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Full text of "Das Evangelium Lucae"

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FPvOMTHE-LIBRARYOF 

' KONRAD -BURDACH- 





DAS 



EVANGELIUM LUCAE 



ÜBEESETZT UND EKKLÄRT 



VON 



J. WELLHAUSEN 4- 




BERLIN 

DEUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1904 



BUBDÄbfk 



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L Lc. 3, 1—4,15. 

§ 1. Lc. 3, 1-20. Q* 

Im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius, 
als Pontius Pilatus Landpfleger von Judäa war und Herodes 
Vierfürst von Galiläa, sein Bruder Philippus aber Vierfürst 
von Ituräa und Trachonitis, und Lysanias Vierfürst von Abilene, 
'unter den Hohenpriestern Hannas und Kaiaphas — geschah 
das Wort Gottes zu Johannes dem Sohne Zacharias in der 
Wüste, 'und er kam in die ganze Umgegend des Jordans und 
predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden; *wie 
geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Esaias: 
„eine Stimme ruft in der Wüste: bahnt dem Herrn die Straße, 
macht ihm die Wege grade, *jede Schlucht soll ausgefüllt 
und jeder Berg und Hügel geebnet werden, *und alles Fleisch 
soll das Heil Gottes schauen.'' ^Er sagte nun zu den Scharen, 
die zu ihm hinauszogen um vor ihm getauft zu werden: Ihr 
Otterngezücht, wer hat euch gesagt, daß ihr dem drohenden 
Zorne entrinnen werdet! * Bringt Fmchte, die der Buße ziemen! 
Und fangt nicht an bei euch zu sagen: wir haben Abraham 
zum Vater; denn ich sage euch, Gott kann aus diesen Steinen 
Kinder Abrahams hervorbringen. ^ Schon ist die Axt den 
Bäumen an die Wurzel gelegt; jeglicher Baum, der nicht gute 
Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 

^°Und das Volk fragte ihn: was sollen wir tun? ^*Er 
antwortete und sprach zu ihnen: wer zwei Röcke hat, gebe 
dem ab, der keinen hat, und wer Speise hat, tue ebenso, 
"Auch die Zöllner kamen, sich taufen zu lassen, und sagten 
zu ihm: Meister, was sollen wir tun? "Er sprach zu ihnen: 
treibt nicht mehr ein, als was euch vorgeschrieben ist. '*Auch 

1* 

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4 I. 3, 1—4, 15. 

Kriegsleute fragten ihn: was sollen wir hinwiederum tun? 
Und er sprach zu ihnen: übt gegen niemand Raub und Er- 
pressung. 

**Da aber die Leute voll Erwartung waren und sich über 
Johannes Gedanken machten, ob er vielleicht der Christus 
wäre, "hub Johannes an und sprach zu ihnen allen: Ich taufe 
euch mit Wasser, aber ein Stärkerer als ich ist im Kommen, 
dem ich nicht wert bin den Schuhriemen zu lösen, der wird 
euch mit heiligem Geist und Feuer taufen. *^Der hat die 
Worfschaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen, und 
er bringt den Weizen in seine Scheuer, die Spreu aber ver- 
brennt er mit unlöschbarem Feuer. 

^*Auch vieles andere verkündigte er mahnend den Leuten. 
^'Herodes aber, da er oft von ihm Vorwürfe zu hören bekam 
wegen der Herodias, der Frau seines Bruders, und wegen anderer 
Frevel, die er beging, "tat ein Übriges und schloß Johannes 
im Gefängnis ein. 

8, 1. 2. In dem gelehrten Synchronismus findet sich wenigstens 
ein genaues Datum, nämlich das 15. Jahr des Tiberius, welches 
im Orient von Herbst 28 bis Herbst 29 A. I). gerechnet sein wird. 
Es gilt nicht bloß für den Täufer, sondern auch für Jesus. Aber 
nur für den Anfang seines Auftretens, nicht auch für sein Ende, 
wie eine alte kirchliche Rechnung (duobus Geminis) annimmt. Denn 
sonst müßte Jesus schon nach höchstens halbjähriger Wirksamkeit 
gekreuzigt sein, Ostern 29. Das ist schwerlich die Meinung des 
Lc und steht im Widerspruch zu der Geschichte vom Ährenausraufen 
der Jünger, die in den Anfang der galiläischen Periode und in 
die Osterzeit fällt. Es wird vielmehr anzunehmen sein, daß Jesus 
nach Lc jedenfalls nicht früher als zu Ostern 30 gekreuzigt ist. — 
Lysanias wurde schon A. 34 vor. Chr. hingerichtet, aber sein Do- 
minium behielt seinen Namen (Jos. Bell. 1, 398 und öfters) und 
blieb selbständig bis auf Agrippa I. Dadurch wurde Lc zu seinem 
Irrtum verführt; den Josephus kannte er nicht* Die Zusammen- 
stellung von Hannas und Kaiaphas ist zwar nicht korrekt, aber sehr 
begreiflich, da Hannas die Herrschaft behielt, wenn auch sein 
Schwiegersohn das lieilige Amt inne hatte. 

3, 2 — 6, Den Vatersnamen des Täufers fügt Lc zu, die Be- 
schreibung seiner Tracht und Nahrung läßt er aus, das Citat er- 
weitert er. . 



3, 1-20. 5 

3, 7 — 9 wie Mt. 3, 7 — 10. . Die Worte sind bei Lc nicht an 
die Pharisäer und Sadducäer gerichtet und nicht mit 3, 16. 17 
eng verbunden. Über ^vcuttiov aoioui 3, 7 (D) s. zu Mc. 1, 4. 5. 

3, 10—14. Ein gegen die vorhergehende wuchtige Rede merk- 
lich abfallender Zusatz, mit eigentümlich griechischen Ausdrücken. 
Johannes stellt keine hohen Forderungen; auch wo sie über das 
bürgerliche Maß hinausgehn, reichen sie doch nicht an 'die der 
Bergpredigt heran; vgl. 3, 10 mit 6, 29. Darin liegt wol Absicht. 
Die Soldaten sind jüdische Soldaten des Antipas, der auch über 
Peräa herrschte; die Zöllner sind ebenfalls Juden. Obwol verschie- 
dene Schichten neben einander aufgeführt werden, werden die Pha- 
risäer und Sadducäer doch auch hier nicht mit genahnt; im Gegen- 
satz zu Mt. 3, 7. 21, 32. 

3, 15—17 wie Mt, 3, 11. 12. Der motivirende Eingang 3, 15 
erinnert an Joa. 1, 19ss. Dies, ist nicht die einzige Spur davon, 
daß Lc den Übergang zu Joa bildet. 

3, 18—20. Den Abschnitt Mc. 6, 17— 29 läßt Lc aus. Den 
Tod des Täufers erzählt er überhaupt nicht; die Nachricht, daß 
derselbe wegen der Herodias gefangen gesetzt wurde, gibt er wegen 
Mc. 1, 14 schon hier im Anfang. — Das Subst. «öay^^iov findet 
sich bei Lc so wenig wie bei Joa, dagegen oft das den übrigen 
Ew. nicht geläufige Verbum eöaTYs^tCeaftai, welches hier (3, 18) den 
Täufer zum Subjekt hat. All (3, 19. 21) wird gesagt für ander, 
wie im Semitischen. Das biblische irpoai&iQxev (3, 20) kommt nur 
bei Lc vor, es wird hier durch das asyndetische xaTsxXstasv ergänzt, 
sonst durch den Infinitiv. 

§ 2. Le. 3, 21-38. 

Es geschah aber, als bei der Taufe des übrigen Volkes 
auch Jesus getauft wurde und betete, daß der Himmel sich 
auftat, ''und der heilige Geist in leiblicher Gestalt wie eine 
Taube auf ihn herabfuhr und eine Stimme vom Himmel kam: 
du bist mein geliebter Sohn, dich habe ich erwählt. 

"Jesus war aber [als er anfing] etwa dreißig Jahr alt 
und galt für einen Sohn Josephs .... '®des Sohnes des Enos, 
des Sohnes Seths, des Sohnes Adams, des Sohnes Gottes. 

3, 21. 22. Jesus läßt sich taufen wie die andern; der auch 
dem Mt und dem Hebräerevangelium unbehagliche Akt wird in 



6 I. 3, 1—4, 15. 

einem Nebensatze abgemacht und nur nicht ganz unerwähnt ge- 
lassen. Daß der Himmel sich öffnete, ist nicht so sehr Wirkung 
der Taufe als des Gebetes; vgl. 9, 28. 29. Der Geist wird zum 
heiligen Geist; dieser findet sich bei Lc häufiger als bei Mc und 
Mt, und in einer mehr christlichen Bedeutung. In D lautet die 
Stimme nach Ps. 2, 7: du bist mein Sohn, heute habe ich dich 
gezeugt.' Möglich, daß dies für Lc die echte Lesart ist. Ganz 
im Sinne der ursprünglichen Überlieferung bei Mc wird damit die 
Taufe als der Moment bezeichnet, wo Jesus durch den Geist zum 
Sohne Gottes wird. Aber die Beziehung von Mc. 1, 11 „du bist 
mein geliebter Sohn" zu Mc. 9, 7 „dies ist mein geliebter Sohn** 
geht dann verloren. Auch hat ein Citat das Vorurteil gegen sich. 

3, 23—38. Wenn man die Angabe, daß Jesus etwa dreißig 
Jahr alt war, mit dem Datum 3, 1 kombinirt, so wäre er zu Be- 
ginn der christlichen Ära geboren. Nach 1, 5 ist er noch unter 
Herodes dem Großen geboren, der gegen Ostern des Jahres 4 vor 
Chr. starb. Nach 2, 2 aber erst zur Zeit der Schätzung des Qui- 
rinius, die A. D. 6 stattfand. Man hat keinen Grund anzunehmen, 
daß die Daten 1, 5 und 2, 2 von dem selben Autor stammen, der 
geglaubt habe, die Schätzung des Quirinius sei womöglich noch zu 
Lebzeiten oder doch unmittelbar nach dem Tode des alten Herodes 
geschehen. Denn die Erzählung 2, Iss. fußt durchaus nicht auf 
den Voraussetzungen von Kap. 1, sondern beginnt ganz neu, wieder- 
holt, was aus Kap. 1 schon bekannt sein müßte, und läßt von der 
jungfräulichen Geburt nichts merken. Geht man also von 2, 2 aus 
und vereint damit 3, 23, so muß man mit dem Tode Jesu hin- 
abgehn bis auf A. D. 35, das letzte Amtsjahr des Pilatus. Vgl. 
13, 1—5. 

Die Genealogie steht bei Lc nicht in der Vorgeschichte und 
widerspricht in der Tat wenigstens dem ersten Teil derselben, dem 
Kap. 1. Denn niemand konnte auf den Gedanken kommen, Jesus 
als Davidssohn von selten seines Vaters zu erweisen, der da 
glaubte, er sei gar nicht seines Vaters Sohn. Darum muß auch 
das <5)c ivofxtCeto als Korrektm- betrachtet werden. Über die gänz- 
liche Beziehungslosigkeit der beiden Genealogien bei Lc und Mt 
braucht nichts mehr gesagt zu werden; auffallend ist, daß die beiden 
unehrlichen Mütter, Thamar und Rahab, von Mt hervorgehoben 
werden und nicht von Lc, der sonst eine ausgesprochene Vorliebe 
für so etwas hat. Daß Adam der Sohn Gottes genannt wird, lehrt, 



3, 21—4, 15. 7 

in wie verschiedenartigem Sinn der Ausdruck gebraucht werden 
konnte. In 3, 23 fehlt dpx6p.evo? oder lpx6p.evo; in der Sjrra S., 
vermutlich mit Recht. Zu aotoc . . 'Ii^aoüc s. zu Mc, 6, 17; grade 
bei Lc erscheint aötpc häufig im semitischen Sinne, namentlich 
xal aotoc. 

§ 3. 4. Lc. 4, 1-15. Q*. 

Jesus aber kehrte heiliges Geistes voll vom Jordan zurück. 
Und er ward durch den Geist in der Wüste umgetrieben 
^vierzig Tage lang, und dabei vom Teufel versucht. Und er 
aß nichts in jenen Tagen, und als sie zu Ende waren, hungerte 
ihn. 'Da sprach der Teufel zu ihm: bist du Gottes Sohn, so 
sag diesem Steine, daß er Brot werde. *ünd Jesus erwiderte 
ihm: es steht geschrieben: nicht von Brot allein lebt der 
Mensch. *ünd er führte ihn empor und zeigte ihm in einem 
Augenblicke alle Reiche der Welt, ^und sprach zu ihm: dir 
will ich diese ganze Macht [und ihre Herrlichkeit] geben, denn 
mir ist sie überlassen und ich gebe sie wem ich will, ^also 
wenn du mir huldigst, soll sie ganz dein sein. *ünd Jesus 
antwortete und sprach zu ihm: es steht geschrieben: dem 
Herrn deinem Gott sollst du huldigen und ihm allein dienen, 
'und er brachte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf einen 
Vorsprung des Heiligtums und sprach zu ihm: bist du Gottes 
Sohn, so wirf dich hinab von hier, ^'^denn es steht geschrieben: 
er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben, dich zu be- 
hüten, ^'und sie werden dich auf den Händen tragen, daß du 
deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. *'ünd Jesus sprach 
zu ihm: es ist gesagt: du sollst den Herrn deinen Gott nicht 
versuchen. "Und als der Teufel alle Versuchung erschöpft 
hatte, stand er eine Weile von ihm ab. 

, "Und Jesus kehrte in der Kraft des Geistes zurück nach 
Galiläa, und ein Gerede verbreitete sich durch die ganze Um- 
gegend über ihn, '*und er lehrte in ihren Synagogen und ward 
von allen gepriesen. 
Die messianische Hauptversuchung steht bei Lc nicht am Ende, 
sondern in der Mitte, so daß dann das oiraYe aaxava nicht mehr 
paßt, welches übrigens auch hinter 9, 22 fehlt. Der zweifache 
Bühnenwechsel wird vermieden. Der Teufel (SiaßoXoc, sonst nur 



8 11.4,16—7,50. 

noch 8, 12) beruft sich erst dann selber auf die Schrift, nachdem 
er zweimal durch die Schrift abgewiesen ist; er hebt stark hervor, 
daß ihm das Reich der Welt gehöre — wie bei Joa. In 4, 1 ist 
der Geist nicht mehr ein von Jesu unterschiedenes handelndes 
Subjekt wie in Mc. 1, 12; 4v T(p tcv. wird vorher erklärt durch 
„voll heil. Geistes* und nachher (4, 14) durch „in der Kraft des 
Geistes". Die Versuchung scheint nach 4, 2 während der vierzig 
Tage durchzugehn, aber nach 4, 3 beginnt sie doch eigentlich erst 
am Ende dieses Zeitraums. Mit xal ttjv 86£av aötÄv 4, 6 läßt sich 
nichts anfangen; vielleicht sind diese Worte an eine falsche Stelle 
geraten. Die hebräische Form IspouoaXijjj. geht bei Lc durch. Die 
Andeutung 4, 13, daß der Teufel es bei dieser Versuchung doch 
nicht habe bewenden lassen, entspricht schwerlich der ursprüng- 
lichen Absicht dieser Geschichte, wonach vielmehr Jesus die Ver- 
lockung, als jüdischer Messias aufzutreten, noch vor dem Anfang 
seiner Laufbahn ein für allemal überwunden hat. — D konformirt 
nach Mt, so auch sonst vielfach nach Mt und Mc. 

In 4, 14 wird der Anfang von 4, 1 wieder aufgenommen. Den 
Aufruf zur Buße Mc. 1,15 läßt Lc aus; vgl. zu 4, 18. Er redet 
nur von der Lehrtätigkeit Jesu im allgemeinen und berichtet in 
Übereinstimmung mit Mc, daß er sofort großes Aufsehen erregt 
und allgemeinen Beifall gefunden habe. 

IL Lc. 4, 16— 7, 50. 

Lc. 4, 16-30. § 28. 

Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, 
und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbatstag in die Syna- 
goge, und er stand auf, um vorzulesen, ^^und es wurde ihm 
das Buch des Propheten Esaias gereicht, und da er das Buch 
aufschlug, stieß er auf eine Stelle, wo geschrieben stand: ^Mer 
Geist des Herrn ist über mir, deshalb hat er mich gesalbt; den 
Armen das Evangelium zu verkündigen hat er mich gesandt, 
"^anzukündigen den Gefangenen, daß sie loskommen und den 
Blinden, daß sie wieder sehen sollen, Gebrochene in Freiheit 
zu lassen, anzukündigen das willkommene Jahr des Herrn. 
^°ünd er schlug das Buch zu, gab es dem Piener und setzte 
. sich, und Aller Augen in der Synagoge waren auf ihn ge- 



4, 16—30. 9 

richtet, ''^ünd er begann zu ihnen zu sagen: heute ist diese 
Schrift erfüllt, die ihr soeben gehört habt, "und alle gaben 
ihm Beifall und staunten ob der lieblichen Worte, die aus 
seinem Munde kamen, und sagten: ist das nicht der Sohn 
Josephs? ''Und er sagte zu ihnen: allerdings werdet ihr zu 
mir das Sprichwort sagen: Arzt, heil dich selber! was in Ka- 
pernaum, wie wir hören, geschehen ist, das tu auch hier in 
deiner Heimat! '*Er sprach aber: Amen ich sage euch, kein 
Prophet findet in seiner Heimat willkommene Aufnahme. '* Wahr- 
lich ich sage euch, viele Witwen gab es in Israel in den Tagen 
Elias, als der Himmel drei Jahr und sechs Monat verschlossen 
war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam, 
*^®und zu keiner von ihnen wurde Elias gesandt, sondern nach 
Sarepta im sidonischen Lande, zu einer Heidin. ''Und viele 
Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elisäus, 
und keiner von ihnen wurde gereinigt, sondern Naeman, der 
Heide. '^'Da wurden alle in der Synagoge voll Zorn, als sie 
das hörten, *'und standen auf und warfen ihn aus der Stadt 
hinaus und führten ihn an den Rand des Berges, auf dem die 
Stadt gebaut ist, um ihn hinabzustürzen. '°Er aber ging mitten 
durch sie hin seiner Wege. 

Anders wie Mc läßt Lc Jesus in seiner Heimat anfangen und 
erst, nachdem er dort übel aufgenommen ist, nach Kapernaum 
übersiedeln. Wegen dieser natürlichen und naheliegenden Annahme 
(vgl. auch Mt 4, 13 am Anfang) schiebt er den § 28 (Mc. 6, 1—6) 
hierher vor und läßt ihn hernach an seiner Stelle aus. Ein ähn- 
liches Verfahren wiederholt er öfters, so bei § 5 (5, Iss.), § 70 
(7, 36ss.), § 63 (10, 25ss.), § 49 (16, 18), § 58 (17, 6s.). Es ge- 
lingt ihm jedoch nicht, die Spuren der ursprünglichen, weit spä- 
teren Ansetzung der Szene in Nazareth zu verwischen; s. zu 4, 23. 
4, 16. 17. In Anknüpfung an 4, 15 wird hier, und nur hier, 
an einem bestimmten Beispiel veranschaulicht, wie Jesus ordnungs- 
mäßig am Sabbat in der Synagoge lehrt. In wie weit hier genaue 
Kenntnis der jüdischen Sitte vorliegt, läßt sich schwer beurteilen; 
mit dem späteren rabbinischen Maß darf man nicht ohne weiteres 
messen. 

4, 18—21. Der zufällig aufgeschlagene, prophetische Text ist 
der locus classicus vom Evangelium der Armen, der auch in 7, 22 
(Mt. 11, 5) und in Mt. 5, 3. 4 zu gründe liegt. Jesus eröifnet 



10 IL 4, 16—7, 50. 

seine Predigt damit, daß er sich sofort selber zum Objekt macht: 
ich bin der mit dem Geist des Herrn Gesalbte, den der Prophet 
meint. Er weissagt nicht das Bevorstehen des Reiches Gottes, 
sondern er sagt: das Jahr der Gnade ist jetzt mit dem Beginn 
meines Wirkens eingetreten Er ruft nicht zur Buße auf, sondern 
bringt den Armen das Heil und die Erlösung. Das Programm 
Mc. 1, 15 wird von Lc (4, 15) mit voller Absicht ausgelassen und 
ein ganz anderes an die Stelle gesetzt. Vgl. zu Mt. 5, 1. 2 und 
4, 17. — Das biblische o5 sfvexsv (4, 18) bedeutet: infolge davon 
daß. *Ev ToTc cLalv 6[x<ov (4, 21) muß eng mit r^ fpa^Y) aoti] ver- 
bunden werden. 

4, 22. Da die Leute ihn freudig bewundern, so soll auch die 
Frage am Schluß nicht bösartig gemeint sein. Der Umschlag der 
Stimmung erfolgt erst in 4, 28- 

4, 23. navta>c kann in diesem Zusammenhange nur bedeuten : 
bei alle dem. Sehr merkwürdig ist das Tempus von ipette, näm- 
lich das Futurum. Jesus kann sich über den gegenwärtigen Beifall 
seiner Mitbürger nicht freuen, weil er weiß, es werde in Zukunft 
ganz anders kommen. Er antezipirt seine noch gar nicht ange- 
fangene Wirksamkeit in Kapernaum, und er sieht noch darüber 
hinaus, daß er sie in Nazareth nicht mit gleichem Erfolge fortsetzen 
und deswegen dort dem Spott verfallen werde. Es wird futurisch 
Bezug genommen auf die Erzählung § 28, die doch zugleich in die 
Gegenwart vorgeschoben wird. Dadurch entsteht ein seltsames 
Schillern zwischen den Zeiten. Auch das Schelten über ein noch 
erst bevorstehendes Benehmen ist seltsam, namentlich da die Ge- 
scholtenen im Augenblick freundlich gesonnen sind. 

4, 24. Amen sagt Lc seltener als die anderen Evangelisten, 
wie er überhaupt fremdsprachliche Ausdrücke im Griechischen ver- 
meidet. 

4, 25 — 27 ist dem Lc eigentümlich und gehört eigentlich nicht 
in diesen Zusammenhang. Denn der Gegensatz ist hier nicht inner- 
jüdisch, er spielt nicht zwischen Nazareth und Kapernaum, sondern 
zwischen Israel und den Heiden. Lc setzt schon hier (ähnlich wie 
Mt. 8, 11. 12) damit ein, daß nicht den Juden, sondern den 
Heiden das Heil widerfahren wird. Statt irpic ^üvaTxa X^P^^ (4, 26) 
müßte es heißen: Trpic 7. 2üpav, d. h. fr^^D^X statt N^D^N; genau 
die selbe Verwechslung findet sich in der Syra S. zu Mc. 7, 26. 
Aramäer ist kein nationaler, sondern ein religiöser Begi-iflf, der 



4, 16-30. 11 

sich mit "EXXr^v (Mc. 7, 26) deckt und Heide bedeutet; es wäre 
auch in 4, 27 besser mit 6 ''EXXr^v zu übertragen gewesen als mit 
6 2üpoc. Daß die Frau eine Witwe war, versteht sich von selbst, 
da nach dem Vordersatz überhaupt nur Witwen in Betracht kommen ; 
es darf also nicht an der nachdrücklichsten Stelle des Satzes wieder- 
holt werden. Vielmehr muß, wie bei Naeman und genau an der 
gleichen Stelle, betont werden, daß sie eine Heidin war; denn daran 
hängt der Sinn des Ganzen. Dalman wendet ein, daß Yovaixa x^po^^ 
den iroXXat x^P®^ völlig passend gegenüber stehe. Man würde dann 
aber zunächst erwarten: viele Witwen . . . und nur zu einer 
einzigen. Und ferner wäre das nicht völlig passend, sondern 
durchaus unpassend. Denn die Pointe beruht nicht auf dem Ge- 
gensatz zwischen der Vielzahl und der Einzahl, sondern auf dem 
zwischen Israel und den Heiden. In der folgenden Parallele steht 
ja auch den vielen Aussätzigen in Israel nicht Naeman der Aus- 
sätzige gegenüber, sondern Naeman der Heide. Möglich, daß der 
Irrtum yrrfiOL durch Reminiscenz an 1 Reg. 17, 9 befordert ist. Er 
beweist ^ine schriftliche aramäische Grundlage für Lc. 4, 25 — 27. 
Seine Aufdeckung ist darum wichtig genug, wenngleich Männer 
von Geist, wie Wernle, nicht einsehen, warum man sich Mühe 
gibt, eine Buchstaben Verwechslung nachzuweisen. — Et jitj ist 
ella, adversativ und nicht exceptiv. 

4, 28. Der Ärger über einen Vorwurf, den sie bis jetzt durch- 
aus nicht verdient haben, treibt die Leute von Nazareth dazu, das, 
was Jesus in 4, 23 erst für spätere Zeit in Aussicht nimmt, sofort 
zu tun und noch schlimmeres. Von ihm selber gereizt, bricht ihre 
Bosheit vorzeitig aus. Nach dieser Erfahrung kann er dann aber 
nicht noch einmal in der Synagoge seiner Heimat auftreten, als 
wäre nichts geschehen. Es ist nach 4, 28 unmöglich, die Erzählung 
in Mc. 6, 1 — 6 so mit der in Lc. 4, 16 ss. zu vereinigen, wie es in 
4, 23 durch das Futurum IpsTte versucht wird. 

4, 29. 30 erinnert an Joa. 8, 59. Für (|)xo86p.rjTo liest D das 
Perfektum, dessen Sinn aber auch durch den Aorist ausgedrückt 
werden kann (Blass § 59). 



§ 6-8. Lc. 4, 31-44. 

Und er kam hinab nach Kapernaum, einer Stadt in Galiläa, 
und lehrte sie am Sabbat, "und sie waren betroffen ob seiner 



12 II. 4, 16-7, 50. 

Lehre, denn seine Rede war mit Macht. ''Es war aber in 
der Synagoge ein Mensch, der einen Dämon hatte und er 
schrie laut auf: '^was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus 
von Nazareth! ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes. 
•*ünd Jesus schalt ihn und sprach: halt den Mund und fahr 
aus von ihm. und indem der Dämon ihn warf und aufschrie, 
fuhr er von ihm aus, ohne ihm zu schaden. '*ünd Staunen 
fiel auf alle, und sie redeten unter einander und sagten: was 
ist das für eine Rede! mit Vollmacht und mit Erfolg gebietet 
er den unreinen Geistern und sie fahren aus. '^ünd der Ruf 
von ihm drang nach allen Seiten der Umgegend. 

'^Aus der Synagoge aber machte er sich auf und kam 
in das Haus Simons. Simons Schwiegermutter aber war mit 
schwerem Fieber behaftet, und sie baten ihn ihretwegen. •• Cnd 
er ging über sie stehn und schalt das Fieber, und es verließ 
sie, und sogleich stand sie auf und bediente ihn. ^^Als aber 
die Sonne unterging, brachten Alle ihre Kranken mi^ncherlei 
Art zu ihm, und er heilte sie, indem er einem jeden die Hand 
auflegte. ^'Es fuhren auch Dämonen aus vielen aus, die 
schrien und sagten: du bist der Sohn Gottes! Und er schalt 
sie und ließ nicht zu, daß sie redeten ; denn sie wußten, daß 
er der Christus war. 

^'Als es aber Tag wurde, ging er hinaus an einen ein- 
samen Ort, und die Leute suchten ihn und gelangten zu ihm 
und wollten ihn festhalten. *'Er aber sagte zu ihnen: ich 
muß auch den andern Städten das Evangelium vom Reich 
Gottes verkünden, denn dazu bin ich gesandt. ** Und er sagte 
die Kunde in den Synagogen von Judäa. 

Die Übersiedlung von Nazareth nach Kapernaum ist bei Lc 
durch 4, 16—30 aufs beste motivirt. Daß er es für nötig hält, 
Kapernaum als eine Stadt in Galiläa zu bezeichnen, verdient Be- 
achtung; .die palästinische Geographie ist seinen Lesern fremd und 
ihm selber auch. Die Berufung der vier Menschenfischer (§ b) 
fehlt und wird durch 5, 1 — 11 ersetzt. In 4, 38 ist nur von Simon 
die Rede, der als bekannt gilt, nicht auch von Andreas. Daß 
Jesus früh morgens in der Einsamkeit beten will, wird in 4, 42 
übergangen. Dazu kommen noch einige andere Abweichungen von 
Mc. Die Lehre Jesu wird nicht mit der der Schriftgelehrten ver- 
glichen, und er faßt die kranke Frau nicht bei der Hand; der In- 



4,31-44.. 13 

halt des Evangeliums ist das Eeich Gottes, üvsüjia Saiftoviou dxa- 
OapTOü (4, 33) ist eine grammatische Harmonisirung der Varianten 
§ott;x6viov und irveöfta dxa&apxov, welche in D noch lose beieinander 
stehn. ^Er gebietet und sie fahren' aus" (4, 37) ist aramäische 
Redeweise; der Inhalt des Befehls ergibt sich aus der Ausführung. 
napaxp^jjAa (4, 39) sagt Lc für sü&uc. Judäa (4, 44) schließt bei 
ihm Galiläa ein; vgl. 1, 5. 6, 17. 7, 17 und D 23, 5. 

Erst mit 4, 31 hat das Evangelium Marcions begonnen: „Im 
15. Jahr des Kaisers Tiberius kam Jesus hinab nach Kapemaum." 
Das Vorhergehende fehlt. Nur nicht die Nazarethgeschichte (4, 16 
— 30), die jedoch erst nach 4, 39 folgt und zwischen 4, 39 und 
4, 40 gestellt wird — an eine vollkommen unmögliche Stelle; denn 
der Übergang von 4, 30 zu 4, 40 ist absurd, in 4, 40ss. kann nicht 
Nazareth die Szene sein, sondern nur Kapernaum. üsener (Weih- 
nachtsfest p. 80ss.) meint freilich, die Geschichte stünde dort besser, 
weil dann die Wirksamkeit in Kapernaum, worauf sie Bezug 
nehme, in der Tat vorausgehe. Aber es geht mit 4, 31 — 39 viel 
zu wenig voraus, um die Äußerung 4, 23 (angenommen, sie beziehe 
sich auf Vergangenes und nicht auf Zukünftiges) wirklich zu er- 
klären. Und wenn nun einmal der § 28 von Lc vorgerückt wurde, 
dann auch an einen prominenten Ort. Die ganze programmatische 
Bedeutung der Nazarethgeschichte bei Lc wäre dahin, wenn sie 
nicht zu Anfang stünde, als Ersatz von Mc. 1,15. Ebenso auch 
die Motivirung des Wohnungswechsels Jesu; das xaTfjXöev 4, 31 
setzt als Ausgangspunkt das hochgelegene Nazareth voraus. Also 
hat Marcion mit der Nazarethgeschichte bei Lc eine Umstellung 
vorgenommen, deren Motiv Usener richtig erkannt hat. Warum 
er alles übrige vor 4, 31 ausgelassen hat, läßt sich allerdings mit 
unseren Mitteln vielleicht nicht erklären. Aber ebenso wenig läßt 
sich begreifen, daß Lc die Einleitung des Mc abgeschnitten und 
daß ein anderer sie in so eigentümlicher Weise nachgetragen habe, 
wie es in Lc. 3, 1 — 4, 15 geschieht. Soll Lc vom Auftreten des 
Täufers überhaupt nichts gesagt haben? 

Lc. 5, 1-11. § 5. 

Als aber das Volk ihn umdrängte und das Wort Gottes 
hörte, während er am See Gennesar stand, 'sah er zwei Schifife 
am Ufer des Sees liegen ; die Fischer aber waren ausgestiegen 



14 II. 4, 16—7, 50. 

und wuschen ihre Netze. 'Da trat er in das eine Schiff, das 
Simon gehörte, und bat ihn ein wenig vom Lande auf zu 
fahren. Und er setzte sich und lehrte das Volk vom Schiff 
aus. *Wie er aber aufhörte zu reden, sagte er zu Simon: 
fahr hinaus auf das tiefe Wasser und senkt euer Netz zum 
Fang. *Simon antwortete: Meister, die ganze Nacht durch 
haben wir uns abgemüht und nichts gefangen, aber auf dein 
Wort will ich das Netz senken. ^Und sie 6ngen auf einen 
Zug eine Menge von Fischen, so daß das Netz zerriß. UJnd 
sie winkten ihren Genossen im andren Schiff herzukommen 
und mit Hand anzulegen, und sie kamen. Und sie luden beide 
Schiffe voll bis zum Sinken. •Als Simon das sah, fiel er 
Jesu zu Füßen und sagte: geh weg von mir, ich bin ein 
sündiger Mensch. 'Denn Staunen befing ihn und alle die mit 
ihm waren, ob des Fanges, den sie gemacht hatten, '° ebenso 
auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, welche 
Teilhaber Simons waren. Und Jesus sprach zu Simon: fürchte 
dich nicht, von nun an wirst du Menschen fischen, '^ünd sie 
führten die Schiffe an Land, verließen alles und folgten ihm. 
Dies ist eine spätere Variante von § 5 (Mc. 1, 16 — 20), ge- 
nau wie Lc. 4, 16 — 30 von § 28; Lc selber erkennt das an, indem 
er den § 5 an seiner Stelle ebenso ausläßt, wie den § 28 an der 
seinen. Bei Mc steht die Berufung der Menschenfischer völlig ab- 
rupt am Anfang der eigentlichen evangelischen Erzählung. Lc führt 
sie nicht so plötzlich ein, sondern bringt sie an etwas späterer 
Stelle, nachdem Jesus schon eine Weile in Kapernaum gewirkt 
hat, vergißt dabei jedoch seine Rückkehr von dem Ausfluge 
(4, 42 — 44) zu berichten. Er veranschaulicht den Spruch vom 
Menschenfischen durch einen vorhergehenden reichen Fang wirk- 
licher Fische. Der Spruch ist aber nicht an die vier Jünger ge- 
richtet, die bei ihm nirgends zum Vorschein kommen, sondern an 
Petrus allein, der hier noch stets Simon genannt wird. Petrus ist 
der eigentliche Vertreter des Aposteltums, bei Lc (^2, 32) nicht 
minder wie bei Mt, obwol im Vergleich zu Jesu nur ein sündiger 
Mensch (5, 8). Jakobus und Johannes treten hinter ihm zurück; 
Andreas wird garnicht erwähnt, er kommt bei Lc überhaupt nur 
im Katalog der Zwölf vor. Aus dem Spruch vom Menschenfischen 
ist die erweiterte Erzählung Lc. 5, 1 — U entstanden. Ihrerseits 
ist sie die Grundlage von Joa, 21, wo Johannes mit Petrus kon- 



5, 1-11. 15 

kurrirt. Das erhellt schlagend aus der Korrektur Joa. 21, 11. Bei 
Lc (5, 6) zerreißt das Netz, denn es ist trotz aller Vorbedeutung 
doch noch als wirkliches Netz gedacht; bei Joa zerreißt es nicht, 
denn es ist die christliche Kirche. Vgl. E. Schwartz, über den 
Tod der Söhne Zebedäi (Abh. der GGW VH 5, 1904) p. 50. 

5, 1. Sätze verschiedener Art, die mit xal ab-zi^ anfangen, kommen 
bei Lc 3ehr oft vor, namentlich nach xal i-^hzTo, werden aber häufig 
von D geändert, z. B. 8, 1. 22. Hier ist xal aöxöc ^ eatwc ein 
semitischer Zustandssatz, D gräzisiii richtig scjtwtoc aöroü. Ähnlich 
5, 17. 11, 14. 14, 1. 17, 11. 

5, 3. Gegen das volkstümliche oaov oaov in D kommt JXqov 
nicht auf. 

5, 4. 5. Der Wechsel des Numerus (du ihr, ich wir) erklärt 
sich leicht, da Petrus zwar die Hauptperson ist, aber Ruderer in 
seinem Schiff bei sich hat. ^ETridtaTa (und xüpts) sagen bei Lc die 
Jünger, StSa'axaXs die anderen. 

5, 6. Toüxo TToiTQaavTsc fehlt in D mit Recht. Es braucht nicht 
gesagt, es kann stillschweigend ergänzt werden. 

5, 10. In D wird nicht Petrus allein angeredet, sondern auch 
die andern Jünger — weil doch auch sie an dem Missionsberuf teil 
haben. Das ist Korrektur, trotz 5, 11. 

5, 11 schließt sich schlecht an, da in 5, 10 die Aufforderung 
zur Nachfolge (Mc. 1, 17) fehlt. Der Text lautet in D: o! hi 
dxoüaavTsc iravra xaTsXst^av ini tt]C if^jc xal i^x. aöttp. Wegen lirl 
T^c 7^c kann ira'vta nicht richtig sein; es muß nach Marcion in 
TÄ TrXoiapta verwandelt werden. Darnach verlassen also die Jünger 
nicht alles, sondern nur ihre Schiffe, wie Mc. 1, 18. 20. Das scheint 
das Ursprüngliche zu sein. Freilich spricht dagegen erstens, 
daß die Schiffe sich vorher auf hoher See befinden und zunächst 
aufs Trockene gebracht, werden müssen, ehe sie liegen gelassen 
werden können, zweitens, daß auch Levi bei Lc (5, 8) im Gegen- 
satz zu Mc. 2, 14 alles verläßt. Vgl. D zu Mc. 1, 18. 

§ 9. Lc. 5, 12-15. 

Und als er in einer von den Städten war, siehe da ein 
Mann voll Aussatz, wie der Jesus sah, warf er sich auf das 
Angesicht und bat ihn: Herr, wenn du willst, kannst du mich 
reinigen. "Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an 



16 11.4,16—7,50. 

und sagte: idh will, sei gereinigt! Und alsbald ging der Aus- 
satz von ihm weg. ^*Und er gebot ihm, es keinem zu sagen, 
„sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für die Rei- 
nigung ein Opfer, wie Moses verordnet hat, damit dies euch 
zum Zeugnis diene". '*Doch nur um so mehr verbreitete sich 
das Gerücht über ihn, und viele Leute liefen zusammen, zu 
hören und sich heilen zu lassen von ihren Krankheiten. Er 
aber zog sich zurück an einsame Orte und betete. 
Der Eingang von § 9 greift über 5, 1 — 11 (§ 5) hinweg zurück 
auf §8 = 4, 43. 44. Dort heißt es, Jesus habe in andern Städten 
und Synagogen, außerhalb von Kapernaum, gepredigt; und hier 
wird fortgefahren: als er in einer von diesen Städten war. Die 
sonderbare Heftigkeit, mit der Jesus bei Mc (1, 43) den Geheilten 
anfahrt, wird auch von Lc unterdrückt, wie von Mt. Am Schluß 
wird die in 4, 42 ausgelassene Angabe in etwas ungeschickter Ver- 
allgemeinerung nachgeholt, daß Jesus einsam zu beten pflegte; 
vgl. 6, 12. In 5, 14 bin ich der Variante von D gefolgt, s. zu 
Mc. 1, 44. Im Sinn unterscheiden sich äjitv und «ütoTc nicht, das 
öjitv schließt den Angeredeten unter die a6tof, d. h. die Juden, ein. 
Vgl. 21, 13. 

§ 10. Lc. 5, 17-26. 

Und eines Tages lehrte er, und Pharisäer und Gesetzes- 
lehrer saßen dabei, und die Leute von allen Dörfern aus Ga- 
liläa [und aus Judäa und Jerusalem] waren zusammen ge- 
kommen, und die Kraft des Herrn wirkte, daß er sie heilte — 
"siehe da erschienen Männer, die trugen auf einem Bette 
einen Menschen, der gelähmt war, und suchten ihn hinein- 
zubringen und vor ihm niederzusetzen. *®ünd da sie keine 
Möglichkeit fanden ihn hineinzubringen, wegen der Menge, 
stiegen sie auf das Dach und ließen ihn mitsamt dem Bette 
durch die Ziegel hinab auf den Platz vor Jesus. "^Und da er 
ihren Glauben sah, sprach er: Mensch, deine Sünden sind dir 
vergeben. *^Und die Schriftgelehrten und die Pharisäer be- 
gannen bei sich zu sprechen: wer ist der, daß er Lästerung 
redet! wer anders kann Sünden vergeben als allein Gott! 
''Jesus aber erkannte ihre Gedanken und antwortete ihnen: 
Was denkt ihr da bei euch? **Was ist leichter zu sagen: dir 



5, 17-26. 17 

sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: steh auf und wandle? 
'*Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Macht hat auf 
Erden Sünden zu vergeben, sagte er zu dem Gelähmten: ich 
sage dir, nimm dein Bett und geh nach Hause! **Und als- 
bald stand er auf vor ihren Augen, nahm sein Lager und 
ging nach Hause und pries Gott. *®Und alle wurden voll 
Furcht und sagten: wir haben heute Erstaunliches erlebt! 
5, 17. Der Schauplatz wechselt stillschweigend; denn die An- 
gabe Mc. 2, 1, daß Jesus nach einigen Tagen von den andern 
Städten wieder nach Kapernaum zurückgekehrt sei, fehlt; Lc ist 
gleichgiltig gegen das Itinerar. In D wird hier wie 5, 1 xal aiiic 
?jv SiSacjxwv gräzisirt in aöioü 6t8aaxovto?. Die folgenden Sätze 
hätten dann aber ebenso als vorbereitende Zustandssätze aufgefaßt 
werden müssen, so daß das anfangende xat i^^vsTo erst durch 5, 18 
ergänzt würde. Das relative of vor ^orav ih muß nach der Syra S. 
in xat verändert werden. Denn das Subjekt ist unbestimmt, es 
sind nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten, die nicht aus allen 
Dörfern zusammen gekommen sein können, sondern die Leute. Vor 
'loüoaiGc; müßte Ix ergänzt werden. Das ist schwierig. Zudem 
unterscheidet Lc sonst Judäa niemals von Galiläa. Man kann sich 
des Verdachtes nicht erwehren, daß aus Judäa und Jerusalem 
nachgetragen ist, es bezieht sich nicht auf die Leute im allgemeinen, 
sondern auf die Pharisäer und Schriftgelehrten. Letztere heißen 
nur hier vo|xo5tod(JxaXo!, öfter vofitxoi, meist ^pafipcxTeTir. K6pio^ 
wird Gott gewöhnlich nur in Zitaten aus dem A. T. genannt. 

5, 19. Lc hat statt des unmöglichen aTrecjt^Yacjav ttjv öts^yjv 
bei Mc das zu erwartende dvaßavTs^ IttI ih Scüjjia; vgl. zu Mc. 2, 4. 
Ob die Voraussetzung zutrifft, daß das Dach aus Ziegeln bestand, 
läßt sich bezweifeln. 

5, 20. Jesus redet den Kranken bei Lc „Mensch" an, nicht 
„mein Sohn", wie bei Mc (2, 5). 

5, 26. Die beiden ersten Sätze in B etc. überfüllen den Vers; 
sie fehlen in D und sind aus Mc. 2, 12 eingetragen. Lc hat das 
Preisen Gottes schon am Schluß von 5, 25 verwendet. 

§ 11. 12. Lc. 5, 27-39. 

Und darauf ging er aus und sah einen Zöllner namens 
Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: folg mir. *^Und er 

Wellhausen, Evang.Lucae. 2 



18 11.4,16-^7,50. 

verließ alles und folgte ihm. '^ünd Levi gab für ihn ein 
großes Gastmahl in seinem Hause, und es war ein großer 
Haufe von Zöllnern, die mit ihnen zu Tisch saßen. *°ünd 
die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten gegen seine 
Jünger und sagten: warum eßt und trinkt ihr mit den Zöllnern? 
'^ Jesus aber antwortete ihnen: die Gesunden bedürfen des 
Arztes nicht, sondern die Kranken; "ich bin nicht gekommen, 
Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße. 

*^Und sie sagten zu ihm: die Jünger Johannes fasten oft 
und halten Gebete [ebenso auch die der Pharisäer], deine 
Jünger aber tun nichts davon. "* Jesus sprach zu ihnen: Könnt 
ihr die Hochzeiter zum Fasten bringen, so lange sie den Bräu- 
tigam bei sich haben? **Es werden aber Tage kommen, und 
wenn dann der Bräutigam ihnen entrissen ist, so werden sie 
. fasten in jenen Tagen. *'Er sagte aber auch ein Gleichnis 
zu ihnen: Niemand reißt einen Lappen aus einem neuen 
Kleid und setzt ihn auf ein altes, sonst macht er einen Riß 
in das neue, und zu dem alten paßt der Lappen aus dem 
neuen nicht. '^Und niemand tut neuen Wein in alte Schläuche, 
sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und er wird ver- 
schüttet und die Schläuche werden verdorben. "Sondern 
neuen Wein muß man in neue Schläuche tun. ["Und nie- 
mand der alten getrunken hat, mag neuen; denn er sagt: der 
alte ist am besten.] 
5, 28. In der Syra S. fehlt dvacjxa'c, es stammt aus Mc. 2, 14. 
5, 29. 30. Met a&TÄv 5, 29 faßt die Jünger mit Jesu zu- 
sammen, der Plural tritt in diesem Fall öfters unvorbereitet für 
den Singular ein. Die Jünger sitzen mit zu Tisch und werden ge- 
fragt, warum sie selber mit den Sündern essen, nicht wie bei Mc, 
warum Jesus das tue. Im Sinaiticus fehlt xat aKkoiv 5, 29, zu- 
sammenhängend damit in D xat ajjLctpxcoXcüv 5, 30. In D fehlt auch 
aüTÄv 5, 30. 

5, 31. 'TYicttvovTec ist richtige Erklärung von Jj^^üovtsc CMc.2, 17), 
zu xaXsdat wird ek jiSTotvoiav ergänzt. 

5, 33. Lc hat den Text des Mc in ursprünglicherer Form 
erhalten, jedoch das hier beginnende neue Stück in zu engen Zu- 
sammenhang mit dem vorhergehenden gebracht: für o? 8s elTrav 
müßte gesagt sein xat etirav, das Subjekt sind nicht die Pharisäer, 
sondern die Leute. Über oixoi'w; xat ol i&v <J>, s. zu Mc. 2, 18; 



5, 27-39. 19 

Blaß streicht die Worte nach Marcion. Zu dem Kultusfasten fügt 
Lc auch das Kultusgebet hinzu, welches die Johannesjünger nach 
ihm (11, 1) früher hatten als die Christen. Hernach ist freilich 
auch bei Lc nur vom Fasten die Rede, nicht bloß in 5, 34. 35, 
sondern schon am Schluß von 5, 33: deine Jünger aber essen 
und trinken. Aber D bietet dafür: deine Jünger aber tun 
nichts davon. Diese allgemeine Negation konnte Späteren an- 
stößig erscheinen. 

5, 36. Lc macht hier nicht mit Unrecht einen Absatz, gegen 
Mc. 2, 21. Am Schluß sucht er die befremdliche Aussage, daß ein 
neuer Flicken auf einem alten Kleide nicht halte und den Riß nur 
ärger mache, rationeller zu gestalten. 

5, 39 paßt nicht an diese Stelle und fehlt in D und in mehreren 
alten Latinae. XpTjöTo^ ist komparativisch oder superlativisch zu 
verstehn. 

§ 13. 14. Lc. 6, 1-11. 

An einem Sabbat aber ging er durch ein Saatfeld, und 
seine Jünger rauften Ähren, zerrieben sie in der Hand und 
aßen. 'Da sagten einige Pharisäer: was tut ihr am Sabbat 
Unerlaubtes! 'Und Jesus antwortete ihnen: habt ihr nie ge- 
lesen, was David tat, als ihn und seine Gefährten hungerte? 
*wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote nahm 

' und aß und seinen Gefährten gab, die doch nur die Priester 
essen durften? *Und er sprach zu ihnen: der Menschensohn 
ist Herr [auch] des Sabbats. 

*An einem anderen Sabbat aber ging er in die Synagoge 
und lehrte. Und es war dort ein Mensch, dessen rechter Arm 
war starr. ^Und die Schriftgelehrten und Pharisäer paßten ihm 
auf, ob er am Sabbat heilen würde, um ihn anklagen zu 

' können. ®Er aber erkannte ihre Gedanken und sagte dem 
Mann mit dem starren Arm: steh auf und tritt vor. Und er 
stand auf und trat hin. *Und Jesus sprach zu ihnen: ich 
frage euch, ob man am Sabbat nicht lieber Gutes als Böses 
erweisen darf, lieber eine Seele retten als sie verkommen 
lassen? '^Und er sah sie alle ringsum an und sagte dann zu 
ihm: streck deinen- Arm aus! Und er tat es, und sein Arm 
war wieder hergestellt. '^Da wurden sie gan^ unsinnig und- 
beredeten mit einander, was sie Jesu tun sollten. 

2* 



20 11. 4, 16—7, 50. 

6, 1. Das l^evsTo zielt (ähnlich wie in 5, 1. 17) logisch erst 
auf die Aussage in 6, 2, die vorhergehenden Sätze schildern die 
Situation; in den Hss. wird die Konstruktion auf verschiedene 
Weise geglättet. Den Zusatz Seutepoirpcutcp in D hält man für un- 
echt, er beruht aber nicht bloß auf Versehen. Es muß einer von 
den Sabbaten des tempus clausum der Erntezeit zwischen Ostern 
und Pfingsten gemeint sein, vielleicht der erste nach dem Ostertage. 

6, 3. Für das unverständliche ouS^ toGxo liest D o6Ssi7ots. 
Vgl. zu 7, 9. 

