nicht in kurzer Zeit leiblich ganz 
zu gründe zu gehen. Und wie könnte er weniger fordern ! Fordert 
er doch anderwärts Hingabe des ganzen Leibes und somit des 
Lebens in den Tod um der Seligkeit willen (10, 28 — 39). Auch 
die Alternative, durch deren Vergegenwärtigung Jesus die Forderung 
begründet: „entweder mit verstümmeltem Leibe in die Seligkeit 
eingehen, oder mit heilem Leibe der Verdammnis anheimfallen" 
(cf 18, 8 f.), ist so unmittelbar einleuchtend, daß von hier aus 
jede Abschwächung der Forderung untunlich erscheint. Es ist 
auch keineswegs nur die Scheu vor der übermäßigen Strenge der 
Forderung, was von altersher zu Umdeutungen, insbesondere durch 
das Mittel der Allegorie die Veranlassung, aber nicht das Becht, 
gegeben hat.^) Mag in anderem Zusammenhang (18, 8f. = Mr 9, 

6) Hier wie 18, 8 f. (= Mr 9, 43—47), besonders ausdrücklich 10, 28 
(= Lc 12, 4 f.) ist vorausgesetzt, daß nicht nur die Seele, sondern auch der 
Leib des Sünders an den Ort der Qual komme. Das scheint eine Auf- 
erstehung der Gottlosen zum Gericht vorauszusetzen (Je 5, 29 cf Mt 25, 
30 f. 41). — Das Fehlen von v. 30 in D Ss genügt nicht, den Vers zu ver- 
dächtigen; denn beide haben mit manchen anderen Zeugen v. 29 ebenso wie 
V. 30 den Schloß änekdr] elg y. Es kann also der Ausfall durch Homöote- 
leuton entstanden sein. Interpolation aus 18, 8 oder Mr 9, 43 f. würde auch 
den Fuß mit hereingebracht haben, wie im Diatessaron Forsch I, 133. 135 

^) Orig. , dessen Auslegung von 5, 29 f. nicht erhalten ist, deutet 
18, 8 f. die Glieder zunächst auf die Ämter der Kirche (nach 1 Kr 12), dann 
auf die Glieder der Familie, stellt aber in seiner Besprechung von 19, 12 
tom. XV, 2 p. 653 auch diese Sprüche unter die Regel von 2 Kr 3, 6 und 
verwirft die Ansicht des Sextus, welcher die Forderungen buchstäblich ver- 
stand und die aus medicinischen Gründen vorgenommenen Amputationen 
als Analogie heranzog (ed. Elter p. V ur. 13. 273), ebenso einen ähnlichen 



c. 6, 27-30. 237 

43—47) die Möglichkeit einer allegorischen Deutung zu erwägen 
sein, hier ist eine solche durch den Zusammenhang ebenso aus- 
geschlossen, wie V. 25. Hat Jesus, wie sich namentlich aus v. 31 f. 
ergibt, die Erörterung des 6. Gebotes noch nicht verlassen, und 
hat Mt hier im Unterschied von 18, 8 f. das Auge vor die Hand 
gestellt, um das Wort von dem zur Sünde reizenden Auge v, 29 un- 
mittelbar an das "Wort von dem lüsternen Blick v. 28 anzuschließen, 
80 kann auch v. 29 unter dem Auge nichts anderes als das leib- 
liche Auge verstanden werden , welches in dem einen Fall das 
Werkzeug der Betätigung sündlichen Begehrens, im anderen Fall 
das Mittel der Reizung zu sündiger Lust ist. Aber jeder fragt 
sich, wie schon die alten Ausleger vielfach gefragt haben, ob das 
dem Wortlaut nach geforderte Handeln für den offenbar beab- 
sichtigten Zweck, nämlich die tlberft-indung der Sünde, dienlich sei. 
Wird nicht, wenn das rechte Auge ausgerissen ist, das linke dessen 
Dienst übernehmen? und gibt es nicht blinde Wollüstlinge, wie es 
auch wollüstige Eunuchen gibt? Scheinbar unbekümmert um die 
Ausführbarkeit und die praktische Zweckmäßigkeit der beispiels- 
weise geforderten Handlungen veranschaulicht Jesus in den beiden 
Beispielen einen Gehorsam gegen das 6. Gebot, welcher die Be- 
reitschaft in sich schließt, lieber ein wertvolles Stück des eigenen 
Selbst zu opfern, als in die Sünde zu willigen. Der geforderte 
Gehorsam ist ein unbedingter und auch die Forderung solchen 
Gehorsams ist eine unbedingte ; denn auch hier wie v. 20. 22. 26 
macht Jesus die ewige Seligkeit der Jünger davon abhängig, ob sie 
den von ihm aus dem Gesetz entwickelten Willen Gottes erfüllen 
oder nicht. Dagegen die Forderung bestimmter Handlungen, in 
welchen er die unbedingt erforderliche Gesinnung beispielsweise 
veranschaulicht, ist eine bedingte, und es fragt sich sehr, ob die 
bedingende Voraussetzung jemals wirklich werden wird. Es ist 
nicht zu übersehen, daß hier nicht wie v. 03 durch edv ein mög- 
licher oder durch brav ein je und dann sich verwii'klichender Fall 
gesetzt wird, sondern daß es v. 29 f. wie auch in der Parallelstelle 
18, 8 f. heißt ei-o/Mi'dali^ei, eine Satzform, welche bekanntlich eben- 
sogut einen nicht oder niemals wirklichen, als einen anerkanntei'- 
maßen vorliegenden Fall als wirklich setzt. Letzteres trifft hier 
jedenfalls nicht zu ; denn es ist keine am Tage liegende Wirklich- 

Spruch des Philo (Quod deter. pot. insid. § 48). Die Alten schwanken 
zwischen den beiden von Hier, nebeneinander gestellten Deutungen der 
Glieder 1) auf die lüsternen Gedanken und Regungen, 21 auf die zur Sünde 
reizenden Menschen, insbesondere die nächsten Angehörigen. Letzteres 
allein Hil. Chrys. (der übrigens i'a^' . . . ay.mda/.i^i; schreibt p. 225), Theoph. 
l;it. ; mehr verallgemeinernd und ohne die Beziehung auf das 6. Gebot fest- 
zuhalten Ephr. expos. ev. concord. p. 67; auch August. Strenger am Zu- 
sammenhang hielt Luther fest, der aber Auge und Hand von den Lüsten 
des Herzens verstand, und Calvin: resecandutn esse quidquid nos impedit, 
nt obsequium deo pratiteno.'.^ : . . . de cavendis illecehris. 



238 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu, 

keit, daß einer durcli die Glieder seines Leibes zur Sünde gezwungen 
wird, und es ist mehr als fraglich, ob Jesus es als wirklich würde 
gelten lassen, daß einer der angeredeten Jünger vermöge seiner 
leiblichen Natur der Versuchung zui- Sünde erliegen müsse. Also 
liegt hier wie so oft ein solches si c. ind. vor, welches ein von 
anderer Seite Behauptetes, aber von dem Bedenken keineswegs 
Anerkanntes als wirklich sfetzt.') „Wenn dich wirklich", wie man 
so manchmal zur Abschwächung der sittlichen Forderung oder zur 
Entschuldigung eines fleischlichen Vergehens sagen hört,^) „deine 
eigene leibliche Natur in Versuchung führt, und immer wieder zu 
Fall bringt, so bleibt kein anderes Mittel übrig, dich von solcher 
Knechtschaft der Sünde und damit vom ewigen Verderben zu retten, 
als daß da das Glied opferst, welches für dich ein unüberwind- 
liches Hindernis der Erfüllung des göttlichen Willens ist." So hat 
der griech. Mt diese Aussprüche verstanden. Aber auch wenn 
Mr 9, 43 — 47 in seiner Parallele zu Mt 18, 8 f. mit gleichem oder 
größerem Recht sav axavöaUarj und oxavdaU^rj os geschrieben 
hätte, würde nicht folgen, daß Jesus den hiedurch als möglich vor- 
gestellten Fall als einen bei seinen Jüngern möglicher Weise vor- 
kommenden gedacht und für diesen Fall, mit der Absicht hiefür 
Gehorsam zu finden, das Ausreißen des Auges und das Abhauen 
der Hand geboten habe. Denn Jesus hat auch sonst in dieser 
hypothetischen Form und zwar in unbildlicher Kede Handlungen 
und Ereignisse in Aussicht gestellt, welche niemals wirklich werden 
sollten.^) Mt hat nur die glücklichere, weil weniger dem Mißver- 
ständnis ausgesetzte Redeweise gewählt. Auch so noch ist die Rede 
Jesu ein überaus kraftvoller Ausdruck der unbedingten Pflicht, den 
göttlichen Willen, zunächst wie er in dem richtig ausgelegten 6. Ge- 
bot enthalten ist, zu erfüllen. — Die Leichtfertigkeit in bezug auf 
die Ehe, gegen welche Jesus ankämpft, fand einen sehr bezeich- 
nenden Ausdruck in der Handhabung der Ehescheidung seitens der 
Rabbinen. Daher wird auch diese v. 31 f. noch kurz besprochen, 
und zwar anhangsweise, wie die stark abgekürzte Einführung durch 
das bloße SQOsS'r] ö^ andeutet. Die Anknüpfung, welche v. 27. 38. 
43 fehlt, V. 33 aber durch ein ttccXiv hergestellt ist (cf 4, 7), ist 
hier eine gegensätzliche, ^°) weil es als ein Gegengrund gegen die 
von Jesus betonte Unverletzlichkeit der Ehe erscheint, daß im 



') Cf Mt 12, 26. 27; 27, 40. 43; auch wohl 4, 3. 6; Je 10, 37. 38; 1 Kr 
9, 17; 15, 13. 16. 32; Gl 5, 11. Cf Kühner-Gerth § 673 A 1; Blaß, Gr. § 65, 4. 
In diesen Fällen kommt die erste der 4 Arten des Konditionalsatzes mit 
der vierten ziemlich auf dasselbe hinaus. 

") Cf Weber S. 228 — 239 über das Verhältnis zwischen dem Leib, be- 
sonders auch dem Auge und dem „bösen Trieb", S. 236 über Konzessionen 
an die, welche den bösen Trieb nicht zu überwinden vermögen. 

9) Mt 17, 20; 21, 21 (in der Parallele Lc 17, 6 die Form der irrealen 
Bedingung); Lc 19, 40; Jo 8, 54. 55. Auch Mt 19, 24 gehört dahin. 

'") Das nicht verstandene Si strichen K/ZSsScS' u. a. 



c. 5, 31-32. 239 

Gesetz die Ehescheidung als ein selbstverständliches und unter Um- 
ständen unvermeidliches Vorkommnis erwähnt und über die Form, 
in welcher sie vollzogen werden soll, eine Bestimmung getroffen 
ist Deut 24, 1. Da der Anführung auch dieses Gesetzes v. 32 das 
tyu) de X^yci) gegenübertritt, so kann der Wegfall des rjy.ovouze ort 
nicht daraus erklärt werden, daß Jesus in diesem einen Fall sich 
gegen das mosaische Gesetz selbst wende. Auch hier ist es die 
rabbinische Behandlung des Gesetzes im Volksunterricht, der Jesus 
entgegentritt. Es ist, als ob der v. 27 begonnene Vortrag der 
Rabbinen über die Ehe sich hier fortsetzte und mit dem öi v. 31 
ebenso wie v. 21^. 33'' und mit dem -/.al v. 43'^ eine ergänzende 
Bemerkung eingeführt würde, wie sie die Rabbinen dem auszu- 
legenden Gebot hinzuzufügen pflegten. Der Sache nach verhält es 
eich auch so. Da aber v. 31 von v. 27 durch Jesu Auslegung 
des 6. Gebotes getrennt ist, so wird durch kooe&r^ de die übliche 
Verbindung der Bestimmung über die Entscheidung mit der Aus- 
legung des 6. Gebotes als ein Einwand gegen die von Jesus be- 
hauptete absolute TJnverletzlichkeit der Ehe eingeführt , wie dies 
auch 19, 7 geschieht, dort nur deutlicher, weil in einer förmlichen 
Diskussion mit den Pharisäern, hier in einer zusammenhängenden 
Rede Jesu, bei welcher er aber den Gegensatz zu den Pharisäern 
und Schriftgelehrten niemals aus dem Auge verliert. Anstatt daß 
diese ernstlich fragten, und das Volk anleiteten darnach zu fragen, 
was Gottes positiver Wille in bezug auf die Ehe sei, wurde die 
Bestimmung in Deut 24, 1 , wonach der Ehemann , der seines 
Weibes ledig zu werden wünscht, dies nicht formlos, sondern durch 
Ausfertigung und Einhändigung eines Scheidebriefs an das Weib 
bewerkstelligen soll, von den Gesetzeslehrern dazu benutzt, festzu- 
stellen, was erlaubt sei, d. h. was zu tun man sich erlauben dürfe, 
ohne sich mit dem Gesetz in Widerspruch zu setzen. Nur die Form 
der Ehescheidung ist geboten, eben damit aber erscheint auch die 
Ehescheidung selbst und somit auch die hiedurch ermöglichte 
Wiederverheiratung nicht nur des Mannes sondern auch des Weibes 
(Deut 24, 2 ; Rm 7, 3) für erlaubt und völlig tadelfrei erklärt zu 
sein. Jesus führt Deut 24, 1 sehr frei und in starker Abkürzung 
an, insbesondere ohne die Angabe des Umstandes, welcher dort als 
Grund der Scheidung genannt ist.-*^^) Schon darum war es ein radikaler 
Fehler der Auslegung, wenn man meinte, Jesus nehme hier Rück- 
sicht auf den Streit der Schulen des Hillel und des Schammai über 
die Ehescheidungsgründe d. h. über die Auslegung des hierauf be- 

**) Cf LXX 1. 1. säv Se TIS ^-ö-ßll ywaiy.a y.al avi.'Oiy.t]ai} uvrij^ xal earat 
»äp fit] tvQri yAoiv hvaiTiov airov, ort svqtj (al. Evorpcer) iv ainfj äa^r^uov 
TiQ&ffia (na^ nnj), yoI yodxpei. aiiT/J ßißliov &7ioaxnaiov y.ai Scboe.t eis rag 
Xe?f«p ainijg xal kiaTToareXtl aini;v ix rfjg oixias airoO. über die jüdischen 

Pentangen s. ^.n i9, 3. 




240 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrena Jesu. 

züglichen Ausdrucks in Deut 24, 1. Nach Mt 19, 3 ist Jesus ein- 
mal durch Pharisäer vor diese Streitfrage gestellt worden. Hier 
dagegen hatte er keinen Anlaß, sie zu berühren. "Was er dem 
Hinweis auf die vom Gesetz gestattete Ehescheidung gegenüber- 
stellt, ist wiederum nicht ein neues Gebot, sondern wie v. 22. 28 
ein weitreichendes Urteil^^ welches eben dadurch, daß es soweit 
über das gemeine Urteil hinausgriff, eine die herkömmliche Aus- 
legung des Gesetzes überbietende tiefere Auslegung desselben ent- 
hält, hier aber nicht von Deut 24, 1, sondern von Ex 20, 14. Jesus 
beantwortet in v. 32 nicht die Frage, in welchen Fällen oder in 
welchen Formen Ehescheidung gestattet oder geboten sei, sondern 
ergänzt mit besonderer Beziehung auf die Ehescheidung die in 
anderer Beziehung schon in v. 28 gegebene Antwort auf die Frage : 
wer übertritt das 6. Gebot? Sein Urteil lautet nämlich: „Jeder, 
der sein Weib entläßt, abgesehen von dem Fall, daß er es aus 
Anlaß von Unzucht tut, bewirkt damit, daß mit ihr Ehebruch ge- 
trieben werde, und wer eine Geschiedene zum Weibe nimmt, be- 
geht damit einen Ehebruch". ^^) Voraussetzung ist, daß nach dem 
Herkommen wie nach dem Gesetz die Scheidung das geschiedene 
Weib wieder heiratsfähig macht. Die Eheschließung aber zwischen 
einem geschiedenen Weib und einem zweiten Mann erklärt Jesus für 
Ehebruch und zwar in indirekter und direkter Form, indem er zu- 
erst den Mann, der sie entlassen hat, dafür verantwortlich macht, 
daß ein anderer Mann sie zum Weibe nehme und dadurch Ehebruch 
verübe, sodann aber indem er diese Handlung des zweiten Mannes 
geradezu für Ehebruch erklärt. In diesem Urteil ist das andere 
enthalten, daß die erste Ehe trotz der in der üblichen Rechtsform 
vollzogenen Scheidung noch fortbestehe, natürlich unter der Voraus- 
setzung, daß nicht inzwischen auf die Scheidung auch noch der 
Tod des ersten Gatten gefolgt, die Geschiedene also Witwe ge- 
worden sei. Wenn nun Jesus von dem Urteil über den Mann, 
welcher sein Weib entläßt, den Fall ausnimmt, daß Unzucht als 
Grund der Scheidung vorliege, so ist dem Wortlaut nichts anderes 
zu entnehmen, als daß in diesem Fall das Urteil nicht zutreffe. 
Die Meinung, daß Jesus hier über berechtigte oder unberechtigte 
Scheidungsgründe oder über den nicht von ihm citirten Teil des 
Scheidungsgesetzes ein Urteil abgebe , ist auch wegen des ab- 
weichenden Ausdrucks ^^) ganz unwahrscheinlich und hat die Ana- 

'^) Nach den Versionen scheint 8s av dnolvarj (SsSc, kab mit 
DEGSUVi^, Ferrargr.) überall älter zu sein als Tiäs ö anoXvcov (ShS'S^ 
Goth, jüngere Lat, Vulg mit nBKLM^/7) und letzteres nach Analogie 
von V. 22. 28 gebildet. — Die A-Uslassung von xul o,- — uoiyärat ist durch 
Dabk zu einseitig bezeugt, cf vorhin A 5. 

'') Cf Deut 24, 1 (A 11). Ttfuny.-cö^ bei Mt nur hier, nicht 19, 9, über- 
haupt selten AG 26, 29; Aquila Deut 1, 36 (LXX nlriv), von Clemens ström. 
III, 47 passender durch a;^«^'?, als ström. II, 145 durch Tt^v ei /uri wieder- 



11 



c. 5, 31—32. 241 

logie aller übrigen Teile des ßedeabschnitts v. 21 — 48 gegen sich. 
In keinem einzigen der Fälle hat Jesus eich auf die strafrechtliche 
und überhaupt die im Rechtsverfahren zu beobachtende Handhabun»- 
des Gesetzes eingelassen, wie er es hier nach jener Meinung getan 
hätte, sondern gerade im Gegensatz zu der einseitigen Auslegung 
und Anwendung des Gesetzes als eines Volks- und Staatsgesetzes 
entwickelt er überall aus dem Buchstaben des Gesetzes die darin 
enthaltene sittliche Forderung an den einzelnen nach der Gerechtig- 
keit strebenden Menschen, ohne irgendwo anzudeuten, wie diese 
Forderung zu der notwendigen Anwendung des Gesetzes im Ge- 
meinwesen, zur Justiz sich verhalte oder auch mit dieser sich ver- 
trage (s. oben zu v. 21 ff. 33 — 42). Obwohl durch rcaQey.rbg /.. n. 
nicht förmlich ausgedrückt ist, daß es sich um Unzucht nur des 
Weibes handelt, ist dies doch dadurch gesichert, daß im Vordersatz 
und im Nachsatz nur von einem Handeln des Mannes die E,ede ist, 
wofür nicht dessen eigene Unzucht das Motiv sein kann, und über- 
dies im Nachsatz von der dadurch veranlaßten Wiederverheiratung 
der Geschiedenen als einem Ehebruch, der mit ihr getrieben wird. 
Hievon kann der Fall der Ttooveia nur dann eine Ausnahme bilden, 
wenn die Frau sich ihrerseits vor der Scheidung mit einem fremden 
Manne eingelassen hat und somit bereits jemand mit ihr Ehebruch 
getrieben hat. In diesem Fall kann man nicht sagen, daß erst die 
Scheidung, welche ihr das Recht der Wiederverheiratung gibt, sie 
in die Lage bringe, daß Ehebruch mit ihr verübt werde. ITooveia 
ist alle ungesetzliche, außereheliche Befriedigung des Geschlechts- 
triebes (cf 1 Kr 7, 2), und Ttooveia des Eheweibes ist bei moralischer, 
nicht juristischer Betrachtung allemal Ehebruch (Ap 2, 20 — 22 cf 
Einl II, 621). Da aber der notorisch gewordene physische Ehe- 
bruch nach dem Gesetz mit dem Tode bestraft wurde (s. zu 1, 19), 
so wird hier, wo das Fortleben und die rechtliche Möglichkeit der 
Wiederverheiratung der Geschiedenen vorausgesetzt ist, nicht so- 
wohl an diese äußerste Gestalt der TtOQVsia zu denken sein, als 
an alles buhlerische Gebahren des Eheweibes im Verkehr mit einem 
fremden Mann. Der, welcher Lustgedanken im Herzen und den 

gegeben. Sehr ungenau SsSc: „sein Weib, über welches nicht Ehebruch 
gesagt wurde"; denn '/.öyos ist hier nicht Gerede, sondern entweder die 
Suche, von der die Rede ist, um die es sich handelt cf AG 15, 6, oder 
ahin. ratio, Grund ]\lt 19, 3. Beiderlei Gebrauch berührt sich mit "z-, ob- 
wohl LXX dies in der Bedeutung von Sache, Handlung, Rechtshandel nicht 




gibt. Das richtige Verständnis des Satzes hat im wesentlichen schon Orig. 
tom. XIV, 24 zu Mt 19, indem er darauf besteht, daß man ihn nicht ver- 
tauschen dürfe mit dem Satz: „niemand soll sein Weib aus einem anderen 
Grunde als dem der nooveia entlassen". 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 16 



242 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrena Jesu. 

lüsternen Blick auf ein fremdes Weib für Ehebruch erklärt (v. 28), 
sieht erst recht alles auf der Stufenleiter zwischen dem Lust- 
gedanken und der fleischlichen Vereinigung Liegende, was ein Ehe- 
weib von einem fremden Manne sich gefallen läßt, als Ehebruch 
an. In diesem Fall ist die Ehe schon gebrochen, ehe die Scheidung 
erfolgt, und es muß daher dieser Fall von dem Urteil ausgenommen 
werden, daß der Mann, dfer sein Weib entläßt, Anlaß dazu gibt, 
daß ein anderer Mann sie zur Ehebrecherin mache. Das hierin 
bereits indirekt ausgesprochene Urteil, daß jede Verheiratung eines 
Mannes mit dem geschiedenen Weib eines noch lebenden anderen 
Mannes Ehebruch sei, spricht Jesus v. 32^ auch noch direkt aus. 
Er tut es aber, ohne diesmal eine Ausnahme von der Regel zu 
erwähnen. Auch abgesehen von Lc 16, 18^, wo dieselbe Regel ohne 
jede Einschränkung steht, und abgesehen davon, daß im Rhythmus 
der Rede Jesu die Wiederholung wesentlicher Satzteile in parallelen 
Darstellungen ähnlicher Fälle die Regel ist (cf z. B. 6, 4, 6. 18), 
wäre es sachlich unstatthaft, das TtaQExrog X. n. ergänzend hinzu- 
zudenken ; denn auch in dem Fall, daß Unzucht des Weibes Grund 
der Scheidung gewesen ist, bleibt das Urteil von v. 32** in Kraft. 
Denn dieses Urteil {noiyß.xai cf 19, 9 nicht /.wixsvEi avrijv cf v. 28) 
lautet ja nicht dahin, daß der zweite Mann die Geschiedene durch 
die Verheiratung mit ihr zvir Ehebrecherin mache, sondern daß er 
selbst ein Ehebrecher werde. Sofern sie schon vor der Scheidung 
TlOQVsia getrieben, also nach dem Urteil Jesu bereits zur Ehe- 
brecherin geworden ist, würde ihre Wiederverheiratung für sie ein 
zweiter Ehebruch sein ; und dies würde selbst dann gelten, wenn 
es ein und derselbe Mann wäre, mit dem sie vor der Scheidung 
durch ihre TtOQVsia Ehebruch getrieben hat, und dessen Weib sie 
nach der Scheidung geworden ist. Dies würde jedoch nicht un- 
gesagt geblieben sein, wenn es vorgestellt werden sollte. Die Er- 
gänzung des 7iaQEY.Tog X. tc. in v. 32'' würde auch die unerträg- 
liche Folge haben, daß die Eheschließung mit einer aus irgend 
einem vielleicht ganz ungerechten Grunde Geschiedenen für Ehe- 
bruch, dagegen die Eheschließung mit einer wegen groben oder 
feinen Ehebruchs Geschiedenen für minder sündhaft, wenn nicht 
gar für erlaubt erklärt wäre. Mag immerhin die staatliche oder 
auch die kirchliche Gesetzgebung und Rechtspflege der praktischen 
Auslegung des 6. Gebots durch Jesus v. 27 — 32 (cf 19, 3 — 12; 
Mr 10, 2 — 11; Lc 16, 18) nicht nur Richtlinien, sondern auch 
kasuistische Bestimmungen entnehmen, Jesus selbst hat sich damit 
nicht zu schaffen gemacht, sondern hat für die, welche nach wahrer 
Gerechtigkeit streben und mit Ernst fragen, was Gottes fordernder 
Wille an sie ist, das 6. Gebot ausgelegt. Indem Gott den Ehebruch 
verbietet, verbietet er auch den Lustgedanken und den lüsternen 
Blick auf des Nächsten Weib (v. 28). Der Forderung, sich von 



c. 5, 33—37. 243 

aller geschlechtlichen Unreinheit frei zu halten, soll sich keiner mit 
der Ausrede entziehen, daß seine Sinnlichkeit ihn zur Sünde zwinge ; 
denn wenn das wahr wäre, würde auch jedes heroische IVIittel, sich 
dieses Zustandes zu entledigen, berechtigt und geboten sein (v. 29 
— 30). Auch durch die gesetzliche Bestimmung über das Ver- 
fahren bei der Ehescheidung und die darin liegende Konzession, 
unter Umständen die Ehe zu lösen, soll man sich nicht, wie es 
durch die herkömmliche Auslegung und Beobachtung des Gesetzes 
geschieht, den "Willen Gottes verdunkeln lassen, nach welchem die 
Ehe eine lebenslängliche Gemeinschaft eines Mannes mit einem 
Weibe ist, welche weder durch Lust und Laune der Ehegatten 
noch durch Bechtsverfahren und Bichterspruch aufgelöst werden 
soll, und welche in der Tat auch da, wo eine Scheidung erfolgt 
ist, nach Gottes Urteil fortbesteht, solange beide Gatten leben 
(v. 31 — 32). — Ein neues Beispiel von unzureichendem Unter- 
richt im Gesetz wird v. 33 wieder mit der vollen Formel wie v. 21 
eingeführt. Es ist zusammengesetzt aus kurzen und sehr frei ge- 
stalteten Erinnerungen an Lev 19, 12 („Ihr sollt bei meinem Namen 
nicht falsch schwören, und du soUst den Namen deines Gottes 
nicht entweihen") und Stellen wie Num 30, 3; Deut 23, 22 — 24, 
wo geboten wird, die Eide und Gelübde, wodurch man sich Gott 
gegenüber verpflichtet hat, nicht unerfüllt zu lassen. Nicht daß 
beiderlei Bestimmungen in kurze behältliche Form nach Art des 
Dekalogs gefaßt wurden, wird von Jesus gerügt, sondern daß, wie 
bei V. 27, die ganze Unterweisung in der bloßen AViederholung dea 
Gebotes bestand, und daß man, wie bei v. 31, aus der bloßen Vor- 
aussetzung des Gesetzes, daß nämlich Eide für notwendig gelten, 
eine Billigung dieser Notwendigkeit machte und sie als Anlaß zu 
einer leichtfertigen Gestaltung der Sitte benutzte. "Wenn nun 
Jesus dem gegenüber den Jüngern sagt, daß sie überhaupt ^*) nicht 
schwören sollen, so wird damit allerdings ein Verbot aller Arten 
von Eiden dem Verbot nur des lügnerischen und des nicht durch 
die nachfolgende Tat bestätigten Eides entgegengesetzt. Daß aber 



'■*) Wie 1 Kr 15, 29, wo es dem negativen Satz vorangestellt ist, be- 
zeichnet ölcos die ausnahmslose Giltigkeit des /urj buvvvcu, wie sU änav 
iu gleichem Zusammeuhaug Epict. euchir. 33, 5, cf Jk 5, 12 /urite ällnv ru-ct 
öoy.ov. Das Besondere, im Gegensatz wozu ölio?. gesagt ist (cf 1 Kr 6, 7 
Rechtsstreitigkeiten überhaupt im Gegensatz zu Prozessen vor heidnischem 
Gericht), bilden aber hier nicht wie Jk 5, 12 einzelne Schwurformeln, die 
noch nicht genannt sind, sondern das etiioo-aeiv v. 33. Nicht nur die Species 
des Falscbschwörens, sondern das ganze Genus des Schwörens untersagt 
Jesus. Wenn Bengel, der dies richtig bemerkt, hinzufügt no-n tarnen 
verum juramentum universaliter lirohihet, so läßt sich dies nicht durch 
grammatische und logische Umdeutungen der Worte eycb — duo^, sondern 
nur durch die weiterfolgenden Sätze begründen. Gegen die Versuche 
einiger älterer Ausleger, o/.coi als Zusammenfassung der im Folgenden auf- 
gezählten Schwurformeln zu fassen cf Tholuck. 

16* 



244 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Jesus trotzdem nicht jene Voraussetzung des mos. Gesetzes von der 
Zulässigkeit des Eides, sondern einen durch die Art des rabbinischen 
Unterrichts begünstigten Mißbrauch des Eides anfechten will, zeigt 
die folgende Aufzählung von Eidesformeln. Das von ihm unter- 
sagte Schwören wird durch ein vierfaches /.ii^ze zerlegt in ein 
Schwören beim Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem und bei dem 
eigenen Haupt. Es fehlt^das in der angezogenen Gesetzesstelle 
Lev 19, 12 als selbstverständlich vorausgesetzte, an anderen geradezu 
gebotene und so häufig in der Erzählung des AT's erwähnte 
Schwören bei Gott und seinem Namen. •^^) Die beiden ersten der 
von Jesus hier angeführten Formeln kehren Jk 5, 12 wieder, die 
erste auch Mt 23, 22, dort als die letzte in einer Reihe gleichartiger 
Schwüre : beim Tempel, bei dem Gold des Tempels, beim Altar, 
bei dem Opfer auf dem Altar (23, 16 — 21). Aus jener späteren 
Rede sehen wir nicht nur wie aus 5, 34 ff., daß die Juden jener 
Zeit in dieser Beziehung sehr erfinderisch waren, sondern auch, 
daß die Lehrer des Volks in Unterscheidung der vielen Schwur- 
formeln nach dem Grade ihrer Verbindlichkeit Großes leisteten und 
von gewissen nach ihrem Urteil minderwertigen Formeln geradezu 
leugneten, daß sie die verbindliche Kraft eines Eides besitzen. 
Gemeinsam ist allen hier wie dort angeführten Beispielen die Ver- 
meidung des Namens Gottes, und daß eben dies nach rabbinischer 
Ansicht die Heiligkeit der Beteuerung herabsetzen sollte, zeigen die 
Sätze, womit Jesus die Untersagung ihrer Anwendung begründet. 
Auch das Schwören beim Himmel oder bei der Erde ist ein heiliger 
Eid, vor dessen Anwendung man die gleiche Scheu haben sollte, 
wie vor einem Schwur bei dem lebendigen Gott; denn nach Jes 66, 1 
ist der Himmel ein Thron, die Erde ein Fußschemel Gottes. Auch 
die Anwendung des Namens Jerusalem zur Verstärkung einer Be- 
teuerung ist nur daraus entstanden und hat nur darum einen Sinn, 
weil Jerusalem die heilige Stadt (4, 5), der Ort des wahren Gottes- 

16) Gen 21, 23 f.; Jos 2, 12—14; Ex 22, 10; Deut 10, 20; Jes 65, 16. Die 
gewöhnliche Form: „so wahr Gott (oder Jahve) lebt" 1 Sam 14, 39; 2 Sam 
2, 27; 1 Eeg 1, 29; 17, 1. Dem entspricht die Beschwörung Jesu durch den 
Hohenprister Mt 26, 63 cf den Schwur des Engels Ap 10, 5 f., auch 1 Tm 
6, 18; noch enger an die hebr. Form sehließt sich Clem. Rom. I Cor 58, 2. 
Die Beschwörung bei Himt^el und Erde im Unterschied von einer solchen 
mit Nennung eines der Gottesnameu wird Mischna Sehebuoth IV, 13 für 
unverbiadlich erklärt. Für diesen Schwur (auch ohne Beiordnung der Erde), 
sowie das Schwören beim Tempel, welches Jesus nicht hier, aber Mt 23, 16 
erwähnt, bei Jerasalem und dem eigenen Haupt s. Beispiele bei Ligthtfoot 
p. 280f.; Dalman, Worte Jesu S. 168 f. Über die Meidung besonders des 
Jahvenamens beim Eide Dalman, Der Gottesname Adonaj. S. 60. 69. Der 
Schwur beim Haupte eines andern, selbst der Götter, aber auch bei dem 
eigenen war bei Griechen und Römern sehr gebräuchlich cf Grotins und 
Wettstein z. St. s. auch unten S. 248 A 19. — Plutarch, Aetia Rom. 
p. 275 C erwägt die Gründe, warum dem Priester des Zeus verboten sei, einen 
Eid zu schwören. 



c. 5, 33—37. 245 

dienstes (Jo 4, 20) oder, wie Jesus nach Ps 48, 3 sagt, die Stadt 
des großen Königs, nämlich des Gottes Israels (Ps 46, 5 ; 48, 2. 9) 
ist. Anders verhält es sich mit dem Schwur bei dem eigenen 
Haupt, welcher zwar durch ein viertes ^n]T£ den andern beigeordnet, 
zugleich aber durch Wiederaufnahme des öfxöoat v. 34 in öfÄÖorjg 
V. 36 von jenen abgesondert ist. Er enthält nichts, was unmittelbar 
an den Gott und den Glauben Israels erinnert, wie er denn auch 
bei Griechen und Hörnern üblich war. Er beruht aber auf der 
Voraussetzung, daß dem Schwörenden sein Haupt nicht nur vor 
allem anderen lieb, sondern auch unantastbar und unerväußerlich 
sei. Wer schwörend seinen Kopf für etwas einsetzt, redet, als ob 
er Macht über sein Leben hätte, wie etwa über einen anderen 
Besitz (cf Mr 6, 23). Die Unfrömmigkeit dieser Denkweise aufzu- 
decken, genügt die Erinnerung daran, daß der Mensch nicht die 
Macht hat, ein einziges seiner Haupthaare, das noch dunkelfarbig 
ist, weiß oder ein bereits grau oder weiß gewordenes wieder schwarz 
zu machen. Über das bloße Gegenteil des untersagten mannig- 
faltigen Schwörens führt die Forderung v. 37 hinaus : „es soll 
vielmehr ^^) eure Eede sein: ja, ja; nein, nein". Es wird nicht 
gesagt, was die Jünger in den Fällen, in welchen andere Leute 
schwören, statt dessen tun sollen, sondern eine für ihr Heden über- 
haupt geltende Eegel wird aufgestellt, deren Befolgung sie des 
Schwörens zu überheben geeignet ist. Der Versuch, das erste val 
und ov als Subjekt, das zweite als Prädikat zu fassen (Grotius), 
hat zwar die Analogie von Jk 5, 12 für sich, ist aber sprachlich 
unstatthaft. Der schöne Gedanke, welcher Jk 5, 12 seinen gut 
griechischen Ausdruck gefunden hat, kann hier doch nicht durch 
die ITbersetzung erzwungen werden: „es sei euer Jawort ein Ja," 
auch abgesehen davon, daß dem ersten ov alles fehlt, wodurch es 
als Subjekt kenntlich gemacht sein müßte. Aber in der Tat erregt 
der sprachlich deutliche Satz bei Mt' sachliche Bedenken. 
Soll denn wirklich alles Reden des Jüngers ein Ja- ja oder Nein- 
neinsagen sein ? Wenn aber Jesus den üblichen Gebrauch von 
allerlei Beteuerungen bekämpft, ist denn nicht die Verdoppelung 
des Ja und des Nein auch eine Beteuerung? Dieses Bedenken 
wird gesteigert durch das an die Forderung ergänzend sich an- 
schließende Urteil: „das, was über diese (Worte) hinausgeht, 
stammt aus dem Bösen, ist eine Folge des in der Welt vor- 
handenen Bösen" ^''). Obwohl to Tceqiooov tovtcov im Vergleich 

'^) So Se im Unterschied von dUd nach negativen Aussagen Mt 6, 33 
(Gegensatz zu 6, 31); 10, 6 (durch aäUoi' verstärkt); AG 12, 9 14. 

