Skip to main content

Full text of "Das Geld"

See other formats


^ 



OF 

n\oHro 

iltJRARY 



m 



-. 'UtiSti 



V. < ■ 



il 



Verlag von C. L. Hirschfeld« Leipzig. 



Qraiidcahl (U/.) X SchlQgsolzaitl =s Ladenpreis. 
ScblaBael/.ahl des BOrarnverelii. 

Hand- u. Lehrbuch der Staatswissenschaften 

in selbstäudigen Bänden, begründet von weil. Dr. Kuno Frankenstein, 
fortgesetzt von weil. Dr. Max von Heckel. 

Bis jetzt sind er.schienen: 

I. Abteilung: Volkswirtschaftslehre. 

Lehr, weil. Prof. Dr. Julius, Die Grundbegriffe der Nationalökonomie. 2. Aufl. vou Pri)f. 
Dr. Max von Heckel Gz broscb. 7 

Oncken, weil. Prof. Dr. August, Geschichte der Nationalökonomie. I. Teil: Die Zeit vor 
.\dam Smith. :<. Auflage Gz broscb. 14 

Adler, weil. Prof. Dr. G., Geschichte des Soziaiismus und Kommunismus von Plato bis 
zur Gegenwart. I Teil. 3. Aiift. Gz broscli. 7 

Lehr, weil. Prof. Dr. Julius und Frankenstein, weil. Dr. Kuno, Produktion und Konsum- 
tion in der Volkswirtschaft Gz broscb. ü 

Kleinwächter, k. k. Hofrat, Prof Dr. Friedr., Das Einkommen und seine Verteilung 

Gz broscb. 7 

Fircks, A. Freiherr von, Geh. Regieningsrat, Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik 

Gz broscb. !♦ 

van der Borght, Dr. R., Präsident a. D. des Kaiserl. Statistischen Amts. Das Verkehrs- 
wesen. 2. Aufl Gz broscb. 15 

Helfferich, Prof. Dr. K., Staatsminister a. D., M. d. R., Geld und Banken. I.Teil: 
Das Geld. 6. Aufl Gz broscb. 20 

Schwappach, Forstmeister, Prof. Dr. A., Forstpolitik, Jagd- und Fischereipolitik 

Gz broscb. 7,5 

Arndt, Geh. Oberbergrat. Prof. Dr. A., Bergbau und Bergbaupolitik . . . . Gz broscb. 5 

Stephan, r>r. R., kaiserl. Regierungsrat und Schmidt, Paul, Rechtsanwalt, Der Schutz 
der gewerblichen Urheberrechte des In- und Auslandes .... Gz broscb. lo 

Frankenstein, weil. Dr. Kuno, Der Arbeiterschutz, seine Theorie und Politik 

Gz brosch. 8,5 

van der Borght, Dr. R., Präsident a. D. des Statistischen Amts, Grundzüge der Sozial- 
politik. 2. Auflage Gz brosch. 15 

- Handel und Handelspolitik. 3. Auf! Gz brosch. 15 

Brämer, H., V'erbaudssckretär und Brämer, Geh. Regiernngsrat K., Das Versicherungs- 
wesen. (Vergriffen.) 

Zimmermann, Dr. A., Kaiserl. Legationsrat a. D., Kolonialpolitik .... Gz broscb. 9 

II. Abteilung: Finanzwissenschaft. 
Vocke, Dr. W., kaiserl. Geh. Oberrechnungsrat a. D., Die Grundzüge der Finanzwissen- 
schaft, [z. Zt. vergriffen.) 
Schäffle, 1». A., k. k. Minister a. D, Die Steuern. Allgeni. Teil. . . . Gz. broscb. 8 

— Die Steuern. Besonderer Teil Gz brosch. 12 

von Heckel, weil. Prof. Dr. M., Das Budget . Gz brosch. 7 

Kaufmann, weil. Geh. Reg. -Rat, Prof. Dr. R., Die Kommunalflnanzen . . . (W. broscb. It» 

111. Abteilung: Staats- und Verwaltungslehre. 

Schmidt, Prof. Dr. R., Geh. Hofrat, Allgemeine Staatslehre 

I. Bd. Die gemeinsamen (Trundhigcn des politischen Lebens, (z. Zt. vergriffen.) 
II. Bd. Die verschiedeneu Formen der Staatsbildung. 

1. Die älteren Staatsgebilde Gz broscb. 12 

y Die Entstehung der modernen Staat(>nwelt .... (iz iiroscb. 12 
Petersilie, Dr. A., Prof. u. Mitgl. d. kgl. preiiÜ. statist. Bureaus in Berlin, Das öffentliche 

Unterrichtswesen. M Bände Gz brosch. 15 

Rapmund, l'i , Retricruugs- und (teh. Medizinalrat, Das öffentliche Gesundheitswesen. 

Allgemeiner Teil Gz broscb. 7 

Besonderer Teil Gz brosch. 15 

Einbände werden besonders berechnet. - Jeder Band ist einzeln käuflich. 

)' r c i • ft n <i e r u n K <* ■■ v <i r l> e h ii I t o n. 



HAND- UND LEHRBUCH 

DER 

STAATS WISSENSCHAFTEN 

IN SELBSTÄNDIGEN BÄNDEN 

BEARBEITET VON 
weil. Prof. Dr. G. Adler in Kiel, Geh. Oberbergrat Prof. Dr. A. Arndt in Königsberg, 
Kaiserl. Präsident a. D. Dr. R. van der Borqht in Berlin, Geh. Reg.-Rat K. Brämer 
in Berlin, weil. Verbaudssekr. H.Brämkr in Merseburg, weil. Geh. Reg.-Rat A.Freiherr 
V. FiRCKS in Berlin, weil. Doz. Dr. K. Frankknstein in Berlin, Prof. Dr. C. Grünbero 
in Wien, weil. Prof. Dr. M von Heckel in Münster, Prof. Dr. K. Helfferich, Staats- 
minister a. D., ^l. d. R. in Berlin, weil. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. R. von Kaufmann in 
Berlin, k. k. Hofrat Prof. emer. Dr. F. von Kleenwächter in Czernowitz, weil. Prof. 
Dr. J. Lehr in München, weil. Bibliothekar Dr. P. Lippert in Berlin, weil. Prof. Dr. 
A. ONCia-:N in Schwerin in M., weil. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. A. Petersilie in Berlin, 
Regierungs- und Geh. Medizinalrat Dr. 0. Rapmund in Minden i. W., weil. k. k. 
Minister D. A. Schäfkle in Stuttgart, Geh. Hofrat Prof. Dr. R. Schmidt in Leipzig, 
Forstmeister Prof. Dr. A. Schwappach in Eberswalde, weil. Kaiserl. Geh. Reg.-Rat 
Dr. R. Stepuhan in Berlin, weil. Justizrat Rechtsanwalt Paul Schmid in Berlin, Prof. 
Dr. K. Thiess in Danzig-Langfuhr, weil. Kaiserl. Geh. Oborrechniingsrat a. D. Dr. 
W. VocKE in Ansbach, Kaiserl. Legationsrat a. D. Dr. A. Zimmermann in Berlin. 

BEGRÜNDET VON KUNO FRANKENSTEIN 

FORTGESETZT VON 

MAX VON HECKEL 



Erste Abteilung: Volkswirtschaftslehre VIII. Band 
GELD UND BANKEN 

L TEIL: DAS GELD 

von 

DR. KARL HELFFERICH 

Sechste, neubearbeitete Auflage 



LEIPZIG 

VEKLAG VON C. L. HIKSCHFELD 

1928 



1 



'AI'Mfi 



DAS GELD 



Von 



KARL HELFFERICH 



Sechste, neabearbeitete Auflage 







LEIPZIG 

VERLAG VON C. L. HIHSCHFELÜ 

1923 



Alle Rechte vorbehalten. 



Copyright, 1923, by C. L. Hirscbfeld, Leipzig-. 



Itrnck ▼on C. Schulze <t Co., G. m. b. H., Grftfenhainlchen. 
Printed in Oermany. 



yamaBy 



Vorwort zur sechsten Auflage. 

Als ich im Jahre 191U die zweite Auflage dieses Buches bearbeitete, 
konnte ich feststellen, daß in den seit der Ausgabe der ersten Auflage 
verflossenen sieben Jahre die Weiterentwicklung der tatsächlichen Ver- 
hältnisse auf dem Gebiete des Geldwesens sich im großen Ganzen 
innerhalb der seit längerer Zeit feststehenden Bahnen bewegt hatte, daß 
aber auf dem Gebiet der Geldtheorie ein wichtiges Ereignis, das P2r- 
scheinen des Werkes von G. F. Knapp über die „Staatliche Theorie 
des Geldes" eine teilweise Neubearbeitung einzelner Abschnitte nötig 
gemacht hatte. 

Heute ist die Lage umgekehrt. Die zwölf Jahre seit der Neu- 
bearbeitung meines Buches haben zwar die umfangreiche Literatur des 
Geldwesens weiter erheblich vermehrt und im Einzelnen manche wert- 
volle Bereicherung der Geldlehre gezeitigt; wichtiger aber als die 
Fortschritte der Theorie sind dieses Mal die durch den Weltkrieg ver- 
ursachten gewaltigen Aenderungen sowohl des Geldwesens der einzelnen 
Länder als auch der internationalen Geldverfassung. 

Die durch den Krieg ausgelöste Entwicklung ist noch im Fluß. 
Gleichwohl habe ich geglaubt, jetzt nicht abermals, wie bei der dritten, 
vierten und fünften Auflage, einen bis auf den statistischen Anhang un- 
veränderten Neudruck herausgeben, sondern eine die neuere Entwicklung 
berücksichtigende Neubearbeitung vornehmen zu sollen. Die Neu- 
bearbeitung hat mich weiter geführt, als ursprünglich in meiner Ab- 
sicht lag. Es hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, dem Werke 
einige ganz neue Abschnitte einzufügen: dem historischen Teil ein 
7. Kapitel, das „die Entwicklung des Geldwesens seit dem Ausbruch 
des Weltkrieges*' behandelt, dem theoretischen Teil ein 13. Kapitel, 
das sich mit der „Gestaltung des Geldwertes von 1850 bis zur 
Gegenwart" befaßt. 

Ich habe mit diesen neuen Kapiteln zum ersten Male eine um- 
fassende systematische Darstellung der gewaltigsten L'^niwälzung versucht, 
die jemals auf dem Gebiete des Geldwesens der Welt eingetreten ist. 

Aber die Neubearbeitung konnte sich nicht auf die lOrweiterung 
des Buches durch diese neuen Kapitel beschränken. Die sich aus den 
Erfahrungen der letzten Jahre ergebenden Erkenntnisse mußten die 
gesamte Darstellung der Theorie des Geldes durchdringen, die durch 
die lievolutionierung des (teldwesens aufgeworfenen Probleme volks- 
wirtschaftlicher und rechtlicher Natur in das .System der Geldlehre hin- 
eingearbeitet und am gegebenen l'latze behandelt werden. 



YJ Vorwort. 

Dem Werke in seiner neuen Gestalt gebe ich den Wunsch mit 
auf den Weg, daß es sich in den Kreisen der Theorie und Praxis das 
Interesse, das es in seinen früheren Auflagen während zweier Jahr- 
zehnte gefunden hat. neu gewinnen und daß es zur Vertiefung der Er- 
kenntnis auf einem Gebiet beitragen möchte, dessen zentrale Wichtigkeit 
nicht nur für die \'olkswirtschaftslehre, sondern auch für das ganze 
wirtschaftliche Leben durch die Ereignisse seit dem Ausbruch des 
Weltkrieges für jedermann eindringlicher denn je zuvor klar gemacht 
worden ist. 

Berlin, im Mai 1923. 

Karl Helfferich. 



Vorwort zur ersten Auflage. 

Ein zusammenfassendes Werk über das Geld bedarf zu seiner 
Rechtfertigung kaum eines Begleitwortes. Die Entwicklung des Geld- 
wesens während der letzten Jahrzehnte hat eine Reihe neuer Probleme 
in Erscheinung treten lassen und auf manches alte Problem ein neues 
Licht geworfen. Die Literatur über Einzelfragen des ganzen großen 
Gebietes ist unter den Eindrücken dieser Entwicklung nahezu ins 
Unübersehbare angewachsen. Ich selbst habe während einiger Jahre 
meinen bescheidenen Teil zu dieser Literatur beigetragen, und der 
Wunsch nach einer alle Seiten des Geldproblems behandelnden Dar- 
stellung ist bei mir, je mehr ich mich mit dieser Materie beschäftigte, 
desto mehr zu dem Bedürfnis geworden, die Ergebnisse meiner eignen 
Studien in einer solchen Darstellung zusammenzufassen. Ich habe 
deshalb, als mir der Herausgeber und der Verleger des Hand- und 
Lehrbuches der Staats Wissenschaften gegen Ende des Jahre 1898 vor- 
schlugen, die Bearbeitung der Bände über das Geld und die Banken 
zu übernehmen, diesen Vorschlag bereitwilligst angenommen. 

Freilich bin ich bei der Ausführung des verlockenden Gedankens 
auf größere Schwierigkeiten — äußere und innere — gestoßen, als ich 
erwartet hatte. Bald nach der Uebernahme der Arbeit war ich durch 
gesundheitliche Gründe genötigt, längere Zeit außerhalb Deutschlands 
und fern von anstrengender Tätigkeit zuzubringen. Dann wiesen mich 
wissenschaftliche Interessen und meine Laufbahn auf handeis- und 
kolonialpolitische Fragen hin; als ich im Oktober 1901 in die Kolonial- 
Abteilung des Auswärtigen Amtes berufen wurde, war der Band über 
daa Geld zum größeren Teil fertiggestellt, aber seine Vollendung 
mußte bis zu meinem Herbsturlanb im Jahre 1902 vertagt werden. 
Dazu kam, daß ich die Aufgabe selbst beträchtlich unterschätzt hatte. 



Vorwort, \'ll 

Es zeigte sich, daß die abgerundete uud alle Teile eines großen 
Gebietes gleichmäßig durchdringende Darstellung, auch wenn man den 
Stoff mit einiger V^ollständigkeit zu beherrschen glaubt, eine große 
Arbeitsleistung erfordert; eine Anzahl von Einzelfrageu, an denen man 
bisher vorbeigegangen ist, bleibt noch zu ergründen, eine Anzahl von 
Brücken zwischen Teilgebieten bleibt noch zu schlagen, und vor allem 
erfordert es Zeit und nochmals Zeit, bis man die eigne Kleinarbeit 
innerlich hinreichend überwunden hat, um ihre Ergebnisse richtig 
bewertet und am richtigen Ort in den großen Zusammenhang einreihen 
zu können. 

Der vorliegende Band erfordert seiner Natur nach eine Ergänzung 
durch eine Darstellung des Bankwesens. Obwohl ich mich auch mit 
dieser Materie eingehend befaßt und sie seit Jahren zum Gegenstand 
von Vorlesungen gemacht habe, bin ich nach den bei der nunmehr 
abgeschlossenen Arbeit gemachten Erfahrungen und bei den großen 
Ansprüchen, welche meine Tätigkeit in der Kolonialverwaltung und 
meine Vorlesungen an meine Arbeitskraft stellen, nicht imstande, einen 
Termin für das Erscheinen des zweiten Bandes festsetzen zu können. 
In Rücksicht darauf sind die unmittelbar mit dem Geldwesen in Zu- 
sammenhang stehenden Fragen des Kredit- uud Bankwesens in dem 
ersten Bande soweit mitbehandelt worden, daß dieser für sich allein 
ein geschlossenes Ganzes darstellt. 



Berlin, Anfang April 1903. 



Karl Helfferich. 



Vorwort zur zweiten Autlage. 

In den sieben Jahren, die seit dem Erscheinen dieses Buches ver- 
flossen sind, hat sich manches ereignet, was eine unveränderte Neu- 
aasgabe nicht angängig erscheinen ließ. 

Zunächst hat die Weiterentwicklung der tatsächlichen Verhältnisse 
auf dem Gebiete des Geldwesens eine Fortführung der historischen und 
statistischen Darstellung erforderlich gemacht. 

Wichtiger als die Gestaltung der Tatsachen, die sich im großen 
Ganzen innerhalb der bereits seit längerer Zeit feststehenden Bahnen 
bewegte, ist ein Ereignis auf dem Gebiete der Geldtheorie: G. F. 
Knapp 8 im Jahre 1905 ausgegebenes Buch „Die Staatliche Theorie 
des Geldes''. Das Werk bedeutet, soweit die Analyse des staatlichen 
Geldwesens in Betracht kommt, einen entscheidenden Fortschritt in der 
Wissenschaft vom (lelde. V.8 gab dem Verfasser insbesondere Anlaß 
zu einer teilwei^en Neubearbeitung des von der Geldverfassuug handeln- 



yill Vorwort. 

deu 111. Abschnitts des zweiten Buches. Auch da, wo die Auffassungen 
Knapps abtrelehnt werden mußten, erschien vielfach eine Ausein- 
andersetzung mit ihnen unabweisbar. Uebereinstimmung und Gegen- 
sätzlichkeit werden sich also aus der vorliegenden Neubearbeitung, wie 
ich glaube, mit hinreichender Klarheit ergeben. 

Schließlich konnte die zweite Auflage nicht unbeeinflußt davon 
bleiben, daß der Verfasser seit dem Erscheinen der ersten Auflage in 
engere Berührung mit der Praxis des Geldverkehrs gekommen ist. 
Wenn sich auch aus den praktischen Wahrnehmungen keine wesent- 
lichen Korrekturen der Grundanschauungen ergaben, so hat doch hier 
und dort das Bild der Zusammenhänge eine deutlichere Ausprägung 
erfahren. 

Ein baldiges Erscheinen des zweiten Bandes, enthaltend die 
Darstellung des Bankwesens, kann ich leider bei der völligen Inan- 
spruchnahme meiner Zeit durch meine .Berufsgeschäfte nicht in Aus- 
sicht stellen. 

Berlin, im Juli 1910. 

Karl Helffericb. 



Inhalt. 

Seite 

Einleitung 1 

Erstes Buch. Ciescliichtlicher Teil. 

I. Abscbnltt. Die Enti>iokIaiigsgoscbichte des Geldes und der 

Geldsysteme. 

1. Kapitel. DieEntstehungdesGeldes 6 

§ 1. Das fundamentale Unterscheidungsmerkmal von Geld und 
Ware 5. — § 2. Die rationalistische Erklärung der Entstehung des 
Geldes 7. — § 3, Die Ergehnisse der geschichtlichen Forschung über den 
Ursprung des Geldes 8. — § 4. Die Edelmetalle als allgemeines Taiisch- 
mittcl 18. — § 5. Die Erfindung der Münze 22. — § 6. Die Steigerung 
dor Verwendharkeit der Edelmetalle zu Geldzwecken durch die Münz- 
prägiang 26. — § 7. Die Verkörperung der Geldfunktion in der Münze 27. 
— i; 8. Der Staat und die Münzprägung 30. — § 9. Die Ausgestaltung 
des Geldbegriffs aufgrund der Münze 32. 

2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme . 36 

§ 1. Die Münzsorteu 36. — § 2. Das Sortengeld 41, — § 3. Das 
Problem der Einrichtung von Münzsystemen 46. — § 4. Die Schwankungen 
des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber 52. — § 5. Doppel- 
währung und Parallelwähruug 53. — § 6. Die Entstehung der Gold- 
währung 58. — § 7. Die Papierwährung 64. — § 8. Metallische 
Währungen mit gesperrter Prägung 72. — § 9. Die Bedeutung der von 
der metallischen Grundlage losgelösten Währungen in der Entwicklungs- 
geschichte des Geldes 76. 

II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetall- und Wäbrnngs- 

verbältnisse seit der Entdecknog Amerikas. 

N'orberaerkung 79 

3. Kapitel. Edelmetallproduktiou und Wertver- 
hältnis 80 

§ 1. Allgemeines über die Statistik der Edelmetallproduktion 80. — 
t? 2. Allijemoine Übersicht über die Entwicklung der Produktion von 
(4old und Silber 82. — § 3. Die Goldproduktion von 1493 bis zur 
(tegenwart 86. — § 4. Die Silberproduktion von 1492 bis zur Gegen- 
wart 97. — § 5. Das Wertverhältnis von Gold und Silber 107. 

4. K a p i t e 1 . Die W a n d I u n ^' e ii im m o ii e t ä r e n Ge- 
brauche der Edelmetalle von 1493 bis zur Mitte 

d e 8 19. J a h r h u n d e r 1 8 . . . 112 

i? 1. Die Entwicklung von der Entdeckung,' Amerikas bis zum Ende 
des 18. .[ahrliiin<lorts 112. — S 2. Di.' Kiitwicklnntr l'i*« zu den kali- 



X Inhalt 

Seite 

foruiscben Goldfundeu 120. — § 3, Die kalifornischen und australischoa 
Goldfande und ihre Wirkung auf den Edelmetallmarkt 129. — § 4. Die 
Ausdehnung des Goldumlaufs und ihre Rückwirkung auf den Wert der 
Edelmetalle 130. — § 5, Die Maßregeln der Doppelwährungsländer zur 
Erhaltung eines ausreichenden Silberumlaufs 133, — § 6, Weltmünzbund 
und internationale Währungsfrago 135. 

5. Kapitel. Die deutsche Geldreform 140 

§ 1. Der Zustand des deutschen Geldwesens vor der Reform 140. 

— § 2. Die Reformbestrebungen 143. — § 3. Die Bedeutung des fran- 
zösischen Krieges und der Reichsgründung für die Müuzfrage 146. — 
§ 4. Die Einstellung der preußischen Silberprägungen 147. — § 5. Die 
Reformgesetzgebung 149. — § 6. Die Durchführung der Geldreform 159. 

6. Kapitel. Die Ausbreitung der Goldwährung 
und die S il b er en t w er tun g von der deutscheu 
Geldreform bis zur Gegenwart 165 

§ 1. Die Gestaltung der internationalen Währungsverfassung in den 
70er Jahren des 19, Jahrhunderts 165. — § 2. Die währungspolitische 
Entwicklung von 1879 bis 1893 171. — § 3. Die Ursachen der Silber- 
entwertung 177. — § 4. Die währungspolitische Entwicklung von 1893 
bis zum Weltkrieg 186. 

7. Kapitel. Die Entwicklung des Gel d wesens seit 
dem Ausbruch des Weltkrieges lt^4 

§ 1. Die Erschütterung des Geldwesens durch den Weltkrieg 194. 

— § 2. Schutz und Stärkung der nationalen Goldbestände 195. — § 3. 
Die Neutralen: Vom Schutz des Goldes zum Schutz gegen das Gold 200. 

— § 4. Zahlungsmittelkrisis und Papiergeld 203. — § 5. Das Papiergeld 
als Mittel der Kriegführung 207. — § 6. Die Inflation bei den Neu- 
tralen 218. — § 7. Das Geldwesen in der Nachkriegszeit 219. ^ § 8. 
Das Wertverhältnis von Geld und Geldmetall im Kriege und in der 
Nachkriegszeit 228. — a) Das Wertverhältnis von Geld und Gold 231. — 
b) Der Silberpreis 236. — § 9. Die Erschütterung der intervalutarischen 
Beziehungen 241. 



Zweites Buch. Theoretischer Teil. 

I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnnngr. 

1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff de« 
Geldes 257 

§ 1. Allgemeines über die Definition des Geldes 259. — § 2. Die 
Stellung des Geldes im Organismus der Volkswirtschaft 260. — § 3. An- 
wendung der Begriffsbestimmung des Geldes auf seine einzelnen Er- 
scheinungsformen 267. 

2. Kapitel. Die V er k ehrs o bj e k te und Verkehrs- 
vorgänge 272 

§ 1. Die Verkehrsobjekte ü7u. — § 2. Die Verkehrsvorgänge 274. — 
§ 3. Tausch, Zahlung und Kapitalübertragung 278. 

3. Kapitel. Die Einzelfuuktionen des Geldes . 283 

§ 1. Aufzählung der Funktionen des Geldes 283. — § 2. Die Funktion 
als allgemeines Tauschmittel 285. — § 3. Die Funktion als allgemeines 
Zahlungsmittel 290. — § 4. Die Funktion als Vermittler von Kapital- 
übertragungen 295. — § 5. Die Funktion als allgemeiner Wertausdruck 



I 



Inhalt. XI 

Seite 

297. — § 6. Die Funktion als Wertträger durch Zeit und Raum (Wert- 
bewahrungs- und Werttrausportniittel) 311. — § 7. Zusammenfassung 317. 

II. Abschnitt. Das Geld in <ler Reclitsordnung, 
4. Kapitel. Der juristische Geldbegriff . . . . 32(» 

§ 1. Das Verliältnis des volkswirtschaftliebeu und des rechtliclieu 
Geldbegriffs 320. — § 2. Der allgemein-rechtlicho Geldbegriff 321. — 
§ 3. Die Sonderstellung des Geldes in der Eigenturaslebre 324. — § 4. 
Weitere Sonderbestimmungen über das Geld 327. — § 5. Der Geldbegriff 
im Institut des Kaufes und des Wechsels 330. — § 6, Die Abgrenzung 
des allgemein-rechtlichen Geldbegriös 332. — § 7. Die rechtlich bedeut- 
samen Fiinkticnen des Geldes 334. — § 8. Das Geld im engeren recht- 
lichen Sinne 341. 

».Kapitel. Der Inhalt der Geldschulden. . . . :?51 

§ 1. Das Problem des Inhalts der Geldschulden 351. — § 2. Die 
verschiedenen Theorien über den Inhalt der Geldschulden 356. — § 3. 
Kritik der Metall- und Kurswerttheorie und Begrüuduug der Nennwert- 
theorie 360. — § 4. Die Erschütterung der Nennwerttheorie durch die 
Geldentwertung 366. — § 5. Die Bedeutung von Vertragsabreden im 
Falle von Änderungen im Geldwesen 372. — § 6. Das Nennwertsverhältnis 
zwischen altem und neuem Gelde 380. 

6. Kapitel. Das Geld im öffentlichen Rechte . 386 

§ 1. Münzhoheit und Münzprägung 385. — § 2. Die öffentlich-recht- 
lichen Wirkungen der Ausübung der Münzhoheit 390. — § 3. Die 
öffentlich-rechtlichen Wirkungen der Beilegung der Geldeigenschaft an 
ein Geld fremden Gepräges 396. 

III. Abschnitt. Die ßeldverfassnug. 

7. Kapitel. Die Erfordernisse des Geldes . . . 402 

§ 1. Vorbemerkung 402. — § 2. Die allgemeinen Erfordernisse des 
Geldes 402. — § 3. Die Voraussetzungen für den vorwiegenden Gebrauch 
der verschiedenen Geldstoffe 403. — § 4. Das Bedürfnis nach Geldstücken 
in verschiedener Wertgröße 407. — § 5. Technische und ästhetische Er- 
fordernisse 409. — § 6. Das Erfordernis der Einheitlichkeit des Geld- 
wesens 411. 

S.Kapitel. Die Geldsysteme 411 

I. Teilabschnitt. Die Währungssysteme und ihre Einteilung . 412 

§ 1. Der Begriff der Währung 412. — § 2. Gebundene und freie 
Währung 413. — § 3. Die Unterarten der gebundenen Währung 416. — 
J? 4. Die Unterarten der freien Währung 418. — § 5. Die Unterscheidung 
der Wähningssysteme nach den formalen Merkmalen der Geldverfassung 
VA). — § G. Zusammenstellung der praktisch bedeutsamen Währungs- 
systeme 422. 

-123 



XII Inhalt 

der GoUlwiiurung und Silberwäbrung 458. — § 7. Die papierneu Um- 
lanfsinittel 402. — § 8. Die Regelung des GeUUmilaufs 464. 



Seite 



9. Kapitel. Die internationale Geldverfassuug . 467 

§ 1. Das Wesen der internationalen Geldverfassung 467, — §2. Die 
Parititteu 469. — § 3. Das Kursverhältnis, insbesondere die Wechsel- 
kurse z'viscben gebundenen Währungen mit gleicher metalliBcher Grund- 
lage 471. --§ 4. Die Zahlungsbilanz 478. — §5. Die Valutaschwankungen 
im Verliältnisse von Gold- und Silberwäbrungen 481. — § 6. Die Valuta- 
schwankungen im Verhältnisse zwischen freien Währungen 487. — § 7. 
Die Regulierung der Valutakurse 489. — § 8. Internationale Münzeinheit 
und Währungsgleichbeit 493. — § 9. Der Doppelwährungsvertrag 496. 

IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert. 

Vorbemerkung . . 500 

10. Kapitel. Der Geldbedarf 500 

§ 1. Die Entwicklung der Theorie des Geldbedarfs 500. — § 2. Die 
wirklichen Bestimmungsgründe des Geldbedarfs 505. — § 3. Die Schwan- 
kungen des Geldbedarfs 517. 

11. Kapitel. Die Gel d Versorgung 522 

§ 1. Die Bedeutung der Edelmetallproduktion für die Geldversorgung 
522. — § 2. Die internationale Edelmetallverteilung 524. — § 3. Die 
Einwirkung des nationalen Geldbedarfs auf die internationale Edelmetall- 
bewegung 526. — § 4. Die industrielle Verwendung der Edelmetalle 533. 

— § 5. Die Statistik des industriellen Edelmetallverbrauchs 536, — § 6. 
Der endgültige Verbrauch an Edelmetall 540. — § 7. Die Versorgung 
des Geldbedarfs durch papierne Umlaufsmittel 542. 

12. Kapitel. Der Geldwert 544 

§ 1 Die Wesentlichkeit der Werteigenschaft für das Geld 544, — 
§ 2. „Substanzwert" und „Funktionswert" des Geldes 554. — § 3. Die 
Höhe des Geldwertes 562. — § 4. Das statistische Problem des Geld- 
wertes 566. — § 5, Das analytische Problem des Geldwertes 576. — 
§ 6. Die Einrichtung der Geldsysteme als Wertproblem 584. — § 7, Die 
Begleiterscheinungen und Folgen der Veränderungen des Geldwertes 591. 

— § 8. Die Wirkungen der Valutaschwankungen 599, 

13. Kapitel, Die Gestaltung des Geldwertes von 
1850 bis zur Gegenwart 604 

§ 1. Die Großhandelspreise von 1850 bis zum Weltkrieg 604. — 
§ 2, Großhandelspreise und Goldproduktion von 1850 bis 1873 607, — 
§ 3. Goldproduktion und Geldwert 1872 bis 1895 608, — § 4. Gold- 
produktion und Geldwert 1895 bis 1914 613. — § 5. Warenpreise, 
Diskontsätze und Konjunkturschwankungen 615. — § 6. Die Groß- 
handelspreise im Krieg und in der Nachkriegszeit 619. — § 7, Das 
Verhältnis von Preisen, Löhnen und Valuten in einigen wichtigen Ländern 
622. — § 8. Deutschland: Großhandelspreise und Lebenshaltungskosten 
G24. - § 9. Deutschland: Löhne und Gehälter 627. — § 11, Die Be- 
stimmungsgründe der Geldwertveränderungen im Kriege und in der 
Nachkriegszeit 638. — § 12. Wirkungen und Begleiterscheinungen der 
Geldentwertung im Lichte der neuesten deutschen Entwicklung. — a) Das 
Verteilungsproblem 651. — b) Das Produktionsproblem 658. — c) Das 
Finanzproblem 662. — § 13, Das Ideal eines Geldes von unveränder- 
lichem Werte 664. 



Einleitung. 



Es ist vielleicht kein Teil der volkswirtschaftlichen Disziplin so 
sehr mit der Gesamtheit der Volkswirtschaftslehre verwachsen, wie die 
Lehre vom Gelde. Denn in dem komplizierten Mechanismus der mo- 
dernen Volkswirtschaft ist das Geld dasjenige Instrument, welches die 
Beziehungen der einzelnen Glieder zum Ganzen trägt und vermittelt. 

Der GruudzQg unserer modernen Wirtschaftsverfassung ist die 
Produktion für den Markt. Die wichtigste Voraussetzung für den wirt- 
schaftliehen Fortachritt, die Arbeitsteilung, hat im Laufe der Kultur- 
entwicklung eine fortgesetzte Verfeinerung erfahren, und damit haben 
eich die Produkte der Arbeit des Einzelnen immer weiter von seinen 
eignen Bedürfnissen entfernt. Die meisten Menschen erzeugen heute 
mit ihrer Arbeit nur einen verschwindenden Bruchteil von dem, was 
sie selbst brauchen, dagegen einen großen Ueberschuß an Dingen, für 
die sie selbst keine Verwendung haben; das, was sie brauchen, müssen 
sie zum größten Teil gegen ihre Arbeitserzeugnisse und gegen ihre 
Leistungen von anderen eintauschen. Jeder Einzelne leistet unendlich 
viel mehr, wenn er seine Arbeitskraft auf einen einzelnen Arbeitszweig 
verwendet, als wenn er sie auf tausend Arbeitszweige zersplittert; 
jeder Einzelne steht sich unendlich viel besser, wenn er sich als 
dienendes Glied dem Ganzen einfügt, als wenn er selbst ein Ganzes 
sein wollte. 

Das verwickelte System von Leistungen und Gegenleistungen, zu 
dem die sich stets verfeinernde Arbeitsteilung geführt hat, ist jedoch 
nur möglich geworden durch die Entwicklung des Geldes. Nur das 
Geld ermöglicht den Austausch von Gütern und Leistungen in dem 
Maße, wie es unsere Wirtschaftsverfassung verlangt, und die Vermitt- 
lung von Leistung nnd Gegenleistung durch das Geld hat den unmittel- 
baren Austausch immer mehr in den Hintergrund gedrängt. In unserer 
heutigen Volkswirtschaft ist das Geld geradezu allgegenwärtig. Der 
Unternehmer, bis hinab zum kleinsten Handwerker und Landwirt, ver- 
kauft den Leberschuß seiner Erzeugnisse gegen (Jeld, der Arbeiter 
stellt dem rnternchmer seine Arbeit.'^kraft zur Verfügung gegen einen 
Geldlohn, die IJebertragung von \'(Min(ig('n.smacht und Kaufkraft erfolgt 
in Geld, — kurz beim ganzen l'roduktioiis- und N'erleilungsprozeß tritt 
das Geld in Erscheinung als das vermittelnde Glied zwischen dem Ein- 
zelnen und der Gesamtheit. 

Uelfferich, Dna Geld. 1 



2 Einlei txmg. 

Die wirtschaftliche AUprepenwart dos Geldes hat schon frllh die 
Aufnierksanikcit derjenigen, welche über staatliche nnd gesellschaftliche 
Einrichtungen nachdachten, auf sich gelenkt. Die Anfänge der modernen 
Nationalökonomie waren \'ersuche, das geheimnisvolle Wesen des Geldes 
zu ergründen. Das Geld beschäftigte die ersten nationalökonomischen 
Denker so sehr, daß ihnen alles das, was wir Volksreichtum nennen, 
im Gelde verkörpert erschien. Ebenso, wie sich die Alchymisten den 
Kopf darüber zerbrachen, wie sie Gold aus minderwertigen Stoffen her- 
stellen könnten, ebenso war der erste Kreis der volkswirtschaftlichen 
Denker bei seinen Erwägungen, wie der Reichtum einer Nation ver- 
mehrt werden könne, durchaus darauf beschränkt, durch welche Mittel 
möglichst viel Edelmetall — und zwar Edelmetall als Geldstoff — ins 
Land gebracht werden könne. Ihre Ueberschätzung des Geldes beein- 
flußte im 17. und teilweise im 18. Jahrhundert stark die praktische 
Wirtschaftspolitik. Die gesamte Handelspolitik der sogenannten mer- 
kantilistischen Periode ging aus von dem Bestreben, den auswärtigen 
Handel so zu gestalten, daß durch ihn möglichst viel Edelmetall ins 
Land gezogen werde. 

Der naive Glaube, daß das Geld alles sei, wurde jedoch bald er- 
schüttert. Es folgte ihm das entgegengesetzte Extrem, eine weit- 
gehende Uuterschätzung des Geldes. Statt in ihm allen Reichtum ver- 
körpert zu sehen, legte man ihm nur noch einen „fiktiven Wert" bei, 
ließ es nur noch als „Wertzeichen" gelten (Locke, Hume, Montes- 
quieu). Adam Smith stellte in seinem Werk über den Reichtum der 
Nationen den Satz auf, die Quelle allen Reichtums sei die Arbeit nnd 
die in einem Lande vorhandene Geldmenge sei gänzlich gleichgültig für 
die Beurteilung seines Reichtums; das Geld habe lediglich die 
Funktion, den Austausch von Gütern und Leistungen zu vermitteln, 
und um zu einer richtigen Erkenntnis der wirtschaftlichen Vorgänge 
und Verhältnisse zu gelangen, empfehle es sich, von dem lediglich 
vermittelnden Gelde gänzlich abzusehen, das Geld gänzlich auszu- 
schalten und alle durch das Geld vermittelten Beziehungen als direkte 
Beziehungen aufzufassen. 

Zweifellos hat diese Methode zu einem großen Fortschritt in der 
nationalökonomischen Wissenschaft geführt; sie ist zur Auffindung und 
Feststellung volkswirtschaftlicher Wahrheiten ebenso unentbehrlich, wie 
die Voraussetzung des luftleeren Raumes für die Physik. Die Annahme^ 
daß die Vermittlung des Geldes nichts an den wirtschaftlichen Vor- 
gängen ändern könne, geht jedoch zu weit. Denn ebenso wie die 
Luft durch ihr bloßes Vorhandensein und durch ihre wechselnde 
Beschaffenheit die Bewegungen der Körper beeinflußt, ebenso übt so- 
wohl die Vermittlung des Geldes an sich als auch die verschiedene 
Beschaffenheit des Geldes einen Einfluß aus auf die wirtschaftlichen 
Bewegungen, 

Die Ergründung der Modifikationen, welche die wirtschaftlichen 
Wahrheiten durch die Dazwischenkuuft des Geldes erleiden, gehört 
zu den schwierigsten und feinsten Aufgaben der Nationalökonomie, 
zugleich zu denjenigen Aufgaben, durch welche die volkswirtschaftliche 



Ei ^ leitung. 3 

Theorie der Uebereinstimmung mit der praktischen Wirklichkeit näher- 
gebracht wird. 

Daraus ergibt sich, von welch großer Wichtigkeit die Kenntnis 
des Geldwesens ist, sowohl fUr das gesamte Gebäude der theoretischen 
Volkswirtschaftslehre als auch für die Beurteilung einzelner Fragen der 
praktischen Nationalökonomie. 

Die vorliegende Arbeit beabsichtigt, das Geldwesen in seiner Ge- 
samtheit zur Darstellung zu bringen. Sie gibt zunächst eine Ent- 
wicklungsgeschichte des Geldes, und zwar sowohl des Geldes als eines 
wirtschaftlichen und juristischen BegrilTes, als auch der Organisation 
der Geldverfassung. Daran anschlitßend sucht sie das Geld unserer 
modernen \ olkswirtschaft theoretisch zu erfassen, in seinen Funktionen, 
in seinen Beziehungen zum Staate, nach seiner Organisation, nach den 
Ursachen und Wirkungen der in ihm vorgehenden Veränderungen. 



1* 



I 



Erstes Buch. 

Creschichtlicher Teil. 



I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes 
und der Geldsysteme. 

I. Kapitel. Die Entsteliuug des Geldes. 

^ 1. Das fandamentale UnterBcheidnngsmerkmal von Geld und Ware. 
Was wir heate im volkswirtschaftlichen und rechtlichen Sinne 
unter „Geld" verstehen, im Unterschied zu allen übrigen SachgUtern, 
ist ein Gebilde der neueren Zeit. Wenn wir die Geschichte des Geldes 
zurlickverfolgen wollen bis an seinen Ursprung, dann müssen wir von 
allen Besonderheiten zweiter Ordnung absehen und dürfen nur das 
wesentlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Geld und den übrigen 
in der Volkswirtschaft in Erscheinung tretenden Objekten ins Auge fassen. 
Dieses Unterscheidungsmerkmal liegt ganz allgemein gesprochen darin, 
aß die übrigen wirtschaftlichen Objekte („Güter") dem direkten Ver- 
brauch oder dauernden Gebrauch der Einzelwirtschaften dienen, während 
das Geld die Bestimmung hat, den Verkehr in diesen Gütern zu ver- 
mitteln, d. h. die Uebertragung von Einzelwirtschaft zu Einzelwirtschaft 
zu erleichtern, wobei das Geld selbst, solange es Geldeigenschaft behält, 
nicht in den Konsum oder den dauernden Gebrauch einer Einzelwirtschaft 
eintritt. Das Geld wird nicht um seiner selbst willen genommen, nicht 
um von seinem Empfänger verbraucht oder dauernd gebraucht zu werden, 
sondern um früher oder später, sei es behufs einseitiger Uebertragung 
von Vermögensmacht, sei es im Austausch gegen andere wirtschaftliche 
Objekte oder gegen Leistungen irgendwelcher Art, wieder weggegeben 
zu werden. Freilich werden von privatwirtschaftlichem Standpunkte 
aus betrachtet auch solche Güter, welche niemand als Geld bezeichnen 
wird, eingetauscht, um unverändert oder verarbeitet weitergegeben zu 
werden; unverändert vom Händler, dessen Geschäft im Ankauf von 
Gütern zum Wiederverkauf besteht, verändert vom (iewerl)etreil)enden, 
der Kohstofk' erwirbt, unj daraus gebrauchsfertige Erzeugnisse herzu- 
stellen und diese zu veräußern. Aber nur vom privatwirtschaftlichen 
Standpunkte aus handelt es sich hier um einen Erwerb zur Wieder- 
veräußeruug. \'olks\virtschaftlich betrachtet, sind die Gewerbetreibendeu 



f 



ß Erstea Buch. I. Abacliuitt. Die Entwickltiugsgeschichte des Geldes. 

und Händler nur die Vermittler, welche diie Guter in die filr den Ver- 
brauch und Gebrauch g:eeijrnete Form brinp:en und ihrer endgültigen 
Verwendung in der Wirtschaft des Einzelnen zuführen: volkswirtschaftlich 
betrachtet sind alle Verkehrsobjekte, die wir im Gegensatz zum Gelde 
„Waren" nennen, dazu bestimmt, in der Einzelwirtschaft konsumiert 
zu werden, Avährend das Geld seine i^wecke erfüllt, indem es nirgends 
eine dauernde Stätte findet, sondern von Hand zu Hand geht. 

Der hif^ festgestellte Unterschied zwischen Geld und Ware beruht 
jjiclit, aur einer verschiedenartigen stofl'licheu Beschaffenheit; er ist viel- 
mehr nur ein Unterschied zweier Funktionen, die von einem und 
demselben konkreten Wertgegenstand erfüllt w^erden können und in 
der Tat erfüllt worden sind; so z. B. früher von Sklaven, Rindern, 
Muscheln usw., später von Edelmetallen in Barren oder in Ringen und 
Spangen. 

Wie nun jeder Entwicklungsprozeß auf eine immer feinere Spezi- 
alisierung hinausläuft, so auch die EntNvicklung des Geldes: das Geld 
als solches hat sich immer mehr von dem Kreise der übrigen Güter 
abgesondert; die Funktion der Verkehrsvermittlung, insbesondere der 
Tauschvermittlung, hat in dem Gelde eine Verkörperung gewonnen; 
Geld und Gebrauchsgut haben sich voneinander geschieden und sich 
als verschiedene konkrete Erscheinungen einander gegenübergestellt. 
Aber auch heute ist die Trennung noch keine vollständige. Es gibt 
zwar bestimmte Arten von Geld, die ausschließlich Geldfunktionen 
verrichten können, so vor allem das Papiergeld, das nur als Geld, nicht 
aber als gewöhnliches Verbrauchs- oder Gebrauchsgut verwendbar ist. 
Aber die Grundlage wichtiger Geldverfassungen, solcher, die auch unter 
den heutigen \'erhältnissen fast allgemein als die erstrebenswerten 
gelten, bildet auch noch auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe das 
sogenannte „vollwertige Metallgeld", dessen Wert in der Geldform nicht 
höher ist als der Wert des Stoffes, aus dem es besteht, das infolge- 
dessen in großem Umfange zu anderen als zu Geldzwecken verwendet 
werden kann und verwendet wird: durch Einschmelzung und industrielle 
Verarbeitung. Bei dem vollwertigen Metallgelde ist also die Grenze 
zwischen Geld und Ware keine feste, sondern eine durchaus flüssige; 
derselbe konkrete Stoff, der heute in gemünzter Form als Geld fungiert, 
kann dieser Verwendung jederzeit entzogen werden. Andererseits garantiert 
eine der wichtigsten Einrichtungen auf dem Gebiete des Geldwesens, 
das freie Prägerecht, die unbeschränkte Möglichkeit der Umwandlung 
des dem Geldwesen zugrunde gelegten Metalls in geprägtes Geld. 
Allerdings kann kein Gut gleichzeitig die beiden Funktionen als Ge- 
brauchsgut und als Geld erfüllen; solange ein Gut dem einen Zwecke 
dient, ist es dem anderen entzogen. 

Man braucht nun bloß die Erwägung anzustellen, daß diejenigen 
Arten von Geld, welche nur Geldfunktionen verrichten können, wie das 
Papiergeld, auf Voraussetzungen beruhen, die nur bei einer bereits hoch- 
entwickelteu \'olkswirtschaft und bei ausgebildeten Rechtsverhältnissen 
gegeben sind, und man wird zu der Erkenntnis geführt, daß die Scheidung 
zwischen Geld und Ware in dem Maße, in welchem sie heute besteht, 
nur als Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses entstanden sein 



{■ 



1. Kapitel. Die Entstehunjj den Geldes. § 'J. 7 

kann. Wenn man nach den Anfaug:en des Geldes suchen will, wird man 
sii'h deshalb damit bescheiden müssen, an den gerinfrfüfiiffsten Difleren- 
zii-riinjien zwischen Geld und Gebrauchsjrut anzuktiilpfen, und man wird 
dann zu verfolfceu haben, wie diese Unterschiede allmählich zu schärferer 
Ausprägung gelangt sind. 

§ 2. Die rationalistische Erklärung der Entstehung des Geldes. 

Die ersten Denker, welche sich mit der Ergrilndung des Geldwesens 
beschäftigten, haben sich die Aufgabe, die Entstehung des Geldes zu 
erklären, nicht alizuschwer gemacht. 8ie hatten das Geld vor sieh als 
eine fertige Einrichtung, welche gewisse auf der Hand liegende Zwecke 
auf das beste erfüllte; die Erkenntnis der Zweckmäßigkeit des Geldes 
sahen sie ohne weiteres als das treibende Moment bei der Entstehung 
des Geldes an: sie hielten das Geld für ein Erzeugnis zweckbewußter 
menschlicher Willenstätigkeit. Das war die Zeit, in welcher die historische 
Erforschung weit zurückliegender Vorgänge sich noch keiner syste- 
matischen Pflege erfreute und in welcher man die mangelnde Kenntnis 
der positiven Vorgänge durch deduktive Konstruktionen ersetzte. Alle 
zweckmäßigen Einrichtungen des wirtschaftlichen und politischen Zu- 
sammenlebens wurden damals auf schöpferische Willensakte der Mensch- 
heit oder einzelner \'ölker zurückgeführt. Wie mau die Entstehung 
des Staates daraus erklärte, daß die einzelnen Individuen, um dem 
Kampfe aller gegen alle ein Ziel zu setzen, einen „Gesellschaftsvertrag" 
geschlossen hätten, ebenso erklärte man sich die Entstehung des Geldes 
daraus, daß die Menschheit zur Erleichterung des Tauschverkehrs auf- 
grund eines Uebereinkommeus ein allgemeines Tauschmittel geschafl'en 
und daß sie die Edelmetalle wegen ihrer ganz besonderen Vorzüge für 
die hierbei in Betracht kommenden Funktionen zum allgemeinen Tausch- 
mittel bestimmt habe. 

Der Gedanke ist in der Tat sehr naheliegend, daß die uns zweck- 
mäßig erscheinenden Einrichtungen, die ihrer Natur nach Menschenwerk 
sein müssen, aus der Erkenntnis ihrer Zweckmäßigkeit heraus mit be- 
wußter Absicht geschallen worden seien. Man ist geneigt, die zweck- 
mäßigen Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens, die nicht von einem 
Einzelnen geschallen, sondern aus dem Zusammenleben hervorgegangen 
sind, ebenso zu betrachten, wie geistreiche Entdeckungen und Ertindungen 
eines einzelnen Kopfes. Die geschichtliche Forschung hat jedoch in 
dieser Beziehung aufklärend gewirkt und die sogenannte rationalistische 
Aufl'assuug der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung widerlegt; sie 
hat gezeigt, daß der Geist der Gesamtheit anders arbeitet als der Geist 
des Einzelnen, daß das Zweckmäßige im gesellschaltlichen Leben — 
n.inientlich auf den frühesten Stufen — nicht immer durch bewußte 
NN illensakte. die auf einer klaren Erkenntnis beruhen, durchgeführt wird, 
sondern daß es sich meist in einer unbewußten Entwicklung unter dem 
Drang der tägliclien Notwendigkeiten des Lebens durchsetzt, ja daß es 
oft erst die \ erhältnisse schallt, in denen es in seiner volli-n Zweck- 
mäßigkeit zutage tritt, l'nsere ganze Wirtscliaflsverfassung beruht auf 
dem Gelde, das (u'ld erscheint aufgrund unserer Wirtschaftsverfassnng 
so zweckmäßig und notwendig, daß man sich« den Gebrauch des Geldes 



8 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Überhaupt nicht 'svegdenkeu kann. Aber g:erade deshalb maß das Geld 
in gewissen Hcziehunjren das Frühere g:e\vescn sein; unsere Wirtschafts- 
verfassung erscheint in vielen und Avichtigen Beziehungen als das Pro- 
dukt des Geldes, und es ist deshalb unzulässig, die Entstehung des 
Geldes ans seiner Zweckmäßigkeit für unsere heutige Wirtschaftsver- 
fassung zu erklären. 

§ 3. Die Ergebnisse der geschichtlichen Forschung über den Ursprnng 

des Geldes. 

Bei der Beschränktheit des Materials über die frühesten Stufen 
der wirtschaftlichen Entwicklung wird wohl niemals eine lückenlose 
Feststellung, die den gesamten Werdeprozeß des Geldes umfaßt, mög- 
lich sein. Wir sind auf spärliche Ueberlieferungen und Notizen ange- 
wiesen, welche die Verhältnisse der grauen Vorzeit stellenweise be- 
leuchten; zum Vergleich und zur Prüfung können wir die Beobach- 
tungen verwenden, die in neuerer Zeit bei V^ölkerschaften, die noch 
auf einer niedrigen Entwicklungsstufe stehen, gemacht worden sind. 
Aber so beschränkt alles in allem das Material ist, so sind die Ergeb- 
nisse der bisherigen Forschungen immerhin ausreichend, um die wesent- 
lichsten Züge der Entstehung des Geldes erkennen zu lassen. 

Zwischen der Ausbildung des Geldes und der Entwicklung der 
gesaraten Volkswirtschaft besteht eine so enge Wechselwirkung, daß man 
zu den frühesten Anfängen des wirtschaftlichen Lebens zurückgehen muß, 
wenn man die ersten Ansätze zur Entstehung des Geldes finden will. 

In dem ganzen Werdeprozeß der Volkswirtschaft ist die Tendenz 
zu erkennen, daß die einzelnen Individuen und einzelnen Gruppen 
immer mehr zu einem durch komplizierte Beziehungen verbundenen 
Ganzen zusammenwachsen. Die wirtschaftliche und die gesamte ge- 
sellschaftliche Entwicklung geht aus von der Isolierung und führt zum 
Zusammenschluß. Die Eigenproduktion, das Stadium, in dem ein- 
zelne kleine Gruppen, Familien und Stämme, mit ihrer Arbeit aus- 
schließlich das und alles das beschaffen, was sie zur Befriedigung des 
eignen Bedarfs nötig haben, stellt die früheste Stufe der Wirtschaft 
dar. Gewisse Herrschafts- und Autoritätsverhältnisse, verkörpert in 
dem Patriarchen oder Staramesältesten, waren hier sicherlich für eine 
ganz primitive Regelung der Produktion und der Verteilung bestimmend; 
den einzelnen Familien oder Stammesmitgliedern wurde die von ihnen 
zu leistende Arbeit und ihr Anteil am Arbeitsertrag zugewiesen. Inner- 
halb dieser sich selbst genügenden Gruppen gab es wohl bereits eine 
natürliche Arbeitsteilung, anknüpfend an die verschiedenartige Leistungs- 
fähigkeit der beiden Geschlechter und der Altersklassen, aber es gab 
noch keinen wirtschaftlichen Verkehr, vor allem noch keinen Tausch. 
Damit fehlten die Voraussetzungen für ein Verkehrsinstrument, für ein 
Tauschmittel, kurz für das, was wir heute als Geld bezeichnen. 

Ein wirtschaftlicher Verkehr konnte erst dann in Erscheinung 
treten, nachdem sich innerhalb der nach außen isolierten, nach innen 
in gewissem Sinn kommunistischen Gruppen ein Eigentum entwickelt 
hatte; denn nur was man besitzt, kann man au andere übertragen, sei 
es unentgeltlich, sei es im Austausch gegen andere Güter. 



1. Kapitel. Die Eutstehung des Geldes. § 3. 9 

Es kann hier nicht die Absieht sein, in eine Untersochonfr über 
die Entstehung des Eigentums einzutreten. Wenn wir das Eigentum 
ganz allgemein als die vollständige und ausschließliche Herrschaft über 
einen Gegenstand auflassen, in der Weise, daß diese Herrschaft sowohl 
die Benutzung des Gegenstandes nach allen Seiten hin, als auch die 
beliebige Wiederholung der Benutzung in der Zeit einscMießt, so haben 
wir damit in dem Eigentum die denkbar stärkste Steigerung der vor- 
übergehenden Nutzung und der Benutzung, die lediglich zu einem ein- 
zelneu bestimmten Zwecke erfolgt. Das Eigentum kann also beruhen 
auf der Macht des Eigentümers, sich die dauernde und vollständige 
Benutzung eines Gegenstandes zu erhalten, d. h. andere davon auszu- 
schließen, oder auf der Anerkennung durch Sitte und Recht, wobei die 
Gesamtheit an Stelle der Macht des Eigentümers das Eigentum garantiert. 

Die Möglichkeit und das Bedürfnis nach einer dauernden und aus- 
schließlichen Benutzung ist in Hinsicht auf die verschiedenen Güter, die 
in einer primitiven Wirtschaft in P>scheinung treten, verschieden stark; 
und danach stuft sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Prozeß 
der Eigentumsbildung ab. Sowohl, die geschichtliche Forschung als 
auch die Beobachtung von Völkerschaften, die jetzt noch auf ganz nie- 
driger Kulturstufe stehen, haben gezeigt, daß das Eigentum sich zuerst 
entwickelt hat an Dingen, die das Ergebnis nicht gemeinschaftlicher, 
sondern ganz individueller Arbeit sind ^). So erklärt es sich, daß Grund 
und Boden, der in gemeinschaftlicher Arbeit urbar gemacht und bestellt 
wurde, am spätesten Gegenstand des Individualeigentums geworden ist, 
während sich das Eigentum zuerst ausbildete an Dingen wie Kleidung, 
Schmuck, Waffen, Werkzeugen, an Kriegsbeute, an Sklaven und Skla- 
vinnen und schließlich am Vieh; soweit unsere Forschungen reichen, 
war bei Hirtenvölkern das Vieh, das einem Herrn folgen kann, Gegen- 
stand des Sondereigentums, im Gegensatz zum unbeweglichen Boden, 
der Gemeinbesitz war in einer kaum weniger allgemeinen Bedeutung 
als die Luft. Bei einzelnen Kategorien der genannten Güter ist die 
Ausbildung des Eigentumsbegriffs, die absolute Verknüpfung der Sache 
mit der Person, eine ganz besonders starke geworden, wie das der bei 
vielen Naturvölker nachgewiesene Brauch beweist, daß dem Toten der 
individuellste Teil seiner Habe, seine Frauen vielfach mit inbegriffen, 
ins Grab mitgegeben wird, oft freilich aufgrund abergläubischer Vor- 
stellungen, die mit diesen Dingen des persönlichsten Gebrauelis die 
Seele des Verstorbenen verknüpften; aber gerade diese abergläubische 
Verknüpfung von Person und Sache ist in sich selbst die stärkste Zu- 
spitzung des Eigentumbegriffs. 

Au die Entstehung des Eigentums schließen sich bestimmte Formen 
des Eigentuniwechsels an, vor allem die Form, au die man bei einer 
Betrachtung des Geldes zunächst zu denken pflegt, nämlich der Tausch, 
treilich ist der Tausch schon eine komplizierte Form des Eigentums- 
wechsels, weil er eine zweiseitige Aktion ist, die eine Willensüberein- 

') In dem Rfcht der indisclicn fleschlerhts)^'en(»s8Pn8(•llafton z. B. wird der 
Erwerb eim-r iierHönlichen Ciescliickliihkcit, wie etwa das Erlernon einea Handwerks, 
als das haupt.sächiicliste Mittel zur (tewinnnng eiues SondergiUes genannt (Siuimel, 
Philosophie des Geldes, 2. AuÜ. Iü07, S. 383), 



lU Erstes Buch. 1. Abschnitt. Die Eutwicklungsgeschichte des Geldes. 

Stimmung: zweier Individuen voraussetzt. Die primitivsten Formen des 
Hi'sitzwechsels waren jedenfalls der Kaub und das Geschenk, die noch 
im 19. .Jahrhundert bei nianeiien Stämmen l'olynesiens die einzige Form 
des lU'sitzwechsels waren. Kaub und Geschenk sind einseitige Aktionen, 
hervorjrehend aus dem Wollen nur eines Individuums. Der Raub ist 
die gewaltsame Aneignung auf Kosten eines anderen ohne die Gewäh- 
rung einer Gegenleistung, das Geschenk die freiwillige tinteignung zu- 
gunsten eines anderen ohne die Bedingung einer Gegenleistung. Vorteil 
und Nachteil liegen hier in vollem Umfang und ohne Ausgleich auf nur 
einer Seite. 

Aus diesen Formen heraus mag der Tausch in folgender Weise 
entstanden sein: 

Das Geschenk unter Gleichstehenden, z. B. unter Gastfreunden, 
fand seine Ergänzung am Gegengeschenk; und dieselbe Sitte, die das 
Gegeugescheiik verlangte, bildete sich dahin aus, auch das Vorhanden- 
seiii einer gewissen Relation von Geschenk und Gegengeschenk zu 
fordern. Damit haben wir eine Brücke, die zum eigentlichen Austausch 
führt. In der Tat kommt es heute noch bei unzivilisierten Völker- 
schaften vor, daß der Tauschhandel sich in der Form des gegenseitigen 
Beschenkens vollzieht. Sobald man schenkt um eines ganz bestimmten 
Gegengeschenkes willen, sobald andererseits das Gegengeschenk nur ge- 
macht wird, wenn ein ganz speziell gewünschtes Gut vorher geschenkt 
worden ist, verwandelt sich das Schenken in ein Tauscheu. 

Soweit die gewaltsame Aneignung in Betracht kommt, entsteht 
die Überleitung zum Tausche dann, wenn der Eigentümer die Macht 
besitzt, den vom anderen begehrten Gegenstand festzuhalten, und wenn 
er so den Begehrenden nötigt, ihm eine entsprechende Gegenleistung 
zu bieten. Hier geht also der Tausch hervor aus der Machtgleichheit 
des Besitzenden und des Begehrenden. 

Der Schritt von den einseitigen Formen des Besitzwechsels zu der 
zweiseitigen des Tausches ist einer der bedeutsamsten in der mensch- 
lichen Kulturentwicklung. Schon Adam Smith hat hervorgehoben, 
daß die Neigung zum Tauschen etwas spezifisch Menschliches sei und 
bei keinem anderen Lebewesen gefunden werde. Er hat dabei dahin- 
gestellt gelassen, „ob diese Neigung eine jener ursprünglichen Eigen- 
schaften der menschlichen Natur ist, über die wir uns keine weitere 
Rechenschaft geben können, oder ob sie, was wahrscheinlicher sein 
dürfte, die notwendige Folge der Denk- und Sprechfähigkeit ist*'. 
Neuerdings bat Simmel den Tausch als einen Ausfluß „der ganz all- 
gemeinen Charakteristik, in der das spezifische Wesen des Menschen 
zu bestehen scheint", dargestellt. „Der Mensch ist das objektive 
Tier. Nirgends in der Tierwelt finden wir auch nur Ansätze zu dem- 
jenigen, was mau Objektivität nennt, der Betrachtung und Behandlung 
der Dinge, die sich jenseits des subjektiven Fühlens und Wollens stellt. 
Gegenüber dem einfachen Wegnehmen oder der Schenkung, in denen 
sich der rein subjektive Impuls auslebt, setzt der Tausch eine objektive 
Abschätzung, Ueberlegung, gegenseitige Anerkennung, eine Reserve des 
unmittelbar subjektiven Begehrens voraus. Daß diese ursprünglich keine 
freiwillige, sondern durch die Machtgleichheit der anderen Partei er- 



1. Kapitel, Die Eutstehuug des Geldes. § 3. 11 

zwunofeue sein ma^, ist chifUr ohne lielaiif;^; denn das Entscheidende, 
spezilisch Menschliche ist eben, dali die Macht^jleichheit nicht zum 
gegenseitigen Raub im Kampf, sondern zu dem abwägenden Tausch 
fuhrt, in dem das einseitige und persönliche Haben und Habenwollen 
in eine objektive, aus und über der Wechselwirkung der Subjekte sich 
erhebende Gesamtaktion eingeht. Der Tausch, der uns als etwas ganz 
Selbstverständliches erscheint, ist das erste und in seiner Einfachheit 
wahrhaft wunderbare Mittel, mit dem Besitzwechsel die Gerechtigkeit 
zu verbinden; indem der Nehmende zugleich Gebender ist, verschwindet 
die bloße Einseitigkeit des Vorteils, die den Besitzwechsel unter der Herr- 
schaft eines rein impulsiven Egoismus oder Altruismus charakterisiert " — 
Wenn nun, wie wir gesehen haben, der Tausch auf der Voraus- 
setzung des persönlichen Eigentums beruht, so hat andererseits zweifellos 
bei den meisten Völkern die Eigentumsbildung gerade durch eine be- 
stimmte Art des Tauschhandels eine Förderung erfahren, nämlich durch 
den Tauschhandel mit fremden, bereits weiter vorgeschrittenen Völker- 
schaften. Der Anreiz zum Tausche ist um so stärker, je verschieden- 
artiger die im Besitze verschiedener Personen befindlichen Güter sind; 
denn der Sinn des Tausches ist ja, daß man etwas anderes bekommen 
•will an Stelle dessen, was man hat. Innerhalb derselben Gruppe und 
desselben Stammes, die auf primitiver Stufe eine große Einförmigkeit 
und Gleichartigkeit der Güterherstellung aufweisen, ist deshalb der 
Anreiz zum Tausche zunächst nur schwach; anders verhält es sich, 
wenn eine Berührung mit fremden Völkern entsteht, die aufgrund anderer 
natürlicher und technischer Voraussetzungen anders geartete Güter er- 
zeugen. So mag der Tausch in die einzelnen Gruppen und Stännne 
vielfach von außen hineingetragen worden sein, und der Außenhandel 
mag auf diese Weise vielfach die Priorität vor dem Binnenhandel be- 
anspruchen. Welch ein starker Anreiz zum Tauschen liegt für wilde 
und halbwilde Stämme darin, wenn sie von unternehmungslustigen 
Kaufleuten aus vorgeschritteneren Kulturkreisen aufgesucht und wenn 
ihnen alle möglichen verlockenden Gegenstände gezeigt werden, Dinge, 
die sie bisher nicht kannten, und deren Herstellung ihnen aus 
natürlichen und technischen Gründen unmöglich ist, wie Glasperlen, 
Baumwollzeuge, Eisenwaren usw. Indem nun die Fremdlinge im 
Austausche gegen ihre Waren, die die Begehrlichkeit der Wilden 
heftig anregen, ganz bestimmte andere Gegenstände verlangen, wie 
Felle und Pelze im Norden. P^lfenbeiii, Kautschuk, Goldstaub usw. 
in Afrika, lenken sie die Wilden darauf hin, diese Dinge iilanmäÜlg 
fUr den Austausch zu beschafl'en. So trägt der Verkehr mit b'remden 
wesentfich zur Förderung des Tauschverkehrs bei, und die Waren des 
AußiMihandels, sowohl die Einfuhr- als die Ausfuhrwaren, bilden überall 
eine der frühesten Kategorien derjenigen (Jüter, an welchen ein i)er- 
sönliches Eigentum besteht. Mithin beruht nicht nur der Tausch 
auf der Voraussetzung des Eigentums, sondern die Möglichkeit des 
Tausches hat andererseits zur Ausbildung des iMgentums erheblich bei- 
getragen. 

Der Tausch machte nun verschiedene Vorrichtungen erforderlich, 
die in einem viel weiteren Umfang als vorher dadurch notwendig wurden, 



I 



12 Erstes Buch. I, Abschnitt, Die Eutwicklimgsgeschichte des Geldes. 

daß der Tausch die Herstellung^ einer Beziehung, einer Gleichung 
zwischen verschiedenartigen Dingen und verschiedenen Quantitäten vor- 
aussetzt. Neben dem Zählen der Gegenstände wird jetzt das genaue 
Messen und Wiegen von Wichtigkeit, vor allem aber das Vergleichen 
des Wertes der auszutauschenden Güter. 

Das Zählen bedurfte keinerlei künstlicher Vorrichtungen. Für 
das Abmessen benutzte man in primitiver Weise die am menschlichen 
Körper von der Natur gegebenen Dimensionen, wie den Arm, den Zoll, 
den Fuß, den Schritt. Die natürlichen Wagschalen sind die beiden 
Handtlächen. Genaueres Wägen wurde zuerst notwendig bei den kost- 
barsten Gegenständen. Während mau anfänglich von den dünnen Gold- 
spiralen Stücke nach dem Augenmaß abbrach, scheint die Goldwage 
nach den neuesten metrologischen Forschungen die erste künstlich 
konstruierte Wage gewesen zu sein, deren sich die Menschen bedienten. 
Das Gewicht wurde in Fruchtkörueru dargestellt. Das „Karat", das 
als Gewichtseinheit für Gold lange Zeit in der ganzen Kulturwelt in 
Geltung war, bei uns in Deutschland bis in die zweite Hälfte des 
19. Jahrhunderts hinein, ist arabischen Ursprungs und geht auf den 
Kern der Johannisbrotfrucht zurück. Neuerdings ist glaubhaft 
gemacht worden, daß auch das Gewicht, welches heute noch in Eng- 
land im Edelmetallhandel und in der Münze angewendet wird, das 
Troypfund, auf einer ähnlichen Grundlage beruht, indem seine kleinste 
Unterteilung, das Grän, von dem Gewicht des Gerstenkorns abgeleitet 
sein soll. 

Am kompliziertesten und interessantesten gestaltet sich das Ab- 
schätzen des „Wertes". Hierfür gibt es keinen konkreten und greif- 
baren Maßstab, wie für Ausdehnung und Gewicht; denn die Wertbildung 
ist ein subjektiver Vorgang, der Wert haftet nicht an den Dingen 
selbst, sondern die Bewertung der Dinge vollzieht sich in der mensch- 
lichen Seele. Allerdings hat der Wert in dieser Hinsicht eine Doppel- 
stellung (Simniel, Philosophie des Geldes). Die weitgehende Gleich- 
artigkeit und Übereinstimmung der Anschauungen und der Zweckmäßig- 
keitsvorstellungen innerhalb einer und derselben menschlichen Gemein- 
schaft erzeugt gewisse Normen, die den subjektiven Bewertungsprozeß 
in der Einzelseele maßgebend beeinflussen; diese Normen erscheinen, ob- 
wohl sie aus einer Summe gleichartiger subjektiver Vorgänge entstanden 
sind, als etwas außerhalb der Einzelseele Stehendes, als etwas im Reich 
der Dinge Gegebenes, kurz als etwas Objektives. Der Tausch, bei 
dem ein Gut gegen ein anderes hingegeben wird, hat außerordentlich 
viel dazu beigetragen, den „Wert" als etwas den Dingen Anhaftendes, 
der Einzelwillkür Entrücktes erscheinen zu lassen; denn beim Tausche 
verkörpert sich der Wert des einen Gegenstandes in dem anderen Gegen- 
stande, für den er hingegeben wird. Aber trotzdem dadurch der Wert 
aus der Menschenseele in die Außenwelt verlegt erscheint und sich als 
eine den Dit)gen anhaftende ^Eigenschaft darstellt, ist damit noch kein 
greifbarer Maßstab für die Wertermittlung gegeben. Selbst der Be- 
griff des „Wertmessers", wie wir ihn heute in unserem „Geld" ver- 
körpert sehen, unterscheidet sich wesentlich von den Maßen für Aus- 
dehnung und Gewicht, die zur objektiven Ermittelung von Ausdehnung 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 3. 13 

und Gewicht und gleichzeitig als gemeiuschaftlieher Aosdrnck für Aus- 
dehnungs- nnd Gewichtsgrüßeu dienen, während das Geld nur als ge- 
meinsamer Wertausdruck fungiert, zu einer Wertermittlung jedoch 
nicht fähig ist.^) Aber auch der Begriff des Wertmessers in diesem 
beschränkten Sinn war der Zeit, in welcher das Geld erst im Klntstehen 
war, noch gänzlich fremd. 

Wie sich aus dem Vorstellungskreise des Naturmenschen heraus der 
komplizierte Vorgang des Gleichsetzens von Werten gebildet und immer 
feiner entwickelt hat, davon ist aufgrund verhältnismäßig spärlicher 
Anhaltspunkte wenigstens in ganz groben Zügen eine Anschauung 
möglich. Wenn uns berichtet wird, daß die Eingeborenen des Bismarck- 
archipels im Tauschhandel schnurweise aufgereihte Kaurimuscheln, die 
sie Dewarra nennen, nach ihrer Länge verwenden, in der Weise, daß 
sie für Fische dieselbe Länge in Dew^arra geben, wie die Fische selbst 
laug sind; wenn man auch in anderen Gebieten der Erscheinung be- 
gegnet, daß das gleiche Maß zweier Dinge als wertgleich gilt, ein Maß 
Getreide z. B. als wertgleich mit demselben Maß von Kaurimuscheln-), 
— so haben wir hiermit die primitivste Stufe der Wertgleichsetzung, 
eine Stufe, auf der die Wertgleichheit noch durch die quantitative 
Gleichheit gegeben erscheint, und der gegenüber eine „Wertvergleichung, 
die nicht auf quantitative Kongruenz hinausläuft, einen höheren geistigen 
Prozeß darstellt". 

Was nun diese sich über die bloßen Quantitätsvorstellungen er- 
hebende Wertvergleichung anlangt, so ist es, namentlich aufgrund 
der Forschungen von Ridgeway^), überaus wahrscheinlich, daß sich 
auf primitiver Kulturstufe zwischen allen Gegenständen, die freies 
Eigentum und mithin tauschbar geworden waren, konventionelle 
Wertverhältnisse ausgebildet haben, die als Normen für den Tausch- 
verkehr galten und die offenbar nur ganz langsamen Veränderungen 
unterlagen. Beobachtungen, die bei jetzt noch halbwilden Völker- 
schaften gemacht worden sind, bestätigen diese Annahme. So galt im 
alten Grichenland und in Irland ein männlicher Sklave gleich drei 
Kühen, und so bestanden bis in die neueste Zeit hinein bei zahlreichen 
halbwilden Völkerschaften Afrikas und der Südsee interessante Wert- 
skalen, die aus den wichtigsten Tauschgütern gebildet waren. Kidgeway 
und Schurtz geben eine ganze Anzahl von Beispielen. Letzterer gibt 
z. B. nach Mollien (Keise nach dem Innern von Afrika) für Boudu im 
westlichen Sudan folgende Werttabelle: 

1 Sklave = 1 Doppelflinte und 2 Flaschen Pulver 
= 6 Ochsen 
= 100 Stück Zeug; 

1 Schnur Glasperlen = 1 KUrbisflasche voll Wjisser 

= 1 Maß Milch 

= 1 Arm voll Heu; 

2 Schnüre Glasperlen = 1 Maß Hirse. 

') Vjrl. hierzu die näheren Auafühnmefen unten im II. Buch, Kapitel 3, § 5. 
') V>arl. Sinnnel. a. a. ()., S. lü.'i; Schurtz, nrundriß einor Entstehungs- 
geschichte des üolde«. 1890. S. 80 und die Hort zitierten Publikationen. 
•) Siehe Ridgeway, The origiu of nietallic currency. 1892. 



14 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwioklnngegeschichte des Geldes. 

In Dnrfonr in Zentralafrika bestand noch am Ende des vorigen 
Jahrhunderts folgende Wertskala, deren Grundlage der männliche Sklave 
von bestimmter normaler Größe war. Ein solcher Sklave galt gleich 
30 Stück Haumwollgewebe von bestimmter Länge, gleich 6 Ochsen, 
gleich 10 spanischen Dollar von bestimmtem Gepräge. Das System 
wurde ergänzt durch Zinnringe, Perlenschntire usw. 

Wie sich diese Wcrtverhältnisse gebildet haben, welche Rolle dabei 
die Vorschriften über die Leistungen an die Priester und die Häuptlinge 
gespielt haben, ist nicht festzustellen. Dagegen erscheint es sehr be- 
greiflich, daß solche festen Wertverhältnisse entstanden sind. Je lebhafter 
and feiner der Handel entwickelt ist, um so empfindlicher ist das Be- 
wertungsverhältnis der einzelnen Güter; je schwächer nnd primitiver 
der ganze Verkehr, desto schwerfälliger ist die Preisbewegung. Wir 
brauchen nur die Preisentwicklung an der Börse, dem feinsten Organ 
des modernen Handels, zn vergleichen mit derjenigen in entlegenen und 
verkehrsarmen Provinzen, wo es heute noch herkömmliche Preise und 
herkömmliche Löhne gibt, von denen man nur ungern und gezwungen 
abweicht. Hier herrscht das Herkommen als allgemeine Norm, dort die 
individuelle Abwägung in jedem Einzelfall. 

Es ist wahrscheinlich, daß diese herkömmlichen Wertverhältnisse 
alle Güter umfaßten, die überhaupt veränßerliches Eigentum waren. 
Die feste gegenseitige Bewertung der Güter ist eine wesentliche Er- 
leichterung des Tausches, weil sie die schwierige Aufgabe der Wert- 
bemessung für die einzelnen Tauschakte überflüssig macht. Ja es ist 
möglich, daß der Tausch in größerem Umfange überhaupt nur durch 
die Festlegung der Tauschverhältnisse seitens der obrigkeitlichen oder 
priesterlichen Gewalt ermöglicht wurde, da nur durch solche Normen 
die Schwierigkeit überwunden werden konnte, die in dem Mangel eines 
jeden greifbaren Anhaltspunktes für die W^ertgleichsetznng verschieden- 
artiger Güter bestand. Weit über die primitiven Zeiten hinaus, von 
denen hier die Rede ist. war für den Handel eine objektive Norm der 
Tausch Verhältnisse und Preise ein Bedürfnis, dem Preistaxen und ähn- 
liche Einrichtungen entsprachen. 

Man hat nun in den durch traditionelle W^ertverhältnisse ver- 
bundenen Gütern die erste Erscheinungsform des Geldes sehen wollen 
(Ridgeway und Lotz). Aber diese Annahme ist mindestens solange 
nicht zutreffend, als die W^ertskala sämtliche überhaupt tauschbaren 
Güter umfaßt; solange das der Fall ist, haben sich das Geld und die 
übrigen tauschbaren Objekte noch nicht differenziert ; es fehlt noch das 
wesentliche Merkmal, daß einzelne Güter aus dem ganzen Kreise der 
tauschbaren Objekte vorzugsweise dazu verwendet werden, den Aus- 
tausch der anderen zu vermitteln, daß sie eingetauscht werden nicht 
nm ihrer selbst willen, sondern om gegen andere Dinge wieder aus- 
getauscht zu werden. 

Das Geld mußte sich also aus den Eigentum darstellenden und in 
herkömmlichen Austauschverhältnissen stehenden Gütern erst entwickeln. 
Wir müssen uns diese Entwicklung so vorstellen, daß zuerst Güter, die 
dem Gebranch dienten, gelegentlich und nebenbei auch als Tausch- 
mittel verwendet wurden. In Betracht kamen dafür wohl überall an- 



I.Kapitel. Die Eutütehnn? de"? Geldes. § 3. 15 

fänplich nnr solche Dinge, die nicht dem unmittelbaren Verbrauch 
dienen, sondern dem längeren Gebrauch. Der Wilde und Halbwilde 
zeichnet sich aus durch mangelhafte Vorsorge fllr die Zukunft. Ist ihm 
das Glück gUnstig. hat er eine gute Kriegsbeute oder Jagdbeute oder 
einen reichen Fischzug gemacht, dann lebt er in Saus und Hraus, so- 
lange die erworbenen und erkiinipften \'orräte reichen ; dann leidet er 
wieder Mangel. Erlegtes Wild, Fische und Früchte werden so rasch 
wie möglich verzehrt. Dagegen können sich Schmuckgegenstände jeder 
Art, wie Hinge nnd Spangen aus Gold oder Bronze, Perlen und Muscheln, 
Waffen und kostbare Geräte, Sklaven und Sklavinnen, Viehherden usw. 
im Besitz des Einzelnen in großen Massen ansammeln. Jedermann wird 
solche Dinge im gegebenen Falle gern eintauschen, zunächst in der 
Absicht, sie zu behalten und für sich zu gebrauchen; im Notfall jedoch, 
oder wenn ihn anderes mehr lockt, wird er sich entschließen, diese 
Dinge im Austausch gegen andere wieder fortzugeben. So tragen die 
indischen Frauen bis in unsere Zeit hinein ihren ganzen Geldbesitz in 
Form von Silberschrauck am eignen Leibe, d. h. das Silber dient ihnen 
als Schmuck, solange sie nicht genötigt sind, es als Geld zu verwenden. 

Je mehr dann in der weiteren Entwicklung der Tausch den Zu- 
stand der Eigenproduktion durchsetzte und dadurch zu einer Verfeine- 
rung der Arbeitsteilung führte, desto mehr mußten die Schwierigkeiten, 
die auch schon unter den einfachsten Verhältnissen dem direkten Aus- 
tausch entgegenstanden, zur planmäßigen Benutzung gewisser Güter als 
Tanschmittel führen. Je mehr sich der Kreis der tauschbaren Güter 
erweitert, desto seltener wird der Fall, daß sich zwei Leute begegnen, 
Ton denen jeder gerade diejenige Ware überflüssig hat. welche der 
andere als Gegenwert für seine Ware verlangt. Die wachsende 
Schwierigkeit des direkten Austanschs mußte dazu führen, daß man das 
Ziel auf Umwegen zu erreichen suchte. Die Schwierigkeit war nur zu 
Überwinden, wenn diejenigen, welche bestimmte Waren überflüssig 
hatten, gegen diese zunächst solche Waren eintauschten, von denen sie 
erwarten durften, für sie jederzeit die von ihnen wirklich benötigten 
Dinge erhalten zu können. Die früher nur gelegentlich zum Austausche 
verwendeten Güter wurden mehr und mehr planmäßig für den Zweck 
des Austausches angesammelt. 

Wenn wir diejenigen Dinge betrachten, welche nach historischen 
Ueberlieferungen in den Anfangsstadien der N'erkebrswirtschaft bei den 
einzelnen Völkern als Geld fungiert haben oder heute noch bei halb- 
wilden \'ölkerschaften (Telddienste versehen, dann erhalten wir eine 
bunte Auswahl der verschiedenartigsten Gegenstände. Die besonderen 
wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Stämme und Völker, das 
Vorwiegen der Jagd, der Viehzucht, des Ackerbaus, der Reichtum an 
verschiedenen Metallen, die Berührung mit anderen \ iilkern und Stämmen 
auf de^m Wege des Handels und andere l'mstände üben ihren Einfluß 
auf die Verwendung bestimmter Güter zu (ieldzwecken aus. Dazu 
kommen Satzungen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit, die für 
die Leistung von Abgaben und die Entrichtung von Vermögensbußen, 
bestimmte (Jüter vorsehrieben. Auch mystische und religiöse Vor- 
stellungen aller Art sind häufig mit im J5piel und erzeugen mitunter 



16 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

absonderliche Bildung:eu auf dem Gebiet des primitiveu Geldwesens. 
Bei Jäg:ervölkern kommen als Tauschmitlel vor allem Waffen in Betracht, 
bei Hirtenvülkern das Vieh, bei Stämmen, die mit fremden Kaufleuten 
Handel treiben, die ein- und auszutauschenden Waren. Unmittelbar 
dem Konsum dienende Waren, wie Getreide, Reis, Tee, Kakaobohnen, 
Tabak, getrocknete Fische, Salz und ähnliches mehr, erfüllen aus den 
bereits aneredeuteten Gründen meist erst in vorgeschrittenen Stadien der 
wirtschaftlichen Entwicklung die Funktionen von Tauschmittelu. Diese 
Produkte selbst setzen schon einen regelrechten Wirtschaftsbetrieb vor- 
aus, und ihre Verwendung als Geld ist häufig in Fällen eingetreten, 
wo der Gebrauch von Metallgeld bereits bekannt war, die metallischen 
Umlaufsmittel selbst aber fehlten und durch Produkte der erwähnten 
Art ersetzt werden sollten, so z, B. noch am Ende des 18. Jahrhunderts 
in manchen Gebieten der Vereinigten Staaten von Amerika. 

Neben den genannten Gütern hat sich eine Gruppe von Waren 
allenthalben frühzeitig zum Tauschmittel herausgebildet: diejenigen 
Gegenstände, welche als Schmuck Verwendung finden können, so kost- 
bare Steine, Schmuckgegenstände aus Bronze und Edelmetall ; auch die 
Kaurimuscheln sind wahrscheinlich durch ihre Verwendung zu Schmuck- 
zwecken zu ihrer Funktion als Geld hindurchgegangen. Weitaus am 
wichtigsten von allen Stoffen, die zur Herstellung von Schmuckgegen- 
ständen dienten, sind für die Entwicklung des Geldes die Edelmetalle 
Gold und Silber geworden; sie haben im Lauf der Zeit mehr und mehr 
die übrigen Güter aus der Rolle des Tauschmittels verdrängt. 

Zu merkwürdigen Bildungen hat bei gewissen halbwilden Völkern 
die Verbindung mystischer Vorstellungen mit dem Gelde geführt. Selt- 
samkeit des Ursprunges, hohes Alter, Einholung des Geldes aus ent- 
fernten Gebieten und unter bestimmten Zeremonien, irgendwelche Ver- 
bindungen mit dem Totenkultus und dem Geisterglauben, — das alles 
verleiht vielfach bei halbwilden Völkern Gegenständen, die an und 
für sich ungeeignet als Gebrauchs- und Verbrauchsgut sind, ein ge- 
heimnisvolles Ansehen. So leitet das merkwürdige Scherbeugeid der 
Palau-Inseln seinen Wert von seinem hohen Alter und seinem angeb- 
lich himmlischen Ursprung ab. Das Steingeld der Insel Yap, mühl- 
stein artige Aragonitplatten von verschiedener Größe, wird unter 
großen Gefahren von den Palau-Inseln eingeholt. Die Bewohner des 
Bisraarckarchipels pflegten ihr Muschelgeld zu ganz bestimmten 
Zeiten aus bestimmten Bezirken der NordkUste von Neupommern zu 
beschaffen. 

Wenn nun die als Tauschmittel dienenden Güter eine Auswahl aus 
dem ganzen Kreise der Tauschobjekte darstellten, so standen auch sie 
naturgemäß unter der Herrschaft der herkömmlichen Wertverhältnisse, 
die sich über die Gesamtheit der Tauschgüter erstreckten. Die 
traditionellen Wertverhältnisse schufen hier aus den verschiedenartigsten 
Gütern, aus Sklaven, Rindern, Schafen, Edelmetallringen und -Spangen, 
Muscheln, Fellen, Salz usw. gewissermaßen ein einheitliches Geld- 
system. Aber diese primitiven Geldsysteme dürfen nicht unter einem 
unseren heutigen Geldsystemen entlehnten Gesichtspunkte betrachtet 
werden: die Grenze zwischen Tauschmittel und Tauschgut war vollkommen 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 3, 17 

flüssig, das Geld stand den Waren noch nicht gegenüber wie eine in 
sich geschlossene Einheit der Vielheit. Ferner entsprach den festen 
Wertverhältnissen zwischen den einzelnen als TauschniittL-l dienenden 
Gütern dnrchaus nicht immer die Vertretbarkeit, durch die die 
einzelnen Geldarten erst zu einem Geldsysteme vereinigt werden. Wir 
begegnen vielmehr einer gewissen Itangorduung der einzelnen Geldarten, 
vermöge deren kostbare Güter nur durch entsprechend kostbare Tausch- 
mittel eingetauscht werden können, während andererseits kostbare Tausch- 
mittel nur zum Eintausch entsprechend wertvoller Waren, nicht aber 
zum Ankauf großer Mengen geringwertiger Gegenstände verwendet 
werden dürfen. So konnte man in Afrika vielfach Sklaven nicht mit 
geringwertigen Tauschmitteln kaufen, sondern nur mit bestimmten kost- 
baren Gegenständen, wie Elfenbein oder Gewehreu und Schießpulver. 
In Angola konnte Elfenbein nur gegen Schießpulver und Gewehre ein- 
gehandelt werden. In ßetschuanalaud war Kindvieh nicht gegen den 
sonst als Tauschmittel gebräuchlichen Tabak, sondern nur gegen Eisen 
und Zeuge käuHich. Ebenso war in gewissen Teilen Westafrikas 
Gold nicht für Glaswaren, Tabak usw. erhältlich, sondern nur für 
Kleiderstoft'e, Salz oder Bernstein. Auch für den Kauf von Frauen 
sind stellenweise nur ganz bestimmte Tauschmittel zulässig ^). 

Die gegenseitigen Beziehungen der einzelnen Arten der Tausch- 
mittel sind hier also trotz der zwischen ihnen bestehenden herkömm- 
lichen Wertverhältnisse nicht auf eine lediglich quantitative Beziehung 
reduziert, es bestehen vielmehr zwischen ihnen noch gewisse qualitative 
Unterschiede, die sie noch nicht in einem Geldsysteme untergehen lassen. 
Der jeder spezifischen Qualität entbehrende Geldcharakter ist bei diesem 
Kreise von Tauschmitteln noch nicht ausgebildet. 

Nicht als Geld angesehen werden dürfen bestimmte Güter, deren 
Besitz zwar Macht und Ausehen verleiht, die aber im allgemeinen nicht 
als Tauschmittel dienen, sondern sich oft geradezu durch ihre Unver- 
äuüerlichkeit auszeichnen, die aber wegen ihrer Aehnlichkeit mit bestimmten 
Formen des Geldes mitunter gleichfalls als Geld angesehen worden sind. 
Hierher gehören z. B, die „feinen Matten" auf Samoa. Von diesen hat 
jede ihre mehr oder minder sagenhafte Geschichte, und nach der Be- 
deutung derselben richtet sich ihre Wertschätzung und das Ansehen. 
das ihr Besitz verleiht. Sie sind ein wertvolles Besitztum der samoa- 
nischen Familienverbände, aber sie fungieren nicht als Tauschmittel. 
Sie wurden vielmehr bei jeder neuen Köuigswahl unter bestimmten, 
meist zu blutigen Fehden führenden Zoren)onien neu verteilt und blieben 
dann bis zur nächsten Königswahl im Besitz eines und desselben Familien- 
verbandes. Wie wenig sie als Geld, als Verkehrsinstrument in irgend- 
welchem Sinne aufgefaßt werden können, zeigt ein in d-n Akten des 
Gouvernements von Samoa belindliches Schreiben des „hohen ll:iu|)tlings" 
Mataafa, in dem der Gouverneur gebeten wird, die Matten für un- 
pfändbar zu erklären, da sie heilig seien utid für den Samoaner deu- 
seli)en Wert hätten, wie Orden und Ehrentitel für die Deutschen. — 
Auch das sogenannte Steingeld von Yap, das schon wegen seiner Schwere 

1) Siehe Schurtz a. a. 0. S. 80; Simmcl, a. a. 0. S. 288. 

Helffaricb, Uu Geld '2 



IS Erstes Buch. I. Abschnitt, Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

durchaus ungeeignet ist, Geldfunktioncn zu verrichten, wechselt — 
wenigstens in seinen größeren Stücken — nur in den seltensten Fälleo 
seinen Besitzer; die Hestininiuiig der grüÜeren Stücke liegt oOenbar 
weniger in der \'erkehrsverniittlung als darin, daß ihr Besitz, ähnlich 
wie auf Saiuoa der Besitz von feineu Matten, großes Ansehen verleiht. 

§ 4. Die Edelmetalle als allgemeines Tanschmittol. 

Wie bereits erwähnt, finden sich unter den als Tauschmittel dienen- 
den Gutern fast überall frühzeitig Metalle, namentlich die Edelmetalle 
Gold und Silber, neben ihnen vor allem Kupfer und Bronze, Eisen, viel- 
fach auch Zinn. Das Schmuckbedürfnis, dem hauptsächlich die Edel- 
metalle dienen, ist ebenso früh und allgemein entwickelt, wie andererseits 
d:is Bedürfnis nach Waffen und Werkzeugen, dem die unedlen Metalle 
genügen: die daraus hervorgehende allgemeine Begehrtheit hat die 
Metalle als besonders geeignet zum Tauschraittel erscheinen lassen. 

Gold und Silber begegnen uns als Tauschmittel in der frühesten 
unseren Forschungen zugänglichen Zeit bei den Assyriern, Babyloniern 
und Ägyptern. Für Griechenland bezeichnet Plutarch das Eisen als 
das früheste allgemeine Tauschmittel, und in dem konservativen Sparta, 
hat sich das Eisengeld noch bis in spätere Perioden hinein erhalten. 
In Italien hat von allen Metallen am frühesten das Kupfer Gelddienste 
versehen. Zinngeld finden wir namentlich bei den Malayen, deren Land 
eich durch einen großen Reichtum an diesem Metalle auszeichnet. 

Ueberall jedoch haben mit fortschreitender Kultur die Edelmetalle 
den Vorrang gewonnen und immer ausschließlicher die Funktionen des 
Geldes in sich verkörpert. Neben ihnen sind unedle Metalle, nament- 
lich Kupfer, nur in geringem Umfange zur Ergänzung des Geldsystems 
durch kleine Stücke beibehalten worden ; alle übrigen Güter, die ur- 
sprünglich Gelddienste versahen, haben diese Stellung gänzlich verloren. 

Man hat oft diese Entwicklung als etwas Wunderbares und Un- 
erklärliches angesehen und einen inneren Widerspruch darin gefunden, 
daß gerade die Edelmetalle, die keinem dringenden Bedürfnisse, sondern 
nur dem Schmuckbedürfnisse und der Jiitelkeit dienen, zu der hervor- 
ragenden und beherrschenden Stellung im wirtschaftlichen Verkehr ge- 
kommen f-ind, die das Geld einnimmt, und daß jedermann bereit ist, 
die an sich entbehrlichen Edelmetalle im Austausche für die allernot- 
wendigsten Bedarfsgüter anzunehmen. 

Aber dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Wie ein ge- 
naueres Eindringen zeigt, verdanken es die Edelmetalle gerade ihrer 
relativen Entbehrlichkeit, verbunden mit ihrer Schönheit, ihrer Seltenheit 
und anderen Eigenschaften, daß sie zum wichtigsten Geldstoff der 
Kulturwelt geworden sind. 

Ihre Schöiiheit und Formbarkeit lassen sie als Rohstoff für Schmuck- 
gegenstände und für Geräte aller Art — ganz unabhängig vom Urteil 
über die „Kützlichkeit'^ — allgemein begehrt erscheinen. Obwohl 
nirgends ein zwingendes Bedürfnis nach Edelmetallen besteht, wie etwa 
nach Nahrung und Kleidung, so ist doch die Nachfrage nach Gold und 
Silber zu Luxuszwecken viel weniger begrenzt, wie die Nachfrage nach 
den für die Erhaltung des Lebens notwendigsten Gütern. An Nahrung 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 4. 19 

mehr aofzuhäufeu, als man in absehbarer Zeit zur Sättigung bedarf, 
daran hat niemand ein Interesse. FUr die Aufliäufung von Sehmuck- 
und PruniistUeken dajrof^en gibt es keine Schranken. Der menschliche 
Magen hat eine begrenzte Aufnahmefähigkeit, das Schmuckbedlirfnis, die 
Eitelkeit und die Trunksucht dagegen kennen keine Sättigungsgreuze, 
Derjenige, welcher UeberfluÜ an den notwendigsten Bedarfsgütern hatte, 
war deshalb stets geneigt, dafür edle I\Ietalle, verarbeitet oder unver- 
arbeitet, einzutauschen, deren Besitz der Eitelkeit schmeichelt und An- 
sehen verleiht; und deshalb konnte man von den Edelmetallen erwarten, 
daß mau filr sie jederzeit die benotigten und anderwärts überflüssigen 
Waren würde erhalten können. Die Uuentbehrlichkeit der Nahrungs- 
mittel üsw. erstreckt sich für den Einzelnen immer nur auf ein be- 
grenztes Quantum; darüber hinaus sind sie absolut überflüssig, ja wegen 
der Mühe und Gefahr der Aufbewahrung sogar lästig. Bei den Edel- 
metallen jedoch entspricht gerade der Entbehrlichkeit die ganz allgemein 
ond quantitativ unbegrenzte Begehrtheit und Verwendbarkeit. 

Die Edelmetalle besitzen ferner eine nahezu unbegrenzte Wider- 
standsfähigkeit gegen zerstörende Einflüsse. Gold und Silber werden 
weder vom Wasser noch von der Luft augegriffen; sie verlieren im 
Feuer nur bei gauz hohen Temperaturen von ihrer Substanz; Gold löst 
sich nur in Königswasser (3 Teile Salzsäure und 1 Teil Salpetersäure) 
und wird nur von Chlor, Brom und wenigen anderen Chemikalien an- 
gegriffen, während Silber in Salpetersäure und konzentrierter Schwefel- 
säure löslich ist und von Salzsäure angegriffen wird. Auch den 
physikalischen Einffüssen der Reibung gegenüber zeigen sich die Edel- 
metalle, namentlich wenn sie einen passenden Zusatz anderer Metalle 
erhalten (I^egierung), sehr widerstandsfähig. Infolge dieser Eigenschaften 
hissen sich die Edelmetalle, ohne sich in ihrer Substanz zu verändern, 
beliebig lang aufbewahren. Sie fanden besonders leicht Annahme als 
Gegenwert für die übrigen Güter, weil in ihnen nicht, wie in den einem 
rafchen Verderb ausgesetzten Waren, der Zwang liegt, sie alsbald zum 
eignen Verbrauch oder zu einem abermaligen Tausche zu verwenden. 

Des weiteren ist die Beschaffenheit der Edelmetalle eine durchaus 
gleichartige in jedem einzelnen Stücke, einerlei an welchem Ort das 
Metall gewonnen ist. Das trifft zwar streng genommen auch für die 
unedlen Metalle, wie das Kupfer, zu, nur daü hier die stets vorhandene 
Beimischung anderer Metalle zu Unterschieden führt, deren Beseitigung 
im Wege der Affinierung — im Gegensatz zu den Edelmetallen — die 
Kosten nicht deckt. Die gleichartige BeschafTenheit der Edelmetalle 
bewirkt, daß Unterschiede der Qualität nicht abzuwägen sind, daß gleiche 
Gewiehtsniengen desselben Metalls stets gleiche Werte darstellen und 
vich deshalb restlos gegenseitig ersetzen und vertreten können. 

Eine (Ur die (ieldfunklion der Edelmetalle sehr wesentliche Eigen- 
schaft ist ferner ihre unbegrenzte Teilbarkeit. Man kann die Edel- 
metalle sehr exakt in die denkbar kleinsten Teile zerlegen und beliebig 
viele kleine MetalJstUekchen jederzeit und ohne nennenswerte Kosten 
wieder zu ein»'m groÜen Klumpen zusammenschmelzen. Die letztere 
Möglichkeit sorgt dafür, daß der Wert verschieden großer Edelmetall- 
Stücke stets ihrem Gewichte entspricht, daß mithin die Teilung in kleine 



20 .Erstes Buch. I. Abschnitt. Dio Entwickluugsgescbichto des Geldes. 

Stücke keinen Wertverlust mit sich bringt. Nur diese Eigenschaft 
erniöiriicht es, fast ohne Eiiischriinknng; beliebig: große Werte darzustellen, 
iin Gegensatz zu CaUern, die ihrer Natur nach unteilbar siud, wie etwa 
Sklaven und Vieh, oder bei denen die Teilung eine grolie Wert- 
verringerung involviert, wie bei Diamanten, bei denen es bisher nur 
gelungen ist, aus einem großen mehrere kleine zu machen, nicht aber 
aus mehreren kleinen einen großen. Eine besondere Folge der Form- 
barkeit der iulelinetalle ist ihre Eignung zur Annahme eines Gepräges, 
durch das von autoritativer Seite Feinheit und Gewicht ! der einzelnen 
Stücke beglaubigt werden kann. Die große Wichtigkeit dieser Eigen- 
schaft soll später erörtert \verden. 

Außerdem kommt in Betracht die relative Seltenheit und die daraus 
sich ergebende Kostbarkeit der Edelmetalle. Ihr speziüscher Wert ist 
ein hoher, da der vorhandene Bestand gegenüber der allgemeinen 
Begehrtheit beschränkt ist und durch die Neugewinnung nur in lang- 
samem Tempo vermehrt werden kann. Andererseits ist doch der vor- 
handene Bestand groß genug, um den Edelmetallen in ausreichendem 
Umfange die Funktion als Geld zu ermöglichen. Infolge des hohen 
Wertes in geringem Gewicht und Volumen stellen sich bei den Edel- 
metallen die Kosten der Aufbewahrung und des Transports ganz be- 
trächtlich niedriger als bei den meisten anderen Waren, und dadurch 
wird sowohl ihre Annahme als auch ihre Verausgabung im Tausch- 
verkehr, sowohl ihre Erhaltung in ruhendem Zustande als auch ihre 
Bewegung ganz außerordentlich erleichtert. 

Als eine ganz besonders wichtige Eigenschaft kommt schließlich 
noch hinzu die relative Wertbestäudigkeit der Edelmetalle^), die sich 
ihrerseits aus einigen der bisher aufgezählten Eigenschaften ergibt. 

Diese Wertbeständigkeit steht zunächst in einem doppelten Zu- 
sammenhange mit der substantiellen Widerstandsfähigkeit der Edel- 
metalle gegen chemische und physikalische Einwirkungen. Durch diese 
Widerstandsfähigkeit sind einmal alle diejenigen Wertveränderuugen 
ausgeschlossen, welche sich bei anderen Gütern aus der unvermeidlichen 
Veränderung der Substanz selbst ergeben. Zweitens sammeln sich 
infolge der Dauerhaftigkeit der Edelmetalle die Ergebnisse der Edel- 
metallgewinnung zu Massen an, denen gegenüber die jährliche Neu- 
produktion, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, nur einen kleinen 
Bruchteil ausmacht. Je rascherem Verderben oder Verzehr ein Gut 
ausgesetzt ist, desto größer ist im allgemeinen die jeweilige Neupro- 
dnktion im Verhältnis zum vorhandenen Bestände, desto stärker ist 
die Einwirkung der Schwankungen der Neuproduktion auf den Preis. 
Während z. B. beim Getreide der jeweilige Ernteertrag den noch vor- 
handenen Vorrat aus früheren Ernten meist beträchtlich übersteigt, mit- 
hin das Jahr für Jahr verfügbare Getreidequantum und damit auch der 
Getreidepreis in erster Keihe von den Schwankungen des Ernteausfalls 
abhängt, hat selbst die stärkste jemals erreichte Jahresgewinnung von 

^) Das Problem des Werfes und der „Wertbeständigkeit" soll au dieser Stelle 
nicht von Grund aus erörtert werden; es sei vielmehr nur das in dem vorliegeuden 
Zusammenhange Erforderliche angedeutet, während die eingehende Behandlung dem 
12. Kapitel des II. Buches vorbehalten bleibt. 



1. Kapitel. Die Entstehnng des Geldee. § t, 21 

Gold — etwa 2,1 Milliarden Mark im Jahre 1913 — nur etwa 5 Pro- 
zent des auf mehr als 40 Milliarden zu schätzenden monetären Gold- 
bestandes der Welt betrajjen und vielleicht nur hall) soviel im Verhält- 
nis zu dem gesamten aus Geld und (Johhvaren bestehenden Goldvorrat. 
Die Dauerhaftigkeit der Edelmetalle gibt also der verfügbaren Menge 
eine außerordentlich grolie Beständigkeit gegenüber den Schwankungen 
der Neuproduktion. Nur eine sich auf lange Zeiträume erstreckende 
ungewöhnlich hohe oder niedrige Edelmetallproduktion kann mithin 
einen merkbaren Einfluß auf die Wertgestaltuug der Metalle ausüben. 

Diese bedeutsame Wirkung der Dauerhaftigkeit der Edelmetalle 
wird verstärkt durch gewisse Folgen, die sich aus dem Luxuscharakter 
von Gold und Silber ergeben. Es ist eine bekannte Tatsache, daß 
die Preisschwankungen am heftigsten sind bei den unentbehrlichsten 
HedarfsgUtern und daß sie um so mehr abnehmen, je entbehrlicher ein 
Gut ist. Bei Luxusartikeln genügt eine geringere Preisverminderung 
als bei den unentbehrlichen Dingen, um das gestörte Verhältnis von 
Angebot und Nachfrage wieder in Uebereinstimniung zu bringen. Weil 
der Bedarf an Brot keine wesentliche Einschränkung verträgt, weil 
jedermann lieber auf alles andere verzichten als verhungern will, des- 
halb sind hier ganz andere Preiserhöhungen notwendig, um den auf- 
grund des verfügbaren N'orrates nicht zu befriedigenden Teil der Nach- 
frage auszuschalten, als bei Luxusgegenständen, auf die jedermann am 
leichtesten verzichten kann. Andererseits ist der \ erbrauch und Bedarf 
an den unentbehrlichsten Dingen, wie oben bereits gezeigt wurde, am 
wenigsten steigerungsfähig; ein starkes Mehrangebot von Nahrungs- 
mitteln usw. kann sich deshalb, namentlich wenn sie leicht ver- 
derblich sind, nur durch ganz unverhältnismäßig viel größere Preis- 
herabsetzungen Absatz verschaffen, als ein vermehrtes Angebot von 
Luxusartikeln, für die eine Schranke der Aufnahmefähigkeit überhaupt 
nicht existiert. Durch diese Verhältnisse erscheint die Wertbeständig- 
keit der P'.delmetalle, für die ihre substantielle Dauerhaftigkeit die erste 
Voraussetzung und ein äußerliches Symbol ist, in ganz besonders hohem 
Grade gewährleistet. 

Wenn auch einzelne der hier aufgezählten Eigenschaften bei an- 
deren Objekten in gleichem oder gar in höherem Maße gegeben sind, so 
tindet sich doch eine derartig glückliche und vollkommene N'ereinigung 
nur bei den Edelmetallen. Wenn z. B. den Diamanten die Kostbar- 
keit in höherem Maße eigen ist, so besitzen sie dafür die Unzerstör- 
barkeit nur in geringerem Grade, und die Forml)arkeit geht ihnen 
völlig ab. Dnrch die \'ereiniguiig der aufgeziiliiten Eigenschaften sind 
die Edelmetalle in der Eignung zur Verrichtimg von Cield funktionen 
allen anderen Gütern überlegen, und sie haben infolgedessen die 
anderen (ieldarten allmählich verdrängt; freilich nicht in der Weise, 
daß die klare Erkenntnis ihrer \ (»rzüge irgendwo uiul irgendwann zu 
einem ausgesjirochenen Beschlüsse, sie allein als Tausclimittel zu be- 
nutzen, geführt hätte; vielmehr hat sich die ihnen innewcdinende Eig- 
nung zu diesem Zwecke ganz von selbst Geltung verschafft, indem 
jeder Einzelne tat, was ihm für seine persönlichen Interessen zweck- 



22 Erstes Blieb. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgescbicbte des Geldes. 

mäßip erschien, kam die Gesamtheit immer mehr zur ausschließlichen 
lUMiutzunjr diT Kdchnctalle zur Tnuschvormittlung. 

Das Zwangsliiuli^c diesi'r Kiitwickluii}; tritt am meisten hervor, wem» 
man erwäsrt, dali neben den positiven Vorzllj^en der Edelmetalle vor 
allen anderen Tauschmitteln auch ein negatives Moment die Entwicklung 
bestimmen mußte. Durch den gesamten Fortschritt der Volkswirtschaft, 
beruhend auf der in)mer weitergehenden Arbeitsteilung, mußten die 
■wichtigsten der anfänglich neben den Edelmetallen als Tauschmittel 
fungierenden Güter ganz von selbst ausgeschaltet werden. Wir 
brauchen nur an die neben den Edelmetallen wichtigste Kategorie der 
Tauschmittel, au das Viehgeld, zu denken. Es ist ohne weiteres klar, 
daß das Vieh nur bei Nomaden und Hirtenvölkern die Dienste als 
allgemeines Tauschmittel versehen kann. Nur wo die Bedingungen 
für die \ iehhaltung für jedermann so gut wie unbegrenzt gegeben 
sind, kann das \ ieh in großem Umfange den Dienst als Tauschmittel 
versehen. Schon mit der Einführung und Ausdehnung des Ackerbaues 
werden jedoch die Bedingungen für die Viehhaltung beschränkt; sie 
werden es immer mehr, je mehr sich die einzelnen Berufe von einander 
scheiden und je mehr sich einzelne Berufszweige von dem unmittel- 
baren Zusammenhange mit dem Grund und Boden loslösen. Gerade für 
diejenigen Berufe, welche späterhin die Geldwirtschaft am meisten 
ausgebildet haben, für die städtischen Gewerbe, fehlen die Voraus- 
setzungen für ein Viehgeld vollständig. Ein Handwerker, der keinen 
Grundbesitz und kein Weiderecht hat, ist nicht in der Lage, Ochsen 
und Kühe im Austausch gegen seine Erzeugnisse anzunehmen. 

So mußten allmählich alle diejenigen Güter, deren Gebrauchswert 
und deren Aufbewahrung von beruflichen Voraussetzungen abhängig 
sind, als Tauschmittel in Wegfall kommen, und es mußte sich ganz von 
selbst ergeben, daß die Edelmetalle, deren Verwendbarkeit und Auf- 
bewahrungsmöglichkeit an keine berufliche Voraussetzung gebunden 
ist und deren natürliche Eigenschaften ihre Annahme im Austausch 
gegen andere Waren so sehr befördern, immer mehr zum allgemeinen 
und schließlich zum alleinigen Tauschmittel wurden. 

g 5. Die Erfindung der Münze. 

Bei allen natürlichen Vorzügen, welche die Edelmetalle zum all- 
gemeinen Tauschmittel geeignet machten, stand der Ausdehnung ihres 
Gebrauchs zu Geldzweckeu ein starkes Hindernis entgegen. Bei der 
großen Kostbarkeit des Silbers und namentlich des Goldes kam es in 
besonders hohem Grade auf die genaue Feststellung des Gewichtes und 
der Beschaffenheit der P^delmetallstUckchen an. Solange die meisten 
Mitglieder eines Stammes Jäger waren, wußten sie den Wert von Waffen 
und Jagdgerät aller Art sachverständig zu prüfen; solange die meisten 
Stammesgenossen Hirten waren, konnten sie ein Rind oder eine Ziege 
mit kundigem Blick abschätzen. Niemals aber war ein nennenswerter 
Bruchteil eines Volkes sachverständig bei der Prüfung von Edelmetallen. 
Schon das genaue Wiegen machte, auch nachdem die Goldwage erfunden 
war, große Schwierigkeiten. Noch viel schwieriger aber ist die Fest- 
stellung, ob und wieviel unedles Metall dem Golde oder Silber beige- 



1. Kapitel. Die Eutatehung des Geldes. § 5. 23 

mischt ist. Das Aassehen der MetallstUckchen wird selbst durch relativ 
große Zusätze von Kupfer nur unmerklich verändert, und auch die 
proüe spezitisehe Schwere der Edelmetalle, nann-ntlich des Goldes, ist 
kein ausreichender Schutz frejren die betrU|:erische Heiniischunt: anderer 
Metalle von geringerem Werte. Es ist deshalb ein auf besonderen 
Kenntnissen beruhendes Probierverfahren notwendig, um festzustellen, 
wie viel reines Edelmetall ein Barren enthält. Die Notwendigkeit des 
Wiegens und Probierens bei jedem einzelnen Tauschakte muLJte also 
die Verwendung der Edelmetalle als Tausohmittel stark beeinträchtigen. 

Diese Schwierigkeit führte dazu, die für den Tauschverkehr be- 
stimmten Edelmetalle in eine bestimmte Form zu bringen, in Ringe 
und Barren von bestimmter Feinheit und bestimmtem Gewichte. In 
Bal)ylonien*), wo die Edelmetalle (Gold, Silber und daneben die Elek- 
tron oder Weißgold genannte natürlich vorkommende Mischung beitler 
Metalle) zuerst die Alleinherrschaft als Geld gewonnen zu haben scheinen, 
wurde nach bestimmten Gewichtseinheiten Edelmetalls gerechnet. Das 
Gewichtssystem beruhte auf sexagesimaler Teilung: 1 Talent = 60 Minen 
zu GO Schekel, ein vSystem, das sich mit gewissen Modilikationeu später 
über ganz Vorderasien, Aegypten und Griechenland verbreitet hat. Gold 
und Silber standen zu einander in dem als fest angenommenen Wert- 
verhjiltnis von 13 '/s '^^ 1; die Gewichtseinheit war für Gold und Silber 
in der Weise verschieden, daß die (leichtere) Mine Gold gleich 10 Minen 
Silber galt. Aufgrund dieses Systems bestiind namentlich in Babylonieu 
eine entwickelte Geldwirtschaft und auf dieser beruhend, sogar ein um- 
fangreicher Kreditverkehr, von dem sich Zeugnisse in unzähligen Keil- 
inschriften, die unter den Trümmern der babylonischen Städte gefunden 
wurden, erhalten haben. Trotz dieser hohen Entwicklung ist von Münz- 
prägung für jene Zeit noch keine Spur nachzuweisen. Man begnügte 
sich damit, die Barren nach den Unterabteilungen des Gewichtssystems 
in eine für den N'erkehr handliche Form zu bringen, in Ziegeln und 
Stücke von bestimmtem Gewichte, die kleineren Stücke auch in die 
Form von Hingen, von denen sich auf ägyptischen Denkmälern zahl- 
reiche Abbildungen erhalten haben. 

Gegen Betrug, namentlich in bezug auf den Feingehalt, bestand 
in der Ilerstellung solcher gleichartiger Metallstücke noch keine hin- 
reichende Sicherheit. Der Gedanke der Beglaubigung des Feingehaltes 
und Gewichtes der Barren und Ringe durch eine Stempelung, die sich 
ja den P^delmetallen leicht aufprägen läßt, liegt außerordentlich nahe, 
und es i.st auffallend, daß man erst verhältnismäßig spät auf diesen 
Gedanken gekommen zu sein scheint; im alten Babylonien und in .Vegypten 
kannte man eine solche Stempelung, wie bereits erwähnt, überhaupt 
nicht. Bei den Juden wurde vor dem Babylonischen Exil das Metall- 
geld por zugewogen; ebenso bei den Griechen zur Zeit Homers nnd 
bei den Riimern wahrscheinlich bis zur Zeit der Dezemvirn (penderc = 
wiegen; davon eipensu, Stipendium usw.). I^er chinesische Taei ist 
heute noch nur eine Gewichtseinheit ungeprägten Silbers. 

') VrI. Hrandin, MUn^i, JInÜ- und Ctpwicbtsijysteiu in Vorderasien. 1R66; 
Hnitscb, (trierhische und rüini-^rlit' lletnilojfio. lbH2; Eduard Meyer, Orien- 
faliacbes und jtjrierhiscbes Miinzwescn, im HandwilrterijUih der Staatswissenscbaften. 



2A Erstes Buch. I. Abschnitt. IMe Entwickinngsgeschicbte dos Geldes. 

Die ältesten mit einer gleichartifren Stempelung: versehenen Edel- 
metallstückchen stammen, soweit unsere Kenntnis reicht, aus dem klein- 
;\siatischen Grenzjrebiet der {griechischen und orientalischen Kultur und 
{gehören dem 7. Jahrhundert vor Christi Gehurt an. Schon Herodot 
hat behauptet, daß die Lvder die ersten Menschen gewesen seien, die 
iioldene und silberne Münzen geprägt haben. Die neueren Forschungen 
und Münzfunde halien diese Annahme durchaus bestätigt. Von Lydien 
aus scheint sich die Krdndung der Münze rasch über Vorderasien und 
Griechenland verbreitet zu haben, und nach und nach hat sie sich die 
ganze .Welt erobert, ^^i 

Die ältesten lydischen Münzen, die wir kennen, sind von sehr 
einfachem Aeußeren; sie sind ovale Metallplättchen, die auf der einen 
Seite eine Anzahl paralleler Streifen aufweisen, auf der anderen einige 
unregelmäßige Vertiefungen. Etw^as späteren Ursprungs sind die Stücke, 
die auf der einen Seite ein eigentliches Müuzbild, z. B. einen Löwen- 
kopf, zeigen, auf der anderen Seite an Stelle der unregelmäßigen Ver- 
tiefungen ein Quadrat (quadratum incusum). Es hat lange gedauert, 
bis auch die Ruckseite ein vollkommenes Münzbild erhielt (etwa von 
der Mitte des 5. Jahrhunderts an). Als Münzbilder finden wir außer 
Tierküpfen Darstellungen religiösen Inhalts, wie Götterbilder, die auf 
den Zusammenhang von Tempeln und Münzstätten, der lange bestanden 
hat, hindeuten. Inschriften, die den Namen des Prägeortes oder des 
I^Iünzherrn angeben, kommen frühzeitig neben den erwähnten Bildnissen 
vor. Dagegen ist die Sitte, das Bildnis des Landesherrn auf die Münze 
ZQ setzen, erst in der hellenistischen Zeit aufgekommen. 

Es lag nahe, die ersten Münzen genau nach dem geltenden Ge- 
wichtssysteme auszuprägen. Neuerdings ist allerdings die Auffassung 
vertreten worden, daß die Münzen vielfach in enge Beziehung zu den 
bereits vor ihrer P^ntstehung vorhandenen Tauschmitteln gesetzt worden 
seien. Wo nngeprägtes Metall schon vor der Erfindung der Münze in 
einer durch das Gewichtssystem gegebenen Stückelung als Geld ver- 
wendet wurde, fallen beide Gesichtspunkte zusammen. Wo bei der Ein- 
führung des gemünzten Geldes das Vieh die wichtigste Rolle als Geld 
spielte, soll der Hauptmünze häufig ein Metallgehalt gegeben worden 
sein, der dem Werte eines Ochsen entsprach, und zum äußeren Zeichen 
dieser Wertübereinstimmung sind die ältesten Münzen vielfach mit dem 
Bilde eines Ochsen usw. versehen. Bei den Römern war nicht nur das 
Gepräge der Kupfermünzen „boum oviumque effigie" ausgestattet, 
sondern auch der Name „pecunia" (pecus = Vieh) ist von dem 
früheren \iehgelde auf das spätere Metallgeld übergegangen. 

Was den StofT anbelangt, aus dem die frühesten Münzen geprägt 
wurden, so ist folgendes zu bemerken : 

Die ersten Münzen Lydiens und der griechischen Stadtstaaten in 
Kieinasien waren aus Elektron hergestellt, dessen Zusammensetzung 
nach Gold und Silber keine einheitliche ist, dessen Silberzusatz jedoch 
im Laufe der Zeit von etwa einem Viertel auf nahezu zwei Drittel stieg, 
wohl infolge absichtlicher Beimischung; diese Art der MUnzverschlech- 
terung konnte um so leichter betrieben werden, als offenbar noch ein 
zuverlässiges Verfahren zur exakten Feststellung des Feingehaltes der 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldei^. § 5. 25 

Elektronmischünp: fehlte. Die Elektronmllnzen werden dnrchweg als 
Ooldni Unzen bezeichnet. 

SilberniUnzen scheinen erst später aufgekommen zo sein und in 
Kleinasien lediglich dem lokalen Verkehr gedient zu haben; das zeigt 
sich vor allem darin, daß dort die Silbermtlnzeu in den einzelnen Städten 
nach sehr verschiedenen Typen geprägt wurden, während hinsichtlich 
der Goldnitinzen eine weitgehende Uebereinstimmung herrschte. In 
Griechenland selbst dngegen haben SilberniUnzen den ganz Überwiegen- 
den Bestandteil des Münzumlaufs gebildet. 

Bemerkenswert ist, daß man neben den HauptstUcken, deren Typus 
der Goldstater im Gewicht von etwa 14,2 g und im Wert von etwa 
30 Goldmark und der ^e Stater waren, auch ganz kleine TeilstUcke 
prägte, bis herab zum ^2* Stater, einer Goldmünze im Werte von nur 
1,25 Goldmark. Später hat Athen vereinzelt sogar Gold- und Silber- 
münzen bis herab zum '/g Obolus (Wert der kleinsten Goldmünze etwa 
27 Pfennig, der kleinsten Silbermünze etwa 2 Pfennig) ausgeprägt! 

Erst spät hat man, um dem Bedürfnis des Verkehrs nach kleinem 
Gelde zu genügen, mit der Prägung von Kupfermünzen begonnen; in 
Athen erst zur Zeit des Perikles. Allgemeine Verbreitung hat die 
Kupferprägung in Griechenland erst im 4. Jahrhundert vor Christi 
Geburt gefunden.') 

In Kom hat schon zur Zeit, als noch das Ilerdenvieh vorwiegend 
als G eld fungierte, ungeprägtes Kupfer gleichfalls als Tauschmittel 
gedient. Allmählich hat es das Vieh aus seiner Geldfunktion ver- 
drängt. Wie bereits erwähnt, wurde das Kupfer bis zur Zeit der 
üezemvirn zugewogen, wenn auch angeblich schon zur Zeit des Königs 
Servins große Kupferbarren mit bestimmten Zeichen versehen worden 
sein sollen (aes signatum). Silbermünzeu sind in Rom erst im Jahre 
268 V. Chr. eingeführt worden, Goldmünzen erst gegen Ende der Republik. 

Wenn wir das Wesen der Münze einer genaueren Betrachtung 
unterziehen, so finden wir, daß sie schon in der Form, in der sie uns 
bei ihrer Entstehung gegenUbertritt, etwas mehr ist als ein durch eine 
Stempelung nach Gewicht und Feinheit beglaubigter Metallbarren. 
Schon vor der Erfindung der ^lünze hatten in Pliönizien große und 
allgemeines \'ertrauen genießende Kaufleute Edelnietallbarren zur Er- 
sparung der FeingehaltsprUfung und des Wagens mit einer Stempelung 
versehen, und auch heute noch werden im Edelmetallhandcl Barren 
mit gewissen Zeichen gestempelt, die ihre Feinheit und eventuell auch 
ihr liewicht angebi-n. Eine Stcmjx'lung zur l'czcichnuiig der Feinheit 
ist sogar bei Gold- und Silberwart'ii heute ganz allgemein üblich. Aber 
gestempelte Barren wird an sich niemand als Münzen bezeichnen, und 
zwar nicht nur aus dem Grunde, weil sie in ihrer Form und Größe 
nicht der Vorstellung entsprechen, die wir uns heule von der Münze 
machen, weil sie verhältnismäßig schwere Stäbe und Ziegel sind, die 
sieh für den Umlauf als Geld, das von Hand zu Hand gehen soll, nicht 
eignen. Es kommt vielmehr noch ein anderes, wichtigeres Moment 



1) Vjrl. Edunnl Mevcr a.a.O. 



26 Erstes Buch I. Abschnitt. Die Entwickluugsgeflchichte des Geldes. 

hinzu. Bei den Barren ist die Stempelung durchaus individueller Natur; 
das einzelne Stück wird aufs {genaueste untersucht und nach seinem 
Feinirehait bezeichnet; der Feini^ohalt ist rein individuell, und die 
einzelnen Barren Zfijren solb.st dann, wenn sie im großen Ganzen nach 
einem einlieiilii-hen Typus gegossen sind, \'erschiedenheiten in der Fein- 
heit und namentlich im Gewichte, die bei der Kostbarkeit des Metalls 
beachtet werden müssen. Bei den Münzen dagegen ist die Stempelung 
eine durchaus generelle, das einzelne Münzstück ist nicht, wie der 
einzelne Barren, ein besonderes Individuum für sich, sondern ein 
Einzelstück einer einhidtlichen Gattung. Ein gestempeltes EdelmetallstUck- 
chen kann nur dann als Münze bezeichnet werden, wenn es als einzelnes 
Exemplar eines ganzen Kreises gleichartiger Stücke, die sich infolge 
ihrer Gleichwertigkeit gegenseitig vertreten können (Fungibilität), her- 
gestellt worden ist'). 

Deshalb ist bei den Münzen innerhalb der einzelnen Sorten nicht 
nur genaue Uebereinstimmung im Feingehalte, sondern auch genaue 
Uebereinstiramung im Gewichte nötig. Um eine betrügerische Verkürzung 
am Gewichte zu verhindern, überzieht bei der Münze, im Gegensatz 
zum gestempelten Barren, die Stempelung die ganze Oberfläche, soweit 
es technisch möglich ist; die Stempelung heißt dann „Gepräge". 

Die Gleichartigkeit der einzelnen Müuzstücke innerhalb derselben 
Sorte ist ein Merkmal, das bei den Bestimmungen des Begritfes „Münze" 
mitunter übersehen wird, und doch ist gerade dieses Merkmal von 
ganz hervorragender Wichtigkeit für die gesamte Entwicklung des 
Geldwesens und für die Bedeutung des Geldes in der Volkswirtschaft. 
Die nach einem einheitlichen Typus geprägte ]\Iünze hat Wirkungen 
hervorgerufen, die eine individuelle Stempelung von Edelmetallbarren 
niemals hätte zeitigen können und die weit über die zunächst 
in die Augen fallende Ersparung des Wagens und Probierens bei jedem 
einzelnen Tausche oder Kaufe hinausgingen. Mehr noch als die autori- 
tative Beglaubigung nach Feinheit und Gewicht hat die Ausprägung 
nach einheitlichen Typen die Verwendbarkeit der Edelmetalle als Geld 
gesteigert; sie hat den Ausgangspunkt abgegeben dafür, daß sich 
das Geld vom Edelmetalle als eine selbständige Kategorie loslöste. 

§ 6. Die Steigerung der Verwendbarkeit der Edelmetalle zu Geldzwecken 
durch die Münzprägung'. 

Die Beglaubigung von Edelmetallbarren nach Feinheit und Gewicht 
durch eine bestimmte Prägung oder Stempelung beseitigte ein sehr 
wesentliches Hindernis, das der Verwendung der Edelmetalle zu Geld- 
zwecken entgegenstand. Aber eine solche Beglaubigung an sich allein 
vermochte die Edelmetalle noch nicht allgemein zu Geldzwecken brauch- 
bar zu machen. Mit Edelmetallbarren, von denen jeder Einzelne nach 
Feinheit und Gewicht ein Individuum für sich ist, kann der Groß- 

1) Knapp (StaatlicheTheorie des Geldes, 1905, .3. Aufl. 1921) stellt das gemünzte 
Geld als ,.inorphi3ches Zahlungsmittel" („geformtn, hewegliche Sachen, welche Zeichen 
tragen") dem nngemünzten Kdelraetall als „amorphischem Zahlungsmittel" gegen 
über. Die Verfassung der Zahlungsmittel, in der mit ongeraünztem Metalle ge 
zahlt wird, nennt er „AutomKtallismus", die Verfassung, in der mit geformten 
Zeichen tragenden Stücken gezahlt wird, nenut er „Morphisraus". 



1. Kapitel. Die Entstehung dea Geldes. § fi. 27 

haodel auskommen; im großen internationalen Zahlungsverkehr haben 
die Harren ihre Bedeutung als Geld bis zum heutigen Tage bewahrt; 
für den kleineren Verkehr dagegen eignen sich die Harren, auch wenn 
sie nach Gewicht und Feinheit beglaubigt sind, nicht als Tauschmittel. 
Auf den früheren Stufen der Kulturentwicklung verstehen die weitesten 
Kreise der Hevölkerung wohl das Zählen, aber nicht das Rechnen. 
Das Rechnen mit so komplizierten Zahlen, wie es die Feinheitsbe7A'ich- 
nungen von Kdelmetallbarren sind, bei denen es noch auf die fünfte 
und sechste Dezimalstelle ankommt, bleibt auch bei entwickelter Kultur 
stets eine Unbeciucmlichkeit, die zwar in den Kontoren des Großhandels, 
wo es sich um die Uebertragung großer Werte handelt, leicht Über- 
wunden wird, die aber im Geben und Enijifangen des täglichen Ver- 
kehrs nicht bewältigt werden kann. Das verwickelte Rechneu wird 
nun dadurch auf ein einfaches Zählen reduziert, daß mehrere Münz- 
sorteu, von denen die größeren ein Vielfaches der kleineren darstellen, 
geschaffen werden und daß innerhalb der verschiedenen Münzsorteu die 
einzelneu Stücke in Feinheit, Gewicht und Gepräge vollständig gleichartig 
hergestellt werden. Dadurch wird es möglich gemacht, beliebige Wert- 
summen durch bloßes Zuzählen gleichartiger Müuzstücke zu übertragen. 
Erst durch diese Reduktion des Rechnens auf das Zählen erhielt 
das Edelmetall in der Form von Münzen jene ganz allgemeine Ver- 
weudbarkt'it als Tauschmittel, die für die Entwicklung des Geldwesens, 
ja für die Entwicklung der gesamten Wirtschaftsverfassung geradezu 
ausschlaggebend geworden ist. Alle Vorzüge, mit denen die Edel- 
niietalle von Natur für die Verrichtung von Geldfunktiouen ausgestattet 
snd. ki)nnten Jet/.t erst in volle Wirksamkeit treten, auch in denjenigen 
Schichten des Verkehrs, die des Wiegens, Probiereus und des Rechnens 
mit komplizierten Zahlen unkundig waren. In der Form von Münzen 
worden die Edelmetalle auch dort im Austausche gegen andere Waren 
angenommen, wo man sie ungeprägt aus Mißtrauen über ihre wirk- 
liche Heschaffenheit zurückgewiesen hätte. Zu allen ihren natürlichen 
Vorzügen verschaffte ihnen die Münzform die Leichtigkeit und Ein- 
fachheit der Uebertragung, die für die Entwicklung des in der fort- 
gesetzten Uebertragung seine eigentliche Hestimmung findenden Geldes 
eine unerläßliche Voraussetzung war. Deshalb ist es den l^delmetallen 
erst in gemünzter Ft)rm gelungen, ganz allgemein alle übrigen Tausch- 
mittel zu verdrängen. Während diese allmählich immer mehr wieder auf 
ihre Stellung als bloße Gebrauchs- oder Verbrauchsgüter zurückgeführt 
wurden, erfuhr die Gangbarkeit des gemünzten Geldes aus sich selbst 
heraus eine fortgesetzte Steigerung: je leichter das gemünzte Metall 
im Austausch gegen andere Güter anzubringen war, desto stärker wurde 
der Hegehr nach ihm. So entwickelte sich in der Münze ein Objekt, 
vermittelst dessen man alle anderen tauschbaren (Jüter erhalten konnte 
und das deshalb Jedermann für die von ihm selbst nicht beuötigten 
oder benutzten Güter zu erhalten strebte. 

§ 7. Die YerkSrporung der (teldfunktioD iu dor Mnnzo. 

Je mehr sich die Verwendung als Tausvhmittel auf eine einzelne 
Kategorie von Gegenständen konzentrierte, desto stärker mußte an sich 



28 Erstes Buch, I. Abscbnitt. Die Entvickhiiitrsgescbicbte des Geldes. 

schon der Gegensatz zwischen Geld nnd den übrigen Verkehrsobjekten 
hervortreten und empfunden werden. Sohinge alle tauschbaren Güter 
gleichzeitic: Tauschgut und Tanschniittel darstellen, sind nur die Anfänge 
einer Dit^erenzierung der Tauschniittelfunktion von den übrigen Funk- 
tionen und Brauchbarkeiten der Guter zu beobachten. Erst wenn die 
Funktion des Tauschmittels von einer einheitlichen, bestimmt abgegrenzten 
Gruppe von Gütern ausschließlich ausgeübt wird, ist der Anlaß zu einer 
deutlichen rnterscheidung von Tauschmitteln und anderen Gütern gegeben. 
Aber auch hier ist das allgemeine Tauschmittel noch nicht ausschließlich 
Tauschmittel, sondern es vereinigt in sich die Eigenschaft als Tausch- 
mittel und als Gebrauchsgut (so etwa bei einem Rindergeld und bei 
ungeprägtem Edelmetallgeld). Es gibt noch kein Tauschmittel als 
solches, sondern immer erst noch eine, allerdings auf eine einzelne 
Gütergruppc beschränkte Tauschmittelfunktion. 

Erst in der Münze hat diese Funktion eine besondere Gestalt 
gewonnen. In der Münze wurde zum erstenmal das Tauschmittel äußerlich 
unterschieden und herausgehoben aus allen zum Verbrauch oder Gebrauch 
bestimmten Gütern. Solauge die Metallbarren ebenso den Rohstoff für 
Scbmuckgegenstände darstellten, solange Goldspiralen und Ringe ebenso 
Schmuckgegenstände waren, wie sie auch zum Austausch gegen andere 
Güter verwendet wurden, — solange war der Unterschied zwischen 
Gebrauchsgut und Tauschmittel nicht in der Augenfälligkeit gegeben, 
mit welcher er jetzt in Erscheinung trat, wo der Unterschied in der 
Münze seinen körperlichen Ausdruck fand. Freilich wurde das gemünzte 
Metall durch die Prägung nicht dauernd und unwiderruflich aus dem 
Kreise der übrigen Güter ausgeschieden; die Münzen können ja durch 
Einschmelzung jederzeit wieder in Rohmetall und durch Verarbeitung 
in Schmuckgegenstände verwandelt werden. Aber solange sie Münzen 
sind, stellen sie doch in konkreter Weise die Geldfunktion dar, die 
bisher von den Gebrauchsgütern nur nebenbei verrichtet worden war. 
Damit ist die Grundlage gegeben für eine das Geld von allen übrigen 
Gütern scharf unterscheidende Anschauungsweise und für die Heraus- 
bildung eines besonderen Geldbegrififs, der Geld und Ware, die ur- 
sprünglich als verschiedene Funktionen in demselben Objekt friedlich 
nebeneinander wirksam waren, als Gegensätze einander gegenüberstellt. 

Wir haben nun zu verfolgen, wie sich diese Trennung von Geld 
und Ware in Anknüpfung an die Münze vollzogen hat. 

Solange die Jlünze lediglich als ein nach Feingehalt und Gewicht 
beglaubigtes Metallstückchen erschien, war die Voraussetzung für die 
scharfe Trennung von Geld und Ware noch nicht gegeben; denn das 
Metall an sich gehörte dem Kreise der Gebrauchsgüter an. Die Münze 
mußte also erst dem Metall gegenüber, aus dem sie hergestellt wurde, 
eine gewisse Selbständigkeit gewinnen, ehe jene Trennung stattfinden 
konnte. 

Das gemünzte Geld zeigte sich nun, wie bereits hervorgehoben, 
in seiner Brauchbarkeit als Tauschmittel dem rohen Metall soweit über- 
legen, daß die Vorstellung, die man sich von der Münze machte, schon 
aas diesem Grunde sich bald von der Vorstellung eines bloßen, durch 
Formgebung beglaubigten Metallquantums entfernen mußte. Wo einmal 



1. Kapitel. Die Entöirelning des Geldes. § 7. 29 

im allgemeiuen Verkehr die Münze Fuß gefußt hatte, da war bald mit 
uugepriigtem Metalle uichts mehr anzufangen; nur in gemlln/.tem Zu- 
stande übte das Metall jene bald als geheimnisvoll erscheiueade Macht 
über alle anderen Waren aus. 

Mußte sehou dadurch die Vorstellang geweckt werden, daß die 
Prägung das Wesentliche au der Münze sei — die Prägung, die au- 
fäuglich nur eine Beglaubigung des Metallgehalts, also des ursprüng- 
lichen Wesens der Münze war — und daß der Metallgehalt erst in 
zweiter Reihe käme, so wurde dieser Eindruck noch verstärkt durch 
die Wahrnehmung, daß auch Münzen, die durch Abnutzung unter ihren 
ursprünglichen Metallgehalt herabgesunken oder die gar von Anfang an 
unter ihrem ursprünglichen Metaligehalte ausgeprägt worden waren, 
sich im Verkehr als gaugbar erwiesen. Man fing an, die Prägung als 
eine Art Hexerei anzusehen, die nicht nur gewöhnliche Waren in 
Geld verwandeln, sondern auch aus geringeren Werten höhere Werte 
schaffen könne. 

Befördert wurde die Verselbstäadigung des Begriffs des Geldes 
gegenüber demjenigen eines bestimmten Edelmetallquantums dadurch, 
daß die Münzen überall eigne Namen erhielten. Auch dort, wo der 
Müuzname ursprünglich nichts war als eine bestimmte Gewichtsbe- 
zeichuung, wie Sekel, Drachme, Talent, As, Livre, Pfund, Mark usw.. 
gewann er bald eine selbständige, von der Gewichtsbezeichnuug un- 
abhängige Bedeutung. Oft aber war der Münzname von vornherein 
ein willkürlicher, der keinerlei Gewichtsbezeichnung enthielt. Diese 
scheinbare Formsache der Einführung eigner Namen für die Münzen 
wurde dadurch außerordentlich wichtig, daß überall, wo die Münze 
Boden faßte, die Kaufverabredungen und Zahlungsverträge bald nicht 
mehr in bestimmten Gewichtsmengen staatlich beglaubigten Goldes, Silbers 
oder Kupfers, sondern in bestimmten Summen von Gold-, Silber- oder 
Kupfermünzen abgeschlossen wurden. Vor der Erfindung der Münze, 
als das Geld als solches noch kein konkreter Gegenstand, sondern 
nur eine Funktion war, die nebenbei von gewissen Gebrauchsgütern 
erfüllt wurde, konnte es den Begriff' der Geldsumme noch nicht geben; 
was wir heute Geldsumme nennen, deckte sich damals vollständig mit 
der Bezeichnung der Anzahl oder Gewichtsmenge der als Tauschmittel 
verwendeten Gebrauchsguter. Um Geldbeträge zu messen und aus- 
zudrücken, brauchte man keine anderen Vorstellungen und Maßeinheiten 
als die, welche zur Bestimmung und Bezeichnung der Quantität bei 
den gewöhnlichen Gütern notwendig waren. Solange in der Haupt- 
sache das Vieh als Geld fungierte, war die Geldsumme identisch mit einer 
bestimmten Anzahl von Kindern, Schafen usw.; solange ungeprägtes 
Metall als Tauschmittel verwendet wurde, war die Geldsumme identisch 
mit einer bestimmten Gewichtsmenge Metall. I<>st mit der Münze 
entstand ein spezieller Maßstab für Geldmengen, ein Maßstab, dessen 
Rechnungseiuheit die Münze selbst war; und dadurch, daß alle Güter 
mehr und mehr ausschließlich gegen das geprägte Geld ausgetauscht 
wurden, fanden mehr und mehr alle Werte ihren Gegenwert und mit- 
hin ihren Wertausdruck in Geldsummen. Die Münze als Kechnungs- 
eiuheit für Geldsummen wurde damit zur Maßeinheit für alle Verkehrs- 



30 Erstes Bach. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

werte überhaupt. So ist es bis zam hentigeo Tage geblieben; wir 
drUckeu üoch heute die Geldsunimeu nnd im Anschlösse daran alle 
Werte und Preise aus in Einheiten, die ursprünglich Münzeinheiten 
waren, wie Mark, Frank. Dollar, Pfund Sterling, Gulden usw., ebenso 
wie sie in der ersten Zeit nach der Erfindung der Münze die klein- 
asialischeu Griechen in Stateren, die Perser in Dareiken berechneten; 
nicht aber bezeichnen wir Geldt-umnien in staatlich beglaubigten, d. h. 
in gemünzten Pfunden Goldes oder Silbers. 

In dieser Beziehung bedeutet die Münze die Unabhängigkeitser- 
klärurg des Geldes vom Geldstoff, dem Edelmetalle, und damit von 
den Gebrauchsgütern überhaupt, Das Geld erscheint als eine selb- 
ständige wirtschaftliche Güterkategorie mit eigner Quantitätsbe- 
stimmung. Solange freilich de facto die Münze in Uebereinstimmung 
blieb mit ihrem ursprünglichen Edelmetallgehalte, w^ar diese ent- 
scheidende Lostrennung nur latent, nur potentiell vorhanden; sie mußte 
jedoch sofort effektiv und aktuell werden, wenn sich der Metallgehalt der 
Münzen aus irgendwelchen Gründen veränderte. Wir sehen uns damit 
vor allem auf das Verhalten des Staates gegenüber dem Gelde hingewiesen; 
denn der Staat hat sich sehr bald der Prägelätigkeit bemächtigt, und 
Veränderungen des Feingehalts der Münzen mußten deshalb haupt- 
sächlich, wenn auch nicht ausschließlich, von dieser Instanz ihren Aus- 
gang nehmen. 

§ 8, Der Staat und die Miinzprägung. 

Vor der Erfindung der Münze hat sich auch eine entwickelte 
Staatsgewalt, wie sie beispielsweise in Babylonien und Acgypten be- 
stand, mit dem Geldwesen nur wenig zu beschäftigen gehabt, in der 
Hauptsache wohl nur so weit, als die an den Staat zu leistenden 
Zahlungen und Abgaben und die durch richterlichen Spruch festzu- 
setzenden Entschädigungen und Geldstrafen zu regeln waren. 

Diese einseitigen Vermögensübertragungen sind vom Tausche wohl 
zu unterscheiden, Ihre Regelung hing insofern mit der Entwicklung 
eines allgemeinen Tauschmittels zusammen, als wohl in der Hauptsache 
Leistung in solchen Gütern vorgeschrieben wurde, die als Tauschmittel 
fungierten. Denn die staatliche Obrigkeit, die Priester usw. mußten 
Wert darauf legen, für diejenigen Güter, welche sie nicht unmittelbar 
für ihre Zwecke verbrauchen konnten, jederzeit solche Dinge erhalten 
zu können, auf die sich ihr eigner Bedarf richtete. Andererseits haben 
die Vorschriften über die Leistungen an den Staat und die Priester- 
Echaft und über die Strafzahlungen sicher wesentlich dazu beigetragen, 
die Gangbarkeit gewisser Güter im Tauschverkehr zu steigern und 
ihnen den Charakter als Tauschmittel im Flusse der Zeiten zu bewahren. 
Denn schon aus dem Umstände, daß ein bestimmtes Gut zu den ge- 
nannten wichtigen Zwecken gebraucht werden kann oder gar gebraucht 
werden muß, erwächst diesem Gute eine Verwendbarkeit, die über 
seinen unmittelbaren Gebrauch und Verbrauch hinausgeht und ihm 
eine besoLdere Eignung zum Tauschverkehr verleiht. Auf diese Weise 
haben die Vorschriften über Abgaben aller Art, über Opfer und na- 
mentlich auch über das Wehrgeld auf die erste Entwicklung des Geld- 



1. Kapitel. Die Entstehang des Geldes. § 8. 31 

Wesens sicherlich einen beträchtlichen Einfloß aasgelibt, und es wurde 
ja auch bereits erwähnt, daß die traditionellen Wertverhältnisse zwischen 
den wichtigsten tauschbaren Gütern wahrscheinlich durch die Vor- 
schriften und Tarife über die Leistungen au die weltliche und geist- 
liche Obrigkeit und über die Strafgelder eine besondere Befestigung 
erfahren haben. 

Mit der Münze entstand nun für den Staat eine völlig neue Auf- 
gabe, die ihn weit über den bisherigen Umfang hinaus mit dem Geld- 
wesen in Berührung brachte: die Beteiligung an der Herstellung oder 
die ausschließliche Handhabung der Herstellung des gemünzten Geldes. 

Die Stempelung der MünzstUcke mag zuerst, ähnlich wie heute 
noch die Stempelung von Barren, von angesehenen Kaufleuten, deren 
Geschäfte eine große Ausdehnung hatten und deren Namen weithin 
bekannt war, erfolgt sein. Daß vor der Erfindung der Münze eine 
Stempelung von Barren seitens phönizischer Kaufleute stattfand, wurde 
oben bereits erwähnt. Ob auch die eigentliche Münzprägung zuerst 
von Privaten ausgeübt wurde, ob sie von weithin angesehenen Heilig- 
tümern ausging, darüber wissen wir nichts Bestimmtes. Sicher ist 
jedoch, daß bereits im frühesten Stadium die Staatsgewalt die Münz- 
prägung ausgeübt hat, und daß diese bald als ein ausschließliches ßecht 
der Staatsgewalt erschien. 

Die Staaten haben seither das Monopol der Münzprägung meist 
als ihr Kecht beansprucht, und es ist in der Tat nur natürlich und 
folgerichtig, daß die öffentliche Gewalt, die im Interesse der Gesamtheit 
das Maß- und Gewichtswesen ordnete, die Normalmaße und Normal- 
gewichte herstellte, sich auch des Münzwesens annahm; denn das 
öffentliche Interesse an richtig und gleichmäßig ausgeprägten Münzen 
steht nicht hinter dem an einem geordneten Maß- und Gewichtssystem 
zurück. Dazu kommt, daß auch für den primären Zweck der Münz- 
prägung, für die Beglaubigung von Gewicht und Feinheit, die öffent- 
liche Gewalt geeigneter und wirksamer sein mußte, als die größten 
Kaufleute; nur die höchste Autorität kann der Münze die weite Ver- 
breitung und allgemeine Annahme sichern, die sie aus ihrem eigent- 
lichen Wesen heraus erstrebt. Schließlich hat bei der Monopolisierung 
der Münzprägung in den Händen des Staates sicherlich mitgespielt die 
bereits erwähnte Wahrnehmung, daß auch unter ihrem ursprünglichen 
Feingehalt ausgeprägte Münzen sich als gangbar erwiesen, daß mithin 
das Münzregal eine fiskalische Ausnutzung gestattete. 

Welcher dieser Punkte in der allgemeinen Anschauung und in 
der Meinung der öffentlichen Gewalt selbst jeweilig als der wichtigste 
erschien, das hing stets von dem allgemeinen politischen und wirtschaft- 
liehen Charakter der Zeit ab. 

Jedenfalls war von der frühesten Zeit an das Hecht der Münz- 
prägung in der allgenu'inen Vorstellung so sehr mit der Staatsgewalt 
verknüpft, daß es stets als ein wesentlicher Bestandteil der Souveränität 
angesehen wurde und daß die Geschichte seiner Ausübung in den ein- 
zelnen Staaten ein förmliches Spiegelbild für die Gesamtrichtung der 
Entwicklung der Staatsgewalt liefert. So hat schon Darius die Gold- 
prägung zum ausschließlichen Monopol der Zeutralgewalt des persischcü 



32 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Eutwicklangsgeschichte des Geldes. 

