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Full text of "Das Evangelium Marci"

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FROM-THE-LIBRARY-OF 
-RONRAD -BURDACH- 





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V^^ Digitized by LjOOQ IC 



Werke von Professor Dr. J. Wellhausen. 



Israeliüsclie und jüdisclie Geschiclite 

4. Auflage. • Geheftet Mk. 10.—, gebunden Mk. 11.80 

Prolegomena zur Geschiclite Israels 

5. Auflage. Geheftet Mk. 8.—, gebunden Mk. 9.80 

Die Komposition des Hexateuchs und der histo- 
risclien Bücher des alten Testaments 

S.Auflage. Geheftet Mk. 10.-— , gebunden Mk. 11.— 

Muhammed in Medina 

Das iit Vakidis Eitab al Haghazi in verkürzter deutscher Wiedergabe 

Geheftet Mk. 10.— 

Die kleinen Propheten übersetzt mit Noten 

3. Auflage. Geheftet Mk. 7.— 

Reste arabischen Heidentums 

2. Auflage. Geheftet Mk. 8.— 

Das arabische Reich und sein Sturz 

Geheftet Mk. 9.— 

Skizzen und Vorarbeiten Heft IV 

1. Medina vor dem Islam. 

2. Muhammeds Gemeindeordnung von Medina. 

3. Seine Schriften und die Gesandtschaften an ihn. 

Geheftet Mk. 9.— 

Skizzen und Vorarbeiten Heft VI 

1. Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islam. 

2. Verschiedenes. 

Geheftet Mk. 8.— 

GEORG REIMER ^^ BERLIN W 35. 

Verlagsbuchhandlung ^^^^ Lützowstr. 107-8. 




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DAS 



EVANGELIUM MARCI 



ÜBERSETZT UND ERKLÄRT 



VON 



J. WELLHAUSEN + 



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BERLIN 
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 

1903 



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Einleitung. § 1-4. 

§ 1. Mc. 1, 1-8 (Mt. 3, 1-12. Lc. 3, 1-17). 

Anfang des Evangeliums von Jesu Christo. ^Wie ge- 
schrieben steht im Propheten Esaias: „Siehe ich sende meinen 
Boten vor dir her, der dir den Weg bereiten soll; 'eine 
Stimme ruft in der Wüste: bahnt dem Herrn die Straße, macht 
ihm die Wege grade!" * Johannes der Täufer trat auf in der 
Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der 
Sünden. ^ Und das ganze jüdische Land und alle Jerusalemer 
gingen zu ihm hinaus und ließen sich von ihm taufen im 
Jordanfluß und bekannten ihre Sünden. ^Und Johannes trug 
ein Gewand aus Kamelhaar und einen Ledergurt um seine 
Lenden, und er aß Heuschrecken und wilden Honig, ^ünd 
er verkündete: nach mir kommt ein Stärkerer als ich, dessen 
Schuhriemen gebückt zu lösen ich nicht wert bin; *ich taufe 
euch mit Wasser, der aber wird euch mit heiligem Geiste 
taufen. 

1, 1. „Das Ev. Jesu Christi" ist der Titel des Ganzen, das hier 
seinen Anfang nimmt. Es bedeutet darnach wie 14,9: die Er- 
zählung von dem auf Erden erschienenen Jesus Christus; Mc schreibt 
im Sinne von loa. 20, 31. Jesus ist überhaupt nicht der Verkünder, 
sondern der Inhalt des Evangeliums. Christus, der Gesalbte, ist 
eigentlich Appellativ für den nationalen König der Juden, in späterer 
Zeit für den erhofften, der das Reich Davids herstellen sollte. Aber 
in Jesus Christus ist es bereits Teil eines Eigennamens geworden 
und hat darum den Artikel verloren — wie Adam Gen. 5, 1. So 
auch 9,41. 

1,2.3. Das vorangeschickte und gemischte Zitat befremdet. 
Mc führt sonst niemals von sich aus eine Alttestamentliche Weis- 

1* 

ivi77980 

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4 Einleitung. § 1—4. 

sagung an, und hier würde er noch über Mt und Lc hinausgehn, 
mit denen er die Veränderung von toö öeoö f^fxwv in aöxoü gemein 
, Jiat.. lyfc-ö jvird mit Lachmann und Ewald die zwei Verse als zu- 
: : gfesetet bittSi(lhten müssen, obwol sie ganz fest bezeugt und alt sind. 
.• .l^,4-.5- . „Joluinnes der Täufer trat auf in der. Wüste, indem 
•• ^ ^ijbd^fe.": ;Öto. ;Jach Mt und Lc. Die gemeinte Wüste ist die 
' 'A'raBa am *Jordanfluß, zur Taufe gehörte fließendes Wasser (Clem. 
Rec. syr. 39, 9 ed. Lag.). Zu 6 pairTiCcDV (6, 14. 24, dagegen 6, 25. 
8, 28) vgl. die substantivirten Participia Mc. 4, 3. Mt. 2, 6. 4, 3. 
Lc. 3, 14. Der Täufling wird nicht untergetaucht, sondern taucht 
sich selber unter; das griech. Passivum ist in der Ursprache ein 
intransitives Activum, und zwar in Palästina V^'^ (rabbin. ^^tO), 
in Mesopotamien loy. Gleichbedeutend ist in der syrischen Dida- 
skalia„in das Wasser absteigen" und entsprechend „aus dem Wasser 
aufsteigen". Die Passivkonstruktion mit Nennung des handelnden 
Subjekts (67:6) fällt schon an sich bei Mc auf; sehr bemerkens- 
werterweise heißt es Lc. 3, 7 in D hmiziov aötoö statt 6tc' aüiou. 
Gemeint ist jedenfalls nur, daß die Leute unter den Augen des 
Täufers, auf sein Geheiß und in seinem Sinn, sich dem Akte unter- 
zogen. Darum wird auch in v. 4 korrekt gesagt, nicht; Johannes 
taufte, sondern: er predigte die Taufe der Buße, d. h. er rief 
dazu auf. Durch den Genitiv wird die Johannestaufe von der 
jüdischen Proselytentaufe unterschieden. Die Proselytentaufe, ein 
einmaliger Akt der Reinigung und Weihe, das Zeichen eines neuen 
Anfangs, machte den Heiden durch Abwaschung des heidnischen 
Schmutzes zum Juden. Nach Johannes aber bedarf der Jude selber 
noch einer Taufe als Initiation einer inneren Umwandlung — 
gerade so wie Jeremias von den Beschnittenen noch die Beschneidung 
des Herzens verlangt. Nicht bloß die Buße, sondern auch die 
Beichte ist mit der Taufe Johannis verbunden. 

1, 6. Der härene Mantel stammt nicht aus 2 Reg 1, 8, denn 
baal sear läßt sich nicht anders verstehn als isch sear Gen. 27, 11: 
Elias trug langes Haar wie Pythagoras; von seinem Mantel dagegen 
wird nicht gesagt, daß er aus Haar war. Vielmehr gehörte nach 
Zach. 13, 4 der härene Mantel zur Drapirung der spätjüdischen 
Propheten. Das Prophetentum ist zwar durch das Gesetz offiziell 
in Miskredit geraten, aber nicht tatsächlich ausgestorben und dann 
erst mit Johannes wieder erstanden, wenngleich dieser anderes 
Geistes Kind war als seine Vorgänger und Zeitgenossen. 



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§2. Mc. 1,9-11. 5 

1, 7. 8. Bei Mc motivirt Johannes seine Aufforderung zur 
Buße nicht durch den bevorstehenden Tag des Zorns. Er weist 
auch nicht auf den einer ungewissen Zukunft angehörigen Messias 
hin, der das Strafgericht abhalten werde, sondern lediglich auf den 
historischen Jesus als Beinen überlegenen Nachfolger, der nicht mit 
Wasser taufen werde, sondern mit heiligem Geiste. Die Taufe mit 
Geist ist eine Taufe ohne Wasser, d. h. gar keine wirkliche Taufe, 
sondern ein Ersatz derselben durch etwas Besseres, durch die Verleihung 
des Geistes, welche als das Eigentümliche der Wirksamkeit Jesu 
erscheint. Wasser und Geist stehen hier in ausschließendem Gegen- 
satze. Später wurde dieser so ausgeglichen, daß eine christliche 
Taufe mit Wasser und Geist entstand. In Wahrheit hat die christ- 
liche Gemeinde die Taufe ei^st nach des Meisters Tode von den 
Johannesjüngern übernommen. — 05 . . . aöioö ist semitisch, wie 
!](;,.. aÖT^? 7, 24, ebenso das Präteritum i^dirciaa (ich taufe euch 
da eben). 

§2. Mc. 1,9-11 (Mt. 3, 13-17. Lc.3, 21. 22). 

Und es geschah in jenen Tagen kam Jesus von Nazareth 
in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft. ^° Und 
sobald er aus dem Wasser aufstieg, sah er, wie der Himmel 
sich spaltete und der Geist wie eine Taube auf ihn herab kam 
"und eine Stimme vom Himmel (erscholl): du bist mein ge- 
liebter Sohn, dich habe ich erwählt. 

Das bei Mc so beliebte suSüc (mechda?) erscheint hier zum 
ersten Male; es bezieht sich nicht auf das Partizip, vor dem es 
steht, sondern auf das folgende Hauptverbum; so auch in anderen 
Fällen. In D steht dafür meist wie in Mt das besser griechische 
eü&eo)?; gelegentlich ist es weggelassen (ebenso in der Syra S.) oder 
auch wol zugesetzt. An Stelle der Salbung, die zum Begriff des 
Messias gehört, tritt bei Jesus die Taufe. Mit ihr beginnt seine 
Messianität. Indessen ist dieselbe bei Mc vorläufig nur latent, 
nur ihm selbst bewußt — bis zum Petrusbekenntnis und zur Ver- 
klärungsgeschichte. Denn in bezeichnendem Unterschiede zur Ver- 
klärungsgeschichte sieht bei der Taufe nur Jesus den Geist auf 
sich herabkommen, und nur er hört die Stimme, die ihn anredet 
und nicht wie 9,7 zu Anderen über ihn zeugt. E^sveTo 1, 11 fehlt 
in den Codd. Sin. und Bezae (D), deren Übereinstimmung das 



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6 Einleitung. § 1—4. 

schwerste Gewicht hat; das unkonstruirbare (pcoviQ (ohne fSoü) wird 
ursprünglich Objekt zu elSev gewesen sein, aus dem das allgemeinere 
„er vernahm" zu verstehn dem Leser überlassen bleibt. Deshalb, 
weil nur Jesus den Vorgang sieht und hört, darf er jedoch nicht 
als unwirklich vorgestellt werden. Der Geist kommt wirklich auf 
ihn herab und bleibt auf ihm. Überhaupt bedeutet den Juden 
Vision nicht eben so viel wie Sinnestäuschung. 

Sohn Gottes heißt in der Sapientia jeder Fromme, wie denn 
auch jeder Jude Gott als Vater anredet. Aber von der allgemeinen 
Gotteskindschaft, überhaupt von einem ethischen Verhältnis, ist 
hier keine Rede. Der Sohn Gottes in Sonderheit ist Israel und 
der König von Israel. Das Volk und sein Vertreter stehn auf 
gleicher Linie, Israel wird der Messias genannt (Isr. und jüd. Ge- 
schichte * S. 211) und umgekehrt werden Prädikate Israels auf 
den Messias übertragen. In den drei ereten Evangelien und nament- 
lich bei Mc wird der eigentliche Name 6 XP'^*^^^ ^^^ ^®^ irdischen 
Jesus nur mit Zurückhaltung angewendet und lieber durch Epitheta 
vertreten: ein solches Epitheton für den Messias ist auch der Sohn 
Gottes. Bei den Rabbinen soll es (trotz 14, 61) nicht vorkommen, 
das beweist indessen für den populären Sprachgebrauch zur Zeit 
Jesu gar nichts. Den Ausdruck als von Jesu selber stammend 
anzusehen und aus seinem singulären Kindschaftsbewußtsein ab- 
zuleiten, ist verkehrt. Wenn Dalman (Woiie Jesu 1, 236 s.) sagt, 
ein Grieche werde stets geneigt sein, ihn im eigentlichsten Sinne zu 
verstehn, so hat er recht. Aber mit dem weiteren Ausspruch „die 
Denkweise der Synoptiker ist griechisch" liefert er lediglich einen 
Beitrag zur Kennzeichnung seines eigenen Denkens. 

*0 üloc [xoü 6 d^aTngxoc bedeutet für den Semiten nicht „mein 
lieber Sohn", sondern „mein bevorzugter Sohn". Richtig wird es von 
den Latinae zu Mc. 12, 6 superlativisch gefaßt und von Lc, 9, 35 durch 
IxXsXsYfAsvo? erklärt. Im Alten Testament besteht kein großer Unter- 
schied zwischen T'T» und TTT»; sachlich läuft auch IIDi auf das 
selbe hinaus. Die alte Lesart „mein Sohn und mein Geliebter" 
scheint dem wehren zu wollen, daß man Jesus mit anderen Söhnen 
Gottes in eine Reihe stelle und ihn nur als den geliebtesten an- 
sehe, als den primus inter pares — woran man allerdings hier nicht 
denken darf. 

Nach anderer Überlieferung lautet die Stimme vom Himmel 
hier ebenso wie Ps. 2, 7: „du bist mein lieber Sohn, heute habe 



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§3. Mc. 1,12. 13. 7 

ich dich gezeugt." Ganz im Sinne von Marcus wird damit die 
Taufe, und nicht die Geburt, als der Moment bezeichnet, wo Jesus 
durch den Geist zum Sohne Gottes wird. Indessen der Begriff der 
Zeugung spielt doch erst in Mt. 1, 18. 20 und Lc. 1, 35 ein. * Hier 
braucht man nicht darüber hinauszugehn, daß die Taufe in gleicher 
Weise auf Jesus den Geist überträgt, wie es sonst die Salbung tut 
(Isa. 61, 1): nur daß die Handauflegung hier, bei einem neuen An- 
fang, direkt von oben geschieht. 

Der Geist ist Hypostase, er kommt herab in Gestalt einer 
Taube, wie Lucas richtig versteht. Diese Vorstellung läßt sich bis 
jetzt anderswo nicht nachweisen; wenn die Rabbinen zu Gen. 1,2 
„der Geist brütete über dem Wasser" hinzufügen „wie eine Taube 
über ihren Jungen", so soll das nur eine Erklärung des ungewöhnlichen 
Verbs sein, und nicht eine Beschreibung des Subjekts. Man sagt, 
diese sinnliche Erscheinung sei ursprünglich darauf angelegt, nicht 
bloß von Jesus gesehen zu werden. Mag sein, doch läßt es sich 
nicht ausmachen. Auf alle Fälle liegt die wesentliche Bedeutung 
der Taufe Jesu darin, daß sie ihn zum Messias umwandelt, daß 
er als simpler Mensch in das Wasser hinabsteigt und als der Sohn 
Gottes wieder heraufkommt. Darum ist sie der Eingang zum 
Evangelium von Jesu Christo. Sie ist ganz singulär und nicht das 
erste Beispiel der christlichen Taufe: eine solche gibt es für Mc. 1, 
9—11 überhaupt nicht. 

§ 3. Mc. 1, 12. 13 (Mt.4, 1-11. Lc.4, 1-13). 

und alsbald trieb ihn der Geist hinaus in die Wüste, 
*^ und er war vierzig Tage in der Wüste, indem er vom Satan 
versucht wurde, und er war bei den Tieren und die Engel 
brachten ihm zu essen. 
Vgl. 1 Reg. 18, 12. Nach Mc geben die Engel Jesu wJLhrend 
der vierzig Tage zu essen; sie erscheinen nicht erst, nachdem der 
Versucher abgetreten ist. Die Tiere sind die Staffage der menschen- 
losen Wüste; ob sie hier noch etwas Weiteres zu bedeuten haben, 
stehe dahin. Die Versuchung tritt nicht gerade als der Zweck des 
Ganzen hervor, auf ihr Wie wird nicht eingegangen. Vor TretpaCo- 
|xevo? ist zu interpungiren. 



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8 Einleitung. § 1—4. 

§ 4. Mc. 1, 14. 15 (Mt.4, 12-17. Lc. 3, 19. 20. 4, 14. 15). 

Und nachdem Johannes dahingegeben war, kam Jesus nach 
Galiläa und predigte das Evangelium Gottes, ** indem er sagte: 
die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes steht nah bevor, tut 
Buße und glaubt an das Evangelium. 

Jesus tritt erst auf, als Johannes nicht mehr wirken kann, 
und zwar geradeso wie dieser, nämlich nicht als Messias und Bringer 
des Gottesreichs, sondern als Prediger der Buße im Hinblick auf 
das bevorstehende Gottesreich. Das Wort (jieTavota ist unjüdisch, 
das aramäische Äquivalent ist tüb = hebr, schüb. Schübü ist 
der Ruf schon der älteren Propheten; auf griechisch aber fordert 
Jonas Mt. 16, 41 zur fxeTotvoia auf. Wie die Propheten, so haben 
auch Johannes und Jesus eine Umkehr des Volkes im Auge, nicht 
bloß einzelner Individuen, am wenigsten auch solcher, die nicht 
zum jüdischen Volk gehören. Denn für das Reich Gottes ist nur 
Israel bestimmt. 

Indem Jesus das bevorstehende Reich Gottes als Motiv zur 
Buße benutzt, kehrt auch er im Gegensatz zu dem Optimismus der 
Juden die drohende Seite des großen Ereignisses hervor, ebenso wie 
der Täufer und wie schon Amos und seine Nachfolger. Die Formel 
„gekommen ist die Zeit, nahe ist der Tag" findet sich auch bei 
Ezechiel, Sophonias und Joel; sie kehrt wieder bei Muhammed, 
der ebenfalls als Warner vor der nahen Stunde (Sur. 53, 58. 54, 1) 
auftritt. Aber wie kann die Bußpredigt als frohe Botschaft be- 
zeichnet werden? Das Evangelium und der Glaube an das Evan- 
gelium setzen ganz plötzlich ein, ohne daß Jesus sich darüber ex- 
plizirt. Für die Juden, zu denen er redete, mußten diese Begriffe 
völlig unverständlich sein. Sie gehören in die apostolische Predigt, 
hier sind sie verfrüht. In der Parallele Mt. 4, 17 fehlen sie. 

Mehr als eine Wiedergabe des allgemeinen Inhalts der 
Predigt Jesu durch Mc hat man in 1, 15 nicht zu sehen. Lc hat 
sie an dieser Stelle weggelassen und dafür anderswo gelegentlich 
eingestreut. Man darf sich aber auch nicht etwa vorstellen, daß 
Jesus mit dem Ruf „Bekehrt euch, das Reich Gottes steht vor der 
Tür !" durch Galiläa gezogen sei. In der galiläischen Periode hat er 
nach Mc überhaupt nicht grade bestimmte Ankündigungen wieder- 
holt, sondern in ungezwungenem Wechsel dies und jenes gelehrt, je 
nach Gelegenheit und Bedürfnis ex tempore aus seinem Schatz 



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§5. Mc. 1,16— 20. 9 

hervorholend, was ihm der Geist eingab und was die Leute brauchen 
konnten. Er gab dabei keine Parole aus, schärfte nicht fest formu- 
lirte Sätze immer wieder ein, bis daß den Hörern die Ohren gellten. 
Mit Buddha hatte er in dieser Beziehung so wenig Ähnlichkeit wie 
mit den Rabbinen. Er war frei von aller Schulmeisterei. Er war 
nicht darauf bedacht, seine Worte dem Gedächtnis einzuprägen, 
wenn sie sich nicht in die Seele senkten und dort Wurzel schlugen. 



L Jesus in Kapernaum. § 5-29. 

Hier beginnt nach der Einleitung der erste Teil. Er zerfällt 
in vier Gruppen: § 5—9, § 15—18, § 19—24, § 25-29. 

§5. Mc.l, 16-20 (Mt. 4, 18-22. Lc. 5, 1-11). 

Und wie er am See von Galiläa hinging, sah er Simon 
und Andreas, den Bruder Simons, Netz werfen im See; denn 
sie waren Fischer. *^Und Jesus sprach zu ihnen: kommt her 
mir nach, ich will machen, daß ihr Menschenfischer werdet. 
^^Und sie verließen sofort die Netze und folgten ihm nach. 
^^ Und ein wenig weiter gehend sah er Jakobus, den Sohn des 
Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, ebenfalls in einem 
Schiffe, die Netze zurecht machend. '^ Und sobald er .sie rief, 
ließen sie ihren Vater Zebedäus im Schiff mit den Tagelöhnern 
und gingen hinter ihm her. 

Mc gibt keine Geschichte Jesu, es fehlt die Chronologie und 
der pragmatische Faden, auch die Ortsangaben lassen viel zu 
wünschen übrig. Er sammelt nur lose Stücke, Erzählungen und 
Aussprüche, ordnet sie und bringt sie in drei Perioden unter. Die 
erste Periode spielt in Galiläa, und sie beginnt mit der Berufung 
der ersten Jünger. Über die Wirkung des allgemeinen Aufrufs zur 
Buße sagt Mc nichts, sondern läßt sofort eine Aufforderung zur 
Nachfolge folgen, die an bestimmte Einzelne gerichtet ist. Nach- 
folgen bedeutet hier noch einfach hinterhergehn (1, 20) und be- 
gleiten; der Begriff ist noch nicht sublimirt wie 8,34. 10,28, die 
Jünger geben nicht alles auf, sondern lassen nur ihre Netze liegen. 
Die Aufforderung zündet wie der Blitz. Mit einem Schlage werden 



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10 I. Jesus in Eapernaum. § 5—29. 

die vier Fischer aus ihrem Gewerbe, dem sie eben obliegen, von 
einem am See auftauchenden Unbekannten herausgerissen. Die 
Sache wird sich in Wahrheit wol etwas anders zugetragen haben. 
Die Situation war nötig, um dem Spruch vom Menschenfischen eine 
Folie zu geben. Die Dramatik beruht darauf, daß die Tradition 
die vorbereitenden näheren Umstände nicht kennt. Die Voran- 
stellung dieser Perikope aber hat zu bedeuten: mit den Jüngern 
beginnt erst ein Wissen um Jesus; was er getan hat, ehe sie da 
waren, liegt im Dunkel. — Den Vater von Simon und Andreas 
nennt Mc nicht, so wenig wie den des Täufers. 

Wenn Jesus 1, 14 nach Galiläa zurückkehrt, so denkt man 
wegen 1,9: nach Nazareth. Aber 1, 16 ist er am See von Galiläa, 
an dem Nazareth nicht lag. Man erfährt nicht, wie er dahin ge- 
kommen. Mt ergänzt darum: er kehrte zurück nach Galiläa, ver- 
ließ aber seine Heimat Nazareth und nahm Wohnung in Kapernaum. 
Ähnlich Lc. 4, 16. 31. 5,1. Auf diese Weise wird zugleich noch 
ein anderer Anstoß entfernt. Nach Mc. 1, 16 beruft Jesus am See 
von Kapernaum Fischer, die in Kapernaum wohnen, kommt aber 
erst 1,21 in die Stadt selber. Das ist wunderlich, und sowol bei 
Mt wie bei Lc wird darum der Einzug in die Stadt vor die Szene 
am See verlegt. Die Syra S. läßt ihn Mc. 1,21 aus. 

§6. Mc. 1,21-28 (Lc. 4, 31-37). 

Und sie gingen nach Kapernaum hinein. Und gleich am 
Sabbat lehrte er in der Synagoge. '*Und sie waren betroffen 
ob seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Macht hat, 
und nicht wie die Schriftgelehrten. "Und alsbald war da in 
ihrer Versammlung ein Mensch mit einem unreinem Geiste, 
der schrie auf und sagte: " was haben wir mit dir zu schaffen, 
Jesus von Nazareth! kommst du, uns zu verderben? Ich weiß, 
wer du bist, der Heilige Gottes! '^Und Jesus schalt ihn: halt 
den Mund und fahr aus von ihm! " Und indem der unsaubere 
Geist ihn warf und laut schrie, fuhr er aus von ihm. '^Und 
sie staunten alle, also daß sie sich unterredeten imd fragten: 
was ist das? eine neue Lehre mit Macht, auch den unreinen 
Geistern gebietet er und sie gehorchen ihm. '^ Und das Gerücht 
von ihm drang alsbald überall in die ganze Umgegend von 
Galiläa. 



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§6. Mc. 1,21-28. 11 

1.21. Am nächsten liegt es, eöSoc lotc aofßßaat zu vei*stehn: 
am nächsten Sabbat (6,2). Jedoch nach 1,29 scheint kein Zwischen- 
raum zwischen § 5 und § 6 zu liegen. Übereetzt man nun aber: 
„sofort, da es gerade Sabbat war", so steht entgegen, daß das Fischen 
§ 5 für einen Sabbat sich nicht gehört. Die Schwierigkeit entsteht 
ähnlich wie die am Schluß von § 5 besprochene durch die Art der 
Redaktion. Die Syra S. hilft sich, indem sie nicht bloß eööüc aus- 
läßt, sondern auch xal efairopsüovxat eh Ka^apvaoüji. — Der Gottes- 
dienst in der Synagoge läßt Raum für Improvisationen, Heilungen 
und Diskussionen. Unter aova^oi'^ri wird gewöhnlich der Ort, zu- 
weilen aber auch die Versammlung verstanden. 

1.22. Auf die IJoodia Jesu wird von Anfang an Gewicht ge- 
legt. Sie bezeugt sich hier durch das innere Wesen seiner Lehre, 
dagegen v. 27 durch die Wundertaten, welche die Lehre begleiten. 

1, 23. Das eööüc (fehlt in D und Syra S.) bezieht sich logisch 
auch hier über r^v hinweg auf das Hauptverbum dvexpajev, obwol das 
erste Verbum hier nicht im Partizip steht, wie 1, 10. 18. 29. Ist 
der Mann oder der Dämon Subjekt zu dvexpajsv? Vgl. 3,11. 

1, 24. Der Plural Viv erklärt sich wol nicht aus Mc. 5, 9, 
sondern daraus, daß der Dämon im Namen seiner Art spricht; mit 
oT8a fällt er zurück in den Singular. „Der Heilige Gottes" als 
Epitheton des Messias findet sich nur hier. Ursprünglich ist Israel 
sowol der Sohn Gottes als auch der Heilige des Höchsten. 

1,25.26. In 1,34. 3,11.12 verbietet Jesus den Dämonen 
den Mund, damit sie ihn nicht als Messias verraten; dies Motiv 
ist nach 1,24 auch hier anzunehmen. Ursprünglich aber ist das 
Schreien der Dämonen keine vei*ständliche Rede, s. 1,26. 5,5. 9,26, 
(ofXaXov) Lc. 9, 39. Dann bezieht sich cpi[i.(i)8>]Tt nicht auf einen 
Gedankeninhalt, so wenig wie irecpifxcDao 4, 39. Sondern „verstumm" 
ist eine ziemlich gleichbedeutende Vorstufe zu „fahr aus". Erst 
hernach hat man das Schreien interpretirt, ähnlich wie es in dem 
berühmten Beispiel Lc. 23, 46 (gegen Mc. 15, 36) geschieht. Und 
zwar auf Grund des Volksglaubens, daß die Geister andere Augen 
für das Übersinnliche haben als Fleisch und Blut, und daß in 
diesem Fall die Gefahr ihnen den Blick noch schärft. Daneben 
auch auf Grund der Tatsache, daß Jesus wirklich öfter den Ge- 
heilten Stillschweigen geboten hat, um sich des Zudrangs von 
Patienten zu erwehren. 



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12 I. Jesus in Kaperaaum. § 5 — 29. 

Dem den Dämonen in den Mund gelegten Bekenntnis wird 
nun sogleich die Spitze abgebrochen. Jesus weiß sich seit der 
Taufe zwar selber als Messias, will aber vor den anderen, auch 
vor den Jüngern, noch verborgen bleiben. Jedoch seine Taten 
machen ihn kenntlich. Mc faßt seine Taten von vornherein als 
Beweise seiner Messianität auf und will dennoch deren Latenz fest- 
halten: dadurch wird er mit sich selber uneins. Wie ist es mög- 
lich, daß die laute Aussage der Dämonen überhört wird, deren 
Bedeutung durch die heftige Abwehr Jesu nur noch stärker hervor- 
tritt! Dieser Widerspruch geht durch bei Mc: überall bricht die 
Messianität mit Naturgewalt durch, und dennoch soll sie nicht 
bloß verborgen bleiben, sondern bleibt auch wirklich verborgen. 
Und ein anderer Widerspruch hängt damit zusammen: die Jünger 
sollen nichts merken und werden dann doch gelegentlich darüber 
getadelt, daß sie nichts gemerkt haben. 

Daran, daß Jesus in der Tat nicht bloß gelehrt, sondern in 
engem Zusammenhang damit auch geheilt hat, läßt sich natürlich 
nicht zweifeln. Seine Heilungen sind ein Ausfluß seines Erbarmens, 
er sorgt nicht bloß für die Seele, sondern auch für den Leib (8, 2). 
Er kann sie verrichten, weil er ein Mann Gottes ist, und sie be- 
glaubigen ihn als solchen. Gelernt hat er weder das Lehren noch 
das Heilen, es ist beides bei ihm keine Kunst, sondern Begabung. 
Die Begabung ist universell; zu wem man überhaupt das Zutrauen 
der Autorität oder der Vollmacht hat, dem traut man Alles zu 
und wendet sich in allen Angelegenheiten an ihn. Über die Art 
der Krankheitsfälle, die Jesus behandelt, läßt sich nichts Sicheres 
sagen; daß wir auch die Besessenheit als Krankheit auffassen 
würden, steht fest. Der Glaube an Dämonen, die in den Menschen 
wohnen und wirken, war damals allgemein; er tritt im späteren 
Judentum weit stärker hervor als im alten Israel, bei den Propheten 
läßt si<;h kaum eine Spur davon erkennen. 

1, 27. An diesem Verse ist nach Ausweis der Hss. herum- 
redigirt. Folgt man der jetzt üblichen Lesart, so muß man nach 
1,22 xax' ijoudiav zum Vorhergehenden ziehen und mit StSa^r^ ver- 
binden. Die Lehre ist von Vollmacht begleitet, die Vollmacht zeigt 
sich in den Exorcismen. Vgl. D 6, 2. 

1, 28. Die Ttspi^topo? geht nicht über Galiläa hinaus, sondern 
gehört dazu. 



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§7, Mc. 1,29-34. §8. Mc. 1,35^39. 13 

§ 7. Mc. 1, 29-34 (Mt. 8, 14-16. Lc. 4, 38-41). 

Und sobald sie aus der Synagoge herauskamen, ging er 
in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 
^^ Simons Schwiegermutter aber lag darnieder am Fieber, und 
man sagte ihm alsbald von ihr. '^Und er ging zu ihr und 
ließ sie aufstehn, indem er sie bei der Hand faßte, und das 
Fieber verließ sie und sie wartete ihnen auf. '^Am Abend 
aber, nach Sonnenuntergang, brachten sie alle Kranken und 
Besessenen zu ihm, "und die ganze Stadt war vor der Tür 
versammelt. ^* Und er heilte viele, die an mancherlei Krank- 
heiten litten, und trieb viele Dämonen aus, und ließ die 
Dämonen nicht reden, denn sie kannten ihn. 

1, 29. Man wird ^XOev im Sg. lesen müssen, da sonst „mit 
Jakobus und Johannes" nicht passen würde; vielleicht darf trotz- 
dem in diesem Griechisch der PL ISeXOovtsc (statt des Genitiv abs.) 
beibehalten werden. D hat beidemal den Singular, die Syra S. 
aber beidemal den Plural, wie die moderne Vulgata. Vgl. 9, 14. 
Jesus kommt mit den Begleitern, die er am See gefunden, zuerst 
in die Synagoge und dann in das Haus, an einem und dem selben 
Tage, der 1,32 sich neigt und 1,35 in Nacht und frühen Morgen 
übergeht. Diese Einheit der Zeit ist gewiß beabsichtigt, obgleich 
1 , 28 darüber hinaus geht und der Sabbat von § 6 zu dem Fisch- 
fang in § 5 nicht paßt. Mit Recht aber legt ihr Mt keinen Wert 
bei. Beachtung verdient, daß die erste Heilung an einer bekannten 
Person vollzogen wird. 

1.33. Das Gedränge wie 1,45. 2,2. 3,9.20. 6,31. 

1.34. D: xarxoüc Satfiovia s^fovxac ifsßotXev aöia diz aöxtov. 
Durchaus semitisch, der vorangestellte Akkusativ ist Casus pendens 
und wird durch du aöxwv aufgenommen. Hernach wird die 
gewöhnliche Lesart auch in D nachgebracht, genau wie in den 
Dubletten der Septuaginta. 



§8. Mc. 1,35-39 (Lc. 4, 42-44). 

Und ganz früh des Morgens, noch vor Tage, stand er auf, 
ging fort und begab sich an einen einsamen Ort und betete 
daselbst. ^®Und Simon eilte ihm nach mit seinen Genossen 



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14 ■ !• Jesus in Kapemaum. § 5—29. 

'^und sie fanden ihn und sagten zu ihm: alle suchen dich. 
'®ünd er sprach zu ihnen: laßt uns anderswohin in die be- 
nachbarten Ortschaften gehn, damit ich auch dort predige, 
denn dazu bin ich ausgegangen. "Und er ging und predigte 
in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus. 
Der erste Tag von Kapernaum, zu dem auch noch § 8 gehört, 
hat paradigmatische Bedeutung. Zu den Angaben über die Jünger- 
wahl, das Lehren in der Synagoge, die Dämonenaustreibung und 
die Krankenheilung, den gewaltigen Zulauf und den weiten Ruf 
kommen zwei weitere bedeutsame erste Beispiele dauernder Ge- 
wohnheit hinzu. Zunächst das einsame Beten in der Nacht oder 
am frühen Morgen, nicht im Kämmerlein, sondern unter freiem 
Himmel, auf einem Berge oder einer abgelegenen Stätte. Sodann 
das Wanderpredigen. Kaum hat Jesus seinen Fuß in Kapernaum 
gesetzt, so treibt es ihn schon wieder fort — und alle suchen ihn! 
Doch behält er dort sein Standquartier und beschränkt sein Wandern 
auf Galiläa (1,39). Von den Orten, die er besucht, werden uns 
leider nur wenige genannt; ein Itinerarium fehlt. 'ES^XOsv xal 
dTT^Xöev 1,35 sind im Aramäischen zwei ganz verschiedene Verba: 
ezal vanphaq; vgl. 6, 1 (D). 7, 31. 14, 45. In 1, 38 stimmen D und 
Syra S. gegen die Vulgata überein. Das erste eU in 1, 39 ist s. v. a. 
iv, vielleicht auch das zweite; D hat ^v füi* ^Xöev. 



§ 9. Mc. 1, 40-45 (Mt. 8, 1-4. Lc. 5, 12-16). 

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, bat ihn und sagte: 
wenn du willst, kannst du mich reinigen. *^ Und von Mitleid 
ergrififen streckte er seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: 
ich will, sei gereinigt! "und alsbald ging der Aussatz von 
ihm weg und er wurde rein. *' Und er fuhr ihn an und hieß 
ihn alsbald hinausgehn "und sprach zu ihm: hüt dich, irgend- 
wem etwas zu sagen, sondern geh, zeig dich dem Priester und 
bring für die Reinigung das Opfer, das Moses verordnet hat, 
ihnen zum Zeugnis. **Als er aber draußen war, begann er 
die Geschichte viel zu verkündigen und unter die Leute zu 
bringen, sodaß er nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehn 
konnte. Sondern er hielt sich draußen an einsamen Orten auf 
und viele kamen von allenthalben zu ihm. 



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§ 10. Mc. 2, 1-12 15 

Diese Geschichte steht zwar nicht mehr im Rahmen des ersten 
Tages, dient aber als Beispiel zu 1, 39 und gehört noch mit § 5 — 8 
zusammen. 

1,40. Die Übereinstimmung von B mit D spricht gegen 

•^OVOTTSTÄV. 

1.42. Selbst den Aussätzigen rührt Jesus an, um ihn zu 
heilen. 

1.43. Die starken und zuweilen befremdlichen AfiFektsäuße- 
rungen Jesu, die bei Mc hervortreten, werden bei Mt und Lc ge- 
mildert oder unterdrückt. Daß er unterwegs überall leicht ein 
Obdach findet, gilt als selbstverständlich; vgl. 6, 10. Denn er ist 
hier in einem Hause, obgleich es nicht gesagt wird. 

1, 44. Der Geheilte soll sich nach Jerusalem begeben, um der 
gesetzlichen Vorschrift zu genügen. Moses hat sie erlassen und 
zwar zum Zweck der öffentlichen Dokumentirung; „damit euch das 
zur Bezeugung diene", wie es in D zu Luc. 5, 14 heißt. Ob die 
Hervorhebung dieser Ratio des Gesetzes Bedeutung hat, muß dahin- 
gestellt bleiben. Hinter Mcdücj^? braucht nicht interpungirt zu 
werden. 

1, 45. HoUa adverbial wie saggi; bei Mc beliebt. 



§10. Mc.2, 1-12 (Mt.9, 1-8. Mc. 5, 17-26). 

Und da er nach einigen Tagen nach Eapernaum kam, 
ward es ruchbar, daß er zu Hause sei. ' Und viele liefen zu Häuf, 
sodaß auch der Raum vor der Tür nicht ausreichte, und er 
richtete an sie das Wort. * Und es kamen Leute, die brachten 
zu ihm einen Gelähmten, der von Vieren getragen wurde. * Und 
da sie ihn nicht zu ihm heranbringen konnten wegen des 
Volkes, deckten sie das Dach (des Hauses), wo er war, ab und 
schlugen es durch und ließen das Bett hinab, worin der Gelähmte 
lag. *Und da Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Ge- 
lähmten: mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. ® Einige 
Schriftgelehrten aber saßen da und dachten in ihrem Herzen: 
^was redet; dieser in dieser Weise lästernd? wer anders kann 
Sünden vergeben als allein Gott? ®Und alsbald in seinem 
Geist erkennend, daß sie so bei sich dachten, sprach Jesus zu 
ihnen: Was denkt ihr so in eurem Herzen? ^ was ist leichter, 



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16 I. Jesus in Kapemaum. § 5 — 29. 

dem Gelähmten zu sagen; deine Sünden sind dir vergeben, oder 
zu sagen: steh auf, nimm dein Bett und geh von dannen? 
*® Damit ihr aber seht, daß der Menschensohn auf Erden Be- 
fugnis hat, Sünden zu vergeben, sagte er zu dem Gelähmten: 
" ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause. 
^'Und er stand auf und sein Bett nehmend ging er alsbald 
hinaus angesichts aller, sodaß alle außer sich waren und Gott 
priesen und sagten: so etwas haben wir noch nie erlebt. . 
Mit § 10 beginnt ein neuer Abschnitt, der bis zu den Parabpln 
in Kap. 4 reicht, eine Reihe gleichartiger Erzählungen, die auf /ein 
gegen die Schriftgelehrten oder die Pharisäer gerichtetes scharfes 
und bedeutungsvolles Apophthegma Jesu auslaufen. Sein Gegensatz 
gegen sie, 1, 22 leise angedeutet, erscheint hier sogleich akut. Die 
Stellung der Gruppe bürgt freilich nicht für die Zeit, und die 
rein sachliche Zusammenordnung der Stücke nicht für ihre Gleich- 
zeitigkeit. 

2. 1. Ob das Haus das des Petrus (§ 7) ist oder nicht, läßt 
sich nicht sagen. Das Fehlen des Artikels spricht nicht dagegen, 
und seine Setzung wäre kein Beweis dafür. Denn er wird in 
solchen Fällen bald ausgelassen, bald zugefügt; und zwar kommt 
dieser Wechsel nicht bloß an verschiedenen Stellen vor, sondern 
auch an der selben Stelle in verschiedenen Handschriften. Wie die 
Einöde oder der Berg, steht auch das Haus überall zur Verfügung, 
s. zu 1,43. 

2. 2. Über XaXeiv liv Xopv siehe zu 4, 14. 

2.3. Im syrischen Transitus Mariae hat das Bett vier Hand- 
haben (auble), an denen es von Vieren getragen wird. Vielleicht 
ist xpaßßaTov eben ein solches Tragbett. Ospetv sagt Mc für aifetv. 
Beim Participium Pass. ist die Nennung des handelnden Subjekts 
auch im Aramäischen gestattet und beliebt; a?po[ievov uiri Tsaaaptov 
ist also anders zu beurteilen wie *?]p&Tf] ötto xeaaapcov. 

2. 4. In das abgedeckte Dach schlagen sie noch ein Loch? 
Beides zusammen verträgt sich nicht, anstößig ist nicht das Loch- 
einschlagen, sondern das ganz unnötige Abdecken des ganzen Dachs. 
Auf Aramäisch (vgl. zu 6, 17) könnte nun dTreaTs^Gcaav t})v aisYTQV 
heißen schaqluhi oder arimuhi leggära. Das bedeutet aber 
ebensogut: „sie brachten ihn zum Dach hinauf". Und das erwartet 
man; das Hinaufbringen war eine schwierige Arbeit und verdiente 
Erwähnung. Die Stiege war außen angebracht; vgl. Mc. 13, 15. 



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§ 10. Mc. 2, 1—12. 17 

Joseph. Ant. 14, 459. Die Auslassung von iSopuSavxe^ bei D beruht 
auf Korrektur. 

2, 5. Die Anrede „mein Sohn" (xixyov) ist den Weisen ge- 
läufig; Jesus aber, selbst noch jugendlich, gebraucht sie sonst nur 
noch einmal, den Jüngern gegenüber (10, 24). Wie man sagt „ich 
gebe deinen Lohn" für „ich gebe dir Lohn", so auch „ich vergebe 
deine Sünde" statt „dir die Sünde" und dgl. Vgl. 7, 27. 

2,6. Man könnte denken, die Schriftgelehrten säßen ehren- 
halber, aber auch 3, 34 sitzen die Zuhörer und Mt. 13, 2 stehn sie 
nur bei Matthäus. Die Morgenländer finden leicht Sitzgelegenheit, 
einen Stuhl hat nur der Meister nötig. 

2, 7. Man darf XaXst ßXaacpr^fxet nicht trennen. Im Aramäischen 
sind beide Worte Participia, im Griechischen hätte das zweite im 
Part, belassen werden können. Richtig Lc. 5, 21. 

2, 9. Wenngleich nicht in dem Maße wie bei Mt und Lc, 
erscheint Jesus doch auch bei Mc als der Herzenskündiger, der 
Alle, die ihm vorkommen, durchschaut und übersieht, sich dieser 
Überlegenheit auch bewußt ist und sie geltend macht, nicht selten 
in ironischer Weise. Für denken heißt es bei den Semiten bei 
sich oder in seinem Herzen sagen. Es ist aber nicht immer 
klar, ob StaXo^iCsaOat bloß Denken oder auch Sprechen ist. 

2, 10. „Der Menschensohn" ist messianische Selbstbezeichnung 
Jesu. Er gebraucht sie aber sonst bei Mc erst seit dem Petrus- 
bekenntnis und auch dann nur gegenüber den Zwölfen. Hier da- 
gegen lüftet er den Schleier, der sogar für seine Jünger noch über 
ihm liegt, mit einem Male freiwillig vor seinen Widersachern. Da 
jedoch im Aramäischen Sohn des Menschen gewöhnlich weiter 
nichts als Mensch bedeutet, so hätten die Pharisäer nur durch 
den Zusammenhang darauf geführt werden können, daß es hier 
etwas ganz anderes sein solle. Im Zusammenhang lag aber nicht 
die mindeste Nötigung dazu vor, von der gewöhnlichen Bedeutung 
abzugehn, da der Mensch auf Erden darf Sünden vergeben 
als Rückschlag auf nur Gott im Himmel darf es einen aus- 
gezeichneten Sinn gibt. Da nun die Schriftgelehrten so und nicht 
anders verstehn mußten, so kann es auch Jesus nicht anders ge- 
meint haben, wenn er nicht die Absicht hatte, sie irrezuleiten 
und seine Gedanken durch die Sprache zu verbergen. Das richtige 
Verständnis ist merkwürdigerweise noch in Mt. 9, 8 erhalten: 
„der solche Befugnis den Menschen gegeben hat". Natürlich 

We llhausen, Evaug. Marci. 2 



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18 I. Jesus in Kapemaum. § 5—29. 

ist die Meinung nicht, daß jeder Mensch die Befugnis hat, Sünden- 
vergebung auszusprechen, sondern daß Menschen die Befugnis haben 
können. Das Motiv für den Übersetzer, den Menschen hier als 
Messias zu verstehn, liegt auf der Hand. Vgl. 2, 28. 3, 28. 

Seine IJoucjta, zu sagen was er sagt, erweist Jesus wiederum 
durch die Tat. Der Nachsatz zu dem an die Schriftgelehrten ge- 
richteten fva 8k eihr^xe ist eigentlich die Handlung selbst, die Heilung, 
die dramatisch durch das befehlende Wort 2, 11 erfolgt. Das Xs^st 
T(p TtapaX. ist eine Art Bühnenweisung, erforderlich darum, weil die 
Adresse sich ändert. 

Die ganze Erzählung ist eine Probe der szenischen Darstellungs- 
kraft des Markus. 

§ 11. Mc. 2, 13-17 (Mt. 9, 9-13. Lc. 5, 27-32). 

Und wieder ging er hinaus an den See und alles Volk 

kam zu ihm und er lehrte sie. '* Und im Vorübergehn sah 

er Levi den Sohn des Alphäus am Zoll sitzen und sagte zu 

ihm: folge mir. Und er stand auf und folgte ihm. ^*ünd es 

begab sich, daß er zu Tisch saß in seinem Hause, und viele 

Zöllner und Sünder saßen zusammen mit Jesu und seinen 

Jüngern, denn ihrer waren viel und sie folgten ihm. *®Und 

die Schriftgelehrten der Pharisäer, da sie sahen, daß er mit 

den Zöllnern und Sündern aß, sagten zu seinen Jüngern: mit 

den Zöllnern und Sündern ißt er? " Und Jesus hörte es und 

sprach zu ihnen: die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern 

die Kranken; ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, 

sondern Sünder. 

2, 13. 14. Am See wandelnd beruft Jesus die vier ersten Jünger 

und nun auch Levi (für deij D wegen 3, 18 Jakobus setzt). Es 

geschieht ebenso plötzlich, man erkennt die selbe Hand. Der See 

ist sein Lieblingsaufenthalt, Fischer seine Lieblingsjünger. OaXiv 

(bei D hier fehlend, dagegen 2, 23 zugesetzt) braucht nichts weiter 

als einen Übergang zu bezeichnen, wie tüb. Der Sinn von dxo- 

Xoööst wird durch Ävaatots bestimmt, vgl. zu 1, 17. 

2, 15. 16. Wenn nach 2, 14 Levi aufsteht und Jesu folgt, so 
paßt dazu schlecht, daß hier umgekehrt Jesus mit in das Haus 
Levis gegangen ist. Es besteht kein wahrer Zusammenhang; die 
Verse 15. 16 sind gemacht, um die Situation so zuzurichten, daß 



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§12. Mc.2, 18— 22. 19 

sie zum Anlaß für den Spruch 2, 17 paßt. Von ^dav yÄp ttoXXoi 
an schwankt die Satzteilung. Die übliche ist: „denn es waren ihrer 
(der Zöllner) viele und sie folgten ihm. Und die Schriftgelehrten, 
da sie sahen, sagten". Es gibt jedoch noch eine andere: „denn es 
waren ihrer viele. Und es folgten ihm auch die Schriftgelehrten, 
und da sie sahen". Dabei ist aber fjaav -yap iroXXof gegenüber dem 
vorhergehenden iroXXot reine Tautologie, während im anderen Fall 
die Parataxe mit D zu erklären ist: es begleiteten ihn nämlich 
viele. Dieser Nachteil wird dadurch nicht aufgewogen, daß die 
Anwesenheit der Schriftgelehrten erklärt wird. Denn sie sind auch 
sonst überall zur Stelle, ohne eingeführt zu werden, und es bleibt 
unmotivirt, daß sie ungeladen bei der Mahlzeit erscheinen und als 
Zuschauer die Gäste, die Jünger, stören. Der Ausdruck die 
Schriftgelehrten der Pharisäer befremdet, er soll vielleicht 
den Übergang von den Schriftgelehrten in § 10 zu den Pharisäern 
in § 12—14 machen. Es gibt im Evangelium keine sadducäischen 
Schriftgelehrten; die Pharisäer sind die Partei der Schriftgelehrten. — 
Während es noch 1,36 heißt Simon und Genossen, treten hier 
zum erstenmal die Jünger auf; ihr Kreis darf hier nicht anders 
begrenzt werden, als wie es sonst bei Mc geschieht. 

2, 17. Während in § 12. 13 Jesus wegen des Verhaltens der 
Jünger zur Rede gestellt wird, ist es hier umgekehrt. Doch ant- 
wortet auch hier Jesus, obwol nicht gefragt. Sein Apophthegma — 
ein Doppelspruch wie häufig — hat die Einleitung 2, 15. 16 nicht 
nötig. Der Frage „ißt er denn usw." entspricht die Antwort 
„die Gesunden bedürfen des Arztes nicht" recht wenig; und in oöx 
^XÖov xa)iaat ist Jesus der Einladende, nicht Levi. Mit anderen 
Worten ist der Spruch 2, 17 mit der Erzählung 2, 13. 14 nur in 
künstliche Verbindung gebracht durch den Einsatz von 2, 15. 16. 

§ 12. Mc.2, 18-22 (Mt. 9, 14-17. Lc. 5, 33-89). 

Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten. 
Und es kamen (Leute) und sagten zu ihm: warum fasten die 
Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine 
Jünger aber nicht? ^^ Und Jesus sprach zu ihnen: Können 
etwa die Hochzeiter fasten, solange der Bräutigam bei ihnen 
ist? solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie 
nicht fasten. ^^ Aber es kommen Tage, wo der Bräutigam ihnen 

2* 



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20 !• Jesus in Kaperaaum. § 6—29. 

entrissen ist, dann werden sie fasten, an jenem Tage. ''Nie- 
mand näht einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid, 
sonst reißt das Aufgesetzte davon ab, das neue vom alten, und 
es entsteht ein ärgerer Riß. " Und niemand tut jungen Wein 
in alte Schläuche, sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und 
der Wein geht verloren und die Schläuche. 

2. 18. Das Exordium stammt von späterer Redaktion und 
fehlt bei Mt und Lc; zu ep^oviat ist daher ein unbestimmtes 
Subjekt anzunehmen. Die Pharisäer sollen die Einleitung auch für 
2, 21. 22 passend machen. ' Noch deutlicher sind sie zugesetzt in 
der Frage, wo oJ fia&rjial xcov Oaptaoeuuv bloße und sehr unpassende 
Imitation von o£ fi. Itootvou ist. 

2. 19. 20. Die Auslassung der auf die Frage 2, 19 folgenden 
Affirmation in D hat nichts zu besagen. Den gewöhnlichen Hoch- 
zeitern wird weder der Bräutigam entrissen, noch haben sie Anlaß 
zu fasten, wenn die Hochzeit zu Ende ist. Es schimmert also 
schon in 2, 19 der allegorische Sinn durch (auch in dem Ausdruck 
solange der Bräutigam bei ihnen ist statt während der 
Hochzeit), und man darf 2,20 nicht davon abschneiden. Daran 
wird dadurch nichts geändert, daß 2, 20 in der Tat über ein bloßes 
Korrolarium hinausgeht, nicht Möglichkeit ist, sondern bestimmte 
Weissagung im biblischen Stil; sie werden fasten, nicht: sie 
können fasten. Denn das Ganze spielt nicht zwischen den Meistern, 
sondern zwischen ihren Jüngern und hat keine Bedeutung für die 
Gegenwart, sondern für die Zukunft. Nach Jesu Tode wichen seine 
Jünger von seiner Praxis ab. Sie nahmen von den Johannesjüngern 
nicht bloß die Taufe an, sondern auch das Gebet (Lc. 11,1) und 
das Fasten. Für das Fasten gibt Jesus ihnen hier die Erlaubnis, 
die jedoch erst nach seinem Tode in Kraft tritt. 