") Nach klass. Gebrauch von Tieoioodg und TieiJiaoeviov (Kühner-Gerth 
§420, 2'") ist roxniov ein komparativer Genitiv, anders dagegen 14, 20; 15,37 : 
wieder anders Em 3, 1. — tx toO Tiovrj^ov tonv heißt jedenfalls nicht „ge- 
hört zu den bösen Dingen", was sy. r&v novrj^wv erfordern würde cf Mt 
7,9; 26,73; Lei, 5; 22,3. Nur bei koUettiven Begriffen, wie der aus 



246 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesn. 

mit der von Jesus geforderten Redeweise und somit relativ 
gemeint ist, so ist doch eben damit, dem gewöhnlichen Gebrauch 
von TTfQLOOÖg entsprechend, alles weitere als überflüssig bezeichnet. 
Daher drängt sich die Frage auf, ob denn nicht auch das zweite 
Ja und das zweite Nein neben dem ersten entbehrlich und 
ebenso wie andere Beteuerungsformeln eine Folge des in der 
"Welt herrschenden Bösen tind eines Jüngers unwürdig sei. Mag 
anderwärts bezeugt sein, daß Jesus selbst weit über das einfache 
Ja hinausgehende Versicherungen ausgesprochen hat, so ist doch 
kaum denkbar, daß er eben da, wo er den Jüngern empfiehlt, sich 
aller über die schlichte Aussage des Wirklichen hinausgehenden 
Versicherung der "Wahrheit zu enthalten , die ihnen geziemende 
Rede durch ein doppeltes Ja oder Nein charakterisirt haben sollte. 
Dazu kommt, daß an einer Stelle, welche übrigens ganz wie ein 
getreuer AViderhall von Mt 5, 34 — 37 lautet, nämlich Jk 5, 12 
durch ein doppeltes val und ov der ganz andere, in sich klare und 
auch für unsere Stelle sehr passende Gedanke ausgedrückt ist : „es 
sei euer Ja ein Ja und das (d. h. euer) Nein ein Nein". Es kann 
doch nicht zufällig sein, daß mehrere alte Schriftsteller aus ver- 
schiedenen Kreisen, darunter auch solche, deren Bekanntschaft mit 
dem Jkbrief zweifelhaft ist, das "Wort Jesu als solches im übrigen 
nach Mt, in diesem Punkt aber nach der Form des Jk citiren.^^) 
Darin liegt mindestens ein Zeugnis der unmittelbaren Empfindung, 
daß Jk in diesem Punkt das Wort Jesu genauer wiedergegeben 
hat, als der griech. Mt. Ich wage die Vermutung zu wiederholen,^^) 

vielen Gliedern bestehende Leib, die Gesamtheit der Beschnittenen 1 Kr 
12, 15; AG 11, 2 ist auch Singular möglich. Durch den sprichwörtlichen Ge- 
brauch und Mißbrauch von Luthers „ist vom Übel" sind wir abgestumpft 
gegen den ursprünglichen Sinn auch dieser Übersetzung. Es wird die 
Wurzel, Quelle, Ursache angegeben, woraus die über das schlichte Ja und ' 
Nein hinausgeiiendeu Ausdrucksweisen unter den Menschen entstanden sind 
und immer wieder entstehen cf den Gebrauch von «?< Mt 12,37; Jk 4, 1 ; 
Em 14, 23; Eph 2, 8f., begrifflich nicht verschieden von dem ex der Her- 
kunft, Abstammung cf Mt 1, 18; 21, 25; Jo 3, 31 ; 4, 22; 8, 23. Das Richtige 
hat schon Augustin gut gesagt s. auch unten A 2Ü. Da o Ttovrjods 13, 19 38(?) ; 
Eph 6, 16; 1 Jo 2, 13 f.; 5, 18 und vielleicht noch an anderen Stellen, wie 
1 Jo 3, 12 cf Jo 8, 44 den Teufel bezeichnet, wäre sprachlich gegen die Deutung 
auf den Teufel (so schon Clem. hom. 19, 2; Clem. AI. paed. II, 103 und noch 
Meyer) nichts einzuwenden; auch sachlich nichts, wenn es sich um die Lüge 
(Jo 8, 44) oder irgend eine Gestalt der Sünde handelte. Mit welchem Eechte 
aber die über das bloße Ja oder Nein hinausgehenden Ausdrucksweisen, 
deren sich die heiligsten Männer des AT's (s. vorhin A 15), Gott selbst und 
auch Jesus bedient haben, als Erfindungen oder Ausgeburten des Teufels 
bezeichnet sein sollten, wäre nicht zu sagen. Es liegt also tö novrioöp zu 
gründe cf 5, 39; 6, 13; Jo 17, 15; Em 12, 9 (cf 12, 21); iTh 5, 22; 2Th 3, 3(?); 
1 Jo 5, 19. 

'8) .Tust. apol. I, 16; Clem. hom. III, 55; XIX, 2; Clem. AI. ström. V, 99; 
VII, 67 cf VII, 50; Epiph. liaer. 19, 6. Cf Eesch, Außerkan. Parall. II, 96 ff. 

1") Cf Einl § 56 A 11. Da auch jüdische Beispiele für den Ge- 
danken; anderes bei Schöttgen I, 41. Ernste Warnung vor häufigem Schwören 



c. 5, 33—37. 247 

daß der Übersetzer hier den Sinn des Originals verdunkelt hat, 
welches wahrscheinlich lautete: „es sei euer Ja-sagen ein Ja, (und 
euer) Nein ein Nein" d. h. es sei euer Ja und Nein ein wahr- 
haftiges und zuverlässiges und nicht ein Ja und Nein zugleich 
(2 Kr 1, 18) oder heute Ja, was morgen Nein ist. Ist dies das' 
ursprüngliche "Wort Jesu, so erklärt sich erst recht, daß nicht nur 
Jk, der es uns in der Hauptsache unverändert erhalten hat, sondern 
auch der griech. Mt, der sich hier wie an einigen anderen Stellen 
als ein weniger glücklicher Übersetzer zeigt, diese positive Aussage 
durch de und nicht durch älld eingeführt hat (s. oben S. 245 A 16). 
Jesus stellt dem Verbot des Gebrauchs der bei den Juden üblichen 
Schwurformeln nicht das Gebot gegenüber, sich mit der Beteuerung 
der "Wahrheit durch ein doppeltes Ja oder Nein zu begnügen, 
sondern die weit darüber hinausgehende Forderung, sich der vollen 
Wahrhaftigkeit in allen Aussagen zu befleißigen. "Wer dieses Gebot 
erfüllt , macht an seinem Teil das Schwören überflüssig. Der, 
dessen Aussagen immer wahrhaftig sind, wird weder selbst so leicht 
das Bedürfnis fühlen, die "Wahrhaftigkeit einzelner Aussagen durch 
Schwurformeln zu bekräftigen , noch anderen leicht Gelegenheit 
geben, ihn dazu zu nötigen. Das Schwören und Beteuern stammt 
aus dem Bösen ; ist eine Folge der in der "Welt verbreiteten Un- 
wahrhaftigkeit und des hieraus entstandenen Mißtrauens gegen die 
Wahrhaftigkeit der Mitmenschen. 2°) Nicht , wer den Eid ver- 
weigert oder wer sich scheut, ein „wahrhaftig" zu sagen, sondern 
wer stets wahr redet, überwindet, soviel an ihm liegt, auf dem 
•Gebiet menschlicher Bede das Böse und seine Folgen durch Gutes^ 
und das ist ein wesentliches Stück der nala sgya, durch welche 

Sir 23, 9 — 12. Entsprechend der bei den griechischen Philosophen von alters- 
her, von Pythagoras bis zu Epiktet, sich zeigenden Abneigung gegen den 
Eid erklärt auch Philo de decal. § 17; leg. spec. § 1—2 die Vermeidung 
jeden Eides für das Vorzüglichste, empfiehlt dann aber, wenn einmal ge- 
schworen sein soll, wenigstens den Namen Gottes zu scheuen und lieber 
bei der „Erde, Sonne, Sternen, Himmel und der ganzen Welt" zu schwören. 
Ct vorhin A 15 imd unten A 21. Der Unterschied von der Lehre Jesu 
springt in die Augen, ebenso die Abweichung der mönchischen Moral, welche 
die Vermeidung jeden Eides als eine besondere Tugendleistung preist cf. z. B. 
das Leben Johannes des Barmh. ed. Geizer p. 7. 123 f. 

20) Trefflich sagt der Märtyrer ApoUouius in Rom um 180—185 
(Martyr. Apoll. 6): „Ferner ist uns von ihm befohlen worden, überhaupt 
nicht zu schwören, sondern in allen Stücken wahr zu sein; denn ein großer 
Eid ist die in dem Ja liegende Wahrheit; und darum ist es für einen 
•Christen etwas Schimpfliches zu schwören; denn aus der Lüge stammt die 
Uuglaubwürdigkeit, und wiederum wegen der Unglaubwürdigkeit (gibt es) 
Eid. Willst du aber, daß ich schwöre, daß wir den König (d. i. Kaiser) 
■ehren und für seine Regierung beten, so wollte ich das gerne beschwören 
durch einen wahrheitsgemäßen Schwur bei dem wahren Gott, der vor den 
Äonen ist, den nicht Menschenhände gemacht haben, sondern der umgekehrt 
-einen Menschen eingesetzt hat, über Menschen auf Erden als König za 
herrschen." 



248 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesn, 

die Jünger ihr Licht in die Welt hinein leuchten lassen sollen' 
(v. 16). Das Mißverständnis von v. 33- — 37, als ob Jesus seinen 
Jüngern die Leistung jedes im bürgerlichen Rechtsverfahren ihnen 
abgeforderten Eides und zugleich auch die freiwillige Anwendung 
von Beteuerungsformeln im täglichen Verkehr untersagt habe, ist 
erstens unverträglich mit der Absicht sämtlicher Ausführungen 
von V. 21 an. Wie Jesus^ sich jedes LFrteils darüber enthalten 
hat, was die Obrigkeit mit dem Mörder zu tun habe , oder in 
welchen Fällen eine Ehescheidung geboten oder zulässig sei, so 
hat er auch nichts darüber gesagt, ob oder wann seine Jünger in 
den Eall kommen können, die v. 33 angeführten mos. Gebote 
ihrem Buchstaben nach zu erfüllen, was zur Voraussetzung hat, 
daß sie Eide leisten und in Eorm des Eides Gelübde ablegen. 
Zweitens: Das j.ii] öf.iöoai oXojg verbietet nicht sämtliche Schwur- 
formeln im Gegensatz zu einigen Schwurformeln, 2^) die etwa auch 
von den Rabbinen oder dem allgemeinen Urteil als verwerflicb be- 
zeichnet wurden, sondern das Schwören selbst im Gegensatz zum 
Meineid und zum Eidbruch. Daß aber Jesus dabei von dem im 
Gesetz vorausgesetzten und vom Gericht erforderten Eidesleistungen 
völlig absieht, beweist er dadurch, daß er in der Aufzählung von 
Schwurformeln, in deren Anwendung er das verwerflicbe Schwören 
specialisirend darstellt, das Schwören bei Gott unerwähnt läßt und 
dagegen wie auch 23, 16 — 22 nur solche Formeln nennt, welche 
schwerlich je im Gerichtsverfahren, um so häufiger aber im täg- 
lichen Leben angewandt wurden. Drittens: Die dem Verbot gegen- 
übertretende positive Forderung lautet nicht auf Eidesverweigerung 
oder auf Anwendung von Ausdrucksformen ohne Eidescharakter, 
sondern auf schlechthinnige Wahrhaftigkeit der Rede. Viertens: 
Das Schwören Gottes bei sich selbst, das im AT eo oft berichtet 
(Gen 22, 16; Ps 110, 4; Jes 45, 23) und im NT in Erinnerung ge- 
bracht wird (Lc 1, 73; AG 2,30; Hb 3, 11. 18; 4, 3 ; 6, 13—18; 
7, 20 f.), kann Jesus nicht als ein Vorrecht Gottes von der Nachahmung 
durch die Menschen (v. 44 — 48) ausgeschlossen, und das Schwören 
eines Elia nicht als ein Zeichen niederer Sittlichkeit beurteilt haben. 
Denn er hat nicht nur von dem obersten Gericht seines Volkes sich 
in aller Form beschwören lassen und durch Bejahung dieser Form der 
gerichtlichen Frage einen Eid geleistet, was nur Mt deutlich be- 
richtet 26. 63 f., sondern hat sich auch sonst nicht mit der ein- 

'^^) Dies gilt auch gegen das Mißverständnis des Op. imperf. p. 68% 
Jesus verbiete das Schwören bei Himmel, Erde, Jerusalem, weil das eine 
Vergötterung dieser geschaffenen Dinge wäre, woraus dann folgen würde, 
was der Vf doch nicht folgert, daß man bei Gott schwören dürfe. Das 
Gegenstück bildet die eher mit Philo (A 19) als mit Jesus übereinstimmende 
Ansicht der Ebjoniten, daß der eigentliche Eid d. h. ein Schwur mit An- 
rufung Gottes verboten, dagegen ein Gelübde unter Anrufung von Himmel. 
Erde, Wasser und Luft als Zeugen statthaft sei Diamart. Jac. If. 



c. 5, 38— 42. 249 

fachen Aussage der Wahrheit begnügt, ihr vielmehr sehr oft durch 
sein aur^v Xiyio v(.itv und nach Jo durch ein doppeltes a(.irjV den 
Charakter einer feierlichen Beteuerung gegeben ; --) und er hat 
durch Eid vor Gericht und dui'ch freiwillige Beteuerung in der 
Ausübung seines Berufs ebenso wie durch Enthaltung von jenen 
häßlichen Schwüren und Elüchen und durch Verwerfung der dar- 
auf bezüglichen törichten Distinktionen der ßabbinen seinen Jüngern 
ein Vorbild, den Auslegern seines Worts eine Hichtschnur hinter- 
lassen.'^'^) — Bis dahin hat Jesus den Willen Gottes, dessen Er- 
füllung das seinen Jüngern geziemende Verhalten ist, aus solchen 
Geboten der Thora entwickelt, deren moralischer Gehalt von nie- 
mand geleugnet werden konnte, obwohl sie im Gesetz auch unter 
den Gesichtspunkt der Staatsordnung und des Strafgesetzes gestellt 
waren. In v. 38 — 42 knüpft er an Gesetzesstellen an, die über- 
haupt nichts anderes als die strafrechtliche Bestimmung enthalten, 
daß die Strafe für die unmittelbare und wirkliche oder die durch 
falsches Zeugnis beabsichtigte Beschädigung eines Volksgenossen 
an Leib und Leben genau dem angerichteten Schaden entsprechen 
soll, beispielsweise so, daß wer dem Anderen ein Auge oder einen 
Zahn ausgeschlagen hat, dafür eines Auges oder Zahnes beraubt 
werden soll.-^) Als eine Anleitung zur Gerechtigkeit kann ein 
Religionsunterricht nicht gelten, welcher sich damit begnügt, diese 
für den Strafrichter maßgebende Bestimmung zu wiederholen, und 
die Gelegenheit der gottesdienstlichen Lesung solcher Abschnitte 
nicht benutzt, der Gemeinde das rechte Verhalten gegen den 
Nächsten darzulegen, welches den Strafrichter entbehrlich macht 
und Gott wohlgefällt. In wieweit damals noch das strenge jus 
talionis zur Anwendung gebracht oder von den ßabbinen selbst 
schon damals als undurchführbar angesehen und nur als regelndes 
Princip festgehalten wurde,'-*) läßt sich aus dem Wort Jesu nicht 
erkennen. Was Jesus bestreitet , ist üicht ein theoretisches 
Princip oder eine praktische Regel für das sitttliche Verhalten ; 

-^) Orig. sagt gelegentlich ser. in Matth. 88 p. 201: juranientum erat 
Christi „amen". Eben dies nennt er de oraüone 19, 2 den „gewohnten Eid" 
Jesu. Auch das zur Bekräftigung einer vorangegangenen oder nach- 
folgenden Aussage dienende vai 11, 26; Ap 22, 20'' gehört dahin, femer 
alle feierlichen Versicherungen der AVahrheit und bleibenden Giltigkeit seiner 
Rede wie Mt 24, 35, sowie die Berufungen auf Gott als Zeugen Jo 5, 31 — 37 ; 
8, 13 — 18. Zu dem doppelten ä,«/,'^' des 4. Ev cf Ap 1, 7 yai. äuf^v. Cf 
auch den feierlichen Eidesschwur des Engels Ap 10, 5f. 

'^^) Besonders PI gebraucht häufig schwurartige Beteuerungen Gl 1, 20; 
lKr9, 15; 15,31; 2 Kr 1,23; 11,31; Phl 1, 8; 1 Tm 6, 13; 2 Tm 4, 1; K« 
1, 9; 9, 1 — 3. Auch der Fluch AG 23, 3 gehört einigermaßen zu den Schwur- 
formeln cf Mischna Schebuoth IV, 13 a. E. 

••**) Ex 21, 23—25; Lev 24, 19f.; Deut 19, 18—21 cf D. H. Müller, Die 
Gesetze Hammurabi's ij 196 f. S. 55. 153. Die Mischna Baba kama VIII, lf[. 
setzt als selbstverständlich voraus, daß alle Körperverletzuugen durch Geld- 
strafen gebüßt werden. 



250 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

und was er fordert, ist nicht eine Verbesserung der Rechtspflege 
nach Grundsätzen oder Empfindungen der Humanität, sondern ein 
von allem Recht unabhängiges sittliches Verhalten des Menschen 
zum Menschen, welches, konsequent durchgeführt, alle Rechtspflege 
überflüssig machen würde. Dies geschieht zuerst durch die An- 
weisung, dem Bösen nicht "Widerstand zu leisten. Wie v. 37 wird 
auch hier nicht an 6 Trovrj'^ög, was dann nur den Teufel bezeichnen 
könnte,-'^), sondern an to 7roj'ij(>dj' zu denken sein ; denn abgesehen 
davon, daß in der folgenden positiven Ausführung jede Andeutung 
von einer Versuchung oder Bedrohung durch den Teufel fehlt, 
würde Jesus es nur für heilige Pflicht haben erklären können, dem 
Teufel Widerstand zu leisten cf Jk 4, 7 ; 1 Pt 5, 9 ; Eph 6, 11—17. 
Es gilt vielmehr, dem in der Welt vorhandenen Bösen, sofern es 
sich als angreifende Macht gegen uns kehrt, keinen Widerstand 
entgegenzusetzen d. h. nicht Böses mit Bösem zu vergelten; denn 
der Widerstand gegen einen feindlichen Angriff, auch wenn er nur 
Notwehr sein will, wird stets darauf hinauslaufen, dem Angreifer 
Gewalt anzutun. Was statt dessen dem Jünger geziemt, veran- 
schaulicht v. 39^. Der Jünger soll so sehr bereit sein und sich 
bereit zeigen, Unrecht zu leiden, daß er dem, welcher ihm einen 
Schlag auf die rechte Wange versetzt , die linke Wange zum 
Schlage darbietet. Wenn schon hiedurch vermöge des Zusammen- 
hangs mit V. 38 gesagt ist, daß man auch nicht durch Anrufung 
des Strafrichters Vergeltung für erlittenes Unrecht fordern und 
Rache nehmen soll, so wird v. 40 ausdrücklich der Fall gesetzt, 
daß der Andere gegen den Jünger einen Prozeß anzustrengen und 
auf diesem AVege ihm ein Stück seines Eigentums abzugewinnen 
gewillt ist.-'') Dann soll der Jünger seine Bereitschaft, den Rechts- 
streit zu vermeiden, dadurch an den Tag legen, daß er dem Gegner 
nicht nur seine Forderung, sondern mehr als er fordert, nicht nur 
das Unterkleid, den Leibrock, sondern auch das Obergewand, den 
Mantel, freiwillig hingibt. Eine Steigerung über v. 25 liegt darin, 

^'^) S. oben S. 245 A 17. Die beliebte Deatuug auf den bösen Menschen 
oder auf die in jedem Fall durch einen einzelnen Bösewicht vertretene 
Gattung hat keinen Sprachgebrauch für sich. Cf ö tiovtjqös und ö äyad'bs 
ai'O-QOJjios 12, 85; Lc 6, 4b; diese beiden Adjektive wie auch ycaxöe als Attri- 
but vott Personen stets mit Substantiv w'rjQ^ diSdoxaloe, äovlos, zumal im 
Casus obliquus wegen der Zweideutigkeit kaum zu entbehren, Em 5, 7 nur 
durch das in v. 6 Gesagte entbehrlich. Dagegen häufig tö jiovtjqöv, ica%6v, 
dyadov im Singular und Plural. 

2«) xolvead-ai sich richten lassen, vor dem Richter stehen AG 23, 6; 
25, 9. 10. 20; 26, 6; 1 Kr 6, 1; mit nvl Jes 50, 8; Hiob 9, 3; 13, 19 und noö.- 
riva ,Jer 2, 9. 35; Hiob 31, 13 mit jemand einen Rechtsstreit haben und aus- 
fechten. — Man hat an Ex 22, 25 f.; Deut 24, 13 erinnert, wonach man dem 
Armen, der sein Oberkleid verpfändet hat, dieses vor Sonnenuntergang auf 
alle Fälle zurückstellen soll. — Lc 6, 29 ist das Obergewand vor dem Unter- 
gewand genannt, weil dort ein Raubanfall vorgestellt wird, wobei jenes 
natürlich zuerst an die Reihe kommt. 



c. 5, 38—42. 251 

abgesehen davon, daß dort der gerichtliche Prozeß nur als Gleich- 
nis dient, auch insofern, als dort vorausgesetzt ist, daß der Wider- 
part einen gerechten Anspruch vor Gericht durchzusetzen im 
Begriff steht, während es sich hier offenbar um eine Beraubung 
in Form eines gerichtlichen Verfahrens handelt. Die gleiche Be-' 
reitschaft, über die Norm des Rechtes und sogar über die durch kein 
Recht zu begründende Forderung hinaus dem Nächsten zu Willen 
zu sein, gilt es aber auch sonst, wo keinerlei Prozeß droht, zu 
beweisen, sowohl gegenüber dem, welcher einen zu einem Boten- 
gang oder zur Begleitung als Packträger nötigt,^') als gegenüber 
dem, welcher um eine Gabe oder um ein Darlehen bittet. Die 
in allen diesen Beispielen veranschaulichte Forderung lautet dahin, 
daß die Jünger als Maß des Wohlverhaltena gegen den Nächsten 
nicht das für das bürgerliche Gemeinwesen giltige Strafrecht und 
überhaupt nicht das Recht, sondern die Liebe und das Wohlwollen 
gelten lassen und durch Betätigung dieser Gesinnung auch gegen- 
über dem Gewalttätigen, Ungerechten und Unverschämten an ihrem 
Teil dahin wirken, daß alles aus dem Vorhandensein des Unrechts 
in der Welt herrührende Rechtsverfahren überflüssig werde. Diese 
Forderung ist ebensowenig als alle seit v. 21 ausgesprochenen ein 
Ratschlag für „die Vollkommenen", sondern ein unbedingtes Gebot 
für alle die, welche in das Gottesreich Eingang finden wollen (v. 20). 
Die Einzelgebote aber, in welchen diese Forderung specialisirt wird, 
enthalten ebensowenig wie die Urteile und Gebote in v. 21 — 37 
Regeln für die Rechtspflege. Daß nach dem Urteil Jesu die Rechts- 

2'') äyyaoavsiv, wofür t« hier, H* B* Mr 15, 21 evyaoEveiv^ eine auch 
sonst bezeugte Form cf Deißmann, Neue Bibelst. 10, von äyyaoos Herodot 
VIII, 98, dem Namen der persischen Staatspostboten cf Xenoph. Cyrop. 
8, 6, 17, daher zunächst: einen zwangsweise zu einem lästigen Dienst heran- 
ziehen, wie es dem Simon von Kyrene widerfuhr Mt 27, 32, besonders von 
militärischen E,equisitionen von Menschen und. Vieh Jos. ant. XIII, 2, 3; 
Epict. diss. IV, 1, 79 (dessen hierauf bezügliches fif] äpTireivs au das fif] 
avrioTiivai Mt 5, 39 erinnert). Von den aus dem persischen Wort abge- 
leiteten griech. Worten ist besonders äyyageia Frohndienst, Verpflichtuug 
zum Vorspanndienst als n;-ijjn den Juden geläufig gewesen, ebenso das aus 
ynille passus, oder eigeuthch als Singular zu {diio) niilia {passuum) gebildete 
uiLoi' als ^'0. Beide Worte, die auch in Sh (SsScS^ nur letzteres) wieder- 
kehren, wird der griech. Mt in seiner aram. Vorlage gefunden haben. — 
Große Verbreitung im Westen (D. fast alle alten Lat, auch Vulg, Iren. lat. IV, 
13,3; Hier. Aug.) und Osten (Ss Sc, Afrahat) fand die LA ert aü.a oder 
v.ai ä'fla oder äU.u vor $vo. Die Meinung war wohl, daß das Gehen der 
ersten Meile als unfreiwilliges nicht mitzurechnen sei cf Iren. i. 1. ut non 
quasi servus sequaris, sed quasi über jn-aecedas. Dazu kommt, daß auch 
V. 39. 40 das von Jesus Gebotene zu dem von Menschen Geforderten hinzu- 
kommt. Es scheint also eine auf Eeflexion beruhende Assimilation an 
V. 39 f. vorzuliegen. Ferner machen die genannten Variationen innerhalb 
dieser Tradition dieselbe verdächtig; und warum sollte man so allgemein, 
wie es die griech. Tradition von Didache 1, 4 an bezeugt, dem scharf zu- 
gespitzten Text die Spitze abgebrochen haben? 



252 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Ordnung notwendig bleibt, solange nicht alle Menschen so wie die 
Jünger Jesu und Kinder Gottes gesinnt sind und handeln, und 
daß daher auch nicht nur die Träger des obrigkeitlichen und 
richterlichen Berufes, sondern auch die Untertanen je nach ihrer 
Stellung im irdischen Gemeinwesen und ihrem Beruf verpflichtet 
sind, zur Aufrechterhaltung der Rechtsordnung beizutragen, ergibt 
sich aus der affirmativen Stellung zum ganzen mos. Gesetz v. 17 — 20 
und aus der Vermeidung jeder Korrektur des direkt oder indirekt 
vom Gesetz vorgeschriebenen Rechtsverfahrens in v. 21 — 42, wird 
aber auch durch sonstige Äußerungen und eigene Handlungen Jesu 
bestätigt.-^) Darüber, wann es Pflicht sei, durch Benutzung der 
Rechtsmittel zur Aufrechterhaltung der Rechtsordnung beizutragen, 
und wann dagegen das Gebot in Kraft trete, auf Geltendmachung 
seines Rechts zu verzichten, hat Jesus sich nicht geäußert. Da 
aber sein Gebot, das Unrecht zu leiden, ein unbedingtes ist, so 
folgt, daß der Jünger Jesu von den durch das Gesetz geordneten 
Mitteln zum Schutz seines Rechts und zur Abwehr des ihm wider- 
fahrenden Unrechts nicht Gebrauch machen darf, um sein Recht, 
sondern immer nur, um das Recht aufrechtzuerhalten, nicht um 
seiner selbst willen, sondern um des gemeinen Besten willen. 

Eine letzte Gegenüberstellung von rabbinischem Unterricht 
und Anweisung Jesu bringt v. 43 f. Bezeichnend für die herkömm- 
liche Behandlung des Gesetzes im Unterricht ist schon dies, daß 
man das Gebot Lev 19, 18 äyani^oeis tbv nXrjoiov aov ohne das 
dort nachfolgende tog oeavxöv anführte, welches Mt 19, 19; 22, 39; 
Mrl2, 31; Rml3, 9; Gl 5, 14; Jk 2, 8 nicht unterdrückt und 
nach Mr 12, 33 ; Lc 10, 27 auch von einem Schriftgelehrten aner- 
kannt wird. Es enthält gerade den Grundgedanken des Gebotes, 
welches nicht Antwort gibt auf die Frage, wen man lieben soll, 
sondern einschärft, daß man den Nächsten lieben, und zeigt, 
wie sehr man ihn lieben soll, im Gegensatz zu dem Verbot, 
ihn im Herzen zu hassen (Lev 19, 17), sich an ihm zu rächen und 
ihm das Böse nachzutragen (19, 18^*) oder gar nach dem Leben 
zu trachten (19, 16). Anstatt dies zu predigen, fragten die Lehrer: 
wer ist mein Nächster (cf Lc 10, 29)? um dadurch Antwort zu 
gewinnen auf die weitere Frage : wem bin ich keine Liebe schuldig, 

^^) Von prineipieUer Bedeutung ist 22, 15 — 22. Dem Gerichts dien er, 
der ihn schlug, hat Jesus nicht die andere Wange dargeboten, sondern da- 
gegen protestirt Jo 18, 22. Ebensowenig wie der Täufer Lc 3, 12 — 14 hat 
Jesus den Inhabern von Berufen, zu deren Ausübung die Anwendung von 
Zwangsmitteln zum Zwecke der Durchsetzung der Rechtsordnung gehört, 
zugemutet, ihren Beruf aufzugeben Mt 8, 5 ff.; Lc 19, Iff. Auch bei Paulus 
finden wir neben der Forderung des Unrechtleidens und des Verzichts auf 
Anrufung des Richters 1 Kr 6, 1 — 10 und vollends auf Selbstrache Em 12, 19,^ 
die volle Anerkennung der Rechtsordnung und der Pflicht, diese aufrecht- 
zuerhalten Rm 13, 1—7 cf AG 16, 87; 23, 2-5; 24, 10-21; 25, 8—12. 
Weniger entwickelt beides auch 1 Pt 2, 13—24. 



c. 5, 43-48. 253 

wen darf ich ungestraft hassen? Im Zusammenhang des Gebotes 
wechselt das schon von LXX durch das substantivirte Adverb 
6 TtXr^oiov'^^) übersetzte ^T (Tjy"]) mit riK (Bruder) n''Oy (Genosse) 
und TJJDV 'j3 (v. 15 — 18). Alle Glieder seines Volks, den Armen 
und Niedrigen wie den Großen, insbesondere den Taglöhner, den 
Blinden und Tauben soll der Israelit als seinen Nächsten und 
Bruder betrachten und behandeln v. 13 — 15. Wie wenig es aber 
die Absicht des Gesetzgebers war, durch einen jener synonymen 
Ausdrücke den Kreis der Menschen, welchen der Israelit Liebe 
schuldig sei, einzuschränken und gegen die übrigen Menschen ab- 
zugrenzen, ist schon dai'aus zu ersehen, daß ebendort v. 10. 33 für 
den Fremdling die gleiche Schonung wie für den armen Israeliten, 
und V. 34 für den Fremdling sogar buchstäblich ebenso wie für 
den Volksgenossen eine der Selbstliebe gleichkommende Liebe ge- 
fordert wird.^*^) Die Verstümmelung des Gebots und die Miß- 
achtung der in dessen nächster Umgebung so deutlich zu Tage 
tretenden Intention des Gesetzgebers wurde in der herkömmlichen 
Unterweisung noch überboten durch den Zusatz: y,und du sollst 
hassen deinen Feind". Daß dies im AT zu lesen sei, wurde nicht 
behauptet ; es war nur eine Folgerung aus dem mißdeuteten Gebot 
der Nächstenliebe. "Wenn der persönliche Feind den Gegensatz 
zum Nächsten bilden soll, so ist unter dem Nächsten nicht mehr 
jeder Volksgenosse, geschweige denn jeder Mitmensch, sondern nur 
der persönliche Freund verstanden. Indem man aber auf diesen 
die Pflicht der Nächstenliebe beschränkte, und dagegen den Feind 
zu hassen für erlaubt erklärte , setzte man sich in unverhüUteJi 
Widerspruch mit „Gesetz und Propheten". Nicht etwa erst im 
Verlauf allmählicher Veredelung einer ursprünglich roheren Moral 
ist die Pflicht der tätigen Feindesliebe in Israel erkannt worden,^ ^) 
sondern im Gesetz selbst, ja in demselben Vers, welcher die 
Nächstenliebe fordert, ist sie geboten ; denn wenn verboten wird, 
an den Volksgenossen Hache zu üben oder in anhaltendem Zorn 
auf Rache an ihnen zu sinnen (19, 18*), so ist vorausgesetzt, daß 
sie sich als Feinde gegen den angeredeten Israeliten bewiesen 



^®) Weitaus am hänfigsten für >:"!, Ex 11, 2 cf 3, 22; 12, 35 auch vom 
Verhältnis des Israeliten zum Nachbarn oder Freund unter den Ägyptern. 

ä") Cf Exod 23, 9; Lev 23, 22. Das Eecht am Passa teilzunehmen 
wird für den fremden Sklaven und den freien Fremdling davon abhängig 
gemacht, daß sie sich der Beschneidung unterziehen; aber eben dadurch 
soll der Grundsatz betätigt werden: „^iii Gesetz soll gelten für den Ein- 
heimischen und den Fremdling" Es 12, 43—49. 

*i) Cf Prov 25, 21 f., von Paulus Rm 12, 20 als Ausdruck der auch 
für den Chri.sten höchsten Moral verwendet. Cf Prov 20. 22; 24, 29; Sir 
28, 1 — 7. Als Beispiele 1 Sam 24, 26; 2 Sam 1. Die Schadenfreude über 
das Unglück des Feindes wird verurteilt Prov 24, 17; Job 31, 29 f. Über 
die bekannten Rachepsalmen und verwandte Äußerungen des AT's zn 
reden, gibt die Bergrede keinen Anlaß. 



254 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

haben, und die statt der Hache gebotene , der Selbstliebe gleich- 
kommende Nächstenliebe ist Peindesliebe. ^'^) Wenn also Jesus der 
in V. 43 gekennzeichneten Moral die Forderung gegenüberstellt, die 
Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten, ^^) so ist an 
dieser letzten Antithese vollends klar, daß er nicht an Stelle des 
mos. Gesetzes seinen Jüngern ein vollkommeneres Gesetz gibt, 
sondern gegenüber einer bis zur handgreiflichen Verstümmelung, 
Verdrehung und Umgebung des Gesetzes fortgeschrittenen Gesetzes- 
auslegung aus dem Gesetz selbst die von jeher giltige sittliche 
Forderung des göttlichen Gesetzgebers entwickelt. Aber auch hier 
sind es die Jünger, an die seine Forderung gerichtet ist. Wie 
das Ttöv öia)'/.6vTCüv vfiag an v. 11, so erinnert OTtwg yevrjO^e xtA. 
an V. 16. Da sie nach v. 16 bereits Gottes Söhne sind und sich 
durch ihr Verhalten als solche vor der Welt erweisen sollen , so 
kann als das Ziel, welches sie auf dem Wege der Liebe zu ihren 
Feinden und des Gebets für ihre Verfolger anstreben sollen {oniog yiiX. 
s. oben S. 117 A 22), nicht das sein, daß sie überhaupt erst Söhne 
Gottes werden, sondern vielmehr, daß sie sich als Söhne dessen, 
der jetzt schon ihr himmlischer Vater ist, erzeigen.^*) Da man 
einen Menschen als Sohn seines Vaters daran erkennt, daß er in 
wesentlichen Zügen der Gesichtsbildung , der Geistesart und des 
Charakters dem Vater gleicht (Jo 8, 39—44; 1 Kr 4, 14 — 17), so 
dient zur Bekräftigung der Forderung samt ihrer Zweckangabe die 
Erinnerung, daß Gott, der Herr der Schöpfung, die Zeichen seiner 
Güte , wie Sonnenschein und Hegen , unterschiedslos Bösen und 
Guten, Gerechten und Ungerechten zukommen läßt.^^) Da nur 

^^) In bezug auf Vieh, das sich verirrt hat oder unter seiner Last 
zusammengebrochen ist, wird Ex 23, 4 f. für den Fall, daß es sich um das 
Eigentum eines Feindes (a)iN und nt'vi) handelt, die gleiche Forderung ge- 
stellt, wie Deut 22, 1 — 4 in bezug auf das Vieh des Bruders. Der Bruder 
dem Blut nach ist eben nicht selten ein Feind nach Gesinnung und Ver- 
halten cf Jes 66, 5. 

^^) Gegenüber den Bereicherungen des Textes v. 44 aus Lc 6, 27 f. 
genügt das Zeugnis von nB, SsSc, Kop, der ältesten Lat (k, Cypr. test. 
III, 49; de bono pat. 5; de zelo et liv. 15); ferner Theoph. ad Autol. III, 14 
(dieser jedoch iTtrioeaC.övttov statt 8uoy.6vT:cov)\ Iren. III, 18, 5; Orig. in Jo 
tom XX, 13. 15 (zweimal). 27; c. Gels. VIII, 35 (hier aber s7ir]QeaC,6vTcov), 
welche nur äyanäie roi's ex'd^ovs v/ucöp aal n^oaev'isaüs vtieq twv Sicay.övttov 
vtiäs haben. 

^*) Für diese Bedeutung von yivEo&ai mit prädikativem Adjektiv 
oder Substantiv cf 6, 16; 10, 16; 24, 44; Jo 20, 27; Rm 12, 16; 1 Kr 14, 20; 
15,10.58: Kl 3, 15; IThl, 5; 2,7. 

''^) Das von., den griech. Hss allein bezeugte öii im Sinn eines ydQ, 
wurde von den Übersetzern (SsSc, auch den meisten Lat,. .jedoch nicht 
kd) \ind den citirenden Vätern leicht und ohne wesentliche Änderung des 
Gedankens durch 6s oder auch öaiis ersetzt. Ebensowenig zu bedeuten 
hat die Voranstellung der Guten vor die Bösen SsScS*, vielen Lat, aber 
nicht kb. Das Umgekehrte entspricht dem Zusammenhang besser; Lc 6, 35 
hat nur die Undankbaren und Bösen; und die chiastische Ordnung der 



c. 5, 43—48. 255 

die Guten und Gerechten Liebhaber, die Bösen und Ungerechten 
aber Feinde Gottes sind, so ist die Liebe, welche Gott durch den 
„Reichtum seiner Güte" (Rm 2, 4; AG 14, 17) allen Menschen er- 
zeigt, zum großen Teil Feindesliebe. Daß aber die Jünger sich 
nicht an einem geringeren Maß der Nächstenliebe genügen lassen 
dürfen, als dem, welches das Vorbild Gottes ihnen darreicht, be- 
stätigen die Fragen v. 46 f. Da die rabbinische Behandlung des 
Gebots der Nächstenliebe v. 43 von dieser die persönlichen Feinde 
ausschloß, so wird zunächst der Fall gesetzt, daß die Jünger nach 
dieser Moral, die sie bisher gelehrt worden sind, ihre Liebe auf 
ihre Liebhaber beschränken. Hievon ist nicht nur dem Ausdruck, 
sondern auch der Sache nach verschieden der v. 47 gesetzte Fall, 
daß sie die im freundlichen Gruß sich äußernde Liebe auf ihre 
Brüder beschränken.^^) Daß hierunter die Volksgenossen zu ver- 
stehen seien, folgt erstens aus dem dieser Erörterung als Text zu 
gründe liegenden Gebot Lev 19, 18, in welchem „die Kinder deines 

beiden Antithesen ist rhetorisch schöner. — Auch v. 46 ist an dem Text 
fast aller griech. Unc nichts zu ändern. Triviale Reflexion veraulaßte D 
und die meisten Lat von k an 'tsere für s/ers zu schreiben ; Ss Sc umgehen 
diese Alternative durch t/= 6 fuod-dg tucHy. Auch die Varianten für oiyl 
y.al Ol rö avrö tt. verdienen kaum Beachtung z. B. Sc „auch die Zöllner 
tan so", Sc „denn so tun auch die Zöllner" (dieser aber v. 47 wesentlich 
mit den Griechen); n om. nur ov/i cf Lc 6, 33 f. 