Kelches gemacht uud nur die Prägung; vou SilbenuUnzen für den lokalen 
Tmlauf den Satrapen uud Vasallen überlassen. Nach der Unterwerfung 
Italiens durch die Römer wurde den italienischen Unterstaaten nur die 
Priigung des kleinen Geldes überlassen, das große Geld wurde aus- 
schließlich vou Korn selbst geprägt. Augustus nahm, nachdem er 
die Herrschaft errungen hatte, für sich das ausschließliche Recht der 
Prägung von Gold- und SilbermUuzen in Anspruch, dem Senat verblieb 
nur die Kupferjiräguug. In Deutschland hatte, solange unter den alt- 
fränkischen Königen noch eine starke Zentralgewalt bestand, der König 
allein das Recht der Münzprägung, Mit der späteren Zersplitterung 
der Staatsgewalt ging eine völlige Dezentralisation des Münzrechtes 
Hand in Hand. Geistliche und >veltliche Herren uud Reichsstädte er- 
hielten zuerst die Befugnis zur Prägung von kleinen Münzen, bis in 
der Goldenen Bulle den Kurfürsten auch das Recht der Goldprägung 
verliehen wurde. Erst die Konsolidierung der größeren Territorial- 
staateu brachte nach der mit der Auflösung der Reichsgewalt einge- 
treteneu völligen Zersplitterung des Münzwesens eine Wendung zum 
Besseren zustande, und eine der ersten Segnungen, die das neue Deutsche 
Reich auf wirtschaftlichem Gebiete brachte, w^ar die Herstellung der 
deutscheu Münzeinheit. 

Solche Analogien lassen sich überall beobachten. So hat auch 
in Frankreich im 11. und 12. Jahrhundert das Münzregal in 
Uebereinstimmung mit der Zentralgewalt eine ähnliche Zersplitterung 
erfahren wie in Deutschland; aber vom Beginn des 13. Jahrhunderts 
an hat der Sieg des Königtums über die Barone auch das königliche 
Münzregal wiederhergestellt. Und noch früher ist es in England ge- 
lungen, der Krone das ausschließliche Münzregal zu sichern. 

§ 9. Die Ausgestaltung des Geldbegriffs auf Grund der Münze. 

Das staatliche Monopol der Münzprägung ist eine der wichtigsten 
historischen Voraussetzungen, aufgruud deren sich die Sonderstellung 
des Geldes gegenüber den übrigen Gütern weiter entwickelte. Das 
Prägeraonopol hat wesentlich dazu beigetragen, daß die in der Münze 
gegebene selbständige Form mit einem selbständigen Inhalt erfüllt wurde 
und daß die durch die Münze bewirkte körperliche Ausscheidung des 
Geldes aus dem Kreise der übrigen Güter eine selbständige Ausbildung 
des Geldbegriffs nach sich zog. 

Der wesentliche Schritt war folgender: Die öffentliche Gewalt, 
die ihre Hand auf die Münzprägung gelegt hatte, begnügte sich nicht 
mehr damit, daß sie allein Münzen prägen durfte, sondern sie nahm 
auch das Recht in Anspruch, ihre Münzen so herzustellen, wie es ihr 
gut dünkte ; sie begnügte sich ferner nicht mehr damit, dem Verkehr in 
der Münze ein ganz besonders geeignetes Tauschmittel zu liefern, das 
mit den anderen von früher her vorhandenen Tauschmitteln gewisser- 
maßen in einen freien Wettbewerb hätte treten können, sondern sie 
stellte die Forderung auf, daß ausschließlich die von ihr in Umlauf ge- 
setzten Münzen Geld sein sollten. 

Die Grundlage, auf der diese beiden Ansprüche der öffentlichen 
Gewalt verwirklicht werden konnten, um dann das Wesen des Geldes 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 9. 33 

selbst entscheidend zu beeinflussen, war die oben dargestellte Tatsache 
der Ueberlegenheit des geniiiiizten Metalls über das uiigeniUiizte und 
der Umstand, dal3 nach der Erfindung der MUnze die Münzeinheit gleich- 
zeitig die liechnungseinheit filr Geldsummen geworden \var. Wie ein 
immer enger werdendes Netz überzogen mit dem Fortschreiten der 
wirtschaftlichen Entwicklung Zahlungsverpflichtungen aller Art die ganze 
Volkswirtschaft. Die öffentlichen Abgaben und die privaten aus Kauf 
und Verkauf, Miete, Pacht usw. hervorgehenden Zahlungsverpflichtungen, 
staatliche Besoldungen usw. nahmen einen immer größeren Umfang an. 
Nun muß man sich vergegenwärtigen, daß nach der Einführung der 
Münze diese Zahlungsverpflichtungen in fortschreitendem Umfange auf 
bestimmte Münzeinheiten lauteten, die allerdings ursprünglich nichts 
waren als bestimmte Edelmetallquantitäten in staatlich beglaubigter 
Form. Daß aber in der allgemeinen Vorstellung, die sich vom Wesen 
der Münze herausbildete, der Metallgehalt in den Hintergrund, die 
Prägung in den Vordergrund trat, ist bereits dargestellt. Und der Staat 
selbst, der die Prägung als sein ausschließliches Recht in Anspruch 
nahm, mußte sich diese Auffassung schon aus folgenden Gründen zu 
eigen machen: Die Prägetechnik gestattete keine genau gleichmäßige 
AusmUnzung, und der effektive Metallgehalt der umlaufenden Münzen 
erfuhr durch die Abnutzung im Laufe der Zeit eine ganz unvermeidliche 
Veränderung. Gleichwohl mußte, wenn der Zweck der Münze über- 
haupt erreicht werden sollte, die Fiktion aufrecht erhalten werden, daß 
alle einzelnen Münzstücke der gleichen Sorte in ihrem Werte überein- 
stimmten und sich untereinander zu dem ihnen beigelegten Werte ver- 
treten könnten. Was in dieser Beziehung durch den Materialwert der 
Münzen nur unvollkommen erreicht werden konnte, ließ sich in voll- 
kommenerer Weise nur durch einen Rechtssatz, der die Gleichartigkeit 
und gegenseitige Vertretbarkeit der einzelnen MünzstUcke derselben 
Gattung dekretierte, durchsetzen. Den Münzen wurde durch Rechtssatz 
eine bestimmte „Geltung" beigelegt, die von Verschiedenheiten und 
Veränderungen im Metallgehalt der einzelnen Stücke bewußt absah. 

Eine auf klarer Erkenntnis der Verhältnisse beruhende Entwick- 
lung finden wir bei den Römern; als diese an Stelle der Kupferbarren, 
die zugewogen wurden, geprägte Münzen einführten, haben sie von vorn- 
herein deren Annahme zu dem ihnen beigelegten Werte oder, wie man 
sich heute ausdrückt, zu ihrem „Nennwerte" vorgeschrieben, ohne Rück- 
sicht darauf, ob ihr tatsächlicher Metallgehalt mit dem Nennwerte über- 
einstimmte. 

Wenn nun auch dieses Prinzip ursprünglich nur aus der mangel- 
haften Prägetechnik und der Abnutzung der Münzen hervorgegangen 
sein mag, so bedeutet es doch nicht mehr und nicht weniger, als daß 
es Sache des Staates ist, zu bestimmen, daß Zahlungsverpflichtungen, 
die auf seine Münzen, auf sein Geld lauten, in denjenigen Stücken be- 
glichen werden können und müssen, die er als solche Münzen bezeichnet, 
ohne Rücksicht auf ihren Effektivgehalt'). Damit erschien es in das 



') Knapp, a a. 0. drückt das aus: die aaf Zahlungsmittel lautenden Schuldea 
wurden au8 „Realsrhulden" zu „Nominalschuldeo". 

HeKf erlo b, Dat Geld. 3 



3-4 Erstes Bnch. I. Abschuitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Belieben des Staates und seiner Gesetzgebung gestellt, Bestimmungen 
Über den Metallgehalt der Müii/ami und Über den Inhalt der auf ge- 
münztes Geld lautenden Verbindlichkeiten zu treffen und eventuell diese 
Bestimmungen zu verändern. Damit wurde das Geld eine juristisch 
selbständige Große; das Edelmetallquantum, mit dem die Kechnungs- 
einheit des Geldes ursprünglich zusammenfiel, wurde zum bloßen Sub- 
strat des Geldes, über dessen Festsetzung und Veränderung die Staats- 
gewalt die freie Verfügung beanspruchte. Das ursprüngliche Verhältnis 
von Metall und Münze erscheint damit völlig umgekehrt: während an- 
fänglich der Metallgehalt das Gegebene und die Münzform nur eine 
Beglaubigung dieses Metallgehaltes war, erscheint jetzt die Münze und 
die ursprünglich von ihr abgeleitete Rechnungseinheit als das Gegebene, 
und der Staat bestimmt und verändert nach Gutdünken ihren Metall- 
gehalt'). 

Diese Gewalt über das Geld konnte der Staat praktisch jedoch nur 
dann in vollem Umfange ausüben, wenn er alle fremden Elemente, die 
unabhängig von seinem Einflüsse waren, von der Geldfunktion aus- 
schloß. Über das gemünzte Geld hatte der Staat infolge des Präge- 
monopols die volle Herrschaft, die Herstellung desselben lag in seiner 
Hand. Über das Geld schlechthin konnte er diese Herrschaft nur in 
soweit vollkommen verwirklichen, als die von ihm hergestellten Münzen 
das alleinige Geld waren. Nur dadurch, daß die Staatsgewalt be- 
stimmte, die von ihr geprägten Münzen sollten das alleinige Geld sein, 
konnte sie ihr Geld zu einer selbständigen Größe machen und alle 



*) Knapp charakterisiert diese entscheidende EDtwicklung mit der Wendung: 
Die morphischen Zahluntrsuiittel erhielten „proklainatorische Geltung". 

Der Gegensatz dazu ist „peusatoriscbe (durch Wägen gefundene) Geltung". 
Proklaniatorische, d. h. durch einen proklamierten Rechrssatz der Staatsgewalt bei- 
gelegte Geltung können nur morphische Zahlung?<uiittel haben, denn die proklama- 
torische Beilegung der Geltung kann nur an technisch genau delinierte Stücke 
erfolgen, nicht an einen Stoff als solchen. Dagegen können auch morphische Stücke 
pensatorisch, d. b. nach dem Gewichte, gelten; der Fall ist selten, aber er ist theoretisch 
möglich und historisch vorgekommen. Die morphisch-pioklamatorischen Zahlungs- 
mittel nennt Knapp „chartalo Zahlungsmittel" (von Charta). Nur cbartale Zahlungs- 
mittel sind für ihn „(ield". — Wenn auch in der oben stehenden, aus der ersten 
Auflay^e unverändert übernommenen Darstellung der Begriff Geld weiter gefaßt ist, 
80 stimmt doch der Verfasser mit Knapp in der Beurteilung der Wichtigkeit der 
Beilegung der ,.proklamatoriscben Gelruug" für die Entwicklungsgeschichte und 
die Theorie des Geldes überein, indem auch er erst von dieser Bei leafung das Geld 
als eine ,.juristi«cb selbständige Größe" datiert und erst mit der völlitjen Scheidung 
zwischen Geld und Geldstoff, die auf der Durchführung der ,.proklamatori8cheu 
Geltung-' beruht, die Entstehung des Geldes als vollendet ansieht. 

Indem Knapp die entscheidende Wendunsj- in der Tatsache sieht, daß die 
morphischen Zahlungsmittel proklaniatorische Geltung erhielten, gibt er zugleich 
zu, daß die „i»roklaiiiatori8che Geltung" nur möiJ:lich ist, wo bereits „morphische 
Zahlungsmittel'' bestehen. Da andrer>eits die „proklamaturische (Teilung" des Geldes 
nur die Gegenseite der Nominalität der Geldschulden ist, können Nomiiialscbulden 
unmöglich vor den morphischen Zahlungsmitteln, also vor den Münzen bestamlen 
haben: Nominalität der Schulden und Antometallismus sind mithin unvereinbar, und 
Knapp setzt sich mit sich selbst in Wiflerspruch, wenn er eine Nominalität der 
Schulden sfhun beim Autometallisraus anerkennen will (a. a. 0., S. l'd). Die Münze 
war der Ausgangspunkt für die ganze die Nominalität der Schulden und die 
proklamatorische Geltung der Geldstücke umfassende selbständige Entwicklung des 
Geldbegriffs. 



1. Kapitel. Die Entstehung des Geldes. § 9. 35 

Geldsubstanzen — in P'rage kamen praktisch nur die Metalle — zu 
ihrem Willen unterworfenen Substraten herabdrlicken. Durchaus zu- 
treflfend bemerkt deshalb Simmel zu der oben erwähnten rümischen 
Kechtsnorm, welche die Annahme der Kupfermünzen nach ihrem Neun- 
werte und ohne Rücksicht auf ihren Metallgehalt vorschrieb, daß diese 
Norm zugleich die Zusatzbestimmung erforderte: Geld sei überhaupt 
nur eben diese Münze, alles daneben bestehende konventionelle Geld 
sei bloße Ware; nur bei Forderungen auf jene kann man mit der 
strengen Geldschuldklage vorgehen, alle sonstigen Geldschulden sind, 
wie Wareuschulden, nur auf den wirklichen, also durch ihr Nominal als 
Geld nicht beeinflußten Wert einzuklagen. Dieses Bestimmungsrecht 
des Staates darüber, was überhaupt Geld sein soll, ist in der Folgezeit 
festgehalten und weiter ausgebildet worden in enger Wechselwirkung 
mit dem Verfügungsrechte des Staates über das Substrat seines Geldes. 

Allerdings sind diese Zusammenhänge nur selten klar erkannt 
worden, und der alte theoretische Streit, der bis auf Aristoteles 
zurückgeht, ob das Geld auf das Gesetz oder auf die Natur zurück- 
zuführen sei, ob sein Wert auf seinen inneren Metallgehalt oder auf 
der staatlichen Prägung beruhe, — alle diese Fragen wären durch eine 
zutrefieude Vorstellung von dem Entwicklungsgange des Geldes wesentlich 
vereinfacht worden. Es ist hier nicht der Platz, auf diese verschiedenen 
Theorien einzugehen; sie werden im theoretischen Teile dieses 
Buches ihre Behandlung erfahren. Hervorgehoben werden muß hier nur, 
daß dii' Anschauung von dem Verfügungsrecht der öffentlichen Gewalt über 
den Metallgehalt ihrer Münzen und damit über das Substrat ihres 
Geldes in der Praxis von jeher geherrscht hat. Diese Anschauung hat 
sich historisch feststellbar zum erstenmal in absoluter Dentlichheit ge- 
offenbart in der bekannten Seisachthie, die Solon im Jahre 51)-i vor 
Christus in Athen durchführte. Um die beabsichtigte Erleichterung 
aller Schulden um ein Viertel durchzuführen, schlug Solon nicht etwa 
den Weg ein, den Nominalbetrag der Schulden um ein Viertel herab- 
zusetzen, sondern er verringerte den Metallgehalt der athenischen 
Münzen um ein Viertel und schrieb vor, daß alle Gläubiger sich die 
Zahlung in den neuen, leichteren Münzen zu ihrem Nennwerte gefallen 
lassen müßten. Das athenische Geld existierte fort als rechtlich 
identische Größe, aber mit einem anderen Substrat, das durch eine 
geringere Menge Edelmetall dargestellt wurde. 

Alle die zahlreichen Münzverschlechterungen, von denen kein 
Staatswesen verschont geblieben ist, sind praktische Aeußerungen der- 
selben Anschauung. IJeberall sehen wir, daß sich der Metallgehalt 
der Münzeinheit im Laufe der Zeit beträchtlich verringert hat. Das 
griechische Talfnt, das römische As, das Pfund oder Livre in Italien. 
Frankreich und England, die Mark und später der Gulden und Taler 
in Deutschland. — alle diese Keeluiuiigselnlieiten blieben rechtlich 
identische (irößeti, während ihr nietalliselies Substrat durch ein immer 
kleiner werdendes Quantum Metall dargestellt wurde. Zwar haben 
wir es bei den MUnzverschlechterungen mit Maßregeln zu tun, die 
oft ans falschen Vorstellungen wirtschaftlicher Natur und aus gewinn 
süchtigen Motiven der MUnzherren hervorgegangen sind. Aber alle 



36 Erstes Bach. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Irrtümer und Mißbräuche dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß 
an der zwecivmäßigen Einrichtung des Geldwesens ein so starkes öffent- 
liches Interesse besteht, daß die Staatsgewalt nicht nur das Recht, 
sondern auch die Pflicht hat, auf diesem Gebiete regulierend einzugreifen, 
Nur aus diesem Grundsätze heraus, der die Identität zwischen dem Gelde 
und dem Metalle, aus welchem das Geld jeweilig besteht, völlig aufhebt, 
der das Metall lediglich als eine dem Bestimmungsrechte des Staates 
unterworfene Substanz des Geldes ansieht, — nur aus diesem Grund- 
satze heraus ist eine so entscheidende Maßregel, wie ein moderner 
Währungswechsel, zu verstehen und juristisch zu rechtfertigen; denn 
ein Uebergaug etwa von der Silberwährung zur Goldwährung besteht 
ja gerade darin, daß der Staat nicht nur das seiner Geldeinheit zu- 
grunde liegende Metallquantum verändert, sondern daß er mit dem 
das Substrat des Geldes darstellenden Metalle selbst- wechselt, indem 
er an die Stelle des Silbers das Gold setzt. Wenn wir solche Vor- 
gänge, ohne in theoretische Streitigkeiten einzutreten, einfach de lege 
lata betrachten, dann sehen wir, daß das Geld seine rechtliche und 
wirtschaftliche Kontinuität bei wechselndem Metallgehalte der Münz- 
einheit bewahrt hat, und darin tritt die Selbständigkeit des Geldbegriffs 
gegenüber dem Stoffe, aus dem das Geld besteht, aufs deutlichste in 
Erscheinung. Erst mit dieser völligen Scheidung zwischen Geld und 
Geldstoff ist die Entstehung des Geldes vollendet. 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. 
§ 1. Die Milnzsorten. 

Die Lostrennung des Geldes aus dem Kreise der übrigen Güter 
und die Ausbildung eines besonderen Geldbegriffs hat ihr Gegenstück 
und ihre Ergänzung in der Entwicklung der Geldsysteme, Der 
Entwicklungsprozeß des Geldes geht dahin, das Geld als eine Einheit 
der Vielheit der Waren gegenüberzustellen, und die Zusammenfassung 
der verschiedenen konkreten Erscheinungsformen des Geldes zu einer 
Einheit hat sich in der Bildung der Geldsysterae vollzogen. 

Wir wissen, daß in den ersten Stadien der Entstehung des Geldes 
eine Vielheit von verschiedenartigen Tauschgütern nebeneinander be- 
stand, die durch herkömmliche Wertverhältnisse miteinander in Be- 
ziehung gesetzt waren und von denen einzelne im Laufe der Zeit 
mehr und mehr ausschließlich die Funktion als Tauchmittel über- 
nahmen. Von einem eigentlichen „Geldsystem" kann in diesem frühen 
Zustande, in dem überhaupt noch keine prinzipielle Scheidung von 
Geld und Ware erfolgt war, nicht die Rede sein. Außerdem fehlte, 
wie oben auseinandergesetzt wurde, diesen Kombinationen von Tausch- 
mitteln sowohl die Geschlossenheit nach außen hin, als auch die innere 
Einheit, Jeder Fortschritt des wirtschaftlichen Denkens mußte die 
freie und veränderliche Bewertung der einzelnen Güter gegenüber der 
Macht des Herkommens begünstigen und dadurch die an sich schon 
lose Verbindung der einzelnen Tauschmittel, die in dem traditionellen 
Wertverhältnis bestand, immer mehr lockern. 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysterae. § 1. 37 

Dadurch, daß die Edelmetalle mit der Zeit sich zam alleinigen 
Tauschmittel heraasarbeiteten, war eine gewisse auf die Einheitlichkeit 
des Geldes gerichtete Tendenz gegeben, zumal da die Schwankungen 
im gegenseitigen Wertverhältnis von Silber, Gold und Kupfer auch 
während längerer Perioden oflenbar nur ganz geringfügig waren. 

Aber diese auf die Entstehung eines einheitlichen Geldes gerichtete 
Entwicklungstendenz erfuhr eine Unterbrechung gerade durch die Er- 
findung der Münze, durch die nach der anderen Seite hin die Brauch- 
barkeit der Edelmetalle als Tauschmittel so sehr gesteigert wurde. 
Nunmehr entstand nämlich aus dem einzelnen Metall eine Vielheit von 
MUnzsorteu, und aus denselben Gründen, aus welchen die Münze an 
sich gegenüber dem Metalle unabhängig wurde, bildete sich auch eine 
gewisse Selbständigkeit der einzelnen Münzsorten heraus. 

Die Bedürfnisse des Verkehrs mußten von Anfang an zu einer 
Vielheit von MUnzsorten hinfuhren. Das war ja gerade einer der 
wesentlichsten Vorzüge der Edelmetalle, daß sie infolge ihrer unbe- 
schränkten Teilbarkeit und Formbarkeit die Darstellung der ver- 
schiedensten Wertgrößen gestatteten. Es ist deshalb ganz natürlich, 
daß man nicht nur die eigentliche Münzeinheit selbst, sondern auch 
Bruchteile und Vielfache derselben ausmünzte. Aber bei dieser ein- 
fachen Stückelung eines und desselben Münztypus hatte es nicht sein 
Bewenden; es kam vielmehr eine Verschiedenheit der Grundtypen selbst 
hinzu. Das Prägemonopol des Staates für sein Gebiet, das in einer 
Ausschließung fremder Münzen seine notwendige Ergänzung hat, ist 
erst im Laufe der Zeit zu seiner vollen Ausbildung gelangt; des- 
halb war der Münzuralanf vielfach ein gemeinschaftlicher, auch dann, 
wenn die einzelnen Städte oder Staaten verschiedene Typen aus- 
münzten. Auch innerhalb eines und desselben Staates wurde sehr 
häufig nach verschiedenen Typen geprägt. Es kam vor, daß einzelne 
MUnzsorten zuerst von auswärts eindrangen, sich große Beliebtheit er- 
rangen, und daß dann schließlich der Staat selbst, ohne die Prägung 
seiner alten Münzen aufzugeben oder mindestens ohne die umlaufenden 
alten Münzen gänzlich zu beseitigen, den neuen MUnztypus adoptierte. 
Je größer die Zersplitterung des Prägerechts und je geringer die Ge- 
schlossenheit des Münzumlaufs nach außen hin, desto größer die 
Mannigfaltigkeit der MUnzsorten. 

Gleich bei der ersten Einführung der Münze beobachten wir 
eine solche Mannigfaltigkeit. In Lydien selbst, dem Ursprungslande 
der Münze, scheinen von Anfang an Goldmünzen nach zwei ver- 
schiedenen Typen, beruhend auf der Verschiedenheit des babylonischen 
und des von diesem abgeleiteten phönizischen Edelmetallgewichts- 
eystems, jicprägt worden zu sein: Statere von etwa 14,2 g Gewicht 
(phr>nizischer Fuß) und Statere von nur 10,8 g Gewicht (babylonischer 
(Silber-) Fuß), beide mit Teilstücken. Auch ii. den griechischen Stadt- 
staaten Kleinasieua prägte man nach verschiedenen Gewichtssystemen, 
teilweise nach den phönizisch-lydischen Fuß, teilweise nach dem 
schweren babylonischen Goldgewichte (der Stater etwa 16,5 g); letzterer 
Typus wurde namentlich in Pliokiia geprägt zu der Zeit, als diese 
Stadt auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Bedeutung stand. 



38 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Eutwicklungsgeschichte des Geldes. 

Daß hinsichtlich des Münzfußes der Silbermlinzen in den griechischen 
Stadtstaaten Kleinasiens eine sehr viel weitergehende Verschiedenheit 
herrschte, als hinsichtlich der GoldausmUnzuugeu, wurde bereits erwähnt. 

Zu der Verschiedenheit der MUnztypen, soweit sie sich im Rauh- 
gewicht der Mllnzstücke äußerte, kam noch die Verschiedenheit der 
Zusammensetzung des Elektron nach Gold und Silber hinzu. Es ist 
bereits darauf hingewiesen worden, wie sehr sich diese Mischung all- 
mählich verschlechtert hatte. Das Ergebnis einer mit einem pho- 
käischen Stater vorgenommenen Schmelzprobe, das Mommsen in seiner 
Geschichte des römischen Münzwesens mitteilt, war eine Mischung 
von nur 412 Tausendteilen Gold, 539 Tausendteilen Silber und 49 
Tausendteilen Kupfer. 

Schon der Lyderkönig Krösus sah sich etwa ein Jahrhundert 
nach der Erfindung der Münze, infolge der zahlreichen Spielarten der 
in seinem Königreiche umlaufenden Münzen und infolge der Ver- 
schlechterung des Elektron, zu einer durchgreifenden Müuzreforra ge- 
nötigt. Um das Müuzwesen seines Staates auf eine einfachere und zu- 
verlässigere Basis zu stellen, schaffte er die Elektronprägung ab und 
führte Münzen aus reinem Gold und reinem Silber ein; aber auch die 
neuen Münzen wurden nicht nach einem einheitlichen, sondern abermals 
nach zwei verschiedenen Typen geprägt. 

Wir sehen also, wie sich gleich nach der Einführung des ge- 
münzten Geldes innerhalb eines und desselben Umlaufsgebietes ver- 
schiedene Münztypen entwickelten, von denen ein jeder mit seinen 
Teilstücken eine Gruppe für sich bildete. 

Noch deutlicher tritt diese Zersplitterung in einzelne von einander 
unabhängige Münzsorten in Erscheinung bei denjenigen Völkern, welche 
nicht durch den eignen Erfindungsgeist, sondern durch die Berührung 
mit höher entwickelten, gemünztes Geld gebrauchenden Nationen die 
Münze als Tauschmittel kennen lernten. Bis zum heutigen Tage können 
wir beobachten, wie bei solchen Völkern sich die Münzen verschiedener 
handeltreibender Nationen zusammenfinden, dabei vielfach solche Münz- 
sorten, die in ihrem Ursprungslande nicht als Geld dienen, sondern 
ausschließlich für den Handel mit fremden, halbzivilisierten Völkern 
geprägt wurden, wie Maria-Theresia-Taler, spanische und amerikanische 
Trade-Dollar usw. Oft werden solche Münzstücke zu einem Gliede 
des gewissermaßen naturalen Geldsystems und verrichten ihre Dienste 
als Tauschmittel neben Rindern, Salz, Kaurirauscheln und anderen Tausch- 
gütern. Das Zusammentreffen verschiedener Münzsorten aus verschie- 
denen Ländern führt hier zu einem bunten Gemisch, dem jede innere 
Gliederung und jeder Zusammenhang fehlt. 

Nur auf verhältnismäßig hohen Stufen der wirtschaftlichen und 
politischen Entwicklung und bei einer straffen Zentralisation der Staats- 
gewalt ist es gelungen, in Anlehnung an einen bestimmten Münztypus 
aus wenigen Sorten von Ganzstücken, Teilstücken und Vielfachen ein 
einheitliches System zu konstruieren; so wenigstens in der besten Zeit 
des römischen Weltreiches und später in vollkommenerer Weise in den 
modernen Staaten der europäischen Kultur. 



2. Kapitel. Die Entwicklung der üeldsyatenie. § 1. 39 

Für das Verständnis der Entvvicklun^sfreschichte des modernen 
Geldwesens ist eine etwas genauere Hetraclitunji: der Geldverfassung des 
Mittelalters und der neueren Zeit notwendig. 

Das römische Miinzwesen geriet mit dem Niedergange des 
Weltreichs in einen vollständigen Verfall. In den Stürmen der 
Völkerwanderung blieb von der römischen MUnzverfassung nicht 
viel mehr übrig als die P>rungenschaft der geprägten Münze. Das 
Münzwesen der neu entstehenden staatlichen Gebilde lehnte sich meist 
an die überlieferten römischen MUnztypen an. Sie gebrauchten west- 
römisches und oströmisches Geld; daneben schlugen sie auch eigne 
Münzen nach diesen Vorbildern. 

Im Laufe der Zeit bildete sich in den einzelnen Ländern eine 
unglaubliche Mannigfaltigkeit von MUnzsorten heraus, am meisten aus 
den bereits erwähnten Gründen dort, wo die geistlichen und weltlichen 
Territorialherren und die Städte sich eine verhältnismäßig unabhängige 
Stellung errangen und das Recht der Münzprägung erhielten. Das war 
besonders in Deutschland der Fall, wo gegen Ende des Mittelalters etwa 
600 Münzstätten bestanden. Aehnliche Zustände herrschten infolge der 
politischen Zersplitterung in Italien, während Frankreich und namentlich 
England früher zu einer Zentralisation ihres Münzwesens gelangten. 

Charakteristisch dafür, wie wenig die Staatsgewalt im Mittelalter 
und teilweise noch während der neueren Zeit die Gestaltung des Münz- 
systems in der Hand hatte und wie wenig sie ein geschlossenes Münz- 
wesen zu schaffen und aufrecht zu erhalten vermochte, ist der Umstand, 
daß sich die Neubildungen im Geldwesen, namentlich das Aufkommen 
neuer MUnzsorten und der Uebergang vom vorwiegenden Gebrauch des 
einen zu dem des anderen Edelmetalls, unabhängig von der Autorität 
der einzelnen Regierungen — und zwar meist auf internationalem 
Wege — vollzogen. 

Das trifft namentlich für die größeren MUnzsorten zu, die ihrer 
Natur nach in ihrem Umlaufe und ihrer Wirksamkeit nicht in dem- 
selben Maße territorial beschränkt waren, wie das Kleingeld. 

Im 10. Jahrhundert breitete sich beispielsweise der Bisant oder 
Resant, eine byzantinische Goldmünze, die auf den römischen Goldsolidus 
zurückzuführen ist, über ganz Europa aus bis nach England. Das vor- 
wiegende Umlaufsmittel blieb jedoch das Silbergeld, dessen Grundtypus 
der Denar war. Die fortgesetzte Verschlechterung dieses kleinen Silber- 
geldes führte allmählich dazu, daß zuerst die Prägung von Großmünzen 
in Silber aufkam, deren Verschlechterung wiederum dazu beigetragen 
hat, daß später die Kaufleute sich immer mehr des Goldgeldes bedienten. 
Italien hatte in jenen Jahrhunderten die Führung im europäischen 
Münzwesen. In Florenz sind wahrscheinlich schon seit 11H2 große 
iMlerstUcke im Werte von 12 Denaren geprägt worden, in Venedig von 
irj4 an 24- und 26-Denarstücke. Wahrscheinlich sind diese Stücke 
NachalinuHigen orientalischer Silbermünzen gewesen. Wegen ihrer in 
der damaligen Zeit für Europa ungewölinlichen (iröße erhielten sie den 
Namen „Grossi" oder „Grossoni". Sie tauchten dann in Frankreich auf 
als „gros tournois", in P'.ngland als „gr<iats" und in Deutschland von 
etwa 1300 au als „Groschen" oder „Dickj)fennige.'' 



40 Erstes Buch. I. Abschuitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Aber auch diese großen SilberniUnzen unterlagen allerwärts 
starken Versehlechterung:en in Feingebalt und Gewicht, und zwar in 
den einzelnen Ländern und in den einzelnen Territorien desselben Landes 
in verschiedenem Maße. In Florenz ist der Grosso von 1252 bis 1347 
auf ein Drittel seines ursprunglichen Feingehaltes gesunken. 

Diese Verschlechterung des Silbergroßgeldes war es, die dem 
Aufkommen der Goldmünzen den Boden bereitete. Die ersten Gold- 
münzen jener Zeit erschienen unter dem Namen „Florenen"; sie wurden 
nachweislich von 1252 ab, und wahrscheinlich nicht vor diesem Jahre, in 
Florenz geprägt, und ihr Name wird in der Regel vom Namen Florenz 
abgeleitet. Nach Le Blaue findet sich jedoch der Münzname Florenus 
schon 1148 in Urkunden, und es ist möglich, daß das Wort Florenus 
von den Blumen auf dem Gepräge dieser Goldmünzen hergenommen 
ist, zumal da sie auch in Deutschland den Namen „Liliengulden" er- 
hielten. Um dieselbe Zeit tauchten die Dukaten auf, ob zuerst in 
Apulien oder in Venedig, ist nicht aufgeklärt. Florenen und Dukaten 
scheinen ursprünglich identisch gewesen zu sein, entfernten sich aber 
bald erheblich voneinander in Feinheit und Gewicht und bildeten 
zwei verschiedene Münztypen, die als solche mehrere Jahrhunderte 
lang die Goldprägungen der europäischen Staaten beherrschten. Wie 
die großen Silbermünzen unterlagen sie territorial verschieden starken 
Verschlechterungen. Am besten hielten sie sich in Italien, am meisten 
verschlechtert wurden sie in Deutschland, namentlich nachdem das 
Recht der Goldprägung im Jahre 1356 durch die Goldene Bulle den Kur- 
fürsten zugestanden worden war. Nach der dritten Reichsmünzordnung 
von 1559, in welcher der Goldgulden (Florenus) und der Dukat als 
Reichsmünzen anerkannt wurden, sollten aus der feinen Mark Goldes 
^3*Viu (^oldgulden und 67^7?! Dukaten geprägt werden; bis 1737 
wurde diese gesetzliche Feingehaltsbestimmung nicht geändert. 

Später erfuhren eine ähnliche internationale Verbreitung die von 
Spanien ausgehenden Pistolen, die das Vorbild der französischen 
Louisdor, der preußischen Friedrichsdor usw. geworden sind. 

Wie im 13. und 14. Jahrhundert die Verschlechterung des Silbergeldes 
das Aufkoramen und die Verbreitung der neuen Goldmünzen befördert 
hatte, so hat im 15. Jahrhundert die Verschlechterung der Goldmünzen 
— neben der Steigerung der deutschen Silberproduktion — dazu 
beigetragen, dem Silber im Groß verkehr wieder zu seiner alten Stellung 
zu verhelfen. In Venedig, dem wichtigsten Ma;-kte für das deutsche Silber, 
wurde schon im Jahre 1472 der Wert des Goldguldens in einer bis dahin 
unerhört großen Silberraünze dargestellt. Dieses Beispiel fand Nach- 
ahmung zuerst bei den Erzherzögen Maximilian und Sigismund, 
die 1479 und 1484 damit begannen, das Silber ihrer Tiroler Bergwerke 
in solche große Stücke auszumünzen, die zunächst den Namen 
„Guldengroschen" erhielten. Von 1519 an wurde dieses MünzstUek 
(= '/g Mark Feinsilber) in großem Umfange von dem Grafen Schlick 
in Joachimsthal in Böhmen geprägt; die Münzen wurden nunmehr 
„Joachimstaler" oder schlechtweg „Taler" genannt. Aus diesem Stücke 
sind die späteren ,.SilberguIden" und „Taler", die in der neueren 
deutschen Mtinzgeschichte die wichtigste Rolle spielten, hervorgegangen. 



2, Kapitel. Die Entwicklung; der Geldaysteme. § 1. 41 

Der Silbergalden wurde in den KeichsmUnzordnurifjcn des 16. Jahrhnnderts 
als die große Silbermllnze des Reichs adoptiert. Die Taierprägung 
vvnrde durch die ReichsmUnzordnong von 1559 ausdrücklich unter 
Verbot gestellt, durch den Reichstagsabschied von Augsburg von 1566 
wieder zugelassen, und dieser Taler, der „Reichsspeziestaler-' von 
'/g Mark Feingehalt, wurde für lange Zeit die Grundlage des deutschen 
Silbergeldes, 

Wir haben also in jener Zeit eine große Mannigfaltigkeit von 
Münzsorten, die nicht als Ganz- und Teilstücken zusammengehörten, 
von denen vielmehr jede mit ihren Ganz- und Teilstücken einen eignen 
Typus darstellte und von denen jede ihre eigne, noch dazu nach 
Staaten und Territorien verschiedene Geschichte hatte. Noch viel 
größer war die Mannigfaltigkeit der MUnzsorten und die Verschieden- 
heit je nach dem Orte und der Zeit der Prägung bei dem kleinen 
Gelde, das sich in einem fortgesetzten Flusse von Veränderungen 
befand und mit dem großen Gelde nur einen ganz lockeren Zusammen- 
bang hatte. 

Schon auf den ersten Blick ergibt sich, daß dieses bunte Gewirr 
sich nicht mit unseren modernen, auf einem einzigen Münztypus und 
einer einzigen Rechnuugseinheit aufgebauten und nach dem Dezimal- 
system oder einer andern rationellen Anordnung gegliederten MUuz- 
systemeu vergleichen läßt. Damit entsteht die Frage nach der Art 
und Weise des Nebeneinanders und nach dem gegenseitigen Verhalten 
der einzelnen Münzsorten. 

§ 2. Das Sortengreld^). 

Es wnrde bereits angedeutet, daß die einzelnen Münzsorten in den 
Jahrhunderten, mit denen wir uns hier beschäftigen, ihr eignes Schicksal 
hatten, und daß die Ursachen für diese gegenseitige Unabhängigkeit der 
Münzsorten grundsätzlich dieselben sind, auf welche die Unabhängigkeit 
der Münze überhaupt gegenüber dem Münzmetalle zurückzuführen ist. 
Die Zahlungsverträge lauteten nicht mehr auf Edelmetall schlechthin, son- 
dern auf gemünztes Geld, und sobald verschiedene Münztypen aufkamen, 
konnten und mußten sie auf die eine oder andere Münzsorte lauten. 
Die Veränderungen des Metallgehaltes der Münzen haben bewirkt, daß 
die gleiche Geldsumme sich in schwankenden Quantitäten Edelmetall 
darstellte; sie haben auf diese Weise das feste Verhältnis zwischen 
gewichtsmäßig normierten Edelmetallmengen und nach Münzeinheiten 
bestimmten Geldsummen aufgehoben. Wenn nun diese Veränderungen 
des tatsächlichen Metallgehaltes die verschiedenen neben einander um- 
laufenden MüMztypen in verschiedenem Maße trafen, so mußte daraus 



') V(?l. zu diesem Paraf,'raphen die Abhandlung über „Die geacbicbtlicbe P^nt- 
wicklunir der Münzsysteme" in meinen Studien über (leid- tind Bankwesen, erst- 
niaJH >,'edru.kt in (' o n ra d h Jahrbüchern. 3. F(»liro. Bd. IX; ebendort die Aiis- 
fühniiiKen v<m L e x i s über „Parallel währunfr und .Sortf-nireid" ; ferner S c h ni o 1 I e r, 
l'eber die Ansbildunir einer richtigen Scheidcniünzpolitik vom 14.— 19. Jahrhundert, 
in Sc hm oller» Jalirbiich XXIV, 4; auü^-rdem Lexis, Art. „Parallelwührung'' 
im Handwörterbuch der Staat^wiüscuscbaftcu. 



42 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

eine ebensolche Trennong; zwischen den einzelnen MUnzsorten her- 
vorgehen. 

Die Ursachen der Feingehaltsveränderungen der Münzsorten waren 
nun im wesentlichen folgende: 

Die Mangelhaftigkeit der Prägetechnik bewirkte Ungleichmäßig- 
keiten des Feingehaltes schon innerhalb einer und derselben Sorte. 
In solchen Fällen lohnte es sich, die zu schwer geratenen Stücke aus- 
zusuchen, während die zu leicht geratenen im Umlauf blieben. Der 
tatsächliche Metallgehalt der umlaufenden Stücke entfernte sich damit 
von dem ursprünglichen und normalen Gehalte, und zwar bei den ein- 
zelneu Sorten in verschiedenem Maße, je nach der Sorgfalt der be- 
treffenden Münzstätte und je nach der technischen Möglichkeit der 
gleichmäßigen Ausprägung (bei kleinen Stücken sind aus natürlichen 
Gründen die Abweichungen vom normalen Gehalt relativ größer als 
bei großen Stücken). 

Zu dieser unabsichtlichen Verschlechterung des Umlaufs kamen 
die absichtlichen Verringerungen an Feingehalt und Gewicht bei der 
Ausprägung. Diese Münzverschlechterungen waren bei denselben Münz- 
t}pen, z. B. beim Dukaten, territorial außerordentlich verschieden; außer- 
dem wurden innerhalb eines und desselben Territoriums die einzelnen 
Münztypen in sehr verschiedenem Maße von der Münzverschlechterung 
betroffen. In Deutschland z. B. hatten die Münzherren für die Prägung 
des kleinen Geldes in viel höherem Grade freie Hand, als für die 
Prägung der großen Silbermünzen und der Goldstücke. Infolgedessen 
waren die Verschlechterungen des kleinen Geldes weitaus stärker, als 
die der großen Münzen. 

Schließlich kam in Betracht die Abnutzung der Münzen im Umlauf 
und die betrügerische Verkürzung ihres Feingehalts durch Beschneiden, 
Befeilen und ähnliche Praktiken, die durch die primitive Münztechnik, 
namentlich durch das Fehlen der Randprägung, sehr erleichtert wurden. 
Auch diese Momente wirkten auf die einzelnen Sorten in verschiedener 
Stärke ein. Je nach Größe und Dicke unterliegen die Münzen der 
Abnutzung in verschiedenem Grade; dünne Münzen sind leichter zu 
beschneiden als dicke, schlecht geprägte können unmerklicher in ihrem 
Feingehalte verkürzt werden als gut geprägte. 

Alle diese Umstände im Verein wirkten dahin, daß das gegen- 
seitige Verhältnis des tatsächlichen Metallgehaltes der einzelnen MUnz- 
sorten fortgesetzten Schwankungen unterlag. Andererseits war es der 
Staatsgewalt in jener Zeit noch nicht in vollem Umfange gelungen, den 
Münzen eine von ihrem Metallgehalte unabhängige Geltung beizulegen. 
Maßgebend für die Bewertung, welche die einzelnen Geldsorten im 
Verkehr fanden, war vielmehr im großen Ganzen das Quantum von 
Edelmetall, das sie tatsächlich enthielten; neben diesem materiellen 
Momente kam außerdem noch die größere oder geringere Beliebtheit 
einzelner Müuzsorten in Betracht. 

Die Folge war, daß erstens die einzelnen Münzsorten zu einander 
nicht in festen, sondern in schwankenden Wertverhältnissen standen; daß 
zweitens die einzelnen Sorten sich bei der Zahlungsleistung nicht ohne 
weiteres vertreten konnten; kurz, daß die einzelnen Sorten nicht ein 



2. Kapitel. Die Eutwicklnn^ der Geldsysteme. § 2. 43 

einheitliches System bildeten, sondern als verschiedene Arten von Geld 
neben einander existierten. Es gab kein einheitliches Geld, innerhalb 
dessen die Sorten gleichgültig sind, es gab vielmehr nur einzelne von 
einander unabhängige Münzsorten und Gruppen von MUnzsorten, deren 
jede man nach Wahl oder Herkommen den Zahlungsverabredungen zu- 
grunde legte. Infolgedessen läßt sich diese MUnzverfassung nicht auf 
eine Stufe stellen mit unseren modernen Währangssystemen, bei denen 
das Geld als eine von den Erscheinungsformen der einzelnen Geld- 
sorten unabhängige Einheit erscheint; sie stellt vielmehr ein V'^orstadium 
dar, aus dem heraus durch eine wirksame Zusammenfassung der ein- 
zelnen Sorten sich unsere modernen Geldsysterae erst zu entwickeln 
hatten und das sich, weil in ihm die MUnzsorte eine ihr in den 
eigentlichen Geldsystemen nicht mehr zukommende Bedeutung hat, wohl 
am besten als „Sortengeld" bezeichnen läßt. 

Der Zustand des „Sortengeldes'' hat infolge der politischen Ver- 
hältnisse in Italien und vor allem in Deutschland die schärfste Aus- 
prägung erfahren. 

Im Italien •) des späten Mittelalters haben wir es namentlich mit 
drei Gruppen von MUnzsorten zu tun, mit Goldgeld, großem Silbergeld 
und kleinem Silbergeld, und an diese einzelnen Gruppen schloß sich 
eine getrennte Rechnung und Buchung an. In Florenz hatte man am 
Ende des 13. Jahrhunderts drei verschiedene Rechnungen neben ein- 
ander, von denen jede ein Geldsystem fUr sich bildete: 

1. Die reine Goldrechnung mit dem Goldgulden zu 20 Gold- 
schillingen zu 12 Denaren („lira a oro'*). 

2. Die Goldrechnung mit dem Goldgulden zu 29 Soldi a fioriu 
zu 12 Denaren (lira a fiorini). Diese Rechnung lehnte sich an das 
Wertverhältnis an, das im Jahre 1271 tatsächlich zwischen Goldgulden 
und Silbersoldo (grosso) bestand, und die daraus hervorgehende Rech- 
nung wurde beibehalten, auch nachdem der Kurs des Soldo durch fort 
gesetzte Verschlechterungen stark gesunken war; dadurch wurde das 
Kleingeld dieser Rechnung zu einem fiktiven Kleingeld, ebenso wie das 
Kleingeld der reinen Goldrechnung von jeher ein fiktives durch keinerlei 
Münzstücke dargestelltes gewesen war. 

3. Die Rechnung in lira, soldi und denari des umlaufenden Klein- 
geldes, die sich auf die Soldi und Denare aufbaute, und bei der die 
lira ebenso ein fiktives Geld war, wie bei den ersten zwei Rechnungen 
die Unterabteilungen („lire e soldi di piccioli"). Dabei bildeten nicht 
einmal die Soldi und Denare eine Feinheit für sich; trotz wiederholter 
Bemühungen vermochte die florentinische Regierung den Soldo ebenso- 
wenig in ein festes Verhältnis zu dem kleinen Silbergeide wie zu dem 
Goldgelde zu bringen. Allerdings war der Florenus bei seiner Ein- 
führung im Jahre 1252 als ein Stück von 20 Soldi gedacht; in der 
Folgezeit aber wurde der Soldo noch soviel mehr verschlechtert als der 
Goldgulden, daß 1346 bereits 60, später .sogar bis zu 85 Soldi auf 
einen (ioldgulden gingen; noch grüßer waren die Schwankungen zwischen 
dem großen und dem kleinen .Silbergeld, den Soldi einerseits, den De- 



') Vgl. S c h ni 1 I e r a. a. (». 



44 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

iiiiren nod Qujittrini (= 4 Denare) andererseits. Die Zahlungen wurden 
in der einen oder anderen dieser Münzsorten bedungen. 

In ähnlioher Weise hatte Venedig eine Goldwährung und eine 
dreifache Siiberwährung, die sich an den alten Soldo, den tatsächlich 
kursierenden Soldo und an das tatsächlich kursierende Kleingeld an- 
schloß. Auch hier waren alle \'ersuche, den gegenseitigen Wert der 
einzelnen MUnxsorten gesetzlich festzulegen, ohne Erfolg. 

In Deutschland war die Verwirrung fast noch schlimmer. Seit 
dem 14. Jahrhundert kamen zwei Typen von Goldmünzen, der Dukat 
und der Gohlguldeu, in Betracht; daneben, seit der Einführung der ganz 
schweren Guldengroschen oder Taler, drei große Kategorien von Silber- 
mUnzen: die Taler und Silbergulden als erste Gruppe, ferner die Groschen 
und schließlich das Kleingeld. Jede einzelne dieser Sorten existierte 
dazu noch in unzähligen Spezialitäten, je nach der Zeit und dem Ort 
ihrer Ausprägung, 

Wie groß dabei die Schwankungen des gegenseitigen Wertver- 
hältnisses selbst bei gleichbleibendem gesetzlichen Feingehalte waren, 
dafür sind die Veränderungen der Bewertung von Goldgulden und 
Dukaten außerordentlich charakteristisch. Dem Münzfüße beider Sorten, 
wie er in der Reichsmünzordnuug von 1559 festgesetzt wurde und bis 
1737 unverändert blieb, hätte ein Verhältnis von lüO Dukaten = 1-37*^/25 
Goldgulden entsprochen. In Wirklichkeit schwankte das Kursverhältnis 
beider Sorten, wie es sich aus Tarifierungen in ReichstagsbeschlUssen, 
Münzrezessen, Valvationstabellen usw. ergibt, zwischen den Gleichungen 
100 Dukaten = 120 Goldgnlden (1623 in Kursachsen) und 100 Du- 
katen = 164^2 Goldgulden (Ende des 17. Jahrhunderts). 

Wenn hier schon bei gleichbleibendem gesetzlichen Feingehalte 
solche Schwankungen vorkamen, dann kann man sich denken, um 
wieviel größer die Schwankungen zwischen dem großen und dem 
kleinen Silbergeld gewesen sein müssen; denn während seit dem 
Reichstagsabschiede von 1566 der Reichsspeziestaler bis um die Mitte 
des 18. Jahrhunderts wenigstens in seinem gesetzlichen Feingehalte 
keiner Veränderung unterlag — die tatsächlichen AusmUnzungen blieben 
freilich meist hinter dem gesetzlichen Gehalte zurück — , erfuhren die 
mittleren und kleineren Silbermünzen ganz außerordentliche Verschlech- 
terungen, die in der sogenannten ,. Kipper- und Wipperzeit" von 1620 — 1623 
ihren Höhepunkt erreichten. Die große Masse der Umlaufsmittel be- 
stand dabei aus kleineren Münzstücken, aus Groschen, Kreuzern, Hellern, 
Pfennigen usw., deren Ausprägung nicht nur zeitlich, sondern auch 
territorial außerordentlich verschieden war. Wie in Italien, so baute 
sich auch hier auf dieses sich fortgesetzt verschlechternde Kleingeld 
eine besondere Rechnung auf. Der Taler und der Gulden des gewöhnlichen 
Verkehrs waren nicht identisch mit dem „Speziestaler" oder „Spezies- 
gulden", die als große Silberstücke geprägt wurden; der „Taler in 
Rechnung" bedeutete vielmehr 24 Groschen, der Gulden 60 Kreuzer 
des umlaufenden Kleingeldes; sie waren keine geprägten MUnzstücke, 
sondern Sammelbegriffe, wie etwa „Schock" und ,,Mandel". Der Taler 
in Rechnung wurde in Preußen erst seit 1750 in einem wirklichen 
Talerstück, der Rechnungsgulden wurde in Süddeutschland erst 1837 



2. Kapitel. Die Entwickluui? der Geldsysteme. § 2. 45 

durch ein wirkliches Guldeustlick körperlich dar^jestellt. Vorher unter- 
iageu die großen SilbermUuzeu fortgesetzten Wertschwaiikungen gegen- 
über dem liechnungsgelde des gewöhnlichen Verkehrs. Am Ende des 
17. Jahrhunderts wurde im Leipziger MUnzrezeß, der 1737 als Grund- 
lage für den Keichsmllnzfuß adoptiert wurde, der Speziestaler auf 
'62 Groschen = l*/, Hechnungstaler und auf 120 Kreuzer = 2 Gulden 
tariliert. Aber auch diese Bewertung ließ sich nicht allgemein und 
nicht auf die Dauer durchsetzen. 

Alle Versuche, die verschiedenen MUnzsorten einem einheitlichen 
Systeme einzugliedern und feste Wertverhältuisse zwischen ihnen ein- 
zuführen, zeigten in Deutschland ebensowenig Erfolg wie in Italien. 
Die KeichsmUnzordnungen vermochten nicht au die Stelle des Sorten- 
wirrwars ein geordnetes MUnzsystem zu setzen. 

Infolge des schwankenden Wertverhältnisses zwischen den ein- 
zelnen MUnzsorten war es nicht gleichgültig, auf welche Sorte eine 
Zahlungsverabrednng lautete. Eine allgemeine Geldschuld in unserem 
moderneu Sinne gab es damals nicht; die Wechselordnungen z. H. ver- 
langten neben der Bezeichnung der Summe auch die Angabe der 
Geldsorte, in der gezahlt werden sollte; und noch in einem Zirkular 
Friedrichs des Großen „an alle Regierungen und Justizkollegien" vom 
12. Januar 1762 heißt es: „Es ist eine allgemeine, in der selbstreden- 
den Billigkeit gegründete Kechtslehre, daß ein jeder Schuldner das 
ihm geschehene Anlehen in eben der Münzsorte, wie er solches em- 
pfangen, nach dem in- und äußerlichen Werte zurückzuzahlen ver- 
bunden sei." Erst verhältnismäßig spät scheinen Zahlungsverträge auf 
Geld schlechthin, auf „Korrent "oder „gangbare Münze" häufiger geworden 
zu sein, und darüber, in welchen Sorten solche Verträge erfüllt 
werden sollten, waren häufig eigne gesetzliche Bestimmungen oder 
gerichtliche Entscheidungen notwendig. So heißt es z. B. in der General- 
wechselordnung im Herzogtum Schlesien vom 31. August 1738 im Art. 
XXX: . . . „lauten aber die Wechselbriefe schlechthin auf Korrent 
oder erhöhet Kaisergeld, so ist der Inhaber des Briefes von dem Ak- 
zeptanten 17-Kreuzer und 7-Kreuzer (solche Stücke befanden sich 
damals im Umlauf!) oder kaiserlichen Reichsthaler in Zahlung anzu- 
nehmen schuldig. . . . Wenn aber im Wechselbriefe oder Assignaten 
keine Sorte am Gelde exprimiret ist, aber auch Korrent darinnen 
nicht enthalten, so kann die Zahlung auch in Dukaten oder in ge- 
wogener kleiner Münze geleistet werden." — Noch im Jahre 1755 
wandte sich der Magistrat zu Wesel an die Regierung mit der Anfrage, 
ob Obligationen, die ursprünglich auf ZweidrittelstUcke des Leipziger 
Fußes oder auf Louisblancs gelautet hatten und dann durch die 
friderizianische MUnzreform von 1750 in Taler preuß. Kurant kon- 
vertiert worden waren, nur in ganzen, halben und viertel Talerstücken 
oder auch in Acht-, Vier- und ZweigroschenstUcken — die alle nach 
dem gleichen Fuße ausgemünzt waren! — erfüllt werden könnten. 

Nicht nur die tatsächlichen Wertschwankungen der einzelnen 
Sorten, sondern auch das Fehlen eines rechtlichen Zusammenhangs 
zwischen ihnen läßt die Merkmale eines einheitlichen Münzsystems 
vermissen. Weil es damals nicht gelang, eine feste Wertrelation 



46 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Eutwicklnngsgeschichte des Geldes. 

zwischen Gold- und SilberniUuzeu mit g:esetzlichen Vorschriften durch- 
zusetzen, deswegen hat man geg:laubt, diese Geldverfassuug nicht als 
..Doppelwährung'' bezeichnen zu können. Man hat sie meist „Parallel- 
währung" genannt; aber auch diese Bezeichnung ist nicht ganz zu- 
treffend, weil die für die raralielwährung wesentliche Unabhängigkeit 
und Uuvertretbarkeit der Goldmünzen einerseits, der SilbermUnzen 
andererseits nicht charakteristisch sein kann für eine Geldverfassung, 
in der sowohl innerhalb der Goldmünzen als auch innerhalb der Silber- 
müuzen die einzelnen Sorten in ihrem Wertverhältnisse schwanken und 
sich gegenseitig tiicht vertreten können. Nicht das Nebeneinander 
zweier „Währungen*', sondern das Nebeneinander einer Anzahl von 
MUuzsorten ist das Wesen des geschilderten Zustandes, und deshalb 
ist dieser als „Sortengeld" von den modernen Währungssystemen 
scharf zu unterscheiden, 

g 3. Das Problem der Einrichtnng tob Münzsystemen. 

Die bisherigen Ausführungen ergeben, daß die Erfindung der 
Münze, so gewaltig der durch sie bewirkte Fortschritt war, doch keine 
Errungenschaft von ausschließlichem Vorteil bedeutete. In zwei Be- 
ziehungen brachte die Münze einen KUckschritt. Das Geld erfuhr 
durch die verschlechterte Ausprägung, durch die natürliche Abnutzung 
und die betrügerische Verkürzung des Feingehaltes der Münzen eine 
starke Wertverringerung. Ferner entwickelte sich aus dem einzelnen 
Edelmetalle eine Anzahl selbständiger Münzsorten, und dadurch 
erfuhr die Einfachheit und Einheitlichkeit des Geldwesens eine schwere 
Beeinträchtigung. 

Diese Nachteile, die sich namentlich in Zeiten des Verfalls der 
Staatsgewalt empfindlich geltend machten, haben mitunter dazu ge- 
führt, daß der Großverkehr, welcher das gemünzte Geld am leichtesten 
entbehren kann, zur Benutzung des ungeprägten Edelmetalls als 
Zahlungsmittel zurückkehrte. Das war z. B. der Fall in der letzten 
Zeit des römischen Kaiserreichs^) und in norddeutschen Handelsstädten 
während des 12. und 13. Jahrhunderts. Auch die großen Girobanken, 
die in Italien. Holland und Deutschland während des 16. und am An- 
fang des 17. Jahrhunderts gegründet wurden, hatten mehr oder weniger 
ausgesprochen den Zweck, die beiden Nachteile des gemünzten Geldes 
zu vermeiden. Schon der Banco del Giro in Venedig hatte seine 
eigne einheitliche und von den Verschlechterungen des umlaufenden 
Geldes unabhängige Bankowährung; ebenso die Amsterdamer 
Wechselbank, welche nur gegen Einzahlung einer bestimmten voll- 
wichtigen Münzsorte Gutschrift auf Girokonto leistete. Bei der Ham- 
burger Girobank, die den geschilderten Zweck am konsequentesten 
verfolgt hat, war seit 1770 die Grundlage der Bankowährung überhaupt 
kein geprägtes Münzstück mehr, sondern Feinsilber in Barren. Für die 
Kölnische Mark Feinsilber wurden 27^/^ Mark Banko gut geschrieben. 

^) Zur Zeit KonKtantins wurde im groBen Verkehr nicht mehr nach 
Münzeinheiten, sondern nach Gold- und Silberpfunden gerechnet; sogar die öffent- 
lichen Kassen nahmen die offiziellen Gold- und Silbermünzen nur nach dem Gewichte. 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. § 3. 47 

Das Bochgeld, dessen sich der Hamburger Handel bis zum Jahre 1872 
bediente, beruhte mithin auf ongeprägtem Silber. 

Während es auf diese Weise den Großkaufleuteo einzelner Handels- 
städte gelang, für ihre besonderen Zwecke ein von den Übelständen 
des gemünzten Geldumlaufs freies Buchgeld zu schafl'en, ist es der 
Staatsgewalt erst nach Jahrhunderten fruchtloser Versuche gelungen, dem 
geprägten Gelde wieder die Einheitlichkeit und relative Wertbeständig- 
keit der ungeprägten Edelmetalle zu geben. 

Die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, beruhten, wie 
aus den Darlegungen der letzten beiden Paragraphen hervorgeht, 
teilweise auf den Mängeln der Prägetechnik, teilweise auf absichtlichen 
MUnzverschlechterungen, teilweise auf der Verschlechterung der Münzen 
im Umlauf; und dazu kam schließlich noch, was das gegenseitige Ver- 
hältnis von Silber- und Goldmünzen anlaugt, die Veränderlichkeit des 
Wertverhältnisses beider Edelmetalle, ein Faktor, der um so mehr 
hervortreten mußte, je mehr es gelang, über die zuerst genannten 
Schwierigkeiten Herr zu werden. 

Es ist hier nicht der Platz für eine eingehende Schilderung der 
Entwicklung der Prägetechnik von den nur einseitig geprägten Blech- 
münzen des Mittelalters (Brakteaten) bis zu unseren modernen Münz- 
stücken, die vermittelst komplizierter und äußerst exakt arbeitender 
Maschinen hergestellt und einem peinlich genauen PrUfungsverfahren 
(Justierung) unterworfen werden, ehe sie in Umlauf gelangen. Wie 
viel dadurch für ein geordnetes und einheitliches Münzwesen gewonnen 
wurde, leuchtet von selbst ein. Aber der technische Fortschritt, der 
die Herstellung fast absolut gleichmäßiger Stücke ermöglichte, hat in 
einem Punkte nur in geringem Umfange Wandel schaffen können, näm- 
lich hinsichtlich der Verschiedenheit der Prägekosten im Verhältnis zum 
Werte der großen und der kleinen Müuzstücke. Noch in der Zeit un- 
mittelbar vor dem Weltkriege waren die Kosten der Prägung eines 
Zehnmarkstücks nicht geringer als diejenigen eines Zwanzigmarkstücks, 
mit atideren Worten: die Kosten der Ausprägung einer bestimmten 
Summe in Zehnmarkstücken waren ungefähr doppelt so hoch, wie die 
Kosten der Ausprägung desselben Betrages in Zwanzigmarkstücken^j. 
Noch größer ist der Unterschied der Prägekosten, wenn Silber- oder 
gar Kupfermünzen den Goldmünzen gegenübergestellt werden. 

Aus den relativ hohen Prägekosten der kleinen Münzen erklären 
sich zu einem guten Teil die ganz besonderen Schwierigkeiten der 
SchatTung und Erhaltung eines geordneten Umlaufs von Kleingeld. Die 
höheren Prägekosten nötigten förmlich dazu, das Kleingeld unter dem 
ihm rechnungsmäßig zukommenden Metallgehalte auszuprägen ; denn 
nur durch einen Abzug vom Metallgehalte konnte der Münzherr sich 
für die höheren l'rägekosten schadlos halten; die Auffassung aber, daß 
der .MUiizlierr im Interesse einer geordneten Geldzirkulation eventuell 
auch Verluste übernehmen müsse, lag jeuer Zeit, welche das MUnzrecht 

M Die vom Reiche den einzelstaatlichen Miiiizstiitteu zn ijewiiiirende Prätre- 
vprjfiirnn£r betrug nach den letzten darüber erlassenen Bestiuiniungen pro kg 
Feiniruid liei den Ddpjielkroiien r.,r»0 Mark bei den Kronen dagegen 12 Mark Vgl. 
Kuch. Munzgenetzgfbuug, ti. Aull . S. 67, üb. 



48 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

als ein nutzbares Regal ansah, noch durchaus fern. Andererseits ver- 
stand man es damals noch nicht, das unterwertig ausgeprägte Geld mit 
Kauti'len zu umgeben, die ihm einen den effektiven Metallgehalt liber- 
schreitentlen Nennwert gesichert hätten. Meist wurde das kleinere Geld 
mit einem noch viel geringeren Feingehalte geprägt, als den höheren 
Prägekosten entsprochen hätte, so dali fUr die MUnzherreu gerade aus 
der massenhaften Prägung kleinen Geldes die größten Gewinne er- 
wuchsen. In solchen Fällen trat aber bald eine dem Minderfeingehalte 
entsprechende Entwertung ein : es gelang nicht, das kleine Geld auf 
einem höheren als dem durch seinen Metallgehalt gegebenen Werte zu 
halten. Sobald sich dieser Ausgleich vollzogen hatte, waren die Milnz- 
herreu, nur um auf ihre Prägekosten zu kommen, zu einer abermaligen 
Verringerung des Metallgehaltes ihres Kleingeldes gezwungen. 

Wo man diese Schäden einsah und ihnen durch die Festsetzung 
einer nur geringen Unterwertigkeit des kleinen Geldes entgegenzuwirken 
versuchte, zeigten sich andere Schwierigkeiten. So verlangte die Reichs- 
münzordnung von 1559, daß die Pfennige und Heller nur um ein 
Zehntel hinter dem groben Gelde au Feingehalt zurückbleiben sollten; 
das bedeutete bei der damaligen Prägetechnik, daß solche Aus- 
mUnzungen überhaupt nur mit Verlust möglich waren. Diejenigen MUnz- 
stäude, welche gegen die Reichsmünzordnung nicht verstoßen wollten, 
unterließen deshalb die Ausprägung von kleinem Gelde fast vollständig, 
und die Folge davon war, daß sie in Rücksicht auf den kleinen Ver- 
kehr das ganz schlechte Kleingeld derjenigen Münzstäude, die sich um 
die Vorschriften der Reichsmünzordnung überhaupt nicht kümmerten, 
auch in ihren Territorien zulassen mußten. In England, wo man 
gleichfalls das Kleingeld mit einem so hohen Feingehalte ausstattete, 
daß seine Prägung nur unter Verlusten für die Münzstätte möglich war 
und deshalb nur in ungenügendem Umfange erfolgte, herrschte im 15., 
16. und teilweise auch im 17. Jahrhundert ein solcher Mangel an kleinen 
Münzen, daß Städte und sogar Privatpersonen, namentlich Kaufleute, 
Zeichengeld usw. aus Messing ausgaben. 

Die Schwierigkeit des Problems wurde gemildert dnreh das all- 
mähliche Durchdringen der Einsicht, daß der Staat für ein geordnetes 
Geldwesen nötigenfalls finanzielle Opfer zu bringen habe. Völlig gelöst 
wurde es jedoch erst durch die allmähliche Ausbildung der Grundsätze 
der modernen Scheideraünzpolitik, durch die Erkenntnis, daß man das 
kleine Geld, ohne die ihm beigelegte Geltung und ohne das ganze Geld- 
wesen zu gefährden, unterwertig ausprägen kann, wenn man mit seiner 
Ausmünzung nicht über den Verkehrsbedarf hinausgeht, wenn man es 
durch Begrenzung seiner Zahlungskraft auf einen niedrigen Maximal- 
betrag auf die Sphäre des Kleinverkehrs beschränkt und wenn man 
ihm darüber hinaus allenfalls noch durch eine Verpflichtung des Staates 
zur Urawechslung in vollwertiges Geld einen besonderen Rückhalt 
schafft. Ansätze zu einer diesem Systeme entsprechenden Praxis sind 
schon frühzeitig dagewesen; so wurde in England in der ersten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts gleich nach der Einführung des staatlichen Kupfer- 
geldes dessen Zahlungskraft auf kleine Beträge beschränkt, und in 
Brandenburg-Preußen finden sich im 17. Jahrhundert gleichfalls ver- 



2. Kapitel. Die Entwicklung der üeldsysteme. § 3. 49 

einzelte Vorschriften, welche die Zahluii^skraft der Pfennige nnd auch 
der Groschen mehr oder weniger begrenzten ; auch hinsichtlich des 
Urafangs der Prägung von kleinem Gelde wurde in einzelnen Perioden 
nach vernünftigen l'rinzipien verfahren. Es fehlte aber an der konse- 
quenten Durchbildung und Innehaltung der in der praktischen Er- 
fahrung gewonnenen Grundsätze, und in Deutschland speziell fehlte es 
au den politischen Vorbedingungen für eine richtige und konsequente 
Scheidemünzpolitik. Kein Territorium kann sich in der Ausgabe unter- 
wertigeu Kleingeldes eine wirksame Beschränkung auferlegen, wenn 
es vom Nachbarterritorium jederzeit mit schlechtem Gelde überschwemmt 
werden kann ; ein ausschlielilich eigner Münzumlauf aber ist nur müg- 
lich bei einer bestimmten Größe und Geschlossenheit des Staatsgebietes. 

Von nicht geringerer Wichtigkeit wie die Frage der Eingliederung 
des kleinen Geldes in ein MUuzsystem war das Problem der Aufrechter- 
haltung der Vollwichtigkeit des umlaufenden Geldes. Die Prägetechnik 
spielte auch hier eine Rolle, indem ihre Entwicklung das betrügerische 
Befeilen und Beschneiden der MUnzstücke immer mehr erschwerte. In 
den ersten Jahrhunderten des Mittelalters, als die Prägetechnik eine 
ganz unvollkommene und damit die Gefahr der raschen Verschlechte- 
rung des umlaufenden Geldes eine ganz besonders starke war, half 
man sich in radikaler Weise durch periodische Münzverrufungen und 
Umprägungen; das ganze zirkulierende Geld wurde außer Kurs gesetzt 
and mnßte dem Münzherrn zur Un)prägung eingeliefert werden unter 
Bedingungen, die diesem gestatteten, nicht nur auf seine Kosten zu 
kommen, sondern noch einen Münzgewiun zu machen. Solange in Deutsch- 
land die jährlichen Münzverrufungen in Uebung waren (bis ins 12. Jahr- 
hundert), hielt sich tatsächlich der Denar auf dem gleichen Silber- 
gehalte. Als diese Verrufungen, die eine schwere Belastung und Be- 
lästigung des Geldverkehrs bedeuteten, außer Gebrauch kamen, begann 
die Periode der fortgesetzten Verschlechterung des Geldumlaufs. 

Aus der Unvermeidlichkeit der Abnutzung des umlaufenden Geldes 
bat noch 1. G. Hoff mann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr- 
hunderts den Schluß gezogen, daß jeder Münzfuß im Laufe der Zeit 
eich verschlechtern müsse. Da der Wert des geprägten Geldes sich 
im ganzen nach dem Durchschnitte des tatsächlichen Metallgehaltes 
richte und da dieser durchschnittliche Metallgehalt durch die Abnutzung 
des umlaufenden Geldes immer geringer werden müsse, könne der Staat 
selbst seine vollwertigen Prägungen gar nicht mehr aufrecht erhalten, 
der Edelmetallpreis müsse entsjjrechend der Abnutzung des umlaufenden 
Geldes soweit steigen, daß die Prägung vollwichtiger Stücke nur noch 
unter Verlust möglich sei; und außerdem würde ein solches Opfer ver- 
geblich gebracht werden, denn der überdurchschnittliche Feingehalt der 
neuen vollwichtigen Stücke mache deren Einschnu'Izung zu einem 
lohnenden Geschäfte für die Edelmetallhändler. Infolgedessen werde 
dem Staate nichts anderes übrig bleiben, als den durch die Abnutzung 
des umlaufenden Geldes veränderten Stand durch den Uebergang zu 
einem leichteren Münzfüße anzuerkennen. 

Seither ist es jedoch auch in diesem Punkte gelungen, ein 
Auskunftsmittel zu finden, das die guten Wirkungen der früheren MUnz- 

He Kf erioh, Dm Geld. 4 



50 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

verrufunsren mit erträjrlit'hcren Formen vereinijjt, nämlich die Festsetzung: 
eines P a s s i e r g e w i c h t s , d. h. einer Abnutzungsgrenze fUr die um- 
laufenden Münzen, durch deren Ueberschreitung die MünzstUcke den 
Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel im Privatverkehr oder selbst 
gegenüber den öffentlichen Kassen verlieren. Der Zweck, auf diese 
Weise die abgenutzten Stücke aus dem Umlaufe zu entfernen, wird am 
vollkommensten erreicht und die durch die Abnutzung entstehenden 
Kosten werden am gerechtesten verteilt, wenn der Staat die Verpflich 
tung übernimmt, die im l'mlaufe auf natürliche Weise unter das Passier- 
gewicht abgenutzten Stücke zu ihrem Nennwerte einzuziehen und in 
vollwichtige Stücke umzuprägen. 

Durch die exakte Ausprägung, die durch Fortschritte der Technik 
wesentlich befördert wurde, und durch die Einführung eines nur wenig 
hinter dem Normalgewichte der Münzen zurückbleibenden Passiergewichts 
wurden die besonderen Ursachen der fortgesetzten Verringerung des 
Metallgehaltes des gemünzten Geldes beseitigt. Den Münzen wurde ihr 
ursprünglicher Metallgehalt gesichert, es gelang, sie auf dem ihnen 
gesetzlich gegebenen Metalhverte zu erhalten; kurz, in bezug auf ihren 
stofflichen Gehalt wurde die Münze wieder zu dem nach Gewicht und 
Feingehalt genau bestimmten Metallstückchen, das sie bei ihrer Er- 
findung darstellte. 

Mit der Beseitigung der Gründe, die zu der Entwertung der 
Münzen gegenüber ihrem Grundstoffe geführt hatten, waren gleichzeitig 
die Ursachen, auf denen die Schwankungen im gegenseitigen Werte 
der aus demselben Metalle geprägten Münzen beruhten, aus der Welt 
geschafft. Indem jede einzelne Münzsorte in ihrem Werte auf ein be- 
stimmtes Quantum ihres Edelmetalls zurückgeführt war, waren gleich- 
zeitig feste Wertbeziehungen zwischen allen aus dem gleichen Metalle 
geprägten Münzsorten geschaffen. Die Goldmünzen auf der einen Seite, 
die Silbermünzen auf der anderen Seite schlössen sich zu einer in sich 
unveränderlichen Einheit zusammen ; der Staatsgewalt, welcher es ge- 
lungen war, der Verschlechterung der umlaufenden Münzen durch eine 
sorgfältige Kontrolle über den Geldumlauf vorzubeugen, wurde es auch 
möglich, für eine rationellere Einrichtung ihres Müuzsystems zu sorgen^ 
die Vertretbarkeit der einzelnen Münzsorten des gleichen Metalls durch- 
zusetzen und den Geldumlauf vor dem Eindringen von ausländischen^ 
schlecht in das Landesmünzsystem passenden Münzsorten zu bewahren. 

Dagegen konnten durch die geschilderten Fortschritte der Münz- 
politik die Schwankungen zwischen Gold- und Silbermünzen, soweit 
diese auf den Veränderungen des Wertverhältnisses zwischen den Metallen 
Gold und Silber beruhten, nicht beseitigt werden. Für die Bedürfnisse 
des Verkehrs erschien es jedoch wünschenswert, auch Gold- und Silber- 
mUnzen zu einem einheitlichen Systeme zusammenzufassen. Das konnte 
natürlich nur gelingen, wenn man entweder das Wertverhältnis zwischen 
den Metallen Gold und Silber festzulegen vermochte, d. h. wenn es 
gelang-, durchzusetzen, daß ein Pfund Gold immer und unveränderlich 
so viel wert sei wie eine ganz bestimmte Anzahl von Pfunden Silber^ 
oder aber wenn es gelang, den Wert der Münzen mindestens des einen 



2. Kapifel. Die Entwicklung der Geldsysteme. § 3. 51 

Metalls von ihrem Metalljiehaite, der bisher auf die Dauer für den Wert 
der Münzen ausschlaggebend gewesen war, unabhiingig zu machen und 
ihn mit dem Werte der Münzen des anderen Metalls in eine feste 
Verbindung zu bringen; wenn es beispielsweise gelang, das Gold allein 
zur Wertgrundlage aller MUnzen des Systems, auch der Siibermünzen, 
zu machen. Nur diese beiden Wege, die Beseitigung der Wertschwan- 
kungen zwischen Gold und Silber oder die Loslösung des Wertes der 
Münzen des einen Metalls von ihrem gesetzlichen und tatsächlichen 
Metallgehalte und seine Verbindung mit dem Werte der Münzen des 
anderen Metalls, konnten zum Ziele führen. Die Beseitigung der Wert- 
schwankungen zwischen Gold und Silber ist bis zum heutigen Tage 
— wie hier vorgreifend bemerkt werden darf — nicht gelungen. Das 
Problem der Loslösung der Münzen des einen Metalls vom Werte 
ihres Metallgehaltes und ihre Verbindung mit den Münzen des anderen 
Metalls ist erst in der moderneu Goldwährung vollkommen gelöst 
worden.*) 

1) Wenn in den obisfeu Ausführungen der Metallgehalt gewissermaßen als die 
natürliche Griiudlage des Wertes des gemünzten Geldes anfrenommen ist, so ist des- 
halb der Verfasser nicht etwa „Metallist-* im Knapp sehen Sinn, d h. er steht, wi« 
die foltrt'iiden, gey:eiiüb«'r der ersten Auflage nahezu unveränderten Ausführungen in 
den §§ 7 — 9 dieses Kapitels zeigen, keineswegs auf dem Standpunkt, daß die Geld- 
einheit durch den Metallgehalt der sie darstellenden Münze ,.real definiert" sei, im 

Sinne der Gleichsetzung der Mark mit ,,„5 Pfi'nd Feingold (Knapp, S. 7); er ver- 
kennt nicht und hat niemals verkannt — was übrigens wohl ausnahmslos von der 
gesamten Geidliteratur der letzten drei Jahrzehnte gilt — , daß in der heutigen 
Geldverfassung Geld ohne stofflichen Wert oder mit einem Metallgehalte, dessen 
Wert geringer ist, als der Geltung des Geldstückes eutspiicht, tatsächlich existiert, 
also auch möglich ist, daÜ mithin der Metallgehalt für den Begriff Geld kein wesent- 
liches Merkmal und für den Wert des Geldes nicht schlechthin entscheidend ist. 
Die obige Darstellung ist rein historischer Natur; sie konstatiert die Tatsache, daß 
bis zu einer noch nicht lange zurückliegenden Zeit der tatsächliche Metallgehalt 
der Münzen auf die Dauer entscheideud für ihre gegenseitige Bewertung und ihre 
Bewertung gegenüber den Edelmetallen war, obwohl das Geld — um mit Knapp 
zu reden — als „morphisch-proklamatorisches Zahlungsmittel" sich im Anschluß an 
die Münzprägung bereits seit vielen Jahrhunderten als selbständige wirtschaftliche 
und juristische Kategorie entwickelt und von den Metallen, aus denen es hergestellt 
wurde, losgelöst hatte. Der Taler war niemals juristisch ein bestimmtes Silber- 
quantum; denn wer Taler schuldete, konnte sich nicht durch Hingabe von Barreu- 
silher liberieren. Der Taler hatte auch längst aufgehört, wirtschaftlich — und zwar 
sowohl in seinen Funktionen als auch iu seinem Werte — mit einem bestimmten 
Silberquantum identisch zu sein; er entsprach seinem effektiven Metallgehalte und 
seinem Werte nach ursprünglich '/g, zuletzt ein Vu feinen Mark Silbers; aber 
nichtsdestoweniger waren sein jeweiliger tatsächlicher Silbergehalt und desseu Ver- 
änderungen enthcheidend für seinen „Wert", zunächst für sein Wertverhältnis ru 
dem Metalle Silber, wie es in dem in Talern ausgedrückten Silberpreise iu Erschei- 
nuut; trat. Ea bedurfte, wie die folgende Darstellung reigt, erst besonderer Vor- 
kehrungen seitens der staatlichen Geselztrebung und Verwaltung, um auch in diesem 
letzten funkte das Band zwischen Geld und (ieldstoff zu durchschneiden. Das 
Beilegen einer „proklamatnrischen Geltung" an die einzelnen (teldstUcke hat, wie 
die (leschichte vieler Jahrhunderte zeigt, für sich allein nicht ausirereicht, um die 
Unabhänjfigkeit des (leldwenes von dem jeweiligen tatsächlichen Metallgehalte der 
MUnxen durchzusetzen. Im Gegenteil, es waren die im Metallgehalt der einzelnen 
Münrsorten sich vollziehenden Aenderungen, welche den Staat zwangen, seine I'ro- 
klamationen tlber die gegenseitige Geltung der einielnen Münrsorten fortgesetzt 
zu ändern. 



52 Erstes Buch. I.Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

S 4. Die Schnankungen des Wertverhältnisses zn^ischen Gold und Silber. 

Die ältesteu Nachrichten llber die Wertrelation zwischen Gold 
und Silber stammen aus dem babylonischen Reiche, \yo eine Gewichts- 
einheit Gold soviel p\lt wie 13 7« Gewichtseinheiten Silber, Es ist 
wahrscheinlich, daß sich dieses Wertverhältnis während mehrerer Jahr- 
hunderte ohne wesentliche Schwankungen erhalten hat. 

In Griechenland wurde iiu allgemeinen das Gold niedriger be- 
wertet. Für das Jahr 400 vor Christus ist eine Helation von 12:1 
zwischen Gold und Silber überliefert; bis zur Zeit Alexanders des 
Großen scheint sich das Wertverhältnis zwischen 13 '/s : Ij der baby- 
lonischen Relation, und ll^j^:l bewegt zuhaben. Nach der Eroberung 
des persischen Reiches sank der Wert des Goldes im Verhältnis zum 
Silber auf 10: 1. 

In Rom war während der Zeit der Republik das gesetzliche Wert- 
verhältnis, das der Ausj)rägung von Silber- und Goldmünzen zugrunde 
lag: 1:11.91. Das tatsächliche Wertverhältnis der Metalle auf dem 
ortenen Markte wies jedoch zeitweise große Abweichungen von dieser 
Relation auf. So soll etwa ein Jahrhundert vor Christi Geburt die 
Entdeckung reicher Goldfelder bei Aquileia den Wert des Goldes gegen- 
über dem des Silbers um ein Drittel vermindert haben, und zur Zeit 
Cäsars soll die Wertrelation zwischen den beiden Metallen zeitweise 
auf etwa 1 : 8,9 herabgegangen sein. Für die ersten Jahrhunderte der 
Kaiserzeit ergeben die Prägevorschrifteu für Gold- und Silbermünzen 
Schwankungen zwischen 1:11,3 und 1:12,2. Die Zeit des Verfalls 
der römischen Herrschaft brachte eine wesentliche Steigerung des Gold- 
wertes, die wohl zum größten Teil darauf beruht haben mag, daß in 
unruhigen und unsicheren Zeiten das Gold, weil es bei gleichem Werte 
leichter zu transportieren und zu verbergen ist als das Silber, stets 
gegenüber dem weißen Metalle bevorzugt wurde. Die Meinungen über 
die zahlenmäßige Gestaltung der Wertrelation in jener Zeit gehen aus- 
einander, da die Bedeutung gewisser kaiserlicher Verordnungen der 
Jahre 397 und 422 nach Christi Geburt, die auf ein Wertverhältnis 
von 1:14,4 und gar von 1:18 schließen lassen würden, nicht ganz 
klargestellt ist. 

Während des Mittelalters hat sich die Wertrelation der beiden 
Metalle im großen Ganzen zwischen 1 : 10 und 1 : 12 gehalten. Für 
einzelne Fälle freilich sind beträchtliche Abweichungen nach oben und 
unten über diesen Spielraum hinaus nachgewiesen, etwa von 1:8 bis 
1:13,6. Der ersten deutschen ReichsmUnzordnung von 1524 liegt ein 
Wertverhältnis von 1:11,38 zwischen Silber und Gold zugrunde. 

Vom Anfang des 16. Jahrhunderts an ist ein langsames Steigen 
des Goldwertes zu beobachten. Soetbeer berechnet die ungefähre 
Relation zwischen Silber und Gold von 1501 bis 1520 auf 1:10,75, 
für 1601 bis 1620 auf 1 : 12,25. In den folgenden fünf bis sechs Jahr- 
zehnten erfuhr diese Entwicklung eine plötzliche und starke Beschleu- 
nigung. Die Wertrelation von 1660 bis 1680 wird von Soetbeer 
auf 1 : 15 geschätzt. Für den Anfang des 18. Jahrhunderts haben wir 
eine Relation von 1:15^ • 



2. Kapitel. Die Eutwicklang der Geldsyateme. § 4. 53 

Der Verlauf des 18. Jahrhunderts brachte zunächst einen relativen 
Klickgang des Goldwertes bis auf eine lielation von 1:14,56 von 1751 
bis 1760, dann aber eine neue Steigerung bis auf etwa Irlfi^/^ um 
die Jahrhundertwende. 

In den ersten sieben Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bewegte 
eich die Kelation in verhiiltnisniiiliig engen Grenzen um l:ir)'/.2. Der 
ungünstigste Stand für das Silber war (nach den Londoner Silberpreisen) 
1:16,12 im Jahre 1848, der günstigste 1:15,03 im Jahre 1859. 

Vom Beginne der 70er Jahre an trat eine heftige Entwertung des 
Silbers ein, die im Laufe von drei Jahrzehnten dem Silber mehr als 
die Hälfte seines Wertes dem Golde gegenüber entzog. Am Ende des 
19. Jahrhunderts galten erst 34 — 35 Pfund Silber so viel wie ein Pfund 
Gold, und im Jahre 1909 war das Verhältnis etwa 40 Pfund Silber 
= 1 Pfund Gold. 

Es ist hier noch nicht der Platz zur Untersuchung der Ursachen 
dieser Schwankungen; wir werden später finden, daß ihre Gründe ein- 
mal in den Verhältnissen der Edelmetallproduktion liegen, dann in den 
Schwankungen der Nachfrage nach Gold und Silber, wie sie durch den 
Wechsel der Zeiten, durch die wirtschaftliche Entwicklung, welche die 
Verwendung des einen Metalls mehr als die des anderen begünstigte, 
und schließlich durch Aenderungen der Ordnung des MUnzwesens, die 
ihrerseits wieder durch den Wechsel der wirtschaftlichen Bedürfnisse 
veranlaßt waren, hervorgerufen worden sind. 

Vorläufig handelte es sich für uns nur darum, festzustellen, daß 
eine längere Zeit andauernde Beständigkeit des Wertverhältuisses 
beider Metalle — abgesehen vielleicht von der babylonischen Vorzeit, 
über die wir nichts Genaueres wissen — niemals bestanden hat. Dar- 
aus ergibt sich, wie ungemein schwierig die Aufgabe war, aus den 
beiden Edelmetallen ein in sich geschlossenes Geldsystem herzustellen, 
zu bewirken, daß — trotz aller Wertschwankungen zwischen Gold 
und Silber — Gold- und SilbermUnzen in einem unverrückbar festen 
Wertverhältnisse zueinander stehen, daß z. B. 10 silberne Einmarkstücke 
stets genau ebensoviel wert waren, wie ein goldenes Zehnmarkstück. 
Daß die Lösung dieser Aufgabe gelungen ist, sogar in einer Zeit, 
welche die stärksten Verschiebungen im Wertverhältnis der beiden 
Edelmetalle aufweist, haben die tatsächlichen Verhältnisse des Geld- 
wesens, wie sie in den wichtigsten Kulturländern bis zum Ausbruch des 
Weltkrieges bestanden, gezeigt. Auf welchem Wege die Lösung ge- 
lungen ist, soll in den folgenden Ausführungen dargestellt werden. 

§ 5. DoppelTviiliraDg und Puralleliriihraii^. 

Es ist viel leichter, rückwärts schauend die Entwicklung von 
Jahrhunderten zu überblicken und zu erkennen, nur auf diesem be- 
stimmten Wege konnte diese oder jene Aufgabe gelöst werden, als im 
gegebenen Augenblicke sich über die zum gewollten Ziele führenden 
Wege klar zu werden. Oft ist die Menschheit Jahrhunderte lang in 
die Irre gegangen und hat sich auf falscher Fährte nach der Lösung 
eines Problems abgemüht, ohne sich über die Unmöglichkeit, auf dem 
eingeschlagenen Wege zum Ziele zu kommen, Rechenschaft zu geben; 



54 Erstes Buch . Abschnitt. Die Eutwicklungsfje schichte dos Geldes. 

oft siiui jrroße Unnvälzungen und Fortschritte nicht aus der klaren 
Erkenntnis des neuen besseren Zustandes hervorgegangen, sondern 
aus unklaren und tastenden Versuchen, auf die eine oder andere Weise 
drückende Uebelstände zu beseitigen. 

So verhielt es sich auch bei dem Probleme, das uns hier beschäftigt. 

Von allem Anfang an versuchten die Staaten, nicht nur zwischen 
SilberniUnzen unter sich und Goldmünzen unter sich, sondern auch 
zwischen diesen beiden Kategorien untereinander ein festes Wertver- 
hältnis herzustellen, ohne sich der aus den Schwankungen des Wert- 
verhältnisses zwischen den Rohmetallen hervorgehenden Schwierigkeiten 
völlig bewußt zu werden. Die Staatsgewalt machte sich die Aufgabe 
so leicht wie möglich, indem sie einfach vorschrieb, eine bestimmte 
Summe von Silbermünzen solle ebensoviel gelten, wie eine bestimmte 
Summe von Goldmünzen. 

Es mag dahingestellt bleiben, ob und wie weit diese „Tarifiernngen" 
von Gold- und SilbermUnzen einen Einfluß ausgeübt haben auf die 
Wertbewegungen von Gold und Silber. Sicher ist, daß sie diese Wert- 
bewegungen nicht beherrscht haben, daß Schwankungen um das sich 
aus der Tarifierung von Gold- und Silbermünzen ergebende Wertver- 
hältnis der Edelmetalle stattgefunden haben; daß ferner der freie 
Verkehr die staatlichen Tarifiernngen der Gold- und Silbermünzen 
nur solange beobachtete, als sie dem tatsächlich bestehenden Wertver- 
hältnisse zwischen den rohen Metallen entsprachen, daß er seine Be- 
wertung der Gold- und Silbermünzen entsprechend den Schwankungen 
im Wertverhältnis der Metalle trotz der strengsten Vorschriften und 
Verbote änderte; daß schließlich der Staat sich immer und immer wieder 
genötigt sah, seine Tarifiernngen denjenigen des freien Verkehrs an- 
zupassen oder den Feingehalt der einen oder der anderen Münzsorte 
entsprechend zu verändern. 

Allerdings haben Veränderungen im Wertverhältnisse der Rohmetalle 
nicht immer ihren vollen Einfluß auf das Wertverhältnis von Gold- 
und Silbermünzen ausgeübt; die Macht staatlicher Verordnungen hat 
sich vielmehr unter bestimmten Voraussetzungen stark genug erwiesen, 
nm den vollen Einfluß der Veränderungen des Wertverhältnisses zwischen 
Gold und Silber auf die gegenseitige Bewertung der Gold- und Silber- 
mUnzen einzudämmen; wo das der Fall war, trat jedoch ein anderer 
Mißstand in Erscheinung. 

Wenn sich der den Goldmünzen beigelegte Nennwert in Silber- 
mUnzen niedriger stellte, als dem jeweiligen Wertverhältnisse zwischen 
Gold und Silber auf dem Edelmetallmarkte entsprach, so kam das zu- 
nächst darin in Erscheinung, daß der Staat für das Gold, das seinen 
Münzstätten zur Ausprägung gebracht wurde, einen geringeren Preis 
zahlte, als auf dem freien Markte für Gold zu erhalten war; die Folge 
davon war, daß niemand dem Staate Gold zur Ausmünzung brachte, 
sondern daß jedermann, der über Goldbarren verfügte, es vorzog, sie 
zu dem höheren Preise auf dem offenen Markte zu verkaufen. So hat 
in Frankreich, wo die Münzanstalt seit dem Beginn des 19. Jahr- 
hunderts stets .3100 Frs., abzüglich einer geringen Prägegebühr, für das 
Kilogramm Münzgold (900 Tausendteile Feingold und 100 Tausendteile 



2 Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. § 5. 55 

Kupfer) zahlte, niemand Gold znr MUn/e grebracht, wenn er auf der 
Pariser Mrtailbörse dafür etwa 3ir)() Frs., also 50 Frs. mehr, erhalten 
konnte. Das im Verhältnis zum freien Verkehr in der staatlichen 
Tarifierung zu ungünstig bewertete Metall bleibt also den Münzstätten 
fern, da sein Preis als Ware höher steht, als dem ihm staatlich bei- 
gelegten Ausmünzungswerte entspricht. Es werden mithin in der Haupt- 
sache, wenn der Staat nicht selbst das von ihm zu niedrig beweitete 
Metall zu einem höheren als dem Ausmünzungswerte entsprechenden 
Preise kaufen und dadurch bei der Prägung Verluste erleiden will, nur 
Münzen aus dem gegenüber dem^tatsächlichen Wertverhältnisse^zu^hoch 
bewerteten Metalle geprägt. 

Dazu kommt, daß es für den Edelmetallhandel stets lohnend ist, 
die nicht allzu stark abgenutzten Münzen des in der staatlichen 
Tarifierung zu ungünstig bewerteten Metalls einzuschmelzen und 
eventuell im Austausch gegen das zu günstig bewertete Metall nach 
dem Auslande zu exportieren. Wenn in 3100 Frs. französischer Gold- 
münzen — abgesehen von der Abnutzung — ein Kilogramm Münzgold 
enthalten ist, dann kann man, da die Schmelzkosten im Verhältnis zum 
Goldwerte nicht ins Gewicht fallen, einen Gewinn machen, wenn man 
Goldmünzen einschmilzt und das so gewonnene Barrengold zu 3150 Frs. 
pro Kilogramm Münzgold auf dem inländischen Edelmetallmarkte oder 
nach dem Auslande verkauft. 

Daraus ergibt sich, daß jede Verschiebung des tatsächlichen 
Wertverhältnisses der Edelmetalle gegenüber demjenigen, welches der 
staatlichen Tarifierung zugrunde Hegt, das im Werte steigende Metall 
nicht nur von den Münzstätten fernhält, sondern auch zur Einschraelzung 
und Ausfuhr der aus ihm hergestellten und im Umlauf befindlichen 
Münzen führt. Jede Verschiebung des Wertverhältnisses zwischen 
Gold und Silber vertreibt mithin das in seinem relativen Werte 
steigende Metall aus der Zirkulation und füllt den Geldumlauf mit 
dem sich entwertenden Metalle. 

Das sind nicht etwa rein theoretische Erwägungen, sondern die 
Ergebnisse der Erfahrungen, die während mehrerer Jahrhunderte in 
den verschiedensten Ländern mit diesem System, das wir heute Doppel- 
währung nennen, gemacht worden sind. Ueberall, wo der Staat ein 
festes Wertverhältnis und gegenseitige Vertretbarkeit zwischen Gold- 
ond Silbermünzen vorschrieb und beide Metalle in dem Umfange 
prägte, wie sie bei seinen Münzstätten eingeliefert wurden, hat bei 
jeder Schwankung ^de8 Wertverhältnisses der ungeprägten Edelmetalle 
das im Werte sinkende Metall das im Werte steigende Metall aus dem 
Umlaufe verdrängt. 

Die sich daraus ergebenden Nachteile machten sich zuerst dort 
fühlbar, wo die gesamte Volkswirtschaft am weitesten fortgeschritten 
und deshalb gegen Störungen auf dem Gebiete des Geldwesens am 
meisten empfindlich war. Das Land, das in der modernen wirtschaft- 
lichen Entwicklung am weitesten vorausgeeilt war, nämlich Eng- 
land, hat daher auch in der Entwicklung des modernen Geldwesens 
dir Führung gehabt. Die englische MUnzgeschichte ist deshalb hoch- 



56 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwickluugsgescliichte des Geldes. 

bedeutsam für die Erkenntnis der Entwicklungsgeschichte der modernen 
Geidverfassung überhaupt '). 

Wie in allen anderen Ländern, wurde auch in England zunächst 
ein festes Wertverhältnis zwischen Silber- und Goldmünzen im Wege 
der staatlichen Tarifierung angestrebt. In der ersten Hälfte des 
17. Jahrhunderts bewirkten häufige Schwankungen der Wertrelation 
von Gold und Silber, daß — ungeachtet der durch Veränderungen des 
Feingehaltes der Münzen vorgenommenen Korrekturen — Goldumlauf 
und Silberumlauf fortgesetzt miteinander abwechselten. 

Die daraus entstehenden Unbequemlichkeiten führten schließlich 
d«azü, daß man einen neuen Weg einschlug, um Gold- und Silbermünzen 
dauernd nebeneinander im Umlaufe zu erhalten. Das abwechselnde 
Verschwinden der Goldmünzen und der Silbermünzen hatte die dauernde 
Erhaltung des gleichzeitigen Umlaufs beider Münzsorten als ein be- 
sonders dringendes Bedürfnis erscheinen lassen, so daß man bereit 
war, diesem Bedürfnis das feste Wertverhältnis von Gold und Silber, 
dessen Erstrebung die Schuld an dem Wechsel des Geldumlaufs trug, 
zum Opfer zu bringen. Man verzweifelte an der Möglichkeit, Gold- 
und Silbermüuzen in eine feste Beziehung zu bringen und dabei dem 
Verkehr einen genügenden Umlauf von beiden Münzsorten zu sichern. 
Als im Jahre 1663 eine neue Goldmünze, die Guinea, eingeführt wurde, 
verzichtete man im Gegensatz zur bisherigen Praxis darauf, dieser 
eine feste Geltung gegenüber den Silbermünzen beizulegen; man über- 
ließ vielmehr die Bewertung der Guinea dem freien Verkehr und ge- 
stattete den Regierungskassen, die Guinea zum Tageskurse in Zahlung 
zu nehmen. 

Dieses System, mit dem England von 1663 an einen Versuch 
machte, nennt man heute Parallelwährung, weil in ihm ein System 
von Goldmünzen und ein System von Silberraünzen nebeneinander einher- 
gehen, ohne das beide Systeme durch eine gesetzliche Tarifierung und 
gegenseitige Vertretbarkeit miteinander verbunden sind. 

Aber auch dieses System befriedigte nicht. Es war für den Ver- 
kehr überaus lästig, mit zwei verschiedenen Geldarten, die in schwan- 
kendem Kursverhältnisse zueinander standen, rechnen zu müssen. 
Unter dem Druck dieser Unbequemlichkeit mußte der Versuch mit der 
Parallelwäbrung, der nichts war als ein Verzicht auf ein einheitliches 
Geldwesen, bald wieder aufgegeben werden. 

Den ersten Anlaß zu einem neuen Eingriff der Regierung gab der 
Umstand, daß das englische Silbergeld infolge betrügerischer Verkür- 
zung seines Feingehaltes gegen Ende des 17. Jahrhunderts einen 
großen Teil seines ursprünglichen Metallgehaltes verlor — es wird 
behauptet bis zu 50 Prozent — , und daß infolgedessen der Kurs der 
neuen und verhältnismäßig vollwichtigen Guinea, die anfangs als ein 
Stück im Werte von etwa 20 Schilling gedacht war, bis auf 30 Schil- 
ling und darüber stieg. Für die Regierung, die eine Reform des 
verschlechterten Silberumlaufs beabsichtigte, war ein so hoher Gainea- 

^) Vgl. zum folgenden insbesondere Kalkmann, Englands Uebergang zur 
Goldwährung im 18. Jahrhundert, 1895. 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsyateme. § 5. 57 

kars überaas unbequera, nud um einer weiteren Steigerung einen Riegel 
vorzuschieben, verbot sie ihren Kassen im August 1G'J5 die Annahme 
der Guinea zu einem höheren Kurse als 30 Schilling. Mit der Durch- 
führung der SilbermUiizreform wurde in den ersten Monaten des fol- 
genden Jahres der Maximalkurs der Guinea schrittweise auf 22 Schil- 
ling herabgesetzt. Obwohl diese für die öffentlichen Kassen fest- 
gesetzten Maximalkurse die Guinea gegenüber der Marktrelation zwischen 
Gold und Silber zu günstig bewerteten — der Kurs von 22 Schilling 
hätte einem Wertverhältnis von 1 : 15,9 entsprochen, während das 
effektive Wertverhältnis 1 : 15 war — , wirkten diese Maximalkurse 
für den Verkehr doch ebenso wie eine feste Tarifierung. Solange die 
ötfentlichen Kassen die Guinea zum Maximalkurse nahmen, gab sie 
auch im Verkehr niemand zu einem billigeren Satze, und solange sie 
im Verkehr nicht im Kurse zurückging, lag für die öfifentlichen Kassen 
kein Grund vor, unter den Maximalkurs herabzugehen. Damit war 
die Parallelwährung ihrem Wesen nach wieder preisgegeben, und der 
tatsächliche Zustand des englischen Geldwesens war wieder eine 
Doppelwährung, und zwar eine Doppelwährung, in welcher das Gold 
gegenüber seinem Marktwerte zu hoch bewertet war. Daran änderte 
sich auch dann nichts, als im Jahre 1699 der Maximalkurs der Guinea 
auf 21^2 Schilling herabgesetzt wurde, und als sie im Jahre 1717 ge- 
setzliche Zahluiigskraft zu 21 Schilling erhielt*). Die Tarifierung zu 
21 Schilling hätte einem Wertverhältnisse von 1 : 15,2 entsprochen, 
während Newton selbst, auf dessen Rat diese Kursherabsetzung vor- 
genon)men wurde, das tatsächliche Wertverhältnis auf 1 : 14,97 berechnete. 
Er wollte die Reduktion nur versuchsweise vorgenommen wissen und 
nötigenfalls eine weitere Herabsetzung des Guineakurses erfolgen lassen. 
Zu einer solchen kam es jedoch nicht infolge des Unwillens, den die Ver- 
änderung der Geltung der damals schon das wichtigste Zahlungsmittel 
in England darstellenden Goldmünze erregte. Es erging vielmehr im 
Jahre 1718 ein Gesetz, welches bestimmte, daß in Zukunft keine Ver- 
änderung der Gold- und Silbermünzen stattfinden sollte, weder in bezug 
auf ihren Metallgehalt, noch in bezug auf ihren Nennwert. Dieses Ge- 
setz erging, obwohl sich damals bereits die unangenehme Folge der 
festen Tarifierung — die Knappheit an Silbergeld — wieder stark 
fühlbar gemacht hatte; so dringend war das Bedürfnis nach einem 
festen Verhältnis zwischen Gold- und Silbergeld. 

Das Gesetz von 1717, welches der Guinea gesetzliche Zahlungs- 
kraft (statt des bisherigen Maximal-Kassenkurses) zu 21 Schilling in 
Silbergeld beilegte, und das Gesetz von 1718, welches jede künftige 



') Eh wird darüber i^^estritten. ob die (luinea tjesetzliche Zahlnngskraft zu 
einem festen Kurse von 21 Schilling oder zu einem Maximalkurse von 
21 Schilling i'rbalten habe. Erstere Ansiebt vertritt Kalk mann, letztere 
L e X i s. Streng formell wäre die cngliscbe Wäbrunirsverfftssung von 1717 an nur 
dann ah lioppelwiihrung anzusehen, wenn der (iumea ein fester Kurs vt-rlieben 
worden WHre I>n aber tatsüchliih der Kurs von 21 Schilling als ein alisolut fester 
gewirkt hat, kann diese formelle Seite der Frage als irleichgiiltig angesehen werden, 
zumal im Hinblick auf da« im folgenden .labre (171H) erlasbene Gesetz, das fiir die 
Zukunft jede weitere Aeuderung des Nennwertes von Oold- und SilbeiuiUnzen 
untersagte . 



58 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

AemleruniT dieser Tarifierung ausschloß, bedeuteten die völlige Abkehr 
vi»n der raraliehväbrung und die Kiiekkebr zum Doppehvähruugssysteme. 
I^ei dieser neuen Doppelwährung war — wie bereits erwähnt — 
das Gold höher tarifiert, als dem Wertverbältuisse auf dem Markte ent- 
sprach. Da das letztere in den folgenden Jahrzehnten eine weitere 
Verschiebung zuungunsten des Goldes erfuhr, stellte sich das Wert- 
verhältnis auf dem Markte bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts für 
das Silber beträchtlich günstiger, als die gesetzliche Relation, die 
der gegenseitigen Bewertung der englischen Gold- und SilbermUnzen 
zugrunde gelegt war. Die Folge war, daß — wie früher in den- 
selben Fällen — das Silber der englischen Münzstätte fernblieb, und 
daß es vorteilhaft war, die durch die Uraprägung von 1695 — 1698 auf 
ihr volles gesetzliches Gewicht gebrachten SilbermUnzen einzuschmelzen 
und als Barren zu verkaufen. Es zeigte sich bald, daß die ganzen 
gewaltigen Kosten für die Umprägung der SilbermUnzen umsonst auf- 
gewendet waren. Alles vollwertige Silbergeld verschwand, und im 
Umlaufe hielten sich nur Silbermünzen, die soweit abgenutzt waren, 
daß ihre Einschmelzung trotz des hohen Silberpreises nicht lohnte. 
Die große Masse der Umlaufsmittel bestand aus den goldenen Guineas, 
die für alle großen Zahlungen benutzt wurden, und die Klagen darüber, 
daß an dem abgenutzten Silbergelde nicht einmal genug für den Be- 
darf des kleinen Zahlungsverkehrs vorhanden sei, wurden immer lauter. 
Auch die schlechte Beschaffenheit der umlaufenden Silbermünzen gab 
zu großen Beschwerden Anlaß, Aber diesen Mißständen war auf dem 
Boden der bestehenden Geldverfassung nicht abzuhelfen, da jede Neu- 
prägung und Neuausgabe vollwichtiger Silberstücke nur Material für 
die Schmelztiegel der Edelmetallhändler lieferte. Vergeblich suchte 
man nach einem Auswege aus diesem Zustande, vergeblich suchte man 
nach einem Mittel, um die Vorteile des überwiegenden Goldumlaufs, 
die man wohl zu schätzen wußte, mit der Erhaltung eines ausreichen- 
den und geordneten Silberumlaufs zu vereinigen. 

§ 6. Die Entstehung der QoldTrährang. 

Die selbsttätige Entwicklung der Dinge leitete schließlich mit 
zwingender Gewalt auf den Weg, der aus diesem unhaltbaren Zustande 
herausführte. 

Der nicht erneuerungsfähige Umlauf von SilbermUnzen unterlag 
einer immer stärkeren Abnutzung bis zur gänzlichen Unkenntlichkeit 
des Gepräges. Der effektive Silbergehalt dieser Münzen sank beträcht- 
lich unter den Gehalt, der bei dem damaligen Marktpreise des 
Silbers ihrem Werte in Goldgeld entsprochen hätte; während sie in 
ihrem gesetzlichen Feingehalte nach wie vor unterwertet waren, 
war ihr tatsächlicher Feingehalt geringer, als ihrer gesetzlichen 
Geltung und ihrer Tarifierung in Goldgeld entsprach; sie waren durch 
die Abnutzung aus einem unterwerteten zu einem unterwertigen Gelde 
geworden. Um nun niemanden zu zwingen, ein solches Geld, dessen 
Materialwert geringer war als sein Nennwert, unbeschränkt in Zahlung 
nehmen zu müssen, bestimmte ein Gesetz vom Jahre 1774, daß den 
SilbermUnzen für Summen von mehr als 25 Pfd. Sterl, gesetzliche 



2. Kapital. Die Entwicklung der Geldsysterae. § 6. 59 

Zahlungskraft nur noch nach dem Gewichte (zum Satze von 5 sh. 2 d 
pro Unze) zustehen sollte.*) 

Dadurch hatte die gesetzliche Doppelwährung uine wesentliche 
Modifikation erfahren: die volle gesetzliche Zahlungskraft der Silber- 
niliiizen war beschränkt, ihre formelle Gleichberechtigung mit den 
Goldmünzen war aufgehoben. Freilich hatte schon vorher bei dem 
Mangel an Silbergeld niemand Silbermtinzen zu größereu Zahlungen 
verwendet, so daß diese formelle Modifikation tatsächlich keine Aeuderung 
brachte. 

Immerhin war auch nach 1774 das Silbergeld wenigstens nach 
dem Gewichte volles gesetzliches Zahlungsmittel. 

Die endgültige Preisgabe der Doppelwährung erfolgte erst am 
Ende des 18. Jahrhunderts und wurde verursacht durch eine neue 
Verschiebung des Wertverhältuisses der beiden Edelmetalle. 

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts zeigte sich eine all- 
mähliche Entwertung des Silbers gegenüber dem Golde. Das durch- 
schnittliche VVertverhältnis beider Metalle war 1771—1780 1:14,64; 
es trat dann eine Aenderung zugunsten des Goldes ein; in den 90 er 
Jahren wurde das gesetzliche Wertverhältnis der englischen Währung 
(1:15,2) erreicht und schließlich sogar überschritten. 

Damit kam die entscheidende Wendung. Die Ausprägung von 
Silber, die bisher nur unter Verlusten möglich gewesen war, fing an 
lohnend zu werden, und die Ausprägung von Gold, die bisher lohnend 
gewesen war, begann nur noch unter Verlusten möglich zu sein; da- 
gegen konnten die Edelmetr.llhändler, die bisher vollwichtige Silber- 
raünzen eingeschmolzen hatten, jetzt mit der Einschmelzung von Gold- 
münzen ein Geschäft machen. Für jeden in diesen Dingen Bewanderten 
war es sofort klar, daß jetzt das alte Spiel von neuem beginnen 
würde, daß das Silber in großen Massen in den englischen Geldumlauf 
eindringen und das Gold verdrängen würde. In der Tat wurden große 
Mengen von Silber bei der Londoner Münze zur Ausprägung eingeliefert. 

Die englische Regierung war damit vor die Frage gestellt, ob sie 
ruhig das Silber aufnehmen und das Gold verschwinden lassen wollte; 
und das wollte sie nicht. Der ganze Verkehr hatte zwar stark unter 
dem Mangel und der schlechten Beschaffenheit des Silbergeldes ge- 
litten, aber um den Preis des so viel bequemeren Goldumlaufs wollte 
niemand das Silbergeld erkaufen. 

Es fragte sich, was zur Erhaltung des Goldumlaufs gegenüber der 
Verschiebung des Wertverhältnisses geschehen konnte. Verbieten, daß 
Goldmünzen eingeschmolzen und exportiert würden? — Man wußte 
aus vielen Erfahrungen, daß solche Verbote unwirksam waren. Es blieb 
mithin nur übrig, das Silber nicht herein zu lassen; wenn es nicht in 
den Verkehr eindringen konnte, vermochte es das Gold nicht zu ver- 
drängen. Eindringen konnte es aber in den Verkehr nur in der Form 
geprägter Münzen, und der Staat allein hatte das Recht, aus Silber- 

*) Um die Kuappscho Tenninolotjie zu trebraudien: die Silbfrmlluzen hatten 
als „niorphisch proklamatorischns Zahluiigsniiitt'l" t,'pst'tzlii"lie Zahlkraft nur bis zum 
Betrai^e von 2;') I'fd. Stcrl., darllber hinaus hatten sie /.war auch noch gesetzliche 
Zahlkraft, aber nur als „niorphisch-ponsatorisches" Zahluiigsniittel. 



60 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Eutwickhingsgeschichte des Geldes. 

harren Münzen herzustellen. Wenn der Staat sich weigerte, das bei 
seinen MUnzstiitton eingelieferte Sil her auszuprägen, dann war der 
drohenden Silherinvasiou ein Riegel vorgeschoben. Die Weigerung, 
Silber in beliebigen Mengen auszuprägen, das war also der Weg, auf 
dem der vorhandene Goldumlauf gegenüber den Veränderungen des 
Wertverhältuisses zwischen Silber und Gold wirksam verteidigt werden 
konnte. 

Die englische Regierung zögerte nicht, diesen Weg zu beschreiten, 
obwohl ein formales Hindernis entgegenstand. Seit dem Jahre 1666 
war der englischen Münze die Verpflichtung auferlegt, jede Menge von 
Gold und Silber, die ihr gebracht wurde, für den Einlieferer unent- 
geltlich aut«zu))rägen; jedermann hatte mithin einen Anspruch und ein 
Recht darauf, sich von der staatlichen Münzanstalt beliebige Mengen 
von Gold und Silber ausprägen zu lassen. Man nennt dieses Recht, 
das in der modernen Geldverfassung von großer Bedeutung ist, das 
freie Prä gerecht. 

Die englische Regierung setzte sich jedoch über dieses Bedenken 
hinweg. Noch ehe das für private Rechnung ausgemünzte Silber den 
Einlieferern zurückgegeben war, wurde die Münze angewiesen, die 
ausgeprägten Stücke wieder einzuschmelzen und fernerhin von Privaten 
kein Silber mehr zur Ausmüuzung anzunehmen. 

Der Befehl war zweifellos ein Verstoß gegen das geltende Recht; 
aber die von der Regierung ergriffene Maßregel erschien im allge- 
meinen Interesse als so selbstverständlich, daß das Parlament nicht 
zögerte, sie zu legalisieren. 

Mit dieser im Jahre 1798 erfolgten Aufhebung des freien Präge- 
rechtes für Silber war England aus der Doppelwährung heraus zü 
einem Systeme gelangt, welches bereits die wesentlichen Merkmale 
der modernen Goldwährung an sich trug. 

Für das Gold allein bestand das freie Prägerecht fort, und damit 
war die Voraussetzung für die dauernde Verbindung des Wertes der 
englischen Geldeinheit mit dem Werte eines bestimmten Goldquantums 
gegeben. Die englische Münzstätte prägte damals — und prägt, heute 
noch — aus der Unze MUnzgold (Standard Gold) von ^^12 Feinheit für 
jederman unentgeltlich 77 sh. 10\I^ d. Der Preis der Unze Standard 
Gold kann deshalb nie merklich unter diesen Satz sinken, da dieser 
Preis stets durch Einlieferung bei der Münze zu erzielen ist. Anderer- 
seits ist in je 77 sh. 10^2 d englischer Goldmünzen — abgesehen von 
der geringfügigen Abnutzung — stets je eine Unze Standard Gold ent- 
halten; es liegt deshalb für niemand ein Grund vor, merklich mehr 
als 77 sh. I0V2 d für die Unze Standard Gold zu bezahlen, solange 
man auf Verlangen jederzeit Zahlung in Goldmünzen erhalten kann. 
Der Preis der Unze Münzgold in Goldgeld kann also infolge der 
freien Prägung für Gold weder merklich unter 77 sh. lO^a d ''iuken, 
noch auch über diesen Preis steigen, solange in Goldgeld gezahlt wird oder 
Goldgeld stets ohne Aufschlag für anderes englisches Geld zu erhalten 
ist; zwischen dem ungeprägten Golde und den Goldmünzen ist eine 
feste Beziehung hergestellt. 



2. Kapitel. Dio Entwicklung der Geldsysteiue. § 6. 61 

Dieselbe Maßregel, welche dem P2iiulrini?en des Silbers einen 
Riegel vorschob, die Aufhebung der freien Pr;i.i,'ung fUr Silber, war 
gleichzeitig die Voraussetzung dafür, daß die Silbennlliizen in ihrem 
Werte als Geld von ihrem Silbergehalte unabhängig gemacht und dem 
Goldgelde angegliedeVt wurden. 

Solange die freie Prägung auch für Silber bestand, konnten sich 
die vollwichtigen Silberraünzen in ihrem Werte als Geld ebensowenig 
von ihrem gesetzlichen Silbergehalte entfernen, wie die Goldmünzen 
von ihrem Goldgehalte. Die Silberraünzen konnten in ihrem Werte 
lediglich um den Betrag der Abnutzung unter denjenigen ihres gesetz- 
lichen Silbergehaltes sinken, und die Abnutzung war ja damals bei den 
englischen SilbermUnzeu sehr erheblich; aber sie konnten niemals über 
den Wert ihres gesetzlichen Silbergehaltes steigen; solange die Münze 
für ein Troypfund Standard Silber (von ^7*0 I*'einheit) 62 Schilling gab, 
konnte der Preis des Troypfundes Standard Silber nicht unter 62 sh. 
in Silbergeld sinken, der Schilling konnte nicht über den Wert von 
\'g2 Troypfund Standard Silber steigen. Wenn der Preis des Silbers 
in Goldgeld zurückging, mußte auch der in Goldgeld ausgedrückte 
Wert des aus Silber geprägten Geldes zurückgehen. Sobald aber die 
Münze kein Silber mehr zur Ausprägung annahm, konnten die Besitzer 
von Silberbarren in die Zwangslage kommen, sich mit weniger als 
62 sh. für das Troypfund zufrieden zu geben; der Wert des geprägten 
Schillings konnte sich, weil der Staat nunmehr sein Prägemonopol 
faktisch ausübte, über den Wert seines Metallgehaltes erheben, aber 
nur bis zum Werte des Goldäquivalentes des Schillings, da ja jeder- 
mann für die Unze Standard Gold 77 sh. 10 Ya d erhalten konnte und 
niemand mehr als den durch diese Gleichung gegebenen Goldwert für 
die Beschalfung englischen Geldes aufzuwenden brauchte. 

In der Tat zeigte es sich, daß nach der Einstellung der freien 
Silberprägung die Silberraünzen, trotz des weiteren Rückgangs des 
Silberpreises und trotz ihrer beträchtlichen Abnutzung, sich auf der 
ihnen beigelegten Geltung in Goldgeld erhielten. 

Die Aufhebung der freien Prägung für Silber und die auf den 
Bedarf des Verkehrs beschränkte und ausschließlich für Rechnung des 
Staates erfolgende Ausprägung von Silberraünzen stellte sich mithin als 
das Mittel heraus, durch das der Wert der Silbermünzen von ihrem 
Metallgehalte losgelöst und durch Tarifierung wirksam mit dem Gold- 
gelde verbunden werden konnte. 

Freilich mit einer Einschränkung, die sich aus den bisherigen 
Ausfuhrungen von selbst ergibt. 

Der Wert einer Münze kann nie unter den Wert ihres tatsächlichen 
Metallgehaltes sinken, weil die Münze jederzeit eingeschmolzen und in 
Rohnietall verwandelt werdi-n kann. Nur ein ihren Metallgehalt über- 
steigender Wert kann den Münzen bei beschränkter Prägung beigelegt 
werden. Jede ihren Metallgehalt unterwerteiide Tarifierung treibt die 
Münzen in den Schmelztiegel; das hatte die bisherige Entwicklung zur 
Genüge gezeigt. 

Diese Erfahrungen und Erwägungen waren maßgebend für die 
GrundzUge der Neuordnung des englischen Geldwesens, die im Jahre 



62 Erstes Buch. I. Abschuitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

1816 vorgenommen wurde und zum erstenmal eine ,.Gold Währung" 
schuf. Die Neuordnung: verzög:erte sich bis zu diesem Jahre infolge 
der napoleonischen Kriege, die vorübergehend das englische Geldwesen 
iu grolie Unordnung brachten. 

Die wesentlichsten Züge der im Jahre 1816 gesetzlich begründeten 
englischen Goldwährung sind folgende: 

PVeie Prägung besteht allein fUr Gold; der Wert des Geldes ist 
dadurch mit dem Werte des Goldes in Verbindung gesetzt. Die Guinea 
im Werte von 21 sh. wurde durch eine neue Goldmünze, den Sovereign, 
im Werte von 20 sh. ersetzt. 

Die Silbermünzen werden mit einem geringeren Gehalte, als bei 
dem bestehenden Wertverhältnisse zwischen Gold und Silber und dem 
Goldgehalte des Sovereigns ihrer gesetzlichen Geltung entspricht, aus- 
geprägt, und zwar ausschließlich für Rechnung und auf Anordnung der 
Regierung und in einem den Bedarf des Verkehrs an Silbergeld nicht 
überschreitenden) Umfange. Während bisher 62 sh. aus dem Troypfunde 
Münzsilber geprägt worden waren, wurden von nun an 66 sh. aus dem 
Troypfunde ausgebracht. Die Silbermünzen wurden also um mehr als 
6 Prozent in ihrem Feingehalte verkürzt und zwar in der Absicht, sie 
auch bei etwaigen künftigen Aenderungen des Wertverhältnisses der 
beiden Edelmetalle zugunsten des Silbers im Umlauf erhalten zu können, 
d. h. um auszuschließen, daß der Preis ihres Silbergehaltes infolge solcher 
Aenderungen die ihnen beigelegte Geltung überschreite und so ihre Ein- 
schnielzung lohnend mache; die Erfahrung des ganzen 18. Jahrhunderts, 
die gezeigt hatte, daß nur durch Abnutzung unterwertig gewordene 
Silbermünzen sich im Uralauf halten konnten, war nicht umsonst gewesen. 
Die strenge Begrenzung der Ausgabe der unterwertigen Silbermünzen 
auf den Umfang des Verkehrsbedarfs sollte Störungen in der Verkehrs- 
bewertung von Gold- ond Silbermünzen verhindern. 

Schließlich wurde nur den Goldmünzen die volle gesetzliche 
Zahlungskraft belassen, die Zahlungskraft der Silbermünzen dagegen 
auf Beträge von nicht mehr als 40 sh. beschränkt; niemand sollte ver- 
pflichtet sein, mehr als 40 sh. in den nnterwertigen SilbermUnzen in 
Zahlung zu nehmen. Dadurch wurde dem Silbergeide die ihm von 
Natur zukommende Sphäre des Zahlungsverkehrs zugewiesen, das 
Publikum wurde davor bewahrt, größere Summen in dem zu schweren 
und unbequemen Silbergeide annehmen zu müssen Der Beschränkung 
der Zahlungskraft der Silberraünzen lag ferner der Gedanke zugrunde, 
welcher schon die Beschränkung der Zahlungskraft des gemünzten 
Silbergeldes im Jahre 1774 veranlaßt hatte, daß nämlich nur ein Geld, 
das seinen vollen Wert in sich selbt, in seinem Stoffe trägt, ohne jede 
Beschränkung gesetzliches Zahlungsmittel sein dürfe, daß man umgekehrt 
die Zahlungsempfänger vor dem Zwange, größere Beträge in nnter- 
wertigen Münzen anzunehmen, sicher stellen müsse. 

Auf der beschränkten Zahlungskraft ruht der Begriff der modernen 
Scheidemünze. Während wir das Geld mit voller gesetzlicher Zahlungs- 
kraft als Kurantgeld bezeichnen, nennen wir Scheidemünzen 



2. Kapitel. Die Entwiikluug der GeldKj-ateme. § 6. 63 

diejenigen Geldsorten, deren gesetzliche Zahlongsknift auf gewisse 
Maxinialbeträge beschränkt ist. 

Das gesamte Silbergeld wurde also in der englischen Geldver- 
fassung denselben Grundsätzen unterworfen, nach denen vorher schon 
das ganz kleine Geld bebandelt worden war. 

Die im Jahre 1816 geschaffene englische Geldverfassung heißt 
Goldwährung, weil das allein frei ausgeprägte Gold in einem festen 
Wertverhältnis zu dem Gelde steht und die Goldmünzen allein Kurant- 
geld sind, während das Silber nur zur Ausprägung von Scheidemünzen 
und in dem Umfange verwendet wird, wie es der Bedarf des Verkehrs 
an Geldstücken von geringerem Werte, die in Gold nicht dargestellt 
werden können, erfordert. 

Das System erscheint etwas künstlich und kompliziert, und es hat 
in der Tat eine starke und aufgeklärte Staatsgewalt und eine weit 
vorgeschrittene Gesetzgebung zur Voraussetzung. Eine Anzahl der 
Schriftsteller, die später die Goldwährung bekämpft haben und für die 
Doppelwährung eingetreten sind, haben daraus die Behauptung her- 
geleitet, das ganze System der Goldwährung sei am grünen Tische 
künstlich ausgedacht worden, die Goldwährung sei nichts als das Produkt 
eines theoretischen Doktrinarismus, und sie sei vermittelst eines gänzlich 
ungen chtfcrtigten Willküraktes an die Stelle der wohlbewährten Doppel- 
währung oder Silberwährung gesetzt worden. 

In Wirklichkeit hat es sich gerade umgekehrt verhalten. Die 
englische Doppelwährung hatte von selbst zu einem Zustande geführt, 
der in tatsächlicher Beziehung der Goldwährung entsprach: zu einem 
fast ausschließlichen Goldunilaufe mit einem den Bedürfnissen des Ver- 
kehrs knapp genügenden, durch Abnutzung unterwertig gewordenen 
Silberumlaufe; erst aus diesem tatsächlichen Zustande ist die Gold- 
währungHtheorie hervorgegangen. 

Wenn man die geschilderte Entwicklung in ihrer Gesamtheit über- 
blickt, so ergibt sich: 

Die Goldwährung entstand aus dem Streben nach einem einheit- 
lichen Geldsystem, innerhalb dessen beide Edelmetalle in einer ihren 
besonderen Eigenschaften entsprechenden Weise gleichzeitig im Umlauf 
sind; und zwar entstand die Goldwährung aus diesem Bestreben, nach- 
dem die P2rreichung des Zieles auf dem Wege der Doppelwährung sich 
aufgrund der Erfahrungen von Jahrhunderten als utmi()glich heraus- 
gestellt hatte. Alle Versuche, auf dem Wege der bloßen Tarifierung 
von (iold- und SilbermUnzen die Schwankungen im Wertverhältnis der 
Kohmetalle Gold und Silber zu bewältigen, waren immer und immer 
wieder vergeblich gewesen, und deshalb war es nicht gelungen, auf 
diesem Wege (iold- und Silbermünzen zu einem geschlossenen Systeme 
zu vereinigen. Diese vergeblichen Versuche haben schließlich mit 
elementarer Notwendigkeit dazu gedrängt, das Geldwesen auf dem den 
Bedürfnissen des Verkehrs einer entwickelten Volkswirtschaft besser 
entsprechenden Golde allein aufzubauen, die SilbermUnzen von ihrem 
Metallwerte bewußt unabhängig zu macheu und sie in das einheitliche 



6i Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

System als ein Geld zweiter Ordimng, als ein Hilfsgeld und als bloße 
Scheidemünze einzufügen'). 

§ 7. Die Papicrwiihrnng. 

Das Verhältnis des Geldes zu dem GeldstofTe hat im Laufe der 
bisher geschilderten Entwicklung folgende Wandlungen erfahren. 

Geld uud Geldstoff traten sich erst von der Erfindung der Münze 
au als etwas Verschiedenes gegenüber. Das gemünzte Metall begann, 
ausschließlich als das Geld zu erscheinen, das rohe Metall hörte auf, 
mehr zu sein als ein bloßer Geldstoff. Die Verschiedenheit war ur- 
sprünglich nur eine rein äußerliche; denn anfangs war die Münzforra 
nur als eine autoritative Beglaubigung einer bestimmten Edelmetali- 
quantität gedacht. Aber bald wurde das gemünzte Geld wirtschaftlich 
und rechtlich eine selbständige, von dem Geldmetall unterschiedene 
Kategorie. Der Wert des gemünzten Geldes wurde eine selbständige 
wirtschaftliche Größe, uud das Geld bestand bei allen Veränderungen 
seines gesetzlichen und tatsächlichen Metallgehaltes und bei allen sich 
daraus ergebenden Veränderungen seines Wertverhältnisses zu der 
Gewichtseinheit des Rohmetalls als eine rechtlich identische Größe 
fort. Aber auch in diesem Zustande war der tatsächliche (wenn auch 
schwankende) Metallgehalt im großen Ganzen und auf die Dauer immer 
noch bestimmend für den Wert der einzelnen Münzsorten im Verhältnis 
sowohl unter sich wie auch zu dem Prägemetall. 

Die Befreiung einer großen Kategorie von Münzen von der Ge- 
bundenheit an den Wert ihres Stoffes trat im weiteren Verlaufe der 
Entwicklung als eine grundsätzliche Notwendigkeit hervor, als es sich 
um die Zusammenfassung der aus verschiedenen Metallen bestehenden 
Geldsorten zu einem einheitlichen Geldsysteme handelte. Da eine Fest- 
legung des Wertverhältnisses zwischen den beiden wichtigen Geld- 
metallen nicht gelang, war ein einheitlicher Geldwert bei verschiedenen 
Geldsorten nur zu erlangen dadurch, daß man den Wert der Münzen 
des einen Metalls von dem Werte ihres Stoffes unabhängig machte und 
ihn — statt zu dem eignen Stoffe — in Beziehung setzte zu den 
Münzen des anderen Metalls. Die Lösung des Problems ist in der im 
vorigen Kapitel geschilderten Weise gelungen in der modernen Gold- 
währung. Die zu einem Goldwährungssysteme gehörigen Silbermünzen 
leiten ihren Wert nicht ab von ihrem Silbergehalte, sondern von den 
die Grundlage des Geldsystems bildenden Goldmünzen und kommen 
damit indirekt in eine Wertbeziehung zu einem bestimmten Quantum 
Gold; der Wert der Silbermünzen steht bei der Goldwährung nicht mehr 
in Beziehung zu dem Stoffe, aus dem sie bestehen, sondern zu einem 
anderen Stoffe, zu dem sie keinerlei äußerliches Verhältnis haben. Bei 
den SilbermUnzen innerhalb einer Goldwährung ist also die vollständige 
Trennung von „Stoffwert" und „Geldwert" der Münzen vollzogen. 



*) Gegenüber dieser geradezu zwingenden Logik der Bedürfnisse und Tat- 
sachen, aus der die Goldwährung entstanden ist, läßt sich die Knapp sehe Auf- 
fassang, England sei gewissermaßen durch einen Zufall zur Goldwährung gekonamen 
und die anderen Länder seien nur aus dem Bedürfnisse einer Währungsgleichheit 
mit England gefolgt (a, a. 0. S. 266), nicht aufrecht erhalten. 



S. Kapitel. Die Entwicklang der Qeldsysteme. § 7. 65 

Aber diese Trennung ist keine vollständige in Hinsicht auf die 
Wertbeziehungen zwischen dem gesamten Gelde einerseits und dem 
Geldraetalle andererseits. Die Trennung ist nur vorhanden bei einem 
Teile des Geldes, bei den Silbermlinzen und den kleineren Scheide- 
münzen aus unedlem Metall, während die Goldmünzen, welche die 
Grundlage des Systems darstellen, mit dem Werte ihres Goldgehaltes 
in Verbindung bleiben. Da der Wert der Geldeinheit bei dieser 
Währungsverfassung sich von den Goldmünzen ableitet, bleibt zwischen 
dem Gelde und dem Metalle Gold immer noch das engste Verhältnis 
bestehen: Der Wert des Geldes schlechthin, einerlei aus welchem Metall 
die konkreten Münzen bestehen, ist verknüpft mit dem Werte eines 
bestimmten Stoffes, dem Werte des Goldes. Insofern ist mithin bei 
der Goldwährung das Band zwischen dem Gelde und der übrigen Güter- 
welt, soweit die Wertbeziehungen in Betracht kommen, noch nicht zer- 
schnitten. 

Im Laufe der Entwicklung der neueren Zeit sind jedoch Währungs- 
flysterae entstanden, bei welchen jede derartige Verbindung zwischen 
dem Werte des Geldes und dem Werte eines anderen VVertgegen stand es 
fehlt, Systeme, bei denen der Wert des Geldes von der ganzen übrigen 
Güterwelt unabhängig ist und sich nach eignen Gesetzen bewegt. 

Bereits im Altertum und Mittelalter kamen Versuche vor, das 
seinen Wert im Stoße tragende Metallgeld zu ergänzen oder zu er- 
setzen durch ein seinem Stoffe nach wertloses Zeichengeld. Nachdem 
sich infolge der Erfindung der Münze das Geld begrifflich als eine 
selbständige Güterkategorie, deren Herstellung in der Hand des Staates 
lag, entwickelt hatte, führte dieselbe hohe Bewertung der staatlichen 
Tätigkeit bei der Schaffung von Geld und dieselbe Geringschätzung 
des stoffliehen Wertes der Münzen, w-elche die Münzverschlechterungen 
veranlaßt hatten, zu Versuchen, stofflich gänzlich wertlosen, aber mit 
einem bestimmten staatlichen Zeichen versehenen Stücken kraft staat- 
licher Autorität den Charakter als Geld beizulegen und ihnen in der 
Eigenschaft als Geld eine bestimmte Geltung in dem vorher bestehenden 
Gelde zu verleihen, woraus sich von selbst ein entsprechender Wert 
gegenüber den übrigen wirtschaftlichen Gütern ergeben sollte. In der 
neueren Zeit ist das l^apier der Stoff geworden, aus welchem solches 
Geld ausschließlich hergestellt wird. 

Es waren namentlich die Geldbedürfnisse des Staates, die ebenso 
wie zu Münzverschlechterangen, so auch zur Ausgabe von papiernen Geld- 
zeichen führten. Wie bei der Ausprägung geringhaltiger Münzen wurde 
aoch bei der Ausgabe solcher Geldzeichen erstrebt, sie auf der ihnen 
beigelegten, in dem bisherigen Gelde ausgedrückten Geltung zu erhalten. 
Das wirksamste Mittel zu diesem Zwecke ist das Versprochen, die 
papiernen Geldzeichen auf Verlangen zu ihrem Nennwerte in dem bis- 
herigen Gelde, zumeist also in vollwertigem Metallgelde, einzulösen. 
Diese Einlösung war von vornherein gegeben bei den von Privaten und 
von Banken ausgegebenen papiernen Geldzeichen, die ihrem Ursprünge 
nach nicht auf der staatlichen Befugnis, Zahlungsmittel zu schaffen, 
beruhten, sondern darauf, daß sie Zahlut)gsversprechen von als zahlungs- 
fähig bekaimten Privatpersonen und Instituten waren. Diese privaten 

Belf (eri c h, Dai Otld. 5 



66 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Kreditpapiere haben sich zu den Banknoten im modernen Sinne ent- 
wickelt. 

Solange die EinUisbarkeit nicht ein toter Buchstabe ist, sondern 
wirklich aufrecht erhalten ^vird, kann sich der Wert des vom Staate 
ausgegebenen l'ai)iergel(ies und der von Privaten ausgegebenen Bank- 
noten nicht von dem ihnen beigelegten Werte in vollwertigem Metall- 
gelde entfernen; der Wert der papiernen Geldzeichen bleibt damit mittel- 
bar in fester Verbindung mit dem Werte eines bestimmten Quantums 
des dem Währungssystem zugrunde liegenden Metalls. 

In zahlreiclicM Fällen ist Jedoch diese Stütze für den Wert der 
papiernen Geldzeichen in Wegfall gekonnnen. An Stelle der Eiulösbar- 
keit ist häulig sowohl bei staatlichem Papiergelde als auch bei Bank- 
noten der ,.Zwangskurs" getreten, d. h. das staatliche Gebot, die vom 
Staate selbst oder von einer Bank ausgegebenen Zettel zu dem ihnen 
beigelegten Nennwerte ohne Rücksicht auf ihre Einlösbarkeit oder Un- 
einlösharkeit in Zahlung zu nehmen. 

Mit dem Wegfall der Einlösbarkeit hörten die Zettel auf, Forde- 
rangen auf Metallgeld zu sein, sie wurden zu einem selbständigen 
Gelde; sie hörten auf, in ihrem Wert von dem ursprünglich geschuldeten 
Metallgelde fest bestimmt zu werden, unterlagen vielmehr einer selbst- 
ständigen Wertbildung, die sich von dem Werte des ursprünglichen 
Metallgeldes entfernte, aber doch nur in seltenen Fällen zu einer gänz- 
lichen Entwertung, entsprechend dem wertlosen Stoffe dieses Geldes, 
hinführte. 

Sobald jedermann verpflichtet ist, uneinlösbares Papiergeld zu der ihm 
beigelegten Geltung in Zahlung zu nehmen, wird das Papiergeld ent- 
scheidend für die W^ertbeweguiig des Landesgeldes. Wer in effektivem 
Metallgelde bezahlt werden will, muß sich eventuell dazu verstehen, 
dieses zu einem höheren Kurse, als seinem Nennwerte entspricht, in 
Zahlung zu nehmen. Der Wert der Rechnungseinheit entfernt sich von 
dem Werte des ihr ursprünglich entsprechenden Metallquantums im 
Verhältnis zu dem Aufgelde, das für Metallgeld gezahlt wird oder im 
Verhältnis zu der Steigerung des in Papiergeld ausgedrückten Preises 
des ursprünglichen Währungsmetalls. Das ursprüngliche Edelmetallgeld 
erscheint als Ware, deren schwankender Preis in dem eigentlichen Um- 
laufsmittel des Landes, dem uneinlösbaren Papiergelde, ausgedrückt 
wird. Einen solchen Zustand des Geldwesens, dessen charakteristisches 
Merkmal in der Loslösung der Rechnungseinheit von ihrem ursprüng- 
lichen metallischen Aequi\ alente besteht, nennt man Papierwährung. 

Die ersten Beispiele von Papiergeldwirtschaft zeigen in ihrem 
Verlaufe eine unaufhaltsame und starke Entwertung des ausgegebenen 
Papiergeldes gegenüber dem ursprünglichen Metallgelde. Sie zeigen 
fast durchweg den Charakter sich rasch entwickelnder Krisen des 
Geldwesens, die schließlich in einer außerordentlichen oder gar völligen 
Entwertung des Papiergeldes ihr Ende finden. 

Die erste Papiergeldwirtschaft in großem Stil entstand im Jahre 
1720 in Frankreich im Gefolge der Lawschen Unternehmungen. Die 
von Law gegründete Bank gab Noten aus, die den Charakter als ge- 
setzliches Zahlungsmittel erhielten und deren Betrag mit dem Umfange 



2. Kapitel. Die Entwicklunür der Geldsysteme. § 7. 67 

aer von der Bank betriebenen Unternehmungen utxl des von ihr künst- 
lich geförderten Iförsenspiels schließlich nahe/u die Höhe von 3 Mil- 
liarden Livres erreichte. Der Zusanmienbruch des ganzen Systems 
führte zu einer starken Entwertung und schließlich zu völliger Be- 
seitigung des Papiergeldes. 

Aehnlich verlief die zweite französische Papiergcldperiode zur Zeit 
der Revolution. Die Nationalversammlung beschloli im Jahre 1789, 
Domänen zu veräulieru und den zu erveartenden Erlös bereits im voraus 
durch die Ausgabe von „Assignaten" nutzbar zu machen. Urs))rUnglich 
waren diese Assignate verzinsliche Staatsobligationen, die auf je 1() OUO 
Livres lauteten, sj);iter (17;)()) wurde die Verzinslichkeit aufgehoben 
und den Assignaten wurde Zwangskurs verliehen; sie wurden also ein 
richtiges Papiergeld, dessen kleinstes Stück allmählich bis auf 3 Livres 
herabgesetzt wurde. Die Ausgabe dieses Papiergeldes nahm für die 
damalige Zeit ungeheure Dimensionen an und erreichte Ende 1796 den 
Betrag von 45 '/2 i^Hlliarden Livres. Ihr Kurs in dem ursprünglichen 
Metallgelde sank im gleichen \ erhältnis und betrug im Jahre 1796 nur 
noch etwa '/s I'rozent ihres ursprünglichen Metallgeldäquivalentes; schließ- 
lich sind sie trotz aller auf eine Steigerung ihres Kurses hinzielenden 
Gewaltniaßregeln einer gänzlichen Entwertung verfallen, 

In Nordamerika gaben während des Unabhängigkeitskrieges 
die Kolonien zur Beschaffung der Mittel für die Kriegführung Papier- 
geld aus. das sog. „Kontiiientalgeld". Dieses Papiergeld unterlag binnen 
weniger Jahre einer starken Entwertung und wurde im Jahre 1781 zu 
*/j„ seines Nennwertes gegen verzinsliche Zertifikate ausgetauscht. 

Die Beispiele solcher Art ließen sich beträchtlich vermehren. 
Allen ist gemeinsam, daß die Papierwirtschaft wie eine akute Krank- 
heit erscheint, die in der völligen Entwertung des Papiergeldes oder 
in seiner Beseitigung zu einem geringen Bruchteil des ihm beige- 
legten Nennwertes (Devalvation) ihr Ende findet. Sowohl der öffent- 
liche Kredit als auch die Macht des Staates über das Geldwesen waren 
noch nicht hinreichend entwickelt, um ein Papiergeld längere Zeit ohne 
eine allzustarke Entwertung im Umlaufe zu erhalten, es schließlich 
wieder auf den (.leichwert mit dem ursprünglichen Metallgelde zu 
bringen und es zu diesem Werte wieder durch Metallgeld zu ersetzen. — 

Die Erscheinung, daß Länder während längerer Perioden in der 
Papiergeldwirtschaft bleiben und sich des Papiergeldes als eines leid- 
lichen Ersatzes für das Metallgeld bedienen, ja daß sie in gewisser 
Weise ihren Papiergeldumlauf systematisch regulieren, ist neueren 
Datums. 

Die erste moderne Papierwährung in diesem Sinne war vorhanden 
in England von 1797 bis 1823; inffdge der napoleonischen Kriege 
war die Bank von England von der Einlösung ihrer Noten entbunden 
und ihre Nuten waren mit Zwangskurs ausgestattet worden. An- 
fänglich zeigte sich kein merklicher Wertunter^chied zwischen den 
Noten und dem Metallgelde. \ on I8til an begann jedoch ein Aufgeld 
auf Metallgeld in Erscheinung zu tretet), das im Jahre 1810 bis auf 
2i> Prozent, 1813 und 1814 auf 3o-4() Prozent stieg. Die im Jahre 1811 
erlassenen Verbote, (J(ddmUnzen zu einem höheren Nennwerte in Noten 

5 



68 Erstes Buch. I. Abschnitt Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

oder Noten zu einem niedrigen Werte in Goldmünzen anzunehmen, 
blieben ohne \N'irkung. Die Goldmünzen versehwanden gänzlich aus 
dem Verkehr, und die Entfernung des Wertes der englischen Uechuungs- 
einheit, des Pfundes Sterling, von seinem ursprünglichen Metalläqui- 
valeute zeigte sich in den erhöhten Preisen der Goldbarren. Nach der 
Wiederherstellung des Friedens ging das Goldagio rasch und erheblich 
zurück, d. h. der Wert des englischen Geldes näherte sich wieder seinem 
ursprünglichen Metalläquilaveute. Im Jahre 1819 wurde die Wieder- 
herstellung der Noteueinlösung für das Jahr 1823 angeordnet. Bereits 
vom Jahre 1821 an war das Goldaufgeld verschwunden; der Wert 
des Pfundes Sterling deckte sich wieder mit seinem Goldäquivalente, 
nachdem er sich von 1801 au in durchaus selbständigen Bewegungen 
unterhalb dieses Goldwertes gehalten hatte. 

Hier hat also die Papiergeldwirtschaft nicht zu einer dauernden 
und völligen Entwertung der papiernen Geldzeichen geführt, es ist 
vielmehr durch Maßregeln der Bankpolitik und der staatlichen Finanz- 
politik gelungen, dem Papiergelde trotz des Fehlens der Einlösbarkeit 
und trotz der Wertlosigkeit seines Stoffes stets noch einen Wert zu erhalten 
und es schließlich wieder auf die volle Parität mit dem Metallgelde zu 
bringen. 

Aehnlieh verlief die Entwicklung der Papierwährung in zahlreichen 
anderen modernen Staaten. 

Wie England durch die napoleonischen Kriege, so sind die Ver- 
einigten Staaten von Amerika in der ersten Hälfte der 60er 
Jahre des 19, Jahrhunderts durch den Bürgerkrieg in die Papiergeld- 
wirtschaft geraten. Vom Jahre 1861 an wurde in steigenden Mengen 
Papiergeld in Umlauf gesetzt, das anfangs einlösbar war, bald aber 
(durch Gesetz vom 25. Februar 1862) durch nicht einlösbare Schatz- 
noten ersetzt wurde, die den Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel 
(ausgenommen für die Zollzahluug und für die Zahlung der Zinsen der 
Staatsanleihen) erhielten. Der in dem Gesetz von 1862 auf 150 Mil- 
lionen Dollar fixierte Maximalbetrag für die Ausgabe dieses Papier- 
geldes wurde bei verschiedenen Gelegenheiten beträchtlich erhöht, zu- 
letzt durch ein Gesetz vom 30. Juli 1864 bis auf 450 Millionen Dollar. 

Bereits im Jahre 1861 begann das Papiergeld sich gegenüber dem 
ursprünglichen Metallgelde zu entwerten. Es stellte sich ein Gold- 
agio ein, das mit der Vermehrung des Papiergeldumlaufs rapid stieg 
und im Juli 1864 mit 185 Prozent seinen Höhepunkt erreichte. Das 
entwertete Papiergeld erfüllte immer mehr die ganze Zirkulation und 
verdrängte selbst die kleinen Scheidemünzen aus dem Verkehr. 

Nach der Beendigung des Bürgerkrieges wurden Maßregeln in 
Angriff genommen, die den Umfang des Papierumlaufs allmählich 
vermindern und das Geldwesen wieder auf seinen ursprünglichen Zu- 
stand zurückfuhren sollten. Wenn auch die völlige Beseitigung des 
Papiergeldes an dem Widerstände mächtiger Interessengruppen scheiterte 
(es sind schließlich noch nahezu 350 Millionen Dollar Papiergeld im 
Umlauf geblieben), so gelang es doch, das Papiergeld einlösbar zu 
machen (von 1879 an) und die Einlösbarkeit fortan aufrecht zu er- 
halten. Von der Mitte des Jahres 1864 an ist eine weitere Entwertung 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsystcme. § 7. 69 

des Papiergeldes nicht mehr eingetreten, vielmehr zeigte das Goldagio 
einen wesentlichen Rückgang; es betrag um die Mitte des Jahres 1865 
nicht mehr ganz 60 Prozent nnd ist in den folgenden Jahren bis zur 
Aufnahme der Barzahlungen im Jahre 1879 allmiihlich ganz ver- 
schwunden. 

Auch hier ist also trotz einer anfänglich sehr heftigen P>8chUtte- 
rung des Geldwesens eine systematische Kegulieruug des Papierumiaufs, 
eine Verhinderung der gänzlichen Entwertung des Papiergeldes und 
schließlich sogar die Wiederherstellung der Einlösbarkeit und damit 
auch der Metallgeldparität des Papiergeldes gelungen. 

Aehnliche Papiergeldperioden von kürzerer Dauer machte Frank- 
reich durch, von 1848 bis 1850 infolge der Februarrevolution und von 
1870 bis 1877 infolge des Krieges mit Deutschland. In beiden Fällen 
wurde die Bank von Frankreich zur Einstellung der Noteneinlösung 
ermächtigt. Die Abweichung der Noten von der metallischen Währungs- 
grundlage war nur gering; das Aufgeld der Goldmünzen betrug 1848 
im Maximum 12 Prozent, 1871 nur 2,4 Prozent. 