In Wahrheit wird er es wol nicht im voraus, mit einer so 
eigentümlichen Motivirung, genehmigt haben, daß seine Jünger zum 
Kultusfasten eine andere Stellung einnahmen wie er selber. Auch 
widerspricht es dem Grundplan des Mc, daß Jesus schon hier 
seinen Tod verkündet und daß er sich den Bräutigam nennt, d. h. 
nach der üblichen Vorstellung des Reiches Gottes als eines Hoch- 
zeitsmahls, den Messias. Daß man durch Ausscheidung von 2, 20 
die Authentie von 2, 19 nicht retten kann, ist schon gezeigt worden. 

„Die Hochzeiter" sind eine Art männlicher Brautjungfern. 
Der griechische Ausdruck entspricht dem aramäischen nicht wörtlich, 



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§13. Mc.2,23— 28. 21 

ist aber selber nach aramäischen Analogien gebildet: Söhne des 
Reichs, der Auferstehung, der Hölle usw. So auch in den Hom. 
Clem. 19, 22 ed. Lag. : oJol vsofiYjvitov xal (yceßßaTCDV. 

2,21. 22 ist in Wahrheit ganz unabhängig von dem Vorher- 
gehenden. Die Regel, daß man ein altes Kleid auch mit einem 
alten Lappen flicken müsse, gilt bei uns nicht und scheint schon 
Lc befremdet zu haben. Der Sinn ist klar: ein verrosteter Kessel 
wird durch Reparatur vollends zugrunde gerichtet. Unter dem 
alten Kleide und dem alten Schlauch läßt sich kaum etwas anders 
verstehn als das Judentum. Jesus setzt nicht das jüdische Volk in 
Gegensatz zum Reiche Gottes, welches ohne menschliches Zutun kommt, 
sondern dessen derzeitigen Status in Gegensatz zu dem, was er 
selber für das Rechte hält und wofür er schon jetzt auf Erden sich 
einsetzt; er statuirt keine Regel für das göttliche, sondern für das 
menschliche Wirken und zwar offenbar für sein eigenes. Dabei 
fällt der vollendete Radikalismus auf, dem er praktisch doch nicht 
huldigt; denn er hält für seine Person am Alten Testament und 
am Judentum fest. Und ferner fällt auf, daß er die Schaffung 
einer neuen Form für notwendig erklärt, während er tatsächlich 
in dieser Beziehung Alles der Gemeinde nach seinem Tode über- 
lassen hat. Ein Zweifel an der Echtheit dieses Doppelspruchs wird 
dadurch freilich nicht begründet; es gibt für uns gar viel Unauf- 
geklärtes in dem Tun und Reden Jesu. Ei hi jjlt^ ist vellä (sonst). 
Tb xaivöv TOü TüaXatoü sieht wie ein Interpretament aus. 

§ 13. Mc.2, 23-28 (Mt. 12, 1-8. Lc. 6, 1-5). 

Und es begab sich, daß er am Sabbat durch Saatfelder 
ging, und seine Jünger begannen im Vorübergehn Ähren zu 
rupfen. '*Und die Pharisäer sagten zu ihm: siehe, was sie 
am Sabbat Unerlaubtes tun! '^Und er sprach zu ihnen: habt 
ihr nie gelesen, was David tat, da es ihm not war und er 
Hunger hatte, und seine Gefährten? ^*wie er in das Haus 
Gottes eintrat, zur Zeit des Hohenpriesters Abiathar, und die 
Schaubrote aß, die nur die Priester essen dürfen, und auch 
seinen Gefährten davon gab? "Und er sprach zu ihnen: der 
Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch 
um des Sabbats willen, ^^ also ist der Menschensohn Herr auch 
über den Sabbat. 



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22 !• Jesus in Kapernaum. § 5—29. 

2, 23. Die Jimgor reißen nicht die Halme ab, um sich Weg 
zu bahnen, sondern die Ähren, um sie zu essen. Besser griechisch 
wäre zu sagen gewesen: 7]p{avTo oSoTcotoüVTec (en passant) xtXXeiv. 
Die Zeit ist nach Ostern: wir haben hier die einzige Bestimmung 
der Saison im Evangelium. 

2. 26. Abiathar war zur Zeit des hier erwähnten Ereignisses 
zwar noch nicht Hoherpriester, wurde es aber infolge davon. D 
hat ihn durch Korrektur gestrichen. Merkwürdig ist am Schluß 
Toic auv aöxq ooatv gegenüber ot jiex' aöxoü 2, 25 ; D beseitigt die 
Varianz. 

2.27. 28 hängt bei Mc nicht eng mit dem Vorhergehenden 
zusammen, sondern ist durch xat iXs^sv abgehoben. Der Schluß 
2, 28 ist nicht aus dem Beispiel Davids gefolgert, sondern hat eine 
neue Prämisse. Wenn er bündig sein soll, so muß das Hauptwort 
der Aussage in ihm das selbe sein, wie in der Prämisse: der Sabbat 
ist wegen des Menschen da und nicht der Mensch wegen des 
Sabbats, also ist der Mensch Herr über den Sabbat. Auch hier 
wie in 2, 10 ist der Mensch fälschlich zum Menschensohn erhöht, 
und aus dem selben Grunde: eine solche ijoüdia kann nur der 
Messias haben. 

Bei Mt und Lc fehlt die Prämisse 2, 27, D beseitigt sie auch 
bei Mc. Dadurch wird Zusammenhang hergestellt mit dem Vorher- 
gehenden: was David darf, darf auch der Messias. Dieser Zu- 
sammenhang ist nun gegenüber dem xat IXe^ev aüioT? des Mc an 
sich verdächtig, denn die Richtung geht immer dahin, das lockere 
Gefüge fester zu verbinden. Und ferner müßte dann in 2, 28 das 
xat nicht vor toü aaßßa'xoü, sondern ganz notwendig vor 6 üIo^ x. d. 
stehn: Mt. hat es zwar gestrichen, bei Lc aber steht es an der 
selben Stelle wie bei Mc; verräterischerweise. 

Der Grundsatz 2, 27 wird ähnlich auch von einem Rabbinen 
ausgesprochen. Es würde Jesu keinen Eintrag tun, wenn er ihn 
sich angeeignet hätte. Indessen die Priorität ist zweifelhaft. 

§14. Mc.3, 1-6 (Mt. 12, 9-14. Lc.G, 6-11). 

Und ein andermal ging er in die Synagoge, und da war 
ein Mensch, der hatte einen starren Arm. ^ünd sie paßten 
auf, ob er am Sabbat heilen würde, um etwas gegen ihn vor- 
bringen zu können. ^ Und er sagte zu dem Menschen mit dem 



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§ 15. Mc. 3, 7—12. 23 

starren Arm: steh auf und tritt vor! *Und er sagte zu ihnen: 
darf man am Sabbat nicht lieber Gutes erweisen, als Böses, 
nicht lieber eine Seele retten, als sie töten? Sie aber schwiegen. 
*Und er sah sie ringsum an mit Zorne, entrüstet über die 
Erstorbenheit ihres Herzens, und sagte zu dem Menschen: 
streck deinen Arm aus! Und er streckte ihn aus und sein Arm 
war hergestellt. ^ Und die Pharisäer gingen hinaus und faßten 
alsbald mit den Herodianern Beschluß gegen ihn, um ihn zu 
verderben. 
3,1. Mt.und Lc haben ek auva^to^T^v determinirt veratanden, 
da es in Kapernaum nur eine Synagoge gab. 

3, 2. In Anbetracht des aram. Äquivalents braucht man xaxT]- 
^opstv nicht gerade vom Anklagen vor der Behörde zu vei-stehn. 

3, 4. Da (jtoaat dem dTroxTetvat gegensätzlich entspricht, so liegt 
achi zugrunde, das alte, in der Peschita aber zurückgedrängte 
aramäische Äquivalent für awCeiv, woher auch machiäna, der 
Heiland. Es heißt nicht bloß lebendig-, sondern auch gesundmachen. 
So auch im Hebr. z. B. Osee 6, 1. 2 und Exod. 1, 13 (gesund). 

3, 5. Für 7t(i>p(ü(y£i bieten D und Syra S. das originellere 
vsxpwaet. 

3,6. Bisher sind keine bestimmten Personen genannt, Jesus 
fragt alle, sie schweigen alle, und er sieht alle ringsum mit Zorn an. 
Hier tauchen plötzlich die Pharisäer aus der Allgemeinheit hervor. 
Nachdem sie hinausgegangen, treten sie in Verbindung mit den 
Herodianern: dazu hat vielleicht die Äußerung Jesu 8, 15 Anlaß 
gegeben. Die Herodianer sind keine eigentliche Partei, sondern es 
sind die Gouvernementalen, die ebenso wie Herodes selber vor jeder 
Bewegung Angst haben. AtSovai wird zuweilen für Ttoieiv und 
Tt&svai gesetzt. So hier in düfjißoüXiov dSiSoüv. 

§ 15. Mc. 3, 7-12 (Mt. 12, 15-21. Lc. 6, 17-19). 

Und Jesus mit seinen Jüngern zog sich zurück an den 
See, und viele Leute von Galiläa und von Judäa ^und von 
Jerusalem und von Idumäa und Peräa und der Gegend von 
Tyrus und Sidon, eine große Menge, da sie hörten was er tat, 
kamen sie zu ihm. 'Und er sagte seinen Jüngern, es solle 
ihm ein Schiff bereit stehn, wegen der vielen Leute, daß sie 
ihn nicht drängten. ^^ Denn er heilte viele, sodaß sie auf ihn 



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24 I. Jesus in Kaperaaum. § 5—29. 

sich stürzten um ihn zu berühren. ^*Und wenn ihn die un- 
reinen Geister erblickten, fielen sie vor ihm nieder, schrieen und 
sprachen: du bist der Sohn Gottes. *^ Und er bedrohte sie 
sehr, daß sie ihn nicht offenbar machten. 
Man denkt, Jesus ziehe sich vor den Gegnern zurück (dvce- 

X^psTv bei Mc nur hier), aber in § 17 setzt er den gefährlichen 

Streit mit ihnen fort und von einem Ausweichen in die Einsamkeit, 

überhaupt von einer wirklichen Ortsveränderung, merkt man nichts. 

Er bleibt in Kapernaum und der Zudrang zu ihm wird immer größer; 

von ganz Syrien ist indessen keine Rede, auch nicht von Samarien, 

sondern nur von den Teilen Palästinas, in denen Juden wohnten; 

das Gebiet von Tyrus und Sidon erstreckte sich über den Norden 

Galiläas nach Damaskus zu. 

3, 7. 8. Man darf hinter T^xoXoüÖYjaav (das von D ausgelassen 

wird, auch von Syra S.) nicht interpungiren, es wird am Schluß 

mit f^X&ov irpi? aöxov wiederholt. 

§ 16. Mc. 3, 13-19 (Mt. 10, 1-4. Lc. 6, 12-16). 

Und er ging auf einen Berg und rief die, welche er wollte, 
zu sich heran, und sie kamen zu ihm. ^* Und er machte Zwölf, 
daß sie mit ihm wären und daß er sie aussendete zu predigen, 
**und daß sie Macht hätten, Teufel auszutreiben, ^^ Simon, 
dem er den Namen Petrus beilegte, ^"^ und Jakobus den Sohn 
des Zebedäus und Johannes den Bruder des Jakobus, denen 
er den Namen Boanerges beilegte, d.i. Donneresöhne, *^und 
Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und 
Jakobus den Sohn des Alphäus und Thaddäus und Simon 
Kanaanäus und Judas Ischarioth, der ihn verriet. 

Jesus zieht sich von der Menge zurück auf einen Berg (s. zu 
1, 35. 2, 1). Und hier beruft er die Zwölf, nicht bloß als seine 
ständigen Begleiter, sondern nach 3, 14. 15 zugleich auch als Apostel. 
An der Echtheit dessen, was zwischen und er machte Zwölf 
3, 14 und er machte die Zwölf 3, 16 steht, braucht man nicht 
zu zweifeln; die Satzfolge, die Fortsetzung der Finalsätze durch den 
Infinitiv ist ungriechisch; er machte die Zwölf 3,16 fehlt in D 
und Syra S. 

Die Beinamen der Zwölf werden auf Aramäisch angegeben; 
nur heißt es Petrus und nicht Repha. BoavT^oys; wird durch 



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§16. Mc. 3, 13-19. 25 

Lc. 9, bi historisch erklärt. Rges für Donner läßt sich bisher nicht 
nachweisen, wenn es nicht in dem Eigennamen Ragasbal steckt. 
KavaGcvaloc wird von Lc richtig durch ^rikmrfi^ wiedergegeben; es 
war also ein Zelot unter den Zwölfen, natürlich ein gewesener. 
Im palästin. Aramäisch wird das anfangende Mem der Participia 
allgemein weggelassen, wenn hinten an antritt; man sagt qan'än 
(eigentlich qann'än), nicht m'qan'an. Der griechischen Endung 
-atoc entspricht regelrecht die aramäische -äi (z. B. 2a88oüxato<; 
^adduqäi), die in diesem Falle jedoch fehlt und ebenso in Oapiaatoc 
ph'risch. Unerklärlich ist bis jetzt laxctptcoft, mit der Variante 
Sxctpitoft, beides auch mit der Endung -rfi und mit t statt &. 
Der Codex Bezae (D) hat dafür im Ev. Joa. diro xapuoDXOü, aber 
an das hebräische isch zu denken und „Mann von Karioth" zu 
übersetzen, ist ausgeschlossen. Eine Herkunftsangabe erwartet man 
überhaupt nicht, eher einen Schimpfnamen wie Bandit (sicarius). 
8a>[xa ist wie Geminus und Didymus kein bloßer Beiname, vgl. 
Lidzbarski, Handbuch der nordsem. Epigraphik (1898) S. 383. 

Unter den richtigen Personennamen befinden sich zwei ganz 
griechische, Andreas und Philippus, die vielleicht eben deswegen 
zusammengestellt werden. Bartholomäus geht zwar auf Ptolemäus 
zurück und Thaddäus (was mit dem macedonischen Adaeus nichts 
zu tun hat) vielleicht auf Theodotus, aber diese Namen sind voll- 
kommen aramaisirt. Sie haben ebenso wie Zebedäus und Matthäus 
die Form der Hypokoristika auf ai oder ä; s. Derenbourg, la 
Palestine (1867), S. 95. Zebedäus ist etwa Zabdiel, Matthäus ist 
Matthatia. Alphäus bietet Schwierigkeiten, denn in Chalphä 
(Lidzbarski S. 275) ist das Chet hart und müßte durch x oder x 
transkribirt werden — doch hat die Syra S. sich daran nicht ge- 
stoßen. Für Thaddäus wird Act. 1, 13 Judas Jakobi gesetzt und 
im Codex Bezae Mc. 3, 19 Lebbäus. Dieser letztere Name, der sich 
bei Lidzbarski S. 301 findet, ist ebenfalls Hypokoristikon; man 
kennt aber die volle Form nicht. Lebubna liegt etwas fern und 
läßt sich nur in Mesopotamien nachweisen. 

Es versteht sich von selbst, daß die Beilegung von Beinamen 
wie Kepha und Boanerges nicht abrupt geschehen kann und kein 
historischer Akt ist. Es liegt hier überhaupt kein historischer Akt 
vor, sondern vielmehr Statistik in historischer Darstellung; ein 
Verzeichnis in Form einer Szene auf hoher Bühne. Dasselbe stimmt 
nicht ganz zu dem vorher Berichteten. Levi, den man nach § 11 



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26 I. Jesus in Kapernaum. § 5—29. 

erwartet, fehlt; denn ihn mit Matthäus oder mit Jakobus Alphaei 
(so D zu 2, 14) zu verselbigen schickt sich nicht. Andreas erscheint 
im Widerspruch zu § 5 schon hier nicht mehr unter den ersten 
Vier, woran Mt und Lc sich mit Fug gestoßen haben. Auch sind 
die Jünger schon vor § 16 da, und es scheint nicht, daß nachher 
etwas anderes darunter verstanden wird. Daß sie aber schon hier 
zu Aposteln berufen werden, greift dem § 29 vor, wie Mt richtig 
empfindet. Über den Namen wenigstens eines von den Zwölfen 
herrscht Schwanken. 

Aber auch § 15 ist keine konkrete Erzählung, sondern in 
Wahrheit ein Resume von gleichbleibenden und stets sich wieder- 
holenden Vorgängen: Beachtung verdient dabei die nachdrückliche 
Bemerkung, daß die Dämonen den Messias erkannten und von ihm 
zum Schweigen gebracht werden mußten. Man wird nicht fehl- 
greifen, wenn man in § 15 sowol wie in § 16 Redaktionsstücke er- 
blickt. Daß sie eingelegt sind, geht daraus hervor, daß § 17 und 
18 ihrer Art nach noch zu der Gruppe § 10 — 14 gehören; es sind 
ganz analoge Erzählungen mit einem prägnanten Worte Jesu am 
Schluß. Vielleicht sollte § 15 eigentlich dicht vor § 19 stehn. 
Darauf weist die Situation: Jesus im Gedränge am See, so daß ein 
Schiff für ihn bereitgehalten wird. An der jetzigen Stelle von 
§ 15 benutzt Jesus das Schiff nicht, sondern geht auf einen Berg 
und ist hernach wieder in Kapernaum. Dagegen 4, 1 steigt er 
wirklich in das Schiff, das seit 3, 9 auf ihn wartet. — Daß 3, 6 
nicht zu 3, 1 - 5 paßt, ist schon gezeigt worden; es ist eine Über- 
leitung zu § 15 (dve)((üp>]<ysv). 



§ 17. Mc. 3, 20-30 (Mt. 12, 22-32. Lc. 11, 14-23). 

Und er kam nach Hause, ^° und wieder lief ein Haufe zu- 
sammen, so daß sie nicht einmal Brot essen konnten. '^Und 
da die Seinigen es hörten, machten sie sich auf, um sich seiner 
zu bemächtigen; denn sie sagten: er ist von Sinnen. ''Und 
die von Jerusalem herabgekommenen Schriftgelehrten sagten: 
er hat den Beelzebul, und durch den Obersten der Dämonen 
treibt er die Dämonen aus. '^ Und er rief sie heran und sprach 
zu ihnen gleichnisweise: Wie kann der Satan den Satan aus- 
treiben? '*Wenn ein Reich sich entzweit, kann jenes Reich 



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§17. Mc.3,20— 30. 27 

nicht Bestand haben, ^^und wenn ein Haus sich entzweit, 
kann jenes Haus nicht Bestand haben, " und wenn der Satan 
sich gegen sich selbst erhebt, so ist er entzweit und kann 
nicht Bestand haben, sondern nimmt ein Ende. '^Niemand 
kann in das Haus eines Gewaltigen eindringen und ihm sein 
Zeug rauben, wenn er nicht zuvor den Gewaltigen bindet; 
dann erst kann er sein Haus ausrauben. ^^Amen ich sage 
euch, Alles wird den Menschensöhnen vergeben [alle Sünden 
und Lästerungen], was sie auch lästern mögen, ^^wer aber 
gegen den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung, 
sondern ist ewiger Sünde schuldig — ^° weil sie sagten, er 
habe einen unreinen Geist. 

3,21 gehört sachlich mit 3,31 zusammen. Markus hat § 17 
mit § 18 verzwickt und die Einleitung von § 18 vor § 17 geschoben, 
um durch die Äußerung der Verwandten (Syra S. : seiner Brüder) 
er ist von Sinnen eine Anknüpfung zu gewinnen für die Äußerung 
der Schriftgelehrten Beelzebul wirkt in ihm; denn den von Mt 
und Lc dafür angegebenen Anlaß kennt er nicht. Objekt zu axoü- 
aavTsc kann nur der Inhalt von 3,20 sein, der sich dazu freilich 
nicht recht eignet. In D ist 3,21 höchst charakteristisch verändert. 
3,22. Es heißt nicht: es kamen Schiiftgelehrte von Jerusalem, 
sondern sofort: die von Jerusalem gekommenen Schriftgelehrten, 
als seien sie schon bekannt. Die Auskunft, sie seien durch 3, 8 
avisirt, ist kläglich. Mt setzt die Pharisäer an die Stelle, Lc sagt 
bloß einige Leute, und das ist wegen der Frage Mt. 12,27. 
Lc. 11,19 das Richtige. Die bestimmten Adressaten sind hier wie 
in anderen Fällen zugesetzt, Jesus hat in Wahrheit nicht so aus- 
schließlich mit den Schriftgelehrten und Pharisäern zu tun gehabt. 
An dieser Stelle fungiren die jerusalemischen Rabbinen bei Mc 
als Superlativ der Gegner von § 10—14, als die giftigste Art des 
Otterngezüchtes. Vgl. 7, 1. 

3, 23. Nach TrpoöxaX£aa[jLsvo? zu schließen ist die Beleidigung 
nicht gerade Jesu ins Gesicht geschleudert. Nicht: ein Satan treibt 
den andern aus, sondern: der Satan sich selber; denn es gibt nur 
einen Satan. Der Argumentation liegt zugrunde die Vorstellung 
von dem Zusammenhang der Dämonen in einem Reich unter einem 
Oberhaupt. Und zwar ist dies Reich gegenwärtig und wirksam auf 
Erden. Dementsprechend ist bei Mt und Lc auch das Gegenbild, 
das Reich Gottes, nicht als rein zukünftig gedacht, sondern eben- 



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28 I- Jesus in Kaperaaum. § 5—29. 

falls als scholl gegenwärtig und im Kampf begriffen mit dem feind- 
lichen Reich; bei Mc tritt das aber nicht deutlich hervor. 

3, 25. 26. Haus wird im Aramäischen in sehr weitem Sinne 
gebraucht, auch für ein politisches Gebiet, wie in olxo; Aüaavioo. 
Anders freilich in 3, 27. Aber dieser Vers ist durch dXXot (Lc. 6, 28) 
sehr lose angeschlossen und im Zusammenhang, für den es lediglich 
auf das Negative ankommt, eher störend als forderlich; bei Mt und 
Lc ist der Ansatz zur positiven Erweisung Jesu als des Siegers 
über das Teufelsreich noch weiter ausgesponnen. 

3, 28. Ta ajjLapxr^fiaTa xai al ßXaacprjixtott scheint aus Mt ein- 
gedrungen zu sein, 8aa bezieht sich auf Travxa. Amen als Be- 
teuerung am Anfang des Satzes ist als charakteristisch für die 
Redeweise Jesu im hebräischen Wortlaut beibehalten. Es heißt 
nämlich eigentlich nicht dXYjöo)» und steht nicht am Anfang einer 
Behauptung, sondern am Schluß einer Bitte oder eines Wunsches, 
den die Zuhörer sich damit aneignen: -^svotio. So wird es ja auch 
noch jetzt im Kultus angewendet. Wie 2, 10. 28 im Singular, so 
ist hier das aramäische of ütoi x&v dv8p(&TC(üV im Plural beibehalten. 
Aber dort war ein Anlaß, hier läßt sich keiner finden. 

3, 29. Ek xov afaiva fehlt wol mit Recht in D. Der Aus- 
spruch ist ein Seitenstück zu 2, 10 und mindestens ebenso außer- 
ordentlich. Es handelt sich nicht um Verleumdung; Blasphemie, 
absolut gebraucht, ist Gotteslästerung. Auch Blasphemie kann Ver- 
gebung finden, z. B. in dem Falle Hiobs, wo Gott sich verhüllt 
und unbegreiflich verfährt. Aber eine Blasphemie gegen den Geist 
findet keine Vergebung, denn der Geist — worunter nichts bloß 
Moralisches verstanden werden darf — ist der aus der Hülle hervor- 
gestreckte Finger Gottes (Lc. 11,20), seine hypostasirte Kraft, die 
lebendig auf Erden webt und den Menschen unverkennbar sich 
kundgibt, sei es durch unpersönliche Wirkungen, sei es durch 
Männer des Geistes und der Ki^aft. Die Dämonenaustreibung ist 
ein Werk des Geistes; wer sie für Satanswerk ausgibt, lästert den 
Geist und ist schuldig ewiger Sünde, d. i. ewiger Strafe. 

Ganz ähnlich wie Jesus entrüsten sich die Propheten gegenüber 
der Verkennung, daß der Geist sie treibe und durch sie wirke; des- 
gleichen Muhammed gegenüber der Verdächtigung, daß er nicht der 
Bote Gottes, sondern von einen Dämon besessen sei. Ihre Entrüstung 
begreift sich umsomehr, da ihre Gottesgewißheit ihnen selber zwar 
felsenfest steht, anderen aber schlecht anbewiesen werden kann. 



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§18. Mc. 3, 31—35. 29. 

Jesus legt im Allgemeinen wenig Gewicht auf seine Taten als 
Zeichen; nach Mt und Lc würde er nichts einzuwenden haben, 
wenn die Juden sprächen: so etwas können unsere Söhne auch. 
Aber das tun sie nicht, sie gestehn die außerordentliche Kraft zu, 
leiten sie aber vom Satan ab. Und dies erklärt Jesus nicht nur 
für blasphemisch, sondern auch für irrational. Es ist indessen 
längst bemerkt worden, daß die Juden dabei im guten Glauben 
sein konnten; sie erhoben leicht solche Vorwürfe und dachten sich 
wenig dabei (Mt. 11, 18). Der Wahn, daß Goeten mit dämonischer 
Hilfe heilen und Geister bannen könnten, war weit verbreitet. Mit 
inneren Widersprüchen behaftet ist dieser Vorstellungskreis an und 
für sich, die Logik muß ihm ferne bleiben. Es ließe sich der 
Argumentation Jesu eine solche Tragweite geben, daß dadurch der 
ganze Dämonenglaube als irrational über den Haufen fiele. Das 
würde wol über seine Absicht hinausgehn. Denn er erscheint hin- 
sichtlich dieses Punktes befangen in der Meinung seiner Zeitgenossen. 
Freilich hat er selber seine Exorcismen gewiß nicht wie Markus 
als die Krone seiner Wirksamkeit angesehen. 



§ 18. Mc. 3, 31-35 (Mt. 12, 46-50. Lc. 8, 19-21). 

Und seine Mutter kam und seine Brüder, und draußen 
stehn bleibend ließen sie ihn zu sich herausrufen; es saß 
nämlich eine Menge um ihn herum. "Und man sagte ihm: 
deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. 
" Und er antwortete: wer ist meine Mutter und meine Brüder? 
'*Und er schaute die rings um ihn Sitzenden an und sprach: 
siehe da meine Mutter und meine Brüder; '^ jeder der den 
Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter. 
3, 31 setzt 3, 21 fort. Die Meinung der Verwandten, er sei 
von Sinnen, und ihre Absicht, ihn heimzuholen, ist wesentlich zum 
Verständnis der ablehnenden Haltung Jesu gegen sie. Sie unter- 
scheiden sich nicht von den Nazarenern überhaupt, ein Prophet 
gilt nichts in seinQr Vaterstadt und bei den Seinen. Übrigens hat 
ihr Unternehmen nur Sinn, wenn er der Familie noch nicht ent- 
wachsen ist, und wenn er sich noch nicht lange Zeit von Hause 
entfernt hat. Sie haben jetzt erst von seinem Treiben in Kapernaum 
erfahren und von dem Aufsehen, das er dort erregte. 



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30 !• Jesus in Kapernaum. § 5—29. 

3,32. Die Schwestern sind hier aus 3,35 eingetragen, wo 
sie am rechten Ort stehn. Daß der Vater nicht genannt wird, hat 
man auf Tendenz zurückgeführt, als huldige auch Mc den An- 
schauungen der Vorgeschichte bei Mt und Lc. Indessen bleibt doch 
deutlich zu erkennen, duß Maria von der Vorgeschichte ihres Sohnes 
nichts weiß. Das Fehlen des Vaters wird einen natürlichen Grund 
haben und daran liegen, daß er nicht mehr am Leben ist. 

3, 35. Der Spruch hat in Mt. 7, 21 einen Widerhall gefunden. 
Dort ist der Wille Gottes verstanden als der allgemein bekannte, 
man wird ihn also wol auch hier nicht nach 3, 34 auf die An- 
erkennung Jesu beschränken dürfen. 

§ 19. Mc.4, 1-9 (Mt. 13, 1-9. Lc. 8, 4-8). 

Und er begann wiederum zu lehren am See, und ein sehr 

großer Haufe sammelte sich zu ihm, so daß er in das Schiff 

sitzen ging auf dem See, und die ganze Menge war am See 

auf dem Lande. 'Und er lehrte sie viel in Gleichnissen und 

sagte zu ihnen in seiner Lehre: 'Hört zu! Ein Säemann ging 

aus zu säen *Und beim Säen fiel Etliches an den Weg und 

die Vögel kamen und fraßen es auf. * Und Anderes fiel auf 

das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte, und es lief alsbald 

auf, weil es nicht tief in der Erde lag, ® und als die Sonne 

aufging, litt es unter der Hitze, und weil es keine Wurzel 

hatte, verdorrte es. ^ Und Anderes fiel auf die Dornen, und 

die Dornen liefen auf und erstickten es, und Frucht brachte es 

nicht. ®Und Anderes fiel auf das gute Land und brachte 

Frucht, die auflief und wuchs und trug, dreißig-, sechzig-, 

hundertfach. ®Und er sprach: wer Ohren hat zu hören, der höre. 

Hier beginnt ein drittes Kapitel, die Parabeln § 19 — 24. Daß 

Jesus liebte in Gleichnissen zu reden, sieht man schon aus 3,23. 

Zwischen Vergleich, Sprichwort, Parabel, Allegorie macht das 

semitische ma schal, mathla keinen Unterschied; auch die chida 

kann unter den selben, sehr weiten und unbestimmten Begriff fallen. 

Sogar der bloße Spruch heißt 7, 17 itapaßoXi^. Man darf also hier 

keine scharf begrenzenden Kategorien aufstellen, etwa gar nach der 

Rhetorik der Griechen. Es ist zwar richtig, daß das semitische 

Gleichnis sehr oft nur einen Punkt trifft und grell beleuchtet, 

während alles Übrige hors de comparaison und im Dunkel bleibt. 



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§19. Mc.4,1-9. 31 

Doch kann es auch auf mehrere Punkte der verglichenen Sache 
passen und der Allegorie entsprechen oder ihr nahe kommen. Dies 
grundsätzlich auszuschließen und damit noch zu prahlen, ist nicht 
fein. Man darf nicht Alles über einen Kamm scheren, sondern 
muß sich nach der Natur des einzelnen Falles richten. Berechtigt 
ist nur der Protest gegen die Manier des Philo und seiner Nach- 
folger, überall Allegorie zu finden und dabei womöglich einen 
doppelten Sinn anzunehmen, den natürlichen und den höheren. 
Aber darüber sind wir doch glücklich hinaus. 

4, 1 D liest eh xh ttXoTov (vgl. 3, 9) und im Folgenden zweimal 
Tcspav xfjc OaXa'ööY]?, was die Latina mit circa mare wiedergibt. 
Bedeutet irepav, oder vielmehr das entsprechende aramäische Wort, 
nicht bloß jenseits, sondern auch am Ufer? 

4, 2. Durch iv x^ StS«/^ aöioS wird angedeutet, daß nur 
Einiges unter Anderem behalten und überliefert ist, was Jesus sagte; 
vgl. 12,38. 

4, 3. Alltäglicher Vorgang wird hier im Präteritum als Ge- 
schichte erzählt, wie in der Allegorie. Dagegen § 22 steht das 
Präsens, wie im gewöhnliches Gleichnis, mit der Einleitung: es ist 
wie wenn. „Höret" als Eingang der Rede, wie 7,14; im Alten 
Testament gewöhnlich mit folgendem Vokativ. 

4,4. Man erwartet auf den Weg, nicht neben den Weg; 
doch läßt sich auch das letztere verstehn. 

4, 7. Die Dornen sind keine Büsche, welche im Alten Testa- 
ment (Judic. 9) vielmehr als Bäume gelten, sondern Unkraut, das 
zugleich mit der Saat aufgeht. Der Ausdruck CiCavta kommt nur 
Mt. 13 vor; das A. T. kennt kein Unkraut, sondern braucht in 
dem selben Sinn Dorn und Distel. Kap^ov 8t86vat und dvaßatvetv 
(für aufwachsen) sagt man im Hebräischen und Aramäischen. 

4, 8. Obgleich sk auch für iv gebraucht wird, so ist der 
Wechsel hier doch unerträglich, man wird mit D und nach 4, 20 
an allen drei Stellen ev lesen müssen. Mt hat es als Sv gelesen 
und mit 8 |xsv . . . 8 8s . . . wiedergegeben. Das ist aber nach 4, 20 
unrichtig. Lc hat h gelesen und versteht das als (dreißig)fach, 
was die Präposition im Aramäischen vielleicht bedeuten kann. 

In dem ganzen Stück fällt die Unbeholfenheit der Redeweise 
auf, besonders bei Mc; das Griechische ist nur Verkleidung. 



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32 !• Jesus in Kapemaum. §^5—29. 

§ 20. Mc.4, 10-20 (Mt. 13, 10-23. Lc.8, 9-15). 

Und als er allein war, fragten ihn seine Begleiter, samt 
den Zwölfen, um die Gleichnisse. ^^Und er sprach zu ihnen: 
Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben, zu denen 
da draußen aber ergeht Alles im Gleichnis, ^' damit sie sehen 
und nicht erkennen, hören und nicht verstehn, auf daß sie 
nicht umkehren und Vergebung finden. ^*Und er sprach zu 
ihnen: Ihr versteht das Gleichnis nicht, wie wollt ihr denn 
alle (anderen) Gleichnisse verstehn? ^*Der Säemann sät das 
Wort. *^Das aber sind die am Wege: wo das Wort hinein- 
gesät wird, und wenn sie es hören, kommt alsbald der Satan 
und nimmt das in sie gesäte Wort weg. ^® Und dies sind die 
gleichsam auf das Steinige Gesäten: die, wenn sie das Wort 
hören, es alsbald mit Freude aufnehmen, *^aber sie haben 
keine Wurzel an sich, sondern sind wetterwendisch; wenn 
dann Drangsal oder Verfolgung wegen des Wortes eintritt, 
kommen sie alsbald zu Fall. ^^Und andere sind die in die 
Dornen Gesäten; das sind die, die, wenn sie das Wort gehört 
haben, *^ so dringen die Sorgen der Welt ein und die Täuschung 
des Reichtums und anderweitige Begierden und ersticken das 
Wort, und es bleibt ohne Frucht. '°Und das sind die, die 
auf das gute Land gesät sind, die das Wort hören und es 
aufnehmen und Frucht bringen, dreißigfältig und sechzigfaltig 
und hundertfältig. 

4. 10. Tritt hier ein Szenenwechsel ein, so daß Jesus das 
Schiff verläßt und fürderhin nicht mehr zu dem Volke redet? Das 
würde sich mit 4, 33. 36 nicht reimen. Oder soll man sich seine 
Begleiter samt den Zwölfen mit ihm im Schiff denken? Das ist 
kaum möglich. Es fällt ferner auf, daß statt der Jünger die Zwölf 
genannt werden und daß sie neben den Begleitern in zweiter Linie 
stehn; sie scheinen nachgetragen zu sein. Endlich läßt sich der 
Plural xäq irapaßoXot; an dieser Stelle kaum verstehn. Mt und Lc 
beseitigen diese Schwierigkeiten, nach ihnen auch D und Syra S. 
zu Mc: aber gewiß durch Korrektur. 

4. 11. 12. Das Säen des Samens wird hier ohne weiteres ge- 
deutet auf das Mysterium der Pflanzung des Reiches Gottes, vgl. 
zu 4,26. Ein Gleichnis dient zwar zunächst dazu. Höheres durch 
Näherliegendes zu veranschaulichen. Da aber die Pointe gefunden 



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§20. Mc. 4, 10-20. 33 

sein will, so dient es auch dazu, die Aufmerksamkeit und das 
Nachdenken sowol anzuregen als auf die Probe zu stellen. Daß 
Jesus es auch zu diesem Zweck angewandt hat, ebenso wie Jesaias 
und andere Lehrer, unterliegt keinem Zweifel. Indessen ist das 
doch nicht der Esoterismus, der in 4, 11. 12 und halbwegs auch 
4, 33. 34 angenommen wird. Dieser Esoterismus wird nicht bloß 
durch 4, 21 ausgeschlossen, sondern widerspricht auch schon dem 
Sinn des ersten Gleichnisses: sie verstehn alle das Wort, aber sie 
beherzigen es sehr ungleichmäßig. Ganz zu geschweigen von dem 
sonst so stark hervortretenden Mitleid Jesu mit den ox^ot. 

4, 13 setzt die in 4, 11. 12 begonnene Rede an die Jünger nicht 
fort, sondern hebt neu an und in einem ganz anderen Ton. Lc 
läßt darum diesen Vers aus, und Mt setzt eine Seligpreisung an 
Stelle des Scheltens. Wenn man aber zu wählen hat, so muß man 
sich ohne Frage für 4, 13 und gegen 4, 11. 12 entscheiden. Letzteres 
ist ein Nachtrag; 4, 13 schließt sachlich direkt an 4, 10 an, wenn- 
gleich auch 4, 10 in seiner jetzigen Gestalt Spuren von späterer 
Redaktion an sich trägt. 

4.14. Es heißt nicht: der Säemann bin ich und ich säe das 
Reich Gottes an, sondern : der Säemann sät das Wort. Wenn mau 
nach 4, 17 schließen darf, so ist das Wort hier das, was wir das 
Evangelium zu nennen gewohnt sind, das Wort vom Reich Mt. 13, 19, 
das Wort Gottes Lc. 8, 11. In dieser Bedeutung aber erscheint 
6 X670; oder 6 Xo^o^ toü Osoo sonst nur bei Lc, vorzugsweise in 
der Apostelgeschichte; nicht bei Mc und Mt (außer § 20). Die 
dem Mc eigentümliche Redensart XaXaiv xiv X670V 2, 2. 4, 33. 8, 32 
hat zwar stets Jesus zum Subjekt, besagt jedoch kaum mehr als 
XotXstv an sich; xiv Xo-^ov hier als spezifisch christlichen Terminus 
zu fassen, hat man keinen Grund. 

4. 15. Vor Siroü gehört ein Kolon, denn damit beginnt die 
Erklärung. 0? irapa xr^v 686v ist das zu Erklärende, eine kurze 
Markirung des ganzen Inhalts von 4, 4, mit der nach 4, 14 be- 
rechtigten Vorwegnahme, daß der Boden, auf den der Same fällt, 
die Hörer sind. Die Erklärung selber ist nicht bloß Definition eines 
Substantivs, sondern bezieht sich auf den ganzen Vorgang und hat die 
populäre Form eines Satzes, der mit wo oder wenn beginnt. Der 
Satan entspricht den Vögeln nicht in der Weise, wie z. B. die Sorgen 
4, 1 8 den Dornen. Anstatt spezieller Ursachen, welche die W^irkung ver- 
hindern, wird hier nur die allgemeine Ursache alles Bösen angegeben. 

Wellhansen, Evang. Marci. 3 



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34 I- Jesus in Kapemaum. § 5 — 29. 

4.16. 'Ofiotü)? ist wol ähnlich zu fassen wie o)? 4,31, sodaß 
besser griechisch zu sagen gewesen wäre : 3[jloioi toT? . . . ; vgl. 
Apok. 1, 13. 

4. 17. Richtig gibt Lc axavSaXKoviat wieder mit dcptöxavxai. 
2xav8aXtCeiv heißt gewöhnlich: zu Fall bringen, in Gefahr des 
Fallens bringen, verführen. Es werden hier die zukünftigen Ver- 
folgungen der christlichen Gemeinde vorausgesehen. 

4, 19. D liest: die Sorgen des Lebens und die Täuschungen 
(PL) des Reichtums dringen ein und ersticken das Wort, und sie 
bleiben ohne Frucht. 

Die Deutung des Gleichnisses vom Säemann in § 20 ist richtig 
und schön, beschränkt sich jedoch auf das Nächstliegende. Jesus 
lehrt hier eigentlich nicht, sondern er reflektirt laut über den Er- 
folg seiner Lehre, der sich freilich nicht unterscheidet von dem 
Erfolg der wahren Lehre überhaupt. „Ich streue den Samen aus, 
weiß nicht wohin er fällt. Gewiß zumeist auf unfruchtbaren Boden. 
Auf die Gefahr hin: ich muß ihn ausstreuen. In einigen Herzen 
wird er doch auch Frucht tragen." Ähnlich die alten Propheten. 
Nach der 4, 11. 12 angeführten Stelle predigt Jesaias nicht bloß 
tauben Ohren, sondern verstockt die Hörer erst recht durch seine 
Predigt; aber so ist es beschlossen: er hat zu predigen, das Andere 
ist Gottes Sache. Nur steigert sich die Resignation Jesu nicht zu 
der Verzweiflung von Elias und Jeremias; das liegt nicht bloß an 
seinem höheren Gott vertrauen, sondern auch daran, daß er im 
Unterschied von jenen äußerlich einen gewaltigen Erfolg hat. Wie 
übrigens Isa. 6 nicht wirklich in den Anfang von Jesaias Auftreten 
gehört, so hat auch Jesus Mc. 4 bereits Erfahrungen gemacht, die 
ihn vor einer Täuschung über den Wert des Beifalls bewahren, 
den er bei den Massen findet. 

§ 21. Mc.4, 21-25 (Lc. 8, 16-18). 

Und er sagte zu ihnen: kommt etwa das Licht, um unter 
den Scheflfel oder unter das Bett, nicht vielmehr, um auf den 
Leuchter gestellt zu werden? " Denn es ist nichts Verborgenes, 
das nicht zutage trete, und nichts Geheimes, das nicht offenbar 
werde. ^*Wer Ohren hat zu hören, der höre. 

"Und er sagte zu ihnen: beachtet was ihr hört! Das Maß, 
. das ihr zumesset, wird euch zugemessen werden und noch 



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§22. Mc. 4, 26-29. 35 

drüber hinaus. "Denn wer hat, dem wird gegeben, und wer 
nicht hat^ dem wird auch das, nvas er hat, weggenommen. 

4, 21. Der Same muß überallhin ausgestreut werden, das Licht 
überallhin leuchten. Der Spruch reimt sich nicht mit 4, 11. 12. 
Bei Mc ist das Licht, das auf den Leuchter gestellt wird, jedenfalls 
die Lehre Jesu. Bei Mt. 5, 15. 16 freilich der gute Wandel der 
Jünger. Aber diese Deutung ist gesucht, wenngleich sie fein genannt 
werden mag. 

4, 22 ist zwar durch ifap an 4, 21 angeschlossen, in Wahrheit 
aber isolirt. Mc mag bei dem xpüirxov an das Samenkorn des 
Reiches Gottes gedacht haben. Bei Mt. 10, 26 steht der Spruch 
anderswo, bei Lc findet er sich zwar auch an dieser Stelle, wird aber 
12, 2 noch einmal wiederholt. 'Edv jitj wechselt mit dXXct, beides 
entspricht dem aramäischen ellä; vgL 2,21s. 6,8s. 9,8. 11,32. 

4, 24 wird deutlich von dem Vorhergehenden abgehoben. „Be- 
achtet was (xt wie 14, 36) ihr hört" ist eine Aufforderung zur Auf- 
merksamkeit, wie 4, 3. 7, 14, die nicht in inhaltliche Beziehung zu 
dem folgenden Spruch gesetzt werden darf. Dieser erscheint nicht 
nur bei Mt, sondern auch bei Lc in anderem Zusammenhange 
(Mt. 7, 2. Lc. 6, 38). Ihn an diese Stelle zu setzen, hat vielleicht 
nur ein äußerer Umstand den Mc veranlaßt, nämlich die Ähnlichkeit 
von ßXeireTe xt dxoüsxs mit dem vorhergehenden ef xi; e/et fixa xxX. 

4, 25. Auch hier ist ein zweiter Spruch durch -yap lose 
angeschlossen. Er wird bei Mt und Lc wiederholt in der Parabel 
von den Talenten (Mt. 25, 29. Lc. 19, 26). Ob er indessen dort 
seinen wahren Ort hat, läßt sich bezweifeln. Wie sollte Mc darauf 
gekommen sein, ihn herauszureißen und unverständlich zu machen? 
Im Allgemeinen hat die Vereinzelung und die rein äußerliche Auf- 
reihung der Sprüche die Präsumtion des Ursprünglichen für sich. 
Nicht als ob Jesus selber lauter Apophthegmata von sich gegeben 
hätte; aber von seinen Reden sind vielfach nur auffällige Einzel^ 
heiten behalten und diese hernach zu Bausteinen einer neuen 
Struktur verwendet. Übrigens findet sich unser Spruch bei Lc und 
annähernd bei Mt auch an der selben Stelle wie bei Mc. 

§22. Mc. 4, 26-29. 

Und er sprach: So ist das Reich Gottes, wie wenn einer 
Samen auf das Land wirft "und schläft und steht auf Nacht 

3* 



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36 !• Jesus in Kapernaum. § 5 — 29. 

und Tag, und der Same sprießt und geht in die Höhe, er 
weiß nicht wie: ^Won selbst trägt die Erde Frucht, erst Halm, 
dann Ähre, dann ausgewachsener Weizen in der Ähre. ^^ Wenn 
aber die Frucht es gestattet, so läßt er alsbald die Sichel aus- 
gehn, denn die Ernte ist da. 
Das Reich Gottes wird 4, 26 nicht mit einer Sache, sondern 
mit einem Vorgange verglichen und ebenso aufgefaßt wie 4, 11: es 
entsteht auf Erden aus einem Keim, kommt nicht auf einmal 
fertig vom Himmel herunter. Oükü? . . . oic av&pwTco? ßaXTQ 4, 26 
mutet nicht griechisch an. Ebensowenig der Wechsel des Verbal- 
modus 4, 27 , der mit dem Subjektswechsel (xal 6 aicopoc) eintritt, 
gleich als ob ein semitischer Zustandssatz vorläge: „während der 
Same sprießt". Das nackt (ohne ^ap) vorangestellte, eigentümlich 
griechische aÖTOfiocTT) 4, 28 hebt sehr nachdrücklich die Pointe hervor. 
In xapirocpopeT kann xapiro^ nach 4, 8 zwar die im Wachsen be- 
griffene Saat bedeuten, aber das Verb bedarf doch keines Objekts 
und vermutlich sind die folgenden Substantive eigentlich alle als 
Nominative (Syra P.) gemeint, während jetzt nur das letzte in 
diesem Casus steht. Der Schluß 4,29 schießt über. Durch den 
Bauer guckt der Weltrichter hervor, der hier nichts zu tun hat. 
\ A Der Hauptsatz ist biblische Reminiscenz (Joel 4, 13 vgl. Dt. 16, 9), 

\ ^ und der Vordersatz griechisch : to5 &soü icapaStSovio^ sagt Herodot 

und TT]? Äpa? icapaSiSoua?]? Polybius. 

§ 22 ist eine Variante von § 19: indem der Säemann den 
Samen streut, gibt er ihn aus der Hand und überläßt der Erde, 
was daraus wird. Aber in § 19 werden Unterschiede in der Güte 
des Bodens gemacht, in § 22 nicht. Dort gelangt der Same nur 
im günstigen Fall zur Reife, hier unter allen Umständen. Dort ist 
die Stimmung resignirt, weil der Blick am Vordergrunde haftet; 
hier ist sie hoffnungsvoll, zwar nicht jubilirend, aber von ruhiger 
Zuversicht, weil der Blick in die Weite gebt und das Ganze über- 
sieht. Der Säemann kann seiner Wege gehn; er hat einen Prozeß 
eingeleitet, der ohne ihn mit innerer Notwendigkeit sich auswirkt 
und zum Ziel gelangt — mit der Zeit. Natürlich ist auch hier 
der Same das Wort; daß aus dem Wort der Glaube entsteht und 
aus der Gemeinschaft der Gläubigen das Reich Gottes, ist eine 
Konsequenz, die der Gemeinde näher lag als Jesu. 

Es fällt auf, daß weder Mt noch Lc diese Perikope wieder- 
geben. Daß sie sie in ihrem Markus noch nicht vorgefunden hätten, 



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§ 23. 24. Mc. 4, 30—34. 37 

läßt sich kaum annehmen; für einen späten Nachtrag ist sie zu 
originell. Aber sie haben vielleicht ihre Originalität verkannt, sie 
im Vergleich mit § 19 für nichtssagend gehalten, oder sich Jesus 
nicht so zurückgezogen und losgelöst von seiner Stiftung denken 
mögen. Auch die meisten Exegeten alter und neuer Zeit haben 
kein Verhältnis zu der herrlichen Parabel finden können. Richtig 
dagegen, wenngleich freij hat Goethe sie verstanden: mein Acker 
ist die Zeit. 

§ 23. 24. Mc.4, 30-34 (Mt. 13, 31-35. Lc. 13, 18-21). 

Und er sprach: wie sollen wir das Reich Gottes vorbilden 
oder in welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? *^Es ist 
wie ein Senfkorn, das, wenn es auf das Land gesät wird, am 
kleinsten ist von allen Samen auf Erden, ^* und wenn es gesät 
ist, wächst es auf und wird das größte aller Kräuter und treibt 
große Zweige, sodaß unter seinem Schatten die Vögel des 
Himmels wohnen können. 

*' Und in vielen solchen Gleichnissen redete er ihnen das 
Wort, so wie sie es verstehn konnten. '*Und ohne Gleichnis 
redete er nicht zu ihnen, privatim aber gab er seinen Jüngern 
die Lösung von Allem. 
4, 30. Das Exordium hat hier die Form semitischer Poesie. 
Der Parallelismus der Glieder findet sich ebenso Lc. 7, 31. 13, 18, 
fehlt dagegen Lc. 13, 20 und Mt. 11, 16. 13, 31. — Anders wie in 
§ 19 und § 22 ist hier das Samenkorn nicht das Wort, sondern 
wirklich das Reich Gottes, und zwar das historisch sich entwickelnde, 
nicht das eschatologische. Auf das mehr oder minder schnelle 
Wachstum kommt es nicht an, sondern nur auf den Gegensatz des 
kleinen Korns gegen das große Gewächs, der besonders deutlich 
bei Mc hervortritt. 

4, 31. 'Qc xoxxo) (4, 16. 26) wird von D und Lc richtig er- 
klärt mit ofxota Iötiv. Der Satz [jiixpoTepov 6'v xtX. soll Parenthese 
sein, und oxav aicap-^ 4, 31 wieder aufgenommen werden durch xotl 
Sxav aTrap-g 4, 32. Diese Konstruktion ist aber verzwickt und nicht 
sinngemäß. Die Parenthese würde eine viel zu wichtige Aussage 
enthalten, sie ist in Wahrheit der Nachsatz zu dem ersten otav 
öitap-g. Richtig versteht D ov als 4(JTt; daß das Participium für 
das Finitum gesetzt wird, kommt öfter vor, am meisten gerade in 



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38 !• Jesus in Kapernaum. §5—29. 

dem Kodex Bezae (D), der hier umgekehrt den korrekten 
griechischen Sprachgebrauch herstellt. 

4,32. Der Biblicismus „die Vögel des Himmels", der dem 
Mc sonst fremd ist, erklärt sich daraus, daß der Satz aus Dan. 4, 18 
(Theodotion) entlehnt ist. 

4, 34 paßt schlecht zu xa&o)? -j^Suvavxo axoöeiv 4, 33 und stammt 
von der selben Hand, die 4, 11. 12 zugesetzt hat. Toi^ tStot; ji. ist 
nicht mehr als xoi; ji. aöxou (D). 

§25. Mc. 4, 35-41 (Mt. 8, 23-27, Lc. 8, 22-25). 