6, 5. Das xat vor toü ootßßaTOü, das im Vaticanus fehlt, er- 
klärt sich nur aus der Prämisse Mc. 2, 27; s. zu der Stelle. Der 
Ausspruch ist bei Lc isolirt; denn mit 6, 3. 4 ließe er sich nur 
verbinden, wenn das xai vor 6 uioc x. d. stünde und es hieße: wie 
David, so auch der Messias. Daß Lc ebenso wie Mt den Messias 
unter dem Menschensohn verstanden hat, unterliegt keinem Zweifel. 
Eben deshalb kann er auch die Prämisse nicht brauchen, die nur 
paßt, wenn der Menschensohn hier der Mensch ist. — In D ist 
die Isolirung des Ausspruchs 6, 5 noch weiter getrieben. Er ist 
völlig von 6, 3. 4 getrennt und hinter 6, 10 gesetzt. Cnd auf 6, 4 
folgt zunächst noch etwas anderes. „Am selben Tage sah er einen 
am Sabbat arbeiten und sprach zu ihm: Mensch, wenn du weißt, 
was du tust, so bist du selig; sonst bist du verflucht und ein 
Übertreter des Gesetzes." Die Zeitbestimmung am selben Tage 
genügt, um dies als Nachtrag zu erweisen; der ursprüngliche Er- 
zähler hätte keine Veranlassung gehabt, die Einheit der Zeit fest- 
zuhalten, sondern wie in 6, 6 sagen können: abermals an einem 
Sabbat. Es ist freilich nach Mc richtig, daß Jesus sich nicht bloß 
selber, weil er der Messias war, die Befugnis zuschreibt, den Sabbat 
zu brechen« Sogar daß er das Arbeiten schlechthin am Sabbat 
gestattet, wenn es nur mit gutem Gewissen geschieht, geht nicht 
hinaus über den Grundsatz: der Mensch ist Herr über den Sabbat. 
Ob er aber praktisch diese Konsequenz gezogen haben würde, ist 
eine andere Frage. 

6, 6 — 11* Die Schriftgelehrten und Pharisäer treten an Stelle 
der Pharisäer und Herodianer bei Mc. 3, 6 und rücken an den 
Anfang, Lc erwähnt die Herodianer überhaupt nicht. Jesus kennt 
die Gedanken der Gegner, bevor er sie fragt. Ihr Schweigen auf 
seine Frage wird ausgelassen, ebenso sein Zorn; dagegen wird ihre 
unsinnige Wut zugesetzt. Die Hand (6, 6) ist die rechte, ebenso 



6, 1-19. 21 

das Ohr 22, 50 und das Auge Mt. 5, 29. Eigentümlich ungriechiscli 
ist die Parataxe 6, 6 und dvacfia^ eoty] 6, 8. In 6, 6 und 6, 10 
periodisirt D und ändert hier, wie anderswo, nach Mc und Mt. 

§ 15. 16. Lc. 6, 12-19. 

In jenen Tagen aber ging er aus auf einen Berg, um zu 
beten, und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott, 
^'ünd als es Tag wurde, rief er seine Jünger und wählte von 
ihnen zwölf aus, die er Apostel nannte, ^* Simon, dem er den 
Beinamen Petrus gab, und seinen Bruder Andreas, Jakobus 
und Johannes, Philippus und Bartholomäus, ''Matthäus und 
Thomas, Jakobus Alphäi und Simon den sogenannten Eiferer, 
'® Judas Jakobi und Judas Iskarioth, der ein Verräter wurde, 
^^ünd er ging hinab mit ihnen und blieb auf einer Ebene 
stehn, und (mit ihm war) ein Haufe von Jüngern und eine 
große itenge Volk, das aus ganz Judäa [und Jerusalem] und 
aus der Küstengegend von Tyrus und Sidon gekommen war, 
^®um ihn zu hören und sich von Krankheiten heilen zu lassen. 
Und die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt, 
'®und alles Volk suchte ihn anzurühren, denn eine Kraft ging 
von ihm aus und heilte alle. 

Bei Lc kommt § 15 hinter § liS zu stehn, als Vorbereitung 
für die große Predigt, wie Mt. 4, 23 — 25. Für den wichtigen Akt 
der Apostelberufung bereitet sich Jesus die ganze Nacht im Gebet 
auf dem Berge vor und vollzieht ihn morgens früh noch auf dem 
Berge. Der große Haufe der Jünger wird ausdrücklich von den 
Zwölfen unterschieden, hier und an anderen Stellen, während dieser 
Unterschied bei Mc und auch bei Mt noch nicht durchgeführt ist. 
Die Apostel scheinen paarweise geordnet zu werden, Andreas rückt 
an Petrus heran, und zuletzt kommen Judas Jacobi (wie in der 
Apostelgeschichte, statt Thaddäus) und Judas der Verräter (irpoSoTYjc 
statt TuapaStöoü?). Der Kananäer wird richtig durch der Zelot 
ersetzt. Die Aufzählung der Gegenden, woher die Menge zu- 
sammen geströmt sein soll, weicht von Mc. 3, 7. 8 ab, schwankt aber 
auch in der hs. Überlieferung des Lc. Judäa umfaßt Galiläa mit 
(zu 4, 44), und konsequenter Weise auch Peräa, welches also im 
Sinaiticus unrichtig zugefügt zu sein scheint. Zu Judäa in diesem 
weiteren Sinne paßt aber und Jerusalem nicht; es fehlt in D 



22 11. 4, 16—7, 50. 

und bei Marcion und ist auch in 5, 17 unecht. Die Nennung 
der Paralia, eines griechischen t. t., ist dagegen dem Lc wol zu- 
zutrauen und schlecht zu entbehren, da die Aufzählung von 5, 17 
überboten werden soll; das Gebiet von Tyrus und Sidon hängt eng 
mit Galiläa zusammen. Die verfrühte Vorbereitung der Gleichnis- 
reden vom Schiff aus (Mc. 3, 9) steht weder bei Lc noch bei Mt. 
Das Participium xat exXeSaftsvoc 6, 13 sollte Finitum sein. Um es 
zu erklären, setzt D IxaXsaev hinzu; sonst finden sich aber gerade in 
D mehrfach solche Partizipia, die sich ausnehmen wie verunglückte 
Anfänge einer griechischen Periodisirung, z. B* 9, 6. Auch in 6, 17 
ist der Satzbau im Griechischen unklar. 

Q*. Lc. 6, 20-49. Mt. 5, 1-12. 38-48. 7, 1-6. 15-27. 

Und er richtete seine Augen auf seine Jünger und sprach : 
Selig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes. '^ Selig ihr 
jetzt Hungrigen, denn ihr werdet satt werden. Selig ihr jetzt 
Weinenden, denn ihr werdet lachen. "Selig seid ihr, wenn 
euch die Leute hassen und ausschließen und euch in schlechten 
Ruf bringen wegen des Menschensohns. "Freut euch zu jener 
Zeit und hüpft; siehe euer Lohn ist groß im Himmel, denn 
ebenso haben ihre Väter den Propheten getan. 

**Doch wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost 
dahin. '* Wehe euch, ihr jetzt Satten, denn ihr werdet hungern. 
"Wehe euch, ihr jetzt Lachenden, denn ihr werdet trauern 
und weinen. ''Wehe euch, wenn euch die Leute schmeicheln, 
denn ebenso haben ihre Väter den falschen Propheten getan. 

"Aber euch Zuhörern sage ich: Liebt eure Feinde, tut 
wol denen, die euch hassen; "segnet die euch verfluchen, 
betet für die, die euch mishandeln. *°Wer dich auf die eine 
Wange schlägt, dem reiche auch die andere; und wer deinen 
Mantel nimmt, dem weigere auch den Rock nicht. '* Wer dich 
bittet, dem gib, und wenn dir einer das Deine nimmt, so 
fordre es nicht zurück von ihm. "Und wie ihr wollt, daß 
euch die Leute tun, ebenso tut ihnen. "Und wenn ihr die 
liebt, die euch lieben, was habt ihr für einen Dank? auch die 
Sünder lieben ihre Freunde. '*Und wenn ihr denen woltut, 
die euch woltun, was habt ihr für einen Dank? auch die 
Sünder tun das. ^*Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr 



6, 20-49. 23 

zu empfangen hofft, was habt ihr für einen Dank? auch die 
Sünder leihen den Sündern, um zu empfangen. ^* Sondern 
liebt eure Feinde und tut ihnen wol, und leiht ohne Gegen- 
hoffnung, so wird euer Lohn groß, und ihr werdet Söhne des 
Höchsten sein. Denn er ist gütig gegen die Undankbaren 
und Bösen. 

"Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist; '^richtet 
nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Verurteilt nicht, so werdet 
ihr nicht verurteilt; sprecht frei, so werdet ihr freigesprochen. 
^'Gebt, so wird euch gegeben. [Ein gutes, gestopftes, ge- 
rütteltes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß 
geben. Denn] mit dem Maß, damit ihr meßt, wird euch 
wieder gemessen werden. 

*^Er sagte ihnen auch ein Gleichnis: Kann wol ein Blinder 
einen Blinden führen? werden sie nicht beide in die Grube 
fallen? *^Kein Jünger, geht über den Meister; ist er ganz 
vollendet, so gleicht er seinem Meister. *'Was siehst du den 
Splitter in deines Bruders Auge, den Balken aber im eigenen 
Auge bemerkst du nicht? **Wie kannst du deinem Bruder 
sagen : Bruder, laß mich den Splitter aus deinem Auge schaffen 
— während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? 
Heuchler, schaff zuerst den Balken aus deinem Auge, und 
dann magst du sehen, den Splitter im Auge deines Bruders 
herauszuschaffen. 

"Kein guter Baum ist, der schlechte Frucht bringt, und 
kein schlechter Baum, der gute Frucht bringt. Jeder Baum 
wird an seiner Frucht erkannt. **Denn man liest von Disteln 
keine Feigen, und vom Dornbusch pflückt man keine Trauben, 
*'Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens 
das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse 
hervor; denn, wovon das Herz überfließt, daraus redet der Mund. 

*^Was nennt ihr mich: Herr, Herr! und tut nicht was . 
ich sage? *^Wer zu mir kommt und meine Worte hört und 
tut, will ich euch sagen, wem der gleicht: **[er gleicht] einem 
hausbauenden Mann, der tief grub und auf den Fels Grund 
legte; als nun Hochwasser kam, fuhr der Strom gegen das 
Haus, konnte es aber nicht erschüttern, [weil es gut gebaut 
war]. *°Wer aber hört und nicht tut, gleicht einem Mann, 
der ein Haus auf Land ohne Baugrund setzte; und als dagegen 



24 11. 4, 16—7,50. 

der Strom fuhr, fiel es ein, und es gab einen großen Zusammen- 
bruch bei dem Hause. 

Jesus hat die Apostel wie in Mc § 16 auf einem Berge be- 
rufen, ist dann aber zur Ebene hinabgestiegen (6, 17). Etwa bloß, 
weil 6, 17 — 19 dem § 15 des Mc entspricht und dort das Seeufer 
die Szene ist? Lc ist sonst in den Ortsangaben durchaus nicht 
so gewissenhaft. Der Szenenwechsel hat mehr zu besagen, deshalb 
wird er so ausdrücklich hervorgehoben. Der Berg bedeutet eine 
gewisse Absonderung, die Ebene dagegen eine größere Öfifentlichkeit. 
Auf dem Berge ist Jesus mit seinen Jüngern allein, auf der Ebene 
kommt das Volk hinzu, das bei der folgenden Predigt auch mit 
zugegen sein soll (zu Mt. 5, 1)» Zunächst richtet sich dieselbe 
freilich an die Jünger. Auf sie richtet Jesus den Blick (6, 20) 
und sie redet er mit 6fj.eic an. — Die Verse der Berg- oder viel- 
mehr Feldpredigt bei Lc (von 6, 27 an) enthalten meist Distichen oder 
Tetrastichen, daneben einzelne Tristichen. Doch kommt auch Prosa 
vor. Bei Mt läßt sich der Parallelismus der Glieder in den Sprüchen 
weit weniger deutlich erkennen. Und nicht bloß formell, sondern 
auch inhaltlich scheint der Text des Lc im Ganzen ursprünglicher 
zu sein, als der des Mt. 

6, 20—23 (Mt. 5, 1—12). Das Reich Gottes bringt eine große 
Umwälzung mit sich, die Letzten werden die Ersten sein. Die 
Makarismen sind kürzer und frischer, weniger biblisch und geistlich 
als bei Mt. Die Anrede mit Ihr geht von Anfang an durch. 
Das vuv 6, 20—21 stört. In 6, 22 wird xal iveiSfatüatv von Blaß 
gestrichen, weil es in einem Zitat des Clemens AI. fehlt und in D 
an anderer Stelle steht. Es ist in der Tat Interpretamen t und 
zwar richtiges Interpretament zu ixßaXoDCJtv xb ovofia. Denn das ist 
eigentlich die biblische Redensart: „einem einen schlechten Namen 
ausbringen" (d. h. verbreiten, vgl. ISr^XÖev Mc. 1, 28 Lc. 7, 17), 
die wörtlicher zu übersetzen gewesen wäre : Ixß. öjiiv ovojia irovrjpov. 
„Wegen des Menschensohns" würde bei Mc heißen: wegen meiner 
und des Evangeliums. In 6,23 bezieht sich zu jener Zeit auf 
die Zeit der Verfolgungen, die Jesus vorausnimmt. Lc hat „ihre 
Vorfahren" gelesen, als Subjekt des Verbs; Mt „eure Vorfahren", 
als Apposition zu den Propheten. Die Differenz ist daq'damaihon 
(oJ iraxspsc a&iÄv) und daq'damaikon (lou? irpo 6[X(i)v). 

6, 24 — 26. Die mechanische Antithese fehlt mit Recht bei Mt. 
Die Anrede der Abwesenden in zweiter Person stört und nötigt 



6,20-49. 25 

dazu, hinterher in 6, 27 ausdrücklich mit dXkd hervorzuheben, daß 
nun das Ihr sich wieder an die Zuhörer, d. h. die Jünger, richte. 
Der Trost ist das Reich Gottes, erst bei Joa der heilige Geist. 

6, 27—35 (Mt. 5, 39—47). Der lose Spruch 6, 31 ist anders 
gestellt als bei Mt (7, 12). Die Verse 32. 33. 34 sind Tristiche, 
dagegen 35 wieder Tetrastich. Der Kausalsatz am Schluß von 
6, 35 hängt über und ist wol nachgetragen, um auf 6, 36 über- 
zuleiten. Wenn man von ihm absieht, so geht ütol (i^iaioo nicht 
auf die moralische Ähnlichkeit mit Gott, sondern auf den zukünftigen 
Lohn, nach dem vorhergehenden fxta&öc itoXü?; vgl. Lc. 20, 36. 
Mt. 5, 9. Sapient. 5, 5. Der Ausdruck tj^ia-zo^y ohne 6 Oeoc und 
ohne Artikel, findet sich nur bei Lc, dreimal im ersten Kapitel 
des Evangeliums und einmal in der Apostelgeschichte. 

6, 36—38 (Mt. 5, 48. 7, 1—6). „Euer Vater« bei Lc nur hier 
und 12, 30. 32 (11, 2. 13). In der Regel ist das Korrelat zum 
Vater bei Lc der Sohn d. i. Jesus, wie bei Joa. Richtet nicht 
(6, 37) wird erklärt: verurteilt nicht, sondern sprecht frei; also im 
Sinne von Joa. 8, 1 — 11. Mt deutet den Spruch nach 6, 41, welcher 
Vers bei ihm unmittelbar darauf folgt, aber bei Lc ganz davon 
getrennt ist. In 6, 38 bezieht Lc das Maß nicht wie Mt auf das 
Richten, sondern auf das Geben, so daß zwischen 6, 38 und 6, 37 
keine engere Verbindung besteht. Der mittlere Satz ist ungegliedert 
und weist eine ungeheuerliche Häufung von Attributen auf, zwei 
davon fehlen in der Syra S. Die Redensart „in den Busen (d. h. 
in den Bausch des Kleides) messen", ist biblisch (Isa. 65,7. Ps.79,12). 
Der Zusammenhang Mt. 7, 1 — 6 ist anders und straffer; die losere 
Aufreihung bei Lc möchte aber dem Ursprünglichen näher kommen. 

6, 39—42 (Mt. 7, 1 —6). Der Spruch 6, 39 steht bei Mt. (15, 14. 
23, 16) außerhalb der Bergpredigt und richtet sich gegen die Schrift- 
gelehrten; auch 6,40 steht bei Mt (10, 25) an anderer Stelle. Die 
Ideenassoziation zwischen 6, 39 und 6, 40 bei Lc scheint zu sein: 
ein Blinder ist kein Wegweiser (d. i. Lehrer), und ein Schüler 
kein Meister — eine Autorität außer Jesus gibt es nicht, nur die 
vollkommene Übereinstimmung mit ihm verbürgt die Autorität 
eines Lehrers in der christlichen Gemeinde. Uäz (6, 40) ist kulleh 
und adverbial zu übersetzen. Die Verbindung von 6, 41s. mit 
6, 37 s. bei Mt ist logisch sehr gut, darum aber noch nicht authentisch. 

6, 43—45 steht bei Mt. 7, 15 — 18 an der selben Stelle, im 
Wortlaut entsprechender aber Mt. 12, 33 — 35 an anderer Stelle; 



26 11. 4, 16-7, 50. 

die ursprüngliche Gleichheit der beiden Passus läßt sich nicht 
verkennen. Der Schatz des Herzens kommt auch bei Lc (12, 34) 
noch einmal vor, wie bei Mt (6, 21). 

6, 46—49 (Mt. 7, 21—27). Der Eingang 6, 46 ist bei Mt 
(7, 21 — 23) stark erweitert. Das Gleichnis ist bei Lc anschaulicher 
und die Beziehung auf verschiedenwertige Mitglieder der christlichen 
Gemeinde deutlicher. Der Schluß von 6, 48 fehlt in der Syra S., 
auch der Anfang (wie in Mt. 13, 33). 



Q*. Lc. 7, 1-10. Mt. 8, 5-10. 

Und als er alle Worte vollendet hatte, so daß (auch) das 
Volk sie hörte, ging er nach Kapernaum hinein. 'Eines Haupt- 
manns Knecht aber, auf den er viel hielt, war krank und am 
Sterben. 'Und da er von Jesu hörte, ließ er ihn durch die 
Ältesten der Juden bitten, er möchte kommen und seinen 
Knecht gesund machen. ^Und sie erschienen bei Jesus, baten 
ihn angelegentlich und sagten: er verdient, daß du ihm das 
gewährst; *denn er will unserem Volke wol, und die Synagoge 
hat er uns gebaut. ®Da ging er mit. Als er aber nicht 
mehr weit von dem Hause war, ließ ihm der Hauptmann 
durch Freunde sagen: Herr, bemüh dich nicht, denn ich 
bin nicht wert, daß du unter mein Dach tretest, ^[weshalb 
ich mich auch selber nicht für würdig gehalten habe, zu dir 
zu kommen], sondern sprich nur ein Wort, so wird mein 
Knecht genesen. ^Denn auch ich, ein Mensch unter Befehl, 
habe Kriegsleute unter mir, und sage ich zu diesem: geh, so 
geht er, und zu einem anderen: komm, so kommt er, und 
zu meinem Knecht: tu das, so tut er es. ^Als Jesus das 
hörte, wunderte er sich über ihn, wandte sich und sprach 
zu dem Volk, das ihn geleitete: ich sage euch, nie habe 
ich solchen Glauben gefunden in Israel. *°Und als die Ab- 
gesandten in das Haus zurückkehrten, fanden sie den Knecht 
gesund. 

7, 1. 2. Bei Lc ist es kaum m«hr zu erkennen, daß gerade, 
als Jesus von einem großen Haufen (7, 9) begleitet in Kapernaum 
eintritt, ihm die Bitte des Hauptmanns vorgetragen wird. 'EttsiSt] 
7, 1 ist unhaltbar; D hat xal i^evcxo Ste. 



7, 1—17. 27 

7, 3 SS. Der Hauptmann kommt bei Lc nicht selber, was 
durch das in D fehlende Interpretament zu Anfang von 7, 7 motivirt 
wird. Er sendet zunächst die jüdische Behörde an Jesus, der 
mit x6pie angeredet wird, sodann seine Freunde. Diese reden, als 
wenn sie die Bestellung auswendig gelernt hätten, ihre Worte passen 
nur in den Mund des Hauptmanns selber, wie bei Mt. Auf Lc 
hat der § 27 eingewirkt, wo die Leute des Jairus hinter ihm her- 
schicken und sagen, er solle den Meister nicht in sein Haus be- 
mühen. Bemerkenswert ist iXO(ov in 7, 3: Jesus wird anfangs 
doch gebeten, er solle kommen. Dadurch wird die Auffassung 
von Mt. 8, 6 als Frage bestätigt. Bei Lc sträubt sich Jesus aber 
nicht. Für lab-fixo} 7, 7 liest D das Futurum. 

7, 9. Es liegt hier eine ähnliche Variante vor wie in 6, 3. 
Die gewöhnliche Lesart ist: nicht einmal in Israel habe ich solchen 
Glauben gefunden. Dadurch soll scharf hervorgehoben werden, 
daß der Hauptmann ein Heide sei. Aber D liest oöSsiroxe und 
stellt Iv T(j) Icrp. ans Eode. Darnach habe ich übersetzt. Den 
Spruch, daß die Heiden die Juden ausstechen (Mt. 8, 11. 12), hat 
Lc nicht an dieser Stelle, sondern an anderer (13, 28. 29). 

Lc. 7, 11-17. 

Und demnächst wanderte er nach einer Stadt mit Namen 
Nain und mit ihm seine Jünger und viel Volk. *^Wie er 
nun nahe bei dem Tor der Stadt war, da wurde ein Toter 
zu Grabe getragen, der einzige Sohn seiner Mutter, einer 
Witwe, und ein zahlreicher Haufe aus der Stadt war dabei. 
'*ßei dem Anblick hatte er Mitleid mit ihr und sagte: weine 
nicht! ^*Und er trat an den Sarg, berührte ihn — die Träger 
machten Halt — und sprach: Jüngling, ich sage dir, wach auf! 
^*Und der Tote richtete sich auf und saß und begann zu 
reden, und er gab ihn seiner Mutter. ^*Und Furcht kam alle 
an, und sie priesen Gott und sagten: ein großer Prophet ist 
unter uns erstanden und Gott hat sich nach seinem Volke 
umgesehen. "Und diese Rede verbreitete sich über ihn in 
ganz Judäa und überall in der Umgegend. 

7, 11. Dieses Beispiel einer Totenerweckung, vor vielen Zeugen, 
auf öflFentlicher Straße, findet sich nur bei Lc; er setzt es hierher 
wegen 7, 22, aus dem gleichen Grunde, weshalb Mt den § 27 



28 n. 4, 16-7, 50. 

(Mt. 9, 18 — 26) vorschiebt» Nain wird wie Kana und Chorazin 
von Mc nicht erwähnt. Es liegt ziemlich weit ab von Kapernaüm 

— was dem Lc schwerlich bewußt ist. T<p Ktjc (vgl. 8, 1) scheint 
allgemeineren Sinn zu haben als t^ S. 

7, 12. Es ist xal oi!>Tq zu schreiben (2, 37. 8, 42), wie xal 
aÜToc (5, 1. 17 usw.); aüTT^ ist stilwidrig. D gräzisirt: yjQpa o'janQ. 

7, 13. Der Nominativ 6 x6pto? für Jesus kommt bei Mc nie, 
bei Lc häufig vor. Aber die Hss. schwanken dabei und namentlich 
in D fehlt 6 x6pioc öfters; die Syra S. setzt es in Mt. 8, 1 — 11, 1 
regelmäßig ein. 

7, 14. Der Sarg wird offen getragen und das obere Brett erst 
bei der Einsenkung darauf geschlagen. Nach jüdischer Sitte wurde 
aber die Leiche in Zeug gewickelt und auf einer Bahre zu Grabe 
getragen; so auch Jos. Ant. 17, 197 s. und Vita 323. Ein Sarg 
wird nur ausnahmsweise erwähnt (Gen. 50, 26. Jos. Ant. 15, 6. 46). 

— Jesus berührt nach unserem griechischen Text den Sarg, und 
nur zu dem Zweck, daß die Träger stehn bleiben. Nach der ur- 
sprünglichen Meinung wird er aber den Toten berührt haben; 
die Heilung durch arp-q soll vermieden werden. Aphraates (ed. 
Wright p. 165) hat veavi'axs doppelt gelesen und daran eine merk- 
würdige Theorie geknüpft. 

Q*. 7, 18-35. Mt. 11, 1-19. 

Und dem Johannes berichteten seine Jünger von all dem. 
Und er rief zwei seiner Jünger zu sich und sagte: *'geht, fragt 
ihn: bist du der kommende Mann, oder sollen wir auf einen 
andern warten? '°ünd die Männer erschienen bei Jesus und 
sagten: Johannes der Täufer läßt dir durch uns sagen: bist 
du der kommende Mann oder sollen wir auf einen anderen 
warten? ''Zu jener Stunde heilte er viele von Krankheiten 
und Plagen und bösen Geistern, und Blinden verlieh er zu 
sehen. "Und er antwortete und sprach zu ihnen: geht und 
meldet Johannes, was ihr seht und hört. Blinde sehen wieder, 
Lahme gehn. Aussätzige werden rein und Stumme hören, Tote 
stehn auf, Arme empfangen frohe Botschaft; "und selig ist, 
wer nicht an mir Anstoß nimmt. 

'*Als aber die Boten Johannes' weggegangen waren, be- 
gann er dem Volk zu sagen über Johannes: Wozu seid ihr 



7,18-35. 29 

hinaus in die Wüste gegangen? ein Rohr zu schauen, das im 
Winde schwankt? ''*Oder wozu seid ihr ausgegangen? einen 
Menschen mit weichen Kleidern angetan zu sehen? die Leute, 
die prächtige Kleider tragen und üppig leben, sind an den 
Königshöfen. "Oder wozu seid ihr ausgegangen? einen Pro- 
pheten zu sehen? ja, ich sage euch, mehr noch als ein Pro- 
phet ist dieser, *Won dem geschrieben steht: siehe, ich sende 
deinen Boten vor dir her, der dir den Weg bereiten soll. 
''Ich sage euch: größer unter den Weibgeborenen als Johannes 
ist niemand, jedoch der Kleinste im Reiche Gottes ist größer 
als er. "Und das ganze Volk, hörend, und auch die Zöllner 
gaben Gott Recht und ließen sich mit der Taufe Johannes 
taufen, ^^'aber die Pharisäer und Gesetzeslehrer verwarfen den 
Ratschluß Gottes für sich und wollten sich nicht von ihm 
taufen lassen. ^'Wem soll ich nun die Menschen dieses Ge- 
schlechtes vergleichen, und wem gleichen sie? "Sie gleichen 
Kindern, die auf der Straße sitzen und einander zurufen: wir 
haben gepfiffen und ihr habt nicht getanzt; wir haben geklagt 
und ihr habt nicht auf die Brust geschlagen. "Denn Johannes 
[der Täufer] ist gekommen, nicht Brot essend und nicht Wein 
trinkend, da sagt ihr: er ist besessen. '*Der Menschensohn 
ist gekommen, essend und trinkend, da sagt ihr: es ist ein 
Fresser und Säufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern. 
"Und so ist die Weisheit gerechtfertigt vor ihren Kindern. 
7, 18. Lc hat dies Stück mit Recht vor der Aussendung der 
Apostel; übrigens stimmt er darin mitMt(ll, Iss.) stark fiberein, 
auch im griechischen Wortlaut. Johannes gilt als bekannt und 
wird nicht einmal der Täufer genannt. Also ist 3, 1 — 17 voraus- 
gesetzt und auch 3, 18 — 20, so daß Johannes im Gefängnis zu 
denken ist (gegen Usener). Daß er dort von seinen Angehörigen 
besucht wird, entspricht der orientalischen Sitte. 

7, 21 ist ein pragmatischer Zusatz, wodurch Lc dem Worte 
„was ihr seht und hört" (7, 22) eine Unterlage geben will; s. zu 
Mt. 11, 5. 

7, 24. Tt kann bei Lc sowol warum als was bedeuten. 
7, 28. Mt (11, 11) sagt: kein Größerer ist bisher erstanden 
als Johannes. Lc bringt durch Vereinfachung der Aussage einen 
Widerspruch hinein, den D durch Einschiebung von Ttpo^T^xTjc ver- 
geblich zu heben sucht. 



30 H. 4, 16-7, 50. 

7, 29. 30. Aa stelle des Einschubs Mt. 11, 12—15 (= Lc.'l6, 16) 
steht bei Lc hier ein anderer Einschub (=Mt. 21, 32 J, der noch 
weniger paßt. Die beiden Verse enthalten eigentlich Erzählung. 
Sie sind aber in die Rede Jesu eingefügt; was dann dxouaac heißen 
soll (gehorsam?), ist unklar. „Sie gaben Gott Recht** (7,29) wird 
durch die Antithese im folgenden Verse erklärt: sie erkannten in 
der Sendung Johannes' einen göttlichen Beschluß an, dem sie Folge 
leisteten. In dieser Antithese (7, 30) läßt sich e(c kauxo6<; (fehlt 
in D) schlecht verstehn; soll es einfach ihrerseits bedeuten? oder: 
sie erkannten den Beschluß Gottes nicht als sie angehend an? 
Der Ausdruck Taufe Johannes' klingt so, als ob es damals be- 
reits auch eine christliche Taufe gegeben habe. 

7, 31. Lc läßt die Rede ununterbrochen fortgehn, ohne einen 
Einschnitt zu machen. 

7, 32. D liest richtig Xe^oviec. Durch Xs^ovia soll das an- 
stößige Genus und durch a Xe^ouji dann auch noch der anstößige 
Kasus beseitigt werden. 

7, 35. Täv t^xvüüv ist richtig, aber nicht Ttrfvxoov, welches in 
D und anderen Zeugen fehlt; s. zu Mt. 11, 18. 19. 

Lc. 7, 36-50. § 70. 

Ein Pharisäer aber bat ihn, er möchte mit ihm essen, 
und er ging in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu 
Tisch. "Da erfuhr ein Weib in der Stadt, eine Sünderin, daß 
er bei dem Pharisäer zu Tisch war. Und sie beschaffte ein 
- Glas mit Balsam *®und trat weinend hinten zu seinen Füßen 
und netzte seine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit 
dem Haar ihres Hauptes und küßte seine Füße und salbte sie 
mit dem Balsam; '^Als nun der Pharisäer [der ihn eingeladet 
hatte] das sah, sprach er bei sich selber: wenn dieser ein 
Prophet wäre, so wüßte er, wer und was für eine diese ist 
[denn sie ist eine Sünderin]. *®Und Jesus hub an und sprach 
zu. ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er sagte:- sprich, 
Meister! *^Er sprach: Ein Darleiher hatte zwei Schuldner, 
der eine schuldete ihm fünfhundert Silberlinge, der andere 
fünfzig.. **Da sie nun nicht zahlen konnten, schenkte er es 
beiden. Welcher von ihnen wird ihn nun am meisten lieben? 



. 7,36-^50.. 31 

*'Simon autwortete: ich denke deiy dem er das meiste geschenkt 
hat. Er sagte: du urteilst richtig. "Und zu dem Weibe ge- 
wandt, sprach er zu Simoti: Du siehst das Weib da — ich 
bin in dein Haus gekommen, kein Wasser hast du mir auf 
die Füße gegeben, sie aber hat meine Füße genetzt mit ihi'en 
Tränen und sie getrocknet mit ihrem Haar. **Keinen Kuß 
hast du mir gegeben, sie aber hat, seit sie hereinkam, nicht 
aufgehört meine Füße zu küssen. **Mit Öl mein Haupt hast 
dn nicht gesalbt, sie aber hat meine Füße gesalbt mit Balsam. 
*^Darum, sage ich dir, ihr ist viel erlassen, weil sie viel ge- 
liebt hat, [wem aber wenig erlassen wird, der liebt wenig]. 
*^Und er sagte zu ihr: dir sind die Sünden erlassen. *^Und 
die Tischgäste begannen bei sich zu sprechen: wer ist der, daß 
er sogar Sünden erläßt! *^Er aber sagte zu dem Weibe: dein 
Glaube hat dich gerettet, geh in Frieden! 
7, 36. 37. Die hier beginnende Geschichte ist eine Umgestaltung 
von § 70 (Mc. 14, 3—9). Die Stadt (7, 37) wird nicht genannt, 
um die Lokalität kümmert sich Lc wenig. Die Szene ist aber die 
selbe wie in § 70; das anonyme Weib, das bei einem Gastmahl 
eindringt und Jesus mit einem dXaßaaTpov fjLupou salbt, kehrt wieder, 
und auch der Name des Gastgebers, Simon. Wir haben hier also 
ein weiteres Beispiel zu 4, 16 ss. 5, Iss. Und auch in diesem Fallfe 
hat die Umgestaltung das Original bei Lc verdrängt; der § 70 fehlt 
an seiner Stelle, zwischen Lc. 22, 2 und 22, 3. — Auch in 11, 37, 
14, 1 ist Jesus bei einem Pharisäer zu Tisch; das Erscheinen von 
ungeladeten Personen bei einer solchen Gelegenheit acheint nichts 
auffälliges zu haben (Mc. 2, 16. 14, 3. Lc. 14, 2) — wir würden 
uns über das Eindringen einer Dirne- in eine wenn auch nur aus 
Männern bestehende Gesellschaft noch ganz anders entsetzen als 
der Pharisäer. 

7, 38. Vorn ist der Kopf, hinten sind die Füße. Es könnte 
auch unten gesagt sein; indessen Jesus steht oder sitzt nicht, son- 
dern er liegt. 

7, 39. Die eingeklammerten Sätze sind Interpretamente. Das 
erste fehlt in der Syropalästina, das zweite in D. 

7, 40—46. Jülicher hat erkannt, daß das Gleichnis 7, 41 — 43 
und der darauf folgende, neu eingeleitete Passus 7, 44 — 46 inner- 
lich nicht zusammengehören. Das Gleichnis ist wertvoller, darum 
aber noch nicht ursprünglicher an dieser Stelle, 



32 11.4,16—7,50. 

7, 47. In D heißt es einfach: dcpecoviat aorj iroXXa. Weil 
der Plural des Verbs für neutrales Subjekt sich nicht gehört, ist 
TToXXd in at a.aapTtat ai izoXkai verändert, aber nicht verbessert. 
Die ganze zweite Hälfte von 7, 47 (von oti an) fehlt in D, aber 
damit die Moral des Ganzen. Freilich bietet diese Moral Schwierig- 
keiten. Richtet man sich nach dem Gleichnis (7, 41 — 43), so 
würde der Sinn sein: ihr ist viel vergeben, das zeigt sich daran, 
daß sie viel geliebt hat. Dann wäre also die Vergebung das Prius 
und die Liebe das Posterius. Aber das erzählte Faktum hat mehr 
Anrecht berücksichtigt zu werden als das Gleichnis, denn die Moral 
ist doch eben durch dieses Faktum veranlaßt. Richtet man sich 
nun nach der eigentlichen Erzählung (7, 36 — 38), deren bezeich- 
nende Züge unmittelbar vor der Moral noch einmal rekapitulirt 
werden (7, 44 — 46), so geht die Liebe der Vergebung voraus, und 
man muß verstehn: wegen der großen Liebe, die sie bewiesen hat^ 
ist ihr viel vergeben. Dies Verständnis liegt überhaupt am nächsten 
und wird auch durch das Präteritum i^-ifditifjaev gefordert. Man muß 
dann das Gleichnis (7, 41 — 43) als später eingetragen betrachten, 
und ebenso auch das davon abhängige antithetische Eorrolarium 
in 7, 47: wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 

Eine ähnliche Geschichte wird dem arabischen Propheten in 
(Jen Mund gelegt. „Eine fahrende Dirne (mumisa == jiTjao^) kam 
vorbei bei einem Hunde, der lechzend und verkommend am Rande 
eines Brunnens lag — da zog sie ihren Schuh aus, band ihn an ihre 
Kopfbinde und schöpfte darin Wasser für den Hund: darum sind 
ihr ihre Sünden vergeben." Hier ist das Objekt der Liebe gleich- 
giltig, ein Hund genügt Dagegen in Lc. 7, 36ss. handelt es sich 
nach dem Vorbilde von Mc, J.4, 3 — 9 speziell um Liebe, die der 
Person Jesu erwiesen wird. In dem Spruch 7, 47 tritt das freilich 
nicht hervor. 

7, 48 — 50. Mit der Moral 7, 47 müßte die Erzählung schließen. 
Schon der Vers 48 hängt über, und in höherem Grade noch die 
beiden folgenden Verse (Jülicher). In 7, 50 wird 7, 48 bestätigt, 
jedoch mit eigentümlicher Modifikation: die Sündenvergebung er- 
folgt nicht wegen der Liebe^ sondern wegen des Glaubens. Das 
mutet an dieser Stelle paulinisch an. Von Paulinismus ist sonst 
bei Lc wenig zu finden, auch nicht in 7, 36 — 47, wenn man von 
7, 41 — 43 und von dem Korrolarium in 7, 47 absieht, worin mög- 
licherweise seine Einwirkung gespürt werden könnte. 



33 



IIL Lc. 8, 1-9, 50. 

§ 19-21. § 18. Lc. 8, 1-21. 

Und in der Folge wanderte er von Stadt zu Stadt und 
von Dorf zu Dorf, predigend und das Reich Gottes ankündigend, 
und mit ihm die Zwölfe 'und auch einige Frauen, die von 
bösen Geistern und Krankheiten geheilt waren, Maria genannt 
Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, 'und 
Johanna, die Frau von Herodes' Verwalter Chuza, und Su- 
sanna und viele andere, die aus ihrem Vermögen für seinen 
Unterhalt sorgten. 

*Da nun viel Volk zusammenkam und Leute aus allen 
Ortschaften ihm zuliefen, sprach er im Gleichnis: Ein Säemann 
ging aus, zu säen seinen Samen. *Und beim Säen fiel etliches 
den Weg entlang und ward zertreten und die Vögel fraßen es 
auf. *Und anderes fiel auf das Gestein, und nachdem es auf- 
gegangen war, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 
^Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen gingen 
mit auf und erstickten es. *ünd anderes fiel auf das gute 
Land und ging auf und trug hundertfältige Frucht. Als er 
das gesagt hatte, rief er: wer Ohren hat zu hören, höre. 

^Seine Jünger aber fragten ihn, was dies Gleichnis sein 
sollte. ^°Er sprach: Euch ist gegeben, die Geheimnisse des 
Eeiches Gottes zu erkennen; den anderen aber (werden sie 
mitgeteilt) in Gleichnissen, damit sie sehend nicht sehen und 
hörend nicht verstehn. **Dies aber ist das Gleichnis. Der 
Same ist das Wort Gottes. "Die am Wege, das sind die, die 
es hören, dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus 
ihrem Herzen weg, daß sie nicht glauben und gerettet werden. 
*'Die auf dem Gestein, das sind die, die das W^ort, wenn sie 
es hören, mit Freuden aufnehmen, sie haben aber keine Wurzel, 
sondern glauben nach Zeit und Umständen und zur Zeit der 
Versuchung fallen sie ab. Das unter die Dornen gefallene, 
sind die, die da hören, und dann gehn sie und lassen sich er- 
sticken von den Sorgen des Reichtums und den Genüssen des 
Lebens und bringen es nicht zur Reife. ^'^Das in dem schönen 
Lande sind die, die das Wort hören und in einem guten Herzen 
festhalten und. Frucht bringen in Geduld. 

Wellhauseu, Evaug. Lucac. 3 



34 in. 8, 1-9, 50. 

'^Niemand aber bedeckt ein aogezündetes Licht mit einem 
Gefäß oder stellt es unter ein Bett, sondern auf einen Leuchter, 
damit die Eintretenden das Licht sehen. "Denn es ist kein 
Verborgenes, das nicht offenbar werde, und kein Geheimes, 
das nicht bekannt werde und an das Licht komme. "Gebt 
nun acht, wie ihr hört; denn wer da hat, dem wird gegeben, 
und wer nicht hat, dem wird auch das, was er zu haben meint, 
weggenommen. 

[*^Da erschienen seine Mutter und seine Brüder, und 
konnten nicht an ihn heran wegen des Volkes.] '°Und es 
wurde ihm gemeldet: deine Mutter und deine Brüder stehn 
draußen und wollen dich sehen. ''Er aber antwortete ihnen: 
meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes 
hören und tun. 

8, 1 — 3. Diese drei Verse leiten ein neues Kapitel ein: Jesus 
verläßt Kapernaum und begibt sich auf die Wanderung. Der Ab- 
schnitt wird hier stärker gekennzeichnet, als in 9, 51, wo die 
Wendung nach Jerusalem eintritt. In die Zeit der Wanderung 
verlegt Lc die Hauptmasse seines Stoffes, Kapernaum kommt bei 
ihm nicht minder zu kurz als bei Joa. Ganz passend verschiebt 
er in seiner Einleitung (8, 1 — 3) das, was bei Mc (15, 41) ganz 
am Ende nachgetragen wird, an den Anfang des Wanderlebens. 
Er schöpft indessen die Einzelheiten, die er dabei vorbringt, nicht 
aus Mc. Er nennt andere Frauen und läßt erkennen, daß die 
Tradition noch mehr weiß, als er sagt. Die Austreibung der sieben 
Dämonen aus der Magdalena deutet er nur an, als sei sie bekannt. 
In dem durch 8, 1 — 3 eröffneten Abschnitt, der bis 9, 50 
reicht, bringt Lc die Marcusstücke von § 18 — 48 unter und weiter 
nichts. Mit 8, 4 lenkt er wieder in Mc ein, kommt aber von 
§ 15. 16 (6, 12—19) gleich auf die Gleichnisgruppe § 19—21 (8, 
3 — 18, ohne den Anhang § 22-— 24), bringt § 18 erst hinterdrein 
(8, 19-21) und gibt für § 17 an anderer Stelle (11, 14ss) eine 
Variante aus Q. Darauf geht er zu der Gruppe § 25 — 27 über 
(8, 22—56), dann mit Auslassung von § 28 zu § 29 und der 
folgenden Gruppe § 30—42 (9, 1 — 17), die jedoch bei ihm 
auf § 30—32 beschränkt ist, dann zu § 43—48 (9, 18—50). 
Warum er schon die Gleichnisrede nicht mehr in Kapernaum ge- 
halten sein läßt, ist unerfindlich; aber, daß er die Gruppe § 25—27 
in die Zeit der Wanderung verlegt und mit der folgenden zu- 



8, 1-21. 35 

sammenfaßt, ist nicht ganz ohne Grand, da wenigstens die See- 
fahrt § 25 in der Tat eine Projektion derjenigen von § 33 sein 
könnte: die beiden späteren Seefahrten § 33 und § 40 fehlen bei Lc. 

8, 4 — 8. (Mc. 4, 1 — 9). Da Jesus sich nach Lc nicht mehr 
in Kapernaum am See befindet, so redet er auch nicht vom Schiff 
aus. Die ungelenke weitläufige Redeweise des Mc ist geschickt 
vereinfacht. Der biblische Ausdruck „die Vögel des Himmels** 
(8, 5) stammt aus Mt, der Himmel fehlt mit Recht in Syra S. 
und D. 

8, 9—15 (Mc. 4, 10—20). Der Same (8, 11) ist nicht wie bei 
Mc das lehrende Wort überhaupt, sondern das Wort Gottes, d. i. 
bei Lc die christliche Verkündigung. Auch am Schluß von 8, 12 
christianisirt er. Sie fallen ab (8, 13) ist richtige Deutung von 
axavSotXiCovxott, letzteres findet sich bei Lc selten. Am Anfang von 
8, 14 und 15 bricht der Singular des Mc wieder durch, während 
vorher der Plural steht. 

8, 16 — 18 gibt Mc. 4, 21 — 25 wieder. Die an die Säemanns- 
parabel angehängten Varianten bei Mc hat Lc entweder noch nicht 
vorgefunden oder ausgelassen, eine davon bringt er an späterer 
Stelle (13, 18—21). 

8, 19 — 21 ist eine mildernde Kürzung von § 18 (Mc. 3, 31 
bis 35). Nicht ohne Grund wird diese Erzählung von Lc anders 
gestellt, wie zu Mc § 16 am Schluß (p. 26) gezeigt ist. Den Aus- 
druck „die den Willen Gottes tun« (Mc. 3, 35) verändert Lc (8, 21) 
in „die das Wort Gottes hören und tun**, um dadurch eine innere 
Verbindung mit der Moral der vorangehenden Säemannsparabel 
herzustellen. Der Vers 8, 19 fehlt bei Marcion. Er ist überflüssig 
und entspricht dem ejto (8, 20) nicht, welches voraussetzt, daß 
Jesus sich in einem Hause befindet. Freilich ist bei Lc nie davon 
die Rede, daß Jesus in Kapernaum in einem Hause wohnt, und 
auch nicht davon, daß er auf der Wanderung in einem Hause sich 
befindet. 

§ 25-27. Lc. 8, 22-56. 

Eines Tages aber trat er mit seinen Jüngern in ein Schiff 
und sagte zu ihnen: laßt uns hinüber auf das andere Ufer des 
Sees. Und sie fuhren ab, "auf der Fahrt aber schlief er ein. 
Und es fiel ein Windsturm auf den See, und sie bekamen 

3» 



36 lU. 8, 1-9, 50. 

Wasser ins Schifif und gerieten in Gefahr. '*Da traten sie 
herzu und weckten ihn und sagten: Meister, Meister, wir gehn 
zu gründe! Er aber wachte auf und schalt den Wind und den 
Wogenschwall, und sie legten sich und es ward stilles Wetter. 
'*ünd er sagte zu ihnen: wo ist euer Glaube! Sie aber 
fürchteten sich und staunten und sprachen einer zum andern: 
wer ist denn dieser, daß er auch den Winden und dem Wasser 
gebietet und sie ihm gehorchen! 

'*ünd sie fuhren hin zum Lande derGerasener, das gegenüber 
von Galiläa liegt. '^Und als sie ausstiegen, kam ihm ein Mann 
aus der Stadt entgegen, der war von Dämonen besessen seit 
geraumer Zeit und hatte keine Kleider an und hielt sich in 
keinem Hause auf, sondern unter den Gräbern. '"Da er nun 
Jesus sah, fiel er mit einem Schrei vor ihm nieder und sprach 
mit lauter Stimme: was habe ich mit dir zu schaffen, Sohn 
des Höchsten! ich bitte dich, quäl mich nicht. ''Er hatte 
nämlich dem unreinen Geist befohlen, von dem Menschen aus- 
zufahren; denn er hatte ihn oft gepackt, und wenn er an 
Händen und Füßen gefesselt wurde, zur Sicherheit, so zerriß 
er die Bande und fuhr vom Dämon getrieben in die Einöden. 
'"Jesus aber fragte ihn: was ist dein Name. Er sagte: Legion, 
denn viele Dämonen steckten in ihm. "Und sie baten ihn, er 
möchte ihnen nicht befehlen, in den Abgrund zu fahren. "Es war 
aber dort eine zahlreiche Schweineherde auf der Weide am Berge, 
und sie baten ihn, in die Schweine fahren zu dürfen, und er ge- 
stattete es ihnen. ''Und die Dämonen fuhren aus dem Manne aus 
und hinein in die Schweine, und die Herde stürmte den steilen 
Abhang hinab in den See und ertrank. '*Da aber die Hirten 
sahen, was geschehen war, flohen sie und berichteten es in der 
Stadt und auf den Dörfern. '^Da gingen sie aus zu sehen 
was geschehen war, und kamen zu Jesus und fanden den 
Mann, aus dem die Dämonen ausgefahren waren, bekleidet und 
vernünftig zu Jesu Füßen sitzen. Und sie fürchteten sich — 
"die Augenzeugen erzählten ihnen nämlich, wie der Besessene 
gesund geworden war. '^Und alle Leute aus der Gegend der 
Gerasener baten ihn, er möchte von ihnen weichen; denn sie 
waren in großer Furcht befangen. Er aber ging zu Schiflf und 
kehrte zurück. "Und der Mann, aus dem die Dämonen aus- 
gefahren waren, bat bei ihm bleiben zu dürfen^ er schickte ihn 



8, 22—56. 37 

aber weg und sprach: "'kehr heim und erzähl, was Gott dir 
getan hat. Und er ging weg und verkündete in der ganzen 
Stadt, was Jesus an ihm getan hatte. 

"Bei seiner Rückkunft aber wurde Jesus von dem Volk 
empfangen, denn alle warteten auf ihn. *^Da kam einer mit 
Namen Jairus, der war Vorsteher der Gemeinde, und er fiel 
Jesu zu Füßen und bat ihn, in sein Haus zu kommen, *'weil 
er eine Tochter von etwa zwölf Jahren hatte, sein einziges 
Kind, und die lag im Sterben. Und er ging hin, in einem 
Gedränge zum Ersticken. *^ünd eine seit zwölf Jahren mit 
Blutfluß behaftete Frau, die bei niemand Heilung hatte finden 
können, *Hrat heran und berührte sein Kleid, und alsbald 
kam ihr Blutfluß zum Stillstand. "Und Jesus fragte: wer 
hat mich angerührt? Da aber alle leugneten, sagte Petrus: 
Meister, die Leute hängen sich an dich und drängen. "Er 
aber sprach: es hat mich jemand angerührt, denn ich habe 
bemerkt, wie eine Kraft von mir ausging. ^'Da nun die Frau 
sah, daß sie nicht unbemerkt geblieben war, kam sie zitternd 
an, fiel vor ihm nieder und bekannte vor allem Volke, wes- 
wegen sie ihn angerührt hätte und daß sie sogleich geheilt 
wäre. **Er aber sprach zu ihr: meine Tochter, dein Glaube 
hat dich gesund gemacht, geh in Frieden. *^Wie er noch 
redete, kam einer von dem Hause des Gemeindevorstehers und 
sagte: deine Tochter ist gestorben, bemühe den Meister nicht 
weiter. *°Da Jesus das hörte, sprach er zu ihm: hab keine 
Furcht, glaub nur, so wird sie gerettet werden. *'Als er nun 
in das Haus eintrat, ließ er keinen mit hinein, außer Petrus, 
Johannes und Jakobus, und Vater und Mutter der Tochter. 
"Und alle weinten und jammerten laut um sie. Er aber 
sprach: weint nicht, sie ist nicht tot, sondern schläft. "Und 
sie verlachten ihn, da sie wußten, daß sie gestorben war. 
"Da ergriff er ihre Hand und rief: Mädchen, steh auf. "Und 
ihr Geist kehrte zurück, und sie stand sogleich auf. *^Und 
ihre Eltern waren ganz außer sich, er aber gebot ihnen, keinem 
zu sagen, was geschehen wai\ 

8, 22—25 (Mc. 4, 35—41). Obwol Jesus nach 8, 1—3 gar 
nicht mehr in Kapernaum am See ist, steigt er hier doch zu Schiff, 
um an das andere Ufer zu fahren. Den künstlichen Zusammen- 
hang dieser Perikope mit der Gleichnisrede bei Mc, der durch das 



38 111.8,1—9,50. 