Preußen hatte uneinlösbares Papiergeld mit Zwangskars von 
1806 bis 1824. Dieses unterschied sich in mehrfacher Beziehung von dem- 
ienigen Englands, Frankreichs und der meisten anderen Staaten; zu- 
nächst dadurch, daß dieses Papiergeld, die sog. Tresorscheine, nicht 
in ursprünglich von einer Bank ausgegebenen Noten bestand, deren Ein- 
lösung aufgehoben wurde, sondern daß es von vornherein vom Staate 
selbst als Papiergeld emittiert wurde; ferner dadurch, daß ihm 
nicht nur Zwangskurs verliehen wurde, sondern daß auch ein Zwang, 
bestimmte Teile der an die königlichen Kassen zu leistenden Zahlungen 
in diesen Scheinen zu zahlen, bestand; der Zwangskurs selbst war 
zeitweise (Oktober 1806 bis Oktober 1807) suspendiert and lediglich 
durch den Zahlungszwang an die öfifentlichen Kassen ersetzt, zeitweise 
(Oktober 1807 bis Februar 1809) hatten die Tresorscheine Zwangskurs, 
aber nicht zu ihrem Nennwerte, sondern zu ihrem Kurswerte, und das 
sowohl für die öffentlichen Kassen als auch im Privatverkehr. Die 
Entwertung dieser Tresorscheine betrag in der schlimmsten Zeit 
(Juni 1813) 76 Prozent. Im Jahre 1815 wurde die Parität mit dem 
Metallgelde wieder nahezu erreicht. Eine Kabinettsorder vom 
21. Dezember 1824 ordnete ihre Ersetzung durch Kassenanweisungen an. 

Fast in allen Staaten haben Kriege, Revolutionen und ähnliche 
Ereignisse, die große Geldbedürfnisse zur Folge hatten, zu solchen 
Papiergeldperioden geführt. In den geschilderten Phallen gelang die 
Wiederherstellung der metallischen Währung im Laufe von verhältnis- 
mäßig kurzer Zeit. Anders gestaltete sich der Verlauf, wenn die Finanz- 
kraft des Staates nicht stark genug war, um die einmal verlorene 
metallische Währung wiederherzustellen, einerlei ob es sich darum 
handrlte, das vom Staate selbst ausgegebene Papiergeld wieder durch 
vollwertiges Metallgeld zu ersetzen, oder darum, der Zentralbank durch 
Zurückzahlung der dem Staate geleisteten baren Vorschüsse die Wieder- 
aufnahme der Noteneinlüsung zu i'rniiigliclien. In solchen Ländern 
bildete sich die Papierwährung zu einer dauernden Einrichtung aus; 
sie verlor den Charakter des rngewöhnlichen, und da ihre baldige 



70 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwickluugsgescbichte des Geldes. 

Reseitiiruiiir nicht zu erwarten stand, bejrann die Verkehrswelt, sich mit 
ihr abzufinden und sieh auf ihrer Grundlajre ein/Airichten. 

Abjresehen von einer Reihe kleinerer Staaten in Europa und 
Amerika, die in der Ilauptsaclie duri'h finanzielle MitUvirtachaft in die 
Papierwälirun^ jreraten sind, beobaehten wir vor dem Weltkrieg? solche 
liinjrer dauernden Papierwährungen namentlich in Rußland und 
Oesterreieh. 

Rußland hatte vom Ende des 18. Jahrhunderts an Papierwährung 
bis zum .lahre 1S99, mit einer kur/AMi Unterbrechung von 1843 — 1854. 
Der erste Absehnitt dieser Papierjieldperiode endete mit einer beträcht- 
lichen EntwertuniT des Papierrubels gegen den ursprünglichen Silber- 
rubel. Im Jahre IS-t:} wurden die alten uneinlösbaren Rubelassignate 
gegen ein neues Papiergeld, die einlösbarcn Reichskreditbillets, ein- 
gelöst, und zwar mit der Maßgabe, daß für je 350 Rubel in Assignaten 
100 Rubel in Kreditbillets gegeben wurden. Solange die Kreditbillets 
einlösbar waren, bestand wieder eine Silberwährung. Aber infolge des 
Krimkrieges mußte im Jahre 1854 die Einlösung eingestellt werden, 
und die zweite Periode der russischen Papierwährung begann mit der 
Entstehung eines neuen Aufgeldes auf den Silberrubel. Daß vom 
Jahre 1860 an die Kreditbillets als Noten der staatlichen russischen 
Reichsbank erschienen, brachte keine materielle Aenderung. Das Auf- 
geld des Silberrubels stieg allmählich auf etwa 30 Prozent, bis der 
russisch-türkische Krieg im Jahre 1877 mit einer starken Vermehrung 
der Papiergeldausgabe eine weitere heftige Steigerung des Agios herbei- 
führte. Der Kurs des Papierrubels bewegte sich von nun an in großen 
Schwankungen, die, nachdem das Silber in den wichtigsten Kultur- 
staaten demonetlsiert und seine Prägung auch in Rußland eingestellt 
worden war (1876), nicht mehr an dem ursprünglichen Währungsgeld, 
dem Silberrubel, gemessen wurden, sondern an den ausländischen Gold- 
währungen, namentlich an der deutschen Reichswährung. Der Berliner 
Rubelkurs erreichte in jener Periode seinen tiefsten Stand mit 164 Mark 
pro 100 Rubel im Jahre 1887, seinen höchsten Stand mit 265 Mark 
im Jahre 1890. Vom Jahre 1894 an gelang es den geschickten Operationen 
des russischen Finanzministeriums, in Vorbereitung der Einführung der 
Goldwährung den Berliner Rubelkurs auf etwa 220 Mark zu befestigen. 
Die im Jahre 1899 formell vollendete Goldwährung entspricht einem 
Rubelkurse von 216 Mark. 

Oesterreieh hatte bereits während der französischen Revolutions- 
kriege im Jahre 17Vt3 seine Zuflucht zur Papiergeldwirtschaft genommen, 
die in ihrem Verlaufe zu einer sehr erheblichen Entwertung des Geldes 
führte. Die für uneinlösbar erklärten Noten der Wiener Stadtbank 
hatten im Jahre 1811 nur noch '/s ihres ursprünglichen Metallwertes. 
Ihre Ersetzung durch ein neues Papiergeld hatte keinen Erfolg. Erst 
der im Jahre 1816 gegründeten Nationalbank gelang es, wieder ge- 
ordnete Geldverhältnisse herzustellen. Die Unruhen des Jahres 1848 
führten zur Einstellung ihrer Noteneinlösung; damit begann eine 
neue Periode der Papierwährung. Neben den uneinlösbaren Bank- 
noten wurde uneinlösbares Staatspapiergeld ausgegeben. Die Versuche 
zur Wiederherstellung der Barzahlungen, die 1853, 1858 und 1866 



2. Kapitel. Die Eutwickluuij der Geldsyrfteme. § 7, 7X 

]o:emacht wurden, scheiterten im ersten Falle an der beim Ausbruche 
des Krinikrie^es notwendifr jrewordenen Mobilmachung, im zweiten 
Falle am Ausbruche des Kriejres mit Italien, im dritten Falle an dem 
Kriefre mit Preußen. Der Geldbedarf des Staates wurde durch diese 
Ereifmisse stets im entscheidenden Momente so stark erhöht, daß di« 
"Wiederherstelluns: der Silberwährung: auffj;egeben werden mußte. Das 
Anfireld auf Silberofeld st\e^ 1850 bis auf 50 Prozent, 18r)9 bis auf 
5."} Prozent. \'om Be<rinne der 70er Jahre an, während der Entwertung 
des Silbers, hielt sich der Wert des österreichischen Papiergeldes ver- 
hältnismäßig stabil gegenüber den ausländischen Goldwährungen ; 
das Silberaerio sank immer mehr, bis es schließlich ganz verschwand. 
Ebenso wie für Rußland war jedoch auch für Oesterreich ein festes VVert- 
verhältnis zwischen seinem Gelde und dem Silber, dem ursprünglichen 
Währungsmetalle, gleichgültig geworden; wichtig war dagegen die Be- 
festigung des österreichischen Geldwertes gegenüber dem Geldwerte 
der ausländischen Goldwährungen. Oesterreich kehrte sich deshalb durch 
Einstellung der freien Silberprägung vom Silber ab und begann Vor- 
bereitungen zu tretTen, sein Geldwesen auf dem Boden der Goldwährung 
wiederherzustellen. Das Gesetz von 189'2 gab der neuen Münzeinheit, 
der Krone (= Va Gnlden\ einen Goldwert von ungefähr 85 Pfennigen. 
Da die formelle Aufnahme der Goldeinlösung der Noten der Oesterreich- 
Tngarischen Bank immer wieder hinausgeschoben wurde, war der Kurs 
des österreichischen Geldes auch in den ersten Jahren nach 1892 zeit- 
weise um einige Prozente unter diesen Wert herai)gegangen; im großen 
(Ganzen jedoch hat es sich bis zum Ausbruch des Weltkrieges als mög- 
lich gezeigt, das österreichische Geld auf der ihm durch die neuen 
Währun^sgesetze beigelegten Goldparität zu erhalten. 

Wir haben es in den zuletzt geschilderten Fällen mit einem Papier- 
gelde zu tun, dessen Wert sich zwar von demjenigen seines ursprüng- 
lichen Metalläquivalents entfernt, das aber nicht einer raschen und 
schließlich vollständigen Klntwertung unterliegt, sondern sich viele 
Jahrzehnte hindurch — zwar mit großen Schwankungen im einzelnen, 
aber dt.ch mit einer gewissen Wertstabilität im ganzen — im Umlauf 
erhält. 

Der Weltkrieg hat eine neue Aera der Papierwährung eröftuet, 
deren Erscheinungen im einzelnen an anderer Stelle dieses Buches 
dargestellt werden sollen. An tatsächlicher Bedeutung überragen diese 
Erscheinungen alle früher dagewesenen Perioden der Papiergeldwirt- 
schaft; schon dadurch, daß alle am Kriege beteiligten Staaten außer 
den Vereinigten Staaten von Amerika, außerdem auch eine Anzahl 
neutraler Staatswesen sich zur Einstellung oder wenigstens Einschränkung 
dir Einlösung ihres Papiergeldes in Metallgeld veranlaßt gesehen haben; 
ferner dadurch, daß die Ausgabe von Pa])ierg('ld in den einzelnen 
Maaten einen nie gekannten oder auch nur geahnten rinfang angenommen 
hat; schließlich dadurch, daß in einigen der durch den Krieg, innere 
Wirren und die Friedensbedingungen am schwersten getrolVeneu Staaten 
das Geld gegenüber seinen ursprunglichen Metalläquivalent eine gerade- 
zu phantastische Entwertung erfahren hat. Es genüge hier der Hin- 



72 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

weis, daß die dcatsche Papierniark gegenwärtig (Eude Janoar 1923) nur 
noch den Wert von \',oooo ibres ursprünglichen Goldwertes hat, während 
die Entwertung des russischen Kübels sich überhaupt kaum mehr be- 
ziffern läÜt. 

Grundsätzlich Neues jedoch hat diese neue Papiergeldperiode 
nicht gebracht. Sie hat lediglich die bisherigen Erkenntnisse vom 
Wesen der Papierwährung bestätigt. Die Bewegungen des Geldwerte» 
werden hier weder durch den an sich wertlosen Stoff, noch durch das 
ursprüngliche Metalläquivalent des Geldes, noch durch irgendeinen 
anderen Wertgegenstand bestimmt; das Geld ist hier nicht nur dem Be- 
griffe nach, sondern auch in seiner Wertbewegung durchaus unter- 
schieden und unabhängig von allen übrigen Güterkategorien. 

§ 8. Metallische Währungen mit gesperrter Prägung. 

Eine ähnliche Erscheinung auf dem Gebiete des modernen Geld- 
wesens wie die Papierwährung ist die metallische Währung mit gesperrter 
Prägung des Währungsmetalls. Bereits im System der Goldwährung 
haben wir Münzen aus Silber kennen gelernt, denen aufgrund der 
beschränkten Prägung ein ihren Stoffv^^ert überschreitender Wert, der 
sich vom Goldgelde ableitet und dadurch mit dem Metalle Gold in Be- 
ziehung gesetzt ist, beigelegt ist. Es ist nun im Laufe der neueren 
Entwicklung des Geldwesens in verschiedenen Fällen vorgekommen, 
daß die Ausprägung von Silber, das die Grundlage der Währung dar- 
stellte, eingeschränkt oder gänzlich gesperrt worden ist, ohne daß 
gleichzeitig Goldmünzen eingeführt, deren Prägung freigegeben nnd 
die Silbermünzen in den Goldmünzen tarifiert w'orden wären. In diesen 
Fällen trat, wie wir an den einzelnen Beispielen sehen werden, das 
Umgekehrte ein, wie bei der Einstellung der Einlösung von Banknoten 
und Papiergeld. Wenn die Uneinlösbarkeit von Papiergeld, das gesetz- 
lichen Kurs erhält, verfügt wird, ist die Möglichkeit gegeben, daß der 
Wert des Landesgeldes unter das der Rechnungseinheit ursprünglich zu- 
grunde gelegte Metalläquivalent herabsinkt, weil man keinen Anspruch 
und keine Sicherheit mehr hat, für das Papiergeld den gleichen Nenn- 
betrag in vollwertigem Metallgelde zu erhalten. Wenn dagegen die 
Prägung des ursprünglichen Währungsnietalls eingestellt wird, dann ist 
die Möglichkeit gegeben, daß sich der Wert des Landesgeldes über 
das der Kechnungseiuheit ursprünglich zugrunde gelegte Metalläqui- 
valent erhebt, weil kein Anspruch und keine Sicherheit mehr besteht, 
gegen das ungeprägte Metall das gleiche Gewicht (ev. nach Abzug 
der geringfügigen Prägekosten) in geprägtem Gelde zu erhalten. 

Zum erstenmal trat diese Möglichkeit in bemerkenswerter und 
vielbemerkter Weise ein, als die Niederlande im Jahre 1873 die freie 
Silberprägang einstellten, ohne für die Reform ihres Geldwesens irgend 
einen weiteren Schritt zu tun. Damit war die bisher bestehende feste 
Beziehung zwischen dem Silberwerte und dem Werte des niederlän- 
dischen Geldes durchbrochen; der Wert des geprägten holländischen 
Silbergeldes vermochte über den Wert des in ihm enthaltenen Silber- 
quantums hinaus zu steigen, denn die Nachfrage nach niederländischen 



2. Kapitel. Die Entwicklung der üeldsysteme. § 8. 73 

Zahlongsmitteln konnte nnn nicht mehr durch die Aaspriigung von 
Barrensilber befriedigt werden. Eine solche Steigerung trat in der 
Tat in dem Maße ein, daü, während das Silber im Verhältnis zuiq 
Gold eine Entwertung erfubr, das geprägte holländische Silbergeld 
gegenüber dem Goldgelde der Goldwährungsländer eine beträchtliche 
Wertsteigerung aufwies. Während bis zum Anfang des Jahres 1875 
der Silberpreis in London bis auf etwa 57 '/2 d hinabging, stieg der 
Kurs des niederländischen gegenüber dem des englischen Geldes soweit, 
daß 1 Pfd. Sterl. statt — wie früher — 12 Gulden nur noch 11,6 Gulden 
notierte. Darin kam die Tatsache in Erscheinung, daß der Wert des 
holländischen Guldens um etwa 10 Prozent über den Wert seines 
Silbergehaltes hinaus gestiegen war. Der Wert des Silbers war nur 
noch eine untere Grenze für den Wert des holländischen Geldes, der 
holländische Gulden konnte in seinem Werte nicht unter seinen Silber- 
gehalt herabgehen, aber nach oben hin konnte er unbegrenzt steigen. 

Diesem Zustande wurde im Jahre 1875 ein Ende gemacht durch 
die Einführung einer frei ausprägbaren Goldmünze, des Zehngulden- 
stUcks, das gesetzliche Zahlungskraft zu seinem Nennwerte erhielt. 
Ein ZehuguldenstUck enthält 6,72 g Münzgold von 7io Feinheit; aus 
dem Kilogramm Feingold werden 1653,43 Gulden geprägt, und da für 
das Kilogramm 5 Gulden Prägegebühr berechnet werden, kann man 
jederzeit für ein Kilogramm Feingold 1648,43 Gulden erhalten. Unter 
diesen Preis in niederländischem Gelde kann das Gold nie sinken, und 
mithin kann sich der Wert des niederländischen Geldes niemals über 
das diesem Preise entsprechende Goldäquivalent erheben. Solange der 
Metallwert des Silberguldens ein geringerer ist, als das Goldäquivalent 
des Goldguldens, und solange die niederländische Regierung nicht die 
Verpflichtung übernimmt, Silbergulden auf Verlangen in Goldgulden 
einzulösen, ist die Möglichkeit vorhanden, daß der Silbergulden den 
ihm beigelegten Goldwert nicht erreicht und daß ein Aufgeld auf Gold- 
münzen entsteht. Der Zustand würde dann mit einer Papierwährung 
Aehnlichkeit haben, jedoch mit dem Unterschiede, daß nicht eine grenzen- 
lose Entwertung des niederländischen Geldes, sondern nur eine Ent- 
wertung bis auf den Silbergehalt des Silberguldens stattfinden könnte. 
In Wirklichkeit hat sich bis zum Weltkriege das holländische Geld 
stets auf seiner Goldparität gehalten. 

F^in zweiter Fall dieser Art wurde geschaffen durch die Ein- 
stellung der indischen Silberprägung im Juni 1893, Von vornherein 
verfolgte diese Maßregel den Zweck, den Wert des indischen Geldes 
von dem sich fortgesetzt entwertenden Silber unabhängig zu machea 
und ihn in eine feste Beziehung zum Werte des englischen Goldgeldes 
zu bringen. Um das h-tztere Ziel zu erreichen, wurde gleichzeitig mit 
der Einstellung der freien Silberprägung verfügt, daß die indischen 
Münzstätten gegen Einlieferung englischer Gdldiiiilnzen indische Silber- 
rnpien verabfolgen sollten, und zwar 15 Rupien für den Sovereign, 
oder für je 16 d in englischem Goldgelde eine Rupie. Die Folge 
dieser Maßregeln war, daß sich der Wert der Rupie über den Wert 
ihres Silbergehaltes erheben konnte, aber nicht — wie der Wert des 



74 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

holländischen Silberguldens von 1873 bis 1875 — unbegrenzt, sondern nur 
bis zu dem Werte von 16 d englischer \\'ährnng, der seinerseits gegeben 
war durch ein bestimmtes (toldciiiantum. Der Wert des Silbergehaltes 
der lUipie in englischem (teide ist l)ei einem Silberpreise von etwa 
2:i d pro Unze Standard Silber, dem niedrigsten Preise, der vor dem 
Weltkriege in London notiert wurde, etwa 8'/^ d. Der Wert der Rupie 
in englischem Goldgelde kann sich mithin bei einem Silberpreis von 22 d 
zwischen 8 '/g d und IG d bewegen. Eine Erhöhung des Silberwertes 
gegenüber dem Goldwerte würde den Spielraum verengern, eine vpeitere 
Entwertung des Silbers würde ihn vergrößern. 

Die tatsächliche Entwicklung des Rupienkurses war folgende: 

Im ersten Jahre nach der Einstellung der freien Silberprägung 
trat ein beträchtlicher Preissturz des Silbers ein. Der Londoner Silber- 
preis ging bis auf 27 d in den ersten IMonaten des Jahres 1894 zurück. 
Auch der Rupieukurs zeigte eine sinkende Tendenz, die jedoch in ihrer 
Stärke weit hinter derjenigen des Silbers zurückblieb. Der tiefste 
Kurs wurde erreicht mit 12,41 d im Januar 1895, während dem gleich- 
zeitigen Silberpreise (27,2 d) ein Kurs von nur 10,1 d entsprochen hätte; 
selbst damals hielt sich mithin der Wert der geprägten Rupie um 
23 Prozent über dem Werte ihres Silbergehaltes. Seither ist der Rupien- 
kurs, unabhängig von den Schwankungen des Silberpreises, allmählich 
und mit geringen Unterbrechungen gestiegen; er erreichte Anfang 1896 
14 d, stieg bis Ende 1897 auf lö^o^ uud kam im Januar 1898 zum 
erstenmal auf der erstrebten Goldparität von 16 d an, auf der er sich 
seither mit geringen Abweichungen gehalten hat, bis die Steigerung 
des Silberpreises während des Weltkrieges und die gleichzeitige Ent- 
wertung des englischen Geldes gegenüber dem Golde zu neuen Stö- 
rungen führte. Seit Anfang 1898 bestand mithin tatsächlich ein festes 
Wertverhältnis zwischen dem Golde und der Rupie, wobei allerdings 
die Möglichkeit vorlag, daß der Wert der Rupie sich nach unten von 
der neuen Goldparität wieder entfernte und sich dem Schnielzwerte 
der Silberrupie wieder näherte, aber auch die Möglichkeit, daß der 
"Wert der Rupie sich bei einer Steigerung des Silberpreises über das 
ihr beigelegte Goldäquivalent von 16 d englischer Währung erhob. 

Der dritte und interessanteste der hierher gehörenden Fälle ist 
das österreichische Geld von 1879 bis 1892. 

Oesterreich hatte, wie bereits dargestellt, seit 1848 eine Papier- 
währung an Stelle der ursprünglichen Silberwährung. Der Wert des 
österreichischen Papierguldens blieb in den ersten Jahren der Silber- 
entwertung verhältnismäßig stabil gegenüber dem Gelde der Gold- 
währungsländer, und das Silberagio sank immer mehr, bis es schließ- 
lich um die Wende der Jahre 1878 und 1879 gänzlich verschwand. 
Man hat diesen Vorgang „Selbstregulierung der österreichischen Valuta" 
genannt, weil ohne jede Maßregel des Staates oder der Oesterreichisch- 
Ungarischen Bank sich der Gleichwert zwischen dem uneiulösbaren 
Papiergelde und dem Silbergulden von selbst ergeben hatte. 

Von dem Augenblicke an, wo der Gleichwert zwischen dem 
Papier- nnd dem Silbergulden wieder hergestellt war, konnte sich nun 



2. Kapitel. Die Eutwicklung der Geldsysteme. § 8. 76 

bei einer weiteren Entwertung des Silbers gegenüber dem Golde das 
österreichische Geld gegenüber dem Gelde der Goldwährungsliiuder nicht 
mehr, wie seither, nahezu stabil halten. Da infolge der freien Silber- 
prägung jedermann für ein Pfund Feinsilber 45 Gulden erhalten konnte 
(nach Abzug von 1 l^rozeut Prägegebühr), konnte der Wert des Guldens 
nicht merklich über dem Wert von '/^s P^und Silber stehen, (iing 
nun der Wert des Silbers gegenüber dem Golde weiter zurück, dann 
muÜte notwendigerweise auch der Wert des österreichischen Silber- 
guldens gegenüber dem Goldgelde des Auslandes zurückgehen. Der 
Papiergulden andererseits konnte nicht höher stehen als der Silber- 
gulden, denn — ganz abgesehen davon, daß der Papiergulden ursprüng- 
lich nur eine Forderung auf Silbergulden darstellte — der Silbergulden 
war gesetzliches Zahlungsmittel, mit dem alle Zahlungsverpflichtungen 
ebensogut wie mit Papierguldeu erfüllt werden konnten. In ihrer wirt- 
schaftlichen und rechtlichen Verwendbarkeit als Geld innerhalb des 
österreichisch-ungarischen Staates standen sich beide Geldarteu gleich; 
deshalb konnte der l^apiergulden, der nur als Geld eine Verwendbar- 
keit hatte, niemals höher bewertet werden als der Silbergulden, während 
umgekehrt der Silbergulden, der außer seiner Verwendbarkeit als Geld 
auch eine Verwendbarkeit als Metall hatte, solange höher bewertet 
werden mußte als der Papiergulden, als sein stofflicher Metallgehalt in 
Oesterreich-Ungarn selbst einen höhereu Preis erzielte als 1 Gulden 
österreichischer (Papier-) Währung*). 

Die österreichische Regierung war nun nicht gewillt, den Geld- 
amlauf des Landes mit dem sich zur Münze drängenden Silbergelde 
anfüllen zu lassen. Das früher so oft vergeblich augestrebte Ziel der 
Wiederherstellung eines Silberumlaufs hatte infolge der währungspoli- 
tiscben Umwälzungen aufgehört, wünschenswert zu sein. Vor allem 
aber wollte man den Kurs des österreichischen Geldes in den Gold- 
währungsländern nicht durch den Rückgang des Silberpreises drücken 
lassen, und deshalb wurde in den ersten Monaten des Jahres 1879 auf 
dem Verordnuugswege die freie Silberprägung aufgehoben. 

Diese Maßregel schuf in Verbindung mit dem Fortbestehen der 
Uneiulösbarkeit des Papiergeldes einen ganz eigentümlichen Zustand. 
Bisher waren die Wertbewegungen des österreichischen Geldes nach 
unten bin unbegrenzt: da man keinen Anspruch hatte, für den stoff- 
lich wertlosen Papiergulden metallisches Geld zu erhalten, war die 
Möglichkeit einer unbegrenzten Entwertung des österreichischen Geldes 
gegeben. Diese Möglichkeit bestand auch 1879 weiter, da die Ein- 
lösbarkeit des Papiergeldes nicht wieder hergestellt wurde. Dagegen 
bestand bis 1879 für die Wertbewegungen des österreichischen Geldes 
nach oben hin eine Grenze an dem Schmelzwerte des Silberguldens. 
Durch die Aufhebung der freien Sili)erprägung war diese (Irenze be- 
seitigt, und der Wert des österreichischen Geldes konnte sich, wie der 



') Ein ,Di9a<rio" des Silbcrguldens gegt-nübcr dem rupiorgiilden, ebenso eiu 
„Agio" des Papierguldens gegenüber dem .Silbergnlden waren also iu gleicher Weise 
ausgeschlossen. 



76 Erstes Bnch. I, Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

Wert des niederländischen von 1873 bis 1875, unbegrenzt Über sein 
Silberiiqiiivalent erheben. Erst durch die Keformgesetze des Jahres 
18^2, welche eine Goldmünze mit gesetzlicher Zahlungskraft einführten, 
wurde dem österreichischen Geldwerte nach oben hin in dem Gold- 
äquivalente der neuen Kechnungseiuheit, der Krone, eine Grenze ge- 
zogen. Von 1879 bis 1892 dagegen konnte sich der Wert des öster- 
reichischen Geldes sowohl nach oben als auch nach unten hin ohne 
jede durch ein Edelmetall oder sonstiges Gut gegebene Grenze bewegen. 
Der tatsächliche Gang der Dinge war, daß eich der Wert des Guldens 
über dem immer mehr sinkenden Silberwerte hielt. Schon im Jahre 
1879 war der Silbergehalt des Silberguldens nur noch 95,85 Kreuzer 
wert, und er ging weiter zurück bis auf 91,95 Kreuzer im Jahre 1886 
und 84,69 Kreuzer im Jahre 1891. 

§ 9. Die Bedentang der von der metallischen Grundlage losgelösten 
^Vährnngen in der Entwicklangsgeschichte des Geldes. 

Sowohl die Papierwährung als auch die metallischen Währungen 
mit beschränkter Prägung unterscheiden sich darin von den übrigen 
Geldsystemen, daß bei ihnen die Wertbildung des Geldes eine voll- 
ständig oder doch innerhalb weiter Grenzen freie ist, während bei der 
Goldwährung der Wert des Geldes in einer festen Verbindung steht mit 
dem Werte des Metalles Gold, bei der Silberwährung mit dem Werte 
des Metalles Silber, bei der Doppelwährung mit dem Werte des in der 
gesetzlichen Kelation zu günstig bewerteten Metalles und während 
bei der Parallelwährung zwei von einander unabhängige Geldsysteme, 
eines auf dem Golde, das andere auf dem Silber beruhend, nebenein- 
ander hergehen. Bei allen diesen Systemen besteht eine Verknüpfung 
des Wertes des Geldes mit dem Werte eines bestimmten Metalles ; 
der Geldwert der Hauptmünzen, von dem sich der Wert sämtlicher 
Geldarten des Systems ableitet, fällt mit ihrem Stoffwerte zusammen. 
Bei den Währungen mit gesperrter Prägung dagegen übersteigt der 
Wert des geprägten Geldes seinen Stoffwert oft beträchtlich; bei der 
Papierwährung ist das stets der Fall, solange das Papiergeld überhaupt 
noch einen Wert hat. 

Es fragt sich, worauf bei diesen Währungen der Wert des Geldes 
beruht. 

In unserer Wirtschaftsverfassung ist das Geld ein gänzlich unent- 
behrliches Verkehrswerkzeug. Fortgesetzt besteht eine gar nicht ab- 
zuschätzende Menge von Zahlungsverpflichtungen, die auf Geld lauten. 
Der Staat hat sich das Recht zu sichern gewußt, ausschließlich das 
Geld herzustellen, dessen der Verkehr bedarf, und Münzen und Papier- 
scheine irgendwelcher Art zum gesetzlichen Zahlungsmittel für be- 
stehende Geldschulden zu erklären. Wenn nun der Staat die Prägung 
des Währungsmetalls einstellt und damit eine Vermehrung der üm- 
lanfsmittel verhindert, während gleichzeitig der Bedarf des inneren 
Verkehrs au Geld und die Nachfrage auf dem Weltmarkte nach 



2. Kapitel. Die Entwicklung der Goldsysteme. § 9. 77 

Zahluugsmittelu für das betreffende Land steigt, dann muß das darin 
zum Ausdrucke kommen, daß sich der Wert des geprägten Geldes über 
seinen Metallwert erhebt. Der Mehrwert des geprägten Geldes beruht 
darauf, daß in einem gegebenen Zustande der Wirtschaft und des 
Rechtes nur das geprägte Metall, nicht auch das ungeprägte Metall, die 
Funktionen als Geld erfüllen kann und daß der Staat sich weigert, aaf 
Verlangen das Metall in geprägtes Geld zu verwandeln. 

Auch der Wert des uneinlösbaren Papiergeldes beruht ausschließ- 
lich darauf, daß es vom Staate zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt 
ist, daß es zur Erfüllung bestehender Schuldverpflichtungen und staat- 
lich auferlegter Geldleistungen verwendet werden kann und daß es für 
die wirtschaftlich gänzlich unentbehrlichen Funktionen des Geldes staat- 
lich privilegiert ist. 

Der Wert beider Arten von Geld beruht mithin weder auf dem 
Werte ihres Stofifes an sich, noch darauf, daß sie etwa eine Forderung 
enthielten, sondern ausschließlich auf dem ihnen beigelegten Charakter 
als gesetzliches Zahlungsmittel. 

In diesem Sinne stellen diese Geldarten, namentlich das uneinlös- 
bare Papiergeld, einen Markstein in der Entwicklungsgeschichte des 
Geldes dar ; sie bilden den entgegengesetzten Pol zu demjenigen, von 
welchem die Entwicklung des Geldes ausgegangen ist: Das Geld ent- 
stand damit, daß Güter, die ihre wesentliche Bestimmung im gewöhn- 
lichen Gebrauche hatten, gelegentlich und nebenbei als Tauschmittel 
verwendet wurden. Die Funktionen als gewöhnliches Gebrauchsgut, 
z. B, als Schmuck, waren mit der Funktion als Tauschmittel in dem- 
selben Gegenstande vereinigt. Allmählich verengerte sich der Kreis 
der als Tauschmittel verwendeten Gebrauchsgüter, während gleich- 
zeitig der gesamte Kreis der tauschbaren Güter eine große Erweiterung 
erfuhr; schließlich bildeten sich die Edelmetalle immer mehr zum aus- 
schließlichen Tauschmittel heraus. In der Münze erhielt die Funktion 
als Tauschmittel ihre eigentliche Verkörperung. In dieser Form 
waren die Edelmetalle nur noch Geld, in uugemünztem Zustande waren 
sie bald nur noch gewöhnliche Waren. Die Münze, die anfangs 
nur ein nach Gewicht und Feingehalt beglaubigtes Stückchen Edel- 
metall war, löste sich im weiteren Verlaufe von dieser Grundlage los, 
sie wurde eine selbständige Größe mit wechselndem Substrate. Ihr 
durch wechselnde Edelmetallquautltäten gegebener Wert wurde die 
Einheit für die Bemessung von Werten überhaupt. Die einzige Ge- 
meinschaft zwischen dem Gelde und den übrigen Gütern bestand jetzt 
nur noch darin, daß das Geld in seinem Werte mit seinem jeweiligen 
tatsächlichen Metallgehalte verknüpft blieb. Allmählich aber wurde auch 
dieser letzte Zusammenhang gelockert. Bei einzelnen MUnzstUcken 
und MUnzgroppen — zuerst bei den Münzen aus unedlem Metall und 
den kleinen, stark legierten Silberm Unzen, dann bei der Gesamtheit 
der SilbermUnzen innerhalb der (ioldwährung — wurde ihr Wert als 
Geld von dem Werte ihres Stoffes losgelöst und mit dem Werte eines 
dritten Wertgegenstandes, mit dem sie stofflich nichts gemein hatten, 
in Verbindung gesetzt. Bei den Währungen mit gesperrter Prägung 



78 Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes. 

stiejr der Geldwert, ohne sich von einem dritten Stoffe abzuleiten, 
Uher das ihm ursprünglich zugrunde gelegte Metalläqnivalent. Schließ- 
lich haben wir in dem uneinlösbaren Papiergelde eine Geldart, deren 
Wert bei dem gänzlichen Fehlen eines stofiflichen Wertes ausschließlich 
auf der Qualilikation zur Verrichtung von GeldfunUtionen beruht. 

Damit ist der Kreis geschlossen: Während ursprünglich gewisse 
Gebrauchsguter nebenbei auch Geldfunktionen verrichteten, während 
die metallischen Münzen durch Einschmelzung und Verarbeitung jeder- 
zeit in (lebrauchsgüter verwandelt werden können und ihr Wert an- 
fangs ausschließlich, später zum Teil auf der Möglichkeit der Umwand- 
lung in Gebrauchsgüter beruht, ist das Papiergeld überhaupt nur als 
Geld zu gebrauchen, als Gebrauchsgut ist es wertlos; es ist die reine 
Verkörperung der Geldfuuktion. 



II. Absolinitt. Die Gestaltuiiii- der Edelmetall- inid 
AVähruiigsverhältiiisse seit der Entdeckiiiig Amerikas. 

Vorbemerkung. 

Im ersten Abschnitte wurde die Entwicklungrsgeschichte des Geldes 
im alljremeineu dargestellt. Es wurde gezeigt, wie sich der Begritf 
des Geldes allmählich ausbildete und wie sich das Verhältnis des 
Geldes zu dem gesamten Kreise der übrigen Güter allmählich bis zu 
einer nahezu vollstäiidiiren Trennung differenzierte; es wurde ferner 
gezeigt, welchen Entwicklunirsgang die Einrichtung des Geldwesens 
durchgemacht hat und wie es allmählich gelungen ist, die aus ver- 
schiedenen StoÖen bestehenden Geldsorten zu einheitlichen Geldsysteraen 
zusammenzufassen. 

Bei der Darstellung dieser aligemeinen Entwicklungsgeschichte 
konnten die einzelnen konkreten Vorgänge auf dem Gebiete des Geld- 
wesens nur soweit interessieren, und sie wurden nur soweit geschildert, 
als sie von markanter Bedeutung für die Entwicklung des Geldes waren 
ond in typischer Weise den Fortschritt von einer niedrigeren zu einer 
höheren Stufe darstellten. Es handelte sich lediglich darum, das be- 
gritriich Wesentliche aus der Flucht und Fülle der tatsächlichen Vor- 
gänge und Erscheinungen herauszuschälen. 

Der folgende Abschnitt hat einen anderen Inhalt. Er beschäftigt 
sich mit der konkreten Gestaltung der FAlelmetall- und Währungsver- 
hältt)isse: mit der Geschichte der Produktion, der monetären Verwendung 
und des Wertverhältnisses der Edelmetalle sowie der Ausbreitung der 
verschiedenen Währungssysteme über die einzelnen Kulturstaaten, Er 
reibt in pragmatischer Weise die tatsächlichen Vorgänge aneinander, 
aus denen der gegenwärtige Stand der internationalen Währungsver- 
fassung hervorgefrarigen ist. indem er lediglich ihre tatsächliche Be- 
deutung, nicht ihre begriffliche Erheblichkeit ins Auge faÜt Im ersten 
Abschnitte, als die begriffliche Bedeutung der Goldwährung für die 
Entwicklung des Geldes dargestellt werden sollte, war es z. B. durchaus 
genügend, diese an der ersten Entstehung der (ioldwährung in England 
darzutun; die weitere Ausbreitun-r der (ioldwährung über die einzelnen 
Kulturstaat»'!! ist zwar von eminenter praktischer Bi-deutunjr, fü^'te aber 
der begrifflichen Entwicklung des Geldes kein neues Moment hinzu. 
Der Platz flir die Behandlung dieser Verhältnisse ist in dem neuen 
Abschnitte gegeben. Dabei ist freilich eine völlifre Scheidunir der beiden 
Materien nicht möglich. Wie im ersten Abschnitte stets auf konkrete 
Vorgänge und Erscheinungen Bezug genommen werden muüte, so wird 



gO Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

auch im folgenden Abschnitte stets die begriffliche Entwicklung des 
Geldes zu berücksichtigen sein. Er schildert für den der Gegenwart 
am nächsten liegenden größeren Zeitabschnitt die Gesamtheit der wich- 
tigeren Vorgänge, aus denen die Entwicklungsgeschichte des Geldes 
abstrahiert ist; er soll dadurch ebenso zum Verständnis der tat- 
sächlichen Lage der internationalen Edelmetall- und Währungs- 
verhältnisse beitragen, wie der erste Abschnitt zum Verständnis der 
Stellung des Geldes in der Güterwelt und der inneren Einrichtung der 
modernen Geldsysteme. 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und WertTerhältnis. 

§ 1. Allgemeines über die Statistik der Edelmetallprodnktion. 

Die beiden Edelmetalle Gold und Silber sind seit Jahrtausenden 
die wichtigsten Geldstoffe der Kulturländer. Die Eigenschaften, welche 
sie als besonders tauglich zur Verrichtung von Geldfunktionen erscheinen 
lassen, sind bereits im vorigen Abschnitte geschildert worden; wenn 
auch die neuere Entwicklung in der Papierwährung ein Geldsystem 
hervorgebracht hat, das von der metallischen Grandlage gänzlich los- 
gelöst erscheint, so gilt doch dieses Geldsystem in der allgemeinen 
Anschauung als krankhafter Zustand des Geldwesens, dessen möglichst 
rasche Beseitigung stets von allen Staaten, die durch politische oder 
wirtschaftliche Krisen in die Papierwirtschaft geraten waren, ange- 
strebt wurde. ^) 

Aus der besonderen Stellung der Edelmetalle im Geldwesen ergibt 
sich ohne weiteres die außerordentliche Bedeutung, welche die Gestaltung 
der Edelmetallproduktion für die gesarate Entwicklung des Geldwesens 
haben mußte. Der Umfang der Produktion von Gold und Silber mußte 
einen wesentlichen Einfluß ausüben auf die Ausdehnung des Gebrauchs 
von Edelmetallgeld und damit auf die intensive und extensive Ent- 
wicklung der Geldwirtschaft. Die im Laufe der Zeit wiederholt ein- 
getretenen Verschiebungen im gegenseitigen Verhältnisse der Produktion 
von Gold und Silber stellen eines der wichtigsten Momente für die 
Gestaltung der Währungsverhältnisse in der Kulturwelt dar. Die Pro- 
duktionsverhältnisse der Edelmetalle sind ferner von beträchtlichem 
Einflüsse sowohl auf die Gestaltung des Geldwertes an sich, als auch 
auf die Entwicklung des gegenseitigen Wertverhältnisses der beiden 
Edelmetalle gewesen. 

Deshalb erscheint es geboten, diesen neuen Abschnitt mit einer 
kurzen Darstellung der Entwicklung der Edelraetallproduktion ein- 
zuleiten. 



1) Diese praktische Beurteilung der Papierwährung schließt in keiner Weise 
aas, daß in der theoretischen Betrachtung die Papierwährung genau ebenso als eine 
tatäächlich bestehende Form der Geldverfaasung behandelt und analysiert werden 
muß, wie die auf metallischer Grundlage beruhenden Geldsysteme. Knapp hat 
durchaus recht, wenn er darauf hinweist, daß es für die theoretische Betrachtung 
keine abnormen Erscheinungen und keine Ausnahmen, sondern nur besondere Fälle 
^bt (S. 29). 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und Wertverbältnisse. § 1. 81 

Eine Statistik der Edelmetallproduktion für weit zurückliegende 
Zeiten hat mit den g^rößten Schwierigkeiten zu kämpfen. Einiger- 
maßen zuverlässige Angaben sind erst von der Entdeckung Amerikas 
an, die für das Geldwesen ebensosehr wie für die allgemeinen wirt- 
schaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse den Beginn der 
neueren Zeit bedeutet, vorhanden. Wir verdanken diese Statistik vor 
allem den fleißigen und gewissenhaften Forschungen Adolf Soetbeers^), 
die eine wertvolle Ergänzung erfahren haben durch Arbeiten von 
Lexis und durch die jährlichen Berichte des Münzdirektors der Ver- 
einigten Staaten von Amerika. Bei allem Aufwände von Sorgfalt, die 
der Gewinnung zuverlässiger Zahlen für die Edelmetallproduktion ge- 
widmet worden ist, gilt für diese Statistik bis in die Mitte der 70 er 
Jahre des 19. Jahrhunderts hinein die Bemerkung, die Soetbeer in 
seinen „Materialien" gemacht hat: 

„Blickt man auf die Statistik der Edelmetallproduktion früherer 
Zeiten, so wird jeder Sachverständige einräumen, daß selbst den mit 
größter Mühe und Gewissenhaftigkeit nach wiederholter Prüfung end- 
lich zustande gebrachten Aufstellungen der Charakter großer Un- 
sicherheit verbleibt, daß manche ziffernmäßige Angaben nur auf ge- 
wagten und ungefähren Schätzungen mit weiten Fehlergrenzen und 
mitunter selbst nur auf objektiven Wahrscheinlichkeitsvermutuugen 
beruhen, welche sich an sehr wenige und schwache Anhaltspunkte 
knüpfen. Wenn man aber nicht überhaupt auf eine zusammenhängende 
und umfassende Statistik der Edelmetalle verzichten will, so sind 
solche annähernden Schätzungen und Vermutungen als Notbehelf un- 
entbehrlich." 

Es ist erklärlich, daß in Anbetracht dieser unsicheren Grandlage 
die Resultate, zu denen die verschiedenen Forscher gekommen sind, 
für einzelne Perioden nicht unerheblich von einander abweichen. Im 
großen Ganzen haben sich für die Zeit bis zum Ende der 80 er Jahre 
des 19. Jahrhunderts die Soetbeerscheu Zahlen, für die spätere Zeit 
die Angaben des amerikanischen Münzdirektors des größten Ansehens 
zu erfreuen. Seit dem Beginne der 70 er Jahre haben die Grundlagen 
der Statistik der Edelmetallproduktion an Zuverlässigkeit und Voll- 
ständigkeit so sehr gewonnen, daß erheblichere Abweichungen von 
der Wirklichkeit und größere Differenzen in den Ergebnissen der 
einzelnen Untersuchungen nicht mehr möglich sind. Seitdem die 
„Währungsfrage" aufgetaucht und brennend geworden ist, war das 
praktische Interesse an den Edelmetallverhältnissen so stark geworden, 
daß in allen wichtigen Produktionsgebieten der Beobachtung der 
Edelmetallgewinuung die erforderliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit 
zugewendet wurde. 



1) Siohe namentlich ^Edelmetallproduktion und WertverliältniH zwischen Gold 
und Silber seit der Entdeckiin); Amerikas bis zur (iCKCnwart". (totha 1879; „Mate- 
rialien zur Erläuterunjf und Heiirteiluiii^ der wirtschaftliclieu Edelnietallverhültnisse 
und der \Vähruu£jsfra<^e". 2. Aufl. Berliu 1880; „Literaturnachweis über Geld- und 
Milnzwesen", Berlin 1892. 

U e n f e r 1 h , Da« QeM. 6. Aufl. 6 



82 Erstes Buch. 11. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse, 

§ 2. Allgemeine Febersicht über die Eati^icklung: der Produktion 
von (Jold und Silber'). 

Von den beiden Edelmetallen und walirscheinlich von allen Metallen 
überhaupt ist das Gold zuerst von i\vn Mciisclieu gewonnen worden. 
Die l'rsache ist. da(i Gold fast nur in ^'cdiegeiieni Zustande oder in 
Verbindung mit Silber vorkoninit, und zwar vielfach im Sande und in 
den Ablagerungen der Flüsse in Form von Körnern und riättchenj 
die bei der Widerstandsfähigkeit des Goldes gegen die Einwirkungen 
von Luft und Wasser durch ihren Metallglanz die Aufmerksamkeit auch 
der noch auf primitiver Kulturstufe stehenden Menschen auf sich ziehen 
mußten. Zu der leichten Gewinnung des Goldes kommt hinzu seine 
Fornibarkeit, die es in \'erbindung mit seinem schönen Metallglanze 
als ganz besonders geeignet zur Herstellung von allerlei Schmuck- 
gegenständen erscheinen ließ. So erklärt es sich, daß man primitiven 
Goldschmuck auch bei wilden Völkerschaften fast überall vorgefunden 
hat, wo die Flüsse Gold mit sich führen und wo Gold in Schwemm- 
landen vorkommt. 

Wesentlich ungünstiger liegen die Verhältnisse beim Silber. Das 
weiße Metall kommt nur in verhältnismäßig geringen Mengen in ge- 
diegenem Zustande vor; meist ist es verbunden mit Chlor, Hleiglanz, 
Schwefel, Arsen und Antimon. Seine Gewinnung setzt im allgemeinen 
bereits einen regelrechten Bergbau und eine vorgeschrittene Verhüttungs- 
technik voraus; sie bietet nicht nur beträchtlich größere Schwierig- 
keiten als die Goldgewinnung, sondern vielfach auch als die Kupfer- 
gewinnung. Es klingt deshalb durchaus nicht unwahrscheinlich, daß 
die arischen Nölker das Silber erst nach dem Golde und dem Kupfer 
kennen gelernt haben, 

Ueber die Produktion von Gold und Silber während des Alter- 
tums und Mittelalters liegen nur spärliche Notizen vor, deren Zu- 
verlässigkeit — wenigstens in quantitativer Beziehung — mehr als 
zweifelhaft ist. Wir wissen aus einzelnen Inschriften usw., daß in 
Vorderasien im 9., 8. und 7. Jahrhundert vor Christi Geburt schon 
recht erhebliche Mengen von Gold vorhanden gewesen sein müssen: 
80 soll Sanherib laut einer Keilinschrift dem jüdischen König Hiskia 
eine Zahlung von 300 Talenten Gold auferlegt haben, was — bei Be- 
wertung des Goldtalentes auf etwa 70000 Goldmark — eine Summe von 
etwa 21 Millionen Goldmark ergibt. Sicherlich sind zur Zeit des lydischen 
Königreichs in Kleinasien aus den Ablagerungen der Flüsse erhebliche 
Mengen von Gold gewonnen worden. In Oberägypten und Nubien ist 
regelrechter Goldbergbau in Quarzgängen betrieben worden; auch aus 
Arabien, der Ostküste von Afrika und vielleicht auch von Indien 
ist in jener Zeit Gold nach Vorderasien gekommen. Zur griechischen 
Zeit wurde auf Thasos, in Thrazien und Mazedonien Gold im Wege 
des Bergbaues gewonnen; die Gruben wurden teilweise noch zur 
Römerzeit ausgebeutet. Zur Zeit des Polybius wurde viel Gold in 
den Schwemmlanden von Aquileja gewonnen, Iteiche Erträge warfen 

') V{rl außer den bereits zitierten Arbeiten von Soetbeer vor allem die 
Artikel „Edelmetalle", „Gold und Goldwährun£j", „Silber und Silberwährung" von 
Lexia im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 



3, Kapitel. Edelmetallproduktioo und Wertverhältnisse. § 2. 83 

vor allem die Goldwäschereien und Goldbergwerke in Spanien ab. 
Dazu kamen in der Kaiserzeit die Goldbergwerke im Gebiet des 
heutigen Salzburg und Kärnten sowie in Galizien. Sicher hat in den 
ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt die Goldgewinnung sehr er- 
heblich abgenommen. 

Was das Silber anlangt, so ist die Herkunft des zweifellos nicht 
unerheblichen Silberbestandes im babylonischen Gebiete bis zum heutigen 
Tage noch unaufgeklärt. Die reichen Silberbergwerke Spaniens sind 
wahrscheinlich schon sehr frühzeitig (wohl bereits gegen Ende des 
2. Jahrtausends vor Christus) von den Phöniziern ausgebeutet worden. 
Später — während der Glanzperiode Athens — haben die Bergwerke 
von Laurion stattliche Erträgnisse geliefert. Sporadisch wurde Silber 
auch in Cypern, Thrazien und Kleinasien gewonnen. Zur römischen 
Zeit stammte die Silbergewinnung vorwiegend aus dem Silberbergbau 
Spaniens, der nach dem ersten Punischeu Kriege zunächst von den 
Karthagern, dann von den Kömern zu einer ganz neuen Blüte gebracht 
worden zu sein scheint. Ebenso wie die Goldgewinnung zeigte auch 
der Silberbergbau in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt 
einen unaufhaltsamen Rückgang; im 5. Jahrhundert scheint er im west- 
römischen Reiche gänzlich aufgehört zu haben. 

Das 5., 6. und 7. Jahrhundert nach Christi Geburt hat bei nahezu 
stillstehender Edelmetallproduktion und bei einem starken Abfluß von 
Edelmetall nach dem byzantinischen Reiche und dem entfernteren Osten 
offenbar eine außerordentliche Verringerung des Edelmetallbestandes 
von Westeuropa herbeigeführt. 

Von der Karolingerzeit an hat die Gewinnung beider Metalle 
wieder einen Aufschwung genommen. Die Goldwäscherei an den 
französischen und deutschen Flüssen, die niemals ganz aufgehört hatte, 
scheint wieder mit größerem Nachdruck betrieben worden zu sein. 
Der Betrieb der Goldbergwerke in Ungarn und Siebenbürgen ist wahr- 
scheinlich schon im 8. Jahrhundert wieder aufgenommen worden; um 
dieselbe Zeit sollen Goldfunde in Böhmen gemacht worden sein, wo 
die Goldwäsehereien vom 11. bis zum 14. Jahrhundert steigende Ertrag- 
nisse lieferten. Der Höhepunkt der westeuropäischen Goldprodukliou 
fällt in das 15. Jahrhundert, in dem auch die salzburgischen Berg- 
werke erhebliche Erträge abwarfen. Sogar aus Afrika ist in jener 
Zeit diiic!; den allmählich an Bedeutung und Ausdehnung gewinnenden 
Handel Gold in größeren Beträgen nach Westeuropa gekommen. 

Rascher als die Goldgewinnung scheint sich die Silberproduktion 
von dem Tiefstande der drei Jahrhunderte vor der Karolingerzeit er- 
holt zu haben. Für eine günstigere Gestaltung der Silberversorgung 
spricht schon der Umstand, daß der noch von den Merovvingern fest- 
gehaltene Goldsolidus immer mehr durch das Silbergeld ersetzt worden 
ist und daß die von Karl dem Großen vorgenommene Neuordnung des 
MUnzwesens durchaus auf der Basis des Silbers beruhte. Vielleicht schon 
unter Pipin, jedenfalls aber unter Karl dem Großen waren die 
Silberminen von Melle in Poitou im Betrieb. Ini 9. Jahrhundert scheinen 
die Silberbergwerke im Lebertal im Elsaß mit gutem Erfolg in Angriff 
genommen worden zu sein; von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts 

ü* 



84 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts hat jedoch der Betrieb wegen 
technischer Schwierigkeiten (Wasserandrang) geruht. Nicht viel später 
als im Lebertal wurde im Breisgau der Silberbergbau aufgenommen 
(urkundlich nachweisbar schon 1028); dazu kam der Silberbergbau iu 
Maasmllnster. Von erheblicher Bedeutung war die um das Jahr 970 
aufgenommene Silbergewinnung im Harz, die im 12. Jahrhundert einen 
Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Dazu kam iu der zweiten Hälfte 
des 12. Jahrhunderts die Silbergewinnung aus dem Mausfelder Kupfer- 
schiefer und die Inangrififnahme des Silberbergbaues iu der Gegend von 
Freiberg in Sachsen. Größere Silberquantitäteu als irgendein anderes 
Produktionsgebiet lieferte vom Beginne des 13. Jahrhunderts an bis zum 
Ausgange des Mittelalters Böhmen. Um die Wende des 13. und 14. Jahr- 
hundt-rts scheinen hier die größten Ergebnisse erzielt worden zu sein. 
Auch Ungarn, namentlich die Gegend von Schemnitz, hat schon früh- 
zeitig Silber produziert. 

Außerhalb des Gebietes des heutigen Deutschen Reiches und Oester- 
reich-Ungarus war während des ganzen Mittelalters sowohl die Gold- 
ais auch die Silbergewinnung nur unbedeutend. Schweden, Norwegen, 
Spanien und Italien lieferten nur geringe Beiträge. 

Im ganzen blieb, trotz der relativen Steigerung, die Silberproduk- 
tion bis zum Ausgange des 15. Jahrhunderts gering. Lexis schätzt die 
jährliche Silbergewinnung Europas für das 8. und 9. Jahrhundert auf 
etwa 1 Million Silbermark (die Silbermark = ^/g Silbertaler = ^/^g^j kg 
Silber), für das 10. und 11. Jahrhundert auf etwa 2 Millionen, im 12. 
und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf 3 Millionen, von 
1250 bis 1450 auf 5 Millionen Silbermark. Die Goldproduktion war 
dem Werte nach in den letzten beiden Jahrhunderten des Mittelalters 
zweifellos beträchtlich größer als die Silbergewinnuug. Lexis ist ge- 
neigt, für das 14. und 15. Jahrhundert, in welcher Periode das Gold- 
geld im Großverkehr das Silber mehr und mehr verdrängt hat, die 
europäische Goldgewinnung zuzüglich der Goldeiufuhr aus Afrika auf 
durchschnittlich 10 Millionen Goldmark im Jahr zu veranschlagen. — 

Ein gänzlicher Umschwung in der Edelmetallversorgung Europas 
ist vom Beginne des 16. Jahrhunderts an eingetreten. Die Entdeckung 
der neuen Welt mit ihrem alle früheren Vorstellungen weit übertreffenden 
Edelmetallreichtum hat eine neue Aera eingeleitet, die hinsichtlich der 
Größe der Verhältnisse mit den früheren Zeiten überhaupt nicht mehr 
zu vergleichen ist. Vorbereitet war dieser völlige Umschwung schon in 
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch eine erneute Zunahme 
der europäischen Edelmetallgewinnung selbst, vor allem durch eine für 
die damaligen Verhältnisse gewaltige Zunahme der europäischen Silber- 
gewinnung. 

Für die mit der Entdeckung Amerikas beginnende neue Periode 
steht uns ein weit reicheres und zuverlässigeres Zahlenmaterial zur 
Verfügung, und dieses Material hat durch deutschen Gelehrtenfleiß die 
denkbar gründlichste Bearbeitung erfahren. Wir bewegen uns also von 
nuD an auf einem festeren Boden als bisher. 

Um einen allgemeinen Ueberblick über die Gestaltung der Edel- 
metallproduktioD von der Entdeckung Amerikas au zu ermöglichen, 



3. Kapitel. Edelmetallprodnktion und Wertverhältnisse. § 2. 



85 



seien zunächst die Durchschnittszahlen der gesamten Weltproduktion 
für längere Perioden mitgeteilt (s. nachstehende Tabelle). Die Zahlen be- 
ll ebersicht über die Edelmetallproduktion der Welt. 
(Die Zahlen beziehen sich auf die Jahresdurchschnitte der einzelnen Porioden.) 













Von der Gesamtproduktion 


Perioden 


G 


old 


Sil her 


kommen 


auf das 










Gold 


Silber 


bzw. Jahre 




















kg 


1000 Älark 


kg 


1000 Mark 


Proz. 


vom 


Proz 


. vom 










(Marktwert) 


Gewiohl 


Wert 


Gewiaht 


Wert 


149a— 1520 


5 800 


16 182 


47000 


12 220 


11,0 


57,0 


89,0 


43,0 


1521—1544 


7 160 


19 976 


90200 


22 370 


7,4 


47,2 


92,6 


52,8 


1545—1560 


8 510 


23 742 


311600 


76 965 


2,7 


23,6 


97,3 


76,4 


1561 — 1580 


6 840 


19 083 


299500 


72 779 


2,2 


20,8 


97,8 


79,2 


1581—1600 


7 380 


20 590 


418900 


98 860 


1,7 


17,2 


98,3 


82,8 


1601-1620 


8 520 


23 771 


422900 


96 412 


2,0 


19,8 


98.0 


80,2 


1621—1640 


8 300 


23 157 


393 600 


78 326 


2,1 


22,8 


97,9 


77,2 


1641 — 1660 


8 770 


24 468 


366300 


70 UO 


2,3 


25.8 


97,7 


74,2 


1661—1680 


9 260 


25 835 


337000 


62 682 


2,7 


29,2 


97,3 


70,8 


1681 — 1700 


10 765 


30 034 


341900 


63 593 


3,1 


32,1 


96,9 


67,9 


1701 — 1720 


12 820 


35 768 


355600 


65 075 


3,5 


35.5 


96,5 


64.5 


1721 — 1740 


19 080 


53 233 


431200 


79 772 


4,2 


40,0 


95,8 


60,0 


1741—1760 


24 610 


68 662 


533145 


100 764 


4,4 


40,5 


95,6 


59,5 


1761-1780 


20 705 


57 767 


652740 


124 021 


3,1 


31,8 


96,9 


68,2 


1781—1800 


17 790 


49 634 


879060 


162 626 


2,0 


23,4 


98,0 


76,6 


1801—1810 


17 778 


49 600 


894150 


160 053 


1,9 


23,7 


98,1 


76,3 


1811 — 1820 


11445 


31932 


540770 


97 339 


2,1 


24.7 


97,9 


75,3 


1821—1830 


14216 


39 663 


460560 


81 519 


3.0 


32,7 


97,0 


67,3 


1831—1840 


20 289 


56 606 


596450 


105 572 


3,3 


34,9 


96,7 


65,1 


1841-1850 


54 759 


152 777 


780415 


137 353 


6,6 


52,7 


93,4 


47,3 


1851-1855 


199 388 


556 308 


886115 


160 387 


18,4 


77,6 


81,6 


22,4 


1856—1860 


201 750 


562 899 


904 99ü 


164 709 


18,2 


77,4 


81,8 


22,6 


1861—1865 


185 057 


516 326 


1101150 


199 308 


14,4 


72,1 


85,6 


27,3 


1866-1870 


195 026 


544 139 


1339085 


239 696 


12,7 


69,4 


87,3 


30,6 


1871 — 1875 


173 904 


485 207 


1969425 


314 649 


8,1 


58.5 


91.9 


41,5 


1876—1880 


172 414 


481 045 


2450252 


382 062 


6,6 


55,7 


93.4 


44,3 


1881—1885 


154 959 


432 300 


2808400 


424 800 


5,3 


50,4 


94,7 


49.6 


1886—1890 


169 869 


473 934 


3387 532 


448 000 


4,8 


51,4 


95,2 


48,6 


1891 — 18« >5 


245 170 


681031 


4 901333 


554 200 


4,8 


55,9 


95,2 


44,1 


1896—1900 


387 257 


1080 447 


5154551 


428 806 


7,0 


71,6 


93,0 


28,4 


1901—1905 


485 434 


1 354 359 


5 226191 


404 015 


8,5 


77,0 


91,5 


23,0 


1906—1910 


652 302 


1811)922 


6135 348 


480 518 


9,6 


79,1 


90.4 


20,9 


1911—1920 


647 936 


1807 741 


5 906681 


594 060 


9,1 


75,3 


90,9 


24,7 



ruhen bis 1890 auf der Soetbeerschen Statistik, für die späteren Jahre 
auf den Angaben des amerikanischen MUnzdirektors. 

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts begannen die Silberbergwerke 
im sächsischen Erzgebirge, in Böhmen und Tirol erheblichere Silber- 



86 Erstes Buch. II. Abächnitt. Die Gestaltimg der Edelmetallverhältnisse. 

nieiifren zu liefern; gleichzeitig; wurden aus den durch die portugie- 
sischen Seefahrer in jenen Jahrzehnten entdeckten afrikanischen Küsten 
beträchtliche Quantitäten von Goldstaub nach Europa gebracht; aus 
Amerika kam anfangs (vor der Eroberung Mexikos und Perus) nur 
Gold, und zwar in nicht sehr erheblichen Mengen. Soetbeer schätzt, 
wie aus der Tabelle auf S. 85 hervorgeht, für die erste Periode seiner 
statistischen Untersuchungen, die von 1493 bis 1520 reicht, die jährliche 
Produktion von Gold auf ungefähr 5800 kg im Werte von 16 Millionen 
Mark, von Silber auf etwa 47 000 kg im Werte von 12 Millionen Mark. 

Die seither verflossenen Jahrhunderte haben eine ganz außer- 
ordentliche, wenn auch nicht ununterbrochene Steigerung der Gewin- 
nung beider Edelmetalle gebracht. Die Goldproduktion ist von 5800 kg 
auf 768 000 kg im Jahre 1913 gestiegen, die Silberproduktion von 
47 000 kg auf mehr als 7 Millionen kg im Jahre 1911. 

Die erste und am meisten in die Augen fallende Ursache dieser 
Entwicklung war die Entdeckung neuer und reichhaltiger Lagerstätten. 
Dazu kommt aber als ein zweiter, namentlich für die neuere Zeit über- 
aus wichtiger Faktor der Fortschritt in der Technik des Bergbaues und 
der P>7.verarbeitung, durch den der Abbau minder ergiebiger Bergwerke 
und die Verarbeitung geringhaltiger Erze in stets größer werdendem 
Umfange ermöglicht wurde, ja sogar die Wiederaufnahme der Ausbeu- 
tung von früher als abgebaut aufgegebenen Bergwerken und die Auf- 
arbeitung von Rückständen aus früher verarbeiteten Erzen. 

In den folgenden Paragraphen soll die Gestaltung der Produktion 
eines jeden der beiden Edelmetalle im einzelnen besprochen werden. 

§ 3. Die Qoldprodnktion von 1493 bis zur Gegenwart. 

Wenn man die Zahlenreihen der Tabelle auf S. 85 überblickt, 
dann lassen sich sowohl für die Gold- als auch für die Silbergewinnung 
gewisse, sich durch Richtung und Stärke der Entwicklung von einander 
unterscheidende Perioden deutlich erkennen. 

1. Periode: 1493 — 1680. — Die Goldgewinnung zeigte zunächst 
bis zur Wende des 17. und 18. Jahrhunderts eine allmähliche und nur 
wenig unterbrochene Zunahme. In Europa standen die salzburgischen 
Goldbergwerke von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts 
auf dem Höbepunkte ihrer Ergiebigkeit, während die Goldproduktiou 
Siebenbürgens und die Goldwäschereien an deutschen, böhmischen und 
französischen Flüssen mit dem Beginne des 16. Jahrhunderts ihre Blüte- 
zeit bereits überschritten hatten. Während aber die salzburgische Pro- 
duktion von der Mitte des 16. Jahrhunderts an überhaupt nicht mehr 
in Betracht kam und während die europäischen Goldwäschereien jähr- 
lich nur einige hunderttausend Mark brachten, hat Siebenbürgen immer- 
hin während des 16., 17. und 18. Jahrhunderts noch einigermaßen an- 
sehnliche Goldmengen geliefert. Nach S o e t b e e r ist die Goldproduktion 
Oesterreich-Ungarns, wie es bis zum Ende des Weltkrieges bestand, 
von 1500 — 1520 auf durchschnittlich 2000 kg pro Jahr = ca. 5,6 Millionen 
Goldmark zu veranschlagen bei einer Weltproduktion von etwas mehr 
als i6 Millionen Goldmark; von 1545 — 1780 dagegen nimmt Soetbeer 
für die österreichisch-ungarische Goldproduktion nur noch 1000 kg 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse. § 3, 87 

= ca. 2,8 Millionen Goldmark, pro Jahr an. Dag;egen hat in jener Zeit 
des Rückgangs der europäischen Goldgewinnung zunächst Afrika und 
dann vor allem die neue Welt einen überreichlichen Krsatz geliefert. 
Nach Soetbeer ist es bis zur Ausbeutung der Goldfelder in Neu- 
granada und Brasilien (17. und 18. Jahrhundert) höchstwahrscheinlich 
Afrika gewesen, welches dem europäischen Verkehr nachhaltig und in 
verhältnismäßig bedeutender Menge Gold zugeführt hat. Die Portugiesen 
haben im 16. Jahrhundert nicht unerhebliche Goldsummen, die wahr- 
scheinlich aus dem südöstlichen Afrika stammten, nach Europa gebracht; 
Guinea hat in der zweiten Hafte des 17. Jahrhunderts den Engländern 
erhebliche Goldmengen geliefert. Soetbeer schätzt die Goldzufuhr aus 
Afrika während des 16. Jahrhunderts auf mehr als 690 Millionen, während 
des 17. Jahrhunderts auf ungefähr 560 Millionen Goldmark. Auch aus 
Japan sollen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahr- 
hundert durch die Portugiesen und später durch die Holländer nicht 
unerhebliche Goldmengen nach Europa gebracht worden sein. 

Die Goldbeträge, die in den ersten Jahrzehnten nach der Ent- 
deckung Amerikas von den Antillen und den Küsten des Golfes von 
Mexiko nach Europa versendet worden sind, wurden früher meist über- 
schätzt. Die Goldwäschereien der Spanier auf den Antillen haben 
nur auf Hispaniola in der Zeit von 1500 bis 1520 größere Erträgnisse 
geliefert; 1515 war der Höhepunkt bereits überschritten. Lexis 
glaubt, daß man eher zu hoch als zu niedrig greift, wenn man den 
ganzen Goldertrag Amerikas von 1500 bis 1521 auf 15 Millionen Gold- 
mark veranschlagt. In den folgenden Jahrzehnten lieferte die Plünderung 
der in Mexiko und Peru aufgehäuften Schätze sowie die Aufnahme 
des Goldbergbaues in Mexiko und Südamerika für die damalige Zeit 
erhebliche Beiträge zur Goldversorgung Europas. Freilich hat die 
genauere Prüfung ergeben, daß die früheren Berichte über die Gold- 
ausbeute in jenen Ländern stark übertrieben waren. Lexis schätzt, 
in der Hauptsache im Anschluß an Soetbeer, für die Zeit von 1522 
bis 1547 das in Mexiko erbeutete und produzierte Gold auf höchstens 
80 Millionen Goldmark, das sind 3,2 Millionen Goldmark im Jahres- 
durch.schnitt; für die Zeit vor 1548 bis 1700 nimmt er einen durchschnitt- 
lichen jährlichen Goldertrag der mexikanischen Bergwerke von höchstens 
1 Million Goldmark an, für das 18. Jahrhundert eine allmähliche Stei- 
gerung des jährlichen Ertrags bis auf 4 Millionen Goldmark. Die 
gesamte Goldausbeute der Spanier in Peru wird auf etwa 20 Millionen 
Goldmark veranschlagt, von denen allein etwa 16 Millionen auf das 
bekannte Lösegeld Atahualpas kamen. Die Erträgnisse der stellen- 
weise reichen VVaschgoldlager im Gebiete des damaligen Vizekönig- 
reiches Peru (einschl. des heutigen Ecuador und Holivia) werden für 
die Zeit von 1534 bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auf 21(i Millionen 
Goldmark (etwa 3,2 Millionen Goldmark im Jahresdurchschnitt), für das 
17. Jahrhundert auf 4,5 Millionen (roldniark im Jahresdurch- 
schnitt ge.schätzt. Einige Millionen Goldmark pro Jahr lieferte seit der 
Mitte des 16. Jahrhunderts auch die CJoldgewinnung in Chile. — Für 
das wichtigste (foldproduktionsland von der zweiten Hälfte des 16. bis 
zaro Ende des 17. Jahrhunderts hält Soetbeer Neugranada. Schon in 



88 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltaug der Edelmetallverhältuisse. 



den 30 er Jahren dea 16. Jahrhunderts fanden die Spanier dort im 
Besitze der Eiiig:ehorenen erbebliche Goldmengeu. Soetbeer schätzt 
das durch Plünderung und später durch Goldwäscherei gewonnene Gold 
für die Zeit von 1537 bis 1600 auf 5,58 Millionen Goldmark im Jahres- 
durchschnitt; für das 17. Jahrhundert auf 9^/^ Millionen Goldmark, für 
die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts auf nahezu 14 Millionen Gold- 
mark. I^exis hält diese Zahlen für erheblich zu hoch gegriflfen; nach 
seinen Angaben wäre für die Zeit von 1533 bis 1600 nur eine jähr- 
liche Durchschnittsausbeute von 3,2 Millionen Goldmark, für das 
17. Jahrhundert eine solche von 6,8 Millionen Goldmark, für das 18. Jahr- 
hundert von 7,8 Millionen Goldmark anzunehmen. 

Nach den Soetbeerschen Schätzungen ist in dieser ersten Periode 
die für Europa in Betracht kommende jährliche Goldgewinnung ins- 
gesamt gestiegen von 5800 kg im Werte von 16,2 Millionen Goldmark 
in der Zeit von 1493 bis 1520 auf 9260 kg im Werte von 25,8 Milli- 
onen Goldmark in den zwanzig Jahren von 1661 bis 1680. 

2. Periode: 1681—1760. — Gegen Ende des 17. Jahrhunderts 
machte die allmähliche Steigerung der Goldproduktiou, die seit der 
Entdeckung Amerikas zu beobachten war, einem plötzlichen und 
starken Aufschwünge Platz. Die Ursache war die Auffindung und 
Ausbeutung von Goldlagern in Brasilien, deren Reichtum denjenigen 
aller bisherigen Fundstätten weit übertraf. Gegenüber der brasili- 
anischen Produktion traten auch die an und für sich immer noch er- 
heblichen Erträgnisse von Neugranada vollständig in den Hintergrund. 
Das geht deutlich aus der folgenden Zusammenstellung hervor, in 
der die brasilianische Goldproduktion der gesamten Goldproduktion der 
Erde gegenübergestellt ist: 



Durchschnitt 



Gesamte 
Goldproduktion 



Brasilianische 
Goldproduktion 



Produktion 
außerhalb Brasiliens 



1681—1700 
1701—1720 
1721—1740 
1741—1760 



30,0 Mill. M. 

35,8 „ „ 

53,2 „ „ 

68,7 „ „ 



4,2 Mill. M.0 

7,7 „ „ 

24,9 „ „ 

40.7 . „ 



25,8 Mill. M. 

28,1 , „ 

28,3 „ „ 

28.0 ., .. 



Während die gesamte Weltproduktion von 30 auf 68,7 Millionen 
Goldmark stieg, ist die gesamte Goldproduktion außerhalb Brasiliens 
nahezu stabil geblieben. 

3. Periode: 1761—1820. — In den zwei Jahrzehnten von 1741 
bis 1760 hatte die Goldproduktion ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. 
Von 1761 an ging die brasilianische Goldgewinnung infolge der Er- 
schöpfung der Goldfelder fast ebenso rapid zurück, wie sie vom Ende 
des 17. Jahrhunderts an zugenommen hatte. Soetbeer gibt für die 
brasilianische Goldgewinnung folgende Zahlen (Jahresdurchschnitte): 
1741-^1760 40,7 Millionen Goldmark 
28,9 „ „ 



1761—1780 
1781—1800 
1801—1810 
1811—1820 



15,2 

10,5 

4,9 



>) 1691—1700. 



8. Kapitel. EdelmetaUprodaktion und Wertverhältnisse. § 3. 89 

Die übrigen Produktionsgebiete, von denen Neogranada wieder 
das wichtigste wurde — seine Goldproduktion betrag nach Soetbeer 
1801 bis 1810 nahezu 14 Millionen Goldmark, 1811 bis 1820 immer 
noch 8,4 Millionen Goldnuirk — , zeigten nicht entfernt eine Steigerung, 
die ausreichend gewesen wäre, um den Rückgang der brasilianischen 
Produktion auszugleichen. Vielmehr hatten in den ersten Jahrzehnten 
die politischen Vorgänge im spanischen Amerika — die Unabhängigkeits- 
kriege der sich aus den Trümmern des spanischen Kolonialreiches 
bildenden mittel- und südamerikanischen Republiken — die Wirkung, 
die Goldgewinnung auch in diesen wichtigen Produktionsgebieten zu 
beeinträchtigen. So ging — immer nach Soetbeer — die Goldge- 
winnung Mexikos von durchschnittlich 4,9 Millionen Goldmark im Jahr- 
zehnt 1801 bis 1810 auf 2,9 Millionen Goldmark im folgenden Jahr- 
zehnt zurück, die Goldgewinnung von Peru und Bolivia sank in derselben 
Zeit von 5 auf 2,9 Millionen Goldmark pro Jahr, und Neogranada hatte 
eine Abnahme seiner durchschnittlichen Goldgewinnung von 5,6 Millionen 
Goldmark zu verzeichnen. In Europa und den übrigen Gebieten blieb 
die Goldproduktion auf ihrem niedrigen Stande. Die Wirkung war, 
daß die Gesamtproduktion von 68,7 Millionen Goldmark im Jahres- 
durchschnitte der zwanzig Jahre 1741 bis 1760 auf 31,9 Millionen 
Goldraark im Jahrzehnt 1811 bis 1820 herabging. 

4. Periode: 1821—1847. — Von den 20er Jahren des 19. Jahr- 
hunderts an trat in der Bewegung der Goldproduktion wieder ein Um- 
schwung ein; die neue Steigerung vollzog sich zunächst langsam, um 
gegen Ende der 40er Jahre ein rapides Tempo einzuschlagen. Der 
Umschwung wurde eingeleitet durch die gewaltigen Fortschritte der 
russischen Goldgewinnung im Ural und später auch in Sibirien. Noch 
für das Jahrzehnt 1811 bis 1820 berechnet Soetbeer die russische 
Goldgewinnung auf nur 9C0000 Goldmark im Jahresdurchschnitt. Die 
Aufschließung ergiebiger Schwemmlande brachte Rußland bereits im 
folgenden Jahrzehnt an die Spitze aller Goldproduktionsländer. Nach 
amtlichen russischen Quellen betrug die russische und sibirische Gold- 
gewinnung durchschnittlich: 



1816-1820 


277 kg') = 1,4 Millionen Goldmark 


1821 — 1830 


3451 „ = 8,8 


1831 — 1840 


7090 „ = 18,0 ,. „ 


1841 — 1845 


17936 „ = 45,0 


1846—1850 


26518 ,. = 67,6 



Wenn auch die Goldgewinnung in den anderen Prodoktionsgebieten, 
namentlich in Brasilien, sich allmählich wieder hob, so handelte es sich 
dort nur um Beträge von wenigen Millionen Goldmark, die gegenüber 
der gewaltigen Steigerung der russischen Goldproduktion ganz zurück- 
traten. E» ist nahezu ausschließlich Rußland gewesen, dessen Gold- 
wäschereien die für Europa in Betracht kommende Goldgewinnung von 
31,9 Millionen Goldmark im Jahresdurchschnitt des Jahrzehnts 1811 
bis 1820 auf etwas mehr als 100 Millionen Goldmark im Jahresdurch- 
echnitt von 1841 bis 1847 steigerte. 



1; Die Angaben beziehen sich auf Gold vun ^' ,, Feinheit 



90 Erstes Bnch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverbältnisse. 

5. Teriode: 1848—1870. — Mit dem Jahre 1848 begann eine 
neue Phase der Goldgewinnung;, die sieh gegenüber der früheren Zeit 
noch beträchtlich stärker unterscheidet, als die mit der Entdeckung 
Amerikas eingeleitete Epoche gegenüber den vorhergegangenen Jahr- 
hunderten. 

Im Jahre 1848 wurden in Kalifornien Goldfelder entdeckt, deren 
Reichtum alles bisher Dagewesene weit hinter sich ließ. Im Jahre 1851 
■wurden ähnlich reiche Fundstätten in Australien (Viktoria und Neu- 
sUdwales) aufgeschlossen. In den 60 er Jahren folgte die Entdeckung 
von Goldfeldern und Goldbergwerken von großer Ergiebigkeit in einer 
Keihe anderer Staaten des westlichen Nordamerika (Colorado, Dakota, 
Montana, Nevada). Ende der 50 er Jahre begann die Goldgewinnung 
in Neuseeland, Ende der 60 er Jahre in Queensland. 

Die Vereinigten Staaten allein lieferten im Jahresdurchschnitt des 
Jahrfünfts 1851 bis 1855 für 248 Millionen Goldmark Gold; die fol- 
genden Jahre hielten sich freilich nicht ganz auf dieser Höhe, immerhin 
stellte sich die Produktion im Jahrfünft 1866 bis 1870 durchschnittlich 
auf 212 Millionen Goldmark. Australiens Goldgewinnung erreichte 
ihren höchsten Stand im Jahrfünft 1856 bis 1860 mit durchschnittlich 
230 Millionen Goldmark; im Jahrfünft 1866 bis 1870 betrug die jähr- 
liche Goldgewinnung dieses Erdteils immer noch 196 Millionen Gold- 
mark. Dabei blieb auch die Produktion Rußlands auf der beträchtlichen 
Höhe, die sie am Ende der 40 er Jahre erreicht hatte, ja sie erfuhr, 
während die amerikanische und australische Produktion bereits wieder 
anfing zurückzugehen, eine neue Steigerung; im Jahresdurchschnitt des 
Jahrfünfts 1866 bis 1870 stellte sie sich nach Soetbeer auf 84 Millionen 
Goldmark. 

Insgesamt betrug die Goldgewinnung des Jahrzehnts 1851 bis 
1860 im Jahresdurchschnitt etwa 200 000 kg im Werte von etwa 560 
Millionen Goldmark, und das folgende Jahrzehnt hielt sich mit 900000 kg 
im Werte von etwa 530 Millionen Goldmark nahezu auf dieser Höhe. 
Die durchschnittliche Produktion dieser zwei Jahrzehnte war nahezu 
18 mal stärker als diejenige des Jahrzehnts 1811 bis 1820 gewesen 
war; die gesamte Produktion der beiden Jahrzehnte lieferte fast 
ebensoviel Gold, wie die vorausgegangenen 250 Jahre von 1600 bis 
1860 zusammen genommen, 

6. Periode: 1871— 1890. — Vom Beginn der 70 er Jahre an trat 
ein vorübergehender Rückschlag ein. Wie aus der Tabelle auf S. 96 
ersichtlich ist, zeigte insbesondere die Goldproduktion Australiens, 
dessen goldhaltige Schwemmlande zum größten Teile erschöpft waren, 
einen starken und bis zur Mitte der 80er Jahre kaum unterbrochenen 
Rückgang. Sie erreichte 1886 ihren tiefsten Punkt mit weniger als 
40 000 kg (gegen 82400 kg im Jahresdurchschnitt des Jahrfünfts 1856 
bis 1860). In nicht viel schwächerem Grade trat die Erschöpfung der 
kalifornischen Goldfelder in der Produktion der Vereinigten Staaten in 
Erscheinung, die im Jahre 1883 auf der Goldproduktion von 45000 kg 
(gegen 88 000 kg im Jahresdurchschnitt 1851 — 1855) ankamen. Auch 
die Goldgewinnung Rußlands, die bis zum Ende der 70er Jahre stetig 
an Umfang gewonnen hatte, zeigte vom Jahre 1880 an eine nicht un- 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse. § 3. 91 

■wesentliche Abnahme. Die Ubrif^en weniger bedeutenden Produktions- 
länder vermochten geg»;nUber diesem Ausfalle in den wichtigsten Ge- 
bieten nicht entfernt einen ausreichenden Ersatz za bieten, und so 
verringerte sich die Weltproduktion von Gold von 195000 kg im 
Durchschnitt des Zeitraumes 1851 bis 1870 auf 148 600 kg im Jahre 1883. 
Damit war der tiefste Punkt erreicht, aber eine entscheidende Besserung 
brachten die nächsten Jahre noch nicht. Es hatte damals den Anschein, 
als ob die reichsten Goldlager der Erde unaufhaltsam ihrer gänzlichen 
Erschöpfung entgegengingen und als ob damit endgültig eine Periode 
abnehmender Goldgewinnung eingetreten sei. An pessimistischen 
Prophezeihungen nach dieser Kichtung hin hat es damals nicht gefehlt. 

7. Periode: 1891 bis zur Gegenwart. — Schon in der 
zweiten Hälfte der 80 er Jahre machte sich, wenn aHch zögernd und 
onter Rückschlägen, eine neue Steigerung der Goldgewinnung bemerk- 
bar. Die australische Goldgewinnung setzte wenigstens ihren Rückgang 
nicht fort, in den Vereinigten Staaten begann der Goldbergbau allmäh- 
lich wieder größere Erträgnisse zu liefern, und die weitere Abnahme 
der russischen Goldproduktion wurde mehr als ausgeglichen durch den 
beginnenden Goldbergbau in Südafrika. 

Eine entscheidende Wendung trat erst mit dem Anfang der 
90er Jahre ein. Jahr für Jahr, und meist in großen Sj)rUngen, ging 
die (ioldproduktion in die Höhe. Der Rückgang, der seit dem Beginn 
der 70er Jahre eingetreten war, wurde rasch wieder ausgeglichen; am 
Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die jährliche Goldgewinnung 
einen Betrag, der etwa zweieinhalhmal so groß war als die durchschnitt- 
liche Jahresproduktion der kalifornisch- australischen Epoche. Nach 
einer kurzen Stockung infolge des Burenkrieges stieg die jährliche 
Goldproduktion bis auf mehr als 768 000 kg, auf mehr als die drei- 
undeinhalhfache Höhe der kalifornischen Zeit. Erst der Weltkrieg und 
seine Nachwirkungsn brachten einen fühlbaren Rückschlag, Die Gold- 
produktion der Welt im Jahre 1920 berechnet sich nur noch auf rund 
504000 kg. 

Den Anstoß zu dem letzten und weitaus stärksten Aufschwünge 
der Goldgewinnung gaben die Goldbergwerke am Witwatersrande in 
Sudafrika, deren Erträgnisse sich von 1891/92 an in rascher Folge 
verdoppelten und verdreifachten. Es handelt sich dort um ein Gold- 
vorkommen von ganz außerordentlicher Ausdehnung und Nachhaltig- 
keit, und zwar um ein Vorkommen, das nicht im Wege der Gold- 
wäscherei, sondern fast nur im Wege des Quarzbergbaus ausgebeutet 
werden kann. Trotzdem lieferte Transvaal Erträgnisse, die auch die 
reichste Produktion aller bis dahin ausgebeuteten Schwemmlande über- 
trafen. Im Jahre 1898 betrug die Produktion von Südafrika 120 6O0 kg 
Gold im Werte von 3.35,4 Millionen Goldmark. Seitdem hat der Burenkrieg 
einen zeitweisen Stillstand der Minen herbeigeführt, und nach Friedens- 
schluß schien die volle Wi^eraufnahme des Betriebs, abgesehen von 
technischen Schwierigkeiten, namentlich in der Beschaffung der nötigen 
Arbeitskräfte auf Hinderni.s.se zu stoßen. Bereits das Jahr 1904 über- 
traf jedoch mit 129(io0 kg wieder die (iolilproduktion des Jahres 
1898, und seither ist die Goldgewinnung Südafrikas in dem Maße 



92 Erstes Buch, II. Abschnitt. Die Gestaltung der EdelmetaUverhältnisfle. 

weiter gestiegen, daß sie im Jahre 1916 mit 335000 kg nm etwa 
70 Prozent höher war als die durchschnittliche Weltproduktion der 
kalifornischen Aera. 

Neben Transvaal wurden einige andere Produktiousgebiete neu in 
Angriff genommen. Von 1888 au wurde in Indien, namentlich in 
Mysore, Gold produziert, und zwar in rasch steigenden Beträgen; 1913 
betrug die Goldgewinnung in Britisch-Indien etwa 51 Millionen Mark. 
Auch in anderen asiatischen Gebieten, namentlich im chinesischen Amur- 
gebiete, wurden erhebliche Quantitäten Gold gefunden; die chinesische 
Produktion der Jahre 1912 — 14 wird vom amerikanischen Münzdirektor 
auf durchschnittlich 15,4 Millionen Goldmark veranschlagt. 

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre sind ferner im hohen Nord- 
westen des nordamerikauischen Kontinents, in dem kanadischen Klon- 
dyke und dem amerikanischen Alaska Alluvien von erheblichem Gold- 
reichtum entdeckt w-orden. Die klimatischen Verhältnisse des hohen 
Nordens bedeuten allerdings eine ganz außerordentliche Erschwerung, 
trotzdem hat die kanadische Goldproduktion im Jahre 1900 einen 
Wert von mehr als 117 Millionen Goldmark erreicht; seither ist jedoch 
auch hier ein Rückgang eingetreten. 

Die Auffindung und Inangriffnahme dieser neuen Lagerstätten 
hätte zwar genügt, um der Periode des Stillstandes und des Rückgangs 
der Goldprodüktion ein Ende zu machen; für sich allein jedoch hätten 
diese neuen Goldlager und Goldbergwerke nicht die ganz gewaltige 
Steigerung der Goldgewinnung, deren Zeugen wir in den letzten drei 
Jahrzehnten waren, bewirken können. Diese neueste Epoche der Gold- 
produktion unterscheidet sich vielmehr von allen früheren aufsteigenden 
Perioden gerade dadurch, daß nicht ausschließlich neue Fundstätten 
die Zunahme der Goldgewinnung hervorgerufen haben, sondern daß 
ein reichlicher Anteil an der Steigerung auf eine beträchliche Zu- 
nahme der Goldgewinnung in den alten Produktionsgebieten entfällt. 
Die Vereinigten Staaten und Australien haben von 1891 bis 1900 ihre 
Goldproduktion mehr als verdoppelt. Seitdem ist in den Vereinigten 
Staaten die Zunahme in langsamerem Tempo weitergegangen, bis 1915 
der Höhepunkt mit 152 000 kg erreicht wurde. Die folgenden Jahre 
brachten einen empfindlichen Rückschlag; die Steigerung der Arbeits- 
löhne verringerte die Rentabilität des Goldbergbaus in dem Maße, daß die 
Goldförderung des Jahres 1920 mit 77 000 kg nur noch etwa halb so 
hoch war wie diejenige des Jahres 1915. Australien erreichte 1903 
einen Höhepunkt mit 134000 kg. Seitdem ist ein ununterbrochener 
Rückgang eingetreten, der im Jahre 1920 auf einem Tiefpunkt von nur 
noch 35 600 kg ankam. 

Von der Mitte der 90 er Jahre an hielt die Goldgewinnung dieser 
beiden Produktionsgebiete mit der sich rasch weiter entwickelnden 
Goldausbeute Südafrikas nahezu gleichen Schritt. Nachdem dann die 
Folgen des Burenkrieges überwunden 'v^ren, überflügelte Südafrika 
rasch die übrigen Produktionsländer. Im Jahre 1915, dem Jahre der 
stärksten Goldgewinnung, hatte Südafrika eine Goldproduktion von 
327 000 kg; es folgten die Vereinigten Staaten mit 152000 kg und 
Australien mit 74000 kg. An vierter Stelle kam Rußland, dessen Gold- 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse. § 3. 93 

gewinnuug gegen Ende der 80 er Jahre ihren Rückgang gleichfalls 
unterbrochen und sich in den 90er Jahren auf einer ansehnlichen 
Höhe gehalten hatte; seine jährliche Produktion erreichte ihren 
höchsten Stand im Jahre 1910 mit 5400Ü kg, sie erlitt in den folgenden 
Jahren lebhafte Schwankungen und im Weltkrieg einen schweren 
Niederbruch; für 1922 wird sie nur noch auf 2 177 kg berechnet. 

Es wurde bereits im Rahmen der allgemeinen Uebersicht über die 
Edelmetallproduktion angedeutet, daß die unerwartete Steigerung der 
Goldproduktion in den alten Goldläudern in der Hauptsache durch 
technische Fortschritte im Goldbergbau und in der Aufbereitung des 
Goldes erzielt worden ist. Diese technischen Verbesserungen der 
metallurgischen Methoden haben nicht nur die gründlichere Ausbeutung 
der bereits bekannten Goldlager, die Wiederaufnahme von Bergwerken, 
deren Betrieb wegen Unergiebigkeit eingestellt worden war, und die 
Ausbeutung von Rückständen aus der Goldproduktion früherer Zeiten 
gestattet und so die Goldgewinnung der alten Produktiousländer auf 
eine auch in der Periode der raschen Ausbeutung reicher Schwemmlande 
nie erreichte Höhe gebracht; sie haben vielmehr auch zu einem großen 
Teile die Voraussetzung für einen lohnenden Abbau derueu entdeckten 
Goldlager gebildet. Die Goldproduktion des Transvaal wäre ohne diese 
technischen Fortschritte niemals auch nur entfernt zu ihrer Höhe ge- 
langt; der Bergbau am Rande ist in seinem großen Umfange erst da- 
durch lohnend geworden, daß die Verbesserungen des technischen Ver- 
fahrens die Ausbeutung von Quarz ermöglichen, der pro Tonne nur 
wenige Gramm Gold enthält. 

Die neueste und glänzendste Epoche der Goldgewinnung unter- 
scheidet sich mithin dadurch von allen frühereu, daß sie nicht auf der 
Entdeckung neuer, leicht auszubeutender Goldfelder in Schwemmlandeu 
beruht, sondern auf dem Fortschritte der metallurgischen Methoden. 
Während in den früheren Perioden einer ungewöhnlich starken Gold- 
produktion weitaus der größte Teil des neuen Goldes aus Schwemm- 
landeu gewonnen wurde — so war es im Altertum, so war es zur Zeit 
der spanischen Eroberungen in Amerika und später in der Zeit der 
brasilianischen und kalifornisch -australischen Goldfelder — , stammt 
heute der beträchtlich überwiegende Teil der Goldförderuug aus dem 
Gangbergbau. Die goldhaltigen Schwemmlande sind fast in allen wich- 
tigen Produktionsläudern — die bedeutsamste Ausnahme ist Sibirien — 
abgebaut; so namentlich in Kalifornien und Australien, den Ländern 
der ehemals reichsten AUuvien. In Kalifornien und den übrigen gold- 
produzierenden Staaten der Union liegt heute der Schwerpunkt der 
Goldgewinnung im Quarzbergbau, das gleiche gilt von Australien. In 
Sudafrika kam von Anfang an fast nur Quarzgold in Betracht. Auch 
in Sibirien stammt das Gold nicht aus oberflächlichen Ablagerungen, 
sondern ans sogenannten Diluvialschichteu, die 20 und mehr Fuß unter 
der Erde liegen; ebenso verhält es sich in Australien, soweit Schwemm- 
lande neben dem Qaarzbergbau in Betracht kommen. 

Nach einer Denkschrift, die der Geheime Oberbergrat Dr. H a u c h e - 
corne im Jahre 1894 für die deutsche Silberkommission ausgearbeitet 
hat, kamen damals schon von der gesamten Goldproduktion etwa 70 Pro- 



94 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

zent aas regelrechtem Bergwerksbetrieb und nnr 30 Prozent aus 
der Goldwäscherei, während l'/, Jahrzehnte vorher der Bergbau gegen- m 

über der Wäscherei noch eine ganz untergeordnete Rolle gespielt hatte. | 

Das Verliältiiis hat sich inzwischen noch erheblich weiter zugunsten j 

des Bergbaus verschoben. l 

Diese Wandlung ist deshalb von ganz besonderer Wichtigkeit, | 
weil der Gangberghau eine weit griißere Nachhaltigkeit der Gold- 1 | 
gewiiinung gewährleistet als die Ausbeutung oberiläciilicher Goldab- ; j 
lagcrungen. Während auch die reichsten Goldfelder infolge der Leich- )| 

tigkeit der Goldgewinnung stets in kurzer Zeit erschöpft werden, kann !l 

der Abbau im Ik'rgwerksbetriebe nur allniählich vor sich gehen. Die \\ 

neueren Erfahrungen liaben ferner gezeigt, daß die früher häufig ver- 
tretene Annahme, daß die Gänge in der Tiefe verarmen, keineswegs 
allgemein zutrilTt, . daß vielmehr der Abbau nach der Tiefe bei den 
wichtigsten Goldbergwerken so weit lohnend bleibt, als sich die Gänge 
überhaupt erstrecken. 

Das Ueberwiegen der bergmännischen Goldgewinnung in der neuesten 
Zeit hat die hauptsächlich von dem Wiener Geologen Eduard Sueß 
mit Nachdruck vertretene und damals vielfach aufgenommene Ansicht 
widerlegt, daß der Goldbergbau aus geologischen Gründen keine Zu- '^ 

kunft haben könne und daß deshalb mit der Erschöi)fung der ISehwemm- 
lande ein unaufhaltsamer Kückgang der Goldproduktion einsetzen 
müsse ^). Sueß ging davon aus, daß der weitaus größte Teil der Gold- 
gewinnung — er berechnete diesen Teil auf nicht weniger als neun ' 
Zehntel — aus Alluviallagern stamme, die einen ungewöhnlich großen, 
aber rasch erschöpfbaren Goldreichtum enthalten. Je weiter unsere 
Kenntnis der Erdoberfläche fortschreite, um so geringer werde die 
Wahrscheinlichkeit der Entdecknng neuer und reichhaltiger Wasch- 
goldlager. Der Bergbau auf Gold werde für diesen Ausfall wegen / 
des unzuverlässigen und spärlichen Goldvorkommens in hartem Gestein 
keinen Ersatz bieten können; daher müsse mit Notwendigkeit ein 
allmähliches Versiegen der Goldgewinnung eintreten. 

Wenn jemals eine Theorie schlagend durch die Tatsachen wider- 
legt worden ist, dann ist der Sueßschen Theorie eine solche Wider- 
legung zu teil geworden. Die bekannten Schwemmlande sind nahezu 
gänzlich erschöpft, und die Goldgewinnung ist beträchtlich höher als 
jemals zuvor. Die Fortschritte der Technik haben ein angebliches 
Naturgesetz überwunden. Mit Recht schrieb Lexis schon vor zwei 
Jahrzehnten über diese wichtige Frage ^): 

„Wenn früher nach Sueß neun Zehntel alles Goldes aus den 
Wäschereien stammte, so werden gegenwärtig vier Fünftel des außer- 
halb Sibiriens gewonnenen Goldes durch Quarzbergbau geliefert, und 
da man jetzt im Stande ist, Quarz mit Vorteil zu verarbeiten, das nur 
^/^ Unze Gold auf die Tonne enthält, und da auch das in Schwefelkiesen 
enthaltene, dem gewöhnlichen Amalgamationsverfahren nicht erreich- 
bare Gold durch neue Methoden immer vollständiger extrahiert wird, 

1) Siehe Eduard Sueß, Die Zukunft des Goldes 1877. 
*) Art. Gold und Goldwährung im Handwörterbuch der Staatswissen- 
schaften 2. Aufl. Bd. IV. S. 756. 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion nnd Wertverhältnißse. § 3. 



05 



BO ist eine bedeotende und nachhaltige Goldproduktion noch auf viele 
Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte gesichert. . . . Die gegenwärtige 

Die jährliche Goldproduktion der Welt 1876—192 



Jahre 


Nach Soetbeer 


Nach den Boriihten des 
amerikanischen Mliuzdirrktora 




kg 


1000 Mark 


kg 


1000 Mark 


1876 


1 65 956 


463 027 


ir,6 015 


435 2H2 


1877 


179 445 


500 660 


171 442 


478 323 


1878 


185 846 


518 522 


179 187 


499 931 


1879 


167 307 


466 797 


l(i3 667 


456 631 


1880 


163 515 


456 218 


160 152 


446 824 


1881 


160 678 


449 000 


155 020 


432 506 


1882 


153 817 


429 000 


15:^465 


428 167 


1883 


148 584 


415 000 


143 543 


400 4.S5 


1884 


155 718 


435 000 


153 060 


427 037 


1885 


155 972 


485 000 


163 169 


455 242 


1886 


160 763 


449 000 


] 59 748 


445 697 


1887 


158 247 


44 1 000 


159 157 


444 018 


1888 


164 090 


458 000 


165 813 


462 618 


1889 


176 272 


492 000 


185 812 


518415 


1890 


— 


— 


178814 


498 891 


1891 


— 


— 


196 574 


518 441 


18112 


— 


— 


220 648 


615 608 


18;>3 


— 


— 


23(i 978 


661 169 


1894 


— 


— 


272 591 


760 529 


1895 


— 


— 


299 060 


834 377 


1896 


— 





304 317 


84U014 


1897 


— 


— 


355 212 


9H1 041 


1898 


— 


— 


431 656 


1 204 320 


1899 


— 


— 


461 515 


1 287 627 


1900 


— 


— 


383 049 


1 068 707 


1901 


— 


— 


392 705 


1 095 649 


1902 


— 


— 


416 490 


1 245 709 


1903 


— 


— 


493 083 


1 375 701 


1904 


— 


— 


522 686 


1 458 294 


1905 


— 


— 


572 204 


1 596 448 


1906 


— 


— 


604 835 


1 687 490 


1907 





— 


621 375 


1 733 636 


1908 


— 


— 


666 318 


l 859 027 


1909 


— 


— 


683 201 


1 906 131 


1910 


— 


— 


684 983 


1 911 103 


1911 


— 


— 


695 0()2 


1 939 223 


1912 


— 


— 


701 379 


1 956 817 


1913 


— 


— 


768 256 


2 143 434 


1914 








660 667 


1 843 261 


1915 


— 





707 897 


1 975 033 


1916 


_ 





683 38 1 


1 906 641 


19)7 


— 





631 090 


1 760 711 


1918 


— 


__ 


577 198 


1 610 382 


1919 


— 


__ 


550 388 


1 535 582 


1920 


— 


— 


504 041 


1 406 274 



Zunahme der Produktion kann natürlich nicht lange fortdauern, auch 
wird die Hntdcckiiitg neuer reicher Fundstätten in der Zukunft immer 
seltener werden, während sich die alten allmählich erschöpfen mliaseu. 



r 



96 Erstes Buch. II. Abschuitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Aber eine wirkliche Goldknappheit liegt in so weiter Ferne, daß sie 
flir die wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart ebensowenig in Betracht 
kommt, wie etwa die Erschöpfung der Kohlenlager der Erde." — 

Die Goldgewinnung in den wichtigsten Produktions- 
ländern von 1851 — 1920. 

(Bis 1889 nach Soetbeer, dann nach dem amerikanischen Münzdirektor). 



Perioden 
bzw. Jahre 


Vereinigte 
Staaten 


Australaaien 


Rußland 


Afrika 


(durch- 
schnittlich) 


kg 


1000 Mk. 


kg 


1000 Mk. 


kg 


1000 Mk. 


kg 


1000 Mk. 


1851-1855 


88800 


247 752 


69573 


194124 


24730 


68997 






1856-1860 


77100 


215109 


82 392 


229891 


26570 


74130 


— 


— 


1861-1865 


66 700 


186093 


77 634 


216617 


24084 


67194 


— 


— 


1866-1870 


76 000 


212 040 


73526 


205153 


30050 


83840 


— 


— 


1871-1875 


59500 


166005 


63123 


176145 


33380 


93130 


— 


— 


1876-1880 


63920 


178337 


45294 


126370 


40140 


111991 


— 


— 


1881-1885 


48087 


134163 


43522 


121426 


35607 


99344 


? 


? 


1886-1890 


50279 


140664 


43881 


122428 


31973 


89 205 


6723 


18757 


1891 


49917 


139268 


47 245 


131814 


36356 


101433 


23 687 


66087 


1892 


49654 


138535 


51398 


143400 


37325 


104137 


36461 


101726 


1893 


54100 


150939 


53 698 


149817 


39805 


111056 


44096 


123 028 


1894 


59434 


165 821 


62 836 


175312 


36313 


101913 


60595 


169 060 


1895 


70132 


195 668 


67 406 


188063 


43476 


121298 


67 040 


187042 


1896 


79880 


222865 


67 984 


189675 


32 404 


90407 


66819 


186425 


1897 


86312 


240810 


79 244 


221091 


34977 


97 586 


88111 


245 830 


1898 


96995 


270616 


97 594 


272287 


38314 


106896 


120566 


336379 


1899 


106911 


298282 


119352 


332 992 


33 354 


93058 


109876 


306 554 


1900 


119126 332362 


110591 


308549 


30312 


84570 


13048 


36404 


1901 


118367 330244 


115679 


322 744 


34383 


95 929 


13677 


38159 


1902 


120373 335840 


122 749 


342 470 


33905 


94595 


58716 


163817 


1903 


110731 


308939 


134231 


374504 


37063 


103406 


102314 


285456 


1904 


121072 


337791 


132 060 i 368447 


37 321 


104126 


129272 


360669 


1905 


132 682 


370183 


129291 360722 


33542 


93582 


170410 


475 443 


1906 


142001 


396183 


123971 


345 879 


29336 


81847 


203669 


568237 


1907 


136075 


379649 


113870 


317697 


40151 


112021 


228685 


638031 


1908 


142 281 


396964 


110333 


307 829 


42 209 


117 763 


250558 


599057 


1909 


149975 


418430 


106 843 


298092 


48723 


135937 


257280 


717811 


1910 


144 853 


404140 


98511 


274846 


53535 


149363 


263602 


735450 


1911 


145 787 


406746 


90557 


252654 


48377 


134972 


288201 


804080 


1912 


140613 


392310 


82018 i 228830 


33402 


93192 


316764 


889352 


1913 


133741 


373137 


79823 i 222706 


39 885 


111279 


311808 


869914 


1914 


142 239 


396847 


71575 1 199694 


43013 


120006 


303938 


847 987 


1915 


152025 


424150 


74326 j 207370 


43638 


121751 


327 475 


913655 


1916 


139318 


388697 


60903 169919 


33854 


94453 


335464 


935 945 


1917 


126017 


351587 


51758 144405 


27 084 


75564 


322 457 


899655 


1918 


103290 


288179 


46 362 129350 


18056 


50376 


296 493 


827215 


1919 


90782 


253282 


40492 1 112973 


16551 


46177 


291749 


813980 


1920 


77019 


214884 


35582 


1 99274 


2177 


6074 


282716 


788775 



Hinsichtlich weiterer Einzelheiten über die Goldgewinnung sei auf 
die einschlägigen Arbeiten von Soetbeer, Lexis und zahlreiche Mono- 
graphien, sowie auf die jährlichen Berichte des amerikanischen MUnz- 
•direktors verwiesen. Wir müssen uns hier damit begnügen, die bis- 



3. Kapitel. Edeluietallproduktiou und WertveihilltuiHäe. «^4. 9 7 

herigeu Aasführon^en durch zwei statistische rcbersichteu zu erläotero, 
von deu die eiiu; die Goldproduktion der eiuzelneu Jahre vou 1876 
an nachweist, die andere die (jluldj;ewinnung: der wichtigsten Produktions- 
liinder wahrend des letzten halben Jahrhunderts veranschaulicht. 

Die Goldproduktion Deutschlands ist an sich schon unbedeutend, 
und nur ein kleiner Bruchteil des Goldes wird durch Scheidung 
gUldischen Silbers aus inländischen Erzen dargestellt. Weitaus der 
gröüte Teil des in Deutschland gewonnenen Goldes wird aus gold- 
haltigen Silbererzen gewonnen, die aus dem Auslande importiert und 
in Deutschland verhüttet werden. Die Entwicklung der Goldproduktion 
Deutschlands wird unten zusammen mit der deutschen Silbergewinnung 
statistisch dargestellt (S. 10-4 und 1U5). 

§ 4. Die Silberproduktion von 1493 bis zar Gegenwart. 

Die Entwicklung der Silberproduktion ging derjenigen der Gold- 
produktion im einzelnen keineswegs parallel; gemeinsam ist beiden 
Metallen nur die ganz außerordentliche Produktionssteigerung, die sich 
in besonderem xMalie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt hat. 
Diese gemeinsame Entwicklungstendenz beruht auf den gleichen Ur- 
sachen allgemeiner Natur, auf der erweiterten geographischen and 
geologischen Kenntnis der Erdrinde und auf den Fortschritten der 
metallurgischen Technik. 

Wie beim Golde unterscheiden wir auch beim Silber, je nach 
der Richtung der Produktionsentwicklung, eine Anzahl verschiedener 
Perioden. 

1. Periode: 1493— 1620. — Die auf die Entdeckung Amerikas 
folgenden 120 Jahre brachten beim Silber eine noch außerordentlich 
viel stärkere Vermehrung der Produktion als beim Golde. In den letzten 
Jahren des 15. und in den ersten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts 
war die beträchtliche Steigerung ausschließlich durch deu Aufschwung 
des europäischen, insbesondere des deutschen und österreichischen Silber- 
bergbaus verursacht. Die neue Welt lieferte vor 1533 kaum irgend- 
welche erheblichen Quantitäten Silber. In Deutschland brachte bis 
ungefähr zur Mitte des 16. Jahrhunderts namentlich das sächsische Erz- 
gebirge erheblich steigende Erträgnisse; die durchschnittliche Silber- 
gewinnung Sachsens wird von Soetbeer für 1493 bis 1520 auf 12 860 
Pfund (=1157 400 Silbermark), fUr 1545 bis 1560 auf 26 300 Pfund 
(=2 367 000 Silhermark) veranschlagt; die durchschnittliche Silber- 
produktion Deutschlands berechnet Soetbeer für die beiden Perioden 
auf 19äO()UO und 3492 000 Mark. Die Silberproduktion in Böhmen 
brachte namentlich in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts reiche Er- 
trägnisse; die Joachimstaler Bergwerke standen damals auf ihrer Höhe. 
Die Tiroler Bergwerke gaben schon seit 1470 für die damalige Zeit 
ungewöhnlich reiche Erträgnisse. Im ganzen schätzt Soetbeer die 
durchschnittliche jährliche Silbergewinnung des späteren Oesterreich- 
Ungarn für di»- Periode 1521 bis 1544 auf 32OU0 kg = 5760000 Silber- 
mark. In dieser Periode kamen, obwohl der ZuHuß von Silber aus 
Amerika bereits begann, noch nahezu zwei Drittel der gesamten Silber- 
produktiou auf Europa. Von insgesamt 90 200 kg lieferte Oesterreich- 

H«l(ferl«h . Ua« Oeld OAufl 7 



98 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Ungarn 32 000, Deutschland 15000, ganz Earopa zusammen 59000 kg. 
Erst etwa seit 1570 zeigte die deutsche und österreichische Silber- 
gewinnung wieder einen ausgesprocheneu liückgang. 

Obwohl die europäische Silberproduktion zunächst noch eine weitere 
Steigerung erfuhr, ist von 1545 an Amerika ausschlaggebend für die 
Gestaltung der Weltproduktion von Silber geworden. Schon vorher 
hatten die Plünderungen in Mexiko und Peru und die beginnende In- 
angriffnahme von Silberbergwerken in Peru nicht unerhebliche Beträge 
von Silber geliefert. Das entscheidende Ereignis aber war die Ent- 
deckung der Silberminen von Potosi in Bolivia im Jahre 1545, der drei 
Jahre später (1548) die Aufschließung der reichen Silberminen von 
Zacatecas in Mexiko folgte. Eine technische Verbesserung der Silber- 
gewinnuiig von großer Bedeutung, die Einführung des Araalgamations- 
verfahrens (in Mexiko seit 1558, in Peru seit 1571), hat wesentlich 
zur Steigerung der Silbergewiunung beigetragen, namentlich nachdem 
in der Nähe der Silbermiuen von Potosi Quecksilberbergwerke entdeckt 
worden waren. 

Die Produktion von Potosi lieferte insbesondere von 1545 bis 1555 
und dann von 1571 bis 1600 glänzende Erträgnisse, die beträchtlich 
mehr als die Hälfte der gleichzeitigen Weltproduktion von Silber aus- 
machten. Peru und auch Mexiko standen weit hinter Potosi zurück; 
die europäische Silbergewinnung sank — obwohl sie erst in den letzten 
drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts eine absolute Abnahme erfuhr — 
zu einem minimalen Bruchteil der Weltproduktion herab. 

Dieses Gesamtresultat steht fest, wenn auch in Einzelheiten die 
Schätzungen von einander abweichen. Lexis nimmt für die Produktion 
von Potosi, Peru und Mexiko durchweg niedrigere Zahlen an als 
Soetbeer. Nach seinen Berechnungen würde z. B. die Silberge- 
winnung von Potosi in der Zeit von 1545 bis 1600 insgesamt etwa 
8 840 0Ü0 kg betragen haben, nach Soetbeer dagegen 11 053 000 kg. 

Nach Soetbeer hat sich die durchschnittliche Silberproduktion 
von 1493 bis 1620 auf die einzelnen Produktionsgebiete folgendermaßen 
verteilt (die Lexis sehe Schätzung des Wertes der Gesamtproduktion 
ist in Klammern beigefügt): 



Jahre 


Europa 


Peru 


Potosi 


Mexiko 


Gesamtproduktion ') 




kg 


kg 


kg 


kg 


kg 


1000 Mark«) 


1493-1520 
1521-1.)-I4 

1545 — 1560 
1561-1.580 
1581 — 1600 
1601 — 1620 


47 000 
59 000 
62 000 

48 500 
41 300 
27 400 


27 300 
48 000 
46 000 
46 000 
103 400 


183 200 
151 800 
254 300 
205 900 


3 400 
15 000 
50 200 
74 HOO 
81200 


47 000 
90 200 
311 600 
299 500 
418 900 
422 900 


8 460 ( 8 250^ 
16 236 (12 300) 
56 088 (46 250) 
52 910 (46 000) 

75 402 (61000) 

76 122 (58 000) 



^) Einschließlich der nicht besonders aufgeführten Silbergewinnung in den 
unbedeutenderen Produktionsgebieten. *) Silbermark = Vieo kg Silber. 

In dieser ersten Periode hat sich mithin die Silbergewinnung auch 
nach der geringeren Lexis sehen Schätzung auf den sieben- bis achtfachen 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und WertTerhältnisse, § 4. 99 

Betrag, nach der Soetbeer sehen Schätzung auf den neunfachen Betrag 
gesteigert. Die Goldproduktion dagegen hat sich in jener Zeit zwar 
auch vermehrt, aber nicht einmal ganz um die Hälfte. Der Anteil 
des Goldes an der Produktion der beiden Edelmetalle sank dem Ge- 
wichte nach von 11 Prozent in der Zeit 1493 bis 1520 auf 2 Prozent 
in den zwei ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts. 

2. Periode: 1621 — 1680. — Während die Goldgewinnung im Laufe 
des 17. Jahrhunderts — nach einer vorübergehenden Stockung in den 
20 er und 30 er Jahren — in beschleunigtem Tempo weiter anwuchs, 
zeigte die Silberproduktion nach dem gewaltigen Aufschwünge des 
16. Jahrhunderts einen Stillstand, ja sogar eine leichte Abnahme, Der 
Rückschlag war hervorgerufen durch die beginnende Erschöpfung der 
Minen von Potosi, deren durchschnittliche Produktion nach der 
Soetbeer sehen Schätzung von 254 300 kg in 1581 — 1600 auf 100 500 kg 
in 1661 — 1680 zurückging. Diese sehr erhebliche Abnahme wurde 
in ihrer Wirkung zum größten Teile ausgeglichen durch die infoige 
der AufschließuDg der Silberminen zu Pasco relativ hohe peruanische 
Silberproduktion, die Soetbeer für das 17. Jahrhundert auf einen 
Jahresdurchschnitt von 103 400 kg schätzt, und durch die weitere 
allmähliche Steigerung der mexikanischen Silbergewiunung, die im 
Durchschnitt der Jahre 1661 bis 1680 mit 102 000 kg die gleichzeitige 
Produktion von Potosi zum ersten Mal überholte. Insgesamt zeigte die 
jährliche Silbergewinnung von 1601 bis 1620 auf 1661 bis 1680 nach 
der S oe tbe e r sehen Schätzung einen Rückgang von 422 U(jO kg = 
76 122 000 Silbermark auf 337 000 kg = 60 660 000 Silbermark; nach 
Lexis hat die Silbergewinnung von 1581 bis 1600 auf 1661 bis 1680 
abgenommen von 61 auf 51 Millionen Silbermark. 

3. Periode: 1681 — 1810. — Jn den letzten beiden Jahrzehnten 
des 17. Jahrhunderts begann die Silberproduktion allmählich wieder 
zu steigen ; vom Anfang des 18. Jahrhunderts an machte diese Steigerung 
so rapide Fortschritte, daß sich die Silbergewinnung bis zum Beginne 
des 19. Jahrhunderts mehr als verdoppelte. 

Die einzelnen Produktionsgebiete hatten an dieser Entwicklung 
einen sehr verschiedenartigen Anteil. Die Produktion von Potosi setzte 
zunächst ihren Rückgang fort, und ihr Jahresdurchschnitt kam in der 
Periode 1721 bis 174(J auf dem Tiefpunkte von 43 800 kg an (nach 
Soetbeer). Die folgenden Jahrzehute dagegen brachten eine erneute 
Steigerung, sodaß die Silbergewinnung von Potosi um die Wende des 
18, und 19. Jahrhunderts wiederum nahezu 100 000 kg erreichte. Die 
Produktion von Peru blieb bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts 
hinein stabil und zeigte dann von etwa 176üan bis zum ersten Jahrzehnt 
des 19. Jahrhunderts eine Steigerung um etwa die Hälfte. Auch die euro- 
päische Silbergewinnung zeigte vom Ende des 17, Jahrhunderts an einen 
neuen Aufschwung. Dazu kam von der Mitte des 18. Jahrhunderts 
an Sibirien, dessen Bergwerke gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts 
etwa 20 000 kg pro Jahr lieferten. Alles das trat jedoch vollständig 
in den Hintergrund vor der diese ganze Periode beherrschenden 
Steigerung der nu'xikanischen Silbergewinnung, die sich vom Ausgange 
des 17. bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts von etwa 110 000 kg auf 

7* 



lOO Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung' der Edelmetallverhältoiase, 

etwa 550 üoO kg hob. lusgesiimt stieg der Jahresdurchscbuitt der Silber- 
gewiüiiuug 1661 — 1680 auf 1801 — 1810 vou 337 000 kg auf 894 000 
(Soetbeer). Die Steigerung der Silbergewinuung blieb zwar aufangs 
hinter der gleichzeitigen Zunahme der Goldproduktiou (Brasilien) 
ganz bedeutend zurück, sodaß sich der Anteil des Goldes am Gewichte 
der Gold- und Silberproduktion von 2 Prozent in 1601 — 1620 auf 
4,4 Prozent in 1741 — 1760 hob; während aber die Goldproduktiou 
von 1760 an abzuflauen begann, setzte die Silbergewiunuug ihre außer- 
ordentliche Steigerung ununterbrochen fort bis in das erste Jahrzehnt 
des 19. Jahrhunderts hinein. 

4. Periode: 1811 — 1830. — Die Zeit von 1811 bis 1830 brachte 
einen ungewöhnlichen Tiefstand der gesamten Edelmetallgewinnuug. 
Während die Goldgewinnung zunächst noch weiter zu fallen fortfuhr 
und sich von lö20 an nur ganz langsam wieder erholte, zeigte die 
SilbergewinuuDg plötzlich eine rapide Abnahme; in zwei Jahrzehnten 
sank sie fast um die Hälfte, von 894 000 kg im Jahresdurchschnitt 1801 
bis 1810 auf 460 000 kg im Jahrzehnt 1821 bis 1830. Die Ursache lag 
hauptsächlich in den bei der Darstellung der Goldproduktion bereits 
erwähnten politischen Verhältnissen der großen amerikanisehen Pro- 
duktionsgebiete; der geregelte Bergbaubetrieb in Mexiko und Süd- 
amerika ließ sich in jener Zeit der Unabhängigkeitskriege und der 
inneren Wirreu nicht aufrecht erhalten. 

]m Anschluß an die oben auf S. 98 gegebenen Zahlen ist in der 
folgenden Uebersicht die Entwicklung der Silberproduktion und ihre 
Verteilung auf die einzelnen Produktionsgebiete für die Periode von 
1621 bis 1850 zusammengefaßt. 



Durch- 
■«chiüttlich 



Europa 



kg 



Peru 



kg 



Bolivia 
(Potosi) 



kg 



Mexiko 



kg 



Sibirien 



kg 



Gesamtproduktion 



kg 



1000 Mark 



1621- 
1641- 
1661- 
1681- 
1701- 
1721- 
1741- 
1761- 
1781- 
1801- 
1811- 
1821- 
1831- 
1841- 



■40 
■60 
■80 
1700 
■20 
■40 
-60 
-80 
-1800 
-10 
■20 
-30 
-40 
-50 



27000 
25500 
27 000 
30400 
33300 
46 200 
55100 
53100 
58900 
59400 
57 700 
60 200 
65840 
101600 



103400 

103400 

103400 

103400 

103400 

103400 

103400 

121600 

128400 

151300 

88000 

58000 

90000 

108000 



172000 

139200 

100500 

92 900 

49100 

43 800 

58200 

83000 

98000 

96500 

49300 

42300 

I 61000 

' 66000 



88200 
95 200 
102100 
110200 
163800 
230 800 
301000 
366400 
562400 
553 800 
312000 
264800 
331000 
420300 



7 945 
20140 
20360 
20150 
22770 
23260 
20610 
19515 



393600 
366300 
337 000 
341900 
355600 
431200 
533145 
652 740 
879060 
894150 
540770 
460560 
596450 
780414 



70848 

65 934 

60 660 

61542 

64008 

77616 

95 966 

117493 

158 231 

160947 

97 339 

82 901 

107 606 

140475 



( 57 500) M 
( 51500) 
( 51000) 
( 52 250) 
( 63 000) 
( 71000) 
( 94000) 
(116000) 
(157 000) 
(160000) 
( 97 000) 
( 82000) 
(107 000) 
(140000) 



^' Die in Klammern beigefügten Zahlen entsprechen den Schätzungen von Lexis. 

5. Periode: 1831 bis zur Gegenwart. — Während der 30er 
Jahre des 19, Jahrhunderts trat eine neue Wendung in der Entwicklung 
der Silberproduktion ein. Die Silbergewinnung im ehemals spanischen 



3. Kapitel. EdelmetallprodnktioB und Wertverhältuisse. § 4. 101 

Amerika Eahm nach der Beendigung der Unabhängigkeitskämpfe all- 
mählich wieder einen größeren Umfang an, vor allem in Mexiko, das 
gegen Ende der 60 er Jahre wieder den höchsten Stand seiner früheren 
Produktion erreichte, um ihn im Laufe der folgenden Jahrzehnte um 
ein Vielfaches zu übertreffen. Außerhalb der alten amerikanischen 
Produktionsgebiete begann in den 30er Jahren Chile erhebliche und 
rasch wachsende Mengen von Silber zu liefern. Dazu kam seit den 
60 er Jahren ein Gebiet, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts über- 
haupt kein Silber produziert hatte, das aber nun in rascher Entwicklung 
an die Spitze aller Silberproduktionsländer trat: die Vereinigten Staaten. 
Ihre Jahresproduktion von Silber betrug in den 50er Jahren durch- 
schnittlich nicht viel mehr als 7000 kg. Infolge der Entdeckung von 
Silbermiuen, die an Reichhaltigkeit selbst die Minen von Potosi über- 
trafen, nahm die Produktion rapid zu; sie betrug in der ersten Hälfte 
der 60er Jahre im Durchschnitt bereits 174000 kg, in der zweiten 
Hälfte der 70er Jahre erreichte sie nahezu 1 Million kg und überholte 
damit die Silbergewinnung aller anderen Länder. Bis in die zweite 
Hälfte der 90 er Jahre haben die Vereinigten Staaten unbestritten die 
erste Stelle behauptet. In den folgenden Jahren wurde jedoch die nord- 
amerikauische Produktion von der mexikanischen eingeholt und schließ- 
lich überflügelt. Für 1911 beziffert der amerikanische MUnzdirektor 
die mexikanische Silbergewinnung auf 2458 000 kg, diejenige der Ver- 
einigten Staaten auf 1879000 kg. Das Jahr 1914 brachte einen plötz- 
lichen und scharfen Rückgang der mexikanischen Silbergewinnung bis 
auf 857 000 kg. Seither hat sich die Gewinnung wieder auf mehr als 
2 Millionen kg im Jahre 1920 gehoben. 

Als neues Silberproduktionsland ist zu den alten Gebieten um die 
Mitte der 80 er Jahre Australien hinzugekommen, dessen Minen schon 
in den Jahren 1893 und 1894 über 100000 kg Silber geliefert haben. 
Für 1910 gibt der amerikanische Münzdirektor die australische Pro- 
duktion mit 670000 kg an. Damit war Australien an die dritte Stelle 
aller Silberproduktionsländer getreten. Auch hier brachte das Jahr 1914 
ein plötzliches Zusammenklappen der Silbergewinnung: von 564000 kg 
im Jahre 1913 auf 111000 kg im Jahre 1914, dann wieder eiue Steigerung 
auf 232000 kg im Jahre 1920. 

Auch in Europa hat die Silbergewinnung einen nicht unbeträcht- 
lichen Aufschwung erfahren; insbesondere die Silbergewinnung in Deutsch- 
land hat sich von den 40 er Jahren an und besonders seit dem Beginn 
der 60er Jahre in ungeahnter Weise entwickelt, sodaß Deutschland 
bis zum Anfang des 20, Jahrhunderts den dritten Platz unter allen 
Silberproduktionsländern behauptete; ein nicht unbeträchtlicher Teil 
der deutschen Silberproduktion stammt allerdings aus importierten Erzen, 
die in Deutschland verhüttet werden. Neuerdings ist die deutsche Silber- 
gewitinung, auch wenn man die Verhüttung ausländischer Erze mit 
einrechnet, außer von der australischen Produktion auch von derjenigen 
Kanadas überholt worden. Auch in anderen europäischen Ländern, 
namentlich in Spanien, ist der Silberbergbau erneut und mit Erfolg in 
Angrifl' genommen worden. 



102 Erstes Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 



Das Gesamtergebuis war, daß die Silberproduktion bis zur zweiten 
Hälfte der 50er Jahre den Rückgang, den sie seit dem Beginn des 

Die jährliche Silber Produktion der Welt 1876 — 192 0. 



Jahre 


Nach Soetbeer 


Nach den Berichten des amerika- 
nischen Münzdirektors 




kg 


1000 Mark 


kg: 


1000 Mark 


1876 


2 323779 


364 833 


2107 355 


329000 


1877 


2 388612 


386 956 


1949567 


316000 


1878 


2551364 


395461 


2 282 530 


355 000 


1879 


2 507 507 


381141 


2313572 


351000 


1880 


2479998 


381920 


2326386 


360 000 


1881 


2 586700 


395800 


2457 830 


378000 


1882 


2773100 


418100 


2 689582 


413000 


1883 


2775100 


416400 


2 773655 


416000 


1884 


2 910300 


436500 


2537 050 


381000 


1885 


3036000 


436800 


2849392 


410000 


1886 


3021200 


405 700 


2 901863 


390000 


1887 


3324600 


438800 


2989793 


395000 


1888 


3673300 


477 200 


3384932 


429000 


1889 


4237000 


534900 


3739076 


472 000 


1890 


— 


— 


3921996 


554000 


1891 


— 


— 


4266498 


569 000 


1892 


— 


— 


4763563 


560000 


1893 


— 


— 


5146789 


542 000 


1894 


— 


— 


5119947 


439000 


1895 


— 


— 


5 209867 


460000 


1896 


— 


— 


4885158 


445000 


1897 


— 


— 


4989657 


404 000 


1898 


— 


— 


5258210 


419000 


1899 


— 


_ 


5240429 


424000 


1900 


— 


— 


5399299 


452 000 


1901 


— 


_ 


5382 369 


436000 


1902 


— 


— 


5063566 


362 000 


1903 


— 


— 


5216800 


380000 


1904 


— 


_ 


5108067 


400000 


1905 


— 


— 


5359803 


441000 


1906 


— 


— 


5133887 


469000 


1907 


— 


— 


5729611 


511000 


1908 


— 


— 


6318237 


456 000 


1909 


— 


— 


6598721 


464 000 


1910 


— 


— 


6896282 


503 000 


1911 


— 


— 


7035548 


513000 


1912 


— 


— 


6977002 


579000 


1913 


— 


— 


6964361 


568000 


1914 


— 


— 


4996141 


373151 


1915 




— 


5591101 


391766 


1916 


— 


— 


5013310 


464 704 


1917 


— 


— 


5417972 


654 855 


1918 


— 


— 


6163870 


819373 


1919 


— 


— 


5488634 


830711 


1920 


— 


— 


5418 742 


745 888 



Jahrhunderts erlitten hatte, wieder einholte, indem sie im Durchschnitte 
des Jahrfünfts 1856 bis 1860 den Betrag von 900000 kg überschritt; 
vom Beginn der 70 er bis zur Mitte der 90er Jahre erfolgte dann der 



I 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion und Wertverhältnisse. § 4. 



103 



gewaltige Aufschwung;, der die jährliche Silbergewionang von etwa 
l^a anf mehr als 5 Millionen kg brachte; seither bewegt sich die jähr- 
liche Silbergewinnung über 5 Millionen kg; sie hat im Jahre 1908 

Die Silbergewinnung in den wichtigsten Produktions- 
gebieten 1851 — 1920. 
(1851 — 85 nach Soetbeer; 1896 — 1920 nach dem amerikanischen Münzdirektor.) 



Perioden 

bzw. Jahre 

(durch- 


Vereinigte 
Staaten 


Mexiko 


Peru. Bolivia, 
Chile 


Australien 


Deutschland») 


schnittlich) 


ksr 


*kfir 


kg 


kg 


kg 


1851-1855 


8300 


466100 


218600 




48 860 


1856-1860 


6 200 


447 800 


190400 


— 


61510 


1861-1865 


174000 


473 000 


191100 


— 


68320 


1866-1870 


301000 


520900 


229800 


— 


89125 


1871-1875 


564 800 


601800 


374700 


— 


143080 


1876-1880 


980 700 


655 800 


350 000 


— 


163 800 


1881-1885 


1137 600 


750800 


365 000 


? 


238 920 


1886 


1227000 


794000 


547 000 


29403 


318880 


1887 


1284000 


904 000 


412247 


6422 


366 960 


1888 


1424000 


995 000 


491000 


120 308 


405 910 


1889 


15o5000 


1144000 


456000 


204523 


402400 


1890 


1696000 


1212 000 


440603 


258212 


402 257 


1891 


1815000 


1084000 


476 404 


311100 


443840 


1892 


1976000 


1229000 


493000 


418087 


488000 


1893 


1867 000 


1380000 


873793 


637 800 


448100 


1894 


1540000 


1463000 


880000 


562 263 


442 800 


1895 


1733 662 


1461008 


939361 


389102 


392 000 


1896 


1830347 


1422 315 


418672 


380 746 


428400 


1897 


1675 582 


1676925 


437 878 


369523 


448100 


1898 


1693563 


1765116 


655 054 


326379 


480 600 


1899 


1703 720 


1730089 


669858 


396266 


467 600 


1900 


1693395 


1786 887 


697771 


415014 


415700 


1901 


1717 705 


1793 692 


803092 


318256 


403 800 


1902 


1726603 


1872091 


465 759 


249 690 


430600 


1903 


1689270 


2193249 


270592 


301233 


396300 


1904 


1794509 


1891764 


237356 


452 926 


389800 


1905 


1744 995 


2023044 


300184 


467666 


399800 


1906 


1757 944 


1717738 


328 262 


432 640 


393400 


1907 


1757 844 


1901934 


459 983 


558292 


386 900 


1908 


1631129 


2 291260 


478141 


534218 


407 200 


1909 


1702068 


2 299 920 


470117 


508842 


400600 


1910 


1777229 


2219975 


407 996 


670165 


420000 


1911 


1878675 


2458241 


401449 


515658 


439 600 


1912 


1983415 


2321626 


385737 


458412 


895 800 


1913 


2077807 


2199186 


385 755 


563 873 


765800 


1914 


2253657 


856820 


311163 


111136 


651100 


1915 


2 331604 


1230 798 


413375 


133616 


349400 


1916 


2314613 


710370 


472447 


126386 


319000 


1917 


2 231428 


1088 647 


467 060 


311042 


276100 


1918 


2109179 


1944541 


439089 


309000 


280300 


1919 


1763062 


2049898 


440334 


223573 


294300 


1920 


1721977 


2073476 


410459 


232 307 


— 



zum ersten Male den Betrag von 6 Millionen Mark überschritten, um 
im Jahre 1911 auf 7 Millionen kg anzukommen. Augenblicklich steht 
die Silbergewinnung auf 5 bis 6 Millionen kg. 



») Nach der Reichsstatistik. 



1U4 Erstes Buch, II. Abschnitt. Die Gestaltnng der EdelmetallverhÄltnisse. 



In noch höherem Grade als bei der jüngsten Steigerung der Gold- 
produktion hat bei dieser glänzenden Entwicklung der Silbergewinnung 
die Verbesserung der metallurgischen Technik mitgewirkt. Die dadurch 
ermöglichte erhebliche Verringerung der Kosten der Silbergewinnung 
machte den Abbau und die Verarbeitung geringhaltiger Erze in immer 
größerem Umfange lohnend, obwohl — was besonders hervorgehoben 
werden muß — der Preis des Silbers seit dem Beginn der 70 er Jahre 
um mehr als die Hälfte gefallen ist. Bei dem weitverbreiteten Vor- 
kommen des Silber namentlich in geringhaltigen Erzen ist der für das 
Silber zu erzielende Preis die einzige wirksame Grenze für die Aus- 
dehnung der Silberproduktion geworden. 

Wie oben für das Gold, so seien hier für das Silber einige speziellere 
Nachweisungen über die Produktion in den einzelnen Jahren von 1876 an 
und über die Erzeugung in den einzelnen Ländern von 1851 an beigefügt. 

Die Tabelle auf S. 104 gibt eine Uebersicht über die Entwicklung 
der deutschen Edelmetallproduktion (nach der Reichsstatistik). 

Ueber die Provenienz des in Deutschland gewonnenen Goldes und Sil- 
bers seit 1896') sei folgende Aufstellung gegeben. Es wurde gewonnen: 







Gold 






Sil her 










ans in- u. 






aus in- u. 




aus in- 


aus aus- 


ausländ. 


ans in- 


aus aus- 


ausländ. 


Jahre 


ländischen 


ländischen 


Rück- 
ständen 


ländischen 


ländischen 


Rück- 
ständen 




Erzen 


Erzen 


und 
Abfällen 


Erzen 


Erzen 


und 
Abfällen 




k? 


kff 


k- 


kir 


k^ 


k? 


1896 


86 


772 


1629 


183 252 


200 053 


45124 


1897 


112 


715 


1954 


171048 


241812 


35208 


1898 


111 


837 


1899 


173329 


276 522 


30 727 


1899 


112 


486 


2007 


194188 


236 532 


36870 


1900 


99 


506 


2450 


168349 


195 698 


51688 


1901 


90 


420 


2245 


171777 


197968 


34051 


1902 


94 


331 


2239 


178409 


214048 


38153 


1903 


106 


344 


2122 


180374 


168836 


47 043 


1904 


97 


361 


2280 


180 736 


153266 


55825 


1905 


100 


663 


31700 


180978 


162 018 


56779^) 


1906 


121 


640 


3441') 


177.831 


156277 


58834^) 


1907 


100 


463 


4119') 


158261 


165193 


63079*) 


1908 


97 


669 


3991-') 


154636 


178809 


73740^) 


1909 


104 


559 


4401 


165876 


167163 


67 523 


1910 


95 


542 


3988 


174092 


156870 


89041 


1911 


118 


573 


4277 


155044 


175397 


109138 


1912*) 


118 


— 


— 


155044 


— 


•. ;. _ 


1913*) 


204 


— 


— 


155044 


— 


_ 


1914*j 


204 


— 


— 


155044 


- 


— 



^) Für die früheren Jahre enthält die Reichsstafistik keine derartigen Augabeu. 
') Darunter aus in- und ausländischem Werkblei 

Gold teilbar 

*) 1 kg ») 951 kg 

») 1 „ ») 376 „ 

^ 38 „ ") 3378 „ 

') — y. ») 210 „ 

♦) Neaere vergleichbare Zahlen liegen nicht mehr vor. 



3, Kapitel. Edelmetallprodaktion und Wertverhältnisse. § 4. IQ.S 

Die Gold- und Silberproduktion DeDtschlands 

1851—1919. 



Perioden 
bzw. Jahre 

(durch- 
schnittlich) 




1000 Hark 



S i 1 b e r 1) 



1000 Mark 



1851-1855 


14,2 


89,6 


1856-1860 


20,4 


56,9 


1861-1865 


32,4 


90,4 


1866-1870 


100,4 


280,1 


1871-1875 


284,4 


779 


1876 


281,3 


785 


1877 


307,9 


858 


1878 


378,5 


1056 


1879 


466,7 


1302 


1880 


463,0 


1292 


1881 


380,7 ' 


1063 


1882 


376,1 1 


1051 


1883 


457,3 i 


1278 


1884 


555,0 


1551 


1885 


1378,4 ' 


3 855 


1886 


1473,0 i 


4112 


1887 


1753,0 


4894 


1888 


1793,0 


5003 


1889 


1717,0 


4794 


1890 


2277,0 


6335 


1891 


2427,0 


6 760 


1892 


2549,0 


7 094 


1893 


2547,0 


7 086 


1894 


3199,0 


8916 


1895 


3547,0 


9878 


1896 


2487,0 


6916 


1897 


2781,0 


7 737 


1898 


2847,0 


7913 


1899 


3605,0 


7 259 


1900 


3055,0 


8523 


1901 


2755,0 


7 688 


1902 


2664,0 


7 431 


1903 


2572,0 


7175 


1904 


2738,0 


7 636 


1905 


3933,0 


10974 


1906 


4202,0 


11727 


1907 


4682,0 


13071 


1908 


4758,0 


13288 


1909 


5064,0 


14145 


1910 


4625,0 


12 919 


1911 


4967,0 


13847 


1912 


43400 


; 121343 


1913 


38700 


! 108 056 


1914 


22900,0 


I 64 096 


2915 


6200,0 


17 358 


1916 


11300,0 


1 33193 


1917 


1 1000,0 


: 31067 


1918 


8300 


' 24 355 


1919 


13200 


! 98629 



48860 
61510 
68330 
89120 
145000 
139800 
147600 
167 700 
177500 
186000 
186 990 
214980 
235 060 
248110 
309420 
318880 
366 960 
405910 
402 400 

402 260 
443 840 
487 960 
448090 
442 820 
391980 
428430 
448 070 
480580 
467 590 
415735 

403 796 
430610 
396253 
389827 
399775 
393442 
386 933 
407185 
400562 
429003 
439580 
895 800 
765800 
651100 
349 400 
319000 
276100 
280300 
294003 



8795 
11072 
12180 
15954 
24929 
21970 
23812 
25 390 
26518 
28608 
28514 
32763 
35088 
37 056 
44138 
42618 
48074 
51392 
50740 
56060 
58 877 
57075 
46948 
38504 
34403 
38872 
36381 
38157 
37 832 
4653 
32519 
30800 
28897 
30367 
32 922 
35 768 
34655 
29699 
28137 
30654 
32133 
74145 
62480 
52 407 
30 665 
39 883 
45560 
48734 
173403 



*) Seit 1912 eiBBchließUcb des Metallinhaltes der Präparate «iner Scbeideanstalt. 



106 Erstes Buch. 11. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 



Um einen Ueberblick über die Beteiligung aller einzelnen Länder 
an der Produktion von Gold oud Silber zu geben, sei für das Jahr 
1920 die folgende, nach den Angaben des amerikanischen MUnzdirektors 
zusammengestellte Tabelle mitgeteilt. 

Edelmetallproduktion der Welt im Jahre 1920 in den 
einzelnen Ländern. 

(Nach dem „Report of the Direktor of the Mint on the Produktion of the precioas 
metals in the calendar year 19^0", Washington 1921). 



Län 


der 


Gold 


Si 


Iber 




kg fein 


Wert in 
1000 Mark 


kg fein 


Wert in 
1000 Mark 


England 


227 

273 

2177 

6 

23 

15 


633 

762 

6074 

17 

64 

42 


1555 

373 

435 

21153 

1555 

4666 

10887 

467 

10784 

933 

99265 

3110 


214 


Frankreich 


51 


Oesterreich 


60 


Tscheche-Slowakei 

Rußland 


2 912 
214 


Griechenland 

Italien 


642 
1499 


Serbien 


65 


Norwegen 


1484 


Schweden ... 


128 


Spanien - 


13664 


Türkei 


Europa 
lerika 


428 




2 721 


7 592 


155183 


21361 


Ver. Staaten von An 
Kanada .... 


77019 

23 854 

22969 

4514 

5 

1060 

2708 

1129 

2080 

8727 

1952 

12 

752 


214884 

66 553 

64084 

12594 

14 

2 957 

7 555 

3150 

5 803 

24348 

5446 

33 

2098 


1721977 

397 932 

2073476 

83981 

622 

124416 

622 

1089 

249 

14930 

286043 

124 


237029 
54775 


Mexiko 


285413 


Zentralamerika 

Argentinien .... 


11560 
86 


Bolivien, Chile 

Brasilien 


17126 
86 


Ecuador 


150 


Guayana 


34 


Kolumbien 


2055 


Peru 


39374 


Venezuela 


17 




Amerika 

Afrika 

Australien 






146 781 

282715 

35582 


409519 

788 775 

99274 


4705 641 

38 479 

232 307 


647 705 

5297 

31977 


China 


4514 

8303 

13584 

9841 


12594 
23165 
37 899 
27456 


2177 

162126 

89288 

33721 


300 




22316 


Britisch-Indien 
Uebrigea Asien . . 





12290 
4 642 




36 242 j 


101114 


287312 


39 548 



Insgesamt 



504041 



1406274 5418742 7451 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion uud Wertverhältnisse. § 5. 107 

§ 5. Das Wertverhältnis von Gold und Silber« 

Nicht geringere Aufmerksamkeit als die Entwicklung der Pro- 
duktion der beiden Edelmetalle verdient die Gestaltung des Wertver- 
liältnisses von Gold und Silber. Insbesondere zum Verständnis der 
Entwicklung der internationalen Währungsverhältnisse ist die Kenntnis 
der Veränderungen der Wertrelation zwischen beiden Metallen eine ähn- 
lich wichtige Voraussetzung, wie die Kenntnis der Wandlungen der 
Edelmetallproduktion. Freilich besteht zwischen Edelmetallgewinnung 
und Wertrelation in der Art ihres Verhältnisses zur Gestaltung der 
universellen Währungverfassung ein bedeutsamer Unterschied. Die Edel- 
metallproduktion ist in der Hauptsache von Faktoren abhängig, die mit 
der Gestaltung der monetären Verhältnisse nichts zu tun haben, von 
der Entdeckung neuer Lagerstätten und von technischen Fortschritten; 
die Wertrelation von Gold und Silber dagegen steht, abgesehen von 
der Einwirkung der Verschiebungen in der Edelmetallgewinnung, in 
großem Umfange unter dem Einflüsse der Wandlungen, welche die 
monetären Verhältnisse durchgemacht haben. Wie sich aus der Dar- 
stellung der Geschichte der internationalen Währungsverfassung ergeben 
wird, besteht ein komplizierter Kausalnexus zwischen Produktion, mone- 
tärer Verwendung und Wertverhältnis der beiden Edelmetalle; die inter- 
essantesten und wichtigsten Probleme der Entwicklung der universellen 
Währungsverhältnisse von der Entdeckung Amerikas bis zum Ausbruch 
des Weltkrieges liegen auf diesem Felde. 

Daraus ergibt sich, daß zwar einerseits ein Ueberblick über die 
Entwicklung der Wertrelation zu den Voraussetzungen für die Be- 
schäftigung mit der Gestaltung der internationalen Währungsverhältnisse 
gehört, daß aber andererseits die Ursachen der Veränderungen der 
Wertrelation eine genügende Beleuchtung erst aus der Entwicklung der 
Währungsverhältnisse selbst erhalten können. An dieser Stelle kann 
deshalb nur die tatsächliche Gestaltung des Wertverhältnisses von Gold 
und Silber dargestellt werden, während eine Untersuchung der Ur- 
sachen zunächst noch vorbehalten bleiben muß. 

Eine gedrängte Uebersicht über die Schwankungen der Wertrela- 
tion von der grauen Vorzeit bis zur Gegenwart w^urde bereits oben 
(S. 52fiF.) gegeben, als es sich darum handelte, die Schwierigkeit der 
Vereinigung beider Metalle zu einem einheitlichen Systeme darzustellen. 
Zur Ergänzung dieser Angaben für die neuere Zeit folgt hier zunächst 
eine Tabelle, die das Wertverhältnis für dieselben Zeiträume, für die 
oben die Edelmetallproduktion dargestellt worden ist, enthält. Auch 
auf diesem Gebiete sind die grundlegenden Arbeiten in erster Reihe 
von Soetbeer geliefert worden, der zu diesem Behufe für die Zeit 
vor 1687 die in Münzgesetzen, in Rechenbüchern und in der Literatur 
enthaltenen Anhaltspunkte benutzt hat; für die Zeit von 1687 au liefern 
die regelmäßigen Notierungen des Gold- und Silberpreises der Ham- 
burger Börse ein zuverlässiges Material. In neuerer Zeit wird den 
Berechnungen des Wertverhältnisses meist der in London notierte Silber- 
preis zugrunde gelegt. 



I(i8 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelraetallverhältnisse. 

Hinsichtlich der Zuverlässigkeit des für die frühere Zeit ermittelte» 
Wertverhiiltnisses gilt ahnliches, wie für die Zifl'ern der Edelnietall- 
prod uktion. Soetbeer selbst hebt hervor, daß trotz aller Vorsicht 
und Sorgfalt bei der Auswahl und Verwertung des Materials seine 
Anga ben nur als ungefähre Schätzungen zu betrachten sind, schon 
deshalb, weil bei dem unvollkommenen Zustande der Verkehrsmittel 
zu gleicher Zeit au verschiedenen Orten erhebliche Unterschiede sowie 
am gleichen Orte rasch aufeinander folgende Schwankungen im gegen- 
seitigen Werte der Edelmetalle vorkamen. 

In der neueren Zeit sind die örtlichen Abweichungen des Wert- 
verhältnisses auf ein Minimum reduziert. Für Einzeluntersuchungen 



Das W e r t V e r h ä 1 1 n i s zwischen Silber u n d G o 1 d. 

Dnrchschnittgzahlen für längere Perioden bzw. Jahre von 1501 — 1919. 