^^) Merkwürdig genug haben sowohl k als Ss v. 47 ausgestoßen. Hat 
man in Eücksicht auf Lc 10, 4 cf Mt 23, 7 au der Forderung, jedermann 
freundlich zu grüßen, Anstoß genommen? Vielleicht auch in Eücksicht auf 
das in den Briefen dem Sinn nach so häufig vorkommende äoTiäoaade oder 
daTTcÜ^ouai, tovs äöslcfois? Dem Wort gegen allen Gebrauch in der griech. 
Bibel die weitere Bedeutung der Liebe und liebevollen Behandlung zu 
geben . fiel den alten Übersetzern nicht ein. Übrigens wurde uSslcfovs 
(nBDZ, ScShS\ die meisten Lat, Kop) vielfach durch cfü.ovi ersetzt 
(EKL etc.), was doch wieder mit Stellen wie Tt 3, 15; 3 Joh 15 sich 
schlecht zu vertragen schien. So ziemlich dieselben Zeugen haben Idny.oi, 
das auch Tatian aufgenommen zu haben scheint (Forsch I, 134 cf auch 
Didache 1, 3 t« sd-rr;), durch das aus v. 46 wiederholte rs/.&iai verdrängen 
wollen, weil man die feine Beziehung zwischen äSslcfoi und sd-iuy.oi nicht 
verstand. Schon Lc 6, 32 — 34 hat durch beharrliche Anwendung von 
äuaorcoloi einen für die Bergrede des Mt cf 6, 7. 32 wesentlichen Gedanken 
verwischt. Neben 1.9-r;; = Heidenvölker (Mt 6, .32; 10. 5. 18; 20, 19. 25; 
24, 14; 28, 19), welches Paulus Em 2, 14; 11. 13; 1 Kr 12, 2; 2 Kr 11. 26; 
Gl 2, 12 und Lucas AG 11, 1; 13, 48; 14, 5, dem Gebrauch von cv" "nd 
'i^ entsprechend, auch von einzelnen Heiden gebrauchen, findet sich znr 
Bezeichnung heidnischer Individuen das substautivirte eüfixög nur Mt 5, 47 
(6, 7?); 18, 17 und 3 Jo 7 (sBAC) und dann erst wieder Iren. III, 25, 2 
ethnicoruni quidam. Dieser Gebrauch ist noch seltener als der adjektivische 
(zuerst Herrn, mand. X, 1, 4; Epist. Lugd. bei Eus. h. e. V, 1, 14) und ad- 
verbielle (schon Gl 2, 14), weil die Griechen imd griechisch schreibenden 
Juden dafür lieber '-E/J.r,r, e/./.r;rixöi, s/./.rviauög gebrauchten Mr 7, 26; Jo 
7, 35; 12, 20; AG 11, 20; 14, 1. 3 cf Einl I, 40 f. 264, 17. Bei den Lateinern, 
in deren Munde diese Bezeichnungen des Heidentums sonderbar gelautet 
hätten, sind daher ethnicus, gentilis, gentilitas mehr in Gebrauch gewesen 
cf Forsch II, 176 f.; III, 245. 



256 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu, 

Volkes" mit „dein Nächster" wechselt; zweitens aus dem offenbar 
durch tovg äöeXcpovg hervorgerufenen Gedanken an die iS-viKoL 
Den Gegensatz der Liebhaber und der Feinde findet man inner- 
halb des eigenen Volkes ; darum werden die vollkommensten und 
verhaßtesten Glieder des Volks , die Zöllner als Beispiel einer 
gleich niedrigen Gesinnung genannt. Aber die Schranke, welche man 
zwischen den Brüdern un3^ denen, die dies nicht sind, aufrichtet, 
scheidet doch viel deutlicher die Israeliten von den Heiden. Darum 
wird V. 47 die Moral der Heiden zu beschämendem Vergleich heran- 
gezogen. Beide Gegensätze waren überdies durch v. 45 vorbereitet. 
Obwohl nur gesagt war, daß Gott Gerechten und Ungerechten, 
Guten und Bösen ohne Unterschied die Beweise seiner Güte zu- 
kommen lasse , so war doch dadurch jeder Hörer auch an den 
Gegensatz der Juden und Heiden erinnert; denn einerseits waren 
dem Juden die Heiden als solche gottvergessene, gesetzlose Sünder 
(Gl 2, 15; 1 Kr 9, 21 ; Em 2, 12; Eph 2, 12), andrerseits brauchte 
nicht erst ausgesprochen zu werden, daß die Sonne Jerusalems 
auch über Rom und Athen leuchtet. Für den Fall von 46 ergibt 
sich die selbstverständlich zu verneinende Frage : welchen Lohn 
dann die Jünger haben? Die durch das Präsens €ysre aus- 
gedrückte Vorstellung ist die gleiche wie v. 12. Den Jüngern als 
solchen ist eine ihrem Tun und Leiden entsprechende Vergeltung in 
der zukünftigen ßaoi?.€ia in Aussicht gestellt (cf v. 3 — 10. 19; 10, 
41 f.; 19, 27 — 29). Da dieselbe aber schon im Rate Gottes be- 
schlossen ist und als ein im Himmel deponirtes, mit ihrem gott- 
gefälligen Tun und Leiden anwachsendes Kapital vorgestellt wird, 
kann man auch sagen, daß sie unter der Voraussetzung ihres "Wohl- 
verhaltens diesen Lohn bereits in der Gegenwart besitzen. Was 
für einen Lohn aber könnten sie in diesem Sinne besitzen, wenn 
sie nur das tun, was auch die am meisten entarteten Juden tun, 
die sich zu Werkzeugen des verhaßten Steuerdrucks und der 
Fremdherrschaft hergeben und mit den Tyrannen zugleich vom 
Blut der eigenen Volksgenossen sich nähren ! Die Frage v. 47 setzt 
voraus , daß jeder Israelit , der nach Gerechtigkeit strebt , und 
vollends die Jünger, die durch ihre Werke vor der Welt beweisen 
sollen, daß sie Jünger Jesu und als solche Söhne Gottes sind 
(v. 16, 45), ein Verhalten zeigen müssen, welches über die Sittlichkeit 
der Heiden hinausreicht, welche kein göttliches Gesetz und keine 
Hoffnung auf Gottes Königsherrschaft besitzen. Die rabbinische 
Gesetzesauslegung und Sittenlehre, welche von v. 21 an bestritten 
wurde, führt zu einer Moral, welche über den Standpunkt der ab- 
trünnigen Juden und der gesetzlosen Heiden nicht wesentlieh er- 
haben ist. Dann ist unbestreitbar, daß die Jünger, um. in die 
ßaoiXela aufgenommen zu werden, eine Gerechtigkeit besitzen müssen, 
welche die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit hinter sich läßt. 



I 



c. 5, 43—48. 257 

Das TL negiGGÖv v. 47 beschließt den Beweis für das Iccv fxri 
TtEQiaoevoi] V. 20. Aus demselben Gegensatz ist auch die Er- 
mahnung V. 48 zu verstehen, welche durch ovv als eine Schluß- 
folgerung zunächst aus v. 46. 47 eingeführt ist. Avif den Gegen- 
satz zu dem, was die ßabbinen lehren, und wie deren Schüler 
leben, weist das sonst völlig müßige vuslg nachdrücklich hin. 
Während die bisherigen Lehrer des Volks den Buchstaben des 
Gesetzes bald pressen, bald verstümmeln, bald geradezu verdrehen, 
immer aber mit Gott um seine Gebote markten und feilschen, um 
den Bereich der erlaubten Sünde, nach Möglichkeit zu erweitern, 
fordert Jesus von seinen Jüngern völlige Hingabe an den im 
Wort des göttlichen Gesetzes und im Vorbild des göttlichen Ver- 
haltens für jeden aufrichtigen Israeliten offenbarten Willen Gottes. 
Das ist im Gegensatz zu dem Stückwerk und Flickwerk der 
pharisäischen Gerechtigkeit die Vollkommenheit, worin die Jünger 
ihrem himmlischen Vater ^') nachstreben sollen. Nicht nur der 
Ausdruck, sondern auch der Gedanke der Vollkommenheit ist dem 
Gesetz entlehnt ; ^^) er ist aber verstärkt durch den doppelten Ge- 
danken, daß auch Gott im Verhältnis zu den Menschen sich in diesem 
Sinne als den Vollkommenen erweist, d. h. ohne Rückhalt und 
Hintergedanken mit ihnen handelt (cf Ps 18, 26), und daß die 
Jünger als seine Söhne dieses sein Verhalten durch eine gleichfalls 
rückhaltlose Hingabe an ihn nachahmen und erwidern sollen. Daß 
diese Forderung nicht die durch das deutsche Wort „vollkommen" 



''') Ob mit sBLZ etc. o ovodvioi oder mit D*KM etc. ö Iv {joii 
nicht alle) oipaiois zu lesen sei, ist auch darum schwer zu entscheiden, 
weil die Versionen hierin teilweise undeutlich sind. So schreiben z. B. 
SsScS' überall, auch wo 6 ovodvioi sonst einstimmig bezeugt ist, „euer 
Vater, der im Himmel" ist. Mt allein gebraucht dieses ö oiadiuo; (6, 14, 
23. 32; 15, 13; 18, 35 v. 1. hiovgäiioi) ohne jeden Unterschied der Bedeutung 
neben ö av [Toii] ovg. (5, 16 s. oben S. 207 A 63). Ähnlich wie 5, 45 schwankt 
die LA auch 23, 9. 

**) Deut 18, 13 LXX Te/.eioi to>; kraurioi' (al. EvavTi) y.vpiov rov deov 

oov. Das hebr. ='^.- hier wie Gen 6, 9; 2 Sam 22, 26 und ebenso wie =.■: 
Cant 5, 2; 6, 9 und :ri 1 Reg 8, 61 ; 11,4 durch Te'/.eioi übersetzt, bezeichnet 
wie diese seine Synonyma und das Verb. :•:.- und das Substantiv er zu- 
nächst die Vollständigkeit z. B. der Zahl l'Sam 16, 11, des Zeitmaßes 
Ley 25, 30, der Glieder z. B. bei Opfertieren Ex 12, 5; auf das sittliche und 
religiöse Gebiet übertragen, nicht sowohl die Reinheit von Sünde und 
Schuld, als die Hingebung der ganzen Person im Gegensatz znr Halbheit 
und Heuchelei; Job 1, 1; 2, 3 diejenige Art der Frömmigkeit, welche Satan 
anzweifelt. Die gleiche Bedeutung ist dem hebr. cE.n durch den Wechsel 
mit Ti; Prov 2, 21 gesichert. Die Seite des Begriffs, worauf seine Syno- 
nymik mit Geradheit, Aufrichtigkeit beruht, tritt besonders hervor, wo er 
wie Deut 18. 13; Ps 18, 24; 2 Sam 22, 24; Gen 17. 1 auf das Verhältnis zu 
Gott und den Wandel vor Gott bezogen wird. Cf auch Sir 44, 17 hebr. u. 
griech. Wesentlich das Gleiche sagt das häufige „von ganzem Herzen"* 
Deut 4, 29; 10. 12; 30, 2 cf mit 1 Reg 11, 4. Cf übrigens au(^h Schlatter, 
lochanan S. 34. 

Zahn, Ev. des Matth. <. Aufl. 17 



258 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

nahegelegte Meinung voraussetzt, daß Menschen in diesem Weltlauf 
in ethischer Beziehung zur Gleichheit mit Gott gelangen können, 
und daß sie nicht in Widerspruch steht mit der Voraussetzung, 
daß die Jünger vor ihrer Aufnahme in das zukünftige Gottesreich 
allezeit nach Gerechtigkeit sich noch zu sehnen haben und beim 
Eintritt in dasselbe auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind 
(s. zu V. 6. 7), wird kein'es weiteren Beweises bedürfen. 

Mit der Forderung der rslsiöri^g ist ein Höhepunkt der Rede 
ei'reicht, über welchen hinaus sie nicht mehr in gleicher Richtung 
fortgesetzt werden kann. Es folgt keine weitere Gegenüberstellung 
des rabbinischen Unterrichts aus dem Gesetz und der Sittenlehre 
Jesu, und überhaupt nichts, was in unmittelbarer Beziehung zu 
Gesetz und Propheten stünde. Nachdem 5, 21 — 48 die von den 
Jüngern erforderte Gerechtigkeit im Gegensatz zu der rabbi- 
nischen Gesetzesauslegung durch richtige Auslegung des 
mos. Gesetzes beschrieben worden ist , wird dieselbe von 6, 1 
an in ihrem Gegensatz zur pharisäischen Frömmigkeit 
dargestellt, und zwar zunächst an den drei frommen Werken : der 
Mildtätigkeit gegen die Armen v. 2 — 6, dem Gebet v. 7 — 15 und 
dem Fasten v. 16 — 18. Obwohl der Name der Pharisäer nicht 
genannt wird, macht doch das wiederkehrende ol V7tOy.QLraL v. 2. 

5. 16 diese Beziehung unzweifelhaft. •^*') Trotz der innigen Ver- 
bindung zwischen der Zunft der Schriftgelehrten und der Partei 
der Pharisäer ist doch die schon 5, 20 durch die Zusammenstellung 
beider Gruppen im voraus angekündigte Verschiedenheit des 
doppelten Gesichtspunktes deutlich, unter welchem 5, 21 — 48 und 

6, 1 — 18 die Gerechtigkeit der Jünger dargestellt wird. Wahr- 
scheinlich ohne öe^^) wird der Übergang zu dem neuen Redeteil 
gemacht mit dem Satz: „Achtet darauf,*^) daß ihr eure Gerechtig- 
keit nicht angesichts der Menschen übet, mit der Absicht, ihnen 
ein Schauspiel zu geben." Ist Trjv öf/.aioGvvrjv v(.iG)V, wie doch 

39) Cf 15, 7; 22, 18; 23, 13. 15. 23—29; Lc 12, 1. 56; 13, 15; Mt 7, 6; 
12, 15. — Geradezu als Name der Pharisäer Didache 8, 1 mit Eücksicht 
auf ihre Fastensitte cf Lc 18, 12. 

*") Die Bezeugung durch hsLZKopS'S' reicht nicht aus. Auf dem 
Gebiet der Versioueu scheint es erst später eingedrungen zu sein, noch 
nicht bei den älteren Lat von k an bis Vulg, auch nicht in Sc und Sh 
(dieser zweimal p. 130. 134, allerdings zu Anfang einer Lektion). Ss über- 
haupt frei: „Und tut eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen". 

^') Wie schon bei den Klassikern vielfach, wird TtQoaexstv im NT 
stets, in LXX beinah immer (Job 7, 17 ibv vovv^ Dan 9, 18 tö ols, dies als 
Subjekt Neh 1, 6. 11) ohne Akkusativobjekt gebraucht, und die nächst- 
liegende Ergänzung tbv vovv würde an Stellen wie 1 Tm 3, 8 ; 4, 13 unpassend 
sein. Ähnlich wie ßHrceiv heißt es: seine Aufmerksamkeit, Teilnahme, 
Fleiß einer Sache und Person zuwenden (c. dat., so auch eavrcö), entweder 
um sie zu schützen, zu pflegen, sich zu nutze zu machen, oder um sich 
vor ihr zu hüten mit utcö nvos Mt 7, 15; 10, 17; 16, 6; mit negativem 
Finalsatz Lc 21, 34; Sir 29, 20 oder Infinitiv wie Mt 6, 1; Deut 12, 23. 



c. 6, 1-4. 259 

kaum zu bezweifeln ist, der ursprüugliclie Text,*-) so muß der 
griech. Mt hier in seinem Original ein anderes Wort gefunden 
haben, wie das, welches er v. 2 — 4 durch sisr^f^ocvvrj übersetzt. 
Dieses dr/.aioovyi]V trotzdem im Sinn von D.tr^uoovyriV zu verstehen, 
verbietet erstens der Mangel an Beispielen dieses Gebrauchs im 
NT, welchen die Vergleichung von AG 10, 35 mit 10, 2. 4 nicht 
ersetzen kann , zweitens aber der Zusammenhang unserer Stelle 
selbst. Ehe der Fall überhaupt gesetzt war, daß die Jünger Al- 
mosen geben wollen (cf. v. 2. 5. 16 ; 5, 23), konnte nicht wohl von 
ihrem Almosen oder ihrer Mildtätigkeit als einer bekannten Sache 
(rrjv dr/.. vfiojv) geredet werden. Es konnte auch nicht mit oiv 
V. 2 zu der Mahnung, sich dabei alles Aufsehen erregenden Lärms 
zu enthalten, übergeleitet werden, wenn bereits v. 1 die Enthaltung 
von jeder Ostentation speciell in bezug auf die Mildtätigkeit ge- 
boten war. Der als bekannt vorausgesetzte BegrifE „eure Ge- 
rechtigkeit", weist vielmehr auf 5, 20 und die ganze bisherige 
Ausführung von 5, 16 an zurück. Die Gerechtigkeit der Jünger 
ist, entsprechend dem Begriff der rabbinischen und pharisäischen 
Gerechtigkeit , das den Jüngern als solchen eigentümliche , von 
Jesus ihnen zur Pflicht gemachte und bis dahin in mannigfaltigen 
Beziehungen dargestellte Wohlverhalten in seiner Einheit,"*^) worin 

*^) Für das Verständnis der Varianten ist wesentlich, daß hebr. np^yi_ 
und aram. N,;-i- (bibl. "P^"?), t*^P.''4 schon in vorchristlicher Zeit die Bedeutung 
„Milde, Barmherzigkeif imd geradezu „Mildtätigkeit gegen die Annen, 
Almosen" angenommen hatte (oben S. 75 A 41). Daher übersetzt LXX dieses 
Wort Deut 6, 25; 24, 13; Ps 24, 5; 33, 5: 103, 6: Jes 1, 27; 28. 17; 59, 16; 
Dan 4, 24 (aram., auch Theodotion so); 9, 16; auch Sir 3, 14. 30 (al. 28); 7, 10; 
12,3; 16.14; 40,17.24 durch t/.sr^uooirr;. So übersetzten umgekehrt die 
Syrer f/.erjfioaivTj (SsScS^ Mt 6, 2 f.'; AG 3, 2 und sonst) durch k::p'i (Sh 
np-;). Clem. AI., der einen Hebräer unter seinen Lehrern gehabt hatte, 
kannte den Gebrauch von diy.uioairr, im Sinne von Müdtätigkeit (ström. 
VII, 69), und Chrj's., welcher das Syrische einigermaßen kannte, erwog 
sogar zu Mt 1, 19 p. 52, ob dort Siy.uioi etwa in dem engereu Sinne zu 
nehmen sei, wonach es zu rc/.eopEy.ieii^ den Gegensatz bilde. Daraus erklärt 
es sich leicht, daß man ein in 6, 1 vorgefundenes br/.aioovyi; im Sinne von 
ikerjaooirr^ verstand, oder auch dieses statt jenes in den Text nahm, zumal 
V. 2 ff. nur von eler^uooivr; die Eede ist. Dagegen wäre ganz unverständlich, 
warum man ein in v. 1 vorgefundenes e).. durch ^Vx. verdrängt haben soUte. 
für ein anderes Wort als das e).. von v. 2, also indirekt für Öix., zeugt 
auch die alte LA böan-. so der mit dem ersten Schreiber gleichzeitige 
Korrektor n", ferner Kop und ein Fragment in faijumischem Dialekt, end- 
hch Sc (neben der gewöhnlichen Übersetzung von f/- in v. 2) und Ephr. 
Syr. in epist. Pauli ed. Mekith. p. 74 äotux vestra. Übrigens haben äiy. t** 
(auch der jüngere Korrektor h^) BD, Ss disn^p»-?, deutlich unterschieden 
von N.-p-T V. 2), die meisten Lat, Orig. lat. (woe:egen tom. 11, 15 in Matth. 
nichts beweist); dagegen ü.sru. E K. etc. und die Masse der Min, S' (ganz 
unzweideutig dasselbe Wort wie 6, 2 f. und verschieden von 5,20) S^Sh, 
Güth, von den Lat nur k f Op. imperf. p. 71. 

*^) Sachlich dasselbe t-ucöi' t« y.a/.ä ioya 5, 16, zur Form 23, 5. 

17* 



260 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehren» Jesu. 

die Gedanken des Herzens ebenso wie der Blick des Auges, das 
"Wort des Mundes, der Schritt des Fußes und die Bewegung der 
Hand inbegriffen sind. Diese Gerechtigkeit ist nicht eine der 
Person stetig anhaftende Eigenschaft oder Tugend, die man sich 
ebensogut ruhend wie wirksam, in Gebrauch genommen oder un- 
benutzt vorstellen kann, sondern „die Gerechtigkeit- tun" heißt: 
sie handelnd immer neu^ hervorbringen/*) Dabei aber soll eine 
Öffentlichkeit vermieden werden, welche dem Zweck dienen würde, 
von den Leuten angeschaut und bewundert zu werden ; denn dies 
wäre eine mit der 5, 48 (cf 6, 33) geforderten, 5, 8 gepriesenen 
Lauterkeit und Geradheit des auf Gott und das Gute gerichteten 
Willens unverträgliche Nebenabsicht. Der Unterschied der Synonyma 
■dedaaod-aL und iöslv^^) würde an sich nicht ausreichen, den 
Schein eines Widerspruchs von 6, 1 mit 5, 16 fernzuhalten. Nimmt 
man aber das OTtcog öo^aod-wOLV VTto rCbv avd-Qwrttov v. 2 und 
das OTtiog (pavCoaiv rolg dvd'QcuTtöig v. 5 und 16 hinzu, so findet 
man den selbstverständlichen Unterschied auch äußerlich klar genug 
ausgedrückt. Das Wohlverhalten der Jünger müßte der erforder- 
lichen Kraft entbehren, wenn die übrigen Menschen keinen Bin- 
druck davon empfingen. Aber es würde ihm, was viel schlimmer 
wäre, die Wahrhaftigkeit fehlen, wenn sie den günstigen Eindruck, 
den ihr Wohlverhalten auf die Menschen machen soll , als den 
eigentlichen Zweck desselben ansehen wollten. Unvermerkt würde 
die Verherrlichung ihrer selbst (6, 2) statt der Verherrlichung 
Gottes (5, 16) als letztes Ziel ihres Handelns diesem die Richtung 
geben. Wenn sie aber die Warnung Jesu vor dieser Verirrung 
nicht beachten, entgeht ihnen auch die göttliche Vergeltung, welche 
ihnen sonst gewiß und bei ihrem Vater im Himmel aufgehoben 
wäre (v. 1^ cf zu 5, 12. 46). Aus diesen allgemeinen, auf alle 
Arten des Guthandelns bezüglichen Sätzen werden negative und 
positive Regeln zunächst in bezug auf die Mildtätigkeit gegen die 

**) Man darf Sacaioavt^t] nicht als Gesinnung vorstellen uad unter Ttoieiv 
Ti/V dix. deren Betätigung im Handeln verstehen, vollends nicht so, als ob 
bis dahin nur die innerliche Gesinnung, von hier an deren Anwendung 
gefordert und beschrieben würde. Von Tioieti' rrjv 8m. ist auch 5, 16 — 48 
die Eede gewesen, und nur vor bestimmten Fehlern, die andere dabei be- 
gehen, wird 6, 1 ff. gewarnt. Mit d'iy.aiooöprjp (1 Jo 2, 29; 3, 7. 10; 2 Sam 8, 15; 
PslOB, 3), äuouiav (Mt 13,41; IJo 3, 4), äuaoTiav (Jo 8, 34; lPt2, 22; 
1 Jo 3, 4. 8. 9) und derartigen Begriffen als Objekten bezeichnet noieir wie 
auch ipycii;ea9;u (Mt7, 23; 13,41; Jk 2, 9; AG 10, 35; Ps 15, 2) stets ein 
Handeln, wodurch jene Objekte erst producirt werden. 

*^) Cf 11, 7 — 9. Man muß sich erinnern, daß d-earpor von Seäad-ai 
gebildet ist und nicht nur den Schauplatz, sondern auch das Schauspiel im 
eigentlichen und uneigentlichen Sinn bedeutet 1 Kr 4, 9 cf Hb 10, 33. Man 
könnte den Gebrauch von imoKoiTai v. 2. 5. 16 hiezu in Beziehung setzen 
und eine Anspielung auf die Bedeutung „Schauspieler" annehmen, wenn 
dazu irgendwo im NT eine Handhabe geboten wäre. 



c. 6, 1-4. 261 

Armen, das Almosengeben *^) gefolgert y. 2 — 4. Wann immer die 
Jünger den Armen milde Gaben zuwenden werden, was als ein 
selbstverständliches und regelmäßig wiederkehrendes Stück des 
Ttoulv TTjv diy.aioovvr^v avrCov vorausgesetzt wird {orav cf 5,11; 
6, 5. 16; 15, 2, nicht idv 5, 25), sollen sie nicht vor sich her 
posaunen, nach der Art, wie es die Heuchler in den Synagogen 
und auf den Straßen machen zu dem Zweck, von den Leuten wegen 
ihrer Mildtätigkeit gerühmt zu werden. Von einem wirklichen Ge- 
brauch von Trompeten seitens der Almosenspender bei den Juden 
ist nichts bekannt,* ') und daß ein solcher in den Synagogen *^) ge- 
duldet worden wäre, ist kaum denkbar. Ist der Ausdruck demnach 
bildlich zu verstehen, so hat man von dem allgemeinen Gebrauch 
der Trompete als des Signale gebenden Instruments auszugehen, 
und insbesondere daran zu denken, daß der Herold zuerst durch 
Trompetenstöße die Menge aufmerksam macht, ehe er seine Ver- 
kündigung ausruft. Es ist oalnl^eiv nicht anders zu verstehen, 
wie bucinare *^) : in lärmender "Weise die öffentliche Aufmerksamkeit 
auf ein besonderes Handeln lenken. Übrigens ist zu beachten, 
daß die Synagogen und Straßen nicht unmittelbar mit calni^Eiv, 
sondern weit davon getrennt mit dem neuen Prädikat des Ver- 

*®) In LXX noch manchmal als Übersetzung von lon, n,^iv (s. oben 
A 42) u. a. im weiteren Sinne von freiwilliger Erweisung der Liebe und 
Barmherzigkeit ohne merklichen Unterschied von eleo^ gebraucht Gen 47, 29 ; 
Deut 6, 25: Prov 3, 3, hat ilsi;i.ioovrr^ schon Sir 7. 10 (neben dem Gebet); 
12, 3 etc.; Tob 1, 3. 16; 2, 14 etc. und überall im NT diesen engeren Sinn, 
mit Tioisiv wie hier AG 9, 36; 10, 2; 24, 17. 8i86rcu Lc 11, 41 ; 12, 33, ahtri^ 
AG 3, 2, lufißävaiv AG 3, 3. In Ermangelnng eines genau entsprechenden 
lat. Wortes ging das griech. eleemosyna sofort in die lat. Kirchensprache 
(Tert. Cypr.) und Bibel über, so auch in die romanischen (ital. elemosiva, 
franz. aicmone) und germanischen Sprachen {alamuosan, almuosan, Almosen). 

*^) Seit Lightfoot, der seine Beiträge zu Mt 6, 2 p. 289 mit diesem Be- 
kenntnis beginnt, ist trotz allen Aufwandes von Gelehrsamkeit nichts Ver- 
gleichbares beigebracht worden. Allerlei Unbrauchbares bei Schöttsfcn I. 
51 f., Tholuck, Achelis, Wünsche Neue Beitr. S. 77. Auch was A. Büchler 
im Journ. of theol. stud. 1909 p. 266 ff. über Anwendung von Trompereu 
bei Fastengottesdiensten auf offener Straße (Taanith II, 1 ff.) heranzieht, hat 
nichts einleuchtendes. 

*^) Der lokale Sinn, welchen awaycoy/i an allen 34 Stellen in den Evv 
hat, ist hier überdies durch die Zusammenstellung mit tv lais ^vuan ge- 
sichert. Auch würde durch die Annahme der Bedeutung „gottesdienstliche 
Versammlung" (Jk 2, 2 Einl I, 661) nichts gewonnen, da diese Versamm- 
lungen in den darnach benannten Lokalen stattzufinden pflegten. 

*^) So übersetzten treffend die ältesten Lat (k, Cypr. test. III, 40 v. 1.; 
debucinare Tert. virg. vel. 13; tuba canere a b Vuler) in Erinnerung an den 
entsprechenden klassischen Gebrauch cf Cicer. ad famil. XVI, 21, 2 te hn- 
ciriatorem fort exisfimationis meae, auch bucina f'amae Juven. XIV, 152. 
Es mag eine Zufälligkeit sein, daß der gleiche Gebrauch von oalnitin- 
noch nicht nachgewiesen ist. Gut jedoch vergleicht Wettstein Achilles 

Tat. VIII, 10 avTi] Si ovx vriö aülniyyi f.ioroi'^ d/.Xä xal >c7j'(M^t ftoi^eveTat 

(oppos. dnoxovTTjEiai). Cf auch ärny.r}(jv§is Jos. c. Apion. II, 30 von öffent- 
licher Anerkennung der Tugend als Lohn. 



262 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

gleichungssatzes verbunden sind. Das sonst überflüssige tzolovolv 
(cf V. 7) steht nur da, um die Ortsangaben hieran anfügen zu 
können; es würde aber nach dem Stil der Evv (Mt 5, 48; 6, 12; 
18, 33; Jo 7, 46) das Verb des Hauptsatzes wiederholt sein, wenn 
von den Heuchlern im Vergleichungssatz genau dasselbe ausgesagt 
sein sollte, was im Hauptsatz den Jüngern verboten ist. Wahr- 
scheinlich ist also zu ftoiovöiv das in v. 2^. 3 damit verbundene 
lKeTq(.ioovviqv zu ergänzen. Daß die Pharisäer ihre milden Gaben 
mit Vorliebe in den Synagogen und auf den Straßen austeilen, wo 
sie viele Zuschauer ihrer Wohltätigkeit haben, das ist im eigentlichen 
Ausdruck dasselbe, was in dem Vei'bot an die Jünger bildlich ein 
vor sich her Posaunen heißt. Der Drohung am Schluß der allge- 
meinen Warnung v. 1 entspricht es, daß Jesus von den mit ihrer 
Wohltätigkeit prahlenden Heuchlern feierlich versichert, daß sie 
ihren Lohn d. h. den einzigen, der ihnen zukommt, eben damit 
empfangen haben. ^^) Sie erreichen in der B,egel, was sie mit ihrer 
Art der Wohltätigkeit erstreben, den Ruhm bei den Leuten, haben 
aber eben darum keinen Anspruch und keine Aussicht mehr auf 
einen zukünftigen Lohn Gottes. Die Jünger aber sollen bei der 
Ausübung der Mildtätigkeit nicht nur der Prahlerei und des 
Trachtens nach Anerkennung bei den Menschen, sondern aller auf 
Irdisches gerichteten Berechnung so völlig sich entschlagen, daß nicht 
einmal ihnen selbst bewußt wird, wie viel oder wie oft sie Gutes 
tun. Da das Wissen ebensowenig eine Sache der rechten wie der 
linken Hand ist, so ergibt sich von selbst eine gewisse Uneigentlich- 
keit der Rede in v. 3, aber doch nur eine solche, wie sie überall 
statthat, wo wir irgend einen Körperteil, den wir mit Recht oder 
Unrecht als Organ einer menschlichen Lebensäußerung ansehen, 
zum Subjekt der betreffenden Funktion machen. Von einem Gleich- 
nis kann darum doch nicht die Rede sein ; denn gerade im Gleichnis 
würde nicht der Hand ein Wissen oder Nichtwissen, sondern nur 
solches zugeschrieben werden, was die Hand nach gemeiner Er- 
fahrung wirklich zu tun pflegt ; und wenn es ohne Frage die wirk- 
liche rechte Hand ist, von deren rcotslv Jesus redet, weil das Ttoielv 
l/.eYjf.WG6vr]V, das Darreichen des Almosens mit der rechten Hand zu 
geschehen pflegt, so kann die linke Hand auch nicht Bild von irgend 
etwas anderem, etwa der geizigen Frau^^) oder des vertrautesten 
Freundes (Tholuck) sein. Der Mensch selbst ist es, der sowohl 
handelt als um sein Handeln weiß. Daß die rechte Hand als Sub- 
jekt des Handelns, die linke als Subjekt des Bewußtseins um die 
Handlung vorgestellt wird, dient erstens dazu, die Unterscheidung 

^0) So dnaxeiP auch Lc 6, 24 (cf 16, 25 äTtilaßss); Phl 4, 18. Die ge- 
wöhnliche Form der Empfangsbescheinigung ist änkyM Berl. ägypt. Urk. 
44, 7; 87, 28; 100, 6; 101, 33, «tto^ Quittung 44, 14; 807, 17; 813, 12. 

^') Diese Auslegung fand Aug. zwar lächerlich, aber wegen ihrer 



c. 6, 1-4. 263 

zwischen dem handelnden und dem über sich selbst reflektirenden 
Menschen auszudrücken, und zweitens dazu, die Gelegenheiten zum 
Wohltun zu veranschaulichen, die sich dem Menschen, der nach 
der einen Seite eine milde Gabe gespendet hat, sofort oder gar 
gleichzeitig von einer anderen Seite bieten können. Die zur Dar- 
reichung einer Gabe an den Dürftigen ausgestreckte Rechte ist 
noch nicht wieder frei, so macht die Not eines anderen Armen an 
die Mildtätigkeit des Besitzenden neue Ansprüche, die er darum 
nur mit der Linken befriedigen kann. Aber nicht die grenzenlose 
"Willigkeit zu geben soll damit beschrieben sein ; denn den Heuchlern 
war nicht Geiz und Kargheit im Geben, sondern die schielende 
Reflexion auf das menschliche Lob ihrer Wohltätigkeit zum Vor- 
wurf gemacht. Dagegen fordert Jesus von seinen Jüngern, daß er 
nur durch die Liebe zum Bruder und die ihm nahetretende Not des 
Bruders sich zur Wohltätigkeit bewegen lasse und dabei von aller 
Berechnung über die Höhe seiner Leistung und aller Rücksicht 
auf das Lob der Menschen sich freihalte. Was Jesus hier fordert, 
ist mit einem Wort die aTtlötrjg des Gebens (cf Rm 12, 8; 2 Kr 
8, 2), deren Vorbild nach Jk 1, 5 Gott selbst ist. Durch die 
V. 2 — 3 negativ und positiv beschriebene Art des Gebens soll und 
wird der Jünger es erreichen, daß seine Wohltätigkeit in der Ver- 
borgenheit ^^) sei. Dem entspricht dann aber auch die göttliche 
Vergeltung, welche in einem von orccog unabhängigen Satz ver- 
heißen wird. Der später vorherrschende Text ^^) hier wie in v. 6, 
teilweise auch v. 18 wollte durch den Zusatz iv tm (pavegw am 

weiten Verbreitung doch eingehender Widerlegung wert. Anderes bei 
Theoph. lat. Forsch II, 39 zur Wahl gestellt. Originell, aber dem Zu- 
sammenhang fremd ist die Anknüpfung Luthers an das „mit der einen 
Hand nehmen, was man mit der anderen gibt". Die arabischen Sprüche, 
die Tholuck S. 278 nach Burkhardt anführt, sind offenbare Nachbildungen 
von Mt 6, 3 cf Goldziher, Muhammed. Studien II,- 384. Aus der jüdischen 
Literatur ist bisher nichts beigebracht. Das wesentlich Eichtige haben 
schon Clem. ström. IV, 138 oi'd's aörds S IXe&v 6xi eIseI yivojanEW ofeü.Ec 
und Chrys. : „Wenn es möglich ist, daß du selbst es nicht wissest, so be- 
mühe dich eifrig, womöglich vor den eigenen Händen, mit denen du den 
Dienst tust, verborgen zu bleiben." 

^^) In Ev {t(ö) yovTiTcö V. 4. 6 (v. 18 EV roj y.ovfaUo)'^ Jo 7, 4 (opp. tv 
7iaQQrjaic{): Jo 18, 20 (opp. 7iaoor]au(); Rm 2, 29 (opp. ir reo (faveocf>) ist tö 

yovTttöp natürlich nicht das, was verborgen ist, sondern die Verborgenheit. 
^*) In V. 4 ist ai)cöß vor äTroScooEi ziemlich stark (DEMS_/i7, die 
meisten Min, ShS'S^ hq: om. nBKLUZ auch [gegen Miller] l' Ferrargr. 
[13. 124.556] SsSc, Kop. die älteren Lat von k und Cyprian an bis Vulg), 
in V. 6 (Ss) und 18 (S ') beinah gar nicht bezeugt, eine, wie oben gezeigt, 
durch den Zusammenhang nahegelegte und zur Verhütung der Verbindung 
von EV 1(5 x^vnroj mit djiod'ojast. dienende Glosse. Ähnlich verhält es sich 
mit EV ToJ <favEO(ö hinter aoL (EKLMSK.S' Ferrargr., meiste Min, SsS\ 
Kop, Goth, viele^ lat Hss zur Zeit Aug: om. nBDZ, Sc, die älteren Lat 
k Cypr.). Ziemlich gleiche Bezeugung v. 6 (nur daß hier auch Ss und Sah 
om.), viel geringere v. 18. 