Halten derselben vom Schilf aus veranlaßt ist, hat Lc aber nicht; 
Jesus ist nicht schon im Schuf, sondern steigt erst ein, und nicht 
am selben Tage (Mc. 4, 35), sondern eines Tages (8, 22). Allerlei 
scheinbar Unwichtiges wird ausgelassen. Nachteilig ist das Fehlen 
der Tageszeit; die Nacht gehört (wie in Mc. 6, 45ss) durchaus 
dazu, wegen der Schauerlichkeit und auch weil Jesus schläft. 
Die Anrede an die Jünger (8, 25) wird christianisirt; statt „was 
seid ihr so bange, wie wenig Vertrauen habt ihr** heißt es: wo ist 
euer Glaube! 

8, 26—39 (Mc. 5, 1—20). Lc verkürzt die Vorlage nicht so 
stark wie Mt, nimmt aber einige Änderungen und Umstellungen 
vor. Die Geographie ist ihm nicht anschaulich. Darum braucht 
man bei ihm an dem Lande der Gerasener oder der Gadarener 
sich nicht zu stoßen^ so seltsam auch die Angabe ist, es habe 
grade gegenüber von Galiläa gelegen. Die Dekapolis kennt er 
nicht; für „in der Dekapolis" sagt er 8, 39: in der ganzen Stadt. 
Die Abyssus (8, 31) wird von der Hölle zu verstehn sein, in 
welche die Dämonen sonst freilich erst beim jüngsten Gericht ge- 
worfen werden. Für 6 oaifioviaOsw 8, 36 hat D 6 Xe^icüv, die 
Syra S. einfach der Mann. In 8, 35 verwandelt D die paratak- 
tischen Hauptsätze in Genitivi absoluti und zieht Icf^XOov xal r^VOov 
in ein einziges Verbum zusammen; die scheinbar sehr starke 
Variante reduzirt sich auf griechische Periodisirung (5, 1. 17). Um- 
gekehrt 8, 27. 

8, 40-56 (Mc. 5, 21—43). Die Tochter ist bei Lc (8, 42) 
das einzige Kind ihrer Eltern. Petrus tritt (8, 45) auf kosten der 
übrigen Jünger hervor. „Sei gesund von deiner Plage** (Mc. 5, 34) 
wird vergeistlicht in: geh in Frieden (8, 48, wie 7, 50). Wie alle 
anderen aramäischen Ausdrücke^ z. B. Kananäus und Golgatha, so 
läßt Lc (8, 54) auch die Formel Talitha kumi aus, jedoch nicht 
die griechische Übersetzung, die bei Mt (9, 25) gleichfalls fehlt. 
Mit dem vorangestellten iYsvsio in 8, 40 und 8, 42 mag I) das 
Echte erhalten haben, nicht aber mit dTtoOvTQaxoüaa (8, 42) für 
xal auxT] dirsOvTjaxsv. In 8, 44 habe ich nach D übersetzt. 



§ 29-32. Lc. 9, 1-17. 

Und er rief die Zwölfe zusammen und gab ihnen Kraft 
und Vollmacht über alle Dämonen, und Kranke zu heilen. 



9,1-17. 39 

'Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und 
gesund zu machen. 'Und er sprach zu ihnen: nehmt nichts 
mit auf den Weg, weder Stab noch Tasche, noch Brod noch 
Geldy noch je zwei Kleider. ^Und in dem Hause, in das ihr 
eingeht, da herbergt und von da geht aus. ^Und wo ihr keine 
Aufnahme findet, aus der Stadt geht weg und schüttelt den 
Staub von euren Füßen, zum Zeugnis wider sie. ®Da zogen 
sie aus und durchwanderten Dorf für Dorf, predigten das Evan- 
gelium und heilten allerwegen. 

^Da aber der Vierfürst Herodes hörte, was geschah, ge- 
riet er in Verlegenheit, weil einige sagten: Johannes ist er- 
weckt von den Toten, ^andere: Elias ist erschienen, wieder 
andere: einer von den alten Propheten ist wieder auferstanden. 
^Und Herodes sagte: Johannes habe ich enthauptet, wer ist 
aber der, von dem ich solche Dinge höre? und er trachtete, 
ihn zu sehen. 

^^'Und bei ihrer Rückkunft erzählten ihm die Apostel, 
was sie alles getan hätten. Und er nahm sie und zog sich 
mit ihnen allein zurück in ein Dorf, namens Bethsaida. "Die 
Leute merkten es aber und folgten ihm, und er nahm sie in 
Empfang und redete zu ihnen über das Reich Gottes, und die der 
Heilung Bedürftigen machte er gesund. "Da nun der Tag 
begann sich zu neigen, traten die Zwölf heran und sagten zu 
ihm: entlaß die Leute, damit sie in die Dörfer und Höfe 
ringsum gehn, um Herberge und Nahrung zu finden, denn wir 
sind hier an einem öden Orte. ^^Er sprach zu ihnen: gebt 
ihr ihnen zu essen. Sie sagten: wir haben nicht mehr als 
fünf Laibe Brot und zwei Fische, wir müßten denn selber 
gehn und Speise kaufen für all dies Volk — es waren nämlich 
gegen fünftausend Männer. ^^Er aber sprach zu seinen Jüngern: 
laßt sie sich tischweise zu je fünfzig lagern, und sie taten so. 
^^Da nahm er die fünf Laibe und die zwei Fische und sah 
auf gen Himmel und betete, und sprach den Segen darüber 
aus und ließ es die Jünger den Leuten vorsetzen, ''Und sie 
aßen und wurden alle satt, und was übrig blieb an Brocken, 
wurde aufgehoben, zwölf Körbe voll. 

9, 1—6 (Mc. 6, 7—13). Den § 29 läßt Lc gleich auf § 27 folgen, 
weil er den § 28 schon in 4, 16 ss. voraus genommen zu haben sich 
bewußt ist. Er gibt die Aussendung der Missionare hier nach Mc, 



40 ni. 8, 1-9, 50. 

ändert aber einiges nach Q (10, Iss.); so in 9, 3 und auch in 9, 5, 
wo er für ixsiOev (Mc. 6, 11) setzt: ix ttj; iroXeco; exsivr^-. Inhalt 
der evangelischen Lehre ist bei Lc (9, 2. 11) wie bei Mt das Reich 
Gottes. Der Infinitiv am Schluß von 9, 3 paßt nicht zu den Im- 
perativen, er fehlt im Sinaiticus. In 9, 4 ist gesagt, sie sollen 
ihre Herberge (19, 5. loa. 1, 39) zum Ausgangspunkt ihrer Mission 
in der Stadt machen. 

9, 7— -9 (Mc. 6, 14—16). „Einer von den alten Propheten ist 
wieder auferstanden" (9, 8) läuft dem Sinn der entsprochenden 
Äußerung in der Vorlage schnurstracks zuwider; s. zu Mt. 16, 14. 
Über den Schluß von 9, 9 s. zu Mc § 30 und zu Mt. 14, 12. Den 
Nachtrag Mc. 6, 17 — 29 läßt Lc aus, weil er in die Zeitfolge nicht 
paßt, gibt aber den Inhalt an chronologisch richtigerer Stelle 
(3, 18 — 20), wo er freilich die Enthauptung des Täufers noch nicht 
unterbringen kann, so daß er dieselbe überhaupt nicht erzählt, 
sondern nur aus der Äußerung des Herodes (9, 9) entnehmen läßt. 

9, 10—17 (Mc. 6, 30—44). Lc setzt die Speisung der Fünf- 
tausend in die selbe Verbindung mit der Rückkehr der Apostel 
wie Mc. Als Ort gibt er Bethsaida an (9, 10). Die Speisung 
findet jedoch in einsamer Gegend statt. Darum korrigiren der 
Sinaiticus und die Syra C. ek xoicov epnjjiov für eI<; B/jftff., die 
Recepta dagegen ek toitov L TroXeo)? x. B^jOa. und ähnlich (doch 
ohne epr^jiov) auch die Syra S., wo laträ zu restituiren sein 
wird und nicht l'tar'ä. Möglicherweise richtig heißt Bethsaida in 
D ein Dorf, das alte Dorf kann von der neuen Stadt Julias unter- 
schieden sein. Für die Jünger setzt Lc (9, 12) die Zwölfe, weil 
nach dem Zusammenhang nur von den Aposteln die Rede sein 
könnte. In 9, 15. 16 habe ich nach D übersetzt, das Beten ist 
echt lukanisch (3, 21. 9, 29) und das Brechen paßt nicht zu den 
von Lc hier mit aufgeführten Fischen. Die gewöhnliche Über- 
lieferung konformirt nach Mc oder Mt. 

Von § 32 springt Lc auf § 43 über. Was bei Mc in der 
Mitte liegt, ist eine spätere Compilation. Unzweifelhaft gibt aber 
Lc nicht den echten Kern wieder, der zu gründe liegt. Er be- 
richtet zwar mit Recht die Speisung nur einmal, zieht indessen die 
spätere Variante vor, die bei Mc voransteht, und bringt sie grade 
so wie Mc (im Gegensatz zu Mt) in Verbindung mit der Aussendung 
und der Rückkehr der Apostel, d. h. mit zwei Stücken, die am wenig- 
sten zum Grundstock der Tradition gehören können. Die Überfahrt 



9, 1-27. 41 

über den See nach der Speisung läßt er überhaupt aus; aber 
grade an dieser Stelle ist sie doppelt (§ 33. 40) bezeugt und von 
pragmatischer Wichtigkeit, sofern sie das Ausweichen von Kaper- 
naum nach dem Gebiet des Philippus bedeutet und die Periode 
der unsteten Wanderung eröflfnet. Viel entbehrlicher ist sie an 
der Stelle, wo auch Lc sie gibt (8, 22—25. § 25); denn da ist sie 
nur ein Ausflug und die Gelegenheit für ein W^under. Es kommt 
noch hinzu, daß Lc Bekanntschaft mit dem bei ihm fehlenden 
§ 33 zu verraten scheint. Eine Spur davon läßt sich vielleicht in 
dem einsamen Gebet 9, 18 = Mc. 6, 46 erkennen; eine sicherere 
in der Vorschiebung des Übergangs nach Bethsaida von Mc. 6, 45 nach 
Lc. 9, 10. Dazu hat Mc. 6, 32 die Anleitung gegeben, wo der 
Übergang gleichfalls irrig antezipirt wird; daß Lc ihn nicht zu 
Schilf, sondern wie es scheint, zu Fuß geschehen läßt, macht da- 
bei nichts aus. — Zwischen den identischen Äußerungen 9, 7. 8 
und 9, 18. 19 ist bei Lc kaum ein Intervall. 

§ 43. 44. Lc. 9, 18-27. 

Und es geschah, als er für sich allein betete, waren die 
Jünger bei ihm, und er fragte sie: was sagen die Leute, wer 
ich sei? ^^Sie antworteten: Johannes der Täufer; andere 
Elias; [andere, ein Prophet von den alten sei wieder auf- 
erstanden]. '°Da sprach er zu ihnen: was sagt denn ihr, wer 
ich sei? ** Petrus antwortete: der Christus Gottes. "Er aber 
verbot ihnen streng, das irgend wem zu sagen, und sprach: 
der Menschensohn muß viel leiden, und verworfen werden von 
den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und am 
dritten Tage auferstehn. 

*' Zu allen aber sagte er: Wer mir nachgehn will, der 
verleugne sich selbst und trage sein Kreuz täglich, so wird er 
mir folgen, '*Denn wer seine Seele retten will, wird sie ver- 
lieren; wer aber seine Seele verliert um meinetwillen, wird sie 
retten. ^'Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze 
Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder einbüßt? "Denn 
wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich 
der Menschensohn schämen, wenn er kommt in seiner Herr- 
lichkeit und in der des Vaters und der heiligen Engel. "'Ich 
sage euch aber, wahrlich, es sind etliche unter den hier An- 



42 ni. 8, 1-9, 50. 

wesenden, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie das 
Reich Gottes erleben. 

9, 18. Cäsarea Philipp! wird nicht genannt, Bethsaida 9, 10 
genügt. Bei dem Gebet, das in der Syra S. und in D fehlt, können 
die Jünger anwesend gedacht werden, vgl. 9, 28. 11, 1. InMc. 6,46 
sind sie aber nicht dabei, er vereinigt sich erst später wieder mit 
ihnen, und auch bei Lc erwartet man: nach seinem einsamen Ge- 
bet (11, 1) kamen die Jünger wieder mit ihm zusammen. 

9, 19 — 22. Der von mir eingeklammerte Satz in 9, 19 fehlt 
in der Syra S. und lautet in D anders, nämlich ebenso wie in 
Mt. 16, 14. Am Schluß von 9, 20 fehlt toö «eoö in der Syra S., 
dagegen liest D: tov -^, tov üIov t. 0. Für am dritten Tage 
(9, 22) heißt es in der Syra S. und in D wie bei Mc: nach drei 
Tagen. Hinter 9, 22 übergeht Lc (nicht aber Mt) den Protest des 
Petrus gegen die Passion des Messias und seine scharfe Zurück- 
weisung durch Jesus mit Stillschweigen; er will so etwas auf den 
von ihm sehr ins Licht gesetzen Hauptapostel nicht kommen lassen. 

9, 23. Zwischen „nachgehn" und „folgen" ist kein Unterschied, 
die Syra S. übersetzt „folgen" regelmäßig mit „nachgehn". In D 
fehlt der ganze Satz und trage sein Kreuz täglich, in der 
Syra S. und anderen alten Zeugen nur das täglich, wodurch das 
Martyrium ins Allgemeine umgedeutet wird. 

9, 24. 25. „Wegen des Evangeliums" läßt auch Lc, wie Mt, an 
den beiden Stellen aus, wo es bei Mc (8, 35. 10, 29) in dieser 
Formel steht; er gebraucht allerdings das Substantiv überhaupt 
nicht. Für „einbüßen" (Mc. 8, 36) sagt er in 9, 25 „verlieren", 
fügt aber dann sonderbarer Weise „oder einbüßen" noch hinzu — 
wenn man sich auf die einstimmige Überlieferung verlassen darf. 
Das wenig passende KoroUarium Mc. 8, 37 fehlt bei Lc. 

§ 45. Lc. 9, 28-36. 

Es geschah aber etwa acht Tage nach diesem, da nahm 
er Petrus und Johannes und Jakobus mit und ging hinauf auf 
einen Berg um zu beten. '^Und wie er betete, ward das Aus- 
sehen seines Gesichtes anders und sein Gewand weiß und 
strahlend. ^^Und siehe zwei Männer unterredeten sich mit 
ihm, das waren Moses und Elias, erschienen in Herrlichkeit; 
''sie sprachen aber von seinem Ende, das er erfüllen sollte in 



9, 28—36. 43 

Jerusalem. '^Petrus aber und seine Gefährten waren von 
schwerem Schlaf befangen, beim Erwachen jedoch sahen sie 
seine Herrlichkeit und die beiden Männer, die bei ihm standen. 
••Und als dieselben von ihm schieden, sagte Petrus zu Jesus: 
Meister, hier ist für uns gut sein, laß uns drei Hütten auf- 
schlagen, eine für dich, eine für Moses und eine für Elias — 
ohne zu wissen, was er sagte. "Während er so sprach, kam 
eine Wolke und überschattete sie; und sie gerieten in Furcht, 
als sie in die Wolke eintraten. . '*Und eine Stimme kam aus 
der Wolke: dies ist mein auserwählter Sohn, den hört! '®ünd 
als die Stimme kam, war nur noch Jesus allein da. ^^Und. 
sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen keinem etwas von 
dem was sie gesehen hatten. 
9, 28. Auch Lc setzt die Verklärung in bestimmte zeitliche 
Beziehung zu dem Petrusbekenntnis, verlängert aber den Zwischen- 
raum von sechs Tagen auf acht. Unter den beiden Söhnen Ze- 
bedäi steht Jakobus auch bei Lc meist voran, nur nicht in 8, 51. 
9, 28; doch hat die Syra S. überall die gewöhnliche Ordnung und 
I) wenigstens in 9, 28. 'EyIvsto jiera xoü? Xo^oüc toütoo^ ist nicht 
etwa aramäisch, sondern biblisch. 

9, 29. Wie Jesus bei der Taufe betet, ehe ihm die Erschei- 
nung und die Stimme zu teil wird (3, 21), so auch hier bei dem 
Gegenstück der Taufe. 

9, 30 — 33. Lc weiß das Thema, das von Moses und Elias 
angeschlagen wurde. Die Jünger werden durch die Erscheinung 
aus tiefem Schlaf geweckt; ist es Nacht? Erst als die beiden 
Männer scheiden, äußert Petrus den Wunsch, die Hütten zu bauen, 
gleich als ob er sie dadurch an dieser schönen Stelle festzuhalten 
hoffte. 

9, 35. Bei Mc (9, 6) fürchten sich die Jünger über die Er- 
scheinung an sich, bei Mt (17, 6) über die Stimme vom Himmel, 
bei Lc über die Wolke. Das erste aoxoüc muß sich wegen icpoßoüvxo 
auf die Jünger beziehen, das zweite (D: Ixetvoüc) auf Moses und 
Elias. Aber ich traue dem Text nicht recht. 

9, 36. Lc berichtet nur die Tatsache, daß die Jünger „damals" 
schwiegen, nicht aber, daß sie dabei einem Befehl Jesu folgten. 
Der Anhang Mc. 9, 9 — 13 fehlt bei Lc; man begreift, daß er ihm 
anstößig war. Die Auferstehungsweissagung läßt er auch in 
9,44 aus. 



44 ni. 8, 1—9, 50. 

§ 46-47. Lc. 9, 37-50. 

Wie er aber am folgenden Tage vom Berge herabstieg, 
kam ihm ein großer Haufe entgegen. '^Und sieh, ein Mann aas 
dem Haufen schrie: Meister, ich bitte dich, nimm dich meines 
Sohnes an, denn er ist mein einziger, ''denn ein Geist packt 
ihn unversehens und schreit und zerrt mit Schäumen, und 
weicht nur schwer und macht ihn ganz mürbe; **und ich habe 
deine Jünger gebeten, sie konnten ihn jedoch nicht weg bringen. 
*^ Jesus aber antwortete und sprach: o ungläubiges, verkehrtes 
Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein, wie lange soll 
ich euch ertragen! bring deinen Sohn her. *'Noch auf dem 
Wege nun riß und zerrte ihn der Dämon; Jesus aber schalt 
den unreinen Geist und er verließ ihn, und er gab ihn seinem 
Vater zurück. "Und alle waren betroffen ob der großen Taten 
Gottes. 

Während nun die anderen staunten über alles was er tat, 
sprach er zu seinen Jüngern: **faßt ihr (vielmehr) folgende 
Worte zu Ohren: der Menschensohn wird in Menschenhand 
übergeben werden. "Sie aber verstanden diesen Ausspruch 
nicht, und er war ihnen verhüllt, so daß sie nichts merkten; 
sie fürchteten sich aber, ihn über diesen Ausspruch zu befragen. 
*®Es kam sie aber der Gedanke an, wer der größte von 
ihnen wäre. *'Da Jesus nun den Gedanken ihres Herzens er- 
kannte, nahm er ein Kind bei der Hand und stellte es neben 
sich "und sprach: wer dies Kind aufnimmt in meinem Namen, 
nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der 
mich gesandt hat; denn wer der kleinste unter euch allen ist, 
der ist am größten. *®Da hub Johannes an und sagte: Meister, 
wir sahen einen in deinem Namen Dämonen austreiben und 
wehrten es ihm, weil er nicht mit uns (dir) nachfolgte. 
*^ Jesus sprach: wehrt ihm nicht, denn wer nicht wider euch ist, 
der ist für euch. 

9, 37—43 (Mc. 9, 14—29). Die Konstruktion nach l^evexo 
(9, 37) schwankt auch hier in den Hss.; D hat nicht den plurali- 
schen Genitiv abs., sondern den singularischen Akkusativ, wozu 
das folgende aütcp mindestens ebenso gut paßt. „Am folgenden 
Tage" würde die Annahme (9, 32) bestätigen, daß die Verklärung 
bei Nacht gedacht ist. Aber D und die Syra S. lesen 8td xrfi 



9, 37, 50. 45 

YJfispa^ Das Zanken der Jünger am Anfang hat Lc als anstößig 
ausgelassen. 

9, 39. Der Dämon ist Subjekt, er schreit und er schäumt, 
da er von dem Besessenen nicht scharf unterschieden wird. Für 
xpaCei haben indessen D und die Syra S. xat pK^aaei. 'Eca&vYjc 
ziehen sie richtig zum ersten Verbum. 

9, 40. 41. Mit Recht streicht Blaß (nach Marcion und der 
Syra C.) das Objekt zu ISenjOr^v, das sich aus dem Folgenden von 
selbst ergibt: so ist es Stil in diesem von der semitischen Syntax 
beeinflußten Griechisch. Für irpocja^aYs hat D irpodeve-^xe, Mc sagt 
regelmäßig cpspetv für a-yetv. 

9, 42. Auf diesen einzigen Vers ist der Passus Mc. 9, 20 — 27 
zusammengezogen. Ich habe nach D übersetzt. 

9, 43. Der befremdliche Schluß bei Mc (9, 28. 29) ist unterdrückt 
und einer gewöhnlichen Phrase gewichen. Daß Jesus sich mit seinen 
Jüngern in ein Haus zurückzieht, kommt bei Lc niemals vor. 

9, 43 — 45 (Mc. 9, 30 — 32). Die Angabe, daß Jesus von Cäsarea 
Philippi incognito zurückgereist sei und dabei Kapernaum berührt 
habe, fehlt bei Lc, wie denn überhaupt das Itinerar des Mc wenig 
berücksichtigt wird. In der stark betonten Eröffnung, die Jesus 
seinen Jüngern macht, sagt er nichts von seiner Auferstehung. 

9, 46—50 (Mc. 9, 33—40). Der isolirte Spruch Mc. 9, 35 ist 
umgestellt, paßt aber am Schluß von Lc. 9, 48 ebensowenig in 
den Zusammenhang. Zwischen 9, 46 und 9, 47. 48 besteht ein 
Nexus, wenn der Vorrang unter den Jüngern bemessen wird nach 
der Nähe ihrer Beziehung zu Jesus. Dann sagt Jesus, auf die per- 
sönliche Beziehung zu ihm komme es nicht an; man könne die 
Liebe zu ihm ebenso gut jedem Geringsten in seinem Namen er- 
weisen (Mt. 25, 31 ss). Daran schließt 9, 49. 50 gut an: der äußere 
Zusammenhang auch mit den Aposteln ist nicht erforderlich, um 
Christ zu sein. Die Verse Mc. 9, 41 — 50 läßt Lc an dieser Stelle 
aus, mit Rücksicht auf 17, 1. 2. 14, 34. 

IV. Lc. 9, 51— 18, 14. 

Lc. 9, 51-55. 

Da aber die Tage seiner Aufnahme (in den Himmel) sich 
erfüllten, richtete er sein Angesicht nach Jerusalem zu gehn. 



46 IV. 9, 51—18, 14. 

"Und er sandte Boten vor sich her, und sie machten sich 
auf und kamen in ein Dorf der Samariter, um ihm Quartier 
zu machen. **Sie verweigerten ihm aber die Aufnahme, weil 
sein Angesicht nach Jerusalem zu ging. ^*Wie das die Jünger 
Jakobus und Johannes sahen, fragten sie: Herr, sollen wir 
Feuer vom Himmel herabkommen heißen, das sie verzehre? 
"Er aber wandte sich und schalt sie. "Und sie wanderten 
in ein anderes Dorf. 

Hier nimmt die Wanderung (8, 1 — 3) die entschiedene Wendung 
nach Jerusalem; vgl. 13, 22. 17, 11. Es beginnt nach 8, 1 — 9, 50, 
wo nur Erzählungen aus Mc stehn, ein weiterer Abschnitt, der 
meist lehrhafte Stücke enthält, darunter manche, die nicht bloß 
bei Mc, sondern auch bei Mt keine Parallele haben. Nach Joa 
lehrt Jesus das Meiste und Wichtigste in Jerusalem selber, nach 
Lc (im geringeren Grade schon nach Mc) wenigstens auf der Reise 
nach Jerusalem, obgleich gar manches garnicht in diese Situation 
paßt. Die Reise geht bei ihm ebenso wie bei Joa durch Samarien, 
und nicht durch Peräa wie bei Mc und Mt. Daß sie trotzdem 
über Jericho führt (18, 35. 19, 1), ist ein Zeichen völliger Un- 
befangenheit in der Geographie Palästinas. Im Gegensatz zu Mt. 
10, 5 meidet Jesus die Ketzer nicht, er bekämpft das Vorurteil 
gegen sie (10, 33. 17, 16). Er sieht die Feindseligkeiten der Juden 
gegen sie darum nicht als gerechtfertigt an, daß sie von ihnen er- 
widert wird; dies geschieht auch nur teilweise: wenn er als Jude in 
einem samaritischen Dorf zuiückgewiesen wird, so nimmt ein 
anderes ihn auf. 

9, 51 — 53. Obwol die Boten hier weniger als Missionare wie 
als Quartiermacher erscheinen, ist ihre Aussendung doch ein aus 
10, Iss. zu einem bestimmten Zweck entnommener Vorschuß. Das 
Substantiv dvoOr^fJ/tc (assumptio) findet sich im N. T. nur hier; das 
Verbum kommt dreimal vor und entspricht so ziemlich dem 6<|/oüv, 
das freilich wie im Aramäischen auch töten bedeuten kann (Joa. 
8, 28). „Das Angesicht richten" gehört zu den Biblicismen, die 
Lc. häufig anwendet, jedoch ohne darin mit Mt zusammenzutreffen. 
9, 54 — 56. Den aramäischen Namen Boanerges für die 
Zebedaiden erwähnt Lc nicht, kennt ihn aber und erklärt ihn hier- 
Sie wollen selber das Feuer herabkommen lassen, trauen sich also 
zu, zu können, was der alttestamentliche Donnerer konnte. Am 
Schluß von 9,54 liest D: wie auch Elias tat; am Schluß von 



9, 57-62. 47 

9, 55 D und Marcion: wißt ihr nicht, welches Geistes ihr 
seid? 

Lc. 9, 57-62. Mt. 8, 19-22. 

Und da sie des Weges zogen, sagte einer zu ihm: ich 
will dir folgen wohin du auch gehst. "Und Jesus sagte ihm: 
die Füchse haben Schlüpfe und die Vögel des Himmels 
Wohnungen, der Menschensohn aber hat keine Stätte, sein 
Haupt niederzulegen. *'Zu einem anderen sprach er aber: 
folge mir. Der sagte: erlaub mir, daß ich vorher gehe und 
meinen Vater begrabe. ®°Und er sagte ihm: laß die Totisn 
ihre Toten begraben, du aber geh, verkünde das Reich Gottes. 
*^ Wieder ein anderer sagte: ich will dir folgen, Herr, erlaub 
mir nur erst von Hause Abschied zu nehmen. ®* Jesus sprach: 
wer die Hand an den Pflug legt und hinter sich sieht, taugt 
nicht für das Reich Gottes. 

Das Stück soll verhindern, daß 9,51 — 55 (besonders 9, 52) 
und 10, Iss. dicht aufeinanderstoßen. Es hat aber allerdings hier 
bei Lc einen passenderen Platz als bei Mt, weil die Nachfolge im 
höheren Sinn erst statt hat, seit Jesus nach Jerusalem geht, um 
sein Kreuz auf sich zu nehmen — wie aus Mc deutlich hervorgeht. 
Auch die Fassung des zweiten Falles bei Lc hat Vorzüge vor der 
bei Mt (vgl. zu Mt. 8, 21. 22); beachtenswert ist, daß die Nach- 
folge ohne weiteres auch die Pflicht der Mission auferlegt. Den 
dritten Fall, eine Variante des zweiten, hat eher Lc hinzugefügt, 
als Mt ausgelassen. Der Ausdruck „die Vögel des Himmels*^ 
findet sich bei Lc hier und 13, 19, beidemal in Verbindung mit 
xaxaaxr^voüv, nach Dan. 4, 18 (Mc. 4, 32). 'AttsX&wv (9, 60) steht 
öfters im Sinne von iropeüöstc zur Markirung des Anfangs der 
Handlung, vgl. D 18, 5. 



Q*. Lc. 10, 1-12. § 29. 

Er bestimmte aber noch andere Siebzig und sandte sie 
paarweise vor sich her in jede Stadt und Ortschaft, wohin er 
kommen wollte. 'Und er sprach zu ihnen: Die Ernte ist 
groß und der Arbeiter sind wenige, bittet also den Herrn der 
Ernte, daß er Arbeiter zu seiner Ernte aussende. 'Geht hin, 



48 IV. 9, 51-18, U. 

siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. * Tragt 
keinen Geldbeutel^ keine Reisetasche, keine Schuhe und grüßt 
niemand unterwegs. 'Sobald ihr aber in ein Haus eintretet, 
so sagt: Friede diesem Hause! •Und wenn dort ein Kind des 
Friedens ist, wird euer Friedensgruß auf ihm ruhen; sonst wird 
euer Friedensgruß sich auf euch zurückwenden. ^In jenem 
Hause aber herbergt und eßt und trinkt, was sie haben, denn 
der Arbeiter ist seines Lohnes wert; geht nicht von einem 
Haus über zu einem anderen. 'Und wenn ihr in eine Stadt 
kommt und Aufnahme findet, so eßt was euch vorgesetzt wird, 
^und heilt die Kranken daselbst und sagt: das Reich Gottes 
ist euch genaht. *°Wenn ihr aber in eine Stadt kommt und 
keine Aufnahme findet, so geht hinaus vor das Tor und 
sprecht: ^^auch den Staub von eurer Stadt, der uns an den 
Füßen haftet, wischen wir (vor) euch ab; aber das wisset, daß 
das Reich Gottes euch nahe gewesen ist. *'Ich sage euch, es 
wird Sodom [dermaleinst] erträglicher gehn als jener Stadt. 
Nachdem Lc die Aussendung der Jünger in 9, 1 — 6 nach Mc 
berichtet hat, berichtet er sie hier nach Q. Mt (9, 35 — 10, 25) 
vermischt die beiden Berichte; Lc hält sie gesondert und ermöglicht 
ihr Nebeneinander durch den Unterschied der Zwölf und der Siebzig, 
der erst von ihm stammt und von Mt in der Quelle nicht vor- 
gefunden ist. Bei Mc sind die Zwölf nur schwach (und meist 
nachträglich) von den Jüngern im allgemeinen getrennt, bei Lc 
ganz scharf und deutlich. Er bringt hier xo irX^&o; täv jxa&r^Tcov^ 
wie er es nennt, auf eine bestimmte Zahl. Wie die Zwölf den 
zwölf Stämmen Israels entsprechen (22, 30) und zu ihnen gesandt 
werden, so die Siebzig den siebzig Nationen der Völkertafel; und 
wie die siebzig Nationen von Gen. 10 in der Septuaginta auf zwei* 
undsiebzig erhöht werden, so auch die siebzig Jünger z. B. in der 
Syra S. auf zweiundsiebzig. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß 
Lc bei ihnen an Heidenmissionare denkt, obgleich er sie zunächst 
nach jüdischen oder samaritischen Orten ausgesandt werden läßt 
und auf Paulus nicht anspielt. 

10, 1. „Nach diesem" fehlt in D und Syra S. „Andere siebzig" 
scheint gesagt zu sein im Vergleich zu 9, 1, nicht zu 9, 52. Jesus folgt 
den Missionaren auf dem Fuße, sie sollen seine Ankunft ansagen. 

10, 2. 3 (Mt. 9, 37 s. 10, 16).' Die beiden Verse haben keine 
innere Verbindung. In apve; (apvta loa. 21. 15) sieht Weiß Widder, 



10, 1-12. 49 

die als Herdenführer unter die Wölfe gesandt werden; sehr 
possierlich. 

10, 4. Bei Lc wird das Geld im Beutel getragen (12, 33. 22, 
35s), bei Mc (6, 8) und Mt (10, 9) im Gürtel. „Grüßt keinen 
unterwegs" kann bedeuten: haltet euch nicht auf — oder auch: 
macht euch nicht vorzeitig bekannt. 

10, 5 — 12. Nach der Aufnahme in das Haus (10, 5—7) folgt 
noch die Aufnahme in die Stadt (10, 8 — 12). Wenn man sich 
nun auch das Hysteronproteron gefallen läßt, so paßt doch das 
Gebot „eßt was euch vorgesetzt wird" nur für das Haus (10, 7), 
nicht für die Stadt (10, 8). Und die öffentliche Stadtpredigt ist 
später als die heimliche Hauspredigt, ebenso wie die Aufnahme in 
die Stadt später als die in das Haus; vgl. zu Mt. 10, 14. Also 
hat Mc, der nur vom Hause redet, die Priorität vor Lc und Mt 
(10, 14. 15), d. h. vor Q. Denn das ist unzweifelhaft und von 
Mt richtig erkannt, daß Mc. 6, 7ss. und Lc. 10, Iss. Varianten sind, 
die verglichen werden müssen. 

10, 9. Die Predigt geschieht bei Lc nur in der Stadt, nicht 
im Hause. Das Reich Gottes ist nicht zukünftig, sondern schon 
da und im Begriff, bei den Einwohnern dieser bestimmten Stadt 
Wurzel zu fassen. Das läßt sich aus dem Zusatz Icp' öjia^ 
schließen, wenn man 11, 20 vergleicht. Dann verkünden die Boten 
die vorhabende Ankunft Jesu, der das Reich Gottes bringt; es 
kommt darauf an, ob er aufgenommen wird. Darnach hat sich 
die Auffassung von tjyyixsv in 10, 11 zu richten. 

10, 10 — 12. „Auf ihre Straßen" muß bedeuten draußen 
vor die Stadt — was nur im Griechischen unmöglich ist. Der 
Dativ öjirv erklärt sich aus Mc. 6, 11; s. z. d. Stelle. „An jenem 
Tage" (10, 12) variirt in der Überlieferung und wird zu streichen 
sein; ebenso 10, 14. 

Q*. Lc. 10, 13-24. Mt. 11, 20-27. 

Weh dir Chorazin, weh dir Bethsaida, denn wären in 
Tyrus und Sidon die Wunder geschehen, die in euch ge- 
schehen sind, so hätten sie längst in Sack und Asche Buße 
getan. ^*Doch es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehn 
[im Gericht] als euch. "Und du Kapernaum, daß du nur 
nicht zum Himmel erhoben, zur Hölle herabgestürzt werdest! 

We ilhausen, Evang. Lucae. 4 



50 IV. 9, 51-18, 14. 

^•Wer euch hört, hört mich, und wer euch verwirft, verwirft 
mich, wer aber mich verwirft, verwirft den, der mich gesandt hat. 
"Die Siebzig aber kehrten voll Freude zurück und sagten: 
Herr, auch die Dämonen unterwarfen sich uns auf deinen Namen. 
'^Er sprach zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom 
Himmel fallen. "Siehe ich gebe euch Gewalt, zu treten auf 
Schlangen und Skorpione und auf die ganze Macht des Feindes, 
so daß er euch nichts zu leide tun wird. '"Doch darüber 
freut euch nicht, daß die Geister sich euch unterwerfen; freut 
euch vielmehr, daß eure Namen im Himmel angeschrieben sind. 
"Zu der selben Stunde jubelte er im heiligen Geist und 
sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der 
Erde, daß du dies den Weisen und Klugen hast verborgen 
und den Einfältigen offenbart; ja Vater, so ist dein Wille 
gewesen. "Alles ist mir überliefert vom Vater, und niemand 
erkennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und wer der 
Vater ist, als nur der Sohn und der, dem der Sohn es offen- 
baren will. "Und zu den Jüngern gewandt, sprach er: Selig 
die Augen, die sehen, was ihr seht. **I)enn ich sage euch: 
viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und 
haben es nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben 
es nicht gehört. 

10, 13—16 (Mt. 11, 20— 24) soll den Schluß der vorhergehenden 
Rede bilden und wird durch 10, 16 (Mt. 10, 40) damit verknüpft, 
gehört jedoch in der Tat nicht dazu. Bei Marcion hat das Stück 
gefehlt. 

10, 17 — 20 findet sich nur bei Lc. Das Austreiben der Dä- 
monen (durch den Namen Jesu als Beschwörungsformel) wird zu- 
nächst wie in 11, 20 (Mt. 12, 28) als ein siegreicher Kampf gegen 
das Reich des Satans betrachtet und somit sehr wichtig genommen, 
zum Schluß aber als minderwertig bezeichnet, wie in 11, 24—26 
(Mt. 12, 43—45). Eigentümlich ist 10, 18. Man könnte das 
Sehen des Vorgangs als Vision Jesu auffassen und nach Isa. 14, 12 
(Apoc. 12, 9) erklären. Indessen dafür ist die Aussage zu trocken 
und unvollständig, außerdem wird sonst alles Visionäre (wenngleich 
nicht jede Emotion) von Jesus durchaus fern gehalten. Nach 
Sura 72 des Korans und nach der islamischen Tradition mußten 
die Dämonen infolge der Sendung Muhammeds aus dem Himmel 
weichen, indem die Engel sie mit Sternen hinaus bombardirten. 



10, 13-24. 51 

Ursprünglich werden die fallenden Meteore selber als vom Himmel 
gestürzte böse Engel vorgestellt worden sein. Diese Voreiellung 
haben die Araber vermutlich von den Juden übernommen; sie 
könnte also auch den Evangelisten bekannt gewesen und Jesu zu- 
geschrieben worden sein. Jedenfalls halte ich den isolirten Spruch 
für ganz apokryph. — Nach 10, 20 ist die Bürgerliste des Gottes- 
reichs auf Erden zugleich die himmlische Bürgerliste. 

10, 21—24 (Mt. 11, 25—27) fügt sich wenigstens in der tri- 
umphirenden Stimmung gut an das Vorhergehende. Höchst charak- 
teristisch ist der Zusatz im heiligen Geist; wir würden sagen: 
in heiliger Begeisterung. Der Wortlaut von 10, 22 ' (Mt. 11, 27) 
steht auch bei Lc nicht ganz fest. Nach dem Monologe (10, 21. 22) 
folgt nicht der selbe Schluß wie bei Mt (11, 28^30), sondern ein 
anderer (= Mt. 13, 16. 17), der dadurch abgesetzt wird, daß Jesus 
sich nun an seine Jünger wendet; xax fötav (10, 23) ist nach D 
und Syra S. zu streichen. In 10, 24 fehlen die Könige bei Marcion, 
in D und in manchen Latinae. 

Lc. 10, 25-37. § 63. 

Da trat ein Gesetzgelehrter auf, versuchte ihn und sagte: 
Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erben? 
*®Er sprach: was steht im Gesetz geschrieben, wie liest du? 
"Er antwortete: du sollst den Herrn deinen Gott lieben von 
ganzem Herzen und ganzer Seele, und mit ganzer Kraft und 
ganzer Gesinnung, und deinen Nächsten wie dich selbst. ^^Er 
sprach: du hast recht geantwortet, das tu, so wirst du leben. 
'* Jener aber wollte sich rechtfertigen und sagte: und wer ist mein 
Nächster? '° Jesus antwortete: Ein Mann ging von Jerusalem 
hinab nach Jericho und fiel Räubern in die Hand, die zogen 
ihn aus und setzten ihm mit Hieben zu und ließen ihn halb- 
tot liegen und machten sich davon. "Von ungefähr kam nun 
ein Priester des Weges, sah ihn und ging vorüber. "Ebenso 
kam auch ein Levit an den Ort, sah ihn und ging vorüber. 
"Ein reisender Samariter aber kam dahin, und da er ihn sah, 
jammerte ihn sein, ^*und er trat herzu und verband ihm die 
Wunden und goß Öl und Wein hinein; dann setzte er ihn 
auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte 
ihn. "Und am andern Morgen warf er zwei Denare aus und 

4* 



52 IV. 9, 51—18, 14. 

gab sie dem Wirt und sagte: pfleg ihn, und was du mehr 
aufwendest ersetz ich dir, wenn ich zurückkomme. "Wer 
von ihnen ist nach deiner Meinung dem, der unter die Räuber 
gefallen war, der Nächste gewesen? '^Er sagte: der, der 
Barmherzigkeit an ihm geübt hat. Jesus sprach: geh auch du 
und tu desgleichen. 
Der Faden, der sich durch 9, 51—10, 24 zieht, reißt hier ab. 
Aber auch im Folgenden zeigen sich größere Gruppen, und selbst 
solche Stücke, die in Wahrheit lose neben einander stehn, sucht Lc 
künstlich zu verbinden. Unsere Perikope beruht in ihrem histori- 
schen Teil auf dem § 63 des Mc, der dann an seiner ui-sprünglichen 
Stelle (zwischen 20, 40 und 41) ausgelassen wird; vgl. zu 4, 16 ss. 
Die Worte, die nach Mc. 12, 30 s. Jesus spricht, spricht nach Lc. 10, 27 
der Schriftgelehrte. Dennoch wird er nicht gelobt, sondern im Gegen- 
satz zu Mc in ein ungünstiges Licht gestellt, wie bei Mt, aber auf 
andere Weise. Mit 10, 29 verläßt nämlich Lc die Marcusvorlage 
und macht ad vocem xiv ir^criov ofou den Übergang zu einer Pa- 
rabel. Der Schriftgelehrte fragt nach dem Begriff dieses Ausdrucks, 
den er doch vorher selber gebraucht und verstanden hat: wer ist 
denn mein Nächster. Die Antwort müßte sein: jeder, der deine 
Hilfe nötig hat und sie herausfordert, sei es auch ein Samariter. 
Statt dessen lautet die Antwort, als wäre gefragt: wessen Nächster 
bin ich? Der Nächste ist in dem Gebot (10, 27) und in der daran 
geknüpften Frage (10, 29) das Objekt des Handelns, der Hilfs- 
bedürftige, in der Parabel aber das Subjekt, der Helfer. Dadurch 
wird der Samariter zum beschämenden Vorbild des Handelns 
für die Juden. Der Unterschied mag zwar materiell von keiner 
Bedeutung sein, aber die formelle Inkoncinnität fällt sehr auf und 
sie beweist, daß die Parabel nur durch einen künstlichen und un- 
passenden Übergang mit der einleitenden Erzählung in Verbindung 
gebracht ist. — Die Perikope ist wegen des Samariters in die Zeit 
gestellt, wo Jesus durch Samarien wandert. Die Ortsangabe in der 
Parabel „zwischen Jerusalem und Jericho" paßt aber nur für ein 
jerusalemisches Publikum; und auch Mc § 63 spielt in Jerusalem. 
10, 25. Versuchen = auf die Probe stellen. 
10, 28. üofet xal Ci^ofd ist im Semitischen ein doppelter Im- 
perativ, vgl. die Syra S. 

10, 29. Er wollte sich rechtfertigen, d. h. entschuldigen, näm- 
lich darüber, daß er, da er doch selber Bescheid wußte, dennoch 



10, 25-37. 53 

fragte. Er behauptet nicht zu wissen, was eigentlich der Nächste 
sei, und dies gibt Jesus Anlaß, diesen Begriff zu erklären und ihm 
einen Sinn zu geben, der über den ursprünglichen in der Tat weit 
hinausgeht. 

10, 30. Der unechte Relativsatz, der in Wahrheit die Erzählung 
fortsetzt, ist ganz unsemitisch, findet sich aber bei Lc öfter, z. B. 
10, 39. 

10,31. Von ungefähr hat Nachdruck. Nicht bloß der Ver- 
pflichtete (der eigentliche Nächste), der nicht immer zur Stelle ist, 
muß zugreifen, sondern jeder, wer gerade zur Stelle kommt. Der 
Nächste ist der, der im gebotenen Augenblick dem hilft, den ihm 
die Gelegenheit zuwirft. 

10, 34. In Wunden tut man Öl, aber nicht Öl und Wein. 
In dem Beispiel Land Anecd. Syr. 2 46, 24 stammt Öl und Wein 
wol aus unserer Stelle. Als Charpie wird Wolle benutzt (Vaqidi 119. 
Agh. 4, 100), aber an eine Verwechslung von ^lOV und N'^on ist 
kaum zu denken. 

Lc. 10, 38-42. 

Auf der Wanderung aber kam er in ein Dorf, und eine 
Frau, mit Namen Martha, nahm ihn in ihr Haus auf. ''Und 
sie hatte eine Schwester, Maria geheißen, die setzte sich zu 
den Füßen des Herrn und hörte sein Wort. *° Martha aber 
ließ sich von vielem Wirtschaften behelligen; und sie trat 
herzu und sagte: Herr, kümmerst du dich nicht darum, daß 
meine Schwester die Aufwartung mir allein überläßt? sag ihr, 
daß sie mir helfe! ^^Er antwortete ihr aber: Martha, Martha! 
[du machst dir um Vieles Sorge und Unruhe, es bedarf nur 
eines Wenigen], Maria hat das bessere Teil erwählt, von dem 
sie nicht abgezogen werden soll. 

Die beiden Schwestern kehren bei Joa wieder. Dort wohnen 
sie aber in Bethanien, bei Lc dagegen nehmen sie Jesus auf der 
AVanderung nach Jerusalem auf; er kehrt vorübergehend bei ihnen 
ein und verkündet in ihrem Hause „das Wort", gradeso wie es 
auch die Jünger nach Mc. 6 auf den Missionsreisen machen sollen. 
Es kommt nun häufig vor, daß Lc Vorgänge, die nach Mc in Ka- 
pernaum oder in Jerusalem spielen, anders wohin verlegt hat, z. B. 
die Salbung im Hause Simons von Bethanien nach Galiläa. Ob 



54 IV. 9, 51-18, 14. 

aber auch Joa mit der Lokalisirung von Martha und Maria in 
Bethanien den Vorzug von Lc verdient, läßt sich bezweifeln. 
Allerdings, wenn Jesus nur zufällig unterwegs in das Haus der 
Schwestern gerät, so fällt es auf, daß ihre Namen genannt werden, 
wenn sie auch noch so gewöhnlich sind. Joa erwähnt auch den 
Namen ihres aus dem Grabe zurückkehrenden Bruders, dieser aber 
scheint sehr verdächtigen Ursprungs zu sein. 

10, 41. 42. Die Textüberlieferung schwankt stark. Die Lesart 
der Recepta evic 8s iaxtv XP®^'* ^^^ entstanden aus o^iydiv 8s lanv 
Xpsia tJ evoc der ältesten Uncialen. Hier kann tJ evo; nur Ver- 
besserang von iXqwv sein; das Wenige soll auf eins beschränkt 
werden und darunter das gute Teil, nämlich das höchste Gut, ver- 
standen werden. Aber dann fällt das Eine in eine gänzlich andere 
Sphäre als das Wenige*) und ist in der Tat etwas sehr Großes 
— woher sich leicht erklärt, daß es in der Recepta allein das Feld 
behauptet hat. Betrachtet man demgemäß die Verbesserung t; £v6c 
als nachgetragen, so bleibt der einfache Sinn übrig: du brauchst 
nicht so viel Umstände zu machen, ich habe nur wenige Bedürf- 
nisse. Indessen in der Syra S. und in manchen Latinae steht 
überhaupt nichts zwischen MapOa und Mapta, und in D nur das 
eine Wort: öopußa^iQ. Mit Recht folgt Blaß diesen Zeugen; zur 
Streichung des Passus lag kein Anlaß vor, wol aber konnte er 
eingesetzt werden, um die Vokative aus einander zu halten. Wenn 
aber auch nur ri svo; ausfällt, so hat man keinen Grund mehr, 
unter der d^a&r) p.sptc etwas anderes zu verstehn als das Verhalten 
der Maria, das im Vergleich zu dem der Martha als das bessere 
bezeichnet wird. Der Relativsatz paßt dazu, wenn man ^ mit 
dem folgenden autr^c in semitischer Weise zusammenfaßt und auf 
fiepiäa bezieht: sie hat das bessere Teil erwählt, von dem sie nicht, 
wie Martha wünscht, abgezogen werden soll. Das Medium d^ai- 
petdöat (abziehen, hindern) ist hier ins Passiv gesetzt. 

Lc. 11, 1-13. 

Und er war im Gebet an einem Orte, und als er aufhörte, 
sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehr uns beten, wie 
auch Johannes seine Jünger gelehrt hat. *Er sagte: wenn ihr 



Kronzeuge dafür ist Weiß, welcher erklärt, weniges bedarf es für 
mich, oder vielmehr eins für dich. 



11, 1-13. 55 

betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich 
komme, 'das .... Brot gib uns täglich, *und erlaß uns unsere 
Sünden (denn auch wir erlassen jedem, der uns schuldet), und 
bring uns nicht in Versuchung. 