1 kg Gold 




1 kg Gold 


Perioden 


= wieviel kg 


Perioden 


= wieviel kg 


bzw. Jahre 


Silber 


bzw. Jahre 


Silber 


1501-1520 


10,75 


1851 -- 1855 


15,41 


1521-1540 


11,25 


1856-1860 


15,30 


1541-1560 


11,30 


1861-1865 


15,40 


1561-1580 


11,50 


1866-1870 


15,55 


1581-1600 


11,80 


1871-1875 


15,97 


1601-1620 


12,25 


1876-1880 


17,81 


1621-1640 


14,00 


1881-1885 


18,63 


1641-1660 


14,50 


1886-1890 


21,16 


1661-1680 


15,00 


1891-1895 


26,32 


1681-1700 


15,00 


1896-1900 


33,54 


1701-1720 


15,21 


1901-1905 


36,20 


1721-1740 


15,08 


1906-1910 


35,68 


1741-1760 


14,75 


1911-1915 


36,67 


1761-1780 


14,72 


1916 


30,11 


1781-1800 


15,09 


1917 


23,09 


1801-1810 


15,61 


1918 


21,00 


1811-1820 


15,51 


1919 


18,44 


1821-1830 


15,80 


1920 


20,27 


1831-1840 


15,75 


1921 


32,20 


1841-1850 


15,83 







kommen außer den Londoner Notierungen heute vor allem die Notie- 
rungen an der Newyorker, Hamburger und Pariser Börse in Betracht. 
Ein Ueberblick Über die Gesamtentwicklung der Wertrelation von 
Gold und Silber zeigt, daß vom Beginne des 16. Jahrhunderts an das 
Silber im Verhältnis zum Golde erheblich und fast ununterbrochen im 
Werte gesunken ist. Eine nennenswerte Ausnahme machen nur die 
Perioden 1720 bis 1780 und 1850 bis 1865, in denen der Silberwert 
im Verhältnis zum Goldwerte eine kleine und vorübergehende Steige- 
rung erfuhr; schließlich die Jahre des Weltkrieges, die eine plötzliche 
starke Erholung des Silberpreises brachten, eine Erholung, die aller- 
dings heute schon zum größten Teil wieder verloren gegangen ist. 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion nud Wertverhältuisso. § 5. lo9 

D ie Intensität der relativen Wertverringeruug des Silbers ist 
jedoch in den einzelnen Zeitabschnitten sehr verschieden. Während 
des ganzen 16. Jahrhunderts und in den ersten beiden Jahrzehnten des 
17. Jahrhunderts bröckelte der Silberwert allmählich, aber ununter- 
brochen ab; die Periode 1601 bis 1620 zeigte eine durchschnittliche 
Wertrelation von 1 : 12,25 gegen 1 : 10,75 ein Jahrhundert zuvor; das 
war eine Entwertung des Silbers um etwa 12 Prozent im Laufe von 
100 Jahren, Es sei daran erinnert, daß in jener Zeit die Silberpro- 
duktiou einen ganz außerordentlichen Aufschwung nahm, während die 
Goldproduktion nur verhältnismäßig langsam anwuchs. 

Die folgenden Jahrzehnte brachten eine erhebliche Beschleunigung 
im Rückgange des Silberwertes; die Wertrelation war schon 1621 bis 
1640 1 : 14, sie ging auf 1 : 15 in den 40 Jahren 1661 bis 1700 und 
auf 1 : 15,21 in der Periode 1701 bis 1720. Wie wenig die Produktions- 
rerhältnisse allein entscheidend sind für die Gestaltung des gegen- 
■eitigen Wertes der beiden Metalle, zeigt sich in dieser Periode ganz 
besonders deutlich. Diese Entwertung des Silbers um nahezu 20 Pro- 
zent vollzog sich bei stockender und abnehmender Silbergewiunung 
und zunehmender Goldproduktiou; der Anteil des Goldes am Gewichte 
der Gesamtproduktion stieg in jener Zeit von 2 Prozent auf 3,5 Prozent. 

Von 1720 an begann der Silberwert wieder etwas zu steigen. 
1761 bis 1780 war die durchschnittliche Relation 1 : 14,72. In dieser 
ersten Periode der Unterbrechung des WertrUckganges des Silbers wies 
die Goldproduktion infolge der Entdeckung Amerikas eine sehr erheb- 
liche Steigerung auf, durch die — trotz der gleichzeitigen Steigerung 
der Silbergewinnung — der Anteil des Goldes am Gewichte der Ge- 
samtproduktion zeitweise (1741 bis 1760) auf 4,4 Prozent erhöht 
wurde. 

Mit der Abnahme der Goldgewinnung bei einer vorläufig noch 
weiter steigenden Silberförderung begann der Silberwert um die Neige 
des 18. Jahrhunderts abermals zu sinken; die Wertrelation hielt sich 
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im großen Ganzen zwischen 
1 : 15,5 und 1 : 16, mit einer namentlich gegen Ende dieser Periode 
hin deutlich hervortretenden Tendenz zur weiteren Verringerung des 
Silberwertes. 

Mit der Entdeckung der kalifornischen Goldfelder trat die Ent- 
wicklung in eine neue Phase. Die Wertrelation erfuhr eine ausge- 
sprochene Verschiebung zuungunsten des Goldes und zugunsten des 
Silbers. Die durchschnittliche Relation des Jahrfünfts 1856 bis 1860 
war 1 : 15,30, und im Jahre 1859 ging die Wertrelation auf dem Lon- 
doner Markte zeitweise bis auf 1 : 15,03 zurück, während sie im Jahre 
1848 vorübergehend 1 : 16,12 gewesen war. Der Gewichtsanteil des 
Goldes au der Gesamtproduktion der Edelmetalle hob sich in den 
50 er Jahren auf mehr als 18 Prozent. 

Schon in der zweiten Hälfte der 60 er Jahre trat jedoch abermals 
ein Umschwung ein. und mit den 70 er Jahren begann der rapide und 
unaufhaltsame Preissturz des Silbers. In zwei Jahrzehuten verlor da« 
weiße Metall ungefähr die Hälfte seines Wertes. Im Jahre 1909 waren 
erst etwa 40 kg Silber soviel wert wie 1 kg Gold. 



110 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetal Iverhältnisse. 

Die Zeit, in der sich diese auffallende Entwicklung, deren Ursachen 
in der Zeit des Kampfes nm Gold- oder Doppelwährung heftig um- 
stritten waren, vollzog, war charakterisiert durch folgende Merkmale: 

1. Hinsichtlich der Produktionsverh.ältnisse. — Bis zur Mitte der 
80 er Jahre ging die Goldproduktion zurück bei erheblich steigender 
Silbergewinnung; in den folgenden Jahren nahm zwar die Goldpro- 
duktiou wieder zu, aber die Silberförderung stieg bis etwa 1893 in 
noch viel höherem Maße, sodaß der Anteil des Goldes am Gewichte 
der Gesamtproduktion wieder bis auf 4,8 Prozent im Durchschnitt der 
Periode 1886 bis 1895 zurückging. Von 1894 an zeigte allerdings die 
Goldproduktion eine wesentlich stärkere Zunahme als die Silberge- 
wiiuuiiig, ohne daß dadurch eine nachhaltige Erholung des Silberpreises 
bewirkt worden wäre. 

2. Hinsichtlich der monetären Verhältnisse. — Seit dem Beginn der 
70 er Jahre hat sich in der Währungsverfassung der Kulturwelt eine 
gewaltige Verschiebung vollzogen. Fast alle Länder, die für den Welt- 
verkehr in Betracht kommen, haben dem Silber ihre Münzstätten ver- 
schlossen und die Goldwährung mehr oder minder vollständig durch- 
geführt. Die Verwendung des Silbers zu Geldzwecken ist mithin 
beschränkt worden, während der Gebrauch des Goldgeldes eine sehr 
erhebliche Ausdehnung erfahren hat. 

Diese Andeutungen müssen hier genügen, um die Gestaltung der 
Wertrelation mit der Gesamtentwicklung in Beziehung zu setzen. 

In Anbetracht der Wichtigkeit der Vorgänge seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts sind in der Tabelle auf S. 111 und 112 die Londoner 
Silbernotierungen und das sich daraus ergebende durchschnittliche 
Wertverhältnis für die Zeit von 1840 bis 1921 zusammengestellt. Da- 
zu ist folgendes zu bemerken: 

Die Londoner Silbernotierung lautet auf pence (d) pro Unze Standard 
Silber (oz. st.) Das Standard Silber ist ^'/^^ fein. Aus einer Unze 
Standard Gold von ^7i2 l^^cinheit werden andererseits 3 Pfd. Sterl. 17 sh. 
10 Va d = 934,5 d geprägt. Daraus ergibt sich, wenn man die Londoner 
Notierung des Silberpreises = a setzt, zur Berechnung des Wertver- 
hältnisses zwischen der feinen Unze Silber und der feinen Unze Gold 
folgender Kettensatz: 



X Unzen feines Silber 
11 Unzen feines Geld 
1 Unze Standard Gold 
a pence 
40 Unzen Standard Silber 

12-934,5-3 7 
Danach ist x = — — — ; 

11 - 40 - a 

942,995454 . . 



1 Unze feines Gold 

12 Unzen Standard Gold 

934,5 pence 

1 Unze Standard Silber 

37 Unzen feines Silber. 



Man muß mithin die konstante Zahl 942,995454 .... mit dem 
Londoner Silberpreise dividieren, um die Kelationszahl zu ermitteln. 
Diese Berechnung hat allerdings einen nahezu festen Londoner Gold- 



3. Kapitel. Edelmetallproduktion and WertverhältniBse. § 5, 



111 



preis, wie er von den 20 er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis in den 
Weltkrieg hinein tatsächlich bestand, zur Voraussetzung. Für die Zeit 
vom Beginn des Weltkrieges an muß die Berechnung den jeweiligen 
Stand des Goldpreises berücksichtigen, oder, soweit für diesen angesichts 
der Beschränkungen des freien Goldhandels keine Anhaltspunkte vor- 
liegen, den Kars des amerikanischen Dollars, der sich im großen Ganzen 
ungefähr auf der Goldparität gehalten hat. 



Der Londoner Silberpreis und das sich daraus ergebende 
Wertverhältnis zwischen Silber und Gold 1848 — 1921. 





Niedrigster 


Höchster 


Durchschnittl. 


Durchschnittl. 

Wertverhältuia 

1 kg Gold 


Jahre 




Silberpreia 




(penc 


.e pro Unze Standard) 


= X kg Silber 


1848 


SS'/s 


60 


59V, 


15,85 


1849 


591/2 


60 


5974 


15,76 


1850 


59V2 


61V, 


61 Vi« 


15,44 


1851 


60 


6178 


61 


15,46 


1852 


5978 


617« 


60V. 


15,58 


1853 


60^8 


6178 


61V, 


15,33 


1854 


60 '/s 


6178 


61V, 


15,33 


1855 


60 


61^8 


617,6 


15.38 


1856 


60'/, 


62Vi 


617,9 


15,38 


1857 


61 


62% 


6 17, 


15,27 


1858 


6O7, 


6178 


617,6 


15,38 


1859 


6 174 


627, 


62V,6 


15,19 


1860 


61 Vi 


6278 


61"/,6 


15,29 


1861 


607« 


6178 


60'7i, 


15,51 


18H2 


61 


62V8 


6I7.. 


15,34 


1863 


61 


6 17* 


6178 


15,36 


1864 


6O7« 


62V, 


6178 


15,86 


18H5 


60 Va 


6178 


61 7,6 


15,44 


1866 


eoVs 


6^V, 


eiVs 


15,41 


1867 


60»/« 


61 V* 


607,6 


15,57 


1868 


60 Vg 


61V, 


60V, 


15,58 


1869 


60 


61 


607,6 


15,59 


1870 


60'/^ 


6OV4 


607,8 


15,57 


1871 


607.» 


61 


607, 


15,58 • 


1872 


59'/* 


61V8 


607,, 


15,63 


1873 


5778 


59 '7i« 


5974 


15,93 


1874 


57V4 


597, 


587,6 


16,16 


1875 


55'/, 


5778 


5678 


16,64 


1876 


467, 


58 V, 


5274 


17,75 


1877 


53 V* 


58V4 


54 '7,6 


17,20 


1878 


49»/, 


55 V4 


527,, 


17,92 


1H79 


4878 


53«/4 


517* 


18,39 


1880 


51»/8 


527« 


527, 


18,05 


1881 


507« 


6279 


51 'V,. 


18.25 


1882 


50 


527« 


517s 


18,20 


18H3 


50 


51 7i» 


507.6 


18,64 


1884 


49Va 


517« 


507« 


18,61 


1885 


467. 


50 


487, 


19,41 



112 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edeluietallverh&ltnisse. 



Jahre 



Niedriüfsier 



Höchster 



Durchschnittl. 



Silberpreie 
(pence pro Unze Standard) 



Durchschnittl. 
Wertverhältuis 

1 kg Gold 
= X kg Silber 



1886 


42 


47 


45V8 


20,78 


18M7 


43V« 


47V. 


44V, 


21,10 


1888 


41'/g 


44Vi« 


42V, 


22,00 


18Si) 


42 


44»/8 


42^7,« 


22,10 


1890 


*^3^,. 


54'/« 


47'V,6 


19,75 


1891 


43V, 


48Vs 


45Vi6 


20,92 


1892 


37 Vs 


43»/, 


39'Vi6 


23,72 


1893 


30V, 


38V4 


35V, 


26,49 


1894 


27 


31»/, 


28^Vifl 


32,56 


1895 


27Vi6 


31Ve 


29V, 


31,60 


1896 


29»/, 


31^% 


30»/, 


30,59 


1897 


23^/, 


29"/,, 


27V,. 


34,20 


18w8 


25 


28V,6 


26'Vie 


35,03 


1899 


26Vh 


29 


27'/,« 


34,36 


1900 


27 


30»/,, 


28Vi 


33,33 


1901 


24^^'le 


29V,6 


27Vi« 


34,68 


1902 


21"/u 


26V8 


24Vi« 


39,15 


1903 


21^Vl6 


28V2 


24»/, 


38,10 


1904 


24'/,« 


28'/i, 


26V8 


35,70 


1905 


25'/i, 


30V,6 


27»/:, 


33,87 


1906 


29 


33V, 


30V, 


30,54 


1907 


24V4 


32Vi, 


30V,e 


31,24 


1908 


22 


27 


24»»/3, 


38,64 


1909 


23Vi, 


24V, 


23^V32 


39,74 


1910 


23V,6 


2«Vi 


24"/„ 


38,22 


1911 


23^Vi6 


26V, 


24"/,, 


38,33 


1912 


2öV, 


29'V,e 


28V,e 


33,62 


1913 


26Vi, 


29«/, 


27 V, 6 


34,19 


1914 


22V. 


27V* 


25 V* 


37,37 


1915 


22^/.fl 


27V4 


23V, 


41,35 


1916 


26"/,, 


37Vs 


31V8 


30,80 


1917 


35>V,6 


55 


40'V,6 


23,67 


1918 


42 V, 


49V, 


47'Vs2 


20,31 


1919 


47^4 


79V8 


57V,, 


18.82 


1920 


8«V« 


38V, 


61"/,, 


20,80 


1921 


43»/« 


30V, 


36V, 


31,90 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauche 
der Edelmetalle von 1493 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. 



§ 1. Die Entnicklang von der Entdeckung Amerikas bis znm Ende 
des 18. Jahrhunderts. 

In den beiden Jahrhunderten vor der Entdeckung Amerikas über- 
wog in den europäischen Kulturstaaten, soweit es sich aufgrund der 
lückenhaften Anhaltspunkte beurteilen läßt, der Gebrauch des Gold- 
geldes. Die fortgesetzte Verschlechterung der SilbermUnzen soll iu 



4, Kapitel. Die Wandlungen iin monetäreu Gebrauch der Edelmetalle. §1. 113 

jener Zeit dazu geführt haben, daß sich der Großhandel immer mehr 
der wahrscheinlich vom Orient nach Italien gebrachten und von dort 
über ganz Europa bis nach England vordringenden GoldraUnzeu bediente. 
Mau hat sogar davon gesprochen, daß in jener Periode in den wich- 
tigsten Kulturstaaten die „Goldwährung" geherrscht habe. Das Wort 
„Goldwährung" darf in diesem Zusammenhange natürlich nicht als die 
Bezeichnung eines bestimmten Währungssystems aufgefaßt werden; denn 
die Goldwährung in diesem Sinne und die Währungssysteme überhaupt 
sind ja, wie im ersten Abschnitte gezeigt wurde, erst viel später ent- 
standen. Die Geldverfassung der damaligen Zeit charakterisiert sich 
vielmehr als Sortengeld, und der Ausdruck „Goldwährung" kann hier 
nur besagen, daß innerhalb dieses Kahmens der tatsächliche Gebrauch 
von Goldgeld vorherrschend war. 

Wie weit die herkömmliche Begründung dieses Zustandes durch 
die Verschlechterung der Silbermünzen zutreffend ist, muß hier dahin- 
gestellt bleiben. Nur zur Ergänzung sei auf einen Umstand aufmerksam 
gemacht, der aus der späteren Entwicklung eine besondere Beleuchtung 
erhält, nämlich auf die Tatsache, daß es, wie oben (S. 84 und 97) aus- 
führlich dargelegt worden ist, überaus wahrscheinlich, ja man kann 
sagen durchaus sicher ist, daß in jener Periode die Goldproduktion im 
Verhältnis zur Silberproduktion beträchtlich größer war als vom An- 
fang des 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Noch für die Zeit 
von 1493 bis 1520 stellte sich nach der Soetbeerscheu Statistik der 
Auteil des Goldes am Gewichte der gesamten Edelmetallproduktion auf 
11 Prozent, während er in der Folgezeit bis unter 2 Prozent herabging. 
Dem Werte nach entfielen auf das Gold in dem genannten Zeiträume 
57 Prozent, während sich sein Auteil im 16. und 17. Jahrhundert zeit- 
weise unter 20 Prozent ermäßigte. Schon im Jahre 1419 hatten aber 
die Portugiesen das Kap Bojador an der Westküste Afrikas umsegelt, 
und der Goldstaub gehörte zu den wichtigsten Waren, welche die 
portugiesischen Schiffe von den Küsten Afrikas nach Europa brachten. 
Wenn man ferner erwägt, daß bereits im letzten Viertel des 15. Jahr- 
hunderts die deutsche Silberproduktion einen sehr erheblichen Auf- 
schwung zeigte, während von der Goldgewinnung eine ähnlich große 
Zunahme nicht berichtet wird, so erscheint der Schluß gerechtfertigt, 
daß in dem Jahrhundert vor 1493 der Anteil der Goldproduktion noch 
erheblich bedeutender war, als ihn die Ziffern für die Periode 1493 
bis 1520 ausweisen. Für eine Zeit, in der das Geldwesen noch nicht 
in feste Formen gegossen ist, in denen vielmehr der Verkehr alles als 
Geld benutzt, was sich ihm als geeigneter Geldstoff darbietet, läßt ein 
Uebervviegen der Goldproduktion allein schon einen überwiegenden Ge- 
brauch von Goldgeld als natürlich erscheinen. 

Mit der Hervorhebung des vorherrschenden Goldgebrauchs sind je- 
doch die Geldverhältnisse zur Zeit der Entdeckung Amerikas noch nicht 
genügend charakterisiert. Es muß außerdem erwähnt werden, daß der 
Gebrauch des metallischen Geldes überhaupt damals noch ein be- 
achränkter war, daß die Naturalwirtschaft in den weitesten Schichten 
noch nicht durch die Geldwirtschaft verdrängt war, wenn auch die 
letztere während des Mittelalters erhebliche Fortschritte gemacht hatte. 

Uelfferioh, Dai ä»ld. 8 



114 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltimg der Edelmetallverhältnisse, 

Eine weitere Ausdehnunp des Geldgebraucbs erschien aus der 
gesamten wirtschaftlichen Entwicklung heraus notwendig. Aber erst 
durch den gewaltigen Strom von Edelmetall, der sich von 1520 an 
über die alte Welt ergoß, wurde der enorme Fortschritt der Geldwirt- 
schaft, der die neue Zeit auszeichnet, möglich gemacht. 

Wenn wir sehen, daß weitaus der größte Anteil an der Steige- 
rung der Edelmetallproduktion wahrend des 16. und 17. Jahrhunderts 
auf das Silber entfiillt. so muß es als eine notwendige Folge erscheinen, 
daß in jener Zeit das Silber das Gold aus seiner beherrschenden 
Stellung als Geldmetall verdrängte. Diese Entwicklung hatte schon 
vor der Entdeckung der neuen Welt und ihrer Silberschätze begonnen 
mit der Steigerung der Silbergewinnung in Sachsen, Böhmen und Tirol. 
Die fortgesetzte \ erschlechterung der Goldmünzen mag auch dieses Mal 
den l'mscliwung begünstigt und den Verkehr für die Aufnahme der neuen 
großen Sil bei münzen, die damals aufkamen, günstig gestimmt haben. 
Das entscheidende Moment war aber auch in diesem Falle sicherlich 
die große Zunahme der Silbergewinnung in Verbindung mit dem Um- 
stände, daß das Silber damals in viel höherem Grade als das Gold dem 
wichtigsten monetären Bedürfnisse der Zeit entsprach. Dieses Bedürfnis 
war die Ausdehnung des Metallgeldgebrauches von den Höhen des Groß- 
verkehrs auf die bisher noch von der Naturalwirtschaft beherrschten 
unteren Schichten der Volkswirtschaft. Für den Großhandel war das 
Gold ein ebenso geeignetes, ja ein tauglicheres Geld als das Silber; 
für den mittleren und kleineu Verkehr aber, für alle die weiten Kreise, 
die nunmehr der Geldwirtschaft neu erschlossen wurden, war bei der 
Kleinheit aller wirtschaftlichen Verhältnisse das Gold ein viel zu kost- 
barer Geldstoff; nur das Silber konnte hier Eingang finden. 

Die Produktionsverhältnisse der Edelmetalle und die wirtschaft- 
lichen Bedürfnisse der Zeit wirkten also vereint dahin, dem Silber 
wieder die vorherrschende Stellung im Geldwesen zu verschaffen. Aber 
eben deshalb wirkten diese beiden Momente in einer anderen Beziehung 
einander entgegen, nämlich in Hinsicht auf den Wert des Geldes 
gegenüber den übrigen Gütern im allgemeinen und auf das gegen- 
seitige Wertverhältnis der beiden Edelmetalle im besonderen. 

Es ist hier noch nicht der Platz zu einer genaueren Untersuchung 
der Faktoren, die den Wert der Edelmetalle bestimmen. Einer 
solchen bedarf es auch nicht, um zu erweisen, daß außerordentliche 
Veränderungen in der Produktion der Edelmetalle, durch die inner- 
halb weniger Jahrzehnte der Umfang des gesammten Edelmetallvorrates 
stark beeinflußt wird, für die Wertbewegung der Edelmetalle von 
Bedeutung sind. Es ist a priori wahrscheinlich, daß die vom Anfang 
des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts eingetretene Vermehrung 
der gesamten Edelmetallproduktion auf das Siebenfache den Wert des 
Edelmetallgeldes gegenüber den übrigen Gütern herabzudrücken ge- 
eignet war und daß speziell die Vermehrung der Silberproduktion 
auf das Neunfache bei einer Steigerung der Goldgewinnung um nicht 
ganz die Hälfte das Wertverhältnis der beiden Metalle zuungunsten 
des Silbers beeiuflussen mußte. 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 1. 115 

In der Tat haben eich beide Wahrscheinlichkeiten verwirklicht, 
aber nicht entfernt in einem Maße, das der Größe der Veränderungen 
in der Edelmetallproduktion entsprochen hätte. 

Zur Illustration der Entwicklung des Geldwertes gegenüber den 
übrigen Gütern in der hier in Betracht kommenden Periode mögen die 
folgenden Zahlen dienen, die Rogers für England als effektive Durch- 
schnittspreise ermittelt hat: 





In den Jahren 
1541—1582 


In den Jahren 
1583—1642 


In den Jahren 
1643—1702 


Weizen 


13 sh. 61/2 d 
8 „ 53/, „ 
5 „ 5V, „ 

1 „ 7 „ 

2 „ 8 „ 
26 „ 23/, „ 

3 „ 4V3 „ 
3 „ 3 „ 


36 sh. 1 d 

19 „ 93/, „ 
12 „ 5 „ 

2 „ 5V3 „ 
4 „ 9V, „ 
33 „ IIV4 „ 
4 „ 23/, „ 
4 „ 10 „ 


41 sh. IIV4 d 

22 „ 2V4 „ 

15 „ 27, „ 

3 „ 57, „ 

6 „ 1 „ 


Gerste 


Hafer 


Rindfleisch 

Butter 


Eisen 

Lohn der Maurergesellen . . . 
Lohn der laudw. Arbeiter . . . 


38 „ 10 „ 

6 . 73/, „ 

6 n 43/, „ 



Zweifellos wäre die Geldwertverringerung und die ihr entsprechende 
Preisrevolution eiue beträchlich stärkere gewesen, wenn nicht das starke 
Bedürfnis nach einer Ausdehnung der Geldwirtschaft den großen Massen 
neuen Metalls ein weites Verwendungsfeld gesichert hätte. Weil die 
vermehrte Produktion einem starken wirtschaftlichen Bedürfnisse ent- 
gegenkam, übte sie nicht ihre volle Wirkung auf den Wert des Edel- 
metallgeldes aus. Weil aber dieses starke wirtschaftliche Bedürfnis 
sich ausschießlich auf das Silbergeld erstreckte, weil das weite Feld, 
das in jener Zeit der Geldwirtschaft neu erschlossen wurde, nur für 
das für kleinere Zahlungen geeignete Silber Verwendung hatte, deshalb 
erscheint die Einwirkung der veränderten Produktionsverhältnisse auf 
die Wertrelation der beiden Metalle in noch viel höherem Grade ab- 
geschwächt, als die Einwirkung auf den Geldwert schlechthin. Durch 
die rasch fortschreitende Ausdehnung der Geldwirtschaft auf die unteren 
Schichten der Volkswirtschaft gewann das Silber gegenüber dem Golde 
so sehr an Bedeutung und Verwendbarkeit innerhalb des Geldwesens, 
daß trotz der vielfach stärkeren Vermehrung der Silbergewiunung nur 
eine rchitiv geringfügige Aenderung der Wertrelation zugunsten des 
Goldes eintrat, eine Verschiebung von 1 : 10,75 auf 1 : 12,25. — 

Die Periode von etwa 1620 an zeigte in den wesentlichsten Punkten 
eine umgekehrte Tendenz. Bei abnehmender Silbergewiunung fuhr die 
Goldproduktion fort zu steigen. Gleichzeitig wuchs aus verschiedenen 
Gründen die monetäre Nachfrage nach Gold. Die europäische Welt 
wurde damals durch langwierige und verheerende Kriege heimgesucht, 
und in solchen unsicheren Zeiten ist das Gold, weil es leichter zu 
transportieren und zu verbergen ist, stets mehr gesucht als das Silber. 
Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an kam hinzu der Auf- 
schwung des internationalen Verkehrs und die Vergrößerung der Um- 
sätze. Dadurch wurde in ähnlicher Weise, wie in der vorhergehenden 
Periode durch die Ausdehnung der Geldwirtschaft nach unten hin für 

8* 



116 Erstes Buch. 11. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

das Silber, so jetzt für das Gold ein weiteres Verwendungsgebiet und 
eine stärkere Nachfrage geschaffen. Denn je mehr der internationale 
Verkehr wächst, bei dem es sieh um die Versendung beträchtlicher 
Summen auf große Entfernungen handelt, und je größer die Umsätze 
auch im liilandsverkehr werden, desto stärker wird das Bedürfnis nach 
Zahlungsmitteln, die in kleinem Volumen einen hohen Wert repräsentieren; 
und in dieser Beziehung ist das Gold dem Silber weit überlegen. Nur 
aus dieser Zunahme der Goldnachfrage läßt es sich erklären, daß von 
1620 an das Gold gegenüber dem Silber erheblich im Werte stieg, 
während gleichzeitig der Anteil des Goldes an der Gesamtproduktion 
der beiden Metalle eine nicht unwesentliche Steigerung aufwies. Das 
Wertverhältnis zwischen Silber und Gold ging von 1 : 12,25 in der 
Periode 1601 bis 1620 auf 1 : 14 im Durchschnitt der folgenden 20 Jahre, 
und es hob sich bis auf 1:15,21 im Durchschnitt der Jahre 1701 bis 
1720. Das war die stärkste Veränderung der Relation seit dem Be- 
ginn des Mittelalters, und sie ist auch späterhin nur übertroffen worden 
durch die Silberentwertung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Die Möglichkeit, daß der große Silberzufluß aus der neuen Welt, 
der von 1545 an begonnen hatte, seinen Einfluß auf das Wertverhältnis 
der beiden Metalle erst von etwa 1620 an in vollem Umfange ausübte, 
nachdem sich die jährliche Neuproduktion allmählich zu großen Massen 
aufgestaut hatte, soll bei der Erklärung des ungewöhnlichen Rückgangs 
des Silberwertes nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Gänzlich 
abzulehnen sind dagegen die Versuche, den Umschwung in der Wert- 
relation aus den Einflüssen der staatlichen Münzgesetzgebung zu er- 
klären, also daraus, daß in der in Frage stehenden Periode die Gold- 
münzen in staatlichen Verordnungen gegenüber den Silbermünzen fort- 
gesetzt höher tarifiert worden seien. Der ursächliche Zusammenhang 
ist vielmehr der umgekehrte. Jeder Kenner der damaligen monetären 
Verhältnisse weiß, daß in jener Zeit die staatlichen Tarifierungen von 
Gold- und Silbermünzen nicht nur auf das Wertverhältnis der unge- 
prägten Metalle ohne Einfluß waren, sondern daß sie nicht einmal den 
Wert der geprägten Münzen zu fixieren vermochten. Die Münzen waren 
vielmehr der schwankenden Bewertung des freien Verkehrs unterworfen, 
und die häufigen Aenderungen der offiziellen Tarifierungen der Münzen 
wurden dadurch hervorgerufen, daß die offizielle Bewertung nicht mehr 
im Einklang mit der tatsächlichen Bewertung stand. Weit entfernt, 
die Ursache der veränderten Bewertung der beiden Metalle im freien 
Verkehr zu sein, waren mithin die Veränderungen der gesetzlichen 
Tarifierung damals die Wirkung des veränderten Marktwertes der 
Edelmetalle. 

Während in dem Jahrhundert von 1620 bis 1720 die Wirkung der 
Produktionsverhältnisse auf das Wertverhältnis beträchtlich überboten 
wurde durch Verschiebungen in der monetären Nachfrage nach Gold 
und Silber, übte in den folgenden Jahrzehnten die reiche Goldausbeute 
Brasiliens einen sichtbaren Einfluß aus. Die Wertrelation begann eine 
Veränderung zuungunsten des Goldes zu zeigen. Während sie in dem 
Jahrzehnt 1701 bis 1710 durchschnittlich 1:15,27 gewesen war, stellte 
sie sich 1751 bis 1760 auf 1 : 14,56. Außer der ungewöhnlichen Stei- 



4. Kapitel. Die Wandlangen im monetärea Gebraach der Edelmetalle. § 1. 117 

gerong der Goldgewinnung mag za dieser Veränderung der Umstand 
beigetragen haben, daß der sich immer mehr entwickelnde Verkehr 
mit Indien fortgesetzt große Mengen von Silber absorbierte. 

Abgesehen von der Einwirkung auf das Wertverhältnis, die sich 
bald als vorübergehend herausstellte, hatte die große Steigerung der 
Goldprodnktion die dauernde Folge, daß in dem Lande, das immer mehr 
die Führung in der wirtschaftlichen Entwicklung übernahm, nämlich 
in England, der vorwiegende Gebrauch des Goldgeldes sich einbürgerte. 
Schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Gold in der englischen 
Zirkulation gegenüber dem Silber erheblich an Boden gewonnen. Be- 
günstigt worden war diese Entwicklung, wie oben in anderem Zu- 
sammenhange dargelegt wurde, durch den schlechten Zustand des Silber- 
geldes und nach der Silbermünzreform von 1695 durch das Verhalten 
der öffentlichen Kassen, welche die Goldmünze, die Guinea, zu einem 
höheren Werte in Zahlung nahmen, als der Marktrelation zwischen 
Silber und Gold entsprochen hätte. Bis zum Jahre 1717 war aller- 
dings der Privatverkehr nicht an den Kurs der öffentlichen Kassen 
gebunden; wenn trotzdem die Guinea auch im Privatverkehr zu einem 
im Verhältnis zur Marktrelation der beiden Metalle zu günstigen Kurse 
in Zahlung genommen wurde, so war das nur möglich aufgrund der 
Tatsache, daß die vorgeschrittene englische Volkswirtschaft für das 
Goldgeld ein sich immer mehr erweiterndes Verwendnngsfeld bot. In 
den Jahren 1717 und 1718 wurde dann formell ein Doppelwährungs- 
system eingeführt; die Guinea erhielt einen festen, auch für den Privat- 
verkehr verbindlichen Kurs von 21 Schilling, und dieser Kurs ent- 
sprach einem Wertverhältnisse von 1 : 15,2. Tatsächlich hatte England 
damals schon einen fast ausschließlichen Goldumlauf, und da die neue 
gesetzliche Relation für das Gold gegenüber der Marktrelation immer 
noch zu günstig war, ist auch in der Folgezeit der englischen Zirku- 
lation fast ausschließlich Gold zugeflossen. Von 1701 bis 1816 wurden 
für mehr als 9ü Millionen Pfd. Sterl. Goldmünzen geprägt. Silber- 
münzen dagegen nur für 908 200 Pfd. Sterl.^). 

Bemerkenswert ist, daß die englische Doppelwährung nicht die 
Wirkung hatte, den gegenseitigen Marktwert der Edelmetalle in Ueber- 
einstimmung zu setzen mit der gesetzlichen Relation. Vielmehr ent- 
fernte sich das Wertverhältnis der beiden Metalle auf dem Markte in 
den auf die formelle Einführung der Doppelwährung folgenden Jahr- 
zehnten immer weiter von dem gesetzlichen Wertverhältnisse. Der von 
Soetbeer für das Jahrzehnt 1711 bis 1720 berechnete Durchschnitt 
von 1 : 15,15 kam der gesetzlichen Relation der englischen Doppel- 
währung 1 : 15,2 sehr nahe; aber späterhin veränderte sich die Markt- 
relation bis auf 1 : 14,56 im Durchschnitt des Jahrzehnts 1751 bis 1760. 
England hatte eben in jener Zeit kein Silber abzugeben; es hatte nur 
einen spärlichen und abgenutzten Silbernmlauf. infolgedessen ver- 
mochte es der relativen Wertsteigernng des Silbers nur insoweit ent- 
gegenzuwirken, als es einen großen Teil des neuproduzierten Goldes 



') Kalkraaun, Eni^Iands Uebergfanuf zur Goldwährunj^. Straßbure^ 1895. 
S. 64, 65; Lexis, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Bd. V. S. 39. 



118 Erstes Buch. II. Abschnitt, Die Gestaltung der Edelmetallverhältuisse. 

bereitwillig aufnahm und dadurch den Einfluß der Steigerung der 
Goldproduktion auf den relativen Goldwert einigermaßen paralysierte. 
Der gewaltige Aufschwung der englischen Volkswirtschaft während 
des 18. Jahrhunderts machte eine starke Vermehrung der Geldzirku- 
lation überhaupt und — bei der Größe der Umsätze — speziell des 
Goldumlaufs dringend wünschenswert. 

Auch auf die monetären Verhältnisse der übrigen Länder scheint 
die vermehrte Goldgewinnung um die Mitte des 18. Jahrhunderts einen 
gewissen Einfluß ausgeübt zu haben. Eine Zunahme der Goldzirkulatiou 
scheint damals fast überall eingetreten zu sein, namentlich in den 
wirtschaftlich am meisten entwickelten Ländern wie Frankreich. 

Während jedoch in diesen Ländern der mit dem letzten Drittel 
des 18. Jahrhunderts einsetzende neuerliche Umschwung in den Pro- 
duktionsverhältnissen der Edelmetalle wieder zu einem fast ausschließ- 
lichen Silberumlaufe zurückführte, hat England den einmal gewonnenen 
Goldumlauf auch gegenüber den Wandlungen in der Produktion und im 
Wertverhältuisse der Edelmetalle sich dauernd zu sichern verstanden, 
und zwar durch Maßnahmen, die auf die Einführung der Goldwährung 
hinausliefen und die bereits in dem Kapitel über die Entstehung der 
Goldwährung genauer dargestellt worden sind. Die rasche Abnahme der 
Goldproduktion nach der Erschöpfung der brasilianischen Goldfelder 
führte in Verbindung mit der fortgesetzt steigenden Silbergewinnung von 
neuem zu einer Verschiebung des Wertverhältnisses zuungunsten des 
Sil'uers. In der zuzeiten Hälfte der 90 er Jahre kam die Marktrelation 
auf einem Punkte an, der die Ausprägung von Silber auf der Lon- 
doner Münzstätte und das Einschmelzen der englischen Goldmünzen 
lohnend erscheinen ließ. Da aber die Ersetzung des vorhandenen 
Goldumlaufs durch einen vorwiegenden Silberumlauf in England der 
Regierung und dem Parlamente nicht wünschenswert erschien, wurde 
die Einstellung der bisher formell freien Silberprägung verfügt (1798). 
Bei der Entwicklungsgeschichte der Geldsysteme hat uns dieser Vor- 
gang interessiert, weil er der erste Schritt zur Ausbildung der Gold- 
währung, zur wirksamen Zusammenfassung von Gold- und Silbermünzen 
in einem Systeme war. An dieser Stelle haben wir seine Bedeutung 
für den tatsächlichen Umfang der monetären Verwendung der Edel- 
metalle, insbesondere des Silbers zu würdigen. 

Die Sperrung der englischen Münze für das Silber im Jahre 1798 
war die erste „Demonetisation" des Silbers. Wenn man den Vorgang 
nach seiner rein formalen Seite hin betrachtet, so wurde dem Silber 
ein großes und wichtiges Verwendungsgebiet verschlossen, und es liegt 
deshalb nahe, von einer künstlichen Beschränkung der Silbernachfrage 
vermittelst der Münzgesetzgebung zu sprechen. Die Münzgesetzgebung 
erscheint hier zum ersten Male als unmittelbar bestimmend, in welchem 
Umfange die beiden Metalle zu Geldzwecken verwendet werden sollen, 
und sie scheint dadurch einen direkten Einfluß auf den gegenseitigen 
Wert der beiden Metalle zu gewinnen. Damit taucht die große Streit- 
frage auf, die später die „Währungsfrage" in großem Umfange be- 
herrschen sollte: ob die Münzgesetzgebung die Ursache der Silbereut- 



4. Kapitel. Die Wandlangen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 1. 119 

Wertung gewesen sei, und ob durch die Münzgesetzgebung der Silber- 
wert wieder hergestellt und befestigt werden könne. 

Zur richtigen Beurteilung der Bedeutung, die der Einsteilung der 
englischen Silberpräguug zukommt, sind vor allem folgende Momente 
zu beachten: 

Die Maßnahme, die in formeller Beziehung eine entscheidende 
Aenderung der englischen Münzverfassung bedeutete, war in tat- 
sächlicher Beziehung lediglich eine Aufrechterhaltnrig des bestehenden 
Zustaudes. Der vorhandene Goldumlauf wurde gegenüber der Gefahr 
einer Verdrängung durch das billiger werdende Silber sichergestellt, 
und wie schon bisher, so mußte sich nun auch in Zukunft die englische 
Nachfrage nach Geld ausschließlich auf das Gold richten. Der bestehende 
Zustand wurde durch die Sperrung der Silberprägung gesichert, weil 
er den Bedürfnissen des Verkehrs entsprach und weil nach der all- 
gemeinen Ansicht eine Verdrängung des Goldumlaufs durch einen Silber- 
umlauf den Interessen des englischen Verkehrs entgegen gewesen wäre. 
Durch die Feststellung dieses Verhältnisses wird die Annahme, die Nach- 
frage nach Silber sei durch die Sperrung der englischen Silberprägung 
künstlieh beschränkt worden, in das richtige Licht gesetzt. Die am 
Ende des 18. Jahrhunderts durch den Rückgang des Silberwertes ent- 
stehende Möglichkeit der Silberverwertung durch Ausprägungen in der 
Londoner Münzstätte war nur eine durch die automatische Wirkung 
des bestehenden üoppelwährungssystems geschaffene Absatzmöglichkeit, 
nicht aber eine auf den wirklichen Bedürfnissen des lebendigen Ver- 
kehrs beruhende Nachfrage nach silbernen Zahlungsmitteln. Der 
Gesetzgebungsakt, der die Einstellung der Silberprägung verfügte, 
hat also nicht eine wirklich vorhandene Silbernachfrage künstlich be- 
schränkt; er war vielmehr lediglich der Ausdruck der Tatsache, daß 
der englische Verkehr für die eindringenden Silbermengeu keine Ver- 
wendung hatte. Die Gesetzgebung war also nicht die letzte Ursache 
für die dauernde Beschränkung des Silbergebrauchs im englischen 
Verkehr und für die daraus sich ergebenden Wirkungen auf das Wert- 
verhältnis von Silber und Gold; die Gesetzgebung war vielmehr nur 
das Instrument, durch das sich die Bedürfnisse des \'erkehrs, die 
sich früher unmittelbar in der wechselnden Bewertung von Gold- und 
Silbermünzen äußern konnten, Geltung verschafften. Die Sperrung der 
Silberprägung hat nicht die Nachfrage nach Silber zu Geldzwecken 
beschränkt; vielmehr wurde, weil die Bedürfnisse des englischen Geld- 
verkehrs sich nicht auf das Silber, sondern auf das Gold richteten, die 
Einstellung der Silberprägung verfügt. 

Die entscheidende Bedeutung des ganzen Vorgangs liegt darin, daß 
zum ersten Male ein großes Land, und zwar dasjenige Land, welches 
in der wirtschaftlichen Entwicklung die erste Stellung einnahm, sich 
weigerte, das Silber in beliebigen Mengen, wie sie die jeweilige Pro- 
duktion lieferte, in seinen Geldumlauf aufzunehmen; daß vielmehr eine 
den gegebeneu Unterschieden zwischen Gold und Silber entsprechende 
verschiedene Behandlung der beiden Metalle eintrat, indem das Silber 
auf die Sphäre der kleinen Zahlungen, für die das Gold zn wertvoll 
ist. beschränkt wurde, während die Sphäre der größeren Zahlungen, 



120 Erstes Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverh&ltnisse. 

fUr die das Silber als zu schwer und unbequem erschien, ausschließlich 
dem Golde vorbehalten wurde. Diese Beschränkung^ des Silberg;elde8 
auf einen bestimmten Kreis war gleichzeitig der erste und wichtigste 
Schritt zur Herstellung eines einheitlichen aus Gold- und SilbermUuzen 
bestehenden Geldsy.«tems, So fand in der Goldwährung gleichzeitig 
die bisher noch niemals vollkommen gelungene Zusammenfassung von 
Gold- und Silbermllnzen, wie auch die den Bedürfnissen eines ent- 
wickelten Verkehrs entsprechende Begrenzung des Silberumlaufs eine 
zweckentsprechende Verwirklichung. 

g 2. Die Entiricklnngr bis zn den kalifornischen Goldfanden. 

Außerhalb Englands war im 18. Jahrhundert und in den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis nach einem vor- 
wiegenden Goldumlaufe noch nicht vorhanden. Die kleineren wirtschaft- 
lichen Verhältnisse boten für das Silber noch ein breites Verwendungs- 
feld, und wenn auch das um die Mitte des 18. Jahrhunderts in 
größeren Mengen eindringende Gold keineswegs ungern vom Verkehr 
aufgenommen wurde, so hat doch, als die Abnahme der Goldproduktion 
eintrat, während die Silberproduktion zu steigen fortfuhr, der Verkehr 
ohne merklichen Widerstand auf das Gold verzichtet. Der gemein- 
schaftliche Zag der Entwicklung des Geldwesens auf dem europäischen 
Kontinente in den letzten Jahren des 18. und in der ersten Hälfte des 
19. Jahrhunderts ist die Tatsache, daß das Silbergeld zur fast aus- 
schließlichen Herrschaft kam, so verschieden auch die formelle Geldver- 
fassung in den einzelnen Ländern war. 

In Deutschland war in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts aus dem Chaos des Sortengeldes heraus die Parallelwährung 
hervorgegangen und zur Anerkennung gelangt. In dem MUnzedikte 
Friedrichs des Großen vom 14. Juli 1750, das für die spätere Ent- 
wicklung des deutschen Münzwesens grundlegend geworden ist — es 
führte den Taler mit einem Feingehalte von ^|^^ Köln. Mark Silber ein,^ 
aus dem später unsere Reichsmark hervorgegangen ist, — in diesem 
MUnzedikte wurde zwar der Wert der neuen preußischen Goldmünze, 
des Friedrichsdor, auf 5 Taler in Silber festgesetzt und die genaue 
Beobachtung der „Proportion zwischen Gold und Silber" befohlen 
(Ziffer 11 des Edikts). Aber dasselbe Edikt enthielt bereits die Be- 
stimmung (Ziffer 5), daß alle Verschreibungen auf Goldmünzen in 
Friedrichsdor, alle Verschreibangen auf Silbermünzen in Silberkurant- 
geld konvertiert und dementsprechend bezahlt werden sollten. Gold- 
und Silbermünzen konnten sich mithin als Zahlungsmittel gegenseitig 
nicht vertreten, und damit war die Festsetzung einer festen Relation 
zwischen Gold- und Silbermünzen ihrer wesentlichsten Bedeutung ent- 
kleidet. Schon aufgrund des Edikts von 1750 charakterisierte sich 
mithin die preußische MUnzverfassung nicht als eine Doppelwährung, 
sondern als eine formell freilich nicht ganz konsequent durchgeführte 
Parallelwährung. Der Verkehr beobachtete das Verhältnis 1 Friedrichs- 
dor = 5 Silbertaler von allem Anfang an nicht. Die Relation war 
für das Gold zu ungünstig, und der Friedrichsdor erhielt sofort ein 
Aufgeld gegenüber seinem gesetzlichen Werte in Silbergeld. In der 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. §2. 121 

Folgezeit wurde das feste Verhältnis zwischen Gold- nnd Silbergeld 
auch formell preisgegeben; in einem Reskripte vom 30. Juli 1764 wurde 
ein „Agio" zwischen dem Friedrichsdor und dem Siiberkurantgeld bis 
zur Höhe von 5 Prozent verstattet und die Aufnahme des jeweiligen 
Kurses des Friedrichsdor in den Kurszettel erlaubt. Schließlich be- 
stimmte ein Patent vom 2. Februar 1787, daß die Goldmünzen kein 
durch Gesetz bestimmtes Verhältnis zum Silberkuraut haben sollten, 
sondern „die Bestimmung des Agios" sollte „lediglich der Konkurrenz 
überlassen bleiben". 

In Oesterreich ging die Entwicklung nach derselben Richtung; 
durch ein Edikt vom 21. Februar 1786 hob Kaiser Josef „alle wegen 
Belegung der Geldsorten mit einem Agio ehemals erlassenen Verbote 
und Strafgesetze" auf. Auch in den übrigen deutschen Territorien 
verzichtete man darauf, ein festes Wertverhältnis zwischen Gold und 
SilbermUuzen durchzusetzen. So tarifierte ein im Jahre 1765 zwischen 
den wichtigsten süddeutschen Staaten vereinbarter Münzvertrag den 
Dukaten auf 2 Gulden 10 Kreuzer des 20 Guldenfußes, gestattete aber 
den vertragenden Staaten, „das Aufgeld deren 10 Kreutzer entweder 
in totum oder in tantum abzubrechen". 

Innerhalb dieser formellen Parallelwährung hatte jedoch das Silber- 
geld von Anfang an entschieden das Uebergewicht. Das Silbergeld nahm 
im Umlaufe einen viel größeren Raum ein als das Gold. Es erschien 
ferner in der allgemeinen Auffassung als das eigentliche Landesgeld, 
während die Goldmünzen immer mehr als bloße „Handelsmüuzen" an- 
gesehen wurden. Das kommt deutlich darin zum Ausdruck, daß nur das 
Silbergeld als unveränderliche Werteinheit angesehen wurde, während 
das Goldgeld einen schwankenden Kurs, ein veränderliches Aufgeld gegen- 
über seinem gesetzlichen Normalwerte erhielt. Wie bereits erwähnt, 
wurde im Jahre 1764 die Aufnahme des Friedrichdor in den Kurszettel 
gestattet, und der süddeutsche Münzverein von 1765 bestimmte, daß 
Veränderungen in der offiziellen Tarifierung von Gold- und Silbermünzen 
„niemalen in der Erhöhung des Silbers (als bey dem der 20-Guldenfaß 
ohnabänderlich beyzubehalten ist), sondern alleinig in der Erniedrigung 
des Goldes gesucht werden sollen". Dieser Auffassung entsprach es, 
daß man unter Zahlungsverträgen, die auf Geld ohne nähere Zusatz- 
bestimmungen lauteten, Zahlungsverpflichtungen auf Silbergeld verstand. 
In Preußen bestimmte das Gesetz vom 29. März 1764, das nach den 
Wirren des Siebenjährigen Krieges wieder eine geordnete Geldver- 
fassung herstellte, daß V'erschreibungen auf „Courant" oder auf Geld 
schlechthin in Silberkuraut zu zahlen seien, in Friedrichsdoren nur 
dann, wenn ausdrücklich Gold oder Friedrichsdor bedungen. 

In England hatte sich ein Jahrhundert früher das System der 
Parallelwährung mit einem schwankenden Kurse der Goldmünzen als 
unhaltbar gezeigt; es war geradezu unerträglich geworden, nachdem 
der Goldunilauf den größeren Teil der Zirkulation ausmachte, und des- 
halb war im Jahre 1718 ausdrücklich durch ein Gesetz jede weitere 
Veränderung des Kurses der Guinea untersagt worden. In Deutsch- 
land dagegen lagen die Verhältnisse anders. Bei dem geringeren Volks- 
wohlstande und den kleineren Umsätzen genügte das Silber noch in der 



122 Erstes Blich. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Ansprüchen des Verkehrs in 
durchaus befriedip:ender Weise, und das Fehlen eines stärkeren Gold- 
unilaufs wurde nicht als lästig; empfunden. Da aber das Goldi^eld nur 
in beschränkten Mengen vorhanden war und im Verkehr eine nur 
nebensächliche Holle spielte, erschienen auch die Kursschwankungen 
des Goldireldes als erträglich, zumal da der deutsche Verkehr bei 
der herrschenden Miinzzersplitterung daran gewöhnt war, mit Kurs- 
Teränderungen zahlreicher umlaufender Münzsorten zu rechnen. 

Freilich hat der schwankende Kurs der Goldmünzen in der Folge- 
zeit dazu beigetragen, daß der goldene Teil der deutschen Parallel- 
währung immer mehr verkrüppelte. Da Münzen, von denen niemand 
weiß, wieviel sie am nächsten Tage gelten, nicht gern in Zahlung 
genommen werden, konnte das Goldgeld in sich Deutschland nicht ein- 
bürgern. Die zur Ausprägung gelangten deutschen Goldmünzen wurden 
daher, wie später die Ergebnisse der Einziehung bei der deutschen 
Münzreform zeigten, in sehr viel stärkerem Umfange eingeschmolzen 
und exportiert als die Silbermüuzen, Auch der Rückgang der Gold- 
produktion hat w^esentlich dazu beigetragen, daß der deutsche Gold- 
umlauf in seiner Entwicklung zurückblieb. Das Goldwährungsland 
England zog einen erheblichen Teil des neuen Goldes an sich, und 
Deutschland sah sich, ebenso wie die meisten anderen Kontiuentalstaaten, 
zur Ergänzung seines Geldumlaufs immer mehr auf das iSilber angewiesen. 
So glitt das deutsche Geldwesen unmerklich von der Parallel- 
währung zur reinen Silberwährung hinüber. 

In Preußen wurde im Jahre 1830 dem Silbergeide die Fähigkeit 
beigelegt, bei Zahlung^en an die öffentlichen Kassen, die in Gold fest- 
gelegt waren, den Friedrichsdor zu dem festen Satze von ö^g Taler 
zu vertreten. Im folgenden Jahre erhielt der Friedrichsdor zum gleichen 
Satze Kassenkurs für das Silbergeld, Gleichzeitig ging der preußische 
Staatshaushalt völlig zur Silberrechnung über. Alle Forderungen und 
Leistungen, die bis dahin auf Gold gestellt waren, wurden zum Satze 
von 52/g Taler pro Friedrichsdor in Silbergeld umgerechnet. 

Der süddeutsche Münzvereiu von 1837, der südlich der Maiulinie end- 
lich geordnete Geldverhältnisse schuf, tat der Goldmünzen überhaupt mit 
keinem Worte Erwähnung; ebenso verhielt sich der Dresdener Münz- 
vertrag von 1838, der sämtliche Zollvereinsstaaten umfaßte. Deutlicher 
als durch dieses stillschweigende Ignorieren konnten die Goldmünzen nicht 
als außerhalb der eigentlichen Geldverfassung stehend bezeichnet werden, 
Ihren formellen Abschluß fand die Entwicklung zur Silberwährung 
in dem Wiener Münzvertrage von 1857. In den Verhandlungen, die 
diesem Vertrage vorausgingen, wurde für Deutschland zum ersten Male 
die Währungsfrage aufgerollt. Als im November 1854 in Wien die 
im preußisch -österreichischen Handelsvertrage von 1853 verabredete 
MUnzkonferenz zusammen trat, hatten die Verhältnisse der Edelmetall- 
produktion durch die Entdeckung der kalifornischen und australischen 
Goldfelder bereits eine völlige Umwälzung erfahren. Oesterreich stellte 
den Antrag, das neu zu schaffende deutsche Geldwesen auf der Basis 
der Goldwährung zu begründen, um dadurch den Anschluß Deutsch- 
lands an den Weltverkehr, in dem das Gold vorherrsche, zu ermög- 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebraucli der Edelmetalle. § 2. 123 

liehen. Aber die Vertreter der deutschen Stauten lehnten es ab, auf 
dieser Grundlage zu verhandeln; sie begründeten ihr Verhalten folgender- 
maßen: es habe große Bedenken, alle auf bestimmte Quantitäten Silber 
lautenden Zahlungsverbindlichkeiten nach einem mehr oder minder will- 
kürlichen Verhältnis in solche umzuwandeln, welche in Gold erfüllt 
werden könnten, und das besonders in einer Zeit, in welcher noch eine 
weitere Entwertung des Goldes in Aussicht stehe oder wenigstens all- 
gemein befürchtet werde, in welcher aber jedenfalls der Goldwert noch 
manche Schwankung und Krisis werde durchmachen müssen, ehe er 
einen auch nur annähernden Grad von Festigkeit und Dauer erlangen 
werde. 

Die Meinungsverschiedenheit zwischen Oesterreich und den deutschen 
Staaten schien unüberbrückbar, und infolgedessen wurden die Verhand- 
lungen bis zum Jahre 1856 unterbrochen. Oesterreich entschloß sich 
in der Zwischenzeit, auf die Goldwährung zu verzichten, und so kam 
am 24. Januar 1857 der Wiener Münzvertrag aufgrund der reinen 
Silberwährung zustande. In förmlich demonstrativer Weise prokla- 
mierte der Vertrag das „Festhalten an der reinen Silberwährung". Die 
Prägung aller bisherigen Goldmünzen wurde untersagt, und an ihrer 
Stelle wurden zwei „Vereins-Handels-Goldmünzen" eingeführt, die 
„Krone" und die „halbe Krone" im Feingehalt von 10 bzw. 5 g. Um 
jedoch die Silberwährung gegenüber dieser Goldmünze völlig intakt zu 
halten, wurde vorgeschrieben, daß der Wert der Krone in Landes- 
silberwährung nicht fixiert werden dürfe, sondern dem freien Spiel 
von Angebot und Nachfrage überlassen bleiben müsse. Auch sollte 
diesen Münzen kein dauernder und fester Kassenkurs beigelegt werden 
dürfen; solche Tarifierungen sollten höchstens für sechs Monate Gültigkeit 
haben und dann aufgrund des durchschnittlichen Börsenkurses er- 
neuert werden. Den alten Landesgoldmünzen, deren weitere Prägung 
untersagt wurde, gestand man allerdings auch fernerhin noch einen 
festen Kassenkurs zu; aber die Regierungen sollten darauf Bedacht 
nehmen, diese Münzen allmählig zu beseitigen. 

Auch die außerhalb des Zollvereins stehenden deutschen Staaten 
hatten Silberwährung mit der einzigen Ausnahme der freien Stadt 
Bremen, in welcher eine Goldwährung bestand. 

Die Sitte der Goldzahlung in bestimmten Fällen und Geschäfts- 
zweigen hat sich in den einzelnen deutschen Gebieten in verschiedener 
Stärke erhalten, am meisten in Hannover und Braunschweig; in diesen 
Staaten haben auch weitaus die stärksten Goldprägungen stattgefunden. 
Aber auch hier war das Silber das vorherrschende Zahlungsmittel und 
das eigentliche Landesgeld. 

Im ganzen sind in den Staaten des heutigen Deutschen Reiches 
soweit Nachweisungen vorliegen, in dem Zeiträume von 1764 bis 1871 
ausgeprägt worden (nach Abzug der Wiedereinziehungen): 

Goldmünzeu 530,9 Millionen Mark 

SilberkurantmUnzen 1714,7 „ „ 

Silberscheidemünzen 83,6 „ „ 

Davon befanden sich zur Zeit des Beginns der Münzreforra noch 
in Umlauf: 



] 24 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Goldmünzen 95 Millionen Mark 

SilberkorantraUnzen 1456 „ „ 

Silberscheidemünzen 79 „ „ 

Die Ausprägung von Silbermünzen war mithin nur etwa dreimal 
80 stark wie die Ausprägung von Goldmünzen; die letzteren vermochten 
sich jedoch aufgrund der geschilderten Verhältnisse so wenig im Ver- 
kehr zu halten, daß der tatsächliche Golduralauf Deutschlands im 
Jahre 1871 nur den 16. Teil des Silberumlaufs ausmachte. — 

Während in Deutschland die Entwicklung der Parallelwährung 
zu einem fast ausschließlichen Silberuralaufe und schließlich zur gesetz- 
lichen Proklamierung der Silberwährung führte, kam Frankreich 
innerhalb eines Doppelwährungssystems zu einer vorwiegenden Silber- 
zlrknlatiou. bis die kalifornischen Goldfunde einen Umschwung herbei- 
führten. 

In Frankreich beharrte man während des 17. und 18. Jahrhunderts 
bei den Versuchen, den gegenseitigen Wert der Gold- und SilbermUuzen 
durch gesetzliche Tarifierungen zu fixieren. Diese Tarifierungen wurden 
häufig geändert; denn da sich die Edelmetalle den Verordnungen nicht 
fügten, mußten sich die Verordnungen nach den Schwankungen der 
Marktrelation von Gold und Silber richten, wenn anders man nicht 
auf die Münzen des einen oder des anderen Metalls gänzlich ver- 
zichten wollte. 

Was den tatsächlichen Zustand des französischen Geldumlaufs 
anlangt, so erscheint es sicher, daß die starke brasilianische Gold- 
produktion das Goldgeld beträchtlich vermehrt hat. In den letzten 
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts ist dann, entsprechend der Abnahme 
der Goldgewinnung und der Steigerung der Silberproduktion, ein Um- 
.schwung eingetreten. Die Verschiebung der Marktrelation zugunsten 
des Goldes führte zur Einschmelzung und zum Export der nunmehr 
in der gesetzlichen Relation unterwerteten Goldmünzen, und dieser 
Vorgang gab den Anlaß zu einer neuen Tarifierung, die in der Folge- 
zeit von der größten Bedeutung geworden ist. Auf Veranlassung des 
Ministers Calonne erschien unter dem 30. Oktober 1785 eine „D6claration 
du Koi portant fiiation de la valeur de Tor relativement ä l'argent etc.", 
in welcher eine Verringerung des Feingehaltes der Goldmünzen bei 
gleichbleibendem Nennwerte vorgeschrieben wurde; das der neuen Be- 
messung des Feingehaltes zugrunde gelegte Wertverhältnis von Silber 
und Gold war 1 : 15,5. Diese Tarifierung ist später von der Gesetz- 
gebung der Kepublik beibehalten worden, als diese durch das Gesetz 
vom 7. Germinal des Jahres XI (28. März 1803) das französische Geld- 
wesen aufgrund der Frankenrechnung neu ordnete. 

Es verdient hervorgehoben zu werden, daß in dem französischen 
Münzgesetz von 1803 der Grundsatz der Doppelwährung mit einer 
dauernd festen Tarifierung beider Metalle keineswegs präzis ausge- 
sprochen ist. Das Gesetz begründete die französische Münzverfassung 
vielmehr der Form nach auf das Silber, indem es erklärte: „Fünf 
Gramm Silber von »/j^ Feinheit bilden die Münzeinheit", Das Gold 
kam nur snbsidiär hinzu in der Form, daß das Gesetz vorschrieb: „Es 
werden Goldstücke von 20 und 50 Frs. geprägt". Der ursprüngliche 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebraach der Edelmetalle. § 3. 125 

Entwurf enthielt sogar den ausdrücklichen Vorbehalt, daß die Gold- 
stücke (nicht aber die Silberstücke) eventuell in ihrem Feingehalte 
geändert werden könnten. Eine solche Aenderung ist jedoch niemals 
erfolgt, und da den Goldmünzen und SilbermUnzen in gleicher Weise 
der Charakter als gesetzliches Zahlungsmittel zukam und sie sich bei 
den Zahlungsleistungen gegenseitig zu ihrem Nennwerte vertreten konnten, 
da ferner beide Metalle gegen eine mäßige Münzgebühr frei ausprägbar 
waren, ist das französische Müuzsystem des Jahres 1803 als eine 
Doj)pelwährung zu bezeichnen. 

Das Wertverhältnis von 1 : 15,5 war, als es von Calonue ein- 
geführt wurde, für das Gold erheblich zu günstig gegriffen. Die Ent- 
wertung des Silbers jedoch, die im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts 
begann und in England zur Einstellung der freien Silherprägung führte, 
brachte am Anfange des 19. Jahrhunderts, zur Zeit als das Münzgesetz 
von 1803 erlassen wurde, das Marktverhältnis in annähernde Ueber- 
einstimmung mit der gesetzlichen Relation der französischen Doppel- 
währung. 

Der Rückgang des relativen Silberwertes setzte sich jedoch in der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort. Die weitere Abnahme der 
Goldproduktion, die sich bis in die 20 er Jahre hinein erstreckte, wirkte 
zusammen mit der erfahrungsgemäß in kriegerischen Zeiten steigenden 
Golduachfrage. Vom zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts au zeigte 
allerdings der Anteil des Goldes au der Produktion beider Edelmetalle 
eine Zunahme, und auch das Wertverhältnis zeigte eine vorübergehende 
Veränderung zugunsten des Silbers. Der Goldbedarf Englands, das am 
Ende des 18. Jahrhunderts in die Papiergeldwirtschaft geraten war und 
nunmehr durch umfangreiche Goldbeschaffungen die Wiederaufnahme 
der Barzahlungen vorbereitete, führte jedoch bald zu einer neuen 
Steigerung des relativen Goldwertes. Dazu kam als ein immer wich- 
tigeres Moment die großartige Entwicklung des internationalen Verkehrs, 
innerhalb dessen der englische Goldsovereign in großem Umfange an 
die Stelle des spanischen Silberpiasters trat. 

Diese Ursache bewirkte, daß trotz der nachhaltigen Steigerung 
der Goldgewinnung von den 20er Jahren an das Wertverhältuis auf 
dem Markte für das Gold dauernd günstiger war, als die gesetzliche 
Relation in Frankreich. Namentlich in den 40 er Jahren zeigte sich 
eine ausgesprochene Tendenz zur weiteren Verringerung des Silber- 
wertes. Der Londoner Silberpreis sank im Jahre 1848 bis auf 587a ^» 
entsprechend einem Wertverhältuis von 1:16,12. Auch auf der Pariser 
Börse ging der Goldpreis fortgesetzt in die Höhe. Gold und Silber 
wurden dort in Promillen „prime" und „perte" auf den Münzpreis ge- 
handelt. Der Aufschlag für Gold überstieg bereits im Jahre 1847 zeit- 
weise die Höhe von 20 Promille. Aus dem durchschnittlichen Gold- 
und Silberpreise des Jahres 1848 ergibt sich ein Wertverhältnis von 
1 : 15,94. Zeitweise stieg in jenem Jahre infolge der politischen Wirreu 
der Aufschlag für Gold auf 65 Promille, während der höchste Aufschlag 
für Silber nur 3 Promille betrug; das sich daraus ergebende Wert- 
f erhältnis ist 1 : 16,66. 



126 Erstes Buch. II, Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallyerhältiiisse. 

Die Folge war, daß die große Vermehrang, welche die französische 
Zirknlatiou iu jener Periode erfuhr, ausschließlich auf das Silber entfiel, 
während der Goldumlauf durch Einschmelzung und Export immer mehr 
zusammenschrumpfte. Von 183Ü bis 1847 (für die frühere Zeit existieren 
keine Zahlen) weist die französische Handelsstatistik eine überwiegende 
Ausfuhr von Gold auf. In 13 von den 18 Jahren war eine Mehrausfuhr von 
Gold zu verzeichnen. Insgesamt betrug der Ausfuhrüberschuß von Gold 
73 Millionen Frs. Dazu kommen die Beträge, die heimlich oder unter 
falscher Deklaration ausgeführt worden sind, und der ganze industrielle 
Goldverbrauch in Frankreich selbst. In der gleichen Zeit fand ein 
ununterbrochener Zufluß von Silber statt, der sich (nach Abzug der 
gleichzeitigen Ausfuhr) auf 1692 Millionen Frs, stellte. 

Die Silberpräguiigen auf den französischen Münzstätten beliefen 
sich von 1820 bis 1850 auf 3186,5 Millionen Frs,, die gleichzeitigen 
Goldprägungen dagegen nur auf 483,4 Millionen Frs.; von 1842 bis 
1847 wurden nur für 17,3 Millionen Frs, Goldmünzen geschlagen bei 
einer gleichzeitigen Silberprägung von 427,8 Millionen Frs, Die Zahlen 
der Goldausfuhr zeigen, daß die gleichzeitigen Einschmelzungen von 
Goldmünzen die Ausprägungen beträchtlich überwogen haben. Das 
Goldgeld, das in Zirkulation blieb, erhielt ein Aufgeld, Die goldnen 
Zwanzigfraukeustücke notierten an der Pariser Börse ein Aufgeld, dessen 
Höchstbetrag in normalen Zeiten zwischen etwa 10 und 20 Promille 
schwankte und das in der Verwirrung des Jahres 1848 sogar bis auf 
120 Promille stiegt). 

Gegenüber den Schwankungen der Marktelation von Gold und 
Silber gelang es mithin der französischen Doppelwährung weder die 
Goldmünzen einwandfrei in das Geldsystem einzufügen, noch die beiden 
Metalle gleichberechtigt im Umlaufe zu erhalten. Gegen die Mitte des 
19. Jahrhunderts bestand die französische Zirkulation aus einem durch- 
aus überwiegenden Silberumlaufe und einem geringen Vorrate von Gold- 
münzen mit schwankendem Aufgelde. Auch hier ist also das Silber in 
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder zur nahezu ausschließ- 
lichen Herrschaft gelangt. 

Aehnlich wie in Frankreich entwickelten sich die Verhältnisse in 
denjenigen Ländern, welche das französische Frankensystem adoptierten, 
in Belgien, in der Schweiz und in Italien; nur daß in diesen 
Ländern die Silberwährung ausdrücklich anerkannt wurde. So nahm 
das belgische Münzgesetz vom 5. Juni 1832 den Silberfranken als 
Münzeinheit an, ohne die Prägung von Goldfranken anzuordnen oder 
zuzulassen. — 

Die Vorherrschaft des Silbers auf dem europäischen Kontinente 
während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der feste Glaube 
an die Dauer dieses Zustandes wird am besten charakterisiert durch 
eine münzpolitische Maßregel, zu der die Niederlande sich im 
Jahre 1847, am Vorabend der gewaltigen Umwälzung der Edelmetall- 
und Währungsverhältnisse, entschlossen. 



^) Vgl. Lexis, Art. „Doppelwährung" im Handwörterbuch der Staatswissen- 
schaften, 3. Aufl., Bd, III, S, 562, 



4. Kapitel. Die ■Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 2. 127 

Von allen mitteleuropäischen Staaten hatten in der ersten Hälfte 
des 19, Jahrhunderts die Niederlande allein einen auseliulichen Gold- 
umlauf. Durch ein Gesetz vom 28. September 18 IG hatten sie eine 
Doppelwährung angenommen, der eine Relation von 1 : 15,873 zugrunde 
lag. in dieser Relation war das Gold im Verhältnis zur Marktrelation 
zu hoch bewertet, Die Folge davon war, daß in Holland ausschließ- 
lich Gold und überhaupt kein Silbergeld geprägt wurde. Wenn trotz- 
dem die Einziehungen gelegentlich der holländischen Münzreform um 
die Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 94 Millionen Fl. in Silber und nur 
50 Millionen Fl. in Gold ergaben, so kam das daher, daß die alten Silber- 
münzen zu stark abgenutzt waren, als daß sie die Einschnielzuiig und 
den Export gelohnt hätten, während umgekehrt von dem Goldgelde, 
das ausschließlieh den Verkehr mit dem Auslande vermittelte, stets erheb- 
liche Beiträge wieder abflössen. Von 1816 bis 1847 waren 172 Millionen 
Fl. in Gold ausgemünzt worden, von denen, wie oben erwähnt, 1847 
nur noch 50 Millionen Fl. vorhanden waren. Trotz der starken Gold- 
prägungen galt in der öffentlichen Meinung das Silber nach wie vor 
als das eigentliche Geld, das den Sitten und Gebräuchen des Landes 
am meisten entspreche. Die Erkenntnis, daß bei dem bestehenden 
Wertverhältnis die Zulassung des Goldes eine nachhaltige Verbesserung 
des Silberumlaufs unmöglich mache, hat schließlich eine gegen das Gold 
gerichtete Münzgesetzgebung hervorgerufen. 

Nach langwierigen Verhandlungen kam am 26. November 1847 
ein MUnzgesetz zustande, das anstelle der formell bestehenden 
Doppelwährung eine reine Silberwährung einführte. In der Durch- 
führung dieses Gesetzes wurde im Jahre 1850 das umlaufende Gold- 
geld eingezogen und unter erheblichen Kosten durch einen Silberum- 
lauf ersetzt. 

Deutlicher als durch diese holländische Münzreform konnte die 
allgemeine Auffassung, daß für absehbare Zeit das Silber das Geld- 
metall des europäischen Kontinents sein werde, nicht zum Ausdruck 
gebracht werden. 

Im Gegensatze zu der geschilderten Entwicklung in den europä- 
ischen Staaten vollzogen sich die Dinge in den Vereinigten Staaten 
von Amerika. 

Die amerikanische Geldverfassung beruhte ursprünglich auf dem 
Gesetze vom 2. April 1792. Dieses Gesetz bestimmte, daß der verhältnis- 
mäßige Wert von Gold und Silber in allen Münzen der Vereinigten 
Staaten 15:1 sein sollte, daß die Gold- und Silbermünzen gesetzliches 
Zahlungsmittel bei jeder Art von Zahlung sein sollten und daß die 
Münzanstalten für jedermann unentgeltlich Gold- und Silbermiinzen 
ausprägen sollten. In diesen Bestimmungen war die Doppelwährung 
formell in vollendeterer Weise proklamiert, als vorher in England und 
später in Frankreich. 

Das Wertverhältnis von 15 : 1 entsprach bei seiner Einführung 
ungefähr der Relation auf dem Weltmarkte. Aber der Rückgang des 
relativen Silberwertes, der in England die Veranlassung zur Begründung 
der Goldwährung gab, während er in Frankreich zu einem über- 



128 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

wiegenden Silberumlaufe führte, erzeugte bald eine Differenz zwischen 
der Marktreiation und dem Wertverbältnisse des amerikanischen Münz- 
gesetzes. Infolgedessen gewann auch in den Vereinigten Staaten der 
Silberumlauf die ausschließliche Herrschaft. Die wenigen Goldmünzen, 
die sich im amerikanischen Umlauf hielten, bekamen ein Auf- 
geld, das in den 20 er Jahren des 19. Jahrhunderts bis auf 5 Prozent 
stieg. Der größte Teil des amerikanischen Geldumlaufs bestand aus 
fremden Sibermüuzeu, namentlich aus spanischen Piastern, die zu einem 
gesetzlich festgestellten Kurse zirkulierten. 

ßei der frühzeitigen Entwicklung der amerikanischen Volkswirt- 
schaft und bei den lebhaften Verkehrsbeziehungen zu England wurde 
der Gokiumlauf nur ungern vermißt. Um die Schaffung und Erhaltung 
eines Goldumlaufs zu ermöglichen, wurde durch ein Gesetz vom 28. Juni 
183-4 der Feingehalt des Golddoilar so weit verringert, daß das Wert- 
verhältuis der amerikanischen Doppelwährung sich auf 1 : 16 stellte. 

Damit war die gesetzliche Relation wieder in leidliche Ueberein- 
stimmuug mit dem Wertverhältnisse auf dem Markte gebracht, und 
während einiger Jahre hielten sich Gold- und Silberprägungen unge- 
fähr die Wage. Vom Beginne der 40 er Jahre an gewannen jedoch 
die Goldprägungen das Uebergewicht, und der von 1848 an eintretende 
Kückgaug des Goldwertes bewirkte, daß sich einheimische Silbermünzen 
bald nur noch mit Aufgeld im Verkehr hielten und daß neben ihnen 
zahlreiche ausländische Silbermünzen, die mit schwankendem Kurswerte 
umliefen, den Dienst von Scheidemünzen versahen. 

So hatte sich schließlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts über- 
all ein stark überwiegender Umlauf des einen oder des anderen der 
beiden Edelmetalle herausgebildet, und zwar ebenso sehr in den Ländern 
mit gesetzlicher Doppelwährung, wie in den Ländern, deren Gesetz- 
gebung die einfache Währung — sei es die Goldwährung oder Silber- 
währuug — sanktioniert hatte. 

Bei dieser Verteilung der beiden Metalle herrschte das Silbergeld 
unbedingt vor auf dem europäischen Kontinente und in dem größten 
Teile der außereuropäischen Welt, namentlich in den großen Staaten 
Asiens, in Vorder- und Hinteriudien, in China und Japan. Neben 
England hatten nur einige kleinere Staaten, wie Portugal, ferner die 
Vereinigten Staaten von Amerika und englische Kolonien, wie Kanada 
nnd Australien, einen überwiegenden, aber an sich anbedeutenden 
Goldumlauf. 

Diese ungleiche Teilung der Welt in Gold- und Silberländer schien 
durch den Stand der Edelmetallproduktion für längere Zeit festgelegt 
zu sein. Die geringfügige Vermehrung des Weltgoldbestandes durch 
die damalige Goldproduklion ließ — von einem Uebergang zur Gold- 
währung gar nicht zu reden — einen ausgiebigeren Gebrauch des Goldes 
zu Geldzwecken selbst dort unmöglich erscheinen, wo die Doppelwäh- 
rung Gold und Silber formell auf gleichem Fuße behandelte. So sehr 
auch gerade in den 30er und 40 er Jahren des 19. Jahrhunderts der 
aus der steigenden Verwendung der Dampfkraft hervorgegangene Auf- 
schwung alier wirtschaftlichen Verhältnisse eine stärkere Verwendung 
von Goldgeld für die Länder des europäischen Kontinents als wünschens- 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 3. 129 

wert erscheinen ließ: praktische Folgen für die internationalen Wäh- 
rungsverhältnisse und für die MUnzpolitik der einzelnen Staaten konnten 
sich daraus nicht ergeben, solange nicht genug Gold vorhanden war, 
um den Platz des Silbers im Geldumlaufe auszufüllen. 

§ 3, Die kalifornischen und australischen Goldfunde und ihre Wirkung 
auf den Edelmetallmarkt. 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bewirkte ein Zusammentreffen 
verschiedener Ereignisse eine vollständige Umwälzung sowohl in den 
Produktions- als auch in den Nachfrageverhältnissen der beiden Edel- 
metalle. 

Die enorme Zunahme der Goldgewinnung infolge der Entdeckung 
der Goldfelder in Kalifornien und Australien ist bereits dargestellt 
worden. In den zwei Jahrzehnten von 1850 bis 1870 wurde Gold pro- 
duziert im Gewicht von nahezu 4 Millionen kg und im Werte von 
fast 11 Milliarden Goldniark. Diese Vermehrung des Weltgoldvorrates 
war größer als im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts der Gold- 
uralauf in Deutschland, Frankreich und England zusammen genommen, 
der insgesamt nur etwa 10 Milliarden Goldmark erreichte. Der Kultur- 
welt war auf einen Schlag das Material für eine erhebliche Ausdehnung 
lies Gebrauches von Goldgeld zur Verfügung gestellt, und das in einer 
Zeit, in der ein glänzender Aufschwung der Produktions- und Traus- 
porttechuik überall auf wirtschaftlichem Gebiete die Verhältnisse ins 
Kiesenhafte wachsen ließ, in der durch die Vergrößerung der Umsätze 
und die Steigerung des Verkehrs ein wertvolleres und deshalb be- 
quemeres Zahlungsmittel als das Silber immer mehr als ein dringendes 
Bedürfnis erschien. 

Gleichzeitig mit dem enormen Neuangebot von Gold trat eine be- 
trächtliche Steigerung der Nachfrage nach Silber ein und zwar zur 
Versendung nach Asien. Der Bedarf war teilweise verursacht durch 
große indische Silberanleihen, die zu Eisenbahnbauten, zur Bekämpfung 
der häufig wiederkehrenden Hungersnot und zur Unterdrückung des 
großen Eingeborenenaufstandes von 1857 aufgenommen wurden. Zum 
anderen Teil lag der Grund der vermehrten Silberverschiffungen in der 
gesteigerten indischen Ausfuhr. Vor allem machte der amerikanische 
Bürgerkrieg für einige Jahre die Zufuhr von Baumwolle aus den Süd- 
staaten der Union unmöglich, und die europäische Baumwollindustrie 
sah sich dadurch genötigt, Ersatz in der indischen Baumwolle zu suchen. 
Indiens Mehrausfuhr von Waren entwickelte sich in jener Zeit folgender- 
maßen: 

Mehrausfuhr von Waren 
Durchschnittlich pro Fiskaljahr (1000 Rupien) 

18-10;41 - 1849/50 65 170 

1850/51 — 1859/60 88 240 

1860/61—1864/65 254 110 

1865/66-1869/70 201000 

Aufgrund dieser Verhältnisse nahm die Silberausfuhr nach Indien 
einen gewaltigen Umfang an. In einzelnen Jahren überstieg Indiens 

Helfferioh. Da« Otld. 



130 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 



Nettoeiufuhr von Silber die gesamte gleichzeitige Neuproduktion der 
Erde, wie sich ans nachstehender Zusammstellung ergibt. 











Ueberschnß der 


Perioden 


Silber- 


Mehreinfuhr 


von Silber 


Silberproduktion 


produktion 


in Indien 


über die indische 


(Durohschnittl.) 








Silbereinfuhr 




kg 


1000 Rupien 


kg^) 


kg 


1841— 18Ö0 


780 415 


15 325 


163 900 


616 515 


1851 — 1855 


886 115 


21846 


233 650 


65 y 465 


1856—1860 


904 990 


100 725 


1 077 380 


- 172 390 


1861—1865 


1 101 150 


99 680 


1066 100 


35 050 


1866—1870 


1 339 085 


94 290 


1 008 450 


350 050 



In der zweiten Hälfte der 50er Jahre hat Indien etwa 172 000 kg 
Silber pro Jahr mehr absorbiert, als gleichzeitig neu produziert wurde, 
und auch in der ersten Hälfte der 60 er Jahre blieb für die Welt 
außerhalb Indiens nur ein ganz unbedeutender Teil (etwa 3,2 Prozent) 
der Silberproduktion verfügbar. Ihren höchsten Betrag erreichte die 
indische Mehreiufuhr von Silber im Fiskaljahre 1865/66 mit 
186 687 000 Kupien = etwa 2 Millionen kg Silber bei einer Welt- 
produktion von nur etwa 1,2 Millionen kg. Die folgenden Jahre 
brachten dann eine rasche und starke Abnahme der indischen Silber- 
nachfrage. 

Die gesteigerte Goldgewinnung und die vermehrte Silbernachfrage 
bewirkten zunächst einen Umschwung im Wertverhältuisse der beiden 
Edelmetalle. Während seit dem Ende des 18. Jahrhunderts der Silber- 
wert gegenüber dem Werte des Goldes eine im großen Ganzen sinkende 
Tendenz gezeigt hatte, fing er jetzt an in die Höhe zu gehen. Die 
Notierung des Silbers in London zeigte eine steigende Bewegung 
(vgl. Tabelle auf S. 112). Der Durchschnittspreis des Jahres 1859 war 
62 7]6 d, das entsprechende Wertverhältnis 1 : 15,19. Der höchste Silber- 
preis war 62'/^ d, entsprechend einem Wertverhältnisse von 1 : 15,03. 
Die Steigerung des Silberwertes übertrug sich auf Frankreich. Von 
1850 an zeigte die bisher nur unbedeutende „prime" auf Silber eine 
beträchtliche Steigerung, und anstelle des Aufschlags auf Gold wurde 
während längerer Zeiträume „perte" notiert. Der Silberpreis erreichte 
seinen höchsten Stand im Laufe des Jahres 1864 mit 38 Promille 
Prämie; aus dieser Notierung und dem gleichzeitigen Goldpreise ergab 
sich ein Wertverhältnis von 15,15 : 1. 

Sowohl auf dem Londoner Silbermarkte als auch in Paris selbst 
sank mithin das Gold gegenüber dem Silber beträchtlich unter die der 
französischen Doppelwährung zugrunde liegende Relation. 

§ 4. Die iLUsdehnung des Goldumlanfs und ihre Bückwirkung 
auf den Wert der Edelmetalle. 

Die nächste Folge des Umschwunges im Wertverhältnisse der Edel- 
metalle war eine entsprechende Umwälzung im französischen Müuz- 
umlaufe. Im Gegensatz zu den bisherigen Verhältnissen wurde es 

1) 93,5 Kupien = 1 kg Silber. 



4. Kapitel, Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. §4. 131 

lohnend, Gold zur Ausprägung nach den französischen Münzstätten zu 
bringen und Silbergeld einzuschmelzen und zu exportieren. Die Gold- 
prägungen nahmen vom Jahre 1851 einen gewaltigen Umfang an, 
während die Silberausralinzungen zeitweise bis zur völligen Bedeutungs- 
losigkeit zusammenschrumpften. Von 1851 bis 1866 betrugen die fran- 
aösischeu Goldprägungen 56ü8 Millionen Frs., die Silberkurantprägungen 
nur 268,6 Millionen Frs. Der höchste Jahresbetrag der Goldausmün- 
zungen fällt auf das Jahr 1859 mit 702,7 Millionen Frs. Die geringste 
Silberkurantprägung fand statt im Jahre 1864: mit 160840 Frs. Wäh- 
rend der zehn Jahre 1857 bis 1866 wurde insgesamt nur für 
35,1 Millionen Frs. Silberkurantgeld geprägt. 

Diese Zahlen erhalten ihre Ergänzung durch die Statistik des 
französischen Edelmetallverkehrs. Folgende Uebersicht veranschaulicht 
den Umschwung, der sich hier vollzog: 





Gold 


Silber 


Jahre 


Mehreinfuhr | Mehrausfuhr 


Mehreinfuhr | Mehrausfuhr 




Millionen Frs. 


Millionen Frs. 


1830—1847 


_ 


73 


1692 





1848-1851 


146 


— 


609 


— 


1852—1864 


3 377 


— 


— 


1726 


1865—1870 


1630 


— 


562 


— 



Während in der Periode 1830 bis 1847 bei starkem Silberzuflusse 
Gold überwiegend exportiert worden war, brachte die Uebergangszeit 
1848 bis 1851 eine Mehreinfuhr von Gold bei einem immer noch starken 
Silberzuflusse. Die Periode 1852 bis 1864 wies Jahr für Jahr eine 
beträchtliche Mehrausfuhr von Silber auf, die sich insgesamt auf 
1'/^ Milliarde Frs. belief. Gleichzeitig erfolgte eine außerordentlich 
itarke Einfuhr von Gold. Die letztere setzte sich in den Jahren 1865 
bis 1870 noch fort, während infolge des damals sich bereits bemerkbar 
machenden neuen Rückganges des Silberwertes auch wieder Silber in 
größeren Mengen nach Frankreich gebracht wurde. 

Die starken Silberexporte der Jahre 1852 bis 1864 zehrten in 
Verbindung mit dem industriellen Verbrauche von Silber den größeren 
Teil der französischen Silberzirkulation auf. Das eindringende Gold bot 
dafür cluen überreichlichen Ersatz. So verwandelte sich binnen weniger 
Jahre der fast ausschließliche Silberumlauf in einen stark überwiegen- 
den Goldumlauf, dank der automatischen Wirkung der französischen 
Doppelwährung, die, sobald der Silberwert über die Relation von 
1 : 15,5 stieg, das Gold zuströmen und das Silber abfließen ließ. 

Zweifellos hat das französische Geldwesen in jener Zeit einer 
völligen Umwälzung der Edelmetallproduktion und -Verteilung einen 
ausgleichenden Einfluß auf das Wertverhältnis der Metalle ausgeübt. 
Dadurch, daß Frankreich der gesteigerten Silbernachfrage den größten 
Teil des eignen großen Silberumlaufes zur Verfügung stellte und 
daß es anstelle des abfließenden Silbers das neu produzierte Gold in 
großen Massen aufnahm, wirkte es der Veränderung des Wertverhält- 
nisses zuungunsten des Goldes und zugunsten des Silbers entgegen. 

9* 



132 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse, 

Während der Gewichtsanteil des Goldes au der Produktion beider Edel- 
metalle von etwa 3 Prozent auf mehr als 18 Prozent stieg, ging der Londoner 
Silberpreis in seiner größten Spannung von öS'/g d auf 62'/^ d in die 
Höhe, d. h. der Goldpreis des Silber stieg nur um etwa 7,3 Prozent. 

Wir haben es hier jedoch nicht mit einer Wirkung zu tun, die 
das Doppelwährungssystem an sich und unter allen Umständen ausüben 
muß. Die Betätigung dieser ausgleichenden Wirkung war vielmehr an 
ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden. Erstens daran, daß Frank- 
reich, als die Umwandlung in den Verhältnissen des Edelmetallmarktes 
begann, einen großen Silberumlauf angesammelt hatte, den es im Aus- 
tausch gegen das neue Gold der gesteigerten Silbernachfrage zur Ver- 
fügung stellen konnte; wäre anstelle der Steigerung der Goldproduktiou 
und der Silbernachfrage eine ähnliche Steigerung der Silbergewinnung 
und des Goldbedarfs getreten, dann wäre die französische Doppelwährung, 
da sie mit Silber gesättigt und arm an Gold war, gänzlich außerstande 
gewesen, den Einfluß dieser Verhältnisse auf die Wertrelation der beiden 
Metalle zu brechen. Die zweite Voraussetzung war, daß der Uebergang 
von einer Silber- zu einer Goldzirkulation den Interessen des fran- 
zösischen Verkehrs entsprach und daß infolgedessen Frankreich den 
Austausch von Silber gegen Gold ruhig über sich ergehen ließ. Wo 
die automatischen Wirkungen der Doppelwährung den Bedürfnissen des 
Verkehrs widersprochen haben, dort hat nirgends die Rücksicht 
auf ihre ausgleichende Wirkung auf das Wertverhältnis der Edelmetalle 
die Gesetzgebung davon abgehalten, über die Doppelwährung den Stab 
zu brechen. So hat England im Jahre 1797, als ihm die Doppel- 
währung einen Silberumlauf anstelle seines Goldumlaufs zu bringen 
drohte, durch die Sperrung der Silberprägung die Doppelwährung be- 
seitigt, und ebenso hat sich später Frankreich verhalten, als bei dem 
neuen Preisrückgange des Silbers die Doppelwährung seinen kaum 
gewonnenen Goldumlauf bedrohte. 

Wie sehr um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem europäischen 
Kontinente der Boden für das Goldgeld durch die allgemeine wirtschaft- 
liche Entwicklung vorbereitet w^ar, zeigt sich daran, daß nicht nur in 
Frankreich, wo das Gold aufgrund der Doppelwährung ohne weiteres Ein- 
gang fand, sich eine umfangreiche Goldzirkulation bildete, sondern auch in 
Ländern, deren Münzverfassung formell für das Gold keinen Raum hatte. 

Zunächst drangen die neuen französischen Goldmünzen in den- 
jenigen Ländern ein, welche das Frankensystem auf der Basis der reinen 
Silberwährung angenommen hatten, in Belgien, der Schweiz und Italien. 
Ueberall befreundete sich der Verkehr sofort mit dem Golde, und, weit 
entfernt, Maßregeln gegen das Goldgeld zu verlangen, das die nationale 
Geldverfassung bedrohte, verlangte und erreichte die öffentliche Meinung 
tiberall seine gesetzliche Zulassung. Auch in Deutschland nahm der 
Umlauf ausländischer Goldmünzen, namentlich französischer Zwanzig- 
frankenstücke, in jener Zeit stark überhand, unbeschadet der im Wiener 
Münzvertrag von 1857 feierlich proklamierten Silberwährung. 

Diese Gegenwirkungen gegen die starke Vermehrung der Gold- 
gewinnung wurden in der ersten Zeit nach den kalifornischen Gold- 
funden vielfach übersehen. Obwohl der Verkehr überall das neue Gold 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 5. 133 

bereitwillig aufnahm, fehlte es nicht au Leuten, die diese Umwälzung 
mit groben Bedenken ansahen. Der französische Nationalökonom 
Michael Chevalier prophezeite eine beträchtliche Entwertung des 
Goldes als unausbleibliche Folge der Goldfunde und riet, das in seinem 
Werte bedrohte Metall als Geldstoff abzuschaffen und zur reinen Silber- 
währung überzugehen. Aehnliche Stimmen ließen sich selbst in England 
vernehmen. Nur wenige erkannten bereits damals, daß die vermehrte 
Goldgewinnung zu einer stärkeren Verwendung des Goldes als des 
tauglicheren und dem modernen Verkehr besser entsprechenden Geld- 
stoffes führen und dadurch von selbst jeder starken Entwertung ent- 
gegenwirken werde. Der erste, welcher diese Ansicht vertrat, bereits 
in den fünfziger Jahren, war der Deutsche Adolf Soetbeer. 

Der Gang der Dinge hat Soetbeers Auff'assung bestätigt. Nie- 
mand dachte im Ernst daran, dem eindringenden Golde in ähnlicher 
Weise die Tür zu schließen, wie England am Ende des 18. Jahrhunderts 
dem Silber. Allgemein wurde der Goldumlauf gegenüber dem schweren 
und unbequemen Silbergeide als eine Wohltat empfunden, und in dieser 
Tatsache, nicht in dem formalen Mechanismus der französischen Doppel- 
währung, ist der tiefere Grund dafür zu erblicken, daß der Wert von 
Gold und Silber unter dem Einflüsse der veränderten Produktionsver- 
hältnisse nicht weiter auseinanderging. 

Im Verhältnis zu den übrigen Gütern hat allerdings das Gold 
infolge der gewaltigen Produktionssteigerung eine gewisse Entwertung 
erfahren, die sich bis zum Jahre 1873 erstreckte. Die meisten Waren- 
preise haben in jener Zeit, trotz der Verbesserung und Verbilligung 
der Produktion und des Transports durch technische Fortschritte, eine 
wesentliche Steigerung aufgewiesen. Nach der Statistik des Londoner 
„Economist" ist die Durchschnittszahl (index number) aus 22 wichtigen 
Warenpreisen von 1845— 50 bis 1873 von 100 auf 134 Prozent ge- 
stiegen. Aber infolge der Verknüpfung mit dem Schicksale des Goldes 
hat gleichzeitig auch das Silber ungefähr in dem gleichen Maße an 
Kaufkraft verloren. Das zeigt sich darin, daß nicht nur die in London 
nach Goldgeld berechneten Warenpreise eine Steigerung erfuhren, 
fiondern daß auch die Preise in Silberwährungsländern sich nach derselben 
Richtung entwickelten. Na3h einer Statistik, die Soetbeer aufgrund 
der hamburgischen Preise aufgestellt hat, ist die Verhältuiszahl von 100 
in den Jahren von 1847—50 auf 127,75 im Jahre 1871, dem letzten 
Jahre der deutschen Silberwährung gestiegen. Die vermehrte Gold- 
produktion hat mithin schon damals ihren Einfluß nicht nur auf den 
Wert des Goldes, sondern auch auf den Wert des für Indien stark 
gefragten Silbers ausgeübt, da das neue Gold für die europäischen 
Länder einen willkommenen Ersatz für das Silber darstellte und mithin 
das Silber in großem Umfange entbehrlich machte. 

§ 5. Die Maßregeln der DoppeliriUirnnsrsländer zur Erhaltung 
eines aasreichenden Silbernmlanfs. 

Der Fortschritt, welcher in der Ersetzung des Silberumlaufes durch 
eine Goldzirkulation bestand, war allerdings nicht ganz frei von ge- 
wissen unangenehmen Nebenwirkungen. Wo die Doppelwährung für 



134 Erstes Buch. U. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelinetallyerhältnisse. 

das Eindringen des Goldes einen gesetzlichen Boden gew.ährte, nahm 
die Verdrängung des Silbers einen solchen Umfang an, daß sich bald 
ein emptindlicher Maugel an Silbermünzeu für den kleinen Verkehr 
fühlbar machte. Am frühesten zeigte sieh das — wie bereits erwähnt 
— in den Vereinigten Staaten, deren Doppelwährung das Gold noch 
wesentlich höher bewertete, als die Doppelwährung Frankreichs. Dann 
machten sich dieselben Mißstände in Frankreich und den übrigen 
Ländern der Frankenrechnung geltend. Sowohl diesseits als auch 
jenseits des Ozeans stellte sich die Notwendigkeit ein, Maßregeln zu 
treffen, um das Silber in dem für die kleineren Zahlungen notwendigen 
Umfange im Verkehr zu halten, 

Zuerst gingen die Vereinigten Staaten mit einer Aenderung ihres 
Müuzgesetzes vor. Die Münzverfassuug Englands zeigte den Weg. 
Durch ein Gesetz vom 21. Februar 1853 wurden die Silbermünzen 
vom ^/j Dollarstück abwärts in Scheidemünzen verwandelt. Ihr Fein- 
gehalt wurde soweit verringert, daß er einem Wertverhältnisse von 
1 : 14,88 zwischen Silber und Gold entsprach, ihre Prägung wurde in 
die Hand der Regierung gelegt und ihre Zahlungskraft auf Beträge 
bis zu 5 Dollar beschränkt. Das S)'stem der Doppelwährung wurde 
jedoch durch diese Maßregel nur modifiziert, aber noch nicht ganz 
verlassen: das Eindollarstück blieb formell als frei ausprägbare Kurant- 
münze, als „Standard Dollar", bestehen. Tatsächlich wurde allerdings 
von dem Prägerechte für Silber nur ein ganz geringfügiger Gebrauch 
gemacht. In dem ganzen Zeiträume von 1834 bis 1873 wurden insgesamt 
nur 8 Millionen Dollar in silbernen Eindollarstücken ausgemünzt, und 
selbst diese geringe Summe fand ihre Verwendung wohl ausschließlich 
als Handelsmünze im Verkehr mit Ostasien. 

Zu Beginn der 60 er Jahre sahen sich die Frankenländer zu ähn- 
lichen Maßregeln gedrängt. Schon im Jahre 1851 hatte die fran- 
zösische Regierung eine Kommission eingesetzt, die aufgrund der 
veränderten Produktionsverhältnisse die Münzfrage untersuchen sollte. 
Sie zeitigte kein brauchbares Ergebnis. Eine zweite im Jahre 1857 
berufene Kommission wußte nur den unannehmbaren Vorschlag zu 
machen, die Silberausfuhr durch einen hohen Zoll oder durch Verbote 
zu erschweren. Zu praktischen Maßnahmen kam es in Frankreich 
erst, nachdem die übrigen Frankenländer den Anstoß dazu gegeben 
hatten. 

Der erste Schritt zur Erhaltung des für den Kleinverkehr unent- 
behrlichen Silbergeldes geschah in der Schweiz. Dort wurden vom 
Jahre 1860 an die kleineren Silbermünzen als unterwertige Scheide- 
münzen ausgeprägt, zwar im gleichen Gewichte, wie bisher, aber in 
einer Feinheit von ^/j,, gegen */,o. Italien folgte diesem Beispiele und 
reduzierte die Feinheit seiner Silbermünzen vom Zweifrankenstücke ab- 
wärts auf 835 Tausendteile. Endlich im Jahre 1864 fing auch Frank- 
reich an, seine 50- und 20-Centimesstücke im Feingehalte von 835 
Tausendteilen auszumünzen. 

Im Anschluß an diese Maßregeln begannen Verhandlungen zwischen 
den einzelnen Frankenländern, deren Münzumlauf damals schon zum 
großen Teil ein gemeinschaftlicher war. Das Ergebnis war der so- 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 6. 135 

genannte Lateinische Münzvertrug vom 23. Dezember 1865, der 
Frankreich, Belgien, die Schweiz und Italien umfaßte. Das MUnz- 
system als solches blieb in diesem Vertrage unverändert. Die einzelnen 
Staaten sicherten sich die gegenseitige Annahme ihrer Münzen an 
ihren öflfeutlichen Kassen zu. Hinsichtlich des Silbergeldes wurde be- 
fchlosseu, die Münzen vom ZweifrankenstUcke abwärts als Scheide- 
münzen in einer Feinheit von 835 Tausendteilen auszuprägen, und 
zwar ausschließlich für Rechnung der beteiligten Staaten und in einem 
Höchstbetrage von 6 Frs. pro Kopf der Bevölkerung; die Zahlungs- 
kraft dieser Scheidemünzen wurden auf 50 Frs. beschränkt. 

Das silberne Fünffrankenstück, der sogenannte Fünffrankentaler, 
blieb — ebenso wie in Amerika der Standard Dollar — als frei aus- 
prägbare Kurantmünze erhalten; die gesetzliche Doppelwährung blieb 
mithin bestehen, wenn auch die Prägung von Fünffraukenstücken zur 
TöUigen Bedeutungslosigkeit herabsank. 

Belgien, die Schvs^eiz und Italien hatten bei den Verhandlungen 
über den Münzvertrag den sofortigen Uebergang zur Goldwährung ver- 
langt; aber in Frankreich arbeiteten einflußreiche Kreise, namentlich 
die Haute Finance und die Bank von Frankreich, für die Erhaltung 
der Doppelwährung, und die französische Regierung widersetzte sich 
deshalb dem Verlangen der übrigen Münzbundstaaten. 

Sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für die Länder des 
Lateinischen Mlinzbundes schuf die Doppelwährung mit Silberscheide- 
münzen befriedigende Verhältnisse, solange das Wertverhältnis der Edel- 
metalle die formell fortbestehende freie Silberpräguiig praktisch nicht 
zuließ. Unter dieser Bedingung brachte das System alle Vorteile der 
reinen Goldwährung: einen überwiegenden Goldumlauf und einen hin- 
reichenden Siiberumlauf für den kleinen V^erkehr. 

Ein Umschwung im Wertverhältnisse zugunsten des Goldes mußte 
die Lage ändern. Sobald das Silber wieder unter den ihm beigelegten 
Wert zurückging und damit die Silberprägung wieder anfing lohnend 
zu werden, entstand für die Länder mit der modifizierten Doppelwäh- 
rung dieselbe Frage, vor die sich England am Ende des 18. Jahr- 
hunderts gestellt sah und die es ohne Besinnen mit der Preisgabe des 
Doppelwährungssystems löste: die Frage, ob sie den überwiegenden 
Goldumlauf durch das Silber wieder verdrängen lassen wollten. 

Aber diese eigentlich entscheidende Frage stand vorläufig noch 
im Hintergrund. Ehe sie praktisch wurde, traten Ereignisse ein, di« 
ihre schließliche Lösung stark beeinflußten und beschleunigten. In- 
zwischen wendeten sich die Interessen des Tages mit Eifer einem Pro- 
bleme zu, dessen bisher rein theoretische Erörterung durch den Abschluß 
des Lateinischen Münzbundes seiner Verwirklichung nahe gerückt schien: 
der Idee einer WeltmUnzeinheit. 

§ 6. Weltmilnzbnnd und internationale ^Yährungsfrage, 

Der Gedanke einer WeltmUnzeinheit ist fast so alt, wie die Ver- 
schiedenheit der Münzverfassungen der einzelnen Länder. Gewisse ganz 
auf der Oberfläche liegende Vorteile, die Er.^parung der Umwechslung 
und der Umrechnung usw., daneben die ideale Vorstellung eines Zu- 



136 Erstes Buch, U.Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

sanimengeheDS der ganzen Menschheit in einer wichtigen Einrichtung^ 
haben ihm stets Anhänger verschafft. Besonders nahe mußte der Ge- 
danke eines Weltmünzbundes in einer Zeit liegen, in der die Mensch- 
heit noch unter dem frischen und vollen Eindrucke des gewaltigen Fort- 
schrittes stand, der aus der Erleichterung des Verkehrs von Nation 
zu Nation hervorgegangen war. Nachdem die Errungenschaften der 
modernen Technik die Ueberwindung des trennenden Raumes erleichtert 
and so die natürlichen Schwierigkeiten des internationalen Verkehrs 
wesentlich vermindert hatten, war man bestrebt, auch die künstlichen 
Hindernisse zu beseitigen. Unter der lebhaften Mitwirkung Napo- 
leons 111. war in den Handelsverträgen mit England, dem Zollverein 
und anderen Staaten die bisherige Politik der Absperrung preisgegeben 
worden. Ebenso wie durch die Herabsetzung der Zollschranken wollte 
man den internationalen Güteraustausch fördern durch die Einführung 
eines universellen Maß- und Gewichtssystems und durch die Begründung 
einer Weltmünzeinheit. In der Tat ist es den Franzosen gelungen, 
ihrem metrischen Maß- und Gewichtssysteme eine nahezu universelle 
Verbreitung zu geben. In der Münzfrage jedoch stießen diese kosmo- 
politischen Bestrebungen auf große Schwierigkeiten. 

Der eifrigste Förderer des Gedankens eines WeltmUnzbundes inner- 
halb der französischen Regierung war de Parieu, Vizepräsident und 
später Präsident des Staatsrates. Für ihn war der Lateinische Münz- 
bund nur eine Vorstufe für die erstrebte WeltmUnzeinheit. Im Texte 
des Lateinischen Müuzvertrags selbst war dieser Gedanke zum Ausdruck 
gebracht. Der Artikel 12 des Vertrags lautete: 

„Das Recht zum Beitritte zur gegenwärtigen Uebereinkunft ist 
jedem Staate vorbehalten, der ihre Verbindlichkeiten übernehmen und 
das VereinsmUnzsystem in betreff der Gold- und Silbermünzen ein- 
führen will." 

Außerdem teilte Frankreich den Vertrag sofort nach seinem Ab- 
schlüsse den Regierungen der wichtigeren Staaten mit und forderte sie 
lum Beitritte auf. 

Der Erfolg des französischen Vorgehens entsprach nicht der be- 
geisterten Aufnahme, den der Abschluß des Lateinischen Münzvertrags 
bei der kosmopolitisch gestimmten öffentlichen Meinung der meisten 
Kulturstaaten gefunden hatte. Nur Griechenland trat der Münzunion 
formell bei; der Kirchenstaat, Spanien und Rumänien nahmen auf dem 
Wege der autonomen Gesetzgebung, ohne sich dem Münzvertrage an- 
luschließen, das Frankensystem an. Bei allen übrigen Regierungen 
stieß die Aufforderung Frankreichs auf große Bedenken, die teilweise 
aus der Rücksicht auf das eigne, seit langer Zeit eingebürgerte MUnz- 
eystem der betreffenden Länder hervorgingen. Namentlich der Umstand, 
daß die Lateinische Münzunion aufgrund der Doppelwährung errichtet 
war, veranlaßte die fremden Regierungen fast allgemein zu einer großen 
Zurückhaltung, und es zeigte sich, daß eine befriedigende Entschei- 
dung der Währungsfrage die erste Voraussetzung für einen Weltmünz- 
bund sei. 

Die französiche Regierung suchte die Schwierigkeiten zu über- 
winden, indem sie anläßlich der Pariser Weltausstellung von 1867 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 6, 137 

einen großen internationalen Meinungsaustausch Über die WeltmUnze 
veranstaltete. Auf der von ihr berufenen internationalen MUnzkonferenz 
waren 19 europäische Regierungen und außerdem die Vereinigten 
Staaten von Amerika offiziell vertreten, Zwar hatte die Konferenz 
nur den Charakter einer unverbindlichen Besprechung; sie sollte keine 
Beschlüsse von praktischer Tragweite fassen, sondern nur die Grund- 
lage für weitere diplomatische Verhandlungen liefern. Aber trotzdem 
gewähren ihre Verhandlungen einen interessanten und wichtigen Ein- 
blick in die Stellung der verschiedenen Regierungen zur Münzfrage, 
in ihre Beurteilung der münzpolitischen Situation und in ihre münz- 
politischen Absichten, namentlich soweit die Währungsfrage in Be- 
tracht kommt. 

In bezug auf die Weltmünzeinheit selbst kam es nur zu Beschlüssen 
ganz allgemeinen Inhalts. Es wurde empfohlen, bei künftigen Münz- 
reformen in Ländern, die noch nicht das Frankensystem angenommen 
hätten, das goldene Fünffrankenstück als „döuominateur commun", als 
„gemeinsamen Nenner" anzunehmen, d. h. eine Rechnnngseinheit, die 
in einem einfachen Verhältnisse zu dieser Münze stehe, dem Münz- 
systeme zugrunde zu legen. Aber die wichtigsten Staaten, namentlich 
England, die deutschen Staaten und Holland, machten sofort weitgehende 
Vorbehalte, indem sie erklärten, daß sie mit Rücksicht auf ihre wohl- 
bewährten und in den Volksgewohnheiten eingewurzelten Systeme ihren 
Beitritt zu einem internationalen MUnzsystem nicht in sichere Aussicht 
stellen könnten. 

Während man in bezug auf das internationale Münzsystem über 
das „non liquet" nicht hinauskam, herrschte in bezug auf die Währungs- 
frage nahezu völlige Einstimmigkeit. Es fanden umfangreiche Verhand- 
lungen darüber statt, aufgrund welchen Währungssystems eine Welt- 
münzeinheit errichtet werden könne; und diese Frage wurde mit allen 
Stimmen gegen die eine der Niederlande dahin entschieden, daß weder 
die Silberwährung, noch die Doppelwährung, sondern nur die reine 
Goldwährung in Betracht komme. 

Dieser Beschluß brachte als übereinstimmende Meinung der auf 
der Konferenz vertretenen Regierungen zum Ausdruck, daß die Gold- 
währung das Währungssystem der Zukunft sei. Die dem Beschlüsse 
vorausgegangenen Verhandlungen ließen keinen Zweifel darüber be- 
stehen, daß die bereits im Besitz der Goldwährung befindlichen Staaten 
unter keinen Umständen gesonnen waren, die Goldwährung wieder 
preiszugeben, daß ferner die in absehbarer Zeit vor der Not- 
wendigkeit einer Geldreform stehenden Länder die Goldwährung als 
die Grundlage ihres künftigen Geldwesens anstrebten. Die englische 
Regierung erklärte auch in der Folgezeit auf das bestimmteste, daß sie 
unbedingt bei der Goldwährung bleiben werde und daß jede Münz- 
einigung mit einem Doppelwährungslande ausgeschlossen sei. Belgien, 
die Schweiz und Italien, die schon bei der Begründung des Lateinischen 
Mlinzbundes die Goldwährung als Grundlage gefordert hatten, vertraten 
nach wie vor dieselbe Meinung. Oesterreich hatte bereits im Jahre 
1854, beim Beginn der Verhandlungen über den Wiener MUnzvertrag, 
den Uebergang zur Goldwährung verlangt; sein Vertreter auf der Pariser 



138 Erstes Buch. II, Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Konferenz vertrat dieselbe Forderung und schloß wenige Tage nach 
Schluß der Konferenz mit Frankreich eine Präiiniinarkonvention über 
Oesterreichs Beitritt zur MUnzunion ab, die als Vorbedingung für beide 
Teile ausdrücklich den Uebergang zur Goldwährung festsetzte. Die 
Vereinigten Staaten von Amerika, die damals ebenso wie Oesterreich 
Papierwährung hatten, zeigten sich gewillt, ihr Geldwesen auf der Basia 
der Goldwährung wiederherzustellen. Das Gold war vor dem Bürger- 
kriege, der die Ausgabe von Papiergeld mit Zwangskors veranlaßt hatte, 
das fast ausschließliche Zahlungsmittel gewesen, und die Tatsache des 
formellen Fortbestehens der Doppelwährung war geradezu in Vergessen- 
heit geraten. Das zeigte sich auch während der Papiergeldperiode 
darin, daß die Zölle in Gold erhoben wurden und daß die Auszahlung 
der Zinsen der Nationalschuld in Gold erfolgte. Ueber das Doppel- 
währungssystem urteilte der Vertreter der Vereinigten Staaten auf der 
Pariser Konferenz folgendermaßen: 

„Die Gesetzgeber und das Volk der Vereinigten Staaten haben 
genugsam die Erfahrung gemacht, wenn nicht durch Studium, so doch 
durch die Praxis, daß das System der Doppelwährung nicht nur eine 
Unklugheit, sondern eine Unmöglichkeit ist." 

Zurückhaltender sprachen sich bei aller Anerkennung der Vorzüge 
der Goldwährung nur die deutschen Vertreter und diejenigen der 
skandinavischen Staaten aus. Der preußische Delegierte erklärte, nicht 
zu wissen, wann und wie in Preußen der Uebergang von der Silber- 
währung zur Goldwährung stattfinden könne, und die skandinavischen 
Vertreter machten den Uebergang zur Goldwährung abhängig vom Ver- 
halten Deutschlands, auf das sie handelspolitisch am meisten ange- 
wiesen waren. 

Der einzige Staat, der sich dem Uebergange zur Goldwährung 
grundsätzlich abgeneigt zeigte, waren die Niederlande. Ihr Vertreter 
erklärte die Doppelwährung theoretisch für die vollkommenste Münz- 
verfassung, aber trotzdem stimmte er für eine Doppelwährung nur unter 
der Voraussetzung, daß ein allgemeiner Münzverein auf dieser Grund- 
lage zustande käme. Eine isolierte Doppelwährung hielt er für 
undurchführbar. Eine universelle Doppelwährung aber war, wie sich 
auf der Konferenz zeigte, gänzlich aussichtslos. 

Diese große internationale Aussprache über die Währungsfrage 
ist ein bleibendes Dokument für die damalige Zeitströmung, die sich 
völlig zugunsten der Goldwährung gewendet hatte. Man hat die Be- 
deutung dieser Aussprache späterhin herabzusetzen versucht mit der 
Behauptung, die Pariser Konferenz habe sich nicht für die Goldwährung 
entschieden, sondern nur dafür, daß die Münzeinheit auf Grundlage der 
Goldwährung erreicht werden sollte^); nachdem später die Münzeinigungs- 
bestrebungen sich als aussichtslos gezeigt hätten, sei auch der Beschluß 
der Pariser Konferenz zugunsten der Goldwährung gegenstandslos ge- 
worden; man könne deshalb aus diesem Beschlüsse nicht folgern, daß 
eine starke Strömung zugunsten der Goldwährung in der Kulturwelt 
vorhanden gewesen sei. 



^) Vgl. die Drucksachen Nr. 14 und 20 der deutschen Silberkommission von 1894. 



4. Kapitel. Die Wandlungen im monetären Gebrauch der Edelmetalle. § 6. 139 

Bei dieser Argumentation wird der Inhalt der Verhandlungen über 
den Beschluß gänzlich ignoriert; aus diesen Verhandlungen geht, wie 
oben gezeigt wurde, deutlich hervor, daß die Vertreter der einzelnen 
Staaten die Goldwährung nicht lediglich als Mittel zum Zweck einer 
Münzunion betrachteten, sondern daß sie die Goldwährung an sich für 
das vollkommenste Geldsystem ansahen und daß sie ganz ohne KUck- 
sicht auf ein etwaiges Zustandekommen des Weltraünzbundes gewillt 
waren, die Goldwährung, wo sie bestand, festzuhalten, wo sie nicht 
bestand, auf ihre Einführung Bedacht zu cehmen. Es wird außerdem 
übersehen, daß die Goldwährung ihrer Natur Dach nicht lediglich 
Mittel zum Zweck eines Weltmüuzbundes sein konnte, ein Mittel, das 
durch die Aussichtslosigkeit jenes Zweckes seinen Wert verloren hätte. 
Der wichtigere Teil der von einem Weltmünzbunde zu erwartenden 
Vorteile war bereits auf dem Boden der bloßen Währungsgleichheit zu 
erreichen, und deshalb war kein Grund vorhanden, nach dem Scheitern 
der Weltmüuzidee auch auf eine Währungsgleichheit zu verzichten. 
Das Votum der Pariser Konferenz, daß die Münzeinheit nur auf 
Grundlage der Goldwährung erreichbar sei, besagte gleichzeitig, daß 
auch eine Währungsgleicbheit für die Kulturvölker nur auf Grundlage 
der Goldwährung durchgeführt werden könne. 

Wenn man mit einem raschen Blicke die Entwicklung der fol- 
genden Jahrzehnte überfliegt, dann sieht man, daß die Tatsachen dieser 
Auflassung Recht gegeben haben. Nichts hat in den letzten Jahrzehnten 
vor dem Ausbruch des Weltkrieges so sehr zur Ausbreitung der Gold- 
währung beigetragen, als die immer enger werdende Verkettung der 
handelspolitischen und finanziellen Interessen der Völker, die eine 
Währungsgleichheit gebieterisch verlangte. 

Alles in allem geben die Pariser Verhandlungen davon Zeugnis, 
wie sehr die Goldfunde nicht nur die tatsächlichen Verhältnisse des 
Geldumlaufs in der Kultnrwelt, sondern auch die währungspolitischen 
Ansichten in kurzer Zeit umgewandelt hatten. Von der Demonetisation 
des Goldes in den Niederlanden im Jahre IS-il, die gewissermaßen 
den Glauben an die Silberwährung besiegelte, bis zur Pariser Konferenz 
von 1867, welche die Goldwährung als das System der Zukunft pro- 
klamierte, — eine kurze Spanne von zwei Jahrzehnten! Das Ueber- 
handnehmen der Goldzirkulation in großen Gebieten und die Wandlung 
der währungspolitischen Auflassung hatte den Boden vorbereitet für eine 
neue Aera der Münzgesetzgebuug, als deren Aufgabe es sich darstellte, 
den Goldumlauf, wo er bestand, ohne durch die gesetzliche Goldwährung 
gesichert zu sein, dauernd zu erhalten, und dem Goldgelde dort, wo es 
infolge der bestehenden Münzverfassung bisher keinen Eingang hatte 
finden können, Eingang zu verschaffen. 

Es fehlte nur noch der Anstoß, um den Stein ins Hollen zu bringen. 

Wie die Dinge in der zweiten Hälfte der 60 or Jahre lagen, mußte 
man erwarten, daß dieser Anstoß von Frankreich ausgehen werde. 
Frankreich hatte in der mUnzpolitischen Entwicklung die Führung über- 
nommen; sein Ehrgeiz, einen Weltmünzbund unter französischer Hege- 
monie zustande zu bringen, mußte es weiter vorwärts drängen; nach 
der Kichtuug der Goldwährung schon deshalb, weil nach den Erklärungen 



140 Erstes Blich. II, Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

der Pariser Konferenz die Goldwährnng die unerläßliche Vorbedingung- 
für einen WeltniUnzbund war. 

Sobald aber Frankreich endgültig die Doppelwährung preisgab 
und die Goldwährung annahm, war für die Länder der europäischen 
Kultur die Währungsfrage praktisch entschieden. Daß die Schweiz, 
Belgien und Italien sich einem solchen Schritte ohne weiteres ange- 
schlossen hätten, war sicher. Gegenüber diesen Staaten, gegenüber 
England und seinen wichtigsten Kolonien und gegenüber dem fast aus- 
schließlich auf Gold beruhenden Welthandel wären Deutschland, Holland 
und Skandinavien mit ihrer Silberwährung in eine währungspolitische 
Isolierung geraten. 

Er war für Deutschland eine günstige Fügung, daß es nicht vor 
diese Eventualität gestellt wurde und daß in Frankreich die Anhänger- 
schaft der Doppelwährung immer noch stark genug war, um dort ein 
entschlossenes Vorgehen zu verzögern. Noch im März 1867, einige 
Monate vor der internationalen Konferenz, hatte sich eine Kommission 
mit 5 gegen 3 Stimmen für die Beibehaltung der Doppelwährung ent- 
schieden. Nun wurde im Jahre 1868 eine neue Münzkommission be- 
rufen, die eine umfangreiche Enquete veranstaltete und Gutachten der 
Handelskammern, der Generalstenereinnehraer und der Bank von Frank- 
reich einholte. Letztere beharrte noch immer auf dem Standpunkte 
der Doppelwährung; aber von 66 Handelskammern erklärten sich 45, 
von 91 Steuereinnehmern 69 für die Goldwährung. Die Enquete- 
kommission selbst empfahl mit 17 von 23 Stimmen die Beseitigung des 
Silberkurantgeldes, mindestens aber die sofortige Einstellung oder Be- 
schränkung der Ausprägung silberner Fünffrankenstücke und die Bc- 
ichränkung ihrer Zahlungskraft auf Beträge bis zu 100 Frs. 

Der doppelwährungsfreundliche Finanzminister Magne unterwarf 
sich jedoch nicht den Beschlüssen der Enquetekommission, sondern 
setzte es durch, daß die Frage an ein neues Forum zur nochmaligen 
Beratung verwiesen wurde, nämlich an den Conseil Sup6rieur du Commerce, 
de l'Agriculture et de l'lndustrie. Dieser Conseil begann seine Ver- 
handlungen im November 1867 und beendete seine Arbeiten erst im 
Juli 1870, nach Ausbruch des Krieges mit Deutschland; er vernahm 
eine große Anzahl von Sachverständigen aller Länder und aller Parteien 
und gab sein Schlußvotum mit beträchtlicher Mehrheit zugunsten der 
Goldwährung ab. 

Aber jetzt war die Zeit für eine französische Initiative auf dem 
Gebiete des Geldwesens vorüber. Der Krieg machte zunächst jede 
Maßregel unmöglich, und in seinen Folgen brachte er eine Umwälzung 
der Verhältnisse, durch welche die Führung auch auf währungspoli- 
tischem Gebiete von Frankreich an Deutschland überging. 

5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. 
§ 1. Der Znstand des dentscheu Geldwesens vor der Reform. 

Die deutsche Geldreform nimmt in der neueren Entwicklung des 
Geldwesens eine so hervorragende Stellung ein, daß es sich schon 
daraus rechtfertigt, sie an dieser Stelle etwas eingehender zu behandeln. 



5, Kapitel. Dio deutsche Geldreform. § 1. 141 

Die Verhältnisse, aus denen die Bestrebungen nacli einer Re- 
form des deutschen Geldwesens ursprünglich herv^orgegangen waren, 
hatten allerdings mit der internationalen Entwicklung des Geldwesens 
nichts zu tun, sondern waren durchaus nationaler Natur. Der von 
alters her am meisten beklagte Mißstand im deutschen Geldwesen war 
die Vielheit der in den einzelnen Territorien geltenden Münzsysteme, 
sowie die Mannigfaltigkeit und der schlechte Zustand der einzelnen 
Münzsorten, die teilweise aus längst abgeschafften Prägesystemen her- 
rührten. 

Zur Zeit der Münzreform bestanden im neuen Deutschen Reiche 
noch sechs verschiedene MUnzsysteme: die Talerwährung im größten 
Teile von Nord- und Mitteldeutschland, die Guldenwährung in den süd- 
deutschen und einigen mitteldeutschen Staaten, die Frankenwährung 
in den neu erworbenen Reichslanden, die Lübische Währung in den 
Freien Städten Hamburg und Lübeck, die auf Feinsilber begründete 
Bankowährung für den hamburgischen Großhandel, die Talergold- 
währung in Bremen. Die Talerwährung selbst zerfiel in verschiedene 
Systeme, in das preußische, das den Taler in 30 Silbergroschen zu 
12 Pfennigen einteilte, während der Groschen in Sachsen und einigen 
mitteldeutschen Staaten nur zu 10 Pfennigen gerechnet wurde, und 
während man in Mecklenburg nach Talern zu 48 Schillingen rechnete. 

Noch schlimmer als diese Vielheit von Münzsystemen war das 
Chaos des Münzumlaufs. Bei der Einführung eines neuen Prägesystems 
war meist nicht darauf Bedacht genommen worden, die umlaufenden 
Stücke des alten Münzfußes zu beseitigen, und so hatten die deutschen 
MUnzsysteme von anderthalb Jahrhunderten im deutschen Münzumlaufe 
ihre Niederschläge hinterlassen. Dazu kamen das Papiergeld von 
21 deutschen Staaten und die Noten von 31 deutschen Banken, außer- 
dem eine Fülle ausländischen Metall- und Papiergeldes. 

Am schlimmsten lagen in dieser Beziehung die Verhältnisse in 
Sudwestdeutschland. Die dort herrschende Münzverwirrung kann kaum 
drastischer dargestellt werden als durch ein Dokument, das Ludwig 
Bamberger gelegentlich einer Rede über die Notwendigkeit der 
deutschen Münzeinigung am 5. Mai 1870 dem Zollparlamente vorlegte. 
Er sagte: 

„Ich habe hier ein sogenanntes Bordereau, d. h. die spezifizierte 
Aufstellung von Geldsorten, womit ein Handeltreibender eine seinem 
Bankier überschickte Sendung begleitet. Das Bordereau, welches ich 
ihnen hier vorzeige, lautet über 15834 Gulden und datiert vom 
19. Dezember 1869; ich habe es mir aus den Briefen eines Bankhauses 
herausgenommen. Es enthält also die Münzen, aus denen diese 
15834 Gulden zusammengesetzt waren, und damit Sie verstehen, welche 
Bedeutung das hat, muß ich sagen: die Sendung kam aus einem kleinen 
Landstädtchen der Provinz Rheinhessen. Es ist dies eine kleine Stadt 
von 3 — 4000 Seelen mit einem einzigen Gasthans, welches nicht etwa 
die Fremden der Merkwürdigkeit wegen besuchen; es ist eine Zahlung, 
hervorgegangen aus Pacht- und Kaufzielen der Bauern, aus verkauftem 
Weizen, Gerste, Hülsenfrüchten und dergleichen Abtragungen, die aus 
den einzelnen umliegenden Dörfern in diese kleine Landstadt gebracht 



142 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmctallverhältnisse. 

and durch Vermittlung eines Handeltreibenden einkassiert wurden. Was 
aus den Taschen der Bauern zusammengeflossen ist, ist folgendes: die 
Summe von 15834 Gulden bestand aus Doppelttaleru, Kronentalern, 
2^/,-GuldenstUcken, 2-GuldenstUeken, 1-GuldenstUckeu, ^/a-Guldenstiickeo, 
Vs'j V«-» Vi2" JRtnchstalern, 5-Franken-, 2-Franken-, 1 -Fraukenstücken; 
dann kommt das Gold: Pistolen, doppelte und einfache Friedrichsdor, 
^/g-Sovereigns, russische Imperialen, Dollars, Napoleons, holländische 
Wilhelmsdor, österreichische und württembergische Dukaten, hessische 
10-Guldenstücke und schließlich noch ein Stück dänisches Gold." 

Auf diesem Gebiete der Einheitlichkeit des Münzsystems und der 
Ordnung der Zirkulationsmittel tat Abhilfe am frühesten und am 
dringendsten not, und hier setzten von Anfang an die Reformbestrebungen 
ein. Aber so groß auch die Einigkeit in der Anerkennung dieses 
Mißstandes war, so gering war die Einigkeit im Zusammenwirken zu 
einer durchgreifenden Reform. Die einzelnen deutschen Staaten und 
Fürsten wachten ängstlich über ihrer Souveränität, und gerade das 
„MUnzregal" wurde stets als eines der wichtigsten Souveränitätsrechte 
angesehen, von dem nichts preisgegeben werden dürfe. Dadurch war 
vor der ReichsgrUndung eine einheitliche Ordnung des deutschen 
Geldwesens unmöglich gemacht. Alles, was sich erreichen ließ, waren 
Münzverträge zwischen den Staaten des Zollvereins, die gewisse einheit- 
liche Grundsätze für die Münzprägung enthielten und den Taler und 
Doppeltaler zur Vereinsmünze mit gesetzlicher Zahlungskraft im ganzen 
Vereinsgebiete machten. Im Jahre 1837 hatten sich die süddeutschen 
Staaten bereits zu einem Müuzvereiue zusammengeschlossen, der die 
Guldenwährung einheitlich regelte; 1838 folgte ein Münzvertrag zu 
Dresden zwischen den sämtlichen Staaten des Zollvereins. Der wich- 
tigste dieser Verträge war der Wiener Münzvertrag vom 24. Januar 1857, 
der auch Oesterreich mit einbezog. Da Oesterreich jedoch aus seiner 
Papierwährung nicht herauskam, wurde der Münzverein mit diesem 
Staate nur insoweit wirksam, als eine Anzahl von Vereinstalern mit 
gesetzlicher Zahlungskraft für das ganze Vereinsgebiet auch in Oesterreich 
geprägt wurde. Nach dem Kriege von 1866 schied Oesterreich aus 
dem Münzvereine aus. 

Neben der Münzzersplitterung war ein großer Mißstand des 
deutschen Geldwesens der Mangel eines ausreichenden und geordneten 
Goldnmlaufs, ein Fehler, der in der deutschen Währungsverfassung 
begründet war und sich mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen 
Entwicklung und der Vergrößerung des Volkswohlstandes immer mehr 
fühlbar machte. Das Fehlen eines ausreichenden Goldumlaufs be- 
günstigte, da die Silbermünzen für jede größere Zahlung zu unbequem 
waren, ein starkes Ueberhandnehraen des Umlaufs papierner Geldzeichen. 
Namentlich die kleineren deutschen Staaten machten sich diese Verhält- 
nisse zu nutzen und brachten große Mengen von Papiergeld in den 
Verkehr, meist in Scheinen, die auf ganz kleine Beträge, bis herab zu 
1 Taler, lauteten und für deren Sicherstellung entweder überhaupt 
keine oder nur ungenügende Vorkehrungen getroffen waren, Aehnlich 
verhielten sich die meisten Notenbanken, die durch die Ausgabe un-^ 
gedeckter Banknoten möglichst hohe Gewinne zu erzielen suchten. 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 2. 143 

Da man dem Pablikum unmöglich zumuten konnte, sich mit dem 
lästigen Silber abzuschleppen, erschien als die einzige Möglichkeit, das 
bedrohliche Uebermaß von Papiergeldzeichen einzuschränken, die Schaffung 
eines den Bedürfnissen des gesteigerten und verfeinerten Verkehrs 
entsprechenden Umlaufs von Goldmünzen. 

Nach der gleichen Richtung hin wirkte die bereits geschilderte 
Entwicklung der internationalen Währungsverhältuisse. Ueberall hatte 
der Gebrauch von Goldgeld eine bedeutende Zunahme erfahren, überall 
zeigten sich — wie insbesondere auf der Pariser Münzkonferenz von 
1867 hervortrat — in wachsender Stärke Bestrebungen, den Gold- 
umlauf, wo er von selbst Boden gefaßt hatte, durch die gesetzliche 
Einführung der Goldwährung dauernd festzuhalten und ihm dort, wo 
er sich infolge der bestehenden Münzgesetze nicht einbürgern konnte, 
durch die Einführung der Goldwährung Eingang zu verschaffen. Es 
zeigte sich immer deutlicher, daß ein Beharren bei der Silberwähruug 
Deutschland währungspolitisch isolieren mußte. 

Sowohl in Rücksicht auf den eignen Geldumlauf, als auch in 
Rücksicht auf die internationale Gestaltung der Währungsverhältnisse 
mußte deshalb neben der Müuzeinigung die Herstellung eines Gold- 
umlaufs als das wichtigste Ziel der deutschen Münzreform erscheinen. 

§ 2. Die Reformbestrebnngen. 

Das Verlangen nach einer deutschen Münzeinheit, das nahezu 
ebenso alt war, wie die deutsche Münzzersplitterung, war durch die 
vor der Reichsgründung in den Müuzvereinen erzielten Erfolge keines- 
wegs befriedigt. So groß auch der Fortschritt war, den namentlich 
der Wiener Münzvertrag von 1857 durch seine einschneidenden Be- 
utimmungen über die Scheidemünzen und durch die Erhebung des 
Eintalerstücks zur Vereinzmünze herbeiführte, so blieb doch selbst 
innerhalb des Zollvereiusgebietes eine Trennung nach z^wei Landes- 
währungen — Talerwährung und süddeutsche Guldenwährung — , 
innerhalb des Münzvereins (einschließlich Oesterreichs) sogar eine drei- 
fache Verschiedenheit der Landeswährungen bestehen. Dazu kam, daß 
nur die Vereinsmünzen ohne Unterschied der Münzstätten, aus denen 
sie hervorgingen, gesetzliches Zahlungsmittel im ganzen Vereinsgebiete 
sein sollten; diesen allerdings war die unbedingte gesetzliche Zahlungs- 
kraft in einer so prägnanten Weise beigelegt, daß ihnen für die künf- 
tige Entwicklung — ganz abgesehen davon, daß sie mit den wichtigsten 
Kurantmünzen des wichtigsten Teiles des Vereinsgebietes identisch 
waren — ein Uebergewicht über das Landeskurantgeld gesichert schien; 
Zahlungsverträge, die anf Landeskurantgeld lauteten, sollten nach Art. 8 
des Wiener Vertrags in VereinsraUnzen erfüllt werden können, während 
Zahlungsverträge, die auf Vereinsmünzen gestellt wurden, aussciiließ- 
lich in VereinsmUnzen zu erfüllen sein sollten. Dagegen hatten hin- 
sichtlich der LandesmUnzen die einzelnen Staaten während der Ver- 
handlungen über den Vertrag ausdrücklich die Uebernahme auch nur 
der Verpflichtung abgelehnt, die Münzen der mitvertragenden Staaten 
in ihrem Gebiete wenigstens nicht zu verbieten. Aber die Bedeutung 
des Landeskur'antgeldes gegenüber den Vereinsmünzen ist infolge der 



144 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallrerhältnisso. 

Erklärung des EintalerstUckes zur VereinsmUnze — neben dem schon 
seit dem MUnzvertrage von 1838 zur Vereinsniilnze erhobenen Doppel- 
talerstück — und durch die den VereinsmUnzen beigelegten rechtlichen 
Qualitäten seit 1857 sehr zurückgegangen. Die Prägeziffern sind dafür 
ein sprechender Beweis. Von 1838 bis 1857 wurden im Gebiete des Zoll- 
vereins nur wenig mehr als 50 Millionen Taler in Vereinsmünzen 
(Doppeltalerstücken) ausgeprägt, während gleichzeitig allein an Kurant- 
mUnzen süddeutscher Währung eine Summe von etwa 80 Millionen 
Taler zur AusmUuzung gelangte. Dagegen wurde 1857 bis 1871 in 
den Zoll Vereinsstaaten an Vereinsmünzen (Ein- und Zweitalerstücken) 
eine Summe von 229 Millionen Taler geprägt, während die gleichzeitigen 
Ausmünzungen von Landeskurantgeld der Taler- und der süddeutschen 
Guldenwähruug nur ß^j^ Millionen Taler betrugen; davon kamen etwa 
2 Millionen auf die Laudeskurantmünzen der Talerwährung (Yg- und 
*/g-Talerstücke) und 4^1^ Millionen Taler auf die Laudeskurantmünzen 
der Guldenwährung. Die in dem Wiener Münzvertrage aufrechterhaltene 
süddeutsche Guldenwährung war mithin nahe daran, durch die Vereins- 
mUnzen erdrückt zu werden; von der gesamten Kurantausmünzung der 
Guldenstaaten selbst entfielen in der Zeit vom Wiener Vertrage bis 
zur deutschen Münzreform nur etwa 8,4 Prozent auf die Landesmünzen, 
dagegen 91,6 Prozent auf die Vereinsmünzen. 

Wenn auch diese aus der unentrinnbaren wirtschaftlichen Not- 
wendigkeit hervorgehende Entwicklung eine allmählich immer weiter 
fortschreitende Annäherung an das Ziel der völligen Gemeinschaft der 
deutschen Umlaufsmittel in Aussicht stellte, so lag darin doch immerhin 
nur ein geringer Trost für diejenigen, welche im täglichen Verkehr 
die Mißstände der Münzzersplitterung empfanden. Der Wiener Vertrag 
war nur halbe Arbeit, und gerade deshalb regte er ganz besonders das 
Verlangen an, daß in der Frage der deutschen Müuzeinigung ganze 
Arbeit getan werden möchte. 

Zu der Forderung der Münzeinigung traten vom Ausgang der 
50 er Jahre an mit wachsender Stärke die Bestrebungen auf Einführung 
der Goldwährung. Die münztechnischen Vorzüge der Goldwährung 
hatten bereits in den 30 er Jahren des 19. Jahrhunderts einen kenntnis- 
reichen und eifrigen Vertreter in dem verdienstvollen Nationalökonomen 
J. G. Hof f m a n n.^) Aber damals hatten solche Erörterungen in An- 
betracht der oben geschilderten Verhältnisse der Edelmetallproduktion 
lediglich theoretische Bedeutung; für einen münztecbnisch noch so 
gerechtfertigten Uebergang zur Goldwährung fehlte das wesentlichste: 
das Gold. Erst der gänzliche Umschwung der Edelmetallproduktion 
von 1848 an hat einerseits die Bahn zur Goldwährung freigemacht, 
während andererseits die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung eine 
solche W^ährungsänderung immer mehr als eine Notwendigkeit er- 
scheinen ließ. Die Entwicklung der internationalen Währungsverfassung 
und die liücksicht auf den inneren Geldumlauf, in dem mangels 

') Von seinen Arbeiten kommen hier insbesondere in Betracht: „Drei Aufsätze 
über dag Münzwesen". Berlin 1832; ,,Die Lehre vom Gelde als Anleitung zu 
gründlichen Urteilen über das Geldwesen". Berlin 1838; „Zeichen der Zeit im 
<ieut8chen Münzwesen, als Zugabe zu der Lehre vom Gelde". Berlin 1841. 



s. 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 2. 145 

eines bequemen Zahlungsmittels das Papier bedrohlich überhand nahm, 
wirkten zusammen, um neben der Münzeinigung die Herstellung eines 
ausreichenden und geordneten Goldumlaufes als das wichtigste Ziel 
einer deutschen Müuzreform erscheinen zu lassen. 

Ueber den Weg, auf welchem dieses letztere Ziel erreicht werden 
konnte, herrschte jedoch in der öflentlichen Meinung anfänglich noch 
große rnklarlieit. Der erste deutsche Haudelstag, der 1861 in Heidel- 
berg versammelt war und sich mit der Münzfrage beschäftigte, hielt 
die Münzeiuiguug für eiu so dringendes Bedürfnis, daß ihre Verwirk- 
lichung nicht durch eine Verkettung mit der VVährungsfrage erschwert 
werden dürfe. Der dritte Handelstag, der im Jahre 1865 in Frank- 
furt a. M. stattfand, zeigte bereits einen beträchtlichen Umschwung der 
Meinungen. Das Bedürfnis nach der Schaffung eines Goldumlaufs 
wurde fast einhellig als dringend anerkannt, aber über die Art und 
Weise, wie das Goldgeld dem deutschen Münzsjsteme eingefügt werden 
sollte, herrschte noch große Meinungsverschiedenheit. Man einigte 
sich auf einen Beschluß, der die Prägung einer Goldmünze im Fein- 
gehalte des .Zwanzigfrankenstücks verlangte; dieser Münze sollte ein 
fester, falls sich aber die Regierungen dazu nicht entschließen könnten, 
wenigstens ein von Zeit zu Zeit veränderlicher Kassenkurs beigelegt 
werden. Der Vorschlag wollte nur ein Auskunftsmittel zeigen, das 
gleichzeitig „zur Anbahnung der Goldwährung" dienen sollte. 

in den folgenden Jahren zog die von Frankreich ausgehende Be- 
wegung zugunsten eines Weltmünzbundes auch die deutschen Keform- 
bestrebungen in ihre Kreise. Der Abschluß des Lateinischen Münz- 
bundes und die glanzvolle Pariser Münzkonferenz von 1867 gaben dem 
Gedanken einer Weltmünze eine besondere Flugkraft. Gleichzeitig 
wirkten die \'erhandlungen der Pariser Konferenz aufklärend in der 
Währungsfrage. Die Wirkung in Deutschland zeigte sich auf dem 
Volkswirtschaftlichen Kongresse von 1867 und dem Deutschen Handels- 
tage von 1868, die beide gleichzeitig mit der deutschen Münzeinheit 
den Anschluß an das Frankensystem und den Uebergang zur Gold- 
währung verlangten. Auch der Norddeutsche Reichstag faßte im Juni 
1868 eine Resolution, die ein Münzsystem forderte, das „möglichst viele 
Garantien einer Erweiterung zu einem allgemeinen MUuzsysterae aller 
zivilisierten Länder biete"; ein Jahr später wurde vom Zollparlamente 
eine gleichlautende Resolution beschlossen. 

Es stellte sich jedoch bald heraus, daß weder England noch die 
Vereinigten Staaten geneigt waren, das französische Münzsystera anzu- 
nehmen. Frankreich selbst zögerte, die auf der Pariser Konferenz von 
seiner eignen Regierung und allen anderen Staaten mit Ausnahme der 
Niederlande anerkannte Voraussetzung für einen internationalen Münz- 
bund, nämlich den Uebergang zur gesetzlichen Goldwährung, zu ver- 
wirklichen. Dazu kam schließlich der deutsch-französische Krieg; an- 
gesichts des blutigen Ringens zweier mächtiger Kulturvölker mußte die 
Idee einer internationalen Münzverbrüderung verblassen. Man begann 
Vorteile und Nachteile einer Münzgleichheit mit dem Auslande praktisch 
abzuwägen und kam zu dem Schlüsse, daß die wichtigsten Vorteile 
durch die auf dem Boden der Goldwährung zu erstrebende Währungs- 

Helf (erioh, Das Geld. 10 



146 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse 

gleichheit erreicht werden könnten, während eine Gleichheit des Müuz- 
sjstems und infolgedessen eine Gemeinschaft des MUnzumlaufs für 
Deutschland nicht nnr eine lästige Umrechnung aus dem bisherigen 
Gelde nötig gemacht hätte, sondern auch in anderen Beziehungen zu 
großen Bedenken Anlaß gab. Namentlich die in jener Zeit in die 
OeÖentlichkeit gedrungenen Mitteilungen über die Ungenauigkeit der 
französichen Ausmünzungen und das Fehlen von Vorschriften über die 
Erhaltung der Vollwichtigkeit der französischen Münzen ließen es nicht 
wünschenswert erscheinen, mit Frankreich in eine völlige Münzgemein- 
schaft zu treten. 

Ohnedies war die Aufgabe der deutschen Münzeinigung und des 
gleichzeitigen Uebergangs zur Goldwährung groß genug, und alles sprach 
dagegen, die Lösung durch das Streben nach einer schon durch 
das Verhalten Englands und Amerikas aussichtslosen internationalen 
Münzeinigung noch mehr zu erschweren. 

§ 3. Die Bedeutung des französichen Krieges und der Beichsgründung 

für die Währungsfrage. 

Die staatsrechtlichen Voraussetzungen für eine ganz Deutschland 
umfassende Münzreform wurden erst durch die Gründung des Reiches 
geschaffen. Zwar hatte bereits die Verfassung des Norddeutschen 
Bundes die Ordnung des Münz-, Papiergeld- und Bankwesens der Gesetz- 
gebung des Bundes unterstellt; aber solange Süddeutschland noch außer- 
halb der Bundesgemeinschaft stand, konnte nur auf dem schwerfälligen 
Wege von Verträgen mit den einzelnen süddeutschen Staaten eine ein- 
heitliche Reform durchgeführt werden. Gleichwohl beschloß der Bundes- 
rat im Frühjahr 1870 eine Enquete über die bei der Münzfrage in 
Betracht kommenden Verhältnisse zu veranstalten, und das Zollparlament 
faßte eine Resolution, welche die verbündeten Regierungen ersuchte, 
die Münzreform als eine gemeinsame Angelegenheit des Zollvereins zu 
behandeln und deshalb die geplante Enquete auch auf Süddeutschland 
zu erstrecken. 

Die Regierung des Norddeutschen Bundes war geneigt, diesen 
Wunsch zu erfüllen, aber die Resolution wurde überholt durch die all- 
gemeine politische Entwicklung. Die Fragebogen für die Enquete 
waren ausgearbeitet und lagen zur Versendung bereit, als der Krieg 
mit Frankreich ausbrach, dessen Folgen die Bedingungen für eine 
deutsche Geldreform gänzlich veränderten. 

Vor dem Kriege stand Frankreich, wie oben dargestellt wurde, 
am Ende langer und eingehender Erhebungen über die Währungsfrage, 
die ganz entschieden zugunsten der Goldwährung ausgefallen waren. 
Die Einführung der Goldwährung bot damals in Frankreich keinerlei 
Schwierigkeiten. Da Frankreich ganz überwiegend Goldgeld und nur 
wenig Silbergeld im Umlauf hatte, bedurfte es nur eines Gesetzes, das 
die freie Silberprägung aufhob und die Zahlungskraft der silbernen 
Fünffrankstücke beschränkte. In Deutschland dagegen genügte zur 
Einführung der Goldwährung nicht ein bloßes Gesetz, sondern der vor- 
handene Silberumlauf, der den Betrag von 500 Millionen Taler nicht 
unbeträchtlich überstieg, mußte zum größten Teile beseitigt und durch 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 4. 147 

einen Goldumlauf ersetzt werden. Durch die Schließung der französischen 
Münzstätten für das Silber mußte dieses Metall nach der allgemeinen 
Annahme eine gewisse Entwertung erfahren; und je stärker das Silber 
gegenüber dem Golde im Werte zurückging, desto schwieriger und 
kostspieliger mußte für Deutschland die Umwandlung seines Silber- 
umlaufs in einen Goldumlauf werden. 

Der Ausgang des Krieges kehrte die Lage um. 

Frankreich w^urde durch die Folgen des Krieges daran gehindert, 
in der Währnngsfrage den so eingehend vorbereiteten entscheidenden 
Schritt zu tun. Infolge des Krieges hatte die Bank von Frankreich 
die Einlösung ihrer Noten einstellen müssen; w^enn die französische 
Regierung auf die möglichst rasche Wiederaufnahme der Barzahlungen 
hinarbeiten wollte, dann durfte sie sich die Mittel dazu nicht durch 
die Einstellung von Silberprägungen beschränken. Einen ähnlichen 
Zwang übte die Kriegskostenentschädigung aus. Da Frankreich zur 
Zahlung der Kontribution auch silberne Fünffrankenstücke verwenden 
durfte, erleichterte es sich die Abtragung, wenn es möglichst viel Silber 
zur Ausprägung annahm. An eine Aufhebung der Silberprägung und 
einen Uebergang zur Goldwährung war also für Frankreich vorläufig 
nicht mehr zu denken. 

Umgekehrt wirkte der Ausgang des Krieges für Deutschland. 

Die Gründung des Reiches beseitigte das letzte staatsrechtliche 
Hindernis, das bisher die Münzreform erschwert und verzögert hatte. 
Die Kriegsentschädigung löste die Frage, woher Deutschland das zur 
Goldwährung nötige Gold nehmen sollte ; die fünf Milliarden brachten, 
soweit sie nicht in effektivem Golde, sondern in Wechseln, Bank- 
anweisungen usw. eingingen, hinreichend Mittel, um Gold zu Präge- 
zwecken auf ausländischen Märkten anzukaufen. 