264 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Schluß des Satzes die göttliche Vergeltung in die zukünftige ßaoL- 
Xeia verlegen (cf 5, 3 — 10) und zugleich den Gegensatz ihrer sicht- 
baren Erscheinung zu der Verborgenheit der diesseitigen Guttat 
hervorheben, und außerdem durch Einschiebung eines avrög vor 
ccTtoöojaei den Gegensatz des göttlichen Lohnes zu dem Lohn des 
menschlichen Lobes schärfer hervorheben. Hiedurch wäre man ge- 
nötigt, das zweite Iv tCo -^VTtxip mit o /9A#7rw)' zu verbinden ; und 
hiei'an pflegen auch die festzuhalten, welche den von jenen Zutaten 
gesäuberten Text als den ursprünglichen anerkennen. "Wenn durch 
diese Verbindung das Sehen Gottes in die Verborgenheit verlegt 
wird, so ergibt sich der befremdliche Gedanke, daß das Wissen 
Gottes um alles menschliche Handeln oder irdische Geschehen den 
Menschen verborgen sei, von den Menschen nicht wahrgenommen 
werde. Die Unangemessenheit dieses Gedankens hat man durch 
allerlei Einschiebsel oder Unterschiebungen zu vermeiden gesucht. 
Sh hat V. 4 nach einer Hs., v. 18 nach zweien. Sah v. 6: „der 
dich im Verborgenen (d. h. dich, der du im Verborgenen bist) 
sieht" ; Clem. hom. 3, 55 wird aus v. 6 o ßleTiiov la 'ÄQvmd an- 
geführt, cf Tert. virg. vel. 13. Aber iv tiö ■/.QvniG) ist weder to- 
yi.QVTtiöv, noch %a kv rä) y.QV7txCi}, noch os xov kv xCo xQVTtTt^. 
Noch unverständlicher ist die Leichtigkeit, mit welcher die Aus- 
leger big heute entweder stillschweigend oder mit wunderlichen 
Umschreibungen dem iv rq) y.QV7txCo, welches v. 4*. 6^. 18^^ und 
überall sonst zweifellos den Zustand der Verborgenheit als den Ort 
oder Bereich bezeichnet, in welchem eine Sache oder Person sich 
befindet oder eine Handlung sich vollzieht, in v. 4^. 6*>. IS** die 
ganz andere Deutung geben, wonach es die Abwesenheit der phy- 
sischen Bedingungen des Sehens ausdrücken ^'*) und etwa soviel 
heißen soll, wie „im Dunkeln, da, wo es finster ist" (Ps 139, 11 f.). 
Eher wäre denkbar, daß iv hier die Bewegung mit der nach- 
folgenden Ruhe zusammenfaßte (Tholuck), so daß Luthers Über- 
setzung „der in das Verborgene siebet" nur etwa zu ergänzen, 
wäre durch die Paraphrase „und seinen Blick auf dem Verborgenen 
ruhen läßt", was dann nach Art des hehr. HNT und ü^3n mit 3 
den Gedanken ausdrücken könnte, daß Gott dem Vorborgenen 
seine Aufmerksamkeit und Teilnahme oder sein Wohlgefallen zu- 
wendet (Ps 92, 12; 1 Sam 16, 7; 2 Reg 3, 14). Aber abgesehn 
davon , daß dieser Gedanke in der griech. Bibel überall durch 
ifxßXineiv , ercißXsTreiv , icpoQäv, ETtLÖelv , allenfalls auch durch 
ßXsTteiv eig (Mt 22, 16) wiedergegeben wird, würde auch hiedurch 
die notwendige Gleichheit der Bedeutung von iv T(p y-gvitrCo in 
den beiden Vershälften von v. 4. 6. 18 zerstört. Demnach ist die 
Verbindung von iv %(j) ycQ. mit ö ßk^Ttcov aufzugeben und zu über- 

") Z. B. Acbelis S. 215: „daß Gott unter den Verhältnissen siebt, 
unter welchen kein anderer sieht". 



c. 6, 1-4. 265 

setzen: „und dein Yater, der es^^) sieht, wird es dir in der Ver- 
borgenheit vergelten". So erst kommt Bengels richtige Bemerkung 
zur vollen Geltung: fyse est in abscondUo, et sua agit in ah- 
scondito , et nicixime prohat quae in ahscondito fiunt. Omnis 
verum veritas est in ahscondito. Den Menschen, welche das Al- 
mosengeben des Jüngers nicht sehen, tritt der Gott gegenüber 
welchen der Jünger als seinen Vater kennt, ^^) und von dem er 
wissen soll, daß er alles, was sein Kind auf Erden tut und denkt 
nicht bloß sieht oder weiß, sondern auch mit liebevoller Teilnahme 
beachtet. Dem Lohn der Heuchler, welcher in der öffentlichen 
Anerkennvmg besteht , tritt gegenüber der Lohn , welchen Gott 
seinen Kindern in derselben Verborgenheit gibt, in welcher ihr 
Almosengeben, Beten und Fasten sich vollzieht. Bei dem Gebet 
müßte auch dem eigensinnigsten Verfechter des Test." rec. oder 
der im Bann desselben hängen gebliebenen herkömmlichen Aus- 
legung einleuchten, daß Jesus die göttliche Vergeltung, d. h. die 
Erhörung des Gebetes nicht in die Öffentlichkeit verwiesen und 
nicht bis zur Erscheinung der ßaoiXeia vertagt haben kann. "Weder 
die Bitte um das tägliche Brod, noch die um Vergebung der Sünden 
(6, 11 f.) oder um den hl. Geist (Lc 11, 13) würde sich damit ver- 
tragen. Und wie unangemessen wäre es, daß v. 6 und 18 von 
Gott selbst gesagt würde, daß er in der Verborgenheit lebt, 
um dann fortzufahren, daß er, dessen Sehen des verborgenen 
frommen Tuns vor den Menschen verborgen sei, das Beten und 
Fasten in der Öffentlichkeit vergelten werde. Gewiß bleibt 
die endgiltige Vergeltung des Tuns und Leidens der Frommen eine 
Sache der auf das Ende gerichteten Hoffnung (5,3 — 10); aber 
nicht der verborgene, sondern der in seiner Herrlichkeit erscheinende 
Gott bringt dann seinen Lohn mit sich (Jes 40, 5. 10). Anders 
hier. Schon PJt 5, 12. 46; 6, 1 ist der Lohn nicht als schlechthin 
zukünftig gedacht; der zukünftige ist schon im Himmel gegen- 
wärtig. Darüber aber geht es hinaus, daß der verborgene Gott 
die vor Menschenaugen verborgene Betätigung der Frömmigkeit 
in Almosengeben, Beten und Fasten in der Verborgenheit belohnt, 
nämlich durch die Freude am Gutestun (AG 20, 35), durch die 

**) Die Ergänzung des Otjekts 7f;v sUr^iwoHr^i- v. 4" bedarf keiner 
Rechtfertigung cf jedoch Mt 13, 17 elSov . . ., ijxovoar, Jo 14, 27 SiStoaiv 
sc. EioriiT^v, 15, 24 ; viel kühner Jo 6, 36 ohne f^s. 

^^) Die Benennung- Gottes als des Vaters im Verhältnis zu dem Ein- 
zelnen war im Judentum nicht unerhört (oben S. 207 A 63). Trotzdem ist 
die häufige Individnalisirung der Vaterschaft Gottes und der Gotteskiiid- 
schaft, welche in der Wiederkehr der Worte „dein Vater" v. 6. 18 („mein 
Vater" im Munde Jesu 7, 21; 10, 32; 11, 27 etc.\ auch 6, 8. 15. 24— 34; 
10, 20; 18, 10 etc. zum Ausdruck kommt, als eine notwendige Folge davon 
zu würdigen, daß die Jünger nicht vermöge ihrer Zugehörigkeit zur Mensch- 
heit oder Israel, sondern als Jünger, also vermöge ihrer persönlichen 
Stellung zu Jesu Gott zum Vater haben. 



266 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Erhörung des Gebetes und die Stärkung, welche das Gebet zur 
Folge hat, sowie durch die Befi-eiung von der Sinnlichkeit, welche 
das Fasten mit sich bringt. In bezug auf das Gebet wird ebenso 
wie in bezug auf die Mildtätigkeit der Mahnung und der Ver- 
heißung eine Beschreibung der Gewohnheiten der Heuchler vorauf- 
geschickt V. 5. Sie lieben ^'') es, in den Synagogen und an den Ecken 
der Straßen stehend ihr Gebet zu verrichten. Da das Stehen beim 
Gebet die Kegel ist (Lc 18, 11. 13; Mr 11, 25), ist nicht dieses an 
sich, sondern nur in Verbindung mit den Ortsangaben charakte- 
ristisch, ohne daß darum iaTwveg gleich ovteg wäre. Wahrschein- 
lich ist der Fall gesetzt, daß der Heuchler, scheinbar unabsichtlich, 
auf der Straße durch den Eintritt der Gebetsstunde überrascht 
oder daran erinnert wird.^^) Dann bleibt er, wo möglich, an 
der von den verschiedenen dort sich kreuzenden Straßen aus sicht- 
baren Straßenecke stehen oder tritt in die nächstgelegene Synagoge 
ein, legt die Gebetsriemen an (23, 5) und verrichtet hier oder dort 
sein Gebet, um sich vor den Leuten als ein eifriger Beter zu zeigen. 
Der Jünger, welcher beten will, soll nicht nur diese Öffentlichkeit 
vermeiden, sondern auch im eigenen Hause zu diesem Zweck in 
sein Zimmer sich einschließen.^^) Solche Verborgenheit des Beters 
und des Betens entspricht der Verborgenheit des Vaters, zu dem 
er betet, aber auch dem Wesen und Zweck des Gebetes. **") 

^^) Der klass. Gebrauch von fdsiv = solere ist der Bibel fremd; 
hier wie 23, 6; Lc 20, 46 = d-eleiv Mr 12, 38; Kl 2, 18 cf Einl § 39 A 7. — 
Die Ausstoßung von v. 5 in Ss allein, auch gegen die ältesten Syrer (Forschi, 
137), ist, solange v. 6 unangefochten bleibt, bedeutungslos. — Das on dient 
Avie 5, 45 statt eines yd<) zur Erläuterung durch Angabe der Beziehung, 
in welcher die Vergleichung gemeint ist. — Da Mt den unterschiedslosen 
Wechsel zwischen Synonymen liebt (z. B. ti^vnroj, x^vfulcp v. 6. 18), wird 
auch auf einen Bedeutungsunterschied zwischen ^vfirj v. 2 (etwa Gasse) und 
TtluTeia V. 5 (breite Strafe) zu verzichten sein cf Lc 14, 21. 

•^'*) Da die Bergpredigt nicht in Jerusalem, sondern in Galiläa gehalten 
wurde, haben wir nicht gerade an die bestimmten Gebetsstunden des 
Tempelgottesdienstes zu denken, über die zu Lc 1, lOf. und AG 3, 1; 10, 3 
das Erforderliche angemerkt ist Bd. III^, 65; V, 145. 344. Aber an diesen 
Brauch des öffentlichen Kultus (Esra9, 4f. ; 10,1; Dan 9, 21) lehnte sich 
seit alten Zeiten auch das private Gebet der Frommen au Dan 6, 11 ; 
Ps 55, 18, Stellen, die schon Tosefta, Berachoth III, 6 hiefür angeführt sind. — 
Hillel begründete seine freiere Auffassung in bezug auf die äußere Haltung 
beim Beten des sogenannten Schema durch die Worte Deut 6, 7 „wenn du 
auf dem Wege gehest" Mischua, Berach. I, 3. 

'''*) ta^iieiov oder raueiov (so hier u. 24, 26 «BD u. a. gegen die 
jüngeren Hss) ursprünglich Vorratskammer (Lc 12, 24 neben dTTod/jx?]), daher 
jedes verschließbare Gemach, dient 1 Keg 22, 25; 2 Reg 6, 12; Kohel 10, 20; 
Lc 12, 3 (cf Mt lü, 27) als Ausdruck der größten Verborgenheit. Ein Bei- 
spiel gibt 2 Keg 4, 33 (cf v. 10. 21). 

*^'^) Das TW hinter 7iaT()i aov, wodurch das Sein Gottes im Verborgeneu 
zu einem Korrelat der vorher in anderer Form beschriebenen Verborgen- 
heit des Beters gemacht wird (cf Jo 4, 24), om. D. Ferrargr. (13. 124. 
556), wodurch ip zoJ xo. ein zu Tioöasv^ai gehöriges Adverbiale wird. Es 



c. 6, 5—8. -267 

Während die Mildtätigkeit ihrer Natur nach eine nach außen 
gehende und auf Mitmenschen gerichtete Tätigkeit ist und daher nicht 
schlechthin innerlich bleiben kann, ist das Gebet seinem Wesen 
nach Rede des Herzens zu Gott. Daher wird dasselbe durch den 
Ausschluß aller Öffentlichkeit nicht nur nicht geschädigt, sondern 
vielmehr gegen die Einmischung fremdartiger Einflüsse und Rück- 
sichten geschützt. Auch hier hat Jesus es nicht nötig gefunden, 
die drastische Kraft seiner Rede durch eine pedantische Warnung 
vor unverständiger Verallgemeinerung abzuschwächen, wie etwa die, 
daß er hiedui'ch nicht jedes gemeinsame Gebet (cf v. 9 ff. ; 18, 19 f.) 
oder jedes Gebet vor den Ohren anderer (cf 11, 25; 14, 19; 26, 
39 ff.) untersagt haben wolle. — Während v. 5 — 6 und ebenso 
V. 16 — 18 in Ausdruck und Satzfolge genau dem Stück v. 2 — 4 
entspricht, tritt v. 7 — 15 völlig aus der Symmetrie der dreiteiligen 
Rede heraus. Um so weniger verlockend ist es, durch Aufnahme 
der unzureichend bezeugten LA VTtoy.giTal^^) statt edviT-oi eine 
größere Gleichförmigkeit von v. 7 pjit v. 2. 5. 16 herzustellen. Ge- 
Vv-iß fand sich das, was Jesus hier rügt, ebenso wie die Beschränkung 
der Liebe auf die eigenen Volksgenossen (5, 47) und das Trachten 
nach Befriedigung der irdischen Bedürfnisse (6, 32) auch bei Juden 
(15, 8; Mr 12, 40; Lc 20, 47). Aber es ist ein an diesen 3 Stellen 
der Bei'grede hervortretender Grundgedanke, daß die nach dem 
Unterricht der Rabbinen und dem Vorbild der Pharisäer geartete 
Sittlichkeit und Frömmigkeit nicht über die Linie des Heidentums 
emporrage. Das rätselhafte ßarraloyelv ^-) braucht nicht mit dem 

ist daher niclit als bloße Nachlässigkeit zu beurteilen, daß die alten Über- 
setzer es großenteils nicht ausdrücken; so die Lat von k bis Vulg und 
Ssj^c Tatian (? Forsch I, 136 f.), erst S^Sh wie auch Sah Kop haben 1(5. 
Gesichert ist es dr.rch seine Originalität und durch die Parallele ia v. 18", 
wo Wellh. es nur darum gestrichen haben will, weil er es nicht ver- 
standen hat. 

^^) So nur BSc (nicht SsS'), von Blaß recipirt. 

®2j ßaTTuloyElf (so ^<B, /:/«7-TO/o;/£<i' KLM etc., ßaraKaystf 'E.G, griech. 

Eaudglosse in S', s. unten Hesychius, ßlaxioloyEiv D* cf bieder are) ist ab- 
gesehen von Mt 6, 7 und den von Mt abhängigen christlichen Schriftstellern 
in der Literatur nur noch bei Simpücius (um 580), Comm. in Epict. enchir. 
c. 27 a. E. (ed. Salmasius p. 212) nachgewiesen. Der Ursprung des Verbs 
und des vorauszusetzenden ßunalöyoi (cf uiy.nolöyos, Tro'/.vXöyoi, U'evSolöyo^, 
fiHTaio/.öyoi, oTteoiiolöyos, nicht wie (fü.ö/.oyos, LtiaöKoyoi) ist noch immer 
dunkel. Die seit lange herrschend gewordene Ableitung von ßa-nao-i^tw 
stottern, daher „sinnlos die Worte wiederholen", (cf die Sage vom König 
Battos Herod. IV. 155) ist äußerst unwahrscheinlich. Da in diesem Namen 
selbst schon der Begriff einer bestimmten Art des Redens ausgedrückt ist, 
erscheint die Zusammensetzung mit -loyo^, -loytiv (/Jyeir) wunderüch. 
Auch sollte man eher ßarralauiv oler ßaiTnoolat.stv [ai noyü.dloi Mr 7, 32) 

oder ßuTzanojcorEtv (la/jOfcoveli; ^evotf corelr, y.Evojcoi'etv) erwarten. Der 

Spottname des Demosthenes ßdmloi hat mit dem Stottern nichts zu tun, 
ist überhaupt kein griechisches Wort, sondern Eigenname oder vielmehr 
Spottbeiname eines weichlichen Flötenspielers (Luciau, adv. indoct. 23), viel- 



268 Die Bergpredigt als Beispiel des Lelirens Jesu. 

gleich folgenden TtoXvXoyia gleichbedeutend zu sein ; es würde viel- 
mehr, wenn dies die Meinung wäre, in dem begründenden Satz 
ßarraXoyla statt noXiloyia stehen. Wahrscheinlich he\&t ßarraloyog 
einer, der leere Worte macht, der allerlei, an sich vielleicht sehr 
bedeutsame AVorte in den Mund nimmt, ohne sich viel oder über- 
haupt etwas dabei zu denken. Wer sich nicht einmal im Gebet 
dieser unwürdigen Art des Redens enthalten mag und dennoch 
betet, scheint dem Sprechen der Gebete an sich, auch wenn es ein 
gedankenloses ist, eine Bedeutung und Wirkung beizumessen und 
wird folgerichtig nicht von dem ernstlicheren und innigeren, sondern 
von dem längeren und wortreicheren Gebet die größere Wii'kung 
sich versprechen ; und umgekehrt wird der, welcher letztere Meinung 
vom Gebet hat, und demgemäß endlos lange Gebete hält, in die 
Gefahr der ßarraXoyia, des gedankenlosen Hersagens von Gebets- 
formeln geraten. Daher kann das ßafzaloyelv nach Art der 
Heiden, dessen die Jünger sich enthalten sollen, dadurch erläutert 
werden, daß die Heiden meinen, in und mit dem Wortreichtum 
ihrer Gebete Erhörung bei den Göttern zu finden. '^•^) In An})e- 
tracht der offenbaren Torheit dieser Denkweise . werden die Jünger 
aufgefordert, sich in der Ttolvloyia und ßmrakoyia nicht den 
Heiden gleichzustellen. Die zur Begründung hinzugefügte Er- 
innerung, daß ihr himmlischer Vater ihre Bedürfnisse kenne, ehe 

leicht eines Syrers von Geburt. Es fragt sich daher, ob ältere Gelehrte 
(bei Wolf, Cur. phil. zu Mt 6, 7) das Wort nicht mit mehr Kecht als eine 
vox hybrida betrachteten und u. a. an nw3, ntin dachten (Kai u. Fiel Prov. 
12,18; Lev5, 4; Ps 106, 33 „unvorsichtig reden", neiihebr. «-l^s „Eid oder 
Gelübde gleichgiltigen Inhalts" Dalman, Lex.). Schon alte Übersetzer, 
denen man hierin Verständnis zutrauen kann, haben sich mit besserem 
Recht an y^2 „müßig, nichtig, überflüssig" (s. die ueuhebr., aram. u. syr. 
Lexika) erinnern lassen. Ss .sn'jua inax iunn ab (das hier substantivirte 
Adjektiv haben ScS' Mt 12, 36 in der Verbindung nSw3 nha b, ebenso Ss mit 
NnVja = TTüi' oijiia aoyöp). Ferner Sh ]-'h^i ^'''^o inasn nS (v. 1.). Genauer 
als andere Lexikographen hätte dann Hesychius geschrieben: ßaioloyia 
(so mit einfachen t überliefert s. ed. M. Schmidt I, 365), bQyo'koyla, dyatoo- 
Äoyca. Er trennt das Wort nach Form und Bedeutung von ßaTtu^ii^siv. 

Zur Sache cf Chrys. ßaiToXoyiav hravSa ti]V tfXvaQiav XeycDv. — Die 

griechisch redenden Semiten haben in Anlehnung an ihr h\ii ßaralöyos 
gebildet statt fiwrcdoXöyos (cf idolatra für idololatra). Wenn sie es mit 
TT schrieben, suchten sie vielleicht auch eine Anlehnung an ßarra^itsiv. 

***) Das stundenlange Gebet der Baalspriester 1 Reg 18, 26 — 29 im 
Gegensatz zu dem kurzen des Elia ebendort v. 36 f. ist wohl ein Beispiel 
für die nolvloyia^ weniger für das ßa-xTaloyeiv^ denn es fehlte ihm nicht die 
Inbrunst. In der Regel aber hat ersteres letzteres zur Folge. Gegen 
langes und unandächtiges Beten cf Mr 12, 40; Jes 1, 15; 29, 13; Arnos 5, 23; 
Sirach 7, 14 {/.ir, SEvreocoans Xöyos ef TTpooEv/fJ oov) ; Belege aus der heid- 
nischen Literatur bei Casaub.exercit. in Baron. (1663 p. 289) und Wettstein. 
Cf auch die assyrischen Gebete, Hj'mnen, Beschwörungsformeln bei 0. Weber, 
Literatur der Babylonier und Assyrer S. 129. 131. 141 ff. ; Jastrow, Religion 
Babylons und Assurs I, 21)1 ff. 323. 436 ff. 463 f. 469 ff.; II, 35 ff. 



c. 6, 5-8. 269 

sie ihn um deren Befriedigung bitten,^*) enthüllt ein denkbares 
Motiv der 7toli?.oyia, welches vorher, wo von\ Beten der Heiden 
die Rede war, noch nicht angedeutet war, welches aber gerade 
den Jüngern naheliegen könnte, Sie könnten in einer scheinbar 
kindlichen Vorstellung von Grott als ihrem Vater meinen, ihm alle 
ihre Bedürfnisse herzählen zu sollen, wie es Kinder ihrem irdischen 
Vater gegenüber tun und unter Umständen tun müssen, weil dem- 
selben die erforderliche Kenntnis ihrer Lage fehlt. Hiegegen aber 
genügt die Erinnerung, daß ihr himmlischer Vater der allwissende 
Gott ist,^^) Im Gegensatz zu dem gedankenlosen Herplappern 
von Gottesformeln und dem endlos langen Beten leitet Jesus die 
Mitteilung des folgenden Gebetes^**) mit den "Worten ein: ovxcüg 

®*) Nur D und h dioliai rb aröua (statt aiTijaat avTÖi')^ VOn Blaß 
recipirt. Aber wer würde dies geändert haben? 

^^) Der Gedanke wird verschärft durch ein d dsöi vor ö .T«r;;'o, 
welches jedoch durch n* (dieser auch 6, 32) B Sah zu einseitig bezeugt 
ist. Cf übrigens die Gegenüberstellung des irdischen und des himmlischen 
Vaters 7. 9 — 11. 

®^) Von der reichen Literatur über das Vaterunser seien erwähnt: 
Tertull. de oratione c. 1 — 10; Cypr. de dominica oratione (ed. Vindob. p. 267); 
Orig. 7TB01 sv/Jii c. 18—30 (Berl. Ausg. Bd. II, 340—395); Gregor. Nyss. 
er. 2 — 5 de oratione (opp. ed. Paris 1638, I, 723 — 761) : Löschke , Die 
VU-Erklärung- des Theophilus von Antiochien (?) 1908; August, de serm. 
in monte II, 4, 15 — 11, 39; enchir. de spe, fide et caritate 530. Kamphausen, 
Das Gebet des Herrn 1866: Chase. The Lord's Prayer in the early church 
1891 ; (Texts and Studies I, 3 cf Tb. Ltrtrbl. 1892 Nr. 9. 10) ; v. d. Goltz, 
Das Gebet in der ältesten Christenheit, 1901 S. 35 — 53; Nestle Encyclop. 
biblica col. 2316 ff. ; Dibelius, Das VU, Umrisse zu einer Gesch. des Gebets 
in der alten und mittleren Kirche 1903. Walther, Untersuch, zur Gesch. 
der griech. Vaterunserexegese (Texte u. Unt. Bd. 40, 3) 1914. Über jüdische 
Parallelen s. hier unter A 67. Die älteste Erwähnung und Eeproduktion 
des Vaterunsers und zwar wesentlich nach Mt gibt die Didache c. 8 mit 

der Einleitung &»= ey.a/.svOEV ö y.voiOi h' rtS f.vayye),i(o avxov^ ovtco Ttoootv/Ead'e 

und mit der Anweisung: „Dreimal am Tage betet so." Tert. or. 10 nennt 
es die legitima et ordinaria oratio, an welche als das Fundament alle 
freien Gebete sich anschließen sollten; c. 25; de jej. 10 dreimal des Tages 
nach den biblischen Beispielen cf oben A 58; Cypr. test. III, 19 in prece 
cottidiana cf de or. dorn. 12. 22 cottidie, auch bei Sonnenauf- und Unter- 
gang und bei Nacht c. 34—36 s. oben S. 266 A 58. Unter den stärker 
abweichenden Gestalten des VU"s ist besonders bemerkenswert der Ersatz 
für die 2. Bitte in Lc 11. 2, welchen Gregor von Nyssa 1. 1. p. 737 als 
einzigen Text des Lc anführt, und welcher in einer Evangelienmiuuskel 
erhalten ist (Gregory 700, al. 604, saec. XI fol. 184 v. cf Hoskier, A füll 
account and coUation of the greek cursive cod. ev. 604, London 1890 p. 32 
und Facsimile zwischen Einleitung und Kollation): tXd-irco tb TtvevuA aov 

rb ayior (Gregor N. tö äy. aov m\) ey' ruäi y.al y.adaoiadToi fjuäi. Marciou, 

welcher diesen oder einen ganz ähnlichen Satz nicht statt der Bitte um 
das Reich, sondern vor dieser uud statt der Heiligung des Namens als erste 
Bitte hatte, hat sich hierin an eine in der Kirche vorgefundene Tradition 
oder Glosse angeschlossen cf GK II, 471 f.; N. kirchl. Ztschr. 1891 S. 408 ff. — 
Ein christliches Amulet des 6. .Jahrh. (Berliner äg. Urk. 954) gibt die 
f^'ayyeliy.i] ti/ji nach Mt bis d(feih]uara fjficüi' wie Tschd., dann aberxrti)« 
Krti fiaeli äifei [.«ei'] . . . xal [uf;] äye tjuü^ £ii Tzeionaitöv, xvoie, aXkct 



270 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

ovv TCQOOevx^od'E vf-ielQ, Betont ist dabei nicht nur ovzojg, 
sondern auch v/iislg, welches sonst überhaupt nicht geschrieben 
wäre cf oov v. 3. 4, av v. 6 f. Ovrcog ist aber nicht gleich raCra 
oder TavxYjv ri]V svxtjV, als ob Jesus diese und nur diese Worte 
von den Jüngern im Gebet gebraucht wissen wollte , sondern 
cbarakterisirt das folgende Gebet als ein Musterbeispiel des Gebetes, 
und zwar vermöge des Gegensatzes zu ßarraloyla und TtoXvXoyLa 
als ein Beispiel, woran man lernen kann, mit wenigen Worten alles 
zu sagen, was der fromme Beter Gott zu sagen hat. Quantum 
suhstrlngüur verbis, tantum diffunditur sensihus sagt Tertullian (de 
orat. 1). Um so betrübender ist die Tatsache, daß dieses Gebet 
wie kaum ein anderes bis heute in Kirchengemeinschaften, die sich 
nach Christus nennen, zu einer Form der ärgsten ßarraloyia und 
fCoXvXoyia herabgewürdigt wird. Aus der Betonung des vfielg ist 
nicht zu schließen, daß in diesem Gebet die besondere religiöse 
Stellung der Jünger zu bezeichnendem Ausdruck kommen soll. 
Denn erstens ist dies tatsächlich nicht der Fall. Das Vater- 
unser konnte und kann noch heute jeder Jude beten, der von 
Jesus nichts weiß oder nichts wissen will; und es sind zu allen 
wesentlichen Stücken desselben treffende Parallelen aus den ältesten 
jüdischen Gebeten beigebracht worden.^') Zweitens entspricht 
dieses echt jüdische Gepräge des Gebetes vorzüglich der Stelle, 
welche Mt ihm durch Aufnahme desselben in die Bergrede gegeben 
hat. Wie in den Gesetzesauslegungen 5, 21 — 48 gegenüber dem 
rabbinischen Unterricht, so bewährt Jesus nach 6, 1 — 18 gegen- 
über der Entartung der pharisäischen Frömmigkeit, daß er nicht 
gekommen und gesonnen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen, was 
nicht nur von Gesetz und Propheten, sondern ganz allgemein, also 

^va ai f] fiäs d-Tid Tfjs 7to vtjq i as , aovxd^eaTivrjSö^a eis rovo cücöras 
xtL Das Bruchstück einer vielleicht noch älteren Tonscherbe aus Megara 
im Nationalmuseum zu Athen (Nr 12227 s. Knopf, Mitteil, des d. archäol. 
Inst., athen. Abt. XXXV, 313 ff.; Ztschr. f. ntl. Wisa. 1901 S. 228 ff., dazu 
Nestle ebendort S. 347), welche gleichfalls als Amulet gedient zu haben 
scheint, enthält das VU nach Mt von [£]7Tiovaiov — Tiovtjpov, ohne jede 
Doxologie und mit einem [5<Ji'(»<e als Schluß. Ein ^v^is zwischen der 6. und 
7. Bitte wie in dem ägypt. Amulet war in der Liturgie von Jerusalem 
eingebürgert nach Cyrill, Cat. myst. V, 17 cf die.Liturgie des Jakobus bei 
Brightman, Lit. eastern and western I, 60, 9. Übrigens hat das VU von 
Megara manche Schreibfehler, aber keine neue Variante. Es hat äfiouev, 
während das afsi . . . des ägypt. Amulets ebensogut dies als äcpie/^ev be- 
deuten kann s. unten A. 88. 

c') Belege bei Lightfoot. Horae hebr. p. 296—303; Vitringa, De Synag. 
vetere ed. II p. 692. 1092, überhaupt p. 1074—1092; Wettstein I, 323 ff. 
unter der Überschrift: Tota haec oratio ex fornudis Hebraeorum con- 
cinnata est tarn apte etc.; Margoliouth, The Lord's Prayer no adaptation 
of existing Jewish Prayers, 1876, s. auch unten A 69—71. 76. 77. Nach 
islamischer Tradition hat Muhammed für gewisse Fälle ein Gebet empfohlen, 
das mit der 1. 2. und einer Anspielung an die 3. Bitte des Vü's beginnt 
und weiterhin den ersten Satz der 5. Bitte enthält cf Goldziher 1. 1. 386. 



I 



c. 6, 9—15. 271 

auch in bezug auf die nicht unmittelbar im AT begründeten, aber 
brauchbaren und schicklichen Formen israelitischer Frömmigkeit, die 
Jesus vorfand, gesagt ist (5, 17 cf 3, 15; 23, 3. 23). Das Be- 
sondere, was Jesus von seinen Jüngern erwartet, ^^) besteht nicht 
in der Anwendung neuer Worte und Formeln, sondern in der Be- 
tätigung des durch ihn geweckten neuen Sinnes und Geistes, welcher 
allein die Kraft hat, die alten Formen mit den von diesen selbst 
geforderten Inhalt zu erfüllen und die Jünger vor dem Herab- 
sinken auf die Stufe des Heidentums und des entarteten Judentums 
zu bewahren. Auch nach dem Bericht in Lc 11, 1 — 13 — und 
das ist ein dritter Beweis gegen den Irrtum, als ob das VU. ein 
specifisch christliches Gebet wäre — gehen zwar die Jünger, 
welche den Herrn bitten, sie beten zu lehren, wie Jobannes seine 
Jünger beten gelehrt habe, von der falschen Voraussetzung aus, 
daß sie eine besondere Formel des Gebets haben müssen, und daß 
neue Formeln ihrem Gebet neue Kraft geben müßten. Aber nur 
um so wirksamer ist es, daß Jesus ohne jede Berücksichtigung 
dieser Voraussetzung, ohne auch nur durch ein vfxelg anzudeuten, 
daß es sich um eine nur den Jüngern geltende Vorschrift handele, 
durch Mitteilung des VU.'s antwortet. — Nachdem Jesus v. 6 von 
dem einsamen Gebet des Einzelnen so geredet hatte, als ob er über- 
haupt kein gemeinsames Gebet wolle, überrascht es um so mehr, 
daß nun doch das Mustergebet in allen seinen Teilen gerade ein 
solches ist, welches die Söhne Gottes insgesamt sprechen. Wie 
V. 2 — 4 und V. 6 konnte auch v. 9 aus der vorangehenden plura- 
lischen Anrede in die singularische übergegangen und demgemäß 
das Gebet als ein solches des einzelnen Jüngers formulirt werden. 
Indem Jesus dies unterläßt, schließt er sich an die Gebete der 
Synagoge an, welche durchweg als Gemeindegebete gestaltet sind.^^) 

^®) Cf 5, 46 f. ; Lc 6, 32 — 36. Die nichtkanonische LA iL y.aivbv ttoisits 
bei Just. apol. I, 15 ist nicht so harmlos, wie es scheint, sondern liegt 
auf der Linie des verhängnisvollen Mißverständnisses der Bergrede und 
überhaupt der Stellung Jesu zum Judentum, unter welchem auch die Aus- 
legung des VU's gehtten hat. Das Gegenteil des Richtigen entwickelt 
schon Tertullian in seiner kraftvollen Sprache or. 1 : dominus noster 7tovis 
discipidis novi testamenti novam orationis formmn determinavit . . . Omnia 
de carnalibus in spiritalia renovavit nova dei gratia, su'perducto evangelio, 
expunctore totius retro vetiisfatis. 

^») Die ältesten und wichtigsten Gebete sind 1) das sogen. Schemone 
esre d. h. das ans „achtzehn" Strophen bestehende Gebet, welches, abge- 
sehen von den um 100 eingefügten Fluchgebet gegen die Ketzer [z'j^o) 
oder Christen (cns:) und einigen sonstigen Änderungen, wohl schon zur 
Zeit Jesu gebräuchlich war. S. den hebr. Text in palästinischer und babyl. 
Recension bei Dalman, Worte Jesu S. 299 ff., eine deutsche Übersetzung 
des vulgären Textes bei Schürer II*, 539 cf überhaupt dort S. 539—544 
s. auch Strack, Jesus, die Häretiker etc. S. 30—33, deutscher Teil S. 64ff 
2) Das aramäische Kaddisch bei Dalman S. 305, deutsch bei Hamburger 
Realenc. II, 605, vielleicht schon im ersten Jahrh. v. Chr. vorhanden. 



272 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Die Jüngerschaft ist es, welche in der einleitenden Anrede Gott 
als ihren Vater im Himmel anruft. Da die Benennung Gottes als 
„Vater im Himmel", und auch die Anrede an Gott mit „unser 
Vater" im Gebet den Juden wenigstens der nächsten Folgezeit 
geläufig genug war,'") so erscheint es gleichgiltig, daß beides zu- 
gleich in officiellen jüdisc^hen Gebeten nicht nachgewiesen ist.'^) 
Bezeichnend aber ist es und drückt einen Gegensatz zu der TtoXv- 
koyia auch der schönsten jüdischen Gebete aus, in welchen die 
mannigfaltigsten Anreden Gottes gehäuft und in mehr oder weniger 
angemessener Abwechselung über alle einzelnen Bitten verteilt 
werden, daß Jesus es an der einen Anrufung Gottes bewenden läßt, 
und dazu eine Benennung Gottes wählt, welche zwar den Juden 
nicht fremd war, aber von Jesus zu einer Bezeichnung des be- 
sonderen Verhältnisses, in welchem seine Jünger zu Gott stehen, 
umgeprägt worden ist (5, 16 s. oben S. 208 f.). Als die Kinder 
zum Vater sollen sie zu Gott beten. Daß die ersten 3 Bitten sich 
auf das beziehen, was Gott ist, die 3 oder 4 folgenden auf die 
Bedürfnisse der betenden Jünger, ist zu deutlich gesagt, als daß 
es je hätte verkannt werden können. Während aber die Bitten 
der zweiten Hälfte sich über sehr verschiedenartige, zum Teil von 
einander unabhängige Seiten des menschlichen Lebens verbreiten, 
ist Gegenstand der 3 ersten Bitten einer und derselbe, nur unter 
dreifachem Gesichtspunkt betrachtet. Die deutlichste dieser Bitten 
ist die zweite '^) : iX&eTio oder eld-ccTO) fj ßaoiXela Oov. Wenn der 
auf Erden stehende Beter vor dem Vater im Himmel den Wunsch 
laut werden läßt, daß die Königsherrschaft Gottes komme, ''^) so ist 
damit ebenso wie in den Makarismen beides zugleich ausgesprochen, 
daß die königliche Herrschaft Gottes in der Gegenwart noch nicht 
hergestellt, und daher ein Gegenstand der Hoffnung der Jünger 
ist, und daß die Erde der Schauplatz ist, auf welcher sie aufge- 
richtet werden soll. In mehr als einer Hinsicht müßte der Aus- 



">) S. obeu S. 207 A 63. Im Achtzehngebet pal. Kec. v. 4: „Verleihe 
uns gnädig, unser Vater, Erkenntnis von dir"; bab. Rec. v. 5 „Führe uns 
zurück, unser Vater, za deinem Gesetz, bringe uns herzu, unser König, zu 
deinem Dienst .... v. 6. Vergib uns, unser Vater, denn wir haben ge- 
sündigt (pal. „an dir"). — Den volksgemeindlichen Charakter dieses Gebetes 
drückt u. a. der Schluß aus (pal. Rec): „Lege deinen Frieden über Israel 
(cf Gl 6, 16), dein Volk und über deine Stadt und dein Erbe und segne uns 
alle wie einen. Gepriesen seist du, Jahve, der du Frieden schaffst." 

'1) Nach Tosefta, Chag. 1, 2 Zuckerm. p. 234, 3. 5 sagt Jochanan, ein 
Zeitgenosse Jesu zweimal: „Die Herrlichkeit unseres Vaters im Himmel". 

''''■) Diese Ordnung hier wie Lc 11, 2 widerspruchslos bezeugt, auch 
durch Did. 8, 2. Es bleibt trotz der Erörterungen von C. J. Nitzsch, Theol. 
Stud. u. Krit. 1830 S. 816 ff. ü. Chase p. 27 äußerst rätselhaft, wie Tertullian, 
welcher de erat. 6 die göttliche Weisheit in der Anordnung der Bitten 
bewundert, ebeudort wie in der Auslegung (c 4—5) die Bitte um das Reich 
hinter die Bitte um die VerwirkUchuug des Willens Gottes stellt. 

'^) Über die abstrakte Bedeutung von ßaadsia s. oben S. 124 f. 



1 



c. 6, 9-15. 273 

druck ein anderer sein, wenn die Anschauung zu gründe läge, daß 
die Gottesherrschaft bereits auf Erden begründet sei, und daß ein 
bereits irgend welche Teile der Menschheit und der "Welt umfassendes 
Königreich Gottes nur noch der Ausdehnung über die ganze übrige 
Menschheit und Welt bedürftig sei. Wie», gewiß dieser Gedanke 
anderwärts von Jesus ausgesprochen worden ist und schon in 5, 13 — 16 
seine Stütze findet, so bestimmt ist er hier ausgeschlossen. Was 
da ist, braucht nicht zu kommen, und kommen heißt niemals so- 
viel wie wachsen oder sich ausbreiten. Der griech. Mt, welcher 
wie auch Lc 11, 2 in dieser wie in der ersj:en und dritten Bitte 
den Imperativ des Aorists wählte, hat damit ausgedrückt, daß es 
sich nicht um ein allmähliches, bei dem zukünftigen wiederholten 
Beten immer noch unvollendetes, sondern um das endgiltige Kommen 
der ßaoiXeia handelt.'^) Das Gleiche gilt aber auch von der 
ersten und dritten Bitte. Der innige Zusammenhang der dritten, 
welche bei Lc fehlt, mit der zweiten, leuchtet unmittelbar ein. 
Wenn sie sich darauf bezöge, daß der Wille Gottes allezeit und in 
allmählich wachsendem Maße geschehe d. h. ins Werk gesetzt und 
von denen, welchen er gilt, erfüllt werde, würde nicht nur yiveod-io 
statt yevrjdriTW geschrieben sein, sondern auch die Vergleichung 
der Art, wie nach dem Wunsch des Beters der AVille Gottes auf 
Erden geschehen soll, mit der Art, wie er im Himmel geschieht,'^) 

'*) Cf s/.de, e/.d-drco (erco) Mt 10, 13; 14, 29; Jo 4, 16; e'tasL% Mt 6, 6. 
Es ist das Ziel ins Auge gefaßt, das erreicht werden soll cf Blaß Gr § 58, 2. 
Cf auch Did. 10, 6 in zweifellos eschatologischem Sinn eXO-erco /don y.al ttuo- 
elderco 6 köo/xos. Gerade bei soyeadai erscheint die Wahl des Aorists um 
60 bedeutsamer, als der Imperativ des Präsens viel gewöhnlicher ist Lc 
14, 17; Jo 1, 39. 46; 7, 37; 11, 34; Ap 6, 1. 3. 7; 22, 17. 20; sogar zwischen 
zwei Imperativen des Aorists Mt 8, 9. — Auch yevp^d-rjTco Mt 15, 28; 26, 42 
bezeichnet im Unterschied von dem viel häufigeren Imperativ des Präsens 
(Mt 10, 16; 24. 44; Lc 12. 40; 22, 26; Jo 20, 27; Em 12, 16; 1 Kr 14, 20. 
26. 40 etc.) die endgiltige Verwirklichung dessen, was geschehen soll, 
welche zur Folge hat, daß mau sagen kann: nun ist's geschehen cf Ap 
16, 17; 21, 6. Orig. de orat. 26, Iff. supplirt zu ms iv oioavtö richtig ye- 
yovev, yeyivrjzai, rere/.eoTai, einmal dazwischen auch yiverai. Nach den 
besseren Zeugen steht AG 21, 14 passend yiviadco statt ysvead-co^ weil nach 
V. 13 nichts Bestimmtes, was geschehen soll, vorgestellt, sondern alles, was 
geschehen mag, dem Willen Gottes anheimgesteUt wird. 