Und er sagte zu ihnen jenes Tages, als es Abend geworden 
war: laßt uns auf das andere Ufer fahren. ''Und sie hießen 
die Menge gehn und nahmen ihn zu sich, wie er war, im Schiff; 
es waren aber auch andere Schiflfe dabei. "Und ein großer 
Windsturm entstand, und die Wogen schlugen an das Schiff,' 
sodaß sich das Schiff schon füllte. '®Und er selber war im 
Hinterteil und schlief auf einem Kopfkissen. Und sie weckten 
ihn und sagten: Meister, kümmert es dich nicht, daß wir zu- 
grunde gehn ? ''Da wachte er auf und schalt den Wind und sagte: 
schweig, halt den Mund! Und der Wind legte sich, und es 
ward große Stille. *°Und er sprach zu ihnen: was seid ihr so 
bange! wie ungläubig seid ihr noch! **Und sie fürchteten sich 
sehr und sagten zueinander: wer ist denn dieser, daß auch 
Wind und See ihm gehorchen. 

Eine vierte Gruppe, die mit § 25 anfängt und nur wenige, 
aber sehr lebendige und für Mc charakteristische Erzählungen um- 
faßt, reiht sich ebenso wie die beiden folgenden Abschnitte an 
eine Fahrt über den See an. Hier verläßt Jesus aber sofort das 
Gebiet der Dekapolis, nachdem er kaum den Fuß aufs Land gesetzt 
hat. Die Sturmgefahr bei Nacht wiederholt sich in § 33. 

4, 35. 36. Der durch 4, 35 geschaffene Zusammenhang mit 
§ 19 stammt erst von der Redaktion, die auch in 4, 36 übergegriffen 
und dort besonders die Worte m<: ^v eingetragen hat. Denn der 
Sitz „sie nahmen ihn zu sich wie er war im Schiff" enthält einen 
inneren Widerspruch; wenn er schon im Schiflfe war, brauchten sie 
ihn nicht erst noch zu sich zu nehmen. Er mußte aber schon im 
Schiflfe sein, wenn die Einheit des Ortes und der Zeit mit § 19 
festgehalten werden sollte. Also hat <i)c "^v den Zweck, zu verdecken, 



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§26. Mc.5,1— 20. 39 

daß die Situation von § 25 in Wahrheit nicht die von § 19 ist: 
Jesus ist hier an Land und wird von den Jüngern in das Schiff 
(Iv Tq) irXoup = sk xö tcXoTov vgl. 5, 30) aufgenommen. Mit Recht 
respektiren Mt und Lc die Einleitung des Mc nicht. Die Angabe, 
daß auch noch andere Schiflfe dabei waren, trägt für den Zusammen- 
hang nichts aus und weist auf wirkliche Tradition hin. 

4, 38. Das Schlafen im Sturm hat Jesus mit Jonas gemein. 
Sonst aber nichts; unsere Geschichte ist nicht der Widerhall der 
Geschichte von Jonas. Überhaupt trifft die Meinung selten zu, daß 
die evangelischen Erzählungen ihre Entstehung Alttestamentlichen 
Vorbildern verdanken; im Ganzen stellt sie den Sachverhalt auf den 
Kopf. Was man von Jesus wußte und überlieferte, stimmte in Wahr- 
heit gar nicht zu dem, was im Alten Testament über den Messias 
stand und was die Juden von ihm erwarteten; nur schwer konnte man 
nachweisen, daß für erleuchtete Augen der Widerspruch verschwinde. 
Das Alttestamentliche Urevangelium, wie Credner es genannt hat, ist 
also etwas Nachträgliches und nicht der Keim des Ganzen; bei Mc 
fehlt es fast noch ganz, am breitesten macht es sich bei Mt. 

4, 39. D läßt x^ OaXotödTo wol mit Recht aus; der Wind macht 
den Lärm, der Wind wird gescholten, und der Wind beruhigt sich. 
Der See wird nicht als Dämon aufgefaßt, sondern der Wind (irveüfia). 

4,40. riiorxtc, absolut, ist Gottvertrauen, Mut, und nichts 
spezifisch Christliches. Es ist die Eigenschaft, die Jesus besaß, als 
er im Sturme schlief, und die dem Pfarrhen^n von Riga gebrach, 
der sich auf See zu unmittelbar in Gottes Hand fühlte. Oo-zoyq 
wie 7, 18. 

§ 26. Mc. 5, 1-20 (Mt. 8, 28-34. Lc. 8, 26-39). 

Und sie kamen an das andere Ufer des Sees in das Land 
der Gerasener. ' Und als sie aus dem Schiff stiegen, kam ihm 
alsbald ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen; ^der 
hauste in den Grabstätten und niemand hatte ihn bis dahin 
binden können, auch nicht mif Fesseln; *denn oft, wenn er 
an Händen und Füßen gefesselt war, zerriß er die Handfesseln 
und zerrieb die Fußfesseln, und niemand vermochte ihn zu 
bändigen; *und zu aller Zeit, Nacht und Tag, war er in den 
Grabstätten und auf den Bergen und schrie, und schlug sich 
mit Steinen. *Und da er Jesus von ferne sah, lief er und 



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40 !• Jesus in Eapernaum. § 5 — 29. 

fiel vor ihm nieder und rief mit lauter Stimme: was habe ich 
mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn des höchsten Gottes! ich 
beschwöre dich bei Gott, quäl mich nicht! ®Er hatte ihm 
nämlich gesagt: fahr aus von dem Menschen, du unreiner 
Geist! •Und er fragte ihn: was ist dein Name? Und er sagte: 
Legion ist mein Name, denn unser sind viele. ^^Und er bat 
ihn sehr, daß er sie nicht aus dem Lande triebe. " Es war 
aber dort am Berge eine große Herde von Schweinen auf der 
Weide, *^und sie baten ihn: laß uns in die Schweine, daß wir 
in sie einziehen. ^'Und er gestattete es ihnen, und die 
unreinen Geister fuhren aus und zogen in die Schweine; 
und die Herde stürmte den steilen Abhang hinab in den See, 
wol zweitausend Stück, und sie ertranken im See. ^*lhre 
Hirten aber flohen und berichteten es in der Stadt und auf 
den Dörfern. Und (die Leute) kamen, zu sehen, was ge- 
schehen war. ^^Und sie kamen zu Jesus und sahen den Be- 
sessenen, wie er bekleidet und vernünftig dasaß, und sie 
fürchteten sich. ^^Und die Augenzeugen erzählten ihnen, wie 
dem Besessenen geschehen war, und die Sache mit den 
Schweinen. *'Und sie begannen ihn zu bitten, er möge aus 
ihrem Gebiete weichen. *** Und da er in das Schiff stieg, bat 
ihn der geheilte Besessene, bei ihm bleiben zu dürfen. ^^ Und 
er erlaubte es ihm nicht, sondern sagte ihm: geh nach Hause 
zu den Deinigen und melde ihnen, wie Großes Gott an dir 
getan und sich deiner erbarmt hat. ^"Und er ging und fing 
an in den zehn Städten laut zu verkünden, wie Großes Jesus 
ap ihm getan, und Alle verwunderten sich. 

5, 1. Man darf annehmen, daß Mc, Mt und Lc hier ur- 
sprünglich den selben Ort genannt haben, der erst durch die Text- 
geschichte dififerenzirt wurde. Gerasa ist zu weit vom See, Gadara 
auch nicht nahe genug; beide Orte liegen zudem viel zu südlich, da 
Jesus sich sonst stets am oberen Teil des Sees aufhält. Die Les- 
art Tsp^eöT^vcüv soll auf einer Konjektur des Origenes beruhen, ist 
aber schon durch die Syra S. bezeugt. Daß man keinen Ort 
Gergesa kennt, spricht eher dafür als dagegen. Nur liegt der Ver- 
dacht nahe, daß die rep-ysdaTot des Alten Testaments Paten ge- 
standen haben. Die Gegend ist nach 5,20 die Dekapolis. 

5, 2. Zu IJeX&övTo? aoxoü 6icT^vTr]aev aönp vgl. 5, 18. 13, 1 und 
Blass § 74,5. Aber D hat das Participium im Plural; Plural und 



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§26. Mc.5, 1-20. 41 

Singular schwanken häufig in den Hss., wenn von Jesus und seinen 
Jüngern die Rede ist. 'Ex täv [ivr^fxsicüv fehlt in der Syra S., ist 
gegenüber 5, 3 überflüssig, und formell verdächtig, da es sonst 
|xv7]ji.aTa heißt. Die Dämonen lieben die Totenäcker. 

5, 4. Atsaitotoröat utc aüioo fällt bei Mc auf. Ich habe nach 
D die Aktivkonstruktion hergestellt, im Übrigen aber den gewöhn- 
lichen Text beibehalten: xal SteaTraxEvat ta; aXuast? xal xA^ iri^a; 
cüVTSTpTcpai. Die Syra S. vermeidet, wo irgend möglich, auch bei 
Mt und Lc, die Pa^sivkonstruktion mit benanntem handelnden 
Subjekt und ist also in dieser Beziehung kein klassischer Zeuge. 

5, 7. "T^iaxoq für Gott findet sich sonst nur bei Lc. Es war 
eigentlich ein heidnischer Gottesname und wurde von den Juden 
erst recipirt. Man könnte den Besessenen für einen Heiden halten; 
die Schweine führen auf heidnisches Land. Aber den Ruf stößt 
gar nicht der besessene Mensch aus, sondern der Dämon, der weder 
Jude noch Heide ist. 

5, 8 ist ein für das Verständnis der besorgten Äußerung des 
Dämon ganz unnötiger Nachtrag. 

5. 9. Da der Dämon in eine Herde fährt, so muß er ein Plural 
sein, und unser Vers motivirt den Übergang vom Singular zum 
Plural. Zu diesem Zweck dient der Name Legion. Wie Jesus dazu 
kommt, nach dem Namen zu fragen, erklärt sich aus dem Volks- 
glauben, daß zum Bannen eines Geistes die Kenntnis seines Namens 
gehört. Auch die Vorstellung ist dem Volksglauben nicht fremd, 
daß die Dämonen in Herden leben und scharenweis in einem 
Menschenleibe Wohnung nehmen. Übrigens nennt ein Dämon nicht 
gern seinen Namen, und vielleicht vermeidet er es auch hier, indem 
er statt dessen nur seine Zahl angibt. 

5.10. Hier aoTa und 5,13 ^JeX&ovTa im Neutrum, dagegen 
5, 12 irapexaXeaav Xs-^ovie? im Maskulinum. In D werden die 
Tcvaüjxaia und 8ai[i6vta in der Regel als Muskulina behandelt, ohne 
Rücksicht auf ihr grammatisches Geschlecht. Vgl. Blass § 31, 3. 
Die Dämonen mögen nicht gern an den Ort zurück, wohin sie ge- 
hören (die Hölle oder die öde W^üste), aber sie wechseln leicht 
ihre Behausung, d. h. den menschlichen oder tierischen Leib, in 
dem sie sich einlogirt haben. Sie selbst sind nur Geist und nicht 
mit einem bestimmten eigenen Leibe verwachsen. 

5, 13. 14. Wider Erwarten sehen sich die Dämonen nun doch, 
trotz der Erfüllung ihres Wunsches und gerade dadurch, um das 



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42 !• Jesus in Kapernaum. § 5—29. 

Logis geprellt und können sehen, wo sie bleiben (Lc. 11, 24). Das 
wird mit Behagen erzählt. Ebenso ist den unreinen Tieren das 
Versaufen gegönnt und ihren heidnischen Besitzern der Verlust: 
2000 Stück! Es nimmt Wunder, wie dieser Schwank hat auf Jesus 
übertragen werden können. Zu icaXftovxa eiöi^Xöov vgl. 1, 35; es 
sind auch hier im Aramäischen zwei ganz verschiedene Verba: 
n'phaqu v'allu. 'Aypoc hat bei Mc den Sinn von q'ritha = vicus 
und ager. 

5, 15. Tov Jöx>]x6Ta xov Xe^tuiva korrigirt nachträglich das im 
Präsens nicht mehr richtige tov SaifAoviCofievov in das Präteritum 
und ist nach D zu streichen. Es fehlt auch in der Syra S., die 
dafür die Korrektur gleich bei xöv oatfioviCofisvov anbringt, indem 
sie es übersetzt: der, aus dem er den Dämon ausgetrieben hatte. 
In 5, 16 wiederholt sich 6 SaijioviCojisvoc, aber in 5, 18 wird das 
präteritale 6 Saifioviaftetc dafür gesetzt. 

5, 19. '0 xüpioc, für Gott, befremdet außerhalb eines Alt- 
testamentlichen Zitats, namentlich bei Mc; D liest 6 ftso^. Man 
hat wahi-scheinlich die Deutung auf Jesus offen lassen wollen, weil 
es 5,20 heißt: was ihm Jesus getan hatte. Vgl. zu 5,43. 

§ 27. Mc. 5, 21-44 (Mt. 9, 18-26 Lc 8, 40-56). 

und als Jesus zu Schiffe wieder an das andere Ufer kam, 
hatte sich ein große Menge gesammelt, um ihn zu erwarten, 
und war am See. '* Und es kam ein Gemeindevorsteher, namens 
Jairus, und da er ihn sah, fiel er ihm zu Füßen, bat ihn sehr 
und sagte: ''mein Töchterchen liegt in den letzten Zügen, 
komm doch und leg ihr die Hand auf, damit sie gerettet 
werde und lebe. '*ünd er ging mit ihm, und ein großer 
Haufe folgte ihm, und sie drängten ihn. '*ünd eine Frau, 
die zwölf Jahr mit Blutfluß behaftet war '® und viel von vielen 
Ärzten befahren und all ihr Gut zugesetzt hatte, es half aber 
nichts, sondern wurde mit ihr nur ärger, — '^da die von 
Jesus hörte, kam sie unter dem Haufen und berührte von 
hinten sein Kleid, '®denn sie dachte, wenn ich nur seine 
Kleider berühre, werde ich gesund. '®ünd der Quell ihres 
Bluts vertrocknete alsbald, und sie fühlte es am Leibe, daß 
sie von der Plage geheilt sei. *° Und alsbald merkte auch 
Jesus, daß die Kraft von ihm ausgegangen war, und wendete 



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§27. Mc. 5.21-44. 43 

sich um zu der Menge und sagte: wer hat meine Kleider 
berührt? "Und seine Jünger sagten zu ihm: du siehst, wie 
die Leute sich drängen und sagst: wer hat mich berührt? 
''Und er sah sich um nach der, die es getan hatte. "Die 
Frau aber, voll Furcht und Zittern — denn sie wußte, was 
ihr geschehen war — kam an und fiel vor ihm nieder und 
sagte ihm die ganze Wahrheit. '*Er aber sprach zu ihr: 
meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in 
Frieden und sei gesund von deiner Plage! '*Wie er noch 
redete, kamen Leute des Gemeindevorstehers und sagten: deine 
Tochter ist gestorben, was bemühst du noch den Meister! 
^* Jesus aber hörte von ungefähr, was da gesagt wurde, und 
sprach zu dem Gemeindevorsteher: fürchte dich nicht, hab nur 
Glauben! '^ Und er ließ niemand mit sich hineingehn außer 
Petrus, Jakobus und Johannes, dem Bruder des Jakobus, 
'^ünd sie kamen an das Haus des Gemeindevorstehers, und 
er gewahrte ein Lärmen, wie sie weinten und laut jammerten, 
^'ünd eintretend sagte er zu ihnen: was lärmt und weint ihr? 
das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. *°ünd er 
trieb alle hinaus, nahm nur den Vater und die Mutter des 
Kindes und seine Begleiter mit, und ging dorthin, wo das 
Kind war. " Und er ergriff die Hand des Kindes und sprach: 
Rabitha kumi — das ist verdolmetscht: Mädchen, ich sage 
dir, steh auf! *' Und alsbald stand das Mädchen auf und ging 
herum, sie war nämlich zwölf Jahre alt. *'ünd sie gerieten 
alsbald ganz außer sich. ** Und er gebot ihnen ernstlich, daß 
es niemand erfahre, und sagte, man solle ihr zu essen geben. 
5, 22. Es befremdet, daß bei Jairus (ebenso wie bei Bartimäus) 
der Name genannt wird; bei D und Mt fehlt er aber, auch in 
5, 30. 38 wird nur der Titel genannt. 

5,23. „Daß du kommen mögest" für „komm" soll wol Höf- 
lichkeit sein. D hat den Imperativ, ebenso wie 6, 25 für öeXca fva. 
5, 25. Hier wird eine andere Geschichte eingeschachtelt, was 
sich sonst nirgend findet. Zu ihrer Motivirung dient das gi'oße 
Gedränge, von dem vorher die Rede war. 

5. 37. Andreas erscheint nicht unter den Intimen. 

5.38. Richtig erklärt D: Oopüßov xXaiovTcov xal dXaXaCovTwv. 
5,41. Statt taXiöa steht in D paßßt Oaßtiot. Das ist von 

griechischen Abschreibern verderbt und muß richtig heißen: paßt&a. 



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44 I« Jesus in Kapemaum. § 5 — 29. 

Denn paßßi gibt hier keinen Sinn; Oa ist falsch davon getrennt 
und dann mit ungenauer Wiederholung von ßiöa zu Oaßtxa geworden, 
vielleicht unter Erinnerung an Act. 9, 36. 40: TaßtBa dvcfciTTjOt. 
Denken ließe sich übrigens auch, daß der Vokativ ursprünglich 
wiederholt war: paßiöa paßtSa — vgl. Aphraates ed. Wright p. 165. 
Paßßiöa gehört also zusammen, das doppelte ß verdankt aber seine 
Entstehung dem Umstände, daß man Rabbi herauslesen wollte. 
Räbithä ist das Femininum zu räbiä und heißt das Mädchen; in 
der jüdischen Literatur ist es einigermaßen (doch nicht ganz) ver- 
drängt durch die sonderbare Deminutivform riba. Talitha ist 
gleichbedeutend, jedoch edler und weniger dialektisch, also wahr- 
scheinlich Korrektur. Auf die merkwürdige Erscheinung, daß wir 
im griechischen Evangelientext eine aramäische Variante haben, hat 
zuerst Credner (Beiträge 1, 494) die Aufmerksamkeit gelenkt. Für 
xoüfi, die spätere (mesopotamische) Form, bietet D xoüfit, die alte 
(palästinische) Form des Imperativs der 2. s. f. 

5, 43. Den Besessenen 5, 19 fordert Jesus auf, die Wundertat 
zu verkündigen, hier verbietet er es. Dort ist sie öifentlich geschehen, 
hier und 1, 43. 49 im Hause. Vielleicht spielen jedoch noch andere 
Gründe ein, welche die auffällige Verschiedenheit erklären, z. B. der, 
daß Jesus 5, 19 das Lokal sofort verläßt. 

§ 28. Mc.6, 1-6 (Mt. 13, 53-58). 

Und er ging weg von dort in seine Heimat und seine 
Jünger folgten ihm. 'Und am nächsten Sabbat begann er zu 
lehren in der Synagoge, und die Vielen, die zuhörten, staunten 
und sagten: woher hat er das? welche Weisheit ist ihm ver- 
liehen! und so große Wunder geschehen durch ihn! 'ist er 
nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder 
von Jakobus und Joses und Judas und Simon? sind nicht auch 
seine Schwestern hier bei uns? Und sie stießen sich an ihm. 
^Und er konnte daselbst nicht eine einzige Tat tun, nur 
wenigen Leidenden legte er die Hand auf und heilte sie. ^ Und 
er wunderte sich wegen ihres Unglaubens, und er zog in den 
Dörfern herum und lehrte. 

Jesus gibt seinen Aufenthalt in Kapernaum auf und kehrt in 
seine Heimat zurück, nicht auf Familienbesuch, sondern um dort 
zu wirken, begleitet von seinen Jüngern. Seine Mitbürger wollen 



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§29. Mc.6,7— 13. 45 

aber nichts von ihm wissen. Dies wird nicht trocken berichtet, 
sondern dramatisch vorgeführt in einer bestimmten Szene, die am 
nächsten Sabbat nach seiner Ankunft in der Synagoge spielt. In 
der Einleitung (6, 2) heißt es nun, sie seien erstaunt gewesen über 
sein Lehren, hernach aber läuft das iSsTcXiqacjovTO in laxaSaXiCovxo 
(6, 3) aus. Das ist nicht das selbe, und man begreift nicht, wie 
sie sich aus der Bewunderung in den Ärger hinein reden können, 
ohne daß ein Zwischenfall eintritt. Auch beziehen sich ihre Äuße- 
rungen nicht, wie es nach der Einleitung scheint, bloß auf das 
gegenwärtige Auftreten Jesu vor ihren Augen, sondern hauptsäch- 
lich auf den ihm vorausgegangenen Ruf: seine großen Taten, von 
denen sie reden, sind nicht bei ihnen geschehen, sondern in 
Kapernaum — aus diesem Grunde hat § 28 seinen richtigen Platz 
hinter § 5 — 27 und nicht wie bei Lc vorher. Sie wollen Jesus, 
den sie von Kindesbeinen gekannt und bisher als ihres gleichen 
angesehen haben, nicht plötzlich als den großen Mann empfangen 
der er anderswo geworden ist: qu'il aille exceller ailleurs! Es 
scheint in 6,2 ein falscher Zug in die Erzählung hineingebracht 
zu sein. — Anders wie in 3,31 fällt es in 6,3 auf, daß der Vater 
nicht genannt wird. Vielleicht hat Mt mit 6 to5 tsxtovos üJoc das 
Ursprüngliche erhalten; doch lassen sich keine Häuser auf diese 
Vermutung bauen. 



§ 29. Mc. 6, 7-13 (Lc. 9, 1-6. Mt. 10, 1-15). 

^ Und er rief die Zwölf zu sich heran und begann sie paar- 
weis auszusenden, und gab ihnen Macht über die unreinen 
Geister, * und befahl ihnen, sie sollten nichts mit auf den Weg 
nehmen außer einem Stabe, kein Brot, keine Reisetasche, kein 
Kupfer im Gürtel, ''nur Sandalen an den Füßen und keine 
zwei Röcke tragen. ^°Und er sprach zu ihnen: wo ihr Einlaß 
findet, da bleibt, bis ihr von da weiter wandert; *' und wo 
man euch nicht aufnimmt und euch nicht hören will, da geht 
weg und schüttelt den Staub ab von euren Füßen, ihnen zum 
Zeugnis. *'Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße 
tun, **und trieben viele Teufel aus und salbten viele Kranke 
mit Öl und heilten sie. 
6, 7. In D ist 860 860 in das griechische dvd 8uo verbessert. 



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46 !• Jesus in Kapernaum. § 5 — 29. 

6. 8. Der Stab wird bei Mt und Lc verboten, beruht das 
auf einer alten Variante N^ für ^<bx ? Das Geld ist bei Lc. 9, 3 
nicht Kupfer, sondern Silber, und wird nicht im Gürtel, sondern 
im Beutel getragen. Vgl. Mc. 12,41. 

6.9. Zum Schluß verfällt die oratio obliqua in oratio recta, 
ursprünglich wol nicht erst bei Jv6üCJY]a&e, sondern schon bei uiro- 
SeSsfisvoüc. 'AXXa wechselt mit el [jly] [jlovov 6,8, gerade wie 4,22; 
es ist also ellä. Auch die Sandalen werden bei Mt und Lc nicht 
gestattet. In bezug auf die yixwvE^ wird nicht verboten, einen 
zweiten Anzug mitzunehmen, sondern zwei Kleider an sich zu 
tragen. Man soll nur einen Rock anhaben und nicht auch einen 
Mantel. 

6. 10. 11. Ein Unterschied zwischen o?xta und tottoc wird 
nicht gemacht, er würde die Antithese verderben. Toiroc ist nichts 
anderes als ofxta; das iirßk dxoöcjaiatv uficov paßt weder formell 
noch inhaltlich gut. Durch etc tiaptupiav wird das Abschütteln als 
ein dramatischer Rechtsakt gekennzeichnet; jiapxüpia ist hier An- 
klage, wie oft im Alten Testament. 

6.12. Die [xsxavota ist bei Mc der Inhalt der Predigt, vom 
Reich Gottes ist kaum die Rede, seine Ankündigung würde auch 
nur die ixexavoia zum Zweck haben. 

6. 13. Die Ölung der Kranken ragt nur hier in das Evangelium 
hinein und zwar als Übung der Apostel. Jesus selber heilt durch 
Berührung und Handauflegung. Ursprünglich geschieht freilich 
auch das rWü nur mit der Hand und nicht mit Öl, nicht bloß 
bei den Arabern, sondern auch bei den Hebräern. 

Der § 29 kann nicht anders beurteilt werden wie der § 16, 
womit Mt ihn aus guten Gründen zusammenlegt; er enthält keine 
historische Tradition. Der Apostolat wird hier schon durch Jesus 
gegründet, ohne jedoch nun auch wirklich in Erscheinung zu treten; 
die Zwölf — der Ausdruck ist gleichbedeutend mit Aposteln und 
hat bei Mc überall etwas an sich — machen nur ein Experiment 
und sind hinterher genau so unselbständig und passiv wie zuvor, 
obwol das Experiment gelingt. In Wahrheit hat Jesus keine Übungs- 
reisen mit seinem Seminar veranstaltet. Als Zeugnis für die Art 
der ältesten christlichen Mission in Palästina ist aber diese Reise- 
instruktion von großem Wert. 



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§30. Mc.6,14— 29. 47 

IIA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30-42. 

Der zweite Hauptteil des Mc, der in zwei Hälften zerfällt, be- 
ginnt nicht mit § 28, denn das ist nur ein etwas überhängender 
Schluß zum ersten (Aufenthalt in Kapernaum), auch nicht mit 
§ 29, denn das ist ein dem Grundplan fremdes Zwischenstück, 
sondern mit § 30, dem Eingreifen des Antipas, dem allerdings jetzt 
die Spitze abgebrochen ist. Als Anfang der ersten Hälfte dieses 
Teils entspricht § 30 genau dem Anfange der zweiten, § 43. 

§ 30. Mc. 6, 14-29 (Mt. 14, 1-12. Lc. 9, 7-9). 

Und der König Herodes bekam Kunde, denn sein Name 
wurde bekannt. Und (Einige) sagten: Johannes der Täufer ist 
von den Toten erstanden, darum wirken die Kräfte in ihm; 
^* Andere sagten: er ist Elias; Andere: ein Prophet wie ein 
anderer Prophet. ^* Herodes aber sagte auf die Kunde: den 
ich habe enthaupten lassen, Johannes, der ist auferstanden. 

"Herodes ließ nämlich Johannes festnehmen und hielt 
ihn gefesselt im Gefängnis, wegen Herodias, der Frau seines 
Bruders Philippus, die er geheiratet hatte. ^^Denn Johannes 
sagte zu Herodes: du darfst die Frau deines Bruders nicht 
haben. *'ünd Herodias trug ihm das nach und hätte ihn gern 
getötet, konnte aber nicht; '**denn Herodes hatte Scheu vor 
Johannes, weil er wußte, daß er ein gerechter und heiliger 
Mann war, und er hielt ihn am Leben, und wenn er ihn hörte, 
geriet er sehr in Bedenken, doch hörte er ihn gern. ^*An 
einem gelegenen Tage aber, als Herodes an seinem Geburts- 
tage seinen Beamten und Hauptleuten und den Vornehmen von 
Galiläa ein Mahl gab, *' trat die Tochter der Herodias ein und 
tanzte, und sie gefiel dem Herodes und seinen Gästen. ^^ Und 
der König sprach zu dem Mädchen: verlang von mir was du 
willst, ich will es dir geben! und er schwur ihr: was du auch 
von mir verlangst, will ich dir geben und sei es die Hälfte 
meines Königreichs! ^*Sie aber ging hinaus und fragte ihre 
Mutter: was soll ich verlangen? Sie sagte: den Kopf Johannes' 
des Täufers. ''^Und alsbald ging sie mit Eile zum Könige 
. hinein und verlangte: ich wünsche, daß du mir auf der Stelle 



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48 IIA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

das Haupt Johannes des Täufers gebest, auf einer Schüssel. 
'® Und der König ward sehr betrübt, doch wegen der Schwüre 
und wegen der Gäste mochte er sie nicht abweisen, " sondern 
sandte alsbald einen Henker mit dem Auftrage, sein .Haupt 
zu bringen, '''^und der ging hin und enthauptete ihn im Ge- 
fängnis und brachte sein Haupt auf einer Schüssel. Und er 
gab es dem Mädchen und das Mädchen gab es der Mutter. 
''Als aber seine Jünger es hörten, kamen sie und holten 
seinen Leichnam und bestatteten ihn in einem Grabe. 

6. 14. Eichtig haben Mt und Lc empfunden, daß Antipas hier 
nicht von den Jüngern hört, sondern von Jesu selber; zwischen 
§ 29 und § 30 besteht keine Beziehung. Man könnte meinen, das 
^xoüaev würde durch (zxoüofac 6, 16 wieder aufgenommen und hätte 
das Gerede über Jesus zum Inhalt. Diese Annahme befriedigt in- 
dessen nicht. Vermutlich ist das wahre, jedoch durch redaktionelles 
Eingreifen unkenntlich gewordene Objekt das Auftreten Jesu in 
Kapernaum. Da dasselbe gleich anfangs großes Aufsehen erregte, 
so muß die Kunde davon ziemlich bald zu Antipas gedrungen sein. 
Er heißt überall in den Evangelien Herodes, und bei Mc nicht 
Vierfürst, sondern König. — Natürlich ist IXs^ov im Plural zu lesen, 
mit unbestimmtem Subjekt. 

6. 15. Upo(pr^Tr^(; 60; su täv iTpo97)Ta)v ist zwar auch deutsch 
(„ich bin ein Mann wie ein anderer Mann"), aber schwerlich 
griechisch. 

6.17. AüTo? weist nach aramäischer Weise vor auf ' HpwSr^c. 
Ebenso 6,22 aötr^c xrfi *Hp(üSia8o?, ferner D 6, 18 aöx^v ^üvatxa 
TOü dScXcpou aoü. Da haben wir Subjekt, Genitiv und Objekt bei 
einander, die durch ein Pronomen vorweg genommen werden. Kai 
eSyjasv aötov Iv cpüXax-ij) nimmt sich aus wie ein Kompromiß zwischen 
zwei Varianten, xal eÖTjorev aöiov und xal IßaXev iv cpüXax"g (= eU cp.), 
die in D noch neben einander stehn. Die Präterita in 6, 17ss. 
müssen im Vergleich zu 6, 14—16 als Plusquamperfecta verstanden 
werden. 

6. 18. Es war verboten, die Frau des Bruders zu heiraten, 
auch als Witwe nach seinem Tode. Darum heißt es „daß du sie 
hast*^, nicht „daß du sie ihm abspenstig gemacht hast" 

6, 20. üuve-njpfti aixov ?» natreh, hob ihn auf, tötete ihn nicht. 
Für T^itopsi haben D und Syra S. iwotst. „Er machte viel zu 
hören'', ist zwar gut semitisch, aber neben dem völlig gleich- 



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§30. Mc. 6, 14—30. 49 

bedeutenden xal rßm^ ^xoüsv schwerlich richtig. Man wird die 
übliche Lesart festhalten müssen: der König geriet in inneren 
Zwiespalt, bekam Bedenken, mochte sich aber doch nicht selbst 
verleugnen. 

6,23. "Eü>c = sogar. 

6,25. ' EtcI Tiivaxt, das 6,28 am Orte ist, befremdet hier. 
Doch leidet der ganze Vers an Überfüllung, und dieselbe mit D 
zu reduziren wäre gewagt. Es muß entweder überall ßaTCTtCcov 
oder überall ^anxiaxrfi gelesen werden, der Wechsel innerhalb der 
selben Perikope ist unerträglich. D korrigirt auch sonst ßaTrriaxTjc, 
das scheint aber die jüngere Form zu sein. 

Das Stück 6, 17 — 39 ist ein parenthetischer Nachtrag zu 
6, 14—16. Lc hat es ausgelassen und nur zum Teil in 3, 18 vor- 
weggenommen; Mt hat die Parenthese am Schluß glatt in den 
Zusammenhang übergehn lassen, den sie in Wahrheit unterbricht: 
vielleicht das wichtigste Kriterium für sein Verhältnis zu Mc. 
Was Mc hier erzählt, entspricht nicht den Angaben des Josephus. 
Nach Josephus wurde Johannes zu Machärus jenseit des Jordans 
hingerichtet, Mc setzt dagegen voraus, daß es am Königshof in 
Galiläa geschah, da er sagt, die vornehmen Galiläer seien bei der 
Geburtstagsfeier zugegen gewesen. Nach Josephus war das Motiv 
zu der Tat die Furcht des Antipas vor politischer Gefährlichkeit 
des Täufers, nach Mc lediglich der Haß der Herodias gegen ihn. 
Den Ausschlag gibt bei Mc eine Szene, die zwar den Gegensatz 
des Asceten zu dem leichtfertigen Treiben am Königshof (Mtll,8) 
zu packendem Ausdruck bringt, aber eben nur eine Szene ist und 
an innerer Unwahrscheinlichkeit leidet: vielleicht hat Lc über den 
Tanz der Königstochter vor den zechenden Männern und über die 
verhängnisvolle Wirkung ihres Tanzes aus kritischen Bedenken ge- 
schwiegen. Nach alledem darf man diesen anekdotischen Nachtrag 
bei Mc auf keinen Fall zu Hilfe rufen, um die Hypothese zu be- 
weisen, daß Johannes erst A. D. 36 sein Ende gefunden habe, 
wenngleich es richtig sein mag, daß Antipas die Herodias nicht 
lange vor dem arabischen Kriege heiratete, der in diesem Jahre 
ausbrach. Überhaupt aber steht jener Hypothese das Bedenken 
entgegen, daß dann auch Jesus nicht vor A. D. 36 aufgetreten sein 
könnte, da es feststeht, daß er damit bis zur Gefangennahme des 
Täufers gewartet hat. Denn Lukas (3, 1) könnte sich zwar wol 
in Beziehung auf Johannes um sieben Jahre verrechnet haben, 

Wellbausen, Evaug. Marci. 4 



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50 IIA.. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

schwerlich aber in Beziehung auf Jesus, auf den seine Datirung 
doch eigentlich abzweckt. 

§31. Mc.6, 30-33. (Mt. 14, 13-18. Lc.9, 10-12). 

Und die Apostel sammelten sich wieder bei Jesus und 
berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 
'^Und er sagte ihnen: kommt ihr allein füi* euch an einen 
einsamen Ort und ruht ein wenig aus! Denn es waren deren 
viele, die ab- und zugingen, und sie fanden nicht einmal Zeit 
zu essen. '* und sie fuhren zu Schiff weg an einen einsamen 
Ort, um allein zu sein. ''Aber man sah sie abfahren, und 
viele erfuhren es und sie liefen zu Fuß von allen Städten 
dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 
In § 31 soll der Übergang gemacht werden zu § 32. Deshalb 
müssen zunächst die Apostel, d. h. die Ausgesandten von §'29, 
zurückkehren, denn sie haben in § 32 zu tun. Da femer aber 
§ 32 jenseit des Sees in einer Einöde spielt, so müssen sie auch 
noch über den See geschaift werden. Es geschieht auf eigenartige 
Weise. Sie sollen sich von der anstrengenden Reise erholen, aber 
wegen des Volksandrangs nicht daheim, sondern durch eine aber- 
malige Reise über das Wasser in die Wüste. Dabei kommen sie 
jedoch vom Regen in die Traufe. Denn auch die Menge muß mit, 
weil sie für § 32 unentbehrlich ist. Die Leute gehn um den See 
herum, als ob sie den tokoc xai ?8tav wüßten, und kommen an dem 
Ziel, das sie nicht kennen, auf dem Umwege zu Fuß schneller an, 
als Jesus in grader Linie zu Schiif. Dies alles nimmt sich etwas 
künstlich aus, wie eine radaktionelle Verknüpfungsarbeit. Auch 
Mt und Lc scheinen es dafür angesehen zu haben, sie legen keinen 
Wert dai-auf. — Eöxatpouv scheint korrigirt aus süxatpoc el^ov 
bei D. 

Verbinden wir das Urteil über § 31 mit dem über § 29 und 
§ 30 Gesagten, so scheint eine spätere Redaktion den Anfang des 
zweiten Teils überhaupt stark überarbeitet und den wahren Zu- 
sammenhang der Dinge völlig verdunkelt zu haben. Nach dem 
uns jetzt vorliegenden Texte wird § 30 bloß benutzt, um die Pause 
zwischen Aussendung und Rückkunft der Apostel auszufüllen. Als 
Lückenbüßer kann aber der König Herodes hier von Haus aus 
nicht gedient haben. Er kann auch nicht bei den Haaren herbei- 



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§31. Mc. 6, 30-33. 51 

gezogen sein, um durch seine Äußerung Gelegenheit zu dem. Nach- 
trage über das Ende des Täufers zu geben. Sondern er muß in 
den richtigen Zusammenhang hinein gehört haben, sein Auftreten 
muß an dieser Stelle für die Geschichte Jesu bedeutungsvoll ge- 
wesen sein. Lc verrät ein natürliches Gefühl, wenn er Mc. 6, 17 — 39 
ganz übergeht und dafür zu 6, 14 — 16 den Schluß macht: xotl 
ICtjTsi ^SeTv aÖTov. Richtiger aber wäre zu sagen gewesen: xal 
iliqiei aötiv dTtoxTeTvat. Denn im zweiten Teil des Evangeliums 
Marci verläßt Jesus die Machtsphäre des Antipas, tritt über in 
benachbarte Gegenden, wo dieser nichts zu sagen hat, und schweift 
in der Dekapolis, in der Herrschaft des Philippus, im Gebiet von 
Tyrus und Sidon; auch in der Fortsetzung passirt er zwar Galiläa, 
aber inkognito (9, 30) und nur auf der Durchreise nach Jerusalem. 
Der Grund dafür ist nach der ältesten Überlieferung die Furcht 
vor Antipas gewesen. Und darum steht die Kenntnisnahme des 
Antipas von Jesu am Anfang des zweiten Teils als einschneidender 
Wendepunkt. 

Das Stück 6, 14 — 16 muß also ursprünglich mit einer für 
Jesus bedrohlichen Spitze geschlossen haben. Warum ist dieselbe 
aber jetzt abgestumpft und durch 6, 17 — 29 gleichsam in Watte 
gehüllt? Die Antwort darauf läßt sich aus Lc. 13, 31ss. erschließen. 
Dort erhält Jesus den Rat, sich aus dem Staube zu machen, Sit 
'HpwSr^c H\ei ae diroxxeTvai. Er gibt zur Antwort, um Herodes' 
willen tue er das nicht, aber allerdings müsse er über kurzem aus 
Galiläa fortwandern, weil es seine Bestimmung sei, in Jerusalem 
zu sterben und nicht anderswo. Man hat mithin die Furcht vor 
Herodes nicht als Motiv dafür gelten lassen wollen ^ daß Jesus 
Galiläa verläßt und sich endlich nach Jerusalem begibt. Das hat 
weiter zu dem Bestreben geführt, die Feindschaft des Antipas gegen 
Johannes und Jesus überhaupt aus der Luft zu schaffen und aus 
dem Bösewicht einen guten Mann zu machen. Nach Mc. 6, 17 — 29 
hört er den Täufer gern und ist trostlos, ihn nicht retten zu 
können; die Schuld an seiner Hinrichtung wird ihm nach Kräften 
abgenommen und der Herodias aufgebürdet. Nach Lc. 23, 11. lö 
erklärt er Jesus für unschuldig, so wenig dieser ihm auch entgegen- 
kommt. Und statt öeXet az ditoxTetvat Lc. 13,31 heißt es Lc. 9,9: 



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52 HA. Jesus auf unsteter Wanderung. §30—42. 

§ 32. Mc.6, 34-44 (Mt. 14, 14-21. Lc. 9, 12-17). 

Und als er ausstieg, sah er eine große Menge. Und ihn 
jammerte ihrer, denn sie waren wie Schafe ohne Hirten, und er 
begann sie viel zu lehren. '*Und bei schon vorgerückter Stunde 
traten seine Jünger zu ihm und sagten: der Ort ist öde und 
die Stunde schon spät, '* entlaß sie, damit sie in die Höfe 
und Dörfer ringsum gehn und sich was zu essen kaufen. 
"Er aber antwortete ihnen: gebt ihr ihnen zu essen. Und 
sie sagten: sollen wir hingehn und für zweihundert Silberlinge 
Brot kaufen und ihnen zu essen geben? '® Und er sagte: wieviel 
Laibe Brot habt ihr? geht hin und seht nach! Und als sie 
zugesehen hatten, sagten sie: fünf Laibe und zwei Fische. '* Und . 
er hieß sie sich alle lagern, tischweise, auf das grüne Gras. 
*°Und sie legten sich beetweise nieder, zu hundert und zu 
fünfzig. **Und er nahm die fünf Laibe und die zwei Fische . 
und sah auf gen Himmel und segnete und brach das Brot ' 
und gab es den Jüngern, daß sie es ihnen vorsetzten, und die 
zwei Fische teilte er unter alle. *' Und sie aßen alle und 
wurden satt. *'Und man hub Brocken auf, zwölf Körbe voll, 
und etwas Fisch. **Und deren die aßen war fünftausend Mann. 

6. 38. Die dramatische Umständlichkeit entspricht der Art 
der Mc, wie überhaupt die liebevolle Inszenirung. 

6. 39. 40. Der Ausdruck des Distributivs durch Wiederholung 
des zu Distribuirenden aoiAiroofta aüfAicoaiot, irpaöiat irpaaiat (wie 8öo 
66o 6, 7) ist ungriechisch, und ebenso der Gebrauch von irpaöta in 
dem hier vorliegenden Sinne. Im Aramäischen hat maschkabta, 
wie bed im Englischen, den Doppelsinn von Beet und Lagerstatt. 
Auch der Partitivus dirö x&v ly\)6Q}y 6,43 mutet nicht eben 
griechisch an, so wenig wie ScoSexa xocptvwv icXr^pcofiaxa. Das grüne 
Gras zeigt, zwar, daß die epr^fxoc keine Sand wüste war, läßt aber 
nicht etwa auf die Jahreszeit schließen , wie die Saatfelder 2, 23. 
Das malerische Attribut ist lediglich deshalb zugesetzt, um den 
nackten Boden zu bezeichnen, der nicht mit Decken belegt war, 
wie es sonst bei Mahlzeiten geschah. 

6,41. In dem Segnen der Speise, dem Brechen des Brotes 
und der Verteilung durch die Jünger — hier sind es nicht mehr 
die Apostel oder die Zwölf — finden erpichte AUegoriker Anzeichen, 
daß die Speisung der Fünftausend als Vorspiel des heiligen Abend- 



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§33. Mc. 6, 46-52. 53 

mahls aufgefaßt werden müsse. Daß das Segnen, Brechen und 
Verteilen des Brotes bei den Juden übliche Sitte war, daß der 
Wein fehlt und die Fische überschießen, macht ihnen nichts aus. 
In Wahrheit läßt Jesus hier nur das Volk teilnehmen an der regel- 
mäßigen Mahlzeit, die er sonst mit seinen Jüngern hielt und bei 
der er als der Wirt galt (Lc. 22, 27). Diese Mahlzeiten waren 
damals überhaupt ein wichtiges Bindemittel, namentlich für religiöse 
Genossenschaften; vgl. Isr. und Jüd. Geschichte 1901, S. 303. 310. 
Die Speisung des Volks für ungeschichtlich zu halten, hat man 
keinen Grund. Mc erzählt sie freilich als großes Wunder. Das 
Wunder verschwindet aber mit den Zahlen, die in der mündlichen 
Überlief enmg regelmäßig entarten. Dann bleibt das freundliche 
Bild übrig von einem schönen Abend auf einsamer Stelle am See^ 
die Menge liegt in Gruppen auf dem grünen Grase, die Jünger 
gehn dazwischen her und verteilen Brot und Fische. Die Pointe 
liegt darin, daß Jesus die Leute nicht bloß mit Lehren abspeist, 
sondern auch für des Leibes Notdurft sorgt, überzeugt, daß der 
für ihn und seine Jünger mitgebrachte Vorrat auch für die un- 
gebetenen Gäste schon reichen werde. Vgl. § 39. 



§ 33. Mc. 6, 46-52 (Mt. 14, 22-32). 

Und alsbald trieb er seine Jünger in das Schiff zu steigen 
und vorauszufahren hinüber nach Bethsaida, während er in- 
zwischen das Volk entließe. *^ünd als er sie verabschiedet 
hatte, begab er sich auf einen Berg um zu beten. *^Und am 
Abend war das Schiff mitten auf dem See und er allein am 
Land. *®Und er sah sie in Not auf der Fahrt, denn der 
Wind war ihnen entgegen; und um die vierte Nachtwache 
kam er auf dem See wandelnd angegangen und wollte an ihnen 
vorbeigehn. *®Als sie ihn nun auf dem See wandeln sahen, 
meinten sie, es wäre ein Gespenst, und schrien auf; denn sie 
sahen ihn alle und entsetzten sich. " Er aber redete sie alsbald 
an und sprach: seid getrost, ich bin es, fürchtet euch nicht! 
" Und er stieg zu ihnen ins Schiff, da legte sich der Wind. 
Und sie gerieten ganz außer sich, ^^denn sie waren durch 
die Brote nicht zur Einsicht gekommen, denn ihr Herz war 
verstockt. 



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54 II A. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

6, 45. Bethsaida wird bei Lc. 9, 11 schon vor der Speisang 
der Fünftausend als Ziel der Überfahrt genannt, bei Mt dagegen 
mit Stillschweigen übergangen (auch Mc. 8, 22) und bei Joa. 6, 17 
in Kapernaum umgewandelt. Es lag am Einfluß des Jordans in 
den See, nicht weit von Kapernaum, aber nicht mehr im Gebiet 
des Antipas, sondern des Philippus, der es zu einer Stadt ausbaute 
und Julias nannte. Dem vierten Evangelium zulieb hat man be- 
zweifelt, daß dieser Ort gemeint sei, und vermutet, es habe einen 
sonst unbekannten gleichnamigen Ort dicht bei Kapernaum gegeben. 
Aber Bethsaida steht bei Mc zusammen mit Cäsarea Philippi, mit 
der Dekapolis und mit dem im Norden Galiläas nach Damaskus 
sich erstreckenden Gebiete von Tyrus; und es muß daran fest- 
gehalten werden, daß Jesus sich außerhalb der Herrschaft des 
Antipas bewegt, bis er 9, 30 wieder Galiläa betritt, um hindurch 
zu reisen nach Jerusalem. — Natürlicher wäre es, wenn wie bei 
Lc. 9, 11 die Fahrt, eh to Trspav icpö; Br^öaatoav vom westlichen 
Ufer ausginge und mit der 6, 32 eingeleiteten zusammenfiele. 
Gleich nach der einen Fahrt fällt die andere auf, da sie doch keine 
Rückfahrt ist. Nun kann allerdings die Speisung des Volks an 
dieser Stelle nicht entbehrt werden, da sie am Anfang und am 
Schluß von § 33 vorausgesetzt wird. Aber in der Variante § 39 
spielt sie nicht am jenseitigen Ufer; erst nachher kommt die Fahrt 
über den See. Und auch in § 32 wird sie ursprünglich noch am 
diesseitigen Ufer stattgefunden haben und erst nachträglich in eine 
möglichst fremde, für alle Teilnehmer gleichmäßig (dagegen 8,3 
xai Tivec) weit entfernte Gegend verlegt sein. — In der Syra S. 
fehlt sh xh ^epav; D liest BijofofatSav. "Ecac bedeutet während. 

6,46. Jesus muß sich längere Zeit von den Jüngern entfernt 
halten, bis zur Morgenfrühe 6,48. 

6, 48. BaaavtCofievoü? Iv t(j> IXaüveiv scheint geglättet aus 
ßaaaviCo|isvoüc xal IXaüvovta? bei D. 

6, 49. Für «avxaafia scheint die Syra S. Saijxoviov gelesen zu 
haben. 

6, 51 erinnert an 4, 41 ; § 33 ist eine gesteigerte Variante zu § 25. 

§ 34. Mc.6, 53-56 (Mt. 14, 34-36). 

Und hinübergefahren ans Land kamen sie nach Gennesaret 
und legten an. ^^ Und als sie aus dem Schiff gestiegen waren. 



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§ 35. 36. Mc. 7, 1-23. 55 

erkannten ihn die Leute alsbald "und liefen umher in der 

ganzen Gegend und begannen rings die Kranken auf den Betten 

dahin zu bringen, wo sie hörten, daß er war. *^Und wo er 

in Dörfer oder Städte oder Höfe eintrat, setzten sie die Leidenden 

auf die Straße und baten ihn, daß sie nur einen Zipfel seines 

Kleides berühren dürften, und wer daran rührte, wurde gesund. 

Für Gennesaret setzen D und Syra Gennesar, welches nach 

Josephus, Talmud und 1 Macc. 11,67 die richtige Form ist. Daß 

statt eines Orts ganz unbestimmt bloß die Gegend genannt wird, 

könnte man daraus erklären, daß Jesus sich nirgend aufhält, 

sondern von Ort zu Ort wandert, und die Leute sich erkundigen 

müssen, wo er ist. Aber ek Fewr^öapsT 6, 53 stimmt nicht mit Ttp^c 

B>jöafoti8av 6, 45; Bethsaida gehört nicht zu Gennesar, also wie 

kommt das Schiif nach Gennesar, wenn es nach Bethsaida fährt? 

Daß es vom Winde verschlagen wäre, hätte doch gesagt werden 

müssen und darf nicht stillschweigend ergänzt werden. Vielleicht 

soll durch Gennesar eine annehmbare Situation für das Redestück 

7, 1 — 23 geschaffen werden, weil Bethsaida für das Auftreten der 

jerusalemischen Rabbinen ungeeignet schien. Kapernaum wagte 

man doch nicht zu sagen. Vgl. weiter zu 8, 10. Daß § 34 ein 

Redaktionsstück ist, läßt der Vergleich mit § 15 vermuten. — 

'A7opatc6, 56 wird in D richtig erklärt durch TrXaxsiaic. 



§ 35. 36. Mc.7, 1-23 (Mt. 15, 1-20). 

Und die Pharisäer und etliche von Jerusalem gekommene 
Schriftgelehrte fanden sich bei ihm ein, ' da sie einige seiner 
Jünger mit gemeinen, d. h. mit ungewaschenen Händen hatten 
essen sehen. ' Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, 
ohne sich die Hände zu waschen, indem sie die Überlieferung 
der Ältesten beobachten; * und wenn sie von der Straße heim- 
kommen, essen sie nicht, ohne sich abzuspülen, und vieles 
andere haben sie angenommen zu halten, Abspülung von 
Bechern, Krügen und Kupfergeschirr. * Und die Pharisäer und 
Schriftgelehrten fragten ihn: warum wandeln deine Jünger 
nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen mit 
gemeinen Händen? ®Er aber sprach zu ihnen: Mit Recht hat 
der Prophet Esaias von euch Heuchlern geweissagt: „dies Volk 



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56 HA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

ehrt mich mit seinen Lippen, ihr Herz aber ist weit weg von 
mir; ^nichtig verehren sie mich mit ihrem Lehren von Menschen- 
geboten". ^Ihr laßt Gottes Gebot außer acht und haltet die 
Überlieferung der Menschen. ®ünd er sprach zu ihnen: Ist 
es recht, daß ihr das Gebot Gottes außer Kraft setzt, um eure 
Überlieferung festzuhalten? *°Denn Moses hat gesagt: ehre 
deinen Vater und deine Mutter, und wer Vater und Mutter 
schmäht, soll des Todes sterben. ^*Ihr aber, wenn jemand zu 
Vater oder Mutter gesagt hat: Korban d. h, Opfer sei das, 
was dir von mir zugut kommen könnte, *^so erlaubt ihr ihm 
nicht mehr, für Vater oder Mutter etwas zu tun, ^'sodaß ihr 
das Wort Gottes durch eure törichte Überlieferung ungiltig 
macht — und dergleichen tut ihr viel. ^*Und weiter rief er 
das Volk herbei und sprach: Hört mir alle zu und vernehmt! 
** Nichts, was außerhalb des Menschen ist und in ihn hinein- 
kommt, kann ihn verunreinigen, sondern was aus dem Menschen 
herauskommt, das ist es, was ihn verunreinigt. 