'Und er sprach: Wenn einer von euch einen Freund hat 
und mitternachts zu ihm geht und zu ihm sagt: Freund, leih 
mir drei Laibe Brot, ®denn ein Freund ist zu mir gekommen 
nach einer Reise und ich habe ihm nichts vorzusetzen — ^wird 
der wol von drinnen antworten: mach mir keine Beschwer, 
die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder sind bei mir 
im Bett, ich kann nicht aufstehn und dir geben? 'Ich sage 
euch, wenn er nicht aufsteht und ihm gibt, weil er sein 
Freund ist, so wird er doch, weil er nicht weicht und wankt, 
sich erheben und ihm geben, was er braucht. ^So sage ich 
auch euch: bittet, so wird euch gegeben; sucht, so findet ihr; 
klopft an, so wird euch aufgetan. ^°Denn wer bittet, empfängt, 
und wer sucht, findet, und wer klopft, dem wird aufgetan. 
"Wenn einer unter euch seinen Vater um einen Fisch bittet, 
wird er ihm statt des Fisches eine Schlange reichen? ^"^oder 
wenn er ihn um ein Ei bittet, wird er ihm einen Skorpion 
reichen? ^'Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern 
gute Gaben zu geben wißt, wie viel mehr wird der Vater vom 
Himmel heiligen Geist geben denen, die ihn bitten. 

11, 1. Die Jünger Jesu werden zu ihrem Ansuchen bewogen, 
weil sie ihn selbst beten sehen, und weil sie hinter den Johannes- 
jüngern nicht zurückstehn wollen, die ein Mustergebet von ihrem 
Meister schon besitzen. Beide Anlässe lassen sich zwar leicht ver- 
einigen, es scheint aber doch, daß der erste nachträglich hinzu- 
gekommen ist. Die Johannesjünger haben die Priorität, wie für 
das Fasten und die Taufe, so auch für das Gebet. In bezug auf 
das Fasten wird in § 12 (Mc. 2, 17ss.) anerkannt, daß es erst nach 
Jesu Tode bei seinen Jüngern Eingang fand; in bezug auf das 
Gebet wird das gleiche gelten. Wir befinden uns in einer Zeit, 
wo nicht mehr die beiden Meister, sondern ihre Jünger sich gegen- 
überstehn. In Mt. 6 ist das Vaterunser erst nachträglich eingeschoben, 
Mc (11, 25) kennt es nicht. 

11,2 Elatep und t:. vjiwv führt gleichmäßig auf Abba zurück, 
die gebräuchliche Anrede Gottes im Gebet (Mc. 14, 36. Rom. 8, 15. 
Gal. 4, 6). Entgegen dem Consensus aller Versionen und Hss. 



66 IV. 9, 51—18, 14. 

lautet die zweite Bitte nach Gregor von Nyssa und Maximus Con- 
fessor, nach der Minuskelhs. 700, und auch nach Marcion: dein 
heiliger Geist komme auf uns und heilige uns! „Dein Geist komme*^ 
ist Korrektur von „dein Reich komme": der Geist genügte einer 
späteren Zeit und die Parusie war ihr entbehrlich. Die Frage ist, 
ob eine solche Korrektur dem Lc zugetraut werden darf. Sie läßt 
sich schwer beantworten, wegen der Zwieschlechtigkeit dieses 
Evangelisten; vgl. zu 11,13. 

11,3. Ich trage hier zu Mt. 6, 11 nach, daß Hieronymus 
sagt: Quod nos supersubstantialem expressimus, in graeco habetur 
lirtoüatov — quod verbum LXX interpretes icspioüatov frequentissime 
transferunt. Er stellt also die beiden Wörter zusammen, wie auch 
Leo Meyer, der sie allerdings nicht identifizirt. rieptoöaio; ist 
passives Adjektiv von Trepnrotsta&at (retten) und bedeutet: gerettet, 
auserwählt (eigentlich als geretteter Rest). Es gibt auch ein 
iTTtTuoteiv, läßt sich damit für lirioücrtos etwas anfangen? Die Syra S. 
liest einfach t6v d. tov It. ohne genitivisches Pronomen. Marcion 
hat ao5 statt r^\i.wv', schon er hat an göttliche Speise gedacht. 

11, 4. Der mit xal ^dp aÖTOt (==f^|jiet?) beginnende Nachtrag 
ist bei Lc noch nicht so in die Bitte selber verarbeitet, wie bei 
Mt. Jede Bitte ist ursprünglieh nur ein ganz kurzer Satz. 

11, 8. 'AvotiSi^c wird hier nicht in tadelndem Sinne gebraucht, 
sondern wie döüawTnfjxo? Clem. Hom. 18,22. 46,31 ed. Lagarde, 
was Rufin sinngemäß mit immobilis wiedergibt. 

11, 9—13 (Mt. 7, 7—11). Brot und Stein (11, 11) stammt 
aus Mt. Der Nominativ tfe und das Fehlen von 6 u(6; im Sinaiticus 
verdient den Vorzug; der Akkusativ wurde korrigirt, um den 
Subjektswechsel zwischen aftr^ast und lirtSoiast zu vermeiden, und 
dann mußte 6 ü?6c eingesetzt werden; D hat aber Tic trotz 6 ü(6? 
beibehalten. Die Parataxe der Bedingungssätze (11,11.12) ist 
semitisch. Das zweite «Ya&a in Mt. 7, 11 verwandelt Lc. (11, 13) 
in T:veü|ia aytov. Die Bitte um den heiligen Geist ist bei ihm der 
eigentliche Inhalt des christlichen Gebets. Ohne Zweifel hängt 
damit der Wortlaut der zweiten Bitte bei Marcion usw. zusammen: 
dein Geist komme auf uns. Blaß und Harnack (Berliner S. B. 
1904 p. 170ss) meinen, er *würde dadurch bestätigt. Er könnte 
freilich ebenso gut darnach korrigirt sein. Aber ins Gewicht fällt 
der Vergleich von 11,5 — 13 mit 18,1 — 8. Daß dies Varianten 
sind, muß anerkannt werden. Dort nun ist das Gericht und die 



11, U— 36. 57 

Rache, d. h. die Ankunft des Reichs Gottes im ursprünglichen Sinne, 
der Inhalt der absoluten Bitte; hier der heilige Geist. Ersteres ist 
gewiß das Ältere; man sieht, daß die Parusie auch darum anstößig 
sein konnte, weil sie ein Tag der Rache gegen die Feinde war. 
Wenn aber Lc. in 11, 13 den heiligen Geist statt des Reiches Gottes 
gesetzt hat, so kann er es auch in der zweiten Bitte getan haben. 
Es ist wenigstens nicht vollkommen ausgeschlossen. 

Q.* Lc. 11, 14-36. Mt. 12, 22-45. § 17. 18. 

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und als 
der Dämon ausgefahren war, konnte der Stumme sprechen, 
und die Leute verwunderten sich. ^'Etliche aber sagten: durch 
Beelzebul, den Obersten der Dämonen, treibt er die Dämonen 
aus; ^^andere verlangten von ihm zur Probe ein Zeichen vom 
Himmel. *'Er aber wußte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: 
Jedes Reich, das sich entzweit, wird zerstört, und ein Haus 
(darin) fällt über das andere her. *®So auch, wenn der Satan 
gegen sich selber entzweit ist, wie soll sein Reich Bestand 
haben? weil ihr sagt, ich treibe die Dämonen durch Beelzebul 
aus. "Und wenn ich durch Beelzebul die Dämonen aus- 
treibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? deshalb sind 
sie eure Richter. '°Wenn ich aber die Dämonen durch den 
Finger Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch 
gelangt. ^^Wenn ein Gewaltiger gerüstet seine Burg bewacht, 
so ist sein Gut in Sicherheit, ^'wenn aber ein Stärkerer über 
ihn kommt, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich 
verließ, und verteilt die Beute. "Wer nicht für mich ist, ist 
wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 

"Wenn der unreine Geist aus dem Menschen ausfährt, 
durchwandert er dürre Gegenden und sucht eine Ruhestatt. 
Und wenn er keine findet, sagt er: ich will wieder zurück 
in mein Haus, das ich verlassen habe; '^und wenn er kommt 
und findet es gefegt und geputzt, '®so geht er hin und holt 
sich noch sieben andere Geister, schlimmer als er selber, und 
sie kommen und nehmen dort Wohnung, und der letzte Zustand 
jenes Menschen wird schlimmer als der erste. 

"Als er aber so redete, erhub ein Weib aus dem Volk 
die Stimme und sagte: selig der Leib, der dich getragen und 



58 IV. 9, 51-18, 14. 

die Brust^ die du gesogen! '*Er sprach: in Wahrheit selig 
sind die, die das Wort Gottes hören und bewahren. 

'^Da das Volk aber zu häufe kam, begann er zu sagen: 
Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht, es verlangt ein Zeichen, 
und kein Zeichen wird ihm gegeben, als nur das Zeichen des 
Jonas. "Denn wie Jonas den Nineviten ein Zeichen war, in 
der selben Weise wird der Menschensohn diesem Geschlecht 
ein Zeichen sein. ''Die Königin des Südlandes wird als An- 
klägerin dieses Geschlechts auftreten und seine Verdammnis be- 
wirken, denn sie kam von den Enden der Erde, zu hören die 
Weisheit Salomos, und hier ist mehr als Salomo. "Die Leute 
von Nineve werden als Ankläger dieses Geschlechtes auftreten 
und seine Verdammnis bewirken; denn sie taten Buße auf die 
Predigt Jonas, und hier ist mehr als Jonas. 

"Niemand zündet ein Licht an und setzt es in ein Ver- 
steck [oder unter den Scheffel], sondern auf den Leuchter, 
damit die Eintretenden den Schein sehen. **Das Licht des 
Leibes ist dein Auge. Wenn dein Auge ungetrübt ist, ist 
auch dein ganzer Leib helle; wenn es aber schlecht ist, ist 
auch dein Leib finster. '*Schau nun, daß das Licht an dir 
nicht finster sei. '®Wenn nun . . . 

11, 14—23 (Mt. 12, 22—32. Mc. 3, 22—30). Lc hat die 
Beelzebulsperikope bei der Wiedergabe des Mc überschlagen, weil er 
sie hier aus Q bringen will. Mt bringt sie zwar in der Reihenfolge 
des Mc (§ 17), schiebt aber vieles aus Q ein und hängt auch die 
Fortsetzung von Q an. Der Bericht von Q bei Lc weicht erst in der 
zweiten Hälfte von dem des Mc ab. Vom Geist als Bewirker der 
Exorcismen ist nicht die Rede (vielmehr vom Finger Gottes 11,20), 
und auch nicht von der Lästerung des Geistes. Die Äußerung 
Mc. 3,28. 29 findet sich isolirt in anderer Fassung bei Lc. 12, 10. 
11, 14 wird von D geglättet, ähnlich wie 5, 1. 17. 
11, 15. Nach Lc sind nicht die Schriftgelehrten oder die 
Pharisäer die Redenden. 

11,16 bereitet etwas vorzeitig auf 11,29 vor. 

11. 17. Die Häuser sind die Unterabteilungen des Reiches, 
also keine Gebäude, sondern Verbände. 

11.18. Zu Sit vgl. Mc. 3, 30. Ein richtiger Acc. cum inf., 
wie hier IxßaXXstv |jis, findet sich in den Ew. selten; es über- 
wiegt die semitische Konstruktion, wobei nur das Subjekt des 



11, 14-36. 59 

Nebensatzes vom Hauptverbum attrahirt wird: vidit lucem quod 
esset bona. 

11,24—26 (Mt. 12,43—45) folgt bei Lc mit Recht dicht auf 
die Beelzebulrede. 

11,27. 28 nur bei Lc. Die Stellung erklärt sich daraus, daß 
11, 14 — 23 eine Variante zu § 17 und 11, 27. 28 eine Variante zu 
§ 18 ist. Der Spruch 11, 28 deckt sich mit 8,21; auch der Gegen- 
satz von Blutsverwandten und Gottesangehörigen kehrt wieder. 
Die Seligpreisung seiner Mutter weist Jesus zurück und preist 
dafür seine Jünger selig, nicht sofern sie seiner Person anhängen, 
sondern sofern sie das Wort Gottes hören und tun. 

11, 29—32 (Mt. 12, 38—45) ist bereits durch 11, 16 angeknüpft. 
Über 11,30 habe ich zu Mt. 12,40 gehandelt; ein ayjfjisTov dvTtXs^o- 
{xevov (Lc. 2, 34) war Jonas nicht und kann also auch Jesus nicht 
sein, da er mit ihm verglichen wird. 

11,33 — 36. Der Zusammenhang mit dem Vorhergehenden ist 
ganz unklar. Der Vers 33 ist schon in 8, 16 nach Mc gebracht, 
hier wird er vielleicht nach einer anderen Quelle wiederholt. Der 
Übergang zu 11, 34ss. (Mt. 6, 22. 23) scheint bloß über das Wort 
Xü^voc zu gehn. Den Vers 36 in der meist bezeugten Fassung 
nennt Blaß mit Recht übel verderbt und unverständlich. Die 
Syra S. liest ihn anders, aber nicht besser. D läßt ihn aus, 
ebenso die Syra C. und die meisten Latinae; indessen wie eine 
Interpolation sieht er nicht aus. 



Lc. 11,37-54. Mt. 23. 

Ein Pharisäer aber bat ihn, bei ihm zu Mittag zu essen, 
und er trat ein und setzte sich zu Tisch. "Und der Phari- 
säer wunderte sich zu sehen, daß er nicht erst die Hände 
ins Wasser tauchte vor dem Essen. *^Der Herr aber sprach 
zu ihm: Jetzt, ihr Pharisäer, das Äußerliche, Becher und 
Schüssel, reinigt ihr; euer Inneres aber strotzt von Raub und 
Bosheit. *°Ihr Toren, macht nicht, wer das Innere macht, 
(damit zugleich) auch das Äußere? ^^ Vielmehr das Innere, 
reinigt, so habt ihr alles rein. *'Aber weh euch Pharisäern, 
ihr verzehntet Minze und Raute und allerlei Kraut, und über- 
geht das Recht und die Liebe Gottes. *'Weh euch Pharisäern, 



60 IV. 9, 51-18, 14. 

ihr sitzt gern oben an in den Synagogen und wollt gegrüßt 
sein auf den Straßen. **Weh euch, ihr seid unsichtbare 
Gräber, über die die Menschen hinübergehn und wissen es nicht. 
"Da hub einer von den Gesetzesgelehrten an und sagte 
zu ihm: Meister, mit den Worten beleidigst du auch uns. 
"Er aber sprach: Weh auch euch Gesetzesgelehrten, denn ihr 
ladet den Menschen schwer zu tragende Lasten auf, und rührt 
selbst mit keinem Finger daran. *^Weh euch, ihr baut den 
Propheten Gräber, die eure Väter getötet haben; **somit seid 
ihr Zeugen für die Taten eurer Väter und damit einverstanden; 
denn nachdem jene sie getötet haben, errichtet ihr Bauten. 
"Darum hat die Weisheit Gottes gesagt: ich sende zu ihnen 
Propheten und Apostel und sie werden etliche töten und 
etliche verfolgen, *°damit an dem gegenwärtigen Geschlecht 
gerächt werde das Blut aller Propheten, das vergossen ist seit 
Gründung der Welt, von dem Blute Abels an bis zu dem 
Blute Zacharias', der zwischen dem Altar und dem Tempel- 
hause umgebracht wurde — ja ich sage euch, an dem gegen- 
wärtigen Geschlecht soll es gerächt werden. *'Weh euch 
Gesetzesgelehrten, ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weg- 
genommen; ihr selbst seid nicht hineingekommen und habt 
denen gewehrt, die hineinkommen wollten. 

*'ünd da er dies gegen sie vor allem Volk sagte, wurden 
die Gesetzesgelehrten und die Pharisäer ihm sehr böse und 
stritten mit ihm über mancherlei Fragen, "um hinterhaltig 
etwas aus seinem Munde zu erjagen. 

Diese Rede entspricht der von Mt. 23 im Inhalt, jedoch nicht 
In der Situation. Bei Mt steht sie an stelle von Mc § 65. Bei 
Lc aber wird sie nicht in Jerusalem und nicht öffentlich im Tempel 
gehalten, sondern im Hanse eines Pharisäers bei einem Gastmahl 
(7,36. 14, 1), außerhalb Jerusalems in der Zeit der Reise Jesu 
dorthin. Das paßt freilich sehr schlecht, denn woher kommt denn 
die offenbar vorausgesetzte Menge der Schriftgelehrten und Phari- 
säer? Vielleicht hat die Situation des § 35 (Mc. 7, Iss.) eingewirkt, 
den Lc an seiner Stelle ausgelassen hat, hier aber als Anlaß und 
Eingang der Rede benutzt. Ein Nexus zwischen 11,33 — 36 und 
11, 37 SS. kann in dem Gedanken gefunden werden: das Zentrum 
beherrscht die Peripherie, das Auge muß licht sein, damit der 
Leib licht sei, das Innere muß rein sein, damit das Äußere rein sei. 



11,37-54. 61 

11,37. Die Redaktion der Einleitungen und Übergänge 
schwankt fast regelmäßig in den Hss. „Als er das sagte^ fehlt 
hier in D und Syra S., steht dagegen in 11,53 und bei D auch 
in 11,14. Bei aptatov wird an die Zeit nicht mehr gedacht. 

11.39. Nuv hat hier den temporellen Sinn verloren und be- 
deutet: wie es sich zeigt; vgl. mekkel und *atta. Der Sinn des 
Ausspruchs ist von Lc richtig wiedergegeben. Für ^sfioüatv Mt. 23, 25 
hätte ^efxsTs gesagt w^erden müssen; im Aramäischen hat das Par- 
ticipium gestanden und das Subjekt atton des vorhergehenden 
Participiums (xaöapt'Cste) noch nachgewirkt. Ich habe das bei Mt. 
zu bemerken vergessen. 

11.40. Das Innere steht in D, in einigen Latinae und bei 
Cyprian mit Recht voran. Machen heißt „in Ordnung bringen", 
wie in Deut. 21, 11. 2 Sam. 19, 25 (LXX), und ist in unserem Fall 
gleichbedeutend mit reinigen; so auch deutsch: das Haar, die 
Lampen machen. Nur so entsteht Sinn. 

11, 41. Statt „gebt Almosen" erfordert der Zusammenhang 
den Sinn: reinigt. Im Aramäischen heißt „Almosen geben" zakki, 
und „reinigen" dakki. Die beiden lautlich wenig verschiedenen 
(und ursprünglich sogar identischen) Verba sind hier von Lc ver- 
wechselt, während Mt (23, 26) richtig xaOa'ptaov hat, aber falsch 
TOü iroTTjpioü und aötoü zusetzt. 

11,42. 'AXXot leitet einen Satz ein, der über den ursprüng- 
lichen Anlaß hinaus zu Weiterem übergeht. „Die Liebe Gottes" 
sagt nur Lc; nach Mt. 23, 23 ist vielmehr von der Liebe gegen 
den Nächsten die Rede und ebenso auch nach Mc. 7, lOss. und 
12, 40. Der abwiegelnde Schlußsatz „dies sollte man tun und 
jenes nicht lassen" stammt aus Mt (23, 23) und fehlt mit Recht 
in D. 

11, 43. 44. Der erste Vers steht auch bei Mc (12, 39), der 
zweite weitläufiger, aber schlechter bei Mt (23, 27. 28). Bei Lc 
ist der Sinn klar: man ahnt nicht, worauf man bei euch tritt; latet 
anguis sub herba. 

11, 45. Lc muß wol einen Grund gehabt haben, hier einen 
Absatz zu machen. Aber der Wechsel der Anrede ist gesucht. 
Sie richtet sich nur am Anfang (11, 46) und am Schluß (11, 52) 
an die Schriftgelehrten, im wesentlichen jedoch an die Juden ins- 
gemein. 



62 IV. 9, 51-18, 14. 

11, 47. 48 deckt sich inhaltlich mit Mt. 23, 28—33, ist aber 
kürzer. 

11, 49—51 (Mt. 23,34—36) fehlt bei Marcion. Bei Mt sind 
diese Worte Jesu eigene Worte, und nur er kann sie sprechen. 
Auch in Lc 11, 51 (val Xs^oi öfjLiv) redet er im eigenen Namen. 
Was bedeutet dann aber der Eingang bei Lc: darum hat die Weis- 
heit Gottes gesagt? Jesus ist zwar die Achamoth, kann sich aber 
doch nicht selber so nennen und dabei das Praeteritum elTiev ge- 
brauchen. Es ist auch unwahrscheinlich, daß er ein sonst un- 
bekanntes apokryphes Buch zitire. Dies Buch müßte zudem erst 
nach der Zerstörung Jerusalems geschrieben sein und zwar von 
christlicher Hand. Nur das ist ersichtlich, daß der Autor des 
Eingangs Bedenken getragen hat, die folgende Rede auf Jesus 
selbst zurückzuführen. 

11, 52. In der Parallele Mt. 23, 13 ist xXstsT8 von der Syra S. 
interpretirt: ihr habt den Schlüssel zum Himmelreich. Auch Lc 
wird es so verstanden haben, selbst wenn nicht mit Blaß s/ste 
(xijv xXeiv), sondern ^paxs oder ixpü^ate zu lesen ist. An Stelle 
des Himmelreichs hat er die ^vwatc gesetzt, d. h. die pwatc xr^c 
acuxrjpta; (1, 77), oder x% C«>^c (mandä d'chajje). Daß die '^yS^ai^ 
nicht das Ursprüngliche ist, geht aus dem folgenden eJaspj^ejftai 
hervor, welches jedenfalls viel besser zum Reiche Gottes paßt. 

11, 53 habe ich nach D und Syra S. übersetzt. Man braucht 
bei Lc keinen Anstoß daran zu nehmen, daß das Gastmahl plötz- 
lich zur offenen Szene wird (14, 25). Das diro(jxo,aaxtCeiv der 
modernen Vulgata ist in der Verbindung, in der es steht, schlechter- 
dings unmöglich; was es bedeutet, ersieht man aus 11, 54: &>]psliaat 
XI Ix xoü ax6[xaxo;. 

Lc. 12, 1-12. Mt. 10, 26-33. 17-20. 

Während nun eine große Menge ringsum sich zusammen- 
drängte, so daß einer den andern trat, sprach er [in erster 
Linie] zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteige, 
nämlich der Heuchelei, der Pharisäer. 'Es ist nichts verhüllt, 
was nicht enthüllt werde, und nichts verborgen, was nicht be- 
kannt werde. 'Deshalb alles, was ihr im Dunkeln geredet habt, 
wird kund im Licht, und was ihr ins Ohr gesagt habt in den 
Kammern, wird auf den Dächern ausgerufen. *Aber ich sage 



11,1-12. 63 

euch, meinen Freunden: fürchtet euch nicht vor denen, die 
den Leib töten und darnach nichts weiter tun können. ^Ich 
will euch eröffnen, wen ihr fürchten sollt: den, der nach dem 
Tode Macht hat, in die Geenna zu werfen. Ja ich sage euch, 
den fürchtet. ^Werden nicht fünf Sperlinge um zwei Heller 
verkauft? und nicht einer davon ist vergessen vor Gott. ^Aber 
auch die Haare eures Hauptes sind alle gezählt; fürchtet euch 
nicht, ihr seid viel mehr wert als Sperlinge. ®Ich sage euch, 
wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der 
Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes, 'und wer mich 
verleugnet vor den Menschen, wird verleugnet werden vor den 
Engeln Gottes. *°ünd wer immer etwas gegen den Menschen- 
sohn sagt, das wird ihm vergeben; gegen den heiligen Geist 
aber wird es nicht vergeben. *^Wenn sie euch nun vor Ge- 
meindegerichte und vor die Behörden und die Obrigkeit bringen, 
so sorgt nicht, wie ihr euch verteidigen und was ihr sagen sollt; 
denn der heilige Geist wird euch zu selbiger Stunde das rechte 
Wort lehren. 

12, 1 habe ich ebenso wie 11, 53 nach D und Syra S. über- 
setzt und TTpÄTov, das in der Syra S. fehlt, als zweifelhaft gekenn- 
zeichnet, obgleich es richtig ist, daß Jesus bei Lc fast nie aus- 
schließlich zu den Jüngern redet, sondern fast immer so, daß 
auch das Volk dabei ist. Das ist die Heuchelei hat in den 
Hss. eine schwankende Stellung und könnte Interpretament sein, 
vgl. Mc. 8, 15. Aber die Heuchelei schlägt die Brücke zu der 
Heimlichkeit (12, 2). Freilich ist das in Wahrheit durchaus nicht 
das selbe. Die Brücke, die zugleich den Übergang von 11, 37 ss. zu 
12, 2 SS. bilden soll, ist gekünstelt und nur scheinbar. 

12, 2 (Mt. 10, 26. Mc. 4, 22). Hier beginnt die Aufforderung 
zum Martyrium, zur offenen Verkündigung und Bekennung des 
Evangeliums, ohne Furcht vor den Folgen. 

12, 3. Bei Mt. 10, 27 heißt es viel besser: was ich (Jesus) 
euch sage, das redet (ihr) auf den Dächern. 

12, 5. Die Geenna kommt bei Lc nur an dieser Stelle vor. 
12, 7. Die Wortstellung im ersten Satz bei Mt. 10, 30 ist 
logischer. 

12, 8. 9. Hier hat Lc sich getreuer an den ursprünglichen 
Wortlaut (Mc. 8, 37) gehalten und Mt (10, 32s.) ihn geändert. 



64 IV. 9, 51-18, 14. 

12, 10 habe ich nach D und Marcion übersetzt, der Ausdruck 
ßXaa<pT)tisiv wird auch in Mt. 12, 32 vermieden. Der Spruch, der 
am Ende der Beelzebulsperikope bei Lc fehlt, ist hier so abgeändert, 
daß er in den Zusammenhang paßt. Wer etwas gegen den heiligen 
Geist sagt, ist der, welcher seine christliche Überzeugung verleugnet, 
und nicht bekennt, was ihm der Geist eingibt. Vgl. im Übrigen 
meine Erörterung zu Mt. 12, 31. 32. 

12, 12. 'Ev auT^ TTQ Äpa sagt Lc stets (außer 7, 21?) und 
nicht iv Ixetvg x. d». wie Mt (10, 19). Vgl. auch 13, 1. 

Lc. 12, 13^21. 

Einer aus dem Volk aber sagte zu ihm: Meister, sag doch 
meinem Bruder, daß er das Erbe mit mir teile. **Er sagte 
zu ihm; Mensch, wer hat mich zum Richter [oder Erbteiler] 
über euch bestellt! 

'*Und er sprach zu ihnen: habt acht und hütet euch vor 
aller Habsucht, denn nicht im Überfluß der Habe liegt das 
Leben für den Menschen. ^^Und er sagte ihnen ein Gleichnis. 
Es war ein reicher Mann, dessen Land hatte gut getragen. 
"Und er dachte bei sich: was soll ich tun, ich habe nicht 
Raum, meine Früchte einzubringen. "Und er sprach: das 
will ich tun, ich breche meine Scheuern ab und mache sie 
größer, um all mein Gewächs einzubringen, ''und sage dann 
zu mir selbst: du hast viel des Guten, labe dich! '®Aber 
Gott sprach zu ihm: du Tor, in dieser Nacht wird deine Seele 
dir abgefordert, wem wird nun dein Vorrat zufallen? ["So 
geht es, wenn einer sich Schätze aufspeichert und hat keinen 
Reichtum bei Gott.] 

12, 13. 14. Die Situation wechselt nicht, wol aber der Gegen- 
stand der Rede, obwol in 12, 32 ein Ton aus 12, 2 — 12 nach- 
klingt (vgl. auch 12, 49 — 53). Die kurze Historie unserer beiden 
Verse soll das Thema angeben für die folgenden Ermahnungen an 
das Volk und an die Jünger. Sie ist jedoch nicht zu diesem 
Zweck gemacht, denn sie enthält an sich keine Warnung vor der 
Habsucht, sondern einen Protest Jesu gegen die Behelligung mit 
Angelegenheiten, die nicht vor sein Forum gehören. Es ist im 
Orient üblich, daß man sich auch in weltlichen Angelegenheiten 
an eine religiöse Autorität wendet; Jesus weist das ab. Aber die 



12,22-31. 65 

Kirche verfuhr anders, und schon Lc(12, 15) zieht aus dem Ausr 
Spruch 12, 14 eine Moral, die nicht darin liegt. Oder Erbteiler 
fehlt in D und Syra S. 

12,15 — 21. Die Anrede ergeht an das Volk. Ich habe für 
12, 15 mich an Clemens AI. und an die Syra S. gehalten und in 
12, 18. 19 den kürzeren Text von D vorgezogen, nach. Blaß. E?c 
Tov Osov (12, 21) heißt bei Gott, nach 12, 33. Mc. 10, 21; die 
Deutungen, die dem literarischen Sinn von &k gerecht werden 
wollen, sind gekünstelt. Übrigens fehlt 12, 21 in D; wenn der 
Vers unecht ist, so könnte man allerdings in et? xöv Oeov eine 
Finesse finden, die sonst von der Einfalt des Evangeliums abliegt. 

Lc. 12, 22-31. Mt. 6, 25-33. 

Er sprach aber zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch, 
seid nicht in Sorge um eure Seele, was ihr essen, und nicht um 
euren Leib, was ihr anziehen sollt. "Denn die Seele ist mehr 
als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung. '* Achtet 
auf die Raben, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben nicht 
Speicher noch Scheuer — wieviel mehr wert seid ihr als Vögel! 
**Wer von euch kann mit Sorgen seinem Wüchse eine Elle 
zusetzen? ^^'wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, 
was sorgt ihr um das Übrige? "Achtet auf die Lilien, wie sie 
weder spinnen noch weben; und doch, sage ich euch, war auch 
Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht angetan wie dieser eine. 
"Wenn Gott auf dem Felde das Gras, das heute steht und 
morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidest, wieviel mehr 
euch, ihr Kleingläubigen! "Ihr also trachtet nicht nach Essen 
und Trinken und gieret nicht, '°denn nach alle dem trachten 
die Völker der Welt. Euer Vater weiß, daß ihr dessen bedürft, 
'brachten aber sollt ihr nach seinem Reich, so bekommt ihr 
das andere dazu. 

12, 22. Darum sage ich euch (Mt. 6,25) nimmt Bezug auf die 
vorhergehende Rede. Diese soll jedoch an das Volk gerichtet sein, 
während 12, 22ss. an die Jünger. Es sieht so aus, als ob der 
Adressenwechsel erst nachträglich hinzugefügt worden sei. In 12, 
22 SS. kann die Rede an das Volk recht gut noch fortgesetzt werden. 
12, 25 ist bei Lc nicht so vereinzelt wie bei Mt (6, 27), wird 
aber durch den Zusammenhang mit 12, 26 nicht gerade verstand- 

Wellhausen, Evaug. Lucue. 5 



66 IV. 9, 51-18, 14. 

lieber. IIspl xuiv Xoiiruiv wäre nur erträglich, wenn es überhaupt 
bedeuten könnte. 

12, 29. Zu (ieTscopiCeaOai vgl. Sir. 23, 4, es entspricht dem 
biblischen nasa naphscho es er erhob seine Seele, d. h. langte 
geistig nach etwas. 

12, 31. Diese Antithese macht den Übergang zum folgenden 
Stück. Vgl. 21, 34. 

Lc. 12, 32-40. 

Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn euer Vater hat 
beschlossen, euch das Reich zu geben. "Verkauft eure Habe 
und gebt sie zum Almosen, macht euch unvergängliche Säckel, 
einen unerschöpflichen Schatz im Himmel, wo kein Dieb heran- 
kommt und keine Motte zerstört. •*Denn wo euer Schatz ist, 
da ist auch euer Herz. **Euere Lenden seien gegürtet und 
eure Lichter angezündet, ***wie bei Leuten, die auf ihren Herrn 
warten, wenn er aufbricht von der Hochzeit, damit wenn er 
kommt und anklopft, sie ihm alsbald auftun. '^ Selig die 
Knechte, die der Herr bei seiner Ankunft wachend findet; 
denn ich sage euch, er wird sich schürzen und sie zu Tisch 
sitzen heißen und herumgehn und sie bedienen. "Und kommt 
er in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie 
so: selig sind sie. "Das aber seht ein: wenn der Hausherr 
wüßte, zu welcher Stunde der Dieb komme, so ließe er nicht 
in sein Haus einbrechen. *°Auch ihr, seid bereit, denn 
zu einer Stunde, da ihr es nicht denkt, kommt der Menschensohn. 
12, 32. Nicht die Juden, sondern die Christen, nur eine kleine 
Herde, sind die Bürger des Reiches Gottes. Als Trost würde das 
besser in 12, 4 — 7 passen, wie hier. Denn hier wird es vielmehr 
zur Mahnung verwandt, wie in 12, 31, so auch 12, 33 ss.: man soll 
sich des Reiches Gottes würdig machen, man soll in jedem Augen- 
blick vorbereitet sein auf seine Ankunft. In 12, 16 — 21 genügt 
es als Motiv, daß der Tod vor der Tür jedes einzelnen steht; die 
Parusie ist entbehrlich. Auch die heitere Sorglosigkeit von 12, 22 ss. 
hat durchaus nicht die Parusie zum Hintergrunde, wenn man von 
den Schlußversen absieht. Aber von 12, 32 an wird das anders; 
und von hier an erst richtet sich die Rede entschieden an die 
Jünger und nimmt eine spezifisch christliche Färbung an. Man 



12, 32—40. 67 

muß die Absätze nach dem Inhalt machen und nicht nach den zu 
Anfang angegebenen oder nicht angegebenen Adressen. 

12, 33. 34 (Mt. 6, 19—21). Die Abmahnung von der Hab- 
sucht und von der Sorge, wird hier für die Jünger zum positiven 
Gebot, im Hinblick auf das kommende Reich ihre irdische Habe 
zu veräußern und den Erlös durch Almosengeben in der himmlischen 
Bank niederzulegen; im Himmel soll ihr Herz und auch ihr Schatz 
sein. Der Anspruch ist bei Mt verfeinert und wol weniger ur- 
sprünglich. Jedoch die Motten passen bei Lc nicht recht, da nur 
vom Gelde die Rede ist, und die ßoXXotvTta (Geldsäcke) stammen 
schwerlich aus alter Quelle. 

12, 35—36. Die Stimmung ist hier nicht friedlich und heiter 
wie in 12, 22ss., sondern gespannt und pathetisch. Es liegt eine 
männliche Bereitschaft und ein verhaltener Drang in diesen 
Imperativen, die Erwartung der baldigen Parusie erzeugte keine 
Schlaffheit, sondern Energie. Vgl. zu Mt. 25, 1 — 12 am Schluß. 
— Die Hochzeit ist nichts weiter als ein Festgelage. Es scheint 
hier die Himmelsfreude darunter vorgestellt zu werden, der Herr, 
d. h. der Messias, kehrt vom Himmel zuiück. Freilich ist die 
Hauptsache nicht die himmlische Hochzeit, von der der Messias 
kommt, sondern die irdische, die er den Seinen bereitet (12, 37). 

12, 37. Die Knechte, d. h. die Christen, nehmen am Mahl 
ihres Herrn teil, das hier nicht im Himmel, sondern auf der Erde 
stattfindet, zu der Jesus heimkehrt. Er führt sie jedoch nicht bloß 
dazu ein, sondern er übernimmt auch als Wirt ihre Bedienung. 
Da mischt sich ein Gedanke ein, der in 22, 27 ss. eine passendere 
Stätte hat. 

12, 38 weist auf Mc. 13, 35 zurück und schleppt bei Lc nach. 

12, 39. 40 = Mt. 24, 43. 44. 

Lc. 12, 41-49. Mt. 24, 45-51. 

Petrus aber sagte: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns 
[oder zu allen]? **ünd der Herr sprach: Wer ist nun der 
treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde, 
setzt, ihnen zur rechten Zeit das Brot auszuteilen? *' Selig 
der Knecht, den der Herr bei seiner Heimkunft also tun findet. 
**Wenn aber jener Knecht bei sich spricht: mein Herr kommt 
noch lange nicht, und anfängt die Knechte und Mägde zu 

5* 



68 IV. 9, 51-18, 14. 

schlagen, za essen nnd zu trinken und sich za berauschen, 
**so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tage, 
da er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht 
weiß, und wird ihn zerstückeln und ihm sein Teil geben unter 
den Ungläubigen. 

*'Der Knecht aber, der seines Herrn Willen weiß und 
nicht nach seinem Willen tut, bekommt viele Schläge, *Mer 
aber, der ihn nicht weiß und tut, was Schläge verdient, be- 
kommt wenige. Von jedem, der viel empfangen hat, wird 
viel gefordert, und von dem, dem viel anvertraut ist, wird 
umsomehr verlangt. 

12, 41—46 ganz wie Mt. 24, 45—51. Der Eingang 12, 41 
zeigt, daß Lc auf die Adressen Wert legt. Die Frage bezieht sich 
auf das vorhergehende Gleichnis (und zwar besonders auf die 
Supposition in 12, 39. 40, daß auch die Jünger von der Parusie 
übel überrascht werden könnten), die Antwort wird aber durch 
ein neues Gleichnis gegeben. Die Meinung scheint zu sein, daß 
in diesem neuen Gleichnis der Knecht unverkennbar ein Mann wie 
Petrus und seinesgleichen sei, nicht bloß überhaupt ein Jünger, 
sondern ein christlicher Lehrer und Vorsteher. Bei Lc tritt das 
in der Tat deutlicher hervor als bei Mt, der Knecht wird aus- 
drücklich als Verwalter (12, 42) eingeführt, und er bekommt zur 
Strafe seinen Platz unter den Ungläubigen (12, 46), d. h. den 
NichtChristen, die keinen Teil am Reiche Gottes haben, ist also 
selber ein Christ in hervorragender Stellung. 

12, 41. Die von mir eingeklammerten Worte fehlen in D, wie 
öfters nach ^. 

12, 42—44. Die Frage (12, 42) ist logisch ein Bedingungssatz, 
und mit 12, 43 beginnt die Apodosis. Das Verhältnis von 12, 42 
zu 12, 43. 44 entspricht also dem Verhältnis von 12, 44. 45 zu 
12, 46. Das Futurum xataan^aei (12, 42) ist zwar absolut genommen 
richtig, weil Jesus von der Zukunft redet; relativ aber ist es Prä- 
teritum, und Mt (24, 45) sagt besser xaTiorcyjaev. 

12, 47. 48. ist ein neues und andersartiges Gleichnis. Aller- 
dings könnte die Moral am Schluß auch auf das Vorhergehende 
sich beziehen und die außergewöhnliche Strafe grade eines christ- 
lichen Gemeindebeamten (12, 46) rechtfertigen. Nach der Absicht 
des Lc soll das vielleicht wirklich so sein. ladessen weiß doch 
nicht bloß der christliche Lehrer den Willen des Herrn, die christ- 



12, 41^53. 69 

liehen Laien aber nicht. Eher könnten die jüdischen Schrift- 
gelehrten der jüdischen Masse, die vom Gesetz nichts weiß, ent- 
gegengesetzt werden (Mt. 21, 28ss.). Vermutlich ist jedoch der 
Gegensatz allgemeiner (Amos 3, 1), zwischen den Christen und den 
NichtChristen, oder für Jesus passender, zwischen den Juden und 
den Heiden. Die Juden haben die ^vwatc, für die Heiden ist die 
a^vota bezeichnend. Von Besitzern und Mchtbesitzern der göttlichen 
Offenbarung ist jedenfalls die Rede, und darum eine völlig un- 
bestimmte Auffassung des wissenden und des unwissenden Knechtes 
ausgeschlossen. — D hat in 12, 48 überall die dritte PL Aktivi 
für das Passiv, wie in a^rijaouatv und in diraiioüatv 12, 20. 

Lc. 12, 49-53. Mt. 10. 34. 35. 

Einen Brand auf die Erde zu werfen bin ich gekommen, 
und wie wünschte ich, er wäre schon entzündet! *°Eine Taufe 
habe ich zu erleiden, und wie ängste ich mich, bis sie voll- 
endet ist! "Meint ihr, ich sei gekommen Frieden zu schaffen 
auf Erden? nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. *'Denn 
von nun an werden Fünfe in einem Hause sich entzweien, drei 
gegen zwei und zwei gegen drei; *' der Vater entzweit sich 
mit dem Sohn und der Sohn mit dem Vater, die Mutter mit 
der Tochter und die Tochter mit der Mutter, die Schwieger 
mit der Schnur und die Schnur mit der Schwieger. 

12, 49 — 53 bezieht sich zwar nicht auf die Parusie selber, wol 
aber auf deren Wehen oder Anzeichen (Mt. 10, 34. 35. Mc. 13, 12). 
Die ersten drei Verse reimen sich nicht mit einander. Der Brand 
ist eine dauernde und allgemeine Wirkung, die Jesus ersehnt, die 
Todestaufe ein vorübergehendes persönliches Erlebnis, vor dem er 
sich ängstigt. Es steht nicht da: mein Tod ist die notwendige 
Voraussetzung meiner großen geschichtlichen Wirkung. Vielmehr 
erscheinen die Aussagen in 12, 49 und 12, 50 als parallel, und 
das sind sie nicht. Ebensowenig ist 12, 50 gleichartig mit 12, 51. 
Aber auch 12, 49 und 12, 51 passen nicht zu einander, der er- 
wünschte Brand kann mit der grauenhaften Entzweiung der Familien 
nichts zu tun haben. Bei Marcion fehlt der ganze Vers 50 und 
die zweite Hälfte von Vers 49. Dann entstünde allerdings Zu- 
sammenhang, der Brand wäre der innere Krieg und Lc würde auf 
Mt (10, 34. 35) reduzirt. Ich habe jedoch gar kein Zutrauen zu 



70 IV. 9,51-18, 14. 

dieser Lesung des Marcion, glaube vielmehr, daß Lc ganz disparate 
Dinge nach irgend welcher Ideenassociation zusammengestellt hat. 
•— Aouvai (12, 51) wird von D richtig durch Ttot^aai erklärt. 

Lc. 12, 54-59. 

Er sprach aber auch zu dem Volke: Wenn ihr eine Wolke 
aufsteigen seht im Westen, so sagt ihr alsbald: es kommt Regen, 
und es geschieht so. "Und wenn der Südwind weht, so sagt 
ihr: es gibt Hitze, und es geschieht so. "Ihr Heuchler, das 
Aussehen des Himmels [und der Erde] wißt ihr zu beurteilen, 
die Zeit der Gegenwart aber nicht. 

*^ Warum nehmt ihr auch nicht von euch selber das 
Rechte ab? "Denn wenn du mit deinem Widersacher zum 
Beamten gehst, so gib dir unterwegs Mühe, von ihm loszu- 
kommen; sonst schleppt er dich zum Richter und der Richter 
übergibt dich dem Vollstrecker und der Vollstrecker wirft 
dich ins Gefängnis. "Ich sage dir, du wirst nicht heraus- 
kommen, bis du den letzten Heller bezahlt hast. 

12, 54 — 56. Auch hier ist von den Zeichen der Parusie die 
Rede, aber in allgemeinerer Weise, so daß Lc hier das Volk als 
Adresse angibt. Und der Erde ist ein falscher Zusatz, dessen 
Stelle in den Hss. schwankt. Für die Luft oder Wetter (sensu 
medio) haben die Semiten kein eigenes Wort, sie brauchen Himmel 
dafür. Wir würden dafür sagen: die Zeichen des Wetters und 
die Zeichen der Geschichte. 

12, 57—59 (Mt. 5, 25. 26). Der Vers 57 könnte dem Inhalt 
nach zum Vorhergehenden gehören; aber dagegen spricht 8e xai und 
■yap. Ihn mit dem Folgenden zu verbinden, ist indessen auch nicht 
leicht. Zu der Frage 12, 57 paßt die Begründung 12, 58s. schlecht. 
Es müßte zunächst einfach kategorisch heißen: ihr gebt euch doch 
im gewöhnlichen Leben Mühe, euren Gläubiger zu befriedigen, und 
vermeidet es vor den Richter geschleppt zu werden. Dann erst 
Imperativisch: so solltet ihr, an euch selbst ein Beispiel nehmend, es 
doch auch mit eurem himmlischen Gläubiger machen, ehe es zum 
Gericht kommt. Es ist eine Aufforderung zur Buße. A6; ip^aatav 
(12, 58) wird von den Latinae, auch von Hieronymus, mit da 
operam übersetzt; es scheint in der Tat ein Latinismus zu sein, 
der weit mehr auffällt als speculator, legio, custodia, praetorium. 



12, 54—13, 8. 71 

Lc. 13, 1-8. 

Zu der Zeit kamen einige und berichteten von den Gali- 
läern, deren Blut Pilatus mit (dem Blut) ihrer Opfer gemischt 
hatte. 'Und er antwortete ihnen : Meint ihr, daß diese Galiläer 
größere Sünder gewesen sind, als die anderen Galiläer, weil 
ihnen dies widerfahren ist? 'Nein, ich sage euch, wenn ihr 
nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. *Oder 
meint ihr, jene achtzehn, auf die der Turm von Siloam fiel 
und sie tötete, seien schuldiger gewesen als die anderen Ein- 
wohner von Jerusalem? *Nein, sage ich euch, sondern wenn 
ihr nicht Buße tut, werdet ihr allesamt ebenso umkommen. 
®Er sagte aber dieses Gleichnis. Es hatte einer einen 
Feigenbaum in seinem Weinberg stehn, und er kam Frucht 
daran zu suchen und fand keine. ^Da sagte er zu dem Wein- 
gärtner: nun schon drei Jahre komme ich und suche Frucht 
an dem Feigenbaum und finde keine, hol die Axt, hau ihn 
ab, was verunnützt er das Land! ®Er antwortete: Herr, laß 
ihn noch dies Jahr, daß ich den Boden um ihn grabe und 
einen Korb Dünger daran tue; * vielleicht bringt er nächstes 
Jahr Frucht, sonst hau ihn ab. 

13, 1 — 5. Schon 12, 57 — 59 ist eine Aufforderung zur Buße, 
dies Thema wird in 13, 1 — 9 fortgesetzt, ohne daß jedoch die 
Parusie als Motiv deutlich hervortritt. An heiliger Stätte, beim 
Opfern, soll Pilatus die Galiläer niedergehauen haben, natürlich als 
Aufrührer. Wenn das in Jerusalem geschehen wäre, so hätte ein 
solcher Skandal von Josephus nicht übergangen werden können. 
Die Galiläer aber durften nur in Jerusalem opfern. Also können 
die Rebellen, die beim Opfer überfallen sind, keine Galiläer ge- 
wesen sein. Theodor Beza hat wol recht, daß vielmehr der 
Mord der Samariter auf dem Garizzim (Jos. Ant. 18, 85 ss.) gemeint 
ist, der große Aufregung hervorrief und zur Absetzung des Pilatus 
führte. Wenn dieses Ereignis erst in die Zeit nach Ostern 35 fiel, 
so hat es Jesus allerdings nicht mehr erleben können. Denn der 
späteste mögliche Termin der Kreuzigung ist Ostern 35; zu Ostern 36 
war Pilatus nicht mehr in Amt. Daß Lc den Josephus nicht ge- 
kannt hat, ist klar. — Das Ereignis, worauf in 13,4 hingewiesen 
wird, ist unpolitisch und darum von Josephus nicht erwähnt; es 
setzt Bekanntschaft der Zuhörer mit der jerusalemischen Lokal- 



72 IV.. 9, 51—18, 14. 

Chronik voraus. Die Bußpredigt Jesu kann auch ohne das End- 
gericht auskommen, mit plötzlichen Todesfällen (12, 16ss.) und 
Katastrophen, mit warnenden Beispielen solcher Leute, denen kein 
Raum zur Sinnesänderung gelassen wurde. Der Gedanke, daß aus 
dem Unglück nicht auf die Schuld geschlossen werden dürfe (Joa. 9), 
tritt bei Lc nicht hervor; die Betroffenen verdienen ihr Schicksal, 
jedoch nicht mehr als andere, die mit ebensoviel Recht hätten be- 
troffen werden können. Die Frage, warum denn Gott gerade an 
ihnen ein Exempel statuirte, wird nicht berührt. Jesu selber würde 
das Unterfangen einer Theodicee vermutlich vollkommen gottlos 
vorgekommen sein. — Flaviac (13, 4. 14, 10) heißt wie oft: die 
anderen. Auch umgekehrt sagen die Semiten Rest für Gesamtheit. 
13,6 — 9 ist ein Gegenstück zum Vorhergehenden: die, denen 
Gott noch Frist zur Buße läßt, sollen die Frist benutzen, denn 
lange dauert sie nicht. Zu gründe liegt Mt. 3, 10. Hier historische 
Allegorie zu suchen ist kein Anlaß, und es gelingt auch nicht 
(Jülicher). Das jüdische Volk müßte der Weinberg sein, der Feigen- 
baum ist ein Individuum. Die drei Jahre und das vierte Jahr 
spotten vollends jeder Ausdeutung. 

13.7. Siehe drei Jahre seitdem sagen die Aramäer, sie 
haben keinen anderen Ausdruck für schon vgl. 13, 46. Mc. 8, 2. 
D fügt hinzu: hol die Axt. 

13.8. D liest: einen Korb Dünger. Im A. T. wird das 
Düngen nie erwähnt, z. B. nicht in Isa. ö, 2. 

13. 9. Die erste Apodosis im alternativen Bedingungssatz wird 
als selbstverständlich aasgelassen. Das geschieht auch im klassischen 
Griechisch, vgl. Ilias 1, 135s8. und Krüger § 54, 12 n. 12. Aber 
im Semitischen ist es durchaus die Regel. E?c xi jieXXov (sc. Itoc) 
steht in D und Syra S. an anderer Stelle. Das efc ist das Lamed 
in ^n^ob und bedeutet nicht bis. 