'^) dis vor iv ovoaioj om. D*abck, Tert. Cypr. gegen alle anderen, 
z. B. Sc („es mögen geschehen deine Willen [Plural] auf der Erde wie 
im Himmel" cf Clem. ström. IV, 66. 172 in freien Anführungen) auch 
g'ffhqVulg, Hil. zu Ps 134, 22; Hier., August (serm. in monte II § 21 
und sonst; serm. 56 de orat. dorn, legt er die LA ohne sicut zu gründe, 
berücksichtigt aber auch die andere). — Vor y>ji ist trotz kBZJ Did. 
Clem. 1. 1. wahrscheinlich Tfjg zu lesen. Die Assimilation an h' oi^avm 
lag so nahe, und Orig., welcher es in seinem Text vorfand (orat. 18, 2), 
hat trotzdem in der Auslegung c. 26 deu Artikel beharrlich gestrichen. 
Die Beziehung dieses Schlusses der 3. Bitte auch auf die 1. und 2., welche 
schon im Op. imperf. mit Entschiedenheit vertreten, von Westcott-Hort 
■durch Interpunktion vor ti>s ausgedrückt (cf ihre lutrod § 421) und von 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 18 



274 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehreus Jesu. 

wenig angemessen sein. Im Himmel, im Bereiclie Gottes und seiner 
Engel gibt es keinen Widerspruch und Widerstand gegen Gottes 
Willen. Die Bitte, daß der gleiche Zustand auf Erden eintrete, 
schließt den Wunsch ein, daß aller in diesem Weltlauf noch auf 
Erden vorhandene und von Gott zugelassene Widerstand gegen 
Gottes Willen endgiltig beseitigt werde. AVenn in diesem vollen, 
durch die Vergleichung mit^dem Zustand im Himmel ausgedrückten 
Sinn Gottes Wille auf Erden geschehen ist und geschieht, dann ist 
auch „die Königsherrschaft über die Welt Gotte und seinem Ge- 
salbten zugefallen" (Ap 11, 15. 17; 12, 10). Die dritte Bitte ist 
nur eine Deutung der zweiten, aber eine keineswegs überflüssige. 
Da in dem Gedanken der zukünftigen ßaoikf^ia auch die Vorstellung 
einer Teilnahme der in diesem Aon unterdrückten Erommen an der 
Königsherrschaft Gottes inbegriffen ist (s. oben zu 5, 3 — 10 S. 193 f.), 
so besteht die Gefahr, daß die Hoffnung der Gemeinde einseitig 
auf dieses Moment der Verheißung und somit auf die Verwii'k- 
lichung nicht sowohl des göttlichen, als des eigenen menschlichen 
Willens sich richte. Indem Jesus der zweiten Bitte die dritte 
hinzufügt, setzt er voraus und fordert eben damit, daß die Sehnsucht 
der Jünger nach der Erscheinung der ßaGLkeLa nicht vor allem hier- 
auf, sondern auf die Überwindung alles gottwidrigen Wollens, auf 
die Beseitigung der Sünde aus der Welt gerichtet sei. Auf das 
gleiche Ziel geht aber auch die erste Bitte. Ein ayiaC^Gx^-co zb 
ovoi-td Gov könnte allenfalls den Wunsch ausdrücken, daß von den 
Menschen, insbesondere von den Gliedern der Gemeinde der an 
sich heilige Gott beständig und in stets steigendem Maß durch 
Wort und Tat als der heilige bekannt und dadurch sein Name ver- 
herrlicht werde (Lev 22, 31 f.; Deut 32, 51; Jes 8, 13; 29, 23 cf 
Lev 19, 2; 20, 7 f.). Doch sollte man, da dies zwar ein frommer 
Wunsch, aber andrerseits auch die gebotene Pflicht ist, erwarten, 
daß die Jünger, welche diesen Wunsch im Gebet vor Gott aus- 
sprechen wollten, Gott nicht sowohl darum bitten würden, daß sein 
Name durch sie und andere Menschen geheiligt werde, als vielmehr 
darum, daß Gott ihnen und anderen Menschen die Kraft verleihe, 
seinen Namen zu heiligen. Dazu kommt, daß auch hier der Aorist 
ayiao-9'7]Tio den Eintritt eines bestimmten Zieles ins Auge fassen 
heißt, mit dessen Erreichung das gewünschte ayicc^eo^ai abgetan 
ist, und zwar, da dies an der Spitze eines Gebetes steht, den Ein- 
tritt eines endgiltigen Zustandes, welchen Gott herbeiführen muß. 
Gegenüber der vielfältigen Mißachtung seiner Heiligkeit und Ent- 

Nestle, Ztschr. f. ntl Wiss. 1905 S. 107 warm empfohlen ist, scheint mir 
mit dem Sinn der beiden ersten Bitten unvereinbar. Das äymad-7]ico setzt 
die Entweihung des göttlichen Namens voraus, die im Himmel nie statt- 
gefunden hat, und die 2. Bitte setzt nicht voraus, daß die Gottesherrschaft 
bereits im Himmel vorhanden sei s. oben S. 129. 



c. 6, 9—15. 275 

weihung seines Namens durch sündiges Verhalten der Menschen 
muß Gott selbst durch Taten des Gerichts für die Aufrechterhaltung 
seiner Heiligkeit sorgen (LevlO, 3; Num 20, 13). Insbesondere 
ist es der durch die Sünden Israels und die dadurch verursachten 
Strafgerichte an Israel vor den Augen der Heiden entweihte Name 
des Gottes Israels, welchem Gott selbst am Ende der Tage wieder 
zu seiner Heiligkeit verhelfen will (Jes 52, 5 ; Ez 20, 41 (cf 20, 9 ff.) ; 
28, 22—26; 36, 20—23; 37, 23—28; 38, 16—23; 39, 21— 29j. 
Er wird dies durch Ausscheidung der Gottlosen , durch innere 
Läuterung und änßere Wiederherstellung seines Yolks tun. Daß 
Gott sich so offenbare, ist der Inhalt der ersten Bitte. Damit 
ist auch gesagt, daß sie auf dasselbe Ziel gerichtet ist, wie die 
zweite und dritte. Wenn Gottes Wille ebenso unbedingt auf Erden 
verwirklicht ist und unablässig verwirklicht wird, wie im Himmel, 
und wenn somit Gott seine königliche Herrschaft über die Welt 
hergestellt hat, dann hat auch alle Verdunkelung der Heiligkeit 
Gottes und alle Entweihung seines Namens sowohl durch die 
Sünden seines Volkes als durch den Übermut der gottvergessenen 
Heidenvölker ein Ende gefunden und Gottes Name ist tatsächlich 
geheiligt d. h. verherrlicht in aller Welt. Daß im VIT ebenso 
wie in den Makarismen der nationale Charakter der Gottesherr- 
schaft und der Gegensatz zwischen Israel und den Heiden im 
Verhältnis zum Namen Gottes nicht eigens ausgesprochen ist, be- 
deutet, zumal in unserem Ev (cf 1, 1. 21 ; 5, 17), keine Verneinung 
jenes Gegensatzes und kann nicht die Verwandtschaft dieses kurzen 
Gebetes mit den ausführlicheren jüdischen Gebeten verdunkeln.''') 

■'®) Der Anfang des „Kaddisch des Gottesdienstes" nach dem aram. 
Text bei Dalman S. 305 mit Berücksichtigung- der kritischen Noten und 
mit Einklammerung der von Hamburger REnc. II, 605 und Dalman als 
spätere Einschiebsel betrachteten Worte, lautet deutsch: „Verherrlicht und 
geheiligt werde sein groi3er Name in der Welt, die er nach seinem 
Willen geschaffen hat, und er lasse herrschen seine Königsherr- 
schaft (und lasse sprossen seine Erlosimg und bringe herbei seinen Messias 
iiud erlöse sein Volk) zu euren Lebzeiten und in euren Tagen und zu Leb- 
zeiten des ganzen Hauses Israel, in Bälde und in naher Zeit! und sprechet: 
Amen". Hier haben wir also die Bitte um Heiligung des Namens und das 
Kommen des Reiches Gottes in gleicher Folge und auch eine Erwähnung 
des Willens Gottes. Von dem schon hier im Vergleich mit dem VU zu 
bemerkenden Wortreichtum gibt eine bessere Vorstellung was folgt: „Ge- 
benedeit sei sein großer Name in Ewigkeit, in die Ewigkeiten der Ewig- 
keiten. Gebenedeit und gelobt und geziert und erhöhet und erhoben und 
verherrUcht und gepriesen und emporgehoben sei sein heiliger Name. Ge- 
benedet sei er, höher, höher als alle ßenediktion, Lied, Lobpreisung und 
Tröstung, die in der Welt gesprochen werden. Und sprechet: Amen"'. Im 
Achtzehngebet tritt die Heiligung des Namens nicht in Form der Bitte 
oder des Wunsches auf (s. jedoch v. 3, besonders in der babyl. Rec). Um 
so mehr tritt die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes und seines 
Messias hervor, v. ll*' „sei König über uns (bab. + bald) du allein"; v. 14 
(pal.) ,.sei gnädig, Herr unser Gott . . . über Jerusalem deine Stadt und 

18* 



276 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Auch von liier aus betrachtet, steht der eschatologische Sinn der 
3 ersten Bitten außer Zweifel. Die Deutung derselben auf das, 
was während des gegenwärtigen Weltlaufs durch Menschen und 
im Inneren der Menschen geschehen soll, welche zumal bei der 
1, und 3. Bitte schon bei den ältesten Auslegern (Tert. Cypr.) 
neben vorwiegend eschatologlscher Deutung der zweiten Bitte Platz 
gegriffen hat, entbehrt gleichwohl nicht jeder Berechtigung und 
wird in der praktischen Auslegung und volkstümlichen Unterweisung 
stets zur Anwendung kommen. Nach dem Ziel richtet sich der 
"Weg; und in der Hoffnung auf die zukünftige Gottesherrschaft 
ist ebenso der Antrieb zu einem diesem Ziel entsprechenden 
Wandel in der Welt'') wie der Glaube an das die Welt diesem 
Ziel entgegenführende Walten. Gottes enthalten. Der Wille Gottes, 
dessen endgiltige Verwirklichung die 3. Bitte herbeiwünscht, ist 
ja kein anderer als der, welcher die gegenwärtige Welt mit Ein- 
schluß der außermenschlichen Natur regiert (Mt 6, 25 — 34), und 
der Wunsch, daß dieser göttliche Wille dereinst jeden Gotte wider- 
strebenden Willen aus der Welt verdränge, wäre kein frommer 
Wunsch, der im Gebet vor Gott laut werden dürfte, ohne die 
gläubige und geduldige Ergebung in den Willen Gottes, wie er 
im gegenwärtigen Weltlauf sich betätigt. In der 3. Bitte mit 
ihrem auf das Ende abzielenden yeviq&riTCO kommt eine Gesinnung 
zum Ausdruck, welche in bezug auf alles Geschehen des diesseitigen 
Lebens ein tov kvqlov to -d-slrjucc yiveod-to (AG 21, 14) und ein 
kav ö 'üVQiog ■d-elrjot] (Jk 4, 15) jederzeit zu sprechen befähigt. 
Diese Gesinnung bildet aber auch die unerläßliche Voraussetzung, 
ohne welche die folgenden Bitten nicht so, wie sie lauten, ausge- 
sprochen werden könnten. Insofern schließen sich diese passend 
an die 3. Bitte an. — Während die 3 ersten Bitten unbedingt 
berechtigte Wünsche in fast gebieterisch klingendem Ton vor Gott 
aussprechen, ohne daß Gott eigentlich gebeten wird zu tun, was 
er tun muß, damit geschehe, was die Beter wünschen, sind die 
folgenden Sätze wirkliche Bitten an Gott, daß er die Bedürfnisse 
der Beter durch sein Tun und Geben befriedige ; und während 
jene Sätze auch durch ihre Unverbundenheit den Eindruck der 

über Zion die Wohnstätte deiner Herrlichkeit . . . und über das Königtam 
des Hauses Davids, deines rechten Gesalbten". Cf v. 15 der babyl. ßec. 
. . . „den Sproli Davids laß bald sprossen und sein Hörn werde erhöht 
durch deine Hilfe" etc. — Berachoth fol. 40'' wird dem Satz Rab's (+ 247): 
„Jedes Gebet, in welchem nicht Erwähnung geschieht des Namens (sc. 
Gottesj" etc., der Satz Jochanan's(+ 279) gegenübergestellt; „Jedes Gebet, in 
welchem nicht das Königtum (niD'jD) vorkommt, ist kein Gebet". Im Gegen- 
satz zu einem Einwand hiegegen und im Anschluß an Deut 26, 13 wird 
Jochanan's Lehrsatz in der kombinirten Form wiederholt: „ich habe dabei 
nicht vergessen deines Namens und deines Reiches". 

"J Cf Mt 24, 37—25, 46; Je 14, 18-23; 1 Th 5, 1—11; Em 13, 11—14; 
1 Kr 7, 29; 15, 29—34. A9{(fooeacofiev)—b8; 1 Jo 3, 3. 



I 



c. 6, 9—15. 277 



Kraft und Zuversicht machen, mit welcher das eine große Ziel 
der Wege und Taten Gottes, unter verschiedenen Gesichtspunkten 
betrachtet, herbeigewünscht wird, sind die folgenden Bitten durch 
Partikeln unter einander zu einer Kette verbunden, welche den 
von einem zum andern Bedürfnis hinübergleitenden Gedankengang 
des auf sein eigenes Leben blickenden Beters darstellt. Die ein- 
fache Erinnerung, daß Menschen verhungert sind, daß nicht allen 
Menschen ihre Sünden vergeben werden, und daß auch fromme 
Menschen wie Jesus selbst (4, 1) in Versuchung geführt wurden, 
genügt, um zu zeigen, daß diese Bitten im Unterschied von den 
3 voranstehenden unter der Bedingung stehen, daß es so, wie der 
Beter bittet, Gottes Wille sei, d. h. mit anderen Worten, daß 
neben dem Wunsch ihrer Erfüllung die Möglichkeit ihrer Nicht- 
erfüllung steht. Daß aber diese Bedingtheit nicht im Gebete selbst 
förmlich ausgesprochen wird, enthält die Lehre, daß der Fromme 
sich durch die Erwägung jener Möglichkeit nicht abhalten lassen 
soll, in kindlichem Vertrauen Gott um alles das zu bitten, was er 
zur Fortführung seines Lebens in dieser gegenwärtigen Welt be- 
darf. Das erste, worum so zu bitten Jesus seine Jünger ermächtigt, 
ist das Brot, wodurch sie ihr leibliches Leben erhalten.'^) Die in 
der alten Kirche sehr stark hervortretende Neigung, diese Bitte 
allegorisch auf irgend ein Nahrungsmittel für das geistliche Leben 
umzudeuten, braucht heute kaum noch bekämpft zu werden."^) Als 
hauptsächlichstes Nahrungsmittel dient dem Hebräer das Brot zum 
kurzen Ausdruck für alle übrigen ; ^^) und das Brot eines Menschen 

'*) Im Achtzehngebet ist erst v. 9 den irdischen Gaben der Güte 
Gottes (in beiden Eecensionen: Witterung, Früchte der Erde, Ernte, Arbeit 
der Hände) gewidmet, während die Bitte um Vergebung der Sünden schon 
in V. 6 steht cf auch v. 8. 

''^) Marcion hat der Bitte Lc 11, 3 die Gestalt gegeben: rdf aorov aov 

(cf Jo 6, 38) röv t'Jiiovaiov diÖov r;fui' ib y.uif r^f^ieoav cf GK II, 472; N. kirchl. 

Ztschr. 1891 S. 414 f. — Tert. erat 6 deutet den kirchlichen Text des Mt 
sofort nach Jo 6, 32 — 35 und mit Bezugnahme auf das Abendmahl, läßt 
jedoch daneben die „fleischliche" Deutung auf das wirkliche Brot gelten. 
Ebenso Cypr. or. dom. 18 — 21. Orig. orat. 27 verwirft völlig die neiäo'/.oyia 
derer, welche die Bitte auf das leibliche Brot beziehen. August, de serm. 
in monte II, 25—27 bevorzugt die Deutung auf das geistliche Brot nach 
Jo 6 vor der auf das leibliche Brot und der auf das Abendmahl, und fordert 
schUeßlich, daß die, welche eine dieser letzteren Deutungen festhalten, die 
erste wenigstens damit verbinden. Hier., der durch seine Übersetzung 
panetn nostrum sitpersubsfantialem (Komm, nud Vulg Mt6, 11, dagegen 
cotidianum Lc 11, 3) die geistliche Deutung erzwingen wollte, Heß doch 
daneben, zwar nicht zu Tit (Vall. VII, 726) aber zu Mt (VII. 34) die „ein- 
fache" Deutung nach 1 Tm 6. 8 gelten, welche Chrys. ausschließlich vor- 
trägt. — In den griech. Acta Thomae (Act. apocr. ed. Lipsius-Bouuet II, 2, 
250) steht das sonst vollständige VU ohne die Bitte ums Brot. 

"") Deuts, 3 (cfMt4, 4); besonders ,.Brot essen" = Nahrung zu sich 
nehmen, eine Mahlzeit halten Gen 37, 25; 1 Sam 14, 24; Mt 15, 2; Mr 3, 20; 
Lc 14, 1; 2 Th 3, 8; Brot und Kleidung Deut 10, 18; Jes 4, 1 (cf 1 Tm 6, 8); 



278 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

9 

ist das ihm zukommende, zu seiner Ernährung erforderliche und 
ausreichende.^^) Es würde also tov ccqtov ■fjf.iCbv dbg fjfüv orif.iSQOv 
die Bitte aussprechen, daß Gott den Betern an dem Tage, da sie 
so beten, ihr Brot, d. h. die zu ihrem Lebensunterhalt erforder- 
liche Nahrung gebe. Schon deshalb ist jede Erklärung des Attributs 
tov ejtLOVOiOV unwahrscheinlich, welche darauf hinausläuft, daß da- 
durch das Brot auch nur als dasjenige bezeichnet sei, welches zur 
Eristung des Lebens erforderlich ist oder ausreicht, ^^) was bereits 
durch %bv aQXOV fif.iCov deutlich genug ausgedrückt ist. Dazu 
kommen schwere sprachliche Bedenken gegen die diesen wie anderen 
Erklärungen zu gründe liegende Herleitung des in der vorchrist- 
lichen Literatur nicht nachweisbaren^"') Worts Itviovoioq vom Stamm 

Brot und Wasser Deut 9, 9; Sir 29, 21, oder auch Brot und Wein Koh 9, 7; 
Brot, Wein, Öl Ps 104, 14 f. 

8ij Lev 22. 7; 26, 5; Ez 12, 181; Koh 9, 7: Sir 12, 5; 31. 21 (Gen 3, 19 
LXX); Mt 15, 26; 16,9. 10. 

*2) Dies wollten die meisten alten Versionen mit Ausnahme der 
ägyptischen (s. A 84) bei großer Mannigfaltigkeit und Freiheit ausdrücken. 
SsSc Lc 11, 3 „gib uns unser beständiges (regelmäßiges) Brot jedes Tages"; 
Sc (Ss fehlt) Mt 6, 11 „unser beständiges Brot des Tages (tägliches Brot) 
gib uns" (ohne aij/usoof sonst noch auszudrücken); S' „gib uns unser not- 
wendiges Brot (wörtlich das ßr. unseres Bedürfnisses) heute" (Lc „täglich", 
sonst ebenso); Sh Mt „unser reichliches Brot (wörtl. „u. Br. des Reichtums") 
gib uns heute". Die Lat vor Hier, von Tert. und Cypr. an, zu Lc 11, 3 
auch Vulg quotidianum ; Goth. „immerwährend" oder. „täglich"; der deutsche 
Tatiau unzar brot tagalihhas und so fort bis Luther. Über Orig. s. folgende A. 
Chrys. rdi' ifijfisoof (ef Jk 2, 15; Clem. hom. 12, 13). So die Mehrzahl der 
späteren Ausleger mit mancherlei unwesentUchen Modifikationen. Sehr ge- 
bräuchlich wurde die Berufung auf Prov 30, 8, wo "',?n onb „Brot meiner 
Satzung", d. h. „die mir zugemessene und angemessene Portion Speise", die 
goldene Mitte zwischen Armut und Reichtum bezeichnet. Noch Delitzsch 
übersetzt darnach Oitin cnb. Gegen die Ableitung von odaia, sli^ai, cot', olaa 
ist schon oft geltend gemacht worden, daß in dem guten alten Wort Insivai, 
in den jüngeren Worten snovain^ tnovaiihÖrjS und überhaupt in der stark 
überwiegenden Mehrzahl der Kompositionen von f-ni mit vokalisch an- 
lautendem Stamm diese Präposition (im scharfen Unterschied von 7ie()i) 
durch Ausstoßung des i den Hiatus vermeidet. Die Ausuahmen erklären 
sich größtenteils durch Digamma [sTtisixTji, tmoh'tos neben sehr spätem 
ertoifio^) oder Aspiration {e7tioijy.oe, tuäaru)(>) des Stammanlauts. Der Linguist 
L. Meyer (Kuhn's Zeitschr. f. vergl Sprachforsch. 1858 S. 401 — 430), welchem 
Kamphäusen u. a. sich anschlössen, verwarf aus sachlichen Gründen die 
Ableitung von erü und ovoia ebenso wie die von i) sjtiovoa^ und meinte, 
das Wort sei nach Analogie von TieQiovaioi und vielleicht im Gegensatz zu 
diesem gebildet, um den iu iTtl angedeuteten Zweckbegriff adjektivisch aus- 
zudrücken. „Was dazu oder dafür ist" wäre das ausreichende oder not- 
dürftige S. 425. 428. Damit ist aber weder die der Analogie von tneivai, 
Inowiia widerstreitende Beibehaltung des « gerechtfertigt, noch die Bildung 
eines neuen Worts erklärt, während gute alte Wörter zur Verfügung standen 

wie äoy.öir (cf Jo 6, 7), enaoid^s, ävayycalos, Ixapös, ecpi'jfienos (Jk 2, 15). 

'*'') Orig. orat. 27, 7 tiqcötov Se tovxo iaxiov, ön 17 Xe^is j) „eniovaiov" 
Tino oiöerl icüv ''El.hqviov oilrs rcöp ao(föiv coyö^iaarai oiJre ev rrj tun' ioiw- 
T(Öi' axwrjd'eia rexQiTiTai, aXV eoixe TiBTiXdad'ai vtzö töjv eiiayycliarcöp. Solche 



Jl 



c. 6, 9—15. 279 

uvai {wv, ovaa, ovoia), wohingegen die Ableitung von fj htiovoa 
sc. fi(X€Qa nichts gegen sich hat.^^) Der entscheidende Beweis 
abev für diese und gegen jede andere Ableitung und Deutung des 
Wortes liegt in der Tatsache, daß in dem aram. HE die 4. Bitte 
lautete: Faneni nostrum crastinum da nohis hodie.^^) Selbst wenn 
dieses Ev eine alte Übersetzung aus dem Griechischen oder freie 
Bearbeitung eines griech. Originals wäre, müßte es als äußerst 
unwahrscheinlich gelten, daß die aram. redenden Judenchristen, 
deren einziges Ev spätestens seit 150 das HE war, durch fehler- 
hafte Übersetzung des seltenen griech. "Wortes diese Gestalt der 
4. Bitte gewonnen haben sollten. Diese Judenchristen haben nicht 
aufgehört, ihre Sprache, welche die Sprache Jesu und der in 
Palästina gebliebenen Apostel war, im Gottesdienst wie im täglichen 
Leben zu gebrauchen ; sie können darum auch nicht aufgehört 

neue Worte seien bei Übersetzungen aus dem Hebräischen nicht selten; 
dieses sei ebenso wie das Tisoiovaioi der LXX von ovaia gebildet und be- 
zeichne röv sTTi rT]v ovaiav ovußulXöiisvou aotov „das zur Existenz (Lebens- 
erhaltung) beitragende (verhelfende) Brot", worunter aber nicht das leib- 
liche, sondern das höhere, wahre Leben und Lebensmittel zu verstehen sei, 
welches Christus ist und gibt nach Jo 6, 27ff. (§2—6.8—13). Er bevor- 
zugt diese Ableitung und Deutung vor der Ableitung von cmsfui § 13. — 
Der Znsatz loh^ encovalovg zu Tovg äoTovg 2 Mkk 1, 8 in drei jüngeren Hss 
(Deilimann, N. Bibelstud. S. 41) ist natürlich christliche Interpolation und 
setzt die Deutung contimms voraus; denn es handelt sich um die Schau- 
brote Lev 24, 8; Num 4, 7 (i»d.^). 

«•) Jos. Scaliger in einem' Brief von 1606 (Epist. Lugd. 1627 p. 810): 
ETiiovaios uotos elegantissime formatum änb Tr,g smovorjs rj/.uoas, non ut 
major pars veterum et recentiorum utiö rrjs ovalas^ quocl est meptisshnum. 
Timc enint dice7idum fuisset enovaiov, non sttiovoiov s. A 82. Da fj ertiovaa 
ganz substantivirt gebraucht wird (Prov 3, 28; 27,1; AG 16, 11; 20,15; 
21, 18; oft bei Polyb. V, 13, 10; Jos. bell. I, 32, 1 ; Artemidor, oneirocn IV, 72; 
V, 92), so sind mit eTiiovaio^ vergleichbar z. B. eoTteoioi, r,uEQioi (auch 
efr^tiioiog neben ecfrjueoos), cooioi^ tni/cüoioi, da/.daaiog und noch genauer 
entsprechend 'Aoed-ovowi, ^voay.ovaioi. Nach Analogie von Ey.ovaios, uy.oioios, 
s&e/.ovaios, yeoovaioi, lAysoovaioi kann es jedoch auch, ohne Berücksichtigung 
gerade der substantivirten fem. Form, von dem Part. sTtid/i' gebUdet sein 
cf Kühner-Blaß II, 292 A 2, so daß das klassische o iTticbu -/Qövoi oder das 
substantivirte tö Itilöv^ toviuöv, „die Zukunft" der Bildung zu gründe läge. 
Hieran dachte Sah zu Mt 6, 11 und Kop zu Lc 11, 3 (patiem futurum, cf 
Athanasius de iucarnatione c. Arianos. ed. Montfaucon I, 883 töi^ J.t. äoroi' 
roviemiv töv uf/.lovTu), dagegen Kop Mt 6, 11 panem crastinum. Für 
letzteres entscheidet nicht nur die historische Auktorität des HE (s. folgende 
Anm.), sondern vor allem die stilistische Forderung, daß dem „heute" nicht 
die unbestimmte Zukunft, sondern ein ..morgen" g-egenüber trete cf 6, 30. 
Diese Deutung vertraten nach Seal gar viele s. Wolfs Curae in evv. p. 128 f.; 
ich füge hinzu Lightfoot, bor. zu St., Bengel, Fritzsche, Winer, Meyer, 
Hofmann zu Lc S. 285; Nestle, Philol. sacra p. 22; Merx S. 125 u. a. 

*^) Hier. z. St. : In evangelio quod appellatur secundum Hebraeos pro 
supersiibstantiali pane reperi mahar, quod dicitur crastinum, ut sit sensus : 
Panem nostrum crastinum. id est futurum, da nobis hodie. Derselbe zu 
Ps 135 (Anecd. Maredsol. ed. Morin III, 2, 162): In hebracio evangelio 
secundum Matthaeum ita habet: „Panem nostrum crasti7ium da nobis 



280 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

haben, das VI] in dieser seiner Ursprache zu beten, man müßte 
denn annehmen , daß sie es im Unterschied von allen anderen 
christlichen Gemeinden überhaupt nicht seit den Tagen Jesu und 
der Apostel gebetet hätten. Wenn ein Klügling unter ihnen durch 
Übersetzung eines griech. Textes eine von ihrer Gewohnheit ab- 
weichende Form des VU ihnen hätte aufdrängen wollen, würden 
sie dieselbe ebenso gewiß abgelehnt haben, wie die lateinische 
Christenheit sich niemals hat bewegen lassen, statt des altehrwür- 
digen paiieni nostriini qtiotidianum das geschmacklos gelehrte paiiem 
nostrum snpersubsiantialem des Hieronymus in ihr Gebet aufzu- 
nehmen. Nun darf aber auch heute noch als bewiesen gelten, daß 
das HE überhaupt nicht von einem griech. Ev abhängig, sondern 
ein von Haus aus aram., mit dem aram, Mt innig verwandtes Ev 
ist (oben S. 20 ff.). Die vorhin angenommene Möglichkeit, daß die 
in demselben vorliegende Gestalt der 4. Bitte durch eine möglicher 
Weise falsche Übersetzung aus dem Griech. entstanden sei, liegt 
also gar nicht vor. Wir verdanken vielmehr dem HE das Original, 
welches Lc und der griech. Mt durch rov IttlovOlov wiedergegeben 
haben. Sprachlich und logisch korrekt ist diese Übersetzung zu- 
nächst bei Lc, bei welchem die Bitte lautet : tov uqtov rif.iG}V zov 
eTtiovOLOV ölöov Vj/iilv TO Y.ad-^ fjjLi€Qav. Hier ist nicht wie 
bei Mt von einem einmaligen Geben (ööq) die B-ede, welches 
heute (orjiLiSQOv) stattfinden soll, und daher auch nicht von dem 
Brot für morgen, sondern von einem sich wiederholenden Geben, 
welches an jedem Tage stattfinden soll, und daher auch von 
dem Brot für den jedesmal folgenden Tag; denn diesen 
bezeichnet fj tTtiovoa. Hat man in den Kreisen, aus welchen 
heraus und für welche Lc schrieb, auch schon vor Abfassung von 
dessen Ev das VU gebetet, was doch kaum zu bezweifeln ist (cf 
Bd VI, 395), so wird auch Lc nicht der Erfinder der bei ihm vor- 
liegenden Gestalt des VU und des Worts rov eTCiovOLOV sein, 
sondern das Ganze wie das Einzelne dem kirchlichen Brauch heiden- 
christlicher griech. Gemeinden entlehnt haben. Für solche Ge- 
meinden ist aber auch das Mtev in die uns vorliegende griech. 
Gestalt gebracht worden, und es kann der Übersetzer ebensogut 
aus dem Munde seines Leserkreises als aus dem Ev des Lc die 
Übersetzung von "IHÖT "pvh durch rov qqtov fi(.i(jüv rov ETtiovaiov 
geschöpft haben, Sie ist insofern hier weniger stilgerecht, weil 
vom Standpunkt des or^(.i£QOV der auf heute folgende Tag nicht 
■f] STCiovoa, sondern {ff) avQLOV (6, 30. 34; Lc 13, 32 f.; Jk 4, 13 f,) 

hodie", hoc est y,panem, quem daturus es nobis in regno tuo, da nohis 
hodie". Die beigefügte Umdeutung (cf Lc 14, 15) hat natürlich Hier, allein 
zu verantworten. Er versuchte eine Überleitung von der Fassung des HE 
deren historische Treue er nicht anzufechten wagte, zu der geistlichen Um- 
deutung, die er durch sein supersubstantialis bei den Lateinern einzubürgern, 
versuchte. Cf übrigens GK 11, 693, 709 ff. 



c. 6, 9—15. 281 

genannt zu werden pflegt; aber unrichtig kann man diese Über- 
setzung des aram. Originals nicht nennen.^**) Xur bei Anerkennung 
der TJrsprünglichkeit der im HE im Wortlaut erhaltenen und vom 
griech. Mt. so gut es ging, wiedergegebenen Gestalt der 4. Bitte 
wird es erklärlich, daß von allen Bitten, für die doch sämtlich 
baldige oder sofortige Erhörung zu wünschen ist, nur diese ein 
or^LiEQOV enthält, während an sich die Bitte um die nötige Nahrung 
ebensogut wie die Bitte um Erlaß der Schuld solcher Zeitbestimmung 
entbehren könnte cf Prov 30, 8. Dieses „heute" fordert den 
Gegensatz des „morgen". Dieser Gegensatz ist auch Lc 11, 3 
festgehalten, nur die dramatische Lebendigkeit des „heute" und 
„morgen" ist durch den verallgemeinernden Gegensatz von „jedem 
Tag" und „dem darauffolgenden Tag" verloren gegangen. Der 
eben so oft widerlegte als vorgebrachte Einwand, daß die 4. Bitte, 
so verstanden, mit 6, 34 in Widerspruch stehe,**') scheint auf der 
Meinung zu beruhen, daß gläubiges Beten und ungläubiges Sorgen 
so ziemlich dasselbe sei, während doch in der Tat das auf die Zu- 
kunft bezügliche Gebet das beste Mittel ist, der Sorge überhoben 
zu sein cf 1 Pt 5, 7; Phl 4, 6. Unrichtig ist auch die Empfindung, 
daß ein unbescheidener oder unschön berechnender Sinn in der Bitte, 
daß Gott uns heute das Brot für morgen gebe, sich aussprechen 
würde. Jesus hat als Beter nicht vagabundirende Bettler vorge- 
stellt, welche sich daran gewöhnt haben, am Morgen noch nicht 
zu wissen, ob sie am Mittag etwas zu essen haben werden, sondern 
Menschen, welche arbeiten und beten, damit sie nicht in solches 
Elend geraten. Der Taglöhner, welcher am Abend den Lohn seiner 
Arbeit empfängt (20, 8; Lev 19, 13; Deut 24, 15), arbeitet heute, 
damit er morgen zu essen habe, und er verzehrt moi'gen, was er 
heute erarbeitet ; und dieses Verhältnis von Arbeit, Lohn und Brot 

**) Der Unterschied zwischen (17) uvoior im Gegensatz zu (r?) ariiuoov 
(= av-iT] f] r,ueou) und f; arrcovou im Gegensatz zu irgend einem nur vor- 
gestellten, der Vergangenheit oder Zukunft angehörigen Tag (= ey.sirr] 
tj T)usou), welchen z. B. Achelis S. 266 f. völlig verkannt hat, bedarf keines 
Beweises. Daß er aber nicht streng innegehalten wird, zeigt der Gebrauch 
von r, ai'oiov Lc 10, 35; AG 4, 3; Herrn, sim. 9, 11 und /; ertaioioi- Mt 27, 62; 
Jol,29; AG 10, 9, wo dies vom Standpimkt eines Tages innerhalb der 
Erzählung, welcher nicht die Gegenwart des Redenden ist, den hierauf 
folgenden Tag bezeichnet, ganz wie sonst /; iTiiorou, h lendemain. Daß 
der griech. Mt röt' eTzwiaior, welches er im Gebrauch der das VU griechisch 
betenden Christen vorgefunden haben wird, beibehielt, obwohl es seiner 
Fassung der 4. Bitte weniger geuatT entsprach, als derjenigen des Lc, be- 
darf kaum einer weiteren Erklärung, findet aber eine solche auch darin, daß 
die Ungebräuchlichkeit des rein adjektivischen aCowi ein lör m'oioi' sehr 
sonderbar hätte erscheinen lassen, daß auch rdr liji ai'ptor neben dem Genitiv 
Tjuäji. stilistisch unbequem und daß rdr eh- Tjjr ai'oior oder gar das von 
Wellh. geforderte idi^ £<,■ ni'oior ganz stilwidrig gewesen wäre. 

*') So schon Hier, zu Tit. (Vall. VII, 726), unter den Neueren besonders 
energisch L. Meyer 1. 1. S. 409; Steinmeyer, Die Wundertaten J. u. die 
neueste Kritik S. 242; Delitzsch, Brief an die Römer hebr. S. 17. 



282 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

ändert sich nicht wesentlich, wenn die Zeitmaße, nach denen es 
geordnet ist, größere sind, als beim Taglöhner. Der Arbeit aber 
entspricht das auf das gleiche Ziel gerichtete Gebet. Mit Dank- 
sagung will das Brot genossen sein, das man als Gabe Gottes, wenn- 
gleich als Ertrag seiner Arbeit in Händen hat (Mt 14, 19 ; 1 Kr 
10, 30 ; 1 Tm 4, 4) ; die Bitte aber geht dahin, daß Gott zur rechten 
Zeit (Ps 104, 27; 145, 15), daß heißt heute noch die Speise uns 
gebe, womit wir morgen uns nähren sollen. Auch der Ärmste, 
der betteln muß, weil er nicht arbeiten kann, und keine geordnete 
Tätigkeit der Nächstenliebe ihn des Betteins überhebt, kann so 
beten ; nur wird in seinem Munde diese Bitte den Sinn bekommen, 
daß der himmlische Vater ihn aus dieser üblen Lage des aTQOcpslv 
TtQOg TOUTtiöv, wie es Clemens ström. II, 85 nennt, erlöse. Aber 
auch der Beichste, der fromm ist, kann dieser Bitte nicht ent- 
behren. 