*^ünd als er vor dem Volke sich in ein Haus begeben 
hatte, fragten ihn die Jünger um den Spruch. ^® Und er sagte 
zu ihnen: So seid auch ihr verständnislos? seht ihr nicht ein, 
daß alles, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn 
deshalb nicht verunreinigen kann, *' weil es nicht in das Herz, 
sondern in den Bauch hineinkommt und zum Darm hinaus- 
geht, der alle Speisen reinigt? '*^Er sprach aber: Was aus 
dem Menschen herauskommt, das verunreinigt den Menschen. 
^^Denn von innen aus dem Herzen der Menschen kommen die 
bösen Gedanken heraus, Hurerei, Diebstahl, Mord, Ehebruch, 
Habsucht, Bosheit, Arglist, Schamlosigkeit, Misgunst, Lästerung, 
Hochmut, Unvernunft. '* Alles dies kommt von innen heraus 
und verunreinigt den Menschen. 

7, 1. Dies Redestück ist in Wahrheit ohne Ort und Zeit und 
nur zur Abwechslung hier eingeordnet, ebenso wie 10, Iss. an 
seiner Stelle. Die Pharisäer scheinen sich die Schriftgelehrten von 
Jerusalem zu Hilfe gerufen zu haben, weil es in Galiläa keine gab 
oder nicht so namhafte. 

7, 2 läßt sich nicht mit 7, 5 verbinden. D bietet: „und da 
sie sahen . . . ., misbilligten sie es", aber das wird supplirt 
sein. Man muß entweder das xal vor ?56vts? streichen, oder an- 
nehmen, daß das Participium für ein Finitum gesetzt ist. 'Ecjöisiv 



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§ 35. 36. Mc. 7, 1—23. 57 

TOü? aptoo^ (6,44) ist einfach essen, wie es auch im folgenden 
Verse heißt. Besser steht in 7, 5 der Singular tiv dptov. Brot 
ist im Aram. wie im Hebr. nur Singular; im Plural sagt man 
Laibe, oder Stücke Brot. 

7, 3. 4 ist eine eingeschaltete Erklärung und für nicht jüdische 
Leser bestimmt, wie die kleineren Interpretamente 7, 2. 11. Was 
Trt>7ji^ heißen soll, weiß man nicht. Für pavttCeiv wird hernach 
der technische Ausdruck ßaTiTiCstv gebraucht. 

7,5. nepiTcaTsiv ist haläkha, TtapoXapißavstv qabbäla (hebr. 
np7), irapa5oaic aschlamta. 

7, 9. Durch xal eXe^ev markirt Mc die Fugen einer zusammen- 
gesetzten Rede, die bei den andern verdeckt werden, vgl. 2, 27. 
4, 11. 13. 7, 20. 8, 21. 9, 1. In der Tat stoßen 7, 7 und 7, 9 hart 
aufeinander; 7,9 — 13 ist nicht Fortsetzung, sondern Parallele zu 
7,6—8. Dort steht das Zitat voran und der Spruch folgt, hier 
umgekehrt. Der Spruch ist beiderorts der gleiche (7,8. 7,9), der 
Beweis aber verschieden. Dort schlägt Jesus die Gegner mit Jesaias, 
hier mit Moses selber und zeigt, daß sie das Gesetz mit dem Zaun 
ihres Beiwerkes nicht schützen, sondern ersticken. Formell weicht 
i^ TrapaSocJw 6fia)v 7,9. 13 ab von fj ir. to>v TtpeaßüTsptDV 7,3. 5. 8. 
Man hat darnach nicht nötig, das xaXcoc in 7,9 ebenso zu fassen 
wie in 7,6; es leitet eine Frage ein. — Für •njpr^aijTe haben D und 
Syra S. ausdrucksvoller* cjTT^cjnjxe. 

7, 11. Ae^exs steht zwar in allen Hss., läßt sich aber neben oöxsxi 
dcptsTe auf keine Weise verstehn und ist ein Einsatz, der auf Mis- 
verständnis beruht. Wenn der Sohn verschwört, den Eltern etwas 
zu geben, wenn er sagt, sein Gut sei gleichsam Tabu ihnen gegenüber, 
so gilt der Schwur den Rabbinen für heiliger als die Kindespflicht. 
Merx hat darin Recht, daß xopßav eine in besonderem Sinn ge- 
bräuchliche Formel gewesen sein muß, daher die Beibehaltung des 
aram. Ausdrucks. Gegen die Überschätzung des Opfers braucht 
Jesus kaum noch zu protestiren. 

7. 13. Statt TCctpsBcüxaTe müßte es heißen irapaSßots im Präsens 
oder TcapeXdßsTs im Präteritum. Das Epitheton tJ [i.a)pq[ steht nur 
in D; mir kommt es so vor, als ob es leichter gestrichen als zu- 
gesetzt werden konnte; sicher läßt sichs nicht entscheiden. 

7. 14. Es wird ein eigener, neuer Anlauf genommen, um den 
prinzipiellen Ausspruch 7, 15 so einzuführen, wie es seiner Wichtig- 
keit gebührt. Diese Wichtigkeit erhellt auch dadurch, daß ihm in 



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58 HA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

7, 17 SS. ein Kommentar gewidmet wird, wie in 4, 10 ss. dem Gleich- 
nis vom Säemann. 

7, 17. Zwischen ek oTxov und eh xbv oTxov ist kein Unter- 
schied; ob die Szene in Kapernaum spielt oder anderswo, weiß 
man nicht, da die Stellung von § 35. 36 darüber nicht entscheidet. 
riapaßoXT] wird hier ein einfacher Spruch genannt, der nicht ohne 
weiteres verständlich ist. 

7. 19. Das Participium xaOctpiCtDV gehört zu tov dcpeBpcova, ist 
aber nicht einfach Attribut, sondern steht selbständiger, ohne Artikel 
und im Casus rectus (D xaOaptCst). Dann bedeutet dcpsopcov nicht 
Abtritt, weil dazu die Aussage des Partizipialsatzes nicht paßt. 
Sondern Darmkanal, wie o^^stos, das in D an die Stelle tritt. 
Der Darmkanal reinigt die Speisen, indem er das Unreine von 
ihnen ausscheidet. Naturalia non sunt turpia. 

7.20. Hebt neu an und bringt eine positive Ergänzung. Mt 
wird darin Recht haben, daß wie das eJdTropsoofievov efc tov av&po)- 
Tüov das eJofTT. e?c tö aiofia ist, so auch das ixir. 4x toü dv&pa>iroü 
das IxTT. ix TOÜ OTop-ttToc, also das Wort und nicht der unaus- 
gesprochene Gedanke, obwol er diese Deutung nicht schon in den 
Ausspruch Mc. 7, 15 hätte . eintragen sollen. Mc würde nach 
Mt. 12, 34 die Meinung Jesu besser so interpretirt haben: denn 
was aus dem Munde herauskommt, das kommt aus dem Herzen, 
und dort ist der Sitz der religiösen Unreinheit; die Natur hat nichts 
damit zu tun. 

7, 21. Der Plural o! avöptDiroi wechselt ohne Unterschied mit 
dem Singular 6 avOptuTroc; im Aramäischen ist beides n äse ha. 

7, 22. 'GcpOaXfjLÖc TTovTjpo? heißtnachhebräischemund aramäischem 
Sprachgebrauch Neid und nichts weiter. 

§37. Mc. 7, 24-30. (Mt. 15, 21-28). 

Und von da brach er auf und ging in das tyrische Gebiet. 
Und er trat in ein Haus ein und wollte, daß niemand etwas 
erführe, konnte aber nicht verborgen bleiben. ^^ Sondern eine 
Frau, deren Tochter einen unreinen Geist hatte, hörte von 
ihm und kam alsbald und warf sich ihm zu Füßen. '^^Die 
Frau war aber eine Heidin, Phönizierin von Herkunft. Und 
sie bat ihn, er möchte den Dämon aus ihrer Tochter aus- 
treiben. "Und er sagte zu ihr: laß zuerst die Kinder satt 



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§37. Mc. 7,24-30. 59 

werden, denn es gehört sich nicht, den Kindern das Brot zu 
nehmen und es den Hunden hinzuwerfen. "Sie aber ant- 
wortete ihm: aber doch, Herr, essen auch die Hunde unter 
dem. Tisch von den Brosamen der Kinder. **I]nd er sprach 
zu ihr: um dieses Wortes willen — geh hin, der Dämon ist 
aus deiner Tochter ausgefahren. '**ünd sie ging nach Hause 
und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon aus- 
gefahren. 

7, 24. Ob diese Perikope sich an § 34 — 36 anschließt und 
ixsi&ev darnach zu verstehn ist, läßt sich bezweifeln. Jesus 
macht hier keinen ganz aus der Kehr liegenden Abstecher nach 
Westen, sondern geht nach Norden. Das Gebiet von Tyrus er- 
streckte sich beträchtlich landeinwärts. Nach Joseph. Bellum 3, 38 
bildete es die nördliche Grenze von Galiläa. Nach Ant. 18, 153 
reichte es an das von Damaskus, denn unter den Sidoniern werden 
wie gewöhnlich nicht die Einwohner der Stadt Sidon zu ver- 
stehn sein. 

7, 26. 'EXXijvi^ bezieht sich auf die Religion, die Nationalität 
wird erst mit Hopo^otvixtacja angegeben. 

7,27s. Vgl. Lc. 16, 21; die Ausdrücke klingen an und lassen 
vermuten, daß Lc unsere Erzählung, die er ausläßt, doch ge- 
kannt hat. 

7.28. Die Anrede xüpte findet sich bei Mc nur an dieser 
Stelle, im Munde einer heidnischen Frau; vgl. IReg. 18, 7. Die 
Form ihres Ausspruchs erinnert an Judic. 1, 17. Sie wider- 
spricht dem Grundsatz Jesu nicht, sondern macht nur aufmerksam 
auf eine Ausnahme, die derselbe gestattet. Sie muß natürlich an- 
nehmen, daß auch bei den Juden trotz allem die Hunde mit den 
Kindern zusammen am Tisch sind und die abfallenden Brosamen 
aufschnappen. 

7.29. Das Verhalten der Frau bewegt Jesus, seinen Grund- 
satz in diesem Falle aufzugeben. Daß derselbe ernst von ihm ge- 
meint und bisher befolgt ist, unterliegt keinem Zweifel. Obwol 
Mc es nie ausdrücklich sagt und kein Gewicht darauf legt, versteht 
es sich bei ihm doch von selbst, daß Jesus seine Wirksamkeit auf 
die Juden beschränkt, ihnen das Reich Gottes ankündigt und sie 
zur Buße auffordert. Solche Äußerungen wie Mt. 8,11s. tut er bei 
Mc niemals; nur in der eschatologischen Rede 13, 10 weissagt er 
die Ausdehnung der Predigt des Evangeliums auf die Heiden. 



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60 IIA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—42. 

7.30. BsßXr^jievov ist r'me = liegend. Man hat bemerkt, daß 
dies bisher das einzige Beispiel bei Mc ist, wo Jesus aus der Ferne 
heilt, bloß durch sein Wort. Die Erzählung ist also singulär in 
mehr als einer Hinsicht. 

§38. Mt. 7, 31-37. 

Und aus dem Gebiet von Tyrus wieder kam er über Sidon 
am See von Galiläa mitten in das Gebiet der zehn Städte. 
"Und sie brachten ihm einen, der nicht hören und kaum 
reden konnte, und baten ihn, ihm die Hand aufzulegen. 
" Und er nahm ihn abseits von der Menge, und legte ihm den 
Finger ins Ohr und berührte ihm mit Speichel die Zunge, 
'*und seufzend blickte er zum Himmel auf, und sprach: 
ephata d. i. tu dich auf. '* Da öflfnete sich sein Gehör und 
das Band seiner Zunge löste sich, und er redete ordentlich. 
"Und er gebot ihnen, keinem etwas zu sagen; je mehr er 
aber verbot, umsomehr verkündeten sie es. ''Und sie waren 
aufs höchste erregt und sagten: gut hat er es alles gemacht, 
die Tauben macht er hören und die Stummen reden. 

7.31. Jesus befindet sich nur im Gebiet von Tyrus. Und 
selbst von der Stadt Tyrus führt der Weg nach dem galiläischen 
Meer unmöglich über Sidon: so etwas kann von ur an nicht da- 
gestanden haben. In Sidon steckt ein Fehler, ]"i'»H ist hier Said an 
und das ist Bethsaida. So wechselt z. B. ßrj&apafiaOa Bellum 2, 59 
mit Apajia&a Ant. 17,277. Übrigens wird sonst nie eine Über- 
gangsstation genannt, wir werden stets von einem Ort unmittelbar 
an den andern versetzt. Vielleicht haben wir hier nur einen Aus- 
gleich zweier verschiedener Angaben über den Schauplatz der 
Heilung des Taubstummen. 

7, 34. Ecp^axa ist die im bab. Talmud gewöhnliche Kontraktion 
des Ethpeel; sie muß auch palästinisch gewesen sein, 

7, 36. Zu aÖTot' vgl. 1, 8. Die ganze Periode sieht nicht nach 
griechischer Konzeption aus. 

§ 39. Mc. 8, 1-9 (Mt. 15, 32-39). 

In jenen Tagen, als wieder des Volkes viel war und sie 
nichts zu essen hatten, rief er die Jünger heran und sagte zu 



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§39. Mc.8,1-9. 61 

ihnen: 'Mich dauern die Leate, denn es sind schon drei Tage, 
seitdem sie hier sind, und sie haben nichts zu essen. 'Und 
sie hungrig nach Hause gehn lassen will ich nicht, damit sie 
nicht unterwegs schlaflf werden; einige von ihnen sind ja auch 
von fern gekommen. *Und seine Jünger antworteten ihm: 
woher soll einer diese hier mit Brot sättigen in der Einöde? 
*Und er fragte sie: wieviel Laibe habt ihr? sie sagten: sieben. 
® Und er hieß die Leute sich lagern auf dem Boden, und nahm 
die sieben Laibe, sprach den Dank und brach sie und gab sie 
seinen Jüngern, daß sie sie vorsetzten, und sie setzten sie den 
Leuten vor. 'Und sie hatten ein paar Fische, und er sprach 
den Segen darüber, und ließ auch sie vorsetzen. 'Und sie 
aßen und wurden satt und hüben die übrig gebliebenen Brocken 
auf, sieben Körbchen voll. * Es waren aber gegen viertausend. 
Die Gruppe, die l^iQV beginnt und bis 8,26 reicht, setzt die 
vorhergehende nicht fort, sondern läuft ihr parallel, wie schon Lc 
(der von § 32, bei ihm nach Bethsaida verlegt, überspringt auf 
§ 43) gemerkt zu haben scheint. Freilich deckt sie sich im Um- 
fang nicht vollständig mit jener; es findet sich nur die Speisung 
(§ 39 = 32), die darauf folgende Überfahrt (§ 40. 41 = 33) und 
die Heilung zu Bethsaida (§42 = 38), dagegen fehlen die §§37 
und 34 — 36, die vermutlich ein oder vielmehr zwei Zwischenstücke 
sind. Der Umstand, daß hier nicht bloß einzelne Varianten, sondern 
zwei Gruppen von Varianten erscheinen, gibt zu denken. Doch 
sind die Gruppen klein, sie bestehn eigentlich nur aus drei Stücken, 
die schon von der mündlichen Tradition in dieser Reihenfolge 
hätten überliefert sein können. 

8.1. Die unbestimmte Zeitangabe in jenen Tagen kenn- 
zeichnet den neuen Anfang. 

8. 2. 3. Der Beweggrund und der Effekt des aTzka'c/yiCso^on 
ist hier natürlicher als in 6, 34. Im Unterschied zu der Angabe 
6, 33 SS., wonach die Leute an einem und dem- selben Tage von der 
Westseite her um den See herum gelaufen sind, an der Ostseite 
gespeist werden und abends heimkehren, sind sie hier schon drei 
Tage an Ort und Stelle und nicht allesamt, sondern nur zum kleinen 
Teil (xtve?) von weit hergekommen; auch ist keine Rede davon, 
daß sie sich in fremde Höfe und Dörfer Verstreuen müßten, um 
Speise zu kaufen. Nichts führt darauf, daß die Szenp weit entfernt 
von Kapemaum am jenseitigen Ufer zu denken ist; vgl. zu 8, 10. 13. 



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62 IIA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—43. 

Im allgemeinen aber herrscht große Übereinstimmung, bis auf die 
Ausdrücke; sie stammt schwerlich erst von Mc, der keinen Grund 
hatte, die beiden Berichte, die er für verschieden hielt, einander 
möglichst ähnlich zu machen. — In 8, 2 erklärt sich der Nominativ 
-yjfjiepai xpeTc aus der semitischen Redeweise, die vollständig noch 
in D vorliegt r^iUpai tpelc eIAv dno ttot* (13D) co8e tla(v. Auch in 
8, 3 verdient die Lesart von D den Vorzug. 

8. 5. Der Speisevorrat ist hier größer als in § 32, sieben 
Brote und nicht nur zwei Fische. Dagegen sind der Gäste weniger 
und es bleibt auch nicht soviel übrig: nur sieben Körbchen (nicht 
Körbe) voll Brocken. Vgl. 8, 19 ss. 

8. 6. Der unterschied zwischen söxaRt^ycsi^ iii^d söXo^etv be- 
steht nur im Griechischen, s5>.0Yetv ist wörtlicher übersetzt. Die 
Sitte wird schon 1. Sam. 9, 13 erwähnt. 

8, 8. 9. Von den Fischen wird hier (und 8, 19) nichts auf- 
gehoben und das ist das Natürliche. Kai dirsXooev aötodc 8, 9 
gehört an den Anfang der folgenden Perikope. 

§ 40. 41. Mc. 8, 10-21 (Mt. 15, 39-16, 12). 

Und nachdem er sie entlassen hatte, ging er alsbald zu 
Schiff mit seinen Jüngern und gelangte in die Gegend von 
Dalmanutha. ^*Und die Pharisäer zogen aus und begannen 
mit ihm zu streiten und forderten von ihm ein Zeichen vom 
Himmel, um ihn zu versuchen. ^*Und von Herzensgrund auf- 
seufzend sprach er: was hat dies Geschlecht ein Zeichen zu 
fordern! Amen, ich sage euch, es wird diesem Geschlecht kein 
Zeichen gegeben werden. 

''Und nachdem er sie entlassen hatte, ging er wieder zu 
Schiff, um auf das andere Ufer zu fahren. '*ünd sie hatten 
vergessen Brot mitzunehmen, nur ein einziges Laib hatten sie 
bei sich im Schiff. ^'Und er gebot ihnen also: nehmt euch 
in acht vor dem Sauerteige der Pharisäer und dem Sauerteige 
des Herodes. "Und sie machten sich Gedanken darüber, daß 
sie kein Brot hatten. *^Und da er es merkte^ sprach er zu 
ihnen: Was macht ihr euch darüber Gedanken, daß ihr kein 
Brot habt? merkt und versteht ihr noch nichts? ist euer Herz 
verstockt? ^' Augen habt ihr und seht nicht, Ohren und hört 
nicht 1 Denkt ihr nicht daran: "als ich die fünf Laibe Brot 



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§40.41. Mc. 8, 10-21, . 63 

den Fünftausend brach und austeilte, wieviel Körbe voll Brocken 
hubt ihr da auf? Sie sagten: zwölf. *° Und als ich die sieben 
an die Viertausend verteilte, wieviel Körbchen voll Brocken 
hubt ihr da auf? Sie sagten: sieben. '^ Und er sagte zu ihnen: 
seid ihr noch immer nicht zur Einsicht gekommen? 

8, 9. 10. Man versteht, daß Dalman (Grammatik S. 133) sich 
durch Dalmanutha befremdet fühlt, aber nicht, daß er es nach 
Magadan (Mt) oder Melegada (D) in Magdala. oder gar in Magda- 
lutha verändern will. Denn Magdala war ein allen geläufiger 
Name, bei dem die Uneinigkeit und die Verderbnis der Überlieferung 
nicht hätte entstehn können. Vielleicht ist auch Gennesaret 6, 53 
an Stelle der Gegend gesetzt, die bei Mc Dalmanutha und bei Mt 
Magadan heißt. Sie muß am östlichen Ufer gesucht werden, in der 
Nähe von Bethsaida (8,22), wenn diese Stadt nicht selbst dazu 
gehörte. Denn es bedarf keines Beweises, daß der Anfang von 
§ 40 ,(8, 9»>. 10) identisch ist mit dem Anfange von § 41 (8, 13); 
das Objekt zu «ötoüc in d^si'c 8, 13 sind ebenfalls die o/Xoi, nicht 
die Pharisäer, die Jesus nicht einfach wegschicken kann; iraXtv ist 
ein harmonistischer Einsatz. 

8, 11. 12. Nach dem Gesagten sind diese Verse späteren Ur- 
sprungs und haben zu der Verdoppelung von 8, 10. 13 geführt. 
Das Hervorschießen der Pharisäer, während Jesus die Fahrt unter- 
bricht und landet, ist ganz ungeschickt; es soll nur ein Anlaß für 
die Mitteilung seines Ausspruchs geschaffen werden. Aber derselbe 
ist garnicht bloß an die Pharisäer gerichtet, t] ^evsa aoT-q heißt 
die gegenwärtige Generation und bezieht sich auf alle Juden. 
Das Zeichen vom Himmel (11,30) muß etwas anderes sein, als 
die Heilungen und Exorzismen, auf die sich nach Mt. 12,27 auch 
andere als Jesus verstanden. Der rein semitische Schwursatz mit 
zl verdient Beachtung. 

8, 13 hat sich ursprünglich unmittelbar an 8,22 xat sp/oviat 
qU Brj&aatSav angeschlossen. Denn die echte alte Überlieferung von 
§ 89 — 42 kennt natürlich nur sich selber, nicht auch ihre Parallele 
§ 32ss.; sie kann nicht über ihre Abweichungen von dieser Parallele 
reflektiren und sie gar in der Weise verwerten, wie es in 8, 14—21 
geschieht. Diese Verse verdanken also ihre Entstehung erst einem 
Autor, der die Varianten schon verbunden vorfand. Die Szene soll 
noch im Schiff gedacht werden, während der Überfahrt. 

8, 14. Ich weiß nicht, ob ef ji-ij Iva «ptov o6x griechisch ist. 



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64 IIA. Jesus auf unsteter Wanderung. § 30—43. 

8, 15 gehört nicht zu der Masse von 8, 14 — 21 und verdreht den 
Sinn der Äußerung 8, 16, deren natürlicher Anlaß vielmehr in 8, 14 
angegeben ist; der Versuch des Mt (16, 11s), den Vers tiefsinnig im 
Zusammenhang des Ganzen zu verstehn, misglückt vollständig. Es 
ist also einem isolirt umlaufenden Ausspruch Jesu ein ungeschickter 
Platz gegeben. Mit der Cup-^J kann nur uneigentlicher Sauerteig 
gemeint sein, die treibende und bewegende Gesinnung und zwar 
schlechte Gesinnung. Das, worin die Pharisäer und Herodes eins 
sind, ist ihr Haß gegen Jesus. Sie sind die beiden ihm feindlichen 
Mächte in Galiläa. Die Jünger sollen sich hüten, ihrer Arglist zum 
Opfer zu fallen, nicht, von ihrer Arglist angesteckt zu werden. 



§41. Mc. 8, 22-26. 

Und sie kamen nach Bethsaida. Und sie brachten ihm 
einen Blinden und baten ihn, daß er ihn anrühre. "Und er 
nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem 
Dorfe heraus. Und er spie ihm in die Augen und legte die 
. Hände auf ihn und fragte ihn: siehst du was? " Und er erhob 
den Blick und sagte: ich sehe Menschen, sie sehen mir aus . 
wie wandelnde Bäume. ^^Nun legte er ihm noch einmal die 
Hände auf die Augen, da drang sein Blick durch und er wurde 
hergestellt und sah alles deutlich. "Und er schickte ihn 
nach Hause und sagte: geh nicht in das Dorf hinein. 

8, 22. Mit einer Heilung in fremdem Lande findet auch in 
§ 41 wie in § 38 die Fahrt über den See nach der Speisung der 
Tausende ihren Abschluß. Beide Perikopen fehlen bei Mt, er hat 
sich an dem zauberhaften Verfahren gestoßen. Die Prozedur ist 
beiderorts sehr ähnlich: Hinausführen des Kranken abseits von der 
Menge oder von dem Dorf, Speien und Handauflegen auf den 
kranken Teil. Die Einleitung 8, 22 deckt sich auch im Wortlaut 
mit der Einleitung 7, 32. Auf den Unterschied von Blind und 
Taub ist nach alledem kein Gewicht zu legen, Mt. 12, 22 wird 
beides kombinirt. 

8, 24. Der Blinde kennt den Unterschied von Mensch und 
Baum, war also nicht von jeher blind. Das maskul. Participium 
stünde besser im Neutrum; denn es bezieht sich auf die Bäume, 
nicht auf die Menschen. 



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§ 43-54. 65 

8, 26. Josephus sagt Ant. 18, 28: Philippus nannte Paneas 
Cäsarea und das Dorf Bethsaida am See von Gennesar erhob er 
zn einer Stadt und nannte sie Julias, zu Ehren der Kaiserin. Bei 
Mc aber existirt das alte Dorf Bethsaida trotzdem noch weiter, 
und Jesus hält sich in diesem Dorf auf, nicht in der Stadt. Er 
kommt auch nicht in die Stadt Cäsarea, sondern in die Dörfer von 
Cäsarea; ebenso nicht in die Stadt, sondern in das Gebiet von 
Tyrus. Er vermeidet überhaupt die größeren Städte, bis er hinauf- 
geht nach Jerusalem. — Der Blinde wird außerhalb von Bethsaida 
geheilt, und angewiesen, auch nach der Heilung nicht in das Dorf, 
sondern nach Hause zu gehn. Bethsaida war also nicht seine 
Heimat, sondern er war nur dorthin gebracht. D liest indessen 
anders. 



IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. 

§ 43-54. 

Diese andere Hälfte des zweiten Teils fangt genau so an wie 
die erste (§ 30) und gehört nach Ort und Zeit in den selben Rahmen. 
Innerlich aber unterscheidet sie sich sehr. Jetzt beginnt eigentlich 
erst das Evangelium, wie es die Apostel verkündet haben; vorher 
merkt man wenig davon. Der Entschluß, nach Jerusalem zu 
reisen, der nicht etwa durch das Osterfest veranlaßt ist, bringt 
einen auffallenden Wechsel hervor. Ein verklärter Jesus steht vor 
uns, und die zwei Heilwunder, die hier noch eingestreut werden, 
stören förmlich. Er lehrt nicht mehr Allgemeingiltiges, sondern 
weissagt über seine Person. Er redet nicht mehr zum Volk, sondern 
zu einem beschränkten Kreise seiner Jünger. Ihnen eröffnet er 
sein Wesen und seine Bestimmung. Und zwar rein esoterisch: 
sie sollen es niemand sagen, bis nach der Erfüllung seiner Weis- 
sagung über sich selber, und sie verstehn es nicht einmal selber 
vorher. Den Anlaß, ihnen gegenüber aus seiner bisherigen Latenz 
herauszutreten, gibt ihm das Bekenntnis des Petrus: du bist der 
Messias. Er hat es selber hervorgelockt und acceptirt es. Jedoch 
mit einer Korrektur, die auf dem Fuße folgt: er ist nicht der 
Messias, der das Königtum Israels wieder herstellen wird, sondern 
ein ganz anderer. Nicht um das Reich aufzurichten, geht er nach 

WellliauseD, Erang. Marci. 5 



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ß6 HB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43 — 64. 

Jerusalem, sondern um daselbst gekreuzigt zu werden. Durch 
Leiden und Sterben geht er ein in die Herrlichkeit, imd nur auf 
diesem Wege können auch andere hinein. Das Reich Gottes ist 
kein jüdisches Reich, es ist nur für einige auserwählte Individuen 
bestimmt, für die Jünger. Der Gedanke an die Möglichkeit einer 
^exotvota des Volkes wird gänzlich aufgegeben. An Stelle der 
Aufforderung zur Buße, die sich an alle richtet, tritt die Forderung 
der Nachfolge, die nur für sehr wenige erfüllbar ist. Dieser 
Begriff verliert jetzt seine eigentliche Bedeutung und nimmt eine 
höhere an. Es handelt sich dabei nicht wie bisher bloß darum, 
daß man bei Lebzeiten Jesu ihn begleitet und hinter ihm hergeht, 
sondern vorwiegend darum, daß man ihm in den Tod folgt: die 
Nachfolge ist als imitatio auch nach seinem Tode möglich und geht 
da erst recht an. Man soll ihm das Kreuz nachtragen. Die 
Jünger müssen um des Reiches willen vollkommen aus dem Zu- 
sammenhang des Volkes und der Familie heraustreten^ sie müssen 
alles, was sie an das Leben bindet, und das Leben selber auf- 
opfern. Eine Reform ist nicht möglich, die Feindschaft der Welt 
unüberwindbar. Der Bruch mit ihr wird gefordert, der zum 
Martyrium führt. Die Situation und die Stimmung der ältesten 
Gemeinde wird hier von Jesus vorgespiegelt, da er seinem Geschick 
entgegengeht. Darauf beruht das hohe Pathos, wodurch die Ein- 
leitung zur Passionsgeschichte diese selber übertrifft. 

Ein besonderes sprachliches Kennzeichen dieses Abschnittes ist 
der Menschensohn. Es ist Übersetzung von Barnascha, was 
nichts weiter als der Mensch bedeutet; es bezeichnet aber im 
Munde Jesu den Messias. Wie kann dieser einfach der Mensch 
genannt werden? 

Den Anlaß dazu hat Daniel?, 13 gegeben, wo von dem 
Messias (richtiger freilich vom messianischen Reich) gesagt wird: 
„siehe mit den Wolken des Himmels kam einer wie ein Mensch." 
Er erscheint im Bilde eines Menschen im Gegensatz zu den 
tierischen Repräsentanten der vorangegangenen Weltreiche. 
Aber er heißt nicht der Mensch, sondern sieht nur aus wie 
ein Mensch. Die Juden sind in der Verwertung der Danielstelle 
nicht über diese Grenze hinausgegangen, sie haben daraus niemals 
den losgerissenen und für sich stehenden Namen „der Mensch" für 
den Messias geschöpft. Die Apokalypsen Henochs und Ezras 
widerlegen diesen Sachverhalt nicht, sondern bestätigen ihn. 



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§43-54. 67 

Henoch sagt: ^Ich sah einen, dessen Antlitz wie das Ans- 
sehen eines Menschen war, und ich fragte einen Engel nach 
jenem Menschensohn, und er antwortete mir: dies ist der 
Menschensohn, bei dem die Gerechtigkeit wohnt, und dieser 
Menschensohn, den du gesehen hast, wird die Könige und Mächtigen 
aufregen." Das Wesen führt hier nicht den Titel der Mensch, sondern 
sieht nur aus wie ein Mensch. Nachdem dies das erstemal genau 
mit den Worten der Danielstelle gesagt ist, kann es nicht misver- 
standen werden, wenn hernach die Bezeichnung abgekürzt wird. Daß 
die Abkürzung nur eine Rückweisung auf den danielischen Ausdruck 
sein will, tritt dadurch deutlich hervor, daß in der Regel das hin- 
weisende Pronomen zugesetzt wird: jener Menschensohn, dieser 
Menschensohn. Man hat mit Recht gefragt, was das heißen solle, wenn 
der Menschensohn Messiastitel sei. Der Messias ist ein Wesen sui 
generis, dieser Messias, jener Messias also ein Unding. 

Ezra sagt: „Yentus ascendere fecit de corde maris quasi 
similitudinem hominis. Et convolabat ille homo cum nubibus 
caeli ... et congregabatur multitudo hominum, ut debellarent 
hominem qui ascenderat de mari.'' Voran steht quasi simili- 
tudo hominis, dann folgt ille homo, zuletzt heißt es einfach 
homo, jedoch gewöhnlich mit charakterisirendem Attribut. Der 
Mensch ist also auch hier kein bereits selbständig gewordener 
Titel des Messias, sondern nur eine Abkürzung des zu Anfang ge- 
brauchten eigentlichen und vollen Ausdruck das Wesen, das 
einem Menschen glich, der wörtlich aus Daniel entlehnt ist. 
Es wäre unbequem gewesen, denselben jedesmal im genauen Wort- 
laut zu wiederholen: die Abkürzung genügt. Sie ist aber weiter 
nichts als ein Rückweis und empfängt Sinn und Inhalt aus dem 
literarischen Zusammenhang, in dem sie steht. 

In den Evangelien erscheint nun aber der Menschensohn nicht 
durch einen größeren literarischen Zusammenhang vor- 
bereitet, sondern ohne weiteres, in isolirten Äußerungen, unein- 
geführt und unbedürftig der Erklärung. Jesus hat den Gebrauch 
des allgemeinsten Namens in einer ganz exochischen Bedeutung bei 
den Juden keineswegs vorgefunden, verwendet ihn jedoch durchaus 
als kurante Münze. Er setzt voraus, daß derselbe seinen Zuhörern 
bekannt und geläufig sei. Und sie verstehn ihn auch und fragen 
nicht (wie 4, 10. 7, 17. 9, 9): was willst du eigentlich damit sagen? 
Es findet sich keine Spur, daß der Name ihnen ein Rätsel aufgab. 



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68 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43*- 54. 

Dabei waren sie doch nicht in der Lage wie wir, den Sinn desselben 
durch Vergleichung der verschiedenen Stellen, wo er gebraucht wird, 
herauszufinden. Sie konnten auch nicht schon aus seiner Form 
schließen, daß er etwas Besonderes bedeuten solle, denn sie hörten 
nur „der Mensch" und nicht „der Menschensohn", 

Und sogar das erregt keine Verwunderung, daß Jesus auf ein- 
mal anfängt, den Menschensohn als Selbstbezeichnung statt Ich zu 
gebrauchen. Er war doch kein alter Seher und suchte sich nicht 
durch wunderliche Redeweise in einen Nimbus zu hüllen. Es be- 
fremdet bei ihm an und für sich, wenn er in dritter Person vom 
eigenen Ich spricht, unter irgend welchem Namen, es sei welcher 
es wolle. Und nun gar unter diesem Namen, der nur dazu führen 
konnte, seine Jünger an ihm irre zu machen. Denn er gebraucht 
ihn bei Mc fast ausschließlich gegenüber seinen Jüngern, aber 
durchaus nicht, um sich vor ihnen zu verschleiern, sondern um sich 
ihnen zu offenbaren. 

Bei Paulus findet sich der Menschensohn überhaupt nicht: das 
wiegt schwer. Ebenso in der Apokalypse nicht; dort erscheint nur 
der korrekte danielische Vergleich: Sfjioio; ulcp dvöptuicou 1, 13. 
14, 14 — gleichfalls sehr merkwürdig. In der ersten Hälfte des 
Mc kommt er auch nicht vor, denn die Stellen Mc. 2, 11. 28 müssen 
außer Betracht bleiben. Er setzt erst ein unmittelbar nach dem 
Petrusbekenntnis, und bezeichnet einesteils den zukünftigen danie- 
lischen Messias, andernteils den historischen Jesus, aber nur als 
leidenden und sterbenden Messias. Bei Mt und Lc wird der Unter- 
schied, den Mc macht, verwischt; Jesus nennt sich von Anfang an 
den Menschensohn, in Aussagen beliebigen Inhalts und nicht bloß 
den Jüngern gegenüber. Der Ausdruck wechselt dort zuweilen in 
den Evangelien und in verschiedenen Handschriften des selben 
Evangeliums mit dem einfachen Ich, als ob gar kein Unterschied 
wäre. Zuweilen wird auch Ich gesetzt, wo der Menschensohn 
richtiger gewesen wäre. 

Der Name läßt sich also nicht nur in Jesu Munde kaum be« 
greifen, sondern ist auch unbefriedigend bezeugt. Er ist erst in 
der christlichen Gemeinde in Aufnahme gekommen. Wie kann 
dieselbe aber dazu gekommen sein, ihn für Jesus zu stempeln und 
Jesu in den Mund zu legen? 

Er ist gleichzeitig mit der Erwartung der Parusie Jesu ent- 
standen. Jesu selber mußte sie vorher angekündigt haben. 



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§43. 44. Mc. 8, 27-9,1. 69 

Man scheute sich nun, ihn nnum'wnnden sagen zu lassen: ich 
werde demnächst als Messias in Kraft und Herrlichkeit erscheinen. 
Sondern man ließ ihn zunächst nur sagen: der danielische Mensch 
wird in den Wolken des Himmels erscheinen. Das konnte er sagen, 
ohne sich selbst zu meinen. Zu verstehn, daß er in Wirklichkeit 
sich meinte, blieb der christlichen Interpretation überlassen; aber 
natürlich schwankte sie nicht lange. Darauf ist man dazu fort- 
geschritten, auch in den Weissagungen über die Passion und die 
Auferstehung den Menschensohn zum Subjekt zu machen, wo er 
notwendig Selbstbezeichnung Jesu ist. Zuletzt ist der Ausdruck 
zum einfachen Äquivalent der ersten Person Sing, im Munde Jesu 
geworden, auch außerhalb der Eschatologie und der Weissagungen. 
So bei Mt und Lc (in der angeblich so alten Quelle Q) und bei 
Joa.; bei Mc höchstens an einer Stelle. Dazu ist dann noch im 
Griechischen die verdeutlichende Unterscheidung (Menschensohn für 
Mensch) gekommen, die in Mc. 2, 10. 28 irrig angebracht wird. 

Den Schwierigkeiten, welche 6 olb; toü dvOptoiroü als Name 
des Messias im Munde Jesu bietet, hat u. a. Lagarde dadurch ent- 
gehn wollen, daß er dem Ausdruck einfach die allgemeine appellative 
Bedeutung beläßt. Das ist jedoch exegetisch unzulässig. Und es 
würde auch keinen Nutzen abwerfen. Es ist nicht glaublich, daß 
Jesus im Gegensatz zu der national verknöcherten jüdischen Religion 
sich als den Menschen bezeichnet habe, dem auf der einen Seite 
nichts Menschliches fremd ist und der auf der anderen Seite die 
Idee des Menschentums erfüllt. Er war kein griechischer Philosoph 
und kein modemer Humanist, und er redete nicht zu Philosophen 
und zu Humanisten. Er hätte auch damit seinen Jüngern einen 
Stein statt des Brotes gegeben. 



§ 43. 44. Mc. 8, 27-9, 1 (Mt. 16, 13-28. Lc. 9, 18-27). 

Und Jesus ging von dannen und seine Jünger in die Dörfer 
von Cäsarea Philippi. Und unterwegs fragte er seine Jünger: 
was sagen die Leute, wer ich sei? "Sie sagten zu ihm: 
Johannes der Täufer, und andere: Elias, noch andere: irgend 
ein Prophet. '"Da fragte er sie: was sagt denn ihr, wer ich 
sei? Petrus antwortete: du bist der Christus! "Und er verbot 
ihnen, es irgendwem von ihm zu sagen. " Und er begann sie 



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70 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43 — 54. 

zu lehren, es müsse so sein, daß der Menschensohn viel leide 
und verworfen werde von den Ältesten und Hohenpriestern 
und Schriftgelehrten, und nach drei Tagen auferetehe. Und 
ganz oflfen redete er das Wort. ^'Da nahm Petrus ihn beiseit 
und begann ihm Vorstellungen zu machen. " Er aber wandte 
sich um zu seinen Jüngern, schalt Petrus und sagte: weg von 
mir Satanas, denn du bist nicht göttlich gesinnt, sondern 
menschlich. 

^* Und er rief das Volk herbei, samt seinen Jüngern, und 
sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich 
selbst und nehme sein Kreuz auf sich: so wird er mir nach- 
folgen. ''^Denn wer seine Seele retten will, der verliert sie; 
wer aber seine Seele verliert für mich und das Evangelium, 
der rettet sie. '* Was hülfe es denn dem Menschen, die ganze 
Welt zu gewinnen und seine Seele einzubüßen? " Was kann 
ein Mensch als Kaufpreis für seine Seele geben? '^Wer sich 
mein und meiner Worte schämt, in diesem ehebrecherischen 
und sündigen Zeitalter, dessen wird sich auch der Menschen- 
sohn schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters 
mit den heiligen Engeln. *» * Und er sagte zu ihnen: Amen 
ich sage euch, etliche unter denen, die hier stehn, die werden 
den Tod nicht schmecken, bis sie das Kommen des Reiches 
Gottes in Kraft erleben. 

8. 28. Hier ist ßctTCTtaTyjc einhellig bezeugt, im Unterschied 
von ßaTTTtCcüv 6, 14. 24s. 

8.29. Jesu Frage hat keinen Sinn, wenn er sich schon früher 
als Messias kundgegeben hätte. Erst an diesem Punkte tritt er aus 
seiner Latenz hervor, aber nur gegenüber seinen Jüngern und unter 
dem Siegel strenger Verschwiegenheit. Wrede bestreitet aus irrigen 
Gründen (weil er eine aramäische Grundlage und eine spätere 
Redaktion des Mc nicht anerkennt), daß das Petrusbekenntnis nach 
der Absicht unseres Evangeliums einen Wendepunkt bilden soll. 
Es erhellt zwingend aus dem damit einsetzenden allgemeinen Um- 
schlag der Stimmung, außerdem auch noch besonders aus der un- 
mittelbar anschließenden Verklärungsgeschichte; denn diese ist eine 
Unterstreichung und himmlische Beglaubigung des Petrusbekennt- 
nisses — was allerdings bisher niemand erkannt hat. Indessen 
ist damit die Frage noch nicht entschieden, ob das Petrusbekenntnis 
wirklich die epochemachende Bedeutung gehabt hat, die ihm bei 



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§43. 44. Mc. 8, 27— 9,1. 71 

Mc zugeschrieben wird. Ich kann wenigstens das nicht unbegi'eiflich 
finden, daß Jesus den Namen des jüdischen Ideals sich gefallen 
läßt und doch den Inhalt verändert, nicht bloß beim Messias, 
sondern analog auch beim Reich Gottes. Das freilich meine auch 
ich, daß er für uns nichts verlieren würde, wenn er es nicht getan 
und sich einfach als den Erfüller des Alten Testaments gegeben 
hätte. Ich gebe ferner zu, erstens, daß er nach § 30 auch einen 
äußeren Anlaß gehabt hat, Galiläa zu verlassen und daß er nicht nach 
Jerusalem gegangen ist bloß in der Absicht, um sich dort kreuzigen 
zu lassen; zweitens, daß die Weissagungen über die Passion, in 
denen der Menschensohn Subjekt ist, dem Verdacht späteren Alters 
unterliegen; drittens, daß es unklar bleibt, ob er hernach in 
Jerusalem selber öffentlich als Messias aufgetreten oder ob er nur 
von dem Volk dafür gehalten und von der Obrigkeit deshalb bei 
Pilatus verklagt ist. 

Der nackte Satz, den Petrus bei Mc hervorstößt, macht mehr 
Eindruck, als der ornirte bei Mt, und als die Akkusative bei Lc. 
Die verhältnismäßig genaue Ortsangabe fehlt bei Lc. Kai aöx6^ = 
v'hu (1,8.7,36). 

8, 31. Die an das Petrusbekenntnis angehängte Korrektur des 
Messiasbegriflfs deutet zugleich den Entschluß Jesu an, nach Jeru- 
salem zu gehn. Die drei im Synedrium vertretenen Stände werden 
8, 31. 11, 27. 14, 43. 53. 15, 1 vollständig aufgeführt, dagegen 10,33. 
11, 18. 14, 1 fehlen die Ältesten, und 14, 10. 15, 3. 10. 11. 31 treten 
nur die Hohenpriester auf. Die Hohenpriester und Ältesten (d. h. 
der geistliche und weltliche Adel von Jerusalem) können gegenüber 
den Schriftgelehrten als eine Einheit betrachtet werden. Aus 
sprachlichen Gründen zweifle ich übrigens hier an der ürsprüng- 
lichkeit der Nennung des handelnden Subjekts beim Passiv; mög- 
lichste Allgemeinheit der Aussage würde für das erstemal auch 
am besten passen; vgl. zu § 52. Der Ausdruck dTroSoxtfictCsiv ist 
nach 12, 10 entlehnt aus Ps. 118, 22. — Für „nach drei Tagen" 
als Frist der Auferstehung bei Mc. 8, 31. 9,31. 10.34 heißt es bei 
Mt und Lc an den entsprechenden Stellen: „am dritten Tage". 
In der Angabe „nach drei Tagen" kann allerdings der erste und 
dritte Tag als voll gerechnet sein. Daß das aber nicht immer geschah, 
geht aus Mt. 12, 40 hervor: wie Jonas drei Tage und drei Nächte 
im Bauch des Ungeheuers war, so wird auch der Menschensohn 
drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. In der Stelle 



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72 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

Osee 6, 2 ist „am dritten Tage" äquivalent mit „nach zwei 
Tagen.« 

8, 32. 33. Petrus hat sich den Messias anders vorgestellt als 
leidend und sterbend. Er will Jesus in der selben Weise von der 
Bahn abbringen wie der Satan in der Versuchungsgeschichte, und 
wird mit den selben Worten abgewiesen :wie jener in Mt. 4, 10, 
auch gradezu als Satan angeredet. ^Omaw fxou kann nicht durch 
ein Komma von oitaYs getrennt werden, aber allerdings auch nicht, 
wie in 2 Reg. 9, 19, bedeuten: stell dich hinter mich. Es fügt dem 
üiraYe, weiches Mt. 4, 10 allein steht, nichts hinzu und ist das selbe 
wie xIIHnS bVt vgl- Joa. 6, 66. 18,6. 20,14. Das Pronomen der 
ersten Person ist also unrichtig ergänzt, besser wäre das der zweiten 
Person gewesen; wie im Deutschen: heiß sie treten hinter sich! 

8, 34. In diesem Absatz sind nicht mehr die Jünger allein 
angeredet, weil es sich nicht mehr um das Messiasgeheimnis handeln 
soll. Aber der Protest gegen Petrus (8,33) wird, in positiver 
Weise, fortgesetzt, und in Wahrheit sagt sich Jesus hier von der 
Menge, die er herbeiruft, los, indem er die schwierigsten Forde- 
rungen stellt, denen nur sehr wenige genügen können. Zwischen 
ÖTctdo) iXösTv und dxoXoüösiv besteht kein sachlicher und im Ara- 
mäischen nicht einmal ein formeller Unterschied. Um Tautologie 
zu vermeiden, muß man nach Lc. 14, 26. 27 das xal dxoXou&sittt) {xoi 
so auffassen, wie ich es in der Übersetzung getan habe; das ara- 
mäische Imperfektum erlaubt das. Jesus sagt: nicht wer mir im 
Leben nachgeht, sondern wer mir in den Tod folgt, ist mein Jünger. 
Ein alttestamentlicher Spruch lautet: nimm dein Joch auf dich in 
deiner Jugend. Er ist vom Rinde hergenommen, das jung ans 
Joch gewöhnt werden muß. Für das Joch ist hier das Ereuz ge- 
setzt. Dabei kann nur an das Ereuz Jesu gedacht werden; die 
Jünger sollen wie er das Martyrium willig über sich ergehn lassen. 
Diese metaphorische Verwendung der noch gar nicht geschehenen 
Ereuzigung Jesu befremdet aufs äußerste in seinem eigenen Munde, 
da sie den Hörern völlig unverständlich bleiben mußte. Das Ereuz 
tritt schon hier als Symbol des Christentums auf. Aber Jesus hat 
es nicht für alle getragen, sondern jeder muß es ihm nachtragen. 
Ähnlich, doch nicht so imperativ, 10, 39: den Eelch, den ich 
trinke, werdet auch ihr trinken usw. 

8,35, Für tpü^Tj gibt es kein ausreichendes Äquivalent; es 
steht zugleich für Seele, Leben, und das Reflexiv (sich selbst). 



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. §43. 44. Mc. 8, 27-9,1. 73 

Ebenso auch nicht für äizoXiaai (aubed); es ist nicht bloß verlieren, 
sondern auch preisgeben. Über oa)(jat = achi (lebendig machen, 
am Leben erhalten, gesund machen, retten) s. zu 3, 4 (5, 23. 34). 
Die Jünger sollen das Martyrium auf sich nehmen um Jesu willen 
und um des Evangeliums willen. Nicht um seines E. willen, sondern 
um des E. willen: er ist auch hier bei Mc nicht der Verkünder, 
sondern der Inhalt des Evangeliums. "Evexev toü e&afysXtou be- 
deutet nahezu das selbe wie Svexev äfiou; das Evangelium ist der 
von den Aposteln gepredigte Christus. 

8, 36. Dem CvjjAiwÖYJvat entspricht im Aramäischen ein Aktivum, 
gerade so wie dem ßairTKj&T^vat. 

8, 37. Der Vers ist ein freies Zitat von Ps. 49, 8, und daher 
erklärt sich das 8oT, während man nach 8, 36 erwarten müßte: 
was kann der Mensch als Äquivalent für seine Seele bekommen! 

8, 38. Dieser Spruch ist aus dem selben Metall wie 8, 35, 
aber von anderer, und zwar von älterer Prägung. Die Forderung 
geht lange nicht so weit; und „ich und meine Worte" ist ganz 
etwas anderes als „ich und das Evangelium". Femer ist der 
Menschensohn hier nicht wie vorher der leidende Messias der 
Gegenwart, sondern der gloriose der danielischen Eschatologie. 
Nach 9, 1 und auch nach toi3 irarpoc aöioö müßte man verstehn, 
daß Jesus sich selber damit identifizire. Aber er redet hier nicht 
zu seinen Jüngern, sondern zum Volk, dem er sich nicht als 
Messias kund geben will. Und wenn man darauf auch vielleicht 
kein Gewicht legen darf, so wäre doch der Wechsel des Haupt- 
wortes in Vordersatz und Nachsatz höchst wunderlich: wer sich 
meiner schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen. 
Dieser Wechsel findet sich ebenso bei Lc. 9, 26. 12, 28, zweimal. 
Daß Mt. iL , 33 ihn beseitigt, gibt zu denken. Wahrscheinlich ist 
erst durch eine spätere Interpretation, die in 9, 1 unzweifelhaft 
vorliegt, der danielische Menschensohn hier klar auf Jesus bezogen, 
so daß er seine eigene Parusie ankündigt. Auch der Ausdruck toü 
TTotTpoc auTOü befremdet an dieser Stelle. Zum danielischen Messias 
paßt er nicht, und sonst bei Mc (ausgenommen 13, 32) nennt 
Jesus Gott niemals seinen Vater. Ausdrücke wie „die Herrlichkeit 
meines Vaters" sind ihm fremd. Nur einmal im Gebet (14, 36) 
redet er im Vokativ Gott als Vater an, jedoch in keinem anderen 
Sinn wie es im Vaterunser (Tratsp Lc. 11,2) geschieht. Der Unter- 
schied zwischen der Vater und mein Vater ist überhaupt erst 



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74 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43 — 54. 

griechisch. Jesus hat Abba gesagt, was im Vokativ ausschließlich 
(auch für Unser Vater) gebraucht wird und im übrigen sowol 
für der Vater als für mein Vater. — Ehebrecherisch wird die 
gegenwärtige Generation der Juden nicht im eigentlichen Sinne ge- 
nannt, sondern in dem religiösen, der aus Hosea und den Propheten 
bekannt ist. 

9, l ist ein Zusatz zu 8, 38, äußerlich abgehoben durch xal 
sXsYsv, und auch innerlich gekennzeichnet. Die eben ausgesprochene 
Ankündigung der Parusie wird gleich herabgestimmt. So bald wird 
Jesus nicht kommen, aber doch eher als alle seine Jünger aus- 
gestorben sind. Wir werden damit hinabgeführt auf eine Zeit, 
wo die meisten unmittelbaren Jünger Jesu schon dahingerafft 
waren, doch aber die Hoffnung festgehalten wurde, daß wenigstens 
ein kleiner Rest seine längst erwartete Parusie noch erleben werde. 
Das Reich Gottes h Süva'fisi empfängt seinen Sinn erst durch den 
Gegensatz eines anderen schon gegenwärtigen und innerlichen 
Reiches Gottes. Aristotelisch wäre dies letztere h Suva^ei und das 
andere Iv ivsp^sia zu nennen gewesen. 



§45. Mc.9,2-13. 