Die ungewöhnliche Gunst des Augenblicks wurde in Deutschland 
mit Energie und Geschick ausgenutzt. Die im Jahre 1870 beschlossene 
Enquete unterblieb, da die Reichsregierung jetzt die Münzfrage für hin- 
reichend geklärt und die Zeit für zu kostbar hielt, als daß noch eine 
zeitraubende Enquete am Platze gewesen wäre. Nach der jahrelangen 
öffentlichen Diskussion über die Münzreform war die Enquete in der 
Tat überflüssig, und die fast gleichlautenden Beschlüsse einer freien 
Kommission von Reichstagsmitgliedern, die im Juni 1871 zusammen- 
trat, und des im August 1871 zu Lübeck tagenden Volkswirtschaft- 
lichen Kongresses konnten mit Recht als der Ausdruck der nahezu 
einmütigen öffentlichen Meinung erscheinen. Diese Beschlüsse ver- 
langten die Einführung eines einheitlichen, sich von der Talerwährung 
ableitenden Münzsystems mit dezimaler Einteilung auf Grundlage der 
Goldwährung. 

§ 4. Die Eiostellang der prenssischen Silberprägungen. 

Noch ehe die Gesetzgebung des neuen Reiches Gelegenheit hatte, 
sich mit der M Unzfrage zu befassen, geschah seitens der preußischen 
Regierung ein währungspolitiach höchst bedeutsamer Schritt. Durch 
die französische Kontribution wurde auf dem gesamten internationalen 

10* 



148 Erstes Buch. II. Abschnitt Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Geldmärkte eine starke Nachfrage uach Zahlungsmitteln für Deutsch- 
land hervorgerufen, und im Hinblick auf die an die Reichsregieruug 
zu leistenden Zahlungen wurden große Beträge von Silber nach Deutsch- 
land geschickt und bei den deutschen Münzstätten zur Ausprägung 
eingeliefert. Die deutschen Staaten hatten zwar Silberwährung, aber 
das freie Prägerecht für Silber war gesetzlich nicht festgelegt; freie 
Silberprägung bestand vielmehr nur tatsächlich, und zwar in der Form, 
daß die deutschen Münzstätten das ihnen angebotene Silber zu einem 
ötYentlich bekannt gemachten, wenig hinter dem Ausmüuzungswerte 
zurückbleibenden und innerhalb enger Grenzen veränderlichen Preise 
ankauften. Jm zweiten Quartal des Jahres 1871 exportierte nun England 
allein für nahezu 2 Millionen Pfd. Sterl. Silber nach Deutschland, und den 
deutschen Münzstätten wurden trotz der Herabsetzung ihres Ankaufs- 
preises, die einer Erhöhung ihrer Prägegebühr gleichkam, fortgesetzt 
große Mengen von Silber zur Ausprägung gebracht. Der starke 
Silberzufluß jener Zeit erklärt sich daraus, daß Deutschland durch 
die von Frankreich zu zahlende Kriegskostenentschädigung gewisser- 
maßen Gläubiger der ganzen Welt geworden war. Auf allen Märkten 
wurden für französische Rechnung Zahlungsmittel für Deutschland 
gesucht. Namentlich die Londoner Banken stellten Wechsel auf 
Deutschland zur Verfügung und suchten für deren Deckung durch die 
Versendung von Edelmetall nach Deutschland zu sorgen. Da Deutsch- 
land damals noch Silberwährung hatte, kam als Edelmetallrimesse 
ganz vorwiegend das Silber in Betracht, das ohnehin in jener Zeit — 
infolge der Zunahme der Produktion und infolge des Nachlassens des 
Silberbedarfs für Indien — dem Londoner Markte wieder in größeren 
Mengen zur Verfügung stand. 

Der starke Silberzufluß kam der deutschen Regierung in einem 
Augenblicke, in dem sie mit dem Plane der Herstellung eines Goldum- 
laufs umging, natürlich sehr ungelegen. Zwar war ein Beschluß 
darüber, ob der erstrebte Goldumlauf im Wege der reinen Goldwährung 
oder im Wege der Doppelwährung hergestellt werden sollte, noch nicht 
gefaßt, die Reichsregierung wollte vielmehr ausdrücklich diese Entschei- 
dung bis zum Erlasse eines definitiven Münzgesetzes offen halten. Aber 
die durchschlagende Logik der Tatsachen sprach deutlich genug: wollte 
man wirklich einen ansehnlichen Goldumlauf herstellen, dann mußte 
man jedem weiteren Anschwellen des Silberumlaufs entgegenwirken. 

Nachdem die Berliner Münze mit der Herabsetzung des Ankaufs- 
preises für Silber bis auf 29 Taler 23 Sgr. (bei einem Münzfuß von 
30 Taler auf das Pfund fein) keine Verminderung der Silbereinliefe- 
rungen zu bewirken vermocht hatte, wurde seitens der preußischen Re- 
gierung die gänzliche Einstellung des Silberankaufs verfügt. Vom 3. Juli 
1871 an kaufte die Berliner Münze kein Silber mehr von Privaten an. 

Bei der alle anderen deutschen Münzstätten weit überragenden 
Bedeutung der Berliner Münzanstalt war dieser Schritt gleichbedeutend 
mit der Aufhebung der freien Silberprägung. Der endgültigen Ent- 
scheidung in der Frage, ob Doppelwährung oder Goldwährung, war 
damit im Drange der Notwendigkeit vorgegriffen. In jenem Akte, der 
den Charakter einer Defensivmaßregel trug, kam bereits klar die Er- 



I 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 5. 149 

kenutnis zum Vorschein, die das Prinzip der Doppelwährung ablehnt, 
uänilich die Erkenntnis, daß die Schaffung und Erhaltung eines Gold- 
umlaufs und die unbeschränkte Prägung für Silber nicht miteinander 
vereinbar sind. 

§ 5. Die Eeformgesetzgebung. 

Im Oktober 1871 wurde dem Bundesrate der Entwurf eines Ge- 
setzes, betrefl'end die Ausprägung von Heichsgoldmünzen, vorgelegt. Wie 
schon der Titel besagt, war mit dem Entwürfe noch nicht eine end- 
gültige Regelung des deutschen Geldwesens erstrebt, sondern zunächst 
nur die Schafiung von Reichsgoldmünzen, die zwar als Grundlage für 
die künftige einheitliche deutsehe Münzverfassung dienen sollten, die 
aber in die bestehende Münzverfassung nur provisorisch eingefügt werden 
konnten. In den Händen des Reichstags ist das Gesetz weit über seine 
ursprüngliche Bedeutung hinausgewachsen; es wurden ihm Bestimmungen 
eingefügt, welche die wichtigsten der für ein definitives Münzgesetz vor- 
behaltenen Entscheidungen vorweg nahmen. 

Trotz erheblicher Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten 
in einzelnen Punkten, namentlich in der Frage der staatsrechtlichen 
Ordnung des deutschen Münzwesens, konnte das Gesetz, betreflfend die 
Ausprägung von Reichsgoldmünzen, schon Jim 4. Dezember 1871 ver- 
kündigt werden. 

Das Gesetz machte die Mark, die in 100 Pfennige eingeteilt wird, 
zur Rechnungseinheit des neuen MUnzsystems. Die Mark wurde dem 
dritten Teile des Talers gleichgesetzt, und ihr Wert in den Münzein- 
heiten der übrigen deutschen Laudeswährungen wurde entsprechend 
diesem Verhältnisse zum Taler bestimmt. Die Mark selbst wurde defi- 
niert als der zehnte Teil einer Reichsgoldmünze, von der 139 Va Stück 
aus dem Pfunde feinen Goldes ausgebracht werden; neben dem Zehn- 
markstück wurde ein Zwanzigmarkstück im Feingehalte von 3 Pfund 

Feingold geschaffen. Die Ausprägung anderer Münzen des neuen Systems 
wurde noch nicht angeordnet. 

Die bloße Schafi"ung einer Reichsmünze machte auch bei einem 
als Provisorium gedachten Gesetze eine Anzahl weiterer Vorschriften 
notwendig. 

Bei dem Charakter des Reichs als Bundesstaat mußte zunächst 
die Frage entstehen: wer soll die Reichsmüuzen prägen, das Reich oder 
die Einzelstaaten, und was für ein Gepräge sollen die Reichsmünzen 
tragen? Eine mächtige Strömung ging dahin, daß für alle Zukunft in 
Fragen des Münzwesens das Reich die einzige Instanz bilden dürfe, 
daß mithin die gesamte das Münzwesen betreffende Verwaltungstätig- 
keit, Prägung, Einziehung usw., nur Sache des Reiches sein dürfe. 
Die cinzclstaatliehen Regierungen dagegen und die Partikularisten im 
ganzen Reiche wollten die Prägetätigkeit und alle damit zusammen- 
hängenden Rechte und Pfiichten im Gegensatz zu der ausdrücklich dem 
Reiche übertragenen MUnzgesetzgebuug den Einzelstaateu vorbehalten. 
Schon im Bundesrate kam es in dieser Frage zu einem Kompromisse 



150 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltuug der Edelmetallverhältnisse. 

zwischen beiden Forderungen, der allerdings mehr nach der partiku- 
laristischen Seite hinneigte; der Reichstag hat jedoch die wichtigsten 
liestimmungen ihres partikularistischen Charakters entkleidet und die Frage 
der staatsrechtlichen Ordnung des MUnzwesens der Sache nach — wenn 
auch unter Konzessionen in der Form — in unitarischem Sinne entschieden. 

Nach den Vorschriften des Gesetzes vom 4. Dezember 1871, die 
später durch das MUnzgesetz von 1873 für sämtliche Reichsmünzen eine 
Ergänzung erfuhren, übt das Reich die Münzprägung nicht selbst aus; 
die Ausprägung von Reichsmünzen geschieht vielmehr auf den Münz- 
stätten derjenigen Bundesstaaten, die sich dazu bereit erklärt haben. 
Aber die Ausprägung geschieht auf Kosten und auf Anordnung des 
Reichs, Der Reichskanzler bestimmt unter Zustimmung des Bundesrates 
die auszumünzenden Beträge, die Verteilung dieser Beträge auf die ein- 
zelnen Müuzsorten und Münzstätten sowie die den letzteren für die 
Prägung jeder einzelnen Müozgattung gleichmäßig zu gewährende Ver- 
gütung; ebenso versieht er die Münzstätten mit dem Prägemetall, das 
für die ihnen zugewiesenen Ausmünzungen erforderlich ist. Auch das 
\'erfahren bei der Ausprägung wird vom Bundesrate festgestellt und 
unterliegt der Beaufsichtigung von Seiten des Reichs. Das den Einzel- 
staaten vorbehaltene Prägerecht entbehrt mithin jeder selbständigen Be- 
deutung; es erstreckt sich lediglich auf die Ausführung von Anord- 
nungen, die vom Reiche ausgehen. 

Eine formelle Konzession wurde den Einzelstaaten auch bei der 
Festsetzung des Gepräges der Reichsmünzen gemacht. Es wurde be- 
siimmt, daß die Reichsgoldmünzen auf der einen Seite den Reichsadler 
und die Inschrift „Deutsches Reich", auf der anderen Seite das Bildnis 
des Landesherren bezw. das Hoheitszeichen der Freien Städte mit einer 
entsprechenden Umschrift tragen sollten. Im Reichstage wurde der 
Versuch gemacht, den Landesherren das RecTit, die Reichsmünzen mit 
ihrem Bildnisse versehen zu lassen, zu nehmen und nur das Bildnis des 
Kaisers zuzulassen; aber kein geringerer als Fürst Bismarck selbst 
warnte dringend davor, in dieser Frage „einen politisch in hohem Grade 
verstimmenden Druck auf die Bundesgenossen auszuüben". 

Die Sorge für die Aufrechterhaltung der Vollwichtigkeit des Münz- 
uralaufs, die Einziehung abgenutzter Reichsmünzen sowie die zur Durch- 
führung der Münzreform notwendige Einziehung der Landesmünzen sollte 
nach dem im Bundesrate festgestellten Entwürfe Sache der Einielstaaten 
sein. Der Reichstag hob jedoch diese Bestimmungen auf und übertrug 
auch diese Angelegenheiten in richtiger Erkenntnis der Gemeinschaft- 
lichkeit des zu schaffenden Geldwesens der Zentralgewalt. 

Der Feingehalt der durch das Gesetz vom 4, Dezember 1871 ein- 
geführten Reichsgoldmünzen wurde in der Weise bestimmt, daß ein 
Wertverhältnis von 1 : 15,5 zwischen Silber und Gold angenommen 
wurde. Da der Taler nach seinem gesetzlichen Feingehalte ^/go Pfund 
Silber enthielt, mithin die Mark, als Ya Taler, ^90 Pfand Silber darstellte, 

ergibt sich für das Zehnmarkstück ein Feingehalt von lOX ^ _ = 
.OQ p - Pfund Gold. Das Wertverhältnis von 1 : 15,5 wurde gewählt, weil 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 5. 151 

es ungefähr dem durchschnittlichen Wertverhiiltnisse seit dem Beginn 
des 18. Jahrhunderts entsprach, weil es ferner zur Zeit der Beratung 
des Gesetzes mit dem auf dem Edelraetallmarkte tatsächlich bestehenden 
übereinstimmte, und schließlich, weil es die Grundlage des Miinzsystems 
der Länder der Lateinischen Münzunion war. 

Der ursprüngliche Entwurf wollte die ReichsgoldmUnzen vorläufig 
nur in der Weise in die bestehenden Geldsysteme einfügen, daß er 
ihnen keinen gesetzlichen Kurs zu einem bestimmten Nennwerte, sondern 
nur einen Kassenkurs gab, der erforderlichenfalls noch sollte geändert 
werden können. Schon im Bundesrate wurde jedoch der Kassenkurs 
durch den vollen gesetzlichen Kurs ersetzt. 

In einem anderen Punkte hat erst der Reichstag durchgegriffen. 
Im Reichskanzleramte und im Bundesrate stimmte man zwar darin 
überein, daß nur die Goldwährung als das Endziel der deutschen Münz- 
reform in Betracht kommen könne; gleichwohl betrat man nur zögernd 
den Weg, der zu diesem Ziele führte. Da man sich, obwohl innerlich 
entschlossen, doch noch die Wahl zwischen Doppelwährung und Gold- 
währung offen halten wollte, wurde in dem Gesetzentwurfe keinerlei 
Bestimmung über die Einstellung der Silberprägung getroffen; man be- 
gnügte sich vielmehr im Bundesrate mit einer protokollarischen Ueber- 
einkunft, in der sich die Einzelregierungen gegenseitig zusagten, von 
der Ausmünzung von Silberkurantgeld bis auf weiteres Abstand nehmen 
zu wollen. Der Reichstag zog jedoch die Konsequenzen aus der Wahr- 
nehmung, daß an die Schaffung und Erhaltung eines Goldumlaufs bei 
gleichzeitiger Vermehrung des deutschen Silbergeldes nicht zu denken 
sei; er fügte in das Gesetz einen Paragraphen ein, der die weitere 
Ausprägung von Silberkurantgeld, abgesehen von Denkmünzen, untersagte. 
Mit diesem Schritte war die Entscheidung über die künftige Währungs- 
verfassung Deutschlands, die der Entwurf des Gesetzes einem endgültigen 
Münzgesetze vorbehalten wollte, zugunsten der Goldwährung gefallen. 

Auch in einem anderen auf dem Gebiete der Währungsverfassung 
liegenden Punkte ging der Reichstag über den vom Bundesrate be- 
schlossenen Entwurf hinaus. Der Bundesrat hatte nur hinsichtlich der 
Landesgoldmünzen eine Bestimmung über die Einziehung getroffen, über 
die Einziehung von Landessilbermünzen enthielt er nichts. Der Reichstag 
ergänzte diese Bestimmung dadurch, daß er dem Reichskanzler die Er- 
mächtigung erteilte, die Einziehung der bisherigen Silberkurantmünzen 
der deutschen Bundesstaaten anzuordnen. Damit war bereits die Absicht 
einer Einschränkung der deutschen Silberzirkulation auf das bei einer 
Goldwährung zulässige Maß ausgesprochen. 

Durch das Gesetz vom 4. Dezember 1871 waren also, trotz der 
Beibehaltung seines bescheidenen Titels, die Grundlagen für die neue 
deutsche Münzverfassung geschaffen. 

Die Reformgesetzgebung wurde in allen wesentlichen Punkten ab- 
geschlossen durch das MUnzgesetz vom 9. Juli 1873. 

Das Gesetz proklamierte in seinem ersten Artikel die reine Gold- 
währung formell als das Endziel der Münzreform und ordnete die Ver- 
fassung dieser „Reichsgoldwährung" in allen ihren Einzelheiten. 



152 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Außer den Zwanzig- und Zehnmarkstücken, deren Prägung bereits 
in dem Gesetze vom 4. Dezember 1871 verfügt worden war, schuf das 
Gesetz von 1873 eine dritte Keichsgoldmünze, das Fünfmarkstück (Art. 2). 
Diese Münze hat sich freilich nicht bewährt. Es wurde an solchen 
Stücken nur ein geringer Betrag (ca. 28 Millionen Mark) ausgeprägt; 
durch die MUnznovelle vom 1. Juni 1900 ist ihre Einziehung und 
Außerkurssetzung angeordnet worden. 

Die Ausprägung der Goldmünzen für private Rechnung wurde im 
Prinzip freigegeben durch folgende Bestimmung in Art. 12 des Münz- 
gesetzes : 

„Privatpersonen haben das Recht, auf denjenigen Münzstätten, 
welche sich zur Ausprägung auf Reichsrechnung bereit erklärt haben, 
Zwanzigniarkstücke für ihre Rechnung ausprägen zu lassen, soweit 
diese Münzstätten nicht für das Reich beschäftigt sind." 

„Die für solche Ausprägungen zu erhebende Gebühr wird vom 
Reichskanzler mit Zustimmung des Bundesrats festgestellt, darf aber 
das Maximum von 7 Mark auf das Pfund Feingold nicht übersteigen." 

Gemäß diesem Artikel erfolgte am 8. Juni 1875 eine Bekannt- 
machung des Reichskanzlers, in der die Prägegebühr auf 3 Mark für 
das Pfund Feingold normiert wurde. 

Eine wichtige Ergänzung hat das freie Prägerecht für Gold er- 
fahren durch § 14 des Bankgesetzes vom 14, März 1875. Dort wurde 
der Reichsbank die Verpflichtung auferlegt, Barrengold zum festen 
Satze von 1392 Mark für das Pfund fein gegen ihre Noten umzu- 
tauschen. Der Satz 1392 Mark pro Pfund fein entspricht dem Ans- 
münzungswerte des Pfundes Feingold von 1395 Mark abzüglich der 
Prägekosten von 3 Mark. Da bei der Reichsbank der Umtausch von 
Gold gegen Noten Zug um Zug erfolgt, während bei den Münzstätten 
die efiektive Ausprägung abgewartet werden muß, ist die Einlieferung 
von Gold bei den Münzstätten mit einem Zinsverluste verbunden. 
Infolgedessen ist der Reichsbank die gesamte Vermittlung der Privat- 
prägungen zugefallen. 

Neben den frei ausprägbaren und volles gesetzliches Zahlungs- 
mittel darstellenden Goldmünzen, die als der Grundstock und die Haupt- 
masse des neuen deutschen Geldumlaufs gedacht waren, schuf das 
Münzgfcsetz ein System von Scheidemünzen aus Silber, Nickel und Kupfer. 

Für die Silbermünzen wurde, da sie nur als Scheidemünzen vor- 
gesehen waren, mit Absicht ein geringerer Feingehalt angesetzt, als 
dem Gehalte der bisherigen Silberkurantmüuzen und der dem Währungs- 
wechsel zugrunde gelegten Relation von Silber und Gold entsprach. 
Ihr Feingehalt wurde auf ^/j^^ Pfund pro 1 Mark bestimmt (Art. 3 § 1), 
während der bisherige Dritteltaler ^/g^ Pfund Feinsilber enthalten hatte. 
Der Münzfuß der Gold- und SilbermUnzen ergab so ein Wertverhältnis 
von 13,95 : 1, während der Uebergang zur Goldwährung aufgrund einer 
Relation von 15,5:1 stattfand. Die Unterwertigkeit der Silberscheide- 
münzen gegenüber den bisherigen Kurantsilbermünzen und der Relation 
des Währungswechsels stellt sich mithin auf lU Prozent, 

Die Zahlungskraft der Reichssilbermünzen wurde auf Beträge bis 
zu 20 Mark, die der Nickel- und Kupfermünzen auf Beträge bis zu 



f). Kapitel. Die deutsche Geldieform. § ö, 15-J 

1 Mark beschränkt; von Reichs- und Landesksisseu dagegen sind die 
Keichssilbermünzen, nicht aber auch die Nickel- und Kupfermünzen, 
bis zu jedem Betrage in Zahlung zu nehmen (Art, 9). 

Ferner zog das MUuzgesetz eine Grenze für die Ausmünzung von 
Scheidemünzen, indem es vorschrieb, daß der Gesamtbetrag der Keichs- 
silbermünzen bis auf weiteres 10 Mark, der Gesamtbetrag der Nickel- 
und Kupfermünzen 2^2 Mark pro Kopf der Reichsbevölkerung nicht 
übersteigen sollte (Art. 4). In der Münznovelle vom 1. Juni 1900 ist 
die Grenze für die Reichssilbermünzen, entsprechend dem inzwischen 
gewachsenen Bedarf e an Silbergeld, auf 15 Mark, in der Münznovelle 
vom 16. Mai 1908 auf 20 Mark pro Kopf der Reichsbevölkerung er- 
weitert worden. 

Schließlich suchte man dem Nennwerte der uuterwertigen Scheide- 
münzen dadurch eine besondere Stütze zu geben, daß dem Reiche die 
N'erpflichtung auferlegt wurde, an bestimmten, vom Bundesrat zu be- 
zeichnenden Kassen gegen Reichssilbermünzen in Beträgen von min- 
destens 200 Mark und gegen Nickel- und Kupfermünzen in Beträgen 
von mindestens 50 Mark auf Verlangen Reichsgoldmünzen zu verab- 
folgen (Art. 9, Abs. 2). 

Mit diesen Vorschriften war das künftige Münzwesen in strenger 
Uebereiustimmung mit den Prinzipien der reinen Goldwährung geordnet. 
Aber diese neue Ordnung konnte nicht mit einem Schlage an die Stelle 
der vorhandenen Münzverfassung gesetzt werden. Die erforderlichen 
Prägungen von Reichsmünzen beanspruchten eine Reihe von Jahren, 
und nur in dem Maße, wie diese Prägungen fortschritten und wie die 
neuen Münzen in den Verkehr gelangten, konnten die umlaufenden 
Landesmünzen eingezogen und außer Kurs gesetzt werden. Es war 
Aufgabe des Münzgesetzes, neben der Ordnung des künftigen Münz- 
wesens Bestimmungen zu treffen, die den Uebergang von den bestehenden 
Landeswährungen zur Reichswährung regelten. Vor allem wurden die 
Modalitäten der Einziehung und Außerkurssetzung der Landesmünzen 
festgesetzt; dem Bundesrate wurde die Befugnis zur Außerkurssetzung 
der Landesmünzen und zur Feststellung der hierfür erforderlichen Vor- 
schriften erteilt; es wurde die Veröffentlichung der Außerkurssetzung 
in den für die Veröffentlichung von Landesverordnungen bestimmten 
Blättern und im Reichsanzeiger vorgeschrieben; ferner wurde bestimmt, 
daß eine Außerkurssetzung erst eintreten dürfe, wenn eine Einlösungs- 
frist von mindestens vier Wochen festgesetzt und mindestens drei Monate 
vor ihrem Ablaufe öffentlich bekannt gemacht sei (Art. 8). Ein Termin 
für die Vollendung der Einziehung der sämtlichen Landesraünzen 
wurde nicht bestimmt; es wurde in dieser Beziehung nur vorgeschrieben, 
daß bei jeder Ausgabe von Reichssilbermünzen ein dem Nennwerte nach 
gleicher Betrag von umlaufenden groben Landessilbermünzen eingezogen 
werden sollte (Art. 4, Abs. 2), eine Bestimmung, die nach 1879 nicht 
mehr genau innegehalten worden ist. 

Weil sich ein bestimmter Zeitpunkt für die gänzliche Beseitigung 
der Landessilbermünzen, namentlich der Taler, nicht absehen ließ, und 
weil man andererseits den Uebergang aus den Landeswährungen in 



Iü4r Erstes Blich. II. Abschuitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

die ueue einheitliche Ordnung nicht von der Beseitigung des letzten 
Talers abhängig macheu wollte, wurde in dem Gesetze ein Uebergangs- 
stadium vorgesehen, das im Gegensatz zu der als Endziel aufgestellten 
„Keichsgoldwahrung" als „Keichswährung" bezeichnet wurde. In diesem 
Uebergangsstadium sollte bereits nach Mark gerechnet werden und alle 
Zahlungsverpflichtungen sollten, statt auf das frühere Landesgeld, auf 
Keiehsmünzeu lauten; aber anstelle der Reichsgoldmünzen sollten auch 
die noch nicht völlig beseitigten Kurautmünzen der Talerwährung ge- 
setzliches Zahlungsmittel bis zu jedem Betrage sein. Der Zeitpunkt 
des Inkrafttretens der Keichswährung sollte durch eine mit Zustimmung 
des Bundesrates zu erlassende kaiserliche Verordnung bestimmt werden 
(Art. 2, Abs. 2); er ist durch eine Verordnung vom 22. September 1875 
auf den 1. Januar 1876 festgesetzt worden. Aus der Reichswährung 
sollte sich nach den Intentionen des Münzgesetzes die Reichsgold- 
währung durch die allmähliche Beseitigung des Silberkurantgeldes von 
selbst entwickeln. 

Im Anschluß au die eigentliche Münzgesetzgebung wurde der 
Papiergeld- und Bankuotenumlauf geregelt. 

Der enge Zusammenhang, der zwischen den Mißständen auf dem 
Gebiete des eigentlichen Münzwesens und auf dem Gebiete der papiernen 
Zirkulation bestand, ist bereits bei der Darstellung des Zustandes des 
deutschen Geldwesens vor der Reform betont worden. In der Erkenntnis 
dieses Zusammenhanges hegten sowohl die Regierungen der meisten 
Einzelstaaten als auch die Mehrheit des Reichstags den Wunsch, die 
Ordnung der papiernen Uralaufsmittel in unmittelbarem Anschlüsse an 
die Reform der metallischen Umlaufsmittel zu erledigen. Wenn sich 
trotzdem die Vorlage von Gesetzentwürfen über das Papiergeld und^^die 
Notenbanken verzögerte, so lag die Ursache in Meinungsverschieden- 
heiten zwischen den Verbündeten Regierungen über wichtige Punkte 
der angestrebten Reform, insbesondere über die Art der den Einzel- 
regierungen für die Einziehung ihres Papiergeldes zu gewährenden Er- 
leichterungen und Entschädigungen und über die Frage der Umwandlung 
der Preußischen Bank in eine Reichsbank. Es war bekannt geworden, 
daß ein Bankgesetzentwurf, der die Schaffung einer Reichsbank ent- 
hielt, bereits im Jahre 1872 ausgearbeitet worden war und sogar bereits 
die Unterschrift des Reichskanzlers trug, als er im letzten Augenblicke 
an dem Widerstände des preußischen Finanzministers Camphauseu 
scheiterte. 

Um einen Druck auf die Regierungen zur möglichst schleunigen 
Erledigung der Papiergeld- und Bankfrage auszuüben, fügte der Reichs- 
tag dem Münzgesetze einen Artikel bei, der gewisse einschneidende 
Bestimmungen über Staatspapiergeld und Banknoten traf. In der Fassung, 
in der dieser Artikel 18 in der zweiten Lesung angenommen wurde, 
schrieb er vor, daß bis spätestens zum 1. Januar 1875 alle nicht auf 
Reichswährung lautenden Zettel — einerlei ob Noten oder Staatspapier- 
geld — eingezogen werden sollten; von diesem Termine an sollten nur 
noch solche papiernen Umlaufsmittel geduldet werden, die auf Reichs- 
währung in Beträgen von mindestens 100 Mark lauteten. 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 5. 155 

Da die Existeuzfähigkeit namentlich des kleiustaatlicheu Papier- 
geldes wesentlich darauf beruhte, daß es in kleinen Abschnitten, die 
erfahrungsgemäß seltener als große Abschnitte zur Einlösung präsentiert 
werden, ausgegeben war, da außerdem der vorgeschriebene Termin 
sehr knapp anberaumt war, sah sich der Bundesrat in der Tat ver- 
anlaßt, sich sofort mit der Materie zu befassen. Die Meinungsverschieden- 
heiten waren aber auch jetzt innerhalb des Bundesrats noch so groß, 
daß es nicht gelang, bis zur dritten Lesung des Münzgesetzes zu einer 
Einigung zu kommen. Da der Reichstag sich nicht mit unverbindlichen 
Erklärungen zufrieden geben wollte, unterbrach er die dritte Lesung 
des Münzgesetzes, bis die Regierung imstande wäre, bestimmte Vor- 
schläge hinsichtlich des Staatspapiergeldes zu machen. 

Im Bundesrate einigte man sich nun im Prinzip darüber, das 
Staatspapiergeld durch ein Reichspapiergeld, die Reichskassenscheine, 
zu ersetzen, die behufs Erleichterung der Einziehung des Staatspapier- 
geldes an die Einzelstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung verteilt 
werden sollten. Ein Gesetzentwurf kam jedoch nicht zustande, da 
Bayern auf der gleichzeitigen Regelung der Papiergeld- und Bankfrage 
bestand, und da Bismarck aus politischen Gründen eine Majorisierung 
Bayerns vermeiden wollte. Aber auf der Grundlage des Gedankens 
der Schaffung eines Reichspapiergeldes kam es schließlich unmittelbar 
vor Schluß der Reichstagssession doch noch zu einer Einigung zwischen 
den Verbündeten Regierungen und dem Reichstage über die Formulierung 
des viel umstrittenen Artikel 18 des Münzgesetzes. Hinsichtlich der 
Banknoten blieb es bei der ursprünglichen Bestimmung, nur daß der 
Termin für die Einziehung der nicht auf Reichswährung lautenden 
Noten und für die Beseitigung der auf weniger als 100 Mark lautenden 
Notenabschnitte auf den 1. Januar 1876 verschoben wurde. Hinsicht- 
lich des Staatspapiergeldes dagegen wurde bestimmt: 

„Das von den einzelnen Bundesstaaten ausgegebene Papiergeld ist 
spätestens bis zum 1. Januar 1876 einzuziehen und spätestens sechs Monate 
vor diesem Termine öffentlich aufzurufen. Dagegen wird nach Maßgabe 
eines zu erlassenden Reichsgesetzes eine Ausgabe von Reichspapiergeld 
stattfinden. Das Reichsgesetz wird über die Ausgabe und den Umlauf 
des Reichspapiergeldes sowie über die den einzelnen Bundesstaaten zum 
Zwecke der Einziehung ihres Papiergeldes zu gewährenden Erleichte- 
rungen die näheren Bestimmungen treffen." 

Das im Schlußartikel des Münzgesetzes in Aussicht gestellte 
Reichsgesetz wurde unter dem 30. April 1874 als Gesetz, betreffend die 
Ausgabe von Reichskassenscheineu, verkündigt. Es entsprach in allen 
wesentlichen Punkten der bereits im Juni 1873 im Bundesrat erzielten 
prinzipiellen Einigung. Als Normalbetrag der Ausgabe von Reichs- 
kassenscheinen wurde die Summe von 120 Millionen Mark*), 3 Mark 
pro Kopf der damaligen Bevölkerung, festgesetzt; die 120 Millionen 
Mark waren zur Verteilung an die Einzelstaateu behufs Erleichterung 
der Einziehung des Staatspapiergeldes bestimmt; aber die Verteilung 
hatte nach Maßgabe der Bevölkerung an sämtliche Bundesstaaten zu 

') Im Jahre 19l;3 ist der Ilüchstbctrag auf 240 Millioueu Mark, im Laufe 
des Krieges auf 3G0 Millionen Mark erhöht worden. 



156 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

erfolgen, einerlei ob sie Staatspapiergeld ausgegeben hatten oder nicht. 
Andererseits war damals nach amtlichen Feststellungen ein Gesamt- 
betrag von 184 Millionen Mark Staatspapiergeid im Umlauf; nament- 
lich eine Anzahl von Kleinstaaten hatte erheblich mehr als 3 Mark 
pro Kopf ihrer Bevölkerung an Papiergeld ausgegeben, und der auf 
sie entfallende Anteil von Keichskassenscheinen wurde nicht als eine 
ausreichende Erleichterung erachtet. Infolgedessen wurde bestimmt, 
dalJ denjenigen Staaten, deren Papiergeldausgabe ihren Anteil au den 
Keichskassenscheinen überschreite, zwei Drittel des überschießenden 
Betrags als Vorschuß aus der Reichskasse zu überweisen sei, und zwar, 
soweit die Bestände der Reichskasse die Gewährung dieser Vor- 
schüsse in barem Gelde nicht gestatteten, gleichfalls in Reichskassen- 
scheinen; der Reichskanzlei wurde ermächtigt, Reichskassenscheine 
über den Betrag von 120 Millionen Mark hinaus bis zur Höhe der zu 
gewährenden Vorschüsse anfertigen zu lassen und in Umlauf zu setzen. 
Die Vorschüsse sollten innerhalb 15 Jahren, vom 1. Januar 1876 an 
gerechnet, in gleichen Jahresraten zurückgezahlt werden. 

Da Vorschüsse in Metallgeld nicht gewährt worden sind, hat sich 
die anfängliche Ausgabe von Reichskassenscheinen auf 174 Millionen 
Mark gestellt, und dieser Betrag ist plangemäß bis zum Jahre 1892 auf 
120 Millionen Mark, den gesetzlich vorgesehenen Normalbetrag redu- 
ziert worden. Es ist mithin zunächst nur eine ganz geringe Ein- 
schränkung des Papierumlaufs mit der Ersetzung des Landespapier- 
geldes durch Reichskassenscheine bewirkt worden, und erst im Laufe 
von 15 Jahren ist der Betrag des umlaufenden Papiergeldes auf 
etwa zwei Drittel des bei Beginn der Münzreform ausgegebenen 
Betrags eingeschränkt worden. Der unmittelbare Vorteil der Reform, 
soweit sie das staatliche Papiergeld betraf, lag mithin weniger in der 
nahezu allgemein für erstrebenswert gehaltenen Verringerung des Papier- 
umlaufs, als in der Einheitlichkeit und Ordnung des neuen Papiergeldes, 

Reichskassenscheiue und Banknoten sollten sich nach der Absicht 
der Reformgesetzgebung keine Konkurrenz machen. Während für die 
Notenbanken auch späterhin bis zum Jahre 1906 das in Artikel 18 
des Münzgesetzes ausgesprochene Verbot der Ausgabe von Abschnitten 
zu weniger als 100 Mark aufrecht erhalten wurde, wurden für die 
Reichskassenscheiue Abschnitte zu 50, 20 und 5 Mark gewählt. Nach- 
dem jedoch die Reichsbank zur Ausgabe kleiner Noten autorisiert 
worden w^ar, wurde durch ein Gesetz vom 5. Juni 1906 bestimmt, 
daß die Reichskassenscheiue nur noch auf 5 Mark und 10 Mark lauten 
sollten. Solche Abschnitte gehören durchaus in eine Sphäre des Zah- 
lungsverkehrs, die bei den auf metallischer Grundlage beruhenden 
Geldsystemen im allgemeinen von den metallischen Zirkulations- 
mitteln ausgefüllt wird; allerdings gibt es auch innerhalb dieser Sphäre 
gewisse Zwecke, zu denen ein papieruer Zettel brauchbarer ist als ein 
metallisches Geldstück (Versendung in Briefen usw.). 

Ueber die rechtlichen Qualitäten der Reichskassenscheine ist folgen- 
des zu bemerken. 

Im Privatverkehr sollte ein Zwang zu ihrer Annahme nicht statt- 
finden. Dagegen schrieb das Gesetz vor, daß sie bei allen Kassen 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 5. 157 

des Reichs und der Bundesstaaten zu ihrem Nennwerte in Zahlung zu 
nehmen seien; sie hatten mithin einen sogenannten „Kassenkurs", Ferner 
wurde die Reichshauptkasse verpflichtet, die Reichskassenscheine für 
Rechnung des Reichs jederzeit auf Erfordern gegen bares Geld einzu- 
lösen. Ein Fonds zur Einlösung der Reichskassenscheine wurde jedoch nicht 
geschaffen; vieiraehr wurde de facto die Einlösungsverpflichtung des Reichs 
durch die Reichsbank wahrgenommen. Das Bankgesetz vom 14. März 1875 
hat der Reichsbank die Führung der Kassengeschäfte des Reichs übertragen ; 
gemäß dieser Bestimmung übertrug eine Bekanntmachung des Reichskanz- 
lers vom 29. Dezember 1875 die Wahrnehmung der Zentralkassengeschäfte 
des Reichs auf die Reichsbankhauptkasse, die unter der Benennung „Reichs- 
hauptkasse" diese Geschäfte zu führen hat. Die Reichshauptkasse ist mit- 
hin nichts anderes als eine Abteilung der Reichsbankhauptkasse. 

Die Zweckmäßigkeit der Einlösungsverpflichtung und die Vorent- 
haltung des gesetzlichen Kurses wurde namentlich von Bamberger 
lebhaft angefochten. In kritischen Lagen werde sich die Einlösbarkeit 
nicht aufrecht erhalten lassen, und der gesetzliche Kurs werde ver- 
liehen werden müssen, sobald infolge entstehenden Mißtrauens die 
Scheine nicht mehr freiwillig genommen würden. Die in Rede stehenden 
Bestimmungen böten deshalb nur eine scheinbare Sicherheit, sie seien nur 
ein „gemaltes Fenster". Aber diese zutreffenden Argumente vermochten 
bei der allgemeinen Stimmung, die sich an Kautelen gegenüber den 
papiernen Umlaufsmitteln nicht genug tun konnte, nicht durchzudringen. 

Den Abschluß des großen Gesetzgebungswerkes der deutschen 
Geldreform bildete das Bankgesetz vom 14. März 1875. Es regelte die 
Banknotenausgabe, den Banknotenumlauf, den Geschäftskreis der Noten- 
banken usw. Es ordnete ferner die Umwandlung der Preußischen 
Bank in eine Reichsbank an, der die Aufgabe der Regelung und Ueber- 
wachung des deutschen Geldumlaufs zugewiesen wurde. 

Es seien hier nur die wesentlichsten Punkte hervorgehoben, die 
sich unmittelbar auf den Banknotenumlauf beziehen. 

Die Befugnis zur Ausgabe von Banknoten kann nur durch Reichs- 
gesetz erworben oder über den bei Erlaß des Bankgesetzes zulässigen 
Betrag der Notenausgabe hinaus erweitert werden. 

Banknoten durften nach dem Gesetze vom 14. März 1875 nur auf 
Beträge von 100, 200, 500 und 1000 Mark oder von einem vielfachen 
von 1000 Mark ausgefertigt werden. Erst ein Gesetz vom 20. Februar 
1906 hat die Reichsbank — nicht auch die Privatnotenbanken — 
autorisiert, auf 50 Mark und 20 Mark lautende Noten auszugeben. 

Eine Verpflichtung zur Annahme von Banknoten bei Zahlungen, 
die gesetzlich in Geld zu leisten sind, fand nach den Bestimmungen 
des Bankgesetzes nicht statt und konnte auch für Staatskassen durch 
Landesgesetz nicht begründet werden; dagegen waren die Kassen des 
Reichs und der Einzelstaaten im Wege von Vervvaltungsverordnungen 
zur Annahme der Reichsbanknnten angewiesen worden. Die Banknovelle 
vom L Juni 19(i9 hat den Reichsbaiikuoten gesetzliche Zahlungskraft 
auch im Privatverkehr beigelegt. Die Noten der übrigen Notenbanken, der 
sogenannten Privatuotenbauken, werden von den Reichs- und Staatskassen 



158 Erstes Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnssie. 

nicht im ganzen Reiche, sondern nur innerhalb eines beschränkten 
Umlanfsgebietes angenommen. 

Den Banken wurde die Verpflichtung auferlegt, ihre Noten sofort 
auf Präsentation zum vollen Nennwerte einzulösen und nicht nur an 
ihrem Hauptsitze, sondern auch an ihren Zweiganstalten jederzeit zam 
vollen Nennwerte in Zahlung zu nehmen. Die Einlösung hatte, wie 
die Banknovelle vom 1. Juni 1909 ausdrücklich vorschrieb, in „deutschen 
Goldmünzen" zu erfolgen. 

Die Notenausgabe der einzelnen Banken ist teilweise darch Gesetz 
oder Statut auf einen bestimmten Maximalbetrag beschränkt, teilweise 
ist eine direkte Grenze nicht gezogen; so hat die Reichsbank das Recht, 
,,nach Bedürfnis ihres Verkehrs" Noten auszugeben; dagegen wurde z. B. 
das Notenrecht der Bayerischen Notenbank auf einen Betrag von 
70 Millionen Mark begrenzt. Indirekt wurde die Notenausgabe be- 
schränkt durch die Vorschrift der sogenannten Dritteldeckung und durch 
das System der Notensteuer. Die erstere Vorschrift verlangte, daß die 
Banken für den Betrag der von ihnen in Umlauf gesetzten Noten jeder- 
zeit mindestens ein Dritteil in kursfähigem deutschen Gelde und in 
Reichskassenscheinen oder in Gold in Barren oder ausländischen Münzen, 
das Pfund fein zu 1392 Mark gerechnet, bereit hielten. Das System 
der Notensteuer besteht darin, daß einer jeden Notenbank ein bestimmter 
Betrag für die ihren Barvorrat übersteigende Notenausgabe zugewiesen 
wurde, bei dessen Ueberschreitnng von der Mehrausgabe 5 Prozent 
jährlich an die Reichskasse zu zahlen sind. Dadurch sollten die Banken 
dahin geführt werden, daß sie mit ihrer durch Barvorrat nicht gedeckten 
Notenausgabe innerhalb der Grenzen des ihnen zugewiesenen Kon- 
tingents blieben. Die Summe der steuerfreien Kontingente ist durch 
das Bankgesetz auf 385 Millionen Mark bemessen worden; davon hat 
die Reichsbank allein 250 Millionen Mark erhalten, mit der Maßgabe, 
daß ihr die Kontingente der auf ihr Notenrecht verzichtenden Banken 
zuwachsen sollten. Im Jahre 1900 waren von den 32 Privatnotenbanken, 
die zur Zeit des Erlasses des Bankgesetzes bestanden, nur noch sieben vor- 
handen, und das steuerfreie Notenkontingent der Reichsbank war auf 
293,4MillionenMark angewachsen. DieBanknovellevomT.Juni 1899hat das 
steuerfreie Kontingent der Reichsbank auf450Millionen Mark erhöht. Diesem 
sind in der Folgezeit weitere 22829000 Mark durch den Verzicht der Frank- 
furter Bank, der Bank für Süddeutschland (Darmstadt) und der Brauii- 
schweigischen Bank auf die Notenrechte zugewachsen. Die Banknovelle vom 
I.Juni 1909 hat das steuerfreie Kontingent der Reichsbauk auf 550 Millionen 
Mark normiert, mit der Maßgabe, daß es an den vier auf die Quartals- 
wenden fallenden Ausweistagen 750 Millionen Mark betragen solle. 

Die Reichsbank unterscheidet sich von den Privatnotenbanken 
nicht nur durch die Größe aller ihrer Verhältnisse, ihres Grundkapitals 
und Reservefonds, ihres Metallvorrates, ihres Notenumlaufs usw. und 
durch ihr sieh über das ganze Reich erstreckendes Filialennetz, sondern 
auch dadurch, daß die wichtige Aufgabe der Regelung des Geldumlaufs 
ausschließlich von ihr erfüllt wird. 

Bis zu der Zeit, in der alle Verhältnisse des deutschen Geldwesens 
durch den Weltkrieg eine völlige Veränderung erfahren haben, über- 



5. Kapitel. Die deatsche Geldreform. § 6. 159 

wachte und regulierte sie die auswärtigen Beziehungen des deutschen 
Geldwesens. Sie war einerseits infolge der Bestimmungen über den Gold- 
ankauf die Vermittlerin zwischen der Verkehrswelt und den Münzanstalten 
und zog auf diese Weise in erster Reihe alles vom Auslande kommende 
und zu monetären Zwecken bestimmte Gold an sich; sie war anderer- 
seits das Reservoir, auf das der Goldbedarf für ausländische Zahlungen 
in erster Reihe sich angewiesen sah. Auf die sich durch ihre Kassen 
vollziehenden internationalen Goldströmungen übte sie ihrerseits durch 
ie Handhabung ihrer Diskontpolitik, gelegentlich auch durch andere, 
kleinere Mittel einen regulierenden Einfluß aus. 

Was den inländischen Geldumlauf anlangt, so benutzte die Reichs- 
bank ihre Notenausgabe vor allem zu dem Zwecke, den Geldumlauf 
den Schwankungen der Geldnachfrage anzupassen, während andererseits 
auch auf diesem Gebiete ihre Diskontpolitik auf den Geldbedarf selbst 
regulierend einwirkte. 

Ferner ist die Reichsbank infolge ihrer zahlreichen Filialen die 
gegebene Instanz für die örtliche Regulierung des Geldumlaufs inner- 
halb des Reichsgebietes. Durch Gesetz und Verordnungen wurden ihr 
in dieser Beziehung eine Reihe von Verpflichtungen auferlegt, so die 
Umwechslung von Reichsscheidemünzen gegen Goldgeld, die Einlösung 
von Reichskassenscheinen usw. In der Praxis ging die Reichsbank 
jedoch weit über die gesetzlichen Verpflichtungen hinaus, indem sie im 
allgemeinen einerseits Zahlung in allen beliebigen Geldsorten annahm, 
andererseits ihre Zahlungen in den gewünschten Geldsorten leistete. 
Dadurch setzte sie den Verkehr instand, alle überflüssigen Beträge 
bestimmter Sorten an ihre Kassen abzustoßen und sich aus ihren Kassen 
mit den benötigten Sorten zu versehen. 

§ 6. Die Durchführung der Geldreform. 

Mit der Münz-, Papiergeld- und Bankgesetzgebung war nur ein Teil der 
schwierigen Aufgaben der Geldreform gelöst. Der zweite Teil fiel der Ver- 
waltungstätigkeit der Reichsregierung zu; diesehatte dieReichswährung und 
Goldwährung aus dem Gesetzbuche heraus zum wirklichen Leben zu führen. 

Die der Reichsverwaltung zufallende Aufgabe war ihrer Art und 
ihrem Umfange nach bisher ohne Vorgang. Während England bei seinem 
Uebergange zur Goldwährung nur den tatsächlichen Zustand, der sich 
unter der gesetzlichen Doppelwährung herausgebildet hatte, festgehalten 
und formell sanktioniert hatte, war in Deutschland der fast ausschließliche 
Silberumlauf durch einen Goldumlauf zu ersetzen. Die Frage, woher 
das Gold, war durch die Kriegskostenentschädigung wenigstens teil- 
weise gelöst; aber die Frage, wohin mit dem Silber, bestand in un- 
verminderter Schwere fort. Die Ergebnisse der Silbereinziehung haben 
gezeigt, daß damals etwa 1530 Millionen Mark Silbergeld in Deutschland 
vorhanden waren; davon konnten bei der damaligen Bevölkerung nicht 
viel mehr als 450 Millionen Mark als Silberscheideniünzen beibehalten 
werden. Dergroüe Rest von etwa 1080 Millionen Mark war, den Intentionen 
der Reformgesetzgebung entsprechend, gegen Gold zu veräußern. Dieser 
Betrag stellte etwa sechs Millionen kg Silber dar, während die da- 
malige Jahresproduktion von Silber sich auf etwa zwei Millionen kg belief. 



I(i0 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 



Bei der Abstoßung dieses Silherqnautams hatte die Ilegiernng 
keine geringe Verantwortung; denn bei der gewaltigen Masse, um die 
es sieh handelte, bedeutete der geringste rreisuntersciiied eine DitFerenz 
von Millionen; schon in ihrem eignen finanziellen Interesse mußte sich 
deshalb die Regierung davor hüten, durch ihre Verkäufe einen allza 
starken Druck auf den Silberniarkt auszuüben. 

Es ist deshalb begreiflich, daß die Ueichsregierung nur zögernd 
mit den Silberverkäufen vorging. 

Wäre die französische Milliardenzahlung nicht dazwischen ge- 
kommen, dann hätte die Regierung die Mittel zur Goldbeschaffung im 
wesentlichen aus den Erlösen der Silberverkäufe gewinnen müssen; 
so aber konnte sie die Goldbeschaffung und -Ausprägung unabhängig 
von den Silberverkäufen betreiben, und von dieser Möglichkeit wurde 
im größten Umfange Gebrauch gemacht. Nicht nur das effektiv ein- 
gehende Gold wurde in Reichsgoldmünzen umgeprägt, auch die übrigen 
Eingänge der Kontribution, Wechsel, Bankanweisungen usw., wurden zu 
einem großen Teile zum Ankaufe von Gold auf dem Londoner Markte 
benutzt. Erst von 1875 an wurden die Goldankäufe ausschließlich aus 
den Mitteln bewirkt, die der Reichsregierung aus ihren Silberverkäufen 
in London zuflössen. 

Wie groß die damals vor sich gehende Verschiebung im inter- 
nationalen Golduralaufe war, geht aus folgenden Zahlen hervor. 

Das Reich hat aus der Kontribution fremde Goldmünzen im Be- 
trage von 220 Millionen Mark unmittelbar erhalten. Es hat ferner 
— teilweise aus den übrigen Eingängen der Kontribution, teilweise aus 
den Erlösen der Silberverkäufe — von 1871 bis 1879 für etwa 1260 Mil- 
lionen Mark Gold beschafft. In Summa hat es also in diesen neun 
Jahren für 1480 Millionen Mark Gold vom Auslande erhalten. Dazu 
kam von 1875 an eine nicht unbeträchtliche private Goldeinfuhr. Bis 
zum Schlüsse des Jahres 1879 waren ReichsgoldmUnzen im Betrage von 
1719 Millionen Mark ausgeprägt, davon etwa 89 '/2 Millionen Mark 
aus den eingezogenen deutschen Landesgoldmünzen. Auf die einzelnen 
Jahre verteilte sich die Goldbeschaffung des Reichs und die Goldaus- 
münzang folgendermaßen: 



Jahre 


Goldbeschaffung 
des Reichs 


Ausprägung von 
Reichs- 
goldmünzen 




Mark 


Mark 


1871 und 1872 


523 976 336 >) 


421474 130 


1873 


516 835 953') 


594 362 890 


1874 


318 219 


93 507 380 


1875 


100 974 011 


166 420 850 


1876 


53 655 681 


159 424 280 


1877 


166 086 223 


112 539 475 


1878 


91953 155 


125 130 790 


1879 


27 314 325 


46 387 060 




1480 613 913 


1 719 245 855 



^) Ausschließlich der eingezogenen Landesgoldmünzen, aber einschließlich der 
Auf die französische Kontribution eingezahlten fremden Goldmünzen. 



5. Kapitel, Die deutsche Geldreform. § 6. 



161 



Auch die Verteilung des den deutschen Münzstätten überlieferten 
Prägegoldes auf Goldbarren und die einzelnen MUnzsorteu ist nicht 
ohne Interesse. Im ganzen wurde den Münzstätten von 1871 bis 1879 
«ine Geldmenge von 1172731 Pfund fein überv^iesen. Darunter waren 
647 557 Pfund fein in Barren 
391976 „ „ „ Frauken und Napoleondor 
49 770 „ „ „ russischen Goldmünzen 
37 532 „ „ „ Dollars und Eagles 
3040-4 „ „ „ Sovereigus 
12823 „ „ „ spaniscbeu Isabelliuen, 
der Rest in diversen Goldmünzen von geringerer Bedeutung. 

Freilich hat zeitweise eine gewisse Reaktion gegen diese gewaltige 
Uebertragung von Goldgeld nach Deutschland stattgefunden; namentlich 
in den Jahren 1874 und 1875 sind nicht unerhebliche Beträge von 
Gold aus Deutschland wieder abgeflossen. Aber es blieb doch eine 
beträchliche Vermehrung des deutschen Goldgeldbestandes übrig, die 
•ich nach genauen Berechnungen für die Zeit vom Beginn der Reform 
bis 1879 auf rund 1300 Millionen Mark beziffern dürfte. 

Weniger energisch ging die Reichsregierung mit der Abstoßung 
des durch die großen Goldausprägungen überflüssig werdenden Silber- 
geldes vor. Das Bestreben, durch möglichste Schonung des Silber- 
marktes den Preis des Silbers vor einem starken Rückgange zu be- 
wahren, vereinigte sich mit einer beträchtlichen Unterschätzung der 
Menge des abzustoßenden Silbergeldes. Die zur Einziehung gelangen- 
den Landessilbermünzen wurden bis zum Jahre 1876 vorwiegend zur 
Umprägung in Reichssilbermünzen verwendet, nur zum kleineren Teile 
wurde das Silber verkauft. 

Wohl trieben die Männer, welche den Verlauf der Dinge sicheren 
Blickes voraussahen, vor allem Bamberger und Soetbeer, die Re- 
gierung unaufhörlich zur Eile an; wohl wurden späterhin, namentlich 
im Jahre 1877, günstige Konjunkturen zu großen Verkäufen benutzt; 
aber die anfängliche übertriebene Zurückhaltung rächte sich dadurch, 
daß in den späteren Jahren bei einem immer stärkeren Rückgänge des 
Silberpreises die Verkäufe immer größere Verluste ergaben. 

Auf die einzelnen Jahre verteilte sich die Ue berweisuug von Prägesilber 
an die deutschen Münzstätten und der Verkauf von Silber folgendermaßen: 





UebervveisuDg 


von 




Jahre 


Prä{?esilber au die 
deutschen Müuz- 


Silberverkäufe 




stätten 








Pfund fein 


Pfund fein 


1873 


83 177 




39 BOG 


1874 


574 484 




770 300 


1875 


1 232 898 




215 000 


1876 


2 197 734 




1 313 600 


1877 


172 236 




2 9(ii) 400 


187H 


10 557 




1 387 500 


1879 


— 




377 800 




4 271 U8G 




7 102 900 



Hei f f er iob, Das Ueld. 



11 



162 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltnng der Edelmetall Verhältnisse. 

Außerdem haben die Haraburgische Bank in der ersten Hälfte des 
Jahres 1873 etwa '/a Millionen Pfand Feinsilber, die Preußische bzw. 
Reichsbank von 1871 bis 1876 etwa 4:^0000 Pfund Feinsilber verkauft. 

Während dieser Verkäufe ging der Silberpreis erheblich zurück, 
und die zunächst übergroße Zurückhaltung der Reichsregierung ver- 
fehlte somit ihren eigentlichen Zweck. Zu Anfang der 70er Jahrestand 
der Silberpreis in London auf etwa 61 d pro Unze Standard, in den 
ersten Monaten des Jahres 1879 schwankte er um 50 d; das waren 
etwa 150 Mark pro kg Feinsilber, während — von der Abnutzung und 
unterwertigen Ausprägung ganz abgesehen — erst 180 Mark in alten 
SilbermUnzen ein Kilogramm Feinsilber enthielten. Bis zum Frühjahr 
1879 hatte die Reichsregierung im ganzen etwa 3^4 Millionen kg Silber 
verkauft und dabei einen Verkaufsverlust von 72 Millionen Mark erlitten. 
Man schätzte damals von sachverständiger Seite die noch vorhandenen 
Taler auf etwa 475 Millionen Mark und berechnete, daß man bei deren Ver- 
äußerung einen weiteren Verlust von 90— lOOMillionenMark erleiden werde. 

Der Rückgang des Silberpreises selbst, der zahlreiche Interessen 
verletzte, wurde vielfach auf die deutschen Silberverkäufe zurückgeführt, 
obwohl diese, so bedeutend sie an und für sich waren, gegenüber den 
übrigen für den Silbermarkt maßgebenden Faktoren nur im Jahre 1877 
erheblich ins Gewicht fielen. 

Die übertriebene Vorstellung von der Einwirkung der deutschen 
Silberverkäufe auf die Entwertang des Silbers und die großen Verluste, 
die bei der Fortsetzung der Silberverkäufe zu erwarten waren, veran- 
laßten im Mai 1879 den Reichskanzler, die Einstellung der Silberver- 
käufe anzuordnen. 

Diese Maßregel, welche die planmäßige Durchführung der Reform 
unterbrochen hat, ist späterhin nicht wieder rückgängig gemacht worden. 
Nur der im Jahre 1879 im Besitze des Reichs verbliebene kleine Rest 
von Silberbarren, ergänzt durch die Einschmelzuog von etwa 1^^ Millionen 
Mark Vereinstalern, ist in den Jahren 1885 und 1886 an die ägyptische 
Regierung, die damals in Berlin Silbermünzen herstellen ließ, verkauft 
worden. Außerdem ist im Jahre 1892 ein Abkommen mit Oesterreich- 
Ungarn abgeschlossen worden, nach dem dieser Staat von den in 
Deutschland umlaufenden österreichischen Talern einen Betrag von 
26 Millionen Mark zur Einschmelzung übernahm. Dadurch hat sich 
der Bestand an Talern, der im Jahre 1879 zurückblieb und damals etwa 
475MillionenMark betragen haben mag, um 27V2MillionenMark verringert. 

Dagegen ist der Talerbestand immer mehr aufgezehrt worden 
dadurch, daß die fortschreitende Zunahme der Reichsbevölkerung und 
des Verkehrs eine entsprechende Vermehrung der Prägung von Reichs- 
silbermünzen möglich und notwendig gemacht hat und daß als Material 
für diese Prägungen nach den münzgesetzlichen Vorschriften nicht etwa 
neu angekauftes Barrensilber, sondern nur der vorhandene Talerbestand 
verwendet werden konnte. Bereits bis zam Erlaß der Münznovelle vom 
vom 1. Juni 1900 hatte sich der Talerrest bis auf etwa 360 Millionen 
Mark verringert. Seither hat aufgrund der Erhöhung der Kopfqaote 
für die Ausgabe von Reichssilbermünzen und des weiteren Zuwachses 
der Reichsbevölkerung die Umprägung der Taler in Reichssilbermünzen. 



j 



5. Kapitel. Die deutsche Geldreform. § 6. 163 

ßolche Fortschritte gemacht, daß dnreh Bekanntmachung vom 27. Jani 
1907 die noch umlaufenden Taler mit Wirkung vom 1. Oktober 1907 
an außer Kurs gesetzt werden konnten; die Einlösungsfrist ist am 
30. September 1908 abgelaufen. Durch die inzwischen erlassene MUnz- 
novelle vom 19. Mai 1908, die das Kontingent für die Reichssilber- 
münzen auf 20 Mark pro Kopf der Reichsbevölkerung erhöhte und die 
als Ersatz für den Taler ein Dreimarkstück als Reichssilbermünze, 
mithin als Scheidemünze, einführte, war inzwischen der Materialbedarf 
für die Prägung von Reichssilbermünzen so gewachsen, daß die Finanz- 
verwaltuug zum Ankaufe von Barrensilber übergehen mußte. Der 
Prägegewinn war nach der Bestimmung der erwähnten Münznovelle zur 
Deckung der außerordentlichen Ausgaben des Reichs und zunächst zur 
Verstärkung der Betriebsmittel der Reichshauptkasse zu verwenden. 

Durch die Außerkurssetzung des Talers ist die deutsche Geld- 
reform überhaupt erst zum formellen Abschlüsse gelangt. Am 1. Ok- 
tober 1907 ist die „Reichswährung" zu der im ersten Artikel des 
Münzgesetzes von 1873 vorgesehenen „Reichsgoldwährung" geworden. 

Wohl war dem Bundesrate durch ein Gesetz vom 6. Januar 1876 
die Befugnis erteilt worden, die Taler zu Scheidemünzen gleich den 
Reichssilbermünzen zu erklären. Von dieser Befugnis ist jedoch niemals 
Gebrauch gemacht worden, und die Taler waren deshalb bis zum 1. Ok- 
tober 1907 neben den Reichsgoldmünzen gesetzliches Zahlungsmittel 
bis zu jedem Betrage, obwohl ihr Silbergehalt infolge der immer weiter 
vorgeschrittenen Silberentwertung bei einem Silberpreise von 23 d schließ- 
lich nur noch 1,15 Mark wert war. Das Prinzip der Goldwährung war 
in diesem Punkte durchbrochen, Wohl war auch vor dem 1. Oktober 
1907 das feste Wertverhältnis zwischen dem deutschen Gelde schlecht- 
hin und dem Golde vorhanden, in der Weise, daß der Wert einer Mark stets 

mit ganz geringen Schwankungen dem Werte von Pfund Feingold ent- 

XO%jO 

sprach; aber die Goldmünzen waren nicht allein volles gesetzliches Zahlungs- 
mittel, sondern sie teilten sich in diese Eigenschaft mit den Silbertalern. 
Man nannte deshalb unsere Geldverfassung eine „hinkende Goldwährung". 

Erst die Außerkurssetzung der Taler hat mit dem letzten Reste 
des ehemaligen Silberkurantgeldes diesen Zustand beseitigt und an die 
Stelle der „hinkenden Goldwährung" die „reine Goldwährung", an die 
Stelle der „Reichswährung" die „Reichsgoldwährung" gesetzt. 

Ueber die tatsächliche Gestaltung des deutschen Geldumlaufs seit 
dem Beginne der Münzreform bis zum Ausbruche des Weltkrieges 
mögen folgende Zahlen Aufschluß geben. 
Ausprägung von Reichsmünzen seit 1871 bis Ende 

März 1914 abzüglich der wieder eingezogeneu Beträge. 



1. Goldmünzen Mark 

20-Mark8tücke 4412 752 600 
lO-Markstücke 706 672 400 



Mark 

2. Silbermünzen 1 158 991 000 

3. Nickel- u. Kupfer- 
münzen 132 791500 



Sa. der Goldmünzen 5 119 425 UUO 

Von den Goldmünzen dürfte nach Abzug der für industrielle 
Zwecke eingeschmolzenen und auf ausländischen Münzstätten um- 

11* 



164: Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

geprägten Stücke im Jahre 191-4 noch ein Betrag von etwa 3,4 Mil- 
liarden Mark vorhanden gewesen sein. Dem Bestände an Reichsgold- 
miinzen ist der monetären Zwecken dienende Vorrat an Goldbarren und 
fremden Goldmünzen hinzuzurechnen. Im Durchschnitt des Jahres 1914 
lagen in der Keichsbank als Notendeckung allein 421 Millionen Mark 
au Goldbarren und fremden Goldmünzen. Der monetäre Goldvorrat 
Deutschlands würde sich demnach für die Zeit des Kriegsausbruchs 
auf rund 3S20 Älillionen Mark berechnen. Bei den Keichssilberraüuzen 
wird man in Berücksichtigung der Abgänge durch Verschleuderung usw. 
einen Bestand von rund IIUO Millionen Mark annehmen dürfen. Die 
Taler kamen seit ihrer Außerkurssetzung nicht mehr in Betracht. Setzt 
man für die Nickel- und Kupfermünzen 120 Millionen Mark ein, so 
erhält man für das Jahr 1914 einen Gesamtvorrat an Metallgeld von 
rund 5i»40 Millionen Mark, von dem rund 380Ü Millionen Mark, also 
rund drei Viertel, auf das Gold kommen. 

Was die papiernen Zirkulationsmittel anlangt, so entfiel ein fest- 
stehender Betrag von 120 Millionen Mark auf die Reichskassenscheine. 
Die durchschnittliche Notenausgabe der Keichsbank hat im Jahre 1913 
1958,2 Millionen Mark, die der Privatnotenbanken 148,8 Millionen Mark 
betragen, der gesamte deutsche Notenumlauf stellte sich mithin auf 
2107 Millionen Mark, die gesamte Papiergeldausgabe auf 2227 Millionen 
Mark. Der durch Metall nicht gedeckte Notenumlauf betrug jedoch bei 
einem Metallbestande der deutschen Notenbanken von insgesamt 1420,6 
Millionen Mark nur 686,4 Millionen Mark; rechnet man dazu die 120 
Millionen Mark Reichskassenscheine, für die eine Deckung nicht vor- 
handen war, so ergibt sich ein Betrag von 806,4 Millionen Mark un- 
gedeckter Papierscheine. Die Bestände der Reichsbank und der Privat- 
notenbanken an Reichskassenscheiuen und an „Noten anderer Banken" 
stellten sich auf 83,4 Millionen Mark, sodaß der tatsächlich umlaufende 
Betrag ungedeckten Papiergeldes sich auf 723 Millionen Mark belief. 
Das ungedeckte Papier machte mithin im Durchschnitt des Jahres 1913 
etwa 14,3 Prozent des Metallgeldvorrates, etwa 19 Prozent des Gold- 
vorrates und etwa 12^2 Prozent des rund 5760 Millionen Mark be- 
tragenden Gesamt-Geldumlaufes aus. 

Weitaus der größte Teil der deutschen Umlaufsmittel bestand mithin 
zur Zeit des Kriegsausbruches aus Gold und goldgedeckten Papierscheinen. 

Welche Wandlungen sich seit dem Beginne der Münzreform und 
seit ihrem verfrühten Abschlüsse im Jahre 1879 in der Größe und der 
Zusammensetzung des deutschen Metallgeldbestandes vollzogen haben, 
ergibt sich aus der folgenden üebersicht: 



Zeitpunkt 


Goldg 

Mill. 
M. 


eld 


Silbergeld 

Mill. 0/ 
M. '" 


Nickel 
Kupfer 

Mill. 
M. 


- u. 

geld 

0/ 

/o 


Gesamter 
Metallbe- 
stand 
Mill. M. 


1. Beginn d. Münzreform . 

2. Ende 1879 

3. Ende März 1914 . . . 


245 
1530 
3 820 


12,4 
62,5 
78,0 


1 735 87,4 

875 35,7 

1 100 21,8 


3,6 

45,0 

120,0 


0,2 
1,8 
0,2 


1985 
2 450 
5 040 


Zunahme 3 gegen 1 . . 
Zunahme 3 gegen 2 . . 


-1-4 155 
4-2 290 





— 635 1 — 

+ 225 1 — 


+ 96,4 
+ 75 





-1-3615 
-1-2 590 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. §1. 165 

G, Kapitel. Die Ausbreitung der Ooldwülirunj? 

und die Silberentwertung- von der deutsclien (Jeldreform 

bis zur Gegenwart. 

§ 1. Die Gestaltung der internationalen ^Yährungsverfassung 
in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. 

Indem Deutschland sich im Jahre 1871 entschloß, von der Silber- 
währuug znr Goldwährung iiberzujjeheu, hat es als erster Staat die 
Folgerung aus der durch das kalifornische und australische Gold be- 
wirkten Aenderung der internationalen Währungsverhältnisse gezogen. 
Seit Jahren hatte man die Annahme der Goldwährung in den wich- 
tigsten Staaten eifrig erörtert; Deutschland machte nun von der durch 
den Krieg geschafieneu Gunst des Augenblicks Gebrauch, um zuerst 
zu handeln und sich in dem als unvermeidlich erscheinenden Prozesse 
der Umwandlung der Währungsverfassuug einen Vorsprung vor den 
übrigen Nationen zu sichern. 

Wenn die Annahme richtig war, aufgrund deren Deutschland 
sich in erster Reihe zum Uebergange zur Goldwährung entschlossen 
hatte, dann konnte Deutschland auf der eingeschlagenen Bahn nicht 
lange allein bleiben. In der Tat fand es bald genug Nachfolger. 

Bereits im Jahre 1872 betraten die skandinavischen Königreiche 
Schweden, Norwegen und Dänemark den von Deutschland 
eingeschlagenen Weg, getreu dem von ihrem Vertreter auf der Pariser 
Münzkonferenz von 1867 aufgestellten Grundsatze, daß sie ihren Ueber- 
gang zur Goldwährung von dem Verhalten Deutschlands abhängig 
machen müßten. Die drei Staaten, die bisher, wie Deutschland, Silber- 
währung hatten, beschlossen durch einen Vertrag vom 18. Dezember 1872 
die Einführung eines gemeinsamen Münzsystems, das auf der Gold- 
währung beruhen sollte. Der Uebergang von der Silberwährung zur 
Goldwährung wurde von 1873 bis 1876 von den einzelnen Staaten 
selbständig durchgeführt. Bei der Kleinheit des Münzumlaufs waren 
weder erhebliche Silberabstoßungen noch größere Goldbeschaflfungen 
notwendig. 

Im ganzen haben Schweden und Norwegen für etwa 22 Millionen 
Mark, Dänemark für etwa 17 Millionen Mark Silber auf den Markt 
gebracht. — 

In den Niederlanden^) erstattete im Dezember 1872 eine zur 
Prüfung der Münzfrage eingesetzte Kommission ihren Bericht, der zu 
dem Schlüsse kam, daß die Silberwährung für Holland unhaltbar ge- 
worden sei. Entsprechend dem Standpunkte, den das Königreich auf 
der Pariser Konferenz von 1867 eingenommen hatte, wurde die inter- 
nationale Doppelwährung für die theoretisch beste Währungsverfassung 
erklärt; aber diese sei praktisch aussichtslos, falls sich nicht Deutsch- 
land noch nachträglich für die Doppelwährung entscheiden sollte. Um 
den Weg zur Doppelwährung und zur Goldwährung in gleicher Weise 
offen zu halten, empfahl die Kommission die vorläufige Annahme der 

') Vi,'!. K a I k m a n n, Hollands Geldwesen im 19. Jahrhundert, in Schmollers 
Jahrbuch, XXV. 4. 



166 Erstes Bnch. 11. Abschnitt. Die Gestaltung der EdelmetalWerhültnigse. 

Doppehviihrnnfr mit der Maßpibe, daß die Silberpriigung beschränkt 
oder aufgehoben werden könnte. 

Die Niederländische Hank stellte daraufhin ihre Silberaukäufe 
ein (im Dezember 1872). Die holländische Regierung ließ sich durch 
ein Gesetz vom 21. Mai 1873 die Ermächtigung zur Einstellung der 
^Silberpräguug erteilen und machte von dieser Befugnis sofort Gebrauch. 
Wie die deutschen, so waren jetzt auch die holländischen Münzstätten 
dem Silber verschlossen, und zwar zunächst ohne daß die Ausprägung 
von Goldmünzen verfügt worden wäre. Ein Gesetzentwurf, der die 
Einführung eines goldenen ZehnguidenstUckes nnd die Demonetisation 
des Silbers vorschlug, also den formellen Uebergang zur Goldwährung, 
wurde am 2. März 1874 von der zweiten Kammer der Generalstaaten 
verworfen. Aber die Silberprägung blieb mit einer kurzen Unter- 
brechung eingestellt. Die Befugnis zur Einstellung der Silberprägung 
war der Regierung zunächst nur provisorisch bis zum 1. Mai 1874 
erteilt worden; von diesem Zeitpunkte an stand die Utrechter 
Münze dem Silber wieder offen, und dieses strömte sofort in großen 
Beträgen herbei. Bis Ende November 1874 waren 32 Millionen Silber- 
gulden zur Ausprägung gelangt. Nunmehr wurde durch ein Gesetz 
vom 3. Dezember 1874 abermals die Einstellung der Silberprägung 
verfügt. 

Da nun weder Gold noch Silber in holländisches Geld umgewandelt 
werden konnte, trat bei dem günstigen Stande der holländischen Zahlungs- 
bilanz ein beträchtliches Steigen der holländischen Valuta ein, das sich 
in einem ungewöhnlichen Rückgänge der Wechselkurse auf das Ausland 
äußerte. Der niederländische Handel wurde dadurch in seinen Kalku- 
lationen gestört, die großen Forderungen an das Ausland, die Holland 
besaß, erschienen in niederländischem Gelde entwertet. Um diesem 
unerwünschten Zustande ein Ende zu machen, gab es nur ein Mittel : 
die Verbindung der holländischen Valuta mit dem Golde vermittelst der 
Freigabe der Goldprägung. 

Unter dem Drucke dieser Notwendigkeit kam das Gesetz vom 
6. Juni 1875 zustande, das ein goldenes Zehnguldenstück schuf und 
dessen Ausprägung für private Rechnung gestattete. Die Silberprägung, 
die bisher nur provisorisch gesperrt worden war, wurde durch ein 
Gesetz vom 9. Dezember 1877 endgültig eingestellt. Das umlaufende 
Silbergeld wurde jedoch nicht deraonetisiert. Durch ein Gesetz vom 
27. April 1884 wurde der Regierung wenigstens die Befugnis erteilt, 
im Falle eines ungewöhnlichen Rückgangs der holländischen Valuta 
Silbergulden bis zum Betrage von 125 Millionen einzuschmelzen und 
gegen Gold zu verkaufen. Infolge der günstigen Zahlungsbilanz Hollands 
hat sich der Kurs des holländischen Geldes seither stets auf seiner 
Goldparität gehalten. 

In Niederländisch-Indien wurde durch ein Gesetz vom 28. März 1877 
dieselbe Münzverfassung eingeführt, wie sie das Mutterland besaß. 

Wenn auch durch diese Maßregeln kein Silbergeld eingezogen 
und auf den Markt gebracht wurde, so bedeutete doch die Einstellung 
der Silberprägungen für Holland und seine Kolonien eine weitere, 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. § 1. 167 

nicht unerhebliche Einschränkung der Verwertungsgelegenheit für das 
weiße Metall. — 

Während die Niederlande durch die Notwendigkeit, ihre Valuta 
gegenüber derjenigen der wichtigsten Handelsvölker stabil zu erhalten, 
halb gegen ihren Willen vom Silber zum Golde gedrängt wurden, voll- 
zog sich in den Vereinigten Staaten von Amerika die entscheidende 
Wandlung ohne jeden derartigen äußeren Zwang. 

Die amerikanische Union befand sich seit dem Bürgerkriege in 
einer Papiergeldwirtschaft; ihre Valuta war also ohnedies eine schwan- 
kende, und Aenderungen in der metallischen Grundlage des Geldwesens 
waren bis zur Herstellung der Barzahlungen ohne unmittelbare prak- 
tische Bedeutung. Auch während der Papiergeldperiode wurde jedoch 
das Gold in entschiedener Weise vor dem Silber bevorzugt; das Gold 
war seit der Aenderung des Doppelwährungssystems in den Jahren 1834 
und 1853 in der öffentlichen Auffassung immer mehr die Grundlage 
des amerikanischen Geldwesens geworden, und als gegen Ende der 
60 er Jahre die Beseitigung der Papiergeldwirtschaft ins Auge gefaßt 
wurde, dachte kaum mehr jemand an die Rückkehr zur Doppelwährung. 

Im Jahre 1869 wurde im Schatzamte der Entwurf zu einer Re- 
vision sämtlicher Münzgesetze ausgearbeitet. In diesem Entwürfe war 
der Silberdollar als frei ausprägbare Kurantmünze beseitigt und die 
Zahlungskraft der sämtlichen Silbermünzen auf Beträge bis zu 5 Dollar 
beschränkt. Da später die Behauptung aufgebracht worden ist, die 
Beseitigung des Standarddollars sei in das Münzgesetz heimlich ein- 
geschmuggelt worden, ist es notwendig, darauf hinzuweisen, daß die 
Beseitigung bereits im ersten Entwürfe enthalten war, daß der dem 
Entwürfe beigegebene Bericht auf diese Beseitigung ausdrücklich hin- 
wies und daß bei den Debatten über den Entwurf die Aufhebung der 
freien Silberprägung und die Beschränkung der Zahlungskraft des 
Silbergeldes mehrfach nach Für und Wider erörtert wurde. Der Ent- 
wurf, dessen Beratungen wiederholt unterbrochen wurden, erhielt am 
12. April 1873 Gesetzeskraft^). 

Das Gesetz fand damals wenig Beachtung, da es praktisch zunächst 
alles beim alten ließ. Die Papierwährung blieb vorläufig noch bestehen. 
Silber war schon lange nicht mehr für private Rechnung geprägt 
worden, und der Standard-Silberdollar, dessen Zahlungskraft beschränkt 
wurde, gehörte im Umlaufe zu den größten Seltenheiten, Erst die 
starke Entwertung des Silbers in den Jahren 1875 und 1876 hat die 
Aufmerksamkeit der Silberinteressenten auf das Gesetz von 1873 
gelenkt. — 

Von besonderer Wichtigkeit in dem Kreise der währungspolitischen 
Entscheidungen jener Zeit waren die Maßnahmen der zum Latei- 
nischen Münzbunde gehörigen Länder, insbesondere Frankreichs. 

In Frankreich war ja vor dem Kriege die Währungsfrage am 
meisten erörtert worden. Während die übrigen Staaten des MUnz- 
bundes schon seit dessen Begründung für die Goldwährung eingetreten 



*) Vgl. insbesondere Prager, Die Währunggfrage in den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika, 1897. 



1(J8 Er>tcs Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltunj; der IMelmetallverhältuisse. 

waren, hatte das Doppel\vährnng:ssystem in Frankreich noch eifrige 
Anhänger, und man kann sagen, daÜ es allein deren Widerstand war, 
der vor dem Kriege von 187i) die Entscheidung der internationalen 
Wiihrungsfrage zugunsten der Goldwährung verhinderte. Jedenfalls 
wäre ohne die Dazwischenkunft des Krieges die Entscheidung in der 
Währungsfrage auf fran/üsischem Hoden gefallen. 

Der Krieg und seine Folgen macliten es Frankreich für einige 
Zeit unmöglich, aktiv in die Entwicklung einzugreifen. Das fran- 
zösische MUnzsystem selbst war gestört durch die Einstellung der Noten- 
einlösung seitens der Bank von Frankreich. Durch den Zwangskurs 
der Hanknoten wurde der Zudrang von Metall zu den französischen 
Münzstätten während der Jahre 1871 und 1872 stark beeinträchtigt 
und damit auch die Wirkung des in jener Zeit eintretenden neuen Um- 
schwungs im Wertverhältnisse der Edelmetalle. 

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß für Frankreich die letzte 
Nötigung zu einer währungspolitischen Entscheidung fehlte, solange 
das Wertverhältnis der beiden Metalle sich so stellte, daß eine Ver- 
drängung des französischen Goldumlaufs durch die frei ausprägbaren 
silbernen Fünffrankentaler nicht in Frage kam. Seit der Mitte der 
sechziger Jahre nun war gleichzeitig mit der Abnahme des Silber- 
bedarfs für Asien ein leichter Rückgang des Silberpreises eingetreten. 
Während noch im Juni 1866 auf dem Londoner Markte ein durchschnitt- 
liches Wertverhältnis von 1 : 15,19 bestand, näherte sich in der Folge- 
zeit das Wertverhältnis auf dem Markte immer mehr der Relation der 
französischen Doppelwährung. Im Durchschnitt des Jahres 1867 war 
es bereits für das Silber etwas ungünstiger, als der französischen Relation 
entsprach (1 : 15,57), und das weiße Metall wurde von nun an wieder 
in größeren Heträgen zur französischen Münze gebracht. Während in 
den vier Jahren von 1863 bis 1866 insgesamt nur für wenig mehr all 
1 Million Frs. Silberknrant ausgemünzt worden war, stellten sich die 
Prägungen in den Jahren 1867 bis 1870 auf 259,6 Millionen Frs.; aller- 
dings überwogen auch in diesem Zeiträume die Goldprägungen mit 
828,2 Millionen Frs. die Silberprägungen noch ganz beträchtlich. 

Infolge des Zwangskurses der Noten der Bank von Frankreich 
schrumpften die Prägungen sowohl von Gold als auch von Silber in 
den Jahren 1871 und 1872 stark zusammen; sie betrugen 

an Silberkurantgeld an Goldmünzen 

1871 4 710 905 Frs. 50 169 880 Frs. 

1872 389 190 „ — 
Inzwischen war die Verschiebung im Wertverhältnisse der Edel- 
metalle zuungunsten des Silbers beträchtlicher geworden. Gegen Ende 
1872 betrug die nach dem Londoner Silberpreise berechnete Relation 
1 : 15,85, und sie ging im dritten Quartal 1873 bis auf 1 : 16. 

Dadurch und durch den Rückgang des Agios auf Metallgeld in 
Frankreich begann die Ausprägung von Silber auf den Münzstätten 
der Lateinischen Münzunion in hohem Grade lohnend zu werden. In 
Frankreich allein zeigte das Jahr 1873, in dem überhaupt kein Gold 
geprägt wurde, eine Ausmünzung von Silberknrant im Betrage von 
154,6 Millionen Frs., obwohl vom September an die Silberprägung keine 



6, Kapitel. Aasbreitwng der Goldwährung und Silberentwertung. § 1. 169 

uübeschränkte mehr war. In der ganzen Lateinischen MUnzunion er- 
reichten die Silberprägangen in diesem Jahre den Betrag von 
808,5 Millionen Frs. 

Damit war die mit dem Doppelwährungssysterae verbundene Gefahr 
der Umkehr za einem überwiegenden Silberamlaufe plötzlich in die un- 
mittelbarste Nähe gerückt, und die Länder des Lateinischen MUnzbundes 
waren nunmehr zu einer Entscheidung darüber gezwungen, ob sie diese 
Wirkung ihres Währungssystems hinnehmen oder ihr Währungssystem 
der Erhaltung eines vorwiegenden Goldumlaufs opfern wollten. 

Um die Mitte des Jahrhunderts, als sich im Wertverhältnis der 
Edelmetalle eine Verschiebung nach der umgekehrten Richtung vollzog, 
hatte in Frankreich außer einigen Theoretikern niemand daran gedacht, 
den vorhandenen Silberumlauf durch eine Aussperrung des herbei- 
strömenden Goldes zu schützen. Alles, was man getan hatte, war, daß 
man schließlich das für den kleinen Verkehr notwendige Quantum von 
Silbergeld durch seine Ausprägung als unterwertige Scheidemünze dem 
Umlaufe sicherte. Jetzt aber zeigte man sich nicht gewillt, den durch 
diese Passivität entstandenen Goldumlauf gegen das eindringende Silber 
preiszugeben. Die öflfentliche Meinung, namentlich in den Kreisen des 
Handels und der Industrie, verlangte die Einstellung der Silberprägungen, 
und obwohl in jener Zeit sowohl in Frankreich als auch in Belgien 
die Finanzminister bekannte Anhänger des Doppelwährungssystems 
waren, sahen sich die Regierungen zu einem Eingreifen veranlaßt. 

Anfang September 1873 beschränkte der belgische Finanzminister 
M a 1 u die Prägung von Fünffrankentalern auf der Brüsseler Münze 
auf 150 000 Frs. pro Tag, während sie vorher etwa 300 000 Frs. pro 
Tag erreicht hatte. Um dieselbe Zeit, am 6. September 1873, wurde 
die Pariser Münze angewiesen, mit ihren täglichen Silberausmünzungen, 
die den Betrag von 750 000 Frs. erreicht hatten, 200 000 Frs. nicht 
zu überschreiten; der Münze in Bordeaux wurde ein Höchstbetrag von 
80 000 Frs. zugewiesen. 

Die Schweiz prägte damals keine eignen Münzen. Auf ihre An- 
regung trat im Januar 1874 eine Konferenz der Münzbundstaaten zu- 
sammen, um über die Lage zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Die 
Schweiz verlangte die völlige Einstellung der Silberprägung, aber die 
Konferenz ging nicht so weit; sie begnügte sich damit, durch die 
Konvention vom 31. Januar 1874 den einzelnen Münzbundstaaten Höchst- 
beträge für die Ausprägung von Fünffrankentaleru zuzuteilen, im 
ganzen 140 Millionen Frs. Für die folgenden Jahre wurden ähnliche 
Kontingentierungen festgesetzt (durch Konventionen vom 5. Februar 1875 
und 6. Februar 1876). Mitte 1876 wurde endlich sowohl in Frank- 
reich als auch in Belgien die Ausmünzung von Silberkurantgeld grund- 
sätzlich eingestellt, nur das von den französischen Münzanstalten gegen 
Münzscheine bereits angenommene Silber wurde in den nächsten Jahren 
noch ausgeprägt. Aufgrund eines Abkommens vom 5. November 
1878 wurde schließlich die Einstellung der Silberprägung für das ge- 
samte Gebiet des Lateinischen Münzbuudes verfügt. 



170 ErstCBBuch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Imnierhiu •« areu die SilberkiirautpräguDgen der Lateiuischen Müdz- 
uuioD auch in deu Jahreu 1874 bis 1879 nicht unbedeutend, wie sich 
aus folgender Zusammenstellung ergibt. 



Jahre 


Frankreich 


Belgien 


Italien 


Schweiz 


Griechenland 


Zusammen 


1874 


59 996 010 12 000 000 


60 000 000 


7 978 250 


__ 


139 974 260 


1875 


75 000 000 


14 904 705 


50 000 000 


— 


5 988 995 


145 893 700 


1876 


52 661 315 


10 799 425 


31 951715 


— 


9 429 345 


104 841 800 


1877 


16 464 285 


— 


22 048 285 


— 


44 525 


38 557 095 


1878 


1821420 


— 


9 000 000 


— 


— 


10 821420 


1879 


— 


— 


20 000 000 


— 


— 


20 000 000 


Summe 


L^05 943 030 


37 704 130 


193 000 000 


7 978 250 


16 462 865 


460 088 275 



Eine Abstoßung von Silbergeld hat in den Staaten der Lateinischen 
Miinzüuion ebensowenig stattgefunden, wie in den Niederlanden und in 
den Vereinigten Staaten. Die vorhandenen Fünffraukeutaler im Betrage 
von mehreren Milliarden Frs. blieben als Kurantgeld im Umlauf. Aber 
bei der günstigen Zahlungsbilanz Frankreichs hielten sich die Fiinf- 
frankeutaler, trotz des Fortschreitens der Silberentwertung, auf der 
ihnen beigelegten Goldparität, ebenso wie in Holland die Silbergulden 
und in Deutschland die Taler. Seit 1878 konnte eine Vermehrung 
des französischen Münzumlaufs nur durch einen Zufluß von Gold ein- 
treten, und ein solcher Zufluß hat tatsächlich in starkem Umfange 
stattgefunden, sodaß der Betrag des Silberkurantgeldes im Verhältnis 
zum gesamten Münzumlaufe immer mehr an Bedeutung verloren hat. 

Mit der gänzlichen Einstellung der Silberkurantprägungen des 
Lateinischen Müuzbundes war das Schicksal des Silbers als Münzmetall 
für die Länder der europäischen Kultur besiegelt. Selbst in dem 
Papierwährungslande Oesterreich-Ungarn wandte man sich vom 
Silber ab, als um die Wende der Jahre 1878 und 1879 durch den Rück- 
gang des Silberpreises bei relativ stabilem Kurse des österreichischen 
Papierguldens gegenüber dem Gelde der Goldwährungsländer das Auf- 
geld des Silberguldens verschwand und die Ausprägung von Silber- 
gulden infolgedessen wieder anfing lohnend zu werden. Obwohl die 
Münzstätten gesetzlich zur Ausprägung von Silber für private Rechnung 
verpflichtet waren, wurden sie im Frühjahr 1879 durch eine Anweisung 
des Finanzministeriums beauftragt, kein Silber mehr zur Ausmünzung 
anzunehmen. Da alle bedeutenden Handelsvölker ihr Geldwesen auf 
die Basis des Goldes gestellt hatten, konnte für Oesterreich eine Rück- 
kehr zur ursprünglichen Silberwährung nicht mehr in Betracht kommen. — 
Auch in Rußland wurde in jener Zeit aus denselben Gründen während 
des Fortbestehens der Papierwährung die freie Prägbarkeit des Silber- 
rubels aufgehoben. 

So vollzog sich innerhalb weniger Jahre eine tiefgehende Aenderung 
in der internationalen Währungsverfassung. Dem Silber, das während 
der 50 er und 60 er Jahre in großen Massen nach Asien abgeflossen 
war, wurde, als es in den 70 er Jahren wieder in den europäischen 
Geldumlauf einzudringen begann, von einem Staate nach dem andern, 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silborentwertung. § 2. 171 

selbst von Papierwährangsländern, die Tür verschlossen. L u d \t i g 
Bamberger bezeichnete diesen welthistorischen Vorgangdamais treffend 
als die „Entthronung eines Weltherrschers". Alle bedeutenden Staaten 
europäischer Kultur sperrten das Silber, das seit Jahrtausenden gleich- 
berechtigt mit dem Golde als Geld gedient hatte, von ihren Münzstätten 
aus; nur Asien, Mexiko und einige mittel- und südamerikanische 
Staaten blieben dem Silber noch offen. 

§ 2. Die währungspolitische Entwicklung von 1878 bis 1893. 

Wir haben gesehen, wie sich vom Beginn der 70 er Jahre an 
Schlag auf Schlag in einer Reihe der wichtigsten Kulturstaaten die 
gegen das Silber gerichteten währungspolitischen Maßregeln folgten. In 
dieser Entwicklung trat gegen Ende der 70er Jahre eine Ruhepause 
ein, die länger als ein Jahrzehnt andauerte. 

Der Stillstand erklärt sich aus verschiedenen Gründen. 

Zunächst war die Sperrung der Münzstätten für das Silber in 
allen bedeutenderen Staaten europäischer Kultur mit den Maßregeln 
der 70 er Jahre vollständig abgeschlossen. In allen wichtigen Ländern 
europäischer Kultur, die überhaupt ein auf metallischer Basis geordnetes 
Geldwesen besaßen, war die Goldwährung oder wenigstens eine Gold- 
valuta zur Durchführung gekommen. Die Länder, welche noch außer- 
halb der Goldvaluta standen, waren teilweise finanziell nicht imstande, 
ein geordnetes Geldwesen herzustellen und aufrecht zu erhalten; so Ruß- 
land, Oesterreich-Uugaru, Spanien, zahlreiche südamerikanische Staaten. 
Teilweise waren sie noch unberührt von den Bedürfnissen, die in 
den Ländern europäischer Kultur eine Begrenzung des Silberumlaufs 
und einen vorwiegenden Goldumlauf als wünschenswert hatten er- 
scheinen lassen; so die Silberwähruugsländer Asiens. 

Der zweite Grund des plötzlich eingetreteneu Stillstandes war die 
Abnahme der Goldproduktion, die sich von der zweiten Hälfte der 
70 er Jahre an fühlbar machte. Es sei daran erinnert, daß die durch- 
schnittliche jährliche Goldgewinnung in den 50 er und 60 er Jahren 
nahezu 200 000 kg betragen hatte und daß die Goldproduktion bis zum 
Jahre 1883 unter 150 000 kg zurückging. Diese Abnahme wurde als 
eine dauernde Erscheinung aufgefaßt. Gerade in jener Zeit erschien 
das oben erwähnte Werk von Eduard Sueß über „Die Zukunft 
des Goldes", das aufgrund einer geologischen Hypothese eine dauernde 
Abnahme der Goldproduktiou in Aussicht stellte. 

Verstärkt wurde die Wirkung des Rückgangs der Goldgewinnung 
speziell für die europäischen Staaten durch gewisse Verschiebungen in 
der internationalen Goldbewegung. Während die Vereinigten Staaten 
bisher den größten Teil ihrer Goldproduktion an Europa abgegeben 
hatten, begannen sie vom Ende der 70er Jahre an, nachdem sie die 
Barzahlungen aufgenommen hatten, Gold in zeitweise erheblichen Be- 
trägen an sich zu ziehen; eine Reihe überaus günstiger Ernten setzte 
sie dazu instand. Gleichzeitig ging Indiens Goldeinfuhr beträchtlich 
iii die Höhe. Wie sehr durch alle diese Verhältnisse die Goldversorgung 
der Welt außerhalb der Vereinigten Staaten und Indiens vorübergehend 
beeinträchtigt wurde, ergibt sich aus folgender Uebersicht. 



172 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der EdelnietallverhältDisse. 



Perioden 

(Jahres- 

durchschnittei 



Gold- 

gewinntinng 

der Welt 



Gold- 

gewiunang 

der Vereinigt, 

Staaten 

1000 M.irk 



Gold- 
gewinnung 
nnCerhalb der 
Vereinigten 
Staaten 

1000 Mark 



Mehraatfuhr 
Tou Gold 

ans den 
Vereinigten 

Staaten 

1000 Mark 



Mehreinfnhr 
von Gold 
in Indien 



Von der jährl. 

Goldproduktion 

für die Welt 

außerhalb dar 

Verein. Staate« 

ond IndienB 

▼erfQgbar 

1000 Mark 



1871—1875 
1876-1880 
1881—1885 
1886— 18110 
1891— 18i)5 
1^96—1900 
1901 — 190:) 
1906—1910 



485 200 

481 000 

432 300 

467 700 

685 600 

1 080 000 

1 854 000 

1819 900 



166 000 

178 700 
134 100 
140 100 
157 900 
273 000 
336 600 
399 100 



319 200 
312 300 
298 200 
327 600 
527 700 
807 000 
1 017 800 
1 420 800 



-f 161 000 

— 47 200 

— 84 400 
-f 14 800 
4-160 200 

— 106 000 
-f 5 800 

— 65 300 



43 900 
10 500 
77 100 
43 800 
17 900») 
98 000») 
129 000') 
211 8U0') 



436 300 
254 600 
136 700 
298 600 
670 000 
603 000 
894 000 
143 700 



Wenn man in Erwägnng zieht, vrie dringend notwendig die Aus- 
dehnung des Goldumlaufs damals in jenen Ländern war, die ihre Münz- 
stätten dem Silber verschlossen hatten und sich teilweise in einem recht 
schwierigen Uebergangszustande befanden, dann wird man verstehen, 
daß durch die Abnahme der Goldgewinnung und namentlich des für 
die Welt außerhalb der Union und Indiens verfügbaren jährlichen Gold- 
zuwachses die Ausdehnung der Goldwährung über die Staaten mit 
Silberwähruug und mit zerrütteten Währungsverhältnissen von der zweiten 
Hälfte der 70er Jahre an bis zum Beginn der 90 er Jahre des vorigen 
Jahrhunderts beträchtlich erschwert wurde. 

Dazu kam schließlich die Macht der mit dem Silberwerte wirklich 
oder vermeintlich verbundenen Interessen, Der Rückgang des Silber- 
preises stellte sich dar als eine Schädigung des Silberbergbaus. Ferner 
wurden durch die Silberentwertung betroffen die zahlreichen Besitzer 
von Wertpapieren, die auf Silberwährung lauteten (österreichische, 
mexikanische Anleihen usw.) Schließlich erschütterte die Silberent- 
wertung die Wechselkurse zwischen Gold- und Silberwährungsländern 
in einer bisher unerhörten Weise. Bisher hatten sich bei der relativen 
Stabilität des Wertverhältnisses von Gold und Silber die Schwankungen 
der Wechselkurse zwischen Gold- und Silberwährungsländern innerhalb 
verhältnismäßig enger Grenzen bewegt. Der starke Preissturz des 
Silbers zerriß nun diese annähernde Festigkeit und führte zu einem 
Rückgänge der Silbervaluteu, dessen Ende sich nicht absehen ließ. 

Alle Kulturstaateu wurden durch diese Wirkungen der Silber- 
entwertung in Mitleidenschaft gezogen. Die Schädigung des Silber- 
bergbaus traf in erster Linie die Vereinigten Staaten, nach ihnen vor 
allem Deutschland. Auch am Besitze von Wertpapieren, die auf Silber- 
währung lauteten, war Deutschland stark beteiligt. Die Erschütterung 
der Silbervaluten brachte ein Moment der Unsicherheit in den Welt- 
verkehr, namentlich in den Verkehr mit dem asiatischen Osten, durch 
welches England am schwersten betroffen wurde. Außerdem wurden 
die engen finanziellen Beziehungen, die England mit seinem indischen 
Reiche verbanden, durch die Silberentwertung sehr gestört. Dazu 

^) Zuzüglich der indischen Goldproduktion. 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. §2. 173 

kamen dann noch die Interessen derjenigen, welche ans einer Geld- 
entwertung Vorteil zu ziehen hofften und denen das Silber gerade 
wegen seiner Entwertung das Ideal eines Geldstoffes war (so den 
amerikanischen „Inflationisten"). Schließlich fiel ins Gewicht der un- 
interessierte Glaubenseifer der theoretischen Anhänger des bimetallisti- 
•chen Systems. 

In Anbetracht dieser Verhältnisse ist es erklärlich, daß lebhafte 
Bestrebungen zur Wiederherstellung des Silberwertes hervortraten. Es 
entstand die bimetallistische Agitation, deren Ziele die „Rehabilitierung 
des Silbers" war. Die Münzstätten der Kulturwelt sollten dem Silber, 
um seinen Wert wieder auf den alten Stand zu bringen, von neuem 
ohne jede Beschränkung, ebenso wie dem Golde, geöffnet werden; das 
Silber sollte als Geldmetall wieder in seine Gleichberechtigung mit 
dem Golde eingesetzt werden. 

Dort, wo stets die materiellen Interessen sich am brutalsten geltend 
gemacht haben und wo gleichzeitig die Interessen am Silberbergbau 
den größten Umfang hatten, in den \' ereinigten Staaten, kam es am 
frühesten zu einer starken Bewegung zugunsten des Silber; dort 
allein hat die Silberpartei große positive Erfolge erzielt, und von dort 
aus ist auch in der Folgezeit stets wieder der Anstoß für eine inter- 
nationale bimetallistische Agitation ausgegangen. 

Ihr eigentliches Ziel, die Wiederherstellung der freien und unbe- 
•chränkten Silberprägung, hat allerdings die silberfreundliche Bewegung 
nirgends erreicht. Abgesehen von der radikalen Silberpartei in den Ver- 
einigten Staaten, deren Einfluß sich niemals voll durchsetzen konnte, galt 
es überall als ausgemacht, daß die Wiederaufnahme der freien Silber- 
prägung aufgrund eines Doppelwährungssystems nur dann Erfolg 
haben könne, wenn sie gemäß einer internationalen Vereinbarung von 
den wichtigsten Kulturstaaten gleichzeitig durchgeführt werden w^ürde. 
Aber alle Versuche, ein solches internationales Uebereinkommen herbei- 
zuführen, sind gescheitert. 

Im August 1878 trat auf Einladung der Vereinigten Staaten eine 
internationale Münzkonferenz zusammen „zum Zweck einer internatio- 
nalen Vereinbarung über ein bimetallistisches Geldsystem und Sicher- 
stellung eines festen Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber". 
Deutschland hatte die Beschickung der Konferenz abgelehnt, England 
hatte die Einladung erst nach einigem Zögern angenommen. Es zeigte 
sich alsbald, daß eine Einigung über eine internationale Doppelwährung 
nicht zu erzielen war, und alles, was schließlich zustande kam, war 
eine gänzlich nichtssagende Resolution des Inhalts, daß die MUnz- 
anfgabe des Silbers ebensogut wie diejenige des Goldes aufrecht er- 
halten werden müsse; daß aber die Wahl des einen oder des anderen 
der bt'iden Edelmetalle oder der gleichzeitige Gebrauch beider nach 
der besonderen Lage eines jeden Staates geschehen müsse. 

Nachdem Deutschland im Jahre 1879 seine Silberverkäufe ein- 
gestellt hatte, wurde ein neuer Versuch zur internationalen Regelung 
der Währungsfrage gemacht. Im Jahre 1881 ließen die Vereinigten 
Staaten zusammen mit Frankreich abermals Einladungen zu einer 
Münzkouferenz nach Baris ergehen. Diesmal war auch Deutschland 



174 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

vertreten, nnd zwar in der Person des späteren Staatssekretärs des 
Reichsschatzamtes, des Freiherrn von T h i e 1 m a n n. 

Die Konferenz wurde am 19. April 1881 eröffnet. Eine Anzahl 
von Staaten erklärte sich für den Bimetallismus, aber nur im Falle 
der Beteiligung Englands und Deutschlands. Aber sowohl England 
als auch Deutschland stellten höchstens kleine Konzessionen an das 
Silber in Aussicht und gaben gleichzeitig die bestimmteste Erklärung 
ab, daß sie das Prinzip der Goldwährung nicht aufgeben könnten. Nach 
ergebnislosen Beratungen vertagte sich die Konferenz im Juli 1881 bis 
zum April 1882, um diplomatischen Verhandlungen von Kabinett zu Ka- 
binett Kaum zu geben; als aber auch auf diesem Wege nichts erreicht 
wurde, ließ mau die ganze Angelegenheit stillschweigend einschlafen. 

In der Folgezeit wurden die Regierungen Englands und Deutsch- 
lands, bei denen man den Hauptwiderstand erblickte, durch eine starke 
bimetallistische Agitation bearbeitet, jedoch gleichfalls ohne Erfolg. 
Trotzdem unternahmen die Vereinigten Staaten, gedrängt durch die 
fortgesetzte Verschlechterung ihres eignen infolge der gleich zu be- 
sprechenden Silbergesetze geschwächten Geldumlaufs, im Jahre 1891 
abermals einen Versuch, die europäischen Staaten zu einer gemein- 
samen Aktion zugunsten des Silbers zu bestimmen. Auf ihre Einladung 
hin trat in Brüssel im Jahre 1891 aufs neue eine internationale Konferenz 
zusammen, deren einziger Erfolg war, daß sie deutlicher noch als die 
früheren ähnlichen Veranstaltungen die gänzliche Ausichtslosigkeit des 
internationalen ßimetallismus dartat. Wie wir sehen werden, 
sind bald darauf wichtige Konsequenzen aus dieser Aussichtslosigkeit 
gezogen worden. 

Wenn auch in dieser Weise die auf die Wiederherstellung der 
freien Silberprägung gerichteten Bestrebungen ihr eigentliches Ziel 
verfehlten, so gelang es ihnen immerhin, die währungspolitische Ent- 
wicklung während der 80 er Jahre in einem gewissen Schwebezustande 
zu erhalten und wenigstens einige positive Maßregeln zweiter Ordnung 
zugunsten des Silbers durchzusetzen. 

In Deutschland war zwar die Einstellung der Silberverkäufe weniger 
auf die Bewegung zugunsten des Silberwertes als auf die großen Verluste 
bei den Silberverkäufen zurückzuführen. Aber die Silberagitation hatte 
wenigstens den Erfolg, daß sie eine Wiederaufnahme der Silberverkäufe 
verhinderte und die Welt über die Zukunft der deutschen Währungs- 
verfassung in Zweifel setzte. 

In den meisten übrigen Staaten, namentlich in denen des Lateinischen 
Münzbundes, gelang es der bimetallistischen Agitation, jeden Schritt, 
der über die Einstellung der freien Silberprägung hinausging, zu ver- 
hindern, vor allem jede Abstoßung überflüssiger Silbermengen. 

Positive Erfolge erreichte die Silberbewegung in dem Lande, von 
welchem sie eigentlich ihren Ausgang genommen hatte und das durch 
die Bedeutung seines Silberbergbaues am meisten an einer Hebung und 
Befestigung des Silberwertes interessiert war, in den Vereinigten Staaten 
von Amerika. Die sogenannte Bland-Bill vom 28. Februar 1878 wies 
das Schatzamt an, monatlich 2 — 4 Millionen Dollar Silber anzukaufen 
und in Standarddollar mit voller gesetzlicher Zahlungskraft ausprägen 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährtmg und Silberentwertung. §2. 175 

'in lassen. Die Bland-Bill blieb bis 1890 in Kraft; während ihrer 
Wirksamkeit wurden Silbermengen von etwa 9 Millionen kg im Werte 
Ton mehr als 300 Millionen Dollar in Standarddollar ausgeprägt. Durch 
die Sherman-Bill vom 14. Juli 1890 wurden die Siiberankäufe des 
Schatzamtes beträchtlich erhöht. Die monatlichen Ankäufe wurden auf 
4^/2 Millionen Unzen Feinsilber normiert; gegen dieses Silber, das 
zum größten Teile nngeprägt aufbewahrt werden sollte, hatte das Schatz- 
amt Schatznoten auszugeben. Die Sherman-Bill blieb bis zum Sommer 1893 
in Wirksamkeit. Während ihrer dreijährigen Dauer kaufte das Schatz- 
amt etwa 5Y4 Million kg Silber zum Preise von etwa 156 Millionen 
Dollar an, beträchtlich mehr als ein Drittel der gleichzeitigen Welt- 
produktion von Silber. — 

Alle die geschilderten Verhältnisse, die Abnahme der Goldproduktion, 
die Ungunst der Goldverteilung und die silberfreundliche Bewegung 
wirkten zusammen, um von 1879 — 1893 jede weitere entscheidende 
Veränderung der internationalen Währungsverfassung zuungunsten des 
Silbers zu verhindern. Die Staaten, die im Laufe der 70 er Jahre zur 
Goldwährung oder wenigstens zur Goldvaluta übergegangen waren, be- 
hielten beträchtliche Mengen von Silberkurantgeld zurück; so Deutsch- 
land im Jahre 1879 etwa 475 Millionen Mark in Talern, so die Latei- 
nische Union etwa 3 Milliarden Frs. in Fünffrankenstücken, so Holland 
seinen ganzen Kurantguldenbestand. Oesterreich- Ungarn hat auch nach der 
Aufhebung der freien Silberprägung im Jahre 1879 noch umfangreiche 
Silberprägungen auf Staatsrechnung vorgenommen; Spanien hat von 
1876 bis 1892 noch 640 Millionen Frs, in silbernen Füufpesetastücken 
ausgeprägt; in Indien wurden Jahr für Jahr Silberausmünzungen im 
Werte von 130 — 140 Millionen Mark vorgenommen, und dazu kamen 
schließlich die enormen Siiberankäufe und Siberprägungen der Union. 
Alles in allem haben in den zwei Jahrzehnten von 1873 bis 1893 
durchschnittlich pro Jahr ganz erheblich stärkere Silberausmünzungen 
stattgefunden, als in irgendeiner früheren Zeit. Nur in den Staaten 
des europäischen Kontinents hat die monetäre Silberverwertung eine 
beträchtliche Einschränkung erfahren. Nach Le xis^) haben die Silber- 
ausmünzungen in Europa, den Vereinigten Staaten und Indien im Jahres- 
durchschnitt betragen (nach dem alten Silberwerte gerechnet): 

1851—60 163 Millionen Mark 

1861—70 340 „ „ 

1887—91 479 
Bei der letztgenannten Ziflfer ist die mit der Ausprägung gleich- 
bedeutende Hinterlegung von Barrensilber in den Vereinigten Staaten 
aufgrund der Sherman-Bill nicht mit in Rechnung gezogen. Die 
erhebliche Silbereinfuhr Chinas, die zum großen Teile aus mexika- 
nischen Piastern bestand, ist in keiner der oben gegebenen Ziffern mit 
in Anschlag gebracht. Die nachweisbare Gesamtprägung von Silber 
betrug, immer nach Lexis, von 1876 bis 1893 nach dem alten Wert- 
verhältnis 9800 Millionen Mark, von denen etwa 400 Millionen Mark, 



') Art. „Silberund Silberwährung" im Haudwörterbnch der Staatswissenschafteu, 
3. Aufl. Bd. Vn. S. 517. 



176 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Eilelmetallverhältuisse. 

die anf Umprägaugeu alter Münzen in deutsche und skandinavische 
Scheidemünzen kommen, abzuziehen sind, während auf der anderen Seite 
die Hinterlegungen von Barrensilber in den N'ereinigten Staaten hin- 
zugerechnet werden müssen. 

Trotz dieser gewaltigen Silberprägungen und trotzdem vom Ende 
der 70 er Jahre an bis zum Jahre 1893 die internationale Währiings- 
verfassung keine weitere Veränderung zuungunsten des Silbers erfuhr, 
gelang es doch den für die Wiederherstellung des Silberwertes wirken- 
den Kräften nicht, auch nur den weiteren Fortschritten der Silber- 
entwertung Einhalt zu gebieten. Die Einstellung der deutschen Silber- 
verkäufe im Mai 1879 erfüllte nicht die auf diese Maßregel vielfach 
gesetzte Erwartung; die Silberprägungen, welche durch die Bland-Bill von 

1878 in den \'ereiuigten Staaten angeordnet wurden, haben kaum irgend- 
eine sichtbare Einwirkung auf den Silberpreis ausgeübt; auch die vom 
Anfang der 80 er Jahre an wieder steigende Silbereinfuhr Indiens ver- 
mochte nicht, den weiteren Rückgang des Silberpreises aufzuhalten. 
Der durchschnittliche Londoner Silberpreis stand 1878 auf 52'-'/^^ d, 

1879 auf 51 ^|^ d pro Unze Standard; er stieg im Jahre 1880, wohl 
hauptsächlich infolge der Einstellung der deutschen Silberverkäufe, auf 
52^/^ d, erreichte aber damit noch nicht einmal wieder sein Niveau 
von 1878; dann ging er langsam zurück bis auf 50^/g und 50^4 d in 
den Jahren 1883 und 1884, kam also schon damals auf einem tieferen 
Stande an als in irgendeinem Jahre während der Durchführung der 
deutschen Münzreform. Von 1885 an machte die Silberentwertung, 
trotz der Fortdauer der amerikanischen Silberankäufe und Silber- 
präguugen, geradezu rapide Fortschritte; der durchschnittliche Silberpreis 
des Jahres 1889 war nur noch 42^^/jg d, der niedrigste Silberpreis in 
diesem Jahre war 42 d. Die gewaltige Steigerung der amerikanischen 
Silberankäufe durch die Sherman-Bill bewirkte, daß im August 
1890 der Silberpreis bis auf 54^/gd in die Höhe schnellte. Aber diese 
spekulative Preissteigerung brach rasch wieder zusammen; bereits im 
November 1890 sank der Preis wieder auf 47^8 d; im Jahre 1891 
wurde der niedrigste Silberpreis mit 4372 d, im Jahre 1892 mit 3778 ^ 
notiert, und in der ersten Hälfte des Jahres 1893 machte der Preis- 
rückgang noch weitere Fortschrittte. Der Preis stand beträchtlich tiefer 
als vor dem Erlaß der Sherman-Bill, und seit dem Jahre 1879 hatte 
die Silberentwertung, obwohl die internationale Währungsverfassung 
in jener Zeit keine wesentliche Aenderung erfahren hatte, sich um etwa 
25 Prozent verschärft. 

Mit dem Jahre 1893, in dem die Sherman-Bill aufgehoben und 
die freie Silberprägung in Indien eingestellt wurde, begann ein neuer starker 
Preissturz, so daß im Jahre 1902 das durchschnittliche Wertverhältnis etwa 
1:39 war. Vom Jahre 1904 an haben der russisch-japanische Krieg und 
seine Nachwirkungen eine erhebliche Zunahme der Silbernachfrage hervor- 
gerufen, sodaß zeitweise eine nicht unerhebliche Steigerung des Silber- 
preises eintrat. Aber das Jahr 1908 wies bereits wieder ein durch- 
schnittliches Wertverhältnis von 1 : 38,67, das Jahr 1909 sogar ein solches 
von 1 : 39,74, auf. Die folgenden Jahre brachten eine leichte Hebung 
des Silberpreises, die aber in den Jahren 1914 und 1916 wieder verloren 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. § 3. 177 

giug. Das durchschnittliche Wertverhältnis des Jahres 1915 war mit 
1 : 39,84 das ungünstigste, das für das Silber jemals zu verzeichnen war. 
Der Weltkrieg hat auch auf dem Edelraetallmarkte revolutionierend 
gewirkt. Vom Jahre 1915. an zeigte das Silber auf dem Londoner 
Markte geradezu sensationelle Preissteigerungen, die schließlich im Jahre 
1919 mit einer Notierung von 79^8 d für die Unze Standard ihren 
Höhepunkt erreichten. Darüber näheres weiter unten. 

§ 3. Die Ursachen der Silberentwertung. 

Die Tatsache der starken Entwertung des Silbers gegenüber 
dem Golde wurde in der Schilderung der Entwicklung der internationalen 
Währungsverfassung verzeichnet, ohne daß auf die P'eststellung der 
Ursachen dieser in der Geschichte der Edelmetalle bisher unerhörten 
Erschütterung des Wertverhältnisses der beiden Metalle eingegangen 
worden wäre. Die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der 
internationalen Edelmetall- und Währungsverhältnisse würde jedoch 
der Vollständigkeit entbehren, wenn hier eine Erörterung der Ursachen 
dieser gewaltigen Verschiebung des Wertverhältnisses und namentlich 
des Zusammenhangs zwischen der veränderten Münzgesetzgebung und 
der Silberentwertung unterbliebe. 

Eine weit verbreitete Ansicht geht dahin, daß ausschließlich die 
Aenderungen der Münzgesetzgebung, die zuerst in den 70er Jahren 
ond später von 1893 an erfolgten, die Entwertung des Silbers hervor- 
gerufen hätten. Vor allem habe die Aufhebung der französischen 
Doppelwährung die Entwertung des Silbers überhaupt erst ermög- 
licht, während die große Stabilität des Wertverhältnisses in den 
ersten sieben Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ausschließlich der Wirk- 
samkeit der französischen Doppelwährung zu danken gewesen sei. Den 
Anstoß zu der verhängnisvollen Entwicklung habe der deutsche Wäh- 
rungswechsel gegeben, der die übrigen Kulturstaaten gezwungen oder 
wenigstens veranlaßt habe, sich gleichfalls vom Silber abzuwenden. Der 
deutsche Währungswechsel selbst wurde mitunter als die Tat eines ver- 
blendeten Doktrinarismus, als ein Willkürakt aufgefaßt, der eben so 
gut hätte unterbleiben können; und von allem, was dann folgte, sollte 
der Satz gelten: Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fort- 
zeugend immer Böses muß gebären. 

Ohne weiteres ist zuzugeben, daß die Beschränkung und die gänz- 
liche Einstellung der freien Silberprägung in einer großen Anzahl von 
Kulturstaaten eine erhebliche Verkleinerung des Verwendungsgebietes 
für Silber bedeutete, die sich namentlich in den 70 er Jahren, vor der 
Bland-Bill und vor dem neuen Aufschwünge des indischen Silberbedarfs, 
fühlbar machen mußte. Auch die spätere starke Ausdehnung der 
Silberprägungen in Amerika und Asien vermochte keinen ausreichen- 
den Ersatz zu bieten für den Wegfall der freien Prägbarkeit in den 
Ländern europäischer Kultur. Wohl wurde der grüßte Teil des neuen 
Silbers der monetären Verwendung zugeführt; aber das war auf dem 
gegenüber der Zeit vor 1870 geographisch kleineren und an volks- 
wirtschaftlicher Bedeutung hinter Europa zurückstehenden Gebiete 
nur möglich unter einer beträchtlichen Minderung des Silberwertes. 

Uelfferioh, Das Geld. 12 



178 Erstes Bach. II. Abschnitt, Die Gestaltung der Edelmetallverh&ltnisse. 

Andererseits aber haben wir gesehen, daß gerade der Rückgang 
des Silberpreiees der Grnnd war, der in einer Anzahl von wichtigen 
Ländern, so in den Niederlanden, in den Staaten des Lateinischen 
MUnzbundes nnd in Oesterreich-Ungarn, die Einschränkung oder völlige 
Einstellung der Silberprägung herbeigeführt hat. 

Das Verhältnis von Silberentwertung und MUnzgesetzgebung ist 
mithin kein einseitiges; die Ausschließung des Silbers von den Münz- 
stätten war nicht lediglich Ursache der Silberentwertung, sondern die 
Einstellung der Silberprägungen ging selbst vielfach auf die Silberent- 
wertung als auf ihre wesentliche Ursache zurück; es lag mithin eine 
Wechselwirkung vor. Diese Wechselwirkung mochten diejenigen, welche 
die Wandlungen der MUnzgesetzgebung als Willkürakte ansehen, als 
einen circulus vitiosus betrachten: die Münzgesetzgebung verschuldete 
die Silberentwertung, und die Silberentwertung veranlaßte wieder ein 
weiteres Umsichgreifen der silberfeindlichen Gesetzgebung. 

Eine Betrachtung der geschichtlichen Vorgänge wird uns darüber 
belehren, ob wirklich in der gesamten währungspolitischen Entwick- 
lung der letzten fünf Jahrzehnte vor dem Weltkriege ein solcher fehler- 
hafter Zirkel vorliegt. 

Wir haben die Währungsverhältnisse der Welt in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer gewissen Stabilität gesehen; erst 
die von den kalifornischen Goldfunden eingeleitete Umwälzung der 
Produktionsverhältnisse der Edelmetalle hat neues Leben in den Ent- 
wicklungsprozeß gebracht. 

Das neugewonnene Gold wurde von den Ländern, die sich bisher 
tiberwiegend des Silbers bedient hatten, bereitwillig als Geldstoff auf- 
genommen; denn die wirtschaftliche Entwicklung hatte den vermehrten 
Gebrauch von Goldgeld wünschenswert gemacht. Die vermehrte Pro- 
duktion fand mithin ihr Gegengewicht an einem starken Verkehrsbedarfe 
und an einer vermehrten monetären Verwendung. Daß die Länder 
mit Doppelwährung die Verdrängung ihres bisherigen Silberumlaufs 
durch das neue Gold ruhig geschehen ließen, daß die Länder mit 
Silberwährung, vor allem Deutschland, sich einen Goldumlauf zu ver- 
schaflen wünschten, war die einfache Folge der unbestreitbaren Tat- 
sache, daß für den größeren Teil des modernen Verkehrs das Gold 
ein tauglicherer Geldstoff ist als das Silber, Das vermehrte Angebot 
eines tauglicheren Verkehrsmittels hat nun die notwendige Wirkung, 
die Nachfrage nach dem weniger tauglichen zu vermindern, ja selbst 
einen Teil der bisher verwendeten weniger tauglichen Verkehrsmittel 
freizusetzen. Mit anderen Worten: die starke Vermehrung der Gold- 
produktion mußte das Bedürfnis des Verkehrs nach Silbergeld ein- 
schränken und damit die Tendenz zu einer Entwertung des Silbers 
schaffen. Wie wenig dieser Zusammenhang eine Konstruktion ex post 
ist, wird dadurch bezeugt, daß diese Ansicht schon zu einer Zeit aus- 
gesprochen wurde, als die Umwälzungen in der Währungsgesetzgebung 
und die Silberentwertung noch nicht eingetreten waren. Soetbeer 
schrieb in der Hamburger Börsenhalle vom 15. Juli 1869: „Wie paradox 
es anfangs vielleicht lauten mag, es liegt doch eine gewisse Wahrheit 
darin, daß im großen nnd ganzen genommen und auf die Dauer die 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährang und Silberentwertnng. § 3. 179 

aüßerordeatliche Steigernng der Goldprodoktion mehr auf die Wertver- 
ringerung des Silbers als des eignen Produkts ihre Wirkung äußern muß." 

Und die Rolle der MUnzgesetzgebung in diesen ans der allgemeinen 
wirtschaftlichen Entwicklung und den Produktionsverhältnissen der Edel- 
metalle resultierenden Vorgängen? 

Die Münzgesetzgebung ist, wie bereits in einem früheren Abschnitte 
gelegentlich der Sperrung der englischen Silberprägung im Jahre 1798 
ausgeführt wurde, lediglich das Instrument, durch das in unserer 
modernen Rechts- und Wirtschaftsordnung der Geldumlauf den An- 
sprüchen und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechend gestaltet wird. 
Ebenso wie in England im Jahre 1798 durch die Einstellung der freien 
Silberprägung nicht etwa eine wirkliche Verkehrsnachfrage nach Silber 
künstlich beschränkt, sondern wie durch diesen Akt nur eine den 
lebendigen Verkehrsbedürfnissen widersprechende Verdrängung des 
Golduralaufs durch einen Silberumlauf verhindert wurde, — ebenso 
hat die Münzgesetzgebung in den Staaten des europäischen Kontinents, 
nachdem die Goldfaude die Mittel zu einer den modernen Verkehrs- 
bedürfnissen besser entsprechenden Gestaltung der Zirkulation geliefert 
hatten, überall dort eingreifen müssen, wo sich das Gold nicht auto- 
matisch an Stelle des Silbers setzen konnte oder wo der einmal ge- 
wonnene Goldumlauf durch eine spätere gegenteilige Wirkung der 
Münzverfassung aufs neue durch das Silber bedroht erschien. 

Solange der starke indische Silberbedarf der 50 er und 60er Jahre 
große Silberraengen aus Europa nach Asien führte, vollzog sich für 
die Staaten mit Doppelwährung die Verminderung des Silberumlaufs 
und die Ausdehnung des Goldumlaufs ganz von selbst. Ein Eingreifen 
der Gesetzgebung war nur insoweit notwendig, als es sich um die Er- 
haltung der unbedingt notwendigen kleinen Silbermünzen handelte; im 
großen Ganzen aber wirkte das bimetaliistische System in diesem Falle 
in einer den Wünschen und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechenden 
Weise. Deutschlands Bedürfnis nach einem Goldumlaufe dagegen konnte 
nur befriedigt werden durch eine Abscbafifung der gesetzlich bestehen- 
den Silberwährung und den Uebergang zur Goldwährung. Auch für 
die Doppelwährungsländer mußte — ganz unabhängig von Deutsch- 
lands Vorgehen — ein Eingreifen der Gesetzgebung nötig werden, so- 
bald der außerordentliche Silberbedarf für den Osten nachließ und 
dazu noch eine starke Vennehrung der Silberproduktion kam. Mit 
dem Eintreten dieser Möglichkeiten mußte sich die Frage entscheiden, 
ob das Silber den Teil seines monetären Absatzgebietes in Europa, den 
68 an das Gold verloren hatte, wieder würde gewinnen können. 

Wie wenig damals ein wirklicher Verkehrsbedarf nach mehr Silber 
in Europa existierte, das zeigte sich während der 70 er Jahre besonders 
aufi'ailend in Deutschland, und zwar darin, daß der deutsche Verkehr, 
nachdem die Preußische Bank bzw. die Reichsbank die Zahlungen in 
Gold aufgenommen hatte, fortgesetzt große Beträge von Silbergeld im 
Austausch gegen Goldgeld an die Reichsbank abgab. Von Mitte 1875 
bis Mitte 1879 hat der deutsche Verkehr etwa 735 Millionen Mark 
Silbergeld an die Reichsbank abgestoßen und etwa 696 Millionen Mark 
Goldgeld aus der Bank entnommen. Hier, wo der freie Verkehr sich 

12* 



180 Erstes Buch, 11. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

nach seinen wirklichen Bedürfnissen aus dem Metallvorrate der Zentral- 
bank versorjren konnte, trat es deutlich zutage, daß nicht nur kein weiterer 
Verkehrsbedarf nach Silber, sondern daß sogar ein beträchtlicher Ueber- 
schuß an Silbergeld über den Verkehrsbedarf hinaus vorhanden war. 

Es waren nnthin nicht die Miinzgesetze, welche die Nachfrage nach 
Silber für Geldzwecke in einer für den Wert des weißen Metalls entscheiden- 
den Weise verringerten, sondern der wirkliche Sachverhalt war folgender: 

Die gesteigerte Produktion und Verwendung des Goldes als des 
tauglicheren und im Verkehr beliebteren Zirkulationsmittels hatte den 
Bedarf der europäischen Staaten an Silbergeld wesentlich eingeschränkt; 
um den Silberumlauf auf einen dem veränderten Verkehrsbedarf annähernd 
entsprechenden Umfang wirksam zu beschränken, dazu war die Ein- 
stellung der freien Silberprägung und der Uebergang zur Goldwährung 
notwendig, und zwar für Silberwährungsläuder von vornherein, für 
Doppelwährungsländer von demjenigen Momente an, in welchem infolge 
von Veränderungen in Angebot und Nachfrage auf dem Silbermarkte 
ihren Münzstätten wieder größere Silbermengen zuflössen. — 

Die Faktoren außerhalb der MUnzgesetzgebung, die um die Wende 
der 60 er und 70 er Jahre, den für das Schicksal des Silbers entschei- 
denden Umschwung auf dem Silbermarkte herbeiführten, waren in der 
Hauptsache folgende: 

1. Die Steigerung der Silberproduktion von 1,1 Millionen kg im 
Durchschnitt der Jahre 1861 bis 1865 auf 2 Millionen kg im Durch- 
schnitt der Periode 1871 bis 1875 und 2,5 Millionen kg im Durchschnitt 
der Periode 1876 bis 1880. 

2. Die Verringerung des indischen Silberbedarfs von mehr als 
100 Millionen Rupien im Durchschnitt der Jahre 1855 bis 1865 auf 
etwa 71 Millionen Rupien im Durchschnitt der Jahre 1866 bis 1869 
und etwa 35 Millionen Rupien 1870 bis 1876. 

Das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren prägte sich darin 
aus, daß von der Mitte der 60er Jahre an, wie die folgende Uebersicht 
ausweist, fortgesetzt größere Silbermengen für die europäische Kultur- 
welt verfügbar blieben. 



Perioden 
(Jahresdurch- 
schnitte) 


Silberproduktion 


Mehreinfuhr von Silber in 
Indien 


Ueberschuß der 
Silberprod.über 
d.ind, Mehreinf. 


kg 


1000 Rubinen 


kgO 


kg 


1856-1860 


904 990 


100 725 


1 077 380 


— 172390 


1861—1865 


1101 150 


99 680 


1 066 100 


35 050 


1866—1870 


1 339 085 


94 290 


1 008 450 


330 635 


1871—1875 


1 969 425 


30 6:31 


327 600 


1641825 


1876-1880 


2 450 252 


70 542 


754 440 


1695 812 


1881—1885 


2 808 400 


60 806 


650 330 


2158 070 


1886-1890 


3 387 532 


96 351 


1 030 500 


2 357 032 


1891—1895 


4 901 333 


96 600 


1158 661 


3 742 672 


1896—1900 


5 154 551 


64 800 


1 004 398 


4 150 153 


1901—1905 


5 226 121 


113 600 


1991426 


3 234 695 


1906—1910 


6 135 348 


236 969 


2 523 736 


3611612 


1911—1915 


6 312 831 


103 916 


911 406 


5 401 425 



') 93,5 Rupien = 1 kg Silber. 



6. Kapitel. Ausbreitung: der Goldwährang and Silbereutwertnng. § 3. 181 

Während Indien von 1855 bis 1860 beträchtlich mehr Silber ab- 
sorbierte, als gleichzeitig produziert wurde, stieg der Ueberschuß der 
Silberproduktiou über den indischen Bedarf von 331000 kg im Jahr- 
fünft 1866 bis 1870 in den beiden folgenden fünfjährigen Perioden auf 
1642000 kg und 1696 000 kg. 

Der Rückgang der Silberverschiflfungen nach Indien hatte seine 
Ursache zum Teil in dem Wegfall der ungewöhnlichen Verhältnisse, 
welche die außerordentlichen Verschiffungen während der 50 er und 
60 er Jahre veranlaßt hatten, vorwiegend aber darin, daß die Zahlungen 
in Gold, die Indien nach England zur Verzinsung von Anleihen, zur 
Auszahlung von Gehältern und Pensionen usw. zu leisten hatte, sich 
rapid vermehrten. Die Mittel für diese in England zu leistenden Gold- 
zahluugen wurden und werden heute noch aufgebracht durch die Be- 
gebung der sogenannten India-Councilbills auf dem Londoner Markte. 
Die Councilbills sind Wechsel, die vom Indischen Rate in London auf 
die indische Finanzverwaltung gezogen werden und in Bombay, Kalkutta 
oder Madras in indischer Währung zahlbar sind. 

Diese Councilbills oder Schatzwechsel waren als Zahlungsmittel 
für Indien besser verwendbar als das Silber. Ihre Versendung machte 
geringere Kosten und bedingte keinen Zinsverlust; die Möglichkeit ihrer 
telegraphischen Uebertragung machte sie besonders brauchbar in Fällen 
eines plötzlichen und starken Geldbedarfs in Indien und gestattete außer- 
dem die Vermeidung von Kursverlusten, denen Silber und gewöhnliche 
Wechsel auf Indien infolge des langen Zeitraumes zwischen Ankauf in 
London und Verwendung in Indien ausgesetzt waren. Deshalb war die 
Größe des Angebots von Schatzwechseln für die Silbernachfrage und 
der Kurs, zu welchem sie begeben wurden, für den Silberpreis von 
großem, oft sogar von entscheidendem Einflüsse, 

Es traf sich nun, daß gerade in der für das Silber kritischen Zeit 
die Begebungen von Schatzwechseln infolge der steigenden Verschuldung 
Indiens an England einen großen Umfang annahmen. Während sich die 
jährlichen Begebungen im Durchschnitt der 50 er Jahre auf 21,8 Millionen 
Rupien belaufen hatten, stellten sie sich in der zweiten Hälfte der 
60er Jahre schon auf 55,2 Millionen Rupien, um 1870 bis 1875 
auf 12 Millionen, 1876 bis 1880 auf mehr als 150 Millionen Rupien 
zu steigen. Zeitweise überstieg ihr Betrag den Wert der gesamten 
englischen Silberausfuhr., 

Auf diese Weise nahmen die Councilbills auf Kosten des Silbers 
unter den Rimessen für Indien einen immer größeren Raum ein, wie 
folgende Ziffern beweisen: 



Durchschnittlich 


Indiens Mehreinfuhr 

von Silber 

1000 Rui.ien 


Begebungen von 
C'ouncilbills 
lOUO Rupien 


18()5/66— 186i»/70 
1870 71 -1874/7:') 


94 290 ')') 200 
•iO(i31 120 840 




Abnahme 63 Gj9 


Zunahme 65 640 



Wenn die starke Abnahme des indischen Silberbedarfs und die 
gleichzeitige Steigerung der Silberproduktiou an sich schon hingereicht 



182 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelnietallverhältnisse. 

hätten, um die europäischen Staaten, namentlich die Länder der Latei- 
nisoheu Doppelwährung, zu einer Entscheidung darüber zu zwingen, ob 
sie das Silber in ihrem Geldumlaufe wieder zur Vorherrschaft kommen 
lassen wollten, — so mußte die Notwendigkeit dieser Entscheidung 
allerdings in hohem Grade beschleunigt werden durch das Vorgehen 
irgendeines bedeutenden Staates, der sich dem Silber verschloß oder 
gar einen Teil seines bisherigen Silberumlaufs auf den Markt brachte. 

Eine solche Beschleunigung hat die deutsche MUnzreform herbei- 
geführt; aber auch nur eine Beschleunigung der Entwicklung, nicht die 
Entwicklung selbst. Durch die Feststellung der Tatsache, daß die 
gegen das Silber gerichtete Mlinzgesetzgebung nur das Mittel war, 
durch das der Geldumlauf den Bedürfnissen des Verkehrs entsprechend 
gestaltet w^urde, ist allein schon die Frage beantwortet, ob es sich bei 
den entscheidenden Aenderungen der MUuzgesetzgebung um Willkürakte 
handelte oder um Maßnahmen, die wirtschaftlichen Bedürfnissen ent- 
sprachen; und die Frage, w^elchen Anteil die deutsche Münzreform und 
die Aufbebung der französischen Doppelwährung an den Ursachen der 
Silberentwertung haben, ist damit auf die ihr zukommende bescheidene 
Bedeutung zurückgeführt. Wenn die gegen das Silber gerichtete Münz- 
gesetzgebung der europäischen Staaten in ihrer Gesamtheit nur die 
Wirkung einer tiefer liegenden gemeinsamen Ursache war, dann ist es 
müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der eine oder der 
andere Staat den Anstoß zu der ganzen Entwicklung gegeben oder zu 
der Entwertung des Silbers mehr als die anderen beigetragen hat. 

Immerhin ist es nicht überflüssig, speziell die Wirkung der. Be- 
seitigung der französischen Doppelwährung und die Stellung der deutschen 
Münzreform in dem Kreise der zur Entwertung des Silbers zusammen- 
wirkenden Faktoren zu erörtern. 

Die französische Doppelwährung soll während ihres Bestehens von 
1803 bis 1873 ein stabiles Wertverhältnis zwischen Gold- und Silber- 
münzen gesichert haben; es wurde behauptet, nur die Aufhebung der 
freien Silberprägung in den Staaten der Lateinischen Münzunion habe 
überhaupt eine Silberentwertung möglich gemacht. 

Es erscheint zunächst auffallend, daß gerade der französischen 
Doppelwährung eine solche Wirkung zugeschrieben wurde. Vom Jahre 
1717 bis 1798 bestand in England ein Doppelwährungssystem; aber 
trotzdem England in jener Zeit eine bedeutendere Stellung im inter- 
nationalen Geld- und Edelmetallverkehr einnahm als Frankreich zur 
Zeit des Bestehens seiner Doppelwährung, hat niemand der englischen 
Doppelwährung eine ähnliche Wirkung auf das Wertverhältnis der Edel- 
metalle zugeschrieben, wie sie vielfach für die französische Doppel- 
währung vindiziert worden ist. Die Tatsache, daß während der ganzen 
Zeit des Bestehens des englischen Doppelwährungssystems das Wert- 
verhältnis auf dem ofi'enen Markte für das Silber ein günstigeres war, 
als die gesetzliche englische Relation, steht gegen jede Anzweiflung fest. 
Hier hat also das Doppelwährungssystem die ihm zugeschriebene 
Wirkung nicht ausgeübt; wenn tatsächlich während des Bestehens der 
französischen Doppelwährung sich das Marktverhältnis mit der gesetz- 
lichen Relation gedeckt hätte, so würde sich aus dem Versagen der 



6, Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. § 3. 183 

englischen Doppelwährung der Schluß ergeben, daß die behauptete 
Wirkung nicht eine mit Notwendigkeit aus dem Systeme sich ergebende 
sein kann. 

Aber die Behauptung selbst, die französische Doppelwährung habe 
das Wertverhältnis der beiden Edelmetalle auf der Keiation von 1 : 15,5 
stabilisiert, ist nicht ganz zutrefl'end. 

Wie bereits dargestellt wurde, zeigte der Silberpreis in der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts eine sinkende Tendenz; in London sank 
der Preis der Unze Standard Silber im Jahre 1848 bis auf 58^/^ d, 
entsprechend einem Wertverhältnis von 1 : 16,12 zwischen Silber und 
Gold. In den Jahren der Steigerung der Goldgewinnung trat die um- 
gekehrte Bewegung ein; der Londoner Silberpreis stieg bis auf 62,75 d, 
entsprechend einem Wertverhältnis von 1:15,03. Die Spannung stellt 
sich auf 7 ^4 Prozent. 

Mau hat eingewendet, daß diese Schwankungen auf dem Londoner 
Markte nur durch die Kosten des Transports von Gold und Silber 
zwischen London und Paris entstanden seien. Wenn in Paris das 
Wertverhältnis der beiden Edelmetalle sich in genauer Uebereinstimmuug 
mit der gesetzlichen Relation befunden hätte, so habe in London, 
falls Silber nach Paris versendet werden sollte, das Silber um die 
Transportkosten billiger sein müssen; umgekehrt, wenn London Silber 
aus Paris beziehen wollte, so habe der Siberpreis in London um die 
Transportkosten höher sein müssen, als dem französischen Wertver- 
hältnisse entsprochen hätte. 

Dieser Einwand hätte jedoch nur dann eine Berechtigung, wenn 
wirklich auf dem Pariser Edelmetallmarkte sich das Wertverhältuis 
der beiden Edelmetalle auf dem Satze von 1 : 15,5 erhalten hätte. 
Aber diese Voraussetzung trifft nicht zu. Wir haben fortlaufende 
Notierungen des Preises von Gold- und Silberbarren auf dem Pariser 
Markte, und diese Notierungen ergeben, daß Schwankungen statt- 
fanden zwischen 1:16,66 und 1:15,15. Die Schwankungen der 
Jahresdurchschnitte stellen sich auf 1 : 15,94 bis 1 : 15,33. Die Spannung 
der Jahresdurchschnitte war in Paris etwas kleiner als in London, die 
größte Spannung der einzelnen Kurse dagegen war in London kleiner 
als in Paris. 

Die Tatsache, daß Schwankungen um das gesetzliche Wertver- 
hältnis auch in Paris selbst stattfanden, und zwar ungefähr in dem- 
selben Umfange wie in London, steht mithin fest. Die Erklärung dieser 
Schwankungen um den Satz des französischen Wertverhältnisses durch 
die Kosten des Transports von und nach dem Auslände ist also hinfällig. 
Erschwerend kommt in Betracht, daß unter der Herrschaft der 
französischen Doppelwährung sich nicht nur das ungemünzte Metall von 
der gesetzlichen l{elation entfernte, sondern daß in der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts auch das geprägte Goldgeld ein Agio auf seinen 
Nennwert notierte. Das französische Doppelwährungsgesetz vermochte 
also nicht einmal Schwankungen im Wertverhältnisse zwischen den 
französischen Gold- und Silber m U nzen zu verhindern. Von einer Be- 
herrschung des Wertverhältnisses der ungeprägten Metalle kaun 
erst recht keine Rede sein. 



1S4 Erstes Buch. IL Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältuisse. 

An dieser Tatsache vermag: auch der Umstand nichts zu ändern, 
daß sich die Schwankungen des Wertverhältuisses innerhalb verhältnis- 
mäßig: eniTcr Grenzen hielten. So gut eine Prämie von 6 ^a Prozent 
auf Goldbarren und ein Aufgeld von 12 Prozent auf goldene Zwanzig- 
frankenstiicke entstehen konnte, so gut eine Prämie von 3*/^ Prozent 
auf Silber aufkommen konnte, ebensogut hätte die Abweichung von 
dem gesetzlichen "Wertverhältnisse, wenn sich die maßgebenden Faktoren 
weiter zuungunsten des einen oder des anderen Metalls verändert hätten, 
beträchtlich größer werden können. 

Wenn darauf hingewiesen wurde, daß die Abweichungen von der 
gesetzlichen französischen Relation in keinem Verhältnis zu der außer- 
ordentlichen Umwälzung der Edelmetallproduktion, wie sie durch die 
Goldfunde der 50 er Jahre hervorgerufen worden ist, gestanden hätten, 
so ist zuzugeben, daß die Wirksamkeit der französischen Doppelwährung 
tatsächlich den Einfluß dieser Umwälzung auf das Wertverhältnis beträcht- 
lich abgeschwächt hat. Aber diese Wirkung war an ganz bestimmte 
Vorbedingungen geknüpft, die bereits oben bei der Darstellung der 
Geschichte der französischen Doppelwährung präzisiert wurden. Diese 
Vorbedingungen waren, daß der französische Münzumlauf, als die enorme 
Steigerung der Goldproduktion und der Silbernachfrage für Indien ein- 
trat, ganz mit Silber gesättigt war, daß ferner der Uebergang von einem 
Silber- zu einem Goldumlaufe den Bedürfnissen des Verkehrs entsprach. 

Als zu Beginn der 70 er Jahre eine neue Umkehr des Wertver- 
hältnisses stattfand, war die erste der beiden Vorbedingungen ebenfalls 
gegeben: Frankreich und die übrigen Länder der Lateinischen Münz- 
union hatten einen großen Vorrat von dem in seinem relativen Werte 
steigenden Metalle. Unter diesen Verhältnissen war die französische 
Doppelwährung an sich abermals imstande, dem Weltmarkte große 
Beträge des im Werte steigenden Metalls zur Verfügung zu stellen, 
das im Werte sinkende Metall aufzunehmen und dadurch ausgleichend 
auf die Veränderung des Wertverhältnisses zu wirken. Wie lange 
die französische Doppelwährung gegenüber der gewaltigen Steigerung 
der Silberproduktion und den anderen auf eine Entwertung des Silbers 
hinwirkenden Faktoren imstande gewesen wäre, die Silberentwertung 
hintan zu halten, ist eine Frage für sich. 

Aber die zweite Vorbedingung, welche bei dem Umschwünge der 
50 er Jahre für die Wirksamkeit der französischen Doppelwährung 
gegeben war, fehlte diesmal. Die Wirksamkeit der Doppelwährung 
hätte diesmal den Münzbundstaaten nicht einen tauglicheren anstelle 
eines weniger tauglichen Geldstoffes, das Gold anstelle des Silbers, 
gebracht, sondern umgekehrt das Silber anstelle des Goldes. In den 
fünfziger Jahren kostete es Frankreich kein Opfer, sein Doppelwährungs- 
system ausgleichend auf die Veränderung des Wertverhältnisses wirken 
zu lassen; die automatische Wirkung des Doppelwäbrungssystems 
brachte ihm sogar eine Verbesserung seines eignen Geldumlaufs. Zu 
Beginn der 70 er Jahre dagegen hätten die Staaten der Lateinischen 
Münzunion, um ihre Doppelwährung dieselbe Wirkung ausüben zu 
lassen, ihren Goldumlauf aufgeben müssen, und um diesen Preis 
waren sie nicht gewillt, sich um die Stabilität des Wertverhältnisses 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwertung. §3, 185 

der Edelmetalle verdient zq machen. Münzgesetz und VerkehrsbedUrfnis 
kamen hier in Konflikt, und da der Verkehr nicht für die Münzgesetze, 
sondern die Münzgesetze für den Verkehr da sind, mußte in diesem 
Konflikte das Verkehrsbedürfnis siegen: die Doppelwährung wurde durch 
die Einstellung der freien Silberprägung beseitigt. 

Die Stellung der deutschen Münzreform unter den währungs- 
politischen Maßregeln jener Zeit und ihr Anteil an der Silber- 
entwertung ist dadurch gleichfalls bereits in gewissem Grade 
aufgeklärt. Die Darstellung, daß der deutsche Währungswechsel 
die Ursache der Preisgabe der französischen Doppelwährung ge- 
wesen sei, steht in Widerspruch mit der von derselben Seite 
vertretenen Ansicht, daß das Bestehen der französischen Doppel- 
währung eine Entwertung des Silbers nicht zugelassen haben würde; 
denn unmöglich werden konnte die Aufrechterhaltung der Doppel- 
währung nur durch eine starke Abweichung des tatsächlichen von 
dem gesetzlichen Wertverhältnisse, im vorliegenden Falle durch eine 
beträchtliche Entwertung des Silbers, die ja angeblich, solange die 
Doppelwährung bestand, gar nicht eintreten, also auch nicht durch die 
deutsche MUuzreform hervorgerufen werden konnte. 

Auch der Einwand, Frankreich habe sich gegen das von Deutsch- 
land abgestoßene Silber verteidigen müssen, ist nicht stichhaltig. Denn 
einmal hat Deutschland mit seiner Silberabstoßung erst im Oktober 1873 
begonnen, als die Beschränkung der freien Silberprägung in Frankreich 
und Belgien bereits erfolgt war. Ferner lag für Frankreich und die 
übrigen Staaten des Lateinischen MUnzbundes nur dann eine Veran- 
lassung vor, sich gegen das deutsche Silber zu verteidigen, wenn man 
eine Vermehrung des Silberumlaufs überhaupt nicht wollte, wenn man 
also zwischen Silber und Gold den Unterschied machte, dessen Bestehen 
die bimetallistische Theorie nicht gelten lassen will. Wollte aber die 
französische Münzunion sich das Silber fernhalten und sich ihren Gold- 
umlauf sichern, dann mußte sie — ganz unabhängig von der deutschen 
MUnzreform — durch das Steigen der Silberproduktiou und die Ab- 
nahme der indischen Silbernachfrage zur Einstellung der freien Silber- 
präguug gedrängt werden, nur daß die Notwendigkeit eines solchen 
Schrittes vielleicht erst einige Jahre später hervorgetreten wäre. 

Nicht nur in bezug auf das Verhalten der Lateinischen Münzunion, 
sondern auch in bezug auf die sämtlichen gegen das Silber gerichteten 
wälirungspolitischen Maßregeln, die auf die deutsche Münzreform folgten, 
heißt es das Verhältnis von Ursache und Wirkung umdrehen, wenn mau 
den deutschen Währungswechsel als den Grund für die Einstellung der 
Silberprägungen in den anderen Staaten bezeichnet. Die Währungsfrage 
war Jahre laug vor der deutschen Müuzreform in der interniitionaien 
Oetfentlichkeit diskutiert worden; in der ganzen Kulturwelt war das aus- 
gesprochene Bestreben zutage getreten, die Goldwährung, wo sie tatsäch- 
lich bestand, gesetzlich festzuhalten, und sie einzuführen, wo sie nicht 
bestand. Die Umstände fügten es, daß Deutschland als erster Staat in 
den Umwandlungsprozeß eintreten und sich dadurch relativ günstige 
Bedingungen sichern konnte. Daß die anderen Staaten dem Vorgehen 
Deutschlands folgten, war mithin lediglich eine Bestätigung der richtigen 



186 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der EdelmetallverhältuisBe. 