Von dem leiblichen Bedürfnis der nächsten Zukunft wendet 
das Gebet sich zu der Schuld der Vergangenheit,^^) welche auf 

**) Mit N*B (unrichtig über diese Holtzm. 218) ZS* (dieser ebenso 
Lc 11, 4), einigen Min u. Lat, Orig. de orat. 18, 2; 28, 2; Acta Thom. 
p. 250, 23 wird äfrjy.afzev ZU lesen sein, weil diese kühnere LA nicht ent- 
stehen konnte, wenn sie nicht bei einem der Evy. also, da sie für Lc sogut 
wie unbezeugt ist, bei Mt echt wäre. Schon 'Did. 8, 2 hat bei ziemHch 
engem Anschluß an Mt, aber auch manchen sonst unbezeugten Ab- 
weichungen [reo oioavcü V. 9, rip' 6'feilrjfj y. 12) äfie/iiev. Dies oder gleich- 
bedeutendes äfiofiev wird als das einfachere und unter dem Einfluß von 
Lc 11, 4 im gewöhnlichen Gebrauch und daher im Text des Mt herrschend 
geworden sein s. auch oben A 66 a. E. Auch Sc hat an beiden Stellen pnt:>j 
cf Forsch I, 137, was nicht notwendig äfi]oo^ev, aber jedenfalls nicht 
mfrixa/Kev ist; Ss fehlt ZU Mt 6, 2, während er Lc 11, 4 durch i^paty das 
Präsens deutlicher als Sc ausdrückt. Den Aorist w/riy.a/iiev wegen Mr 10, 28 
als Perfekt aufzufassen, besteht kein Grund, da Mt dieselbe Form 19, 27 
mit einem Aorist verbindet und auch sonst solche Fehler vermeidet, wie 
sie bei Mr und in der Ap sich finden. o(feih]fia wie oftiXri (Mt 18, 32) 
bezeichnet jede Leistung, zu der einer verpflichtet ist (Rm 13, 7 ; 1 Kr 7, 3, 
öcftileiv Lc 17, 10; Jo 13, 14; Rm 15, 27), besonders aber die Geldzahlung, 
zu welcher einer durch Aufnahme einer Anleihe sich verpflichtet hat cf 
Mt 18, 28 ff.; Lc7, 41; 16, 5 ff. Die Übertragung des Ausdrucks für die 
Geldschuld, die einer noch nicht zurückbezahlt hat oder überhaupt nicht 
zu zahlen im Stande ist (Mt 18, 25), auf die Versündigungen (bei Mt selbst 

V. 15 rä TraoaTTTMuara , Lc 11, 4 im VU t«s äaaQTcas cf Mt 18, 21 mit 

18,23 — 35; auch 5, 25 f.; drfederrjs Lc 13, 4 = «««oT/w^dfe- 13,2) setzt die 
Vorstellung voraus, daß jede Versündigung NichterfüUang einer Gott 
gegenüber übernommenen oder von vornherein bestehenden Verpflichtung 
sei. Einer nicht rechtzeitig bezahlten Geldschuld, welche entweder durch 
Zwangsmittel eingetrieben oder vom Gläubiger erlassen werden muß, gleicht 
die Versündigung von vornherein, da die Pflicht, deren Nichterfüllung die 
Sünde ist, ebenso wie die Unwilligkeit oder Unfähigkeit des Menschen, die 
Pflicht zu leisten, im Moment des sündigen Handelns bereits konstatirt ist. 
An der Bildlichkeit des Ausdrucks hat auch (hfiivm „die Schuld erlassen" 
vollen Anteil. Man darf sich nicht durch die häufige, begrifflich ungenaue 
Verbindung mit ä/xaQTias statt mit 6cf£ih]/naTa verleiten lassen, ihm die 



I 



c. 6, 9—15. 283 

die Gegenwart und Zukunft einen dunkleren Schatten wirft als 
Mangel und Sorge. Unter dem Bilde von Geldschulden, welche 
der Schuldner nicht zu zahlen im Stande ist, um deren Erlaß er 
darum den Gläubiger bitten muß, werden die Versündigungen vor- 
gestellt. Die Bitte an Gott, daß er den Jüngern, die sich durch 
Tun oder Lassen ihm gegenüber verschuldet haben , diese ihre 
Schulden erlasse, wird verstärkt durch den Hinweis darauf, daß 
sie selbst solchen Schulderlaß, schon ehe sie zu Gott beteten, denen 
angedeihen ließen, welche sich ihnen gegenüber in dem gleichen 
Verhältnis von Schuldnern gegenüber ihren Gläubigern befinden. 
Durch diese vergleichende Nebeneinanderstellung soll selbstver- 
ständlich nicht ausgedrückt sein, daß Gott durch die von den 
Betern bewiesene Versöhnlichkeit verpflichtet sei , ihnen ihre 
Schulden zu erlassen, sondern Jesus setzt voraus, daß seine Jünger 
nicht wagen werden im Gebet vor Gott zu treten, wenn sie nicht 
zuvor allen Groll gegen die Mitmenschen aus ihrem Herzen ver- 
bannt und denen, welche sich ihnen gegenüber verschuldet haben, 
die Schuld erlassen haben , wobei die Voraussetzung , daß die 
Schuldner um solchen Erlaß gebeten haben, zwar nicht so stark 
wie 18, 21 — 35, aber doch durch die Vergleichung der mensch- 
lichen Vergebung mit der erbetenen göttlichen Vergebung deutlich 
genug ausgedrückt ist. Der Beter, welcher mit solcher Gesinnung 
gegen seine Schuldner vor Gott tritt, darf sich auch im Gebet 
darauf berufen, nicht als ob seine Versöhnlichkeit statt der Barm- 
herzigkeit Gottes für Gott der Beweggrund zur Erhörung der Bitte 
wäre, wohl aber um vor Gott und sich selbst zu erklären, daß er 
es wage, solche Bitte Gott vorzutragen (cf Lc 11, 4 xat yccQ)- In- 
dem aber Jesus wie selbstverständlich voraussetzt, daß seine Jünger 
nur mit der hiedurch gekennzeichneten Gesinnung gegen ihre Mit- 
menschen Gott um Vergebung ihrer Sünden bitten werden, will er 
sie auch, wie v, 14 f. zeigt, indirekt gemahnt haben, nicht anders 
als so vorbereitet zu Gott zu beten. Insofern ist die 5. Bitte ein 
ergänzendes Seitenstück zu 5, 23 f. — Von der Sünde, welche als 
Schuld aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinüberragt, wendet 
sich das Gebet v. 13 zu der Sünde als einer die Zukunft be- 
drohenden Gefahr. Die Bitte: ,. Führe uns nicht in Versuchung 
oder Anfechtung hinein" setzt voraus, daß Gott dies, was nicht zu 
tun er gebeten wird, unter Umständen wirklich tue und zwar auch 
in bezug auf die, welche als seine Kinder zu ihm als ihrem himm- 



Bedeutung „verzeiheu" zu geben. In dem Erlaß der Schnid ist auch der 
Erlaß der eventuell eintretenden Bestrafung der Sünde tatsächlich inbe- 
griffen, aber doch nicht in den Wortbegriff vou ofti/.rua aufgenommen. 
Die Atticisten beschränken diese Bedeutung auf oflr^ua cf Phj'm. ed. Lobeck 
p. 463. Ähnlich die Entwicklung des deutschen Begriffs „Schuld". Auch 
die hebr. und aram. Wörter ::n, i^n entsprechen den griech. ofEÜ.eiv, 
oftihjfia, 6(fEi).eri;i, wie n^D dem a.<fii^ai. 



284 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehreiis Jesu, 

lischen Vater beten, womit auch bereits gesagt ist, daß es nicht 
nur ein Gottes würdiges Tun, sondern auch eine Betätigung seiner 
Liebe mit dem Zweck heilsamer Wirkung sei. Die Bitte an Gott, 
daß er uns nicht in dem Sinne und mit der Absicht dessen, welcher 
davon den Namen 6 7Tei,Q(xt,iiJV hat (4, 3), versuche d. h. zum Bösen 
reize, wäre eine Lästerung sogut wie die Behauptung, daß er dies 
wirklich tue (Jk 1, 13). Die Bitte vermeidet aber auch den Aus- 
druck, durch welchen anderwärts Gott als der ^rteigdCcov dargestellt 
wird Gen 22, 1 (Hb 11, 17); Ex 15, 25; 16, 4, und 'stellt dagegen 
Gott vor als den, welcher den Menschen in anfechtungsvolle Lebens- 
lagen hineinbringt. UeiQaafiög bezeichnet nicht bloß die Handlung 
des jtsiQÜ^eiv (Lc 4, 13) und den Vorgang des TteiQüCea^ai (1 Pt 4, 12) 
sondern auch diejenigen Lebenslagen, welche mehr als andere die 
Gefahr zu sündigen mit sich bringen, sofern sie die sowohl von 
der eigenen Natur des Menschen (Mt 26, 41 ; Jk 1, 14) als von 
der Außenwelt (Mt 4, 8 ; 1 Jo 2, 12 — 17), immer aber von Satan 
(Lc 22, 31 ; 1 Kr 7, 5 ; 1 Th 3, 5) ausgehenden Anreizungen zur 
Sünde verstärken und wirksamer machen. Diese Bedeutung hat 
das Wort überall, wo wir lesen, daß man in Tteigao/iiog oder 
7t£lQaaj.ioi hineingebracht werde (Mt 6, 13; Lc 11, 4) oder eintrete 
(Mt 26, 41; Lc 22, 40. 46) oder hineingerate (Jk 1, 2; 1 Tm 6, 9) 
oder davon ergriffen werde (1 Kr 10, 13), oder daß sie einem zu- 
stoßen (AG 20, 19 cf Lc 22, 28; auch yiaiQog oder &Qa 7teiQaof.iov 
Lc 8, 13; Ap 3, 10). Mit dem Glauben an die Vorsehung und 
Weltregierung Gottes ist die Erkenntnis gegeben, daß wie alle 
anderen Lebenslagen auch diejenigen, welche eine Versuchung zur 
Sünde in sich schließen, von Gott herbeigeführt werden, oder daß 
Gott den Menschen in dieselben einführe. Die Übersetzung „An- 
fechtung" ist insofern leicht irreführend, als wir dabei vorwiegend 
an die feindselig und drohend auf uns eindringende Gewalt des 
Bösen denken, während in der Tat das Böse mindestens ebenso- 
sehr durch das sinnlich Angenehme, wie Schönheit und Glanz des 
Natürlichen, Reichtum, Wohlleben und Ehre zur Sünde lockt, als 
durch das für die Sinne Unerfreuliche, wie Mangel und Schmerz, 
Schmach, Verfolgung und Tod vom Guten abschreckt. Die Bitte, 
daß Gott uns nicht in solche Lebenslagen hineinbringe, welche in 
der einen oder anderen Richtung eine besondere Anreizung zur 
Sünde in sich bergen, setzt ebensowenig eine feige Scheu vor dem 
Leiden wie eine stumpfsinnige Gleichgiltigkeit gegen die Reize des 
Natürlichen voraus, sondern nur das Bewußtsein der eigenen sitt- 
lichen Schwäche, welches auch im Gebet des Frommen zum Aus- 
druck kommen soll (Mt 26, 41) und das Gegenteil bildet zu dem 
falschen Selbstvertrauen gegenüber den Gefahren der Versuchung, 
das auch bei Frommen sich einstellt (Mt 26, 33—35). Es bedarf 



c. 6, 16-18. 285 

•diese Bitte keiner anderen Einsclaränkung ^^) als die vierte, nämlich 
der Unterordnung unter die dritte. Sie schließt also nicht aus, 
daß der Beter, wenn er es als Gottes Willen erkennt und erfährt, 
daß er durch Lust oder Leid zur Sünde gereizt und in Versuchung . 
ei'probt werde, der Versuchung tapferen Widerstand leiste und in 
Hoffnung auf den Sieg sogar der Anfechtung sich freue (5, 12; 
Jk 1, 2). Der Bitte um Verschonung mit Versuchung tritt, weil 
sie in verneinender Form ausgesprochen ist, mit aXKd die Bitte 
gegenüber, daß Gott uns von oder, genauer dem griech. Ausdruck 
entsprechend, vor dem Bösen rette d. h. uns davor bewahre, daß 
wir der Gewalt des Bösen anheimfallen. ^*') Auch hier wieder wie 
5, 37. 39 entsteht die Frage, ob b novr^qöc,, was dann den Teufel 
bezeichnen würde, oder %o novr^QOV zu gründe liege. Die zu 
jenen Stellen begründete Entscheidung für die Auffassung als 
Neutrum wird auch hier die richtige sein ; denn, wenn uns die 
Erwähnung der Versuchung an den Versucher schlechthin erinnert, 
so ist doch der 7teLQaO(.iöc vorhin unter den Gesichtspunkt nicht 
einer satanischen Versuchung, sondern einer göttlichen Fügung 

*^) Eine Neigung zur Umdeutung zeigt sich früh genug im Abend- 
land, so daü Marcion (GK 11, 472j auch in diesem Punkt einer kirchlichen 
Überlieferung sich angeschlossen haben wird. Schon TertuU. de orat. 8 
schreibt: „ne nos inducas in temptationem''^ , icl est: ne nos patiaris induci 
ab eo iitique, qui teynptai, und die älteste lat. Bibel (k und Cypr. orat. 25) 
hat ne passus fueris (Cypr. patiaris) nos induci in temptationem. So auch 
Arnobius jun. (im 5. Jahrh. Mönch in Rom) s. Morin, Kevue Bened. 1911 
p. 175. Eine kühnere Änderung schlich sich in die Gebetspraxis ein. Hier, 
zu Mt 26, 41 Vall. VII, 226 i)i oratione dominica dicimus: ne nos inducas 
in ientationem, quam ferre non possumus. Dasselbe zu Ez 48, 16 VaU. 
V, 609 quotidie in oratione dicentes etc. Ambros. de sacram. V, 18. 29 
kennt als Text nur den alten Cyprians mit der Umstellung induci 7ws, 
und fügt § 29 nur als Antwort auf die Frage, wie das gemeint sei {qiiid 
dicat), hinzu quam ferre non possumus. Wahrscheinlich bezieht es sich 
auch nicht auf einen ev Text, sondern auf die liturgische Praxis, wenn 
Eil. zu Ps 119 lit. aleph § 15 schreibt: quod et in dominicae orationis 
ordine continetur , cum dicitur: non derelinquas nos in temptatione, 
quam suffere non possumus. In der Bahn dieser letzteren Umgestaltung 
haben auch manche Ausleger sich bewegt wie Orig. orat. 29, 9 — 14. Luther 
in beiden Katechismen. Grotius u. a. 

^^) Der Unterschied von ^veadai sa, was voraussetzt, daß man sich 
bereits in dem betreffenden Zustand, Machtbereich und dgl. befinde 
(Lei, 74:2 Pt 2, 9; Rm7, 24;K11, 13;2Tm3. 11:4, 17; Ex 6, 6; Ps 34, 18; 
80 auch acöZeiv Jo 12. 27) und mtaffai äTtö (Rm 15,31; 2Th3, 2; 2 Tm 
4, 18; Ps 18, 30; 43, 1, wahrscheinlich auch 1 Th 1, 10; ebenso acb::eiv Mt 
1, 21, AG 2, 40; Rm 5, 9) darf nicht wegen einiger Stellen, wo je nach der 
Vorstellung die Präpositionen vertauscht werden könnten (Ex 2, 19; 2 Kr 
1, 10; Hb 5, 7), übersehen werden. Besonders lehrreich ist der zweimaüge 
Wechsel der beiden Konstruktionen Ps 22, 21. 22. Diejenige mit and be- 
deutet eine Rettung, wodurch man von der verderblichen Macht feru- 
gerückt wird, anstatt in ihre Gewalt zu kommen, nicht wesentlich ver- 
schieden von Triptip (LTTö Jk 1,27; doch erträgt Tr,oeTr vermöge seines Be- 
griffs auch ey. ohne Änderung des Sinns Jo 17, 15. 



286 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

gestellt. Und wie leicht konnte durch ein ccTtb %ov öiaßöXov oder 
TOv ^rteigdl^ovTog die Zweideutigkeit vermieden werden ! Ist aber 
das, vor dessen Gewalt behütet zu werden, die Beter von Gott 
erbitten, ro 7rovi]Q6v, so ist dies auch nicht das Übel, sei es das 
alltägliche Ungemach des Erdenlebens, seien es besondere Leiden, 
welche als TceigaoiioL empfunden werden, ijondern wie 5, 37. 39 
das Böse, und zwar ohnev Unterscheidung zwischen dem Bösen, 
welches als schädigende Macht feindlich auf uns eindringt, und dem 
Bösen, welches als verlockende Macht auf uns einzuwirken und sich 
in unser Inneres einzuschleichen trachtet. Das Übel ist nur insofern 
inbegriffen, als es dem Bösen als ein Machtmittel dient. Diese 
Deutung fordert der durch aXla. ausgedrückte Gegensatz zu der 
vorigen Bitte. Die positive letzte Bitte geht jedoch über das 
reine Gegenteil dessen hinaus, womit verschont zu werden, der 
Inhalt der 6. Bitte ist. Denn nicht nur vor dem Eintritt der 
TtEigaOf-ioi, sondern vor allem in denselben, und nicht nur in solchen 
besonderen Anfechtungen oder im Hinblick auf die Möglichkeit be- 
sonderer Gefahren, wie sie die 6. Bitte vergegenwärtigt, sondern 
allezeit ist die 7. Bitte am Platz; denn in dieser Welt, in welcher 
die Jünger zu leben und zu beten haben, ist das Böse eine stetig 
wirkende Macht, bis Gottes Reich erschienen, Gott tatsächlich der 
allein herrschende König der Welt geworden ist. So umfassend, 
wie diese letzte Bitte lautet, zielt sie wie die drei ersten auf das 
Ende dieses Weltlaufs, nur mit dem Unterschied, daß der Beter hier 
für seine Person die Aufnahme in das zukünftige Gottesreich herbei- 
wünscht cf 2 Tm 4, 18. So mündet der Schluß des Gebetes in 
seinen Anfang zurück. Denn daß das Gebet hiemit schließt und 
daß die uns geläufig gewordene Doxologie ebensowenig von Mt 
wie von Lc herrührt, steht schon nach der äußeren Bezeugung des 
Textes außer Zweifel.^^) Wenn sie echt wäre, würde es noch 

"') Die Doxologie fehlt 1) gänzlich in kB DZ, einigen Min (Miller 
zählt 7), Acta Thomae 251, 1, den meisten Lat (mit Ausnahme von kfg') 
Vulg, Kop. Sie ist 2) als Textbestandteil unbekannt den Auslegern Tert., 
Cypr., Orig., Cyrillus Hieros. cat. mystag. 5, 18, Hier., Aug., Gregor Nyss., 
Max. Conf. 3) Sie ist in sehr mannigfaltiger Form überliefert: a)EGKLM 
etc., die Masse der Min, S'S^Sh, g*q: ön aov laiiv i) ßaadeia y.al rj 

övvauis y.al fj Sö^a eig roiie alcörai;. dur'jv. b) Sc ohne >;«« 'rj Ji'r«/«» und 

mit roijg ai. i&v aicövcov (dies auch S'; Ss ist zu Mt defekt, zu Lcll,4 
haben ScSsS^ keine Doxologie). c) Did. 8, 2 öti oov kanv q owa/utg xal fj 
liö^a eig rov^ uiojvag. d) k qnonkim est tibi virttis in saecula saeculorum 
(ohne amen), e) Sah „weil dein ist die Macht und die Stärke in die Ewig- 
keit der Ewigkeiten. Amen", f) Nur dö^a das alte Amulet S. 269 f. A 66. Es 
ist also sehr früh das Bedürfnis eines doxologischen Schlusses empfunden 
und in verschiedener Weise befriedigt worden, zuerst in der Liturgie, so- 
dann im Bibeltext. Wie das VU in der römischen Kirche regelmäßig ohne 
diesen Schluß gebetet wird, so ist die gleiche Übung in der lutherischen 
Abendmahlsliturgie ein Denkmal des ursprünglichen Schrifttextes. 



c. 6, 16—18. 287 

befremdliclier sein, als es ohnehin ist,^-) daß v. 14 f. über die 
dazwischenliegenden Sätze von v. 13 hinweg auf v. 12 zurückgreift; 
denn offenbar zur Bestätigung des Verhältnisses, in welches die 
o. Bitte den Schulderlaß Gottes zu dem Schulderlaß der betenden 
Jünger gestellt hat, und der mittelbar darin enthaltenen Mahnung, 
an letzterem es nicht fehlen zu lassen, dient die Erklärung, daß 
die Verzeihung, welche die Jünger ihren Mitmenschen, die sich 
gegen sie verfehlt haben, angedeihen lassen, die unerläßliche Be- 
dingung der göttlichen Sündenvergebung sei, die sie für sich selbst 
erbitten. ^^) 

An die Belehrung über die Müdtätigkeit und das Gebet schließt 
sich V. 16 — 18 eine solche über das Fasten von ganz gleicher An- 
lage wie V. 2 — 4 und 5 — 6, so daß die Auslegung großenteils schon 
zu jenen Stellen gegeben ist. Auch in dieser Beziehung zeigt 
Jesus, daß er nicht nur das Gesetz, welches kein anderes Fasten 
als dasjenige des Versöhnungstages vorschreibt (Levl6, 29; 23, 27ff.), 
sondern auch die durch die freiere Sitte üblich gewordenen Formen 
der Frömmigkeit mit dem Geist aufrichtiger Frömmigkeit zu er- 
füllen und keineswegs sie abzuschaffen gesonnen sei. Es handelt 
sich hier nicht um ein allgemeines Fasten der jüdischen Gemeinde, 
wie es am Versöhnungstag, dem großen Fasttag (AG 27, 9j, oder 
sonst regelmäßig zur Erinnerung an Tage nationalen Unglücks ge- 
halten oder außerordentlicher "Weise z. B. beim Ausbleiben des 
Regens angeordnet wurde; denn die Beteiligung des Einzelnen an 
solchem Fasten konnte nicht, wie es Jesus gebietet, geheim ge- 
halten werden ; sondern um ein Fasten, wie es die Frommen frei- 
willig, sei es aus besonderem Anlaß, sei es regelmäßig für bestimmte 
Tage auf sich nahmen (Lc 18, 12 cf 5, 33; Mt 9, 14; Mr 2, 18). 
Nicht als asketische Leistung, als Übung in der Enthaltsamkeit und 
Tugendmittel, sondern als Ausdruck der Trauer über die Sünde 
und die durch sie veranlaßten göttlichen Strafgerichte sowie des 
Ernstes, womit man die Vergebung der Sünden und die Ver- 
schonung mit der Strafe erbitten wollte, war das Fasten in Israel 

®^) Es gehört dies zu den Anzeichen, daß der Abschnitt v. 7 — 15 
durch künstliche Komposition des Mt seine Stelle und Anordnung erhalten 
hat. Die Auslassung von ydo v. 13 in D*L erklärt sich aus dem Be- 
fremden über die wenig natürliche Anknüpfung, welche Mr 11, 25 dnrch 
eine andere, auch nicht gerade einlenchteude ersetzt ist. Klarer ist die 
selbständige Ausführung des Gedankens Mt 18. 28 — 35, nur daU es sich 
dort nicht wie 6, 12. 14. 15 um die Gottes Vergebung begehrenden Jünger 
im Verhältnis zu ihren Mitmenschen überhaupt, sondern um die der Sünden- 
vergebung Gottes bereits teilhaftig gewordenen Jünger im Verhältnis zu 
ihren Mitjüngern (cf 18, 15— 22i handelt. 

*■') Die chiastische Verteilung der Objekte des njthni auf v. 14* 
und 1.5*', während ein solches v. 14'' und 15" zu supphren ist. wurde früh 
zerstört, indem v. 15' schon BScSahKop und die übrige Masse (gegen 
H D, kacg'h Vnlg, S') rd naoarndjunra. aiireör, V. 14** manche (z. B. L 
Kop beides) auch noch rä tio^. tucHf einsetzten. 



288 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

von altersher eine Begleiterscheinung des anhaltenden, insbesondere 
des bußfertigen Gebetes. Fasten und Trauern ^*) gehört ebenso zu- 
sammen, wie Fasten und Beten ; ^^) daher war es natürlich, daß an 
Büß-, Bet- und Fasttagen der Volksgemeinde auch in Kleidung und 
sonstiger Lebenshaltung die Trauer zum Ausdruck kam. Aber in 
Zeiten, in welchen die Frömmigkeit zur Sache einer von dem un- 
reinen Volk sich absondernden Partei geworden war und doch noch 
als ein ehrenvoller Vorzug vom Volk gewürdigt wurde, war den 
Heuchlern, die Jesus auch hier als abschreckendes Beispiel nennt 
(v. 16), durch jene an sich sehr angemessene Sitte ein besonders 
augenfälliges Mittel dargeboten, mit ihrer Frömmigkeit und zwar 
gerade mit der durch kein Gesetz vorgeschriebenen Äußerung der- 
selben in freiwilligem und privatem Fasten sich sehen zu lassen. 
Bei strengerem Fasten unterließ man das Waschen des Gesichts 
und das Salben des Haupthaars, ging barfuß und trug im Verkehr 
ein finsteres Wesen bis zur Unterlassung jeden Grußes zur Schau. ^^) 
Wenn Jesus alles dies den Jüngern untersagt und das gerade 
Gegenteil gebietet, redet er nicht in Bildern, sondern veranschau- 
licht in charakteristischen, dem wirklichen Leben entnommenen 
Beispielen die falsche und die rechte Art des Privatfastens ; und 
sowenig er v. 6 das Gemeindegebet verboten hat, hat er hier das 
Fasten der Volksgemeinde verworfen, welches weder verborgen 
bleiben, noch der gemeinsamen äußeren Formen entraten kann. 

Nachdem die Gerechtigkeit, welche Jesus von seinen Jüngern 
als Bedingung der Aufnahme in das Gottesreich fordert (5, 16 — 20), 
5, 21 — 48 im Gegensatz zu der Oberflächlichkeit rabbinischer 
Gesetzesauslegung und 6, 1 — ]8 im Gegensatz zu den Auswüchsen 
pharisäischer Frömmigkeit dargestellt ist, folgt 6, 19 — 34 ein Ab- 
schnitt, dessen Zusammenhang mit dem, was vorangeht, nicht sofort 
auf der Hand liegt. Er zerfällt in zwei Teile, welche nicht nur 
durch den auf beide bezüglichen allgemeinen Satz v. 24, sondern 
auch durch die unverkennbare Verwandtschaft des Inhalts mit ein- 
ander verknüpft sind. Das Ansammeln von Reichtümern, wovor 
V. 19 — 23, und das Sorgen um die notwendigsten Lebensbedürfnisse, 
wovor V. 25 — 35 gewarnt wird, oder, wie es 13, 22 heißt, der Be- 
trug des Reichtums und die weltliche Sorge sind entgegengesetzte, 
aber aus wesentlich der gleichen Gesinnung und Stellung zu den 
irdischen Gütern hervorgehende Verirrungen, und das Urteil v. 32*, 
welches diese Gesinnung zunächst in bezug auf das Sorgen als eine 
heidnische bezeichnet, gilt nicht minder von der (pilccQyugla und 
nXeove^ia. Daß trotzdem in diesem Abschnitt nicht etwa der 

9*) Mt 9, 14 f.; Mr 2, 18—20; Joel 2, 12; Sach 7, 5; 1 Sam 2, 5; 20, 34; 
2Sam 1, 12; Dan 10, 2 f. 

«6)(Mtl7, 21; Mr9, 29) Lc2, 37; AG13, 2f.; 14,23; 2 Sam 12, 16; 
Ps 35 13 • Dan 9 3 

ö8) Mischna Taanith I, 4—7; Joma VIII, 1 cf Schürer II, 490. 



I 



c. 6, 19—34. 289 

■Gegensatz zu heidnischer Denkweise an die Stelle des bis dahin 
obwaltenden Gegensatzes zu Schriftgelehrten und Pharisäern tritt, 
ergibt sich schon daraus, daß auch 5, 47 und 6, 7 auf die Heiden 
hingewiesen war. Jesus, der zu seinen Jüngern vor den Ohren 
«iner jüdischen Volksmenge redet, predigt auch hier nicht im all- 
gemeinen gegen heidnische und weltliche Denkweise (cf Lc 12, 
13 — 31), sondern zeigt die Unverträglichkeit einer solchen mit der 
Frömmigkeit, deren sich die Jünger befleißigen sollen und wollen. 
Eben hierin aber liegt die Verbindung mit den vorigen E-edeteilen. 
Die Pharisäer galten bis dahin als die vorzugsweise Frommen im 
Volk ; aber mit dem frommen Eifer, welchen Jesus ihnen niemals 
abgesprochen hat, verbanden sich bei vielen Pharisäern und ßabbinen 
sehr weltliche Interessen. Neben dem Ehrgeiz (6, 2. 5. 16; 23, 
5—8; Lc 14, 1. 7—11; Jo 5, 44; 7, 18; 12, 43) wird besonders 
auch die Geldliebe ihnen nachgesagt.^') So gehört also auch dieser 
Redeteil zur Ausführung von 5, 20. — Nicht jeder Gelderwerb, 
sondern die Aufspeicherung großer Vorräte, und insbesondere die 
Ansammlung großer Geldsummen, gleichviel ob man sie in einer 
Bank als zinstragendes Kapital anlegt (cf 25, 27 ; Lc 19, 23), oder 
wie der Geizhals des reichen Barvorrats sich freut, ist ein i9t- 
oavol^eiv -d^r^oaiQOvg v. 19. 20. Durch das sonst entbehrliche vulv 
dabei ist ausgedrückt, daß es sich nicht um die Ansammlung und 
Avifbewahrung von Mitteln zu einem darüber hinausliegenden Zweck 
handelt, sondern daß der eigene Besitz von Reichtümern der Zweck 
ihrer Ansammlung ist. Der rechte Ort, wo man Schätze aufhäufen 
muß, wenn man nicht bittere Enttäuschung erleben und zugleich 
an der Seele Schaden erleiden soll, ist nicht die Erde, sondern 
der Himmel. Das enl rf^g yf^g und ev rto ovQavCo ist nämlich 
nicht als Attribut zu ^r^oavqovg zu fassen, was statt des vierfachen 
onov ein ovg erfordern würde, sondern Adverbiale zu d-r^oavoL^ELV, 
natürlich nicht als ob der Schätze sanjmelnde Mensch selbst sich 
ebensogut im Himmel als auf der Erde befände, sondern die Erde 
oder der Himmel sind die Orte, wo man, gleichviel wo man sich 
selbst befindet, Schätze anhäufen kann, die Schatzkammern oder 
allgemeiner die Gebiete, in welchen sich diese befinden. Ein Tun, 
welches auf Erden geschieht, aber zur Folge hat, daß man im 
Himmel einen Schatz anhäuft (Mt 19, 21), wird in prägnanter Rede 
ein -S-r^oai-Qi^eLV ev ovQavco genannt. Daraus ergibt sich dann von 
selbst, welcher Art die Schätze im einen wie im anderen Falle sind. 
Nur Irdisches kann man auf Erden in einem Kasten (cf 2, 11) 

^') Lc 16, 14 angeschlossen an den Spruch von den zwei Herren 
(v. 13 =: Mt 6, 24) und mit diesem zwischen die Parabeln vom ungerechten 
Haushalter und dem reichen Mann und Lazarus gestellt. Auch Lc 12, 
13 — 34 scheint mit dem Wort vom Sauerteig der Pharisäer 12, 1 zusammen- 
zuhängen. Ferner Mr 12, 40. 

Zahn, Ev. des Matth. 4. Aufl. 19 



290 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

oder Geldsack (Jo 12, 6) oder einer Schatzkammer {yal^oq)vX(xy.LOv 
Jo 8, 20) niederlegen und aufbewahren. Im Himmel aber kann 
der auf Erden lebende Mensch durch nichts anderes Schätze für 
sich ansammeln, als durch ein Gott wohlgefälliges Verhalten, welches 
bei Gott im Himmel unvergessen bleibt und gleichsam als ein Gut- 
haben angeschrieben wird, um dereinst als Lohn ausgezahlt zu 
werden. Daß dies ebensow'bhl durch geduldiges Tragen des Leidens 
um Gottes und Christi willen, als durch "Wohltaten, die man den 
Mitmenschen erweist, zu erreichen ist, zeigt die Vergleichung von 
5, 12 und 19, 21. Dies beides ist eine sichere und eine reiche 
Zinsen tragende Kapitalanlage cf 1 Pt 1, 4 — 9; 2 Kr 4, 17; 
2 Tm 1, 12 und oben zu 5, 12. Einen starken Beweggrund ent- 
halten die Mahnungen von v. 18. 20 schon in sich selbst durch 
die Erinnerung, daß auf Erden, aber nicht im Himmel, Motte und 
Wurm (eigentlich „Fresser") ^'^) ihr zerstörendes "Werk üben und 
Diebe einbrechen und stehlen. Wer mag die Anhäufung von 
Gütern, die so vielen Gefahren ausgesetzt sind, zum Ziel seines 
Strebens machen ! Noch größer aber ist die Gefahr für das innere 



^*) Während ßQcöois sonst entweder die Handlung des Essens imd 
Verzehrens bezeichnet (Gen 2, 9. 16; Sap Sal 4, 5; 1 Kr 8, 4) oder wie ß^üfia 
das, was verzehrt wird (Gen 25, 28; Jerem 34, 20 cod. B ; Jo4, 32; 6,27), 
scheint es hier neben der Motte nicht deren Tätigkeit, das Zerfressen der 
Wollenstoffe (cf Jk 5, 2), sondern ein zweites Subjekt der Zerstörung be- 
zeichnen zu müssen. In der Tat entspricht r; ß^ßats Mal 3, 11 (am deut- 
lichsten nach cod. A) einem Ssin.i „der Fresser" d. h. die Heuschrecke. 
Es findet sich als Variante statt ßocö/nata neben 16^ gestellt Ep Jerem 12 
(al. 11), vom Syrer durch i^h^n „Verwesung" übersetzt. Mt 6, 20 hat S' 
n'?3n, Sh Nj'73N (Sc hier offenbar nach dem Diatessaron d. h. Lc 12, 33 cf 
Forsch I, 136, hat von den beiden Subjekten nur ar,s wiedergegeben, Ss 
fehlt). Die ältesten Lat (k, Cypr. test. III, 1; de opere et eleem. 7; auch 
noch Aug. z. St.) comesfiira, die jüngeren, (ab g^ etc., auch Vulg) aerugo, 
dieses aber durchweg gegen alle sonstige Überlieferung von Just. apol. I, 15 
an vor tinea {o?]s) gestellt. Die schon hiedurch verdächtige Übersetzung 
aerugo, Rost, paßt nicht Ep Jer v. 11 oder 12 (s. vorhin). S^Sh haben 
ßocäaii wahrscheinlich richtig von einem fressenden Insekt verstanden, 
denn n?3n heißt nicht das Essen oder Speise, Fraß, sondern Esser (Targ, 
und Syr. Jud 14, 14; Syr. auch Mal 3, 11), ^Ssn der starke Esser (jer Maas- 
roth fol. 50'') und N^w N^N ist bab, Baba bathra 73" Name eines Parasiten 
am Leibe gewisser Fische. Der griech. Mt übersetzte hier nach Art der 
LXX Mal 3, 11 weniger glücklich. Da die Motte an prachtvolle Wollstoffe 
denken läßt (Jk5, 2; Lc 16, 19; Jes 50, 9), wird unter dem „Fresser" ein 
anderes lusekt oder sonstiges Tier zu verstehen sein, welches anderen 
wertvollen Vorräten, sei es dem aufgehäuften Korn (Lc 12, 18), sei es den 
aus kostbaren Hölzern angefertigten Gerätschaften verderblich ist. Dem 
Gold und Silber und den aus solchem Stoff angefertigten Gegenständen 
gilt erst der Angriff der einbrechenden Diebe. Die Objektlosigkeit von 
la/ari^air (eigentlich unsichtbar machen, vernichten, dann aber: um seine 
Schönheit bringen, verunstalten, verwüsten, entweihen Mt 6, 16 cf Cant2, 15; 
Jer 2, 11; Ez 35, 341; Dan 9,' 18; 11, 31; Sir 21, 18; Test. patr. Levi 2, 
16. 17; Jos. bell. II, 15, 5) und Öioovuaeiv (cf 24,43) und xXinieiv läßt um 
so mehr die Art dieser Vorkommnisse hervortreten. 



c. 6, 19—34. 291 

Leben, welche daraus erwächst; denn wo das Gut sich befindet, 
dessen Erwerb oder Vermehrung ein Mensch sich zum Ziel setzt, 
da ist auch sein Herz oder, wie es in Kücksicht auf die Jünger, 
die erst zui' Entscheidung für und wider aufgefordert werden, statt 
dessen heißt : da wird auch sein Herz sein, also je nachdem ent- 
weder auf der Erde oder im Himmel, d. h. die Gedanken und 
Wünsche des Herzens, die Liebe und Teilnahme wenden sich un- 
vermeidlich demselben Gegenstand zu, dem man seine Zeit und 
Kraft widmet. ^^) Welch" ein Schaden es aber für das gesamte 
innere Leben des Menschen bedeutet, wenn sein Herz auf möglichst 
großen Besitz irdischer Güter gerichtet ist, veranschaulicht die 
doppelte Vergleichung des Herzens mit dem Auge und des Auges 
mit einer Lampe. Das Auge als das für das Licht empfängliche 
Organ vermittelt dem Menschen für sein ganzes leibliches Leben 
die Wohltat des Lichtes und kann daher mit einer Licht spendenden 
Lampe verglichen oder geradezu die Leuchte oder Lampe des 
Leibes genannt werden cf 5, 14 f. Den hiedurch ausgedrückten 
Zweck aber erfüUt das Auge nur dann, wenn es sich in normalem 
Zustand befindet und nicht durch einen in denselben hineingeratenen 
Fremdkörper (7, 3) oder durch eine Krankheit oder fehlerhafte 
Anlage wie Schielen oder Doppeltsehen in seiner Funktion gestört 
ist. Da hier nicht einzelne bildliche Ausdrücke in die Beschreibung 
geistiger Zustände eingeflochten sind, sondern ein wirkliches, dem 
leiblichen Leben entnommenes Gleichnis vorliegt, welches erst 
V. 23^ auf das innere Leben übertragen wird, so dürfen wir auch 
die gegensätzlichen Attribute des Auges a7t).ovg und TTOvr^QÖg nicht 
als außerhalb des Gleichnisses stehende Attribute der durch das 
Gleichnis abgebildeten Sache ansehen. Die in anderem Zusammen- 
hang naheliegende Erinnerung an das hebr. nyi "j'y d. h. der 
neidische, mißgünstige Blick zur Bezeichnung dieser Gesinnung ^) 
ist hier überdies durch die sachliche Bedeutung dieser BA aus- 
geschlossen ; denn nicht die Mißgunst gegen andere Menschen, 
sondern die mit der Liebe zu Gott und den ewigen Gütern unver- 
trägliche Richtung des Herzens auf irdische Schätze wird im vor- 
liegenden Gleichnis dargestellt. Das kranke oder sonst durch 

»») Auch V. 21 wie 5, 29. 39^; 6, 2. 6. 17 wird nach nB, Sah Kop Lat 
Volg von der plmalischen Anrede zur singularischen übergegangen. — 
Beinahe eine Umkehrung dieses Satzes, aber gleichfalls wahr ist unter den 

Sprüchen des SextUS Nr. 136 onov aov ib tfoo^elv, iy.et aov TÖ aynd-öt'. 

Tert. ad mart. 2 cf de anima 57 dreht den Spruch geradezu um, kennt 
jedoch auch das Eichtige Scorp. 3. 

•) Sir 14, 10 (hebr. v^, aber im Parallelglied -arj); 34 (al. 31), 13 (nur 
griech.); Mischna P. Aboth II, 9; V, 19; Mr 7, 22, im AT nur prädikativ 
„das Auge ist böse" Deat 15, 9; 28, 54 cf Mt 20, 15 und r.p. VI mit und 
ohne tr'N davor Prov 23, 6; 28, 22 „bös in bezug auf das Auge, ein mili- 
günstiger Mensch"; TtovTj^öfdaXfWi interpr. incert. 