Lc. 13, 10-17. 

Wie er aber am Sabbat in einer Synagoge lehrte, "war 
da eine Frau, die hatte achtzehn Jahre lang einen Geist der 
Krankheit und war verkrümmt und konnte sich nicht voll- 
kommen aufrichten. *'Und Jesus sah und rief sie, und mit 
den Worten: „Weib, du bist erlöst von deiner Krankheit!" 
"legte er ihr die Hände auf. Und alsbald wurde sie wieder 



13, 1-22. . 73 

gerade und pries Gott. "Der Gemeindevorsteher aber war un- 
willig, daß Jesus am Sabbat heilte, hub an und sagte zu dem 
Volke: sechs Tage sind, an welchen man arbeiten soll; an 
denen kommt und laßt euch heilen und nicht am Sabbat. **Ihm 
antwortete der Herr und sprach: Ihr Heuchler, löst nicht jeder 
von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe 
und führt ihn zur Tränke? **Dies Weib aber, eine Tochter 
Abrahams, die der Satan nun schon achtzelin Jahre gebunden 
hat, sollte nicht von ihren Banden gelöst werden dürfen am 
Sabbatstag? "Und alle seine Widersacher schämten sich. 
Hier wird der Faden von 12, 13 — 13, 9 fallen gelassen, und es 
folgen lose an einander gereihte Stücke, die freilich gelegentlich auch 
von der Parusie handeln. Die Situation soll noch immer die Reise 
nach Jerusalem sein. Das Lehren am Sabbat in unserer Perikope 
führt jedoch eher nach Kapernaum. Wir würden die Gekrümmt- 
heit, die von einem bösen Geist herrühren soll (13,11), ganz ent- 
sprechend als einen Hexenschuß bezeichnen. Der Vorsteher schilt 
das Volk und meint Jesus, demgemäß antwortet dieser (13, 14. 15), 
braucht aber auch seinerseits pluralische Anrede. 

Lc. 13, 17-22. 

Und alles Volk freute sich über all das Herrliche, was von 
ihm geschah. ^^Er sprach nun: Wem ist das Reich Gottes 
gleich und womit soll ich es vergleichen? "Es gleicht einem 
Senfkorn, das einer nahm und in seinen Garten säte, und es 
wuchs und ward zu einem Baume, und die Vögel des Himmels 
nahmen in seinen Zweigen Wohnung. *°Oder wem ist das 
Reich Gottes gleich und womit soll ich es vergleichen? **Es 
gleicht dem Sauerteige, den ein Weib nahm und in drei 
Scheffel Mehl tat, bis daß es ganz durchsäuert wurde. 

'*Und er wanderte von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, 
indem er lehrte, und nach Jerusalem reiste. 

Der Anlaß für diese Stellung der beiden auch in Mt. 13, 31 — 33 
vereinigten Parabeln scheint in der zweiten Hälfte von 13,17 an- 
gegeben zu werden. Die Freude des ganzen Volks über Jesu Auf- 
treten erweckte gute Hoffnung auf das Wachstum des Reiches 
Gottes. 



74 IV. 9, 51—18, 14. 



Lc- 13, 23-30. 

Es fragte ihn aber einer: Herr, sind es nur wenige, die 
gerettet werden? '*Er sprach: setzt alle Kraft daran, durch 
die enge Pforte hineinzukommen; denn viele, sage ich euch, 
suchen hineinzukommen und vermögen es nicht. '*Wenn der 
Hausherr sich aufgemacht und die Tür geschlossen hat, und 
ihr draußen anfangt zu klopfen und sagt: Herr, tu uns auf, 
so wird er euch antworten: ich weiß nicht, woher ihr seid. 
**Dann werdet ihr anheben: wir haben ja mit dir gegessen 
und getrunken und auf unseren Straßen hast du gelehrt, 
''und er wird euch sagen: ich habe euch nie gesehen, weicht 
von mir, all ihr Täter der Ungerechtigkeit. "Da wird Ge- 
jammer sein und Zähneknirschen, wenn ihr seht, wie Abraham 
und Isaak und Jakob und die Propheten alle im Reiche Gottes 
sind und ihr hinausgeworfen werdet. '^Von Morgen und 
Abend, von Süd und Nord werden sie kommen und im Reich 
Gottes zu Tisch sitzen. '°Denn es gibt letzte, die werden 
erste sein, und erste, die werden letzte sein. 

13, 23. 24. Es besteht eine innere Verbindung mit dem Vor- 
hergehenden. Dort ist gesagt: das Reich Gottes wird sich bald 
sehr ausdehnen; hier dagegen: nur w^enige kommen hinein. Der 
Gesichtspunkt, unter dem es aufgefaßt wird, ist verschieden. Die 
einleitende Frage (13, 23) müßte also eigentlich ein Einwurf sein: 
Herr, es sollen ja aber doch nur wenige gerettet werden! Unter 
allen Umständen erklärt sie sich nur aus Mc. 10, 26. Lc. 18, 26 und 
aus den dortigen Prämissen. Dadurch wird dann auch der Über- 
gang zu 13, 24 begreiflich; die als bekannt vorausgesetzte enge 
Tür ist das Nadelöhr von Mc. 10. Lc. 18. 

13, 25 ist ad vocem Oupa angehängt; die Tür ist hier aber 
nicht die selbe wie die in 13, 24. gemeinte. Vgl. Mt. 25, 10. 

13, 26. 27. Die zu spät Gekommenen sind diejenigen, die im 
Vertrauen auf ihre persönliche Bekanntschaft mit dem Herrn es nicht 
für nötig gehalten haben, sich beständig für seine Parusie innerlich 
bereit zu halten. Es wird bei Lc und bei Mt gleichmäßig betont, 
daß persönliche Bekanntschaft mit Jesu, Anciennetät der Jünger- 
schaft, sogar das Martyrium keinen Vorzug verleiht für das zu- 
künftige Reich Gottes. 



13, 23-35. 75 

13,28.29. In Mt. 8,11. 12 steht der Satz mit IxeT am 
Schluß. Dadurch, daß er bei Lc. an den Anfang gerückt wird, 
hat Ixei seine Beziehung verloren; denn es wird nur für den Ort 
und nicht für die Zeit gebraucht. 

13, 30 bezieht sich bei Lc ebenso wie bei Mt (20, 16) auf 
Christen, s. zu 13,26.27. Viele, die gegenwärtig in der christ- 
lichen Gemeinde die ersten sind, werden im künftigen Reich Gottes 
die letzten sein. 



Lc. 13, 31-35. 

Zu der Stunde kamen einige Pharisäer zu ihm und sagten: 
wandere fort von hier, denn Herodes will dich töten. '*Und 
er sprach zu ihnen: geht und sagt jenem Fuchse: Siehe ich 
treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und 
morgen [und am dritten Tage werde ich vollendet]; "freilich 
muß ich [heute und morgen und] am folgenden Tage wandern, 
denn es geht nicht, daß ein Prophet umkomme außerhalb 
Jerusalems. 

"Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und 
die zu dir gesandten Boten steinigst, wie oft habe ich deine 
Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter 
ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! "Siehe euer Haus 
wird liegen gelassen. Ich sage euch: ihr werdet mich nicht 
sehen, bis kommen wird, wo ihr sprecht: gesegnet, der da 
kommt im Namen des Herrn. 

13,31. Es ist für Lc bezeichnend, daß er diese Geschichte in 
die Periode der Wanderung versetzt, obwol aus ihr selber deutlich 
erhellt, daß Jesus sich noch in Kapemaum befindet und erst 
demnächst abreisen will. Die Pharisäer werden vom Redaktor 
eingesetzt sein, wie häufig. Ob man aus 13, 32 schließen darf, 
daß Herodes selber die Warner abgesandt hat, um durch einen 
Schreckschuß zum Ziele zu kommen, und ob er eben deshalb ein 
Fuchs genannt wird, läßt sich bezweifeln. Jesus scheint die 
Warnung ernst zu nehmen, und wir dürfen unsere Vorstellung 
vom Fuchs nicht einfach auf die alten Juden übertragen. Vgl. 
zu Mc. 6. p. 51. 

13. 32. 33. Jesus sagt: durch Herodes lasse ich mich nicht ver- 
scheuchen, ich setze meine bisherige Wirksamkeit vor der Hand 



76 IV. 9, 51—18, 14. 

ruhig fort, aber allerdings (icXr^v) werde ich demnächst aufbrechen, 
nicht aus Furcht vor dem Tyrannen, sondern weil ich in Jerusalem 
und nirgend anders sterben muß. Dieser Sinn ist klar und wird 
auch nicht verkannt. Aber wenn es in 13, 32 heißt: heute und 
morgen bleibe ich noch hier, so widerspricht dem die Aussage in 
13,33: heute und morgen und am folgenden Tage reise ich. 
Die gesperrt gedruckten Worte müssen interpolirt sein. Es fragt 
sich, aus w elchem Grunde sie zugefügt sind. Der Grund kann nur 
in dem Schlußsatze von 13,32 liegen: am dritten Tage werde ich 
vollendet. Denn darauf kann nicht fortgefahren werden: und am 
folgenden Tage muß ich reisen. Um das xj ix^pievTQ hinter dem 
in der Tat damit identischen vq xpitiQ möglich zu machen, um ihm 
die richtige Beziehung zu geben, ist davor ai^fiepov xal aSptov noch 
einmal wiederholt. Es folgt, daß xal xig xpixo xeXeioGfxat die erste 
Interpolation ist und daß sie die zweite (ai^fiepov xal aopiov 13, 33) 
nach sich gezogen hat. 

13, 34. 35 (Mt. 23, 37—39). Die Worte sind ad vocem Jeru- 
salem (13, 33) angehängt, in Wahrheit aber nicht in Galiläa, 
sondern in Jerusalem selber gesprochen, wie bei Mt. Zu ^Jei 
(13, 35) könnte der futurische Satz mit 8xe Subjekt sein; ich ver- 
mute indes, daß oxe das aramäische Relativ (is cui) wiedergibt 
und daß das wahre Subjekt der Messias (6 Ipxojxevo;) ist. Sehr 
bemerkenswert ist die Auslassung von Ipr^fio? hinter d'ftexai; vgl. 
zu Mt. 23, 38. 

Lc. 14, 1-35. 

Und als er an einem Sabbat in das Haus eines der 
obersten Pharisäer zum Essen gekommen war, und sie ihm 
aufpaßten, 'erschien da ein Mensch vor ihm, der die Wasser- 
sucht hatte. 'Und Jesus hub an und sprach zu den Gesetzes- 
gelehrten und Pharisäern: darf man am Sabbat heilen oder 
nicht? Sie aber schwiegen still. *Und er faßte und heilte ihn 
und ließ ihn gehn, *und sprach zu ihnen: wer von euch, wenn 
ihm ein Schaf oder Rind in den Brunnen fällt, zieht es nicht 
alsbald heraus am Sabbatstag? *Und sie konnten darauf nichts 
erwidern. 

^Er sagte aber zu den Gästen ein Gleichnis, da er be- 
achtete, wie sie sich die ersten Plätze aussuchten, und sprach 



14,1—35. 77 

zu ihnen: ^Wenn du zu einer Hochzeit geladen bist, so setz 
dich nicht obenan, sonst möchte ein vornehmerer Gast da sein 
®uud der Wirt kommen und zu dir sagen: mach dem da 
Raum! dann müßtest du mit Beschämung den letzten Platz 
einnehmen. '^Sondern, wenn man dich einladet, so geh und 
setz dich untenan, damit der Wirt, wenn er kommt, zu dir 
sage: Freund, rück besser hinauf! dann widerfährt dir Ehre 
vor den anderen Gästen. "Denn wer sich erhebt, wird er- 
niedrigt, und wer sich erniedrigt, wird erhoben. 

"Er sagte aber auch zu dem Wirt: Wenn du ein Mahl 
gibst zu Mittag oder zu Abend, so lad nicht deine Freunde 
ein, noch deine Verwandten, noch deine Nachbarn, noch die 
Reichen; sonst laden sie dich wieder ein und du hast deine 
Vergeltung. ^^Sondern, wenn du eine Bewirtung anstellst, so 
lad Arme, Krüppel, Lahme, Blinde ein; ^*und selig bist du, 
wenn sie es dir nicht vergelten können, denn es wird dir ver- 
golten bei der Auferstehung der Gerechten. 

^*Als einer der Gäste das hörte, sagte er zu ihm: selig, 
wer da essen darf im Reiche Gottes. 

'*Er aber sprach: Ein Mann richtete ein großes Mahl zu 
und ladete viele ein. ^^Und als die Stunde des Mahls ge- 
kommen war, sandte er seinen Knecht um den Geladeten zu 
sagen: kommt, denn es ist nun bereit. ^^Und sie begannen 
mit einem male alle sich zu entschuldigen. Der Erste sagte: 
ich habe einen Hof gekauft und muß notwendig fort und ihn 
besichtigen, ich bitte dich, halt mich entschuldigt! ^Ein anderer 
sagte: ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und gehe sie zu be- 
sichtigen, ich bitte dich, halt mich entschuldigt! ^°Und ein 
anderer sagte: ich habe ein Weib gefreit, darum kann ich 
nicht kommen. "Und der Knecht kam und meldete das 
seinem Herrn. Da ward der Hausherr zornig und sagte zu 
dem Knechte: geh stracks auf die Straßen und Gassen der 
Stadt und bring die Armen und Krüppel und Blinden und 
Lahmen her. '^ünd der Knecht sprach: Herr, dein Befehl 
ist geschehen, es ist aber noch Raum da. ^^Und der Herr 
sagte zu dem Knechte: geh hinaus auf die Landstraßen und 
an die Zäune und nötige sie hinein, damit mein Haus ge- 
pfropft voll werde; '*denn ich sage euch: keiner von den 
Männern, die geladet sind, soll von meinem Mahle kosten. 



78 IV. 9, 51—18, 14. 

''Mit ihm zusammen aber wanderten viele Leute aus 
dem Volk, und er sprach zu ihnen gewandt: **Wer zu mir 
kommt und nicht hintansetzt Vater und Mutter und Weib und 
Kinder und Brüder und Schwester, dazu sich selbst, kann nicht 
mein Jünger sein. '^Wer nicht sein Kreuz trägt und mir 
nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. '*Wer unter euch, 
der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuvor hin und 
überschlägt die Kosten, ob er genug hat zur Ausfuhrung? 
''damit nicht, wenn er nach der Grundlegung den Bau nicht 
vollenden kann, alle die es sehen anfangen ihn zu verspotten 
und zu sagen: '® dieser Mann hat einen Bau angefangen und 
ihn nicht vollenden können. *'Oder welcher König, der mit 
einem andern Könige zu streiten geht, setzt sich nicht zuvor 
hin und ratschlagt, ob er wol mit zehntausend Mann dem 
begegnen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn. aus^ 
rückt? '*wo nichts so schickt er eine Gesandtschaft an ihn, 
so lange er noch ferne ist, und bittet um Frieden. '*So kann 
auch keiner von euch mein Jünger sein, der nicht allem Be- 
sitz entsagt. **Das Salz ist wol ein gut Ding; wenn aber 
das Salz fade wird, womit kann man es herstellen? "es ist 
weder für das Land noch für den Düngerhaufen angebracht, 
man wirft es weg. Wer Ohren hat zu hören, der höre! 

14, 1—6. Da die Meinung der Frage Jesu (14, 5) ist: „wenn 
ein Tier am Sabbat gerettet werden darf, wie viel mehr ein Mensch*', 
so kann in diesem Gegensatz der Sohn nicht auf die Seite des 
Tieres gestellt werden. Die bestbezeugte Lesart Mi ist unmöglich. 
Sie muß aber erklärt und darf nicht einfach in ovoc oder itpoßaxov 
verbessert werden. Mill hat vermutet, üioc sei falsche Auflösung 
von uc, welches hier in Wahrheit als oic hätte aufgefaßt werden 
müssen; und Lachmann ist dem mit Recht beigetreten. Das Be- 
denken, daß dies alte edle Wort für Schaf in der späteren Gräcität 
nicht mehr gebraucht werde, schlägt nicht durch. Zur Parataxe 
(14, 5) vgl. Mt. 18, 21. 

14, 7 — 11. Jesus gibt hier einmal eine profane, keine reli- 
giöse Verhaltungsmaßregel. Das hat er gewiß oft genug getan, 
aber in der evangelischen Überlieferung kommt es sonst nicht vor. 
Lc macht eine Parabel daraus (14, 7) und hängt als geistliche 
Moral einen öfters wiederkehrenden Spruch daran (14, 11). So mit 
Recht Jülicher. 



14, 1-35. 79 

14, 12 — 14. Auch das ist kein Gleichnis. Die Mahnung, die 
hier gegeben wird, schlägt jedoch in das Gebiet der Religion. Ob 
die Auferstehung der Gerechten (14, 14) hier unterschieden wird 
von der allgemeinen Auferstehung, die erst später eintritt, ist nicht 
ganz sicher, und Act. 24, 15 spricht nicht dafür. Nach 20, 35 
scheint Lc eine Auferstehung der Ungerechten gar nicht anzuer- 
kennen. 

14, 15—24 (Mt. 22, 1—14). Der überraschende Ausruf 14, 15 
hat nur den Zweck, den Übergang von der irdischen zur himm- 
lischen Tafel zu machen und anzudeuten, daß im folgenden Gott 
das Gegenbild- des Wirtes ist, der nicht die Vornehmen, sondern 
die Geringen einladet. In 14, 16 — 24 liegt in der Tat ganz deutlich 
eine Parabel vor. Über ihre Bedeutung und die Unterschiede ihrer 
Fassung bei Lc und Mt ist zu Mt gehandelt. Die steigernde Wieder- 
holung (14, 22—24) findet sich nur bei Lc. Auf den Singular des 
einladenden Knechtes bei Lc muß wol Gewicht gelegt werden. Mt 
scheint wenigstens Jesum darunter verstanden zu haben. Er will 
diesen aber vom Knecht zum Sohn erheben, er soll nicht selber 
einladen, sondern es soll zu ihm, zu seiner Hochzeit, eingeladet 
werden. Darum setzt er die Knechte in den Plural und denkt 
dabei an die Apostel: EIttsv (14, 18 — 20) bedeutet natürlich: er 
ließ sagen, nämlich dem Herrn. Aiti \iiä<; (14, 18) kann kaum 
etwas anderes sein als min ch'da (Syra S.). 

14, 25 — 35 erinnert an Mt. 22, 11 — 14 und steht in antithe- 
tischem Zusammenhang mit 14, 15—24, ähnlich wie 13, 23 ss. 
mit 13, 18ss. Alles Volk wird zum Reich Gottes eingeladet und 
kommt auch, aber der wahren Jünger sind nur wenige; es besteht 
ein Unterschied zwischen der empirischen und der idealen Bürger- 
schaft des Reichs und die letztere ist ein viel engerer, wenngleich 
konzentrischer Kreis. 

14, 25 — 27. Im Handumdrehen wechselt die Situation; Jesus 
wandert weiter nach Jerusalem. Die Anrede richtet sich an das 
viele Volk, das ihn dabei begleitet, aber nicht daran denkt, ihm 
in den Tod zu folgen. Die Probe der wahren Nachfolge ist das 
Martyrium. Über die relative Bedeutung von fiiaeiv (14, 26) s. zu 
Mt. 6, 24. Richtig Mt. 10, 37: wer Vater oder Mutter mehr liebt, 
als mich. 

14, 28 — 33. Der Vergleich der Nachfolge mit einem kost- 
spieligen Bau, vor dem man sich wol überlegen soll, ob man auch 



80 IV. 9, 51-18, 14. 

die Mittel hat, ihn durchzuführen (14, 28 — 30), erscheint uns ge- 
sucht Ebenso auch der folgende Vergleich (14, 31. 32), worin 
dem, dessen Kräfte nicht reichen, empfohlen wird, lieber gleich am 
Anfange von der Nachfolge zurückzutreten und, wenn man noch 
weiter ausdeuten darf, seinen Frieden mit der Welt zu machen, 
statt an dem Versuch, sie zu verleugnen und zu bekämpfen, zu 
scheitern. Von der positiven Moral 14, 33 ausgehend, vermutet 
Jülicher, daß auch der Sinn der beiden Gleichnisse ursprünglich positiv 
und nicht bloß abratend war. „Wer ist, der einen Turm bauen will 
und, wenn sein Barvermögen nicht ausreicht, nicht lieber Haus 
und Hof verkauft, um sich nicht lächerlich zu machen? Und 
welcher König, der seine Unabhängigkeit gegen einen fremden Er- 
oberer zu verteidigen hat, wird nicht Gut und Leben daran setzen^ 
um den Feind trotz seiner Überlegenheit • zu schlagen?" Es kommt 
mir jedoch bedenklich vor, von der Schlußmoral aus das Gleichnis 
zu korrigiren; in der Regel ist das umgekehrte Verfahren an- 
gebrachter. Auch hätte Lc schwerlich das viele Volk zur Adresse 
gemacht, wenn die folgende Rede keine Abmahnung von der Nach- 
folge gewesen wäre, sondern eine Aufforderung dazu. 

14, 34—35 wie Mc. 10, 50 und Mt. 5, 13. Auch Lc versteht 
unter dem Salz die Jünger. Sie müssen, um zu wirken, nicht 
zahlreich sein, aber voll und ganz die Eigenschaft des Jüngers,, 
die Entschlossenheit zur Nachfolge, haben. Nur dann sind sie zu_ 
etwas nütze. 

Lc. 15, 1-10. Mt. 18, 12-14. 

Da sich aber allerhand Zöllner und Sünder an ihn heran 
machten, um ihn zu hören, ^murrten die Pharisäer und Schrift- 
gelehrten und sagten: dieser nimmt die Sünder an und ißt 
mit ihnen. 'Er aber sagte zu ihnen dieses Gleichnis: *Wer 
von euch, wenn er hundert Schafe hat and eins davon ver- 
liert, läßt nicht die neunundneunzig auf der Trift und geht 
dem verlorenen nach, bis er es findet? *und hat er es gefunden^ 
so legt er es voll Freude auf seine Schulter, ®und nach Hausa 
gekommen, ruft er Freunde und Nachbarn zusammen und 
spricht: freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf 
wiedergefunden. 'Ich sage euch, so ist mehr Freude im 
Himmel über einen Sünder, der rückkehrt, als über neunund- 



15, 1-10. 81 

neunzig Gerechte, die der Rückkehr nicht bedürfen. *Oder 
wenn ein Weib zehn Silberlinge hat und einen verliert, zündet 
sie nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht an- 
gelegentlich, bis sie ihn findet? 'Und hat sie ihn gefunden, 
so ruft sie Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und 
spricht: freut euch mit mir, ich habe meinen verlorenen Silber- 
ling gefunden. *®So, sage ich euch, wird Freude sein vor den 
Engeln Gottes über einen einzigen Sünder, der rückkehrt. 
Man darf hier wie anderswo mit der von Lc angenommenen 
Situation keinen Ernst machen. Er würde in Verlegenheit geraten 
sein über die Frage, ob alle die Zöllner und Schriftgelehrten und 
Pharisäer zur Reisebegleitung Jesu gehörten oder in einem Dorfe 
unterwegs (wo möglich in Samarien) ein Haus hatten, wo sie ihn 
bewirteten. Das Thema ist in dieser und der folgenden Perikope 
wieder die {xetavota, aber von der freundlichen, nicht von der 
herben Seite angesehen. Ich habe hier nach dem Sinne des Ur- 
worts Rückkehr zu übersetzen müssen geglaubt, weil das Schaf 
und das Geld nicht Buße tut, sondern nur zurückkommt. Mt faßt 
die Rückkehr auf als Wiedervereinigung eines abgeirrten Gliedes 
mit der christlichen Gemeinde. Anders Lc; ob dessen Auffassung 
aber die ursprünglichere ist, läßt sich fragen. Für iv t~ ^PWV 
(15, 4) sagt Mt (18, 12) ganz im gleichen Sinne JttI tä opifj, das 
Urwort für epTfjfj-oc bedeutet eigentlich Trift. Die Engel (15, 9) 
sind, wie gewöhnlich, nur der Hof Gottes im Himmel, nicht seine 
Boten und Werkzeuge auf Erden. Das zweite, ganz identische 
Gleichnis fehlt bei Mt ebenso, wie 9, 61. 62. Das griechische 
SpaXK^ findet sich nur hier bei Lc, sonst wird immer das lateinische 
8>3vaptoc gebraucht. 

Lc. 15, 11-32. 

Er sagte aber: Ein Mann hatte zwei Söhne. "Und der 
Jüngere sagte zum Vater: Vater, gib mir den auf mich 
treffenden Teil des Vermögens. Und er teilte ihnen das Hab 
und Gut. "Nicht lange darnach nahm der jüngere Sohn 
alles zusammen und zog in ein fernes Land, und dort bradite 
er sein Vermögen durch mit lüderlichem Leben, '*Als er 
nun alles durchgebracht hatte, trat eine schwere Hungersnot 
in jenem Lande ein, und er begann zu darben. "Und er 

Wellhaüsen, Evang. Lücae. g 



82 IV. 9, 61—18, 14. 

ging hin und hängte sich an einen von den Embeimischen, 
und der schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. 
'*Und er begehrte sich den Bauch zu füllen mit den Schoten, 
die die Schweine fraßen, und niemand gab sie ihm. ^^Da 
kam er zu sich und sagte: wie viele Tagelöhner meines Vaters 
haben Brot in Überfluß, ich aber geh hier vor Hunger zu 
gründe; ^^ich will mich aufmachen zu meinem Vater und ihm 
sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und wider 
dich, ^'ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen, behandle 
mich wie einen deiner Tagelöhner. '"Und er machte sich auf 
zu seinem Vater. Als er aber noch weit weg war, sah ihn 
sein Vater, und es jammerte ihn sein, und er lief und fiel ihm 
um den Hals und küßte ihn. "Da sagte der Sohn zu ihm: 
Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und wider dich, 
ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. "Der Vater 
aber sagte seinen Knechten: geschwind bringt das kostbare 
Feierkleid und legt es ihm an, und tut ihm einen Ring an die 
Hand, und Schuhe an die Ftiße, "und das Mastkalb holt und 
schlachtet, und wir wollen essen und uns gütlich tun, "denn 
dieser mein Sohn war tot und ist wieder aufgelebt, war ver- 
loren und ist gefunden. — Und sie begannen, sich gütlich zu 
tun. "Der ältere Sohn aber war auf dem Felde; wie er nun 
heimkam und nahe zu dem Hause, hörte er Flöte und Reigen 
''und rief einen Knecht und erkundigte sich, was das bedeute. 
''Er sagte ihm: dein Bruder ist gekommen, und dein Vater 
hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. 
'®Da zürnte er und wollte nicht hinein, sein Vater aber kam 
heraus und redete ihm zu. "Er antwortete dem Vater: schon 
soviel Jahre verrichte ich dir Knechtsdienst, und nie habe ich 
ein Gebot von dir vernachlässigt, und nie hast du mir einen 
Ziegenbock geschlachtet, daß ich mir gütlich täte mit meinen 
Freunden; *®nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein 
Hab und Gut mit Huren verzehrt hat, hast du ihm das Mastkalb 
geschlachtet. '^Er aber sagte zu ihm: Sohn, du bist allezeit 
bei mir, und alles JJeinige ist dein; "man mußte sieh aber doch 
freuen und gütlich tun, denn dieser dein Bruder war tot und 
ist lebendig geworden, war verloren und ist gefunden. 

An die Seite des verlorenen Schafes tritt hier der verlorene 
Sohn. Wenn der Abgefallene — der wirkliche Sünder, nicht der 



15, 11—32. 83 

von Natur sündige Mensch — zurückkehrt, ist er der Vergebung 
und der freudigsten Wiederaufnahme sicher. Das ist der Sinn des 
ersten Teils der Parabel (15, 11 — 24), der vom verlorenen Sohn 
handelt. Es kommt aber noch ein zweiter hinzu (15, 25 — 32), 
wo vom älteren Bruder des verlorenen Sohnes die Rede ist. 

Dieser zweite Teil ist eine spätere Fortsetzung des ersten. 
Der Übergang wird mit dem letzten Satz von 15, 24 (x, *^pS. eö©.) 
gemacht, der über die Moral überhängt. Die Moral 15, 24 bildet 
den Schluß des ersten Teils. Aber ebenso auch den Schluß des 
zweiten; nur wird sie da in einem anderen, nicht freudigen, son- 
dern entschuldigenden Ton vorgebracht: „es ging doch nicht anders". 
Das ist verdächtig. Ferner hat nach 15, 25 ss. nur der jüngere 
Sohn sein Erbteil zur Verfügung bekommen; der ältere dient 
seinem Vater als Knecht, darf nicht einmal ein Böckchen auf 
eigene Hand schlachten, und hat bloß die Anwartschaft auf den 
Hof. Das steht im Widerspruch mit 15, 12, wo es nicht heißt: 
er gab ihm, was er verlangte, sondern: er gab ihnen, d. h. beiden 
Söhnen, ihr Teil. Daß der Vater dabei selber auf dem Hofe bleibt 
und nicht einfach abdankt, verträgt sich sehr wol damit. 

Freute sich der ältere Sohn auch mit, als der jüngere zurück- 
kam? Nein, er war beim Empfang zufällig nicht zugegen. Was 
sagte er denn, als er nach Hause kam? Er äußerte seinen Un- 
willen. Diese Fragen stellt der zweite Teil an den ersten, und so 
beantwortet er sie. Aber eine andere und schwierigere Frage 
bleibt noch übrig. Verdient denn der reuige Abgefallene eine 
bessere Behandlung, als der, der nicht abgefallen ist und nicht 
umzukehren braucht? Die Antwort, welche darauf in 15, 31 ge- 
geben wird, befriedigt nicht; sie sucht einerseits das, worüber der 
ältere Sohn sich beklagt, nur in ein anderes Licht zu stellen 
(„alles Meinige ist dein", aber du darfst doch nichts anrühren), 
und berücksichtigt andererseits die Tatsache nicht, daß auch 
der jüngere nach seiner Abfindung doch wieder in den Hof auf- 
genommen wird. Denn daß er nur in der Freude des Augen- 
blicks vorübergehend verzogen, vom eigentlichen Erbe aber aus- 
geschlossen werde, kann wol gelten für den menschlichen Vorgang, 
der zur Parabel dient, nicht aber für den religiösen Sinn derselben, 
auf den es hier gerade ankommt. Der Vergleich der beiden 
Brüder, der in 15, 25 ss. angestellt wird, deutet einen Zug aus, auf 
den in 15, 11 — 24 gar kein Gewicht fällt. Dort wird nicht ver- 

6* 



84 IV. 9, 51-18, 14. 

glichen und nach der Stimmung des älteren Bruders so wenig ge- 
fragt, wie nach der Stimmung der neunundneunzig Schafe und der 
neun Groschen. Er wird nur erwähnt, um zu erklären, daß der 
Vater den jüngeren vom Hofe entlassen konnte, weil er noch einen 
anderen Erben hatte; er verschwindet hernach völlig aus dem Ge- 
sichtskreis — vermutlich nimmt er teil an der allgemeinen Freude, 
er hat auch wenig Grund sich zurückgesetzt zu fühlen, da er nach 
15, 12 ja ebenfalls sein Teil schon bekommen hat. Der zweite 
Teil des Gleichnisses stellt das Problem der Theodicee, das dem 
ersten fern liegt. 

Ein Vater mit zwei Söhnen kommt nur noch einmal in einer 
Parabel vor, in Mt. 21, 28ss. Dort läuft die Pointe in der Tat 
auf einen Vergleich hinaus, und es liegt eine historische Allegorie 
vor. Hier dagegen wird ursprünglich nicht verglichen, und man 
darf das Verhältnis des verlorenen Sohnes zu dem anderen so 
wenig historisch ausdeuten, wie das Verhältnis des verlorenen 
Schafes zu den anderen (15, 4ss.). Die dem Lc eigentümlichen 
Parabeln sind meistens auf das Individuum gerichtet. 

. 15, 16. Schoten des Johannisbrotbaumes als Schweinefutter 
verraten wol syrisch-palästinische Lokalfarbe. Für ^efiioat x. x. hat 
D hier •/op-caabrivai^ dagegen die Syra S. in 16, 22 umgekehrt. 

15, 17. Als Mietsknecht des Schweinezüchters kann er ver- 
hungern, die Mietsknechte seines Vaters haben es besser. Die 
SoöXot sind in der Regel Haussklaven, doch vgl. 17,9. „Er kam 
zu sich selbst" (D 18, 4) ist wol griechisch, die Juden sagen: 
zu Gott zurückkehren. Zu dem Belag Epictet III 1» 15 fügt 
E. Schwartz noch Horaz Ep. II 2, 138 hinzu. Im Syrischen hat 
der Ausdruck den selben Sinn wie das deutsche zu sich kommen. 
Allerdings kommt er auch vor für in sich gehn, z. B. Land 
Anecd. II 126, 7 und Clem. Rec. syr. 156, 23 ed Lag., wo im 
Lateinischen (7, 31) entspricht: reparata atque in semet ipsam 



15, 18. Himmel, geradezu für Gott, findet sich in den Ew. 
nur an dieser Stelle. Der Wechsel von tk und ivcuitiov würde 
nicht auffallen, wenn ersteres vor Gott und letzteres vor den 
Menschen stünde, statt umgekehrt. 

15, 22. npÄToc wie reschäia. Ob der hebräisch-aramäische 
Gebrauch von 8t86vai für machen und tun auch griechisch ist, weiß 



15, 11-32. 85 

ich nicht; vgl. 12, 50. Hand ohne Ring ist so knechtsmäßig wie 
Fuß ohne Schuh. 

15, 25. 2üfi©(uvta ist der auch ins Aramäische übergegangene 
Name eines Instruments (antiochenischer Mode), das ein Orchester 
vertritt, wie der Dudelsack. 

Luc. 16, 1-13. 

Er sagte aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher 
Mann, der hatte einen Verwalter, und dieser wurde bei ihm 
verklagt, wie daß er sein Vermögen durchbringe. 'Und er 
rief ihn und sagte: was höre ich da von dir, leg die Ver- 
waltungsrechnung ab, denn du kannst nicht länger Verwalter 
bleiben. 'Der Verwalter aber sprach bei sich selbst: was soll 
ich machen, da mein Herr mir das Amt nimmt? graben kann 
ich nicht, zu betteln schäme ich mich — *ich weiß, was ich 
tue, damit, wenn ich von dem Amte abgesetzt werde, sie mich 
in ihre Häuser aufnehmen. *Und er beschied die Schuldner 
seines Herrn einen nach dem anderen zu sich und fragte den 
ersten: wieviel bist du meinem Herrn schuldig? *Er ant- 
wortete: hundert Maß öl. Er sprach: da hast du deinen Brief, 
schreib flugs fünfzig. 'Darauf fragte er einen anderen: wie- 
viel bist du schuldig? Er antwortete hundert Malter Weizen. 
Er sprach: da hast du deinen Brief, schreib flugs achtzig. 
*ünd der Herr lobte den ungerechten Verwalter, daß er klug 
getan, indem er sagte: Die Kinder dieser Welt benehmen sich 
verständig gegen ihresgleichen, mehr als die Kinder des Lichts, 
'und auch ich sage euch, macht euch Freunde mit dem un- 
gerechten Mamon, damit, wenn er alle ist, sie euch aufnehmen 
in die ewigen Hütten. 

"Wer bei wenigem treu ist, ist auch bei vielem treu, 
und wer bei wenigem unredlich ist, ist auch bei vielem un- 
redlich. ^^Wenn ihr nun bei dem ungerechten Mamon nicht 
treu seid, wer will euch das wahre (Gut) anvertrauen! ''Und 
wenn ihr bei fremdem (Gut) nicht treu seid, wer will euch 
euer eigenes geben? "Kein Haussklave kann Knecht zweier 
Herren sein, denn entweder haßt er den einen und liebt den 
andern, oder hält sich an den einen und kehrt sich nicht an 
den andern. Ihr könnt nicht Gott dienen imd dem Mamon. 



86 IV. 9, 51-18, 14. 

16, 1. Die Anrede richtet sich nicht an das Volk, weil das 
Gleichnis nicht für jedermanns Ohren ist, sondern an die Jünger 
— doch hören nach 16, 14 auch die Pharisäer zn. 

16, 2. Tt TOüTo gehört zusammen und ist ein Semitismus. Im 
Syrischen (mana = ma d'na) sagt man beständig so; wenn dieser 
Gebrauch im palästinischen Aramäisch nicht nachweisbar ist, so 
muß man eine Reminiscenz aus der Septuaginta annehmen, z. B. 
Gen. 42, 28. 

16, 3. Der Mann macht sich keine Illusionen über sich selbst 
und seine Lage. „Graben kann ich nicht" ist eine gangbare 
griechische Redensaii. 

16, 4. Ein Subjekt zu 6e£<i>VTat ist noch nicht genannt. Es 
ist die Frage, ob die erst nachher erwähnten Schuldner gemeint 
sind, oder ob die 3 PL Act. pro passive steht, was bei Lc oft vor- 
kommt. Dann wäre das Subjekt unbestimmt und aus dem Verb 
zu entnehmen = oi oe^ofievoi, worauf sich a6teliv beziehen müßte. 
Diese Auffassung ist auch in 16, 9 nicht unmöglich. 

16, 6. Die Schuldner sind Pächter, der Zins besteht in 
Naturalien, in einer bestimmten Abgabe von dem Ertrage, die 
jährlich entrichtet wird. Der Schuldbrief wird vom Schuldner ge- 
schrieben und geändert, das kann aber nur mit Einwilligung des 
Gläubigers geschehen, in dessen Hand er sich befindet. Anders 
in der Syra S. 

16, 7. Die hundert Malter Weizen übersteigen den Wert der 
hundert Maß Öl; darum werden auch nur zwanzig nachgelassen. 

16, 8. Der Herr ist Jesus, wie in 18, 6. Nicht erst mit 
16, 9, sondern mit dem zweiten Sxi (= lemor) in 16,8 geht die 
direkte Rede Jesu an. 

16, 9 setzt die bereits im vorigen Verse angefangenen oratio 
recta fort; vgl. 18,8 mit 18,6. Kd-yio ist auch, xal wäre einfach 
und. Auch (wie andere solche Partikeln) wird an die Spitze des 
Satzes gestellt und attrahirt das Subjekt, zu dem es logisch nicht 
gehört (21,31); wir erwarten: und auch euch sage ich. Der Vers 
schlägt zurück auf 16, 4 und enthält die eigentliche Pointe. Jülicher 
freilich sucht die Pointe in 16, 8. „Die Verlorenen sind in der 
Behandlung von ihresgleichen klüger als die Auserwählten in der 
Behandlung der Ihrigen — darnach wäre die Parabel darauf ge- 
münzt, den Gläubigen die Nützlichkeit kluger Behandlung der 
arideren Gotteskinder einleuchtend zu machen*'. Das genügt ihm 



16, 1-13, 87 

jedoch selber nicht, an einer anderen Stelle sieht er von 16, 8 ab, 
hält sich an das Ganze und läßt darch die Parabel veranschaulicht 
sein, wie jemand rechtzeitig die geeigneten Mittel ergreift, um seinen 
Zweck zu erreichen, wie er aus scheinbar hoffnungsloser Notlage 
sich doch noch rettet, weil er überlegt und handelt, so lange ihm 
beides noch nützen kann, so lange er noch Mittel in Händen hat. 
Die entschlossene Ausnutzung der Gegenwart als Vorbedingung für 
eine erfreuliche Zukunft (ich würde an Jülichers Stelle hinzufügen: 
und die vollkommen illusionslose Beurteilung der Umstände) solle 
an der Geschichte des Haushalters eingeprägt werden. Aber durchs 
aus nicht die rechte Verwendung des Reichtums, das sei für den 
Sinn völlig belanglos. Merkwürdig, daß das was am meisten her- 
vorgehoben wird, nichts zu bedeuten haben soll; es ist doch nicht 
von Moral überhaupt die Rede, sondern stets vom rechten Gebrauch 
des Mamon. Jülicher ist* dadurch irre geleitet, daß er den Vers 9 
von Vers 8 abtrennt und für einen späteren Zusatz erklärt — aus 
formellen Gründen, weil er mit allen anderen Auslegern die Kon- 
struktion von Vers 8 verkennt und den Sinn des zweiten 5ti mis- 
versteht. Sachlich, besteht kein Grund, die beiden Verse zu 
trennen, sie vertragen sich sehr gut miteinander und bedürfen 
einer des andern. „Weil er klüglich gehandelt hat" ist doch zu 
wenig; man fragt „worin?", und darauf erfolgt die Antwort: weil 
er sich Freunde gemacht hat mit dem nicht ihm gehörigen Mä- 
mon. Der allgemeinen Bemerkung in 16, 8 wird erst durch 16, 9 
die eigentliche Spitze aufgesetzt, und gerade 16, 9 ist durch 16, 4 
schon vorbereitet und angelegt. 

Der Mamon ist immer ji. xfjC dStxia?, immer fremdes Gut; 
er gehört dem Menschen nicht mit Recht, sondern Gott. Indessen 
Gott verlangt, man solle das von ihm anvertraute Gut verschenken 
und sich Freunde damit machen — so wie es der Verwalter tut. 
Gotte gegenüber ist das Treue, was gegenüber dem menschlichen 
Herrn Untreue ist. Dieses Verständnis der Parabel hat für sich, 
daß das tertium comparationis nicht vage, sondern klar und be- 
stimmt ist. Und so gut wie man sich nach dem Evangelium mit 
Almosen einen Schatz im Himmel erwirbt, kann man sich damit 
auch Freunde im Himmel erwerben. An himmlische Patrone 
außer Gott ist dabei freilich nicht gedacht, insonderheit nicht an 
die in den Himmel gekommenen Armen und Almosenempfänger. 
Über das Subjekt von Sefcuviai s. zu 16,4. 



88 IV. 9, 51—18, 14. 

16, 10 — 13 ist ein Nachtrag, von Lc aus verschiedenen alten 
Spiüchen znsammengewoben und an diese Stelle gesetzt, um nahe 
liegendem Misverständnis des vorhergehenden Gleichnisses zu wehren. 
Das Verschwenden von Gottes Gut an die Armen ist keine eigent- 
liche Untreue, denn es entspricht der Absicht Gottes. Die eigent- 
liche Untreue des Verwalters soll nicht empfohlen werden; im 
Gegenteil, die peinlichste Treue auch im geringsten (16, 11). In 
diesem Nachtrage ist deutlich das Verhalten zum Mamon als die 
Lehre des Gleichnisses aufgefaßt; ebenso auch in den beiden fol- 
genden Stücken 16, 14ss. 16, 19ss. Man könnte sich darüber hin- 
wegsetzen^ aber nur aus dringenden Gründen. 

16, 11. Treu sein mit dem Mamon, der niemals wahres 
Eigentum ist, heißt nicht ihn vergraben, sondern ihn nach Gottes 
Willen verwenden — wie in der Parabel von den Talenten. Ein 
Christ, der nicht einmal mit diesem äufierlichen Gut richtig um- 
zugehen weiß, ist der geistlichen Gaben Gottes erst recht nicht 
würdig. 

16. 12 scheint ein Pendant zu 16, 11 zu sein. Dann wäre 
das Äußerliche dem Innerlichen entgegengesetzt. Zwischen &}iiTepov 
und f^ji^xepov ist kein sachlicher Unterschied; wenn die formell 
kaum zu ertragende letztere Lesart richtig wäre, so würde Jesus 
sich mit den anderen Genossen des ßeichs auf eine Stufe stellen. 

16. 13 (Mt. 6, 24) ist nur ad vocem (lafiaiva; angehängt. 

Lc. 16, 14-18. 

Die Pharisäer aber, die hinter dem Geld her sind, hörten 
das, und höhnten über ihn. '*Und er sprach zu ihnen: Ihr 
seid die Leute, die sich vor den Menschen gerecht machen. 
Gott aber durchschaut euer Herz; denn was bei den Menschen 
hoch ist, ist vor Gott ein Greuel. '®Das Gesetz und die Pro- 
pheten gehn bis zu Johannes, von da an wird das Evangelium 
vom Reich Gottes verkündet, und jedermann wird hineinge- 
drängt. ^'Doch ist es leichter, daß Himmel und Erde vergehn, 
als daß ein Strich vom Gesetz hinfällig werde. **Wer seine 
Frau entläßt und eine andere freit, bricht die Ehe, und wer 
eine entlassene freit, bricht die Ehe. 

16, 14, Der Übergang zu den Pharisäern ist abrupt. Inner- 
lich wird dies Stück mit dem vorhergehenden dadurch verbunden, 



16, 14-18. 89 

daß Jesus dort gegen die <ptXap7üpta geredet hat und die Pharisäer 
tptXapyupoi sind. Die letztere Angabe wird indessen nicht bloß dem 
Bedürfnis der Anknüpfung entstammen. Das Geldmachen verträgt 
sich überall gut mit religiösem Separatismus, bei Juden und 
Christen; und die Pharisäer gehören nicht zu den niederen 
Schichten, sondern zu dem wolhabenden Bürgerstande, namentlich 
in Jerusalem. 

16, 15. Zwar geben die Pharisäer Almosen, bezwecken damit 
aber nur den Schein der Gerechtigkeit vor den Menschen. Gerade 
das Almosengeben (nebst Fasten und Beten) heißt bei den Juden 
Gerechtigkeit. 

16. 16 (Mt. 11, 12. 13) scheint nach Lc so mit dem Voran- 
gehenden zusammenhängen zu sollen: die Pharisäer pochen 
auf das Gesetz und nur auf das Gesetz; inzwischen ist aber etwas 
Neues eingetreten. Das Reich Gottes verwirklicht sich durch seine 
Verkündigung, durch das Evangelium; es liegt nicht in der Zu- 
kunft, scho^ jetzt kann und soll man hinein. Die Fassung von 
Mt. 11, 12 ist vielleicht ursprünglicher, aber schwer zu verstehn. 

16.17 (Mt. 5, 18). Das Evangelium ist jedoch keineswegs 
antinomistisch, wie man nach 16,16 glauben könnte; im Gegenteil. 
Das schriftliche Gesetz, bis auf den kleinsten Buchstaben, bleibt 
bestehn und überdauert Himmel und Erde. Der Ausdruck ist bei 
Mt abgeschwächt — was Beachtung verdient. 

16, 18 ist die Quintessenz von §49 (Mc. 10, Iss.). Was in 
der Tat formelle Aufhebung des Gesetzes in einem Punkte ist, er- 
scheint bei Mt (5,31.32) und auch hier bei Lc als Erfüllung. 
Denn Lc will 16,17 durch 16,18 bestätigen; er empfindet 
keinen Widerspruch dazwischen. Das Beispiel war sehr geeignet, 
um zu zeigen, daß die Auflösung des Gesetzes durch Jesus in Wahr- 
heit Erfüllung sei. 

Lc. 16, 19-31. 

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur 
und feine Leinewand und lebte alle Tage herrlich und in 
Freuden. *°Und ein Armer mit Namen Lazarus lag vor seiner 
Tür, der war voll Schwären '^und gierig nachdem Abfall von des 
Reichen Tisch) noch dazu kamen die Hunde und leckten an 
seinen Schwären. "Da starb der Arme und wurde von den 



90 IV. 9, 51—18, U. 

Engeln in Abrahams Schoß entfährt. Und anch der Reiche 
starb und ward begraben. "Und wie er in der Hölle die 
Augen erhub, sah er Abraham von weitem und Lazarus in 
seinem Schoß, '*und errief: Vater Abraham, erbarm dich und 
schick Lazarus, daß er seine Fingerspitze in Wasser tauche 
und mir die Zunge kühle, denn ich leide Pein in dieser 
Flamme. ^'Abraham aber sagte: mein Sohn, gedenk, daß du 
dein Gutes in deinem Leben vorweg empfangen hast, und 
Lazarus ebenso das Böse; jetzt wird er hier getröstet, du aber 
leidest Pein. — ''Und überdies ist zwischen euch und uns eine 
große Kluft befestigt, damit die, welche zu euch hinüber 
wollen, nicht durch können, und auch nicht die, welche von 
dort zu uns wollen. '^Er sagte: so bitte ich dich, Vater, daß 
du ihn zu meines Vaters Hause sendest, "denn ich habe fünf 
Brüder, daß er sie warne, damit nicht auch sie an diesen 
Ort der Qual kommen. "Abraham sagte: sie haben Moses 
und die Propheten, auf die sollen sie hören. '°Er sagte: nein, 
Vater Abraham; aber, wenn einer von den Toten zu ihnen 
käme, würden sie Buße tun. "Er sprach zu ihm: wenn sie 
auf Moses und die Propheten nicht hören, nehmen sie auch 
keine Vernunft an, wenn einer von den Toten auferstünde. 
16, 19. Die Anrede wechselt hier nicht, sondern erst 17, 1; 
das Thema ist noch der Mamon. Es liegt kein eigentliches Gleichnis 
vor, sondern eine zu Lehrzwecken erfundene Geschichte mit zwei 
Typen; ähnlich 18, 9ss. Dem Hauptstück (16, 19 — 25) ist eine 
Fortsetzung angehängt (16, 26—31). 

16, 20. Es mag sein, daß das aramäische meskena schon 
an sich aussätzig bedeuten kann (Ztschr. für Ass. 1903 p. 262 ss.); 
für TTTcüxoc indessen ist das hier dadurch ausgeschlossen, daß etX- 
xaijievoc ausdrücklich hinzugesetzt wird. Es fällt auf, daß der Arme 
nicht anonym ist. 