Voraussicht, aufgrund deren Deutschland sich zur Goldwährung ent- 
echlossen hatte. 

Der tiefere Grund fllr die sogenannte „Demonetisation" und für die 
Entwertung des Silbers ist mithin zu suchen in einem Verdikte des 
Verkehrs über den Gebrauchswert des Silbers als Geldstoff. Nachdem 
aus dem Kreise der zahlreichen Güter, welche anfänglich als Geld 
fungiert hatten, die beiden Edelmetalle wegen ihrer besonderen Taug- 
lichkeit zu diesem Zwecke allein als Geldstoff übrig geblieben waren, 
nachdem Gold und Silber Jahrtausende laug neben einander Gelddienste 
geleistet hatten, ist schließlich innerhalb der Kulturwelt im Laufe einer 
kurzen Spanne Zeit der an Tauglichkeit zurückstehende dieser beiden 
Stoffe von dem tauglicheren verdrängt worden, weil die Edelmetall- 
gewiunung plötzlich das tauglichere Metall der Kulturwelt in viel 
grülieren Mengen zur Verfügung gestellt hat. 

Die den Bedürfnissen des Verkehrs entsprechende Beschränkung 
des Silbergeldes innerhalb des gesamten Geldumlaufs war gleichzeitig, 
wie im ersten Abschnitte dieses Buches dargestellt wurde, die Voraus- 
setzung für die Herstellung eines einheitlichen Geldsystems aus beiden 
Edelmetallen. Nur bei einer beschränkten Ausgabe von Silbermünzen 
war es möglich, dem Silbergeide einen von seinem eignen Stoße unab- 
hängigen, von dem Goldgelde abgeleiteten und dadurch mit dem Werte 
des Metalles Gold verknüpften Wert beizulegen. So hat die Aus- 
dehnung der Goldwährung und die Beschränkung der Silberprägung 
nach zwei Seiten hin den Bedürfnissen des modernen Geldverkehrs 
Rechnung getragen. 

§ 4. Die währungspolitiscbe Entwicklaug von 1893 
bis zum Weltkrieg. 

Der unaufhaltsam erscheinende Rückgang des Silberpreises hat 
in Verbindung mit einer neuerlichen Steigerung der Goldproduktion im 
letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, eine zweite Reihe von 
währungspolitischen Maßregeln hervorgerufen, die sich als die Fort- 
setzung der in den 70er Jahren eingetretenen Umwälzung darstellen. 

.Je stärker die Silberentwertung wurde, desto mehr verringerten 
sich die Aussichten auf die angestrebte Rehabilitation des Silbers, desto 
fester wurde in der ganzen Welt die Ueberzeugung, daß das 
Silber seine Rolle als ein mit dem Golde gleichberechtigtes Geld- 
metall ausgespielt habe und daß die Währungsgleichheit mit den 
wichtigsten Haudelsvölkern nur auf der Grundlage des Goldes zu er- 
reichen sei. Der letztere Gesichtspunkt hat selbst asiatische Staaten, 
wie Indien und Japan, für welche vom Gesichtspunkte des inneren 
Verkehrs aus das Silber in weit größerem Umfange verwendbar ist als 
das Gold, in ihrer Währungspolitik ausschlaggebend beeinflußt. 

Die schon seit der Mitte der 80 er Jahre wieder in der Zunahme 
begriffene Goldproduktion hat von 1890 an einen Umfang angenommen, 
der alles bisher dagewesene, selbst die kalifornische und australische 
Periode, weit hinter sich läßt. Von 415 Millionen Goldmark im Jahre 
1883 stieg die Goldgewinnung auf etwa 500 Millionen Goldmark im 
Jahre 1890; im Jahre 1895 betrug sie bereits 834 Millionen Goldmark, 



6. Kapitel. Ausbreitang der Goldwährung und Silberen twertung. § 4. 187 

im Jahre 1899 hat sie deu Betrag von 1287 Millionen Goldmark, im 
Gewichte von etwa 461000 kg erreicht und im Jahre 1913 ist sie auf 
768000 kg im Werte von rund 2143 Millionen Goldmark angekommen. In 
den zehn Jahren 1851 bis 1860 betrug die durchschnittliche Jahres- 
produktion von Gold etwa 560 Millionen Goldmark im Gewicht von 
200 000 kg; der Wert der durchschnittlichen Jahresproduktion von Gold 
und Silber zusammen belief sich damals auf etwa 720 Millionen Gold- 
mark. Die Goldproduktion des Jahres 1913 war also fast viermal so 
groß wie diejenige der Glanzzeit der kalifornischen und australidchen 
Goldfunde, und sie war dem Werte nach dreimal so groß wie die 
damalige Gold- und Siiberproduktion zusammen. 

Vom Beginn des Jahres 1891 an bis zum Ende des Jahres 1900 
sind für etwa 8,9 Milliarden Mark, in den dreizehn Jahren von 1901 
bis 1913 sind für etwa 22 Milliarden Mark Gold produziert worden, 
gegen nicht ganz 10 Milliarden in den zwei Jahrzehnten 1871 bis 
1890. Der zu Geldzwecken dienende Goldvorrat der Welt wurde für 
das Jahr 1890 auf etwa 15 Milliarden Mark geschätzt. Von der Neu- 
gewinnung dürften im Jahrzehnt 1891 bis 1900 etwa 300 Millionen 
Mark pro Jahr in der Industrie Verwendung gefunden haben; es blieben 
von der Goldgewinnung dieses Jahrzehnts für Geldzwecke verfügbar 
rund 6 Milliarden Mark. Dadurch hätte der Goldgeldbestand der Welt 
von 1890 bis 1900 eine Vermehrung von 15_auf mehr als 21 Milliarden 
Mark, d, h. um nahezu die Hälfte, erfahren. 

Für die späteren Jahre bis zum Kriegsausbruch ist der stark zu- 
nehmende industrielle Goldverbrauch auf etwa 500 Millionen Mark im 
Jahresdurchschnitt zu veranschlagen; also für die 13 Jahre 1900 bis 
1913 auf 6,5 Milliarden Mark. Durch die gleichzeitige Neugevvin- 
Dung von Gold in Höhe von 22 Milliarden Mark wird also der monetäre 
Goldbestand der Welt um w^eitere 15,5 Milliarden Mark, also auf 
36,5 Milliarden Mark gestiegen seiu^). 

Wie die großen Goldfuude der 50er Jahre, so hat auch diese noch 
gewaltigere Vermehrung des Goldvorrats eine starke Ausdehnung des 
monetären Goldverbrauchs zur Folge gehabt. Die Steigerung der Gold- 
gewinnung hat — in einigen wichtigen Staaten zusammen mit einer 
Besserung der Finanzlage während einer langen Friedeuszeit — den 
Uebergang großer Wirtschaftsgebiete zur Goldwährung oder wenigstens 
zu einer der Goldwährung nahekommenden Währungsverfassung er- 
möglicht, einen Uebergang, der infolge der fortgesetzten Silberentwertung 
doppelt dringlich erschien. 

Zunächst haben Oesterreich-Ungarn und Rußland darauf 
Bedacht genommen, die Goldwährung einzuführen, und sie haben zu 
diesem Zwecke einen großen Teil des neuen Goldes in den Kassen 
ihrer Finanzverwaltungen und ihrer Zentralbanken angesammelt. Ruß- 
land allein hat von 1891 bis 1899 eine Mehreinfuhr von Gold im Be- 
trage von etwa 1,8 Milliarden Mark zu verzeichnen gehabt, gleichzeitig 

*) Der aniPrikani«cne Münzdirektor kommt in der Tat aufgrund von 

Schätzungen des monetären Goldbestandes der tinzelnen Länder für Ende 1913 

auf einen monetären Weltvorrat an Gold in Höhe von 36,5 Milliarden Mark; vgl. 
die Uebersicht auf S. 193. 



lÖ8 Erstes Buch, II. Abschuitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

eine eigne Goldproduktiou von etwa 9150 Millionen Mark. Oesterreich- 
rnjrarn hat von 1891 bis 1900 für etwa 530 Millionen Mark Gold 
mehr ein- als ausgeführt. Kußlands Uebergang zur Goldwährung wurde 
vom Jahre 1894 an schrittweise durch eine lieihe von Verwaltungs- 
maßnahmen des Finanzministeriums und von Gesetzen durchgeführt; 
er ist zum Abschluß gekommen durch das Gesetz vom 7./19. Juni 1899. 
in Oesterreich-Uugarn ist durch ein Gesetz vom 2. August 1892 die 
Goldwährung im Prinzip angenommen worden, aber zu ihrer vollen 
Durchfuhrung durch die Aufnahme der Barzahlungen seitens der Oester- 
reichisch-Ungarischen Bank ist es nicht gekommen. 

Von direktem Einflüsse war die Silberentwertung für die währungs- 
politischeu Maßregeln Indiens, Japans und der Vereinigten Staaten. 

Indien hat jährlich große Beträge in Gold zu zahlen, teils an 
Zinsen für Goldauleihen, teils an Gehältern und Pensionen für britisch- 
indische Beamte. Die zu diesem Zwecke stattfindenden Councilbill- 
Begebungen haben von 1890 an etwa 16 Millionen Pfd. Sterling jährlich 
betragen. Da Indiens Einnahmen in Silber eingingen, wurde bei dem 
Fortschreiten der Silberentwertung ein immer größerer Teil der Ein- 
künfte durch die Goldausgaben verschlungen. Eine feste Beziehung 
zwischen dem indischen Gelde und der englischen Goldwährung erschien 
deshalb schon zur Vermeidung eines Zusammenbruchs der indischen 
Finanzen notwendig. Um eine solche feste Beziehung herzustellen, 
mußte der Wert der indischen Münzeinheit, der Rupie, unabhängig 
gemacht werden von dem sich entwertenden Silber. Nachdem die 
Brüsseler Münzkonfereuz die Aussichtslosigkeit eines internationalen 
Zusammenwirkens zur Hebung und Befestigung des Silberwertes dar- 
getan hatte, geschah der entscheidende Schritt am 26. Juni 1893 durch 
die Einstellung der freien Silberprägung. Man hatte dabei ins Ange 
gefaßt, den Kurs der Rupie auf 16 d englischer Währung zu befestigen, 
und dieses Ziel ist durch die Sperrung der Silberprägnng in wenigen 
Jahren erreicht worden, obwohl der Wert des Silbergehaltes der Rupie 
bis auf 12 d und w^eniger herabging. Indien sammelte allmählich 
einen beträchtlichen Goldschatz an, der zur Aufrechterhaltung des 
der Rupie beigelegten Goldwertes dienen sollte. Durch ein Gesetz 
vom 15. September 1899 wurde der englischen Hauptgoldmünze, dem 
Sovereign, gesetzliche Zahlungskraft zu 15 Rupien (entsprechend einem 
Rupienwerte von 16 d) beigelegt. Damit hatte Indien hinkende Gold- 
währung n)it freilich stark überwiegendem. Silberumlauf, Aber der 
Silberumlauf war nicht mehr beliebig vermehrbar, und der Wert des Geldes 
war von seinem Silbergehalte losgelöst und zu einem bestimmten Gold- 
quautura in Beziehung gesetzt. Die Goldeinfuhr Indiens hat von 1896 
an erheblich zugenommen. Der Ueberschuß über die Goldausfuhr ein- 
schließlich der eignen Goldproduktion, hat in dem Jahrzehnt 1896 
bis 1905 etwa 1135 Millionen Mark betragen. 

Japan hat nach Beendigung des Krieges mit China eine Reform 
seines Geldwesens vorgenommen. Es hat die von China gezahlte Kriegs- 
entschädigung benutzt, um sich das zum Uebergange zur Goldwährung 
nötige Gold zu verschaffen. Die Goldwährung wurde eingeführt durch 



6. Kapitel. A-usbreitung der Goldwähnmg und Silberentwertung. § 4. 189 

ein Gesetz vom 29. März 1897. Bei der Durchführung des Gesetzes wurde 
ein Teil des zirkulierenden Silbergeldes eingeschmolzen und verkauft. 

Die Vereinigten Staaten schließlich sahen sich bereits im 
Jahre 1893 genötigt, ihre silberfreundliche Politik aufzugeben. Nach- 
dem die Brüsseler Konferenz von 1892 resultatlos auseinander gegangen 
war, nachdem auf die Einstellung der indischen Silberprägung ein 
neuer scharfer Preisrückgang des Silbers erfolgt und um dieselbe Zeit 
eine panikartige Beunruhigung über das Schicksal der mit Silber über- 
füllten amerikanischen Währung entstanden war, wurde der Kongreß 
im Sommer 1893 zu einer außerordentlichen Session einberufen, in 
der die Aufhebung der Sherman-Bill beschlossen wurde. In den 
folgenden Jahren gab es heftige Kämpfe zwischen den Parteien, die 
sich auf der einen Seite für freie Silberprägung, auf der anderen für 
die Goldwährung erklärten. Seine schärfste Zuspitzung erfuhr dieser 
Streit bei der Präsidentschaftswahl im November 1897, bei welcher 
der Kandidat der Freisilberleute Bryan gegen Mc. Kinley unterlag. 

Mc. Kinley, der aus innerpolitischen Gründen den Anhängern des 
Silbers entgegenkommen wollte, schickte zwar nach seinem Amtsantritte 
im Jahre 1898 eine Kommission nach Europa, die sich um ein inter- 
nationales Abkommen zugunsten des Silbers bemühen sollte. In Europa 
hatte sich inzwischen die bimetallistische Agitation nach dem heftigen 
Preissturze des Silbers im Jahre 1893 von neuem erhoben und nament- 
lich in Deutschland einen großen Umfang angenommen. Graf Caprivi 
hatte im Jahre 1894 eine Kommission „behufs Erörterung von Maß- 
regeln zur Hebung und Befestig-ung des Silberwertes" berufen, und 
am 15. Februar 1895 hatte sich der Reichskanzler Fürst Hohenlohe 
bereit erklärt, mit den Verbündeten Regierungen über die Zweck- 
mäßigkeit eines Meinungsaustausches in der Währungsfrage mit 
fremden Regierungen in Unterhandlungen zu treten. Eine Anfrage des 
deutschen Reichskanzler in London, ob die englische Regierung even- 
tuell bereit sei, die indischen Münzstätten wieder für das Silber zu 
öffnen — ein Schritt, der als erste Vorbedingung für alle weiteren 
silberfreundlichen Maßregeln erscheinen mußte — , wurde jedoch negativ 
beantwortet, und aufgrund dieser Antwort beschloß der Bundesrat am 
23. Januar 1896, der Resolution des Reichstags vom Februar 1895, 
welche die Einberufung einer internationalen Münzkonferenz verlangte, 
keine Folge zu geben. Bald darauf (am 17. März 1896) erklärte die 
englische Regierung im Unterhause, daß nach der einstimmigen Ansicht 
des Kabinetts eine Preisgabe der Goldwährung für England unmöglich 
sei, daß sie aber, wenn mehrere ausländische Staaten die freie Silber- 
prägung wieder herstellten, die Oeffnung der indischen Münzstätten und 
andere kleinere Konzessionen an das Silber in Erwägung zu ziehen 
bereit sei. 

So war die Lage, als im Jahre 1898 die amerikanische Silber- 
gesandtschaft nach Europa kam. Sie fand in Frankreich, wohin sie 
sich zunächst wendete, bei dem Kabinett Mölinc das weiteste Entgegen- 
kommen. Gemeinschaftlich mit Frankreich wurden die Verhandhingen 
in London fortgesetzt. Frankreich sowohl als auch die Union erklärten 
sich bereit, die Silberprägung auf Grundlage des alten Wertverhält- 



190 Erstes Buch. II, Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

nisses von 1 : 15,5 freizugeben, ^vobei die Freigabe der Silberprägnng 
in allen anderen Staaten, auch in England, als wünschenswert bezeichnet 
wurde. Nachdem England dieses Ansinnen kurzer Hand abgelehnt 
hatte, wurden andere Propositionen gemacht, deren wichtigste die 
Wiedereröffnung der indischen Münzstätten für das Silber war; außer- 
dem sollte England dem Silber in seiner eignen Zirkulation einen 
breiteren Kaum gewahren und sich zu jährlichen Silberankäufen von 
bestimmter Höhe verpflichten. 

Das englische Kabinett gab die Entscheidung über die Oeffnung 
der indischen Münzstätten in die Hand der indischen Regierung selbst. 
Diese sprach sich in einem ausführlich begründeten Entschlüsse gegen 
die Wiederherstellung der freien Silberprägung aus. Die Einstellung 
der Silberprägung habe ihren Zweck, den Rupienknrs auf 16 d zu be- 
festigen, nahezu erreicht, es liege mithin in den indischen \"erhältnissen 
kein Grund vor, die erfolgreiche Maßregel wieder rückgängig zu machen. 
Ein auf Frankreich und die Vereinigten Staaten beschränkter Bimetallis- 
mus biete keine ausreichende Sicherheit für die Befestigung des Wert- 
verbältnisses, ein Fehlschlag des geplanten Experiments müsse aber 
die Lage Indiens aufs neue außerordentlich verschlimmern. Außerdem 
müsse, nachdem sich die indischen Verhältnisse dem gesunkenen Silber- 
werte und Kupienkurse angepaßt hätten, eine so pöltzliche und starke 
Erhöhung des Silberpreises, wie sie in der von Frankreich und Amerika 
proponierten Relation liege, für die gesamte indische Volkswirtschaft die 
verhängnisvollsten Wirkungen haben. 

Mit dieser Antwort war das Schicksal der Verhandlungen end 
gültig entschieden. 

Die Bewegung zugunsten der Wiederherstellung der freien Silber- 
prägnng und der internationalen Doppelwährung ist in der Folgezeit 
allmählich eingeschlafen. 

Die Vereinigten Staaten haben sich mit den gegebenen Verbält- 
nissen abgefunden. Sie haben darauf Bedacht genommen, ihren Gold- 
vorrat erheblich zu stärken, und das ist ihnen dank ihrer günstigen 
Handelsbilanz in größtem Umfange gelungen. Während sie in den 
sämtlichen Jahren von 1889 bis 1896 eine Mehrausfuhr von Gold zu 
verzeichnen hatten, betrug der Ueberschuß der Goldeinfuhr in den drei 
Jahren 1897 bis 1899 etwa 200 Millionen Dollar. Wenn auch alles 
in allem in dem Jahrzehnt 1891 bis 1900 die Ausfuhr von Gold um 
etwa 270 Millionen Mark die Einfuhr überwog, so stand dieser Mehr- 
ausfuhr doch eine gleichzeitige eigne Goldproduktion im Werte von etwa 
2,1 Milliarden Mark gegenüber, sodaß sich der Gesamtzuwachs der 
Vereinigten Staaten an Gold während des genannten Jahrzehnts auf 
etwa 1,8 Milliarden Mark berechnet. In den dreizehn Jahren 1901 
bis 1913 sind in den Vereinigten Staaten per Saldo rund 360 Millionen 
Mark Gold zugeflossen, was zusammen mit einer eignen Goldproduktion 
in Höhe von 4850 Millionen Mark einen Goldzuwachs von 5210 Millionen 
Mark ergibt. 

Auch gesetzlich haben die Vereinigten Staaten die Konseqnenzen 
aus der währungspolitischen Weltlage gezogen: eine Bill vom 14.März 1900 



6. Kapitel. Ausbreitung der Goldwährung und Silberentwicklnng. §4. 191 

hat den Golddollar formell als die Währungeeinheit der Vereinigtea 
Staaten proklamiert. 

Die Töllige Aendernng der währnngspolitischen Situation fand einen 
prägnanten Aosdrock in internationalen Verhandlungen, die im Jahre 
1903, aach diesmal wieder auf Betreiben der Vereinigten Staaten, 
geführt worden. 

Durch ein Gesetz vom 3. März 1903 wurde in den Vereinigten 
Staaten eine Kommission eingesetzt, die entsprechend einer von den 
Regierongen Mexikos und Chinas ausgegangenen Anregung sich mit 
der Frage der Schafifong eines festen Wertverhältnisses zwischen dem 
Gelde der Goldwährongsländer und der Länder mit Silberumlauf be- 
fassen sollte („to bring about a fixed relationship between the moneys 
of the goldstandard countries and the present silver using couutries"). 

Das Programm dieser Kommission sprach also nicht mehr von der 
„Hebung und Befestigung des Silberwertes"; das Metall Silber und 
sein Schicksal traten vielmehr in den Hintergrund gegenüber dem 
Interesse an stabilen Wechselkursen zwischen den Goldwährungsländern 
und den noch vorhandenen Silberländern, 

Gewiß hatten die Valutadifferenzen zwischen Gold- und Silber- 
ländern auch im Währungsstreite der vergangenen Jahrzehnte und auf 
den sich mit der Wiederherstellung des Silberwertes und dem 
Bimetallismos befassenden Münzkonferenzen eine große Rolle gespielt. 
Aber der Unterschied war, daß man früher in der Befestigong des 
Wertverhältuisses zwischen Silber ond Gold, die nor im Wege des in- 
ternationalen Bimetallismos erreichbar sein sollte, das einzige Mittel zur 
Beseitigung der Valutaschwankungen gesehen hatte, während man jetzt 
ganz bewußt auf Festlegung des Silberwertes und Bimetallismus ver- 
zichtete. Daß auch bei einem solchen Verzichte eine Stabilität der 
Wechselkurse zwischen Gold- und Silberländern zu erreichen war, hatte 
inzwischen das Beispiel Indiens schlagend gelehrt. 

Die amerikanische Kommission besuchte zusammen mit einer mexi- 
kanischen Kommission Paris, London, den Haag, Berlin und Petersburg 
ond verhandelte dort, unter Mitwirkong der diplomatischen Vertreter 
Chinas, das im übrigen die Wahrong seiner Interessen der amerikanischen 
Union überlassen hatte, mit den von den betreffenden Regierongen be- 
stellten Vertretern. Es kam der Kommission dabei mehr aof eine das 
Problem klärende Aossprache mit den Sachverständigen der ver- 
schiedenen Länder an, als auf die Herbeiführung von Beschlüssen von 
unmittelbarer praktischer Tragweite. Insbesondere lehnten es die 
amerikanischen und mexikanischen Mitglieder überall ausdrücklich ab, 
die Goldwährongsländer zu irgendwelchen Aenderungen ihrer Münz- 
gesetzgebung zugunsten des Silbers oder zu Silberankäufen über den 
effektiven Verkehrsbedarf hinaus veranlassen zu wollen. Die Aussprache 
hatte das Ergebnis, daß allgemein die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit 
einer Stabilisierung der Valota der Länder mit Silberomlaof aof einer 
Goldbasis anerkannt wurde; auch hinsichtlich der Mittel, durch die 
das Ziel erreicht und dauernd sicher gestellt werden könne, ergab sich 
eine weitgehende Uebereinslimmung: Beschränkung der Ausprägung voa 



192 Erstes Buch. II. Abschuitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Silberkurant und womöglich Schaffung einer aus den Silberprägegewinuen 
zu alimentiercnden Goldreserve zum Zwecke der Aufrechterhaltung des 
Wechselkurses gegenüber vorübergehenden ungünstigen Gestaltungen 
der Zahlungsbilanz. Auch darüber war mau sich klar, daß für das 
große und wichtige Chinesische Reich die Lösung des Problems ganz 
besondere Schwierigkeiten bieten würde, weil hier ein eigentlicher 
MUnzumlauf überhaupt erst noch zu schaffen war.^) 

Aus den Beratungen zog Mexiko alsbald die praktischen Kon- 
sequenzen. Durch ein Gesetz vom 9. Dezember 1904, das durch Dekret 
vom 25. März 1905 in Kraft gesetzt wurde, erfuhr das mexikanische 
Geldwesen unter Beibehaltung des Silberkurantgeldes eine Neuordnung 
auf der Goldbasis. Der Goldpeso im Gehalte von ^^ g Feingold (im 
genauen Gehalte des japanischen Gold- Yen) wurde zur ßechnungseinheit 
des Geldsystems erklärt. Die der AusmUnzung von Gold- und Silber- 
münzen zugrunde gelegte Relation ist 1 : 32,6, entsprechend einem 
Londoner Silberpreise von 28,44 d. Neue Silbermünzen dürfen nur 
gegen Einlieferuug von Gold ausgeprägt und verabfolgt werden. Zur 
Sicherung der ins Auge gefaßten Goldparität wurde eine Goldreserve 
gebildet, der die Gewinne aus der Silberprägung zuwachsen. 

Schon vorher, im Jahre 1903, hatten die Vereinigten Staaten das 
Geldwesen der Philippinen auf ähnlicher Basis geordnet; gleichartige 
Reformen wurden durchgeführt in den Straits-Settlements und in einigen 
anderen Kolonialgebieten. 

Die vorübergehende Steigerung des Silberpreises in den Jahren 
1906 und 1907 brachte für diese Länder, ebenso wie für Japan, 
einige Ungelegenheiten. Der Münzfuß des Silbergeldes in den ge- 
nannten Gebieten entsprach durchweg einem Londoner Silberpreise 
von ungefähr 29 d. Als nun nach der Beendigung des russisch- 
japanischen Krieges der Bedarf an Silber für Ostasien ungewöhnlich 
große Dimensionen annahm und den Silberpreis bis auf 33 d und da- 
rüber hob, begann das Silber aus den Ländern mit der neuen Gold- 
valuta genau ebenso zu verschwinden, wie in den 50er Jahren des 
vorigen Jahrhunderts aus Frankreich und den übrigen Ländern des 
späteren Lateinischen Münzbundes. Man griff zu Gegenmaßregeln, 
Mexiko führte einen Ausfuhrzoll von zehn Prozent vom Nominalwert 
auf seine Silbermünzen ein; Japan setzte den Feingehalt seiner Silber- 
echeidemüuzen um 25 Prozent herab; die gleiche Reduktion des Silber- 
gehaltes nahmen die Straits sogar mit ihrem Silberkurantgelde vor, 
nachdem sie vorher den Sovereign mit einem festen Kurse zum gesetz- 
lichen Zahlungsmittel gemacht hatten. 

Wenn man alle die geschilderten Aenderungen, die durch das 
Vorgehen einer Anzahl kleinerer Wirtschaftsgebiete ergänzt wurden, 
überblickt, dann ergibt sich die Wahrnehmung, daß die Goldwährung 
und der Gebrauch des Goldgeldes innerhalb der zwei Jahrzehnte von 
1890 bis 1910 eine Ausdehnung erfahren haben, die sich sehr wohl 
vergleichen läßt mit den Vorgängen der 70er Jahre des vorigen Jahr- 

^) Siehe den Report on the introduction of the gold-exchange Standard into 
China and other silver-using countries, Drucksachen des amerikanischen Repräsen- 
tantenhauses 1903. No. 144. 



6. Kapitel. Ansbreitung der Goldwährung und Silberentwerlang. §4. 193 
Monetärer Ed elmetallvorrat der Welt a m 31. Dezember 1913. 



Länder 



Deutschland . . . 
England . . . . 
Oesterreich-Üngam 
Rußland . . . . 
Finuland . . . . 
Niederlande . . . 
Portugal . . . . 

Türkei 

Dänemark . . , . 
Norwegen .... 
Schweden .... 
Frankreich . . . 
Belgien . . , . 

Italien 

Schweiz .... 
Griechenland . . 
Spanien .... 
Bulgarien .... 
Riiiuänien .... 
Serbien .... 



Europa . 

Vereinigte Staaten . 

Kanada 

Ari;entinien . . . 
Bolivien .... 
Brasilien . . . 
Chile . . . . [ 
Ecuador .... 
Guayana (Brit.) , . 
(Hell.). . 
Kolumbien . , . 
Paraguay .... 

Peru 

Uruguay .... 
Teiiezuela .... 

Kuba 

Haiti 

Mexiko 

Zeutralamerika . 

Amerika 
Aetrypten .... 
Süiliifrika . . . 



Afrika . . 
A ustralien 



Gold 



Silber 



Millionen Mark 



3 820,0 

3 486,4 
1 244,5 

4 248,3 

52,7 
255,8 
310,1 
598,1 
170,0 
109,2 
115,5 

5 040,0 
287,7 

1115,1 
184,0 
133,6 
388,5 

41,2 
177,2 

50,4 



21 828.3 



7 999,7 

598,5 

1 228,9 

33,6 

378,4 

2,1 

20,2 

3,8 

0,4 

16,8 

7,1 

84,0 

62,2 

7,6 

126,0 

8.2 

131.0 

8,4 



10 716.9 



803.5 
63.0 



8(;6, 



Japan 

Koroa 

Indien 

Siam 

Straiti 



Asien 



909.8 



548,8 

7,1 

1 570,8 

0.4 

5,0 



l,?2,l 



Insgesamt ) 

H«lff«rl*h, Da» Geld. 



36 453.1 



1 150,0 
531,3 
524,2 
331,0 
11,5 
118,4 
139,0 
110,9 
31,5 
17,2 
6,3 
1 726,6 
171,3 
101,1 
64,7 
12,6 
986,2 
20,2 
63,4 
3.4 



6 120,8 



3 120,8 

551,0 

39,5 

2,9 

105,0 

35,7 

5,9 

4,2 

0,8 

16,8 

10,1 

18,1 

3,8 

2,1 

235,2 
49,1 

4 201,0 



76,0 
11,3 



87,3 



42,0 

299,4 

14,3 

3 759,0 

186,9 
29.4 



4 2H9.0 



14 740,1 



Auf_(üm_Kopf der Bevölkerung 
Gold I ~Süber 1 Summa 



56,8 
76,8 
24,9 
25,9 
17,0 
42,6 
51,7 
25,1 
60,7 
45,5 
20,6 

127,3 
38,4 
31,9 
49,7 
44,5 
19,8 
9,4 

24,3 

JLL. 



43,7 



81,5 
83,1 

170,7 

14,6 

16.4 

0,6 

13,5 

12,7 

4,0 

3,2 

8,9 

18,7 

51,8 
2.8 

57,3 

4,1 

8,7 
4.7 



59.9 



71,1 

10.5 



.^0,1 
189.4 



10,4 
0,5 
6.4 
0,1 
2.5 



35,7 



Mark 



17,1 
11,7 
10,5 

2,0 

3,7 
19,7 
23,2 

4,7 
11,3 

7,2 

1,1 

43,6 

22,7 
2,9 

17,5 
4,2 

50,3 
4,6 
8,7 
1,2 



12.3 



31,8 

76,5 
5,5 
1,3 
4,5 

10,5 
3,9 

14,0 
8,0 
3,2 

2,2 

15,1 

1,4 

0,9 

15,6 
27.8 

23.5 



6,7 
1.9 



5.0 



8,8 



5,6 

1,1 
15,4 
23,1 
14.7 



14,4 



73,9 
88,5 
35,4 
27,9 
20,7 
62,3 
74,9 
29,8 
72,0 
52,7 
21,7 
170,9 
61,1 
34,8 
67,2 
48,7 
70,1 
14,0 
33,0 
18.6 



56.0 



113,3 

159,6 

176,2 

15,9 

20,9 

11,1 

17,4 

26,7 

12,0 

6,4 

8,9 

20,9 

66,9 

4,2 

58,2 

4,1 

24,3 

32,0 



8.S,4 
77,8 

iy.4 



55.1 



19H.2 
16,0 

1,6 
21,8 
23,2 
17.2 



''.*> I 13.4 I 20,0 



50.1 



IS 



194 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der EdelmetallTcrhältnisse. 

hünderts. Hier wie dort hatte es die gewaltige Vermehrung des Gold- 
vorrates möglich gemacht, dieses Metall in einer erheblich erweiterten 
territorialen Ausdehnung als Geldstoff zu verwenden. Die internationale 
Währungsverfassung hatte so vor dem Aushrueh des Weltkrieges eine 
nahezu vollständige Konsolidierung auf der Basis des Goldes erfahren. 



lieber die tatsächlichen Verhältnisse des Geldumlaufs der einzelnen 
Länder kurz vor Ausbruch des Weltkrieges gibt die nach den Schätz- 
ungen des amerikanischen MUnzdirektors berechnete Tabelle auf S. 193 
eine ungefähre Uebersicht. 

7. Kapitel. 
Die Entwicklung des Geldwesens seit dem Ausbruch des Weltkrieges. 

§ 1. Die ErschütternDg des Geldwesens durch den Weltkrieg. 

Das Geldwesen der Kulturwelt hatte in den vier Jahrzehnten des 
europäischen Friedens, des beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs 
in allen Erdteilen und der ebenso beispiellosen Entfaltung der inter- 
nationalen Wirtschaftsbeziehungen eine Entwicklung durchgemacht, die 
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung adäquat war; eine Entwicklung, 
welche die Geldverfassung der einzelnen Länder festigte und die gleich- 
zeitig dem Verhältnis zwischen den Geldsystemen der einzelnen Wirt- 
schaftsgebiete einen solchen Grad von Sicherheit und Beständigkeit 
verlieh, daß sich ohne vertragsmäßige Bindung aus dem Nebeneinander 
der einzelnen nationalen Geldverfassungen eine wohlgeordnete und fest- 
begründete internationale Geldverfassung, beruhend auf der gemeinsamen 
Grundlage der Goldwährung, herausstellte. Diese internationale Geld- 
verfassung war ein integrierender Bestandteil des ganzen weltwirtschaft- 
lichen Systems; sie war Voraussetzung für dessen Funktionieren und 
Weiterbestehen, und gleichzeitig hing ihr eignes Arbeiten und ihr 
eigner Fortbestand von dem ungestörten Funktionieren des Weltwirt- 
schaftssystems ab. 

Der Weltkrieg hat, indem er die einzelnen nationalen Wirtschaften 
aufs schwerste erschütterte und die Weltwirtschaft desorganisierte, in- 
dem er gleichzeitig den staatsiinanziellen, politischen und sozialen Zu- 
stand der einzelnen Länder und der Welt revolutionierte, auch die 
Verhältnisse des Geldwesens von Grund aus verändert und anstelle 
der Ordnung und ruhigen Entwicklung Unordnung und Gärung in einem 
Ausmaße hervorgerufen, wie es bisher noch nie gesehen wurde. 

Alle am Kriege beteiligten Staaten sahen sich vor der Notwendig- 
keit, ebenso wie ihre ganze Wirtschaft, so auch ihr Geldwesen in den 
Dienst der Kriegführung zu stellen. Auch die neutral gebliebenen 
Staaten, deren finanzielle und wirtschaftliche Außenbeziehungen durch 
den Krieg sofort berührt, und, je länger der Krieg dauerte und je 
weiter er sich ausdehnte, desto mehr in Mitleidenschaft gezogen wurden, 
sahen sich zu einschneidenden Maßnahmen auf dem Gebiete des Geld- 
wesens genötigt. 



\ 



I 



7. Kapitel. Entwicklung des GeldwesMs seit Auibrach des Weltkrifges. § 2. 195 

§ 2. Scbmtz mnd Stärknni: der Batitnalen Goldbestände. 

Eine Notwendigkeit, die sich sofort überall aufdrängte, war der 
Schutz des nationalen Goldvorrates. 

Der Kriegsausbruch hatte zur unmittelbaren Wirkung eine Er- 
schütterung allen Kredits. In den Außenbeziehungen der einzelnen 
Länder machte sich das noch stärker fühlbar als im inneren Verkehr. 
Anstelle der Zahlungen im Wege des Kredits und der Verrechnung 
trat im größten Umfange wieder der Barverkehr, und Barrerkehr nach 
Außen hieß Zahlung in effektivem Gold, Gewiß wurde der Außen- 
handel der am Kriege beteiligten Länder — insbesondere der Mittel- 
mächte, die nicht mehr über den freien Seeverkehr verfügten — durch 
den Krieg beträchtlich eingeschränkt. Aber die Erhaltung eines Teiles 
des Außenhandels, nämlich der Zufuhr von Nahrungsmitteln, Rohstoffen 
und anderen lebens- und kriegswichtigen Waren, stellte sich als eine 
Frage von Sein oder Nichtsein dar. Und die elementarste Vorsicht gebot 
damit zu rechneu, daß diese Zufuhren zu einem großen Teil in effek- 
tivem Golde bezahlt werden müßten. Es galt also, die greifbaren na- 
tionalen Goldbestände für diesen Zweck zu reservieren und sie wo- 
möglich zu verstärken. Diese Notwendigkeit kollidierte mit der Einlös- 
barkeit von papiernen Geldzeichen und Scheidemünzen in Gold, und 
sie trug überall den Sieg davon. 

Die Schutzmaßnahmen für die nationalen Goldressrven wurden 
in den einzelnen Ländern in verschiedenen Formen durchgeführt. Teils 
wurde durch unmittelbare gesetzgeberische Eingriffe die Einlösung des 
unterwertigen Geldes in Goldgeld iUBpendiert, teils begnügte man sich, 
ohne zur gesetzlichen Aufhebung der Goldeinlösung zu greifen, mit 
Verwaltungsraaßnahmen, die jedoch in ihrer Wirkung gleichfalls auf 
die Einstellung der Goldeinlösung hinauskamen. 

In Deutschland wurden sofort bei Kriegsausbruch, am 
4. August 1914, eine Reihe wirtschaftlicher und finanzieller Notgesetze 
erlassen, die seit Jahrzehnten aufgrund der im Kriege 1870/71 gemachten 
Erfahrungen und der seither in anderen Kriegen gemachten Beobachtungen 
für den Kriegsfall zum Zwecke der finanziellen Mobilmachung vor- 
bereitet waren. Von diesen Maßnahmen galten die folgenden dem Schutze 
und der Stärkung der nationalen Goldreserven: 

Zunächst wurde die Reichsbank von der Verpflichtung befreit, 
ihre Banknoten in Reichsgoldmünzen einzulösen; ebenso die Reichs- 
hauptkasse von der Verpflichtung der Goldeinlösung der Reichskassen- 
scheine. Letztere erhielten, um ihren Umlauf trotz der Einstellung der 
Goldeinlösung zu sichern, die Eigenschaft als gesetzliches Zaliluiigs- 
niiltel, die den Reichsbauknoten schon durch die Banknovelle vom 
1, Juni 1909 beigelegt worden war. Gleichzeitig wurde bestimmt, 
daß bei der Einlösung von Silber-, Nickel- und Kupferscheidemünzeu 
(§ 9 des Münzgesctzes) anstelle der ReicbsgoUlniünzen Reichskassen- 
scheine und Rt'ichslianknoten verabfolgt werden könnten. 

Die Aufhebung der Goldcinlösung von Reich.skassenscheinen, 
Reichsbanknoten und Scheidemünzen wurde im Laufe der weiteren Ent- 
wicklung ergänzt durch Verbote des Goldhandels und insbesondere der 

IS* 



1 96 Erates Bucb. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Goldaasfuhr. Am 23. November 1914 erging eine Bandesratsverordnang, 
die den Agiohandel mit Reiehsgoldmllnzen unter Verbot stellte. Am 
13. November 1915 wurde, gleichfalls durch Bnndesratsverorduung, die 
Ausfuhr und Durchfuhr von Gold untersagt. Schon seit Kriegsbeginn 
war im Wege von Verwaltungsmaßuahmen die Ausfuhr von Gold praktisch 
unterbunden worden. 

Mit diesen Abwehrmaßnahmen ging Hand in Hand das Bestreben, 
den für Kriegszwecke verwendbaren Goldbestand der Reichsbank durch 
Zuführung von Gold aus dem mit Goldgeld gesättigten freien Geldumlauf 
und schließlich auch aus dem privaten Besitz von goldenen Schmuck- 
sachen nach Möglichkeit zu stärken. 

Schon in den Jahren vor dem Kriegsausbruch hatte die Reichs- 
bank planmäßig die Politik verfolgt, die monetäre Goldreserve Deutsch- 
lands nach Möglichkeit bei sich zu konzentrieren. Man ging dabei von 
der zutreflfenden Ansicht aus, daß ein in den Tresors der Zentralnoten- 
bank konzentrierter Goldbestand für den Fall wirtschaftlicher Krisen 
und politischer Verwicklungen ein weit wirksameres Instrument sei 
als der gleiche, in die zahllosen Kanäle des Verkehrs verteilte Gold- 
betrag. Der UeberfUhrung eines Teiles des freien Goldumlaufs in die 
Reichsbank hatte vor allem auch das oben (S. 157) erwähnte Gesetz 
vom 20. Februar 1906 gedient, das der Reichsbank die Befugnis zur 
Ausgabe kleiner Banknoten (auf 50 und 20 Mk. lautend) erteilte. Der 
Erfolg dieser Politik war schon vor dem Kriege sehr ansehnlich. 
Während der durchschnittliche Goldbestand der Reichsbank im Jahre 1900 
mit 570,7 Millionen Mark nicht allzuviel über denjenigen des Jahres 
1890 mit 513,6 Millionen Mark hinausgegangen war, stellte sich der 
durchschnittliche Goldvorrat des Jahres 1910 auf 777,8 Millionen, des 
Jahres 1913 auf 1067,6 Millionen Mark. In der ersten Hälfte des 
Jahres 1914 hatte sich diese günstige Entwicklung in beschleunigtem 
Tempo fortgesetzt, mit der Wirkung, daß der Goldbestand der Reichs- 
bank — trotz der in der letzten Juliwoche infolge der Kriegspanik 
eingetretenen starken Goldentziehung — am 31. Juli 1914 sich auf 
1253,2 Millionen Mark stellte. 

Sofort nach Kriegsausbruch wurde, wie für diesen Fall vorgesehen, 
der in Reichsgoldmünzen bestehende Reichskriegsschatz von 120 Millionen 
Goldmark der Reichsbank überwiesen; ebenso die weitere Goldreserve 
des Reichs, die aufgrund eines Gesetzes vom 3. Juli 1913 in Verbindung 
mit einer Vermehrung der Reichskassenscheine von 120 auf 240 Millionen 
Mark geschaffen worden war und die inzwischen den Betrag von 
85 Millionen Mark erreicht hatte. Damit wurde der Goldbestand der 
Reichsbank in den ersten Tagen des Krieges auf rund 1460 Millionen 
Mark gebracht. 

Eine noch viel beträchtlichere Vermehrung des Goldbestandes der 
Reichsbank wurde durch den Appell an die vaterländische Gesinnung 
erreicht. Es wird stets ein Ruhmestitel für das deutsche Volk sein, 
daß es mit einer jedes eigensüchtige Interesse zurückstellenden Bereit- 
willigkeit sein Gold gegen Papier hingab, um dem Vaterlande zu helfen. 
Die Einiieferungen von Gold aus dem freien Verkehr waren so stark, 
daß der Goldbestand der Reichsbank schon am 7. Dezember 1914 den 



I 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Änsbruch des Weltkrieges. § 2. 107 

Betrag von 2 Milliarden Mark überschritt und daß er am 31. Dezem- 
ber 1914 den Betrag von 2092,8 Millionen Mark erreichte. Das war in 
5 Monaten eine Netto-Zonahme von mehr als 630 Millionen Mark. Der 
Zufluß aus dem freien Verkehr an die Reichsbank war noch erheblich 
größer; denn über jene 630 Millionen Mark hinaus wurden aus ihm 
die sehr beträchtlichen Goldzahlungen für Kriegsbedürfnisse aller Art 
an das Ausland bestritten. 

In den folgenden Kriegsjahren fand, dank einer eifrigen und ge- 
schickten Propaganda, der Goldzufluß aus dem freien Verkehr und 
Privatbesitz an die Keichsbank seine Fortsetzung, wenn auch in einem 
sich allmählich verringerndem Maße. Am Ende des Jahres 1915 war 
der Goldbestand der Reichsbank auf 2445 Millionen Mark, Ende 1916 
auf 2 520 Millionen Mark angewachsen. Am 15. Juli 1917 erreichte 
er mit 2 533,3 Millionen Mark seinen Höhepunkt, Er übertraf damit 
um 1073 Millionen Mark den Stand bei Kriegsausbruch, wie er sich 
nach Zuführung des Spandaner Kriegsschatzes und der Goldreserve des 
Reiches ergeben hatte. Diese Stärkung um mehr als 1 Milliarde Mark 
war in ununterbrochenem Zustrom erzielt worden, obwohl die Reichs- 
bank gleichzeitig viele hunderte Millionen Goldmark für die Finanzierung 
lebens- und kriegswichtiger Einfuhren zur Verfügung gestellt hatte. 

Von der Mitte des Jahres 1917 waren die Goldreserven des freien 
Verkehrs soweit ausgeschöpft, daß der weitere Zufluß zur Reichsbauk 
die immer stärker werdenden Anforderungen von Gold für Auslands- 
zahluugen nicht mehr zu decken vermochte. Der Goldbestand der 
Reichsbank fing an, langsam zurückzugehen, Ende des Jahres 1917 
betrug er 2407, Ende Juni 1918 noch 2 346 Millionen Mark. Wenn 
dann wieder eine Vermehrung bis auf 2 550 Millionen Mark am 
7. November 1918 eintrat, so war die Ursache dieses neuen Zuwachses 
lediglich das russische Gold, das aufgrund des Zusatzvertrages zum 
Frieden von Brest-Litowsk der deutschen Regierung ausgehändigt wurde. 
Dieses russische Gold mußte jedoch aufgrund des Art. XIX. des Wafl"en- 
stillstandsvertrages der Entente ausgeliefert werden. Das Jahr 1918 
schloß mit einem Reichsbank-Goldbestand in Höhe von 2 262 Millionen 
Mark, der immerhin noch mehr als doppelt so hoch war wie der durch- 
schnittliche Stand des Jahres 1913. 

Aehnliche Maßnahmen wie in Deutschland wurden zum Schutz 
und Stärkung des greifbaren Goldbestandes auch in den anderen krieg- 
führenden Ländern und in zahlreichen neutralen Staaten getroffen. 

Was die Abwehr von Angrifi'en auf die Goldbestände der Zentral- 
notenbanken betriffst, so hat man nicht überall — wie in Deutschland 
und Frankreich — zu einer klaren und gesetzlichen Einstellung der 
Goldeinlüsung der Bauknoten usw. gegriß'eu. Insbesondere in England 
hat man auf einen solchen unmittelbaren Eingritf der Gesetzgebung 
verzichtet, das gleiche Ziel aber durch praktische Maßnahmen erreicht. 
Die Macht der Staatsgewalt und der Bank von England über die Ge- 
schäftswelt, verbunden mit der nationalen Disziplin, erwies sich als 
stark genug, um private Geldentnahnien aus der Bank von England 
tatsächlich zu verhindern. Jeder Engländer, der entgegen dem Willen 
der Regierung und der Bauk von England von seinem gesetzlichen 



198 Erstes Blich. II. Abschnitt. Die Geitaltung der Edelnietallverhältnisse. 

Kecht, Banknoten zur Einlösunfr in Goldgeld zu präsentieren, Gebrauch 
gemacht hätte, wäre als Geschäftimaun und Mitglied der staatlichen 
Gemeinschaft völlig erledigt gewesen. Die Hank von England konnte 
die Einlösung der Noten und die Auszahlung der bei ihr stehenden 
Guthaben in Gold auch ohne formalen Kechtigrund verweigern, ohne 
befürchten zu müssen, daß irgend jemand gegen sie die Gerichte an- 
rufen würde. 

Der drohende geschäftliche und soziale Verruf aller derjenigen, 
welche entgegen dem nationalen Willen und dem nationalen Interesse 
versucht hätten, der Bank von England Gold zu entziehen, kam — 
und kommt bis auf den heutigen Tag — in seiner praktischen Wirkung 
einer gesetzlichen Eingtellung der Goldeinlösung vollkommen gleich; 
dies um so mehr, als sofort nach Kriegsausbruch auch England ein Aus- 
fuhrverbot für Gold erlassen hat. 

Unmittelbar bei Kriegsausbruch eustand allerdings in der britischen 
Finanzwelt eine schwere Panik, die sich u. a. in einem ,,run" auf die 
Bank von England äußerte. In den wenigen Tagen vom 22. Juli bis 
7. August 1914 «ah die Bank ihre Goldreserven von 38,6 auf 26 Millionen 
Pfund zusammenschmelzen. Die Erhöhung des Bankdiskonts von S"/, bis 
auf lO'* , erwies sich gegenüber dieser Goldentziehung als wirkungslos. 
Man mußte, um einen völligen Zusammenbruch zu verhindern, zu dem 
gewaltsamen Mittel greifen, die sämtlichen Banken vom Mittag des 
1. August bis zum Morgen des 7. August völlig zu schließen. In der 
Zwischenzeit wurde der Regierung die gesetzliche Ermächtigung zur 
Suspendierung der Bankakte gegeben, wurde ihr die Befugnis zur Aus- 
gabe von Staatspapiergeld (Currency-Notes) erteilt, wurde durch den 
Erlaß eines Moratoriums und anderer Maßnahmen für Beruhigung 
gesorgt. Als die Bank von England am 7. August ihre Schalter wieder 
öffnete, wußte sie mit den oben angedeuteten Mitteln auch ohne gesetz- 
liche Suspendierung der Noteneinlösung die Ansprüche auf Gold von sich 
fern zu halten. 

Die Heranziehung von Gold zur Stärkung der nationalen Reserven 
war für die gegen uns im Kriege stehenden Länder insofern leichter, 
als sie nicht von dem Verkehr mit den großen überseeischen Gebieten 
der Goldgewinnung abgeschnitten und infolgedessen nicht ausschließlich 
auf die Heranziehung von Gold aus dem inländischen freien Verkehr 
und Privatbesitz angewiesen waren. Immerhin verzichteten auch unsere 
Kriegsgegner nicht auf eine starke Propaganda für die Ueberführung 
des Goldes aus den privaten Kassenbestäuden in die Tresors der 
Zentralbanken. Der Erfolg war namentlich in Frankreich sehr an- 
sehnlich. Es sollen während des Krieges rund 2^/, Milliarden Fr. Gold 
ans dem freien Verkehr der Bank von Frankreich zugeführt worden 
sein. In den Ausweisen der Bank von Frankreich kommt diese Zu- 
führung ebensowenig voll zum Ausdruck, wie der gleichzeitige Vor- 
gang bei uns in den Ausweisen der Reichsbank; denn auch Frankreich 
hatte aus seiner nationalen Goldreserve große Auslandszahlungen zu 
bestreiten, wenn ihm auch in weit größerem Umfange als Deutschland 
für diese Zwecke Auslandskredite — namentlich von England und den 
Vereinigten Staaten — zur Verfügung gestellt wurden. Zur Sicherung 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 2. 199 



dieser Auslandskredite sah sich die französische Regierung allerdings 
genötigt, die Bank von Frankreich zu veranlassen, einen nicht unerheb- 
lichen Teil ihrer Goldreserve an das Ausland — namentlich an die 
Bank von England — zu überführen und dort zu verpfänden. Im 
Ganzen hat sich der Goldbestand der Bank von Frankreich während 
des Krieges wie folgt entwickelt: 

Goldbestand der Bank von Frankreich 

(in Millionen Frank) 



im Inland 



im Ausland 



zusammen 


4 141 


3 900 


5 015 


5 076 


5 351 


5 486 



30. Juli 1914 
Ende 1914 
„ 1915 
„ 1916 
„ 1917 
» 1918 



4141 
3 900 
5 015 
3 383 
3 314 
3 449 



1693 
2 037 
2 037 



Die Konzentration des Goldes in der Zentralnotenbank hat also 
in Frankreich später eingesetzt als in Deutschland. Das Jahr 1914 
zeigt vom Kriegsausbruch an eine Abnahme des Goldbestandes der 
Bank. Erst im Jahre 1915 wurden große Erfolge erzielt. Aber nicht 
nur die gesamten Ablieferungen an die Bank, sondern noch erhebliche 
Beträge darüber hinaus gingen an das Ausland, teils endgültig in der Form 
von Zahlungen, teils vorläufig in der Form der Verpfändung. Der im 
Inland ruhende Goldbestand der Bank von Frankreich war am Ende des 
Jahres 1918 um einige 600 Millionen Fr. geringer als bei Kriegsausbruch. 

Der Bank von England standen für die Stärkung ihres Gold- 
vorrates wirksamere Mittel zu Gebote als irgendeinem anderen zentralen 
Noteninstitut. Sie brauchte sich nicht auf die Heranziehung von Gold 
aus dem inländischen Verkehr oder auf die private Goldzufuhr von 
außen zu beschränken, sondern konnte die Machtmittel des britischen 
Imperiums für sich einsetzen. 

Eine Vermehrung ihres Goldbestandes erzielte sie in den ersten 
Wochen und Monaten nicht nur durch die Heranziehung von Gold aus 
dem freien Verkehr und aus den nicht unbeträchtlichen Goldreserven der 
privaten Depositenbanken, sondern vor allem durch eine Reihe be- 
sonderer Maßregeln. Zunächst wurden die in London vorhandenen 
ägyptischen und indischen Goldreserven dem Goldvorrat der Bank von 
England einverleibt. Außerdem errichtete die Bank von England Gold- 
depots in Australien, Südafrika und Kauada, denen das dort aus der 
Neuproduktion — in Kanada auch aus Zahlungen der Vereinigten Staaten 
— verfügbar werdende Gold zugeführt und die von nun an in die 
Goldreserven der Bank von England mit eingerechnet wurden. Der 
Erfolg war, daß bereits Anfang Dezember 1914 die Bank von England 
ihren Goldbestand mit mehr als 70 Millionen £ ausweisen konnte, (gegen 
2H Millionen £ am 7. August 1914). 

Aber auf dieser Höhe vermochte die Bank von England ihren 
Goldbestand nicht zu halten. Ende 1915 stellte sich ihr Goldbestand 



200 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

anf etwa 50 Millionen £, ein Jahr später auf etwa 54, Ende 1917 nut 
etwa 69 Millionen £. Erst in der zweiten Hiilfte des Jahres 1918 kam 
es zu einer neuen erheblichen Steigerung, bis auf naheza 80 Millionen £ 
am Jahresschluß. 

Bei dieser Entwicklung sind einerseits die drastischen Mittel zu 
berücksichtigen, die England zur Alimentierung seiner zentralen Gold- 
reserve ergrilT, andererseits die großen Goldhergabeu au das Ausland, 
namentlich an die Vereinigten Staaten, zu denen sich die Bank als 
Gegenmaßnahme gegen die Entwertung des Sterlingkurses gegenüber 
dem Gelde der Union und der europäischen Neutralen veranlaßt sah. 
Diese Politik der Verhinderung eines Zusammenbruchs der englischen 
Valuta erforderte um so größere Opfer an Gold, als England nicht nur 
das finanzielle Rückgrat und damit der Geldgeber für seine Alliierten, 
sondern auch in großem Umfang deren „manufacturing partner" und 
damit das Zentrum für die Beschaffung und Verarbeitung der für die 
Kriegführung des Vielverbandes aus aller Welt herangeholten Roh- 
stoffe war. 

Die von England angewandten Mittel, diesen gewaltigen An- 
forderungen zu genügen, waren einmal die Beschlagnahme der süd- 
afrikanischen und australischen Goldproduktion zugunsten der Bank, 
daneben aber ein starker Druck auf die eignen Alliierten. Nament- 
lich Frankreich und Rußland mußten sich in Gegenleistung für die 
ihnen von England gewährten Kredite dazu verstehen, ansehnliche Teile 
ihres Goldbestandes ihrer Zentralbanken an die Bank von England 
abzuführen. 

Die „Mobilmachung des Goldes" war natürlich nur iu 
Ländern wie Deutschland, Frankreich und England möglich, die über 
einen stärkeren inneren Goldumlauf verfügten oder die in der Lage 
waren, sich eine eigne Goldproduktion nutzbar zu machen, wie 
England in seinen Dominions und Rußland im Ural und Sibirien. In 
denjenigen kriegführenden Ländern, in denen diese Voraussetzungen 
nicht zutrafen, waren die Goldbestände der Zentralbanken zu einem 
sichtbaren Schwinden verurteilt. In Italien wirkten diesem Schwunde 
die Kredite Englands und der Vereinigten Staaten einigermaßen entgegen; 
der Goldbestand der Bank von Italien zeigt deshalb vom Ende dea 
Jahres 1913 bis zum Ende des Jahres 1918 nur den verhältnismäßig 
bescheidenen Rückgang von 1107 Millionen auf rund 820 Millionen Lire. 
In Oesterreich-Ungarn fehlten solche Gegenwirkungen; das ver- 
bündete Deutschland tat sich selbst schwer genug. In der Donau- 
monarchie war der Goldbestand der Zentralbank schon Ende 1915 
mit 685 Millionen Kronen nur noch wenig mehr als halb so hoch wie 
vor Kriegsausbruch mit rund 1250 Millionen Kronen. Ende 1916 betrug 
er nur noch 290 Millionen, Ende 1917 265 Millionen Kronen. 

§ 3. Die Neutralen: Tom Schatz des Goldes znm Schutz gegen das Gold. 

Schon aus den bisherigen Darlegungen ergibt sich, daß die das 
Gold betreffenden Vorgänge sich nicht in einer Mobilisation des freien 
Goldumlaufs der kriegführenden Länder und dessen Konzentration in 
den Tresors der Zentralnotenbankeu erschöpften, sondern daß außerdem 



T.Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §3. 201 

die Verwendung des Goldes zam Einkauf lebens- und liriegsnotwendiger 
Waren im Auslände einen Abfluß von Gold aus den kriegfUlireuden 
nach den neutralen Ländern zur Folge haben mußte. 

Diese Verschiebung ist in ganz großem Umfange eingetreten. 

Nicht gleich zu Anfang. Im Gegenteil! Zunächst suchten die 
kriegführenden Länder, die über freien Verkehr mit der Außenwelt 
und über umfangreiche Guthaben in dieser Außenwelt verfügten, vor 
allem England und daneben auch Frankreich, ihre Guthaben möglichst 
in barem Golde einzukassieren, um ihre eigne Goldposition zu stärken. 
Die neutralen Staaten sahen sich dadurch ihrerseits zu Schutzmaßnahmen 
für ihre Goldbestände ja teilweise zur Einstellung der Goldeinlösung 
ihrer Banknoten veranlaßt. So gab in den Niederlanden ein Ge- 
setz vom 3. August 1914 der Niederländischen Bank die Ermächtigung, 
im Falle von Krieg oder Kriegsgefahr die Einlösung ihrer Noten aus- 
zusetzen. In der Schweiz wurde die Nationalbauk bei Kriegsbeginn 
von der Verpflichtung entbunden, ihre Noten in Metallgeld einzulösen. 
Die skandinavischen Staaten folgten diesem Beispiel. Die 
Vereinigten Staaten von Amerika sahen sich genötigt, in 
der Zeit unmittelbar nach Kriegsausbruch größere Quantitäten von Gold 
an Europa, namentlich an England, abzugeben. 

Bald aber änderte sich infolge des wachsenden Material- und 
Warenbedarfs der kriegführenden Staaten die Lage in dem oben au- 
gedeuteten Sinne. Den Zentralbanken der neutralen Länder, die für 
die Versorgung der Kriegführenden in erster Reihe in Betracht kamen, 
strömte das Gold in einer nie gesehenen Fülle zu. Der Goldbestund 
der Schweizerischen Natioualbank, der Ende 1913 rund 
170 Millionen Fr. betragen hatte, erreichte Ende 1916 die Höhe vuu 
345 Millionen Fr. und wuchs weiter auf 415 Millionen Fr. Ende 1918. 
Aehnlich war die Entwicklung der drei skandinavischen Zentral- 
banken. Die Goldreserve der Niederländischen Bank stieg 
von 151 Millionen Gulden Ende 1913 auf 588 Millionen Ende 1916 
und 698 Millionen Gulden Ende 1917. Die Bank von Spanien 
sah ihren Goldbestand von 480 Millionen Pesetas Ende 1913 auf 
1251 Millionen Ende 1916 und 2228 Millionen Pesetas Ende 1918 
anwachsen. Die Federal ReserveBanks der Vereinigten 
Staaten von Amerika, die erst gegen Ende des Jahres 1914 ihre 
Tätigkeit aufnahmen und am Jahresschluß einen Goldbestand von 229 Mil- 
lionen Dollar aufwiesen, verfügten Ende 1916 über eine Goldreserve 
von 471 Millionen Dollar. Der Zuwachs war bis dahin angesichts der 
gewaltigen Lieferungen der Union für die kriegführenden Staaten ver- 
hältnismäßig bescheiden, da England und Frankreich zunächst ihren 
großen Bestand an amerikanischen Wertpapieren als Zahlungsmittel be- 
nutzen konnten. Das Jahr 1917, in dem die Vereinigten Staaten selbst 
in den Krieg eintraten, brachte jedoch allein einen Zuwachs der Gold- 
reserve der Federal Reserve Banks um 1200 Millionen Dollar auf 
1671 Millionen, und das folgende Jahr zeigte eine weitere Zunahme 
auf 2090 Millionen Dollar. Damit erreichte diese Reserve für sich 
allein einen Umfang, der ungefähr der Summe der Goldbestände der 



^02 Erstes Bück. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallrerhältnisse. 

deutscheu Reicbsbauk, der Bank von England, der Bank von Frank- 
reich und der Kusiischeu Staatsbank entsprach. 

Auch die Bank von Japan vermochte ihren Goldbestand von 
24,4 Millionen Yen Ende 1913 auf 712,9 Millionen Yen Ende 1918 
zu steigern. 

Nachdem bei den neutralen Ländern die erste kurze Phase der 
Goldeutziehung durch die Kriegführenden überwunden war und sich 
dafür ein immer stärker anwachsender Goldzufluß aus den Ländern 
der Kriegführenden eingestellt hatte, sahen sich die Neutralen in der 
Lage, die Schutzmaßnahmen für ihre Goldbestände milder zu handhaben 
oder ganz fallen zu lauen. 

Bald jedoch kam es so weit, daß die neutralen Länder den Zu- 
strom von Gold nicht mehr als einen Vorteil ansahen, sondern daß sie 
im Gegenteil aus der Ueberschwemmung mit Gold erhebliche 
Besorgnisse herleiteten. Das Gold kam zu ihnen nicht als Geschenk 
des Himmels, sondern als Träger der dringendsten Nachfrage für Ma- 
terialien und Waren aller Art. Während in normalen Zeiten die Nach- 
frage nach Waren hochwillkommen ist, überschritt jetzt die Nachfrage 
für die Bedürfnisse des unersättlichen Krieges alle Grenzen. Der alte 
Satz „pecuniara habens habet omnem rem, quam habere vult" fand seine 
Umkehrung: Die Ware drängte nicht mehr nach Geld, sondern das 
Geld — im internationalen Verkehr war Geld nur noch das Gold — 
drängte nach der Ware. Die Gold anbietende Nachfrage der Krieg- 
führenden war bereit, jeden Preis zu zahlen und trieb damit auch die 
Inlandspreise der neutralen Länder für die notwendigsten Lebensbedürf- 
nisse hoch; der Material- und Warenhunger der Kriegführenden nahm 
einen Umfang an, daß ihre Nachfrage in den neutralen Ländern zu 
einer Bedrohung für die ausreichende und erschwingliche Versorgung 
der eignen Bevölkerung wurde. 

Die neutralen Staaten sahen sich angesichts dieser Entwicklung 
zu Schutzmaßnahmen für die Sicherung des Lebensbedarfs ihrer 
eignen Bevölkerung gezwungen, zu Ausfuhrbeschränkungen und Ausfuhr- 
verboten für wichtige Waren, zu Preisregulierungen für den Inlands- 
bedarf und für den Export, zu Kompensationsabkommen mit denjenigen 
Ländern, an welche sie Material- und Warenlieferungen zuließen^). Es 
lag nahe, den Schutz für die Waren durch eine Abwehr gegen das 
Gold, das ja der vornehmste Träger der Nachfrage nach Waren war, 
zu ergänzen. Bestärkt wurde dieser Gedanke der Abwehr gegen das 
Gold durch gewisse geldtheoretische Vorstellungen und Auffassungen. 
Auä dem Zustrom von Gold ergab sich für die neutralen Länder eine 
Vermehrung ihrer Geldzirkulation, die in ähnlicher Weise, wenn auch 
nicht in demselben Grade, eine „Inflation" bedeutete, wie die 
wachsende Papiergeldausgabe in den kriegführenden Ländern. Mit 
dieser „Goldinfiation" brachte man die auch in den neutralen Ländern 
eintretende Preissteigerung in einen unmittelbaren Zusammenhang. Ins- 
besondere in Schweden wurde diese Theorie vertreten, und zwar von 



') S. darüber mein Buch über den „Weltkrieg" Bd. II, Abschnitt „Der Wirt- 
sc^aftskampf um di'» N'^iitraleu"', S. 20:iff. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Aasbrach des Weltkrieges. § 4. 203 

keinem Geringeren, als dem angesehenen Natioualökonomen und scharf- 
sinnigen Geldtheoretiker Professor Gastar Gasse 1. 

Theorie und praktische Notwendigkeiten wirkten sich schließlich 
aus in einer Politik der Goldaussperrung. 

Durch ein Gesetz vom 8. Februar 19 IC enthob Schweden seiae 
Keichsbank von der Verpflichtung, Gold zu festem Satz gegen Venib- 
folgung von Banknoten anzunehmen. Diese Maßnahme wurde bald da- 
rauf durch eine königliche Verordnung vom 28. April 1916 ergänzt, 
die der Münzstätte die weitere Ausprägung von Gold für private Rech- 
nung untersagte. 

Norwegen und Dänemark folgten diesem Beispiel. 

Auch andere neutrale Staaten machten Schwierigkeiten bei der 
Hereinnähme von Gold, sei es indem ihre Zentralbanken das aus dem 
Ausland kommende Gold nur nach besonderer Vereinbarung annahmen, 
aei es, indem iie — wie z. B. die Bank von Spanien — den Ankaufs- 
preis von Gold herabsetzten. 

Diese Maßnahmen kamen in ihrer Wirkung einer Einstellung der 
freien Prägung des Goldes gleich. Während in den kriegführenden 
Ländern die Einstellung der Goldeinlösung von Papiergeld und Scheide- 
münzen das Band zwischen Geld und Gold zerschnitt und die Möglichkeit 
eines Sinkens des Geldwertes unter sein ursprüngliches Goldäquivalent 
schuf, wurde in den erwähnten neutralen Ländern das Band zwischen Gold 
und Geld durch die Einstellung der Umwandlang von Gold in Geld gleich- 
falls zerschnitten, und zwar in der Weise, daß die Möglichkeit eines 
Steigerns des Geldwertes über sein ursprüngliches Goldäqivalent ge- 
schaflfen wurde. Die Wirkung dieser nach entgegengesetzten Richtungen 
tendierenden Maßnahmen wurden verstärkt durch die gewaltige Steigerung 
der Transport- und Versicherungskosten für Gold und durch die viel- 
fachen Verbote der Goldausfuhr und Golddurchfuhr. Das Metall Gold, 
das in den Jahrzehnten vor dem Weltkrieg die feste und einheitliche 
Grundlage für das Geldwesen der Kulturwelt geworden war, verlor 
diesen Charakter. Mit seiner Ausschaltung kamen nicht nur die einzel- 
nen nationalen Geldsysteme ins Wanken, sondern auch die internationale 
Geldverfassung büßte jeden Zusammenhalt ein und fiel auseinander. 

§ 4. ZahlamriMittelkrisis und Fapierfeld. 

Die katastrophale Zuspitzung der politischen Lage in der letzten 
Juliwoche und die Kriegserklärungen der ersten Augusttage 1914 er- 
zeugten auf den Geldmärkten der Welt eine ungeheure Panik. Ange- 
sichts der völligen Ungewißheit über den Gang der Ereignisse und die 
Gestaltung schon der allernächsten Zukunft war es begreiflich, daß 
jedcrniunn sich für alle Fälle einen ausreichenden Kassenbestand zu 
sichern suchte. Niemand wußte, ob und in welchem Umfang künftig 
Auszahlungen auf vorhandene Guthaben würden geleistet werden können 
und ob künftig die Geldbeschaßung im Wege des Kredits auch nur 
annähernd in der gleichen Weise wie bisher möglich sein würde. Es 
handelte sich nicht nur um die V'orsorge für private Bedürfnisse des 
Haushalts usw., sondern auch um die Sicherung ausreichender Betriebs- 
mittel für die Unternehmungen in Landwirtschaft, Gewerbe und Handel. 



204 Erstes Buch. II. Abscbuitt. Die Gestaltuug der Edelmetallverhältnisse. 

Es kam hinzu, daß die MillioDen der zu den Waffen gerufenen Männer 
ihr Haus und ihre Geschäfte zu bestellen und auch sich selbst mit 
Barmitteln auszustatten hatten. Der sich aus diesem begreiflichen und 
berechtigten SicherungsbedUrfnis ergebende Drang nach Zahlungsmitteln 
wurde verstärkt durch die Kopflosigkeit, die in den ersten Tagen der 
Verwirrung in allen Ländern herrschte. „Die Börsen wurden von allen 
Seiten mit Verkaufsaufträgen Überschüttet; die Geldinstitute wurden mit 
Kreditanträgen und Wechseleinreichungen bestürmt; Kredite wurden 
gekündigt; bei Banken und Sparkassen drängte sich die Kundschaft, 
um Guthaben und Einlagen zurückzuziehen"^). Bemerkenswert ist, daß 
bei dieser Panik im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht die Sorge die 
Hauptrolle spielte, ob gegen das umlaufende Papiergeld im Wege der 
Einlösung Metallgeld zu erhalten sein werde. Die zum Zweck der 
Goldeinlösung in den verschiedenen Ländern stattgehabten „rnns" auf 
die Notenbanken entsprangen wohl mehr spekulativer Gewinnsucht als 
ernstlicher Sorge. Die Einstellung der Goldeinlösung löste keinerlei 
akute Erschütterungen aus. Die Hauptsorge war vielmehr, ob es weiter- 
hin möglich sein werde, ohne Schwierigkeiten und Verzögerungen gegen 
sichere Unterlagen, wie gute Kaufmannswechsel und beleihungsfähige 
Papiere oder Waren, überhaupt Zahlungsmittel in irgendeiner Form, 
insbesondere auch kleines Geld für Lohnauszahlungen usw. zu bekommen. 

Neben der gewaltigen Steigerung des privaten Bedarfs an Zahlungs- 
mitteln, wie ihn der Kriegsausbruch aus den angedeuteten Gründen mit 
sich bringen mußte, gingen einher die ungeheuren Bedürfnisse aller 
staatlichen an der Mobilmachung beteiligten Stellen nach Barmitteln 
zur sofortigen Auszahlung für Besoldung und Materialbeschaffung. 

Der so entstandenen Krisis der baren Zahlungsmittel 
wurde mit den verschiedensten Mitteln entgegengewirkt. 

Zunächst mit restriktiven Mitteln. 

In Frankreich wurde den Banken und Sparkassen, um sie 
vor dem Andrang der Einleger zu schützen, die gesetzliche Ermächtigung 
gegeben, auf die bei ihnen stehenden Guthaben nur bescheidene Teil- 
beträge auszuzahlen. In England half man sich durch die bereits 
erwähnte Schließung der Banken für mehrere Tage; außerdem setzte 
die Bank von England zur Einschränkung der an sie herantretenden 
Geldausprüche ihren Diskont bis auf 10 Prozent in die Höhe. Man 
sah sich ferner in allen kriegführenden Ländern genötigt, Moratorien 
zu erlassen, teils für den Wechselverkehr, teils für den gesamten Bank- 
verkehr, teils für alle Zahlungsverpflichtungen unter Privaten. 

Nur in Deutschland entschloß man sich, von dem Erlaß eines 
Moratoriums abzusehen. Man begnügte sich mit Gegenmaßnahmen, die 
bestimmt waren, die deutsche Geschäftswelt vor der Wirkung der im 
Auslande erlassenen Moratorien zu schützen. Außerdem wurde die 
Möglichkeit geschaffen, im Einzelfall beim Vorliegen eines wirklichen 
Notstandes die Zahlungsfristen durch gerichtliches Urteil hinauszuschieben. 
Im übrigen wurde die Zahlungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch 
positive Maßnahmen und Einrichtungen aufrechterhalten, so durch die 



>) Siehe in meinem „Weltkrieg", Bd. II, S. 25/26. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Aasbruch des "Weltkrieges. § 4. 205 

im freiwilligen Znsiimmenschluß der beteiligten Kreise geschaffenen 
Kriegskreditbanken und durch die Vereinbarungen der Bodenkredit- 
institute über die Bevorschussung von Hypotheken^). 

Die durch den Kriegsausbruch ausgelösten Ansprüche an die 
Elastizität des Geldwesens konnten nicht durch restriktive Maßnahmen 
wie Moratorien und scharfe Diskonterhöhungen, auch nicht allein durch 
positive Maßnahmen auf dem Gebiete der Sicherung des Kreditverkehrs 
befriedigt werden. Ueberall mußten der schlagartig auftretenden Zah- 
lungsmittel-Panik neue Geldzeichen im weitesten Ausmaße zur 
Verfügung gestellt werden. 

Da jede Möglichkeit zu einer plötzlichen Vermehrung der metallischen 
Umlaufsmittel fehlte, da man aus den bereits erörterten Gründen ins- 
besondere das Gold in den großen nationalen Reserven festzuhalten, ja 
aus dem freien Verkehr in diese Reserven hereinzuleiten suchte, blieben 
nur Banknoten und Staatspapiergeld zur Befriedigung des Bedarfs an 
Zahlungsmitteln übrig. In allen von dem Kriege unmittelbar oder 
mittelbar betroffenen Ländern wurden deshalb den Notenbanken Er- 
leichterungen für die Ausgabe ihrer Noten gewährt und einschränkende 
Bestimmungen aufgehoben. 

So wurde die Bank von England bei Kriegsausbruch er- 
mächtigt, das durch die Peelsakte festgesetzte Kontingent ihrer durch 
Gold nicht gedeckten Notenausgabe zu überschreiten, falls ihr Diskont 
nicht niedriger sei als 10 "/j. Das Notenkontingent der Bank von 
Frankreich wurde bei Kriegsausbruch von 6,8 auf 12 Milliarden 
Fr. erhöht; weitere beträchtliche Erhöhungen folgten im Verlauf des 
Krieges; die Bank wurde außerdem autorisiert, kleine Noten zu 20 
und 5 Fr. auszugeben. Auch in anderen kriegführenden und neutralen 
Ländern wurde den Banken die Erlaubnis gegeben, zur Behebung des 
empfindlichen Mangels an Kleingeld Banknoten auszugeben, die auf 
kleine Beträge lauteten, wie sie bisher ausschließlich durch silberne 
Scheidemünzen dargestellt worden waren. 

Vielfach wurden neben den Banknoten neue Arten von Papier- 
gel d — meist staatlichen oder kommunalen Charakters — geschafifen 
oder wenigstens zugelassen. Dazu kamen für die ganz kleinen Beträge 
Münzen aus Eisen, Aluminium und anderen Metallen oder Legierungen, 
die bisher für Münzzwecke nicht gebräuchlich gewesen waren. 

In England wurde die Notenausgabe der Zentralbank entlastet 
durch die Einführung von Schatzkassenscheinen (Currency Notes) zu 
1 Pfund und zu 10 Schilling, die mit gesetzlicher Zahlungskraft ausgestattet 
und zunächst ohne jede Golddeckung ausgegeben wurden. Vom Septem- 
ber 1914 an begann man jedoch eine Golddeckung anzusammeln. Schon 
Ende 1914 waren 38,5 Millionen Pfd. St. dieser Sehatzkassenscheine in Um- 
lauf, während die Notenausgabe der Bank von England am gleichen 
Tage 36,1 Millionen Pfd. St. betrug. Schon damals hatten also die Currency 
Notes die Noten der Bank von England überholt. Bis Ende 1916 stieg 
der Umlauf der Currency Notes auf 150,1 Millionen Pfd. St., der Umlauf der 
Noten der Bank von England betrug nur 39,7 Millionen Pfund. Ende 1918 



') Vgl. auch hierzu in meinem ,, Weltkrieg" Bd. II, S. 30ff. 



206 Erstes Buch, II. Abichnitt. Die Gtstaltung der EdelmetallTerhältnisse. 

■waren 323,4 Millioneu Curreocy Notes ausgegeben gegen 70,2 Millionen 
Noten der Bank von England. Die Golddeckung der Currency Note8 
erreichte im Jahre 1915 den Stand von 28,5 Millionen Pfd. St. und blieb 
während des ganzen Krieges und darüber hinaus auf diesem Stande, 
der schließlich nur noch eine Deckung ton -ncniger als 10*/, bedeutete. 

In Frankreich kamen zu den Noten der Bank papierne Geld- 
zeichen in kleinen Abschnitten und AIuraininm-MUnzen, die von Städten 
und Ilandol>kamniern ausgegeben wurden. 

In Italien wurde der Schatzminister ermächtigt, auf kleine 
Beträge lautende Staatsuoten auszugeben. 

In Deutschland ergingen am 4. August die bereits ervs^ähnten 
Gesetze zur finanziellen Mobilmachung. 

Zunächst wurde die indirekte Kontingentierung der Notenausgabe 
der Reichsbank durch die Notensteuer aufgehoben. Die sogenannte 
,. Drittelsdeckung" blieb als mittelbare Schranke für die Notenausgabe 
der Keichsbank aufrecht erhalten, jedoch mit der sehr wesentlichen 
Milderung, daß neben Gold, kursfähigem deutschem Gelde und Keichs- 
kassenscheinen, die nach § 17 des Bankgesetzes als Barvorrat zu gelten 
haben, auch die jetzt neu geschafifenen Darlehnskassenscheine als Bar- 
deckung zugelassen wurden.^) Der den Barvorrat in diesem Sinne 
übersteigende Notenumlauf mußte nach den bis zum Kriegsausbruch 
geltenden Bestimmungen des Bankgesetzes gedeckt sein durch diskon- 
tierte Wechsel mit einer höchstens dreimonatlichen Verfallzeit, aus 
denen in der Regel drei, mindestens aber zwei als zahlungsfähig Ver- 
pfiicbtete haften, oder durch Schecks, aus denen mindestens zwei als 
zahlungsfähig bekannte Verpflichtete haften. Jetzt wurden diesen 
Wechseln „unverzinsliche Schuldverschreibungen des Reichs, die 
spätestens nach drei Monaten mit ihrem Nennwert fällig sind", also die 
kurzfristigen Reichsschatzanweisungen, gleichgestellt. Das Notenausgabe- 
recht der Reichsbank wurde damit praktisch ins Ungemessene erweitert 
und in den Dienst der Kriegführung gestellt. 

Gleichzeitig wurde die Reichsbank erheblich entlastet durch die 
Errichtung der schon im Krieg von 1870/71 vom Norddeutschen 
Bunde erprobten Darlehnskassen. Nach dem Gesetz vom 4. August 
1914 traten Darlehnskassen des Reichs in Anlehnung an die Orga- 
nisation der Reichsbank in Berlin und an allen Orten mit selbständigen 
Reichsbaukanstalten ins Leben, Außerdem wurden an zahlreichen Plätzen 
Hilfsstellen eingerichtet. Den Darlehnskassen wurde die Aufgabe zuge- 
wiesen, Darlehen gegen Verpfändung von Wertpapieren nnd Waren zu 
gewähren, und zwar in den von ihnen auszugebenden „Darlehnskassen- 
scbeinen". Bei der Stückelung der Darlehnskassenscheine ging man 
herab bis zu Scheinen von 2 und 1 Mark. Der Charakter als gesetz- 
liches Zahlungsmittel wurde den Darlehnskassenscheinen — im Gegen- 
satz zu Reichskassenscheinen und Reichsbanknoten — nicht ausdrücklich 
beigelegt. In der Praxis haben sich daraus, da die öffentlichen Kassen 
und die Reichsbank von Anfang an die Darlehnskassenscheine ohne 

') Erst durch die Banknovelle vom 9. Mai 1921 ist die Vorschrift der 
„DritteUdeckung-' auch in dieser Abschwächung aufgehoben worden, zunächst bis 
zum 31. Dezember 19ü3. 



7. Kapitel. Entwicklung dei Geldweiens seit Aasbrach des Weltkrieges. § 5. 207 

jeden Anstand zu ihrem rollen Nennwert in Zahlung nahmen, irgend- 
•welche Unzuträglichkeiten nicht ergeben; der Verkehr hat zwischen 
den Darlehnskassenscheinen, Reichskassenscheinen und Keichsbanknoten 
niemals einen Unterschied gemacht. Von besonderer Wichtigkeit war, 
daß den Darlehnskassenscheinen, wie oben bereits erwähnt, die Eigen- 
schaft beigelegt wurde, als Notendeckung im Sinne der Drittelsdeckung 
des Bankgesetzes zu dienen. 

Die Festsetzung des Höchstbetrags der auszugebenden Darlehns- 
kassenscheine wurde dem Bundesrat übertragen, der ihn zunächst auf 

1 500 Millionen Mark normierte, aber bald erheblich über diesen Betrag 
hinausging. 

Auch in Deutschland wurde die Ausgabe neuen Geldes seitens der 
Zentralnotenbanken und der Staatsgewalt ergänzt durch die Ausgabe 
von auf kleine Beträge lautenden städtischen Papier- und später auch 
Metallgeld. 

Der Kleingeldmangel dauerte mit Schwankungen während des 
ganzen Krieges und darüber hinaus an, zumal da die Silbermünzen zu 
Thesaurierungszweckeu zurückgehalten wurden und immer mehr aus 
dem Verkehr verschwanden, bis schließlich ihre formelle Außerkurs- 
setzung erfolgte (zunächst für die Zweimarkstücke durch Verordnung 
des Bundesrats vom 12. Dezember 1917, später durch Verordnung vom 
13. April 1920 für sämtliche Reichssilbermünzen). Die rasch ver- 
ichmutzenden und leicht zerreißbaren kleinen Papierscheine waren ein 
schlechter Ersatz. Für die ganz kleinen Beträge von weniger als 
50 Pfennig waren sie, wie die kommunalen Scheine beweisen, schlecht- 
hin unbrauchbar. Hier wurde mit neuen Münzen aus Eisen (10 und 
5 Pfennigstücke), Zink (10 Pfennigstücke) und Aluminium (1 Pfennig- 
nnd 50 Pfennigstücke) als Ersatz für die gleichfalls allmählich ver- 
schwindenden Münzen aus Nickel und Kupferbronze experimentiert. 

Welche für den damaligen Stand des Geldwertes enormen An- 
sprüche in der Zeit des Kriegsausbruchs zu befriedigen waren, tritt 
darin zutage, daß die deutsche Keichsbank sich genötigt sah, ihren 
Bauknotenumlanf in den zwei Wochen vom 23. Juli bis zum 7. August 
1914 von 1891 Millionen auf 3 897 Millionen Mark, also um mehr als 

2 Milliarden Mark und auf mehr als das Doppelte, zu steigern. Nur 
durch die sofortige Bereitstellung dieser gewaltigen Summen von 
Zahlungsmitteln, die allein auf dem Wege des Notendruckes möglich 
war, konnte die finanziell reibungslose Durchführung der Mobilmachung 
sicherfiestellt, konnte der unter der Einwirkung des Kriegsausbruchs 
plötzlich vervielfachte Bedarf der deutschen Wirtschaft an Zahiuiiirs- 
mitteln befriedigt und konnte die Zahlungsmittelpanik ohne schwersten 
Schaden überwunden werden. 

g 5. Das Papiergeld all Mittel der Kriegftihrnng. 

Die Anpassung des Geldumlaufs an die Schwankungen des Geld- 
bedarfs der Volkswirtschaft ist die dem Papiergeld iinu'rhalb eines auf 
metallischer Grundlage beruhenden (Jeldwesens zukommende Funktion. 
Die Suspendierung der Goldeinlösung der Keichsbanknoten, Reichs- 



208 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltang der Edelmetallverhältnisse. 

kassenscheine nnd Scheidemünzen durch die Notgesetze des 4. Angust 
1914 war nicht aus dem Willen der Abkehr von der Goldwährung, 
sondern lediglich aus der zwingenden Kriegsnotwendigkeit des Schutzei 
der nationalen Goldreserven entsprungen; die Absicht ging auf eine 
möglichst baldige Wiederaufnahme der Goldzahlungen, wofür die Er- 
haltung eines ansehnlichen Goldbestandes über den Krieg hinaus 
geradezu Voraussetzung war. Die große Steigerung der Papiergeld- 
ausgabe zu Beginn des Krieges war, soweit sie lediglich die Anpassung 
an den durch den Kriegsausbruch gewaltig gesteigerten Verkehrsbedarf 
bedeutete, an sich nichts, was aus dem Rahmen einer metallischen Währung 
herausfiel. Denn auch in den Friedenszeiten und bei unbeeinträchtigtem 
Bestände der Goldwährung hatte die Reichsbank zeitweise sehr erheb- 
liche Steigerungen des Geldbedarfs durch eine entsprechende 
Steigerung ihrer Notenausgabe zu befriedigen gehabt. Die be- 
trächtliche Vermehrung ihres Goldbestandes während der letzten 
Friedensjahre, die jetzt nach Kriegsausbruch infolge der frei- 
willigen Goldeinlieferung in verstärktem Maße weiterging, hatte 
der Reichsbank die Befriedigung großer Spannungen des Geldbedarfs 
erleichtert; denn bei größerem Goldvorrat bedeutet eine Steigerung der 
Notenausgabe um den gleichen absoluten Betrag eine geringere Ver- 
echlechterung des Deckungsverhältnisses. In der Tat blieb die pro- 
zentuale Golddeckung der Notenausgabe der Reichsbank in der Zeit 
des ersten Anpralls der Zahlungsmittelklemme durchaus befriedigend. 
Sie verminderte sich zwar von 43,1 "/^ am 31. Juli 1914 auf 37,9% am 
7. August, erholte sich aber in den folgenden Wochen bis auf 48,6 "/^ 
am 23. November. Auch unter der Hochspannung des 31. Dezember 
1914 stellte sie sich immer noch auf 41,5 "/o- 

Dagegen wurde ein neues Moment in die deutsche Geldverfassung 
— und in ähnlicher Weise in die Geldverfassungen aller kriegführenden 
Staaten — dadurch hineingetragen, daß für die Papiergeldausgabe 
neben und vor dem Bedarf der Wirtschaft an Umlaufsmitteln, wie 
er sich in dem privaten Kreditbegehr durch Wechseldiskontierung 
äußert, der Geldbedarf des Staates für die Zwecke der Krieg- 
führung entscheidend wurde. 

Die Kosten des Krieges überschritten für die sämtlichen der an 
ihm beteiligten Staaten alle bisherigen Begriffe. In Deutschland er- 
forderte der Mobilmachungsmonat (Angust 1914) allein einen Betrag 
Ton mehr als 2 Milliarden Mark, mithin mehr als die auf etwa 
1"/^ Milliarden Mark berechneten Gesamtaufwendungen Deutschlands 
für den Krieg 1870/71. Nach einem vorübergehenden Rückgang wurde 
im März 1915 wieder eine Monatsausgabe von mehr als 2 Milliarden 
Mark erreicht. Auf diesem Satze hielten sich dann die Ausgaben mit 
nicht allzugroßen Schwankungen bis zum Spätsommer 1916. Von da an 
trat in Verbindung mit der Durchführung des sogenanntenn Hindenburg- 
Programms eine Steigerung ein. Im Monat Oktober 1916 wurde zum 
ersten Mal der Betrag von 3 Milliarden Mark überschritten, genau ein 
Jahr später zum ersten Mal der Betrag von 4 Milliarden Mark, und 
«chließlich wurde im Oktober 1918 eine Ausgabe von nahezu 5 Milli- 
.arden Mark erreicht. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 5. 209 
Im ganzen stellten sich die Kriegsausgaben Deutschlands wie folgt: 



Milliarden Mark 




im Monats- 
durchschnitt 



1. Kriegsjahr (l. August 1914 bis 31. Juli 1915) 

2. „ (1. „ 1915 „ 31. „ 1916) 

3. „ (I. „ 1916 „ 31. „ 1917) 

4. „ (1. „ 1917 „ 31. „ 1918) 
1. August 1918 bis 31. Dezember 1918 



1,675 
2,008 
2,867 
3,818 
4.358 



Insgesamt (I.August 1914 bis 31. Dezember 1918) 



2,780 



Diesen von der Reichsfinanzverwaltung für die Kriegführung zu 
"beschaffenden Summen steht die Tatsache gegenüber, daß der gesamte 
Umlauf Deutschlands an metallischen und papiernen Zahlungsmitteln in den 
Jahren vor dem Kriege sich auf nicht viel mehr als 5 Milliarden Mark ge- 
stellt und daß das gesamte deutsche Volkseinkommen vor dem Kriege sich 
auf 42 bis 45 Milliarden Mark belaufen hatte. Das erste Kriegsjahr 
brachte also in Deutschland Kriegsausgaben in Höhe des Vierfachen 
des Vorkriegs-Geldumiaufs und von nahezu der Hälfte des gesamten 
\'orkriegs- Volkseinkommens. 

Der Mobilmachungsmonat allein erforderte fast zwei Fünftel 
des Betrages, der bei Kriegsausbruch in Deutschland an Umlaufsmitteln 
überhaupt vorhanden war, und das zu einer Zeit, in der aus den oben 
dargestellten Gründen die privaten Wirtschaften daranf Bedacht nehmen 
mußten, ihre Kassenbestände festzuhalten und womöglich zu verstärken 

In den anderen kriegführenden Staaten lagen die Verhältnisse ähnlich 

Die Mittel, mit denen der moderne Staat in normalen Zeiten seinen 
Geldbedarf deckt, sind laufende Staatseinnahmen (in der Hauptsache 
Steuern und sonstige Abgaben, daneben Einnahmen aus Staatseigentum 
und Betriebsverwaltungen) und Anleihen. Fortdauernde Ausgaben müssen 
nach gesunden finanzpolitischen Grundsätzen durch laufende Ein-, 
nahmen gedeckt werden. Das gleiche gilt für die sogenannten ein- 
maligen Ausgaben, die sich in wechselnden Formen erfahrungsgemäß 
Jahr für Jahr wiederholen. Beide Arten von Ausgaben sind Ausgaben 
des „ordentlichen Haushalts", Anleihen kommen nach gesunden finanz- 
politischen Grundsätzen nur in Betracht für die Ausgaben des „außer- 
ordentlichen Haushalts"; nach den strengsten Grundsätzen sind auch 
hier Anleihen nur gerechtfertigt, soweit es sich um Ausgaben für 
„werbende Zwecke" (Hauptbeispiel: Erweiterung und Verbesserung des 
Eisenbahnnetzes) handelt, die aus sich selbst heraus die Verzinsung 
und Tilgung der aufzunehmenden Anleihen aufzubringen geeignet sind. 

In beiden Fällen, bei der Einhebung laufender Einnahmen und 
bei der Aufnahme von Anleihen, wird vorhandene Kaufkraft im Wege 
der Uebertragung vorhandener Zahlungsmittel von Privaten auf den 
Staat übergeleitet. Das Geldwesen, insbesondere der Umfang der Geld- 
zirkulation, wird durch diese beiden Arten der Geldbeschaffung des 
Staates nicht berührt. Ebensowenig wird eine zusätzliche Kaufkraft 
für den Staat neu geschaffen; was der Staat durch die Erhebung 



Helf f eri h. Das Geld. 



14 



210 Erstes Buch. II. Abschnitt, Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

laufender Eionahmen und die Aufnahme von Anleihen an Kaufkraft 
gewinnt, das büßen die Steuerzahler und die Anleihezeichner an Kauf- 
kraft ein. 

Grundverschieden von diesen beiden Wegen, auf denen sich der 
Staat, ohne das Geldwesen zu berühren und ohne die in der Volks- 
wirtschaft vorhandene Kaufkraft zu ändern, die Mittel für die Durch- 
führung: seiner Zwecke verschaffen kann, ist ein dritter Weg: d i e 
Schaffung neuer Kaufkraft zugunsten des Staates durch den 
Druck von Papiergeld. Es macht dabei praktisch keinen Unter- 
schied, ob der Staat selbst für seine eigne Rechnung das neue Papier- 
geld als Staatspapiergeld herstellen läßt und in Umlauf setzt oder ob 
er bei seiner Kotenbank Kredite in Anspruch nimmt, deren Gegenwert 
ihm in Banknoten zur Verfügung steht. Dieser Weg führt seiner Natur 
nach zu einer Vermehrung der Umlaufsmittel und zu einer Konkurrenz 
der im Wege der Ausgabe neuer Zahlungsmittel für den Staat neu 
geschaffeneu Kaufkraft mit der vorhandenen und zunächst scheinbar 
ungeschmälert gebliebenen Kaufkraft der Privaten; also zu der Er- 
scheinung, die man als „Inflation" bezeichnet und die notwendiger- 
weise zu einer Verminderung der Kaufkraft des Geldes führen muß. 
Die Zusammenhänge im einzelnen werden im II. (theoretischen) Teil 
dieses Buches zu erörtern sein. 

Wegen ihrer üblen Folgen für das Geldwesen und die gesamte 
Wirtschaft scheidet die Schaffung neuer Kaufkraft für den Staat im 
Wege des Druckes von Papiergeld in normalen Zeiten als Mittel der 
staatlichen Geldbeschaffung völlig aus. 

In Kriegszeiten jedoch haben die Staaten, seitdem papierne Geld- 
zeichen im Verkehr Wurzel gefaßt haben, selten auf das Mittel der 
Notenpresse für die Deckung ihres Geldbedarfs ganz verzichten können. 
Wie zur Befriedigung vorübergehender Schwankungen des wirtschaft- 
lichen Geldbedarfs, so mußten die papiernen Geldzeichen auch für Be- 
friedigung des außerordentlichen Kriegsbedarfs des Staates herhalten, 
soweit dieser außerordentliche Bedarf nicht sofort oder überhaupt nicht 
auf den beiden anderen Wegen, dem Wege der Besteuerung und dem 
Wege der Anleihe, seine Deckung fand. 

Die Notwendigkeit, auf den Druck papierner Geldzeichen zur 
Finanzierung des Krieges zurückzugreifen, war für alle beteiligten 
Staaten bei einem Kriege von dem Umfang und der Daner des Welt- 
krieges in stärkerem Maße gegeben als jemals zuvor. Diese Not- 
wendigkeit stellte sich sofort nach Kriegsausbruch ein, als die Staaten 
die gewaltigen Ausgaben für die Mobilmachung leisten mußten. Die 
sofortige Aufbringung von Milliardenbeträgen im Wege der Besteuerung 
verbot sich von selbst; die Aufbringung im Wege von Anleihen scheiterte 
an der Tatsache, daß der Kriegsausbruch über die Geldmärkte aus 
den oben dargelegten Gründen eine Klemme heraufbeschwor, in der 
sie nicht nur kein Bargeld abgeben konnten, sondern neues Bargeld 
für sich selbst benötigten. Die Finanzierung der Mobilmachung ist 
deshalb überall, soweit sie nicht aus etwa vorhandenen bereiten Be- 
ständen (Kriegsschatz in Deutschland), die aber nirgends auch nur 



7. Kapitel. Entwicklang des Geldwesens sbii, Ausbruch des Weltkrieges. §5. 211 

entfernt ausreichten, gedeckt werden konnte, dnrch die Inansprach- 
uahme des Kredits der Notenbanken, also im Wege der Schaffung 
neuer Zahlungsmittel und neuer Kaufkraft zugunsten des Staates be- 
wirkt worden. Der Weg hierzu ist in Deutschland der Finanzver- 
waltung formell eröffnet worden durch das oben (s. S. 2U6) erwähnte 
Gesetz vom 4. August 1914, das für die Diskontierung bei der Reichs- 
bank die dreimonatlichen Schatzauweisungen des Reichs den kauf- 
männischen Wechseln gleichstellte. 

Erst nachdem die erste große Welle des Kriegsgeldbedarfs über 
die kriegführenden Staaten dahingegangen war, konnte man unter Berück- 
sichtigung auch der übrigen Wege, der Anleihe und der Steuern, zu 
einer einigermaßen planmäßigen Finanzierung des Krieges kommen. 
Man hat in den einzelnen Staaten in verschiedenem Maße auf Steuern 
und Anleihen zurückgegriffen. Nirgends aber ist es im weiteren Verlauf 
des Krieges gelungen, das Papiergeld als Mittel der Kriegsfinanzierung 
völlig auszuschalten. 

Die Rücksicht auf die Erhaltung eines gesunden und leistungs- 
fähigen Geldwesens ließ es notwendig erscheinen, dafür Sorge zu tragen, 
daß die für die Finanzierung des Krieges auszugebenden Summen nicht 
als eine dauernde und sich fortgesetzt steigernde Vermehrung des Geld- 
umlaufs wirkten. Das Geld, das der Staat für die Mobilmachung be- 
nötigte und mangels anderer sofort fließender Quellen sich durch den 
Druck papierner Geldzeichen beschaffte, ergoß sich im Wege der vom 
Staat geleisteten Zahlungen in den Verkehr. Die Geldklemme der 
ersten Kriegstage wurde bald durch eine wachsende Geldflüssigkeit ab- 
gelöst. Wenn einer bedenklichen „Inflation" vorgebeugt werden sollte, 
dann mußte durch eine Aenderung der Geldbeschaffung nicht nur der 
allzu reichlich fließende Quell der papiernen Scheine verstopft, sondern 
auch die Hochflut der bereits ausgegebenen neuen Scheine wenigstens 
zum Teil aufgesaugt werden. 

Zu Gebote standen für diesen Zweck die beiden bereits be- 
zeichneten Wege, die Einhebung von Kriegssteuern und die Auf- 
nahme von Anleihen, 

Schon im zweiten Kriegsmonat, im September 1914, ging Deutsch- 
land als erster von allen kriegführenden Staaten mit der Begebung 
einer großen Anleihe vor. England folgte im November 1914. Da- 
gegen ging England mit der Ausschreibung von Kriegssteuern gleich- 
falls schon im November 1914 voran, während man in Deutschland 
— wie übrigens in allen anderen kriegführenden Staaten — mit der 
Einfuhrung neuer Steuern zunächst zögerte. 

Die Gründe, die für Deutschland das Betreten des Weges der 
Kriegssteuern ungleich schwieriger machten, als für England, hat der 
Verfasser an anderer Stelle eingehend dargelegt*). Hier genüge die 
Feststellung, daß auch England, trotz seiner für das Anziehen der Steuer- 
schraube sehr viel günstigeren Verhältnisse, über die Deckung seines 
ordentlichen Etats hinaus bis zum Ende des Rechnungsjahres 1918 nur 
etwa 15 Milliarden Mark an Steuern (einschließlich der Kriegsgewiun- 



1) „Der Weltkrieg-, Bd. II. S. 154 ff. 

14* 



212 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Steuer) für die Deckung der bis dahin insgesamt etwa 120 Milliarden 
Mark betragenden Krirgskosten aufgebracht hat, also nur etwa 12^1^^!^ 
seiner Kriegskosten durch Steuern hat decken können'). In allen 
anderen Staaten ist der Anteil der Steuern an der Deckung der Kriegs- 
kosten noch erheblich geringer gewesen. 

In Deutschland rechnete man, stark beeinflußt durch die von 
dem Geueralfeldmarschall Grafen Schlieffeu vertretene Auffassung, zu- 
nächst mit einem kurzen Krieg. Die Ansichten in Regierung, Parlament 
und üflentlicher Meinung gingen dahin, daß der Krieg für Deutschlands 
Zukunft geführt werde, seine finanziellen Lasten, soweit sie nicht nach 
dem Vorbilde von 1870/71 durch eine Kriegsentschädigung abgebürdet 
werden würden, deshalb auch im Wege von Kriegsanleihen in der 
Hauptsache der Zukunft auferlegt werden könnten, zumal da die Kriegs- 
anleihen in ähnlicher Weise wie Kriegssteuern geeignet waren, einen 
Rückfluß der papierenen Zahlungsmittel herbeizuführen und dadurch der 
Gefahr der Inflation entgegenzuwirken. Als es sich herausstellte, daß 
man sich auf eine längere Kriegsdauer gefaßt machen müsse und als 
zudem die rapid wachsenden Ausgaben für die Verzinsung der Kriegs- 
anleihen — diese Ausgaben wurden auf den ordentlichen Haushalt ge- 
nommen — starke Fehlbeträge im ordentlichen Haushalt herbeizuführen 
drohten, wurde auch in Deutschland der Weg der Kriegssteuern be- 
treten (Ende 1915) und zwar mit dem Erfolg, daß während der fünf 
Rechnungsjahre 1914 bis 1918 nicht nur die gesamten Ausgaben des 
ordentlichen Haushalts gedeckt sondern darüber hinaus noch ein Ueber- 
schuß von mehr als 3 Milliarden Mark erzielt wurde, der in der Haupt- 
sache zur Tilgung der Reichsschuld, mit anderen Worten, zur Ver- 
minderung des für die Kriegführung entstehenden Anleihebedarfs, also 
zur Deckung eines, wenn auch bescheidenen Teiles der Kriegsausgaben 
Verwendung fand^j. 

Kriegsanleihen wurden während der ganzen Kriegsdauer im regel- 
mäßigen Abstand von 6 Monaten, jeweils im März und September, zur 
Zeichnung aufgelegt, im ganzen neun, davon die erste, wie bereits erwähnt, im 
September 1914, die letzte im September 1918. Durch diese sich 
regelmäßig wiederholenden Kriegsanleihen sollte von 6 zu 6 Monaten 



*) Siehe hierzu die Schrift von W. Prion, Steuer- und Anleihepolitik in 
England während des Krieges. Berlin 1918. 

*) Die Einnahmen des Reichs und die Ausgaben des ordentlichen ßeichsetats 
stellten sich wie folgt (siehe Drucksache des Reichstags Nr. 254 von 1920, S. 6, 
13 und 14) 

Millionen Mark 
Rechnungsjahr Einnahmen Ausgaben 

1914 2,350,8 1,653,2 

1915 1,735,2 1,785,6 

1916 2,029,4 2.973,8 

1917 7,830,4 6,893,6 

1918 6,795,0 7,146,0 

Zusammen 20,740,8 20,152,2 

Davon für Schnldentilgung 2,783,1 



Ausgaben abzüglich Schuldentilgung 17,669,1 

Die Einnahmen für diese Periode ergeben also gegenüber den Ausgaben, abzüglich 

Schuldentügung, ein Mehr von 3,071,7 Millionen Mark. 



T.Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §5. 213 

die vom Reich für die Zwecke der Kriegführung kontrahierte 
„schwebende Schuld", in der Hauptsache bestehend aus bei der 
Reichsbank diskontierten Schatzauweisungen, konsolidiert und damit 
gleichzeitig das für die Zwecke der Finanzierung geschaffene und in 
Umlauf gesetzte Papiergeld wieder aufgesaugt werden. 

Wie weit die Konsolidierung der schwebenden Schuld durch die 
regelmäßige Auflegung von Kriegsanleihen gelang, ergibt die nachstehende 
Uebersicht: 







(Millionen Mark) 






Aasstebende 


Uebergchnß der An- 






Nennbetrag 


Scbatzanweisungen 


leihezeicünnngen 






der Zeiebnaug 


am Ende 
d. Zeichnungsnionats 


über d. aussiebenden 
Scbatzanweisungen 


1. Kriegsanleihe (Sept. 1914) 


4 460 


2 632 


+ 1832 


2. 


(März 1915) 


9 060 


7 209 


+ 1851 


3. 


(Sept. 1915) 


12101 


9 691 


+ 2 410 


4. 


(März 1916) 


10 712 


10 388 


+ 324 


5. 


(Sept. 1916) 


10 652 


12 766 


_ 2 114 


6. 


(März 1917) 


13 122 


14 855 


_ 6 732 


7. 


(Sept. 1917) 


12 626 


27 204 


- 14 578 


8. 


(März 1918) 


15 001 


38 971 


— 23 970 


9. 


(Sept. 1918) 


10 443 


49 414 


— 38 971 



Die ersten drei Kriegsanleihen lieferten also einen wachsenden 
Ueberschuss über den bei ihrer Begebung ausstehenden Betrag an 
Schatzanweisungen. Auch die vierte Kriegsanleihe, deren Ergebnis 
durch besondere Verhältnisse beeinträchtigt wurde (U-Boot-Streit, Ent- 
lassung des Großadmirals von Tirpitz) reichte noch aus, um die bis 
dahin aufgelaufene schwebende Schuld des Reiches zu konsolidieren. 
Dagegen blieben vom Herbst 1916 ab die Erträgnisse der Kriegsanleihen 
mit progressiv wachsenden Summen hinter den Beträgen der schwebenden 
Schuld zurück. Während im September 1916, also nach zwei Kriegs- 
jahren, die schwebende Schuld erst eine Summe von 12,8 Milliarden 
Mark ausmachte, von der nach Begebung der 5. Kriegsanleihe nur 
2,1 Milliarden Mark ungedeckt blieben, erreichte zwei Jahre später, 
im September 1918, die schwebende Schuld den Betrag von fast 
50 Milliarden Mark. JDie damals zur Zeichnung aufgelegte neunte Kriegs- 
anleihe erbrachte nur 10,4 Milliarden Mark. Ungedeckt blieben also von 
der schwebenden Schuld rund 39 Milliarden Mark. Ende Dezember 
1918 stellte sich die schwebende Schuld des Reiches auf 55,2 Milliarden 
Mark. Das System der periodischen Abdeckung der für die Krieg- 
führung aufgenommenen schwebenden Schuld durch Kriegsanleihen hat 
sich also in der ersten Hälfte des Krieges bewährt, dagegen hat es in 
den beiden letzten Kriegsjahreu versagt. Es ist eine offene Frage, ob 
in jenem zweiten Stadium des Krieges angesichts des immer stärkeren 
Zurückbleibens des Ertrags der Kriegsanleihen hinter den stark zu- 
nehmenden Kriegsausgaben und damit hinter der stark anwachsenden 
schwebenden Schuld ein stärkeres Anziehen der Steuerschraube nicht 



214 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetall Verhältnisse. 

angezeigt gewesen wäre und ob nicht auf diesem Wege eine stärkere 
Aufsaugung der schwebenden Schuld und der mit dieser zusammen- 
hängenden Papiergeld-lnHation sich hätte erreichen lassen. 

Für die Beurteilung der Wirkung der Zunahme der schwebenden 
Schuld auf das Geldwesen ist die Tatsache von Wichtigkeit, daß keineswegs 
der Gesamtbetrag der ausgegebenen Schatzanweisungeu von der Reichs- 
bank aufgenommen werden mußte, daß vielmehr im Laufe des Krieges 
ein wachsender Anteil dieser Schatzanweisungen im „freien Verkehr", 
in der Hauptsache bei den Privatbanken, bei den großen industriellen 
Unternehmungen, und den großen privaten Vermögensverwaltungen Unter- 
kunft fand. Während Ende 1914 von den damals ausgegebenen 
2,9 Milliarden Keichsschatzanweisuugen volle 2,7 Milliarden in der 
Reichsbank lagen und nur 0,2 Milliarden außerhalb der Reichsbank 
hatten untergebracht werden können, während Ende 1916 von 12,6 Mil- 
liarden Reichschatzanweisungen sich 8,9 Milliarden Mark in der Reichs- 
bank und '^J Milliarden im freien Verkehr befanden, änderte sich in 
der Folgezeit das Verhältnis in der Weise, daß Ende 1917 der Bestand 
der Reichsbauk an Reichsschatzauweisungen mit 14,2 Milliarden Mark 
hinter dem außerhalb der Reichsbank untergebrachten Betrag mit 14,4 
Milliarden Mark um eine Kleinigkeit zurückblieb. Ende 1918 lagen 
von 55,2 Milliarden ausgegebener Reichsschatzanweisungen 27,2Milliarden 
in der Reichsbank, 28 Milliarden befanden sich im „freien Verkehr". 

In den beiden ersten Kriegsjahren fand sich also das deutsche 
Publikum bereit, das zur Anlage verfügbar werdende Geld fast aus- 
schließlich zur Anlage in langfristigen Kriegsanleihen anzuwenden, wäh- 
rend in der zweiten Hälfte des Krieges die Anlage in kurzfristigen 
Reichsschatzanweisungen immer mehr bevorzugt wurde. Der Unterschied 
zwischen der Unterbringung langfristiger Kriegsanleihen und Reichs- 
schatzanweisungen mit nur dreimonatlicher Verfallzeit war von staats- 
finanziellem Standpunkte aus sehr erheblich; denn das Reich mußte 
damit rechnen, bei Verfall der Schatzanweisungen mit der Prolongierung 
auf Schwierigkeiten zu stoßen. Dagegen war die Wirkung auf die 
Gestaltung des Umlaufs von Zahlungsmitteln eine ähnliche, wenn der 
freie Verkehr Schatzanweisungen aufnahm und behielt, wie wenn das 
Publikum Kriegsanleihe zeichnete. In beiden Fällen vollzog sich die 
Geldbeschafifung des Reichs im Wege der Uebertragung bereits vor- 
handener Zahlungsmittel auf das Reich. Neue Zahlungsmittel, und da- 
mit neue Kaufkraft wurden auch durch die Ausgabe von Schatzan- 
weisungen nur insoweit geschaffen, als die Schatzanweisungen bei der 
Reichsbank diskontiert wurden. 

Die Vermehrung des durch Gold nicht gedeckten Notenumlaufs 
der Reichsbauk blieb deshalb nicht unwesentlich hinter der Zunahme 
der schwebenden Schuld des Reiches zurück. Von rund 1,1 Milliarden 
Mark am 30. Juni 1914 stieg er auf rund 5,5 Milliarden am 30. De- 
zember 1916 (gleichzeitige Ausgabe von Reichsschatzanweisungen 
12,6 Milliarden Mark) und auf rund 19,9 Milliarden Mark am 31. De- 
zember 1918 (gleichzeitige Ausgabe von Reichsschatzanweisungen 
55,2 Milliarden Mark). 



T.Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §5. 215 

Den Reichsbanknoten sind in ihrer Eigenschaft als Umlaufsmittel 
allerdings gleichzustellen die Dahrlehuskassenscheine, die ohne metallische 
Deckung gegen Verpfändung von Wertpapieren und Waren ausgegeben 
wurden. Das Reich hat zwar die Darlehnskassen für die Zwecke seiner 
eignen Geldbeschaffung nicht unmittelbar in Anspruch genommen; je- 
doch haben Einzelstaateu und Kommunen einen Teil ihres durch den 
Krieg verursachten Geldbedarfs bei den Darlehnskassen gedeckt, und 
auch die Mittel für die Einzahlung auf die Kriegsanleihen sind zu einem 
— wenn auch nur bescheidenen Teil — durch Beleihung von Wert- 
papieren bei den Darlehnskassen aufgebracht worden. Ein erheblicher 
Teil der Darlehnskasseuscheine ging an die Reichsbank und wurde 
dort als Notendeckung (s. oben S. 206} festgehalten. Der im freien Um- 
lauf befindliche Betrag an Darlehnskassenscheinen betrug Ende 1916 
2,9 Milliarden, Ende 1917 6,3 Milliarden, Ende 1918 10,1 Milliarden Mark. 

Insgesamt hat also der durch Gold nicht gedeckte Umlauf papierner 
Geldzeichen Ende 1916 den Betrag von 8,4 Milliarden, Ende 1918 
den Betrag von rund 30 Milliarden Mark erreicht. 

Alles in allem sind von den rund 150 Millarden Mark die bis 
Ende des Jahres 1918 vom Reiche insgesamt für Kriegszwecke ver- 
ausgabt wurden, weniger als 30 Milliarden Mark, also weniger als ein 
Fünftel, im Wege der Schafifung neuen Papiergeldes finanziert worden, 
mehr als 120 Milliarden dagegen, also mehr als vier Fünftel, teils durch 
die Begebung langfristiger Kriegsanleihen, von denen Ende 1918 rund 
69 Milliarden Mark ausgegeben waren, teils durch die Begebung von 
Reichsschatzanweisungen im freien Verkehr ohne Beanspruchung der 
Notenpresse. Daneben wurde der ganze Zinsendienst der Kriegsan- 
leihen und darüber hinaus ein Kriegskostenbetrag von rund 3 Milliarden 
Mark aus Steuern bestritten. 

Bei der Beurteilung der Zunahme des Papierumlaufs ist zu be- 
rücksichtigen, daß Deutschland die besetzten Gebiete im Westen 
und Osten mit Umlanfsmitteln zu versehen hatte. Wenn auch zur Ent- 
lastung der Reichsbank in diesen Gebieten besondere Einrichtungen 
getroffen wurden — so in Belgien durch die Verleihung des Rechtes 
der Notenausgabe an die Soci6t6 Generale, in Polen durch die Schaffung 
der Polnischen Darlehnskasse, in Kurland, Livland und Estland durch 
die Darlehnskasse Oberost — so wuchs doch der Uralauf deutscher 
Geldzeichen dort zu großen Summen an. Allein in Belgien wurden nach 
Abschluß des Waffenstillstandes von der dortigen Regierung nicht 
weniger als 6 Milliarden Mark deutschen Papiergeldes eingelöst, von 
denen allerdings ein erheblicher Teil erst kurz vor der Einlösung aus 
gpekulativen Gründen nach Belgien gebracht worden war. Auch im 
neutralen Auslande waren in der Erwartung einer Besserung des 
Markkurses nicht unerhebliche Beträge deutschen Papiergeldes an- 
gesammelt worden. Außerdem waren große Summen in den Heeres- 
kassen gebunden. Schließlich erforderte auch der innere deutsche 
Verkehr infolge des ZurUcktretens des Wechsels und des Ueberhand- 
nehmens der Barregulierung beträchtlich größere Mengen an Zahlungs- 
mitteln als in Friedenszeiten. 



216 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmotallverhältuisse. 

Die Entwicklung der Umlaafsverbältnisse in Deutschland ist 
t}-pisch für diejenijren der kriegführenden Länder. 

Sogar in England, wo die Hanknote in Friedenszeiten an Be- 
deutung für den Zahlungsverkehr gänzlich hinter dem Scheck zurück- 
trat und wo auch im Kriege die inflationistische Vermehrung der dem 
Scheckverkehr als Grundlage dienenden Bankguthaben eine beträchtlich 
größere Holle spielte als die Vermehrung der papierenen Geldzeichen, 
ist eine erhebliche Zunahme des Papierumlaufs eingetreten. In der 
Vorkriegszeit wies die Bank von England seit langem regelmäßig einen 
Goldbestand auf, der nicht unbeträchtlich höher war als ihre Noten- 
ausgabe. Noch der letzte Juliausweis des Jahres 1914 verzeichnete 
einen Goldvorrat von 38,1 Millionen Pfund Sterling gegenüber einem 
Notenumlauf von nur 29,7 Millionen Pfund Sterling. Der Stand der 
täglich fälligen öffentlichen und privaten Guthaben bei der Bank von 
England war dagegen 68,2 Millionen Pfund Sterling. Mitte 1916 
waren die öfl'entlicheu und privaten Guthaben auf 162,6 Millionen Pfund 
Sterling angewachsen, der Goldbestand auf 60,3 Millionen Pfund Sterling, 
während der Notenumlauf sich auf der mäßigen Höhe von 36,4 Mil- 
lionen Pfund Sterling hielt. Neben den Noten der Bank von England 
waren jedoch damals bereits Currency Notes im Betrage von 122 Mil- 
lionen Pfund Sterling in Umlauf, denen eine Golddeckung von nur 
28.5 Millionen Pfund Sterling gegenüberstand. Um die Jahreswende 
1918/19 waren die täglich fälligen Guthaben bei der Bank von England 
auf 241.2 Millionen Pfund Sterling gestiegen, der Goldvorrat auf 80 Mil- 
lionen Pfund Sterling, der Notenumlauf auf 70,2 Millionen Pfund Sterling, 
der Umlauf der Currency Notes — bei einer unveränderten Gold- 
deckung in Höhe von 28,5 Millionen Pfund Sterling — auf 323,2 Mil- 
lionen Pfund Sterling. Es waren also damals gegenüber einer starken 
Ueberdeckung der Noten in der Vorkriegszeit, 313 Millionen Pfund 
Sterling (= 6,4 Milliarden Goldmark) ungedeckter Papierscheine vor- 
handen, dazu ein Plus von 173 Millionen Pfund Sterling aus sonstigen 
täglich fälligen Verbindlichkeiten. 

Weit stärker als in Deutschland war bis in die letzte Phase des 
Krieges hinein die Zunahme des ungedeckten Papierumlaufs in Frank- 
reich, obwohl die französischen Kriegskosten hinter denjenigen Deutsch- 
lands zurückblieben, obwohl das ohnehin schon kleinere Umlaufsgebiet des 
französischen Geldes während des Krieges — im Gegensatz zu Deutsch- 
land — keine Erweiterung, sondern eine Verengerung erfuhr und obwohl 
Frankreich — gleichfalls im Gegensatz zu Deutschland — einen er- 
heblichen Teil seiner Kriegsausgaben durch auswärtige Anleihen (Ver- 
einigte Staaten und England) finanzieren konnte. Schon Ende 1916 
stellte sich der nichtgedeckte Notenumlauf der Bank von Frankreich 
auf 13,3 Milliarden Fr. = 10,8 Milliarden Mark, während gleichzeitig 
die durch Gold nicht gedeckte Papiergeldausgabe Deutschlands nur 
8,4 Milliarden Mark betrug. Mitte 1918 war der ungedeckte Noten- 
umlauf der Bank von Frankreich 25,2 Milliarden Fr. = 20,3 Milliarden 
Mark, während die ungedeckte Papiergeldausgabe Deutschlands nur 
etwa 17 Milliarden Mark betrug. Erst in den Monaten des Zusammen- 



7. Kapitel. EntwickluDg des Geldwesens seit Ausbrach des Weltkrieges. § 5. 217 

bruchs überholte die Flut der ungedeckten Papiergeldausgabe in Deutsch- 
land den französischen Stand. Am Jahresschluß 1918 standen 30 Milli- 
arden Mark in Deutschland nur 27,6 Fr.= 22,3 Milliarden Mark in 
Frankreich gegenüber. 

Am ungünstigsten entwickelten sich die Verhältnisse in Rußland. 
Bei Kriegsausbruch waren die Noten der Russischen Reichsbank fast 
in vollem Umfang durch Gold gedeckt: einem Notenumlauf von 1634 
Millionen Rubel stand ein Goldbestand von 1600 Millionen Rubel gegen- 
über. Bereits um die Wende des Jahres 1915/16 war der ungedeckte 
Notenumlauf auf rund 3,7 Milliarden Rubel = 8,14 Milliarden Mark, 
Ende 1916 auf 7,1 Milliarden Rubel = 15,6 Milliarden Mark an- 
geschwollen (in Deutschland gleichzeitig nur 8,4 Milliarden Mark). 
Der letzte vor der bolschewistischen Revolution veröffentlichte Ausweis 
der russischen Reichsbank (23. November 1917) zeigte einen durch 
Gold nicht gedeckten Notenumlauf von 17,6 Milliarden Rubel = 38,7 
Milliarden Mark (in Deutschland gleichzeitig erst etwa 13 Milliarden 
Mark). 

Die gleichfalls sehr ungünstige Entwicklung in Oesterreich- 
Ungarn, ebenso die Entwicklung in Italien und in einer Anzahl 
neutraler Länder ist aus den Tabellen auf S. 229 und 230 ersichtlich. 

Sehr bemerkenswert ist die Gestaltung der Verhältnisse des Geld- 
umlaufs in den Vereinigten Staaten. 

Die kurz vor Kriegsausbruch ins Leben gerufenen Federal Reserve 
Banks hatten bis zur Zeit des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Krieg 
zwar einen sehr stattlichen Goldbestand angesammelt, ihre Notenausgabe 
war jedoch gänzlich bedeutungslos geblieben. Noch Ende 1916 betrug 
die Notenausgabe der Federal Reserves Banks nur 14,1 Millionen Dollar; 
sie wurde um mehr als das Dreißigfache durch den Goldvorrat in Höhe 
von 453,7 Millionen Dollar übertroffen. Dagegen brachte der gewaltige 
Goldzufluß der beiden folgenden Kriegsjahre eine noch stärkere Zu- 
nahme der Notenausgabe. Ende 1918 stand bei den Federal Reserve 
Banks einem Goldbestand von 2090 Millionen Dollar ein Notenumlauf 
von 2802 Millionen Dollar gegenüber. In den beiden Jahren 1917 
und 1918 wuchs also die amerikanische Zirkulation nicht nur um den 
Betrag des Goldzuflusses, der sich auf rund 1640 Millionen Dollar 
stellte, sondern darüber hinaus noch um die Steigerung der Noten- 
ausgabe der Federal Reserve Banks; während Ende 1916 der Noten- 
umlauf um rund 440 Millionen Dollar durch Gold überdeckt war, stellte 
sich Ende 1918 der durch Gold nicht gedeckte Notenumlauf auf 
712 Millionen Dollar, Die Vermehrung des amerikanischen Geldumlaufs 
in den zwei Jahren 1917 und 1918 betrug mithin 1152 Millionen Dollar. 

In allen kriegführenden Ländern trat also, wie sich aus der vor- 
stehenden Darstellung ergibt, eine beträchtliche Steigerung des Geld- 
umlaufs ein, die zwar nicht ausschließlich, aber doch vorwiegend da- 
durch verursacht wurde, daß die Staatsgewalt unmittelbar oder mittelbar 



2 IS Erstes Buch. 11. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

sich der Macht der GeldschalTiin«:^ zur Geldbeschafluug für Kriegszwecke 
bediente. Zu den tiefeinschneidendeu qualitativen Aenderungen in den 
Geldverfassun^eu, die auf dem Wege der Gesetzgebung und Verwaltung 
herbeigeführt wurden, kamen also gewaltige Veränderungen quantitativer 
Art, und zwar sowohl in dem Gesamtumfang des Geldumlaufs der 
einzelnen f^änder, wie auch in der Zusammensetzung des Geldumlaufs 
nach Metall und Papiergeld und in dem Verhältnis der für die Papier- 
geldausgabe verfügbaren metallischen Deckung. 

§ 6. Die Inflation bei den Neutralen. 

Ebenso wie die durch den Krieg verursachten konstitutionellen 
Erschütterungen des Geldwesens von den unmittelbar am Kriege be- 
teiligten Ländern sofort auch auf die Neutralen übergriffen, wie auch 
diese sich zur Einstellung der Goldeinlösung für die papiernen Geld- 
zeichen, zu Ausfuhrverboten für Gold, zur Schaffung neuer Geldzeichen 
aus Papier und unedlen Metallen, teilweise auch zu Maßnahmen gegen 
die Ueberflutung mit Gold veranlaßt sahen, ebenso unterlag das Geld- 
wesen der Neutralen auch den quantitativen Veränderungen. 

Allein schon die bereits besprochene Verschiebung in den natio- 
nalen Golübeständen, der Zustrom von Gold aus den kriegführenden 
zu den neutralen Ländern, hatte eine Vermehrung des Gelduralaufs in 
den letzteren zur unmittelbaren Folge. Zunächst nur eine Vermehrung 
des Goldumlaufs. Aber dabei blieb es nicht. Auch die Neutralen, vor 
allem die den Kriegsschauplätzen am nächsten gelegenen europäischen 
Neutralen, sahen sich durch den Krieg vor große Ausgaben gestellt, 
für deren Finanzierung sie zum Teil auf die Hilfe ihrer Notenbanken 
zurückgriffen. Es sei nur an die Mobilmachungen der Neutralen zum 
Schutz ihrer Neutralität erinnert. Zu den vermehrten Ausgaben des 
Staates kam der erhöhte Geldbedarf der Wirtschaft, hervorgerufen durch 
die Notwendigkeit der Barregulierung in vielen Fällen, in denen früher 
die Regulierung auf dem Wege des Kredits und der Verrechnung üblich 
gewesen war, durch das Steigen der Preise und durch die Forcierung 
der Produktion, die durch die dringende und unersättliche Nachfrage 
der Kriegführenden verursacht wurden. Der so entstehende Mehrbedarf 
an Zahlungsmitteln überschritt vielfach erheblich die durch den Gold- 
zufiuß bewirkte Vermehrung des Geldumlaufs und führte zu einer 
wachsenden Beanspruchung der Notenbanken und zu einer beträcht- 
lichen Zunahme des ungedeckten Notenumlaufs. 

Vom Ende des Jahres 1913 bis zum Ende des Jahres 1918 
nahmen zu: 

bei der Schweizerischen Nationalbank: der Goldbestand um 209, der 
Notenumlauf auf 662 Millionen Fr.; 

bei der Niederländischen Bank: der Goldbestand um 538, der Noten- 
umlauf um 735 Millionen Fl.; 

bei der Schwedischen Reichsbank: der Goldbestand um 184, der 
Notenumlauf um 443 Millionen Kronen. 

Eine Ausnahme machte in Europa nur Spanien, bei der sich die 
Zunahme des Goldbestandes und des Notenumlaufs einigermaßen die 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbrach des Weltkrieges. § 7. 219 

Wage hielt. Der Goldbestaud der Bank von Spanien stieg um 1,748 Milli- 
onen Peseten, der Notenumlauf um 1,887 Millionen Peseten '). 

Die durch den Krieg hervorgerufene „Inflation" blieb also nicht 
auf die kriegführenden Länder beschränkt, sie wurde zu einer Welt- 
erscheiuuug. 

§ 7. Das Geldwesen iu der Nachkriegszeit. 

Es sind jetzt (Februar 1923) mehr als vier Jahre verflossen seit 
mit dem „Waffenstillstand" vom November 1918 der „Krieg" sein Ende 
fand. Aber der damals geschaffene „Friede" ist von keinem Anderen 
als dem Manne, der ihm das Gepräge gegeben hat, von Herrn Clemenceau 
als die „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln" bezeichnet 
worden. Einen wahren Frieden hat die Welt noch nicht gefunden. 
Zum mindesten von Frankreich wird der Kampf mit dem Ziel der 
völligen Unterdrückung, der wirtschaftlichen Verkrüppeluug, der finan- 
ziellen Entblutung und der politischen Zerstückelung Deutschlands fort- 
gesetzt. Das Diktat von Versailles, genannt „Friedensvertrag", gibt 
Frankreich für die Führung dieses Krieges die Waffen, vor allem die 
Waffe der Deutschland auferlegten unerfüllbaren Kriegsentschädigung. 
In Ausführung des Versailler Diktats sind Deutschland Zahlungen an 
das Ausland für „Reparationen", für den angeblichen Ausgleich voü 
Vorkriegsschulden, für Besatzungskosten, Kontrollkommissionen usw. 
auferlegt worden, die Jahr für Jahr einen größeren Betrag ausmachen, 
als der ganze monetäre Goldbestand Deutschlands in der Vorkriegszeit. 
Der Kapitalbetrag der „Keparationsschuld" Deutschlands ist in dem 
„Londoner Zahlungsplan" vom Mai 1921 mit 132 Milliarden Goldmark 
auf eine Summe festgesetzt worden, die größer ist als das gesamte 
durch Krieg, Friedensbedingungen und Revolution stark verminderte 
deutsche Volksvermögen. Auch die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen 
der Siegerstaaten sind mit Kriegsschulden in einem Umfange beschwert, 
wie er in der bisherigen Entwicklung der Völker ohne Beispiel ist. 
Nach dem Stand vom Juli 1921 betrugen die aus dem Kriege ent- 
standenen Forderungen der Vereinigten Staaten an ihre verschiedenen 
Verbündeten einschließlich aufgelaufener Zinsen mehr als 11 Milliarden 
Dollar; England allein schuldet an die Union 4,573 Millionen Dollar, Frank- 
reich 3,634 Millionen Dollar, Italien 1,H09 Millionen Dollar. England hin- 
wiederum hat aus Kriegsvorschüssen insgesamt Forderungen in Höhe von 
1,787 Millionen Pfd.St., davon 561 Millionen Pfd.St. an Rußland, 557 Milli- 
onen Pfd.St. an Frankreich, 477 Millionen Pfd.St. an Italien, 103 Millionen 
Pfd.St.au Belgien. Gegenüber dieser gegenseitigen Verschuldung versagt die 
Tragkraft des zwischenstaatlichen Handels, der im bisherigen Verlauf der 
Wirtschaftsgeschichte durch Einfuhr- und AusfuhrUberschüße die sich aus 
internationalen Verschuldungsverhältnissen ergebenden Zahlungsverpflich- 
tungen in der Hauptsache reguliert hat. Die Kaufkraft großer Gebiete, 
insbesondere Deutschlands, das vor dem Kriege allein ein Achtel des 
Weltexports aufgenommen hat, wird unter der Last der ihnen auf- 



') Die Einzelheiten der Entwicklung sind aus den Uebersichten auf S. 229 
«nd 230 ersichtlich. 



o^ü Erstes Buch. II. Abscbnitt. Die Gestaltung der Edelmetall Verhältnisse. 

erlegten Vcrschulduug erdrückt; dieselben Gebiete werden unter dem 
Druck ihrer Zahlungsverptiichtungeu zu einem Schleuderausverkauf an 
Waren und Produktionsmitteln gezwungen. Die notwendige Wirkung 
auf die Gläubigerländer ist Verminderung der Arbeitsgelegenheit und 
Arbeitslosigkeit. Die Weltwirtschaft kann nicht zur Ruhe und die inter- 
nationale Geidverfassung kann nicht zur Ordnung kommen, ehe nicht 
die internationale N'erschuldung in einer Weise geordnet ist, daß die 
ans ihr entstehenden Jahresverpflichtuugeu durch den internationalen 
Warenverkehr ohne schwere Störungen beglichen werden können. 

Die Rückwirkungen der aus dem Krieg und den Friedensbedingungen 
erwachsenen internationalen Verschuldung auf die Finanz- und Wirt- 
schaftsverhältnisse der einzelnen Länder sind erschwert worden durch 
die Zerstörungen, die der Krieg an sachlichen Produktionsmitteln, vor 
allem aber an der menschlichen Arbeitskraft angerichtet hat. Dazu 
kommen in einzelnen Fällen besondere Verhältnisse: in Rußland die 
bolschewistische Revolution, die mit der Zerstörung des ganzen staat- 
lichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen GefUges dieses wichtige 
Produktions- und Absatzgebiet aus der Weltwirtschaft nahezu völlig 
ausgeschaltet hat; in Deutschland die durch die Revolution herbei- 
geführte Verschiebung in den innerpolitischen und sozialen Macht- 
verhältnissen, die sich vorläufig noch in einer starken Beeinträchtigung 
der Gutererzeugung auswirkt; im Südosten Europas die Zertrümmerung 
der Donaumonarchie und damit die Auflösung eines großen einheitlichen 
Wirtschaftsgebietes in Bestandteile, die ihre Lebensfähigkeit noch nicht 
erwiesen und ein wirtschaftliches Gleichgewicht in sich selbst noch 
nicht gefunden haben. Dazu kommt, daß die Friedensverträge mit der 
handelspolitischen Disqualifizierung Deutschlands (Vorenthaltnng der 
Meistbegünstigung usw.) die Grundlage der Gleichberechtigung zerstört 
haben auf der vor dem Kriege der Welthandel aufgebaut war; daß ferner 
fast in allen Staaten Verbote und Einschränkungen für Einfuhr und 
Ausfuhr fortbestehen. 

Die Weltwirtschaft ist also nach wie vor desorganisiert, und die 
einzelnen nationalen Wirtschaften stehen noch im Zeichen der gewaltigen 
Erschütterungen, die der Krieg ausgelöst hat. Dieser Zustand gibt 
auch dem Geldwesen der Nachkriegszeit das Gepräge. 

Die durch den Krieg verursachten konstitutionellen Ver- 
änderunge.n der einzelnen nationalen Geldverfassungen 
sind noch nicht wieder beseitigt: Die Goldeinlösung der papiernen 
Geldzeichen bleibt praktisch, sei es durch Gesetz, sei es durch Ver- 
waltungsmaßnahmen, in allen Ländern außer den Vereinigten Staaten 
von Amerika unterbunden; die Goldausfuhr ist noch nirgends, außer in 
den Vereinigten Staaten von Amerika, von allen Beschränkungen befreit. 
Die vor dem Kriege universelle Goldwährung ist bis zum heutigen Tage 
die seltene Ausnahme; die Papierwährung beherrscht die Welt. Da 
die Freizügigkeit des Goldes im Weltverkehr noch nicht wieder herge- 
stellt ist und da mit der Universalität der Goldwährung die einheit- 
liche Grundlage der internationalen Geldverfassung abhanden gekommen 
ist, konnte die internationale Geldverfassung selbst noch nicht wieder 



7. Kapitel. Entwicklang des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 7. 22 1 

aufgebaut werden: statt der durch das Gold zusammengehaltenen inter- 
nationalen Geldverfassung der Vorkriegszeit haben wir ein chaotisches 
Nebeneinander nationaler Geldsysteme, denen in ihrer 
wechselseitigen Beziehung jeder Gleichgewichtspunkt fehlt. 

Die großen quantitativen Verschiebungen und Ver- 
änderungen im internationalen Geldwesen und im Geldwesen der 
einzelnen Staaten, die der Krieg mit sich gebracht hatte, setzten -sich 
in der Nachkriegszeit fort. In Art und Umfang waren sie deutlich 
beeinflußt durch die neuen und für die einzelnen Länder durchaus ver- 
schiedenartigen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Macht- 
verhältnisse, die der Ausgang des Krieges und die Friedensbedingungeu 
geschaffen hatten. 

Was zunächst die Goldbewegung anbelangt, so mußte Deutsch- 
land eine weitere erhebliche Schwächung seines Goldbestandes hinnehmen. 
Aufgrund des Waffenstillstandsvertrages mußte die Reichsbank das 
von Rußland erhaltene Gold an die Entente herausgeben, außerdem 
mußte sie der Entente für die von dieser zugelassenen und vermittelten 
Einfuhr von Lebensmitteln große Beträge in Gold zur Verfügung stellen. 
Von 2 262 Millionen Mark Ende 1918 ging demgemäß der Goldbestand 
der Reichsbauk auf 1 089 Millionen Mark Ende 1919 zurück. Im 
Jahre 1920 hielt er sich ungefähr auf dieser Höhe. Im Jahre 1921 
sank er im Zusammenhang mit der Zahlung der ersten Goldmilliarde 
auf die uns im Londoner Zahlungsplan vom Mai 1921 auferlegten Ver- 
pflichtungen um eine Kleinigkeit unter den Stand von einer Milliarde 
Mark herab. Ende 1922 stellte er sich auf 1 005 Millionen Mark. 
Gegenüber dem höchsten Stande während des Krieges hat also die 
Reichsbank mehr als 1 Yg Milliarden Gold abgeben müssen. Außerdem 
hat Deutschland gegenüber dem Stand vor dem Kriege seinen ganzen 
Goldumlauf im Betrage von mehr als 3 Milliarden Mark verloren, dazu 
alles, was au goldenen Schmucksachen während des Krieges an die 
Reichsbank abgeliefert worden ist. 

Das von Deutschland nach dem Kriege abgegebene Gold kam 
in erster Linie England, Frankreich und den Vereinigten Staaten 
zugute. 

Trotz weiterer, nicht unerheblicher Goldabflüsse nach Amerika ver- 
mochte die Bank von England ihren Goldbestand von 80 Millionen 
Pfund Sterling Ende 1919 auf 91,4 Millionen Pfund Sterling Ende 1919 
und 128 Millionen Pfund Sterling Ende 1920 zu steigern und ihn seit- 
her auf dieser in der Geschichte der Bank unerhörten Höhe zu halten. 
Zu der sprunghaften Steigerung im Jahre 1920 hat allerdings in erster 
Linie der Umstand beigetragen, daß die englischen Privatbanken sehr 
erhebliche Goldraengen an das Zentralinstitut abgaben. 

Die Bank von Frankreich konnte ihren Goldvorrat') von 
3 318 Millionen Fr. Ende 1918 auf 3 600 Millionen Ende 1920 und 
3 670 Millionen Ende 1922 bringen. 



') Ohne das „Gold im Auslande''. 



222 Erstes Buch. II, Abschnitt Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse, 

Die Bank von Italien hat ihren Goldbestand seit dem 
Jahre 1918 mit geringen Schwankungen auf ungefähr der gleichen 
Höhe gehalten. 

Von den Notenbanken der europäischen Neutralen vermochte die 
Bank von Spanien ihren Goldbestand noch vpeiter zu erhöhen 
(von 2 228 Millionen Peseten Ende 1918 auf 2 513 Millionen Peseten 
Ende 1921), ebenso die Schweizerische Nationalbank (von 
415 Millionen !>. Ende 1918 auf 549 Ende 1921) und die Dänische 
Nation alb an k (von 197 auf 230 Millionen Kronen), während die 
Niederländische Bank, die Schwedische Reichsbank 
und die Bank von Norwegen eine leichte Abnahme zu verzeichnen 
hatten. 

Die Vereinigten Staaten zogen neben ihrer eignen Gold- 
gewinnung, die eine rückläufige Bewegung aufweist, aus Europa auch nach 
dem Abschluß des Krieges nicht unbeträchtliche Goldmengen an sich, 
gaben aber andererseits große Beträge Goldes an die mittel- und süd- 
amerikanischen Staaten und an Ostasien ab. Im Jahre 1919 stand 
sogar einer Goldeiufuhr von 77 Millionen Dollar eine Goldausfuhr in 
Höhe von 368 Millionen Dollar gegenüber. Im folgenden Jahre, 1920, 
stieg dagegen die Einfuhr von Gold auf 429 Millionen Dollar; die Aus- 
fuhr stellte sich auf 322 Millionen Dollar; von dieser Summe gingen 
allein nach Japan über 100 Millionen Dollar, nach Argentinien 90 Millionen 
Dollar. Das Jahr 1921 brachte den Vereinigten Staaten einen Gold- 
zuflaß in Höhe von nicht weniger als 691 Millionen Dollar; davon 
kamen aus Europa allein 530 Millionen Dollar, ein großer Teil davon 
aus Rußland. Die Goldausfuhr betrug nur 24 Millionen Dollar, sodaß 
die Mehreinfuhr von Gold sich für 1921 auf 667 Millionen Dollar stellte. 
Der Goldbestand der Federal Reserve Banks zeigte in den 
Jahren 1919 und 1920 keine wesentlichen Veränderungen, stieg jedoch 
im Jahre 1921 von 2 059 auf 2 870 Millionen Dollar (bis Ende 1922 
auf 3040 Millionen Dollar). Der gesamte monetäre Goldbestand der 
Union wurde für Ende 1921 amtlich auf 3 766 Millionen Dollar geschätzt: 
das sind mehr als 40 Prozent des monetären Goldbestandes der Welt. 

Die Bank von Japan, die während des Krieges — von 
Anfang 1914 bis Ende 1918 — ihren Goldbestand bereits von 224 auf 
713 Millionen Yen hatte erhöhen können, verzeichnete bis Ende 1921 
einen weiteren Zuwachs auf 1 246 Millionen Yen. 

Die Verschiebung im monetären Goldbestande der Welt zuungunsten 
Europas und zugunsten der neuen Welt und Ostasiens nahm also in 
der Nachkriegszeit ihren Fortgang. 

Die Einzelheiten der Verschiebung in den Goldbeständen der 
großen Notenbanken sind aus der Uebersicht auf S. 229 ersichtlich. 
Dabei geben die Verschiebungen in den Goldbeständen der Zentral- 
notenbanken noch nicht ein vollständiges Bild. Es muß hinzugenommen 
werden, daß in den europäischen Ländern das vor dem Krieg im freien 
Umlauf befindliche Goldgeld, dazu große Mengen von Gold, das bisher 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbrach des Weltkrieges. § 7. 223 

zu Schmucksachen und Geräten Verwendung gefunden hatte, in den 
Zentralnotenbanken konzentriert worden ist. Einen annähernden Ueber- 
blick über die Verschiebungen des monetären Goldbestandes zwischen 
den einzelnen Ländern und Weltteilen geben die folgenden, auf den 
Schätzungen des amerikanischen Miinzdirektors beruhenden Uebersichten, 



Monetärer Edelmetallvorrat der Welt am 31. Dezember 19 20. 





Gold 


Silber 


Auf den Kopf der Bevölkerung 


Länder 






Gold 


Silber 


zusammen 




Mill. 


Mark 


ilark 


Mark 


Mark 


Deutschland 


1092,1 


1491,0 


19,74 


27,05 


46,79 


England 


3 377,8 


1 328,5 


73,37 


28,81 


102,18 


Frankreich 


2 879,2 


21.5,9 


49,14 


5,21 


54,35 


Italien 


858,3 


94,1 


23,35 


2,56 


25,91 


Deutsch-Oesterreich . . . 


7,6 




1,22 


— 


1,22 


Rußland 


1 260,0 


— 


6,89 


— 


6.89 


Belgien 


216,0 


22,2 


28,18 


2,90 


31,08 


Bnigarien 


30,1 


13,7 


5,42 


2,48 


7,90 


Tschecho-Slowakei .... 


25,6 


68,8 


1,85 


5,04 


6,89 


Dänemark 


256,0 


3,0 


85,64 


0,97 


86.61 


Finnland 


63,5 


19,3 


19,07 


5,84 


24,91 


Ungarn 


29,4 


5,8 


1,43 


0,25 


1,68 


Jugoslavien 


52,0 


12,5 


3 74 


0,88 


4,62 


Lettland 


9,2 


— 


6,13 


— 


6,13 


Niederlande 


1 074,0 


218,4 


158,47 


32,05 


190,52 


Norwegen 


165,8 


— 


72,37 


— 


72,37 


Polen 


12,4 


37,6 


1,01 


3,11 


4,12 


Portnüfal 


39,0 


80,1 


6,51 


13,40 


19,91 


Rumänien 


1,4 


— 


0,08 


— 


0,08 


Spanien 


1 990,0 


465,0 


93,41 


22,30 


115,71 


Schweden 


318,4 


1,1 


54,77 


0,21 


54,98 


Schweiz 


387,2 


98,5 


100,34 


25,54 


125,88 


Europa 


14 145,0 


4 17 .,5 


27,43 


8,09 


35,52 


Vereinigte Staaten .... 


12 185,3 


2 480,0 


112,77 


22,93 


135.70 


Kanada 


472,9 


120,3 


56,53 


14,36 


70,89 




525,5 


106,6 


33,89 


12,31 


46,20 


Britisch Honduras . . 


0,1 


0,9 


3,28 


20,58 


23,86 


t'uba 


189,0 


35,7 


65,18 


12,31 


77,49 


Haiti 


3,4 


0,5 


1,34 


0,17 


1,51 


Honduras ...... 


0,1 


4,8 


0,25 


7,52 


7,77 


Nicarat^ua 




1,1 


— 


1,76 


1,76 


Britisch Westindien . . . 


— 


2,0 


— 


5,50 


5,50 


Französisch Westindien 


1,3 


0,5 


6,17 


2,35 


8,52 




2 076,6 




259,27 


— 


259,27 


Brasilien 


140,9 





4,70 


— 


4,70 




97,9 


28,5 


17,89 


5,17 


23,06 


Britisch Guayana .... 


— 


6,4 


— 


20,58 


20,58 


Peru 


111,9 


— 


19,28 


— 


19,28 


ürnguay 


261,5 


— 


173.54 


— 


173,54 


Venezuela 


94,7 


44.2 


11,79 


19,91 


61.70 


Amerika 


16 161,2 


2 831,5 


79,19 


13,88 


93,07 



224 Erstes Buch. IT. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 



Länder 



Gold 



Silber 



Mill. Mark 



Auf den Kopf der Bevölkerung' 



Gold 
Mark 



Silber 
Mark 



zusammen 
Mark 



Acirypten 

Uebriges Afrika 

Afrika 

Australien 

China ........ 

Japan 

Indien (Britisch) 

Indien (Niederländisch) . . 
uebriges Asien 

Asien 

lusgesamt 



1 (5,3 
199.4 



215,7 



484,7 



21,0 

2 711,0 

488,3 

373,8 

31.9 



150,5 
292.8 



1,26 

5,78 



443.3 



3.96 



75.17 



504,8 

119,8 

1 304,4 

176.2 



0,04 
34,48 
1,51 
7,01 
0,72 



3 626,0 2 105,2 



4,46 



34 632,6 I 9 555,5 | 21,67 



11,80 
7,02 



8,14 



1,51 
1.51 
4,12 

3,96 



2,60 



6.01 



13,06 
11,80 



12,10 



75,17 



1,55 
35,99 
5,63 
7,01 
4,68 



7.06 



27.68 



Veränderungen im monetären Goldbestand wichtiger 

Länder von Ende 1913 bis Ende 1920. 