19* 



292 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

irgend etwas für seinen Dienst untauglich gewoi'dene leibliche Auge 
kann ebensogut wie andere sinnliche Gegenstände, von denen das 
Gleiche gilt, TtovrjQog heißen.") So wird auch das gegensätzliche 
aTtXoüg den normalen Zustand des leiblichen Auges bezeichnen. 
Befindet sich an oder in dem Auge nichts Fremdes, wodurch es 
behindert wird, geradeswegs auf die Gegenstände sich zu richten 
und ein einheitliches, sicheres Bild derselben in sich aufzunehmen,^) 
so ist der ganze Leib licht d. h. alle Teile und Glieder des Leibes 
genießen die durch das Auge ihnen vermittelte Wohltat des Lichtes, 
was ihre sichere Bewegung im Räume zur Folge hat, während im 
entgegengesetzten Fall der ganze Leib finster ist, d. h. der Wohltat 
des Lichtes entbehrt und mit seinen Gliedern im finsteren Räume 
umhertappt, zu straucheln und sich zu beschädigen Gefahr läuft, 
wenn er nicht auf jede Bewegung verzichten will. In der An- 
wendung auf das geistige Leben tritt dem Auge, welches des Leibes 
Leuchte ist, das in dem Menschen befindliche Licht gegenüber. 
Es bezeichnet daher auch hier v. 23'' wie 5, 14 to g)wg nicht das 
Element des Lichts, sondern den Licht spendenden Gegenstand 
(=^ o Xvxvog v. 22), und zwar in genauem Anschluß an das Gleichnis 
selbst dasjenige inwendige Organ des Menschen, welches wie das 
Auge für das Licht empfänglich und daher dem ganzen Organis- 
mus Licht zu spenden fähig ist. Hierunter etwas anderes ver- 
stehen zu wollen als das Herz, wäre bei dem engen Zusammenhang 
von V. 22 f. mit v. 21 mutwillig. Das Herz ist das Organ des 
inneren Lebens, welches die für die richtige Führung des Lebens 
erforderliche Erkenntnis in sich aufnimmt und dieselbe wiederum 
von sich ausströmen und über das gesamte Leben sich verbreiten 
läßt, wenn es in normalem Zustand ist. Wenn es dagegen Finster- 
nis d. h. das Gegenteil eines leuchtenden Lichtes ist,*) wenn es 
gleich einem kranken Auge zu jenem doppelten Dienst untauglich 
ist, so tritt nicht nur das Gleiche ein, was v. 23^ im Gleichnis als 
Folge des abnormen Zustandes des leiblichen Auges angegeben war, 
sondern es wird der Schade ein unvergleichlich größerer sein, weil 
das von dem Herzen aus bestimmte innere Leben ein unvergleich- 
lich feinerer und zugleich wertvollerer Organismus ist, als das leib- 
liche Leben. Aus dem gegensätzlichen Vergleich nämlich des 
geistigen und des leiblichen Lebens ist offenbar der Ausruf zu 

^) Mt 7, 17 f. xaoTtoij Ap 16, 2 eXxos ycnadv xal noviqQÖi^, wieyftUCh wir 
„ein bösartiges Geschwür, ein böser Finger**. So auch klass. sehr gewöhn- 
lich von schlimmen körperlichen Zuständen s. die Lexika, insbesondere 
7iovr]oü>s (andere wollten ^ovijo(Oi) I'/elv s. Lobeck ad Phryn. p. 389. 

'*) Cf Tert. c. Marc. 1, 2 Lippientibus etiam singularis lucerna nume- 
rosa est. Dasselbe Hieron. und Theoph. lat. zu Mt 6, 22 Forsch II, 39. 

*) Hier wie Eph 5, 8 ist axöros nicht geradezu = oy.oTeivöi, sondern, 
wie (fojs leuchtender Körper, ein kein Licht von sich ausstrahlendes Ding. 
Der Übergang zu der abstrakten Bedeutung in rö axoros (= ^ anoria) nöaov 
bereitet keine Schwierigkeit. 



c. 6, 19-34. 293 

verstehen : ^) wie groß ist dann oder wird dann die Finsternis sein ! 
d. h. wie viel größer und schlimmer, als die Folge einer abnormen 
Beschaffenheit des Auges für das gesamte leibliche Leben ist, wird 
die Folge eines damit zu vergleichenden Zustandes des Herzens 
für das ganze Seelenleben sein ! Diese Anwendung des Gleich- 
nisses und das Gleichnis selbst ist um so mehr im Zusammenhang 
mit der Mahnung von v. 19 — 21 zu verstehen, je unverkennbarer 
V. 24 jene Mahnung weiterführt. Da den Jüngern, welche fromm 
sind und dem Himmelreich zustreben, das Schätzesammeln auf 
Erden untersagt war unter Hinweis darauf, daß dies auch die 
Richtung ihres Herzens bestimmen würde, so war schon damit die 
Unverträglichkeit des Strebens nach irdischen Schätzen mit dem 
Streben nach dem Himmelreich mittelbar ausgesprochen. Darum 
war auch im Gleichnis nicht die Blindheit des Auges als Bild des 
zu vermeidenden Herzenszustandes gebraucht, sondern ein solcher 
Zustand des Auges, welcher dasselbe hindert, seinen Gegenstand 
gerade anzuschauen und sein Ziel fest und sicher zu erfassen. So 
soll auch das Herz dessen, der fromm sein will, schlicht und ge- 
rade auf das erwählte Ziel seines Strebens gerichtet sein und 
dieses ausschließlich ins Auge fassen, statt nach anderen Zielen hin- 
überzuschielen (cf zu 5, 8 und 5, 48). Daß es so nicht bloß sein 
soll, sondern daß es gar nicht anders sein kann, ist durch v. 21 
vorbereitet, in v. 22 — 23 angedeutet und wird nun v. 24 durch 
ein neues Gleichnis mit beifolgender Anwendung auf die Jünger 
kraftvoll ausgesprochen. Sowenig ein Mensch gleichzeitig zwei 
Herren als Sklave dienen kann, können auch die Jünger Gotte 
und zugleich dem Mamon dienen ; und so gewiß der, welcher jenes 
versuchen wollte, bald dahin kommen würde, daß er nur einem der 
beiden Herren seine Liebe und Anhänglichkeit zuwendete, den 
anderen aber haßte und verachtete, würden auch die Jünger bald 
genug die Vergeblichkeit des Versuches einsehen, Gottesknecht- 
schaft und Mamonsknechtschaft mit einander zu verbinden. Mit 
dem einen Herzen, welches der Mensch besitzt, soll er Gott allein 
lieben und ihm anhangen, den Mamon aber verachten; sonst wird 
er durch sein Trachten nach dem Mamon zum Abfall von Gott und 

^) Wenn die durch ttöooi^ ausgedrückte Steigerung an der Finsternis 
der inneren Leuchte (des Herzens = des Auges) gemessen sein sollte, so 
daß gesagt wäre, noch viel dunkler als die dunkle innere Leuchte sei der 
übrige Organismus, welchen die Leuchte erhellen soll, so müßte der Gegen- 
satz der Subjekte ausgedrückt nnd betont sein, was wohl im Gleichnis, 
aber nicht in dieser Anwendung geschieht. Es würde aber auch die An- 
knüpfung durch oii^ V. 23'' unklar sein ; denn aus dem Gleichnis an sich 
würde nur folgen, daß auf dem höheren Gebiet ebenso wie auf dem niederen 
die Dunkelheit des das Licht vermittelnden Organs Dunkelheit des ganzen 
Organismus zur Folge habe. Die Steigerung ergibt sich erst aus dem 
Gegensatz des Augenlichts und des inneren Lichts, des Leibeslebens und 
des Seelenlebens. 



294 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

zur Feindschaft gegen Gott getrieben werden (cf Jk 4, 4). Daß 
der griech. Mt und auch Lc in demselben Spruch sowie in den 
dort damit verbundenen Sätzen (Lc 16, 9 — 13) statt Ttlovtog, dcQ- 
yvQta oder %Qri{.iaTa das aram. Wort, welches Jesus gebraucht hat, 
in der griech. Schreibung jnaf-icüväg ^) beibehalten haben, erklärt sich 
nicht daraus, daß dieses Wort wie etwa raka 5, 22 überhaupt 
schwer oder durch keines jener griech. Wörter ganz befriedigend 
zu übersetzen gewesen wäre. Da der Spruch Lc 16, 13 trotz des 
ganz verschiedenartigen Zusammenhangs beinah buchstäblich mit 
Mt 6, 24 übereinstimmt, nur durch ein oi^€Tr]g bereichert, welches 
einige Hss auch in den Text des Mt eingetragen haben, so darf 
man annehmen, daß der leicht behältliche Spruch schon vor Ent- 

®) So (nicht juafifi(oi'ä) alle Unc und die meisten Min, auch die ältesten 
Lat kab und Vulg; junghebr. lioD, Geld, Vermögen, oft c. genit. des Be- 
sitzers z. B. Pirke Aboth II, 12; Mechilta zu Ex 18, 21 ; Sifre zu Num 25, 1; 
aram. und syrisch ebenso, stat. emph. nj^öo, daher die griech. Form Mt 6, 24; 
Lc 16, 9 — 13; Onkelos Gen 37, 26 = ysa Gewinn; derselbe wie auch Pesch. 
Ex 21, 80 = 1SD Schadenersatz in Geld; Targ. Ps 44, 14 = im, LXX r^«/. 
Im Syrischen, wie es bei Antiochien gesprochen wurde, war das Wort so 
gewöhnlich, daß Chrys. nicht nötig hatte, es in der Predigt zu erklären, 
sondern ohne weiteres z^'^^^ös dafür einsetzte. Gegen diese Übersetzung 
erklärt sich Hier. Anecd. Maredsql. III, 2, 86 und behauptet, im Hebr. be- 
deute es vielmehr divitiae, eine Übersetzung, die er auch da festhält, wo 
er mamona ausdrücklich für ein syr. und nicht hebr. Wort erklärt epist. 
121,6 cf epist. 22,31 und zu Mt 6, 24; cf Op. imperf. 83; Onomast, sacra 
ed. Lag. 183, 39. — Adam. dial. c. Marc. berl. Ausg. p. 58, 1 erklärt r« 
XQi]fiara rä doyv(iä, die alte Versiou wohl ursprünglicher pecuniam dicit 
gentili lingna, d. h. in der Volkssprache bei Antiochien cf Ztschr. f. Kirchen- 
gesch. IX, 232 f. 238 f. — Tert. c. Marc. IV, 33, der vielleicht einen Juden 
oder Punier gefragt hat (er sagt dem Leser si interpretem non habes), 
übersetzt nmnmiis. August, serm. dorn, in monte II, 47 und anderwärts 
unterscheidet das hebr., richtiger aram. mamona, wovon er gehört hat, daß 
es divitiae bedeute, und das ihm von Haus aus bekannte punische Wort 
mamon welclies lucriim bedeute cf Schröder, Phönic. Sprache S. 30. Auf 
die Schreibung mit m oder mm in den Ausgaben, zumal der lat. Väter ist 
nichts zu geben, was wegen .der zweifelhaften Etymologie zu bedauern ist. 
Hierüber s. in, Kürze Nestle, Encycl. bibl. col. 2914. Daß das Wort Name 
eines heidnischen Gottes sei, ist eine mittelalterliche Fabel. Andrerseits 
scheinen nach Iren. III, 8, 1 (wo auch sonderbare etymologische Gelehrsam- 
keit zu lesen ist); Tert. c. Marc. IV, 33; Adamantius 1. 1. die Marcioniten 
es versuchsweise auf den Judengott gedeutet zu haben. Gregor Nyss. hielt 
es für einen der Namen des Teufels Beelsebul. Nach Nikolaus Lyr. zu 
Lc 16, 9 cf 16, 13 und Mt 6, 24 war es zuerst Name eines Dämons, der es 
mit dem Geld zu tun hat, dann auf dieses übertragen. Die Personifikation 
des Geldbesitzes als eines Herrn legte derartiges nahe cf Tert. 1. 1. domina- 
torem totiiis saeculi nummum scimus omnes. Von reichen Witwen sagt 
die syrisch und lateinisch erhaltene Didascalia III, 7, 3 f. ed. Funk I, 194): 
de solo Mammona cofjitant, quamm Dens est sacculus (syr. -\- et venter 
nach Phl3, 19); „ubi est tkesaurus eorum (sie), ibi est mens eorum" (cf 
Mt6, 21). Einige Zeilen weiter wird von der einzelnen Witwe gesagt: 
servtt antcm Mamnionae, id est lucro, Deo autem placere non 2)otest. Cf 
auch Orig. hom. 7, 3 in Jerem. in Anlehnuug an Phl 3, 19. 



c. 6, 19-34. 295 

stehung des griech. Mt zu der Zeit, da die in dem aram. Mt. ent- 
haltenen }.öyLtt mündlich gedolmetscht zu werden pflegten (obenS. 13f .), 
bei den griech. Christen in dieser Form wie ein Sprichwort sich 
festgesetzt hatte. Dem beider Sprachen mächtigen Dolmetscher 
aber lag es nahe , hier den Originallaut festzuhalten , weil das 
Fremdwort besser als ein geläufiges griechisches "Wort geeignet • 
schien, wie ein Eigenname des personificirten Geldes zu dienen. 
Personificirt aber ist das Geld durch die Gegenüberstellung von 
Gott und Geld als der beiden Herren , zwischen welchen der 
Mensch zu wählen hat. Das Geld, welches als Mittel zu höherem 
Zweck seinen untergeordneten Wert behält und dessen Besitz selbst 
für Werke der Frömmigkeit, wie Jesus sie von seinen Jüngern er- 
wartet (v. 2 — 4. 20), die Voraussetzung bildet, wird zu einem Herrn, 
welcher den Menschen zu seinem Sklaven macht, wenn dieser die 
Ansammlung von Geld und irdischem Gut zu einem Zv/eck seines 
Lebens und Strebens macht und in folge davon sein Herz daran 
hängt (v. 21), und Zwar zu einem Herrn, der keinen anderen neben 
sich duldet, also auch die Liebe zu Gott dem Herrn von ganzem 
Herzen (22, 37) und den hingebenden Dienst, den Gott von seinen 
Knechten fordert, ausschließt. Ein Knecht des Mamon wird aber 
auch der, welcher der ungläubigen Sorge in seinem Herzen Raum 
gibt. Denn, weil die Jünger nicht Gott und dem Mamon zu- 
gleich dienen können, darum gebietet Jesus ihnen, der Sorge um 
Nahrung und Kleidung sich zu entschlagen (v. 25, auch Lc 12, 22 
wird der gleiche Satz durch öict TOVto an eine ähnliche Rede an- 
geschlossen). So verkettet der Satz v. 24 den Abschnitt vom 
Schätzesammeln v. 19 — 23 mit dem vom Sorgen v. 25 — 34, 

Im Unterschied von cpQOVTig, q)QOVTi^£iv (Tit 3, 8), der tätigen 
Fürsorge {ciira), an welcher der qiQov^iog es nicht fehlen läßt, be- 
zeichnet iiiqi^va, i.ie.QLf.iväv ") die das Gemüt gleichsam spaltende, 
hin und her zerrende Erwägung der Möglichkeiten, insbesondere 
der schlimmen Möglichkeiten, die beunruhigende Sorge {sollicäudu). 
Solche Sorge, welche den Menschen zu einem haltlosen dlipvyßQ 
macht (Jk 1, 8) und nur durch gläubiges Gebet überwunden werden 

') Die neueren Etymologen wie Curtius 5. Aufl. S. 310 lehnen wohl 
mit Recht die direkte Herleitung der Worte i/eoiiwa, ueQur^oa von uepi^etp 
ab, können aber doch einen etymologischen Zusammenhang mit ueioofiac, 
ftioos, ueQit,oj nicht üi Abrede stellen s. Prelhvitz, Etymol. Wörterbuch 
S. 197. Das philologisch nicht gebildete Sprachbewußtsein scheint diesen 
Zusammenhang empfunden zu haben. 1 Kr 7, 33 lautet das recht ver- 
standene ueuEQiatai wie eiae etymologische Ausdeutung von fieoiftvär, und 

dem äfiäoiuvos 7, 32 entspricht to evTrdoeÖooy rcp y.voifo a.:reota7iäaro)i V. 35. 

Die gleiche Anschauung Lc 10, 41. Daß auch die Frommen sich der hin 
und her zerrenden fiioima schwer entschlageu können (2 Kr 11, 28; 
Phl 2, 20), ändert nichts daran, daß sie ein in der sittlicheu Schwäche und 
dem Mangel an starkem Glauben begründetes Übel ist, dessen der Christ 
sich erwehren soll Phl 4, 6; 1 Pt 5, 7. 



296 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

kann , sollen die Jünger weder ihrer Seele d. h. der Erhaltung 
ihres physischen Lebens, noch ihrem Leibe, sofern er außerdem 
noch der Kleidung bedarf, zuwenden, was in den zweifelsvollen 
Fragen, was sie essen und womit sie sich bekleiden sollen, zum 
Ausdruck kommen würde. ^) Die Erinnerung, daß das Leben und 
der Leib, welche kein Mensch selber sich geben kann, mehr sind, 
als Nahrung und Kleidung, die doch nur Mittel zur Erhaltung 
des Lebens und Beschützung des Leibes sind, ergibt von selbst 
den Gedanken, daß der Gott, welcher durch die größere Gabe von 
Leib und. Leben seinen Willen kundgetan hat, daß wir leben, 
auch das Geringere, die Mittel zur Verwirklichung dieses Zwecks 
nicht versagen werde. Der Hinweis auf die Vögel, die nicht nur 
von quälender Sorge frei- sind, sondern nicht einmal die Arbeit 
tun, durch welche der Mensch pflichtmäßig für seine Nahrung in 
der Zukunft Fürsorge trifft (cf Ps 104, 13 — 18), ist nicht nur ein 
beweisendes Beispiel der Fürsorge Gottes für die Erhaltung des 
von ihm geschaffenen Lebens, sondern enthält auch ein neues Motiv 
des Vertrauens zu dieser Fürsorge Gottes ; denn der Gott, welcher 
die Vögel ernährt, ist der himmlische Vater der Jünger. Zu ihnen 
steht Gott in einem sie sogar vor den übrigen Menschen, vollends 
also vor den Tieren auszeichnenden Verhältnis. Wie sollte Gott 
ihnen, die er als seine Kinder liebt, geringere Fürsorge zuwenden, 
als jenen ! Die zweifelnde Sorge um den Lebensunterhalt ist aber 
nicht nur unfromm, weil ein Zeichen des Mißtrauens gegen Gott, 
sondern ist auch töricht, weil vergeblich. Dies soll die Frage zum 
Bewußtsein bringen : „wer aber von euch vermag durch sein 
Sorgen ^) seiner Lebensdauer eine einzige Elle hinzuzufügen" 
(v. 27)? Die Übersetzung von fjXiyüa durch Statur, Leib es - 
länge ^^) ist schon darum abzulehnen, weil v. 26 von der ipvxr/ 

®) Gegen n, wenige Min, Sc, kab, Vulg, hatten schon zur Zeit des 
Hier, nonnulli Codices, später die meisten hinter (fdy7]Te noch // (so B 0, 
Cg'h, Kop) oder ^al iL 7iir]Te cf. V. 31. 

®) Sollte /leoiftvwv, welches hier gewichtigere Zeugen gegen sich hat, 
als Lc 12, 25 (nämlich zu Mt Sc, abhkm Hü [D und Ss fehlen], zu Lc 
nur D und wenige Min) unecht sein, so dürfte man es hinzudenken. 

'°) So ScSsShS' lind die meisten Lat {statura, schon Tert. spect. 23; 
Hil. wechselnd mit proceritas), unter den Auslegern Chrys., Luther, Grotius, 
Bengel, Fritzsche, Hofmann zu Lc 12, 25. Besser schon die älteste Gestalt 
der lat. Bibel: k (Mt) ad aetatem suam, e (Lc) ad statum- aetatis suae. 
Die Übersetzung Lebensalter (z. B.Achelis) ergibt allerdings auch keinen 
erträglichen Sinn, s. oben, wohl dagegen die gleichfalls klass. Bedeutung 
Lebenszeit, Dauer eines Menschenlebens (daher auch = ytveä, Gesamtheit 
der gleichzeitig Lebenden). Zu den Beispielen bei Pape cf Jos. bell. I 
prooem. 6 lä TiQoyevioTEQa Tfjg kfifis ■f]Xiy.ias im Gegensatz zu dem selbst- 
erlebten Stück der Geschichte; Sterret Epigr. journey p. 152 nr. 136 o/t)öo»' 
TjhiciTji; TToolaßövr kviaviöv, Eus. quaest. ad Steph. bei Mai, N. patr. bibl. 
IV, 1, 219 r^iay.ooTov aywv tT]s lov acb/nmos' riXiKlas erog. — EusebiuS (bei 
Mai, N. patr. biblioth. IV, 1, 177 f.) zu Lc 12, 25 f. verbindet beide Deutungen. 



e. 6, 19—34. 297 

•und der Fristung des Lebens, noch nicht vom owf.ia die Rede ist> 
wozu erst v. 28 übergegangen wird. Es ist ferner auch ohne den 
Zusatz, welcher Lc 12, 25 f. diesem Satz beigefügt ist und das dort 
fehlende sva bei Ttfjxw reichlich aufwiegt, klar, daß hier etwas 
genannt sein muß, was, verglichen mit dem, was der Mensch mit 
seinem Sorgen um die Nahrung erreichen zu wollen scheint, etwas 
Leichtes ist cf 5, 36. Aber seiner Leibeslänge eine Elle zusetzen, 
d. h. sich plötzlich aus einem Zwerg in einen stattlichen Mann 
oder aus einem Menschen von gewöhnlicher Größe in einen ßiesen 
verwandeln, wäre ein unglaubliches Mirakel ; und daß einer dies 
nicht vollbringen kann, würde nichts dagegen beweisen, daß er 
durch Sorgen und entsprechendes Verhalten sein Leben Jahre lang 
fristen könnte. Unmöglich ist es freilich auch, dem Lebensalter, 
in dem man jeweilen steht, ein Stück zuzusetzen d. h. sich plötzlich 
um einige Jahre älter zu machen, was überdies der Wunsch höchtens 
von Kindern und Halberwachsenen zu sein pflegt. Es heißt aber 
filiyüa wie aelas auch die Lebenszeit, das Leben in seiner ganzen 
Längenausdehnung ; und wie überhaupt die Ausdrücke für die Maße 
der Zeit und des Raums vielfach vertauscht zu werden pflegen und 
wir z. B. von einer Spanne Zeit reden, so ist gerade auch solcher 
Gebrauch von Ttfjxvg nicht wohl zu bestreiten. ^^) Wenn der, 
welcher die Gewohnheit hat, sich um seine Nahrung Sorge zu 
machen, der Meinung zu sein scheint, daß er sich dadurch vor 
Mangel und Tod schützen und sein Leben auf Jahre hinaus fristen 
könne, so hat er vergessen, daß er sein Leben nicht einmal um ein 
geringes Zeitmaß zu verlängern im Stande ist.-^^) Wie die mannig- 
faltige Begründung der Mahnung, nicht um die Nahrung zu sorgen, 
darauf hindeutet, daß solche Sorge den Jüngern keineswegs ferne 
liege, so setzt die Frage : „und warum sorgt ihr für die Kleidung" 

7on 7]liy.ia: „noch niemand hat durch Sorgen seiner Leibesgröße ein Stück 
zugesetzt; aW auch den Abstand eines einzigen Tages oder den kurzen 
Zeitraum einer einzigen Stunde kann kein Mensch, der an der vorher- 
bestimmten Grenze seines Lebens angelangt ist, zusetzen". 

^^) Die spöttische Frage Wellh.'s, ob das Leben mit der Elle gemessen 
werde, ist längst bejahend beantwortet. Schon Wettstein verglich neben 
Ps 39, 6 („du machst Handbreit lang meine Tage") den Vers des Mimnermus 

(Bergk, Poet. lyr. gr. 4. Aufl. II, 26) Tir^iviov enl xi>ö''Ov ävO-eaiv rißrjs 

7fQ7Tdueda. Vergleichbar ist auch Säxivlos äuepa des Alcaeus bei Athen. X 
p. 430, ebenso von der Jugend unter dem Bilde der Morgenröte Anthol. 
Palat. XII, 50, 5: „fingerlang", d. h. sehr kurz. Ferner Phot. lex. oTndniirj- 

10V ßiov TÖ kXdxiOTov und OTCid'a/Ltyjv olov yQÖvov OTiy/iiriv cf Tholuck Z. St. 

Auch die scherzhafte Verwendung von Stadien (Aristoph. ranae 91) und 
Parasangen (Lucian, Icfiromen. 11) zur Zeitmessung bestätigt die Natür- 
lichkeit solcher Übertragung. Es bleibt der Ausdruck in bezug auf i)hxia 
und Tifjyvs auffällig, da so leicht das Mißverständnis vermieden werden 
konnte, welches diese griech. Wörter nahelegen. 

^*) Trotz der Verschiedenheit ist vergleichbar der Gegensatz von eh 
irr] noV.d und rrivrrj r/J i'vy.ii Lc 12, 19. 20. Cf auch Jk 4, 13 f. 




298 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

(v. 28) geradezu voraus, daß sie sich von solcher Sorge nicht frei 
halten. Damit hängt es zusammen, daß in der Ausführung dieses 
Gedankens die Jünger als Kleingläubige angeredet werden, Gott 
aber auch nicht ihr himmlischer Vater genannt wird (v. 30). Sie 
sind nicht ganz ohne den Glauben, ohne welchen sie keine Jünger 
wären ; aber sofern sie dennoch der Sorge sich hingeben, zeigen sie 
sich als Leute, die in b^ug auf den Glauben noch gering sind 
oder deren Glaube gering ist.^^) Die wildwachsenden Lilien,^*) 
welche weder von Menschenhand gepflegt werden, noch selbst eine 
Arbeit tun und eine Kunstfertigkeit anwenden, wie der Mensch es 
tun muß, um sich die nötige Kleidung zu verschaffen, sollen sie in 
ihrem Wachstum betrachten. ^^) Das Wachstum der Pflanze ist 
zugleich ihre Bekleidung ; Leib und Kleidung ist bei ihnen nicht 
zu unterscheiden cf 1 Kr 15, 37 f. Schon darum kann man auch 
sagen, daß sie in dem Schmuck ihrer angeborenen Schönheit den 
König Salomo in dem vollen Glanz seiner prachtvollen Gewänder 
übertreffen (v. 29 cf 2 Chron 9, 24). Wenn die Farbenpracht und 
Schönheit, welche Gott in verschwenderischer Fülle über die 
Pflanzenwelt ausbi'eitet, alles das überbietet, was menschliche Kunst- 
fertigkeit im Bunde mit fürstlichem Reichtum zu stände bringt, 
um des Menschen Leib zu bekleiden, so wird die Kraft des darin 
liegenden Beweises für die Fürsorge Gottes auch für die Bekleidung 
seiner Kinder noch durch die Erwägung gesteigert, daß die wild- 
wachsenden Blumen im Vergleich zum Menschen ein viel vergäng- 

13) hliyönioTdi außer Lc 12, 28 iu der Bibel nur Mt 6, 30; 8, 26; 
14, 31; 16, 8 stets von den Jüngern. In gleichartigem Zusammenhang 
Mechilta zu Ex 16, 19 hjdn iDina. 

^*) y.oivov, in LXX meist für •ju'm^ 1 Reg 7, 19 und rutvii» Cant 2, 1 
aber auch für eine bestimmte andere Blume Jes 35, 1 und allgemeiner für 
nne, Sproß, Blüte und deren künstlerische Nachbildung Ex 25, 31; Num. 8, 4, 
ist auch bei den Griechen weiterer Bedeutung als XsL^ior^ lilium. Hier, 
z. St. denkt an die rote Rose, die weiße Lilie und die purpurfarbige Viele 
zugleich. Der Zusatz tov äyoov v. 28. 30, welcher die fraglichen Blumen 
nur als wildwachsende [äynia) bezeichnet, wie tov ovoavov v. 26 die Vögel 
als frei fliegende; ferner der Ersatz durch y.öoTos v. 30 und die Analogie 
des gleichfalls allgemeinen nsreirä v. 26 (anders Lc 12, 24) empfiehlt eine 
möglichst weite Fassung des Begriffs. In neuerer Zeit ist besonders 
L. Fonck, Streifzüge durch die bibl. Flora, 1900 (Bibl. Stud. herausgeg. 
von Bardenhewer V, 1), für die weiße Lilie eingetreten, welche im Libanon, 
am Karmel und in den Bergen Galiläas, auch in Samaria noch heute wild 
wachse, was oft bestritten wurde, und zur Zeit Jesu vielleicht weiter ver- 
breitet gewesen sei (S. 70—75). Dagegen hat Christ, Ztschr. des Palästina- 
ver. 1899 S. 65—80, zwar die von Fonck schon in einer früheren Publikation 
nachgewiesene Tatsache anerkannt, aber gegen die Folgerung Einspruch 
erhoben und für wahrscheinlicher erklärt, daß yfjira mehrere in Palästina 
vorkommende Species der Gattung Iris, Schwertlilie zusammenfasse, wobei 
jedoch auf den Plural xoli^n und auf tov dy^ov im Sinn von Feld ein zu großes 
Gewicht gelegt wird. S. oben S. 133 A 34. 

1'^) y.araiLa^-d-dveiv von wohlgefälliger Betrachtung des Schönen auch 
Sir. 9, 5. 8 cf Gen 24, 21. 



11 



c. 6, 19—34. 299 

lieberes Dasein haben und, wenn ihre Lebenszeit abgelaufen ist, 
nur als Brennmaterial dienen, während der Mensch eine ewige Be- 
stimmung hat und insbesondere der Jünger seiner Bestimmung für 
das ewige Gottesreich bewußt bleiben soll (v, 30). Aus alle dem 
ergibt sich noch einmal die Ermahnung, von welcher dieser Rede- 
teil ausging (v. 25), diesmal erweitert durch die Aufnahme des 
Trankes unter die Dinge, auf welche die kleingläubige Sorge des 
Menschen sich zu beziehen pflegt (v. 31). Ein neuer Beweg- 
grund, sich der Sorge zu entschlagen, liegt darin, daß alle jene 
Dinge die Heiden begehren, so daß der Israelit und vollends der 
Jünger Jesu , welcher um Nahrung und Kleidung sich Sorge 
macht, auf die Stufe des Heidentums hinabsinkt (cf5, 47; 6,7). 
Daneben tritt als ein weiterer Grund ^^) gegen das Sorgen die 
Erinnemng , daß dem himmlischen Vater alle diese Bedürfnisse 
«einer Kinder bekannt sind (v. 32). Der Warnung aber vor dem 
Sorgen um die Bedürfnisse des irdischen Lebens, worin ein heid- 
nisches Begehren und Sti-eben nach diesen Dingen zum Ausdruck 
kommt, tritt die Forderung gegenüber, in erster Linie nach dem 
Königreich und der Gerechtigkeit Gottes zu streben,^') was dann 
zur Folge haben wird, daß denen, welche hierauf gerichtet sind, 
außer den von ihnen vor allem anderen erstrebten Gütern und als 
eine Zugabe zu diesen auch noch die Befriedigung der irdischen 
Lebensbedürfnisse zu teil werden wird (v. 33). Obwohl der Satz- 
form nach ^^) die Erfüllung der vorangestellten Forderung als eine 
Bedingung für die Erfüllung der angeschlossenen Verheißung auf- 
tritt, und an letztern die abschließende Mahnung v. 34 sich an- 
schließt, beansprucht doch jene Forderung wegen ihres umfassenden 
Inhalts und ihrer Bedeutung für den Zusammenhang des E-ede- 
teils V. 25 — 34 mit v. 24 und also auch mit v. 19 — 23 besondere 
Beachtung:. AYährend das ungläubige Sorgen ebenso wie das 



'®) Statt ydo hinter olSsv haben auGer n"" nur einige jüngere ßecen- 
sionen der alten Versionen: S^ (aber nicht Sc), bc (aber nicht k), Kop ^e 
aus Lc 12, 30 zum Zweck der Beseitigung eines der beiden koordinirten 
yäo. Ein leicht sich ergänzendes fii] bfioioid^xe ainoii (cf 6, 8) zwischen 
V. 32* und 32'' tut den g-leichen Dienst. 

■■') Die Voranstelluug von äixaioarrr^i' vor idaaiuiav in B ohne jede 
sonstige Bestätigung beruht wohl auf der Erwägung, daß der Besitz der 
Gerechtigkeit die Voraussetzung der Teilnahme an der ßaatleia und somit 
das näherliegende Ziel des Strebens sei cf 5. 20. Von den patristischeu 
Citaten können diejenigen, weiche nach Lc 12, 81 die Öty.. überhaupt nicht 
haben, für Mt nichts beweisen, wenn sie auch sonst in der einen oder 
anderen Weise an Mt erinnern, wie Just. apol. I, 15; Clem. ecl. proph. 12; 
paed. II, 103. 120. Nach nB, kg'm ist ;i(io. ohne Genitiv dahinter um so 
mehr zu lesen, als neben tov deoü (so schon Sc, ShS') auch röir oioavAv 
und selbst avzov bezeugt sind. Diese Zusätze sind entbehrlich, da das auf 
b .t«t;;p V. 32 sich beziehende aimv hinter biy.. auch zu Haou.eia gehört. 

»») y.ai mit Futurum nach Imperativsatz cf Mt 8, 8; Jo 2, 19; Jk 4, 7 
gibt letzterem gewöhnlich die Bedeutung eines Bedinguugs.satzes. 



300 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

Schätzesammeln Folge einer tjberschätzuag der irdischen Güter 
ist und, soweit es sich bei den Frommen findet, ein vergeblicher 
Versuch wäre, das Herz und seine Bestrebungen zwischen Gott 
und Mamon zu teilen, fordert Jesus völlige Hingabe an Gott und 
an das, was Gottes ist. Das rcgCbrov, welches Lc 12, 31 fehlt, 
soll natürlich nicht dem kleingläubigen Sorgen oder dem hab- 
gierigen Schätzesammeln, die zweite Stelle neben und hinter dem 
Streben nach dem Reich und der Gerechtigkeit Gottes anweisen, 
damit aber auch eine gewisse Berechtigung zuerkennen, was mit 
dem entschiedenen und zur Entscheidung drängenden Ton der 
ganzen Rede in "Widerspruch stehen würde ; wohl aber wird dem 
trjTSlv noch anderer Dinge neben dem ^rjtelv des Reiches und der 
Gerechtigkeit ein untergeordneter Platz eingeräumt. Das ungläubige 
Sorgen um irdische Güter ist ebensogut wie das Ansammeln von 
Reichtümern zum 2weck ihres Besitzes mit der Frömmigkeit un- 
verträglich. Wie aber im Gebet die Bitte um das Brot des 
kommenden Tages neben und hinter der Bitte um das Kommen 
der Gottesherrschaft ihren Platz findet, so auch auf dem Gebiete 
des tätigen Lebens die Arbeit zum Zweck des Lebensunterhaltes 
neben und hinter der Arbeit für die ßaoilela. Gebet und Arbeit 
sind im Gegensatz zu der ungläubigen Sorge die Gott wohlgefälligen 
Formen der Bemühung um die Bedürfnisse des irdischen Lebens. 
In der Zurückstellung dieses Utjtslv hinter das an die erste Stelle 
gerückte ^r^Telv liegt auch eine Unterordnung unter dieses ; denn 
das Streben nach der Königsherrschaft Gottes und nach der Ge- 
rechtigkeit Gottes ist nicht eine Arbeit, von der man sich, nach- 
dem sie getan und abgetan ist, anderen Tätigkeiten zuwenden kann, 
sondern umspannt das ganze diesseitige Leben der Jünger und 
ordnet alles andere Streben und Tun derselben sich unter, solange 
es die erste Stelle behauptet. Erst wenn das Gottesreich er- 
schienen und die Jünger in dasselbe aufgenommen sind, können sie 
aufhören, darnach zu streben, dann erst werden sie auch aufhören 
nach der Gerechtigkeit zu streben ; denn erst in dem erschienenen 
Gottesreich wird der Hunger und Durst der Frommen nach der 
Gerechtigkeit völlig befriedigt sein (5, 6). Die Gerechtigkeit der 
Jünger, welche sie jetzt schon besitzen (5, 10 f.), und welche Vor- 
bedingung der Aufnahme in das Reich sein soll (5, 20), ist keine 
andere, als die, welche sie in dem Reich zu ihrer vollen Befriedigung 
besitzen werden, sondern eben diese auf einer Stufe der Entwick- 
lung, welche das Hungern und Dürsten, oder wie es hier heißt, 
das Streben nach derselben _ noch nicht ausschließt. Wenn dieselbe 
hier öiy.aioovvrj d-eov genannt wird, ein Ausdruck, welchen wir 
später wieder Jk 1, 20 und in eigentümlicher Verwendung bei 
Paulus Rm 1, 17; 3, 21 etc. antreffen, so ist sie darum nicht 
weniger als eine Eigenschaft und ein wertvoller Besitz der Jünger 



c. 6, 19-34. 301 

gedacht; aber im Gegensatz zu dem menschlichen Machwerk der 
pharisäischen Gerechtigkeit (5, 20) ist sie auf Gott als ihren Ur- 
heber zurückgeführt/^) womit auch gegeben ist, daß sie vor Gott 
gilt und zu Gott führt, Ist nun demjenigen, welcher die schließ- 
liche Königsherrschaft Gottes auf Erden und für seine Person die 
Eigenschaft, ohne die man nicht daran teilhaben kann, zum ersten 
Ziel seines Strebens macht, verheißen, daß alles, was an geringeren 
Gütern auf dem Weg zum Ziel ein Bedürfnis des Menschen sein 
mag, ihm als eine Beigabe zu den ewigbleibenden Gütern zufallen 
soll, so ergibt sich daraus aufs neue, daß die ungläubige Sorge um 
solche Dinge, vor welcher zum Schluß noch einmal gewarnt wird, 
töricht und überflüssig sei. Daß das Sorgen diesmal als ein auf 
den morgigen Tag bezügliches bezeichnet wird, kann nicht eine 
jetzt erst nötig befundene Einschränkung des Verbots bedeuten ; 
denn abgesehen davon, das bis dahin das fxSQifiväv unbedingt unter- 
sagt war, bezieht sich das Sorgen, wie es v. 25. 31 beschrieben 
war, immer nur auf die Zukunft und beunruhigt den Menschen 
nur in dem Maße, als die Zukunft naherückt, während der gegen- 
wärtige Mangel an Nahrung und Kleidung wohl als ein Übel 
•empfunden wird, aber nicht Gegenstand der Sorge sein kann. Der 
Sorgende macht sich immer heute Sorgen um morgen, gleichviel ob 
die durch heute und morgen gegensätzlich benannte Gegenwart 
und Zukunft Zeiträume von je 24 Stunden oder von längerer 
Dauer sind. Daß das Selbstverständliche hier eigens ausgesprochen 
wird , ist vielmehr durch die neue , die E,ede vom Sorgen ab- 
schließende Begründung veranlaßt, welche diesmal der Mahnung, 
nicht zu sorgen , angeschlossen werden sollte. Wie Jesus 5, 22 
nicht ohne Ironie die rabbinische Kasuistik unter Anwendung ihrer 
eigenen Formen ad absurdum geführt hat, so steigt er hier zu den 
Gedanken derer herab, welche trotz aller vorgetragenen Gründe 
gegen das xinfromme und vergebliche Sorgen meinen, daß es ohne 
Sorgen nicht gehe. Wenn man denn durchaus nicht auf die qual- 
volle Erwägung schlimmer Möglichkeiten verzichten will, so warte 
man doch wenigstens den Eintritt der Zukunft ab, in welcher man 
fürchtet Mangel leiden zu müssen, und überlasse es dem morgigen 
Tag, der personificirten Zukunft, für sich selbst zu sorgen,-*^) statt 
daß man die Mühsal des heutigen Tages, welche groß genug und 

^') Wie die Cedern, die Gott gepflanzt hat (Ps 104, 16), Cedern Gottes 
Ps 80, 11 heißen oder die Liebe eine Flamme Jahves Cant 8, 6. 