16, 21 scheint Reminiszenzen an die von Lc ausgelassene 
Geschichte vom kanaanäischen Weibe zu enthalten. Das Lecken 
der Hunde soll ein grausiger Zug sein. 

16, 22. Da «pspeiv nicht bloß durchgängig bei Mc, sondern 
auch einige Male bei Lc für a-yetv gebraucht wird, so wird man bei 
dTrevexBijvat nicht an eigentliches Tragen denken dürfen. Nicht um den 
Leib, sondern nur um die Seele handelt es sich. Sie kommt nicht 
erst in den gemeinsamen Aufenthalt aller abgeschiedenen Seelen, 



16, 19—31, 91 

sondern sogleich in Abrahams Schoß; vgl. 23, 43. Abraham sitzt 
an der himmlischen Tafel, und Lazarus liegt an seinem Busen, so 
i^ie Johannes an der Brust des Herrn. Er wird dadurch sehr aus- 
gezeichnet; denn nicht alle seligen Juden können in Abrahams 
Schoß Platz finden. Daß Himmel und Hölle auch noch von anderen 
als Juden bevölkert werden, merkt man nicht. 

16, 23. Wie der Arme ins Paradies, so kommt auch der 
Reiche ohne Zwischenaufenthalt in den Hades, d. i. hier (und nur 
hier) die Geenna. Daß er dahin gehört, versteht sich von selbst. 
Man kann von einem Ort zum andern hinübersehen und hinüber- 
sprechen, vgl. 13, 28. Ähnlich in 4. Esdr. 

16, 25. Abraham redet dem Reichen, der auch sein Sohn ist, güt- 
lich zu, sich zufrieden zu geben. Wem es hienieden gut gegangen ist, 
dem gehts im Jenseits schlecht und umgekehrt; so ist es recht und 
billig. Ein Unterschied der moralischen Merita wird nicht zum 
Ausdruck gebracht. Aber der arme Kranke vor seiner Tür ist 
doch eine zum Himmel schreiende Anklage gegen den reichen 
Prasser, der sich nicht um ihn kümmert. Mit 16, 25 als Moral 
(nicht erst mit 16, 26) schließt die ursprüngliche Geschichte ab. 
Im Folgenden wechselt das Thema vollständig. 

16, 26. Abraham trägt noch einen Grund nach, um die Bitte 
abzulehnen: es soll nicht sein, und es kann auch nicht sein. Der 
Bittsteller (16, 24) scheint aber die Kluft nicht bemerkt zu haben. 
'Ev Tzäai Toutotc bedeutet hier nicht „bei alle dem^, sondern „zu 
alle dem«. In 24, 21 steht ofüv für iv. 

16, 27. Wenn Lazarus nicht zur Hölle kommen kann, so doch 
vielleicht zur Erde. AtafiapTüpelv entspricht dem prophetischen 
^"^yn = anklagen, warnen. 

16, 29—31. Das Motiv der Buße ist hier nicht das Reich 
Gottes, sondern der Himmel und die Hölle. Den Weg des Lebens 
und des Todes, den Lohn und die Strafe im Jenseits, lehrt schon 
Moses mit den Propheten; wer dem nicht glaubt, wird auch einem 
nicht glauben, der selber im Jenseits gewesen ist und aus eigener 
Erfahrung reden kann. Nach dem Zusammenhange gefaßt, klingt 
der Ausspruch 16^ 31 beinah unchristlich, als ob das Gesetz genüge 
und ein Auferstandener nicht nötig sei. Vielleicht mit Recht hat 
man darum einen absoluten Sinn dahinter vermutet: die Juden 
glauben an den Auferstandenen (d. i. Christus) nicht^ weil sie 
auch an das Gesetz und die Propheten nicht glauben. 



92 IV. 9, 51—18, 4. 

Lc. 17, 1-10. 
Er sprach aber zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, 
daß nicht Verführungen kommen, weh aber dem, dnrch welchen 
sie kommen; 'es frommte ihm mehr, wenn ihm ein Mühlstein 
um den Hals gelegt und er ins Meer gestürzt würde, als daß 
er einen von diesen Kleinen verführt: nehmt euch in acht. 
*Wenn dein Bruder sich verfehlt, so schilt ihn, und wenn er 
bereut, so vergib ihm; ^und wenn er siebenmal an einem Tage 
gegen dich fehlt und siebenmal sich zu dir zurückwendet und 
sagt: es ist mir leid, so sollst du ihm vergeben. 

*Und die Apostel sagten zu dem Herrn: verleih uns mehr 
Glauben. 'Er aber sprach zu ihnen: hättet ihr Glauben so viel 
wie ein Senfkorn, so sagtet ihr zu dieser Maulbeerfeige: reiß 
dich mit den Wurzeln aus und pflanz dich im Meere an — 
und sie wäre euch gehorsam. 

'Wer von euch sagt zu seinem Acker- oder Hüteknecht, 
wenn er vom Felde heimkommt: geschwind komm her und 
setz dich zu Tisch? 'Sagt er ihm nicht vielmehr: rieht mir 
was zu essen an und schürz dich und wart mir auf, darnach 
kannst du essen und trinken! 'Weiß er etwa dem Knechte 
Dank, daß er das Befohlene getan hat? *®Also auch ihr, wenn 
ihr das euch Befohlene getan habt, so denkt: Knechte sind 
wir; was wir zu tun schuldig waren, haben wir getan. 

17, 1—4 = Mt. 18, 6s. 15. 21s. Die Anrede geht zu den 
Jüngern über. Von 17, 1. 2 auf 17, 3 geht Mt folgendermaßen 
über: die Verfuhrer der Kleinen verdienen keine Nachsicht, wol 
aber die Kleinen selber; wenn einer von ihnen abgeirrt ist von 
der Gemeinde, soll nichts unversucht gelassen werden, ihn zurück- 
zuführen. Bei Lc fehlt jeder Übergang, und von der Gemeinde ist 
keine Rede, sondern nur davon, daß der Einzelne seinem christ- 
lichen Bruder persönliche Beleidigungen verzeihen müsse. Das 
kommt bei Mt erst in 18, 21s. an die Reihe, noch nicht in 
18, 15 SS. 

17, 5. 6. Der Eingang erinnert an 11, 1. Die Verfluchung 
des Feigenbaums übergeht Lc, aber die daran gebängte Mahnung, 
Glauben zu haben (Mc. 11, 22 s.), bringt er schon hier, in einer 
eigentümlich abgeänderten Fonn, indem er anstatt des Berges, der 
ins Meer stürzen soll, die aüxa'fiivoc setzt, in der man mit Recht 



17, 1-19. 93 

einen Nachball der ausgelassenen öüx^ erblickt, die eigentlich in 
diese Perikope hineingehört. Weshalb 17, 5. 6 auf 17, 1 — 4 folgt, 
ist schwer zu sagenv Es ist hier und da vom Stürzen in das Meer 
die Rede. 

17, 7 — 10. Der Grund, weshalb dies Stück hier angereiht 
'wird, läßt sich nicht erkennen. So scharf wie möglich wird das 
religiöse Verhältnis unter den Begriff einer Knechtschaft gestellt, 
die jedes Recht und jeden Anspruch auf Lohn ausschließt, aber 
nicht die Verantwortung. 'Axpetot (17, 10) fehlt in der Syra S. 
und verdirbt den Sinn, wie Blaß in der Vorrede zur ersten Auf- 
lage seiner Grammatik (1895) richtig bemerkt hat. Der Nachdruck 
liegt auf dem Genus SoöXoc, dann dürfen nicht verschiedene Spezies 
oder Qualitäten an den 8o5Xot unterschieden werden. Es muß 
heißen: wir sind weiter nichts als Sklaven. Die Feinheit darf 
man der Syra S. nicht zutrauen, daß sie das Attribut als unpassend 
empfunden und darum ausgelassen habe. Der Fragesatz mit xic 
^16, 7) ist hier im Griechischen ungelenk, wie auch in anderen Fällen. 

Lc. 17, 11-19. 

Und auf der Reise nach Jerusalem, wobei er durch 
Samarien und Galiläa zog, "begegneten ihm, als er in ein 
Dorf kam, zehn aussätzige Männer, die blieben in der Ferne 
stehn *'und riefen mit erhobener Stimme: Jesu, Meister, er- 
barm dich unser. "Und da er sie sah, sagte er zu ihnen: 
geht und zeigt euch den Priestern. Und indem sie hingingen, 
wurden sie rein. ^* Einer von ihnen aber, als er sah, daß er 
geheilt war, kehrte zurück und pries Gott mit lauter Stimme 
^^und warf sich auf das Angesicht ihm zu Füßen, um ihm 
zu danken; das war ein Samariter. "Und Jesus hub an und 
sprach: sind nicht alle zehn rein geworden? wo sind die neun? 
*®hat sich keiner gefunden, der umkehrte und Gott Ehre gäbe, 
als dieser Fremdbürtige ? "Und er sagte zu ihm: steh auf 
und geh, dein Glaube hat dir geholfen. 

Die Situation, die man leicht vergißt, wird wieder einmal (9^ 
51. 13, 22) in Erinnerung gebracht, vielleicht um zu erklären, daß 
unter den Aussätzigen auch ein Samariter war. Sonst wehrt Jesus 
den Dank eher ab, hier muß er es anders machen, damit der 
Samariter sich auszeichne. Soll sich dieser übrigens gemeinsam mit 



94 IV. 9,51-18, 14. 

den andern neun einem jüdischen Priester vorstellen? und ging 
das so geschwind, daß Jesus hinterher noch an Ort und Stelle zu 
treffen ist? es war doch ein Opfer mit der Vorstellung verbanden 
und dies konnte nicht außerhalb des Tempels dargebracht werden. 
Man darf solche realistische Fragen an unsere Geschichte nicht 
stellen. Zu 17, 11 vgl. 5, 1; der Satz mit xal oöt6c muß nicht 
als Zustandssatz, kann auch als Hauptsatz gefaßt werden. In 17, 
16 gräzisirt D ^v U für xal aötöc ^v. 

Lc. 17, 20-37. 

Von den Pharisäern aber befragt, wann das Reich Oottes 
komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht damit, 
daß man darauf wartet. '^Man kann auch nicht sagen: hier 
ist es oder dort, denn das Reich Gottes ist innerhalb von euch. 

"Zu seinen Jüngern aber sprach er: Es wird eine Zeit 
konmien, da wird euch verlangen, auch nur einen Tag von 
der Zeit des Menschensohns zu erleben, aber vergeblich. '^Und 
sagt man euch: dort ist er, hier ist er, so geht nicht hin und 
lauft nicht hinterdrein. '*Denn wie der Blitz im Aufzucken 
von einem Ende bis zum andern unter dem Himmel hin 
leuchtet, so wird es mit dem Menschensohn sein [an seinem 
Tage]. **Zuvor jedoch muß er viel leiden und verworfen 
werden von dem gegenwärtigen Geschlecht. '*ünd wie es war 
in den Tagen Noe, so wird es auch sein in den Tagen des 
Menschensohnes: sie aßen, tranken, freiten, ließen sich freien, 
*^bis zu dem Tage, daß Noe in die Arche ging und die Sünd- 
flut kam und alle vernichtete, *'Oder auch wie in den Tagen 
Lots: rie aßen, tranken, kauften, verkauften, pflanzten, bauten; 
'•an dem Tage aber, wo Lot aus Sodom auswanderte, regnete 
es Feuer und Schwefel vom Himmel und vernichtete alle. 
"Ebenso wird es sein an dem Tage des Menschensohns, wenn 
er offenbart wird. *^Wer jenes Tages auf dem Dache ist und 
sein Gerät im Hause liegen hat, steige nicht herab es zu holen, 
und wer auf dem Felde ist, kehre ebenfalls nicht heim: 
'Menkt an Lots Weib. "Wer seine Seele zu retten sucht, 
wird sie verlieren, und wer sie verliert, wird sie retten. **Ich 
sage euch, in dieser Nacht liegen zwei in einem Bett, der 
eine wird mitgenommen und der andere liegen gelassen. '*Zwei 



17, 20-37. 95 

Leiber mahlen zusammen an einer Mühle, die eine wird mit- 
genommen und die andere liegen gelassen. ''Und sie ant- 
worteten und sprachen: wo, Herr? Er sagte: wo das Aas ist, 
da sammeln sich die Geier. 

Die Parusie dient hier nicht, wie in 12, 32ss. und 13, 22ss., 
zur Mahnung oder zur Tröstung, sondern ihr Wann und Wo wird 
erörtert. Es liegt also ein Gegensttick zu Mc. 13 vor, das bei Lc 
getrennt erhalten, bei Mt (24, 3ss.) in Mc. 13 verarbeitet ist. In 
Mc. 13 nun wird die Frage nach dem Wann, oder nach den 
Zeichen der Zeit, so gut es geht beantwortet und nur die Frage 
nach dem Wo zurtickgewiesen , die jedoch nur in 13, 21. 22 bei- 
läufig zur Sprache kommt. In Lc. 17 dagegen werden beide 
Fragen von vornherein verbunden und gleichmäßig zurückgewiesen. 
Das Thema ist in 17, 20. 21 und in 17, 22—37 das selbe; die Ver- 
schiedenheit der Adresse wird natürlich ihren Grund haben, aber 
doch erst von einem Redaktor stammen. 

17, 20. 21. riapatrjpiQaic ist das beobachtende Warten auf die 
Zeichen der Parusie oder auch auf ihren durch Rechnung gefundenen 
Termin. Der negative Teil von 17, 21 bekommt durch den posi- 
tiven Anhang einen anderen Sinn, als in Mc. 13, 21. Zeit und 
Ort sind nicht bloß den Menschen unbekannt, sondern das Reich 
Gottes ist überhaupt nichts, was in einem bestimmten Augenblick 
an einem bestimmten Orte zur Erscheinung kommt; „es ist in- 
wendig von euch". Es ist also etwas ganz anderes als das zu- 
künftige Reich der Juden, das nach einer großen Katastrophe 
irgendwo anfangen und zuletzt in Jerusalem etablirt werden soll. 
Es ist aber auch nicht die christliche Gemeinde, die bei Mt ge- 
wöhnlich darunter verstanden wird. ^TfiSv spricht zwar nicht da- 
gegen, denn das beschränkt sich nach der ursprünglichen Absicht 
sicherlich nicht auf die Pharisäer. Wol aber der Umstand, daß 
die christliche Gemeinde doch auch eine äußerliche Organisation, 
ist. Das ivTo« bedeutet mehr als 4v fisacj). Vielmehr ist das Reich 
Gottes hier, ähnlich wie im Gleichnis vom Sauerteig, als ein Prinzip 
gedacht, das unsichtbar in den Herzen der Einzelnen wirkt. Dann 
ist die Frage „wann kommt es und wo erscheint es, welches sind 
die Zeichen der Zeit und des Orts, die man Trapcttirjpetv muß"? 
überhaupt unmöglich. Freilich wird sie in der folgenden Rede an 
die Jünger doch als möglich betrachtet, indem dort die überlieferte 
Vorstellung vom Reiche Gottes als einer plötzlich eintretenden 



96 IV. 9, 51—18, 14. 

Katastrophe nicht von gnind ans beseitigt, sondern wesentlich fest- 
gebalten wird. Vielleicht hat eben diese innere Differenz zu der 
Differenzirung der Adressen (17, 20. 17, 22) geführt, so auffallend 
es auch scheint, daß der tiefere und radikalere Bescheid gerade den 
Pharisäern erteilt wird. Allerdings muß aber die Rede in 17^ 
22ss. auch deshalb an die Junger gerichtet sein, weil es sich dort 
um die christliche Erwartung der Parusie des Menschensohnes 
handelt. 

17, 22 setzt ein längeres vergebliches Harren der Jünger vor- 
aus, wodurch ihre Ansprüche herabgestimmt sind. Sie wollen gar 
nicht die Periode des messianischen Reiches dauernd genießen,, 
sondern es nur einen Moment erleben und dann gern sterben, in 
dem Bewußtsein, daß ihr Glaube sie doch nicht betrogen hat, wenn 
sie auch von der Verwirklichung selber weiter nichts haben. 

17, 23—25 (Mc. 13, 21 ss. Mt. 24, 26s.). Der jüdische Messias 
ist trotz Dan. 7 gewöhnlich ein irdischer Mensch, der sich irgendwo- 
im heiligen Lande erhebt. Der christliche Messias aber ist himm- 
lisch, und sein Erscheinen vom Himmel macht sich sofort überall 
und unzweideutig bemerklich, ohne daß man suchen muß und 
zweifeln kann. Die Christen halten sich deshalb durchaus an 
Dan. 7, an den Menschensohn, dessen Charakteristicum ist, daß er 
vom Himmel kommt. Aus diesem Grunde muß Jesus auch 
zunächst sterben, um den irdischen Messias abzutun und der 
himmlische zu werden; der bei Mt fehlende Vers 25 paßt sehr gut 
in den Zusammenhang. Vgl. zu Mc. 13, 21. 22. 26; bei Lc sind 
aber die jüdischen Eierschalen schon abgestreift. 

17, 26—32 (Mt. 24, 37—39. Mc. 13, 15s.). Lot als Parallele- 
zu Noe fehlt bei Mt; er scheint nachgetragen zu sein wegen 17, 32^ 
Dort wird das Säumen von Lots Weib zum warnenden Beispiel 
gemacht, Lot selber und Noe erscheinen also umgekehrt als Vor» 
bilder der Christen, die der messianische Rest sind und recht- 
zeitig auf ihre Rettung aus der massa perditionis bedacht seia 
sollen, ohne sich durch irdische Sorgen abhalten zu lassen (17, 30. 31)^ 
Die Aufforderung in 17, 30. 31 ergeht bei Lc an die Christen, bei 
Mc an die Juden. 

17, 33 (9, 24. Mc. 8, 35) scheint hier deplacirt. Wenn der 
Aufforderung zur ungesäumten Flucht, die vorhergeht, wörtlich zu 
nehmen wäre, so müßte der Sinn sein: verliert euer Leben nicht 
durch lange Vorbereitungen zum Unterhalt des Lebens auf der 



17, 20-37. 97 

Flucht. Dieser Sinn ist aber kaum möglich; wahrscheinlich soll 
nach Lc vorher gar nicht von eigentlicher Flucht die Rede sein, 
'Wie auch der Name nicht gebraucht wird, sondern von geistlicher 
Weltflucht, welche eventuell die Dahingabe des irdischen Lebens ein- 
schließt. neptitoieTofftai ist s. v. a. acoCsiv und dieses das griechische 
Äquivalent von achi, welches zum Schluß wörtlich mit Cwo^ovetv 
wiedergegeben wird. In D steht beidemal Ca>oTovstv, ebenso in 
der Syra S. beidemal achi. 

17, 34. 35 folgt bei Mt (24, 40. 41) unmittelbar auf 17, 29. 
Das erste Beispiel ist bei Mt anders und weniger gut. 

17, 37. Die Jünger müssen zum Schluß noch einmal aus- 
drücklich die eigentlich schon erledigte Frage nach dem Wo der 
Parusie stellen, bloß zu dem Zweck, damit der Spruch von dem 
Aase und den Geiern nachgetragen werden kann, der bei Mt (24, 28) 
mit der Ankündigung des Auftretens der falschen Propheten vor 
der Parusie verbunden ist, bei Lc aber für sich allein steht. Der 
Sinn, den Lc dem Sprichwort gibt, wird durch die Einleitung be- 
stimmt: der Ort der Parusie wird sich schon bemerklich machen, 
wie die Geier das Aas verraten. Damit wird die Frage nach dem 
Ort zwar auch abgewiesen, aber in ganz anderer Weise, als es in 
17, 23. 24 geschieht. 

Lc. 18, 1-8. 

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis in der Absicht, daß 
man immerdar beten und nicht nachlassen solle. 'Es war ein 
Richter in der Stadt, der Gott nicht fürchtete und sich vor 
keinem Menschen scheute. ^Und eine Witwe in jener Stadt, 
die kam zu ihm und sagte; schaff mir Rache gegen meinen 
Widersacher! *Und eine Zeit lang wollte er nicht, dann aber 
sagte er sich: wenn ich auch Gott nicht fürchte und mich vor 
keinem Menschen scheue, *so will ich doch dieser Witwe 
Rache schaffen, weil sie mich nicht in Ruhe läßt, sonst kommt 
sie am Ende noch und zerbläut mir das Gesicht. ®Und der 
Herr sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! ^und Gott 
sollte seinen Auserwählten nicht Rache schaffen, wenn sie Tag 
und Nacht zu ihm Zeter schreien, sondern dabei weiter Lang- 
mut üben? Ich sage euch, er wird ihnen in Kürze Rache 
schaffen. 

Wellbauseu, Evaug. Lucae. 7 



98 IV. 9, 51-18, 14. 

®Aber wird auch der MenschensohD, wenn er kommt, den 
Glauben vorfinden auf Erden? 

Diese Perikope wird durch ihren Inhalt mit der vorhergehenden 
verbunden. Das Gebet, in dem man beständig anhalten soll, hat 
nämlich keinen beliebigen Inhalt, wie die Einleitung annimmt, 
sondern den bestimmten und gleichbleibenden Inhalt: dein Reich 
komme. Oder vielmehr, wie es hier gefaßt wird: dein Gericht 
komme. Die Parusie wird von den Auserwählten herbeigewünscht 
als Tag der Rache, die der Richter für sie nehmen wird. Die 
Feinde, gegen welche die Rache sich richtet, werden die Juden sein. 
Indem die Christen Rache an ihnen heischen, stecken sie freilich 
selber noch im Judentum. Auch daß der Richter bei der Parusie 
nicht der Messias ist, sondern Gott, ist ursprünglich jüdisch und 
darum als christlich sehr alt. 

Jülicher meint, die eschatologische Deutung (18, 6—8) sei erst 
nachträglich zu dem vorhergehenden Beispiel hinzugefügt. Wenn 
aber nur zum Gebet im allgemeinen, nicht zu der Bitte um Recht- 
schafiFung und Rache aufgefordert werden sollte, so wäre doch das 
Beispiel vom Richter und der Witwe, die ihn drängt einzuschreiten, 
dafür sehr sonderbar gewählt. Die Fabel läßt sich ohne das fol- 
gende Epimythion gar nicht begreifen. Es ist allerdings möglich, 
daß sie erst nachträglich darnach umgeformt wurde und demselben 
ursprünglich nicht so völlig kongruent war; und zu dieser Möglich- 
keit müßte man greifen, wenn die Variante in Lc. 11, 5ss. älter 
wäre. Aber diese ist wahrscheinlich nicht älter, sondern sekundär. 
Die Aufforderung zum beständigen Bitten um Rache schien un- 
christlich und wurde umgewandelt in eine Aufforderung zu be- 
ständigem Gebet im allgemeinen (18,1); ähnlich wie auch die Bitte 
um das Kommen des Reichs in die Bitte um die Gabe des heiligen 
Geistes (s. zu Lc. 11, 13). Die Bemerkung Jülichers, daß die 
Formel sTirsv 6 x6pto? (18, 6) sonst bei Lc nur verwendet werde, 
wenn Jesus im Gespräch nach einem andern das Wort nehme, ist 
irrelevant und trifft nicht zu. Sie leitet auch in 16, 8 das Epimythion 
der Fabel ein, und ebenso wie in 18, 8 Xs^to up.tv, folgt auch in 16, 9 
xai t((s) Xe-^o) ufxtv. — Über den Sinn von xal [xaxpoöofisr (18, 7) kann 
nach dem A. T. (z. B. Nahum 1, 3) kein Zweifel sein: sollte er trotz 
den jammernden Auserwählten seine Langmut mit den Feinden 
noch bewahren und seinen Zorn gegen sie immerfort zurückhalten! 
Schwierig ist nur das Präsens als Fortsetzung des vorhergehenden 



18, 1-14. 99 

Conjunctivs; es ist schlechtes Griechisch, vielleicht schlechte Über- 
setzung, oder beides zusammen. 

18, 8 (von tcXtJv an) ist Nachtrag. Der Richter ist hier nicht 
mehr Gott selber, sondern der Menschensohn. Es hat keine Not, 
er wird schon kommen. Aber wenn er kommt, wird er die, denen 
er Rache und Hilfe bringt, dann auch in richtiger Verfassung vor- 
finden? Werden die Christen selber im stände sein, den Tag seiner 
Ankunft zu ertragen? sie sollten sonst nicht so eifrig sein, ihn 
gegen ihre Gegner herbeizurufen. Offenbar wird hier ein Dämpfer 
aufgesetzt, ähnlich wie in Mal. 3, 2. Die iziaii^ bedeutet das 
richtige Christentum (so wie ol TriöxsüovTec öfters die Christen); es 
handelt sich nicht darum, ob der Menschensohn bei seinem Er- 
scheinen Glauben dafür finden würde, daß er es wirklich sei. 

Lc. 18, 9-14. 

Er sagte aber auch in Absicht auf gewisse Leute, die 
sich selbst zutrauen, sie seien fromm und die übrigen verachten: 
^°Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel zu beten, der 
eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. ^^Der Phari- 
säer stand für sich besonders und betete: Gott, ich danke dir, 
daß ich nicht so bin wie die anderen Menschen, Räuber, Übel- 
täter, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner; "ich faste 
zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was 
ich habe. ^'Der Zöllner aber stand von ferne und mochte 
nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug 
an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 
"Ich sage euch, dieser ging weg und hatte Recht bekommen 
im Vergleich zu jenem. Denn wer sich erhebt, wird erniedrigt, 
und wer sich erniedrigt, wird erhoben. 

18, 9 SS. folgt auf 18, 8, weil auch dort vom Gebet gehandelt 
und angedeutet wird, daß man dabei an seine eigene Sünden 
denken muß und nicht bloß an die Strafe der anderen. Die Juden 
beten gern an heiliger Stätte auch ohne zu opfern (Sir. 51, 14); 
natürlich nur die Jerusalemer. Unsere Erzählung ist jerusalemisch; 
es werden darin zwei Typen gegenübergestellt, wie in 16, 19 ss. — 
Die Charakteristik in 18, 9, wie die in 20, 20, geht auf die Pha- 
risäer. In 18, 10 wird die Lesart von D eFc . . . xal etc die 
echte sein. 



100 V. 18,15-24,53. 

18, 11—13. Ich habe in 18, 11 nach D und Syra S. über- 
setzt. Der Zöllner steht im Hintergrund, der Pharisäer in ein- 
samer Größe vor der Front. Jener senkt den Blick, man wird 
versucht, sich im Gegensatz dazu den Augenaufschlag des anderen 
vorzustellen. Aber das Erheben der Augen ist allgemeine Sitte 
beim Gebet (Mc. 6, 41); der Zöllner nimmt die Haltung des todes- 
würdigen Supplikanten an. Das zweimalige Fasten haben hernach 
auch die Christen übernommen und anfangs an den selben Tagen 
gefeiert, wie die Juden, später aber verlegt (Didache 8, 1). 

18, 14. Ae8txaiü)jisvoc ist relativ und antwortet auf die 
Frage: wer hat recht von beiden, wer hat auf die richtige Weise 
gebetet? Der Agon des Gebets entscheidet nach Gottes Urteil 
gegen den Musterknaben und für den Auswurf der jüdischen Ge- 
sellschaft. Davon ist keine Rede, daß der eine absolvirt und der 
andere nicht absolvirt wird. Neben iroip* ixeivov scheint eine 
vielleicht ursprünglichere Lesart jiaUov t] -yäp (= r^) ixeivo? zu stehn, 
die das selbe bedeutet. 

V. Lc. 18, 15—24, 53. 

§ 50-54. Lc. 18, 15-43. 

Sie brachten ihm aber auch die kleinen Kinder, daß er 
sie berührte; und die Jünger schalten sie, als sie es sahen. 
^® Jesus aber rief sie heran und sprach: Laßt die Kinder zu 
mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solcher ist das 
Reich Gottes. ^^Amen, ich sage euch, wer das Reich Gottes 
nicht annimmt wie ein Kind, kommt nicht hinein. 

'^Und ein Vorsteher fragte ihn: guter Meister, was muß 
ich tun, um das ewige Leben zu erben? ^®Er sprach zu ihm: 
Was heißest du mich gut? niemand ist gut, als nur Gott allein. 
'°Die Gebote kennst du: du sollst die Ehe nicht brechen, nicht 
morden, stehlen, keine falsche Anklage erheben, Vater und 
Mutter ehren. '*Er sagte: alles das habe ich von Jugend auf 
gehalten. *'Als Jesus das hörte, sagte er ihm: eins fehlt dir 
noch, verkauf alles was du hast und folg mir! ''Über dies 
Wort ward er sehr bekümmert, denn er war schwer reich. 
**Wie aber Jesus ihn so sah, sprach er: Wie schwer wird es 
den Begüterten, in das Reich Gottes einzugehn. "Leichter 



18, 15-43. , 101 

geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das 
Reich Gottes [kommt]. '*Da sagten die Zuhörer: wer kann 
dann gerettet werden? '^Er sprach: was bei den Menschen 
unmöglich ist, ist möglich bei Gott. '* Petrus aber sagte: wir, 
wir haben unser Eigentum fahren lassen und sind dir gefolgt. 
'•Er sprach zu ihnen: Amen, ich sage euch, es ist keiner, der 
Haus oder Weib oder Geschwister oder Eltern hat fahren lassen 
um des Reiches Gottes willen, '°der nicht vielmal mehr empfange 
in dieser Zeit, und in der künftigen Welt das ewige Leben. 

'*Er nahm aber die Zwölfe zu sich und sprach zu ihnen: 
Siehe wir gehn hinauf nach Jerusalem, und es wird alles voll- 
endet, was durch die Propheten geschrieben und dem Menschen- 
sohn bestimmt ist. "Denn er wird den Heiden übergeben 
und verspottet und mishandelt und angespien, ^'und sie 
werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tage wird er 
auferstehn. **ünd sie begriffen nichts davon, das Wort war 
ihnen dunkel und sie verstanden die Rede nicht. 

"Als er aber in die Nähe von Jericho kam, saß da ein 
Blinder am Wege und bettelte; '*wie der eine Menge Volks 
vorütergehn hörte, fragte er, was das wäre, '^ünd da er 
hörte, Jesus der Nazoräer gehe vorüber, "rief er: Jesus, Sohn 
Davids, erbarm dich mein! "und die voran waren, schalten 
ihn, daß er schwiege. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn 
Davids, erbarm dich mein! **^ Und Jesus blieb stehn und hieß 
ihn herbringen. * * Wie er nun herangekommen war, fragte er 
ihn: was willst du soll ich dir tun? Er sagte: Herr, daß ich 
sehend werde. *'Und Jesus sprach zu ihm: sei sehend, dein 
Glaube hat dich gerettet. "Und alsbald wurde er sehend und 
folgte ihm, Gott preisend. *^Und alles Volk gab darob Gott 
die Ehre. 
Lc fährt einlach mit seinem aber auch fort und macht hier 
keinen Abschnitt, nur die moderne Kritik tut es, weil hier der 
mit § 48 (Lc. .9, 46 — 50) fallen gelassene Faden des Mc wieder 
aufgenommen wird. Und zwar mit § 50; der § 49 (Mc. 10, 1 
bis 12) ist darum übergangen, weil dessen Quintessenz aus einer 
anderen Quelle schon vorher (16, 18) wiedergegeben ist. 

18, 15—17 wie Mc. 10, 13—16. Die Kinder sind ßpscpy], 
Jesus herzt sie nicht (auch nicht in 9, 47), und er ist nicht un- 
willig gegen seine Jünger — vgl. zu Mt. 19, 13 — 15. 



102 V. 18, 16-^4, 68. 

18, 18—30 wie Mc. 10, 17—31. Den eigentümlichen Eingang, 
den Mt ändert, behält Lc bei. Der Fragesteller ist nach ihm kein 
veavtaxoc, wie bei Mt (19, 20), der daram Ix veotTitoc nicht brauchen 
kann, sondern nach der gangbaren Lesart ein apx«>v. Die beiden 
Aussprüche Jesu über die Schwierigkeit, ins Reich Gottes zu 
kommen, zieht er noch mehr zusammen als Mt und läßt sie nicht 
an die Jünger gerichtet sein. Die Reaktion dagegen (18, 26) er- 
folgt von den Hörern im allgemeinen, den Jüngern steht sie nicht 
an. Sie kommen erst in 18, 28 an die Reihe, sie (aÖTotc 18, 29) 
erhalten die Antwort auf die verdeckte Frage ihres Wortführers 
Petrus, wie bei Mc. Die Antwort (Mc. 10, 29. 30) wird von Lc 
durch Auslassung der wiederholten Objektsreihe ähnlich vereinfacht 
wie von Mt. Er führt die Äcker nicht mit auf, dagegen das 
Weib: freilich tauschen ifüvatxa und ^oveT? ihren Platz in der Über- 
lieferung. Für vielmal hat die Syra S. hundertfach wie Mc, 
D dagegen siebzigfach. — Der Plural oipavotc (18, 22) fällt sehr 
auf, die Lesung steht nicht fest. 

18, 31—34 stellt sich zu 9, 22 und 9, 44, ist aber durch die 
große Einschaltung des Lc von diesen Vorstufen weit getrennt. 
Die befremdliche Einleitung des Mc (10, 32) fehlt bei Lc wie bei Mt, 
dagegen wird die erfüllte Weissagung der Propheten hinzugefügt. Sie 
findet sich bei Mc niemals, abgesehen von 14, 29, aber auch da 
nicht in dieser allgemeinen, sondern in einer ganz beschränkten 
Form. 

Den § 53 (Mc. 10, 35—45) kennt Lc zwar (12, 50), übergeht 
ihn aber bis auf den Schluß (10, 41 — 45), den er in anderer Form 
und wol aus anderer Quelle in 22, 24 — 26 nachbringt. Erregte 
ihm die unbescheidene Bitte der Zebedaiden Anstoß oder das ihnen 
beiden geweissagte Martyrium? In der Apostelgeschichte erwähnt 
Lc nur das des Jakobus. Die Annahme, daß Johannes dort einer 
Zensur zum Opfer gefallen sei, scheint mir schwieriger, als die, 
daß er in der Tat später als Jakobus hingerichtet wurde, wenn- 
gleich immer längere Zeit vor der Abfassung des Ev. Marci und 
als der früheste (noch in Judäa getötete) Märtyrer unter den 
Zwölfen nächst seinem Bruder. Vgl. E. Schwartz, über den Tod 
der Söhne Zebedaei, in den Abhh. der Göttinger Societät VII 5 
(1904). 

18, 35 — 43 (Mc. 10, 46 — 52). Jesus kommt auch bei Lc über 
Jericho, ob wol nur der Weg durch Peräa, nicht aber der durch 



18, 15-19, 10. 103 

Samarien über diese bei der Jordanfurt gelegene Stadt führt. Die 
mir bekannten Ausleger nehnien daran so wenig Anstoß, wie an 
der unmöglichen Route in Mc. 7, 31, weil sie keine Anschauung 
von der Geographie Palästinas haben. Lc nennt den Namen des 
Blinden nicht (vielleicht weil er aramäisch lautet), verwandelt das 
Fremdwort paßßoüvt in x6pt8, und übergeht den malerischen Zug, 
daß der Blinde seinen Mantel abwarf und auf Jesus zusprang. In 
18, 43 hängt er seinen gewöhnlichen Schluß an. 



Lc. 19, 1-10. 

Und er kam nach Jericho hinein und zog hindurch. 'Da 
war ein Mann namens Zacchäus, ein Oberzöllner und reich, 
'der wollte gern sehen, wer Jesus wäre, und konnte nicht 
vor dem Volk, denn er war klein von Wuchs. *Und er lief 
voraus und stieg auf eine Maulbeerfeige, um ihn zu sehen, 
denn da mußte er vorbei. *ünd wie Jesus vorüberging, sah 
er auf und sprach zu ihm: Zacchäus, steig geschwind herab, 
denn heute muß ich in deinem Hause Herberge nehmen. 
*ünd er stieg geschwind herab und nahm ihn mit Freuden 
auf. ^Und darauf murrten alle, daß er bei einem Sünder ein- 
kehre zu herbergen. ® Zacchäus aber trat auf und sagte zu dem 
Herrn: siehe, die Hälfte meiner Habe, HeiT, geb ich den 
Armen, und wenn ich von einem etwas erpreßt habe, so zahl 
ich es vierfach zurück. 'Jesus aber sprach: Heute ist diesem 
Hause Rettung zu teil geworden, ist er doch auch ein Sohn 
Abrahams. '°])enn der Menschensohn ist gekommen, das ver- 
lorene (Schaf) zu suchen und zu retten. 

19, 1 widerspricht dem Folgenden. Jesus befindet sich noch 
draußen vor der Stadt, nicht innerhalb derselben — sonst wäre 
Zacchäus aufs Dach gestiegen und nicht auf einen Baum. Ge- 
schweige, daß er sie schon im Rücken hätte — er will ja erst in 
einem Hause der Stadt für die Nacht einkehren. 

19, 2. D korrigirt das xal «6x6?, welches hier gleich zweimal 
hinter einander auftritt. Der Name Zacchäus ist aus Zacharias ab- 
gekürzt. 

19, 4. Hier heißt es Sykomore, dagegen in 17, 6 Sykamine. 
Beides wird auf das semitische schiqma zurückgehn. 



104 V. 18, 15—24, 63. 

19, 5. Jesus wird durch das Interesse, welches der unbekannte 
Mann für ihn bekundet, veranlaßt, bei ihm Quartier zu nehmen. 
Ein Beispiel, wie die christlichen Missionare in einer fremden Stadt 
anklopften. 

19, 7. Es geht bei diesem Zöllner gerade wie bei dem anderen, 
der ebenso plötzlich Jünger Jesu wird. Zacchäus ist der Doppel- 
gänger des Levi, wenn letzterer auch nicht auf den Baum klettert. 

19, 8. Der neue Jünger opfert doch nicht sein ganzes, son- 
dern nur sein halbes Vermögen; eben deshalb vielleicht wird nicht 
gesagt, daß er Nachfolge leistete. Vierfacher Ersatz wird im Ge- 
setz (Exod. 21, 37) für Schafdiebstahl gefordert. 

19, 9. 10. Jesus hält den Murrenden entgegen, Zacchäus sei 
ja doch auch ein Jude; unter das Dach eines Heiden würde er 
also nicht getreten sein. In diesem Ausspruch hat man kurioser 
Weise nicht etwa Judaismus, sondern Paulinismus gewittert. Noch 
im Jahre 1902 hat 0. Pfleiderer, Urchristentum 1, 455, drucken 
lassen: „Dem blinden Bettler Bartimäus, dem Sohn des Un- 
reinen, stellt Lc als Pendant zur Seite den Oberzöllner Zachäus, 
d. h. Rein, als Vertreter der von den Juden verachteten und den 
Heiden gleichgestellten Klasse von Menschen, die um ihres buß- 
fertigen Glaubens an Jesum willen von ihrer Schuld gereinigt und 
der Einkehr Jesu gewürdigt, eben damit unter die Glaubenssöhne 
Abrahams und in das wahre Israel Gottes aufgenommen werden; 
das Wort Jesu zu Zachäus: heute ist diesem Hause Heil wider- 
fahren, gemäß dem daß er auch ein Sohn Abrahams ist — er- 
innert an die paulinische Ausführung von den geistlichen Söhnen 
Abrahams Gal. 3, 9. 29. Rom. 4, 11 ss." Die Annahme, daß in 
Lc. 19,9 an geistliche Sohnschaft Abrahams gedacht sei, hängt ur- 
sprünglich ab von der Voraussetzung, die Zöllner in Judäa seien 
keine Juden gewesen. Wenn Zacchäus ein Heide war, so konnte 
er ein Sohn Abrahams in der Tat nur nach dem Geist genannt 
werden. Inzwischen ist die Grundlosigkeit jener Voraussetzung 
nachgewiesen und auch von Pfleiderer anerkannt. Aber nachdem 
die Prämisse abgetan ist, spukt die Konsequenz noch weiter, wenn- 
gleich nur als Gespenst in scheuer Weise. — Opo? aoiov (19, 9) 
bedeutet nicht „in Beziehung auf ihn", ist vielmehr ein falscher 
Zusatz — dergleichen wurde beliebig eingestreut. Für xtp oix(p 
liest D und Syra S. Iv t. o., etwa weil das Heil ja nicht dem 
ganzen Hause, sondern nur dem einen Insassen widerfahren ist? 



19, 1-27. 105 

Wenn der einfache Dativ richtig ist, so wird dem einzelnen Mann 
plötzlich seine Familie substituirt, so daß man annehmen muß, 
daß sie sich mit ihrem Haupte bekehrt habe. Daraus erklärt sich 
eventuell, daß Zacchäus nur sein halbes Vermögen opfert und seine 
Familie nicht verläßt, um Jesu nachzufolgen. 

Lc. 19, 11-27. Mt. 25, 14-30. 

Während sie dem zuhörten, fuhr er fort und sagte ein 
Gleichnis — da er nahe bei Jerusalem war und man meinte, 
nun müsse sogleich das Reich Gottes in Erscheinung treten. 
^^Er sprach also: Ein Mann von hohem Geschlecht reiste in 
ein fernes Land, um Königswürde zu empfangen und dann zu- 
rückzukehren. "Und er berief zehn seiner Knechte und gab 
ihnen zehn Pfund und sagte zu ihnen: werbt damit in der 
Zeit bis ich heimkehre. "Seine Landsleute aber haßten ihn 
und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen 
sagen: wir wollen nicht, daß dieser über uns König werde. 
"Als er nun zurückkam und die Königswürde empfangen 
hatte, hieß er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben 
hatte, um zu erfahren, was sie erworben hätten. "Der eine 
trat an und sagte: Herr, dein Pfund hat zehn Pfund mehr 
gewonnen. ^^Und er sagte zu ihm: ei du wackerer Knecht, 
du bist über Wenigem treu gewesen; du sollst nun über zehn 
Städte Gewalt haben. ^®Ein anderer kam und sagte: dein 
Pfund, Herr, hat fünf Pfund getragen. ^^Auch zu diesem 
sagte er: so sollst auch du über fünf Städte gesetzt werden. 
"Und ein anderer kam und sagte: Herr, da hast du dein 
Pfund, das ich im Taschentuch verwahrt habe, 'Menn ich 
hatte Furcht vor dir, weil du ein strenger Mann bist, nimmst 
was du nicht eingelegt, und erntest, was du nicht gesäet hast. 
"Er sagte zu ihm: Du fällst dir selbst das Urteil, fauler 
Knecht! Wußtest du, daß ich ein strenger Mann bin, nehme 
was ich nicht eingelegt, und ernte was ich nicht gesät habe, 
''warum hast du denn nicht mein Geld in die Bank gegeben, 
so hätte ich es bei meiner Heimkunft mit Zinsen eingezogen! 
'*Und er sagte zu den dabeistehenden (Dienern): Nehmt ihm 
das Pfund und gebt es dem, der zehn Pfund hat [*^und 
sie sagten zu ihm: Herr, er hat ja schon zehn Pfund]; "denn 



106 V. 18, 16-24, 53. 

ich sage euch: wer da hat, dem wird gegeben, und wer nicht 
hat, dem wird auch das was er hat genommen. '^Doch meine 
Feinde, die nicht wollten, daß ich König über sie würde, 
bringt her und schlachtet sie ab vor meinen Augen. 

Mit dem Ilauptgleichnis von den Pfunden, welches dem des 
Mt von den Talenten entspricht, hat Lc ein anderes verbunden. 
Beide beziehen sich auf die Parusie Jesu; sie haben indes ver- 
schiedene Adressen. Das Hauptgleichnis richtet sich an die Jünger. 
Sie sollen sich während der Abwesenheit ihres Herrn werktätig 
erproben und nicht die Hände in den Schoß legen. Denn die 
Parusie steht nicht unmittelbar vor der Tür, es liegt eine längere 
Zwischenzeit in der Mitte, wie in der Einleitung (19, 11) vor- 
bemerkt wird. Das Nebengleichnis, das nur restweise, besonders 
in 19, 14. 27, erhalten ist, richtet sich gegen die feindlichen Juden. 
Jesus ist von der Welt geschieden, um sich im Himmel das 
Königtum zu holen und dann als der Christus Gottes zurück- 
zukehren auf die Erde oder vielmehr zum auserwählten Volk. Die 
Juden wollen den zum Himmel Gefahrenen aber nicht zum Könige 
haben, an ihnen wird er bei seiner Parusie Rache nehmen. Die 
Parusie wird hier (19, 27) ähnlich wie in 18, 1 — 8 und 11, 49 ss. 
aufgefaßt als Tag der Rache an den christusfeindlichen Juden. 
Der Vorgang, der in diesem Kebengleichnis als Fabel dient, daß 
ein (jüdischer) Prätendent von der (römischen) Oberherrschaft per- 
sönlich seine Bestätigung nachsucht, dabei aber mit inneren Gegnern 
zu tun hat, die gegen ihn protestiren, hat sich mehr als einmal 
zugetragen; das Beispiel, das man gewöhnlich anzieht, ist das des 
Archelaus (Jos. Ant. 17, 300), und dies liegt in der Tat am nächsten. 
Wegen der Verbindung der beiden Gleichnisse hat sich Lc genötigt 
gesehen, die Adresse nicht bloß auf die Jünger zu beschränken. 
Übrigens ist nicht bloß in dem Nebengleichnis (B) die Hauptperson 
ein König, sondern auch in dem Hauptgleichnis (A) bei Lc ein 
Herr von Land und Leuten. Dies ist sehr wichtig, und dadurch 
wurde auch die Zusammenschmelzung erleichtert. 

19, 11. Wie bereits bemerkt, bezieht sich die Einleitung auf 
A, nicht auf B. Sie stammt von Lc, aber die Angabe, daß das 
große Gefolge Jesu glaubte, als er nach Jerusalem zog, er wolle 
dort das Reich Gottes herstellen, ist schwerlich von ihm erfunden. 
19, 12. 13 aus A, mit Ausnahme von Xaßstv ßaatXetav xal 
üitoöTpe^^at (19, 12). Es heißt nicht tou? 6. 8. (19, 13); der eöyevTJ; 



19, 11-27. 107 

hstt mehr als zehn Knechte, er wählt nur zu einem bestimmten 
Zwecke zehn aus. Er gibt ihnen nicht all sein Ilab und Gut, 
sondern nur etwas Weniges, keine Talente, sondern Minen, um sie 
daran zu erproben und ihnen dann mehr anzuvertrauen. Daß sie 
alle die selbe Summe bekommen, ist besser, als daß sie bei Mt eine 
verschiedene bekommen „je nach ihrer Fähigkeit" (Mt. 25, 15): 
denn ihre Fähigkeit will der Herr erst versuchen, er weiß sie nicht 
voraus. 

19, 14 ist ganz und gar ein Einsatz aus B. 

19, 15—26 aus A. Nur in Xaßovxa ttjv ßaitXsfav (19, 15) zeigt 
sich eine sichere Spur von B. Der ganz überflüssige Vorbericht 
Mt. 25, 16 — 18, dessen Inhalt sich hernach von selbst ergibt, fehlt 
bei Lc. 

19, 16. Dein Pfund hat getragen ist feiner als ich habe 
gewonnen bei Mt (25, 20). • 

19, 17. Bei dem Lohn fällt Mt (25, 21) aus dem Gleichnis: 
„geh ein zu deines Herren Freude". Lc bleibt darin. Die Re- 
gierung ist finanzielle Ausbeutung, und wer aus einem Kapital 
das Zehnfache herauszuschlagen versteht, ist auch befähigt für die 
rationelle Bewirtschaftung einer Stadt oder eines Verwaltungs- 
bezirkes, und hat zugleich seine Treue bewiesen, da er nicht in 
eigenem Interesse, sondern in dem seines Herrn gehandelt hat. 
Die Knechte sind als höhere Beamte zu denken, die zunächst auf 
die Probe gestellt werden sollen; vgl. zu Mt. 18, 23 — 35. Ein 
Einfluß von B hat hier durchaus nicht stattgefunden. — Genauer 
wäre zu übersetzen gewesen: bravo, daß du über Wenigem treu 
gewesen bist. 

19, 18. Für 6 SsuTspo? muß nach D und anderen Zeugen 6 
exepoc gelesen werden, wegen 19, 19. Die Numerirung erklärt sich 
aus 6 irpÄToc (19, 17) und aus Mt, wo der Knechte nur drei sind 
und alle drei an die Reihe kommen, während bei Lc bloß bei- 
spielsweise drei. Solche Varianten bei Aufzählungen kommen in 
den Hss. oft vor, z. B. 18, 10 (D). 

19, 24. Die TrapsorTÄTe? sind die Diener, die der Fürst zur 
Verfügung hat. Bei Mt (25, 28) weiß man nicht, an wen der 
Befehl ergeht, und der Inhalt desselben (25, 30) fällt aus dem 
Gleichnis. 

19, 25. Eine deutliche Interpolation unterbricht hier die Rede 
des Herrn, die sich von 19, 24 auf 19, 26 fortsetzt. 



108 V. 18, 15-24, 53. 

19, 27 ist der Schluß von B, der sich ebenso sonderbar ab- 
hebt, wie der gleichfalls aus B stammende Einsatz 19, 14. 

§ 55-57 Lc. 19, 28-48. 