Und nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, Jakobus 
und Johannes und führte sie auf einen hohen Berg, für sich 
allein. * Und er wurde vor ihren Augen verwandelt, und seine 
Kleider wurden glänzend, sehr weiß, wie sie kein Walker auf 
Erden so weiß machen kann. * Und es erschien ihm Elias mit 
Moses, und sie unterredeten sich mit Jesus. ^ Und Petrus hub 
an und sagte zu Jesus: Rabbi, hier ist für uns gut sein, wir 
wollen drei Hütten aufschlagen, für dich eine und für Moses 
eine und für Elias eine — *er wußte nämlich nicht was er 
redete; denn sie waren bestürzt. ^Und es erschien eine Wolke, 
die ihn überschattete, und aus der Wolke kam eine Stimme: 
dies ist mein geliebter Sohn, den hört ! ^ Und wie sie sich um- 
schauten, sahen sie plötzlich niemand mehr, nur Jesus allein 
bei sich. ' Und als sie vom Berge herabgingen, gebot er ihnen, 
das, was sie gesehen hatten, keinem eher zu erzählen, als wenn 
der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. ^°Und sie 
griffen das Wort auf und stritten mit einander darüber, was 



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§ 45. Mc. 9, 2—13. 75 

das bedeuten solle: wenn er von den Toten auferstanden sei. 
'^ünd sie fragten ihn: sagen doch die Schriftgelehrten, erst 
müsse Elias kommen? ^*Er sprach zu ihnen: Elias muß wol 
erst kommen und alles in Ordnung bringen, doch wie steht 
geschrieben über den Menschensohn, daß er viel leide und ver- 
achtet werde? ^'Aber ich sage euch, Elias ist auch gekommen, 
und sie haben ihm getan was sie wollten, wie über ihn ge- 
schrieben steht. 

9. 2. Man weiß nicht, warum an dieser einzigen Stelle (ab- 
gesehen von der Passionsgeschichte) die Zwischenzeit zwischen zwei 
Erzählungen genau angegeben wird. Der Berg ist dem Bericht- 
erstatter nicht bekannt, aber gewiß der selbe wie Mt. 28, 16. ''Efi- 
7rpo(j9ev und EvwTrtov kommen sonst bei Mc nicht vor, hauptsächlich 
aus dem Grunde, weil diese Präpositionen meist im geistlichen Stil 
der Juden verwandt werden, während Mc durchaus volkstümlich, 
nicht biblisch und jüdisch schreibt. Er sagt xarsvavTt. 

9. 3. Die Perle des Mc, der Walker, wird (nach Mt und Lc) 
von D und Syra S. als zu plebejisch verschmäht. 

9, 4. Auch Moses gilt wie Elias als nicht gestorben und be- 
findet sich darum nicht in der Hölle, sondern im Himmel. Daher 
die Assumptio Moyseos. 

9, 5. Paßßi für ötSddxotXs, wie 11, 21. 14, 45. Warum an diesen 
drei Stellen das aramäische Wort beibehalten ist, sieht man nicht. 

9, 7. Die Syra S. allein hat die richtige Lesart erhalten: 
s7rt(jxta'Coü(ja aÖTtp (nicht aöroT;). Die Wolke ist die Erscheinung 
Gottes, mit Recht heißt sie bei Mt eine Lichtwolke. Sie über- 
schattet den zum Messias zu Zeugenden, und aus ihr kommt die 
Stimme, die ihn als solchen proklamirt. In Lc. 1,35 ist das Über- 
schatten beibehalten, an die Stelle der Wolke aber der heilige Geist 
getreten. Letzteres auch in der Taufgeschichte. Das ist eigentlich 
wol eine Parallele der Verklärungsgeschichte, aber von Mc sehr ge- 
schickt damit vereinigt. Dort ergeht nämlich die Stimme nur an 
Jesus, sodaß er allein sich seiner Messianität bewußt wird, hier 
aber an die drei Jünger. Dort heißt es: du bist mein geliebter 
Sohn, hier: das ist mein geliebter Sohn, den sollt ihr hören. Der 
Unterschied ist ohne Zweifel beabsichtigt und für die ganze Anlage 
des zweiten Evangeliums von Bedeutung, wie ich schon zu § 2 
hervorgehoben habe; es wird der erste Schritt getan von der Latenz 
zur Offenbarung. Übrigens sagt die Stimme nicht: dies ist mein 



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76 KB« Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

Sohn, der nun für euch leiden und sterben wird, sondern: dies 
ist mein Sohn, den sollt ihr hören. 

9, 8. Für dXXot setzt D el \ir^; es ist auch hier ellä wie 4, 22. 
6, 8. 9. 

9, 9. 10. Jetzt beginnt ein ziemlich komplizirter Anhang, 
größtenteils eine Art Kommentar, in der üblichen Form, daß die 
Jünger fragen und Jesus bescheidet. Das Verbot 8, 30 wird wieder- 
holt, aber insofern verschärft, als man verstehn muß, daß auch 
die Jünger, die nicht dabei gewesen sind, von der Verklärung nichts 
erfahren sollen, bis zur Auferstehung. Die Angabe dieser Frist 
in 9, 9 gibt den Anlaß zu der Frage in 9, 10. Für xh ix vexpAv 
avadxf^vai liest D oxav Ix v. dvacrrg, dem Sinne nach jedenfalls 
richtig; denn es handelt sich eben nur um die vorhergehende 
Äußerung Jesu. Die Jünger verstehn nicht, daß Jesus von seinem 
Tode und seiner Auferstehung ganz beiläufig redet wie von einer 
bekannten Sache. Dagegen an dem Ausdruck Menschensohn nehmen 
sie auch hier keinen Anstoß. 

9, 11. 12. Ein neuer Anfang, ohne alle innere Verbindung mit 
9,10. IIpÄTov bedeutet nicht: vor deinem Leiden und Auferstehn, 
sondern: vor der Parusie des Messias. Das logische Verhältnis 
der beiden Sätze in der Aiitwort Jesu wird in D richtig so aus- 
gedrückt: wenn Elias vorher alles für den Messias in Ordnung 
bringt, wie ist dann die von der Schrift geweissagte Passion des- 
selben zu verstehn? Denn darnach unterliegt er ja den Schwierig- 
keiten, die Elias ihm aus dem Wege geräumt haben soll. 

9, 13 ist keine Fortsetzung von 9, 12, sondern eine andere 
Antwort auf die Frage der Jünger. In 9, 12 wird die Schwierig- 
keit, worauf die Jünger hinweisen, damit abgetan, daß die von 
den Schriftgelehrten behauptete Apokastasis des Elias sich nicht 
mit der Weissagung der Schrift vertrage. In 9, 13 dagegen wird 
gezeigt, daß jene Schwierigkeit garnicht besteht. Elias ist in 
der Tat schon dagewesen, freilich nicht ein siegreicher Wegräumer 
aller Hindernisse, sondern dem leidenden und sterbenden Messias 
entsprechend ein leidender und sterbender Elias (Johannes der 
Täufer), der ebenfalls in der Schrift geweissagt ist. 

Daß die Verklärung nicht zufällig auf das Petrusbekenntnis 
folgt, sondern darauf das göttliche Siegel drücken soll, ist bereits 
gesagt. Es fällt indessen auf, daß sie nicht vor allen Jüngern 
(wie 8, 27 SS.) vor sich geht, sondern nur vor dreien. Sie ist also 



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§46. Mc.9,14— 29. 77 

doch nicht bloß ein himmlisches Echo des Petrusbekenntnisses, 
und dann hat sie auch nicht hinter demselben ihre notwendige 
Stellung. Man darf nach Mt. 28, 16 die Vermutung wagen, daß 
sie eigentlich ein Auferstehungsbericht war und vielleicht der älteste 
in den Evangelien. Nach Rom. 1,4 ist Jesus durch die Auferstehung 
zum Sohne Gottes erklärt. In Begleitung von Moses und Elias 
erscheint er darum, weil auch sie unmittelbar aus dem irdischen 
ins himmlische Leben übergegangen und nicht wie alle übrigen 
Menschen in der Hölle sind. Dadurch fällt ein anderes Licht auf 
die sechs Tage. Man könnte sich versucht fühlen, sie mit den 
sechs Tagen der Passion zu identifiziren, sodaß Jesus unmittelbar 
nach dem Tode in den Himmel entrückt wäre — was dem Bericht 
Mc. 16 nicht widerspräche. Aber es ist nicht von dem Akt der 
Auferstehung die Rede, sondern davon, daß der Auferstandene den 
drei Jüngern erscheint. Dann müßte man also die sechs Tage als 
den Zwischenraum zwischen dem Ende Jesu in Jerusalem und seiner 
Erscheinung in Galiläa ansehn. Nach 1. Kor. 15, 5 ist die erste Er- 
scheinung Jesu nicht den drei Jüngern, sondern dem Petrus allein 
zuteil geworden: dazu würde es stimmen, daß ihn nach 8,29 
Petrus zuerst als den Christus erkennt. Die Vorschiebung der 
Verklärung d. h. der Auferstehung an diese Stelle läßt sich sehr 
gut begreifen und charakterisirt das ganze herrliche Stück § 43 — 45; 
Jesus ist hier überall der verklärte Jesus, der Gekreuzigte und 
Auferstandene. 

§ 46. Mc. 9, 14-29 (Mt. 17, 14-21. Lc. 9, 37-42). 

Und als er zu den Jüngern kam, sah er, daß viel Volk 
um sie herum war und daß sie miteinander hin und her 
redeten. ^'^ Sobald aber all die Leute ihn sahen, staunten sie, 
liefen herzu und grüßten ihn. ^^ünd er fragte sie: was habt 
ihr miteinander zu verhandeln? ^^Und einer aus dem Volk 
antwortete ihm: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht, 
der hat einen sprachlosen Geist; ^^und wenn er ihn packt, 
so zerrt er ihn, und er schäumt und knirscht mit den Zähnen 
und wird starr; und ich sagte deinen Jüngern, sie sollten ihn 
austreiben, aber sie konnten es nicht, ^'ünd er antwortete 
und sprach zu ihm: o ungläubiges Geschlecht, wie lange soll 
ich bei euch sein! wie lange soll ich euch ertragen? bringt 



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78 IIB- Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

ihn mir her! '^ünd sie brachten ihn zu ihm. Und da der 
Geist ihn sah, verrenkte er ihn, und er fiel zu Boden und 
wälzte sich und schäumte. '*Und er fragte den Vater: wie 
lange ist es, daß er das hat? "Er sagte: von Kind auf, und 
oft hat er ihn auch ins Feuer und ins Wasser geworfen, um 
ihn zu verderben; wenn du aber etwas vermagst, so hilf uns 
und erbarm dich unser! '^ünd Jesus sprach: „wenn du ver- 
magst" sagst du? Alles ist möglich dem der da glaubt. 
^* Alsbald schrie der Vater des Knaben: ich glaube, hilf meinem 
Unglauben! '*Da nun Jesus sah, daß das Volk herzu lief, 
bedrohte er den unreinen Geist und sagte: du sprachloser und 
tauber Geist, ich gebiete dir, fahr aus von ihm und zieh nie 
mehr in ihn ein! '^Und mit Geschrei und vielem Gezerr fuhr 
er aus, und er ward wie tot, sodaß die meisten dachten, er 
sei tot. '^ Jesus aber faßte ihn bei der Hand und richtete ihn 
auf, und er stand auf. '^ Und als er nach Hause kam, fragten 
ihn seine Jünger für sich: warum haben wir ihn nicht aus- 
treiben können? ''Und er sagte zu ihnen: diese Art fährt nur 
durch Gebet und Fasten aus. 

9. 14. fiie Sezession Jesu auf den Berg § 45 soll vorausgesetzt 
werden. Nachdem der Meister sich wegbegeben, versuchen sich 
seine Jünger am Geisterbannen, aber vergeblich. Sie kommen an 
einander darüber, woran die Schuld des Miserfolges liege und wer 
die Schuld trage. So ist die Situation im Folgenden. Dazu paßt 
es gar nicht, daß hier die Schrift gelehrten mit ihnen zanken. 
Man wird dazu gedrängt, die YpcififiaTeTc als falsches Explicitum für 
aÖTOüc anzusehen; die Einsetzung des Explicitums statt des Pronomens 
ist nicht bloß in der Septuaginta, sondern auch in der handschrift- 
lichen Überlieferung der Evangelien häufig. Zu Anfang ist jedenfalls 
slSev im Singular zu lesen, vgl. 1, 29. Subjekt des Sehens ist Jesus, 
und nicht Jesus mit den drei Jüngern. Ein Unterschied zwischen 
den Jüngern wird hier im Wahrheit garnicht mehr gemacht. 

9. 15. Worüber staunen sie ? Soll man annehmen, daß ein 
Schein von der Verklärung an Jesus haften geblieben war, wie bei 
Moses, als er vom Berge herab kam? Vgl. 10, 32. 

9. 16. IIpoc oÖTOüc ist reflexivisch und gleichbedeutend mit 
^v üfjiTv, welche Lesart (D) vielleicht den Vorzug verdient. 

9. 17. 18. Die Antwort auf die Frage Jesu wird statt von 
den Jüngern von dem Vater des kranken Knaben gegeben: der 



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§47. Mc.9,30— 32. 79 

Grund, weshalb sie miteinander disputiren, ist, daß sie den Knaben 
nicht heilen konnten. 

9, 19. Die 7evea airtorToc umfaßt Jünger und Nichtjünger. Man 
darf es nicht wie Lc nur auf die Jünger beziehen, noch weniger 
aber sie ausschließen: das widerspräche der ganzen Situation. Schon 
mit einem Fuß in der andern Welt, kann Jesus sich in das irdische 
Gewühl nicht mehr finden, in das er sofort hineingerät. 

9, 23. Obwol Ttj> irKJieuovTi nach dem Zusammenhang auf den 
Heilenden gehn müßte, soll es doch nach 9, 24 auf den um Heilung 
Bittenden bezogen werden. 

9, 25. Ktücpov fehlt 9, 17 und unter akakov würde man nach 
dem Vorhergehenden keine gänzliche Stummheit verstehn, sondern 
eher zeitweilige Aphasie, wie sie bei Epilepsis vorkommen, mag. 

9,26. Die Behandlung von irvsofi« (und Saifxovtov) als Mas- 
kulinum findet sich in D häufig. 

9, 28. 29. Anhang mit Szenenwechsel, worin die Jünger privatim 
Aufschluß erhalten. Nur einem starken Beter und Faster weicht 
ein solcher Dämon. Jesu wird man diesen Ausspruch nicht zu- 
trauen, der auch durch Streichung von xal vr^orista nicht gewinnt. 
Es wird übrigens durch D und Syra S. kräftig genug bezeugt. 

§ 47. Mc. 9, 30-32 (Mt. 17, 22 s. Lc. 9, 43-45). 

und sie brachen auf von da und zogen durch Galiläa, und 
er wollte nicht, daß es jemand wissen sollte. '*Er lehrte näm- 
lich seine Jüuger und sagte ihnen: der Menschensohn wird in 
der Menschen Hand übergeben und sie werden ihn töten und 
nach drei Tagen wird er auferstehn. ^' Sie verstanden aber 
das Wort nicht und scheuten sich ihn zu fragen. 

9.30. Vorbereitet durch § 43 — 45 beginnt jetzt tatsächlich 
die Reise nach Jerusalem, obwol es eret 10, 32 deutlich gesagt 
wird. Sie geht aus von der Gegend nördlich des Sees von Gennesar, 
wo sich Jesus seit § 30 aufgehalten hat, führt zunächst durch 
Galiläa und über Kapemaum, dann weiter durch Peräa (10^ 1) 
über Jericho (10, 46) nach der Hauptstadt. Über den Grund, 
warum Jesus unerkannt durch Galiläa reisen will, s. S. 50. 51. 

9. 31. 32. Das ^ap soll eine Verbindung mit dem Vorher- 
gehenden herstellen, aus diesem Zwecke aber erklärt sich das In- 
kognito nicht. Die Todesweissagungen, die mit der Reise nach 



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80 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

Jerusalem eng zusammengehören und immer den Menschensohn 
zum Subjekt haben, werden lose eingestreut und von Zeit zu Zeit 
in ganz ähnlicher Form wiederholt, ohne daß die spätere auf die 
frühere Rücksicht nähme. Die Jünger haben jetzt vor Jesus eine 
ganz begreifliche Scheu (10, 32); im Gegensatz zu 9, 32 wagen sie 
es freilich 9, 11, ihn zu fragen. 

§48. Mc.9, 33-50. (Mt. 18, 1-11. Lc.9, 46-48). 

Und sie kamen nach Kapernaum, und zu Hause fragte 
er sie: was besprächet ihr unterwegs? **Sie aber schwiegen, 
denn sie hatten unterwegs darüber geredet, wer der größte 
wäre. **ünd er setzte sich und rief die Zwölf und sagte zu 
ihnen: wer der erste sein will, werde der letzte von allen 
und der Diener von allen. ** Und er nahm ein Kind und stellte 
es vor sie hin, herzte es und sagte zu ihnen: *^ wer ein solches 
Kind aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf, und wer 
mich aufnimmt, nimmt nicht mich auf, sondern den der mich 
gesandt hat. "Sprach zu ihm Johannes: Meister, wir sahen 
einen in deinem Namen Teufel austreiben, der uns nicht nach- 
folgte, und wir wehrten es ihm, weil er uns nicht nachfolgte. 
*^ Jesus aber sagte: Wehrt ihm nicht, denn keiner, der Wunder 
tut in meinem Namen, kann leicht von mir übel reden, *° denn 
wer nicht wider euch ist, der ist für euch. ** Denn wer euch 
einen Becher Wasser zu trinken gibt in dem Namen, daß ihr 
Christo angehört, Amen ich sage euch, er wird nicht um seinen 
Lohn kommen. *' Und wer einem von diesen Kleinen, die da 
gläubig sind, Anstoß gibt, dem wäre es besser, wenn ihm 
ein Mühlstein um den Hals gelegt und er ins Meer geworfen 
würde. "Und wenn dich deine Hand zu Fall bringen will, 
hau sie ab ; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben 
einzugehn, als mit zwei Händen in die Geenna abgehn zu 
müssen, in das Feuer, das nicht erlischt. **Und wenn dich 
dein Fuß zu Fall bringen will, hau ihn ab; es ist besser für 
dich, hinkend in das Leben einzugehn, als mit zwei Füßen in 
die Geenna geworfen zu werden. *^ Und wenn dein Auge 
dich zu Fall bringen will, reiß es aus; es ist besser für dich 
einäugig in das Reich Gottes einzugehn, als mit zwei Augen 
in die Geenna geworfen zu werden, *®wo ihr Wurm kein 



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§48. Mc.9,33— 50. 81 

Ende nimmt und das Feuer nicht verlischt. ^'Denn jeder wird 
mit Feuer gesalzen werden. ^^Das Salz ist ein gutes Ding, 
wenn aber das Salz salzlos wird, womit wollt ihr es her- 
stellen? habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander. 
9j 34. D versteht: „wer von ihnen der größte werden würde", 
nämlich nach 10, 35 ss. im Reiche Gottes. Das ist jedoch nicht 
notwendig. 

9, 35 — 37 fängt neu an. Denn nach 9, 33 s. ist Jesus ja schon 
privatim mit den Jüngern zusammen, wozu braucht er denn noch 
die Zwölf (3, 14. 4, 10. 6, 7) zu rufen? Den Spruch in 9, 35 läßt 
D aus und verbindet tots xa&iaac i^eovr^aev xooc ScuSsxa unmittelbar 
mit xGtl Xaßcbv xiX 9, 36. Jedenfalls ist 9, 36 — 37 ein besonderes 
Ganzes und hängt nicht eng mit 9, 33. 34 zusammen. Das geht 
hervor aus der Moral 9, 37. Das Kind veranschaulicht hier nicht 
die Kindlichkeit, die Unbekümmertheit um Rang und Größe, und 
dient überhaupt nicht wie 10, 13 ss. als Vorbild; es kommt garnicht 
als Subjekt, sondern nur als Objekt des Handelns (des SsxeaOat) 
in Betracht. Vielleicht ist also der Spruch 9, 35, der in D fehlt, 
in der Vulgata zugesetzt, um die Beziehung zwischen 9, 33. 34 und 
9, 36 — 37 deutlicher hervortreten zu lassen. 

9, 37 gibt eine Regel für die Zeit, wo Jesus nicht mehr selber 
auf Erden weilt, sondern nur vertretungsweise Beweise der Liebe 
empfangen kann, da sein Name unter seinen Anhängern fortlebt. 
'Etti T(j> 6v6jiaTt |jLOü (13, 6) wird 9, 41 erklärt. Der Name ist nicht 
Jesus, sondern Christus, er erscheint bei Mc überhaupt sehr selten 
und im Munde Jesu nur hier und 13, 6. Das Kind ist Beispiel 
für den Geringsten upd Verachtetesten, der Christo angehören 
will (9, 42). 

9, 38 — 40 hebt zwar auch neu an, setzt aber den vorher an- 
gesponnenen Faden fort. Wer mit dem Namen Christi Dämonen 
beschwört und ihn damit anerkennt, den soll man nicht verketzern, 
wenn er sich auch nicht zu den Zwölfen hält. Es ist 9, 38 nicht 
von der Nachfolge Jesu, sondern von dem Zusammenhalten mit 
den Aposteln die Rede; und in 9,40 muß es nach D üjxwv ... öfiTv 
heißen — f^fiwv ... tj^iTv konnte daraus leicht korrigirt werden, 
nicht aber umgekehrt. 

9,41 schließt sich leicht an, obwol nicht in ganz der selben 
Linie; es greift mehr auf 9,37 zurück. Noch entschiedener tritt 
der Zusammenhang mit 9, 37 hervor in 9, 42. ütcJTSüovTec ist wie 

Wellhausen, Evang.Marci. 6 



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82 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. §43—54. 

IQ der Apostelgeschichte absolut gebraucht für das, was später 
Christen genannt wird; axavSotXtCeiv bedeutet hier vielleicht speziell: 
zum Abfall vom Christentum verführen. Wer den Spruch für 
authentisch hält, wird übersetzen müssen: in den See. 

9,43 — 47 geht aus einem andern Ton und läßt keine Spur 
von späteren Verhältnissen erkennen. Es ist ad vocem axavSaXtCstv 
(9, 42) angehängt, handelt aber nicht von Verführung durch andere, 
sondern von Versuchungen zur Sünde, die aus dem eigenen Fleisch 
und Blut kommen. Was Jesus hier empfiehlt, ist zwar nicht das, 
was Origenes tat, aber das Gegenteil von dem Treiben der syrischen 
Asceten, die ihre Kraft gegenüber dem Satan auf die Probe stellten. 
Er lehrt die Gefahr nicht herauszufordern, sondern sie im Keim zu 
ersticken, und zu beten: führ uns nicht in Versuchung (14,38). 
Telwa kommt nur hier bei Mc vor, Tcotpaoetaoc überhaupt nicht in 
den Evangelien, außer bei Lc. 23, 43. Mit dem Leben 9,43.46 
wechselt 9,47 das Reich Gottes, sowie awQsabai (ins Reich 
Gottes gelangen) auf aramäisch ^?^^ heißt. Der Vers 9, 48 stammt 
aus Isa. 66, 24, der Wurm steht für die Verwesung, die trotz dem 
Brande nicht aufhört und von dem Toten empfunden wird. Es 
scheint indes, daß dies Zitat aus Jesaias nur hergesetzt ist, um das 
Stichwort iröp für 9,49 zu gewinnen. 

9,49 ist ad vocem Ttüp angehängt. Das Feuer ist hier aber 
nicht das Höllenfeuer, sondern ein Fegefeuer, das jeder Mensch zu 
bestehn hat, das nur das Schlechte an ihm verzehi*t, aber das 
Gute, die Hauptsache, grade umgekehrt konservirt und also die 
Wirkung des Salzes hat. Vgl. 1. Kor. 3, 13. 15. 

9, 50 ist wiederum ganz äußerlich ad vocem aXtcj&TQasTai an- 
geschlossen. Die Deutung des Salzes auf die Jünger bei Mt und 
Lc wird richtig sein. Sie ist wol auch der Grund, warum Mc 
den ursprünglich unabhängigen Spruch in der zweiten Hälfte des 
Verses hat folgen lassen. Das Geröll isolirter und paradoxer Aus- 
sprüche Jesu in Mc. 9, 48 — 50, die sich da ausnehmen wie unver- 
daute Brocken, ist höchst charakteristisch und ohne allen Zweifel 
das literarisch primäre. Wie hätte Mc dazu kommen sollen, die- 
selben aus dem Zusanmienhange zu reißen und dadurch unver- 
ständlich zu machen? Erst später sind sie (in Q) besser begriffen, 
digerirt, und ins Gefüge gebracht. 



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§ 49. Mc. lOj 1—12. 83 

§49. Mc. 10, 1-12. (Mt. 19, 1-9). 

und er brach auf von da in das Gebiet von Judäa jenseit 

des Jordans, und die Leute wanderten wieder haufenweis zu 

ihm zusammen, und er lehrte sie wieder wie er gewohnt war. 

'Und es fragten ihn einige, ob ein Mann ein Weib entlassen 

dürfe, um ihn zu versuchen. 'Er aber erwiderte ihnen: was 

hat euch Moses geboten? *Sie sagten: Moses hat gestattet, 

einen Scheidebrief zu schreiben und 2u entlassen. * Jesus sprach 

zu ihnen : In Rücksicht auf eure Herzenhärtigkeit hat er euch 

dies Gebot geschrieben, *in der Schöpfungsgeschichte aber 

(schreibt er): als Mann und Weib hat Er sie gemacht; 

^ darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen, und die 

beiden werden ein Fleisch sein. ' Was nun Gott zum Paar 

verbunden hat, soll der Mensch nicht scheiden. '°ünd zu 

Hause fragten ihn wieder seine Jünger deswegen. *^ Und er 

sprach zu ihnen: Wer sein Weib entläßt und eine andere 

freit, bricht ihr die Ehe* ^'Und wenn ein Weib, vom Manne 

weggeschickt, einen anderen heiratet, bricht auch sie die Ehe. 

10, 1. Richtig fehlt das xal vor Trepav in D und Syra S., 

sowie bei Mt; Peräa heißt mit vollem Namen das jüdische Land 

jenseit des Jordans» Zwischen Ttipav als Substantiv Q= Peräa) und 

als Präposition ist im Semitischen gar kein Unterschied. — Es 

wird vorausgesetzt, daß Jesus sich in einer vorhergehenden Periode 

vom Volk zurückgezogen gehalten habe. 

10, 2. Die Pharisäer fehlen iii D und Syra S.; sie sihd in 
der Vulgata aus Mt nachgetragen und stammen eigentlich aus der 
Parallele § 35. „Um ihn zu versuchen" besagt zunächst nur, daß 
keine aktuelle praktische Veranlassung zu der Frage vorlag. — Man 
muß im Auge behalteü) daß es sich um das jüdische Gesetz handelt, 
wonach die Scheidung bloß dem Manne zusteht* Der Mann darf 
die Frau entlassen, aber nicht sie ihn. Bei Ehebruch der Frau 
kommt ihre Entlassung durch den Mann nicht in Frage; dann hat 
sie sich widerrechtlich von ihni getrennt und soll nach dem Gebote 
Moses gesteinigt werden (Joa* 8, 1 ss.). 

10,6. 'Atto apxV *^''ö8(tt^ muß n^lß^Nia. sein und bedeuten: 
im Anfang der Genesis, vgL die Zitirweise 12,26. Hernach ist 
e-)fpa»|»ev Mo»ua^c zu ergänzen tiüd dann ein Kolon zu setzen: auf 
andere Weise lassen sich die beiden folgenden Zitate nicht auif 



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84 HB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

einem Niveau koordiniren. Im Unterschied von § 35 geht Jesus 
hier über Moses hinaus, korrigirt ihn aber durch sich selber. 

10, 7. Da im Hebräischen Fleisch (ebenso wie Blut) weiter 
nichts ist als Verwandtschaft, so ist der Sinn von Gen. 2, 24 eigent- 
lich der : obwol Mann und Frau verschiedenes Blutes sind, werden 
sie doch durch die Ehe ein Blut, und diese Verwandtschaft ist so 
stark, daß sie den Mann von der eigenen Familie (Vater und 
Mutter) löst. Ob Jesus so verstanden hat, ist freilich sehr zweifel- 
haft, obgleich sich der strikte Beweis für das Gegenteil nicht er- 
bringen läßt. Die Monogamie gebietet er nicht, sondern setzt sie 
voraus, und das geschieht tatsächlich auch schon in Gen. 2, 24. 

10,9 ist dem Apostel Paulus als Herrenwort bekannt (1. Kor. 
7,10). 

10, 10 — 12. Wieder folgt eine Privaterläuterung für die Jünger. 
In 10,12 lesen D und SyraS.: xal iav pv)] i$sX&:Q dico to5 dvSpic 
aÖTT^; xal aXXov -yafxii^jTQ. Nur so kann Mc geschrieben haben. Die 
Vulgata xal iäv aÖTTj ditoXüoaaa xiv dvSpa aux^c ^ajirjOTQ dXXov will 
den Ausdruck glätten und dem Wortlaut von 10, 11 anpassen, enthält 
aber einen groben Verstoß gegen das jüdische Recht, der dem Mc 
auf keine Weise zugetraut werden kann. Der Sinn von 10, 11. 12 
liegt übrigens nicht schon in dem vorhergegangenen Ausspruch 
Jesu beschlossen. Als Ehebruch gilt es nicht, wenn der Mann 
seine Frau entläßt (obwol auch das unrecht ist), sondern wenn 
er dann eine andere heiratet. Ebenso bricht auch die Frau, die 
an der Entlassung keine Schuld hat, doch die Ehe, wenn sie her- 
nach einen anderen Mann heiratet. 

§ 50. Mc. 10, 13-16 (Mt. 19, 13-15. Lc. 18, 15-17). 

Und sie brachten Kinder zu ihm, daß er sie berührte; 
seine Jünger aber schalten sie. **Da das Jesus sah, ward er 
unwillig und sagte ihnen; laßt die Kinder zu mir kommen 
und wehrt ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. 
^*Amen ich sage euch: wer das Reich Gottes nicht annirnmt 
wie ein Kind, kommt nicht hinein. '*ünd er herzte sie und 
segnete sie, indem er die Hände auf sie legte. 

10, 14. 15. Das (eschatologische) Reich Gottes tritt jetzt in 
den Vordergrund, während in der ersten Hälfte des Mc davon kaum 
die Rede ist. Es wird hier nicht durch schwierigste Selbstatif- 



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§51. Mc. 10, 17-31. 85 

Opferung gewonnen, sondern ist Gabe, die man annehmen muß 
wie ein Kind. Ganz richtig empfindet Richard 11. bei Shakespeare 
diesen Gegensatz zwischen § 50 und § 51, der beabsichtigt sein 
muß, da die beiden Perikopen unmittelbar aufeinander folgen. Es 
ist im Grunde die selbe Antinomie wie in Phil. 2, 13. 

10, 16. D und Syra S. lesen irpoaxaXeaafxevoc, was dazu paßt, 
daß die Kinder verscheucht sind. Aber es ist sicher korrigirt 
für ivs^xaXtaa'fievoc. Jesus darf den Kindern nur geistlichen Segen 
spenden, durch Handauflegung, sie aber nicht in den Arm nehmen. 
Auch Mt und Lc beseitigen das Herzen, ebenso wie andere Afifekt- 
äußerungen Jesu bei Mc; bei Lc muß er sogar den Paralytischen 
nicht Kind, sondern Mensch nennen. Gerade der menschliche 
Zug dieser Perikope erweist aber ihre Priorität vor der Variante 
9,35 — 37, wo ein einzelnes Kind zu Lehrzwecken vor die Jünger 
hingestellt wird, als anschauliches, wenngleich nur symbolisches 
Beispiel täv ^ixpoiv toütcov täv iriffreüovTcov. 

§ 51. Mc. 10, 17-31 (Mt. 19, 16-30. Lc. 18, 18-30). 

Und da er sich auf den Weg machte, lief einer herzu, 
fiel auf die Knie und fragte ihn: guter Meister, was soll ich 
tun, daß ich das ewige Leben ererbe? *® Jesus aber sprach 
zu ihm: Was nennst du mich gut? niemand ist gut als nur 
allein Gott. ^'Du kennst die Gebote: du sollst nicht morden, 
nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht fälschlich anklagen, nichts 
vorenthalten, ehre Vater und Mutter. '®Er sagte: das habe 
ich alles gehalten von Jugend auf. "Jesus aber sah ihn an, 
faßte Liebe zu ihm und sprach: eins fehlt dir, geh, verkauf 
was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz 
im Himmel haben, und komm folg mir nach! ^'Er aber wurde 
sehr verstimmt ob des Wortes und ging traurig von dannen, 
denn er hatte viele Güter. ^* Und Jesus schaute sich um und 
sagte zu seinen Jungem: wie schwer wird es den Begüterten 
in das Reich Gottes hinein zu kommen; '* leichter kommt ein 
Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes. 
'*Seine Jünger stutzten über seinen Worten, er aber hub abermals 
an zu sagen: Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes 
hinein zu kommen! "Sie aber erschraken noch viel mehr und 
sagten untereinander: ja wer kann dann gerettet werden? 



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86 IIB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43 — 54, 

"Jesus blickte sie ah und sprach: bei den Menschen ist das 
unmöglich, bei Gott aber ist es möglich. **Da begann Petrus 
und sagte zu ihm: wir, wir haben alles fahren gelassen und 
sind dir gefolgt! '' Jesus sprach: Amen ich sage euch, jedweder, 
der Haus, Weib, Brüder, Schwestern, Mutter, Kinder, Äcker 
hat fahren lassen für naich und das Evangelium, wird hundert- 
mal mehr empfangen: '° jetzt in dieser Welt Häuser, Brüder, 
Schwestern, Mütter, Kinder, Äcker unter Trübsal, und in der 
künftigen Welt das ewige Leben. '^ Viele Erste aber werden 
die Letzten sein und die Letzten die Ersten. 

10. 17. Im Gegensatz zu anderen historischen Anlässen fällt 
hier (wie auch in § 50) das lebendige und interessante Detail auf, 
das an Authentie hinter den folgenden Aussprüchen Jesu selber 
mindestens nicht zurücksteht. Zcdtj altuno^ hat nie den Artikel, 
wol aber r^ Cwi^. Es ist schon ein jüdischer Begriff, ebenso wie die 
ßaof. Tou Osoü und dwCsadat. 

10. 18. 'A7a86c bedeutet weniger sündlos als gütig. 

10. 19. My] cpovsuöTQ? fehlt in D, fii] aitocjTspiijaTijc im Vaticanus 
und in der Syra S. Dieses wol mit unrecht, während jenes viel- 
leicht mit Recht: denn es konnte leicht aus dem. Dekalog nach- 
getragen werden. Es muß trotz Eins fehlt dir noch angenommen 
werden, daß Jesus die Erfüllung dieser Gebote für genügend hält, 
um das ewige Leben zu ererben (Lc. 16, 29). Nur für die Jünger- 
schaft oder die Nachfolge fordert er 10, 21 mehr oder vielmehr 
etwas total anderes: das völlige Heraustreten aus der Welt. Aber 
schließlich erklärt er doch, daß diese Nachfolge, mit Aufgabe aller 
irdischen Beziehungen und Güter, die allgemeingiltige und uner- 
läßliche Bedingung für jeden eei, um in das Reich Gottes zu 
kommen. Das ist eine gewaltige Steigerung, die Entfernung von 
der einen Stufe zur anderen ist so groß, daß sie sich nur unter 
Voraussetzung eines dazwischen liegenden Prozesses begreifen läßt. 

10,21. 'H^arr^orev aötov lassen Mt und Lc aus, weil mensch- 
liches Gernleidenmögen bei der Auswahl der Jünger nicht mit 
sprechen darf. Griechisch ist fjv 7«lp e/wv schwerlich, wol aber 
aramäisch: qne hvä. 

10, 24. 25 stehn in D in umgekehrter ^Reihenfolge und das 
ist das Richtige. Zuerst sagt Jesus: es ist sehr schwer für einen 
Reichen, in das R. G. zu kommen. Schon darüber stutzen die 
Jünger, obgleich sie nicht getroffen sind. Parauf wiederholt er die 



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§51. Mc. 10, 17— 31. 87 

Äußerung in verschärfter Form, indem er sie verallgemeinert: es ist 
überhaupt (nicht bloß für einen Reichen) sehr schwer in das Reich 
Gottes zu kommen, so schwer, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr 
geht. Darüber erschrecken begreiflicherweise die Jünger noch viel 
mehr und fragen: ja wer kann dann selig werden! Nur so kommt 
die Steigerung heraus; wenn Jesus seine Äußerung erst allgemein 
getan und sie dann eingeschränkt hätte, so wäre die Vergrößerung 
des Schreckens der Jünger sinnlos. Sie wären ja eben durch die 
Einschränkung des Subjekts eximirt und brauchten die Aussage 
sich nicht anzuziehen. Wenn aber D in der Reihenfolge Recht 
hat, so doch nicht im Wortlaut von 10,24: denn durch den Zu- 
satz TOüc TTSTToiOoTac lnl Tot? xpi^jKxatv wird alles verdorben. 

10, 26. In das ofwCsa&ai spielt der eschatologische Begriff des 
Restes ein: nur wenige Auserwählte entgehn dem Zorn und bleiben 
übrig. 

10,27. Der einfachere Wortlaut von D verdient den Vorzug; 
der Zusatz „alles ist möglich bei Gott" verbessert den Eindruck 
des mächtigen Wortes nicht. Auch hier haben wir wieder die in 
§ 50 besprochene Antinomie: die höchste Anstrengung wird ge- 
fordert, aber sie ist Gnade Gottes. 

10, 29. 30. Der Vaticanus liest: oö8ei? laxiv 8c d<p^xsv ofxiav..., 
iav [jLTj Xdpii] IxaTovxaTrXaaiova — vöv iv xo) xatptp xo6xü> oJxtctv .... 
fisxa 8tö>7[xa)V, xal sv x(j) aJÄvt xci) ipxofxsvtp Cwyjv afwvtov. 

Die Versabteilung, mit starker Interpunktion, muß da gemacht 
werden, wo ich den Gedankenstrich gesetzt habe, denn die aus- 
führliche Wiederholung der Objekte nach 4av [xy] Xdßii] Ix. ist an 
sich unnötig und unzulässig, und nur nach einer Pause, als Wieder- 
aufnahme zu einem besonderen Zweck, statthaft. Mit vöv iv x(j) 
xatp(j> xoüxcp geht ein Nachtrag an. Nämlich lAv p,7] Xdßi{] ix. klingt 
so, als ob die künftige Welt nur eine quantitative Potenzirung 
der irdischen wäre. So soll es nicht gemeint sein: die aufgeführten 
Objekte sollen nicht im Jenseits, sondern schon im Diesseits, wenn- 
gleich unter Trübsal, ersetzt werden, und dazu kommt dann im 
Jenseits die in 9, 29 verschwiegene Hauptsache, das ewige Leben. 
Eben darum, weil die Objekte in 9, 29 befremden und erklärungs- 
bedürftig sind, werden sie 9, 30 in voller Reihe noch einmal her- 
gesagt und zum Schluß ergänzt. 

Der Text des Clemens Alexandrinus, auf den E. Schwartz im 
Hermes 1903 S. 87ss. die Aufmerksamkeit gerichtet hat, lautet so: 



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88 HB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

8? 3v dcpiQ xä i8ta xal ^oveTc xal ctSsX^pouc xotl j^pT^jiata Evexev ijj.oü 
xal ?vexev toü eöoYYeXtoü, dTroXT^il^eiai IxaTovxairXaofiova. Ni>v iv t({) 
xatpcu TOüT(i[) Ä^pob? xal yp'f^iiaxa xotl ofxta? xal d8eX90üc e/etv [xeiA 
StcDYfxmv ef? iroö; iv 8e T(p Ip^ojisvc^ Ccot^v Jcritv (sc. e^etv) afcuvtov. 
Hier wird mit Recht hinter ixaTovTairXacjtova ein Einschnitt ge- 
macht. Im Folgenden aber wird der Ersatz der irdischen Güter 
auch für den a?Äv oütoc abgelehnt und zwar als wertlos') wegen 
der Verfolgungen. Demgemäß steht dann statt des koordinirten 
xal iv T(p aJ&vi x(j) ip5^o[jL£V(|) das adveraative iv 8e T(p ip/ofjLsvm : 
die Belohnung hienieden wird nicht durch das Jenseits ergänzt, 
sondern der Nichtbelohnung auf Erden die Belohnung im Himmel 
entgegengesetzt. Es geschieht also der zweite Schritt; nicht bloß 
der Chiliasmus wird verworfen, sondern auch dessen Vorschiebung 
in die Gegenwart. 

Der Sinaiticus läßt die zweite Objektsreihe weg und verschmilzt 
das Thema 10, 29 mit dem Nachtrag 10, 30 zu einem Satze, womit 
natürlich die Intei-punktion vor dem vov verschwindet. Ähnlich 
ändert Lc, weniger stark Mt. D bietet einen völlig zurechtge- 
machten, nichtsnutzigen Text, über den man keine Worte zu ver- 
lieren braucht. 

Es muß bei der Lesart des Vaticanus sein Bewenden haben; 
vielleicht ist nach Lc das Weib in der Reihe der irdischen Güter 
zu restituiren. Dann ist alles, was auf SxaTovxaTrXacriova folgt, 
Interpretament. Eigentlich nur so erklärt sich auch die Wieder- 
holung der ganzen Reihe von Objekten, sie weist auf eine Hand, 
die nicht im Zuge des laufenden Zusammenhanges schrieb. Nötig 
war das Interpretament nicht. Denn die Worte Jesu, cum gi-ano 
salis aufgefaßt, enthalten nichts von Chiliasmus. Er will nicht sagen, 
die Jünger sollten den hundertfachen Betrag dessen, was sie auf- 
geopfert haben, wieder erhalten, sondern etwas, was hundertmal 
mehr wert ist, dafür bekommen. Er meint nichts anderes als die 
Ctt)7] al<s)Vio;, Zu Svexsv xoü eöa^^eXiou s. 8, 35. 

10, 31. Nach dem Zusammenhang, in den er hier gestellt 
wird, bedeutet der Spruch von der ümkehrung der irdischen Rang- 
verhältnisse im Reiche Gottes vornehmlich: die Jünger, die auf 
Erden alles verloren haben, werden im R. G. die ersten sein. 



Ei« irou (wozu?) lehrt, daß Clemens den Text nicht selber gemacht 
hat. Ebenso andere sprachliche Erscheinungen in den vorhergehenden Versen. 



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§52. Mc. 10,32-34. §53. Mc. 10, 35— 44. 89 

§ 52. Mc. 10, 32-34 (Mt. 20, 17-19. Lc. 18, 31-34). 

Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem, 
und Jesus ging ihnen voraus, und sie staunten, und indem sie 
folgten, zagten sie. *' Da holte Jesus die Zwölf wieder heran 
und begann ihnen zu sagen, was ihm bevorstünde: ** Siehe 
wir gehn hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird 
den Hohenpriestern und Schriftgelehrten übergeben werden, 
und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden 
überantworten, '*und sie werden ihn verspotten und anspeien 
und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehn. 
10, 32. Jerusalem wird hier zuerst deutlich als Ziel der Reise 
angegeben. Jesus drängt vorwärts, die Jünger stutzen und folgen 
nur zaghaft. Man kann interpungiren: oJ 8e, dxoXoüftouvTec, itpoßoDvxo 
— aber der Schein des Subjektwechsels zwischen edajißoüvio und 
l^oßoüVTo ist damit noch nicht beseitigt. 

10, 33 s. Man begreift nicht, warum die Jünger erst hier und 
nicht schon 10, 32 die Zwölfe genannt werden. In den Todesweis- 
sagungen 8, 31. 9, 31s. 10, 33 s. läßt sich ein Fortschritt zu gi*ößerer 
Bestimmtheit und Ausführlichkeit erkennen. 



§53. Mc. 10, 35-44 (Mt. 20, 20-28. L. 22, 24-28). 

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, 
heran und sagten zu ihm: Meister, wir möchten, daß du uns 
tuest, was wir auch bitten. "Er sagte: ich will es euch tun. 
•^Sie sagten: gewähr uns, daß wir einer dir zur Rechten und 
einer dir zur Linken zu sitzen kommen in deiner Herrlichkeit. 
"Jesus sprach: ihr wißt nicht, was ihr verlangt — könnt ihr 
den Becher trinken, den ich trinke, und die Taufe erleiden, 
die ich erleide? '^ Sie sagten: ja wol. *^ Jesus sprach: den 
Becher, den ich trinke, werdet ihr trinken, und die Taufe, 
die ich erleide, werdet ihr erleiden; *^aber den Sitz mir zur 
Rechten oder zur Linken zu verleihen, ist nicht meine Sache; 
er gebührt denen, für die er bestimmt ist. ** Als das die Zehn 
erfuhren, begannen sie ihren Unwillen zu äußern über Jakobus 
und Johannes. "Und Jesus rief sie heran und sprach zu 
ihnen: Ihr wisset, daß die, welche für Fürsten der Völker 



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90 HB. Jesus auf dem Wege nach Jerusalem. § 43—54. 

gelten, als Herren mit ihnen schalten, und daß ihre Großen 
Gewalt über sie ausüben. ** Nicht so ist es bei euch; sondern 
wer bei euch groß sein will, sei euer Diener, und wer der 
erste unter euch sein will, sei der Knecht von allen. ** Denn 
auch der Menschensohn ist nicht gekommen, bedient zu werden, 
sondern zu bedienen, und sein Leben zum Lösegeld vieler zu 
geben. 

10,35. Auf Petrus, der 8,29.10,28 den Vortritt hat, 
folgen hier Jakobus und Johannes; sie treten aber nicht öffentlich 
und als Sprecher der andern auf, sondern privatim für sich. Ob- 
wol sie Jesus für den Messias halten, reden sie ihn nach wie vor 
mit 8i8aofxaXe an. 

10, 36. Ich habe nach D übersetzt. 

10, 37. Die Zebedaiden sprechen so, als hätten sie von den 
unmittelbar vorher ausgesprochenen Worten Jesu 10, 33. 34 nicht 
das geringste gehört. Man könnte annehmen, daß sie glauben, 
auf dem gegenwärtigen Wege nach Jerusalem direkt in das Eeich 
einzugehn. Aber schon iv tq SoEtq aov widerspricht dem; die 6oca 
des Messias liegt in der Zukunft und setzt seine Niedrigkeit in der 
Gegenwart voraus. 

10.38. Die beiden erbitten sich in Wahrheit nicht bloß 
Erfreuliches; vor dem Eingang in das Reich Gottes liegt eine 
dunkle Zwischenstufe, die auch sie durchmachen müssen, ebenso 
wie Jesus. Die Taufe hat hier, neben dem Kelche (Mc. 14, 36), 
die gleiche metaphorische Bedeutung wie in Lc. 12, 50. Sie ist 
ein Untersinken zum Auferstehn; und wie die Wassertaufe die 
Initiation des verborgenen Messias, so ist die Todestaufe die 
Initiation des Messias der Herrlichkeit. 

10. 39. Die Weissagung des Martyriums bezieht sich nicht 
bloß auf Jakobus, sondern auch auf Johannes, und wenn sie zur 
einen Hälfte unerfüllt geblieben wäre, so stünde sie schwerlich im 
Evangelium. Es erhebt sich also ein schweres Bedenken gegen die 
Zuverlässigkeit der Überlieferung, daß der Apostel Johannes im 
hohen Alter eines nicht gewaltsamen Todes gestorben sei. 

10,41. In dem vorhergegangenen Stück erkennt Jesus still- 
schweigend Rangunterschiede im Reiche Gottes an und verweist 
den beiden Bewerbern ihren Wunsch nicht als Unding. Hier wird 
das Versäumte in etwas nachgeholt, freilich ist nicht vom Reiche 
Gottes, sondern von der christlichen Gemeinde die Rede. Es soll 



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§54. Mc. 10, 46-52. 91 

darin keinen Streit um den Primat und um den Rang geben. Ein 
Ansatz zu dem Ausspruch ist schon bei früherer Gelegenheit (9, 33 s.) 
gemacht worden. 

10. 45. Die dTroXüxpcütjt; durch den Tod Jesu ragt nur hier 
in das Evangelium hinein; unmittelbar vorher ist er nicht für die 
anderen und an ihrer statt gestorben, sondern ihnen vor gestorben, 
damit sie ihm nachsterben. Bei Lc. 22, 27 fehlen die Worte xal 
Souvat xtX. Sie passen in der Tat nicht zu Staxovrjactt, denn das 
heißt „bedienen, bei Tisch aufwarten", wie der dritte und vierte 
Evangelist (Joa. 13, Iss.) richtig verstehn. Der Schritt vom Be- 
dienen zum Hingeben des Lebens als Lösegeld ist eine ^stofßaortc 
SIC dWi 7SV0?. Er erklärt sich aus der Diakonie des Abendmahls, 
wo Jesus mit Brot und Wein sein Fleisch und Blut spendet. 

§ 54. Mc. 10, 46-52 (Mt. 20, 29-34. Lc. 18, 35-43). 

und sie kamen nach Jericho. Und als er von Jericho 
wegging, mit seinen Jüngern und vielem Volk, saß ein Blinder 
am Wege und bettelte, der Sohn des Timäus, Bartimäus. 
*^ünd da er hörte, es wäre Jesus von Nazareth, begann er 
zu schreien: Sohn Davids, Jesus, erbarm dich mein! *®Und 
viele schalten ihn, damit er schwiege; er schrie aber nur um so 
lauter: Sohn Davids, erbarm dich mein. *'ünd Jesus blieb 
stehn und sprach zu ihm: sei getrost, steh auf, er ruft dich. 
*° Da warf er seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu ihm. 
*^Und Jesus hub an und sagte zu ihm: was wilkt du, daß 
ich dir tun soll? "Der Blinde sagte: Rabbuni, daß ich sehend 
werde! " Und Jesus sprach: geh, dein Glaube hat dich gerettet. 
Und alsbald ward er sehend und folgte ihm auf dem Wege. 

10.46. Nur hier und bei Jairus wird ein Name angegeben, 
und zwar ein Patronym, in griechischer und aramäischer Form 
nebeneinander. Wer Bartimäus von Jericho bei Mc als den Sohn 
des Unreinen deutet und dagegen Zachäus von Jericho bei Lc als 
den Reinen, macht sich lächerlich. Timai mag Abkürzung von 
Timotheus sein, wie Tholmai von Ptolemäus. 

10. 47. Die Anrede Sohn Davids wird von Jesus nicht mehr 
zurückgewiesen. Sie erscheint hier bei Mc zum erstenmal, und 
zwar nicht im Munde eines Jüngers, sondern eines blinden Mannes 
aus dem Volke. Es befremdet nicht, daß derselbe hernach in 



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92 ni. Die Passion. § 55—90. 

ruhigerer Rede nicht Sohn Davids, sondern Rabbuni sagt. Also ist 
§ 54 ein Vorspiel zu § 55; ich habe aber doch vorgezogen, den 
dritten Teil erst bei § 55 angehn zu lassen. 

10.51. Wie 9,5 paßßt, so ist hier paßßoüvi beibehalten. Die 
vollere Form bedeutet ebenfalls 8t8a(jxaXs; im Syrischen tritt sie 
regelmäßig im Plural für die einfache ein. Rabbün ist aus rabbon 
(palästinisch für rabbän) verdunkelt. 

10. 52. In auffallendem Unterschiede von § 42 heilt Jesus 
hier den Blinden bloß durch sein Wort. ScuCstv hat den einfachen 
Sinn von 3,4. 5,37, nämlich: gesund machen. Ebenso wird dxo- 
XoüOstv hier nicht in der sublimen religiösen Bedeutung gebraucht. 



IIL Die Passion. § 55-90. 

§ 55. Mc. 11, 1-10 (Mt. 21, 1-9. Lc. 19, 29-38). 