^°) Die ungewöhnliche Verbindung jueoifwäi^ c. gen. (nach Analogie 
von (fpovri^siv, fieXei rivi rivoi) statt c. acc. (so stets Paulus) oder .Tt(>< 
iit'os (Mt6, 28; Lc 12, 26) oder ^reot rt (Lc 10, 41) oder in anderem Sinn 
c. dat. (Mt 6, 25) veranlaßte die Einschiebung von rd vor eavrrj^ in den 
jüngeren Hss EKMNUi7-i^'A sowie die LA t« neol airr;^ J, was gegen 
nBHLSV cf Acta Thomae p. 144, 18 und die Versionen (nur ScS^ sind 
einigermaßen zweideutig cf Nöldeke Syr. Gr. § 225) nicht aufkommen kann. 



I 



302 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

unvermeidlich ist, noch durch die nutzlose Sorge um den kommen- 
den Tag steigert. Also selbst auf dem niederen Standpunkt dessen, 
der nur gute Tage auf Erden zu haben wünscht (Ps 34, 13), muß 
das Sorgen als Torheit erscheinen. 

"Während die Rede bis dahin als ein wohlgeordnetes Ganzes 
sich darstellte, das aus deutlich gegen einander abgegrenzten und 
doch innerlich zusammenhahgenden größeren Gedankengruppen zu- 
sammengesetzt ist, folgt von c. 7, 1 an eine Reihe sehr mannig- 
faltiger kleiner Stücke, deren Verbindung unter einander auf den 
ersten Blick nur der Schnur zu gleichen scheint, an welcher Perlen 
aufgereiht sind, und deren Verbindung mit dem zweiteiligen Rede- 
teil 6, 19 — 34 nicht einleuchtet. Daß wenigstens manche dieser 
Stücke trotzdem von Haus aus zur Bergpredigt gehören, wird jedoch 
dadurch wahrscheinlich, daß sie zum großen Teil und zwar in gleicher 
Reihenfolge, wenn auch in abweichender Fassung, auch Lc 6, 37 — 49 
den Schluß der mit den Seligpreisungen beginnenden Rede am 
Berge bilden. Jedenfalls eignet sich der ganze Inhalt von Mt 7 
zur weiteren Ausführung des Themas in 5, 16, zur Beschreibung 
des Wohlverhaltens, durch welches die Jünger Jesu vor der Welt 
als Söhne Gottes sich erweisen sollen. Auch die in 5, 17 — 20 
enthaltene Näherbestimmung des Themas, wonach die moralische 
Anweisung Jesu durch seine bejahende Stellung zu dem im AT 
niedergelegten Willen Gottes und durch seine verneinende Stellung 
zu der Gesetzesauslegung der Rabbinen und der Frömmigkeit der 
Pharisäer bestimmt ist, wird in c. 7 berücksichtigt. An ersteres er- 
innert die Wiederkehr des Ausdrucks „das Gesetz und die Propheten" 
7, 12 und die Bezeichnung dessen, was Jesus in der ganzen Rede 
verkündigt hat, als des Willens Gottes, sowie seines Gegensatzes 
als a.vo}.iia 7, 21. 23. An den Gegensatz zu den Pharisäern aber 
erinnert nicht nur das Wort vrcoyigird 7, 5 cf 6, 2. 5. 16, sondern 
der ganze Inhalt von 7, 1 — 5. Bei den Pharisäern, die ihren 
Namen davon hatten, daß sie von den in das jüdische Volk ein- 
gedrungenen heidnischen Sitten und Anschauungen und der dagegen 
sich nachgiebig zeigenden Mehrheit des Volkes hohen und niederen 
Standes sich abgesondert hielten , verband sich mit dem stolzen 
Bewußtsein eigener strenger Gesetzlichkeit eine scharfe Beurteilung 
und unbarmherzige Verurteilung der minder streng lebenden Volks- 
genossen.^^) Auch die Jünger Jesu sollten sich als eine abge- 
sonderte Genossenschaft ansehn und nicht nur vor Heiden und vor 
abtrünnigen Israeliten wie die Zöllner (5, 46 f. ; 6, 7), sondern auch 
vor den Virtuosen der Frömmigkeit und den Vertretern der 
Schriftgelehrsamkeit dui'ch echte Frömmigkeit und rechtes Ver- 
ständnis des Gesetzes sich auszeichnen (5, 20). Es erscheint daher 
wohl veranlaßt, daß Jesus sie vor der Gefahr solcher Sonderstellung 

"21) Mt9, 11—13; 12, 7; Lc 7, 39; 15, 2; 18, 9-14; Jo 7, 49. 



c. 7, 1-5. 30a 

warnt, welcher die Pharisäer anheimfielen, vor der Gewohnheit 
andere zu richten, anstatt nach der eigenen Vervollkommnung zu 
streben (7, 1). KqLveiv heißt weder verurteilen {v.atay.QLVuv 12, 
41 f.; 20, 18; y.axadL/.(xt,eiv Lc 6, 37), noch sich ein sittliches Urteil 
über andere Menschen oder Dinge bilden, sondern, zumal wo es 
ohne Objekt steht (Joh 5, 30; Rm 2, 1), die Tätigkeit eines Richters 
ausüben. Das ist nicht Sache der Jünger, und sie werden er- 
mahnt, sich nicht die Stelle des Richters anzumaßen, damit sie 
dereinst nicht Gegenstand richterlicher Tätigkeit werden. Schon 
die Form •/.QLd'iJTS, statt deren ■/.QivTjOd-e stehen würde, wenn die 
Meinung wäre, daß ihnen sonst von anderen Menschen je und 
dann widerfahren würde, was sie ihnen mit dem unbefugten Richten 
antun, zeigt, daß vielmehr auf das dereinstige Richten Gottes hin- 
gewiesen wird cf Lc 6, 37. Mit diesem verschont zu werden, ist 
also ein nicht nur wünschenswertes, sondern auch erreichbares Ziel 
für die Jünger. Durch die Rücksicht auf andere Aussagen, wo- 
nach alle Menschen dem Endgericht unterliegen , darf man sich 
nicht verleiten lassen, diesen Gedanken (cf Jo 3, 18; 5, 24) abzu- 
schwächen oder ihn für das Erzeugnis eines über die Lehre Jesu 
hinausgehenden Denkens zu halten. Die Hoffnung oder der Wunsch, 
überhaupt nicht ins Gericht zu kommen (Ps 143, 2), ist nur durch 
die Stärke des Ausdrucks, nipbt dem Wesen der Sache nach ver- 
schieden von der Hoffnung oder dem Wunsch, im Gerichte Gottes 
Barmherzigkeit zu erfahren (Mt 5, 7 ; 18, 34 f.; Jk 2, 12 f.; 2 Tm 
1, 18); denn ein Gericht im vollen Sinn ist nur dasjenige, in 
welchem nach Recht und nicht nach Gnade entschieden wird. Ein 
solches stellt Jesus zur Bekräftigung seiner Warnung vor dem 
Richten den Jüngern in Aussicht für den Fall , daß sie diese 
Warnung nicht befolgen, indem er v. 2 sagt, daß sie mit demselben 
richterlichen Urteil und Strafmaß, ^^) welches sie in ihrer ange- 
maßten richterlichen Funktion anwenden, dereinst werden gerichtet 
und gestraft werden. Wer das bedenkt und seiner Fehler und 
Sünden gedenkt, wird, wenn er einmal richtet, Milde walten lassen, 
um in Gottes Gericht Milde zu erfahren, wenn er es nicht vor- 
zieht, sich ganz des Richtens zu enthalten, um gar nicht ins Ge- 
richt zu kommen. Den Übergang zu den gleichnisartigen Sätzen 
V. 3 — 5 bildet der doppelte Umstand, daß in der Regel die Be- 
obachtung von Fehlern an anderen den Anlaß dazu gibt, sich zum 
Richter über sie aufzuwerfen, und daß der Mangel an Erkenntnis 
der eigenen Fehler zu unbarmherziger Beurteilung anderer verleitet. 
Aber nicht bloß zu unbarmherzigem Richten gibt die Beobachtung 

'^^) In der RA n^D ^i;^ r\'^ü „Maß für Maß" mid in dem Spruch der 
Mischna Sota I, 7 „Mit' dem Maß, womit der Mensch mißt, mißt man ihm' 
ist die Kongruenz zwischen Sünde und Strafe, nicht wie hier zwischen der 
Strafzumessung des richtenden Menschen und der Strafzumessung Gottes 
oder anderer Menschen ausgedrückt. 



304 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesa. 

der Fehler anderer und die Nichterkenntnis der eigenen Fehler 
Anlaß, sondern auch zu dem scheinbar liebevollen Versuch, den 
Mitmenschen von seinen Fehlern zu befreien. Daß hierauf schon 
V. 3, nicht erst v. 4. 5 abzielt, ei'gibt sich, auch abgesehn von der 
Vergleichung mit Lc 6, 39 — 42, aus der "Wahl des parabolischen 
Ausdrucks. Splitter und Spreu ^•^) und Balken im Auge wären 
sondei'bar gewählte Bilder >für jeden beliebigen kleinen und großen 
Fehler. Ein kleiner fremder Körper im Auge erschwert das Sehen, 
ein großer macht es unmöglich. Sie sind also Bilder kleiner und 
großer sittlicher Fehler, sofern sie das richtige Erkennen und Be- 
handeln der Dinge erschweren oder verhindern. Wenn in der 
Parabel als selbstverständlich angenommen wird, daß der, welcher 
sich um die Fehler anderer statt um seine eigenen bekümmert, 
allemal einen schlimmeren Fehler habe, als der andere, dem er 
von seinem Fehler helfen will, so beruht dies auf der Voraus- 
setzung, daß die unerkannte eigene Sünde ein allerschlimmster und 
für das richtige Behandeln der Fehler anderer hinderlichster Fehler 
sei.^*) Schon daß einer, der mit einem solchen Fehler behaftet 
ist, den geringeren Fehler des anderen bemerkt, ist unbegreiflich. 
Auf dem Gebiet des körperlichen Lebens ist dies ja unmöglich, 
auf dem sittlichen Gebiet kommt der entsprechende Vorgang zwar 
wirklich vor, erscheint aber so unnatürlich, daß auf die Frage, 
warum der Angeredete so handele {ti de. ßXeTxeLi^ v. 3), keine be- 
friedigende, sein Tun rechtfertigende Antwort denkbar ist. Darüber 
hinaus geht die Frage v. 4 : „wie wirst du d. h. wie kannst du 

^^) Kdocfos ist ein kleines Stück trockenen Holzes, Strohs oder dgl. 
Es ist möglich, daß Jesus sich hier wie v. 2 au eine bereits damals ge- 
bräuchliche sprichwörtliche Redensart anschließt. Cf die arabischen Sprüche 
bei Tholuck S. 372. Seit Lightfoot pflegen Baba bathra lö** und Erachin 16'' 
augeführt zu werden. Nach letzterer Stelle sagte R. Tarphon: „Es sollte 
mich wundern, wenn in dieser Generation jemand wäre, der eine Zurecht- 
weisung annehmen mag. Denn wenn einer zum anderen sagt: Nimm den 
Splitter aus deinen Augen, so sagt er (der andere): nimm den Balken aus 
deinen Augen" (v. 1. Zähnen s. Levy s. v. Suj und Wünsche, Neue Beitr. 101). 
Tarphon um 100 — 130, ein erbitterter Feind des Christentums, der auch 
einige Kenntnis von den Evv hatte (bab. Schabbath fol. 116" cf GK II, 673), 
beklagt es also, daß wesentlich dieselbe Anweisung, welche Jesus Mt 7, 5 
und zwar in gleichem Gegensatz zu der Bemühung, den Bruder von einem 
Splitter im Auge zu befreien, gegeben hat, zu seiner Zeit nur zu sehr be- 
folgt werde. Der Rabbi erblickt, wenn ich ihn richtig verstehe, in der 
Verbreitung dieser christlichen Vorschrift den Ruin der Discipliu und der 
Auktorität der Lehrer. 

2*)Cf Jo9, 41; IJol, 8; Prov28, 18; Mt 9, 12. Es ist ein kaum 
vermeidlicher Mangel der Bildrede, daß der Fehler, welcher eben darum 
so groß ist, weil er von dem, der ihn an sich hat, nicht erkannt wird, 
doch schon als Objekt des Erkennens oder Nichterkennens wie ein großer 
Balken vorgestellt wird. Auch der Unterscheidung zwischen ßUmn und 
xararoei^^ Welche in der Parabel notwendig war, weil wer einen Balken 
im Auge hätte, diesen unmöglich sehen, wohl aber fühlen, also bemerken 
würde, entspricht auf dem Gebiet der sittlichen Vorgänge nichts. 



I 



c. 7, 1-5. 6. 3Q5 

deinen Bruder sagen: laß geschehen, ich will den Splitter aus 
deinem Auge beseitigen,-^) während doch der besagte Balken in 
deinem Auge steckt"? Leere Worte zu machen ist freilich nicht 
schwer, aber dies Wort an den Bruder drückt nicht nur das Be- 
wußtsein aus, ihm helfen zu können, und die Absicht, ihm zu 
helfen, sondern ist die unmittelbare Einleitung des Handanlewens. 
Von der mit diesen Worten beginnenden Handlung also sagt Jesus 
daß sie ein ebenso vergebliches, weil unmögliches, Unternehmen sei 
wie die Beseitigung eines Splitters aus dem Auge des Nächsten 
für den, welcher einen Balken im Auge hätte. Jene Operation 
erfordert einen klaren und scharfen Blick, um das zu heilende 
Übel zu erkennen, sowie eine sichere und zart verfahrende Hand, 
um es zu heilen. Beides fehlt dem, welcher seine eigenen Fehler 
nicht erkennt und zu beseitigen trachtet. Wenn er sich trotzdem 
daran macht, dem Nächsten von seinem Fehler zu helfen, erweist 
er sich als einen Heuchler, welchem zu raten ist, daß er zuerst 
seines großen Fehlers sich entledige ; dann erst mag er scharf zu- 
eehn und sein Augenmerk darauf richten,"-®) den Bruder von seinem 
Fehler zu befreien (v. 5). Sowohl die Warnung vor dem Richten 
anderer als die ihr untergeordnete Mahnung zu strenger Selbst- 
beurteilung bedarf einer Ergänzung, um nicht, einseitig aufgefaßt, 
irrezuleiten. Erstere findet eine solche in v. 6, letztere in v. 7 — 11. 
Zu Bichtern über andere sollen die Jünger sich nicht aufwerfen ; 
aber urteilslos dürfen sie ihres Berufs wegen den Menschen nicht 
gegenüberstehen. Denn heilige und wertvolle Dinge sind ihnen 
nicht nur zu eigenem Besitz geschenkt, sondern auch zu dem Zweck 
anvertraut, daß sie dieselben den übrigen Menschen mitteilen cf 5, 
13 — 15. Sie würden aber diese ihre Aufgabe schlecht erfüllen, 
wenn sie jene heiligen und kostbaren Güter solchen Menschen dar- 
bieten wollten, von denen sie wissen können, daß ihnen jedes Ver- 

^^) Für den Konjunktiv hinter äcfss cf 27, 49; Lc 9, 54 hinter xW.scg^ 
Mt 8, 4 hinter äoa s. BlaE Gr. § 64, ,2. — iSov mit und ohne y.ai gewöhnlich 
zur Einführung ' eines unerwarteten Ereiofnisses (1, 20; 2, 1. 9; 3, 16) führt 
auch gegensätzliche Tatsachen und Umstände ein: 11,8; 12, 41 f. (28,20); 
AG 2, 7 (wo die dazu gegensätzliche Frage y-nl .tö)? nachfolgt). — Der 
Artikel bei Soy.ö^ v. 4 weist auf die Erwähnung eines solchen in v. 3 
zurück. — Ob auch hier, wie v. o gewiß, mit .sBN2" und wichtigen Min 
(z- B. 1 s. Lake, Cod. 1 and its allies, 1902 p. 9) ex statt änö zu lesen sei, 
weiß ich nicht. 

^^) Dat Fut. Siaß/Jwetg hinter dem Imper. sy.ßals könnte auch hier 
eine Folge der gebotenen Handlung ausdrücken s. vorhin A 18. Dagegen 
aber spricht die starke Betonung und die größere Selbständigkeit, welche 
^xß/de durch TTocöTor (cf 6, 33) im Gegensatz zu dem nachfolgenden töts 
erhält, sodann die Bedeutung von StnS/.drreu; was jedenfalls hier, wo ein 
finaler Intinitivsatz davon abhängt, nicht das deutliche Sehen als Erfolg 
einer hierauf gerichteten Bemühung (Mr 8. 25), sondern das scharfe Zu- 
aehen zum Zweck klaren Erkennens und sicherer Behandlung bezeichnet. 
Der Arzt Lucas hat genau den gleichen, sehr passenden Ausdruck. 

Zahn, Ev. des Matth. i. Aufl. 20 



306 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

ständnis für die Heiligkeit und den Wert derselben abgeht. Der 
parabolische Charakter der zweiteiligen Warnung v. 6* erfordert, 
daß TO ayiov ebenso wie ol f.iaQyaQLr<xL v(.iü)V an der Bildlichkeit 
der Rede teilhabe, also innerhalb des Bildes einen Gegenstand be- 
zeichne, welcher mindestens den äußeren Schein einer für Hunde 
geeigneten Nahrung hat. Ein Heiliges (tt'ip, äytov) heißt unter 
anderem alles, was Gott als Opfer dargebracht wird, besonders auch 
sofern es den Priestern als deren Speise anheimfällt (Ex 29, 33 ; 
Lev 2, 3; 22, 10—16 ; Num 18, 8—19). Hunde, denen man Opfer- 
lleisch zur Nahrung darböte, würden es wie anderes Fleisch ver- 
zehren, und eben dies wäre eine ärgste Entweihung.-') Anders 
würden die Schweine sich verhalten, welchen man Perlen zum Putter 
in ihren Trog schüttete. Sie würden vielleicht einen Augenblick, 
getäuscht durch die Ähnlichkeit der Perlen mit zerkleinerten 
Früchten, die man ihnen sonst zu fressen gibt, versuchen sie zu 
fressen, bald aber die Täuschung bemerken und die ungenießbaren 
und für sie völlig wertlosen Perlen im Zorn zerstampfen und wohl 
gar nach dem Menschen, der sie so getäuscht hat, sich umwenden 
und ihn mit ihren Hauern zerfleischen. Während das erste Gleichnis 
nur die Gefahr der Entweihung des Heiligen vergegenwärtigt, 
weist das zweite zugleich auf die Gefahr hin, welcher die Besitzer 
der kostbaren Gegenstände nicht nur diese, sondern auch sich selbst 
aussetzen, und eben um diesen zweiten Gedanken auszudrücken, 
wird neben das erste Gleichnis, welches dazu nicht geeignet ist, 
das zweite gestellt. Opferfleisch und Perlen bezeichnen dieselben 
Dinge, nur unter dem verschiedenen Gesichtspunkt der Heiligkeit 
und der Kostbarkeit; was den Jüngern das Heilige ist, das ist 
auch ihr kostbarer Besitz. Es kann nichts anderes unter dem 
doppelten Bilde gemeint sein, als das, was die Jünger Jesu im 
Unterschied von den übrigen Menschen ihr eigen nennen, die durch 
Jesus ihnen vermittelte Gotteskindschaft mit der davon unzertrenn- 
lichen Erkenntnis Gottes als ihres Vaters und der darin wurzelnden 
eigenartigen Gerechtigkeit. Da sie diese heiligen und kostbaren 
Güter nicht anders, als durch das Mittel der Rede und des Handelns 
anderen Menschen mitteilen können, so bezieht sich die Warnung, 
jene Güter nicht Menschen preiszugeben, welchen alles fehlt, um 
sie zu würdigen, auf alles Reden und Handeln der Jünger zum 
Zweck der Mitteilung jener Güter. Heiliges und Perlen auf ge- 
wisse esoterische Lehren oder besonders heilige Handlungen zu 
deuten,-^) ist durch nichts im Zusammenhang der Rede veranlaßt, 

^') Die geschmacklose, jede Natürlichkeit des bildlichen Ausdrucks 
aufhebende Vermutung Bolten's, welche sich A. Meyer, Jesu Muttersprache 
S. 80. 108 angeeignet hat, daß die Übersetzung to üyiov auf einer Ver- 
wechslung von N»iip (Heiligtum) mit mip^ (Ohrring) beruhe, verdient keine ; 
weitere Widerlegung. 

^*) An esoterische Lehren des Christentums dachte Clem. ström. I, 55] 



c. 7, 1—5. 6. 307 

also unstatthafte Willkür ; ebenso aber auch die Deutung der 
Hunde und Schweine auf bestimmte, äußerlich erkennbare Gruppen 
der Menschheit.^®) Insbesondere die Deutung der beiderlei Tiere 
auf die Heiden als solche ist unannehmbar, erstens darum, weil 
nach 5, 13 f. die ganze Erde und Welt der Wirkungskreis der 
Jünger sein soll, also unmöglich in der gleichen Rede jede Dar- 
bietung des Heils an die Heiden den Jüngern verboten sein kann ; 
zweitens darum, weil es zur Unterscheidung der Heiden von den 
Juden keines sonderlichen Urteüs bedurfte, und somit durch diese 
Deutung von v. 6 jeder Zusammenhang mit v. 1 — 5 zerrissen würde. 
Überdies ergibt sich aus 2, 1—12 und 3, 9 ; 8, 11 f.; 28, 19, daß 
jedenfalls für Mt, dem allein wir dieses Wort verdanken, eine 
solche Auffassung ausgeschlossen war. Unter den Juden wie unter 
den Heiden werden die Jünger auf ihren Berufswegen auf Menschen 
stoßen, welche den Hunden und Schweinen gleichen, sofern sie 
teils das Heilige, welches die Jünger besitzen und anderen mit- 
teilen sollen , zwar hinnehmen , aber nicht in seiner Heiligkeit 
würdigen und daher auch nicht in seiner heiligenden Kraft auf 
sich wirken lassen (cf 22, 11), teils seinen hohen Wert nicht er- 
kennen und daher seine Darbietung alsbald durch verächtliche Be- 
handlung des Dargebotenen sowie durch Haß und Gewalttat gegen 
die, welche es ihnen darbieten, erwidern. Vor solchen Leuten 
sollen die Jünger auf der Hut sein und sollen ihnen jene heiligen 
und kostbaren Güter gar nicht anbieten. — Die v. 7 — 11 folgende 
Ermunterung zu vertrauensvollem Bittgebet scheint mit v. 6 in 
keinem inneren Zusammenhange zu stehen und überhaupt nicht 
hier, sondern eher hinter 6, 15 am Platze zu sein (cf die Ver- 
bindung der Gedanken in Lc 11, 1 — 13). Eine Verbindung mit 

cf II, 7, eine Ansicht, gegen welche Methodius polemisirte (ed. Bonwetsch 
3. 340), an das hl. Abendmal die Did. 9, 5: Nur Getaufte sollen an der 
Eucharistie teilnehmen, denn auch in bezug hierai;f habe der Herr Mt 7, 6 
gesprochen, und dazu c. 10, 6: d res üyiog, e^yja&oj. Die Beziehung auf 
das Sakrament und die Erinnerung an die weitverbreitete liturgische 
Formel vor Austeilung des Abendmahls: rä äyia tois äyiois (Cyrill. cateeh. 
mystag. V, 19; Chrys. hom. 17 ad Hebr.; Const. apost. VIII, 12 etc.) ver- 
anlaßte Mt 7, 6 die Änderung von tö üyioi' in iä uyia Min 157 und manchen 
Citaten z. B. bei Chrys. z. St. p. 287 cf 114. 

^^) Hil. und Op. imperf. verstanden unter den Hunden die Heiden 
(wozu auch Hier, neigt, indem er Mt 15, 26 heranzieht), unter den Schweinen 
die Häretiker; andere, die Hier, ohne Namen anführt (cf Theoph. lat. Forsch 
II. 40), unter den Hnnden abtrünnioe Christen (cf 2 Pt 2, 22), unter den 
Schweinen die noch nnbekehrten (Heiden oder Juden). Was man aus 
arabischen und türkische;!i Märchen über „Perlen als Futter für Tiere" bei- 
gebracht hat (Ztschr. deutsch, morg. Ges. 1905 S. 155 cf 376), kann nicht 
wahrscheinlich machen, daß Jesus sich hier an ein Volksmärchen anschließe; 
ebensowenig die Verwunderung über die Wut der enttäuschten Schweine. 
Noch im Okt. 1908 las man in den Zeitungen von eiuem ausreichenden 
Beispiel für solche Vorkommnisse. 

20* 



308 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

den Gedanken von 7,1 — 6 ergibt sich aber leicht, wenn man er- 
wägt, daß hier nicht überhaupt zu eifrigem oder gläubigem Beten 
ermahnt wird, sondern daß in der Vergleichung v. 9 — 11 dem miß- 
trauischen Gedanken entgegengetreten wird, es könne Gott seinen 
Kindern statt der Gaben, die sie erbitten und deren sie bedürfen, 
Dinge geben , welche den äußeren Schein der erbetenen Güter 
haben, ohne wirklich di^e Güter und überhaupt etwas gutes zu 
sein. Sowenig ein hungriges Kind, das seinen Vater um ein Brot 
oder einen Fisch bittet, zu fürchten hat, daß dieser ihm einen 
Stein, der wie ein Laib Brot aussieht, und eine Schlange, die etwa 
einem Aal ähnlich ist, geben werde, ebensowenig sollen die Jünger 
die Gaben, um die sie Gott bitten, und die sie von Gott empfangen, 
mit Mißtrauen ansehen, als ob es Scheingüter wären, welche ihr 
Bedürfnis und Verlangen nicht zu befriedigen geeignet sind. In 
bezug auf ihre irdischen Bedürfnisse mögen die Kinder Gottes in 
ihrem Kleinglauben einmal zweifeln, ob Gott ihre Bitten erhören 
und das Nötige ihnen geben werde (cf 6, 30); das hier bekämpfte 
Mißtrauen aber gegen die Echtheit der Gaben, womit Gott ihre 
Bitten erwidert, kann in bezug auf Nahrung und Kleidung gar nicht 
in ihnen entstehen, sondern nur in bezug auf ihre geistlichen Bedürf- 
nisse und Gottes Gaben für das geistige und geistliche Leben. Sie 
bitten ja nicht bloß um das Brot für den kommenden Tag, sondern 
auch um Erlaß ihrer Schulden (6, 12) und um das Kommen der 
Gottesherrschaft (6, 10). Und was das Suchen oder Streben an- 
langt, welches neben das Bitten gestellt ist und welches zwar unter 
anderem im Bittgebet zum Ausdruck kommt, aber nicht mit dem- 
selben identisch ist, so sind 6, 33 als die vornehmsten Ziele des- 
selben das Reich und die Gerechtigkeit Gottes genannt. Das Haus 
oder Gebiet aber, an dessen verschlossene Tür die Jünger an- 
klopfen, um Einlaß zu finden, kann nach 5, 20; 7, 13. 21 ; 25, 10 f. 
nichts anderes sein, als wiederum die ßaoiXeia. Diesen teils ihrer 
Natur nach, teils in der Gegenwart noch unsichtbaren Gütern 
gegenüber, für welche Lc 11, 13 kurz und gut der hl. Geist ge- 
nannt ist, kann allerdings auch bei denen, welche bereits etwas 
davon empfangen haben, der Zweifel an ihrer Echtheit und damit 
das Mißtrauen gegen den Geber Platz greifen. Es kann z. B. ein 
Jünger in Zweifel darüber geraten, ob die Sündenvergebung, die 
er empfangen hat und doch täglich aufs neue erbittet, nicht eine 
bloße Einbildung, und das Reich Gottes, nach dem er betend und 
arbeitend strebt, nicht ein eitler Traum sei, und ob der Eingang 
in dasselbe ihm nicht für immer verschlossen bleibe. Wie aber 
sollte der, welcher von solchen Gedanken hin und her gerissen 
wird, zuversii htlich um diese größten Gaben bitten und tatkräftig 
nach ihnen streben (cf Jk 1, 5 — 8)! Das wäre aber auch ein Gott 
beleidigendes Mißtrauen gegen die Liebe und Treue, die er ala 



c. 7, 6. 7-11. 309 

Vater seinen Kindern zuwendet, und eine Verleugnung der Gottes- 
kindschaft selbst, welche die Jünger Jesu als solche besitzen. Sie 
selbst, die das Heilige und die Perlen besitzen, aber auch immer 
neu erstreben und erbitten , würden durch den Zweifel an der 
Echtheit dieser Güter sich in bedenklicher "Weise dem Standpunkt 
jener unseligen Menschen nähern, welche diese heiligen und kost- 
baren Güter überhaupt nicht zu würdigen wissen oder auch, ent- 
täuscht durch die Vereitelung ihrer niediigen Erwartung, sich zornig 
von denselben abwenden (v. 6 cf Hb 10, 29; 12, 16). Jesus redet 
hier zu seinen Jüngern nicht so, als ob sie im Begriö stünden, so 
an ihrer Gotteskindschaft irre zu werden ; er beruft sich noch auf 
ihr Bewußtsein davon, daß sie an Gott einen sie liebenden und 
für alle ihre Bedürfnisse treu besorgten Vater haben, und lockt sie 
durch die Verheißung, daß ihr Bitten, Suchen und Anklopfen nie- 
mals erfolglos sein werde, dies alles eifrig und zuversichtlich zu 
tun. Aber zugleich tritt er doch bei den Jüngern den Gedanken 
des Zweifels an der Liebe und Treue Gottes und der Echtheit 
seiner Gaben und der Wahrheit ihrer Gotteskindschaft, wodurch 
sie in diesem Bitten und Streben gelähmt werden könnten, warnend 
entgegen. Fragt man aber, wodurch in den Frommen solche Ge- 
danken entstehen können, so gibt der Zusammenhang nur die Ant- 
wort: durch eine falsche Art der Selbstkritik. Sie sollen nicht 
andere richten, sondern sich selbst. Sie sollen ihre eigenen Fehler 
erkennen und bekämpfen, ehe sie sich mit der Besserung anderer 
abgeben ; aber sie sollen sich hüten vor einer Betrachtung und 
Beurteilung ihrer eigenen Mängel, welche sie an der Wahrheit 
ihrer Gotteskindschaft oder an der Liebe und Treue ihres himmlischen 
Vaters irre machen könnte. Jesus weist auch auf den tat- 
sächlichen Grund dieser falschen Selbstkritik hin, indem er v. 11 
zu seinen Jüngern sagt vf.ielg TtoviqQol ovxeg. Im Vergleich mit 
Gott sind sie wie alle Menschen nicht gut,- sondern böse. Aber 
anstatt daraus einen Zweifel an der Wahrheit ihrer Gotteskind- 
schaft abzuleiten und den Verdacht zu schöpfen, daß Gott ihnen 
unter dem trügerischen Schein heiliger und kostbarer Güter wert- 
lose Dinge geben könne, sollen sie vielmehr daraus, daß sie selbst 
als Väter ^'^) ihren Kindern gegenüber solcher Lieblosigkeit und 
Treulosigkeit unfähig wären, den Schluß ziehen, daß Gott, der 

ä") Daß auch v. 7 — 11 nur als Ansprache an die Jünger zu verstehen 
ist, wird durch Lc 11, 8 — 13 cf v. 1. 5 bestätigt. Nur vüu Petrus unter 
den Aposteln wissen wir aus 8,14; Mr 1, HO; Lc 4, 38 bestimmt, daC er 
verheiratet war. Aus Mt 19, 27 — 29 und 1 Kr 9, ö müssen wir schließen, 
daß mehrere Apostel in gleicher Lage waren. Von dem Apostel Philijjpus 
ist durch Clemens AI. glaubhaft überliefert, daß er ebenso wie Petrus 
Kinder erzeugt, und daß er seine Töchter verheiratet habe cf Forsch VI, 
172f. ; N. kirchl. Ztschr. 1901 S. 744. Nur von dem Apostel Johannes ist gut 
genug überliefert, daß ei- ehelos blieb. 



310 Die Bergpredigt als Beispiel des Lehrens Jesu. 

allein Gute (19, 17), seinen Kindern auf ihre Bitte nur Gutes und 
Echtes geben kann und wird. — Für das Verständnis des weiteren 
Gedankengangs ist wesentlich, ob man die Echtheit des ovv v. 12 
anerkennt. Chrys., der es in seinem Text las, fand es mit Recht 
rätselhaft und deutete es sprachwidrig dahin, daß Jesus hiemit 
andeute, außer dem eifrigen Beten bedürfe es auch eines rechten 
Lebenswandels, um bei Gott Erhörung zu finden. Andrerseits ist 
der Satz: „Alles, wovon ihr wollt, daß die Leute es euch tun, 
tuet so auch ihr ihnen" auch nicht als eine Folgerung aus der 
vorangehenden Warnung vor dem Mißtrauen gegen Gott oder der 
Aufforderung zu vertrauensvollem Gebet oder aus irgend einem der 
Sätze in 6, 1 — 7, 11 zu begreifen. Der Sinn des ovv könnte nur 
der sein, daß es eine das Ergebnis der ganze Rede zusammen- 
fasseade Schlußermahnung einleite, und in diesem Sinn wird es 
hier in früher Zeit seine Stelle gefunden und sich weit verbreitet 
haben, während doch noch ausreichende Zeugnisse für den ursprüng- 
lichen Text ohne ovv erhalten sind,^^) Der doppelte Ausdruck der 
Vollständigkeit Ttdvxa — boa, welcher auch 23, 3 durch ein dort 
sicheres ovv durchbrochen ist, machte den Eindruck, daß hier eine 
Zusammenfassung vieler Einzelheiten vorliege, und die hinzugefügte 
Begründung „denn dies ist das Gesetz und die Propheten" er- 
innerte an 5, 17. Es schien der von 5, 17 an bis dahin aus Gesetz 
und Propheten entwickelte und in eine Menge von Geboten aus- 
einandergelegte "Wille Gottes in einem kurzen Satz auf seine Einheit 
zurückgeführt zu sein. Aber nur am Schluß von c. 5, in welchem 
allein der Wille Gottes aus Gesetz und Propheten erhoben worden 
ist, wäre eine solche Zusammenfassung am Platz gewesen, und wie 
matt würde diese dort lauten neben dem großartigen Schlußsatz 
5, 48 oder anstatt desselben! An der Stelle, die Mt — anders 
Lc 6, 31 — dem Satz gegeben hat, geht nichts voran, was in 7, 12 
seinen zusammenfassenden Abschluß fände, und es folgt von 7, 13 
an eine Reihe von Mahnungen, welche, was Bedeutung und Stärke 
des Tones anlangt, mit 7, 1 — 11 auf gleicher Linie liegen und 
durch nichts als mehr oder weniger entbehrliche Nachträge zu der 
mit 7, 12 scheinbar abgeschlossenen Rede sich kennzeichnen. Hier 
also ist ein Schlußsatz überhaupt nicht am Platz d. h. das ovv 
ist zu streichen und 7, 12 als ein selbständiges Glied in der Kette 
der gleichfalls der syntaktischen Anknüpfung ermangelnden Satz- 
gruppen 7, 1 — 5. 6. 7 — 11. 13 — 14. 15 — 20 aufzufassen. Den diese 
Stücke verbindenden Faden bildet der Begriff des xQivsiv. An 
diesem Faden muß also auch v. 12 aufgereiht sein. Nachdem die 

31) Nämlich n*L, einige Min, SS eine der 3 Hss von Sh, Arm (Ss ist 
defekt, Sc ovf). Daneben hat Kop Se (Sah ow). Es ist auch sonst oif 
vielfach trotz alter und mehr oder weniger starker Bezeugung verdächtig 
Mt 6, 22''; 7, 19. 24; 13, 28; 28, 19; Lc 11, 36; Jo 4, 9. 30. 



c. 7,7-11. 311 

Jünger vor eirfer Selbstkritik gewarnt sind, durch welche sie sich 
des frohen Bewußtseins der Gotteskindschaft und der Gewißheit 
des Heils, damit aber auch der Zuversicht des Betens und Strebens 
berauben würden, gibt ihnen Jesus einen sehr einfachen Maßstab 
der Selbstprüfung in die Hand : Die der Selbstliebe entsprechende 
tätige Nächstenliebe ist der wesentliche Inhalt des ganzen AT's, 
natürlich sofern dieses sittliche Anforderungen enthält, und dies ist 
der Maßstab, woran die Jünger bemessen mögen, ob sie in der 
Erfüllung des göttlichen Willens begriffen sind. Dem inneren Gehalt 
nach ist das Gesetz, wonach der Jünger sich selbst beurteilen soll, 
das erhabenste ; es ist das königliche Gebot, in dessen Erfüllung 
die Erfüllung aller anderen auf das Verhältnis des Menschen zum 
Menschen bezüglichen Gebote beschlossen ist (Jk 2, 8 — 12 ; Gl 5, 14; 
Em 13, 8 — 11). Vergleicht man v. 12 mit dem ähnlichen, aber 
negativ gefaßten Ausspruch, welcher dem berühmten HiUel, dem 
älteren Zeitgenossen Jesu zugeschrieben wird,^^) so ist es gewiß 
bezeichnend, daß der rabbinische Spruch Antwort gibt auf die Frage, 
was verboten sei, worin zugleich die andere Frage enthalten ist, 
was der Israelit oder Proselyt zu tun sich erlauben dürfe^ ohne mit 
dem Gesetz in Widerspruch zu geraten, Jesus dagegen die Frage 
beantwortet, was Gott von jeher durch das AT von dem Israeliten 
und jetzt neu durch ihn selbst von seinen Jüngern positiv fordert. 
Aber der Ausdruck dafür ist doch von auffallender Schlichtheit. 
Auch die Propheten erreichen sie kaum, wo sie sich recht eigens 
darum bemüht zeigen, wie Micha 6, 8. Jesus schweigt hier von 
dem großen und ersten Gebote der hingebenden Liebe zu Gott, 
welchem nach 22, 37 — 40 das Gebot der mit der Selbstliebe gleichen 

^'^) Nach bab. Schabbath 31* sagte Hillel zu einem Nichtjaden, den 
Schammai fortgejasrt hatte