Und nach diesen Worten zog er weiter, hinauf nach 
Jerusalem. "Und als er in die Nähe von Bethphage und 
Bethania an den sogenannten Ölberg kam, trug er zweien 
seiner Jünger auf: '"Geht in das Dorf vor euch, dort werdet 
ihr beim Eingang einen jungen Esel [angebunden] finden; auf 
dem noch kein Mensch gesessen ist, den bindet los und bringt 
her. 'HTnd wenn euch jemand fragt [warum bindet ihr ihn 
los], so sagt: der Herr bedarf seiner, ^'ünd sie gingen [die 
Abgesandten und fanden wie er ihnen gesagt hatte, ''und als 
sie den Esel losbinden wollten, sagten dessen Herren zu ihnen: 
was bindet ihr den Esel los] '*und sprachen: der Herr bedarf 
seiner, "und brachten den Esel [zu Jesus], warfen ihre Kleider 
darauf und ließen Jesus aufsitzen, '^und wie er sich in Be- 
wegung setzte, breiteten sie ihre Kleider auf die Straße. 
"Als er aber an den Abstieg des Ölbergs kam, begann die 
ganze Jüngerschar voll Freude Gott mit lauter Stimme zu 
preisen, ob alle dem was sie geschehen sahen, "und zu sagen: 
Heil dem Könige, Friede im Himmel und Ehre in der Höhe! 
'^Einige [Pharisäer] von der Menge aber sagten zu ihm: 
Meister, schilt deine Jünger! ^°Er antwortete: ich sage euch, 
wenn diese schwiegen, so schrien die Steine. 

*^ünd als er nahe herankam und die Stadt sah, weinte 
er über sie und sprach: *^Ach wenn doch auch du an diesem 
Tage erkenntest, was zum Frieden führt; nun aber ist es vor 
deinen Augen verborgen. *'Denn es werden Tage kommen, 
da werden deine Feinde Wall und Graben gegen dich auf- 
werfen und dich einschließen und von allen Seiten bedrängen, 

"und sie werden dich dem Boden gleichmachen und 

keinen Stein auf dem anderen lassen an dir, dafür, daß du 
die Zeit nicht erkannt hast, da Gott sich nach dir umsah. 

*^Und er ging in den Tempel und begann die Händler 
auszutreiben **mit den Worten: es steht geschrieben: mein 
Haus ist ein Bethaiis; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle 
gemacht. '•^Und er lehrte täglich im Tempel. Die Hohen- 



19, 28-48. 109 

priester aber und die Schriftgelehrten trachteten ihn zu ver- 
derben [und die Häupter des Volks] *®und wußten nicht, 
w^as tun; denn alles Volk war gespannt, ihn zu hören. 

19, 28 — 38. Das in der Übersetzung Eingeklammerte fehlt in 
D. Was insonderheit die Verse 32. 33 betrifft, so läßt sich ein 
Motiv, sie einzusetzen, leicht denken, nicht aber ein Motiv, sie 
auszulassen. Lc vermeidet es auch in anderen Fällen, Befehl und 
Ausführung mit den gleichen Worten zu wiederholen; lieber wird 
er undeutlich. Die Szene ist nicht Jerusalem, sondern der Ölberg 
und besonders der Abstieg vom Ölberg, wie bei Mc. Die Ovation 
wird vom TtX^9o? der Jünger (6, 16) dargebracht, nicht von dem 
Volk; aber der Unterschied zwischen dem Volk, das in großer 
Zahl Jesu folgte, und dem Schweif der Jünger bedeutet nicht viel, 
und in 19, 39 tritt das Volk ein. Den Heilsruf habe ich in 
Konsequenz der Lesungen von Syra S. und D zu gestalten mir 
erlaubt, ähnlich wie Blaß. Das Reich Davids (Mc. 11, 10) kommt 
nach Lc nicht (vgl. 19, 11); das Osanna läßt er aus, weil er un- 
griechische Wörter vermeidet. „Ehre in der Höhe" bedeutet nach 
2, 14: Ehre sei Gott i. d. H. Schwieriger ist h oöpotvq) stpr^vy]. 
In 2, 14 heißt es dafür: und auf Erden ruhe Frieden auf (Iv) den 
Menschen. Kann auch dem Himmel nicht bloß 86$a, sondern auch 
efpT^vy] gewünscht werden? Oder, da efpVjvy] den Gruß bedeutet, 
kann man Gott grüßen? Daß Lc. 19, 39 das Muster für 2, 14 
ist, unterliegt keinem Zweifel, obgleich Weiß das Verhältnis um- 
kehrt. 

19, 39. 40. Das unmögliche täv cpapiaatcov (19, 39) fehlt in 
der Syra S. Der Ausspruch in 19, 40 hat mit Ambakum 2, 11 
nichts zu schaffen, er ist frei geschöpft und leicht verständlich. 
'Eav mit dem Futurum (Blaß § 65, 5) scheint keine mögliche, 
sondern eine unmögliche Bedingung einzuleiten. 

19, 41 — 44 findet sich nur bei Lc und nimmt Mc. 13 voraus. 
Der erste Anblick Jerusalems eignet sich sehr gut zu dieser Ge- 
fühlsäußerung; aber vorher und nachher ist die Stimmung ganz 
anders, keineswegs hoffnungslos. Auffallend unterscheidet sich der 
tiefe Schmerz über den Fall der Stadt von dem Racheschrei in 
18, 7 s. 19, 27 — das hängt mit dem Unterschied der Zeiten vor 
und nach der Katastrophe zusammen. Die Friedensbedingungen 
(19, 42, vgl. 14, 32) sind die mit Gott. Die Worte xol xa tsxva 
aoo h aoi (19, 44) sind sehr schwierig. Denn löa<ptoüatv ae be- 



110 V. 18, 15—24, 53. 

deutet nicht sie schmettern zu Boden, so daß man nach Ps. 
137, 9 verstehn könnte. Wollte man statt ^3^:2 vermuten "»D^JOD 
(deine Bauten), so erhielte man eine höchst überflüssige Aussage. 
Näher liegt es, an einen Zustandssatz zu denken: während deine 
Kinder in dir sind. Der müßte freilich am Schluß von 19, 43 
stehn: sie werden dich von allen Seiten einschließen, während d. K. 
in dir sind. Die Juden des platten Landes hatten sich in die 
Hauptstadt geflüchtet und überfüllten sie bei der Belagerung. 

19, 45 — 48. Die Verfluchung des Feigenbaums (§ 56. 58) 
läßt Lc begreiflicher Weise aus, hat sie aber nach 17, 8 in Ver- 
bindung mit der Anweisung zum Gebet gekannt. Die Reinigung 
des Tempels wird sehr kurz abgemacht. Sie schließt sich un- 
mittelbar an die Palmarumperikope an. Sofort vom Ölberg hinunter 
zieht Jesus in Jerusalem ein, die Prozession endet im Tempel, wie 
bei Mt, gegen Mc. Das Lehren im Tempel (19, 47) wird nicht 
wie bei Mc als Ereignis dieses bestimmten Tages berichtet, son- 
dern als ein Pflegen xaft* r^fxepav (Mc. 14, 49). Die Bemerkung 
Mc. 11, 19 wird erst 22, 37 nachgebraeht, und zwar ausführlicher. 
Das Schema der sechs Tage fehlt, Jesus hält sich unbestimmte 
Zeit in Jerusalem auf; daher z. B. 20, 1 eines Tages statt am 
folgenden Tage (Mc. 11, 20. 27). 'Expefxaio (Jxoücdv ist mehr 
aramäisch als ix. dxoueiv (D), bedeutet aber gleichviel. Es heißt 
nicht: sie hingen hörend an ihm. 



§ 59. 60. Lc. 20, 1-19. 

Und eines Tages, da er das Volk im Tempel lehrte 
und das Evangelium verkündete, traten die Hohenpriester und 
die Schriftgelehrten herzu, samt den Ältesten 'und sprachen zu 
ihm: sag uns, kraft welcher Befugnis tust du das, und wer ist 
es, der dir diese Befugnis gegeben hat? ^Er antwortete: ich 
will euch auch etwas fragen, sagt mir Bescheid! *war die 
Taufe Johannes vom Himmel oder von den Menschen? *Sie 
aber überlegten bei sich: sagen wir vom Himmel, so sagt er: 
warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? ®sagen wir aber: 
von Menschen, so steinigt uns das ganze Volk, denn sie sind 
überzeugt, daß Johannes ein Prophet ist. ^Und sie ant- 
worteten, sie wüßten nicht, woher sie wäre. *ünd Jesus 



20,1-19. 111 

sprach zu ihnen: so sage auch ich euch nicht, kraft welcher 
Befugnis ich dies tue. 

^Er begann aber dieses Gleichnis zum Volke zu sagen. 
Ein Mann pflanzte einen Weinberg und tat ihn aus an Pächter 
und ging außer Landes geraume Weile. '^Und seiner Zeit 
sandte er einen Knecht an die Pächter, daß sie ihm von der 
Frucht des Weinberges sein Teil gäben; sie aber schlugen ihn 
und ließen ihn mit leeren Händen ziehen. ^*Und er sandte 
noch einen anderen Knecht, auch den schlugen und be- 
schimpften sie und ließen ihn mit leeren Händen ziehen. 
"Und noch einen dritten sandte er, den verwundeten sie und 
warfen ihn hinaus. *'Da sagte der Herr des Weinberges: was 
soll ich tun? ich will meinen geliebten Sohn hinsenden, viel- 
leicht scheuen sie sich vor dem. ^*Als aber die Pächter ihn 
sahen, überlegten sie mit einander und sagten: das ist der 
Erbe, laßt uns ihn töten, damit das Erbe unser werde. ^^Und 
sie warfen ihn aus. dem Weinberge hinaus und töteten ihn. 
Was wird nun der Herr des Weinberges ihnen tun? "er wird 
kommen und die Pächter umbringen und den Weinberg anderen 
geben. Als sie das hörten, sagten sie: das sei ferne. *^Er 
aber blickte sie an und sprach: was bedeutet denn dies Wort 
der Schrift: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der 
ist zum Kopfstein geworden, *®wer auf jenen Stein fällt, wird 
zerschellen, auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen. 
*^Und die Schriftgelehrten und die Hohenpriester suchten zur 
selben Stunde Hand an ihn zu legen, fürchteten sich aber 
vor dem Volke. Denn sie erkannten, daß er das Gleichnis 
auf sie gesagt hatte. 

20, 1—8. Durch „eines Tages'' (20, 1) wird die zeitliche Be- 
ziehung der von den jüdischen Oberen an Jesus gestellten Frage 
zu seinem stürmischen Auftreten im Tempel gelockert und die 
kausale unkenntlich gemacht. Sie fragen ihn vielmehr nach der 
Befugnis seines em-^-^skil^aabon. In 20, 6 verdient der Plural 
ireiTctajisvoi yap sfatv (D) den Vorzug vor dem Singular. 

20, 9 — 19. Die Adresse an das Volk ist in D ausgelassen, 
weil nach 20, 16^ — 19 vielmehr die Oberen angeredet erscheinen; 
doch hört auch das Volk zu. Die ausführliche Wiederholung von 
Isa. 5 in Mc. 12, 1 fehlt bei Lc mit Recht. Katp(j> (20, 10) kann 
zwar nicht, muß aber bedeuten: zu der geeigneten Zeit. Die 



112 V. 18,15-24,53. 

Sendung noch anderer Knechte nach dem dritten übergeht Lc; 
die Tötung verspart er für den Sohn, sie erfolgt außerhalb des 
Weinberges, wie bei Mt. In 20, 16 wird die Antwort von Jesus 
selber gegeben, nicht von den Gegnern, wie bei Mt. Im Gegenteil, 
die Gegner sagen: [ay; ^evotto. Ihre Erwiderung ist genau so un- 
sinnig wie 6 uortepoc Mt. 21, 31 (vgl. zu d. St) und bestätigt dieses. 
Sie wird erklärt am Schluß von 20, 19 (nach Mc. 12, 12): sie er- 
kannten, das Gleichnis sei auf sie gemünzt. Diese Worte werden 
darum in der Syra S. in 20, 16 eingeschoben. Aber sie haben 
dort den Ausfall des Nachsatzes zu als sie das hörten ver- 
schuldet, so daß der Text garnicht mehr zu verstehn ist. Denn 
die Konstruktion von Merx ist unmöglich und ergibt auch keinen 
Sinn. Das Zitat 19, 17 (Ps. 118, 22) ist bei Lc verkürzt, dagegen 
in 19, 18 aus unbekannter Quelle noch ein anderes, ganz hetero- 
genes hinzugefügt, welches auch in dem unechten Verse Mt. 21,44 
erscheint. Die Zugehörigkeit von 20, 19 zu dem Vorhergehenden 
kann nicht bezweifelt werden; die Explizirung des Subjekts ändert 
daran nichts. 

§ 61-63. Lc. 20, 20-40. 

Und sie entfernten sich und schickten Aufpasser, 
fromm tuende Heuchler, um ihn bei einem Worte zu fassen, 
damit sie ihn der Obrigkeit und der Gewalt des Landpflegers 
überliefern könnten. '*Und sie fragten ihn: Meister, wir 
wissen, daß du gerade sprichst und lehrst, und keine Person 
ansiehst, sondern nach der Wahrheit den Weg Gottes lehrst 
— "dürfen wir dem Kaiser Steuer geben oder nicht? "Er 
merkte aber ihre Arglist und sprach zu ihnen: '* weiset mir 
einen Silberling! wessen Bild und Aufschrift trägt er? Sie 
sagten: des Kaisers. *'Da sprach er zu ihnen: also entrichtet 
dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist. 
'®Und sie konnten ihn nicht angesichts des Volkes bei einer 
Äußerung fassen, und verwundert über seine Antwort schwiegen 
sie still. 

'''Es kamen aber einige Sadducäer heran, die da sagen, 
es gebe keine Auferstehung und fragten ihn: '^Meister, Moses 
hat uns vorgeschrieben, wenn einem ein Bruder, der ein Weib 
hat, kinderlos stirbt, so solle sein Bruder das Weib nehmen 



20, 20-40. 113 

und seinem Bruder Nachkommen erzeugen. "Nun waren sieben 
Brüder, der erste nahm eine Frau und starb kinderlos, *°und der 
zweite nahm sie ^^und der dritte,* und so alle sieben, und 
starben kinderlos. ''Zuletzt starb auch die Frau. *'Nun bei 
der Auferstehung, wessen Weib wird sie da sein? sie haben 
sie ja alle sieben gehabt. "Und Jesus sprach zu ihnen: Die 
Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien. '^Die aber 
der Teilhaftigkeit an jener Welt und der Aufei-stehung von den 
Toten gewürdigt worden sind, freien nicht und lassen sich 
nicht freien, '®denn sie können ja auch nicht sterben. Sondern 
sie sind gleich den Engeln [und Söhne Gottes] als Söhne der 
Auferstehung. "Daß aber die Toten auferstehn, deutet Moses 
an in der Geschichte vom Dornbusch, wie er den Herrn nennt 
den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs 
— "Gott ist er nicht von Toten, sondern von Lebendigen, 
denn alle sind ihm lebendig. "Einige von den Schriftgelehrten 
aber antworteten: Meister, du hast gut geredet. *°Denn sie 
wagten nicht mehr, ihm irgend eine Frage vorzulegen. 

20, 20 — 26. Den Eingang und den Schluß hat Lc frei be- 
handelt, in dem Bewußtsein, daß die Übergänge nicht zur eigent- 
lichen Tradition gehören. Die Herodianer kennt er nicht, die 
Pharisäer umschreibt er, ohne sie zu nennen, wie in 18, 9. 

20,27—38. Den Vers 31, dessen fehlerhafte Konstruktion 
durch die Variante in D nicht verbessert wird, habe ich nach der 
Syra S. wiedergegeben, die wenigstens sinngemäß übersetzt. Den 
Schluß von Mc. 12, 25 hat Lc theologisch erweitert. Kinder zeugen 
heißt Ersatz schaffen für die Gestorbenen, künftig aber hört das 
Sterben auf und also auch das Heiraten (20, 36). Der Satz xat 
üJot efatv Ösou fehlt in der Syra S.; er deckt sich in der Tat mit 
dem vorhergehenden Satze ^ady^eXot etaiv (denn Söhne Gottes ist 
synonym mit Engeln, vgl. LXX Gen. 6, 2), uud wegen der Wieder- 
holung des elaiv muß einer von beiden weichen. Die Lesart von 
D Jaa'xysXot efaiv T(p detp (sie sind gleich den Engeln wie Gott) 
scheint ein Kompromiß zu sein. Die Auferstehung macht die 
Menschen zu Engeln oder zu Söhnen Gottes, vgl. Sapientia 5, 4. 6, 20. 
Aber nicht alle werden ihrer gewürdigt, wie in 20, 35 angedeutet 
wird; Lc scheint die Auferstehung auf die Gerechten zu beschränken 
(14, 14). Was der Schluß von 19, 38 in diesem Zusammenhange 
besagen soll, versteh ich nicht. 

We 11 haus e D, £ Yang. Lucae. 8 



lU V. 18,15-24,53. 

20, 39. 40 ist ein Rest des § 63 (Mc. 12, 28—34), der im 
übrigen hier ausgelassen wird, weil er schon in 10, 25 ss. ver- 
wendet ist. 

§ 64-66. Lc. 20, 41-21, 4. 

Er sprach aber zu ihnen; Wie kann man sagen, der 
Christus sei Davids Sohn.? "David selbst sagt ja im Psalm- 
buch: der Herr sprach zu meinem Herrn: setz dich zu meiner 
Rechten, bis ich deine Feinde als Schemel unter deine Füße 
lege! "David also nennt ihn Herr, wie ist er denn sein Sohn? 
**Vor den Ohren des ganzen Volkes aber sprach er zu 
seinen Jüngern:. ** Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die es 
lieben in feierlicher Tracht einherzugehn und gegrüßt sein 
wollen auf den Straßen und gern obenan sitzen in den Syna- 
gogen und am Tisch beim Mahle — *^und fressen der Witwen 
Hausgut und verrichten lange Gebete zum Schein: die werden 
die schlimmste Strafe empfangen. 

'*''Und er blickte auf und sah die, die ihre Gaben in 
den Opferstock warfen, reiche Leute. ''Er sah aber eine 
ärmliche Witwe zwei Scherflein einwerfen 'und sprach: Wahr- 
lich, ich sage euch, diese arme Witwe hat mehr als die an- 
deren eingelegt, *denn alle diese haben aus ihrem Überfluß ein- 
gelegt, diese aber hat aus ihrer Dürftigkeit eingelegt, die ganze 
Habe, die sie hatte. 
20, 41 — 44 nach Mc. 12, 35 — 37, ohne wesentliche Änderungen. 
20, 45 — 47 nach Mc, 12, 38 — 40, mit Hinzufügung der Adresse: 
an die Jünger, aber in Anwesenheit des Volkes; vgl. Mt. 23, 1. 

20, 1 — 4 nach Mc. 12, 41, 44, ohne wesentliche Änderungen. 
Das Kupfergeld (Mc. 12, 41) vermeidet Lc (21, 1), wie auch sonst. 

§ 67. 68. Lc. 21, 5-36. 

Und da etliche über den Tempel sagten, daß er mit 
schönen Steinen und Weihgeschenken geschmückt sei, sprach 
er: ®Was ihr da seht — es kommen Tage, wo daran kein 
Stein auf dem anderen bleibt, der nicht abgebrochen werde. 
^Sie fragten aber: Meister, wann wird das geschehen? und 
was ist das Zeichen der Zeit, wann es geschehen wird? 'Er 



20, 41-21, 36. 115 

sprach: Habt Acht, daß ihr nicht irre geführt werdet! Denn 
viele werden kommen auf meinen Namen und sagen: ich bin 
es, und die Zeit steht nah bevor — folgt ihnen nicht. 'Hört 
ihr von Kriegen und Wirren, so laßt euch nicht beunruhigen; 
das muß zuerst eintreten, aber das Ende (kommt) nicht so- 
gleich. ^^Darauf sprach er zu ihnen. Ein Volk wird sich 
wider das andere erheben und ein Reich wider das andere; 
"große Erdbeben hier und da werden sein und Hungersnöte 
und Seuchen, am Himmel werden grausige Dinge und große 
Zeichen sein. ''Vor alledem aber werden sie Hand an euch legen, 
euch verfolgen und an die Gerichte übergeben und in die Ge- 
fängnisse, so daß ihr vor Könige und Statthalter geführt werdet 
um meines Namens willen. **Es wird darauf hinauskommen, 
daß ihr Zeugen werdet. ** Prägt euch nun ein, daß ihr euch 
nicht vorbereitet auf eure Verantwortung, denn ich werde euch 
Rede und Weisheit geben, wogegen alle eure Widersacher nicht 
aufkommen können. '"Ihr werdet aber auch von Eltern 
und Brüdern und Verwandten und Freunden ausgeliefert 
werden, und sie werden einige von euch töten, ^^und ihr 
werdet von allen gehaßt werden wegen meines Namens. "Und 
kein Haar von eurem Haupte wird verloren sein, "durch eure 
Standhaftigkelt werdet ihr eure Seelen erwerben. 

'°Wenn ihr aber seht, daß Jerusalem von Heerlagern ein- 
geschlossen wird, so erkennt, daß die Verwüstung der Stadt 
bevorsteht. ''Dann mögen die Leute [in Judäa auf die Berge 
fliehen und] innerhalb der Stadt auswandern, und die auf dem 
Lande nicht hereinkommen; ''denn es sind die Tage der Rache, 
zur Erfüllung alles dessen, was geschrieben steht. "Wehe aber 
den Schwangeren und den säugenden Müttern in jenen Tagen; 
denn es wird eine große Not kommen über das Land und ein 
Zorn gegen dieses Volk. '* Und sie werden durch das Schwert 
fallen und in Sklaverei geführt werden unter alle Heiden; und 
Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis daß die 
Zeit der Heiden erfüllt ist. 

"Und (dann) werden Zeichen an Sonne Mond und Sternen 
eintreten, und auf Erden eine ratlose Angst unter den Heiden, 
ein Meeres-tosen und -wogen, da die Menschen vergehn in 
banger Erwartung der Dinge, die über die Menschenwelt herein- 
brechen; denn die Himmelsmächte werden ins Schwanken ge- 



116 V. 18,15-24,53. 

raten. "Und dann werden sie den Menschensohn kommen 
sehen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. 
"Wenn aber das anfängt zu geschehen, so richtet euch auf 
und erhebt euer Haupt, denn eure Erlösung naht. 

"Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum 
an und die anderen Bäume; *°wenn sie treiben, so erkennt, 
daß der Sommer nahe ist — '* ebenso erkennt auch, daß das 
Reich Gottes nahe ist, wenn ihr das alles seht. "Amen, ich 
sage euch, dies Geschlecht wird nicht vergehn, bis es alles 
geschieht. "Himmel und Erden werden vergehn, meine Worte 
aber werden nicht vergehn. '*Habt aber acht auf euch, daß 
eure Herzen nicht stumpf werden durch Fressen und Saufen 
und Sorgen der Nahrung, und jener Tag dann plötzlich über 
euch kommen wie ein Fallstrick. "Denn er wird kommen 
über alle die auf der ganzen Erde wohnen. '^Seld nun alle- 
zeit wach im Gebet, damit ihr vermöget zu entrinnen alle 
dem, was geschehen soll, und zu stehn vor dem Menschensohne. 
21, 5. Auf 17, 22 SS. läßt Lc hier die Parallele aus Mc folgen, 
während Mt beides verschmilzt. Die §§ 67 und 68 (Mc. 13, 1. 2. 
13, 3—37) zieht er in eins zusammen. Die Anrede ergeht nicht 
an die vier Intimen, nicht einmal an die Jünger überhaupt, sondern 
an Ttvsc; diese nennen Jesus StSofdxaXs (21, 7), während die Jünger 
xüpts oder iirtaTofia sagen. Trotzdem ist auch bei Lc der Inhalt 
der Rede deutlich für die Jünger bestimmt. Der Anlaß, sie in 
der Adresse aus dem Spiel zu lassen, ist vielleicht darin zu suchen, 
daß sie schon einmal (17, 22) die selbe Frage getan und eine 
Antwort erhalten haben, die sie hätte abhalten müssen, darauf zu- 
rückzukommen. 

21, 6. Das Relativum a darf unmöglich gestrichen werden. 
TaGia ä ösüipeiTe ist vielmehr casus pendens. Der muß aber her- 
nach wieder aufgenommen werden: was ihr da seht (diese Mauern) 
— es kommt eine Zeit, wo daran nichts bleibt. Diese rück- 
weisende Bestimmung findet sich auch in der Tat in der Syra S. 
(daran) und in D (a)8e) und ist um so sicherer echt, weil sie in 
diesen Zeugen wegen des dort fehlenden a entbehrlich wäre. Neben 
(LSe steht in D (aber nicht in der Syra S.) noch iv Totx(|); das ist 
eine gleichgiltige und überflüssige Erklärung von «SSe. 

21, 7 wird gegen Mc. 13, 13 ohne Unterbrechung angeschlossen. 
Die Frage nach dem Zeichen stellt auch Lc voran; daß das Fol- 



21, 5—36. 117 

gende eine Antwort darauf ist, läßt sich aber bei ihm weniger 
gut erkennen als bei Mc. In D heißt es: Tt t6 aTjfAEiov t^? ar^^ 
iXe&aewq, Das ist konformirt nach Mt; £Ä.£üau (Lc 23, 42 D) ist 
synonym mit TCapoocfia, Vgl. zu Mt. 24, 3. 

21, 8. Über die Schwierigkeit von im T(j) ivofiaxt jioü s. zu 
Mc. 13, 6. Mt. 24, 5. Es ist vielleicht unecht, wenngleich uralt; 
denn es kann kaum verstanden werden: sie maßen sich den Titel 
des Christus an, der mir allein zusteht. Ich bin es bedeutet bei 
Lc wie bei Mt: ich bin der erwartete rechte Mann. Das erhellt 
aus dem Zusatz: und die Zeit ist nahe. Damit kündigt sich der 
Messias an, der das Reich Gottes in Bälde herstellen wird. — 
21, 9 = Mc. 13, 7. 

21,' 10. 11 (Mc. 13, 8). Die einleitenden Worte, die einen 
Absatz markiren, fehlen in D und Syra S. 

21, 12 (Mc, 13, 9). Die Verfolgung der palästinischen Ge- 
meinde liegt vor den in 21,9 — 11 angekündigten Ereignissen, weil 
sie bei Lc schon der Vergangenheit angehört und es sich gezeigt 
hat, daß sie mit den Wehen des Messias nicht zusammenfällt. — 
Mc. 13, 10 fehlt. 

21, 13—15. Der Vers 13 schwebt in der Mitte zwischen 
Vers 12 und 14. Auch hier wie in 5, 14 wird ek [xotpiüptov aöioT? 
(bei Mc) verwandelt in zk \i. 6|xrv, der Sinn aber dadurch nicht 
entstellt, wenngleich modifizirt; vgl. zu Mc. 13, 9. Es ist eine 
Ehre für die Jünger, daß sie Zeugen sein werden, freilich nicht 
gerade Blutzeugen. Sie sollen sich aber nicht präpariren (21, 14. 
15 = Mc. 13. 11). Der Wortlaut von 21, 15 berührt sich auf- 
fallend mit Act. 6, 10; Stephanus ist das Musterbeispiel eines 
Zeugen. 

21, 16—19 (Mc. 13, 12. 13). Der Vers Mc. 13, 12, der dort 
alttestamentliches Gepräge hat, wird von Lc den Verhältnissen der 
Christen in Palästina angepaßt; vgl. zu Mt. 10, 35. In 21, 18 
wird natürlich nicht gesagt, daß ihnen kein Haar gekrümmt werden 
soll, sondern nur, daß auch das geringste Leid ihnen nicht von un- 
gefähr widerfährt, sondern von Gott berücksichtigt wird; vgl. Mt. 
10, 28—30, und zu dTroXyjTat Mt. 10, 42. 

21, 20ss. (Mc. 13, 14ss.). Von dem mysteriösen danielischen 
Greuel der Verwüstung als Beginn der Peripetie, in Verbindung 
mit dem Menschensohn als ihren Schluß, ist bei Lc keine Rede. 
Er macht daraus klipp und klar die Verwüstung Jerusalems. Die 



118 V. 18, 15— 24, 68. 

Drangsal der Juden endet nicht mit ihrer Rettung durch den 
Menschensohn, sondern mit ihrer Vernichtung. Der Menschensohn 
schreitet erst nach ihrer Vernichtung gegen die Heiden ein, nach- 
dem auch deren Zeit erfüllt ist. Die Parusie fällt also nicht zu- 
sammen mit der Katastrophe Jerusalems; diese ist nicht das 
Ende und kann es nicht mehr sein, weil sie bereits der Vergangen- 
heit angehört. Daher wird sie auch von Lc mit eigentlicheren 
Zügen beschrieben als von Mc und Mt. Er hat die Weissagung 
up to dato gebracht, nachdem der ursprüngliche Termin ihrer Er- 
füllung verstrichen war und es sich herausgestellt hatte, daß mit 
der Zerstörung der heiligen Stadt das Ende und der Messias doch 
nicht gekommen waren. Eine solche Prolongirung des Wechsels 
ist füi- die Apokalyptik überhaupt bezeichnend. 

21, 21. Da das (o£ iv fifaq)) aöi^« nur auf Jerusalem gehn 
kann, so entsteht ein Bedenken gegen den ersten Satz, wonach es 
auf Judäa bezogen werden müßte. Er kann aus Mc. 13, 14 ein- 
gedrungen sein. 

21, 22. Die IxSurjai^ (18, 7. 8. 19, 27) tritt bei Lc stärker 
hervor als bei Mt, doch vgl. Mt. 23, 35 (Lc. 11, 50). 

21, 24. Hier scheint die Historie am deutlichsten durch, es 
wird Rücksicht genommen auf Dinge, die als weitere Folgen nach 
der Zerstörung eintreten. Aus dem Schlußsatz, der sich an Ezech. 
30, 3 lehnt, geht hervor, daß nunmehr in 21, 25 ss. die Heiden an 
die Reihe kommen. 

21, 25—28 ist durch einen längeren zeitlichen Zwischenraum, 
nicht bloß durch die kurze Frist der Belagerung, von 21, 20 — 24 
getrennt, und nicht mehr Vergangenheit, sondern wirkliche Zukunft. 
Der Menschensohn entspricht nicht mehr als Endtermin der messia- 
nischen OXT^i? dem Greuel der Verwüstung als Anfangstermin, 
und der Schauplatz seines Erscheinens ist nicht Jerusalem, sondern 
die oJxoüfievTj. Das Gericht ist ein Gericht über die Heiden zu 
gunsten der Christen; diese haben sich bisher geduckt, sollen aber 
nunmehr in freudiger Erwartung den Kopf erheben und ausschauen. 
Ihre Erlösung geschieht nicht durch den Tod Jesu, sondern durch 
die Parusie (24, 21) — was ohne Zweifel die ältere Vorstellung 
ist. Mc. 13, 24 — 27 schimmert kaum noch durch und ist völlig 
christianisirt. 

21, 29-31 (Mc. 13, 28. 29). Bei Lc fällt es weniger auf als 
bei Mc, daß Tocüia irotvia (21, 31) nicht das Ende selber, sondern 



21, 5-36. 119 

nur das Vorzeichen des Endes sein soll. Er hat richtig empfunden, 
daß die Feige als einfacher Baum in diesen Zusammenhang 
nicht paßt, und darum hinzugefügt (21, 29): und die anderen 
Bäume; vgl. zu Mt. 24, 32. Den Imperativ -YivioaxeTe und tö Ospoc 
hat er aber stehn lassen. BXsirovxec «9 'eaüxmv (21, 30) fehlt in 
D und Syra S. und ist wol aus 12, 57 eingedruDgen. Es würde 
besser in 21, 31 hinter üjisw stehn; ihre Erfahrung in betreff der 
Bäume sollen sie anwenden auf die Zeichen der Geschichte. Das 
andere wäre idem per idem. 

21, 32. 33 ist aus Mc. 13, 30. 31 übernommen, obwol 21, 32 
zu der Gegenwart des Lc garniclit mehr paßt. 

21, 34—36. Den Vers Mc. 13, 32 hat Lc entweder ausgelassen 
oder noch nicht vorgefunden, vgl. Act. 1, 7. Den paränetischen 
Schluß Mc. 13, 33 — 37 hat er durch einen anderen ersetzt. Mit 
großem Nachdruck wird in 21, 35 betont, daß die Parusie der 
ganzen Welt gilt, wie in 21, 26 der ofxoofxevyj — mit Jerusalem 
und dem heiligen Lande hat sie nichts Spezielles mehr zu tun. 
HxaÖTJvai IjATtpoa&ev (21, 36) bedeutet: vor den Richtstuhl gestellt 
werden oder treten. 

§ 69-^72. Lc. 21, 37-22, 13. 

Er war aber die Tage im Tempel und lehrte, die Nächte 
verbrachte er di-außen auf dem sogenannten Ölberge, '®und 
morgens früh kam alles Volk zu ihm, ihn im Tempel zu hören. 

"» ^' Das Fest der ungesäuerten Brode stand aber bevor, 
welches Pascha genannt wird. ^Und die Hohenpriester und 
die Schriftgelehrten suchten nach Mitteln und Wegen ihn um- 
zubringen, denn sie fürchteten sich vor dem Volk. 

'Und der Satan fuhr in Judas den sogenannten Iskariotes, 
einen aus der Zahl der Zwölfe, *und er ging und beredete 
sich mit den Hohenpriestern und Hauptleuten, wie er ihn in 
ihre Hand liefern könnte. *Und sie waren froh uud ver- 
sprachen ihm Geld zu geben. ®Und er sagte zu und suchte 
Gelegenheit, ihn zu überliefern, wenn er nicht von der Menge 
umgeben wäre. 

^Es trat nun der Tag der ungesäuerten Brode ein, an 
dem das Pascha geschlachtet werden mußte. *Und er trug 
Petrus und Johannes auf: geht und richtet uns das Pascha 



120 V. 18, 15—24, 58. 

an, daß wir es essen. 'Sie fragten ihn: wo sollen wir es an- 
richten? **Er sprach: Wenn ihr in die Stadt hineinkommt, 
wird euch ein Mann begegnen, der einen Krug Wasser trägt; 
dem folgt in das Haus, in das er eintritt. "Und sagt dem 
Herrn des Hauses: der Meister läßt dir sagen: wo ist mein 
Quartier, da ich das Pascha esse mit meinen Jüngern? ''Und 
er wird euch ein großes Oberzimmer zeigen, mit Teppichen 
belegt; da richtet au. ''Sie gingen hin, und fanden es wie 
er ihnen gesagt hatte, und richteten das Pascha an. 

21, 37. 38 wie Mc. 11, 19. Lc begnügt sich mit der all- 
gemeinen Angabe und erwähnt das besondere Aus- und Eingehen 
an jedem einzelnen Tage nicht. Bethania als Aufenthalt Jesu er- 
wähnt er in der Passionsgeschichte nirgends. 

22, 1. 2 weicht von Mc. 14, 1. 2 ab. „Das Pascha und die 
Azyma" wird inkorrekt verändert in: das Fest der Azyma, welches 
Pascha heißt. „Über zwei Tage" und „nicht am Fest, daß kein 
Auflauf entstehe" wird ausgelassen, um den Widerspruch zu ver- 
meiden, daß Jesus nach dem Folgenden doch am ersten Festtage 
hingerichtet wird. Es ist wichtig, daß Lc diesen Widerspruch em- 
pfunden hat. Den § 70 (Mc. 14, 3 — 9) übergeht er mit Rücksicht 
auf 7, 34 SS. 

22, 3 — 6 ist eine freie Wiedergabe von Mc. 14, 10. 11, Der 
Satan spielt auch in 22, 31 ein. Zu axep (22, 35) s. Blaß § 40, 6. 
Über die axpaTYi^oi vgl. Schürer' 2, 265s.; sie fehlen hier in D. 

22, 7 — 13 getreu nach Mc. 14, 12 — 16, mit nur unwesent- 
lichen Änderungen. Die zwei Jünger (Mc. 14, 13) sind bei Lc 
Petrus und Johannes. Daß das Pascha auf den ersten Tag der 
Azyma fällt (22, 7), ist richtig, wenn der Abend und die Nacht 
den Tag eröffnet. Vgl. 22, 34. 61: heute, bevor der Hahn kräht. 

§ 74. 73 Lc. 22, 14-23. 

Und als die Stunde kam, setzte er sich zu Tisch und die 
Apostel mit ihm. '*Un er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich 
verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen, bevor ich leide; 
^^denn ich sage euch, ich werde es nicht mehr essen, bis es 
gegessen wird im Reiche Gottes, ^^ünd er nahm den Kelch, 
dankte und sprach: Nehmt den und teilt ihn unter euch; 
'®denn ich sage euch, ich werde von nun an nicht mehr von 



21, 37—22, 23. 121 

dem Gewächs des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes 
kommt. ^^Doch siehe, die Hand dessen, der mich verrät, ist 
mit mir auf dem Tisch. ^^Der Menschensohn geht zwar 
dahin, wie es bestimmt ist, doch wehe dem Menschen, durch 
den er verraten wird. *HJnd sie begannen hin und her zu 
reden, wer von ihnen es wäre, der dies tun würde. 

[''Und er nahm Brod, dankte und brach und gab es ihnen 
und sprach: 'Mas ist mein Leib, der für euch gegeben wird, 
das tut zu meinen Gedächtnis. '°Und ebenso den Kelch nach 
dem Essen und sprach: dieser Kelch ist der neue Bund in 
meinem Blut, das für euch vergossen wird.] 

22, 14. Lc nennt die Zwölf (Mc. 14, 17) die Apostel. Den 
§ 74 (Mc. 14, 18—21) stellt er hinter § 73 (22, 21-23). 

22, 15 — 18. Lc hebt geflissentlich hervor, daß das Abendmahl 
das Pascha war — was er durch die Auslassungen in 22, 1. 2 
vorbereitet hat. Daß Jesus nicht bloß sein Verlangen nach dem 
Pascha ausspricht, sondern es auch wirklich mit den Jüngern ißt, 
unterläßt er zu sagen, weil es sich von selbst versteht; gerade so 
fügt er in 22, 17. 18 nicht hinzu, daß der Wein wirklich getrunken 
wurde. An das Essen des Pascha wird ein ganz analoger Spruch 
geknüpft, wie an das Trinken des Weines (22, 18); überhaupt ist 
22, 15. 16 ganz konform mit 22, 17. 18. Das letzte Paschamahl 
ist die Vorstufe zum Mahl im Reiche Gottes. Die Lesart ßpa>&T() 
(D) statt tcXtjpcüö^ in 22, 16 verdient den Vorzug, ein wesentlicher 
Unterschied des Sinnes besteht nicht. 

Daß der Bericht Lc. 22, 14—18 dem Bericht Mc. 14, 22—25 
entsprechen soll, erhellt namentlich aus dem völlig identischen 
Schluß (Lc. 22, 18. Mc. 14, 25). Aber die Unterschiede sind sehr 
groß; daräber ist bereits im Kommentar zu Mc p. 123s. gehandelt. 
Der Akt weist bei Lc keine Spur von fester liturgischer Form auf, 
er ist rein historisch, das letzte Paschamahl. Es wird ausdrücklich 
gesagt, daß es das letzte sein und auf Erden nicht mehr wieder- 
holt werden solle, sondern nur im Reiche Gottes, auf höherer 
Stufe. Von dem Hingeben des Fleisches und Blutes ist gar keine 
Rede; in 22, 27 ss. wird vielmehr die Idee der Diakonie Jesu her- 
vorgehoben, und als Sta&TQxy; das Essen und Trinken im Reich Gottes. 
Natürlich hat diese außerordentliche Verschiedenheit Anstoß 
hervorgerufen. In 22, 19. 20 ist darum von späterer Hand die ge- 
wöhnliche Darstellung nachgetragen, und zwar mit den Worten 



122 V. 18, 15—24, 53. 

des Paulus (1 Kor. 11, 23 — 25). Aber völlig unvermittelt und völlig 
post festum — es kann doch nicht ein Mahl sofort auf das andere 
gesetzt und zweimal gegessen und getrunken werden. Dazu kommt 
die Unsicherheit der l'berlieferung des Textes. Auch hierüber ist 
schon zu Mc das nötige bemerkt worden. Der Ilauptbeweis für 
den Paulinismus des Lc steht auf sehr schwachen Füßen. 

22, 21—23 schließt an 22, 18 an. Bei Lc redet Jesus nur im 
allgemeinen von Verrat, er nennt oder bezeichnet den Verräter 
nicht, so daß die Szene mit dem Gefrage der Zwölf unter einander 
schließt, wer es wol sein möchte. Auch unterbricht die Weis- 
sagung den Zusammenhang nicht, sondern kommt erst am Ende. 
Aber diese Umstellung soll doch die Unterscheidung zwischen 
Pascha und Abendmahl beseitigen, die bei Mc durch die Ein- 
schiebung von § 73 vor § 74 bewirkt wird. Überhaupt wird die 
Version des Abendmahls bei Lc nicht die ursprüngliche sein, so 
geschickt sie auch ist. Die des Mc wird durch Mt und Paulus 
bestätigt. Lc hat sie (von Mc. 14, 25 aus) umgeformt, um das 
Abendmahl zum Pascha zu machen — was dem Mc trotz allem 
nicht gelungen ist. Er hat das getan dem Zusammenhang der Er- 
zählung zu lieb, aber vielleicht auch zu dem Zweck, eine Fort- 
setzung der jüdischen Paschafeier seitens der Christen zu bekämpfen. 
Dieses Pascha sollte das letzte sein und bleiben, bis zum Eintritt 
des Reiches Gottes. Das gemeinsame Brodbrechen der Christen 
wird dadurch nicht angetastet, da es einen ganz anderen L^r- 
sprung hat. 

Lc. 22, 24-38. § 53. 75. 

Es entstand aber auch ein Zank unter ihnen, wer der 
größte sei. **Da sprach er zu ihnen: Die Könige der Völker 
schalten mit ihnen, und ihre Gewalthaber werden Woltäter ge- 
nannt. "Ihr aber nicht also; sondern der Größte unter euch 
sei wie der Jüngste, und der Oberste wie der Bedienende. 
"Denn wer ist mehr, der zu Tisch sitzt oder der bedient? 
Ihr meint: der zu Tisch sitzt? Aber ich selber bin unter 
euch wie der Bedienende. "Ihr jedoch seid die, die mit mir 
in meinen Versuchungen ausgeharrt haben, "und ich ver- 
mache euch Herrschaft, wie mir mein Vater, '°so daß ihr an 
meinem Tische in meinem Reich essen und trinken sollt, und 



22, 24-38. 123 

auf Thronen sitzen, um die zwölf Stämme Israels zu re- 
gieren. 

'* Simon Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sichten 
wie Weizen, ^Mch aber habe für dich gebeten, daß dein 
Glaube nicht ausgehe, und wenn du dich zurückgefunden hast, 
so stärke deine Brüder. ''Er sagte zu ihm: Herr, mit dir bin 
ich bereit, auch in Gefängnis und Tod zu gehn. "Er sprach: 
ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe 
du mich dreimal verleugnet und gesagt hast, du kenntest 
mich nicht. 

'*Und er sprach zu ihnen: als ich euch ohne Beutel und 
Tasche und Schuhe aussandte, hat euch da etwas gemangelt? 
Sie sagten: nichts. '^Er sprach: aber jetzt, wer einen Beutel 
hat, der nehme ihn, und wer kein Schwert hat, verkaufe 
seinen Mantel und kaufe ein Schwert; "denn ich sage euch, 
dies Wort der Schrift muß an mir erfüllt werden: und er 
ward unter die Übeltäter gerechnet — denn das über mich Ge- 
sagte kommt (jetzt) zu Ende. '^Sie aber sagten: es sind zwei 
Schwerter da. Er sprach: es langt. 
22, 24—30 entspricht dem § 53 (Mc. 10, 35—44), den Lc an 
seiner Stelle ausgelassen hat, ist jedoch aus anderer Quelle ge- 
schöpft, von der in Mt. 19, 28 eine Spur sich zeigt. Die historische 
Einleitung von den Zebedaiden fehlt, bis auf einen Rest, den Zank 
der Jünger (22, 24). Das 6iaxoveTv ist ganz anders und zwar dem 
Sinn des Worts viel entsprechender gefaßt, als in Mc. 10, 44. Das 
Beispiel dazu ist nicht der Tod Jesu, sondern sein Abendmahl, 
bei dem er den Jüngern aufwartet, d. h. ihnen zu essen und zu 
trinken gibt. Nach Johannes (13, 1 — 11) wäscht er ihnen sogar 
die Füße — das ist eine Verschärfung der Stotxovta, aber die Auf- 
fassung der Bedeutung des Abendmahls bleibt die gleiche. 

22, 27. Jesus sagt: mein Beispiel zeigt, daß, im Gegensatz 
zu der gewöhnlichen Meinung, der Bedienende der Größere ist. 
Der übliche Text, der auch von der Syra S.. bestätigt wird, gibt 
einen guten Sinn und ich habe ihn vorgezogen. In D heißt es in 
Vers 26^ und 27: „der Oberste soll lieber wie der Bedienende 
sein als wie der zu Tisch Sitzende; denn ich selber bin in eure 
Mitte gekommen nicht als zu Tisch Sitzender, sondern als Be- 
dienender, und ihr seid gewachsen in meinem Dienst [wie der Be- 
dienende].". Die Erweiterung der zweiten Hälfte von Vers 26 



124 V. 18, 15-24, 53. 

hängt mit der Auslassung der ersten Hälfte von Vers 27 zusammen; 
der Sinn wird dadurch nicht verändert. Merkwürdig aber ist das 
Plus am Schlüsse: ihr seid gewachsen in meinem Dienst (vgl. D. 
Mt.20, 28). In meinem Dienst müßte nach dem Voraufgegangenen 
bedeuten: dadurch, daß ich euch diene. Es soll aber wol bedeuten: 
dadurch daß ihr mir dient. Blaß ist einem Anfall von Inspiration 
erlegen und hat unter Benutzung von allerlei Spreu nach eigenem 
Ermessen einen funkelnagelneuen Text geschaffen. 

22, 28. Die Apostel haben es verdient, so von Jesus behandelt 
zu werden — wie jene treuen Knechte in 12, 37. Die Versuchungen 
sind äußere Verfolgungen und Leiden, von denen hier vorausgesetzt 
wird, daß sie Jesu schon widerfahren sind. Nur die Zwölf haben 
mit Jesus ausgehalten, und eben darum sind sie selegirt. Das 
Lob gebührt ihnen freilich nach Mc nicht, und auch bei Lc wird es 
hernach (22, 31 — 34) etwas eingeschränkt. 

22, 29. 30. Den Teilnehmern am Abendmahl, den Zwölfen, 
vermacht Jesus zugleich die Teilnahme am messianischen Mahl 
und eine herrschende Stellung im Reiche Gottes oder Jesu (in D 
fehlt jjLOü hinter z^ ßaatXeia 22, 30). Das auffallende Verbum in 
22, 29 ist ohne Zweifel im Hinblick auf Mc. 14, 24 gewählt; die 
8ia&T^x7j ist aber nicht als Bund, sondern als Vermächtnis (Testament) 
aufgefaßt. Das Objekt ßaaiXeiav gehört auch zu StaTi&efiai. Ohne 
Artikel (22, 29) bedeutet es Herrschaft, mit dem Artikel (22, 30) 
das Reich. Über den letzten Satz von 22, 30 vgl. zu Mt. 19, 28. 

22, 31—32 ist ein limitirender Nachtrag zu dem in 22, 31 
den Aposteln erteilten ehrenvollen Zeugnis. Ganz tadellos haben 
sie die Versuchung des Satans doch nicht bestanden. Sie sind 
gestrauchelt, Petrus voran. Doch hat Petrus sich auf das Gebet Jesu 
(im Himmel?) wieder aufgerichtet. Er hat das zuerst getan und 
dann auch den Glauben der anderen wieder belebt. Es schimmert 
ganz deutlich die Tatsache durch, daß Petrus zuerst den Auf- 
erstandenen geschaut hat und dadurch der Begründer des Evan- 
geliums und der Gemeinde geworden ist. Seine Warnung verwandelt 
sich in eine (der Situation wegen Imperativisch gefaßte) Anerkennung, 
die hinter derjenigen in Mt. 16, 17 — 19 nicht zurücksteht, obgleich sie 
feiner ist. Überhaupt ragt Petrus bei Lc nicht minder hervor, wie 
bei Mt, und weit stärker als bei Mc, dem angeblichen Petriner. 

22, 33 — 35. Die Weissagung der Verleugnung Petri, vorher 
(22, 31) geistreich angedeutet, wird hier in dürren Worten wieder- 



22, 24—38. 125 

holt, nach § 75 (Mc. 14, 26—31). Von der Flucht der Jünger 
nach Galiläa verlautet aber nichts, Lc erkennt sie nicht an (22, 53. 
23, 49. 24, 13 SS.).. Er redet wie Mt nur von einem Hahnenschrei; 
„der Hahn wird heute nicht krähen" scheint sogar in 22, 34 weiter 
nichts zu bedeuten als: noch vor Tagesanbruch. Was es auf sich 
hat, daß hier in der Anrede nicht mehr Simon (22, 31), sondern 
Petrus gesagt wird, kann ich nicht sehen. 