(In Millionen Goldmark.) 



Länder 


1913 


1920 


Zu- 

bzw. Abnahme 


Deutschland 


3 280 

1245 
3 487 
5 040 
1115 


1092 

63 
3 378 
2 8791) 
858 


— 2 189 


Ocsterreich-üngarn (1920 Deutsch-Oesterreich, 
Ungarn und Tschecho-iSlowakei) . . . 
England 


— 1182 

— 109 


Frankreich 

Italien 


— 2161 

— 157 


Europa insgesamt . . . 


21828 


14 145 


— 7 687 


Vereinigte Staaten 


8 000 

594 

1224 


12 185 

473 

2 077 


+ 4 185 
— 126 


Kanada 


Argentinien 


4- 848 




Amerika insgesamt . . 


10717 


16 161 


+ 5 444 


Afrika insgesamt . . . 


»66 


216 


— 650 


Australien insgesamt . . 


909 


484 


— 425 


Asien insgesamt .... 


2 132 


3 626 


+ 1 494 *) 



Noch bezeichnender als die Goldbewegnug ist die in der Nach- 
kriegszeit in den verschiedenen Ländern eingetretene Entvsricklung des 
Papiergeldumlauf a. 



^) Ohne das von der Bank von Frankreich ausgewiesene „Gold im Ausland". 

*) Die Zunahme entfällt so gut wie ausschließlich auf Japan, das seinen 
Goldbestand von 546 auf 2 711 Millionen Mark erhöhte; die übrigen asiatischen 
Länder, namentlich Indien, zeigen eine Abnahme ihrer Goldbestände. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 7, 225 

In Rußland ist die Ausgabe von Rubelnoten auf Trillionen 
augewachsen. Zu Anfang des Jahres 1922 waren 17 Trillionen 
— 17 UüO 000 000 000 000 I — Papierrubel ausgegeben. Bis Ende 
März 1922 wuchs der Papierumlauf weiter auf 71 Trillionen Rubel. 

In dem neuen polnischen Staat hat der Papieruralauf im 
Oktober 1922 den Betrag von 463 Milliarden polnische Mark erreicht. 
Eine lawinenartige Zunahme des Papierumlaufs trat auch in Oester- 
reich ein. 

Aber auch in Deutschland ist die Papierflut seit dem Ab- 
schluß des Krieges in erschreckender Progression angewachsen. 

Die gewaltige Erhöhung des deutschen Papierumlaufs 
in der Nachkriegszeit ist die unmittelbare Folge der durch die 
Revolution und die Friedensbediugungen völlig zerrütteten Reichsfiuanzen. 
Die Nachwirkungen des Krieges selbst treten hinter diesem Faktor 
gänzlich in den Hintergrund. Die Verzinsung der während des Krieges 
aufgelaufenen Reiehsschuld erfordert von dem im laufenden Rechnungsjahr 
(1922) den Betrag von 3000 Milliarden Mark beträchtlich überschreitenden 
Ausgabenbedarf noch nicht 8 Millarden. Durch Steuern von einer Schwere, 
wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, wurden in den 15 Monaten vom 
Mai 1921 bis Juli 1922 die Bedürfnisse der eignen Reiehsverwaltung 
annähernd gedeckt. Dagegen ist es ausgeschlossen, die uns im Friedens- 
vertrag auferlegten Lasten im Wege der B este uerun g aufzubringen; 
denn diese Lasten erreichen zusammen mit den Ausgaben des „inneren 
Etats" ungefähr die Höbe des gesamten deutschen Volksvermögens. 
Der Weg der Anleihe hat seit Kriegsende und Revolution völlig 
versagt. Die einzige seither zur Zeichnung aufgelegte Anleihe, die 
„Sparprämienanleihe" des Finauzministers Erzberger, war ein völliger 
Mißerfolg. Auch schwere Eingriffe in die Vermögenssub- 
stanz, wie das Reichsnotopfer, vermochten nur einen bescheidenen 
Zuschuß zur Deckung des Fehlbetrages des Reiches zu beschaffen. So 
blieb und bleibt bis zu einer für Deutschland tragbaren Regelung der 
Kontributionsfrage das Reich darauf augewiesen, sich für die durch 
Steuern und andere Einnahmen nicht gedeckten Ausgaben das Geld 
durch die Begebung von Schatzanweisungen zu beschaffen, die, so weit 
sie nicht vom freien Verkehr aufgenommen werden, bei der Reichs- 
bank gegen Gutschrift auf Girokonto oder gegen Verabfolgung von 
Reichsbanknoten diskontiert werden. 

Unter diesen Verhältnissen hat sich die Verschuldung des Reiches 
folgenderweise entwickelt: 





langfristige 


schwebende 






Anleihen 


Schuld 


zusammeu 




(in Milliar( 


len lilark) 




Jiittc lyii 


4,9 


0,5 


5,4 


Ende IHI8 


93,7 


55.1 


148,8 


„ 1919 


89,2 


8H,2 


176,0 


„ 1920 


86,0 


171,0 


260.0 


r 19^1 


73,0 


265,0 


338,0 


n 1922 


64,4 


1822,0 


1886,4 



H e If leri ob, Das Qeld. 



15 



226 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Die Abnahme der langfristigen Verschuldung um nahezu 30 Milli- 
arden Mark seit dem Ende des Jahres 1918 ist in der Hauptsache zu- 
rückzuführen einmal auf die Annahme von Kriegsanleihestiicken in 
Zahlung auf das Keichsnotopfer, dann auf die zum Zweck der Haltung 
des Kurses der Kriegsanleihen vorgenommenen Interventionskäufe, die 
das Reich durch die Kriegsanleihe-Aktiengesellschaft hat ausführen 
lassen. Infolge dieser Reduktion der konsolidierten Reichsschuld ist 
die Bch>Yebende Schuld des Reichs von Ende 1918 bis Ende 1922 nicht 
nur um den vollen Betrag der Zunahme der Verschuldung des Reichs 
(1737 Milliarden Mark) gestiegen, sondern darüber hinaus noch 
um die rund 30 Milliarden Mark, um die die konsolidierte Schuld 
des Reiches sich verringert hat, im ganzen um 1767 Milliarden Mark 
in vier Jahren! 

Die vom Keiche ausgegebeneu Schatzanweisungen bedeuteten in 
der Nachkriegszeit ebensowenig, wie im Kriege selbst, in vollem Um- 
fang eine Vermehrung des Papierumlaufs. Die Unterbringung der 
Schatzscheine im freien Verkehr gestaltete sich in den beiden ersten 
Jahren nach dem WaflFeustillstand sogar verhältnismäßig günstig, sodaß 
Ende 192Ü von den insgesamt ausgegebenen 152,8 Milliarden Mark nur 
57,6 Milliarden in der Reichsbank lagen, während 95,2 Milliarden Mark 
außerhalb der Reichsbank untergebracht waren. Im Laufe des Jahres 
1921 begann jedoch die Aufnahmefähigkeit des freien Verkehrs für 
Reichsschatzanweisungen nachzulassen. Während die Gesamtausgabe 
bis Ende Dezember 1921 um 94,3 Milliarden Mark auf 247,1 Milliarden 
Mark stieg, nahm der freie Verkehr von dieser Vermehrung nur 19,6 
Milliarden Mark auf, sodaß die Reichsbank ihren Bestand au Reichs- 
schatzanweisungen UTh 74,7 Milliarden, von 57,6 auf 132,3 Milliarden 
Mark, anwachsen sah. Ende Dezember 1922 befanden sich von der 
auf 1,822 Milliarden Mark gestiegenen Gesamtausgabe 1,184 in der 
Reichsbank. 

In Uebereinstimmung mit dieser Entwicklung stieg die Noten- 
ausgabe der Reichsbank von 22,2 Milliarden Mark am Ende des Jahres 
1918 auf 68,8 Milliarden Mark Ende 1920, 102,3 Milliarden Mark 
Ende 1921 und 1280 Milliarden Mark Ende 1922. Dazu kommen noch 
die Darlehnskassenscheine, deren Umlauf von 10,1 Milliarden Mark 
Ende 1918 auf 13,7 Milliarden Mark Ende 1919 stieg; nach einigen 
Schwankungen hat er Ende 1922 ungefähr wieder diesen Stand erreicht. 
Nimmt man die Verminderung des Goldbestandes der Reichsbank auf 
rund 1 Milliarde Mark hinzu, so ergibt sich, daß in etwa vier Jahren 
der Nachkriegszeit der ungedeckte Papiergeldumlauf Deutschlands 
auf etwa das 43 fache des Standes vom Ende des Jahres 1918 
angeschwollen ist. 

Auch in den europäischen „S i e g e r s t a a te n" und in den Ver- 
einigten Staaten von Amerika machte die Zunahme des durch 
Gold nicht gedeckten Papierumlaufs nach dem Kriegsabschluß zunächst 
noch Fortschritte, Die Auswirkungen und die Abwicklung des Krieges 
stellten an Staatsfinanzen und Wirtschaft überall gewaltige Ansprüche, 



7. Kapitel. Entwicklang des Geldwesens seit Ansbrnch des Weltkrieges. § 7. 227 

die ohne Hilfe der Notenbanken und ohne Schaffang neuen Geldes nicht 
befriedigt werden konnten. 

In England, wo während des ganzen Krieges die Zentral - 
notenbauk für ihre Noten eine starke Ueberdeckuog in Gold hatte durch- 
halten können, schwoll die Notenausgabe in den Jahren 1919 und 1920 
in einem Maße an, das die sehr beträchtliche Zunahme des Goldvorrats 
noch übertraf; während von Ende 1918 bis Ende 1920 der Goldbestand 
von 79,1 auf 128,1 Millionen Pfd. St. anwuchs, stieg die Notenausgabe 
von 70,3 auf 132,8 Millionen Pfd. St., und gleichzeitig nahm der Um- 
lauf von Currency Notes, bei unveränderter Golddeckung in Höhe von 
28,5 Millionen Pfd. St., von 323,2 auf 367,6 Millionen Pfd. St. zu. 
Insgesamt steigerte sich also in diesen zwei Jahren der ungedeckte Papier- 
umlauf in England um 57,9 Millionen Pfd. St. Seitdem ist eine Rück- 
bildung eingetreten. Ende 1922 stellte eich der Notenumlauf der Bank 
von England auf 124,9, die Ausgabe von Currency Notes auf 301,3, 
zusammen 426,2 Millionen Pfd. St., denen ein Goldbestand der Bank in 
Höhe von 127,4 Millionen Pfd. St, und eine Golddeckung der Currency- 
Notes in Höhe von 27 Millionen Pfd. St. gegenüber stand. 

In denselben Jahren 1919 und 1920 mußte die Bank von 
Frankreich bei einer Zunahme des Goldbestandes um etwa 100 
Millionen ihre Notenausgabe von 31 auf 38 Milliarden, also um 7 Milli- 
arden Fr, vermehren. Auch die Notenausgabe der Bank von Italien 
stieg in diesen beiden Jahren, bei einer Zunahme des Goldbestandes um 
65 Millionen Lire, von 9,2 auf 15,4 Milliarden Lire. 

In den Vereinigten Staaten zeigt der Goldbestand der 
Federal Reserve Banks gerade in den beiden auf den Abschluß des 
Krieges folgenden Jahren eine leichte Abnahme (von 2090 auf 2059 
Millionen Dollar), während die Notenausgabe gleichzeitig eine Steigerung 
von 2862 auf 3561 Millionen Dollar erfuhr. Der durch Gold nicht 
gedeckte Notenumlauf der Federal Reserve Banks stieg also um fast 
800 Millionen Dollar. 

Bei den europäischen Neutralen waren die Veränderungen 
des Papiernmlaufs in den beiden ersten Nachkriegsjahren im allgemeinen 
unerheblich; nur Spanien machte eine Ausnahme: hier wurde die weitere 
Zunahme des Goldbestandes der Zentralbank, von 2228 auf 2457 Mil- 
lionen Peseten noch weit übertroffen durch die Zunahme der Noten- 
ausgabe, die sich von 3852 auf 4326 Millionen Peseten, erhöhte. 

Im Laufe des Jahres 1921 kam jedoch — im Gegensatz zu 
der Entwicklung in Rußland, Polen, Oesterreich und Deutschland 
— die „Inflation" auch in denjenigen Staaten zum Stillstand, in 
welchen sie sich in den beiden Nachkriegsjahren noch fortgesetzt hatte. 
Größere Aiileihcoperationen und ein schärferes Anziehen der Steuer- 
schraube brachten in den „Siegerstaaten" Ordnung in die öffentlichen 
Finanzen oder führten wenigstens erhebliche Fortschritte in dieser Richtung 
herbei. Dazu kamen Maßnahmen der Bankpolitik — insbesondere in 
den Vereinigten Staaten und in England — die bewußt und planmäßig 

15* 



228 Erstes Buch. II, Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetall verhältuisse. 

auf eine Eiuschräuknng des Papieromhmfs, auf eine „Deflation", hin- 
arbeiteten. 

Der Board der Federal Reserve Banks der Vereinigten 
Staaten erzielte in dieser Politik den Erfolg, daß voiuEude des Jahres 1920 
bis zum Ende des Jahres 1922 bei einer Zunahme des Goldbestandes 
von 2,059 auf 3,040 Millionen Dollar der Notenumlauf von 3,561 auf 
2,464 Millionen Dollar eingeschränkt wurde. Eine Golddeckung der 
Noten von knapp 60 Prozent hat sich also in der kurzen Zeit von 
1^/^ Jahren in eine starke Ueberd eckung vervs^andelt; trotz der Zu- 
nahme des Goldbestandes um 981 Millionen Dollar ist der Papiernmlauf 
um 1017 Millionen Dollar verringert worden. 

Der Bank von England gelang es in derselben Zeit, bei einem 
gleichbleibenden Goldbestand von rund 128 Millionen Pfd. St. ihren 
Notenumlauf von 132,8 auf 124,9 Millionen Pfd. St. zu reduzieren. 
Gleichzeitig wurde der Umlauf von Currency Notes, der vom Kriegs- 
ausbruch bis Ende 1920 ununterbrochen gewachsen war, von 367,6 
auf 301,3 Millionen Pfd. St. zurückgeführt. Insgesamt hat also England 
in den zwei Jahren seinen Papierumlauf bei gleichbleibender Gold- 
deckung um rund 74 Millionen Pfd. St. einschränken können. 

Die Bank von Japan verringerte bei annähernd gleichbleibendem 
Goldbestand ihren Notenumlauf von 1439 Millionen Yen Ende Dezember 
1920 auf 1,108 Millionen Yen Ende März 1922; sie erzielte damit eine 
Ueberdeckung ihrer Noten um 120 Millionen Yen, 

In Frankreich und in Italien ist vom Jahre 1921 an wenigstens 
ein Beharrungszustand herbeigeführt worden. Dasselbe gilt für Spanien. 
Auch die übrigen Neutralen zeigten entweder einen Stillstand in 
der Geldvermehrung oder eine leichte Deflation. Die Einzelheiten er- 
geben sich aus der Uebersicht auf S. 230, 

Die Entwicklung, die während des Krieges überall, wenn auch 
dem Grade nach verschieden, in der Richtung einer beispiellosen Ver 
mehrung der Umlaufsmittel gegangen war, hat also vom Jahre 1921 
an begonnen, sich stark zu diff'erenzieren. Während die „Inflation" 
in den Ländern, die durch den Kriegsausgang und innere Wirren 
am schwersten getroffen worden sind, daneben in dem durch die 
Gunst der Alliierten künstlich großgemachten, aber staatsun- 
tauglichen Polen, progressiv weitergeht, ist sie in dem weitaus 
größten Teil der Welt zum Stillstand gekommen und in einer Anzahl 
von Ländern, namentlich in den Vereinigten Staaten von Amerika, 
in Japan und in England von einer ausgesprochenen „Deflation" 
abgelöst worden. 

§ 8. Das Wertverhältnis von Geld und Geldmetall im Krieg 
nnd in der Nachkriegszeit. 

Die konstitutionellen und quantitativen Veränderungen, die das 
Geldwesen aller am Kriege unmittelbar und mittelbar beteiligten Länder 
erfuhr, hatten starke Einwirkungen auf den gesaraten Komplex von 
Erscheinungen, die man mit dem Begriffe des „Geldwertes" in Zu- 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 8. 229 



a 
« 

a 

a 
«> 

o 



-=S — 

— > M 








a 




:sJ 




a 




TS 


.4 


£ 


a 


N 


.a 


d 


A 


-a 




a 


— • 


o; 


ii 


o 


tJO 


4) 


O 


<ü 


N 


<H 


»4 


<i> 


O) 


UJ 


Q 


-a 




"^ 


a 


s 




x» 






bc 






a 







kl 



Cl 








•^ 










co_ 


,_, 


o 


00^ 






C4 




»o 


1 


h-" 


t 


1 




1 


i-T 


in" 


■^ 


»ir 


o 


1 


A 




o 


1 


(M 


CO 


1 




1 


00 


CO 


h» 


Ol 


■»<< 


1 


i-( 




o 




1-4 


in 








in 


in 


(M 


in 

OJ 


o 
CO 












H< 






















t-H 




kC 


1 


00* 


::?' 


1 




1 


CD 


OS 


00 


fo 


o 


1 


OS 




OS 


1 


<M 


<M 


1 




1 


O 


•^ 


t^ 




r>- 


1 


i-H 




OS 




1-4 


kO 








CD 


in 


(N 


in 

OJ 


00 
Ol 












CO 






















o 




Ol 


1 


oo'' 


o 


1 




1 


CD 


CO 


(M 


t- 


OS 


t» 


05 




OS 


1 


(N 


o 


1 




1 


CO 


-f 


00 


kn 


kn 


■4* 


»— 1 




o 

I— 1 




I— 1 


in 
xn 








CD 


in 


Oi 


oq 


o 

Ol 


I-H 










"^ 






















05 






























f-H 




OS 


CO 


1—1 


OS 


krt 




1 


t» 


«> 


I-H 


Oü 


o 


CO 


OS 




00 


(M 


OS 


t- 


O 




1 


CO 


■* 


00 


Ol 


OS 


I-H 


1—1 




o 

1-H 


Ol 




kO 

kn 


00 






CO 


in 


CT 


Ol 


o 

Ol 


t» 










r-l 






















00 






























f-H 




0<J 


CM 


os" 


t» 


1 




1 


CS 


kO 


CO 


00 


o 


CO 


05 




«3 


CO 


t^ 


!>• 


1 




1 


00 


1-H 


00 


CM 


OS 


■^ 


1—1 




(M 


sq 




kO 








CO 


•^ 


(M 


cq 

OJ 


o 
cq 


t» 










CO 






















1-H 




t^ 


lO 


QO" 


(M 


CO 




(M 


00 


00 


i* 


CO 


1-H 


o 


OS 




O 


CD 


US 


kn 


CO 




OS 


OS 


kn 


•"* 


CD 


t^ 


kn 






-* 


(M 




CO 


00 




Cv» 


CO 


fo 


Ol 


OS 


CO 


CO 






«M 






kO 






?H 








I-H 


I-H 












co^ 


























O 


o 


f" 


CD 


1 




CO 


t^ 


kn 


1* 


1-H 


I-H 


T— * 


OS 




(M 


OS 


lO 


t^ 


1 




t^ 


00 


■^ 


oo 


in 


t^ 


I-H 


r-t 




CJ 


(M 




O 

in 






I-H 


in 


CO 


r-l 


Ol 

I-H 


■<i* 


"H 










Ifl 






















la 






























I— 1 




US 


iO 


1-H 


kO 


t» 




CO 


OS 


o 


in 


|> 


00 


00 


OS 




"* 


00 


»o 


r- ( 


t>- 




I-H 


(M 


kn 


Ol 


CD 


kn 


^n 


I— ( 






cc 




o 


o 

I-H 




CD 

1-H 


"* 


Ol 


I-H 


00 


CO 


Ol 










»n 






















•^ 


































CO 


ia 


t-" 


00 


00 




">* 


t« 


00 


00 


d 


OS 


00 


03 




OS 


lO 


«o 


kn 


I-H 




»O 


T-H 


CO 


o 


t^ 


oq 


1-H 


1— 1 




o 


o 

1— 1 




I-H 


^H 
1-H 




kO 


<M 


Gq 


1-H 


kn 


Ol 


Ol 










I-H 






















1-H 




O 


I-H 


t>" 


00 


r>. 




00 


,^ 


CO 


Ol 


o 


1 


•f 


OS 




t^ 


-f 


CO 


o 


o 




r-\ 


in 


I-H 


o 


00 


1 


Ol 


T-H 




.-1 


Ol 

1— 1 




kC 

CO 


1-H 
1-H 




I-H 


I-H 


r-t 


1-H 


"«H 




Ol 










• 


























• a 

Ol 




a 










a 
















•oq 




1^ 

05 










et 

■ ^ 


M 
















'S CJ 

5 '5 

ca 


3" 

a 

1.1 


oT 


a 

es 






. a 
a -a 

03 O 


c 

§ d 

03 

a o. 

« XI 


oo 
"S 03 

Oh « 




'S" 




'S 


tu • 

a ja 




a 




a "5 
a 


C TS 


a -3 
a .2 


i^ 


a 53 

a l; 


a. 
a 03 


a 
<u 

a 
o 

1 




o 
s 


o ^2; 
— 's> 


2 a 
— o 

a 

03 


2 5 
^^ a 

09 


.2 a 

H 
00 




IS 
X 

2 


■- 2 


.2 S 

^ 'oj 

-a 


fS TS 

SS 
-a 


o c 
— o 
rr > 

a 

CO 

m 


13 


o a 
— c 
.■r: > 

ca 




Q 


C 


n 


m 


m 


M 


s 


00 






09 

pq 





n» 



bo «s 






«3 -rr 



« a 
5 "o 



<» 



230 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 





td 




►^ 




tt 




CO 




02 




t^ 




w 




td 




fcd 




W 




o 




ö 




tf 


a 

VT 


UJ 


T 


t^ 


a 


t.« 




t^ 


B" 


t«^ 


IT; 


t^ 


Ö 
CD 


taM 


B 


K^ 


a 

TT 


O^ 


CD 

B 


t^ 




o-zi 









< 


t? 


E. 


^. 


<i 








2 






ÜB 




«5 




< 


SS 1— , 


-•4 




-! 


1 ^ 


00 

er 
























p: 








o 
a 




o 

a 


*1 fc— 






^ 






T^" 


S 


S" 


?c 


3' 


a 


o' 


o 


S' 




o' 


B 


o' 


3 


o' 


c' 


a> -• 
a c> 


o 
a 


o" 


O 


C6 >-■ 

B- O 


» 




p 




B 


« 


e 




a 


cr 


a 


S 


B 


O. 


a 




D 




B 




o B 




B 


p- (S> a 


td 




c» 


■■^ 


.1) 


et 


tt 


cc 


a 


o 


n 


f» 


^ 


t 


t« 


.-B 




(t 


hrjvs <« 


a 


O) 




a f» 




K53 


a 

O 


C "3 




2 




B" 
(D 


B 

Q 


o 

B- 


B 


2 

a- 


a 




B 


2 

B" 


. B 


B 


:» B 

s ß 

U ES 

'S -« 
B K- 
0» ^ — 
o . 
B' 


CD 




13 




o 
5" 


a 
m 


2 




O 
B 

B 


5 

B- 

CT 

s 


a 


» 

o 

B 


a 


a 


cr 
2. 


cr 
B 


-5" 

-2- 


a 


-1 
P> 

B 




B 


•-« 

O 
B 
CB 
B 


er; 

o 


B 




















c 


















rt- 








(T> 




















ec 




5- 

B 


















• 5' 
SS, 






B 


5" 

9 














»— ' 
















i-i 




1-1 




OS 








bD 




bD 




1-1 


lf>> 








CD 




CM 




CO 




CO 




OS 




--> 




OS 








»K 




ÜX 




CD 


K) 




1 




o> 




O 




1— ' 




CO 




o> 




OS 




CO 




1 to 




CD 




CD 




h- 1 


O» 




1 




UI 




tt^ 




tt- 




*"• 




CD 




t^- 




yr 




1 CD 

"os 




)4- 




CO 




CO 


































h- 1 


























to 
















bO 




bO 




o 








Ol 




Ol 




1— ' 


:» 








1— ' 




CU 




1*^ 




)^ 




00 




1—1 




o 








h-1 




O 




CD 


00 




1 




o 




bO 




o» 




CO 




o» 




OS 




*^ 




CO CO 




CU 




4^ 




(—1 


o> 




1 




o 




00 




CT) 




tf' 




tf». 




bS 




CO 




"tnl-i 




OS 




OS 




K^ 


































1—1 


























bO 
















cn 




CO 




CO 








•^ 




OS 




H-l 


*- 








CO 




»(>- 




lO' 




yx 




cw 




o 




CO 




\.u 




t— 1 




CD 




CD 


03 




h-" 




o> 




H^ 




<A 




^ 




O 








)— 1 




O CO 




OS 




H- 




t— • 


o 




OJ 




o 




<l 




CT) 




"j 




tt*» 




o 




o 




OSVX 

T-ios 




b9 




00 




OX 


































h^ 








1-1 


















to 
















00 




CO 




OS 








o 




bD 00 




1—1 


0» 








*a 




cn 




OX 




VI 




CU 




00 




o» 




h- 1 




00 




00 o 




CD 


o 




h- ' 




V\ 




--I 




Ctf 




VI 




CD 




OS 




^ 




Ot CO 




00 




•^ OX 




H- 1 


" 




tf». 




H- ' 




<M 




•<l 




00 




1— 1 




■»] 




CD 








CD 




U) c« 




OS 


























1— « 








to 








t— 1 




^ 










H-l 




c« 
















00 




OS 




K) 








00 




OS 1-1 




1-1 


00 




(O 




bO 




00 




<I 




00 




CD 




cn 




to 




bO 




\h- 




bO *^ 




CD 


03 




cn 




05 




►-' 




O 




CD 




H- 1 




CO 




CO 




1— i*>- 




IK 




OS OS 




t— 1 


h-i 




)^ 




OD 




*" 




bS 




O 




<l 




CD 




*J 




to Ol 
"oo^co 




o 




OX 00 




«a 


































CO 








CO 




i-i bo 






(-l 




bS 




ca 












t-^ 








CD 




o 








Ox 




O bD 




1— i 


H^ 




00 




00 




^ 




CD 




o 








bS 




bO 




c« 




Ol 




h- 1 h- 1 




CO 


l^- 




o 




cn 




^^' 




^ 




o» 




1 




b3 




Ol 




bD -4 




00 




O 00 




H-i 


o^ 




fca 




bS 




•-] 




o 




CD 








09 




o 




Vi o 
"*bo"co 




00 




CO 00 




00 






























I-Ji 




03 








ÜX 




1—1 c» 






(-l 




cu 




t^- 








1— ' 




1—1 








bO 




~J 








*> 




CW OX 




1—1 


en 




CO 




CU 




^ 




o 




o 








o> 




bD 




CM 




)K 




OS OS 




CD 


OT 




h- ' 




^ 




Ol 




CO 




CO 




1 




CD 




^ 




!*»■ CD 




00 




CD CO 




1—1 


w» 




«D 




o 




o 




CV 




OJ 




1 




to 




o\ 




CD 1-1 

"oo'co 




H- 




bD 00 




CD 






























>-l 




CO 












1-1 OS 






h^ 




CU 




tf»- 








)— ' 




h- ' 








OX 




^ 












t— 00 




1— 1 


*. 




W 




c» 




-"j 




o 




o 








4^ 




CD 




CO 1—1 








CD 00 




CO 


CU 




o> 




b3 




zu 




bC 




^ 




1 




CO 




o 




0> CO 




1 




^ o 




bO 


?o 




1— ' 




a> 




t— ' 




*>■ 




bO 




1 




^ 




bO 




(♦^ b3 

"b»"bo 




1 




OX OX 




o 














































1-1 


































H- 1 




CO 






















bS 




*^ 








1— ' 




1—1 








CO 




OS 












OD CO 




(-• 






ÜT 




bD 




Ol 




o 




o 








If^ 




)f^ 




Ü» h- 








bD OS 




CO 

bD 

h- 1 


1 




lO 




»*i- 




a> 




o 




(-» 




1 




•^ 




00 




bD bS 




1 




•^ CO 




1 




00 




IK 




(-• 




<x> 




CU 




1 




^ 




■«a 




jyi_CT> 




1 




OX CD 








































"bs Ol 


























































1— • 


















































b9 






































CO 












(-■ 00 










b9 




1^ 
























OS 












CO o 




CD 






rf' 




(— ' 




c;i 




CD 




CO 












CO 




C» 1-1 








rf^ o 




bo 


1 




o» 




00 




00 




•^ 




•M 




1 




1 




OT 




O bD 




1 




O CD 




to 


1 




IK 








bS 












1 




1 




CO 




"C»"CD 




1 




O Ol 











* 






f» 






es: 






P 






P- 






cc 






l-S 






p 






B 






er; 




H— 


(t 




B 


a 
p. 


M 


W 


CD 


(B 


•-( 


OD 


tsi 


c» 


t?< 


>-< 


CP 


o 


B 




rD 


er 


PI 


n 




n 




B- 


p- 




a 


h-. 






e 


t» 












ri 


&!- 


p- 






r» 


m 


s 


•-« 


p. 


ct> 


!z5 




ch 


CS 


:^ 


s» 


tr 


1-« 


pr 


n 




•-1 










5 


OD 


OB 




O) 


a> 




M- 


D 

o 

c 
er 

B 



T.Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §8. 231 

sammenhaüg zu bringen pflegt. Das Wesen und der innere Zusammen- 
hang dieser Erscheinungen wird im IV. Abschnitt des zweiten (theore- 
tischen) Teiles dieses Buches eingehender behandelt werden. An dieser 
Stelle kann nur die Klarstellung der historischen Entwicklung des 
Wertverhältnisses zwischen dem Geld und den beiden Geldmetallen 
sowie des Wertverhältnisses zwischen den einzelnen nationalen Geld- 
einheiten in Frage kommen. 

a) Das Wertverhältnis von Geld und Gold. 

Das Geldwesen fast der gesamten Kulturwelt hatte sich vor dem 
Kriege auf der Grundlage der Goldwährung konsolidiert; d. h. in den 
einzelnen Ländern hatte die wechselseitige freie Umwandelbarkeit von 
Gold und Geld, wie sie in der freien Ausprägung des Metalles Gold 
und in der freien Einlösbarkeit der nicht aus Gold bestehenden Geld- 
sorten "in Goldgeld gegeben war, eine feste Wertbeziehung zwischen 
Geld und Gold, die eich in einem stabilen Goldpreise ausdrückte, 
hergestellt; diese festen Wertbeziehungen zwischen den einzelnen 
nationalen Geldeinheiten, der Mark, dem Pfund Sterling, dem Franken, 
dem Dollar usw., zum Metalle Gold hatten die Wirkung, daß einmal das 
Wertverhältnis zwischen den einzelnen nationalen Geldeinheiten, wie es 
hauptsächlich in den auswärtigen Wechselkursen zum Ausdruck kommt 
(Valuta), annähernd dieselbe Stabilität aufwies, wie das Wertverhältnis 
zwischen den einzelnen nationalen Geldeinheiten und dem Golde; daß 
ferner die Tauschverhältnisse zwischen dem Gelde und den übrigen 
Waren, die Warenpreise, in dem sich nur langsam und schwerflüsssig 
rerändernden Wertverhältnis zwischen dem Metalle Gold und den übrigen 
Waren einen Rückhalt hatten. 

Der durch konstitutionelle Einrichtungen des Geldwesens gesicherte 
feste Goldpreis war also der tragende Pfeiler für das Wertverhältnis 
zwischen den einzelnen nationalen Geldeinheiten, d. h. für die valuta- 
rischen Beziehungen zwischen den einzelnen nationalen Geldver- 
fassungen; ferner für das Wertverhältnis zwischen Geld und Waren, 
d. h, für die Kaufkraft des Geldes. 

Die konstitutionellen Einrichtungen des Geldwesens, auf denen 
der Pfeiler des festen Goldpreises ruht, sind durch den Krieg, wie 
oben dargestellt wurde, fast überall beseitigt worden. Die Einlösbar- 
keit der nicht aus Gold bestehenden Zahlungsmittel in Goldgeld wurde 
überall aufgehoben und ist bis zum heutigen Tage nur in den Ver- 
einigten Staaten von Amerika wieder hergestellt. Die freie Ausprägung 
für Gold ist zwar in denjenigen Ländern formell in Kraft geblieben, 
in denen, weil der Marktpreis des Goldes erheblich über dem MUnzpreii 
steht, tatsächlich niemand von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen 
wünscht; sie ist dagegen in solchen Ländern beseitigt oder wenigstens 
eingeschränkt worden, in welchen sich ein starker Zustrom von Gold 
fühlbar machte. Dazu kommen alle die Beschränkungen für den 
Handel in Gold, insbesondere für die Ausfuhr und Durchfuhr, die dem 
Golde seine internationale Freizügigkeit nehmen. 

Der Gold markt wurde durch diese Maßnahmen völlig zerstört. 
Mit dem Kriegsausbruch gab es keinen einheitlichen, im freien Markte 



232 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Zustande gekoniniencn Goldpreis mehr. Der Londoner Markt, auf dem 
sich vor dem Kriege der GoldliaDdel der Welt konzentriert hatte, stellte 
die Notierung von Gold völlig ein. Auch in den anderen Ländern, 
die bisher in bescheidenerem Umfang einen Markt für Gold gehabt 
hatten, hörten die Notierungen von Gold auf. Ersatz bildete sich 
uirgeuds heraus; auch nicht in den Vereinigten Staaten, Dort wurden 
zwar während des Krieges und in den Nachkriegsjahren größere 
Quantitäten von Gold umgesetzt als jemals zuvor auf dem Londoner 
Markte; aber das Geschäft beschränkte sich auf so wenige große Hände, 
daß ein Bedürfnis nach einer offiziellen Notierung von Goldpreisen bis- 
her nicht hervorgetreten zu sein scheint. Rückfragen in New York 
haben jedenfalls ergeben, daß Preise für Barrengold in keiner Form 
notiert werden, daß aber tatsächlich das Gold dort, und zwar dort allein, 
zu dem der Goldparität des Landesgeldes, des Dollars bis auf minimale 
Abweichungen entsprechenden Preise gekauft und verkauft wird. Nur 
in der ersten Zeit des Krieges scheinen auch in New York — in 
Verbindung mit dem starken Gold begehr für die kriegführenden Staaten 
und den starken Goldverschiffungen dorthin — größere Schwankungen 
des Goldpreises vorgekommen zu sein. 

In allen anderen Ländern haben sich starke Schwankungen des 
Goldpreises eingestellt, die in ihrer Richtung und Ausdehnung von 
den verschiedenartigsten Faktoren bestimmt wurden. Zur Feststellung 
der Schwankungen ist man angesichts des Mangels an Notierungen für 
Barrengold auf den Kurs des allein im großen Ganzen zum Golde in 
fester Wertbeziehung gebliebenen amerikanischen Dollar angewiesen, 
also auf die Bewegungen der einzelnen Valuten, gemessen am ameri- 
kanischen Gelde. Bei den weiter unten vorzunehmenden Nachprüfungen 
der seit dem Kriegsausbruch eingetretenen Valutaschwankungen wird 
sich ergeben, daß in einzelnen neutralen Ländern der Goldpreis zeit- 
weise niedriger gewesen sein muß, als dem Ausmünzungswerte des 
Goldes entsprach. In der Hauptsache jedoch hat sich schon in den 
neutralen Ländern der Goldpreis höher gestellt als der Ausmünzungs- 
wert des Goldes. In den kriegführenden Ländern war das ausnahmslos 
der Fall und ist dies bis auf den heutigen Tag ausnahmslos so geblieben. 

In England versuchte man zwar die Fiktion eines festen Gold- 
preises aufrecht zu erhalten. Es wurde nach Kriegsausbruch an- 
geordnet, daß Gold nur an die Bank von England verkauft werden 
dürfe, und zwar zu dem alten Preise von 77 sh. 9 d für die Unze 
Standard; den südafrikanischen und australischen Minen wurde auf- 
erlegt ihre gesamte Goldproduktion zu diesem Preise der Bank von 
England zu überlassen. Diese Zwangsvorschriften blieben während der 
ganzen Dauer des Krieges in Kraft. Aber die aufgrund dieser 
Zwangsbewirtschaftung des innerhalb des britischen Weltreichs ge- 
wonnenen Goldes getätigten Verkäufe an die Bank von England geben 
kein Bild von der wahren Lage. Die Zwangsvorschriften hatten nur 
die Wirkung, daß die Goldförderung einen starken Rückgang erfuhr. 
Als im Laufe des Jahres 1919 die britische Regierung den Vorstellungen 
der Mineninteressenten nachgab und diesen gestattete, das von ihnen 
gewonnene Gold auf dem Londoner Markte zu höheren Preisen als dem 



7. Kapitel. Enfwieklnng- des Geldwesens seit Ausbruch dos Weltkrieges. § 8. 233 

gesetzlichen Münzpreise zu verkaufen, stellte sich — trotzdem von der 
Wiederherstellung eines freien Goldmarktes auch jetzt noch keine Rede 
sein konnte — alsbald eine sehr erhebliche Differenz zwischen Markt- 
preis und Münzpreis heraus. Die Notierung, die von jetzt ab nicht 
mehr für Unzen Standard, sondern für Unzen fein erfolgte, richtete sich 
seit jener Zeit völlig nach dem Kurse des amerikanischen Dollar, 
Während der gesetzliche Goldgehalt des Sovereign einem Goldpreise 
von 84 sh. 11^/4 d entspricht, stellte sich der Marktpreis des Goldes 
in London im Februar 1920 zeitweise auf 127 sh 4 d, also nm 50 Pro- 
zent höher als der MUnzpreis. In Uebereinstimmung mit der günstigeren 
Gestaltung des Dollarkurses trat dann eine Senkung des Goldpreises 
ein. Im ganzen schwankte der Marktpreis für Gold in London im 
Jahre 1920 zwischen 127 sh 4 d und 102 sh 7 d, im Jahre 1921 
zwischen 115 sh 11 d und 97 sh 7 d für die Unze fein. Der Unterschied 
zwischen dem Marktpreis und MUnzpreis für Gold, das „Goldagio", 
ist also im Laufe des Jahres 1921 bis auf etwa 15 Prozent zurück- 
gegangen. Seither ist das Goldagio noch geringer geworden; Ende 
1922 war der Londoner Goldpreis 88 sh 11 d; das Goldagio betrug 
mithin nur noch etwa 4,6 Prozent. 

Zu einem förmlichen Agio auf die englischen Goldmünzen, wie es 
in früheren Zeiten eines geringeren Einflusses der Staatsgewalt auf das 
Geldwesen unter ähnlichen Verhältnissen stets eingetreten ist, scheint 
es im Weltkrieg und in der Nachkriegszeit nicht gekommen zu sein. 
Die Goldmünzen verschwanden aus dem Verkehr; ein irgendwie nennens- 
werter Handel in britischen Goldmünzen fand nicht statt. 

In Deutschland, wo vor dem Kriege Goldpreise in Berlin und 
Hamburg notiert wurden, hörte der offizielle Goldhandel mit dem Kriegs- 
ausbruch auf. Am 23. November 1914 erließ der Bundesrat die bereits 
erwähnte Bekanntmachung betr. Verbot des Agiohandels mit Reichs- 
goldmünzen, die den Erwerb und die Veräußerung von Reichsgoldmünzen 
zu einem ihren Nennwert übersteigenden Preise von einer Genehmigung 
des Reichskanzlers abhängig machte. Aufgeld auf Reichsgoldmünzen ist, 
während die große Masse der vorhandenen Reichsgoldmünzen aus 
vaterländischen Beweggründen zum Nennwert bei der Reichsbauk gegen 
Noten eingeliefert wurde, unter der Hand sicherlich in zahlreichen 
Fällen gezahlt worden; aber das Verbot des Agiohandels ließ das 
Goldagio nicht in Erscheinung treten. 

Auch der Handel in ausländischen Goldmünzen wurde Be- 
schränkungen unterworfen, indem zunächst die Bekanntmachung über 
den Handel mit ausländischen Zahlungsmitteln vom 20. Januar 1916 
und später die Bekanntmachung über den Zahlungsverkehr mit dem 
Auslande vom 8. Februar 1917 (Devisenordnung) diesen Handel bei 
der Reichsbank und einer Anzahl bestimmter Bankfirmen konzentrierte. 
Darüber hinaus setzte die gleichzeitig mit der Devisenordnung erlassene 
Bekanntmachung über Goldpreise einen Höchstpreis von 2,790 Mark 
für Roh-, Abfall- und Bruchgold für das Kilogramm Feingold fest; 
dieser Höchstpreis entsprach genau dem Ausmünzungswert. Schließlieh 
wurde durch eine Bekanntmachung über die gewerbliche Verarbeitung 
von Reichsniünzen vom 10. Mai 1917 das Kinschmelzen und di(^ 



234 Erstes Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

sonstige ^'erarbcitüng von ReichsmUiizen von der Genehmigung- des 
Reichkauzlers abhängig gemacht. 

Diese Hestimnuingen, die jeden freien Handel mit Gold und Gold 
münzen völlig unterbanden, wurden erst nach Friedensschluß abgebaut. 
Durch Bekanntmachung vom 23. Juli 1919 wurde zunächst der Höchst- 
preis für Roh-, Abfall- und Hruchgold aufgehoben. Am 11. September 1919 
wurde mit der Aufbebung der Devisenordnung vom 8. Februar 1917 
auch der Handel mit ausländischen Goldmünzen wieder freigegeben. Die 
Beschränkung für die gewerbliche Verarbeitung von lieichsgoldmünzen 
wurde durch eine Bekanntmachung vom 9. Dezember 1919 beseitigt, 
und schlieülich wurde durch Bekanntmachung vom 19. Dezember 1919 
auch das Verbot des Agiohaudels mit Reichsgoldmünzen aufgehoben. 
Dafür aber wurde durch den § 21 Nr. 8 des Ausführungsgesetzes zum 
Friedensvertrag vom 31. August 1919 die Verfügung über Gold ohne 
Erlaubnis des Reichswirtschaftsministers unter Strafe gestellt, zunächst 
bis zum 31. Mai 1921, dann durch ein Gesetz vom 28. April 1921 bis zum 
30. September 1921. Seitdem ist der inländische Handel mit Gold und 
Goldmünzen im wesentlichen frei*). Dagegen unterliegen Ausfuhr und 
Durchfuhr von Gold auch heute noch dem Verbot der Bekanntmachung 
vom 13. November 1915. 

Obwohl das Ausführungsgesetz zum Friedensvertrag die Verfügung 
über Gold beschränkte, bildete sich um die Wende des Jahres 1919/20 
an der Berliner Börse ein freier Goldhandel heraus. Erst am 17. Februar 
1921 machte der Börsenvorstand durch eine Bekanntmachung diesem 
Goldhandel wieder ein Ende. Die von Januar 1920 bis Februar 1921 
notierten Kurse des goldenen Zwanzigmarkstücks erreichten im Januar 
1920 mit 450 Mark ihren höchsten Stand, gingen dann rasch bis auf 
160 Mark im Mai 1920 zurück, um dann wieder bis auf 340 Mark im 
November 1920 zu steigen. Die letzte in diesem Handel verzeichnete 
Notiz (17. Februar 1921) lautete auf 328 Mark. Seit jener Zeit sind 
die Notierungen für Gold und Goldmünzen, obwohl die Verfügungs- 
beschränkung für Gold am 1. Oktober 1921 in Wegfall kam, nicht 
wieder aufgenommen worden. 

Dagegen ist die Reichsbank in Verbindung mit der Annahme des 
Londoner Ultimatums, das große Goldbeschaffungen für das Reich nötig 
machte, im Mai 1921 ermächtigt worden, Goldmünzen und Barrengold 
für Rechnung des Reiches zu von ihr bekanntzugebenden Preisen an- 
zukaufen. Der von der Reichsbank veröffentlichte Preis für das Zwanzig- 
markstück stellte sich zunächst auf 260 Mark, mußte jedoch im Ein- 
klang mit dem seit jener Zeit in die Höhe wirbelnden Dollarkurse io 
rascher Folge erhöht werden; er beträgt zurzeit (Februar 1923) nicht 
weniger als 150 000 Mark, also das 7500 fache des Nennwertes! Auch 

') Beschränkungen bestehen nur noch insofern, als die Ausübung das 
Goldhandels im Hausieren und durch auffällige Reklame gemäß der noch in Kraft 
befindlichen Verordnung vom 7. Februar 192Ü verboten ist und als der Handel in 
russischen Goldmünzen aufgrund des Gesetzesvom 15. März 1919 nach wie vor nur durck 
Vermittlung der Reichsbank erfolgen darf. Außerdem ist die Verfügung über das 
im Besitz der deutschen Privatnotenbanken befindliche Gold durch Gesetz vom 
30. Juli 1921 an die Genehmigung der Reichsregierung und an die von dieser fest- 
^iii9etzenden Bedingungen gebunden. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 8. 235 

damit bleibt er noch hinter dem Weltmarktpreise fUr Gold zartick, 
wie er sich aus dem Kurs und dem Feingehalt des amerikanischen 
Dollars ergibt. 

Die Keichsgoldmünzen sind infolge der schwankenden Bewertung, 
die ihnen nicht nur im freien Handel, sondern auch durch die deutsche 
Zentralbank zuteil wird, aus dem deutschen Geldsystem ausgeschieden, 
auch wenn sie formell nicht außer Kurs gesetzt worden sind. 

Die Goldmünzen sind also nicht mehr Geld, sondern nur noch 
Ware, wie das rohe Edelmetall, aus dem sie bestehen. 

Die Gesetzgebung hat aus dieser Entwicklung bestimmte Folge- 
rangen gezogen, insbesondere auf dem Gebiete der Steuern. Laut 
Gesetz vom 30. April 1920 sind bei der Veranlagung zum Keichsnot- 
opfer Gold- und Silbermünzen mit dem Metallwerte zu berechnen. Die 
Finanzämter sind angewiesen worden, als den für den 31. Dezember 1919 
maßgebenden Metallwert eines Zwanzigmarkstücks 220 Mark anzusetzen. 
Ebenso enthält das Vermögenssteuergesetz von 1922 in § 15 Abs. 6 
die Bestimmung: „Gold- und Silbermünzen sind mindestens mit dem 
Metallwerte einzusetzen." 

Der Versailler Friedensvertrag, der ja in Deutschland Gesetzes- 
kraft erlangt hat, operiert allerdings in seinem Abschnitt über die 
„Reparation" (Teil V^lII) und seinen „finanziellen Bestimmungen" (Teil IX) 
mit dem BegriflF der „Goldmark". Aber diese „Goldmark" ist weder 
eine Münze noch ein gesetzliches Zahlungsmittel. Sie wird in § 262 
des Versailler Vertrages wie folgt definiert: 

Jede Barzahlungsvetpflichtung Deutschlands aus dem gegen- 
wärtigen Vertrage, die in Mark Gold ausgedrückt ist, ist nach Wahl 
der Gläubiger zu erfüllen in Pfund Sterling, zahlbar in London, in 
Golddollars der Vereinigten Staaten zahlbar New York, in Gold- 
franken zahlbar Paris und in Goldlire zahlbar in Rom. 

Bei Ausführung des gegenwärtigen Artikels bestimmt sich Ge- 
wicht und Feingehalt für die oben genannten Münzen jeweils nach 
den am 1. Januar 1914 in Geltung gewesenen gesetzlichen Vor- 
schriften, 

Die „Goldmark" ist also lediglich ein Berechnungsmaßstab für die 
von Deutschland in Begleichung der ihm durch das Versailler Diktat 
auferlegten Verpflichtungen zu leistenden Zahlungen. Die Zahlungen 
selbst haben in Pfund Sterling, Golddollar, Goldfranken oder Goldlire 
nach Wahl des Gläubigers zu erfolgen, und zwar streng genommen — 
nur bei den Pfund Sterling fehlt der Zusatz „Gold" — nicht in der 
Währung der genannten Gläubigerländer schlechthin, sondern in den 
effektiven Goldmünzen dieser Länder, die — außer dem amerikanischen 
Dollar — gegenüber dem umlaufenden Papiergeld ein Agio genießen 
und damit selbst außerhalb der Geldverfassung der betreffenden Länder 
stehen. Maßgebend fUr die Umrechnung von Goldmark in Pfund Sterling, 
amerikanische Golddollar, französische Goldfranken und italienische 
Goldlire ist das Verhältnis des gesetzlichen Goldgehaltes, wie es zu 
Beginn des Jahres 1914 bestand. Im Grunde genommen lauten also 
die in Goldmark ausgedrückten Verpflichtungen auf bestimmte Quanti- 
täten Feingold, dargestellt durch Goldmünzen der Gläubigerstaaten. In 



236 Erstes Bnch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edehnetallverhältnisse. 

der Praxis hat die Reparatiouskommissiou fast ausnahmslos Zahlaug in 
amerikanischem Dollar, ump:erechuet zur alten Goldparität, verlangt. 

Mit dem deutsehen Geldwesen hat also die „Goldmark" des Ver- 
sailler Vertrags nichts zu tun. Diese „Goldmark" hat die abgehrochene 
Wertbeziehung zwischen dem deutschen Gelde und dem Metalle Gold 
nicht wiederhergestellt. 

Die Entfernung des Geldwertes von seinem früheren Goldäquivalent 
nach unten — anders ausgedrückt: die Steigerang des Goldpreises über 
seinen gesetzliehen AusmUnzungswert — wie sie in England in schwächerem 
und seit 1920 rückläufigem Maße, in Deutschland in stärkerem und 
»eit 1921 rapid fortschreitendem Maße in Erscheinung getreten ist, hat 
sich in allen kriegführenden Staaten, außer der Union, herausgestellt. 

Auch in den neutralen Ländern hat sich im allgemeinen eine 
Steigerung des Goldpreises über den Ausmünznngswert des Goldes, 
wenn auch in geringerem Umfang als in den am günstigsten dastehenden 
kriegführenden Staaten, herausgestellt. Ein Stand des Goldpreises unter 
seinem Ausmünzuugsw'ert — eine Erscheinung, wie sie während des 
Krieges aufgrund der Einstellung der Annahme von Gold gegen Bank- 
noten oder der Goldausprägung sich zeigte — ist heute nirgends mehr 
zu konstatieren. 

b) Der Silberpreis. 

Die Stürme des Weltkrieges haben nicht nur das Verhältnis von 
Geld und Gold auf das schwerste erschüttert ; sie haben auch das weiße 
Metall, das in dem halben Jahrhundert vor dem Weltkrieg seine ehe- 
malige dem Golde gleichwertige Bedeutung als Währungsmetall Schritt 
für Schritt verloren und gleichzeitig eine Entwertung auf etwa ein 
Drittel seines früheren Wertes durchgemacht hatte, in den Wirbel der 
Ereignisse hineingezogen. 

Schon in den ersten Kriegsjahren zeigte der Silberpreis eine auf- 
fallende Steigerung. Während im Jahre 1914 der Londoner Silberpreis 
mit 22^3 d für die Unze Standard den niedrigsten jemals dagewesenen 
Stand (22 d im Jahre 1908) annähernd wieder erreicht hatte, stieg er 
im Laufe des November 1915 bis auf 27^/^ d, im Laufe des Mai 1916 
sogar auf 37 ^g d, den höchsten seit der Einstellung der indischen 
Silberprägungeu im Frühjahr 1893 verzeichneten Kurs. Dann trat ein 
leichter Rückschlag und, bis in das Frühjahr 1917 hinein, ein Be- 
harrungszustand ein. 

Diese erste starke Aufwärtsbewegung des Silberpreises war ver- 
ursacht einmal durch die starke Nachfrage Englands und anderer krieg- 
führender Staaten, die dem Kleingeldmangel zunächst durch eine ver- 
stärkte Ausprägung von Silbermünzen abzuhelfen suchten. Das britische 
Schatzamt allein hat im Jahre 1915 mehr als 3 Millionen Pfd. St. Silber 
aus dem Markte genommen. Dazu kam ein erhöhter Bedarf von Silber 
für Ostasien, namentlich für Indien und China, um die starken Waren- 
bezüge aus jenen Gebieten abzudecken. - Der Warenhunger der Krieg- 
führenden suchte nicht nur bei den europäischen Neutralen und in 
Amerika, sondern auch im Osten Befriedigung. Da bei den krieg- 
führenden Staaten, vor allem bei England, das diese Warenbezüge in 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges . § B. 237 

der Hauptsache vermittelte uud finanzierte, keine Neigung bestand, 
Gold für die Bezahlung dieser Importe abzugeben, und da die Auf- 
nahmefähigkeit Asiens, trotz der vor zwei Jahrzehnten erfolgten Ein- 
stellung der Silberprägungen in Indien und der Befestigung der indischen 
Währung auf Goldbasis, nahezu unbegrenzt erschien, ergab es sich von 
selbst, daß das Silber als Zahlungsmittel für den Osten Gegenstand 
einer ge^Yaltig steigenden Nachfrage wurde. Der sich damals ergebende 
Bedarf an Silber wurde gesteigert durch die Notwendigkeit, die in 
Mesopotamien, an der ägyptischen Grenze, in Ostafrika und anderen 
Schauplätzen kämpfenden indischen Truppen in Silberrupien zu ent- 
lohnen. 

Die preissteigernde Tendenz dieser Nachfrage wurde durch die 
Tatsache noch verschärft, daß infolge der mexikanischen Wirren 
— Mexiko lieferte in den Jahren vor dem Kriege ein gutes Drittel der 
Weltprodnktion an Silber — die Silbergewinnung einen starken Rück- 
gang zeigte (von rund 7 Millionen Tonnen jährlich 1910 — 1913 auf 
nicht viel mehr als 5 Millionen Tonnen in den folgenden Jahren). 

Das Jahr 1917 steigerte mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten 
in den Krieg und mit der äußersten Anspannung aller Kräfte auf Seiten 
der Alliierten, wie sie namentlich für das Bestehen des U-Boot-Krieges 
notwendig war, die Bedeutung Ostasiens für die Versorgung der krieg- 
führenden Länder in erheblichem Maße; damit gleichzeitig die Bedeutung 
des Silbers als Zahlungsmittel für jene Gebiete. Unter dem Druck 
dieser Verhältnisse stieg der Londoner Silberpreis von 35 d im März 
auf 55 d im September 1917, auf einen seit dem Jahre 1878 nicht 
mehr erreichten Kurs. 

Die Verteuerung des Silbers, an der sich eine lebhafte Spekulation 
entzündete und die durch diese Spekulation noch weiter gesteigert 
wurde, gab Anlaß zu einer Kette ähnlicher Maßnahmen, M'ie sie bisher 
für das Gold getroffen worden waren. Eine Anzahl von Staaten er- 
ließen Ausfuhrverbote oder Ausfuhrbeschränkungen für Silber, vor allem 
die wichtigsten Silberproduktionsläuder, Mexiko, die Vereinigten Staaten, 
Peru; aber auch England stellte die Silberausfuhr unter die Kontrolle 
des Schatzamtes, Indien und China untersagten die Silberausfuhr, Japan 
erließ ein Verbot des Einschmelzens von SilbermUnzen und der Silber- 
ausfuhr. 

Zahlreiche andere Staaten ergriffen ähnliche Maßnahmen. Verbote 
des Einschmelzens von SilbermUnzen und der Ausfuhr von Silber er- 
schienen insbesondere in denjenigen Ländern nötig, in denen der Metall- 
gehalt der SilbermUnzen infolge der Steigerung des Silberpreises und 
des Rückganges der eignen Valuta einen Wert erreichte, der den 
Nennwert überschritt. 

England uud die Vereinigten Staaten, auf denen die Last der Fi- 
nanzierung des Krieges für die Alliierten und damit auch die 
Finanzierung der Warenbezüge aus den ostnsiatischen Gebieten vor- 
nehmlich ruhte, suchten auch auf anderen Wegen Erleichterung. Selbst- 
verständlich machte England in weitgehendem Älaße von Krediten der 
indischen Regierung Gebrauch; auch die amerikanische Regierung ließ 
sich vom Jahre 1917 an von der indischen Regierung Kredite für die 



238 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

Finauzierong ihrer indischen Einkäufe eiuränmen. Auf Mexiko wurde 
ein starker Druck ausgeübt, um es zur Ueberlassung seiner Silberförderung 
zu bestimmen; Ende 1917 überließ das amerikanische Schatzamt der 
mexikanischen Regierung sogar 15 Millionen Dollar Gold unter der 
Bedingung, daß Mexiko sein Ausfuhrverbot für Silber aufhebe. 

Darüber hinaus trafen die Vereinigten Staaten und England gegen 
Ende des Jahres 1917 Vereinbarungen über den Aufkauf eines großen 
Teiles der amerikanischen Siibergewinnung. Gerüchte, daß die ame- 
rikanische Regierung die Beschlagnahme der gesamten amerikanischen 
Silberförderuug und eine gesetzliche Normierung des Siiberpreises be- 
absichtige, begannen von jener Zeit an auf den Kurs zu drücken. 

Die wichtigste Aktion aber war die Mobilisierung der großen 
Silberbestände, die das amerikanische Schatzamt seit dem Erlaß der 
Sherman-Bill (1890) gegen Ausgabe von Silberzertifikaten aufgekauft 
und als Deckung für diese Silberzertifikate in Verwahr genommen hatte. 
Im Frühjahr 1918 stimmte der Kongreß einem Gesetze zu (Pittman- 
Bill), das die amerikanische Regierung zum Verkauf dieses hinterlegten 
Silbers bis zum Betrage von 350 Millionen Dollar und zur Einziehung 
der für dieses Silber ausgegebenen Zertifikate gegen Noten zu 1, 2 und 
5 Dollar ermächtigte. In Verbindung mit der Durchführung dieses 
Gesetzes setzten die amerikanische und die englische Regierung im 
gegenseitigen Einvernehmen Höchstpreise für Silber fest, die in New 
York zunächst auf 100, dann auf 101^4 cents für die Unze fein, in London 
zunächst auf 49, dann auf 4972 ^ ^ür die Unze Standard Silber nor- 
miert wurden. Damit hatten die beiden Regierungen in der Tat den 
Silbermarkt für einige Zeit in ihrer Gewalt. 

Auf der anderen Seite ergriff die indische Regierung unter dem 
Einfluß des britischen Schatzamtes Maßnahmen, die bestimmt waren, die 
Wirkungen der unter dem Einfluß des Krieges zu ungeahnter Aktivität 
gelangten indischen Zahlungsbilanz abzuschwächen. Aehnlich wie vor- 
her Schweden und andere europäische Neutrale sich gegen den Zustrom 
von Gold zur Wehr gesetzt hatten, ging jetzt Indien vor; die indische 
Regierung erließ um die Mitte des Jahres 1917 Einfuhrbeschränkungen 
sowohl für Gold als auch für Silber; sie beschlagnahmte das ein- 
geführte Gold zu einem Preise, der aufgrund der zunächst noch fest- 
gehaltenen Parität von 15 Rupien = 1 Pfd. St. dem englischen Aus- 
münzungswerte entsprach, das Silber zu einem Preise von 5°/(, unter 
dem Londoner Tagespreis des Ankunftstages. Gleichzeitig schuf man 
in kleinen Noten, bis herab zu fünf Rupien, Ersatz für das verteuerte 
Silber. Das Hauptmotiv für diese Politik der Aussperrung von Gold 
und Silber war allerdings nicht, wie in Schweden, die Furcht vor der 
Inflation, sondern die Sorge der britischen Regierung um die Erhaltung 
ihresGoldbestandes sowie ihrBestreben, unter Ausschaltung derSpekulation 
die Verschiffung von Silber nach Indien in der eignen Hand zu kon- 
zentrieren und dadurch die Möglichkeit zu bekommen, den Silberpreis 
niedrig zu halten. 

Das Zusammenwirken aller dieser Maßnahmen bewirkte in der 
Tat, daß von der Mitte des Jahres 1918 bis in das späte Frühjahr 1919 
hinein der Silberpreis annähernd stabil blieb. Im Mai wurden ia 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 8. 239 

Amerika nnd England die Höchstpreise für Silber aufgehoben, ebenso in 
Amerika das Ausfuhrverbot für Silber. Die Folge war, daß die mit neuer 
Wucht einsetzende Silbernachfrage für Indien und China den Silberpreis 
in einer alles bisher Dagewesene Ubertreflfendeu Weise in die Höhe trieb. 
Obwohl die amerikanische Regierung durch starke Silberverkäufe auf den 
Preis zu drücken suchte und obwohl die Silberausfuhr der Vereinigten 
Staaten im Jahre 1919 den Betrag von 239 Millionen Dollar erreichte, 
wovon 109 Millionen Dollar nach Indien, 70 Millionen Dollar nach 
China gingen, kam der New Yorker Silberpreis im November 1919 auf 
137,5 Cents, im Januar 1920 sogar auf 140,75 cents für die Unze fein. 
Dieser letztere Kurs entsprach einem Wertverhältnis von 1 zu 14,7 
zwischen Silber und Gold. Ein solches Wertverhältnis war seit dem 
Jahre 1780 nicht mehr dagewesen. 

Hatte die Gestaltung des Silberpreises vorher schon in einer Anzahl 
von Ländern, deren Geldwert in größerem Abstand unter das frühere 
Goldäquivalent herabgegangen war, den Metallwert der Silbermünzen 
über ihren Nennwert hinausgetrieben und damit zur Einschm»'lzung und 
zur Thesaurierung der Silbermünzen Veranlassung gegeben, so über- 
schritt der Silberpreis jetzt auch das Verhältnis, in dem in den Ver- 
einigten Staaten der Metallgehalt des Golddollar und des Silberdollar 
stand (1 : 16). Um gleichwohl das Silbergeld dem Verkehr zu erhalten, 
wurde in Amerika zu Beginn des Jahres 1920 durch die Mac Fadden 
Bill der Feingehalt des Silberdollar von 900 Tausendteilen auf 800 
Tausendteile herabgesetzt. 

In anderen Ländern waren drastischere Maßnahmen nötig, England 
sah sich genötigt, im Herbst 1919 von neuem ein Ausfuhrverbot für 
Silber und Silberraünzen zu erlassen und bald darauf den Feingehalt 
seiner Silbermünzen von 925 auf 500 Tausendteile herabzusetzen. 

Andere Staaten suchten sich mit Verboten der Einschmelzung und 
der Ausfuhr von Silbermünzen zu helfen. 

W^ieder andere setzten ihre Silbermünzen außer Kurs und suchten 
sie gegen Papiergeld aus den Händen des Publikums in die Regierungs- 
kassen zu leiten. So wurden in Italien schon im Jahre 1917 den Silber- 
scheidemünzen die gesetzliche Zahlungskraft entzogen, ihre Ablieferung 
gegen Papiergeld an die staatlichen Kassen verfügt und der Besitz von 
mehr als 10 Lire an solchen Münzen unter Strafe gestellt. Auch in 
Deutschland wurden, nachdem im Jahre 1917 die silbernen Zweimark- 
stücke außer Kurs gesetzt worden waren, durch Verordnung vom 13. April 

1920 den sämtlichen Silbermünzen die gesetzliche Zahluugskraft ent- 
zogen. Die Reichsbank versuchte, durch die Gewährung verhältnis- 
mäßig günstiger Ankaufspreise einen möglichst großen Teil der noch 
vorhandenen Silbermünzen zu erwerben. ^) 

*) Der Ankaufspreis der Reichsbank für die Reicbssilbermünzen wurde im 
Mai 19:i0 für je 1 Mark Nennwert zunächst auf 3 Mark festy:esetzt, bis zum November 

1921 aber auf 5iO Mark erhöht. In dtT Folgezeit fand im Einklang mit dem Rück- 
gang dfs Silberjircises in London und New York eine starke Herabsetzung statt. 
Seit dem B«'>,nnn des katastrophalen Zusammenbruchs der deutschen Valuta im 
Herbst 1921 wurde der Ankaufsiireis in rasdiem Temiio und starkem Ausmaße 
erhöht; zurzeit (Februar 1923) beträgt er das 1750 fache des Nennwertes der 
SilbermUnzeu. 



240 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltiiug der Edelmetallverhältnisse. 

Nach einer ganz anderen Richtung lief die Entwicklung in China 
und Indien. Das chinesische Geld nahm, da es Silberwährungsgeld 
war, ohne weiteres an der Wertsteigerung des Silbers teil. In Indien 
war zwar seit dem Jahre 1899 der englische Sovereign zum Kurse 
von 15 Rupien als gesetzliches Zahlungsmittel zugelassen worden. Aber 
der Geldumlauf des indischen Reiches bestand nach wie vor so gut 
wie ausschließlich aus Silber. Solange das Wertverhältnis zwischen 
den beiden Edelmetallen für das Silber ungünstiger gewesen war, als 
die diesem Werte entsprechende Relation, war es dank der Sperrung 
der freien Silberprägung und der günstigen indischen Zahlungsbilanz 
gelungen, die Rupie auf der Grundlage des Kurses 15 Rupien = 1 Pfund 
Sterling oder 1 Rupie =16 Pence zu stabilisieren. Jetzt, wo auf der 
einen Seite der Wert des britischen Pfundes unter seine Goldparität 
herabgesunken und der Silberpreis in England weit über den Satz hin- 
aus gestiegen war, der dem im Jahre 1899 festgelegten Verhältnis 
zwischen Rupie und Sovereign entsprochen hätte, sprengte die Steige- 
rung des Silberpreises in Verbindung mit den von der indischen Regie- 
rung verfügten Einschränkungen der Goldeiufuhr die seit zwei Jahr- 
zehnten gesichert erscheinende Parität zwischen dem englischen und 
dem indischen Gelde. Die indische Rupie erhob sich in ihrem Werte, 
wie bei der Darstellung der Valutaverhältnisse der Nachkriegszeit zu 
zeigen sein wird, nicht nur beträchtlich über die ihr beigelegte Parität 
in englischem Gelde, sondern auch über das Goldäquivalent, das dieser 
Parität entsprochen hätte. — 

So rasch und überraschend sich die Steigerung des Silberpreises 
entwickelt hatte, so wurde doch dieser Aufstieg des Silbers durch das 
Tempo des vom Beginn des Jahres 1920 an einsetzenden Absturzes 
noch übertroflfen. Ein Nachlassen des Bedarfs für Ostasien und das 
Angebot des von den europäischen Staaten aus dem Verkehr gezogenen 
oder vom Edelmetallhandel aufgekauften und eingeschmolzenen Silber- 
geldes begannen schwer auf den Silbermarkt zu drücken. Während in 
New York der Silberpreis im Januar 1920 den Satz von 140'/^ Cents 
erreicht hatte, wurde am 10. Dezember des gleichen Jahres für das im 
freien Markte gehandelte Silber^) nur noch ein Kurs von 59 7* Cents 
erzielt. Im März 1921 ging der Silberpreis sogar auf 52^3 Cents in 
New York und auf 30 Vg d in London zurück, also auf einen Tiefstand, 
■wie er seit 1916 nicht mehr erreicht worden war. Die auf diesen 
heftigen Rückschlag eingetretene Reaktion war nicht unbedeutend, stand 
aber doch in keinem Verhältnis zu dem seit Anfang 1920 eingetretenen 
Preissturz, hielt auch nicht vor. Ende 1922 notierte Silber in New York 
647^ Cents, in London 3l7ie d. — 

Aus der vorstehenden Darstellung ergibt sich, daß die durch den 
Krieg hervorgerufenen heftigen Schwankungen des Silberpreises, wenn auch 
nicht in demselben Maße wie die Zerreißung des Bandes zwischen Gold 
und Geld, einen weitgehenden Einfluß auf die Geldverfassungen der ein- 
zelnen Länder und auf das Verhältnis zwischen den einzelnen nationalen 



*) Die amerikanische Regierang fährt fort, Silber inländischer Provenienz 
ÄOm festen Satze von 99^/2 Cents für Münzzwecke aufzunehmen. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §9, 241 

Geldsystemen ausgeübt haben. Vor allem ist das Geld der am Kriege 
beteiligten und namentlich der schließlich unterlegenen europäischen 
Staaten nicht nur „eutgoldet", sondern auch entsilbert worden; entsilbert 
in einzelnen Staaten bis zur formellen und tatsächlichen Beseitigung 
eines jeden Silbergeldes. Die von den europäischen Staaten in Jahr- 
hunderten angesammelten und auch nach dem Uebergang zur Gold- 
währung in der Hauptsache beibehaltenen Bestände an SilbermUnzen 
sind, während die neue Welt das europäische Gold an sich gezogen 
hat, zum großen Teil nach Indien und China abgeflossen. 

§ 9, Die Erschütterung der intervalutarischen Beziehungen. 

Die durch den Krieg bewirkte Zerstörung des festen Verhältnisses 
zwischen Geld und Gold trat am schnellsten und am sinnfälligsten in 
Erscheinung in der Gestaltung der Wertbeziehungen zwischen den ein- 
zelnen nationalen Geldeinheiten, also in den intervalutarischen Kursen. 

Auch auf diesem Gebiete liegt allerdings ein lückenloses Material 
nicht vor. Einmal wurden die Wechselkurse zwischen den im entgegen- 
gesetzten Lager stehenden kriegführenden Mächten, solange der Krieg 
dauerte, nicht notiert. In Berlin z. B. wurden die Wechsel auf die 
Länder unserer Kriegsgegner erst wieder nach der Ratifikation des 
N'ersailler Friedens zum Börseuhandel zugelassen, die offizielle Notierung 
erfolgte zum ersten Mal wieder am 2. Februar 1920. Auch die Wechsel- 
kurse auf die verbündeten und neutralen Länder wurden in Berlin vom 
Kriegsausbruch bis zum 28. Januar 1916 nicht notiert. Ferner sind 
die an)tlichen Wechselkursnotierungeu vielfach durch reglementierende 
Eingriffe der Regierungen beeinflußt worden. Immerhin ist aus den 
während des Krieges ununterbrochen fortgesetzten Notierungen auf 
wichtigen neutralen Börsenplätzen ein zutreffendes Bild von der Er- 
schütterung der internationalen Geldverfassung zu gewinnen. 

Indem der Krieg die Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen 
Ländern revolutionierte, schuf er für den internationalen Zahlungs- 
ausgleich völlig neue Verhältnisse. Der Export der kriegführenden 
Staaten schmolz zusammen, da diese alle verfügbaren Kräfte auf die 
Kriegszwecke konzentrieren mußten. Gleichzeitig schwoll ihr Import- 
bedarf an lebens- und kriegswichtigen Waren und Materialien ins 
Ungeheuerliche an. Die bisherige Organisation des internationalen 
Zahlungsausgleichs, an die jetzt weit größere Ansprüche gestellt wurden 
als jemals zuvor, brach zusammen; denn ihre Voraussetzungen, die 
Erhältlichkeit und Verwendbarkeit des Goldes zu festen Preisen in 
allen wichtigen am Welthandel beteiligten Ländern und die internationale 
Freizügigkeit des Goldes kamen mit der Aufhebung der Goldeinlösung 
der papiernen Geldzeichen, mit den Beschränkungen der Gohiannahme 
beizentralenNotenbanken undxMünzstätten, mitden Ausfnhrbeschränkun<ren 
und Ausfuhrverboten für Gold in Wegfall, Den wildesten Schwankungen 
in gegenseitigen Wertverhältnissen des Geldes der einzelnen Läuuer 
war damit freier Spielraum gegeben. 

An Versuchen, durch Maßnahmen verschiedener Art auf die Ge- 
staltung der ausländischen Wechselkurse einzuwirken und so einen 
Ersatz für die bisher in den Funktionen des Goldes gesicherte Stabilität 

Helft eri ch, Das Geld. 16 



2-42 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

der intervalutarisehen Beziehiingeu zu scbnflen, haben es allerdings die 
am Kriege beteiligten Kegierungeu nicht fehlen lassen. 

Das Gold selbst, das der Verfügung des freien Verkehrs entzogen 
wurde und das damit aufhörte, durch seine Bewegungen von Land zu Land 
automatisch auf eine enge Begrenzung der Wechselkurs-Schwankungen 
zu wirken, wurde von den Regierungen als Instrument einer planmäßigen 
BeeinHuÜung der Devisenkurse benutzt; am stärksten von England, das 
infolge der oben dargestellten Maßnahmen während des ganzen Krieges 
bedeutende Zugänge an Gold zu verzeichnen hatte und infolgedessen 
auch mit der Abgabe von Gold zum Zwecke der Regelung des 
Sterlingkurses freigebiger verfahren konnte als alle anderen am Kriege 
beteiligten europäischen Nationen. 

Neben der Abgabe von Gold wurde die Aufnahme ausländischer 
Anleihen und Kredite und die Verfügung über deren Gegenwert in den 
Dienst der Aufrechterhaltung der Valuta gestellt. Für die Entente- 
länder spielten die in den Vereinigten Staaten aufgenommenen Anleihen 
und Kredite unter den auf die Aufrechterhaltung ihrer Valuta gerichteten 
Maßnahmen die Hauptrolle, während die valutarische Position Deutsch- 
lands und seiner Verbündeten von vorn herein daran litt, daß es bei 
der von Anfang an in den Vereinigten Staaten herrschenden Stimmung 
trotz aller Bemühungen nicht gelang, irgendwelche erheblichen ameri- 
kanischen Kredite zu erhalten. Deutschland mußte sich deshalb zur 
Deckung seines Einfuhrbedarfs und zur Stützung seiner Valuta mit den 
verhältnismäßig bescheidenen Krediten begnügen, die es bei den euro- 
päischen Neutralen, meist in Verbindung mit der Hergabe von Gold 
und mit Abmachungen über den Bezug oder die Lieferung bestimmter 
Waren, flüssig machen konnte. 

Ferner versuchten die Regierungen der am Kriege beteiligten 
Staaten der Entwertung ihrer Valuta durch eine Mobilisierung und Ver- 
äußerung des Besitzes an ausländischen Wertpapieren entgegenzuwirken. 
In England, in Deutschland, in Frankreich und in anderen Ländern 
wurde ein Anmeldezwang für den Besitz an ausländischen Wertpapieren 
eingeführt. Durch freihändigen Ankauf, durch Beleihung zu günstigen 
Bedingungen und schließlich durch zwangsweise Enteignung verschafften 
sich die Regierungen die Verfügung über diejenigen Kategorien von 
Auslandswerten, für die auf den hauptsächlich in Betracht kommenden 
neutralen Märkten die besten Absatzmöglichkeiten bestanden. Die alten 
europäischen „Gläubigerländer" haben auf diese Weise sich eines großen 
und jedenfalls des wertvollsten Teiles ihres Besitzes an Auslandswerten 
entäußert. 

Der Bekämpfung der Valuta-Entwertung dienten weiterhin eine 
Reihe von Maßnahmen, die sich auf die Einfuhr und Ausfuhr bezogen. 
Durch Beschränkung der Einfuhr und Begünstigung der Ausfuhr von 
entbehrlichen Waren suchten die verschiedenen Regierungen der durch 
den Krieg verursachten gewaltigen Verschiebung der Zahlungsbilanz 
innerhalb der Grenzen des Möglichen entgegenzuwirken. In Deutsch- 
land ging man so weit, daß schließlich, nachdem bereits durch eine 
Verordnung vom 25. Februar 1916 die Einfuhr entbehrlicher Gegen- 
stände, die der Reichskanzler zu bezeichnen hatte, verboten worden 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbrach des Weltkrieges. §9. 243 

war, durch eine Verordnuog vom IG. Januar 1917 die Einfuhr aller 
Waren grundsätzlich von einer besonderen Bewilligung abhängig gemacht 
wurde. Auch die Ausfuhr, deren Förderung in den Kriegs- und 
später in den Revolutionsverhältuisseu enge Grenzen gezogen waren, 
wurde an Genehmigungen gebunden, die bis zum heutigen Tage im 
allgemeinen nur dann erteilt werden, wenn bei der Ausfuhr in hoch- 
valutarische Länder der Gegenwert in der betreffenden ausländischen 
Valuta bedungen wird, wenn die Preisbemessung ausreichend hoch be- 
funden wird und wenn ein als angemessen erachteter Teil der durch 
den Export erzielten Devisen an die Reichsbank abgeliefert wird. 

Schließlich wurde in einer Anzahl von Staaten eine unmittelbare 
Regelung des Devisenverkehrs im Wege einer Art Zwangsbewirtschaftung 
der ausländischen Zahlungsmittel und Kredite versucht. Diese Versuche 
verdienen an dem Beispiel der in Deutschland getroffenen Maßnahmen, 
die für andere Länder vielfach vorbildlich wurden, eine kurze Darstellung. 

Der erste von der deutschen Regierung versuchte Eingriff in die 
Preisgestaltung der Devisen war die vom Bundesrat erlassene Bekannt- 
machung vom 20. Januar 1916 über den Handel mit 
ausländischen Zahlungsmitteln. 

Die für den Erlaß dieser Bekanntmachung maßgebenden Gründe 
waren vor allem, daß die Spekulation in Devisen, die bei der ständigen 
Steigerung der Devisenkurse „ein verlockend sicheres Geschäft" zu 
sein schien, immer weiter um sich griff und damit das Uebel der Ent- 
wertung der deutschen Valuta verschärfte, ferner die Wahrnehmung, 
daß eine starke Nachfrage nach Devisen auf den deutschen Märkten 
„durch die Arbitrage bedingt würde, deren sich neben den uns ver- 
bündeten Ländern nicht zum wenigsten auch neutrale und feindliche 
Länder bedienten, um Deutschlands Auslandsguthaben für ihre eignen 
Interessen nutzbar zu machen". *) Infolge der sich aus diesen Umständen 
ergebenden Erschwerung der Devisenbeschaffung für den legitimen 
Einfuhrhandel sahen sich die Importeure dazu gedrängt, ihren Bedarf 
bei ihren Bankverbindungen mit erhöhten Beträgen oder gleichzeitig bei 
verschiedenen Stellen anzumelden, w'as ein weiteres Hochtreiben der 
Devisenkurse bewirken mußte. 

Unter diesen Umständen erschien es — bei aller Erkenntnis, daß 
eine nachhaltige Besserung der deutschen Valuta nur durch eine 
günstigere Gestaltung der elementaren Faktoren der deutschen Zahlungs- 
bilanz erreicht werden könne — angezeigt, den Versuch zu machen, 
die nachteiligen Wirkungen der Spekulation und Arbitrage auf die 
Devisenkurse durch Konzentration und Kontrolle des Deviseuhandels 
so weit wie irgend möglich auszuschalten. 

Die Bekanntmachung des Bundesrates vom 20. Januar 1916 be- 
stimmte, daß ausländische Geldsorten und Noten sowie Auszahlungiu, 
Schecks und kurzfristige Wechsel auf das Ausland im Bt-triebe eines 
Handelsgewerbcs nur bei den vom Reichskanzler bestimmten Personen 
und Firmen gekauft, umgetauscht oder darlehnsweise erworben und 



') Vergl. Denkschrift über wirtechaftliche Maßnahmen aus Anlaß des Kriegen 
8. Nachtrag, Drucksachen des Reichstags 1914/1 ü Nr. 'J25, S. 76 jBf. 

16 



244 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverbältnisse. 

nur an solche Personen und Firmen verkauft, verpfändet oder darlehns- 
wcise veräußert werden dürften. Dem Reichskanzler wurde die Er- 
mäehtiirung erteilt, Ausnahmen zuzulassen. Er hat von dieser Er- 
mächtigung zugunsten des Umwechsiungsverkehrs, des Verkehrs nach 
den besetzten Gebieten Belgiens und Kußlands und des Postverkehrs 
Gebrauch gemacht. Zum Devisenhandel zugelassen wurden außer der 
Reichsbauk eine beschränkte Anzahl erster ßankfirmen in Berlin, 
Frankfurt a. M, und Hamburg. Die Zulassung dieser Firmen wurde 
von der Uebernahme und Einhaltung bestimmter Verpflichtungen ab- 
hängig gemacht; insbesondere sollten Devisen-Differenzgeschäfte jeder 
Art ausgeschlossen sein; Angebote von Devisen nach dem In- und 
Auslande sollten unterbleiben; Devisen sollten ohne Zustimmung der 
Rt'ichsbank nur abgegeben werden, wenn sie zur Bezahlung einge- 
führter oder einzuführender für den Inlandsbedarf unumgänglich nötiger 
Waren dienten. Die Reichsbauk behielt sich vor, bestimmte Waren zu 
bezeichnen, für deren Bezahlung Devisen nicht abgegeben werden durften. 
Nach dieser Richtung hin wurden die Bestrebungen der Reichsbank 
wirksam unterstüzt durch die oben bereits erwähnte Verordnung über 
das Verbot der Einfuhr entbehrlicher Waren. 

Die Festsetzung der Devisenkurse sollte ausschließlich in Berlin 
unter Mitwirkung und Zustimmung der Reichsbank erfolgen, und zwar 
in Geld- und Briefkursen. Soweit für Devisen auf dieser Grundlage 
eine amtliche Notiz eingeführt wurde — seit Kriegsausbruch war die 
Notierung von Devisen untersagt gewesen — sollten sie allgemein zum 
Briefkurs abgegeben und zum Geldkurse des betreffenden Tages herein- 
genommen werden. 

Diese Regelung hatte zunächst einen gewissen Rückschlag in der 
Steigerung der Devisenkurse zur Folge. Während in der ersten Januar- 
woche des Jahres 1916 die Kurse sprunghaft gestiegen waren, schlug 
die Bewegung in ihr Gegenteil um, als die Absichten der Reichs- 
regierung bekannt wurden. Der Rückschlag war jedoch nur von kurzer 
Dauer, Immerhin gelang es bis Ende des Jahres 1916, eine gegenüber 
der bisherigen Entwicklung bemerkenswerte Stabilität der Devisenkurse 
zu erzielen. 

Die neuerliche Steigerung der Devisenkurse, die in den letzten 
Monaten des Jahres 1916 eintrat, gab Veranlassung zu dem Versuch, 
die Devisen-Regelung auszubauen. Eine Bekanntmachung des Bundesrats 
vom 8. Februar 1917 (Devisen-Ordnung) unterwarf auch die nicht 
im Betriebe eines Handelsgeschäftes abgeschlossenen Devisengeschäfte 
den beschränkenden Bestimmungen und bezog neben den Zahlungs- 
mitteln auch die Forderungen und Kredite in ausländischer Währung 
in die Regelung ein, indem sie ganz allgemein die Verfügung über 
Zahlungsmittel, Forderungen und Kredite in ausländischer Währung 
ohne Einwilligung der Reichsbank nur noch zugunsten einer der zum 
Devisenhandel zugelassenen Banken gestattete. Außerdem verfügte sie 
Beschränkungen auch für den sich in Markzahlungen abwickelnden 
Zahlungsverkehr mit dem Aaslande. Es hatte sich herausgestellt, daß 
angesichts der Knappheit des Devisenangebots auf dem deutschen Markte 
inländische Zahlungsmittel in erheblichem Umfang zu Zahlungen, auch 



T.Kapitel. Entwicklnng des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §9, 245 

zu solchen an eich unerwünschter Natnr, nach dem Auslande ver- 
wendet worden; so zur Bezahlung von mehr oder weniger euthehrliehen 
Einfuhrwaren und zur Begründung von Guthaben in ausländischer 
Wahrung, die sich der ICoutroUe der Reichsbank entzogen. Daraus 
war ein immer stärker werdendes Angebot von deutscher Mark auf den aus- 
ländischen Plätzen entstanden, das für die deutsche Valuta die gleichen 
bedenklichen Folgen haben mußte, wie eine ungeregelte Nachfrage nach 
ausländischen Devisen in Deutschland selbst. 

Um hier einen Riegel vorzuschieben, übertrug die Devisen-Ordnung 
die Ueberwachung der Markzahlungen an das Ausland der Reichsbank. 
Jede Ueberführung inländischer Zahlungsmittel an das Ausland wurde 
von der Genehmigung der Reichsbank abhängig gemacht. Durch Post- 
kontrolle und Grenzüberwachung versuchte man die Wirksamkeit dieser 
iiestimmung zu sichern. 

Dagegen mußte man schon im Interesse der Aufrechterhaltung 
des Kredits der mit dem Auslande in Beziehung stehenden deutschen 
Staatsangehörigen und Unternehmungen darauf verzichten, auch die 
anderen Zahlungsw^ege und Zahlungsmöglichkeiten in ähnlicher Weise 
zu verschränken. In Betracht kamen insbesondere die Begründung 
von Markguthaben in Deutschland zugunsten eines Ausländers, die 
Ucbertraguug bereits bestehender Markguthaben an Ausländer und die 
Einziehung von Markguthaben und Markforderungen durch Ausländer. 
Da ein Verbot der Erfüllung von Verbindlichkeiten gegenüber neutralen 
Ausländern ausscheiden mußte, blieb nur der Weg, die Einziehung der 
Verbindlichkeiten gegenüber dem Auslande von der Einwilligung der 
Reichsbank abhängig zu machen. Die Verordnung beschränkte sich 
dabei auf die für die Valutaregulierung wichtigsten Gebiete, nämlich auf 
die Einziehung von Verbindlichkeiten zum Zwecke des Erwerbs von 
Waren oder Wertpapieren, von Kostbarkeiten, Kunst- und Luxnsgegen- 
btäuden jeder Art, von Grundstücken und Schiffen, sowie auf die Ein- 
räumung von Markkrediten an im Auslande ansässige Personen und 
Firmen. 

Die auf solche Weise erweiterte und verschärfte Ueberwachung 
und Regelung des Verkehrs in ausländischen Zahlungsmitteln und in 
auf ausländische Währung lautenden Forderungen wurde ergänzt durch 
die Einfuhrung eines Anmeldezwanges für ausländische Zahlungsmittel 
und Geldforderungen an das verbündete und neutrale Ausland. Der 
Reichskanzler erhielt die Ermächtigung, anzuordnen, daß der Reichsbank 
auf ihr Verlangen ausländische Zahlungsmittel und auf ausländische 
Währungen lautende Forderungen zum Tageskurs zu übertragen seien'). 

Die Devisenordnung ist nach Beendigung des Krieges durch eine 
am 11. September 1919 veröffentlichte Verordnung vom 23. Juli 11)19 
aufgehoben worden. Der Verkehr in ausländischen Zahlungsmitteln 
wurde aber damit nicht etwa von allen Beschränkungen befreit; er 
blieb vielmehr weiterhin der Ueberwachung und Regelung unterworfen, 

') Das Nähere über Ansgestaltung und Anwendung der Devisenordnnng 
siehe in dem 10. und 11. Nachtrag zu der Denkichrift über wirtschaftliche Maß- 
nahmen ans Anlaß des Krieges, Drucksachen des Reichstages 1914/17 Nr. 650 
und 1214. 



246 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

die in Rücksicht auf die Rekämpfano; der (.Kapitalflucht" für notwendig 
gehalten und in dem Gesetz, getren die Kapitalflucht vom 8. September 1919 
testgelegt \Yurden. \'or allem aber zwangen die uns in dem Versailler 
Diktat auferlegten gewaltigen Kontributionszahlungen zu einer beträcht- 
lichen Verschärfung der Maßnahmen zur Erfassung der aus dem deutschen 
Export entstehenden Forderungen an das Ausland. Die Ablieferungs- 
pflicht fUr „E X p r t d e V i s e n" wurde nach jeder Möglichkeit ausgebaut, 
und der Reichsbank wurde auf diese Weise die Verfügung über den 
größeren Teil des für den Handel überhaupt iu Betracht kommenden 
Devisen-Materials gesichert. Niemals hat in irgend einem Lande eine 
zentrale Stelle den Handel in Devisen auch nur annähernd in diesem 
Umfange „kontrollieren" können. Trotzdem war, wie die Katastrophe 
des deutscheu Volkes zeigt, die Macht der realen Tatsachen stärker 
als jede ».Devisenpolitik". 

Diese Erfahrung, die Deutschland unter dem Drucke der Kontri- 
bution bis zur Neige durchkosten muß, haben auch die anderen am 
Kriege beteiligten Staaten und sogar die Neutralen machen müssen. 
Abgesehen von den Vereinigten Staaten, deren Währung in den Stürmen 
des Weltkrieges als der einzige feste Pol in der Erscheinungen Flucht 
dasteht, hat nur England mit einem Aufgebot ganz großer Mittel während 
des Krieges vorübergehend eine gewisse Stabilität seiner Vatuta zu 
erzielen vermocht. 

Selbst der amerikanische Dollar hat in der ersten Zeit des Krieges 
auffallende und merkwürdige Schwankungen durchgemacht. Unter dem 
Drucke der plötzlichen Zurückziehung der europäischen, insbesondere 
der englischen Guthaben sank die amerikanische Valuta gegenüber dem 
Gelde einzelner europäischer Staaten — und zwar nicht nur der Neu- 
tralen sondern insbesondere auch Englands — vorübergehend nicht 
unwesentlich unter die Goldparität. 

Die Goldparität zwischen dem Dollar und dem Pfund Sterling ist 
4,86 ^8 Dollar = 1 Pfd. St. Der Sterlingkurs wurde in New York 
am 30. Juli 1914 mit 5,15 notiert. Dieser Kurs bedeutete eine Entwertung 
des Dollars gegenüber dem Pfund Sterling um rund 6 Prozent. Die 
folgenden Wochen brachten eine Erholung, aber bis zum September 1914 
hielt sich der Sterlingkurs in New York über der Parität. Erst gegen 
Jahresschluß trat eine entscheidende Wendung ein; am 29. Dezember 1914 
wurde als niedrigster Jahreskurs 4,8565 notiert. 

Auch die deutsche Mark stand in den ersten zwei Monaten des 
Krieges in New York über Parität; sie wurde Ende Juli mit 96 Cts. 
für 400 Mark, im Durchschnitt des September noch mit 95,72 Mark 
bei einer Parität von 95,29, notiert. Hier trat jedoch der Umschwung 
zeitiger und stärker ein als gegenüber dem Pfund Sterling; am 
31. Dezember 1914 war die New Yorker Notiz für 400 Reichsmark 
nur noch 88 "/^ Cts., die Mark stand also nahezu 7 Prozent unter Parität. 

Trotz dieser Vibrationen in der allerersten Zeit des Krieges kommt 
allein der amerikanische Dollar — sowohl wegen seines festen Ver- 
hältnisses zum Golde als auch wegen der überragenden wirtschaftlichen 
und finanziellen Bedeutung der Vereinigten Staaten — als Maßstab 
für die Wertgestaltung der übrigen Valuten in Betracht. 



T.Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. §9. 247 

An diesem Maßstabe gemessen gestaltete sich die Valuta der 
wichtigsten kriegführenden und neutralen Länder folgendermaßen: 

England : Der Kurs für Kabelauszahlungeu London zeigte vom Aus- 
gang des Jahres 19 14 an eine fortschreitende Verschlechterung, bis am I.Sep- 
tember 1915 ein Tiefpunkt 4,55 erreicht wurde (Entwertung gegenüber 
der Parität 6,5 Prozent). Jetzt griff die britische Regierung mit großen 
Mitteln ein, um dem Kursrückgang des Pfundes Einhalt zu gebieten, 
eine Besserung zu erzielen und womöglich eine Stabilisierung zu er- 
reichen. Zu diesem Zwecke wurden große Summen effektiven Goldes 
an die Vereinigten Staaten abgegeben, wurden Anleihen mit ameri- 
kanischen Finanzgruppen abgeschlossen, umfangreiche kommerzielle 
Kredite aufgenommen und amerikanische Wertpapiere aus altem bri- 
tischen Besitz an die Vereinigten Staaten zurückverkauft. Da zudem 
amerikanische Bankgruppeu dem englischen Bestreben auf Besserung der 
britischen Wechselkurse bereitwillig ihre Unterstützung liehen, gelang 
es in der Tat, den Sterlingkurs in New York von seinem Tiefstande 
Anfang September 1915 bis auf etwa 4,765 im März 1916 zu heben 
und auf diesem Kurse, d. h, auf etwa 2 Prozent unter der Parität, bis 
in das Jahr 1919 hinein annähernd stabil zu halten. Dagegen trat ein 
neuer und scharfer Rückgang des Sterlingkurses ein, als die britische 
Regierung die Politik der Stabilisierung des New Yorker Wechsel- 
kurses aufgab. Die ungeheuren finanziellen Anforderungen dieser 
Politik erschienen nach Beendigung des Krieges nicht mehr zu recht- 
fertigen. Anfang des Jahres 1919 stellte deshalb das britische Schatz- 
amt zunächst den Ankauf fremder Wertpapiere für die Zwecke der 
Regulierung des Wechselkurses ein, und im März 1919 erhielt das 
New Yorker Bankhaus Morgan & Co., das während des Krieges in 
den Vereinigten Staaten als Finanzagent der britischen Regierung 
figuriert hatte, die Anweisung, Sterlingkäufe behufs Stabilisierung der 
britischen Wechselkurse nicht weiter vorzunehmen. Diese für Rechnung 
der britischen Regierung getätigten Interventionskäufe hatten in der 
Zeit vom Januar 1916 bis März 1919 den ungeheuren Betrag von 
rund 4 Milliarden Dollar erreicht'). Infolge der Aufhebung dieser 
regulierenden Maßnahmen übte die ungünstige Gestaltung der englischen 
Handelsbilanz — gewaltiger Einfuhrbedarf für die Wiederauffüllung 
der während des Krieges aufgezehrten Warenbestände und für die 
Wiederingangsetznng der britischen Friedensindustrien — auf die bri- 
tische Valuta ihre volle Wirkung aus. Das Jahr 1919 schloß mit 
einem Kurs von 3,765 Dollar für das Pfd. St.; im Laufe des Februar 1920 
ging der Sterlingkurs in New York zeitweise sogar bis auf 3,20 
Dollar herab. Das bedeutete eine Entwertung der britischen Valuta, 
am Dollar gemessen, um ein volles Drittel, oder — anders ausgedrückt 
— ein Aufgeld des Dollar gegenüber dem Pfd. St. um 50 Prozent. 
Seither ist eine wesentliche Erholung eingetreten. Bis zum Dezember 
1921 stieg der New Yorker Sterlingkurs auf 4,22, und jetzt, Ende 
Jannar 1923, stellt er sich auf 4,6856. Die Entwertung beträgt also 
jetzt nur noch etwa 4 Prozent. 

^) Siehe -The Chronicle" vom :'>. Ajiril 1019, zitiert in der „Volkswirtschaft- 
lichen Chronik der ,, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik" 1919 S. 1016. 



248 Erstes Buch. II. Absclinitt. Die Gestaltang der Edelmerallverhältnisse. 

Fraukreich: In noch stärkerem Maße als der Sterling:kurs 
zeigte die New Yorker Notiz für den fran/ösischeu Frauken im Laufe 
des Jahres 1915 nach unten. Gegenüber dem Parikurse von 518,25 Fr. 
für 100 Dollar und gegenüber einem Kurse von 516,50 am 2. Januar 
1915 stellte sich die Notiz am 31. August 1915 auf 604, also auf etwa 

11 Prozent unter Pari. Dann brachte die von Frankreich in Verbindung 
mit Euglaud in den N'ereinigten Staaten abgeschlossene große Anleihe 
eine Besserung, die jedoch in engen Grenzen blieb; der Kurs am 
31. Dezember 1915 war 586. Im April 1916 wurde, trotzdem Frauk- 
reich große Anstrengungen machte, um in ähnlicher Weise wie England 
seine Valuta zu stabilisieren, wieder ein Kurs von 607 erreicht. Jene 
Anstrengungen fiihrteu dann zu einer leichten Besserung bis auf etwa 
583 im Herbst 1916. Das Jahr 1917 brachte mit dem Eintritt der 
Vereinigten Staaten in den Krieg ein aktives Interesse der amerikanischen 
Politik und Finanz an der Hebung und Stabilisierung des Frankenkurses. 
Während der zweiten Hälfte des Jahres 1917 und bis zum Ausgang 
des Sommer 1918 bewegte sich der New Yorker Kurs auf Paris mit 
geringen Schwankungen von etwa 573 auf etwa 570; es wurde also 
eine annähernde Stabilisierung des Frankenkurses auf einem Niveau 
von etwa 10 Prozent unter Pari erreicht. Vom Juli 1918 wirkten die 
großen amerikanischen Zahlungen für den Uuterhalt der nach Frank- 
reich verschifften Truppen und die Wendung des KriegsglUcks zugunsten 
der Alliierten zusammen auf eine erhebliche Besserung der französischen 
Valuta. Am Schluße des Jahres 1918 vrnrde der Kurs auf Paris in 
New York nur noch mit 545 notiert, die Entwertung des französischen 
Franken gegenüber dem amerikanischen Dollar war also auf 5 Prozent 
zusammengeschrumpft. Aber diese Besserung war nur von kurzer Dauer. 
Die Preisgabe der von England geführten Politik der Beeinflussung des 
New Yorker Devisenmarktes hatte für Frankreich, das sich an jener 
Politik nach Kräften beteiligt hatte, noch viel schlimmere Folgen als 
für England. Schon Anfang April 1919 mußte der Dollar mit mehr 
als 6 Franken bezahlt werden, im Dezember 1919 mit mehr als 

12 Franken; im April 1920 wurde er auf mehr als 17 Franken hin- 
aufgetrieben, um dann nach einer erheblichen aber vorübergehenden 
Besserung zu Beginn des Jahres 1921 seinen Höchststand mit 17,18 fr. 
für den Dollar zu erreichen. Dann trat bis Anfang Juni 1922 ein Rück- 
gang bis auf etwa 11 Fr. für den Dollar ein, sodaß damals 
gegenüber dem amerikanischen Dollar die französische Valuta, die um 
die Wende des Jahres 1920 und 1921 auf weniger als ein Drittel 
des Pariwertes herabgesunken war, nur noch um wenig mehr als 
die Hälfte entwertet war. In der zweiten Hälfte des Jahres 1922 
trat in Verbindung mit der von Frankreich selbst hervorgerufenen 
Komplikation des Keparationsproblems eine neue Verschlechterung der 
französischen Valuta ein, die sich im Januar 1923 mit der Besetzung 
des Ruhrgebiets erheblich verschärfte. Ende Januar 1923 notierte der 
Dollar in Paris 16,89 fr.; die französische Valuta hat damit ihren Tief- 
stand vom Beginn des Jahres 1921 annähernd wieder erreicht. 

Italien: Obwohl Italien erst im April 1915 in den Krieg ein- 
trat, wurde die italienische Valuta von Anfang an durch den Krieg 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 9. 24^ 

stark in Mitleidenschaft gezogen. Am 30. Juli 1914 wurden fllr lOü 
französische Franken 106 '/j italienische Lire gezahlt. Auch in der 
Folgezeit stellte sich die italienische Valuta stets noch ungunstiger als 
die französische. Gegenüber dem amerikanischen Dollar zeigte die 
Lira während des Krieges einen kaum unterbrochenen KUckgaiig, der 
im Juli 1918 mit einem Kurse von 897 Lire für 100 Dollar (Unter- 
wertung der Lira etwa 42 *•/(,) seinen Tiefpunkt erreichte. Der gleich- 
zeitige Kurs auf Italien in Paris war 59,75 Fr., in Zürich 41,37 Fr. 
für 100 Lire. Die dann einsetzende Besserung der italienischen Valuta 
bis auf einen Kurs von 636 Lire für 100 Dollar war stärker als die 
gleichzeitige Kursbesserung der meisten anderen Valuten; der italie- 
nische Kurs in Paris stellte sich wieder auf 85, in der Schweiz auf 
74,80. Die folgenden Jahre brachten jedoch auch für die italienische 
Valuta einen Rückgang, der die Entwertung in der Kriegszeit weit 
übertraf. Ende 19iO stellte sich der italienische Kurs auf New York 
auf ii875, was einer Unterwertung der Lira von 82 ''/o entspricht. Die 
gleichzeitigen Kurse auf Rom in Paris und Zürich waren 57,25 und 
21,85 Franken für 100 Lire. Dann ist eine Besserung ungefähr im 
Ausmaße derjenigen der französischen Valuta eingetreten. Im Juni 1922 
stellte sich der italienische Kurs auf New York auf etwa 1960, der 
Pariser Kurs auf Rom, wie Ende 1920, auf etwa 57,25. Seither hat 
sich die italienische Valuta weiter gehoben. Ende Januar 1923 notierte 
die Lira in Zürich 25,40 Cts, in Paris sogar 80,40 Cts. 

Niederlande: Ganz anders als die Valuten der kriegführenden 
Staaten gestalteten sich die Valuten der europäischen Neutralen, die als 
Lieferanten dringend benötigter Waren an die beiden kriegführenden 
Mächtegruppen einen starken Bedarf für ihre Zahlungsmittel sich ent- 
wickeln sahen. 

In der sich daraus ergebenden Valuta-Entwicklung nach oben 
hatten zunächst die Niederlande die Führung. Der Kurs des hollän- 
dischen Gulden stieg nicht nur erheblich über die Parität mit den 
Valuten der kriegführenden Staaten, sondern wurde bald auch in New 
York über Parität notiert. Anfang Januar 1916 stellte sich der Kurs 
auf Amsterdam in New York auf 44,75 Dollar für 100 Gulden, was 
bei einer Parität von 40,14 einen Ueberwert des holländischen Guldens 
von etwa ll^/j^/o bedeutete. Im Laufe des Jahres 1916 trat dann 
allerdings eine allmähliche Senkung bis auf etwa 41 ein, in den 
ersten Monaten des Jahres 1917 ging der Kurs bis auf 40 ^/^g zurück, 
sodaß also die Ueberbewertung des holländischen Gulden nur noch rund 
1"/^ betrug. Daim aber kam es zu einer neuen Steigerung, bis im 
November 1917 abermals der Höchstkurs vom Januar 1916 mit 44,75 
erreicht wurde. Im Laufe des Jahres 1918 stieg die holländische Valuta 
weiter bis auf 52'/^ am 10. August, einen Kurs, der mit einer Ueber- 
wertung des holländischen Guldens gegenüber dem amerikanischen 
Dollar von mehr als 30 7o gleichbedeutend war. Dann folgte ein 
rascher Absturz: Ende 1918 wurde ein Kurs von 42'/^, im April 1919 
wurde die Parität erreicht; in den folgenden Monaten wurde die 
Parität sogar beträchtlich unterschritten, im August 1919 um 8"/o- I-^ie 
.\bwärtsbewegung des Guldens setzte sich mit einigen Schwankungen 



250 Erstes Biuh, II. Abschnitt. Die Gei^taltung dor Edeluietallverliältnisse. 

bis zum Ende des Jahres 1920 fort; damals ^Yurde eiu Kurs vou etwa 
31 Dollar für 100 holläudische Guldeu erreicht, also eine Entwertung 
der holländischeu Valuta gegenüber der amerikanischen um etwa 237o- 
Das Jahr 1921 brachte eine Besserung; im Dezember wurde ein Höchst- 
kurs von 36,98 erreicht. Seither hat sich diese Besserung mit einigen 
Schwankungen fortgesetzt; Ende Januar 1922 war der New Yorker 
Kurs auf Amsterdam auf 39,43 angelangt; die Entwertung des Guldens 
gegenüber dem Dollar betrug also nicht mehr ganz 2^1^. 

Alles in allem hat also während des Krieges selbst der holländische 
Gulden gegenüber dem Dollar einen Ueberwert gezeigt, der mit 30 "/o 
im August 1918 seinen Höhepunkt erreichte; in der Nachkriegszeit dagegen 
ist der holläudische Gulden erheblich unter die Dollarparität herab- 
gegangen, und zwar bis um 23 "/o ^^ Ende des Jahres 1920; seither 
hat er sich langsam der Parität wieder angenähert. In der großen 
Linie ist diese Entwicklung der holländischen Valuta typisch für die 
Valuten der wichtigsten europäischen Neutralen. 

Schweiz: Ebenso wie der holländische Gulden gewann auch 
der schweizerische Frank während des Krieges einen Ueberwert nicht 
nur gegenüber den Valuten der kriegführenden Staaten, sondern auch 
gegenüber dem amerikanischen Dollar. Allerdings war die Entwicklung 
hier langsamer. Bis in die zweite Hälfte des Jahres 1916 hinein wurde 
die Devise New York in Zürich über Pari notiert (höchster Kurs 5,41 Fr. 
für den Dollar Mitte März 1915, gegenüber der Parität von 5,1825 
eine Unterwertung von etwa 4**/^). Dann aber überschritt die 
schweizerische Valuta die Parität und erreichte nach mancherlei 
Schwankungen im Einzelnen, aber sich stets über der Dollarparität 
haltend, Ende Juli 1918 den günstigsten Kurs von 3,965 Fr. für den 
Dollar, der einem Ueberwert des Franken von mehr als 30 ^/^ entsprach. 
Dieser Höchststand der schweizerischen gegenüber der amerikanischen 
Valuta fiel also sowohl zeitlich, wie auch dem Betrage nach mit dem 
Höchststande der holländischen Valuta zusammen. Dann folgte, wie bei 
der holländischen Valuta der Umschwung: im zweiten Viertel des 
Jahres 1919 war der Schweizer Franken wieder auf seiner Dollar- 
parität angekommen, in den folgenden Monaten ging er beträchtlich 
unter diese herab. Ende 1920 kam der Dollarkurs in Zürich auf 
6,565 an, der einer Entwertung des schweizerischen Franken um 21 "/^ 
entsprach (gleichzeitige Entwertung der holländischen Valuta 23 7o)- 
dann kam abermals wie bei der holländischen Valuta, die Wendung 
zum Besseren, nur in stärkerem Maße und rascherem Tempo. Ende 
1921 überschritt der schweizerische Franken die Dollarparität, aller- 
dings nur um wenige Tausendteile und hat sich bis in den Mai 1922 
auf diesem Stande als höchstbewertete Valuta der Welt gehalten. Ende 
Januar 1923 war der Kurs 536,25 Fr. für 100 Dollar; das bedeutet eine 
Abweichung von der Parität zuungunsten der Schweiz um etwa 3^2 "/o- 

Skandinavien: Die drei skandinavischen Königreiche hatten 
Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts bei ihrem gemein- 
schaftlichen Uebergang zur Goldwährung eine Münzunion abgeschlossen, 
diö eine weitgehende Einheitlichkeit ihres Geldwesens sicherstellen 
.«'ollte. Auch diese Einheitlichkeit ist im Weltkrieg in die Brüche ge- 



7. Kapitel. Eutwickliing des Geldwesen- seit Ausbrurh des Weltkrieges. §9. 251 

gangen. Zwischen der schwedischen, der norwegischen und der dänischen 
Valuta bildeten sich aufgrund der Tatsache, daß die drei Währungen 
ihre feste Beziehung zu Gold verloren, nicht unerhebliche Differenzen 
heraus. Hier genüge es, die Entwicklung der schwedischen Valuta zu 
verfolgen und gelegentlich auf ihr Verhältnis zu der dänischen und 
norwegischen Schwestervaluta hinzuweisen. 

Die Parität der skandinavischen Krone und des amerikanischen Dollar 
18*373,14 Kronen = 100 Dollar. Noch zu Anfang 1915 stand der Dollarkurs 
in Stockholm auf 399, d. h. die schwedische Krone stand etwa 6 Va^/o ^nter 
der amerikanischen Parität. Im Laufe des Jahres 1915 erreichte und 
überschritt die Krone den Parikurs. Ende 1915 notierte der Dollar in 
Stockholm 360, Ende 1916 344. Im Laufe des Jahres 1917 setzte 
sich diese Entwicklung fort, bis Anfang November ein Dollarkurs von 
234 erreicht wurde. Dieser Kurs bedeutete einen Ueberwert der 
schwedischen Krone gegenüber dem amerikanischen Dollar von 55*/,. 
Die schwedische Valuta war in jener Zeit die am höchsten bewertete 
in der ganzen Welt. Sogar der holländische Gulden zeigte gegenüber 
der schwedischen Krone Anfang November 1917 einen Unterwert von 
nahezu 33^0. Die dänische und norwegische Krone, die schon im 
Jahre 1915 hinter dem Wert der schwedischen Valuta zurückgeblieben 
waren, hatten im November 1917 ein Disagio gegenüber der schwe- 
dischen Krone von 17 "/^ zu verzeichnen. 

Während jedoch die holländische und die schweizerische Valuta 
ihre Steigerung gegenüber dem amerikanischen Dollar bis in den Hoch- 
sommer 1918 hinein fortsetzten, trat bei der schwedischen Krone die 
Rückbildung des Kurses schon in den letzten beiden Monaten des 
Jahres 1917 ein. Im März 1919 stellte sich der Stockholmer Kurs 
nuf New York wieder auf Pari also etwas früher als die holländische 
und schweizerische Valuta. Die Senkung der schwedischen Valuta 
setzte sich in stärkerem Ausmaße, als diejenige der holländischen und 
schweizerischen Valuta fort. Ende 1919 kam der Stockholmer Dollar- 
kurs bis auf 466, in der zweiten Hälfte des Jahres 1920 sogar etwas 
höher als 500. Dieser Kurs bedeutete eine Unterbewertung der schwe- 
dischen Krone gegenüber dem amerikanischen Dollar um 25^/3%, während 
in jener Zeit die Unterbewertung der schweizerischen Valuta mit 21'/,. 
der holländischen Valuta mit 23"/(, ihren Tiefpunkt erreichte. In der 
folgenden Zeit hob sich die schwedische Valuta bis auf einen Dollar- 
kurs von 498 Ende 1921 und 375 Ende Januar 1923. Letzterer Kurs 
bedeutet einen Unterwert der Krone gegenüber dem Dollar von nicht 
mehr ganz '/,°/o. 

Spanien: Die spanische Valuta verzeichnete in den Jahren 
vor dem Krieg stets einen Unterwert gegenüber dem französischen 
Franken und gegenüber den Goldvaluten überhaupt. Im Laufe des 
Jahres 1915 erreichte und überstieg die spanische Peseta nicht nur 
die Parität gegenüber dem französischen Franken, sondern auch gegen- 
über dem englischen Pfund. Anfang 1916 wurde auch die Parität 
gegenüber dem amerikanischen Dollar (19,3 Cents für die Peseta) er- 
reicht. Zu Beginn des Jahres 1917 stellte sich der New Yorker Kurs 
auf Madrid auf 21 Cents, Ende 1917 auf 24,1 Cents, Anfang Juni 1918 



252 Erstes Buch. II. Abschuitf. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse. 

auf 28,4 Cents. Damit war der Kulminationspunkt erreicht. Gegen- 
über dem amerikanischen Dollar verzeichnete die spanische Peseta da- 
mals einen Ueberwert von 47%. Aber auch gegenüber den Valuten 
der europäischen Neutralen nahm die spanische Valuta damals einen 
Hochstand ein. Der Kurs Amsterdam — Madrid stand damals — bei 
einer Parität von 48 Gulden für 100 Peseten — auf 58, der Kurs 
Zürich — Madrid — bei einer Parität von 100 schweizerischen 
Franken =100 Peseten — auf 116. Die Peseta hatte damit gegen- 
über dem holländischen Gulden einen Ueberwert von 21 7o> gegenüber 
dem schweizerischen Franken von 16%. 

Die zweite Hälfte des Jahres 1918 brachte auch für die spanische 
Valuta den Kückschlag. Ende 1918 stand die Peseta einige Prozent 
unter der schweizerischen und holländischen Parität und nur noch um 
etwa S^i2^io ^^^^ ^6^ amerikanischen Parität. Während des Jahres 1919 
bewegte sich die spanische Valuta im allgemeinen über dem Stande der 
Valuten der übrigen europäischen Neutralen; im November 1919 notierte 
der Peseteuknrs in Zürich etwa 109. Ende 1919, Anfang 1920 
stellte sich der Kurs New York — Madrid ungefähr auf Pari. Hatte 
sich bis dahin die spanische Valuta besser gehalten als diejenigen der 
anderen europäischen Neutralen, so zeigte sie im Laufe des Jahres 1920 einen 
weit stärkeren Rückgang. Im November 1920 war der Kurs Zürich — 
Madrid nur noch 76; die Unterwertung der spanischen Valuta gegen- 
über der amerikanischen stellte sich damals auf 38727o' gegenüber der 
schweizerischen auf 24%. Zurzeit, Ende Januar 1923, notiert der Kurs 
auf Madrid in Zürich etwa 83,30%, die Unterwertung der Peseta gegen- 
über dem schweizerischen Franken beträgt also noch etwa 16,7%. 

Japan: Das Kaiserreich im fernen Osten hatte mit der Weg- 
nahme von Tsingtau sein Kriegsziel erreicht. Auch wenn es formell 
am Kriege noch weiter teilnahm, war doch wirtschaftlich seine Stellung 
ähnlich derjenigen der europäischen Neutralen und der Vereinigten 
Staaten bis zu deren Eintritt in den Krieg. Infolge seiner enormen 
Warenlieferungen für die Alliierten sah es seine Zahlungsbilanz sich zu 
einer außerordentlich starken Aktivität entwickeln. Die Wirkung 
auf die japanische Valuta war, daß die Notierung des Yen in New York 
vom Anfang des Jahres 1917 an die Parität (49,85 Cents für 1 Yen) über- 
schritt. Im November 1918 erreichte der New Yorker Kurs auf Japan 
mit 54,6 Cents seinen Höhepunkt (Ueberwert des Yen etwas mehr als 
^Va^/o)- ^s folgte dann ein liückgang der japanischen Valuta bis auf 
50,25 Cents Ende 1919 und 46,25 Cents im April 1920 (Unterwertung 
etwa 7%). In den folgenden Monaten überschritt die japanische Valuta 
zeitweise wieder die Parität, um sich dann annähernd auf der Parität 
mit der amerikanischen Valuta zu halten. 

Indien: Der Kurs der indischen Rupie war durch die oben 
besprochenen Maßnahmen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf 
der Parität von 1 sh 4 d für die Rupie stabilisiert worden. Bis zur 
Mitte des Jahres 1917 gelang es der britischen Regierung, trotz des 
großen Zahlungsmittelbedarfs für Indien, den Rupienkurs annähernd auf 
diesem Staude zu halten. Die Notierung der vom India Office in London 
begebenen Council Bills hielt sich bis zum Juli 1917 auf 1 sh 4 5/32 d. 



7. Kapitel. Entwicklung des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges. § 9. 253 

Die amtliche Notiz wurde in den folgenden Jahren eingestellt. Als sie 
im Dezember 1917 wieder aufgenommen wurde, stellte sie sich auf 
1 sh 4 15/16 d. In den folgenden Monaten sah sich die Regierung 
in Rücksicht auf die Steigerung des Silberpreises genötigt, den Ab- 
gabekurs für ihre Rupientratten noch weiter in die Höhe zu setzen; 
zunächst bis auf 1 sh. 6 d im Mai 1918. Die große Silberhausse des 
Jahres 1919 zwang zu weiteren Erhöhungen. Im Mai 1919 stieg der 
Londoner Kurs für die Rupie auf 1 sh. 8 d, im Dezember 1919 gar 
auf 2 sh. 4 d. Damit war die Parität um nicht weniger als Tö''/^ 
überschritten. Der mit dem März 1920 einsetzende scharfe Rückgang 
des ßilberpreises brachte einen Umschwung auch in der Entwicklung 
der indischen Valuta, die schließlich im Laufe des Jahres 1921 wieder 
auf der Parität von 16 d für die Rupie ankam. 

Deutschland: Die Parität der deutschen und amerikanischen 
Valuta ist nach der Berliner Notierung 4,194 Mark =^ 1 Dollar; nach 
der New Yorker Notierung war sie bis zum Jahre 1917 95,375 Dollar 
für 400 Mark, nach der Wiederaufnahme der Notierung des Berliner 
Wechselkurses 27,69 Dollar für 100 Mark. 

Da mit Kriegsausbruch in Berlin die Notierungen der auslän- 
dischen Wechselkurse eingestellt, und erst Ende 1916 in Verbindung 
mit dem ersten Eingriff in den Devisenhandel wieder aufgenommen 
wurden, ist eine Darstellung der Entwicklung der deutschen Valuta 
auf die Notierungen des Markkurses auf den fremden Plätzen an- 
gewiesen. 

In New York notierte der Kurs auf Berlin Ende Juli 1914 96 
Dollar für 400 M., also etwas über Pari. Die Verhältnisse für die Auf- 
rechterhaltung der Valuta lagen indessen für Deutschland wesentlich 
schwieriger als für die Ententemächte. Infolge der Absperrung Deutsch- 
lands vom Seeverkehr wurde die deutsche Ausfuhr besonders stark 
beeinträchtigt, während die Erschwerung der notwendigen Einführen sich 
in beträchtlichen Steigerungen der Preise für Einfuhrwaren auswirkte. 
Der in Friedenszeiten sehr erhebliche Gewinn Deutschlands aus dem 
Seetransportgeschäft kam in Wegfall. Der Ertrag der auswärtigen 
Kapitalanlagen Deutschlands erfuhr durch die Zahlungsverbote und 
durch die Beschlagnahme deutschen Eigenturas seitens unserer Kriegs- 
gegner eine starke Einschränkung, Die Mittel, mit denen wir den schon 
in Friedenszeiten vorhandenen Passivsaldo unseres Warenhandels be- 
glichen hatten, wurden uns also durch den Krieg genommen, während 
gleichzeitig der Passivsaldo selbst beträchtlich größer wurde. Außerdem 
blieb Deutschland die weitherzige finanzielle Unterstützung versagt, die 
Amerika von Anfang an den Ententestaaten gewährte. Es ist unter 
diesen Umständen nicht erstaunlich, daß der Markkurs bald nach 
Kriegsausbruch in stärkerem Maße abbröckelte als der Kurs des eng- 
lischen Pfunds und auch des französischen Franken. 

Bis zum Ende des Jahres 1915 sank der Markkurs in New- York bis 
auf 76,25 also um 20 Prozent unter die Parität. Die im Januar 1916 
in Deutschland eingeführte Ueberwachung und Beeinflussung des Devisen- 
verkehrs hatte für einige Zeit einen gewissen Stillstand in der Kurs- 
entwicklung zur Folge. Vom Monat Mai 1916 ab trat jedoch ein neuer 



254 Erstes Budi. II. Abschnitt. Die Geitaltung der Edelmetallverhältnisse. 

RUckgaug eiü; vorübergehend wurde Aufaug Dezember 1916 der Tief- 
punkt mit 65,75 erreicht, die durch das deutsche Friedensangebot und 
den Friedensschritt des Präsidenten Wilson er\Yeckten Hoffnungen auf 
eine baldige Beendigung des Krieges ließen die Mark jedoch den Kurs 
des Jahresbeginns wiedergewinnen, üie Erklärung des uneingeschränkten 
U-Boot-Krieges und der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit 
Deutschland seitens der amerikanischen Regierung brachten einen 
neuen Rückgang unter 70 Dollar für 4Ü0 Mark, bis Anfang April 1917, 
nach dem formellen Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, in 
New York die Notierung der deutscheu Mark eingestellt wurde. 

Für die Zeit bis zur Wiederaufnahme der Notierungen der deutschen 
Mark in New York muß man zur Beurteilung der Gestaltung der deutscheu 
Valuta die Kurse eines neutralen Platzes auf Berlin und New York zu- 
hilfe nehmen, am besten die Notierungen in der Schweiz. Aus diesen 
ergibt sich folgendes Bild: 

Die Züricher Notierung der Mark ging von 84,875 Fr. für 100 
Mark Ende 1916 auf 59,875 Fr. in der zweiten Oktoberhälfte 1917 
zurück; bei dem gleichzeitig in Zürich notierten Dollarkurs von 4,50 Fr. 
ergibt sich die Gleichung 400 Mark = 53,30 Dollar oder eine Ent- 
wertung der Mark gegenüber dem Dollar um 43 ^j,. Dann trat bis 
zum Jahresschluß 1917 eine wesentliche Erholung ein (Züricher Kurs 
auf Berlin 85,75), der jedoch im Jahre 1918, insbesondere vom Juli 
an, eine neue wesentliche Verschlechterung folgte. Nach einer kurzen 
Reaktion zur Zeit der Verhandlungen über den Waffenstillstand setzte 
sich der Rückgang fort; das Jahr 1918 schloß mit einem Züricher Kurs 
auf Berlin von etwa 60 Fr. für 100 Mark, der bei einem gleichzeitigen 
Züricher Kurs auf New York von 4,80 Fr. für den Dollar einen Kurs 
von 50 Dollar für 400 Mark oder von 8 Mark für den Dollar bedeutete. 
Die Züricher Kurse des 30. Juni 1919, also der Zeit der Unterzeichnung 
des Versailler Friedens, stellten sich für Berlin auf 42,625, für New 
York auf 5,435 und ergaben für den Dollar einen Wert von 12'/^ Mark. 
Bei Friedensschluß war also die Mark gegenüber dem Dollar auf weniger 
als ein Drittel der Parität entwertet. 

Nach Friedensschluß setzte sich die Entwertung in progressiver 
Beschleunigung fort. Der vorläufig tiefste Punkt wurde Ende Januar 1920 
erreicht; der schweizerische Frank notierte damals in Berlin 18,00 Mark. 
Als am 2. Februar 1920 in Berlin die Notierung des Wechsels auf 
New York wieder aufgenommen wurde, stellte sich die Notiz auf 
103,75 Mark für den Dollar, die Mark war also am Dollar gemessen 
auf etwa ^as entwertet. Die folgenden Monate brachten eine rapide 
Besserung bis auf einen Dollarkurs von 34,75 im Mai; aber schon im 
November 1920 erreichte der Dollarkurs wieder die Höhe von 87,75 Mark. 

Diese ungeheuerlichen Schwankungen wurden durch die Ent- 
wicklung der deutschen Valuta im Laufe des Jahres 1921 noch über- 
troffen. Im April 1921 hielt sich der Berliner Dollarkurs zwischen 63,50 
und 68,25 Mark. Nachdem die deutsche Regierung sich im Mai dem 
Londoner Ultimatum unterworfen hatte, sah sie sich in den folgenden 
Monaten gezwungen, die Devisen für die Zahlung der ersten Gold- 
railliarde auf die nunmehr ziöermäßig festgestellte Kontribution aufzu- 



7. Kapitel. Entwickhing des Geldwesens seit Ausbruch des Weltkrieges § 9. 255 

briogen. Ein erheblicher Teil dieser bis zum 31. Augast 1921 zahl- 
baren Summe wurde von der Reiehsbank durch kurzfristige Auslands- 
kredite beschafft, die bis zum Jahresschluß zurückgezahlt werden mußten. 
Als dann im Oktober die Entscheidung des Obersten Kates der Alliierten 
über Oberschlesien bekannt wurde, begann der eigentliche Zusammenbruch 
der deutschen Valuta: der Berliner Dollarkurs stieg im November 1921 
bis auf 310 Mark. Die Mark war damit auf ^ts der amerikanischen 
Parität angekommen. 

Dem plötzlichen Zusammenbruch folgte allerdings eine rasche und 
kräftige Erholung, als Gerüchte über erfolgversprechende Verhandlungen in 
London über eine Revision des Londoner Ultimatums in Umlauf kamen 
und sich schließlich zu der Konferenz von Cannes verdichteten. Schon 
im Dezember 1920 ging der Berliner Dollarkurs zeitweise bis auf 
165,50 Mark hinab, in wenigen Wochen konnte also die Mark nahezu 
die Hälfte ihrer Entwertung wiedergewinnen. Der Januar 1922 brachte 
Schwankungen zwischen 170 und 210, Die folgenden Monate sahen 
eine neue Steigerung des Dollarkurses bis auf 340 Mark Ende März, 
Dann trat unter starken Schwankungen wieder eine rückläufige Be- 
wegung ein; in der ersten Junihäifte 1922 schwankte der Dollarkurs 
zwischen 270 und 290 Mark. 

Das Scheitern der Pariser Anleihekonferenz (Morgan-Comite) am 
10. Juni 1922 und die nunmehr einsetzenden französischen Drohungen 
und Gewaltmaßnahmen besiegelten die Katastrophe; im November 1922 
wurde zum ersten Mal der Dollarkurs von 9000 Mark überschritten. 
Seit der Unterwerfung unter das Londoner Ultimatum (Mai 1921) war 
damit die Mark auf ^/j^^, seit dem Juni 1922 war sie auf ^j^^ des da- 
maligen Standes zurückgegangen. Vom Beginn des Jahres 1923 an 
hat die Besetzung des Ruhrgebietes eine weitere scharfe Entwertung 
der Mark gebracht: Ende Januar 1923 überschritt der Berliner Dollar- 
kurs zeitweite den Satz von 50 000 Mark; das bedeutete einen Wert 
der Papiermark von nur noch Vianoo ^^^ Goldparität und von weniger, 
^'s Vi6o ^^^ Wertes vom Juni 1922. Inzwischen hat eine verhältnis- 
mäßig starke Reaktion auf diese überstürzte und übertriebene Auf- 
wärtsbewegung des Dollarkurses eingesetzt; Mitte Februar 1923 kam 
der Berliner Dollarkurs wieder auf 22 500 Mark an. 

Ostdevisen: Mit ihrer jüngsten Entwertung ist die Mark 
erheblich sogar unter das Niveau der meisten sogenannten „Ostdevisen" 
herabgesunken. Nur Rußland, dessen Geld einer völligen Entwertung 
verfallen ist, hält einen unerreichten Rekord. Die österreichische Krone, 
die zur Zeit der Unterzeichnung der Friedensverträge gegenüber der 
bereits entwerteten deutschen Mark etwa die Hälfte ihres Wertes ein- 
gebüßt hatte — sie notierte im Juli 1919 etwa 45 Pfennig gegenüber 
einer Friedensparität von rund 85 Pfennigen — , sank in der Folgezeit 
vorübergehend unter den Satz von 2 Pfennig hinab. Während aber seit 
August 1922 mit Hilfe des unter Preisgabe der staatlichen Souveränität 
erkauften Völkerhundkredites dem weiteren Absinken der österreichischen 
Valuta Einhalt geboten worden ist, hat sich gerade seit jenem Zeit- 
punkt die Katastrophe der deutschen Valuta vollendet; die österreichische 



256 Erstes Bach. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse, 

Krone erreichte Ende Januar 1923 in Berlin vorübergehend einen Kurs 
von 66,3 Pfennig: das Aufgeld der Krone gegenüber der Mark ist damit 
auf 28,4 Prozent zusamniengeschrunipft. 

Die Valuta der Tschecho-Slovvakei, die bis in das Jahr 1921 
hinein ungefähr auf der Parität mit der Mark und zeitweise etwas darunter 
gehalten hatte (85 Pfennig für die Krone), steht heute turmhoch über 
der Mark; Ende Januar 1923 wertete sie 1350 Mark, also das 
1600 fache der Parität. Auch die Valuten der Balkanstaaten stehen 
auf dem mehrhundertfacheu ihrer Markparität. Selbst die ungarische 
Krone, die zeitweise noch unter der österreichischen gestanden hatte, 
notierte Ende Januar 1923 in Berlin 18,10 Mark, mehr als zwanzig 
Mal so hoch wie die Friedenaparität. Sogar die polnische Mark, die 
zeitweise nicht viel mehr als 2 Pfennige gegolten hat, gewann Ende 
Januar gegenüber der deutschen Mark vorübergehend ein Aufgeld von 
10 ^/j Prozent. (Kurs in der zweiten Februarhälfte wieder 45 bis 
50 Pfennig für die polnische Mark.) 

Die nachstehenden beiden Uebersichten geben einen Ueberblick, 
wie sich die Valuten der wichtigsten Länder auf die deutsche Mark 
und auf das englische Pfund Ende Januar 1923 projizierten. 

Das Auseinanderklaffen der Valuten in einem bestimmten Zeit- 
punkte wird in seiner Wirkung verschärft durch die auch in den günstigsten 
Fällen immer noch sehr erheblichen Schwankungen innerhalb bestimmter 
Zeitabschnitte. 

Stand der deutschen Valuta am 31. Januar 1923. 




Wert der Mark 
iu Prozenten 
der Friedens- 
parität 



New York 
Stockholm 
'Amsterdam 
Zürich 
London 
Yokohama 
Buenos Aires 
Madrid 
Kopenhagen 
Ohristiauia 
Rio de Janeiro 
Paris 
Brüssel 
Rom 
Prag 

Helsingfors 
Konstantinopel 
Athen 
Agram 
Sofia 
Bukarest 
Budapest 
Warschau 
Wien 



Dollar 


z= 


4,198 


M. 


49 000 


0,0083 


Krone 


= 


1,125 




13 100 


0,0086 


Frank 


= 


1,687 


)) 


19 325 


0,0087 


Frank 


= 


0,81 


r 


9 140 


0,0089 


Pfd. St. 


= 


20,43 


n 


227 500 


0,0090 


Yen 


^^z 


2,(!92 


y) 


22 450 


0,0096 


Peso N. 


= 


1,782 




17 950 


0,0099 


Peseta 


= 


0,81 


J) 


7 490 


0,0108 


Krone 


= 


1,125 


Y) 


9 275 


0,0121 


Krone 


= 


1,125 


n 


8 975 


0,0125 


Milreis 


= 


1,36 




5 250 


0,0260 


Frank 


= 


0,81 


w 


2 885 


0,0281 


Frank 


r= 


0,81 


yt 


2 550 


0,0318 


Lira 


= 


0,81 


n 


2 310 


0,0351 


Krone 





0,8506 


ft 


1350 


0,0630 


Fin. M. 


= 


0,81 


yy 


1118 


0,0668 


Ley 


= 


18,45 


yt 


24 275 


0,0760 


Drachme= 


0,81 


y) 


480 


0,1687 


Dinar 


z= 


0,81 


ft 


417 50 


0,1940 


Lewa 


= 


0,81 


11 


275 


0,2909 


Lei 


= 


0,81 




135 


0,6000 


Krone 


= 


0,8506 


f^ 


1810 


4,6960 


Poln M 


== 


1 




1105 


90,5000 


Krone 


= 


0,8506 


w 


663 


428,4000 



Kapitel. Entwicklung des Geldweseug aeit Ausbruch des Weltkrieges. §9. 257 
Devisenkurse iu London am 31. Januar 1923. 













Wert d. fremden 


auf 




Parität 




Kurs 


Valuta in 
Prozenten der 
Friedensparität 


New York 


1 £ = 


4,86V, 


Dollar 


'^,62'/« 


05,24 


Stockholm 


1 £ = 


18,159 


Kronen 


17,365 


04,57 


Montreal 


1 £ = 


4,86^8 


Dollar 


4,67^8 


04,00 


Bombay 


16 d = 


1 


Rupie 


16V, 


02,88 


Amsterdam 


1 £ = 


12,107 


Gulden 


11,78^/8 


02,79 


Yokohama 


24,58 d = 


1 


Yen 


SSV,. 


01,72 


Mexiko 


24,58 d = 


1 


Dollar 


25,— 


01,71 


Schweiz 


1 £ = 


25,225 


Franken 


24,86 


01,47 


Alexaudria 


1 £ = 


97V. 


Piaster 


97V2 


00,- 


Buenos Aires 


47^/s d = 


1 


Peso Gold 


43,50 


91,72 


Montevideo 


51 d == 


1 


Peso Gold 


43V8 


84,74 


Madrid 


1 £ = 


22,5 


Peseta 


29,88 


84,45 


Kopenhagen 


1 £ = 


18,159 


Kronen 


24,25 


74,88 


(^hristiania 


1 £ = 


18,152 


Kronen 


25,05 


72,49 


Rio de Janeiro 


16 d = 


1 


Milreis 


5,97 


37,31 


Valiiariso 


1 £ = 


13Vs 


Peso Gold 


37- 


36,03 


Paris 


1 £ = 


25,y25 


Franken 


79,75 


31,65 


Brüssel 


1 £ = 


25,225 


Franken 


90,05 


28,01 


Italien 


1 £• = 


25,225 


Lire 


99,25 


25,41 


Prag 


1 £ = 


24,02 


Kronen 


160,— 


15,01 


Koustantinopel 


1 £ = 


110,— 


Piaster 


750,— 


14,67 


Helsingfors 


1 £ = 


25,225 


Fin. Mark 


184,50 


13,34 


Athen 


1 £ = 


25,225 


Drachmen 


385,— 


6,55 


Belgrad 


1 £ = 


25,225 


Dinar 


525,- 


4,80 


Sofia 


1 £ = 


25,225 


Lewa 


775,— 


3,25 


Bukarest 


1 £ = 


25,225 


Lei 


1162,50 


2,17 


Budapest 


1 £ = 


24,02 


Kronen 


12,250 


0.19 


Warschau 


1 £ = 


20,43 


Polu. Mark 


145,000 


0,014 


Berlin 


1 £ = 


20,43 


Mark 


220.000 


0,0093 


Wien 


1 £ = 


24,02 


Kronen 


335,000 


0,0072 



Eine annähernde Stabilität auf der Grundlage des früheren Gold- 
pari hat sich jetzt, im fünften Jahre nach dem Abschluß des Welt- 
krieges, erst wieder zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada, Schweden, 
Holland, der Schweiz, Indien, Mexiko, Aegypten, England und Argen- 
tinien hergestellt. Spanien, Dänemark und Norwegen folgen in einigem 
Abstand. Von diesen durch einen weiten Abgrund getrennt kommen Frank- 
reich, Belgien und Italien, dann die Tschecho-SIowakei, die Türkei, 
Griechenland und die übrigen Balkanstaaten, Ungarn. Ganz tief im 
Abgrund liegen Deutschland, Polen, Oesterreich, Kußland. 

Die Entwicklung des Valuta-Chaos tut überzeugend dar, daß mehr 
noch als alle Zerstörungen des Krieges die unsinnigen Bestimmungen der 
Friedensverträge und die „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln'* 
die Katastrophe des internationalen Geldwesens verursacht haben. Nie- 
mand vermag abzusehen, wohin die Dinge noch treiben werden, wenn 
nicht anstelle der Gewaltakte der „Siegerstaaten" endlich die wirt- 
schaftliche und finanzielle Vernunft tritt. 



U elii eri c h, Dus Geld. 



17 



Zweites Buch. 

Theoretischer Teil. 



1. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. 
§ 1. Allgemeines über die Definition des Geldes. 

Die FeststelluDg des Geldbegriifs galt von jeher als ein schwieriges 
Problem der theoretischen Nationalökonomie. So geläufig die Vor- 
stellung des Geldes ihrem allgemeinen Inhalte nach für jedermann ist, 
so schwer erscheint es, diese allgemeine Vorstellung in eine kurze 
Formel zu fassen. Bei näherer Betrachtung stellt sich das Geld als 
so vielgestaltig in seinen Erscheinungsformen und Funktionen dar, daß 
das Gemeinsame und Wesentliche in dem großen Komplexe der Einzel- 
wahrnehmungen unterzugehen droht. So kommt es, daß wir zwar 
eine große Anzahl von Definitionen des Geldes besitzen, aber keine, 
die allgemeine Anerkennung gefunden hätte. 

Die meisten Definitionen des Geldes knüpfen nicht an die Sub- 
stanz des Geldes, sondern an seine Funktionen an, und das augen- 
scheinlich mit Kecht. Denn das Geld ist, wie im historischen Teile 
dieses Buches bereits dargestellt wurde, nicht ein Ding an sich, 
wenigstens nicht notwendig ein Ding an sich; vielmehr kann ein und 
derselbe Gegenstand Geld sein, soweit er innerhalb der Volkswirtschaft 
bestimmte Funktionen erfüllt, und er hört auf Geld zu sein, soweit er 
andere Funktionen erfüllt. Allerdings haben wir gesehen, daß die 
Entwicklung des Geldes die Tendenz hat, zu einer selbständigen Dar- 
stellung, zu einer Verkörperung der Geldfunktionen zu führen; daß 
z. B. das Metall in gemünzter Form in der Regel nur Geldfunktionen 
erfüllt und daß das Papiergeld seiner ganzen Beschaffenheit nach 
überhaupt nur als Geld dienen kann. Aber diese Entwicklungstendenz 
hat sich im modernen Geldwesen, soweit es überhaupt noch auf 
metallischer Grundlage beruht, noch nicht entfernt im ganzen Um- 
fange durchgesetzt. Die Kegel, daß die Edelmetalle in gemünzter 
Form nur als Geld funktionieren, hat ihre Ausnahmen; auch heute 
noch finden Münzen, die mit allen denkbaren Erfordernissen des Geldes 
ausgestattet sind, gelegentlich als Schmuck Verwendung; und wenn ein 

17* 



2G0 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

Goldschmied Münzen zurücklegt, nicht um sie später wieder zu veraus- 
gaben, sondern um sie als Tiegelgut zu verwenden, so haben diese 
Münzen damit aufgehört, Geld zu sein. Im internationalen Verkehr vollends 
ist bei den Edelmetallen aus ihrer Erscheinungsform heraus eine Unter- 
scheidung, ob sie Geld oder nicht Geld sind, ganz und gar unmöglich. 
Hier flottiert geprägtes und ungeprägtes Edelmetall neben- und durch- 
einander. Es werden in Goldbarren große Zahlungen geleistet, während 
umgekehrt geprägtes Gold in großem Umfange der industriellen Ver- 
wendung zugeführt wird. 

Aus diesen Gründen kann eine Definition des Geldes nicht an die 
Substanz und die Erscheinungsform des Geldes anknüpfen, sondern nur 
an seine Funktionen: ein bestimmtes Objekt ist Geld, soweit es Träger 
gewisser, näher festzustellender Funktionen ist. 

Dabei ist jedoch ein Fehler zu vermeiden, der häufig gemacht 
worden ist. Man hat mitunter, um zu einer Definition des Geldes zu 
kommen, die sämtlichen Funktionen, die das Geld in unserer Volks- 
wirtschaft, sei es ausschließlich, sei es neben anderen Gütern, versieht, 
zu ermitteln gesucht. Als vorbereitende Arbeit hat ein solches Verfahren 
gewiß seine gute Berechtigung; aber eine bloße Aneinanderreihung 
dieser Einzelfunktionen kann als eine korrekte Definition nicht 
anerkannt werden. Denn eine genauere Betrachtung ergibt, daß 
diese Einzelfunktionen sich teilweise aus einer Grundfunktion ableiten, 
teilweise nur regelmäßig oder gar nur beiläufig mit den begriffs- 
wesentlichen Funktionen verknüpft sind; ist das der Fall, dann gehören 
diese Funktionen nicht in eine Definition, die nur die wesentlichen, 
nicht auch die abgeleiteten und unerheblichen Merkmale der zu defi- 
nierenden Erscheinung zu umfassen hat. 

Zur Feststellung des wesentlichen Merkmales gibt es nun zwei 
Wege: entweder muß man von den Einzelfunktionen ausgehen, eine jede 
davon für sich betrachten, sie auf ihre Wesentlichkeit prüfen und sie 
zu den anderen Funktionen in Beziehung setzen, um so durch Aus- 
scheidung des Unwesentlichen und Abgeleiteten das wesentliche Merk- 
mal des Geldes festzustellen; oder aber man muß den Gesamtorganismus 
der Volkswirtschaft zum Ausgangspunkte nehmen und die Stellung des 
Geldes in diesem Gesamtorganismus aufzufinden und zu präzisieren 
suchen. 

Wir schlagen zunächst den letzteren Weg ein. Die später vor- 
zunehmende Untersuchung der einzelnen Funktionen des Geldes wird 
gewissermaßen die Probe auf das Exempel liefern. 

§ 2. Die Stellung des Geldes im Organismns der Volkswirtschaft. 

Die in der Volkswirtschaft in Erscheinung tretenden Gegenstände 
unterliegen einer fundamentalen Unterscheidung von dem Gesichts- 
punkte ans, ob sie unmittelbar dem Konsum, d. h. unmittelbar der 
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, dienen, oder ob sie nur Mittel 
sind, die dazu verwendet werden, gebrauchsfertige Güter herzu- 
stellen und sie dem Konsum zuzuführen. Die letzteren, die sich zu 
den ersteren wie das Mittel zum Zweck verhalten und die sich im 



I.Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. § 2. 261 

Gegensatz zu den „Konsumgütern" als „Mittelsgüter" bezeichnen lassen^), 
zerfallen in verschiedene Gruppen: 

1. In Produktionsmittel im engeren Sinne ''^), d. h. solche Güter, 
welche als Rohstoffe oder Hilfsstoffe oder Werkzeuge usw. zur Um- 
formung der gegebenen Materie in einen für den Verbrauch geeigneten 
Zustand dienen; hierher gehören Stoffe wie Baumwolle, Wolle, Erze, 
Metalle, Getreide, Kohlen, aber auch Werkzeuge, Maschinen usf. 

2. In Transportmittel, d. h. solche Güter und Vorrichtungen, welche 
die Ueberführung von Gütern nach dem Orte ihrer weiteren, sei es 
vorübergehenden oder endgültigen Verwendung, sei es der Verwendung 
im Produktionsprozesse oder in der Konsumtion, bewerkstelligen; hierher 
gehören die Karren, Wagen, Schiffe, Eisenbahnen, welche das Getreide 
vom Acker zur Mühle, das Mehl von der Mühle zum Bäcker, das Brot 
vom Bäcker zum Konsumenten, welche die Baumwolle von der Plantage 
zur Spinnerei, das Garn von der Spinnerei zur Weberei, das Gewebe 
von der Weberei zum Schneider, und schließlich das fertige Kleidungs- 
stück zu seinem endgültigen Träger führen. 

Diese beiden Kreise von Mittelsgütern treten in Erscheinung, so- 
bald die Menschen von einer lediglich okkupatorischen zu einer pro- 
duktiven Tätigkeit übergehen, sobald sie aufhören, sich darauf zu 
beschränken, die Genußmittel, die ihnen die Natur freiwillig liefert, 
an Ort und Stelle zu verzehren, und sobald sie anfangen, aktiv in den 
Naturprozeß einzugreifen und sich planmäßig an der Hervorbringung 
von Gütern zu beteiligen. Produktionsmittel und Transportmittel würden 
in gleicher Weise auch in einer zukünftigen, nach sozialistischen oder 
kommunistischen Prinzipien geordneten Gesellschaft, die kein Sonder- 
eigentum kennt, nicht entbehrt werden können. Diese beiden Gruppen 
von Mittelsgütern haben mithin lediglich die Grundtatsache des^ Wirt- 
schafteus, nämlich die Beteiligung des Menschen an der Hervorbringung 
von Gütern, die als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung dienen, zur Vor- 
aussetzung. 

3. Im Gegensatz zu diesen Gruppen von Mittelsgütern ist weder 
im Zustande der Eigenwirtschaft noch in einer kommunistischen Wirt- 
schaftsverfassung ein Existenzgrund vorhanden für eine dritte Gruppe 
wirtschaftlicher Objekte, die uns bei der Betrachtung der vor unseren 
Augen liegenden volkswirtschaftlichen Erscheinungen auffällt und die 
sich auf den ersten Blick mit dem Begriffe deckt, den wir mit dem 
Worte „Geld" bezeichnen. Diese dritte Kategorie beruht auf der 
Kombination zweier Grundtatsachen — nicht des Wirtschaftens über- 
haupt, sondern unserer gegenwärtigen Wirtschaftsverfassung: auf der 
Arbeitsteilung und dem Sondereigentum. 

Wo Arbeitsteilung besteht, dort erzeugt jeder nur einen kleinen 
Teil der Güter, auf die sich sein eigner Bedarf erstreckt; die meisten 

') Röscher unterscheidet Güter erster Ordnung: oder Gehrauchs- und 
Verbrauchss:üter, und Güter zweiter Ordnung oder Produktivgüter; ähnlich 
V. Philippovich und andere. Dietzel unterscheidet, m. E. präziser, zwischen 
Objekten und Mitteln der Wirtschaft. 

*) Im Gegensatz zu der vielfach gebrauchten Anwendung der Bezeichnung 
„Produktionamittel'' auf sämtliche Mittelsgüter. 