Und als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach 
Bethphage und Bethania am Ölberge, sandte er zwei seiner 
Jünger und sagte ihnen: 'geht in das Dorf vor euch, und 
gleich beim Eingang werdet ihr ein Eselsfüllen angebunden 
finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat, das bindet 
los und bringt es her; 'und wenn euch einer sagt: was macht 
ihr da? so sprecht: der Herr bedarf sein und schickt es gleich 
wieder her. *Und sie gingen fort und fanden ein Eselsfüllen 
angebunden am Tor draußen auf dem freien Platz, und banden 
es los. *ünd etliche, die dabei standen, sagten zu ihnen: was 
macht ihr, daß ihr das Füllen losbindet? *Da sagten sie wie 
Jesus geboten hatte, und man ließ sie gewähren. ^Und sie 
brachten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider darauf, 
und er setzte sich darauf. ®ünd viele breiteten ihre Kleider 
auf den Weg, andere hieben grüne Büschel auf den Ackern 
ab und bestreuten damit den Weg. ®Und die voraus und 
hinterdrein gingen, schrien: Osanna, gesegnet der da kommt 
im Namen des Herrn, '° gesegnet das kommende Reich unseres 
Vaters David, Osanna in der Höhe! 

11, 1. Die doppelte Ortsbestimmung eU BYjö^a^i) xal ErjOavtav 
fällt auf. Es scheint eine Variante vorzuliegen, zumal in der Syra S. 



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§55. Meli, 1—10. 93 

das xal fehlt. Mt hat nur Bethphage, und dafür spricht, daß zur 
allgemeinen Orientirung ein bekannter Ort erwartet wird. Bethania 
war unbekannt, gewann aber für die Christen Bedeutung und wurde 
vielleicht deshalb eingesetzt. Der Ölberg liegt auf dem Wege von 
Jericho nach Jerusalem (2. Sam. 15, 30). 

11,2. Der Ort wird nicht genannt und nicht für den Leser, 
sondern nur für die Boten deutlich bezeichnet: das Dorf da, das 
ihr vor euch seht. 

11, 3, 4. '0 xöpioc soll absichtlich geheimnisvoll klingen; Jesus 
bezeichnet sich sonst weder selber so, noch wird er von seinen 
Jüngern oder vom Erzähler so genannt. Unter irp6? ööpav hat man 
nach der folgenden Erklärung zu verstehn, was im Hebräischen 
"^yl^^"l nns heißt, den Raum vor dem Eingang des Tores. 

11.8. Bäume, von denen man Zweige abhauen konnte, gab 
es am Ölberge nicht; denn von Oliven, Feigen, Granaten nahm 
man sie schwerlich. Palmarum führt seinen Namen zu Unrecht; 
Mc redet nur von cmßdoec. Beispiele zum Ausbreiten von Kleidern 
und Streuen von wolriechenden ILräutern auf den Weg findet man 
vielfach bei den Arabern, z. B. Agh. 6 164, 26. BAthir 3 426, 20. 
4 402, 10. Agh. 6 94, 8 s. Das Abhauen von wildwachsenden 
Stauden auf den Äckern zeigt übrigens, daß der Zug außerhalb 
Jerusalems zu denken ist und nicht drinnen; der Eintritt in die 
Stadt wird erst 11, 11 berichtet und dabei erscheint Jesus nur von 
den Zwölf begleitet. Also versteht Mt falsch und Lc (19,37.41) 
richtig. Darin aber irrt Lc, daß er die Menge auf die Menge der 
Jünger deutet. 

11.9. Osanna ist ebensogut hebräisch wie Osianna. Es ist 
eine Akklamation, eigentlich aber ein Hilferuf an den König, der 
ursprünglich selber mit dem Imperativ angeredet wird und im 
Vokativ dahinter steht (2. Sam. 14, 4. 2 Reg. 6, 26). Es ist für ihn 
eine Ehre, von den Untertanen um Hilfe angegangen zn werden, 
wie für den persischen Schah fariädras (der zu dem der Hilferuf 
gelangt) ein Epitheton omans ist.* Erst später hat man Gott zum 
Subjekt des Imperativs gemacht und den König aus dem Vokativ 
in den Dativ gestellt (Ps. 20, 10. 118, 25). In jedem Falle wird 
Jesus damit vom Volke als der König von Israel begrüßt. 

Man darf hier nicht rationalisiren. Jesus hat nicht vorher den 
Esel bestellt und sich mit dessen Besitzern verständigt, sondern er 
weiß den Zufall voraus, weil Gott, der den Zufall lenkt, mit ihm 



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94 III. Die Passion. § 55- 90, 

ist. Und der Esel dient keinen gemeinen praktischen Zwecken, 
es ist vielmehr der Esel der messianischen Weissagung Zach. 9j 9 -^ 
darum heißt er auch 6 irAXo?'). Jesus proklamirt sich also 
demonstrativ als Messias. Auf dem Ölberg sollte nach Zach. 14, 4 
Jahve, nach dem jüdischen Volksglauben der Messias erscheinen. 
Auf dem Ölberg erschien auch später der ägyptische Pseudomessias 
(Jos. Bellum 2, 62. Ant. 20, 169)) ähnlich wie der satnaritanische 
auf dem heiligen Berge über Sichem (Bellum 3, 307. Ant. I85 85). 

Es befremdet nun aber, daß diese starke Demonstration hinter- 
her gar keine Wirkung hat. Weder die Hohenpriester noch die 
Römer nehmen Akt davon, während sie doch namentlich den Römern, 
die in solchen Fällen nicht mit sich spaßen ließen, Anlaß zum 
Einschreiten hätte geben müssen, auch wenn der Zug sich nicht 
durch die Straßen von Jerusalem bewegte. Darnach läßt sich kaum 
glaujbeuj daß Jesus selber der Urheber der Szene und dafür ver- 
antwortlich gewesen sei. Wenn sie sich Äugetragen hat, so kann 
sie nur ohne sein Zutun von dem Volke ausgegangen sein und 
keine weitere Bedeutung gehabt haben. Daß das Volk ihin in 
'einem Moment der Aufwallung den Messias entgegenbrachte) ist 
glaublich) und auch das ist nicht unwahrscheinlich) daß er dagegen 
nicht gradezu protestirte (10,47). 

Die evangelische Überlieferung läßt klar erkennön, daß das 
Hinaufziehen Jesu nach Jerusalem nicht eine harmlose Pilgerfahrt 
war, sondern aus anderem Anlaß zu anderem Zwecke erfolgte. Er 
muß auch schon geraume Zeit vor dem Feste dort eingetroffen sein. 
Der Versuch des Mc, den Aufenthalt in eine Woche zusammen- 
zudrängen, mislingt; der Stoff widerstrebt dem an sich etwas un- 
sicheren Schema der sechs Tage, in das er gezwungen werden soll. 
Die Beziehungen und Bekanntschaften, die er^ wie gelegentlich durch- 
schimmert) in Jerusalem hat, erklären sich nicht aus früheren Be* 
suchen, wo er noch nicht als der große Prophet von Galiläa hätte 
auftreten können: in Bethanien scheint er den Keim der späteren 
jerusalemischen Gemeinde gelegt zu haben. Und Wenn er 14,49 
sagt: „bin ich doch täglich bei euch gewesen und habe im Tempel 
gelehrt", so reicht ein zweitägiges Lehren (11,15—12,38) nicht 
aus, um xä&' f^jispav zu rechtfertigen. 



1) Die Mufllimen deuten den Reiter auf dem Esel Isa. 21, 7 auf Jesus, 
den Reiter auf dem Kamel auf Muhammed. 



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§56. Mc. 11,11-14.. 95 

Also ist auch der große Haufe, der ihn von Peräa an begleitete, 
mit ihm Jericho passirte (wo sich Bartimäus anschloß) und vom 
Ölberge herabzog, nicht wegen des Festes mit ihm gegangen, sondern 
seiner Person wegen, in Erwartung dessen, was er in der heiligen 
Stadt tun würde. Es liegt sehr nahe, daß das Volk geneigt war, 
ihn für den Messias zu halten, und seine Reise nach Jerusalem in 
diesem Sinne aufzufassen. Der Schritt vom Propheten zum Messias 
geschah leicht, ^^obonpot^^zrfi und (J^süSoxpiaioc bedeutet im Evan- 
gelium und bei Josephus nahezu das selbe. 

§56. Meli, 11-14. 

Und er ging in Jerusalem hinein und in den Tempel. 
Und nachdem er sich überall umgeschaut hatte, schon zu 
später Stunde, begab er sich hinaus nach Bethania mit den 
Zwölfen. "Und am anderen Morgen, als sie von Bethania 
aufbrachen, hungerte ihn. "Und er sah von weitem einen 
Feigenbaum und trat heran, ob er etwas daran fände* Und 
wie er herankam, fand er nur Blätter, denn es war nicht die 
Zeit für Feigen. ^*Da hub er an und sprach zu dem Baume: 
nie mehr in Ewigkeit soll man von dir Frucht essen. Und 
seine Jünger hörten es. 

11, 11. Es heißt Lc. 2. 41, daß Jesu Eltern alle Jahr auf das 
Fest nach Jerusalem wanderten und ihn frühzeitg mitnahmen. 
Wenn er aber hier im Tempel alles besieht, so scheint er noch 
nicht oft darin gewesen zu sein. 

11,12 — 14. Weiß weiß, daß die Verwünschung des Feigen- 
baumes von Jesus „natürlich" nur symbolisch gemeint und ohne 
seine Absicht von Gott dennoch realisirt sei — er hat Jesum ver- 
standen und Gott hat ihn misverstanden. Daß Jesus selber in 
§ 58 die Yertrocknung des Baums als Beweis meines Glaubens und 
seiner Gebetserhörung auffaßt, schlägt er in den Wind. Bei Lc 
fehlen § 56 und § 58. Obwol er die beiden Stücke gewiß (vgh 17,6) 
vorgefunden und nur aus Bedenken gegen den Inhalt ausgelassen 
hat, so unterbrechen sie doch in der Tat den Hauptzusammenhang. 
Auch 11,11 und 11,15 stehn in keinem rechten Verhältnis; 
man vermißt 11, 15 die Rückbeziehung, ein irof^iy wäre hier 
mindestens ebenso angebracht gewesen wie 11, 27. Der Anfang und 
der Schluß von 11, 11 wiederholen in kürzerer Form den Anfang 



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96 in. I>ie Passion. § 55—90. 

und den Schluß von § 57 ; in der Mitte fehlt jedoch der Inhalt. 
Kein Wunder, daß 11, 11 nicht bloß von Lc ignorirt, sondern auch 
von Mt zeitlich mit 11, 15 zusammengeworfen wird. Indessen wird 
man doch vielleicht die Tempelreinigung mit der Szene am Öl- 
berg nicht auf einen und den selben Tag setzen dürfen. Man kann 
auch etwas anderes annehmen. Vielleicht berichtete die älteste 
Überlieferung, daß Jesus nach der Ovation § 55 einfach am Ölberg, 
in Bethania, blieb, um dort Quartier zu nehmen (daß er das 
tat, wird im Folgenden vorausgesetzt, hätte aber gesagt werden 
müssen), und daß er erst am folgenden Morgen nach Jerusalem 
ging. Später wurde dann das Bedürfnis empfunden, die Prozession 
von Palmarum in Jerusalem selber endigen zu lassen, welches von 
Mc in einer ungeschickteren, jedoch primitiveren Weise befriedigt 
wird, als von Mt und Lc. 

§ 57. Mc. 11, 15-19 (Mt. 21, 12-17. Lc. 19, 45-48). 

Und sie gingen nach Jerusalem. Und er trat in den 
Tempel ein und begann die Verkäufer und Käufer im Tempel 
auszutreiben, und die Tische der Wechsler und die Bänke der 
Taubenhändler stieß er um, ^^und wollte nicht gestatten, daß 
man ein Gefäß durch den Tempel trüge. ^^ Und er lehrte und 
sprach: steht nicht geschrieben, mein Haus soll allen Völkern 
ein Bethaus heißen? ihr aber habt eine Eäuberhöhle daraus 
gemacht. '^Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten er- 
fuhren es und suchten, wie sie ihn verderben möchten; sie 
fürchteten ihn aber, denn alles Volk war hingerissen von seiner 
Lehre. ^^ Und wenn es spät wurde, gingen sie hinaus an einen 
Ort außerhalb der Stadt. 
Jesus schaltet als Herr im Tempel und nimmt eine Befugnis 
nicht gewöhnlicher Art in Anspruch; sein Auftreten hat in Wahr- 
heit wbl noch mehr bedeutet, als daraus gemacht wird. Aber die 
Hohenpriester und die Synedristen, denen er dadurch in das Gehege 
kommt, wagen es nicht, die Tempelpolizei, die ihnen doch zustand, 
gegen ihn in Anwendung zu bringen; sie stellen ihn nur zur Rede 
und lassen sich in Diskussion mit ihm ein, als wäre er eine eben- 
bürtige Gegenpartei. Das beweist, wie groß sein Anhang war. 
Schade, daß von seiner Lehre, die so gewaltigen Eindruck machte^ 
gar keine Probe gegeben wird; denn das Zitat 11, 17 kann nicht 



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§58. Meli, 20-25. 97 

dafür gelten. Es war vermutlich nicht bloß seine Lehre, welche 
hinriß, sondern mindestens ebensosehr seine Person und sein zu- 
versichtliches Handeln. Man fragte sich erwartungsvoll, ob er am 
Ende nicht der Messias sei. 

11, 15. Kaxiaxp&^ev fehlt in D und Syra S. 

11, 17. Der Dativ gehört nach der Absicht von Isa. 56 zu 
Bethaus, nach der Absicht Jesu aber vielleicht zu dem passiven 
Verbum, als handelndes Subjekt. Denn er legt den Nachdruck 
nicht auf die Universalität des Bethauses, sondern auf den 
nackten Begriff des Bethauses selber. 

11, 18.. Daß die Furcht vor dem Volk als Motiv erscheint, 
weshalb sie ihn verderben wollen, läßt sich zwar erklären. Natür- 
licher aber wäre sie doch das Motiv, weshalb sie nicht Hand an 
ihn zu legen wagen. Pap wird öfters gebraucht, wo wir eine Ad- 
versativpartikel erwarten. 

11, 19. Bethania kommt bei Mc nur in § 56 und 69 vor, 
hier läßt er den Ort außerhalb Jerusalems unbestimmt. 

§58. Meli, 20-25 (Mt. 21,18-22). 

Und am andern Morgen früh vorbeikommend, sahen sie 
den Feigenbaum verdorrt bis auf die Wurzeln. '^ Und Petrus 
erinnerte sich und sagte zu ihm: Rabbi, der Feigenbaum, den 
du verflucht hast, ist verdorrt. " Und Jesus hub an und sprach 
zu ihnen: Habt Glauben an Gott! ^^ Amen ich sage euch, 
wer zu dem Berge da spräche: heb dich und stürz in den 
See, und in seinem Herzen nicht zweifelte, sondern glaubte, 
daß sein Wort geschähe, dem würde es geschehen. "* Darum 
sage ich euch, was immer ihr betet und bittet, glaubt nur, 
daß ihr erhört seid, so wird es euch werden. " Und wenn ihr 
steht und betet, so vergebt, was ihr etwa gegen wen habt, 
damit auch euer Vater in den Himmeln euch eure Über- 
tretungen vergebe. 

Der verdorrte Feigenbaum ist ein sonderbarer Beweis des 
Glaubens. Er wird nur benutzt, um (zweifellos echte) Aussprüche 
Jesu daran zu hängen, die sicherlich nicht an ihm gewachsen sind. 
Der Berg am See führt eher auf Galiläa als auf Jerusalem. Man 
bemerke, wie allgemein der Glaube hier gefaßt ist; es ist der 
Glaube an Gott, nicht an Jesus. In 11, 24 wird der Übergang zum 

Wellhausen, Evang. Marci. 7 



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98 III. Die Passion. § 55—90. 

Gebet gemacht, für dessen Erhörung der Glaube Bedingung ist; 
das Präteritum dXofßsTe ist in meiner Übersetzung erklärt. In 11, 25 
wird noch eine andere Bedingung für die Erhörlichkeit des Gebetes 
hinzugefügt. Sehr auffallend für Mc ist der Ausdruck 6 irarJjp üjiwv 
6 iv ToTc oöpavotc. Er erinnert an das Vaterunser. Mc mag das- 
selbe als Gemeindegebet gekannt haben, hat aber nicht gewagt, es 
dem Wortlaut nach auf Jesus zurückzuführen. Jesus gibt bei ihm 
kein Formular, sondern nur allgemeine Regeln für das Beten. Er 
stellt die Bereitwilligkeit zu vergeben schlechthin als Vorbedingung 
auf, „wenn man steht und betet". Auch die Bitte „führ uns nicht 
in Versuchung" steht bei Mc. 14,37 für sich und nicht im Zu- 
sammenhange des Vaterunsers. 

§ 59. Mc. 11, 27-33 (Mt. 21, 23-27. Lc. 20, 1-8). 

Und sie kamen wieder nach Jerusalem. Und wie er im 
Tempel herumging, traten die Hohenpriester und Schrift- 
gelehrten und Ältesten zu ihm und sagten: "kraft welcher 
Macht tust du das? wer hat dir die Ermächtigung gegeben, 
dies zu tun? '^ Jesus sagte: Ich will euch etwas fragen, ant- 
wortet mir und ich will euch sagen, kraft welcher Macht ich 
dies tue. '°War die Taufe Johannis vom Himmel oder von 
Menschen? antwortet mir. " Und sie überlegten bei sich: 
sollen wir sagen: vom Himmel? dann sagt er: warum habt 
ihr ihm denn nicht geglaubt! ''oder sollen wir sagen: von 
Menschen? Das wagten sie nicht wegen des Volkes, denn sie 
hielten dafür, daß Johannes wirklich ein Prophet war. ^'Und 
sie antworteten Jesu: wir wissen es nicht. Und Jesus erwiderte 
ihnen: so sage auch ich euch nicht, kraft welcher Macht ich 
dies tue. 

11,27. Die Frage nach der Befugnis ist veranlaßt durch die 
Tempelreinigung, das Totuxa (irotei? oder izoioi) weist darauf als auf 
etwas unmittelbar Vorliegendes hin, in einer Weise, daß nicht nur 
die Unterbrechung des Erzählungsfadens durch den Einschub von 
§ 58 befremdet, sondern sogar die Verlegung von § 59 auf einen 
anderen Tag als § 57. 

11,30. Johannes der Täufer hieß Johannes nicht schon zu 
seinen Lebzeiten. Hier wird er weder von Jesus noch von dem 
Erzähler (11,32) so genannt. 



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§60. Mc. 12, 1-12. 99 

11.31. Fast überall ist oSv bei Mc erst im Verlauf der hand- 
schriftlichen Überlieferung eingesetzt, so 12,6. 9. 23. 27. 37. An 
unserer Stelle hat Lc es nicht vorgefunden und 10, 9 fehlt es in 
D. Nur 13, 35 scheint es echt zu sein. 

11.32. 'AXXct heißt oder aber = vellä, vgl. zu 4, 22. Es 
folgt kein Bedingungssatz, dem ja auch die Apodosis fehlen würde, 
sondern eine überlegende Frage. Man würde darnach auch in der 
Parallele 11,31 eine solche erwarten. D hat dort tt (efTr&fisv); 
wie Tt, ebenso scheint lofv nachträglich supplirt zu sein. In D ist 
lav auch 11, 32 vorgesetzt. 

11, 33. In dem, was Jesus sagt, liegt in der Tat doch eine 
positive Antwort. Er beruft sich selber auf Johannes, der auch 
seine Autorität nicht von den Menschen hatte, von der menschlichen 
Autorität nicht anerkannt wurde, aber doch vom Himmel ge- 
sandt war. 

§ 60. Mc.l2, 1-12 (Mt. 21, 33-46. Lc. 20, 9-19). 

Und er begann zu ihnen in Gleichnissen zu reden. Einen 
Weinberg pflanzte ein Mann und machte einen Zaun darum 
und hieb eine Kelter aus und baute einen Turm. Und er tat 
ihn aus an Pächter und ging außer Landes. ' Und als es Zeit 
war, sandte er zu den Pächtern einen Knecht, daß sie ihm von 
der Frucht des Weinbergs sein Teil gäben. ^ Und sie nahmen 
ihn und schlugen ihn und ließen ihn mit leeren Händen ziehen. 
*Und wiederum sandte er zu ihnen einen anderen Knecht, 
auch den mishandelten und beschimpften sie. ^Und einen 
anderen sandte er, den töteten sie. Und viele andere, die 
einen schlugen, die anderen töteten sie. *Da hatte er noch 
einen einzigen, einen vielgeliebten Sohn, den sandte er zuletzt 
zu ihnen, meinend: vor meinem Sohne werden sie sich scheuen. 
^Die Pächter aber sprachen unter sich: dies ist der Erbe, auf, 
laßt uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein. Und sie 
nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn außen vor den 
Weinberg hin. ^ Was wird nun jder Herr des Weinbergs tun? 
Er wird kommen und die Pächter umbringen und den Wein- 
berg anderen geben. ^^Habt ihr nicht auch dieses Wort in 
der Schrift gelesen: „der Stein, den die Bauleute verworfen 
haben, der ist zum Eckstein geworden, "von dem Herrn ist 

7* 



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100 ni. Die Passion. § 55—90. 

dieser gekommen nnd wunderbar erscheint er uns". "Und sie 
suchten sich seiner zu bemächtigen, fürchteten aber das Volk; 
denn sie erkannten, daß er das Gleichnis auf sie gemünzt 
hatte. Und sie ließen ihn und gingen ab. 
12, 1. AöxoT^ sind die Synedristen. Jesus protestirt auch 
hier dagegen, daß sie ihre bloß gepachtete Autorität seiner an- 
gestammten göttlichen entgegensetzen; Rebellen seien sie, nicht 
er. Die ausführliche Wiederholung von Isa. 5 trägt für die Sache 
gar nichts aus; auch xal dTreST^firjasv ist sehr überflüssig und stammt 
wol aus 13, 34. 

12, 2. Zu TW xatpu> ergänzt Mt richtig taiv xapTraiv. Die zweite 
Hälfte des Verses habe ich nach D und Syra S. übersetzt. 

12,4 fehlt in der Syra S. ' Exs^aXttoofav ist im Sinne von 
ixoXacptaav gebraucht, darf aber nicht korrigirt werden. 

12,5. Die zweite Hälfte fehlt bei Lc, der richtig empfunden 
zu haben scheint, daß hier die Sache (die vielen Propheten) allzu 
sehr aus dem Gleichnis hervorguckt. 

12, 6. Der einzige Sohn und der Lieblingssohn läuft auf das 
selbe hinaus (§ 2); vgl. Jud. 11, 34 pLovo^sv?]^ dYaTrr^n^. 

12,8. Sie töten ihn innerhalb des Weinberges und werfen 
dann die Leiche hinaus, ohne sie zu begraben. 

12,10.11. Das Zitat (Ps. 118, 22. 23) führt weiter als der 
wahre Schluß 12, 9 und hängt über, wie Jülicher richtig erkannt hat. 
12, 12. Das Gleichnis ist eine kaum verhüllte Allegorie und 
die Hohenpriester verstehn sofort. Der Zorn darüber, daß ihnen 
auf den Kopf gesagt wird, was sie tun werden, beschleunigt die 
Ausführung ihres Vorhabens. Das wäre an sich nicht unmöglich. 
Ob aber Jesus wirklich in dieser Weise den Teufel an die Wand 
gemalt hat, darf man bezweifeln. Gegen sein ausweichendes, vor- 
sichtiges Verfahren in § 59 und § 61 sticht es seltsam ab, daß er 
hier die Gegner herausfordert und sich ihnen offen als den Sohn 
Gottes zu erkennen gibt. — Überall tritt hervor, daß er an dem 
Volk eine Stütze hat, die sich freilich zum Schluß als gebrechlich 
herausstellt. Das Synedrium fühlt sich dem Volk gegenüber un- 
sicher und wagt seine obrigkeitliche Befugnis nicht recht geltend 
zu. machen, um den Geist zu dämpfen. Man kennt das aus dem 
Alten Testament, besonders aus Amos 7. 



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§61. Mc. 12, 13— 17. 101 



§ 61. Mc. 12, 13-17 (Mt22, 15-22. Lc.20,^-^ 

Und sie sandten einige von den Pharisäern: unä Won fdön [ 
Herodianern , die ihm mit Worten eine Falle stellen' sollten. 
^*Und sie kamen und sagten zu ihm: Meister, wir wissen, 
daß du wahrhaftig bist und auf niemand Rücksicht nimmst, 
denn du siehst keine Person an, sondern lehrst nach Wahrheit 
den Weg Gottes — ist es erlaubt, dem Kaiser Kopfsteuer zu 
geben, oder nicht? sollen wir sie geben oder nicht? ^^Er er- 
kannte aber ihre Falschheit und sagte zu ihnen: was versucht 
ihr mich? bringt mir einen Silberling, daß ich ihn sehe. ^^Sie 
brachten ihm einen, und er fragte sie: wessen ist dieses Bild 
und die Aufschrift? Sie antworteten: des Kaisers. ^^Da sprach 
Jesus zu ihnen: was des Kaisers ist, entrichtet dem Kaiser, 
und was Gottes ist, Gotte. Und sie wunderten sich über ihn 
gewaltig. 

12. 13. Das Subjekt zu dTtocrieXXooafiv ist unbestimmt. Die 
Ilerodianer fallen in Jerusalem auf, sie haben ihre Stelle in Galiläa. 
Aber es sollen Römerfeinde und Römerfreunde sich zu der Frage 
vereinen, so daß Jesus in Gefahr gerät, mag er ja oder nein ant- 
worten. Nach D 12, 14 fragen ihn indessen nur die Pharisäer. 

12. 14. Weg Gottes = Religion. Die strengen Juden meinten, 
Kopfsteuer dürfe nur an Gott (an den Tempel) entrichtet werden. 

12, 15. Falschheit wird ihnen vorgeworfen, weil sie nicht in 
Wirklichkeit das Rechte wissen, sondern mit der Frage eine Falle 
stellen wollen. Die Steuer wird in Silber bezahlt, das nur in 
römischer Prägung existirte. Jesus hat kein Geld bei sich. 

12, 17. Jesus zeigt sich gerade so vorsichtig wie in § 59. 
Zur Überraschung der Gegner versteht er es, dem Dilemma sich zu 
entziehen. Etwas weiteres beabsichtigt er nicht. Allerdings kann 
die Ablehnung der Theokratie in der Konsequenz seiner Antwort 
gefunden werden. Er stellt aber keinen Grundsatz auf, wonach 
das Gebiet Gottes und das Gebiet des Kaisers reinlich geschieden 
werden könnten. Etwas profan und recht verkehrt meint Ranke, 
Mc. 12, 17 sei das wichtigste und folgenreichste Wort Jesu gewesen. 



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102 ni. Die Passion. § 55—90. 

• •••••• 

• •••••• • 

• V § J33.-..Mc. 12, 18-27 (Mt. 22, 22-33. Lc. 20, 27-38). 

: : •• tFö§ ^Jq S^ducäer kamen zu ihm — die sagen, es gäbe keine 
AuferVtehiing — und fragten ihn: "Meister, Moses hat uns vor- 
geschrieben, wenn einem sein Bruder stirbt und hinterläßt ein 
Weib und kein Kind, so soll sein Bruder das Weib nehmen 
und seinem Bruder Nachkommen erzeugen. '°Nun waren 
sieben Brüder, der erste nahm ein Weib, starb und hinterließ 
keine Nachkommen. " Und der andere nahm sie und starb 
ohne Nachkommen, ebenso auch der dritte, "und alle sieben 
hinterließen keine Nachkommen. Zuletzt nach allen starb 
auch das Weib. "Bei der Auferstehung nun, wenn sie auf- 
erstehn, wessen Weib wird sie dann sein? sie haben sie ja 
alle sieben zum Weibe gehabt. '* Jesus sprach zu ihnen; Zeigt 
ihr damit nicht, daß ihr irrt und weder die Schrift kennt 
noch die Macht Gottes? ^^Denn wenn sie von den Toten auf- 
erstehn, freien sie nicht noch werden sie gefreit, sondern 
sie sind wie die Engel im Himmel. "Was aber die Toten 
betrifft, daß sie auferstehn — habt ihr nicht im Buche Mosis 
gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm 
sprach: ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und 
der Gott Jakobs? " Er ist aber nicht Gott von Toten, sondern 
von Lebendigen. Ihr irrt nicht wenig. 

12,22. 23. Ot ^TTia wie sch'ba*taihon = alle sieben. 
12, 24 — 27. Jesus weist die Voraussetzung zurück, welche die 
Gegner als zugestanden betrachten und von der aus sie den Auf- 
erstehungsglauben ad absurdum führen, nämlich, daß nach der Auf- 
erstehung das durch den Tod unterbrochene irdische Leben einfach 
fortgesetzt werde; er teilt also nicht die herrschende Meinung über 
das Jenseits. Die Leviratsehe bestand freilich zur Zeit Jesu wol nicht 
mehr. Die Sadducäer wollen also vielleicht nur sagen, daß Moses, 
indem er sie vorschrieb, nicht an die Auferstehung geglaubt haben 
könne. Jesus fügt nun den positiven Beweis hinzu, daß Moses an 
einer anderen Stelle die Auferstehung in der Tat voraussetze. Mit 
dem Grundsatz, daß Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der 
Lebendigen sei, trifft er die innerste Meinung des Alten Testaments. 
Aber das Alte Testament folgert daraus, daß die Verstorbenen von 
jeder Beziehung zu Gott ausgeschlossen seien: wer kann dich in der 
Hölle preisen! 



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§63. Mc. 12,28-34. 103 

§ 63. Mc. 12, 28-34 (Mt. 22, 34-40. Lc. 10, 25-28). 

Da trat ein Schriftgelehrter hinzu, der hatte sie streiten 
hören und gemerkt, daß er ihnen gut geantwortet hatte, und 
fragte ihn: welches Gebot ist das oberste? '® Jesus antwortete: 
Das alleroberste ist: höre Israel, der Herr unser Gott ist der 
Herr allein, *° und du sollst den Herrn deinen Gott lieben von 
ganzem Herzen und von ganzer Seele und von ganzem Gemüt 
und. mit ganzer Kraft. ''Das zweite ist dies: du sollst deinen 
Nächsten lieben wie dich selbst. Ein anderes Gebot, größer 
als diese, gibt es nicht. "Und der Schriftgelehrte sagte: Recht 
so, Meister, du hast nach der Wahrheit geredet: Einer ist es 
und keiner neben ihm, "und ihn lieben von ganzem Herzen 
und von ganzem Gemüte und mit ganzer Kraft, und den 
Nächsten lieben wie sich selbst, ist besser als alle Brandopfer und 
anderen Opfer. '* Und Jesus sah, daß er verständig antwortete 
und sagte zu ihm: du bist nicht ferne vom Reiche Gottes. 
12, 28. Hohepriester, Pharisäer und Sadducäer sind Schlag 
auf Schlag abgefertigt, alle an dem selben Tage. Die Reihe be- 
schließt ein unbefangener Rabbi. Er legt Jesu auch eine Frage 
vor, aber aufrichtig und nicht in feindlicher Absicht, und erhält 
eine Antwort, die ihn vollauf befriedigt. Mt und Lc stoßen sich 
daran, daß Jesus sich mit dem Rabbi auf dem Boden des edelsten 
Judentums zusammenfindet. 

12, 29 — 33. Jesus antwortet mit zwei Sprüchen des Gesetzes, 
die auch der Rabbi als dessen Blüte und Kern anerkennt. 
Nur hier redet er, mit den Worten des Alten Testaments, von der 
Liebe Gottes und des Nächsten; für gewöhnlich führt er sie 
nicht im Munde. Der Monotheismus ist keine Theorie, sondern 
praktische Überzeugung, Motiv der innersten Gesinnung und 
des Handelns gegen den Nächsten, d.h. der Moral: auch letztere 
gehört nach der Ergänzung des Schriftgelehrten zum Gottesdienst 
und ist der richtige Kultus, mehr wert als alle heiligen Leistungen, 
die Gott speziell dargebracht werden und keinem anderen nützen. 
Die Kombination der beiden Sprüche, die im Gesetz an ganz ver- 
schiedenen Stellen stehn, ist für den Sinn des Ganzen sehr wichtig; 
sie ist erst von Jesu in dieser Weise vollzogen. 

12, 34. Man kann hiernach schon auf Erden entweder im 
Reiche Gottes darin sein, oder nahe dabei, oder entfernt davon. 



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104 ni. Die Passion. § 55-90. 

Der Begriff ist hier jedenfalls bei weitem nicht so ausgesprochen 
eschatologisch wie in den Äußerungen, die in dem Abschnitt 
üher die Reise nach Jerusalem vorkommen. Jesus sagt dem 
Schriftgelehrten auch nicht: laß alles fahren und folge mir nach. 
Die Liebe Gottes und des Nächsten ist nicht das selbe wie Welt- 
entsagung. Der Dekalog (10, 19) kann wol überboten werden, aber 
der Monotheismus, so wie er in der Kombination der Stellen des 
Deuteronomiums und des Levitikus sich darstellt, kann nicht über- 
boten werden, auch nicht von der Nachfolge und dem Martyrium. 



§64. Mc. 12, 35-37 (Mt. 22, 41-46. Lc. 20,41-44). 

Und niemand wagte ihn mehr zu fragen. "Und Jesus 
hub an und sagte beim Lehren im Tempel: wie können die 
Schriftgelehrten sagen, daß der Christus der Sohn Davids sei? 
•^ David hat doch durch den heiligen Geist gesprochen: der 
Herr hat gesagt zu meinem Herrn : setz dich zu meiner Rechten, 
bis ich deine Feinde unter deine Füße lege! "David selber 
nennt ihn Herr, woher ist er denn sein Sohn? 
Jesus bezeichnet es als eine bloße Meinung der Schriftgelehrten, 
daß der Messias der Sohn Davids sei, und widerlegt sie durch 
einen Spruch Davids selber, der das Gegenteil erweise. Einen 
Anlaß, sich mit der Frage zu beschäftigen, hatte er nur, wenn sie 
ihn selber betraf. Er hielt sich für den Messias, obwol er nicht 
der Sohn Davids war. Die Späteren suchten seine Messianität 
darauf zu stützen, daß sie seine Herkunft von David nachwiesen: 
ein Beweis der Authentie seiner Äußerung. Man darf wol annehmen, 
daß Jesus Sohn Davids auch nicht sein will und also die jüdische 
Vorstellung korrigirt, wonach der Messias ein zweiter David ist 
und dessen zerstörtes Reich wieder aufrichtet. 



§ 65. Mc. 12, 38-40 (Mt. 23. Lc. 20, 45-47). 

Und die große Menge hörte ihn gern. '®Und in seiner 
Lehre sagte er: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die es 
lieben, in feierlicher Tracht einher zu gehn und gegrüßt sein 
wollen auf den Straßen und gern oben an sitzen in den Syna- 



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§66. Mc. 12,41— 44. 105 

gogen und an Tisch beim Mahle *° und fressen der Witwen 
Uausgut und verrichten lange Gebete zum Schein: die werden 
die schlimmste Strafe empfangen. 
Beim Lehren des Volkes nimmt Jesus in bezug auf die 
Schriftgelehrten kein Blatt vor den Mund. Sie mochten sich 
seiner Beobachtung und Kritik in Jerusalem noch mehr aufdrängen 
als in Galiläa. Für öioXctic 12, 38 bietet die Syra S. ötoocT^; das 
verdient aber nicht den Vorzug. 

§ 66. Mc. 12, 41-44 (Lc. 21, 1-4). 

Und er setzte sich gegen den Opferstock und sah zu, wie 
die Leute Kupferstücke in den Opferstock einwarfen. "Und 
manche Reiche gaben viel, eine Witwe aber kam und warf 
zwei Scherflein ein, das macht einen Heller. *'Da rief er seine 
Jünger heran und sprach: Amen ich sage euch, diese arme 
Witwe hat mehr eingelegt als alle, die in den Opferstock ein- 
gelegt haben; ** denn alle haben aus ihrem Überfluß eingelegt, 
diese aber hat aus ihrer Dürftigkeit eingelegt, alles was sie 
hatte, ihre ganze Habe. 
Diese kleine Geschichte geht mehr zu Herzen als alle Wunder- 
berichte, von denen die erste Hälfte des Mc voll ist. Li Jerusalem 
verrichtet Jesus überhaupt keine Wunder mehr, abgesehen von einem 
eingeschobenen (§56.58), auch keine Heilungen und Dämonen- 
austreibungen.» Ebenso ist der Abstand der Kapp. 11. 12 von dem 
unmittelbar vorhergehenden Abschnitt 8, 27 — 10, 45 bemerkenswert. 
Die trübe Stimmung, die Jesus auf dem Wege nach Jerusalem be- 
herrscht, steigert sich in Jerusalem selber nicht, sondern legt sich 
und macht einer zuversichtlichen und unternehmenden Platz. Er 
fühlt sich getragen von dem Enthusiasmus der Menge. Der nahe 
und gewisse Tod erfüllt nicht sein Herz und seine Rede; es findet 
sich nur einmal eine Todes Weissagung und zwar in der dem alten 
Zusammenhang fremden und widersprechenden Parabel von den 
Weingärtnern. Der Konflikt mit den Hohenpriestern spinnt sich 
zwar durch die Tempelreinigung an, aber Jesus vermeidet es, ihn 
zu verschärfen und benimmt sich klug und vorsichtig gegen seine 
Widersacher, ohne doch sich etwas zu vergeben und zurückzuweichen. 
Von der Notwendigkeit des Kreuzes nicht bloß für ihn selber, 
sondern auch für seine Jünger, von der Nachfolge in den Tod und 



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106 ni. Die Passion. § 55—90. 

der vollkommenen Absage an die Welt im Hinblick auf das nahe 
Reich Gottes, hören wir kein Wort; die äußerlich ähnlichen Stücke 
§ 63 und § 51 sind innerlich ganz unähnlich. Diese tiefgreifenden 
Unterschiede erklären sich schwerlich daraus, daß Jesus im 
Kap. 11. 12 nicht mehr wie in 8, 27—10, 45 geheimnisvoll zu seinen 
Jüngern redet, sondern offen vor allem Volk. Und warum redet 
er in Jerusalem nicht mehr zu seinen Jüngern, außer in der sicher 
nicht von ihm herrührenden Apokalypse Kap. 13 und am letzten 
Tage? Er hätte doch am Abend und des Nachts in Bethania 
Gelegenheit genug gehabt, mit ihnen über sich selbst, über die 
Bedeutung seines Leidens und Sterbens zu sprechen — es wird 
aber nichts darüber berichtet. 

§ 67. Mc. 13, 1. 2 (Mt.24, 1. 2. Lc. 21, 5. 6). 

Und als er weg ging aus dem Tempel, sagte einer seiner 
Jünger zu ihm: Meister, sieh, was für Steine und was für 
Bauten! 'Und Jesus sagte: seht ihr diese gewaltigen Bauten? 
es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht 
abgebrochen werde. 
Endlich geht der dritte Tag zu Ende, in dem fast alles unter- 
gebracht und verkettet ist, was überhaupt von Jesu öffentlichem 
Auftreten in Jerusalem berichtet wird. Bei der Heimkehr nach 
Bethania läßt er sich zu seinen Jüngern aus über das Geschick, 
das Jerusalem droht — nicht über das imminente, das ihm selber 
droht. Er muß in scharfer Form insbesondere die Zerstörung des 
Tempels geweissagt und damit gefährlichen Anstoß erregt haben. 
Den richtigen Juden galt eine solche Weissagung noch immer als 
Blasphemie, wie zur Zeit Michas und Jeremias. Denn noch immer 
bedeutete der Tempel die Gegenwart der Gottheit. Bevor die 
Römer ihn zerstören konnten, war das Numen ausgewandert mit 
dem Ruf: heben wir uns von dannen — wie Josephus erzählt, frei 
nach Ezechiel. Noch in Apoc. 11, 2 gilt der eigentliche Tempel 
selbst als unantastbar und nur der äußere Vorhof wird den Heiden 
preisgegeben. Aber Jesus hat mit seiner Weissagung Recht be- 
halten. 



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§ 68 Einleitung. Mc. 13, 3. 4. 107 

§ 68 Einleitung. Mc. 13, 3. 4 (Mt. 24, 3. Lc. 21, 7). 

Und da er auf dem Ölberg saß, gegenüber dem Tempel, 
fragten ihn Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas be- 
sonders: *sag uns, wann wird das geschehen? und was ist das 
Zeichen (der Zeit), wann das alles zu Ende kommen soll? 
§ 67 steht für sich; § 68 ist erst später hinzugefügt und wider- 
spricht in Wahrheit dem Inhalt von § 67 : denn der Tempel wird 
hier nicht zerstört. Wenn § 67 unzweifelhaft authentisch ist, so 
ist § 68 nicht authentisch; die einzige richtig eschatologische Rede 
im Mc ist nicht aus Jesu Munde hervorgegangen. Sie ist auch 
nichts weniger als originell, wie man längst erkannt hat, sondern 
enthält das wesentlich auf Daniel aufgebaute Schema der jüdischen 
Eschatologie. Von dem jüdischen Schema, das man noch ziemlich 
sicher ausscheiden kann, heben sich die späteren christlichen Zu- 
taten ab. Nicht jüdisch ist aber auch die Anrede mit Ihr, wodurch 
die Schau in einfache Lehre verwandelt und aller apokalyptische 
Firlefanz abgestreift wird. Denn zur Form der richtigen jüdischen 
Apokalypsen gehört es, daß der Seher selbst, der die Offenbarung 
empfängt, angeredet wird, sei es von Gott, sei es von einem Engel 
Gottes, oder daß er im Ich erzählt, was er hat schauen und hören 
dürfen. 

13, 3. Auch die Situation ändert sich hier gegen 13, 1 und nur 
die Intimen dürfen zuhören. Zu ihnen gehört hier wiederum auch 
Andreas, der jedoch nicht neben Petrus, sondern am Ende der Reihe 
genannt wird. Bei Lc findet sich der Einschnitt nicht, er hat die 
Drohung auf dem Ölberge an einer früheren und eigentlich passen- 
deren Stelle gegeben, wo Jesus zum erstenmal von da auf Jerusalem 
herabsieht. 

13,4. Das Thema wird angegeben durch die Frage nach dem 
Zeichen der Endzeit (13,29.30); von der Parusie Jesu redet Mc hier 
nicht. Dieselbe wird beantwortet in drei Stufen: 1. die apyri toStvoDv ist 
noch nicht das Zeichen der Endzeit, 2. das Zeichen des Anfangs 
der Endzeit ist die Erscheinung des entsetzenden Greuels, 3. das 
Zeichen des Endes der Endzeit, des Eintretens der glücklichen 
Krisis, ist die Erscheinung des Menschensohnes. Zuletzt kommt 
noch ein Anhang, der außerhalb des Schemas liegt. 



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108 HI. Die Passion. § 55—90. 

§ 68 I. Mc. 13, 5-13 (Mt. 24, 4-14. Lc. 21, 8-16). 

Da begann Jesus ihnen zu sagen: Habt acht, daß euch 
niemand irre führe. ® Viele werden kommen in meinem Namen 
und sagen, ich sei es und werden viele verführen. ^Hört ihr 
nun von Kriegen und Kriegsgerüchten, so laßt euch 
nicht aufregen; es muß so kommen, aber es ist noch 
nicht das Ende. ^Denn ein Volk wird sich erheben 
wider das andere und ein Reich wider das andere, 
Erdbeben werden hie und da sein, Hungersnöte werden 
sein: das ist nur der Anfang, die Wehen. ^Ihr aber, 
seht euch selber vor! Ihr werdet den Gerichten übergeben 
und in den Versammlungen gegeißelt und vor Statthalter und 
Könige gestellt werden, um ihnen Zeugnis abzulegen — ^^es 
muß nämlich zuvor bei allen Völkern das Evangelium ver- 
kündet werden. ** Wenn ihr nun abgeführt und überantwortet 
werdet, so sorget nicht voraus, was ihr reden sollt; sondern 
was euch im Augenblick eingegeben wird, das redet. Denn 
nicht ihr seid es, die da reden, sondern der heilige Geist. 
*'ünd ein Bruder wird den anderen überliefern zum 
Tode und ein Vater den Sohn, und Kinder erheben sich 
gegen ihre Eltern und töten sie. *'Und ihr werdet von 
allen gehaßt sein, um meines Namens willen. Wer aber stand 
hält bis ans Ende, der wird gerettet werden. 

13,6 greift dem Vers 13,21 vor und antwortet nicht auf die 
Frage 13,4; denn diese lautet bei Mc nicht: wann wirst du er- 
scheinen? Christliche Pseudopropheten hat es gegeben, christliche 
Pseudochristi aber schwerlich. „Sie kommen in meinem Namen" 
(d. h. sie sind Christen) widerspricht dem, daß sie sagen, sie seien 
selber der Messias. Kann man aber Xe^ovie; oxt i^d) efjxi anders 
verstehn als: sie geben sich für mich aus? 

13, 7. 8. "Oxav schlägt zurück auf das oxav 13, 4. Ebenso 13, 14, 
wo aber nicht dxoüdr^xe, sondern ioyjxs folgt. Die nächste Antwort 
auf die Frage Wann ist: noch nicht. Der Genitiv (oöivcdv ist 
epexegetisch: dies ist nur die Einleitung der Endzeit, nämlich die 
Wehen des Messias. Vermutlich haben die hier beschriebenen 
Wehen des Messias schon angefangen; der apokalyptische Schrift- 
steller pflegt von der Gegenwart auszugehn und von dem Stand- 
punkt der Gegenwart weiter zu schauen in die Zukunft. Mit den 



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§6811. Mc. 13, 14-23. 109 

beiden Versen 13, 7. 8 beginnt das jüdische Schema; was dazu ge- 
hört, ist in diesem Absatz meiner Übersetzung durch Sperrdruck 
hervorgehoben. 

13, 9. 10. BXsirsTs wird bei Mt. 10, 17 erklärt: hütet euch vor 
den Menschen. In Hinblick auf 13, 5. 23. 33 kann man zweifeln, 
ob diese Erklärung richtig ist. Die aüvotyco^i^ ist hier eine Gerichts- 
versammlung, das, was im Alten Testament Qahal heißt. Auf 
die jüdische Obrigkeit folgt die heidnische, und um begreiflich zu 
machen, daß die Apostel auch vor diese geführt werHen, wird 13, 10 
hinzugefügt: das Evangelium wird, vor der Parusie, bei (&U = sv) 
allen Heiden verkündet werden. Ek [lotpioptov aoioT? kommt in 
verschiedenem Sinne vor, die Auffassung muß sich nach dem je- 
weiligen Zusammenhange richten. Hier heißt es offenbar: als 
Märtyrer, als Zeugen des Evangeliums vor ihnen. 

13. 12. Dieser Zug ist seit Micha 7 ein Gemeinplatz der jüdischen 
Apokalyptik in der Beschreibung der Wehen des Messias. Hier 
scheint er nach 13,13 so verstanden werden zu sollen, daß die 
Christen von ihren eigenen Angehörigen gehaßt und verstoßen 
werden. Das ist aber nicht ursprünglich mit der allgemeinen 
Auflösung der Familienbande gemeint. 

13. 13. Für awOr/ösiat heißt es in dem parallelen Spruch der 
Apokalypse Johannis: er wird das Leben empfangen. 



§ 68II. Mc. 13, 14-23 (Mt. 24, 15-28. Lc. 21, 20-24). 

Wenn ihr aber den Greuel des Entsetzens seht, an einer 
Stelle, wo er nicht stehn darf [der Leser merke darauf], dann 
mögen die Leute in Judäa in die Berge fliehen, ^^und wer 
auf dem Dache ist, der steige nicht hinab und gehe ins Haus, 
um etwas daraus zu holen, ^^und wer auf dem Felde ist, kehre 
nicht zurück, um seinen Mantel zu holen. ^^ Wehe aber den 
Schwangeren und den säugenden Müttern in jenen Tagen! 
'^ünd bittet, daß es nicht im Winter geschehe. '^Denn es 
werden jene Tage eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht 
gewesen ist von Anfang der Schöpfung an bis jetzt und auch 
nicht sein wird. '°Und wenn der Herr die Tage nicht ver- 
kürzte, so bliebe kein Fleisch am Leben — doch wegen der 
Erwählten, die er erwählt hat, verkürzt er die Tage. '*Und 



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110 IIL Die Pasöion. §55—90. 

wenn euch dann Jemand sagt: hier ist der Christus, dort ist ert 
so glaubt es nicht, " denn es werden falsche Christi und falsche 
Propheten auftreten und Zeichen und Wunder tun, so daß sie 
wo möglich auch die Auserwählten verführen. ^' Ihr aber habt 
acht, ich habe euch alles vorausgesagt. 
Jetzt tritt das erste danielische Zeichen des Endes ein. Das 
Ende ist kein Moment, sondern eine Periode (13, 20)j am Anfang 
und am Schluß der letzten betrübten Zeit steht je ein Zeichen. 
Das Anfangszeichen ist der Greuel des Entsetzens, die griechische 
Übersetzung IpYifjLwaetoc führt völlig irre und trifft weder den Sinn 
des Daniel, noch den des Evangeliums. Dieser Greuel ist nichts 
Bestimmtes, Historisches, sondern etwas Mysteriöses und Zu- 
künftiges — denn mit 13, 14ss. tritt die richtige Weissagung ein, 
während vorher von schon Gegenwärtigem (Christenverfolgungen) 
die Rede ist. Der Autor denkt an eine Profanation des Tempels, 
ohne sich deren Art und Weise näher vorzustellen. Er hat überall 
Jerusalem als Szene der letzten Katastrophe vor Augen. Dieselbe 
endet bei ihm trotz allem nicht mit der Vernichtung. Nach der 
schwersten Drangsal und Entweihung wird Jerusalem und der 
Tempel schließlich gerettet und die Diaspora dorthin übergeführt, 
in das Reich des Messias. Alles ist rein jüdisch, mit Ausnahme 
von 13,23. 

13.14. Der Leser achte darauf paßt nur in Mt, wo der 
Greuel des Entsetzens an heiliger Stätte ausdrücklich als Danielzitat 
bezeichnet wird, auf das man beim Lesen des Daniel achten soll, 
ist also in Mc aus Mt eingetragen. Die Aufforderung zur Flucht 
richtet sich nicht an die Jerusalemer — was man meist übersieht — , 
sondern an die Bewohner der jüdischen Landschaft; sie sollen 
aber vor den Feinden nicht in die feste Hauptstadt fliehen, wo sie 
vom Regen in die Traufe kämen, sondern sich in den Bergen ver- 
stecken. Judäa umfaßt hier weder Jerusalem mit, noch auch (wie 
öfters in Lc) Galiläa. Das ist bemerkenswert, ein Galiläer würde 
auch an sein Heimatland gedacht haben. 

13. 15. 16. Weil die Flucht solche Eile hat, soll man vom 
Dach nicht erst noch zurückgehn in das Haus. Die Stiege war, 
wenigstens in den Dörfern, außen angebracht und führte auf die 
Straße. Auf dem Felde arbeitet man im Rock und läßt den Mantel 
daheim. Klar ist, daß hier nicht von den paar Christen die Rede 
ist, sondern von einem ganzen Volke, von den Juden auf dem Lande. 



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§6811. Mc. 13,14—23. 111 

13, 17 gilt nicht mehr bloß vom Lande, sondern auch und vor- 
nehmlich von Jerusalem, zu dem hier der Übergang stillschweigend 
erfolgt, weil die Hauptstadt selbstverständlich im Mittelpunkt der 
Gedanken steht. 

13, 18. Als Subjekt zu YsvYjTott kann natürlich nicht die Flucht 
ergänzt werden; wenn das Subjekt nicht genannt wird, so kann es 
nur das Ganze sein, wovon hier die Rede ist, nämlich die Kriegs- 
not. Daß diese sich über mehrere Jahre erstreckt, wird nicht vor- 
ausgesehen; ein vaticinium ex eventu liegt also nicht vor. 

13, 19. Der Relativsatz r^v Ixitaev soll vielleicht deutlich 
machen, daß dir dpyrfi xitöscoc hier nicht so wie in 10, 6 ge- 
meint sei. 