22, 35 — 38. Der Vers 36 soll dem Vers 35 widersprechen, 
muß also in der selben Sphäre liegen und sich ebenfalls auf die 
Ausrüstung für Missionsreisen beziehen. Dazu stimmt der Wort- 
laut: nehmt Geld und Ranzen mit, und wenn ihr kein Schwert 
habt, so kauft eins um jeden Preis, sei es auch gegen Dahingabe 
des Oberkleides. Es steht durchaus nicht da, was oberflächliche 
Exegeten herausgelesen haben: verkauft Geld und Ranzen und 
Mantel und kauft euch dafür ein Schwert; aipsiv heißt nicht ver- 
kaufen und Geld kann man nicht verkaufen. Das Schwert paßt 
auch recht wol zur Ausrüstung für eine weitere und gefährliche Reise 
auf unsicheren Wegen. Wie kann nun aber die Aufforderung, sich 
voll und wehrhaft für die Reise auszurüsten, begründet werden 
durch die Todesweissagung (22, 37)? Ich sehe es nicht. Anderer- 
seits paßt auch 22, 38 nicht zu 22, 36. Nach 22, 36 soll sich in 
Zukunft jeder ein Schwert kaufen; nach 22,38 sind zwei Schwerter 
zur Stelle, und sie dienen nicht, neben Geld und Ranzen, zur 
Reiseausrüstung, sondern zur augenblicklichen Gegenwehr gegen 
drohende Todesgefahr — wegen 22, 37. Aber wirklicher Zusammen- 
hang besteht auch nicht zwischen 22, 38 und 22, 37. In 22, 37 
heißt es: schriftgemäß muß ich sterben; in 22, 38: hier sind zwei 
Schwerter. Wie paßt das? sollen die zwei Schwerter der göttlichen 
Notwendigkeit in den Arm fallen? 

Es liegen also drei in Wahrheit incohärente Passus vor, die 
doch in Beziehung zueinander gesetzt sind; Vers 35. 36, Vers 37, 
und Vers 38. Was ist der Ausgangspunkt? Vermutlich Vers 38, 
der auf 22, 49 ausschaut. Dann müßte in Vers 37 ursprünglich 
nicht die Notwendigkeit der Schrifterfüllung gestanden haben, son- 
dern die Ankündigung der Gefahr eines heimlichen Überfalls. Die 
Jünger meinen sich dagegen mit zwei Schwertern wehren zu können, 
die in ihrem Besitz sind. Diese Mittel sind lächerlich ungenügend, 
Jesus erklärt sie aber in schmerzlicher Resignation für ausreichend, 
und läßt die Jünger gewähren. Die Verse 35. 36 sind zuletzt hin- 



126 V. 18, 15-24, 53. 

zugekommen, sie gründen sich auf die Reiseinstruktion der Apostel 
und sind also später als diese. In welcher Weise Lc sie mit dem 
Folgenden hat verbinden wollen, läßt sich schwer ermitteln; nur 
die Anknüpfung ad vocem Schwert ist klar. Man könnte die 
Absicht einer Ausgleichung des Widerspruchs annehmen, daß Jesus 
früher sogar Geldbeutel und Ranzen verboten hat und jetzt plötzlich 
Schwerter erlaubt. Dazu paßt freilich die Frage \ir^ tivoc öaTspr^aats 
schlecht, und neben Geldbeutel und Ranzen hätte dann der Stab 
nicht fehlen dürfen, weil dieser den besten Gegensatz zum Schwert 
bildet. Man würde vielmehr erwarten: habe ich euch nicht ehedem 
untersagt, auch nur einen Stock zu führen? nunmehr aber gebiete 
ich euch, sogar Schwerter anzuschaffen. Vielleicht hat Lc dies 
aber doch im Sinne gehabt und nur nicht gewagt, den ihm schon 
vorliegenden Wortlaut darnach umzugestalten. Sehr alte und sehr 
junge Elemente erscheinen öfters bei ihm gemischt, ohne daß der 
Versuch glückt, sie in inneren Konnex zu bringen. 

§ 76. 77. Lc. 22, 49-53. 

Und er ging hinaus auf den ülberg, nach seiner Gewohn- 
heit und auch seine Jünger folgten ihm. "Als er aber an 
die Stelle kam, sprach er zu ihnen: betet, daß ihr nicht in 
Versuchung kommt. "Und er entfernte sich von ihnen etwa 
einen Stein wurf weit und beugte die Knie und betete: "Vater, 
wenn du willst, so laß diesen Kelch an mir vorübergehn; doch 
nicht mein, sondern dein Wille geschehe. ["Ein Engel vom 
Himmel aber erschien und stärkte ihn, **und in Todeskampf 
geraten, betete er inbrünstiger, und seine Schweißtropfen waren, 
wie wenn Blutstropfen auf die Erde fallen]. **Und er stand 
auf vom Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie ein- 
geschlafen vor Betrübnis. *®Und er sprach zu ihnen: was 
schlaft ihr? steht auf und betet, daß ihr nicht in Versuchung 
kommet. 

*^Da er noch redete, erschien ein Haufe, und einer von 
den Zwölfen, mit Namen Judas, ging voraus und trat auf Jesus 
zu, ihn zu küssen. *^ Jesus aber sagte zu ihm: Judas, mit 
einem Kuß verrätst du den Menschensohn? *'Als nun seine 
Begleiter sahen, was werden wollte, sagten sie zu dem Herrn: 
sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen ? '^^Und einer von ihnen 



22, 49-53. 127 

schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das 
rechte Ohr ab. ** Jesus aber hub an und sprach: laßt es dabei 
bewenden, -Und er rührte das Ohr an und heilte ihn. **Und 
er sagte zu den herangekommenen Hohenpriestern und Tempel- 
hauptleuten und Ältesten: Wie gegen einen Räuber zieht ihr aus 
mit Schwertern und Stöcken? "Da ich tagtäglich bei euch 
im Tempel war, habt ihr die Hand nicht gegen mich aus- 
gestreckt. Aber das ist eure Stunde und euer Machtbereich: 
die Finsternis. 

22, 39. Lc vereinfacht den § 76, Jesus betet nur einmal und 
findet auch die Jünger nur einmal schlafen. Vermutlich will Lc 
die Jünger schonen, wie aus 22, 45 erhellt: sie waren vor Be- 
trübnis eingeschlafen. Kaxa zh sÖoc weist zurück auf 21, 37 s. 
Nach dieser allgemeinen Angabe kann sich der Leser beliebig viele 
Wechsel von Zeit und Ort dazu denken; ausdrücklich erwähnt 
wird ein Ortswechsel nur an dieser Stelle, sonst nicht, auch 21, 5 
und 22, 14 nicht. 

22, 40 Lc nennt Gethsemane so wenig wie Golgatha. Er hat 
eine wahre Scheu vor Ortsnamen, namentlich vor solchen, die seinen 
Lesern unbekannt sind und fremdartig klingen. Aber iiA toü totuoü 
genügt doch nicht, man vermißt einen Relativsatz. Die Versuchung 
ist auch hier die äußere Gefahr; es soll um ihre Abwendung ge- 
betet werden. In Wahrheit erliegen ihr die Jünger, indem sie fliehen 
und abfallen. 

22, 43. 44. Die beiden Verse fehlen nicht bloß im Vaticanus 
und im Sinaiticus, sondern auch in der Syra S., während sie in 
der jüngeren Syra C. stehn. Dieser Umstand macht es sehr wahr- 
scheinlich, daß sie späteren Ursprungs sind. Das Verhältnis von 
Syra S. und C. zeigt sich bei 23, 10—12 ebenso. 

22, 45. Die Jünger sollen aufstehn, um zu beten; nicht, weil 
der Verräter schon herankommt. 

22,47 — 53. Den §77 verkürzt Lc nur teilweise. In der Auslassung 
des nackt fliehenden Jünglings trifft er mit Mt zusammen; er läßt 
aber auch die Flucht der Jünger überhaupt aus, vgl. zu 22, 33 — 35. 
Er übergeht ferner in 22, 47 die Angabe, daß der Haufe bewaffnet 
und daß der Kuß ein verabredetes Zeichen war, weil beides aus 
dem Folgenden von selbst sich ergibt. Unter dem Haufen denkt er 
sich auch die Synedristen anwesend (22, 52), da die Frage Jesu, 
warum man nicht öffentlich, sondern heimlich gegen ihn vorgehe, 



128 V. 18, 15-24, 53. 

an diese gerichtet zu sein scheint. Das Wort Jesu an Judas 
(22, 48) fügt er hinzu, aber anders als Mt (26, 60), und erweitert 
auch den bereits durch 22, 38 vorbereiteten Passus vom Abhauen 
des Ohres (22, 49 — 51) in anderer Weise als Mt. Die Jünger, 
fragen Jesus um Erlaubnis, einer von ihnen (Mc. 14, 47: einer der 
Anwesenden) haut zu und trifft das rechte (6, 6. Mt. 5, 29) Ohr, 
Jesus heilt es wieder. Eigentümlich ist der Ausspruch am Schluß 
von 22, 53-, toü axoioü; muß Genitivus epexeg. sein und ebensoviel 
bedeuten, wie der Nominativ to axoxoc in D, der übrigens den Vor- 
zug verdient. Daß nicht das abgehauene Ohr angesetzt wird, son- 
dern ein neues entsteht, tritt in D (22, 51) deutlicher hervor als 
in dem gangbaren Texte. 

§ 78-81. Lc. 22, 54-71. 

Als sie ihn aber festgenommen hatten, führten sie ihn in 
das Haus des Hohenpriesters; Petrus aber folgte von ferne. 
"Und sie zündeten im Hofe ein Feuer an, und setzten sich 
darum, und Petrus mit ihnen. "Da sah ihn eine Magd am 
Feuer sitzen, faßte ihn ins Auge und sagte: der war auch mit 
ihm. *^Er leugnete aber und sagte: ich kenne ihn nicht, 
Weib! '^^Kurz darauf sah ihn ein anderer und sagte: du bist 
auch einer von ihnen. Petrus sagte: Mensch, ich bin es nicht. 
^'^Und es lag etwa eine Stunde dazwischen, da versicherte ein 
anderer: in Wahrheit, auch der war mit ihm, ist er doch ein 
Galiläer. ®° Petrus aber sagte, Mensch, ich weiß nicht, was du 
sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 
*^Und der Herr wandte sich um und sah Petrus an, und er 
gedachte des Wortes des Herrn, wie er zu ihm sagte: ehe der 
Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. [*'Und 
er ging hinaus und weinte bitterlich.] 

"Und die Männer, die ihn festhielten, trieben ihren Mut- 
willen mit ihm, schlugen ihn, ®* nachdem sie ihm das Gesicht 
verhüllt hatten, und fragten dann: weissag, wer es ist, der 
dich geschlagen hat! '^Und viele andere Lästerungen sagten 
sie gegen ihn. 

"Und als es Tag wurde, trat die Ältestenschaft des 
Volkes zusammen, die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Und 
sie führten ihn vor ihr Hochgericht, *^und sagten: bist du 



22, 54-71. 129 

der Christus? sag es uns. Er sprach zu ihnen: wenn ich es 
euch sage, glaubt ihr es nicht; ®'und wenn ich frage, ant- 
wortet ihr mir nicht; *®von nun aber wird der Menschensohn 
sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. ^®Da sagten alle: du 
bist also der Sohn Gottes? Er sprach zu ihnen: ihr sagt, daß 
ich es bin. ^^Sie sagten: was brauchen wir noch Zeugen? 
wir haben es ja aus seinem eigenen Munde gehört. 

An § 78 (22, 54. 55) schließt Lc sofort den sachlich dazu ge- 
hörigen § 81 (56—62, die Verleugnung Petri) an, der bei Mc den 
Zusammenhang unterbricht, fährt dann mit § 80 (63 — 65, Mis- 
handlung durch die Schergen) fort, und bringt nun erst den § 79 
(66 — 71), so daß dann auf die Szene vor dem Synedrium sofort 
die Szene vor Pilatus folgt. 

22, 61. Jesus scheint ebenfalls draußen vor dem Hause zu sein 
und dort festgehalten zu werden (22, 63). 

22, 62 fehlt in einer Anzahl von Veteres Latinae, ist aus Mt 
in Lc eingedrungen und von Blaß mit Recht gestrichen. Ich habe 
mich also zu Mt. 26, 75 vergeblich geplagt. 

22, 63. 65. Indem diese Verse vor und nicht hinter 22, 66 
bis 71 stehn, ergibt sich, daß Jesus nicht vor Gericht mishandelt 
wird von den Synedristen, sondern schon früher draußen von den 
Schergen. Vgl. im übrigen zu Mt. 26, 67, 68 und Mc. 14, 65. 

22, 66—71 (Mc. 14, 55—64). Von Lästerung Gottes d. h. des 
Tempels ist bei Lc keine Rede. Das Verhör der Zeugen, die auf 
Lästerung befragt werden und auf Lästerung aussagen, fällt ganz 
weg; die Äußerang 22, 71 wird so verstanden, daß Zeugen über- 
haupt überflüssig und nicht zu vernehmen seien. Die Anklage 
richtet sich nur auf den Anspruch der Messianität und kommt in- 
folgedessen leicht zum Ziel; die Umstände, die dennoch gemacht 
werden, sind eigentlich unnötig. Mit anderen Worten hat Lc den 
Kern von § 79 fahren lassen und sich lediglich an den späteren 
Einsatz (Mc. 14, 61. 62) gehalten. Auch in 23, 35 korrigirt er 
demgemäß; s. den Kommentar zu Mc p. 132s. 

22, 66. Über die Zusammensetzung des Synedriums kommen 
bei Lc eigentümliche Angaben vor. In 22, 52 (22, 4) werden 
neben den Hohenpriestern und Ältesten die Tempelhauptleute ge- 
nannt, die doch auch unter den Begriff der dp/iepetc fallen müßten, 
so wie er in den Ew. gebraucht wird. In 22, 66 scheint Pres- 
byterium der Name der Behörde zu sein, die aus Hohenpriestern 

Wellhausen, Evang. Lucae. 9 



130 V. 18, 15-24, 53. 

und Schriftgelehrten besteht, während Synedrium Bezeichung des 
Gerichts. — Daß das Subjekt von dirri^a^ov in Xe^oviec (22, 67) sich 
fortsetzt, geht nicht mit rechten Dingen zu. 

22, 69. Dadurch, daß ihr mich jetzt tötet, werde ich zum 
Messias in Kraft und nehme meinen Sitz zur Rechten des Vaters 
ein. Die Form des Ausspruchs ist von Lc vereinfacht. 

§ 82. 83. Lc. 23, 1-25. 

Und sie erhoben sich allzuhauf und führten ihn vor 
Pilatus. 'Und sie begannen ihn zu verklagen: diesen haben 
wir befunden als einen Verwirrer unseres Volks,, der verbietet, 
dem Kaiser Steuer zu geben und sagt, er selber sei Christus, 
König. 'Pilatus fragte ihn: du bist der König der Juden? 
Er antwortete: du sagst es. ^Pilatus sagte zu den Hohen- 
priestern und der Menge: ich finde keine Schuld an diesem 
Menschen. *Sie aber sagten noch dringender: er rührt das 
Volk auf mit seinem Lehren in ganz Judäa, von Galiläa an 
bis hier. 

^Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der. Mann aus 
Galiläa wäre, ^und da er erfahren hatte, daß er aus dem Ge- 
biet des Herodes war, schickte er ihn zu Herodes, der in 
diesen Tagen gleichfalls in Jerusalem war. ® Herodes aber 
freute sich sehr, Jesus zu sehen, denn er wünschte es schon 
lange, weil er von ihm gehört hatte und hoffte, ein Zeichen 
von ihm zu sehen. 'Er richtete nun manche Fragen an ihn, 
erhielt aber auf keine eine Antwort. [*^ünd die Hohenpriester 
und Schriftgelehrten standen und verklagten ihn heftig. 
'* Herodes aber mit seinen Trabanten verachtete und verspottete 
ihn, und schickte ihn mit einem prächtigen Kleide angetan 
zurück zu Pilatus. '*Auf den Tag wurden Herodes und 
Pilatus sich freund, denn vorher standen sie nicht gut mit 
einander.] 

"Pilatus nun berief die Hohenpriester und die Oberen und 
das Volk und sagte zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen vor 
mich gebracht, als verhetze er das Volk, und ich habe ihn in 
eurer Gegenwart verhört und nicht gefunden, daß ihm etwas 
zur Schuld fällt, was ihr gegen ihn vorbringt; ^* ebenso auch 
Herodes nicht, zu dem ich ihn nämlich geschickt habe. Und 



•23,1-25. 131 

wirklich hat er nichts Todeswürdiges getan, "also will ich ihn 
züchtigen und loslassen. *'Sie aber schrien alle zusammen: 
räum diesen weg und gib Barabbas los — ^'der war wegen 
Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis ge- 
worfen. '^Noch einmal sprach sie Pilatus an, in der Absicht 
Jesus loszulassen. '^Sie aber riefen dagegen: kreuzige, kreuzige 
ihn. ''Zum drittenmal sagte er zu ihnen: was hat dieser 
denn Böses getan? ich finde keine Todesschuld an ihm, will 
ihn also züchtigen und loslassen. '^Sie aber lagen (ihm) an 
mit lautem Geschrei und verlangten, daß er gekreuzigt würde. 
Und ihr Geschrei schlug durch, **und Pilatus entschied zu- 
letzt, daß geschehen sollte, was sie verlangten. ''Und er ließ 
den wegen Aufruhr und Mord Verhafteten, den sie sich aus- 
baten, los; Jesus aber gab er ihrem Willen preis. 
23, 1—5 (Mc. 15, 1—5). Das Verhör vor Pilatus folgt bei 
Lc sachgemäß unmittelbar auf das Verhör vor dem Synedrium, am 
frühen Morgen. Er gibt den Inhalt der Anklage an, über den Mc 
schweigt, und zwar in einer Weise, die auf den Römer Eindruck 
machen konnte (23, 2). Pilatus wiederholt seine Frage nicht, da 
Jesus sie ja rund bejaht; zum Schluß spricht er den Hohenpriestern 
seine Überzeugung von der Grundlosigkeit der Anklage aus, und 
diese begründen sie noch einmal ausführlich — anders als bei Mc. 
Über Judäa 23, 5 vgl. zu 4, 44. 

23, 6 — 12 ist ein Zusatz des Lc, angeknüpft ad vocem Gali- 
läa (23, 5), vorbereitet durch 9, 9 (er wollte ihn gerne sehen). 
Die Verse 10 — 12 fehlen in der Syra S. und sind eine spätere 
Wucherung; s. zu 23, 15. 

23, 13—25 (Mc. 15, 6—15). Nach der Unterbrechung durch 
den Einschub 23, 6 — 12 beruft Pilatus die Ankläger noch einmal 
zusammen. — Pilatus wird von Lc und Mt stärker entlastet wie 
von Mc, dazu muß bei Lc auch noch Herodes die Unschuld Jesu 
bezeugen. Die Juden haben die ganze Verantwortung. Daß Pilatus 
nur dadurch entschuldigt wird, daß er gegen sein Gewissen handelt, 
muß man in den Kauf nehmen; es handelt sich immerhin weniger 
um ihn, als um Jesus. 

23, 15. Den parenthetischen Relativsatz habe ich nach der 
Syra S. wiedergegeben. Ebenso liest die Syra C; daraus erhellt, 
daß auch dort die Verse 10 — 12 eigentlich fehlen müßten. Denn 
die Worte „zu dem ich ihn nämlich gesandt habe*' setzen in dieser 

9* 



132 V. 18, 15—24, 53. 

Fassung voraus, daß die Hohenpriester bei der Szene vor Herodes 
nicht zugegen gewesen sind, wie in 23, 10 berichtet wird, sondern 
erst von Pilatus darüber unterrichtet werden müssen. In D lautet 
der fragliche Passus: dvsirejA'j/a -/ap u|iac irpoc auxov — das steht 
dem Text der beiden Syrae noch ganz nahe, es ist bloß durch 
6(xac statt a&xov versucht, Harmonie mit 23, 10 zu stiften. Das 
gleiche Bestreben zeigt sich noch stärker in der gewöhnlichen Les- 
art: dveirejjL^l^ev ^ap aöxiv rp&c "JifAa^. Aber auch dabei sind die 
Verse 10 — 12 eigentlich überflüssig; die Zurücksendung Jesu von 
Herodes an Pilatus brauchte gar nicht in Parenthese nachgetragen 
zu werden, wenn sie vorher umständlich erzählt war und die Hohen- 
priester darüber Bescheid wußten (23, 10 — 12). Vgl. die Göttinger 
Gel. Nachrichten 1894 p. 9. 

23, 18. Mc. 15, 8—11 fehlt und damit der Übergang von den 
Hohenpriestern zum Volk. Barabbas wird 23, 19 in Parenthese 
nachgetragen. Das Volk tritt bei Lc ganz zurück und wird nur 
beiläufig in 23, 4. 13 erwähnt; vgl. zu 23, 48. 49. 24, 19. 20. 

§ 85-88. Lc. 23, 26-49. 

Und wie sie ihn abführten, griffen sie einen gewissen 
Simon von Cyrene, der von einem Dorfe kam, und legten ihm 
das Kreuz auf, es Jesu nachzutragen. '^Es folgten ihm aber 
Scharen von Volk, und Weiber, die schlugen sich auf die 
Brust und wehklagten über ihn. "'Und Jesus wandte sich 
um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint 
nicht über mich, sondern weint über euch selbst und eure 
Kinder. *^Denn es kommen Tage, wo man sagen wird: selig 
die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren, und die 
Brüste, die nicht genährt haben. '^Dann wird man anfangen 
zu sagen zu den Bergen: fallt über uns! und zu den Hügeln: 
bedeckt uns! '^Denn wenn solches dem grünen Holz angetan 
wird, was wird am dürren geschehen? "Es wurden aber 
auch noch zwei Verbrecher mit ihm zur Hinrichtung geführt. 
"Und als sie an die Stätte kamen, welche der Schädel heißt, 
kreuzigten sie ihn dort und mit ihm die Verbrecher, einen 
rechts und einen links. ["Jesus aber sprach: Vater, vergib 
ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.] Und sie verteilten 
seine Kleider, indem sie das Los darüber warfen. 



23, 46-49. 133 

^*Und das Volk stand und schaute zu. Die Oberen aber 
höhnten und sprachen: andere hast du gerettet, rette dich 
selber, wenn du der Christus Gottes bist, der Erwählte! '^Auch 
die Kriegsleute trieben ihren Spott mit ihm, indem sie kamen 
und ihm Essig reichten ^^und sagten: bist du der Juden König, 
so rette dich selber. '®Es war auch eine Aufschrift über ihm 
angebracht: dies ist der König der Juden. *^Einer der ge- 
henkten Verbrecher aber lästerte ihn: bist du nicht der 
Christus? so rette dich und uns! *^Der andere antwortete und 
schalt ihn: fürchtest du Gott nicht? zwar teilst du mit ihm 
die Strafe, * Vir jedoch erleiden sie mit Recht, dieser aber hat 
nichts Schändliches begangen. *'ünd er sagte: Jesu, gedenke 
mein, wenn du kommst mit deinem Reiche! *^Und er sprach zu 
ihm: sei getrost, heute noch wirst du mit mir im Paradise sein. 
**Und es war schon etwa die sechste Stunde, da kam 
eine Finsternis über das ganze Land, bis zur neunten Stunde, 
^'^indem die Sonne aussetzte; auch der Vorhang des Tempels 
riß mitten entzwei. **Da rief Jesus laut: Vater, in deine 
Hände befehle ich meinen Geist! Mit diesem Wort verschied 
er. ^'^Da aber der Hauptmann sah was geschah, pries er Gott 
und sagte: dieser Mann war wirklich ein Gerechter. *®Und 
alle die vielen Leute, die zu dem Schauspiel zusammen ge- 
kommen waren, als sie sahen was geschah, schlugen sie sich 
auf die Brust und kehrten um. ^' Alle seine Bekannten aber, 
auch die Weiber, die ihm aus Galiläa mitgefolgt waren, stan- 
den von fern und sahen dies. 
23, 26—34 (Mc. 15, 21— 27> Den § 84, die spöttische Ado- 
ration durch die römischen Soldaten, übergeht Lc aus unerfindlichen 
Gründen. In § 85 läßt er die Angabe über die Tageszeit (Mc. 15, 
25) aus und stellt die über die Inschrift am Kreuz (Mc. 15, 26) an 
eine spätere Stelle. Der aramäische Name Golgatha fehlt (23, 33), 
ebenso die Namen Alexander und Rufus (23, 26). Mit xäv axaüpov 
cpepeiv oTTtaOev xoö 'Itjcjoü (23, 26) wird vielleicht auf das bekannte 
Wort 9, 23 angespielt. Die Haupteigentümlichkeit des Lc in diesem 
Stück ist aber das Trauergeleit aus Jerusalem, das Jesu folgt, und 
die an die Frauen darunter gerichtete Äußerung Jesu über das 
furchtbare Schicksal, das der heiligen Stadt drohe (23, 27 — 31). 
Das grüne Holz in dem Sprichwort 23, 31 kann niemand anders 
sein als Jesus; es befremdet aber, daß seine Exekution mit der 



134 V. 18, 25-24, 53. 

des gottlosen Volks der Juden unter einen und den selben Gesichts- 
punkt gestellt wird: wenn er schon so büßen muß, wie erst das 
Volk! Der Spruch „Vater vergib ihnen usw." (23,34) fehlt im 
Vat. Sin. und D, in der Syra und einigen Vett. Latinae; er ist 
ohne allen Zweifel interpolirt. In dem Reste von 23, 34 habe ich 
das Participium als Finitum übersetzt und das Finitum als Parti- 
cipium; vgl. D und Syra S. 

23, 35—43 (Mc. 15, 29—32). Zu dem Hohne, der den Ge- 
kreuzigten trifft, gehört auch das Tränken mit Essig durch die 
Soldaten (was jedoch in der Syra S. fehlt) und die Inschrift am 
Kreuz; darum ist beides von Lc in diesen Zusammenhang gestellt 
(23, 36—38). Den Spott der Vorübergehenden (Mc. 15, 29. 30) 
läßt er aus, weil sie sagen : o du, der den Tempel zerstört und in 
drei Tagen wieder aufbaut! Von Tempellästerung Jesu als Grund 
seiner Verurteilung will er durchaus nichts wissen; s. zu 22, 66 ss. 
Zwischen den Schachern, die nach Mc. 15, 32 beide in das Geschmäh 
gegen Jesus einstimmen, macht er einen Unterschied (23, 39 — 43), 
wobei er ein Gespräch unter den drei Gekreuzigten sich entspinnen 
läßt. "Oiav s/.Otq; Iv t^j ß.a (23, 42) heißt; wenn du kommst mit 
deinem Reich (Mt. 16, 28. 21, 32); D interpretirt richtig: Iv xtq ^[xspa 
T^^ IXeujECDC (= Trapoücjta;) aoü. Die vom Vaticanus vertretene 
Lesart tU t>)V ß . cj. ist, wenn nicht d; für h steht, eine ganz 
schlechte Korrektur, welche von der Meinung ausgeht, das Reich 
Jesu bedeute ebensoviel wie das Paradis. Dies ist nicht der Fall; 
vielmehr ist 23, 43 eine Überbietung von 23, 42. Nicht erst in dem 
in unbestimmter Zukunft liegenden Reiche Gottes soll der reuige 
Schacher (ich wage nicht zu verallgemeinern: man) selig werden, 
sondern wie der arme Lazarus (16, 23) sofort nach dem Tode im 
Paradise. Ich habe in 23, 43 die Lesart von D vorgezogen: ftcfpasi. 

23, 44—47 (Mc. 15, 33—39). Den Ruf „mein Gott, warum 
hast du mich verlassen" übergeht Lc mit dem Misverständnis, das 
sich daran knüpft (Mc. 15, 33 — 36). Den lauten wortlosen Todes- 
schrei (Mc. 15, 37) interpretirt er: Vater, in deine Hände usw.; vgl. 
zu Mc. 1, 25. 26. Die Finsternis erklärt er durch eine Eklipse der 
Sonne; den Ausspruch des Hauptmanns schwächt er ab und legt 
ihm das jüdische huo.io<; in den Mund, das er öfters in der selben 
Weise wie Mt für fromm gebraucht. 

23, 48. 49 (Mc. 15, 40. 41). Die o^^Xoi erscheinen hier wiederum 
wie in 23, 27. 35; ihre sympathische Haltung fällt sehr auf, vgl. 



23,50-24,11.^ 135 

zu 23, 18. Auch alle gekannte Jesu sind dabei; sie haben sich 
nicht zerstreut und aus dem Staube gemacht, wie bei Mc. Die 
Namen der Frauen nennt Lc in 23, 49 nicht, mit Rücksicht auf 
8, 2. 3, wo er sie aber anders angibt als Mc (15, 41); vgl. 24, 10. 

§ 89. 90. Lc. 23, 50-24, 11. 

Und siehe ein Ratsherr namens Joseph, ein guter und ge- 
rechter Mann " — er war mit ihrem Beschluß und ihrem 
Handeln nicht einverstanden gewesen — *'aus der jüdischen 
Stadt Arimathia, welcher auf das Reich Gottes wartete, *'der 
ging zu Pilatus und bat ihn um den Leichnam Jesu, ^^und 
nahm ihn ab und wickelte ihn in feine Leinewand und setzte 
•ihn bei in einem aus Stein gehauenem Grabe, wo bisher nie- 
mand bestattet war. ^*Und es war Freitag, und der Sabbat ' 
brach an. "Die Weiber aber, die mit ihm aus Galiläa ge- 
kommen waren, gingen nach und sahen sich das Grab an und 
wie sein Leichnam beigesetzt wurde; "darauf kehrten sie zu- 
rück und beschafften Gewürz und Myrrhen. 

Und am Sabbat ruhten sie nach dem Gesetz; '*' *am Sonn- 
tag aber mit Morgengrauen kamen sie zum Grabe mit den Ge- 
würzen, die sie beschafft hatten. 'Und sie fanden den Stein 
abgewälzt vom Grabe, 'aber [als sie eintraten], fanden sie den 
Leichnam nicht. *Da sie nun darüber in Verlegenheit waren, 
standen auf einmal zwei Männer in leuchtendem Gewand bei 
ihnen, *die sagten zu ihnen, als sie erschreckt den Blick zur 
Erde senkten: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 
®Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Erinnert euch, wie er 
noch in Galiläa zu euch geredet hat ^und gesagt, der Menschen- 
sohn müsse in die Hand der Menschen übergeben und ge- 
kreuzigt werden und am dritten Tage auferstehn. ®Üa ge- 
dachten sie seiner W^orte ^und kehrten von dem Grabe zurück 
und berichteten dies alles den Elfen und allen Übrigen. 
[^^Maria Magdalena und Joanna und Maria die Tochter des 
Jakobus und die übrigen Weiber mit ihnen sagten dies zu 
den Aposteln.] "Denen aber erschienen diese Worte als leeres 
Gerede und sie glaubten ihnen nicht. 

23, 51 (bei Mc. 15, 42 fehlend) beugt der Vermutung vor, daß 
der Ratsherr an der Verurteilung Jesu teil genommen habe. 



136 y. 18, 15-24, 53. 

23, 52. Mc. 15, 44. 45 findet sich bei Lc nicht. 

23, 53. Mc und Mt reden von einem in den Fels gehauenen 
Grabe. Der Ausdruck iv [xv^^^xati XaSeüxcj) (XeXatofirjjieva) D) bei 
Lc führt jedoch auf ein Grab von behauenen Steinen. Der Verschluß- 
stein wird zwar in 24, 2 vorausgesetzt, an dieser Stelle aber nicht er- 
wähnt. D ergänzt deshalb: und legte einen Stein darauf, den kaum 
zwanzig Männer wälzen konnten. Es fehlt nur noch: wie jetzt die 
Sterblichen beschaffen sind. 

23, 54. Sachlich stimmt Lc (24, 2) zwar mit Mc und Mt 
darin überein, daß die Weiber des Morgens sehr früh zum Grabe 
kamen. Aber den Ausdruck tq diricptüaxoüaTQ (Mt. 28, 1) gebraucht 
er in 24, 2 nicht, sondern schon hier (23, 54) und versteht ihn 
nicht eigentlich vom Sonnenaufgang, sondern von dem offiziellen 
Anfang des vierundzwanzigstündigen Tages bei Sonnenuntergang. 
•Auch in der liturgischen Sprache der Syrer kommt der Ausdruck 
in dieser Bedeutung vor. 

23, 56. Da das Beschaffen (d. h. Kaufen) der Aromata doch 
am Sabbat geschah, so stimmt dazu die folgende Angabe nicht 
recht, daß die Frauen am Sabbat ruhten. Anders Mc. 16, 1. 

24, 1—3 (Mc. 16, 1—4). Mit Recht führt Lc (24, 1) nicht, 
wie Mc (16, 1), ein neues Subjekt ein, sondern beläßt das alte, 
die vorher genannten Frauen. Aber so viele Frauen konnten nicht 
in das Grab hineingehn, bei Mt und ursprünglich wol auch bei Mc 
sind es nur zwei, die beiden Marien. D setzt in 23, 55 die Menge 
der Weiber auf zwei herab, aber das ist eine Korrektur, die der 
überall deutlich hervortretenden Vorstellung des Lc widerspricht. 
Veriliutlich ist vielmehr e?(jeXOoü(yat (24, 3) eine alte Interpolation ; 
vom Herausgehn (Mc. 16, 8) ist auch hinterher bei Lc nicht die 
Rede. Dann wäre die Szene mit den Engeln bei Lc nicht inner- 
halb des Grabes zu denken. 

24, 4—8 (Mc. 16, 5—7). Der eine Engel bei Mc und Mt hat 
sich bei Lc in zwei Engel verwandelt. Sie erinnern die Frauen an 
die allgemeine und öfters wiederholte Weissagung vom Sterben und 
Auferstehn Jesu, nicht aber an die spezielle Mc. 14, 28, daß er den 
Jüngern nach Galiläa vorausgehn werde. Diese Weissagung wird 
überall von Lc mit Stillschweigen übergangen, ebenso wie ihre 
Voraussetzung, die Flucht der Jünger nach Galiläa. Er meint und 
betont vielmehr, daß die Jünger nicht geflohen, sondern in Jerusalem 
geblieben seien und dort den Auferstandenen gesehen haben. 



23, 50-24, 11. 137 

24, 9—11 (Mc. 16, 8). Auch in 24, 10 sind nicht bloß die drei 
mit Namen aufgeführten Frauen (Joanna ist das Weib des Chuza 
8, 3) dabei, sondern noch mehrere andere. Indessen ist der Vers 
auffällig nachgetragen, für den Zusammenhang nicht bloß entbehrlich, 
sondern störend, und also wol interpolirt. Während die Frauen 
bei Mc trotz dem Befehl des Engels keinem etwas sagen, verkünden 
sie bei Lc den Aposteln und allen Jüngern, was sie gesehen haben. 
Den apokryphen Vers 12 hat schon die Syra S; vgl. 24,24. 

Bis hierher schimmert der Bericht des Mc sowol bei Lc als 
bei Mt ganz deutlich durch. Von da an gehn sie völlig aus einander 
und lassen sich nicht mehr vergleichen, weil die gemeinsame Vor- 
lage aufhört. Sie endigt mit Mc. 16, 8; darüber hinaus haben 
weder Lc noch Mt weiteres bei Mc vorgefunden. 

Lc. 24, 13-35. 

Am selbigen Tage aber wanderten zwei von ihnen in ein 
Dorf namens Emmaus, sechzig Stadien von Jerusalem entfernt, 
^* indem sie sich besprachen über alle diese Begebenheiten. 
^'^Und während sie sich besprachen und mit einander stritten, 
kam Jesus selber heran und wanderte mit ihnen: ^*ihre Augen 
aber waren geschlossen, so daß sie ihn nicht erkannten. '^Und 
er sprach zu ihnen: was für Gegenreden führt ihr da im Gehen 
unter einander? Und sie blieben stehn mit trübseligem Gesichte. 
^®Der eine aber, mit Namen Kleopas, erwiderte ihm: bist du 
der einzige, der in Jerusalem sich aufhält und nicht weiß, was 
dort in diesen Tagen geschehen ist? ^^Und er sagte: was denn? 
[Sie sagten:] Das von Jesus dem Nazoräer, einem Propheten 
mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk, '^wie 
ihn unsere Hohenpriester und Oberen übergeben haben zur 
Todesstrafe und man ihn gekreuzigt hat — '^während wir 
hofften, er sei der, der Israel erlösen wird, überdies aber ist 
heute der dritte Tag, seitdem dies geschehen ist, "und noch 
dazu haben uns einige unserer Weiber aufs äußerste erregt, 
die heute früh beim Grabe gewesen sind und sagen, sie hätten 
eine Erscheinung von Engeln gehabt, welche sagten, er lebe. 
"Und einige von den Unseren sind zum Grabe gegangen und 
haben es so gefunden, wie die Weiber sagten; ihn selbst aber 
haben sie nicht gesehen. "Und er sprach zu ihnen: Ihr Un- 



138 V. 18, 16-24, 53. 

verständigen, träge zu glauben alles was die Propheten geredet 
haben — ** mußte nicht der Christus also leiden, um in seine 
Herrlichkeit einzugehn! '^Und anfangend mit Moses und allen 
Propheten legte er ihnen das über ihn in den Schriften Ge- 
sagte aus. *'ünd da sie vor dem Dorfe anlangten, wohin sie 
gehn wollten, stellte er sich, als wollte er weiter gehn. "Und 
sie nötigten ihn und sagten: kehr mit uns ein, denn es ist 
gegen Abend und der Tag hat sich geneigt. Und er trat ein, 
um mit ihnen einzukehren. '^Und als er mit ihnen zu Tisch 
saß, nahm er Brot, sprach den Segen und brach und reichte 
es ihnen. ^*])a gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten 
ihn: er aber verschwand vor ihnen. "Und sie sagten einer 
zum andern: brannte uns nicht das Herz im Leibe, wie er 
mit uns unterwegs redete, wie er uns die Schrift aufschloß? 
"Und sie brachen zur selben Stunde auf und kehrten zurück 
nach Jerusalem. Und sie fanden die Elf und die Anderen 
zusammen •* sagend: der Herr ist wahrhaftig erstanden und 
dem Simon erschienen. "Und sie erzählten, was sie auf dem 
Wege erlebt und wie sie am Brotbrechen erkannt hatten. 

24, 13 Am selbigen Tage, d. h. am Auferstehungssonntag, 
soll für alles Folgende gelten, bis zum Schluß des Kapitels. Die 
Jünger sind auch nach Mc. 16. Mt. 28 nicht schon am Freitag ge- 
flohen, sondern erst am Auferstehungstage in Jerusalem, gehn aber 
auf ausdrücklichen Befehl nach Galiläa, um dort den Auferstandenen 
zu sehen. Bei Lc ist aber jeder Rest der alten Tradition ge- 
schwunden; der Auferstandene erscheint den Jüngern nicht in Ga- 
liläa nach mehreren Tagen, sondern in Jerusalem am selben Tage. 
Bei Mt ist diese Vorstellung allerdings in 28, 9 eingedrungen, 
jedoch im Widerspruch zu allem Übrigen. — Emmaus ist nicht 
das jetzige Amväs, das zu weit ab liegt, aber vielleicht identisch mit 
dem in Joseph. Bell. 7, 217 erwähnten Ammaus, wo Vespasian acht- 
hundert Veteranen ansiedelte. Diese römische Kolonie hat nach Sepp 
dem OrteKulonie deuNamen gegeben, der an der Straße von Jerusalem 
nach Westen liegt und nach Socin 45 Stadien von der Stadt entfernt 
ist. Josephus gibt 30 Stadien an, Lucas 60. D sagt Oü>.afip.oüc, 
sucht also Emmaus nach Gen. 28, 19 in Bethel. Interessant dabei 
ist die Übereinstimmung mit dem s. g. Lucian. Denn dort heißt es 
OuXafifxaoüc für üuXajxXoüC Gen. 18, 19 und für OoXafxXatc Jud. 18, 29. 
Freilich ist die Korruption nicht gerade bezeichnend für Lucian. 



24, 13-35. 139 

24, 14, 15. Kai «üTot und xal aöxo? ist auch hier in D be- 
seitigt. 

24, 16. Kparstv ist das aram. "IHN, und dies bedeutet schließen, 
vgl. den Gegensatz in 24, 31. 

24, 18. Kleopas ist Abkürzung von Kleopater und hat mit 
Alphäus nichts zu tun. 

24, 19. 20. Das Volk (24, 19) erscheint auch hier sympathisch 
und nur die Oberen (24, 20) haben die Schuld. Vgl. zu 23, 18. 48 s. 

24, 21. Über die Auffassung der Erlösung durch den Messias 
s. zu 21, 28. Zu (juv iraofiv x. vgl. 16, 26. 

24, 22—24 ist ein Nachtrag, vgl. zu 24, 34. 

24, 26. Der beigeordnete Infinitiv hat in der Tat finale Be- 
deutung; Jesus muß sterben, um der himmlische Messias zu werden. 

24, 27. 'ApSotfievo^ bezieht sich eigentlich nur auf Moses und 
ist zeugmatisch mit den Propheten verbunden. 

24, 30. Das Brotbrechen (von Wein ist keine Rede) ist hier 
nur die Fortsetzung der gemeinsamen Mahlzeit mit dem Meister 
über seinen Tod hinaus. Es hat nichts zu tun mit dem historischen 
Abendmahl, das ja auch nach Lc erst im Reich Gottes wiederholt 
werden soll. Vgl. den Kommentar zu Mc p. 124s. Man kann 
sagen, daß hier von Jesus selber die Grundlage des christlichen 
Kultus gelegt wird, die darin besteht, daß seine Jünger auch nach 
seinem Tode die Tischgemeinschaft mit ihm festhalten und ihn beim 
Brotbrechen als anwesend betrachten. 

24, 32. Für einander gebraucht D öfters das Reflexiv, 
das ist vermutlich echt. Unser Herz brannte entspricht dem 
biblischen ""rrm nODl Für xatofxsvij (jaqid) steht in der Syra S. 
jaqir (ßapsta). Die Verwechslung erklärt sich im Aramäischen 
leicht, ist aber vielleicht nicht erst in der Syra S. entstanden, da 
sie schon der armenischen und der oberägyptischen Version zu gründe 
liegt, von denen wenigstens die letztere schwerlich von der syrischen 
abhängig sein kann. Blaß retrovertirt jaqir in ßs'ap>]usvyj und 
bringt das zusammen mit (xapSta) xexaXüjAjjisvy] in D und mit (cor) 
excaecatum, exterminatum, obtusum in drei alten Latinae. Die 
einzig richtige Lesart ist xatofxivi]. 

24, 33. Die beiden Jünger geben ihren Vorsatz auf, die 
Nacht über in Emmaus zu bleiben (24, 29), und kehren sofort um 
nach Jerusalem, wo sie die anderen noch spät am Abend ver- 
sammelt finden. 



140 V. 18, 15—24, 53. 

24, 34. 35. Der Akkusativ Xe^oviac liegt nicht im Wurfe und 
wird auch durch xal aöiot nicht bestätigt, welches bei Lc niemals 
ihrerseits heißt; es hätte der Nominativ übersetzt werden müssen, 
der im Aramäischen hier nicht vom Akkusativ unterschieden werden 
kann. — Daß Jesus (zuerst) dem Simon erschienen ist, entspricht 
zwar der Wahrheit, aber ganz und gar nicht der Erzählung in 
24, 1—12. Also ist diese in Wahrheit nicht die Voraussetzung 
der Emmausgeschichte, und die Verse 24, 22 — 24 sind eingetragen. 
Sie lassen sich leicht ausscheiden. 



Lc. 24, 36-53. 

Während sie davon redeten, stand er selbst unter ihnen. 
"Sie aber, verschüchtert und bestürzt, glaubten einen Geist 
zu sehen. ^^Und er sprach zu ihnen: was seid ihr verwirrt 
und warum steigen euch Gedanken auf? "seht meine Hände 
und Füße, daß ich es bin; betastet und seht mich, denn ein 
Geist hat weder Fleisch noch Bein, wie ihr es an mir seht. 
**Da sie aber noch ungläubig waren vor Freude und staunten, 
sagte er: habt ihr etwas zu essen hier? "Und sie reichten 
ihm ein Stück gebratenen Fisch, und er nahm und aß es vor 
ihren Augen. "Und er sprach zu ihnen: das ist es, was ich 
zu euch gesagt habe, da ich noch bei euch war, es müsse alles er- 
füllt werden, was im Gesetze Moses' und in den Propheten und 
in den Psalmen über mich geschrieben steht. *^ Darauf öffnete 
er ihnen den Sinn, die Schriften zu verstehn und sagte ihnen: 
"So steht es geschrieben, daß der Christus leidet und von 
den Toten aufersteht am dritten Tage. ^'^Und es soll auf 
meinen Namen Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt 
werden allen Völkern, von Jerusalem angefangen. *®Ihr seid 
Zeugen davon. *^Und ich lasse meines Vaters Verheißung 
über euch ausgehn; bleibt in Jerusalem, bis ihr mit Kraft aus 
der Höhe ausgestattet werdet! 

*^Er führte sie aber hinaus nach Bethania und erhub die 
Hände und segnete sie, **und indem er sie segnete, war er 
von ihnen geschieden. "Und sie kehrten nach Jerusalem 
zurück voll Freude und waren allezeit im Tempel und 
lobten Gott. 



24, 36—53. 141 

24, 36. In 24, 29 ist es schon Abend, dann essen die Jünger 
von Emmaus mit Jesu zu Nacht, gehn darauf einen Weg von 
sechzig Stadien zurück nach Jerusalem, um Bericht zu erstatten 
— und nun wird ihr Bericht noch in der selben Nacht durch den 
leibhaftigen Jesus bestätigt. Wozu ist er denn überhaupt zuerst 
nur den beiden Jüngern erschienen, wenn er gleich darauf auch 
allen anderen erscheinen wollte? Die Emmausgeschichte ist ur- 
sprünglich gewiß kein bloßes Vorspiel, und sie wird in 24, 36 ss. 
eigentlich nicht vorausgesetzt. Eine innere Einheit der verschie- 
denen Erzählungen in Kap. 24 besteht nicht; sie drängen sich ein- 
ander in der zeitlichen Einheit eines und des selben Tages. 

24, 38. Über die Lesart Gespenst (D) für Geist s. zu 
Mc. 6, 49. 

24, 37. Die Redensart Gedanken steigen auf im Herzen 
oder ins Herz ist jüdisch-aramäisch. 

24, 39. Jesus wird nicht am Gesicht erkannt, sondern an 
Händen und Füßen. Diese sind aber nicht etwa durchlöchert; vgl. 
vielmehr die Reste arab. Heidentums (Berlin 1897) p. 206. 

24, 41. 42 ist die Vorstufe von loa. 21, 5. 10. 'Airi t c X*P^^ 
erinnert an dizh t^c Xüttyjc in 22, 45. 

24, 44. Ouxot ol Xo^ot = das Geschehene entspricht dem früher 
von mir Gesagten. Zu Gesetz und Propheten als Bezeichnung des 
jüdischen Kanons werden 'nur an dieser Stelle die Psalmen hinzu- 
gefügt. 

24, 47 entspricht in der Form (auf meinen Namen) der Lesart 
des Eusebius in Mt. 28, 19; die Ausdehnung der Mission auf die 
Heiden findet sich bei Mt ebenso. Die Aussage kann übrigens 
nicht mehr von o5t(i)C YeYpaTrxat abhängen. Vielmehr ist xal xifjpojf- 
Or^vat ein selbständiger Infinitiv mit Lamed in jussivischer Bedeutung 
(Syra S.); dazu paßt dann auch dpJoCjievoi besser, wofür D dp£otp.evü>v 
korrigirt. Aus der irrigen syntaktischen Auffassung von xr^pojf- 
ftr^vat erklärt sich das lirl xcp ^v. aöioö, die Syra S. hat: auf 
meinen Namen. 

24, 48. Hier ist ein Absatz, die Jünger werden in zweiter 
Person angeredet. Das toütcov bezieht sich natürlich nicht auf 24, 47, 
sondern ist unabhängig davon und bedeutet allgemein: die jetzt 
geschehenen Dinge, Tod und Auferstehung. 

24,49. In D heißt es nicht „die Verheißung des Vaters", 
sondern meine Verheißung. Blaß zensirt das mit male. Indessen, 



142 24, 50—53. 

wenn Jesus den heiligen Geist sendet, so kann er ihn auch ver- 
heißen haben. Das Für und Wider hält sich die Wage. Ursprüng- 
lich ist der h. Geist der Geist Jesu, der bei der Gemeinde bleibt, 
nachdem der Leib geschieden ist (Joa. 20, 22). Er wird im Koran 
gradezu mit Jesus identifizirt, und das ist keine Erfindung Mu- 
hammeds. Auch Paulus sagt: der Herr ist der Geist. Die ge- 
wöhnliche Lesart xoS Tcaxpoc [loo scheint die Varianten icatpoc und 
jAOü zu verbinden. — Der den Jüngern gegebene Befehl, in Je- 
rusalem zu bleiben, widerspricht ausdrücklich dem Befehl bei Mc 
und Mt, sie sollten nach Galiläa gehn. 

24, 50 — 53. Es mag wol sein, daß die Himmelfahrt nach der 
ursprünglichen Vorstellung noch am Auferstehungstage erfolgte. 
Aber aus dem Zusammenhang dieser Verse mit dem Vorhergehenden 
folgt es nicht, denn dieser Zusammenhang ist ganz künstlich (s. zu 
24, 36). Es müßte darnach entweder tiefe Nacht oder der folgende 
Morgen sein; an beides wird nicht gedacht und der folgende Morgen 
würde auch keinesfalls noch zum Auferstehungstage gerechnet 
werden können. Bethania erscheint nur hier bei Lc, abgesehen 
von der gleichgiltigen Erwähnung in 19, 29. Daß die Worte xal 
dvecpepexo eU liv oüpavov am Schluß von 24, 51, die im Sinaiticus 
und in D, desgleichen in der Syra S. und in einigen Veteres 
Latinae fehlen, aus Rücksicht auf die Apostelgeschichte ausgelassen 
seien, glaube, ich nicht. Ebenso halte ich irpoaxüvi^afavTec aötov in 
24, 52 für einen unechten Zusatz, trotz dem Vaticanus und dem 
Sinaiticus. 



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