262 Zweitos Buch. I. Abschnitt. Das Geld ia der Wirtschaftsordnung. 

Guter, die er sowohl für seineu Unterhalt als auch für die Zwecke 
seiner wirtschaftlichen Tätigkeit nötig hat, werden von anderen ge- 
schafleu. Wo außerdem Sondereigentum sowohl an Produktionsmitteln 
als auch an Konsumgutern besteht, können sowohl die zu einer Unter- 
nehmung notwendigen Mittelsguter und Arbeitskräfte, als auch die fUr 
den Unterhalt einer Person notwendigen Konsumgüter dem Unternehmer 
oder Verbraucher aus den Händen ihrer Besitzer und Inhaber nur 
zur Verfügung gestellt werden durch einen Vorgang, den wir als 
„Verkehr" bezeichnen; nicht als Verkehr im Sinne von Transport (inter- 
lokaler Verkehr), sondern im Sinne der Uebertragung des Eigentums 
oder Verfüguugsrechtes von einer Person auf eine andere (interperso- 
naler Verkehr); wir wenden das Wort „Verkehr" in der folgenden 
Darstellung ausschließlich im letzteren Sinne an. 

Für den Verkehr in diesem Sinne bildet, wie bereits erwähnt 
wurde, wie aber nochmals ausdrücklich betont sein möge, die Kombi- 
nation von Arbeitsteilung und Sondereigentum die Grundlage, nicht 
etwa eine dieser Tatsachen für sich allein. Wo keine Arbeitsteilung 
besteht, wo jeder selbständig alles beschafft, was er nötig hat, dort ist 
auch kein Anlaß zu einem Verkehr vorhanden. Wo ferner bei be- 
stehender Arbeitsteilung kein Sondereigentum vorhanden ist, wo alles, 
was der Einzelne aufgrund einer Arbeitsteilung mit den der Gesamt- 
heit gehörigen Produktionsmitteln schafft, der Gesamtheit zufließt und 
von den Organen der Gesamtheit wieder auf die Einzelnen verteilt wird, 
da mag es wohl eine geordnete Organisation der Güterverteilung geben, 
aber keinen Verkehr zwischen den wirtschaftenden Individuen. 

Aus der in unserer historisch gewordenen Wirtschaftsverfassung 
gegebenen Tatsache des Verkehrs ist die Institution des Geldes er- 
wachsen. Wie der Mensch sich dazu gedrängt sah, bei seiner auf die 
zweckmäßige Veränderung der Form und Beschaffenheit der Materie 
sowie des Standortes der Güter gerichteten Tätigkeit die Arbeit durch 
den Gebrauch von Mittelsgütern zu erleichtern und wirksamer zu ge- 
stalten, genau ebenso drängte sich ihm die Benutzung von Mittelsgütern 
auf für die Zwecke der Güterübertragung von Person zu Person. Die 
Schwierigkeiten des unmittelbaren Verkehrs, wie sie am deutlichsten 
beim unmittelbaren Austausche hervortreten mußten, ließen sich nur 
tiberwinden durch die Einschiebung von Zwischengliedern, und zwar 
sowohl von Zwischengliedern sachlicher als auch persönlicher Natur. 
Das personale Zwischenglied des Verkehrs ist der Händler, das sach- 
liche Zwischenglied ist das Geld. 

Der Händler erwirbt Güter, um sie wieder zu veräußern. Der- 
jenige, der Güter einer bestimmten Art benötigt, braucht nicht erst 
einen Produzenten zu suchen, der diese Dinge gerade überflüssig hat; 
er braucht sich nur an den Händler zu wenden, dessen Beruf ja 
gerade darin besteht, bestimmte Güter immer zur Veräußerung bereit 
zu haben. Umgekehrt findet derjenige, welcher Güter veräußern will, 
in dem Händler einen Abnehmer, dessen Nachfrage nicht durch seinen 
eignen persönlichen Bedarf begrenzt ist, da sein Beruf darin besteht, 
zu kaufen, um wieder zu verkaufen. Der Händler ist mithin für den 
Verkehr eine Zwischeninstanz, in der von den verschiedensten Punkten 



1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. § 2. 263 

aas das Angebot und die Nachfrage zusammenlaufen und die dadurcli 
den einzelnen wirtschaftenden Individuen sowohl die Beschaffung als 
auch die Veräußerung von Gütern erleichtert. 

Ganz analog ist die Mittelstellung des Geldes. Wie der Händler 
die Güter erwirbt, um sie wieder zu veräußern, so wird das Geld von 
jedermann erworben, um wieder veräußert zu werden. Daraus ergibt 
sich, daß sich für den Händler alle Dinge, mit denen er Handel treibt, 
verhalten wie das Geld für jedermann, während sich umgekehrt für 
jedermann das Geld so verhält, wie für den Händler seine Handelsware. 
Jedermann ist bereit, im allgemeinen sogar gezwungen, gegen Geld zu 
verkaufen, da gegen Geld alle anderen Güter und alle Leistungen, wenn 
nicht ausschließlieh, so doch mindestens ungleich sicherer und einfacher 
zu erlangen sind, als gegen andere Werte. Man kommt rascher, im 
allgemeinen sogar nur dann zum Ziel, wenn man gegen Geld verkauft 
und gegen das erhaltene Geld die benötigten Güter erwirbt. Auf das 
Geld richtet sich mithin das Gesamtangebot, und vom Gelde geht die 
Gesamtnachfrage nach Gütern und Leistungen aus. Wie der Händler 
in personaler Beziehung, so steht das Geld in sachlicher Beziehung im 
Brennpunkte von Angebot und Nachfrage; wie der Händler die Mittels- 
person des Verkehrs ist, so ist das Geld der Mittelsgegenstand, das 
Instrument des Verkehrs; nur daß es nicht — wie der Händler — 
ausschließlich zweiseitige Uebertragungen vermittelt, bei denen ein Gut 
gegen ein anderes hingegeben wird, sondern auch die zahlreichen ein- 
seitigen Uebertragungen von Vermögenswerten, die sich aus der be- 
stehenden wirtschaftlichen und rechtlichen Organisation der Gesellschaft 
ergeben, wie z. B. die Leistung von Abgaben und Steuern. 

Damit ist, entsprechend dem oben Bemerkten, nur eine Aussage 
über eine Verrichtung, eine Funktion des Geldes gemacht. Das Geld 
ist aber nicht eine abstrakte, von jeder materiellen Verkörperung losgelöste 
Funktion, es tritt uns vielmehr in jeder gegebenen Wirtschaftsverfassung 
und in jedem gegebenen Wirtschaftsgebiete als ein bestimmter Kreis 
konkreter Objekte gegenüber. Wir bezeichnen als Geld die Gesamtheit 
derjenigen Objekte, welche die oben festgestellte Funktion erfüllen, 
und zwar nicht etwa nur gelegentlich und beiläufig, sondern regelmäßig 
und in ihrer ordentlichen Bestimmung. Wir sehen die Entstehung des 
Geldes erst dann als vollendet an und sprechen erst dann von Geld im 
rollen Sinne des Wortes, wenn bestimmte, nach äußerlichen Merkmalen 
unterseheidbare Objekte — wie Münzen und Scheine — in ihrer ordent- 
lichen Bestimmung die besonderen Funktionen der Verkehrsvermittelung 
erfilUen, wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, daß sie ausnahmsweise 
dieser Verrichtung entzogen und zu anderen Zwecken verwendet werden 
oder daß gelegentlich Objekte, deren ordentliche Bestimmung auf einem 
anderen Gebiete liegt, der Verkehrsvermitteluug dienen. 

Wir verstehen also unter „Geld" die Gesamtheit der- 
jenigen Objekte, welche in einem gegebenen Wirtschafts- 
gebiete und in einer gegebeneu Wirtschaftsverfassung die 
ordentliche Bestimmung haben, den Verkehr (oder die Ueber- 
traguug von Werten) zwischen den wirtschaftenden Individuen 
zu vermitteln. 



264 Zweites Bnch. I. Abschnitt. Pas Geld in der Wirtschaftsordnnng. 

Mit dieser Definition ist die Stellung des Geldes im Kreise'^Mer 
wirtschaftlichen Erscheinungen dahin bestimmt, daß es als dritte Gruppe 
der Mittelsgüter den Troduktionsmitteln im engeren Sinne und den 
Trausportmitteln gleichgeordnet zur Seite steht. 

Diese Bestimmung der Stellung des Geldes in der Volkswirtschaft 
dürfte sich gegenüber der von anderen Geldtheoretikern vorgenommenen 
wohl begründen lassen. 

Im Anschluß an die allgemein übliche Dreiteilung des Lebens- 
prozesses unserer Wirtschaftsverfassung, die Produktion, die Verteilung 
und den Konsum, ist von den einen das Geld als Mittel der Güter- 
rerteilnng den Produktionsmitteln und den Konsumgütern als ein dritter 
selbständiger Kreis volkswirtschaftlicher Forschungsobjekte gegenüber- 
gestellt worden, während von anderen das Geld unter den Begriff des 
„Kapitals", d. h. der produzierten Produktionsmittel, als eine mit zehn 
oder zwölf anderen Unterabteilungen koordinierte Gruppe eingereiht 
worden ist. Knies ^), der die erstere Auffassung gegenüber der all- 
gemeiner angenommenen letzteren Einteilung vertreten hat, begründet 
seine abweichende Rubrizierung nicht nur durch den Hinweis auf die 
erwähnte Dreiteilung der wirtschaftlichen Vorgänge, sondern auch 
damit, daß ein „Kauf-Verkauf für sich doch eben kein Akt der Guter- 
produktion, sondern der (interpersonalen) GüterUbertragung" sei; der 
Einzelne als Geldbesitzer habe in seinen Geldstücken ein Mittel, nur 
um Güter zu bekommen, die bereits von anderen produziert sind, und 
das an einen anderen weggegebene Geld sei ohne jegliche Einwirkung 
auf das, was mit den für das Geld empfangenen Gütern weiterhin 
gemacht wird. 

In dieser Frage der Einteilung hängt natürlich alles davon ab, 
was unter den Begriffen „Produktion" und „Verteilung" verstanden 
wird. Versteht man unter „Verteilung" die Zuführung der für den 
Konsum fertigen Güter an die einzelnen konsumierenden Individuen, 
also die Repartierung des Gesamtergebnisses des Produktionsprozesses 
auf die einzelnen Glieder der Volkswirtschaft — und nur in diesem 
Sinne läßt sich der Verteilungsprozeß dem Produktionsprozesse gegen- 
überstellen — , dann ist das Geld in unserer Wirtschaftsverfassung 
entschieden mehr als lediglich das Mittel dieser Verteilung. Es gibt 
zahlreiche und wichtige Gruppen von Verkehrsvorgängen, die durch das 
Geld vermittelt werden, die aber unzweifelhaft dem Produktionsprozesse 
angehören. Hierher gehören alle diejenigen Verkehrsvorgänge, welche 
Güter, Nutzungen und Leistungen zum Zwecke der Produktion zu- 
sammenführen, welche Arbeitsräume, Maschinen-, Roh- und Hilfsstoffe 
und Arbeitskräfte dem Unternehmer für die Zwecke seiner Produktion 
zur Verfügung stellen. Das Geld dient hier zur wirksamen Zusammen- 
fassung von Produktionskräften und Produktionsmitteln, zur Organisation 
der Produktion. Seine Funktion ist in gewissem Sinne analog der- 
jenigen der Transportmittel, die, ähnlich wie das Geld, nicht nur dazu 
dienen, das fertige Produkt dem endgültigen Verbraucher räumlieh zu- 



') K. Knies, Geld und Kredit, 1. Abt. Da8 Geld. 2. Aufl. 1888. 



1. Kapitel. Der wivtgchaftliche Begriff des Geldes. § 2. 265 

znf Uhren, sondern auch daza, Produktionsmittel und Produktionskräfte 
räumlich zu vereinigen. 

Indem wir dabei die Wahrnehmung machen, daß die Transport- 
mittel stets anstandslos als eine Kategorie des „Kapitals", d. h. der 
produzierten Produktionsmittel, betrachtet worden sind, kommen wir zu 
der Frage, wie der Begriff der „Produktion" abzugrenzen ist. Wenn 
wir diesen Begriff auf die planmäßige Umformung der Materie zu 
höherer Brauchbarkeit beschränken, dann ist klar, daß die Transport- 
mittel ebensowenig wie das Geld „Produktionsmittel" darstellen. Mit 
einer kleinen Variante läßt sich mit den oben zitierten Worten von 
Knies gegen die Rubrizierung der Transportmittel unter die „Produk- 
tionsmittel" dasselbe sagen, was er gegen die Einbeziehung des Geldes in 
die Produktionsmittel ausführt : ein Transport ist für sich kein Akt der 
GUterproduktion, sondern der (interlokalen) GUterübertragung. Eine Um- 
formung der Güter tritt durch den Transport ebensowenig ein, wie 
durch den durch das Geld vermittelten Besitzwechsel. — Faßt man also 
die „Produktion" in dem oben definierten engeren Sinne auf, dann 
wären außer dem Gelde, dem Instrumente der interpersonalen Güter- 
übertragung, auch die Transportmittel aus der Kategorie „Produktions- 
mittel" und mithin auch aus der Kategorie „Kapital" auszuscheiden. 

Auch wenn man von dem Kriterium der Umformung der Materie 
als wesentlich für den Produktionsbegriff (und damit auch für den 
Kapitalbegriff) absehen will und an deren Stelle als das entscheidende 
Moment die Tatsache ansieht, daß ein Gut durch eine auf dasselbe 
gerichtete wirtschaftliche Betätigung einen höheren Wert erhält, möge 
es dabei immerhin in seiner äußeren Erscheinung und Beschaffenheit 
unverändert bleiben — , so wird auch dadurch an der analogen Stellung 
von Transportmitteln und Geld zum Begriffe der Produktion und des 
Kapitals nichts Wesentliches geändert. Wohl ist es die wirtschaftliche 
Bestimmung des Transports, die Güter von einem Orte an einen anderen 
zu führen, an dem sie eine erhöhte Brauchbarkeit besitzen und infolge- 
dessen einen höheren Wert darstellen ; aber in gleicher Weise ist es 
der Zweck der interpersonalen Güterübertraguug, die Güter aus einer 
Hand in eine andere, in der sie eine erhöhte Brauchbarkeit haben, 
überzufuhren ; wie später noch ausführlich zu zeigen sein wird, beruht 
nicht nur der Transport auf der Tatsache einer Wertdifferenz eines 
und desselben Gutes an zwei verschiedenen Orten, sondern es beruht 
auch jeder Austausch auf einer Verschiedenheit der Wertschätzung der 
auszutauschenden Güter durch die tauschenden Individuen. Bei der 
weiteren Definition des Begriffs der Produktion würde mithin das Geld 
in gleicher Weise wie die Transportmittel unter die Produktionsmittel 
und unter den Kapitalbegriff fallen. 

Wenn man folgerichtig verfahren will, dann muß man also entweder 
das Geld ebenso wie die Transportwerkzeuge den Produktionsmitteln 
zuzählen, oder man muß den Produktionsmitteln nicht nur das Geld 
als Mittel der interpersonalen Güterübertragung, sondern auch die 
Transportwerkzeuge als Mittel der interlokalen Güterübertragung als 
je eine seihständige Kategorie zur Seite stellen. Im ersteren Falle 
wäre dann das Wort „Produktionsmittel" im weiteren Sinne gebraucht, 



266 Zweites Bach. I. Abschnitt. Das Geld iu der Wirtschaftsordnung. 

im letzteren Falle im engeren Sinne. Mit Rücksicht auf die möglichste 
Klarheit der Terminologie durfte es sich empfehlen, das Wort „Pro- 
duktionsmittel" nur im engeren Sinne zu benutzen, für die weitere 
Bedeutung aber die Bezeichnung „Mittelsguter" zu gebrauchen. 

Die Stellung des Geldes zum „Kapital" ist mit den vorstehenden 
Ausfuhrungen gleichfalls klargestellt. Wenn man die „produzierten 
Produktionsmittel" unter dem Begriffe Kapital zusammenfaßt, so kann 
nach der allgemeinen Anwendung des Begriffs Kapital in der Volks- 
wirtschaftslehre — soweit auch die Anwendung bei den verschiedenen 
Theoretikern im einzelnen auseinandergehen mag — darüber kein 
Zweifel bestehen, daß in diesem Falle der Begriff Produktionsmittel im 
weiteren Sinne gebraucht ist, daß mithin das Geld als Verkehrsmittel 
neben den Transportmitteln und den Produktionsmitteln im engeren 
Sinne eine Untergruppe des Kapitals darstellt. 

Ueber diese allgemeine Bestimmung des Geldbegriffs kann kaum 
hinausgegangen werden, wenn man den Geldbegriff nicht in die ein- 
zelnen Funktionen des Geldes auflösen oder Merkmale, die aus der 
historisch wandelbaren Verfassung des Geldwesens genommen sind, 
als wesentlich für den Geldbegriff auffassen will'). 

Andererseits ist die Besonderheit der Stellung des Geldes im Kreise 
der wirtschaftlichen Güter durch diese allgemeine Begriffsbestimmung 
hinreichend gekennzeichnet. Es unterscheidet sich von allen anderen 
Gütern, die in den Verkehr eintreten und die man als „Waren" zu 
bezeichnen pflegt, dadurch, daß es allgemein nicht für den Verbrauch 
oder dauernden Gebrauch, also nicht um seiner selbst willen, erworben 
wird, sondern als Mittel zur Erwerbung der eigentlich benötigten 
Güter; daß derjenige, der Gegenstände seines Besitzes veräußern will, 
im allgemeinen gewillt und genötigt ist, sie zunächst in Geld umzu- 
setzen, und daß, wer von anderen wirtschaftenden Personen Güter, 
Nutzungen oder Dienstleistungen erwerben will, sich im allgemeinen 
genötigt sieht, dafür Geld zu geben. 

Bei der absoluten Klarheit dieses Verhältnisses hat der Streit 
darüber, ob das Geld selbst eine „Ware" sei oder nicht keinerlei sach- 
liche Bedeutung; er ist ein bloßer Streit um Worte. 

Versteht man unter „Ware" im Gegensatz zu den in der eignen Wirt- 
schaft erzeugten und ebendort zum Verbrauch gelangenden Gütern alle 
diejenigen Güter, die aus dem Kreise der Eigenproduktion heraus in den 
Verkehr, auf den „Markt" gelangen, um im Austausch gegen andere 
Werte den Besitzer zu wechseln, dann ist das Geld die Ware y.cct' 
iBoxr^v; denn seine ganze Bestimmung besteht ja darin, im Verkehr zu 
sein und den Besitzer zu wechseln. Versteht man aber unter Waren 
nur diejenigen Verkehrsgüter, auf welche sich der eigentliche Bedarf 



^) Knapp will nur „Chartalstücke" als Geld ansehen. Es ist richtig, daß 
die durch die Gesetzgebung geordneten Geldverfassungen der modernen Staaten 
nur nach bestimmten Merkmalen bezeichnete Stücke, denen eine bestimmte Geltung 
beigelegt ist, als Geld anerkennen. Wenn wir jedoch den ganz allgemeinen, lediglich 
auf der Tatsache des Wirtschaftens, der Arbeitsteilung und des Privateigentums 
beruhenden Geldbegriff feststellen wollen, so ist eine engere Definition, als die oben 
gegebene, nicht möglich. 



1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. § 3. 267 

der Individuen für den Gebrauch oder Verbrauch in ihrer wirtschaft- 
lichen Tätigkeit oder für ihre unmittelbare Bedürfnisbefriedigung 
richtet und deren Umsatz gerade durch das Geld vermittelt wird, 
dann allerdings kann man das Geld als das „gerade Gegenteil der 
Ware" bezeichnen (R. Hildebran d)^). Auch diejenigen, welche den 
Satz aufgestellt und vertreten haben, daß das Geld eine Ware sei, haben 
damit durchaus nicht die Besonderheiten des Geldes gegenüber allen 
anderen Verkehrsgütern leugnen wollen; die ursprüngliche Bedeutung 
des Satzes lag vielmehr auf einem anderen Felde. Gegenüber der 
Auffassung, daß das Geld kein Wertgegenstand an sich, sondern nur 
ein „Wertzeichen", nur eine „Anweisung" auf andere Wertgegenstände sei, 
daß es keinen „wirklichen", sondern nur einen „fiktiven Wert" habe, 

— gegenüber solchen Aufstellungen sollte mit dem Satze „das Geld ist 
eine Ware" die Realität des Geldes als eines selbständigen Wert- 
gegenstandes, dessen Wert denselben Gesetzen wie derjenige aller 
anderen Objekte der Volkswirtschaft unterliege, betont werden — ein 
Problem, das in einem späteren Abschnitte zu erörtern ist. 

§ 3. Amyendnng der Begriffsbestimmnng des Geldes auf seine einzelnen 

Erscheinungsformen. 

Bevor wir zur Feststellung des Verhältnisses schreiten, in welchem 
die Einzelfunktionen des Geldes zu seiner im vorigen Paragraphen er- 
mittelten Stellung im Gesamtorganismus der Volkswirtschaft stehen, 
sei noch eine Untersuchung darüber vorgenommen, wie sich die ermittelte 
Begriffsbestimmung zu den konkreten Erscheinungsformen des Geldes 
verhält, ob sie einerseits Raum hat für alle diese Erscheinungsformen, 
und ob sie andererseits nicht auch auf Dinge zutrifft, welche allgemein 
nicht als Geld angesehen und behandelt werden. 

Bei dieser Untersuchung bietet sich die bereits angedeutete 
eigentümliche Schwierigkeit, daß das Geld nicht ein Objekt als solches, 
sondern nur ein Objekt als Träger bestimmter Funktionen ist. Wenn 
nun auch die Entwicklung des Geldes dahin geführt hat, daß allmählich 
nach bestimmten Merkmalen unterscheidbare Objekte vorzugsweise oder 
nahezu ausschließlich die Funktion des Geldes erfüllen, so bleibt doch 

— wenigstens beim gegenwärtigen Stande der Wirtschaftsverfassuug im 
allgemeinen und der Geldverfassung im besonderen — noch ein un- 
gelöster Rest, der darin besteht, daß diejenigen Objekte, welche regel- 
mäßig die Funktionen des Geldes versehen, wenigstens teilweise dieser 
Verrichtung entzogen und einer anderen Verwendung zugeführt werden 
können und daß umgekehrt die Verrichtung des Geldes gelegentlich 
auch von solchen Verkehrsobjekten ausgeübt werden kann, die ihre 
eigentliche Bestimmung und ihren Entstehungsgruud in einer anderen 
Verwendung haben. Bei der denkbar größten Klarheit über die 
Funktionen des Geldes können mithin Zweifel entstehen hinsichtlich der 
Objekte, die als Geld zu bezeichnen sind. Das kommt auch in der 
oben gegebenen Definition zum Ausdruck, in der als „Geld" die Gesamt- 
heit derjenigen Objekte bezeichnet ist, welche in einem gegebenen 

») R. Hildebrand, Die Theorie des Geldes, 1883. 



268 Zweites Buch. I. Abscbnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordmiug^. 

Wirtschaftsirebiete nnd in einer geg:ebenen Wirtscbaftsverfassung die 
r d e n 1 1 i c b e Bestimmung: haben, den Verkehr zwischen den 
wirtschaftenden Individuen zu vermitteln. Man mag gegen diese De- 
finition einwenden, daß der Ansdrock „ordentliche Bestimmung" keine 
genaue Abgrenzung enthalte; aber darin entspricht die Definition nur 
dem zu definierenden Begriffe, dessen Grenzen aus den oben dargestellten 
Gründen keine festen, sondern flüssige sind. 

Wenn wir nun diese Definition auf die konkreten Erscheinungs- 
formen des Geldes und der dem Gelde nahestehenden Objekte an- 
wenden, so muß zunächst betont werden, daß es sieh an dieser Stelle 
lediglich um wirtschaftliche, nicht um juristische Gesichtspunkte handelt; 
denn die gegebene Definition bezieht sich lediglich auf den wirtschaft- 
lichen Geldbegrifi". Die Erörterung der Frage, was in juristischem 
Sinne als Geld anzusehen ist, bleibt dem folgenden Abschnitte vor- 
behalten. 

Die verschiedenen Arten von Verkehrsobjekten, die als Träger 
der Geldfunktionen, sei es in ihrer ordentlichen Bestimmung, sei es 
nur gelegentlich, in Betracht kommen, lassen sich in folgende Kate- 
gorien scheiden: 

1. Das gemünzte Metallgeld, 

2. das vom Staate oder anderen öffentlichen Körperschaften aus- 
gegebene Papiergeld, 

3. die Banknoten, 

4. Schecks, Wechsel und ähnliche Obligationen, 

5. Briefmarken, Kupons, Konsumvereinsmarken und dgl. 

Das gemünzte Metallgeld wird in der Regel als die klassische 
Form des Geldes überhaupt angesehen. Es wurde im historischen 
Teile dieses Buches gezeigt, wie die Funktion des Geldes in der 
geprägten Münze ihre erste Verkörperung fand, wie das« Geld in der 
Münze zum ersten Male äußerlich unterschieden den übrigen Verkehrs- 
objekten gegenübertrat. Ein Nimbus dieser ersten deutlichen Aus- 
scheidung des Geldes aus dem Kreise der übrigen Verkehrsgüter ist 
noch heute der Münze geblieben; sie ist heute noch die einzige Er- 
scheinungsform des Geldes, der von der Theorie ganz allgemein und 
ohne jeden Widerspruch der Charakter als Geld zuerkannt wird. Trotz- 
dem ist es nicht unnütz, daran zu erinnern, daß es stets Münzsorten 
gab, deren Geldcharakter, selbst innerhalb des Staates, der sie ausprägte, 
nicht ganz außer Zweifel stand oder denen überhaupt niemand Geld- 
charakter beimißt; so z. B. die Handelsraünzen, die für den Verkehr 
reit fremden Staaten geprägt wurden, wie die österreichischen Maria- 
Theresia-Taler, Niemand hat diese letzteren als österreichisches Geld 
angesehen trotz der Münzform und trotz ihrer Herstellung auf denselben 
staatlichen Münzstätten, welche die als Geld anerkannten österreichischen 
Münzen der Gulden- oder Kronenwährung prägten. Und warum nicht? — 
Weil diese Handelsmünzen in Oesterreich selbst nicht die ordent- 
licheBestimmung hatten, den Verkehr zwischen den wirtschaftenden 
Individuen zu vermitteln. An diesem Ausnahmefalle geprüft, trifft mithin 
unsere Definition zu: die äußere Erscheinung der Münze ist für den 



1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. § 3. 269 

Geldcharakter nicht entscheidend, sondern die ordentliche Bestimmung 
zu einer speziellen Funktion. 

Erheblich auseinander gehen die Ansichten bereits über den 
Charakter des vom Staate oder anderen öffentlichen Körperschaften 
ausgegebenen Papiergeldes. Während die einen das Staatspapiergeld 
bedingungslos als Geld anerkennen, bestreiten andere ihm den Geld- 
charakter, weil es keinen „Eigenwert" enthalte, sondern — ob einlös- 
bar oder nicht — seinen Wert nur vom Metallgelde herleiten könne; 
sei es daß sie den „Eigenwert" oder „Substanzwert" an sich für 
wesentlich für den Geldbegriff halten, sei es daß sie einem des Eigen- 
wertes entbehrenden Verkehrsobjekte die Möglichkeit, als Wertmaß zu 
fungieren, absprechen. Andere tragen auch in die Frage nach dem 
wirtschaftlichen Charakter des Staatspapiergeldes ein juristisches Moment 
hinein, indem sie das mit gesetzlichem Zwangskurse ausgestattete Papier- 
geld als Geld anerkennen, nicht aber das Papiergeld ohne Zwangskurs. 

Noch beträchtlicher sind die Meinungsverschiedenheiten über den 
Geldcharakter der Banknote, während hinsichtlich der Wechsel, Schecks 
und ähnlicher Papiere sowie hinsichtlich der mitunter an Geldesstatt 
verwendeten Briefmarken, Kupons usw. wohl ganz allgemein darin 
Uebereinstimmung herrscht, daß sie außerhalb des Begriffs des Geldes 
stehen. Der Umstand, daß die Bauknote, solange sie gesetzlich eiu- 
lösbar ist, der äußeren Form nach eine Urkunde über eine auf Geld 
lautende Forderung ist, hat vielfach Veranlassung zu der Folgerung 
gegeben, daß sie selbst nicht Geld sein könne, obwohl sie tatsächlich 
die gleichen Funktionen wie das Geld, oder doch wenigstens einen Teil 
dieser Funktionen erfülle. Nach A. W a g n e r ist die Bauknote prinzipiell 
den Schecks, fälligen Kupons, Sichtwechseln mit Blankoindossament usw., 
die ebenfalls mitunter gewisse Funktionen des Geldes verrichten, gleich- 
zustellen; die Aufstellung eines Unterschieds zwischen den letztgenannten 
„Kreditumlaufsmitteln" und der Banknote sei wissenschaftlich unhaltbar, 
da sowohl die Banknoten als auch die Schecks, Wechsel usw. das Geld 
nur in seiner Funktion als Tausch- und Umlaufsmittel vertreten könnten, 
während sie sich in ihrer Funktion als Preismaß ausdrücklich auf das 
Geld zurückbezögen ^). Andere wollen auch in Ansehung der Banknote 
die Entscheidung über die Geldqualität von dem Vorhandensein der 
gesetzlichen Zahlungskraft, mit oder ohne Verbindung mit einer Auf- 
hebung der Einlösbarkeit, abhängig machen. Wieder andere sehen die 
Bauknote aufgrund der tatsächlich von ihr im Verkehr geleisteten 
Dienste und aufgrund des Umstaudes, daß von der Verkehrswelt 
Metallgeld, Papiergeld und Banknoten gleichmäßig als „Barschaft" be- 
handelt werden, als Geld au, ganz ohne Rücksicht auf Einlösbarkeit 
oder Annahmezwang. 

Nach unserer Definition kann die Entscheidung über die Zuge- 
hörigkeit der verschiedenen hier in Rede stehenden Kreditiustrumente 
und Papierzeichen zum Gelde kaum zweifelhaft sein. 



') Adolf Wagner hat diese Auffassuiif? auch in seinem letzten Werke über 
das Geld (Sozialükonomische Theorie des (Feldes und Geldwesen, Leipzig 1909) 
aufrecht erhalten; siehe insbesondere S. 1535 ff. 



270 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

Zunächst steht an und für sich nichts im Wege, daß eine Forderung 
oder Anweisung irgend\Yelcher Art zum Gelde gerechnet wird; denn 
auch Forderungen und Anweisungen Ivönnen als Instrument des Ver- 
kehrs zwischen den wirtschaftenden Individuen, insbesondere als Tausch- 
mittel, dienen und mithin Träger der Grundfunktion des Geldes sein. 
Daß sie keinen sogenannten „Eigenwert" besitzen, schließt diese Mög- 
lichkeit nicht aus; denn einmal ist nach den Erscheinungen der modernen 
Papierwährung die Auflassung, daß ein eigner stofflicher Wert zu den 
begriffswesentlichen Erfordernissen des Geldes gehöre, nicht zu halten; 
ferner ist gegenüber dem Gedanken, daß die sich auf das eigentliche 
Geld zurückbeziehenden Fapierscheine und Banknoten nicht Wertmesser 
sein können, darauf hinzuweisen, daß — abgesehen von der noch za 
erörternden Frage der Begriffsw^eseutlichkeit der Wertmaßfunktion — 
in der ganz allgemein als normal angesehenen Geldverfassung, bei der 
das Wertverhältnis zwischen den einzelnen ans verschiedenen Stoffen 
hergestellten Geldsorten und die gegenseitige Vertretbarkeit dieser 
verschiedenen Sorten feststeht, — daß in einer solchen Geldverfassung 
niemals die einzelne Sorte Wertmesser sein kann, sondern nur die durch 
die Währungsverfassung gegebene Einheit, auf die alle Sorten, ob Gold, 
Silber, Nickel, Kupfer oder Papier, in gleicher Weise lauten. Dem 
deutschen Fünfraarkstück z. B. hat niemand die Eigenschaft als Geld 
abgesprochen, trotzdem sein stofflicher Wert ohne Bedeutung für seinen 
Geldwert war, trotzdem es sich in seinem Geldwerte ebenso wie die 
Banknote auf die Reichsgoldmünze zurUckbezog, trotzdem es also kein 
selbständiges Preismaß sein konnte. 

Auch der Einw^and, daß Forderungen auf Geld doch nicht selbst 
Geld sein könnten, ist nicht durchschlagend, ganz abgesehen von der 
Frage, die hier noch offen bleibe, ob es sich bei den der staatlichen 
Gesetzgebung unterworfenen Papiergeldzeichen überhaupt noch um 
„Forderungen" im allgemeinen Sinne des Wortes handeln kann. Wir 
können innerhalb des Kreises der Geld darstellenden Güter sehr wohl 
verschiedene Arten unterscheiden, von denen die eine Art gebildet würd 
durch Anweisungen auf Geld der anderen Art. Einlösbares Papiergeld, 
Banknoten und andere Geldzeichen dieser Art brauchen dann nicht 
Forderungen auf Geld schlechthin zu sein, sondern nur Forderungen 
auf eine bestimmte Art von Geld, wodurch die eigne Geldeigenschaft 
nicht ausgeschlossen wird. 

Nachdem so die Möglichkeit, daß Forderungen und Anweisungen 
irgendwelcher Art Geld sein können, festgestellt ist, kommen wir zu 
der Tatfrage, in wie weit diese oder jene bestimmten Papierzeichen in 
unserer Wirtschaftsverfassung Geld sind. 

Wenn wir an die hier in Betracht kommenden Erscheinungen das 
Kriterium anlegen, daß als Geld diejenigen Verkehrsobjekte anzusehen 
sind, welche die ordentliche Bestimmung haben, als Instrument der 
interpersonalen Uebertragungen zu dienen, und wenn wir uns dann die 
Bestimmung ansehen, aus welcher die einzelnen auf Geldbeträge lautenden 
Papierzeichen hervorgehen, dann müssen wir zu dem Schlüsse kommen, 
daß Staatspapiergeld und Banknoten dem Gelde zuzuzählen sind, nicht 
aber Schecks, Wechsel, gewöhnliche Bankanweisungen, Kupons, Divi- 



1. Kapitel. Der wirtschaftliche Begriff des Geldes. § 3. ^71 

dendenscheine, Postwertzeichen, KonsumvereiDsmarken und ähnliche 
Dinge ^). Darüber, daß die ordentliche Bestimmung von Kupons, Divi- 
dendenscheinen, Briefmarken usw. gänzlich außerhalb der Grundfunktiou 
des Geldes liegt, braucht kein Wort verloren zu werden; ihre gelegent- 
liche Verwendung zu Zahlungsleistungen statt zur Erhebung von Zinsen 
und Dividenden oder zur Fraukieruug von Briefen macht sie bei der 
Deutlichkeit ihrer ordentlichen Bestimmung weder in der allge- 
meinen Verkehrsanschauung noch in ihrer rechtlichen Stellung zu Geld. 
Schwieriger liegt die Frage, wie zugegeben werden muß, hinsichtlich 
der übrigen auf Geldbeträge lautenden Papiere. Wechsel und Schecks 
einerseits, Staatspapiergeld und Banknoten andererseits verrichten in 
großem Umfange ähnliche Funktionen; speziell zwischen Wechsel und 
Banknote besteht bei der ganzen Struktur des modernen Zettelbauk- 
wesens ein direkter organischer Zusammenhang. 

Eine genauere Betrachtung ergibt jedoch folgenden Unterschied: 
Staatspapiergeld und Banknoten haben ihre unzweifelhafte und 
ausschließliche Bestimmung darin, gleich dem Metallgelde und neben 
dem Metallgelde, eventuell auch anstelle des Metallgeldes als „Ura- 
laufsmittel" zu dienen, einerlei ob ihnen ausdrücklich die Eigenschaft 
als gesetzliches Zahlungsmittel zuerkannt ist oder nicht und ob sie in 
Metallgeld einlösbar sind oder nicht. Das Motiv ihrer Ausgabe braucht 
deshalb noch nicht auf dem Gebiete des Geldwesens zu liegen, es kann 
sehr wohl darin bestehen, daß der Staat oder die Bank durch die 
Ausgabe der Zettel gewissermaßen im Wege der Aufnahme einer un- 
verzinslichen Anleihe Mittel beschaffen will; aber auch dieser Zweck 
wird nur erfüllt, soweit die Zettel im Verkehr bleiben, in den; sie 
gar keine andere Funktion als diejenige des Mittels der interpersonalen 
Uebertragungen erfüllen können. Auch bei der Ausgabe von verzins- 
lichen Staatsanleihen ist für die Finanz Verwaltung das Motiv die Be- 
schaffung von Mitteln; letztere ist auf dem Wege der Ausgabe von 
Obligationen irgendwelcher Art nur möglich, soweit diese Obligationen 
ihrerseits für das Publikum einen nützlichen Zweck erfüllen; die Be- 
deutung von Staatsanleihen für das Publikum liegt in der sicheren und 
verzinslichen Anlage von verfügbaren Kapitalien; bei Staatspapiergeld 
und Banknoten dagegen, die keine Zinsen bringen, liegt die Bedeutung 
für das Publikum lediglich in deren Funktion als Verkehrsinstrument. 
Dagegen liegt beim Wechsel die ordentliche Bestimmung offenbar 
in der besonderen Sicherung einer aus irgendeinem Grunde erwachsenen, 
in verhältnismäßig naher Zeit fälligen Forderung, Er kann diesen 
seinen ordentlichen Zweck durchaus erfüllen, wenn er keinen einzigen 
Umsatz und keine einzige Zahlung vermittelt, sondern vom Tage der 
Ausstellung bis zum Tage des Verfalls ruhig in einer und derselben 
Hand bleibt. Auch wenn er in Umlauf gesetzt wird, ist seine Um- 
laufszeit von vornherein durch die Angabe des Fälligkeitstermins strikt 
auf einen eng begrenzten Zeitraum beschränkt, während bei Banknote 

') V. Philipiiovich ist im Irrtum, wenn er in seinem Grundriß der poli- 
tischen Ookonoraie (8. Aufl. S. -234) behauptet, daß ich auch Briefmarken, Schecks, 
Wechsel usw. zum Gelde rechne. Das Gegenteil ist richtig, wie die obige, aus der 
ersten Auflage unverändert übernommene Darlegung zeigt. 



272 Zweites Buch. I. Abschuitt. Das Geld iu der Wirtschaftsordnung. 

und Staatspapiergeld irgendwelche Beschränkung der Umlaufsdauer 
nicht besteht. Daß der Wechsel infolge seiner Eigenschaft als be- 
sonders gesicherte und zu einem nahen Termine fällige Obligation auch 
zur Vermittlung von Umsätzen und VerniögeusUbertragungen Verwen- 
dung finden kann und tatsächlich findet, beweist für seine Geldeigeu- 
schaft prinzipiell ebensowenig, wie die durch andere Eigenschaften 
bedingte Verwendung von Briefmarken zu Zahlungszweckeu; der Unter- 
schied gegenüber der ausschließlich zu Zirkulationszwecken benutzten 
Bauknote ist ein prinzipieller, der Unterschied gegenüber der Brief- 
marke ist — soweit die Verrichtung von Geldfunktionen iu Frage 
steht — nur ein gradueller. 

Ebenso verhält es sich mit dem Scheck und ähnlichen Anweisungen. 
Die ordentliche Bestimmung des Schecks besteht nicht in der Verrichtung 
von Geldfunktionen; er ist vielmehr lediglich ein Zahlungsmandat eines 
Kaufmanns oder eines anderen Wirtschaftssubjekts an die Bank, die 
seine Kasse führt, eine Bestimmung, die vou derjenigen, selbst als 
Zahlungsmittel zu dienen, augenscheinlich verschieden ist. Wie der 
Wechsel kann allerdings auch der Scheck die Funktion als Umsatz- 
und Zahlungsmittel erfüllen; aber der Unterschied gegenüber den aus- 
schließlich für diesen Zweck bestimmten Banknoten zeigt sich gerade 
beim Scheck mit aller Deutlichkeit darin, daß die Natur des Schecks 
jede längere Zirkulation vollständig ausschließt, da während derselben 
das Guthaben, aufgrund dessen der Scheck ausgestellt ist, abgehoben 
oder durch Zusammenbruch der Bank wertlos werden kann; iu richtiger 
Würdigung dieser Verhältnisse verlangt die Verkehrsgewohuheit und 
das Scheckrecht der meisten Staaten die Präsentation des Schecks 
binnen weniger Tage nach der Ausstellung. 

Der Unterschied in der ordentlichen Bestimmung der hier be- 
handelten Papiere findet seinen Ausdruck auch iu dem rein äußer- 
lichen Merkmal, daß Staatspapiergeld und Banknoten dadurch in das 
Geldsystem eingepaßt sind, daß sie, ebenso wie die Münzen, auf be- 
stimmte runde Summen lauten, während Wechsel und Schecks, ent- 
sprechend ihrer spezifischen Zweckbestimmung, auf die zufälligen und 
ungeraden Beträge lauten, die ihr eigentlicher Entstehungsgruud in- 
volviert; daß ferner Staatspapiergeld und Banknoten gedruckte Stücke 
einer oder mehrerer einheitlicher Gattungen sind, während jeder 
Wechsel und jeder Scheck ein Individuum für sich ist. Daß auch 
juristisch wesentliche Unterschiede bestehen, die gleichfalls auf die 
Verschiedenheit der ordentlichen Bestimmung zurückgehen, wird an 
anderer Stelle noch zu erörtern sein. Hier sei nur auf den überaus 
wichtigen Punkt hingewiesen, daß Staatspapiergeld und Banknoten im 
Gegensatz zu Wechseln und Schecks ohne jede Förmlichkeit übertragen 
werden können, und daß, falls der Staat oder die Bank der bestehen- 
den Eiulösungspflicht nicht nachkommt, keinerlei Regreß auf die Vor- 
inhaber stattfindet. 

Die Einbeziehung des Staatspapiergeldes und der Banknoten unter 
den Geldbegriff und der Ausschluß der Wechsel, Schecks, Anweisungen, 
Briefmarken usw. entspricht vollkommen dem Sprachgebrauche, der 
allgemeinen Verkehrsmeinuug und der allgemeinen Geschäftspraxis. 



2. Kapitel. Die Verkehrsobjekte und Verkehrsvorgänge. § 1. 273 

Weun sich diese Abgrenzung andererseits aus unserer Begriffsbestimmung 
des Geldes als desjenigen Kreises von Gütern, deren ordentliche Be- 
stimmung die Vermittlung der interpersonalen Wertübertragung ist, 
mit zwingender Folgerichtigkeit ergibt, so haben wir darin eine be- 
deutsame Bestätigung der Richtigkeit unserer Begriffsbestimmung zu 
erblicken. 

2. Kapitel. Die Verkehrsobjekte und VerkehrsYorgänge. 
§ 1. Die Yerkehrsobjekte. 

Im vorigen Kapitel wurde die Stellung des Geldes im Gesamt- 
organismus unserer Wirtschaftsverfassung dahin festgestellt, daß es den 
\'erkehr zwischen den wirtschaftenden Individuen vermittelt. Damit ist 
gleichzeitig die kardinale Funktion des Geldes bezeichnet; die Einzel- 
funktionen des Geldes müssen sich, wenn anders die Kardinalfunktion 
richtig ermittelt ist, von dieser ableiten oder zu ihr in Beziehung 
setzen lassen. 

Ehe jedoch zu dieser Ableitung geschritten werden kann, muß 
die Gesamtheit der Erscheinungen, die bisher unter dem Worte „Ver- 
kehr" zusammengefaßt worden sind, einer Analyse unterzogen werden, 
und zwar nach zwei Seiten hin: zunächst sind die Gegenstände des 
N'erkehrs, die körperlichen und unkörperlichen Objekte, in bezug auf 
die interpersonale Uebertragungen stattfinden, festzustellen; dann sind 
die Verkehrsvorgänge selbst, die verschiedenen Arten von Uebertragungen, 
einer Betrachtung zu unterziehen. 

Was die Verkehrsobjekte anlangt, so haben wir die folgenden 
großen Kreise zu unterscheiden: 

1. Sachgüter, die zu Eigentum, also mit dem vollen und aus- 
schließlichen Verfügungsrechte, übertragen werden. 

2. Nutzungen an Sachgütern, deren Uebertragung erfolgt ohne 
gleichzeitige Uebertragung des Eigentums an den betreffenden Sach- 
gUtern; hier wird also nur ein zugunsten der nach wie vor Eigen- 
tümer bleibenden Person zeitlich und sachlich beschränktes Verfügungs- 
recht übertragen. Eine solche Uebertragung ist nur möglich bei Dingen, 
die durch die beabsichtigte Nutzung nicht aufgezehrt oder vernichtet 
werden, sondern in ihrer Substanz mehr oder weniger unverändert 
erhalten bleiben. Vor allem gehören hierher die im Wege der Pacht, 
der Miete und der Gebrauchsleihe erfolgenden Uebertragungen. 

3. Nicht in Sachgütern verkörperte Leistungen sowohl von Unter- 
nehmungen als auch von Einzelpersonen, Unter die Leistungen von 
Unternehmungen gehört z. B. die von Transportunternehmungen jeder 
Art bewirkte Beförderung von Gütern und Personen. Diese Leistungen, 
welche mit den unter 2. aufgeführten Nutzungen verwandt zu sein oder 
gar zusammenzufallen scheinen, müssen dennoch von den Nutzungen 
sehr wohl unterschieden werden. Es ist etwas anderes, ob ich einen 
Wagen oder ein Schiff miete, um darauf meine Güter zu befördern, 
oder ob ich die Beförderung durch den Besitzer des Wagens oder 
Schiffes bewirken lasse. — Bei den persönlichen Leistungen jeder Art 
handelt es sich um die Uebertragung eines zeitlich und sachlich be- 

HeHferich, Das Geld 18 



274 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

schränkten Verfligongsrechtes über Menschen als Träger bestimmter 
Kräfte nnd Fähigkeiten; ein solches Yerfügangsrecht kann unbeschränkt 
in unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung, welche die Sklaverei, das 
Eigentum am Menschen, nicht kennt, nicht übertragen werden. Wir 
haben es hier mit der Uebertragung von Nutzungen an Personen zu 
tun. Diese persönlichen Nutzungen sind danach zu unterscheiden, 
ob sie die Gesamtheit von mehr oder weniger bestimmt abgegrenzten 
Leistungen einer Person innerhalb einer bestimmten Zeit umfassen, 
wobei derjenige, dem die Nutzung der Kräfte und Fähigkeiten einer 
Person übertragen ist, innerhalb eines gewissen Spielraums über die 
Art und Richtung der Betätigung dieser Kräfte verfügen kann (so 
beim Gesinde, bei Tagelöhnern, Arbeitern, Beamten), oder ob es sich um 
eine nach Art und Umfang genau bestimmte Einzelleistung handelt (so 
beim Botengang eines Dienstmanns, der Leistung eines Arztes, eines 
Rechtsanwalts, eines Musikers usw.). 

4. Der letzte große Kreis von Verkehrsobjekten wird dargestellt 
durch Forderungen, die meist auf Sachgüter lauten, die aber auch auf 
Nutzungen und Leistungen aller Art lauten können, und deren Er- 
füllung zu einem bestimmten, in der Zukunft liegenden Zeitpunkte 
durch die Uebertragung der verabredeten Sachgüter, die Gewährung 
der verabredeten Nutzung, die Erfüllung der übernommenen Leistung usw. 
zu erfolgen hat. Solche in der Zukunft zu erfüllenden Forderungen 
können, namentlich wenn sie in Dokumenten und Urkunden verkörpert 
sind, in der Gegenwart ebenso übertragen werden, wie die Sach- 
güter usw., auf die sie lauten, und sie spielen tatsächlich in der Welt 
des wirtschaftlichen Verkehrs nicht die letzte Rolle. 

In diesen vier Gruppen haben wir im wesentlichen die Objekte 
des Verkehrs zusammengefaßt. Es erübrigt uns nun, die sich auf 
diese Objekte erstreckenden Bewegungsvorgänge zu betrachten. 

§ 2. Die Verkehrsvorgänge. 

Wenn wir das Wesen des Verkehrs in der interpersonalen Ueber- 
tragung sehen, so ist damit sofort eine fundamentale Unterscheidung 
der Verkehrsvorgänge gegeben, eine Unterscheidung, auf die bereits 
im historischen Teile hingewiesen worden ist: die interpersonale Ueber- 
tragung kann eine einseitige und eine doppelseitige sein. 

Die einseitige Uebertragung ist eine solche, die ohne eine spezielle 
Gegenleistung oder überhaupt ohne jede Gegenleistung erfolgt, bei 
der mithin nur ein Verkehrsobjekt in Frage steht und der eine Teil 
nur gibt, der andere nur empfängt. Hierher gehören Schenkungen, 
Stiftungen, Vermächtnisse, Mitgift und andere freiwillige Vermögens- 
übertragungen; ferner die von Gerichten auferlegten Vermögensstrafen, 
Entschädigungen und Ersatzleistungen; schließlich alle zwangsweise 
auferlegten Leistungen an die weltliche und geistliche Obrigkeit, an 
Grundherrn, Gemeinde, Staat und Kirche. Wenn auch in den letzt- 
genannten Fällen meist eine gewisse allgemeine Entgeltlichkeit von 
Leistung und Gegenleistung obwaltet, insoweit als der Grundherr ge- 
wisse Verpflichtungen gegenüber den Hörigen hat und als die Wirksam- 
keit von Gemeinde, Staat und Kirche jedem Einzelnen, der Abgaben, 



2. Kapitel. Die Verkehrsobjekte und Verkehrsvorgänge. § 2. 275 

und Steuern zahlen muß, zagute kommt, so fehlt doch die spezielle 
Entgeltlichkeit, das Abwägen des Wertes von Leistung und Gegen- 
leistung seitens der Parteien und die freie Willensentschließung des 
einen der beiden Beteiligten. Die Abgaben, Steuern usw. werden von 
der Obrigkeit einseitig und zwangsweise den Individuen auferlegt, 
und letztere können sich diesen Leistungen nicht etwa dadurch ent- 
ziehen, daß sie auf die Wohltat des Rechtsschutzes usw. verzichten. 
Wir haben es also bei den von der Obrigkeit auferlegten Leistungen, 
trotz der allgemeinen Beziehung zu der Wirksamkeit der Obrigkeit, 
mit einseitigen Uebertragungen zu tun. 

Bei der doppelseitigen oder entgeltlichen Uebertragung kommen 
nicht nur zwei Personen, sondern auch zwei Verkehrsobjekte in Frage; 
jedes der beiden Verkehrsobjekte stellt das Entgelt für das andere 
dar, und ihre Uebertragung erfolgt zwischen den beiden beteiligten 
Personen in umgekehrter Richtung, sodaß jede der beiden Personen 
zugleich Geber und Empfänger ist. 

Innerhalb der Kategorie dieser doppelseitigen Uebertragungen haben 
wir nun einen sehr wichtigen Unterschied zu machen : zwischen Ueber- 
tragungen, bei denen Leistung und Gegenleistung sich in einem und 
demselben Augenblicke Zug um Zug vollziehen, und solchen, bei welchen 
Leistung und Gegenleistung zeitlich auseinanderfallen, indem die Gegen- 
leistung für einen späteren Termin bedungen wird. 

Der erstere Fall bedarf seiner Einfachheit wegen keiner weiteren 
Erläuterung. 

Hinsichtlich des zweiten Falles sei folgendes bemerkt: 

Ein zeitliches Auseinanderfallen von Leistung und Gegenleistung 
ist eine unvermeidliche Notwendigkeit in allen denjenigen Fällen, in 
welchen die Leistung sich auf einen Augenblick zusammendrängt, wie 
z. B. die Uebertragung eines Sachgutes, während die Gegenleistung 
sich ihrer Natur nach auf einen längeren Zeitabschnitt erstreckt, wie 
z. B. die sämtlichen Nutzungen an Saehgütern und alle Dienstleistungen. 
Wenn es sich um einen Miets- oder Pachtvertrag oder um einen 
Arbeitsvertrag handelt, wobei die Leistung auf der einen Seite z. B. 
in Geld besteht, dann muß die Geldübertragung entweder erfolgen, 
ehe die Nutzung oder Arbeitsleistung vollendet ist, oder die Nutzung 
wird ausgeübt und die Arbeit wird geleistet, bevor die entsprechende 
Geldübertragung erfolgt. 

Von der Uebertragung von Sachgütern gegen Nutzungen und Dienst- 
leistungen ist eine andere Art von Uebertragungen, bei denen Leistung 
und Gegenleistung zeitlich auseinanderfalien, wohl zu unterscheiden. 
Es kann ein Sachgut in der Gegenwart zu Eigentum übertragen werden, 
während die gleichfalls in der Uebertragung eines Sachgutes zu Eigen- 
tum bestehende Gegenleistung erst in einem zukünftigen Zeitpunkte er- 
folgen soll. Hier ist das zeitliche Auseinanderfallen von Leistung und 
Gegenleistung nicht in der Natur der Dinge begründet, sondern in 
zweckbewußter Absicht herbeigeführt. 

Der ganze Kreis der hier in Betracht kommenden Vorgänge hat 
mit der Uebertragung von Nutzungen den wirtschaftlichen Zweck ge- 
mein: es soll die Nutzwirkung von Saehgütern für bestimmte Zeit 

18* 



27(5 Zweites Buch. I. Abscbuitt. Das Geld iu der Wirtschaftsorduuug. 

einem Dritten zur Verfügung gestellt ^Yerden. Die Ucbertraguug der 
hloßen Nutzung unter Vorbehalt des Eigentums ist nur bei solchen 
Dingen möglich, welche durch die Art ihrer Nutzung nicht aufgebraucht 
v\erdeu, sondern nach vollzogener Nutzung in nicht wesentlich ver- 
ändertem Zustünde dem Eigentümer zurückgestellt werden können. 
Soll die Nutzwirkung von Sachgütern, bei denen Gebrauch gleich- 
bedeutend mit Verbrauch ist, an Dritte übertragen werden, so muß die 
Uebertragung zu Eigentum erfolgen und auf die spätere Rücküber- 
traguug derselben Sachgüter muß Verzicht geleistet werden. Anstelle 
der Ruckübertragung der identischen Sachgüter kann, wenn es 
sich um vertretbare (fungible) Dinge handelt, z. B. um Getreide oder 
um Geld, die Rückerstattung einer entsprechenden Menge von 
Gütern der gleichen Gattung ausbedungen w^erden, oder es kann die 
Rückübertragung eines entsprechenden Gegenwertes in irgendeiner 
beliebigen anderen Gütergattung verabredet werden ; bei nicht vertret- 
baren Gütern bleibt nur die letztere Möglichkeit. 

Die wichtigsten hier in Betracht kommenden Fälle sind nach 
Entstehung der Geldwirtschaft die folgenden: 

1. Es wird in der Gegenwart ein nicht Geld darstellendes Sach- 
gut zu Eigentum hingegeben (z. B. Getreide oder Baumwolle oder eine 
Maschine) gegen eine in der Zukunft zu bewirkende Gegenleistung in 
Geld (Verkauf auf Kredit). 

2. Es wird in der Gegenwart eine Geldsumme zu Eigentum hin- 
gegeben gegen die in der Zukunft zu bewirkende RUckübertragung 
einer Geldsumme (Darlehen). 

In den hier in Betracht kommenden Fällen vollzieht sich, wenn 
wir den Vorgang genauer betrachten, in der Gegenwart eine Ueber- 
tragung eines Sachgutes gegen die Einräumung einer Forderung: in 
der Zukunft vollzieht sich ein zweiter Vorgang, der in der Erfüllung 
der Forderung besteht. Die Formen, in welchen im Wege einer ent- 
geltlichen Uebertragung Forderungen entstehen, die zu einem in der 
Zukunft liegenden Zeitpunkte erfüllt werden sollen, sind außerordent- 
lich zahlreich. Die angeführten Fälle stellen nur die einfachsten Bei- 
spiele dar. Die bei einem für längere Zeit gewährten Darlehen für 
bestimmte Termine verabredeten Zinsen sind eben so gut Gegenstand 
einer Forderung, wie die Rückzahlung des Kapitals selbst. Ebenso 
liegt es bei Pacht-, Miet-, Leih- und Dienstverträgen, die für längere 
Zeit abgeschlossen sind und bei denen der in Geld bestehende Gegen- 
wert nicht in der Gegenwart erstattet wird, sondern als Pacht-, Miet- 
oder Leihzins, als Lohn oder Gehalt in der Zukunft zu regelmäßig 
wiederkehrenden Terminen zu übermitteln ist. Aehnlich verhält es sich 
beim Kaufe einer Rente ; hier wird — sei es durch einmalige Hingabe 
einer Geldsumme, sei es durch eine Anzahl jährlicher Zahlungen — 
eine in der Zukunft zu erfüllende Forderung auf bestimmte Beträge 
pro Jahr erworben. Auch die im Wege der Versicherung erworbeneu 
Ansprüche gehören hierher; die Zahlung jährlicher Prämien gibt bei 
Feuerversicherungen, Unfallversicherungen, Lebensversicherungen eine 
Forderung, die jedoch nur beim Eintritt bestimmter vorgesehener 
Eventualitäten, bei einem Brandschaden, einem Unfälle oder einem 



2. Kapitel. Die Verkehrsobjekte imd Verkehrsvorgänge. § 2. 277 

Todesfalle, zu erfüllen ist. Ferner können Forderungen nicht nur gegen 
Sachgüter, gegen Nutzungen und Dienstleistungen erworben werden, 
sondern auch gegen Forderungen selbst. In letzterer Beziehung 
kommen nicht nur Fälle in Betracht, in denen verschiedenartige 
Forderungen auf Geld gegeneinander umgesetzt w'erden, z. B. Schecks 
gegen Wechsel oder Staatsschuldverschreibungen, sondern auch Fälle, 
in denen Forderungen auf Geld gegen Forderungen auf andere 
Verkehrsobjekte gegeben und genommen werden. Hierher gehören 
vor allem die Lieferungsverträge, das gesamte Termingeschäft in 
Waren und Wertpapieren. Im Getreidetermiugeschäft verpflichtet sich 
z. B. A, zu einem zukünftigen Zeitpunkte eine bestimmte Quantität 
Getreide an B zu liefern, während B sich verpflichtet, für das Ge- 
treide bei der Lieferung einen bestimmten Preis zu zahlen; es wird 
also eine doppelseitige Uebertragung von Sachgütern, deren Bedin- 
gungen in der Gegenwart festgesetzt w^erden, auf die Zukunft ver- 
schoben, und daraus ergeben sich zwei sich gegenseitig bedingende 
Verpflichtungen bzw. Forderungen. 

Wenn sich so aus einer besonderen Art der doppelseitigen lieber- 
tragung Forderungen ergeben, die in einem zukünftigen Zeitpunkte 
zu erfüllen sind, so können andererseits solche Forderungen auch aus 
einseitigen Uebertragungen entstehen. A kann an B eine Forderung 
an sich selbst ohne Gegenleistung übertragen, so gut wie er den 
Gegenstand selbst, auf den die Forderung lautet, ohne Gegenleistung 
übertragen kann; die Forderung ist dann in dem vorgesehenen 
späteren Zeitpunkte genau ebenso zu erfüllen, wie wenn sie auf- 
grund einer entgeltlichen Uebertragung entstanden wäre. 

Es ergibt sich daraus, daß die Erfüllung einer Forderung nicht 
lediglich als der letzte Akt einer doppelseitigen Uebertragung, bei der 
die Gegenleistung in die Zukunft hinausgeschoben wird, angesehen 
werden kann. 

In der Tat haben wir es bei der Erfüllung von Forderungen 
mit einem eigenartigen Verkehrsvorgange zu tun, der gerade für die 
Ausbildung und die Wirksamkeit des Geldes von ganz besonderer 
Wichtigkeit ist. Während die doppelseitige Uebertragung von Verkehrs- 
objekten irgendwelcher Art im allgemeinen auf einer freiwilligen, den 
Bedürfnissen und Möglichkeiten des Augenblicks Eechnung tragenden 
Entschließung beider Parteien beruht^), steht die Forderung, auch wenn 
sie aus einer in der Vergangenheit vorgenommenen freiwilligen Ueber- 
tragung hervorgegangen ist, sobald sie einmal zustande gekommen ist, 
dem Willen des Verpflichteten als etwas Fremdes und Selbständiges 
gegenüber; der Verpflichtete kann an der Verpflichtung weder inbezug 
auf die Erfüllungszeit, noch inbezug auf ihren Inhalt einseitig irgend etwas 

1) Die währeud des Krieges entstandene „Zwangswirtschaft" hat Ansnahnieu 
von dieser Regel geschaffen; der Staat hat auch doppelseitige Uebertragungen 
erzwungen; insbesondere in der Gestalt der Ablieferung landwirtschaftlicher Pro- 
dukte zu bestimmten Preisen, ein System, das heute noch (1923) in der sog 
Getreide-Umlage aufrecht erhalten wird; ferner in den Bestimmungen über die Zwangs- 
miete, die gleichfalls heute noch aufrecht erhalten werden. Auch alle während 
des Krieges erfolgten Enteignungen von Waren, Gebrauchsgegenständen und Wert- 
papieren gegen Zahlung eines GegenAvertes gehören hierher 



278 Zweites Bach. I. Abschuitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

äudern, und darin ist die einmal eingegangene Verpflichtung den seitens 
der Obrigkeit zwangsweise auferlegten einseitigen Leistungen verwandt. 
Umgekehrt sind die sich Zug um Zug vollziehenden Uebertragungen 
dem Einflüsse der staatlichen Gesetzgebung nahezu völlig entzogen, 
während die staatliche Gesetzgebung in der Lage ist, den Inhalt und 
die Erfüllungsmodalitäten der Forderungen maßgebend zu beeinflussen ; 
auch hierin tritt eine Ver\Tandschaft mit den seitens der Obrigkeit 
einseitig auferlegten Leistungen zutage. Wir werden uns später 
noch eingehend damit zu beschäftigen haben, wie der Erlaß von Vor- 
schriften über die Erfüllung von auf Geld lautenden Verbindlichkeiten 
das wichtigste Mittel zur Ordnung des Geldwesens durch den Staat 
darstellt. 

Die in die Zukunft hinausgeschobene Leistung bei der einseitigen 
Uebertraguug und Gegenleistung bei der doppelseitigen Uebertragung 
gewinnen auf diese Weise eine besondere Bedeutung, die es recht- 
fertigt, die Erfüllung von Forderungen bzw. Verpflichtungen als eine 
spezielle Art von Verkehrsvorgängen zu behandeln. 

Wir kommen nach dieser Betrachtung zu folgender Einteilung 
der einer Vermittlung durch das Geld zugänglichen Verkehrsvorgänge: 

L Einseitige Uebertragungen: 

a. freiwillige, 

b. zwangsweise auferlegte. 

II. Doppelseitige Uebertragungen: 

a. Zug um Zug erfolgende Uebertragungen von Sachgütern 
gegen Sachgüter, 

b. Hingabe von Sachgütern gegen Nutzungen und Dienst- 
leistungen, 

c. Hingabe von Sachgütern gegen bereits vorhandene For- 
derungen, 

d. Hingabe von Sachgütern gegen Forderungen, die durch 
diesen Verkehrs Vorgang erst existent werden, 

in, Erfüllung von aus einseitigen oder doppelseitigen Uebertragungen 
hervorgegangenen Verpflichtungen. 

§ 3. Tausch, Zahlnngr und Eapitalübertragnng. 

Bei der Darstellung der Verkehrsvorgänge im vorigen Paragraphen 
kam es lediglich darauf an, die sich im interpersonalen Verkehr voll- 
ziehenden Uebertragungen nach den wesentlichsten unterscheidenden 
Merkmalen in einige große Gruppen einzuteilen. Es ist dabei, da es 
auf die Begriffe und nicht auf die Bezeichnungen ankommt und da 
die Begriffe erst festgestellt werden müssen, ehe über die Termino- 
logie entschieden werden kann, nach Möglichkeit von der Anwendung 
solcher Bezeichnungen abgesehen worden, über deren Bedeutung ein 
allgemeines Einverständnis nicht besteht. 

Die durch das Geld vermittelten Verkehrsvorgänge werden in 
der Regel unterschieden in „Tausch", der durch die Dazwischenkunft 
des Geldes zum „Kauf" und „Verkauf" wird, und „Zahlung"; gerade 
über den Inhalt dieser Bezeichnungen ist eine vollständige Ueberein- 
stimmung nicht vorhanden. Es wurde deshalb bei den vorstehenden 



2. Kapitel. Die Verkehraobjekte nnd Verkehrsvorgänge. § 3. 279 

Ausführungen manchmal, wo es nahe gelegen hätte, von „Tausch" zu 
sprechen, das umständlichere Wort „doppelseitige Uebertragung", und 
wo es nahe gelegen hätte, das Wort „Zahlung" anzuwenden, die Be- 
zeichnung „einseitige Uebertragung'' gebraucht. 

Da nun unter den einzelnen Funktionen des Geldes meist die- 
jenigen als allgemeines Tauschmittel und als allgemeines Zahlungs- 
mittel aufgezählt werden, erscheint es angebracht, vor der Erörterung 
der Einzelfunktionen des Geldes die Begriffe Tausch und Zahlung 
klarzustellen. 

Im gewöhnlichen Sprachgebrauche bezeichnet man jede Ueber- 
tragung einer Geldsumme als Zahlung; das Wort „Zahlung" bedeutet 
ursprünglich nichts anderes als das Vorzählen von Geldstücken 
(nnmeratio). In diesem allgemeinen Sinne findet eine Zahlung auch 
dann regelmäßig statt, wenn ein Tausch durch das Geld vermittelt 
wird. Wer seine Waren gegen Geld hingibt, um mit dem erhaltenen 
Gelde eine andere Ware, auf die sich sein Bedarf richtet, zu erwerben, 
empfängt und leistet eine Zahlung; er empfängt eine Zahlung als Ver- 
käufer der ihm ursprünglich gehörenden Ware, und er leistet eine 
Zahlung als Käufer der von ihm benötigten Ware. In diesem allge- 
meinen Sinne stellt sich also die Zahlung als ein Teil des durch Geld 
▼ermittelten Tausches dar. 

Daß aber die Zahlung im allgemeinen Sinne mehr ist als 
die eine Seite des durch Geld vermittelten Tausches ergibt sich 
daraus, daß eine große Reihe von Zahlungen stattfindet, ohne daß 
dabei ein Tausch in Frage kommt. Ueberall, wo eine einseitige Ueber- 
tragung in Geld bewirkt wird, greift zwar eine Zahlung, aber kein 
Tausch Platz. 

Nun hat man innerhalb des weiteren Begriffs der Zahlung, der 
alle in Geld erfolgenden Uebertragungen umfaßt, einen engeren Begriff 
der Zahlung konstruiert, der die in Geld bestehende Leistung beim 
Tausche nicht einbegreift, und in diesem Sinne hat man zwischen der 
Tauschmittelfunktion und der Zahlungsmittelfunktion des Geldes unter- 
schieden. Zahlung im engeren Sinne wäre demnach jede in Geld be- 
stehende Leistung, die nicht auf einen Tauschvorgang zurückzuführen ist^). 

Es liegt nahe, anstelle dieser negativen Bestimmung des Be- 
grifls der Zahlung im engeren Sinne, die ohnedies erst noch eine Fest- 
stellung des Begriffes „Tausch" erfordert, eine Unterscheidung in der 
Weise zu treffen, daß man das Wort Zahlung im engeren Sinne für 
die einseitigen Uebertragungen (soweit sie in Geld bestehen) anwendet. 
Aber eine solche Unterscheidung würde uns einmal in gewisse Kon- 
flikte mit dem allgemeinen Sprachgebrauch bringen, und sie würde 
außerdem in Anbetracht der Sonderstellung, welche die Erfüllung von 
Forderungen unter den Verkehrsvorgäugen einnimmt, keineswegs durch- 
greifend sein. 

^) Leistungen, die nicht auf einen Tauschvorgaug zurückzuführen sind, 
haben ~ ebenso wie der Tausch — bereits vor der Entstehung und dem Gebrauche 
des Geldes statttrefunden und stattfinden müssen. Es fehlt uns nur ein zusammen- 
fassendes Wort für diese in natura stattfindenden Leistungen, das sich zu dem 
für die Geldwirtschaft angewendeten Worte Zahlung ebenso verhalten würde, wie 
di« Bezeichnung Tausch au der Bezeichnung Kauf und Verkauf. 



280 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld iu der Wirtschaftsordnung. 

Soweit CS sich um eine doppelseitige Uebertragung- von Saeh- 
gUtern handelt, die sieh Zug um Zug vollzieht (Fall IIa der oben ge- 
gebenen Klassiliziernng), kann die Bezeichnung Tausch und, wenn 
eine der beiden Leistungen in Geld besteht, die Bezeichnung Kauf 
und Verkauf keiner Einwendung begegnen. Das gilt auch von den 
Verabredangen über die in einem zukünftigen Zeitpunkte zu bewirkende 
doppelseitige Uebertragung von SachgUtern, von den Lieferungsverträgeu 
und den Termingeschäften, bei denen mau von Kauf und Verkauf auf 
Zeit spricht. 

Anders dagegen steht es bereits, wenn Nutzungen und Dienst- 
leistungen in eine doppelseitige Uebertragung eintreten (Fall Hb). 
Wenn die Nutzung an einem Grundstücke, einem Gebäude, einem 
Kleidungsstücke für bestimmte Zeit gegen eine in Geld bestehende 
Gegenleistung übertragen wird, wenn ferner ein Arbeiter gegen Geld- 
lohn sich in den Dienst eines Unternehmers stellt oder wenn eine 
Transportanternehmung für einen verabredeten Geldbetrag für einen 
Dritten Speditionsgeschäfte usw. besorgt, so spricht man in allen diesen 
Fällen nicht von Tausch oder von Kauf und Verkauf von Nutzungen 
und Dienstleistungen. Dem Tausch- bzw. Kauf- Verkaufsvertrage wird 
vielmehr der Pacht-, Miet- und Leihvertrag, der Werkvertrag und 
Dienstvertrag nicht nur im gewöhnlichen Sprachgebrauche, sondern 
auch in der Terminologie der Volkswirtschaftslehre und Rechtswissen- 
schaft zur Seite gestellt. Immerhin liegt zwischen diesen Verkehrs- 
vorgängen und dem Austausche von Sachgütern eine so nahe Ver- 
wandtschaft vor, daß man im übertragenen Sinne vom Kauf oder Ver- 
kauf von Nutzungen und Leistungen spricht. Schon der alte Gajus 
hat ausgeführt (L. 2 Dig. XIX. 2): „Pacht und Miete ist dem Kauf- 
Verkauf ganz nahestehend und denselben Rechtsregeln unterworfen. 
Wie ein Kauf zustande kommt, indem ein Preis (pretium) stipuliert 
wird, so Pacht und Miete, indem ein Pacht- und Mietzins (merces) ver- 
einbart ist; ja manchmal wird es ganz zweifelhaft, ob ein Vorgang 
Kauf, Pacht oder Miete ist." 

Unbedenklich angewendet werden die Bezeichnungen Kauf und 
Verkauf inbezug auf die entgeltliche Uebertragung von Forderungen, 
mindestens soweit die Forderungen in Urkunden und Dokumenten, die 
wie Sachgüter von Hand zu Hand gehen können, verkörpert sind. 
Man spricht von Ankauf und Verkauf von Staatsschuldverschreibungen, 
von Pfandbriefen, von H3'potheken, von Wechseln usf., jedoch nur, 
soweit es sich um die Uebertragung bereits bestehender Forderungen 
handelt (Fall II c), nicht aber soweit die Entstehung und Erfüllung 
solcher Forderungen in Frage kommt (Fall II d und Fall III). 

Letzteres wird sich klar ergeben aus der Betrachtung derjenigen 
Verkehrsvorgänge, bei denen die Leistung in der Gegenwart bewirkt 
wird, während die Gegenleistung für einen zukünftigen Zeitpunkt 
ausbedungen ist. Wir ziehen auch hier nur die beiden einfachsten 
Fälle in Betracht, den Verkauf auf Kredit und das Darlehen. 

Wenn in der Gegenwart ein nicht Geld darstellendes Verkehrs- 
objekt hingegeben wird gegen eine in der Zukunft zu leistende Geldsumme, 
so läßt sich dieser Vorgang als ein Tausch des betreffenden Verkehrs- 



2. Kapitel. Die Verkehrsobjekte und Verkehrsvorgänge. § 3. 281 

Objekts gegen eine Geldforderung auffassen. Dem Sprachgebrauch, der 
einen solchen Verkehrsvorgang als Kauf und Verkauf bezeichnet, ent- 
spricht es jedoch besser, die in Rede stehende Uebertragung aufzulösen 
in einen gewöhnlichen Verkaufsakt und ein Darlehen. Das Getreide 
oder die Baumwolle wird verkauft gegen ein bestimmtes Geldquantum; 
wenn nun dieses Geldquantum nicht sofort in die Hände des Verkäufers 
Übergeht, sondern dem Käufer bis zu einem bestimmten Zeitpunkte 
gestundet wird, so ist das daraus entstehende Verhältnis zwischen den 
beteiligten Personen genau dasselbe, wie wenn A an B anstatt der 
bezeichneten Waren die als deren Gegenwert festgesetzte Geldsumme 
gegen die Verpflichtung der Rückerstattung übertragen hätte. 

Wie steht es aber in dem Falle des Darlehens selbst? 

Man hat gesagt, das Darlehen sei „ein wahrer Tausch gegen- 
wärtiger gegen zukünftige Güter" (v, Böhm-Bawerk); aber gegen 
diese Auffassung ist eingewendet worden, von Tauschvorgängen könne 
nur in dem Sinne gesprochen werden, daß verschiedenartige 
Güter gegeben und genommen werden, eine verschiedene Güterart könne 
jedoch bei zwei — jetzt und später gegebenen — Geldsummen nicht 
anerkannt werden (Knies). 

In der Tat ist der normale, sich Zug um Zug vollziehende Tausch 
nur insoweit denkbar, als verschiedenartige Verkehrsobjekte gegeben 
nnd genommen werden; denn die Verschiedenartigkeit der Verkehrs- 
objekte einerseits, der Bedürfnisse der beteiligten Personen andererseits 
ist ja die einzige Veranlassung für einen solchen Tauschvorgang. 
Wenn nun beim Darlehen in einer für beide Parteien durchaus zweck- 
mäßigen und erwünschten Weise die zukünftige Gegenleistung in 
derselben Art von Sachgütern ausbedungen wird, aus der die gegen- 
wärtige Leistung besteht, so muß anerkannt werden, daß offenbar durch 
das rein zeitliche Auseinanderfallen von Leistung und Gegenleistung 
das Wesen und die wirtschaftliche Bedeutung dieses Aktes gegenüber 
dem Tausche erheblich verändert wird. 

Der bezeichnete Einwand könnte entkräftet w^erden, wenn mau 
das Darlehen als die Hingabe von Geld gegen eine Forderung be- 
zeichnet. Nunmehr liegt eine Verschiedenartigkeit der beiden Ver- 
kehrsobjekte vor (Geld und Geldforderung). Trotzdem lehnt sich der 
Sprachgebrauch gegen die Bezeichnung eines Darlehens als Tausch- 
geschäft, bzw. als Kauf oder Verkauf einer Forderung auf. So an- 
standslos man von Verkauf von Forderungen, z. B. von Schatz- 
anweisnngen, Wechseln und Hypotheken, spricht, wenn diese Forderungen 
bereits vor dem betreflfenden Verkehrsvorgange vorhanden sind, so wenig 
will die Bezeichnung Kauf und Verkauf für einen Verkehrsvorgang 
passen, durch den eine vorher nicht bestehende Forderung überhaupt 
erst in Erscheinung tritt. 

Mit einer womöglich noch stärkeren Auflehnung des Sprach- 
gebrauchs haben wir es zu tun, wenn wir den zweiten in der Zukunft 
liegenden Verkehrsvorgang eines auf Kredit beruhenden Geschäftes 
— sei es eines Verkaufs auf Kredit oder eines Darlehens — , nämlich 
die Erfüllung einer freiwillig kontrahierten Verpflichtung (Fall HI), 
auf einen Tausch zurückführen wo41en. Man könnte zur Not der Hin- 



:>82 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld iu der Wirtschafts Ordnung. 

gäbe der Geldsumme, auf welche die Forderung lautet, die lillckgabe 
der Forderung selbst gegenüberstellen und so abermals einen Austausch 
zwischen einer Forderung und einem Sachgute oder, da das Sachgut 
in den vorliegenden Fällen Geld ist, den Rückkauf einer Forderung 
künstlich konstruieren. Man spricht auch in der Tat vom Rückkauf 
einer Forderung, aber bezeichnender Weise nur dann, wenn die 
Zurückerwerbung seitens des aus der Forderung Verpflichteten vor 
dem Fälligkeitstermine der Forderung erfolgt, wenn es sich dabei also 
um einen freiwilligen, durch den Inhalt der Forderung nicht erzwungenen 
Akt handelt. Dagegen wird niemand die Einlösung eines fälligen 
Wechsels, die Einlösung einer jederzeit fälligen Banknote, die Aus- 
zahlung eines fälligen Depositums oder die Entrichtung fällig gewordener 
Zinsen als eine doppelseitige Uebertragung bezeichnen, bei welcher der 
zur Zahlung Verpflichtete eine Forderung an sich selbst ankauft. Das 
Moment des Zwangs, der bindenden Verpflichtung unterscheidet alle 
derartigen Leistungen scharf von den auf freiwilliger Vereinbarung der 
beiden Parteien beruhenden Verkehrsvorgängeu, für die im allgemeinen 
die Bezeichnung Tausch oder Kauf und Verkauf angewendet wird. 
Dagegen wird gerade für die Erfüllung von Verbindlichkeiten, soweit 
diese in Geld bestehen oder soweit die Erfüllung ursprünglich nicht 
auf Geld lautender Verpflichtungen schließlich iu Geld erfolgt, das Wort 
Zahlung in ganz besonders prägnantem Sinne angewendet, sodaß 
„Zahlung" im allerengsten Sinne, namentlich im juristischen Sinne 
genommen, gleichbedeutend gesetzt wird mit der „Erfüllung" („solutio") 
von Verbindlichkeiten. 

Demnach ist die Bezeichnung Tausch anwendbar auf folgende 
Fälle des oben gegebenen Schemas: 

II a. die Zug um Zug erfolgende doppelseitige Uebertragung von 
Sachgütern gegen Sachgüter; 

II b. die Hergabe von Sachgütern gegen Nutzungen und Dienst- 
leistungen; 

11 c. die Hergabe von Sachgütern gegen bereits bestehende 
Forderungen. 

Unter den Begriff der Zahlung würden alle übrigen Verkehrs- 
vorgänge, soweit sie durch Geld vermittelt werden, einzurechnen sein. 

Faßt man jedoch den Begriff der Zahlung in dem oben ange- 
deuteten engsten Sinne, als Erfüllung von Forderungen in Geld, so 
würden sich als „Zahlung" nur charakterisieren die Fälle: 

I b. zwangsweise auferlegte einseitige Uebertragungen und 

III. Erfüllung von aus doppelseitigen Uebertragungen hervor- 
gegangenen Verpflichtungen. 

Weder unter die Bezeichnung Tausch, noch unter die Bezeichnung 
Zahlung (im engeren Sinne) würden mithin gehören die Fälle: 

I a. Freiwillige einseitige Uebertragungen, 

II d. Hingabe von Sachgütern gegen Forderungen, die durch den 
N'erkehrsvorgang selbst erst existent werden. 

Der wichtigste Spezialfall von II d ist das Darlehen; den Verkauf 
auf Kredit haben wir in einen Zug um Zug erfolgenden Verkauf und 
ein Darlehen aufgelöst. 



3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 1. 283 

Wir bezeichnen die Fälle I a oud II d, die weder einen Tausch 
noch eine Zahlung im engeren Sinne darstellen, als „KapitalUber- 
tragungen", worüber das nähere weiter unten auszuführen sein wird. 

3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. 
§ 1. Aufzählung- der Funktionen des Geldes. 

Die Analyse der Verkehrsvorgänge bietet die natürliche Ueber- 
leitung von der Feststellung der Grundfunktion zu einer Betrachtung 
der Einzelfunktionen des Geldes. Letztere müssen entweder von der 
Art sein, daß sich die Grundfunktion in sie auflösen läßt, und zwar 
genau entsprechend der im vorhergehenden Kapitel vorgenommenen 
Auflösung des Gesamtkomplexes des interpersonalen Verkehrs in die 
einzelnen Verkehrsvorgänge; oder, soweit dies nicht der Fall ist, müssen 
sich die Einzelfuuktionen von der Grundfunktion als Konsekutivfuuktionen 
ableiten oder zu der Grundfunktion als akzidentielle Funktionen in eine 
mehr beiläufige und zufällige Beziehung setzen lassen. 

An solchen Einzelfunktionen werden in Lehrbüchern und Abhand- 
lungen über das Geld meist folgende aufgezählt: 

die Funktion als allgemeines Tauschmittel; 

die Funktion als allgemeines Zahlungsmittel; 

die Funktion als allgemeines Wertmaß; 

die Funktion als Wertträger durch Zeit und Raum (Wertbewahrungs- 
und Werttransportmittel). 

Dazu wird von einigen als besondere Funktion noch diejenige 
als Vermittler des Kapitalverkehrs hinzugefügt. 

Wenn wir einen Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung 
des Geldes werfen, dann tritt aus den aufgeführten Funktionen des 
Geldes die Funktion als allgemeines Tauschmittel am meisten hervor. 
Wir haben gesehen, wie die Entstehung des Geldes in erster Linie zu 
erklären ist aus der Notwendigkeit, die großen, sich mit der Erweiterung 
des Kreises der tauschbaren Güter fortgesetzt steigernden Schwierig- 
keiten des direkten Austausches zu überwinden. Die Funktion als 
allgemeines Tauschraittel erscheint infolgedessen als die historisch primäre 
Funktion des Geldes. Auch unter den Verhältnissen unserer modernen 
Wirtschaftsverhältnisse springt unter den Funktionen des Geldes die 
Vermittlung des Güteraustausches so sehr in die Augen, daß sie vielfach 
nicht nur als die wesentlichste, sondern sogar als die einzige wesent- 
liche Funktion des Geldes angesehen wird, der gegenüber sich die 
übrigen als bloße Konsekutivfunktionen oder akzidentielle Funktionen 
darstellen. Namentlich Menger vertritt diese Ansicht. Er schreibt: 

„Der ursprüngliche und der allen Entwicklungsstufen des Geldes 
gemeinsame Begriff desselben ist der eines allgemein gebräuchlich 
gewordenen Tauschmittels. Alle Begriffsbestimmungen des Geldes, 
welche die dem Geldo entwickelter Kulturvölker eigentümlichen Funk- 
tionen dem Gelde als solchem zuschreiben, im wesentlichen nichts 
anderes als eine Zusammenfassung aller aus der Beobachtung des Geldes 
der modernen Kulturvölker sich ergebenden Funktionen (auch der bloßen 
Konsekutivfunktioneu der Tauschraittelfunktiou) des Geldes sind, müssen 



2S4 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

demnach als irrig, im allgemeinen auch als geschichtswidrig zurück- 
gewiesen ^Yerdeu. Sollen die Konsekutivfunktionen und die sonstigen 
gebräuchlichen Beuutzungsarten des Geldes mit Rücksicht auf ihre hohe 
praktische Wichtigkeit der Begritt'sbestimmung des Geldes beigefügt 
werden, so muß das in einer ihren konsekutiven bzw. ihren akzidentiellen 
Charakter kennzeichnenden Weise geschehen. ^Geld" ist jedes Verkehrs- 
objekt, welches als allgemein gebräuchliches Tauschmittel und infolge dieses 
Unistandes aller Kegel nach auch als Maßstab des Tauschverkehrs 
funktioniert, Funktionen, mit denen sich auch regelmäßig die eines 
.Mittels für einseitige und subsidiäre vermögensrechtliche Leistungen, 
eines Vermittlers des Kapitalverkehrs, falls der Geldstoff hierzu geeignet 
ist, auch die eines Thesaurierungsmittels verbinden"^). 

M e n g e r hat Recht, soweit er die Versuche zurückweist, den 
Begriff des Geldes zu definieren durch eine Aufzählung aller einzelnen 
Funktionen, die das Geld erfüllt oder erfüllen kann; dagegen hält 
seine Auffassung, die allein der Tauschmittelfunktion die Wesentlichkeit 
zuerkennt, nicht Stich, wenn wir sie aufgrund der oben gegebenen 
Analyse der Verkehrsvorgänge prüfen. 

Von den der Vermittlung durch das Geld zugänglichen Verkehrs- 
vorgängen sind diejenigen, die sich als Tausch bezeichnen lassen, nur 
eine besondere Kategorie. Die Tanschraittelfunktion des Geldes kann 



^) Artikel „Geld" im Handwörterbucli der Staatswissenschaften, 2. Aufl. Bd. IV, 
S. 100. — In der 3. Auflage des „Handwörterbuchs", die während der Drucklegung 
der 2, Auflage dieses Werkes erschienen ist, hat Menger den Abschnitt „Aus den 
Funktionen sich ergebender Begriff des Geldes" in einer Weise umgearbeitet, die 
sich in manchen Punkten der Auffassung des Verfassers annähert. Die oben zitierte 
Stelle kehrt in diesem Wortlaute nicht wieder, sondern ist im wesentlichen durch 
folgende Ausführungen ersetzt, die jedoch in dem hier entscheidenden Punkte, der 
ausschließlichen Anerkennung der Tauschmittelfunktion als begriffswesentlich, an 
der früheren Auffassung Mengers festhält (Bd. IV, S, 598ff.). 

„Mag ein Gut welcher Art immer, eine bisher dem Konsum oder der tech- 
nischen Produktion dienende Ware, ein Rohstoff oder ein Kunstprodukt, ein durch 
die Wage zuzumessendes Metall oder eine zirkulationsfähige Urkunde sein, — das- 
selbe wird zum Gelde, sobald und insoweit es in der geschichtlichen Entwicklung 
des Güterverkehrs eines Volkes die Funktion eines allgemeingebräuchlichen Tausch- 
vermittlers (bzw. die Konsekutivfunktion des letzteren) tatsächlich übernimmt und 
hierdurch diejenige eigenartige Stellung im Verkehre und in der Volkswirtschaft gewinnt, 
vermöge welcher es, als ein den Güteraustausch vermittelndes Verkehrs- 
gut, in Gegensatz zu allen übrigen Objekten des Verkehrs tritt, deren Aus- 
tausch es vermittelt . . . Was das Geld von allen übrigen Marktgütern unter- 
scheidet . . . und somit seinen allgemeinen Begriff bestimmt, ist seine Funktion 
als allgemein gebräuchlicher Vermittler des Güteraustausches. Alle übrigen Merk- 
male, die wir nur an bestimmten Erscheinungsformen des Geldes oder gar nur am 
Gelde bestimmter Kulturstufen beobachten können (die Konsekutivfnnktionen der 
Tauschvermittlerfunktion des Geldes!), sind nur Erscheinungen der Entwicklung 
und Ausgestaltung des Geldes (bzw. akzidentielle Merkmale desselben), die indes 
nicht zu seinem allgemeinen, seinem Wesensbegriffe gehören." 

Der Menger'schen Auffassung ist unter den neueren Geldtheoretiker v. Mises 
(Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, München und Leipzig, 1912) im wesent- 
lichen gefolgt. Er sieht in dem Geldo das „allgemein gebräuchliche Tauschmittel", 
das „den Austausch von Gütern und Dienstleistungen vermittelnde Verkehrsgut", 
dessen Hauptaufgabe die „Vermittlung des indirekten Tausches" ist. Auf diese 
Funktion führt v. Mises alle übrigen Funktionen des Geldes (als Vermittler des 
Kapitalverkehrs, als Wertträger, Werttransportmittel, allgemeines Zahlungsmittel,^ 
Mittel für einseitige und subsidiäre Leistungen) zurück. 



3. Kapitel. Die Eiuzelfunktidnen des Geldes. § 2. 285 

also nur einen Teil der Grundfunktiou des Geldes, Instrument des 
interpersonalen Verkehrs zu sein, ausmachen; sie kann nur eine 
Teilfunktiou sein, der andere Teilfunktionen koordiniert zur Seite stehen. 
Die nicht als Tausch anzusehenden Verkehrsvorgänge haben wir, 
soweit sie durch das Geld vermittelt werden, in Zahlunpeu und 
Kapitalübertragungen unterschieden. 

Daraus ergibt sich, daß wir als koordinierte Teilfunktion neben 
der Tauschmittelfunktion die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel 
und als Mittel der Kapitalübertragung ansehen müssen. In jeder der 
drei Teilfunktionen wirkt das Geld als Instrument des interpersonalen 
Verkehrs, und andererseits erschöpft sich diese in der Stellung des 
Geldes innerhalb des verkehrswirtschaftlichen Organismus gegebene 
Grundfunktion in den drei genannten Teilfunktionen. 

Außerhalb bleiben also von den in der Regel aufgeführten Einzel- 
funktionen des Geldes die Funktion als Wertmaß und die Funktion 
als Wertträger durch Zeit und Raum. Das Verhältnis dieser beiden 
Einzelfunktionen zu der Grundfunktion läßt sich nur durch eine beson- 
dere Betrachtung des Wesens dieser Einzelfunktionen ermitteln. Wir 
lassen diese Frage zunächst offen und wenden uns zu der näheren 
Untersuchung der einzelnen Teilfunktionen. 

§ 2. Die Funktion als allgemeines Tanschmittel. 

Es sei zunächst wiederholt, daß wir es beim Tausche mit einer 
doppelseitigen und Zug um Zug erfolgenden Vermögensübertragung 
zu tun haben, bei der ein Wert gegen einen anderen gegeben wird, 
die aber insofern einen einheitlichen und in sich geschlossenen Vor- 
gang darstellt, als der erstrebte Zweck mit dem einmaligen Austausche 
zweier Verkehrsobjekte erfüllt ist. 

Der einheitliche Vorgang des Tausches wird nun durch die Da- 
zwischenkunft des Geldes in zwei getrennte und relativ selbständige 
Aktionen zerlegt, in einen Verkauf und einen Kauf. Wenn beim 
Tausche z, B. Schuhe unmittelbar gegen Brot hingegeben werden, so 
werden nach der Dazwischenkunft des Geldes die Schuhe zunächst 
gegen Geld hingegeben und dann das Geld gegen Brot. 

Die eminenten Vorteile, welche aus dieser scheinbaren Kompli- 
kation eines einfachen Vorgangs für die Volkswirtschaft erwachsen, 
sind bereits im historischen Teile dargestellt worden. Es erübrigt 
deshalb an dieser Stelle nur eine kurze Rekapitulation und systema- 
tische Zusammenfassung. 

Die Vorteile des Gebrauches eines allgemeinen Tauschmittels be- 
stehen in der Ueberwindung der dem naturalen Austausche entgegen- 
stehenden Hindernisse. Diese sind in der Hauptsache folgende: 

1. Nur selten werden sich zwei Leute tretfen, von denen jeder im 
Wege des Austausches gerade das Gut abgeben will, das der andere 
zu erwerben wünscht; z. B. ein Nagelschmied, der Brot braucht, einen 
Bäcker der Nägel nötig hat. 

2. Noch viel seltener wird das Gut, das der eine abzugeben hat. 
im Werte ungefiibr dem Gute entsprechen, das er dafür von einem 
anderen erwerben möchte ; wer z, B. Brot braucht und einen kostbaren 



286 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

Stein abzugeben hat, kann, selbst wenn er einen Bäcker findet, der 
bereit ist, den Edelstein gegen Brot zu erwerben, nicht so viel Brot 
brauchen, wie der Stein wert ist. 

Diese Schwierigkeiten müssen um so größer werden, je mehr die 
Arbeitsteilung fortschreitet, je mehr sich die Tätigkeit der einzelnen 
wirtschaftenden Individuen und Gruppen spezialisiert, je zahlreicher 
und verschiedenartiger die Verkehrsgüter werden; richtiger ausgedrückt: 
ohne eine Beseitigung dieser dem Güteraustausche entgegenstehenden 
Schwierigkeiten wäre auf Grundlage des Privateigentums und der 
wirtschaftlichen Selbständigkeit der Individuen eine über die rohesten 
Anfänge hinausgehende Arbeitsteilung und eine ergiebigere Gestaltung 
der Produktion überhaupt nicht denkbar. Die Produktion konnte zu 
der Ergiebigkeit, zu der sie durch die arbeitsteilige Organisation und 
durch die nur aufgrund einer arbeitsteiligen Organisation möglichen 
technischen Fortschritte gekommen ist, nur dadurch gesteigert werden, 
daß sie von der Bücksicht auf den Konsumbedarf des produzierenden 
Individuums befreit wurde, daß für sie immer mehr der Bedarf größerer 
Gesamtheiten in Betracht kam, der für eine rationelle Ausgestaltung 
des Produktionsprozesses nach dessen eignen Gesetzen freien Spielraum 
ließ. Die unmittelbarste Bindung der Produktion an den Konsum- 
bedarf ist gegeben im Zustande der isolierten, verkehrslosen Eigen- 
wirtschaft, wo jedes Individuum, jede kleine Gruppe nur für den eignen 
Verbrauch produziert. Gegenüber diesem Zustande bedeutet bereits der 
primitive und unmittelbare Tauschverkehr eine gewisse Befreiung der 
Produktion von den Fesseln des individuellen Bedarfs. Aber solange 
sich noch kein Tauschmittel in diesen Verkehr eingeschoben hatte, 
wurde die Richtung der produktiven Arbeit notwendig bestimmt, — 
zwar nicht mehr ausschließlich durch die Rücksicht auf den eignen 
Bedarf, aber doch durch die Rücksicht auf den individuellen Bedarf 
des eng begrenzten Kreises von Personen, auf die man zur Beschaffung 
der zur Befriedigung des eignen Bedarfs dienenden Güter unmittelbar 
angewiesen war. 

Erst das Geld als allgemeines Tauschmittel hat diese Bindung 
vollkommen gelöst; es hat durch die Zerlegung des einheitlichen 
Tausches in einen Verkauf- und einen Kaufvorgang, durch diese schein- 
bare Komplikation, den wirtschaftlichen Verkehr zwischen den einzelnen 
Gliedern der Volkswirtschaft ganz außerordentlich vereinfacht und 
erleichtert, indem es das wirtschaftende Individuum instand setzte, 
die benötigten Bedarfsgüter von anderen als den Abnehmern der eignen 
Erzeugnisse zu beziehen. Wenn in dem oben erwähnten Falle der 
Nagelschmied Brot braucht, dann ist er, sobald in dem Gelde ein all- 
gemeines Tauschmittel vorhanden ist, nicht mehr auf die Bäcker, als 
die Erzeuger von Brot, auch als Abnehmer für seine Nägel angewiesen; 
er kann diese vielmehr an irgend eine beliebige Person verkaufen, 
die imstande ist, ihm den Gegenwert in dem allgemeinen Tausch- 
mittel zu erstatten. Derjenige, der sich eines kostbaren Steines gegen 
andere Dinge entäußern will, ist nicht mehr genötigt, den ganzen 
Gegenwert in den Erzeugnissen seines Abnehmers in einem den eignen 
Bedarf weit überschreitenden Umfange anzunehmen ; er kann vielmehr 



3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 2. 287 

mit dem Gelde, das er erlöst, taasenderlei verschiedenartige Dinge 
von tausend verschiedenen Personen erwerben ; er kann ferner das 
erlöste Geld zu Zahlungen irgendwelcher Art und zur Gewährung voq 
Darlehen verwenden. 

Durch diese weitgehende Aufhebung der Bindung zwischen indivi- 
dueller Produktion und individuellem Bedarf wird der nötige Spielraum 
für eine zweckmäßige Ausgestaltung des Produktionsprozesses geschaffen. 
Die Bedeutung des Bedarfs für die Produktion wird auf die ganz all- 
gemeine Beziehung reduziert, daß überhaupt innerhalb des durch wirt- 
schaftlichen Verkehr verbundenen Kreises ein entsprechender Bedarf für 
die zu produzierenden Güter vorhanden sein muß ; und dieser Kreis 
wird um so größer, mithin die Befreiung der Produktion von den 
Individualverhältnissen des Bedarfs um so wirksamer, je dichter die 
Bevölkerung sieh im Räume zusammendrängt und je mehr durch Ver- 
besserungen der Transportmittel der trennende Raum überwunden wird. 
Das Geld hat die Produktion von den Fesseln, in die ihre Entwicklung 
durch die Bindung an den individuellen Bedarf geschlagen war, 
ebenso befreit, wie die Verbesserung der Transportmittel die Pro- 
duktion von der Gebundenheit an den lokalen Bedarf befreit hat. 
"Wie infolge der Erleichterung und Verbilligung des Transports die 
Produktion instand gesetzt wurde, in jedem einzelnen ihrer mannig- 
faltigen Zweige die Orte der günstigsten Produktionsbediugungen auf- 
zusuchen, wie dadurch eine garnicht abzuschätzende Steigerung der 
Produktivität der Arbeit bewirkt worden ist, so hat es das Geld mög- 
lich gemacht, die Produktion in den einzelnen Zweigen ohne Rücksicht 
auf den Bedarf der an ihr beteiligten Individuen zu organisieren ; und 
dabei war die durch das Geld bewirkte Lösung der Produktion vom 
individuellen Bedarf die erste Voraussetzung für die durch die Traus- 
portmittel bewirkte Lösung der Produktion vom Orte des Konsums. 

Die Befreiung der Produktion durch das Geld tritt nach zwei 
Richtungen hin zutage: einmal können die produzierenden Individuen 
und Unternehmungen innerhalb des Gesamtbedarfs der Wirtschafts- 
gemeinschaft ihre besonderen Kräfte und Fähigkeiten in besonderen 
Produktionszweigen ausnutzen, ohne durch die Rücksicht auf die Art 
ihres eignen Güterbedarfs oder des Güterbedarfs einer bestimmten und 
beschränkten Gruppe von Individuen gebunden zu sein; jeder, der 
irgend eine Spezialität auf den Markt bringt, hat, sofern er mit seinem 
Angebote nur innerhalb des Gesamtbedarfs bleibt, durch das Geld die 
Sicherheit, seinen individuellen Bedürfnissen genügen zu können; jeder 
kann infolgedessen seine Aufmerksamkeit auf die möglichste Vervoll- 
kommnung seiner eignen Spezialproduktion konzentrieren, ohne sich 
durch die Frage der Deckung der eignen individuellen Bedürfnisse ab- 
lenken zu lassen. Selbst für Zwischenprodukte, die keinem Konsuru- 
bedarfe unmittelbar genügen können, ist die Möglichkeit des Absatzes 
gegen Geld, mit dem jederzeit die notwendigen Bedarfsartikel beschafft 
werden können, gegeben; dadurch wird es dem Einzelnen möglich ge- 
macht, sich einer Teiloperation innerhalb des Prozesses der Produktion 
einer einzelnen Ware zu widmen. Gerade dadurch, daß vermittelst 
des Geldes das Individuum aus jedem Zwischeustadium der Produktioi) 



2SS Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

heraus sofort zu seinem Endzwecke, der eignen Bedarfsbefriedigung, 
gelangen kann, ^Yird die im Produktionsiuteresse gelegene Zerspaltung 
des Produktionsprozesses in einzelne Stadien und die Verteilung der 
einzelnen Stadien auf verschiedene selbständige Unternehmungen möglich. 

Wie die Spezialisierung der Produktion, so wird durch das Geld 
auch die Organisation der Produktion in der auf Privateigentum nud 
Selbstbestimmungsrecht der Individuen begründeten Wirtschaftsordnung; 
möglich gemacht. Das Geld allein gestattet, Kapitalien und mensch- 
liche Arbeitskräfte zu einem einheitlichen Produktionszwecke, dessen 
iiesultat an sich keine Repartierung zuläßt, zusammenzufassen. Da- 
durch daß die an sich unteilbaren Erzeugnisse kombinierter Kapitalien 
und Arbeitskräfte gegen Geld, das die exakteste Zerlegung in kleine 
und große Wertbruchteile zuläßt, veräußert werden, wird es möglich, 
Kapitalien und Arbeitskräfte entsprechend ihrer Mitwirkung an dem 
gemeinsamen Produktionswerke zu entlohnen; und erst durch diese 
Möglichkeit ist der Boden geschaffen für das wirksame Organ der 
GUtererzeugung, das wir als „Unternehmung" bezeichnen. 

Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung beruhen mithin in ihrer 
Ausbreitung und Verfeinerung wesentlich auf der Voraussetzung des 
Geldes in seiner Eigenschaft als Tauschmittel. Das Geld ermöglicht 
auf diese Weise eine Zusammenfassung aller Kräfte zu den Zwecken 
der Gesamtheit, wie sie sonst nur aufgrund der stärksten Herrschafts- 
verhältnisse denkbar wäre. Freilich ist die durch den freien Austausch, 
wie ihn das Geld ermöglicht, gegebene individuelle Freiheit nichts 
weniger als eine absolute Unabhängigkeit; jeder Einzelne ist, je weiter 
die Arbeitsteilung fortschreitet, um so mehr abhängig von den Anderen, 
an die er verkaufen und von denen er kaufen muß, um leben zu 
können; aber je mehr die Geldwirtschaft fortschreitet, je mehr alle 
Waren gegen Geld verkauft und gekauft werden, desto weniger ist 
der Einzelne von bestimmten Anderen abhängig; seine Abhängigkeit 
bezieht sich vielmehr auf eine unbestimmte und unpersönliche Gesamt- 
heit, auf den „Markt"; diese Gesamtheit gebietet ihm nicht mit der 
strikten Schärfe eines persönlichen Willens, was er tun und nicht 
tun soll; sie leitet ihn vielmehr, indem sie ihm anheim gibt, Erwägungen 
über den eignen Vorteil anzustellen und danach seine Entschlüsse zu 
treffen; und das wird als Freiheit empfunden. Andererseits ist die nicht 
als Unfreiheit empfundene Abhängigkeit des Einzelnen von größeren 
Gesamtheiten das wichtigste Prinzip, auf dem die gesellschaftliche 
Kultur beruht. — 

Der Gebrauch eines Tauschmittels muß, nachdem er infolge seiner 
einleuchtenden Vorzüge sich in der Gewohnheit eingebürgert hat, aus 
sich selbst heraus eine Erweiterung und Steigerung bis zu dem Punkte 
erfahren, daß nicht mehr lediglich der durch die Erkenntnis des ökono- 
mischen Vorteils bestimmte freie Wille die Benutzung des Tauschmittels 
herbeiführt, sondern daß die Benutzung des Tauscbmittels für die 
einzelnen Glieder einer arbeitsteilig organisierten Volkswirtschaft in 
der Regel eine Notwendigkeit ist. Die Benutzung bestimmter Güter 
als Tanschniittel steigert den Begehr nach diesen Gütern und damit ihre 
Absatzfähigkeit weit über die durch den gewöhnlichen Konsumbedarf 



3. Kapitel. Die Einzelfnuktioaen des Geldes. § 3. 289 

gegebenen Greuzen hinaus. Weil jedermann sicher ist, gegen das ali- 
gemeine Tauschmittel leichter und vorteilhafter alle anderen Verkehrs- 
objekte erwerben zu können, deswegen will bald jedermann seine 
Erzeugnisse usw. nur noch gegen das allgemeine Tauschmittel hin- 
geben, und damit ist für jeden, der von anderen irgendwelche Güter 
eintauschen will, der Zwang geschaffen, sich zunächst mit Geld zu 
versehen, d. h. seine eignen Erzeugnisse usw. regelmäßig nur noch 
gegen Geld abzugeben. In unserer modernen Volkswirtschaft ist diese 
Entwicklung soweit abgeschlossen, daß alle Verkehrsobjekte, die auf 
den Markt kommen, in der Kegel nur gegen Geld veräußert und 
gegen Geld erstanden werden. Als allgemeines Tauschmittel ist das 
Geld der notwendige Durchgangspunkt für den gesamten Austausch- 
prozeß, es ist der Träger der allgemeinen und unbeschränkten Kauf- 
kraft gegenüber allen Verkehrsobjekten und damit der Träger der 
abstrakten, an keinen besonderen Verwendungszweck gebundeneu, 
in ihrer Verwendung unbeschränkten Vermögensmacht. „Pecuniam 
habens habet omnem rem, quam vult habere." Während alle anderen 
Verkehrsobjekte nur ganz bestimmten Verbrauchs- und Gebrauchs- 
zwecken genügen können und, wenn sie zur Erwerbung anderer ver- 
wendet werden sollen, zunächst gegen das eine Verkehrsobjekt Geld 
umgesetzt werden müssen, ist das Geld von jeder Beschränkung auf 
einen besonderen Verbrauchs- oder Gebrauchszweck befreit, und seine 
Verwendung zum Erwerbe anderer Verkehrsobjekte ist ebenso unbe- 
grenzt wie die Welt des Verkehrs selbst. 

Freilich haben uns die Ereignisse der letzten Jahre gelehrt, daß 
in dieser Entwicklung des Geldes Rückschläge vorkommen können. 

Schon während des Krieges ist ein solcher Rückschlag eingetreten. 
Der Krieg hat einerseits in der ganzen Welt einen gewaltigen Waren- 
hunger, insbesondere an bestimmten für die Kriegführung und den 
Lebensunterhalt der Völker unentbehrlichen Stoffen erzeugt, andererseits 
die oben geschilderte^) starke Vermehrung des Geldumlaufs — in den 
kriegführenden Ländern durch Papiergeldausgabe, in den neutralen 
Ländern durch den Goldzufluß aus den kriegführenden Ländern — 
hervorgerufen. Die Folge war ein Kampf um bestimmte Waren, der sich 
nicht nur in gewaltigen Preissteigerungen, sondern auch darin auswirkte, 
daß der Satz „pecuniam habens habet omnem rem, quam vult habere" 
zeitweise außer Kraft gesetzt» erschien. Es kam so weit, daß im inter- 
nationalen Verkehr die am meisten begehrten und umstrittenen Waren 
vielfach nur noch im Wege von Austauschabkommen zu haben waren') 
und daß auch im inländischen Verkehr der Tausch wieder Boden 
gewann. 

In der Nachkriegszeit hat sich die Kückentwicklung zum Tausch 
in den Ländern, deren Geldwesen weiterer Zerrüttung verfiel, fortgesetzt 
und verschärft. Diese Entwicklung beruht darauf, daß in jenen Ländern, 
zu denen leider auch Deutschland gehört, das Geld eine der Eigen- 
schaften verloren hat, die für ein gut funktionierendes Tauschmittel 



») Si. 
») Si( 



Siehe obeu S. 214ff. 

Siehe meineu „Weltkrieg", Bd. II, S. 'J02fl. 

Helfferioh, Das Oeld. 19 



290 Zweites Bach. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

Voranssetzung sind, nämlich die „Wertbeständigkeit". Ein Geld, dessen 
Kaufkraft einem fortgesetzten nnd unheilbar erscheinenden Schwinden 
unterliegt, wird schließlich als Tauschmittel untauglich. Wenn es der 
Staat mit seinen Machtmitteln dem Verkehr aufzwingt oder dem Ver- 
kehr die Benützung anderer Tauschmittel (z. B. ausländischen Geldes) 
unmöglich macht, so wird damit der Verkehr allmählich in die Formen 
des naturalen Tausches zurückgezwungen. 

§ 3. Die Funktion als allgemeines Zahlungsmittel. 

Wir haben bei der Betrachtung der Verkehrsvorgänge gesehen^ 
daß der Tausch nur eine bestimmte Art der Uebertragungen darstellt, 
im wesentlichen nur die Zug um Zug erfolgende doppelseitige Ueber- 
tragung. Dem Tausche koordiniert sind zunächst diejenigen Verkehrs- 
vorgänge, die wir, sobald sie durch Geld vermittelt werden, als Zahlung 
im engeren Sinne bezeichnet haben. Als Zahlungsmittel fungiert das 
Geld, wenn es die Erfüllung sowohl zwangsweise auferlegter als auch 
freiwillig kontrahierter Verpflichtungen vermittelt, wobei zu bemerken 
ist, daß das Geld auch als Mittel zur Erfüllung solcher anderen, 
ursprünglich nicht auf Geld lautenden Verbindlichkeiten dient, 
deren Leistung in dem eigentlich geschuldeten Objekte dem Ver- 
pflichteten aus irgend einem Grunde unmöglich ist; man hat die 
letztere Verwendungsart des Geldes häufig — namentlich von juristischer 
Seite — als eine besondere für den Begriff des Geldes entscheidende 
Funktion aufgefaßt, als die Funktion des „letzten zwangsweisen 
Solutionsmittels". (Siehe unten Kapitel 4, § 8). 

Wir haben oben festgestellt, daß die P'unktion des Geldes als all- 
gemeines Zahlungsmittel ein Teil seiner Grundfunktion als Instrument 
des interpersonalen Verkehrs darstellt und in dieser Beziehung der 
Funktion als allgemeines Tauschmittel koordiniert ist. Daß außerdem 
ein enger Zusammenhang zwischen der Zahlungsmittelfunktion und 
der Tauschmittelfunktion des Geldes besteht, liegt auf der Hand. Aber 
das Wesen dieses Zusammenhangs ist nicht so einfach, wie es auf den 
ersten Blick scheinen möchte und wie es meist aufgefaßt worden ist. 

Die eine Seite der hier vorliegenden Beziehung ist folgende. 

Das Vorhandensein des Geldes als Tauschmittel bedingt seine 
allgemeine Verwendung als Zahlungsmittel. 

Wo in dem Gelde ein Verkehrsobjels;t besteht, vermittelst dessen 
alle übrigen Verkehrsobjekte am leichtesten und billigsten beschafft 
werden können und in das alle übrigen Verkehrsobjekte am einfachsten 
umgesetzt werden können, da erfolgen einseitige Vermögensüber- 
tragungen, ob freiwillige oder zwangsweise auferlegte, der Regel nach 
am besten in Geld, nämlich in allen denjenigen Fällen, in welchen der 
freiwillig oder gezwungen Leistende nicht imstande ist, aus seinem 
Eignen heraus gerade diejenigen Verkehrsobjekte abzugeben, auf welche 
sich der spezielle Bedarf des Empfängers richtet. Ist der gebende 
Teil dazu nicht in der Lage und sollte trotzdem die Uebertragung in 
natura geschehen, dann würde entweder der Empfänger sich genötigt 
sehen, gegen die erhaltenen Güter auf dem Wege des Austausches die 
Objekte seines unmittelbaren Bedarfs zu beschaffen, oder der Gebende 



3. Kapitel. Die Einzelfnnktionen des Geldes. § 3. 291 

müßte seinerseits vor der Uebertragung diesen Austausch bewirken. 
Die Leistung in demjenigen Verkehrsobjekte, das als allgemeines 
Tauschmittel für jeden beschaffbar und zur Beschaffung eines jeden 
anderen Verkehrsobjektes unbeschränkt verwendbar ist, stellt hier den 
gegebenen Kompromiß zwischen den Interessen beider Teile dar. 

Bei durchaus freiwilligen Uebertragungen, bei Schenkungen, Ver- 
mächtnissen, Ausstattungen usw., nimmt die naturale Leistung des- 
halb noch einen verhältnismäßig breiten Raum ein, weil dem 
Schenkenden die Unbequemlichkeit des Umsatzes der in seinem Besitze 
befindlichen Verkehrsobjekte nicht zugemutet werden kann; am meisten 
kann eine solche Zumutung noch dort gestellt werden, wo die Schenkung 
auf einer gewissen Verpflichtung durch die Sitte beruht, wie etwa bei 
der Mitgift. 

Wo dagegen Vermögensleistungen zwangsweise auferlegt werden, 
da hat es die den Zwang ausübende Gewalt in der Hand, in allen 
Fällen, in denen nicht durch naturale Leistung ihren Zwecken am 
besten entsprochen wird — wie z. B, durch Requisitionen im Kriegsfalle, 
durch Einquartierungen im Manöver, durch die deutsche Getreideumlage 
in der Nachkriegszeit — die Leistung in Geld zu erzwingen. Sind die 
zwangsweise auferlegten Leistungen aufgrund richterlichen Urteils an 
einen Dritten zu bewirken, wie im Falle des Ersatzes für zerstörte 
Vermögensobjekte und der Entschädigung (auch für Injurien und 
Körperverletzungen), oder ist im Falle der Unmöglichkeit der Er- 
füllung einer ursprünglich übernommenen, nicht auf Geld lautenden 
Verbindlichkeit eine subsidiäre vermögensrechtliche Leistung erforder- 
lich, durch die sich der Verpflichtete von seiner Verpflichtung be- 
freien kann und muß, oder handelt es sich um die Auferlegung 
von Vermögenstrafen für Rechtsverletzungen, — überall sind die in 
Rede stehenden einseitigen Leistungen von bestimmten Personen 
zu erfüllen, während sich beim Tausche jedermann seinen Gegen- 
kontrahenten nach Belieben aussuchen kann; ihre Erfüllung kann 
ferner nicht von einer Einigung über die Art der Leistung abhängig 
gemacht werden, sondern muß unter allen Umständen herbeigeführt 
werden, während der Tausch mangels einer solchen Einigung unter- 
bleibt. Das Recht sieht sich mithin vor die Notwendigkeit gestellt, 
Bestimmungen über den Gegenstand der in Rede stehenden 
Leistungen zu treffen. Da es sich bei den Ersatzleistungen und der 
subsidiären Erfüllung von Verbindlichkeiten gerade darum handelt, 
daß ein bestimmter Gegenstand von spezifischem Gebrauchswerte nicht 
geleistet werden kann, und da bei Entschädigungen und Geldstrafen 
von vornherein nur allgemeine Vermögensleistungen in Frage kommen 
können, so drängt sich in allen diesen Fällen ganz von selbst die Nor- 
mierung der Leistung in demjenigen Verkehrsobjekte auf, das als 
allgemeines Tauschmitte! des spezifischen Gebrauchswertes entkleidet 
ist und lediglich abstrakte Vermögensmacht darstellt, das für die Ge- 
samtheit der dem Rechte unterworfenen Individuen leichter beschaffbar 
und andererseits für alle wirtschaftlichen Zwecke leichter verwendbar 
ist als irgend ein anderes willkürlich gewähltes Verkehrsobjekt. 

19* 



292 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld ia der Wirtscbaftsorduung. 

Dieselbe auf der Tauschmittelfuuktion beruhende Eigeuschaft des 
Geldes hat daraufhingewirkt, daß die zwangsweise auferlegten Leistungen 
an die Obrigkeit in unserer Wirtschaftsverfassuug fast ausnahmslos in 
Geld festgesetzt werden. Das Geld löst hier die lästige Bindung zwischen 
der Beschaffung der Mittel für die obrigkeitliche Tätigkeit und dieser 
Tätigkeit selbst, ebenso wie es durch seine Vermittlung des Tausch- 
verkehrs die Bindung zwischen der Produktion und dem Bedarfe der 
einzelneu Individuen wirksam gelöst hat. Die Festsetzung der Leistungen 
in Geld stellt dem Staate, der Gemeinde usw. die Summe allgemeiner 
Kaufkraft zur Verfügung, derer diese Gemeinwesen zur Beschaffung 
der zur Erfiilluug ihrer Aufgaben benötigten Güter und Leistungen 
bedürfen. Die Verteilung der Lasten auf die einzelnen Individuen 
kann nur bei der Erhebung der Abgaben in Geld unabhängig gestaltet 
werden von der Besonderheit der Güter und Leistungen, auf die sich 
der unmittelbare Bedarf des Staates erstreckt. Dadurch wird einmal 
die Beschaffung der Mittel in ganz gewaltigem Maße ausgiebiger ge- 
staltet; denn nunmehr kann der Staat auch solche Personen zur Be- 
wältigung seiner Aufgaben heranziehen, für deren besonderen Er- 
zeugnisse und besonderen Leistungen er keine oder keine vollständige 
Verwendung hat. Ferner wird für das Gemeinwesen erst durch diese 
Trennung der Aufbringung der Mittel von ihrer Verwendung die 
Möglichkeit geschaffen, die Kosten seiner Wirksamkeit auf die einzelnen 
Glieder nach ihrer allgemeinen, von der konkreten Form ihres Besitzes 
und ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit unabhängigen Leistungsfähigkeit 
zu verteilen. 

Schließlich weist auch die Tatsache, daß allgemeine vermögens- 
rechtliche Forderungen, wie Renten- und Ziusansprüche, Forderungen 
auf Rückerstattung übertragener Vermögenswerte usw., vorzugsweise 
in Geld normiert werden, auf die Tauschmittelfuuktion des Geldes zu- 
rück. Bei keinem anderen Verkehrsobjekte hat der Forderungsberechtigte 
eine auch nur entfernt gleich große Garantie der Verwendbarkeit 
in dem zukünftigen Zeitpunkte der Erfüllung der Forderung, wie beim 
Gelde, vermittelst dessen alle anderen Verkehrsobjekte eingetauscht 
werden können. Auch der Verpflichtete hat im allgemeinen bei keinem 
anderen Verkehrsobjekte eine ähnliche Sicherheit für die Möglichkeit 
der Beschaffung und eine ähnliche Freiheit hinsichtlich der auf die 
Beschaffung gerichteten Tätigkeit. Sogar dort, wo ursprünglich 
Verpflichtungen üblich waren, die auf Gegenstände lauteten, die 
dem Verpflichteten aus seiner Wirtschaft unmittelbar zufließen, z. B. 
eine Körnerrente als Pachtzins für ein Grundstück, hat nicht etwa nur 
das einseitige Interesse des Bezugsberechtigten auf die Umwandlung 
der Verpflichtung in eine Geldverpflichtuug hingedrängt, sondern auch 
seitens der Verpflichteten wurde eine solche Umwandlung im allgemeinen 
als eine Erleichterung, vor allem als eine Mehrung der Freiheit in der 
persönlichen und wirtschaftlichen Betätigung empfunden. Erst der 
krankhafte Zustand, in den bei uns das Geldwesen durch Krieg, 
Revolution und Friedensdiktat geraten ist, hat auch auf diesem Gebiete 
zu einer teilweisen Rückbildung Veranlassung gegeben. (Normierung 
der Pacht in Roggen statt in Geld etc.) — 



3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 3. 293 

Alles in allem liegt also eine augenfällige und weitgehende Be- 
dingtheit der Zahlungsmittelfunktion durch die TauschmittelfuDktion des 
Geldes vor; auf der Beobachtung dieses Zusammenhangs beruht die oben 
wiedergegebene Aufifassung, nach welcher die Tauschmittelfunktion die 
einzige begriffswesentliche Funktion des Geldes sei, von der sich die 
Zahlungsmittelfunktion als eine bloße Konsekutivfunktion ableite. 

Das Verhältnis zwischen den beiden Funktionen ist jedoch kein 
einseitiges; ihre Bedingtheit ist vielmehr sowohl historisch als auch 
theoretisch eine wechselseitige. Die Zahlungsmittelfunktion des Geldes 
hat auf dessen Verwendung als allgemeines Tauschmittel ebenso einen 
Einfluß ausgeübt, wie die Tauschmittelfunktion auf seine Verwendung 
als Zahlungsmittel; und gerade in der modernen Geldverfassung ist die 
Verwendung des Geldes als Tauschmittel ganz besonders bedingt durch 
seine Qualifikation als allgemeines und namentlich auch als gesetzliches 
Zahlungsmittel. 

Gewisse einseitige Vermögensübertragungen, namentlich Abgaben 
an die weltliche und geistliche Obrigkeit, Vermögensstrafen und Ent- 
schädigungen, mußten frühzeitig eine Regelung erfahren; im historischen 
Teile wurde darauf hingewiesen, daß die Festsetzungen über diese ein- 
seitigen Leistungen einen wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung 
bestimmter Tauschgüter zum Gelde ausgeübt haben. Der hin und 
wieder nachweisbare enge Zusammenhang zwischen Wehrgeld und Geld 
gibt nach dieser Richtung hin einen deutlichen Fingerzeig. Freilich 
kann man sagen: als Gegenstand der einseitig auferlegten Leistungen 
wurden naturgemäß vorzugsweise solche Dinge festgesetzt, die als 
Tauschmittel bereits allgemein in Gebrauch waren. Aber dabei wird 
übersehen, daß die Benutzung bestimmter Güter zur Tauschvermittlung 
und ihre Benutzung zu einseitigen Vermögensübertragungen sich wechsel- 
seitig beeinflußt haben. Mit dem gleichen Rechte, mit dem aufgestellt 
wird, daß bestimmte Tauschgüter als Gegenstand einseitiger Leistungen 
deshalb festgesetzt worden seien, weil sie durch ihre Funktion als 
allgemein gebräuchliches Tauschmittel die Möglichkeit der Erlangung 
anderer Güter am sichersten gewährleistet hätten, mit demselben Rechte 
kann man sagen: dadurch daß für bestimmte einseitige Leistungen 
dieses oder jenes Gut vorgeschrieben wurde, hat dieses Gut eine be- 
sondere Eignung zur Tauschmittelfunktion erhalten; jedermann ist 
leicht geneigt, ein solches Gut im Austausch gegen andere Verkehrs- 
objekte hinzunehmen, weil er es eventuell zu Leistungen an den Staat, 
die Gemeinde usw. verwenden kann. Ferner gehen beide hier in Rede 
stehenden Funktionen des Geldes auf dasselbe psychologische Grund- 
motiv zurück. Dieselben Eigenschaften, welche gewisse Güter in den 
ersten Anfängen des Verkekrs zu Tauschmitteln prädestinierten, 
mußten die gleichen Güter — und zwar wahrscheinlich bereits vor 
den Anfängen des Taoschverkebrs — auch als Gegenstände einseitiger 
Leistungen als besonders geeignet erscheinen lassen. Wenn die ersten 
Tauschmittcl daraus entstanden sind, daß bestimmte Güter bereits 
vorher Gegenstand eines allgemeinen Begehrs waren und ihrem Be- 
sitzer Ansehen verliehen, so ist es ganz natürlich, daß die Häuptlinge 
und Priester bei der Festsetzung der an sie zu leistenden Abgaben 



294 Zweites Buch. I. Abschnitt. Dm Geld in der Wirtschaftsordnung. 

ihr Augenmerk iu erster Linie gleichfalls auf solche Dinge richteten, 
anch ehe deren „Absatzfähigkeit" durch ihre Verwendung als Tausch- 
mittel jene weitere große Steigerung erfahren hat, die ihnen schließ- 
lich die Herrschaft über alle anderen Verkehrsobjekte sicherte. 

Die Verwendbarkeit bestimmter Verkehrsobjekte zu einseitigen 
Leistungen hat mit der Entwicklung des Staates und der Ausdehnung 
seiner Wirksamkeit an Bedeutung für das Geldwesen noch erheblich 
gewonnen; dazu ist mit der Entwicklung des Rechtes und des auf der 
Rechtssicherheit beruhenden Kreditverkehrs die große Bedeutung der 
Funktion als Solutionsmittel von Verbindlichkeit hinzugetreten. In- 
folgedessen sind in unserer heutigen Wirtschaf tsverfassung die Fest- 
setzungen über den Gegenstand der einseitigen und der zwangsweise auf- 
erlegten Leistungen, insbesondere au den Staat selbst, und noch mehr 
die Rechtssätze über die Erfüllung von auf Geld lautenden privat- 
rechtlichen Verbindlichkeiten von dem allergrößten Einflüsse auf die 
Verwendung bestimmter Objekte als Vermittler des Tauschverkehrs. 
Wenn es in bezug auf die Entstehung des Geldes viellleicht zweifelhaft 
sein kann, ob nicht die Funktion als allgemeines Tauschmittel das Geld 
für sich allein begründet und das Geld auch zum Gegenstande ein- 
seitiger Leistungen und zum Gegenstande allgemeiner vermögensrecht- 
licher Forderungen gemacht hat, so steht es doch für unsere heutige Wirt- 
schaftsverfassuug ganz außerhalb eines jeden Zweifels, daß in einzelnen 
Staaten bestimmte Geldsorten, in anderen die Gesamtheit des Geldes 
überhaupt nur deshalb Geld sind und nur deshalb auch als Tausch- 
mittel fungieren, weil die zwangsweise auferlegten einseitigen Leistungen 
und die auf Geld lautenden Verpflichtungen in diesen bestimmten Objekten 
erfüllt werden müssen oder erfüllt werden können. Dieser Zusammen- 
hang steht außer jedem Zweifel bei der Papierwährung. Offensichtlich 
werden die in ihrem Stoffe wertlosen Papierscheine nur deshalb im 
Austausch gegen andere Verkehrsobjekte genommen, weil ihnen durch 
die Gesetzgebung die Fähigkeit beigelegt ist, zur Erfüllung von Geld- 
schulden zu dienen, weil sie ferner zu Zahlungen an den Staat ver- 
wendet werden können oder müssen, weil schließlich die gerichtlichen 
Urteile, soweit sie auf Geld lauten, diese Scheine als Geld anerkennen 
oder festsetzen. Der Inhaber einer vermögensrechtlichen Forderung muß 
es sich gefallen lassen, daß das Recht über den Inhalt seiner Forderung 
und die Modalitäten ihrer Erfüllung Bestimmungen trifft, er ist nicht in 
der Lage, die Erfüllung in Papiergeld zurückzuweisen, wenn der Staat 
dem Papiergelde gesetzliche Zahlungskraft verleiht. Beim Tausche da- 
gegen und ebenso beim Verkaufe ist jeder Einzelne imstande, sich den 
Gegenwert auszubedingen und eventuell ausdrücklich auf der Entrichtung 
des Kaufpreises in vollwertigem Metallgelde oder, wenn solches nicht 
mehr vorhanden ist, in ausländischem Gelde zu bestehen^); wenn trotz- 



•) Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Die Versuche des Staates, 
bei einer krankhaften Entwicklung des Geldwesens die Ausschaltung des krank 
gewordenen Landesgeldes aus dem Tauschverkehr zu verhindern — z, B. durch das 
Verbot der Vereinbarung des Gegenwertes in ausländischem Gelde — , haben ihren 
Grund in der Erkenntnis, daß ohne solche Ausnahmemaßnahmen der Verkehr sich 
von dem Landesgelde abwenden würde. 



3. Kapitel, Die Einzelfanktionen des Geldes. § 4. 295 

dem in der Regel der Verkäufer sich bereit finden läßt, den Kaufpreis 
in Papierscheinen anzunehmen, so liegt der Grund ausschließlich in der 
Erwägung, daß diese Scheine „gesetzliches Zahlungsmittel" sind. Ganz 
klar und deutlich beruht mithin hier die Tauschmittelfunktion des 
Geldes auf seiner Zahlungsmittelfunktion. 

Die Auffassung der Zahlungsmittelfunktion als einer Konsekutiv- 
funktion der Funktion des Geldes als allgemeines Tauschmittel ist 
demnach abzulehnen. Beide Funktionen bedingen sich wechselseitig 
und stehen koordiniert nebeneinander. Beide Funktionen sind in 
gleicher Weise Teilfunktionen der kardinalen Funktion des Geldes als 
Vermittler des interpersonalen Verkehrs. 

§ 4. Die Funktion als Vermittler von Eapitalttbertra^nngen. 

Auch beim „Kapitalverkehr" handelt es sich, ebenso wie beim 
Tausche und bei der Zahlung, um die Uebertragung von Vermögens- 
werten von Person zu Person. Diese Uebertragung kann geschehen 
ohne Ausbedingung einer Gegenleistung irgend welcher Art (Fall la 
des oben S. 278 gegebenen Schemas). Viel wichtiger ist jedoch die 
Uebertragung von Kapitalien unter Ausbedinguug gewisser später zu 
erhaltender Gegenleistungen, also gegen Forderungen, die durch diesen 
Verkehrsvorgang selbst erst existent werden (Fall II d). Der wichtigste 
Fall ist, wie oben hervorgehoben wurde, das Darlehen. 

Die bloße zeitweilige Ueberlassung- der Nutzung eines Gegen- 
standes ohne Uebertragung des Eigentums fällt nicht unter den Be- 
griff des Kapitalverkehrs, da hierbei nicht das Kapital selbst, sondern 
nur die Nutzung an dem Kapital übertragen wird. Wenn man von 
„Kapitalverkehr", „Kapitalmarkt" usw. spricht, so versteht man dabei 
unter Kapital nicht die große volkswirtschaftliche Kategorie der pro- 
duzierten Produktionsmittel, sondern denjenigen Teil des mobilen Ver- 
mögensbesitzes, der seinem Besitzer einen Zins oder eine Rente ab- 
wirft und ihm damit zur Gewinnung eines Anteils an dem Gesamt- 
einkommen der Volkswirtschaft dient (Kapital im privatwirschaftlichen 
Sinne). Die Besonderheit der Verkehrsvorgänge, die in der Ueber- 
tragung von Vermögenswerten in der Gegenwart gegen zukünftige 
Leistungen bestehen, namentlich des Verkaufs auf Kredit und des Geld- 
darlehens, ist oben bereits hervorgehoben worden; obwohl in diesen 
Fällen ein Sachgut, sei es Geld oder ein anderes Verkehrsobjekt, gegen 
eine auf Geld lautende Forderung hingegeben wird, sind diese Vor- 
gänge von dem Eintausche oder dem Kaufe von bereits bestehenden 
Forderungen ebenso zu unterscheiden, wie die Erfüllung der Forderungen 
von dem Rückkaufe noch nicht fälliger Forderungen; andererseits fehlt 
bei dem Verkaufe auf Kredit und bei der Gewährung eines Geld- 
darlehens das Zwangsmoment, welches die Erfüllung rechtsgültig 
erwachsener Forderungen als Zahlung im engeren Sinne charakterisiert. 

Wenn es sich darum handelt, mobiles Kapital im Wege des Dar- 
lehens dritten Personen auf Zeit und gegen Entgelt (Zins) zur Ver- 
fügung zu stellen, so erfolgt eine solche Uebertragung in allen den- 
jenigen Fällen, in welchen nicht die von der dritten Person — sei es 
für Konsum-, sei es für Erwerbszwecke — benötigten Güter gegeben 



296 Zweites Bnch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

werden, flir beide Teile am zweckmäßigsten in Geld. Selbst dann, 
wenn die Uebertraffung in nicht Geld darstellenden Gütern erfolgt, wird 
der in der Zukunft zu entrichtende Gegenwert, solange das Geldwesen 
des Staates den an es zn stellenden Forderungen entspricht, am zweck- 
mäßigsten in Geld festgesetzt. 

Ein Kapitalbesitzer, dessen Kapital nicht in Geld besteht und der 
nicht selbst zum Zwecke der leihweisen Verwendung seinen Besitz in 
Geld umsetzt, kann sein Kapital nur an solche ausleihen, deren Kapital- 
bedarf sich gerade auf die besondere Art der in seinem Besitze befind- 
lichen Kapitalien erstreckt. Mit Geld dagegen kann der Empfänger 
eines Darlehens alle diejenigen Dinge beschaffen, welche er für Konsum- 
nnd Erwerbszwecke braucht. Die Möglichkeit der nutzbringenden Ver- 
wendung des nicht in Geld bestehenden Kapitalbesitzes ist mithin in 
ähnlichem Maße beschränkter als die Verwendungsfähigkeit eines Geld- 
kapitals, wie die Möglichkeit des Austausches irgend eines Gebrauchs- 
gutes gegenüber der Kaufkraft des Geldes. 

Zu dieser unbeschränkten Verwendbarkeit des Geldkapitals kommt 
noch ein weiteres Moment, Wenn eine Uebertragung von Kapitalbesitz 
in natura erfolgt und die Rückerstattung in natura verabredet wird, so 
taucht sofort eine große Schwierigkeit für die Regelung dieses Geschäfts 
auf: die meisten Güter, die durch ihre Benutzung aufgebraucht oder 
erheblich abgenutzt werden, die sich also nicht zur bloßen Nutzungs- 
Ubertragung im Wege der Pacht, Miete und Gebrauchsanleihe eignen, 
sind nicht ohne weiteres durch andere Güter der gleichen Art vertret- 
bar, sondern sie weisen untereinander große Qualitätsunterschiede auf. 
Wenn ein Pferd nicht nur für die Dauer eines Spazierrittes ausgeliehen, 
sondern einem Anderen zu vollem Eigentum übertragen wird unter der 
Bedingung der Rückerstattung eines Pferdes nach zehn Jahren, so ist 
damit zu rechnen, daß Pferde, selbst wenn sie nach Rasse und Alter 
gleich sind, sehr verschiedenwertig sein können. Dagegen ist das 
Geld das fungibelste aller Verkehrsobjekte; Unterschiede der Qualität 
innerhalb des Geldes eines und desselben Staatswesens sind, so- 
lange geordnete Verhältnisse bestehen, ausgeschlossen, sodaß gleiche 
Summen ohne Rücksicht auf die Stücke, aus denen sie bestehen, sich 
unbedingt vertreten können. Die Schwierigkeit der Festsetzung des in 
der Zukunft zu erstattenden Gegenwertes fehlt mithin von vornherein, 
wenn die Kapitalübertragung in Geld erfolgt; sie wird, falls die Kapital- 
Übertragung in natura erfolgt, dadurch behoben, daß die Rückerstattung 
nicht in natura, sondern in einer als Preis für die überlassenen Sach- 
güter verabredeten Geldsumme festgesetzt wird. Aehnliche Erleich- 
terungen bietet die Vermittelung des Geldes hinsichtlich der Festsetzung 
der Zinsen für die Zeit der Darlehnsdauer. 

Die großen Vorteile und Erleichterungen, welche die Vermittlung 
des Geldes im Kapitalverkehr gewährt, haben es bewirkt, daß bei 
einer wohlgeordneten Geldverfassung der Kapitalverkehr sich nahezu in 
derselben Ausschließlichkeit wie der Austausch von Waren in Geld 
vollzieht. Sowohl der Kapitalbedarf für kurze Zeit als auch der 
Kapitalbedarf für langfristige Investierungen richtet sich in unserer 
Wirtschaftsverfassung in erster Linie auf das Geld, und ebendeshalb 



3, Kapitel. Die Einzelfnnktionen des Geldes. § 5. 297 

ist für diejenigen, welche ihren Kapitalbesitz nicht in einer eignen 
Unternehmong ausnutzen, keine Form des Kapitals so leicht und vorteil- 
haft verwendbar wie das Geldkapittd. Andererseits wäre ohne den 
Geldgebrauch wegen der großen dem naturalen Kapitaldarlehen ent- 
gegenstehenden Hindernisse eine irgend erhebliche Ausdehnung des 
Kapitalverkehrs und damit auch der Kapitalansammlnng ebenso unmög- 
lich gewesen, wie eine erhebliche Ausdehnung des Güteraustausches 
und damit auch der Güterproduktion. 

Daraus ergibt sich ohne weiteres die eminente volkswirtschaft- 
liche Bedeutung der hier in Rede stehenden Geldfunktion; sie verhält 
eich zu derjenigen der Tauschmittelfanktion ebenso, wie die Bedeutung 
des Marktes für Leihkapital (des „Geldmarktes" im weitesten Sinne) 
zu derjenigen des Warenmarktes. 

Alle Vorteile, die das Geld als Vermittler des Kapitalverkehr» 
bietet, werden allerdings, wie die neueste Entwicklung zeigt, illusorisch, 
wenn das Vertrauen in die „Wertbeständigkeit" des Geldes infolge einer 
Entartung des Geldwesens schwindet und niemand mehr weiß, welche 
Kaufkraft eine bestimmte Geldsumme, die heute als Kaufpreis gestundet 
oder als Darlehn hingegeben wird, in dem späteren Zeitpunkte der 
Zahlung des Kaufpreises oder der Rückzahlung des Darlehens haben 
wird. Der Kapitalverkehr sieht sich dann — vielleicht in noch 
stärkerem Maße als der Warenverkehr und der Zahlungsverkehr — 
j.'ezwungen, sich vom Gelde abzuwenden und nach andern Mittels- 
gUtern zu suchen. 

Was die Frage der Beziehungen zwischen der Funktion des Ver- 
mittlers des Kapitalverkehrs zu den bisher besprochenen Funktionen 
des Geldes anlangt, so ist auch hier das Bestehen eines wechselseitigen 
Verhältnisses anzuerkennen. Während einerseits die Eignung des 
Geldes zur Vermittlung des Kapitalverkehrs dadurch bedingt ist, daß 
die Verwendbarkeit des Geldes infolge seiner Tauschmittel- und 
Zahlungsmittelqualität für den Darlehensempfänger eine anbegrenzte 
ist, wird andererseits das Bestreben, Geld als Gegenwert für andere 
Güter einzutauschen und einseitige Leistungen in Geld zu bedingen, 
wesentlich verstärkt darch die Tatsache, daß Vermögenswerte in der 
Form des Geldkapitals ungleich leichter und wirksamer nutzbringend 
angelegt werden können als in irgend einer anderen Form. Zu der 
Grundfunktion des Geldes als Instrument des interpersonalen Verkehrs 
steht die Vermittlung des Kapitalverkehrs in demselben Verhältnisse 
einer Teilfunktion, wie die Funktionen der Tausch- und Zahlungs- 
verraittlung. 

S 5, Die Funktion als allgremeiner Wertausdmck. 
Die bisher besprochenen Funktionen des Geldes leiten sich ganz 
unmittelbar ab von der Stellung, die das Geld unter den Verkehrs- 
gütern einnimmt. Das Geld vermittelt den interpersonalen Verkehr, 
indem es im Austausche gegen die anderen Verkehrsobjekte gegeben 
und genommen, indem es als Gegenstand der Zahlungen hingegeben 
wird und indem es den Gegenstand von Kapitalübertragungen bildet. 
In allen diesen Fällen tritt das (Jeld selbst in den Verkehr ein; es 



298 Zweites Buch. I. Abschnitt. Das Geld in der Wirtschaftsordnung. 

bewirkt den Besitzwechsel, indem es selbst von Hand zu Hand geht; 
es vermittelt den Verkehr dadurch, daß es selbst Gegenstand des Ver- 
kehrs wird. 

Ganz anders verhält es sich mit der dem Gelde zugeschriebenen 
Funktion als „Wertmaß" oder „Preismaß". Die „Messung" der Werte 
oder Preise mag zwar als eine allgemeine und unerläßliche Vor- 
aussetzung für einen jeglichen Verkehr, mindestens für einen im 
Austausche bestehenden Verkehr angesehen werden. Aber soweit 
das Geld diese „Messung" über deren Wesen noch Klarheit zu 
schaffen ist, vollzieht, dient es dem Verkehr höchstens indirekt; 
es nimmt nicht unmittelbar an der Vermittlung des Verkehrs teil, es 
tritt nicht in den Verkehr selbst ein. Seine Funktion als Wertmaß 
läßt sich deshalb nicht unmittelbar aus seiner Grundfunktion als Ver- 
mittler des Verkehrs zwischen den wirtschaftenden Individuen ableiten, 
sie bildet nicht, wie die bisher behandelten Funktionen, einen Teil 
dieser Grundfunktion selbst; es muß vielmehr der innere Zusammen- 
hang erst noch aufgeklärt werden, auf grund dessen in dem Geld eine 
Wert- oder Preismaßfunktion mit der unmittelbaren Verkehrsvermittelung 
verbunden ist. 

Zunächst erforderlich ist die Feststellung des Wesen derjenigen 
Verrichtungen des Geldes, welche man unter der Funktion als Wert- 
maß zusammenfaßt. Diese Feststellung ist infolge der Vieldeutigkeit 
des Wertbegriffes und infolge der endlosen Kasuistik, zu der sich die 
Wertlehre in der modernen Nationalökonomie ausgewachsen hat, eine 
etwas komplizierte Aufgabe. 

Der Wert ist keine den Dingen an sich anhaftende Eigenschaft 
wie Ausdehnung, Farbe, Härte, Temperatur; er beruht vielmehr auf 
den Beziehungen, die das menschliche Subjekt zu den Objekten der 
Außenwelt hat, er ist der Ausdruck eines Urteils des Subjektes über 
die Bedeutung der Objekte der Außenwelt für das Subjekt oder für 
die menschliche Gemeinschaft. 

Mit Kecht ist die Tatsache, daß seitens des Subjektes eine Be- 
wertung der Dinge stattfindet, daß es einen Wert gibt, als ein dem 
Sein der Dinge analoges Urphänomen bezeichnet worden, sodaß jede 
Definition und Deduktion des Wertes nur die Bedingungen kenntlich 
macht, aufgrund welcher der Wert sich einstellt, ohne doch aus ihnen 
hergestellt zu werden, und daß alle Beweise für den Wert eines Ob- 
jektes nichts bedeuten als die Nötigung, den für irgend ein Objekt 
bereits vorausgesetzten W^ert auch einem anderen Objekte zuzuerkennen 
(Simmel). Die Bedingungen, auf denen der wirtschaftliche Wert, der 
für uns allein in Betracht kommt, beruht, erkennen wir darin, daß die 
Dinge der Außenwelt einerseits Gegenstand eines Bedürfnisses sind 
während andererseits ihrer Erlangung Hemmnisse entgegenstehen, deren, 
Ueberwindung mit Arbeit und Opfern verbunden ist. Nur wenn diese 
beiden Voraussetzungen gegeben sind, wird den Dingen eine wirtschaft- 
liche Bedeutung, ein wirtschaftlicher Wert von selten des wirtschaftenden 
Subjektes beigelegt. 

Soweit sich der Wertungsprozeß in der Einzelseele vollzieht, ist 
er ein subjektiver Vorgang, und die Rangordnung der Werte, der 



3. Kapitel. Die Einzelfunktionen des Geldes. § 5. 299 

Grad des Wertes der einzelnen Gegenstände, ist das Ergebnis dieses 
subjektiven Vorgangs, Der Messung zugänglich ist jedoch nur das 
Objektive. Wir können die Ausdehnung oder das Gewicht eines 
Körpers, die beide von unserem Fühlen, Wollen und Urteilen als ge- 
gegebene Eigenschaften eines Objektes unabhängig sind, vermittelst 
eines bestimmten Verfahrens an einer gegebenen Ausdehnung oder 
einem gegebenen Gewichte messen, d. h. wir können eine bereits vor- 
handene Beziehung zwischen zwei gegebenen Größen derselben Art 
durch objektive Ermittelung feststellen. Wenn dagegen das isolierte 
Subjekt ein Rind gleich bewertet mit einer Anzahl von kupfernen 
Spangen, so ist diese Gleichsetzung nicht das Resultat einer seitens 
des Subjektes vorgenommenen Messung eines objektiven Verhältnisses 
zwischen Rind und Kupferspangen, sondern die Wertgleichheit zwischen 
beiden Objekten ist der Ausfluß eines subjektiven Bewertungsvorganges; 
sie ist von dem wertenden Subjekte nicht ermittelt, sondern geschaffen, 
es liegt also nicht eine Wertmessung, sondern vielmehr eine Wert- 
setzung vor. 

Der Wert der Dinge wird aus der subjektiven Sphäre dadurch 
herausgehoben, daß der Mensch nicht isoliert für sich steht, sondern 
das einzelne Glied einer großen menschlichen Gemeinschaft, einer „Ge- 
sellschaft" ist. Infolge der weitgehenden Gleichartigkeit der psycho- 
logischen und materiellen Voraussetzungen, der Bedürfnisse und der 
Lebensbedingungen, entstehen, gefördert durch Gewohnheit und Er- 
ziehung, innerhalb eines und desselben gesellschaftliehen Verbandes 
gewisse Gemeinüberzeugungen und gewisse eine allgemeine Gültigkeit 
beanspruchende Werturteile, die dem einzelnen Subjekte als etwas 
außerhalb des eignen Ichs Liegendes, als etwas Objektives gegenüber- 
stehen und die Werturteile der einzelnen Individuen in hohem Grade 
bestimmen, so sehr sie ihrerseits aus der Gesamtheit der subjek- 
tiven Werturteile hervorgegangen sind und der Beeinflussung durch die 
Wandlungen in den Werturteilen der Einzelpersönlichkeiten unterliegen. 
Das einzelne Glied der Gesellschaft bildet sich nicht selbständig für 
sich eine Welt von Werten, sondern es findet eine auf überkommeneu 
Anschauungen und Gewohnheiten ruhende Rangordnung von Werten 
vor, in welcher der Wert als etwas den Dingen Anhaftendes, von der 
Anerkennung durch das Einzelsubjekt Unabhängiges erscheint. 

Von ganz besonderer Wichtigkeit für die Erhebung des Wertes 
über die rein subjektive Sphäre ist der Tausch. 

Beim Tausche tritt das Subjekt mit einem anderen in Beziehung, 
dessen Werturteil über di