13,20. Wie aus Daniel bekannt, sind für alles bestimmte 
Fristen von Gott vorgesehen; so auch für die Dauer der letzten 
betrübten Zeit. Bei Daniel ist sie auf viertehalb Jahr angegeben. 
Gott kann aber die Frist verkürzen, und er tut es in Rücksicht auf 
die unschuldig Mitleidenden, die doch gerettet werden sollen. Die 
Auserwählten sind identisch mit dem prophetischen Rest und 
öwCecjftat hat den Nebenbegriff des Entrinnens. Kein Fleisch be- 
deutet niemand und wird durch den Zusammenhang beschränkt 
auf die Juden oder die Jerusälemer. Das Präteritum ixoXoßoxjsv 
statt des Futurums erklärt sich daraus, daß Gott den Beschluß 
schon gefaßt hat — die Juden pflegen so zu denken und sich aus- 
zudrücken. 

13, 21. 21. Die Drangsal dauert ihre Zeit, ihre Beendigung 
durch den Messias tritt nicht so bald ein, wie man wünscht. Man 
muß auf seine Offenbarung vom Himmel warten und sich durch 
die irdischen Christi und ihre Propheten nicht täuschen lassen, die 
der dringenden Nachfrage entsprechend sich anbieten. Das Auf- 
treten solcher Leute unter den Juden ist bezeichnend für die Zeit 
der Empörung gegen die römische Herrschaft. In D 13, 22 fehlt 
<j/£ü86)^pt!jToi xai. 

13, 23. Dieser Schluß ist christlich, a,lles übrige aber jüdisch — 
man hat kaum Grund, 13,21.22 auszunehmen. Wir haben wirk- 
liche Weissagung vor uns, die Zeit der Abfas^ng liegt deutlich 
vor der Zerstörung Jerusalems. 



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112 III. Die Passion. § 55—90. 

§ 68 III. Mc. 13, 24-27 (Mt. 24, 29-31. Lc. 21, 25-28). 

Aber in jenen Tagen, nach der Drangsal, wird die Sonne 
sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben. 
"Und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Himmels- 
mächte in Schwanken geraten. **Und dann sieht man den 
Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Macht und 
Herrlichkeit. '^ Und dann sendet er die Engel aus und sammelt 
die Auserwählten aus den vier Winden vom Ende des Landes 
an bis zu dem Ende des Himmels. 

13, 24. 25. 'AUa betont den Umschlag, die Wendung. Sie 
gehört noch zu „jenen Tagen", bezeichnet aber das Ende der 
Drangsal. Der Himmel greift ein in den irdischen Jammer, 
himmlische Zeichen künden die Krisis an, zuletzt der Menschen- 
sohn in den Wolken. 

13, 26. Die Erscheinung des Menschensohns entspricht als 
himmlisches Schlußzeichen der letzten betrübten Zeit dem irdischen 
Anfangszeichen, dem Greuel des Entsetzens, genau so wie bei Daniel. 
Beides zusammen, jedes an seinem Teile, gibt Antwort auf die Frage 
13,4 nach dem a'q{x&iov. Dem Sinne nach durchaus richtig sagt 
Mt. 24, 30: xal loie cpav^GPeiai xo (jyjixeiov tou i)?oü t. a. Ursprüng- 
lich ist mit dem Menschensohn hier so wenig wie bei Daniel Jesus 
Christus gemeint. Aber der Überarbeiter hat ihn gewiß darunter 
verstanden; man steht hier auf dem Übergang zur Christianisirung 
des danielischen Namens und seiner Umstemplung zu einer Art 
Eigennamen für Jesus, zunächst für den Jesus der Parusie. — Das 
o'}^ovxat wird von Mt mit Recht pro passive genommen und mit 
(pavTQdsTGtt wiedergegeben. Nach 13,7.14.21 befremdet freilich die 
dritte Person PI; die zweite fällt aber in dem ganzen Abschnitt 
13,24-27 weg. 

13, 27. Die Diaspora kommt zu dem geretteten Reste in Sion 
hinzu, wie schon bei den nachexilischen Propheten; nur daß sie 
dort nicht von den Engeln zusammengebracht wird. Unter 7^ läßt 
sich nur das heilige Land, nicht die Erde verstehn ; das eine axpov 
ist das Zentrum (Palästina), das andere die Peripherie (der himm- 
lische Horizont ringsum). — Dieser ganze Absatz (13, 24 — 27) ist 
jüdisch. 



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§ 68 Anhang. Mc. 13, 28—37. 113 

§ 68 Anhang. Mc. 13, 28-37 (Mt. 24, 32-36. Lc. 21, 29-36). 

Vom Feigenbaum lernt das Gleichnis. Wenn sein Zweig 
saftig wird und die Blätter herauskommen, so erkennt man, 
daß der Sommer naht — "so auch ihr, wenn ihr dies ge- 
schehen seht, so merkt, daß Er nahe vor der Tür ist. 
'®Amen, ich sage euch, dies Geschlecht wird nicht vergehn, 
bis dies alles geschieht. '* Himmel und Erde werden vergehn, 
aber meine Worte werden nicht vergehn. " Über den Tag und 
die Stunde jedoch weiß niemand Bescheid, auch die Engel im 
Himmel nicht und der Sohn, sondern nur der Vater. "Habt 
acht, bleibt wach; denn ihr wißt nicht, wann die Zeit ist. 
'* Es ist wie wenn ein Mensch, der auf Reisen geht, sein Haus 
abgibt und seine Knechte walten läßt, jedem sein Geschäft 
übertragend, und dem Türhüter aufträgt zu wachen. "Also 
wacht, denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, 
ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei 
oder um Tagesanbruch — "damit er nicht plötzlich komme 
und euch schlafend finde. " Was ich aber euch sage, das sage 
ich allen: wacht! 

13, 28. Warum nicht „von den Bäumen" überhaupt? Der 
Feigenbaum von 11,13 scheint noch nachzuwirken, rivc&axets ist 
^ivcoöxexat, wegen xal 6fietc 13, 29. 

13,29. TaSia (TcavTa) kann sich nur auf das Vorhergehende 
beziehen. Was in 13, 14—27 steht, soll freilich das Ende selbst 
sein. Aber die Erfahrung hatte inzwischen gelehrt, daß die Zer- 
störung Jerusalems, welche dort gemeint ist, in Wirklichkeit doch 
noch nicht das Ende war. Also wurde sie, auf vorgerückterem Stand- 
punkte, zu einem bloßen Vorzeichen des Endes gemacht (wie bei 
Lc überhaupt). Dergleichen Prolongationen des Wechsels sind 
charakteristisch für die Apokalyptik. 

13, 30. 31. Daß bei der Zerstörung Jei^usalems die Parusie nicht 
eintrat, war eine Enttäuschung. Der Trost lautet 13, 30: sie wird 
aber gewiß eintreten, noch ehe die Jesu gleichzeitige Generation 
ausgestorben ist. Anders dagegen lautet er 13,31: entbehrt man 
gleich die Person Jesu, so hat man doch seine Worte, die in Ewig- 
keit nicht schwinden werden. Auf seinen Worten und nicht auf 
seinen Taten beruht seine unvergängliche Wirkung. Sonst (aber 
nicht bei Mc) läßt er seinen Geist zurück. 

We 11h a u s e n , E vang. Marci 8 

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^14 "ni. Die Passion. §55—90. 

13j 32. Dieser Grundsatz macht streng genommen alle escha- 
toiogische Weissagung überflüssig. Der Sohn und der Vater 
findet sich bei Mc nur an dieser Stelle. 

13,34. Häufig vertritt <S)C im Semitischen den Hauptsatz und 
bedeutet: es ist wiö wenn. 

13, 35. Merkwürdig, daß alle vier Stunden der Nacht hier auf- 
gezählt werden, mit ihren volkstümlichen Namen, nicht mit Zahlen. 

13 j 37. Die Rede richtet sich nach 13, 3 eigentlich nur an die 
vier Intimen, soll aber nicht allein für sie bestimmt sein, sondern 
für alle Christen, auch die der späteren Generation, für welche der 
Verifasser in Wahrheit schreibt. 

Der Anhang 13, 28 — 37 ist rein christlich und wie es scheint 
später als die Überarbeitung von 13, 5 — 27; er stammt aus der 
Zeit nach der Zerstörung Jerusalems. Die bestimmte und 
dringende Erwartung der Parusie wird abgewiegelt, nachdem ihre 
Koinzidenz mit der Zerstörung Jerusalems hinfällig geworden war. 
Die Erwartung selber aber wird festgehalten und gleichsam morali- 
sirt, indem sie benutzt wird als Motiv unentwegt und gleichmäßig 
ausharrender Treue im Dienst, in der Erfüllung der verschiedenen 
Pflichten, die einem jeden auferlegt sind. Die Moral des Ganzen 
ist: wartet nicht ungeduldig, aber wachet und seid jeden Augen- 
blick bereit, eben deshalb, weil ihr die Zeit nicht wißt und weil 
sie auch Jesus selber nicht gewußt hat. 

§ 69. Mc. 14, 1. 2 (Mt.26, 1-5. Lc.22, 1. 2). 

Es war aber das Fest des Pascha und des ungesäuerten 
Brotes über zwei Tage. Und die Hohenpriester und Schrift- 
gelehrten sannen, wie sie ihn mit List fassen könnten und 
töten, 'denn sie sagten: nicht am Feste, daß kein Auflauf 
des Volkes entstehe. 
Man hat richtig erkannt, daß die hier vorliegende Zeit- 
rechnung der gewöhnlichen synoptischen widerspreche, und richtig 
geurteilt, daß sie die alte sei und noch im vierten Evangelium 
befolgt werde. Der Beschluß des Synedriums, Jesum jedenfalls 
vor^dem Feste aus der Welt zu schaffen, ehe die Menge der Pilger 
zusammengeströmt sei, wird nicht bloß gefaßt, sondern auch aus- 
geführt sein, da das Gegenteil nicht berichtet wird; wahrschein- 
lich ist sogar der Beschluß erst aus der Ausführung gefolgert. 



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§69. Mc.14,1.2. 115 

Also ist Jesus vor dem Pascha gekreuzigt, und da dies am nächsten 
Tage, am Freitag, geschieht, das Pascha aber über zwei Tage ein- 
treten soll, so fällt dasselbe auf den Sonnabend. Sachliche Gründe 
sprechen das letzte Wort; sie schließen es völlig aus, daß die 
Sitzung des Synedriums und die Verurteilung in der Paschanacht 
stattfand und die Hinrichtung am ersten Festtage erfolgte. Bis 
nahe zum Osterfest aber warteten die Hohenpriester zweckmäßig, 
um das Urteil sofort durch Pilatus vollstrecken lassen zu können. 
— Pascha und Mazzoth werden bei Mc korrekt zusammengestellt, 
Pascha ist der Anfang des Mazzothfestes. Gegen den ganz ge- 
schmacklosen und unsinnigen Namen Passah hat Lagarde leider 
ohne Erfolg protestirt. Lc verändert den Text von Mc. 14, 1. 2 aus 
durchsichtigen Gründen, ebenso D den Text von Mc. 14, 2. 



§ 70. Mc. 14, 3-9 (Mt. 26, 6-13). 

Und da er in Bethania war, im Hause Simons des Aus- 
sätzigen, und zu Tisch saß, kam ein Weib mit einem Glas 
kostbaren Balsams; und sie zerbrach das Glas und goß es über 
sein Haupt. * Etliche aber äußerten untereinander ihren Un- 
willen darüber: wozu diese Vergeudung des Balsams! 'dieser 
Balsam hätte für mehr als dreihundert Silberlingef verkauft 
und (der Erlös) den Armen gegeben werden können! Und sie 
fuhren sie an. ^ Jesus aber sprach: Laßt sie, was verstört ihr 
sie! sie hat ein gutes Werk an mir getan. ^Denn allzeit habt 
ihr die Armen bei euch, und wann ihr wollt, könnt ihr ihnen 
woltun, mich aber habt ihr nicht allzeit. ^ Was in ihrem Ver- 
mögen war, hat sie getan, sie hat zum voraus meinen Leib 
balsamirt zum Begräbnis. ®Amen ich sage euch: überall wo 
das Evangelium verkündet wird in der ganzen Welt, wird auch 
was sie getan hat gesagt werden zu ihrem Gedächtnis. 

14, 3. Jesus hält sich nicht mehr tags über in Jerusalem auf, 
sondern bleibt am Ölberge, in Bethania. Simon der Aussätzige 
wird uns so wenig vorgestellt, wie Joseph von Arimathia. Mit der 
Zeit kommen noch mehr Bekannte in Bethania zum Vorschein, 
namentlich im vierten Evangelium. 

14, 4. Das Subjekt sind in ü die Jünger, dem Sinne nach 
jedenfalls (wegen 14, 7) richtig und vielleicht nicht bloß dem Sinne 



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116 m. Die Passion. § 55-90. 

nach, da auch sonst der Wortlaut des Verses bei D den Eindruck 
größeren Alters macht. 

14,8. ''Eö^ev trägt den Sinn von eschk'chat und klingt 
lautlich daran an; TrposXotßsv {iupiaai sieht vollends nach einem 
Aramaismus aus. Maria Magdalena wird hier bei Mc nicht genannt; 
in 16, 1 vollzieht sie vielmehr die wirkliche Einbalsamirung an dem 
Toten. 

14, 9. Das Evangelium ist hier wie immer (außer 1, 14) die 
Verkündigung der Apostel über Jesus, besonders über sein Leiden, 
Sterben und Auferstehn; es wird verkündigt werden, aber mündlich 
(Xak-rfi-qae-zai), nicht schriftlich. Unsere Geschichte ist wahrlich wert, 
im Evangelium zu stehn. Aber die Jesus selber in den Mund ge- 
legte, höchst feierliche Versicherung, daß auch sie dazu gehöre, er- 
weckt doch den Argwohn, daß das nicht immer der Fall gewesen 
ist — zum Gedächtnis der Frau hätte doch vor allem ihr Name- 
gehört, der verschwiegen wird. Auf späteres Alter der Perikope 
weist auch der Umstand hin, daß Jesus hier nicht etwa seinen Tod 
ankündet, sondern sein Begräbnis voraussetzt und daß niemand sich 
darüber verwundert. Also ist § 70 eine Einlage. Man bemerke, 
daß Bethania auch 11, 11 in einem sekundären Stück erscheint, 
während in der Parallele 11, 19 der Ort außerhalb Jerusalems nicht 
genannt wird, wo Jesus sein Nachtquartier hatte. 

§ 71. Mc. 14, 10-11 (Mt. 26, 14-16. Lo. 22, 3-6). 

Und Judas Ischarioth, einer von den Zwölfen, begab sich 
zu den Hohepriestern, um ihn an sie verraten. ^\Sie aber 
freuten sich und versprachen ihm Geld zu geben. Und er 
suchte eine Gelegenheit, wie er ihn verraten könnte. 
Daß § 71 sachlich an § 69 anschließt, ist klar. Über das 
Motiv des Verräters erfahren wir nicht das Geringste. Das ist 
bezeichneqd für die evangelische Erzählung; man sieht, wie wenig 
man daraus einen historischen Zusammenhang herstellen kann, wenn 
man nicht dichten will. Nach Joa. 18, 2 verriet Judas den Ort, wo 
der Meister nachts sich aufhielt: der müßte also gewechselt haben, 
da er sonst kaum unbekannt bleiben konnte. Unter dem Volke 
in Jerusalem wagten die Hohenpriester ihn doch nicht zu verhaften 
(14, 48. 49), obwol sie es inzwischen bearbeiteten. 



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§72. Mc. 14, 12— 16. 117 

§ 72. Mc. 14, 12-16 (Mt. 16, 17-19. Lc. 22, 7-13). 

Und am ersten der Tage des ungesäuerten Brotes, wo 
man das Pascha zu schlachten pflegte, sagten ihm seine Jünger: 
wo sollen wir hingehn und das Paschamahl anrichten? ^'Und 
er sandte zwei seiner Jünger und sagte ihnen: Geht in die 
Stadt, und es wird euch ein Mann begegnen, der einen Krug 
trägt, dem folgt, **und wo er eintritt, da sprecht zu dem 
Hauswirt: der Meister läßt dir sagen: wo ist die Unterkunft 
für mich, da ach das Pascha esse mit meinen Jüngern? **Und 
er wird euch ein großes Oberzimmer weisen, mit Teppichen 
belegt, das bereit steht; da richtet uns das Mahl an. ^*Und 
die Jünger gingen weg und kamen in die Stadt und fanden 
es so, wie er ihnen gesagt hatte, und richtete das Pascha zu. 
In 14, 1 standen wir noch zwei Tage vor Ostern und in 14, 12 
stehn wir schon am ersten Ostertag. Die Pause von zwei Tagen 
fügt sich zwar in die sechs Tage der Passion: drei Tage (Sonntag 
bis Dienstag) kommen auf Kap. 11 — 13, zwei (Mittwoch und 
Donnerstag) auf 14, 1 — 11, und nun ist es 14, 12 der sechste Tag, 
der Freitag, dessen Beginn hier schon auf Donnerstag Abend gesetzt 
wird. Daß jedoch die alte Überlieferung hier einen leeren Raum 
sollte eingeschoben haben, um ein Wochenschema herauszubringen, 
läßt sich nicht annehmen. Denn die zwei Tage wären wirklich 
ganz unausgefüUt; Jesus selber tut gar nichts in 14, 1 — 11, wenn 
man von § 80 absieht, mit dem es, wie wir gesehen haben, eine 
besondere Bewandtnis hat. In Wahrheit ist kein Zeitunterschied 
zwischen § 69 und dem Reste des Kapitels; schon dort ist der 
vorletzte Tag angegangen, der Donnerstag vor der Kreuzigung. 
Aber dieser Donnerstag ist nicht der Vorabend des Pascha, Pascha 
ist erst übeimorgen. Die Angabe 14,12 widerspricht der älteren 
in 14,2. Und nicht allein die Zeitangabe in § 72 ist unhistorisch, 
sondern auch der Inhalt des ganzen Stücks. Der Saal wird hier 
genau in der selben Weise beschafft, wie der Esel für Palmarum. 
Jesus schickt zwei seiner Jünger ab und sagt, die Bahn sei ihnen 
geebnet. Er hat auch hier nicht alles heimlich bestellt und ver- 
abredet, sondern er weiß voraus, was sich ereignen und wie die 
Menschen sich benehmen werden, weil es von Gott für die wichtige 
Feier so geordnet ist. Der Wasserträger steht nicht auf Posten 
und sieht nach der Uhr, sondern er geht ahnungslos seines Weges 



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118 III. Die Passion. § 55—90. 

und bemerkt die Boten kaum, welche seinen Spuren folgen. Also 
ist die ganze Erzählung ein Wunder. 

14, 14 liest D dva^aiov oTxov, die Semiten (und auch Homer) 
brauchen das gleiche Wort für Haus und Zimmer. 

§ 73. Mc. 14, 17-21 tMt. 26, 20-25. Lc. 22, 21, 22). 

und am Abend kam er mit den Zwölfen. ^*ünd da sie 
zu Tisch saßen und aßen, sagte Jesus: Amen ich sage euch, 
einer von euch wird mich verraten, der mit mir ißt. ^'Sie 
wurden betrübt und sagten einer nach dem andern: doch nicht 
ich? '° Er sprach: Einer der Zwölf, der mit mir in die Schüssel 
taucht. '^Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm 
geschrieben steht; doch wehe dem Manne, durch welchen der 
Menschensohn verraten wird! es wäre jenem Manne besser, 
wenn er nicht geboren wäre. 

14, 17. Während Jesus sonst den Tag über in Jerusalem ist, 
kommt er diesmal erst am Abend hin. Auffalligerweise ist aber hier 
eh *Iepoö6Xü[ia weggelassen, im Unterschiede von 11,11.15.27. 
Ob in der ältesten Tradition der Ort des Abendmahls Jerusalem 
gewesen ist, läßt sich bezweifeln; nur für das Pascha war es, not- 
wendig. 

14,20. Das Brot wird nicht etwa in den Wein getaucht, 
dessen Behälter ein Kelch ist, keine Schüssel; sondern in den Saft 
des Bratens. Also ist hier das Paschamahl vorausgesetzt. Schon 
dadurch entsteht Verdacht gegen das Stück. Das Paschamahl 
greift ferner dem folgenden Abendmahl vor, das dvaxsifisvcüv auiwv 
xai iö&tovTcüV 14, 18 drängt sich mit dem xal iöötovTcüV auxÄv 
14,22. Passender steht die Weissagung über den Verrat bei Lc 
erst hinter dem Abendmahl. Auch darin verdient Lc sachlich 
den Vorzug, daß Jesus bei ihm nur im allgemeinen von Verrat 
redet, den Verräter aber nicht bezeichnet, so daß die Szene schließt 
mit dem Gefrage der Zwölf untereinander, wer es wol sein 
möchte — worauf keine Antwort erfolgt. Bei Mc wird diese Frage 
an Jesus selber gerichtet, und die Worte „der mit mir in die 
Schüssel taucht" sollen eine Antwort darauf sein, obgleich der 
Verräter dadurch nicht von den andern unterschieden wird, da sie 
alle eintauchen. Matthäus tut den letzten Schritt, um eine regel- 
rechte und bestimmte Weissagung herauszubringen, indem er zum 



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§74. Mc. 14,22-25.. 1%^ 

Schluß hinzufügt: „da antwortete Jüdäs, der ihn .verriet, und sprach: 
bin ich es etwa, Rabbi? er sprach zu ihm: du sagst es." Die. 
Weissagung ist aber ganz wirkungslos. Wenn Jesus den Verräter 
gekannt und vor den übrigen Jüngern bezeichnet hätte,* so wäre es 
unbegreiflich, daß man ihn ruhig gewähren ließ, ihn nicht festnahm 
und ihm auch nicht aus dem Wege ging. Es hätte ihm auch, 
selber einen niederschmetternden Eindruck machen müssen, daß 
ihm sein abscheuliches Vorhaben auf den Kopf gesagt wurde; statt 
dessen entfernt er sich nicht einmal und trinkt 14, 23 ruhig mit 
aus dem Kelch, denn es heißt ausdrücklich: sie tranken alle daraus. 
Zu alle dem beweist auch noch der Ausdruck Menschensohn 
im Munde Jesu, der zweimal in einem Satze wiederholt wird, daß 
wir es mit einem Stücke jüngeren W^uchses zu tun haben. 

§74. Mc. 14, 22-25 (Mt. 26,26-29. Lc. 22, 14-20). 

Und da sie aßen, nahm er Brot, sprach den Segen und 
. brach es und gab es ihnen und sagte: nehmt, das ist mein 
Leib. " Und er nahm einen Kelch, sprach den Dank und 
. reichte ihn ihnen, und sie trankön alle daraus. ^*Und er 
sprach: Das ist mein Blut des Bundes, .das für viele vergossen 
wird. ^'^Amen ich sage euch, ich werde nicht mehr yon dem 
Gewächs des Weinstocks trinken, bis zu dem Tage, wo ich 
es neu trinke im Reiche Gottes. 

Mc. 14, 22 — 25. Kai iöOtovxcüv auxcüv Xotßwv apxov eüXo7Ti^(jct^ 
exXaösv xai sScDxev aöxot^ xat eTicev XdßeTS* toüto ioritv t6 <ja)fia 
[100. '^xal Xaßobv Ttoxr^ptov zoyapiarrictcK; sScdxsv aoiot?, xat emov ic 
aüioü Tzdvzzq, ^* xat elirsv aÖTOtc toüto Jaitv to atjjia fxou tr^^ 8ia- 

Or^XTJ<; TÖ 6X)(üVv6fi.£VOV ÖTcfep TToXXÄV. *^ djJLTjV Xe^O) OJltv Ott OÜXSXl 

oü fxT] TTio) ix TOü i'svT^ixaxoc XYjc dfXTTsXoü §0)? ZTfi *y)[xspa€ ixstv>](; 
Sxav aöx6 Ttivto xaiviv h t(i ßaaiXstq: toü dsoo. 

Mt. 26, 26 — 29. 'EaOiovxcov bk aüx&v Xaßwv 6 'Itjöoo» apxov xat 
söXo^T^aac exXaasv xat 8oüc xoi^ [ia&Tjxai^ eTttsv Xa'ßsxe cpd^'sxe' xoüxo 
iaxiv x6 au>(jid jioü. ^^ xal Xaßcbv iroxT^piov xat eo/apiöxT^aac IScdxsv 
aöxotc Xs^cüv TTtsxe c£ auxoo Trdvxe^* ^® xooxo ^a'p iöxiv xo atfxd [lOü. 
x^C SiaÖT^xT]«; xo Trept tcoXX&v ix;(üvvo[ievov sf^ a^peoftv djiapxiÄv. ^^ Xr/o) 
hk 6fitv, 00 jxYj TTio) dir' apxi Ix xouxoo xoü ^evi^fxaxoc xfjc dfj.TreXoü 
?<o; x^c *y)[Aspa; dxei'vY)«; oxav aöxo Titv«) [xsö' 6[ia>v xatvbv h xfj ßaaiXstof 
TOü iraxpoc [AOü. 



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120 HL Die Passion. § 55—90. 

Lc. 22, 14 — 20. Kai ote l^evexo ^ fipa, dveireöev, xal ol dicoaroXot 
öüv aÖTcp. **xal elirsv irpbc aÖTOü?* Iirtdupiia iiredupiT^aa toüto t6 
icdöx« <paYsTv jisö* ü[iäv icpb toü |ie itaOeiv ^^Xe^co ^Ap ojitv Stt oö 
[jii] (pd^ü) aöxi 2o)c 8toü itXrjpcoO'J 4v x^ ßaötXetqL toü ösoü. "xal 
Ssfdjxevoc itoTT^ptov 80}(apiariQaac slTtev Xrißete toüto xal Siafisptaare 
6?c laoTOü;* "Xe^cü -^äp ojiiv oö jiij irtco dito toü vüv dit& toü ifeviQ- 
jiaTO? T^^ dptireXoü 2o)C oü -J] ßoöiXeia toü Osoü IXöiq. 

^' Kai Xaßo)v dpTov eö^apiaTTjöa? exXaöev xal ISo>xev aoTotc Xe^cov 
TOÜTO iöTtv zh acofid jioü xh ÖTrep üjicüv StSofisvov toüto itoteiTS eU 
Ti]v Ijxijv dvdfjLVT^cJtv. ^° xal to icoTTQpiov oiaaüTcoc [ißTA To SeiTTV^aai, 
Xe^cDV TOÜTO xh itoTT^piov ^ xatvT] Siafti^xTj Iv t^ affiaTt [xoü, zh üirsp 
ü|icov dxxovvopLsvov. 

1. Korinth. 11, 23 — 25. 'EyA ifÄp itapeXaßov dirb toü xüptoü, 
8 xal irapeSwxa G^iTv, Sti 6 xüpio^ 'iT^aoü^ h t^ vüxtI iq TtapsSiSeTO 
IXaßev dpTov, '*xal eöjfaptariQaac exXaöev xal elirsv toüto [ioü laTlv 

TO acOflA Ti ÖtT^P ÖptCüV TOÜTO ICOtclTe e?C TY)V ifiTjV dvdfiVTJÖlV. '*o>öaü- 
TO)? xal Ti TtOTT^ptOV flSTa TO SeiTCVTjCJat, Xi^OJV* TOÜTO xh ItOTTQptOV 71 

xatvij Siadi^XT] ^ötIv Iv T(p dpwp affJtaTi- toüto itoieiTe oödxtc idv itt'vrjTe 
eh TY]v Ijiijv dvdfJLVTjcJiv. 

14, 22. Kai iöOtovTCDV aÖTwv bezeichnet den Anfang der Hand- 
lung und bedeutet nicht: als sie das Pascha gegessen hatten, und 
auch nicht: als sie noch beim Essen des Pascha waren. Paulus gibt 
die Nacht, in welcher derHerr verraten ward, als Datum an, 
nicht die Paschanacht — was doch am nächsten gelegen hätte, 
wenn es zutreffend gewesen wäre. Toüto zeigt auf das Brot; Jesus 
selber hat das vorhergehende Masculinum dpToc nicht gebraucht, 
sondern nur der Erzähler. Das Brechen des Brotes ist selbst- 
verständliche Vorbereitung zum Austeilen, nicht Symbol für die Zer- 
störung des Leibes; der Wein wird ja auch nicht verschüttet, um 
die Vergießung des Blutes zu symbolisiren. Paulus sagt l.Kor. 10, 17 : 
ein Brot, ein Leib sind wir alle, denn alle haben wir teil an dem 
einen und selbigen Brote. Diese antike und auch bei den Juden 
damals noch lebendige Idee der sakramentalen Vereinigung durch 
das Essen der selben Speise liegt zugrunde; der Leib der Teil- 
nehmer am gemeinsamen Mahl erneuert sich aus dem selben Quell 
und wird der selbe. Mit t6 ousp ojicov, welches anders zu verstehn 
als Lc (22, 19) Weizsäcker sich unnütz anstrengt, bringt Paulus 
etwas Fremdes in die Communio hinein. Die Aufforderung, zu 
essen und zu trinken, ersetzt er durch das ebenso gemeinte toüto 



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§74. Mc. 14, 22— 25. 121 

icoieiTs und fügt hinzu: d<: ty]v Ijjlyjv cJvajivTjaiv. Man lönüte denken, 
diese Worte seien echt, weil die Jünger nicht nötig hatten, das 
Andenken Jesu sozusagen künstlich festzuhalten; sein Geist lebte 
ja in ihnen fort und er war bei ihnen alle Tage. Indessen das 
wird ausgeschlossen durch den weiteren Zusatz beim Wein 
1. Kor. 11,25: oöotxt^ Jav mviqxe. Denn das setzt doch wol schon 
eine Gewohnheit der Abendmahlsfeier bei der Gemeinde voraus, das 
konnte Jesus nicht sagen und die Jünger nicht verstehn. Mc hat 
also den älteren Text; darin steht nicht, daß der Akt zur Wieder- 
holung bestimmt sei. 

14, 23. Zwischen eöXo^sTv und eü/aptorTsTv besteht kein Unter- 
schied, der Wechsel findet sich ebenso in Mc. 6, 41 und 8, 6; das 
gleiche aramäische Wort (barek) liegt zu Grunde. Das Segnen 
von Speise und Trank war nichts besonderes, sondern jüdische 
Sitte. 

14, 24. Das Weintrinken geschah zwar nicht bloß beim Feste, 
beim Pascha, doch auch nicht alle Tage. Es wird hier besonders 
hervorgehoben. Das Mahl (das Brot) genügt zur Vergemeinschaftung. 
Es ist aber nur ein Schatten der alten Verbrüderung durch das 
Opfer. Und diese geschah nicht bloß durch das Opfermahl, sondern 
feierlicher durch das Opferblut, das die Beteiligten sich in der 
selben Weise applicirten, wie der Gottheit (d. h. dem Idol oder dem 
Altar), durch Benetzen oder Bestreichen. Das war eine aus Imi- 
tation des Opferritus entstandene Milderung ursprünglichen Blut- 
trinkens, von dem (sogar vom Trinken des eigenen Blutes) sich 
noch Spuren finden. Eine andere Milderung ist es, daß an Stelle 
des Bluttrinkens das Trinken des (roten) Weines trat. Der Wein 
ist ein besserer Kitt als das Brot, er symbolisirt das Blut, welches 
mehr gilt als das Fleisch und dem Leben selbst, der eigentlichen 
Essenz des Heiligen und Göttlichen, gleichgesetzt wird. Darum 
faßt Jesus nicht Brot und Wein in eins zusammen, sondern hebt 
den Ton beim W^eine: das Opfer kommt zum Mahl hinzu. Der 
Genitiv trfi SiaOijxr^c (im Aramäischen wol nur Apposition) ist 
epexegetisch; das Blut ist der (bedeutet den) Bund. Paulus ver- 
steht richtig: f^ Staftr^xT] Jöxtv. Ob er freilich auch mit dem Attribut 
xatvT^ recht hat, läßt sich fragen. Das Paschablut hat Jesus nicht 
vorgeschwebt, es ist auch kein Bundesblut. Eher wäre es möglich, 
daß er an die Bundschließung Exod. 24 gedacht hat, die durch 
Blutsprengen geschieht. Indessen dieser .alte Bund wird mit Gott 



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122 III. .Die Passion. §55—90. 

geschlossen, nicht unter den Israeliten einander, und Jesus hat 
jedenfalls vorzugsweise die Verbrüderung der Tischgenossen unter 
sich im Auge. Er beabsichtigt also schwerlich, einen Band zu 
stiften, der dem alten von Moses vermittelten parallel und ent- 
gegengesetzt wäre. Der Wein als Opferblut steigert nur die Idee 
der Kommunion, die schon im Mahl, im Brot, liegt. Das Opfer 
an sich ist durchaus nicht Sühnopfer. Merkwürdig, daß hier Mc 
die Bandesidee verfärbt durch den Zusatz tö Ixxovvofxcvov uirsp 
iToUÄv. Bei Paulus fehlt er. Wenn man to uTrep ujiSv hinter zh 
oÄfxa jxoü bei Paulus verwirft, so muß man auch xi ixxuvvo^isvov 
üTC^p TToXXcov hinter xi aiixct jxou bei Mc verwerfen, denn dnhp iroXXcov 
liegt noch weiter ab als ÖTr^p 6|xa>v. Damit ist auch über den weiteren 
Zusatz tk acpeöiv ajiapxtcüv bei Mt das Urteil gesprochen. Trotzdem 
hat man jedenfalls in x6 aijia jioü, wenn nicht schon in xh acojid 
fioü, eine Bezugnahme auf den unmittelbar bevorstehenden Tod Jesu 
zu erblicken. Rätselhaft und dunkel bleiben die beiden kurz aus- 
gesprochenen Formeln immer. Mit einiger Sicherheit kann man 
nur den antiken, damals aber in einer Zeit allgemeiner religiöser 
Gärung an verschiedenen Stellen neu belebten Ideenkreis auf^ 
zeigen, aus welchem sie zu verstehn sind. 

14^ 25. Daß er zum letztenmal Brot gegessen hat, hebt Jesus 
nicht hervor, wol aber, daß er zum letztenmal Wein getrunken hat 
— das ist etwas .besonderes. Von seiner Parusie als Messias sagt 
er kein Wort. Er betrachtet sich nur als einen der Gäste an dem 
Tisch, an dem die Auserwählten sitzen werden, nachdem das 
Reich Gottes, ohne sein Zutun, gekommen ist; jeder andere 
hätte die Hoffnung, daß er einst teilnehmen werde an den Freuden 
des Reichs, mit den gleichen Worten ausdrücken können. Die- 
selben werden von den Juden immer als Tafelfreuden vorgestellt. 
Jesus folgt dem, obgleich er den Sadducäern gegenüber gesagt hat, 
daß die Menschen nach der Auferstehung sein werden wie die Engel 
Gottes. Man darf nicht annehmen, daß er hier das Reich Gottes 
vor die allgemeine Auferstehung setze. An seine singulare Auf- 
erstehung denkt er erst recht nicht (vgl. jxex' ö|ia)v bei Mt). Daß 
er aber auch seinen Tod hier nicht in Aussicht nehme, sondern 
im Gegenteil der siegesfrohen Hoffnung auf den demnächstigen Sieg 
seiner Sache in Jerusalem Ausdruck gebe, ist ein schlechter 
Spaß. Es ist unverkennbar, daß er sich in diesem Augenblicke 
gar nicht als Messias gibt^ weder als gegenwärtigen, noch als zu- 



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§74. Mc. 14,22-25. 123 

künftigen. — D hat statt o5 [l^ mm den semitischen Ausdruck o5 [xt] 

TTpOöÖ«) TTteiV. 

Lukas ist bisher nicht berücksichtigt worden. Er läßt, wie wir 
gesehen haben, die Weissagung des Verrats in § 73 aus und gibt 
3ie an späterer Stelle. Das Pascha in § 73 läßt er aber nicht aus, 
er betont es im Gegenteil und beseitigt dessen Kollision mit dem 
Abendmahl in § 74. Sein Bericht zerfällt in zwei getrennte Teile. 
Im ersten Teil (22, 14 — 18) vereinigt er das, was bei Mc in § 73 
und § 74 auseinander fällt. Das Pascha wird gegessen 22, 15 und 
daran ein Spruch geknüpft 22, 16, darauf sofort der Wein getrunken 
und daran ein völlig paralleler Spruch geknüpft 22, 18, womit der 
Schluß des Markusberichts (Mc 14,25) erreicht wird*). Dui'ch 
diese Verschmelzung des Paschas mit dem Abendmahl wird die 
Auslassung des Brotes bedingt, an Stelle desselben tritt eben das 
Pascha, was deshalb nicht so ganz willkürlich ist, weil in der 
biblischen Sprache Brot essen allgemein für Speisen (auch anderer 
Gerichte) gesagt wird. Der Akt im ersten Teil ist bei Lc rein 
historisch und nicht zur Wiederholung bestimmt: die Christen sollen 
doch das Pascha nicht mehr essen! Die Einsetzung der liturgischen 
Eucharistie wird davon völlig geschieden, sie wird im zweiten Teil 
(22, 19. 20) berichtet, und zwar mit den Worten des Paulus. 

In der Syra S. (und C.) sind die beiden Teile ineinander ge- 
arbeitet. „Und als die Stunde kam, setzten sie sich zu Tisch, er 
und seine Jünger mit ihm. *^Da sprach er zu ihnen: mich hat 
verlangt, das Pascha mit euch zu essen, bevor ich leide, ^^denn 
ich sage euch, ich werde es nicht mehr essen, bis das Reich Gottes 
sich erfüllt. *'Und er nahm das Brot und sprach den Segen dar- 
über und brach und gab es ihnen und sagte: dies ist mein Leib, 
den ich für euch hingebe, so sollt ihr tun zu meinem Gedächtnis. 
^^' *°Und nachdem sie das Mahl gehalten, nahm er den Kelch 
und sprach den Segen darüber und sagte: nehmt diesen, teilt ihn 
unter euch, dies ist mein Blut, das Neue Testament. ^^Denn 



') Daß Jesus nicht bloß sein Verlangen nach dem Pascha ausspricht, 
sondern es auch wirklich mit den Jüngern ißt, wird zu erzählen unterlassen, 
weil es sich von selbst versteht, aber in 22, 16 gerade so vorausgesetzt, wie in 
22,18 das Weintrinken. Aus 22,17 herauszulesen, daß er nicht selber mit- 
getrunken habe, ist eine unglaubliche Wortklauberei, die man ebensogut bei 
Mc (abgesehen von 14, 25) üben könnte. Dann fiele die ganze Communio 
dahin. 



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124 IIL Die Passion. §.55-90. 

ich sage euch: von nun an werde ich nicht mehr von dieser Frucht 
trinken, bis das Reich Gottes kommt." Also das Brot 22, 19 ist 
gleich hinter das Pascha gestellt und der Wein 22, 20 mit dem 
Wein 22, 17 verbunden, damit nicht zweimal hintereinander ge- 
gessen und getrunken werde. Das Motiv ist durchsichtig, ein Motiv 
dagegen, diesen Text in zwei Teile auseinander zu reißen, nicht 
abzusehen. Es wäre auch keinem gelungen, die Scheidung so 
durchzuführen, daß zuerst das Amalgam aus Mc, dann der Bericht 
des Paulus reinlich herauskäme, zuerst die Historie und dann die 
Liturgie. Indem nun aber in der Syra S. das Ganze liturgisch 
wird, entsteht die Frage, ob die Christen auch noch das jüdische 
Pascha halten sollten. 

Ganz anders liegt die Sache in D. Dort lautet der erste Teil 
wie in der Vulgata, der zweite aber fehlt, bis auf einen Rest von 
22, 19: xat Xotßwv opiov ei>)(apiazrfla^ IxXaasv xal eSwxsv aötoU Xs^cov 
TOüTo hxiv TÖ acüfi-Gc [xoü. Golohrto der verschiedensten theologischen 
Richtung acceptiren diesen Textbestand und streichen 22, 20. Aber 
22, 19 in der Form von D ist ein sehr unbefriedigender Schluß, 
eher ein lästiger Überhang. Es ist in Wahrheit nur der Anfang 
des zweiten Absatzes, der deshalb unentbehrlich schien, weil sonst 
das Brot ganz fehlen würde; denn in 22, 14 — 18 ist nicht davon 
die Rede. Der Anfang stammt nun gerade so gut aus 1. Kor. 11, 
wie die Fortsetzung. Will man also konsequent sein, so muß man 
den ganzen zweiten Absatz (22, 19. 20) als aus Paulus nachgetragen 
ansehen und bei Lc streichen. Dazu hat Blaß die Einsicht und den 
Mut gehabt. Und das ist in der Tat das Richtige. Das unverhundene 
Nebeneinander zweier doch ganz paralleler Stücke ist gerade dem 
Lc nicht zuzutrauen. Er hat nur das Paschaabendmahl überliefert, 
als ein einmaliges, erstes und letztes Geschehen: der rein präteritale 
Charakter tritt bei ihm dadurch, daß das Pascha an die Stelle des 
Brotes zu stehn kommt, stärker hervor als bei Mc. Das schien 
unerträglich. Später wurde mit den Worten des Paulus die bleibende 
Gedächtnisfeier hinzugefügt. 

Es sei mir gestattet, noch einige allgemeine Bemerkungen zu 
machen, die nicht den Anspruch erheben, neu zu sein. Das Abend- 
mahl ist nicht ein Anhang an das Pascha, es wurde nicht erst 
Fleisch und dann Brot gegessen. Dagegen ist allerdings innerhalb 
des Abendmahls der Wein ein besonderer Anhang an das Brot. Er 
wurde bei der gemeinsamen Mahlzeit, die Jesus regelmäßig mit 



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§74. Mc. 14, 22-25. 125 

seinen Jüngern hielt, nur ausnahmsweise getrunken. Gewöhnlich 
war sie nur ein Brotessen oder Brotbrechen, wobei natürlich Zukost 
(z. B. Fisch) und Wasser nicht ausgeschlossen ist. Und dabei 
blieb es auch nach dem Tode Jesu. Die Jünger brachen 
täglich miteinander das Brot, wie früher, ohne daß jedoch das 
Weintrinken notwendig dazu gehörte; der Meister galt als an- 
wesend und war in Emmaus sogar leiblich dabei, nach seiner Auf- 
erstehung. Fortgesetzt wurde somit von dem Abendmahl Mc. 14 
nur das, was schon früher bestand. Die alte Tischgemeinschaft 
mit dem Meister wurde festgehalten. Das machte sich von selbst, 
er hatte es nicht ausdrücklich beim letztenmal befohlen. In dem 
synoptischen Berichte über das Herrenmahl fehlen die Einsetzungs- 
worte, sie stehen nur bei Paulus. Paulus scheint also nicht bloß 
das Brotbrechen — wobei es wol auch einmal Wein geben konnte — 
in der Gemeinde vorgefunden zu haben, sondern auch schon die 
Imitation des historischen, den Wein notwendig einschließenden 
Abendmahls, ohne daß freilich das Verhältnis vor ein zu ander 
klar hervorträte. Das ist um so merkwürdiger, da er trotzdem 
seine Kenntnis von der Sache nicht auf eine schon bestehende 
Liturgie gründet, sondern auf eine Überlieferung vom Herrn, die 
ihm zu teil geworden, aber nicht jedermann bekannt ist. 

Das Abendmahl, welches ich vorhin als das historische be- 
zeichnet habe, zeichnet sich wenigstens dem Grade nach vor dem 
gewöhnlichen dadurch aus, daß es das letzte ist und ein durch den 
nahen Tod Jesu motivirter, besonderer Akt der Gemeinschafts- 
stiftung, der Verbrüderung zwischen den zwölf Jüngern, damit sie, 
auch wenn sie ihr Haupt verloren haben, doch zusammenhalten 
und gewissermaßen als Corpus an dessen Stelle treten und es mit 
vertreten sollen. Eine Bundschließung geschieht ein für allemal, 
bedarf keiner Wiederholung und erträgt keine Wiederholung. Man 
hat bezweifeln wollen, ob Jesus sich seines Todes bewußt gewesen 
wäre und ob die Jünger diesen Hintergrund hätten verstehn können. 
Aber er kannte in diesem Augenblick die Gefahr, die ihm drohte. 
Er blieb die Nacht nicht in seinem Quartier, sondern verbrachte 
sie im Freien. Die Szene in Gethsemane ist wesentlich historisch, 
seine Angst vor dem Tode und sein Wunsch, ihm zu entgehn, 
passen nicht zu der Vorstellung der Späteren, daß er nach Jerusalem 
mit der Absicht hinaufgegangen sei, um dort zu sterben. Daß die 
Jünger den Ernst der Situation nicht begriffen und darum auch 



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126 m. . Die Passion. §65—90. 

beim letzten Abendmahl die Bezugnahme auf seinen Tod im Moment 
nicht verstehn konnten, muß allerdings zugegeben werden. Die 
Worte Jesu, die er das letztemal sagte, als sie mit ihm zusammen 
waren, konnten ihnen aber auch unverstanden im Sinne bleiben, 
bis zu der sehr kurzen Frist, wo ihnen nach seinem Tode ihre Be- 
deutung aufging. Wenn irgend ein Ausspruch Jesu, so macht 
Mc. 14, 25 den Eindruck des höchsten Alters und der Authentie. 
Er gibt sich darin nicht als den zukünftigen Messias, und er denkt 
nicht daran, daß er für seine Person die allgemeine Auferstehung 
und den Eingang in das Reich Gottes vorwegnehmen werde. Wie 
andei-s klingen die Weissagungen in § 75! 

§ 75. Mc. 14, 26-31 (Mt. 26, 30-35. Lc. 22, 31-34). 

Und nach dem Lobgesange gingen sie hinaus zum Ölberge. 
*^ Und Jesus sprach zu ihnen: Ihr werdet alle zu Fall kommen; 
denn es steht geschrieben: ich werde den Hirten schlagen und 
die Schafe werden sich verstreuen. '^Nach meiner Auferstehung 
aber werde ich euch vorausgehn nach Galiläa. ''Petrus sagte: 
wenn auch alle zu Fall kommen, so doch nicht ich. '^Und 
Jesus sagte zu ihm: Amen ich sage dir, heute in dieser Nacht, 
ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal ver- 
leugnen. '^Er aber redete um so eifriger: wenn ich mit dir 
sterben mtißte, so werde ich dich doch nicht verleugnen. Ebenso 
sagten alle anderen. 

14, 26 gehört zur späteren Schicht, denn das Hallel (öjivetv) 
setzt das Pascha voraus. Vielleicht brauchte Jesus nach der ältesten 
Tradition garnicht hinauszugehn zum Ölberge, weil er am Donnerstag 
überhaupt nicht in Jerusalem gewesen war und auch das letzte 
Mahl nicht dort gehalten hatte. 

14.27. Das Zitat stammt aus einer anderen Übersetzung als 
der Septuaginta und aus einem anderen Texte als dem masoretischen. 
Vielleicht aus Theodotion. 

14. 28. Auf diese Weissagung wird neuerdings mit Recht 
großes Gewicht gelegt. Sie bestätigt, was Paulus sagt und was 
aus der Verklärungsgeschichte zu entnehmen ist, daß der Schau- 
platz, wo der Auferstandene den Jüngern zuerst erschien, Galiläa 
gewesen ist. 

14,29—31. Vgl. zu 14,72. 



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§76. Mc. 14,32— 42. 127 

§ 76. Mc. 14, 32-42 (Mt. 26, 36-46. Lc.22, 39-46). 

Und sie kamen zu einem Orte mit Namen Gethsemane. Und 
er sagte zu seinen Jüngern: setzt euch hier, derweil ich bete, 
^^ und Petrus und Jakobus und Johannes nahm er mit. Und 
er fing an zu zittern und zu zagen '*und sagte zu ihnen: 
meine Seele ist betrübt zum Sterben, bleibt hier und wacht. 
'*Und er ging eine kleine Strecke vor und warf sich nieder 
zur Erde und betete, daß womöglich die Stunde an ihm vor- 
übergehe. '*Und er sprach: Abba, Vater, Alles ist dir mög- 
lich, laß diesen Kelch an mir vorübergehn; doch nicht wie 
ich will, sondern wie du willst. '^Und er kam und fand sie 
schlafen und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du, kannst du 
nicht einen Augenblick wachen? "wacht und betet, daß ihr 
nicht in Versuchung kommt; der Geist ist willig, das Fleisch 
aber schwach. '^ Und wieder ging er weg und betete. *° Und 
wieder kam er und fand sie schlafen, denn ihre Augen waren 
schwer; und sie wußten nicht, was sie ihm sagen sollten. 
**Und zum dritten mal kam er und sprach zu ihnen: Schlaft 
ihr noch weiter und ruht? Es ist genug. Die Stunde ist ge- 
kommen, der Menschensohn wird in die Hände der Sünder 
übergeben. *' Steht auf, wir wollen gehn; siehe, der mich 
verrät, ist nahe. 

14, 32. Ungern sieht man sich genötigt, über die er- 
greifende, und in anschaulicher Darstellung der so verschiedenen 
Stimmung Jesu und der Jünger ohne alle Schminke und Salbung 
so wahrhaftigen Erzählung noch Wort^ zu machen. Jesus flieht 
aus dem Hause in die Nacht, wol nicht bloß um zu beten: denn 
dazu brauchten seine Jünger nicht mit zu kommen. Der Voll- 
mond scheint, es ist einen Tag vor Ostern. "Ecd; bedeutet * ad 
(während), wie öfters. 

14, 34. ^'Eax; OavfltTOü (1 R^g. 19,4. Jon. 4, 9) = so daß ich 
tot sein möchte. Der Tod selber ist nicht das Schreckliche, sondern 
was vorausgeht und dazu führt. 

14, 35. 36. Was Jesus gebetet hat, hat niemand gehört; es 
wird erschlossen aus der Verzweiflung, die er vor den Jüngern 
nicht verhehlte. In 14, 35 geschieht das bescheiden in oratio 
obliqua; in 14, 36 werden seine eigenen Worte angeführt, ohne daß 
bei der Wiederholung der oratio obliqua in oratio recta irgend 



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128 in.. Die Passion.: § 55—90. 

etwas inhaltlich Neues hinzukäme. Die Stunde als Schicksals- 
stunde ist aus der Astrologie in den allgemeinen Sprachgebrauch 
übergegangen. Ebenso 14, 41. Dagegen 14, 37 bedeutet Stunde, 
was wir Augenblick nennen. 

14, 38. Die allgemeine Mahnung, bei der der Numerus der 
Anrede wechselt und Wachen metaphorisch gemeint ist, fällt hier 
aus dem Ton. Jesus mag sie bei einer anderen Gelegenheit ge- 
sprochen haben; für bloß paulinisch wird man den Gegensatz von 
Geist und Fleisch nicht halten dürfen, Paulus faßt ihn auch anders. 

14, 39 ist in der Übersetzung nach der kürzeren Form von 
D wiedergegeben, worin sich die Rückweisung auf 14, 36 nicht 
findet. 

14. 40. Der dritte Satz setzt den ersten fort, nicht den zweiten, 
der parenthetisch ist. 

14.41. KaftsüSsTS ist auch hier Frage, xo Xoittöv fehlt in der 
Syra S. * Aitix^i gehört eng zusammen mit t(eipeade am Anfang 
von 14,42: es ist genug des Schlafens, steht auf! Was in der 
Mitte steht, verrät sich schon durch den Menschensohn als sekundär. 
Auch sind die a^AapTCüXot sonst die Heiden, die hier nicht passen. 

§77. Mc. 14, 43-52 (Mt. 26, 47-56. Lc. 22, 47-53). 

Und alsbald, wie er noch redete, erschien Judas, einer 
der Zwölfe, und mit ihm ein Haufe mit Schwertern und Stöcken, 
von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. 
**Der Verräter hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und 
gesagt: wen ich küsse, der ist es; den greift und führt ihn 
sicher ab. **Und wie er kam, trat er alsbald auf" ihn zu und 
sagte: Rabbi und küßte ihn. *^Da legten sie Hand an ihn 
und griffen ihn. *^ Einer der Anwesenden aber zog sein Schwert 
und schlug einem Knechte des Hohenpriesters das Ohr ab. 
*^Und Jesus hub an und sprach zu ihnen: seid ihr gegen 
einen Räuber ausgezogen, daß ihr mit Schwertern und Stöcken 
kommt, mich zu fangen? "täglich bin ich bei euch gewesen 
im Tempel und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ge- 
griffen — aber die Schrift muß erfüllt werden. ^°Da ver- 
ließen ihn alle und flohen. *^ Ein Jüngling aber ging mit^ der 
trug ein Hemd auf dem bloßen Leibe; und sie griffen ihn, 
"er aber ließ das Hemd fahren und floh nackend. 



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§78, Mc. 14, 53. 54. 129 

14, 43. Judas wird an dieser Hauptstelle nicht Ischarioth 
genannt, und als ob er bisher noch gai* nicht eingeführt gewesen 
wäre, wird er als einer der Zwölfe vorgestellt. 

14, 44. Obwol das Subjekt gar nicht wechselt, wird es doch 
explicite genannt und zwar in einer von 14,4)^ abweichenden, um- 
schriebenen Form: 6 TrctpaBiBob? öütov. Warum? Es schien nötig, 
dem in 14, 45. 46 Erzählten eine Erklärung vorauszuschicken, deren 
es aber nicht bedarf: man versteht auch ohnehin. 

14, 45. Für IXOa>v .... irpoaeX&tov werden im Aramäischen 
zwei verschiedene Verba (etwa NHX und 2.1p) gestanden haben; 
vgl. zu Mc. 1, 35. 

14.47. Unter den irapsaTr^xoTS? (fehlt in D) sind sicher nicht 
bloß die drei Jünger, die in 14, 42 allein angeredet scheinen, zu 
verstehn, sondern alle Jünger und nach 14, 51 wol auch noch 
Andere. Aus der Umgebung Jesu heraus wird also der Gewalt 
Widerstand geleistet. Bei Mc tadelt er es nicht; nach Lc. 22, 38 
billigt er sogar, daß die Seinen sich mit Schwertern ausrüsteten — 
wenn nicht ein Misverständnis vorliegt. 

14.48. Meine Übersetzung folgt dem Text von D, worin 
6}<; fehlt. 

14, 49. Es ist bereits S. 94 bemerkt worden, daß xa&' *y;ji.£pav 
eine längere Zeit für das Lehren im Tempel voraussetzt, als die 
zwei Tage Mc. 11. 12. 

14,51. Dieser Jüngling gehört unzweifelhaft nicht zu den 
Zwölfen, scheint aber erst auf den Tumult aus dem Bett gesprungen 
zu sein, da er nur mit dem Nachtgewand angetan ist. Mc nennt 
ihn nicht, so wenig wie den Knecht des Hohenpriesters und den 
Mann, der ihm das Ohr abhieb. Die spätere Überlieferung kennt 
die Namen der beiden letzteren. . Christliche Rabbinen haben auch 
erraten, wer der Jüngling in dem Hemde war, nämlich der Evan- 
gelist Marcus selber. Als ob sie Grund hätten, ihren Scharfsinn 
zu vergeuden. 

§ 78. Mc. 14, 53. 54 (Mt.26, 57. 58. Lc. 22, 54. 55). 

Und sie führten Jesus ab zu dem Hohenpriester. Und 
die Hohenpriester und Schriftgelehrten versammelten sich. 
** Petrus aber war ihm von weitem gefolgt bis hinein in den 
Hof des Hohenpriesters, und er saß bei den Dienern und wärmte 
sich am Feuer. 

W^ellhausen, Eyang. Marci. 9 



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130 ni. Die Passion. § 55-90. 

Das Synedriam versammelt sich hier im Palast (Hof) des 
regierenden Hohenpriesters. Ob derselbe eine Amtswohnung war 
und mit dem Rathause in Verbindung stand, worin das Synedrium 
gewöhnlich seine Sitzungen abhielt, ist nicht klar. Das Rathaus 
grenzte nach Jos. Bellum 5, 144 an den Xystos. Xystos ist auf 
keinen Fall so viel wie nv:i (Quaderstein); der rabbinische Name 
für die Versammlungsstätte des hohen Rates, n^i:n PDK^b, bezeichnet 
einen Quader bau und nichts anderes. Xystos heißt gewöhnlich ein 
Peristyl (s. Niese im Index zu Josephus), eigentlich aber nur ein mit 
Steinplatten belegter Raum. Das Lithostroton Joa. 19, 13 entspricht 
jedenfalls der Bedeutung nach und vielleicht auch der Sache nach, 
obwol im vierten Evangelium an etwas anderes gedacht wird. 
Dann wäre der einheimische Name für Xystos Gabbatha gewesen; 
das scheint nach dem palästinischen Evangeliar zu Mt. 26, 23 ur- 
sprünglich eine flache Schüssel zu bedeuten und dann auf eine von 
Kolonnaden geränderte Fläche übertragen zu sein, ähnlich wie das 
arabische ^^.:^uö. Den Rabbinen ist in ihren Aussagen über das 
Synedrium nicht zu trauen, es wäre höchst auffällig, wenn der 
Versammlungsraum desselben zur Zeit Jesu einen hebräischen 
Namen getragen hätte. Ococ 14, 54 ist das Feuer; cpSia wechselt 
1. Macc. 12, 28. 29 mit iropat. 

§ 79. 80. Mc.l4, 55-65 (Mt.26, 59-66. Lc.22, 63-71). 

Die Hohenpriester aber und der ganze Rat suchten Zeugnis 
gegen Jesus, um ihn zu töten, und fanden keines. *^Denn 
viele brachten falsche Anklagen vor, aber die Aussagen stimmten 
nicht überein. "Da standen etliche auf und brachten die 
falsche Anklage wider ihn vor: *^wir haben ihn sagen hören: 
ich werde diesen mit Händen gemachten Tempel zerstören 
und binnen drei Tag^n einen anderen bauen, der nicht mit 
Händen gemacht ist. "Aber auch in diesem Fall stimmten 
ihre Aussagen nicht überein. ^° Und der Hohepriester trat vor 
und fragte Jesus: antwortest du nichts auf das, was diese 
wider dich vorbringen? ®^Er aber schwieg und antwortete 
nichts. Wiederum fragte ihn der Hohepriester: bist du der 
Christus, der Sohn des Hochgelobten? "Jesus sprach: ich bin 
es, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten 
der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels. ^'Da 



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§79. 80. Mc. 14, 55-65. 131 

zerriß der Hohepriester seine Kleider und sagte: was brauchen 
wir noch Zeugen! ^*ihr habt die Lästerung gehört, was ist 
eure Meinung? Sie sprachen ihn alle des Todes schuldig. 

" Und einige spien ihn an [und verhüllten ihm das Gesicht] 
und gaben ihm Backenstreiche und sagten zu ihm: weissage! 
Und die Diener traktirten ihn mit Schlägen. 

14. 55. Zeugnis wird für Anklage oder Beschuldigung ge- 
braucht, wie im Alten Testament. Daran, daß die Zeugen mitten 
in der Nacht zur Stelle sind, braucht man keinen Anstoß zu nehmen. 
Das Verhör war vorbereitet, und die Sache hatte Eile (14, 2). 

14. 56. Das Gericht verfährt hier ordnungsmäßig und kann 
sich widersprechende Aussagen nicht gebrauchen. 

14, 57 — 59. Bei Mc sind auch diese Zeugen falsche Zeugen 
und verwickeln sich in Widersprüche. Dann erhellt aber nicht, 
warum sie von den früheren unterschieden und von dem Gericht 
anders behandelt werden. Das Urteil ist hier offenbar das des Mc 
und stimmt in diesem Falle nicht, wie 14, 56, mit dem Urteil des 
Synedriums überein. Mt zeigt, daß der Text des Mc überarbeitet 
ist; bei ihm fehlt der ganze Vers 14, 59 und das i^eüSofiaptupoüv in 
14,57. Nach Mt waren die beiden letzten Zeugen keine tl^eoSo- 
fiapxüps^. 

14, 58. D korrigiiii o?xo6ofxYjaa) in dvaarrjora), um eine Beziehung 
auf die dvotaxaai? zu erhalten, nach Joa. 2, 21. In D ist ferner diese 
Aussage hinter 13,2 in den Mund Jesu verlegt. Daranist soviel 
richtig, daß die Anklage sich in der Tat auf die von Jesus 13,2 
getane Äußerung über die baldige Zerstörung des Tempels bezieht. 
Sie mag ursprünglich schroffer gelautet haben, denn unsere jetzige 
evangelische Überlieferung sucht in diesem Punkte zu mildern. 

14, 60. Man sieht hier deutlich, daß dvaaT7)vat ek t6 fxeorov 
nur vortreten oder auftreten bedeutet. Mit xi wird keine 
direkte Frage eingeleitet, so wenig wie- 4,24. 14, 36; an der 
letzteren Stelle bietet D das einfache Relativum statt des fragenden. 
Anders 15, 4. 

14, 61. Der Hohepriester verfolgt die Anklage 14, 58, die doch 
durch Jesu Schweigen als zugestanden betrachtet werden konnte, 
sonderbarerweise gar nicht, sondern schlägt ein anderes, vom Zeugen- 
verhör ganz unabhängiges Verfahren ein. 

14, 62 soll bedeuten: „Ja, ich bin der Messias und ich werde euch 
das bald (an apii fügt Mt sinngemäß hinzu) durch mein Erscheinen 



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132 III- I>ie Passion. . § 55—90. 

als Menschensohn beweisen, so daß ihr es noch seht und erlebt." 
Jesus bekennt sich also nicht einfach als den Messias, sondern er 
nennt sich den Menschensohn und weissagt seine Parusie. Es ist 
wenig glaublich, daß er das überhaupt getan hat, und am wenigsten 
daß er es vor dem Synedrium getan hat. Dieses hätte auch in 
dem Ausspruch nur einen locus communis erkennen und keine Be- 
ziehung auf Jesus heraus hören können. Man beruft sich freilich 
für die Authentie auf die feierliche Szene. Aber wenn sogar Luthers 
„hier steh ich", wobei halb Europa zuhörte, keineswegs zuverlässig 
überliefert ist, wie sollte der Wortlaut dieses weit weniger öffent- 
lich abgelegten Bekenntnisses Jesu, bei dem seine Jünger nicht zu- 
gegen waren, durch die Szene verbürgt sein? Zweierlei Maß ist dem 
Herrn ein Greuel. Auch der rabbinische Ausdruck 6 50X077^x6? für 
Gott fällt bei Mc auf, selbst im Munde des Hohenpriesters. Ent- 
scheidend freilich sind andere Gründe, welche beweisen, daß die 
beiden Verse 14,61.62 nicht zur ältesten Überlieferung gehören, 
sondern eingelegt sind. Sie werden alsbald zur Sprache kommen. 

14, 63. 64. Den Juden galt ein Messias nicht als Verbrecher, 
wie den Römern. Wenn also auch kein Zweifel besteht, daß Jesus 
sich zuletzt als Messias zu erkennen gegeben hat und darauf hin 
von Pilatus gekreuzigt ist, so muß doch seine Verurteilung durch 
die jüdische Behörde formell einen anderen Grund gehabt haben. 
Nach jüdischen Begriffen lag darin unmöglich eine Gotteslästerung, 
daß jemand sagte, er sei der Christus, der Sohn Gottes. Wir sind 
darauf vorbereitet, was in der Tat die Gotteslästerung war, deren 
wegen der Hohepriester seine Kleider zerriß. Es war die Äußerung 
Jesu über die Zerstörung des Tempels. So etwas sahen die späteren 
Juden ebenso wie die altern als die schrecklichste Blasphemie an, 
wie bereits zu 13,2 gesagt und belegt ist. Diese Blasphemie war 
die legale Todesschuld, sie wurde durch ein wandsfreie Zeugen 
bewiesen und von Jesu selbst durch sein Schweigen zugestanden. 
Auch 15, 29 wird diese Todesschuld angegeben, und Stephanus stellt 
sich aus diesem Grunde in Parallele mit Jesus (Act. 6, 13. 14). 

Wenn dem so ist, so folgt, daß 14, 61. 62 den ursprünglichen 
Zusammenhang unterbricht und daß 14, 63 in Wahrheit direkt an 
das Schweigen Jesu 14,61 anschließt, welches von dem Hohen- 
priester als Eingeständnis aufgefaßt wird. Die evangelische Über- 
lieferung, wie sie uns gegenwärtig vorliegt, trägt sichtlich Scheu, 
eine Lästerung Jesu gegen den Tempel als den Grund für seine 



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§81. Mc. U, 66-72.. 133 

Verurteilung durch das Synedrium zuzugeben. Sie sucht, mit Aus- 
nahme von Mt, in Abrede zu stellen, daß eine solche Lästerung 
wirklich gefallen, und namentlich, daß sie einwandsfrei bezeugt 
gewesen sei: Mc erklärt die Zeugen für Lügner, Lc läßt das ganze 
Zeugen verhör radikal aus und gar noch Mc. 155 29 s. dazu. Und 
sie behauptet übereinstimmend, daß vielmehr das Messiasbekenntnis 
den Ausschlag für die Verurteilung gegeben habe. Aber wenn 
auch das wahre Motiv der Feindschaft der Hohenpriester gegen 
Jesus sicherlich wo anders lag, so verurteilten sie ihn doch wegen 
Blasphemie; und daß sie selbige nm- als Vor wand benutzten, ändert 
nichts an der formellen Legalität ihres Verfahrens. Auch die evan- 
gelische Überlieferung steht unter dem Eindruck, daß eine Tempel- 
lästerung nach jüdischen Begriffen den Hohenpriestern eine korrekte 
Handhabe würde geboten haben; eben deshalb sucht sie sie aus 
den Akten zu schaffen. — Es ist bemerkenswert, daß hinter 
r^xoüaaie xr^c ßXotacpr^fita; bei Mc und Mt nicht steht wie bei Lc: 
dcTio Toü atofxaxoc aöiou. Lc aber läßt t^; ßXaacpr^jJitac aus, er wagt 
das Messiasbekenntnis nicht so zu bezeichnen, von dem bei ihm 
allein die Rede ist. Er kennt noch den wahren Inhalt der Blas- 
phemie und braucht darum auch das Wort nicht, wie er die Sache 
verschweigt. 

1 4, 65. Das nackte irpocpr^xeücjov bei Mc wird bei Mt und Lc 
erklärt durch den Zusatz: xfe iaxtv 6 irataac as. Aber in D und 
Syra S. fehlt die in diesem Fall unerläßliche Vorbedingung, die 
Verdeckung des Gesichts. Also: sie wollen ihn prophezeien lehren, 
d. h. ihm durch Schläge das Prophezeien (z. B. der Zerstörung des 
Tempels) abgewöhnen. 

§81. Mc. 14, 66-72 (Mt.26, 69-75. Lc.22, 56-62). 

Und Petrus war unten im Hofe. Da kam eine von den 
Mägden des Hohenpriesters, ^^und als sie Petrus sah, wie er 
sich wärmte, schaute sie ihn an und sagte: du warst auch 
bei dem Nazarener, bei Jesus. ^^Er aber leugnete ui\d sprach: 
ich weiß nicht und versteh nicht, was du sagst. Und er ging 
hinaus in den Vorhof und der Hahn krähte. *® Und die Magd 
sah ihn und begann wiederum zu den Umstehenden zu sagen: 
das ist einer von ihnen. ^°Er aber leugnete abermals. Und 
nach einer kleinen Weile sagten die Umstehenden wiederum 



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134 HI. Die Passion. § 55—90. 

ZU Petrus: du bist in der Tat einer von ihnen, denn du bist 
ja ein Galiläer. ^*Da begann er zu fluchen und zu schwören: 
ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet, ^'ünd 
alsbald krähte der Hahn zum zweiten mal. Da erinnerte sich 
Petrus des Wortes, das Jesus zu ihm gesagt hatte: ehe der 
Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und 
er ward aufmerksam und weinte. 

14, 66. Diese Episode ist vorbereitet durch 14, 54. Sie fällt 
um den Hahnenschrei zwischen Mitternacht (§ 79) und frühen 
Morgen (§ 82); vgl. Mc. 13, 35. Die Erzählung rechnet nicht mehr 
nach Tagen, sondern nach Dreistunden, auch im Folgenden: auf 
drei Uhr fällt die Kreuzigung, auf sechs Uhr (d. h. mittags), die 
Finsternis, auf neun Uhr der Tod. 

14. 67. Der Feuerschein beleuchtet Petrus, es ist aber auch 
Vollmond. 

14.68. Kai dXsxToip icpttivTjcjev fehlt in den meisten Uncialen 
und in der Syra S., auch bei Mt und Lc. Vgl. zu 14, 72. 

14, 71. 'AvattsfiattCstv (achrem) ist das selbe wie öjivüva?, wofür 
D einfach Xe-^etv hat. Das Schwören ist eben (bedingte) Selbst- 
verfluchung. 

14, 72. Wer den Satz xal aXextaip dcpcuvr^cjev in 14, 68 für un- 
echt hält, nimmt an, der Hahnenschrei, als Bezeichnung für das 
Morgengrauen, werde genauer der zweite Hahnenschrei genannt; 
das sei also ein absolut gebrauchter technischer Ausdruck und 
brauche nicht durch einen vorher erwähnten ersten Schrei vor- 
bereitet zu werden. Aber durch diese Annahme, deren Berechti- 
gung höchst zweifelhaft ist, würde der zweite Hahnenschrei zu einer 
bloßen, überflüssig genauen Zeitangabe herabsinken und seine ganze 
Bedeutung im Zusammenhange der Erzählung verlieren. Von künst- 
lerischem Standpunkt aus, und nicht bloß von diesem, ist auch das 
doppelte Anschlagen des Armesünderglöckchen viel wirksamer als 
das einfache bei Mt und Lc. Ferner sagt Jesus nicht: vor dem 
zweiten Hahnenschrei (d. h. vor dem Hahnenschrei überhaupt), 
sondern: ehe der Hahn zweimal kräht. Aus diesen Gründen wird 
man an der Echtheit des betreffenden Satzes in 14, 68 festhalten 
müssen. Es ist ein Irrtum, daß das eöOüc 14, 72 in D deshalb 
weggelassen sei, weil es wegen des bereits vorhergegangenen Krähens 
nun nicht mehr brauchbar erscheine. Denn in der Syra S. fehlt 
es auch, trotzdem dort in 14, 68 kein Krähen voraufgeht; Mc streut 



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§82. Mc.15,1-5, 135 

süöo? auch sonst an Stellen ein, wo es dem Kodex D überflüssig 
vorkommt. — 'ETrtßdXXetv, wie advertere für animadvertere, be- 
deutet: aufmerksam werden. Wenn aber Petrus sich schon vorher der 
Worte Jesu erinnert hat, so kann er nicht erst hinterher aufmerksam 
werden; das Aufmerksamwerden (durch den Hahn) ist der Anfang 
und das Gedenken (an die Weissagung) die Folge. Aus diesem 
Grunde ist iTueßaXmv in D und Syra S. korrigirt und bei Mt und 
Lc ausgelassen. Es ist aber die Frage, ob nicht vielmehr umgekehrt 
der vorangehende Satz als nicht ursprünglich angesehen werden 
muß. Das Krähen würde genügen, den Petrus zu wecken, besonders 
wenn es zweimal unmittelbar auf die Verleugnung folgte. Und 
dem Urmarcus sähe es ähnlich, daß er sich hier auf zwei Worte 
beschränkte; sie verfehlen die Wirkung nicht. 

§82. Mc. 15, 1-5 (Mt.27, 1.2. 11-14. Lc. 23, 1-5). 

Und am frühen Morgen, sobald sie Beschluß gefaßt hatten, 
ließen die Hohenpriester [mit den Ältesten und Schriftgelehrten] 
und der ganze Hohe Rat Jesus gebunden abführen und über- 
gaben ihn Pilatus. ^ Und Pilatus fragte ihn: bist du der 
König der Juden? Er antwortete: du sagst es. ^ Und die Hohen- 
priester verklagten ihn heftig. * Pilatus aber fragte ihn wiederum: 
antwortest du nichts? sieh, was sie alles gegen dich vorbringen! 
^ Jesus aber antwortete weiter nichts mehr, so daß Pilatus 
sich wunderte. 

15, 1. Nach der Episode § 81 wird § 79. 80 fortgesetzt. Eü»ü? 
gehört auch hier logisch zum Hauptverb, nicht zum Particip. Optot 
ist morgens um sechs Uhr nach unserer Rechnung. '^üfxßoüXiov 
liotfxaaavTsc kann nach § 79 nur bedeuten: nachdem sie den Be- 
schluß fertiggestellt hatten. Jedoch der griechische Ausdruck (D 
korrigiert sToifxav in Trotetv) befremdet sehr. Man könnte wegen 
des Gleichklanges an IDPH denken, das sehr gut passen würde. 
Aber es läßt sich in diesem Gebrauch im Aramäischen bis jetzt 
nicht nachweisen. Im Phönizischen ist allerdings CD der technische 
Ausdruck für den gefaßten Beschluß, wie eoojev im Griechischen. 
0? dp/iepst? xal SXov to oüve6ptov (14, 55) ist genug, fieta täv irpscjß. 
X. 7p. zu viel. Die Hohenpriester stehn hier überall als pars pro 
toto und zwar als pars potior, als die eigentlichen Betreiber der 
Sache. Mc nennt Pilatus niemals 6 "^jYSfXttJv. Er setzt als bekannt 



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136 IW- I>ie Passion. § 55—90. 

voraus, daß der Landpfleger zum Osterfest von Cäsarea nach Jerusalem 
zu kommen pflegte. 

15, 2. Pilatus kann nicht Messias (Christus), er muß König 
sagen. Daß nirgends ein Dolmetsch erwähnt wird, beweist nicht, 
daß Jesus Griechisch konnte, denn die Erzählung beschränkt sich 
auf einige Hauptsachen. An sich ist es freilich grade bei einem 
Galiläer aus dem Volk nicht unmöglich. 

15, 3. rioXXa (saggi) ist fast immer bei Mc Adverb, nicht 
Objekt, und besagt nicht, daß vielerlei gegen Jesus vorgebracht 
wurde. Schade, daß der Inhalt der Anklage nicht angegeben wird. 

Ich bezweifle nicht, daß Jesus als Messias hingerichtet wurde 
und daß die Hohenpriester ihn vor Pilatus als Prätendenten hin- 
stellten, denn die Anklage, die ihnen selber den legalen Grund zur 
Verurteilung abgab, konnte dem Römer nicht genügen. An dem In- 
halt von 15, 2 nehme ich also keinen Anstoß. Wol aber an dem 
Hysteronproteroü. Es ist nicht in der Ordnung, daß die Frage des 
Pilatus 15,2 vor der Anklage der Hohenpriester 15,3 steht. Und 
wenn Jesus von vorn herein bekannt hat, so braucht Pilatus nicht 
mehr so in ihn zu dringen, daß er sein Stillschweigen breche. 



§83. Mc.l5, 6-15 (Mt. 27, 15-26. Lc. 23, 13-25). 

Zum Feste aber pflegte er ihnen einen Gefangenen freizu- 
lassen, den sie sich ausbaten. ^Es lag nun ein gewisser Barabbas 
gefesselt mit anderen Friedensbrechern, die bei einem Auflauf 
einen Mord begangen hatten. ®Und das Volk kam an und 
begann zu verlangen, was er gewohnt war ihnen zu gewähren. 
^ Und Pilatus hub an: soll ich euch den König der Juden frei 
lassen? ^°Denn er erkannte wol, daß die Hohenpriester ihn 
aus Haß überantwortet hatten. ^^ Aber die Hohenpriester hetzten 
das Volk, daß er ihnen lieber Barabbas freilassen sollte. 
^^Und Pilatus hub wieder an und sprach zu ihnen: was soll 
ich denn mit dem Könige der Juden machen, den ihr so nennt? 
*' Darauf schrien sie: kreuzige ihn! ^* Pilatus sprach zu ihnen: 
was hat er denn Böses getan? Sie schrien noch stärker: kreuzige 
ihn! ^^Da gab Pilatus, um das Volk zufrieden zu stellen, ihnen 
Barabbas frei, Jesus aber ließ er geißeln und übergab ihn zur 
Kreuzigung. 



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§84-86. Mc. 15,16-32. 137 

15,6. Wenn Pilatus zum Fest (Syrä S.: zu jedem Fest, näm- 
licji zu. jedem, wo er anwesend war) in Jerusalem erschien, so hielt 
er dort auch über die schweren Fälle, bei denen das Urteil der 
einheimischen Behörde seiner Bestätigung bedurfte, Gericht; und bei 
Gelegenheit konnte er auch Gnade üben. Das wird zugrunde liegen. 

15,8. Der Gerichtstermin wurde natürlich angesagt und be- 
kannt gegeben. Darum konnte das Volk sich in so früher Stunde 
dazu einfinden. *Avaßatvstv wird allgemein gebraucht, wenn das 
Wohin das Heiligtum oder auch das Gericht ist; aber das Prätorium 
lag auch wirklich hoch. Nicht Pilatus, sondern das Volk tut den 
ersten Schritt hinsichtlich der Loslassung; er greift nur zu. 

15. 10. Die Perfidie war schon darin zu erkennen, daß die 
Juden einen der Ihrigen den Römern an das Messer lieferten, weil 
er ein nationaler Prätendent sei. 

15.11. Das Volk wird auch schon früher bearbeitet sein, 
und mit Erfolg. Es zeigt sich, da es wie immer geteilt ist, wetter- 
wendisch (4,17). Denn zuerst hatte Jesus grade dadurch die Be- 
sorgnis der Behörde erregt, weil er einen großen und begeisterten 
Anhang hatte. Indessen — auch die Jünger hatten ihn im Stich 
gelassen und Judas ihn verraten. 

15. 12. ''Ov Xs7£T2 wird in D ausgelassen, weil es der Wahr- 
heit nicht zu entsprechen scheint (Joa, 19, 21). Im Griechischen 
ist der Accusativ nach Tron^ao) inkorrekt, im Aramäischen wird er 
in diesem Fall nicht vom Dativ unterschieden. 

15. 13. Das aramäische Äquivalent für iraXtv bedeutet nicht 
bloß abermals, sondern auch weiter, darauf. Es könnte hier 
vielleicht im Griechischen hingegen, hinwieder heißen. 

15, 17. Pilatus findet darin keine genügende Schuld, daß Jesus 
sich für den König der Juden hält, ohne doch den Frieden ge- 
brochen und irgend etwas getan zu haben, um das Reich an sich 
zu reißen. 

§ 84-86. Mc. 15, 16-32 (Mt.27, 27-44. Lc. 23, 26-43). 

Die Kriegsknechte aber führten ihn ab, hinein in den Hof, 
nämlich des Prätoriums. Und sie riefen die ganze Rotte zu- 
sammen, ^^ und sie zogen ihm einen Purpur an und setzten 
ihm eine Dornenkrone auf, die sie geflochten hatten, und be- 
gannen ihn zu begrüßen: ^^Heil dir, König der Juden! Und 



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138 ni. Die Passion. § 55—90. 

sie schlugen ihn mit einem Rohr anf das Haupt und spien ihn 
an und beugten die Knie und warfen sich vor ihm nieder. 
*°Und nachdem sie ihren Spott mit ihm getrieben hatten, 
zogen sie ihm den Purpur aus und seine eigenen Kleider 
wieder an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. 

'* und sie preßten einen Vorübergehenden, Simon von 
Cyrene, der von einem Dorfe kam, den Vater von Alexander 
und Rufus, daß er sein Kreuz trüge. " Und sie brachten ihn 
nach dem Orte Golgotha, das heißt übersetzt: ein Ort, derein 
Schädel ist. "Und sie reichten ihm Wein mit Myrrhen, er 
nahm es aber nicht. '*Und sie kreuzigten ihn und verteilten 
seine Kleider, indem sie darüber losten, wer dies und wer das 
bekommen sollte. '^Es war aber die dritte Stunde, da sie 
ihn kreuzigten. ^^ Und die Angabe seiner Schuld stand ge- 
schrieben in einer Aufschrift: der König der Juden. "Und mit 
ihm kreuzigten sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und 
einen zu seiner Linken. 

*^ Und die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten den 
Kopf und sagten: ^®o du, der den Tempel zerstört und in drei 
Tagen wieder aufbaut, rette dich selber und komm herab vom 
Kreuz. '^Desgleichen führten auch die Hohenpriester, nebst 
den Schriftgelehrten, spöttische Reden unter einander: andere 
hat er gerettet, sich selber kann er nicht retten '^ — der 
Christus, der König von Israel! er komme jetzt herab vom 
Kreuz, daß wir es sehen und gläubig werden. Und auch die 
mit ihm Gekreuzigten schmähten ihn. 

15. 17. Schon das Gericht ist bei dem Prätorium gehalten 
(D 15, 1), aber draußen, vor dem Tor. Jetzt verlegt sich die Szene 
in einen Binnenhof, in dem die ganze Kohorte Platz hat. Das 
Prätorium ist die gewaltige Burg des alten Herodes, im Nordwesten 
der Stadt. 

15. 18. Daß sich Mishandlungen in die Adoration mischen, 
läßt sich begreifen. Aber das Rohr soll doch der Szepter sein 
und muß dem Scheinkönige zunächst in die Hand gegeben werden. 
Darin hat Mt recht. Man darf schwerlich einwenden, daß Jesus 
es nicht festzuhalten brauchte. 

15, 21. Wenn Simon auf dem Felde gearbeitet hätte, so würde 
auch daraus folgen, daß der erste Festtag noch nicht angegangen 
war. Indessen d^po? bedeutet wol das Dorf. 



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§87. Mc. 17,33— 39. 139 

15,22. Golgotha (auffallend statt Gogoltha, aus Golgoltha) 
ist der Hügel benannt nach der Gestalt; im Syrischen wird das 
synonyme qarqaphta sogar appellativ in diesem Sinne gebraucht. 
Der Genitiv xpavtoü xoiro? ist also epexegetisch. Richtig Lc. 23, 33: 
der Ort, welcher Schädel genannt wird. 

15. 25. Die dritte Stunde ist drei Uhr, nach unserer Rechnung 
neun Uhr. Die im Griechischen sehr auffallende Parataxis des 
zweiten Satzes ist hebräisch, wird aber auch im palästinischen 
Aramäisch vorgekommen sein. 

15. 26. Wenngleich die Aufschrift uns nur durch Relation, 
nicht als Dokument, zugekommen ist, so wäre es doch verbohrt, nach 
§ 83 und namentlich nach § 84 noch bezweifeln zu wollen, daß 
Jesus wirklich als König der Juden hingerichtet ist. 

15,29. Das Kopfschütteln ist Geberde des spöttischen Be- 
dauerns, namentlich über die gefallene Größe. 

15,31. 32 scheint mir eine Wucherung (aus 15, 29. 30) zu sein, 
die bei Mt noch weiter gegangen ist, und namentlich bei Lc, der 
sich zudem die Freiheit nimmt, zwischen den beiden Schachern 
einen Unterschied zu machen. Die Hohenpriester, vornehme Männer, 
kommen nicht des Weges (wie 15, 29), sondern müßten ausdrück- 
lich hingegangen sein, um sich an dem unheiligen Anblick zu 
weiden, und noch dazu an einem Tage, an dessen Abend das Pascha 
anbrach. Auch das absolut gebrauchte iriatsüsiv 15, 32 fällt auf. 
Dagegen waltet natürlich kein Bedenken, daß sie ihn als Messias 
verhöhnen, obgleich sie ihn nicht als solchen verurteilen 
konnten. 

§ 87. Mc. 15, 33-39 (Mt. 27, 45-54. Lc 23, 44-48). 

Und um die sechste Stunde kam eine Finsternis über das 
ganze Land, bis zu der neunten Stunde. ^* Und in der neunten 
Stunde schrie Jesus laut: Eli Eli lama sabachthani, das heißt 
übersetzt: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver- 
lassen! '^Und etliche, die dabei standen, sagten, da sie es 
hörten: er ruft Elias. '® Da lief einer und füllte einen Schwamm 
mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 
Und er sagte: laßt sehen, ob Elias kommt, ihm herabzuhelfen. 
"Jesus aber tat einen lauten Schrei und verschied. '^Und 
der Vorhang des Tempels riß entzwei, von oben bis unten. 



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140 III- I>ie Passion. §.55-90. 

''Da aber der Hauptmann, der dabei war und ihn vor Augen 
hatte, sah, daß er so verschied, isagte er: dieser Mensch ist 
. wahrlich ein Sohn Gottes gewesen. 

15,33. Die Sonne mag nicht zusehen und verhüllt ihr An- 
gesicht gerade am hellen Mittag (Arnos 8, 9), denn sechs Uhr ist 
nach unserer Rechnung zwölf ühr. Man braucht das Wunder 
nicht dadurch vollends unmöglich zu machen, daß man „über die 
ganze Erde" übersetzt. 

15, 34 — 36. Die meisten Uncialen lesen in Mc ganz aramäisch: 
iXcüi IXtt)i Xotjia actJ^aypdvt; und in Mt lialb hebräisch: i^W r^U Xajxa 
aotßot)r&avt^). D dagegen liest gleichmäßig in Mc und Mt ganz 
hebräisch: rj^l t^KI Xafid C^^ftavt. Die Umstehenden meinen, der 
Ruf gelte dem Elias. Nur Juden wußten von Elias, sie aber 
konnten, da Aramäisch ihre Muttersprache war, sXait nicht mis- 
verstehn, sondern nur das nichtaramäische r/i, das auch einzig und 
allein an HXi-ac anklingt. Daß Jesus den Psalmvers auch im 
hebräischen Wortlaut gehört hat und kennt, läßt sich unschwer 
annehmen; ob konsequenterweise nach D dann auch Ca^ö^vi ge- 
lesen werden muß, ist eher zu verneinen als zu bejahen. Jeden- 
falls ist Y]Xi das Richtige. So hat nicht bloß Mt, sondern auch das 
Petrusevangelium gelesen, worin indessen ^b"»« als ejäli (meine 
Kraft) gedeutet wird. Das geschieht, um zu vermeiden, daß Jesus 
sich von Gott verlassen erkläre. Aus dem gleichen Grund ist im 
Lc der ganze Ruf weggelassen und in D das h(xax£kiT:e^ der Über- 
setzung in (DvstSiaa; (du hast mich dem Schimpf und der Schande 
überlassen) gemildert. 

Derjenige, der den Schwamm reicht, kann nur ein römischer 
Soldat gewesen sein. Ein solcher kann aber nicht gesagt haben: 
laßt sehen, ob Elias komme. In der Syra S. heißt es darum 14, 36 
nicht: und er sagte, sondern: und sie sagten, nämlich die 
TrapsaTT^xoxe; 15, 35; ebenso tritt auch bei Mt an diesem Punkte 
ein W^echsel des Numerus und des Subjektes ein. Dann unterbricht 
der erste Satz von 15,36 unleidlich den engen Zusammenhang von 
15,35 und 15,36^. Aber nicht dieser Satz ist eingeschoben, 
sondern umgekehrt 15,35 und 15,36^. Denn das Misverständnis 



^) Der Accent liegt im Aramäischen niemals auf dem i der ersten Person, 
wol aber im Hebräischen. Darnach hat man sich natürlich auch im Griechischen 
zu richten. 'EXwt ist auch aramäisch {■=i)Ai), hebräisch wäre iXwöti. 



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§ 87. Mc. 15,33—39. 141 

der Umstehenden stört in verletzender Weise den Eindruck des er- 
schütternden Verzweiflungsrufes. Es lag aramäisch redenden und 
des Hebräischen unkundigen Christen nahe. Es lag nahe zu denken, 
daß der Messias in höchster Not nach seinem Helfer gerufen habe, 
der ihm doch glatte Bahn machen sollte: Elias, Elias, wo bleibst 
du! um so näher, da man auch dadurch das anstößige von Gott 
verlassen sein los wurde. 

15, 38. Wie in 15, 33 die Sonne, so trauert hier der Tempel, 
indem er sein Kleid zerreißt. Der nächstliegende Grund wäre: 
wegen des Todes Jesu. Aber nach den klementinischen Rekognitionen 
(1,41) trauert er über seinen eigenen, nuti besiegelten Untergang 
oder über den Untergang der ganzen Stadt: lamentans excidium 
loco imminens. Und dieses Verständnis liegt auch der von Hieronymus 
mitgeteilten Lesung des Hebräerevangeliums zugrunde, wonach 
nicht der Vorhang des Tempel zerreißt, sondern die Oberschwelle 
zerbirst: superliminare templi fractum esse atque divisum. Daraus 
sieht deutlich die gewaltige Weissagung des Hirten von Thekoa 
hervor: „schlage den Säulenknauf des Tempels, daß die Schwellen 
beben", obwol eine Verwechslung von ÜD^Z (Vorhang) mit IHBD 
(Knauf) nicht angenommen werden darf, da von Knauf im Hebräer- 
evangelium keine Rede ist und das hebräische P^ID im aramäischen 
Grundtext unseres Marcus nicht gestanden hat. Das Bersten der 
Schwelle ist natürlich der erste Schritt zur Zerstörung des ganzen 
Baus, im Hebräerevangelium so gut wie bei Amos, in jenem außer- 
dem das Angeld der Erfüllung der Weissagung Jesu. 

15, 39. "Oit oüToi? ijsiivsüasv erklärt D: daß er so mit 
einem Schrei verschied. Ebenso Weiß: die außerordentliche Kraft, 
welche der Gekreuzigte noch beim Verscheiden in dem lauten Ruf 
zu erkennen gab, während sonst die Gekreuzigten an Entkräftung 
starben, machte auf den Heiden den Eindruck, daß er ein Gottes- 
sohn war. Einen so skurrilen Unsinn wird man doch dem Mc 
nicht zutrauen dürfen. Bei Mt und Lc wird der Hauptmann 
durch die Finsternis und das Erdbeben zu seinem Ausruf ver- 
anlaßt. Man kann nun aus dem oxi oütwc iJeTrvsoasv des Mc 
allerdings nicht leicht herauslesen: „daß er unter solchen Um- 
ständen verschied". Aber sonst wäre die ganze Aussage Mc. 15, 39 
unmotivirt, und sie ist als Abschluß unentbehrlich. Der Haupt- 
mann gebraucht den Ausdruck Sohn Gottes nicht wie der Hohe- 
priester (14, 61) als Epitheton des jüdischen Messias, sondern im 



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142 III. I>ie Passion. § 55—90. 

heidnischen Sinne; er sagt auch nicht der Sohn, sondern ein 
Sohn Gottes. 



§ 88. Mc. 15, 40. 41 (Mt. 27, 55. 56. Lc. 23, 49). 

Es schauten aber auch einige Weiber von ferne zu, da- 
runter Maria von Magdala, und Maria die Tochter des kleinen 
Jakobus und die Mutter des Joses, und Salome, *Mie ihn 
schon in Galiläa begleitet und bedient hatten, und viele andere, 
die mit ihm nach Jerusalem hinauf gegangen waren. 

Hier werden die Zeugen unter dem Kreuz angegeben, für das 
15, 28—39 Erzählte, oder vielmehr die Zeuginnen. Denn es sind 
Frauen, ebenso wie bei der Auferstehungsgeschichte. Bei dieser 
Gelegenheit kommt ganz hinterdrein der nicht gleichgiltige, freilich 
auch nicht sentimental und romantisch aufzubauschende Umstand 
zutage, daß Jesus schon in Galiläa auch Frauen im Gefolge ge- 
habt hat. Genannt werden drei, wie in 16, 1. Die anderen vielen 
scheinen ihn nicht schon in Galiläa, sondern erst nach Jerusalem 
hinauf begleitet zu haben. 

§ 89. Mc. 15, 42-47 (Mt. 27, 57-61. Lc. 23, 50-56). 

Und nachdem es schon Abend geworden, weil es Freitag 
war, der Tag vor dem Sabbat, *'kam Joseph von Arimathia, 
ein ehrenwerter Ratsherr, der auch das Reich Gottes erwartete, 
und wagte bei Pilatus einzutreten und um den Leichnam Jesu 
zu bitten. ** Pilatus aber wunderte sich, daß er schon gestorben 
sein sollte, und ließ den Hauptmann rufen und fragte ihn, ob 
er bereits tot sei. ^'^Und als er es von dem Hauptmann er- 
fahren hatte, gewährte er Joseph den Leichnam. *^Und er 
kaufte feine Leinewand, nahm ihn ab, hüllte ihn in die Leine- 
wand und setzte ihn bei in einer Grabkammer, die in den 
Fels gehauen war, und wälzte einen Stein vor die Tür der Grab- 
kammer. *^ Maria von Magdala aber und Maria die Tochter 
des Joses schauten, wo er beigesetzt war. 

15, 42. Ganz beiläufig und nachträglich erfahren wir hier, 
daß die Kreuzigung an einem Freitag geschah. Was das im Neuen 
Testament immer kausale iizei hier begründen soll, versteh ich nicht. 
Mit Eintritt des Sabbats, sagt man, sei die Kreuzabnahme und das 



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§90. Mc. 16, 1-8. 143 

Begräbnis unstatthaft gewesen und daher Gefahr im Verzuge. Aber 
die Sabbatsruhe tritt schon mit Sonnenuntergang in Kraft und 
b^ia^ ist niemals früher als Sonnenuntergang, meistens später. Vgl. 
zu 15,46. 

15.43. Joseph von Arimathia, der Ratsherr von Jerusalem, 
überrascht durch seine plötzliche Erscheinung. Darf man sich zur 
Erklärung darauf berufen, das die evangelische Überlieferung unser 
Interesse für das s. g. Milieu nicht teilt, daß sie vieles, worauf wir 
großen Wert legen würden, weiß, aber nicht geflissentlich, sondern 
nur zufällig mitteilt? Das Warten auf das Reich Gottes ist bei 
Joseph spezifisch christlich gemeint und bedeutet, daß er hoffte, 
Jesus würde es herbeiführen 

15. 44, 45. Jesus ist schon um drei Uhr nachmittags ge- 
storben, aber noch am Abend, ein paar Stunden später, weiß 
Pilatus nichts davon und wundert sich darüber. Der Hauptmann 
muß persönlich erscheinen. 

15.46. Über dem Besuch bei Pilatus, dem Herbeiholen des 
Hauptmanns, und den Vorbereitungen zur Bestattung muß der 
kirchliche Sabbat längst eingetreten sein. Es ist also nichts mit 
dem Verbot des Begräbnisses am Sabbat, von dem die Exegeten 
zu 15,42 reden. Ein solches Verbot wäre auch in dem heißen 
Palästina ziemlich unausführbar gewesen. Daß ein Nichtverwandter, 
noch dazu ein Hingerichteter, in ein Familiengrab aufgenommen 
wird, ist sehr ungewöhnlich und hochherzig. 

15.47. Maria heißt nicht die Mutter, sondern die Tochter 
des Joses (andere darf man nicht übersetzen), im Widerspruch zu 
16, 1. 15, 40. Freilich lesen D und Syra S. auch hier Mapia 'laxwßoo, 
wie an den beiden anderen Stellen. Vgl. zu 16, 1. 

§ 90. Mc. 16, 1-8 (Mt. 28, 1-10. Lc. 24, 1-11). 

Und als der Sabbat vorüber war, kauften Maria von 
Magdala und Maria die Tochter des Jakobus und Salome Bal- 
sam, um hinzugehn und ihn zu salben. 'Und sehr früh am 
ersten Tage der Woche kamen sie an das Grab, als die Sonne 
aufging. ^Und sie sprachen bei sich: wer wird uns den Stein 
abwälzen von der Tür des Grabes? *Und wie sie aufblickten, 
wurden sie gewahr, daß der Stein abgewälzt war — er war 
aber sehr groß. *Und als sie in das Grab eintraten, sahen 



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144 in. Die Passion. §55-90. 

sie rechts einen Jüngling sitzen in weißem Gewand, und sie 
erschraken. ^Er aber sprach zu ihnen: Erschreckt nicht, 
Jesum sucht ihr, den gekreuzigten Nazarener — er ist auf- 
erstanden, er ist nicht hier, seht da die Stätte, wo er gelegen 
hat. ^Aber geht hin, sagt zu seinen Jüngern und zu Petrus: 
er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen, 
wie er euch gesagt hat. ^Und sie gingen hinaus und eilten 
fort von dem Grabe, denn Zittern und Entsetzen hatte sie er-: 
faßt. Und sie sagten keinem etwas, denn sie fürchteten sich. 
16, 1 stimmt in der Lesung der Vulgata nicht mit 15, 47. 
Es hilft nichts, mit D und Syra S. [dort Mctpta 'lotxwßoü zu lesen, 
wenn man nicht zugleich mit Mt die Differenz der Zahl beseitigt. 
Nun aber stehn die Perikopen § 89 und 90 in allerengstem Zu- 
sammenhang. Und insbesondere gilt dies von den beiden dicht 
aufeinander folgenden Versen 15, 47 und 16, 1. Sie dürfen nicht 
kollidiren. In D 16, 1 fehlen mit Recht die hier nach 15, 47 völlig 
überflüssigen Subjekte, und zugleich die Zeitangabe am Anfang, 
die den bösen Schein beseitigen soll, als hätten die Frauen wol 
gar am Sabbat eingekauft. Wenn nun damit die notwendige 
Harmonie zwischen 16,1 und 15,47 hergestellt ist und das wahre 
Subjekt beiderorts die beiden Marien sind, Maria von Magdala und 
Maria Josetis, so tritt jedoch die Verschiedenheit der Angabe 15,40 
(aus der die Vulgata 16, 1 interpolirt ist) um so stärker hervor. 
Der Redaktor scheint dort zwei Varianten des Patronyms der anderen 
Maria (wie sie bei Mt heißt) zusammengestellt zu haben. Nach 
der einen war Jakobus, nach der anderen Joses ihr Vater. Er 
glättete die Unebenheit dadurch, daß er Maria Josetis, gegen den 
üblichen Sprachgebrauch, als Maria die Mutter des Joses auf- 
faßte. — Darauf, daß nach §70 die Salbung nicht in Wirk- 
lichkeit, sondern nur symbolisch vollzogen wird, ist bereits auf- 
merksam gemacht. Die Salbung einer bereits eingewickelten und 
beigesetzten Leiche ist in der Tat ein kühner Gedanke der Frauen. 
16,3. Daß der Stein sehr groß war, steht in der Vulgata 
hinter 16, 4, in D nur scheinbar passender hinter 16, 3. Man weiß 
sich nicht recht vorstellig zu machen, wie eine seitwärts in den 
Fels gehauene Grabkammer, deren Eingang noch dazu üblicher- 
weise ziemlich hoch über dem Erdboden lag, mit einem Stein 
geschlossen werden konnte. Der Stein ist vielmehr der Verschluß 
eines Brunnens, d. h. eines Schachtes. So in Gen. 29, und diese 



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§90. Mc. 16,1— 8. 145 

Erzählung wird wol in die unsrige eingespielt und einen Zug hinein- 
gebracht haben, der für eine Grabkammer eigentlich nicht paßt. 

16, 4. Der Stein ist abgewälzt — er war aber sehr groß. Da- 
mit ist alles gesagt. Denn der Auferstandene hat ihn abgewälzt, 
indem er durch die verschlossene Tür durchbrach. Mc läßt die 
Auferstehung nur durch diese Wirkung erkennen, die man sah; er 
macht nicht den geringsten Versuch, den Vorgang selber anschau- 
lich zu beschreiben, den niemand sah. Das ist nicht nur bescheiden, 
sondern auch fein, und eindrucksvoll für den, der auf Leises zu 
achten weiß. Gleichwol ist es der erste schüchterne Versuch, über 
die Erscheinungen des Auferstandenen in Galiläa hinauszugehn. 

16, 5. 6. Die Frauen sehen nur den Stein und den Jüngling, 
der ihnen erklärt, was für eine Bewandtnis es damit hat. Die 
Auferstehung gehört schon der Vergangenheit an, die Zeitangabe, 
Sonntags beim Morgengrauen, gilt nicht für sie. Doch liegt es 
nahe anzunehmen, daß auch sie am dritten Tage geschehen sein 
soll. Dieser Termin stimmt zu Mt und Lc, weicht aber ab von 
dena bei Mc sonst angegebenen: nach drei Tagen; vgl. zu 8,31. — 
Der Ort, wo er gelegen hatte, war eine Seitennische. Man pflegte 
die Leichen in Nischen an den Wänden der Grabkammer beizusetzen. 

16, 7. Die Frauen erhalten zwar die erste authentische Kunde 
von dem Auferstandenen, das erste Sehen seiner sichtbarlichen Er- 
scheinung wird aber Petrus und den Jüngern vorbehalten, und 
zwar geschieht es in Galiläa. Das stimmt mit der Weissagung 
14, 28, auf die der Engel verweist. Aber in dem Zusammenhang 
von 14, 28 fliehen die Jünger voll Furcht aus Jerusalem nach 
Galiläa. Hier dagegen kann man nur verstehn, daß sie erst nach 
der Auferstehung auf ausdrückliche, den Frauen von dem Engel 
aufgegebene Bestellung nach Galiläa gehn, eben zu dem Zweck, 
um den Auferstandenen dort zu sehen. Die schimpfliche Flucht 
der Jünger aus Jerusalem wird also beseitigt und der Übergang 
gemacht zu der Vorstellung, die später, namentlich in der Apostel- 
geschichte, herrschend geworden ist und schließlich dazu geführt 
hat, die Apostel überhaupt in Jerusalem bleiben zu lassen. 

16, 8. Den Jüngern müssen die Weiber doch nach 16, 7 
Meldung gemacht haben; vor ihnen, sollte man denken, brauchten 
sie auch keine Furcht zu haben. Aber es heißt völlig uneingeschränkt: 
sie sagten niemand nichts! Der Widerspruch liegt auf der Hand, 
ist aber wol, da 16, 8 als Schluß unentbehrlich ist, unbewußt 

We 11 h a u s e 11 , Evang. Marci. 10 



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146 ni. Die Passion. § 55—90. 

von dem Verfasser selber begangen. Er will erklären, daß dieser 
Auferstehungsbericht der Frauen erst nachträglich bekannt wurde. 
Paulus weiß in der Tat noch nichts davon. 

Mit 16, 8 endet das Evangelium Marci. Die meisten Ausleger 
sind damit nicht zufrieden und nehmen an, daß der Verfasser an 
der Vollendung seiner Schrift verhindert oder daß ursprünglich noch 
mehr gefolgt sei, was später aus irgend welchen Gründen der Zensur 
zum Opfer fiel. Sie haben 16, 4 nicht verstanden. Es fehlt nichts; 
es wäre schade, wenn noch etwas hinterher käme. Zwar kann man 
vielleicht vermuten, daß hier ursprünglich von der Erscheinung 
des Auferstandenen in ähnlicher Weise berichtet gewesen sei, wie 
in § 45. Aber eine solche Erscheinungsgeschichte könnte nur an 
Stelle der jetzigen Auferstehungsgeschichte gestanden haben und 
nicht auf sie gefolgt sein. Denn die letztere nimmt ihre Bedeutung 
vorweg. Die Erscheinung Jesu verliert ihre Pointe, wenn seine 
Auferstehung den Jüngern schon vorher bekannt war und dadurch 
nur nachträglich bestätigt werden sollte. 



Berichtigung. 

Die Worte so schwer wie ein Kamel durch ein Nadelohr geht 
S. 87 Z. 3 sind versehentlich hinzugefügt und zu streichen. Das unwillkür- 
liche Versehen zeigt aber, daß 10, 24 allein nicht ausreicht, um die notwendige 
Steigerung deutlich herauszubringen. Die Umstellung von 10, 24 und 10, 25 
genügt also nicht. Wenn man nun die hergebrachte Reihenfolge beibehält, 
so bleibt nichts übrig, als die zweite Hälfte von 10, 25, ebenso wie 10, 30, 
einer redigirenden Hand zuzuschreiben, welche die in Wahrheit unbeschränkte 
Aussage (10, 24 s.) nach 10, 23 eingeschränkt hat, aus nahe liegenden Gründen. 
Vgl. D 10, 24. — Daß 10, 28—31 ein Anhang ist, hätte ich nicht unterlassen 
dürfen zu sagen. 



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